* Leihbiblivthek f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe egen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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S Schloß Hohenheim, der Sitz einer altadeligen Familie, lag am Ausgange eines jener anmuthigen Thäler, an welchen unſer Vaterland ſo reich iſt. Rings ſtiegen in einiger Entfernung grüne ſtille Waldberge empor; ein ſanftblauer Fluß durchſchnitt die Thalebne, welche, geſchützt vor den wehenden Nordwinden, Obſt und Korn in Menge hervorbrachte. Die Zinnen und Thürme des Schloſſes, obſchon mehrere Jahrhunderte darüber hingegangen waren, und der Epheu einen Theil der grauen Mauern dicht über⸗ ſponnen hatte, blickken noch immer mit dem ehemaligen Trotze auf das kleine Dorf Hohenſtein herab, deſſen Häuſer ſich in einzelnen Gruppen im Thale dahin zogen. Der dermalige Beſitzer, Graf Günther von Hohen⸗ ſtein, erſt ſeit Kurzem aus dem Militairſtande zurück⸗ getreten, war ein finſterer, faſt gefürchteter Herr. Er verband militairiſche Strenge mit ariſtveratiſcher Ab⸗ geſchloſſenheit und war entſchiedener Feind aller der Conzeſſionen, zu welchen in neuerer Zeit der Adel ſich oft in Betreff des Landmänns genöthigt ſah. Auf den Bewohnern Hohenſteins laſtete daher noch manche feudaliſtiſche Unbill, die in andern Orten ſchon längſt zu den Abnormitäten gehörte. Stolle, Schriften. Supplem. I. 1 v6. war an einem warmen Juninachmittage des Jahres 1830; das Gewitter hatte ſich über die Berge zurückgezogen; in weiter Ferne verrollte der Don⸗ ner; der blaue Himmel blickte überall ſiegend hervor und die vom Regen ergquickten Blumen und Ranken dufteten ſtärker: da trat aus dem von Jelängerjelieber umzogenen Pavillon des Schloßgartens zu Hohenſtein ein junger ſtattlicher Mann, in den ausgehenden zwan⸗ ziger Jahren. Lange ruhte ſein ſprechendes Auge mit ſtillem Ent⸗ zücken auf der erfriſchten Schöpfung, und das ſchöne männliche Antlitz ſtrahlte von jener innern Zufrie⸗ denheit, wie ſie dem edlen Gemüthe eigen zu ſein pflegt. Indeß entging dem ſchärfer Beobachtenden ein ſchwer⸗ müthiger Zug nicht, der dem edlen Antlitze einen eigen⸗ thümlichen Reiz verlieh. Der junge Mann wandelte eine geraume Zeit in ſtiller Betrachtung die blühenden Gänge auf und nie⸗ der, bog hier und da einen blühenden Roſenzweig zurück, den der Gewitterſturm von ſeinem Stäbchen geriſſen, klopfte die gefräßigen Käfer aus den Glocken der Lilien und erreichte endlich ſein Lieblingsplätzchen, auf einem Altan, von wo man weit das Thal und den Fluß hinab ſehen konnte. Fruchtbar wogte da unten das Korn in weiten grünen Wellen und die Zweige der zahlreichen Kirſchbäume neigten ſich fruchtbelaſtet zur Erde. Muntere Knaben ließen wacker ihre Klappern erſchallen, um Spatze und Elſtern von den Bäumen fern zu halten; während andere Aecker von fleißigen Landleuten bereits von Neuem beſtellt wurden. „Ein fruchtbares Jahr,“ ſprach Ottokar— dies war der Name des Jünglings—„Gott hat uns wieder reich beſchenkt! Ueberall, wohin ich blicke, welch' 3 unendliche Liebe, welche Harmonie! Warum vermiſſe ich ſie ſo oft im Menſchenleben?“ „Doch,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„gewiß, auch hier iſt ſie zu finden. Dafür biſt du mir Bürge, mein Jean Paul.“ Mit dieſen Worten ſchlug er ein Buch auf, das er unter dem Arme getragen hatte, und war bald im Leſen vertieft. Nur von Zeit zu Zeit erhob er den Blick und ließ ihn gedankenvoll über die geſegne⸗ ten Fluren ſchweben; dann beugte er ſich und las ſtill weiter. Es währte nicht lange, als die Gartenthür leis knarrte und hinter blühenden Schneeballen ein wun⸗ derliebliches Mädchen hervortrat. In der' Hand trug es ein zierliches Körbchen und ohne Ottokar zu be⸗ merken, oder von ihm bemerkt zu werden, eilte es den Himbeerhecken zu, die ſich an der einen Seite des Gartens in reicher Menge dahinzogen. Die reizende Himbeerſammlerin im himmelblauen Kleide, ging bei ihrem Geſchäft mit vieler Praxis zu Werke. Erſt ſchüttelte ſie den Regen von den Zweigen, dann ward mit Kennerblick nach den oberſten dunkel⸗ reifen Beeren geſchaut, die üppig zwiſchen dem Blät⸗ tergrün hervorlauſchten, im Anfang jedoch ihren Weg größtentheils nach den Lippen der Sucherin, als nach dem Körbchen nahmen. Indeß war Erſteres bald auch voll geworden; die Himmelblaue warf einen freudigen Blick darauf und rief mit ihrer Glockenſtimmet„Veronika, Veronika, eine herrliche Aerndte!“ Bei dem Namen Veronika fuhr Ottokar wie er⸗ ſchrocken von ſeiner Lectüre auf und ſein ausdruck⸗ volles Geſicht überzog eine hohe Röthe. Die gerufene, und zwei Jahr ältere Schweſter der Himbeerſammlerin kam jetzt den Gartengang entlang. 1 ⸗ Zauberhaft dunkelte die Lockennacht um das voll⸗ endete Madonnenantlitz; ein ſeliger Liebreiz umfloß den Mund und in dem ſonnenhaften Auge keimte ein Fünkchen Schwärmerei. Das Mädchen glich einer träumenden Blume, die nach Morgen ſchaut und erſt beim Gruß der Sonne ihre Blätter entfalten wird. Ottokar blickte mit ſtiller Wehmuth und unend⸗ licher Liebe nach dem ſchönen Mädchen. „Glücklicher, glücklicher Guido!“ ſprach er,„Du biſt unter Millionen der Beneidenswerthe, der von dieſem Engel geliebt wird. Was iſt Frühling, Frei⸗ heit, Unſterblichkeit gegen einen einzigen Blick der Liebe aus dieſen Augen?“ „Doch nein“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Du biſt nicht glücklich, mein Bruder; was iſt Dir Vero⸗ nika's Liebe mehr, als die Liebe jedes andern Mäd⸗ chens, wie ſie Dir ſo oft entgegenkam auf Deinem blumenvollen Lebenswege. Während hier ein Engel Dein Angedenken in frommer Bruſt treu bewahrt, ſuchſt Du irdiſches Glück im Strudel glänzenden Welt⸗ lebens, und von Genuß zu Genuß eilend, wirſt Du wohl oft Befriedigung, aber nie die wahre Zufrieden⸗ heit ſinden.“ Rafaele, die Himbeerſammlerin, hatte jetzt mit ihren Veilchenaugen den Jüngling entdeckt. Sie kam ſogleich die Hecken entlang und eilte auf ihn zu. „Zugelangt, Vetter,“ ſprach ſie mit herziger Freund⸗ lichkeit, indem ſie das gefüllte Körbchen Ottokar anmuthig präſentirte,„ſind das nicht wahre Pracht⸗ ſtücken?“ „Wie froh bin ich,“ fuhr ſie plaudernd fort,„daß das entſetzliche Gewitter gnädig vorüber iſt; das waren ja fürchterliche Schläge, das ganze Schloß zitterte. Wie unrecht, daß die alten Ritter nicht Blitzableiter auf ihre Schlöſſer bauten, da wäre man doch ſicher. Großmutter,“ ſetzte ſie geheimnißvoll hinzu,„ſoll wie⸗ der ihren böſen Tag bekommen haben. Daran iſt gewiß nur das Gewitter Schuld.“ Indeſſen war auch Veronika herbei gekommen. Das Mädchen war wirklich von wunderbarer Schönheit. Aus dem lieben Antlitz ſprach eine ſo ſelige Harmonie, daß dem Beſchauer innig wohl wurde; nur daß eine leiſe Schwermuth die blumenhaften Augen umſchattet hielt. „Schon wieder trübe, Veroni,“ ſchalt Rafaele mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit,„gleich ſei fröhlich, oder ich bin recht bös.“ „Ich bin ja heiter,“ erwiederte Veronika mild⸗ lächelnd, und zu dem Jünglinge gewendet ſprach ſie auf das Buch deutend:„Wir haben Sie geſtört, Ot⸗ tokar.“ „Eine ſo angenehme Störung,“ erwiederte dieſer, „kann man ſich gern gefallen laſſen und ſtünde man bei der intereſſanteſten Lectüre.“ „Was ſteht denn in dem Buche?“ frug Rafaele. „Es iſt der Hesperus von unſerm Jean Paul,“ antwortete der Jüngling. „Hesperus,“ fuhr die Fragerin fort,„heißt das nicht der Abendſtern? Das muß recht hübſch ſein, leſen Sie uns doch Etwas vor.“ 8 „Ich bezweifle,“ ſprach Ottokar,„ob ſich dieſer Dichter bei ſeiner oft ſonderbaren Schreibweiſe zum Vorleſen eignet; doch enthält das Buch eine Fülle ſchöner Stellen, die namentlich die Frauen anſprechen dürften.“ „Das iſt ſchön,“ rief Rafaele,„da theilen Sie uns einige mit. Ich habe einer Freundin in's Stamm⸗ buch zu ſchreiben und mir vergebens den Kopf zer⸗ brochen.“ Der junge Mann ſchlug jetzt das Buch auf und las: „Wenn der Menſch nichts mehr zu lieben hat, ſo umfaßt er das Grabmal ſeiner Liebe und der Schmerz wird ſeine Geliebte.“ „Das iſt mir zu hoch und zu ſentimental,“ geſtand Rafaele. „Wunderſchön,“ flüſterte Veronika, und ſchaute mit ſinnender Wehmuth über die Blumen. „Schmerz— Grab— nein, davon kann ich Emi⸗ lien nichts in's Stammbuch ſchreiben,“ fuhr Ra⸗ faele fort;„bitte, lieber Vetter, Sie beſorgen mir ein hübſches Verschen? Sie ſind ein beleſener Mann, ein Dichter obendrein, Ihnen kann's gar nicht ſchwer wer⸗ den. Aber da ſehen Sie, mit Ihrer wehmüthigen Sen⸗ tenz haben Sie die Veroni noch trauriger geſtimmt. Beruhige Dich, Mädchen, ein Brief aus Paris macht Alles wieder gut. Nicht wahr Kind? Und der kann gar nicht lange ausbleiben. Die vergangene Nacht hat mir von dem Poſtboten geträumt.“ Veronika hatte ſich erröthend abgewandt. Ra⸗ faele aber flüſterte Ottokar'n ſchwatzhaft zu:„Wiſſen Sie, warum das Schweſterchen ſo traurig? Weil der Guido lange nicht geſchrieben hat.“ Ein unbeſchreiblicher Schmerz zuckte bei dieſen Wor⸗ ten durch die Bruſt des jungen Mannes. Die Thrä⸗ nen waren ihm nahe; doch bezwang er ſich. Rafaele in ihrer Unſchuld ahnte nicht, wie tief ſie den Lieben⸗ den verwundet und plauderte unverdroſſen weiter. Da ward die Gartenthür mit Haſt aufgeriſſen und der Graf Günther von Hohenheim, ein hoher Mann von gebietendem Aeußern kam mit raſchen Schritten den Gang daher. Sein Blick war finſter, ſeine Stirn um⸗ wölkt. Er winkte den Mädchen, ſich zu entfernen. Als er mit Ottokar allein war, ſprach er: 7 „Die Mutter hat ihren böſen Tag, unſerm Hauſe ſteht irgend ein Unheil bevor. Ich bin nicht abergläu⸗ biſch; aber wo die Erfahrung ſo oft geſprochen hat, wäre es gewiſſenlos, wenn man die Winke einer hö⸗ heren Macht unbenutzt laſſen wollte. Es iſt nämlich Guido, welchem nach Ausſage der Mutter ein großes Unglück bevorſteht und du weißt, daß die Prophezei⸗ hungen ihres traumwachen Zuſtandes nie unerfüllt blie⸗ ben. Wirklich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„laſſen mich die Briefe meines Freundes Peyronnet in Pa⸗ ris auch das Schlimmſte ahnen. Was ich immer ge⸗ fürchtet, iſt in Erfüllung gegangen; Guido in ſeiner bekannten Exaltation iſt jenen Volksverführern, deren Abſicht ſeit vierzig Jahren dahin geht, Thron und Altar zu untergraben, in die Hände gefallen. Alle Er⸗ mahnungen meiner Freunde im Faubourg Saint-Ger⸗ main haben nichts vermocht, und ich muß das Aeußerſte befürchten, wenn nicht ſchleunige Hülfe geſchafft wird. Darum ſollſt Du, mein Sohn, unverweilt nach Paris. Deiner ruhigen Umſicht wird es gelingen, den Verirrten auf den rechten Pfad zurückzuführen. Du biſt der Bru⸗ der, kennſt ihn, verſtehſt ihn zu behandeln, und darum zweifle ich nicht an einem glücklichen Erfolge. Am beſten wäre es, wenn Du Guido bewegen könnteſt, daß er ſobald als möglich nach Deutſchland zurückkehrte. So lange er noch in Paris verweilt, muß es Dein eifrig⸗ ſtes Bemühen ſein, ihn mit aller Gemeinſchaft mit je⸗ nem revolutionairen Geſindel entfernt zu halten.“ „Das iſt ein mißliches Geſchäft, das Du mir auf⸗ trägſt, mein Vater,“ antwortete Ottokar nach einigem Nachdenken;„Du weißt ſelbſt, von welch' unbeugſa⸗ mem Charakter Guido iſt, wenn er für irgend etwas heftig eingenommen. Doch zögre ich keinen Augenblick, Deinem Wunſche, welcher auch der Wunſch meines 8 Herzens iſt, zu erfüllen und den Bruder wo möglich vor Gefahren zu ſchirmen. Bei Guido's gutem Herzen iſt mit Güte viel auszurichten und hoffentlich ſtehen die Sachen nicht ſo ſchlimm, als ſie Dein Freund aus Paris geſchrieben hat. Du weißt, daß man bei ge⸗ wiſſen Leuten leicht in den Verdacht eines Sansculot⸗ ten oder Königsmörders kommen kann, ſobald man ſich einigermaßen freiſinnig ausſpricht oder die Etikette des ancien régime, wovon unſer Guido nie ein Freund geweſen, etwas aus den Augen verliert.“ „Wenn auch nur der zehnte Theil von dem wahr iſt,“ erwiederte der Graf,„was mir Peyronnet ſchreibt, ſo iſt Grund genug vorhanden, meinen Sohn unter Obhut zu ſtellen. Die legitimiſtiſchen Salons hat er ſeit Monaten nicht beſucht, dafür ſich wochenlang in La⸗ grange, bei dem alten Freiheitsſchwindler Lafayette, umher getrieben. In der Geſellſchaft des Boyrbonen⸗ feindlichen, revolutionairen Geldmäklers Lafitte iſt er oft geſehen worden und ſelbſt an den verbrecheriſchen Zuſammenkünften der ſogenannten Volksfreunde ſoll er Theil genommen haben.“ „Was den Umgang mit Lafayette und Lafitte an⸗ belangt,“ meinte Ottokar,„ſo weiß ich nicht, wo hier Gefahr ſein ſollte. Beide Männer verdienen die Ach⸗ tung jedes Rechtſchaffenen; und wenn ſie gegen die Bourbonen in Oppoſition getreten ſind, mögen ſie wohl ihre guten Urſachen dazu gehabt haben.“ „Ich will ihren Charakter nicht verdächtigen,“ er⸗ wiederte Graf Hohenſtein;„aber ihre Köpfe ſtecken voll utopiſcher Ideen, die, wie die Erfahrung gelehrt hat, ſich nie verwirklichen ließen; die nur geſchaffen ſind, Un⸗ ruhe zu erregen und darum ebenſo zu verdammen ſind, wie die exaltirten Predigten erklärter Jakobiner.“ „Hoffentlich,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe fort, 9 „daß die Regierung einmal Energie entwickelt, dieſe aber⸗ witzigen Ideologen zur Ruhe verweißt, den vorlauten Zeitungsſeriblern den Mund ſtopft und den übrigen re⸗ volutionairen Pöbel allenfalls mit Kanonen die Köpfe zu rechte ſetzt. Ich bin immer der Meinung geweſen, daß Revolutionen nie durch Conzeſſionen, ſondern al⸗ lein mit Gewalt von Grund aus zu heilen ſind.“ „Das verhüte der Himmel,“ gegenredete der junge Mann,„daß es die franzöſiſche Regierung zu dieſem Aeußerſten kommen ließe; dann könnte den Bourbo⸗ nen leicht das Haus über dem eignen Kopfe anbrennen.“ „Aber man kann doch von einer Regierung nicht verlangen,“ ſprach der Graf etwas gereizt,„daß ſie ſich täglich den hochverrätheriſchen Angriffen ihrer eignen Deputirten und den Ausfällen einer ſchamloſen Preſſe Preis giebt. Was hat ſich das Miniſterium Polignac ſeit ſeinem kurzen Beſtehen nicht alles ſagen laſſen müſſen. Iſt ein ſolcher Zuſtand etwa beſſer, als wenn die Regierung ihren Feinden den offenen Fehdehandſchuh hinwirft und es auf den offenen Kampf ankommen läßt?“ Ottokar, welcher die felſenfeſten, politiſchen An⸗ ſichten ſeines Vaters zu gut kannte, als daß er hoffen konnte, ihn durch Gegenrede eines Beſſern zu beleh⸗ ren, und den bejahrten Mann nicht in Zorn bringen wollte, entgegnete daher nichts weiter. Der Graf, welcher dieſes Schweigen zu ſeinem Gunſten auslegte, ſprach ruhiger: „Ich weiß es, mein Sohn, auch Du biſt von den neuen Ideen, die ſo viel Unglück über die Menſchheit gebracht haben, nicht ganz frei geblieben; es iſt dieß ein Fehler der Jugend, welcher täglich abnimmt. Dar⸗ um fürchte ich Deine ſogenannten„liberalen“ Anſich⸗ ten nicht, weil ich weiß, daß Du in ſpäteren Jahren ganz zu meiner Denkweiſe zurückkehren wirſt.“ Ottokar ſchüttelte ſchweigend das Haupt; doch brach er das Geſpräch ab und frug, wann er ſich reiſe⸗ fertig halten ſollte? „Je eher, je lieber,“ antwortete der Graf;„dieſe Angelegenheit duldet keinen Verzug; der Himmel ver⸗ hüte, daß Du nicht zu ſpät kommſt. Du wirſt mor⸗ gen bereits abreiſen. Die erforderlichen Päſſe findeſt Du in der Reſidenz, wohin ich Dir Briefe mitgebe.“ Die Beiden gingen noch eine geraume Zeit in den Gängen des Schloßgartens auf und ab. Der Graf ertheilte ſeinem Sohne noch verſchiedene Verhaltungs⸗ regeln in Betreff der in Paris zu befolgenden Hand⸗ lungsweiſe; als ſich eilig ein Diener nahte und erſteren zur Gräfin Mutter berief. „Noch èins,“ ſprach der e ehe er dem Rufe folgte,„ich glaube, es wird v tem Erfolge ſein, wenn Du Guido das Bild der trauernden Veronifa vor Augen führſt. Er liebt das Mädchen, und ich habe gegen eine dereinſtige Verbindung nie eiwen⸗ den, die freilich erſt nach dem Tode der utter erfol⸗ gen kann. Die aufgefriſchte Erinner an Vero⸗ nika, dürfte dem aufgeregten Jüngliüge die Heimath vielleicht recht wünſchenswerth machen. Der Graf entfernte ſich. Ottokar ſtand lange in Nachdenken verſunken und ſchaute, wie träumend, über die ſchöne Landſchaft. „Alſo nach Paris,“ ſprach er nach langer Pauſe; „aus meinen ſtillen Blumen, aus dieſem friedenvollen Paradieſe nach der brauſenden Weltſtadt!— O, mein Jean Paul, da werden wir wohl lange von einander Abſchied nehmen müſſen.“ Bei dieſen Worten fielen die Blick des Jünglings auf die Häuſer und Gärten des Dorfes Hohenſtein, die in einiger Entfernung unten im Thale lagen. Er 11 kannte alle Bewohner des kleinen Fleckens und war daſelbſt überall ob ſeiner menſchenfreundlichen Theil⸗ nahme, die er dem Geringſten nicht verſagte und welche gegen das finſtere abgeſchloſſene Weſen ſeines Vaters bedeutend abſtach, ein hochwillkommener Gaſt. Er be⸗ ſchloß daher auch diesmal, bevor er ſeine Reiſe antrat, noch eine Wanderung durch das Dorf zu machen, und von den wackern Landleuten auf einige Zeit Abſchied zu nehmen. Der nächſte Weg nach dem Dorfe führte durch den Park, welcher unmittelbar an den Schloßgarten grenzte. Mit ſeltſamen Gefühlen wanderte Ottokar die wohlbe⸗ kannten Gänge zwiſchen den Weihmuthkiefern und den friſchgrünen Tannenbäumen dahin. Hier und da ſchlug ein verſpäteter Vogel in den Zweigen. Die freien Raſenplätze des Parks waren mit weißen, ro⸗ then, blauen und gelben Blumen im bunteſten Gemiſch überſäet. Zur Rechten zog ſich die blaue Fläche eines Teiches entlang, worauf in holder Einſamkeit ein paar Schwäne ihre ſilbernen Kreiſe Alles athmete eine ſo beſeligende Rube, daß ſich's der Jüngling nicht verſagen konnte, ein Paar Minuten auf der kleinen Breterbank, deren Rückwand eine uralte Eiche bildete, am Ufer des Teiches Platz zu nehmen, um das ſchöne Frühlingsbild noch einmal in ungeſtörter Ruhe in ſich aufzunehmen. Rings umgaben grüne Waldungen und blumen⸗ volle Ufer die ſilberne Waſſerfläche; darüber wob ſich das n Blau des Himmels. Die beiden Schwäne, als ſie ihren Freund, der ſie oft mit Brod⸗ ſamen gefüttert, auf dem bekannten Platze erblickten, kamen von ihrem, im chineſiſchen Geſchmacke erbauten Häuschen majeſtätiſch daher geſchwommen. Hier und da tauchte ein Fiſchlein, von der warmen Nachmittag⸗ ſonne gelockt, bis zur Oberfläche des Teiches empor und verſchwand eben ſo ſchnell wieder, nur ſilberne Kreiſe zurücklaſſend, die immer größer werdend, ſich bis zum Ufer verliefen. Am jenſeitigen Ufer weidete ein Reh in ungeſtörter Ruhe. Ottokar, in dem Anſchauen des tiefen Friedenbil⸗ des verſunken, hatte nicht bemerkt, wie Veronika, die von der Schweſter, welche nach Erdbeeren tiefer in den Wald gegangen, getrennt worden, ebenfalls an den Teich getreten war und ihre ſchönen Augen mit Wohl⸗ gefallen über die blaue Fläche dahin ſchweifen ließ. Als ſie den Jüngling erblickte, wollte ſie ſich, ohne ihn zu ſtören, leiſe zurückziehen, doch die ſpiegelhelle Waſ⸗ ſerfläche hatte ihre Gegenwart verrathen. Ottokar ſprang ſogleich auf. „Veronika,“ rief er im Tone ſanften Vorwurfs, „warum fliehen Sie?“ Das Mädchen blieb einen Augenblick ſtehen, dann kehrte es langſamen Schrittes zurück. „Einen Dichter,“ ſprach Veronika mit holdem Lächeln,„wenn er im Anſchauen von Gottes Schöpfung verſunken, ſoll man nicht ſtören.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ erwiederte der Jüngling, „mich mit dem Namen eines Dichters zu beehren; leider muß ich auf dieſes ſchöne Prädikat verzichten; ein Paar Reime kunſtlos zuſammen zu ſtellen, macht noch keinen Dichter.“ „Habe ich doch nicht blos ſchöne Reime von Ih⸗ nen geleſen,“ ſprach das Mädchen. „Einfache Beſchreibungen der Natur,“ meinte Ottokar,„die Ihnen eben ſo gut und wahrſcheinlich beſſer gelingen würden.“ „Wir wollen es auf keine Probe ankommen laſ⸗ ſen,“ lächelte Veronika. 13 Das Geſpräch, wie unbefangen es begonnen hatte, wollte doch keinen rechten Fortgang nehmen. Otto⸗ kar hatte ſo oft im Geiſte voller Beredtſamkeit zu der ſchönen Coufine geſprochen, und jetzt, wo er ihr unter vier Augen gegenüber ſtand, wußte er nicht, wie er dieſen eingebornen Engel würdig unterhalten ſollte. Veronika, durch das eingetretene Stillſchweigen des Jünglings gleichfalls beengt, that jetzt ſehr beſorgt um Rafaelen. Sie fürchtete, die Schweſter möchte ſich verirrt haben, obſchon an eine Gefahr in dem kleinen Wäldchen nicht zu denken war. Wiederholt erſcholl der Name der Schweſter aus ihrem Munde; aber keine Antwort erfolgte. „So wollen wir ſie aufſuchen,“ gab Ottokar den Rath,„der Park iſt nicht groß; wir haben ihn bald durchſucht.“ „Gott,“ ſprach Veronika, als Rafaele noch immer nicht antwortete,„es wird ihr doch kein Unglück wider⸗ fahren ſein? man erzählt von giftigen Schlangen, die es hier geben ſoll.“ Ottokar tröſtete und verſicherte, daß die hieſigen Schlangen, eine ganz kleine Otternart, ſich nur äußerſt ſelten zeigten und daß ſelbſt ihr Biß völlig unſchädlich ſei. Zugleich nahm er ſich vor, aus Mangel an Stoff zur Unterhaltung, die reizende Couſine mit ſeiner be⸗ vorſtehenden Abreiſe bekannt zu machen. „Wiſſen Sie auch, Veronika,“ begann er, nach⸗ dem ſie eine Zeitlang ſtumm neben einander den Park entlang gegangen waren,„das Ergebniß der vorigen Unterredung mit dem Vater?“ „Nein,“ erwiederte die Couſine,„Rafaele und ich haben uns vergeblich den Kopf zerbrochen.“ „Die Unterredung betraf den Guido,“ ſprach Ottokar. 14 Veronika erwiederte kein Wort, aber ihr Herz pochte lauter. „Ich werde morgen Hohenſtein verlaſſen.“ Da blieb das Mädchen ſtehen; ihr Blick haftete halb verwundert, halb angſtvoll auf dem Jüngling; Rafaele und die Schlangen waren vergeſſen. „Sie ſcherzen, Ottokar,“ ſprach ſie kaum hörbar. „Ich ſcherzen?“ frug der Jüngling,„wie ſehr ver⸗ kennt mich Veronika.“ Nach einer Pauſe fuhr er in ſanftem, herzgewin⸗ nendem Tone fort: „Ich gehe zu Guido, hat mir Veronika nichts für den Bruder aufzutragen?“ Das Mädchen ahnte jetzt, daß mit Guido irgend etwas vorgefallen ſein mußte; das Blut wich aus ih⸗ ren Wangen, ſie ſtand zitternd und ſprachlos; eine Thräne trat in ihr Auge. Ottokar erkannte jetzt die unendliche Liebe des ſchönen Mädchens für den Bruder; er fühlte ſich ſelbſt geheiligt dadurch; ſeine eigne Liebe zu Veronika wich einem höhern ſchönern Gefühle, und ſo frug er nochmals: „Was hat mir Veronika für den glücklichen Bru⸗ der aufzutragen?“ Da faßte das himmelſchöne Kind mit ihren beiden Händchen Ottokar's Rechte, preßte dieſe innig; die ſchönen thränenfeuchten Augen blickten flehend zu dem Jünglinge auf. „Ottokar,“ rief ſie in unbeſchreibbarem Tone,„ſei Du ſein Engel!“ Und gleichſam erſchrocken, das heiligſte Geheimniß ihres Herzens verrathen zu haben, eilte ſie, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, den Laubgang entlang. „Sei Du ſein Engel!“ wiederholte wunderbar er⸗ griffen der Jüngling, indem er dem ſchönen Mädchen 15 lange nachſchaute;„wohlan, Du biſt für mich verlo⸗ ren; aber dafür iſt mir auch der ſchönſte Beruf ge⸗ worden, der nur einem Sterblichen werden kann. Muß ich auf die Seligkeit Deiner Liebe verzichten, ſo ſoll mir der Gedanke, den Liebling Deiner Seele zu ſchir⸗ men und zu ſchützen und ihn in Deine Arme zurück⸗ zuführen, jene Seligkeit erſetzen. Mein Beruf iſt ent⸗ ſchieden: Du, Geliebte meines Herzens, haſt ihn aus⸗ geſprochen; wohlan— ich will ſein Engel ſein.“ Die Sonne ſtand kaum noch eine Handbreit über den Bergen. Flur und Wald lagen in roſenfarbener Verklärung; da ſtieg Ottokar, die Bruſt um eine Seligkeit reicher, in das Thal hinab zu den Wohnun⸗ gen der Dorfbewohner. Zweites Rapitel. Unr der alten Linde vor ſeinem Häuschen, welches das letzte im Dorfe war, ſaß der alte Hufſchmied, Nicodemus mit Namen, und ſchaute hinüber nach den Zinnen des Hohenſteins, welche von der Abend⸗ ſonne beſchienen in rothen Flammen ſtanden. War auch das Haupthaar des Mannes ſchneeweiß von Jahren und Kummer, ſo erſchien doch ſein Körper noch kraft⸗ voll und rüſtig, und täglich hörte man ihn in ſeiner Werkſtätte den gewichtigen Hammer ſchwingen, gleich einem jungen Geſellen. Des Tages über, während ſeines Geſchäfts, war Nicodemus wortkarg und mürriſch; ſobald aber die Abendſonne über den Bergen ſtand, und das Tagewerk 16 „ vollbracht war, ſah man ihn unter der alten Linde ſitzen und unverwandt hinüber nach den Mauern des Hohenſteins ſchauen. Ein verjährter Ausdruck von Schmerz und Zorn hatte ſich dann über die harten Geſichtszüge des alten Mannes verbreitet und dem Munde entfloſſen gar ſeltſame Reden. Bei den Dorfbewohnern war es daher ſeit Jahren eine bekannte Sache, daß es mit dem alten Huf⸗ ſchmiede nicht ganz richtig ſei; nur einige der älteſten Bauern, die mit ihm in gleichem Alter ſtanden, ſchüt⸗ telten den Kopf, und meinten, der alte Nicodemus möge wohl ſeine guten Gründe haben, warum er ſich des Abends unter die Linde ſetze und den Mauern Hohenſteins ſo unfreundliche Blicke zuwerfe. Das Erſcheinen Ottokar's im Dorfe, welches in der Regel nur Freude unter den Bewohnern hervor⸗ brachte, war diesmal von allgemeiner Trauer begleitet. Kaum hatte ſich die Nachricht von dem Verreiſen des jungen gnädigen Herrn im Dorfe verbreitet, als ſich die Landleute in Haufen um ihn drängten und in laute Klagen ausbrachen. Ottokar war nämlich der Einzige geweſen, welcher die von der Lehnsherrlichkeit Bedrückten, ſo wohl gegen die finſtere Strenge ſeines Vaters, wie gegen die Rachſucht des eben ſo gefürch⸗ teten wie gehaßten Gerichtsdirectors, in Schutz genom⸗ men. Wie oft hatte er heimlicherweiſe die harten Bußen aus eigener Börſe gezahlt oder doch gemildert. Der junge Mann ward daher von den armen Land⸗ leuten wie ein Weſen höherer Art verehrt und ihr Schmerz bei der Kunde von ſeiner Abreiſe war unbeſchreiblich. Ottokar tröſtete und verſprach, daß er ſo bald als möglich zurücktehren, und wahrſcheinlich auch den Guido mitbringen werde. Die Nachricht von Guido's Rückkehr klang den Bauern äußerſt angenehm; denn 17 dieſer hatte ſich bereits als Knabe und zarter Jüng⸗ ling wo möglich noch unverholener, als Ottokar, der Bedrückten gegen die adelige Gutsherrſchaft angenom⸗ men; und deshalb oft ſelbſt harte Strafe erdulden müſſen. Nachdem Ottokar faſt keine der dürftigen Woh⸗ nungen unbeſucht gelaſſen und ſich hier und da nach Wirthſchafts⸗ und Familienangelegenheiten erkundigt hatte, gelangte er auch zum letzten Häuslein, wo der alte Hufſchmied Nicodemus am gewohnten Platze unter der Linde ſaß. Im Thale ſchattete bereits die Dunkelheit, während die hochgelegenen Zinnen von Hohenſtein noch im rothen Feuer ſtanden. Ottokar winkte den ihn begleitenden Landleuten, daß ſie zurückbleiben ſollten, und nahete ſich allein dem alten Manne. Dieſer ſchien im Anfang die Ankunft des Jüng⸗ lings gar nicht zu bemerken und ſchaute unverwandt nach dem Schloſſe. „Guten Abend, Freund Hufſchmied,“ ſprach Otto⸗ kar im freundlichen Tone, und trat zu dem Alten heran. Ohne den Gruß zu erwiedern, wandte ſich der Alte mit dem Geſichte nach dem jungen Manne. „Ihr kommt vom Schloſſe,“ hub er an,„habt Ihr meine Margarethe nicht geſehen? Wie lange weilt ſie? Wann kehrt ſie heim in die Hütte ihres Vaters?“ „Guter Nicodemus,“ erwiederte Ottokar,„ſchlagt Euch endlich einmal die alten Grillen aus dem Kopfe und ſeid überzeugt, daß meine Familie unſchuldig an dem Verſchwinden Eurer Tochter. Es iſt ja ge⸗ Stolle, Schriften. Supplem. I. 2 18 richtlich erwieſen, daß ſie vor langen Jahren von einer im nahen Walde gelagerten Zigeunerbande entführt worden.“ „Es war ein Abend wie heut,“ fuhr der Huf⸗ ſchmied mit ſich ſelbſt ſprechend fort,„auch die Jah⸗ reszeit war's, die Zinnen dort oben ſtanden im Abend⸗ ſonnenſchein, da ging ſie hin zum Schloſſe mit dem Körbchen voll Erdbeeren, ſie wollte die geſtrenge Frau Gräfin erfreuen. Mit Liebe ging ſie hin; Kind, mein einzig' Kind, und mit Blut und Tod hat man Dir vergolten.“ Die Stimme des Hufſchmied's brach hier in ge⸗ waltigem Schmerze. Vergebens bemühte ſich Ottokar, den alten Mann von ſeiner Idee zurückzubringen. All⸗ mählig ward er ruhiger; ſein Ton ward ſanfter und in Erinnerungen verſunken, fuhr er fort: „Sie war ſo ſchön, wie der junge Morgen, ſo klar und munter, wie ein Bächlein, das aus dem Felſen ſpringt; die Aeuglein lachten wie zwei Veilchen, Locken hatte ſie wie Gold und Seide; in wenig Wochen ſollte ihr ſiebzehnter Geburtstag ſein— ich hatte ſchon hin und her geſonnen, womit ich ſie erfreuen könnte zum frohen Tage:— da trug ſie des Nachmittags die Erdbeeren nach dem Schloſſe.—“ In den letzten Worten lag wieder eine ſo tiefe Wehmuth, daß ſich Ottokar einer tiefen Erſchütterung nicht zu erwehren vermochte; der Alte fuhr fort: „Niemand hatte mich ſo lieb auf der weiten Erde, und auch ich hatte Niemanden ſo lieb. Was war Mühe und Arbeit, wenn ich das Mädchen ſchaute; noch ſteht das Tiſchchen gedeckt, ſie wollte gleich wie⸗ derkehren, als ſie die Erdbeeren nach dem Schloſſe trug.“ 19 „Armer, alter Mann,“ ſprach Ottokar mit be⸗ wegter Stimme,„und wie viel Jahre find es, daß Eure Margarethe nicht wiedergekehrt iſt?“ „Es ſind am verwichenen Sonnabend fünfund⸗ zwanzig Jahre geweſen,“ antwortete der Hufſchmied in dumpfem Tone,„der alte Sebaldus lebte damals noch, der Leibmedicus der gnädigen Frau Gräfin. Dieſe litt an der Gicht; da verordnete der Doctor ein Bad in reinem Jungfrauenblut und ſo hat man wir mein Kind erſchlagen und ſich in ſeinem Blute gebadet.“ „Pfui Nicodemus,“ ſtrafte der junge Mann,„wie mögt Ihr ſolch abgeſchmacktem Gerede Glauben bei⸗ meſſen und Euch dadurch das Leben noch mehr ver⸗ bittern. Euer Schmerz um Margarethen iſt gewiß gerecht; indeß wie geheimnißvoll das Verſchwinden des Mädchens erſcheint, ſo kann doch von einer Greuel⸗ that, die als Mährchen in irgend einer Spinnſtube erfunden iſt, nicht die Rede ſein. Ich ſelbſt, da ich herangewachſen, und auch mir die wunderbare Geſchichte Eurer Tochter zu Ohren kam, habe mit vieler Mühe in all' den Urkunden nachgeforſcht, und es bleibt gar kein Zweifel, daß die arme Margarethe ein Raub der Zigeuner, die ſich damals auch in der Nähe des Schloſſes umhertrieben, geworden iſt.“ „Urkunden,“ lachte höhniſch der Hufſchmied,„hat nicht der hektiſche Gregor, der Gerichtsverwalter, der bald darauf zur Strafe des Himmels den Hals brach, die Unterſuchungsacten geführt? hat nicht Gottes Straf⸗ gericht die Miſſethat deutlich genug an den Tag ge⸗ bracht. Der Doctor, welcher die Unthat verübte, ward in ſeinem eignen Laboratorium unter Feuer und Flam⸗ men vom Teufel geholt und die Gräfin, der das Blut⸗ bad zum Heile gereichen ſollte, leidet ſeit jener Zeit an ihrem böſen Tage.“ 2 20 „Bin ich nicht,“ fuhr Nicodemus aufgeregter fort, „als Margarethe an jenem Abende ausblieb und man mir ſchon damals das Märchen von den Zigeunern aufbinden wollte, wie wahnſinnig acht Tage und acht Nächte lang meilenweit mit meinem Hammer in den Wäldern umhergeirrt, ohne nur einen jener braunen Geſellen zu Geſicht zu bekommen? Nein, junger Herr, ich weiß, was ich weiß— gemordet worden iſt mein Kind;— ober ſeinen Leichnam wenigſtens hätte man mir laſſen ſollen, daß ich ihn chriſtlich beſtatten konnte; daß mir wenigſtens ein Grab blieb, wo ich weinen konnte; ſo habe ich nichts von ihr als jenes Tiſchchen, das ſie gedeckt hatte an jenem Abende vor fünfundzwanzig Jahren, wie Ihr's noch heute ſehen könnt, drinnen in der Wohnſtube neben der Werkſtatt.“ „Ach,“ ſprach er nach einer Pauſe in milderem Tone,„hätte ich ein Grab und ſie darunter gewufßt, da konnt' ich mich ausweinen in den langen Jahren; ich ſchliefe da vielleicht neben ihr; ſo aber habe ich nicht wieder weinen können ſeit jenem Sommerabende und ununterbrochen krampft es hier unter den Rippen.“ Die Rede des Alten ward immer unheimlicher. Er fuhr fort: „Und ſitz' ich des Abends unter dem Lindenbaume und ſchaue hinüber nach dem grauen Schloſſe, wenn es im Abendſchein ſchimmert; ſo wird mir klar, daß ein Tag kommt, wo ich Rache nehme an den finſtern Mauern, die das Sterberöcheln meines Kindes ver⸗ nommen— dann wird mir Ruhe werden.“ „Ihr ſeid ſehr unglücklich und ſehr krank,“ ſprach Ottokar in verſöhnendem Tone;„bittet zu Gott, daß er Euch Troſt und Ruhe ſende. Jetzt lebt wohl, ich verlaſſe Hohenſtein auf längere Zeit und reiſe zu Guido, mit welchem ich vielleicht recht bald zurückkehre. Lebet wohl!“ 21 „Guido?“ frug Nicodemus und ein unheimlicher Strahl der Freude zuckte über das ſteinerne Geſicht, „er, der Einzige, der mich verſteht? Ha, ſtünde der Tag der Flammen ſo nahe!“ Dann erhob er ſich von ſeinem Sitze, ſtreckte beide geballte Fäuſte gegen das Schloß, das nur noch wie eine dunkle Steinmaſſe in der Dämmerung daher ſchaute, ſtieß einen furchtbaren Fluch aus, und ohne Ottokar's Lebewohl zu erwiedern, kehrte er in ſeine Hütte zurück. Ein Schauer durchrieſelte den jungen Mann. Die Bruſt voll ſchreckhafter Ahnungen, verließ er den un⸗ heimlichen Ort und wanderte in den immer tiefer ſchat⸗ tenden Sommerabende nach dem Schloſſe zurück. Drittes Rapitel. Unpeweglich und ſtarr wie ein Steinbild ſaß in alter⸗ thümlicher verſchollener Tracht auf ihrem Rollſtuhle die achtzigjährige Gräfin Roswitha von Hohenſtein. Trotz der überall herabgelaſſenen Vorhänge, welche keinen Sonnenblick, kein Stück blauen Himmel in das Ge⸗ mach hereinließen, bedeckte ein grüner Augenſchirm den obern Theil des Geſichts Die abgezehrten mit Per⸗ lenbändern reich geſchmückten Hände ruhten im Schooß; nur von Zeit zu Zeit bewegten ſich die Lippen der Gräfin, jedoch ohne daß man einen Laut vernommen hätte. Noch immer zeigte die gerade, etiquettengemäße Haltung die einſtige ſtrenggebietende Frau. Mit der Kleidung der Gräſin ſtimmten auch die Decorirung und das Meublement des Zimmers überein. Sie gehörten einer längſt vergangenen Zeit an. Da rauſchten noch jene ſchweren gewirkten franzöſiſchen Tapeten, wie ſie unter Ludwig dem Vierzehnten die Salons des hohen Adels ſchmückten; da erblickte man noch jene ſchwere Gediegenheit und jenes ſonderbare und kunſtreiche Schnitzwerk an Tiſchen und Stühlen, jenes geſchmacklos geformte Meißner Porzellan. Mit eigenſinnigem Trotze hatte die Gräfin Ros⸗ witha nie geduldet, daß man an irgend einem Ge⸗ genſtund in ihrem Zimmer eine erneuernde Hand legte. So ſaß dieſe Repräſentantin einer längſt verſchol⸗ lenen Zeit, fremd mit der Außenwelt und deren Be⸗ dürfniſſen und immer hartnäckig in ihren Herrſcher⸗ launen, ſtets mit eigenſinniger Sorgfalt gekleidet, bereits ſeit länger denn zwanzig Jahren auf ihrem Rollſtuhle. Jahr aus Jahr ein, bei heiterm oder trübem Wet⸗ ter waren Rolleaux und Vorhänge dicht herabgelaſſen, ſo daß ſtets eine beengende Dämmerung in dem hohen ſalonähnlichen Zimmer herrſchte. Ob draußen auf den Bergen die jungen Knospen ſprangen oder der Herbſt die gelben Blätter von den Bäumen wehte, erfuhr die Gräfin nur aus dem Kalender— ſie hatte ſeit zwanzig Jahren keinen Blick aus dem Fenſter gethan. Dieſe freiwillige Gefangenſchaft war nur die Folge einer eigenſinnigen Laune und ein charakteriſtiſches Merk⸗ mal ihres eiſernen Charakters. Vor langen Jahren befand ſich die Gräfin in der benachbarten Reſidenz auf dem Hofballe. Einer der anweſenden fürſtlichen Prinzen, welcher ſich gern mit der geiſtreichen Frau unterhielt, ſagte unter andern zu ihr:„Gräfin, ich würde mir ſchon längſt das Vergnügen gemacht haben, Sie auf Ihrem ſchön gelegenen Hohenſtein zu beſuchen, 23 wenn ich nicht Ihre Abweſenheit befürchtete; Sie ſind zu häufig auswärts.“ Roswitha von der Ausſicht eines fürſtlichen Beſuches in den Himmel erhoben, erwiedert ſogleich:„Hoheit, in der Hoffnung einer ſo ausgezeich⸗ neten Ehre, werde ich'mein Schloß nicht eher wieder verlaſſen, bevor nicht die reizende Hoffnung in Erfül⸗ lung gegangen.“„Wohlan,“ erwiederte der Prinz,„ſo komme ich die nächſten Tage.“ Die Gräfin fuhr be⸗ glückt nach ihrem Schloſſe zurück, ließ für den fürſt⸗ lichen Beſuch Alles auf das Schönſte vorbereiten, und verließ, ihrem Verſprechen gemäß, die Behauſung nicht wieder. Da traf die Nachricht ein, daß der Prinz ge⸗ fährlich erkrankt ſei. Eine Erkältung auf dem letzten Balle hatte ihn auf das Siechlager, was nach wenig Tagen ſein Todtenlager ward, geworfen. Von jetzt an bezog die Gräfin das Gemach, welches ſie noch heute bewohnte, und ſie hat ſeit der Zeit das Schloß nicht wieder verlaſſen. Sie glaubte, ihr Wort halten zu müſſen, und ſo machte ſie ſich aus eigenſinniger Laune die ganze übrige Zeit ihres Lebens zur freiwilli⸗ gen Gefangenen. Die Heftigkeit ihres Charakters, die in früherer Zeit oft in Jähzorn ausartete, war ihr ſelbſt im hohen Greiſenalter noch verblieben; nur daß die Zornausbrüche jetzt weniger gefährlich waren. Ehedem, wenn Ros⸗ witha vielleicht nur durch ein leichtes Verſehen der Dienerſchaft gereizt wurde, trug ſie kein Bedenken, die ſchärfſten Meſſer, und was ihr unter die Hand kam, nach dem Gegenſtande des Mißfallens zu ſchleudern. Hatte ſie doch einmal auf der Jagd einen Jägerbur⸗ ſchen, der nicht augenblicklich ihrem Befehle Gehorſam leiſtete, dnrch einen Piſtolenſchuß todt zu Boden geſtreckt. In ſpäterer Zeit war, wie erwähnt, ihr Zorn von ge⸗ ringerer Gefahr. Sobald ſie heftig gereizt ward, fiel 24 ſie in Krämpfe, die oft halbe Tage lang währten und wo dann jener traumwache Zuſtand eintrat, in wel⸗ chem ſie alles Unheil, das die Familie bedrohte, vor⸗ herſagte; und welcher in der Familie und bei der Schloß⸗ und Dorfbewohnerſchaft unter dem Namen des„böſen Tages“ bekannt war. Trotz des hohen Alters der Gräfin in ihrer Abge⸗ ſchiedenheit von der Außenwelt, galt ſie noch immer als oberſte Gebieterin im Schloſſe und keine einiger⸗ maßen wichtige Familienangelegenheit durfte ohne ihre Beiſtimmung abgethan werden. Nur ein einzigesmal hatte man hier eine Ausnahme eintreten laſſen, wie wir weiter unten ſehen werden. Der Graf Günther von Hohenſtein, der einzige von dreien übrig gebliebene Sohn der Gräfin Ros⸗ witha, war ihr, trotz ſeines gereiften Alters und des eignen feſten Charakters doch völlig unterthan und gänzlich ihrem Willen ergeben. Er bewachte das An⸗ ſehen ſeiner Mutter mit faſt eiferſüchtiger Strenge. Dar⸗ um ſtand er auch bei ihr ſehr in Gunſt und ſie nannte ihn ſtets nur bei dem Taufnamen. Weit weniger war dies mit den beiden Söhnen des Grafen, Ottokar und Guido, der Fall. Sie hielt ihre Enkel für angeſteckt von dem Gifte der neuen Zeit und für Rebellen an Vater, Fürſten und Kirche. Abſonderlich ſtand Guido in hoher Ungnade, welcher als unermüdlicher Protector des Bauernſtandes von Hohenſtein ſchon ſeit der Knabenzeit ihren Abſcheu auf ſich gezogen hatte. Einmal ging dieſer ſo weit, daß der Jüngling ein volles Jahr nicht vor die Augen der Großmutter kommen durfte. Faſt einer noch größern Gunſt als ſelbſt der Graf Günther erfreute ſich der Doktor Stephani, der wohl⸗ beſtallte Gerichtsdirecktor auf Hohenſtein, ein Mann in 25 den vierziger Jahren und von abſtoßender Geſichtsbildung. Durch völligen Gehorſam und unbedingtes Eingehen in die Ideen der Gräfin war es ihm gelungen, dieſe hohe Stufe in der gräflichen Gnade zu erreichen. Er war der Einzige, der nächſt dem Grafen Günther un⸗ angemeldet und zu jeder Zeit vor der Gräfin erſchei⸗ nen, ſie unterhalten und mit ihr Eeartée ſpielen durfte. Einſchmeichelnd im Benehmen, allezeit Hofmann, verdarb er es mit keiner Parthei und verrieth die eine an die andere, ſobald es ſein Vortheil erheiſchte. Auf ſeinen Antrieb allein war Guido vom Schloſſe ent⸗ fernt und nach Paris geſchickt worden; es geſchah dies unmittelbar darauf, als er die keimende Leidenſchaft des Jünglings für die ſchöne Veronika entdeckte. Wie die Etiquette vor funfzig Jahren ſtattgefun⸗ den, alſo wurde ſie am heutigen Tage noch ſtreng be⸗ obachtet. So durfte z. B. Ottokar nur Sonntags, unmittelbar nach der Vormittagskirche, vor ſeiner Groß⸗ mutter erſcheinen und wenn er nicht erſchien, mußte er ſich eigends entſchuldigen laſſen. Roswitha nannte ihn dann nie anders, als„Herr Graf.“ Von der Anweſenheit der beiden Mädchen Vero⸗ nika und Rafaele hatte die Gräfin keine Ahnung, und wenn ſie davon gewußt hätte, würde ſie Feuer und Flammen vom Himmel gerufen haben. In ihren Augen nämlich waren die beiden jungen Damen Ba⸗ ſtarde, da ſie aus der Ehe des zweiten Sohnes der Gräfin mit einer bürgerlichen Gemahlin abſtammten. Als Roswitha von dieſer Verbindung, welches ſie das ſchrecklichſte Ereigniß ihres Lebens nannte, erfuhr, ſtieß ſie einen furchtbaren Fluch über ihren Sohn Al⸗ fred aus, welchen die harte Frau, ſelbſt als Letzterer auf dem Tovtenbette lag, und er die Mutter um Ver⸗ zeihung flehte, nicht zurücknahm. Die Gattin Al⸗ 26 fred's folgte aus Gram ihrem Gemahl bald im Tode nach; ſo ſtanden bie beiden Waiſen ganz verlaſſen, wenn nicht Graf Günther, von der Schönheit der Mäd⸗ chen gerührt, ſich ihrer angenommen und ihnen ein Aſyl auf Hohenſtein gewährt hätte. Dies war die einzige Familienangelegenheit, wor⸗ über man die Gräfin Roswitha in Ungewißheit ge⸗ laſſen hatte und Doctor Stephani hielt es in Betracht Veronika's nicht für angemeſſen, ihr die nöthige Auf⸗ klärung zugehen zu laſſen. So ſtanden die Verhältniſſe im gräflichen Hauſe als Ottokar an ſeines Vaters Seite durch die Ta⸗ petenthür leiſe in das Zimmer der Gräfin trat, um ſich für die bevorſtehende Reiſe von ihr zu beurlauben. Roswitha ſaß in ihrer alterthümlichen Tracht wie gewöhnlich ſtarr und unbeweglich in dem Rollſtuhle; die mit Perlenbändern reich beſetzten Hände ruhten im Schooße. In einiger Entfernung rückwärts an einem der verhängten Fenſter ſtand der Doctor Stephani, welcher die beiden Eintretenden mit lauerndem Blicke beobachtete. Der Graf Günther führte ſeinen Sohn an der Hand vor. „Gnädige Frau Mutter,“ begann er,„mein Otto⸗ kar ſteht vor Dir, um ſich Deine gnädige Genehmi⸗ gung für ſeine Reiſe nach Paris zu erbitten.“ Ohne aufzublicken, oder ihre Stellung zu verän⸗ dern, erwiederte die Gräfin eine geraume Zeit kein Wort; nur ihre Lippen bewegten ſich. Eine drückende Stille und Schwüle herrſchte in dem geräumigen Gemach. Der Graf und ſein Sohn verharrten gleichfalls ſchweigend in ehrfurchtsvoller Stellung. Endlich wurden Worte der Gräfin vernehmbar, aber nur in kurzen, ziemlich dictatoriſchen, abgebrochenen Sätzen: 27 „Ein ehrenwerther Beruf,“ ſprach ſie,„— ich ge⸗ nehmige ihn— der Herr Graf wird die nöthige Vor⸗ ſicht entwickeln, den Verirrten zurückzubringen— im Nothfall muß Gewalt gebraucht werden— todt iſt beſſer als entehrt— Sie haben carte blanche— reiſen Sie mit Gott.“ Der Doctor Stephani, der jetzt leiſe herangetreten war, überreichte dem jungen Grafen ein ziemlich dick⸗ leibiges Portefeuille. „Hierin befinden ſich,“ ſprach er,„ſämmtliche Cre⸗ ditive und Empfehlungen, welche Ihnen, mein gnä⸗ diger Herr Graf, die erſten und glänzendſten Salons von Paris eröffnen.“ Die Gräfin gab jetzt durch eine Handbewegung das Zeichen, daß Ottokar entlaſſen ſei. Dieſer verneigte ſich, indem er ſich auch ferner der Gnade der geſtrengen Frau Großmutter empfahl. „Doch bevor ich ſcheide,“ fügte er in dem ihm ei⸗ genthümlichen weichen, liebevollen Tone hinzu,„habe ich noch eine recht große Bitte, und ich würde mit weit froherem Muthe meine Reiſe antreten, wenn ich dieſe Bitte durch die Gnade meiner gnädigen Frau Großmutter erfüllt ſähe.“ Der Graf Günther machte ein finſteres Geſicht; die Gräfin ſagte kein Wort; aber ihre Lippen bewegten ſich heftiger. Ottokar ließ ſich nicht ſtören und fuhr fort: „Der gräfliche Förſter Burkhard hat heut Mor⸗ gen dem armen Häusler Benedix die einzige Kuh erſchoſſen, weil das Thier aus Unvorſichtigkeit des hü⸗ tenden Knaben ein paar Schritte auf die gräfliche Wieſe gegangen war. Auch iſt der arme Landmann bereits gefänglich eingezogen, um noch Strafe zu erdul⸗ den für die Nachläſſigkeit ſeines Knaben. Des Man⸗ nes ganzer Reichthum beſtand in der Kuh; ich gebe 28 dies der gnädigen Frau Großmutter zu erwägen, und bitte, dem armen Benedix diesmal Gnade für ſtrenges Recht angedeihen zu laſſen.“ „Der Herr Graf iſt entlaſſen,“ preßte mit ziemli⸗ cher Heftigkeit die Gräfin Roswitha heraus und wie⸗ derholte unwillig das Zeichen, daß ſich Ottokar ent⸗ fernen ſollte. „Ich werde die Sache reguliren,“ flüſterte Stephani dem jungen Manne beruhigend in's Ohr. Ottokar warf dem Tröſter einen mißtrauiſchen Blick zu; ſchaute dann lange wie verwundert auf das ſtarre Steinbild und verließ, ohne ein Wort weiter zu ſpre⸗ chen und die Bruſt voll der wiederwärtigſten Gefühle, in Begleitung ſeines Vaters das Gemach. Erſt als wieder der blaue Himmel über ihm war, athmete er freier. „Ich begreife nicht,“ ſprach Graf Günther, als die Beiden über den Schloßhof dahin ſchritten,„wie Du eine ſo höchſt unpaſſende Bitte vorbringen konn⸗ teſt, da Du weißt, wie die Mutter in ſolchen Ange⸗ legenheiten denkt und nur mißmuthig dadurch geſtimmt wird.“ „Aber dieſe Barbarei,“ fuhr Ottokar heraus, „kann nicht ſo fortgehen, oder der Landmann wird zur Verzweiflung getrieben.“ „Barbarei nennſt Du, was unſer gutes Recht iſt? frug der Vater in ruhigem Tone;„mein Sohn, das iſt ſeit Jahrhunderten ſo geweſen, und wird in Jahr⸗ hunderten ſo ſein. Wenn wir dem Bauer nicht den Daumen auf's Auge drückten, würde bald er den gnäd'gen Herrn ſpielen und ſehr ungnädig mit uns verfahren. Hier iſt Deine philantropiſche Weltanſchauung am unrechten Platze.“ 29 Auf das Höchſte verſtimmt, ging Ottokar nach ſeiner Wohnung. Sein erſtes Geſchäft hier war, dem gefangenen Benedix im Geheim eine Unterſtützung an Geld zukommen zu laſſen. Hierauf ordnete er Alles für die bevorſtehende Abreiſe. Viertes Rapitel. E⸗ war ungefähr drei Tage ſpäter, als Ottokar be⸗ reits an dem grünen Ufer des Rheins ſtand und ſeine Blicke über die reizende Landſchaft ſchweiften. Die ſchnelle Verſetzung in eine völlig fremde Gegend er⸗ ſchien ihm wie ein Traum. Tief in Gedanken ver— ſunken wandelte er eine geraume Zeit den grünen Strom entlang. Vergangenheit und Gegenwart zo⸗ gen in ſeinem Innern vorüber. Dort drüben lag Frankreich, jener vulcaniſche Boden, der ein Viertel⸗ jahrhundert lang die Erde beben machte, und wo man jetzt wieder von beiden Seiten Brennmaterialien zum neuen allgemeinen Brande zuſammen trug. Rings von den Bergen herab ſchauten in der Nach⸗ mittagsſonne die grauen Ueberreſte jener Burgen, welche ehemals der Schrecken der armen Thalbewohner geweſen. Wie die bleichen Gebeine eines ausgeſtorbenen Rieſengeſchlechts lagen ſie da oben auf den Gipfeln der Berge. Die einſtigen ſtolzen und herriſchen Bewohner waren längſt Aſche und Schatten, aber unter ihrer Nachkommenſchaft, obſchon ſie gezwungen ward, in's Thal hinabzuſteigen, leben noch viele, welche ſich zu⸗ rückſehnen nach jener Zeit, wo dieſe Burgen noch grünten und blühten und die unabläſſig bemüht ſind, jene Zeiten zurückzuführen. Ottokar gedachte hierbei ſeiner nächſten Anver⸗ wandten. „Doch Gott ſei Dank,“ ſprach er,„es iſt der Stein des Siſyphus, den ſie wälzen und das Sieb der Da⸗ naiden, womit ſie ſchöpfen. Die Sonne des Jahrhun⸗ derts blickt bereits zu klar über die Lande und wenn die Strahlende auch für Außenblicke verhüllt wird, ſo ſind das Wolken, die vorüberziehen. Die alte Nacht liegt hinter uns; jede Veränderung iſt ein Fortſchritt zum Beſſern, und Recht, Licht, Wahrheit und Huma⸗ nität ſind die Wappenherolde der heutigen Geſellſchaft.“ Ottokar war auf ſeiner Wanderung bis zu einer kleinen Weinanlage gelangt, die ſich anmuthig längſt dem Rheinufer dahin zog. Eine Laube, dicht von dem muntern Grün des Weinlaubes umzogen, bot ein freundliches Ruheplätzchen dar. Man konnte von hier die ganze Stromfläche und die umliegende maleriſche Gegend bequem überſchauen. Kaum hatte der junge Mann Platz genommen, als aus dem nahgelegenen Weinbergshauſe eine ſchmucke Winzerin trat, in der Hand ein blankes Krüglein voll duftigen Weines. „Nicht wahr, Ihr verſchmäht einen friſchen Trunk nicht?“ ſprach ie freundlich herantretend;„der Jahr⸗ gang iſt gut und dürfte Euch munden.“ „Großen Dank, ſchönes Kind,“ erwiederte Otto⸗ kar, der anmuthigen Weinländerin lächelnd in die et⸗ was ſchalkhaften Augen blickend und den goldenen Trank zum Munde führend;„auf Euer Wohlſein!“ „Wohl bekomm's,“ ſprach das Mädchen, machte ei⸗ nen Knix und wollte davon. 31 „Warum ſo eilig,“ frug Ottokar,„bleibt doch ein Wenig, was ſchulde ich für den Wein?“ „Nichts,“ lachte die Winzerin,„wißt Ihr nicht, daß jedem Wandersmanne, der ſich hierher verirrt, und in der Laube ausruht, auf Befehl der gnädigen Herr⸗ ſchaft ein Labetrunk, und zwar vom beſten Jahrgang verabreicht wird?“ Ottokar lächelte. „Da hab' ich mich,“ ſprach er für ſich,„ſo eben gegen den Adel ausgeſprochen und zum Dank dafür, traktirt er mich mit duftendem Wein. Das heißt feu⸗ rige Kohlen auf das Haupt des Gegners ſammeln.“ „Wie heißt Du denn, holde Winzerin?“ frug er zu dem Mädchen gewendet. „Franziska,“ antworte dieſes,„ſchlechtweg Franz.“ „Wohlan, Franz,“ ſprach der junge Mann,„da die gnädige Herrſchaft den Wein nicht bezahlt nehmen will, ſo bin ich wenigſtens Dir verſchuldet für die ſo bereitwillige und freundliche Bewirthung; und das wird ſich am beſten durcheinen Kuß bewerkſtelligen laſſen, nichtwahr?“ Mit dieſen Worten ſtand Ottokar auf, um ſeine Schuld abzutragen; das Mädchen aber eilte ſchnell den Weingang entlang, indem es ausrief:„Einen Kuß hat die gnädige Herrſchaft nicht anbefohlen!“ Der junge Mann ſchaute der ſchlanken Geſtalt nach, die bald in der Winzerwohnung verſchwand; dann ſprach er für ſich: „In dieſen Kußangelegenheiten werde ich es nie zu etwas Reellem bringen; ich bin da zu ſchüchtern. Ich glaube die Kleine hätte ſich ſchon einen Kuß gefallen laſſen, ſie ſchien nicht die Sprödeſte. So blieb mir wie gewöhnlich das leere Nachſehen. Da iſt der Guido ein unternehmenderes Blut, der fällt der halben Welt um den Hals.“ 32 Ottokar beſchaute ſich jetzt genauer die ſchöne Wein⸗ anlage der gaſtlichen Herrſchaft; Alles befand ſich im beſten Stande und zeugte ſowohl von der Wohlhaben⸗ heit des Beſitzers, wie von der Kenntniß und dem Fleiße der Bebauer. Die einzelnen Weinſtöcke waren nicht in wüſter Unordnung durch einander geworfen, ſondern ſtanden wie ein gut disciplinirtes Heer wohl⸗ geordnet in Reih und Glied, ein jeder mit ſeiner Lanze. Der fruchtbare Boden war vom Unkraute frei gehal⸗ ten und die häufigen Senkgruben zeigten, daß die An⸗ lage noch im Werden begriffen. „Es geht doch nichts,“ ſprach Ottokar,„über eine ſolche in vortrefflichem Stande gehaltene Anpflanzung. Man ſieht es den einzelnen Weinſtöcken gleich an, wie wohl ſie ſich befinden; jeder hat Raum, Himmel, Luft und Sonne zu fröhlichem Gedeihen, zur freien Ent⸗ faltung ſeiner Blätter und Trauben, ohne den andern zu nahe zu treten und zur Laſt zu fallen. Sie leben alle ſegensreich und in Eintracht neben einander. Warum kann es im Staatenleben nicht ſo ſein?“ Aus dieſen Reflexionen ward Ottokar plötzlich durch entfernten Hülferuf der vom Fluſſe daher tönte, aufgeweckt. Der junge Mann eilte ſogleich an das äußerſte Ufer; da ſah er zu nicht geringem Schrecken ziemlich weit im Strome einen Menſchen, der dem Er⸗ trinken nahe, mit den Wellen kämpfte. Den Rock abwerfen und in den Fluß ſpringen, war das Werk eines Augenblicks; trotz der bedeutenden Strömung arbeitete ſich der tüchtige Schwimmer zu dem Unglücklichen, der von Secunde zu Secunde dem Untergange näher gebracht wurde, faßte den bereits halb Bewußtloſen bei dem einen Arm und brachte ihn, wiewohl mit höchſter Anſtrengung, glücklich an's Land. Hier erſt ward unſerm Freunde Zeit, ſich den Ge⸗ 33 retteten, der vor Ermattung und Schreck todtenähnlich am Boden lag, näher zu betrachten. Es war ein jun⸗ ger wohlgeſtalteter Mann von Ottokar's Alter. Völlig entkleidet, nur eine Art Korkgürtel und vier an Händen und Füßen befeſtigte, mit Luft gefüllt geweſene Blaſen, wovon jedoch drei zerriſſen waren, zeigten an, daß der junge Mann beim Baden Schwimmverſuche angeſtellt hatte, die jedoch trotz der Sicherheitsmittel ſehr übel abgelaufen ſein würden, wenn Ottokar nicht als Erretter erſchienen wäre. Der verunglückte Schwimmer ſchlug nach einiger Zeit die Augen auf; das Bewußtſein kehrte zurück. Er klopfte mit dem Kopfe auf die Erde und ſprach: „Da lob' ich mir dieſes ſolide Element, wo man ſich behaglich ausſtrecken kann, ohne in die Gefahr zu laufen, von den ſtummen Fiſchen und Waſſerratten ver⸗ ſchlungen zu werden. Abermals die heilloſe Theorie theuer bezahlt, die Praris hätte mich in den Schooß des ſeligen Abraham geführt; wenn Ihr nicht, ver⸗ ehrter Freund, mir beigeſprungen wäret. Uebrigens heiße ich Severin Barthel, ſtamme aus Niederſachſen und ſtudire Philoſophie.“ „So rath' ich Euch,“ antwortete Ottokar lachend und ſich die Kleider trocknend,„mit Eurer Philoſophie künftig hubſch im Trocknen zu bleiben.“ „Sehr richtig,“ ſprach Barthel,„das Waſſer iſt ein falſches Element; das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben; ich bin um eine Erfahrung reicher.“ Der Philoſoph richtete ſich jetzt mit dem halben Leibe empor und ſchaute um ſich „Eine ſchöne Gegend,“ meinte er,„fruchtbar und maleriſch. Inmitten der ſchönen Weinberge zu ertrin⸗ ken wär' doppeltes Malheur.“ Stolle, Schriften. Supplem. I. 3 Er ſchnallte ſich jetzt den Schwimmapparat vom Leibe und von Händen und Füßen. „Paſchol,“ rief er, indem er ihn von ſich ſchleu⸗ derte,„nach allen Regeln gefertigt und gerade hin⸗ reichend, bequem damit zu erſaufen. Jetzt aber mit Ver⸗ laub, verehrter Freund, will ich mich in meine eiviliſirte Kleidung werfen, welche dort am ufer hinter dem Buſch⸗ werk„„im Schatten kühler Denkungsarten““ ruht. In wenig Augenblicken begrüße ich Euch wieder als Bürger des neunzehnten Jahrhunderts.“ Mit dieſen Worten ſprang der Philoſoph auf und eilte in gewaltigen Sätzen nach der Uferſtelle, wo er ſich entkleidet hatte. „Das iſt nun der Dritte,“ ſprach Ottokar mit ſtiller Zufriedenheit,„dem ich durch mein Schwimmen das Leben gerettet habe. Eine wahrhaft wohlthätige und darum edle Kunſt; ſie ſollte bei jeder Erziehungs⸗ und Unterrichtsanſtalt im Schulplane ſtehen.“ „Ein ſonderbarer, fideler Kauz, Herr Barthel,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„und gutmüthig; wie ich die Leute liebe.“ Der Philoſoph ward jetzt hinter den Uferſträuchern wieder ſichtbar und kam ſchnellen Schrittes daher. Er ging nicht nach der Mode, aber edel gekleidet, etwas im ſtudentiſchen Styl. So wie er herangekommen, trat er vor Ottofar, reichte dieſem die Hand und ſprach: „Nun gebietet über mich, Ihr habt mir das Le⸗ ben gerettet, ſeid der Herr, ich der Knecht. Ich will Euer Pudel ſein meinetwegen. Wo geht die Reiſe hin zunächſt, oder ſeid Ihr hierorts habilitirt?“ „Nach Paris, mein Freund,“ lachte Ottokar. „Wohlan, ſo geh' ich mit,“ antwortete Barthel raſch entſchloſſen;„ich kann zwar die Pariſer nicht leiden; ſie durften den Napoleon nicht ſo leicht im Stiche laſſen; aber ſchadet nichts, ich gehe mit; wollte erſt den ſchönen Rhein hinab gen Düſſeldorf; aber das Malervolk kann warten, ich gehe mit nach Paris.“ Die Rettungsſcene war aus einem Fenſter des ſtatt⸗ lichen Schloſſes, zu welchem die ſchönen Weinanlagen gehörten, bemerkt worden. Der Schloßbeſitzer, ein Herr von Benno, ließ die zwei Fremden auf eine Flaſche Johannisberger zu ſich entbieten. „Ich bedaure,“ ſprach Ottokar zu dem Kammer⸗ diener, welcher die Einladung überbrachte,„von der Güte des gnädigen Herrn keinen Gebrauch machen zu können Binnen zwei Stunden erwartet mich im nächſt⸗ gelegenen Städtchen ein Wagen, der mich noch heut nach Straßburg bringen ſoll.“ Als Barthel von der Einladung und dem Jo⸗ hannisberger hörte, ſprach er ſchnell:„Verehrter Freund, keine Uebereilung; bedenkt, es liegt Poeſie in der Sache, in einem ſo ſtattlichen Schloß am Rhein auf ſo ro⸗ mantiſche Weiſe eingeladen zu werden. Nach ſolchen poetiſchen Momenten im Leben muß man ſiſchen oder man iſt ein verlorner Menſch, der nie von der ſtaubi⸗ gen Landſtraße der Gewöhnlichkeit und Alltäglichkeit einen kleinen Abſtecher in's grüne Land wagt. Be⸗ denkt, daß der Münſter auf ſolidem Grund und Bo⸗ den gebaut iſt und Euch nicht davon läuft. Scht das herrliche Schloß zwiſchen den Weinbergen; wie gemalt; die Ausſicht von dem mit Hortenſien beſetzten Altane muß entzückend ſein; und was die Hauptſache, wir würden den gaftfreundlichen Schloßherrn kränken, wollten wir von dem freundlichen Erbieten keinen Ge⸗ brauch machen; ein Vorwurf, den ich um alle Schätze der Welt nicht auf dem Gewiſſen haben möchte. Alſo, 3* 36 theurer Feeund und Lebensretter, wir poculiren ein wenig da Oben.“ Ottokar gab endlich, wiewohl ungern, der Beredtſam⸗ teit des Philoſophen nach, und die Beiden wanderten mitten durch die ſchönen Weinanlagen nach dem Schloſſe. Der Herr von Benno, ein ſtattlicher Greis, trat ihnen unter'm Hausthore mit frenndlicher Würde ent⸗ gegen. „Willkommen, meine Herren,“ ſprach er,„ich freue mich wahrhaft, Sie beide wieder wohlgemuth auf trocknem Lande zu ſehen, und ſage Ihnen meinen herz⸗ lichen Glückwunſch. Nach meiner Anſicht mundet nach beſtandener Gefahr ein Glas Elfer doppelt, und darum war ich ſo frei, Sie hier herauf zu bemühen. Wenn es Ihnen gefällig—“ Mit dieſen Worten führte er die jungen Männer noch eine Treppe höher, nach einem freundlichen, him⸗ melblau tapezirten Saale, deſſen Ausſicht auf das Rheinthal führte. Ottokar konnte ſich lange nicht ſatt ſehen an dem prachtvollen Panorama, während der Philoſoph mit Enthuſiasmus vor den goldum⸗ rahmten Bildern ſtand, die reichlich die Wände des Saales bedeckten und zum großen Theil Scenen aus Napoleon's Leben darſtellten. „Ein wahrhaft kaiſerlichet Saal,“ rief er einmal über das andere;„wenn ich mich einmal zur Ruhe ſetze, muß ich auch einen ſolchen Salon haben. Da, Vonaparte auf der Brücke von Lodi, die zerſchoſſene Fahne in der Hand; und dieſer Mann ſoll keinen perſönlichen Muth gehabt haben, wie feile Scribler der Welt glauben machen wollten. Der Officier, der hier am Eingang der Brücke tödtlich verwundet am Boden liegt, iſt Mouiron, Bonaparte's Adjutant, auf „——— ————— 37 den er große Stücke hielt und den er in ſpäteren Jahren oft erwähnte. Ha! man hört auf dieſem Bilde die öſtreichiſchen Salven rauſchen; wie ein verheerendes Schloßenwetter wüthet das feindliche Feuer in den franzöſiſchen Bataillonen; die Kugeln kamen im Sturm geflogen, ſelbſt die bewährten Grenadiere ſtutzten; da ſieht man die Adlerbrut, aus welcher er ſpäter ſeine welterobernde Garde bildete. Napoleon iſt hier noch ſehr jung; noch umſchlingt die republikaniſche Schärpe ſeinen magern Leib; aber in dieſem Blicke, womit er die nachdrängenden Soldaten ermuthigt, ſpricht ſchon der allmächtige Cäſar.“ „Nun, meine Herren, Platz genommen,“ com⸗ mandirte Herr von Benno, indem er mit den gold⸗ nen Perlen des Johannisbergers die grasgrünen Römer füllte. Barthel konnte ſich aber von den Bildern nicht ſogleich trennen und nur Ottokar ſetzte ſich dem bejahrten Gaſtgeber gegenüber an den Marmortiſch. „Alſo auf einer Rheinreiſe begriffen, mein wackerer Schwimmer,“ begann der Alte,„Sie haben nur eine zu heiße Jahreszeit gewählt. Im Frühling oder Herbſt bereiſt ſich unſer Rheingau am angenehmſten.“ „Paris iſt das Ziel meiner Wanderung,“ antwor⸗ tete Ottokar,„ich benutzte nur wenige Stunden zu einem Abſtecher an das Rheinufer.“ „Paris?“ frug der Schloßherr und ſein Antlitz ward ernſter,„da haben Sie einen faſt noch ungün⸗ ſtigern Zeitpunkt gewählt. In dieſer Hauptſtadt ſieht es jetzt ſehr düſter aus, und man muß täglich auf Unruhen und Aufruhr gefaßt ſein.“ „Mir ſind die dortigen Verhältniſſe,“ bemerkte Ottokar,„nicht ganz unbekannt, doch fürchte ich nicht, daß es die Regierung zum Aeußerſten wird kom⸗ men laſſen. Die Bourbonen haben ja ihr Lebenlang 38 der traurigen Erfahrungen genug gemacht; ſie müſſen doch endlich zur Erkenntniß gekommen ſein, daß die Franzoſen von 1830 nicht mehr die Franzoſen unter Ludwig den Vierzehnten ſind.“ „Lieber, junger Freund,“ ſprach kopfſchüttelnd der alte Mann,„wollte Gott, dem wäre ſo; aber was ſchon 1815 Napoleon, als er von Elba zurückkehrte, ſagte: Sie haben nichts gelernt und nichts vergeſſen; das gilt noch heutzutage von den Bourbonen. Ich habe ſehr beunruhigende Nachrichten aus Paris; ſo⸗ wohl was die Stimmung der neugewählten Depu⸗ tirten, der Preſſe und des Volks, als die Entwürfe der Hofpartei anbelangt. Meine Erfahrung müßte mich ſehr täuſchen, oder wir ſtehen am Vorabende ver⸗ hängnißvoller Ereigniſſe.“ „Ich bin,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„dop⸗ pelt betheiligt dabei; erſtens als Feind jeder Revo⸗ lution, ſie gehe aus vom wem ſie wolle, und dann noch in anderer Hinſicht.“ In Folge des Geſprächs erfuhr Ottokar, daß ein Neffe des Herrn von Benno, den er an Kindes Statt angenommen, als Hauptmann in der Garde Karl des Zehnten diente. „Den Horaz Vernet,“ ſprach Freund Severin, von der Beſchauung der Kupferſtiche zurückkehrend und am Tiſche Platz nehmend,„ſollte man in Gold und Perlen faſſen, das iſt der wahre Napoleonsmaler.“ „Uebrigens,“ meinte der Philoſoph,„vermiß ich noch ein paar Hauptſcenen in der herrlichen Gallerie, nämlich Napoleon zu Arcis, wo er mit gezogenem Degen ſich an die Spitze ſeiner Dienſtescadron ſtellt und eine ruſſiſche Cavaleriebrigade zurückwirft und dann zu Waterloo, wo er, umringt von Marſchällen und Generalen, den Tod ſuchend das letzte Reſervebat⸗ 39 taillon der Granitcolonne von Marengo gegen die Engländer führt.“ „Beide ſchöne Stücke ſind unterwegs,“ erwiederte Herr von Benno, und werden dort die zwei letzten leeren Stellen an der Wand ausfüllen.“ „Alſo vive Pempereur!“ rief Severin, den Römer erhebend; die armen Franzoſen da drüben, deren an⸗ gebeteter Kaiſer er war, dürfen es nicht rufen; da ſind wir Deutſchen immer noch beſſer daran; Niemand wehret uns dieſen Toaſt, obſchon wir den Kaiſer von Frankreich auf Leben und Tod bekriegt haben.“ „Wir hätten auch was Geſcheuteres thun können,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„denn ſäße Napo⸗ leon noch auf dem Throne von Paris, wäre den Franzoſen kein Rebelliren in den Sinn gekommen und die übrige Welt wäre um funfzig Jahre vorwärts.“ „Gern ſtoße ich auf den Helden des Jahrhunderts an,“ ſprach der Schloßherr; giebt es einen Verehrer Napoleon's, ſo bin ich es; aber ihn auf Frankreichs Thron zurückwünſchen, da müßte mir die Ehre und Unabhängigkeit unſers großen und ſchönen Vaterlandes doch zu wenig am Herzen liegen.“ „Was iſt Vaterland?“ frug Barthel,„das iſt ein engherziger, egviſtiſcher Begriff; die Erde iſt unſer Vaterland, die Menſchheit unſer Volk; welch Unglück hat allein der unglückſelige Patriotismus über die Völ⸗ ker gebracht; aus Liebe zum Vaterlande haben ſie ſich zu Tauſenden gemordet. Kann ein ſolcher Patriotis⸗ mus dem Schöpfer angenehm ſein? Gewiß nicht.“ „Man darf eine Sache nie auf die Spitze treiben,“ bemerkte Ottokar,„abſolute Conſequenzen führen ſelten zu einem erbaulichen Reſultate. Was den Begriff Vaterland anbelangt, ſo bleibt er wenigſtens in der heutigen Geſellſchaft noch immer eine ſchöne Sache 40 und die Liebe zum Vaterlande iſt ſogar eine Tugend. Wie ſie in einigen hundert Jahren darüber denken, kümmert uns nicht. Die Liebe zu meinen Stammge⸗ noſſen, zu dem Lande, wo ich aufgewachſen, iſt zu tief in unſrer Natur begründet, als daß ſie ſo leicht auf philoſophiſchem Wege hinwegdisputirt werden könnte. Wollt Ihr Eurem vorigen Ausſpruche, Freund Severin, konſequent bleiben, ſo müßt Ihr auch die Liebe zu den nächſten Verwandten, zu Vater und Mutter für thö⸗ rig erklären; ſie beruht ganz auf denſelben Grundſätzen wie die Liebe zum Vaterlande.“ „Jeder Menſch iſt mein Bruder,“ ſprach der Phi⸗ loſoph,„und jeder Menſchenmord iſt Brudermord; je⸗ der Krieg Bruderkrieg, der Gott nicht wohlgefällig ſein kann, denn wir ſind alleſammt ſeine Kinder.“ „Sehr ſchön,“ erwiederte Ottokar,„nur Schade, daß ſich in dieſer zahlreichen Brüderſchaft Viele finden, die tiefer geſtellt, von Eurer Bruderliebe nichts wiſſen mögen, ja Euch ſelbſt feindlich entgegen treten. Ihr werdet Euch nun nothgezwungen zu denen halten müſſen, die Eure Anſichten theilen, ſo habt Ihr bereits zwei Parteien. Da nun in der Regel jede Partei dahin ſtrebt, ihre Meinung, die ſie für die allein richtige hält, zur herrſchenden zu machen, ſo wird es alsbald zwiſchen den beiden Parteien zu Hader, Streit, zu Krieg, Mord und Blutvergießen kommen. Darum, theurer Freund, Eure Ideen ſind in der Theorie ſehr ſchön, aber an eine Ausführung iſt ſobald nicht zu denken. Sie ſind ein Ideal, deſſen Verwirklichung noch ſehr fern liegt.“ „Aber man kann doch nach dieſem Ideale ſtre⸗ ben,“ ſprach Severin,„wenn man es auch vor der Hand nicht erreicht, kommt man ihm doch näher.“ „Da ſind wir vollkommen einverſtanden,“ antwortete Ottokar. 41 „Und dann iſt auch mein Wunſch in der Ord⸗ nung,“ fuhr Barthel fort,„daß der Napoleon noch am Ruder ſitzen möchte; wir wären funfzig Jahre vorwärts und alſo meinem Ideale um ſo viel näher.“ „Er würde uns freilich mit Kanonen vorwärts ge⸗ trieben haben,“ meinte Ottokar. „Was thut dieß,“ erwiederte der Philoſoph,„wenn es nur vorwärts geht.“ Der alte Schloßherr ſchüttelte den Kopf. „Ich halte es auch mit dem Vorwärtsſchreiten,“ ſprach er;„aber habe dabei alle Zeit die Mutter Na⸗ tur vor Augen; die ſchreitet auch vorwärts; aber nur Schritt vor Schritt; ſie macht keine Sprünge, und geht darum um ſo ſicherer. So liebe auch ich es, im Völker⸗ wie im Staatenleben.“ „Doch,“ fuhr er fort, indem er lächelnd aufſtand, „meine Herren, wozu das viele Politiſiren; jeder hat ſeine Anſicht und des Streitens iſt ſelten ein Ende. Wenn es genehm, ſo machen wir einen Spaziergang durch meine Weinanlagen, das iſt mein Staat, wo ich Alleinherrſcher bin und ich ſchmeichle mir, daß ſich meine Unterthanen, die Weinſtöcke, nicht übel dabei befinden, wenigſtens ſehen ſie ſämmtlich recht munter aus.“ Der Vorſchlag ward von den beiden Gäſten an⸗ genommen und bald wandelte man die weinfröhlichen Gehege auf und ab. Man erreichte eine kleine Terraſſe, von wo die herrliche Weinflur am ſchönſten zu über⸗ ſchauen war. Die beiden jungen Männer erſchöpften ſich im der herrlichen Anlagen. Herr von Benno lä— elte. „Ich komme unwillkührlich,“ ſprach er,„auf unſer voriges Geſpräch zurück. Hier an dieſen Weinbergen iſt zu erkennen, wie weit man es auf dem Wege der Reformen bringen kann. Dieſe Beſitzungen gehörten vor ungefähr zehn Jahren einem exaltirten Republi⸗ kaner, der ſeine Freiheits⸗ und Gleichheits⸗Ideen ſelbſt als Weinerbauer in Anwendung gebracht wiſſen wollte. Er ließ daher jeden Weinſtock, wie er im⸗ mer Luſt hatte, in's Blaue hinein wachſen, dachte weder an ein Abſchneiden des überflüſſigen Holzes, noch an ein Abbrechen der räuberiſchen Schößlinge. „Wenn dieſe überflüſſig wären,“ meinte er,„würde ſie der weiſe Schöpfer nicht haben wachſen laſſen. Sequi naturam war ſein drittes Wort.“ Die Wein⸗ pfähle galten ihm für Tyrannen und aller Orten wuchs das Unkraut üppig hervor. Man rieth ihm, daſſelbe doch ausrotten zu laſſen. Er antwortete, daſſelbe ſei ein Geſchöpf Gottes ſo gut wie der Weinſtock und habe, wie dieſer, gleichen Anſpruch auf den Thau der Erde und die Strahlen der Sonne. So war er eben⸗ falls weit entfernt, die Weinanlagen durch edle Ge⸗ ſchlechter zu verbeſſern; Ariſtocratie war ihm unter je⸗ dem Verhältniſſe verhaßt. Was war die Folge von allem dem? Die Beſitzung gerieth immer mehr in Ver⸗ fall; bis der Republikaner wegen demagogiſchen Um⸗ trieben endlich ſelbſt gezwungen ward, das Land zu verlaſſen. Jetzt fügte ſich's, daß die Weinberge in die Hände eines gewiſſenloſen Abſolutiſten kamen. Dieſer ging gerade von den entgegengeſetzten Anſichten aus. Er ließ ſogleich alles Unkraut ausjäten, verſchnitt die Stöcke auf unbarmherzige Weiſe, damit alle Kraft einzig und allein der Traube zu Gute komme und der Berg ſo viel als möglich Ausbeute gebe. Dabei ver⸗ wandte er keinen Groſchen auf Veredlung des Bodens, kurz, handelte wie ein gewiſſenloſer Tyrann, der ſeine Unterthanen nur für Citronen hält, die am meiſten it 43 Saft geben, je heftiger ſie gepreßt werden. Zum Glück für den Weinberg währte dies despotiſche Regiment nicht lange. Den Abſolutiſten rührte bei der Nachricht von der Freiwerdung der Griechen, die ihm für ent⸗ ſchiedene Rebellen galten, der Schlag. So gelangte endlich dieſe Beſitzung an den dritten Beſitzer, an einen Reformer, und das war meine Wenigkeit. Man ſieht indeß, daß der Weg der Reformen nicht ſo übel anſchlägt. Wer jetzt dieſe Berge überſchaut, wird ſie kaum wiedererkennen. Sie koſteten mich zwar manchen ſchönen Gulden; die republikaniſche wie die abſolu⸗ tiſtiſche Unbill, welche die Weinſtöcke erlitten, war nicht ſo leicht auszuwetzen, dafür ſieht's aber auch jetzt um ſo freundlicher aus und die Beſitzung trägt das Dreifache gegen früher.“ Die beiden jungen Männer waren trotz des kurzen Beſuchs auf dem Schloſſe mit Herrn von Benno recht vertraut geworden. Letzterer gehörte zu jenen lie⸗ benswürdigen Alten, die ſich im Umgange mit der le⸗ bensfrohen Jugend am wohlſten befinden, und dabei ſelber mit jung werden. Als ſich nach Verlauf einiger Stunden Ottokar zu Barthel's Verdruß nicht länger halten ließ, befahl der Schloßherr, ſeine Equipage vorzufahren und ſeine Gäſte nach der nächſten Poſtſtation zu bringen. Beim Abſchiede mußten ſie mit Hand und Wort geloben, auf ihrer Rückreiſe von Paris wieder einzuſprechen. Otto⸗ kar erhielt noch einen Brief an Arthur, dem Neffen des gaſtlichen Schloßherrn, zur Beſorgung. „Das war ein prächtiges Haus, unſer Gaftfreund,“ ſprach Barthel, als der Wagen auf der ſtaubigen Land⸗ ſtraße dahin rollte;„ich habe mich ordentlich in ihn verliebt; ſo ſtelle ich mir die alten biedern Ritter vor. Ueberhaupt behagte mir es außerordentlich auf dem herrlichen Schloſſe und ich begreife nicht, warum wir ſo eilten, als brenne der Kopf; die leichtſinnigen Fran⸗ zoſen werden wir Zeit genug zu ſehen bekommen; wir hätten ein paar Tage verweilen ſollen; ich bin feſt überzeugt, es wäre noch irgendwo ein überaus reizen⸗ des Burgfräulein zum Vorſchein gekommen; aber wir rannten ja wie toll davon. So ein ſtattliches Schloß, unmittelbar am grünen Rhein gelegen, iſt mir ohne ſchönes Fräulein gar nicht denkbar. Das holde Kind wandelte unfehlbar einſam im ſchattigen Parke auf und ab, den blauen Schleier maleriſch zurückgeworfen; während wir uns mitten in Weinſtöcken unwilliger Weiſe über Politik ereiferten, über Conſtitutionen, Landſtände und ähnliche proſaiſche Angelegenheiten. Theuerſter Freund, ich bitt' Euch, kann es auf Erden ein proſaiſcheres Inſtitut geben als Landſtände, na⸗ mentlich deutſche? Wenn ich ein Fürſt wäre, mit ſol⸗ chem wiederſpenſtigen Volke könnt' ich mich nicht ver⸗ tragen. Ich hätte die großartigſten Ideen, die herrlich⸗ ſten Weltverbeſſerungspläne, da träte ſo ein naſeweiſer Bauernadvocate auf und wollte mir dazwiſchen fahren oder mich gar hofmeiſtern; alle Wetter! fort mit der Kammer, unbeſchränkte Monarchie.“ „Ihr gefallt Euch in Extremen, lieber Freund,“ lächelte Ottokar,„einmal ſeid Ihr Republikaner, dann wieder Abſolutiſt.“ „Les extrémes se touchent,“ erwiederte Barthel, „das ſagte ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben. Ich bleibe mir immer conſequent; ich will nur reine Farbe; entweder Republik bis zum Feuerlande hinab oder den Napoleon her. Conſtitution iſt ein Zwitterding, wo es Einer dem Andern nicht recht machen kann. Aber zum Kuckuck mit der Politik; wir hätten lieber Unterſuchungen nach dem Burgfräulein anſtellen ſollen; das wäre vernünftiger geweſen.“ 45 Nach nicht allzulanger Fahrt erreichten die Reiſen⸗ den die Rheinbrücke bei Kehl. Sie verließen den Wagen und wanderten eine Strecke zu Fuß dahin. Bevor ſie die Brücke betraten, blieb Severin ſtehen, erfaßte Ottokar's beide Hände und ſchaute ihn mit ſeinen ehrlichen Augen eine Zeitlang treuherzig in's Geſicht. „Mein Lebensretter,“ ſprach er in herzgewinnendem Tone,„wir ſind im Begriff, das Vaterland zu ver⸗ laſſen; da hab' ich noch eine Bitte, bevor wir das fremde Land betreten. Wollt Ihr ſie mir gewähren?“ „Warum nicht,“ antwortete Ottokar gutmüthig, der überzeugt war, daß Severin nichts Unrechtes ver⸗ langen würde. „Wohlan,“ fuhr dieſer fort,„wir kennen uns zwar nur kurze Zeit; aber ich weiß, Ihr ſeid ein wackrer herrlicher Menſch; auch ich bin eine ſeelengute Haut; Ihr ſeid zwar in Betreff des Stammbaumes ein Edelmann, aber ſeid es auch im Herzen, darum kann das Pergament nicht geniren— wir wollen Brüder ſein.“ Ottokar gehörte nicht zu den Menſchen, die, wenn ihnen ein warmes offenes Herz entgegen kommt, ſich engherzig, rückſichtsvoll verſchließen. Er umarmte den wackern Severin mit voller Herzlichkeit und im Angeſichte der franzöſiſchen Flagge, welche auf der Mitte der Rheinbrücke wehte, ſchloſſen die beiden Jüng⸗ linge den Bruderbund. „Nun mag's da drüben werden wie es will,“ rief Severin,„wir halten an einander. Zwei verbrüderte Gemüther bilden heut zu Tage eine Macht.“ „Siehe, mein lieber Freund,“ ſprach Ottokar, „was mir da gleich beim Beginn unſers Bundes innig an Dir gefallen hat, das iſt, daß Du mir die Bru⸗ derhand noch auf deutſchem Boden reichteſt. Es iſt mir ein Beweis Deines ächt deutſchen Herzens, ob⸗ ſchon Du Dich oft ergrimmt ſtellſt gegen alles Deut⸗ ſche, und von Vaterlandsliebe nichts wiſſen wilſſt. Ich kenne noch Jemanden, der Dir hierin ſehr ähnelt, und der gleichfalls, wie ein Rohrſperling, auf Deutſch⸗ land und die Deutſchen ſchimpft und gleichwohl mit ganzem Herzen und mit innigſter Liebe an dem ge⸗ ſcholtenen Lande hängt; es iſt dies ein Mann, den ich innig liebe und verehre; du wirſt ihn auch kennen; ich meine den— Ludwig Börne. „Börne,“ rief Severin, den neuen Dutzbruder ſtürmiſch umarmend,„den liebſt Du? Siehe, jetzt biſt Du mir zehnmal theurer, wenn dies nur möglich wäre. Börne, mit dem ich in Frankfurt täglich zuſammen kam, iſt der Liebling meiner Seele; er kann zwar den Napoleon nicht leiden, aber das thut nichts, ich bin ihm drum von Herzen gut. So eine grundehrliche wackere deutſche Seele iſt gewiß ſelten zu finden.“ „Ich geſtehe,“ ſprach Ottokar,„daß er zu den we⸗ nigen deutſchen Schriftſtellern gehört, die man lieben muß, man mag wollen oder nicht. Ich kenne nur drei, bei denen dies der Fall iſt; es ſind— Börne, Zſchocke und Jean Paul.“ Unter dieſen und ähnlichen Expectorationen wan⸗ derten die zwei Freunde die Rheinbrücke entlang. „Es iſt doch herrlich in der Welt,“ rief Severin, indem er gottvergnügt den Rhein auf und ab ſchaute; „dort oben die prächtigen Alpen, da drüben der Mün⸗ ſter, ein vaterländiſches Stück, das wir uns um keinen Preis hätten nehmen laſſen ſollen. Es geht nichts über die Jugend, mit welcher wir keck in die bunte Welt ſchauen. Aber dieſer weiße Lappen da, dieſe 47 franzöſiſche Fahne, ärgert mich unbändig. Seit ſich die Franzoſen ihre theuer erkaufte Europa erobernde Tri⸗ colore haben conſisciren laſſen, kann ich dieſes Volk nicht leiden. Die unſterblichen Adler Napoleon's ſind davon geflogen, den Sternen zu und haben einem Eu⸗ lengeſchlechte Platz gemacht. Vive Pempereur!!“ „Freund Severin,“ warnte Ottokar,„ich würde Dir doch rathen, Deinen Napoleons-Enthuſiasmus nun proviſpriſch in die Taſche zu ſtecken, noch ein paar Schritte und wir befinden uns im Reiche Karl's des Zehnten, Königs von Frankreich und Navarra.“ Severin blieb bei dieſen Worten ſtehen und ſchaute nach dem deutſchen Rheinufer zurück. „Leb' wohl, mein Deutſchland,“ rief er,„trotz deiner Cenſoren, Philiſter; trotz deines Adelſtolzes, deiner Bürgerdemuth, deiner Criminalcodexe und Kor⸗ poralſtöcke, bleibſt du doch das herrlichſte Land auf Gottes ſchöner Erde.“ Je näher die Wanderer Straßburg kamen, deſto gewaltiger ſtiegen die Steinmaſſen des Münſters vor ihnen empor. Die Gegend ward immer belebter. Man vernahm franzöſiſche und deutſche Laute im bunten Gemiſch durcheinander. „Es iſt mir wirklich ein Räthſel,“ ſprach Se⸗ verin,„wie dieſes Straßburg in der kurzen Zeit, ſeit es zu Frankreich gehört, ſo total den deutſchen Phi⸗ liſter hat ausziehen können. Straßburg iſt nächſt Pa⸗ ris die revolutionairſte Stadt und hielt am treueſten zu Napoleon. Ich glaubte, es bedürfe wenigſtens fünf⸗ hundert Jahre, um den deutſchen Michel todt zu machen.“ „Daſſelbe gilt faſt von dem ganzen Elſaß und von ganz Lothringen,“ erwiederte Ottokar,„gerade dieſe beiden ehedem deutſchen Provinzen begrüßten die Revolution am feurigſten und hingen am innigſten an dem Kaiſer.“ . „Es iſt in der That abſcheulich,“ fuhr Severin, der in Eifer gerieth, fort,„dieſe Schlingel von Straß⸗ burgern ſcheinen ſich ordentlich zu ſchämen, ehedem zu Deutſchland gehört zu haben. Darum ſprechen ſie mit Deutſchen, obſchon ſie unſere Sprache vollkommen verſtehen, nie anders als franzöſiſch.“ Nach einer Pauſe ſetzte er hinzu: „Ich macht' es aber accurat ſo, wär' ich ein Straß⸗ burger.“ Die zwei Freunde traten jetzt in ein am Wege gelegenes Kaffeehaus. Daſſelbe war mit Beſuchern ge⸗ füllt. Billardbälle knallten; an mehreren Tiſchen klap⸗ perten die elfenbeinernen Dominoſteine; doch der größte Theil der Gäſte ſaß oder ſtand in Gruppen beiſam⸗ men und das Geſpräch drehte ſich aller Orten um Politik. Da vernahm man die heftigſten Reden und Declamationen gegen das Miniſterium Polignac und ſelbſt die Perſon des Königs und ſeiner nächſten Um⸗ gebung diente zur Zielſcheibe des bitterſten Spottes und der beißendſten Satyre. Severin wand ſich wie ein Aal durch die Gruppen, hörte hier und da ein Wenig dem Geſpräche zu. Dann kehrte er zu Ottokar, der in einer entfernten Ecke des Zimmers beſcheiden Platz genommen hatte, zurück. „Man merkt doch,“ ſprach er, ſich vergnügt die Hände reibend,„daß hier die Macht des durchlauch⸗ tigſten deutſchen Bundes und Seiner Exeellenz des Grafen Münch⸗Bellinghauſen ihre Endſchaft erreicht hat; mit ſolcher Nonchalance möcht ich Niemandem rathen, ſich auf einem wiener oder berliner Kaffeehauſe zu ex⸗ pectoriren. Ich glaube, man würde auf der Stelle als des entfernten Verſuchs zum Hochverrathe verdäch⸗ tig, zu lebenslänglicher Unterſuchung verurtheilt. Aber 49 das Schwadroniren gefällt mir; es zeigt von einer freiern, behaglichern Luft, als da drüben unter den deutſchen Eichen. Wenn man ſich über Etwas ärgert, kann man ſeiner Galle wenigſtens Luft machen; das iſt ſehr geſund, da ſteigt das Gift nicht in den Ma⸗ gen und verdirbt den Appetit. Die Franzoſen ſind die größten Maulhelden; hör' nur den Spektakel! Iſt es nicht, als wollte dieſe Kaffeehausgeſellſchaft gradwegs nach Paris ziehen und den frommen Charles dix aus dem Lande jagen? Viel Geſchrei, wenig Wolle Die Franzoſen zu regieren, giebt es nur zwei Wege; ent⸗ weder man muß ſie räſonniren laſſen, gedruckt und ungedruckt, oder ſie gegen den Feind führen, wo ſie ſich gloire holen können. Napoleon verſtand das. Er nahm ihnen die Preffreiheit und Volksvertretung; und gab ihnen den Ruhm, ſchmeichelte ihrer Eitelkeit, nannte ſie die große Nation und ſie befanden ſich ganz wohl dabei. Die Bourbonen wiſſen nichts von der gloire, darum hat ſich das Volk wieder auf's Räſonne⸗ ment geworfen. Eins von beiden müſſen ſie haben. Wollte ſich der König einfallen laſſen, ſeinen theuern Landeskindern auch das Räſonniren und die Preßfrei⸗ heit zu unterſagen, ſo könnte die Sache ſehr ſchlecht ablaufen.“ „Nach den lauten Unterredungen zu ſchließen, die man hier faſt an allen Tiſchen hört,“ ſprach Otto⸗ kar,„ſcheint die Regierung in der That mit derglei⸗ chen Gewaltſtreichen ſchwanger zu gehen.“ „Den böſen Willen hat die franzöſiſche Hofpartei gewiß,“ erwiederte Severin,„es iſt nur die Frage, ob ſie auch den Muth hat, ihn auszuführen.“ Vor den Fenſtern der Reſtauration, welche nach der Straße hinausgingen, ward mit Einemmale ein auf⸗ fallendes Hin- und Widerlaufen bemerkbar und im Stolle, Schriften, Supplem. I. 4 gleichen Augenblicke ſtürzten mehrere junge Männer mit dem leidenſchaftlichen Ausrufe:„Alger est pris!“ in's Zimmer. Dieſe Worte ſetzten das ganze Kaffeehaus in tu⸗ multuariſche Bewegung. Man umringte diejenigen, welche die Nachricht zuerſt verkündet hatten und drang auf Näheres. „Dieſes können wir erſt morgen durch die Pariſer Journale erfahren,“ ſprach einer der Gäſte.„Die Nach⸗ richt von der Erſtürmung Algier's iſt telegraphiſche Depeſche. Es müſſen wichtige Nachrichten über's Meer gekommen ſein; ſeit zwei Stunden arbeitet der Tele⸗ graph auf dem Münſter mit ungewohnter Thätigkeit.“ Ottokar war ſehr erfreut über die Einnahme Algier's. „Das iſt ein großer Fortſchritt für die Humani⸗ tät,“ ſprach er,„daß es mit dieſem Raubneſte zu Ende iſt. Die civiliſirten Nationen haben viel zu lange Nochſicht damit gehabt.“ „Ja,“ erwiderte verdrießlich Severin,“ mich är⸗ gert aber nur, daß die Franzoſen das Neſt ſo ſchnell bekommen haben; es iſt keine Romantik dabei. Ich hoffte, der Dey würde ſich verzweifelter wehren, und Algier ein neues Karthago oder Saragoſſa werden.“ Die Nachricht von der Eroberung Algier's hatte plötzlich alle andere Geſpräche verdrängt. Man erhob die Tapferkeit der africaniſchen Armee in den Himmel. „Hörſt Du die Franzoſen,“ ſprach Severin,„die gloire ſteigt ihnen wieder in die Köpfe. Für den Augenblick könnte der König der Preffreiheit und Deputirtenkammer ganz leiſe den Kopf eindrücken, die ſiegberauſchten Franzleute würden es gar nicht be⸗ merken.“ „Ich glaube auch,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „daß das Miniſterium nach dieſem Siege neuen Muth 51 bekömmt und gegen die Volksfreiheit auftritt. Mit einer ſiegreichen Armee iſt Etwas zu wagen. Wir ſcheinen grade zur rechten Zeit nach Frankreich gekom⸗ men zu ſein.“ 5 Die beiden Freunde verließen die Reſtauration und gingen nach der Stadt, wo ſie in einem der erſten Gaſthäuſer Wohnung nahmen. Ottokar kleidete ſich um; er hatte einige Beſuche abzuſtatten. Barthel ſchaute ſich indeß ein Wenig in der Stadt um. Auf dem Platze vor dem Rathhauſe waren zahl⸗ reiche Volkshaufen verſammelt. Der Sieg von Algier war in Aller Munde. Ueberall ließ man die tapfre franzöſiſche Armee leben. Barthel ward endlich von dem allgemeinen Enthuſiasmus angeſteckt. Er ſtimmte laut in die Lebehoch's ein und als er einen alten In⸗ validen bemerkte, dem das rothe Band der Ehrenlegion im Knopfloche glimmte⸗gedachte er an Aegypten, Ma⸗ rengo, Auſterlitz, und erdrief dem alten Krieger ein lautes„Vive F'empereur“ zu. Die Augen aller Um⸗ ſtehenden wandten ſich, ob dieſes hochverrätheriſchen Ruf's ſcheu nach dem jungen Deutſchen. Niemand wagte einzuftimmen, nur der alte Invalid ſchwang freudig den Krückenſtab und wiederholte begeiſtert den Ruf. Barthel, der ſich nichts weiter dabei gedacht hatte, ſchlenderte ruhig weiter, als er ſich nach einiger Zeit leiſe auf die Achſel geklopft fühlte. Er ſchaute ſich um; da ſtand ein Polizeiofficiant vor ihm, mit der höflichen Bitte: ob der Herr nicht die Güte haben wollte, dem Bittſteller zur Polizeipräfectur zu folgen. Barthel, nichts Arges ahnend, erfüllte ohne Weitres den mit ſo viel Artigkeit ausgeſprochenen Wunſch. So ging die Wanderung nach dem Polizeibüreau. Unterdeß war es Abend geworden, Ottokar von ſeinen Beſuchen nach Hauſe zurückgekehrt, aber Severin 4* fehlte. Der Freund glaubte anfangs, Barthel beſinde ſich im Theater; er wartete bis das Schauſpiel zu Ende war; doch vergebens. Auf die Befragung des Kellners, ob der Stubengenoſſe nicht hinterlaſſen habe, wo er anzutreffen ſei, wußte der Befragte keine Ant⸗ wort zu geben. Nach ſeiner Ausſage war Herr Se⸗ verin gar nicht wieder nach Hauſe gekommen. Otto⸗ kar harrte noch eine geraume Zeit, er wunderte ſich über das lange Außenbleiben; endlich blieb ihm nichts übrig, als zur Ruhe zu gehen. „Unfehlbar,“ ſprach er„hat Freund Severin Be⸗ kannte aus Deutſchland gefunden und lebt herrlich und in Freuden, während ich hier in der Einſamkeit ver⸗ geblich auf ihn warte. Der Schlingel hätte aber Nach⸗ richt geben können.“ Mit dieſen Worten löſchte er das Licht und ſtreckte ſich ziemlich ermüdet auf ſein Lager. Bald entſchlum⸗ merte er. Freundliche Bilder traten vor ſeine Seele. Veronika's Bild lächelte zu ihm nieder. Er befand ſich wieder im Parke, an der Stelle des Teichs, wo er zuletzt geſeſſen. Wie weiße Träume zogen die bei⸗ den Schwäne über die Fluth, und die Zweige der Weihmuthkiefern ſpiegelten ſich im Waſſet. Allmählig aber ſchwand die wohlthuende Ruhe, die Phantaſien wurden dunkler; die Bilder düſtrer. Der alte Huf⸗ ſchmied erſchien, ſeine Augen glühten wie ein paar Kohlen; eine ſchreckliche Freude überſtrahlte ſein Ge⸗ ſicht. In der einen Hand hielt er einen Feuerbrand, in der andern ſchwang er ſeinen Rieſenhammer. Er eilte nach dem Schloſſe; Alles entwich voll Entſetzen bei ſeinem Anblick. Es war eine wilde, ſtürmiſche Nacht. „Gebt mir mein Kind heraus,“ ſchrie der Alte. Die Gräfin Roßwitha erſchien als weißes Geſpenſt auf dem Balkon des Schloſſes.„Mein Kind will ich her⸗ 53 aushaben,“ rief der Hufſchmied. Damit ſchlug er ſo gewaltig mit dem Hammer an die eichenen Pfoſten des geſchloſſenen Thors, daß ſie donnernd zuſammenbra⸗ chen und Ottokar entſetzt aus dem Schlafe emporfuhr. Er athmete tief auf, als er ſich überzeugte, daß es nur ein Traum geweſen; aber das Klopfen währte fort und zwar an der Thür ſeines Vorzimmers. Es wird Severin ſein, dachte Ottokar, ſprang ſchnell auf und zündete Licht an. Als ihm Letzteres nicht ſogleich gelingen wollte, ward das Klopfen an der Thüre immer heftiger. Die Stimme des Wirths ward vernehmbar, welche um Einlaß bat. Endlich öffnete Ottokar; da blitzten ihm Säbel und Carabi⸗ ner von Gensdarmen entgegen. Ein bürgerlich gekleideter Polizeiofficiant trat mit Bewaffneten in's Zimmer. Er bat um Entſchuldigung wegen der ſpäten Störung; er erſcheine aber auf Be⸗ fehl des Herrn Polizeipräfecten und müſſe ſich im Na⸗ men des Geſetzes ſämmtliche Briefſchaften des Herrn Grafen erbitten. Ottokar, obſchon beſtürzt über den unverhofften Beſuch, faßte ſich ſchnell. Er war ſich keines Ver⸗ gehens bewußt, und da ein Widerſtand hier zu Nichts führen konnte, überreichte er dem Polizeibeamten den Schlüſſel zu ſeinem Büreau; erklärte jedoch zugleich, daß er ob ſolcher Gewaltthätigkeit Rechenſchaft fordern werde. „Mein Herr Graf,“ erwiederte der Beamte,„Nie⸗ mand wird Ihnen das verargen, Sie ſtehen unter dem Schutze der Geſetze, ich aber muß meine Pflicht thun.“ Danit packte er ſorgfältig alle Papiere zuſammen, die ſich in den verſchiedenen Schubfächern des Büreaus vorfanden, forſchte nach geheimen Fächern, unterſuchte jedes Verſteck und verſiegelte den Papierſtoß mit dem Polizeipetſchaft. Als er damit zu Stande war, wandte er ſich wie⸗ der zu Ottokar. „Obſchon ein gravirender Verdacht die Polizeibe⸗ hörde berechtigte,“ ſprach er,„Sie Herr Graf zu ver⸗ haften, ſo hat doch die Humanität meines verehrten Chefs dieſes Mittel verſchmäht. Es wird uns gnü⸗ gen, wenn Sie innerhalb der nächſten zwölf Stunden, dieſes Hotel nicht verlaſſen. Ihre Papiere hoffe ich morgen Ihnen wieder zurückſtellen zu können. Der Beamte empfahl ſich, doch ließ er am Aus⸗ gange der Treppe, welche nach der Hausflur führte, einen der Gensdarmen zurück. „Alſo kaum in Frankreich,“ rief Ottokar,„den vielbelobten Lande der Freiheit und Gleichheit, und ſchon der Polizei verdächtig und Gefangener! Die Sache iſt zu luſtig, als daß ich mich darüber ärgern könnte.“ „Aber wiſſen möcht' ich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wodurch ich unſchuldiger, allen politiſchen Um⸗ trieben fremder Mann, den Verdacht der Straßburger Polizei habe auf mich ziehen können?“ Er ging ſinnend auf und ab. Dann blieb er plötzlich, von einem Gedanken erhellt ſtehen. „Sollte nicht dieſer nächtliche Beſuch mit dem Au⸗ ßenbleiben Severin's in Verbindung ſtehen? Gewiß hat dieſen republikaniſchen Napoleoniſten die Polizei gleichfalls beim Kopfe.“ Er kannte Barthel's Vorlautigkeit im politiſchen Geſpräch; und mußte laut lachen, wenn er ſich dieſen abgeſagten Feind aller Polizei in den Händen dieſer Behörde dachte. Wie er Freund Severin kannte, war an eine Gefahr nicht zu denken. Kaum brach der Morgen an, als auch ſchon ein Secretair von der Polizeipräfectur erſchien, Ottokar'n 55 die ſämmtlichen Papiere zurückſtellte und auf die ver⸗ bindlichſte Art von der Welt den Hausarreſt für auf⸗ gehoben erklärte. Die Polizei hatte aus den wichtigen Empfehlungsbriefen an mehrere der hochgeſtellteſten Per⸗ ſonen von Paris erſehen, daß der junge Graf keines⸗ wegs ein in ihr Gehege gehöriges Wild ſei. Man war ſo überaus artig und zuvorkommend, bat ſogar um Verzeihung wegen der nächtlichen Störung und Beſchlagnahme der Papiere, gab Alles einem Irrthum ſchuld, daß Ottokar, gutmüthig von Natur, auf keine weitre Genugthuung drang. Doch erkundigte er ſich zugleich nach Severin. „Der junge Deutſche,“ war die verbindliche Ant⸗ wort,„hatte ſich geſtern von ſeinem, gewiß unter an⸗ dern Verhältniſſen höchſt ſchätzbaren Enthuſiasmus auf offnem Markte zu einem Lebehoch auf den ehemaligen Kaiſer von Frankreich hinreißen laſſen. Bei den fort⸗ währenden Umtrieben der Napoleoniſchen Parthei könnte aber dergleichen laut ausgeſprochene Herzensergüſſe leicht Veranlaſſung zu Ruheſtörungen werden. Die Behörde ſei daher gezwungen, fortwährend ein wachſa⸗ mes Auge zu haben. Nach näherer Kenntnißnahme hätte ſich jedoch die vollkommene Schuldloſigkeit des Herrn Barthel's glänzend herausgeſtellt; und derſelbe ſei bereits aller Haft enttaſſen. Der Polizeiſecretair empfahl ſich und bald darauf lärmte Freund Barthel in's Zimmer. „Wie,“ rief er, erboſt auf⸗ und ablaufend,„dieſe Franzoſen wollen eine freie Nation ſein? Sclaven ſind's, die auch gar keiner Freiheit werth. Iſt ſo et⸗ was erhört worden, den Helden aller Jahrhunderte, der Frankreich mit Ruhm überſchüttet hat für Jahrtau⸗ ſende, den man verrathen und verkauft hat: dieſen weltlichen Heiland ſoll man nicht einmal hochleben laſſen? Will man die Geſchichte des Kaiſerreichs un⸗ geſchehen machen? Und dieſelben Franzoſen, die Jahr⸗ zehnte lang dieſen Kaiſer anbetend zu Füßen lagen, dürfen jetzt ſeinen Namen kaum nennen, ohne von der Polizei gepackt zu werden; und das wollen freie Bür⸗ ger ſein? Selaven ſind's; ich lobe mir zehntauſend Mal mein Deutſchland, wo die Gewalt wenigſtens nicht ſo widernatürlich mit uns umſpringt.“ Ottokar, der laut lachend dem Eifer des Freun⸗ des zugehört hatte, frug jetzt, wie er ſich wegen ſeines„Vive l'empereur“ vor der Polizei verthei⸗ digt habe? „Ich ſagte zu ihnen,“ antwortete Barthel,„ich wär' ein Deutſcher und müßte mich doch im Franzö⸗ ſiſchſprechen üben. Bis jetzt hätt' ich's aber noch nicht weiter gebracht als bis zu dem Vive l'empereur. Da lachten ſie und ließen mich gehen. Aber voller vier⸗ zehn Stunden hab' ich hinter dem verdammten Gitter geſteckt.“— „Aber das muß man der franzöſiſchen Poltzét laſ⸗ ſen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„höflicher iſt ſie wie die deutſche. Als ſie mich geſtern Nachmittag har⸗ punirte, glaubte ich nicht anders, als ich ſollte wegen meines Vive Pempereur eine Bürgerkrone oder den Orden der Ehrenlegion bekommen, ſo zart, ſo theil⸗ nehmend ging man mit mir um. Erſt als ich hinter dem Gitter ſtak, merkte ich, daß die Sache Ernſt ſei, bis dahin hatt“ ich Alles für Spaß gehalten. Ich glaube, wenn ſie Jemanden in Frankreich guillotiniren, ſo bitten ſie ihn vorher um Verzeihung, daß ſie ſich in die traurige Nothwendigkeit verſetzt ſähen, ihn um einen Kopf kürzer zu machen. Ottokar erzählte jetzt, daß auch er wegen des hochverrätheriſchen Vive l'empereur aus dem Bette gejagt worden ſei. 57 „Ich ſehne mich bereits,“ ſprach Barthel,„nach den mannigfaltigen Ländereien einer durchlauchtigſten deutſchen Bundesverſammlung zurück. Was hilft mir die höfliche Polizei. Unter einem Volke, wo man den vor nicht langer Zeit erſt verſtorbenen Landesvater nicht einmal leben laſſen darf, mag ich ſelbſt nicht leben. Weißt Du was, Ottokar, ſetz Dich auf der Stelle hin, ſchreib dem Guido, daß er ſich zum Kuckuck nach Hauſe packe, wo die Linden blühen und die reizende Veronika ſeiner harrt. Wir gehen über den Rhein zurück, kehren wieder bei Herrn von Benno, dem Weinreformer ein, wandern alsdann in poetiſcher Ruhe das ſchöne Rheinthal hinab und laſſen Paris Paris ſein mit ſammt ſeiner höflichen Polizei.“ „Das hieße auf halbem Wege ſtehen bleiben, theurer Freund,“ erwiderte Ottokar,„und das iſt nicht meine Sache. Es bleibt dabei, wir fahren morgen nach Paris.“ Jünſtes Rapitel. Woht nie bot das Palais Royal einen prachtvollern Anblick dar, als an jenem Sommerabende 1830, wo der Herzog von Orleans, zu Ehren des Königs und der Königin von Neapel, welche in Paris auf Beſuch waren, ein großes Feſt veranſtaltet hatte. Neugebaute Säle, eine neue Gallerie, in deren herrlichen Gemälden die Geſchichte dieſes königlichen Sitzes dargeſtellt iſt, ſchloſſen ſich an die Reihen der Prachtzimmer, wo ein reicher gediegener Luxus Gemälde, Statuen und alle * Erzeugniſſe der Kunſt vereinigte. Nie zeigte ſich die königliche Pracht in Drappirungen Blumenverzierungen und glanzvollen Erleuchtungen verſchwenderiſcher, als an dieſem Abende. Wo die Säle aufhörten, eröffneten ſich neue Zaubereien. Ein Garten mit grünen Teppichen und blühenden Orangenwäldern iſt vor den erſtaunten Blicken ausgebreitet, der von rieſenhaften Candelabern taghell erleuchtet wird. Die prächtige, reiche Terraſſe iſt heut zum erſten Male eröffnet. Unter der Glas⸗ kuppel, welche ſie theilt, erblickt man von der einen Seite den ſchönſten Bazar voller Leben und Glanz und von der andern, den großen wirklichen Garten, in wel⸗ chem ſich feurige Guirlanden durch die Bäume winden. Es iſt ein überſchwengliches Feſt und ein Volksfeſt zugleich. Der Hof und die Notabilitäten von Paris theilen nicht allein die Feier. Der Herzog von Or⸗ leans hat auch das Volk geladen und dieſes ſteht ge⸗ drängt in den weiten Räumen. Allmälig verſammeln ſich auch die andern Gäſte. Mehr als viertauſend derſelben erſcheinen vor dem Thore des Palaſtes. Eine vierfache⸗Reihe der glanz⸗ vollſten Equipagen bedeckt die ganze Länge der Queus. Gleich einer lebendigen Mauer ſteht zu beiden Seiten das Volk und bewundert durch die Kutſchenſchläge die blendende Pracht der Damen und die reichen goldſtar⸗ renden Uniformen der Cavaliere. Es ſchlägt neun Uhr, Trommeln wirbeln. Sie ver⸗ künden die Ankunft Karls des Zehnten und des Kö⸗ nigs von Neapel. Der Herzog von Orleans empfängt die beiden Monarchen am Kutſchenſchlage. Unmittelbar nach ihnen erſcheinen die Königin von Reapel, der Prinz von Salerno, die Dauphine, der Dauphin, Madame und die Lilf Prinzen und Prinzeſſinnen von Orleans. „ 59 Sämmtliche Bourbons ſind gegenwärtig, nur das alte vergeſſene Heldengeſchlecht der Condés fehlt. Der majeſtätiſche Zug, die beiden Könige an der Spitze, bewegt ſich durch nicht weniger denn zwanzig Säle. Alle Grofofficiere der Kronen von Frankreich und Neapel, alle Damen der beiden Höfe, ſämmtliche Miniſter folgen. Der König Karl der Zehnte führte die Königin von Neapel und eine aufrichtige Heiterkeit, ein lebhafter Stolz ſprach aus allen ſeinen Zügen. Die Herzogin von Berry, glücklich ihre Familie auf franzöſiſchem Boden zu wiſſen, führte Mademoiſelle ihre Tochter. Der König von Neapel, obſchon noch jung, wan⸗ delte, gebückt wie ein Greis, zu Seiten ſeiner erhabe⸗ nen Tochter. Die unendliche Abwechſelung der reichen Stickereien, Orden, Waffen und Farben aller Art gewährte einen zauberhaften Glanz. Zu der Pracht der franzöſiſchen Uniformen und Decorationen geſellten ſich die von ganz Europa. In reicher ungariſcher Kleidung glänzte der junge ſtattliche Graf Appony neben der ſtrahlenden rothen Marineuniform des Siegers von Navarin, Ad⸗ mirals Codrington. Selten bot die franzöſiſche Geſell⸗ ſchaft einen ſo reichen und glänzenden Anblick dar. Alle berühmte Namen Frankreichs waren verſammelt. Die Chefs aller Verwaltungen, alle bedeutenden Talente, zu welcher Farbe ſie auch gehörten, drängten ſich hier durcheinander. Es war das Vaterland ſelbſt mit Allem, was ihm zum Ruhme gereichte. Noch niemals ſah man die Vertreter der Oppoſition, des Handels, der Gewerbe, der Künſte im Palais Royal ſo zahlreich verſam⸗ melt, wie an dieſem Abende. Der Herzog von Or⸗ leans hatte aus allen Regierungsformen Beamte, ſie mochten ſich ſelbſt einen Namen gemacht oder ihn von ihren Vätern erhalten haben, bei ſich vereinigt. Sogar die polytechniſche Schule war in der Einladung be⸗ griffen. Das alte Frankreich hatte ſich ganz vollſtändig ein⸗ gefunden. Mit der Elite des neuern vereinigt, war es ſo glücklich als ſtolz, ſich um die Zweige eines alten Baumes verſammeln zu können, welcher tief in der franzöſiſchen Geſchichte Wurzeln ſchlug Die Nachkom⸗ men aller der Geſchlechter, welche mit ihrem Ruhme die Jahrhunderte durchleuchten, zeigten ſich neben den jungen Stämmen, den Erben aller Erinnerungen vier⸗ zigjähriger kriegeriſcher und bürgerlicher Siege. Es gewährte einen erhebenden Anblick, die große franzöſiſche Familie an ein und demſelben Feſte Theil nehmen zu ſehen, dieſelben Geſetze anerkennend, derſelben Zukunft entgegen ſehend. Wer aber wollte den feenhaften Glanz der gelade⸗ nen Damenwelt, dieſe Pracht, den Luxus der Toiletten, dieſe Fülle von Jugend, Anmuth, Schönheit, Grazie und Geſchmack würdig beſchreiben? Karl der Zehnte führte die Königin von Neapel auf die Terraſſe. Alles folgte ihm. Die Nacht war ſchön. Der Mond überſtrahlte den weiten Schauplatz mit ſeinem weißen Lichte. Da unten wogte das Volk einem ſtillen Weltmeere vergleichbar. Wiederholt tönte der Ruf:„Es lebe der König!“ Karl dankte, und mit freudiger Aufwallung nach dem Himmel ſchauend, ſprach er:„Es iſt ſchönes Wetter für meine Flotte von Algier!“ Der Tanz begann. Er ward von der Herzogin von Berry und dem Herzoge von Chartres eröffnet. Es folgten die glänzenden Prinzeſſinnen von Hrleans. Alles gerieth in Bewegung. Das rauſchende Orcheſter, ——— 61 Fanfaren und Tänze vermiſchten ſich mit all' der Pracht und Herrlichkeit. Alles athmete Luſt und Seligkeit. Nur hier und da erblickte man einzelne ſorgenvolle Stirnen, finſtere Mienen, welche theilnahmlos das glänzende Gewühl überſchauten. Dort in der Vertiefung des einen Fenſters, wo die goldgewirkten Vorhänge ſchattend herabfielen, ſtanden zwei Geſandte auswärtiger Mächte in erſtem Geſpräch. Der allmächtige Präſident des Mi⸗ niſterrathes, der vom Volk gehaßte Fürſt von Polignae, ſchritt mit erzwungener Heiterkeit, die Bruſt voller Un⸗ ruhe, die glänzenden Säle auf und ab. Als er bei dem Fenſter vorüberging, wo die beiden Geſandten ſich unterhielten, blieb er ſtehen und trat zu ihnen. Die Unterhaltung ſchien ſehr beſorgter Natur. Der Fürſt widerſprach mehremals nicht ohne Heftigkeit den ihm gemachten Einwendungen. Endlich erhob er halb un⸗ willig, halb ſtolz das Haupt. „Ein Wort wie Tauſend,“ ſprach er,„wir weichen nicht zurück.“ Damit entfernte er ſich. Die lange Kriegergeſtalt des Marſchalls Mortier wandelte gleichfalls theilnahmlos an der allgemeinen Luſt in Gedanken auf und ab. Er traf in einem der ſtillern Säle mit ſeinem Waffenbruder, dem Marſchall Marmont, zuſammen. „Und Sie glauben wirklich, Herzog,“ frug Mortier, „daß man es wagen wird, daß irgend ein Staatsſtreich bevorſteht?“ „Warum nicht,“ antwortete Marmont in trocknem Tone,„die Pläne eines Miniſteriums Polignae ſind ſo ſchwer nicht zu durchſchauen.“ „Aber wo die Macht hernehmen,“ fuhr Mortier fort, „die Geſetze umzuſtoßen?“ „Nun“, erwiderte der Herzog von Raguſa,„hat der König nicht Soldaten?“ „Aber dieſe werden ſich nicht mit dem Bürger ſchla⸗ gen, wenn es ſich um die allgemeine Freiheit handelt.“ „Warum nicht“, meinte Marmont,„der Soldat gehorcht dem König und hat kein Recht, nach der Recht⸗ mäßigkeit des Kampfes zu fragen.“ „Aber wer ſollte in ſolchem Kampfe die Truppen befehligen?“ „Wenn der König befiehlt, muß der Marſchall ge⸗ horchen“, erwiderte der Herzog von Raguſa. „Eher zerbreche ich meinen Degen,“ fuhr Mortier auf,„als daß ich ihn mit unſchuldigem Bürgerblute röthe.“ Marmont zuckte die Achſeln. „So werden ſich Andere finden,“ ſprach er mit eiſerner Kälte;„ein Jeder hat ſeine Anſichten, die er zu verantworten wiſſen wird.“ Die Ankunft des Herzogs von Orleans im Saale machte dieſem Geſpräche ein Ende. Ueberall, wo der hohe Gaſtgeber ſich blicken ließ, wurde er mit Compli⸗ menten wegen der Pracht ſeines Feſtes überſchüttet. Als er die beiden Marſchälle erſchaute, trat er eiligſt auf ſie zu und reichte ihnen die Hand. „Ein wahrhaft neapolitaniſches Feſt,“ ſprach Mar⸗ mont. „Ja wohl,“ ſetzte Mortier hinzu,„man tanzt auf einem Vulkane.“ Obſchon dieſe Worte nur halblaut gemurmelt wur⸗ den, hatte ſie der Herzog von Orleans dennoch ver⸗ ſtanden. Er warf dem Sprecher einen bedeutungsvollen Blick zu; erwiderte aber Nichts. Nach einiger Zeit, als ſich eine paſſende Gelegenheit fand, faßte er den Marſchall am Arm. 63 „Sie ſprachen von einem Vulkane, Herzog,“ be⸗ gann der Prinz, ohne daß ſeine Worte von Jemandem gehört werden konnten,„Sie haben Recht, ich glaube es gleichfalls; aber, dem Himmel ſei Dank, mich trifft kein Vorwurf. Ich habe nichts unverſucht gelaſſen, dem Könige die Augen zu öffnen. Aber Niemand iſt gehö⸗ ret worden und Gott mag wiſſen, wohin das Alles führen wird.“ „Sehr weit, gnädiger Herr,“ erwiderte offenherzig der Marſchall,„wenigſtens meiner Meinung nach. Ich kann mich bei dieſem herrlichen Feſte eines trau⸗ rigen Gefühls nicht erwehren. Ich frage mich, was wird in ſechs Monaten aus dieſer glänzenden Geſell⸗ ſchaft, aus dieſen ſo glücklichen Prinzen, Prinzeſſinnen,“ er zeigte dabei auf die Herzogin von Berry, die ſo eben mit dem Grafen Rudolph von Appony vorüber⸗ tanzte, geworden ſein?“ „Gewiß“, erwiderte der Herzog von Orleans,„ich weiß nicht, was geſchehen wird, wo ſie in ſechs Mo⸗ naten ſein werden; aber wo ich ſein werde, das weiß ich. Auf keinen Fall werde ich und meine Familie die⸗ ſes Palais verlaſſen. Es iſt genug, zweimal durch die Fehler Anderer verbannt worden zu ſein; es ſoll mir nicht zum drittenmale widerfahren. Welche Gefahren mir auch drohen; ich weiche nicht von hier. Ich werde mein Schickſal und das meiner Familie nicht von dem des Vaterlandes trennen. Das iſt mein unwidexruf⸗ licher Entſchluß. Ich verhehle meine Geſinnungen nicht. Noch kürzlich hab' ich mich gegen den König offen über die Gefahr des Kampfes, welchen das Mi⸗ niſterium Polignac mit der Volksfreiheit begonnen hat, ausgeſprochen.“ Nach einer Pauſe fügte er hinzu:„Ich weiß es, Herzog, auch Sie ſind meiner Meinung.“ „Gnädiger Herr,“ erklärte Mortier,„auf dem Wege, welchen gegenwärtig die Regierung eingeſchlagen hat, opfert man die Monarchie; ich bin überzeugt, daß der Sturz des Thrones Frankreich auf lange Jahre der Freiheit und des Glückes beraubt. Der Herzog von Orleans verſank einige Augenblicke in tiefes Nachdenken. Dann ſprach er: „Wenn mich auch der Weg, den der König ein⸗ ſchlägt, ſehr betrübt, ſo fürchte ich doch das Aeußerſte nicht. In Frankreich beſteht viel Liebe für Ordnung. Dieſes Frankreich, welches man nicht verſtehen will, iſt trefflich, iſt bewundernswürdig. Sehen Sie nur, wie die Geſetze, inmitten ſo vieler Aufreizungen, beobachtet werden. Der Grund iſt, weil die Schrecken der Re⸗ volution einem Jeden noch zu ſehr vor Augen ſtehen. Man wünſcht wohl die Früchte einer Revolution zu genießen, verabſcheut aber die Ausſchweifungen einer Umwälzung. Ich bin überzeugt, daß eine neue Revo⸗ lution mit der nicht zu vergleichen ſein würde, die wir erlebt haben.“ „Gnädiger Herr,“ entgegnete der Herzog von Tre⸗ viſo,„das heißt an eine Revolution von 1688 glau⸗ ben. Aber als ſich England außer dem Geſetz erklärte, verblieb ihm die Ariſtokratie als ein Element der Ord⸗ nung. Bei uns iſt nichts dem ähnliches. Das Wenige, was wir von Ariſtokratie beſitzen, wird mit den Bour⸗ bonen zu Grunde gehen; man würde beim zweiten Male reine Arbeit machen, und ich halte die radicale Demokratie nicht für geſchickt, einen guten Grund zu legen.“ „Mein lieber Herzog,“ erwiderte der Prinz,„Sie bringen zu wenig die Wirkung der Aufklärung, eine Folge der Theilung der Glücksgüter in Anſchlag. Die Weit hat ſich ſeit vierzig Jahren gänzlich geändert. 65 Die Mittelklaſſen bilden nicht den ganzen geſelligen Verein, aber in ihnen ruht die Kraft. Sie haben ein dauerndes Intereſſe für die Ordnung, und ſie tragen zu dem Lichte bei, welches in den Erforderniſſen eines großen Reiches alle die nöthige Gewalt erkennen läßt, um den böſen Geiſt zu bekämpfen und zu unterdrücken. Der Jakobinismus iſt nicht mehr zu fürchten, wenn die Mehrheit das Ruder führt.“ Der Herzog hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich einer ſeiner Adjutanten nahte und ihm leiſe in's Ohr flüſterte. Der Prinz veränderte die Farbe, doch behielt er ſeine vollkommene Faſſung. „Im Garten,“ ſprach er zu Mortier,„ſoll ernſt⸗ hafter Tumult ausgebrochen ſein, das Volk ſoll den Palaſt mit einer Feuersbrunſt bedrohen, die Stühle zerbrochen, verbrannt und unter die Menge geſchleu⸗ dert haben. Unfehlbar nur ein blinder Lärm, jedoch. folgen Sie mir, Herzog.“ Das Gerücht von dem Tumulte verbreitete ſich bald in den ſtrahlenden Sälen. Ein paniſcher Schrecken be⸗ mächtigte ſich namentlich der Damen und des zum Hofe gehörigen Perſonals. Mehrere der altadeligen Herren zähneklapperten bereits von Kanonen, mit welchen die Canaille auseinander getrieben werden müſſe. Die Angſt machte bald der ungetheilten Freude Platz, als man den Herzog von Orleans mit heiterer Stirn und freudiger Sorgloſigkeit wieder eintreten und die Säle durchwandern fab. Ueberall blieb er ſtehen und beruhigte lächelnd die Erſchreckten. Der Grund des bereits geſtillten Lärms waren einige Schnuren bunter Lampen, die von muthwilliger Hand durch⸗ ſchnitten worden, auf die Köpfe der Zuſchauer herab gefallen waren. Mit ſtillem Entzücken hatte ein junger ſchlanker Stolle, Schriften. Supplem. I. 5 66 Mann, mit blonden herabwallenden Locken und tiefblauem ſchwärmeriſchen Auge, der ſeither nur finſtern Blickes die glänzende Geſellſchaft aus der Ferne überflogen hatte, der momentanen Verwirrung zugeſchaut. Es war dies der Graf Guido von Hohenſtein, wegen ſeiner jugendlichen Schönheit von den Frauen allgeinein ge⸗ liebt, ob ſeines ſtarren Republikanismus aber von den Legitimiſten eben ſo gehaßt. So wie die Freuden des Balles wieder ungeſtört ihren Fortgang nahmen, umwölkte ſich von Neuem die Stirn des Jünglings und er kehrte nach ſeinem frühern Platze an einem der Fenſter, welche nach dem Garten des Palais Royal hinausging, zurück. Von zahlloſen bunten Lampen und Pechfackeln be⸗ leuchtet wogte da unten das Volk von Paris auf und ab. „Reſpect haben ſie noch vor Dir, mein gutes Volk von Paris,“ ſprach der junge Mann für ſich;„ſchon der Gedanke, daß Du Deinen Peinigern, die Dir die letzte Lebensluft abſchneiden wollen, einen Beſuch ab⸗ ſtatten könnteſt in dieſen glänzenden Sälen, bringt ſie zur Verzweiflung. Und gleichwohl hören ſie nicht auf, Dich zu quälen. Du biſt ihnen die Canaille wie vor vierzig Jahren, allenfalls gut genug, mit Deinem Schweiße ſie zu ernähren, mit Deinem Blute für ſie zu bluten. Für dieſe Ehre ſollſt Du Dich noch bedanken und ehrerbietigſt im Staube kriegen. Aber dort oben über dem Nachthimmel wohnt auch noch Jemand, der Gerechtigkeit handhabt, der nicht den Einen mit Spo⸗ ren an den Ferſen hat geboren werden laſſen, und den Andern mit einem Sattel auf dem Rücken, damit dieſer jenem als Laſtthier diene.“ Das Selbſtgeſpräch des jungen Grafen ward unter⸗ brochen, indem ihn Jemand anf die Achſel klopfte. Guido drehte ſich um, und vor ihm ſtand der edle 67 Jaques Lafitte, jener hochgeſinnte Pariſer Bankier, der mit ſeinen Millionen jedes gute und ſchöne Unterneh⸗ men auf das Freigebigſte unterſtützte und beförderte. „Ei, ei, mein junger Freund,“ ſchalt Lafitte,„ſo einſam und allein, und iſt dies ein Ballgeſicht? Auf, in's Leben, die junge Garde darf in den Quarrés des Contretanzes nicht fehlen.“ Mit dieſen Worten faßte er den Jüngling unterm Arme und die Beiden wan⸗ delten die Säle auf und ab. „Das muß man dem Orleans laſſen,“ fuhr Lafitte fort,„den guten Wirth zu machen, verſteht er Ueber⸗ haupt behagt er mir unter allen Bourbonen am beſten; er hat tapfer bei Jemappe für die Republik gefochten und trug nie gegen ſein Vaterland die Waffen. Ich bin überzeugt, Frankreich würde ſich unter ihm weit wohler befinden als unter Karl dem Zehnten; ja, ſollte es je wieder zu einem Wechſel der Dynaſtie kommen, ſo könnten wir keinen beſſern Fürſten finden als den Orleans.“ Guido hatte mit finſterm Schweigen der Rede zu⸗ gehört. Bei den Worten Wechſel der Dynaſtie fuhr er aber auf. „Dynaſtiewechſel?“ frug er nicht ohne Heftigkeit, „den Wolf jagen wir fort, den Fuchs bekommen wir⸗ Ich hoffe zu Gott, Frankreich wird nach vierzigjähriger Erfahrung endlich zur Einſicht gelangt ſein, daß mit Königen nie ein Vertrag zu ſchließen iſt. Fällt Karl der Zehnte in Folge einer Revolution, ſo iſt es die erſte und heiligſte Pflicht, zugleich auch dieſen Thron, das Fußgeſtelle der Tyrannei, zu zertrümmern.“ „Lieber Graf,“ erwiderte der Bankier,„dieſe Theorie iſt ganz ſchön, und offen geſtanden, auch ich bin im Herzen Republikaner und die andern Führer der Oppo⸗ ſitivn, der Lafayette, der Odilon Barrot ſind es eben⸗ 5* falls; aber die Erfahrung hat uns belehrt, daß eine Republik heutzutage für Frankreich nur ein Unglück ſein würde. Die Franzoſen ſind keineswegs das Volk der Geſetze; ſie ſprudeln leicht über und als Republi⸗ kaner würden ſie noch weit weniger im Zaume zu hal⸗ ten ſein. Hier würde die Regierung nothwendig ge⸗ zwungen ſein, zu dem Abſchreckungsſyſteme von 93, zur permanenten Guillotine zurückzukehren, wir müßten den blutigen Curſus mit Europa von Neuem durch⸗ machen, und zwar ohne eines Erfolges gewiß zu ſein. Nein, warum die Freiheit mit Strömen von Blut und im Sturme erobern, da wir daſſelbe Ziel auf rein con⸗ ſtitutionellem Wege erreichen können?“ „Conſtitutionellem Wege?“ frug Guido mit bit⸗ term Lächeln,„man hat geſehen, wie weit man es auf dem belobten conſtitutionellen Wege in den letzten funf⸗ zehn Jahren gebracht hat. War es nicht das conſtitu⸗ tionelle Frankreich, das mit ſeinem Blute die junge Freiheit im benachbarten Spanien unterdrückte? War es nicht das conſtitutionelle Frankreich, das ſeinen Na⸗ men unter alle freiheitsfeindliche Acte der heiligen Allianze ſchrieb? Das franzöſiſche Volk iſt nie mehr maltraitirt worden, als mit dieſem Kappzaume: Conſti⸗ tution genannt. Für ſolche Conſtitution tauſendmal lieber Abſolutismus, Sultansherrſchaft meinetwegen; da weiß ich, woran ich bin, da gehen meine Feinde mit offenem Viſir umher, da weiß ich mich zu hüten.“ Die Zwei traten in einen Saal, wo eine ziemliche Anzahl Herren in einfachen ſchwarzen Fracks um einen großen breitſchultrigen Mann, von hohem gebietenden Anſehen, gruppirt ſtand. Die Stirn dieſes Mannes war hoch und ſchien es um ſo mehr, da das Vorder⸗ haupt nur mit wenigen Haaren bedeckt war. Dieſe grau, beinah weiß, lagen glatt an und bedeckten nur 69 ſpärlich den übrigen Theil des Kopfes, deſſen Wölbung ſchön und ebenmäßig und woran die kleinen Ohren faſt anmuthig genannt werden konnten. Wild und wüſt hing das ſchwarze Buſchwerk ſeiner Braunen bis zu den tiefen Augenhöhlen herab, worin die kleinen tief⸗ verſteckten Augen wie auf der Lauer lagen. Nur zu⸗ weilen blitzt es da ſtiletartig hervor. Die Farbe des Geſichts war graugelblich, das gewöhnliche Colorit der Sorge und Verdroſſenheit und es irrten allerlei wun⸗ derliche Falten darüber hin. In dem ganzen Weſen des Mannes lag nicht Ariſtokratiſches, wohl aber eine hohe und ſchöne Ausbildung von Bürgerlichkeit, die ſich in der Regel mit chevaleresken Manieren und ſonſtigen Toilettengeſchäften nicht viel befaßt. Der Bezeichnete war Niemand anders als der ge⸗ feierte Redner der Oppoſition Caſimir Perrier, welcher funfzehn Jahre lang gegen Pfaffen⸗ und Schranzen⸗ thum den edelſten Krieg geführt. Es war derſelbe, welcher einſt dem volksfeindlichen Premierminiſter Vilhole, als dieſer die ſpöttiſche Bemerkung machte, daß nur drei oder vier Kammermitglieder die Anſicht des Sprechers theilen, im Angeſicht der ganzen Kammer die berühmten Worte zurief:„Wohl zählen wir in die⸗ ſer Verſammlung nur Drei oder Vier, aber hinter uns ſtehen dreißig Millionen Franzoſen!“ So wie Lafitte heran trat, machten die übrigen Deputirten ehrerbietig Platz und die beiden Häupter der Oppoſition reichten ſich die Hand. Das Geſpräch kam alsbald auf den Wahlkampf, welcher gegenwärtig ganz Frankreich in Bewegung ſetzte. Die miniſterielle, wie die Oppoſitionspartei, ließen alle Minen ſpringen, um ſich der Majorität zu verſichern. Die ganze Macht der Preſſe ward aufgeboten, und er⸗ laubte und unerlaubte Mittel, um auf die Wahlen ein⸗ 70 zuwirken, wurden angewendet. Caſimir Perrier ver⸗ theilte die neueſten Wahlliſten. Darnach erlitt das Miniſterium tagtäglich Niederlagen. Faſt ſämmtliche Oppoſitionsmitglieder der aufgelöſten Kammer waren wieder erwählt worden, und die neu eintretenden De⸗ putirten gehörten größtentheils der Oppoſition an. Noch nie hatte dieſe ſo gewaltig ihr Haupt erhoben wie dieſes Mal; und der Untergang des Miniſteriums Polignac war ſo gut wie entſchieden. Wiederholt lief das düſtere Gerücht von Staats⸗ ſtreichen, welche die Regierung beabſichtige, durch die Verſammlung. Die meiſten der anweſenden Deputirten aber wollten daran nicht glauben; ſelbſt Caſimir Perrier und Lafitte widerſprachen dieſen Befürchtungen. Man beſprach ſich über Widerſtandsmittel, die zu ergreifen wären, falls das Miniſterium dennoch ein Aeußerſtes wagen ſollte. Guido, nachdem er eine Zeit lang dieſen Geſprächen ſtillſchweigend zugehört hatte, fand ſich als radicaler Republikaner wenig erbaut daran. Nach ſeiner Anſicht brachten die Deputirten nur halbe Maßregeln in Vor⸗ ſchlag. Er war ſtets für's unbedingte Losſchlagen, lieber heute als morgen. Er kehrte daher nach den Sälen zurück, wo getanzt wurde. Nochmals überflog er die reizenden Guirlanden der Damenwelt, die ſich auf den theils purpurroth, theils himmelblau überzognen Eſtraden in reichem Glanze dahin zogen und nachdem er nicht gefunden hatte, was er ſuchte, ſprach er ſelbſt⸗ zufrieden zu ſich: „Sie hat Wort gehalten, und iſt nicht gekommen. Adele, Du biſt mein Licht, mein Leben, meine Sonne.“ Als er in einiger Entfernung an Karl dem Zehnten vorüber ging, der ſich ſo eben mit der ſchönen Gräfin von Sürvillers unterhielt, blieb er ſtehen. Sein Blick 4 fiel ſtechend auf den Monarchen; ſein Gehirn durchzuck⸗ ten unheimliche Gedanken. So ſtand er eine geraume Zeit, einer Bildſäule nicht unähnlich. Dann ſchritt er haſtig die Säle entlang und verließ den Palaſt. Erſt als er ſich durch die Maſſen des vor dem Palais Royal verſammelten gemeinen Volkes, für deſſen Wohl faſt nur allein ſein Herz ſchlug, gearbeitet, ward ihm wohler. Der Polizeipräfect Mangin hatte dem davoneilenden Republikaner kopfſchüttelnd nachgeſchaut. „Wie kam der auf den Ball?“ frug er ſich ver⸗ wundert,„das muß ſeine beſondern Urſachen haben. Es iſt Schade, daß ich mit dieſem Jacobiner nicht freie Hand habe. Wenn es nach mir ginge, müßte er längſt auf der Galeere ſitzen. Es iſt einer der wüthendſten Deelamatoren in den verbrecheriſchen Verſammlungen der ſogenannten Volksfreunde. Aber was iſt zu machen; der Miniſter des Innern protegirt ihn wo er nur kann. Indeß, ich fang ihn doch einmal, und iſt er einmal in meinen Händen, dann ſoll er zappeln nach Herzensluſt. Dieſer Menſch iſt mir abſonderlich ein Dorn im Auge. Was hat er meine Gensdarmen und mich perſönlich maltraitirt. Ich begreife nicht, was der Miniſter für einen Narren an dem Taugenichts gefreſſen hat.“ Gegen ein Uhr des Morgens erhoben ſich die beiden Könige. Karl der Zehnte durchbrach langſamen Schrittes die wogende Menge dieſer glänzenden und edeln Aus⸗ wahl ſeines Volkes. Die Tänze wurden nur einen Augenblick bei dem Hinweggang Seiner Majeſtät unterbrochen. Nach und nach entfernte ſich die Oppoſition, das gelehrte Frankreich und Frankreichs Künſte. Gegen Morgen war nur noch die Faubourg Saint Germain, der Hof, die Damen und eine glänzende Jugend an⸗ weſend; mit einem Worte, jenes Frankreich, das elegant und ſtolz die Gaben des Geiſtes und der Grazie ver⸗ einigt; wo der Adel des Herzens nur ſelten von dem der Geburt übertroffen wird; wo der Reichthum ſich ſo oft mit frommer Menſchenliebe verbindet, wo der Geſchmackfür Kunſt und Wiſſenſchaften nicht ein vorübergehender Mode⸗ artikel iſt; wo die Handelnden aus Leuten beſtehen, denen wir auf allen Schlachtfeldern begegnet ſind, und wo die Frauen mit ſo hoher Ausbildung begabt ſind, daß die Sevigné's, die Lafayette's, die Stael's, die Duma's daraus hervorgehen konnten. Während eines endloſen Cotillons, welcher von der Herzogin von Berry mit dem Herzoge von Chartres er⸗ öffnet worden war, promenirte der Herzog von Orleans mit dem Prinzen von Salerno, dem einzigen der nea⸗ politaniſchen Gäſte, der moch anweſend war, in den Sälen auf und ab. In einem derſelben hingen die kaiſerlichen Schlachten von Montmiraille und Champaubert. „Wie kommen dieſe Gefechte des Uſurpators hier⸗ her?“ frug der Prinz in einem Tone, der wenig Rück⸗ ſichtnahme für ſeinen Wirth zeigte. Der General Gerard, der in der Nähe ſtand und den dieſe verletzende Frage verdroß, erwiderte galant: „Um Jemappe und Valmy zu beſchönigen.“ „Nein,“ ſprach der Herzog von Orleans mit ruhiger Entſchiedenheit,„aus dem einfachen Grunde, weil ich alles liebe, was franzöſiſch iſt.“ In dieſem Augenblicke erſchien die Herzogin von Berry am Arme des Herzogs von Chartres. Die Tänze hatten geendet. Mit jenen Worten des Herzogs von Orleans ſchloß dieſes in den Annalen der franzöſiſchen Bourbonen ſo denkwürdige Feſt.— Sie waren das Programm einer neuen Monarchie. 73 Sechſtes Rapitel. u den Füßen der ſchönen jungen Wittwe Adele von Montfort ſaß Guido und hatte das kummerſchwere Haupt auf ihren Schooß gelegt. Die reizende Franzöſin glättete mit der kleinen zarten Hand die blonden ſeidenen Locken des Jünglings, und ihr Auge ruhte mit innigem Wohl⸗ gefallen auf dem Geliebten. Vom fernen Marsfelde herüber tönte der Donner der Kanonen und Glockenklänge durchzogen die Luft. So eben bewegte ſich ein majeſtätiſcher Zug, den Kö⸗ nig Karl den Zehnten an der Spitze, nach der Notre⸗ Damekirche, um dem Gotte der Schlachten Dank zu bringen für die Einnahme von Algier. Eine uner⸗ meßliche Volksmenge bedeckte die Straßen, durch welche der Zug ging, und das häufige„Vive le roi“ drang bis in die Einſamkeit des liebenden Paares. Aber bei jedem Rufe zuckte Guido unwillkührlich zuſammen und vergebens tönten die ſanften Troſtes⸗ worte Adelen's. „So iſt die Freiheit wieder auf Jahre zu Grabe getragen,“ begann nach langem Schweigen der Jüng⸗ ling,„dieſes leichtſinnige, eitle Volk hilft ſelbſt ſeine Ketten ſchmieden.“ „Mein theurer Freund,“ ſprach Adele,„faſſe Muth; mir iſt immer, als wenn dieſe Glocken die Tyrannei Karl's des Zehnten zu Grabe läuteten. Man wird ſich durch den Sieg blenden laſſen, die Sieger von Algier gegen das eigene Vaterland führen, den Kampf mit dem eigenen Volke beginnen und darin untergehen.“ Ha, wenn ſie es wagten!“ rief Guido aufſprin⸗ gend, und ſeine Blicke flammten begeiſtert;„wenn es zum Kampf käme, Mann gegen Mann in den Straßen von Paris: dann nicht eher das Schwert in die Scheide, ſo lange noch Einer jenes Tyrannengeſchlechtes franzöſiſche Luft athmet.“ Der Jüngling ſtand da, erglüht, kampfdürſtend wie ein junger Kriegsgott. Adele eilte auf ihn zu und umſchlang ihn mit beiden Armen. „Wie lieb' ich Dich, mein theurer Freund,“ rief ſie;„dieſelbe Gluth flammte in meinem edeln Vater, der mich immer nur ſein republikaniſches Mädchen nannte. Wie gern will ich an Deiner Seite ſterben.“ Ein leiſes Klopfen an der Thür ſcheuchte das Pär⸗ chen aus einander. Philippon, der Diener Guido's brachte einen Brief an ſeinen Herrn und entfernte ſich wieder. Schnell erbrach der Graf die Oblate; aber kaum hatte er einen Blick in das Schreiben geworfen, als er Adelen mit freudiger Haſt umarmte. „Mein Bruder Ottokar iſt angelangt,“ rief er, „und wartet meiner. Leb' wohl, meine Seele, in Kurzem bin ich wieder bei Dir. Du wirſt mein Bru⸗ derherz kennen lernen. Es iſt die treueſte deutſche Seele, weit beſſer als ich.“ Mit dieſen Worten drückte er einen Kuß auf die Stirn der ſchönen Frau und eilte nach ſeiner Wohnung. Wenige Augenblicke nachher lagen ſich die beiden Brüder in den Armen. Severin Barthel, der zu⸗ gegen war, drückte ſich ungeſehen eine Thräne aus den Augen. Als aber nach dem erſten Freudenrauſche Ottokar Ruhe erhielt und ſeinen Bruder näher betrachtete, er⸗ ſchrack er über deſſen Ausſehen. Das war nicht mehr jener heitere roſige Jüngling, der mit Gott und Welt zufrieden, die heiterſte Ruhe der Seele auf der Stirn trug. Im Gegentheil, Guido befand ſich fortwährend in fieberhaftem Zuſtande, in politiſcher Exaltation. Sein Antlitz war gegen früher ſehr gebleicht, nur 75 wenn ein großer Gedanke durch ſein Gehirn leuchtete, erglühten die Wangen in ungewöhnlicher Röthe. Guido nahm ſich kaum Mühe nach den Seinigen in der Heimath zu fragen, ſondern kam ſofort auf politiſche Zuſtände der Gegenwart. „Du biſt zur glücklichen Stunde eingetroffen,“ rief er,„hoffentlich giebt's bald eine allgemeine Schild⸗ erhebung des Volkes gegen den König; da ſchlagen wir als wackere Deutſche tüchtig drein.“ Ottokar, der einen Scherz daraus machen wollte, erwiederte lächelnd:„da wünſchte ich nur, daß die Pau⸗ kerei recht bald los ginge; denn ich bin eigentlich nicht nach Paris gekommen, um gegen Karl den Zehnten los zu ſchlagen, ſondern um Dich, mein Bruder, nach Deutſchland abzuholen. Eine Erbſchaftsangelegenheit in Sachen des verſtorbenen Onkels Alfred macht unſre Gegenwart auf Hohenſtein äußerſt nothwendig.“ „Erbſchaft,“ fuhr Guido auf,„ich mag nichts erben. Das ganze Erbrecht iſt eine Erfindung der Tyrannei, und muß über kurz oder lang aufgehoben werden, gleich dem Lehnrechte.“ „Aber,“ fuhr er an's Fenſter tretend fort,„was ſchwatzen wir in dem dumpfen Gemache, der Juli— abend iſt ſo ſchön; wir machen einen Gang nach dem Palais Royal. Du und Dein Freund, ihr wollt Paris kennen lernen, das iſt nur im Palais Royal, dem eigent⸗ lichen Mittelpunkte der europäiſchen Civiliſation möglich.“ Ottokar und Severin waren das gern zufrieden, und bald traten die Drei in den Zaubergarten. Der ſchöne Abend hatte all' die zahlreichen Alleen mit Spaziergängern gefüllt, keine der ſteinernen Bänke war unbeſetzt, während ſich gegenüber endloſe Stuhl⸗ reihen dahin zogen, ſämmtlich von den gebildeteren Ständen in Beſitz genommen. 76 Im Rücken der Stuhlreihen gewährten die mit Blumen umkränzten geräumigen Raſenplätze, in deren Mitte ſich auf Piedeſtals die Büſten Dianen's und Apollo's erhoben, einen höchſt angenehmen Anblick. Andere Stuhlreihen umgaben das Baſſin, welches die beiden Auen trennt und aus dem eine prachtvolle Fontaine emporrauſcht und brauſend zurückfällt. Die verſchiedenartigen Gruppen, der Lärm der Unterhal⸗ tung, das Lachen, Rufen, Auf⸗ und Abeilen der be⸗ dienenden Kellner, rings die blühenden Geſträuche, die zahlreichen Reſtaurationen, der glänzende Wiederſchein der großen Rotunde— die einem orientaliſchen Kiosk vergleichbar— das ununterbrochene Auf- und Abwo⸗ gen der zahlreichen Maſſen: dies Alles bot ein außer⸗ ordentlich maleriſches Schauſpiel dar. „Alle diejenigen,“ ſprach Guido, der als Cicerone ſeinen Bruder und Freund Severin in den glänzenden Räumen umherführte,„die in Paris keinen regelmäßi⸗ gen, feſten Wirkungskreis haben, bilden das eigentliche Publikum des Palais Royal. Hier haben wir Fremde aus aller Herren Länder, Reiſende jeder Provinz, Hage⸗ ſtolze, Gelehrte, Refugiés, verabſchiedete oder auf hal⸗ bem Sold geſetzte Offiziere, Intrigants, Politiker. Welch' unerwartetes Zuſammentreffen hat hier unter der Rotunde ſchon ſtatt gefunden. Wie oft ſah man zur Zeit des Kaiſerreichs Waffengefährten hier zuſam⸗ mentreffen, von denen der eine aus Spanien, der an⸗ dere aus Moskau kam. Man macht eine Reiſe um die Welt, und in der Rotunde des Palais Royal trifft man wieder zuſammen. Hier führen die Hauptſtraßen aller großen Städte Enropa's zuſammen.“ Die drei jungen Männer hatten auf einer Gallerie, von wo man mit Bequemlichkeit auf die bunte Menge herabſchauen konnte, Platz genommen; ſie ſchlürften 77 aus den blitzenden Kryſtallgläſern das duftende Him⸗ beer⸗ und Vanilleneis, und Guido, von Ottokar und Srverin aufgefordert, fuhr in ſeiner Beſchreibung des Palais Royal fort:„Des Morgens ſind dieſe Räume nur im Beſitze der Schüler, Kinder und Vonnen. Erſt gegen zehn Uhr beginnt es lebhafter zu werden. Die Journalleſer langen an und ſammeln ſich um die klei⸗ nen Pavillons mit den vergoldeten Dächern. Auch die Cafs's füllen ſich allmälig, während die Reſtaurationen noch leer bleiben, denen jetzt das Privilegium der De— jeuners à la fourchette geraubt iſt. Handlungsge⸗ hilfen, Geſchäfts⸗ und geſchäftige Leute durchziehen in allen Richtungen die Alleen; müßig Umhergehende und drei bis vierhundert täglich nach einem beſtimmten Punkte wandernde Perſonen kündigen an, daß es bald zwölf Uhr iſt. Der bekannte Kanonenſchuß tönt. In den fünf Minuten, die der Erploſion vorhergehen, be⸗ trachtet die Mehrzahl der Anweſenden ihre Uhren, und diejenigen, die keine haben, beſchauen die der Anderen. Es iſt ein Augenblick feierlicher Ruhe und oft ſcheint man der Macht des Kanoniers zu mißtrauen. Iſt der Schuß gefallen, ſo rücken die Einen den Zeiger ihrer Uhr vor, die Anderen zurück, während Dritte mit einem Anflug von Eigenliebe laut ihren Uhrmacher rühmen. Jeden führt freundlich die beſtimmte Stunde ſeinen Weg und die Gruppe würde gänzlich zerſtreut, blieben nicht Einige zurück, die ſehen wollten, wie ſich die Sonne anſchickt, um das Pulver zu entzünden; und einige Zögrer, die während einer Viertelſtunde ſich's zum Geſchäft machen, jedem Ankommenden zu erzählen, daß die Kanone losgegangen iſt. Das Palais Royal war ſtets der Mittelpunkt po⸗ litiſcher Volksbewegungen und wird dies in Folge ſei⸗ ner Lage und ſeiner Inwohner immer bleiben. Da iſt 78 faſt kein Kaffeehaus, das nicht ſeine weltgeſchichtlichen Erinnerungen hätte. Im Café de Foy hielt Camille Desmoulins ſeine begeiſterten Reden, durch welche er ſich faſt zum Herrn des erſten Aufſtandes machte. Das Calé de Chartres iſt berühmt durch die heftigen Kämpfe der beiden Kokarden„grün und weiß“, und ſpäter der Bergpartei und Girondiſten; das Café Mon⸗ talier durch die patriotiſchen Bachanalien der hundert Tage; das Café Lemblin durch den fortwährenden Zulauf der freiſinnigen Jugend und geächteten Mili⸗ tairs in den erſten Zeiten der Reſtauration: das Café Valois endlich als das Heiligthum der gepuderten Perücken des ancien regime. „Es iſt wahr,“ ſprach Ottokar, auf das bunte Hin⸗ und Herwogen der Maſſen herabſchauend,„ein ächtes wahrhaftes Volksleben kann man hier kennen lernen; die Franzoſen geben ſich hier wie ſie ſind, aber wenn ich damit die Stille unſrer heimathlichen Thäler ver⸗ gleiche, das gemüthliche deutſche Leben, ſo erfaßt mich ein wahrhaftes Heimweh.“ „Da hört man den deutſchen Philiſter,“ erwiderte Guido lachend,„es iſt gut, daß Du einmal aus Dei⸗ nem warmen Lerchenneſte hinter den Weizen aufgeſtie⸗ gen biſt, um freie geſündere Luft zu athmen.“ Ein Schuß, der aus einem der zunächſt gelegenen Gebäude herabſcholl, erregte die Aufmerkſamkeit Otto⸗ kar's und Severin's und gleich darauf ertönte ein dumpfer Fall. „Um Gotteswillen,“ rief Ottokar aufſpringend,„da hat ſich ſo eben ein Menſch drei Stock hoch aus dem Fenſter geſtürzt.“ „Was weiter,“ antwortete Guido mit großer Gleich⸗ muth,„dort oben iſt ein Spielzimmer; das rouge et noir hat Einen zu Falle gebracht.“ 79 „O mein Bruder,“ ſprach Ottokar ſchmerzlichſt, „hat der Pariſer Sirocco Dein Herz ſchon ſo einge⸗ trocknet, daß Du bei ſolcher Scene ſo theilnahmlos bleiben kannſt?“ „Mein Herz eingetrocknet?“ frug Guido und ſein Blick leuchtete unheimlich;„wo denkſt Du hin! Noch nie ſchlug mein Herz höher und voller als in der Ge⸗ genwart; es fühlt mit allen Adern die Leiden des Volks und umklammert mit Liebe die ganze Menſch⸗ heit.“ Ottokar war ſichtbar betrübt durch die maaßloſe politiſche Exaltation des Bruders, und Severin, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben ſprach: „Ich kann mich noch immer nicht beruhigen ob der Rieſengröße dieſer Stadt und dieſe konnte nicht vier⸗ undzwanzig Stunden länger kämpfen, und ſich halten, bis Napoleon ankam mit ſeinen tapfern Kohorten? O Schmach; bei dieſer Bevölkerung durfte nicht ein Koſak die Boulevards von Paris betreten.“ „Das war die Nemeſis,“ erwiederte Guido,„die den Mörder der Volksfreiheit auf dieſe Weiſe ereilte.“ „Mörder der Volksfreiheit?“ frug Severin ver⸗ wundert;„ich möchte doch wiſſen, wo Napoleon dieß geweſen wäre?“ „Nun, wo anders als am berüchtigten achtzehnten Brümair,“ entgegnete Guido. „Lieber Himmel!“ rief Severin,„da war ſchon lange von keiner Freiheit die Rede mehr. Und geſetzt auch, er hätte da das Freiheitslicht, das mehr blen⸗ dete als erleuchtete, ausgeputzt:— ein Volk von dreißig Millionen, das ſich die Freiheit ſo leicht rauben läßt, verdient keine.“ „Aber dieß entſchuldigt den Räuber nicht,“ ſprach Guido. „Zugeſtanden,“ erwiederte Severin,„ſo entſchul⸗ digt auch die ſchnelle Uebergabe der Hauptſtadt die Pa⸗ riſer nicht.“ Die Beiden ſtritten ſich geraume Zeit über Napo⸗ leon und die Volksfreiheit, ohne ſich einigen zu können, als unfern von ihnen die Stentorſtimme eines Guck⸗ kaſtenmannes vernehmbar ward. „Hier ſehen Sie, meine Herren,“ demonſtrirte die Stimme,„den tapfern immer ſiegreichen Conſul Bo⸗ naparte, wie er die tapfere franzöſiſche Armee über die Alpen führt. Sehen Sie, nichts als Felſen und Schnee, Cavallerie und Bagage⸗Wagen und hier den erſten Conſul, wie er auf ſeinem Schimmel den ſteilen Berg emporſprengt; immer näher, hochzuverehrende Herren, nie hat die Kunſt ein vollendeteres und ergreifenderes Gemälde dargeſtellt; der größere Theil der tapfern Armee befindet ſich noch hinter dieſen Felsmaſſen und iſt dem Auge des Beſchauers unſichtbar: eine Feinheit des Künſtlers, welche der Phantaſie freien Raum gibt und ſie zu den kühnſten Ausſchweifungen ermächtigt.“ Ehe ſich's Ottokar und Guido verſah, war Freund Barthel verſchwunden und guckte mitten zwiſchen Kin⸗ dern und Ouvriers nach dem Uebergange über die Alpen. „Mein Bruder,“ ſprach nach einer Pauſe Ottokar im Tone ſanften Vorwurfs, und erfaßte ſeine Hand, „haſt Du denn ganz das engelhafte Herz vergeſſen, daß für Dich ſchlägt im fernen Vaterlande und in den ſtillen Laubgängen von Hohenſtein Dir manche Thräne weint?“ „Ach, Du meinſt die kleine ſentimentale Veronika,“ erwiederte Guido leichtfertig,„nein, lieber Bruder, das iſt kein Mädchen für mich; die kann mein Herz, das für der Menſchheit geheiligte Rechte glüht, nicht ausfüllen: die würde mich nie verſtehen. Da mußt Du 81 meine Adele kennen lernen, die Republikanerin; das iſt ein Weſen, welches zu feſſeln verſteht. Sie iſt die junge Wittwe eines Officiers, der gleichfalls republi⸗ kaniſch geſinnt war, vor zwei Jahren bei einer Mili⸗ tairemeute den Tod des Helden ſtarb. Frauen wie Adele können nur unter der ſchönen Sonne Frankreichs geboren werden. Was find dagegen die armen deut⸗ ſchen Veilchen, die ſchmachtend in den Mond ſchauen, den Matthiſſon und die bezauberte Roſe leſen, unter den alten Linden ſitzen und von Vaterland, Freiheit und Allem, was einigermaßen über Strickſtrumpf und Kochtopf hinausgeht, keine Ahnung haben.“ Mit wahrhaftem Schmerze vernahm Ottokar dieſe Worte. Er erkannte, bis zu welcher Höhe des Bru⸗ ders Freiheitsſchwindel geſtiegen war, und wie ſchwer es halten würde, den Exaltirten unter den gegenwär⸗ tigen politiſchen Verhältniſſen loszureißen und nach der Heimath zurückzubringen. Severin war unterdeß von dem Guckkaſten zurück⸗ gekehrt. Er rieb ſich vergnügt die Hände. „Hier laß ich mir's gefallen,“ ſprach er,„das ganze Volk iſt Napoleoniſch. Ich glaube, wenn ich hier„vive Fempereur“ gerufen, und die heilige Hermandad mich deshalb hätte packen wollen, würde mich das gute Volk des Palais Royal mit eigner Hand beſchützt haben. Der alte Guckkäſtner ſtand bei den kaiſerlichen Gardedragonern, iſt überall dabei gewe⸗ ſen und verſteht ſcharmant ſeine Bilder zu erklären.“ Der Abend war immer dunkler geworden. In reicher Lampenpracht ſtrahlten die zahlloſen Gewölbe, die flammenden Gold- und Silberläden, die Modeba⸗ zars gefüllt mit den koſtbarſten Stoffen des Morgen⸗ und Abendlandes. Aber all' dieſe Pracht vermochte Ottokar's Trübſinn Stolle, Schriften. Supplem. I. 6 82 nicht zu verſcheuchen. Ein ſtilles Heimweh beſchlich ihn. Er gedachte, wie jetzt Hohenſtein, der Park, der Teich im Schatten des Abends ruhte; gedachte des ſtillen Lampenſchimmers, welcher zauberhaft die Madon⸗ nengeſichter der beiden Schweſtern beleuchtete, die einſam auf ihrem Zimmer ſaßen, leſend oder mit weib⸗ licher Arbeit beſchäftigt. Erſt nach Mitternacht verließen die drei jungen Männer das Palais Royal. Siebentes Rapitel. Finßzehn Jahre lang hatte ſich's der ältere Zweig der Bourbonen, welcher durch die Bayonette des Aus⸗ landes auf den Thron von Frankreich zurückgeführt worden war, zur Aufgabe gemacht, die Franzoſen ihrer theuerſten Früchte der Revolution zu berauben. Man war nach Kräften bemüht geweſen, die Zeiten des vier⸗ zehnten und funfzehnten Ludwig's aus dem Grabe zu rufen und auf Koſten des Volks Adel und Geiſtlich⸗ keit, die man für die alleinigen wahren Stützen des Throns erkannte, in ihre ehemaligen Gerechtſame ein⸗ zuſetzen. Darum ſah man wieder zahlreiche Prozeſſio⸗ nen mit Kerzenlicht und Weihrauch durch's Land ziehen; Wunder geſchahen am Himmel und auf Erden, um das Volk für den Glauben zu gewinnen; und mehr denn je war die Geſellſchaft Jeſu thätig, ſich der Er⸗ ziehung der Jugend Frankreichs zu bemächtigen. Die Sonne der Vernunft, der Wahrheit und des Rechts ſollte verlöſcht, ja ſogar die Erinnerungen an die glor⸗ reichen Tage und Männer der Revolution und Kaiſer⸗ 83 zeit ſollten vertilgt werden. Wie mancher wackere Krieger mußte ſeine Sympathie für den großen Kaiſer mit dem Tode büßen! Für Frankreich waren die Tage der Reſtauration eine trübere Prüfungszeit als die blutigſten Tage des vorhergegangenen Zeitraums. Aber wie ſehr man auch von Oben herab bemüht war, das Volk in ein finſtres und knechtiſches Jahr⸗ hundert zurückzuführen; ſo gab es doch der hochherzi⸗ gen Männer genug, welche zeither bis auf's Aeußerſte die letzte Stütze der Volksfreiheit, die Charte, und die durch dieſe bedingte Preßfreiheit, gegen den Abſolutis⸗ mus vertheidigt hatten. Die Gewalthaber in Frankreich ſahen endlich wohl ein, daß, ſo lange Frankreich im Beſitze ſeiner Depu⸗ tirtenkammer und der Freiheit der Preſſe, an eine Hauptreaction, die bis zu dem Jahre 1789 zurück⸗ reichte, eine Unmöglichkeit; ſo beſchloß man denn den letzten verwegenen Streich, jene beiden Säulen der Volksfreiheit zu zerbrechen. Es war Sonntags am ſechsundzwanzigſten Juli Eintauſend achthundert und dreißig, in den Nachmit⸗ tagsſtunden, als ſämmtliche Miniſter Karl's des Zehn⸗ ten bei dieſem Monarchen in Saint Cloud verſammelt waren. Der König führte den Vorfitz in dem Mini⸗ ſterrathe. Eine düſtere Stille herrſchte; auf einigen Geſichtern bemerkte man ſogar Niedergeſchlagenheit. Nach den üblichen Ceremoniels und nachdem ein Jeder an der grünbehangenen Tafel Platz genommen hatte, erhob ſich der Miniſter Staatsſecretair, Graf von Peyronnet und verlas im Namen ſeiner ſämmt⸗ lichen Collegen einen Bericht an Seine Majeſtät, wo⸗ rin es unter Anderm hieß: 6* 84 „Sire: Ihre Miniſter würden des Vertrauens, womit Ew. Majeſtät dieſelben beehrt, in geringem Grade würdig ſein, wenn ſie länger anſtänden, Ihnen eine Ueberſicht unſrer innern Lage vor Augen zu legen, und Ihnen die Gefahren der periodiſchen Preſſe zu enthüllen. Seit funfzehn Jahren hat ſich dieſe Lage nie unter einer ſo ernſten und betrübenden Geſtalt gezeigt. Die Urſa⸗ chen, welche nach und nach die Kraft der Regierung immer mehr geſchwächt haben, gehen jetzt auf völligen Umſturz des Beſtehenden zu. Auf allen Orten des Königreichs geben ſich Zeichen der Desorganiſation und der Anarchie kund. Ihrer moraliſchen Stärke beraubt, kämpft die Regierung in der Hauptſtadt wie in den Provinzen nur zu ihrem Nachtheile gegen die Factionen. Verderbliche auf Umſturz hinzielende Lehren verbreiten ſich, laut ausgeſprochen, unter allen Klaſſen der Nation. Ein thätiger, heftiger, unermüdlicher Uebelſinn arbeitet daran, alle Grundlagen der Ord⸗ nung zu untergraben und Frankreich das Glück zu rauben, deſſen es unter dem Scepter ſeiner Könige genießt. Geſchickt jede Unzufriedenheit zu benutzen, jeden Haß zu beleben, rührt die Preſſe unter dem Volke einen Geiſt des Mißtrauens und der Feindſelig⸗ keit gegen die höchſte Macht auf und ſucht allenthalben die Keime der Unruhe und des Bürgerkriegs auszu⸗ ſäen. Und ſchon, Sire, haben neuerliche Ereigniſſe bewieſen, daß die politiſchen Leidenſchaften, früher nur auf die Gipfel der Geſellſchaft beſchränkt, auch in die Tiefen dringen und die Maſſen aufzuregen beginnen. Dieß ſind die Wagniſſe der Organe einer Faction, die behauptet, die Nation zu ſein. Was ſie täglich im Innern des Reichs zu thun wagt, geht auf nichts Ge⸗ ringeres aus, als die Elemente des öffentlichen Frie⸗ 85 dens untereinander zu werfen, die Bande der Geſell⸗ ſchaft aufzulöſen und— man täuſche ſich darinnen nicht— den Boden unter unſern Füßen wankend zu machen. Wir tragen kein Bedenken, hier den ganzen Umfang unſrer Uebel aufzudecken, um den ganzen Um⸗ fang unſrer Hülfsquellen beſſer würdigen zu können. Eine ſyſtematiſche, im Großen angelegte und mit bei⸗ ſpielloſer Hartnäckigkeit geleitete Verbindung greift von ferne und⸗ nah auch den unterſten unſrer Agenten an. Keiner Ihrer Unterthanen, Sire, iſt vor Schmähungen geſichert, wenn er von ſeinem Souverain das geringſte Zeichen des Vertrauens und der Zufriedenheit erhält. Ein großes über Frankreich ausgeſpanntes Netz um⸗ garnt alle öffentliche Beamten. In beſtändigen Anklage⸗ ſtand verſetzt, ſcheinen ſie gleichſam ausgeſchloſſen von der menſchlichen Geſellſchaft. Man ſchont blos die, deren Treue wankt; man lobt blos die, deren Treue unterliegt. Nicht minder eifrig bemüht ſich die periodiſche Preſſe, mit ihren vergifteten Waffen die Religion und die Prieſterſchaft zu vernichten. Zweifeln Sie nicht, Sire, es wird ihr gelingen, indem ſie die Grundlagen des Glaubens angreift, die Quellen der öffentlichen Moral verfälſcht und mit vollen Händen Hohn und Verachtung über die Diener des Altars ausſchüttet. Man muß es geſtehen, keine Macht iſt im Stande, einem ſo energiſchen Auflöſungsmittel wie die Preſſe iſt, zu widerſtehen. Mit einem Worte: Ihre Beſtimmung iſt, die Revolution, die ſie preiſ't, wieder zu beginnen. Die gerichtliche Verfolgung hat die aufrühreriſche Preſſe niemals ermüdet. Jene ſteht ſtill, weil ſie zu viel zu ſtrafen hat; dieſe vervielfacht ihre Kräfte, indem ſie ihr Ver⸗ gehen vervielfacht. Wenn jene einſchreitet, iſt der Schaden bereits geſchehen und ſtatt ihn zu erſetzen, fügt die Strafe noch den Scandal der öffentlichen 86 Verhandlung bei. Die Unzulänglichkeit, oder vielmehr die Nutzloſigkeit der in den Geſetzen beſtimmten Vor⸗ ſichts⸗Maaßregeln, iſt durch die Thatſachen nachgewieſen. Ebenſo haben die Thatſachen nachgewieſen, daß die öffentliche Sicherheit durch dieſe Preßfreiheit bloßge⸗ ſtellt iſt. Es iſt Zeit, es iſt mehr als Zeit, den Verheerun⸗ gen der Preſſe ein Ziel zu ſetzen. Sire, der Augen⸗ blick iſt gekommen, zu Maaßregeln Zuflucht zu nehmen, die im Geiſte der Charte, aber außerhalb der geſetzlichen Ordnung liegen, deren ſämmtliche Hülfsquellen frucht⸗ los erſchöpft ſind. Dieſe Maaßregeln, Sire, nehmen ihre Miniſter keinen Anſtand, Ihnen vorzuſchlagen, überzeugt, daß dem Rechte ſeine Kraft bleiben wird.“ Der Miniſter ſchwieg und ſetzte ſich. Eine lange tiefe Pauſe folgte auf das Vorleſen des verhängniß⸗ vollen Actenſtücks. Endlich erhob ſich Seine Majeſtät und unterzeichnete mit ſichrer feſter Hand die Ordon⸗ nanzen, wodurch die Freiheit der periodiſchen Preſſe aufgehoben, die Deputirtenkammer von Neuem aufgelöſt, das Wahlgeſetz weſentlich modificirt und die neuen Kammern auf den nächſten acht und zwanzigſten Sep⸗ tember einberufen wurden. Eine halbe Stunde nach gepflogenem Miniſterrathe ſah man einen Reiter aus dem Thore des Schloſſes von Saint Cloud ſprengen, welcher die weltſchweren Depeſchen nach Paris brachte, um ſie dem Drucker des Moniteur zu übergeben. Das Volk von Paris, das von ländlichen Spazier⸗ gängen nach der Stadt heimkehrte, bedeckte zahlreich die Straßen. Wiederholt mußte der Bote ſein Pferd anhalten, um die Menſchengruppen nicht zu überreiten. Niemand ahnete die Tod⸗ und Verderbenſchwangern 87 Actenſtücke, die in dem unſcheinbaren Portefeuil ver⸗ borgen ruhten. Am andern Morgen befanden ſich Ottokar und Severin in Guido's Begleitung zeitig auf den Füßen, um die Merkwürdigkeiten von Paris in Augenſchein zu nehmen. Sie frühſtückten in einer Reſtauration unfern des Pont des arts Severin und Guido lagen ſo eben wieder im heftigen Streite; jener als Napoleoniſt, dieſer als eiſerner Republikaner;— als in wahnſin⸗ niger Haſt mehrere junge Männer mit verſtörten Ge⸗ ſichtszügen in den Saal der Reſtauration ſtürzten. Der eine hielt einen halb zerriſſnen Zeitungsbogen in der Hand, den er ſo eben von einem Zeitungsträger für den hohen Preis von fünf Franken erhandelt. Es war der Moniteur vom ſechs und zwanzig⸗ ſten Juli. Von Minute zu Minute füllte ſich die Reſtauration zahlreicher mit Gäſten. Eine Aufregung ſonder Glei⸗ chen hatte ſich aller Gemüther bemächtigt. „Leſt, Leſt,“ rief man von allen Seiten dem In⸗ haber des Moniteurs zu. Dieſer ſprang auf einen Tiſch und verlas die geſtern zu Saint Cloud unter⸗ zeichneten Ordonnanzen. Kaum war er zu Ende, als ſich Guido, der von ſeinem Platze aufgeſprungen, durch den dicht gedräng⸗ ten Haufen Bahn brach. Seine Augen flammten, die Hände hielt er geballt empor. „Und das duldet Ihr,“ rief er mit Stentorſtimme, „und Ihr wollt Franzoſen ſein, an deren Spitze ein Robespierre geſtanden! Nieder mit den Bourbons! Hoch lebe die Republik!“ „Nieder mit den Bourbons!“ ſcholl es faſt einſtim⸗ mig, aber in das Lebehoch für die Republik fielen nur wenige Stimmen ein. 88 Unterdeß verbreitete ſich die Kunde von den un⸗ glückſeligen Ordonnanzen immer weiter in der Stadt, verurſachten aber mehr ein ſtarres Entſetzen, als daß ſie zu allgemeinem Tumulte Veranlaſſung gegeben hät⸗ ten. Nur hier und da erfolgten ähnliche Scenen wie in der Reſtauration beim Pont des arts. Nur ſehr vereinzelte Stimmen junger Hitzköpfe riefen zu den Waffen. Zahlreiche Patrouillen von Polizeiſoldaten und rei⸗ tenden Gensdarmen durchzogen die Straßen. Wo ſie auf größere Volkshaufen ſtießen, wurden dieſe ausein⸗ ander getrieben. Die Gruppen verließen ſich unter lauten Verwünſchungen. Hier und da flog ein Stein nach den Gensdarmen. Noch blieben Läden und Gewölbe offen; aber Ge⸗ ſchäfte wurden nur wenige gemacht. Die Börſe war von einem paniſchen Schrecken ergriffen. Die Courſe fielen von Stunde zu Stunde. So kam der Nachmittag heran. Die Straßen füllten ſich immer mehr mit Ouvriers, die unter lauten Schimpfworten gegen die Miniſter die Stadt durch⸗ zogen. Mehrere der bedeutendſten Fabrikherren hatten ihre ſämmtlichen Arbeiter entlaſſen und ihre Fabriken geſchloſſen. „Wir können Euch ferner keine Arbeit und kein Brot mehr geben,“ ſagten die Prinzipale,„geht zu Karl dem Zehnten, ſo ihr welches haben wollt.“ In einem Gewölbe des Palais Royal waren am ſpäten Nachmittag an mehrern Fenſtern Verſe gegen die Ordonnanzen zu leſen. Das Volk drängte ſich in zahlreichen Gruppen herbei. Man las die Verſe, theilte ſie einander mit, ſchrieb ſie ab. Hier und da rief eine Stimme:„Es lebe die Charte!“ Gensdarmen kamen herbei, zerſchlugen, da die Thüre verſchloſſen 89 war, die Fenſter des Gewölbes und riſſen die Verſe herab. Man drängte und ſchob die Gensdarmen. Be⸗ leidigende Aeußerungen wurden vernehmbar. „Satellit des Tyrannen,“ ſprach ein Ouvriers, indem er den einen Gensdarmen auf die Schulter ſchlug,„warum entfernſt Du die Verſe, die uns wohl⸗ gefallen?“ Der Polizeiſoldat zog ſeinen Degen und wollte ſich unter drohenden Geberden einen Weg durch die Menge bahnen. Er war im Augenblick entwaffnet und zu Boden geworfen. Andere Gensdarmen eilten zu Hülfe, wurden aber ſogleich in die Flucht geſchlagen. Jetzt rückten Linientruppen heran, trieben die Menge auseinander, ohne daß es zu weitern Thätlichkeiten ge⸗ kommen wäre. Nur ein paar Verhaftungen erfolgten. Der im Palais Royal begonnene Widerſtand ver⸗ breitete ſich aber bald in andre Stadtviertel. Im Palais der Auswärtigen wurden die Fenſter eingeworfen. Die Patrouillen erſchienen zahlreicher. Schon ſah man Linientruppen und königliche Garden in halben Com⸗ pagnien durch die Straßen ziehen. Alle öffentliche Plätze und Punkte, wo ſich das Volk gern zu ver⸗ ſammeln pflegte, wurden von der bewaffneten Macht in Beſitz genommen. Noch am ſelbigen Tage verſammelten ſich faſt ſämmt⸗ liche Redactoren der freiſinnigen Journale im Büreau des National, und entwarfen jene kühne Proteſtation, worin es unter Anderm lautet: „Seit ſechs Monaten hat man oft vorausgeſagt, die Geſetze würden verletzt und ein Staatsſtreich aus⸗ geführt werden. Die geſunde Vernunft des Publikums vermochte jedoch ſolchen Gerüchten keinen Glauben bei⸗ zumeſſen; ja das Miniſterium ſelbſt wies ſolche Muth⸗ maaßungen als verläumderiſch zurück. Und gleichwohl hatte heute der Moniteur jene denkwürdigen Ordon⸗ 90 nanzen bekannt gemacht, welche eine ſchreiende Verletzung der Geſetze ſind. Das geſetzmäßige Regiment iſt unter⸗ brochen, das Reich der Gewalt hat begonnen. Bei der gegenwärtigen Lage hört der Gehorſam auf, eine Pflicht zu ſein. Die Bürger, welche vor Allem zu gehorchen haben, ſind die Herausgeber von Zeitſchriften. Jetzt aber müſſen Sie zuerſt das Beiſpiel des Widerſtandes gegen eine Autorität geben, die ſich ihres geſetzlichen Charakters entäußert hat.“ Hierauf folgen die Gründe, auf welchen ſie den Widerſtand gründen. Am Schluſſe heißt es: „Die Regierung hat ſomit die Geſetze verletzt und wir ſind des Gehorſams entbunden. Wir machen den Verſuch, unſere Blätter erſcheinen zu laſſen, ohne die uns auferlegte Autoriſation nachzuſuchen. Wir werden alles Mögliche thun, um ſie durch ganz Frankreich zu verſenden. Die Bürgerpflicht gebietet uns das; wir erfüllen ſie hiermit Es ſteht uns nicht zu, der geſetz⸗ widrig aufgelöſten Kammer ihre Pflicht vorzuſchreiben; indeß dürfen wir ſie im Namen des Vaterlandes auf das Angelegentlichſte bitten, ſich auf ihr gutes Recht zu ſtützen, und der Verletzung der Geſetze zu widerſtreben. Die für den dritten Auguſt zuſammen berufenen De⸗ putirten ſind auf geſetzlichem Wege zuſammen berufen; ihr Recht beſteht heute ſo gut, wie es geſtern beſtand. Frankreich ſchwört, ſie nicht zu verlaſſen. Sie müſſen Alles thun, was ſie thun können, um ihr gutes Recht zu bewahren.“ Nachdem tiefe Nacht herabgeſunken war, gab es noch hier und da Auflauf und Tumult; Fenſter und La⸗ ternen wurden an verſchiedenen Orten eingeworfen. Indeß behielt die ſtarke Polizei und Militärmacht die Oberhand. Am längſten währte die Aufregung im Palais Royal. —,—— 91 Die Colporteurs, welche die Abendblätter austrugen, riefen ununterbrochen: „Hier die Aufhebung der Preffreiheit, koſtet zwei Sous; die Auflöſung der Deputirtenkammer, Stück für Stück drei Sous;— die Modification des Wahlgeſetzes einen Sous.“ In Saint Cloud war für den nächſten Tag große Jagd angeſagt. Noch einmal ſollte ſich Karl der Zehnte als König von Frankreich zur Ruhe legen. 65 Pa Morgenſonne des achtundzwanzigſten Juli be⸗ leuchtete die Zinnen von Paris. Hier und da ſtiegen weiße Wolken von Pulverdampf aus dem Häuſermeere empor. Die Sturmglocken tönten ununterbrochen. Tauſendſtimmiges„vive la charte“ drang in die Lüfte. In vielen der Straßen, auf Quais und Boulevards ward bereits mit größter Erbitterung gekämpft. Die meiſten der freiſinnigen Journale waren erſchienen. Gensdarmen drangen in die Druckereien, vernichteten die Preſſen und warfen die Lettern in die Straßen⸗ rinnen. An vielen Orten begann das Volk Barricaden zu errichten. Man ſtürzte Wagen um, trug Fäſſer, Kiſten und Mobilien aus den Häuſern, hinter welchen man ſich, gegen die in geſchloſſenen Colonnen vordrin⸗ genden Gensd'armen und königlichen Garden, verthei⸗ digte. Auf den meiſten der öffentlichen Plätze ſtanden Regimenter der Linie, Gewehr beim Fuß. Ihre Blicke waren düſter. Mehrere Officiere hatten ſich geweigert, auf das Volk zu feuern. Achtes Rapitel. 92 Aber noch beſtand kein Syſtem in der Vertheidi⸗ gung der Pariſer. Die meiſten der Kämpfer waren arme Leute; nur wenige gute Röcke erblickte man darunter. Jeder kämpfte auf ſeine Hand. In der Wohnung Guido's hatte ſich eine Menge größtentheils junger Patrioten zuſammen gefunden. Alle waren bewaffnet; auch Ottokar und Severin hatten Schwerter umgeſchnallt und trugen Büchſen in der Hand. Man berathſchlagte, wie man mehr Einheit in den Aufſtand bringen könnte. Guido war für's unmittel⸗ bare Losſchlagen; aber Ottokar wies mit vieler Klarheit nach, daß ein ſolcher Kampf zu nichts führen könne. Er brachte in Vorſchlag, die ehemalige Nationalgarde in's Leben zu rufen. Dies wurde mit großer Acclama⸗ tion angenommen. Sogleich eilten Mehrere aus der Verſammlung zu einigen in der Nähe wohnenden Bataillonschefs der aufgelöſten Garde. Severin brachte die Veteranen der alten Armee in Erwähnung; auch dieſer Vorſchlag fand allgemeinen Beifall. Proclama⸗ tionen wurden abgefaßt und vermittelſt einer Handpreſſe ſogleich hundertfach vervielfältigt. „Wohlan,“ rief Guido,„ſo bleibt mir jetzt nur noch übrig, nach Saint Antoine zu eilen und die alten Baſtillenſtürmer herbeizuholen. Wenn ſich die Kohorten Robespierre's erheben, dann wehe allen Ty⸗ rannen.“ „Aber ein Erkennungszeichen müſſen wir haben,“ rief einer aus der Verſammlung. „Was iſt da zu wählen,“ antwortete ein anderer, „hoch lebe die Tricolore!“ Ein donnerndes enthuſiaſtiſches Vivat erſcholl den 3 ſeit funfzehn Jahren verfehmten Farben. Da trat ein Schüler der polytechniſchen Schule raſch 93 in das Gemach. Sein Anglitz glühte vom Kampfe, in der Hand hielt er den noch blutigen Degen. „Wir haben uns an die Spitze des Volks geſtellt,“ rief er,„die Pariſer kämpfen wie die Götter; aber die Tyrannei ſiegt, wenn nicht Einheit in die Bewegung kommt. Wir bedürfen eines Generals, eines volks⸗ thümlichen Mannes, eines Hauptquartiers und umſich⸗ tiger Litung.“ „Schickt zum General Gerard,“ riethen mehrere Stimmen;„wo iſt Lafayette?“ riefen andere. afayette befindet ſich noch in Lagrange,“ ant⸗ vi der Zögling,„aber Gerard muß in Paris ſein“ „Wohlan, eine Deputation an ihn,“ ſprach Otto⸗ kar,„und jetzt, meine Herren, jeder an ſein Geſchäft. Hier ſei unſer proviſoriſcher Verſammlungsort. Ich gehe gleichfalls nach Saint Antoine und komme binnen einigen Stunden mit den Vorſtädten zu Hülfe. eder eilte an den ihm bezeichneten Platz S Die Sonne ſtieg immer höher; der Kampf ward immer wilder. Das Blut floß in Strömen. Ueberall thürmten ſich die Barricaden. Unterdeß durchſprengten Guido und Ottokar, drei⸗ farbige Fahnen ſchwingend, die engen und ſchmutzigen Straßen der Faubvurgs Saint Antoine und Marceau. Auch hier begannen nun die Glocken zu läuten. Da ward es allmälig lebendig wie ein Ameiſenhaufen. Aus berußten Werkſtätten, feuchten Gewölben und Kel⸗ lern kamen jene halbnackten, verwilderten Geſellen zum Vorſchein, wie ſie nur in Zeiten großer Gefahr am Tage ſichtbar werden. Dumpfes Gebrüll ſcholl zu der heißen Juliſonne empor. „Auf nach Paris,“ riefen Guido und Ottokar un⸗ unterbrochen,„der König will Euch Euer Brod neh⸗ 94 men und mordet Eure Brüder im Innern der Stadt. Auf, brave Ouvriers, zu Hülfe, zu Hülfe!“ „Nach den Tuilerien! nach den Tuilerien,“ ſchrie es tauſendſtimmig,„nieder mit dem Capet; es lebe die 1 Nation. Dansons la Carmagnole! „Aber wir haben keine Waffen,“ ſchrie es von vie⸗ len Seiten. „Erbrecht die Waffenbuden,“ erwiderte Gulbv. „Er hat Recht,“ riefen die Vorſtädter,„nach den Waffenbuden.“ „Hier ſind Waffen, meine Herren,“ ſprach ein tiſcher Schmiedemeiſter, indem er ſeine Werkſtätte 5 und lange eiſerne Stangen vertheilte. „Aber ſie ſind ſtumpf,“ rief das Volk. „So ſchleift ſie auf dem Pflaſter,“ antwortete der Schmied. Augenblicklich ſah man ganze Haufen zu Bod gekauert, um die eiſernen Stangen zu ſpitzen. Die beiden Brüder ſprengten jetzt nach der Stadt zurück. „Uns nach,“ gebot Guido, und mit wildem Geſchrei folgten die Haufen. Paris war in Belagerungszuſtand erklärt. Auf allen Orten donnerten die Kanonen, rauſchten die Kar⸗ tätſchen, praſſelte das Kleingewehrfeuer. Die königlichen Garden, die Gensd'armen drangen mit Uebermacht ge⸗ gen das Volk vor; auch die Linie feuerte, wiewohl mit vielem Widerſtreben; die Soldaten hielten in der Regel die Gewehre ſo hoch, daß Niemand getroffen werden konnte. Der Marſchall Marmont, Herzog von Raguſa, auf deſſen Haupte bereits ſeit funfzehn Jahren der Fluch des Vaterlandes ruhte, weil er ſeinen großen Freund, 95 den Kaiſer Napoleon in der letzten Stunde verrathen hatte, befehligte die königlichen Truppen. Mit der Ruhe und Kaltblütigkeit, als gälte der Kampf ausländiſchen Barbaren, ging er in ſeinem Haupt⸗ quartiere auf und nieder. Daſelbſt befand ſich auch der Fürſt von Polignac. Fortwährend eilten Adjutanten ab und zu. Da langte plötzlich die Nachricht an, daß ſich mehrere Regimenter der Linie weigerten, auf das Volk zu feuern. „Wohlan,“ ſprach Polignac,„ſo muß man auch auf ſie ſchießen.“ Neuanlangende Adjutanten meldeten die Ankunft mehrerer Deputirten, welche ſich mitten durch's Feuer bis zum Hauptquartiere gewagt hätten und um eine Audienz bäten. „Ich habe mit Rebellen nichts zu ſchaffen,“ entſchied kurz der Fürſt von Polignae,„ſprechen Sie mit den⸗ ſelben, Herzog.“ Die Deputirten wurden eingeführt. Es waren die Generale Gerard und Lobau, die Herren Lafitte, Caſi⸗ mir Perrier und Maugin. Lafitte, welcher unterwegs durch einen Streifſchuß verwundet worden war, ergriff das Wort. Er ſchil⸗ derte den fürchterlichen Zuſtand der Hauptſtadt, das maßlos vergoſſene Blut und machte im Namen der Vertreter Frankreichs den Marſchall für ſein Benehmen verantwortlich. Mit ruhiger Kälte hörte Marmont dieſen Worten des Deputirten zu und erwiderte kurz und trocken: „Die Militärehre iſt Gehorſam.“ „Aber Bürgerehre iſt,“ fuhr Lafitte heftig heraus, „die Bürger nicht zu morden.“ Der Marſchall zuckte mit den Achſeln. Nach einer Pauſe frug er: 96 „Allein, meine Herren, welches find die Bedingun⸗ gen, die Sie vorſchlagen?“ „Ohne unſerm Einfluß viel zuzutrauen,“ ſprach Lafitte,„glauben wir die Ruhe wieder herzuſtellen, ſo bald der König die Ordonnanzen zurücknimmt, die Mi⸗ niſter entläßt und die Kammern auf den dritten Auguſt einberuft.“ „Ich kann als Privatperſon Ihre Vorſchläge nicht mißbilligen,“ verſetzte der Marſchall,„aber als Militär habe ich Befehle, und dieſe werde ich vollziehen. In⸗ deß binnen einer halben Stunde will ich Ihre Bedin⸗ gungen Seiner Majeſtät vorlegen.“ „Wünſchen Sie jedoch,“ fügte er nach kurzer Pauſe hinzu,„mit Herrn von Polignac zu ſprechen? Seine Excellenz befindet ſich ganz in der Nähe.“ Die Deputirten ſchienen nicht abgeneigt, in dieſen Vorſchlag einzugehen. „Wohlan,“ ſprach Mormont,„ſo werde ich anfra⸗ gen, ob er Sie empfangen will.“ Der Marſchall entfernte ſich und kehrte nach einer kleinen Viertelſtunde zurück. „Seine Excellenz erklären,“ ſprach er,„daß die vor⸗ geſchlagenen Bedingungen jede Unterredung überflüſſig machten.“ „Wohlan,“ rief Lafitte mit Entrüſtung,„ſo haben wir den— Bürgerkrieg.“ Der Marſchall verneigte ſich und die Deputirten waren entlaſſen. Kaum hatten ſie den Palaſt im Rücken, als der Kanonendonner furchtbarer denn je ſich erhob. Mit höchſter Lebensgefahr erreichte die Deputation das Hotel, wo ſich faſt ſämmtliche in Paris anweſende Deputirte verſammelt hatten. Man berichtete das Vergebliche der 97 Miſſion, und ſogleich ward einſtimmig eine Proteſtation unterzeichnet, worin folgende Worte vorkamen: „Unterzeichnete, ihrem Eide unverbrüchlich treu, pro⸗ teſtiren daher in völligem Einverſtändniſſe nicht nur gegen die gegebenen Ordonnanzen, ſondern auch gegen jeden Act, der aus ihnen hervorgehen könnte. Die Unterzeichneten betrachten ſich noch immer als die Ver⸗ treter der Nation und wenn ſie nicht alle Rechte und Pflichten als ſolche bisher ausüben konnten, ſo ſind ſie bloß durch materielle Macht daran gehindert worden.“ Es war Mittags zwölf Uhr. Heiß glühte die Juli⸗ ſonne auf den Dächern und Straßen von Paris. Schon erblickte man hier und da einen Nationalgardiſten in Uniform. Hier und da kamen dreifarbige Fahnen und Cocarden zum Vorſchein. Erfahrene Krieger der alten kaiſerlichen Armee, die funfzehn Jahre in Vergeſ⸗ ſenheit und Armuth gelebt, wuchſen wie aus dem Bo⸗ den hervor, ſtellten ſich an die Spitzen der Volksſchaa⸗ ren und führten dieſe in kriegsgerechter Ordnung zum Kampfe. Ueberall kämpfte die goldene Jugend Frank⸗ reichs, die Zöglinge der polytechniſchen Schule, die Stu⸗ denten aus dem Quartier latin mit Spartanermuthe, an die ſchönſten Zeiten des Alterthums erinnernd. Die Frauen von Paris, ihr Geſchlecht verleugnend, be⸗ fanden ſich zahlreich auf den Straßen, wo das Blut in Strömen floß. Mitten unter Kugeln trugen ſie den kämpfenden Vätern, Gatten, Söhnen und Brüdern Le⸗ bensmittel zu und ſorgten, daß die Verwundeten an Pflege nicht Mangel litten. Viele nahmen ſogar am unmittelbaren Kampfe Theil. Nie bot Paris, jene Stadt, die für die Freiheit der . Völker ſchon ſo viel gelitten, einen mörderiſchern und zugleich erhabenern Anblick dar. Die ganze Bevölkerung hatte ſich wie mit einem Donnerſchlag zum Schutze der Stolle, Schriften. Suppl. I. 98 Geſetze erhoben. Weder in den einſtigen Religions⸗ und Bürgerkriegen, noch in den Schreckenstagen der Revolution, noch beim Sturme der Alliirten wurde mit ſolchem Heldenmuthe gefochten, floß das Blut ſo reich⸗ lich, wie an dieſem heißen Julitage. Jedes Haus ward zur Feſtung, jede Straße zu einem Termopylä gegen die königlichen Truppen. So wie die Colonnen in eine Straße eindrangen, rauſchte der Tod hundertfach von allen Seiten auf ſie nieder. Aus allen Fenſtern ward geſchoſſen, wurden Steine ge⸗ ſchleudert; man deckte Dächer ab und ſtreckte die Soldaten mit Ziegelſteinen zu Boden. Ganze Schornſteine wälz⸗ ten ſich in die Straßen herab und zerſchmetterten die Kämpfer Karl's des Zehnten. War mit Hülfe des Kanonenfeuers und der Sapeurs eine Barricade genommen, ſo zogen ſich die Verthei⸗ diger ſogleich hinter eine zweite zurück. Auf dem Thurme des Palais Royal, das gänzlich geſchloſſen und mit Truppen ſtark beſetzt war, ſchlug es Nachmittag vier Uhr, da brauſ'te es in der Ferne wie die Wogen eines Weltmeeres; die Vorſtädte Saint Antoine und Marceau waren im Anzuge. Unter dem Geſange der Marſeiller Hymne und der Carmagnole trafen jene wilden Schaaren, ein kräftiger, handfeſter und fanatiſcher Menſchenſchlag mit den Soldaten Karl's des Zehnten zuſammen. Das Kanonenfeuer erreichte eine fürchterliche Höhe. Vergebens würgten Kartätſchen und Kanonenkugeln in den dichtgedrängten Maſſen. Die Lücken füllten ſich augenblicklich mit neuen Streitern. Furchtbar brannte die Sonne. Blut und Schweiß ſtrömten aus Poren und Wunden. Der gemeinen pariſer Bevölkerung be⸗ mächtigte ſich jene Kampfwuth, welche tollkühn in Tod und Gefahr treibt. Hoch flatterten die dreifarbigen 99 Fahnen; wo ſich Nationalgardiſten und polytechniſche Schüler zeigten, wurden ſie mit enthuſiaſtiſchem Zuruf begrüßt.„Vive la charte!“ Dieſer Ruf ſcholl tauſend⸗ und abertauſendfältig zum Himmel. Oft vernahm man das„A bas les Bourbons!“ Auch„vive la repu- blique“ und„vive F'empereur“ wurden häufig gerufen. Als ſich der Abend ſenkte, bedeckten Tauſende von Erſchlagenen das Pflaſter von Paris. Die königlichen Truppen waren faſt überall zurückgeworfen, behaupteten aber noch eine concentrirte Stellung inmitten der Stadt. Noch in der Dunkelheit ſielen Schüſſe. Ganz Paris arbeitete jetzt mit unermüdlicher Beharrlichkeit die ganze Nacht hindurch an den Barricaden. Reuntes Rapitel. Ottotnr, von den Kämpfen des Tages ermüdet, hatte ſich in ſeiner Wohnung auf das Sopha geſtreckt, aber konnte nicht einſchlafen. Das ganze Haus befand ſich in Aufregung; überall war man mit der Vertheidigung für den nächſten Morgen beſchäftigt Unmittelbar vor dem Hauſe baute man an einer rieſenhaften Barricade, wozu die ſtärkſten Balken verwendet wurden. Ein ehe⸗ maliger Ingenieurofficier der kaiſerlichen Armee leitete den Bau, und zwar ſo, daß zwei Schießſcharten offen blieben, hinter welchen zwei Kanonen ſtanden, die das Volk noch am ſpäten Abende der königlichen Garde genommen hatte. Wie ein Traumbild zog das Erlebte an Ottokar's innerm Geſicht vorüber. 7 „Fürwahr,“ ſprach er zu ſich,„die Franzoſen ver⸗ dienen den Namen einer großen Nation. Ein Volk, das ſo einmüthig Blut und Leben für ſeine Freiheit einſetzt, verdient auch frei zu ſein. Wir Deutſchen haben große Vorzüge; aber einen ſolchen Kampf machen wir den Franzoſen nicht nach. Wir würden in ähn⸗ lichen Fällen erſt philoſophiſche Unterſuchungen über das, was zu thun wäre, anſtellen, und erſt dann zu den Waffen greifen, wenn alle deutſche juriſtiſche Facultäten es einſtimmig beſtätigt hätten, daß uns wirklich zu viel geſchehen; und ſelbſt dann würde noch die große Mehr⸗ zahl Bedenken tragen.“ „Der Guido hat wie ein Gott gefochten,“ fuhr er fort,„das iſt ein wahrhafter Franzoſe, ebenſo exal⸗ tirt, leichtſinnig und tapfer wie der beſte Pariſer. In ihm erkennt man das deutſche Blut nicht wieder. So lange der Kampf dauert, wird er ſeine Sachen gut machen; aber wie es dann werden ſoll, wenn der Thron Karl's des Zehnten umgeſtürzt iſt, mag der Himmel wiſſen. Von Guido's politiſchen Exaltationen iſt das Schlimmſte zu fürchten. Sein drittes Wort iſt Republik, und leider findet daſſelbe auch bei vielen ſeiner jugendlichen Kampfgenoſſen den größten Anklang; und gleichwohl wiſſen die jungen Leute nicht, was ſie wollen. Sie begreifen nicht, daß für die heutige fran⸗ zöſiſche und europäiſche Geſellſchaft Republik ein Un⸗ ding iſt. Ich gehöre nicht zu jenen Predigern des Abſolutismus, welche fortwährend rufen, die Völker ſeien für dieſe oder jene Freiheit noch nicht reif; aber eine Republik wäre ein Sprung und ſolche Sprünge im Staatenleben haben allemal nur traurige Reaction zur Folge.“ Die Thür ward aufgeriſſen und Freund Severin trat haſtig herein. — 101 „Schläfſt Du ſchon?“ frug er, und als Ottokar verneinte, fuhr er fort: „Mit Karl dem Zehnten iſt es aus, rein aus. Seine Majeſtät haben aufgehört zu regieren, und die Herren Miniſter können zuſehen, wo Freund Zimmer⸗ mann das Loch offen gelaſſen hat. Das Volk iſt wüthend, und wenn man der ordonnanzirenden Herren habhaft wird, dürften ſie an der erſten beſten Laterne baumeln. Die Equipage Polignac's hat man heut' Nachmittag kurz und klein gemacht. Es war ein Glück, daß Seine Excellenz, der Ordonnanzengeneral, nicht darin ſaß. Es wäre um ihn geſchehen geweſen.— Uebrigens wird morgen Napoleon der Zweite proelamirt; den muß Oeſtreich herausgeben, wie er leibt und lebt. Wir haben das ſo eben in einer Verſammlung von Freun⸗ den des Kaiſers auf's Reine gebracht; es waren lauter erfahrene Officiere, die alle Angriffe und Vertheidi⸗ gungen geleitet haben; ohne ſie wären wir lange nicht ſo weit. Das ſieht auch das Volk ein und iſt ganz auf ihrer Seite. Die Bourbonen hat nun zum dritten Male der Schlag gerührt; beim dritten Schlage aber iſt der Menſch vollkommen todt; was wollen die Bour⸗ bonen vor andern Sterblichen voraushaben?“ „Iſt denn nichts zu trinken da?“ fuhr er nach einer Pauſe fort, indem er im Zimmer umherſpionirte. „Ich habe mich in der Verſammlung ganz heiſer und durſtig geſprochen. Der Kaiſer muß mir's im Grabe gi wiſſen, was ich für ſeinen Herrn Sohn gethan abe.“ „Aha, hier ſteht noch ein halb Fläſchchen Chateau la rose. Das iſt ſehr probat. Ottchen, wir ſind zu einer herrlichen Zeit nach Paris gekommen. Ich bereu' es nicht, Dir gefolgt zu ſein. Hier kann man's zu Etwas bringen. Wir können alleſammt politiſche Grö⸗ 3 102 ßen werden, Europa zittern machen, wenn wir das Ding einigermaßen geſcheut anfaſſen. Ich habe heut' das Volk durch mein fortwährendes Vive'empereur außerordentlich begeiſtert; obſchon ich gleich einem klu⸗ gen General nicht ſo vorwitzig war, mich in die erſten Reihen zu ſtellen.“ Ottokar erkundigte ſich jetzt nach Guido, den er ſeit den ſpätern Nachmittagsſtunden nicht wieder ge⸗ ſehen hatte. „Er hat eine allerliebſte Armwunde,“ erzählte Barthel,„welche ihn dermalen ſein Adeel'chen wahr⸗ ſcheinlich verbindet. Das iſt ein ſcharmantes Weibchen — ich habe ihre Bekanntſchaft gemacht— unterneh⸗ mend, feurig, etwas coquet, eine ächte Franzöſin; ich kann Guido's Geſchmack nur loben; aber mit ſeiner einfältigen Republik ſoll er mir vom Leibe bleiben. Ich habe noch keinen Menſchen in eine politiſche Idee ſo vernarrt geſehen, wie Deinen Bruder. Was das Schlimmſte, auch der alte Freiheitsſchwärmer Lafayette ſoll für die Republik ſein und der hat unverſchämten Anhang; auf den kommt Alles an. So viel iſt gewiß, wird die Republik proclamirt, ſchnüren wir ſo ſchleu⸗ nig als möglich unſer Bündel; denn dann iſt man keine Stunde mehr ſeines Kopfes ſicher.“ „Glaubſt Du denn wirklich,“ frug Ottokar düſter, „daß eine wahrhafte Liebe die beiden Leute, Du weißt, wen ich meine, feſſelt, und daß die arme Veronika ganz vergeſſen iſt?“ „So eine deutſche Liebe,“ erwiderte Severin,„die ſich auf's Innigſte verſchwiſtert und ſich treu bleibt bis in Tod, iſt's nicht; es ſind ein paar exaltirte Leutchen, die ſich zufällig getroffen haben und nun Arm in Arm eine Strecke dahin wandeln. Guido liebt eigenklich bioß die Republikanerin in Adelen und 103 wenn Veronika einen dreifarbigen Shawl umbände, würde er auch vor ihr anbetend niederknieen.“ „Ich bezweifle jetzt,“ ſprach Ottokar,„daß wir ihn ſo ſchnell von hier werden fortbringen können.“ „So lange noch Ausſicht zu einer Republik vor⸗ handen,“ meinte Severin,„iſt nicht daran zu den⸗ ken. Falls aber, was ſo gut wie gewiß iſt, mein klei⸗ ner Napoleon auf den Thron kommt, läuft er von ſelbſt davon.“ „Wie ſieht's denn ſonſt in der Stadt aus?“ er⸗ kundigte ſich Ottokar. „Ganz ſcharmant,“ wär die Antwort;„alle Welt, Jung und Alt, Groß und Klein, Vornehm und Ge⸗ ring arbeitet an den Barricaden. Die Nationalgarde iſt faſt ſämmtlich wieder auf den Beinen. Morgen zählt ſie bereits vierzigtauſend Mann. Ein paar Li⸗ nienregimenter ſind gleichfalls zum Volke übergegangen. Was hat es da für Noth? Zwar wird man die Tui⸗ lerien, den Louvre, das Stadthaus nicht ſo leichten Kauf's bekommen. Marmont wird noch etwas die Zähne weiſen; aber daß die Nationalſache ſiegt und Karl verloren, das iſt eine ausgemachte Sache.“ „Wenn dieſe Kanonen über den Rhein klingen,“ frug Ottokar,„ob es nicht auch in Deutſchland ein⸗ Wenig laut werden wird?“ „Die Philiſter werden ſchön die Ohren ſpitzen,“ erwiederte Severin,„aber zum Kriege mit ihnen kommt's nicht; mit Ausnahme, wenn Oeſtreich ſich weigert, den kleinen Napoleon herauszugeben.“ „So die Republikaner ſiegen,“ ſprach Ottokar, „gibt's einen Weltbrand.“ „Unbeſtritten,“ geſtand Severin zu.„Dann aber ruf' ich mit Papageno: 104 „O wär' ich eine Maus, Wie wollt' ich mich verſtecken, Wär' ich ſo klein wie Schnecken, Ich kröche in mein Haus.“ Ein hundertſtimmiges„Vive la republique“ drang jetzt von der Straße herauf. „Da hörſt Du ſie,“ ſprach Severin,„es iſt Schade, daß Guido nicht hier iſt, der finge gleich mit zu ſchreien an. Aber was haben denn dieſe Thebaner da unten? Es muß etwas Außergewöhnliches vorge⸗ fallen ſein.“ Mit dieſen Worten eilte der Sprecher an's Fenſter. Mehrere Fackeln beleuchteten die rieſenhafte Barricadé, die bis zur Belletage empor ragte. Von einer unge⸗ heuern Volksmenge umringt, ſchienen zwei Reiter in Mäntel gehüllt und mit Federhüten das improviſirte Bollwerk zu beſichtigen. „Es ſind ein paar Nationalgardenofficiere,“ ſprach Severin,„die die Barricade in Augenſchein nehmen.“ Ottokar, der gleichfalls zum Fenſter getreten war, wollte in dem einen der Graumäntel den General Ge⸗ rard erkennen. Plötzlich wendete der eine der Reiter ſein Geſicht, ſo daß es von den Fackeln beleuchtet wurde. „Alle Wetter,“ rief Severin,„das iſt ja der alte Lafayette, wie er leibt und lebt; ich denke, der ſitzt noch in Lagrange. Ja wo's Krawall gibt, iſt er gleich bei der Hand.“ Ottokar wollte ſich noch immer nicht überzeugen, daß es der alte Freiheitsheld ſei, als ein unermeßliches „Vive Lafayette“ emporſcholl, worin die beiden Freunde tapfer mit einſtimmten. „Nun, willſt Du es deutlicher haben?“ frug Se⸗ verin. 105 Eine plötzlich eingetretene Stille auf der Straße zeigte an, daß von einem der beiden Reiter Etwas ge⸗ ſprochen werde. Ottokar und Severin ſteckten lauſchend die Köpfe zu den Fenſtern hinaus. „Nur Muth, meine Freunde,“ ſprach Lafayette's Stimme,„Einheit und Ausdauer. Der Sieg iſt der Freiheit, und dießmal ſoll ihn kein Tyrann wieder ſtreitig machen.“ Maßloſer Jubel war die Antwort. Der General ritt weiter, um die andern nächtlichen Vertheidigungs⸗ anſtalten in Augenſchein zu nehmen, und das Volk durch ſeine Perſönlichkeit in der Begeiſterung für den Freiheitskampf zu beſtärken. Trotz ihrer Müdigkeit ſchauten die beiden Deutſchen in der ſchönen Julinacht noch eine geraume Zeit aus dem Fenſter. „Es iſt doch ſonderbar,“ begann Severin,„wir Deutſchen ſind für die Freiheit eines fremden Volkes weit allarmirter als für die unſre. Ich glaube nicht, daß man im Vaterlande, wenn der Tanz losginge, ſo⸗ gleich mit losſchlagen würde wie hier; die Sache geht uns eigentlich gar nichts an. Es muß in der Pariſer Luft liegen. Und über Dich, friedliche Seele, hab' ich mich außerordentlich gewundert.“ „Die Sache, die hier ausgefochten wird,“ erwi⸗ derte Ottokar,„iſt die Sache jedes gebildeten Euro⸗ päers; es iſt keine bloß franzöſiſche Frage, es iſt eine Frage des allgemeinen Rechts, der allgemeinen Frei⸗ heit gegen den Despotismus und ſomit eine Ange⸗ legenheit jedes die Freiheit und Unabhängigkeit lieben⸗ den Mannes.“ „Du brauchſt Dich bei dieſer Revolution nicht eben zu bedanken,“ erwiderte Severin nach einer Pauſe, 5 106 „Deine brillanten Empfehlungsbriefe kannſt Du getroſt zu Fidibuſen verſchneiden. Wir Beide ſind jetzt mäch⸗ tiger als der Herr Graf von Peyronet und Conſorten.“ Ottokar fuhr jetzt plötzlich vom Fenſter auf. „Da fällt mir auch ein,“ ſprach er,„daß ich den Brief unſers wackern Gaftfreundes, des Herrn von Benno, an ſeinen Reffen abzugeben vergeſſen habe. Das iſt mir wahrhaft fatal.“ „Die Revolution kam uns zu ſchnell über den Hals,“ entſchuldigte Severin,„Du mußt Dich nun gedulden, bis die Schlacht zu Ende iſt. Dermalen iſt Herr Arthur vom Stern als königlicher Gardehaupt⸗ mann unſer Feind, und ſteht bewaffnet gegenüber. Heb' Deinen Brief für friedlichere Zeiten auf.“ Während Ottokar und Severin ſich noch über den Gardehauptmann unterhielten, ſaß dieſer als National⸗ gardiſt verkleidet, im heimlichen Boudvir der ſchönen Adele von Montfort. Es war ein ſchöner, kräftig gebauter Mann mit männlich ausgeprägten Zügen und ſchwarzem Kraus⸗ kopf. Adelen's Augen ruhten mit ſichtbarem Wohlge⸗ fallen auf ihrem zweiten begünſtigten Verehrer, deſſen finſtre Stirnwolken ſie durch liebenswürdige Schalkhaf⸗ tigkeit und Neckerei zu verſcheuchen bemüht war. „Schöne Schlange,“ begann nach langem Schwei⸗ gen der Hauptmann,„läugne nicht länger, der Graf Guido von Hohenſtein iſt mein Nebenbuhler.“ Die Franzöſin guckte mit unbefangenen, lächeln⸗ den Blicken dem Frager unter die buſchigen Augen⸗ brauen. „Ich will es geſtehen,“ ſprach ſie,„ich hab' ihn nicht ungern; gefährlich iſt er Dir indeß nicht; ſei unbeſorgt.“ 107 „Ich kann aber den Gedanken nicht ertragen,“ fuhr der Hauptmann auf,„Dich nicht allein zu beſitzen; Adele, laß mich ein Wort im Ernſte ſprechen.“ „Nichts, nichts,“ rief die junge reizende Wittwe, indem ſie mit beiden Händen die Ohren zuhielt; ihr Deutſchen ſeid unausſtehlich mit Euerm Ernſte.“ „Adele,“ bat der Hauptmann in flehendem Tone, „entſage dem Grafen, verſprich mir das; du weißt wie innig ich Dich liebe. Es iſt vielleicht das Letztemal, daß ich mit Dir ſpreche; Kampf und Gefahr wird mit dem beginnenden Morgen furchtbarer denn je. Die Todeskugel für mich liegt vielleicht ſchon im Rohre; verſage mir meine letzte Bitte nicht, quäle mich nicht länger mit peinigender Ungewißheit.“ „Ich liebe Dich ja, mein Arthur,“ ſprach Adele und eine Thräne trat in das Auge des leichterregbaren Weibes. Der Hauptmann erfaßte ihre Hand. „Wohlan, ſo verſprich mir, dem Grafen keinen Zutritt mehr zu verſtatten. Es iſt dieß ein Opfer, welches nur die reinſte Liebe verlangt; nur dann werd' ich heiter in Kampf und Tod gehen, wenn ich weiß, daß ich allein Dein Herz beſitze.“ „Gott,“ ſprach unmuthig die Franzöſin,„ſeid ihr eigennützige Geſchöpfe. Arthur, Du verlangſt Un⸗ billiges.“ „Unbilliges?“ frug der Hauptmann, indem er auf⸗ ſtand,„Adele, dann glaube ich, haben wir uns nie verſtanden. Lebe wohl!“ In den letzten Worten ſprach ſich ein ſo tiefer Schmerz aus, daß Adelen die Thränen hervorſtürzten. Sie eilte auf den Hauptmann zu und zog ihn zurück. „Abſcheulicher,“ rief ſie,„iſt das der Dank für meine Liebe.“ 108 „Liebe?“ frug Arthur,„ich fordere Beweiſe, un⸗ terſage dem Grafen Deine Wohnung.“ „Aber Arthur, bedenke!“ „Unterſage dem Grafen Deine Wohnung,“ wieder⸗ holte der Hauptmann. Adele hatte ihren Kopf in die Sophaecke gedrückt und gab keine Antwort. Eine lange Zeit ruhten die Blicke Arthur's auf der ſchönen Geſtalt. Dann verließ er ſchnell, ohne ein Wort zu verlieren, das Gemach. Adele fuhr vom Sopha empor. „Arthur, Arthur,“ rief ſie dem Davongeeilten nach; keine Antwort erfolgte. Sie bedeckte das Ge⸗ ſicht mit beiden Händen und ſchien zu weinen. Dann ſtand ſie auf, fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle ſie eine unangenehme Erinnerung verwiſchen und trat vor den Spiegel, wo ſie ihre Haare in Ordnung brachte. Vor dem Fenſter brannten noch die goldnen Per⸗ lenſchnuren der Illumination. Da am vorhergehenden Tage alle Laternen zerſchlagen worden waren, ſo illu⸗ minirten die Hausbewohner freiwillig, damit den Bar⸗ ricadenbauern die Arbeit erleichtert werde Adele trat an das eine der flammenden Fenſter und ſchaute nach dem Volksgewühl hinab. Da ſie als Patriotin bekannt war, ſo jubelte das Volk herauf. Sie verneigte ſich dankend; und gleich darauf ſtürmte Guido, den Arm in der Binde, in's Gemach. Er kniete begeiſtert vor ihr nieder. „Ich habe Dich von der Straße aus geſehen,“ rief er,„Du biſt überirdiſch ſchön, reizend wie die junge Göttin der Freiheit, die jetzt mit ihrem Flammen⸗ ſchwerte durch das heilige Paris geht und Gericht hält über die Tyrannen.“ 109 „Ja, meine Adele,“ fuhr er voller Begeiſterung fort,„der letzte Morgen der Tyrannei bricht an. Es wird noch viel Blut koſten, aber dann iſt auch der Sieg unſer und wir umarmen uns in einer freien Welt.“ Adele, welche ſich auf das Sopha geſetzt hatte, hörte mit ſcheinbar großer Ruhe der emphatiſchen Rede Guido's zu. Dann ſprach ſie langſam, ſtrafend: „Aber über die Freiheit ſoll man die Liebe nicht vergeſſen, mein Freund; wer wollte denn in den Abend⸗ ſtunden kommen? Endlos lange Stunden hab' ich ge⸗ harrt und gehofft, und vergebens.“ „Es war mir unmöglich, theures Leben,“entſchul⸗ digte ſich Guido,„wir mußten den Feind noch aus der Rivoliſtraße werfen; ſonſt würde er ſich dieſe Nacht dort feſtgeſetzt und uns morgen doppelte Arbeit gemacht haben.“. „Der Liebe iſt Nichts unmöglich,“ ſprach Adele noch immer ſchmollend. „Doch, doch, mein Leben,“ erwiderte Guido;„es kann Fälle geben, Zeiten der Gefahr, wo die Liebe gehorchen muß, wenn die Freiheit ruft.“ „Dann iſt es keine wahre Liebe,“ erwiederte Adele. „Wie ſprichſt Du wieder, ſüßes Weſen? wer könnte wahrhafter lieben, als ich Dich liebe? aber wenn die Freiheit ruft, wer wollte da nicht Alles vergeſſen. Ja, ja, ſetzte er exaltirt hinzu, ſelbſt die Liebe kommt erſt nach der Freiheit.“ „Nein, mein Freund,“ beharrte Adele,„die Liebe kommt vor der Freiheit.“ Guido ſprang bei dieſen Worten auf. „Was muß ich hören?“ frug er leidenſchaftlich; „Adele, iſt es Deine wirkliche Ueberzeugung? Die Freiheit wäre Dir nicht das Höchſte? Eben deshalb liebe ich Dich mit aller Gluth des Herzens, weil Du 110 wie ich fühlſt für ſie. Sollte ich mich betrogen haben, Adele?“ Dieſe reichte jetzt lächelnd ihre Hand hin. „Hitzkopf,“ ſprach ſie,„ſetz' Dich, und komm' zur Ruhe, Du wirſt Deiner Wunde ſchaden. Nimm Platz an meiner Seite, zeige her Deinen Verband, er hat ſich ja ganz verſchoben.“ Mit liebenswürdiger Geſchicklichkeit brachte ſie den Verband wieder in Ordnung. Schmerzt Dich die Wunde, mein Guido?“ frug ſie in weichem Tone. „Es iſt nicht der Rede werth,“ antwortete der Jüngling,„ich wünſchte, der Hieb des Dragoners wäre tiefer gedrupgen, daß ich zum Andenken an den glor⸗ reichen Tag eine Narbe behielte zeitlebens.“ „Gottloſer,“ ſchalt die Franzöſin,„danke dem Himmel, daß Du ſo gnädig davon gekommen.“ „Apropos,“ fuhr ſie fort,„Du wollteſt mir ja Deinen Bruder vorſtellen; und haſt nicht Wort ge⸗ halten.“ „Laß uns nur erſt da draußen auf den Straßen zur Ruhe kommen,“ erwiderte Guido,„dann ſollſt Du ihn ſogleich kennen lernen. Er hat ſich vortrefflich ge⸗ ſchlagen. Ich hätte das dem Philiſter gar nicht zuge⸗ traut; und Muth hat er, daß ich erſtaunt bin; nicht einen Muth, der blind darauf'nein geht, ſondern jenen Muth der Ausdauer und Beharrlichkeit, der uns beim heutigen Kampfe von weſentlichem Nutzen war.“ „Herr Severin kann mir nicht gefallen,“ fuhr Adele fort,„er verſteht nicht mit Damen umzugehen.“ „Das möchte ſein,“ erwiederte Guido,„aber er iſt ein wahnſinniger Napoleoniſt, mit dem ſchlechter⸗ dings kein Auskommen iſt.“ „Ueberhaupt,“ fuhr Guido fort,„werden wir in der nächſten Zeit noch viel Drangſal Kit dieſen neu⸗ 111 erſtandenen Napoleoniſten erleben; ſie ſind gar nicht ſo unbedeutend als ich geglaubt habe und beſtehen faſt ſämmtlich aus gedienten Leuten.“ „Wer wird denn auf den Thron kommen, ſobald Karl der Zehnte geſtürzt iſt?“ frug Adele mit vieler Unbefangenheit. „Und das kannſt Du fragen?“ rief Guido er⸗ ſchrocken die Hände zuſammen ſchlagend,„was denn anders als Republik?“ „Ich meinte nur,“ erwiderte einkenkend die junge Wittwe,„ob wieder Convent wird oder Conſulat?“ „Unbeſtritten Präſidentſchaft,“ ſprach Guido,„wie in Nordamerika, mit Einer Volkskammer; das iſt die vernünftigſte Regierungsform.“ 5 „Wenn nur nicht wieder das Sanscülottenweſen Mode wird, und die abſcheuliche Guillotine,“ meinte Adele. „Mein Kind, das kann man Alles nicht wiſſen,“ gab Guido achſelzuckend zur Antwort;„es kommt dar⸗ auf an, wie ſich die Feinde der jungen Freiheit be⸗ nehmen. Die Bourbonen ſelbſt find gefahrlos; aber mit den erwähnten Bonapartiſten kann es blutige Köpfe koſten, und kommt gar die heilige Allianz angewackelt, ſo ſind Guillotine und Schreckenherrſchaft die einzigen Mittel, Frankreich die ehemalige furchtbare Größe wie⸗ der zu verleihen.“ Trommelton rief die Beiden an das Fenſter. „Die Pflicht ruft,“ ſprach Guido, umſchlang das ſüße Weib und drückte einen Kuß auf ihre Stirn; „leb' wohl, mein Leben.“ „O weile noch ein Wenig,“ bat Adele. „Die Freiheit ruft ihre Kämpen,“ wiederholte der Jüngling mit erhabener Stimme;„eine Göttin darf man nicht warten laſſen.“ 112 Er ſtürmte fort. Adele ſchaute ihm finnend nach. „Er iſt mir zu ſehr Phantaſt,“ ſprach ſie;„wenn ich nicht in ſeine republikaniſchen Tiraden einſtimme, bin ich ihm nichts. Die Rolle der Republikanerin hat mich ſchon viel Mühe gekoſtet. Er iſt zwar ſehr hübſch; aber ich hätte den Hauptmann nicht ſo feindſelig ent⸗ laſſen ſollen.“ Sie klingelte. Das Kammermädchen erſchien. „Die einfältige Revolution,“ ſprach ſie,„hat mich die ganze Nacht gekoſtet, entkleide mich, ich will den Schlaf nachholen.“ Die Gewänder fielen, und ruhig, als herrſche der tiefſte Frieden in Paris, ging Adele in ihr Schlafgemach. Zehntes Rapitel. De Morgen des neunundzwanzigſten Juli graute. In allen Stadtvierteln von Paris raſſelten die Trom⸗ meln, die Sturmglocken erhoben von Neuem ihr un⸗ unterbrochnes Geläut; die Nationalgarde trat unter die Waffen; zahlloſe Volksmaſſen ſtrömten aus den Vorſtädten herbei und als die erſten Strahlen des jun⸗ gen Tages Paris beleuchteten, glich es einem ver⸗ ſchanzten Lager. Die königlichen Truppen hatten ſich um den Car⸗ rouſſelplatz conzentrirt. Der Herzog von Raguſa be⸗ fahl einen allgemeinen Angriff. Es erhob ſich ein Kanonen und Kleingewehrfeuer, wie man es noch nie vernommen hatte. Mit bewundernswerthem Muthe ſtürzte das Volk, von alten Militairs und polytechni⸗ ſchen Schülern angeführt, gegen die königlichen Batte⸗ rieen. Viele Kanonen wurden genommen und ſogleich 113 gegen die Truppen gerichtet. Da verbreitete ſich plötz⸗ lich die Nachricht, daß das dritte und dreiundfunfzigſte Linienregiment, welches den Vendomeplatz beſetzt hielt, zu dem Volke übergegangen ſei Ein unermeßliches „Vive la ligne!““ ſcholl durch die Lüfte und begeiſterte die Pariſer zu den heldenmüthigſten Anſtrengungen. Der Herzog von Raguſa, der durch den Uebertritt der beiden Regimenter ſeine Communieation bedroht ſah, fand ſich zum Rückzuge veranlaßt und bewerkſtelligte dieſen unter fortwährendem Kanonenfeuer. Jetzt wogten die Fluthen des Volksmeeres gegen die Tuilerien, das Hotel der Invaliden, das Palais Royal und das Stadthaus, welche ſämmtliche weitläu⸗ fige Paläſte feuerſpeienden Vulkanen glichen. Jedes Fenſter ward zur todtbringenden Hölle. Die Schwei⸗ zerregimenter, welche die Tuilerien vertheidigten, ſchmet⸗ terten durch ihr conzentrirtes verheerendes Feuer die Angreifer zu Hunderten zu Boden. Fortwährend tönte der Sturmmarſch, hunderttau⸗ ſendſtimmiges„Allons enfans“ ſcholl zum Himmel. Da flogen plötzlich eine Secunde lang Aller Blicke nach der himmelanſtrebenden Notre Dame. Unſägliches Ju⸗ belgeſchrei erfüllte die Lüfte, in den Augen Tauſender erglänzten Thränen. Viele umarmten und küßten ſich. Es war ein Augenblick, an welchen die Weltgeſchichte nicht reich iſt— auf den Zinnen des großen Domes wehte die— dreifarbige Fahne. Zweimal war ſie dort oben von Franzoſenfeindlicher Hand in den Jahren 1814 und 1815 herabgeriſſen worden. Jetzt hatte man ſie zum drittenmale aufge⸗ pflanzt und keine ſterbliche Hand wird mächtig genug ſein, ſie von da zum drittenmal herabzuſtürzen. Ueber Berge von Leichen war es endlich dem Pa⸗ Stolle, Schriften, Supplem. I. 8 114 riſer Volke gelungen, an deſſen Spitze Guido wie ein Löwe kämpfte, das Thor der Tuilerien zu erreichen. „Oeffnen Sie,“ rief der junge Deutſche dem hier commandirenden Officier zu;„oder Sie ſind alle ver⸗ nichtet. Die Macht iſt auf Seiten der Freiheit und des Volkes.“ „Mit Rebellen wird nicht unterhandelt,“ antwor⸗ tete der Officier und drückte ſein Piſtol auf Guido ab. Es verſagt, und dieſer ſetzt nun ſeinen Degen auf die Bruſt des Gegners. „Ihr Leben iſt in meiner Gewalt,“ rief er,„aber ich tödte keinen Waffenloſen.“ Da riß der Officier des Königs ſeine Orden von der Bruſt. „Tapfrer, junger Mann,“ ſprach er,„Niemand iſt würdiger als Sie, dieſe Zeichen der Ehre zu tragen; empfangen Sie dieſelben aus meiner Hand— Ihr Name?“ „Hohenſtein aus Deutſchland!“ antwortete Guido. Der Officier erbleichte. „Ich bin Ihr Gefangener,“ ſprach er,„ſchützen Sie mich vor der Wuth des Volks. Ich will den ehr⸗ lichen Tod eines Soldaten ſterben, aber mag nicht vom Pöbel zerriſſen werden. Auch glaube ich Ihnen in die⸗ ſem Leben noch einen Dienſt erweiſen zu können.“ „Fürchten Sie nichts,“ erwiderte Guido,„das Volk, obſchon Sieger, wird ſeine Großmuth nicht ver⸗ leugnen.“ Unterdeß ſtürmten die Maſſen immer gewaltiger gegen das Thor des Königsſchloſſes. Die Verthei⸗ diger wichen und man bemächtigte ſich der glänzenden Hallen. Staub⸗ und blutbedeckte Ouvriers durcheilten die goldnen Säle; aber Niemand befleckte ſich durch Raub an den zahlreichen koſtbaren Gegenſtänden. Nur 115 das Krönungsgemälde Karl's des Zehnten ward von zwanzig Flintenkugeln durchlöchert. Dagegen ehrte man das Bildniß Ludwig's des Achtzehnten. „Schont dieſen,“ riefen viele Stimmen,„er iſt der Verfaſſer der Charte.“ Ein Zögling der polytechniſchen Schule, welcher in einem der Säle von den retirirenden Schweizern erſchoſſen worden war, wurde auf den königlichen Thron niedergelegt. Bald flaggte auch auf den Tuilerien die dreifarbige Fahne und immer ent⸗ fernter tönten die Kanonen des Herzogs von Raguſa, der ſich mit ſeinen geſchmolzenen Colonnen nach den eliſäiſchen Feldern zurückzog. Endlich fiel auch das Stadthaus, wiewohl mit furchtbarem Kampfe und großem Blutvergießen in die Hände des Volks. Der König mit ſeinem ganzen Hauſe, ſämmtliche Miniſter, alle Polizeibehörden wa⸗ ren entflohen; überall vernichtete man die Embleme des Königthums; nirgends erblickte man eine Lilie oder die weiße Flagge und am hohen Nachmittage bereits erſchien die berühmte Proclamation des alten Freiheits⸗ helden Lafayette's, die der königlichen Sache den Todes⸗ ſtoß verſetzte. Sie lautete: Meine theuren Mitbürger und Ka⸗ meraden! „Das Vertrauen des Volks von Paris ruft mich noch einmal zum Kommando ſeiner öffentlichen Macht. Ich habe mit Hingebung und Freude die mir anver⸗ trauten Pflichten übernommen, und wie in dem Jahre 1789 fühle ich mich ſtark durch die Genehmigung der in Paris verſammelten Deputirten. Ich mache kein Glaubensbekenntniß. Meine Geſinnungen ſind bekannt. Das Betragen der Pariſer in dieſen letzten Tagen macht mich mehr als jemals ſtolz, an der Spitze derſelben zu 8* 116 ſtehen. Die Freiheit muß ſiegen oder wir gehen zu⸗ ſammen unter. Es lebe die Freiheit, es lebe das Va⸗ terland!“ Lafayette. Bereits am andern Morgen war folgender An⸗ ſchlag, von Seiten der Municipalität von Paris, an allen Straßenecken zu leſen: Einwohner von Paris! „Karl der Zehnte hat aufgehört zu regieren! Da er den Urſprung ſeiner Autorität nicht vergeſſen kann, ſo wird er immer als Feind unſres Vaterlandes und ſeiner Freiheiten, die er nie verſtehen konnte, zu be⸗ trachten ſein. Nachdem er unſre Inſtitutionen heimlich durch alle Mittel angegriffen hatte, welche Heuchelei und Betrug ihm darboten, ſo hatte er, als er ſich für ſtark genug fühlte, ſie offen umzuſtürzen, den Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſie im Blute der Franzoſen zu ertränken. Dank Eurem Heldenmuthe, Bewohner von Paris. Die Verbrechen ſeiner Gewalt haben ihr Ende erreicht. Wenige Stunden reichten hin, diefe verwerfliche Regie⸗ rung zu vernichten, welche nur als eine fortwährende Verſchwörung gegen die Freiheit und Wohlfahrt Frank⸗ reichs betrachtet werden konnte. Die Nation hat ſich erhoben, geſchmückt mit jenen Farben, die ſie ſich mit ſo vielem Blute erobert. Sie verlangt eine Regierung und Geſetze, wie ſie Frankreichs würdig find. Welches Volk in der Welt hätte einen gerechtern Anſpruch auf die Freiheit als das franzöſiſche? Im Kampfe iſt es als Held aufgetreten und hat als Sieger jene Mäßi⸗ gung und Humanität bewieſen, welche in ſo hohem Grade die Fortſchritte der Civiliſation bekunden. —— 117 Einwohner von Paris! Sieger und Euch ſelbſt überlaſſen, ohne Polizei und Obrigkeit, waren Eure Tugenden allein die Stützen der öffentlichen Ordnung. Nie wurden die Rechte eines Jeden gewiſſenhafter be⸗ obachtet. Wir ſind ſtolz darauf, Eure Brüder zu ſein. Die Municipalcommiſſion von Paris ſpricht auch ihre Bewundernng und den Dank des Vaterlands aus. Ihre Grundſätze, ihre Geſinnungen ſind die Eurigen. Statt einer durch fremde Gewalt Euch aufgedrungenen Regierung ſollt Ihr eine haben, die aus dem Willen des Volks hervorgegangen iſt. Es lebe Frankreich! Es lebe das Volk von Paris! Es lebe die Freiheit!“ Je lebensfroher, muthiger und kriegeriſcher es aber in Paris ausſah, wo Alles in Waffen einherklirrte und tauſendſtimmiges Sieges⸗ und Jubelgeſchrei die Lüfte erfüllte; deſto ſtiller, einſamer und niedergeſchlagener war die Stimmung im königlichen Schloſſe zu Saint Cloud, wohin ſich Karl der Zehnte mit ſeiner Familie, ſeinen Höflingen, Miniſtern und den übel zugerichteten Garden zurückgezogen hatte. Die Hofpartei ſchob das Mißlingen des Staats⸗ ſtreichs einzig und allein auf den Herzog von Raguſa, dem man zum Vorwurfe machte, dem Aufſtande nicht gleich im Entſtehen energiſcher und mit Kartätſchen entgegengetreten zu ſein; daß er die Rädelsführer, die rebelliſchen Deputirten nicht verhaftet und endlich gar mit den Aufrührern unterhandelt habe. Der Herzog ward daher bei ſeiner Ankunft nur mit finſtern Blicken empfangen; ja der Herzog von Angouleme vergaß ſich ſo weit, den Marſchall mit dem Namen eines Verräthers zu begrüßen und ihn wieder⸗ holt vor die Bruſt zu ſchlagen. Marmont, ob dieſer Behandlung auf's Aeußerſte gebracht, griff nach ſeinem Schwerte. 118 „Sie ſind Gefangener,“ rief der Prinz, und ver⸗ langte den Degen. Indem der Herzog von Raguſa denſelben überreichte, griff Angouleme mit ſolcher Haſt und Unvorſichtigkeit darnach, daß er ſich an der Hand verwundete. So wie er ſein königliches Blut fließen ſah, rief er nach Hülfe. Grenadiere drangen auf dieſen Ruf in's Zimmer, und als ſie die blutende Hand des Prinzen erblickten, richteten ſie ihre Bayonnette gegen die Bruſt des Mar⸗ ſchalls. Da trat der König Karl der Zehnte in's Zim⸗ mer und ſtiftete Frieden zwiſchen dem Prinzen und dem Herzoge. Seine Majeſtät berief bald darauf einen Miniſter⸗ rath zuſammen. Hier endlich beſchloß man, die Or⸗ donnanzen zurückzunehmen, und die Kammern der De⸗ putirten und der Pairs auf den dritten Auguſt ein⸗ zuberufen. Der Bote eilte mit dieſen Beſchlüſſen nach der Hauptſtadt, kehrte aber bald mit der niederſchlagenden Nachricht zurück, daß die proviſoriſche Regierung, welche in Paris zuſammengetreten, jedwede Unterhand⸗ lung mit Karl dem Zehnten abgelehnt habe. Von allen Seiten liefen die beunruhigendſten Ge⸗ rüchte ein. Eine Stadt nach der andern ſchloß ſich der Revolution an; überall griff die Nationalgarde zu den Waffen; überall wurde die dreifarbige Fahne auf⸗ geſteckt, und an vielen Orten traten die Truppen zum Volke über. In Saint Cloud faßte man jetzt den verzweifelten Entſchluß, ſich nach der ſtets königlich geſinnten Vendee durchzuſchlagen und den Bürgerkrieg zu organiſiren. Die immer mehr überhandnehmende Demoraliſation der in geringer Anzahl noch vorhandenen königlichen Gar⸗ den ließ aber dieſen Plan bald aufgeben. 119 Demnach entſchloß man ſich zur Abreiſe nach Ram⸗ bouillet. Hier angelangt, traf auch bald die Nachricht von der Ernennung des Herzogs von Orleans zum Generalleutnant des Königreichs ein. Karl der Zehnte, der jetzt wohl einſah, daß es mit ſeinem Reich zu Ende, ſchrieb daher nachſtehenden Brief an ſeinen Vetter: „Mein Vetter, ich bin zu tief über das Unglück bekümmert, das meine Völker heimſucht, oder ſie be⸗ drohen könnte. Ich habe daher den Entſchluß gefaßt, die Krone zu Gunſten meines Enkels, des Herzogs von Bordeaux, niederzulegen. Der Dauphin, der meine Geſinnungen theilt, verzichtet gleichfalls auf ſeine Rechte zu Gunſten ſeines Neffen. Sie werden demnach in Ihrer Eigenſchaft als Generalleutnant des Königreichs den Herzog von Bordeaux als Heinrich den Fünften zum Könige von Frankreich ausrufen. Uebrigens wer⸗ den Sie alle Maßregeln, die Ihnen zukommen, treffen, um die Form der Regierung während der Minderjäh⸗ rigkeit des neuen Königs zu ordnen. Hier beſchränke ich mich darauf, meine Geſinnungen kund zu thun. Dieß iſt das einzige Mittel, um vielem Unglücke vor⸗ zubeugen. Sie werden meine Abſichten dem diploma⸗ tiſchen Corps mittheilen und mir ſo ſchnell als mög⸗ lich die Proclamation mittheilen, wodurch mein Enkel unter dem Namen Heinrich der Fünfte zum Könige ausgerufen wird. Ich beauftrage den Generalleutnant von Foiſſac-Latour, Ihnen dieſes Schreiben zu über⸗ bringen. Er hat den Befehl, ſich mit Ihnen über die Anordnung zu Gunſten der Perſonen, die mich begleitet haben, ſo wie über die zweckmäßigen Anordnungen in Betreff meiner Perſon und meiner Familie zu verſtän⸗ digen. Wir werden alsdann die andern Maßregeln anordnen, die die Folgen der Regierungsveränderung ſein werden. Ich erneuere Ihnen, mein Neffe, die 120 Verſicherung der Geſinnungen, mit welchen ich bin Ihr affectionirter Couſin Karl. Allein auch auf dieſe Abdankung zu Gunſten des Herzogs von Bordeaux ließ man ſich in Paris nicht ein. Man ſchickte bloß einige Commiſſaire, welche dem entthronten Könige das Geleit geben ſollten. Da Karl Miene machte, nicht eher weiter zu reiſen, bevor nicht ſeine geſtellten Bedingungen angenommen, und auch überdies eine jährliche Penſion von Vier Millionen Thalern verlangte, ſo kehrten die Commiſſaire nach Paris zurück und erſtatteten Bericht über dieſe Ange⸗ legenheit. Kaum aber ward dieſe Nachricht bekannt, als augen⸗ blicklich funfzigtauſend Pariſer zu den Waffen griffen und gen Rambouillet marſchirten. Dieſe ſo entſchieden ausgeſprochene Demonſtration des Volks gegen Karl den Zehnten raubte der Hoſfpartei den letzten Hoff⸗ nungsſchimmer. Die Begleitung des unglücklichen Mo⸗ narchen ward von Tag zu Tage geringer. Die Mi⸗ niſter, mit Recht die Rache des Volks befürchtend, wa⸗ ren bereits ſeit einigen Tagen in allerhand Verkleidun⸗ gen verſchwunden. Die Reiſe Karl's des Zehnten hatte von jetzt an das Ausſehen eines Leichenzugs. Man legte den Tag nicht über ſechs Stunden zurück. Der König erſchien auf der ganzen Reiſe ſehr niedergeſchla⸗ gen. Weniger war dies bei der Dauphine der Fall, welche einen einfachen zerknitterten Strohhut trug. Die Herzogin von Berry ging in männlicher Kleidung; in einem grünen Reiſeüberrock mit ſammtnem Kragen und, weiten Pantalons; die Haare über die Stirn geſtrichen, ihre beiden Kinder zur Seite. Sie war ſehr angegrif⸗ fen. Ein und derſelbe Wagen enthielt die ganze kö⸗ nigliche Familie. Es war ein vergoldeter Hofwagen, 121 von acht Paradepferden gezogen; auf dem Bedienten⸗ tritte waren mehrere Bunde Heu aufgepackt. Nur we⸗ nige Compagnien Garden marſchirten vor und hinter dem Wagen. Der Marſchall Marmont ritt an der Spitze der wenigen verbliebenen Officiere. Den ſelt⸗ ſamſten Anblick bei dieſem Zuge aber gewährten einige Leute mit magerem, ſchwarzgalligem Antlitz, die mit bloßen Füßen und die Hände auf dem Rücken, die Blicke zur Erde gerichtet, ganz maſchinenmäßig neben dem Wagen herſchritten; ganz in die Betrachtung ihres Mißgeſchicks verſunken. Trotz der groben Gewänder, womit ſie bekleidet, waren ſie leicht zu erkennen. Es waren Jeſuiten, die am Hofe Karl's des Zehnten eine Rolle geſpielt und nun nirgend eine Freiſtätte gefunden, als in dem traurigen Zuge. In allen Orten, durch welche die verbannte Familie zog, ſtrömte das Volk; aber da war unter den Tau⸗ ſenden keiner, welcher das Unglück verhöhnte. Man beobachtete überall ein düſtres Schweigen. Die Stille ward durch kein Wort, keinen Zuruf, keinen Vorwurf unterbrochen. Auf allen Geſichtern drückte ſich nur Neugierde, auf einigen ſelbſt Mitleid aus. Der Zug bewegte ſich ſtill vorwärts. Man vernahm nur den dumpfen Tritt der Pferde und das Rollen der Wa⸗ genräder. Ueberall, wo der Zug vorbeikam, waren die Natio⸗ nalfarben aufgepflanzt, die dreifarbige Cocarde befand ſich auf allen Hüten; auf allen Gebäuden, aus allen Fenſtern wehte es blauweißroth. Endlich am ſechzehnten Auguſt erreichte man das Geſtade des ſchönen Frankreichs, den Hafen von Cher⸗ bourg. Der königliche Wagen fuhr vor. Karl der Zehnte, im einfachen blauen Fracke, ſtieg aus; er war niedergeſchlagen, ſein Auge matt. Doch behielt er ſeine 122 Ruhe bei. Der Dauphin führte den Herzog von Bor⸗ deaux und die Dauphine. Das Geſicht der letztern war entſtellt. Die Herzogin von Berry als Amazone gekleidet, ſchien der Verzweiflung nahe. Einen Augen⸗ blick blieb ſie am Bord der Brücke ſtehen, die nach dem Schiffe führte. Sie ſtreckte die Hände aus gegen das Land, Thränen entſtrömten ihren Augen. Dann eilte ſie ſchnell in das Paketbot. Punkt zwei Uhr ſtachen die Schiffe in See, um jene Familie, die Jahrhunderte über Frankreich geherrſcht, ohne in der langen Zeit ſich deſſen Liebe zu erringen, zum dritten Male in das Exil zu tragen. Eilſtes Rapitel. Ottetar ſaß auf ſeinem Zimmer; er hatte ſo eben ei⸗ nige Briefe beendet, die ihm über den Charakter Ade⸗ len's, der ihm zeither ziemlich zweideutig erſchie⸗ nen, näheren Aufſchluß verſchaffen ſollten, als die Thüre aufging und Severin mit ſehr triumphirender Miene herein trat. Freund Barthel ging eine geraume Zeit ſtillſchwei⸗ gend und mit gewichtiger Feierlichkeit auf und ab. Ottokar, dem dies Benehmen auffiel, frug daher,„ob er die Wahl Napoleons des Zweiten durchgeſetzt habe?“ Anſtatt aller Antwort ſtellte ſich der Gefragte vor Ottokar hin. „Bejammernswerther Sterblicher,“ begann er endlich, „der Du ein ödes troſtloſes Daſein führſt, ohne von jener Sonne begrüßt und erwärmt zu werden, die wir 123 Staubgebornen Liebe nennen; blicke mich an und preiſe mich glücklich, nenne mich einen Gott.“ „Was muß ich hören,“ lächelte Ottokar,„Freund Barthel iſt verliebt? Ei, ei, in ſo großer verhängniß⸗ voller Zeit, wo um Kronen und Republiken gewürfelt wird, ſich in zärtliche Abentheuer einzulaſſen!“ „Was da verliebt,“ polterte Severin,„das bin ich immer geweſen; jetzt aber liebe ich; und Liebe, wahre Liebe, theurer Freund, ſteht über Allem erhaben, über Napoleon ſelbſt. Ja, Ottokar, die Götterſtunde hat auch mir geſchlagen; auch ich bin erwacht zu dem gött⸗ lichen Bewußtſein, daß im irdiſchen Staube ein himm⸗ liſcher Funke glimmt, der in Flammen geſetzt, uns zu den Göttern erhebt.“ „Wer iſt denn die Glückliche?“ frug Ottokar, dem bei den Worten Barthel's lange nicht ſo romantiſch zu Muthe war, wie dieſer glauben mochte,„die das Herz meines Severin erobert hat?“ „Ja, wenn Du ſchweigen könnteſt, Freund,“ ſprach Barthel nachdenklich,„da ſollteſt Du Dinge erfahren, Dinge, ſag' ich Dir, die weit über den Horizont Dei⸗ nes Einbildungsvermögens hinausliegen. Aber ein heilig' Verſprechen bindet meine Zunge. Mein Ottokar, das erſte Haupterforderniß in der Liebe iſt Verſchwie⸗ genheit. In einem Liedchen von Florian— ja Sie, die Göttliche, hat mir es mit ihren ſüßen Lippen ſelbſt zugeflüſtert,— da heißt es: „Willſt Du der Liebe Dich erfreun, So lerne auch verſchwiegen ſein. Nur den in der Liebe den Klügſten man nennt, Der auch am beſten zu ſchweigen gelernt.“ Darum Freund, und wenn Du Millionen böteſt, ich kann Dir jetzt den Namen der Himmliſchen nicht nennen.“ 124 „Sei kein Narr,“ lachte Ottokar,„und erzähl' mir die Sache; die kleinen Liebſchaften meiner Freunde amüſiren mich.“ „Kleine Liebſchaft nennſt Du die meine?“ frug Severin im Tone gereizter Eitelkeit,„o Freund, eine ſehr große iſt's.“ „Das Ding muß ſich außerordentlich ſchnell gemacht haben,“ meinte Ottokar. „Was das für proſaiſche Redensarten ſind,“ rügte der Verliebte,„das Ding muß ſich außerordentlich ſchnell gemacht haben, wenn Du wahrhaft geliebt, je⸗ mals eine Ahnung jener Himmelsſeligkeit gehabt, wür⸗ deſt Du Dich verſtändiger ausdrücken. Ja, „Klar und hell fühl' ich's im Innern werden, Sie iſt es, oder keine ſonſt auf Erden!“ „Wahrſcheinlich eine niedliche Griſette,“ ſprach Ottokar. „Griſette,“ rief Severin ſchaudernd,„Menſch, be⸗ denke was Du ſprichſt; von— Adel iſt die Göttin, die ich liebe und— was die Hauptſache— die mich wieder liebt; ja vernehmt es, ſelige Himmel, ſie liebt mich, ſie liebt mich.“ „Noch geſtern aber,“ meinte Ottokar,„haſt Du abſcheulich auf den Adel räſonnirt. Du gabſt mir noch den freundſchaftlichen Rath, daß ich den Grafentitel gänzlich ablegen und mich ſchlechtweg Hohenſtein nen⸗ nen ſollte.“ „Ja, ſiehe Freund,“ erklärte Barthel,„bei Frauen iſt der Adel etwas ganz anderes; da verleiht er eine gewiſſe Würde, einen gewiſſen Aplomb voller Anmuth und Grazie. Ein bürgerliches Weſen kann gar nicht in ſo feinen Nüancen lieben wie eine Adelige. Mein Gott, ich muß das ja wiſſen; ich habe hierin erfah⸗ rungsvolle Blicke gethan.“ 125 Ottokar kannte das leicht erregbare Temperament ſeines Freundes zu gut, als daß er ihn ob dergleichen Faſelreden hätte zürnen ſollen; im Gegentheil ergötzten ſie ihn und ſchmälerten keineswegs ſeine Achtung und Liebe für die ehrliche treubewährte Seele. Er hatte längſt erkannt, daß es mit dieſer neuen Liebe Severin's nicht weit her war, und daß der gute Freund unfehlbar in die Netze einer Coquette gefallen. Gleichwohl hütete er ſich, nach dem Namen der Auser⸗ wählten weiter zu forſchen; er wußte, daß Severin Geheimniſſe der Art nicht lange auf dem Herzen behal⸗ ten konnte und von ſelbſt zu beichten anfing. „Wohlan,“ ſprach daher Ottokar,„ich mag nicht in die Geheimniſſe Deines Herzens eindringen; ich weiß ſchon, daß nicht viel dahinter iſt.“ „Freund,“ erwiderte Severin,„bringe mich nicht auf's Aeußerſte, Du weißt, daß ich zum Schweigen ver⸗ urtheilt bin; ich machte Dich gern zum Vertrauten mei⸗ nes Innerſten, Du würdeſt dann anders ſprechen, das weiß ich; aber beim Himmel, es iſt nicht möglich. Ich habe der Holdſeligen mit Hand und Mund gelobt, un⸗ ſer ſtilles Liebesglück keiner Seele zu verrathen, wir würden der Neider zu viele befommen; und ich werde mein Wort halten.“ „Brav, Severin,“ ſprach Ottokar,„das Wort, das man dem Liebchen gegeben, muß man halten. Es ſei auch fern von mir, Dich zu einem Wortbruch verleiten zu wollen. Sprechen wir von etwas Anderm.“ „Nein, nichts da,“ rief Barthel,„von meiner Liebe will ich reden, ſo lange ich eine Zunge habe. Kalter Menſch, unglücklicher Staubgeborner, der Du keine Ahnung haſt von jenem ſeligen Gefühl, wie es nur die Liebe hervorbringt. O mein Herz iſt ſo voll, ſo über⸗ 126 ſelig, gern möcht' ich es in Freundes Buſen ausſchütten; aber— es geht wahrhaftig nicht.“ „Ich ſehe das ja ein, mein Severin, Schweigen iſt oft eine heilige Pflicht. Aber wie ſteht es mit den Parteien in der Stadt? Der Herzog von Orleans ſcheint eine große Majorität zu haben; ſelbſt Lafayette, und faſt ſämmtliche Journale ſind für ihn.“ „Was kümmern mich,“ rief Barthel mit Leiden⸗ ſchaft,„die Parteien, der Herzog von Orleans und die Journale, ſeit Sie die Himmelsworte mir zugeflüſtert: „Du biſt mir lieb!“ Meinetwegen können ſie den Kai⸗ ſer von China zum König von Frankreich machen, ich werde nichts dagegen haben.“ „Ei, ei,“ ſtrafte Ottokar,„iſt der junge Napoleon ſo ſchnell vergeſſen; ſoll dieſer um Thron und Reich kommen, weil Dich ein ſchönes Mädchen gefeſſelt hält?“ „Ein Engel,“ ſprach Severin,„und über einen Engel vergißt man gern die irdiſchen Wirren. Der junge Napoleon hat der Freunde viel; ich hab' genug für ihn gethan, will jetzt auch etwas für mich thun und meiner Liebe leben. Doch, da fällt mir ein, das Engelbild iſt ja auch Napoleoniſtin, richtig, da bleibt's dabei, der König von Rom wird Kaiſer von Frank⸗ reich. Theuerſter Freund, Du mußt Sie ſprechen hö⸗ ren, und wenn Du dann nicht unter ſeine Fahnen trittſt, trägſt Du kein Herz in der Bruſt, ſondern einen Kieſel.“ „Nenne mir ihren Namen nicht,“ ſprach Ottokar, „Du könnteſt Deine Schwatzhaftigkeit ſpäter bereuen.“ Severin lief voller Unruhe im Zimmer auf und ab. Er hätte um Alles in der Welt gern, den Freund mit dem Gegenſtande ſeiner Leidenſchaft bekannt ge⸗ macht. Er gerieth außer ſich, daß Ottokar ſo gar wenig Verlangen nach dem Namen der Schönen trug. Er hoffte noch immer, der Freund würde ſich nach dem nähern Verlauf der Bekanntſchaft erkundigen; aber Nichts erfolgte. Ottokar brachte das Geſpräch auf an⸗ dere Gegenſtände und Severin allmälig zur gelinden Verzweiflung. Endlich konnte es der glückliche Liebhaber nicht län⸗ ger über's Herz bringen. Er huſtete wiederholt; ſtand immer auf dem Punkte, die Beichte zu beginnen; aber der ruhige Ottokar ließ es nicht dazu kommen. „Ich mag ja Nichts wiſſen,“ rief letzterer endlich, als Barthel immer von Neuem auf ſeine Eroberung zurück kam. „Aber Du ſollſt, Du mußt es wiſſen,“ ſchrie dieſer verzweifelt,„es geht Dich ſo gut an wie mich. Ver⸗ nimm denn und ſchweige, höre Ottokar, ſchwöre mir, daß Du ſchweigen willſt“ „Du weißt, daß ich nie ſchwöre,“ erwiderte ruhig der Freund. „So gieb mir wenigſtens Dein Wort, Dein Ehren⸗ wort,“ rief Severin. „Aber Du haſt ja Deiner Auserwählten ſelbſt hei⸗ liges Schweigen angelobt,“ ſprach Ottokar. „Nichts da, heraus muß es,“ fuhr Barthel aufgeregt fort,„ich bin es Dir als Freund ſchuldig, Dich von meiner Liebe in Kenntniß zu ſetzen; ich verlaſſe mich auf Deine Diseretion. Du wirſt meinen Himmel nicht muthwilligerweiſe zertrümmern— ſo höre denn: Adele von Montfort heißt der Engel, den ich liebe, von dem ich wieder geliebt werde.“ „Adele von Montfort?!“ frug Ottokar und glaubte nicht recht gehört zu haben. „Ja ſieh mich an, groß und breit,“ fuhr Severin fort,„es iſt nicht anders; den Guido liebt ſie nicht, der iſt ſogar ihr unangenehm wegen ſeines unbändigen Repu⸗ 128 3 blikanismus. Adele denkt ganz Napoleoniſch und darum ſtimmen unſere Herzen ſo harmoniſch zuſammen.“ Ottokar verharrte eine geraume Zeit in tiefem Schweigen; dann ſprach er: „Aber ich finde es nicht recht von Dir, meinem Bruder die Geliebte abtrünnig zu machen.“ „Mein Gott,“ fiel Severin ein,„die beiden Leut⸗ chen liebten ſich ja gar nicht; Adele ſpielte zum Zeit⸗ vertreib ein Wenig die Republikanerin und da konnte Guido nicht widerſtehen; an eine tiefe Leidenſchaft, an einen Bund der Herzen war nicht zu denken. Adele hat mir Alles geſtanden. Ich bin der Erſte, dem ſie ihr himmliſches Gemüth ganz erſchloß; aber ich weiß auch dieſes Glück vollkommen zu ſchätzen. Nichts in der Welt ſoll mich von dem göttlichen Weibe trennen; was geht über ein ſchönes Herz, das man liebt und von dem man geliebt wird? Fahret hin, ihr ſeifenbla⸗ ſigen Weltplane; ich trachte nach einem ſtillern, reinern Glück. Ich ſage der Junggeſellenſchaft Ade. An der Seite meiner geliebten Adele blicke ich ruhig wie ein Gott auf die Weltſtürme hernieder. Jetzt erſt weiß ich, worin das einzig wahre Glück hienieden beſteht.“ „Aber Guido,“ bemerkte Ottokar,„wird ſich nicht ſo leicht durch einen Nebenbuhler verdrängen laſſen.“ „Laß das gut ſein,“ erwiderte Barthel,„an mir findet er ganz den Mann, der den exaltirten Republi⸗ kaner zurechtweiſt. Seit ich Adelen's Liebe verſichert bin, nehme ich's mit allen Republikanern auf Erden auf.“ Ottokar ſchüttelte zweifelhaft den Kopf, doch ſchien ihm die Kunde von dieſer Liebſchaft nicht ganz unwill⸗ kommen zu ſein. Sie beſtätigte ihm von neuem den Verdacht, daß Guido nur das Opfer einer liſtigen Er⸗ oberungsſüchtigen ſei; und ſo gab er die Hoffnung 129 nicht auf, den geliebten Bruder baldigſt befreit und in der Heimath zu ſehen. Während Barthel in der Stube auf⸗ und abgehend bramarbaſirte, wie er dem Guido in Betreff Adelen's die Wege weiſen wollte, erſchien ein Diener deſſelben, welcher ein Billet abgab. Die Adreſſe lautete an Se⸗ verin und der Inhalt war folgender: „Mein Herr! Sie trachteten das Paradies meiner Liebe zu zer⸗ ſtören. Ihr nächtliches Eindringen bei Frau von Mont⸗ fort iſt mir nicht unbekannt. Sie ſelbſt hat mir Alles geſtanden und mich zum Schutze gegen die Schlange aufgefordert, die ſich unter dem Deckmantel der Freund⸗ ſchaft eingeſchlichen. Mein Herr, einer Schlange muß man den Kopf zertreten. Sie werden mich morgen acht Uhr im Gehölze von Boulogne treffen. Barriere oder über's Schnupftuch gilt mir gleich. Sie mögen wäh⸗ len. Wir ſchießen ſo lange, bis Einer ſtürzt. Guido, Graf von Hohenſtein.“ Als Barthel die Aufforderung geleſen, begannen die Buchſtaben vor ſeinen Augen zu tanzen und die Haare ſträubten ſich; eine Leichenbläſſe überzog ſein Geſicht und er mußte ſich auf den Stuhl ſtützen, um nicht umzuſinken. „Was iſt Dir?“ frug Ottokar, ſchnell herantretend. Barthel reichte ſprachlos das Billet hin. n Ottokar daſſelbe überflogen, ſprach er ruhig: „Hab' ich Dir's nicht geſagt; der Guido wird ſich nicht leicht vertreiben laſſen.“ „Das klingt ja faſt wie eine Ausforderung?“ frug zähneklappernd der aus allen Himmeln gefallene Lieb⸗ haber. Stolle, Schriften. Supplem. I. 9 130 „Mein Freund,“ erwiderte Ottokar,„es klingt nicht allein wie eine Ausforderung, ſondern es iſt eine ſolche und zwar eine, die Hände und Füße hat.“ Barthel warf jetzt wieder einen zitternden Blick nach dem Papier. „Das iſt ja ein förmlicher Mordantrag,“ ſprach er, „ich laſſe mir eine ſolide Paukerei gefallen, mit Hut und Binde, wie im deutſchen Lande Sitte und Brauch, ſo ein Herr Studioſus dem andern einen„dummen Jungen“ aufgebrummet; aber ſo eine förmliche Kanonade iſt wider Gott und Menſchenrecht.“ Er begann jetzt etwas ruhiger das Schreiben zu commentiren. „Aber Ottokar,“ ſprach er,„beſter, theuerſter Freund, eine ſolche Schlangenbrut wie dieſe Adele von Mont⸗ fort muß es auf Gottes weiter Erde nicht mehr geben. Ich habe mich ja gar nicht eingeſchlichen bei dieſer Satanin; ſie hat mich mit den zärtlichſten Worten ein⸗ geladen und das verſchmitzte Kammerkätzchen hat mich ja ſelbſt eingeführt. Sie brauchte mich ja gar nicht einzulaſſen, wenn ihr Nichts an mir gelegen war. Und hat ſie nicht„Du“ zu mir geſagt in traulicher Ein⸗ ſamkeit und mir ihre Liebe offen genug geſtanden? O Weiber, falſche Evensbrut, iſt ſo etwas erhört worden? Mir wär's gar nicht in den Sinn gekommen, der Schlange den Hof zu machen, wenn ſie mich nicht ab⸗ ſonderlich dazu animirt hätte. Nun ſitz' ich drinnen im Unglück und habe dieſen Guido, dieſen Orlando furioſo auf dem Halſe.“ Er blickte von Zeit zu Zeit in den Brief. „Der Menſch iſt rein toll,“ fuhr er fort,„„Barriere oder über's Schnupftuch gilt mir gleich. Sie mögen wählen.““ Der Teufel mag da wählen, aber ich nicht. —,—————— Wir wollen uns doch lieber gleich die Piſtolen unter die Naſe halten.“ Er las weiter: „Wir ſchießen ſo lange, bis einer ſtürzt.“ Ein förmliches Scheibenſchießen. Da ſoll mich Gott bewah⸗ ren. Das ſind Mordattentate. Dazu geb' ich mich nicht her. Ich will dem Guido Satisfaction geben, und das Haus der ſchändlichen Adele nicht wieder betreten; aber von einem ſo verzweifelten Schützen auf mich ſchießen zu laſſen, und zwar ſo lange, bis ich hinfalle und mir das Wiederaufſtehen für immer vergeht, daraus wird nichts.“ „Guido wird ſich ohne Duell ſo leicht nicht be⸗ ruhigen laſſen,“ meinte Ottokar. „Was will er denn beginnen?“ frug Barthel,„wenn ich mich auf einen ſo wahrhaft verbrecheriſchen Kampf nicht einlaſſe?“ „Dann mußt Du riskiren,“ erwiderte Ottokar, „daß Dich der leidenſchaftliche Menſch niederſchießt oder zuſammenhaut, wo er Dich findet. Es liegt dies ein⸗ mal in den Geſetzen des Duells.“ „Der Teufel hat dieſe Geſetze gemacht,“ ſprach Barthel,„keine Regierung hat ſie autoriſirt, weil ſie aller geſunden Vernunft ſchnurſtracks zuwider.“ Ottokar zuckte mit den Achſeln. Severin lief in halber Verzweiflung auf und ab. „Eine beiſpiellos cannibaliſche Geſchichte,“ murmelte er in abgebrochenen Sätzen;„hätt'ſt Du mich im Rheine erſaufen laſſen, ſo war Alles vorbei. So bin ich keine Stunde meines Lebens ſicher. Ein toller Republikaner iſt allezeit zu den größten Verbrechen aufgelegt. Wie weiſe dachte der große Kaiſer, als er den Zweikampf ſtreng unterſagte. Auch Friedrich der Zweite und alle große Männer alter und neuer Zeit dachten ſo. Ich 9* werde mich daher auf keinen Fall ſchießen, noch viel weniger auf mich ſchießen laſſen. Ich mag einem bar⸗ bariſchen Vorurtheile finſtrer Jahrhunderte nicht Vor⸗ ſchub leiſten. Wir ſind Bürger einer aufgeklärten Zeit, welche in ſolchen Angelegenheiten mit gutem Beiſpiele vorangehen müſſen. Ich ſchließe mich da nicht aus und ſchieße mich nicht.“ Ottokar mußte lächeln. „Vor Kurzem,“ meinte er,„ſprachſt Du ganz an⸗ ders. Sagteſt Du nicht, Du wäreſt ganz der Mann, dem tollen Republikaner die Wege zu weiſen; wollteſt Du es nicht mit der ganzen republikaniſchen Welt auf⸗ nehmen?“ „Wer wird denken,“ erwiderte Barthel,„daß der Menſch gleich losſchießen will. Er ſollte ſich doch in den letztern Tagen das Blut abgekühlt haben, da konnte er knallen nach Herzensluſt; aber jetzt iſt Frie⸗ den; die Tyrannei liegt am Boden.“ „Ich begreife nur nicht,“ ſprach Ottokar,„wie ein Friedenszuſtand unter Euch Beiden ohne Duell wieder herzuſtellen iſt.“ „Ich begreife es auch nicht,“ ſprach Barthel; „aber das begreife ich, daß es Sünde und Thorheit wäre, mir nichts dir nichts hinzutreten und ſich todt⸗ ſchießen zu laſſen.“ „So gieb meinem Bruder wenigſtens auf Schläger oder Säbel Satisfaction,“ rieth Ottokar;„Du haſt Dich ja immer gerühmt, eine gute Klinge zu führen.“ „Du haſt ja gehört,“ erwiderte der Geforderte, „daß ich als aufgeklärter Mann das Duell im Allge⸗ meinen verabſcheue. Der Guido iſt ein Haupthahn im Zuſchlagen, einen halben Kopf größer als ich; gewandt wie ein Gladiator, der würde mich ſchön zurichten. Ich glaube, da könnte ich nach beendigter Schlägerei Arm 133 und Beine ſtückweiſe zuſammenleſen, wozu ich keine Luſt habe. Nein, das Beſte iſt, wir packen über Hals und Kopf ein und räumen Paris. Was ſollen wir auch noch hier? Die Revolution iſt glorreich beendet. Die kühnſten Feldherrn haben oft die Schlacht vermieden, wenn ſie einſahen, daß ſie den Kürzern ziehen würden.“ „Das halte wie Du willſt,“ ſprach Ottokar,„ich bleibe.“ „Nun da bleib' ich auch,“ antwortete Barthel,„ich mache mickh aber für einige Zeit unſichtbar, bis bei Guido die erſte Wuth verraucht iſt.“ „Doch da hab' ich einen herrlichen Gedanken,“ fuhr er nach einer Pauſe fort;„Ottokar, Du haſt mich ſchon einmal nicht ſowohl aus der Tinte als viel⸗ mehr aus dem Waſſer gezogen, rette mir das Leben zum zweitenmal, ſei der Vermittler, der Friedensſtifter. Du biſt der Bruder, ein Wort von Dir gilt viel bei Guido, ich weiß es, unterzieh Dich dem himmliſchen Geſchäfte der Verſöhnung. Ottokar, Du ſiehſt wie die Sachen ſtehen. Es iſt ein ſchöner erhabener Beruf für Dich. Ich kann mir keinen ſchönern denken. Mache den Friedensſtifter, Ottokar.“ „Dieſer, um Freund Barthel für ſeine frühere Großſprecherei zu beſtrafen, wollte ſich anfangs nicht darauf einlaſſen. Der Geforderte ließ aber nicht nach mit Bitten, bis endlich Ottokar verſprach, Friedensvor⸗ ſchläge an ſeinen Bruder zu ſenden. „Ich glaube nicht,“ ſprach er,„daß ich viel aus⸗ richte; Guido iſt ein Hitzkopf und läßt in gewiſſen Dingen nicht mit ſich ſpaßen.“ Severin tröſtete: „Ein gutes Wort,“ meinte er,„findet eine gute Statt; das ſagte ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben.“ 134 „Uebrigens,“ gab Ottokar noch zu bedenken,„daß Dein perſönlicher Muth bei meiner Friedensmiſſion keine glänzende Rolle ſpielt, iſt ausgemacht.“ „Meinen Muth,“ erwiderte Barthel,„hab' ich in der glorreichen Revolution zur Gnüge bekundet; war ich auch nicht ſo tollkühn, wie Du und Guido, in den vorderſten Reihen zu agiren, hab' ich mich doch im Hintergrunde vortrefflich gehalten und der Sache der Freiheit weſentlich genützt.“ Ottokar mußte lachen und machte ſich auf den Weg, um ſeinen Bruder aufzuſuchen, welcher Severin mit dem Tode bedrohte. Dieſer begleitete mit heißen Segenswünſchen den Freund. „Weiß Gott,“ ſchwor er,„wär's in einer andern Sache, ich würde keine Gefahr ſcheuen. Gält' es z. B. Dich zu retten, drauf und dran, ich fragte nicht; aber wegen einer boshaften Schlange wie die Frau von Montfort ununterbrochen auf mich ſchießen zu laſſen, bis ich ſchulgerecht getroffen bin, und das dürfte bei Guido's Schußgeſchicklichkeit nicht lange währen: das wäre Frevel, den will Gott nicht.“ Nachdem Ottokar ſich entfernt hatte, ſprach Barthel für ſich: „Eine verdammte Geſchichte! O Weiber, Weiber, Schlangen, Crocodille. Ich begreife nicht, warum mich Adele, die mich erſt kirrte, ſo ſchnell als Opfer Preis gab; aber ſo viel iſt mir demungeachtet klar, daß ſie auch mit Guido ein eitles, leichtſinniges Spiel treibt.“ 135 Zwölftes Rapitel. E⸗ war am zweiten Tage nach Ernennung des Her⸗ zogs von Orleans zum Generallieutenant des König⸗ reichs, als ſich in einer ſonſt wenig beſuchten Reſtaura⸗ tion die Republikaner zahlreicher denn je zuſammen⸗ gefunden hatten. Selbſt mehrere Deputirte der äußerſten Linken befanden ſich darunter. Man bepathſchlagte, was unter den obwaltenden Umſtänden zu thun ſei, um dem Einfluſſe der Orleans⸗ ſchen wie der Kaiſerlichen Partei entgegen zu arbeiten, und dem republikaniſchen Principe den Sieg zu ſichern. Nach langem Hin- und Herreden, und nachdem man die mannichfachſten Mittel zur Erreichung des Zweckes in Vorſchlag gebracht hatte, jedoch ohne ein verſprechen⸗ des Reſultat erlangt zu haben, erhob ſich Guido von Hohenſtein, welcher mit finſterm Schweigen eine lange Zeit den Debatten zugehört hatte. „Meine Herren,“ rief er,„Worte allein führen zu nichts, und alle hier in Vorſchlag gebrachten Maß⸗ regeln würden denſelben Erfolg haben; ich ſtimme für die That und zwar ſo ſchleunig als möglich. Wir ha⸗ ben bereits viel Terrain gegen die Royaliſten verloren und es iſt höchſte Zeit, daß wir hervortreten und zwar bewaffnet hervortreten. Darum iſt mein Rath, daß wir uns noch heute bewaffnet verſammeln, alle Gläubige der wahren Freiheit unter unſre Fahnen rufen, das Stadthaus beſetzen und im Namen des ſouverainen Volks die franzöſiſche Republik proclamiren. Zum Präſidenten ſchlage ich den großen Bürger Lafayette vor.“ Mehrere der Anweſenden ſtimmten dieſem Vorſchlage unter lautem Zurufe bei, andere waren bedächtiger und wollten blos eine Adreſſe an das Volk. 136 „Wer giebt uns,“ frug der Deputirte Maugin, „die wir weder conſtituirt noch irgend von Jemand beauftragt ſind, das Recht, im Namen des Volks eine neue Staatsverwaltung zu proclamiren, da wäre es doch weit rechtmäßiger und hoffentlich zweckmäßiger, darauf anzutragen, das Volk zu Urwahlen zuſammen zu rufen: die freie franzöſiſche Nation mag dann ſelbſt entſcheiden. Jeder Bürger hat ſeine Stimme und hier erſt würde ſich der wahre Wille des Volks kundgeben.“ „Recht?!“ rief Guido,„in Revolutionen und großen Zeiten hat der Recht, der die Gewalt hat. Wir Re⸗ publikaner haben die ganze ſtrebende Jugend Frankreichs für uns, alſo Gewalt genug; die Gelegenheit iſt günſtig, wir müſſen ſie benutzen. Ich ſtimme für die Republik und bin nöthigen Falls bereit, mein Votum mit den Waffen zu unterſtützen.“ Jetzt trat der gemäßigte Odillon Barrot auf. Er war ebenfalls für die Republik, aber auf dem Wege des Geſetzes. Er ſtimmte daher für Maugin's Vorſchlag, für Urwahlen. Seine Rede war klar und faßlich, freiſinnig aber gemäßigt, und verfehlte daher ihre Wirkung auf einen großen Theil der Verſammlung nicht, nur eine kleine Anzahl polytechniſcher Schüler und jugendlicher Hitzköpfe waren für die Ergreifung der Waffen, um mit Hülfe derſelben die Republik in's Leben zu rufen. Die Debatten wurden immer heftiger und leiden⸗ ſchaftlicher. Viele von der gemäßigten Partei verließen unzufrieden die Verſammlung. Guido, welcher dies be⸗ merkte, ſprang endlich auf. „Wohlan,“ rief er,„wir brauchen Männer und Jünglinge, die reines Herzens ſind, und wer das nicht iſt„der thut beſſer, wenn er ſich entfernt. Wir Re⸗ publikaner wiſſen nichts von Vor⸗, Nach⸗, Rück⸗ oder 137 Hinſichten; wir ſind bereit, unſer warmes Blut für unſere Sache dahin zu geben, wer nicht ſo denkt, den können wir nicht gebrauchen. Es iſt Niemand gezwun⸗ gen. Jeder handle nach ſeiner Anſicht. Ich frage jetzt, wer für die Erſtürmung des Stadthauſes, für Einfüh⸗ rung der Republik um jeden Preis ſtimmt. Wer dafür iſt, erhebe die Hand.“ Kaum ein Drittheil der Anweſenden ſtreckte die Arme empor. Guido überflog die kleine Anzahl. „Wir ſind genug, rief er;„die Polytechniker, die rüſtigen, uneigennützigen Arme der Vorſtädte werden uns unterſtützen. Epiciers, die für ihre Pfefferdüten bangen, brauchen wir nicht.“ Die exaltirten Radicalen fanden ſich nach ſolchen Reden bald ganz verlaſſen. Sie entwarfen die aus⸗ ſchweifendſten Pläne. Einer überbot den andern an Schreckensmaßregeln. Als man auseinander ging, ward der heutige Abend zur abermaligen Verſammlung an⸗ beraumt. Zugleich verſprach man, nur bewaffnet zu erſcheinen. Guido kehrte nach Hauſe zurück, da traf ihn Ottokar. „Was haſt Du mit meinem friedlichen Severin vor?“ frug letzterer,„Du haſt ihm ja eine geharniſchte Aus⸗ forderung geſchickt.“ „Ich will dieſem Böſewicht den Kopf einſchlagen,“ fuhr Guido auf,„unter der Maske der Freundſchaft hat er ſich bei meiner Adele Eingang zu verſchaffen gewußt und nachdem er aus Rückſicht für Dich freund⸗ lich aufgenommen worden, dem himmliſchen Weibe förm⸗ liche Liebes⸗ und Heirathsanträge geſtellt. Das möchte ſein; aber er hat auch auf die Republik geſchimpft und mich einen thörichten Phantaſten geſcholten, dafür wird ihm der Hals gebrochen.“ 138 „Woher weißt Du denn das Alles?“ frug Ottokar. „Nun,“ antwortete Guido,„vom wem anders, als von Adelen?“ „So iſt dieſe Frau aber eine Verrätherin,“ ſprach Ottokar ruhig,„ſie hat den eitlen Severin vertrauend gemacht und nachdem er ſich frei um's Herz geredet, Dir Alles verrathen. Wenn Adele Dich wahrhaft liebte, ſo würde ſie nicht das wiedererzählen, wodurch Du Dich beleidigt oder gekränkt fühlen könnteſt.“ „Ottokar,“ rief Guido, und die Zornesader ſeiner Stirn ſchwoll ſichtbar,„ſchmähe ein Weſen nicht, das mir nächſt der Freiheit das Theuerſte auf Erden iſt. Ich weiß, in welchem Verdachte Adele bei Dir ſteht; aber mein Vertrauen zu ihr wird dadurch nicht er⸗ ſchüttert. Thu' mir die einzige Liebe, Bruder, und verwunde mich nicht auf dem Punkte, wo ich am ver⸗ wundbarſten bin. Raube mir Glauben und Vertrauen zu Adelen, und Du ſchlägſt meinen Erdenhimmel in Trümmer.“ „Es ſei fern von mir,“ antwortete der Bruder, „der Mörder an Jemandes Glauben zu werden; aber ſei überzeugt, theurer Guido, daß nur die innigſte Bru⸗ derliebe mich ſprechen heißt. Doch jetzt kein Wort mehr über dieſe Sache.“ Guido reichte ſeinem Bruder die Hand. „Dank mein Ottokar.“ „Aber aus Eurem thörichten Zweikampfe,“ fuhr Ottokar fort,„kann drum nichts werden.“ „Warum nicht?“ frug Guido,„verdient ein Menſch, der die Republik beſchimpft, nicht die ſchärfſte Züchtigung?“ „Politiſche Meinungen dürfen nie ſo ſtreng gerügt werden,“ entgegnete Ottokar,„jeder hat ſeinen Glau⸗ ben. Bedenke, wie viel Du herausfordern müßteſt, die 139 „ weit ſchlimmer als Freund Severin über die Republik ſich ausgelaſſen haben.“ „Wohlan,“ meinte Guido,„ſo büße er für dieſe andern.“ „Aber Severin,“ fuhr Ottokar fort,„verſteht ſich weder auf Hieb⸗ noch Schußwaffe. Er will ſich daher ſchriftlich zu jeder Satisfaction verſtehen. „Nichts da,“ rief Guido,„wir ſchießen über's Schnupftuch; da braucht's keiner großen Kunſt und Fertigseit.“ „Nimm die Ausforberung zurück,“ Ottokar, „Pikannſt mit allen Ehren e da ſich Dein zu jeder ſchriftlichen Genugthuung verſteht. Der Kampf iſt zu ungleich und Du wirſt keinen Mord auf die Seele laden wollen.“ „Ich habe noch nie eine Ausforderung zurückgenom⸗ men,“ entſchied Guidv kurz und mürriſch. „So thue es diesmal,“ bat der Bruder,„mir zu Liebe.“ Guido ging einigemal ſchweigend auf und ab.. „Es geht nicht,“ ſprach er endlich. „Wohlan,“ erwiderte Ottokar mit Ruhe,„ſo werden wir Kugeln wechſeln. Ein ſo ungleicher Kampf em⸗ pört mich. Ich trete an Severin's Stelle.“ „Du?!“ rief Guido und ſchaute lange Zeit erſtaunt auf Ottokar. Dann eilte er in ſeine Arme. „Nein, mein Bruder, nimmermehr,“ rief er im über⸗ ſtrömenden Gefühle der Bruderliebe;„Alles iſt ver⸗ geſſen; ich verlange keine Satisfaction; aber ſage dem Schlingel, daß er ſich künftig mit mehr Achtung über die Republik ausſpricht.“ „Die Erfahrung wird ihn klüger machen,“ erwiderte Ottokar.„Indeß freue ich mich, daß bei Dir die Stimme der Natur von dem Vorurtheile nxg nicht übertäubt iſt.“ „O mein Bruder,“ rief Guido,„wie verkennſt Ou mich. Wenn Du wüßteſt, welche reinen und heiligen Flammen hier im Herzen lodern, würdeſt Du mich in vielen Dingen anders beurtheilen.“ Ein paar eintretende republikaniſche Freundes Gdi⸗ do's machten dem Geſpräch ein Ende. Ottokar„dem es jetzt nicht mehr heimiſch war, empfahl ſich. N. „Noch immer das alte Herz,“ ſprach er füt ſich, „rein wie Gold, aber exaltirt zum Fanatismus; indeß 140 gebe ich die Hoffnung nicht auf, den theuren Wdzr* auf den gemäßigten Pfad zurückzubringen.“ X Ottokar hatte, nachdem die Duellgeſchichte ausge⸗ glichen war, nichts Angelegentlicheres zu thun, als den Gardehauptmann Arthur vom Stern aufzuſuchen. Noch immer trug er den Brief des Herrn von Benno bei ſich. Trotz aller ſeiner Nachforſchungen war es ihm nicht gelungen, den Geſuchten ausfindig zu machen. Jetzt endlich hatte er durch einen Freund die gewünſchte Adreſſe erfahren. Der Gardehauptmann Arthur vom Stern, derſelbe, welchen Guido am Tuilerienplatze zum Gefangenen ge⸗ macht hatte, war nach Auflöſung der königlichen Garde⸗ regimenter gänzlich in den Privatſtand zurückgetreten und lebte ſtill und zurückgezogen in einer beſcheidenen Wohnung der Faubourg Saint Germain. Ottokar hatte ihn bald aufgefunden und den Brief des Herrn von Benno übergeben. Der Hauptmann war ſehr erfreut darüber und die beiden jungen Männer wurden in Kurzem recht vertraut. Arthur war von einnehmenden Manieren und beſaß viel Bildung; doch theilte er als entſchiedener Ariſtokrat den damaligen Freiheits⸗Enthuſiasmus der Pariſer keineswegs. Seine * 1 * 141 Stellung als ehemaliger Hauptmann der königlichen Garden, welche vom Volke geſchlagen und ſich demſelben ergeben mußten, mochte viel dazu beitragen. Er war weit entfernt, die Ordonnanzen Karl's des Zehnten zu billigen; doch noch aufgebrachter gegen den Herzog von Raguſa, deſſen fehlerhaften Operationen er den völligen Untergang der königlichen Garde Schuld gab. Er theilte ziemliche ausführliche Detailles über die Angriffs⸗ und Vertheidigungsweiſe des Marſchalls mit. „Die königlichen Garden,“ ſprach er,„die Schweizer⸗ regimenter, auch die Gensd'armen haben das Mögliche gethan, was von braven Truppen zu verlangen war; aber abgeſehen, daß wir ſchlecht geführt wurden, litt der Soldat auch Mangel am Nothdürftigſten. Ich kenne mehrere Bataillone, die binnen ſechsunddreißig Stunden keinen Biſſen Brod erhielten, ſo gewiſſenlos hatte man für Streiter geſorgt, die überdieß eine un⸗ gerechte Sache vertheidigen ſollten. Während das Volk, das uns gegenüberſtand, Ueberfluß an Allem hatte, waren wir dem Hunger Preis gegeben.“ N Der Hauptmann theilte auch das edelherzige Be⸗ nehmen Guido's beim Sturme der Tuilerien mit und wie dieſer ihn mit eigner Lebensgefahr vor der Wuth des Pöbels geſchützt habe. „Ich bin Ihrem Bruder,“ fuhr er fort,„zu dem höchſten Danke verpflichtet und wenn ich irgend Etwas für den Ehrenmann thun kann, er wird mich ſtets be⸗ reit finden. Nichts iſt mir daher ſchmerzlicher, als den trefflichen jungen Mann auf einer Laufbahn zu erblicken, die ihn unmöglich zum Heile führen kann. Ich habe ihm darüber ſchon die ehrlichſten und aufrichtigſten Vor⸗ ſtellungen gemacht; er mag liberal ſein, nur ſoll er von ſeinen utopiſchen Träumen, von einer Republikani⸗ ſirung des franzöſiſchen Volks zurückkommen. Wenn 142 dieſe republikaniſchen Hitzköpfe, an deren Spitze Guido ſteht, nicht bald zur Vernunft kommen, erleben wir in den nächſten Tagen Mord und Todtſchlag.“ „Sie haben aus meinem Herzen geſprochen,“ er⸗ widerte ſeufzend Ottokar,„auch ich habe zeither Alles aufgewandt, den Bruder von ſeinem politiſchen Irrpfade zurückzubringen; unter uns, ich bin deshalb eigens nach Paris gekommen. Wir erhielten von ſei⸗ nen politiſchen Irrfahrten in der Heimath Kunde.“ Die Beiden unterhielten ſich noch geraume Zeit über Guido und berathſchlagten die Mittel, wodurch ſie den jungen leidenſchaftlichen Mann vor Gefahren ſchützen wollten. Endlich ſagte Arthur: „Kann ich Ihren Bruder auch nicht von ſeinen politiſchen Abwegen ablenken, ſo will ich ihm wenig⸗ ſtens einen Dienſt von Wichtigkeit in anderer Hinſicht erweiſen.“ „Es wird Ihnen nicht unbekannt ſein,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß Guido Frau Adelen von Montfort mit aller Macht ſeines Herzens liebt; ich be⸗ fand mich eine Zeit lang ſelbſt in den Feſſeln dieſer Dame. Aber wir ſind Beide betrogen. Dieſe Frau iſt die raffinirteſte Coquette, die mir vorgekommen iſt; ſie treibt mit ihren Anbetern das ſchnödeſte Spiel. Ich habe die Beweiſe in Händen. Ich zertrümmere nie gern Jemanden einen ſchönen Wahn, aber hier iſt es Pflicht, Ihrem Bruder die Augen zu öffnen.“ „So iſt meine Ahnung zur Wahrheit geworden,“ antwortete Ottokar,„aber mein Bruder wird außer ſich, wenn er ſich betrogen ſieht.“ „Die Enttäuſchung iſt bitter,“ ſprach der Haupt⸗ mann,„aber immer beſſer, daß er die Wahrheit er⸗ fährt.“ „Ich bin unbeſtritten auch dafür,“ meinte Ottokar, „aber es wird ſchwer halten, ihn zu überzeugen.“ „Nichts iſt leichter,“ erwiderte Arthur;„Guido kann ſeine Geliebte heute Abend bei einem Rendezvous treffen, zu welchem ſie einen Attaché einer Geſandtſchaft geladen hat.“ „Das verhüte der Himmel,“ rief Ottokar,„dann giebt es einen Mord.“ Der Hauptmann ging nachdenkend einige Schritte im Zimmer auf und ab. „Wohlan,“ ſprach er endlich,„ſo giebt es andere Mittel, dem Betrogenen die Ueberzeugung in die Hand zu geben.“. Erſt nach mehreren Stunden trennten ſich die beiden jungen Männer, welche trotz der kurzen Zeit ihrer Be⸗ kanntſchaft ſich innig befreundet hatten. Dreizehntes Rapitel. n allen Stadtvierteln von Paris raſſelten die Trom⸗ meln. Die Nationalgarde trat unter die Waffen. In großer Aufgeregtheit wogte das Volk in den Straßen auf und ab; alle freien Plätze waren mit Menſchen bedeckt. Hier und da ſcholl ein wildes„Vive la re- publique!“ andere ließen den Herzog von Orleans, dem dermaligen Lieutenant⸗General des Königreichs leben; andere Napoleon den Zweiten. Hier und da kam es zu Streit und Handgemenge. Die Läden ſchloſſen ſich, die Nationalgardiſten eilten nach ihren Sammelplätzen. Plötzlich ward das Gedränge heftiger; das Geſchrei wilder; der Ruf der Republikaner lauter, vielſtimmiger, und die Boulevards entlang bewegte ſich ein endloſer Zug nach der Gegend des Stadthauſes. Er beſtand größtentheils aus Ouvriers, untermiſcht mit anſtändigen jungen Leuten, welche mit Flor umhüllte dreifarbige Fahnen trugen. Ungefähr inmitten des Zugs befand ſich die republikaniſche Generalität, Guido an der Spitze zu Pferde. Einer der Reiter trug eine blutrothe Fahne, in welcher die Worte„la liberté ou la mort“ zu leſen waren. Die Nationalgarden, welche zahlreich auf und ab patroullirten, ſtörten die republikaniſche Prozeſſion nicht. So erreichte der Zug den freien Platz vor dem Stadt⸗ hauſe. Unermeßlich war hier das Gedränge. Tauſend⸗ ſtimmig ſcholl der Ruf für die Republik. Man hatte eine Art Quarré gebildet. Inmitten deſſelben flaggte die rothe Fahne. Die Marſeillerhymne erklang und Alles ſtimmte in das berühmte Freiheitslied ein. Nach den erſten beiden Verſen winkte der eine Rei⸗ ter, der zunächſt dem Fahnenträger und Guido hielt; man gebot Stille; aber die Volksmaſſen waren zu un⸗ ermeßlich und zu aufgeregt. Erſt nach vieler Mühe gelang es dem noch jugendlichen Reiter, welcher gewinkt hatte, ſich Gehör zu verſchaffen. Es war ein blühend⸗ ſchöner Mann von der edelſten Geſichtsbildung. „Bürger von Paris,“ rief er,„man beſtrebt ſich, Eure heldenmüthigen Anſtrengungen in den verfloſſenen blutigen Tagen zu nichte zu machen. Man ſteht in Begriff, einen neuen König auf den franzöſiſchen Thron zu ſetzen, nicht bedenkend, daß ein ſolcher nur der Un⸗ terdrücker des Volkes iſt. Fragt die Geiſter Eurer Brüder, die für die Freiheit in den Tod gegangen, ob ſie dafür geſtorben ſind, daß den geſtürzten alten Ty⸗ rann ein neuer erſetzen ſoll. Nein, meine Freunde, ſie ſind für Etwas Höheres, für Etwas geſtorben, das des Heldentodes werth iſt.“ 145 „Bravo, bravo,“ rief es von allen Seiten,„wir wollen keinen König mehr.“ „Fragt die Tauſende,“ fuhr der junge Sprecher fort,„die vor länger denn dreißig Jahren für die Re⸗ publik gekämpft und geblutet, ob ſie deshalb ſo viel Muth und Ausdauer bewieſen, damit nach langen Jahrzehnten voller Schmach und Knechtſchaft, nach ei⸗ nem goldnen Siege der Freiheit wir uns von Neuem unter dem Scepter eines Königs beugen ſollen. Meine Brüder, ein Volk, das ſich innerhalb drei Tagen auf ſo glorreiche Weiſe Recht zu verſchaffen wußte, bedarf keines Seepters, dieſes Symbols der Gewalt und der Herrſchſucht, das iſt— Selbſtherrſcher.“ Neuer Jubel unterbrach den Redner; Guido über⸗ ſchaute mit leuchtenden Augen die begeiſterten Maſſen. „Mit dieſen Leuten ſtürme ich die Welt,“ ſprach er zu ſeinen nächſten Begleitern.„Aber, meine Brüder,“ ſchloß der junge Republikaner ſeine Rede,„das Eiſen muß geſchmiedet werden, ſo es warm iſt; noch iſt es Zeit, die Sache der Freiheit für immer zu ſichern, noch ſtehen wir beiſammen, Vertrauen im Herzen, Waffen in der Hand, das höchſte irdiſche Gut, die Freiheit, unſer alleiniges Ziel vor Augen. Wir ſind die Vorkämpfer, das franzöſiſche Volk wird folgen. Wohlan, voran, das Stadthaus, das wir vor wenigen Tagen mit unſerm Blute erkämpft haben, ſind die Tuilerien des ſouve⸗ rainen Volks. Dahin wollen wir gehen und Namens der Franzoſen die wiedereroberten Rechte des Volks und des Bürgers, die alleinige und untheilbare franzö⸗ ſiſche Republik verkünden. Wer es gut meint mit der Freiheit und mit Frankreich, der folge.“ „Wir folgen Alle,“ tönte es tauſendſtimmig;„auf, nach dem Stadthauſe!“ Die Marſeillaiſe erklang, und wie ein Rieſenſtrom Stolle, Schriften, Supplem. I. 10 146 wogte die Volksfluth gegen das Stadthaus von Paris. Die hier aufgeſtellten Nationalgarden verwehrten den vorderſten Anſtürmenden den Eintritt. „Zurück, meine Herren,“ riefen ihre Officiere,„im Namen des Geſetzes.“ „Was da, Geſetz,“ ſchrieen die andrängenden Ouvriers,„der Wille des Volkes iſt Geſetz.“ „Schämt Euch, Ihr Bürger von Paris,“ riefen an⸗ dere Stimmen aus dem Volke,„wollt Ihr Euch zu Schergen der Tyrannei hergeben?“ „Nieder mit den Epaulettenträgern, die dem ſou⸗ verainen Volke Geſetze vorſchreiben wollen,“ ſcholl es von anderen Seiten. „Nein, ehrt die Nationalgarde,“ geboten andere Stimmen,„ſie hat ſich brav geſchlagen für die Rechte des Volks in den Tagen der Gefahr. Hoch, die Na⸗ 1 tionalgarde ſoll leben! „Hoch und dreimal hoch antwortete es aller Orten. Die Volksmaſſen drängten immer ungeſtümer gegen das Hauptthor des Stadthauſes. „Macht uns Platz zum Teufel, ihr Blauröcke,“ ſchrie ein breitſchultriger Feuerarbeiter aus der Vorſtadt Sainte Antoine,„oder wir bahnen uns mit unſern guten Fäuſten den Weg und Euer Rücken ſoll dann blauer ausſehen, denn Eure Röcke.“ Mit dieſen Worten erfaßte er den zunächſtſtehenden Sergeanten bei der Bruſt und wollte ihn auf die Seite drücken, als ein kräftiger Flintenſchlag den Angreifer zu Boden ſtreckte. „Auf die Wache mit dem Frevler,“ befahl der com⸗ mandirende Officier. Dann wandte er ſich gegen das Volk. „Zurück, ihr Leute,“ rief er;„verſetzt uns nicht in 147 die traurige Nothwendigkeit, Gewalt mit Gewalt ver⸗ treiben zu müſſen.“ Der zu Bodengeſchlagene ward jetzt, trotz ſeines Widerſtrebens von mehreren handfeſten Nationalgardiſten erfaßt und fortgebracht. „Rache! Rache! meine Brüder,“ rief er ununter⸗ brochen.“ Mehrere aus dem Volkshaufen ſprangen herbei, den Gefangenen zu befreien. Es kam zum Handgemenge und das Volk ward einige Schritte zurückgedrängt. Der junge Reiter, welcher ſoeben zu der verſammel⸗ ten Maſſe geſprochen hatte, brach ſich mit vieler Mühe durch das Gewühl Bahn und langte endlich vor der Fronte der Nationalgarden an. Er riß ein Piſtol her⸗ vor und ſpannte den Hahn. „Wer nicht mit uns iſt, iſt wider uns, Platz ge⸗ macht, Satelliten des Tyrannen oder Ihr ſeid des Todes. Ich will der Freiheit eine Gaſſe machen.“ Mit dieſen Worten ſprengte er gegen die National⸗ garden an und feuerte ſein Piſtol ab.. „Bajonnete vor,“ commandirte der Bürgergarden⸗ officier und im ſelben Augenblicke hatte ſich auch ſchon das Pferd des Republikaners mehrere Bajonnete in die Bruſt gerannt, daß es blutüberſtrömt zu Boden ſtürzte. „Nieder mit dem Meuchelmörder,“ ſcholl es zornig aus den Reihen der Nationalgarde, und bereits waren mehrere Bajonnete gegen die Bruſt des geſtürzten Rei⸗ ters gerichtet, der ſich vergeblich unter dem Pferde her⸗ vorzuarbeiten ſuchte. Guido, der noch zurück war, bemühte ſich vergebens, den Volkshaufen zu durchbrechen. Er bot alle Kräfte auf, dem Freunde zu Hülfe zu kommen. Er peinigte ſein Roß mit Sporen und Gerte, daß das Thier hoch aufbäumte, mehrere der Zunächſtſtehenden zu Boden 10* 148 warf, andere überritt. Dann rief er laut zur Em⸗ pörung auf und forderte Rache für den gefallenen Freund. So gelang es ihm endlich, den Nationalgarden immer näher zu kommen; auch er zog jetzt ein Piſtol hervor, als plötzlich ſein Pferd durch einen wohlgeführten Dolch⸗ ſtoß getroffen, gleichfalls zu Boden ſtürzte und den Reiter unter ſich begrub. Der Fall hatte den Geſtürzten etwas betäubt; erſt nachdem er aus dem größten Gedränge befreit war, gelangte er wieder zum Bewußtſein. Ottokar ſtand neben ihm und bat herzdringend, ihm zu folgen, um ärztliche Hülfe herbeizuſchaffen; denn der Geſtürzte hatte mehrere pedeutende Contuſionen und blutete an verſchiedenen Stellen. „Ich weiche nicht,“ erwiderte der Republikaner, „einen herzhaften Angriff, das Nationalgardengeſindel ſtiebt auseinander und wir beſetzen das Stadthaus; aber vorerſt muß ich den Banditen entdecken, der mein Pferd erſtach. Unfehlbar iſt er bereits der Rache des Volks anheimgefallen. Geleite mich wieder zu meinen Freunden, Ottokar.“ „So laß Dich wenigſtens zuvor verbinden,“ bat dieſer,„Du erhältſt Dich keine zehn Minuten aufrecht.“ Wirklich überzog auch eine ſichtbare Bläſſe das Antlitz des Jünglings. Er mußte ſich an Ottokar leh⸗ nen, um nicht umzufinken. Dieſer führte den Verwun⸗ deten in das zunächſt gelegene Haus. Ein Wundarzt war ſogleich zur Hand. Guido ward verbunden. Doch kaum hatte er ſich einigermaßen erholt, als er trotz Ottokar's Bitten wieder hinauseilte. Der ſorgſame Bruder befand ſich ſtets an ſeiner Seite. Unterdeß hatte ſich vor dem Hauptportale des Stadt⸗ hauſes ein ernſtlicher Kampf entſponnen. Man ſtritt, 149 wie um die Leiche des Patroclus, um den Körper des gefallenen jungen Republikaners. Wiederholt ſah ſich die Nationalgarde zu Bajonnetangriffen genöthigt. Es kam zu häufigen Verwundungen. Blut floß. Das Volk wurde immer wüthender; der ganze Platz vor dem Stadt⸗ hauſe glich dem brandenden Meere. Dumpf wie Don⸗ nerton rollte das„Vive la republique“ zu dem Him⸗ mel empor. Hoch flaggte die rothe Blutfahne. „Der Sieg iſt unſer,“ rief Guido und war außer ſich, die Volkswogen nicht durchbrechen zu können. „Auf, auf, meine Freunde, noch eine kurze Anſtrengung und die Freiheit hat für immer geſiegt.“ Plötzlich, als der Kampf vor dem Stadthauſe immer blutiger zu werden drohte und die Nationalgarde mehr und mehr zurückgedrängt ward und kaum noch im Stande war, den wüthenden Rotten Widerſtand zu leiſten, da öffneten ſich die Flügelthüren, welche auf den Balkon des Stadthauſes führen und der General⸗ lieutenant des Königreichs, der Herzog von Orleans, trat an der Seite des Generals Lafayette heraus. So wie das Volk den alten Freiheitsfreund erblickte, wich es augenblicklich vom Kampfe zurück und erfüllte die Luft mit Freudengeſchrei. „Meine Freunde,“ ruft Lafayette, indem er den Herzog von Orleans in ſeine Arme ſchließt,„das iſt die beſte Republik. Hoch lebe der Herzog von Orleans.“ „Hoch lebe der Herzog von Orleans!“ antwortete tauſendſtimmig die leicht erregbare Menge. „Und hoch die brave Nationalgarde von Paris!“ tönt Lafayette's Stimme von Neuem. „Sie lebe hoch,“ antwortet das Volk und ſtürzt ſich mit ausgebreiteten Armen auf dieſelben Blauröcke, die es noch vor wenig Augenblicken ermorden wollte. Nur einzelne Stimmen ließen ununterbrochen ihr„Hoch 150 lebe die Republik!“ und„Nieder mit Orleans!“ er⸗ ſchallen, ohne jedoch durchdringen zu können. Die Vivats für den Herzog und die Nationalgarde verbreiteten ſich bald über den ganzen Platz⸗ Guido, kaum ſeinen Ohren trauend, frug wieder⸗ holt:„Was rufen Sie?“ „Da hörſt Du die Veränderlichkeit des Pariſer Volks,“ erwiderte Ottokar; vor Kurzem noch bebte der Himmel von dem unermeßlichen„Vive la republique“; jetzt ſchreit man ſich zu Gunſten des Herzogs heiſer.“ Guido ſtarrte lange wie geiſtesabweſend vor ſich hin; dann riß er wüthend den Verband von ſeinen Wunden. „So fließe Blut, ende elendes Daſein,“ rief er in höchſter Aufregung. Er ſank ohnmächtig in Ottokar's Arme. Mit Hülfe eines beiſpringenden Ouvriers brachte man den leidenſchaftlichen jungen Mann in eine Mieth⸗ kutſche. „Daß wir nur nicht ein zu gewagtes Spiel geſpielt haben,“ ſprach Ottokar zu dem Ouvrier, der Niemand anders war als der verkleidete Arthur. „Ich fürchte nicht,“ antwortete dieſer,„hoffentlich daß dieſe Lection recht heilſam wirkt.“ Er erzählte jetzt, wie ihm, um Guido vom offen⸗ baren Tode zu retten, nichts übrig geblieben, als deſſen Pferd niederzuſtoßen. Die beiden jungen Männer hatten nämlich ihren exaltirten Bruder und Freund die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelaſſen, jeden ſeiner Schritte bewacht, um bei eintretender Gefahr ſogleich bei der Hand zu ſein. Sie brachten jetzt den Ohnmächtigen nach ſeiner Wohnung. Der herbeigerufene Arzt erklärte, daß durch⸗ aus keine Gefahr vorhanden und die nochmalige Ohn⸗ 15¹ macht mehr in Folge politiſcher Alteration, als aus Blutverluſt erfolgt ſei. „Das Beſte wäre,“ meinte Arthur,„wir brächten Ihren Bruder wieder in den Wagen und führen über Hals und Kopf dem alten Vaterlande zu.“ „Nein,“ erwiderte Ottokar,„er ſoll nicht allein von ſeiner republikaniſchen Leidenſchaft, ſondern auch von der andern geheilt werden. Dann erſt wird der Gedanke an die Heimath und die Luft des Vaterlandes wohl⸗ thuend auf ihn wirken.“ Vor dem Stadthauſe war unterdeſſen Ruhe und Einigkeit zwiſchen Volk und Nationalgarden vollkommen hergeſtellt worden. Eins ließ das andere hoch leben; und unter allgemeinem Jubel begleitete man den Her⸗ zog von Orleans, der bürgerlich ſchlicht unter der Menge dahinſchritt und häufig den Leuten die Hand drückte, nach ſeiner Wohnung, dem Palais Royal. Vierzehntes Rapitel. Ottokar hatte vom Doctor Stephani einen Brief er⸗ halten, worin dieſer ſchrieb, daß es dem Grafen Günther wünſchenswerth ſei, wenn Guido für den Augenblick nicht in die Heimath zurückkehre. Die Donner der Pariſer großen Woche hätten auch in Deutſchland ephemere Zuckungen hervorgebracht und für einen exal⸗ tirten Kopf wie Guido ſei dies keine geſunde Luft. In Kurzem werde Alles wieder beruhigt ſein. Der junge Mann hatte kaum zu Ende geleſen, als Arthur vom Stern in's Zimmer trat. „Wiſſen Sie ſchon,“ frug er,„daß Ihr Bruder den fremden Attaché, ſeinen Nebenbuhler bei Adelen, 152 auf Leben und Tod gefordert hat? Ich ſelbſt ſoll ihm ſecundiren.“ Ottokar erſchrak.„Wäre dieſem thörichten Kampfe nicht vorzubeugen?“ frug er nach einer Pauſe.„Eine Coquette wie Frau von Montfort verdient wahrlich nicht, daß ſich wegen ihr ein paar Ehrenmänner auf Leben und Tod befehden.“ „In der Stimmung, in der ich Ihren Bruder ge⸗ funden habe,“ antwortete Arthur,„verzweifle ich an einer Ausgleichung. Guido iſt außer ſich vor Schmerz und nachdem auch ſein Glaube an Adelen vernichtet iſt, ſcheint er den Tod zu ſuchen.“ Ottokar ging ſchweigend und verdüſtert auf und nieder. „Wie wäre es denn,“ frug er endlich,„wenn wir eine Verhaftung Guido's bewerkſtelligten? Ob ſeines politiſchen Fanatismus iſt er der Polizei längſt verdäch⸗ tig. Unterdeß geſchieht etwas. Vielleicht iſt auch der Ruſſe zu entfernen.“ Arthur zuckte die Achſeln. „Auch hiervon verſpreche ich mir keine große Hülfe,“ ſprach er,„Guido wird jeder Verhaftung perſönlichen Widerſtand entgegen ſetzen und ſich bis auf den Tod vertheidigen. Das Uebel, das wir verhüten wollten, könnte leicht vergrößert werden. Der Diplomat hat die Ausforderung auch bereits angenommen, und ſo wird es wohl bei dem Zweikampfe ſein Bewenden haben, obſchon wir nichts unverſucht laſſen wollen, demſelben einen weniger mörderiſchen Charakter zu geben. Mit drei Gängen muß Guido zufrieden ſein. Severin trat jetzt mit höchſt verdrießlichem Geſicht in's Zimmer. Ohne zu grüßen lief er eine Zeitlang ſtumm im Gemache auf und ab. Ottokar und Arthur, zu ſehr mit der Duellangelegenheit beſchäftigt, achteten 153 nicht auf das ſonderbare Benehmen Barthel's, woran ſie überdieß gewöhnt waren. Endlich brach der Philo⸗ ſoph los. „Nun haben wir doch,“ rief er,„revolutionirt, barrikirt, kanonirt, mordſaerirt und raiſonnirt und da der liebe Himmel den Schaden beſieht, ſtehen wir gerade da, wo wir immer geſtanden haben. Der Hände⸗ drückende, Regenſchirmbewaffnete Herzog von Orleans ſteigt auf den Thron, die Franzoſen behalten ihre Bourbone und Alles bleibt beim Alten.“ „Nach meiner Anſicht iſt es auch das Vernünftigſte, was ſie thun konnten,“ meinte Ottokar;„wozu konnte die Republik nützen, als Europa in Feuer und Flam⸗ men zu ſetzen? Die Dynaſtie Napoleon's würde wahr⸗ ſcheinlich gleiche Unruhen mit ſich gebracht haben.“ „Es bliebe ein dritter Ausweg,“ ſprach Arthur, „der junge Herzog von Bordeaux. Warum iſt man ſo unbillig, das Vergehen der Väter auf die Kinder überzutragen. Ward Karl der Zehnte nicht hart ge⸗ nug beſtraft, indem er den Thron verlor; warum aber den Haß auf völlig Unſchuldige ausdehnen und ſie ei⸗ nes Rechtes berauben, das ſie mit der Geburt erlangt haben?“ „Mein Freund,“ erwiderte Ottokar,„in Revolu⸗ tionen fragt man in der Regel nicht nach dem Rechte; da hat ſtets der Sieger Recht. Wollten wir juriſtiſch zu Werke gehen, ſo hatten die Franzoſen das Recht gar nicht, ihren König abzuſetzen. Wenn er Etwas gegen die Verfaſſung unternahm, warum contraſignir⸗ ten die Miniſter? Sie allein waren verantwortlich; aber der König nicht.“ Während die drei jungen Männer über dieſe und ähnliche Fragen debattirten, begannen von den eliſäiſchen Feldern her die Kanonen zu donnern und die Glocken 154 zu läuten; auf den Straßen tönte tauſendſtimmiges „Vive le roi“— Der Herzog von Orleans beſtieg als Ludwig Philipp der Erſte den Thron von Frankreich. Barthel hatte ſich in's Sopha geworfen und mur⸗ melte ſtille Flüche. Er ſchwor, nicht vierundzwanzig Stunden mehr in dem bourboniſchen Frankreich zu bleiben. Ottokar, obſchon ihn die Angelegenheiten Guido's ſehr ernſt geſtimmt hatten, konnte ſich beim Anblicke Severin's, der im Geiſte ſchon Marſchall des jungen Napoleon's geweſen war, eines Lächeln nicht enthalten. Er tröſtete den Freund ſo gut es gehen wollte. „Bedenke, Barthel,“ ſprach er,„daß die Wahl des Herzogs von Orleans doch ſo übel nicht iſt, da dieſen Mann ſchon Napoleon für den rechtſchaffenſten aller Bourbonen erklärt hat.“ „Und wenn er ein Engel des Lichts wäre,“ meinte der Getröſtete,„er bleibt ein Bourbon und gegen die⸗ ſes Geſchlecht hab' ich eine Averſion. Darum fort von hier, ſobald als möglich. Ich mag überhaupt mit dem leichtſinnigen Volke, dieſen Franzoſen, nichts mehr zu ſchaffen haben.“ „Aber flaggt nicht jetzt,“ fuhr Ottokar fort,„die Tricolore auf Zinnen und Thürmen, jene Farben, die Du ſo liebſt? Als noch die weiße Fahne wehte, ſag⸗ teſt Du oft, der Anblick derſelben verurſache Dir Uebelſein; nur beim Anſchauen der Europaerobernden Tricolore könne man frei und froh athmen, werde einem das Herz groß und leicht. Iſt ferner nicht wieder die Nationalgarde in's Leben getreten, jenes Inſtitut der erſten Revolution, worauf ſelbſt Napoleon in Zeiten der Noth große Stücke hielt und ſteht nicht der alte bourbonenfeindliche Freiheitskämpe Lafayette an ihrer Spitze?“ 155 „Schweig mir von dieſem Strohmian,“ fuhr Bar⸗ thel auf,„er und kein Menſch weiter iſt ſchuld, daß wir den König von Rom nicht auf dem Throne haben. Dieſer alte revolutionaire Don Quipote hatte von je eine Pique gegen die kaiſerliche Dynaſtie. Wäre er 1815 nicht geweſen, hätten wir unbeſtritten heut noch unſern großen Napoleon; mit ſeinen Freiheitsfaſeleien verdirbt er Alles; das hat er in der erſten Revolution, unter Napoleon und in den Julitagen hinlänglich be⸗ wieſen. Er hat ſo gut wie die Bourbonen nichts ge⸗ lernt und nichts vergeſſen. Weder Verbannung, noch Olmütz, noch die Seeluft, noch der transatlantiſche Himmel haben ihn geſcheuter gemacht. Es iſt zum Tollwerden. Alles war ſo herrlich im Gange, das Volk ſchrie ſchon wie beſeſſen„Vive Pempereur, Vive Napoléon II.,“ mit den paar Republikanern wären wir bald fertig geworden; nein, da fällt's dem alten Raiſonneur ein und bringt den Orleans herausgeführt auf den Balkon, herzt und küßt ihn und präſentirt ihn als die„beſte Republik“. Es war eine rührende Geſchichte; den Epiciers ſchwollen die Thränendrüſen, ſie ſchnappten wie hungrige Karpfen nach der beſten Republik; aber wie die Karpfen anſtatt der Lockſpeiſe, die ihnen vor der Naſe einhertanzt, den Hamen bekom⸗ men, ſo haben die Franzoſen anſtatt der beſten Repu⸗ blik einen wohlbeleibten Bourbonen erhalten; und der liſtige Fiſcher iſt ein ſogenannter Mann der Freiheit. Wenn die Herren der Freiheit die Sache nicht geſcheuter anfangen, kommt Madame oder Demoiſelle Freiheit in alle Ewigkeit nicht auf die Strümpfe. Das wußte ſchon der große Napolevn, drum konnte dieſer die liberalen Volkstribunen und Popanze nie leiden. Alſo für die beſte Republik einen Bourbonen! Der Gedanke iſt zu drollig, als daß man ſich darüber ärgern könnte.“ 156 „Was ſagen denn die Republikaner zu der neuen Königswahl?“ frug Arthur vom Stern. „Die ſchimpfen gleichfalls auf den Lafayette,“ ant⸗ wortete Severin,„und noch weit mehr als die Na⸗ poleoniſten. Sie können ſich mit der ſogenanten„beſten Republik“ noch weniger befreunden als wir; und eh' wir es uns verſehen, werden ſie auf die beſte Repu⸗ blik losſchlagen, grimmiger als gegen den frommen Karl den Zehnten, der mir jetzt ſchon zehnmal lieber iſt, als der Händedrückende und Regenſchirmbewaffnete Bür⸗ ger⸗ und Barricadenkönig. Jener war wenigſtens eine reine Farbe; da wußte man, wie man daran war; mit dem jetzigen Beherrſcher Frankreichs weiß man's aber nicht. Der will's erſtens nicht verderben mit dem Kaiſer aller Reußen, zweitens nicht mit dem Kai⸗ ſer von Oeſtreich, drittens nicht mit dem Könige von Preußen, viertens nicht mit den Engländern, fünftens nicht mit dem Papſte, ſechſtens nicht mit dem Padi⸗ ſchah, ſiebentens nicht mit den Samojeden, achtens nicht mit den Republikanern,— denn er ward von La⸗ fayette als„beſte Republik“ aus der Taufe gehoben, — neuntens nicht mit den Napoleoniſten,— denn er hat ſich ſehr günſtig über Napoleon geäußert, zehntens nicht mit dem vertriebenen Königshauſe,— denn er iſt ja der leibhaftige Vetter,— eilftens nicht mit Talleyrand, zwölftens nicht mit den Journaliſten und ſo weiter; ich könnte noch hundert Parteien herzählen, mit denen er es alleſammt nicht verderben will; er hat es ja laut und vernehmlich erklärt. Was ſoll aber aus dieſen zahlloſen Rück⸗, Vor-, Hin- und Nach⸗ ſichten herauskommen? wo iſt da eine reine majeſtätiſche Farbe, wie ſie einem Könige von Frankreich geziemt, und die Napoleon ſo trefflich zu behaupten und rein zu erhalten verſtand?“ 157 „Ich begreife indeß nicht,“ entgegnete Ottokar, „wie er als kluger Mann anders handeln kann. Mir iſt keineswegs bange um ihn. Wenn man ſein Leben überſchaut, kann man ihm den Namen eines edeln und freiſinnigen Fürſten gewiß nicht verſagen. Er unter⸗ ſcheidet ſich auch weſentlich darin von den ältern Bour⸗ bonen, daß er nie gegen ſein Vaterland die Waffen trug, ja bei Jemappes und Valmy ſelbſt als Republi⸗ kaner, tapfer für daſſelbe gefochten hat, was ihm in den Augen der Franzoſen einen großen Werth gibt. Er trat ferner nie den freifinnigen Meinungen oder dem vorgeſchrittenen Zeitgeiſte entgegen; ſeine Söhne erhielten eine aufgeklärte faſt rein bürgerliche Erzie⸗ hung; auf ihn kann daher keineswegs Napoleon's Aus⸗ ſpruch, daß er nichts gelernt und nichts vergeſſen habe, angewendet werden; im Gegentheil, er hat in ſeinem erfahrungsreichen Leben Viel gelernt und gewiß Nichts davon vergeſſen. Ich kann daher Lafayette's Ausſpruch nur beiſtimmen und halte den Herzog von Orleans wenigſtens unter dem gegenwärtigen Verhältniß auf Frankreichs Thron für beſſer, als die beſte Republik. Er wird ſich gewiß zu behaupten wiſſen. Er iſt ein kluger Fürſt und was mir als ſehr günſtiges Zeichen gilt, iſt, daß Talleyrand ſich bereits für ihn erklärt hat.“ „Talleyrand?“ frug Barthel ärgerlich lachend,„da fällt mir ein ſehr bezeichnendes Anecdötchen ein. Die⸗ ſer Fuchs hatte dieſer Tage eine Audienz bei dem Barri⸗ cadenkönig. Letzterem lag natürlich außerordentlich daran, dieſen Napoleon der Intrigue kuf ſeiner Seite zu haben; denn er wußte aus der Geſchichte, daß ſich nur diejenige Regierung in Frankreich halten kann, die ſich Talleyrand erklärt hat. Zugleich war au Seiner königlichen Hoheit der Magnet nicht unbekannt, welcher auf den Fürſten von Benevent ſeine Wirkung 158 nie verfehlt hat. Seine königliche Hoheit ſprach daher zu dieſem diable boiteux:„Prinz, halten Sie zu mir; was man Ihnen auch von irgend einer andern Seite bieten mag, ich gebe allemal das Doppelte.“ „Ein Beweis mehr für die Klugheit des neu er⸗ wählten Souverains,“ bemerkte Ottokar. „Aber auch zugleich ein Beweis,“ fiel Severin hitzig ein,„in welche Hände die Regierung Frank⸗ reichs, das ſo glorreich das alte Joch abgeſchüttelt hat, gefallen iſt. Dieſer König von Bankiers auf den Thron gehoben,— denn wenn der Lafitte mit ſeinen Geldſäcken nicht agirt hätte, war die große Frage, ob wir heute etwas von einem Ludwig Philipp wüßten, — wird theils aus Dankbarkeit, theils aus Intereſſe genöthigt ſein, den reichen und wohlhabenden Bürger⸗ ſtand zu fetiren. Die Portefeuilles der innern wie der auswärtigen Angelegenheiten werden in die Hände der Bankiers fallen; an die Stelle der hochgebornen Ariſtocratie der Faubourg Saint Germain wird eine aufgeblaſene Geldariſtocratie treten; man wird die theuerſten und heiligſten Intereſſen nach Curſen und Prozenten meſſen und das franzöſiſche Volk vor ganz Europa erniedrigen. Daß die heilige Allianz den Barricadenkönig nicht mit den günſtigſten Blicken be⸗ trachten wird, liegt in der Natur der Sache; ſie wird von Ludwig Philipp Garantieen fordern, unbekümmert, ob die Würde der Nation darunter leidet oder nicht; anſtatt aber den unberufenen Anmaßungen der Aus⸗ länder die Zähne zu weiſen, wie es einem tapferen Könige geziemt, wird der Herr Premierminiſter und Bankier Ludwig Philipp's zu allen demüthigſt die Au⸗ gen zudrücken, damit ja kein Krieg ausbricht, wodurch die Renten einige Prozente fallen könnten.“ „Wie ich den Jaques Lafitte kenne,“ gegenredete 159 Ottokar,„ſo iſt er ſicher nicht der Mann, wofür Du ihn zu halten ſcheinſt. Iſt mir je ein Bankier und reicher Mann vorgekommen, der mit größter Aufopfe⸗ rung und ohne allen Egoismus blos das Beſte und die Würde ſeines Vaterlandes vor Augen hatte, ſo'iſt es der Ebengenannte. War es nicht der Bankier La⸗ fitte und der Bankier Perrier, welche auf das Ent⸗ ſchiedenſte die Beibehaltung und Coloniſirung des er⸗ oberten Algier verlangten, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß es England als eine feindſelige Handlung von Seiten Frankreichs anſehen könnte?“ „Nun, die Zukunft wird lehren,“ ſprach Severin, „ob ich nicht die Wahrheit geſprochen. Den Lafitte will ich mir auch noch gefallen laſſen, ſchon Napoleon erklärte ihn für einen Ehrenmann; aber dem Perrier, der jetzt ebenfalls mit regieren hilft, iſt auf keinem Fall zu trauen.“ „Ich muß im Allgemeinen,“ fiel Arthur vom Stern ein, den Worten von Freund Severin beiſtimmen; na⸗ mentlich was er über die Geldariſtoeratie ſagt. Auch ich kenne nichts Haſſenswertheres als ſolche gemüthloſe Emporkömmlinge, deren einziges Verdienſt und An⸗ ſehn darin beſteht, theils durch glückliche Speculation, theils vielleicht gar durch Wucher und andere nicht ehrenwerthe Manipulationen Hunderttauſende zuſammen⸗ geſcharrt zu haben.“ „Ariſtoeratie,“ meinte Ottokar,„ſie werde nun durch die Geburt oder durch Reichthum bedingt, bleibt gleich verwerflich, ſobald ſie in Anmaßung gegen Tie⸗ fergeſtellte ausartet.“ „Die des Geldes,“ ſprach Arthur,„iſt aber un⸗ erträglicher, weil ſie in der Regel plumper und bru⸗ taler einherſchreitet. Der Adelige, wenn er auch auf den Bürgerlichen herabſieht, wird nie eine gewiſſe Form 160 und Politur verleugnen, welches ſo oft der Fall iſt, ſobald der Reiche den Aermern ſeine Ueberlegenheit füh⸗ len läßt. Auch liegt die höhere Achtung, welche der Adelige genießt, in der menſchlichen Natur begründet.“ „Strverin, welcher in dergleichen Geſprächen gern die Oppoſition ergriff, wollte dieß nicht zugeben. „Nur der Reichthum an Herz und Geiſt,“ meinte er,„kann wahren Adel verleihen, nie die bloße Geburt.“ „Was den Reichthum an Herz und Geiſt anbe⸗ langt,, gegenredete Arthur,„ſo widerſpreche ich auch nicht; ich meine nur, daß die Achtung vor dem Ge⸗ burtsadel in der menſchlichen Natur begründet iſt, was bei der Geldariſtoeratie nicht der Fall.“ „Wo dieſe Achtung aus der menſchlichen Natur herkommen ſoll, begreife ein Anderer,“ verſetzte Severin. „Es bedarf nur eines Beiſpiels,“ fuhr Arthur fort,„noch dazu eines rein bürgerlichen. Wenn z. B. jetzt Jemand aufträte, der erſichtlich nachweiſen könnte, wie er in directer Linie vom Doetor Luther oder irgend einem andern großen Bürger vergangener Jahrhunderte abſtamme, würden wir nicht einen ſol⸗ chen mit größerem Intereſſe betrachten und ſo er unſ⸗ rer Achtung überhaupt werth, mit größerer Achtung begegnen als irgend einem andern Sterblichen?“ „In dieſem Punkte,“ erwiderte Ottokar,„muß ich Ihnen Recht geben, und ich glaube auch, es liegt in ſolcher hiſtoriſchen Erinnerung ein Grund, wenn auch ein ſehr ſchwacher, daß der Adelige von den Bürgerlichen mehr honorirt wird. Es hat etwas Im⸗ ponirendes, wenn Jemand von den Großthaten erzäh⸗ len kann, die ſein Ur⸗ und ſein Ur⸗Urgroßvater, und noch weiter aufwärts, vollbracht haben; iſt jedoch von den hochgebornen Ahnen nichts Erbauliches zu be⸗ richten, ſo fällt dieſer Grund hinweg und ich begreife 161 nicht, warum ich vor Jemandem, wenn er ſich ſonſt durch Nichts auszeichnet, bloß deshalb mehr Reſpeet haben ſollte, weil er weiß, wie ſeine Vorältern ge ei⸗ ßen und was ſie geweſen ſind. Es iſt mit dem gan⸗ zen Geburtsadel eine ſonderbare Sache, die ſogar lächer⸗ lich wird, ſobald wir annehmen, daß die ganze Menſch⸗ heit von Einem Paare abſtamme.“ „Was mich anbelangt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſo bereue ich es durchaus nicht, daß ich von Adel bin; nicht daß ich mich für etwas Beſſeres halte als jedes andere ſtaubgeborne Erdenkind, ſondern weil die ganze geburt⸗adelige Geſellſchaft auf Erden gleich⸗ ſam durch ein geiſtiges Band vereint wird, ſo daß man aller Orten auf befreundete Elemente trifft, welche die geſelligen Formen liebenswürdiger beobachten; und daß man Zutritt ſelbſt in ſolche Kreiſe hat, die dem Bür⸗ gerlichen verſchloſſen ſind.“ Arthur ſtimmte hier vollkommen bei; Severin aber ärgerte ſich hauptſächlich über den letzten Satz, wo⸗ durch er die Würde als Menſch beleidigt fand. Er kehrte daher ſogleich die republikaniſche Seite heraus und behauptete, daß es in wenigen Decennien keinen Adel auf Erden mehr geben würde, weder Geburt⸗ noch Geldadel.“ Ottokar widerlegte dieſen Ausſpruch auf eben ſo ruhige als einſichtliche Weiſe, Arthur ſprach ſich ariſto⸗ eratiſcher aus. Severin ſtritt in's Blaue hinein, ob⸗ ſchon er manches Wahre zum Vorſchein brachte. Er pflegte in derlei Geſprächen die Sachen ſtets auf die Spitze zu treiben und da war es kein Wunder, wenn er gegen den gemäßigten und beſonnenen Ottokar alle⸗ zeit den Kürzern zog. Erſt nach langen Debatten trennten ſich die Freunde. 11 Stolle, Schriften. Suppl. I. 162 Junſzehntes Rapitel. Es war ein ſchöner Auguſtmorgen; das Morgenroth, welches immer röther am Horizonte emporbrannte, be⸗ leuchtete das noch ſchlummernde Paris. Im Schatten des Boulogner Gehölzes ſchritten drei Männer, in Män⸗ tel gehüllt, ſchweigend auf und ab. Es waren Guido, Ottokar und Arthur. „Ein thöriger Kampf,“ begann Ottokar nach lan⸗ gem Schweigen;„ein Weſen wie dieſe Montfort, ver⸗ dient nicht, daß zwei brave Männer ihretwillen um Leben und Tod würfeln.“ Guido antwortete lange nicht. Endlich ſprach er: „Warum ſoll ich an einem Menſchen nicht Rache nehmen, der mir meinen irdiſchen Himmel zertrüm⸗ merte?“ „Still,“ gebot Arthur,„ich höre Fußtritte; wenn ich nicht irre, naht Ihr Gegner, Guidv.“ Am Ende der Pappelallee wurden jetzt ebenfalls drei Geſtalten ſichtbar, die ſich eilends näherten. Es waren der Attaché bei der ruſſiſchen Geſanbſchaft, Herr von Rowinow, ſein Secundant ein junger Pole, Namens Kalinski und ein Wundarzt. Durch Intervention der beiderſeitigen Secundanten wurde, jedoch nicht ohne Widerſtreben von Seiten Guido's der mörderiſche Charakter des bevorſtehenden Zweikampfes in ſo weit gemildert, daß nur dreimaliger Kugelwechſel ſtattfinden ſollte. Der Antrag des Polen Kalinski auf eine friedliche Ausgleichung, ohne Duell, ward von beiden Duellanten zurückgewieſen. So ſchritt man zur Sache. Die Barrieren wurden abgeſteckt; die beiden Geg⸗ ner nahmen die von den Secundanten bezeichneten Plätze ein. Mit hochklopfendem Herzen hatte Ottokar 163 allen dieſen Vorbereitungen zugeſchaut; als aber der verhängnißvolle Augenblick immer näher rückte, ließ ihn die Bruderliebe alle Rückſichten vergeſſen. „Guido,“ rief er in ergreifendem Tone,„laß ab von einem Kampfe, den Gott nicht will, biete die Friedenshand.“ Statt aller Antwort aber gebot Guido den Secun⸗ danten das Zeichen zur Eröffnung des Kampfes zu geben. Es erfolgte. Die Duellanten verließen ihre Plätze und avancirten, die geſpannten Piſtolen in der Hand, gegen einander. Der leidenſchaftliche Guido war der Erſte, welcher abfeuerte. Die Kugel ſtreifte die linke Achſel des Gegners, doch ohne ihn bedeutend zu verletzen. Unmittelbar darauf ſchoß Rowinow, und fehlt. Ottokar athmete leichter. Abermals verſuchte er den Frieden herzuſtellen, vergebens. Die Kämpfer ſchickten ſich zum zweiten Gange an. Guido ſchoß zum zweitenmale und fehlte, während die Kugel des Ruſſen ihm den Arm ſtreifte und denſelben leicht verwundete. Der Getroffene verbiß den Schmerz und beſtand, ohne ſich verbinden zu laſſen, unverzüglich auf den dritten Gang. Dießmal ſchoß Herr von Rowinow zuerſt und legte ſeine friedliche Geſinnung dadurch an den Tag, daß er das Piſtol hoch hielt, ſo daß die Kugel in die Aeſte der Bäume ſchlug. Guido, der es ſogleich be⸗ merkte und die Abſicht erkannte, wollte dieſen Schuß nicht gelten laſſen. Die Secundanten legten ſich in's Mittel und Guido mußte ſich den Duellgeſetzen fügen. „Wohlan,“ rief er,„ſo bin ich am Schuſſe; nur Einer darf lebend vom Platze.“ Er ſchritt langſam, 11 mit unheimlichem Blicke vorwärts und gleich darauf ſtürzte Rowinow mit klaffender Bruſtwunde zu Boden. „Mörder!“ ſchrie der polniſche Secundant und eilte außer ſich auf den Gefallenen zu. Der Wundarzt unter⸗ ſuchte die Wunde und erkannte ſie für unbedingt tödtlich. „Er lebt keine Viertelſtunde mehr,“ ſprach er leiſe zu Kalinski. Dieſer erhob ſich jetzt und wandte ſich zu Guido, welcher wie im träumenden Zuſtande herangetreten war und die traurige Gruppe mit einer Art Apathie betrachtete. „Noch feſſeln mich heilige Pflichten an das Leben,“ ſprach er im markigen, erſchütternden Tone,„aber bald ſind ſie erfüllt und dann fordere ich Genugthuung für den Mord, welchen Sie an meinem Freunde be⸗ gangen haben. Wir werden uns in Kurzem wieder ſehen, mir ſagt es mein inneres Geſicht; aber wo wir auch zuſammentreffen, ich werde Ihnen ſtets als Feind gegenüberſtehen.“ Mit dieſen Worten wendete er Guido den Rücken und kniete wieder zu dem Gefallenen nieder, mit wel⸗ chem ſich der Wundarzt ununterbrochen beſchäftigte. Der ſonſt ſo leicht aufbrauſende Guido hatte die beleidigende Rede mit ſtoiſchem Gleichmuthe hingenom⸗ men. Er ſtarrte unverwandt nach dem am Boden lie⸗ genden Opfer und kein Wort kam über ſeine Lippen. Herr von Rowinow, der ſich jetzt mit Hülfe des Arztes halben Leibes erhoben, übergab dem weinenden Kalinski ein ſauber geſticktes Portefeuille. „Es enthält meinen letzten Willen,“ ſprach er leiſe, „Du weiſt, Feodor, was Du nach meinem Tode zu thun haſt. Ihnen, Herr Graf von Hohenſtein, ver⸗ gebe ich; ich nehme keinen Groll mit hinüber und wünſche nur, daß ſie der Himmel vor dereinſtiger Reue bewahren möge.“ Wie ein Donnerſchlag des ewigen Gerichts ſchlugen dieſe Worte in die Seele des Betäubten. Er warf ſich auf die Knie und bedeckte die Hand, welche ihm der Sterbende hinhielt, mit Thränen und Küſſen. „So iſt keine Rettung, keine!“ rief er verzweif⸗ lungsvoll. „Keine,“ erwiederte dumpf der Arzt. Herr von Rowinow ſprach noch einige gebrochene Worte zu Kalinski, dann neigte er ſein Haupt und verſchied in den Armen ſeines Freundes. Guido war wie wahnfinnig aufgeſprungen und im dickſten Gebüſch verſchwunden. Ottokar, der befürchtete, der Leidenſchaftliche werde ſich ein Leids thun, eilte ihm nach, während Arthur bemüht war, den Leichnam Rowinow's in den Wagen zu ſchaffen. Langſam bewegte ſich der Zug nach der Stadt zurück. Ottokar hatte unterdeß in dem Boulogner Gehölz vergebens nach ſeinem Bruder geſucht. Er war von dem unglücklichen Ausgange des Duell's auf das Tieſſte erſchüttert. Die That Guido's, welcher auf den Geg⸗ ner geſchoſſen, nachdem dieſer mit Abſicht gefehlt hatte, lag wie ein Felsſtück auf ſeiner Bruſt, und es bedurfte ſeiner ganzen Bruderliebe, den leidenſchaftlichen Guido nicht als Verbrecher zu verdammen. Er bemühte ſich mit Anſtrengung, die Handlungsweiſe des Bruders durch deſſen Leidenſchaftlichkeit zu entſchuldigen und es gewährte ihm Troſt, daß der Sterbende noch die Ver⸗ ſöhnungshand geboten und daß ſich die bitterſte Reue von Seiten Guido's ſo unverkennbar an den Tag ge⸗ legt hatte. Nach langem und vergeblichem Suchen ſetzte ſich Ottokar ermüdet auf eine Moosbank. Die ganze furchtbare Seene, der er beigewohnt, erſchien ihm wie ein wüſter Traum. Er rieb ſich wiederholt die Stirn, 166 ob er wache oder träume. Der Sommermorgen brach goldner durch die erfriſchte Schöpfung. Die Nebel zerfloſſen, tauſendfach ſpiegelte ſich die Morgenſonne in den Thauperlen der grünen Wieſen. Die ſtille Luft wehte ſo belebend und erquickend. Alles athmete eine ſolche Heiterkeit und Liebe, daß die kurz vorher ge⸗ gangene Mordſcene wie das wilde Phantaſieſtück eines Fieberkranken erſchien. „Iſt es denn möglich, Vater im Himmel, frug Ottokar,„daß deine Kinder inmitten deiner pracht⸗ vollen Schöpfung, welche nur deine ewige Liebe ver⸗ kündigt, ſich ſolcher Verbrechen ſchuldig machen können, wie ſo eben eines begangen worden? Du zündeteſt in ihnen deine Himmelsflamme an, die wir Vernunft nennen, und die uns den rechten Pfad erleuchten ſoll; du legteſt Liebe in ihre Bruſt, daß ſie wie Brüder ne⸗ ben einander wandeln ſollen, denn wir ſind ja Alle deine Kinder; und gleichwohl morden ſie ſich wie wilde Thiere; werfen leichtſinnig das Leben von ſich, dieſes edle Geſchenk, das man nur verſpielen, und nie wieder gewinnen kann; und oft wegen eines bloßen Phan⸗ toms, aus einer Leidenſchaft, die uns Vernunftbe⸗ gabte tief unter die Thiere ſtellt. Wenn unſer Leben bedroht wird, und wir zu ſeiner Vertheidigung ge⸗ zwungen ſind, ſelbſt auf die Gefahr hin, dem Gegner das Leben zu nehmen, ſo iſt ein ſolcher Todtſchlag wohl zu entſchuldigen; auch wenn die Ehre von Je⸗ mand dermaßen gebrandmarkt worden, daß ſie nur in dem Blute des einen oder des andern wieder rein ge⸗ waſchen werden kann, ſo mag ein ſolcher Kampf nach den einmal angenommenen und heilig geſprochenen Ge⸗ ſetzen der Ehre ſeine Entſchuldigung finden; aber beide Fälle lagen bei dem heutigen unglückſeligen Kampfe nicht vor.“ „Armer Rowinow,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„du ſelbſt wohl biſt weniger zu beklagen, denn du ſchienſt ein edler Menſch und ein ſolcher hat ja jenes Land drüben nimmer zu fürchten; aber welche Wunden wird dein früher Tod all denen ſchlagen, die dir nahe ſtanden?“ Ein Geräuſch in den Zweigen unterbrach den jun⸗ gen Mann in ſeinem Selbſtgeſpräch. Es war Arthur, der aus dem Gebüſche trat. „Da ſind Sie ja,“ ſprach er,„ich habe lange geſucht.“ „Mein Suchen nach Guido,“ antwortete Ottokar „war vergebens, ich habe den Unglücklichen nicht auf⸗ ſinden können.“ „So war ich glücklicher,“ erzählte der Hauptmann; „er hatte ſich verzweiflungsvoll in den Schatten einer alten Eiche geworfen und weinte bitterlich; jetzt hat er mit das traurige Geſchäft übernommen, die Leiche Rowinow's nach der Stadt zu bringen. Zugleich muß es aber nun unſre Sorge ſein, Guido ſo ſchleunig als möglich aus Paris zu entfernen. Der Getödtete hinter⸗ läßt zu viel Befreundete, und ſobald das mordſüchtige Verfahren Guido's bekannt wird, kommt er aus den Duellen nicht heraus.“ „Ich begreife meinen Bruder nicht,“ ſprach Otto⸗ kar im Ausdrucke des tiefſten Schmerzes;„dieſer ehe⸗ dem ſo ſanfte Knabe und faſt mädchenhafte Jüngling, der keine Mücke tödten konnte, welch' dämoniſcher Geiſt in ihn gefahren; er iſt im Stande, für die Hirnge⸗ ſpinnſte ſeiner überreizten Phantaſie die ganze Menſch⸗ heit an das Meſſer zu liefern. Seine politiſche Auf⸗ geregtheit grenzt an Paroxismus.“ „Aber wohin mit ihm?“ frug Arthur;„nach mei⸗ nen neueſten Briefen aus Deutſchland ſieht es daſelbſt 168 gleichfalls nicht erfreulich aus. Die Donner der Pa⸗ riſer Woche haben ſelbſt die vaterländiſchen Philiſter alarmirt, die Stimmung ſoll an vielen Orten ſehr be⸗ denklich ſein, da fehlen nur noch ſolche Feuerköpfe wie Guido und die ſchönſten Dummheiten ſtehen zu er⸗ warten.“ „Auch mir iſt aus der Heimath Aehnliches geſchrie⸗ ben worden,“ antwortete Ottokar,„mein Bruder iſt verloren, wenn er jetzt zurückkehrt. Wie ich ihn hier habe kennen lernen, mit dieſen Geſinnungen ſäße er binnen wenig Tagen als Hochverräther im Kerker irgend einer deutſchen Regierung.“ „Wohlan,“ ſprach Arthur nach einigem Beſinnen, „ſo ſchiffen wir nach England über. Bei den ruhigen, practiſchen Britten iſt für ſolche ideologiſche Geiſter am wenigſten zu befürchten.“ „Ich habe auch daran gedacht, erwiderte Ottokar, „nur iſt die nächſte Sorge, auf welche Art wir ihn von hier fortbringen.“ „Das iſt jetzt leichter zu bewerkſtelligen,“ meinte der Hauptmann,„die Pariſer Luft iſt, wie er ſelbſt ſagt, ihm verpeſtet.“ Die beiden Freunde beriethen ſich noch eines Wei⸗ tern über das Wohl Guido's und ſetzten große Hoff⸗ nung auf die Entfernung deſſelben von Paris. Sechszehntes Rapitel. Wieder ſtrahlte das Palais Royal in reicher Lampen⸗ pracht; wieder glänzten die hohen Säle der ſpiegel⸗ vollen Gemächer; wieder tönten die Fanfaren und be⸗ 169 zaubernden Ballmelodieen und die zahlreichen Gäſte wog⸗ ten in bunter Mannigfaltigkeit durcheinander; aber be⸗ trachtete man das Publikum genauer, wie verſchieden war es von dem, das ſich vor einigen Wochen in die⸗ ſen Sälen verſammelte, wo der damalige Herzog von Orleans, zu Ehren der königlichen Gäſte von Neapel, einen Ball veranſtaltet hatte. Nirgend erblickte man heute jenen alten, ſtolzen Adel Frankreichs, jene vornehme Grandezza mit cheva⸗ leresken Manieren, jene reichen ſchweren Toiletten, aus der Faubourg Saint Germain. Verſchwunden wie mit einem Zauberſchlage, waren jene gepuderten Marquis, jene ſteifen, ſüßlächelnden Repräſentanten der Legitimität und des ancien régime; jene ſtolzen Her⸗ zoginnen, welche den napoleoniſchen gefürſteten Adel nur mit bemitleidenden Blicken betrachteten. Dahin war die ganze Herrlichkeit und Zauberpracht des alt⸗ franzöſiſchen Königthums, und inmitten der Bürger von Paris, welche ſich in Nationalgardenuniform zahl⸗ reich eingefunden hatten, ging der König, der Bürger⸗ könig Ludwig Philipp, mit heitrer Miene auf und ab, aller zwei Schritte ſtehen bleibend, ſich mit den Ballgäſten unterhaltend und ihnen häufig die Hand drückend. Verſchwunden zugleich mit dem hohen Adel Karl's des Zehnten war der größte Theil des diplomatiſchen Corps. Nur der engliſche Botſchafter und der Ge⸗ ſandte Nordamerika's waren anweſend; denn das brit⸗ tiſche wie das nordamerikaniſche Volk hatte den Bür⸗ gerkönig bereits anerkannt, was bei den übrigen Mäch⸗ ten noch nicht der Fall war. Auf jenen purpurrothen, golddurchwirkten Eſtraden hatten heut wacker herausgeputzte Bürgerfrauen, Her⸗ zoginnen, Gräfinnen, Baroninnen der Kaiſerzeit, Frauen 170 von Deputirten und reichen Bankiers in buntem Ge⸗ miſch Platz genommen. Es war mehr ein Bürgerfeſt, denn ein Hoffeſt, und die anmuthigen Töchter Lud⸗ wig Philipp's erſchienen als die liebenswürdigſten Wirthinnen. Alle Notabilitäten der Julirevolution befanden ſich anweſend, von Lafayette bis auf die Eleven der po⸗ lytechniſchen Schule, bis auf jenen kühnen Barricaden⸗ gewandten Ouvrier, der zuerſt mit kühner Hand die Tricolore auf die Notredamekirche gepflanzt hatte. Verſchwunden war der Bann, der funfzehn Jahre lang auf den braven Veteranen der großen Armee ge⸗ ruht hatte. Ihre Narben, Erinnerungen an Abukir, Marengo, Auſterlitz, Jena, Eilau, Friedland, Wa⸗ gram, Moskau, Lützen, Bautzen, Dresden, Madrid, Saragoſſa, Toulouſe, Montmiraile, Monterau, Cham⸗ paubert und Ligny galten wieder als Ehrenzeichen. Die Helden durften wieder ungekränkt erzählen von ihren welterobernden Adlern, von ihrem kleinen Kor⸗ poral, von dem Fürſten von der Moskwa, von Lava⸗ lette und Labadoyere, und der Ruf„Vive l'empereur!“ war wieder geheiligt im ſchönen Frankreich. Kampfluſtig blickte die goldne Jugend Frankreichs nach den Gegenden hin, wo der alte Rhein die grü⸗ nen Wellen treibt. Noch wußte man nicht, ob die Cabinete des Norden einen dritten Kreuzzug gegen die Unabhängigkeit des Vaterlandes unternehmen würden; ob man die mit Blut erkaufte dreifarbige Fahne, jenes Panier der neuen Zeit, zum drittenmale ächten werde; ob man jene mit dem Haſſe der Nation beladene Fa⸗ milie zum drittenmale mit Gewalt der Bajonnete auf den Thron der Tuilerien zurückführen werde. Die ge⸗ ſammte Jugend des Reichs wünſchte ein ſolches Ein⸗ ſchreiten, ſie war weit entfernt, es zu fürchten. Trun⸗ 171 ken von den Erinnerungen des Kaiſerreichs, dürſtete ſie nach dem Ruhme, die neue lorbeergekrönte franzöſiſche Geſchichte mit friſchen Lorbeeren zu ſchmücken. Das war nur Ein Gedanke, welcher in allen jugendlichen franzöſiſchen Herzen lebte. Ruhiger dachten die Häupter der Julirevolution, jene Matadore der Pariſer Bankiers und Geldariſto⸗ kratie. Ihr Grundſatz war, Ruhe im Innern und Ruhe nach Außen; Freiheit und Frieden. Doch waren auch ſie entſchloſſen, falls die heilige Allianze den alten Zuſtand der Dinge in Frankreich wieder einzuführen geſonnen wäre, thätigen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Eine gleiche Geſinnung beſeelte faſt die ganze Kam⸗ mer der Deputirten, und die Miniſter nahmen dem Auslande gegenüber eine ruhige, aber würdevolle Stel⸗ lung ein. Ueber allen Partheiungen erhaben ſtand der König Ludwig Philipp. Geprüft in der Schule des Unglücks und der Erfahrung, hatte ihm nächſt dem Wohle ſei⸗ ner Familie das von Frankreich immer am nächſten geſtanden. Er hatte ſich nie zu einer Handlung hin⸗ reißen laſſen, welche ihm die Achtung in den Augen des Volks hätte ſchmälern können. So ſtand er da, ein Bürgerkönig im vollſten Sinne des Worts, um⸗ ringt von einer zahlreichen blühenden Familie, die ihn als Familienvater in gedoppelt liebenswürdigem Lichte zeigten. Die Kinder Ludwig Philipp's, die eine rein bür⸗ gerliche Erziehung genoſſen hatten, ſtanden ſchon ſeit längrer Zeit dem Volke näher, als die Mitglieder der ältern Bourbonenlinie. Keine ſtrenge Scheidewand der Etiquette hatte ſie von dem Publikum geſchieden; und während die Familie Karl's des Zehnten als dem fran⸗ 172 zöſiſchen Volke feindlich galt, fand bei der Familie Orleans der entgegengeſetzte Fall ſtatt. Darum war auch auf dem Balle, welchen der neue König in ſeinem Palaſte veranſtaltet hatte, keine Spur von jener ängſtlichen Etiquette, wie ſie ſonſt am fran⸗ zöſiſchen Hof als für unerläßlich gehalten wurde, an⸗ zutreffen. Dieß galt bis auf die Kleidung herab. Nur äußerſt ſelten wurde ein Gallakleid oder ein ſonſt eti⸗ quettegemäßes Hofkleid in der zahlreichen Verſammlung wahrgenommen. Der König ging in die Uniform der Pariſer Nationalgarde gekleidet und ſämmtliche gela⸗ dene Nationalgarden erſchienen en grand tenue ihrer Corps. Die Prinzen trugen die Uniform ihres Re⸗ giments; und die Deputirten der geſetzgebenden Kam⸗ mern, Beamtete, Journaliſten und Künſtler, die ſich ſämmtlich in Maſſe eingefunden, wandelten in einfach ſchwarzem Frack auf und nieder. Es war, als wenn ſeit den drei Julitagen ein halb Jahrhundert dahingegangen wäre, ein ſo völlig anderes Anſehen hatte der franzöſiſche Hof gewonnen. Durch den Austritt des alten legitimiſtiſchen Adels, welcher den alten Hof wie eine Ringmauer umgürtete, war die jetzige königliche Familie dem Bürgerthum um vieles zugänglicher geworden und näher getreten. Eine neue Aera ſchien über Frankreich heraufgebro⸗ chen. Eine verbeſſerte und freiere Verfaſſung umſchlang Fürſt und Volk und mit der zweiten franzöſiſchen Re⸗ volution hatten ſich die ſchönen Träume jener Natio⸗ nalverſammlung, welche die Morgenröthe einer neuen Zeit an Europa's Horizonte emporführte, verwirklicht. Wenn ein Orkan das Weltmeer zur Brandung ge⸗ bracht, ſo grollen die empörten Wellen noch lange, bevor ſie völlig geſtillt in ihr Bett zurücktreten, ſo auch gab es noch viele durch den Kampf entzündete 173 Köpfe, welche für das Ideal einer Republik geſchwärmt, und da dieſe nicht in's Leben getreten war, gegen die neu gegründete Ordnung in Oppoſition ſtanden. Auch die Partei der Napoleonsfreunde, welche die Dynaſtie des großen Kaiſers auf den Thron Frank⸗ reichs zurück wünſchte, die namentlich in der Armee viele Anhänger fand, mußte als der Regierung Lud⸗ wig Philipp's feindlich geſinnt betrachtet werden. In⸗ deß wirkte die Perſönlichkeit der Familie Orleans ſo verſöhnend, daß eine offene in Gewaltthat ausartende Oppoſition von den Napoleoniſten nicht zu befürchten ſtand. Selbſt Severin, welcher ſeinen Freunden als leiden⸗ ſchaftlicher Verehrer des Kaiſers bekannt war, und der unmittelbar nach dem Julikampfe den jungen König von Rom um jeden Preis auf den Thron bringen wollte, war von der Humanität Ludwig Philipp's, weil dieſer ein paar Worte gebrochenes Deutſch mit ihm ge⸗ ſprochen, ſo hingeriſſen, daß er Leib und Leben für die Orlean'sſche Dynaſtie darzubringen ſchwur. Er befand ſich ebenfalls auf dem Balle und drängte ſich äußerſt vergnügt durch die dichtgedrängten Maſſen; denn er glaubte die Bemerkung gemacht zu haben, daß ihn die liebenswürdige Prinzeſſin Clementine huldvoll zugelächelt, was ihn in den dritten Himmel erhob und für die neue Dynaſtie unbeſchreiblich begeiſterte. Da konnte ihm Niemand ungelegener erſcheinen als Ottokar, der ihn plötzlich beim Arme faßte und in die Vertie⸗ fung eines Fenſters zog. „Mache Dich reiſefertig,“ ſprach dieſer,„es iſt mir und dem Hauptmann endlich gelungen, meinen Bruder von Paris loszureißen und für einen Ausflug nach Schottland zu gewinnen. Alles iſt bereit, wir verlaſſen morgen die Hauptſtadt.“ 174 6 Barthel war bei dieſen Worten wie aus den Wol⸗ ken gefallen. Er machte das kläglichſte Geſicht von der Welt. „Aber beſter, theuerſter Freund, edle Seele,“ be⸗ gann er in kleinmüthigem Tone,„ich bitte Dich, was haben wir in dieſem rauhen, gebirgigen Schottland zu ſuchen. Jene friſche, freie Gebirgsluft, jene wüſten, ungehobelten Geſellen, die dort in den Gebirgen ihr ungenirtes Weſen treiben, werden unſern Guido noch mehr für eine zügelloſe Freiheit exaltiren. Sind jene Schotten nicht Sanscülotten im vollſten Sinne des Worts? Nein, um Himmelswillen nicht nach Schott⸗ land. Hier in Paris muß der junge Mann bleiben, um von ſeinem einſeitigen Freiheitsſchwindel vollkom⸗ men geheilt zu werden. Hier an dieſen vortrefflichen Orleans muß er kennen lernen, daß nur unter dieſer Dynaſtie Frankreich blühen und gedeihen kann. Ein ſo humaner Monarch iſt noch gar nicht dageweſen. Denke Dir, er hat mir heute ſchon wieder die Hand gedrückt. Seine Majeſtät erfreut ſich eines vortreff⸗ lichen Gedächtniſſes. Er erkannte mich ſeit der großen Revue der Nationalgarde, wo er die Gnade hatte, ſich ſo ſcharmant auf deutſch mit mir zu unterhalten.“ „Und die Prinzeſſin Clementine, königliche Hoheit,“ fuhr der begeiſterte Barthel fort,„die hätteſt Du ſehen ſollen; ſie lächelte mir ſo holdſelig zu, daß mich der blumenhafte Blick ihrer ſchönen Augen wie ein electri⸗ ſcher Strahl von oben bis unten durchzuckte. Ich glaube, ich kann mein Glück bei Hofe machen, ſo ich mir die Sache einigermaßen angelegen ſein laſſe. Darum kommt mir Deine ſchottiſche Reiſe wirklich recht mal à propos. Was haben wir in den rauhen Ber⸗ gen? Stelle Dir Schottland ja nicht ſo romantiſch vor, wie es Walter Scott, dem ich ſeine„Geſchichte Napo⸗ leons“ am jüngſten Tage nicht vergebe, ausgepinſelt hat. Wir wiſſen's jetzt beſſer, ein nichtsnutziges, arm⸗ ſeliges Bettelvolk ſind jene hochbeſungenen Berghelden, jene Clans, halb Hirten, halb Räuber. Eine Reiſe nach Schottland ſoll oft gefährlicher ſein, als eine Wan⸗ derung durch Italien, welches von Banditen wimmelt. Nein, theuerſter Freund, ſchlag Dir dieſes höchſt thö⸗ richte Reiſeproject aus dem Sinne. Wie geſagt, Guido wird von ſeinem Republikanismus radical geheilt, ſobald er die königliche Familie näher kennen lernt. War ich nicht noch vor Kurzem entſchiedener Napoleoniſt? hab⸗ ich nicht zu Gunſten des Königs von Rom mich heiſer geſprochen? Ich bereue es auch nicht, es ſollte mir aber Leid thun, wenn die königliche Familie davon erführe; ich möchte ſie um alles in der Welt nicht kränken. Jetzt iſt mir's ordentlich lieb, daß die Wahl der Fran⸗ zoſen auf den Herzog von Orleans gefallen iſt. Seine Majeſtät ſteht in den beſten Jahren; wer weiß, ob mit der Wahl des jungen Königs von Rom Alles ſo ſchnell zur Ordnung gekommen wäre.“ Ottokar hatte nur wenig von der langen Rede Se⸗ verin's vernommen. Er war in Gedanken mit ſeiner Reiſe beſchäftigt. Sein Sinnen und Trachten ging nur dahin; fort von Paris. Indeß erkannte er aus des Freundes Vorſtellungen doch ſo viel, daß dieſer keines⸗ wegs für den Ausflug nach Schottland geſtimmt war; auch Barthel's politiſcher Uebertritt zur Familie Or⸗ leans und die darin liegende ſeltene Inconſequenz wurde ihm klar; namentlich ärgerte ihn letztere, und er erklärte daher ziemlich unwirſch, daß er immerhin in Paris bleiben könne, indem man den Weg nach Schottland auch ohne ihn zu finden hoffe. Severin beſaß ein zu gutes Herz, und war ſeinem Ottokar mit ſolcher Treue ergeben, als daß ihm bei des 176 Freundes Worten nicht ſelten die Thränen in die Au⸗ gen treten ſollten. „Weiß Gott, Ottokar,“ begann er,„und wenn mir jetzt Seine Majeſtät ein Miniſterportefeuille anböte, ich gäbe es zurück und ſchiffte mit nach Schottland. Was denkſt Du von mir; und wenn Du über den Canal ſchwimmſt, ſchwimme ich nach. Warum ſprichſt Du Dich gleich ſo kränkend aus? Man kann doch ſeine Anſichten ausſprechen, leben wir nicht im Lande der Freiheit; und was ich von Schottland erzählt habe, iſt buchſtäblich wahr; aber was thut dies, ich reiſe mit. Das bedurfte gar keiner Anfrage. Wird ſich aber der Guido wirklich ſo gutwillig über den Canal bringen laſſen?“ „Wie jedes Unglück,“ erwiderte Ottokar,„immer auch ſein Gutes hat, ſo war es mit Guido's jüngſtem Duell der Fall. Der Tod des Herrn von Rowinow hat ihn völlig umgewandelt und ich habe die beſte Hoffnung zu ſeiner Beſſerung.“ „Siehe, wie gut es war,“ fiel hier Barthel ein, „daß Du den Frieden zwiſchen mir und Guido wieder herſtellteſt; der hätte mich wahrhaftig todtgeſchoſſen. Ich hab' es immer geſagt, ſo ein Republikaner hat kein Einſehen und ſchont nicht.“ „Es iſt Alles bereit,“ fuhr Ottokar fort,„Arthur wird uns bis Calais oder Dover begleiten, er kehrt alsdann auf das Gut ſeines Onkels zurück. Darum iſt mir's, offen geſtanden, recht lieb, wenn Du uns auf dieſer Reiſe begleiteſt.“ Eine Polonaiſe, von dem jungen Herzoge von Or⸗ leans und ſeiner Tante angeführt, die ſich ſo eben durch den Saal bewegte, trieb die Beiden auseinander. Barthel konnte ſich nicht ſatt ſehen an der Anmuth der Prinzeſſinnen, an der Ritterlichkeit der jungen Söhne — 177 Ludwig Philipp's, ſo wie an den vielen ſtattlichen Krie⸗ gern aus der Kaiſerzeit. „Ich bin doch ein wahrer Unglücksvogel,“ ſprach er für ſich,„jetzt gerade, wo mir's ſo außerordentlich behagt im ſchönen Paris, muß dem Ottokar eine Reiſe nach der öden einſamen Heimath Oſſians in den Sinn kommen. Zu jeder andern Zeit hätt' ich mich mit Ver⸗ gnügen angeſchloſſen, die Sache hat etwas Romantiſches; aber jetzt, wo ich auf dem Punkte ſtehe, bei Hofe mein Glück zu machen...“ „Was hilft es aber,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„den Ottokar verlaß ich nicht, und wenn die Reiſe nach dem Nordpol ginge oder nach dem Feuerlande. Da könnte man mir alle Schätze der Welt bieten, ich weiche nicht von ihm. Jammerſchade, daß ſchon morgen die Reiſe fort geht; meine politiſchen Beſtre⸗ bungen haben mir gar nicht Zeit gelaſſen, mich nur einigermaßen in der Rieſenſtadt umzuſchauen. Fon⸗ tainebleau, wo der große Kaiſer die berühmte Abdan⸗ kung hielt, hätt' ich gern beſucht. Was mir bei den Orleans hauptſächlich gefällt, iſt, daß ſie ſo große Stücke auf Napoleon halten. Ich bin den Leutchen deshalb von Herzen gut. Die paſſen auf Frankreichs Thron. Wer es gut mit dem großen Kaiſer meint, mit dem meine auch ich's und die Franzoſen gut. Ein herrliches Land dieſes Frankreich! Und das ſoll ich nun ſpornſtreichs verlaſſen, weil's dem Herrn Guido beliebt, in den kahlen Bergen Schottlands eine Mol⸗ kenkur zu gebrauchen, um ſeinen einfältigen Republika⸗ nismus zu ecuriren. Ein wahrhaft Malheur. Der trübe Himmel jener Nebelinſel iſt doch fürwahr nicht geeignet, Menſchen, die Grillen haben, das Leben an⸗ genehmer zu machen.“ Stolle, Schriften. Supplem. I. 12 178 Als die Polonaiſe vorüber war, traf Ottokar wie⸗ der mit Severin zuſammen, und die Zwei wandelten die prachtvollen Säle auf und ab. „Das muß man den Franzoſen laſſen,“ ſprach Barthel,„zu leben verſtehen ſie. Betrachte einmal dieſe zahlreiche Bourgoiſie, dieſe vielen Epiciers; man merkt es ihnen kaum an, daß ſie ſich zum Erſtenmal auf dem Parket eines königlichen Salons bewegen. Anſtand und Grazie ſcheint ihnen angeboren; ich möchte einmal in Deutſchland ſehen, wenn unſere Bäcker- und Fleiſcher⸗ frauen auf dem Hofballe tanzen ſollten, welche Rolle ſie dabei ſpielen würden. Das macht aber, weil ſich das Volk frei fühlt, weil es ſich ſeiner Kraft und Würde bewußt iſt. In Deutſchland iſt Demuth die Livree des Bürgerſtandes, ſobald er einem Vornehmern gegenüberſteht und Aufgeblaſenheit, ſobald er es mit ſeines Gleichen oder Niedriggeſtelltern zu thun hat.“ Ottokar mußte lächeln über dieſe philoſophiſchen Betrachtungen Freund Severin's; denn Niemand ward durch das Lächeln oder wohlwollende Wort eines Fürſten mehr beglückt als er. Der König Ludwig Philipp trat in dieſem Augen⸗ blicke an Lafayette's und General Gerard's Seite in den Sagl. „Um Himmels willen Seine Majeſtät,“ raunte Barthel Ottokar'n zu, und nahm ſogleich die ehrerbie⸗ tigſte, devoteſte Stellung an. „Was iſt's weiter?“ frug dieſer ruhig und be⸗ trachtete ohne Befangenheit den Mann in der Nähe, welchen das Schickſal ſo urplötzlich und wider alles Er⸗ warten eine Krone auf das Haupt geſetzt hatte. 179 Der König, welchem der ſtattliche junge Mann auffiel, trat freundlich auf ihn zu und redete ihn fran⸗ zöſiſch an. Ottokar antwortete mit beſcheidener Feſtigkeit. Sogleich erkannte der Monarch an der Ausſprache, daß er einen Deutſchen vor ſich habe und ſetzte nun das Geſpräch in deutſcher Sprache fort. „Die edle deutſche Nation,“ ſprach er,„hat ſtets mein ungetheiltes Intereſſe in Anſpruch genommen; ich liebe ihren Charakter, ihre Sprache und bewundre deutſche Wiſſenſchaft und Kunſt. Deutſchland iſt das Land der Philoſophen.“ „Ew. Majeſtät,“ erwiderte Ottokar,„haben ſehr wahr geſprochen; es fehlt uns jenſeits des Rheins we⸗ der an Denkern noch Schulmeiſtern und doch haben wir von den Franzoſen noch ſehr Viel zu lernen.“ „Es iſt mein Wunſch,“ verſetzte Ludwig Philipp, „daß beide Völker bei einander in die Schule gehen.“ „Dies iſt der Wunſch Aller,“ antwortete Ottokar, „die es wahrhaft gut mit beiden Nationen meinen. Je mehr ſie ſich beiderſeits kennen lernen, um ſo mehr werden ſie ſich auch beiderſeits verſtehen und achten lernen, welches der Grund jeder wahrhaften Freundſchaft iſt.“ „Was in meinen Kräften ſteht,“ ſprach der Mo⸗ narch,„dieſem ſchönen Ziele immer näher zu kommen, will ich gerne thun.“ Mit dieſen Worten drückte er Ottokar'n die Hand und ſchritt mit Lafayette weiter. Severin hatte in des Königs Gegenwart kaum zu athmen gewagt; ſobald dieſer ſich aber entfernt hatte, umarmte er leidenſchaftlich den Freund. „Nun haſt Du hoffentlich Schottland vergeſſen?“ frug er. „Warum?“ meinte Ottokar. „Mein Gott,“ erwiderte ärgerlich Severin,„wenn der Beherrſcher Frankreichs ſo freundſchaftlich ſich mit unſer einem unterhält, muß es ſeine beſondere Bewandt⸗ niß haben.“ „Welche Bewandtniß?“ frug der Andere. „Wir treten unſer Glück mit Füßen,“ fuhr Seve⸗ rin fort,„wenn wir über Hals und Kopf ein Land verlaſſen, deſſen Monarch uns ſo huldreich entgegen trat. Es iſt das eine Beleidigung für ihn. Es kommt heraus, als verachteten wir ſeine Zuvorkommenheit.“ Ottokar, der nicht das erſte Mal einem Fürſten im Geſpräch gegenüber geſtanden hatte, beruhigte den leicht erregbaren Freund über ſeine Beſorgniſſe. Dieſer aber wollte Ottokar's Worte nicht einleuchtend finden, ſchüt⸗ telte wiederholt den Kopf, und ſchien namentlich damit nicht zufrieden, daß Ottokar, trotz der Freundlichkeit Ludwig Philipp's, auf der Abreiſe nach Schottland beſtand. Die beiden Freunde verweilten noch geraume Zeit auf dem glänzenden Balle, machten noch manche in⸗ tereſſante Bekanntſchaft und kamen erſt ſpät nach Hauſe. Severin verwünſchte die ſchottiſche Reiſe von ganzem Herzen. Doch hatte er ſeinen Freund viel zu lieb und war ihm zu treu ergeben, als daß er ſich ſeine Anti⸗ pathie gegen Schottland von Neuem hätte merken laſſen. 181 Siebzehntes Rapitel. Di Stunde der Abreiſe nach Schottland war immer näher gerückt. Ottokar war mit Einpacken beſchäftigt, wobei ihm Severin an die Hand ging. Er hatte ſich ſeit geſtern mit dem romantiſchen Ausfluge mehr be⸗ freundet. In ſeiner Phantaſie ſaß er ſchon im alter⸗ thümlichen Schloſſe zu Abbotsford, dem Lieblingsauf⸗ enthalte Walter Scott's. „Er hat zwar ein unverantwortlich ſchlechtes Buch über Napoleon geſchrieben,“ ſprach er,„aber beſuchen müſſen wir den Alten doch. Er bleibt immerhin eine intereſſante Perſonage und ſoll ſelbſt hübſche Töchter haben. Ich bin neugierig, wie er ſich über unſere glorreiche Julirevolution expectoriren wird. Die iſt ge⸗ wiß nicht nach ſeinem Sinne; Sir Walter iſt Tory durch und durch. Mit dem Miniſterium Wellington's iſt es auch zu Ende; die Whigs kommen ans Ruder und auch für Altengland wird der Tag der Freiheit tagen. Das Alles haben drei Tage bewerkſtelligt.“ Ottokar erkundigte ſich jetzt, ob Severin keine Nach⸗ richten aus Deutſchland in den Journalen geleſen habe? „Es ſcheint daſelbſt nicht ganz richtig zu ſtehen,“⸗ meinte der Gefragte,„nach mehreren franzöſiſchen Blät“ tern ſollen ſogar ernſtliche Unruhen ausgebrochen ſein; aber den hieſigen Journalen iſt in ſolchen Berichten nicht zu trauen; ſie ſind gewöhnlich voller Lügen und Uebertreibungen. Eine Schenkenprügelei, wo die Po⸗ lizei zur Thür hinausgeworfen wird, gilt ihnen ſchon für eine Revolution; und wird von den Beſoffenen eine Laterne dabei zerbrochen, ſprechen ſie gleich von 182 Barricaden und Kanonen. Da kenm ich die lieben Landsleute beſſer. Aber in Brüſſel ſcheint es Ernſt werden zu wollen. Die Belgier ſind auch halbe Fran⸗ zoſen und lieben das Losſchlagen. Da giebt es nächſtens Krawall à la Paris. Das ganze Königreich der Nie⸗ derlande kann dabei in die Brüche gehen. Belgier und Holländer waren ſich ſtets ſpinnefeind, und die diplomatiſche Weisheit eines hohen Wiener Congreſſes dürfte ſich doch getäuſcht haben, wenn ſie geglaubt hat, aus zwei ſo heterogenen Völkern, wie die fiſchblutigen Holländer und die leichtfertigen Belgier, ein Ganzes zu diplomatiſiren. Indem man das Königreich der Niederlande errichtete, hoffte man eine tüchtige Mauer gegen das ſiets beargwohnte Frankreich aufzuführen; die Erfahrung wird lehren, daß die Herren Diplomaten die Rechnung ohne den Wirth gemacht haben.“ „Ich habe auch von der aufgeregten Stimmung in Belgien vernommen,“ ſprach Ottokar,„begreife aber nicht, was dieſes Volk eigentlich will. Der Grund zu einer Revolution, wie die des Juli, liegt bei ihnen gar nicht vor. Im Gegentheil gehört der König von Holland zu den aufgeklärten und liberalen Fürſten, der ſich nie im Entfernteſten an der Verfaſſung vergriffen hat.“ „Die Belgier können ihn aber nicht leiden,“ erwi⸗ derte Barthel;„ſie haben ihn von der heiligen Allianze bekommen, ohne gefragt worden zu ſein; er iſt nicht der Landesreligion zugethan; das ſind doch der Gründe genug, gegen ihn aufzuſtehen.“ „Nach dieſer Theorie,“ meinte Ottokar,„kämen wir aus den Revolutionen gar nicht heraus. Sie mag das abſolute Naturrecht auf ihrer Seite haben, aber ihre Ausführung in Praxi möcht' ich nicht befürworten.“ ——— ——— „Wenn aber die Belgier,“ disputirte Severin,„ein Volk für ſich, und holländiſchen Intereſſen nicht auf⸗ geopfert ſein wollen, das kann ihnen doch Niemand verargen. Selbſtſtändigkeit und Nationalität iſt etwas Schönes, Begeiſterndes; wir armen Deutſchen haben freilich keine Ahnung davon.“ Ottokar lächelte. „Wer ſprach ſich denn,“ frug er,„vor wenigen Wochen noch ſo entſchieden gegen alle Nationalität der Völker aus, indem er nur von einer großen Menſchen⸗ familie ſchwärmte und den Patriotismus ſogar als ge⸗ linden Egoismus verdammte?“ „Das war vor der Julirevolution,“ entſchuldigte ſich Severin,„in jener dürren, gedrückten und arretir⸗ ten Reſtaurationszeit; Du vergißt, daß ſich in drei Ta⸗ gen die Weltgeſchichte total verändert hat.“ „Ach ſo,“ ſprach Ottokar. „Darum haben auch die Belgier,“ fuhr Severin fort,„das entſchiedene Recht, ihrem Könige den Ge⸗ horſam aufzukündigen und ſich einen belgiſchen Kö⸗ nig zu wählen. Die flotten fröhlichen Nachbarn Frank⸗ reichs mögen nicht mit jenen altbacknen Krämern nach einem Maße gemeſſen werden. Das verdenke ich ihnen gar nicht.“ „Ich ſollte meinen,“ erwiderte Ottokar,„bevor ein Volk zu dieſem Aeußerſten ſchreitet, auf die Gefahr hin, ein blühendes Land allen Greueln des Bürgerkrieges auszuſetzen, ſollten die Vernünftigen unter ihm doch vorher überlegen, ob man nicht ein weit größeres Uebel, gegen ein kleines eintauſche.“ „Ueberlegen,“ lachte Severin,„da hört man den deutſchen Philiſter; wenn die Pariſer nach Bekannt⸗ werdung der Ordonnanzen erſt lange hätte überlegen wollen, ſäße Karl der Zehnte noch auf dem Throne. Sind die Dinge einmal für die Revolurion reif, dann heißt es losſchlagen, je eher je lieber.“ Das Eintreten Arthur's machte dieſem Geſpräche ein Ende. Er brachte die Nachricht, daß Frau von Montfort plötzlich Paris verlaſſen, ohne daß man wüßte, wohin ſie ſich gewendet habe. „Ich wünſchte,“ ſprach Severin,„dieſes Weib wäre nach dem herrlichen Lande unterwegs, worin der Pfeffer wächſt, dahin paßt ſie. Ich werde an dieſe Satanin gedenken. Wahrſcheinlich hat ſie erkannt, daß ihre Intriguen an den Tag gekommen und ſich kluger⸗ weiſe aus dem Staube gemacht. Es wäre auch nicht gut geworden, wenn ſie geblieben wäre. Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Schottland würde ich mit dieſer Dame doch einige Worte im Ernſt geſprochen haben, daß ſie mir den Guido auf den Hals gehetzt.“ Severin kam hier wieder auf die ſchottiſche Reiſe. „Jemehr ich über die romantiſche Partie nachdenke, deſto mehr gefällt ſie mir In der That, es muß etwas Erquickliches ſein, in der jetzigen heißen Jahres⸗ zeit, wo auch die Tage hübſch lang ſind, in jenen ne⸗ belhaften hochbeſungenen Gebirgsregionen umherzuklet⸗ tern, entfernt vom wüſten Lärm des Tages, dem Ge⸗ ſchrei der Parteien, der dürren Politik, in heiliger Ein⸗ ſamkeit, wo der Raubgeier über den Felſen kreiſt und aus fernen Thälern das friedliche Alphorn der Hirten herauftönt.“ „Sind wir aber einmal in Schottland,“ fuhr er fort,„dann iſt es nur ein Katzenſprung nach den grü⸗ nen Bergen Eri's, dem freiheitdürſtenden Irland, wo Freund Oconell nebſt Familie wohnt. Den beſuchen wir auch. Herr Hauptmann, es iſt Jammerſchade, daß Sie die Reiſe nicht mit machen. Entſchließen Sie ſich noch; ich wette, die Reiſe wird Sie nicht gereuen.“ „Das bezweifle ich keineswegs,“ erwiderte Arthur, „aber meine Verhältniſſe erlauben eine ſo weite Tour nicht. Mein Onkel, dem ich geſchrieben habe, erwartet mich bereits in acht Tagen. Indeß gebe ich Ihnen das Geleit bis Calais, da ich das Meer noch nicht geſehen habe.“ Er erkundigte ſich hierauf, ob Alles zur Abreiſe bereit ſei. „In längſtens drei Stunden,“ antwortete Ottokar, „iſt die Exrtrapoſt beſtellt. Mein Bruder muß jeden Augenblick eintreffen. Ich begreife nicht, wo er bleibt.“ „Ich ſprach ihn,“ erzählte Arthur,„vor etwa zwei Stunden. Er hatte noch einige Abſchiedsbeſuche zu machen und war von einigen Freunden zu einem Früh⸗ ſtück eingeladen worden.“ „Wenn er nur mit den republikaniſchen Hitzköpfen nicht wieder zuſammentrifft,“ ſprach Ottokar;„er iſt zu leicht erregbar und alle unſere Mühe wäre ver⸗ gebens, wenn er jenen wieder in die Hände fiele. Er hat mir zwar verſprochen, allen Umgang mit ſeinen ex⸗ centriſchen Freunden zu vermeiden; aber ich halte ihn nur für geſichert, ſo bald er neben mir im Wagen ſitzt, und Paris ſo weit als möglich hinter uns liegt.“ „Ja, dann haben wir gewonnen,“ verſetzte Severin mit viel Zuverſichtlichkeit.„Wir wollen dann in ihm Schritt vor Schritt die republikaniſchen Ideen ausmer⸗ zen, daß er als guter Royaliſt über den Canal zurück⸗ kehren ſoll. Namentlich verſpreche ich mir viel, wenn ich ihm die Liebenswürdigkeit des jetzigen königlichen Hauſes recht veranſchauliche. Mein Grundſatz heißt jetzt:„Vive le roi quand méme!“ „Wie ich Guido habe kennen lernen,“ ſprach Ar⸗ thur,„ſo möchte die Bekehrung dieſes ſtarren Republi⸗ kaners doch nicht ſo leicht ſein. Sein Glaube für re⸗ 186 publikaniſche Verfaſſung iſt bei ihm zu tief ins Blut übergegangen; doch verſpreche ich mir von einer Luft⸗ veränderung und namentlich von einer Entfernung von Pa⸗ ris, wo ſich ſo viel Gleichgeſinnte vorfinden, viel Gutes.“ Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Guido haſtig in's Zimmer trat. Sein ganzes Weſen befand ſich in höchſter Aufregung; ſein Blick leuchtete voll un⸗ heimlichen Feuers. „So eben habe ich Briefe aus Deutſchland erhal⸗ ten,“ rief er;„die Patrioten haben dort Alles zu Einem großen Schlage vorbereitet; der Aufſtand wird in mehreren Städten zu gleicher Zeit losbrechen und da ſollte ich fehlen?“ Vergebens waren alle verſtändige Einreden von Seiten Ottokar's und Arthur's. „Nichts da,“ fuhr der Exaltirte fort,„ich kenne keine Rückſicht, Vorſicht, Nachſicht mehr; mein Beruf iſt entſchieden. Was habe ich zu verlieren? das Bis⸗ chen Leben? Mit Entzücken, mit Wolluſt lege ich's auf den Altar des Vaterlandes. Die in Frankreich nieder⸗ getretene Freiheit ſoll ſich jenſeit des Rheins wieder groß und herrlich erheben. Ja, mein Vaterland! bald werden die Freudenfeuer auf deinen Bergen den freude⸗ zitternden Geſchlechtern verkünden, daß es eine Nemeſis, eine göttliche Vorſehung gibt. Iſt erſt Deutſchland frei, ein Deutſchland, groß und gewaltig, dann wehe euch Tyrannen der Brudervölker. Mein Beruf iſt ent⸗ ſchieden Ich bin ein Weltbürger. Es bedarf da drü⸗ ben nur der thatkräftigen Hand, das Signal zum all⸗ gemeinen Brande, und die Banner der Freiheit flattern auf den Zinnen der Hofburgen.“ Nochmals boten Ottokar und Arthur Alles auf, den wilden Republikaner von ſeinem tollkühnen Vorhaben zurückzubringen; aber dieſer gerieth bei den Gedanken 187 von Deutſchlands Einheit und Freiheit in immer größere Aufregung. „Ein Wort ſo viel wie tauſend,“ rief er, und ſeine Augen flammten begeiſtert,„die Glocke einer neuen Zeit hat geläutet; über die Küſten Europa's bricht nach tauſendjähriger Nacht der Morgen auf! Gebt mich auf, unſre Bahnen werden nie zuſammen laufen. Ich eile nach Deutſchland und ſchleudre die Fackel in den Pul⸗ verthurm.“ Mit dieſen Worten verließ er ſtürmiſch das Gemach. Ende des erſten Theils. (H. A. Pierer.) 8 8 S — 8 5 S * 8 — * 3 £ 3 S S E S. — — 8 8 6