Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Eduurd Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines jedem Tag 5 Pf bezahlt. Zei den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat; 1 Me.— Pf 1 W 6 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Motto: unter den Kronen der Erde ſtrahlt Frankreichs Diadem am Schönſten. * Erſtes Rapitel. ſ2 Wo bot wohl je wieder jener Mittelpunkt der Mode und des Luxus, die Weltſtadt Paris, einen großarti⸗ geren und glänzenderen Anblick dar, als an jenem trüben Morgen des zweiten December 1804, wo der große Sohn der Revolution, Napoleon Bona⸗ parte, im Begriff ſtand, ſich die mit ſeinem Genie und ſeinem Schwerte eroberte ſiegfunkelnde Krone Frankreichs auf's Haupt zu ſetzen. Bereits ſeit Morgens ſechs Uhr läuteten die Glocken auf allen Thürmen der Hauptſtadt, donnerten unun⸗ terbrochen die Kanonen. Halb Frankreich drängte, preßte und zwängte ſich in den Straßen, auf den freien Plätzen und Boulevards hin und wieder. Alle Straßen, durch welche der Krönungszug kommen ſollte, namentlich die Rue St. Honorés waren auf das Feſt⸗ lichſte geſchmückt, die Fenſter bis zum vierten und fünften Stockwerk mit Draperien und Guirlanden umhangen und von den ſchönen Frauen und Mädchen beſetzt, die in den reizendſten Toiletten prangten. Viele der Damen waren die vorhergegangene Nacht gar nicht ſchlafen gegangen, da ſie wegen Seltenheit der Friſeurs ſich Abends zuvor hatten friſiren müſſen. Achtzehn Dragonerregimenter und dreißigtauſend Mann 8 Infanterie, alle in neuer glänzender Waffenpracht, bil⸗ deten ein Spalier von den Tuilerien bis zur Kirche der Notre⸗Dames. Bereits um ſieben Uhr begaben ſich Deputationen der Nationalgarde, der Caſſativns⸗Gerichtshof, die Rechnungskammer, die Mitglieder der Tribunalien und der Verwaltung, die Wahldeputationen und alle ein⸗ geladene öffentliche Beamte in Zügen nach der Kirche. Um acht Uhr fuhr der Senat, das Staatscon⸗ ſeil, das geſetzgebende Corps, das Tribunal, jedes unter Eskorde von hundert Reitern, nach demſelben Orte. Etwas ſpäter folgte das diplomatiſche Corps, gleichfalls unter Bedeckung von hundert Reitern. Um neun Uhr verließ der Papſt die Tuilerien, um ſich nach dem erzbiſchöflichen Palaſte zu begeben. Er fuhr in einem von acht Iſabellen gezogenen Wa⸗ gen, auf welchem die Tiare mit allen Symbolen der väpſtlichen Würde glänzte. Der erſte Kämmerer Seiner Heiligkeit ritt vor dem Wagen auf einem Mauleſel, ein vergoldetes Kreuz in der Hand tragend. Im großen Hofe des erzbiſchöflichen Palaſtes ward der heilige Vater von dem Kardinal Erzbiſchof von Paris an der Treppe empfangen und in den großen Saal geführt, wo bereits alle Cardinäle, Erz⸗ biſchöfe und Biſchöfe Frankreichs, ſo wie ſämmtliche Geiſtliche verſammelt waren, die bei der großen Ce⸗ remonie Dienſte zu verrichten hatten. Auf vier Tiſchen befanden ſich die päpſtliche Krone, zwei Biſchofsmützen, der Ornat des Cardinaldiaconus und des Unterdiaconus, der Ornat des griechiſchen Diaconus und Unterdiaconus und die ſieben Leuchter. Während Seiner Heiligkeit der Ornat von deñ umſtehenden Prälaten dargereicht wurde, begab ſich 9 der Cardinal Erzbiſchof mit ſeinem Kapitel nach dem Dom, um daſelbſt den Papſt und die franzöſiſche Geiſtlichkeit zu empfangen. Als der heilige Vater unter einem Thronhimmel in großer Prozeſſion den Dom betrat, ward der Kir⸗ chengeſang:„Tu es Petrus“ angeſtimmt, worauf ſich Seine Heiligkeit auf den für Dieſelben beſtimmten Thron begab. Fortwährend donnerten Artillerieſalven, läuteten die Glocken. Endlich, es hatte auf den Thürmen ſo eben die zehnte Stunde geſchlagen, da bewegte ſich langſam, majeſtätiſch, in feierlicher, nie geſehener Pracht, der kaiſerliche Zug aus dem Thore der Tuilerien. Der Kaiſer und die Kaiſerin ſaßen in einem Wa⸗ gen, der an Glanz, Gold und Verzierungen alles Andere überſtrahlte. Er war von höchſt geſchmackvoller Bauart und mehr aus Glas denn aus Holz zuſam⸗ mengeſetzt, ſo daß man das hohe Paar vollkommen ſehen konnte. Oben erblickte man die kaiſerliche Krone, die von vier Adlern mit ausgebreiteten Flügeln ge⸗ tragen ward. Der Wagen ſelbſt ward von acht milch⸗ weißen mit Gold und Federn bedeckten Zeltern gezo⸗ gen und daneben her gingen zwölf Pagen in reicher Kleidung. 4 Den großartigen Zug eröffneten acht Schwadronen Cuiraſſiers, acht Schwadronen Carabiniers, acht Schwa⸗ dronen von Jägern der Garde, mit Plotonen von Mameluken untermiſcht. Der Gouverneur von Paris, Marſchall Murat, ritt mit ſeinem Stabe an der Spitze dieſer Truppen. Hierauf folgten die Herolde zu Pferde, ferner der Ceremonienmeiſter mit ſeinen Untergebenen, die Miniſter, der Großkammerherr, Großſtallmeiſter, Großceremonienmeiſter, der Erzkanz⸗ ler und Erzſchatzmeiſter, die Prinzeſſinnen in acht ſechsſpännigen Wagen. Jetzt kam der bereits beſchrie⸗ bene kaiſerliche Wagen, worin ſich Napoleon, Jo⸗ ſephine und dieſen beiden gegenüber die Prinzen Joſeph und Louis befanden. Es folgten der Groß⸗ kaplan, Großmarſchall des Palaſtes und Großjäger⸗ meiſter; ferner die Ehrendame, die Dame d'Atour, der erſte Stallmeiſter, der erſte Kammerberr der Kai⸗ ſerin, zehn Palaſtdamen, zwei Kammerherren, Civil— beamte des Kaiſers und der Kaiſerin, Damen und Beamten der Prinzen und Prinzeſſinnen, zuſammen in eilf ſechsſpännigen Wagen. Zu beiden Kutſchenſchlägen des kaiſerlichen Wa⸗ gens ritten die General-Obriſten der Garde; der Kom⸗ mandant der Gensd'armerie zu Pferde befand ſich unmittelbar hinter dem Wagen. Das ſchneeweiße Acht⸗ geſpann war von kaiſerlichen Adjutanten umringt und varallel mit den Hinterrädern ritten die Stallmeiſter. Den Zug ſchloſſen Grenadiere der Garde zu Pferde, mit Plotons reitender Artillerie vermiſcht und eine Schwadron der Elitengensd'armerie. Nach anderthalb Stunde langte Napoleon beim erzbiſchöflichen Palaſte an, woſelbſt er den kaiſerlichen Krönungsmantel umlegte. Derſelbe war aus carmvi⸗ ſinrothem Sammet gefertigt, mit zerſtreuten erhabe⸗ nen, in Gold geſtickten Bienen beſäet, ringsum mit einer breiten Goldſtickerei, von Lorbeerzweigen, Früch⸗ ten und Fruchtähren durchſchlungen; in gewiſſen Ent⸗ fernungen von einander glänzten ſilberne Sonnen mit dem goldnen Buchſtaben N. und mit Eichen- und Oli⸗ venzweigen gekrönt. Er war ganz mit Hermelin aus⸗ geſchlagen, ſo daß das Futter vier Zoll unter der goldnen Stickerei hervorragte. Seine Schwere wog gegen achtzig Pfund. 11 Der Mantel der Kaiſerin glich dem ihres Gemahls vollkommen, nur daß an ihm die Sonnen Gold und das N. aus Silber gearbeitet waren. Der übrige Anzug des Kaiſers beſtand aus ſeid⸗ nen Strümpfen, die über den Zwickeln in Gold mit der Kaiſerkrone geſtickt waren; aus Halbſtiefeln von weißem Sammet, zugeſchnürt und mit Gold beſetzt; aus Beinkleidern von weißem Sammet, auf den Näh⸗ ten mit Gold geſäumt; Kniebänder von Diamanten; aus einer Weſte ebenfalls von weißem Sammet und Gold durchwirkt, mit Knöpfen von Diamanten; aus einem Leibrocke von carmviſinrothem Sammet überall reich mit Gold verziert. Der carmoiſinrothe Halb⸗ mantel war mit weißem Atlas gefüttert; er bedeckte die linke Schulter und ward rechts auf der Bruſt durch eine Doppelagraffe von Diamanten gehalten. Das Halstuch war aus feinſtem Mouſſelin gewoben und der Spitzenkragen beſtand aus den koſtbarſten Spitzen. Auf dem Faltenhute ſchwankten zwei weiße majeſtätiſche Reiherfedern, die Schnure bildeten Dia⸗ manten, deren Knopf der Regent war. Faſt noch blendender als Napoleon ging Jo⸗ ſephine gekleidet; ihr Kleid funkelte von zahlreichen Diamanten. Den Gürtel bildeten eine Guirlande von rothen Roſen, die ſämmtlich aus Diamanten kunſtreich zuſammengeſetzt waren. Der trübe Himmel, der den ganzen Morgen über der Stadt gelegen, begann ſich aufzuklären, als der kaiſerliche Zug die Tuilerien verließ; und ſo wie der Kaiſer bei der Notre⸗Dame anlangte, trat die Sonne hervor. Unter tauſendſtimmigem freudigen Zurufe betrat das kaiſerliche Paar den majeſtätiſchen Dom, wo ſich in reicher, nie geſehener Pracht das Edelſte und — 12 Schönſte verſammelt hatte, was nur das große Frank⸗ reich aufzuweiſen vermochte. Die Haltung und Miene des Kaiſers war einfach und ernſt, die der Kaiſerin voller Grazie und lie⸗ benswürdiger Freundlichkeit. Unter der großen Thüre wurden die beiden Ma⸗ jeſtäten von den franzöſiſchen Cardinälen, Erzbiſchö⸗ fen, Biſchöfen, denen die geiſtlichen Ceremonienmeiſter voranſchritten, empfangen. Von jetzt an bildete ſich der große, impoſante Krönungszug, während die bei⸗ den rieſenhaften Orcheſter den großartigen, von Le⸗ ſeur componirten Kriegsmarſch anſtimmten. Ueber⸗ haupt war auf den Chören Alles vereinigt, was nur Paris an großen mufikaliſchen Talenten beſaß. Zwei Orcheſter, mit vier Chören, jedes aus mehr denn drei⸗ hundert Muſikern beſtehend, wurden, das eine von Herrn Perſuis, das andre von Herrn Rey diri⸗ girt, welche Beide Vorſteher der Muſik des Kaiſers waren. Der Krönungszug aber fand in folgender Ord⸗ nung ſtatt: Vorerſt die Huiſſiers, vier in der Reihe; die He⸗ rolde, je zwei und zwei; die Pagen; die Untergebe⸗ nen der Ceremonienmeiſtcr; die Ceremonienmeiſter: der Großceremonienmeiſter; der Marſchall Serrurier, der auf einem Kiſſen den Ring der Kaiſerin trug; der Marſchall Moncey mit dem Korbe für den Mantel der Kaiſerin; der Marſchall Murat mit dem Kiſſen, worauf die Krone der Kaiſerin ruhte. Neben jedem dieſer drei Großbeamten ging ein Kammerherr und ein Stallmeiſter der Kaiſerin. Die Entfernung, in welcher ſie von einander einherſchritten, betrug zehn Schritte. Jetzt erſchien die Kaiſerin mit dem Krönungs⸗ 13 mantel geſchmückt, aber ohne Ring und ohne Krone. Ihr folgen die Prinzeſſinnen, welche die Enden des kaiſerlichen Mantels halten; neben einer jeden geht ihr erſter Kammerherr und ihr erſter Stallmeiſter. Den Mantel der Prinzeſſinnen trägt ein Offizier ih⸗ res Hauſes. Es folgen die Ehrendame und die Dame d Atour der Kaiſerin; hierauf der Marſchall Keller⸗ mann, der die Krone Karl's des Großen, der Marſchall Perignon, der den Scepter Karl's des Großen, der Marſchall Lefebvre, der das Schwert Karl's des Großen, der Marſchall Bernadotte, der das Halsband des Kaiſers, der Obriſt Beau⸗ harnvis, der den Ring des Kaiſers, der Marſchall Berthier, der den kaiſerlichen Reichsapfel und der Großkammerherr, der den Korb für den kaiſerlichen Mantel trägt. Neben jedem dieſer Großbeamten ſchreitet zur Rechten und Linken ein Kammerherr und Adjutant des Kaiſers. Jetzt endlich erſchien Napoleon der Erſte, Kaiſer der Franzoſen, bekleidet mit dem kaiſer⸗ lichen Mantel, in den Händen den Scepter und die Hand der Gerechtigkeit“) haltend. Es folgen die Prinzen und die Erzbeamten, die die Ecken des Man⸗ tels des Kaiſers tragen. Ferner der Obriſtſtallmei⸗ ſter, der Generalobriſt der dienſthabenden Leibgarde und der Großmarſchall, welche alle Drei in einer Reihe gehen. Hierauf die Miniſter und Großbeam⸗ ten vom Militair, je vier und vier. So wie die beiden kaiſerlichen Majeſtäten, über deren Häuptern ein von den Domherren getragener * Main de justice, ein Scepter mit einer elfenbeinernen Hand, welcher ſchon zum Ornate der alten Könige von Frank⸗ reich gehörte. 1⁴ Thronhimmel ſchwebt, am Chore angelangt waren, vot der Kardinal Erzbiſchof von Paris dem Kaiſer, und ein anderer Kardinal der Kaiſerin das Weih⸗ waſſer dar. In demſelben Augenblicke verließ Seine Heiligkeit der Papſt ſeinen Thron, trat an den Hoch⸗ altar und ſtimmte das veni creator“ an. Während dieſes Geſanges knieten Kaiſer und Kaiſerin nieder und verrichteten ein ſtilles Gebet. Nach Beendigung deſſelben erhoben ſich die beiden Majeſtäten wieder. Es nahte der Erzkanzler des Reichs, welchem der Kaiſer die Hand der Gerechtig⸗ keit übergibt; der Erzſchatzmeiſter empfängt den Scep⸗ ter, der Großwahlherr die Krone und der Oberkam⸗ merherr das Halsband. Der Oberkammerherr, der Oberſtallmeiſter und zwei Kammerherren knüpfen den kaiſerlichen Mantel los. Der Kaiſer zieht ſeinen De⸗ gen aus der Scheide und übergibt ihn dem Connetable. Während dies geſchieht, wiederholt ſich dieſelbe Ceremonie mit der Kaiſerin. Auch ſie wird der In⸗ ſignien entkleidet, welche auf dem Altar niedergelegt werden. Nachdem der Papſt das„Neni creator“ geendigt, nahte er ſich dem Kaiſer und während der Großal⸗ moſenier Seiner Majeſtät das Evangelienbuch vor⸗ hält, fragte er:„Proſiteris ne“ etc. Der Kaiſer legt beide Hände auf das Evangelium und antwor⸗ tet:„Proliteor.“ Es nahmen jetzt die beiden Majeſtäten auf dem kleinen Throne Platz, während daß Gebete und Li⸗ taneien geſungen werden. Nach Beendigung derſelben erſcheinen der Groß⸗ almoſenier Frankreichs, der erſte der franzöſiſchen Car⸗ dinäle, der älteſte Erzbiſchof und der älteſte Biſchof vor dem Kaiſer und der Kaiſerin und führen denſel⸗ ben an den Fuß des Altars, um daſelbſt die heilige Salbung zu empfangen. Der Papſt verrichtet die dreifache Salbung, eine auf das Haupt und die andere auf beide Hände. Hierauf werden Kaiſer und Kaiſerin von denſelben vier hohen Geiſtlichen wieder zu dem kleinen Throne zurückgeführt, woſelbſt das heilige Oel bei dem Kai⸗ ſer von dem Oberkammerherrn, bei der Kaiſerin von der Ehrendame abgetrocknet wird. Unterdeß beginnt der Papſt die Meſſe. Seine Heiligkeit ſegnet die Krone, das Schwert, den Man⸗ tel und die Ringe. Hierauf begeben ſich Ihre Ma⸗ jeſtäten abermals zum Altar, von denſelben vier Geiſt⸗ lichen und außerdem von Erzkanzler, Erzſchatzmeiſter, Oberkammerherrn, Oberſtallmeiſter und zwei Kammer⸗ herren, die dem Kaiſer, und der Ehrendame und der hame d'Atour, die der Kaiſerin folgen, begleitet. Es werden ſodann dem Kaiſer der Ring, das Schwert, der Mantel, die Hand der Gerechtigkeit, der Scepter, und der Kaiſerin der Ring, der Mantel und die Krone überreicht. Hierauf nimmt Napoleon die vom Papſt ge⸗ weihte Krone vom Altar und ſetzt ſich dieſelbe unter allgemeinem Glockengeläut, unter weithinhallendem Donner der Kanonen, dem Wirbeln der Pauken und Schmettern der Trompeten auf's Haupt. Dieſelbe Handlung wiederholt er gleich darauf mit der vor ihm knicenden Kaiſerin, indem er derſelben die zweite in reicher Dimantenpracht funkelnde Krone auf die ſchöne Stirn drückt. Die Krone des Kaiſers war einfach aber ge⸗ ſchmackvoll. Sie war von Gold gearbeitet, und be⸗ ſtand aus Eichen- und Lorbeerblättern. Die Krone der Kaiſerin bildeten acht Zweige, die ſich unter einer —— 16 goldnen Erdkugel, auf der ſich ein Kreuz befand, vereinigten. Die Zweige ſtrahlten von Diamanten, vier in Geſtalt von Palmen, vier in Geſtalt von Myrthenblättern. Um die Krümmung lief eine Schnur, mit acht großen Smaragden. Die Binde, die auf der Stirn ruhte, funkelte von Amethyſten. Das Diadem beſtand aus vier Schnuren Perlen von dem reinſten Waſſer, die mit Laubwerk und den auser⸗ leſenſten Diamanten durchflochten waren. Nachdem die Kronen die Häupter von Napo⸗ leon und Joſephine bedeckten, erhob ſich der Papſt von ſeinem Sitze und führte unter feierlicher Beglei⸗ tung der Kardinäle die beiden Majeſtäten auf den großen Thron am Ende der Kirche, dem Altare gegenüber, woſelbſt ſie Platz nahmen. Der Papſt küßte den Kaiſer auf die Wange, kehrt ſich darauf gegen das große Geleit und ruft:„Vivat imperator in aeternum!“ Da hallte das große Ge⸗ wölbe der Notre⸗Dame von dem tauſendſtimmigen: „Es lebe der Kaiſer und die Kaiſerin!“ wieder. Der heilige Vater kehrt nach ſeinem Sitze am Altar zurück und Napoleon ſitzt nun allein auf dem großen Throne in erhabener Majeſtät; eine Stufe niedriger zu ſeiner Rechten die Kaiſerin auf einem Lehnſeſſel; noch eine Stufe niedriger, zur Rechten der Kaiſerin, ſitzen die Prinzeſſinnen auf Stühlen, hinter ihnen die Ehrendame und die Dame d'Atour. Zur Linken des Kaiſers, zwei Stufen niedriger, die zwei Prinzen und zu ihrer Linken die zwei Erzbeamten. Hinter dem Kaiſer zur Rechten und Linken ſtehen der Gardeobriſt, der Obermarſchall, die vier Großbeam⸗ ten und die übrigen Perſonen der kaiſerlichen Suite. Der Papſt ſtimmt jetzt das Tedeum an und voll⸗ endet hierauf die Meſſe. Nach beendigtem Evange⸗ 17 lium tritt der Großalmoſenier in Begleitung der Ka⸗ plane des Kaiſers und der Kaiſerin zum Altar, holt von da das Evangelium und bringt es Ihren Maje⸗ ſtäten zum Kuſſe. Beim Offertorium begeben ſich Napoleon und Joſephine zum Altar, um ihr Opfer darzubringen. Vor ihnen her gehen Beamte, die zwei Kerzen tra⸗ gen, worin dreizehn Gold⸗ und dreizehn Silberſtücke ineruſtirt ſind, ferner ein goldnes und ein ſilbernes Brot und das Gefäß. Kaiſer und Kaiſerin, mit Krone und Mantel knieen auf ein Kiſſen nieder und überreichen die Opfer Seiner Heiligkeit dem Papſte, worauf ſie auf den großen Thron zurückkehren. Nach beendigter Meſſe bringt der Großalmoſenier dem Kaiſer von Neuem das Evangelium. Zu glei⸗ cher Zeit nahet der Präſident des Senats, inmitten des Präſidenten des geſetzgebenden Corps und des Präſidenten vom Tribunat und überreichen dem Kai⸗ ſer die conſtitutionelle Eidesformel. Napoleon, ſitzend, die Krone auf dem Haupte und die Hand auf das Fvangelium gelegt, ſpricht nun mit lauter, feſter und weit durch den Dom ſchal⸗ lender Stimme: „Ich ſchwöre, die Unverletzlichkeit des Gebiets der Republik zu behaupten, die Geſetze des Concordats und der gallicaniſchen Kirche zu achten und achten zu machen; die Gleichheit der Rechte, die politiſche und bürgerliche Freiheit, die Unwiderruflichkeit der Ver⸗ käufe der Nationalgüter zu achten und achten zu ma⸗ chen; keine Abgaben zu erheben, keine Taxen aufzu⸗ legen als in Gemäßheit des Geſetzes; die Ehrenlegion aufrecht zu erhalten und nur für das Intereſſe, das Stolle, ſämmtl. Schriften. XRl. 2 18 Glück und den Ruhm des franzöſiſchen Volkes zu regieren.“ Nachdem der Kaiſer dieſen Eid geſprochen, ruft der Waffenherold mit lauter Stimme: „Der ſehr glorreiche und ſehr erlauchte Kaiſer Napoleon, Kaiſer der Franzoſen, iſt gekrönt und auf den Thron erhoben; es lebe der Kaiſer!“ Wieder zitterte der Dom von dem unermeßlichen Vivatrufen, wieder donnerten die Kanonen, läuteten die Glocken, und die großartigen Krönungsfeierlich⸗ keiten, nachdem ſie gegen vier Stunden gewährt hatten, waren hiermit zu Ende. Die Präſidenten des Senats, des geſetzgebenden Corps und des Tribunats kehrten auf ihre Plätze zu⸗ rück; der Staatsſecretair ſetzte das Protokoll der Ei⸗ desleiſtung auf, welches die Prinzen, die Erzbeam⸗ ten, die Miniſter, die Großbeamten und die obigen drei Präſidenten unterſchrieben. Hierauf begab ſich die Geiſtlichkeit mit dem Thron⸗ himmel wieder an den Fuß des Throns, um die bei⸗ den Majeſtäten zurück zu begleiten. Der Kaiſer em⸗ pfing vom Erzkanzler wieder den Scepter und die Hand der Gerechtigkeit und der Zug bewegte ſich in derſelben Ordnung nach dem erzbiſchöflichen Palaſte zurück, in welcher er gekommen. unmittelbar darauf folgte der Papſt, gleichfalls unter einem Thronhimmel. Es war indeß der Abend wieder hereingebrochen. Ganz Paris ſtand in einem Feuermeere, und die Rückkehr des kaiſerlichen Zuges nach den Tuilerien bot womöglich einen noch prachtvollern Anblick dar, als die Prozeſſion am Vormittage. Namentlich trug hier theils die glänzende Beleuchtung der Straßen 19 und Boulevards, theils die flammenden Fackeln, welche die Flügelleute der Reiterei trugen, viel bei. Die brillante Beleuchtung der Stadt ward aber durch den ſonnenhaften Glanz, in welchem die Tui⸗ lerien ſtrahlten, noch übertroffen. Hier hatte ſich Kunſt, Geſchmack, Koſtenaufwand, kurz Alles verei⸗ nigt, dieſem Kaiſerſchloſſe ein wahrhaft feenhaftes Anſehen zu geben. Es war ſieben Uhr des Abends als Kaiſer und Kaiſerin daſelbſt wieder eintrafen. Zweites Rapitel. Amt welcher ſich auf dem Boulevard des lta- liens eine Wohnung gemiethet hatte, ſchaute am zwei⸗ ten Tage der Krönungsfeierlichkeiten ſo eben im zwei⸗ ten Stockwerk nach der Straße hinaus, als an die Thür geklopft wurde und gleich darauf Freund Bo⸗ norand in's Zimmer trat. „Endlich gefunden,“ rief der erfreute Doctor, den jungen Offizier herzlich umarmend,„in allen Quar⸗ tieren von Paris hab' ich Euch geſucht. „Aber Ihr wohnt hier wirklich ganz ſcharmant,“ fuhr er im Zimmer ſich umſehend und an's Fenſter tretend fort;„Ihr könnt von hier den Heidencrawall da unten in bona pace überſchauen.“ Armand war nicht weniger erfreut, als der Doe⸗ tor, den alten Freund von Boulogne hier in der lärmenden Stadt wieder zu finden. „Aber wie iſt es Euch nur möglich geweſen,“ frug er verwundert,„in einer Zeit, wo halb Frank⸗ 2* reich in Paris ſich zuſammen gefunden hat, mein Aſyl ausfindig zu machen?“ „Ich habe auch ſeit fünf Tagen das Häuſermeer wie eine Fahrmaus durchfahren,“ war die Antwort; „erſt heute erfuhr ich durch Conſtant Eure Woh⸗ nung.“ „Durch Conſtant, den Kammerdiener des Kai⸗ ſers?“ frug Armand. „Ganz Recht,“ erwiederte der Doctor,„wir ſind alte Bekannte noch aus dem Königthume her; Ihr müßt Eure Adreſſe in den Tuilerien abgegeben haben.“ „So iſt es,“ verſetzte Armand; Bonorand fuhr fort: „Da fällt mir übrigens bei Conſtant ein, daß Ihr Euch ſehr für das Privatleben des Kaiſers und der Kaiſerin intereſſirt. Nun, laßt nur erſt den Krö⸗ nungslärm ein Wenig vorüber ſein, ſo will ich Euch und Conſtant auf einen Champagnerpunſch zu mir laden, dem, wie ich weiß, Ihr beide zugethan ſeid; 3 da ſoll uns der Kammerdiener erzählen.“ 3 Armand geſtand, daß ihm hierdurch ein außer⸗ ordentlicher Gefallen geſchehe; als die Beiden durch Trompetengeſchmetter wieder an's Fenſter gelockt wurden. „Das verteufelte Getude und Tainteraintain hab' ich nachgrade überdrüßig,“ ſprach der Doctor,„man bekömmt mit der Zeit Ohrenreißen davon. Was giebts denn wieder?“ „Es iſt ein Waffenherold,“ verſetzte Armand, „der von einer wahren Fluth von Menſchen umwogt wird, und wenn mich mein Ange nicht trügt, Gesd⸗ ſtücke unter das Volk wirft.“ „Aha, das ſind die Krönungsmünzen,“ rief Bo⸗ 2 norand,„da muß ich mir eine zu erobern ſuchen. Die Dinger find rar. Ich bin gleich wieder hier.“ Mit dieſen Worten war der Doctor aus dem Zim⸗ mer verſchwunden, und gleich darauf ſah man ihn im Gedränge, gleich dem gemeinſten Ouvrier aus der Vorſtadt Saint Antoine, nach den Geldſtücken haſchen, die von den Herolden in reicher Menge unter die dichtgedrängten Volksmaſſen geworfen wurden. Es gab dieſes Auswerfen zu den poſſirlichſten Scenen Veranlaſſung. Wer eine ſolche Münze erhaſchen wollte, mußte ſich's gefallen laſſen, zehn Mal über den Hau⸗ ſen geworfen zu werden, und auf zahlreiche Stöße und Puffe von allen Seiten her durfte es ihm nicht ankommen. Bonorand, der von der Fluth bald hierhin bald dorthin geworfen wurde, war ein paar Mal nahe daran, ein ſolches Silberſtück zu erhaſchen; aber im⸗ mer wurde es ihm von noch reſolutern Leuten als er, im eigentlichen Sinne des Worts, vor der Naſe weg⸗ geſchnappt. Endlich bekam er die Sache überdrüßig, und ar⸗ beitete ſich aus den dichten Menſchenknäuel wieder heraus, was ihm ſehr viel Anſtrengung koſtete. Er war ganz zerquetſcht und ſeine Kleidung in große Unordnung gerathen. Auch der Hut, den man ihm wiederholt vom Kopfe geſtoßen, war dermaßen zer⸗ knickt, daß er ſeine urſprüngliche Form gar nicht wie⸗ der annehmen wollte, trotz der Mühe, die ſich Bo⸗ norand damit gab. „Der Satan muß mich verleitet haben,“ brummte er,„mich in dieſe Rotte Kora Datan und Abiram zu ſtürzen und wie ein hungriger Karpfen nach ſo einem elenden Frankenſtück zu ſchnapen. Armand wird ſchön lachen, wenn er mich in diefem Zuſtande 22 wieder erblickt. Wenn ich wenigſtens ſolch' einen Sil⸗ verling erwiſcht hätte, dann war dieſe preßhafte Mo⸗ tion doch nicht vergeblich.“ Während der Doctor alſo philoſophirte, kam ein Trupp Gaſſenbuben vorüber, welche einen ihrer Col⸗ legen umringten und ihn von ganzem Herzen benei⸗ deten; denn er war ſo glücklich geweſen, nicht weni⸗ ger denn vier Stück ſolcher Krönungsmünzen zu er⸗ beuten. Bonvrand benutzte dieſe Gelegenheit und trat ſofort in Unterhandlung mit dem zerlumpten Crö⸗ ſus, welcher ihm für zehn Franken zwei ſolcher Sil⸗ berlinge abließ. Höchſt erfreut kehrte er nun zu Armand's Woh⸗ nung zurück. Er hielt triumphirend ſeinen Schatz empor, als er jenen aus dem Fenſter ſchauen ſah. „Das muß man geſtehen,“ ſprach er, bei Ar⸗ mand wieder angelangt und die Münzen einer ge⸗ nauern Prüfung unterwerfend,„geſchmackvoll ſind die Dinger gearbeitet.“ 5 Auf der einen Seite befand ſich das Bildniß des Kaiſers, die Krone der Cäſaren auf dem Haupte, mit der Unſchrift:„Kaiſer Napoleon.“ Auf dem Revers las man:„der Senat und das Volk.“ Dieſe Worte erläuterten den Sinn der allegoriſchen Zeich⸗ nung, wo man eine mit den Attributen der Magi⸗ ſtratur bekleidete Figur und einen Krieger erblickte, der auf ſeinem Schilde einen kaiſerlich geſchmückten Helden empor hob.. „Jetzt will ich aber vor allen Dingen,“ ſprach der Doctor, nachdem er die Münzen hinlänglich der ſchaut hatte,„unterſuchen, ob mir das gute Volk be⸗ guten Stadt Paris nicht etwa eine Rippe zerbrochen 23 hat; wenigſtens knackte es mir vorhin im Gedränge ziemlich verdächtig.“ „Ich habe den Spektakel von hier mit angeſe⸗ hen,“ meinte Armand,„und kann nicht begreifen, wie ſelbſt anſtändig gekleidete Frauen ſich mitten in dieſes Gewühl wagen können.“ „Das ſind gerade die Schlimmſten,“ verſetzte Bo⸗ norand,„eine ſolche Hetaire hätte mir bald ein Auge ausgekratzt. Uebrigens bemerke ich zu meiner wahren Zufriedenheit, daß wenigſtens mein Skelett noch beiſammen und kein Knochen gebrochen iſt. „Apropos,“ fuhr er fort,„habt Ihr denn geſtern die Geſchichte gut geſehen?“ „Vortrefflich,“ erwiederte Armand,„die Züge gingen ja Alle hier unter den Fenſtern vorüber; in den Dom bin ich freilich nicht gekommen.“ „Dankt Gott,“ verſetzte Bonvrand,„ich habe mit welchen geſprochen, die in der Kirche mit aus⸗ halten mußten, ſie ſind bald ausgewachſen. Vier Stunden hat das Brimborium gedauert. Wo die liebe Geiſtlichkeit ihre Hand im Spiele hat, geht's nicht ſo geſchwind; eh' die Alles beklingelt und beräuchert hat, kann man bequem durch Europa reiſen. Der Kaiſer, der vor Allem Geſchwindigkeit liebt, ſoll ſich über alle Maßen ennuyirt haben, wie mir Conſtant erzählte. Dazu den achtzig Pfund ſchweren Krönungs⸗ mantel auf dem Leibe. Als er nach Hauſe gekom⸗ men, hat er nichts Eiligeres zu thun gehabt, als die glänzende Bürde von ſich zu werfen und in ſeine einfache Grenadieruniform zu fahren.“ „Es iſt mir nur unbegreiflich,“ meinte Armand, „wie ein Napoleon ſo großen Werth auf ſolche Aeußerlichkeiten legen kann.“ „Weil er die guten Franzoſen,“ erwiederte der 24 Doctor,„und namentlich die guten Pariſer beſſer kennt, als es bei Euch der Fall zu ſein ſcheint. Für unſer Volk, welches in der Mode den Ton angiebt, iſt dergleichen glänzender Firlefanz unentbehrlich. Das weiß der Kaiſer nur zu wohl. Uebrigens haben mir die alten Republikaner, die geſtern mit aller Gran⸗ dezza die Hofmänner ſpielten, vielen Spaß gemacht. Der Franzoſe, ſo wie er geborner Soldat iſt, iſt auch zugleich geborner Schauſpieler, eitel und gefallſüchtig. Mich koſtet übrigens der geſtrige Tag enormes Geld. Ich mußte für ein Fenſter auf der Rue St. Honoré Vierzig Franken bezahlen. Mein Schneider hat für ſeine drei Fenſter im vierten Srock dreihundert Livres bekommen. Dazu ſind alle Lebensmittel unverſchämt im Preiſe geſtiegen, und man muß Gott danken, wenn man für ſein ſchweres Geld nur Etwas erhält, um den Hun⸗ ger zu ſtillen. Man rechnet, daß fünfmalhunderttau⸗ ſend Menſchen nach Paris gekommen ſind; es iſt auch nicht anders möglich, alle Straßen ſind dreifach ſo belebt als außerdem; alle Hotels garnis gepfropft voll. In der rue du bacq wär' ich geſtern beinahe gerädert worden, ſo dicht gedrängt fuhren die Caroſ⸗ ſen aller Art hinter⸗ und nebeneinander. Alle öffent⸗ lichen Plätze wimmeln von Militär. Im Palais Royal iſt ſeit einigen Tagen der Zudrang von Men⸗ ſchen ſo arg, daß ein Theil der Kaufleute ihre Lä⸗ den geſchloſſen hat. Es iſt ein wahres Glück, daß wir mit England Krieg haben, denn wäre es auch dieſen Gentlemans erlaubt, ſich in Paris einzufinden, ſo wüßte ich ſchlechterdings nicht, wie das Menſchen⸗ gewühl bei Tage Raum zum Gehen und Stehen und des Nachts Schlafſtellen finden wollte. Alle Schnei⸗ der haben ſo viel zu thun, daß ſie nicht wiſſen, wo ihnen der Kopf ſteht; ein einziger in der Rivoli⸗ dO ſtraße ſoll zweihundert Geſellen beſchäftigen und ſeine Kunden demungeachtet nicht befriedigen können. Es iſt mir ein wahres Räthſel, daß geſtern nicht wenig⸗ ſtens ein paar hundert Perſonen erdrückt worden ſind. Allerdings muß man es der Polizei laſſen, daß ſie alle mögliche Vorſichtsmaßregeln zur Verhütung von Unglück getroffen hatte. Mehre Straßen und Brücken ſind für die Fuhrwerke gänzlich geſchloſſen; auch dür⸗ fen dieſe in den belebtern Vierteln nur Schritt vor Schritt fahren. Trotz dem wird's aber heute, wo die Volksbeluſtigungen ihren Anfang nehmen, ohne Unfälle nicht abgehen. Auf dem Carronſſelplatze ha⸗ ben ſie vier große Säle gebaut im antiken Geſchmack, wo getanzt werden ſoll. Die Illumination wird bril— lant werden. Ich habe mir vorhin die Anſtalten ein Wenig in Augenſchein genommen und zwar zu Fuß, weil kein Wagen zu bekommen war. Vom Carrvuſ⸗ ſelplatze bis zum äußerſten Ende der Boulevards ſind Guirlanden von bunten Lampen gezogen. Die Thore von St. Denis und St. Martin ſind gleichfalls mit Lampen überſäet; ſo auch der ganze Concordienplatz, das Hotel der Marine, die Paläſte des geſetzgebenden Raths und der Ehrenlegion. Auf mehrern Plätzen haben Spiele aller Art ſchon begonnen. Man hört nichts als Fanfaren, kriegeriſche Märſche und Geſänge zum Lobe des Kaiſers.“ „Wie mag ſich nur der Papſt bei uns gefallen?“ frug Armand. „Ei, der ſoll ganz guter Laune ſein,“ erwiederte Bonorand,„weil er eine ſolche Aufnahme gar nicht erwartet hat. Man hatte ihm in Rom weiß gemacht, das verwahrloſte franzöſiſche Volk würde ihn mit Schmähungen empfangen, ſtatt deſſen findet er ſich mit Ehrenbezeugungen überhäuft. Seine Ant⸗ 26 worten auf die an ihn gehaltenen Reden beantwortet er gewöhnlich italieniſch, ſelten franzöſiſch; zuweilen be⸗ ginnt er franzöſiſch und endigt in ſeiner Mutterſprache. Zum Polizeiminiſter ſoll er geſagt haben:„Ich erwartete in Frankreich wohl als ehrlicher Mann, aber nicht als Papſt empfangen zu werden.“ Anfangs wollte er ſich nicht die Hände küſſen laſſen.„Die Franzoſen,“ ſind ſeine Worte dabei geweſen,„küſſen nur hübſchen Damen gern die Hand.“ Ein Anekdötchen von Sr. Heiligkeit, das ich vorhin in einer Reſtauration hörte, hat mir beſonders gefallen. Als vor einigen Tagen der heilige Vater in einer der Schloßkapellen vor einer zahlreich verſammelten Menge Meſſe las und den Segen ſprach, kniete Jedermann nieder, bis auf einem jungen proteſtantiſchen Huſarenoffizier, der ſich über dergleichen Ceremonien erhaben glaubte. Der Papſt bemerkte es, und als er ſpäter in Prozeſſion an dem Huſaren vorüber ging, ſagte er mit väter⸗ licher Milde zu ihm:„Mein Sohn, der Segen eines alten Mannes hätte Dir nichts geſchadet.“ Dem Kai⸗ ſer ſollen dieſe Worte ganz beſonders gefallen haben.“ Nachdem ſich Armand gleichfalls ſehr beifällig über dieſe Anekdote ausgeſprochen hatte, zog Bonv⸗ rand ſein Portefeuille hervor. „Jetzt muß ich Euch,“ fuhr der unermüdliche Be⸗ richterſtatter fort,„vor allen Dingen einige Raritäten aus meiner Curioſitäten⸗Sammlung, die ich mir die⸗ ſer Tage angelegt habe, mittheilen. Zuvörderſt als Pröbchen, was aus unſern vor Kurzem noch ſo bär⸗ beißigen und königmörderiſchen Republikanern gewor⸗ den, ein Stückchen von der Rede, die der Präſident des Senats dieſer Tage an Seine Maieſtät gehalten hat. Wer Ohren hat zu hören, der höre: „„Durch Sie, Sire, iſt das Schiff der Republik 27 in den Hafen eingelaufen. Ja, der Republik! Dieſes Wort könnte das Ohr eines gewöhnlichen Monarchen beleidigen; vor demjenigen aber iſt es an ſeiner Stelle, deſſen Genie uns die Sache hat genießen laſ⸗ ſen, in dem Sinne, in welchem die Sache eines gro⸗ ßen Volks denkbar iſt. Wäre eine Republik in Frank⸗ reich möglich geweſen, Sie, wir dürfen nicht zweifeln, würden nach der Ehre geſtrebt haben, ſie zu errichten, und in dieſer Vorausſetzung würde es uns zu ver⸗ zeihen geweſen ſein, dieſelbe nicht einem Manne vor⸗ geſchlagen zu haben, der perſönlich groß gegen uns iſt, um keines Scepters zu bedürfen, und Großmuth gegen uns beſitzt, um ſein Intereſſe dem Vortheile ſeines Vaterlandes aufzuopfern. Hätten Sie auch, wie Lykurg, ſich aus dem Vaterlande, das Sie orga⸗ nifirt hatten, verbannen müſſen, Sie würden es ohne Bedenken gethan haben. Mehr als einmal haben Sie über ein ſo großes Problem nachgedacht; allein ſelbſt Ihrem Genie iſt daſſelbe unauflösbar geblieben u.ſ. w.““ Bonarand faltete ſeine Papiere zuſammen und ſah Armand lachend an. „Es iſt wirklich ſpaßhaft, auf wie delicate Weiſe der hochgelahrte Senat um den Brei herumgeht, um ſeine eigne Inconſequenz zu beſchönigen und ſeinen einſtigen republikaniſchen Taumel zu desavouiren. Ich ſollte meinen, es müßte dem großen Manne dieſe fade Lobhudelei anekeln. Er ſoll ſich um Himmels⸗ willen auf dieſen Senat nicht verlaſſen. Wer ſo ſprechen kann, iſt bei erſter Gelegenheit bereit, den Götzen, vor dem er im Staube gekrochen, zu ver⸗ rathen. „Uebrigens iſt mein Vorrath an Curioſitäten noch nicht erſchöpft,“ fuhr der Doctor fort, indem er ein zweites Papierblatt aus der Brieftaſche hervorholte. „Hier hab' ich mir auch die Worte aufgezeichnet, die der Kaiſer dem Erhaltungsſenate zur Antwort gab, als dieſer ihm das Senatsconſultum über die Ab⸗ ſtimmungen wegen des erblichen Kaiſerthums über⸗ brachte. Sie ſind mir deshalb merkwürdig, weil ſie den Charakter Napoleon's in ſeinem Lichte wie in ſeinen Schattenſeiten abſpiegeln, und lauten wie folgt: „„Ich beſteige den Thron, auf welchen der ein⸗ ſtimmige Wunſch des Senats, des Volks und der Armee mich berufen hat, mit einem Herzen, welches ganz von dem Gefühle der großen Beſtimmung jenes Volkes durchdrungen iſt, das ich zuerſt mitten aus den Lagern mit dem Namen des Großen begrüßt habe. Seit meinen Jünglingsjahren gehören alle meine Gedanken ihm, und ich darf es hier ſagen, meine Freuden und meine Leiden haben keine andre Quelle mehr, als das Glück und Unglück meines Volkes. Meine Nachkommen werden lange dieſen Thron erhalten. In den Lagern werden ſie die erſten Soldaten der Armee ſein, bereit, jeden Augenblick ihr Leben der Vertheidigung ihres Vaterlandes auf⸗ zuopfern. Als Magiſtraten werden ſie nie vergeſſen⸗ daß Verachtung der Geſetze und Erſchütterungen der geſellſchaftlichen Ordnung nur das Werk der Schwäche und Unentſchloſſenheit des Fürſten ſind. Sie, Sena⸗ toren, deren Rath und Unterſtützung mir auch in den ſchwierigſten Umſtänden nicht gefehlt hat, Sie werden Ihren Geiſt Ihren Nachfolgern hinterlaſſen. Sein Sie ſtets die Stützen und erſten Räthe des dem Wohle dieſes großen Reichs ſo unentbehrlichen Thrones.“ Armand erkundigte ſich jetzt eines Näheren öber das eigentliche Reſultat der Abſtimmung, die im gan⸗ zen Frankreich wegen der Umgeſtaltung der Republik in ein Kaiſerthum vorgenommen worden war. Auch hier konnte der in derlei Dingen ſehr be⸗ wanderte Doctor ſogleich Auskunft geben. Er blätterte einige Augenblicke in ſeinem Porte⸗ feuille. Dann las er: „Senatusconſultum. „Der Erhaltungsſenat in der durch den neunzig⸗ ſten Artikel der Konſtitution vorgeſchriebenen Zahl verſammelt, um über die Botſchaft Seiner kaiſerlichen Majeſtät(vom zwanzigſten October) zu berathſchlagen, nach angehörtem Berichte jener Specialcommiſſion zur Unterſuchnng der Regiſter der von dem franzöſiſchen Volke, in Gemäßheit der Reichsconſtitutionen über die Annahme folgender Verfügung, abgelegten Stim⸗ men: Das franzöſiſche Volk will die Erb⸗ lichkeit der kaiſerlichen Würde in der di⸗ recten, natürlichen, ehelichen und adop⸗ tiven Nachkommenſchaft von Napoleon Bo⸗ naparte und in der directen, natürlichen und ehelichen Nachkommenſchaft von Joſeph Bonaparte und von Ludwig Bonaparte, wie ſolches durch das Senatusconſultum von dieſem Tage feſtgeſetzt iſt; nach Einſicht des Protvcolls der Specialcommiſſion, woraus hervorgeht, daß drei Millionen fünfhun⸗ dertvierundzwanzigtauſendzweihundertvier⸗ undfunfzig Bürger ihre Stimmen abgege⸗ ben, und daß drei Millionen fünfhundert⸗ einundzwanzigtauſendſechshundertfünfund⸗ ſiebenzig Bürger obige Verfügung ange⸗ nommen haben, erklärt Folgendes: Die kaiſerliche Würde iſt erblich in der directen, natürlichen, ehelichen und adoptiven Nach⸗ kommenſchaft von Napoleon Bonaparte und 30 in der directen, natürlichen, ehelichen Nach⸗ kommenſchaft von Joſeph Bonaparte und Ludwig Bonaparte, ſo wie ſolches durch die Reichsconſtitution feſtgeſetzt iſt. „Es bedarf allerdings einer guten Lunge,“ meinte Bonorand, nachdem er zu Ende geleſen,„dieſe kai⸗ ſerliche Throneinſetzung in einem Athem vorzutragen; aber Ihr werdet daraus wenigſtens ſo viel Euch ge⸗ merkt haben, daß Seine Majeſtät mit einer anſehn⸗ lichen Stimmenmehrheit auf den Thron berufen wor⸗ den iſt. Nach meinem Dafürhalten hat es wohl noch nie einen legitimern Herrſcher gegeben als dieſen Napoleon, falls man nämlich den faſt einſtimmigen Willen einer großen Nation als Grundlage zur wahrhaften Legitimität gelten laſſen will.“ Der Doctor begann jetzt zu ſubtrahiren:„Fünf von vier kann ich nicht, borg ich mir eins, fünf von vierzehn bleibt neun; ſieben von vier kann ich nicht, borg ich eins, ſieben von vierzehn bleibt ſieben; ſechs von eins kann ich nicht, borg ich mir eins, ſechs von eilf bleibt fünf, eins von drei bleibt zwei, zwei von zwei macht Null, fünf von fünf, drei von drei, abermals Null, Null; giebt Summa Summarum dreitauſendfünfhundertneunundſiebzig franzöſiſche Bür⸗ ger, welche in Betreff des Kaiſerreichs eine abſchläg⸗ liche Antwort ertheilt haben. Von je tauſend Fran⸗ zoſen wünſchen alſo neunhundertneunundneunzig den Napoleon zum Kaiſer, nur ein Einziger will nicht.“ „Ja, mein verehrter Freund,“ fuhr der Doctor fort,„es hat ſich in kurzer Zeit ſo viel geändert, daß man unwillkürlich von Erſtaunen ergriffen wird. Indeß bin ich doch überzeugt, daß es beſſer gewor⸗ den, mag ſich auch Europa über unſre merkwürdige Inconſequenz etwas luſtig machen. Uebrigens ſind 31 die Spuren der neuen Monarchie weniger ſichtbar auf den Schildern der Induſtrie, die nun vom Schnei⸗ der an bis zum Donnergotte der Oper, faſt alle die kaiſerliche Firma tragen, als in der vollkommenen Gleichgültigkeit, womit man ſich der Republik erin⸗ nert. Die Wörter: Hof, Majeſtät, Prinz, Marſchall, Hoheit und Durchlaucht fangen an ſich wieder mit dem alten Nimbus zu umgeben, ob⸗ ſchon es hier und da an beißenden Bemerkungen nicht fehlt. Die mittlern Claſſen finden ſich noch am Schwerſten in die neue Ordnung, während man bei den obern ſehr leichtes Spiel hat.— Die Na⸗ tionalcocarde, einſt der Schrecken und— Abſcheu aller gekrönten Häupter, iſt jetzt von den Hüten der Bürger verſchwunden und wird ſelbſt auf den der Militairs immer kleiner. Vor dem nämlichen Café du Caveau im Palais Royal, wo Camille Des⸗ moulins die Blätter von den Bäumen riß und ſie als Zeichen der Freiheit vertheilte, ſah man dieſe Tage einen guten Mann aus der Provinz zum Ge⸗ lächter werden, weil er noch herzhaft die Farben der Republik an ſeiner Hutkrämpe trug. Dafür blitzen in allen Juweliergewölben die Ordensſterne und Kreuze der Ehrenlegion. Die Bilderverkäufer auf den Boulevards rufen mit beſonderm kühnen Accente und bei jeder Gelegenheit die Titel: Seine kaiſer⸗ liche Majeſtät oder Hoheit und ſo weiter, wobei ſie auf die Figuren zeigen, wo Napoleon in vollem Krönungscoſtüme zu Pferde ſitzend vorgeſtellt iſt. Auch der Ausrufer des chineſiſchen Schattenſpiels im Palais Royal ruft nun ſein Prince de la principauté des princes mit einem Stolze und einer Sicherheit, daß man eines Lächelns ſich nicht enthalten kann. Nur der Buchhändler Pillot daſelbſt kann ſeine re⸗ 32 publikaniſchen Witze nicht unterlaſſen. Auf einem großen Anſchlagzettel hat er zwei Büchertitel neben einander geſtellt. Zuerſt kündigt er an: Abrégé de lhistoire des Empereurs, qui ont regné en Burope, depuis lules César jusqu' à Napoléon, und gleich da⸗ neben lieſt man: Bei dem nämlichen Buchhändler iſt zu haben: Les ruses des grands filous de voilées, ete. Mich wundert, daß der Polizei dieſe ſonderbare Buchhändler⸗Anzeige noch nicht in die Augen geſto⸗ chen iſt. Das Café du Caveau hat ſich's abſonder⸗ lich angelegen ſein laſſen, alle Erinnerungen an die Revolutionszeit zu vertilgen und ſogar die kleinen Monumente des Piceini, Sachini und Gluck, vielleicht als Mitſchuldige des hohen Enthufiasmus der Revolutionshelden, hinausgeworfen. Selbſt die⸗ jenigen, welche ſonſt dem Kaiſer nicht gewogen ſind, freuen ſich wenigſtens darüber, daß Napoleon über⸗ all ſo auf Ordnung und Reinlichkeit hält, die engen Straßen aufräumen läßt, und ſogar die herkuliſche Arbeit unternommen hat, den Augiasſtall der Cité zu reinigen, eine Arbeit, woran weder das bourboni⸗ ſche Königthum noch die nicht eben ſehr reinliche Revolution gedacht hat. Ueberhaupt gewinnt Paris, ſeitdem Napoleon das Commando führt, ein immer freundlicheres Ausſehen. Wer dieſe Stadt in den ſtürmiſchen Zeiten der Revolution geſehen, begreift die Ruhe und den Frieden nicht, die jetzt darin herrſchen, ſelbſt zu der Zeit, wo der Kaiſer abwe⸗ ſend iſt. So ſind aber die Franzoſen, und Niemand kennt ſie beſſer und verſteht ſie beſſer zu behandeln als Seine Majeſtät.“ Auf dieſe Weiſe erzählte Bonvrand, der aus rei⸗ ner Ueberzeugung ein eifriger Anhänger Napoleon's war, noch lange, während Armand, der nicht ohne 33 Aufmerkſamkeit zuhörte, von Zeit zu Zeit aus dem Fenſter ſchaute, wo das Volksgewühl immer lauter und lärmender wurde. Plötzlich fuhr er wie erſchrok⸗ ken zurück, denn, wenn ihn nicht alles trog, ſo war ſo eben ein Diener in der Livrée der Gräfin von Schönburg in das Haus getreten. Sein Herz klopfte unwillkürlich, denn eine Ahnung ſagte, daß dieſe Botſchaft ihm gelte; und er hatte ſich nicht ge⸗ irrt; nach wenig Minuten hielt er eine zierliche Vi⸗ ſitenkarte, auf welche er für einen der nächſten Tage zum Souper bei der Gräfin eingeladen ward, in der Hand. „Allen Reſpect,“ ſprach Bonorand, nachdem er gleichfalls die Einladung geleſen,„wie kommt Ihr zu der Ehre? Dieſe Dame ſieht in der Regel nur hohe Generalität, wenn nicht gar Marſchälle, in ih⸗ rem Hotel. Sie beſitzt eine liebenswürdige Nichte, da verwahrt Euer Herz.“ Eine höhere Röthe überflog bei dieſen letztern Worten das Antlitz des jungen Mannes. Er ſtellte ſich ſo verwundert als möglich, obſchon ihm der Zu⸗ ſammenhang nur zu gut bekannt war. Er hatte die Empfehlungsſchreiben von Junot unmittelbar nach ſeiner Ankunft in Paris im Hauſe der ſogenannten Gräfin abgegeben, war aber trotzdem nicht vorgelaſſen worden. Schon hatte er die Hoffnung auf eine Ein⸗ ladung aufgegeben und deshalb auch, wie er ver⸗ ſprochen, an den General Bericht erſtattet, als er erſt heute durch dieſe Karte überraſcht wurde. „Apropos,“ frug jetzt der Doctor,„da Ihr Euch wider Erwarten ſo hoher Connaiſſanſen und ſolcher Auszeichnung zu erfreuen habt, in welcher Eigenſchaft fungirt Ihr denn ſo eigentlich hier?“ „Da fragt Ihr mich ſelbſt zu viel,“ antwortete Stolle, ſämmtl. Schriften. XRl. 3 34 Armand,„ich bin auf Soult's ausdrücklichen Be⸗ fehl hierher commandirt, wo mein Geſchäft in weiter nichts beſteht, als mich alle Morgen beim kaiſerlichen Lever in den Tuilerien einzufinden. Indeß hat Se. Majeſtät mich bis dato noch nicht eines Wortes ge⸗ würdigt.“ „Nun ein ſolches Amt,“ geſtand Bonorand, „kann man ſich ſchon gefallen laſſen; indeß glaube ich, daß auf dieſe Mußezeit die Arbeit nicht ausblei⸗ ben wird. Doch für jetzt erlaubt, daß ich mich end⸗ lich empfehle, da ich noch einige Geſchäftsſachen ab⸗ zumachen habe.“ Die beiden Freunde ſchieden unter dem Verſpre⸗ chen, ſich den nächſtfolgenden Tag wieder zu treffen, um in Gemeinſchaft die große Feſtlichkeit der Fah⸗ nenvertheilung, welche auf dieſen Tag angeſetzt war, in Augenſchein zu nehmen. Drittes Rapitel. Drei Tage nach der Krönung, Mittwochs am fünf⸗ ten December fand die Vertheilung der Adler an die Armee auf dem Marsfelde ſtatt. Die Vorderſeite der Militairſchule war mit einer Galerie von Zelten geſchmückt; am mittelſten derſel⸗ ben befanden ſich vier Säulen, die vergoldete Figu⸗ ren trugen, und den Sieg vorſtellten. Es bedeckte den Thron des Kaiſers und der Kaiſerin. Rings um den Thron gruppirten ſich die Prinzen und Prinzeſſinnen, die Großwürdenträger, die Mini⸗ 35 ſter, der Reichsmarſchall, die Großbeamten der Krone, die Hofdamen und der Staatsrath. Die Galerie war rechts und links in ſechzehn Abtheilungen getheikt, welche mit Symbolen des Kriegs und des Siegs verziert und mit Adlern be⸗ kränzt waren. Dieſe ſechzehn Abtheilungen repräſen⸗ tirten die ſechzehn Cohorten der Ehrenlegion. Die rechte Seite nahm der Senat, die Offiziere der Eh⸗ renlegion, der Caſſationshof und die Oberbeamten des Nationalrechnungshofes ein; auf der Linken be⸗ fand ſich das Tribunat und der geſetzgebende Körper. An jedem Ende der Galerie befand ſich ein Pa⸗ villon; in demjenigen, der auf der Seite nach der Stadt gelegen, war eine Tribüne für die fremden Fürſten angebracht. Das diplomatiſche Corps und die ausgezeichneten Fremden nahmen den andern Pavillon ein. Von dieſer impoſanten Galerie ſtieg man nach dem Marsfelde eine ſehr große und breite Treppe hinab. Zu beiden Seiten dieſer Treppe erhoben ſich zwei coloſſale Figuren, welche Frankreich im Frieden und Frankreich im Kriege darſtellten. Auf den Stu⸗ fen der Treppe ſtanden die Obriſten der Regimenter und die Präſidenten der Departementswahlcollegien, welche die kaiſerlichen Adler trugen. Der Zug Ihrer Majeſtäten verließ gegen Mit⸗ tag das Schloß der Tuilerien und zwar in der ſchon bei der Krönung befolgten Ordnung. Er wurde von den Gardejägern und einer Schwadron Mameluken eröffnet. Die légion d'élite und die Grenadiere zu Pferde folgten. Das Spalier bildete Municipalgarde und Grenadiere der Kaiſergarde. In der Militairſchule legten Napoleon und Joſephine die Krönungsanzüge an, worauf ſie un⸗ 3* 36 ter wiederholtem Kanonendonner und hunderttauſend⸗ ſtimmigem Vivat auf dem Throne Platz nahmen. Auf ein gegebenes Zeichen formirten die auf dem Marsfelde befindlichen Deputatidnen der Armee und Nationalgarden, deren Anzahl ſich auf Vierhundert⸗ achtunddreißig belief, und die zuſammen ein Corps von Achttauſend Mann bildeten, Colonnen und nä⸗ herten ſich unter Trompetenſchall dem Throne. Der Kaiſer erhob ſich; eine Todtenſtille erfolgte unter den Hunderttauſenden und Napoleon ſprach mit lauter, erhobener Stimme: „Soldaten, dies ſind Eure Fahnen! Dieſe Adler ſollen Euch immer zum Vereinigungspunkte dienen; ſie werden überall ſein, wo ſie Euer Kaiſer zur Ver⸗ theidigung ſeines Thrones und ſeines Volkes für nothwendig erachtet. „Ihr ſchwört, Euer Leben zu ihrer Vertheidigung aufzuopfern und ſie durch Euern Muth beſtändig auf dem Wege des Sieges zu erhalten. Schwört es!“ „Wir ſchwören es!“ riefen alle Obriſten und die Präſidenten der Wahlcollegien wie mit Einer Stimme und ſchwenkten die Fahnen in den Lüften. „Wir ſchwören es!“ donnerte es nun durch die ganze Armee, während die Muſik den berühmten Marſch begann, der unter dem Namen des Fah⸗ nenmarſches bekannt iſt. Der Ausbruch des Enthuſiasmus unter Militair und Volk iſt unermeßlich; die Adler vertheilen ſich und nehmen die für ſie beſtimmte Stelle ein, worauf die Armee diviſionsweiſe an dem Throne Napole⸗ on's vorbei defilirt. Zum erſten Male funkeln in goldnem Glanze jene Aare über den Fahnen der Welteroberer, die bald 37 ihren Siegesflug nach den Zinnen der mächtigſten Hauptſtädte Europa's nehmen ſollen. Die Farbe der Fahnen der Grenadiere der Kai⸗ ſergarde iſt die der Morgenröthe, während über den Jägerregimentern grüne Fahnen wehen. Auf ſämmt⸗ lichen wogenden Panieren ſteht auf der einen Seite geſchrieben:„Der Kaiſer der Franzoſen dem und dem Regimente;“ auf der andern die Worte:„Ta⸗ pferkeit und Disciplin.“ Um fünf Uhr kehrte der kaiſerliche Zug wieder nach den Tuilerien zurück, woſelbſt in der Dianen⸗ galerie ein großes Gaſtmahl ſtatt fand. Der Papſt, der Churfürſt⸗Erzkanzler(Dalberg), die Prinzen und Prinzeſſinnen, die Großwürdenträger, das diplo⸗ matiſche Corps und viele andere hochgeſtellte Perſo⸗ nen waren dazu eingeladen. Nach aufgehobener Tafel war große Geſellſchaft, Conzert und Ball. Die mannigfachen Feſtlichkeiten dauerten auch die übrigen Tage fort, aber den zwölften December gab die Stadt Paris dem Kaiſer und der Kaiſerin einen Ball, den an Pracht, Luxus und Geſchmack alles zeit⸗ her Dageweſene zu überbieten ſchien. Der Ball fand in dem herrlichen Saale des Pa⸗ riſer Stadthauſes ſtatt, der den Namen des Sie⸗ ges ſaales führte, und für dieſes Feſt auf das Prachtvollſte mit entſprechenden Decorationen, Gemäl⸗ den und kriegeriſchen Trophäen ausgeſchmückt war. In dem Augenblicke, als Kaiſer und Kaiſerin un⸗ ter Kanonendonner die Tuilerien verließen, um ſich nach dem Stadthauſe zu begeben, enthüllten ſich in allen zwölf Municipalitäten von Paris zahlloſe, mit Geflügel aller Art beſetzte Tiſche und auf allen Haupt⸗ plätzen ſprang der Wein in großen Fontainen. 38 Die Blüthe der ſchönen Welt von Paris war auf dem Balle verſammelt; nicht weniger denn ſechshun⸗ dert Damen, die ſich ebenſowohl durch ihre Reize und ihre Anmuth, wie durch den Reichthum und Geſchmack der Toiletten auszeichneten. Sie trugen größtentheils franzöſiſche Stoffe mit prachtvoller Stickerei. Das Koſtüm näherte ſich dem der beiden Medicäer. um ein Uhr wurden die Damen zum Frühſtück geführt, wobei die Municipalität von Paris die Hon⸗ neurs machte. Während des Frühſtücks langte der Gouverneur von Paris, der Marſchall Mürat an, welcher an der Spitze des Municipalrathes Ihren Majeſtäten entgegenging. Es währte nicht lange, als Dieſe, vom Jubel des Volkes begleitet, auf dem Stadthauſe eintrafen. In ihrem Gefolge befanden ſich die Glieder der kai⸗ ſerlichen Familie, die Inhaber der hohen Reichswürden, Miniſter, Marſchälle, Alle im großen Staatskoſtüme. Auf die Bewillkommnungsrede des Präfecten der Seine erwiederte Napoleon: „Meine Herren! Ich bin in Ihre Mitte gekom⸗ men, um meiner guten Stadt Paris die Verſicherung meines beſondern Schutzes zu ertheilen. Bei allen Gelegenheiten werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, derſelben beſondere Beweiſe meines Wohlwol⸗ lens zu geben; denn ich erkläre Ihnen hiermit, daß in den Schlachten, in den größten Gefahren, auf der See, mitten in den Wüſten ſogar, ich beſtändig das urtheil dieſer großen Hauptſtadt Europa's vor Augen gehabt habe.“ Hierauf wurden die Mair's und Adjuncten der zwölf Pariſer Municipalitäten dem Kaiſer vorgeſtellt. In einem der angrenzenden Salons befand ſich die koſtbare Toilette von Gold, welche die Stadt 39 Paris der Kaiſerin, und das goldne Service, das man dem Kaiſer zum Geſchenk machte. Die Toilette war von ſo wundervoller Arbeit, ſo daß Joſephine die innigſte Freude darüber empfand. Nachdem dieſe reichen Geſchenke überreicht worden waren, begab man ſich zur Tafel. An der erſten ſaßen die beiden kaiſerlichen Maje⸗ ſtäten; an der zweiten die Prinzen und Prinzeſſin⸗ nen und die Inbaber der hohen Reichswürden; an der dritten die Großbeamten des Reichs, die Mini⸗ ſter, die Marſchälle, die Generale, Obriſten der Garde, die General⸗Inſpectoren, die Präſidenten der geſetz⸗ gebenden Gewalt und der älteſte Präſident der Sectio⸗ nen des Stadtraths. Das Orcheſter war mit den vorzüglichſten Muſik⸗ chören beſetzt. Nach aufgehobener Tafel begann das Feuerwerk. Der Kaiſer zündete mit eigner Hand den Drachen an, der mit Blitzesſchnelle über den Platz nach dem jen⸗ ſeitigen Ufer der Seine flog und die große Decora⸗ tion entzündete. Man ſah plötzlich den großen St. Bernhard flammend aus der Nacht treten, beeiſ'te Wege, Abgründe, Soldaten, die die Gletſcher em⸗ porklimmten und den erſten Conſul zu Roß, wie er über den abſchüſſigen Gipfel eines Berges ſetzt. Zu gleicher Zeit wurden noch zwölf andre Feuer⸗ werke auf verſchiedenen Plätzen der Stadt abgebrannt. Unmittelbar nach den Feuerwerken ſtieg langſam und majeſtätiſch ein von Garnerin gefertigter fünf⸗ hundert Pfund ſchwerer Luftballon, der mit leuchten⸗ den Guirlanden von bunten Lampen unmſchlungen, eine weit in die Nacht hinausſtrahlende Kaiſerkrone trug, über Paris empor. Er verweilte eine Zeit lang 40 über der Weltſtadt, ſtieg immer höher, bis er in der Richtung nach Süden hin verſchwand*). Der Kaiſer begab ſich jetzt wieder in den Saal, wo er mit vielen der daſelbſt befindlichen Damen ſprach und ſich in der Regel über die Familien der⸗ ſelben unterhielt. Der Ball wurde von den Prinzen und Prinzeſ⸗ ſinnen eröffnet, die ſich in zwei Quadrillen vertheil⸗ ten. In der einen gaben die Prinzen einigen Da⸗ *) Ungefähr vierzehn Tage ſpäter traf von Rom folgende merkwürdige Nachricht ein: „Rom, den 18. Dezember 1804. „Geſtern Abend gegen 2 4 Uhr ſah man in der Luft eine Kugel von erſtaunlicher Größe daher kommen, die auf dem See von Bracciano niederfiel und ein Haus zu ſein ſchien. Man ließ Fiſcher kommen, um ſie an's Land zu ziehen; aber ein ungeſtümer mit Schnee vermiſchter Wind verhinderte es heute. Dieſen Morgen ward erſt der Zweck erreicht. Dieſer runde Körper iſt aus mit Gummi überſtrichenem Taffet ge⸗ fertigt und mit einem Netze überzogen. Er ſcheint von Lämpchen in bunten Gläſern umgürtet geweſen zu ſein, wo⸗ von mehrere Stücke noch vorhanden ſind. An der Kugel fand man folgende Nachricht angeheftet: „Dieſer Luftballon, der Ueberbringer dieſes Briefes, iſt zu Paris am 25. Frimaire(16 December) Abends von Herrn Garnerin, dem privilegirten Luftſchiffer Seiner Majeſtät des Kaiſers von Rußland und beſtalltem Luftſchiffer der franzöſiſchen Regierung bei Gelegenheit eines Feſtes aufge⸗ ſtiegen, welches die Stadt Paris Seiner Majeſtät dem Kaiſer Napoleon zur Feier ſeiner Krönung gegeben hat. Wer dieſen Luftballon findet, wird gebeten, Herrn Garnerin Nachricht davon zu geben. „Demnach war dieſer majeſtätiſche Ballon den 16. Decem⸗ ber Abends 7 Uhr in Paris aufgeſtiegen und am 17. in der Nacht zu Rom niedergefallen. Er hatte Frankreich, die Al⸗ pen und die Hälfte Italiens überflogen und innerhalb ſechs⸗ undzwanzig Stunden die neue Kaiſerkrone den beiden Haupt⸗ ſtädten der eiviliſirten Welt gezeigt.“ 44 men der Stadt, in der andern die Prinzeſfinnen ei⸗ nigen jungen Bürgern die Hand. Um neun Uhr verließen Kaiſer und Kaiſerin un⸗ ter Abfeuern von Artillerieſalven das glänzende Feſt, das bis zum Morgen währte. Aber mitten in den Freuden, die in der Haupt⸗ ſtadt eine ſo große Bewegung hervorbrachten und die Leiden des Kriegs vergeſſen machten, beſchäftigte ſich Napoleon zugleich mit dem Kriege nach Außen und mit der Wohlfahrt im Innern. Zehn bis zwölf Stunden verbrachte der außeror⸗ dentliche Mann täglich in Privatſitzungen über Ver⸗ waltungsangelegenheiten oder im Staatsrathe. Wäh⸗ rend die Tagesblätter faſt im homeriſchen Style das Verzeichniß der großen Anzahl von Schiffen gaben, die aus der Mündung jedes Fluſſes ſich nach den Hauptrheden begeben ſollten, verſtärkte er die Land⸗ armee, vermehrte er ſeine Geſchützparke, prüfte er die Pläne der feſten Plätze, und ordnete Arbeiten an, die ihre Vertheidigung vollſtändiger machen ſollten. Er wachte ſogar über die Kaufbedingungen wegen der Anfertigung der Waffen, der Bekleidung der Trup⸗ pen und der Verſorgung der Kriegs⸗Vorrathhäuſer. Er forderte von den Miniſtern über die gering⸗ ſten Kleinigkeiten Auskunft, häufig ſogar von ihren erſten Untergebenen, wenn die Miniſter nicht allen ſeinen Bedenken genügten. Theils machte er ihnen dadurch ſeine Ueberlegenheit bemerklich, theils knüpfte er dadurch ihre Mitarbeiter unmittelbar an ſeine Perſon. Er allein ſchien nicht müde zu werden, wenn er die Miniſter erſchöpft von der Arbeit, die ſie mit ihm vollbracht hatten, entließ, und oftmals fanden ſie bei ihrer Heimkehr ſchon kaiſerliche Briefe vor, die unmittelbare Beantwortung verlangten. Einer der Miniſter, mit dem der Kaiſer den leb⸗ 42 hafteſten Briefwechſel unterhielt, war der Miniſter des öffentlichen Schatzes. Nicht allein bereitete er mit ihm die Vertheilung der Summe unter die ver⸗ ſchiedenen Miniſterien vor, und in den verſchiedenen Miniſterien ihre Vertheilung unter die verſchiedenen Zweige des Dienſtes, ſondern unaufhörlich war er auch auf ſeiner Hut, damit die Geldmittel auf kei⸗ nem Punkte des Reichs, wo man ſie brauchen könne, fehlen möchten. Stets war er in dieſem Falle zuerſt unterrichtet. Er war es, der ſeinem Miniſter mit⸗ theilte, daß in der Feſtung, in der Stadt des In⸗ nern, in dem Seehafen die Geldmittel zu einem be⸗ ſtimmten Tage für Arbeiter, Lieferungen, Soldaus⸗ zahlungen an eine Diviſion, ein Regiment nicht vor⸗ bereitet geweſen ſeien. Um dieſen eminenten Geiſt überhaupt wahrhaft kennen zu lernen, muß man beobachten, wie er an demſelben Tage, zu derſelben Stunde alle auf den Krieg bezügliche Fragen verhandelt, vom Plane des Feldzugs an, Geſchütz, Genieweſen, Zuſammenſetzung des Heeres und deſſen Bewegungen, bis zum Schuh⸗ werk und den Patrontaſchen der einzelnen Soldaten herab; wie er alle Theile des Seeweſens von den allgemeinen Berechnungen, dem Auslaufen und der Rückkehr der Geſchwader, bis zur Ausrüſtung der letzten ſeiner Kanonierſchaluppen anordnet; wie er alle Departements der Verwaltung durchfliegt, bei der Lei⸗ tung des Miniſteriums des Innern beginnt und bei der Herſtellung einer Dorfkirche endigt; alle Verhält⸗ niſſe nach Außen überſchaut, von den Verhandlungen mit den Großmächten bis zu dem Verhältniſſe Frank⸗ reichs zur kleinſten deutſchen Reichsſtadt; wie er end⸗ lich alle dieſe verſchiedenen Gegenſtände und eine Menge andrer obendrein mit derſelben Kenntniß des 43 Ganzen und des Einzelnen, mit derſelben Treue des Gedächtniſſes, derſelben Schärfe des Gedankens ver⸗ handelt, als ob jedes dieſer einzelnen Miniſterien der Gegenſtand ſeiner ausſchließlichen Beſchäftigung wäre. Wenige Tage vor Ablauf des Jahres 1804, den 27. Dezember, wurden die Sitzungen des geſetzge⸗ benden Körpers eröffnet, und diesmal zum erſten Mal mit allem Prunke kaiſerlicher Würde. Die Wiederkehr geſetzgebender Verſammlungen wa⸗ ren in Frankreich wie in England Zeitabſchnitte ge⸗ worden, auf welche Einheimiſche und Fremde ihre Blicke richteten, um aus den Worten des Staatsober⸗ hauptes oder aus den Reden ſeiner Bevollmächtigten Aufſchluß über die nächſte Zukunft zu erhalten. In der Eröffnungsrede des Kaiſers kamen unter andern folgende bemerkenswerthe Stellen vor: „Fürſten, Beamte, Soldaten, Bürger, wir haben alle in unſrer Laufbahn nur ein einziges Ziel: das Intereſſe des Vaterlandes. Wenn dieſer Thron, auf welchen die Vorſehung und der Wille der Nation mich erhoben, Werth in meinen Augen hat, ſo iſt es blos, weil er allein die heiligſten Intereſſen des fran⸗ zöſiſchen Volks vertheidigen und erhalten kann. „Ohne eine kraftvolle und väterliche Regierung würde Frankreich die Rückkehr der vergangenen Uebel zu befürchten haben. Die Schwäche der Regierung iſt das höchſte Unglück, das die Völker treffen kann. „Als Soldat und erſter Conſul hatte ich nur einen Gedanken, als Kaiſer habe ich keinen andern, als das Wohl Frankreichs. „Ich bin glücklich geweſen, es durch Siege zu verherrlichen, es durch Verträge zu befeſtigen, es dem Bürgerkriege zu entreißen und das Wiederaufleben der Sitten, der Geſelligkeit und der Religion vorzu⸗ 44 bereiten. Wenn der Tod nicht in der Mitte meiner Arbeiten mich abruft, hoffe ich, ein Andenken zu hin⸗ terlaſſen, das meinen Nachfolgern ſtets zum Beiſpiele oder zum Vorwurfe gereichen wird. „Es würde in einem ſo feierlichen Augenblicke ſüß für mich geweſen ſein, den Frieden auf der Welt herrſchen zu ſehen; allein die politiſchen Grundſätze unſrer Feinde, ihre zahlloſen Verunglimpfungen des Völkerrechts zeigen wohl hinlänglich die Schwierigkeit des Friedens. „Ich denke nicht daran, das franzöſiſche Gebiet zu erweitern, aber ich will ſeine Integrität unver⸗ letzt wiſſen. Ich habe den Ehrgeiz nicht, auf Eu⸗ ropa einen größern Einfluß ausüben zu wollen, aber den erlangten werde ich nicht aufgeben. Kein Staat wird dem franzöſiſchen Reiche einverleibt werden, aber ich werde die Rechte und die Bande nicht aufopfern, die mich an Staaten knüpfen, die ich geſchaffen habe. „Durch Zuerkennnng der Krone hat mein Volk die Verbindlichkeit auf ſich genommen, keine Anſtren⸗ gung zu ſcheuen, welche die Umſtände erfordern dürf⸗ ten, um ſich jenen Glanz zu erhalten, der zu ſeinem Glücke und Ruhme wie zu dem meinigen nothwen⸗ dig iſt. „Ich bin voll Vertrauen auf die Kraft der Na⸗ tion und auf ihre Gefinnung für mich. Ihre theuer⸗ ſten Intereſſen ſind der ſtete Gegenſtand meiner Sorgfalt.“ Die erſte Handlung in der erſten Sitzung des geſetzgebenden Körpers war die Einweihung der Büſte des Kaiſers in dem Verſammlungsſaale. Diesmal galt die Huldigung nicht dem Sieger, dem Eroberer, ſie galt dem Geſetzgeber, der ſich um das Vater⸗ land verdient gemacht hat, der in Frankreich die 45 entwaffneten Parteien zwang, denſelben Geſetzen zu gehorchen. Bei dieſer Gelegenheit ſprach ein talentvoller Redner das ſo berühmt gewordene Wort:„Der erſte Platz war leer; der Würdigſte mußte ihn einnehmen. Nur die Anarchie hat er vom Throne geſtoßen.“ Viertes Rapitel. Di Soiré bei Frau von Poitiers oder der Grä⸗ fin von Schönburg, unter welchen Namen dieſe politiſche Intrigantin in Paris bekannt war, gehörte nicht zu den ſehr zahlreich beſuchten, zeichnete ſich aber durch Glanz und Geſchmack in hohem Grade aus. Niemand verſtand auf liebenswürdigere Weiſe die gute Wirthin zu machen, als die Frau vom Hauſe, welche angeborne Grazie mit all' jenen feinen Manieren vereinte, durch welche ſich namentlich die Pariſerinnen der höhern Geſellſchaft auszeichnen. Armand, der theils mit höchſt widerwärtigen Gefühlen, theils mit freudeklopfendem Herzen, wenn er an Florentinen dachte, den Salon betreten hatte, erkannte bald aus den Geſprächen, den feinen Witzeleien, die man ſich über die Krönungsfeierlich⸗ keiten, die kaiſerliche Familie und den neuen Hof er⸗ laubte, daß er ſich hier keineswegs unter Freunden des Kaiſers befinde. Seine Blicke flohen forſchend über die Geſellſchaft und da erſchrak er wirklich vor 46 mehren Phyſiognomien, die er ſich bereits in dem Gaſthauſe zu Breſſoles geſehen zu haben erinnerte. Der Jüngling ſchauderte bei dem Gedanken, daß er ſich hier zu der Stelle eines Spions verdammt ſah; je freundlicher, wohlwollender und vertrauungs⸗ voller man ihm entgegen kam, deſto widerwärtiger fühlte er ſich berührt. Das Benehmen der Wirthin gegen ihn war ſo voll gewinnender Herzlichkeit, daß er einigemal wirk⸗ lich in Verſuchung gerieth, ob er ſich nicht entdecken und den Abgrund zeigen ſollte, an deſſen Abhang die Abenteuerin ſchwebte. „Meine Nichte, Florentine,“ ſprach das ſchöne Weib, als es wieder neben Armand Platz genom⸗ men, nicht ohne ſchalkhaftes Lächeln,„hat mir recht Viel von Ihnen erzählt. Die eitle Kleine kann den Ball von Boulogne noch gar nicht aus dem Sinne bringen.“ Ein Blumenwald blühte bei dieſen Worten in des Jünglings Herzen auf; eine ungeahnte Seligkeit bemächtigte ſich ſeines ganzen Weſens. Frau von Poitiers, welcher der angenehme Eindruck nicht entging, den ihre Rede auf Armand hervorgebracht hatte, fuhr mit reizender Vertraulich⸗ keit über Florentinen's Verhältniſſe zu plau⸗ dern fort. „Das arme Kind,“ ſprach ſie,„ſteht ganz ver⸗ laſſen und ſchutzlos in der Welt, wenn ich mich ſei⸗ ner nicht annehme; es hat frühzeitig beide Aeltern und durch unſelige Ereigniſſe vor nicht gar zu langer Zeit ihren Oheim verloren, der ihr mit väterlicher Liebe zugethan war. Jetzt hat das arme Mädchen nur mich noch.“ Frau von Poitiers ward plötzlich abgerufen, 47 und Armand blieb in einer nicht zu beſchreibenden Stimmung zurück.„ Es lag ja am Tage, daß jener Mann, deſſen Ge⸗ fangennahme er mit Gefahr ſeines Lebens bewirkt hatte, Niemand anders geweſen war, als Florentinen's Oheim. Alles traf auf das Genaueſte zuſammen; nur war ihm ein Räthſel, auf welche Art und Weiſe das Mädchen von Bellevue gerettet wurde, da das Landhaus, wie er ſpäter erfahren hatte, unmittelbar nach der Verhaftung des Royaliſten, von Militär be⸗ ſetzt worden war. Sollte er aber jetzt, nachdem er Florentinen des einzigen männlichen Schutzes be⸗ raubt hatte, ſie auch noch um die letzte Stütze brin⸗ gen? Was ſoll, frug er ſich, aus dem armen, ver⸗ laſſenen, hülfloſen Engel werden, ſobald die Intri⸗ guen ihrer ſogenannten Tante an den Tag kommen, und dieſe in den Kerker oder gar auf's Blutgerüſt wandern muß? Während er ſich auf's Tiefſte betrübt mit dieſem Gedanken beſchäftigte, nahte ſich ihm einer der an⸗ weſenden Gäſte, Namens Chvoiſeul, der ſeit Kur⸗ zem erſt aus der Emigration nach Frankreich heim⸗ gekehrt war und der den feinen Hofmann des ancien regime nicht verkennen ließ. Er knüpfte mit Ar⸗ mand ein Geſpräch an, das ſich im Anfang nur um alltägliche Gegenſtände drehte, ſpäterhin aber auf die Politik überging. Der Royaliſt, der noch nicht wußte, wie er mit dem jungen kaiſerlichen Offizier daran war, hütete ſich wohl, ſogleich mit ſeinem po⸗ litiſchen Glaubensbekenntniß hervorzutreten und ſpielte eine Zeit lang den Bewunderer des Kaiſers. Ar⸗ mand, in Gedanken mit Florentinen und ihrem traurigen Geſchicke beſchäftigt, vernahm wenig von den geheuchelten Lobeserhebungen und gab gedanken⸗ 48 los dem Sprecher faſt in allen Dingen recht. Dieſer hierdurch vertrguender gemacht, hielt es nun an der Zeit, auch auf die Schattenſeiten des Kaiſerthums aufmerkſam zu machen und dadurch mittelbar das Regiment der Bourbonen in günſtiges Licht zu ſetzen. Als auch hier ſein Zuhörer nichts zu erwiedern hatte, platzte der Emigrant plötzlich mit der Frage heraus, ob Armand wirklich an eine bevorſtehende Lan⸗ dung in England glaube? „Seien Sie einmal ganz aufrichtig, Kapitain,“ ſprach er mit offener, vertrauenerweckender Bonhomie, „gehören Sie etwa auch zu den Leichtgläubigen, welche eine Landung auf engliſchem Boden für möglich halten?“ Jetzt erſt wachte Armand aus ſeinen Gedanken auf, ſah den Royaliſten etwas verwundert an, und fragte:„Wer zweifelt daran?“ Dieſe Antwort hatte Jener nicht erwartet. Er ſchwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: „Napoleon mache die Landung einem Andern weiß, die großen Anſtalten, die man an den Küſten trifft, ſind nichts, als eine Demonſtrativn, um Eng⸗ land in ſteter Angſt zu erhalten und ſeine Flotten im Kanal zu verſammeln. Hierdurch hofft man die Kräfte des Inſelſtaats allmälig aufzureiben, ein Un⸗ ternehmen, das aber nicht gelingen wird, wenn man die unermeßlichen Hülfsquellen Britanniens bedenkt.“ Es iſt ein altes Sprichwort, daß man das, was man nicht wünſcht, auch nicht glaubt; nichts aber konnte für die Freunde des vertriebenen Herrſcher⸗ hauſes ſchreckhafter ſein, als der Gedanke einer Lan⸗ dung in England. Blos durch ſeine Seemacht war es bisher der britiſchen Regierung möglich geweſen, Frankreich zu widerſtehen, weil die engliſchen Küſten 49 durch Flotten vor jedem Angriff geſchützt wurden. Gelang aber die Landung, ſo war der unverſöhnliche Feind in ſeinem innerſten Herzen angegriffen und es ſtand bei Napoleon, ihm alle kriegeriſche Pulsadern zu durchſchneiden und die Quellen des Kriegs auf lange Zeiten verſiegen zu machen. Mit England ging aber auch die letzte Hoffnung der Bourbonen, je wie⸗ der Frankreichs Thron zu beſteigen, zu Grunde, und daher ſuchte die legitimiſtiſche Partei Alles hervor, um die ungeheuern Anſtalten zu einer Landung als bloße Demonſtration hinzuſtellen.“ Choiſeul ging von denſelben Anſichten aus, und er bot alle ſeine Beredtſamkeit auf, um ſeinen Zu⸗ hörer für ſeine Meinung zu gewinnen und die Idee der Landung als eine utopiſche hinzuſtellen. Armand, welcher jetzt bedachte, daß er ſich im Salon einer fanatiſchen Royaliſtin befinde, und daß er, wolle er nicht Alles verderben, ſich Zwang anthun und ſeinen wahren politiſchen Glauben verleugnen müſſe, geſtand dem Legitimiſten zu, daß eine Landung allerdings mit großen Schwierigkeiten verknüpft ſei. „Nein, ſagen Sie lieber,“ ſprach dieſer eifrig, „daß ſie gar nicht im Sinne der franzöſiſchen Regie⸗ rung liegt.“ „Das mag ich nicht behaupten,“ verſetzte Ar⸗ mand. „Unbeſtritten, unbeſtritten,“ fuhr der Legitimiſt, der ſich in ſeiner Anſicht ſehr gefiel, fort;„eine Lan⸗ dung in England verſuchen zu wollen, wäre eine Thorheit, und Napoleon iſt nicht der Mann, der das ſchönſte Heer, das er je commandirte, einem ſo wagehalſigen Unternehmen opfern ſollte.“. Als Armand mit Willen nicht mehr wiederſtritt und den Anſichten des Royaliſten beizupflichten ſchien, Stolle, ſämmtl. Schriften. XRl. 4 50 ward dieſer vertrauungsvoller und ſeine legitimiſtiſche, antinapoleoniſche Geſinnung trat immer mehr hervor. Er kam nach einiger Zeit auf die Gefangennehmung aller Engländer auf franzöſiſchem Gebiete zu ſpre⸗ chen, über welche Maßregel er ſich mit großer Bitter⸗ keit ausſprach. „Eine ſolche Despotie,“ meinte er,„haben ſich die Bourbonen nie erlaubt. Wo iſt je das Vertrauen mehr gemißbraucht und das Völkerrecht mehr mit Füßen getreten worden? Unſchuldige Reiſende, die im Gegentheil Anſpruch auf Gaſtfreundſchaft haben, feſt⸗ zunehmen, unſchuldigerweiſe ihrem Vaterlande, ihrer Heimath, ihren Familien, ja ihrem ganzen Lebens⸗ glücke zu entziehen?“ Armand konnte ſich hier nicht enthalten, auch der vielen ſchreienden Verletzungen zu gedenken, welche ſich England gegen das Völkerrecht erlaubt, und wo— von jene allerdings ſehr ſtrenge Maßregel, die Ge⸗ fangennahme aller in Frankreich lebenden Britten, ge⸗ rechtfertigt erſcheine. „Die Ungerechtigkeit von Seiten des einen Theils,“ entgegnete Chviſeul,„berechtigt den andern nicht gleichfalls zur Ungerechtigkeit. Uebrigens findet hier noch immer ein großer Unterſchied ſtatt, die engliſche Regierung iſt eine bereits durch Jahrhunderte ſanc⸗ tionirte und von allen Völkern anerkannte Regierung, nur gegen eine ſolche kann von Verletzung des Völ⸗ kerrechts die Rede ſein, während das franzöſiſche im⸗ proviſirte Kaiſerthum bei den meiſten Regierungen Europa's als noch gar nicht exiſtirend betrachtet wird; hier kann ſchon deshalb von einem Völkerrecht nicht die Rede ſein, weil ſich dieſe neue Staatsverfaſſung gleichſam noch hors de la loi befindet.“ Armand mußte ſehr an ſich halten, um dieſer 54 jeſuitiſch⸗legitimen Doctrin nicht in dem Grade ent⸗ gegen zu treten, wie ſie es verdiente. Er begnügte ſich, zu erwiedern, daß jeder civilifirte Staat, ſo er das Völkerrecht nicht achte, auf die Stufe des Bar⸗ barenthums zurückſinke. Das Geſpräch ward unterbrochen, da Frau von Poitiers wieder heran trat. „Entſchuldigen Sie, mein Herr Marquis,“ ſprach ſie zu Choiſeul gewendet,„wenn ich Ihnen den Herrn Capitain auf einige Augenblicke entziehe; aber er ſoll mir ſein Urtheil über Etwas ſagen.“ Mit dieſen Worten winkte ſie Armand, bat zu folgen, und führte ihn in eines der angrenzenden Gemächer, deſſen Wände mit himmelblauen Tapeten überzogen waren. Ueber einem Sopha hing ein mit Gaze verhülltes Bild; ſie zog den Schleier hinweg und Florentinen's Bild ſchaute wie ein lächelnder Engel hernieder. „Finden Sie das Mädchen getroffen?“ frug die Poitiers, und ihre Blicke hafteten forſchend auf den Geſichtszügen des freudig überraſchten Jünglings. „Außerordentlich,“ geſtand dieſer ſichtbar ergriffen, und konnte ſich von dem himmelvollen Antlitz nicht losreißen. „Das freuet mich,“ verſetzte die Dame in unbe⸗ fangenem Tone,„ſo wird das Bildniß ſeiner Be⸗ ſtimmung genügen, obſchon ich mich ungern von ihm trenne.“ „Sie wollen es verſchenken?“ frug Armand in einem Tone, der ſeine innere Bewegung nicht verkennen ließ. „Allerdings,“ antwortete die Poitiers,„das Portrait hat eine weite Reiſe zu machen. Es kommt nach St. Petersburg.“ 4* 52 „Und darf man fragen,“ fuhr Armand kaum hörbar fort,„wer ſo glücklich iſt, dieſes herrliche Ge⸗ ſchenk zu empfangen?“ „Der junge Graf Moriew,“ war die ruhigeh Antwort,„Offizier in der Garde Seiner Majeſtät des Kaiſers von Rußland und Bräutigam Floren⸗ tinen's.“ Wie Eistropfen fielen dieſe Worte in das liebe⸗ erglühte Herz des jungen Mannes; er erwiederte nichts, und um ſeinen innern Schmerz nicht zu ver⸗ rathen, irrten ſeine Blicke an den hohen Wänden umher, von welchen noch einige andere Bildniſſe her⸗ niederſchauten. „Es ſind lauter Familienportraits,“ erklärte Frau von Poitiers;„hier ſehen Sie auch das Bild von Florentimen's Onkel, von dem ich Ihnen vorhin erzählte.“ Armand warf einen Blick darauf und zuckte un⸗ willkürlich zuſammen. Das war ja ſein Gegner, mit welchem er auf Tod und Leben gekämpft und deſſen Gefangennahme er bewirkt hatte. Er glaubte hierin den Finger der Vorſehung zu erkennen. Wie konnte er ſich nur träumen laſſen, Anſpruch auf ein Weſen zu haben, deſſen einzigen Freund und Be⸗ ſchützer er in's Verderben geſtürzt hatte. Er wagte nicht, ſich nach dem nähern Schickſale des Mannes zu erkundigen und Frau von Ppitiers ſchien es ſorgfältig zu vermeiden, darauf zurückzukommen. Als Armand mit ſeiner Begleiterin wieder in den großen Salon zurückkehrte, war Florentine unterdeß angekommen und ſaß, von mehren Herren umringt, welche ſie mit Galanterien überſchütteten, wie eine junge Frühlingsroſe auf einem reich ge⸗ ſchmückten Tabouret. Ein höheres Roth ergoß ſich über das reizende Antlitz des Mädchens, als ihr verſtohlener Blick Ar⸗ mand erſchaute und ihr Herz klopfte in ſchnelleren Schlägen. Die faden Schmeicheleien der Herren, die ſie umringten, wurden ihr immer unerträglicher, und ſie harrte mit ängſtlicher Sehnſucht des Augenblicks, wo ihr der junge. ſchöne kaiſerliche Offizier, deſſen Bild ſeit dem Balle in Boulogne unverlöſchlich in ihrem Herzen lebte, ihr ſeine Aufwartung machen werde. Armand ſeinerſeits befand ſich in einer ganz ähnlichen Stimmung, als er die Anweſenheit ſeines Ideals bemerkte. Er benutzte die erſte günſtige Ge⸗ legenheit, ſich ihr vorzuſtellen und zwar mit aller Schüchternheit der erſten heiligen Liebe. Zum Glück brauchte er diesmal um Stoff zur Converſation nicht verlegen zu ſein. Es hatten ſeit dem Balle in Bou⸗ logne ſo wichtige Ereigniſſe und glänzende Feierlich⸗ keiten ſtatt gefunden, daß ſich leicht ein Anknüpfepunkt auffinden ließ. Je länger aber das ſchöne Paar ſich unterhielt, deſto mehr ging das Anfangs etwas befangene Ge⸗ ſpräch in jene herzliche Plauderei über, wie man ſie nur bei Perſonen gewohnt iſt, deren beiderſeitiges Gemüth in harmoniſchem Einklange ſteht. Floren⸗ tine war ganz wieder jene holde kindliche Naivetät und entzückende Liebenswürdigkeit, wie in Boulogne, ſo daß Armand den Gedanken gar nicht zu faſſen vermochte, dieſes himmliſche Geſchöpf könne einem An⸗ dern angehören. Plötzlich gedachte er in ſeinem ſeli⸗ gen Rauſche wieder des Bildes, das der Ausſage der Frau von Poitiers nach Florentinen's Bräuti⸗ gam beſtimmt war, und die rauhe Wirklichkeit erweckte ihn mit kalter, eiſiger Hand. 5⁴ „Ich habe auch Ihr Portrait geſehen, mein Fräu⸗ lein, begann er nach einer Pauſe mit gepreßter Stimme und ſchaute dabei der Geliebten voller Schmerz und Liebe in den blühenden Himmel der ſchönen tiefblauen Augen. „Wirklich?“ frug Florentine heiter und unbe⸗ fangen,„ſieht mir's denn wirklich etwas ähnlich?“ „Es iſt von Meiſterhand gefertigt,“ erwiederte Armand begeiſtert,„aber Florentine bleibt gleich⸗ wohl weit ſchöner.“ „Pſt!“ ſtrafte das Mädchen mit reizender Lieb⸗ lichkeit, indem ſie den einen Finger der kleinen weißen Hand an die roſigen Lippen legte,„nicht ge⸗ ſchmeichelt, mein Herr, Sie wiſſen, ich kann das nicht leiden.“ „Gewiß, gewiß, Florentine,“ verſicherte der Jüngling mit einem betheuernden Tone, als gelte es ſeine eigne Seligkeit,„Sie ſind weit ſchöner!“ Florentine that jetzt, als wenn ſie die ſchmei⸗ chelhaften Worte, welche ihrem Ohr aus Armand's Munde gleichwohl ſo ſüß klangen, gar nicht gehört habe, und ſprach ſo unbefangen wie möglich: „Daß man doch gar nicht weiß, wie man eigent⸗ lich ausſieht, geht es Ihnen nur auch ſo?“ „Wenn Sie das behaupten,“ erwiederte Armand galant,„haben Sie das Schönſte auf Erden noch nicht geſchaut.“ „Aber ſagen Sie mir nur,“ frug Florentine etwas ſchmollend,„wo Sie auf einmal das Schmei⸗ cheln gelernt haben? Ich ſollte Ihnen bös werden, Sie find ganz wie die Andern, die mir auch Schö⸗ nes zu ſagen meinen, während ich doch recht gut weiß, daß ſie ganz anders denken.“ Das ſüße Bekenntniß des Vorzugs, den Flo⸗ rentine Armand vor den„Andern“ gab, welches in dieſen Worten des Mädchens, die ihr ganz un⸗ willkürlich entflohen waren, lag, erfüllte des Jüng⸗ lings Bruſt mit namenloſer Seligkeit. „O, Florentine,“ ſprach er in ſeelenvollem Tone, „könnten Sie in mein Herz ſchauen, ſo würden Sie erkennen, daß mir Schmeichelei fremd iſt, und daß ich Ihnen gegenüber nur reine, heilige Wahrheit ſpreche und ſtets nur ſprechen werde.“ Das Mädchen tändelte ſcheinbar theilnahmlos an Armand's Rede, die ihr doch ſo beſeligend tönte, mit ihrem Perlmutterfächer; und obwohl ihr das ge⸗ genwärtige Geſpräch das liebſte auf der Welt war, lehrte ſie doch der weibliche Inſtinkt, daß ſie der Un⸗ terhaltung eine andere Richtung geben müſſe. Sie fuhr daher in ihrem vorigen unbefangenen Tone fort: „Denken Sie nur, vier Tage lang, und jeden Tag ganzer drei Stunden, hab' ich dem Maler ſitzen müſ⸗ ſen, unbeweglich und ſtill wie ein Steinbild; in mei⸗ nem Leben laſſe ich mich nicht wieder abconterfeien.“ „Weiß auch wohl, Florentine,“ ſprach Ar⸗ mand, indem ſein Blick bedeutſam und ſchmerzvoll auf ihr ruhte,„daß mir die gnädige Gräfin erzählt hat, wem dieſes Portrait beſtimmt iſt.“ „Nicht wahr, meinem Petersburger Bräutigam?“ frug lächelnd das Mädchen;„ganz recht, wenn ich nur erſt wiſſen ſollte, wie Herr von Moriew ausſähe?“ Armand athmete bei dieſen Worten neu auf. „Wie,“ ſprach er verwundert,„Sie kennen Ih⸗ ren Bräutigam gar nicht, haben ihn noch nicht ein⸗ mal geſehen?“ „Gewiß nicht,“ verſicherte treuherzig das Mäd⸗ 56 chen;„aber der guten Tante macht es viel Spaß, mich ihre kleine Braut zu nennen.“ Frau von Poitiers, welche ſchon ſeit geraumer Zeit Armand und Florentinen aus der Ferne beobachtet hatte, trat jetzt heran. „Meine Flora,“ ſprach ſie in einem ſanft rügen⸗ den Tone,„ſcheint mich heute ganz zu vergeſſen.“ „O, nein, nein, mein gutes, liebes Tantchen,“ rief aufſpringend voller Herzlichkeit das Mädchen und ſchlang ihren Arm liebend um den Nacken der ſchönen Frau. ℳ ch wollte den Herrn Capitain,“ ſprach jetzt Frau von Pvoitiers zu Armand, der ſich gleich⸗ falls erhoben hatte,„einladen, an einer Parthie Whiſt gefälligſt Theil zu nehmen, für den Fall nämlich, daß Sie ein Freund dieſes Spiels ſind.“ Armand bedauerte achſelzuckend und etwas ver⸗ legen, daß er aller Kartenſpiele unkundig ſei. „Ei, ei,“ ſprach lächelnd die Frau vom Hauſe, „der Adjutant eines franzöſiſchen Marſchalls und liebt das Spiel nicht?“ „Aber vingt-un können Sie doch?“ fuhr Flo⸗ rentine in ihrer Unſchuld ein Wenig vorlaut heraus, „das iſt ganz leicht und mir das liebſte Spiel.“ Eein ernſter Blick der Tante belehrte das Mäd⸗ chen, daß es nicht ſo vorlaut ſchwatzen ſolle, und wieder zu Armand gewendet, ſprach die Gnädige voll gewinnender Anmuth: „Wohlan, mein Herr Capitain, ſo plaudern wir ein Wenig zuſammen. Sie haben uns noch nicht er⸗ zählt, wo und wie Sie die Krönungsfeierlichkeiten mit angeſehen haben. Auch auf dem brillanten Balle des Stadthauſes ſind Sie geweſen, wie wir erfahren. Unpäßlichkeit hinderte mich, daſelbſt mit meiner Nichte 57 zu erſcheinen. Alſo erzählen Sie uns ausführlich und genau, Sie werden an mir und Florentinen die aufmerkſamſten Zuhörerinnen finden. Armand, welchem ſich ſeit der Kunde, daß Florentine ihren ſogenannten Bräutigam gar nicht kenne und noch nicht geſehen habe, eine Centnerlaſt von der Bruſt gewälzt hatte, erfüllte mit großem Vergnügen den Wunſch der Frau vom Hauſe und er⸗ zählte äußerſt angenehm und mit vieler Lebendigkeit, während ſich in den Nebengemächern die Spielparthien arangirten. Da Frau von Poitiers vermöge ihrer Stel⸗ lung als Wirthin oft ab⸗ und zugehen mußte, ſo ward dem glücklichen Paare die ſchönſte Muße in un⸗ geſtörter Ruhe ihre Herzen immer inniger zu ver⸗ ſchwiſtern. Die Stunden verrauſchten den Liebenden in an ſich ganz unſcheinbaren Geſprächen wie Augen⸗ blicke; und Armand gewahrte erſt an einer Gruppe Gäſte, welche ſich ſoeben im Nebengemach der Frau vom Hauſe empfahlen, daß es Zeit zum Aufbruche ſei. Als ſich der Jüngling gleichfalls verabſchiedete, erklärte ihm Frau von Poitiers mit feiner Artig⸗ keit, daß von jetzt keine Einladung wieder an ihn erfolge, da der Herr Capitain auch ohne dieſelbe ſtets gern geſehen und willkommen ſei, und daß ſie daran erkennen werde, daß es ihm in ihrem Salon nicht mißfallen habe, wenn er denſelben, ſo oft es ihm möglich, mit ſeinem Beſuche beehre. Die Bruſt voller Seligkeit und unter der heilig⸗ ſten Betheuerung, nie zu heirathen, wenn er nicht den Engel Florentine zur Frau bekomme, verlies der liebeberauſchte Armand das Hotel der Frau von Poitiers. 58 Fünftes Rapitel. Wenn im Leben des Kaiſers Napoleon das Jahr 1803 eines der merkwürdigſten durch die Mannigfal⸗ tigkeit und Größe der Ereigniſſe war, ſo kommt ihm auch noch die Auszeichnung zu, daß es vor allen an⸗ dern einen Charakter von Geſchloſſenheit trägt, der ihm eine regelmäßige und gerundete Form giebt. In dieſem Zeitraume beginnt eine große Bege⸗ benheit, verwickelt, entwickelt ſich, beſteht ihre Kriſis und kommt zu ihrer Löſung. Wie das neue Jahr Europa, das Feſtland in Frieden von ſeinem Vor⸗ gänger übernahm, ſo legt es das Feſtland wieder be⸗ friedigt in die Hände des nächſtfolgenden Jahres, umgeſtaltet durch einen wundervollen Krieg. Trotz der großartigen Rüſtungen Napoleon's gegen England und der neuen Anſchließung Spaniens an Frankreich, trotz der fortwährenden Beleidigungen und völkerrechtlichen Verſuche von Seiten der Eng⸗ länder gegen die franzöſiſchen Schiffe und Küſten, trotz der beleidigenden Zurückweiſung eines ähnlichen frühern Antrags, that der franzöſiſche Kaiſer noch einmal einen entſcheidenden Schritt, um den längſt erſehnten Frieden endlich herbeizuführen. Napoleon, von der großartigſten und edelſten Geſinnung belebt, ſchrieb am zweiten Januar 1805 zum zweitenmal eigenhändig an den König von Eng⸗ land, und zwar folgenden Brief: „Mein Herr Bruder! „Auf den Thron von Frankreich durch die Vor⸗ ſehung, ſo wie durch die Zuſtimmung des Senats, des Volkes und des Heeres berufen, hege ich vor 59 allen andern Gefühlen den Wunſch nach Frieden. Frankreich und England reiben ſich gegenſeitig auf. Sie können noch Jahrhunderte mit einander ringen. Aber werden ihre Regierungen wohl die heiligſten ihrer Pflichten erfüllen? Und klagt ſie nicht ihr ei⸗ genes Gewiſſen wegen ſo vielen umſonſt und ohne Ausſicht auf irgend einen Zweck vergoſſenen Blutes an? „Ich halte es nicht für unehrenvoll, den erſten Schritt zu thun. Ich habe, glaube ich, der Welt hinlänglich bewieſen, daß ich keinen Wechſelfall des Krieges zu ſcheuen brauche; Krieg bietet mir durch⸗ aus nichts dar, was ich fürchten könnte. Frieden iſt der Wunſch meines Herzens, wiewohl der Krieg mei⸗ nem Ruhme nie entgegen geweſen iſt. „Ich beſchwöre Ew. Majeſtät, das Glück nicht von der Hand zu weiſen und der Welt den Frieden zu ſchenken. Entziehen Sie dieſen ſüßen Genuß nicht Ihren Kindern. Nie waren die Umſtände einladen⸗ der, nie der Augenblick günſtiger, allen Leidenſchaften Stillſchweigen zu gebieten und allein dem Gefühle der Menſchlichkeit und den Geboten der Vernunft zu folgen. Iſt dieſer Augenblick verloren, wo iſt dann das Ende eines Krieges zu ſuchen, den alle Beſtre⸗ bungen nicht Einhalt zu thun vermochten? „Ew. Majeſtät haben ſeit zehn Jahren an Ge⸗ biet und Reichthümern mehr gewonnen als der Um⸗ fang von ganz Europa beträgt. Ihre Nation genießt des höchſten Grades von Wohlſtand. Was können Sie vom Kriege noch erwarten? Eine neue Coalition der Landmächte zu bilden? Eine ſolche Coalition würde Frankreichs Größe und Macht nur vermehren. Die innern Unruhen zu erneuern? Die Zeiten haben ſich geändert. Unſre Finanzen zu Grunde zu richten? 60 Ein Finanzſyſtem das auf einen blühenden Ackerbau gegründet iſt, läßt ſich nicht zu Grunde richten. Frankreich ſeine Colonien nehmen? Die Colonien ſind für Frankreich ein untergeordneter Gegenſtand und Ew. Majeſtät beſitzen deren ſchon mehr als Sie behaupten können. „Wenn Ew. Majeſtät Alles dies in Erwägung ziehen, werden Sie finden, aß der Krieg ohne Zweck iſt. Wie traurig aber, die Völker gegen einander in den Kampf zu führen, aus keinem andern Grunde, als daß ſie ſich bekämpfen. „Die Welt iſt groß genug, daß unſre zwei Na⸗ tionen friedlich neben einander beſtehen können und die Vernunft mächtig genng, die Mittel zur Aus⸗ gleichung ausfindig zu machen, ſobald nur von beiden Seiten der gute Wille vorhanden iſt. „Ich habe hiermit eine meinem Herzen heilige und theure Pflicht erfüllt. Glauben Ew. Majeſtät an die Wahrheit der Geſinnungen, die ich kundgethan habe und an meinen Wunſch, Ihnen Beweiſe davon zu geben.“ Im Verlaufe von zwölf Tagen erfolgte die kalte und ausweichende Antwort auf dieſen hochherzigen Friedensantrag von Seiten der engliſchen Regierung- Der engliſche Miniſter des Auswärtigen ſchrieb an Herrn von Talleyrand in folgenden Worten: „Seine Majeſtät hat das Schreiben erhalten, welches das Haupt der franzöſiſchen Regierung un⸗ term zweiten dieſes Monats an Sie erlaſſen hat. Nichts liegt Seiner Majeſtät mehr am Herzen, als die erſte Gelegenheit zu benutzen, um Ihren Unter⸗ thanen auf's Neue die Vortheile eines Friedens zu verſchaffen, der auf eine mit der dauerhaften Sicher⸗ 61 heit und der weſentlichen Intereſſen Ihrer Staaten nicht unverträgliche Grundlage gebaut ſein wird. „Seine Majeſtät ſind überzeugt, daß dieſer Zweck nicht anders erreicht werden kann, als durch Anord⸗ nungen, die zu gleicher Zeit für Europa's künftige Sicherheit und Ruhe Gewähr leiſten und die Erneue⸗ rung der Gefahren und Unglücksfälle, womit es ſich in der neuern Zeit bedroht geſehen hat, abwenden. Bei dieſen Geſinnungen fühlen Seine Majeſtät, daß es Ihnen unmöglich iſt, beſtimmter auf die Ihnen gemachten Eröffnungen zu antworten, ehe und bevor Sie nicht Rückſprache mit den Landmächten gepflögen haben, mit welchen Sie in vertraulichen Verbindun⸗ gen und Verhältniſſen ſtehen, namentlich mit dem Kaiſer von Rußland, welcher die ſtärkſten Beweiſe der Weisheit und Erhabenheit der Geſinnungen, wo⸗ von er beſeelt iſt, und ſeiner lebhafteſten Theitnahme an allem, was die Sicherheit und Unabhängigkeit Europa's betrifft, gegeben hat.“ Wenige Tage nach Abgang dieſer Erklärung, ſchickte Frankreichs großer und unermüdlicher Feind, Pitt, eine Note an das ruſſiſche Cabinet, welche eine Cvalitivn Englands und Rußlands zum Gegen⸗ ſtand hatte, um gemeinſchaftlich Frankreich zu demü⸗ thigen und in die Grenzen von 1792 zurückzuweiſen. So verſchwand abermals die Hoffnung auf einen allgemeinen Frieden, von welchem die Feinde Na⸗ poleon's mit allem Grunde befürchteten, daß er die Herrſchaft des Letztern ſichern würde. Der Kaiſer aber, im Bewußtſein, das Seinige gethan zu haben, legte die den Friedensverſuch betreſſenden Documente dem geſetzgebenden Körper vor und erfuhr von ganz Frankreich eine begeiſterte Anerkennung ſeiner Hand⸗ lungsweiſe. 62 Krieg war alſo wieder die Loſung, Krieg gegen jenes England, in deſſen Herz zu dringen jeder gute Franzoſe mit demſelben Eifer wünſchte, wie zur Zeit des großen Nationalhaſſes, wo im Mittelalter die Engländer faſt ganz Frankreich eroberten, bis die wunderbare Erſcheinung der Jungfrau von Orle⸗ ans die franzöſiſche Nationalkraft ſtärkte und ihre Waffen wieder ſiegreich machte. 5 Um ſein Jahre lang mit Aufbietung aller ſeiner Kräfte vorbereitetes Unternehmen: die Landung einer großen Armee an den meerumrauſchten Küſten des Erbfeindes endlich, nachdem jeder Friedensverſuch ge⸗ ſcheitert, in's Werk zu ſetzen, erſann Napoleon ei⸗ nen der großartigſten Pläne, der je einem menſchli⸗ chen Genie entſprang, und der, wenn er gelang, den unmittelbaren Untergang des ſtolzen Englands zur Folge haben mußte. Während ſich Napoleon mit Ausführung dieſes geheimnißvollen Planes, um den er nur allein wußte und von welchem in einem der folgenden Kapitel ausführlicher die Rede ſein wird, beſchäftigte, erſchien eine Deputation der italieniſchen Republik, den Vice⸗ präſidenten Melzi an der Spitze, in Paris, und bot dem Kaiſer der Franzoſen die eiſerne Krone der lombardiſchen Könige an. Die italieniſche Republik, welche alle zeitherigen Regierungsveränderungen Frankreichs mit erlitten und nach der Ernennung Bonaparte's zum erſten Con⸗ ſul ihn zu ihrem Präſidenten gewählt hatte, glaubte bei der Erhebung deſſelben zur Kaiſerwürde es ſeinem neuen Range und ihrem eignen Intereſſe ſchuldig zu ſein, ſich ſelbſt zum Königreiche zu erheben und Na⸗ poleon die ſeit zehn Jahrhunderten in dem Kloſter von Monza aufbewahrte eiſerne Krone darzubringen. 63 Der Kaiſer erklärte ſeine Bereitwilligkeit zur An⸗ nahme derſelben unter dem Vorbehalt, ſie, ſobald es die Umſtände geſtatteten, auf ein jüngeres, von ſei⸗ nem Geiſte beſeeltes, Haupt zu ſetzen. Bereits in den erſten Tagen des Aprils verließ der Kaiſer in Begleitung Joſephinen's und eines zahlreichen Hofſtaats Paris, um im Dome von Mai⸗ land als König von Italien gekrönt zu werden. Die Reiſe glich einem Triumphzuge durch Frank⸗ reich und Italien. Der Kaiſer beſuchte unterwegs die Stadt Brienne, die er ſeit ſeinem Knabenalter nicht geſehen hatte. Er beſuchte alle ſeine einſtigen Lieblingsſpaziergänge und war ſeiner Begleitung ſtets voraus, indem es ihm Freude machte, derſelben die verſchiedenen Ortſchaften und Localitäten zu nennen, auf welche er ſich noch aus ſeiner frühern Jugendzeit beſann. Ein Landmann, welcher den einzelnen einfach ge⸗ kleideten Wanderer nicht kannte, frug ihn vertraulich: „He, Bürger, kann Er mich nicht berichten, ob der Kaiſer dieſe Straße paſſiren wird?“—„Allerdings,“ antwortete der Gefragte,„nur Geduld.“ In Brienne erkundigte ſich Napoleon nach der Mutter Margarethe; ſo hieß eine gute Bauers⸗ frau in einer Hütte mitten im Walde, zu welcher die Zöglinge der Militairſchule oft in die Milch gegangen waren. Der Kaiſer hatte ihren Namen nicht vergeſ⸗ ſen und vernahm mit eben ſo viel Erſtaunen als Freude, daß ſie noch lebe. Er ſprengte im Galopp bis zur Thüre der Hütte, ſtieg vom Pferde und trat bei der guten Bäuerin ein. Die Augen der alten Mutter hatten ſehr abge⸗ nommen, auch war der Kaiſer ſeit ſeiner Schulzeit 64½ ſo verändert, daß Frau Margarethe ihn nicht wie⸗ der erkannte. „Guten Tag, Mutter Margarethe,“ ſprach Na⸗ poleon, indem er ſie begrüßte,„Ihr ſeid alſo gar nicht neugierig, den Kaiſer zu ſehen?“ „Ja wohl, mein guter Herr, ich bin ſehr begie⸗ rig darnach; ſeht doch, da iſt ein Körbchen mit fri⸗ ſchen Eiern, das ich ſo eben zu Madame Lomenin in die Stadt tragen will, dann bleibe ich im Schloſſe, wo man den Kaiſer ſehen kann. Doch werde ich mir ihn nicht ſo genau beſehen können, wie ſonſt, wo er mit ſeinen Mitſchülern zur Mutter Margarethe kam, um Milch zu trinken. Freilich war er damals noch nicht Kaiſer; doch dies thut nichts; wahrhaftig ich muß ihn ſehen. Er ſorgte immer dafür, daß mir die Milch, die Eier, das Brot und die zerbrochenen Schüſſeln bezahlt wurden und er bezahlte ſeine Zeche allemal zuerſt. „Wie, Mutter Margarethe,“ frug der Kaiſer freudig überraſcht und gerührt,„Ihr habt Bona⸗ parte nicht vergeſſen?“ „Vergeſſen! Mein guter Herr, Sie glauben, man vergeſſe einen jungen Menſchen, wie dieſen, der ver⸗ ſtändig, ernſthaft, ja bisweilen traurig, aber immer gut gegen die armen Leute war? Ich bin blos eine Bäuerin, aber ich hab' es immer geſagt, daß in die⸗ ſem jungen Menſchen etwas Großes ſteckt.“ Der Kaiſer war der Alten jetzt ganz nahe getre⸗ ten, ahmte den Ton und die Manieren ſeiner erſten Jugend nach und rief, ſich eilfertig die Hände rei⸗ dend:„Geſchwind, Mutter Margarethe, Milch, friſche Eier; wir kommen vor Hunger um!“ Die gute Alte ſchien ihre Erinnerungen zu ſam⸗ 65 meln und begann den Kaiſer mit großer Aufmerkſam⸗ keit zu betrachten. „Nun Mutter,“ frug dieſer,„Ihr ſagtet ja ſo eben, daß Ihr Bonaparte wieder erkennen würdet. Kennt Ihr mich denn nicht. Sind wir nicht alte Bekannte?“ Während der Kaiſer dieſe letzten Worte ſprach, war ſie ihm zu Füßen gefallen. Er hob ſie mit dem innigſten Wohlwollen auf und ſagte, um der Alten eine Freude zu machen:„Wahrhaftig, Mütterchen, ich habe einen Schülerappetit; kann ich nicht etwas be⸗ kommen?“ Die alte Frau, welche dies Glück ganz außer ich brachte, holte ſo ſchnell ſie es vermochte, Eier un Milch herbei. Als er mit ſeiner Mahlzeit zu Ende war, ſchenkte er ſeiner alten Wirthin eine Goldbörſe und ſagte: „Ihr wißt, Mutter Margarethe, daß ich es gern habe, wenn man ſeine Zeche bezahlt. Lebt wohl. Ich werde Euch nie vergeſſen.“ Als der Kaiſer wieder zu Pferde ſtieg, lag Mut⸗ ter Margarethe noch auf den Knieen vor ihrer Hütte und rief allen Segen des Himmels auf das Haupt ihres hohen Gaſtes herab. Ein ähnliches Zuſammentrefſen erwartete den Kai⸗ ſer am nächſtfolgenden Morgen, als er ſich die ehe⸗ malige, in Trümmer zerfallene Kriegsſchule beſah und ſeinen Begleitern die Stellen der Lehrzimmer, der Schlaf⸗ und Speiſeſäle u. ſ. w. zeigte. Hier ward ihm ein Geiſtlicher aus der Umgegend vorgeſtellt, welcher Unterlehrer in einer der Schulklaſſen ge⸗ weſen. Napoleon erkannte ihn ſogleich wieder und ſchien ſehr erfreut. Er unterhielt ſich eine geraume Zeit Stolle, ſämmtl. Schriften. XFl. 5 66 mit dem geiſtlichen Herrn, welcher dieſe Stunde zu den ſchönſten ſeines Lebens zählte. Bevor der Kaiſer Brienne verließ, um nach Fon⸗ tainebleau zurückzukehren, wo er Joſephinen zu⸗ rückgelaſſen hatte, ließ er ſich vom Maire ein Ver⸗ zeichniß der dringendſten Bedürfniſſe einreichen und übergab demſelben eine anſehnliche Summe für die Armen und die Krankenhäuſer. Bei ſeiner Durchreiſe durch Troyes gab er wie überall Beweiſe ſeiner Freigebigkeit. Die Wittwe eines alten Generals kam trotz ihrer achtzig Jahre von Joinville herüber, um dem Kaiſer ein Bittſchrei⸗ n zu überreichen. Da ihr Mann blos vor der Re⸗ lution gedient hatte, war ihr Jahrgehalt unter der Republik eingezogen worden und ſie lebte in den hülfsbedürftigſten Umſtänden. Um nur die Koſten der Reiſe von Joinville nach Troyes beſtreiten zu können, hatte ſie ihr letztes ſilbernes Geſteck verſetzen müſſen. In letzterer Stadt konnte die arme Alte kein Unterkommen finden, weil alle Gaſthäuſer wegen der Anweſenheit des Kaiſers mit Fremden überfüllt wa⸗ ren, hätte ſich nicht der Maire einer Gemeinde aus der Umgegend ihrer angenommen und ihr eine Stube eingeräumt. Der Kaiſer nahm ihre Bittſchrift voller Güte und Barmherzigkeit auf. Am andern Tage er⸗ hielt ſie den Gnadenbrief auf einen Jahrgehalt von dreitauſend Franken, wovon ihr das erſte Jahr noch an demſelben Tage ausgezahlt wurde. 3 Auf der ganzen Strecke von Paris bis zum Gi⸗ pfel des Mont Cenis, auf welcher das kaiſerliche Paar reiſte, ſtiegen in allen Städten, Flecken, Dör⸗ fern, Weilern, Brücken u. ſ. w. Triumphbögen und Ehrenſäulen empor und die Bevölkerung aller Ort⸗ ſchaften kam ihm mit Liebe und Enthuſiasmus ent⸗ 67 gegen und umringte jubelnd die kaiſerlichen Equi⸗ pagen. So näherte man ſich den Alpen. Diesmal er⸗ ſchien vor den grauen Gletſchern Napoleon nicht mit einer Armee wie vor fünf Jahren, ſondern nur in Begleitung eines friedlichen Hofſtaates. Am Fuße des Mont Cenis, über welchen eine Straße anzulegen der Kaiſer befohlen hatte, die aber noch nicht vollendet war, mußte man die Wagen Stück für Stück auseinander nehmen und ſie auf Mauleſel laden. Napoleon und Joſephine reiſten theils zu Fuß, theils in Tragſeſſeln über den Berg, die man aus Turin herbeigeſchafft hatte; der des Kaiſers war mit carmvifinrothem Atlas ausgeſchlagen, und mit goldnen Franſen und Borten beſetzt; der der Kaiſe⸗ rin mit himmelblauem Atlas und mit Silber geſtickt. Den Schnee hatte man ſorgfältig aus dem Wege ge⸗ kehrt. Als das kaiſerliche Paar in dem Hoſpiz anlangte, ward es von den ehrwürdigen Mönchen mit vieler Dienſtfertigkeit empfangen. Der Kaiſer, der dieſes Kloſter wegen ſeiner Heilſamkeit beſonders liebte, un⸗ terhielt ſich lange mit dieſen ſo nützlichen Einſiedlern und hinterließ bei ſeiner Abreiſe zahlreiche und reich⸗ liche Beweiſe ſeiner Wohlthätigkeit. Kaum in Turin angelangt, erließ er einen Beſchluß über die beſte Ein⸗ richtung des Herbergekloſters, wie dieſes überhaupt fortwährend ſich ſeines beſondern Schutzes zu erfreuen hatte. Kaiſer und Kaiſerin verweilten einige Tage zu Turin, wo ſie den ehemaligen Palaſt der Könige von Sardinien bewohnten. Dieſer ward durch einen Be⸗ 68 ſchluß zum kaiſerlichen Reſidenzſchloſſe erklärt, ſo wie auch das Schloß zu Stupinigi, welches nicht weit von Turin gelegen. Im letztern holte Seine Heiligkeit der Papſt, welcher faſt zu gleicher Zeit Paris verlaſſen hatte, die beiden Majeſtäten ein. Vor ſeiner Abreiſe aus Frankreichs Hauptſtadt waren dem heiligen Vater im Namen des Kaiſers prachtvolle Geſchenke überreicht worden. In einer Hinſicht aber war die Reiſe des Papſtes nach Paris völlig ohne Erfolg geblieben. Der heilige Vater hatte nämlich gehofft, durch ſeine Bereitwilligkeit in Betreff der Krönung, den Kaiſer zu vermögen, die Macht der Nachfolger Petri, welche durch die Franzoſen in Italien in den letztverfloſſe⸗ nen Jahren ſehr beſchränkt worden war, wieder zu erheben. Alle ſeine Bemühungen in dieſer Hinſicht waren aber gänzlich ohne Erfolg geblieben. Der Kai⸗ ſer ſelbſt hat ſich ſpäter über dieſen Gegenſtand fol⸗ gendermaßen ausgeſprochen: „Einige Zeit vor meiner Krönung,“ ſagte er, „wünſchte der Papſt mich zu ſprechen und beſtand darauf, ſich ſelbſt zu mir zu verfügen. Er hatte viele Zugeſtändniſſe gemacht, er war nach Paris gekommen, um mich zu krönen; er verſtand ſich dazu, mir die Krone nicht ſelbſt auf's Haupt zu ſetzen; er enthob mich einer öffentlichen Einnahme des Abendmahls un⸗ mittelbar vor der Ceremonie; er hatte daher ſeiner Meinung nach viele Belohnungen für dieſe Gefällig⸗ keiten zu erwarten. Auch hatte er Anfangs gehofft, die Romagna, die Legationen u. ſ. w. zurückzuerhal⸗ ten. Nach und nach aber erkannte er, daß er auf alles das verzichten müſſe. „Er beſchränkte endlich ſeine Forderungen auf eine ſehr kleine Gefälligkeit, wie er ſich ausdrückte, die in 4 69 der bloßen Unterzeichnung einer alten Urkunde, eines unſcheinbaren Stück Papiers, das ſeine Vorgänger von Ludwig dem Vierzehnten überkommen hatten, be⸗ ſtand. „„Machen Sie mir dieſes Vergnügen,“ ſagte er, „im Grunde hat es nichts zu bedeuten.“ „„Gern, theuerſter Vater, und es ſoll geſchehen, wenn es thunlich iſt,“ erwiederte ich ihm. Nun war dieſes alte Document eine Erklärung, in welcher der genannte Ludwig gegen das Ende ſeines Lebens be⸗ ſiegt durch die dringenden Bitten der Frau von Maintenon oder überredet von ſeinen Beichtvätern, die Artikel von 1682, die Grundlagen der berühmten Freiheiten der gallicaniſchen Kirche, mißbilligte. „Ich las das Papier und ſagte zu Pius: Ich habe keinen perſönlichen Einwurf zu machen, allein es ſei der Ordnung wegen doch gut, vorerſt die Bi⸗ ſchöfe und den Staatsrath über dieſe Sache zu hö⸗ ren; worauf der heilige Vater fortwährend wieder⸗ holte, daß dies keineswegs nothwendig ſei und daß die Sache kein ſo großes Aufſehen verdiene. „„Ich werde dieſe Unterſchrift nie vorweiſen,“ ſagte er,„eben ſo wenig wie man jene Ludwig des Vier⸗ zehnten vorgewieſen hat.“ „„Aber wenn das nichts zu bedeuten hat,“ erwie⸗ derte ich,„wozu ſoll denn meine Unterſchrift nützen? Und hat die Sache etwas zu bedeuten, ſo muß ich erſt meine Doctoren befragen.“ „Dieſer Beweisgrund war zu unwiderlegbar, daß der Papſt hinfort wegen dieſer Angelegenheit nicht weiter in mich drang.“ Von Stupinigi begaben ſich Napoleon und Jo⸗ ſephine nach Aleſſandria. Den Tag nach ſeiner Ankunft ſtand der Kaiſer ſehr frühzeitig auf, beſich⸗ — 70 tigte die Feſtungswerke der Stadt, durchritt alle Stel⸗ lungen des Schlachtfeldes von Marengo und kehrte erſt ſieben Uhr des Abends zurück. Einige Tage dar⸗ auf wünſchte er, daß die Kaiſerin die berühmte Ebene in Augenſchein nehmen möchte, und auf ſeinen Be⸗ fehl wurde daſelbſt eine Armee von dreißigtauſend Mann zuſammengezogen. Des Morgens an dem zur Muſterung beſtimmten Tage verließ der Kaiſer ſein Zimmer in einem blauen Rocke mit langer Taille und herabhangenden Schößen. Dieſer Rock war ſehr abgetragen und zeigte ſelbſt einige Löcher, die von Motten aber nicht von Kugeln herrührten, wie vielfach behauptet worden iſt. Auf dem Kopfe trug er einen alten Hut, der mit einer goldnen ſehr unſcheinbar gewordenen Treſſe beſetzt war und an der Seite einen Reiterſäbel, wie ihn die Generale der Republik zu tragen pflegten. Dies war nämlich die alte Uniform, mit welcher Bonaparte in der berühmten Schlacht von Marengo bekleidet ge⸗ weſen. Auf der Ebene hatte man für die Kaiſerin und ihr Gefolge ein prachtvolles Schaugerüſte erbaut, von wo die Evolutionen der Truppen vortrefflich über⸗ ſehen werden konnten. Der Tag war prächtig, wie dies im Maimonat in Italien in der Regel der Fall iſt. Nachdem Napoleon durch alle Reihen und Glie⸗ der der im ſchönſten Waffenſchmuck prangenden Trup⸗ pen geritten war, ließ er ſich neben der Kaiſerin nie⸗ der und theilte Kreuze der Ehrenlegion aus. Hierauf legte er den erſten Stein zu einem Denkmal, das zum Andenken der in jener berühmten Schlacht Gefallenen errichtet wurde. Dieſer Stein führte die Inſchrift: Napoleon, Kaiſer der Franzoſen und König von 71 Italien den Manen der Vaterlandsvertheidiger in der Schlacht von Marengv. Als der Kaiſer in einer kurzen Anrede an das Heer mit tiefbewegter Stimme den Namen Deſair ausſprach,„der hier glorreich für das Vaterland ge⸗ fallen,“ theilt ſich der laute Schmerz der ganzen Ar⸗ mee mit. Am ſechsten Mai Abends ſieben Uhr fuhren Na⸗ poleon und Joſephine über den Po und betra⸗ ten den Boden ihres Königreichs Italien. Sie wur⸗ ten von dem Vicepräſidenten der ehemaligen Repu⸗ blik, von den Mitgliedern der Staatsconſulten, den Miniſtern und geſetzgebendem Rathe auf das Feier⸗ lichſte empfangen. Auf dem linken Ufer des Grenzfluſſes hatte man einen großartigen Pavillon und eine vierhundert Fuß lange Galerie gebaut, welche zu einem großen, hun⸗ dert Fuß langem Saale führte, der an zwei andere große und runde Pavillons grenzte. Alles war auf das Geſchmackvollſte geziert und meublirt. Vor dem mittleren Pavillon erhob ſich ein hoher Triumphbogen von Laubwerk. Zur Rechten und Linken campirten italieniſche Truppen. Zahlloſe Volksmaſſen waren von nah und fern herbeigeſtrömt und der blaue ita⸗ lieniſche Himmel hallte von ununterbrochenem Freu⸗ dengeſchrei wieder. So wie der Kaiſer und die Kaiſerin den Fuß an's Land geſetzt hatten, verkündete der Donner der von Diſtanz zu Diſtanz aufgeſtellten Batterien, von den Ufern des Po bis an die Etſch und die Geſtade des adriatiſchen Meeres den Eintritt Ihrer Majeſtäten in das Königreich Italien. Das Wetter war von unbeſchreiblicher Schönheit. Der Zudrang des Volks war ſo groß, daß ſich die S 72 kaiſerlichen Wagen nur langſam fortbewegen konn⸗ ten, ſo daß man erſt ſpät Abends Pavia erreichte. Das hohe Paar ſtieg im Palazzo Botta ab; in allen Straßen, aus allen Fenſtern tönte der freudigſte Zu⸗ ruf und die ganze Nacht wurde es nicht menſchenleer vor dem genannten Palaſte. Am andern Morgen beſichtigte der Kaiſer zu Pferde die italieniſchen Truppen. Er begab ſich in die Univerſität und die vorzüglichſten Civil⸗ und Mi⸗ litäranſtalten. Um Mittag empfing er die Mitglieder der Conſulta, die Miniſter des Königreichs Italien und das geſetzgebende Conſeil. Er ertheilte hierauf den Generalen, dem Stabe und den Offizieren der Corps, dem Präſidenten und den Mitgliedern der Municipalität, der Geiſtlichkeit, dem Prätor, dem Friedensrichter, Handelspräſidenten, dem Rector und den Profeſſoren der Univerſität Audienz. Zu den Mitgliedern des Handelsſtandes ſagte er: „Meine Herren, ich erkenne mit Dank die Ge⸗ ſinnungen, die Sie gegen mich ausgeſprochen haben. Der blühende Zuſtand des Handels macht einen gro⸗ ßen Theil des Staats und Volkswohles aus. Ich werde es mir ſtets angelegen ſein laſſen, ihn zu ſchützen, ſo wie ich ſtets in Ihrer Ergebenheit und Treue Stützen dieſes Thrones finden werde.“ Den Deputirten der Univerſität erwiederte er: „Meine Herren, Talente und wiſſenſchaftliche Aufklärung haben mehr als irgend etwas Einfluß auf das Glück und die Tugenden der Nationen, wenn anderes gute Grundſätze und die Erfahrung aller Zeiten ſie leiten. Die Wiſſenſchaften erleuchten den Gang der Regierung und führen die Völker den gradeſten und vortheilhafteſten Weg; aber die falſchen Theorien, die ſich in den Irrgängen einer dunkeln Metaphyſik verlieren, können oft den Völkern verderb⸗ lich werden. Seien Sie ſtets von dem Verlangen be⸗ ſeelt, die geſellſchaftliche Ordnung aufrecht zu erhal⸗ ten, ſo wie dieſen Thron, der allein die Unabhän⸗ gigkeit, die Freiheit und alle liberale Grundſätze, auf welchen unſre Conſtitution beruht, ſichern kann.“ Um zwei Uhr ritt der Kaiſer abermals aus. Er nahm das Manöver eines Bataillons franzöſiſcher Pontoniers in Augenſchein, welche in einem Zeitraume von noch nicht zwanzig Minuten eine Brücke über den Teſſino ſchlugen. Hierauf begab er ſich in die Kanonengießerei, wo man in ſeiner Gegenwart zwei Sechzehnpfünder goß. Am andern Morgen ſetzte ſich der kaiſerliche Zug nach Mailand zu in Bewegung. Die Bewohner der umgegend hatten das Waſſer ihrer Wieſenbewäſſerung auf die Landſtraße geleitet, und dieſe ſo angefeuchtet, daß der Zug nicht im Geringſten durch Staub belä⸗ ſtigt wurde. Von Bignasco, wo ſich der erſte mailändiſche Poſten befand, bis nach Mailand war die Straße auf beiden Seiten mit franzöſiſchen und italieniſchen Truppen beſetzt. um drei Uhr Nachmittags kündigte der vorreitende Courier, der Donner der Kanonen und das Geläute aller Glocken die Ankunft Ihrer Majeſtäten an. Der Prinz Eugen, der Marſchall Jourdan, alle Ge⸗ neräle und Offiziere des franzöfiſchen und italieniſchen Stabs waren eine Viertelſtunde entgegen gegangen. Der Präfect des Olona⸗Departements näherte ſich dem kaiſerlichen Wagen und überreichte dem Kaiſer und Könige die Schlüſſel von Mailand, die aber Napoleon nicht annahm, indem er die Worte ſprach: „Dieſe Schlüſſel ſind wohl aufgehoben in den 74 Händen meiner Municipalität von Mailand. Ich bin von den Gefinnungen überzeugt, welche Ihre Mit⸗ bürger gegen mich hegen. Verſichern Sie dieſelben von meinem Eifer, ſie glücklich zu machen.“ Um fünf Uhr Nachmittags, den neunten Mai, erreichte endlich der mit acht prachtvollen Pferden be⸗ ſpannte und von der glänzenden Mailänder Ehren⸗ wache umringte kaiſerliche Wagen den großen Sieges⸗ bogen, der ſich majeſtätiſch über dem Cieinenſer Thore von Mailand erhob und auf welchem in gro⸗ ßen goldnen Buchſtaben die Worte ſtrahlten: Quod. Felix. Faustum. Sit. Imper. Napoleonem. Aug. Regem. Consalutat. Italia. Votorum. Gompos. In demſelben Augenblicke, als der Held des Jahr⸗ hunderts durch das Thor von Mailand fuhr, ſtiegen in allen Richtungen Signalraketen auf, Signalflaggen wehten auf allen Thürmen und ſonſtigen hohen Punk⸗ ten der Umgegend, und gleich darauf donnerten Ar⸗ tillerieſalven von ſechzig Kanonen auf allen feſten Plätzen des Landes und die Glocken begannen zu läuten im ganzen Königreiche Italien. Der majeſtätiſche Zug bewegte ſich durch die mit Teppichen, Blumen und Orangenwälder geſchmückten Straßen und hielt vor dem königlichen Palaſte, in welchem Napoleon ſeine Reſidenz aufſchlug. Kaum war die Nacht eingebrochen, als Mailand im feenhaften Glanze der Illumination aufſtrahlte und der Rieſendom weit hinausleuchtete über die ge⸗ ſegneten Fluren der Lombardei. Welch ein Triumphzug vom Fuße der Alpen durch Piemont und die Lombardei bis zum Königsſchloſſe von Mailand, und wie verſchieden von dem Zuge vor fünf Jahren, wo der erſte Conſul an der Spitze ei⸗ 75 ner Armee jeden Paß, jeden Fluß und jeden feſten Platz mit den Waffen in der Hand erobern mußte. Die Krönung zum Könige von Italien er⸗ folgte am ſechsundzwanzigſten Mai im Dome zu Mailand. Nach den üblichen Ceremonien und religiöſen Handlungen, ähnlich denen, wie ſie bei der Pariſer Krönung ſtattfanden, erhob ſich der Kaiſer und Kö⸗ nig, Napoleon der Erſte, von ſeinem Throne und betete knieend. Nach empfangener Salbung von Sei⸗ ten des Kardinals Caprara, des Erzbiſchofs von Mailand, trat er an den Altar, nahm die darauf ruhende eiſerne Krone*) und ſetzte ſie einen Au⸗ genblick mit den Worten auf ſein Haupt: „Gott giebt ſie mir; weh dem, der ſie antaſtet.“ Hierauf übergab er dieſe Krone dem Erzbiſchofe, nahm die königliche Krone und ſetzte ſie auf, ſo daß ſie in die kaiſerliche Krone zu ſtehen kam. Während dieſes geſchah, recitirte der Erzbiſchof die Krönungs⸗ gebete. Der Kaiſer und König kehrte zum Throne zurück, auf welchem ſitzend, die Krone auf dem Haupte, er nach einigen religiöſen Ceremonien, die Hand auf das Evangelium gelegt, die ihm vom Prä⸗ ſidenten der Wahlcollegien, der Staatsconſulta und des geſetzgebenden Körpers überbrachte Eidesformel ausſprach. Die Mailänder Krönung verdunkelte inſofern die ²) Dieſe Krone war nicht von Eiſen, ſondern von Gold und mit Edelſteinen beſetzt. Sie hat ihren Namen von ei⸗ nem eiſernen Ringe, der ſie inwendig umgiebt und nach der Sage von einem Nagel aus dem Kreuze Chriſti geſchmiedet iſt. Ihre Höhe beträgt drei Zoll und ihr Umfang iſt ſo klein, daß ſie nur auf die obere Fläche des Kopfes geſetzt werden kann. 76 Pariſer, weil im Dome zu Mailand auch Karl der Große zum Könige der Lombarden gekroͤnt worden war. Nach Verlauf von zehn Jahrhunderten verkün⸗ dete die eiſerne Krone auf dem Haupte des Kaiſers der Franzoſen, daß jener große Frankenkaiſer einen Nachfolger habe. Das Wappen des Königreichs Italien beſtand aus ſechs Feldern, worin die Wappen der vorzüg⸗ lichſten Länder, aus welchen das Königreich beſtand, vereinigt waren. Das erſte Feld enthielt den Schlüſſel des heiligen Petrus mit dem päpſtlichen Thronhimmel wegen Ferrara, Ravenna, Bologna und Romagna. Das Zweite den Adler des Hauſes Eſte, wegen des Herzogthums Modena; das Dritte die Schlange der Visconti mit einem Kinde im Rachen, wegen des Herzogthums Mailand; das Vierte den Löwen des heiligen Marcus, wegen des venetianiſchen Gebiets; das Fünfte das piemonteſiſche Kreuz, wegen des Ge⸗ bietes von Piemont; das ſechste Feld, das oberhalb angebracht war und das Ganze bedeckte, beſtand in der Krone der alten longobardiſchen Könige, welche die Vereinigung aller dieſer Länder darſtellte. Das Wappenſchild war von der Kette der franzöſiſchen Ehrenlegion umgeben und ward von dem kaiſerlichen Adler Frankreichs geſtützt; ein flammender Stern ſchwebte darüber, in deſſen Mitte man den Buchſta⸗ ben„Ne las. Das Ganze wurde von dem königli⸗ chen Mantel und der Krone bedeckt, und ſtatt eines Kranzes von Perlen und Edelſteinen erblickte man einen Lorbeerzweig. Der Aufenthalt des Kaiſers in Mailand, der Hauptſtadt der ſchönen Lombardei, währte über einen Monat und war eine ununterbrochene Reihe von Feſten und Vergnügungen. Während ſein Hof herr⸗ 77 lich und in Freuden lebte und an allen den darge⸗ botenen Feſtlichkeiten Theil nahm, arbeitete der Kaiſer faſt den größten Theil des Tages in ſeinem Cabinette und leitete die Angelegenheiten ſeines großen Reichs; folgte dem Laufe ſeiner Flotte, welche aus verſchie⸗ denen Häfen in See geſtochen waren, in die fernſten Meere, und erkannte mit Zufriedenheit, wie ſein gro⸗ ßer Plan gegen England der Vollendung immer näher rückte. Nur wenige Stunden widmete er der Zer⸗ ſtreuung und gönnte er ſich Erholung. Eines Tages frühſtückte er mit Joſephinen in der Umgegend von Mailand auf einer kleinen, wun⸗ derſchön gelegenen Inſel, Namens Olona. Als er hier umherwandelte, begegnete ihm eine arme Frau, deren armſeliges Häuschen ganz nahe bei dem Orte ſich befand, wo die kaiſerliche Tafel aufgeſchlagen war. Der Kaiſer that wiederholte Fragen an die Frau, wie das ſeine Art und Weiſe war. „Mein guter Herr,“ gab ſie zur Antwort, da ſie den Kaiſer nicht kannte,„ich bin ſehr arm und Mut⸗ ter von drei Kindern, deren Erziehung mir ſehr ſauer wird, da mein Mann, ein Tagelöhner, nicht immer Arbeit findet.“ „Wie viel braucht Ihr wohl,“ frug Napoleon, „um vollkommen glücklich zu ſein.“ „O mein Herr,“ verſetzte die Frau,„dazu brauche ich viel Geld.“ „Aber meine Gute, ich will wiſſen, wieviel Ihr dazu nöthig habt?“ „Ach, mein Herr, wenn wir nicht dreißig Thaler haben, iſt uns nicht geholfen; aber wo ſollen wir die je herbekommen?“ Der Kaiſer ließ ihr ſogleich tauſend Franken in die Schürze ſchütten. Beim Anblicke einer ſo großen 78 Menge Geld wird die Bäuerin bleich und iſt einer Ohnmacht nahe. „Ach, mein Herr,“ ſtammelte ſie,„Sie wollen Ihren Scherz mit einer armen Frau treiben?“ Der Kaiſer ſprach ihr Muth zu und erklärte ihr, daß das Geld ihr gehöre, ſie ſolle es nur gut an⸗ wenden, ſich eine Heerde Ziegen kaufen und beſonders ihren Kindern eine gute Erziehung geben laſſen. Napoleon gab ſich weiter nicht zu erkennen; er bewahrte gern ein Incognito, wenn er Wohlthaten austheilte. Ehe der Kaiſer Mailand verließ, ſetzte er ſeinen Stief⸗ und Adoptivſohn und Zögling auf den Schlachtfeldern, den bei Bürgern und Soldaten all⸗ gemein beliebten, fünfundzwanzigjährigen, und durch Adel der Geſinnung wie durch Tapferkeit ausgezeich⸗ neten Eugen Beauharnais zum Vicekönig von Italien ein. „Ich laſſe,“ ſagte er zu den Italienern,„als De⸗ poſitair meiner Gewalt einen jungen Prinzen zurück, den ich von ſeiner Kindheit an erzog und der von meinem Geiſte beſeelt ſein wird.“ Um dieſelbe Zeit erſchien eine Deputation der liguriſchen Republik, den Dogen von Genua an der Spitze, vor Napoleon, und verlangte im Na⸗ men des Volks, nach einer allgemeinen Abſtimmung von achtzigtauſend gegen ſechsunddreißig Stimmen, in Betracht der ſchwierigen und unſelbſtſtändigen Lage zwiſchen dem unter einem Scepter vereinigten Frank⸗ reich und Italien, dem franzöſiſchen Reiche einverleibt zu werden. Der Kaiſer trug kein Bedenken, dieſem ſo einſtim⸗ mig ausgeſprochenen Verlangen zu entſprechen, zumal er durch dieſe Küſtendiſtricte einen anſehnlichen Zu⸗ 109 wachs ſeiner Seemacht erhielt, die ihm bei ſeinem Kriege gegen das meerbeherrſchende England vor Al⸗ lem am Herzen liegen mußte. So kam Ligurien mit ſeiner Hauptſtadt Genua an Frankreich. Auf gleiche Weiſe erfolgte die Einverleibung Parma's. Während ſeines Aufenihalts zu Bologna, wohin Napoleon auf ſeinen Ausflügen von Mailand aus gekommen, hatte er der Republik Lucca auf ihre Bitte, einen Souverain zu geben. Die Wahl fiel auf des Kaiſers Schweſter, Eliſa Bacciochi, der zeitherigen Fürſtin von Piombino, welches Neapel an Frankreich abgetreten hatte. Die Feſtlichkeiten, womit das neue Herrſcherpaar in Ligurien empfangen wurde, waren nicht minder glanzvoll als im königlichen Italien. Beſonders zeichnete ſich Genua durch feenhaften Glanz aus. Im Hafen war auf dem Waſſer ein Tempel der Meergötter erbaut, welcher von vier ſchwimmenden chinefiſchen Gärten mit Blumenbeeten, Quellen, Grot⸗ ren und Glockenthürmen begrenzt ward. In dieſem Tempel fuhr Napoleon mit Joſephinen nach der Mitte des Hafens, wo ein glanzvolles Wettrennen mit Gondeln ſtatt fand. Auf ein Raketenſignal ſtrahlte bei hereinbrechender Dunkelheit die Stadt binnen einem Augenblicke in tagesheller Verklärung, und auf beiden Armen des Molo rauſchten die goldnen Garben, Sonnen und Girandolen eines der großartigſten Feuerwerke zu dem Nachthimmel. Auf der Rückreiſe aus Italien war es auch, wo endlich der Kaiſer den Bericht von den Mitgliedern des Inſtituts empfing, den er vor mehren Monaten von dem Miniſterium des Innern in Betreff der 80 genialen Entdeckung des Ingenieurs Ful⸗ ton verlangt hatte. Dieſes Project, wofür ſich der Kaiſer ſo unge⸗ mein intereſſirte, war der Prüfung der genannten Herren Weltweiſen vorgelegt und einſtimmig von der dazu ernannten Prüfungscommiſſion verworfen worden. In dem darüber erſtatteten Prüfungsbericht ward der Erfinder als ein phantaſtiſcher Schwärmer behandelt, und ſeine Entdeckung eine wahnſinnige Idee, ein Verſtandesfehler, eine ſinnloſe hch heit genannt. „Wohlan, denken wir nicht mehr daran,“ ſagte Napoleon traurig,„ich muß falſch geleſen oder mich getäuſcht haben.“ Darauf ſich mit der Hand vor die Stirn klo⸗ pfend, ſprach er: „Indeſſen dieſer Menſch hat doch etwas für ſich, ich wette, die Dampfmaſchinen ſind nichts andres als eine Benutzung der Spannkraft des Dampfes. Dieſer Fulton hat daher Recht, wenn er behauptet, daß man dieſe Kraft noch zu andern Zwecken benutzen könne.“ Der Kaiſer konnte ſich lange nicht über den ab⸗ ſprechenden Bericht der gelehrten Commiſſion zufrie⸗ den geben. „Ach,“ rief er, in Gedanken verloren,„dieſen Menſchen hätt' ich früher kennen müſſen, wo ich mehr Zeit und Muſe hatte; ſeine Entdeckung ſcheint ganz für mich gemacht— doch, denken wir nicht weiter daran.“ Seine Ideen flohen wieder nach dem großen po⸗ litiſchen Schauplatz, wo ſeine Seeexpeditionen ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. Die täglich einlaufenden Depeſchen meldeten von unermeß⸗ 81 lichen Rüſtungen in Rußland; auch in den öſtreichi⸗ ſchen Landen ſchien es waffenlaut zu werden. Da ſah man den Adler in Sturmesflug zurück über die Alpen fliegen. In Kurzem ſaß der Kaiſer Napoleon wieder in ſeiner Barake zu Boulogne, umringt von ſeinen Generalen, Admiralen und Ad⸗ jutanten, um die letzten Befehle zur Einſchiffung der Armee gach England zu geben. Sechſtes Rapitel. Durc die häufigen Beſuche, welche Armand im Hotel der Frau von Poitiers abgeſtattet hatte, war er ebenſo in die politiſchen Intrignen dieſer Dame eingeweiht worden, als ſein Herz von den Reizen Florentinen's immer inniger gefeſſelt wurde. Es war dem jungen Manne auf dieſe Weiſe gelungen, das royaliſtiſche Complot, deſſen Hauptſitz Paris war, ſo ziemlich kennen zu lernen, und ihm wiederholt Gelegenheit geworden, große Gefahr von dem Haupte ſeines' kaiſerlichen Herrn abzuwenden. Gleichwohl ſah er ein, daß er dieſe Rolle für die Länge nicht würde ſpielen können, ohne in Gefahr zu laufen, auf der einen Seite mit der franzöſiſchen Polizei, auf der andern mit den Royaliſten ſelbſt in den gefährlichſten Conflict zu gerathen. Ex hatte daher nach reiflicher Erwägung den Entſchluß gefaßt, ſich unmittelbar an den Kaiſer ſelbſt zu wenden, ihm das Complot zu entdecken, aber zugleich um Amneſtie für die Frau von Poitiers zu bitten; ein Geſuch, daß ihm Stolle, ſämmtl. Schriften. XXl. 6 82 Napoleon, in Betracht des großen geleiſteten Dien⸗ ſtes, gewiß nicht verweigert haben würde. Vorher jedoch wollte er verſuchen, ob es nicht möglich ſei, die Frau von Poitiers zu vermögen, ihre hoch⸗ verrätheriſchen Plane aufzugeben und Frankreich zu verlaſſen; ein Entſchluß, bei welchem ihm freilich das Herz blutete, denn er mußte ſich dann auch von Florentinen trennen.. Von dem Petersburger Bräutigam war die letztre Zeit in dem Salon der Frau von Poitiers weni⸗ ger die Rede geweſen und es ſchien ausgemacht, daß die verſchlagene Dame das Mädchen als Köder ge⸗ brauchte, um den jungen Mann ganz für ihr In⸗ tereſſe zu gewinnen. Wiederholt war Armand von den angeſehenſten der Verſchworenen mit Florenti⸗ nen geneckt worden; man hatte ihm ſogar nicht un⸗ deutlich zu verſtehen gegeben, daß er bei der Gräfin getroſt um das Mädchen anhalten ſolle. Floren⸗ tine ſelbſt hatte keine Ahnung von dem finſtern und gefährlichen Treiben, das in ihrer nächſten Nähe ge⸗ ſpielt wurde; ſie war glücklich und lebte blos in dem Himmel ihrer Liebe zu dem ſchönen Armand. Schon ſeit einigen Tagen war letzterer damit um⸗ gegangen, ſeinen gefaßten Entſchluß in Ausführung zu bringen, der Frau von Poitiers offen das Ge⸗ wagte ihres Spiels vor Augen zu legen und ſie zu vermögen, davon abzuſtehen und Frankreich zu ver⸗ laſſen, als ihn ein Brief des General Junot, der plötzlich vom Kaiſer eine Miſſion nach Portugal er⸗ halten hatte, darin beſtärkte. Das Schreiben war von Bayonne aus datirt, denn die Abreiſe war dem General ſo unverhofft und eilig gekommen, daß er nicht eher zum Schreiben hatte Zeit erhalten kön⸗ nen. Junot ertheilte darin ſeinem jungen Freunde 83 den Rath, nicht länger eine Maske beizubehalten, welche ihn bei aller Vorſicht der größten Gefahr aus⸗ ſetze, zumal er ihn jetzt nach ſeiner Abreiſe aus Frankreich nicht mehr ſchützen könne. Armand ſolle der Frau von Poitiers den Abgrund zeigen, an deſſen Abhange ſie ſich befinde und die Abenteuerin dahin zu vermögen ſuchen, daß ſie ſo ſchleunig als möglich Frankreich verlaſſe, und alsdann den geraden offenen Weg gehen und die Behörden von dem hoch⸗ verrätheriſchen Complotte ohne Weiteres in Kenntniß ſetzen. „Es wird dies ein böſes Geſchäft,“ ſprach Ar⸗ mand,„mir ahnet, daß all' meine Beredtſamkeit über die fanatiſche Frau nichts vermögen wird, und gleichwohl bleibt mir jetzt nichts weiter zu thun übrig.“ Er kleidete ſich an, und ſtand eben im Begriff, nach dem Hotel der Frau von Poitiers zu gehen, als er ein Billet von letzterer erhielt. Sie meldete ihm darin, daß ſie gezwungen ſei, auf ein paar Tage zu verreiſen; doch wurde er zugleich für nächſten Dienſtag zu einer Soirée geladen, wo er neue, höchſt angenehme Bekanntſchaften machen werde. „Die hochverrätheriſche Geſellſchaft ſcheint ſich ſchreckenerregend zu vermehren,“ ſagte Armand für ſich,„daher, bei Gott, iſt kein Augenblick zu verlie⸗ ren, dieſen Mordgeſellen das Spiel zu verderben. O, meine Florentine, warum mußteſt Du gerade unter dieſen Menſchen geboren werden!“ Der Jüngling ging eine Zeit lang in trüben Ge⸗ danken verloren auf und ab, als Freund Bonorand in's Zimmer trat. Niemand konnte Armand's dü⸗ ſtrer Stimmung gelegener kommen, als dieſer treue Freund, deſſen Laune faſt immer roſenfarbig war. „Nun ſcheint der Kaiſer doch Ernſt zu machen 6 mit Herrn Pitt und ſeinen Rothröcken,“ begann er; „ich komme ſo eben von Conſtant, der hat mir merkwürdige Geſchichten erzählt. Alle unſere Truppen ſind in Bewegung nach der Küſte. Sogar in der Gegend von Chalons, Melun, Moulins, Metz und Nancy ſchnürt Alles die Torniſter und macht ſich zum Aufbruche fertig. Alle Generäle und Stabs⸗ offiziere, nicht allein von der Küſtenarmee, ſondern auch von allen Reſervecorps, die ſich noch in Paris befinden, müſſen binnen vierundzwanzig Stunden zur Armee, obſchon ihre Urlaubsſcheine noch nicht abge⸗ laufen ſind.“ Dieſe Worte waren indeß keineswegs geeignet, die trübe Stimmung, in welcher ſich Armand befand, zu verſcheuchen, im Gegentheil vermehrten ſie dieſelbe. „Alle Welt marſchirt,“ ſprach er,„blos ich bin verdammt, mich hier müſſig umher zu treiben.“ „Nur Geduld,“ tröſtete Bonorand,„Ihr wer⸗ det zeitig genug in's Treffen kommen; der Kaiſer ſpart Euch unfehlbar für ſeine Reſerve auf und eine ſolche hat er diesmal wohl nöthiger denn je. Ich ſage Euch, Geſchätzter, wenn die Paukerei einmal losbricht, iſt an ein Aufhören ſobald nicht zu geden⸗ ken. Noch nie war der Horizont finſterer umzogen, als gegenwärtig. Die Ruſſen marſchiren, das iſt aus⸗ gemacht, Oeſtreich ſchnallt einen Harniſch um, als wolle es mit der ganzen Welt anbinden. Ganz Tyrol, das ganze Donauthal, ſeine italieniſchen Pro⸗ vinzen wimmeln von Truppen, funfzigtauſend Ungarn befinden ſich im vollen Marſche, und Preußen will beiläufig ein Häuflein von zweimalhunderttauſend Mann auf die Beine bringen. Auch mit Schweden ſoll's höchſt wacklig ſtehen; kurz, es geht los, Herr Capitain, darauf verlaßt Euch; zwar ſchmieren die 85 Herren Diplomaten papierne Heilpfläſterchen nach Her⸗ zensluſt; die Couriere jagen wie verrückt von Paris nach Wien und umgekehrt; ich möchte jetzt kein Cou⸗ rierpferd ſein, um keinen Preis der Welt; aber das hilft Alles nichts; Pitt bläſt mit vollen Backen und wird bald ein artiges Feuerchen angeblaſen haben. Seit die Geſchichte mit den Catamarans gemißglückt, iſt ihm die Armee von Boulogne vollends ein Dorn im Auge, und er hat nichts Angelegentlicheres zu thun, als den Continent gegen Frankreich zn hetzen. Was kümmert es den Kaufherren, ob ſich Oeſtreich, Preußen und der nordiſche Bär die Köpfe einrennen, wenn er nur die fatale Armee von Boulogne los wird. Uebrigens glaube ich, daß der Kaiſer richtig genug calculirt hat, die Landung bewerkſtelliget und dem Erbfeinde die Sehnen durchſchneidet, bevor Oeſt⸗ reich ſich im Stande befindet, die Maske völlig ab⸗ zuwerfen.“ „Uebrigens begreife ich nicht,“ ſprach Armand, „welchen Grund Oeſtreich anführen will, um uns mit Krieg zu überziehen.“ „Nichts leichter als das,“ erwiederte der Doctor, „wenn ein Staat einmal Krieg anfangen will, ſo iſt ein Grund hierzu nur zu bald aufgefunden. Was nun Oeſtreich anbelangt, ſo mag ihm doch wohl mit Recht aufgefallen ſein, daß unſer Kaiſer ein Stück des ſchönen Italiens nach dem andern mit Frankreich vereinigte.“ „Aber jene Vereinigung geſchah doch nur auf all⸗ gemeines Verlangen der dabei betheiligten Völker,“ gegenredete Armand. „Was fragt die Diplomatie darnach,“ ſprach Bo⸗ norand;„genug, Oeſtreich will's nicht leiden, daß Frankreich immer größer wird. An engliſchen Ein⸗ 86 flüſterungen und engliſchem Golde mag's auch nicht fehlen. Dazu der nordiſche Bär, der diesmal zum Succurs heranrückt; ferner die lockende Ausſicht, die Scharten, welche die Frieden zu Lüneville und Cam⸗ poformio ſchlugen, auszuwetzen; ich ſollte doch meinen, das wäre Grund genug um loszuſchlagen. Uebrigens führt das Wiener Cabinet, trotz der ungeheuern Rü⸗ ſtungen, fortwährend den Frieden im Munde. Es will den Vermittler ſpielen zwiſchen England und Frankreich.“ Armand erkundigte ſich jetzt, was das für ein Buch ſei, das der Doctor unterm Arme trage. „Da Ihr Euch viel mit der deutſchen Sprache beſchäftigt, war die Antwort Bonorand's,„hab' ich es abſonderlich für Euch mitgebracht. Es iſt ei⸗ gentlich ein ärztliches Werk, aber bei der deutſchen Sprachverbeſſerung, die dermalen in Paris überhand nimmt, wird es für Euch nicht ohne Intereſſe ſein.“ „Wie lautet denn der Titel?“ frug Armand. Der Doctor las: „Doctor Saiffert's Beiträge zur üb⸗ ſchaftlichen Arzneilehre der Suchten.“ „Wie?“ ſprach Armand mit lächelnder Miene. „Dieſer gelehrte Arzt oder Beſorger, wie er ſich nennt,“ fuhr Bonvrand fort,„ſteht nämlich an der Spitze der merkwürdigen Sprachreform. Wir Pariſer wollen die guten Deutſchen nicht blos po⸗ litiſch, ſondern auch ſprachlich reformiren. Die Haupttendenz dieſes Werks iſt die Spachrevolu⸗ tionirende. Es iſt nicht genug, daß hier neue Buchſtabenzeichen eingeführt ſind, ſondern die bisherige ganze Ausſprache wird reformirt. Der und die iſt ter und ti geſchrieben. Daß heißt tas; unter heißt onder; alles heißt ales; erworben heißt 87 erwurben. Der Staat, des Staates wird der Stad, des Stades geſchrieben. Entſchloſſen heißt entſchluſſen; dumm heißt tum; gut heißt gud u. ſ. w. Die Unterſcheidungszeichen erhalten neue Namen. So heißt Komma Deutling; Semi⸗ colon Erläuterling; Colon Befeſtling; Punkt Schlüßling; Fragezeichen Frägling; Ausrufungs⸗ zeichen Aunling. Die Theorie dieſer neuen Lehre iſt einem vorausgeſchickten, drei Bogen langen„Un⸗ terricht an den Stabenſetzer“ entwickelt. Hier, wie in der Vorrede, in den Vorbemerkungen und in der Zuſchrift, iſt der Zweck dieſer Sprachreinigung auseinandergeſetzt.„Deutlichkeit in einer Sprache,“ ſagt der Verfaſſer,„vermert und onderhält die Glück⸗ ſeligkeit eines Volks, und befeſtigt die Rue des Städes.“ Er behauptet ferner:„daß eine gemein deutliche Sprache den Betrug verſcheucht, die Sitten verbeſſert und onderhält, gerechtere Richter bildet, die Handelungen der Walt⸗ und Regſchaften zu ihrer eigenen Dauer verſüſt, und daher die Glückſeligkeit eines Volks erweitert. Finſtre Sprachen machten Walt⸗ und Regſchaften unerträglich und verhaßt, un⸗ terhielten das Elend der Völker und bereiteten Em⸗ pörungen und Unſturze der Staden. Um nun der deutſchen Sprache ihre eigenthümliche Reinheit wieder zu geben und dadurch all' das Unglück, womit die deutſche Nation durch ihre gegenwärtige Sprachunrei⸗ nigkeit bedroht iſt, aus dem Wege zu räumen, wird damit der Anfang gemacht, daß für alle„fremd über⸗ ſchleppte“ Wörter und Benennungen reindeutſche Aus⸗ drücke geſetzt werden. Zum Verſtändniß dieſer medi⸗ einiſchen und andern Ausdrücke iſt ein deutſch⸗franzö⸗ ſiſches und franzöſiſch⸗deutſches Wörterbuch beigefügt. Da heißt Anti- hypochondriaque Rippknorpel⸗ 88 ſuchtswiderſtehend; anti- melancolique Gall⸗ durſtwiderſtehend; Philosophe der Weltfromme; philosophique weisſeitig; Pharmacie Vermitt⸗ lungskunſt; Fpidemie Witterungs⸗oder Wet⸗ terſeuche; Medecin Beſorger; Méthode Lauf⸗ bahne, Wißbahne; Organisation Werkſtaltung; Paroxisme Saftbrauſenſturm; Epoque Fallfriſt; la Livre das franzöſiſche Münzpfund; Massacre Hinfleiſchung; Royaliste Königheitler; Courier Renner; Demoiselle Sellin; Sophie Fromette, Fromettchen; Obstruction Stockſäftigkeit u. ſ. w. Der Verfaſſer ſagt noch den Deutſchen, daß wenn ſie ſich über ſeine Sprachreinigungsunternehmung ent⸗ brüſten ſollten, ſie aufhören ſollten, ſich fernerhin Deutſche zu nennen, weil dieſe Benennung von Deu⸗ tiſch herſtamme, was ſo viel ſagen wolle, als die Deutlichen.“ „Dieſer Herr Doctor,“ verſetzte Armand lachend, „ſcheint mir eine Art Quatremere⸗Disjonval zu ſein.“ „Apropos, Quatremere,“ fiel Bonorand ein, „habe ich geſtern geſprochen.“ „Nun, wie geht's ihm denn?“ frug Armand, „hat er ſich über ſein zurückgewieſenes Me ſch project endlich beruhigt?“ „Er grollt immer noch ein wenig,“ erwiederte der Doctor,„und kann nicht vergeſſen, daß man ſein Memvire confiscirt hat; er ſchiebt die ganze Schuld auf die Generalſtabsoffiziere, welche ihm ein wahrer Dorn im Auge ſind. Der Kaiſer, meinte er, mag nun ſehen, wie er ſeine Soldaten hinüberbringt, ich ziehe meine Hand völlig ab. Indeſſen hat die be⸗ vorſtehende Kalenderreform dermalen ſeine ganze Aufmerkſamkeit gefeſſelt; er hat einen neuen Kalen⸗ 89 der eingereicht, der das Meerſchweinproject noch über⸗ treffen ſoll.“ „Wie ſteht's denn eigentlich mit der Kalender⸗ frage,“ erkundigte ſich Armand,„wißt Ihr etwas Näheres darüber?“ „Es iſt ſo gut wie entſchieden,“ antwortete Bo⸗ norand,„daß wir uns mit dem eilften Frimaire wieder der europäiſchen Zeitrechnung anſchließen, und daß der practiſche Gregorianiſche Kalender wieder eingeführt wird.“ „Gott ſei Dank,“ ſprach Armand,„ich habe mich mit dieſer republikaniſchen Zeitrechnung nie be⸗ freunden können.“ „Ein neuer Beweis, daß mit Napoleon die ge⸗ ſunde Vernunft in Frankreich die Oberhand erhalten hat,“ verſetzte der Doctor;„doch damit,“ fuhr er fort,„wir nicht Eins in das Andere reden, muß ich Euch nur ſagen, was mich heut' eigentlich hierher ge⸗ führt hat. Ich komme direct von Conſtant, wel⸗ cher auf zwei Tage Urlaub erhalten, Euch herzlich grüßen und für heute Abend auf einen Champagner⸗ Punſch einladen läßt. Er will endlich ſein längſt gegebenes Verſprechen löſen und uns einige Mitthei⸗ lungen über die Kaiſerin und die übrige kaiſerliche Familie machen.“ „Das iſt ja herrlich,“ rief Armand,„ich ge⸗ denke noch immer des genußvollen Abends im ver⸗ floſſenen December, wo er uns ſo intereſſant über den Kaiſer erzählte. Wenn iſt es Euch denn gefäl⸗ lig, daß wir hingehen?“ „Das kann ſogleich geſchehen,“ antwortete Bo⸗ norand,„es iſt jetzt halb Sechs Uhr, wir prome⸗ niren nach dem Palais Royal, woſelbſt wir diniren 90 — und werden dann gerade zu rechter Zeit in den Tuilerien eintreffen.“ „Mir ganz genehm,“ ſprach Armand, und die zwei Freunde machten ſich Arm in Arm auf den Weg nach dem Palais Royal. Siehentes Rapitel. Nah Verlauf von ungefähr anderthalb Stunden ſa⸗ ßen Armand und Bonvrand bereits auf Con⸗ ſtant's Zimmer in den Tuilerien und vor ihnen dampfte der lieblich duftende Champagnerpunſch. Da der erſte Kammerdiener Napoleon's früher in Dien⸗ ſten der Kaiſerin Joſephine geſtanden hatte, konnte er viel intereſſante Züge aus dem Leben dieſer ſo höchſt liebenswürdigen Dame nmittheilen. „Mir iſt,“ ſprach er,„noch nie ein weibliches Weſen vorgekommen, welches gleich beim erſten An⸗ blick ſo für ſich einnähme und bei näherm Bekannt⸗ werden ſo zu feſſeln verſtände, wie die Gemahlin Napoleon's. In der Freude, wie im Leiden iſt ihr Anblick ſchön. Man lächelt wider Willen, wenn man ſie lächeln ſieht, und iſt ſie traurig, wird man es auch. Nie rechtfertigte eine Frau mehr wie ſie die Behauptung, daß die Augen der Spiegel der Seele ſind. Ihr ausdrucksvolles Geſicht verräth alle Eindrücke ihrer Seele, ohne jemals die bezaubernde Milde zu verlieren. Ihre dunkelblauen Augen find faſt immer von den langen Augenlidern halb ge⸗ ſchloſſen, welche leicht getragen von den ſchönſten Au⸗ 9¹ genwimpern eingeſchloſſen find. Es würde der Kai⸗ ſerin viele Mühe koſten, in den verführeriſchen Blick Strenge zu legen; nur im äußerſten Nothfalle verſteht ſie es, Strenge hineinzulegen. Ihr Haar iſt ſchön, lang und ſeidenweich; die Geſichtsfarbe der Kreolin vermiſcht ſich auf bewundernswerthe Weiſe mit dem Teint ihrer von Feinheit und Friſche blen⸗ denden Haut.“ „Freund Conſtant verſteht gut zu malen,“ lä⸗ chelte der Doctor,„aber nur fortgefahren, wir ſind ganz Ohr.“ „Ein anderer großer Reiz an dieſer Frau,“ er⸗ zählte Conſtant weiter,„iſt der hinreißende Ton ihrer Stimme. Wie oft iſt es mir, wie ſo vielen Andern begegnet, daß wir plötzlich unwillkürlich ſtehen blieben, wenn wir dieſe Stimme vernahmen. Man kann nicht gerade ſagen, daß Joſephine eine ſchöne Frau ſei, aber ihr Antlitz voll Gefühl und Güte, wie die über die ganze Geſtalt ausgegoſſene Anmuth erhebt ſie zu den bezauberndſten Schönheiten ihres Geſchlechts. „Die Kaiſerin ſteht gewöhnlich neun Uhr des Morgens auf, dann macht ſie ihre Toilette, die bis zehn Uhr dauert. Hierauf geht ſie in den Saal, wo ſie diejenigen verſammelt findet, die um eine Gunſt oder Audienz nachzuſuchen haben. Bisweilen em⸗ pfängt ſie um dieſe Zeit ihre Lieferanten. Die erſte Ehrendame der Kaiſerin iſt die Frau von la Ro⸗ chefaucault, ausgewachſen und ſo klein, daß man bei Tiſche auf ihren Stuhl ein ſehr dickes Atlaskiſſen legen muß. Indeß weiß dieſe Dame durch ihren leb⸗ haften, glänzenden, nur zuweilen etwas zu ſatyriſchen Geiſt ihre körperlichen Gebrechen vergeſſen zu ma⸗ chen; ſie beſitzt den feinſten Ton und die ausgeſuch⸗ 92 teſten Hofmanieren. Frau von la Rochefau⸗ cault—“ „Ach was geht uns dieſe kleine Creatur an,“ unterbrach launig der Doctor,„bleibt bei der Sache, Conſtant, und erzählt von Joſephinen.“ „Ihr habt Recht,“ verſetzte der gutmüthige Er⸗ zähler;„alſo nach dem Frühſtück ſpielt die Kaiſerin eine Parthie Billard oder geht auch, wenn das Wetter ſchön iſt, zu Fuß im Garten ſpazieren. Nach der Rückkehr von ſolchen Morgenpromenaden beſchäftigt ſie ſich mit Sticken am Stickrahmen, wobei ſie ſich mit ihren Damen unterhält, welche gleichfalls durch feine Nadelarbeiten ſich die Zeit vertreiben. Wird die Kaiſerin Nachmittags nicht durch Beſuch geſtört, ſo macht ſie in offener Equipage eine Spazierfahrt, worauf die große Toilette erfolgt. Bisweilen über⸗ raſcht ſie der Kaiſer hierbei. Nirgendanderswo iſt er dann ſo unterhaltend, liebenswürdig und heiter wie hier. „Um ſechs Uhr iſt die Mittagstafel bereitet; aber ſehr oft vergißt Napoleon das Eſſen und erſcheint ſehr ſpät. Es hat Beiſpiele gegeben, wo ſich das Eſſen bis Abends neun und zehn Uhr verzögerte.* Kaiſer und Kaiſerin ſpeiſen zuſammen, entweder al⸗ lein oder in Geſellſchaft einiger eingeladenen Gäſte, Prinzen und Prinzeſſinnen der kaiſerlichen Familie oder Miniſter. Iſt Concert oder Schauſpiel, ſo währt daſſelbe gewöhnlich bis Mitternacht, dann ſpielt Jo⸗ ſephine, welche des Nachts gern lange aufbleibt, Triktrak mit einem ihrer Kammerherren. „An den Tagen, wo Jagd ſtattfindet, folgen die Kaiſerin und ihre Damen zu Wagen. Für dieſe Tage giebt es beſondere Anzüge, eine Art Amazonen⸗ 93 kleid von grüner Farbe und einer Toqur mit grünen Schwungfedern. „Wenn die Kaiſerin die Nacht im Zimmer des Kaiſers ſchläft, ſo trete ich des Morgens gewöhnlich zwiſchen ſieben und acht Uhr ein. Selten iſt es der Fall, daß ich das hohe Paar nicht wach finde. Na⸗ poleon verlangt dann gewöhnlich Thee oder einen Aufguß von Orangenblüthen und ſteht ſogleich auf. Joſephine ſagt dann oft lächelnd:„Du ſtehſt ſchon auf? Bleibe doch noch ein Wenig!“„Gut! Du ſchläfſt ja nicht,“ erwiederte er. Dann wickelt er ſie in die Bettdecke, giebt ihr kleine Schläge auf die Wangen und Schultern, lacht und umarmt fie. „Nach einigen Minuten ſteht auch die Kaiſerin auf, zieht ein Morgenkleid an, lieſt die Zeitungen oder geht die kleine Verbindungstreppe hinab in ihr Zimmer. Nie verläßt ſie das Zimmer des Kaiſers, ohne mir Etwas zu ſagen, was jeder Zeit ein Be⸗ weis ihrer Güte und des rührendſten Wohlwollens iſt. „Elegant und einfach in ihrem Anzuge, unter⸗ wirft ſich die Kaiſerin nur ungern dem Zwange der Prunkanzüge. Indeß hat ſie Kleinodien über Alles gern. Sie war immer große Liebhaberin derſelben. Daher ſchenkt ihr der Kaiſer auch oft dergleichen und zwar in großer Menge. Es gewährt ihr eine eigne Glückſeligkeit, ſich damit zu putzen, noch mehr aber ſie zu zeigen. Das Schmuckkäſtchen, welches der Kö⸗ nigin Marie Antoinette gehört hatte, und das nie ganz voll geweſen, war für die Kaiſerin zu klein. Als ſie eines Tages mehren Damen ihren ſämmtli⸗ chen Schmuck zeigen wollte, mußte man eine große Tafel holen, um die Juwelenkäſtchen darauf zu ſetzen. „Die Kaiſerin mit ihrem engelhaften Herzen macht das Glück ihrer ganzen Umgebung. Sie liebt ihren 9⁴ Gemahl mit unendlicher Zärtlichkeit. Es herrſcht die innigſte Eintracht in dem kaiſerlichen Hausweſen. Voll Aufmerkſamkeit und Hingebung umarmt ſie oft der Kaiſer am Halſe, umſchlingt ihren Körper, giebt ihr kleine Schläge und nennt ſie mein„Dickköpf⸗ chen.“ Joſephine betet dagegen auch den Kaiſer an und giebt ſich alle Mühe, das ausfindig zu machen, was ihm wohlgefallen könnte, ſeine Abſichten zu er⸗ rathen und ſeinen kleinſten Wünſchen entgegen zu kommen. „Im Anfang der Ehe Napoleon's mit Jo⸗ ſephine gab letztere zuweilen Veranlaſſung zur Eifer⸗ ſucht. Namentlich war dies in der Zeit der Fall, als ſich Napoleon in Aegypten befand. Man hatte ihn durch gewiſſenloſe Zuträgereien ſehr gegen ſeine Gemahlin erbittert. Als er daher zurückkam, fanden einige heftige Erklärungen ſtatt; indeß kehrte bald Ruhe und Frieden zurück, welche ſpäter ſelten geſtört worden ſind. Joſephine beſitzt ein außerordentliches Gedächt⸗ niß, das Napoleon ſehr oft benutzt. Sie iſt eine große Muſikkennerin, ſpielt die Harfe ganz vorzüg⸗ lich und ſingt mit Geſchmack. Sie hat ein ſehr fei⸗ nes Gefühl, einen ausgeſuchten Geſchmack für das Anſtändige, eine geſunde, beinah untrügliche Willens⸗ kraft und eine immer milde, ſich gleichbleibende Denk⸗ art. Sie iſt eben ſo dienſtfertig gegen ihre Feinde, wie gegen ihre Freunde. Wo Zank und Zwietracht herrſcht, bringt ſie den Frieden zurück. Wenn der Kaiſer auf ſeine Brüder oder auf ſonſt Jemanden auf⸗ gebracht iſt, was nicht ſelten vorkommt, ſo ſpricht die Kaiſerin einige Worte der Verſöhnung und Alles iſt beigelegt. Wenn ſie um eine Verzeihung oder Be⸗ gnadigung bittet, ſo ſchlägt ihr Napoleon die Bitte 95 ſelten ab, ſelbſt wenn das Verbrochene nicht unbe⸗ deutend wäre. Ich könnte viele Beiſpiele hiervon an⸗ führen. „Die Kaiſerin iſt äußerſt freigebig. Sie theilt viel Almoſen aus und ſinnt ordentlich auf Gelegen⸗ heit, wo ſie dies thun kann. Viele Ausgewanderte leben blos von ihren Wohlthaten. Sie unterhält mit den barmherzigen Schweſtern, welche die Kranken pfle⸗ gen, einen äußerſt thätigen Verkehr und läßt ihnen große Unterſtützung zukommen. Ihre Kammerdiener haben den Auftrag, den Armen allenthalben Beweiſe ihrer unerſchöpflichen Mildthätigkeit einzuhändigen. Eine Menge anderer Perſonen erhalten ebenfalls alle Tage ähnliche Aufträge; und all' dieſe Almoſen, alle dieſe vielfältigen und ſo reichlich vertheilten Geſchenke erhalten durch die Anmuth, mit der ſie angeboten und durch die verſtändige Einſicht, mit der ſie ver⸗ theilt werden, einen unſchätzbaren Werth. Ich könnte ſehr viele Beiſpiele dieſer zarten Freigebigkeit an⸗ führen. „Joſephine benimmt ſich gegen die Perſonen ihres Hauſes mit der größten Feinheit und Artigkeit. Nie kommt ein Vorwurf aus ihrem Munde. Hat eine ihrer Damen Urſache zur Unzufriedenheit gege⸗ ben, ſo beſteht die einzige Strafe, welche die Kaiſerin verhängt, darin, daß ſie einen oder mehre Tage ein Stillſchweigen gegen die Perſon, welche gefehlt hat, beobachtet. Gleichwohl iſt dieſe an ſich ſo milde Strafe doch für die Meiſten außerordentlich pein⸗ lich. „Zur Zeit des Conſulats bekam Madame Bona⸗ parte oft von den durch ihren Gemahl eroberten Städten oder von Perſonen, welche ihre Fürſprache beim erſten Conſul zu erhalten wünſchten, Sendun⸗ 96 gen von koſtbaren Geräthſchaften und Merkwürdigkei⸗ ten aller Art, von Gemälden, Stoffen u. ſ. w. Dieſe Geſchenke ſchmeichelten ihr ſehr. Sie empfand eine kindliche Freude, die Kiſten auspacken zu helfen, um zu ſehen, was wohl darinnen ſtecke. Bald aber wur⸗ den die Zuſendungen ſo beträchtlich und kamen ſo oft, daß man ein beſonderes Zimmer zu ihrer Aufbewah⸗ rung einräumen mußte. Madame war über ſo viele Reichthümer ganz erſtaunt; aber ſie theilte ſtets red⸗ lich mit ihren Kindern Eugen und Hortenſia und den Schweſtern des Kaiſers; das Uebrige brauchte ſie zu Verzierung der Zimmer von Malmaiſon.“ „Apropos Malmaiſon,“ fiel hier Bonorand ein,„das mag daſelbſt ein ſchönes Leben geweſen ſein, als Napoleon noch General war. Mir iſt darüber Manches zu Ohren gekommen.“ „Ja wohl,“ erwiederte Conſtant nicht ohne Seuf⸗ zer,„das waren ſchöne, roſige Zeiten, ich werde ſie nimmer vergeſſen; ich ſtand damals noch in Dienſten bei Madame Bonaparte, lebte herrlich und in Freu⸗ den, denn eine beſſere Herrin konnte ich mir nicht wünſchen. „Malmaiſon,“ fuhr er nach einer Pauſe, in Er⸗ innerung verſunken, fort,„war damals ein herrlicher Ort, obſchon lange nicht ſo prachtvoll eingerichtet, wie gegenwärtig. Die ganze Beſitzung beſtand aus dem Schloſſe, nicht eben im beſten Zuſtande befind⸗ lich, einem recht hübſchen Parke und einem Pacht⸗ gute, das höchſtens zwölftauſend Franken jährlich ein⸗ brachte; aber damals ſah man dort überall nur zu⸗ friedene, frohe Geſichter. In den Geſellſchaftszim⸗ mern war noch keine Spur von jener ſtrengen Etikette zu finden, welche jetzt in Saint Cloud, in den Tui⸗ lerien und den andern kaiſerlichen Paläſten beobachtez 97 wird. Die Geſellſchaft bewies einfache Eleganz, eben ſo fern von republikaniſcher Unzartheit, wie von kai⸗ ſerlichem Luxus. Madame Bonaparte machte die Honneurs auf die liebenswürdigſte Weiſe. Murat, Durve, Berthier kamen häufig zu Beſuch, ſo wie viele andere Perſonen, die jetzt mit den höchſten Reichs⸗ würden bekleidet ſind. Auch die Familie Napoleon's erſchien oft in Malmaiſon. Hortenſia war fort⸗ während bei ihrer Mutter. ſ2„Die meiſtentheils junge und oft ſehr zahlreiche Geſellſchaft ergab ſich oft Vergnügungen, welche denen in Schulanſtalten glichen. Beſonders liebte man das Haſcheſpiel. Nach Tiſche pflegten ſich Bonaparte, Joſephine, Hortenſia, Eugen und die anwe⸗ ſenden Gäſte in zwei Lager zu theilen, wo die ge⸗ machten und ausgetauſchten Gefangenen den großen Feldherrn an das vor Allem ihm zuſagende ernſte Kriegsſpiel erinnerten. „Bei dieſen Beluſtigungen waren Eugen, Ge⸗ neral Rapp und Hortenſia die geſchickteſten Läu⸗ fer. Der Herr General fiel oft hin, ſtand aber im⸗ mer gleich, laut lachend, wieder auf. „Napoleon lebte mit ſeiner Familie ſehr glück⸗ lich, namentlich in Malmaiſon, wo alle Politik aus dem Spiele blieb. „Gleich in der erſten Zeit wurde ein Familien⸗ theater errichtet. Bonaparte liebte dieſe Zerſtreuung ſehr, obſchon er nur immer Zuſchauer blieb. Alle Diener des Hauſes nahmen an dieſen Vorſtellungen Theil, und es machte uns nicht wenig Spaß, unſere Herrſchaften ſo verkleidet auf der Bühne zu ſehen. Die Theatergeſellſchaft in Malmaiſon beſtand haupt⸗ ſächlich aus den Herren Eugen, Hieronymus Bonaparte, Lauriſton, Bourienne, Iſabey, Stolle, ſämmtl. Schriften. XRl. S 98 Leroy und Didelot, und den Damen Hortenſia, Carolina Bonaparte, die Gemahlin Murat's, und den Demvoiſellen Auguis, von welchen die eine den Marſchall Ney, die andere Herrn von Broe geheirathet hat. Dieſe Damen waren jung, reizend, liebenswürdig und beſaßen außerordentlich viel thea⸗ traliſches Talent. Sie ſpielten ihre Rollen vortreff⸗ lich. Das Repertoir war im Anfange nicht ſehr mannigfaltig, aber immer gut gewählt. Die erſte Vorſtellung, an der ich Theil nahm, war der Bar⸗ bier von Sevilla, worin Jſabey den Figaro und Hortenſia die Roſine ſpielten. Ein anderes Mal ſah ich die unvorhergeſehene Wette und die falſchen Berathungen. Hortenſia und Eugen ſpielten in letzterem Stücke vortrefflich; und ich entſinne mich noch gar deutlich, wie ſich Hor⸗ tenſia als Madame Leblane in ihrer altväteriſchen Kleidung ganz allerliebſt ausnahm, Eugen gab Herrn Lenvir, Lauriſton den Charlatan. Na⸗ poleon, wie geſagt, war nur Zuſchauer, aber er fand herzliches Vergnügen an dieſem Familienthea⸗ ter; er lachte, klatſchte Beifall, tadelte auch mit⸗ unter. „War einmal eine Vorſtellung feſtgeſetzt, ſo fiel ſie niemals aus; wohl aber wurde zuweilen das Stück geändert; nicht weil eine Schauſpielerin Un⸗ wohlſein oder Kopfſchmerz vorſchützte, wie das auf den Pariſer Theatern häufig vorkommt, ſondern aus wichtigern Beweggründen. Da trug ſich's oft zu, daß Graf Almaviva, oder ſonſt wer, unmittelbar vom Theater nach ſeinem Regimente abgehen mußte, oder daß ihm eine andere wichtige Miſſion aufgetra⸗ gen ward. „Bei den Zerſtreuungen, denen ſich die Bewohner 99 von Malmaiſon überließen, muß ich als charakteriſtiſch noch einige Anekdoten erzählen, die mit einem Diener Joſephinen's, Namens Carrat, einem höchſt poſſirlichen Kauze, vorfielen. Joſephine hatte Carrat's Bekanntſchaft in den Bädern von Plom⸗ bieres gemacht. Täglich brachte er ihr daſelbſt friſche Blumenſträußer und ſo drollige Komplimente, daß Joſephine viel Vergnügen daran fand und Hortenſia laut lachen mußte. Als Madame Bona⸗ parte das Bad zu verlaſſen im Begriff ſtand, gab's eine wahrhaft tragikomiſche Scene. Carrat ſpielte den Verzweifelten. Er weinte und jammerte, daß er Madame Bonaparte verlieren und nicht mehr täg⸗ lich ſehen ſollte, woran er doch ſo gewöhnt ſei, bis Joſephine, ſanft und gut, verſprach, ihn in ihre Dienſte zu nehmen. Er mußte Friſiren lernen und ward friſirender Kammerdiener bei ihr. Er ſprach in ſeiner burlesken Manier ſehr frei zu ſeiner Ge⸗ bieterin, ſo daß er ihr ſogar manchmal Vorwürfe machte. Wenn Madame Bonaparte, die immer großmüthig und freundlich war, ihre Frauen beſchenk⸗ te, oder ſich vertraulich mit ihnen unterhielt, ſchalt ſie Carrat aus und ſagte:„Sie werden noch Alles verſchenken.“ Dann fügte er hinzu:„Aber Madame, wie können Sie nur ſo ſanft mit ihren Dienerinner ſprechen; Sie werden ſich allen Reſpect vergeben.“ Indem er jedoch die Großmuth Joſephinen's ge⸗ gen ihre Umgebung einzuſchränken ſuchte, vergaß er ſich ſelbſt nicht dabei. Wenn ihm Etwas gefiel, ſagte er ganz ohne Rückhalt:„Das könnten Sie dem Carrat ſchenken, er würde große Freude darüber empfinden. „Tapferkeit gehörte indeß zu den ſchwächſten Sei⸗ ten dieſes Herrn Friſeurs. Er beſaß eine unbeſchreib⸗ 100 bare Furchtſamkeit, und das gab denn oft Veranlaſ⸗ ſung, daß die Damen von Malmaiſon viel Scherz mit ihm trieben. „Eines Tags, als Joſephine in Begleitung ihrer Tochter ſpazieren gehen wollte, ſagte ſie zu Carrat, er möge ihr auf der Promenade folgen. Der Friſeur befand ſich über dieſe Auszeichnung auf der höchſten Stufe des Glücks; als ſich plötzlich aus einem der Gräben eine große weiße Geſtalt erhob, ganz einem Geſpenſte ähnlich, wie es in engliſchen Romanen vorkommt. Dieſe weiße Geſtalt war von den Damen beordert, den Furchtſamen in Angſt zu ſetzen, was auch vollkommen gelang. Denn kaum hatte Carrat das Geſpenſt erblickt, als er ſich zit⸗ ternd Joſephinen näherte und zu ihr ſagte:„Sehen Sie doch, Madame, dieſes erſchreckliche Geſpruſt. Es iſt der Geiſt der vor Kurzem in Plombieres verſtor⸗ benen Frau.“„Stille, Carrat,“ erwiederte Ma⸗ dame Bonaparte,„ſeien Sie kein Feigling.“„Ach nein,“ erwiederte zähneklappernd der Friſeur;„aber es iſt wahrhaftig ihr Geiſt.“ Während des kam die Geſtalt auf Carrat zu und ſtreckte die Arme nach ihm aus. Dieſer befand ſich in der verzweifeltſten Lage; er wollte ſeine Gebieterin nicht im Stiche laſ⸗ ſen und doch auch nicht Stand halten. Das Geſpenſt kam ihm immer näher und näher, das ward ihm zu arg, und unter lautem Gelächter der Damen ergriff er die ſchleunigſte Flucht. „Ein anderes Mal, als Bonaparte in Aegyp⸗ ten war, ſollte Carrat für mehre Unbeſcheidenheiten, die er ſich in Gegenwart der Damen erlaubt hatte, beſtraft werden. Es bildete ſich eine allgemeine Ver⸗ ſchwörung in Malmaiſon gegen ihn, an deren Spitze Hortenſia ſtand. Carrat ſchlief in einer Stube, 101 nahe an einem kleinen Cabinet, wo man die Schei⸗ dewand durchbohren und einen Bindfaden hindurch ziehen ließ, an deſſen Ende ein Topf mit Waſſer gebunden war. Dieſer unglückſelige Topf ſchwebte gerade über Carrot's Kopfe wie das Schwert des Damvocles; außerdem hatte man die Schrauben, welche den Gurt des Bettes hielten, herausnehmen laſſen. Da ſich der Friſeur nun ohne Licht nieder⸗ zulegen pflegte, ſo ahnete er nichts von dem vorbe⸗ reiteten Einſturz und dem drohenden Waſſerfalle. Alle Mitglieder der Verſchwörung waren im Nebengemache verſammelt, und ſobald ſich Carrat auf ſein Bett geworfen hatte, brach letzteres ſogleich zuſammen und aus dem Topfe begann es zu regnen. Um ſein Ent⸗ ſetzen zu vermehren, rief Hortenſia:„Ach, Mama, die Kröten und Fröſche fallen ihm gerade auf das Geſicht.“ Man kann ſich die Lage des armen Fri⸗ ſeurs denken. Er ſchrie und fluchte über alle Maßen und geberdete ſich wie ein Verzweifelter. Dieſes Abenteuer gab uns noch für lange Zeit Stoff zum Lachen. „Als Bonaparte nach Aegypten abreiſte, be⸗ gleitete ihn Joſephine bis Toulon. Sie wollte ihm ſogar nach Aegypten folgen. Als der General dagegen ſprach, machte ſie ihm die Bemerkung, ſie könne als geborne Creolin die Hitze des Klima's ge⸗ wiß gut ertragen. Durch einen beſondern Zufall ſtand es ihr frei, auf der Pomona überzuſchiffen, auf demſelben Schiffe, auf welchem ſie in ihrer früheſten Jugend nach Frankreich gekommen war⸗ Bonaparte gab endlich ihren Bitten nach, verſprach ihr das Schiff zu ſchicken und bat ſie, bis Alles zur Abreiſe fertig ſei, die Bäder von Plombieres zu ge⸗ brauchen. Ihr Aufenthalt daſelbſt ſollte nicht lange 102 dauern, weil ſie ihrem Gemahl nach Aegypten folgen wollte, aber eine bedeutende Unpäßlichkeit machte die, baldige Abreiſe unmöglich. Sie wünſchte während ihrer Krankheit ihre Tochter Hortenſia um ſich zu haben, welche ſo eben das funfzehnte Lebensjahr zu⸗ rückgelegt und von der Madame Campan eine treff⸗ liche Erziehung genoſſen hatte. „Das Mädchen freute ſich außerordentlich, mit ihrer vielgeliebten Mutter vereinigk'zu werden. Hor⸗ tenſia war etwas naſchhafter Natur, und in jeder bedeutendern Stadt, durch welche ſie reiſte, mußten Bonbons und Confituren gekauft werden, die ſie mit großem Appetit verzehrte. Einmal war ihre Beglei⸗ terin eingefchlafen, als ſie plötzlich durch einen hef⸗ tigen Knall aufgeweckt wurde, und das Erwachen war um ſo ſchauerlicher, da man ſich mitten in einem finſtern Walde befand. Nur Hortenſia lachte laut auf. Das loſe Mädchen hatte ſo lange an dem Korke einer Champagnerflaſche im Stillen gezwickt, bis die Epploſion zum Schrecken der Schläferin erfolgte. Als Hortenſia in Plombieres anlangte, war die Mut⸗ ter bereits vollkommen hergeſtellt. „Sonderbar, das Unwohlſein Joſephinen's hatte ſeine guten Folgen gehabt, denn die Pomona, welche die Gemahlin des franzöſiſchen Obergenerals nach dem Morgenlande bringen ſollte, wurde ſpäter von den Engländern genommen. Uebrigens hatte auch Bonaparte in allen ſeinen Briefen von der ägyp⸗ tiſchen Fahrt abgerathen, ſo daß Joſephine ge⸗ zwungen ward, nach Paris zurückzukehren. „Das Schloß Malmaiſon kam folgendermaßen in den Beſitz Bonaparte's. Letzterer hatte ſich näm⸗ lich ſchon immer eine ländliche Beſitzung gewünſcht und auch ſeinem Bruder Lucian deshalb Aufträge 103 ertheilt, die dieſer aber nicht ausführte. So blieb es denn Joſephinen überlaſſen, dieſen Lieblings⸗ wunſch ihres Napoleon zu erfüllen. Sie zog Er⸗ kundigungen ein, über einen geſunden Landſitz in der Umgegend von Paris, ſchwankte lange zwiſchen den Schlöſſern Ris und Malmaiſon. Endlich entſchied ſie ſich für das Letztere und kaufte es von Lecculteun Dumoley för, wenn ich nicht irre, viermalhundert⸗ tauſend Franken. „So voft der erſte Conſul ſich den Geſchäften ent⸗ ziehen konnte, kam er nach Malmaiſon. Den Abend vor jedem Decadentage war man im Schloſſe immer geſpannt und freudig. Madame Bonaparte ſchickte Diener zu Fuß und zu Pferde ihrem Gatten entgegen. Oft machte ſie ſich ſelbſt mit ihrer Tochter und eini⸗ gen Hausfreunden auf den Weg. Ich ſelbſt war oft dabei, wenn mich Dienſtgeſchäfte nicht abhielten. Denn wir alle waren beſorgt um Bonaparte, wel⸗ chem ſchon damals von ſeinen Feinden häufig nach⸗ geſtellt wurde. Man hatte ihn ſogar einmal entfüh⸗ ren wollen. Banditen hatten ſich in die Uniform ſeiner Conſulargarde gekleidet. Am Verdächtigſten war der Weg bei den Steinbrüchen von Nanterre. Des⸗ halb wurde dieſer auch am Sorgfältigſten von den Hausleuten bewacht, fobald der erſte Conſul zum Beſuche kam. Er war ſehr erkenntlich für die Sorg⸗ falt, ſchien aber immer unbeſorgt zu ſein und ſpot⸗ tete ſogar über unſere Angſt. So erzählte er ernſt⸗ haft der guten Joſephine, wie er mit genauer Noth entkommen ſei, welche verdächtige Geſichter ihm auf dem Wege entgegen gekommen, daß ein Mann auf ihn gezielt habe, bis ſie ängſtlich geworden war. Dann fing er an zu lachen, klopfte und küßte ihr 104 Hals und Wange und ſagte:„Sei ohne Furcht, kleine Meerkatze, ſie wagen es nicht.“ „An dieſen Urlaubtagen, wie er ſie nannte, beſchäftigte er ſich hauptſächlich mit ſeinen Privat⸗ angelegenheiten. Immer war er thätig. Er ließ nie⸗ derreißen, wieder aufbauen, vergrößern, Schloß und Park verſchönern und ſchrieb überall Sparſamkeit vor. So verfloß ſchnell dle Urlaubszeit und der Augenblick nahte, wo er, ſeinem Ausdrucke nach, ſich das Hals⸗ band des Elends wieder anlegen mußte. „Ich muß nochmals wiederholen, daß Joſephine nie eine Gelegenheit vorüberließ, wo ſie Gutes thun und Wohlthaten erzeugen konnte. Als ſie eines Morgens mit Napoleon allein frühſtückte, vernahm man auf einmal das Geſchrei eines Kindes, das un⸗ ter einer verborgenen Treppe hervorkam. Der Kaiſer machte eine finſtere Miene, runzelte die Stirn, und frug barſch, was das bedeuten ſolle. Ich ſah nach und fand ein neugebornes Kind, das ſorgfältig und reinlich eingewickelt war und in einer Art von Wiege lag. Das Leibchen war mit einem Bande umwickelt, an welchem ein zuſammengefaltetes Papier hing. Ich kehrte zurück und erzählte, was ich geſehen hatte. „O, Conſtant,“ ſprach die Kaiſerin,„bringen Sie mir die Wiege.“ Der Kaiſer wollte dies Anfangs nicht zugeben und äußerte ſein Erſtaunen und ſeine Unzufriedenheit darüber, daß man auf ſolche Weiſe bis in das Innere ſeiner Zimmer dringe. Hierauf machte ihn die Kaiſerin darauf aufmerkſam, daß dies nur Jemand aus dem Hauſe habe thun können. Der Kaiſer ſah jetzt mich an und ſchien zu fragen, ob ich etwa dieſen Einfall gehabt hätte. Ich machte mit dem Kopfe ein verneinendes Zeichen. In dieſem Au⸗ genblicke fing das Kind wieder zu ſchreien an. Na⸗ 105 poleon konnte ſich jetzt eines Lächelns nicht enthal⸗ ten, obſchon er noch immer brummte und ſagte:„Jo⸗ ſephine, laß doch den Schreihals hinwegſchaffen.“ „Die Kaiſerin ließ ſich aber die Wiege bringen, liebkoſete das neugeborne Kind, ſuchte es zu beruhi⸗ gen und las das Papier, welches eine Bittſchrift der Aeltern war. Darauf näherte ſie ſich dem Kaiſer und bat ihn, das Kind doch auch etwas lieb zu haben und es in ſeine ſchönen vollen Wangen zu kneipen. Dies that er, ohne ſich viel bitten zu laſſen, denn der Kaiſer ſpielte gern mit Kindern. Joſephine ſteckte nun eine Rolle Napoleonsd'or in die Wiege und lies das Kind zu dem Haushofmeiſter des Pala⸗ ſtes bringen, damit er es ſeinen Aeltern zurückſtelle. „Einen andern Zug von der Güte der Kaiſerin will ich noch anführen: Einige Monate vor der Krö⸗ nung war ein kleines vierjähriges Mädchen aus der Seine gezogen worden und eine mildthätige Frau, Madame Pillet, hatte die arme Waiſe zu ſich ge⸗ nommen. Als Joſephine von dieſem Unmſtande Nachricht erhielt, wünſchte ſie das Kind zu ſehen, und nachdem ſie es einige Minuten lang mit Rüh⸗ rung betrachtet und ihren Schutz mit herzlicher Auf⸗ richtigkeit Madame Pillet und ihrem Gatten ange⸗ boten hatte, kündigte ſie ihnen an, daß ſie für das Beſte des kleinen Mädchens ſorgen wolle. Hierauf ſetzte ſie mit dem Zartgefühle und dem liebreichen Tone, der ihr eigenthümlich war, hinzu:„Ihre gute That hat Ihnen zu viel Anſprüche auf die arme Kleine erworben, als daß ich Ihnen die Gelegenheit rauben ſollte, Ihr Werk ſelbſt zu vollenden. Daher erſuche ich Sie um die Erlaubniß, die Koſten der Erziehung beſtreiten zu dürfen, aber die Erziehung 406 ſelbſt ſollen Sie übernehmen, ich will blos die zweite Wohlthäterin ſein. „Was Hortenſien, die liebenswürdige Tochter einer liebenswürdigen Mutter betrifft, ſo war ſie im⸗ mer ſehr ſchön, hatte ausdrucksvolle Geſichtszüge, be⸗ ſaß Anmuth, Frohſinn und natürlichen Verſtand.“ „Ich dächte aber,“ unterbrach hier der Doetor den Sprecher,„bevor wir über die Tochter verhan⸗ deln, wollen wir die edle Mutter, das Muſterbild aller Frauen, aus rechtem Herzensgrunde hoch leben laſſen. Stoßt an, Joſephine ſoll leben, der gute Stern Napoleon's!“ „Ja wohl,“ rief Armand,„angeſtoßen; dieſe edle Frau verdient die Verehrung und Liebe aller guten Menſchen.“ Die Gläſer klangen an einander und Conſtant fuhr in ſeiner Erzählung fort: „Horten ſia ward vor drei Jahren mit Lud⸗ wig Bonaparte, dem Bruder des erſten Conſuls vermählt; aber dieſe Ehe iſt leider nicht glücklich. Hortenſia iſt darum jetzt nicht mehr das frohe Mädchen von Malmaiſon. Sie liebte den ſchönen General Duroc, den Vertrauten Napoleon's; aber dieſe Liebe ward nicht erwiedert, und dies iſt wohl hauptſächlich der Quell ihres ſtillen Grames. Ihre Verbindung mit Ludwig muß als ein Werk Jo⸗ ſephinen's betrachtet werden, welche gern mit der Familie Napoleon's verſchwägert werden wollte, da ſie wußte, daß ihr die Brüder des Kaiſers nicht wohl wollten. Sie redete ihrer Tochter ſo lange zu, bis dieſe einwilligte, ihre Hand einem ungeliebten Gatten zu geben. Sie weinte während der Trauung bitterlich, und dieſe Thränen ſind noch nicht verſiegt. Sie gab ſich nie Mühe, die Liebe ihres Gemahls zu 107 erwerben, der ſeinerſeits zu ſtolz iſt, ihr entgegen zu kommen. Die gute Joſephine iſt nun außer ſich über die Thränen ihrer Tochter und thut alles Mögliche, eine Annäherung zu bewirken. Oft habe ich Madame Ludwig Bonaparte nach ihrem Zimmer gehen ſehen, um ſich daſelbſt am Buſen einer Freundin auszuweinen. Dieſe brechen ihr ſogar oft mitten in Geſellſchaft hervor, wo man mitleidig die einſt ſo muntere und fröhliche Frau, welche ehedem Alles erheiterte und der Etiquette ſpottete, einen Winkel oder Fenſteraustritt aufſuchen ſieht, um ihren Thränen ungeſtörten Lauf zu laſſen. „Als ſie noch als frohes Mädchen in Malmaiſon lebte, flößte einſt ihre Schönheit einem jungen Manne von ſehr achtbarer Familie die heftigſte Leidenſchaft ein. Der unglückliche junge Mann ſtreifte immer um Malmaiſon, und wenn Fräulein Hortenſia ausfuhr, lief er neben dem Wagen her und warf mit den auf⸗ fallendſten Ausdrücken ſeiner Zärtlichkeit Blumen, Haarlocken und Gedichte in den Wagen. Traf er ſie zu Fuße, ſo warf er ſich vor ihr nieder und nannte ſie mit den ſüßeſten Namen. Er ging ihr, unbeküm⸗ mert um Alle, bis in den Schloßhof nach, und gab ſich ganz ſeinem liebenden Wahnſinn hin. In der erſten Zeit fand die muntere Hortenſia Vergnügen an ihrem leidenſchaftlichen Anbeter. Sie las die Verſe und gab ſie ihren Begleiterinnen zu leſen. Oſft ſagte ſie mitleidig zu ihrer Mutter:„der arme Menſch iſt ſehr zu beklagen.“ Endlich jedoch wurde die Zu⸗ dringlichkeit dieſes Liebhabers unerträglich. In Paris ſtellte er ſich an die Thüren der Theater, die Hor⸗ tenſia beſuchte, fiel ihr zu Füßen, wobei er zugleich flehte, weinte, lachte, und ſich wie ein vollkommener 108 Geiſteskranker geberdete. Der Unglückliche ſtarb ſpä⸗ ter im Irrenhauſe. „Der Gemahl Hortenſien's iſt gut, gefühl⸗ voll, wohlwollend und geiſtreich, und ein Freund der Wiſſenſchaften, aber kränklich, faſt immer leidend und ſehr zum Trübſinn geneigt. „Die intereſſanteſte von Napoleon's Schweſtern iſt unſtreitig Pauline Bonaparte, ehedem Ge⸗ mahlin des General Leclere, jetzt des Prinzen Ca⸗ millo Borgheſe. Sie iſt von unvergleichlicher Schönheit, aber auch von übergroßem Leichtſinn. Liebſchaften ſind ihr unentbehrlich. „Als ihr Gemahl ein Commando auf Saint Do⸗ mingo erhalten hatte, mußte ihm auf Befehl des erſten Conſuls Pauline dahin folgen. Es kam der jungen reizenden Frau gewiß ſchwer an, Paris, wo ſie den Scepter der Mode führte und alle Damen an Eleganz und Coquetterie übertraf, zu verlaſſen, um einem gefährlichen Klima und den wilden Hor⸗ den einer empörten Bevölkerung Trotz zu bieten. Doch verdient ihr Benehmen in jenem fremden Lande alles Lob. „Bei dem großen Aufſtande der Schwarzen im September 1809 griffen zwölftauſend Neger, von wildem Haſſe gegen die Weißen entbrannt, die Stadt an, worin ungefähr tauſend Mann Beſatzung lagen. Dieſe Hand voll Tapfere, deren Geſundheit meiſten⸗ theils von Fiebern ſchon untergraben war, mit dem ebenfalls ſchon erkrankten Oberbefehlshaber an der Spitze, ſchlug mit unerhörten Anſtrengungen und wahrhaftem Heldenmuthe die wiederholten Angriffe der Schwarzen zurück. „Während des Kampfes, in welchem die Wuth der Streiter, wenn auch nicht ihrer Zahl und Kraft 109 nach, von beiden Seiten gleich groß war, hielt ſich Madame Leclere mit ihrem Sohne und einem treuen Freunde, der nur eine ſchwache Artilleriecompagnie befehligte, in dem Hauſe, worin ihr Mann ſeine Wohnung genommen hatte und welches am Abhange der Küſtenhügel lag, auf. Der Oberbefehlshaber be⸗ fürchtete einen Ueberfall dieſes Hauſes durch einen feindlichen Trupp, und befahl, da er nicht im Stande war, auf der Anhöhe des Kap, wo er im verzwei⸗ felten Kampfe focht, den Ausgang voraus zu ſehen, Frau und Sohn auf ein Schiff der franzöſiſchen Flotte zu bringen. Pauline aber verſtand ſich hierzu durchaus nicht. Stets dem Stolze treu, den ihr Name ihr einflößte, ſagte ſie zu den aus der Stadt zugeflüchteten Frauen, welche ſie flehentlichſt beſchwo⸗ ren zu fliehen und eine entſetzliche Schilderung von den Mißhandlungen machten, welche die Frauen von den Negern zu erdulden hätten:„Fliehen Sie immer⸗ hin, Sie ſind nicht Bonaparte's Schweſter.“ „Doch wurde die Gefahr immer dringender und nun ſchickte der General einen Adjutanten in das Haus, mit dem Auftrage, Paulinen, im Falle einer abermaligen Weigerung, mit Gewalt an Bord zu bringen. Der Offizier ſah ſich zur ſtrengen Aus⸗ führung ſelnes Befehls genöthigt. Madame Leclere wurde von vier Grenadieren in einem Lehnſtuhle fortgetragen. Ein Grenadier, ihr zur Seite, trug ihren Sohn auf dem Arme, und bei dieſer Flucht⸗ und Schreckensſcene ſpielte dieſes, ſeiner Mutter ſchon würdige Kind, mit dem Helmbuſche des Führers. So wurde Pauline, begleitet von den zu ihr geflüch⸗ teten betenden und weinenden Frauen, deren alleini⸗ ger Schutz bei dieſem gefährlichen Gange ihr Muth war, bis an's ufer gebracht. Als man ſie aber in 110 die Schaluppe ſetzen wollte, brachte ein zweiter Adju⸗ tant ihres Mannes die Nachricht von der Niederlage der Schwarzen.„Sehen Sie wohl,“ rief ſie,„daß ich recht hatte, mich nicht einſchiffen zu wollen.“ Sie kehrte zurück, obſchon die Gefahr noch durchaus nicht vorüber war. Ein Negertrupp, welcher der wie durch ein Wunder zurückgeſchlagenen Armee angehörte und in die Häfendämme ſich zurückzuziehen ſuchte, ſtieß auf die ſchwache Begleitung der Madame Leclere. Erſt wollten die Inſurgenten angreifen, wurden aber durch ganz in der Nähe abgefeuerte Flintenſchüſſe verjagt. Während dieſer Gefahr bewies Pauline eine unerſchütterliche Geiſtesgegenwart. „Als Napoleon von allen Umſtänden, die ſo ehrenvoll für ſeine Schweſter waren, Nachricht erhielt, fühlte er ſich geſchmeichelt davon und ſagte:„Pau⸗ line iſt ganz zur Gattin eines Römers geſchaffen, denn ſie iſt Römerin von Kopf bis Fuß.“ „Nach dem Tode des Generals Leclerc, der zu Sanct Domingo am gelben Fieber ſtarb, heirathete ſeine Wittwe den Prinzen Camillo Borgheſe, den Sprößling aus einer der edelſten römiſchen Familien. „Von den beiden andern Schweſtern des Kaiſers, Eliſe und Carvline Bonaparte,“ fuhr Con⸗ ſtant nach einer Pauſe fort,„kann ich weniger be⸗ richten, da ich ſeltner Gelegenheit hatte, ſie in der Nähe zu beobachten. Letztre, welche den jetzigen Mar⸗ ſchall Murat geheirathet hat, ſoll eine ziemlich ſtolze und herrſchſüchtige Dame ſein. 5 „Die Brüder Joſeph und Lucian, ſo wie na⸗ mentlich Ludwig, ſind als Privatmänner höchſt ach⸗ tenswerthe Munner. Die Spannung Napoleon's mit Lucian wegen des letztern Gemahlin iſt eine bekannte Sache. 444 „An Intriguen, Neid und Eiferſüchteleien fehlt es nicht in der kaiſerlichen Familie; doch trotz der kleinen Fehden unter ſich, ſtimmen ſie doch darin überein, daß ſie ſämmtlich den außerordentlichſten Reſpect vor dem Kaiſer haben. Dieſer führt aber auch ein äußerſt ſtrenges, ja oft ein deſpotiſches Hausregiment in ſeiner Familie. Mit dem jüngſten Bruder, Herrn Hieronymus Bonaparte, giebt es den häufigſten Lärm, weil er ſich bei ſeiner Ju⸗ gend die meiſten Thorheiten zu Schulden kommen läßt. Aller Augenblicke laufen Klagen über ihn ein. Als Beweis, wie aber Napoleon mit ihm nicht eben auf die zarteſte Weiſe verfährt, will ich nur ein Beiſpiel anführen. „Der erſte Conſul hatte ſeinen Bruder für den Seedienſt beſtimmt, weniger um demſelben eine Lauf⸗ bahn zu eröffnen, als ihn von den verführeriſchen Anlockungen zu entfernen, die ſich ihm bei dem gro⸗ ßen Glücke ſeines Bruders unaufhörlich darboten und denen er nicht zu widerſtehen vermochte. Es fiel einem ſo jungen Menſchen natürlich ſchwer, ſo gefälligen und berauſchenden Vergnügungen zu ent⸗ ſagen; auch erklärte er bei jeder Gelegenheit laut, wie unpaſſend er zum Seedienſte ſei, ſo daß er ſogar von den Examinatoren als unfähig zurückgewieſen worden wäre, obgleich er bei etwas Fleiß und gu⸗ te illen die Fragen leicht hätte beantworten kön⸗ nen. Aber der Wille des erſten Conſuls mufßte ge⸗ ſchehen und Hieronymus ſah ſich genöthigt ſich einzuſchiffen. Eines Tages ſagte er, nachdem er ei⸗ nige Zeit mit Groll über den Seedienſt geſprochen hatte, zu ſeinem Bruder:„Anſtatt daß ich vor lan⸗ ger Weile auf dem Meere umkommen muß, hätten Sie mich lieber zu Ihrem Adjutanten machen ſollen.“ 442 „Sie Gelbſchnabel, antwortete heftig der erſte Conſul,„warten Sie bis Ihnen eine Kugel auf dem Geſichte herumgefahren iſt, dann wollen wir ſehen.“ Dabei zeigte er auf den Obriſt Lacué, der erröthend die Augen niederſchlug. Um dieſe für Letztern ſo ſchmeichelhafte Rede zu ver⸗ ſtehen, muß man wiſſen, daß dieſer tapfre Obriſt im Geſichte eine Schußwunde hatte. „Von der Mutter des Kaiſers, Madame Lätitia Bonaparte, kann ich am Wenigſten berichten, da ich ſie kaum ein Paar Mal geſehen habe. Ihr Haus⸗ ſtand klagt allgemein über ihre allzugroße Sparſam⸗ keit, die faſt an Knickerei grenzt, ein Fehler übrigens, an welchem faſt alle Napoleoniden leiden.“ Während der erſte Kammerdiener Napoleon's bei vielen Unterbrechungen und Zwiſchen⸗Reden von Seiten der Freunde eine geraume Zeit über Joſe⸗ phinen und die Mitglieder der kaiſerlichen Familie erzählt hatte, mahnte die Glocke auf dem Tuilerien⸗ thurme zum Aufbruch. Bevor ſich indeß die Freunde für diesmal trennten, erzählte Conſtant zum Be⸗ ſchluß noch eine wunderbare Geſchichte, die ihm ſelbſt ein Räthſel war, die aber ihn, vermöge ſeiner Stel⸗ lung bei Hofe, außerordentlich intereſſiren mußte. „Ich weiß nämlich aus ganz ſichrer Hand,“ ſprach er,„daß, ſobald der Kaiſer etwas vornimmt, es mag ſein, was es will, und von dem er wünſcht, daß es der Kaiſerin ein Geheimniß bleibe, dieſe we⸗ nige Stunden darauf einen Brief von unbekannter Hand erhält, worin ſie auf das Ausführlichſte davon unterrichtet wird; und was das Merkwürdigſte bei der Sache iſt: auf ganz demſelben Wege erhält auch der Kaiſer über Alles Nachricht, was Joſephine dieſem nicht wiſſen laſſen will. 113 „Dieſe Briefe langen allemat mit der Regierungs⸗ poſt an und ſind alle von ein und derſelben Hand geſchrieben. Wenn ſich der Hof zu Saint Cloud aufhält, treffen ſie ſo ſchnell ein, daß man erſtahnt, wie man Zeit gehabt hat, ſie auf ſe ſchnelle Weiſe nach Paris zu befördern. 3 „Napoleon hat vermöge der Polizei alles Mögliche aufgeboten, dem unerklärlichen Briefſchreiber auf die Spur zu kommen, aber Alle ſeine Bemühun⸗ gen ſind bisher vergebens geweſen. „Als einſt Eugen zur Armee zu ſeiner Mutter, der Kaiſerin Joſephine, bei ſei⸗ nem Regimente befinde ſich ein junger Offizier, den er ſehr liebe und der jetzt ſeine Mutter erloreg habe, die ihmſehr ſchöne Diamanten hinterlaſſen. Er ſei nun in großer Verlegenheit, da er dieſe Steine nicht zur Armee mitnehmen könne. Er habe ihm daher das Anerbieten gemacht, ſie bei denen der Kaiſerin aufbewahren zu laſſen. Joſephine gab ihre Ein⸗ willigung. Dieſer Offizier ſollte ſich bei ihrer erſten Kammerfrau einfinden, und ſeine Diamanten daſelbſt abgeben; allein ſie müſſe davon Nachricht erhalten, damit ſie auch wiſſe, was man ihr aufzubewahren gäbe. „Am andern Morgen nach dem Frühſtücke meldete man ihr die Ankunft des Offiziers. Nur wenige Augenblicke zeigte ſie ſich in dem Zimmer der Kam⸗ merfrau, um ſich von dem Werthe der Diamanten zu überzeugen. Die Freundſchaft und Fürſorge Eugen's war die einzige Urſache, warum ſich die Kaiſerin dieſe Mühe gab; und ſobald die Uebergabe des Schmuckes ſtatt gefunden hatte, kehrte ſie auf ihr Zimmer zurück. „Zwei Stunden darauf war der Kaiſer durch den Stolle, ſaͤmmtl. Schriften. XMl. 8 abreiſte, ſagte r 14⁴ anonymen Briefſteller von dem ganzen Vorfalle un⸗ terrichtet. Man hatte aber den Grund der Aufbe⸗ wahrung und dieſes Beſuches verſchwiegen, unfehlbar um der ganzen Sache ein ſträfliches Ausſehen zu ge⸗ ben. Die Stunde, die Bezeichnung des Offiziers, alles traf genau ein. „Mehre Jahre lang findet dieſer geheimnißvolle Briefwechſel bei jeder Gelegenheit ſtatt, welche zu boshaften Auslegungen Veranlaſſung geben konnte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieſer ſeltſame Briefſchreiber ſich im Schloſſe befindet, ja er muß ſogar einen Poſten bekleiden, der ihm Eintritt in die innerſten Gemächer verſchafft, denn oft berühren dieſe Zuſchriften Gegenſtände, welche dem untergeordneten Dienſtperſonale völlig fremd ſind. Die Handſchrift, welche immer dieſelbe bleibt, ſcheint nicht nachgemacht zu ſein. „Nie hat man Aufſchluß über dieſes unheimliche Weſen erhalten können, welches den Kaiſer und die Kaiſerin unſichtbar verfolgt.“ Für den Doctor Bonorand, der bekanntlich für alles Geheimnißvolle großes Intereſſe hegte, war dieſe Mittheilung über den myſteriöſen Briefſteller von beſonderer Wichtigkeit. Er erſchöpfte ſich in Muthmaßungen, wie die Sache wohl zuſammen hän⸗ gen könnte, bis Armand zum Aufbruch mahnte. Es war bereits tief in der Nacht, als ſich die drei Freunde trennten. 115⁵5 Achtes Rapitel. Au Armand am feſtgeſetzten Tage den Salon der Frau von Poitiers betrat, fand er Alles feſtlicher geſchmückt wie gewöhnlich; Pforten und Säulen wa⸗ ren mit Kränzen und Blumen umwunden, und die Frau vom Hauſe empfing ihn mit einem beſondern Lächeln des Wohlwollens. Sie ergriff die Hand des jungen Mannes und führte ihn durch mehre der glänzenden Gemächer nach einem Seitenkabinet, das mit roſafarbenem Atlas ausgeſchlagen war und dem niedlichen Boudvir einer Dame glich. Hier ſtand, reizend gekleidet, Florentine, welche holderglühend dem Ueberraſchten auf einem Sammetkiſſen ein von ihrer Hand wundervoll, in Perlen geſticktes Souve⸗ nir, das ſeinen Namen und den heutigen Jahrestag führte, überreichte. Jetzt erſt erhielt Armand Aufſchluß über dieſe ihn ſo beſeligende Scene; denn er erinnerte ſich, daß heute ſein Namenstag ſei. Dieſe zarte Aufmerk⸗ ſamkeit erfreute ihn innig und beſtärkte ihn mehr denn je, endlich die Maske abzuwerfen und den bei⸗ den Frauen ein Retter in der Noth zu werden. Während Armand nicht Worte genug finden konnte, um Florentinen für das ihm ſo theure Geſchenk von ihrer Hand ſeinen Dank auszudrücken, hatte ſich Frau von Poitiers unbemerkt entfernt, und den beiden Liebenden ward ungeſtörte Muſe, ihre Herzen gegen einander zu erſchließen. Stunden verrannen den Glücklichen wie Minuten. Florentine war dem ſeligen Jüngling noch nie ſo bezaubernd erſchienen. Er ſank endlich von ſeinem 8 * 116 Gefühle überwältigt zu ihren Füßen und ſchwur: ohne ſie nicht mehr leben zu können. Das ſchöne Mädchen neigte ſich in ſeliger, ſprachloſer Rührung zu ihm nieder; ihre weichen, ſeidenen Locken fielen auf ſein Haupt herab, und als er aufſchaute, blickte er in den unendlichen Himmel voll Liebe, in ihr thränen⸗ feuchtes, beſeligendes Auge. Da ſchlang er ſeinen Arm um ihren Nacken, preßte die nicht mehr Wider⸗ ſtrebende an ſein Herz und drückte den erſten Kuß auf ihre jungfräulichen Roſenlippen. Während die beiden Liebenden den heiligen Bund ihrer Herzen ſchloſſen, ſaß Frau von Poitiers in Geſellſchaft mehrer der eifrigſten Royaliſten und brü⸗ tete über die ſchwärzeſten Pläne. „Ich habe mir die Sache reiflich überlegt,“ ſprach Eleonore,„alle unſre zeitherigen Attentate gegen die Perſon des Tyrannen haben uns mehr rückwärts, denn vorwärts gebracht; die Satelliten Bonaparte's ſind weit vorſichtiger und aufmerkſamer geworden als früher. Es bleibt uns jetzt nichts übrig, als Mail⸗ lebois zu vermögen, unſer Vorhaben in Ausführung zu bringen. Wir ſind von den Schergen des großen Böſewichts bereits ſo umgarnt, daß wir keine Stunde mehr ſicher ſind, aufgehoben zu werden; nur meiner Wachſamkeit iſt es bis jetzt gelungen, daß es nicht ſchon geſchehen iſt. Verkleidet in's Schloß zu drin⸗ gen grenzt bereits an Unmöglichkeit. Daher bleibt Maillebvis der Einzige, der uns unter den gegen⸗ wärtigen Verhältniſſen nützen kann. Ihm vermöge ſeiner Stellung iſt es unbenommen, täglich, ja ſtünd⸗ lich unbeobachtet in den Tuilerien zu erſcheinen. Er iſt bekannt mit den Localitäten, wie er mir ſelbſt er⸗ zählt hat und auch gewandt, ſo daß es ihm gar nicht ſchwer werden kann, ein kleines Pulver in die Körbe zu werfen, in welchen das Frühſtück oder Mittags⸗ eſſen der hohen Herrſchaften aus den Küchen nach dem Speiſeſaal getragen wird.“ „Dürfte aber der junge Mann,“ gab ein ſchon bejahrter Marquis zu vedenken,„nicht von einigen grillenhaften Gewiſſensſerupeln heimgeſucht werden, da er doch dem Corſen den Eid der Treue geſchwo⸗ ren hat?“ „Unbeſorgt,“ tröſtete Frau von Pvitiers,„eine nur entfernte Ausſicht auf die Hand meiner Nichte wird ihn Alles vergeſſen machen. Mir iſt lange kein ſo enthufiaſtiſcher Verehrer meiner Florentine vor⸗ gekommen, wie dieſer Bonapartiſtiſche Capitain, und mit ſolchen Leuten iſt etwas zu wagen.“ „Wenn es ihm mit ſeinem Pülverchen,“ bemerkte ein anderer Royaliſt,„nur nicht wie mir ergeht zu Malmaiſon.“ „Wie ſo?“ erkundigten ſich mehre der Anweſen⸗ den. „Als der damalige ſogenannte erſte Conſul,“ er⸗ zählte jener,„ſein Schloß ausbeſſern ließ, hatt' ich durch einen unternehmenden Maurer eine Tabacksdoſe, ganz der, welche Bonaparte zu tragen pflegte, ähnlich, in das Cabinet des Genannten practiciren laſſen, ſie mit einem Saint Omer gefüllt, der die wohlthätige Kraft beſaß, ſeinen Schnupfer bald alle Weltverbeſſerungspläne vergeſſen zu machen; aber auch hier mußte der Satan ſein Spiel treiben. Dem nichtsnutzigen Kammerdiener ſchien die Sache doch bedenklich vorzukommen; der Taback wurde chemiſch unterſucht, und da fand man, daß er allerdings nicht zu den geſündeſten Sorten gehörte.“ „Man darf ſich,“ ſprach ein Dritter,„wenn ein Unternehmen einmal fehlgeſchlagen, nicht ſogleich ab⸗ 118 ſchrecken laſſen. Was das erſte, zweite und dritte Mal nicht gelingt, gelingt vielleicht zum vierten Male. Siebenzehnmal war König Heinrich dem Vierten nach dem Leben getrachtet worden, immer war er glücklich der Gefahr entkommen, und beim achtzehnten Male mußte er unter Ravaillac's Dolche verblu⸗ ten. Darum gebe ich auch die Hoffnung hinſichtlich Bonaparte's nicht auf, ſobald wir nur die Aus⸗ dauer nicht verlieren. Uebrigens ſcheint mir auch der von unſrer gnädigen Frau bezeichnete Weg als einer der zweckmäßigſten.“ „Es iſt dabei nur ein Umſtand,“ verſetzte ein Vierter der Verſchworenen,„der mich bedenklich macht, falls nämlich dem Maillebois ſein Vorhaben ge⸗ lingt, ſo wird der plebejiſche Capitain Anſprüche auf die Hand des gnädigen Fräuleins machen.“ Frau von Poitiers erwiederte mit kaltem, ruhigem Lächeln: „Mein Freund, wenn der Corſe geſtürzt iſt, und die Bourbonen wieder auf Frankreichs Throne ſitzen, dann kann wohl von einem Verhältniß des Fräulein von Nevers mit einem Epcapitain der corſiſchen Rotten nicht mehr die Rede ſein.“ „Aber falls der junge Mann unverſchämt wird,“ gegenredete man,„und Anſprüche geltend macht wegen ſeiner That?“ „Mon dieu,“ lächelte Frau von Poitiers,„was iſt da? Man zerbricht das Meſſer, nachdem es ſei⸗ nen Streich vollführt. Wozu da viel Worte? „Doch,“ fuhr ſie nach einer Pauſe aufſtehend fort, „kein Augenblick iſt zu verlieren; der Tyrann kann ſtündlich die Tuilerien auf längere Zeit verlaſſen, dann haben wir uns die ſchönſte Gelegenheit ent⸗ ſchlüpfen laſſen. Ich ſelbſt werde jetzt Maillebois —— 6 1¹9 vorbereiten; ein Blick aus Florentinen's Augen iſt hinreichend, ihn alle Bedenklichkeiten vergeſſen zu machen.“ Armand und Florentine ſaßen noch immer Hand in Hand in ſtiller Seligkeit und ſchauten ſich liebetrunken in die ſchönen Augen, als die Tapeten⸗ thür kniſterte, ſeidene Gewänder rauſchten und plötz⸗ lich die gnädige Tante vor ihnen ſtand. Mit einem ſchalkhaften Lächeln machte ſie dem Paare Vorwürfe, daß es ſich zu ſehr der Geſellſchaft entzogen habe. „Dafür ſollt Ihr jetzt Beide beſtraft werden,“ fuhr ſie fort;„Du, Florentine, vertrittſt nun meine Stelle bei den Herren im blauen Saal, wäh⸗ rend ich auch einmal Armand's Geſellſchaft ge⸗ nießen will.“ Sie ergriff mit dieſen Worten den Arm des jun⸗ gen Mannes und führte ihn durch mehre Gemächer, während Florentine mit nicht eben ſo ſehr freudi⸗ gem Gemüthe nach dem Geſellſchaftsſalon mußte, um daſelbſt die Honneurs zu machen. Armand, die Bruſt voller Himmel, in einer Stimmung, wo er die ganze Welt verſöhnungsſelig hätte an das Herz drücken können, befand ſich kaum mit Florentinen's Tante allein, als er vor ihr niederkniete und ſie bei allen Heiligen und mit ſeiner ganzen Beredtſamkeit beſchwor, von ihren verbrecheri⸗ ſchen Plänen abzuſtehen, indem er ihr offenherzig den ganzen Abgrund zeigte, in welchen ſie im Begriff ſtand, hinab zu ſtürzen. Der Jüngling war ſo hingeriſſen von ſeinem Gegenſtande, daß er nicht bemerkte, wie das ſchöne Antlitz der Frau von Poitiers ſichtbar erbleichte. Er ſprach noch eine lange Zeit voller Feuer und Be⸗ 420 geiſterung, bis ihn die Royaliſtin mit den Worten unterbrach: „Gut, ſprechen wir morgen darüber.“ „Nein, nein,“ fuhr Armand leidenſchaftlich fort, „verſprechen Sie mir jetzt, auf der Stelle, von ihrem Vorhaben abzuſtehen, bedenken Sie, daß jede Stunde Verzug Ihnen Freiheit und Leben koſten kann.“ „Sprechen wir morgen darüber,“ erwiederte die Pvoitiers mit tonloſer Stimme, und entzog ihren Arm Armand, welcher ihn mit beiden Händen um⸗ klammert hielt,„ich erwarte Sie morgen zum Früh⸗ ſtück.“ Armand, welcher ſchon glaubte geſiegt zu ha⸗ ben, erhob ſich freudetrunken. Er wollte nochmals ihre Hand erfaſſen, aber ſie machte eine abwehrende Bewegung, trat einen Schritt zurück und verſchwand plötzlich durch eine Tapetenthür. Jetzt erſt kam Maillebvis in Etwas zu ſich; die prachtvolle Pendule mit ihrem alabaſternen Zif⸗ ferblatte belehrte ihn, daß es Zeit zum Aufbruche ſei. Er ſtürzte alſo vor nach dem Geſellſchaftsſalon, um womöglich Florentinen noch einmal zu ſehen; da war Alles ſchon wie ausgeſtorben. Mehre Diener, in der Meinung, daß ſämmtliche Gäſte ſich entfernt hätten, waren eben im Begriff die Wachslichter, welche rings umher brannten, zu verlöſchen. Armand eilte nach dem Ausgange. Hier im dunkeln Zwielicht des Corridors ſtand Florentine. So wie Armand ſie erſchaute, eilte er auf die Geliebte zu und ſchloß ſie in ſeine Arme. Aber das Mädchen war plötzlich von einer ſeltſamen Wehmuth ergriffen worden. Sie preßte den Geliebten an ihre von dunkeln Ahnungen erfüllte Bruſt, als wollte ſie ihn nicht wieder von 124 ſich laſſen, und die hellen Thränen entſtrömten ihren Augen. „Armand,“ rief ſie in angſterfülltem Tone, „Armand— wir ſehen uns nicht wieder!“ „Wie ſprichſt Du auch, mein Leben,“ tröſtete der Jüngling,„morgen halte ich bei der Tante um Deine Hand an.“ „Wir ſehen uns nicht wieder, mein Armand,“ fuhr das Mädchen immer angſtvoller fort,„o, lebe wohl, lebe wohl!— bleibe mir gut, Du, meine Seele, meine ganze Welt.“ Voller Seligkeit und Wehmuth hielt der Jüng⸗ ling die Geliebte umſchlungen,— da rief in der Ferne die Stimme der Tante:„Florentine! Flo⸗ rentine!“ „Ewig Dein, mein Armand!“ Es waren die letzten Worte des ſchönen Mäd⸗ chens. Nach einem langen, innigen, glühenden Kuſſe riß ſie ſich los und verſchwand in einem Nebengange, während Armand wie berauſcht in die Nacht hinaus⸗ ſtürzte. Kaum war er träumend einige Häuſer der Straße entlang geſchritten, als ganz in der Nähe ein Schuß ſtel und eine Kugel bei ſeinem Kopfe vorbeipfiff.— Reuntes Rapitel. We ſiegreich auch der Kaiſer Napoleon fortwäh⸗ rend auf dem Feſtlande geweſen war, ſo bot ihm doch England, geſtützt auf ſeine zahlreichen Flotten und die Oberherrſchaft über das Meer, fortwährend Hohn. 122 Dieſem gewaltigen Erbfeinde nun einen der tödtlich⸗ ſten Schläge beizubringen und ſomit den Frieden der Welt zu erkämpfen, hatte der große Mann einen der genialſten Pläne gefaßt, die je aus dem Haupte eines Sterblichen hervorgegangen ſind. Er wollte Britan⸗ nien ſtürzen, trotz deſſen unermeßlicher Seemacht und trotz dem er ihm im Verhältniß nur wenige Schiffe entgegenzuſtellen vermochte. Seine Maxime, die ihn bei allen Landkriegen leitete, lag auch dieſem groß⸗ artigen Seeplane zu Grunde, nämlich; durch ge⸗ ſchickte Manöver, durch Geſchwindigkeit, plötzlich auf einem Punkte, wo es der Feind am Wenigſten vermuthete, die größtmög⸗ lichſte Macht zu vereinen und den überraſch⸗ trn Gegner zu ſchlagen. Seit dem Herbſte 180 4 hatte daher Napoleon drei große Unternehmungen angeordnet, die mit Anfange des Jahres 1805 zur Ausführung kamen. Die erſte Expedition ſollte von Rochefort aus⸗ laufen und nach Martinique und Guadeloupe ſegeln, um dieſe Colonien zu ſichern. Dieſer Seezug war dem Geſchwader des Admiral Miſſieſſy aufge⸗ tragen, welches aus ſechs Linienſchiffen und vier Fre⸗ gatten beſtand, und dreitauſend Mann Landungs⸗ truppen unter dem Befehle des Diviſionsgenerals La⸗ grange am Bord hatte. Der zweite Seezug war beſtimmt, die holländi⸗ ſchen Colonien Surinam, Eſſequebo und Ber⸗ bice wiederzunehmen, und dem unbedeutenden Corps, das fortwährend Saint Domingo beſetzt hielt, Hülfe zuführen; dieſes Geſchwader ſollte von Toulon aus, zwölf Schiffe ſtark, unter Segel gehen. Die Land⸗ truppen beſtanden aus achttauſend Mann unter General Lauriſton's Commandv. 123 Der dritte Seezug ſtand mit dem zweiten in Verbindung. Wenn dieſer in's Weltmeer gekommen, ſollte er zwei Linienſchiffe und zwei Fregatten mit funfzehnhundert Mann abſenden, um die Inſel St. Helena wegzunehmen. Der Hauptzweck dieſer verſchiedenen Expeditionen war, den bedeutendern Theil der engliſchen Seemacht nach ſich zu zichen und irre zu führen; auf kürzerem Wege wieder zurückzukehren, zu derſelben Zeit vor Boulogne zuſammen zu treffen, ſich zum Herrn des Canals zu machen, und ſo den Uebergang der Land⸗ armee nach England zu ſichern. Durch einen Brief aus Mainz im Jahre 1804 hatte Napoleon noch ein viertes Unternehmen an⸗ geordnet, das gegen die Küſten von Irland gerichtet war; blos um die engliſche Regierung zu täuſchen, und das Auslaufen der Landungsflotte vor Boulogne zu erleichtern. Als der urplötzliche völkerrechtwidrige Angriff Eng⸗ lands auf ſpaniſche Fregatten den Hof von Madrid zwang, aus dem Zuſtande der Neutralität, der ihn nicht mehr ſchützte, herauszutreten, ſo beeilte ſich Na⸗ poleon, die Hülfsmittel, welche der Bund mit die⸗ ſer Macht ihm gewährte, zu ſeinem Vortheil zu ver⸗ wenden. Zu derſelben Zeit, als er dem Könige von Groß⸗ britannien den Frieden anbot, vermehrte er ſeine Mittel zum Angriff durch eine Allianz mit Spanien. Dieſes ſtellte als Contingent acht Linienſchiffe und vier Fregatten, und hielt außerdem funfzehn Schiffe in Cadix und ſechs in Carthagena ſegelfertig. Dte von Frankreich gegen England getroffenen Vorkehrungen zur See gewährten dieſe Ueberſicht: In Tepel befanden ſich hinreichende Uebergangs⸗ 12⁴ ſchiffe, um die dreißigtauſend Mann im Lager von Utrecht aufzunehmen. In Oſtende, Dünkirchen, Calais, Bou⸗ logne und in Havre gab es Transportſchiffe für hundertzwanzigtauſend Mann und fünfundzwanzigiaß⸗ ſend Pferde. In Breſt lag eine Seemacht von zwanzig Li⸗ nienſchiffen, Fregatten und Frachtſchiffen zum Dienſte des Lagers an dieſer Küſte, das fünfundzwanzigtau⸗ ſend Mann ſtark war. Rochefort lieferte ein Geſchwader von ſechs Li⸗ nienſchiffen und vier Fregatten mit ſechstauſend Mann Landungstruppen. Obgleich der Plan des Kaiſers vollkommen feſt⸗ ſtand und ſein Hauptzweck ſtets derſelbe war, näm⸗ lich die engliſchen Flotten in der Art herauszufor⸗ dern, daß ſie den ſeinen nachſetzten, während dieſe durch eine raſche Wendung umkehrten, um das Un⸗ ternehmen vor Boulogne zu unterſtützen, ſo ließ doch der den Geſchwadern vorgeſchriebene Weg noch Abän⸗ derungen zu, und darüber wünſchte er ſich wo mög⸗ lich die beſten Belehrungen zu verſchaffen. Er ſchrieb daher unter anderem an den Admiral Gantheaume und ſtellte mehre Berechnungen auf, wobei er zugleich den Admiral aufforderte, ſich dar⸗ über auszuſprechen, welche ihm die vortheilhafteſten ſchienen. Dieſer ſehr lange und ganz von Napoleon's Hand geſchriebene Brief iſt darum beſonders merk⸗ würdig, weil er unumſtößlich darthut, daß eine Lan⸗ dung in England ſein ernſtlicher Wille war. Nachdem er von den Mitteln geſprochen, die er in den verſchiedenen Häfen aufgehäuft hat, fährt er fort: 125 „Dies ſind die verſchiedenen Geſchwader, die man in Bewegung zu ſetzen hat, um zur rechten Zeit ein⸗ zutreffen und des Erfolgs gewiß zu ſein. Etaples, Boulogne, Vimereux, Ambleuteuſe ſind unſre vier einzigen Häfen, die unter demſelben Winde lie⸗ gen, einer neben dem andern. Bei günſtigem Winde bedürfen wir der Flotte nur vierundzwanzig Stun⸗ den lang.“ Derſelbe Brief giebt auch ein Beiſpiel von des Kaiſers außerordentlicher Fernſicht in die Zukunft. Es war bekannt, daß um dieſelbe Zeit viel von einer Expedition Frankreichs nach Aegypten die Rede war. Dieſes Unternehmen, das die ganze Aufmerk⸗ ſamkeit der Engländer in Anſpruch nahm, gab Na⸗ poleon noch ein Mittel an die Hand, den Feind zu täuſchen. „Auf alle Fälle,“ hieß es in demſelben Briefe, „muß das Unternehmen nach Aegypten das Geſchwa⸗ der von Toulon decken. Alles muß ſo eingeleitet werden, daß ſich Nelſon ſogleich nach Alexandrien wendet.“ Je mehr man überdenkt, was Napoleon für das Seeweſen that und was er für daſſelbe zu thun beabſichtigte, deſto mehr gewinnt man die Ueberzeu⸗ gung, daß ihm nur ein Mann fehlte, der im Stande geweſen wäre, ſeine großartigen Pläne mit Unſicht in's Werk zu ſetzen. Gleichſam als wolle das Schick⸗ ſal mit Gewalt die Unternehmungen Napoleon's zur See vereiteln, mußte ihm gerade der Mann durch den Tod entriſſen werden, auf welchen er bei Aus⸗ führung ſeines großen Plans am Meiſten gerechnet hatte. Dies war der Viceadmiral la Touche⸗Tre⸗ ville, welcher zu Toulon mit dem Bedauern geſtor⸗ ben war, daß er ſeine Laufbahn nicht im Kampfe 126 für ſein Vaterland enden könne. Napoleon hatte nur zu gut erkannt, daß in dieſem erlauchten See⸗ manne, Feuer, Kühnheit mit aller praktiſchen Kenntniß vereinigt ſei und in ihm der Keim eines großen Mannes zur See liege. Dieſer Verluſt war dem Kaiſer äußerſt ſchmerzhaft. Er befahl, das Bruſtbild von la Touche⸗Treville in Marmor auszuführen, und ließ es in der Galerie des Palaſtes zu Saint Cloud aufſtellen. Auf die Wahl eines Nachfolgers kam außerordent⸗ lich viel an. Der Kaiſer wollte die Entſcheidung nicht allein auf ſich nehmen und ſchlug deshalb ſei⸗ nem Marineminiſter drei Candidaten in folgendem durch ſeinen Lakonismus ſo merkwürdigen Briefe vor: „Mein Herr Déerds! Es giebt, wie es mir ſcheint, das Eskader von Toulon zu kommandiren, nur drei Menſchen: Bruix, Villeneuve und Ro⸗ ſily. Welchen von dieſen Dreien ſoll ich nehmen? Antworten Sie mir ſogleich. „Und hiernächſt, mein Herr Déeres, bitte ich Gott, daß er Sie in ſeinen gnädigen Schutz nehme. Napoleon.“ Der Marineminiſter ſchlug den Admiral Ville⸗ neuve vor; und dieſer erhielt das ſo äußerſt wich⸗ tige Commando der Flotte von Toulon. Die Vorbereitungen, welche man zu dieſen großen Seezügen getroffen hatte, wurden in der feſtgeſetzten Zeit vollendet. Am eilften Januar 1805 ging das Rocheforter Geſchwader, das bei der Inſel Aix vor Anker lag, den günſtigen Wind benutzend, und der engliſchen Wachtflotte zum Trotz unter Segel und verfolgte un⸗ gehindert ſeine Beſtimmung nach den Antillen. Am funfzehnten deſſelben Monats lichtete das Ge⸗ —⅛;———————————————— 127 ſchwader von Toulon unter Villeneuve's Befehlen die Anker und lief, obſchon Nelſon auf der Höhe kreuzte, aus dem Hafen. Doch war dieſes Auslaufen nicht glücklich. Von ungünſtigen Winden, die die Schiffe zerſtreuten, überfallen, war das Geſchwader gezwungen, am vierten Tage wieder in den Hafen einzulaufen, um ein Linienſchiff und drei Fregatten ſchwächer. Das Linienſchiff war nach Corfika getrie⸗ ben worden, die drei Fregatten liefen die eine in Genua, die andern zwei in Malaga ein. Gleichwohl war dieſer erſte Verſuch Villeneu⸗ ve's nicht ohne Erfolg geweſen, weil Nelſon da⸗ durch irre geführt ward. Denn in der Vorausſetzung, wie Napoleon vorher geſagt, daß die Touloner Expedition nach Aegypten beſtimmt ſei, war der eng⸗ liſche Admiral, um ſie aufzuſuchen, an die öſtliche Küſte von Sicilien, in den Canal von Malta und bis nach Alexandrien nachgeſetzt. Admiral Villeneuve verließ Toulon am 30. März zum zweiten Male. Er befand ſich am 9. April vor Cadix, wo ein franzöſiſches Schiff, das in die⸗ ſem Hafen ausgebeſſert worden war und ſechs ſpani⸗ ſche Schiffe, unter dem Admiral Gravina, zu ihm ſtießen. Sonach befanden ſich plötzlich zum großen Er⸗ ſtaunen Englands zwei franzöſiſche Geſchwader im Weltmeere, während man in Altengland meinte, die Schlüſſel zu allen franzöſiſchen und ſpaniſchen Häfen in der Taſche zu haben. Der britiſche Stolz ward durch dieſes Auslaufen zweier Flotten ſehr gedemü⸗ thigt, weil ſich dadurch die Ohnmacht des Sperr⸗ ſyſtems augenſcheinlich darthat. Lord Cochrane ward ſofort entſandt, das Ge⸗ ſchwader von Rochefort zu verfolgen, während Nel⸗ 128 ſon im Mittelmeere hin- und herſtürmte, um die Touloner Flotte ausfindig zu machen. Aber die An⸗ ſtrengungen beider engliſcher Admirale waren ver⸗ geblich. Am 20. Februar war das Geſchwader von Ro⸗ chefort auf Martinique glücklich eingetroffen, wo es binnen vierundzwanzig Stunden die Waffen und Kriegsvorräthe für dieſe Colonie auslud. Am 23. wurde Saint Dominique angegriffen. General La⸗ grange nahm das Bollwerk Roſeau weg und ließ die Milizen der Compagnie die Waffen ſtrecken. Da der franzöſiſche Admiral und Lagrange nicht glaub⸗ ten in Dominique ein Corps zurücklaſſen zu dürfen, das hinreichend wäre, die Eroberung zu vollenden und den Befitz zu ſichern, ſo begnügte man ſich, die Bewohner zu entwaffnen, die Befeſtigungswerke zu zerſtören und das Geſchütz hinwegzuführen. In den erſten Tagen des Märzes verwüſtete das Geſchwader von Rochefort die Inſeln Newis, St. Chriſtoph und Montferrat, eine nach der an⸗ dern, erhob Kriegsſteuern, machte Gefangene, nahm alle engliſche Schiffe hinweg, die ſich auf den Rheden befanden und ſchiffte ſich nach Guadeloupe. Mitte März kehrte es nach Martinique zurück, woſelbſt es die für dieſe Inſel beſtimmte Verſtärkung ausſchiffte und nach Domingo unter Segel ging. Nachdem man in St. Domingo tauſend Mann zur Verſtärkung, zehntauſend Flinten und einen be⸗ trächtlichen Vorrath von Pulver und Kriegsbedarf gelaſſen, ellte Admiral Miſſieſſy nach Frankreich zurück und erſchien Ende Mai vor Rochefort. Sein Kreuzzug, elner der ſchnellſten die je zurückgelegt wurden, hatte nur vier Monate und neun Tage ge⸗ dauert. Frankreich jubelte darüber vor Freude und 129 Bewunderung; nur Napoleon war nicht damit zu⸗ frieden. Abgeſehen, daß man Dominique, ſeiner Be⸗ ſtimmung gemäß nicht behalten hatte, ſo war die Eile des Admirals Miſſieſſy ſowohl ſeinen Planen, wie ſeinem Zwecke entgegen. Dieſer Zweck beſtand darin, die Ungewißheit der Engländer zwei Monate der Art zu verlängern, daß ſie aus Beſorgniß ſelbſt vom Mutterlande bedeutendere Kräfte nach den Antillen ſchicken ſollten, die in den weiten Meeren herumgeirrt wären, während die franzöſiſchen Geſchwader nach ihrer Heimkehr das große Unternehmen gegen Eng⸗ land geſchützt hätten. Admiral Villeneuve verdiente nicht wie Miſ⸗ ſieſſy den Vorwurf allzugroßer Schnelligkeit. Als er ſich Anfangs Mai auf der Höhe befand, wo die mitgegebenen Vorſchriften ihm auftrugen, die erhal⸗ tenen verſiegelten Befehle zu eröffnen, trennte er ſich ſeinen Befehlen gemäß von dem ſpaniſchen Admiral Gravina, der Portv⸗Rico und der Havannah Hülfe bringen ſollte, um von dort aus ſich auf den Inſeln unter dem Winde wieder mit den franzöſiſchen Geſchwadern zu vereinigen. Villeneuve traf Mitte Mai in Martinique ein und ging daſelbſt vor Anker. Dieſe Inſel wurde häufig in ihrer Schifffahrt und in ihrem Handel von dem Diamantfelſen aus, einen Beobachtungspunkte, der zu Dominique gehörte, be⸗ unruhigt. Der Angriff auf dieſen Felſen wurde dem Capitain Cosmav mit zwei Schiffen aufgetragen und kräftig durchgeführt. Nach drei Tagen erhielten die Engländer, welche den Punkt inne hatten, eine ehrenvolle Capitulation und wurden nach Barba⸗ dos gebracht. Admiral Gravina war indeß wieder zu Ville⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. KRl. 9 130 neuve geſtoßen und beide verließen Ende Mai, nord⸗ wärts ſteuernd, Martinique. Auf feindlicher Seite entwickelte Lord Nelſon in derſelben Zeit eine unglaubliche Thätigkeit. Von den Küſten Aegyptens eilte dieſer Admiral nach den Antillen, um das Touloner Geſchwader zu verfolgen. Als er Anfang Juni in Barbados ankam, glaubte er, einer der Zwecke der vereinigten Flotte könne die Wegnahme von Trinidat ſein, weil die ſpaniſche Re⸗ gierung eine ſolche lebhaft wünſchte. Dann ſegelte er alſo nach Trinidat, nachdem er ſeine Mannſchaft um zweitauſend Mann Truppen verſtärkt hatte, um jene Inſel, wenn ſie in Feindes Hand gefallen ſein ſollte, wieder zu erobern. Nachdem er ſich auch in dieſer Vermuthung getäuſcht hatte, glaubte er, daß die vereinigte franzöſiſch⸗ſpaniſche Flotte vielleicht die Abſicht hätte, England die reiche Colonie Antigva zu entreißen. Da er den Feind auch hier nicht fand, ſo entſchloß ſich der unermüdliche Seeheld nach Eu⸗ ropa zurückzukehren. Mitte Juni ging er daher bei Gibraltar vor Anker, nachdem er in einem Zeit⸗ raume von ſiebzig Tagen zweimal das mit⸗ telländiſche Meer, ſeiner ganzen Länge nach, und zweimal das Weltmeer durchſchifft und mehre engliſche Inſeln beſucht hatte. Dieſe außerordentliche Seefahrt verdient um ſo mehr Bewunderung, weil er nur mit elf Schiffen einer weit beträchtlichern Seemacht nachgeſetzt war. Nach einigen neuen Zügen nach dem Vorgebirge von St. Vincent und der Bai von Biscaya, gab er neun von ſeinen Schiffen an die Sperrflotte von Breſt ab, und lief ſelbſt mit den beiden übri⸗ gen in Portsmouth ein. Admiral Villeneuve wurde indeß dadurch auf⸗ 431 gehalten, daß nicht alle ſeine Schiffe, und namentlich die ſpaniſchen, nicht gleich ſchnell ſegeln konnten. Ende Juni befand er ſich daher auf der Höhe der Azoren, wo ihm der Contre⸗Admiral Magan be⸗ gegnete, der am erſten Mai von der Inſel Aix aus⸗ gelaufen war und die letzten Befehle des Kaiſers überbrachte. Engliſche Meldeſchiffe, die Villeneuve voraus⸗ gekommen waren, hatten Zeit gehabt, die zur Sperre von Rochefort und Ferrol aufgeſtellten engliſchen Flotten von ſeiner Rückkehr nach Europa zu benach⸗ richtigen, und dieſe am Vorgebirge Finisterre verei⸗ nigten Geſchwader, zuſammen einundzwanzig Segel ſtark, nämlich funfzehn Linienſchiffe, drei Fregatten und mehre andere Kriegsfahrzeuge, ſuchten der vereinigten franzöſiſch⸗ſpaniſchen Flotte den Weg abzuſchneiden. Der Kampf entſpann ſich Ende Juli bei nebli⸗ chem Wetter, welches den Admiralen nicht erlaubte, die gegenſeitige Stellung gehörig zu beurtheilen. Vier Stunden lang beſchoß man ſich, ohne daß einer von beiden Theilen ſich rühmen konnte, einen Vortheil erlangt zu haben. Zwei völlig enttakelte ſpaniſche Schiffe geriethen in die engliſche Linie und wurden genommen. Die Nachricht hiervon verbreitete in London all⸗ gemeinen Jubel; doch als man ſpäter in Erfahrung brachte, daß die engliſche Flotte ſelbſt ſehr gelitten habe, daß ungeachtet der verſchiedenen Stärke der Geſchwader, die eigentliche Kraft, ſo weit ſie von der Beſchaffenheit der Schiffe abhing, dieſelbe war, daß die Wegnahme der beiden ſpaniſchen Schiffe nur ei⸗ nem Zufall zu verdanken, auf den man keinen be⸗ ſondern Werth legen konnte: ſo wurde das Anfangs 06 132 ſo geprieſene Benehmen des engliſchen Admirals Cal⸗ der einem Kriegsgericht unterworfen, welches ihm ei⸗ nen Verweis gab. Vergeblich hatte Villeneuve einige Tage ſpäter den Feind zu einem neuen Kampfe herausgefordert, bis er ihn endlich aus den Augen verlor. Jetzt war für Villeneuve der Augenblick ge⸗ kommen, die vom Vice⸗Admiral Magon erhaltenen kaiſerlichen Befehle in Ausführung zu bringen. Die⸗ ſen Vorſchriften zu Folge ſollte der franzöſiſche Ad⸗ miral nach Ferrol gehen, den Hafen frei machen, wenn er geſperrt wäre, die beiden daſelbſt befindlichen Flotten, nämlich die franzöſiſche Eskadre von fünf Linienſchiffen unter dem Admiral Gourdan, und das ſpaniſche Geſchwader unter Admiral Grandel⸗ lana, an ſich ziehen, das Geſchwader von Rochefort, beſtehend aus fünf Schiffen unter Contre⸗Admiral Lallemand, mit ſich vereinigen, wo es, mit den zwanzig Schiffen, die er ſchon unter ſeinen Befehlen hatte, die impoſante Flotte von vierzig Linien⸗ ſchiffen gegeben hätte. Ferner ſollte Villeneuve, ſobald er über die furchtbare Macht beföhle, nach Breſt ſegeln, wo einundzwanzig Schiffe unter Gau⸗ theaume ſeiner warteten. Damit der franzöſiſche Ober⸗Admiral nichts auf's Spiel ſetze, war ihm befohlen, ſein Manöver ſo ein⸗ zurichten, daß er den Feind vermeide oder wenigſtens ganz nahe bei Breſt auf ihn ſtoße, damit Admiral Gantheaume am Kampfe Theil nehmen könne. „Dann werden Ihre Kräfte,“ hatte Napoleon an Villeneuve geſchrieben,„weit beträchtlicher ſein, als Alles was Ihnen der Feind entgegenſetzen kann. Sie werden ſich dann mit Ihrer ganzen Macht nach Byulogne wenden, wo ich in Perſon bin.“ 133 Der Kaiſer gab die Mittel an, wie dies aus⸗ zuführen ſei; überließ aber ihre Wahl der Klugheit und Erfahrung des Admirals. Er befugte ihn ſo⸗ gar, falls der Wind günſtig wäre, und er drei oder vier Tage über die Flotte von Cornwallis, welche vor Breſt kreuzte, Vorſprung gewinnen könnte, nicht ſich nach Breſt, ſondern direct nach Boulogne zu wenden. „Macht Ihre Gegenwart,“ ſchrieb der Kaiſer weiter,„uns nur drei Tage lang zum Herrn des Canals, ſo haben wir alle Muße, unſer Unternehmen, wozu hundertachtzigtauſend Mann auf zweitauſend Fahrzeugen gehören, in's Werk zu ſetzen.“ Die Berechnungen Napoleon's, auf die Zer⸗ ſplitterung der feindlichen Kräfte und die Vereinigung der ſeinigen baſirt, ſind eins der großartigſten ſtrate⸗ giſchen Meiſterſtücke dieſes außerordentlichen Genies. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn Ville⸗ neuve die erhaltenen Befehle gewiſſenhaft ausführte, ſo mußte der Uebergang nach England gelingen. Von Villeneuve's Gewiſſenhaftigkeit und Pünktlichkeit hing das Schickſal zweier großer Nationen ab. Wie Villeneuve das Vertrauen ſeines Kaiſers rechtfertigte, werden wir ſpäter ſehen. Bei der drohenden Gefahr eines Kriegs auf dem Feſtlande entſteht der Zweifel, ob am Schluſſe des Monats Auguſt das Unternehmen gegen England noch ausführbar war. Eine genaue Prüfung des Standes der Dinge gewährt eine bejahende Ant⸗ wort. Die beiden Unternehmen, ein Krieg Frankreichs auf dem Continente, ſo wie eine Landung auf Bri⸗ tanniens Gefilden, ſind keineswegs unvereinbar, da das Eine für das Andere Raum gewährt. Wenn 134⁴ Villeneuve den 24. Auguſt, wo er erwartet wird, vor Breſt erſcheint, ſo kann er wenige Tage darauf mit ſechzig Schiffen vor Boulogne ſein. Hier ſte⸗ hen zweitauſend Transportböte zum Uebergange be⸗ reit. Die engliſchen Flotten ſind fern, ſie ſind auf den Meeren zerſtreut, und welche einzelne Flotte wollte es wagen, die ungeheuern Kräfte anzugreifen, die Napoleon's Genie auf einem Punkte zuſammen⸗ gebracht hatte. Welche menſchliche Macht könnte es jetzt verhin⸗ dern, daß der Kaiſer der Franzoſen mit hundert⸗ achtzigtauſend Mann auserleſener Truppen auf Englands Geſtade erſcheint. Dieſes Reich zu erobern kann ſein Zweck nicht ſein; aber auf Englands Grund und Boden mit dem Schwerte in der Hand einen gewaltigen Streich zu führen, die Werfte und Zeug⸗ häuſer zu zerſtören, auf London zu marſchiren, die Bank zu ſprengen, den Credit zu ſtürzen, vielleicht nach Umſtänden den engliſchen Radicalismus und Ariſtroeratismus gegen einander zu waffnen, das ge⸗ knechtete Irland zu befreien und gegen ſeine Peiniger zu führen, endlich dem engliſchen Cabinet den Frie⸗ den zu dictiren und ihm für lange Zeit alle Mittel zu einem Weltkriege zu rauben:— das iſt der große Zweck der großen Unternehmung, auf welchen Napoleon mehre Jahre ſeines Le⸗ bens ausſchließlich verwendet, für welchen er alle Kraft ſeines Genius und alle Hülfs⸗ quellen ſeiner Macht aufgeboten hat. Nach dieſer Verheerung, die die Raſchheit eines Blitzes haben muß, würde der Kaiſer ſein Heer auf die franzöſiſchen Küſten zurückverſetzen, und wäre dann noch immer im Stande, den Heeren des Feſt⸗ lands entgegen zu gehen, die vor Ende Septembers 135 nicht weit vordringen konnten. Uebrigens entſtand auch noch die Frage: ob nach Zertrümmerung der britiſchen Macht jene Armeen des Oſtens ſich in Be⸗ wegung ſetzen würden, da die Hauptpulsader zum Kriege, die engliſchen Hülfsquellen, dann von ſelbſt hinwegfiel. Doch für den Fall ſich das Feſtland auch ohne Hülfsgelder in Bewegung ſetzte, ſo blieben Napo⸗ leon noch ſo beträchtliche Kräfte, daß er, wenn er auch nicht auf der Stelle den Krieg in feindliche Staaten ſpielen konnte, doch den Feinden am Rhein eine unbeſiegbare Schranke entgegenſetzen konnte. „Die Weiber von Straßburg,“ ſagte Napoleon, „ſind ausreichend zur Vertheidigung der Grenze.“ Darum ſei es nochmals wiederholt, das Ge⸗ ſchick Englands und Frankreichs hängt an dem pünktlichen Eintreffen des Admirals Villeneuve mit ſeiner impoſanten Flotte vor dem Hafen von Boulogne. Zehntes Rapitel. — Tief in Gedanken verſunken ſaß Armand in der Sophaecke auf ſeinem Zimmer. Immer von Neuem zogen die ſeligen Stunden, welche er geſtern mit Florentinen verlebt, in ſeinem Innern vorüber. Wiederholt frug er ſich, ob er auch recht gehandelt, ſich der Frau von Poitiers entdeckt und ſie ge⸗ warnt zu haben. Sein ſtrenges Pflichtgefühl ſprach ihn nicht ganz frei, und gleichwohl hoffte er ſein Thun vor Gott und dem Kai können. „Iſt es denn ein Verbrechen,“ frug er ſich,„Je⸗ manden, der im Begriff ſteht, ſich in den Abgrund zu ſtürzen, zurückzuhalten? Iſt es nicht das Beſte, wenn die Verſchwornen, an deren Spitze Eleonore ſteht, freiwillig das Feld räumen? Und wenn mir ge⸗ lingt, dies zu bewirken, habe ich dann nicht wohl⸗ thätiger für meinen kaiſerlichen Herrn gewirkt, als die geſammte Polizei des Kaiſerreichs? Uebrigens mag der himmliſche Vater, der mir Gefühle in's Herz legte, mir vergeben, ich konnte geſtern nicht anders handeln, als ich gehandelt habe. „Freilich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wenn Elevnore auf ihren böſen Plänen beharrt, bleibt mir nichts übrig, als das ganze Complot unverzugs der Gerechtigkeit zu überliefern. Wenn ich als Menſch vielleicht zu ſchwach war, die Verblendeten zu warnen, ſo iſt dann als Franzoſe und als Offizier des Kai⸗ ſers mir doppelt heilige Pflicht, jenen nicht die ge⸗ ringſte Schonung mehr werden zu laſſen.“ Der Jüngling ſchaute nach der Uhr. Er ſtand auf, um ſeine Toilette für den entſcheidenden Beſuch bei Frau von Poitiers, zu welchem er geſtern von ihr eingeladen worden, zu vollenden. Während er noch damit beſchäftigt war, that ſich die Thür auf und der Doctor Bonorand trat mit großer Haſt herein. „Gut, daß ich Euch noch treffe,“ ſprach er eil⸗ fertig,„Ihr wollt ausgehen?“ „Allerdings,“ erwiederte Armand,„ich bin zum Frühſtück geladen bei Frau von Poitiers.“ „Wollt Ihr mir einen recht großen Liebesdienſt er⸗ weiſen?“ frug Bonorand in angelegentlichem Tone. ſer verantworten zu 137 „Recht gern,“ verſetzte der Jüngling,„ſo er in meinen Kräften ſteht.“ „Wenn das nicht wäre,“ ſprach der Doctor, „würde ich ihn nicht verlangen, alſo Hand darauf.“ „Ich gebe nie die Hand auf Etwas,“ entgegnete Armand,„bevor ich nicht weiß worauf.“ „Seid nicht unzeitiger Weiſe eigenſinnig,“ ſprach ärgerlich der Doctor. „Es iſt einmal mein Grundſatz,“ meinte Ar⸗ mand,„von dem ich nicht abgehe.“ „Wohlan!“ rief nun Bonvrand im bittenden Tone,„geht heute nicht aus.“ Der Jüngling ſah ſeinen Freund verwundert an. „Geht heute nicht aus,“ fuhr Bonorand drin⸗ gend fort,„thut mir den einzigen Gefallen.“ Armand erkundigte ſich jetzt eines Weitern nach dem ſeltſamen Verlangen. „Ich habe einen böſen Traum gehabt,“ ſprach der Doctor,„es droht Euch heute Unheil, Ihr wißt, meine Träume gehen ſtets in Erfüllung.“ „Aber wenn mir heute vom Schickſal einmal et⸗ was Uebles beſchieden iſt,“ entgegnete Armand,„ſo wird mir daſſelbe auch wiederfahren, wenn ich zu Hauſe bleibe.“ „Wie Ihr auch ſprecht,“ erwiederte ärgerlich Bo⸗ norand,„was ſind die Träume anders als War⸗ nungsſtimmen unſres guten Genius, auf die wir ach⸗ ten ſollen.“ „Worin beſteht denn dieſer warnende Traum?“ frug Armand. „Ihr ſaßt in einer roſenumblühten Laube,“ er⸗ zählte der Doctor,„neben einer ſehr ſchönen Frau. Sie pfluͤckte nach einiger Zeit von den herabhangen⸗ den ſchwellenden Pfirſichen zwei derſelben, welche auf 438 einem Zweige gewachſen waren. Die eine der ſchö⸗ nen Früchte war vollkommen geſund, die andre jedoch barg anſtatt des Kernes ein ſcheußliches, giftgeſchwol⸗ lenes Thier, das auf ſeine Befreiung zu lauern ſchien. Nachdem die böſe Fee eine Zeit lang mit dem Zweige tändelnd geſpielt hatte, bot ſie Euch die giftige Frucht, während ſie ſich die geſunde brach. Als Ihr die Pfirſiche nach dem Munde führtet, ſah ich, wie die weibliche Traumgeſtalt ihr reizendes Antlitz plötzlich abwandte, das ſich ſogleich in eine Teufelslarve ver⸗ wandelte. Ich ſchrie vor Entſetzen auf, um Euch von dem Genuſſe der Frucht zurückzuhalten— da er⸗ wachte ich und kalter Schweiß bedeckte meine Stirn.“ Nachdem Armand den ſchauerlichen Traum ver⸗ nommen hatte, verſank er eine Zeit lang in Nach⸗ ſinnen. „Aber ich habe einmal mein Wort gegeben,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„mich bei der Gräfin Schönburg zum Frühſtück einzufinden.“ „Stellt Euch krank,“ beſchwor ihn der treue Bo⸗ norand,„beachtet die Warnungsſtimme Eures gu⸗ ten Genius, der durch meinen Traum ſpricht.“ Armand, der ſich durch die Mittheilung des Doectors wunderbar ergriffen fühlte, war einige Au⸗ genblicke wirklich unſchlüſſig, ob er die heutige Ein⸗ ladung der Frau von Poitiers annehmen ſollte oder nicht. Doch ſogleich beſann er ſich, welcher wichtigen Angelegenheit es gelte, und daß dabei keine Zeit zu verlieren ſei. „Es iſt unmöglich,“ ſprach er, nachdem er einige⸗ mal überlegend im Zimmer auf und abgegangen war, „ich muß hin.“ Bonorand verſuchte es nochmals ihn zurückzu⸗ halten, als Armand ſo entſchieden ſeinen Willen 139 ausſprach, daß der Doctor wohl einſah, hier helfe kein Zureden. „Wohlan,“ verſetzte er endlich,„ſo verſprecht mir wenigſtens, heute Nichts anzunehmen, man mag Euch darbieten oder ſchenken, was man will, und um Alles in der Welt nichts zu genießen, bevor Ihr Euch nicht von der Unſchädlichkeit des Dargebotenen über⸗ zeugt habt. Verſprecht mir das, Maillebois.“ „Hier, meine Hand,“ verſetzte Armand,„das will ich Euch gern verſprechen, da Ihr einmal dar⸗ auf beſteht.“ „Freilich,“ meinte Bonorand,„wäre es das Beſte, Ihr ginget der Gefahr ganz aus dem Wege. Denn ich will nicht lebendig vor Euch ſtehen, wenn man heut nicht Böſes gegen Euch im Sinne hat. Es wäre das Erſtemal, daß mich ein ſo erſchüttern⸗ der Traum belogen hätte.“ „Ich werde mit verdoppelter Vorſicht in Allem, was ich immer vornehme, zu Werke gehen,“ verſprach Armand. „Wohlan,“ ſprach der Doctor,„ſo möge der Himmel geben, daß die Gefahr gnädig vorüber gehe. Was mich betrifft, ich waſche meine Hände; an Er⸗ mahnung meinerſeits hat es nicht gefehlt.“ „Ich danke Euch auch, mein alter trefflicher Freund,“ verſetzte nicht ohne Rührung Armand, den Doctor mit Herzlichkeit umarmend.„Doch die Zeit mahnt, ich habe, welche Gefahr mich auch dro⸗ hen mag, keinen Augenblick zu verlieren. Die An⸗ gelegenheiten, in welchen ich die Gräfin Schönburg heute ſprechen muß, ſind von höchſter Wichtigkeit.“ „Ihr erinnert auch mich an meine Pflicht,“ ver⸗ ſetzte Bonorand,„mehre bedenkliche Kranke harren meines Beſuchs. Darum lebt wohl, und möge Euch —————— 14⁰ meine wohlgemeinte Warnung tief in's Herz geſchrie⸗ ben ſein.“ Der Doetor entfernte ſich und Armand ſtand im Begriff, ihm zu folgen, als ſein Diener ein ſo eben abgegebenes, mit dem Siegel des Polizeimini⸗ ſteriums verſchloſſenes, Schreiben überbrachte, worin er mit Erbleichen Folgendes las: „Obſchon Sie ſich der Fürſorge einer Behörde, gegen welche Sie ſich ſchwer vergangen, indem Sie derſelben Mittheilungen von höchſter Wichtigkeit pflichtwidrig vorenthalten haben, wenig würdig be⸗ wieſen, wird Ihnen gleichwohl, in Betracht Ihrer frühern Berdienſte, und in Betracht, daß ſich einige Gründe auffinden laſſen dürften, welche Ihr Betra⸗ gen, wenn auch nicht rechtfertigen, doch in Etwas entſchuldigen laſſen, ſowie in der feſten Vorausſetzung, daß Sie von jetzt an Ihr Benehmen nur dem In⸗ tereſſe des Unterzeichneten unterordnen, Nachſtehendes bekannt gemacht: „Frau Eleonore von Poitiers, geboren den 20. Mai 1778 auf dem Schloſſe Latvur in der Bourgogne von Henri Francois Marquis von Renée, Generalpächter unter Ludwig den Funf⸗ zehnten und Sophie Ninon, Marquiſe von Le⸗ pellier, geborne Gräfin von Riancourt, ver⸗ mählt den 12. Brumaire im Jahre 4 zu London, mit Anatole Sylveſtre von Poitiers, ehemaligem Obriſtlieutenant bei der Fußgarde Ludwig des Sechzehnten, und als Mitſchuldiger von Georges und Pichegru, erſchoſſen auf der Ebene von Gre⸗ nelle den 6. Floreal des Jahrrs 12: lebt zu Paris unter dem Namen einer öſtreichiſchen Gräfin von Schönburg ſeit dem 5. Fructidor des Jahres 12, und ſind die Intriguen dieſer verbrecheriſchen Frau 1⁴4 der Polizei bekannt ſeit dem 8. Fructidor 180 4, von welchem Augenblicke an auch jeder ihrer Schritte be⸗ wacht und bekannt iſt.— „Wenn die Behörde zeither noch gerechten An⸗ 1 ſtand genommen, und den Schleier des Geheimniſſes über beſagte Frau von Poitiers hat ruhen laſſen, 1 ſo lagen höhere Rückſichten vor, welche dies geboten. Auch dermalen iſt die Zeit dazu nicht er⸗ ſchienen, welches Ihnen hiermit hauptſächlich in Erinnerung gebracht wird. „Sie ſind für heut' zum Dejeuneur bei genann⸗ ter Dame eingeladen. Sie haben auf irgend eine 1 Art, die uns bis jetzt noch unbekannt iſt, Verdacht gegen ſich erweckt. Die erſte Taſſe Chocolade, 13 welche man Ihnen reichen wird, iſt daher 1 vergiftet, wonach ſich zu achten. „Sie ſind alſo hiermit gewarnt, doch ergeht zu⸗ gleich die Weiſung, daß Sie auf eine Art und Weiſe 1 auf den tödtlichen Trank depreciren, welche keinen Argwohn aufkommen läßt, als wüßten Sie um die Vergiftung. „Wie zahlreich auch die Verſchworenen beim Früh⸗ ſtück verſammelt ſein werden, wird Ihnen gleichwohl im Hötel der Poitiers nichts Uebles widerfahren, da für Ihre Sicherheit auf alle Fälle Sorge getra⸗ gen iſt, nachdem wir in Erfahrung gebracht, daß bereits geſtern Abends, als Sie das Hötel der Poi⸗ tiers kaum verlaſſen hatten, vom Italiener Marko, 1 einem Banditen im Dienſte der Poitiers, auf Sie geſchoſſen worden. „Der Unterzeichnete hofft, daß Sie künftig in Anerkennung der Fürſorge, welche die Polizeibehörde Ihnen insbeſondere angedeihen ließ, ſich beſtreben werden, Ihr früheres höchſt ahndungswerthes Betra⸗ gen, durch um ſo größere Hingebung für das Inte⸗ reſſe des Staats und des einer wachſamen Behörde vergeſſen zu machen. Es iſt dies der einzige Weg, der Ungnade des Kaiſers, welche leicht zermalmend auf Sie herabfallen könnte, vorzubeugen. Der Chef der geheimen Polizei.“ Der Zuſtand, in welchem ſich Armand unmit⸗ telbar nach Durchleſung dieſes Briefes befand, läßt ſich ſchwer beſchreiben. Er ſank wie betäubt auf das Sopha, ſeine moraliſche Energie war vernichtet. Er erkannte mit Entſetzen, in welchen gefährlichen Schlingen er ſich verfangen hatte; die furchtbare Macht des im Stillen ſo thätigen Tribunals ward ihm in ihrer ganzen Größe klar. Jetzt blieb ihm nichts übrig, wollte er ſich nicht ſelbſt in den Ab⸗ grund ſtürzen, als jener geheimnißvollen Macht will⸗ kürlos zu folgen. Wenn er auf der andern Seite wieder der Frau von Poitiers gedachte, ſo er⸗ grimmte ſein Innerſtes. Das war alſo der Lohn für den Erguß ſeines Herzens, für den guten Willen, die Unglückſelige zu retten, daß ſie ihm den Giftbe⸗ cher reichte. Nach ungefähr einer Viertelſtunde hatte ſich Ar⸗ mand in ſo weit ermannt, daß er beſchloß, die Or⸗ dres des geheimen Tribunals in Ausführung zu bringen. Er faßte den feſten Entſchluß, von jetzt an, in ſolchen gefährlichen Angelegenheiten, es möge werden wie es wolle, nie wieder für ſeine eigene Perſon zu handeln, da er die Unmöglichkeit einge⸗ ſehen hatte, mit der Polizei ein verſtecktes Spiel zu treiben. Er begab ſich ſofort nach dem Hötel der Frau von Pvitiers. Hier fanden ſich bereits eine ziem⸗ liche Anzahl von Perſonen vor, die Armand bereits 143 als fanatiſche Royaliſten kennen zu lernen Gelegen⸗ heit gehabt hatte. Frau von Poitiers kam diesmal dem eintre⸗ tenden Armand mit der zuvorkommendſten Höflich⸗ keit entgegen, doch lag in ihrem Blicke etwas Un⸗ heimliches, Stechendes. Nach der geſtrigen Scene, wo ſich Armand der Frau von Poitiers entdeckt hatte, war ſein Tod unwiderruflich beſchloſſen worden. Da in ſeine Hand das Schickſal des ganzen royaliſtiſchen Complotts ge⸗ geben war, ſo ſollte er lebend das Haus nicht wie⸗ der verlaſſen. Das Todesopfer erhielt heute den Ehrenplatz ne⸗ ben der Dame vom Hauſe. Dieſe war nie liebens⸗ würdiger geweſen als diesmal. Sie verbreitete Hei⸗ terkeit und Frohſinn über die ganze Geſellſchaft, während Armand's Bruſt von Todesahnungen er⸗ füllt war. Gleichwohl beſaß auch er die Gabe, ſein Innerſtes durch ein unbefangenes Aeußere meiſterhaft zu verſchleiern. Der junge Mann mußte diesmal aber auch die ganze Kraft ſeines feſten Willens auf⸗ bieten, um das zu ſcheinen, was er nicht war. Das Geſpräch drehte ſich heute, wider alle Ge⸗ wohnheit, faſt gar nicht um Politik. Theater, Mode, Stadtneuigkeiten, witzige Anecdoten und Calembourgs boten den einzigen Stoff zur Unterhaltung. Es wurden jetzt Speiſen umhergereicht; Ar⸗ mand, welcher nicht die geringſte Eßluſt verſpürte, aß nur ein halbes Ei, einige Näſchereien und etwas Obſt, während er den Wein ganz unberührt vorüber⸗ gehen ließ. Nach einiger Zeit erſchien die verhängnißvolle Chocolade. Vor jeden Gaſt wurde eine leere Taſſe von übergoldeten Porzellan geſetzt. Auf einen Wink —— 14⁴⁴ der Frau von Poitiers ſchenkte der betreßte Be⸗ diente Armand zuerſt ein. Dieſer ſah mit anſchei⸗ nend großer Ruhe zu, wie der giftgeſchwängerte Trank in ſeine Taſſe ſchäumte. Zugleich aber ſchien er ſich zu beſinnen, daß er nicht dulden dürfe, vor der ne⸗ ben ihm ſitzenden Dame zuerſt bedient zu werden. „Oh, gnädige Frau,“ rief er ſchnell aus,„ich bin viel zu eiferſüchtig auf Erhaltung der franzöſi⸗ ſchen Galanterie, als daß ich Sie nicht bitten ſollte, die mir mit ſo viel Güte zugedachte Taſſe ſelbſt zu nehmen.“ Und bevor er noch ausgeſprochen, hatte er mit anmuihvoller Bewegung ſeine volle Taſſe vor ſeine Nachbarin geſtellt und ſich der ihrigen bemächtigt, welche noch leer war. Ein durchbohrender Blick der Giftmiſcherin fiel auf Armand. Sie bemühte ſich über Armand's Höf⸗ lichkeit zu lächeln und wollte die Taſſe zurück geben, welches aber der junge Mann nicht zuließ. Frau von Poitiers ſchien einen Augenblick lang mit einem Entſchluſſe zu kämpfen, dann gebot ſie dem Diener, Armand's Taſſe zu füllen. Sie ergriff nun die gefüllte und bot ſie mit aller ihr zu Gebote ſtehenden Grazie ihrem Todfeinde an. Dieſer gedachte jetzt wieder des Verſprechens, wel⸗ ches er dem Doctor Bonorand gegeben und welches er hinſichtlich des Eies und Obſtes ſchon nicht gehal⸗ ten hatte. Er dankte daher verbindlichſt, indem er Unwohlſein vorſchützte, von welchem er befürchtete, daß daſſelbe durch Genuß von Chocolade leicht ver⸗ mehrt werden möchte. „Sie iſt aber für Sie bereitet,“ ſprach Frau von Poitiers im Tone ſanften Vorwurfs. Armand, ob ſolcher raffinirten Mordluſt im In⸗ 145 nerſten empört, vermochte ſeinen Ingrimm kaum zu⸗ rück zu halten. Unwillkürlich entflohen ihm die et⸗ was markirt geſprochenen Worte: „Ich weiß es, Madame, daß dieſer Trank mir beſtimmt iſt.“ Frau von Poitiers entfärbte ſich. Sie er⸗ kannte mit Entſetzen, daß ihr Opfer Verdacht ſchöpfte. Gleichwohl muß es fallen, es koſte was es wolle, oder der Zweck ihres Lebens iſt verfehlt. Der Mo⸗ ment iſt gekommen, wo Alles auf dem Spiele ſteht. Das fanatiſche Weib denkt einen Augenblick nach, und da ſie keinen Ausweg ſieht, greift ſie zum außeror⸗ dentlichſten, zum letzten Mittel. „Sie denken wohl,“ fragt ſie mit leiſer Stimme, „die Chocolade ſei vergiftet? Furchtſamer Menſch. „Sehen Sie,“ fuhr ſie mit demſelben Tone fort, „und erröthen Sie über Ihre Verzagtheit.“ Darauf ergreift ſie mit einem unwillkürlichen Schauer die Taſſe, welche Armand vergiftet glaubt, ſetzt ſie an den Mund, ſchließt die Augen und leert den Inhalt bis zum letzten Tropfen. „Nun,“ fragt ſie mit geiſterbleichem Antlitz zu Armand gewendet,„werden Sie ſich jetzt weigern, mir Genugthuung zu geben?“ Armand war in die größte Beſtürzung gerathen. Er zögerte einen Augenblick. Dann ergriff er ſeine Taſſe. Doch in dem Augenblicke, als er ſie zum Munde führt, ſieht er, wie ſich das Geſicht der Poitiers erheitert. Unwillkürlich fällt ihm hier wieder Bonorand's Traum ein. Er ſetzt den To⸗ desbecher wieder auf den Tiſch, ohne ihn zu berühren. Als die Poitiers dies gewahrt, durchfährt eine convulſiviſche Bewegung ihren ganzen Körper. Stolle, ſämmtl. Schriften. XXI. 10 146 „Nun,“ fragt ſie mit etwas zitternder Stimme, „Sie wollen mir nicht Genugthuung geben?“ Armand erkennt jetzt an dem ganzen Weſen der fanatiſchen Frau, daß ſie Gift genoſſen. Er ſteht auf. „Sie befinden ſich unwohl, Madame,“ ruft er, „im Namen Gottes, laſſen Sie einen Arzt rufen.“ „O, mir iſt ſehr wohl!“ erwiederte ſie leiſe; „aber ſoll mich Ihre Beleidigung nicht auf das Schmerzlichſte verwunden? Wollen Sie mich tödten durch Ihren Verdacht?“ Noch einmal ergreift Armand ſeine noch volle Taſſe, doch nicht um ſie zu trinken, ſondern ſie einem der Diener zurück zu geben. Kaum hat aber die Giftmiſcherin dies gemerkt. als ſich ihres ganzen We⸗ ſens eine Wuth bemächtigt. Sie ſpringt auf, ſinkt aber gleich darauf von der Macht des Giftes bereits überwältigt auf den Seſſel zurück. „Rächt mich, meine Freunde!“ ruft ſie unter den fürchterlichſten Convulſionen. Es waren nämlich beide Taſſen Chocolade ver⸗ giftet, weil der Fall voraus zu ſehen, daß Armand die erſte aus Artigkeit nicht annehmen werde. In dieſem Augenblicke entſteht allgemeiner Tu⸗ mult. Mehre der Gäſte haben Dolche gezogen und dringen auf Armand ein. Da erhebt ſich plötzlich einer der Diener, ſeine Rieſengeſtalt wächſt hoch em⸗ por, er wirft den Tiſch um, daß Taſſen, Gläſer und Schüſſeln durch einander klingen und ruft im Don⸗ nertone: „Im Namen des Kaiſers, meine Herren! Sie ſind meine Gefangenen!“ Mit dieſen Worten reißt er ſeine Livrée auf und man erkennt das Zeichen der geheimen Polizei. In demſelben Augenblicke hat ſich das Zimmer mit Polizeiagenten gefüllt; die ſämmt⸗ 147 liche Dienerſchaft der Frau von Poitiers gehörte zu dem geheimen Tribunale. An einen Widerſtand von Seiten der Verſchwor⸗ nen war unter ſolchen Umſtänden nicht zu denken. Sie wurden ſämmtlich verhaftet. Die Hülfe des herbeigerufenen Arztes kam zu ſpät. Nach Verlauf einer halben Stunde hatte Frau von Poitiers aufgehört zu leben. Armand wurde gleichfalls verhaftet und erhielt Hausarreſt. Bald darauf ward ihm folgende Ordre ſeines Chefs zugeſtellt: „Sie werden binnen vierundzwanzig Stunden Paris verlaſſen und ſich nach Rochefort begeben, von wo aus in einigen Tagen ein Schiff nach St. Domingo unter Segel geht. Sie treten daſelbſt unter General Ferrand in activen Dienſt, und es wird von Ihrem künftigen Benehmen abhängen, die Ungnade Seiner Majeſtät, unſers gnädigen Herrn, die Sie durch Ihr pflichtwidriges und thörichtes Ver⸗ fahren auf ſich gezogen, zu verſöhnen. Soult, Marſchall von Frankreich.“ Armand war vernichtet. Es bedurfte einer ge⸗ raumen Zeit, eh' er ſich von dieſem furchtbaren Schlage erholte. Er ſann vergebens nach einer Ret⸗ tung. Nur ein Ausweg blieb ihm, wenn er die Corre⸗ ſpondenz mit General Junot, dem Freunde des Kai⸗ ſers, vorlegte. Hierin lag eine große Rechtfertigung für ſeine Handlungsweiſe. Er war einen Augenblick lang unſchlüſſig, ob er dieſe Briefe ausliefern ſollte oder nicht, aber ſein edleres Selbſt ſiegte. Es lag am Tage, daß durch Vorzeigung dieſer Briefe der General leicht auf das Enpfindlichſte compromittirt werden konnte. War Junot ein Ehrenmann, wie voraus⸗ 10* 1¹8 zuſetzen, ſo lag ihm die Pflicht ob, für des in Un⸗ gnade Gefallenen Rechtfertigung zu wirken, ſobald ihm Nachricht von deſſen traurigem Geſchick gewor⸗ den, und eine ſolche dem General zukommen zu laſ⸗ ſen, machte ſich Armand zum angelegendſten Geſchäft. Aber was war aus Florentinen geworden? Alle Mühe, die ſich Armand deshalb in den weni⸗ gen Stunden, die ihm noch verblieben, gab, war vergeblich. Nach wenigen Wochen lag ein Weltmeer zwiſchen ihm und der Geliebten. Eilftes Rapitel. E⸗ iſt ein ſchöner Auguſtmorgen, der Himmel ſtill und klar und von erquickender Bläue; da tritt der. Kaiſer Napoleon mit freier, wolkenloſer Stirn aus ſeiner Barake und ſchaut nach dem Meere. Er hält eine Depeſche in der Hand, welche ihn benachrichtigt, daß Admiral Villeneuve mit ſeiner gewaltigen Flotte Ferrol verlaſſen und, den Befehlen des Kai⸗ ſers gemäß, auf dem Wege nach Boulogne ſei. Es kann nicht lange währen und die Segel der franzö⸗ ſiſch⸗ſpaniſchen Seemacht müſſen am Horizonte empor⸗ tauchen. So naht ſich der große, ſeit zwei Jahren vorbereitete Schlag ſeiner Entſcheidung. Stolzes England, deine letzte Stunde hat ge⸗ ſchlagen! Napoleon giebt den langerſehnten Be⸗ fehl zum Aufbruch. Im Augenblick ſetzten ſich 149 alle Semaphoren in Bewegung. Hunderttauſendſtim⸗ miger Jubel erfüllt die Lüfte. Es iſt ein Auferſte⸗ hungsmorgen. Trommelwirbel und Trompetengeſchmet⸗ ter durch alle Lager. Ueberall auf dem Meere ent⸗ falten ſich die weißen Segel, und unter dem tauſend⸗ fach wiederholten Geſchrei:„Es lebe der Kaiſer!“ rückt die Armee diviſionsweiſe nach dem Hafen. Ein ungeheurer Trommelwirbel macht dieſem Aus⸗ bruch der Freude endlich verſtummen. Napoleon beſteigt, in Begleitung mehrer Ge⸗ neralſtabs⸗Offiziere der Marine, eine kleine Barke, und leitet von einem Hafen zum Andern die Ein⸗ ſchiffung der Truppen, welche in bewunderungswür⸗ diger Ordnung von Statten geht. Dieſe um ſieben Uhr Morgens begonnene Bewe⸗ gung iſt um fünf Uhr Nachmittags beendigt. In weniger den zehn Stunden ſind zweimalhunderttau⸗ ſend Mann und achtzigtauſend Pferde nebſt ſämmt⸗ licher Bagage eingeſchifft. Die Truppen auf den Plattböten und in den Schaluppen ſtehen aufrecht, und in ihrer ſchlagfertigen, freien Stellung ſcheinen ſie nur des Winkes gewärtig, welcher ihnen erlauben wird, ſich auf den Erbfeind zu ſtürzen. Auch Napoleon ſteht aufrecht in ſeiner Peniſche und läßt zum letzten Male ſeine glänzende Armee die Revue paſſiren. Alle Ufer und Kai's ſind mit Be⸗ wohnern von Boulogne und der Umgegend bedeckt. Ueberall weht man mit weißen Tüchern zum Abſchied und ſendet der Armee die heißeſten Wünſche und Grüße nach. Von Zeit zu Zeit blickt der Kaiſer nach Süden, ob ſich nicht die Avantgarde Ville⸗ neuve's am Horizonte zeige— da ſtößt plötzlich ein Kanot vom Lande. Mit aller Kraft ſuchen die Ru⸗ derer die Barke des Kaiſers zu erreichen. Ein Offi⸗ 150 zier, welcher ſich auf dem Fahrzeuge befindet, winkt unaufhörlich mit einem Papiere in der Luft. Es iſt eine Depeſche. Sie wird Napoleon zugeſtellt, welcher das Schreiben haſtig erbricht. Sein Adlerauge rollt über die verhängnißvollen Schriftzüge. Die furchtbarſten Gewitterwolken ziehen ſich auf ſeiner Stirn zuſam⸗ men. Er befiehlt, ſogleich nach dem Lande zu ru⸗ dern, ſpringt an's Ufer und eilt in der höchſten Auf⸗ regung, ohne ein Wort mit Jemand zu ſprechen, nach ſeiner Barake. Keiner der ihn begleitenden Generale wagt eine Frage an ihn zu thun. Nach wenigen Secunden erhält die Flotte durch den Semaphoren Befehl, ſämmtliche Truppen wieder an's Land zu ſetzen. Noch vor Mitternacht befand ſich die ganze Armee wieder in den verſchiedenen Standquartieren, welche ſie am Morgen verlaſſen. Napoleon zog ſich früh⸗ zeitig in ſein Cabinet zurück, ohne mit einem einzi⸗ gen ſeiner Marſchälle zu ſprechen. Dieſe geheimnißvolle Depeſche kam von Bayonne und brachte die Schreckensbotſchaft, daß der Admiral Villeneuve, anſtatt ſeinen Inſtructionen gemäß vor Boulogne zu erſcheinen, in den Hafen von Cadix eingelaufen ſei.* Wie ein Traum zerfloſſen bei dieſer Nachricht alle großen Plane auf England. Was jetzt thun? Wel⸗ che Strafe, welche Rache, welches Beiſpiel vermochte einen Fehler, der jahrelange Anſtrengungen und den unermeßlichen Koſtenaufwand ſeit zwei Jahren mit Einem Schlage vernichtete, zu vergelten oder nur einigermaßen ungeſchehen zu machen? „Daru! Wiſſen Sie, wo Villeneuve iſt?“ Dies ſind die einzigen Worte, welche Napoleon 15¹ am darauf folgenden Morgen dem General⸗Intendan⸗ ten der Armee zuruft, als derſelbe in den Conſeil⸗ ſaal tritt.„Er iſt in Cadix!!... Erlebte man jemals einen ähnlichen Wahnſinn? Wenn ich dieſen Mann nicht genau kennte würde ich glauben, daß hier der offenbarſte Verrath im Spiele ſei.“ Das Herz Napoleon's iſt voller Kummer und Gram. Der in ſeinem Innern kochende Zorn kann ſich nur in einzelnen Worten und Ausrufungen Luft machen. Während er im Gemache auf- und abſchrei⸗ tet, hört man ihn die Worte murmeln:„Cadix!— Villeneuve!— England!— Boulogne!— Déerds!— Flotte!— Nachwelt!—“ Nach einer langen Pauſe fährt er fort: „Der Unglückſelige wird ſich einſchließen laſſen— ich habe keine Flotte mehr— London ſchreit auf vor Freude— England triumphirt!“ Endlich legt ſich der innere Sturm. Die Natur nimmt wieder ihren ruhigen Lauf. Napoleon fin⸗ det in der Ermattung, die auf die ungeheuere An⸗ ſtrengung erfolgt, einige Erleichterung. „Setzen Sie ſich, Daru,“ ſpricht er,„ſchrei⸗ ben Sie.“ Darauf dictirt er ihm, wie folgt: Herr Déerès! „Schreiben Sie mir im Laufe des morgenden Tages ein Memvire über die Frage:„Was dann thun, wenn der Admiral Villeneuve in Ca⸗ dix bleibt? „Erheben Sie ſich zu der Höhe der Umſtände und zu der Wichtigkeit der Lage, in welcher ſich gegen⸗ wärtig England und Frankreich einander gegenüber befinden. Laſſen Sie die ſchönen Redensarten weg. Dieſe wollen nichts ſagen und ich liebe ſie nicht. 452 Wenn ich von Ihnen Rath wünſche, ſo geſchieht das nicht deshalb, daß Sie meiner Anſicht beipflichten ſollen, ſondern um die Ihrige zu hören. „Aus meinem Lager zu Boulogne, den 21. Au⸗ guſt 1805. Nachdem Napoleon dieſen Brief überleſen und ſeine Namenschiffer darunter geſetzt hatte, rief er aus: „Meine unermeſſ'nen Arbeiten verloren! Und was noch mehr, mich um zwei Jahre meines Lebens ge⸗ bracht! Verlorne Zeit läßt ſich nicht erſetzen!“ Hierauf folgte einen Augenblick lang ein unwill⸗ kürliches Stillſchweigen. Der Kaiſer ſchien ernſt und nachdenkend geworden. Darauf raſch eine neue Idee erfaſſend, ſagte er gelaſſen aber mit Entſchiedenheit: „Schreiben Sie, Daru!“ Und hiermit dictirte er kaltblütig dem General-Intendanten den Plan des Feldzugs von Auſterlitz, einen Plan, bewunde⸗ rungswürdig in ſeiner Anlage und in allen ſeinen Berechnungen. Von ſeiner Barake zu Boulogne aus ſchreibt er den Abmarſch aller Corps der Armeen von Hannover und Holland, bis zu den Grenzen des weſtlichen und ſüdlichen Frankreichs vor; die Ordnung der Märſche, ihre Dauer, die Sammelplätze der ver⸗ ſchiedenen Colonnen, die Ueberrumpelungen und ſtür⸗ menden Angriffe, die verſchiedenen Bewegungen des Feindes, Alles überblickt er, ſieht er vorher und ſichert den Sieg unter allen Vorausſetzungen. Das Dictiren Napoleon's währte fünf volle Stunden. Die abſolute Herrſchaft, welche dieſer außerordentliche Mann über ſich ſelbſt beſaß, hatte ſeiner mächtigen Intellectualität all ihren Aufſchwung wieder gegeben. Das rieſige Ganze, ſo wie die ge⸗ ringſten Einzelnheiten wurden von ihm mit einem 153 Male aufgefaßt, Nichts vergeſſen, alle Hinderniſſe be⸗ ſeitigt oder geebnet. Nachdem der General⸗Intendant mit Schreiben zu Ende, ſprach Napoleon zu ihm: „Sie werden in dieſem Augenblicke nach Paris abreiſen. Laſſen Sie glauben, daß Sie ſich blos bis Oſtende begäben. Sogleich nach Ihrer Ankunft in Paris, die, wie ich hoffe, noch dieſe Nacht ſtatt fin⸗ den wird, werden Sie ſich mit dem Kriegsminiſter einſchließen und alle für die hier befindlichen Armee⸗ Corps nöthigen Befehle expediren, indem Sie die ganze Armee von hier aus direct nach München diri⸗ giren. Sie werden die Anweiſungen auf die im Voraus zu berechnenden Kriegs⸗ und Verprovianti⸗ rungskoſten ausfertigen, überhaupt Alles dergeſtalt vorbereiten, daß ich bei meinem Eintreffen in Paris nichts weiter, als die diesfallſigen Blankets zu unter⸗ zeichnen habe. Vollenden Sie Beide dieſe Arbeit. Ich will nicht, daß auch nur ein einziger Commis ſeine Hand daran lege. „Was mich betrifft,“ fügte er mit großem Schmerze hinzu,„ſo werde ich mich alsbald wieder bei Ihnen einfinden. Leben Sie wohl, Daru, morgen werde ich auch meinen Soldaten Lebewohl ſagen, jedoch, wie ich hoffe, nicht auf lange Zeit.“ Noch an demſelben Tage befahl der Kaiſer Alles zur Abreiſe vorzubereiten, und gab dem Großmarſchall ſeines Hauſes Befehl, die Privatangelegenheiten zu ordnen und die etwaigen Schulden und Unkoſten, die während ſeines Aufenthalts in Boulogne erwachſen ſein konnten, zu berichtigen. Nach ſeiner Gewohn⸗ heit empfahl er, dabei ökonomiſch zu Werke zu gehen und die Rechnungen zu revidiren. Unter der Zahl der Letztern, welche Duroe zu⸗ 154 geſtellt wurden, befand ſich auch die des Ingenieurs, welcher die kaiſerliche Barake erbaut und gleichzeitig die innere Ausſchmückung beſorgt hatte; für Letztere waren nicht weniger denn dreißigtauſend Franken angeſetzt. Der Großmarſchall erſchrak gewaltig beim Anblick dieſer Summe. Er wagte es nicht, ſie zu berichtigen, ohne den Kaiſer zuvor davon in Kenntniß geſetzt zu haben. Der Ingenieur verſicherte, daß keiner der Artikel zu hoch angeſetzt und er bei deren Einkauf die größtmöglichſte Sparſamkeit beobachtet habe. Am andern Tage ward er ſelbſt vor Napoleon beſchie⸗ den, welcher gerade vor der Karte von Deutſchland ſtand. „Aha, Sie ſind es, mein Herr Ingenieur,“ ſpricht der Kaiſer,„welche Idee haben Sie denn eigentlich gehabt, als Sie bei der Ausſtaffirung dieſer erbärm⸗ lichen Barake ſo viel Geld verſchwendeten?“ „Sire,“ antwortete Sorti,„ich habe nichts ge⸗ than, als Punkt für Punkt die Inſtructionen von Ew. Majeſtät Architekten befolgt.“ „Wie ſo? Dreißigtauſend Franken! So viel Geld für dieſes Brimborium da. Ich bin ſehr ärgerlich darüber, mein Herr. Das iſt viel zu theuer!“ Der Kaiſer legt ſich wieder auf die Karte, folgt ſeinen Berechnungen, während er mit dem Ingenieur zu ſprechen fortfährt: „Dreißigtauſend Franken! Es iſt entſetzlich.. Hier paſſire ich die Weichſel bei Warſchau. Wenn die Ruſſen mir dort zu nahe kommen, vertilge ich ſie Alle Ein ſolcher Plunder von Goldflitter Ehe ſie Zeit gewinnen, ſich über die Donau zurückzuwerfen, giebt es keine ruſſiſche Armee mehr. Sollten ſie wagen, mich zu erwarten, gut, dann 155 ſchlage ich ſie zwiſchen Ulm und Augsburg.... Die Architekten ſind noch mein Ruin.... Und dieſer greiſe Feldmarſchall Mack, der ſich auch mit drein mengt. Er ſoll ſehen.... Niemals wird mir in Sinn kommen, für ſolchen Firlefanz ſo viel Geld auszugehen.“ Der Ingenieur machte dem Kaiſer bemerklich, daß die Wolke von Azur, welche die Decke des Saals bildete, aus feinſtem himmelblauen Seidenſtoff beſtehe und allein achttauſend Franken koſte. „Es iſt wahr,“ geſtand er ein,„der iſt ſehr theuer; hätte ich übrigens darüber zu beſtimmen ge⸗ habt, ſo würde ich an die Stelle jenes Sterns den kaiſerlichen Adler geſetzt haben, wie er die Feinde Frankreichs mit ſeinen Blitzen niederſchmettert.“ Der Kaiſer lächelte. „Ja,“ ſagte er,„das klingt recht ſchön. Dafür ſollen Sie auch Ihre Rechnung ohne einen Heller Abzug mit Reichsthalern des Kaiſers Franz und Sil⸗ berrubeln Alexander's ausgezahlt erhalten, ſobald ich in Beſitz dieſer Münzen mich geſetzt habe.“ Napoleon ließ hierauf ſeine Armee auf der Karte weiter marſchiren. Am andern Tage ward folgender Tagesbefehl be⸗ kannt gemacht und überall angeſchlagen: „Tapfere Soldaten des Lagers von Boulogne! „Ihr geht nicht nach England. Das Gold der Engländer hat den Kaiſer von Oeſtreich verlockt, Frankreich mit Krieg zu überziehen. Schon iſt Baiern eingenommen, unſer Bundesſtaat. Soldaten! Neue Lorbeeren erwarten Euch jenſeits des Rheins. „Auf, laßt uns unſre Adler auf die Zin⸗ nen von Wien pflanzen!“ Zwölftes Rapitel. Unfern von einer der zahlreichen Batterien, welche den Haupthafen von Saint Domingo deckten, ſaß auf einer umgeſtürzten Ceder am Ufer Armand, und ſchaute düſtern Blickes über das Weltmeer, deſ⸗ ſen blaue Wellen leis zu ſeinen Füßen murmelten. In der Ferne zu ſeiner Rechten ſtieg eine weiße Möwe auf und flog über das Meer. Sehnend folgte das Auge des Jünglings dem Fluge dieſes Vogels. Dorthin lag ja Frankreich, dort wohnten ſeine Lie⸗ ben und Alles, was ihm theuer war auf Erden. Ein tiefer, nagender Gram hatte ſich ſeines Innern be⸗ mächtigt. War er auch von dem General Ferrand, welcher auf der Inſel den Oberbefehl führte, recht freundſchaftlich aufgenommen worden und lebte er mit ſeinen Kameraden auf beſtem Fuße, ſo wußte er doch, daß der große Mann, den er über Alles verehrte, übel von ihm dachte, und dieſer Gedanke vergiftete ſein Daſein. Seine Abreiſe von Europa war ſo ſchnell vor ſich gegangen, daß er eine Antwort auf den Brief, worin er dem General Junot ſein trauriges Schick⸗ ſal zu wiſſen gethan und um deſſen Beiſtand gefleht, nicht hatte abwarten können. Nun befand er ſich ſchon geraume Zeit auf Domingo, manches Schiff war von Europa angelangt, aber keines hatte ihm ein Paar Zeilen oder einen freundlichen Gruß aus dem geliebten Heimathlande mitgebracht. Seine Lage war in der That beklagenswerth. Niemand befand ſich unter der kaiſerlichen Regierung wohl ſchlimmer, als wer mit der geheimen Polizei in 157 Mißhelligkeiten gerathen war. Er glich einem Ge⸗ ächteten und wußte, daß alle ſeine Schritte, Geſpräche und Handlungen bewacht wurden. Gedachte nun Armand des nicht unmöglichen Falles, daß Junot mit Tode abgehen könne, ehe er ſeine Rechtfertigung geführt, ſo war ſein ganzes Le⸗ ben einem verlornen gleich zu achten; denn wodurch wollte er ſich von dem Verdachte, mit den Feinden des Vaterlandes und des Kaiſers gemeinſchaftliche Sache gemacht zu haben, hinlänglich reinigen? Er hatte ſich daher feſt vorgenommen, mit nächſter Ge⸗ legenheit nach Europa dem General abermals zu ſchreiben, da er befürchtete, ſein erſter Brief könne vielleicht nicht in Junot's Hände gekommen ſein. Armand war gleich bei Beginn ſeiner Lauf⸗ bahn in die prüfungsvollſten Lagen verſetzt worden. Wie lächelnd und verſprechend ſich auch ſein Glück im Anfang zeigte, ein um ſo ſchmerzlicheres Mißgeſchick war bald darauf gefolgt. Befrug er ſein Gewiſſen, ſein Herz, ſo ſprach ihn das vollkommen frei; aber vor dem Richterſtuhle eines ſo ſtrengen Tribunals, wie das der franzöſiſchen Polizei war, mußte er den Kürzeren ziehen. Und forſchte er endlich nach dem Urſprunge all' ſeiner Lei⸗ den, zeigte ſich ihm da nicht eine Engelgeſtalt, die von den Menſchen Florentine genannt ward? „Und wo biſt du hingekommen, ſchönſter Traum meines Lebens?“ frug nach langem düſtern Sinnen der Jüngling.„Deine Ahnung hatte Dich nicht be⸗ trogen, als Du an jenem Abend an meine Bruft ſankeſt und weinend ausriefſt, daß wir uns nicht wie⸗ derſehen würden. O Florentine, warum mußte ich Dich kennen lernen, um ewig unglücklich zu werden! „Und doch,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wie — 158 reich, wie unendlich reich bin ich, Dein Bild in mei⸗ ner Bruſt zu tragen und das ſelige Bewußtſein zu haben, vielleicht auch in Deinem Herzen zu wohnen. Nein, nein, ich kann nicht ganz unglücklich werden, ſo lange eine Erinnerung lebt.“ Er zog ein Medaillon hervor, das ſie ihm an je⸗ nem heiligen Abende beim letzten Lebewohl in die Hand gedrückt und worin ſich eine Locke von ihrem blonden ſeidenen Haare befand. Lange ruhten ſeine Blicke auf dem theuern Ver⸗ mächtniß. Rings herrſchte tiefe Stille. Dort oben wölbte ſich der transatlantiſche Himmel in ſeiner rei⸗ zenden Bläue; zu ſeinen Füßen murmelten die Wo⸗ gen ihr ewiges Gemurmel; zur Rechten und Linken und über ihm quoll aus den Felſenriſſen die Vege⸗ tation der Tropenländer in ihrer vollen Pracht hervor. Grüne, breite Rieſenblätter ſtarrten wie Schwerter hervor und auf den hohen Stengeln glühten in ſtil⸗ ler Einſamkeit hochrothe Blüthenkolben, wildfremde Düfte entſendend. Wie ein unermeßlicher Spiegel ruhte in ſeiner ſtillen Größe das Meer vor Armand; kein Lüft⸗ chen regte ſich, nirgend war ein Segel zu entdecken; nur ganz auf der Höhe kreuzte eine engliſche Fregatte, welche der engliſchen Wachtflotille angehörte, die den Hafen blokirte. Bereits neigte ſich die Sonne dem Horizonte zu; vom Hafen her tönte aus der Kapelle das ſonntägliche Abendgeläute. Bald verhallte auch dieſes und die frühere Stille trat wieder ein. Die Sonne ſank tiefer und vergoldete das Meer in ſtiller Pracht. Armand ſaß noch eine geraume Zeit, in Anſchau⸗ ung des großen Abendbildes verſunken, als er bemerkte, wie von dem engliſchen Kreuzer ein kaum ſichtbares Wölkchen aufſtieg; nach einigen Secunden erfolgte ein 459 ganz entfernter Kanonenſchuß. Der junge Mann ward aufmerkſam und ſchaute unverwandt nach dem feind⸗ lichen Schiffe, als plötzlich in ſeiner nächſten Nähe die Erde erbebte und weit und breit die Felſenufer zu zittern begannen. Es war ein Vierundzwanzigpfünder, der auf dem Hafencaſtell gelöſ't wurde. Armand ſprang ſogleich von ſeinem Sitze auf und eilte nach dem Hafen. Dieſer energiſche Signalſchuß belehrte ihn, daß ſich etwas Außerordentliches ereignet haben müſſe. Kaum hatte er das erſte Blockhaus im Rücken, als ihm der Artillerie⸗Lieutenant Meneval entgegen kam, der nach ſeiner Batterie eilte. „Was giebt's denn?“ frug Armand. „Die Diane,“ war die Antwort,„ſucht den Hafen zu gewinnen und wird von den Engländern verfolgt; wenn ſie nicht gut manövrirt, iſt ſie ver⸗ loren.“ Armand ſuchte jetzt im geſtreckten Laufe die Baſtion Montebello zu erreichen, von wo aus man die ſchönſte Ausſicht über den Hafen und das Meer hatte. Er war kaum auf dem gewünſchten Punkte an⸗ gekommen, als wiederholtes Kanonenfeuer vom Meere her an ſein Ohr ſchlug, und in der ſchönſten Abend⸗ beleuchtung ein Seetreffen begann. Die Diana, eine franzöſiſche Fregatte von funf⸗ zig Kanonen, wehrte ſich mit verzweifeltem Muthe gegen drei engliſche Kreuzer von bedeutender Stärke. Zwei franzöſiſche Corvetten, welche zur Unterſtützung des befreundeten Schiffs aus dem Hafen gelaufen waren, wurden durch das wohlgerichtete engliſche Feuer zurückgehalten. Plötzlich ſtellte das franzöſiſche Schiff das Feuer 160 ein und ergriff die Flucht. Die Engländer rauſch⸗ ten donnernd nach; aber die Retirade der Diana war blos ein glückliches Manöver; durch eine ge⸗ ſchickte Wendung ſchnitt ſie ihren Verfolgern den Wind ab, erhielt dadurch einen bedeutenden Vorſprung, und lief mit zerſchoſſenen Segeln und einem zertrüm⸗ merten Maſte, unter allgemeinem Jubel der zahlreich an den Ufern verſammelten franzöſiſchen Beſatzung, in den Hafen ein, welchem Beiſpiele die beiden Cor⸗ vetten unmittelbar folgten. Der engliſche Admiral, wüthend, dieſe Priſe, die er ſchon in der Taſche zu haben glaubte, entſchlüpfen zu ſehen, verfolgte den Flüchtling mit unerhörter Ver⸗ wegenheit bis unter die Hafenbatterien. Da aber er⸗ hoben die Vierundzwanzigpfünder von allen Baſtionen mit Einem Donnerſchlage ihr erdbebenartiges Ge⸗ brüll, ſo daß der Feind augenblicklich auf die hohe See zurück zu flüchten gezwungen war. Die Diana hatte an Mannſchaft und Takel⸗ werk bedeutend gelitten. Sie zählte eine anſehnliche Zahl Todte und Verwundete. Sie war direct von Rochefort ausgelaufen und brachte die erſte Nachricht von dem bevorſtehenden Ausbruche des Kriegs mit Oeſtreich. Da jedes Schiff, das unmittelbar aus Europa kam, für die franzöſiſchen Coloniſten und Colonialtruppen von beſonderm Intereſſe war, weil ein Jeder hoffte, Nachricht von den Seinigen zu erhalten, ſo war auch diesmal der Landungsplatz mit Menſchen bedeckt. Auch Ar⸗ mand befand ſich darunter und ſeine Bruſt belebte ſich mit der Hoffnung, endlich einmal die ſo heiß erſehnte Antwort des Generals Junot zu erhalten. Er konnte kaum den Augenblick erwarten, wo die Kiſte, welche die Briefſchaften enthielt, auf dem Poſt⸗ bureau geöffnet wurde. Er eilte dahin, wo gewöhnlich noch vor Vertheilung der Briefe eine Tafel mit den angekommenen Adreſſen ausgehängt wurde. 3 Mit klopfendem Herzen drängte er ſich durch den großen Haufen der Offiziere, welcher die Tafel um⸗ ſtand, und wo ein Jeder nach ſeinem Namen ſuchte. Aber vergebens durchirrten ſeine Blicke, nachdem es ihm gelungen war, ſo weit vorzudringen, um die Namen leſen zu können, wiederholt die lange Liſte. Mit tiefem Schmerze zog er ſich ſtill zurück. Es war kein Brief an ihn angekommen. Er kehrte noch einmal nach dem Hafen zurück, aber das freudige Hurrahgeſchrei, das hier aller Orten ertönte, paßte ———— nicht zu ſeiner Stimmung. So trat er den Weg 6 nach ſeinem einſam gelegenen Quartier an. Der Abend warf immer dunklere Schatten über Meer und Land, die fremden Sterne des Südenhim⸗ mels traten immer ſiegender hervor; da kam Armand auf den Gedanken, noch einmal nach dem Poſtbü⸗ reau zu gehen, um die Liſte nochmals zu überleſen. 3 Wie leicht, daß er vorhin in ſeiner Aufgeregtheit ſeinen Namen doch überſehen hatte. Er wandelte ſo eben die bereits dunkle Hausflur des Poſthauſes entlang; mehre Offiziere ſeines Regiments begegneten ihm, ſie Alle waren ſo glücklich geweſen, Briefe zu erhal⸗ ſ ten. Plötzlich rief die Stimme eines in das Haus Tretenden:„Wo iſt denn Maillebois? Hat denn Niemand Maillebvis geſehen?“ „Er war gleich hier,“ antworteten mehre Stim⸗ men. Armand blieb ſtehen, kam zurück und fragte die Stimme, die Niemandem anderes angehörte, als dem Obriſtlieutenant Marmier, was es gebe? „Ah, da ſeid Ihr ja,“ ſprach nun Marmier; Stolle, ſämmtl. Schriften. XKl. 411 162 „wißt Ihr denn ſchon, Euer Bruder iſt auf der Diana mit angekommen?“ Armand glaubte ſeinen Ohren nicht trauen zu dürfen. „Iſt's möglich,“ rief er im erſten freudigen Schreck, „welcher denn?“ „Ja, das weiß ich nicht,“ verſetzte der Obriſt⸗ lieutenant,„er ſteht, glaube ich, als Lieutenant bei der Seegarde.“ „Guiſeppe, wär's möglich,“ fuhr Armand leidenſchaftlich fort, und ſtürzte von Neuem nach dem Hafen. Nach wenigen Minuten lagen die beiden Brüder, die ſich ſeit Boulogne nicht geſehen hatten, einander in den Armen. Guiſeppe, der unterdeß zum Schiffs⸗ lieutenant avancirt war, hatte ſich bei der heutigen Affaire wieder außerordentlich brav gehalten und eine leichte Verwundung davon getragen. Armand's Freude über die Ankunft des Bruders kannte keine Grenzen. Wiederholt drückte er den treuherzigen Gui⸗ ſeppe an die Bruſt, und bald ſaßen die beiden Brü⸗ der auf Armand's Quartier. Jetzt mußte der Seegardiſt erzählen. „Vor allen Dingen,“ begann er,„die ſchönſten Grüße von Vater und Mutter, Nachbarn und Be⸗ kannten in Merville, die kleine ſchwarzäugige Ma⸗ delaine, die Dich gar ſehr in's Herz geſchloſſen hat, nicht ausgenommen. Alles iſt munter und friſch.“ „Du warſt in Merville?“ frug Armand. „Verſteht ſich,“ fuhr Guiſeppe fort,„eh' es in See ging, macht ich noch einen Abſtecher. Da hät⸗ teſt Du mich ſehen ſollen, und die Merviller, was die für Augen machten. Nach Dir war auch große Nachfrage. Alſo der Vater läßt Dir ſagen, Du 163 ſollſt ihm doch gelegentlich ein Paar— ja wer ſich die lateiniſchen Namen merken könnte— ſchicken; doch ich hab's aufgeſchrieben. Es ſind Pflanzen, die hier wachſen. Ferner hat er mir eine Menge Geſundheitsregeln wegen des heißen Klima's aufge⸗ tragen, die ich aber vergeſſen habe. Er beurtheilt Alles nach Aegypten. Die Mutter iſt in großer Sorge um Dich; die denkt, Domingo liegt außer der Welt. Ich habe ſie aber getröſtet.“ „Und der Nap?“ ſprach Armand. „Der Nap rückt mit in's Feld,“ war die Ant⸗ wort,„verſteht ſich, ſobald der Teufel los geht. Ge⸗ ſehen hab' ich ihn nicht, aber geſchrieben hat er mir zweimal; das Kerlchen ſchreibt einen recht hübſchen Styl. Ferner die ſchönſten Grüße von Morland, dem Sergeanten und Tanzmeiſter von Boulogne, dem Intimus des Kaiſers, und die allerſchönſten vom Doctor Bonorand.“ „Wie,“ rief Armand verwundert,„warſt Du denn auch in Paris?“ „Als Ordonnanz,“ erwiederte der Offizier der See⸗ garde.„Eh' ich nach den Antillen unter Segel ging. ſchickte er mir einen Brief an Dich, den Du her⸗ nach erhalten ſollſt.“ „Aber Herzensjunge,“ frug Armand, der es noch gar nicht glauben konnte, den geliebten Bruder vor ſich zu ſehen, in der Freude ſeines Herzens,„welch ein glücklicher Stern hat Dich nur hierher geführt?“ „Die Sache iſt ſehr einfach,“ verſetzte Guiſeppe; „wir ſcharmützelten da unlängſt ein Wenig mit den Engländern vor Rochefort; ich ſchlug mit tüchtig drein, man machte ein großes Aufhebens davon; ich mußte nach der Geſchichte vortreten und ſollte mir durchaus vom Admiral eine Belohnung ausbitten. 14* 164⁴ Du weißt, daß ich nicht am Herzdrücken ſterbe; da erklärte ich denn rund heraus, daß es mir recht an⸗ genehm wäre, wenn ich die Reiſe der Diana nach Weſtindien mitmachen dürfte; erſtens wollt' ich gern einmal um die halbe Erde fahren, und dann Dich, meinen Bruder, einmal umarmen. Der Admiral lachte und nannte mich einen närriſchen Kauz. Ich ließ ihn lachen, erhielt die Erlaubniß, und da bin ich.“ „Du treue Seele,“ ſprach Armand, Gui⸗ ſeppe gerührt die Hand reichend,„welche Freude haſt Du mir gemacht!“ „Der eigentliche Grund,“ fuhr der Seeoffizier fort,„iſt ein anderer. So viel ich aus Bonorand klug werden konnte, lebſt Du hier, ſo zu ſagen, in Ungnade. Alle Wetter, in Kurzem bricht der herr⸗ lichſte Krieg aus, und Du ſitzt auf der verwünſchten Inſel und mußt Dich mit den ſchwarzen Heiden her⸗ umbalgen, wo wenig Ruhm zu holen iſt.“ „Leider!“ ſeufzte Armand, und ſchlug die Au⸗ gen nieder. „Ich dachte nun,“ ſprach Guiſeppe weiter, „Hm, Ungnade, in die kann der ehrlichſte Kerl ge⸗ rathen. Mit großen Herren iſt ſchlimm Kirſchen⸗ eſſen, der Armand iſt gewiß etwas zu vorlaut ge⸗ weſen, wie das immer ſeine Art war; willſt alſo ſelbſt hin und Dich erkundigen; und iſt die Sache nicht gar zu verteufelt, legſt Du bei nächſter Ge⸗ legenheit beim Kaiſer ein gut Wort ein; was ſoll der Armand auf der verwünſchten Inſel, wo er ſchwarz wird, total, wenn er nicht gar den Sonnen⸗ ſtich bekommt?“ 5 „Alſo heraus mit der Sprache, weshalb ſitzt Du hier und ennuyirſt Dich, und warum biſt Du nicht 165 mehr Ordonnanz bei Soult, der nächſtens den Oeſt⸗ reichern einheizen wird, daß es eine Luſt iſt?“ Armand war einen Augenblick unſchlüſſig, ob er dem Bruder, hinſichtlich ſeines traurigen Geſchicks, völlig reinen Wein einſchenken ſollte und ſchwieg eine Zeit lang. Doch als er in das ehrliche Auge Gui⸗ ſeppe's ſchaute, das ob ſeines Schweigens mit ſtum⸗ mem Vorwurfe auf ihm ruhte, fiel er dem geliebten Bruder um den Hals und rief:„Du ſollſt Alles, Alles wiſſen.“ Guiſeppe drückte ſich eine Thräne zurück. „Natürlich,“ ſprach die trene Seele,„ſonſt kann ich ja beim Kaiſer nicht frei von der Leber weg ſprechen.“ Armand erzählte nun ſeine ganzen Abenteuer von Boulogne und Paris, von ſeiner Ankunft im Lager an, bis zu ſeiner Verbannung nach St. Do⸗ mingv. Als der Erzähler natürlich auch Florentinen's gedachte, mußte Guiſeppe lachen. 2 „Ei,“ rief er,„da wird die kleine ſchwarzlockige Madelaine Augen machen.“ Jetzt kam Armand auf den Ball in Boulogne zu ſprechen, welchen die Marſchälle und Generale dem Kaiſer gaben und wo er die Geliebte nebſt ihrer Tante, der Frau von Poitiers, wieder gefunden hatte. Als er nun erwähnte, wie er aus Liebe zu Florentinen die Anweſenheit der royaliſtiſchen Intrigantin verſchwiegen, ward Guiſeppe ordent⸗ lich zornig. „Das nimm mir nicht übel,“ platzte er heraus, „das war ſehr dumm; Du mußteſt dieſe verbreche⸗ riſche Frau auf der Stelle arretiren laſſen.“ „Ach, wenn Du den Engel geſehen hätteſt,“ ent⸗ 166 ſchuldigte ſich Armand,„der ihr ſchützend zur Seite ſaß.“ „Und wenn ſie die Tante oder Urgroßmutter von allen himmliſchen Heerſchaaren geweſen wäre,“ fuhr Guiſeppe aufgeregt fort,„Du mußteſt ſie arretiren laſſen.“ „Aber bedenke doch,“— bat Armand. „Hier war ganz und gar nichts zu bedenken,“ unterbrach ihn der Offizier der Seegarde,„ich hätte Dir einen ſo dummen Streich gar nicht zugetraut. Aber erzähl' nur weiter.“ Armand kam nun auf Paris zu ſprechen, auf ſeine Liebe zu Florentinen, die er mit den glü⸗ hendſten Farben ſchilderte, auf die Vergiftungsge⸗ ſchichte, bis zu ſeiner Einſchiffung zu Rochefort. Guiſeppe hatte ihm ſchweigend zugehört. End⸗ lich ſprach er kopfſchüttelnd:„Hör' einmal, Deine Geſchichte ſteht nicht zum Beſten, und wenn Dich Junot nicht heraus beißt, was der Himmel gebe, weiß ich nicht, wie Du wieder das Vertrauen und die Gnade des Kaiſers erlangen willſt. Dahin füh⸗ ren aber alle krummen Wege. Du hätteſt können bei der Sache um Deine Epauletten kommen, Du wußteſt ſelbſt nicht wie. Ich begreife nicht, daß die geheime Polizei noch ſo ſubtil mit Dir umgegangen iſt. 3 „Was mich betrifft,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſo ſeh' ich wohl, daß nicht böſer Wille zum Grunde lag, ſondern daß es Dir nur an Charakter⸗ feſtigkeit gebrach. Dein Herz hat Dir da einen ſehr übeln Streich geſpielt. Doch ich bin nicht gekommen, Dir Vorwürfe zu machen, die zu nichts helfen, ſon⸗ dern Dir nützlich zu ſein, wenn ich kann. „Das ſeh' ich wohl,“ ſprach er nach einigem Nachſinnen,„dem Kaiſer darf ich nicht kommen, wie gut er auch auf mich zu ſprechen; aber dem Junot müſſen wir einheizen, daß er für Dich agirt. Er iſt übrigens eben ſo ſchuldig wie Du, und wenn er als ehrlicher Mann dem Kaiſer reinen Wein einſchenkt, kann er ſich auf einen ſchönen Leviten gefaßt machen. Aber, apropos, was iſt denn aus Florentinen ge⸗ worden?“ „Ja, wer das wüßte,“ erwiederte Armand ſeuf⸗ zend;„in dem kurzen Zeitraume, der mir nach der furchtbaren Kataſtrophe in Paris noch vergönnt war, konnte ich trotz aller Bemühung nicht die geringſte Kunde über ſie einziehen. Mir blieb nicht einmal ſo viel Zeit, von Bonorand Abſchied zu nehmen.“ „Er ſagte mir dies,“ erzählte Guiſeppe,„und war ſehr ungehalten auf Dich, daß Du ſeiner War⸗ nung nicht mehr Gehör geſchenkt haſt. Du hätteſt Dir Dein Mißgeſchick einzig und allein zuzuſchreiben; doch er hat mir ja einen Brief an Dich mitgegeben; da wird er Dir wohl ausführlicher den Text geleſen haben.“ Guiſeppe zog bei dieſen Worten Bonorand's Schreiben aus der Rocktaſche, welches Armand ſo⸗ gleich erbrach und deſſen Inhalt alſo lautete: „Mein herzlieber Freund! „Mein Euch bekannter Glaube an die unmittel⸗ bare Einwirkung guter und böſer Genien auf das Geſchick der Sterblichen hat durch Euer urplötzliches Verſchwinden neue Nahrung erhalten. Nur bezweifle ich, daß es diesmal gute Geiſter geweſen ſind, welche Euch Knall und Fall, vom Boulevard des Italiens Nummer 34 hinweg, in die Nähe des Aequators verſetzten. Conſtant und meine Wenigkeit haben uns vergebens den Kopf zerbrochen, welches wohl der 168 eigentliche Grund dieſer ſo ſchnellen Translocation geweſen ſein mag. Ich ſollte Euch zürnen, daß Ihr mich nicht wenigſtens von Eurer Abreiſe in Kennt⸗ niß ſetztet, damit ich ſolenniter Abſchied nehmen konnte, wie es doch Sitte und Brauch iſt unter den Leuten. Ich glaube daher, Ihr habt ſelbſt am We⸗ nigſten davon gewußt. „Was ich ſo hier und da aufgeſchnappt, ſollt Ihr gar zu einem royaliſtiſchen Complott gehört ha⸗ ben und in Gefahr geweſen ſein, von den Royaliſten vergiftet zu werden; aber wie reimt ſich das? Er⸗ ſtens werden die Herren Royaliſten doch ihre eigenen Leute nicht umbringen, und wenn Ihr zu den Ver⸗ ſchwornen gehört hättet, würde Euch die Regierung einen andern Aufenthaltsort als die Inſel St. Do⸗ mingo angewieſen haben. „Indeß Etwas müßt Ihr den regierenden und commandirenden Leuten nicht recht gethan haben, denn Euer heißer Aufenthaltsort ſcheint mir eine Art Exil zu ſein. Hoffen wir, daß man Euch recht bald zu Gnaden annimmt, und daß ich Euch in Europa wieder umarmen kann. „Was Ihr übrigens auch begangen haben mögt, ſo habt Ihr ſchon deshalb eine exemplariſche Beſtra⸗ fung verdient, daß Ihr an jenem Morgen meine Warnung nicht befolgtet und hübſch zu Hauſe blie⸗ bet. Wer ſich in Gefahr begiebt, kommt darin um. Hoffentlich, daß Euch die Sonne auf der andern Hälfte der Erdkugel, wenn auch äußerlich ſchwärzer, doch innerlich um ſo weiſer macht. Schaden kann's wahrlich nicht. „Es iſt hier viel die Rede davon, daß eine Ex⸗ pedition von Aerzten nach Weſtindien abgehen ſoll, um dem gelben Fieber, von dem wir noch ſo viel — — — — 169 als gar nichts wiſſen, ein Wenig auf die Finger zu ſehen. Ich hätte kein übel Lüſtchen, mich anzuſchlie⸗ ßen, und da könnte es wohl kommen, daß ich Euch im Lande der Schwarzen einen Beſuch abſtattete, falls mich nämlich nicht die Engländer vorher hin⸗ wegfiſchen. „Es ſieht hier ſehr kriegeriſch aus. Man ſpricht ſtark von Aufhebung des Lagers von Boulogne. Doch das wird Euch Herr Guiſeppe Alles beſſer erzählen. „Der Himmel tröſte, erleuchte und beſſere Euch! „In treuſter Freundſchaft ergeben Euer Anaſtaſius Bonorand.“ „Was hat es nur mit der Warnung des Doctors auf ſich?“ frug Guiſeppe, nachdem Armand zu Ende geleſen.„Er hat mir auch davon erzählt, aber ich bin nicht klug geworden.“ „Bonvrand,“ erwiederte der Gefragte,„iſt nicht ganz frei von dem, was die Freigeiſter Aberglauben nennen und giebt viel auf Träume. In der That gehen ſeine Traumgebilde nicht ſelten auf überra⸗ ſchende Weiſe in Erfüllung; ich könnte die merkwür⸗ digſten Beiſpiele aufführen. So hatte er auch in jener Nacht, welche der Vergiftungsſcene unmittelbar vorher ging, prophetiſch geträumt. Er kam am Morgen zu mir und beſchwor mich, heute nicht aus⸗ zugehen und von Niemandem etwas Genießbares an⸗ zunehmen.“ „Wenn er bei ſeiner Sehergabe Dir doch Etwas über Florentinen mitgetheilt hätte,“ bemerkte Guiſeppe. Gleich darauf fuhr er fort:„Hör' mal Ar⸗ 17⁰ mand, Du mußt mir ein Paar Zeilen an das Mäd⸗ chen mitgeben.“ Armand ſah ſeinen Bruder verwundert an. „Man kann oft nicht wiſſen, wie es das Schick⸗ ſal fügt,“ ſprach erſterer weiter;„ich kehre bald nach Europa zurück, und da hab' ich doch eher Gelegen⸗ heit ſie auszukundſchaften, als Du hier. Glaube nur, daß ſich das arme Kind in gleichem Grade um Dich ängſtiget, als Du Dich um ſie. Bei Liebes⸗ leuten iſt das nicht anders. Kann ich ihr alſo, nota bene, wenn ich fie irgend wo aufſpüre, ein Briefchen von Dir zuſchieben, ſo werd' ich ihr zum Elias, der ſie mit Himmelsmanna verſorgt, ein ſündfluthlicher Täubrich, der ihr das Oelblatt bringt.“ „Ach,“ ſprach Armand,„ich habe die Hoffnung, ſie je wieder zu ſehen, für immer aufgegeben.“ „Allerdings,“ bemerkte Guiſeppe,„weit genug ſeid ihr vor der Hand aus einander, aber die Hoff⸗ nung ſoll man drum nicht verlieren, da behielte der Menſch ja gar nichts mehr.“ „Wohlan,“ ſprach Armand nach einigem Nach⸗ ſinnen,„ich will Dir ein Paar Zeilen mitgeben, der Unterfinkende klammert ſich ja an einen Stroh⸗ halm.“ „Sehr richtig,“ bemerkte der Seeoffizier,„wenn es auch nichts nützt, ſo kann es doch nichts ſchaden.“ „Wie lange verbleibt ihr bei uns?“ frug Ar⸗ mand angelegentlich.“ „Es hieß anfangs acht Tage,“ antwortete Gui⸗ ſeppe,„aber die Diana iſt von den Engländern zu arg mitgenommen worden, da dürfte es wohl ein Wenig länger dauern.“ In der That bedurfte man ganzer vierzehn Tage, eh' die Fregatte, auf welcher Guiſeppe angekom⸗ 17¹ men, wieder in ſo weit ausgebeſſert war, um die Rückreiſe nach Europa antreten zu können. Den beiden Brüdern verfloß die Zeit wie wenige Stunden. Sie machten wiederholte Ausflüge in die Umgegend, ſelbſt auf die Gefahr hin, mit feindlichen Negern zuſammen zu treffen. Einen andern Theil der Zeit verwandte Armand auf's Briefſchreiben an faſt alle ihm Näherbefreundete in Europa. Daß hier Flo⸗ rentine, obſchon es ihm ein Räthſel war, wie Guiſeppe dieſelbe ausfindig machen wollte, Bono⸗ rand, das Aelternpaar Maillebvis und Bruder Nap obenan ſtanden, läßt ſich denken. Dem Doctor hatte er beſonders an's Herz gelegt, ſeine glückliche Idee in's Werk zu ſetzen und ihn in ſeinem Exil zu beſuchen. Ehe ſich's daher die Brüder verſahen, war die Stunde der Abreiſe gekommen. Luſtig flaggten die Wimpel und die dreifarbige Flagge auf der reſtau⸗ rirten Diana. Armand und Guiſeppe umarmten ſich zum Abſchied. „Auf frohes Wiederſehen in Europa! Was ich daſelbſt für Dich thun kann, werde ich thun,“ rief letzterer und eilte nach dem Boote, das ihn an den Bord der Fregatte brachte. Vom Hafencaſtell donnerten die Kanonen den Ab⸗ ſchiedsgruß, und unter allgemeinem Hurrah der Equi⸗ page und der zahlreich am Lande Verſammelten ſtach die Diana in See. Sie ward diesmal von den Engländern nicht beunruhigt, und bald war nur ihr weißes Segelwerk noch am äußerſten Horizonte zu erblicken. So lange noch ein Punkt des Schiffes ſichtbar 172 war, hatte Armand nachgeſchaut. Dann kehrte er traurig nach ſeiner Wohnung zurück.— Unter den Depeſchen, welche der auf Domingo com⸗ mandirende General durch die Diana erhalten hatte, befand ſich auch eine des Kriegsminiſters, worin ihm anempfohlen ward, dem Capitain Armand Mail⸗ lebvis wo möglich recht bald eine Gelegenheit zu verſchaffen, damit ſich dieſer durch irgend eine glän⸗ zende That auszeichnen könne, und, ſei ſie gelungen, unvorzüglich an das Kriegsminiſterium zu berichten. Ende des zweiten Bandès. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. * 578 S 14 Senqe