—S— Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Wr.— Pf 1 W 50 f 2 W. 5 7„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ab Napoleon in ſeiner Barake zu Boulogne vor der Karte von Deutſchland ſtand, ſprach er die Worte: „Wenn der Feind mir entgegen kommt, werde ich ihn vernichten, eh' er die Donau erreicht; erwartet er mich aber, ſo werde ich ihn zwiſchen Ulm und Augsburg über⸗ raſchen.“ So wie die franzöſiſchen Armeen den Rhein paſ⸗ ſirt hatten, erließ der Kaiſer folgende Proclamation an ſein Heer, die zugleich als Kriegserklärung gelten konnte: „Soldaten! „Der Krieg der dritten Coalition hat begonnen. Die öſtreichiſche Armee hat den Inn überſchritten, unſern Verbündeten angegriffen und ihn aus ſeiner Hauptſtadt vertrieben. Ihr ſelbſt habt in Gewalt⸗ märſchen zur Vertheidigung unſerer Grenze herbeieilen müſſen. Bereits ſeid ihr über den Rhein gegangen. Wir werden nicht eher Halt machen, als bis wir die Unabhängigkeit des deutſchen Reichs geſichert, unſern Verbündeten Hülfe gebracht und unſere Angreifer ge⸗ demüthigt haben. Wir werden keinen Frieden mehr 8 ohne Bürgſchaft ſchließen, unſere Politik ſoll nicht wieder durch unſern Edelmuth beeinträchtigt werden. „Soldaten, Euer Kaiſer iſt in Eurer Mitte. Ihr ſeid nur die Avantgarde des großen Volkes. Sollte es nothwendig ſein, wird es ſich wie ein Mann auf meinen Ruf erheben, um dieſen neuen Bund, wel⸗ chen der Haß und das Gold Englands hervorgerufen haben, zu ſprengen und zu vernichten. „Aber, Soldaten, wir haben Gewaltmärſche zu machen, Beſchwerden und Entbehrungen aller Art zu ertragen; doch welche Hinderniſſe man uns auch ent⸗ gegen ſetzen möge, wir werden ſie beſiegen und uns nicht eher wieder Ruhe gönnen, als bis wir unſere Adler auf dem Gebiete unſerer Feinde aufgepflanzt haben. „Napoleon.“ In der erſten Nacht auf dem linken Rheinufer ſchlief der Kaiſer in Ettingen, wo er den Souverain und die Prinzen von Baden empfing. Später reiſte er nach Ludwigsburg und ward von dem Hofe von Würtemberg auf das Prachtvollſte empfangen. Bei dieſer Gelegenheit war es auch, wo die Herzogin von Würtemberg, eine engliſche Prinzeſſin, ihren Ver⸗ wandten ſchrieb, und ihr Erſtaunen ausdrückte, daß Napoleon ein ſo angenehmer und artiger Mann und gar nicht die abſcheuliche Carricatur ſei, als wel⸗ chen man ihn in England dargeſtellt habe, um das Volk gegen ihn zu erbittern. Zu derſelben Zeit traf Bernadotte mit ſeinem Corps und den baieriſchen Truppen in Weißenburg ein. Davouſt befand ſich in Oettingen, Soult an den Thoren von Donauwörth, Ney in Koſſingen, Lannes in Neresheim, Murat mit ſeiner Reiterei 9 auf gleicher Höhe an den Ufern der Donau. Dem⸗ nach ſtanden die Franzoſen durch das ſtrategiſche Meiſterwerk ihres Feldherrn den Oeſtreichern, die die Umgegend von Ulm beſetzt hatten, bereits im Rücken. Der General Mack, der den Feind von einer ganz andern Seite her erwartete, eilte jetzt, ſeine Truppen, die bis in die Schluchten des Schwarzwal⸗ des vorgedrungen waren, von woher die Franzoſen nach öſtreichiſcher Anſicht kommen ſollten, an ſich zu ziehen. Am ſiebenten October beginnt das Gefecht. Marſchall Soult ſchlägt zuerſt los. Das öſtrei⸗ chiſche Regiment Colloredo, das Donauwörth be⸗ ſetzt hält, wird durch die Diviſion Vandamme ge⸗ worfen. In einem Augenblicke ſtellt man die Brücke wieder her, welche die Oeſtreicher bei ihrem Rückzuge abgebrochen hatten. Das Corps des Marſchall Soult geht auf das rechte Donauufer. Murat iſt ihm mit ſeiner Reiterei auf den Fer⸗ ſen gefolgt. Zweihundert Dragoner unter dem Obri⸗ ſten Watier ſetzen ſchwimmend über den Lech, um ſich der Brücke von Rain zu bemächtigen. Sie wer⸗ den Herren der Brücke, ungeachtet des Widerſtandes eines öſtreichiſchen Cuiraſſierregiments. Von Rain bricht Murat am folgenden Tage mit den Diviſionen Klein, Beaumont und Nan⸗ ſouty auf, um die Straße von Ulm nach Augs⸗ burg abzuſchneiden. Auf ſeinem Marſche ſtoͤßt er bei Wertingen auf zwölf öſtreichiſche Grenadier⸗ Bataillone, unterſtützt von vier Schwadronen Albrecht Cuiraſſiere, die aus Tyrol herbeigeeilt ſind, um ſich mit den öſtreichiſchen Streitkräften in Baiern zu ver⸗ einigen. Dieſes Corps wird eiligſt durch eine geſchickte 10 Bewegung des General Nanſouty umringt und der Angriff beginnt auf einmal von allen Seiten. Die öſtreichiſchen Bataillone, in einem ungeheuren Suarré aufgeſtellt, und auf den Seiten von vier Cuiraſſier⸗ ſchwadronen geſchützt, leiſten zwei Stunden lang den kräftigſten Widerſtand. Endlich werden die Schwa⸗ dronen zerſtreut, das Quarré durchbrochen und in Unordnung gebracht. Die Franzoſen erbeuteten das geſammte Geſchütz, die Fahnen und machten viertau⸗ ſend Gefangene. Ein Sumpf begünſtigte das Ent⸗ kommen der Trümmer des öſtreichiſchen Corps. Nach dieſer glänzenden Affaire wandte ſich Mu⸗ rat nach Zusmershauſen, wo faſt gleichzeitig das Corps des Marſchall Lannes eintraf, deſſen Annähe⸗ rung die Auflöſung der Oeſtreicher beeilt hatte. An denſelben Tage trifft der Kaiſer auf dieſem Punkte ein, und ſchon hat er den Truppen wohlver⸗ diente Zeichen ſeiner Zufriedenheit gegeben. „Ich weiß, man kann nicht tapferer ſein als Sie,“ ſagt er zum General Exelmann, als dieſer ihm die erbeuteten Fahnen überreichte. Wie in dem ſiebenjährigen Kriege Friedrich der Große zu Liſſa bei Breslau, ſo hatte der Esca⸗ dronchef Wuillemy, nur von einem einzigen Mann begleitet, indem er ſich das Anſehen gab, als würde er von einem bedeutenden Corps gefolgt, hundert Oeſtreicher gezwungen, ihre Waffen zu ſtrecken. Na⸗ poleon nahm den Tapfern unter Beibehaltung ſeines bisherigen Grades in ſeine Garde auf. Jede gute und ſchöne That erhält ihren Lohn. Bei der Erſtürmung der Brücke öber den Lech, ſieht der Unteroffizier Marent, den ſein Hauptmann Tages zuvor wegen eines Fehlers gegen die Manns⸗ zucht aus dem Heere geſtoßen hatte, daß dieſer Offi⸗ 11 zier vom Strome fortgeriſſen wird und dem Verſin⸗ ken nahe iſt. Er ſpringt zu Hülfe und rettet ihn Napoleon läßt ſich dieſen Soldaten vorſtellen. „Du biſt ein braver Mann,“ ſagt er zu ihm; „Dein Hauptmann hat Dich entlaſſen, und daran that er recht; dadurch aber, daß Du ihm das Leben retteteſt, haſt Du bewieſen, daß Du keinen Groll gegen ihn hegſt, und Ihr ſeid mit einander quitt. Jedoch von meiner Seite wäre es ungerecht, wenn ich eine Schuld, die das Vaterland Dir zu zahlen, nicht abtragen wollte. Ich ernenne Dich zum Regi⸗ ments⸗Quartiermeiſter und zum Ritter der Ehren⸗ legion. Deinem Capitain verdankſt Du aber dieſes Avancement, gehe daher zu ihm und bedanke Dich, er wird Dich ſicher umarmen.“ Am zweiten und neunten October waren die Heerhaufen des Marſchalls Davouſt und General Marmont auch auf das rechte Donauufer überge⸗ gangen. Die Colonne Soult's, die kaiſerliche Garde und die Cuiraſſierdiviſionen des Generals Haut⸗ poult befanden ſich zu Augsburg. Davouſt hielt Aichach beſetzt. Zwiſchen dieſem Orte und Augs⸗ burg ſtand Marmont mit franzöſiſchen Diviſionen und der bataviſchen unter General Dumonceau. Bernadotte marſchirte über Eichſtädt nach In⸗ golſtadt. Indeſſen hatte General Mack, der viel zu ſpät gewahr wurde, daß er nächſtens von den Franzoſen umringt ſein würde, ſich entſchloſſen, einen großen Schlag auszuführen, um die franzöſiſchen Heerhaufen vom linken Donauufer auf's rechte zurückzudrängen und ſeine Verbindung mit Baiern wieder herzuſtellen. In dieſer Abſicht hatte er einen großen Theil ſeiner Streitkräfte bei Günzburg zuſammengedrängt, 12 während die nach dem Bodenſee entſendeten Truppen in Eilmärſchen zurückkehrten. Dieſe Bewegung kam zu ſpät. Marſchall Ney, der ſich am ſechſten Oeto⸗ ber zu Koſſingen befand, aber ſeitdem die Donau entlang vorgerückt war, ließ Günzburg am neunten Oetober durch den General Malher angreifen, wäh⸗ rend er ſelbſt gegen Grünberg ſtürmte und den General Lviſon nach Langenau entſandte. Erzherzog Ferdinand kam Günzburg zu Hülfe, aber ſein Bemühen war vergeblich. Die Briücke ward erobert und die Stellung mit allem Geſchütz, das ſie vertheidigt hatte, durch die Franzoſen ge⸗ nommen. Zu derſelben Zeit führte Murat Bewegungen aus, welche den Oeſtreichern jeden Rückzug abſchnei⸗ den ſollten. Als dies Erzherzog Ferdinand ge⸗ wahrte, warf er ſich eiligſt nach Ulm. Mack ſelbſt verließ haſtig das Städtchen Burgau, wo er ſein Hauptquartier hatte, und wo die franzöſiſche Reiterei Miene machte, ihn einzuſchließen. Das Gefecht bei Günzburg koſtete den Oeſtrei⸗ chern dritthalbtauſend Mann. In dem Grade, als dieſe erſten ſiegreichen, durch das wunderbare Kriegsgenie Napoleon's, die Pünkt⸗ lichkeit ſeiner Generale und perſönliche Bravvur ſei⸗ ner Armee herbeigeführten Ereigniſſe, das Vertrauen der Franzoſen erhoben, in demſelben Grade brachten ſie Muthloſigkeit bei der Gegenpartei hervor. Die Feſtung Memmingen gab das erſte Bei⸗ ſpiel der zahlreichen Capitulationen, wodurch Europa in Erſtaunen geſetzt wurde. General Sebaſtiani war am eilften October vor dieſem Orte erſchienen; am andern Tage traf Soult mit ſeinen drei Divi⸗ ſionen daſelbſt ein. Nach einer Berennung von vier⸗ 13 undzwanzig Stunden ergab ſich der Platz. Die ſechs⸗ tauſend Mann ſtarke Beſatzung ward kriegsgefangen. Die Offiziere wurden auf ihr Verſprechen, erſt nach der Auswechſelung wieder Dienſte zu nehmen, in ihre Heimath entlaſſen. An demſelben Tage rückte Bernadotte in Mün⸗ chen ein, wo er achthundert Mann gefangen nahm. Er war nur wenige Stunden von der Stadt entfernt, als der öſtreichiſche General Kienmayer erſt Nach⸗ richt von ſeinem Anmarſche erhielt. Der franzöſiſche Marſchall gab den baieriſchen Truppen die Genug⸗ thuung, zuerſt in ihre Hauptſtadt einzurücken. An das baieriſche Heer hatte Napoleon gleich beim Beginn des Feldzugs eine Proclamation erlaſ⸗ ſen, worin er ſagt: „Ich habe mich an die Spitze meiner Armee ge⸗ ſtellt, um Euer Vaterland von deſſen ungerechten Un⸗ terdrückern zu befreien. Ich kenne Eure Tapferkeit und bin überzeugt, daß ich nach der erſten Schlacht Euerm Fürſten und meinem Volke werde verkünden können: daß Ihr würdig ſeid, in den Reihen der großen Armee zu kämpfen.“ Die Diviſionen des Generals Wrede und die franzöſiſche Diviſion des General Kellermann zo⸗ gen unter lautem Frenudenzurufe der Einwohner durch die Stadt und verfolgten die Oeſtreicher, die jenſeits der Iſar eine Stellung genommen, an dem Punkte, wo die Straßen von Braunau und Waſſerburg zuſammenlaufen. General Kienmayer ſetzte nach einem Kampfe, bei dem er fünfhundert Mann und mehre Kanonen verlor, ſeinen Rückzug fort. In Ulm wurde indeß die Lage des Generals Mack immer bedenklicher. Der Kaiſer, der ihn nach dor Verſicherung ſeiner Armeeberichte in dieſelbe Lage 14⁴ gebracht hatte, wie vor fünf Jahren den General Melas, machte ſich auf eine zweite Schlacht von Marengo gefaßt. Die Nähe einer Schlacht ſchien ihm ſo ausge⸗ macht, daß er ſie dem Corps des Generals Mar⸗ mont durch eine jener Kriegsreden ankündigte, deren körnige Beredtſamkeit ſo vielen Eindruck auf den Soldaten und namentlich den franzöſiſchen Soldaten hervorbringt. Beim Uebergange über die Lechbrücke hatte er von den Regimentern dieſes Corps einen Kreis für dieſe kriegeriſche Anrede bilden laſſen. Das Wetter war fürchterlich, der Boden vom Regen ſo erweicht, daß der Soldat oft bis an die Knie in den Moraſt verſank, dazu fiel der Schnee in Maſſen, aber die Feuerworte des Redners ließen den Solda⸗ ten alles Ungemach vergeſſen. Ihr glühender Muth entſprach dem Muthe ihres Heldenführers. Sonach war ein großer Theil der öſtreichiſchen Armee durch die klugen Berechnungen Napoleon's und durch die Gewaltmärſche ſeiner Truppen von allen Seiten eingeſchloſſen. Gleichwohl wagte der öſtreichiſche Generaliſſimus nicht, eine Schlacht anzubieten. Da Ulm ein Punkt war, wo viele Straßen zuſammen liefen, ſo hoffte er vielmehr, ſeine Diviſionen würden auf den verſchie⸗ denen Straßen entkommen und zum Theil in Tyrol, zum Theil in Böhmen ſich wieder bilden können. Dieſem Syſteme zu Folge waren am eilften Oe⸗ tober fünfundzwanzigtauſend Mann aus dem ver⸗ ſchanzten Lager bei Ulm ausgerückt, in der Abſicht, ſich durch Albeck, das General Dupont ſchon be⸗ ſetzt hatte, einen Weg zu öffnen. Dieſer General bot fünfundzwanzigtauſend Oeſt⸗ reichern mit ſeiner Diviſion von ſechstauſend Mann die Spitze. Er zwang ſie, umzukehren und machte funfzehnhundert Gefangene. Als der Kaiſer das Be⸗ nehmen dieſes Corps lobte, ſagte er: „Corps wie dieſes gerathen über nichts in Er⸗ ſtaunen. Das neunte leichte, das zweiunddreißigſte, neunundſechzigſte und ſechsundfiebenzigſte der Linie waren dabei.“ Dieſe Kunſt, die Berühmtheit an den Namen ei⸗ nes Regiments zu knüpfen, machte ſie unbeſiegbar und regte alle andere an, gleiche Auszeichnung zu verdienen. Napoleon hatte ſich in das Hauptquartier des Marſchalls Ney begeben, um das feindliche Heer noch enger einzuſchließen. Mit Tagesanbruch, am vierzehnten October, führte dieſer Marſchall die Diviſion des Generals Lotſon zum Angriffe der Brücke von Elchingen. Die Brücke wurde genommen. Dieſe Stellung ward durch funfzehntauſend Oeſtreicher vertheidigt. Dreimal nach einander mußte man angreifen, um den Gegner zu vertreiben. Erſt beim dritten Male wurde er in Un⸗ ordnung gebracht und in die Verſchanzungen von Ulm zurückgeworfen. Dreitauſend Gefangene und mehre Stück Geſchütz waren der Preis dieſes bedeutenden Tages. Als Belohnung erhielt ſpäter Ney den Ti⸗ tel eines Herzogs von Elchingen. Napoleon betrachtete das Treffen zu Elchin⸗ gen als eine der ſchönſten Waffenthaten, die je voll⸗ bracht wurden. Er verlegte ſein Hauptquartier auf dieſes ruhmvolle Schlachtfeld und erließ von da ein Schreiben an den Senat, um ihn die verſchiedenen eroberten Fahnen zu verehren. „Der erſte Zweck des Kriegs,“ ſchrieb er bei die⸗ ſer Gelegenheit,„iſt bereits erreicht, der Kurfürſt von 16 Baiern iſt wieder auf ſeinen Thron geſetzt. Die un⸗ gerechten Angreifer find wie vom Donner gerührt worden, und ich hoffe mit Gott in kurzer Zeit auch über meine übrigen Feinde zu triumphiren.“ An demſelben Tage erließ er ein Kreisſchreiben an die Biſchöfe des Reichs, worin er ſie aufforderte, ein Tedeum fingen zu laſſen.„Die glänzenden Sie⸗ ge,“ heißt es darin,„welche unſere Armeen gegen den Bund, den der Haß und das Gold Englands angeſtiftet, erfochten haben, verlangen, daß ich und mein Volk Dankſagungen an den Gott der Heere richten und ihn anflehen, er möge ſtets mit uns ſein.“ Ein öſtreichiſches Corps unter General Werneck war glücklich aus Ulm auf der Straße von Hey⸗ denheim entkommen. Zu gleicher Zeit hatte Erz⸗ herzog Ferdinand verſucht Biberach zu erreichen, aber er fand dieſe Straße durch Marſchall Soult geſperrt. Gezwungen ſeinen Marſch zu ändern, hatte der Erzherzog verſucht, ſich mit General Werneck zu vereinigen. Er begab ſich daher nur mit einigen Schwadronen Reiterei nach Aalen. Werneck glaubte ſich ſchon außer aller Gefahr, als Murat, ſtets bei der Hand und ſtets glücklich, ihn bei dem Dorfe Langenau erreichte und dreitauſend Gefangene ab⸗ nahm. Eine Wagenburg von fünfhundert Wagen bewegte ſich unter dem Schutze dieſes Generals. Murat ließ ſie durch die Dragoner-Diviſion unter General Klein angreifen. Der Wagenzug wurde genommen. Erzherzog Ferdinand, der in Ne⸗ resheim angehalten, war ſelbſt nahe daran, von den Franzoſen überrumpelt zu werden, und hatte nur ſo viel Zeit, zu Pferde zu ſteigen und mit der kleinen 17 Anzahl Leute, die ſein Gefolge ausmachten, zu ent⸗ kommen. Ulms Schickſal iſt entſchieden. Napoleon kommt auf dem Abhauge der Ab⸗ dachung des Michelsberges an, betrachtet zu ſei⸗ nen Füßen die Stadt, welche von allen Seiten auf halbe Kanonenſchußweite von den franzöſiſchen Stel⸗ lungen beherrſcht wird, und ſieht das öſtreichiſche Heer in den Mauern dieſes Platzes eingeſchloſſen. Des Kaiſers Abſicht iſt erfüllt. Er läßt die Truppen, die zu weit vorgegangen ſind, ſich zurück⸗ ziehen, ſtellt die Ordnung auf allen Vereinigungs⸗ punkten her, und erwartet den Ausgang mit einer wachſamen Geduld, ohne dem Geſchrei ſeiner Solda⸗ ten, welche den Sturm verlangen, nachzugeben. Er wünſcht Blut zu ſchonen, und will lieber durch ſeine Uebermacht die Oeſtreicher zur Uebergabe zwingen, als durch einen grauſamen Entſchluß zu gleicher Zeit eine große Stadt und ein tapfres Heer, das nur durch die Unvorſichtigkeit ſeiner Führer in dieſe trau⸗ rige Lage verſetzt worden iſt, zu vernichten. Durch die Ausſicht auf ein Unglück, welches dem von Java gleich käme, ſucht er mit dem General Mack in Unterhandlung zu treten. Er bivuaquirte ſo eben auf einem ſchlechten Feldlager, das ſo feucht war, daß man ſich genöthigt ſah, Bretter zu legen, damit ſeine Füße nicht im Waſſer ſtünden und er hielt gerade die Capitulationsurkunde von Mem⸗ mingen in der Hand, als man ihm dem Prinzen Moritz Lichtenſtein ankündigte, welchen Mack zur Unterhandlung abgeſchickt hatte. Der Prinz ward mit verbundenen Augen vor Napoleon geführt. Man las in dem öſtreichiſchen Generale ein Er⸗ ſtaunen, welches deutlich anzeigte, daß weder der Ge⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XRll. 2 6 18 neral Mack, noch er ſelbſt an die Anweſenheit des Kaiſers vor Ulm geglaubt hatte. Er verlangte, daß man die öſtreichiſche Armee nach Oeſtreich zurückkeh⸗ ren laſſe. Der Kaiſer konnte ſich, ob dieſes Verlangens, ei⸗ nes Lächelns nicht enthalten und erwiederte: „Welchen Grund hätte ich, Ihnen dieſe Bitte zu gewähren? Binnen einer Woche wird Ihre Armee ohne alle Bedingung in meiner Gewalt ſein. Sie hoffen auf das ruſſiſche Heer, das kaum Böhmen er⸗ reicht hat. Uebrigens wenn ich den Oeſtreichern freien Abzug geſtatte, wer bürgt mir dafür, daß ſie, nach Vereinigung mit den Ruſſen, die Waffen gegen mich kehren? Ich habe Marengo nicht vergeſſen. Ich ließ Herrn von Melas auch abziehen und zwei Mo⸗ nate ſpäter, ungeachtet des Verſprechens, den Frieden zu betreiben, mußte Moreau ſeine Truppen bekäm⸗ pfen. Ueberdies kann man ſich nach dem Verhalten Ihrer Regierung gegen mich auf keine Kriegsgeſetze berufen. Ja, wenn ſich in Ulm einer Ihrer Prin⸗ zen befände, welcher ſich verpflichtete, ſo würde ich ſeinen Worten glauben, indem er verantwortlich da⸗ für wäre.“ Der Prinz Lichtenſtein antwortete, ſo gut er konnte und bethenerte, daß wenn man ihm nicht die verlangten Bedingungen geſtattete, das Heer Ulm nicht verlaſſen würde. 8 „Ich bewillige Ihnen den Auszug nicht,“ erwie⸗ derte Napoleon;„da iſt die Capitulation Ihres Generals, der in Memmingen geſtanden hat; brin⸗ gen Sie dieſe dem General Mack; und welchen Ent⸗ ſchluß man auch in Ulm faßt, ich will keine anderen Bedingungen hören. Uebrigens habe ich keine Eile, je länger er zaudert, deſto ſchlimmer wird ſeine Lage 19 und die aller der Ihrigen. Außerdem trifft morgen hier das Corps ein, welches Memmingen blokirt hat, und dann wollen wir ſehen.“ Man begleitete den Fürſten Lichtenſtein nach Ulm zurück und wartete den Erfolg ab. Noch den⸗ ſelben Abend ſchrieb der General Mack dem Kaiſer einen ehrfurchtsvollen Brief, worin er ſagt, daß der einzige Troſt, der ihm in ſeinem Unglück bleibe, der ſei, ſich gezwungen zu ſehen, mit ihm zu unterhan⸗ deln. Da es das Schickſal einmal nicht anders wolle, erwarte er ſeine Beſchlüſſe. Der Kaiſer ſchickte Berthier den andern Mor⸗ gen nach Ulm mit Verhaltungsbefehlen; der Mar⸗ ſchall kehrte am Abend zurück und brachte die Capi⸗ tulation mit, durch welche das ganze Heer ſich ge⸗ fangen gab. Es behielt ſich vor, mit allen Kriegs⸗ ehren aus der Feſtung zu ziehen, vor der franzöſiſchen Armee zu defiliren, die Waffen niederzulegen und nach Frankreich abzugehen. Die Generäle und Offiziere erhielten allein die Erlaubniß, in ihre Heimath zu⸗ rückzukehren, unter der Bedingung, nicht eher als nach vorgänglicher Auslieferung der Kriegsgefangenen Kriegsdienſte zu nehmen. Am zwanzigſten Oectober ſtellte ſich das franzöſi⸗ ſche Heer auf den Höhen in Schlachtordnung; die Trommeln wirbelten, die Muſikbanden ſpielten, die Thore von Ulm öffneten ſich, die öſtreichiſche Armee rückte ſchweigend aus, defilirte langſam vorüber und legte Corps für Corps an den bezeichneten Orten die Waffen nieder. Dieſer Tag lieferte dreiunddreißigtauſend Mann in die Gewalt der Franzoſen; ſechstauſend Mann waren zu Memmingen, zweitauſend zu Wertin⸗ gen gefangen genommen worden, ſo daß der ganze 20 Verluſt der Oeſtreicher nahe an funfzigtauſend Mann betrug, nebſt ſiebenzig Stück Geſchütz und dreitauſend Pferden, womit eine Dragonerdiviſion, die von Bou⸗ logne zu Fuß gekommen war, beritten gemacht wurde. Die Ceremonie währte faſt den ganzen Tag. Während der ganzen acht Tage, welche die Franzo⸗ ſen vor Ulm zubrachten, war das unfreundlichſte Regenwetter; dieſes klärte ſich plötzlich auf, und die öſtreichiſche Armee zog bei ſchönſtem Sonnenſchein aus der Feſtung. Der Kaiſer hielt während dieſes Ausmarſches auf einer kleinen Anhöhe vor der Fronte ſeiner Armee. Ihm zunächſt ſtand ſeine Garde und er ſelbſt war umringt von einem glänzenden Generalſtabe. Ein großes Feuer war angezündet worden. Hier empfing der Kaiſer die öſtreichiſchen Generale, ſiebzehn an der Zahl. Er beklagte ſich über das Verfahren ihrer Regierung, welche ihn ohne Kriegserklärung angegrif⸗ fen habe und ſagte:„Dieſelbe hätte beſſer gethan, anſtatte Aſiaten in europäiſche Angelegenheiten zu mengen, ſich mit mir zu verbinden, um der ruſſiſchen Vergrößerungsſucht in den Weg zu treten.“ Während Napoleon, auf ſeinem Pferde gebückt und in der einen Hand über den Sattelknopf die Zügel haltend, die andere auf ſeine rechte Hüfte ſtü⸗ tzend, dem Vorübermarſch der öſtreichiſchen Colonnen zuſchaut, ſieht man ihn plötzlich die Stirne runzeln. Ein General in ſeiner Nähe erzählt nämlich ſei⸗ ner nächſten Umgebung, angeblich eine von einem Soldaten ſeiner Diviſion erfundene Anecdote. „Vor einigen Minuten,“ meinte derſelbe,„durch⸗ ſchritt ich die Reihen meiner Soldaten, und als ich ſie frage: Nun wie gefallen Euch die Gefangenen? . 24 antwortete mir einer von ihnen: Noch niemals ſa⸗ hen wir ſo viele Poſſenreißer auf ein Mal.“ Der Kaiſer, welcher ein äußerſt feines Gehör hat, wendet ſich bei dieſen Worten raſch um. „Schweigen Sie, mein Herr,“ ruft er,„verläum⸗ den Sie nicht meine Truppen, welche ſtets mit Ta⸗ pferkeit auch Edelſinn zu vereinigen wiſſen.“ Darauf zu ſeiner Umgebung gewendet, fährt er im Tone des tiefſten Unwillens fort: „Fürwahr, man muß ſehr wenig Achtung für ſich ſelbſt fühlen, ſo unglückliche Menſchen noch beleidigen zu können. Savary, erklären Sie dem General meinerſeits, daß er ſich entfernen möge.“ Nachdem die öſtreichiſche Armee die Waffen nie⸗ dergelegt hatte, zog ſie durch ein anderes Thor wie⸗ der nach Ulm zurück, um an den folgenden Tagen in einzelnen Colonnen nach Frankreich abgeführt zu werden. Vorher noch ließ er die gefangenen Generale, die ſehr niedergeſchlagen waren, zu ſich beſcheiden. Er richtete Troſtesworte an ſie und ſagte unter andern auch zu ihnen: „Meine Herren, Ihr Gebieter führt mit mir ei⸗ nen ungerechten Krieg. Offen geſtanden, ich weiß nicht, warum ich mich ſchlage und was Ihr Kaiſer eigentlich will. Er ſpreche Ein Wort, und hundert⸗ funfzigtauſend Mann kehren friedlich zu ihrem hei⸗ mathlichen Herde zurück.“ „Sire,“ erwiederte Mack,„der deutſche Kaiſer, mein Gebieter, iſt zu dieſem Kriege von Rußland gezwungen worden.“ „Gezwungen worden,“ entgegnet Napo⸗ leon, auf dieſe Worte einen beſondern Nachdruck le⸗ gend;„iſt er denn nicht eine Macht?“ 4 22 Am Tage nach der Uebergabe von Ulm lieferte Murat ein neues glänzendes Gefecht, wobei er gro⸗ ßen Vortheil davon trug. Ein Theil des großen öſtreichiſchen Artillerieparks hatte ſich nach Nürnberg gewendet, eskortirt von Mackſchen Cuiraſſieren und andern Reiterabtheilungen. Dieſe Bedeckung wurde angegriffen und zerſtreut und der ganze Park fiel den Franzoſen in die Hände. Nie wurden ſo wichtige Ergebniſſe weniger theuer erkauft. Es iſt ausgemacht, daß im erſten Theile des Feldzugs die Zahl der Gebliebenen auf beiden Seiten außer allem Verhältniſſe ſteht. Die Franzo⸗ ſen verloren im Ganzen nicht mehr als zweitauſend Mann. Dieſe heilige Sparſamkeit des Menſchenlebens war die Folge des Kriegsſyſtems, das der Kaiſer in dieſem Feldzuge anwenden konnte. Wenn die Trup⸗ pen oft reißend ſchnelle Märſche gemacht hatten, ſo befanden ſie ſich gewöhnlich vor dem Kampfe ſchon in Stellungen, die über den Erfolg keinen Zweifel ließen. Auch ſagten die Soldaten unter ſich: „Der Kaiſer hat eine neue Art Krieg zu führen erfunden. Er bediente ſich weit mehr unſerer Beine als unſerer Bayonnette.“ Hätte man die Truppen gefragt, ſo würden ſie ſich lieber öfter geſchlagen haben, als weniger mar⸗ ſchirt ſein. Aber ſahen ſie den Kaiſer in ihrer Mitte, das ſchrecklichſte Wetter mit ihnen gemeinſchaftlich er— tragend, wie er manchmal an einem Tage zwölf bis funfzehn Stunden zurücklegte, mit ihnen in einem Dorfe übernachtete, während der ſchönſte Palaſt zu Augsburg für ſeinen Empfang feſtlich bereit ſtand: wie hätten ſie ſich da über Anſtrengung beklagen ſol⸗ len, die ihr großer Feldherr mit ihnen theilte? 23 Bei einer ſolchen Gelegenheit ſagte Napoleon zu einem öſtreichiſchen Offizier, der ſich wunderte, ihn ſo mit Schmutz bedeckt und von Regen durchnäßt zu finden: „Ihr Kaiſer hat mich daran erinnern wollen, daß ich Soldat bin. Er wird mir wenigſtens zugeben, daß ich mein altes Handwerk nicht vergeſſen habe.“ Schon am zweiundzwanzigſten October war das durch den Feldzug Gewonnene ungeheuer. Die Zahl der Gefangenen belief ſich über ſechzigtauſend Mann, unter ihnen neunundzwanzig Generale und zweitau⸗ ſend Offiziere von allen Graden. Ein großer Schritt war geſchehen. Frankreich hatte nicht mehr fremden Einfall zu fürchten und außerdem war im Herzen von Deutſchland eine der verbündeten Mächte faſt früher entwaffnet, als die andre ſich mit ihr vereinigen konnte. Sein Prophetenwort in der Barake von Boulogne war in Erfüllung gegangen:„Wenn ſie mich er⸗ warten, werde ich ſie zwiſchen Ulm und Augsburg vernichten!“ Solche an's Wundervolle grenzende Ereigniſſe vertienten einen glänzenden Beweis der Zufriedenheit von Seiten des Kaiſers. Er war zu klug und zu gerecht, um nicht eine ſo heilige Schuld auf würdige Weiſe abzutragen. Aus dem Lager von Elchingen erklärte er, daß der Monat October ſtatt eines gan⸗ zen Feldzugs zählen ſolle, für Alle, welche zur gro⸗ ßen Armee gehörten, und daß er als ſolcher zur Ab⸗ ſchätzung der Jahrgehalte und der Kriegsdienſte auf⸗ geführt werden ſollte. Er befahl alle Domainen des Hauſes Oeſtreich in Schwaben in Beſitz zu neh⸗ men und belegte ſie mit einer außerordentlichen Kriegsſteuer, deren Ertrag dem Heere zugehörte. 24 Zu gleicher Zeit erſchien folgende Proclamation: „Soldaten der großen Armee! „In vierzehn Tagen haben wir einen Feldzug beendet. Was wir uns vorgenommen, das iſt voll⸗ bracht worden. Wir haben die Truppen des Feindes aus Baiern vertrieben und unſern Verbündeten wie⸗ der in die Souverainität ſeiner Staaten eingeſetzt. Jene Armee, die ſich an unſern Grenzen aufgeſtellt hatte, iſt vernichtet. Aber was liegt England dar⸗ an; ſein Zweck iſt erreicht. Wir ſind nicht mehr zu Boulogne und die Hülfsgelder, die es zahlt, werden darum nicht größer noch kleiner ſein. „Von den hunderttauſend Mann, aus denen dieſe Armee beſtand, ſind ſechzigtauſend Mann gefangen. Sie werden unſere Conſeribirten bei den Feldarbeiten erſetzen. Zweihundert Kanonen, der ganze Park, neunzig Fahnen befinden ſich in unſrer Gewalt; nur funfzehntauſend Mann dieſer Armee ſind entkommen. Soldaten, ich hatte Euch eine große Schlacht ange⸗ kündigt! Dank ſei es aber den übeln Combinationen des Feindes, ich habe dieſelben Erfolge ohne dieſel⸗ ben Gefahren zu erreichen vermocht, und ein ſo gro⸗ ßes Reſultat hat uns, was in der Geſchichte der Völker unbegreiflich ſcheint, nur zweitauſend Mann kampfunfähig gemacht. „Soldaten, dieſer Erfolg iſt Euerm grenzenloſen Vertrauen in Euern Kaiſer, Eurer Geduld in Er⸗ tragung der Beſchwerden und Entbehrungen jeder Art, Eurer ſeltenen Unerſchrockenheit zuzuſchreiben. „Aber dabei wollen wir nicht ſtehen bleiben. Ihr brennt vor Ungeduld, den zweiten Feldzug zu beginnen. Wir wollen dieſen ruſſiſchen Armeen, welche das engliſche Gold von dem äußerſten Ende der Erde herbeigezaubert hat, ein gleiches Loos bereiten. 25 „Soldaten, die Ehre des Fußvolkes iſt es, die bei dieſem Kampfe namentlich betheiligt iſt, denn zum zweiten Male muß die ſchon in der Schweiz und in Holland entſchiedene Frage zur Entſcheidung kommen, die Frage: ob die franzöſiſche Infanterie die erſte oder zweite in Europa iſt. Dort giebt es keine Ge⸗ nerale, gegen die man ſich Ruhm erwerben könnte. Alle meine Sorge wird ſein, den Sieg mit dem we⸗ nigſten Blutverluſte zu gewinnen. Meine Soldaten ſind meine Kinder.“ Sonach brach das franzöſiſche Heer, die Trümmer der öſtreichiſchen Armee vor ſich her treibend, gegen die Ruſſen auf, deren erſte Colonnen bis an die baie⸗ riſche Grenze vorgerückt waren. Zweiles Rapitel. Armand war von ſeinen Wunden, die er bei der Vertheidigung des wichtigen Forts Saint Henri, die ihm aufgetragen worden, erhalten, vollkommen wieder hergeſtellt. Durch ſein heldenmüthiges Be⸗ nehmen, das überall bekannt geworden, und dem man faſt einzig die Erhaltung des wichtigen Forts ver⸗ dankte, war ein Gegenſtand allgemeiner Bewunderung geworden. Der Name Maillebois wurde nur mit hoher Achtung genannt. Aber trotz der Achtung, ja der Ehrfurcht, mit welcher Armand auf Sanct Domingo behandelt wurde, ſo wohnte in ſeinem Innern doch noch tiefer Kummer, denn er wußte nicht, wie man im Vater⸗ 26 lande und wie der Kaiſer von ihm dachte. In des Letztern Augen mußte ſein Character noch immer im trübſten Lichte erſcheinen, wenn ſich General Junot nicht ſeine Rechtfertigung hatte angelegen ſein laſſen; und von dieſem war, trotz dem, daß manches Schiff aus Frankreich angelangt war, noch immer keine Nachricht eingetroffen. Armand war ſo eben von einem mehrtägigen Ausfluge in das Innere der Inſel nach Sanct Do⸗ mingo zurückgekehrt, als ihm die Ordre ward, ſo⸗ gleich vor dem General Ferrand zu erſcheinen. Er beeilte ſich, dem Befehle nachzukommen, und erfuhr auf ſeinem Wege nach der Wohnung des Generals, daß wieder ein Schiff aus Europa in den Hafen eingelaufen ſei. Als er bei dem Commandanten in's Zimmer trat, kam ihm dieſer hocherfreut entgegen. „Ich ſchätze mich wahrhaft glücklich,“ begann die⸗ ſer,„Ihnen, mein lieber Maillebois, einen Brief aus der alten Welt zuſtellen zu können, von dem ich glaube, daß er nichts Unangenehmes enthält. Wollen Sie mich vielleicht den Inhalt wiſſen laſſen?“ Er überreichte bei dieſen Worten Armand ein Schreiben, welches mit dem kaiſerlich⸗königlichen fran⸗ zöſiſchen Siegel verſchloſſen war. Als der auf's Höchſte überraſchte Jüngling das Schreiben erbrochen hatte, glaubte er, ſeinen Angen nicht trauen zu dürfen. Da ſtanden die Worte: „Hauptquartier der großen Armee. „Mein lieber Maillebvis! „Wenn Sie die Ruſſen mir wollen hel⸗ fen in die Wüſte jagen, ſo eilen Sie, in die Reihen meiner Garde zu treten. Napoleon.“ 27 Armand hielt ſprachlos und zitternd dieſe eigen⸗ händigen Schriftzüge des Kaiſers in ſeiner Hand. Da umarmte ihn der General mit Herzlichkeit. „Niemand,“ ſprach er,„hat dieſe Auszeichnung mehr verdient als Sie. Es thut mir leid, daß wir uns trennen müſſen, aber Sie werden es den Brü⸗ dern an der Donau erzählen, daß wir auf Sanct Domingo dem franzöſiſchen Namen auch keine Schande machen.“ Hierauf einen Schritt zurücktretend fuhr er fort: „Meine Gratulation dem Herrn Garde⸗Ca⸗ pitain.“ Armand eilte wie ein Berauſchter nach ſeinem Quartier; als er hier ankam, war ihm eine neue freudige Ueberraſchung bereitet. Der ſo lang erſehnte Brief von Junot war angelangt und lautete alſo: „Mein lieber Maillebvis! „Wenn ich Sie ſo lange ohne Antwort ließ, ſo ſo war das nicht meine Schuld. Ich bin erſt vor einigen Tagen aus Liſſabon im kaiſerlichen Haupt⸗ quartiere eingetroffen. Nachdem ich meine officiellen Berichte dem Kaiſer abgeſtattet und er gerade ſehr guter Laune war, benutzte ich die günſtige Gelegen⸗ heit, und ſchenkte ihm in der Angelegenheit der Frau von Pvitiers, wodurch Sie ſo compromittirt und in Ungnade gefallen waren, den reinſten Wein ein. „Sie können ſich wohl vorſtellen, daß Seine Ma⸗ jeſtät bei dieſer unerwarteten Relation nicht eben das freundlichſte Geſicht machte. Der Kaiſer gerieth ſo⸗ gar in Zorn und ſagte:„wenn er das früher gewußt hätte, ſo würde ich an Ihrer Statt nach den Antil⸗ len ſpaziert ſein.“ Als der erſte Sturm vorüber war, bat ich natürlich, daß er Sie wieder zu Gna⸗ den aufnehmen möchte.„Nein,“ erwiederte er,„der 28 Herr Capitain mag ſich immer noch einige Zeit mit den Schwarzen herumbalgen, damit er männlicher werde und künftig nicht wegen ein paar hübſchen Mädchenaugen das Leben ſeines Monarchen und das Wohl ſeines Vaterlandes leichtſinnig auf's Spiel ſetzt. „Ich machte ihm bemerklich, daß Sie im Gegen⸗ theil ſtets bemüht geweſen wären, die Gefahr, welche von Seiten der Royaliſten drohte, von ſeinem Haupte abzuwenden. Napoleon blieb aber unerbittlich, und ich hatte ſchon einen Troſtbrief an Sie aufgeſetzt, als höchſt merkwürdiger Weiſe gleich am folgenden Tage ein Bericht vom General Ferrand einlief, wor⸗ in Ihr heldenmüthiges Verhalten in Betreff der Botſchaft nach Cap Henri und Ihre bei den Stür⸗ men gegen dieſes Fort bewieſene Bravour auf das Glänzendſte hervorgehoben waren. Als mich der Kai⸗ ſer wieder anſichtig wurde, gab er mir den Bericht zu leſen.„Dieſer Maillebois,“ waren ſeine Worte,„iſt ein höchſt braver Kerl; das macht ihm ſo leicht Keiner nach. Wenn er nicht zu jung wäre, würde ich ihn zum Obriſtleutnant machen. Aber er ſoll zurückkommen und unter meine Garde treten.“ Hierauf ertheilte er ſogleich den Befehl, daß Sie, mein lieber Capitain, mit Beibehaltung Ihres zeit⸗ herigen Grades in die Liſten der alten Garde einge⸗ ſchrieben wurden. „Wie froh war ich, meinen wenig erbaulichen Troſtbrief vernichten zu können. Alſo eilen Sie, noch zu der glorreichen Affaire anzulangen, wo wir den ruſſiſchen Eisbär auf's Haupt ſchlagen werden. Ihr Benehmen in Betreff Saint Henri's hat den Kaiſer außerordentlich für Sie eingenommen. Es er⸗ 29 wartet Sie die freundlichſte Aufnahme und Niemand iſt mehr erfreut darüber als. Ihr treu ergebener Junvot.“ Das Einzige, was Armand an dem Briefe ſei⸗ nes hochgeſtellten Freundes nicht gefallen, war, daß der General Florentinen mit keiner Sylbe er⸗ wähnte. Er war eben im Begriff, die beiden ſo werthen Zuſchriften nochmals zu überleſen, als ſich unter ſeinen Fenſtern eine bekannte Stimme alſo ver⸗ nehmen ließ: „Schwarzes Ungeheuer,“ rief die Stimme einem in der Nachbarſchaft beſchäftigten Neger zu:„Wehr⸗ wolf, auch Freund, ſage mir, Scheuſal, wo finde ich den Capitain Maillebois, er muß hier in der Ge⸗ gend herum wohnhaft ſein? „Da bin ich nun,“ brummt es weiter,„dem Schlingel die halbe Erde lang nachgefahren und kann ihn noch immer nicht ausfindig machen.“ Armand riß das Fenſter auf und erblickte den Doctor Bonorand, welcher die holprigen Steine auf⸗ und abſtolperte und entſetzlich auf das ſchlechte Straßenpflaſter fluchte. „Doctor, Doctor!“ rief erfreut der Jüngling, „hier herauf.“ Mit dieſen Worten eilte er auf die Straße hinab und die beiden Freunde fielen ſich in die Arme. „Nun endlich,“ rief der Doctor;„aber Teufel, ſeid Ihr ſchwarz geworden,“ fuhr er lachend fort, „Ihr müßt wahrhaftig wieder nach Europa zurück, wollt Ihr nicht alle Anrechte auf einen Weißgebornen verlieren.“ Das Erſte war, als die Beiden auf Armand's 30 Zimmer angekommen, daß der überglückliche Jüngling dem Freunde die Zuſchriften Napoleon's und Ju⸗ not's vorlegte. Bonorand machte große Augen, als er die Schriftzüge des Kaiſers erblickte. „Nun werd' ich doch wieder einmal Recht behal⸗ ten,“ ſprach er,„daß Ihr unter einem glücklichen Sterne geboren ſeid und daß ein höchſt reſpectabler spiritus familiaris Euch mit Rath und That unſicht⸗ bar zur Seite ſteht. Von Euern Wunderthaten hab ich, ſeit ich auf der Inſel bin, auch ſchon ſo viel vernommen, daß ich ordentlich in Verlegenheit komme, wie ich Euch tituliren ſoll, ob Herr„Bayard“ oder Herr„St. Georg.“ Armand beſtürmte den Doctor mit ſo viel Fra⸗ gen über Europa und die daſigen Zuſtände, daß Bo⸗ norand im vollſten Sinne des Worts gar nicht zu Athem kommen konnte. „Ich bitt Euch um Gotteswillen,“ rief dieſer abwehrend,„laßt mich auch einmal an die Reihe des Fragens kommen; was z. B. iſt das für eine aller⸗ liebſte mit Fitronenbäumen bewachſene Anhöhe? Man muß von da eine charmante Ausſicht haben. Hat denn der Berg keinen Namen?“ „Es iſt die Marienhöhe,“ antwortete Armand kurz; dann fuhr er gleich wieder mit Fragen fort: „Aber ſagt mir nur, wenn ſeid Ihr denn eigentlich angekommen, davon habt Ihr mir noch kein Wort geſagt; wie heißt Euer Schiff? Sind ſonſt Bekannte mit angelangt? Wie lange gedenkt Ihr auf Do⸗ mingo zu verweilen? Geht es direct von hier nach Europa zurück? Wie ſteht der Kaiſer mit den Oeſt⸗ reichern? Wie viel Zeit habt Ihr gebraucht zur Ue⸗ berfahrt? Kommt Ihr von Toulon oder Rochefort, 31 oder Havre oder Breſt? Seid Ihr mit den Eng⸗ ländern zuſammen getroffen oder ganz unangefochten durchgekommen? Nichts von Guiſeppe gehört? Der Barbar hat mir noch nicht geſchrieben. Ich weiß von früher: Briefſchreiben iſt ſeine Sache nicht. Wer commandirt Euer Schiff?“ Bonorand hielt jetzt Ar mand den Mund zu. „Einen Augenblick Geduld,“ ſprach er, ſeine Brieftaſche hervorziehend,„ich muß mir dieſes Frag⸗ regiſter ein Wenig notiren, ſonſt mag der Teufel Euch Rede ſtehen. Alſo Plagegeiſt: Die Victoria heißt unſer Schiff, auf welchem— aber Armand, ich bitte Euch, das ließe ſich Alles weit charmanter er⸗ zählen, wenn wir eine kleine Abendpromenade mach⸗ ten, ſtatt hier zwiſchen den engen vier Wänden, die mir gegen die herrliche Natur draußen gefängnißar⸗ tig vorkommen, auf und ab zu rennen.“ „Ich bin Alles zufrieden,“ verſetzte Armand „erzählt nur.“ Bonvrand ſtattete nun, während die beiden der mit Orangenwald bewachſenen Marienhöhe zuſchrit⸗ ten, ausführlichen Bericht ab über Alles, was Ar⸗ mand zu wiſſen wünſchte. Daher unterbrach er häufig ſeine Erzählung, um ſich über die herrliche Vegetation des Südens zu eypectoriren. „Auf mein Anſuchen,“ ſprach er,„bin ich einer Commiſſion von vier Aerzten beigeſellt worden, um die hieſigen Fieberkrankheiten, welche unter unſerer Garniſon ſolche Verheerungen anrichten, Beobachtun⸗ gen anzuſtellen. Unſer Aufenthalt iſt vorläufig auf vier Wochen feſtgeſetzt.“ „So lange kann ich unmöglich warten,“ warf Armand dazwiſchen,„will ich beim Kaiſer noch zur rechten Zeit eintreffen.“ 32 „Es iſt mir dies ſehr angenehm zu hören,“ er⸗ wiederte der Doctor;„bin ich Euch nun um die halbe Erde nachgefahren, und kaum hab' ich Euch erwiſcht, eſchappirt Ihr mir. Gleichwohl kann ich Nichts dagegen ſagen, denn es iſt allerdings pericu- lum in mora. Der Kaiſer muß über Kurz oder Lang mit den Ruſſen zuſammentreffen. Ich glaube nicht, daß der Feldzug von langer Dauer ſein wird. Aber ſeht mir doch die prächtige Aloe, da müſſen ſich doch unſere europäiſchen Gewächshäuſer verſtecken.“ „Wie lange habt Ihr Zeit zur Ueberfahrt ge⸗ braucht?“ erkundigte ſich Armand zum zweiten Mal angelegentlich.„Wir ſind ungefähr ſechs Wochen gefahren;“ antwortete Bonvrand,„die Reiſe ging von Rochefort aus. Von den Rothröcken haben wir gar nichts zu leiden gehabt. Auf der Höhe der Azoren verfolgten uns eine Zeit lang zwei engliſche Fregatten, konnten uns aber nichts anhaben, da un⸗ ſer Vorſprung zu groß war. Dieſe vortreffliche Ban- xia serata da an der Pinin, muß ich mir doch et⸗ was genauer in Augenſchein nehmen, eine ſolche ma⸗ jeſtätiſche Art iſt mir noch gar nicht vorgekommen.“ Bonorand ſprang zu Armand's nicht gerin⸗ gem Verdruſſe, der nur immer von Europa erzählt und ſeine Fragen beantwortet wiſſen wollte, durch das Gebüſch, wo in einiger Entfernung die ſchöne Blume in ſtiller Einſamkeit ihre Farbenpracht entfal⸗ tete. Er konnte ſich lange nicht losreißen von dem ſeltenen Anblick und wollte eben Armand eine botaniſche Vorleſung über die üppige Vegetation der Tropenländer halten, als ihn dieſer ungeduldig mit den Worten unterbrach: „Ich hab Euch nun ſchon das fünfte Mal ge⸗ fragt, ob Ihr keine Nachricht von Guiſeppe erhal⸗ 33 ten; aber ſo lange auf Sanct Domingo eine Blume blüht, werd' ich wohl vergeblich auf eine Ant⸗ wort warten.“ „Guiſeppe?“ frug Bonorand, von ſeinem botaniſchen Abſtecher zurückkehrend,„das mag der Himmel wiſſen, in welcher Hängematte der ſich ſchau⸗ kelt. Wahrſcheinlich ſteckt er mit auf der Flotte des Villeneuve. Dieſe Banxia iſt wirklich nicht mit Golde zu bezahlen.“ Endlich war es Armand gelungen, den fort⸗ während botaniſirenden Freund nach der Marienhöhe zu bringen, wo ſich eine in franzöſiſchem Geſchmack eingerichtete Reſtauration befand. Er war ſehr ver⸗ gnügt, als die Dunkelheit herein brach, welche Bo⸗ norand's botaniſchem Eifer ein Ziel ſetzte. Aber Armand hatte gleichwohl nicht viel gewonnen, denn ietzt erſchloß ſich das transatlantiſche Himmelsgewölbe mit ſeinen fremdartigen Sternbildern und Sterngrup⸗ ven, und der Doctor ward nun Aſtronom. „Ich muß geſtehen,“ ſprach er,„wie glanzvoll die tropiſche Vegetation gegen die nord⸗ und mittel⸗ europäiſche hervortritt, ſo iſt das hinſichtlich des Firmaments doch keineswegs der Fall. Unſer nor⸗ diſcher Nachthimmel iſt weit ſchöner und weit reicher an Sternen erſter und zweiter Größe. „Seht einmal,“ fuhr er fort,„ganz am äußerſten Horizonte guckt unſer alter braver großer Bär, unter deſſen ſieben Sternen des Himmelswagens wir aufgewachſen ſind, nur mit dem Schwanze ein Wenig aus dem Meere; ich kenne die Deichſelſterne gar wohl, es iſt der Benetnaſch und der Mizar, letzterer mit ſeinem kleinen Begleiter Alcor, dem Reuterlein, welche aus der Heimath daher winken, während der Alioth und der ſchöne Dubeh noch Stolle, ſämmtl. Schriften. XXIl. 3 3⁴ unter dem Meere ſtecken. Da ſteht auch die Caſio⸗ peia, welche ſich von Sanct Domingo bei wei⸗ tem nicht ſo ſtattlich ausnimmt, als von der Stern⸗ warte zu Paris, wo ſie im Zenith ſteht.“ Erſt als Armand den Doctor wieder nach Hauſe gebracht hatte, ließ dieſer ſich bewegen, wieder Rari⸗ täten aus der alten Welt mitzutheilen. Er erzählte Mancherlei, was für Arm and von großem Intereſſe war. „Da hab' ich mir auch,“ ſprach Bonorand un⸗ ter andern,„den neueſten Beſtand unſerer Armeen zu verſchaffen gewußt, für deſſen Richtigkeit ich Bürg⸗ ſchaft leiſten kann. Demnach iſt jedes Regiment bei uns dermalen viertauſendzweihundertachtundzwanzig bis viertauſenddreihundert Mann ſtark, worunter vier⸗ tauſendeinhundertachtzig Combattanten. Frankreich beſitzt dermalen neunzig ſolche Regimenter Linien⸗ infanterie. Ein jedes zerfällt in vier Bataillone, wovon drei in's Feld rücken und eins zur Uebung der Rekruten in den Beſatzungen zurück bleibt. Die leichte Infanterie beſteht aus ſiebenundzwan⸗ zig Regimentern, ebenfalls zu vier Bataillonen. Dieſe hundertſiebzehn Regimenter oder vierhundert⸗ achtundſechzig Bataillone geben eine Geſammtmacht von fünfhundertundſiebentauſend Mann Infanterie, worunter dreizehntauſendvierhundertzweiundvierzig Of⸗ fiziere. Die Cavallerie beſteht aus achtundſieb⸗ zig Regimentern, nämlich zwei Carabiniers, zwölf Cüraſſier⸗ und zwanzig Dragonerregimentern, vierundzwanzig Regimentern Jäger zu Pferde, zehn Uhlanen⸗ und zehn Huſarenregimenter. Die geſammte Cavallerie iſt einundſiebzigtauſendfünf⸗ hundert Mann ſtark, worunter zweitauſendzweihun⸗ dertſechsundvierzig Offiziere, vertheilt in dreihundert⸗ ene 35 ſechsundzwanzig Eskadrons.— Die Artillerie zählt acht Regimenter zu Fuß, ſechs zu Pferd, funfzehn Compagnien Ouvriers, zwei Bataillone Pontv⸗ niers, ſechszehn Bataillone Artillerietrain und neun Compagnien Mineurs. Das Ganze der Armee beträgt alſo, ohne die italieniſchen Truppen, nach den officiellen Etats ſechshundertzehntauſendneun⸗ hundertſechsundſiebzig Mann, worunter achtzehn⸗ tauſendvierhundertachtzehn Offiziere, hundertdreißig Diviſionsgenerale, zweihundertvierzig Brigadegenerale und hundertvierundzwanzig Adjutants⸗Commandanten. Armand bat um das Zettelchen, worauf Bonv⸗ rand ſich dieſe Notizen aufgezeichnet hatte, denn er liebte dergleichen Ueberſichten. Der Doetor zog aber aus ſeiner dickleibigen unerſchöpflichen Brieftaſche eine der neueſten Nummern des Moniteur hervor. „Daß Napoleon,“ begann er,„den genialen Gedanken gefaßt hatte, dem tapfern General Deſaix ein würdiges Grab auf dem Gipfel der Alpen zu er⸗ richten, wird Euch nicht unbekannt ſein. Hier nun habe ich den officiellen Bericht über die großartige Beiſetzung des großen Kriegers.“ „O, nur mitgetheilt, bat Armand dringent, und der Doctor las wie folgt: „Der ſterbende Deſaix lies dem erſten Conſul ſagen, er bedaure, für ſeinen Ruhm nicht lange genug gelebt zu haben, und von dieſem Angenblicke an faßte der Sieger von Marengo den Entſchluß, De⸗ ſair's Schickſal und Beſcheidenheit zu widerlegen und ſeinem Namen die Ehrenbezeugungen zu erwei⸗ ſen, die er für ſein Leben beſtimmt hatte. Seine erſte Idee war, das Grabmal zu iſoliren, um eine Art Verehrung an daſſelbe zu knüpfen, und es in der Stille der ſchweigenden Natur zu errichten, um den 2 N 36 Geiſt in ſich ſelbſt zurückzuführen, damit er ſich ſam⸗ melt, weil man ſonſt nichts Großes zu thun im Stande iſt, und das Gefühl zu ſehr zerſtreut, jenes ſchmerzliche Vergnügen der Melancholie nicht gewahrt. „Dieſe Betrachtung beſtimmte den erſten Conſul, das Hospitium des großen St. Bernhard zur Grab⸗ ſtätte der Aſche ſeines würdigen Lieutenants auszu⸗ wählen. Hier iſt der höchſte älteſte Uebergang über die Alpen und hier ſteht der Thron des ewigen Winters von Schnee und Eis, und der einförmigen Natur kündigt nichts den Wechſel der Jahreszeiten an, als im höchſten Sommer die donnernden Lawinen, die Werkzeuge neuer Zerſtörung. Hier, wo Alles Schrecken einflößt, die Stille wie das Geräuſch, wo endlich die zwei einzigen Zufluchtsorte, in die ſich das Leben verbirgt, die Seele durch den Gedanken erſchüttern, daß ſie ewig nur die Wohnung des Schmerzes ſind. „Deſaix ſelbſt ſchien bei der Betrachtung der ägyptiſchen Wüſten dieſe Wahl angedeutet zu haben, indem er die Worte öfters wiederholte:„Dieſer Schauer der Natur iſt das Aſyl des Todes und der Friede der Gräber.“ „Nach der Schlacht bei Marengo befahl der erſte Conſul ein Denkmal zu errichten, deſſen Größe ſeine Anhänglichkeit an Deſair und den Schmerz, mit wel⸗ chem er ſeinen Verluſt beehre, bezeugen ſolle. Der Kaiſer erwartete die Vollendung deſſelben, um es durch ein militäriſches Feſt und durch eine Todten⸗ feier einzuweihen. Er hatte dazu den Gedächtnißtag des glorreichen Todes Desjenigen beſtimmt, dem es galt, und er wollte ſelbſt dieſe Todtenfeier erhöhen, dadurch, daß er ſelbſt den erſten Stein zu dem Grab⸗ male legte. Nachdem er dieſe Ceremonie in der Ab⸗ ſicht verſchoben hatte, die Pracht deſſelben zu verherr⸗ 37 lichen, ſetzten ſich Verhältniſſe ſeinem Entſchluſſe ent⸗ gegen und der Kaiſer wähte den Marſchall Berthier, um ihn in ſeinem Namen auszuführen. „Der Leichnam des General Deſaix war nach der Schlacht bei Marengo nach Mailand gebracht, daſelbſt einbalſamirt und in einen bleiernen Sarg ge⸗ legt worden. Er verblieb in dem Kloſter St. An⸗ gelo, wo man ihn mit der Sorgfalt und Achtung bewachte, welche ſolche Ueberreſte einflößen. Eine Abtheilung vom zwölften Jägerregimente zu Pferde hatte die Weiſung erhalten, den Sarg, welcher den Leich nam des Helden barg, bis an den Fuß des großen St. Bernhard zu begleiten, und eine Ab⸗ theilung vom fünften Linienregimente folgte demſel⸗ ben bis in das Hospitium. Hier wurde er bis zum Tage der Feierlichkeit in der Kirche bewacht. „Dieſe begann mit einem feierlichen Hochamte, welchem der Marſchall Berthier, die Generäle Menou und Roſtolan, ſfo wie die Offiziere ihres Stabes beiwohnten. „Nach der religiöſen Handlung ward der Leich⸗ nam durch Militärperſonen in die Gruft der Kapelle getragen, in welcher das Denkmal errichtet iſt. Vier Stabsoffiziere hielten beim Zuge das Leichentuch. Die Muſik begann einen Trauermarſch, und nach der Feierlichkeit hielt der Marſchall Berthier eine Rede, worauf jeder Soldat einen Lorbeerzweig in die Gruft warf. Eine kriegeriſche Muſik, der ein Flintenfeuer folgte, endigte dieſe erhebende Handlung. „Aus der Kirche begab man ſich nach einem Cireus, der mit Cypreſſen und Fahnen ausgeſchmückt war, auf welchen letztern jedes Gefecht und jeder Sieg des Todten eingeſtickt waren. In dieſem Eircus hielten die Soldaten kriegeriſche Kampfſpiele, wo die 38 Sieger goldne Münzen mit dem Bildniſſe des Kai⸗ ſers erhielten. Der Thron Napoleon's, welchen Berthier einnahm, und die coloſſale Büſte von Deſair ſtanden auf Hügeln.“ „Run frag ich,“ ſprach Bonorand, nachdem er zu Ende geleſen,„ob Napoleon nicht die Zeiten des Al⸗ terthums herauf beſchwört; dieſer Mann mag vornehmen was er will, Alles trägt den Stempel des Großartigen, und viele ſeiner Handlungen athmen eine Poeſie, wovon ſich unſere heutigen Poeten nie haben Etwas träumen laſſen. „Da ich aber einmal von Poeſie ſpreche,“ fuhr er fort,„ſo will ich Euch ein paar recht hübſche Verslein mittheilen, welche auf den Abmarſch der Armeen von Boulogne gedichtet ſind. Unter dem Titel:„Adieux d'un grenadier au calp de Boulogne“ circulirte in Paris von einem daſigen Vaudevillendichter ein Gedicht, deſſen letzte zwei Strophen alſo lauten: „Sans adieu, peniches, bateaus, Prames et canonibres. Qui deviez porter sur les eaux Nos braves militaires! Vous, ne soyez pas Si contens Messieurs de la Tamise: Seulement pour quelques instans La patrie est remise! Nous aurons souvenir de vous, Hapitans de Boulogne! Mais pour le retour garde nous Du Bordeaus du Bourgogne! Nous songerons à vos appas; Nimables Boulonaises: Les Mlemandes ne font pas Oublier les Frangaises!“ „Gar nicht übel,“ geſtand Armand,„doch beſter Freund, damit wir nicht das Eine über das Andere vergeſſen, wo habt Ihr Euer Domieil aufgeſchlagen?“ 39 „Vor der Hand,“ erwiederte Bonvrand,„im Gaſthauſe zu Abukir; übrigens bildet Euch ja nicht ein, mich für heute Nacht los zu werden; ich ver⸗ ſpüre nicht die geringſte Luſt, mich in dieſer trans⸗ atlantiſchen Finſterniß mit den Händen nach der Stadt zu greifen. Ich gedenke meine müden Glieder auf Euer bequemes Sopha auszuſtrecken, damit Baſta.“ „Das war es ja eben, weshalb ich fragte, und warum ich Euch bitten wollte,“ ſprach Armand;„wir machen es wie in Paris, wenn uns Conſtant erzählte.“ Der Doctor war aufgeſtanden und an's Fenſter getreten. „Das iſt ja,“ ſprach er,„mit einem Male eine undurchdringliche Finſterniß geworden, man erkennt die Hand vor den Augen nicht, und vor Kurzem noch leuchteten die Sterne ſo freundlich.“ „Die Witterung wechſelt ſehr ſchnell,“ erwiederte Armand,„und das mag auch der Grund ſein, daß die Fieber ſo häufig und gefährlich auf Domingo find.“ „Und wie das Meer rauſcht,“ fuhr Bonvrand fort,„man hört deutlich, wie es ſich an den Ufer⸗ felſen bricht. Wenn der Conſtant wüßte, daß wir hier ſo traulich beiſammen ſitzen, wer weiß, wie tief der ſchon in Deutſchland drinnen ſteckt.“ „Wenn habt Ihr ihn das letzte Mal geſprochen?“ frug Armand. „Unmittelbar,“ erwiederte der Doctor,„ehe die Reiſe nach Deutſchland ging. Da hat er mir noch ein paar recht drollige Scenen aus dem Privatleben des Kaiſers mitgetheilt.“ „Das trifft ſich ja charmant,“ lächelte Armand, „nur heraus damit, theurer Freund, Ihr kommt heut' einmal nicht los, wenn es Mittheilungen aus der alten Welt betrifft.“ 40 „Napoleon,“ ſprach Bonorand,„hatte im vorigen Winter den dringenden Bitten des ſpaniſchen Botſchafters nachgegeben und verſprochen, auf dem Mas⸗ kenballe, welchen dieſer Diplomat veranſtaltet, zu erſchei⸗ nen. Der genannte Diplomat ſteht bekanntlich wegen ſeiner Bälle bei der Pariſer vornehmen Welt in hohem Rufe, denn er verſteht es hauptſächlich, von ſeinem un⸗ geheuren Reichthum mit Geſchmack Gebrauch zu machen. „Eines Morgens ſagte daher der Kaiſer zu ſei⸗ nem erſten Kammerdiener:„Conſtant, ich bin ent⸗ ſchloſſen, dieſen Abend bei dem ſpaniſchen Botſchafter zu tanzen. Sie ſchaffen heut' zehn verſchiedene Anzüge in das Zimmer, welches der Spanier für mich hat in Bereitſchaft ſetzen laſſen.“ Conſtant gehorchte und begab ſich am Abende mit Seiner Majeſtät zum Hotel, wo der Maskenball ſtatt finden ſollte. Er legte dem Kaiſer einen ſchwarzen Domino um, und gab ſich alle Mühe, die Geſtalt ſeines Herrn ſo un⸗ kenntlich wie möglich zu machen. Alles lief gut ab, ungeachtet einer großen Menge von Bemerkungen von Seiten des Kaiſers über die Abgeſchmacktheit der Verkleidung, über die ſchlechte Haltung, welche ein Domino gewähre und dergleichen. Conſtant machte ihm bemerklich, daß auch die Fußbekleidung unkennt⸗ lich gemacht werden müßte, aber Napoleon wollte ſich dazu unter keiner Bedingung verſtehen. Was war die Folge? Seine Majeſtät wurde ſogleich erkannt, als Dieſelben in den Saal traten. „Napoleon geht, wie ſeine Gewohnheit iſt, mit auf dem Rücken geſchlagenen Händen, gerade auf eine Maske los und will eine Intrigue anknüpfen; aber bei der erſten Frage, welche er thut, antwortet man ihm mit„Sire.“ Verdrüßlich kehrt er um und kommt wieder zu Conſtant.„Sie haben Recht, Con⸗ 4¹ ſtant,“ ſpricht er,„man hat mich erkannt. Holen Sie mir Halbſtiefeln und einen andern Anzug.“ Conſtant holt ihm Halbſtiefeln, verkleidet ihn von Neuem und empfiehlt hauptſächlich, die Arme herab⸗ hängen zu laſſen, wenn er nicht auf den erſten An⸗ blick wieder erkannt ſein will. Der Kaiſer verſpricht, Conſtant's Verhaltungsregeln, wie er ſie nennt, genau in allen Stücken zu befolgen. Aber kaum iſt er wieder in den Saal getreten, als auch ſeine Hände wieder auf dem Rücken ruhen. Eine Dame flüſtert ihm in's Ohr:„Sire, Sie find erkannt!“ Sogleich läßt er nun die Arme fallen; aber es iſt ſchon zu ſpät und Jedermann tritt ehrfurchtsvoll zurück, um ihm Platz zu machen. Er kehrt nochmals auf ſein Zimmer zurück, kleidet ſich zum dritten Male um und verſpricht feierlich, diesmal auf ſeine Geberden und ſeinen Gang Acht zu haben. Er erbietet ſich zu wetten, nicht erkannt zu werden. Diesmal tritt er in der That in den Saal hinein wie in eine Caſerne, ſtößt und ſchubt Alles um ſich her, das ſich in den Weg ſtellt, aber demungeachtet währt es nicht lange, und wieder flüſtert man ihm in's Ohr:„Sire, Sie find erkannt.“ Neue Verlegenheit, neue Verkleidung, neue Rathſchläge von Seiten Conſtant's, aber im⸗ mer derſelbe Erfolg, bis er endlich das Hotel des Botſchafters mit der feſten Ueberzeugung verläßt, daß er ſich nicht verbergen könne und daß der Kaiſer unter jeder Verkleidung erkennbar ſei. „Am andern Tage erzählte er bei Tafel mehren Generalen, die er hatte einladen laſſen, die Geſchichte ſeiner Metamorphoſen und ſcherzte viel über ſeine Ungeſchicklichkeit. Als er auf die junge Dame zu ſprechen kam, welche ihn am vorigen Abend immer zuerſt erkannt und gar arg in Verlegenheit geſetzt 42 habe, ſagte er:„Sollte man es glauben, daß ich nicht habe erfahren können, wer dieſe kleine Spitz⸗ bübin geweſen?“. „Es war gleichfalls im vorigen Winter,“ fuhr der Doctor fort,„als die Kaiſerin den Wunſch äußerte, einmal auf den Maskenball im Opernhauſe zu gehen. Der Kaiſer, den ſie bat, ſie dahin zu begleiten, ſchlug es ihr ab, trotz aller zärtlichen Bitten. Es iſt bekannt, auf welche anmuthige Weiſe es Joſe⸗ phine verſteht, ihre Bitten vorzubringen, aber dies⸗ mal war Alles vergebens. Der Kaiſer ſagte gerade heraus, er gehe nicht mit.„Gut,“ verſetzte endlich die Kaiſerin ſchmollend,„ſo beſuche ich den Ball ohne Dich.“„Wie es beliebt,“ erwiederte Napoleon und verließ das Zimmer⸗ „Am Abende begab ſich die Kaiſerin zur beſtimm⸗ ten Stunde auf den Ball. Der Kaiſer, welcher ſie überraſchen wollte, ließ eine ihrer Kammerfrauen ru⸗ fen, und ſich den Anzud Joſephinen's auf das Genaueſte beſchreiben. Hierauf befiehlt er Conſtant, ihn als Domino zu verkleiden und ſetzt ſich mit dem Großmarſchall des Palaſtes, mit Berthier und Conſtant in einen Wagen ohne Wappen. So fuhr die Geſellſchaft zum Maskenball. Als ſie anlangen, koſtet es große Mühe, Einlaß zu erhalten. Blos Conſtant giebt ſich zu erkennen, und wird um Na⸗ men und Stand ſeiner Begleiter gefragt.„Gehören dieſe Herren zu Ihnen?“ fragt die Logenſchließerin. „Sie ſehen es ja,“ erwiedert dieſer.„Verzeihung, Herr Conſtant,“ entſchuldigt ſich nun die Schließerin; „aber Sie wiſſen, daß an Tagen wie der heutige, oft Leute ohne Bezahlung ſich einzudrängen ſuchen.“ Der Kaiſer mußte bei dieſen Worten laut lachen. End⸗ lich treten ſie ein und wandeln zu Zweien. Sie ha⸗ 43 ben ſich falſche Namen gegeben. Der Kaiſer heißt Auguſt, der Großmarſchall Franz, Berthier Karl und Conſtant Joſeph. Sobald Napo⸗ leon einen Domino bemerkt, welcher demjenigen glich, den ihm die Kammerfrau der Kaiſerin beſchrieben, drückt er jedesmal Conſtant ſtark in Arm und fragt: „Iſt ſie es?“„Nein, ja, nein, Auguſt,“ erwiedert nun der Kammerdiener, der ſich durchaus nicht daran gewöhnen kann, den Kaiſer Du zu nennen. Die beiden Paare drehen ſich eine Zeit lang im Saale um⸗ her, durchſuchen alle Ecken, Foyers und Logen, ohne Joſephinen zu entdecken. Der Kaiſer geräth in Beſorgniß, wird aber durch Conſtant beruhigt, wel⸗ cher ihn vorſtellt, daß Ihre Majeſtät unfehlbar die Kleidung gewechſelt habe. „Während man noch ſucht, tritt ein Domino auf Napoleon zu, der ſich an ihn anſchließt, mit ihm ſpricht, ihn in Verlegenheit ſetzt und äußerſt zudringlich wird, ſo daß ſich Auguſt kaum länger halten kann. Die Verlegenheit des Kaiſers ſoll höchſt voſſirlich geweſen ſein. Der Domino, welcher dieſe Verlegenheit bemerkt, verdoppelt nun ſeine Witze und Spottreden, bis er endlich glaubt, es ſei an der Zeit aufzuhören; er verſchwindet plötzlich im Maskenge⸗ wühl. Der Kaiſer athmet auf; er iſt höchſt aufge⸗ bracht und auf das Empfindlichſte beleidigt. Er hat genug und verläßt ſogleich den Ball. „Als er am folgenden Morgen die Kaiſerin er⸗ blickt, ſpricht er:„Du warſt geſtern nicht auf dem Maskenballe!“ „Wahrhaftig ich war da,“ erwiedert Joſephine. „Wie? Nein!“ ruft er. „Ich verſichere Dich aber, daß ich da geweſen 14 bin; und Du, mein Freund, was haſt Du den gan⸗ zen Abend gemacht?“ „Ich habe gearbeitet,“ iſt die Antwort des Kaiſers. „Das iſt doch ſonderbar,“ verſetzt Joſephine; „ich ſah geſtern auf dem Balle einen Herrn der den nämlichen Domino und die nämliche Fußbekleidung hatte wie Du; ich habe ihn für Dich gehalten und daher viel mit ihm geſprochen.“ „Jetzt mußte Napoleon lachen, als er inne ward, daß es ſeine Gemahlin ſelbſt geweſen war, die ſich die geſtrigen Scherze mit ihm erlaubt hatte. „Die Vermuthung Conſtant's war nämlich ganz richtig geweſen und die Kaiſerin war gleich zu An⸗ fang in einem andern Kleide erſchienen, als in dem früher beſtimmten, weil ſie das erſtere nicht geſchmack⸗ voll genug gefunden.“ Armand hatte ſich an dieſen und ähnlichen Anec⸗ doten, welche der Doctor mittheilte, wahrhaft amüſirt, denn er intereſſirte ſich faſt leidenſchaftlich für Alles, was unmittelbar die Perſon Napoleon's betraf. Als daher der Erzähler zu Ende war, dankte er dem⸗ ſelben herzlich und bat ihn zugleich, falls er noch ähn⸗ liche Geſchichtchen in Petto habe, damit ja nicht hin⸗ ter dem Berge zu halten, weil ſich dieſelben auf Do⸗ mingo noch weit angenehmer mit anhörten als ſelbſt zu Paris. Bonorand geſtand, daß vor der Hand ſein Vor⸗ rath erſchöpft ſei, und Armand drang auch nicht länger in den Freund, der ſich nach Ruhe zu ſehnen ſchien. Die nächſtfolgenden Tage verbrachten die beiden Freunde faſt in ununterbrochener Geſellſchaft mit ein⸗ ander. Bonorand konnte dem ſüdlichen Himmel ob ſeiner großartigen Vegetation nicht Lob genng 45 ſpenden; er ſprach ſelbſt den Wunſch aus, für immer hier wohnen zu können, blos ſeiner übergroßen Liebe zur Botanik wegen, als ihn plötzlich eine kleine ge⸗ fleckte Schlange auf ganz andere Meinung brachte. Der Doctor ging nämlich, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſtand, täglich botaniſiren, kroch durch die unwegſam⸗ ſten Gründe und ſcheute ſogar gefährliche Felsparthien nicht. Armand, der ihn faſt immer begleitete, warnte ihn, ſich vor einer Art gefleckter Schlangen in Acht zu nehmen, die ſich hier nicht ſelten vorfän⸗ den und deren Biß zwar nicht gefährlich, aber doch mehre Tage lang Schmerzen verurſache. Bonorand lächelte heldenmüthig. „Der Wiſſenſchaft zu Ehren,“ ſprach er,„wer wollte da nach Gefahren fragen und wären ſie noch ſo drohend.“ Es war nach dieſen kühnen Worten nicht lange Zeit verſtrichen, Bonorand ſtack eben wieder tief im Gebüſch und glaubte eine neue Art Dahlien ent⸗ deckt zu haben, als er plötzlich einen ungeheuren Satz that, auf den Weg hervorſprang und unter ſeltſamen Capreolen umhertanzte. Armand, welcher in einiger Entfernung im Schatten eines Cocosbaumes gelagert war und in einem Buche las, kam eiligſt herbei, und als er den Doctor tanzen ſah, errieth er ſogleich die Urſache. „Ich bin vergiftet,“ rief Bonvrand,„eine Schlange hat mich in die Wade gebiſſen; nur ſchleu⸗ nigſte Hülfe kann mich retten.“ Mit dieſen Worten rannte er ſpornſtreichs, ohne Armand, der ihn zu beruhigen ſuchte, abzuwarten, nach Hauſe. Hier ergriff er ſogleich die außeror⸗ dentlichſten Rettungsmittel. Die Wunde war nicht gefährlich, aber der Verwundete konnte, wegen ſeines —— 46 geſchwollenen Fußes, mehre Tage das Zimmer nicht verlaſſen. Während dieſes Stubenarreſtes ließen es ſich die Moskito's ſehr angelegen ſein, dem guten Doctor die Zeit nicht auf das Angenehmſte zu ver⸗ treiben. Dabei war auch die Hitze unerträglich. Kurz, kaum waren acht Tage in's Land gegangen, als Bonorand Domingo und den transatlanti⸗ ſchen Himmel höchſt überdrüſfig hatte, und ſich noch weit mehr nach Europa ſehnte als Armand. Letzterer ging bereits mit erſter Gelegenheit nach der alten Welt unter Segel, während der Doctor noch drei Wochen länger auf der Inſel verweilen mußte. Er ging in dieſer Zeit wohl noch zuweilen botaniſiren, aber nie anders als in ungeheuer langen Stiefeln von Elendshaut, und außerdem noch gepan⸗ zert wie ein Ritter der Vorzeit. Drittes Rapitel. — In Italien hatte Oeſtreich ſeine Hauptkräfte gegen Frankreich vereinigt. Aber die Schnelligkeit der Er⸗ ſcheinung der Franzoſen auf deutſchem Grund und Boden war allen Vorausſetzungen des öſtreichiſchen Kabinets vorangeeilt. Kaum hatte ſich der Erzherzog Carl zu ſeinem Heere begeben, als man ihm befahl, zahlreiche Ba⸗ taillone davon herzugeben, um ſie nach Deutſchland zu ſchicken. Unſicher über den Ausgang des ſchon bei Ulm begonnenen Kampfes, hatte der Erzherzog dem Marſchall Maſſena einen Waffenſtillſtand bis 47 zum achtzehnten October angetragen; und dieſer Vor⸗ ſchlag ſagte dem franzöſiſchen Generale um ſo mehr zu, als er an der Etſch nur gegen funfzigtauſend Mann hatte und dieſe Friſt hinreichen konnte, wenn auch nicht zur Ankunft, doch zur Annäherung des Corps, das General Gouvion Saint Cyr aus Neapel, in Folge des mit der ſicilianiſchen Majeſtät abgeſchloſſenen Neutralitätsvertrags, zuführte. Maſſena's Kräfte waren vertheilt in ſechs Di⸗ viſionen Fußvolk, befehligt von den Generalen Du⸗ hesme, Gardane, Verdier, Partouneaux und Serras; in drei Diviſionen Reiterei unter den Ge⸗ neralen Pully, Mermet und Espagne. Dieſe Vertheilung war Maſſena's Werk, obgleich theil⸗ weiſe den Angaben des Kaiſers entſprechend. Na⸗ poleon hatte nur mittelbare Anweiſung gegeben, die dem Marſchall völlige Freiheit im Handeln ließen. „Commandirte ich das Heer in Italien,“ ſchrieb er an den Kriegsminiſter,„ſo würde ich die und die Anordnung treffen.“ Dieſe Thatſache beweiſ't, wie tauſend andere, welche Rückſichten der Kaiſer denen ſeiner Stellver⸗ treter zeigte, die Anſprüche auf ſein Vertrauen hatten. Nach Ablauf des Waffenſtillſtandes erzwang Maſ⸗ ſena den Uebergang über die Etſch, trotz der herz⸗ haften Vertheidigung von Seiten der Oeſtreicher und machte funfzehnhundert Gefangene. In Folge des Befehls aber, ſeine Bewegungen nach denen des Hee⸗ res in Deutſchland einzurichten, ſtellte Marſchall Maſ⸗ ſena ſein Vordringen ein. Erſt eine Woche ſpäter griff er wieder an und drängte die Oeſtreicher, welche einen Verluſt von zweitauſend Mann erlitten, bis zum Dorfe Vago zurück. Erzherzog Carl hatte bei Caldiero eine furcht⸗ 48 bare Stellung inne. Seine Rechte dehnte ſich bis zum Dorfe San Pietro, ſeine Linke bis zur Etſch. Seine Reſerve, welche bei Villa Nova lagerte, be⸗ ſtand aus vierundzwanzig Grenadierbataillonen und fünf Reiterregimentern. Maſſena griff auf der ganzen Linie an. Das Dorf Caldiero wurde genommen. Jetzt rückten die öſtreichiſchen Reſerven vor, desgleichen die franzöſi⸗ ſchen. Maſſena ſiegte. Die Oeſtreicher wurden bis an den Fuß der Feldſchanzen verfolgt, die ſie jen⸗ ſeits Caldiero aufgeworfen und ließen über drei⸗ tauſend Gefangene nebſt dreißig Stück Geſchütze in den Händen der Franzoſen. Erzherzog Carl trug einen Waffenſtillſtand an zur Beerdigung der Todten. Durch eine geſchickt ausgeführte Bewegung der franzöſiſchen Diviſion Serras wurde ein Corps von fünftauſend Oeſtreichern völlig abgeſchnitten und mußte ſich ergeben. Die Offiziere wurden, wie es in Deutſch⸗ land der Fall war, auf's Ehrenwort entlaſſen. Dieſes Ereigniß, ſo wie die unglücklichen Nach⸗ richten, welche von der Armee des Generals Mack aus Deutſchland einliefen, beſtimmten den Erzherzog zum Rückzuge. Er zog ſich durch Montebello nach Vicenza zurück. Die Franzoſen drangen nach Erſtürmung der letz⸗ ten Stadt, welche der Erzherzog in der Eile hatte befeſtigen laſſen und woſelbſt man mehre tauſend Mann Gefangene machte, an die Brenta vor, wo ſich ein Kanonenfener von einem Ufer zum andern entſpann, das die ganze Nacht dauerte. Nach Be⸗ ſiegung auch dieſes Widerſtandes und nach dem Ueber⸗ gang über die Piave ſchienen die Oeſtreicher am Tagliamento eine feſte Stellung nehmen zu wol⸗ len. Sechs Regimenter Cavallerie, vier Regimenter 49 Fußvolk und dreißig Kanonen ſäumten das linke Ufer des Fluſſes. Maſſena faßte jetzt den Entſchluß, den Erzher⸗ zog zu umgehen und traf darnach ſeine Maßregeln. Letzterer aber errieth dieſe Abſicht und ſetzte ſeinen Rückzug auf der Straße nach Palma Nova fort. Seitdem fiel zwiſchen den feindlichen Heeren kein ernſtliches Gefecht mehr vor. Die Franzoſen bemäch⸗ tigten ſich der Städte Görz und Trieſt, ihre Avant⸗ garden vor ſich hertreibend, welche vereinzelte Haufen zurückgebliebener Oeſtreicher gefangen nahmen. Zu derſelben Zeit fand im Rücken des franzöſi⸗ ſchen Heeres, das die Oeſtreicher aus Italien ver⸗ trieben hatte, auf derſelben Straße, die es zurückge⸗ legt, ein bedeutendes Gefecht ſtatt. Ein Corps Oeſt⸗ reicher, beſtehend aus ſiebentauſend Mann Infanterie und zwölfhundert Reitern, befehligt vom Prinzen Rohan, einem franzöſiſchen Ausgewanderten, war, in Folge der Bewegungen der Armee in Deutſchland unter Napoleon, abgeſchnitten worden und kam von den Tyroler Bergen in der Abſicht herab, die Linie des franzöſiſchen Heeres in Italien zu durchbrechen, um ſich mit dem Erzherzog Carl zu vereinigen. Nachdem er in Baſſano fünfhundert Franzoſen, die dortige Beſatzung, aufgehoben hatte, war Ro⸗ han nach Caſtel⸗Franco gekommen. Unterrichtet davon, daß ein Corps gegen ihn im Anzuge ſei, ent⸗ ſchloß er ſich, demſelben zuvorzukommen und griff es mit großem Ungeſtüme an. Das franzöſiſche Corps ſtand unter dem Befehle des eben ſo klugen als tapfern General Reynier. Der Angriff wurde daher kräf⸗ tig erwiedert. Mehrmals erneuert, fand er ſtets noch lebhaftern Widerſtand und ſchon war Rohan nahe daran, zurückgeworfen zu werden, als ein polniſches Stolle, ſämmtl. Schriften XXII. 4 *— 50 Regiment, das General Gouvion Saint Cyr ab⸗ ſchickte, um das ſchon erſchütterte Corps zu umgehen, auf einmal daſſelbe gänzlich in Unordnung brachte und ſeine vollſtändige Niederlage bewirkte. Die Oeſtreicher, von den Franzoſen bis Caſtel⸗ Franco verfolgt, verlangten ſich auf Bedingungen zu ergeben. Sechstauſend Gefangene, tauſend Pferde, ſechs Fahnen, zwölf Kanonen und bedeutendes Ge⸗ päck fielen in die Hände des Siegers. Nur fünftau⸗ ſend Franzoſen hatten am Kampfe Theil genommen. Unter den Polen wurde der Bataillonschef Chlo⸗ picki vom Oberbefehlshaber mit Auszeichnung ge⸗ nannt. Indeſſen reichten die bis Klagenfurth vorge⸗ drungenen Avantgarden dem Corps des Marſchall Ney, welches Tyrol inne hatte, die Hand, und ſo⸗ nach bildete das italieniſche Heer den äußerſten rech⸗ ten Flügel der großen Armee. Unnmittelbar nach der Uebergabe von Ulm hatte der Kaiſer Napoleon den Marſchall Ney aufge⸗ tragen, Tyrol zu unterwerfen, doch ihm für dieſe wichtige Aufgabe nur zwei Diviſionen überlaſſen. Der Marſchall brach von Landsberg auf, er⸗ reichte nach viertägigem Marſche den befeſtigten Punkt Leuteſch, welcher genommen wurde. Um durch den Engpaß von Scharnitz zu dringen, mußte Ney zu⸗ vor die gleichnamige Veſte erobern, welche von zwei⸗ tauſend Mann vertheidigt wurde. Die Franzoſen hatten ſenkrecht aufſteigende Felſen zu erklettern und erſt die Natur zu beſiegen, ehe ſie zum Fechten kom⸗ men konnten. Das neunundſechzigſte Regiment, eines von de⸗ nen, die ſich bei Elchingen am Meiſten ausgezeich⸗ net hatten, wurde mit dieſem Wageſtücke beauftragt. Die Soldaten ließen ſich vor der ſchreckenden Gefahr nicht einſchüchtern. Sie nehmen ihre Torniſter auf den Kopf, welche ihnen als Schild gegen die Kugeln oder vielmehr gegen die Steine dienen, die die öſt⸗ reichiſche Beſatzung auf ſie herabregnen läßt. Ihre Bayonnette, die ſie in die Felſenritzen einbohren, die⸗ nen als Sproſſen, um die Hochebene zu erklimmen, auf welcher die Feſtung liegt. Das tapfere Regiment formirt ſich unter dem furchtbarſten Feuer. Man ſtürmt, und bald iſt der Platz genommen. Nur hundert zurückgebliebene Ty⸗ roler Schützen werden gefangen genommen; die Be⸗ ſatzung hat die Feſtung geräumt und zieht ſich nach Innsbruck zurück. Der Marſchall, welcher dies vorausgeſehen, hatte aber bereits eine Heerabtheilung abgeſandt, um die Straße nach Innsbruck abzuſchneiden. Die Oeſt⸗ reicher kommen an und wollen ſich um jeden Preis durchſchlagen, als ihnen plötzlich das neunundſechzigſte Regiment, welches die Feſtung genommen und auf dem Fuße gefolgt iſt, in den Rücken fällt, ſie zwi⸗ ſchen zwei Feuer bringt und zur Uebergabe zwingt. Die Franzoſen machten achtzehnhundert Gefangene und eroberten funfzehn Kanonen. Marſchall Ney zog in Innsbruck ein, wo er ſechzehntauſend Flinten, große Pulver- und Geſchü⸗ tzesvorräthe erbeutete. Hier fand ein das franzöſi⸗ ſche Ehrgefühl außerordentlich erhebender Auftritt ſtatt. In einem der frühern Feldzüge der Franzoſen gegen die Oeſtreicher hatte das ſechsundſiebenzigſte Regiment zwei Fahnen verloren. Durch einen Zu⸗ fall nun wurden dieſe beiden Fahuen im Zeughauſe von Innsbruck wieder gefunden. Die Nachricht verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle unter den Soldaten. 52 Alles ſtürzte herbei, dieſe koſtbaren Findlinge, deren Verluſt man ſo ſchmerzlich empfunden hatte, zu be⸗ trachten und zu berühren. Marſchall Ney theilt die Freude ſeiner Tapern. Er läßt das Regiment unter die Waffen treten und giebt ihm mit Feierlichkeit ſeine alten Fahnen wieder. Alte und junge Solda⸗ ten ſchwören mit Thränen in den Augen, daß ſie tauſendmal lieber umkommen wollen, als dieſe Fah⸗ nen zum zweiten Male verlieren. Nach vierundzwanzig Stunden Ruhe bricht der Marſchall wieder auf, nimmt Botzen und bewirkt die Vereinigung des Heeres von Italien mit der großen Armee. So dringen auf einem ungeheuren Raume ſämmt⸗ liche franzöſiſche Armeen gegen die Kaiſerſtadt Wien vor. Die fünfundzwanzigtauſend Mann, welche Erz⸗ herzog Ferdinand noch vor Umzüngelung Ulms aus dieſer Stadt geführt hatte, um mit ihnen längs der Grenze des fränkiſchen Kreiſes Böhmen zu er⸗ reichen, waren von den Marſchällen Murat und Lannes nach mehren Gefechten faſt gänzlich aufge⸗ rieben worden. Als Napoleon davon erfuhr, ſagte er: „Das war der Gnadenſtoß. Ich hoffe, man wird lange Zeit nicht wieder von Oeſtreichern ſprechen hö⸗ ren.— Nun, meine Herren Ruſſen, ſtehe ich ganz zu euerm Befehl.“ 86 Obgleich die ruſſiſche Avantgarde ſchon bis Paſ⸗ ſau vorgedrungen war, ſo entſchloß ſich doch Ku⸗ tuſow, welcher das erſte große Heer befehligte, nach den Nachrichten von Ulm, zu einer rückgängigen Bewegung, um ſich mit der zweiten Armee unter Ge⸗ neral Buxhövden, die noch ziemlich weit zurück war, zu vereinigen. 4 53 Prinz Murat, welcher mit ſeiner Cavallerie ſtets der Armee voranſtürmte, hatte am neunundzwanzig⸗ ſten October eine öſtreichiſche Nachhut angetroffen. Es kam ſogleich zum Gefecht. Eine ruſſiſche Divi⸗ ſion, die in der Nähe lagerte, zog den Oeſtreichern zu Hülfe. Die Franzoſen erhalten Succurs durch eine Diviſion vom Corps des Marſchall Davouſt. Oeſtreicher und Ruſſen werden geſchlagen und mit Hinterlaſſung von einigen hundert Gefangenen in Unordnung zurückgeworfen. Dies war das erſte Mal, wo in dieſem Feldzuge Franzoſen und Ruſſen zuſammentrafen. Am zweiten November befanden ſich Bernadotte in Salzburg, Davouſt in Lambach, Soult in Wels, Lannes in Linz. Marmont umging die Stellung an der Ems. Napoleon glaubte, die Ruſſen würden in St. Pölten Stand halten, um Wien zu decken. Er entſandte daher den Marſchall Davouſt nach Steyer, um das feindliche Heer zu umgehen; der Erfolg er⸗ wies dieſe Vorausſetzung als irrig. Kutuſow gab Wien Preis und ging bei der Brücke von Stein auf das kinke Donauufer über. Indeß war die Bewegung Davvouſt's für die Franzoſen nicht ohne Nutzen geweſen. Bei Maria⸗ zell ſtieß er auf ein öſtreichiſches Corps unter Ge⸗ neral Meerfeld. Nach einem lebhaften Gefechte blieben viertauſend Gefangene in den Händen der Franzoſen, ſechzehn Kanonen und drei Fahnen. Der Reſt des öſtreichiſchen Corps ward zerſtreut und Ge⸗ neral Meerfeld gezwungen, ſich mit dem Reſte ſei⸗ ner Reiterei zu retten. Marmont riückte in Leo⸗ ben ein. In der Nacht vom ſiebenten zum achten Novem⸗ 54 ber erſchien der öſtreichiſche General Giulay, vom Kaiſer Franz abgeſchickt, vor Napoleon, um auf einen Waffenſtillſtand anzutragen. Dieſer Antrag ward abgewieſen, doch gab der franzöſiſche Kaiſer dem General an Franz den Zweiten ein Schreiben mit, worin er ſich zu Unterhandlungen für eine end⸗ liche Ausgleichung bereit erklärte. Nachdem Napoleon in Linz Abgeordnete des Senats und einen Beſuch des Königs von Baiern empfangen hatte, verlegte er ſein Hauptquartier nach der berühmten Abtei Mölk, welche romantiſch an der Donau gelegen. Am Dreizehnten war er in St. Pölten. Der Marſchall Mortier, für den der Kaiſer ein neues Corps, beſtehend aus den zwei Diviſionen Dü⸗ pont und Gazan, gebildet hatte, war bei Linz über die Donau gegangen, um am linken Ufer dieſes Fluſſes hinab zu marſchiren. Der General⸗Quartier⸗ meiſter der ruſſiſchen Armee, die, wie erzählt worden, bei Stein die Donau überſchritten hatte, war davon unterrichtet worden, daß ein franzöſiſches Corps auf der Straße, welche am linken Flußufer hinabläuft, heranziehe. Er ließ dieſes Corps bis Dürrenſtein vorrücken, in der Hoffnung, es zu umzingeln und gefangen zu nehmen. Bei der Natur des Bodens ſchien dieſe Hoffnung unausbleiblich in Erfüllung ge⸗ hen zu müſſen. Als die vereinzelte Diviſion Gazan herbeikommt, wird ſie ſogleich angegriffen. Sie leiſtet indeß dem Feind einen ſo bewunderungswerthen Wi⸗ derſtand, daß ſie ihm ſechs Fahnen und fünf Kano⸗ nen abnimmt. Indeß iſt ihre Lage noch immer ſehr mißlich. Der ruſſiſche Obergeneral hat hinter den buſchigen Anhöhen von Dürrenſtein ein Heer von zwölftauſend Mann herangezogen, welches die fran⸗ 55 zöſiſche Diviſion abſchneiden und vernichten ſoll. Mortier und Gazan ſchickten einen Ordonnanz⸗ offizier nach dem andern an die Diviſion Düpont, welche noch zurück iſt. Die ruſſiſche Heerſäule, welche die Diviſion Ga⸗ zan jetzt wirklich umgangen hat, marſchirt ihr von zwei Seiten zugleich entgegen. Es bedurfte nur noch eines Augenblicks, und die tapfere Diviſion wurde von der Maſſe der Feinde erdrückt. In dieſer Ver⸗ legenheit thut ein Oberoffizier, der Major Henriod, einen rettenden Vorſchlag. Er machte nämlich be⸗ merklich, daß der obere Weg, auf welchem der grö⸗ ßere Theil des ruſſiſchen Heeres anrückt, ſehr eng und auf beiden Seiten mit einer Mauer von fünf Fuß eingefaßt iſt; daß eine ungeheure Maſſe von Menſchen auf dieſem Wege ſich drängt, daß wenn man auf dieſe ſich wirft, man ſie auf einander ſtürzen kann, ſo daß bei dem Drucke der beiden Enden auf die Mitte, eine fürchterliche Unordnung unter dem Feinde entſtehen muß und ein ſicherer Erfolg für die Fran⸗ zoſen zu erwarten iſt. Marſchall Mortier faßt den Gedanken auf. Der Angriff erfolgt auf der Stelle, indem man die Diviſion in Züge abtheilt.— Der erſte Zug feuert in Büchſenſchußweite auf die ruſſiſche Heerſäule, dringt alsdann mit dem Bayonnette vor, während ein zwei⸗ ter und dritter Zug, die immer andere erſetzen, dem Feinde keine Zeit zur Beſinnung laſſen. Nach drei Viertelſtunden eines fürchterlichen Ge⸗ metzels iſt die Verwirrung unter den Ruſſen ſo groß, daß die Truppen in der Mitte, zerquetſcht durch die Vorhut, die mit Gewalt zurückdrängt, und durch die Nachhut, die ſie vor ſich herdrängt, kein anderes Mittel haben, als die Mauern rechts und links zu 56 erklettern und ſich in wilder Unordnung zu retten. Die Dunkelheit der Nacht, welche den Franzoſen günſtig iſt, weil ſie den Feind den wahren Grund ſeiner Niederlage verbirgt, erlaubt ihm nicht, von neuem Stellungen zu faſſen. Die franzöſiſche Diviſion hat Alles, was ſich vor ihr fand, vernichtet, in die Flucht getrieben und iſt in Dürrenſtein eingedrungen, als Major Henriod auf einmal Kleingewehrfener vernimmt. Er rückt vor und ein Hagel von Kugeln begrüßt die Spitze ſeiner Heerſäule. „Friſch auf!“ ruft er,„hundertſtes Regiment, das ſind Ruſſen, keine Schonung!“ Auf dieſen franzöſiſchen Zuruf antwortet auf der Stelle ein anderer in derſelben Sprache: „Wir ſind von Dupont's Diviſion! Seid will⸗ kommen, wir glaubten Euch Alle gefangen.“ Groß war der Jubel, als ſich die beiden Divi⸗ ſionen wieder vereinigten, von denen die eine nur durch ein Wunder dem Untergange entgangen war. Doch dieſer glänzende Erfolg war theuer erkauft worden; die Diviſion Gazan hatte zwölfhundert Todte, Verwundete und Gefangene und ſogar drei Adler, die erſten in dieſem Feldzuge, eingebüßt. Der Verluſt der Ruſſen belief ſich auf fünftauſend Mann, worunter dreizehnhundert Gefangene. Der Kaiſer verſäumte nicht, der Diviſion Ga⸗ zan verdiente Lobſprüche zu ertheilen, während er dem Prinzen Murat, dem nur fortwährend Wien im Sinne lag, Vorwürfe machte, ſeine Befehle nicht befolgt und ſo manövrirt zu haben, um den Mar⸗ ſchall Mortier unterſtützen zu können. „Mein Wille,“ hatte er Murat durch Berthier ſchreiben laſſen,„iſt nicht, daß man ſich wie Kinder auf Wien losſtürze.“ Die Armee des General Kutuſow marſchirte nordwärts nach Brünn, um ſich mit der ruſſiſchen Hauptarmee, welche bei Olmütz angelangt war, zu vereinigen. Hier traf auch ſpäter der Kaiſer Alexan⸗ der ein. Nachdem die Ruſſen auf dieſe Art aus dem Wege geräumt waren, drang die große Armee gegen Wien vor. Am eilften November rückte Murat mit der Avantgarde daſelbſt ein. Napoleon ſchlug ſein Hauptquartier in dem nahegelegenen Schloſſe Schön⸗ brunn auf. So war denn ein großes Ziel errungen, die Hauptſtadt des öſtreichiſchen Reichs befand ſich in feindlicher Gewalt. Die Beſetzung Wiens durch franzöſiſche Truppen ging in aller Ruhe vor ſich. Die Einwohner waren von ihrem Kaiſer ſelbſt auf⸗ gefordert worden, keinen Widerſtand zu leiſten, und die gemäßigten Maßregeln Napoleon's, welcher ſeinen Soldaten die größte Achtung für Eigenthum und Perſonen einſchärfte, ſtellten das Vertrauen bald wieder her, ſo daß gleich am folgenden Tage alle Geſchäfte, die faſt nur aus Neugierde unterbrochen worden waren, ungeſtört fortgeſetzt wurden. Der deutſche Kaiſer hatte ſich in's ruſſiſche Hauptquartier begeben. Ungeheuer waren die Vorräthe, welche durch die Beſitznahme Wiens in die Hände der Franzoſen fielen. Dieſer große Mittelpunkt des Reichs enthielt allein zweitauſend Stück Geſchütze, hunderttauſend Flinten, ſechshundert Centner Pulver, ſechshundert⸗ tauſend Kugeln und hundertſechzigtauſend Bomben. Der Erzherzog Carl, anſtatt daß er hätte vor⸗ 58 rücken ſollen, um die Hauptſtadt zu decken, war be⸗ müht, Ungarn zu erreichen. Sogleich ſandte Napo⸗ leon Truppeu nach Preßburg, um eine Vereini⸗ gung der öſtreichiſch⸗italieniſchen Armee mit den Ruſ⸗ ſen zu verhindern. Die Marſchälle Marmont und Mortier hielten die Straßen von Ungarn und Ita⸗ lien beſetzt. Aber trotz dem ſich die Hauptſtadt Oeſtreichs in Feindes Hand befand, ſo war das Schickſal der Mo⸗ narchie noch nicht entſchieden. Die beiden ruſſiſchen Hauptarmeen und die Trümmer der öſtreichiſchen Ar⸗ mee, dreißigtauſend Mann ſtark, bezweckten eine Ver⸗ einigung, um für die zahlreichen Niederlagen Rache zu nehmen. Napoleon zögerte keinen Augenblick, mit ſeinem Heere gegen den ruſſiſchen Koloß aufzubrechen. Piertes Rapitel. „Mein Herr kaiſerlich-königlicher Kanonier vom vierten Regiment, wollen Sie wohl die Gewogenheit haben und dieſe beiden gewichtigen Scheite da in den deutſchen Kachelofen ſchieben, ich glaube, das wird in Betreff eines erhöhten Wärmegrades nicht ohne Nutzen ſein. Alsdann nehmen Sie wieder Platz und wir ſprechen weiter.“ Dieſe Worte ſprach Herr Morland, der Ser⸗ geant der Gardegrenadiere, zu dem jungen Napo⸗ leon Maillebvis, dem Artilleriſten, welcher gekom⸗ 59 men war, dem Veteranen in ſeinem Quartier zu Wien ſeine Aufwartung zu machen. Der junge Napoleon war auf der Kriegsſchule zu Saint Cyr bereits hinlänglich an militairiſche Disciplin gewöhnt, ſo daß er ſogleich wie ein Blitz auffuhr, um den Wunſch des Höhergeſtellten auf das Pünktlichſte in Ausführung zu bringen. Er ſcharrte mit einer eiſernen Krücke die glühenden Kohlen zu⸗ ſammen, legte trockne Spähne darauf, und auf dieſe die aſt⸗ und kienreichen Holzſtücken, dann blies er durch das kleine Ofenthürlein und bald ſtanden die Scheite in praſſelnder Flamme. Als der Sergeant das wohlthuende Gepraſſel ver⸗ nahm, ſtrich er ſich den Bart und ſprach:„So ein deutſcher Ofen iſt etwas werth, er iſt für dieſen aſch⸗ grauen Novemberhimmel wie geſchaffen. In Aegypten wär' er nicht an Ort und Stelle.“ „Da mag's heiß ſein,“ ſprach der junge Mail⸗ lebois. „Das iſt eine von denjenigen Bemerkungen,“ er⸗ wiederte Morland,„die Deiner Einſicht, kaiſerlich⸗ königlicher Kanonier vom vierten Regiment, zur Ehre gereichen. Allerdings, es iſt ſehr heiß in die⸗ ſem Lande.“ „Und in Deutſchland um ſo kälter,“ verſetzte der Artilleriſt. „Notabene, im Winter,“ erklärte kenntnißvoll der Veteran,„die Sommer hier zu Lande ſind warm und mild.“ „Uebrigens,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während Napoleon's Blicke mit Ehrfurcht an ſei⸗ nen Lippen hingen,„fragt der Soldat weder nach Sommer noch Winter; alle Jahreszeiten ſind ihm 60 gleich, wenn es gilt, die Feinde Frankreichs und des Kaiſers zu vernichten.“ „Ha, die Ruſſen!“ rief der Artilleriſt mit Feuer, „ich wünſchte, ich hätte ſie alle vor meinem Sechs⸗ pfunder, he, das ſollt' eine Luſt ſein!“ „Nur Mäßigung, junger Mann,“ ſtrafte Mor⸗ land mit ruhiger Ueberlegenheit,„nicht Tappen in's Blaue. Erſt Strategie, Flankenmärſche, Cernirung, dann cent pidces du canon auf einen Punkt, und es kommt Keiner davon. Darauf verlaß Dich, mein Sohn.“ „Wird es denn nicht bald zur Schlacht kommen, mein Herr Sergeant?“ frug Napoleon. „Wir wollen ſehen, je nachdem,“ ſprach Mor⸗ land, ſich ſiegesſicher auf dem Sopha ausſtreckend. „Wie mir geſtern Seine Majeſtät vorkam, ſo ſcheint Sie mir die Idee zu haben, die Ruſſen gefangen zu nehmen, wie ein Volk Staare, und zwar ohne viel Bataille.“ „Alſo wie bei Ulm die Oeſtreicher,“ ſprach der Kanonier. „Sehr richtig,“ erwiederte der Veteran,„wie bei Ulm die Oeſtreicher. Die Garde hat in dieſem nichtsnutzigen, aber glorreichen Feldzuge noch keine Patrone verſchoſſen. Da liegen wir nun in Wien und der Kaiſer hat ſo zu ſagen ganz Oeſtreich ſammt ſeiner Armee in der Taſche“ „Unſere Batterie hat ſchon zweimal auf die Ruſ⸗ ſen gefeuert,“ verſetzte Napoleon. „Bagatelle,“ grämelte der Veteran,„hat nichts zu bedeuten, kann nicht in Betracht gezogen werden bei einem Feinde, der nicht Stich hält.“ Der alte Grognard, dem es ärgerte, daß ſich der kaum der Kriegsſchule entlaufene Artilleriſt etwas 61 darauf zu gute zu thun ſchien, auf die retirirenden Ruſſen eine Kanone abgefeuert zu haben, hielt es für ſeine Pflicht, dem Quaſirekruten etwas den Daum auf's Auge zu drücken und ihn ſeine ſubordinirte Stellung fühlen zu laſſen. „Mein Herr kaiſerlich-königlicher Unterkanonier vom vierten Regiment,“ begann er,„wollen Sie wohl gefälligſt noch einmal ihr toupirtes Haupt, das ſich trotz des Pulverdampfs Ihrer tapfern Batterie ziem⸗ lich conſervirt hat, in die Kochröhre ſtecken, und nach⸗ ſehen, ob mein Töpfchen mit Waſſer noch nicht zu brodeln Anſtalt trifft?“ Der Unterkanonier that, wie ihm geheißen und berichtete, daß das Waſſer bereits anfange, Blaſen zu werfen. „Schön,“ ſprach Morland und ſtopfte ſich eine Pfeife. Der Artilleriſt, ſo wie er dies gewahrte, ſprang ſogleich nach einem Fidibuſſe, welchen er an⸗ brannte und mit ſoldatiſcher Grandezza und Dienſt⸗ befliſſenheit dem Veteran überreichte. Dem Grenadier, obſchon er ſie vollkommen in der Ordnung fand, gefiel dieſe Art und Weiſe an dem Sohne ſeines alten Zeltkameraden. Er ließ von jetzt das„Unter“ bei Kanonier hinweg und nahm mehr eine väterliche Haltung gegen den nen Sol⸗ daten an. „Madame Maillebvis,“ frug er, ſeine Pfeife in Brand ſteckend,„befindet ſich doch vollkommen wohl?“ „Ja, mein Herr Sergeant,“ erwiederre Napo⸗ leon,„ſie litt zwar dieſen Herbſt etwas am Fieber, doch iſt ſie jetzt vollkommen hergeſtellt.“ „Freut mich,“ verſetzte der Veteran,„und der Herr Vater?“ 62 „Ei der iſt immer auf dem Platze,“ ſprach der Kanonier,„der wäre lieber mit in's Feld gezogen.“ „Ich kenne ihn,“ meinte der Gardiſt,„er war nicht der Letzte im Gefecht. Und die Herren Brü⸗ der?“ fuhr er fort. „Der Armand,“ berichtete Napoleon,„hat es noch mit den Schwarzen zu thun auf Sanet Domingo, und der Guiſeppe ſteht auf dem Pluto, Schiffscapitain Cosmao, Station Cadix, welches ein ſchöner Hafen iſt, an der Südſpitze von Spanien gelegen.“ Der Kanonier ahnete nicht, daß er mit den letz⸗ ten Worten wieder eine große Unvorſichtigkeit gegen den Veteranen ſich hatte zu Schulden kommen laſſen. Morland war nämlich gegen Nichts ſo empfind⸗ lich, als gegen jede Art Belehrung, die ihm zu er⸗ theilen ſich ein jüngerer Militär den Anſchein geben wollte. Der Veteran war ſich nur zu gut bewußt, daß es mit ſeiner Schulgelehrſamkeit nicht weit her war. Machte ſich nun ein jüngerer Soldat mit ſei⸗ ner erlernten Weisheit etwas breit, ſo ſah Morland darin einen verſteckten Angriff. Darum war ihm auch Nichts ſo verhaßt, als die neuern Kriegsſchulen, wo die jungen Krieger eine eben ſo wiſſenſchaftliche wie practi⸗ ſche Ausbildung erhielten. Dergleichen junge Sol⸗ daten, hauptſächrich wenn ſie ihre Kenntniſſe ein we⸗ nig mit Abſicht blicken ließen, waren dem Gardiſten daher in der Welt nichts weiter, als junge Laffen, eitle Räſonneurs, Relintintins, die erſt Pulver rie⸗ chen ſoliten, die mit ihrer aufgeblaſenen Gelahrtheit keinen Hund vom Ofen bockten und damit weder das graue Aegypten noch das goldene Italien erobert ha⸗ ben würden; und ſämmtliche Grognards ſtimmten hierin dem Sergeanten Morland, der in dieſer 63 Angelegenheit gewöhnlich den Sprecher machte, voll⸗ kommen bei. Daher konnte der Kanonier mit ſeiner geographi⸗ ſchen Definition:„Cadix, ein ſchöner Hafen, an der Südſpitze Spaniens gelegen,“ gar nicht übler an⸗ kommen als bei Morland. Zum Unglück mußte letzterer bei der Fahrt nach Aegypten durch einen Sturm ſelbſt nach Cadix verſchlagen worden ſein. Alſo er, der mit ſeinen höchſt eigenen Füßen auf den Wällen von Cadix auf und ab promenirt war, der Intimus des Kaiſers Napoleon, er, welcher in Aſien, Africa und Europa für Frankreichs Ruhm gefochten und in Praxi mehr Geographie durchge⸗ macht hat, als ein Profeſſor im längſten Semeſter, mußte ſich jetzt von ſo einem, kaum der Schule ent⸗ laufenen Relintintin ſagen laſſen, daß Cadix ein ſchöner Hafen und an der Südſpitze von Spanien liege. Er blies eine Zeit lang ſeinen Ingrimm in gewal⸗ tigen Rauchwolken von ſich. Dann ſprach er mit majeſtätiſchem Phlegma: „Als ich eines Tages die Umgegend des ſchönen Hafens von Cadix durchwanderte, welcher, wie Sie ſehr richtig bemerken, an der Südſpitze von Spanien liegt, fielen mir die prächtigen Haſelgebüſche auf, die dort in reichem Maße wachſen. Der Menſch hat ſeine Einfälle; ich wollte mir einige Gerten abſchnei⸗ den und ſie meinem Freunde Maillebois mit neh⸗ men, welcher mir immer in den Ohren gelegen, daß mit ſeinen Rangen in Merville kein Auskommen ſei. Für Sie, mein Herr, und Vice-Supernumme⸗ rar⸗Anhängſel der großen Armee und für Ihr kaum ſichtbares Körperchen wäre damals wohl ein zartes Birkenreis hinreichend geweſen.“ 64 Der Kanonier war wie vom Donner gerührt. Er ſah jetzt ein, daß er den gewaltigen Flügelmann der alten Garde beleidigt und wußte im erſten Schreck nicht, wie er den Fehler wieder gut machen ſollte. Es trat eine ſehr ſchwüle Pauſe ein. Napoleon ſann ängſtlich darüber nach, wie er den Erzürnten wie⸗ der verſöhnen könne und ſprach: „Der Vater hat mir viel von Ihren Seefahrten erzählt, Herr Sergeant.“ „Alſo,“ fuhr Morlland voll gerechtem Unwillen heraus,„mußte man mehr Takt beſitzen und mich nicht wie einen Quintaner belehren wollen. Ver⸗ ſtanden?“ „Das hab ich ja auch nicht gewollt, mein Herr Sergeant,“ ſprach in bittendem Tone der Kanonier. „Takt,“ polterte Morland weiter,„iſt eine Hauptſache beim Soldaten, den lernt man aber nicht auf der Schulbank. Gelehrte Soldaten ſind in der Welt nichts nütze. Wollen oben hinaus und ſtoßen überall an. Wir ſehen's an dem Armand, ſchwatzt wie ein Papagei allerhand Zeug, deutſch, britiſch, was weiß ich, wußte ſich was Rechts damit; nun ſitzt er unter den Heiden, dreitauſend Meilen von hier. Ich wußte, daß es ſo kommen würde. „Ja,“ fuhr der alte Kriegsmann, nachdem er ſeinem Aerger Luft gemacht hatte, um Vieles milder fort,„wenn ich mir da den Guiſeppe denke, das iſt der Soldat, wie er ſein muß, ganz der Alte, wie er leibt und lebt; hat auch nicht viel gelernt, die Wiſſenſchaften und confuſen Ideen machen ihm den Kopf nicht ſchwer; hat mir oft erzählt, der wackere Kerl, wie er von dem Schulmeiſter von Merville immer die meiſten Prügel bekommen; drum wird auch was aus ihm. Der geht drauf und dran, wenn's 65 gilt, und wankt und weicht nicht, eben weil er nicht als gelehrtes Thier vorher lange ſimulirt.“ „Ich bin auch kein Gelehrter,“ geſtand der Ka⸗ nonier, um ſich bei dem Gardiſten wieder etwas in Gunſt zu ſetzen. „Das wäre ſchon was,“ ſprach Morland bei Weitem ruhiger. „Und wenn nur die Ruſſen Stand hielten,“ fuhr Napoleon beherzter fort,„Ihr ſolltet ſehen, Herr Sergeant, daß ich ſo gut wie Guiſeppe mit drauf gehe.“ „Bei meinem Barte,“ meinte Morland,„wie ich den Guiſeppe kenne, viel kühner Muth. Nun, wir werden ſehen.“ „Bei unſern Prügeleien mit den Jungen zu Mer⸗ ville,“ fügte der Kanonier zu größerer Beglaubi⸗ gung ſeiner Worte hinzu,„waren Guiſeppe und ich immer die Letzten auf dem Platze.“ „Seht mal an,“ nickte Morland,„und Mon⸗ ſieur Armand, der ſpielte wohl den Vornehmen?“ „Als wir unſre Bataillen lieferten,“ erzählte Na⸗ poleon,„war der ſchon auf dem Lyceum.“ „Ah ſo,“ verſetzte der Gardiſt,„und lernte deutſch und arabiſch, penſylvaniſch, cannibaliſch und wie die verſchiedenen Mundarten alle heißen. Nun, er kann nun Sprachmeiſter werden unter den Schwarzen.“ Der Kanonier, wie lieb er ſeinen älteſten Bruder hatte, wagte doch nicht die ſchönen Kenntniſſe deſſel⸗ ben gegen den der Gelehrſamkeit abholden Mor⸗ land in Schutz zu nehmen. Er begnügte ſich mit der Bemerkung, daß es Armand an Tapferkeit ge⸗ wiß nicht fehle. „Mag auch darnach ſein, dieſe Tapferkeit, mein Sohn,“ ſprach der Grenadier,„ich weiß, was es Stolle, ſämmtl. Schriften. XRII. 5 damit auf ſich hat. Weit vom Schuß iſt gut Hüt⸗ ten bauen; nicht wahr? Mußten wir in Aegypten die Federfuchſer nicht ſtets in die Mitte der Quar⸗ rées nehmen und ſie mit unſern guten Vayonnetten gegen die Damascener der Mamelucken decken? Eſel und Gelehrte in die Mitte, das war Sprichwort. Das iſt ja eben der Jammer, daß der Kaiſer ſo viel auf dieſes Volk giebt. Sie rangiren bei ihm ja zum Sa⸗ tan noch vor der alten Garde.“ Der Artilleriſt fand das, Morland zu Gefal⸗ len, ebenfalls unverantwortlich. Er ging ſogar ſo weit, einige bittere Bemerkungen über den Gelehrten⸗ ſtand laut werden zu laſſen und erhob den Krieger⸗ ſtand bis zu den Wolken. Das gefiel dem Ve⸗ teranen. „Du haſt ein Einſehen, mein Sohn,“ ſprach er, „Deine Ideen ſind klar und faßlich. Doch ſchwei⸗ gen wir von dieſen Schafsköpfen, den Gelehrten, ein braver Soldat ſoll gar nicht ſo viel Redens da⸗ von machen. Sag' mir lieber, kaiſerlicher⸗königli⸗ cher Kanonier vom vierten Regiment, wie Du die kaiſerlich-deutſchen Mädchen findeſt in der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt Wien? Nach meinen bejahrten kna⸗ ſterbartigen Anſichten ſcheinen verdammt hübſche Din⸗ ger da draußen herum zu laufen. Denke Dir, kai⸗ ſerlich-königlicher Kanonier vom vierten Regimente, guckt geſtern ein höchſt vorzüglicher Lockenkopf mit ausgemacht ſchönen Augen und einem höchſt ſchätzens⸗ werthen Grübchen im Kinn und einem ſüperben Lä⸗ cheln zu meiner Thür herein, welche halb offen ſtand und rief:„Je vous salue, mon cher Sergeant!“ Alle Wetter, vor allen öſtreichiſchen Kanonen bin ich nicht erſchrocken und wären ſie in meiner Taſche los⸗ gegangen; aber bei dem„je vous salue“ fuhr ich zu⸗ 67 ſammen und wußte nicht wie mir geſchah. Ich er⸗ mannte mich endlich und wollte gegen den ungewohn⸗ ten Feind Poſto faſſen, aber da war er ſchon über alle Berge. Das war eine der liebenswürdigſten Hexen, die mir in Europa, Aſien und Afrika vorge⸗ kommen; ich war einen Augenblick ſogar ſchwach ge⸗ nug, den Wunſch zu hegen, noch der jungen Garde anzugehören, obſchon ich dieſe Gelbſchnäbel nicht lei⸗ den kann.“ Der Kanonier erzählte nun ſeinerſeits, daß ſeine Wirthstöchter leibhafter Engel wären, nur daß ſie keine Flügel hätten. Er beneide Armand um ſein Deutſch. „Nun was hilft ihm ſeine gelehrte Büffelei,“ frug Morland,„mitten unter den Kaffern?“ Napoleon brachte das Geſpräch wieder auf die Wienerinnen. „Allerdings,“ geſtand der Gardiſt,„Barbarinnen bleiben ſie darum immer im Vergleich zu unſern Franzöfinnen; aber ich liebe die Barbarei.“ „Auch die Herren Wiener ſind ganz ſcharmante Leute,“ fuhr Morland fort,„die hätten uns ge⸗ wiß keinen Krieg erklärt, wenn es auf ſie ankäme. Ein luſtig, lebensfrohes Volk.“ „Waren Sie ſchon im Prater, mein Herr Ser⸗ geant?“ frug der Artilleriſt. „Noch nicht,“ erwiederte Morland. „Das iſt ein Leben, faſt wie auf den Pariſer Boulevards,“ erzählte Napoleon. „Wie geſagt, die Wiener wiſſen zu leben,“ meinte der Veteran der alten Garde.„Doch da iſt die Nach⸗ mittagſonne gar verlockend hervorgetreten aus den grauen Novembernebeln; wie wär's, wenn wir eine kleine Promenade machten? Wollen wir von der 5 68 Parthie ſein, mein Herr Kanonier vom vierten Re⸗ giment?“ Napoleon fand ſich außerordentlich geſchmeichelt durch dieſe Worte des Gardiſten. „Kann mir nur zur großen Ehre gereichen,“ ver⸗ ſetzte er,„an Eurer Seite zu wandeln, mein Herr Sergeant.“ „Wohlan,“ fuhr der Veteran fort,„ſo wollen wir aufbrechen.“ Die Rieſengeſtalt Morland's erhob ſich jetzt vom Sopha. Er zog eine ganz neue weiße Piqus⸗ weſte an, welche unter dem Dunkelblau der feinen Uniform ſtattlich hervorleuchtete, hing ſeinen Säbel um und ſtülpte die martialiſche Bärmütze auf den Kopf. Der Kanonier erſchrack ordentlich vor dem ge⸗ waltigen Kriegsmann. Er mußte aufwärts blicken, wollte er den kaiſerlichen Gardiſten in ſeiner ganzen Pracht und Herrlichkeit überſchauen. „Komm, mein Sohn,“ ſprach Morland zum Kanonier, als er mit ſeiner Toilette zu Ende war, und die Beiden ſtiegen auf die Straße hinab. Na⸗ poleon wandelte wie ein Knabe neben dem bärtigen Goliath. Kaum aber waren die zwei Franzoſen ein paar Schritte die Gaſſe entlang gegangen, als alsbald ein Haufe jugendliche Gaſſenbevölkerung daneben her⸗ trabte. „Franz, Anton, Joſeph, Stephan,“ mur⸗ melte es von allen Seiten,„ſieh mal den großen Gardemann— ei du mein Gott, iſt der groß— ge⸗ wiß ein Feldwaibel— nein, ein Offizier— was denkſt du denn, das iſt der Tambvur⸗Major— ſeht mal den Bart— und der Kleine dane ben— das — 69 iſt ein Huſar— ich dächte gar, ein Schütze iſt's,— ein Tirailleur— ei wie freundlich.“— Alle Leute blieben ſtehen und ſchauten dem in⸗ tereſſanten Paare nach. „Seht mal, Herr Sergeant,“ ſprach der Kano⸗ nier,„die vielen Affiches, die der Kaiſer überall hat anſchlagen laſſen.“ Morland, der, da er weder leſen noch ſchreiben konnte, einen großen Widerwillen gegen alles Ge⸗ ſchriebene und Gedruckte hatte, mochte von den An⸗ ſchlagzetteln nichts wiſſen. „Was wird's ſein,“ ſprach er,„Polizeigeſchichten.“ „Die Wiener,“ erklärte Napoleon, der die Zet⸗ tel geleſen hatte,„ſollen ſich hübſch ruhig verhalten und keinen Spectakel anfangen, und die franzöfiſchen Soldaten würden die ſtrengſte Disciplin üben, Per⸗ ſonen und Eigenthum heilig achten.“ „Ich begreife nicht,“ verſetzte Morland,„wozu man Dinge drucken läßt, die ſich von ſelbſt ver⸗ ſtehen.“ Während ſich der Gardegrenadier noch mißbilligend über dieſe gedruckten Maueranſchläge ausſprach, ent⸗ ſtand plötzlich ein außergewöhnliches Hin- und Her⸗ laufen und aus der Ferne erſcholl ein tauſendſtimmi⸗ ges„Vive l'empereur!“ Der Kanonier gerieth bei dieſem Rufe faſt in eben ſo große Aufregung als der Volkshaufe, welcher über Hals und Kopf der Gegend zuſtürzte, von wo das„Vive l'empereur“ hertönte. „Der Kaiſer, der Kaiſer kommt,“ rief Napo⸗ leon und wollte den Sergeanten haſtig mit ſich fort⸗ ziehn. „Keine Thorheit,“ erwiederte Morland, ohne ſeinen Schritt im Geringſten zu verändern,„nach 70 dem Kaiſer zu rennen, iſt Sache der Relintintins, der jungen Conſeribirten und des Civil: die Garde wartet, bis er kommt.“ Das Geſchrei ward immer betäubender und bald bog der Kaiſer Napoleon im grauen Ueberrocke und auf dem Schimmel reitend, nur von Rapp und Sa⸗ vary gefolgt, um die Straßenecke. Morland und der Kanonier, welchem letztern nicht wenig das Herz ſchlug, machten jetzt Halt und ſtellten ſich parademä⸗ ßig zur Seite auf und legten ſalutirend die Hand an ihre militäriſche Kopfbedeckung. Der Kaiſer kam herangeritten und als er Mor⸗ land erſchaute, hielt er ſein Pferd an. Ein bezau⸗ berndes Lächeln ſpielte um ſeinen Mund. „Nun,“ frug er,„mein Herr Grenadier, wie ge⸗ fallen wir uns in Wien?“ „Sehr gut, Ew. Majeſtät.“ „Mit Quartier und Verpflegung zufrieden?“ „Parfaitement!“ „Was iſt der Wirth?“ „Ein Bäcker, Sire!“ „Hat er Söhne?“ „Wie viel?“ „Dienen ſie?“ „Der Eine nur, der Andre hilft in der Werk⸗ ſtatt.“ „Wie mir es den Anſchein hat, ſo frieren der Herr Morland etwas.“ „Allerdings, Sire, es iſt nicht zum Wärmſten.“ „Mir iſt vollkommen warm,“ ſprach der Kaiſer auf ſeinen Oberrock zeigend. „Das iſt ſehr möglich!“ 71 Napoleon's Adlerblick fiel jetzt auf ſeinen Na⸗ mensvetter, den Artilleriſten, welcher kerzengrade, re⸗ gungslos und mit verhaltenem Athem neben Mor⸗ land ſtand. „Parbleu,“ ſprach der Kaiſer,„iſt mir recht, da ſteht ja der Kanonier, Monſieur Maillebois?“ „Ja, Ew. Majeſtät,“ erwiederte der Jüngling und ſchaute etwas ſchüchtern mit ſeinen großen Augen zu Napoleon auf. „Aber wie kommt es,“ fuhr erſtrer fort,„ſchon ſo lange im Felde und noch keine Kanone erobert?“ Der Kanonier, ob dieſer Frage etwas verdutzt, ſchlug beſtürzt die Augen nieder und wußte nicht, was er erwiedern ſollte. Morland ergriff an ſeiner Statt das Wort und ſprach: „Ew. Majeſtät, es hat es noch nicht hergegeben.“ Der Kaiſer mußte lachen. „Nun da halte Dich dazu, Kanonier,“ ſprach er, „daß wir Deinem Vater in Merville bald etwas Ge⸗ ſcheutes von Dir vermelden können. Der Armand wird auch bald zurückkommen. Das iſt ein ganz bra⸗ ver Franzoſe.“ Und zu Morland gewendet: „Adieu, mein Braver, ein andermal zieh' aber Deine Capotte an.“ „Sire, es ſoll geſchehen,“ antwortete der Gar⸗ diſt; und der Kaiſer ritt vorüber. Kaum aber war er eine Strecke dahin, als der Kanonier zu toben anfing und in Verwünſchungen ausbrach, daß es nicht ſchon morgen gegen die Ruſ⸗ ſen gehe. Er träumte von jetzt an von weiter nichts, als von Kanonen, die er den Ruſſen abnehmen wollte. „Beruhige Dich nur, mein Sohn,“ ſprach Mor⸗ land,„Seine Majeſtät haben das gar nicht ſo ernſt⸗ lich gemeint; Du kennſt des Kaiſers Art noch nicht. „Alſo Monſieur Armand kommt auch wieder?“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„hm, was man nicht hören muß! Ich denke, der ſteckt, um ſich ſein vor⸗ lautes Weſen abzugewöhnen, mitten unter den Kaf⸗ fern auf St. Domingo? Begreife nicht, was der Kaiſer für einen Narren an dieſen hypergelehrten Menſchen gefreſſen hat. Aha, ich verſtehe, wird wahrſcheinlich als Dolmetſcher angeſtellt werden. Nun, ich habe nichts dagegen.— Aber Kanonier, halt' zum Satan einmal Dein Maul mit Deiner verdamm⸗ ten ruſſiſchen Kanone. Du denkſt wohl, die kann man ſo mir nichts Dir nichts in die Taſche ſtecken? Proſit. Da hat Dir doch nun Seine Majeſtät einen Floh in's Ohr geſetzt. Poſſirlich Kerl'chen, Du und ein ruſſiſches Geſchütz.“ „Und ich muß doch eine kriegen,“ ſprach Napo⸗ leon mit dem Fuße ſtampfend. „Schweig,“ gebot der Gardegrenadier,„und be⸗ trachte mit Ruhe da den Stephansthurm, einen ſol⸗ chen Thurm bekommſt Du ſobald nicht wieder zu ſe⸗ hen. Nicht wahr, der iſt ein klein wenig höher als der auf der Marienkirche zu Merville. Das will ich glauben.“ Die Beiden promenirten noch eine geraume Strecke, endlich aber ward dem Gardiſten die Kälte doch zu fatal. „Der Kaiſer hatte recht,“ ſprach er,„ich hätte ſollen meine Capotte anziehen. Er ſaß wohl ver⸗ wahrt in ſeinem Grauen auf dem Schimmel. Doch da kommt eine Reſtauration gerade recht; komm, Ka⸗ nonier, wir wollen uns darin ein Wenig wärmen und ſtärken.“ — Dem Napoleon kam dieſe Aufforderung nicht unangenehm. Er verſpürte ebenfalls Hunger und Kälte, wiewohl die zu erobernde ruſſiſche Kanone ihn weniger daran hatte denken laſſen. Fünftes Rapitel. Wihrend noch Napoleon im kaiſerlichen Luſtſchloſſe zu Schönbrunn, als Gebieter über den größen Theil des Abendlandes, der halben Welt Geſetze dictirt, und über die Karte von Mähren gelehnt, die Armee des Czaren vor ſich hertreibt, da rollt plötzlich, mit⸗ ten im Sieg und Glück von Cap Finisterre ein betäubender Donnerſchlag daher; Napoleon erhält die Nachricht von dem Untergange ſeiner Marine, von der furchtbaren Seeſchlacht bei Trafalgar. Der Leſer wird ſich noch der großen Scene ent⸗ ſinnen, wo der Kaiſer in Boulogne die Kunde von ſeinem Admiral Villeneuve erhielt, welcher, anſtatt im Canal zu erſcheinen, nach dem Hafen von Cadix ſegelte, in Folge deſſen Napoleon's großes Unter⸗ nehmen gegen England ſcheiterte. Der Kaiſer hatte im erſten Zorne dieſen Admiral vor ein Kriegsgericht ſtellen wollen und ſelbſt fünf Anklagepunkte gegen ihn aufgeſetzt. Bereits war ſein Nachfolger ernannt worden und Admiral Rofſily er⸗ hielt den Befehl nach Cadix abzureiſen, um den Befehl über die vereinigte franzöſiſch⸗ſpaniſche Flotte zu übernehmen. Villeneuve, welcher davon Nachricht erhielt, hoffte dieſer Schmach zu entgehen und ſelbſt des Kai⸗ ſers Achtung wieder zu gewinnen, wenn er entweder glücklich die ganze Flotte nach Toulon bringe, wo⸗ durch Frankreich die Herrſchaft über das Mittelmeer erhalten haben würde, oder, wenn er die engliſche Flotte, welche an den ſüd⸗ſpaniſchen Küſten kreuzte, ſchlüge. Er ſchätzte ſie nämlich für bei weitem nicht ſo ſtark, als ſie wirklich war. Der Admiral dieſer Flotte, der große Nelſon, hatte die Vorſicht gehabt, ſtets nur wenige Schiffe zuſammen ſehen zu laſſen, und darum glaubte ſich der franzöſiſche Admiral dem engliſchen weit überlegen. Der Plan des erſtern, für den Fall einer Schlacht, beſtand darin, jedem feindlichen Schiffe ein franzöſi⸗ ſches entgegen zu ſetzen und ungefähr ein Dritttheil ſeiner Kräfte zurückzubehalten, um ſie auf diejenigen Punkte zu werfen, die am Heftigſten angegriffen wä⸗ ren und dadurch den Sieg zu entſcheiden. Er theilte ſeine Schlachtordnung in drei Geſchwader, jedes zu ſieben Schiffen. Seine ganze Macht beſtand aus dreiunddreißig Schiffen, achtzeh'n franzöſiſchen und funfzehn ſpaniſchen. Admiral Nelſon befehligte ſiebenundzwanzig Schiffe, folglich ſechs weniger als der franzöſiſche Ad⸗ miral. In der vereinigten Flotte beſaßen die Spa⸗ nier ein Schiff von hundertundzehn Kanonen und eins von hundertundvierzig, die berühmte la Santa Trinidat, die ſtärkſten franzöſiſchen führten nur acht⸗ zig. Dagegen gebot der engliſche Admiral über drei Schiffe von hundertundzwanzig und vier von hundert⸗ undzehn Geſchützen. Daher ward die Ueberlegenheit der combinirten Flotte in Betreff der Schiffe auf der andern Seite durch den Kanonenreichthum ſo ziemlich ausgeglichen; ungerechnet des Nachtheils einer Flotte, —* 15 aus zwei Nationen zuſammengeſetzt, gegen eine Flotte, die eine Gleichheit der Beſtandtheile, Aehnlichkeit der Schiffsmannſchaft, des Befehls und der Manöver für ſich hatte. Die Admirale beider Flotten hatten ihren Capi⸗ tainen für den Fall einer Schlacht ihre Anweiſungen gegeben. Nelſon's Inſtructionen verriethen den geiſtvollen Mann, der der Kriegswiſſenſchaften neue Bahnen eröffnet, Villeneuve's Befehle den gewöhn⸗ lichen Kopf, der ſich im Gleiſe des Hergebrachten bewegt. Am vierundzwanzigſten October verließ die com⸗ binirte franzöſiſch⸗ſpaniſche Flotte den Hafen von Ca⸗ dix und formirte ihre Schlachtlinie auf der Höhe von Trafalgar. Kaum hatte ſie aber Poſto gefaßt, als der engliſche Admiral einen Schlachtplan erſann, wel⸗ cher der gewöhnlichen Kriegsweiſe auf dem Meere ganz entgegen war. Er theilte ſeine Flotte in zwei Diviſionen; den Befehl über die eine, funfzehn Schiffe ſtark, übertrug er dem Admiral Collingwood, die andere, aus zwölf Schiffen beſtehend, commandirte er perſönlich. In dieſer Geſtalt rückte er mit vollem Winde an, richtete ſeinen Lauf gegen einige beſtimmte Punkte der franzöſiſch⸗ſpaniſchen Schlachtlinie und ſuchte dieſelbe zu durchbrechen. Villeneuve war nicht der Mann, der dieſem genialen, aber tolldreiſten Manöver im Stande ge⸗ weſen wäre, die Stirn zu bieten. Er verſtand es nicht, ſeine Streitkräfte gleichfalls zu concentriren, um den furchtbaren Stößen der engliſchen Dreidecker, die voranſegetten, gewachſen zu ſein. Der engliſche Angriff hüllte alsbald Meer und Himmel in ſo un⸗ durchdringliche Rauchwolken und Feuerflammen, der Donner von nahe an zweitauſend Kanonen rollte 76 ſo betäubend über die Wellen, daß Franzoſen und Spanier die eignen Signale ihres Admiralſchiffs we⸗ der zu ſehen noch zu hören vermochten. Ein großer Theil der älliirten Flotte blieb dem Kampfe fremd, und vermochte nicht, den bedrohten Punkten zu Hülfe zu eilen, während die Engländer ihr Ziel unabwend⸗ bar im Auge, die feindliche Linie bald durchbrochen hatten. So löſte ſich von Seiten der Franzoſen und Spanier der Kampf alsbald in einzelne Gefechte auf, während Nelſon ſtets nur mit ſeiner Geſammtmacht manövrirte. Ueberhaupt würden Frankreich und Spanien an dieſem Tage mehr noch als das Materielle ihrer See⸗ macht verloren haben, wenn zehn bis zwölf Capitaine aus beiden Nationen nicht durch die ſchönſten Züge des Muthes, trotz des Verluſtes, doch die Ehre ge⸗ rettet hätten. Unter dieſen Tapfern verdienen Auszeichnung der Contreadmiral Magon, die Capitaine Cosmao, Courdge und Camus, die Admirale Gravina und Alava; Villeneuve ſelbſt ein eben ſo guter Soldat als ſchlechter Anführer, und beſonders die beiden Helden dieſes Trauertags, die Capitaine Lucas und Infernet. Lucas, der Befehlshaber des Redoutable, ei⸗ nes Schiffes von vierundſiebenzig Kanonen, im Kampfe mit der Victory, einem Schiffe von hundertund⸗ zwanzig Kanonen, auf welchem ſich Nelſon ſelbſt befand, bot dem engliſchen Admiral einen ſeiner eben⸗ bürtigen Gegner dar. Von beiden Seiten macht man verdoppelte Anſtrengung zum Entern; man zerſchmet⸗ tert ſich durch Geſchütz und Gewehrfeuer. Alles ver⸗ ſpricht dem franzöſiſchen Cap tain den Sieg, als das engliſche Schiff, der Témsraire, von hundertzehn Kanonen, den Redoutable von der andern Seite bedrängend, ihm eine volle Salve giebt, welche auf einmal zweihundert Mann zum Kampfe unfähig macht. Zwiſchen zwei Dreidecker geklemmt, fährt das franzöſiſche Schiff doch in ſeiner Vertheidigung fort. Sein großer Maſt ſtürzt auf den Téméraire, ihm folgen die beiden Marſen. Da bricht das Deck des Redoutable durch, die Flammen ſchlagen hervor, man löſcht ſie und kämpft weiter. Vergeblich rufen die Engländer den Capitain Lucas zu, ſich zu ergeben. Der Held, obſchon verwundet, antwortet auf dieſe Aufforderung durch die letzten Kanonenſchüſſe und das letzte kleine Gewehrfeuer. Da naht ein drittes engliſches Schiff, welches ſich quer vorlegt. Erſt jetzt, da das Schiff unter ſeinen Füßen zu verſinken droht, giebt der Capitain nach. Das Glück erſpart ihn aber, die Flagge zu ſtreichen. Der Sturz des Beſanmaſtes, an welchen die Flagge gehißt iſt, bezeichnet den Augenblick, wo die Verthei⸗ digung aufhören muß. Der Redoutable ergiebt ſich. Von ſechshundertdreiundvierzig Mann, welche ſeine Beſatzung ausmachten, waren fünfhundert zum Kampfe unfähig, von dreißig Offizieren dreizehn todt und zehn ſchwer verwundet. Aber dieſer Sieg kam Eng⸗ land theuer zu ſtehen. Er koſtete ihm ſeinen größten Seehelden, den Horace Nelſon. Ein anderer Mann, der Seitens der Franzoſen in dieſer furchtbaren Schlacht ſeinen Namen in das goldne Buch der Geſchichte ſchrieb, war Capitain In⸗ fernet, welcher die Intrépide vefehligte. Dieſer heldenmüthige Offizier hielt ſich eine lange Zeit ge⸗ gen mehre engliſche Sch'Se und hatte endlich gegen fünf derſelben zu gleicher Zeit zu kämpfen. In ſolchen Augenblicken kann ſich der Muth nur durch die Hart⸗ 78 näckigkeit des Widerſtandes verherrlichen. Er verlor alle Maſten, ſah an ſeiner Seite mehr als die Hälfte ſeiner Leute fallen, fügte den Engländern außerordent⸗ lichen Schaden zu, wehrte ſich bis zum letzten Augen⸗ blicke, bis zu dem Punkte, wo das Schiff zu finken begann und ihm kein Schlachtfeld mehr darzubieten vermochte. Villeneuve hatte ſich ebenfalls ausgezeichnet, doch als bloßer Schiffscapitain. Als er die drei Maſten ſeines Buccentauer nach und nach hatte ſtür⸗ zen ſehen, wollte er mit ſeiner Flagge auf ein an⸗ deres Schiff übergehen, in der Hoffnung, den Kampf zu erneuern und vielleicht mit den zehn unverletzten Reſerveſchiffen zu ſiegen. Doch ſelbſt dieſes Rettungs⸗ mittel war ihm nicht geſtattet. Sein Boot, von feindlichen Kugeln überſchüttet, wird durch das Zu⸗ ſammenbrechen des Maſtes zerſchmettert. Er verlangt vergeblich ein Boot von dem ſpaniſchen Schiffe la Santa Trinidat. Man verſteht ihn nicht und läßt ihn ohne Hülfe. Angeſchmiedet an ein Schiff, das nicht mehr fechten kann, und der übrigen Flotte unnütz, da er keine Signale geben kann, iſt er ver⸗ dammt, ſich dem Feinde auszuliefern, um nicht ohne Zweck den Reſt ſeiner Mannſchaft vernichten zu laſſen. Um fünf Uhr Nachmittags, die Schlacht hatte we⸗ gen des nebligen Wetters erſt in den Mittagsſtunden begonnen, giebt Admiral Gravina, welcher nach der Gefangennahme Villeneuve's den Oberbefehl über⸗ nommen und der ſelbſt ſchwer verwundet iſt, das Zei⸗ chen zum Sichwiederſammeln, bringt fünf franzöſiſche Linienſchiffe, ſechs ſpaniſche, fünf Fregatten und zwei Briggs zuſammen und geht während der Nacht beim Eingang der Rhede von Cadix vor Anker. Der Contreadmiral Dumanvire verläßt mit vier Schiffen, die keinen Theil am Kampfe genom⸗ men, das Schlachtfeld, doch in einer andern Richtung. Einige Tage darauf wird er auf der Höhe von Fi⸗ nisterre vom engliſchen Admiral Sir Richard Strachan mit Uebermacht angegriffen und iſt ge⸗ zwungen, ſich zu ergeben. Bald nach der erſten telegraphiſchen Depeſche, welche den Unglückstag von Trafalgar dem Kaiſer Napoleon verkündete, liefen nachſtehende zwei Schrei⸗ ben aus Cadix im franzöſiſchen Hauptquartiere ein: „Cadix, den 22. October 1805. „Unſere vereinigten Flotten, dreiunddreißig Linien⸗ ſchiffe, fünf Fregatten und zwei Briggs ſtark, unter⸗ nahmen es, am neunzehnten und zwanzigſten October in See zu gehen, und geſtern ſchon gegen Mittag wurden ſie von der engliſchen Flotte, beſtehend aus ſiebenundzwanzig Linienſchiffen und funfzehn Fregat⸗ ten angegriffen. Die Schlacht währte den ganzen Tag und konnte von unſern Seewachten eine Zeit lang beobachtet werden. Es ſind noch keine genauen Berichte eingelaufen. Unſere Linie wurde bald durch das Admiralſchiff Nelſon's, dem noch ſechs bis ſie⸗ ben Dreidecker folgten, durchbrochen. Unſere Nieder⸗ lage ſcheint vollſtändig und ohne Beiſpiel. Wir ſind ganz in Trauer und allgemeiner Beſtürzung. Eilf unſerer Schiffe, vier Fregatten und zwei Briggs gin⸗ gen heute bei Eingang des Hafens vor Anker, allein da es den ganzen Tag regnete und der Horizont um⸗ wölkt war, ſo haben wir von dem ganzen Ueberreſte, der aus zweiundzwanzig Linienſchiffen und zwei Fre⸗ gatten beſteht, nichts entdecken können. Nur ſo viel wiſſen wir, daß das eine Linienſchiff, der Achilles, geſtern nach der Schlacht in die Luft geflogen iſt. 80 Man konnte von der Höhe unſerer Thürme das furchtbare Schauſpiel mit anſehen. Die Winde kom⸗ men aus Süd⸗Oſt, ſind heftig und ſtürmiſch, und es iſt zu befürchten, daß die Elemente das noch voll⸗ kommen zerſtören werden, was die Kanonen der Eng⸗ länder übrig gelaſſen, indem alle entmaſtete Schiffe ohne Zweifel ſtranden, ſobald die Winde, wie ge⸗ wöhnlich, wieder ſüdlich ſtreichen. Unter den zwei⸗ undzwanzig Schiffen, welche fehlen, befinden ſich auch die der Admirale Villeneuve, Magon und Du⸗ manvire, und die der zwei ſpaniſchen Admirale, Alava und Cisneros.“ „Cadix, den 25. October 1805. „Was man von der vereinigten Flotte hat ver⸗ nehmen können, beſteht in Folgendem: „Franzöſiſche Schiffe: Der Pluto, Schiffscapi⸗ tain Cosmao, ſehr beſchädigt eingelaufen.— Der Indomptable, Schiffscapitain Hubert, desgleichen. — Der Neptun, Schiffscapitain Meskral, des⸗ gleichen.— Der Held, Schiffscapitain Puloni, desgleichen.— Der Archonaut, Schiffscapitain Epron, desgleichen.— Der Algeſiras, Contre⸗ admiral Magon, ganz entmaſtet eingelaufen und im übeln Zuſtande; der Contreadmiral iſt umgekommen, die Engländer hatten ſein Schiff erſtiegen und mit neuer Mannſchaft verſehen, aber eingewilligt, daß es in die Rhede geſchleppt werde, unter der Bedingung, ſelbſt nicht als Gefangene betrachtet zu werden.— Der Buccentauer, ganz entmaſtet, ſank bei ſeiner Einfahrt in die Rhede gänzlich. Er befand ſich gleich⸗ falls, wie der Algeſiras, in der Gewalt der Englän⸗ der, welche ihn unter derſelben Bedingung hierher brachten. Der Admiral Villeneuve, welcher ihn 81 commandirte, wurde auf ein engliſches Schiff gebracht. — Der Redoutable, Schiffscapitain Lucas, ſein Schickſal gänzlich unbekannt.— Der Intrépide, Schiffscapitain Infernet, ſein Schickſal gänzlich un⸗ bekannt.— Der Montblane, Schiffscapitain Vil⸗ legois, man glaubt ihn verſunken.— Der Dugnoy Trouni, ſein Schickſal unbekannt.— Der Achil⸗ les iſt in die Luft geflogen. Es heißt, ein Theil der Mannſchaft ſei durch die Engländer gerettet wor⸗ den, aber man hat darüber noch keine Gewißheit.— Der Adler, Schiffscapitain Gourege, ganz ent⸗ maſtet, ging eine Meile von hier in den Klippen vor Anker, ohne daß es möglich geweſen, ihm Hülfe zu leiſten, und es iſt ſehr zu befürchten, daß er an der Küſte ſcheitern wird.— Der Jähzornige, Schiffscapitain Baudain, man glaubt ihn fünf Meilen von hier verunglückt.— Der Scipio, Schiffscapitain Berenger, man kennt ſein Schickſal nicht.— Der Jupiter, Schiffscapitain Villeman⸗ drin, desgleichen.— Der Greif, desgleichen.— Die Fregatten: Der Rhein, Hortenſie, Her⸗ mione, Themis und Cornelia; die Briggs: der Argus und der Brüderliche, befinden ſich auf der Rhede. „Spaniſche Schiffe: Der heilige Juſtus, Schiffs⸗ capitain Gaſton, übel beſchädigt eingelaufen.— Der Brander, Schiffscapitain Gaſton, desgleichen und ganz entmaſtet.— Der Manzanares, Schiffs⸗ capitain Gaſton, im übeln Zuſtande.— Der Prinz von Aſturien, Admiral Gravina, ganz entmaſtet eingelaufen und im ſchlimmſten Zuſtande. Der Ad⸗ miral iſt am Arme ſchwer verwundet, desgleichen iſt ſeinem Generalmajor das Bein zerſchmettert worden. — Der heilige Franz von Aſſiſi und Nep⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XKXII. 6 82 tun, ganz entmaſtet, kamen bis zum Eingang der Rhede, allein der Sturm machte ſie an den Küſten Fort Maria ſcheitern; man fürchtet, daß die Mann⸗ ſchaft ganz zu Grunde gegangen iſt.— Die hei⸗ lige Anna, General d'Alava, ganz entmaſtet, ankerte einige Meilen von hier; eine franzöſiſche Fre⸗ gatte bugfirte ſie bis an die Rhede. Dieſes Schiff befand ſich gleichfalls in den Händen der Engländer, welche den General d'Alava wegen einer ſchweren Kopfwunde nicht auf ihre Schiffe nahmen.— Die heilige Dreifaltigkeit, General Cisneros; man hat ziemliche Gewißheit, daß ſie verſunken iſt. — Der heilige Auguſtin, man weiß nicht, wo er iſt. — Der heilige Jacob, die Bahama, der hei⸗ lige Johannes Nepomue befinden ſich in der Gewalt der Engländer.— Von dem Schickſale des heiligen Idelphons, des Monarchen und des Argonauten weiß man nichts. „Die Anzahl der Getödteten und Verwundeten auf den wieder eingelaufenen Schiffen iſt über alle Be⸗ ſchreibung groß. Es iſt unbekannt, ob man ſchon eine Zählung vorgenommen hat. Man ſah geſtern die engliſche Flotte, ſechsunddreißig Segel ſtark, wie ſie ihren Lauf nach der Meerenge nahm; vierzehn darunter waren entmaſtet. Da die Engländer die Schlacht gewonnen, ſo konnten ſie auch diejenigen Schiffe einfangen, welche ſich während des Kampfes nicht ergeben hatten, aber ſpäter der Uebermacht kei⸗ nen Widerſtand mehr leiſten konnten. „Nelſon durchbrach unſere Linie auf zwei Punk⸗ ten, indem er mit ſeinen acht Dreideckern eindrang. Sein Plan war, Unordnung zu bewirken und das gelang ihm. Man ſchlug ſich pelotonsweiſe. Da er an guten Matroſen, im Manövriren und an Ge⸗ ſchütz das Uebergewicht hatte, mußten wir erliegen.“ 83 Dies waren die großen Ergebniſſe der Seeſchlacht von Trafalgar; in ihr erhielt die franzöſiſche Ma⸗ rine, auf welche Napoleon ſo unermeßliche Sum⸗ men verwandt und ſo große Plane gebaut hatte, den Todesſtoß. Binnen wenigen Stunden wurden jahre⸗ lange Arbeiten und Anſtrengungen ein Raub der Flammen und der Wellen. Von jetzt an konnte Frankreich ſeinem Erbfeinde auf dem Meere nicht mehr die Spitze bieten. Die Schlacht von Trafalgar zeigt England zur See durch daſſelbe Geheimniß ſiegreich, das Na⸗ poleon auf dem Feſtlande anwandte: durch die Kunſt, den Feind zu errathen und zu täuſchen, auf einigen Punkten ihn durch Maſſen zu erdrücken und auf den andern durch geſchickte Bewegungen ſeine An⸗ ordnungen unnütz zu machen. Sicher fehlte es den Franzoſen an Muth nicht. Mit Männern, wie die Capitaine Lucas, Infernet und Andre, was würde ein Admiral ausgerichtet haben, der verſtanden hätte, ein Bonaparte auf dem Meere zu ſein? Aber nie erfaßte wohl ein Unglück einen Sieger in ſo Staunen erregenden Glücksfällen. Freute ſich Napoleon, den Palaſt der deutſchen Kaiſer in Schönbrunn zu bewohnen, ſo war es nur, weit dem neuen Gebieter von Wien die Hoffnung, Lon⸗ don zu erreichen um ſo geſicherter erſchien. Und grade in dem Augenblicke, wo die Zukunft ihm in die Hand gegeben zu ſein ſcheint, vernichtet ein Donnerſchlag alle ſeine Hoffnungen. Sein Schmerz kommt nur ſeiner Wuth gleich. England verfolgt ihn, umgarnt ihn, zerſtört ſeine Triumphe. Eng⸗ land verflucht und verabſcheut er dafür. So erſchütternd die Nachricht der großen See⸗ ſchlacht für Rapoleon ſein mußte, ſo großes Ent⸗ 6* 8⁴ zücken erregte ſie in London. In die Freude miſchte ſich aber der gerechte Schmerz über Nelſon's Tod. Die Anerkennung der Regierung für den gro⸗ ßen gefallenen Helden, deſſen letzter Tagesbefehl am Morgen des einundzwanzigſten Octobers die eben ſo bekannten als erhabenen Worte waren:„England hofft, daß heute Jeder ſeine Pflicht thue,“ zeigte ſich durch glänzende Beweiſe der Dankbarkeit für Nelſon's Andenken und gegen ſeine Familie. Englands großer Zweck war erreicht. Die Be⸗ ſorgniß eines ſo nahe drohenden Einfalls, die Be⸗ ſorgniß neuer Seezüge Frankreichs gegen die bri⸗ tiſchen Nebenländer war für lange Zeit beſchwichtigt. Neben der Möglichkeit eines Einfalls in Gryßbritan⸗ nien wäre das bloße Einlaufen der franzöſiſch⸗ſpani⸗ ſchen Flotte in Toulon vernichtend für den engli⸗ ſchen Einfluß im Mittelmeere geweſen. Sicilien, Malta ſelbſt, ſtand auf dem Spiele; von jetzt er⸗ kennen geſchloſſene und offene Meere nur eine Flagge ohne Nebenbuhlerin an, die— Flagge von England. Sechstes Rapitel. Einſan wandelte Napoleon unter den blätterloſen Baumgruppen des Gartens von Schönbrunn. Sein Fuß rauſchte in dürrem Laube, den geſtorbenen Locken des Frühlings und Sommers von 1805; auf ſeiner Stirn thronten noch die Gewitterwolken des Schlages von Trafalgar. Schweigend, die Hände auf dem Rücken, ſchritt er die todtſtillen Räume entlang; da trat plötzlich hinter einer Taxushecke ein junger Offi⸗ zier der Seegarde hervor. Es war Guiſeppe, welcher als Courier die letzten Depeſchen des Admi⸗ rals Gravina aus Cadix überbracht hatte. Der Kaiſer hielt ſeine Schritte an, und den Her⸗ vorgetretenen ſtreng anblickend, frug er kurz: „Was willſt Du hier?“ „Sire,“ ſprach in ſeltſam bewegtem Tone der Jüngling,„eine Bitte erlaube mir, daß ich als Ge⸗ meiner in eins Deiner Linienregimenter trete. Auf den treuloſen Wellen beſiegt, will ich die Scharte auf dem feſten Lande und unter Deinen Augen wieder auswetzen.“ Dabei ſchaute Guiſeppe ſo treuherzig und bit⸗ tend zu ſeinem kaiſerlichen Herrn auf, daß der Ernſt auf deſſen Stirn in ſtilles Wohlwollen überging. „Nein, mein Sohn,“ erwiederte der Monarch mit Milde und ſeine Hand zum Kuſſe hinreichend,„dieſe Bitte kann ich Dir nicht gewähren; jetzt mehr denn je bedarf ich der braven Leute für meine Marine.“ In den letzten Worten des Kaiſers, wie einfach ſie geſprochen wurden, lag gleichwohl ein Schmerz, der den treuen Guiſeppe durch die Seele ſchnitt. Er drückte ſich eine Thräne aus dem Auge. „Die verwünſchte Bataille,“ ſprach er halb wei⸗ nerlich, halb zornig,„wie leid thut mir Eure Maje⸗ ſtät;“ aber er ſetzte gleich darauf determinirt hinzu, „wir verlieren darum den Muth nicht; nicht wahr, Ew. Majeſtät?“ Napoleon mußte ob dieſer treuherzigen Naive⸗ tät lächeln: „Bewahre, mein Sohn, wird ein Franzoſe den Muth verlieren.“ 86 „Aber die ſchönen Schiffe“— gab der eyrliche Guiſeppe zu bedenken. „Sind zum Teufel, willſt Du ſagen,“ fuhr der Kaiſer fort,„da haſt Du freilich recht, aber wach⸗ ſen in unſerm Frankreich nicht herrliche Eichen⸗ wälder?“ Guiſeppe fand ſich durch dieſe Worte des Kai⸗ ſers ſehr beruhigt und bekam allmälig ſeinen guten, gradherzigen Humor wieder. Er erkundigte ſich, ob Morland noch in Wien ſtehe. „Nein,“ erwiederte gutmüthig Napoleon,„die Garde iſt bereits ehegeſtern nach Mähren aufge⸗ brochen.“ „Das iſt ſchade,“ geſtand der Jüngling,„ich hätte ihn gern einmal geſprochen.“ „Gedulde Dich bis zum Frieden,“ ſprach der Kaiſer,„der nicht lange mehr ausbleiben wird.“ „Und dann noch eine Frage,“ fuhr Guiſeppe etwas ſtockend fort,„aber Ew. Majeſtät müſſen ſie nicht übel nehmen.“ „Keineswegs,“ lächelte der Kaiſer. „Nun,“ frug jener mit treuherziger Vertraulich⸗ keit,„wie ſind denn Ew. Majeſtät mit dem Nap zufrieden?“ „O,“ antwortete Napoleon,„für den Nap iſt mir nicht bange, der wird ſeine Sachen ſchon ma⸗ chen.“ „Nun, das iſt mir ſehr lieb zu hören,“ geſtand die ehrliche Seele;„daß es mit dem Armand wie⸗ der gut ſteht, hab' ich ſchon vernommen. „Doch jetzt,“ fuhr er fort,„will ich Ew. Maje⸗ ſtät nicht länger ſtören. Verzeihen mir Ew. Maje⸗ ſtät, daß ich mir die Freiheit genommen, aber wir Seeleute denken, der gerade Weg iſt der beſte.“ 87 Der Kaiſer, welcher Characteren, wie ſolchen von Guiſeppe ungemein zugethan war, betrachtete den Jüngling mit wahrhaftem Wohlwollen. „Apropos,“ ſprach er,„da fällt mir ein, Gui⸗ ſeppe, daß Du ein recht tüchtiger Reiter biſt; melde Dich doch binnen einer Stunde im Schloſſe, Du ſollſt mir einen Brief an die Kaiſerin von Frank⸗ reich überbringen.“ Guiſeppe erſchrack gewaltig bei dieſem Auftrage. „Wie, der Kaiſerin von Frankreich?“ frug er mit Beſorgniß. „Nicht anders,“ meinte der Kaiſer,„Du biſt ein ſo braver Kerl dem Feinde gegenüber und fürchteſt Dich wohl gar vor einer Dame?“ „Ja, vor dem Feinde,“ verſetzte der Seegardiſt, „das iſt etwas andres; aber die Kaiſerin, bedenken Ew. Majeſtät, die Kaiſerin, da gehören feine Ma⸗ nieren dazu, die mir Seebären ganz und gar ab⸗ gehen.“ „Es wird ſchon gehen, Guiſeppe,“ tröſtete der Kaiſer,„ſag' Du nur, daß ich Dir den Brief ge⸗ geben, und man wird Dich nicht unfreundlich auf⸗ nehmen.“ „Nun, Ew. Majeſtät haben es zu verantworten,“ ſprach Guiſeppe,„wenn ich mich ungeſchickt genug benehme. Lieber wäre mir freilich, ich könnte mit gegen die Ruſſen.“ Der Kaiſer mußte hier laut auflachen und kehrte nach dem Schloſſe zurück.— Bereits nach wenig Stunden ſprengte Guiſeppe mit dem Briefe an die Kaiſerin durch das Schloßthor von Schönbrunn. 88 Siehentes Rapitel. Wirend noch Napoleon in Schönbrunn weilte und mehre Tage der Einrichtung einer bürgerlichen und militairiſchen Regierung für die eroberten Pro⸗ vinzen widmete, verfolgten ſeine Heercolonnen den Feind in den vorgeſchriebenen Richtungen. Am vierzehnten November erreichten Prinz Mu⸗ rat und Marſchall Lannes die Ruſſen bei Holla⸗ brunn und erbeuteten hundert beſpannte Wagen. Am andern Tage, wo eben neue Angriffe erfolgen ſollten, erſchien als Abgeſandter im franzöſiſchen La⸗ ger der General Winzingerode und trug auf ei⸗ nen Waffenſtillſtand an. Demnach verſprachen die Ruſſen Mähren zu räumen. Murat willigte ein, ſeinen Marſch einzuſtellen, aber Napoleon, welcher einſah, daß es den feindlichen Heerführern blos dar⸗ um zu thun war, um Zeit zu gewinnen, verweigerte ſeine Zuſtimmung zu dem Waffenſtillſtande. Daß der Kaiſer auch hierbei vollkommen recht gehabt hatte, geht deutlich aus dem Schreiben hervor, welches Kutuſow in dieſer Angelegenheit an den Kaiſer Alexander richtete, und worinnen es unter andern hieß:„Ich hatte blos im Auge, Zeit zu gewinnen, um das Heer zu retten, und mich von dem Feinde zu entfernen.“ Den Rückzug des ruſſiſchen Heeres deckte das Corps des Fürſten Bagration. Dieſes Corps kämpfte mit großer Bravvur gegen die franzöſiſche Uebermacht. Es ward endlich geworfen und ließ acht⸗ zehnhundert Gefangene und zwölf Kanonen in den Händen der Franzoſen. 89 Durch den tapfern Widerſtand des Fürſten Ba⸗ gration ward Kutuſow gerettet. Seine Vereini⸗ gung mit dem zweiten ruſſiſchen Heere unter Bux⸗ hövden konnte nicht mehr verhindert werden. Ue⸗ berhaupt hatte ſich mit einem Male die ganze Sach⸗ lage der Dinge merkwürdig geändert. Napoleon mußte Wien bewachen, die Zugänge von Steiermark dem Erzherzoge Carl verſchließen, ſeine Flanken auf einem ſehr großen Raume vertheidigen, während er vor ſich Heere zuſammenſtoßen ſah, die ihm jetzt an Anzahl überlegen waren. Er ſorgte indeß für Alles dieſes. Marmont, deſſen Hauptquartier in Leo⸗ ben war, beobachtete das öſtreichiſch⸗italieniſche Heer, das von Maſſena fortwährend gedrängt wurde. Mortier hatte mit den Diviſionen Dupont und Gazan die in Wien zurückgelaſſenen Truppen abge⸗ löſt. Ungarn verſprach unbeweglich zu bleiben, wenn die franzöſiſche Armee ſich jeder Feindſeligkeit gegen dieſes Land enthalten wollte. Die Neutralität dieſer Nation ward unter dem Vorbehalte angenommen, daß Preßburg ausgeliefert würde, und Marſchall Da⸗ vouſt ließ dieſe Stadt augenblicklich beſetzen. Eine Diviſion Dragoner zu Fuß, unter dem Befehle von Baraguay d'Hilliers und eine baieriſche Diviſion hielten die Reſte des Corps des Erzherzogs Ferdi⸗ nand in Böhmen in Schach. Folglich war Alles im Rücken und auf den Flanken geſichert und der Kaiſer hatte in ſehr nahen Räumen, mit Ausnahme einiger Diviſionen, die Corps von Bernadotte, Lannes, Soult und Davouſt zu ſeiner Ver⸗ fügung. Von Znaim aus hatte er die Reiterei des Ge⸗ nerals Sebaſtiani bei der Verfolgung der Ruſſen auf der Brünner Straße noch funfzehnhundert Ge⸗ 90 fangene gemacht. Napoleon glaubte, daß Brünn, ein Ort, der eine Belagerung in aller Form auszu⸗ halten vermochte, dem Feinde zum Stützpunkt dienen würde, aber dem war nicht ſo. Der Kaiſer Franz zog ſich nach Olmütz zurück und ließ die genannte Stadt ohne Vertheidigung. Als die Franzoſen in Brünn einrückten, fanden ſie ſechzig Kanonen daſelbſt, dreihundert Centner Pul⸗ ver und beträchtliche Vorräthe, ſowohl an Getreide als an Bekleidungsſtücken aller Art. Napoleon un⸗ terſuchte die Feſtungswerke. Er befahl, die Feſtung Spielberg, die den Ort beherrſcht, und die ihm von großer Wichtigkeit zu ſein ſchien, zu bewaffnen und mit Lebensmitteln zu verſorgen. Am neunundzwanzigſten November verſuchten ſechs⸗ tauſend Mann ruſſiſche Reiterei den Vereinigungs⸗ punkt der Straßen von Brünn und Olmütz zu ver⸗ theidigen. Es erfolgte ein ſcharfes Cavalleriegefecht, in welchem ſich der Marſchall Beſſieres mit vier Schwadronen der alten Garde auszeichnete. Die Ruſſen wurden geworfen. Jetzt befanden ſich die bei⸗ den einander feindlichen Heere zwiſchen Brünn und Olmütz in einer Entfernung von funfzehn Stunden auseinander. Stets mit den kriegeriſchen Angelegenheiten für die folgenden Tage beſchäftigt, verſäumte Napoleon gleichwohl nicht, auch auf andere Gegenſtände ſein Augenmerk zu richten. Von ſeinem Hauptquartier zu Brünn ergeht der Befehl, daß eine außerordentliche Kriegsſteuer von hundert Millionen Franken in Mäh⸗ ren, Oeſtreich und den andern von ſeinen Truppen bereits eroberten Provinzen erhoben werde. Unter⸗ ſtützt ihn das Glück, ſo kann dieſe Maßregel eine der geheimen oder offenen Friedensbedingungen werden. 91 Der deutſche Kaiſer, welcher ſchon einigemal Ver⸗ ſuche zu Unterhandlungen mit Napoleon gemacht hatte, ſchickte abermals den General Giulay, diesmal von dem Grafen Stadion begleitet, in's franzöſiſche Hauptquartier. Der Kaiſer der Franzo⸗ ſen empfing dieſe Abgeordneten am ſiebenundzwanzig⸗ ſten November. Da er aber auch diesmal bald ein⸗ zuſehen glaubte, die Abgeſandten bezweckten weiter nichts, als ihn hinzuhalten, ſo verwies er ſie an den Herrn von Talleyrand. Zu derſelben Zeit wünſchte ein anderer Agent vor Napoleon gelaſſen zu werden. Es war dies der preußiſche Miniſter, der Graf von Haugwitz. Die Kriegspartei hatte endlich im Berliner Cabinette die Oberhand behalten; Preußen war durch einen Vertrag vom dritten November dem Bunde von England, Ruß⸗ land und Oeſtreich gegen Frankreich beigetreten. Der genannte Miniſter ſollte nun Napoleon das Ulti⸗ matum der preußiſchen Regierung überbringen, ward aber unter verſchiedenen Vorwänden im Hauptquar⸗ tiere Bernadotte's zu Iglau zurückgehalten. Aber auch Napoleon ſprach ſeinen Wunſch nach endlicher Ausgleichung und nach Frieden aus. So wie er erfahren, daß der Kaiſer Alexander bei ſei⸗ ner Armee eingetroffen war, befahl er ſeinem Adju⸗ tanten Savary nach dem feindlichen Hauptquartier abzugehen und den ruſſiſchen Monarchen zu begrüßen. Als der franzöſiſche Abgeſandte vor Alexander erſchien, machte dieſer mit der Hand ein Zeichen, worauf ſich alle Anweſenden entfernten. Savary war von dem edeln Anſtande des jungen Monarchen überraſcht; Alexander zählte damals ſechsundzwan⸗ zig Jahre. Er hörte bereits auf dem linken Ohre etwas ſchwer und neigte ſich rechts, um zu verſtehen, 92 was man ihm ſagte. Er ſprach langſam, legte auf die letzten Sylben Nachdruck, aber im beſten Franzö⸗ ſiſch und ohne Accent. Nachdem Alexander Savary's Botſchaft an⸗ gehört und das Schreiben Napoleon's in Empfang genommen hatte, ſagte er: „Ich weiß die Handlungsweiſe Ihres Gebieters richtig zu würdigen. Mit Bedauern habe ich mich gegen ihn gewaffnet und werde mit dem größten Ver⸗ gnügen die erſte Gelegenheit ergreifen, ihn davon zu überzeugen. Er iſt ſeit langer Zeit der Gegenſtand meiner Bewunderung.“ Nachdem er auf einige andere Gegenſtände über⸗ gegangen war, fuhr er fort: „Ich werde jetzt gehen, um dieſes Schreiben zu durchleſen und Ihnen dann die Antwort zurück⸗ bringen.“ Mit dieſen Worten enifernte er ſich in eines der angrenzenden Gemächer. Nach ungefähr einer halben Stunde kehrte er, ein Schreiben in der Hand haltend, zurück, deſſen Adreſſe er nach unten gekehrt hielt. In einem ziemlich langen Geſpräch, welches ſich jetzt zwiſchen dem ruſſiſchen Kaiſer und dem Abge⸗ ſandten Napoleons entſpann, ſetzt erſterer in einem etwas dic atvriſch, doch nicht verletzendem, Tone aus⸗ einander, daß Frankreich, um ſeine Mäßigung und. gute Gefinnung zu beweiſen, nichts weiter zu thun habe, als Alles, was es ſeit zehn Jahren erkämpft habe, herauszugeben, ſich mit der Ehre begnügend, das cvalirte Europa geſchlagen zu haben, welches dann Frankreichs Eroberungsſucht nicht mehr fürch⸗ ten würde. Nach Beendigung dieſes Geſprächs übergab der Kaiſer an Savary ſeine Antwort auf das Schreiben, 93 welches er von Napoleon erhalten hatte; die Adreſſe noch immer nach unten gekehrt, ſagte er: „Hier iſt meine Antwort, die Aufſchrift drückt nicht den Titel aus, den ihr Gebieter in letzter Zeit angenommen hat. Ich lege auf ſolche Kleinigkeiten keinen Werth.“ Die Adreſſe lautete:„An das Oberhaupt der franzöſiſchen Regierung.“ Savary traf Napoleon im Poſthauſe zu Po⸗ ſeritz. Er ſtattete ihm über Alles Bericht ab, was er mit dem Kaiſer Alexander verhandelt hatte. Zugleich ermangelte er nicht, dem Kaiſer die über⸗ müthige Bethörung zu ſchildern, in welcher ſich der junge General gefiel, welcher den ruſſiſchen Monarchen umgab. Dieſe kriegsluſtige Generalität hatte aller⸗ dings den Grund für ſich, daß ſie über ein vereinigt ruſſiſch⸗öſtreichiſches Heer geboten, welches eine Macht von neunzigtauſend Streitern bildete, während Na⸗ poleon nur fünfundſechzigtauſend entgegen zu ſtellen vermochte. Der Kaiſer verſank nach Savary's Mittheilung eine Zeit lang in tiefes Nachdenken. Er überdachte ſeine Lage, durchſchaute die ganze Politik ſeiner Geg⸗ ner, erinnerte ſich, daß Preußen bereit ſtehe, jeden Augenblick mit ſeiner ganzen Macht gegen ihn auf⸗ zubrechen. „Kehren Sie auf der Stelle zu Alexander zu⸗ rück,“ rief er endlich, ſich raſch zu ſeinem Adjutan⸗ ten wendend;„ſagen Sie ihm, daß ich eine perſön⸗ liche Unterredung für den morgenden Tag vorſchla⸗ gen laſſe. Eilen Sie, ſo ſchnell Sie können.“ Savary flog nach den ruſſiſchen Vorpoſten zu⸗ rück und befand ſich bald wieder bei Alepander. Dieſer Fürſt ſchien auch Anfangs wirklich einer Un⸗ 9⁴ terredung mit Napoleon nicht abgeneigt, als plötz⸗ lich die Nachricht einlief, daß die Franzoſen retirir⸗ ten. Napoleon hatte nämlich gefliſſentlich eine rück⸗ gängige Bewegung befohlen, um dasjenige Terrain beſetzen zu laſſen, welches er ſich zum Schlachtfelde auserkoren. Schon vor einigen Tagen hatte er zu ſeinen Marſchällen und Generälen geſagt:„Meine Herren, machen Sie ſich mit dieſer Gegend bekannt, dies wird Ihr Schlachtfeld ſein!“ Der ruſſiſche Generalſtab, welcher bei dieſem wohlberechneten Manöver Napoleon's nichts mehr fürchtete, als die Franzoſen möchten entwiſchen, um⸗ lagerte ſeinen Gebieter und drängte ihn zur Schlacht. Vergebens bemühten ſich die öſtreichiſchen Generäle, welche Gelegenheit gehabt hatten, den Strategen Napoleon früher kennen zu lernen, dieſe ſelbſtge⸗ fällige Glut zu mäßigen. Ihre Mahnung verklang unerhört. Nach Anſicht der Ruſſen, hatten die Oeſt⸗ reicher den ganzen Ruhm der Franzoſen begründet. Alexander ließ ſich daher bereden, an ſeiner Statt den Fürſten Dolgorucki an Napoleon zu ſchicken. Napoleon ging eben in einem ſeiner Infanterie⸗ bivouaks auf und ab, in deren Mitte er auf einigem. Stroh geſchlafen hatte, als ihm der Abgeſandte Alex⸗ ander's gemeldet wurde. Sogleich ſprengte er in ge⸗ ſtrecktem Galopp nach den Vorpoſten, ſo daß ihm ſein Piket kaum zu folgen vermochte. Der Umſtand, daß Napoleon den Fürſten auf den Vorpoſten em⸗ pfing, welches der Kaiſer ſonſt nie mit einem Par⸗ lamentatr zu thun pflegte, ferner das angeſtrengte Ar⸗ beiten an den Verſchanzungen, ſo wie die ganz nahe aneinander geſtellten Doppelwachen: Alles beſtärkte den General⸗Adjutanten Alexander's in ſeinem 95 Glauben, die franzöſiſche Armee befände ſich in der mißlichſten Lage. Der Kaiſer ſtieg vom Pferde und wandelte mit dem ruſſiſchen Offizier die Heerſtraße auf und nieder. Die franzöſiſchen und ruſſiſchen Vedetten ſtanden ein⸗ ander ganz nahe. Nach den erſten Complimenten ging der Abgeſandte des ruſſiſchen Kaiſers ohne Um⸗ ſchweife auf die politiſchen Fragen über. Er ſprach über Alles mit einem ſchwer zu beſchreibenden Ueber⸗ muthe ab und befand ſich über die europäiſchen In⸗ tereſſen und die Lage des Feſtlandes in höchſter Un⸗ kunde. Er redete zum Kaiſer wie zu den ruſſiſchen Offizieren, welche er durch ſein hochfahrendes Weſen ſchon lange in Entrüſtung geſetzt hatte. Napoleon hielt ſehr an ſich, während Dolgorucki, ſtolz auf die Gunſt ſeines Monarchen und auf die Sendung, die ihn in den Stand ſetzte, dem franzöſiſchen Kaiſer eine hochmüthige Sprache hören zu laſſen, an welche dieſer nicht gewohnt war, ſich darin gefiel, Napo⸗ leon die verletzendſten Bedingungen zu ſtellen. Die franzöſiſche Armee ſchon als geſchlagen anſehend, ver⸗ langte dieſer junge Mann nichts weniger, als die Ver⸗ zichtleiſtung des Kaiſers auf die eiſerne Krone, die Abtretung Belgiens und Italiens. Man kann denken, was der Kaiſer bei dieſen Anmuthungen litt. Doch bezwang er ſich. Als Dolgorucki mit ſeiner Miſſion zu Ende, erwiederte Napoleon trocken: „Wenn das Alles iſt, was Sie mir zu ſagen ha⸗ ben, ſo gehen Sie und melden Sie dem Kaiſer Alex⸗ ander, daß ich keine Ahnungen von ſolchen Zu⸗ muthungen hatte, als ich denſelben um eine Zuſam⸗ menkunft erſuchte. Ich hatte ihn den Zuſtand mei⸗ ner Armee gezeigt und mich, in Bezug auf die Frie⸗ densbedingungen, auf ſeine Billigkeit berufen. Er 96 hat das nicht gewollt; wohlan, ſo werden wir uns ſchlagen, ich aber waſche meine Hände in Unſchuld.“ Der Fürſt ward nach den ruſſiſchen Vorpoſten zu⸗ rückgebracht, und er verließ Napoleon mit der feſten Ueberzeugung, daß ſich die franzöſiſche Armee am Vor⸗ abende ihres Unterganges befinde. Napoleon kehrte nach ſeinem Hauptquartiere zurück. „Dieſe Menſchen müſſen wahnſinnig ſein,“ ſprach er unterwegs zu Savary,„die darauf beſtehen, ich ſollte Italien aufgeben, während ſie nicht im Stande ſind, mir Wien zu entreißen. Welche Pläne haben ſie denn? Und was würden ſie mit Frankreich an⸗ gefangen haben, wenn ich geſchlagen worden wäre? Es mag enden, wie es Gott gefällt; aber wahrhaf⸗ tig, bevor noch achtundvierzig Stunden vorüber, werde ich ihnen den Kopf zurecht geſetzt haben.“ Während der Kaiſer ſo ſprach, ging er zu Fuß bei dem erſten Infanteriepoſten vorüber. Er war ge⸗ reizt und machte ſeinem Unmuthe dadurch Luft, in⸗ dem er mit ſeiner Reitgerte auf die Erdhaufen ſchlug, die umherlagen. Die Schildwacht, ein alter Soldat, überhörte ihn, und hatte ſich gemächlich hingeſetzt, um, das Gewehr zwiſchen den Knieen, ſeine Pfeife zu ſtopfen. Als Napoleon dicht bei ihm vorüber ging, ſah er ihn an und ſagte:„Die Ruſſen bilden ſich ein, daß ſie nichts zu thun haben, als uns zu verſchlingen.“ Der alte Soldat miſchte ſich ſogleich in's Ge⸗ ſpräch und erwiederte:„Oho, das wird nicht ſo leicht gehen, wir werden uns die Queer legen.“ Der Kaiſer mußte lachen und bekam durch dieſen Einfall ſeine gute Laune wieder. Bereits am ſiebenundzwanzigſten November hatte 6 ſich das vereinigte ruſſiſch-öſtreichiſche Heer in fünf Säulen in Bewegung geſetzt, um ſeine Stellung zu der bevorſtehenden Schlacht zu nehmen. Die beiden erſten ſtanden unter dem Befehle zweier ruſſiſchen Generäle, die zwei letztern commandirte der Fürſt Johann von Lichtenſtein, General en Chef der öſtreichiſchen Truppen. Die Reſerven, zehn Batail⸗ lone und achtzehn Schwadronen ſtark, folgten unter dem Großfürſten Conſtantin. Uebelunterrichtet von der Stellung der Franzoſen rückte Kutuſow nur mit großer Vorſicht vor. Am folgenden Tage erreichte er Wiſchau. Seine Zuverſicht wuchs in dem Maaße, als er auf dem Terrain Fortſchritte machte, wohin ihn der Kaiſer Napoleon berufen hatte. Am neunundzwanzigſten November ſchlug Napo⸗ leon ſein Hauptquartier zwei Stunden vorwärts Brünn auf einer Höhe auf, welche die Soldaten den Kaiſerhügel nannten. Seine Rechte war an den See von Monitz geſtützt, der Mittelpunkt war durch ſumpfiges Land und hochuferige Bäche gedeckt. Seine Linke, die bis zu einem Bergzuge reichte, hatte den Boſenitzberg vor ſich, einen ſteilen Berg, den er durch eine ſtarke Batterie hatte befeſtigen laſ⸗ ſen und ihn Santon nannte, weil er an eine ähn⸗ liche Stellung in Aegypten erinnerte. Alle dieſe Ver⸗ theidigungsanſtalten ſollten die Ruſſen glauben machen, daß franzöſiſcher Seits ein Rückzug im Werke ſei. Alle Maßregeln, die der Kaiſer traf, hatten dieſen Zweck. Murat ließ ein kleines Corps in die Ebene vorrücken. Plötzlich aber kehrte es um, gleichſam er⸗ ſchrocken über die unermeßlichen Streitkräfte des Fein⸗ des. So wirkte Alles zuſammen, um den ruſſiſchen Feldherrn in der ſchlechten Operation, die er beſchloſ⸗ Stolle, ſämmtl. Schriſten. XRII. 2 98 ſen hatte, zu beſtärken. Kutuſow dachte jetzt allen Ernſtes, der Kaiſer Napoleon wolle ihm entwiſchen. Am erſten December gewahrte der Kaiſer von der Höhe ſeines Bivouaks mit unſagbarer Freude, wie die ruſſiſche Armee zwei Kanonenſchußweiten von ſeinen Vorpoſten eine Bewegung begann. Mit Blitzesſchnelle errieth der große Feldherr den Plan des Feindes, welcher ihn umgehen und die Straße von Wien ab⸗ ſchneiden wollte. Napoleon entwarf jetzt einen der kühnſten Schlachtpläne, welche die Kriegsgeſchichte kennt, und wobei alle zeitherige Kriegsregeln verletzt wurden. Er ſeellte ſich nämlich mit ſeiner Hauptmacht vor den Reziczkabach auf und an den rechten Flügel hinter denſelben. Den Oberbefehl über den linken Flügel des franzöſiſchen Heeres übertrug der Kaiſer dem Mar⸗ ſchall Lannes, über den rechten dem Marſchall Soult, und das Centrum commandirte Marſchall Bernadotte. Die ganze Cavallerie war auf einem einzigen Punkte vereinigt und ſtand unter den Be⸗ fehlen des Marſchall Murat. Der Kaiſer ſelbſt mit ſeinem treuen Waffengefährten, dem Marſchall Ber⸗ thier, ſeinem erſten Adjutanten, dem General⸗Obri⸗ ſten Junot und ſeinem ganzen Generalſtabe, befand ſich bei der Reſerve, welche aus zehn Bataillonen ſeiner Garde und zehn Grenadierbataillonen des Ge⸗ nerals Oudinot beſtand. Dieſe auserleſene Schaar, funfzehntauſend Mann ſtark, welche allein eine Armee aufwog, ſtand in Ba⸗ taillonschlonnen formirt und in der Entfernung zum Aufmarſchiren bereit. In den Zwiſchenräumen er⸗ blickte man eine Batterie von vierzig Kanonen, welche von der Artillerie der Garde bedient wurde. 99 Mit dieſer Reſerve konnte ſich der Kaiſer überall hinſtürzen, wo es der Aushülfe oder des Nachdrucks bedurfte. Als Napoleon am Nachmittage des erſten De⸗ cembers von der Höhe ſeines Bivouaks die Bewegung der Ruſſen beobachtete und den Plan des feindlichen Generals errathen hatte, ſprach er zu Berthier ge⸗ wendet:„Bis morgen Abend iſt dieſes Heer mein!“ Achtes Rapitel. Au Guiſeppe im Schloßhofe zn Saint Cloud vom Pferde ſtieg, war er bald von mehren zur Hof⸗ dienerſchaft gehörigen Perſonen umringt, welche ſich nach ſeinem Begehren erkundigten. „Ich habe ein Schreiben an Ihre Majeſtät die Kaiſerin zu übergeben,“ erwiederte der Jüngling, „wollen Sie wohl ſo gut ſein und mir ſagen, wo ich dieſelbe finde?“ „Für dieſen Fall,“ verſetzte Einer dieſer Leute, „muß ich Sie bitten, mir dieſes Schreiben zu über⸗ antworten, damit ich es dem erſten Kammerdiener Ihrer Majeſtät zuſtelle, welcher das Weitere beſorgen wird.“ „Mein Befehl lautet,“ ſprach Guiſeppe trocken, „den Brief eigenhändig der Kaiſerin zu über⸗ reichen.“ Der Hofbediente betrachtete mit etwas ſpöttiſcher Miene die nicht eben audienzgemäße Kleidung des Subalternoffiziers, welcher laut ſeiner Ordre, das 5 100 Schreiben unverzüglich zu übergeben, keine Zeit ge⸗ habt hatte, hofmäßige Toilette zu machen. „Wollen Sie mir Ihren Brief übergeben,“ fuhr der Hofbediente fort, indem er ſeine Worte vornehm betonte,„daß ich ſelbigen dem erſten Kammerdiener Ihrer Majeſtät überreiche?“ Guiſeppe, dem nichts mehr zuwider war, als dieſes fade, etiquettenmäßig dreſſirte Hofdomeſtikenvolk und der ſich gleich über die erſten Worte dieſes Hof⸗ bedienten geärgert hatte, erwiederte noch kürzer ange⸗ bunden: „Ich habe es Ihnen ſchon einmal erklärt, daß ich das Schreiben perſönlich zu übergeben habe; ſpre⸗ chen Sie alſo nicht ſo überflüſſig, und ſagen Sie mir lieber, wo ich die Kaiſerin finden kann?“ Der betreßte Bediente warf ſich in die Bruſt und ſprach: „Unter bewandten Umſtänden, mein Herr,—“ „Ich frage,“ fuhr Guiſeppe gereizt fort,„ob Sie mir ſagen wollen oder nicht, wo ich die Kaiſerin finde?“ „Mein Herr, unter ſo bewandten Umſtänden—“ „Nun, da laſſen Sie es bleiben,“ verſetzte der Seeoffizier grob, ſchritt an dem Zornerſtarrten vor⸗ über und ging dem Hauptportale des Schloſſes zu. Hier trat ihm ein Höhergeſtellter der Hofbeamten entgegen, der den Jüngling gleichfalls nach ſeinem Begehren fragte, doch mit Höflichkeit und Anſtand. Guiſeppe erklärte abermals, daß er einen Brief an die Kaiſerin zu übergeben habe. „Und dürfte ich wohl ſo unbeſcheiden ſein,“ ſprach der Hofbeamte,„mir die Frage zu erlauben, wer der Abſender des Schreibens ſei, damit Ihre Majeſtät die Kaiſerin zuvor davon benachrichtiget werde,?“ — 404 „Der Abſender iſt Seine Majeſtät der Kaiſer,“ erwiederte Guiſeppe. Bei dieſen Worten zuckte der Frager unwillkür⸗ lich zuſammen. Er war im Augenblick ein gänzlich verändertes Weſen und ſeine Höflichkeit ward faſt zur Unterwürfigkeit. „Dürft' ich Sie gehorſamſt bitten, näher zu tre⸗ ten, mein ſehr werther Herr Capitain,“ ſprach der Beamte, welcher durch dieſe Erhöhung des Grades dem jungen Offizier eine Schmeichelei zu ſagen glaubte. „Bin nur fimpler Lieutenant,“ verſetzte Gui⸗ ſeppe; jener aber führte den Boten des Kaiſers in ein ſehr geſchmackvoll decorirtes Gemach. „Nur einen Augenblick bitte ich, ſich hier es ge⸗ fallen zu laſſen,“ fuhr der Höfliche fort,„ich werde ſogleich den dienſthabenden Kammerherrn in Kenntniß ſetzen, damit Sie unverzüglich bei Ihrer Majeſtät der Kaiſerin vorgelaſſen werden.“ Der Hofbeamte entfernte ſich ſchleunigſt. Gui⸗ ſeppe ſchaute ihm lächelnd nach. „Der kleine Corporal,“ ſprach er,„verſteht es doch meiſterlich, ſich in Reſpect zu ſetzen. Man braucht blos ſeinen Namen zu nennen und Alles be⸗ ginnt zu zittern, und gleichwohl giebt es keinen gü⸗ tigern Mann wie den Kaiſer. Wer ein gut Gewiſ⸗ ſen hat, kann ihm getroſt unter die Augen treten und hat Nichts zu fürchten.“ Nach einer kleinen Viertelſtunde kehrte der Hof⸗ beamte mit dem dienſthabenden Kammerherrn zurück. Letzterer war ein Mann, der Wohlwollen mit den feinſten Hofmanieren zu vereinigen verſtand. „Ihnen iſt der ſchöne Beruf geworden, Saint Cloud mit Freude zu erfüllen,“ ſprach er mit An⸗ 102 muth⸗ ſich gegen Guiſeppe verbeugend,„Ihre Ma⸗ jeſtät, unſere verehrte Kaiſerin, harrt ſchon lange auf ein Schreiben Ihres erlauchten Gemahls. Seine Majeſtät befindet ſich doch im erwünſchteſten Wohlſein?“ „Vollkommen,“ erwiederte Guiſeppe. „Und unſere ruhmgekrönte Armee, die Beſiegerin von Oeſtreich?“ „Wird unfehlbar jetzt ſchon Wien verlaſſen ha⸗ ben und gegen die Ruſſen aufgebrochen ſein,“ ant⸗ wortete der Offizier. „Ha, vortrefflich!“ rief der Kammerherr,„die Helden von Ulm verſtehen es ſogar in Schnee und Eis Roſen und Lorbeeren zu pflücken.“ Er bat jetzt Guiſeppe zu folgen, und führte ihn durch eine Reihe von Sälen und Zimmern nach demienigen Flügel des Schloſſes, welcher nach dem Garten hinaus ging. Sie traten auf eine Art Al⸗ tan, von wo eine Treppe nach dem Garten hinab führte. „Ihre Majeſtät die Kaiſerin,“ fuhr der Kammer⸗ herr fort,„hat die paar freundlichen Blicke der Mit⸗ tagsſonne benutzt, um ſich ein Wenig im Freien zu ergehen. Wollen Sie gütigſt nur einen Augenblick hier verziehen, ich eile, jetzt Ihre Majeſtät von Ihrer Ankunft ſchleunigſt in Kenntniß zu ſetzen.“ Er ſtieg raſchen Schrittes die Stiegen hinab und verſchwand bald hinter künſtlich verſchnittenen Baum⸗ wänden. Der vorige Hofbeamte nahte ſich jetzt unter vielen Bücklingen dem kaiſerlichen Boten und erkun⸗ digte ſich neugierig nach den neueſten Angelegenheiten der Armee. Er frug nach dem Befinden mehrer ſei⸗ ner Vettern, die in verſchiedenen Regimentern dien⸗ ten, welche aber Guiſeppe nicht kannte und daher keine Auskunft zu geben vermochte. Plötzlich aber 103 ſprang der Frager mit dem Ausrufe:„da kommt Ihre Majeſtät“ zwei Schritte zurück. Wirklich bog jetzt auch Joſephine, aus einem der Seitengänge kommend, in die Hauptallee ein. Sie kam mit all' der Anmuth und Grazie, welche ihr in ſo hohem Grade zu eigen, die Allee daher. „Ja, das iſt unſere vortreffliche Kaiſerin!“ rief Guiſeppe ſeltſam bewegt aus;„aber,“ fuhr er gleich darauf fort,„wer iſt denn das himmliſch ſchöne Mädchen, das ihr zur Seite wandelt?“ Der Hofbeamte, welcher ſich geehrt fühlte, hier Auskunft geben zu können, antwortete:„Das iſt das Fräulein Florentine von Nevers, welches ſich im ausgezeichneten Grade der Gnade Ihrer Majeſtät zu erfreuen hat.“ „Wie?“ frug Guiſeppe, der ſeinen Ohren nicht zu trauen glaubte, auf das Freudigſte überraſcht, „Fräulein Florentine von Nevers, deren Tante, in ein royaliſtiſches Complott verwickelt, ſich vergif⸗ tet hat?“ „Daſſelbe,“ fuhr der Hofbeamte fort;„durch die Fürſprache von Madame Junvt, der hochgebornen Gemahlin des kaiſerlichen erſten Adjutanten und Ge⸗ neralobriſten der Garde, wurde das ſchöne, verlaſſene Kind, mit Ihrer Majeſtät bekannt, welche gleich eine ſolche Vorliebe für das Mädchen empfand, daß ſie daſſelbe in ihre Nähe zog und ihm eine mütterliche Freundin wurde.“ „Nun das kann ſich ja gar nicht charmanter tref⸗ fen,“ ſprach Guiſeppe für ſich,„da kann ich doch endlich Armand's Brief an ſeine Adreſſe bringen, den ich nun ſchon auf allen Meeren mit umherge⸗ ſchleppt habe. Aber das muß ich geſtehen, Geſchmack hat der Schlingel.“ 104 Der Kammerherr kam jetzt eiligſt zurück, bat dem Seeoffizier zu folgen und führte ihn zur Kaiſerin, worauf er ſich ehrfurchtsvoll zurückzog. Als der Jüng⸗ ling in das ſonnenklare, von himmliſcher Milde über⸗ ſtrahlte und von Freude verklärte Antlitz Joſephi⸗ nen's ſah, blendete ihn nicht mehr das Diadem der Majeſtät. Er glaubte eine Heilige vor ſich zu ſehen. Die Kaiſerin war bei der Nachricht, daß ein Brief von Napoleon angekommen ſei, ſo von Entzücken ergriffen, daß ſie, alle Etiquette vergeſſend, dem Guiſeppe mit freudiger Haſt ein paar Schritte ent⸗ gegen trat. „Ein Brief von Bonaparte,“ rief ſie,„o ſchnell, geben Sie ihn mir;“ und als Guiſeppe das Schrei⸗ ben überreicht hatte, fuhr ſie fort:„O ſprechen Sie, mein Herr, wie geht es Napoleon, iſt er geſund, iſt er wohl?“ „Ich kann Ew. Majeſtät verſichern,“ erwiederte geradherzig der Jüngling,„daß mir Seine Majeſtät der Kaiſer nie geſünder vorgekommen iſt, als vor ei⸗ nigen Tagen, wo ich ihn verlaſſen habe, trotz aller Strapazen, die er zu erdulden gehabt hat.“ „Ach, warum darf ich ihn nicht pflegen?“ ſprach die hohe Frau und eilte nach einem in der Nähe be⸗ findlichen geheizten Pavillon, um den Brief des Kai⸗ ſers zu leſen. Florentine, welche bei der Zuſammenkunft Jo⸗ ſephinen's mit Guiſeppe zugegen war, hatte kaum einen Blick auf den Jüngling geworfen, als ihr Herz unwillkürlich mit Heftigkeit zu klopfen be⸗ gann; denn Guiſeppe konnte in ſeinen Zügen die Familienähnlichkeit mit ſeinem Bruder Armand nicht verläugnen. Sie gerieth daher in ſichtbare Verlegen⸗ heit, als ſie ſich mit dem jungen Offiziere allein be⸗ 105 fand. Letzterem erging es nicht beſſer. Er wußte nicht, mit welcher irdiſchen Mundart er dieſes engel⸗ hafte Weſen anreden ſollte. Endlich faßte er ſich ein Herz und ſprach nicht ohne Schüchternheit: „Mein ſchönes Fräulein, auch für Sie hab' ich ein Brieflein mitgebracht, wenn Sie es nicht übel nehmen wollen. Es iſt von Armand Maillebvis, meinem Bruder, der Sie ſo liebt, und der jetzt wie⸗ der nach Europa zurückgekommen iſt.“ Florentine, auf dieſe Weiſe von einem jungen, fremden Offiziere angeredet, gerieth in den erſten Au⸗ genblick in hohe Beſtürzung, die Purpurröthe der Schaam überſtrömte das holde, jungfräuliche Antlitz. Sie zitterte und vermochte kein Wort zu erwiedern. Guiſeppe fuhr fort: „O, mein ſchönes Fräulein,“ fuhr er in ſeinem zum Herzen ſprechenden Tone fort,„es iſt ja nichts Böſes, wenn Sie den Armand lieben, er verdient es gewiß. Wie wird er ſich freuen, wenn ich ihm erzähle, daß ich Sie hier gefunden habe; ach, glauben Sie mir nur, der arme Junge iſt gar nicht wieder ruhig geworden, ſeit er von Ihnen getrennt war und über Ihr Schickſal keine Nachricht erhalten konnte.“ Wie beſeligend dieſe Worte in Florentinen's Herzen wieder klangen, ſo war das Mädchen doch nicht im Stande, dem Bruder ihres Geliebten irgend eine Sylbe zu erwiedern: und ihre Hand ſträubte ſich aus weiblichem Schaamgefühl und aus Furcht, beob⸗ achtet zu werden, Armand's Brief, den ihr Gui⸗ ſeppe hinhielt, anzunehmen. „Mein Fräulein,“ ſprach Guiſeppe traurig, „haben Sie den Armand wirklich ganz vergeſſen, daß Sie nicht einmal ſeinen Brief leſen wollen, den er Ihnen gewiß mit blutendem Herzen niederſchrieb?“ 106 „Nein! nein!“ rief endlich das Mädchen in ge⸗ preßtem Tone, indem ſie die eine Hand krampfhaft über die Bruſt hielt, wo das Herz zu zerſpringen drohte. Dann warf ſie ſchüchtern einen Blick um⸗ her, griff ſchnell nach dem Briefe und verbarg ihn im Buſentuche. Die Kaiſerin trat jetzt aus dem Pavillon und kam den Gang daher. Sie war noch ſo voller Freude, daß ſie den aufgeregten Zuſtand Florentinen's nicht bemerkte, welche die Gelegenheit ergriff, ſich einige Schritte zurückzuziehen. „Wie danke ich Ihnen, mein Herr,“ ſprach ſie zu Guiſeppe,„für die freudige Botſchaft, die Sie mir überbracht haben. „Wie mir mein Gemahl ſchreibt,“ fuhr ſie nach einer Pauſe und nachdem ſich Guiſeppe wiederholt dankbar verbeugt hatte, anmuthsvoll fort,„ſind Sie der brave Offizier, der ſich bei mehrern Gelegenhei⸗ ten durch ſeine Unerſchrockenheit und Tapferkeit ſo ausgezeichnet hat.“ „Habe nur meine Schuldigkeit gethan, Ew. Ma⸗ jeſtät,“ erwiederte der Jüngling. „Tapferkeit und Edelſinn,“ ſprach Joſephine weiter,„ſollen wir Frauen aber beſonders ehren. Darum empfangen Sie dieſen Ring, den ich Ihnen im Namen der Damen Frankreichs übermache.“ Mit dieſen Worten zog ſie einen koſtbaren Bril⸗ lantring vom Finger und ihn dem Jüngling, der be⸗ ſcheiden zögerte, die werthvolle Gabe anzunehmen, hinreichend, fuhr ſie in freundlichem, huldvollem Tone fort: „Immer nehmen Sie, Niemand hat ihn mehr verdient.“ Der glückliche Guiſeppe wußte in der That 107 nicht, wo er Worte hernehmen ſollte, ſeinen Dank gebührend auszudrücken. Er wollte ſich gern auf ir⸗ gend eine Art bei der hohen Geberin revangiren und da fiel ihm ein, daß Joſephinen nichts angeneh⸗ mer ſein könnte, als recht viel von ihrem Gemahl zu hören. Dies that denn auch der Seeoffizier in ſeiner gewohnten geradherzigen Manier, ſo daß die Kaiſerin ſich oft des Lächelns nicht erwehren konnte. Erſt nach Verlauf einer halben Stunde entfernte ſich der Erzähler, um ein Wenig der Ruhe zu pfle⸗ gen und alsdann unmittelbar nach Deutſchland zu⸗ rückzukehren. Er verabſchiedete ſich von ſeiner hohen Gönnerin und machte auch Florentinen, die ſich unterdeß wieder etwas geſammelt hatte, eine ſtumme, ehrfurchtsvolle Verbeugung. Wie gern er auch mit dem ſchönen Mädchen noch ein paar Worte ohne Zeu⸗ gen geſprochen hätte, um ſeinem Bruder vielleicht ei⸗ nen Gruß von ihr zu bringen, ſo war dies doch bei der Kürze der Zeit, die ihm vergönnt war, nicht möglich. Er hatte indeß doch dieſe Genugthuung, Florentinen Armand's Brief zugeſtellt und die Entdeckung gemacht zu haben, daß ſein Bruder bei ihr keineswegs vergeſſen ſei. Das war ihm vor der Hand genug. Als Guiſeppe nach der erhaltenen Audienz wie⸗ der über den Schloßhof ſchritt, ſo war er diesmal der Gegenſtand allgemeiner Ehrfurcht unter dem Hof⸗ perſonale. Im Verlaufe weniger Stunden befand er ſich bereits mit einem Antwortsſchreiben der Kaiſerin an den Kaiſer auf dem Wege nach Straßburg. 108 Reuntes Rapitel. L Tuſtig loderte das kaiſerliche Wachtfeuer zum grauen Decemberhimmel empor. Seine Flammen beleuchteten den Kaiſer Napoleon, wie er in ſeinem grauen Ueberrocke auf einem Feldſtuhle vor der dürftigen Hütte ſaß, die ihm ſeine Soldaten aus Stroh erbaut hatten. Auf dem gefrornen Boden war die Karte von Mähren ausgebreitet und im Kreiſe umher ſtanden die Marſchälle von Frankreich, denen der Kaiſer die letzten Befehle für den morgenden Schlacht⸗ tag ertheilte. Der Abend begann hereinzubrechen. Die Feuer der Bivouaks erhellten im meilenweiten Umkreiſe düſter die Gegend. Der Kaiſer war aufgeſtanden und ſchritt, die Hände auf dem Rücken, bei ſeinem Feuer eine Zeit lang auf und nieder. Oft war er damit beſchäf⸗ tigt, die aus den Flammen ſpringenden Brände mit dem Fuße wieder in die Gluth zurückzuſchleudern. Zuweilen blieb er ſtehen und betrachtete aufmerkſam den Himmel. Dieſer war mit Gewölk dunkel um⸗ hangen. Einige Mal gelang es dem aufgegangenen Monde, die Wolken zu durchbrechen und die Geghnd ſchwach zu erleuchten; aber bald verſchwand er wieder und die Dunkelheit ſank immer mächtiger hernieder. Rings umher herrſchte trotz der Hunderttauſende, die in einem Umkreis von wenigen Stunden auf Ebe⸗ nen und Hügeln lagerten, große Stille; nur das ein⸗ tönige Hämmern der Feldſchmieden vernahm man in den verſchiedenen Bivouaks. Napolcon ſprach ſo eben mit dem Marſchall Soult, welchem er das Commando über den rechten 109 Flügel anvertraut hatte, als er plötzlich ſeine Rede abbrach und zu lauſchen ſchien. „Hörten Sie nichts?“ frug er den Marſchall, „das iſt klein Gewehrfeuer auf unſerm äußerſten rech⸗ ten Flügel.“ Bei dieſen Worten hielt Jedermann den Athem an. Wirklich tönten aus weiter, dunkler Abendgegend kanm hörbar einzelne Flintenſchüſſe daher, welche bald in regelmäßiges Pelotonfeuer übergingen. „Das iſt eine von Davouſt's Diviſionen, welche angegriffen iſt, fuhr der Kaiſer fort;„Savary, ſchauen Sie einmal nach, was die Ruſſen vorhaben.“ Der Adjutant verſchwand in der Nacht und Na⸗ poleon ſetzte ſeine Unterhaltung mit den Marſchäl⸗ len fort. Das Gewehrfeuer hielt noch geraume Zeit an. Der Kaiſer berechnete, vermöge ſeiner außeror⸗ deutlichen Combinationsgabe, blos aus dem anhalten⸗ den Pelotonfeuer die Stärke und Abſicht des Feindes, und ſelbſt diejenige ſeiner Diviſionen, welche ange⸗ griffen war. „Die Ruſſen,“ ſprach er,„haben drei Bataillone abgeſchickt, um einen feſten Punkt gegen unſere äu⸗ ßerſte Rechte zu gewinnen, unfehlbar, um von da aus morgen früh ihren erſten Angriff zu unter⸗ nehmen.“ Nach Verlauf von einer halben Stunde kam ein Adjutant angeſprengt. Er ward ſogleich vor Napo⸗ leon geführt.* „Nun werden wir ja hören,“ ſprach dieſer. „Sire,“ berichtete der Adjutant,„die Ruſſen ha⸗ ben die Diviſion Legrand, die Avantgarde des Marſchall Davouſt's beim Dorf Sakolniz ange⸗ griffen, um auf morgen eine feſte Stellung für den Angriff gegen unſern rechten Flügel zu gewinnen.“ 110 Die Marſchälle und Generäle drückten ihr Erſtau⸗ nen aus, wie der Kaiſer alles dies voraus gewußt habe; der große Feldherr aber machte mit der Hand ein Zeichen, womit er die Generalität verabſchiedete. „Auf Morgen, meine Herren,“ ſprach er und kehrte in ſeine Hütte zurück, wo er ſich auf ein paar Bund Stroh ausſtreckte und ſogleich einſchlief. Nach einiger Zeit kehrte auch Savary zurück, welchen Napoleon ausgeſandt hatte. Als er zum Kaiſer geführt wurde, ſchlief dieſer ſo feſt, daß ihm Conſtant leis am Arme ſchütteln mußte, um ihn zu erwecken. Savary erſtattete faſt denſelben Rapport ab wie der frühere Adjutant, fügte jedoch hinzu, daß, trotz dem die Ruſſen wiederholt zurückgetrieben worden ſeien, ſie ihre Bewegung fortſetzten. Auf dieſe Nachricht ſchickte Napoleon ſogleich nach dem Marſchall Soult, ſtieg zu Pferde, um in Perſon ſich über den feindlichen Angriff zu belehren. Nur von dem genannten Marſchall und zweien Adjutanten begleitet, ritt er durch die ſchweigenden Bivouaks. Als er bei der Diviſion Legrand ankam, hatten die Ruſſen wegen der großen Dunkelheit den Angriff aufgegeben und die frühere Stille war wieder eingetreten. Der Kaiſer näherte ſich ſo viel als möglich den feindlichen Stellungen, aber bei der Finſterniß war wenig zu erkennen; nur die hier und da noch klim⸗ menden niedergebrannten Wachtfeuer bezeichneten die ruſſiſchen Linien. Bei einer ſeiner äußerſten Vedet⸗ ten hielt er eine Zeit lang ſtill und war bemüht, ſich in der Dunkelheit zu orientiren. Auch in den feindlichen Bivouaks herrſchte große Ruhe, nur aus weiter Ferne, wo die Garden Alexander's lagerten, 114 ſchlug von Zeit zu Zeit wüſtes, tumultuariſches Ge⸗ ſchrei an ſein Ohr. „Die Ruſſen ſcheinen guter Dinge,“ ſprach der Kaiſer zu Soult,„ich glaube, ſie betrinken ſich ſchon auf unſern Untergang.“ Er ritt nach dieſen Worten die Kette ſeiner Vor⸗ poſten entlang und kehrte nach ſeinem Bivouak zurück. Als er bei den Schildwachen der Garde vorüber kam, ward er ſogleich erkannt. Ein einziges„Vive l'em- pereur!“ brachte ſogleich das ganze Lager in Bewe⸗ gung. Die Soldaten verließen ihre Lagerplätze und ſtimmten enthuſiaſtiſch in den Ruf ein. Bereits hatte es Mitternacht geſchlagen. Die Armee erinnerte ſich, daß der Jahrestag von Napoleon's Krönung an⸗ gebrochen ſei. Sogleich geriethen mehre Compag⸗ nien Gardegrenadiere auf den Einfall, Strohbündel auf Stangen zu ſtecken und anzuzünden. Dieſes Bei⸗ ſpiel fand Nachahmung, verbreitete ſich wie eine feu⸗ rige Lavine von Bivouak zu Bivouak, und binnen kur⸗ zer Zeit ſtanden ſiebzigtauſend Mann in Reihe und Glied und brachten ihrem großen Kaiſer ein flam⸗ mendes Angebinde. Es war eins der wunderähn⸗ lichſten und grofartigſten Schauſpiele, die man ſehen konnte. Als Napoleon bei dem Bataillone ſeiner Garde vorbei ging, das den Ehrennamen der„Granit⸗ colonne von Marengo“ führte, ſprach er zu den alten Graubärten: „Die Ruſſen wollen unſern rechten Flügel um⸗ gehen und bieten uns ſo ihre Seite. Ich werde morgen dem Feuer fern bleiben, wenn Ihr mit der gewohnten Tapferkeit Schrecken und Verwirrung in den feindlichen Reihen verbreitet; ſollte aber der Sieg einen Augenblick zweifelhaft ſein, ſo werdet 412 Ihr Euern Kaiſer ſich dem dichteſten Kugelregen ausſetzen ſehen.“ 6 Auf dieſe Worte trat Morland aus dem Glied und die Hand ſalutirend an die Bärmütze legend, er⸗ wiederte er: „Sire! Du ſollſt nicht nöthig haben, Dich der Gefahr auszuſetzen; ich verſpreche Dir im Namen der Grenadiere der Armee, daß Du blos mit den Augen zu fechten brauchſt, und daß wir Dir die Kanonen und Fahnen der Ruſſen bringen werden, um den Jahrestag Deiner Krönung zu feiern.“ Allmälig erloſch die majeſtätiſche Illumination und die frühere Stille trat wieder ein. Napoleon kehrte nach ſeiner Hütte zurück. Er war von der unvermutheten, außerordentlichen Huldigung auf's Tief⸗ ſte bewegt. „Die ſo eben verlebten Augenblicke,“ ſprach er, „gehören zu den ſchönſten meines Lebens; aber ich fühle tiefes Bedauern, wenn ich bedenke, daß ich viele dieſer braven Leute binnen wenig Stunden verlieren werde. Der Schmerz, den ich darum empfinde, ſagt mir deutlich, daß es meine Kinder ſind, und ich glaube, dieſes Gefühl wird mich noch einmal zum Kriege untüchtig machen.“ Der Kaiſer war eben im Begriff, ſich wieder zur Ruhe zu begeben, als entferntes Pferdegeſtampf durch die Stille der Nacht daher tönte, das von Augen⸗ blick zu Augenblick näher kam, plötzlich aber mit ei⸗ nem dumpfen Gekrach ſich endigte. „Da iſt Jemand geſtürzt,“ rief auffahrend der Kaiſer,„man eile, man ſehe, was es gebe.“ Nach Verlauf weniger Minuten trat der dienſt⸗ habende Adjutant mit der Meldung ein: „Sire,“ berichtete er,„der Gardecapitain Ar⸗ 143 mand Maillebois, von den Antillen kommend, bittet um die Gnade, Ew. Majeſtät eine Depeſche aus St. Domingo überreichen zu dürfen. „Armand Maillebois?“ frug der Kaiſer überraſcht,„alſo doch noch vor Thorſchluſſe einge⸗ troffen. Das muß ich geſtehen! Man führe den Offizier herein.“ Armand, deſſen Pferd von dem unerhörten Ritte unfern der kaiſerlichen Barake zu Boden ge⸗ ſtürzt war, jedoch ohne den kühnen Reiter zu ver⸗ letzen, trat jetzt ein. „Nun, willkommen in Europa,“ ſprach Napo⸗ leon,„wie ſtehen die Sachen auf Domingo?“ „Die Fahne Frankreichs,“ antwortete Armand, „weht von einem Ende zum andern.“ „Wirklich?“ frug der Kaiſer und ſein Geſicht heiterte ſich ſichtbar auf,„und Herr Deſſalines?“ „Iſt ſo gut wie vernichtet,“ fuhr Armand fort; er überreichte ſeine Depeſche, welche das Weitere be⸗ richtet. Nachdem Napoleon geleſen, ward er vollkom⸗ men guter Laune. Er erkundigte ſich jetzt, wenn Armand an's Land geſtiegen, und als er die Ant⸗ wort erhalten, rief er, ob der Kürze der Zeit, in welcher Armand den langen Weg zurückgelegt, ver⸗ wundert: „Aber wo Teufel, habt Ihr zwei Maillebois nur das Reiten gelernt? Der Guiſeppe jagt auch mit dem Sturmwind um die Wette.“ „Wir ſind Normannen, Ew. Majeſtät,“ verſetzte der Gefragte. „Beaumont,“ wandte ſich jetzt Napoleon zum dienſthabenden Adjutanten,„tragen Sie Sorge, daß der Capitain ein gutes und weiches Lager er⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften XRll. 8 11⁴ halte. Er wird der Ruhe bedürfen. Fünf bis ſechs Stunden Schlaf werden ihn in den Stand ſetzen, beim Beginnen der Schlacht die dritte Eskadron der Garde⸗Grenadiere unter General Rapp zu comman⸗ diren. Gute Nacht, mein braver Capitain.“ Armand klangen dieſe Worte des Kaiſers, ſeine Ruhe betreffend, äußerſt angenehm, denn er war zum Tode ermüdet und bedurfte vor Allem der Stärkung zum bevorſtehenden Kampf. Bald ruhte er tief in weichem Heu, Stroh und Decken und der geſundeſte Schlaf erquickte und ſtärkte ſeinen ermatteten Körper. Weiße, geiſterhafte Nebel ſanken immer dichter hernieder. Rings herrſchte tiefe Stille. Bald waren die Bivouaks beider Heere in tiefe Schleier gehüllt. Die nächſte Sonne ſollte über das Schickſal der Welt entſcheiden. Es war die Sonne von— Auſterlitz! Zehntes Rapitel. Des Licht des jungen Tages, des zweiten Decem⸗ bers 1803, brach herauf. Noch hüllte ein dichter Nebel alle Bivouaks ein; er war ſo ſtark, daß man kaum wenige Schritte weit zu ſehen vermochte. Weit und breit herrſchte die tiefſte Stille. Niemand hätte denken ſollen, daß hinter dieſen feuchten Nebeldecken Hunderttauſende lagerten, daß in dieſen grauen Schleiern zahlloſe Blitze ſchlummerten. Das franzöſiſche Heer griff zu den Waffen und 115 rückte mit einer Ordnung wie auf dem Exercierplatze in Colonnen nach den bezeichneten Stellungen. Die⸗ ſer einhellige Aufbruch der in Boulogne an die voll⸗ kommenſte Tactik gewöhnten Armee hatte etwas Ehr⸗ furchteinflößendes. Man hörte in der Morgenſtille die Befehle der einzelnen Offiziere. Napoleon, umringt von allen ſeinen Marſchäl⸗ len, hielt auf der Höhe ſeines Bivouaks und wartete, bis ſich der Horizont vollkommen aufgehellt haben würde. Die Ungeduld der Generale und Soldaten die Schlacht zu beginnen war groß; der Kaiſer blieb ganz ruhig. Da erhebt ſich ſtrahlend die Sonne zum Jahres⸗ tage Napoleon's, die Nebeldecken zerreißen und der ſchönſte Wintermorgen beleuchtet die beiden Armeen. Der Kaiſer giebt die letzten Befehle und jeder Marſchall ſprengt in geſtrecktem Galopp nach ſeinem Corps. „Soldaten!“ ruft Napoleon, indem er mehre Regimenter entlang reitet,„wir müſſen den Feldzug durch einen Donnerſchlag beenden, der den Stolz unſerer Feinde niederſchmettert.“ Alsbald fliegen Hüte und Tſchakos auf die Spr⸗ tzen der Bayonnette und der Ruf:„Hoch lebe der Kaiſer!“ wird das allgemeine Zeichen zur Schlacht. In demſelben Augenblicke beginnt die Kanonade auf dem äußerſten rechten Flügel, welchen die feindliche Avantgarde zu umgehen im Begriffe iſt; aber eine unerwartete Bewegung des Marſchall Davouſt thut dem Vordringen der Ruſſen ſchnell Einhalt. Zu gleicher Zeit ſetzte ſich Marſchall Soult in Bewegung und ſucht mit den Diviſionen der Gene⸗ rale Vandamme und St. Hilaire den feindlichen 8* 116 rechten Flügel abzuſchneiden. Die Ruſſen find durch dieſen kühnen Flankenmarſch überraſcht. Prinz Murat rückt mit der geſammten Cavalle⸗ rie vor. Der linke Flügel, unter Marſchall Lan⸗ nes, marſchirt echelonförmig in Regimentscolonnen gegen den Feind. Eine furchtbare Kanonade erhebt ſich durch die ganze Linie. Zweihundert Geſchütze ſpeien Tod und Verderben und faſt zweihunderttauſend Menſchen rük⸗ ken zum Rieſenkampfe gegen einander. Noch ſchlägt man ſich keine Stunde, und ſchon iſt der linke Flügel des Feindes vollkommen vom Centrum abgeſchnitten. Er iſt bereits bis Auſter⸗ litz zurückgedrängt, woſelbſt das Hauptquartier der beiden Kaiſer ſich befindet. Während die Bewegungen ruſſiſcher Seits bereits von Unſicherheit zeigen, herrſcht auf der franzöſiſchen Linie die vollkommenſte Ordnung. Der Adlerblick Napoleon's wacht über dem ganzen unermeßlichen Schlachtgemälde. Die franzöſiſchen Reiterangriffe ſind alle von der Beſchaffenheit, daß ſie zwiſchen den Bataillonen her⸗ vorbrechend, im glücklichen Falle dem Feinde außer⸗ ordentlichen Schaden zufügen und im entgegengeſetzten ſich die geworfenen Schwadronen auf das Fußvolk zurückziehen können, das ſtets im Vorrücken begriffen iſt. Werden ſie vom Feinde verfolgt, ſo geräth die⸗ ſer zwiſchen das Kreuzfener der Infanterie und fin⸗ det daſelbſt größtentheils ſeinen Untergang. Bald gab es auf Seiten der Ruſſen und Oeſt⸗ reicher kein einiges Heer mehr, das in einem Sinne geleitet werden konnte und deſſen einzelne Theile ſich gegenſeitig unterſtützt hätten. Bereits hatten die Franzoſen die feindliche Schlachtlinie an zwei Orten 117 durchbrochen und die ruſſiſchen Stellungen wurden von verſchiedenen Seiten angegriffen. Am Uebelſten für die Ruſſen ſieht es auf ihrem linken Flügel aus, der, wie bereits erwähnt, durch Marſchall Soult vollkommen abgeſchnitten iſt. Die franzöſiſche Infanterie ſteht zwiſchen ihm und dem ruſſiſchen Centrum. Die Kluft wird immer größer und gefahrdrohender. Da verſucht Kutuſow einen außerordentlichen Schlag, um eine Vereinigung ſeines Mitteltreffens mit dem linken Flügel wieder herzu⸗ ſtellen. Die Schwadronen der ruſſiſchen Gardecavalle⸗ rie donnern heran und werfen ſich auf die franzöſi⸗ ſche Infanterie. Zwei Bataillone vom Vierten der Linie, gegen welche die furchtbare Colonne zuerſt an⸗ brauſt, werden geworfen und ihr Adler fällt in die Hände der Ruſſen. Sogleich ruft Napoleon, der nicht fern iſt: „Beſſieres, laß Deine Unbezwinglichen vorrücken!“ Trompeten ſchmettern. Im Augenblicke ſtürzt ſich der tapfere Rapp an der Spitze der Mamelucken, zweier Schwadronen Gardejäger und zweier Schwa⸗ dronen Gardegrenadiere auf die auserleſene Schaar Alexander's. Der Kampf der beiden Kaiſergarden zu Pferde iſt furchtbar. Die Erde dröhnt unter den Hufen zahlloſer Roſſe. Wild brauſen die Schwadronen über die gefrorne Erde gegen einander. Tauſende von Schwertern flammen im Sonnenlicht. Es entſteht ein Kampf, Mann gegen Mann, wie in den Schlachten des Mittelalters. Bald zeigt ſich Verwirrung in den Geſchwadern der Ruſſen. Sie werden geworfen, ein Theil zuſammengehauen, ein andrer gefangen genom⸗ men; unter Letztern befindet ſich der Fürſt Repnin, 118 Obriſt der Rittergarden. Das Regiment des Groß⸗ fürſten Conſtantin wird gänzlich vernichtet. Er ſelbſt verdankt ſeine Rettung nur der Schnelligkeit ſeines Pferdes. Von der Höhe von Auſterlitz ſehen die beiden Kaiſer die Niederlage ihrer Garden. Sie ſuchen ih⸗ nen Hülfe zu ſenden, da rückt das franzöſiſche Cent⸗ rum unter Bernadotte vor. Desgleichen greift Marſchall Lannes mit dem linken Flügel dreimal an. Alle ſeine Angriffe ſind glänzend und ſiegreich. Seine Cuiraſſierdiviſionen donnern gegen die feind⸗ lichen Batterien und bemächtigen ſich derſelben. Ueber das feindliche Heer bricht die Verheerung ein. Es iſt ein Uhr Mittags. Der keinen Augen⸗ blick zweifelhaft geweſene Sieg iſt entſchieden. Na⸗ poleon hat nicht einen Mann ſeiner Reſerve be⸗ durft. Die zehn Bataillone ſeiner Garde und die zehn Grenadierbataillone unter Oudinot, dieſe ganze erleſene Schaar, umringt von vierzig Kanonen, ſteht noch immer Gewehr beim Fuß, aber murrend, blos müſſige Zuſchauer bei der großen Heldenſchlacht ge⸗ weſen zu ſein, in der Nähe des franzöſiſchen Haupt⸗ quartiers. Viermal hatte die Garde ſich vorwärts zu werfen verlangt und ihr Murren ſich verdoppelt. Da iſt der Kaiſer mit ſeiner Schlachtenſtirn her⸗ angeſprengt und hat donnernd Ruhe geboten. „Aber Du giebſt uns auch niemals etwas zu thun,“ antwortete bei dieſer Gelegenheit ein alter Grenadier. In dieſem Augenblicke führt Armand Mail⸗ lebois, blutend und pulvergeſchwärzt und mit zer⸗ brochenem Säbel den ruſſiſchen Fürſten Repnin, 4¹9 den er mit eigener Hand zum Gefangenen gemacht, vor Nappleon. „Sire,“ ruft dieſer General,„laſſen Sie mich erſchießen, ich habe alle meine Kanonen verloren.“ „Prinz,“ antwortete der Kaiſer,„ich achte ihren Schmerz, doch kann man durch meine Armee geſchla⸗ gen werden, ohne aufzuhören, ein braver Militair zu ſein. Maillebois, man gebe dem General ſeinen Degen zurück.“ Napoleon reitet ruhig nach der Höhe ſeines Bivouaks zurück und überſchaut mit ſeiner gewohnten Schlachtenruhe das furchtbar⸗majeſtätiſche Schauſpiel, das ſich vor ihm ausbreitet. Rings in meilenweitem Unkreiſe nichts als flammende Batterien, Rollen und Geknatter des Peloton⸗ und Heckenfeuers, donnernde Cavalleriechargen und ſtürmende Bayonnettangriffe. Wie der Meiſter über ſein Werk, ſo ſchaut der große Mann über das Schlachtfeld. Ununterbrochen kommen Adjutanten und Ordonnanzoffiziere mit Mel⸗ dungen aus allen Gegenden geflogen und jagen eben ſo ſchnell mit neuen Verhaltungsbefehlen nach ihren Corps zurück. „Mouſtache,“ ruft der Kaiſer ſeinem in der Nähe haltenden Cabinetscourier zu,„reiten Sie nach Paris, ſo ſchnell Sie können und melden Sie der Kaiſerin Joſephine, daß die Hauptſchlacht gewon⸗ nen und der Feldzug beendigt ſei.“ Zu derſelben Zeit werden Couriere an die Für⸗ ſten von Baiern, Würtemberg und Baden mit der Siegesnachricht entſendet. Allmälig verſtummen die ruſſiſchen und öſtreichi⸗ ſchen Batterien. Nur auf dem franzöſiſchen rechten Flügel dauert die Kanonade ununterbrochen fort. Soult und Davouſt drängen die abgeſchnittene 120 und in völliger Auflöſung begriffene, feindliche Linke vor ſich her. Die Ruſſen werden von Höhe zu Höhe, von Stellung zu Stellung getrieben, bis ſie in einer Niederung angelangt, bei einem gefrorenen See, wo ſie nicht weiter können, Poſto faſſen. Wieder jagen Adjutanten heran und melden*3s Schickſal des feindlichen Corps. Sogleich wendet ſich der Kaiſer im Sattel und ruft dem Artilleriegenera Drouot zu:„Zwanzig Piecen! En avant!“ Er verläßt ſeinen Platz und galoppirt quer über das Schlachtfeld nach ſeinem rechten Flügel. Raſ⸗ ſelnd folgte ihm eine Batterie von zwanzig Kanonen reitender Artillerie. So wie er die Anhöhe erreicht hat, von wo aus das abgeſchnittene Corps und der See beſtrichen werden können, läßt er auffahren und abprotzen. Ein Theil des ruſſiſchen Corps iſt bis mitten auf den gefrornen See zurückgedrängt. „Sire,“ fragte Berthier,„ſoll man ſie mit Kartätſchen beſchießen?“ „Man muß ſie Alle vernichten,“ erwiedert trocken der Kaiſer. Sogleich werden die Geſchütze, anſtatt auf die in Unordnung geworfene Maſſe, auf die Eisdecke ge⸗ richtet. Die Kanonen und Haubitzkugeln zerreißen dieſelbe alsbald in große, ungeheure Stücke. Ganze Compagnien ſuchen ſich einen Augenblick auf dieſen unſichern Eisſchollen zu halten, allein bald wird die Laſt zu ſchwer, die Schollen berſten und unter dem verzweiflungsvollſten Kampfe gegen Wellen, Eis und feindlichen Kugeln finden unter fürchterlichem Todes⸗ geſchrei mehre tauſend Menſchen ihr Grab. Während dieſer Zeit macht Berthier den Kaiſer auf die furchtbare Wirkung der Artillerie gegen den 121 Feind aufmerkſam. Mit halblauter Stimme mur⸗ melt der Kaiſer vor ſich hin: „Ich werde niemals vergeſſen, daß ich in dieſem Corps meine Laufbahn begonnen. Die Artillerie wird künftig die erſte Waffe der franzöſiſchen Armee ſein. e kann mich jedoch nicht enthalten, das Schickſal dieſer braven, aber unglücklichen Leute zu beflagen, welche beſſere und geſchicktere Führer verdient hätten.“ Kaum hatte der Kaiſer dieſe Worte geſprochen, als die Kanonen zu ſeiner Rechten verſtummen: ſie haben ihren Zweck erreicht. Alles, was ſich auf der Eisdecke befunden, Menſchen, Roſſe, Kanonen, Mu⸗ nitionswagen, iſt von der Oberfläche des Waſſers verſchwunden und in den Abgrund verſunken. So endigte dieſe in den Annalen der Weltgeſchichte ewig denkwürdige Schlacht, in dem dreißigſten Bulle⸗ tin der großen Armee„ein wahrhafter Rieſenkampf,“ von den Soldaten die„Dreikaiſerſchlacht“ oder die „Krönungsſchlacht“, von Napoleon aber die Schlacht bei Auſtertitz genannt, welchen Namen ſie auch be⸗ halten hat. Alles, was von dem Genite eines großen Feld⸗ herrn, von der Pünktlichkeit in der Ausführung ſei⸗ ner Befehle, von der durchdachteſten Strategie, vol⸗ lendetſten Taktik und endlich von der perſönlichen Bravvur der Soldaten verlangt werden kann, findet ſich in der Schlacht von Auſterlitz vereinigt. Wie groß ſie auch in politiſcher Bedeutſamkeit daſteht, ſo wird ſie dennoch von der kriegswiſſenſchaft⸗ lichen Bedeutſamkeit noch übertroffen. Unermeßlich ſind die Vortheile und die Beute des Siegers. Zehntauſend Todte bedecken feindlicher Seits die Wahlſtadt; zehntauſend find theils verſprengt, theils in den See verſunken. Die Anzahl der Ge⸗ 122 fangenen beläuft ſich auf zwanzigtauſend, darunter drei Generallieutenants, ſechs Generalmajors, zwanzig Oberoffiziere und achthundert andere Offiziere von allen Graden und Waffengattungen. Erbeutet wur⸗ den vierzig Fahnen, darunter die der kaiſerlich ruſſi⸗ ſchen Garde, ſechsundachtzig Kanonen, vierhundert Pulverkarren und ſämmtliches ſchweres Fußwerk. Für Napoleon iſt es aber nicht genug zu ſiegen. Ihm liegen noch andere Pflichten ob. Er durcheilt das Schlachtfeld, beeilt die Hülfe für die Verwunde⸗ ten, richtet tröſtende Worte an ſie. Er beſucht die Bivouaks, dankt den Soldaten, preißt ihre ſchönen Thaten, wünſcht allen Glück, denn alle haben ſich wie Helden gezeigt. Als der Kaiſer die verſchiedenen Rapporte der verſchiedenen Armee⸗Commandanten durchlas, rief er: „Ich müßte mehr als menſchliche Kraft beſitzen, um alle dieſe Braven würdig belohnen zu können.“ Unter denjenigen, welche ſich an dieſem denkwür⸗ digen Tage am Meiſten auszeichneten, befanden ſich in dem Corps des Marſchall Lannes, die Diviſions⸗ Generale Suchet und Cafarelli; in dem von Bernadotte: Rivaud und Drouet; in dem von Soult: Legrand und der ehrwürdige greiſe Saint Hilaire, der, obſchon beim Beginn des Kampfes verwundet, gleichwohl den ganzen Tag auf dem Schlachtfelde aushielt; in dem Corps von Davvuſt: Friant und Guidin. Die Cavallerie-Generale unter Murat hatten ſich ſämmtlich ausgezeichnet. Unter den Adjutanten des Kaiſers bedeckten ſich Savary und Rapp mit Ruhm. Volhubert allein ſtarb an den Folgen ſeiner Wunden. Ich wünſchte mehr für Sie gethan zu haben,“ ſchrieb dieſer General noch in den letzten Augen⸗ 123 blicken an Napoleon.„In einer Stunde werde ich nicht mehr ſein. Ich habe nicht nöthig, Sire, Ihnen meine Gattin und meine Kinder anzuempfehlen.“ Als dieſer tapfere General von einer Haubitzkugel, welche ihm den Schenkel zerriß, zu Boden geworfen und die Soldaten herbei eilten, ihn fortzutragen, rief er denſelben zu: „Zurück, meine Freunde! Erinnert Euch des Tagesbefehls. Erſt nach errungenem Siege werdet Ihr mich fortſchaffen.“ Der tödtlich verwundete Füſſelier Charpentier, vom Einundvierzigſten der Linie, wollte durchaus nicht zugeben, daß ihn ſeine Kameraden in's Lazareth brachten. „Denkt daran nicht,“ ſprach er,„ich will lieber auf dem Schlachtfelde ſterben, als unter den Händen der Chirurgen. Zum wenigſten bin ich dann ſicher, daß ich nicht ſtückweis begraben werde.“ Der Grenadier Trigaud vom achtundvierzigſten Regiment, deſſen Bruſt von einer Büchſenkugel durch⸗ bohrt worden war, fragte am Abende des Tages den zu ſeiner Hülfe herbeigeeilten Arzt, ob er wohl bis zum folgenden Tage leben werde? Nach einer aus⸗ weichenden Antwort des Letztern, welcher ihm die Wahrheit nicht ſagen wollte, fügte Trigaud mit philoſophiſcher Ruhe hinzu: „Verdammt! Heut' ſchon zu ſterben, das iſt ja wider den Tagesbefehl. Morgen wäre es mir gleich⸗ gültig geweſen.“ Der Kaiſer bewilligte den hinterlaſſenen Wittwen der in der Schlacht gefallenen Generale, Offiziere und Soldaten Penſionen. Er adoptirte die Kinder der⸗ ſelben, ſorgte für deren Erziehung, Unterkommen, ſo wie für die Ausſtattung der Töchter. Alle Verwun⸗ 124⁴ deten erhielten eine dreimonatliche Soldzulage, jedoch empfingen nur Diejenigen, welche ſich durch irgend eine glänzende Waffenthat oder außerordentliche Hand⸗ lung ausgezeichnet hatten, das Kreuz der Ehren⸗ legion. Um endlich der ganzen Armee ſeine hohe Zufrie⸗ denheit zu beweiſen, ließ er nachſtehende Proklamation in den Tagesbefehl rücken, den er ſelbſt dietirte: „Soldaten der großen Armee! „Ich bin zufrieden mit Euch! Ihr habt an dem Tage von Auſterlitz Alles gerechtfertigt, was ich er⸗ warten konnte. Ihr habt Eure Adler mit unſterb⸗ lichem Ruhm gekrönt. Eine Armee von hunderttau⸗ ſend Mann, von den Kaiſern von Rußland und Oeſt⸗ reich in Perſon befehligt, iſt in weniger denn vier Stunden getrennt, zerſtreut und beſiegt worden. Was dem Feuer entfloh, iſt im See ertrunken. „Soldaten! Als das franzöſiſche Volk die kaiſer⸗ liche Krone auf mein Haupt ſetzte, vertraute ich mich Euch an, um ſie ſtets in jenem Glanze des Ruhms zu erhalten, welcher ihr nur allein in meinen Augen Werth geben konnte. Und jene eiſerne Krone— durch das Blut ſo vieler Franzoſen erobert— woll⸗ ten ſie mich verbindlich machen, auf das Haupt eines unſerer erbittertſten Feinde zu ſetzen!... Verwe⸗ gene und unſinnige Plane, welche Ihr gerade am Jahrestage der Krönung Eures Kaiſers vernichtet habt. Ihr habt Ihnen gezeigt, daß es leichter iſt, uns verhöhnen und Trotz bieten, als uns beſiegen zu können. „Soldaten! Wenn Alles, was zum Glück und zur Wohlfahrt unſers theuern Vaterlandes nöthig iſt, erfüllt ſein wird, werde ich Euch nach Frankreich zu⸗ rückführen. Dort werdet Ihr der Gegenſtand meiner 125 ganz beſondern Fürſorge bleiben. Mein Volk wird Euch mit Freuden wiederſehen und es wird Euch genügen zu ſagen:„ich war mit bei Auſterlitz,“ um Euch darauf zu antworten:„Siehe da, ein Braver?“ Eilftes Rapitel. Pe Kanonendonner iſt faſt ganz verhallt, nur aus weiter Ferne tönen noch vereinzelte Schüſſe der fran⸗ zöſiſchen Avantgarden, welche ununterbrochen die Trüm⸗ mer der geſchlagenen Armeen verfolgen. Der Kaiſer reitet auf dem Schlachtfelde umher, hier und da vom Pferde ſteigend, und Verwundeten Troſt und Hülfe ſpendend, da ſtellt ſich ihm plötzlich ein Grenadier ſeiner Garde vor, es iſt Morland, der ſaluttrend die Hand an die Bärmütze legt. „Was willſt Du, mein Alter?“ fragt Napo⸗ leon gütig. „Sire, er hat ſie!“ „Erklär' Dich deutlicher, Morland, ich verſtehe Dich nicht.“ „Sire,“ fährt der Grenadier fort,„er hat die Kanone, weiß Gott, er hat ſie.“ „Wer hat die Kanone?“ „Der Nap dort!“ Mit dieſen Worten zeigt Morland nach einer Gruppe Grenadiere, die ſich in einiger Entfernung um einen ruſſiſchen Zwölfpfünder geſchaart haben. Der Kaiſer lenkt ſein Roß dahin und es bietet ſich 126 ihm der rührendſte Anblick dar. Zehn bis zwölf Grenadiere ſeiner Garde umringen ſtumm einen Jüng⸗ ling, der bleich und leblos noch die Lafette eines feindlichen Geſchützes umklammert hält, das er mit beiſpielloſem Heldenmuthe erobert hat. Es iſt Na⸗ poleon Maillebois, der kleine Kanonier. Der Kaiſer ſpringt vom Pferde. „O, mein Kind, mein Kind!“ ruft er ſchmerz⸗ voll aus,„ſo haſt Du meinen Scherz für Ernſt ge⸗ nommen! Feldſcheer, iſt noch Rettung?“ Der Wundarzt legt ſanft ſeine Hand an die Bruſt des tödtlich Verwundeten. „Noch ſchlägt leis das Herz,“ erwiedert er. „O, er muß mir gerettet werden,“ fährt der Kai⸗ ſer auf das Tiefſte ergriffen fort, indem er nieder⸗ kniet und die bleiche Wange des Jünglings ſtreichelt, „Feldſcheer, Du mußt mir ihn retten, auf, eilt nach meinen Aerzten, er iſt ja mein Taufpathe, ich kenne ſeinen Vater ganz gut, dieſer diente mir in Aegypten.“ Der Kaiſer richtet ſich auf, er ſchaut ſich um im Kreiſe ſeiner Grenadiere, er ſieht, wie den alten Ve⸗ teranen die Thränen in den Bart träufeln, er ver⸗ nimmt das Nähere über die Heldenthat des jungen Maillebvis, ſein Auge ſtrahlt von ungewöhnlichem Feuer, ſein Antlitz verklärt ſich— er ſchaut über das winterliche Schlachtfeld von Auſterlitz, über das Feld ſo vielen Ruhms. „Ha, Ihr Franzoſen!“ ruft er,„Ihr ſeid doch das größte Volk der Welt.“ Der Verwundete wird jetzt mit der außerordent⸗ lichſten Sorgfalt von den Grenadieren der alten Garde nach dem nächſten Bivouak gebracht; Napoleon ſelbſt begleitet zu Fuß den Zug und trägt Sorge, daß Al⸗ les angewendet wird, den Heldenjüngling zu retten⸗ 127 „Morland,“ ſprach der Kaiſer zum Sergeanten, der unmittelbar hinter ihm ſchritt, mit leichtem Vor⸗ wurf,„konnteſt Du nicht dem Kinde auseinander ſetzen, daß es nicht ſo ernſtlich gemeint war?“ „Ja, Ew. Majeſtät,“ entſchuldigte ſich Dieſer und die Thränen traten ihm gleichfalls hervor,„ich hab' es wohl gethan.„Närriſcher Kerl,“ ſagte ich, als ihm die Kanone gar nicht wieder aus dem Kopfe wollte,„der Kaiſer hat es gar nicht ſo ernſt gemeint; aber er war einmal auf die gottverfluchte Donner⸗ büchſe verſeſſen, was kann ich dafür?“ Napoleon kehrte ſchweigend und innerlichſt be⸗ wegt nach ſeinem Hauptquartiere von Auſterlitz zu⸗ rück; doch kaum hatte er dieſes Dorf erreicht, als ihm abermals ein Maillebois in den Weg kam. Es war Guiſeppe, welcher ſo eben von Saint Cloud anlangte und ihm den Brief der Kaiſerin überreichte. Der Seegardiſt war außer ſich und in Verzweiflung die große Schlacht verſäumt zu haben. Er machte dem Kaiſer in ſeiner geradherzigen Weiſe ordentlich Vorwürfe, daß er ihn nach Frankreich ge⸗ ſchickt, während er der ganzen Armee Gelegenheit ge⸗ geben, ſich mit Ruhm zu bedecken. Der Kaiſer mußte lächeln. „Du ſiehſt, Guiſeppe,“ ſprach er,„daß wir auch ohne Dich mit den Ruſſen fertig geworden ſind. Uebrigens gräme Dich nicht, der Name Maillebois iſt darum nicht vermißt worden und er hat ſich mei⸗ ner und des Vaterlandes würdig bewieſen. Doch jetzt ruhe Dich aus. Du ſollſt mir morgen an die Grenze Italiens reiten und den Maſſena ärgern, indem Du ihm die Nachricht von unſerm großen Siege überbringſt. Sage ihm, daß ich ſchon dreißig Schlach⸗ ten wie dieſe geliefert, aber keine, wo der Sieg ſo 4128 glänzend, die Entſcheidung ſo wenig ſchwankend und das Reſultat ſo unermeßlich geweſen wäre.“ In Auſterlitz angelangt, ſtieg der Kaiſer in einem dem Fürſten von Kaunitz, Schwoger des Herrn von Metternich, zugehörigen Schloſſe ab und errichtet hier für dieſe Nacht ſein General-Haupt⸗ quartier. Ein großes Feuer war berei's in einem geräumi⸗ gen Saale des Parterre angezündet und eine kleine Tafel vor das Kamin geſtellt worden, an welche ſich Napoleon, um zu diniren, niederließ; denn außer einem halben Glaſe Punſch, welches er am Morgen vor Anbruch des Tages getrunken, hatte er die ganze Zeit über nicht das Geringſte zu ſich genommen. Indem er eben damit beſchäftigt iſt, ein Stück Huhn, welches man aufzuwärmen nicht einmal Zeit gehabt, kalt zu verzehren, macht man ihm die Mel⸗ dung, daß einige von den in der Schlacht gefangen genommenen Oberoffizieren im Hauptquartiere einge⸗ troffen ſeien. „Führen Sie dieſelben zu mir,“ ſagt er zu Savary. Dies geſchieht. Die Gefangenen, neun an der Zahl, erſcheinen im Saale. Napoleon empfängt ſie mit Wohlwollen und iſt bemüht, ihnen ihr Schick⸗ ſal zu mildern. Derſelbe Mann, welcher ſich ſo leicht über jedes ihm in den Weg tretende Hinderniß er⸗ zürnen konnte, und der, welcher denjenigen, der ihm auch nur den geringſten Widerſtand entgegenſetzte, ohne Unterſchied der Rechte und des Ranges mit ſo viel Stolz zu behandeln verſtand, war nicht mehr derſelbe, wenn er ſich als Sieger in Gegenwart ſeiner beſieg⸗ ten Feinde befand. Er tröſtete Letztre und dieſe Troſt⸗ ſprüche waren nicht blos der Abglanz einer erheuchel⸗ 129 ten Großmuth, hinter welcher ſich das Bewußtſein einer ganz andern höhern Machtvollkommenheit ver⸗ barg, ſondern ſie entſprangen aus ſeinem natürlichen Elemente, aus ſeinem angebornen— noblen Cha⸗ rakter. Uebrigens flößte ſchon der Anblick dieſer fremden Generale Mitleid und Erbarmen ein. Ohne Degen, die Kleider in Unordnung, verbeugten ſie ſich ehrfurchts⸗ voll vor Napoleon und beobachteten das tiefſte Stillſchweigen. „Meine Herren,“ begann der Kaiſer mit Güte, „ich weiß wie unglücklich ein General nach dem Ver⸗ luſte einer Schlacht iſt, ich ſelbſt habe das vor ſechs Jahren empfunden, als ich genöthigt war, die Be⸗ lagerung von Saint Jean d'Acre aufzuheben. Ich glaube, ich hätte mit meinen eignen Händen den grauſamen Achmet Diezzar erdroſſelt, aber wenn er ſich ergeben, ſo würde ich ihn mit Auszeichnung be⸗ handelt haben— wie man Sie ſelbſt, meine Herren, behandeln wird,“ fügte er mit Würde hinzu;„denn ich theile Ihren Schmerz, achte ihn und weiß ihn zu würdigen.“ Man bezeichnete ihm hierauf die Gefangenen, einen nach dem andern bei Namen. Unter ihnen befand ſich auch der General Langeron, ein geborner Fran⸗ zoſe, welcher wie Napoleon in der Militairſchule zu Paris erzogen worden war. Nachdem nämlich derſelbe bei dem Ausbruche der Revolution mit einem Theil ſeiner, aus der ehemaligen Provinz Burgund entſproſſenen, Familie emigrirt, war er nach Rußland gegangen und hatte ruſſiſche Kriegsdienſte genommen. Später hatte ihm Napoleon, als erſter Conſul, die Rückgabe der Güter ſeiner Familie unter der Bedin⸗ gung vfferirt, daß er nach Frankreich zurückkehre; al⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XXIU. 9 130 lein der Graf Langeron hatte dieſes Anerbieten ausgeſchlagen. Als daher der Kaiſer den Namen dieſes Generals hörte, warf ſich ſeine Stirn in Falten. „Dieſer iſt beklagenswerther als alle Uebrige,“ ſagte er halb laut und ſich wieder zu den Gefange⸗ nen wendend, frug er in ziemlich indifferentem Tone: „Wer commandirte dieſen Morgen Ihre Armee?“ „Sire, es war der Kaiſer Alexander.“ „Ich fragte Sie nach dem Namen des Generals en Chef, der die ruſſiſche Armee befehligte,“ wieder⸗ holte er laut. „Der General Kutuſow, Sire!“ „Ah, das iſt etwas andres,“ verſetzte er nun, „denn der Kaiſer Alexander iſt noch zu jung, um die Bewegungen einer ſo zahlreichen Armee, wie die Ihrige war, zu leiten.“ „Sire,“ erwiederte reſpectvoll der General, in der Abſicht die Eigenliebe des Siegers vielleicht zu ſchmeicheln,„Ew. Majeſtät ſind nur einige Jahre äl⸗ ter als der Kaiſer Alexander, mein Gebieter“ — hier hob Napoleon den Kopf empor—„und dennoch haben Sie ſchon mehr als zwanzig Schlachten gewonnen.“ „Mein Herr, ſagen Sie vierzig,“ unterbrach ihn der Kaiſer mit halbem Lächeln,„und Sie werden ſich nicht täuſchen. Ihr Gebieter, da es Ihnen einmal ſo beliebt ihn ſo zu bezeichnen, iſt wenigſtens acht Jahre jünger als ich, doch bin ich vielleicht um ein ganzes Jahrhundert älter als er— freilich iſt er auch nicht in ſolche Schule gegangen, wie Sie und ich.“—. Damit raſch die Unterhaltung abbrechend, füllte er einen vor ſich ſtehenden ſilbernen Becher mit 134 Wein und ihn dem Grafen Langeron präſentirend, ſprach er: „Trinken Sie, mein Herr, es wird dies Ihnen nur wohl bekommen.“ Als ſich der Graf zum Zeichen der dankbarſten Annahme mehrmals verbeugte und im Begriffe ſtand, den Becher an die Lippen zu führen, rief ihm der Kaiſer mit einem viel ſagenden Blicke zu: „Einen Augenblick, Herr von Langeron!— Ich muß Sie darauf aufmerkſam machen, daß es— franzöſiſcher Wein iſt, Wein aus Burgund,“ fügte er betonend hinzu. Ein tiefes Stillſchweigen folgte auf dieſe nicht unedle Rache; wohl verzeihlich einem Souverain, der ein gegen ihn und ſein angebornes Vaterland käm⸗ pfendes und mit den Waffen in der Hand ergriffenes Landeskind vor ſich ſieht. Einige Zeit darauf ergriff Napoleon wieder das Wort und ſagte zu den gefangenen Generälen in je⸗ nem kurzen, ſcheinbar unſchlüſſigen Tone, der aber die Aufmerkſamkeit des Angeredeten um ſo mehr feſ⸗ ſelte und den er in der Regel dann anzunehmen pflegte, wenn er wollte, daß auch nicht eines ſeiner Worte verloren gehe: „Meine Herren, ich bedaure, daß ſo brave Leute wie Sie, Opfer eines Cabinets, wie des engliſchen, geworden, welches ſich nicht ſcheut, die Würde der Nationen zu compromittiren, indem es die Dienſte ihrer Alliirten durch Subſidien erhandelt und erkauft. Jetzt, nachdem mir Ihre Namen bekannt, erkläre ich Ihnen, daß Sie Alle, mit einer einzigen Ausnahme, und überall wo Sie gefochten, ehrenvoll daſtehen.“ Nach dieſen Worten machte Napoleon ein Zei⸗ chen und die fremden Generäle wurden entlaſſen. 9* 132 Kaum hatten ſie ſich entfernt, als der Kaiſer den ſtrengen Befehl erließ, daß man die Gefangenen nit aller ihrem Unglücke gebührenden Schonung und Rück⸗ ſicht behandele. Es war nahe an Mitternacht; die auf Recognos⸗ cirung ausgeſchickten Ordonnanzoffiziere kamen mit der Meldung zurück, daß ſich der Feind nach Gording zurückziehe. Napoleon durchlas alle eingehende Rapporte. „Meine Herren,“ ſprach er,„meine Meinung iſt, daß in einem Kriege noch nicht Alles entſchieden iſt, ſobald noch Etwas zu thun übrig bleibt. Ein Sieg iſt dann allemal unvollſtändig, wenn man ihn noch vollſtändiger machen kann.“ Dem Adjutanten, welcher um Verhaltungsbefehle für den Marſchall Davouſt bat, gab er zur Anwort: „Im gegenwärtigen Falle giebt es nur eine Verhaltungsregel, nur eine Generalsordre. Sagen Sie dem Marſchall Davvuſt, er ſolle dem Feinde ſo viel Schaden thun als immer möglich. Eilen Sie!“ Kaum war der Adjutant Davouſt's davon ge⸗ ſprengt, als General Junot— welcher ſich ſeit ſei⸗ ner Rückkehr aus Portugal fortwährend in der näch⸗ ſten Nähe des Kaiſers befand— die Ankunft des Herrn von Haugwitz, Geſandten des Königs von Preußen meldete. „Ah, ich erwarte ihn,“ rief Napoleon,„er trete ein.“ Der Miniſter wurde eingeführt und überreichte dem Kaiſer ein verſiegeltes Papier, das er mit eini⸗ ger Schwierigkeit aus der Seitentaſche ſeiner Uniform zog. Indem Napoleon dieſen Brief des Königs von Preußen in Empfang nahm, lächelte er, las 133 denſelben zwei Mal, und mit einem Blicke, der das Innerſte des preußiſchen Geſandten zu durchdringen ſchien, ſagte er, auf den wieder zuſammengefalteten Brief deutend: „Herr Baron! Sie ſeben hier ein Compliment, deſſen Adreſſe nur die Umſtände verwechſelt haben.— Es iſt gut.“ Und mit einer leichten Bewegung des Kopfes, gab er das Zeichen zum Abſchiede. „Ich wette,“ ſprach der Kaiſer, nachdem ſich der Miniſter entfernt hatte, zu ſeinem General⸗Adjutan⸗ ten,„daß dieſer Mann zwei Briefe in der Taſche hatte. Haſt Du bemerkt, Junot, wie lange er Zeit brauchte, um den herauszufinden, der das Compliment zu meinem Siege enthielt. In dem andern ſtand ge⸗ wiß eine geharniſchte Kriegserklärung. Ich würde wohl gelacht haben, wenn er ſich vergriffen hätte. Wenn ich ein Türke war, ſo mußte ich den Herrn Baron durchſuchen laſſen.“, „Gott ſei Dank, Sire,“ erwiederte Junot, „man weiß, daß Ew. Majeſtät kein Türke ſind.“ „Nun bin ich ſehr begierig,“ fuhr der Kaiſer auf⸗ und abgehend fort,„was mir morgen der Kai⸗ ſer von Oeſtreich zu ſagen haben wird, der mich durch den Lichtenſtein zu einer Unterredung, einige Meilen von hier, hat einladen laſſen.“ Nach einiger Zeit blieb der Kaiſer wieder vor Junot ſtehen. „Apropos,“ ſprach er,„da fällt mir ein, daß wir uns in dem Armand Maillebois nicht ge⸗ täuſcht haben, das iſt ein höchſt braver Junge. Geſtern erſt von den Antillen zurück, hat er heute unter Rapp wie ein junger Gott gefochten und den 134⁴ Fürſten Reppin mit eigner Hand gefangen ge⸗ nommen. „Doch,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„er ſoll ſich nicht über mich zu beklagen haben. Iſt nur erſt Frieden und ſind wir wieder in Frankreich, ſoll er ſein Püppchen, der zu Gefallen er ſo dumme Streiche machte, bekommen. Ich habe das Kind einſt⸗ weilen bei Joſephinen in Penſion gegeben; übri⸗ gens muß das Mädchen bemerkenswerth hübſch und gut ſein, die Kaiſerin hat es ganz in ihr Herz ge⸗ ſchloſſen und macht mir viel Rühmens davon.“ „Fräulein von Nevers,“ geſtand Junot,„iſt von wunderbarer Schönheit und engelgutem Herzen.“ „Ich ſehe wohl,“ lachte der Kaiſer,„was ein paar ſchöne Augen in aller Unſchuld für Unheil an⸗ ſtiften können, mir den braven Jungen von ſeiner Pflicht abzuleiten. Doch genug davon. Alles iſt vergeben. Armand hat ſeine Thorheit mich vergeſ⸗ ſen machen. „Ueberhaupt,“ fügte Napoleon hinzu,„ich wüßte nicht, wen ich ſo lieb hätte, als dieſe drei Maillebois, das ſind Franzoſen, wie ſie ſein ſol⸗ len. Wenn mir nur der Kanonier nicht drauf geht. Denke Dir, Junot, erobert mir das Kindchen einen Zwölfpfünder. Du hätteſt heut' meine alten Grena⸗ diere ſollen weinen ſehen. Laß mich nur ein Wenig zur Ruhe kommen, ich denke mir mit den drei Jun⸗ gen ſchon Etwas aus. Wie geſagt, wenn mir nur der Kanonier nicht drauf geht, mein Namensvetter.“ Am darauf folgenden Tage, den dritten Decem⸗ ber, um acht Uhr Morges, wo die Sonne zwar ma⸗ jeſtätiſch am öſtlichen Horizonte, das Thermometer aber zwölf Grad unter Null ſtand, verließ Napo⸗ leon das Luſtſchloß des Fürſten Kaunitz, um ſich 135 in der Richtung der großen Landſtraße nach Holitſch, in eine noch vor den Vedetten Bernadotte' ge⸗ legene Mühle zu begeben. Es war dieſer ungefähr drei und eine halbe franzöſiſche Meile von Auſter⸗ litz entfernte Ort zum Rendezvous bezeichnet worden. Der Kaiſer ritt nun im Schritt, denn er wollte, daß ſeine ſämmtlichen Garden ihn dahin begleiteten. Nachdem er vom Pferde geſtiegen, ließ er ein Feld⸗ feuer anzünden, während er ſelbſt, ſeine Hände in die Taſchen ſeines grauen Rocks geſteckt, auf dem ge⸗ frornen Boden auf und ab promenirte, oft mit den Füßen ſtampfend, um ſich zu erwärmen. Die Garde ſtand, das Gewehr im Arm, zwei⸗ hundert Schritte dahinter in Schlachtordnung und die Soldaten ſuchten ſich dadurch warm zu machen, daß ſie das Beiſpiel ihres Kaiſer nachahmten und die Füße gegen einander ſchlugen. Es währte nicht lange, ſo meldete man die An⸗ kunft des öſtreichiſchen Monarchen, welcher in einem wohlverdeckten Wagen anlangte. Er war von den Für⸗ ſten Johann und Moritz von Lichtenſtein, den Generälen Kienmayer, Bubna und Stutter⸗ heim, ſo wie von mehren Oberoffizieren begleitet, welchen ſich eine Eskorte ungariſcher Huſaren anſchloß. Dieſe letztre blieb, ebenſo wie die Eskorte der kaiſer⸗ lich⸗franzöſiſchen Generalſtabswache, auf zweihundert Schritte von dem Zuſammenkunftsplatze zurück. Na⸗ poleon ging dem Kaiſer Franz zu Fuße entgegen und empfing ihn mit einer Umarmung. Der Prinz Johann von Lichtenſtein folgte ſeinem Souverain bis zu dem Feuer Napoleon's und hielt ſich da⸗ ſelbſt während der ganzen Unterredung auf. Der Marſchall Berthier blieb ebenfalls bei Napoleon. „Sire, verzeihen Sie,“ begann der franzöſiſche 136 Kaiſer,„daß ich Sie auf dieſe Weiſe empfange, al⸗ lein dies hier iſt der einzige Palaſt, den ich ſeit drei Monaten bewohne.“ Er zeigte dabei auf die rings umher ausgebreitete Winterfläche. „In der That,“ erwiederte der Kaiſer Franz, „Ew. Majeſtät wiſſen ſo guten Gewinn aus dieſer Wohnung zu ziehen, daß ſie Ihnen gefallen muß.“ Nach dieſen Worten zogen ſich Lichtenſtein und Berthier in einige Entfernung zurück und die bei⸗ den Monarchen blieben länger als zwei Stunden mit einander allein. Man kam über einen Waffenſtillſtand überein, in welchen der öſtreichiſche Kaiſer auch den Kaiſer Alexander eingeſchloſſen wünſchte. Napo⸗ leon gab zu bedenken, daß von den Trümmern der ruſſiſchen Armee ihm kein Mann entgehen könne; nichtsdeſtoweniger ließ er ſich bewegen, den Befehl abzuſchicken, wodurch dem Vordringen ſeiner Colon⸗ nen Einhalt gethan und den Ruſſen Zeit gelaſſen wurde, ſich zurück zu ziehen. Die beiden Kaiſer verließen einander, nachdem ſie ſich nochmals umarmten. Die franzöſiſchen und öſt⸗ reichiſchen Offiziere eilten wieder auf ihre Poſten. Man vernahm deutlich, als Napoleon den Kaiſer Franz zum Wagen begleitete, von erſterm die Worte: „Ich bewillige Alles, vorausgeſetzt, daß Ew. Maje⸗ ſtät verſprechen, mich nicht mehr mit Krieg zu über⸗ ziehen.“ „Ich verſpreche es Ihnen,“ erwiederte Franz, „wir werden künftig nur im Frieden leben.“ Mit dieſen Worten ſtieg er in ſeinen Wagen und Napoleon kehrte zu ſeinem Bivouak zurück, in Ge⸗ danken noch mit dem beſchäftigt, was er mit dem öſtreichiſchen Kaiſer verhandelt hatte. 137 „Es iſt wahrſcheinlich ein Fehler,“ ſprach er zu ſeiner Umgebung,„daß ich die Ruſſen ziehen laſſe, ich hätte ſie ſämmtlich ſollen gefangen nehmen. Gleich⸗ viel, ſo werden wenigſtens einige Thränen weniger fließen.“ Während der ganzen Zeit hatte die Garde fort⸗ während in Schlachtordnung aufmarſchirt geſtanden. Berthier machte den Kaiſer darauf aufmerkſam, in⸗ dem er hindurchblicken ließ, daß den Leuten unmög⸗ lich warm ſein könne. „Sie ſind doch ſtets froſtig, Berthier,“ erwie⸗ derte Napoleon etwas ärgerlich:„ich kenne das Mittel, der Garde warm zu machen; folgen Sie mir, mein Herr Marſchall.“ Napoleon nahm jetzt ſeine Richtung gegen die beiden Regimenter alte Garde, welche ſeit dem Au⸗ genblicke des Eintreffens auch nicht einmal ihre Rei⸗ hen gebrochen hatte. Als er ungefähr noch hundert Schritte von ihnen entfernt war, ertönte der Ruft „Achtung! Präſentirt das Gewehr!“ Die Tamboure ſchlugen den Wirbel, die beiden Adler neigten ſich vor der Front der Bataillone. Der Kaiſer griff mit der Hand an ſeinen Hut und grüßte, indem er zu⸗ gleich ſeine Schritte anhielt. In der Mitte, wenige Schritte vor ihren Regimentern ſalutirten die Regi⸗ mentscommandanten in der üblichen Weiſe mit dem Degen. Napoleon erwiedert dieſen Gruß, indem er zum zweiten Male an ſeinen Hut greift. Endlich auf zehn Schritte herangekommen, giebt er den Tam⸗ bouren das Zeichen zum Aufhören und ſich zu den Colonnels wendend, welche ſich ihm, die Degen zur Erde geneigt, nähern, ſagt er zu ihnen im Tone eines guten Humors: „Meine Herren, wir find hier nicht im Hofe der 138 Tuilerien; ich komme nicht, um eine Revüe abzuhal⸗ ten. Es iſt ein Beſuch, den ich Ihnen abſtatte, laſſen Sie die Leute ſich rühren.“ Das Commando„Achtung!“ und„Gewehr ab!“ erſchallt. Die lange Linie bildet einige Krümmungen und Geflüſter wird vernehmbar. Der Kaiſer ſpricht einige Minuten mit den bei⸗ den Obriſten; dann ſich wieder gegen die Grenadiere wendend, ruft er:„Achtung! Schultert das Gewehr!“ Im Augenblick herrſcht Todtenſchweigen und die Linie der Garde ſteht wieder in ſchnurgrader Richtung. Napoleon ſchreitet jetzt die Reihen entlang; dem Einen nickt er, freundlich mit dem Kopfe grü⸗ ßend, zu, zu einem Andern ſagt er:„Guten Tag, guten Tag!“ An die, welche er perſönlich kennt, richtet er einige Worte. Bei den Neueingetretenen vorüber gehend begnügt er ſich zu ſagen:„Gut, gut!“ Endlich am äußerſten Flügel des Bataillons angekommen, wendet er ſich plötzlich, indem er näm⸗ lich Morland bemerkt, der nebſt einigen ſeiner Ca⸗ meraden das Gewehr zwiſchen den Knieen feſt hält und ſich in die hohl zuſammen geſchloſſene Hand aus vollem Halſe haucht: „Was ſind das für neue Manieren?“ fragt Na⸗ poleon barſch aber freundlich, indem er die Geſten des Grenadiers nachahmt.„Wer wird denn frieren? Das iſt ja gegen meine Verordnung.“ Morland erfaßt ſogleich wieder ſein Gewehr bei dem zweiten Laufring, legt vorſchriftmäßig den klei⸗ nen Finger der linken Hand an die Naht ſeiner Beinkleider, richtet den Kopf in die Höhe, und ver⸗ gebens die an dem Schnurrbarte herabhängenden Eis⸗ zapfen mit der Unterlippe abzuzwicken verſuchend, 139 ſieht er dem Kaiſer, ohne ein Wort zu erwiedern, ſtarr in's Geſicht. Und wie vor Kurzem zu Wien, ſpricht der Kai⸗ ſer:„Du frierſt, und mir iſt vollkommen warm.“ Und wieder antwortet der Veteran: „Das iſt ſehr möglich!“ Doch fügt er diesmal mit der ernſthafteſten Miene von der Welt und ohne ſeine Stellung zu verändern hinzu: „Indeſſen iſt aber doch auch nicht zu läugnen, daß die heutige Kälte ein Wenig ſticht und dann habe ich auch nicht den Vortheil, ſo feuerfeſt und waſſerdicht zu ſein wie Ew. Majeſtät.“ Napoleon mußte lachen. „Wohlan,“ ſprach er halb laut,„in Kurzem ſollt Ihr es Alle warm haben.“ „Das wäre auch zu wünſchen,“ brummte Mor⸗ land. Als der Kaiſer beim rechten Flügel anlangte, empfing ihn die Muſik mit der ſchönen Arie:„Der Sieg iſt unſer!“ Napoleon blickte Berthier an. „Kennen Sie dieſe Arie?“ frug er,„ſie iſt wie dazu geſchaffen, das Herz derer zu wärmen, deren Finger vor Froſt erſtarrt ſind.“ Nachdem er hierauf noch einen Augenblick vor der unbeweglichen, herrlichen Figur des Tambour⸗ Majors ſeines erſten Grenadierregiments ſtehen ge⸗ blieben— welcher Mann auch in der That in Rück⸗ ſicht ſeiner majeſtätiſchen Geſtalt und des Reichthums ſeiner Uniform einem Curtius zu vergleichen war— kehrte er, noch immer die Hände in den Rocktaſchen haltend und ohne ein Wort weiter zu ſprechen, zu dem Feuer ſeines Bivouaks zurück. Er ſtieg endlich zu Pferde und nur im langſamen 140 Schritte reitend, ſchlug er, gefolgt von einem glän⸗ zenden Generalſtabe, den Weg nach Auſterlitz ein. Währenddeß hatte auch die Garde ihre Linien durchbrochen und war in Bataillons⸗Colonnen dicht aufmarſchirt. Mit den Mufikchören an ihrer Spitze trat ſie unter dem tauſendſtimmigen:„Vive l'em- pereur!“ den Rückmarſch an. Als Napoleon nach Auſterlitz zurückgekehrt war, dictirte er, im gewärmten Saale auf und ab gehend, einem ſeiner Secretaire folgendes Decret in die Feder: „Ich wünſche, daß die Künſte das Andenken der geſtrigen, für die Geſchichte der Völker ſo wichtigen Schlacht verewigen. Ich will, daß ſich in der Mitte des Vandome⸗Platzes meiner geliebten Haupt⸗ und Reſidenzſtadt Paris eine Säule im Style der römi⸗ ſchen des Trajan erhebe, und daß ſie ausſchließlich nur aus dem Metall der von den Feinden Frankreichs eroberten Geſchütze gegoſſen und aufgerichtet werde. Ich will, daß dieſe bronzene Maſſe en reliek bear⸗ beitet, und durch dieſe ſpiralförmig um ſie herum zu windenden Basreliefs dem Auge des Zuſchauers Alles dargeſtellt werde, was dieſer Feldzug, deſſen Beginn mit der Aufhebung des Lagers von Boulogne, und deſſen Ende mit dem Frieden, den ich zu Wien zu unterzeichnen gedenke, zu rechnen iſt: ich will, ſage ich, daß Alles, was dieſer ewig denkwürdige Feldzug für unſer Vaterland Glorreiches hat, auf dieſe Weiſe verewigt werde. Dies iſt indeß noch nicht genug; es bleibt mir viel mehr noch übrig, allen meinen heldenmüthigen Waffenbrüdern meine Erfenntlichkeit abzuſtatten.“ Und ſich zu dem noch anweſenden Generalſtabe 441 wendend, ſagte er:„Berthier, ſetzen Sie ſich und ſchreiben Sie, was ich Ihnen ſagen werde.“ Hier erfolgte das Decret, welches die bereits oben erwähnten Penſionen für die Wittwen der in dieſem Feldzuge gefallenen Generale, Offiziere und Soldaten feſtgeſetzt und für die Erziehung und Verſorgung der hinterlaſſenen Kinder derſelben Sorge trägt*). Laut des dritten Artikels erhielten auch die Knaben der betreffenden Familien das Recht, ihrem zeitherigen Taufnamen den Namen Napoleon beilegen zu dürfen. Daſſelbe Decret verordnet die Jahresfeier der Schlacht von Auſterlitz mit derjenigen des kaiſer⸗ lichen Krönungsfeſtes, gemeinſchaftlich an einem Tage, nämlich an dem jedesmaligen erſten Sonntage des Monats December. Aber trotz ſeiner kriegeriſchen und politiſchen An⸗ gelegenheiten verlor der große Mann die an ſich un⸗ ſcheinbarſten Intereſſen ſeines Volkes nicht aus den Augen. Unmittelbar nach den erwähnten Deereten ließ er ſeinen Miniſter des Innern alſo ſchreiben: „Mein Herr von Champagny! „Es exiſtiren in der Nationalbibliothek ſehr viel koſtbare Steine. Man ſoll dieſelben ſofort ordnungs⸗ mäßig an die beſſern Graveurs von Paris austhei⸗ len, damit ſie die verſchiedenen Figuren graviren, *) Wörtlich lautet der desfalſige Artikel alſo:„Wir adoptiren alle die von den in der Schlacht von Auſterlitz gebliebenen Generälen, Offizieren, Soldaten hinterlaſſenen Kinder. Sie ſollen alle auf Unſre Koſten unterhalten und erzogen werden; und zwar die Knaben in Unſerm kaiſerlichen Palais von Rambouillet, die Töchter in Unſerm kaiſer⸗ lichen Palais von St. Germain. Die Knaben werden in der Folge von Uns verſorgt; ſo wie Wir die Ausſtattung der Töchter gleichfalls übernehmen.“ welche ſie darſtellen. Die Hälfte des Preiſes für dieſe Arbeiten ſoll den Künſtlern vorausbezahlt wer⸗ den. Die andere Hälfte ſollen ſie jedoch erſt dann erhalten, wenn ſie das Werk gänzlich vollendet und den ihnen anvertrauten Steinſchnitt wieder abgeliefert haben. Dies wird die Induſtrie aufmuntern und den zahlreichen Kupferſtechern Arbeit verſchaffen, wor⸗ an es ihnen jetzt fehlt. Hüten Sie ſich indeß ja, irgend einem der Künſtler den ganzen Betrag der Arbeit im Voraus zu bezahlen; denn dies wäre der Weg, auf welchem man von ihnen entweder gar Nichts oder doch wenigſtens nicht viel Gutes erhalten dürfte. „Dies iſt der Zweck dieſes Schreibens und hier⸗ nächſt, mein Herr von Champagny, bitte ich Gott, daß er Sie in ſeinem gnädigen Schutz erhalten möge. „Aus meinem Lager zu Auſterlitz, den 4. De⸗ cember 1805. Napoleon.“ Nachdem der Kaiſer mit Dictiren zu Ende, ließ er den Ingenieur Sorti rufen, welcher dem Haupt⸗ quartiere, in der Eigenſchaft als Ingenieur der Mi⸗ litairverbindnngen, gefolgt war. „Mein Herr Ingenieur,“ begann er, nachdem der Gerufene eingetreten war,„es freut mich, Sie hier zu ſehen. Sie haben, als wir noch in Bou⸗ logne beiſammen waren, doch gut prophezeit. Da⸗ her ſollen Ihnen auch, eingedenk meines Wortes, das ein Ehrenmann ſtets hält, und der Souverain ſoll ja der erſte Ehrenmann ſeines Reichs ſein, die dreißigtauſend Franken für meine Boulogner Ba⸗ rake ausgezahlt werden.“ Auf einen Wink des Kaiſers nahm Duroe aus einem kofferähnlichen, an der Ecke mit Kupfer be⸗ 143 ſchlagenen Mahagonikaſten mehre Rollen, die er auf den Tiſch legte, an welchem Napoleon ſtand. „Zehn, zwanzig, dreißig,“ zählte nun dieſer,„ſo iſt es richtig.“ Dabei brach er eine der Rollen auf, und die ſchönſten öſtreichiſchen Kronenthaler rollten heraus; er erbrach eine andere, in welcher ruſſiſche Goldrubel glänzten. „Sie ſehen, daß ich mein Wort halte,“ fügte er lächelnd hinzu,„zählen Sie jetzt nach, ob die Summe richtig iſt.“ Als ſich Sorti mit einer Verbeugung dankerge⸗ benſt zurückzog, erwiederte ihm Napoleon zum Abſchiede: „Nicht mir, mein Herr Ingenieur, den Kaiſern von Oeſtreich und Rußland haben Sie zu danken.“ Der Kaiſer machte mit der Hand ein Zeichen, welches andeutete, daß er wünſche allein zu ſein. Alle Anweſende entfernten ſich. Napoleon trat an eines der Fenſter. Draußen leuchteten die Sterne der prachtvollſten Winternacht. Lange ruhten die Blicke des Kaiſers auf den ſieben funkelnden Ster⸗ nen des Orion. Endlich ſprach er: „Laß mir, allmächtiger Gott, dieſe ſieben Sterne noch zu Sonnen von Auſterlitz werden und du ſollſt in deinem Himmel meine Erde beneiden!“ Am andern Tage ward das Hauptquartier nach Brünn zurück verlegt. 14¹ Zwölftes Rapitel. — In einem feſtlich geſchmückten Saale zu Wien gab das erſte Bataillon des erſten Grenadierregiments der kaiſerlichen Garde einen glänzenden Ball. Gäſte von allen Waffengattungen waren geladen. Morland, welcher mit zu einem der Feſtordner erwählt worden, verſah dieſes Amt mit außerordentlicher Gewiſſenhaf⸗ tigkeit. Seiner neuen Würde ſich vollkommen be⸗ wußt, ſchritt er mit jenem Lächeln im Blicke und jener freundlich-ſanften Bonhommie, die einem Feſt⸗ ordner unerläßlich, die glänzenden Reihen auf und ab; hier mit Milde bittend, den Tanzpaaren Platz zu machen, dort ſorgſam bethätigt, daß die Damen weder an Getränken noch an Confect Mangel lit⸗ ten. Nur wenn er ſich, was jedoch ſelten geſchah, in die vom Tanzſaale abgelegenen Rauchzimmer ver⸗ irrte, wo ſeine alten Kameraden mit grimmigen Bärten um die dampfenden Punſchbowlen ſaßen, blickte zu⸗ weilen der ſchlachtergraute Veteran in einem leiſen „heiligen Kreuzbombenbataillon“ hervor, doch ſchnell erinnerte er ſich wieder ſeiner Würde und verließ anſtandsvoll und mit nachſichtsvollem Bedauern die unverbeſſerliche Geſellſchaft, welche die qualmende Thonpfeife und das gefüllte Punſchglas den reizendſten Sylphiden vorzog, die im kerzenerhellten Ballſaale graziös auf⸗ und niederwogten. Morland ging heute vorzugsweiſe fein gekleidet. Sein Haarzopf gereichte ſeinem Friſeur zur wahren Ehre und verrieth den denkenden Künſtler. Er ver⸗ mied daher, theils ſeiner Toilette zu Gefallen, theils —— 445 weil er wußte, was er ſich ſelbſt ſchuldig war, dieſe geräuſch⸗ und nebelvollen Rauchzimmer. In einem dieſer Eſtaminets ging es beſonders laut und lebhaft zu. Hier ſaß der große Tambour⸗ Major, unter dem Namen„der Schah von Per⸗ 1 ſien“, oder auch„der große Mvor“ bekannt, im Kreiſe einer zahlreichen Zuhörerſchaft und theilte Freskv⸗Anekdoten mit, worin er eine Force beſaß. Der Schah von Perſien hatte ſpoeben unter allgemeinem Applaus einen außerordentlichen Witz losgelaſſen und ſtrich ſich ſelbſtgefällig ſeinen Rieſen⸗ bart, indem er zur Stärkung ein neues Glas in den Magen goß. Er ward von den hör- und lachbegie⸗. rigen Kameraden beſtürmt fortzufahren. 1 Der Schah von Perſien, welcher ſtets über einen anſehnlichen Anekdotenfond zu disponiren hatte, 3 fuhr fort: „Da reitet vorige Woche der Kaiſer durch das Thor einer kleinen Stadt in Mähren. Er wird feſt⸗ lich empfangen und von der geſammten Stadtpfeifer⸗ ſchaft feierlich angeblaſen., Es iſt eine ſehr ſchöne deutſche Arie, wenn ich nicht irre von Cherubini. Plötzlich platzt der Rapp, der unmittelbar hinter Seiner Majeſtät reitet, vor Lachen heraus. Der kleine 1 Korporal wendet ſich um und fragt: was Rapy lache?„Die Arie iſt gar zu ſchön,“ verſetzt der brave General mit thränenden Augen. Der Kaiſer erkundigt ſich genauer. Nun erklärt Rapp, der als. Elſaſſer die deutſche Muſik aus dem Fundamente verſteht, den Text der Arie.“ „Nun wie hieß denn der?“ frugen neugierig die 1 Zuhörer. „Nun der hieß: Biſt der beſte Bruder auch nicht.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. KRll. 10 1 1⁴6 Allgemeines Gelächter. „Man hat den kleinen Korporal,“ fügte der Schah von Perſien hinzu,„noch nie ſo lachen hören, als bei dieſer Erklärung Rapp's.“ „Der Rapp hat überhaupt einen ungeheuern Stein im Bette bei Seiner Majeſtät,“ bemerkte einer der Zuhörer. „Er ſoll dem kleinen Corporal ſelbſt manchmal die Wahrheit geigen,“ ſprach ein Anderer. „Wißt Ihr die Geſchichte mit dem„vingt-un?“ frug der Schah von Perſien. „Nein, was iſt damit?“ rief es von allen Seiten. Der Schah genoß wieder ein Glas zur Stär⸗ kung und ſprach: „Wenn Ihr die nicht wißt, wißt Ihr nichts.“ „Alſo heraus damit, Schah!“ drängte man all⸗ gemein. Der Schah, der keinen der kleinen Kunſtgriffe vernachläſſigte, welche ein recitirender Künſtler zu be⸗ rückſichtigen hat, um der Aufmerkſamkeit ſeines Publi⸗ kums die erforderliche Spannung zu verleihen, be⸗ gann zuvor ſeine Pfeife, die ausgegangen war, in Brand zu ſtecken, was lange nicht gelingen wollte. Erſt als die Neugier der Zuhörer auf dem Punkte ſtand, in Inſurrectionszuſtand zu gerathen, erzählte er wie folgt: „Dieſe Tage ſpielt der Kaiſer mit Berthier, Savary, Murat und Rapp vingtun. Nun muß man wiſſen, daß es dem kleinen Korporal beſon⸗ dern Spaß macht, beim Spiele ſeine Generäle zu beſchummeln“— „Wie er die Oeſtreicher und Ruſſen beſchummelt hat,“ unterbrach einer der Zuhörer.„ 147 Der Schah ſah den Unterbrecher mit einem ma⸗ jeſtätiſchen Blicke an. Wenn ich erzähle,“ ſprach er,„bitt' ich mir Ruhe aus.“ „Ja wohl,“ rief es von allen Seiten,„man un⸗ terbreche den Schah nicht.“ Der Schah, nach dieſer erhaltenen Satisfaction, fuhr fort: „Alſo Seine Majeſtät liebt es beim Spiel, und namentlich beim vingt-un, ſeine Generäle zu beſchum⸗ meln. Durch dieſes corriger la fortune befindet ſich der Kaiſer natürlich ſtets im Vortheil. Dieſe Tage nun ſpielte er wieder mit den genannten Generälen und hat faſt das ganze Geld zuſammen gewonnen. Wohlgefälligen Blicks betrachtet er den vor ihm lie⸗ genden Goldhaufen, und um den armen Rapp, der wegen ſeiner Ehrlichkeit am Meiſten verloren, noch mehr zu ärgern, hält er ihm einen der gewonnenen Napoleon's hin und fragt:„Nicht wahr, Rapp, Deine Landsleute, die Deutſchen, haben dieſe klei⸗ nen Napoleon's gern.“ „Ja wohl,“ erwiedert der brave General,„lieber als den großen.“ Allgemeines Lachen und Bravorufen belohnte den Schah, welcher ſich genöthigt ſah zur Stärkung ein friſches Glas zu ſich zu nehmen. „Nun, was ſagte denn der Kaiſer zu dieſer Ant⸗ wort?“ frugen Einige. „Der kleine Korporal lachte,“ ſprach der Erzäh⸗ ler, und hat gerufen:„das nenne man deutſche Gradheit.“ Die luſtige Geſellſchaft, welche in Folge der ge⸗ noſſenen Getränke immer lärmender wurde, ſtieß mit den Gläſern aneinander und brachte erſt dem Kaiſer, 10* 148 dann dem General Rapp und drittens dem Schah von Perſien ein Lebehoch. Mißbilligend ſteckte ob dieſer unaufhörlichen Vi⸗ vats, die ſich mit dem guten Anſtande unmöglich vereinigen ließen, Morland den Kopf zur Thüre herein. Doch bald erkennend, daß bei dieſer Geſell⸗ ſchaft Hopfen und Malz verloren und daß er ſich nur unnützerweiſe ärgern würde, wenn er hier zur Ruhe und Ordnung verweiſen wollte, kehrte er nach den feinern Regionen des Ballſaales zurück, wo er heute als große Reſpectsperſon in Anſehn ſtand. Morland hatte alle drei Brüder Maillebvis als Gäſte mitgebracht. Der Kanonier war noch nicht gänzlich hergeſtellt von ſeinen Wunden von Auſter⸗ litz. Der arme Kleine hatte viel leiden müſſen und war mehrmals von den Aerzten ſchon aufgegeben ge⸗ weſen. Er trug den Arm noch in der Binde und mußte auf den Tanz wie auf den Genuß geiſtiger Getränke für diesmal gänzlich verzichten. Gleichwohl gefiel ſich Nap ſehr wohl auf dem Balle; die aner⸗ kennenden Worte ergrauter Gardegrenadiere ob ſeiner bewieſenen Bravour, welche er heut' oft zu hören bekam, klangen ſeinen Ohren gar zu ſüß. Mit dem Armand, dem Gardekapitain, hatte ſich Morland ſo ziemlich ausgeſöhnt. Er konnte nicht umhin, deſ⸗ ſen heldenmüthigem Benehmen auf St. Domingo alle Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Zudem hatte Armand nicht unterlaſſen, dem braven Alten ein Wenig die Cour zu machen. Aber wer den Mor⸗ land heut' manchen Seufzer koſtete, das war Nie⸗ mand anders, als gerade ſein Liebling, der Gui⸗ ſeppe, welcher etwas zu tief in's Glas geguckt, ſich Courage getrunken, gegen die Damen den Galanten ſpielte, was ſonſt gar nicht ſeine Art, und vor allen 149 Dingen auf's Tanzen ganz verſeſſen war, obſchon er auch dieſe edle Kunſt in völlig nüchternem Zuſtande faſt gänzlich vernachläſſigte. Was aber nun das Schlimmſte bei der Sache war: Guiſeppe hatte die weiſen Lehren und tiefdurchdachten Regeln Mor⸗ land's, welche ihm dieſer in zahlloſen Tansſtunden im Lager zu Boulogne gegeben, auf ſeinen ſtürmi⸗ ſchen Meerfahrten auch total verg'ſſen. Morland's ganzes Lehrgebäude war über den Haufen geworfen, alle Dreſſur dahin, Guiſeppe ſprang in ſeinem fröhlichen Uebermuthe in den Quarrés umher, als komme er direct aus den nordamerikaniſchen Urwäl⸗ dern und habe keine Ahnung von der höhern Weihe der edeln Tanzkunſt, und gleichwohl dachte dieſer Menſch an kein Aufhören. Auch war ihm gar nicht beizukommen, denn während der Tanzpauſen ſtak er in einem Gewühl junger Mädchen. Er hatte ſich von Armand ein paar Dutzend deutſche Worte aufſchrei⸗ ben laſſen und ſie auswendig gelernt, und damit wollte er heut' durchaus ſein Glück machen. Morland hatte ſich wiederholt bei den haar⸗ ſträubenden Entrechat's ſeines verwilderten Zöglings mit Schaudern von ihm abgewandt. „Ich habe nie viel auf ſein Tanztalent gegeben,“ ſprach er für ſich,„ihm geht die höhere Weihe gänz⸗ lich ab, aber dieſen Scandal hätt' ich mir nie träu⸗ men laſſen.“ Zufällig kam ihm der Kanonier in den Weg. „Gut, daß ich Dich treffe, ſprach Mor⸗ land,„mein Sohn, ich beſchwöre Dich bei der ruſ⸗ ſiſchen Kanone, die Du mit ſo viel Bravour erobert haſt, ſuche mir dieſen Seebär, Deinen Bruder Guiſeppe zu bewegen, daß er einmal vom Tanzen 150 abſteht, er compromittirt ja ganz Frankreich mit ſei⸗ nen Bockſprüngen.“ Der Kanonier, gehorſam wie immer, ſuchte eine Gelegenheit zu erſpähen, den Guiſeppe von dem Wunſche Morland's in Kenntniß zu ſetzen. Er kehrte nach einer Weile zurück. „Nun, was ſagte denn das tanzluſtige Meerunge⸗ heuer?“ frug Moland. „Er behauptet,“ berichtete Nap,„noch nie mit ſolcher Vollkommenheit getanzt zu haben und will zum Beweiſe in der nächſten Frangaiſe ein Solo à la Pigeon aufführen.“ „Was will er aufführen?“ rief Morland er⸗ ſchrocken. „Ein Solo à la Pigeon,“ wiederholte der Kanonier. „Nun, er wird mir immer grofartiger,“ verſetzte der Sergeant,„ la Pigeon, das iſt ja die ſchwie⸗ rigſte Figur, die ſich denken läßt.“ „Ja, und gleichwohl will er ſie tanzen,“ meinte Nap achſelzuckend,„es hilft gar kein Zureden bei ihm.“ Jetzt ergriff Morland die außerordentlichſten Maßregeln, um dieſes Unglück abzuwenden, das ihm wirklich unermeßlich ſchien. Er ſchickte Unterhändler über Unterhändler an den Tanzluſtigen und ſo gelang es endlich auch, den Guiſeppe, ohne daß es das geringſte Aufſehen verurſachte, aus dem Saale zu entfernen und in einem der entfernten Nebengemächer in kriegeriſche Geſpräche zu verwickeln, über welchen er zu Morland's großem Troſte das Solo à la Pigeon vergaß. Als der Tanzmeiſter von Boulogne in den Saal zurückgekehrt war, athmete er leichter auf, denn eine Felſenlaſt hatte ſich ihm vom Herzen gewälzt. 45¹ Er fühlte ſich wieder behaglich und frug alle drei Schritte die Begegnenden nicht ohne Selbſtzufrieden⸗ heit:„Nun, wie finden Sie den Ball? Nicht wahr, nobel, höchſt nobel, à la bonheur!“ Zu Armand, als er mit dieſem zuſammne traf, ſprach er: „Wenn ſich Ihr Herr Bruder, der Seeleutenant, nur nicht in den Sinn kommen laſſen wollte, als Tänzer aufzutreten. Haben Sie denn den Scandal nicht geſehen? Solche grauſame Pas ſind mir in meinem Leben nicht vorgekommen.“ Armand geſtand, ſeinen Bruder nicht bemerkt zu haben. „Uebrigens, wie amuſiren Sie ſich, Herr Capi⸗ tain?“ fuhr Morland fort.. Der Gefragte geſtand, daß ihm Herr Morland kein größeres Vergnügen habe bereiten können, als ihm durch die Einladung zu dieſem Balle gewor⸗ den ſei. „Ja, man muß geſtehen,“ nickte der Sergeant, „er iſt recht nobel, recht nobel.“ Gleichwohl war es Armand, der ſich wohl am Wenigſten für dieſe Ballherrlichkeiten intereſſirte, da ſeit der himmelvollen Botſchaft, die ihm Guiſeppe aus St. Cloud mitgebracht hatte, ein ganz anderes Intereſſe ſein ganzes Weſen in Anſpruch genommen. Nur ein guälender Gedanke vergiftete, trotz Ju⸗ not's Tröſtungen, ſeine Tage, daß nämlich der Kai⸗ ſer Florentinen einem Andern zur Gattin be⸗ ſtimmt haben könne. Während ſich's aber ſeine Soldaten wohl ſein ließen in den deutſchen Quartieren und ausruhten von den Strapazen eines beſchwerlichen Feldzuges, ſaß Napoleon einſam in ſeinem Cabinette zu 152 Schönbrunn vor der Karte von Heſtreich und beſtimmte die neuen Grenzen dieſer Monarchie. Der eintretende Conſtant meldete den Inten⸗ danten der kaiſerlichen Antiken, Herrn Denon, wel⸗ cher ſveben von Paris angelangt war. „Er ſoll kommen,“ ſprach Napoleon, und gleich darauf trat der Angemeldete in's Cabinet. Er über⸗ reichte dem Kaiſer das Modell zu mehren Medaillen, welche zum Andenken des Feldzugs von Auſterlitz geſchlagen werden ſollten. Die erſte derſelben ſtellte auf der einen Seite den Kopf Napoleon's, auf der andern den franzöſiſchen Adler dar, welcher den engliſchen Leoparden gepackt hielt. „Was ſoll das bedeuten?“ frug der Kaiſer und ſeine Stirn verfinſterte ſich. „Sire,“ erwiederte der Intendant,„es iſt der franzöſiſche Adler, welcher mit ſeinen Fängen den Leoparden, ein Emblem des engliſchen Wappens, zerreißt.“ „Niedriger Schmeichler,“ donnerte Napoleon, die Münze weit von ſich ſchleudernd;„wie können Sie zu mir ſagen, daß der franzöſiſche Adler den engliſchen Leoparden zerfleiſcht, da ich jetzt kein Fi⸗ ſcherboot mehr in See ſchicken kann, ohne daß es die Engländer hinweg nehmen. Es iſt im Gegentheil der engliſche Levpard, der den franzöſiſchen Adler er⸗ würgt. Laſſen Sie dieſe Medaille ſofort vernichten.“ Als er auf die Denkmünze kam, welche unmittel⸗ bar auf die Schlacht von Auſterlitz Bezug hatte, tadelte er gleichfalls die Zeichnung und gebot eine neue zu fertigen. „Setzen Sie auf die eine Seite,“ ſprach er zu dem zitternden Denon,„die Worte: Schlacht bei Auſterlitz und das Datum, und auf die andre, 153 die Adler von Frankreich, Oeſtreich und Ruß⸗ land. Seien Sie überzeugt, die Nachwelt wird den Sieger ſchon heraus finden.“ Nachdem ſich der Intendant der Antiken entfernt hatte, wünſchte der General Rapp den Kaiſer zu ſprechen. Napoleon's Geſicht erheiterte ſich. „Gott ſei Dank,“ rief der Monarch,„das iſt kein Schmeichler. Der Brave ſoll kommen.“ Rapp trat ein und erklärte, daß er von ſeinen Wunden von Auſterlitz vollkommen hergeſtellt ſei und wünſche, wieder in activen Dienſt zu treten. „Meinetwegen,“ ſprach der Kaiſer,„ich habe nichts dagegen. Doch apropos, als ich Dich das letzte Mal ſah, habe ich Dir mitzutheilen vergeſſen, daß Du Diviſionsgeneral geworden biſt. Beeile Dich daher, einen Stern mehr Deinen Epauletten beizu⸗ fügen.“ Als ſich hierauf der General zum Zeichen ſeiner Dankbarkeit verneigte und abtreten wollte, hielt ihn der Kaiſer mit den Worten zurück: „Aber Rapp, vor allen Dingen ſorge dafür, daß Du nicht immer gleich verwundet wirſt; die wie vielſte Bleſſur iſt das nicht ſchon? Das wird ja ſonſt lächer⸗ lich. Du biſt wie der Murat, der auch wie ein Blinder drauf los ſtürzt. Dann biſt Du gezwungen, das Bett zu hüten, während wir andern uns ganz wohl befinden. Rapp ſage nmir, wärſt Du wirklich ſchon im Stande ein Wenig zu reiſen?“ „Ich bin Alles im Stande, was Ew. Majeſtät befehlen!“ „In dieſem Falle,“ fuhr der Kaiſer fort,„wirſt Du Maſſena, den ich durch den mittlern Maille⸗ bvis bereits vorläufig über die Affaire von Auſter⸗ 154 litz habe benachrichtigen laſſen, das Ausführlichere erzählen. Das wird Dich zerſtreuen. Demnächſt kannſt Du auch die Wirkung beobachten, welchen Ein⸗ druck unſte hieſigen Angelegenheiten auf die Italiener machen. Du wirſt morgen abreiſen. Alſo auf Wie⸗ derſehen, mein Herr Diviſionsgeneral. Fahren Sie fort für Ihre Geſundheit zu ſorgen. Ich erwarte vor Allem Nachrichten über Ihr Befinden.“ Und die Hand des biedern Generals ergreifend, und ſie wiederholt drückend, fügt er in unnachahmli⸗ chem Tone hinzu: „Adieu Rapp! Lebe wohl, mein Braver; ich werde Dir ſogleich Deine Inſtruction zuſenden. Er⸗ warte ſie unten im Dienſtſaale.“ Eine Stunde darauf erhielt der General nächſt der vom Kaiſer ſelbſt dictirten Inſtruction den Grand⸗Cordon des Ordens der Ehrenlegion und eine jährliche Rente von zwölftauſend Franken, hy⸗ pothekariſch eingetragen auf den Mont-de-Milan. „Jetzt bin ich aber in der That neugierig,“ ſprach Napoleon, nachdem er die Angelegenheiten Rapp's beſorgt, von ſeinem Sitze aufſtehend,„zu ſehen, ob mein erſtes Gardebataillon, das heute einen Ball giebt, den Frauen und Mädchen Oeſtreichs eben ſo gefährlich iſt, wie ſeinen Männern. Faſt ſollt' ich es bezweifeln, denn von glatten Geſichtern iſt bei dieſen Grenadieren verdammt wenig zu ſpüren.“ Er ließ hierauf Junot rufen und fuhr mit ihm nach dem Hötel, wo die Grenadiere des erſten Ba⸗ taillons vom erſten Regiment ihren Ball hatten. Als der Kaiſer in den Saal trat, wirbelten die Pauken und die Trompeten ſchmetterten, und auf das geräuſchvolle Ballleben folgte augenblicklich die ehr⸗ furchtvollſte Stille. 155 Langſamen Schrittes, die Hände auf dem Rücken, durchwandelte Napoleon die Gruppe des Ballpubli⸗ kums, hier und da ſtehen bleibend und ein Geſpräch anknüpfend; überall erblickte er ja alte gute Bekannte. Als er bei Morland vorüber kam, frug er: „Aber Morland, was bedeutet das himmelblaue Band da im Knopfloch; Du trägſt einen Orden ohne meine Erlaubniß?“ „Sire, mit Verlaub,“ erwiederte der Gardiſt, „das Band bedeutet, daß ich mit auf Ordnung zu ſehen habe auf dem Balle.“ „Ah, das iſt was anders; eaber iſt denn kein Maillebois auf dem Balle? Ich denke, ihr ſteht gut mit einander?“ „Sire, alle drei find meine Gäſte.“ „Das iſt brav, das freut mich; aber wo ſtecken ſie denn?“ Im Augenblicke ſtanden die drei Brüder wie auf⸗ marſchirt vor Napoleon. Mit beſonderem Wohlwollen ruhten die Blicke des Kaiſers auf den drei Jünglingen. Der kleine Kano⸗ nier, mit dem Arm in der Binde, feſſelte zunächſt ſeine Aufmerkſamkeit. Er erkundigte ſich nach dem Befinden deſſelben, rieth ihm väterlich, ſich ja zu hal⸗ ten und den Verordnungen des Arztes ſtreng nach⸗ zukommen. Dann redete er mit Guiſeppe und dann mit Armand einige freundliche Worte. Er trat einen Schritt zurück. Noch einmal überflog ſein Blick voller Güte das Kleeblatt, und er ſprach die bedeutſamen Worte: „Wenn die Roſen aufbrechen in meinen Gärten von Malmaiſon, dann haltet euch Drei bereit, ich werde Euch rufen laſſen!“ Napoleon kehrte nach der Mitte des Saals zu⸗ 156 rück, leerte ein Glas Champagner auf das Wohl des erſten Bataillons vom erſten Regiment ſeiner Garde, worauf er unter einem donnernden„Hoch lebe der Kaiſer!“ den Ball verließ. „Wenn die Roſen aufbrechen in den Gärten von Malmaiſon?“ frug ſich Armand finnend und ge⸗ dachte Florentinen's. Ein Himmelſtrahl zuckte durch ſeine Bruſt. Da kam Morland mit Eifer herbei und rief, ſich vergnügt die Hände reibend: „Nun jetzt werdet Ihr doch einſehen, daß das ein höchſt nobler Ball ſein muß, den Seine Maje⸗ ſtät mit Ihrer Allerhöchſten Gegenwart zu beehren geruht!“— Dreizehntes Rapitel. 3 Di Friedensunterhandlungen, welche franzöſiſcher Seits Talleyrand, öſtreichiſcher Seits der Fürſt Johann von Lichtenſtein, Graf Stadion und General Giulay leiteten, begannen, dem Waffenſtill⸗ ſtande von Auſterlitz zu Folge, zu Nikolsburg in Mähren, wurden aber nach Preßburg verlegt, wo am zweiten Weihnachtsfeiertage 1805 der Friede zu Stande kam. Dieſer Friede iſt hauptſächlich darum merkwürdig, weil kraft deſſelben die weſentliche Veränderung der deutſchen Reichs⸗Verfaſſung durch Stiftung des Rheinbundes und ihre gänzliche Auflöſung vorbe⸗ reitet wurde. Napoleon trennte die deutſchen Fürſten am 157 Rheine von dem Intereſſe Oeſtreichs und verband ſie enger mit Frankreich, um an ihnen eine Vormauer gegen künftige Angriffe Oeſtreichs, Preußens und Rußlands zu haben. Der Preßburger Friede ſicherte ferner Frankreich als gänzliches Eigenthum und mit voller Souveraine⸗ tät alle Herzogthümer, Fürſtenthümer, Herrſchaften und Territorien jenſeits der Alpen, welche vor dieſem Vertrage mit dem franzöſiſchen Reiche vereinigt oder durch franzöſiſche Geſetze und Verwaltungen regiert wurden. Der Kaiſer von Oeſtreich leiſtete Verzicht auf die⸗ jenigen Theile der Republik Venedig, welche ihm durch die Verträge von Campo⸗Formio und Lu⸗ neville abgetreten worden waren. Dieſe Theile wurden dem Königreiche Italien einverleibt. Der Kaiſer von Oeſtreich erkannte ferner den Kaiſer Na⸗ poleon als König von Italien an. Baiern und Würtemberg erhielten Königskronen und wie auch Baden bedeutenden Läpderzuwachs. Oeſtreich erlitt in ſeinen deutſchen Staaten eine Verminderung der Volkszahl von gegen Neunmal⸗ hunderttauſend Seelen; in Italien belief ſich der Verluſte uͤber zwei Millionen, wodurch vierzehn Millionen Staatseinkünfte hinweg fielen. Aber wie groß dieſer Verluſt an Land und Leu⸗ ten für die öſtreichiſche Monarchie war, noch weit ſchmerzhafter war die Verminderung ſeiner politiſchen Stellung. Während vorher Oeſtreich, als Mittelpunkt Europa's, der Stützpunkt des politiſchen Gleichge⸗ wichts in demſelben zu betrachten, ſo ward durch den Preßburger Frieden dieſes Reich von Italien, dem Rheine, der Schweiz und Schwaben gänzlich abge⸗ 158 ſchnitten und ſein Einfluß auf die deutſchen Angele⸗ genheiten ging auf den franzöſiſchen Kaiſer über. Napoleon kündigte dieſe für Frankreich ſo glän⸗ zenden Ergebniſſe ſeinen Soldaten in einer Proclama⸗ tion an, worin er ſagte, daß ſie, nachdem ſie ihren Kaiſer mit ihnen Gefahren und Beſchwerden theilen geſehen, jetzt ihn, umgeben von jener Größe und je⸗ nem Glanze erblicken ſollten, die dem erſten Souve⸗ rain des erſten Volkes der Welt gebühre. „Ich werde,“ fügte er am Schluſſe hinzu,„in den erſten Tagen des nächſten Mai's ein großes Feſt zu Paris geben. Ihr werdet Euch dort Alle einfin⸗ den und dann wollen wir dahin gehen, wohin uns das Glück unſers Vaterlandes und die Intereſſen un⸗ ſers Ruhms rufen werden. „Soldaten, der Gedanke, daß ich Euch Alle noch vor Ablauf von ſechs Monaten um meinen Palaſt ge⸗ ſchaart ſehen werde, rührt mein Herz und ich empfinde im Voraus die lebhafteſte Freude. Wir werden das Andenken derjenigen feiern, die in dieſem Feldzuge auf dem Bette der Ehre gefallen ſind, und die Welt wird uns Alle bereit erblicken, ihr Beiſpiel nachzu⸗ ahmen, ja noch mehr zu vollbringen, als wir bereits vollbracht haben, um diejenigen zu zerſchmettern, die unſere Ehre antaſten wollen und ſich durch das be⸗ ſtechende Gold der ewigen Feinde des Feſtlandes ver⸗ führen laſſen.“ Bevor Napoleon Wien verließ, ſprach er zu den Bewohnern dieſer Hauptſtadt: „Bürger von Wien, ich habe mich wenig unter Euch gezeigt, nicht aus Geringſchätzung oder eitelm Hochmuthe, ſondern ich wollte Euch in keinem der Gefühle beirren, das Ihr Euerm Fürſten ſchuldig ſeid. Indem ich Euch verlaſſe, nehmet als ein Geſchenk, das 159 Euch meine Achtung beweiſe, Euer Zeughaus, welches die Geſetze des Kriegs zu meinem Eigenthume ge⸗ macht haben, zurück. Bedient Euch deſſen ſtets zur Aufrechthaltung der Ordnung. Alle Uebel, die Ihr erduldet, ſchreibt ſie dem Unglücke zu, das von einem Kriege unzertrennlich iſt. Alle Schonung aber, die meine Armeen in Eurem Lande bewieſen haben, ver⸗ dankt Ihr der Achtung, die Ihr Euch bei mir er⸗ worben habt.“ An demſelben Tage erſchien noch eine zweite Proclamation, welche die Welt mit dem Wortbruche des Hofes von Neapel bekannt machte, welcher trotz eines zwei Monate vorher mit Frankreich abgeſchloſ⸗ ſenen Vertrags ſeine Häfen den Engländern und Ruſſen geöffnet hatte. Bourbonen, dieſe ewigen Feinde Frankreichs, warfen abermals die Maske ab. Hier nun ließ ſich die kaiſerliche Dictatur verneh⸗ men, wie es einſt der Convent gethan. Dieſe durch ihre Energie ſo weltberühmt gewordene Proclamation lautet alſo: „Aus dem kaiſerlichen Lager zu Schönbrunn den 26. December 1805. „Soldaten! „Seit zehn Jahren habe ich Alles gethan, den König von Neapel zu retten und er hat Alles ge⸗ than, ſich in's Verderben zu ſtürzen. „Nach den Schlachten von Degv, Mondovi und Lodi konnte er mir nur einen ſchwachen Wi⸗ derſtand entgegenſetzen. Ich vertraute dem Worte dieſes Fürſten, benahm mich edelmüthig gegen ihn. „Als die zweite Cvalition auf dem Schlachtfelde von Marengo geſprengt ward, blieb der König von Neapel, der dieſen ungerechten Krieg zuerſt begonnen und zu Luneville von ſeinen Verbündeten im 160 Stiche gelaſſen worden war, allein und ohne Ver⸗ theidigung. Er bat und ich verzieh ihm zum zweiten Male. „Noch vor wenig Monaten ſtandet Ihr vor den Thoren von Neapel. Ich hatte vollgültige Gründe, den Vertragsbruch, auf den man ſann, zu argwoh⸗ nen, und die Beleidigungen, die mir angethan wor⸗ den waren, zu rächen. Abermals war ich edelmüthig; ich erkannte die Neutralität von Neapel an, befahl Euch, dieſes Königreich zu räumen, und zum dritten Male war das Haus Neapel gerettet und auf dem Throne befeſtigt. „Sollen wir zum vierten Male verzeihen? Zum vierten Male dieſem Hofe trauen? Nein, nein! Die Dynaſtie von Neapel hat aufgehört zu re⸗ gieren! Ihr Daſein iſt mit der Ruhe von Europa und mit der Ehre meiner Krone unvereinbar. „Soldaten, auf, ſtürzt die ſchwachen Bataillone dieſes Tyrannen des Meeres, wenn anders ſie Euch erwarten, in die Fluthen. Zeigt der Welt, wie wir den Vertragsbruch beſtrafen. Säumt nicht, mir kund zu thun, daß ganz Italien meinen Geſetzen, oder de⸗ nen meiner Verbündeten unterworfen, daß das ſchönſte Land der Erde von dem Einfluſſe Englands befreit, daß die Heiligkeit der Verträge gerächt iſt, und daß die Manen meiner tapfern Soldaten, die, nachdem ſie den Gefahren des Schiffbruchs, der Wüſte und von hundert Schlachten entgangen waren, auf ihrer Rück⸗ kehr aus Aegypten in den ſicilianiſchen Häfen ermor⸗ det wurden, endlich verſöhnt ſind.“ Napoleon reiſte auf der Rückkehr nach Paris durch München, wo er ſich einige Tage aufhielt, um der Vermählung des Prinzen Eugen mit einer Tochter des Königs von Baiern beizuwohnen. Er 164 ſchrieb aus dieſer Hauptſtadt an den Senat, um den⸗ ſelben in Kenntniß zu ſetzen, daß ihm der Preßbur⸗ ger Friedenstractat vald vorgelegt werden würde. „Ich wollte,“ hieß es in dem Schreiben,„Euch die Friedensbedingungen in einer feierlichen Sitzung in Perſon ankündigen, da ich aber mit dem Könige von Baiern die Vermählung ſeines Stiefſohnes des Prinzen Eugen mit der Prinzeſſin Auguſte be⸗ ſchloſſen hatte, und zu München zu der Zeit anweſend war, wo die Vermählung gefeiert werden ſollte, ſo konnte ich mir die Freude nicht verſagen, das junge Brautpaar, von welchem beide Theile die Muſter ih⸗ res Geſchlechts ſind, ſelbſt zu vereinigen. Meine Ankunft in der Mitte meines Volkes wird daher um einige Tage verzögert werden. Dieſe Tage werden meinem Herzen lang vorkommen; aber nachdem ich mich unaufhörlich den Pflichten eines Soldaten ge⸗ widmet habe, finde ich eine liebevolle Erholung dar⸗ in, mich mit den Pflichten eines Familienvaters zu beſchäftigen.“ So ſchuf die Schlacht von Auſterlitz neue Königreiche und vermiſchte bürgerliches und fürſtliches Blut, und dies war der Anfang jenes Syſtems, wodurch Napoleon„Könige zu ſeinen Schildwachten und Throne zu ſei⸗ nen Grenzthürmen machte.“ Während ſich der Kaiſer noch in Baiern aufhielt, trafen die großen Staatskörper und die Bevölkerung von Paris die außerordentlichſten Vorkehrungen, den Sieger von Auſterlitz würdig zu empfangen. Das Tribunat machte den Anfang. Es be⸗ ſchloß: 44 „Dem Helden, der durch ſeine Wunderthaten das Lob unmöglich gemacht, einen Beweis der Bewunde⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XXII. 41 162 rung, der Liebe und Dankbarkeit zu geben, der ſo unſterblich bleibe, wie ſein Ruhm.“ Am erſten Januar 1806 wurden die vierund⸗ funfzig Fahnen, die der Kaiſer dem Senate ge⸗ ſchenkt hatte, von dem Tribunate, im Gefolge der Behörden, der Militairmuſik und eines Theils der Beſatzung von Paris nach dem Luxembourg gebracht. Der Erzkanzler und alle Miniſter waren daſelbſt ver⸗ ſammelt. Der Senat, in welchem der Großwahlherr den Vorſitz führte, bezeichnete den Empfang des ruhmreichen Geſchenks, das ſeinen Palaſt ſchmücken ſollte durch den im Namen des franzöſiſchen Volks gefaßten Beſchluß: daß ein Triumphdenkmal Napoleon dem Gro⸗ ßen errichtet werde; daß der Senat Seiner Majeſtät, dem Kaiſer, entgegengehe, um ihm die Bewunderung, Liebe und Dankbarkeit des franzöſiſchen Volkes als Huldigung darzubringen; daß das aus Elchingen datirte Schreiben des Kaiſers an den Senat in marmorne Tafeln eingegra⸗ ben und dieſe im Sitzungsſaale des Senats aufgeſtellt werden ſollten; daß man dieſem Schreiben ferner eingrabe: „Dieſe vierundfunfzig Fahnen ſind dem Senate von dem Tribunate überbracht worden, Mittwochs, den erſten Januar 1806.“ Auch die Kathedrale von Paris erhielt ihren An⸗ theil von den in dieſem glorreichen Feldzuge erbeute⸗ ten Fahnen. Die erzbiſchöfliche Geiſtlichkeit nahm dieſe Trophäen am Portal ihrer Kirche mit großem Pompe in Empfang, worauf ſie an dem Bogenge⸗ wölbe des Tempels aufgehangen wurden. 4 * ———,— ——,— 163 Alſo endete der neunte Feldzug Napoleon's, in welchem die dritte Cvalition europäiſcher Mächte gegen Frankreich geſprengt ward. Keiner war glor⸗ reicher für den Ruhm des großen Feldherrn. In dieſem neunten Feldzuge ſah man wie durch einen Zauberſchlag binnen ſechzig Tagen hundertfunfzigtau⸗ ſend Franzoſen von den Küſten des Kanals und aus der italieniſchen Halbinſel an die Quellen der Do⸗ nau, in die Schluchten des Schwarzwaldes, und von da bis an die karpatiſchen Gebirge und die Quellen der Weichſel verſetzt. In ihm erblickt man den Kai⸗ ſer der Franzoſen als Sieger über die zwei mächtig⸗ ſten Beherrſcher des Feſtlandes; in ihm endlich ſieht man, wie der Kaiſer Napoleon ſeinen Verbündeten Kronen, ſeinen Verwandten fürſtliche Bräute, ſeinen Generälen ganze Staaten und ſeinem Frankreich Größe, Glanz und unſterblichen Ruhm verleiht. Vierzehntes Rapitel. Nech in keinem Frühlinge war wohl die Roſenblüthe von Armand ſehnſüchtiger erwartet worden, als im ſchönen Monat Mai 1806. Es verging faſt kein Tag, wo er nicht nach dem ſtillen Gärtchen hinabge⸗ gangen wäre, das an ſeine Wohnung gränzte und nach den ſchwellenden Knospen geſpäht hätte, die ſich von Tag zu Tag mehr rötheten. Von Florentinen, welche noch immer in der nächſten Umgebung der Kaiſerin weilte, hatte er durch Junot's Vermittelung wohl einige Male Zuſchriften erhalten, aber die Geliebte zu ſehen und zu ſprechen 141* 16⁴ war ihm, trotz aller Bemühungen, nicht gelungen. Wiewohl er nicht begriff, warum man ihm ein Zu⸗ ſammentreffen mit dem Fräulein von Nevers ſo augenſcheinlich erſchwerte, ſo lebte er gleichwohl der ſüßen Hoffnung, daß der Kaiſer, dem Armand's Liebe nicht unbekannt war, ihm in Betreff einer der⸗ einſtigen Vereinigung mit Florentinen kein Hin⸗ derniß in den Weg legen werde. Der Jüngling ſaß ſo eben wieder in der Laube des im reichen Schmucke des Frühlings prangenden Gartens, als die Gitterthür haſtig aufgeriſſen ward und ein reichgeſchmückter Offizier zwiſchen den blü⸗ henden Beeten daherkam. Es war Junot, welcher Armand freudig in die Arme ſchloß. „Auf, mein Freund,“ rief der General,„in den Gärten von Malmaiſon brechen die Roſen auf. Der Kaiſer läßt Euch rufen.“ Armand vernahm freudezitternd dieſe Botſchaft. Er vermochte in der erſten freudigen Beſtürzung kein Wort zu erwiedern. „Aber wo iſt denn der Herr Guiſeppe und der Kanonier,“ fuhr der kaiſerliche General⸗Adjutant fort, „mein Befehl lautet auf alle drei Maillebvis.“ Armand ſchickte ſofort Boten nach ſeinen zwei Brüdern, welche letztere nicht weit von ihm wohnten, und bald fanden ſich auch der Seeoffizier und Nap wohlbehalten und en grand tenue ein. Sie waren beide guter Dinge, nur dem Armand klopfte das Herz etwas. Es war ein wunderſchöner Vormittag, der Him⸗ mel blau und ſanft, die Lerchen jubelten über den grünen Fluren, als die Vier in einem flotten Zwei⸗ geſpann Paris verließen und auf der ſchönen Chauſ⸗ 165 ſee von Malmaiſon dahin fuhren. Schmucke Land⸗ mädchen, die mit üppigen Küchenkräutern und Blu⸗ menkörbchen des Weges daher kamen, nickten freund⸗ lich in den Wagen. Nap, der ſich nicht wenig dar⸗ auf zu Gute that, als gemeiner Kanonier mit einem ſo großen General in einem und demſelben Wagen zu ſitzen, grüßte freundlich herablaſſend; Guiſeppe ſchien ſich um die Grüße der Blumenmädchen weniger zu bekümmern. Junot ſelbſt war außerordentlich guter Laune. Er neckte ſich mit Guiſeppe, dem er den Vorwurf machte, daß er ſein Herz in Deutſchland bei einer ſchönen Wienerin gelaſſen und nun ſeine eignen Landsmänninnen vernachläſſige. Der Seeoffizier wollte das nicht zugeben, obſchon er eingeſtand, daß ihm die deutſchen Mädchen, na⸗ mentlich wegen ihres natürlichen und treuherzigen Weſens, ſehr gefallen hätten. Nach einer heitern Fahrt von mehren Stunden tauchte das in ländlicher Stille gelegene Malmai⸗ ſon mit ſeinen uralten Linden und Ulmen in eini⸗ ger Ferne empor. Schon vernahm man die Thurm⸗ uhr des Schloſſes ſilbern daher klingen. Der Generaladjutant des Kaiſers, welcher über den Zweck der Fahrt ein tiefes Schweigen beobachtet hatte, befahl jetzt dem Kutſcher, die Kaſtanienallee zur Linken einzulenken und durch den Schloßpark zu fahren. Jetzt, nachdem man dem kaiſerlichen Luſtorte ſo nahe war, wo ſich gewiß der Kaiſer und die Kaiſe⸗ rin nebſt andern hohen Staatsbeamten befanden, be⸗ gann auch den beiden andern Brüdern und nament⸗ lich dem Kanonier, der die Kaiſerin noch nie geſehen hatte, ein Wenig das Herz zu klopfen. 166 Der Wagen fuhr jetzt durch das Parkthor und hielt vor einem höchſt geſchmackvoll erbäuten Garten⸗ pavillon. „Da ſind wir,“ rief Junvt, durch den geöffne⸗ ten Schlag ſpringend;„treten wir in den Pavillon, um uns vom Staube zu reinigen und unſre Toilette zu reſtauriren.“ Das fanden die Brüder Maillebvis gleichfalls höchſt zweckmäßig. „Nun, ſo kommt, meine Freunde,“ ſprach der Ge⸗ neral, nachdem ſie mit der Toilette zu Stande, und führte die Jünglinge durch die ſchattenreichen, duf⸗ tenden und mit röthlichem Sande ſauber beſtreuten Gänge des Parks von Malmaiſon. Die Brüder blickten ſich von Zeit zu Zeit einan⸗ der fragend und mit etwas ſchüchternen Blicken an; auch wagte keiner, ſich zu erkundigen, wohin die Reiſe eigentlich gehe. Sie folgten ſchweigend ihrem hohen Führer. Nach einer Wanderung von ungefähr zehn Minu⸗ ten ſprach Junot:„Nun werden wir bald Geſell⸗ ſchaft finden.“ „Geſellſchaft,“ frug jeder des Kleeblatts ſich ſelbſt, „was denn für Geſellſchaft?“ Plötzlich wurden Stimmen durch die dichten Baum⸗ wände vernehmbar, die den Brüdern ſo wunderbar bekannt klangen. Freudig begann allen Dreien das Herz zu ſchlagen. Jetzt bog der General mit ſeinen Begleitern um die Ecke der einen Baumwand. Welch' ein Anblick bot ſich aber hier dar! Die drei Brüder glaubten ih⸗ ren Augen nicht trauen zu dürfen und blieben die erſten Augenblicke wie angefeſſelt ſtehen. Sie glaub⸗ ten zu träumen und ſchienen erſt zu erwachen, als ſie ———————— 167 mit einem allgemeinen Freudenrufe begrüßt wurden. Auf einem wunderſchönen grünen Raſenteppich, der rings von blühenden Schneeballen, Jasmin und Flie⸗ derbüſchen eingezäunt war, befand ſich eine feſtliche Geſellſchaft von lauter lieben und theuern Bekannten, welche ſammt und ſonders den drei Ankömmlingen unter Jubelruf entgegen eilten. Da war vorerſt Herr Maillebois, Ziergärtner aus Merville, ſchönſtens angethan mit der Natio⸗ nalgardenuniform ſeiner Vaterſtadt, ferner Madame Maillebvis, welche die Freude, ihre Söhne wieder zu ſehen, um zehn Jahr verjüngt hatte; ſie glich einer hübſchen Frau in den Zwanzigen, gleichfalls in fun⸗ kelneuem Sonntagsſtaate; ferner noch eine Menge al⸗ ter guter Bekannter aus Merville; der Kaiſer hatte drei Wagen voll herbeiſchaffen laſſen; ferner Herr Morland, Sergeant im erſten Grenadierregimente der kaiſerlichen Garde, wie ſich von ſelbſt verſteht, ausgezeichnet fein gekleidet; ſein Haarzopf war dies⸗ mal ein Meiſterſtück an Kunſt und Genie. Morand war der Einzige, der ſich von dem allgemeinen Jubel nicht mit hinreißen ließ, und nichts vornahm, wo⸗ durch ſeine Würde als alter Gardiſt im Geringſten hätte im falſchen Lichte erſcheinen können. Er ſchritt, als die Reihe an ihn kam, würdevoll auf die drei Brüder zu und umarmte einen nach dem andern mit Grandezza. Ferner fanden ſich unter der fröhlichen Geſellſchaft vor, der Doctor Bonorand, noch immer etwas gebräunt von der Sonne der Antillen, der erſte Kammerdiener Conſtant, der brave General Rapp, der ſich's vom Kaiſer expreß ausgebeten, bei dieſem Familienfeſte zugegen ſein zu dürfen, endlich noch mehre Kameraden von Armand. Es dauerte circa eine kleine Stunde, bevor man 168 nur mit den allerunerläßlichſten Umarmungen zu Stande war. Lange hatte man wohl nicht ſo viel wahrhaft fröhliche Leute in dem ſchattenreichen Parke von Malmaiſon beiſammen geſehen. Es war ein wahrhaft kleines Auferſtehungsfeſt. Die guten Vet⸗ tern, Tanten und Baſen aus Merville konnten ſich nicht ſatt ſehen an den ſtattlichen Söhnen des Vater Maillebois, die ſie zum Theil noch in der Kinder⸗ kappe umherlaufen geſehen zu haben ſich erinnerten. „Sieheſt Du, Mütterchen,“ rief Nap mit inniger Freude, Madame Maillebois wiederholt umarmend, „iſt es nicht gut, daß ich Kanonier geworden, na, nicht wahr?“ Rapp, Junot, Bonorand und Conſtant ſchauten lachenden Herzens in den fröhlichen Tumult, während ganz in der Nähe, aber ungeſehen, hinter einer laubreichen Baumwand ein kleiner Mann in ei⸗ nem grauen Ueberrocke ſtand, und durch eine kleine Oeffnung in der Wand blickend, an der allgemeinen Freude ſich höchlichſt zu ergötzen ſchien. Lange weilte derſelbe in ſeinem Verſteck, bis er endlich auf einem Umwege nach dem Schloſſe, von wo er gekommen, zurückkehrte. Plötzlich erſchien ein Kammerdiener, welcher dem General Junot ein paar Worte in's Ohr flüſterte. Dieſer winkte Armand und geleitete ihn nach dem rechten Flügel des Schloſſes, aus welchem eine Glas⸗ thüre nach dem Garten führte. Armand folgte un⸗ ter nicht geringem Herzklopfen dem General, der die ſchöne Marmortreppe hinaufſtieg und durch mehre prachtvolle Gemächer wandelte. Auf dem ganzen Wege hatte Junot kein Wort geſprochen, als ſich aber jetzt eine große Flügelthüre aufthat, flüſterte er Armand in's Ohr: 169 „Erſchreckt nicht, jetzt beſcheert der heilige Chriſt.“ Und dem war auch ſo. Wer vermöchte des Jüng⸗ lings ſelige Ueberraſchung zu ſchildern, nachdem er in den großen, herrlich geſchmückten Saal getreten. Da ſaßen auf einer Ottomane die Kaiſerin Joſe⸗ phine und neben ihr Florentine, in himmliſcher Schönheit, geſchmückt wie eine Braut. So wie die Kaiſerin Armand erſchaute, der mehr todt als le⸗ bendig in der Mitte des Saales ſtand, bis wohin ihn der General gebracht hatte, erhob ſie ſich, und Florentine zu ihm führend, legte ſie die fieberhaft glühende Hand des reizenden Kindes in ſeine Rechte, indem ſie mit ihrer ſonoren ſanften Stimme die Worte ſprach: „Edelſinn und Tapferkeit empfange hier⸗ mit den Lohn der treuen Liebe.“ Zugleich war auch der Kaiſer durch eine Tapeten⸗ thür hereingetreten und überreichte Florentinen ein Papier mit den Worten: „Der Thränen ſind genug gefloſſen, gern biete ich die Hand der Verſöhnung.“ Das Schreiben enthielt die Begnadigung von Flo⸗ rentinen's Oheim, des Grafen von Nevers, wel⸗ cher von dem Kriegsgerichte war zum Tode verurtheilt worden. Die Liebenden waren auf die Knie geſunken und hielten wie betend die Hände empor zu ihren kaiſer⸗ lichen Wohlthätern. Sanft hob der Kaiſer das ſelige Paar empor und mit demſelben in den angrenzenden Saal tretend, wohin unterdeß die Geſellſchaft aus dem Parke geführt worden war, ſprach er: „Fräulein Florentine von Nevers und der Gardecapitain Armand Maillebois empfehlen ſich 17⁰ den werthen Gäſten von Malmaiſon als Verlobte,“ worauf er zu der Kaiſerin zurückkehrte. Jetzt begann die große Gratulationsſcene, welche wieder einen anſehnlichen Zeitraum in Anſpruch nahm. Als Bonorand gratulirte, ſprach er:„Nun werde ich doch endlich Recht behalten, daß Ihr unter einem glücklichen Sterne geboren ſeid.“ Morland, deſſen Geſtalt beim Anblick Florentinen's um vieles län⸗ ger wurde, murmelte ganz leis in den Bart:„Kreuz⸗ bombenbataillon, das iſt ein feines Mädel, ein höchſt feines Mädel.“ Die Verwandten und Be⸗ kannten aus Merville wagten kaum die kleine weiße Hand zu berühren, welche ihnen die ſchöne Braut mit liebevollem Lächeln darbot. Der alte Maillebvis, in der Nationalgardeuniform von Merville, machte die ehrfurchtsvollſten Bücklinge vor ſeiner künftigen Schwiegertochter und Madame Maillebois die de⸗ voteſten Knixe. Die anweſenden Kameraden Ar⸗ mand's, ſowie der General Rapp und Freund Conſtant konnten ſich nicht ſatt ſehen an der herr⸗ lichen Erſcheinung. Der Kanonier geſtand Mor⸗ land im Vertrauen, ein ſo ſchönes Mädchen noch nicht geſehen zu haben. „Nun, wie geſagt,“ erwiederte dieſer leiſe,„ich ſage Dir, es iſt etwas höchſt Nobles.“ Nachdem man mit den Gratulationen zu Ende, wanderte die Geſellſchaft, auf Junot's Commando, nach dem in ſchönſter Pracht des Frühlings ſtehenden Garten. Mehre Freundinnen Florentinen's, Ver⸗ wandte von Junot und gleichfalls reizende Mädchen ſchloſſen ſich an. In dem einen Theile des Gartens, wo rings um, her Tauſende von Centifolien im Aufbrechen begriffen waren, ſtand unter einem ſchönen türkiſchen Zelte ein 171. auserleſenes Frühſtück aufgetragen. Das Brautpaar erhielt, wie ſich verſtand, den Ehrenplatz zwiſchen ₰ Herrn und Madame Maillebvis. Morland ſaß neben Guiſeppe und dem Kanonier und dem Ge⸗ neral Rapp gegenüber. Er prüfte mit Kennerblick die zahlreichen Etiketten der koſtbaren Weine, ſowie die Unzahl der auserwählten Gerichte aus der kaiſer⸗ lichen Küche, und raunte dem Guiſeppe in's Ohr: „Ich muß Euch geſtehen, ein höchſt nobles Früh⸗ Während des fröhlichen Dejeunüs erſchienen der Kaiſer und die Kaiſerin bei der glücklichen Geſellſchaft, —— ſprachen mit jedem der Anweſenden und kehrten erſt nach Verlauf einer halben Stunde nach dem Schloſſe zurück. Namentlich waren die Gäſte aus Merville* ganz bezaubert von der huldvollen Herablaſſung der kaiſerlichen Majeſtäten. Nach dem Frühſtück erging ſich die Geſellſchaft in den ſchattenreichen und blüthenvollen Gängen des Gartens von Malmaiſon. Die ſüßen Weine hat⸗ ten die Herzen aufgeſchloſſen und einander näher ge⸗ bracht. Die beengenden Bänder der Etikette löſten ſich allmälig. Armand wandelte mit verklärtem Antlitz am Arme der ſeligen Florentine. Er hätte mit keinem Könige der Erde getauſcht. Morland war von dem duftigen Muskateller aus dem kaiſer⸗ lichen Keller ziemlich warm geworden. Er hatte dem etwas ſchüchternen Kanonier ſchon zu wiederholten. Malen gerathen, ein Herz zu faſſen und ſich umzu⸗ 3 ſehen unter den Töchtern des Landes; die beiden Coufinen von Junot wären höchſt noble Fräuleins, 6 während er ſelbſt mit Beharrlichkeit und Feinheit Ma⸗ dame Maillebois die Cvur machte. Er ſchien wirklich die Abſicht zu haben, ſeinem alten Zeltcame⸗ ———— —— =— 172 raden, dem Ziergärtner, trotz dem, daß dieſer in der Merviller Nationalgardenuniform ſiegesſicher einher⸗ ſchritt, für heute aus dem Sattel zu heben. Gui⸗ ſeppe erneuerte eine Schulbekanntſchaft mit einer hübſchen Couſine aus Merville. Bonorand ward von Conſtant in den herrlichen Gewächshäuſern von Malmaiſon umhergeführt, während der alte Maillebois ſich außerordentlich geehrt fühlte, mit dem tapfern General Rapp auf⸗ und niederwandeln und über den ägyptiſchen Feldzug vortrefflich diseuri⸗ ren zu können. Die Kameraden Armand's mach⸗ ten es ſich zur angenehmen Pflicht, für die Unter⸗ haltung der beiden Coufinen Junot's, ſo wie der ehrlichen Vettern und Muhmen aus Merville be⸗ ſtens zu ſorgen, an welche ſich endlich auch der Ka⸗ nonier anſchloß. So war für ſämmtliche Gäſte zu Malmaiſon ſchönſtens geſorgt. Zwei Stunden verflogen wie we⸗ nig Augenblicke. Da ließ Junot, der ſich in der Rolle eines Maitre de Plaiſir beim heutigen Feſte außerordentlich gefiel und ihr alle Ehre machte, die Geſellſchaft wieder zuſammen rufen und that, nach eingeholter kaiſerlicher Erlaubniß, den Vorſchlag, nach ſeinem zwei Stündchen von Malmaiſon gelegenen Gute Montjvie zu fahren, das er vorigen Herbſt gekauft, neuerdings habe reſtauriren laſſen, und da⸗ ſelbſt auf das Wohl des Brautpaars ein Glas Cham⸗ pagner zu trinken; er gebe nämlich viel auf das alte Sprichwort, wonach es großes Glück für ein neu ein⸗ gerichtetes Haus bedeute, wenn daſſelbe durch ein an demſelben Tage verlobtes Brautpaar betreten werde. Die Worte des Generals fanden allgemeinen Bei⸗ fall und bald fuhr eine ganze Wagenburg hinüber nach Montjoie. Nach einſtündiger, höchſt amuſan⸗ ———— 173 ter Fahrt durch eine lachende Gegend, traten das ſchloßähnliche Herrnhaus und die ſtattlichen Wirth⸗ ſchaftsgebäude von Montjoie, reizend am Abhange einer Hügelkette gelegen, hinter einem Kaſtanienwalde hervor und wurden von der Reiſegeſellſchaft mit all⸗ gemeinem Jubel begrüßt. Der erſte Wagen, in welchem ſich Armand und Florentine befanden, fuhr bei dem Portale des Herrnhauſes vor, woſelbſt ſie der alte Majordomus im Ornate empfing. Das Brautpaar betrat zuerſt das ſtattliche Gebäude. Nun machte ſich's Junot zur angelegentlichſten Pflicht, ſeine Gäſte mit der Räumlichkeit und der Einrichtung ſeiner ſchönen Beſitzung bekannt zu ma⸗ chen. Alles befand ſich im beſten Zuſtande, Scheuer, Ställe, Keller und Böden waren gefüllt, ſo daß Morland unumwunden geſtand, ein ſo wohl arran⸗ girtes und höchſt nobles Landgut ſei ihm noch nicht vorgekommen. „Aber, meine Freunde,“ begann Junot, nach⸗ dem die Geſellſchaft Alles in Augenſchein genommen, mit gerechter Bewunderung begrüßt und ſich wieder in dem ſchönen Saale des Herrnhauſes zuſammen gefunden hatte,„noch nicht Alles haben Sie ge⸗ ſehen, auch eine hiſtoriſche Merkwürdigkeit birgt mein Landgut, welche ich der Gnade Seiner Majeſtät ver⸗ danke.“ Er führte hierauf die erwartungsvollen Zuhörer nach dem ſchönen Parke. Man war nicht lange ge⸗ gangen, als ſich den erſtaunten Blicken eine von ur⸗ alten Ulmen umringte Raſenrotunde zeigte, wo auf einem granitnen Piedeſtal ein ruſſiſcher Zwölf⸗ pfünder ſtand. „Dieſes ruſſiſche Geſchütz,“ erklärte nun Junot, 17⁴ „erinnert an eine der ſchönſtenglund heldenkühnſten Waffenthaten des Feldzugs von Auſterlitz. Es iſt jenes ruſſiſche Geſchütz, welches der ſiebzehnjährige Napoleon Maillebvis, kaiſerlich⸗königlicher Ka⸗ nonier im vierten Regiment erobert hat.“ „Der Tauſend, Nap, Dein Püppchen,“ ſchmun⸗ zelte Morland,„wahrhaftig, das iſt nobel vom Kaiſer, daß er das nicht hat mit einſchmelzen laſſen.“ Jetzt gelangte der Kanonier zu hohen Ehren. Er ward der Gegenſtand der allgemeinſten Bewun⸗ derung, ſeine außerordentliche Tapferkeit trat Allen wieder lebhaft vor Augen. Man vergaß ſelbſt eine Zeit lang das Brautpaar. „Und jetzt, meine Freunde,“ fuhr Junot fort, nachdem man den Zwölfpfünder von allen Seiten beſehen und betaſtet hatte,„wollen wir auf der Platt⸗ form des Herrnhauſes, von wo man eine ſchöne Ausſicht über die Umgegend genießt, die verſprochene Geſundheit auf die Brautleute trinken.“ Der General hatte wahr geſprochen; von der Plattform des Herrnhauſes genoß man eine reizende Ausſicht auf die ganze umliegende Gegend. Man konnte von hier das ſchöne Gut mit all' ſeinen Wal⸗ dungen, Wieſen, Aeckern, Gärten, Teigen, Rebhügeln und dem dazu gehörigen freundlichen Dörfchen über⸗ ſehen. Die Sonne, welche ſich bereits nach Abend neigte, ruhte mit Liebe über Berg und Thal und vergoldete rings die friedliche Landſchaft. Da brachte Junot ſeinen Toaſt auf das Brautpaar aus, der Cham⸗ pagner perlte und die Gläſer klangen unter Jubel aneinander. „Und jetzt,“ fuhr der General fort,„hab' ich —, 175 9 noch eine Mittheilung den verehrten Gäſten von Malmaiſon zu machen.“ Es entſtand eine tiefe Stille. „Dieſes ſchöne Gut,“ ſprach Junot mit erho⸗ bener Stimme weiter,„das Sie hier vor ſich ſehen, hab' ich geſtern an Seine Majeſtät den Kaiſer und König, unſern verehrungswürdigen Monarchen, ver⸗ kauft, und dieſer verſchenkt es kraft dieſer Urkunde, die ich hier in der Hand halte, und in dankbarer Erinnerung und Anerkenntniß für die dem Vater⸗ lande geleiſteten Dienſte, dem Armand Maille⸗ bois, Capitain im zweiten Regiment der Grenadier⸗ garde zu Pferde, und zwar uuter der Bedingung, daß er die Hälfte des alljährlichen Ertrags an ſeine zwei Brüder, Guiſeppe und Napoleon, abtritt, ſo wie auch dem Nikodemus Morland, Sergeant im erſten Gardegrenadierregimente, eine jährliche Rente von ſechshundert Franken zahlt und ihm, für den Fall es dem Veteran bei der Armee nicht mehr gefällt, auf dem Gute ein anſtändiges und freundliches Obdach einräumt.“ Die Geſellſchaft ſammt und ſonders glaubte, als Junot geendet, ihren Ohren nicht zu trauen. Die drei Brüder und das Aelternpaar Maillebois wa⸗ ren ſo überraſcht, daß ſie kaum einige unverſtändliche Laute zu ſtammeln vermochten. Nur Morland, den in der höchſten Gefahr wie im höchſten Glück nie die Faſſung verließ, ſprach die Worte: „Das nenn'ich mir nobel!“ Noch ehe die Roſen abgeblüht in den Gärten von Malmaiſon, war fröhliche Hochzeit auf Montjvie. 476 Sämmtliche Gäſte, welche bei der Verlobung des Gardecapitains Armand Maillebois mit Fräu⸗ lein Florentine von Nevers zugegen geweſen, waren wieder geladen. Morland ließ ſich's nicht nehmen, zur Verherrlichung des frohen Tages, unun⸗ terbrochen mit der ruſſiſchen Kanone zu feuern, bei welchem Geſchäft er von Guiſeppe und Nap eif⸗ rigſt unterſtützt ward. Als die Gäſte beim glänzenden Hochzeitmahle ver⸗ ſammelt ſaßen, erſchien ein kaiſerlicher Page von Malmaiſon und überbrachte reiche Geſchenke Na⸗ poleon's und Joſephinen's für Braut und Bräutigam. Nie ſah man ein fröhlicheres Hochzeitfeſt, die Luſt dauerte bis tief in die Nacht, und nie iſt wohl aus aufrichtigeren und glücklicheren Herzen gerufen worden das welterſchütternde—„Vive l'empereur!“ Ende. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. 578 e14 ence —