Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Ml.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Seit langen Jahren wußten ſich die Bewohner von Merville, einer kleinen Stadt unfern Boulogne und Arras gelegen, nicht eines ſo regen Lebens und Trei⸗ bens zu entſinnen, als zu jener Zeit, wo die fran⸗ zöſiſche Armee in vier großen Lagern meilenweit die Küſten des Kanals beſetzt bielt. Da ſah man oft des Tages kühne ſtolze Geſellen hoch zu Roß mit glänzendem Harniſch und wehendem Hel mbuſch durch die ſonſt ſo ſtillen Straßen des Städtchens reiten und den ſchönen Töchtern von Merville cheval ereske Grüße zuwerfen. In allen Werkſtätten ward gearbeitet von früh bis in die Nacht; Meiſter und Geſellen hatten alle Hände voll zu thun, um den vielfachen Beſtel⸗ lungen zu genügen, welche 8* Bedürfniſſe des Lager⸗ lebens mit ſich brachten. Dabei herrſchte überall Heiterkeit und frohe Laune, und Jedermann war voll vom Lobe des großen Kaiſers Napoleon, der vor nicht langer Zeit den Thron des ſchönen Frankreichs beſtiegen hatte. Nur in der Familie des ehrlichen M aillebois, des Ziergärtners, der in Aegypten Invalid geworden und durch die Gnade des erſten Conſuls ein einträg⸗ liches und anmuthiges Gartengrundſtück vor der Stadt an ſich gebracht hatte, gab es ſeit einigen Tagen, wo der junge Armand, der älteſte Sohn des Ve⸗ teranen nach beendigtem Studium und glänzendem Exramen von dem Lyceum heimgekehrt war, finſtere Geſichter. Maillebois beſaß nämlich außer dem ſchönen braungelockten Armand noch zwei Söhne, den treuherzigen Guiſeppe, das Ebenbild des Va⸗ ters, ſiebzehn Jahre zählend, und den kleinen drolli⸗ gen ſechzehnjährigen Napoleon. Als ſich der Alte in Aegypten von damaligen Ge⸗ neral Bonaparte verabſchiedet, hatte er zu dieſem wie er in der Folge ſehr oft erzählte, alſo geſprochen: „Du ſiehſt, Bürger⸗General, wie mich die Damas⸗ eener der Mamelucken zugedeckt haben; im Kriege bin ich Dir nichts mehr nütze, aber zu Hauſe in Mer⸗ ville laufen mir drei prächtige Jungen herum, die will ich Dir erziehen und bringen, ſobald ſie flügge geworden.“ Darauf hat ſich der Bonaparte eines Nähern nach den Knaben erkundigt, und Maille⸗ bois iſt hauptſächlich voll des Lobes geweſen über ſeinen Armand, der als geſcheuter und offener Kopf in ganz Merville bekannt war.„Wohlan,“ hat der General geantwortet,„ſo muß er ſtudiren, ich werde dafür Sorge tragen; hauptſächlich ſoll er Deutſch lernen, damit er mir nützlich iſt, wenn ich Krieg führe im grünen Deutſchland.“ Mit dieſen Worten hat Bonaparte ein Zeichen gemacht, daß Mail⸗ lebois entlaſſen ſei; dieſem aber hat noch eine Bitte auf dem Herzen gelegen.„Bürger⸗General,“ find ſeine Worte geweſen,„noch eine Bitte mußt Du mir gewähren, bevor ich Dich verlaſſe. Mein jüngſter Junge, ein charmantes Kerlchen, Du ſollteſt es ken⸗ nen, heißt Chrispin. Er hat den Namen eigentlich vom Großvater; aber ich kann die Kalenderheiligen „— 9 nicht leiden, erlaube mir daher, daß ich ihn Napo⸗ leon nennen darf.“ Bonaparte mußte lächeln. „Gut denn,“ erwiederte er,„aber dann ſoll auch mein Herr Namensvetter Kanonier werden, wie ich ge⸗ weſen.“ Maillebois ließ ſich das nicht zweimal ſa⸗ gen, und ſein erſtes Geſchäft war, als er nach Hauſe kam, daß er dem cidevant Chrispin die größte Ka⸗ none kaufte, die auf dem Jahrmarkte von Merville zu haben war. Der Grund nun, warum es in der Familie des Ziergärtners ſeit einigen Tagen ſo trübe Geſichter gab, war der, daß der Alte die Zeit für gekommen hielt, ſein dem General Bonaparte gegebenes Ver⸗ ſprechen dem Kaiſer Napoleon zu halten, und dem⸗ ſelben die drei Söhne zur Dispoſition zu ſtellen, während Margot, die treue Ehegenoſſin des Gärt⸗ ners, die Behauptung aufſtellte, daß der Kaiſer an dem Armand, an dem Guiſeppe vor der Hand genug habe, und der Napoleon noch zu jung und zu ſchwächlich für den Krieg ſei. Maillebvis hatte vergebens ſeine Beredtſamkeit aufgeboten, ſeiner Frau das Gegentheil von dem zu beweiſen, was ſie be⸗ hauptete; aber, welche Mühe er ſich gab, er kam nicht durch. Wieder ging er, mit den Armen fechtend, in dem Zimmer der freundlichen Gärtnerwohnung auf und ab, und ſuchte ſeinen Willen Eingang zu verſchafſen. Frau Margot ſaß am weinlaubumrankten Fenſter und hielt den Gegenſtand der Streitfrage, den klei⸗ nen Napoleon in den Armen, den ſie inniger als je an das mütterliche Herz drückte, während Ar⸗ mand und Guiſeppe draußen im Garten ſich im Büchſenſchießen übten. „Aber was ſoll nur der Kaiſer, unſer Wohlthä⸗ 10 ter, denken,“ führ Maillebois, nachdem er ſich in ſeinen Argumenten abermals erſchöpft hatte, rathlos und voller Unwillen heraus,„wenn er gerade den Na⸗ poleon, ſo zu ſagen ſeinen Taufpathen, vermißt?“ „Er wird menſchlich denken,“ antwortete Madame Maillebois mit Ruhe,„und von einer Mutter nicht verlangen, daß ſie mit einem Male ihre ſämmtlichen Kinder hergiebt.“ „Aber ewig kannſt Du die Jungen doch nicht zu Hauſe behalten,“ grollte der Alte. „Ich will nur dieſen,“ ſprach Frau Margot, indem ſie den Jüngſtgebornen die Locken aus der Stirn ſtrich, und ihn mit mütterlicher Innigkeit tüßte.„Wie geſagt, er iſt noch zu jung für den Krieg.“ „Poſſen,“ brummte Maillebois,„der Kaiſer war nicht älter. Heutzutage muß man frühzeitig an⸗ fangen, wenn man es zu Etwas bringen will.“ „Sage was Du willſt,“ beharrte Frau Margot, „ich gebe ihn nicht her.“ Der Veteran der Armee von Aegypten dachte jetzt einen Augenblick darüber nach, ob er nicht ſeinen Kopf aufſetzen und mit Gewalt ſeinen Willen durch⸗ führen ſollte. Er ging daher einige Minuten ſchwei⸗ gend im Zimmer auf und ab; aber je länger er darüber nachdachte, deſto mehr kam er von ſeinem Vorhaben zurück. Welch ein ſtrenger Hausherr er auch ſonſt war, ſo hatte doch Madame Maillebois eben⸗ falls ihre Rechte, die ſie nicht ungeſtraft verletzen ließ. Zudem war ſich Maillebvis bewußt, daß diesmal die Billigkeit keineswegs auf ſeiner Seite ſei. Er ſann daher auf ein anderes Mittel, ſeinen Zweck zu erreichen. „Wohlan,“ begann er, nachdem er wiederholt die 11 Stube auf und ab geſchritten war,„ich will länger nicht in Dich dringen Margot; aber unter der ein⸗ zigen Bedingung, daß der Napoleon ſelbſt ent⸗ ſcheide.“ „Welcher, der Kaiſer?“ frug die Hausfrau. „Nein, der unſere hier,“ fuhr Maillebois fort, „Kinder und Narren ſind der Wahrheit am Nächſten; hat er alſo ſelbſt Luſt, mir zum Kaiſer zu folgen, ſo wirſt Du ihn hoffentlich kein Hinderniß in den Weg leger Die gute Margot, welche jetzt gewonnene Sache zu haben glaubte, erwiederte ſo gleichgültig, als möglich: „Meinetwegen, wenn mein Nap ſeine trauernde Mutter verlaſſen will, mag er gehen, immer gehe.“ „Ermanne Dich, Kanonier,“ munterte der Vater auf,„der Kaiſer verlangt Deiner, und da darf ein braver Franzoſe nicht warten laſſen.“ Der noch knabenhafte Jüngling blickte jetzt die Mutter zirtich an, preßte ſie heftig in ſeine Arme, küßte ſie, und cilte dann mit den Worten:„Ich gehe zum Kaiſer“ in die Arme des Vaters. „Herzensjunge,“ rief dieſer in der Freude ſei⸗ nes Herzens, den kleinen Freiwilligen mit Küſſen be⸗ deckend,„ich ſagt' es immer, Du wirſt Deiner Fa⸗ milie noch zum Ruhme gereichen; ich nenne Dich mit Stolz meinen Sohn.“ Die Mutter, welche ihren Augen kaum traute, bedeckte ob dieſes völlig unerwarteten Abfalls des Lieblings ihr Geſicht mit der Taffetſchürze, und die . hellen Thränen traten ihr hervor. Als dies der kleine Napoleon gewahrte, ward ihm weich um's Herz, und er ſagte: „Aber Du mußt nicht böſe ſein, Mütterchen, und nicht weinen, ſonſt machſt Du dem kleinen Kanonier 12 das Herz ſchwer, und er kann nicht tapfer drauf ſchlagen auf die Feinde Frankreichs. Wie lange wird's dauern und der Kaiſer hat ſie vernichtet, und ich bin wieder bei Dir, vielleicht als Corporal, denke, wie herrlich das ſein wird.“ „Der Junge ſpricht wie ein Alter,“ lobte Mail⸗ lebvis,„und hat ganz Recht; nächſtens geht's nach London, und ſobald das zerſtört, iſt's mit dem Kriege aus auf lange Zeit, denn wer wollte dann dem Kai⸗ ſer noch etwas anhaben.“ „Ich bringe Dir auch etwas recht Schönes mit, Mütterchen,“ tröſtete Napoleon, ſich an den Vater ſchmiegend. Nachdem Frau Margot ſah, daß Thränen und Schmeichelworte bei ihrem Sohne nichts fruchteten, wandte ſie ſich wieder an Maillebois, und legte ſich auf's Bitten. „So laß mir meinen Sohn wenigſtens ein Jahr noch,“ ſprach ſie,„er iſt vor vier Wochen erſt ſech⸗ zehn Jahr geweſen, von ſchwächlicher Natur und ver⸗ mag die Kriegsſtrapazen nicht zu ertragen.“ „Dann wäre vielleicht Alles zu ſpät,“ gegenredete der Vater,„und die ſchönſte Zeit verloren. Binnen Jahr und Tag haben wir die Rothröcke längſt nach allen vier Winden gejagt, und es iſt tiefer Frieden. Was würde aber der Kaiſer für ein Geſicht machen, wenn bei dieſem letzten und glänzendſten Feldzuge ſein kleiner Namensvetter nicht dabei geweſen wäre, ſondern zu Hauſe auf der faulen Bärenhaut gelegen hätte?“ „Nein, nein, ich gehe mit,“ rief eifrig der Kleine. „Und was die Strapazen anbelangt,“ fuhr Mail⸗ lebvis fort,„ſo ſind ſie die beſte Apotheke für ſolche Conſtitutionen wie Napz; ich habe das Beiſpiel an 13 mir; hätte längſt in's Gras beißen müſſen, wäre ich nicht frühzeitig in's Feld gezogen.“ „Ich gehe mit, ich gehe mit,“ drängte freudig der Knabe. Die arme Margot verließ weinend und ſchmol⸗ lend das Zimmer, in welches gleich darauf Armand und Guiſeppe ſtürzten. „Dreimal Nagel geſchoſſen,“ rief letzterer freudig, unmittelbar hintereinander,„der Armand brachte es blos bis zur Eilfe.“ „Ein wackrer Schütze,“ geſtand Armand,„da⸗ für liegt er aber auch tagtäglich auf dem Schießſtande. Ich weiß es, er hat ſein Taſchengeld bis auf den letzten Centimen verpufft.“ „Ihr guten Kinder,“ ſprach jetzt Maillebvis, leiſe und freudig,„morgen in aller Frühe ſchnürt Ihr Eure Ränzchen und haltet Euch marſchfertig; ich habe die Mutter herum, der Nap rückt mit in's Feld. Wir können die Zeit gar nicht günſtiger tref⸗ fen. Der Kaiſer iſt in Boulogne. Da ſtell' ich Euch vor und löſe mein Wort. Ich ſage Euch, es wird ein Götterfeſt.“ Vive l'empereur!“ riefen bei dieſen Worten be⸗ geiſtert alle drei Söhne mit einem Munde. „Pſt, Pſt,“ winkte der Alte,„macht durch Euer Geſchrei der armen Mutter das Herz nicht noch ſchwe⸗ rer; ſucht in der Stille Euern Sonntagsſtaat hervor, damit Ihr vor Seiner Majeſtät ſo ſtattlich als mög⸗ lich erſcheint. Ich will jetzt gehen, und Eure Mut⸗ ter in Etwas tröſten.“ Er verließ das Zimmer, während ſich die Söhne bei dem Gedanken, bald vor den Kaiſer geführt zu werden, freudetrunken umarmten. zweites Rapitel. Der große Schlag gegen England, dieſen eben ſo ge⸗ waltigen als unverſöhnlichen Feind Frankreichs ſollte geſchehen. Unermeßlich waren die Kräfte, welche das Genie Napoleon's an den Felſenküſten des Pas de Calais zuſammengehäuft hatte. Aber nicht blos auf dem feſten Lande, in allen Häfen Frankreichs, Hol⸗ lands und Spaniens ward von früh bis ſpät gear⸗ beitet, das große Unternehmen, die Landung in England in's Werk zu ſetzen. Faſt alle damals in Frankreich vorhandenen Trup⸗ pen waren in Diviſionen vereinigt und cantonirten längſt der Geſtade, von den Mündungen der Schelde bis zum Ausfluß der Seine. Die Armee von Bou⸗ logne beſtand ungefähr aus einhundert und funf⸗ zigtauſend Mann Infanterie und achtzigtauſend Reitern, und war in vier Hauptlager getheilt: in das rechte Lager, das linke Lager; das Lager von Vi⸗ mereux und in das von Ambleteuſe. Dieſe zahlreichen Truppenmaſſen wurden discipli— nirt und beſchäftigt wie die der alten Römer. Jede Stunde hatte ihre Beſtimmung. Der Soldat verließ ſein Gewehr und griff zum Spaten. Die Waſſerbauten, Dämme, Brücken verurſachten ungeheure Arbeiten. Der Hafen mußte vertieft, ein großer Damm nebſt einer Aufzugbrücke erbaut und rieſenhafte Baſſins gegraben werden, um die Flotten aufzunehmen. Alle dieſe großen Bauten wurden unter Napoleon's Leitung wie durch einen Zauberſchlag vollendet. Man errichtete Munitionsvorräthe, häufte Magazine auf, goß Geſchütze in einer eignen hierzu 15 errichteten Kanonengießerei, verfertigte Schiffstane, Takelwerk, wob Segel; und nie wurde wohl ein ſo großer Plan, von einem einzigen Menſchen gefaßt, bis in die kleinſten Parthien, bis in die geringfügig⸗ ſten Details mit ſolcher Thätigkeit, Uebereinſtimmung und Genauigkeit in's Werk geſetzt. Nicht weit von der Stadt Boulogne, ungefähr eine halbe franzöſiſche Meile vom Meere, an der Straße von Paris, erhob ſich ein kleines alterthüm⸗ liches Schloß Namens Pont de Briques. Hier befand ſich das franzöſiſche Hauptquartier. Eine kleine Strecke davon erblickte man das Zelt und die Barake Napoleon's. Die Barake, vom Ingenieur⸗Chef Sorti erbaut, beſtand aus Brettern, und glich äußerlich einer großen Jahrmarktbude, nur daß die Bretter nach Außen künſt⸗ lich zuſammengefügt und im Innern ſchön ausgemalt waren. Sie gewährte außerdem den Vortheil, daß ſie binnen einer Stunde abgebrochen und aufgebaut wer⸗ den konnte. Sie hatte acht Fenſter und bildete ihrer Form nach ein längliches Viereck, das von einem höl⸗ zernen Gitterwerk umgeben war. Zur Mahlzeit wurde ſie durch Reverber erleuchtet. Was die innere Räum⸗ lichkeit der Barake betraf, ſo befand ſich die Haupt⸗ piece in der Mitte, mit der Front nach dem Meere zu und diente zum Conſeilſaale. Man erblickte hier eine lange halbrunde, mit einem grünen Tuche behan⸗ gene Tafel, worauf ein halbes Dutzend mit Wachs⸗ lichtern beſteckte kupferne Leuchter ſtanden; ferner Pa⸗ pier von allen Größen, ein Dintenfaß, eine Streu⸗ ſandbüchſe von Buxbaum und einige geſchnittene Fe⸗ dern, die zerſtreut umherlagen. Eine ungeheure Kit⸗ ſtenkarte von der Manche hing aufgerollt an der Wand. Dem nittleren Fenſter gegenüber und in der 16 Nähe der genannten Tafel ſtand ein einfacher gleich⸗ falls mit grünem Tuche ausgeſchlagener Armſeſſel. Dies war das einzige Mobiliar des kaiſerlichen Conſeilſaales, in welchem ſich nur allein Napoleon niederſetzen konnte. Seine Marſchälle, Admirale, alle ſeine Generale, wenn ſie in den Rath, der oft zwei bis drei Stunden dauerte, gerufen wurden, blieben in aufrechter Stellung, während ſie keine andere Stütze als das Gefäß ihres Degens zum Ausruhen hatten. Rechts von dieſem Saale, nur durch eine kleine Glasthüre getrennt, befand ſich das Schlafgemach des Kaiſers. Hier ſtand ein kleines eiſernes Bett, von einem grünſeidenen Vorhange umhangen. Dieſes Bett beſtand aus zwei gewöhnlichen Matelats, einer Ma⸗ tratze von Roßhaaren und aus einem ſehr hohen und ſehr harten Traverfin; ſo heißt in Frankreich das quer über den obern Theil des Bettes liegende Kiſſen in Form einer Rolle, wie bei den deutſchen Sophas; die Kopfkiſſen fehlten; ferner zwei wattirten Stepp⸗ decken und einem kleinen Fußteppich. Vor das Bett zu Kopf und Füßen waren zwei Strohſtühle geſtellt. Das Schlafſtubenfenſter, ſo wie die Glasthüre be⸗ deckten gleichfalls grünſeidene Vorhänge. Vor dem Fenſter erhob ſich auf einem Mahagvnigeſtell ein Te⸗ leſcop von fünf Fuß Länge und vierzehn Zoll Durch⸗ meſſer, vermittelſt deſſen der Kaiſer das ganze Meer, die engliſche Küſte und bei hellem Wetter das Schloß Dover, ja ſogar die feindliche Garniſon, welche daſ⸗ ſelbe beſetzt hielt, erkennen konnte. Rechts neben dem Bette ſtanden ein kleiner mit einer weißen Serviette bedeckter Tiſch, eine Schaale mit Waſſer und ein Waſchbecken, beides von feinſtem Porzellan, und ſau⸗ ber vergoldet, ſo wie mehre andre reich und ge⸗ ſchmackvoll gearbeitete Toilettenbedürfniſſe. Auf einem 17 Seſſel zur Linken des Bettes befand ſich ein Koffer in Form eines Mantelſacks, welcher die Leibwäſche des Kaiſers und einen vollſtändigen Anzug für ihn ent⸗ hielt. Ueber demſelben hing auf einem Nagel ein alter abgenutzter verbogener Hut, den der Kaiſer vor⸗ zugsweiſe zu tragen pflegte, wenn er das Lager oder die Rhede beſuchte. Er verlor dieſen Hut oft, ſei es, daß er ihm vom Winde entriſſen wurde, oder daß er in's Meer fiel. Jedesmal hat man ihn treu wie⸗ der zurückgebracht, als ob er ein Gegenſtand wäre, den keiner ohne die Furcht, ein Verbrechen zu bege⸗ hen, ſich zuzueignen gewagt hätte. Von der andern Seite des Conſeilſaales, und pa⸗ rallel mit dem Schlafzimmer, lag der Speiſeſaal. Man ſah hier einen Service in der Breite des Sa⸗ lons aufgeſchlagen. Uebrigens war er mit derſelben Einfachheit meublirt, wie der vorige. Unmittelbar in⸗ und außerhalb der Barake lagen zwei hüttenartige Nebengebäude, worin das eine als Küche, das andere zur Wohnung der Dienerſchaft diente. Rechaud und Fourneau, die erſten Haushofmeiſter legten hier eigene Hand an die Kaſſeroles und fungirten, beſon⸗ ders wenn der Kaiſer Mittagsgäſte hatte, was bei⸗ nahe täglich der Fall war, in höchſt eigener Perſon unter freiem Himmel. Ungefähr hundert Schritte vor der Barake des Kaiſers lag die des Admirals Bruix, jenes biderben Seehelden. Obſchon bedeutend kleiner, als jene, ſo war ſie im Innern doch eben ſo eingetheilt; nur mit dem Unterſchiede, daß ſie weit glanzvoller meublirt war. Zwiſchen dieſen beiden Baraken erhob ſich der Semaphor, eine Art Seetelegraph, um die Bewegung der Flotten zu ſignaliſiren. Ein wenig weiter hin Stolle, ſämmtl. Schriſten. XX. 2 18 erblickte man die Barake des Marſchall Soult, der die Truppen des großen Lagers commandirte. Sie glich einer Wildhütte, war mit Stroh gedeckt und erhielt ihr Licht durch die Decke. In derſelben Linie ganz am Ende lag die Barake des Marineminiſters Decers; ſie war die kleinſte von allen. Grenadiere zu Fuß und zu Pferde, in Verein mit Seeſoldaten der Garde, verſahen den Dienſt in- und außerhalb dieſer verſchiedenen Baraken, ſo wie im Generalhauptquartier. Unweit des Semaphor war eine aus ſechs Mör⸗ ſern, ſechs Haubitzen und zwölf Stück Vierundzwan⸗ zigpfündern beſtehende furchtbare Batterie errichtet, welche den Namen Tour d'Ordre führte. Dieſe ſechs Mörſer waren von dem größten zeither bekann⸗ ten Kaliber; ihre Metallſtärke allein betrug ſechzehn Zoll im Durchmeſſer. Zu einer gewöhnlichen Feld⸗ ladung brauchten ſie fünfundvierzig Pfund Pulver, welche eine Bombe von ſechshundert Pfunden zwölf⸗ hundert Klaftern in die Luft und anderthalb franzö⸗ ſiſche Meilen weit in's Meer ſchleuderte. Ein jeder Schuß koſtete ungefähr hundert preußiſche Thaler. Das Abfeuern dieſer furchtbaren Kriegsmaſchinen— von der Gardeartillerie Ungeheuer, von den Kano⸗ nieren der Seemacht aber Schvoßkinder genannt— geſchah mittelſt einer zwölf Fuß langen Stange, die der abfeuernde Artilleriſt in gebückter Stellung und ſich mit der Achſel möglichſt das Ohr ſchützend über das Zündloch hielt; worauf er ſich nicht eher als einige Augenblicke nach erfolgter Exploſion wieder er⸗ heben durfte. Der Kaiſer ſelbſt wollte dieſe Batterie einweihen und den erſten Mörſer abfeuern. Er trat an das Geſchütz, gab Feuer, die Erde bebte, das Blut ſtürzte 19 ihn aus beiden Ohren, ſo daß er zwei volle Tage taub blieb. Mit nicht geringerer Geſchäftigkeit als die Hafen⸗ arbeiten waren die Schiffsbauten betrieben worden. Kanonierböte, Schaluppen, Plattböte, Peniſche, waren auf all den Schiffswerften der Häfen der Normandie und der Bretagne erbaut und in ungeheurer Anzahl längſt der Küſte nach Montreuil, Calais und Dün⸗ kirchen geführt worden, wo man ſie mit Takelwerk, Mannſchaft und Kriegsbedarf verſah. Sie ſämmtlich lagen im Hafen von Boulogne, der von fünf Forts beſchützt wurde. Die Schiffslinie, welche den Eingang zum Hafen verſperrte, beſtand aus zweihundert und funfzig Ka⸗ nonierſchaluppen und aus mehr denn ſechzig größern Kriegsſchiffen. Außer dieſer furchtbaren Vertheidigungslinie war noch die ganze Küſte mit Batterien bedeckt, die größ⸗ tentheils aus grobem Belagerungsgeſchütz beſtanden und von der Landartillerie bedient wurden. Im Hintergrunde des Hafens erblickte man eine kleine Brücke, Pont⸗de⸗Service genannt, welche zu den Pulver⸗ und Munitionsvorräthen führte, die hier in ungeheuren Maſſen aufgehäuft lagen. Abends nach dem Zapfenſtreiche durfte Niemand dieſe Brücke mehr paſſiren, ohne der zweiten Schildwache die Parole ge⸗ geben zu haben. Die erſte Schildwache ließ Jeder⸗ mann an ſich vorüber, aber Niemand wieder zurück. Wer daher die Parole nicht wußte, wurde von der zweiten Schildwache auf die erſte zurückgeſtoßen, und von dieſer auf der Stelle mit den Bajonnetten nie⸗ dergeſtochen. Dieſe Brücke war in der Armee unter dem Namen der Teufelsbrücke allgemein bekannt. Man hatte dieſe ſtrengen Vorſichtsmaßregeln für äußerſt nothwendig gehalten, da ein einziger Funken hin⸗ reichte, die Stadt, die Lager und die Flotte in die Luft zu ſprengen, und weil es nicht an Spionen und Brandſtiftern fehlte, welche England allnächtig an's Land ſetzte. Während der Nacht wurde der Eingang des Ha⸗ fens von der Meeresſeite mittelſt einer ungeheueren Kette geſchloſſen; von der Londſeite her waren die ufer mit Schildwachen beſetzt, welche von funfzehn zu funfzehn Schritt auseinander ſich alle Viertelſtunden das:„Sentinelle! prenez garde à vous!“ zuriefen, worauf die in den Maſtkörben wachenden Soldaten ihrerſeits in langgedehntem mövenartigen Tone das „Bon quart!“ antworteten. Es brachte dieſes unauf⸗ hörliche durch die Stille der Nacht Hinrollen der Stimmen einen eigenthümlichen, unheimlichen Ein⸗ druck hervor. Dieſe großartigen Vertheidigungswerke wurden aber auch von einer nicht geringen Streitmacht bedroht. Ein großer Theil der engliſchen Marine, unter An⸗ führung des größten Seehelden der neuern Zeit, des Admiral Nelſon, kreuzte vor dem Hafen von Bou⸗ logne. Er hatte ſchon zu wiederholten Malen, wie⸗ wohl vergebens, ſich bemüht, die franzöſiſche Linie zu durchbrechen, in den Hafen einzudringen, und die kai⸗ ſerliche Flotte zu vernichten. Noch wenige Tage vor der Ankunft Napoleon's hatte eine Seeſchlacht ſtatt, die vermöge der Eigenthümlichkeit, mit welcher ſie von Seiten des franzöſiſchen Admirals geleitet wurde, einzig in ihrer Art daſteht. Der franzöſiſche Admiral Bruix ſaß ſo eben in Geſellſchaft ſeines Generalſtabs und mehrer Damen aus Boulogne bei Tafel, als der Semaphore das Herannahen der engliſchen Flotte ſignaliſirte. Bald 21 darauf erhob ſich der Donner der feindlichen Ge⸗ ſchütze; Luft und Erde begannen zu zittern, und das Meer hüllte ſich in Dampf und Flammen. Bruir blieb ganz ruhig, er verließ weder ſeine Barake noch ſeinen Platz am Tiſche, ließ ſich die Semaphoretafel bringen, leitete vermittelſt der Telegraphen die Bewe⸗ gung der Flotte und das Feuer ſämmtlicher Batterien der Forts. Dabei unterließ er nicht, die Damen mit Artigkeiten zu unterhalten. Neue Champagnerflaſchen wurden gebracht, und unter dem Klirren der Gläſer und dem Donner von achthundert Kanonen, ſang die Geſellſchaft die damals ſehr beliebte Hymne:„Des erſten Conſuls Uebergang über den St. Bernhard.“ Der engliſche Admiral, beſeelt von dem Vorſatze, diesmal das ſeiner Regierung gegebene Verſprechen zu löſen und die franzöſiſche Flotte im Hafen von Bou⸗ logne in den Grund zu bohren, rückte mit ſeiner ganzen Macht vor; aber die vortreffliche Umſicht des franzöſiſchen Admirals, ſo wie der ungünſtige Wind, machte alle ſeine Anſtrengungen zu Nichte und zwan⸗ gen ihn nach einem mörderiſchen Kampfe zum Rickzug. „Victorta,“ rief Bruix, als er den Feind ſich zurückziehen ſah, löſte raſch den Draht von einer neuen Flaſche, ſchenkte den verſchüchterten Damen ein, und trank unter dem Knallen von Champagnerpfropfen auf die Geſundheit des Kaiſers. „Sehen Sie dort,“ rief er,„am fernen Horizonte die Nelſon ſche Flotte, hoch lebe Frankreich!“ Seit dieſem Kampfe erkannten die Engländer, daß es kein Leichtes ſei, die Küſte von Boulogne anzu⸗ greifen, welche ſie von jetzt an nur die eiſerne Küſte nannten. Als Napoleon, der ſich noch in Paris befand, 22 von dieſem romantiſchen Kampfe Kunde erhielt, ſchüt⸗ telte er etwas mißgelaunt den Kopf. „Es iſt Alles recht ſchön,“ meinte er,„gleichwohl iſt es nicht bei Tafel, in der Geſellſchaft von Da⸗ men, das Champagnerglas in der Hand, womit man heutzutage Schlachten gewinnt. Dermalen gilt es, daß man inmitten des Feuers und mit dem Degen, de⸗ nen, die man kommandirt, mit gutem Beiſpiele vor⸗ angeht.“ Es war an einem heitern Tage, Mitte Juli 1804, die Truppen waren noch mit Vorbereitungen zum Empfang des Kaiſers beſchäftigt, als man letztern plötzlich in einer kleinen Barke in der Mitte des Ha⸗ fens erblickte, wo er die fertig gewordenen Befeſti⸗ gungswerke in Augenſchein nahm, die Arbeiter auf⸗ munterte und beſonders die Ingenieure zur Eile an⸗ trieb. Seine unglaubliche Thätigkeit ſchien ſich zu vervielfältigen. Ueberall war er gegenwärtig. Nachdem er das Generalmagazin, das Arſenal, den Artilleriepark, die Tauwerkfabrik u. ſ. w. beſucht und all dieſe Anſtalten bis in die kleinſten Details revi⸗ dirt hatte, kehrte er in ſehr heiterer Laune nach ſeiner Barake zurück, um ſich den Kabinets⸗ und Staats⸗ arbeiten zu widmen. Kaum aber iſt er eingetreten, als ſich von der See her ein furchtbares Kanonenfeuer vernehmen läßt. Die engliſche Flotte naht von Neuem der franzöſi⸗ ſchen Küſte, und im franzöſiſchen Lager tönt nur ein Ruf:„Nelſon iſt da!“ Der britiſche Admiral hatte nämlich aus weiter Ferne den Kaiſer erkannt, wie dieſer in Begleitung ſei⸗ nes Marinegeneralſtabes das Meeresufer entlang ſchritt. „Bonaparte iſt in Boulogne, meine Herren Kapitains,“ rief Nelſon,„verſuchen wir es, ihm 23 zum Trotz, ſeine Flotte in den Hafen zurückzuwerfen und zu verbrennen.“ Die engliſche Eskadre ſetzt ſich ſogleich in Bewe⸗ gung, man kommt der franzöſiſchen Küſte immer näher, und bald entſpinnt ſich ein lebhaftes Gefecht zwiſchen den beiden Flotten. Die ganze Küſte hüllt ſich wie⸗ der in Rauch und Flammen, denn ſämmtliche Küſten⸗ batterien beginnen zu feuern. „Mein Pferd, mein Pferd,“ ruft Napoleon zu ſeinen Adjutanten,„eilen Sie, fliegen Sie, meine Herren.“ Der General Rapp läuft in die Pferdeſtälle, unglücklicherweiſe iſt aber der erſte Stallmeiſter nicht zugegen; der anweſende Stallknecht wirft dem Pferde des Kaiſers den nicht gewöhnlichen Zaum um, das Thier beginnt zu bäumen und endigt damit, den Kaiſer in den Sand zu werfen. Dieſer erhebt ſich jedoch ſchnell wieder, verſetzt dem Thiere einen Hieb mit der Reitgerte und ſpricht ruhig zu ſeiner Umgebung: „Wohlan, ſo gehe ich zu Fuß! Meine Herren, folgen Sie mir.“ Sogleich ſteigen die Adjutanten auch ihrerſeits von den Pferden, und begleiten Napoleon, der mitten durchs Lager hindurch ſchreitet, wo Alles auf den Füßen iſt, um den ſo unerwarteten Seekampf vom Ufer mit anzuſehen. Der Admiral Bruir eilt mit einem Theile ſeines Generalſtabs dem Kaiſer entgegen. Die Tod und Verderben ſpeiende engliſche Flotte kommt immer näher. Alle Hafenbatterien antworten mit furchtbarem Feuer. Jede Kanone thut in der Minute drei Schüſſe. Da beginnen plötzlich auch die fünfhundert Geſchütze der franzöſiſchen Kanonierböte zu donnern, ſo daß Luft und Erde zu beben beginnt, 2 4½ und man bald ſeine eignen Worte nicht mehr zu ver⸗ nehmen im Stande iſt. Da der Wind vom Meere her weht, ſo iſt bald die ganze franzöſiſche Küſte mit einer undurchdringlichen Wolke von Rauch und Flam⸗ men verhüllt. „Ich ſehe durchaus nichts,“ ſagte Napoleon, der im Pulverdampfe am Ufer auf und ab wandelte, und nach allen Richtungen umherſchaute,„treten wir näher!“ Nur von dem Admirale und einigen ſeiner Offi⸗ ziere begleitet, ſtieg er in einem Nachen, welchen ge⸗ ſchickte Ruderer führten, und trotz des hohen Wellen⸗ ſchlages ſchiffte er durch tauſend Gefahren, und un⸗ ter einem ſich nach allen Richtungen durchkreuzenden Kugelregen nach der Sperrlinie, die er in ihrer gan⸗ zen Länge befuhr. Vor dem Fort Tour⸗de⸗Croi angekommen, ſagt er zu Bruix: „Admiral, wir müſſen das Fort verdoppeln!“ Bruix, ſchon erſchrocken über die Gefahr, wel⸗ cher ſich der Kaiſer ausſetzt, und neue unnütze Gefahren vorausſehend, ſtellt ihm in den ehrfurchtsvollſten Aus⸗ drücken die Größe des Wagniſſes und die Unzweck⸗ mäßigkeit eines ſolchen Manövers vor. Der Kaiſer ſchien wenig auf die Worte des Admirals zu achten, und rief den Matroſen zu: „Grade aus, ſage ich Euch!“ „Sire,“ fuhr Bruix fort,„was werden wir durch eine Verſtärkung des Forts gewinnen? Nichts als Kugeln.“ „Dies wäre ſchon etwas,“ meinte trocken der Kai⸗ ſer,„Herr Admiral, die Kugeln ſind nur für die⸗ jenigen, welche ſich vor ihnen fürchten.“ „Aber ich kann Ew. Majeſtät verſichern,“ wen⸗ dete Bruix ein,„daß wir durch eine Wendung des 25 Forts viel ſchneller zum Zwecke kommen, als wenn wir daſſelbe verdoppeln.“ „Soldaten von der Marine, Ihr fahrt in dieſer Richtung,“ befiehlt der Kaiſer, mit der Hand den Weg bezeichnend. Der Admiral erkennend, daß man hier dem Un⸗ tergange entgegen eile, gab der Mannſchaft durch ein verſtohlenes Zeichen einen Gegenbefehl. „Seeſoldaten meiner Garde,“ donnert jetzt Napoleon, der das Zeichen bemerkt hat,„gehorcht Eurem Kaiſer!“ Soldaten der Garde⸗Marine, ich verbiete es Euch!“ ſchrie Bruix dazwiſchen, indem er über ſeinem Haupte den Marſchallſtab ſchwang;„hier bin ich auf meinem Gebiete; die Seeſoldaten gehören mir! Nur von mir haben ſie Befehl zu empfangen. Noch einmal, Matroſen der Garde, gehorcht Eurem Admiral!“ Dieſe wiſſen im erſten Augenblicke nicht, welchem der beiden gewaltigen Gebieter ſie Gehör geben ſol⸗ len. Bruix, der dieſe Unſchlüſſigkeit bemerkt, geräth in den äußerſten Zorn. „Sofort,“ ruft er mit verſtärkter Stimme,„in dieſer Richtung!“ er bezeichnet ſie mit ſeinem Stabe; „Alle ein Tempo; der Erſte, der ſeine Ruder ſenkt, wird als Verräther erſchoſſen.“ Wie der ſchnelle Fiſch dem Rachen des furchtba⸗ ren Hay's entflieht, ſo wendet ſich jetzt plötzlich das kleine Kahn und ſchlägt die vom Admiral bezeichnete Bahn ein, ſo daß man bald das feuerſpeiende Fort de Croi im Rücken hat. Napoleon, die Arme über die Bruſt gekreuzt, hat dem kühnen Admiral den Rücken zugekehrt und ſtarrt unbemeglich in's Meer hinaus. 26 Kaum hat der Nachen einige Klaftern zurückge⸗ legt, als ein zur Verſtärkung des Fort de Croi be⸗ ſtimmtes Munitionsfahrzeug auf derſelben Stelle, welche er ſo eben verlaſſen, von den feindlichen Ku⸗ geln zertrümmert und in den Grund gebohrt wird. Seine Flagge ragt noch einige Augenblicke über der Oberfläche des Meeres empor; bald verſchwindet auch dieſe, und nur der kreisförmige Wellenſchlag be⸗ zeichnet noch das dunkle Grab des untergegangenen Schiffes. „Haben Sie bemerkt, Sire,“ ſpricht Bruix, auf die kräuſelnden Wellen zeigend,„dies wäre unſer Geſchick geweſen.“ Der Kaiſer erwiederte kein Wort. Der energiſche Widerſtand des Admirals, an welchen er nicht gewöhnt war, hat ihn tief verletzt. In dem Nebenhafen ſtieg er an's Land, ohne Bruix eines Blickes zu würdi⸗ gen, welcher mit entblößtem Haupte behülflich beim Ausſteigen iſt. Den feſten Boden wieder unter ſei⸗ nen Füßen fühlend, ſtampfte er mit Lebhaftigkeit auf die Erde.* „Jetzt erkenne ich mich wieder,“ rieß er, dies iſt mein Element.“ Er wendete ſeine Schritte nach einer der zunächſt gelegenen Küſtenbatterien, die aus lauter Vierund⸗ zwanzigpfündern beſtand, und den Namen Batterie von Marengo führte. „Muthig meine Freunde,“ rief er den Bedienungs⸗ mannſchaften, lauter Seeartilleriſten, zu,„nehmt die Richtung des Schuſſes recht ſicher; aber übereilt Euch nicht; es iſt noch früh am Tage.“ Rittelſt ſeines Fernrohrs betrachtete er nun den Widerſtand des engliſchen Admiralſchiffes. 27 „Halten Sie die Artillerie auf jenem Schiffe für Engländer?“ frug er einen jungen Artillerielieutenant. Dieſer bejahte die Frage. In demſelben Augen⸗ blick flog eine Kugel von dem feindlichen Schiffe in der Höhe von zehn Fuß über des Kaiſers Kopf da⸗ hin und wühlte ſich unter furchtbarem Brauſen zwei⸗ hundert Schritte hinter Napoleon in das Erdreich. „Nein,“ rief der Kaiſer, der der Richtung der Kugel gefolgt war,„dieſe Artilleriſten ſind keine Engländer.“ Während dieſer Worte bemerkte er einen Kano⸗ nier, der ſein Geſchütz mit außerordentlicher Energie bediente. Er erkannte in ihm einen alten Bekannten aus Aegypten. Der Kanonier, durch die Gegenwart des Kaiſers befeuert, hatte ſein Geſchütz mit Blitzesſchnelle wieder geladen, und mittelſt der Richtmaſchine gerichtet; er reinigte ſodann den Wiſcher in einem kleinen zu die⸗ ſem Zwecke beſtimmten Waſſereimer, und ſprang raſch wieder an ſeinen Platz Nummer 1, rechts neben der Mündung. „Bravo,“ ſprach Napoleon, indem er näher trat, und dem Kanonier auf die Achſel klopfte,„ſo iſt's recht, mein Alter, ich ſehe, daß Du Deine Sache gelernt haſt.“ Der Artilleriſt drehte ſich um, und reichte dem Kaiſer, wie einem alten Bekannten, die Hand. „Ah, Sie ſind es, Sire,“ ſprach er,„wie befin⸗ den ſich Ew. Majeſtät?“ „Sehr gut,“ erwiederte der Kaiſer,„und Du, Du biſt beſchäftigt, wie ich ſehe?“ „Allerdings,“ verſetzte der alte Krieger,„dieſer Backopfen hier macht etwas warm; doch werden wir die da unten ſchon abkochen.“ 28 In dieſem Augenblick ward das Geſchütz abge⸗ feuert, und die Flagge einer engliſchen Brigg fiel zerſchmettert auf das Takelwerk nieder. „Rapp,“ ſagte Napoleon zu ſeinen Adjutan⸗ ten gewendet, und den geſchickten Artilleriſten mit dem Finger bezeichnend,„gieb doch dieſem braven Manne da zwanzig Franken.“ Rapp hatte nur einen Doppellouisdo'r bei ſich, den er dem Kaiſer gab. „Achtung,“ rief Napoleon, indem er ſich zu den andern Artilleriſten hinwandte,„wer hat Luſt, zwanzig Franken zu gewinnen, ſie auf meine Geſund⸗ heit zu vertrinken? Seht, wie dort jene Fregatte vor⸗ rücken will.“ „Ich, ich,“ ſchrie der alte Aegyptier,„die Reihe iſt wieder an mir.“ „Wenn Du jener Fregatte,“ ſprach der Kaiſer, „die wirklich Miene macht, ſich mit Dir necken zu wollen, einen Denkzettel anhängſt, ſo gebe ich Dir vierzig Franken.“ „Dann iſt es ſchon ſo gut, als wären ſie in meiner Taſche,“ lachte der Seeartilleriſt. „Oh, oh, Du haſt ſie noch nicht,“ meinte Na⸗ poleon,„Du wirſt wohl viel zu ungeſchickt ſein.“ „Der Maſt ſoll ſogleich auf dem Bugſpriet den Hals brechen,“ rief jener;„ein wenig raſch, Ihr An⸗ dern, Achtung, meine Herren!“ Im Augenblick war das Geſchütz wieder geladen; die Bedienungsmannſchaft ſtand wieder an ihrem Platze, nur der Veteran richtete noch. „Nun mein Püppchen, Täubchen,“ ſprach er ſchmeichelnd zu ſeinem Vierundzwanzigpfünder,„triff mir ja.“ Nummer 3. gab Feuer, das Geſchütz entlud ſich 29 und die Kugel zerſplitterte den großen Maſt der feind⸗ lichen Fregatte. Vor Freude machte der Zieler einen Satz über die Laffette und rief:„Hurrah, vive l'empereur!“ „Bravo,“ lobte der Kaiſer mit den Händen klat⸗ ſchend,„Rapp, gieb doch dieſem Bruder Luſtig ſtatt vierzig, jetzt hundert Franken.“ „Sire,“ entſchuldigte ſich der Adjutant, und machte ein Zeichen, daß er kein Geld mehr bei ſich habe. „Kein Geld?“ fragte der Kaiſer;„da habe ich wohl welches bei mir.“ Mit dieſen Worten durchſuchte er alle ſeine Ta⸗ ſchen, fand aber Nichts. „Warum haben Sie auch kein Wort geſagt, Rapp,“ brummte Napoleon,„als wir zu Hauſe weggingen?“ „Ah,“ ſprach gutmüthig der Kanonier,„ſeien Sie auf den braven General deshalb nicht böſe; ich cre⸗ ditire Ew. Majeſtät ſchon.“ „Da haſt Du,“ ſagte raſch Napoleon, dem glücklichen Schützen ſeine goldne Tabatiere hinhaltend, das Einzige, was er in ſeinen Taſchen gefunden hatte. Der Artilleriſt wagte nicht, ſeine Hand darnach auszuſtrecken. „Na, ſo nimm ſie doch,“ lachte der Kaiſer,„aber nimm ſie hübſch in Acht und laß ſie Dir bei Leibe nicht von den Engländern nehmen.“ „Mir nehmen? Mir?... von den da unten?“ rief der Alte, die Doſe mit der Hand feſt zuſammen drückend;„eher freß ich ſie, und wäre ſie glühender wie meine kleinen Hühnecken, die den da unten das Waſſer abkochen. Mir nehmen—.... heh! heh. 30 „Wie Du auch gleich wieder heftig wirſt,“ ent⸗ gegnete Napoleon,„beruhige Dich, ich hoffe auch, daß es dahin nicht kommen wird.“ Hierauf wandte er ſich zu den übrigen Artilleriſten mit den Worten: „Fahret ſo fort, meine Freunde, und ich ſtehe Euch dafür, daß Ihr noch vor Ablauf des nächſten Jahres in London von dem alten, trefflichen Rum der Engländer auf meine Geſundheit trinken ſollt.“ Nicht weit von dieſer Batterie befand ſich eine Feldſchmiede und ein Roſt zum Glühendmachen der Kugeln. Napoleon begab ſich dahin. „Seht Ihr denn nicht,“ ſprach er zu denjenigen, welche mit dem Glühendmachen beſchäftigt waren, „daß Eure Kugeln noch nicht heiß genug ſind; ſie haben noch nicht die ſchöne helle Farbe. „Bürger General!“ rief ein alter Feldſchmied, welcher den Kaiſer noch aus der Belagerung von Tou⸗ lon her kannte und Sprache und Sitte jener Zeit tren bewahrt hatte, indem er Napoleon eine glü⸗ hende Kugel hinhielt,„nicht wahr, die ſieht aus, wie eine von den Pflaumen, die wir zur Zeit des braven Dugommier in das Fort Mulgrave ſchickten?“ Bei dem Zurufe:„Bürger General,“ an welchen Napoleon ſchon lange nicht mehr gewöhnt war, blickte er etwas verwundert auf. „He, was gibt es?“ frug er, den Kopf empor⸗ werfend. „Hier, Bürger General,“ erwiederte die Baß⸗ ſtimme des Schmieds, und mit einer gewiſſen Unbe⸗ haglichkeit trat Napoleon zu dem Arbeiter, den er jetzt gleichfalls wiedererkannte. „Ah, ah,“ ſagte er mit erzwungenem Lächeln, „biſt Du es? Noch immer die alten Gewohnheiten? 31 Es hat ſich ſeit damals Vieles verändert; nur Du ſcheinſt der Alte geblieben zu ſein.“ „Pardon, Bürger General, ich habe mit der Gar⸗ niſon und den Arſenalen verdammt oft gewechſelt—“ „Aber dieſe Kugel,“ unterbrach ihn der Kaiſer, „iſt ja noch lange nicht glühend genug. Deine Ku⸗ gel muß rundum Funken ſprühen wie kleine Sterne. Alle Wetter, das ſollteſt Du längſt wiſſen, aber Du wirſt in Deinem Leben Nichts begreifen lernen.“ Bevor er dieſe Feldſchmiede verlies, gab er Be⸗ fehl, daß man eine doppelte Ration Wein und Rum an die Arbeiter austheile und den alten republikani⸗ ſchen Schmied befahl er eine kleine Belohnung aus⸗ zuzahlen. Der Abend brach allmälig herein, die Seeſchlacht währte ununterbrochen; aber je dunkler der Himmel ward, deſto leuchtender flammten die ſaußenden Bom⸗ ben und Granaten. Es war das furchtbarſte und großartigſte Schauſpiel, das man haben konnte. Der ununterbrochene Donner der zahlloſen Batterien, das vertauſendfachte Echo von den Felſenwänden der Küſte, die goldnen Garben, die aller Orten aufſtiegen und verheerend niederfielen, es war, als ſei, Himmel, Erde und Meer mit einander im Kampfe begriffen. Gleichwohl hatten ſich die Bewohner von Boulogne an das furchtbare Schauſpiel, welches ſich oft wieder⸗ holte, ſo gewöhnt, daß ſie nicht im Geringſten da⸗ durch erſchreckt oder geſtört wurden. Mitten unter dem Donner der Geſchütze gingen ſie ruhig ihren Ge⸗ ſchäften nach; die Frauen beſorgten ihre Hauswirth⸗ ſchaft und die Mädchen koſ'ten mit ihren Liebhabern. Niemand ward durch den Gedanken beunruhigt, daß die Engländer die franzöſiſche Flotte durchbrechen und den Hafen von Boulogne erobern könnten. So groß war die Zuverſicht und das Vertrauen auf die An⸗ ordnungen des Kaiſers, zumal, da er in Perſon an⸗ weſend war. Der britiſche Admiral, nachdem er ſich abermals von der Fruchtloſigkeit überzeugt hatte, in den Hafen einzudringen, führte, nachdem der Kampf bis Abends Eilf Uhr gewährt hatte, ſein Geſchwader in die Hä⸗ fen von Margate und Deal zurück. Drittes Rapitel. alte Maillebois war mit ſeinen drei Söhnen in Boulogne ſür Mer wohlbehalten angelangt; aber noch immer hatte es ihm nicht gelingen wollen, eine glückliche Gelegenheit auszuſpähen, ſein kleines Frei⸗ korps dem Kaiſer vorzuſtellen. Dem Alten wie den drei Jünglingen ward aber trotz dem die Zeit im Lager keineswegs lang. Was gab es hier nicht Al⸗ les zu ſehen. Dieſer bunte Waffenglanz der zahllo⸗ ſen Bataillone und Schwadronen, dieſe donnernden und flammenden Batterien, dieſe gold⸗ und ſchmuck⸗ bedeckten Officiere, dieſe flatternden Fahnen und ſtatt⸗ lichen grünen Baraken, Trommelton und Trompeten⸗ geſchmetter, Roßgeſtampf; überall, wo man hinſah, nichts als Lebensluſt, Frohſinn und Heiterkeit. Wa⸗ ren das nicht noch zum größten Theil die Soldaten, welche das uralte graue Aegypten und zweimal den Himmelſaal Italien erobert hatten! Funkelten nicht bereits die Namen Arcole, Marengo und die Py⸗ ramidenſchlacht über ihren ſiegreichen Fahnen! — 33 Jetzt galt's, den alten Erbfeind Frankreichs zu be⸗ kämpfen, deſſen nebelvolle Küſten bei ſonnigem Him⸗ mel ziemlich deutlich zu erkennen waren. Maillebois war es bald gelungen, einen al⸗ ten Waffengefährten und Zeltkameraden aufzufinden. Dies war der herkuliſche Morland, Sergeant und Vortänzer bei den Grenadieren der Garde, einer je⸗ ner alten Grognards, die furchtbar auf dem Schlacht⸗ felde, außerdem fromm wie die Kinder ſind. Morland ließ ſich's ausnehmend angelegen ſein, ſeinem alten Kameraden und deſſen Söhnen die Merk⸗ würdigkeiten des Lagers zu zeigen. Er machte einen ſehr unterrichteten Cicerone, verſtand dabei die Kunſt, überall Erinnerungen aus ſeinem Kriegsleben einflie⸗ ßen zu laſſen, und zwar ſo, daß Maillebois ſelbſt wieder mit jung ward und die Jünglinge in dem Sergeanten bald einen Halbgott verehrten. Der In⸗ valid ward zuletzt ganz eiferſüchtig auf den außeror⸗ dentlichen Ruhm ſeines Freundes. „Verdammtes, krummbeiniges Mameluckenvolk,“ brummte er zu wiederholten Malen für ſich in den Bart,„konnte da üperall dabei ſei, hätten mich die Damaszener nicht Laduc gemacht; nun bin ich ein elender Gärtner, qnr nichtsnutziges Geſchöpf und werde vor Gram nächſtens in die Grube fahren. „Und wie ſteh' ich beim Kaiſer,“ fuhr Morland in leiſem und vertraulichem Tone fort,„ich ſage Dir, Du auf Du, nicht anders, wir kennen uns. Brauchte da neulich fünfhundert Franken, meine Alte hatte ge⸗ ſchrieben, lamentirte mir die Ohren voll, war durch einen nichtsnutzigen Krämer um fünfhundert Franken gekommen, der Ruin ſtand vor der Thür, ſchrieb an mich, was blieb mir übrig; hatte nicht fünfbundert Centimen im Sack; ich dachte, hier gilt's, Courage Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 3 . . 3⁴ du pumpſt ihn an. Geſagt gethan, er war eben von Paris gekommen, grande parade, und als er die Front entlang wandelt, trat ich vor.“„Was wün⸗ ſcheſt Du, mein Sohn?“ fragte er.„Sire;“ ant⸗ wortete ich,„meine Mutter, jene Frau, die mich ge⸗ boren hat, braucht fünfhundert Franken; ich ſelbſt habe ſie nicht, darum leihe ſie mir, binnen fünf Jah⸗ ren zahl' ich ſie zurück, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin.“ Seine Majeſtät nickte und ſprach:„Reich Dein Geſuch bei der Kriegskanzlei ein.“ Nichts iſt mir aber ſo zuwider, als viel Schreiberei, darum verſetzt' ich kurz angebunden:„Sire, wenn ein Ca⸗ merad den andern ereditiret, geht's aus der Hand in die Hand.“ Der Kaiſer ſchien das einzuſehen; er borgte ſich bei ſeinem eignen Generalſtabe die fünf⸗ hundert Franken zuſammen und gab ſie mir mit den Worten: Da, mein Braver.“ Ich zog hierauf mein Brevet als Gardiſt hervor und bot es dem Kaiſer als Pfand an.„Behalt' das nur,“ meinte er gut⸗ müthig,„das Geld iſt Dein, ich mag Nichts wieder haben.“ Dieſe Worte verdutzten mich, ſo eine re⸗ ſpectable Summe; ich legte alſo meine drei Finger an die Bärmütze und frug ernſthaft:„Sire, es ge⸗ nirt Dich doch nicht?“„Da mußte Seine Majeſtät laut lachen, knipp mich in die Ohren, daß ich hätte aufſchreien mögen, wenn ſich das für einen kaiſerli⸗ chen Gardiſten geſchickt hätte und ich hab' ihn lange nicht ſo wohlgelaunt geſehen. „Seht, ſo ſtehen wir mit einander,“ fuhr Mor⸗ land nach einer Pauſe nicht ohne Selbſtgefälligkeit fort,„wie geſagt, ganz intim, ein Herz und eine Seele.“ Dem Herrn Maillebois fiel bei dieſen Wor⸗ ten des Sergeanten ein großer Stein vom Herzen, e — 2. 35 Trotz ſeiner ehemaligen Cordialität mit dem Bürger⸗ general Bonaparte fühlte er ſich doch, wenn er jetzt an den Kaiſer der Franzoſen dachte, ein wenig be⸗ fangen und die Freundſchaft Morland's zu Seiner Majeſtät kam ihm daher recht erwünſcht. „Da kannſt Du mir einen wahrhaften Freund⸗ ſchaftsdienſt erweiſen, Sergeant,“ begann er nach einigem Nachſinnen. „Fordere Tauſend,“ ſprach Morland. „Ich habe Seiner Majeſtät ein Gelübde zu löſen,“ fuhr Maillebois fort,„noch aus Aegypten her; aber ich laufe bereits drei Tage im Lager umher und immer hat ſich's noch nicht ſchicken wollen, des Kai⸗ ſers anſichtig zu werden und ihn ſprechen zu können.“ „Das machen die immenſen Arbeiten im Cabinet,“ belehrte Morland,„ich hab' ihn ſelbſt ſeit ehegeſtern mit keinem Auge geſehen; der bevorſtehende Unter⸗ gang der Rothröcke geht ihm im Kopfe herum, und wenn er auf Etwas verſeſſen iſt, kommt er wenig in's Freie und unter die Leute und ealculirt in Ei⸗ nem fort. Aber was iſt's mit dem Gelübde, ich glaubte, Du wäreſt nur in's Lager gekommen, um Deine alten Cameraden zu umarmen?“ „Meine drei Jungen hier habe ich dem Kaiſer zu ſtellen verſprochen, ſo bald ſie flügge geworden. Nun die Zeit iſt gekommen, da ſind die Bengel.“ „Was ſoll der Kaiſer damit?“ frug der Sergeant der Garde⸗Grenadiere. „Welche Frage,“ brummte Maillebois,„Sol⸗ daten ſollen ſie werden.“ „Alle Drei?“ „Alle Drei!“ „Aber der Napoleon iſt ja noch ein Knirps,“ lachte Morland,„was ſoll's mit dem?“ 3* 36 „Der wird Kanonier,“ ſprach Maillebois. „Ja wohl, Kanonier,“ verſetzte der kleine Napo⸗ leon beherzt, welcher ſich durch die Worte des Ser⸗ geanten nicht wenig verletzt fühlte,„ich will die ro⸗ then Engländer ſchon auf's Korn nehmen.“ „Ein drolliges Kerlchen,“ ſchmunzelte Morland, ſich den knabenhaften Jüngling mit Wohlgefallen be⸗ trachtend,„nicht ohne Mundwerk; wird Seiner Ma⸗ jeſtät gefallen, ich wette.“ „Sind alle drei brave Jungen,“ ſprach Maille⸗ bois,„ächt franzöſiſch Blut, werden weder mir noch dem Kaiſer Schande machen.“ Der junge ſchöne Armand, deſſen höhere wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung, die er vor ſeinen Brüdern vor⸗ aus hatte, ſich in ſeinem ganzen Weſen und Beneh⸗ men ausſprach, wollte Herrn Morland weniger ge⸗ fallen.. „Monſieur Armand,“ ſprach er,„ſcheint nicht ohne Hoffart; er glanbt, weil er in den Scharteken umhergeguckt, Etwas voraus zu haben; das gilt aber hier nichts, ganz und gar nichts.“ „Ei, mein Herr Sergeant der Garde⸗Grenadiere,“ erwiederte Armand, ohne im Geringſten die Faſſung zu verlieren,„wie könnt Ihr einen jungen Franzoſen der Hoffart zeihen, wenn er vor einem Beſieger Ae⸗ gyptens und Italiens, einem Träger des Ruhmes von Frankreich und einem Freunde des Kaiſers Na⸗ poleon's ſteht?“ Morland, dem dieſe Worte recht wohl behagten, raunte ſeinem alten Freunde in's Ohr:„Da hörſt Du, der hat's ſtudirt, wie er die Worte zu ſetzen weiß; es mag ein ganz braver Junge ſein, aber ich hab' einmul eine Pique gegen das gelehrte Weſen.“ Darauf wandte er ſich wieder zu Armand und 37 ihm die Hand hinreichend ſprach er:„Wohlan, mein Herr Gelehrter, nichts für ungut, ſchlagt ein, wir wollen gute Freunde ſein.“ „Topp,“ rief der Jüngling einſchlagend,„jetzt erſt möchte ich hoffärtig werden. Und wenn Ihr mit dem Kaiſer ſprecht, ſo ſetzt ihm nicht etwa einen Floh in's Ohr von wegen des Gelehrten, auf wel⸗ chem Titel ich gar keinen Anſpruch mache und machen kann, ſondern handelt als Freund.“ „Straf mich Gott,“ ſchwur hier der alte Gar⸗ diſt, der jetzt gänzlich beſiegt war, und dem das Herz immer auf der Zunge war,„was ich thun kann bei Seiner Majeſtät oder ſonſt wo, iſt ſo gut wie ge⸗ ſchehen, abgemacht, kein Wort weiter.“ Die Blicke des Veteranen fielen jetzt auf den ehr⸗ lichen Guiſeppe, der zeither augenſcheinlich vernach⸗ läſſigt, beſcheiden im Hintergrunde geſtanden hatte. „Aber was ich Euch noch ſagen muß,“ fuhr Mor⸗ land, der einmal, im Zuge war, fort,„Freund Ar⸗ mand und der kleine Nap da nehmen mir's nicht übel, wie lieb ich Euch zwei habe, ſo iſt mir hier die ehrliche Haut, der Guiſeppe doch der liebſte; und wißt Ihr auch warum? Weil es ganz der leib⸗ haftige Alte iſt, wie ich ihn vor zwanzig Jahren ge⸗ kannt habe. Weißt Du noch, Ziergärtner, Anno Dreiundachtzig, wo der famoſe Wein kochte, wo wir liebten und tranken, daß es eine Luſt war? Der ſechzehnte Ludwig mit der ſchönen Antoinette ſaßen noch oben drauf und ließen ſich's wohl ſein in den ſchattenreichen Laubgängen von Verſailles. Teu⸗ fel, wie ſich das Alles verändert hat. Aber wie ge⸗ ſagt, Du, Guiſeppe, biſt der leibhaftige Alte; ac⸗ curat ſo ein Burſche war's, als ich und er der blon⸗ den Louiſon, der ſiebzehnjährigen Winzerin von 38 Moulins, den Hof machten und zwar mit Beharrlich⸗ keit und Induſtrie, ſo daß wir einander bald ſelbſt einmal in die Haare gerathen wären.“ „Es waren ſchöne Zeiten,“ ſeufzte Maillebois in Erinnerung verſunken. „Damals ſchon,“ fuhr der geſprächige Morland fort,„als wir noch Blumen ſuchten für die ſchöne Louiſon, war's unter den Mützen nicht richtig. Es gab ſchon verteufelt naſeweiſe Reden gegen die Platt⸗ mützen und die hochadeligen Herren; aber nach ein paar Jahren erſt ging der Teufel los. Weißt Du noch, Jaques, wie an Einem Abende die drei präch⸗ tigen Schlöſſer unſrer Heimath zum Himmel loder⸗ ten? Wir brateten uns am nächſten Morgen noch Kar⸗ toffeln in der Aſche.“ „Man hat was erlebt,“ geſtand Maillebvis. „Und wie dann Alles darunter und darüber ging,“ erzählte der Grenadier weiter,„wo die Köpfe fielen wie die Aepfel im Herbſte; und wie einigemal unſer Dorfbach ganz roth floß von Pfaffen⸗ und Ariſtokra⸗ tenblute.“ „Es war unſer Glück, daß wir unter die Solda⸗ ten gingen,“ meinte der Ziergärtner,„der Wohlfahrts⸗ ausſchuß hatte bereits ſo viel geköpft, daß das ver⸗ fluchte Meſſer von uns gar nicht weit entfernt war.“ „Aber trotz der Guillotine,“ fuhr Morland fort,„ward keine Ordnung im Lande, bis der kleine Korporal kam mit ſeinen Kanonen.“ „Ich werde dieſe Zeiten nie vergeſſen,“ ſprach Maillebvis. „Dann ging's nach Italien,“ rief der Sergeant begeiſtert,„baarfuß, ſchlotternd, mit knurrendem Ma⸗ gen. Der Bonaparte führte uns. Wie ſprach er gleich, als die lachenden Fluren der Lombardei vor 39 uns aufſtiegen. Er wußte immer das rechte Wort. Ja, da hab' ich's.„Soldaten,“ rief er,„Ihr ſeid nackt und hungrig. Die Regierung verdankt Euch viel, aber ſie kann Euch nichts geben. Ich will Euch in die fruchtbarſten Ebenen der Welt führen. Reiche Provinzen, große Städte ſollen in Eure Gewalt fal⸗ len. Da werdet Ihr Ehre, Ruhm und Reichthum finden. Soldaten, ſollte es Euch an Muth oder Aus⸗ dauer fehlen?“ Dann kaum nach Frankreich zurück, litt's ihn nicht, und es ging nach dem Morgenlande. Huſch war er über's Meer und jagte die Mamelucken zu allen Teufeln. „Die verdammten Krummbeine mit ihren Damas⸗ zenern,“ fluchte Maillebvis. „Aber ſeit Bonaparte in Aegypten,“ erzählte Morland weiter,„ging's in Frankreich wieder kun⸗ terbunt durcheinander. Natürlich, er konnte nicht überall ſein; doch als es ihm zu toll ward, huſch war er wie⸗ der da und jagte das elende Directorium auf und davon, wie die Mamelucken. Von jetzt erſt ward Ord⸗ nung im Lande und iſt es geblieben bis auf den heu⸗ tigen Tag. Kaum aber hatte der erſte Conſul die Ruhe hergeſtellt, fing der Oeſtreicher an. Da gings denn den geraden Weg, ohne Weiteres über die Alpen.“ „Aber Ihr Kinder,“ fuhr Morland fort,„das läßt ſich nicht ſo mit trockner Zunge erzählen. Komm mein Alter, kommt meine Jungen, wir wollen ein Wenig zu Brody gehen, dem bemalten Weinfaſſe, ſein Dreiundachtziger iſt probat, Ihr ſeid meine Gäſte und findet lauter anſtändige Geſellſchaft; nur die Garde kehrt bei Brody ein, die alten Grognards, die man⸗ chen Mameluckenſchädel auf ihrem Gewiſſen haben; morgen werde ich übrigens meine Connaiſanzen zu 40 Hülfe rufen, um Euch einen gnädigen Empfang bei Seiner Majeſtät zu bereiten.“ „Aprospos, Guiſeppe,“ ſprach er zu dieſem,„ich werde ſorgen, daß Du in die Friand'ſche Diviſion kommſt; das iſt die glänzendſte der Armee, da kannſt Du eine Carriere machen, ſo Du es einigermaßen brav anfängſt und nicht todtgeſchoſſen wirſt, was ich nicht befürchte.“ „Nein, mein Herr Sergeant,“ antwortete Gui⸗ ſeppe,„ich gehe auf's Meer.“ „Aufs Meer?!“ frug Morland. „Jawohl, mein Herr Sergeant,“ ſprach der Jüng— ling,„man iſt da den Engländern am Nächſten.“ „Bah,“ verſetzte der Veteran der Garde,„das iſt ein thörichter Gedanke, den Du da haſt Guiſeppe; das Meer hat keine Balken, bedenke das.“ „Aber die Seeleute gefallen mir,“ meinte Gui⸗ ſeppe,„ſie ſind ſo offen und geradherzig.“ „Sage lieber grob, mein Sohn,“ ſprach Mor⸗ land,„ſie wiſſen nichts von Politur und den höhern Convenienzen der Geſellſchaft; und da iſt einer wie der andere, vom Schiffsjungen bis hinauf zum Ad⸗ miral. Wie hat der wieder dieſe Tage mit Seiner Majeſtät geſprochen, als der Kaiſer während des jüng⸗ ſten Seegefechts unſre Linien recognoscirte. Es iſt himmelſchreiend, was ſich dieſe Waſſerratten heraus⸗ nehmen. Nein, Guiſeppe, ſchlag Dir dieſe Idee aus dem Kopfe. Was iſt auch auf dem falſchen Ele⸗ mente für Ruhm zu holen, und wäre man ein Ro⸗ land oder Bayard. Eh' man ſich's verſieht, haben die Rothröcke das Schiff ſo zugedeckt und mit Kugeln angebohrt, daß es mit Mann und Maus in den Grund fährt; wir haben Beiſpiele. „Du kannſt ſchon einmal eine Seeaffaire mitma⸗ 4¹ chen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„das 3ö6ſte, 57 ſte der Linie und das 1ote Leichte haben ſich dieſe Tage gegen den Nelſon außerordentlich brav gehal⸗ ten, und ſind dermaßen vom kleinen Corporal in den Himmel erhoben worden, daß ein rechtſchaffener Gar⸗ diſt ordentlich eiferſüchtig werden möchte, wenn ſich ſo was ſchickte; aber für immer auf den ſchwimmen⸗ den Nußſchaalen, das iſt nichts, da muß man über kurz oder lang caput gehen. Das iſt unſer Element,“ er ſtampfte dabei energiſch auf die Erde;„Guiſeppe, ſchlag! Dir Deine thörichten Ideen aus dem Kopfe.“ Unter dieſen und ähnlichen Rathſchlägen und Ge⸗ ſprächen war der Sergeant der Garde⸗Grenadiere in der Reſtauration des Herrn Brody angelangt. Man trat in das geräumige Gaſtzimmer. Hier war's ſchon ziemlich voll. Mehre Tiſche waren von der alten Garde beſetzt, während an andern eine ziemliche An⸗ zahl Linienſoldaten Platz genommen hatte. An eini⸗ gen andern Tiſchen becherten junge Leute aus Bou⸗ logne, Maler, Künſtler und Studenten, die ihre Fe⸗ rienzeit in der Heimath verbrachten. Als Morland die jungen Soldaten von der Li⸗ nie erſchaute, zogen ſich ſeine Augenbrauen etwas finſter zuſammen und er frug einen ihm entgegenkom⸗ menden Grenadier der Garde:„Was wollen dieſe jun⸗ gen Relintintins von Conſeribirten hier?“ „Laß es gut ſein,“ beruhigte der Gardiſt,„ſie ſind vom braven ſechs und dreißigſten und ſiebenund⸗ funfzigſten Regimente, haben ſich dieſe Tage ſuperbe gegen Nelſon geſchlagen und wahrhaft mit Ruhm bedeckt.“ „Das iſt was Andres,“ ſprach Morland, ſich den barbariſchen Schnauzbart ſtreichend, und nahm mit ſeinen Gäſten an den Tiſchen der Garde Platz⸗ Der Ziergärtner ſaß im dritten Himmel; er hatte unter den Gardiſten mehre alte Kameraden aus Aegypten und Italien herausgefunden. Die Gläſer klangen tapfer an einander. Man erging ſich in den alten blutigen und goldenen Erinnerungen, welche durch den duftigen Dreiundachtziger, den Freund Brody vorgeſetzt hatte, noch mehr verklärt wurden. An den andern Tiſchen, wo die Soldaten der Linie und die jungen Leute ſaßen, ging es nicht min⸗ der lebhaft zu. Plötzlich erhob ſich ein Soldat der Linie, ergriff ſein Glas und rief: „Es leben die Veteranen der Rheinarmee, von Aegypten und Italien! Es lebe die alte Garde, der Ruhm Frankreichs, welche jedem Soldaten ſtets zum Muſter und Nacheiferung dienen wird!“ „Gehorſamer Diener,“ brummte Morland, und eeiner der alten Grognards lies das tapfere ſechsund⸗ dreißigſte und ſiebenundfunfzigſte Regiment leben. Die Unterhaltung ward immer geräuſchvoller. Bei den Siegen Italiens befand man ſich ſchon in ſehr aufgeregtem Zuſtande; bei Aegypten ward es ſtürmi⸗ ſcher. Da mit einem Male ſprang ein junger Maler aus dem Atelier des berühmten David weinglühend auf eine Bank. „Was da, Italien und Aegypten,“ rief er, ſein Glas in die Luft ſchwenkend,„es lebe Boulogne und vor allem das unſterbliche ſechsunddreißigſte und ſieben⸗ undfunfzigſte der Linie, welches dem Erbfeinde Frank⸗ reichs kühn die Stirn geboten und ihn energiſch zu⸗ rückgeſchlagen hat.“ Dieſer Tvaſt ward von den Linienſoldaten und den jungen Leuten aus Boulogne mit großem Enthu⸗ ſiasmus aufgenommen. Der Schreiber eines Notars zog jetzt ein Papier aus der Taſche und improviſirte 43 den Text zu einem Liede, in welchem die Linie zum Himmel erhoben wurde, während der alten Garde mit keinem Wörtchen Erwähnung geſchah. Im Anfang hörten die alten Grognards ruhig zu; als aber der Singſang gar kein Ende nehmen wollte und der Schreiber immer neue Verſe zur Ver⸗ herrlichung der Linie zum Vorſchein brachte, ward es den Bärmützen zu arg. Die Rieſengeſtalt Mor⸗ land's, dem es längſt im Innern gekocht hatte, er⸗ hob ſich, ſtampfte ſein Glas auf den Tiſch, daß es in viele Stück zerſprang, ſtrich ſich den Bart und ſprach in phlegmatiſchem Tone: „Genug der Romanzen von dieſer Nummer da! Dieſe Manier ſich den alten Schnurrbärten gegenüber zu betragen, ſchickt ſich nicht für die jungen Pekins und Relintintins von Conſcribirten. Fort mit dieſen Quintaner⸗Gedichten! Dieſer Scandal kann nicht län⸗ ger fortdauern.“ Bei dieſen Worten waren die Blicke des Gardi⸗ ſten unverwandt auf die Soldaten der Linie gerichtet. Zugleich legte er ſeine Hand mechaniſch an die Sä⸗ belſcheide, die er als Abzeichen ſeiner Würde an ſeiner Seite trug. Der Streit war fertig. Man erhob ſich von allen Seiten, Drohungen wurden vernehmbar; doch geſchah Alles ohne viel Lärmen, da man fürchtete, es könnte ſonſt leicht ein wachthabender Offizier herbeigezogen werden. Die Scene endete damit, daß man für den nächſten Morgen unmittelbar nach dem Appel, in den Umgebungen von Marquiſe, einem kleinen freund⸗ lichen, ungefähr anderthalb franzöſiſche Meilen von Bou⸗ logne gelegenen Dorfe ein Rendezvvus verabredete. Nach dieſer Ausforderung war die Ruhe wieder vollkommen hergeſtellt. Man ſetzte ſich an die alten v. 44 Plätze und trank ſo unbefangen weiter, als ob nicht das Geringſte vorgefallen wäre. Nur Maillebois konnte ſich lange nicht beruhigen und murmelte dem Morland in's Ohr:„Mein halbes Leben gäbe ich darum, könnt' ich morgen mit hinausziehen. Es muß eine Wonne ſein, dieſe jungen Naſeweiſe dutzendweiſe zuſammenzufuchteln.“ Am andern Morgen begaben ſich zweihundert Gre⸗ nadiere der Garde einzeln und verſtohlen nach Mar⸗ quiſe, wo ſich eben ſo viel Soldaten der Linie nebſt einigen der jungen Leute, die durch ihr Lied haupt⸗ ſächlich die Veranlaſſer des Streites geweſen waren, einfanden. Ohne weitere Erörterungen, Beſchuldigungen oder Vorwürfe, ohne allen Lärm ging man ſogleich an's Werk. Jeder wählt ſich ſeinen Mann, zieht die Uni⸗ form aus, ſtreift die Hemdärmel auf und der Kampf beginnt mit dem Säbel in der Hand. Bereits eine Stunde lang ſchlägt man ſich mit einer Wuth, welche das überall beobachtete Still⸗ ſchweigen nur um ſo gefährlicher macht. Morland allein hat ſchon ſieben Soldaten vom ſechsunddreißig⸗ ſten Regimente und einem der jungen Leute getödtet, als der Marſchall Soult, der Commandeur des La⸗ gers von Boulogne, Nachricht von dem außerordent⸗ lichen Vorfalle erhält. Er ſchickt ſogleich den Obri⸗ ſten Laſalle mit einer Schwadron vom ſechſten Hu⸗ ſarenregimente nach dem Kampfplatze. Die Huſaren ſuchen die Kämpfenden auseinander zu treiben, aber vergebens, man ſchlägt ſich mit einer Erbitterung, die ihres Gleichen nicht kennt. Da die Huſaren nichts ausrichten, trabt nach kurzem Zeitraum eine Schwa⸗ dron von Kellermann's Kuiraſſieren heran. Dieſe vereinigen ſich mit den Huſaren und nun erfolgen 45 förmliche Kavallerieangriffe. Man muß die Kämpfen⸗ den im vollſten Sinne des Worts auseinander hauen. Die Garde hatte bereits zwölf Mann, die Linie einige zwanzig Mann verloren. Die Zahl der Ver⸗ wundeten war auf beiden Seiten ziemlich gleich. Dem Marſchall Davvuſt ward das ſchwere Amt, den Kaiſer von der tragiſchen Begebenheit in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Napoleon zeigte ſich indeß mehr be⸗ trübt als entriüſtet. „Ich werde,“ ſprach er, nachdem er ſchweigend die Kunde empfangen,„meine Grenadiere auf eine Art beſtrafen, die ſie nicht ſo leicht vergeſſen ſollen.“ Der Marſchall, welchen es hauptſächlich um die Garde leid that, machte dem Kaiſer bemerklich, daß die Linie nicht minder ſtrafbar ſei. „Verzeihen Sie, mein Herr Marſchall,“ erwie⸗ derte Napoleon gereizt,„die Soldaten meiner Garde ſollen in Allem zum Muſter dienen und ſich am Aller— wenigſten wie Schüler betragen. Die Soldaten mei⸗ ner Garde durften ſich nicht durch einige verächtliche Verſe verletzt fühlen, welche in einer Kneipe von einigen Brauſeköpfen aus der Stadt, die allen mili⸗ täriſchen Gebräuchen fremd ſind, im Rauſche geſungen wurden. Ja, ich werde meine Grenadiere ſtreng be⸗ ſtrafen. Wenn man unter meiner Garde zu ſtehen die Ehre hat, ſo muß wan ſich über kleinliche Leiden⸗ ſchaften der Selbſtliebe erhaben fühlen.“ Davouſt, da er den Kaiſer ſo erzürnt ſab, glaubte, jetzt in allem Ernſte, derſelbe werde die Schuldigen vor ein Militairgericht ſtellen laſſen. Er gab daher Seiner Majeſtät zu bedenken, daß es ſich hier nicht weniger denn um vierhundert Mann handle. „Mein Herr Marſchall,“ verſetzte Napoleon, „es handelt ſich hier nicht um ein Polizeibureau oder 46 Kriegsgericht, da wäre das Mittel ſchlimmer als das uebel! Ich habe den Soldaten ſtudirt und kenne ſeine verwundbare Stelle. Dieſe werde ich zu tref⸗ fen wiſſen.“ Nachdem er einige Male im Gemache auf⸗ und abgeſchritten war, fuhr er im ſtrengen Tone fort: „Ertheilen Sie ſofort den Befehl, daß ſich meine Garden verſammeln und ſorgen Sie dafür, daß keiner von den Schuldigen bei dem Appel fehle.“ Der Marſchall entfernte ſich. „Wartet Ihr Herren Grenadiere,“ murmelte der Kaiſer für ſich;„Ihr habt Euch wie Schüler betra⸗ gen und als ſolche ſollt Ihr beſtraft werden.“ Wenige Minuten nach der Unterredung des Mar⸗ ſchalls mit dem Kaiſer wirbelten die Trommeln durch das Lager, und als Napoleon nach Verlauf einer halben Stunde erſchien, präſentirte die ganze Linie ſeiner Garde vor ihm das Gewehr. Die Acteurs der tragiſchen Scene ſtanden zehn Schritt vor dem erſten Gliede. Der Kaiſer hatte ſie alle unter den Augen. Er warf ihnen einen durch⸗ bohrenden Blick zu, dann ſprach er in kurzem, mar⸗ kirtem, abgebrochenem Tone: „Ich weiß, weshalb Ihr Euch dieſen Morgen geſchlagen habt. Mehr als dreißig meiner Braven ſind in einem Eurer und ihrer unwürdigen Kampfe gefallen! Ihr ſeid die Herausforderer geweſen.“ Hier ließ ſich ein dumpfes Murmeln vernehmen. „Ihr ſeid die Herausforderer geweſen,“ wiederholte der Kaiſer mit furchtbarer Stimme;„Ihr müßt beſtraft werden. Ganz Boulogne ſoll morgen Zeuge Eurer Strafe und, wie ich hoffe, Eurer Reue ſein. Entſetzlich! Kaltblütig ſeine Waffenbrüder hin⸗ zuwürgen, zu morden. — 47 „Commandant Gros,“ fuhr er zu dieſem Gene⸗ ral gewendet fort,„laſſen Sie dieſe Menſchen das Gewehr„über“ nehmen: heute ſind ſie nicht werth⸗ vor mir ihre Waffen zu präſentiren. Eigentlich ſollte ich ihr Panier mit ſchwarzem Flor umhüllen. Eilen Sie, Commandant Gros, laſſen Sie die Schuldigen in ihre Quartiere zurückkehren,— mor⸗ gen das Weitere.“ Napoleon winkte mit der Hand, die Colonnen ſetzten ſich in Bewegung. Als die Schuldigen bei ihm vorüberzogen und ſich die Fahne, wie gewöhnlich vor ihm ſenkte, wandte er ſein Geſicht abwärts. Dieſer Beweis von Geringſchätzung entging kei⸗ nem der alten Veteranen und traf wie Dolchſtich ihr Herz. Dahin war auch die Strafe des Kaiſers nur berechnet; am Herzen, am Gemüthe, wollte er ſeine Grenadiere, die in gewiſſen Dingen nur zu empfind⸗ lich waren, beſtrafen. An demſelben Abende noch ließ Napoleon die Verſe, welche alles Unglück veranlaßt, drucken, und die Exemplare in der Stadt zahlreich vertheilen. Eine Parthie überſandte er aber dem Oberſten Dor⸗ ſenne, mit dem Befehl, ſie allen denjenigen Grena⸗ dieren, welche ſich in Marquiſe geſchlagen, auf die Bruſt zur Seite des Aufſchlags ihrer Uniform an⸗ heften zu laſſen und die alſo Decorirten ihm vorzu⸗ führen. Welch ein Anblick! Dieſe alten, ſchlachtergrauten Veteranen mußten, das nichtswürdige Stück Papier auf der Bruſt, das von der dunkelblauen Uniform ſo gewaltig abſtach, im Paradeſchritt im Angeſicht von ganz Boulogne vorübermarſchiren. Schweigend und niedergedonnert ſchritten ſie alle an dem Kaiſer, der zu Pferde hielt und von einem 48 glänzenden Generalſtab umgeben war, vorüber. Wenn Einige das düſtre Auge zu ihm empor hoben, ſo lag tiefe Wehmuth in dieſem Blicke. Man ſah große Thränen über die Wangen derjenigen Grognards herabrollen, die am Tapferſten auf die armen Relin⸗ tintins eingehauen hatten. Der arme Morland er⸗ ſtickte faſt vor Schluchzen. Eine ſolche Blame war ihm, dem beldenhaften Grenadier, im Leben nicht paſ⸗ ſirt, und ſein angebeteter Kaiſer ſelbſt, ſein Dutzbru⸗ der, hatte ſie dictirt. Während des Defilirens behielt Napoleon fort⸗ während ſeine ſtrenge, furchteinflößende Haltung bei. Der häufige Ruf:„Es lebe der Kaiſer“, der von den zahlreich verſammelten Bewohnern Boulognels aus⸗ geſtoßen ward, verzog nicht eine Miene ſeines Geſichts. Als ſich einmal aus dem Volke auch das Geſchrei erhob:„Es lebe die alte Garde!“ wandte ſich Na⸗ poleon lebhaft im Sattel und machte mit der Hand ein Zeichen, als wollte er ſagen:„Schweigt!“ Wirk⸗ lich erfolgte auch ſogleich Todtenſtille. Die Menge ſchien des Kaiſers Abſicht zu errathen. Ueberdies wußte man auch recht gut, daß Napoleon nicht der Mann war, welcher den alten Grognards, den Ge⸗ fährten ſeiner Schlachten und ſeines Ruhms lange zürnen konnte. Am darauf folgenden Abende war das Wirths⸗ haus des Monſieur Brody voller als je. Alle Sol⸗ daten von der Linie, welche in Marquiſe verwundet worden waren, hatten ſich eingefunden und ſo oft einer von den Kampfrittern herein trat, ſchloß ihn Morland in ſeine Arme, indem er mit theatraliſchem Pathos jedesmal ausrief: „Auf Tod und Leben!“ Monſieur Brody benutzte dieſe allgemeine Ver⸗ 49 ſöhnungsfeier in ſo fern, daß er diesmal ein wenig mehr Waſſer als gewöhnlich in ſeine Fäſſer goß; auch befolgte er den Rath eines Bruder Luſtig vom ſechs⸗ unddreißigſten der Linie, und ließ an die Stelle ſeines bisherigen nichtsſagenden Aushängeſchildes ein neues malen, welches einen dicken engliſchen Matroſen mit einer ungeheuern großen Naſe im Schilde führte, und darunter einen Vers von dem Liede, das zu ſo gro⸗ ßem Scandal Veranlaſſung gegeben hatte. Am Unangenehmſten aber war der ganze Vorfall dem Ziergärtner. Er hielt ſeinen Freund Morland für lange Zeit bei dem Kaiſer in Ungnade gefallen und darum für unfähig ein Fürſprecher ſeiner Söhne zu werden. Der Sergeant aber tröſtete ihn. „Er kann mir nicht lange grollen,“ ſprach er, „und je bärbeißiger er ſich manchmal zeigt, deſto fröm⸗ mer iſt er nachher. Ich wette, daß er ſchon morgen perſönlich nachfragt, wie uns die Parade mit dem ver⸗ dammten Papierzettel bekommen.“ „Es war doch ein verfluchter Einfall von dem klei⸗ nen Corporal,“ meinte Maillebois. „Ich denke mein Leben lang an die ſchändliche Ge⸗ ſchichte,“ erwiederte der Sergeant:„aber was blieb uns übrig? Er hatte den fluchwürdigen Marſch be⸗ fohlen, wir mußten uns drein ergeben. „Freilich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„durfte auch nur er ſo Etwas mit der Garde wagen; jeder andere Officier, und war er ein Marſchall, wäre ohne Weiteres pulveriſirt worden. Dem Kleinen muß man aber Manches durch die Finger ſehen.“ Es war indeſſen immer voller in der Reſtaura⸗ tion geworden. Viele Gardiſten, die nicht mit an dem Kampfe bei Marquiſe Theil genommen, erſchienen, um ihren Kameraden ihre Theilnahme zu erkennen zu Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 4 50 geben. Keiner ließ ſichs nehmen, einen oder mehre der heutigen Leidensgefährten mit einem Fläſchchen von Brody's beſten Fäſſern zu regaliren. Namentlich aber that ſich die Linie hervor, gegen die Garde die größte Hochachtung an den Tag zu legen, um die Schlappe, welche dieſe erhalten, vergeſſen zu machen. Die drei Gebrüder Maillebvis waren ganz hin⸗ geriſſen von alle dem, was ſie dieſe Tage erlebt hat⸗ ten. Zum erſten Male war ihnen heute das Glück geworden, den Kaiſer zu ſehen. Freilich hatte er ſehr ernſt und finſter dreingeſchaut, aber Armand ent⸗ ſchuldigte ihn, weil er auch Urſache dazu gehabt habe. Er fragte zugleich den Guiſeppe, wie ihm die ſon⸗ derbare Parade behagt habe. Dieſer, bevor er mit ſeiner Meinung herausrückte, ſah ſich ſcheu um, ob er etwa von einem der Mili⸗ tairs belauſcht würde. „Hätte es werden mögen, wie es wollte,“ platzte er endlich leiſe, aber nicht ohne Heftigkeit heraus, „ich würde das ſchändliche Papier auf meiner Uni⸗ form nicht gelitten haben.“ „Des Soldaten erſte Pflicht iſt, zu gehorchen,“ ſprach Armand,„Du wirſt das noch lernen.“ „Nimmermehr,“ fuhr Guiſeppe leidenſchaftlich fort,„drum will ich auf die See.“ „Als ob da nicht zehnmal ſtrengere Disciplin herrſchte, wie auf dem Lande,“ lachte Armand. „Was mir am Meiſten bei der fatalen Geſchichte gefällt,“ ſprach der kleine Nap,„das iſt, daß kein Kanonier dabei betheiligt war.“ Der Zapfenſtreich wirbelte, und die Krieger, welche ſich geſtern früh auf Leben und Tod gegenüber ge⸗ ſtanden, trennten ſich jetzt als die beſten Freunde von der Welt. 5¹ Morland gab ſeinen Gäſten das Geleit bis an die erſten Häuſer von Boulogne, wo ſie wohnten. Piertes Rapitel. Es war noch ziemlich früh am andern Morgen, als Armand, welchen ſchöne Träume die Nacht über um⸗ gaukelt hatten, aufſtand und durch das kleine Schlaf⸗ ſtubenfenſter nach dem angrenzenden Garten hinaus⸗ ſchaute. Tiefe Stille ruhte über Stadt und Lager; aber der Morgen war ſo wunderſchön, ſo erquickend, daß ſich's der Jüngling nicht verſagen konnte, eine Promenade in's Freie zu machen. Ohne den Vater und die Brüder, welche noch im tiefen Schlafe lagen, zu wecken, kleidete er ſich an und befand ſich bald vor der Stadt, wo er die freund⸗ lichen Landhäuſer, die von anmuthigen Gärten um⸗ geben waren, entlang wandelte. Die Sonne war eben im Aufgehen begriffen. Ihre Strahlen zitterten über die unabſehbare, ſilbergraue Meeresfläche und beleuchteten die fernen Küſten Eng⸗ lands, des neuen Carthagv. Armand, der das gewaltige Element in ſeiner ganzen Majeſtät ungeſtört zu betrachten wünſchte, be⸗ eilte ſeine Schritte, um ſobald als möglich das Mee⸗ resufer zu erreichen. Er hatte nur noch ein Land⸗ haus zu überholen, das an anmuthiger Lage alle an⸗ dern überbot. Es war ziemlich hoch gelegen und aus ſeinen Fenſtern mußte man die ſchönſte Ausſicht nach dem Meere haben. Uralte Linden beſchatteten male⸗ riſch den einen Flügel des Gebäudes, während die grünen Jalouſieen des andern freundlich nach dem Meere hinaus leuchteten. Ein umfangreicher Park, der von einer ſehr hohen Mauer umgeben war, grenzte unmittelbar an das ſtattliche Landhaus. „Es muß ſich hier vortrefflich wohnen,“ ſprach Armand für ſich, während er die Parkmauer, die gar kein Ende nehmen wollte, entlang ſchritt;„wenn ich ein reicher Mann wäre, ſo weiß ich nicht, ob ich nicht ein ruhiges Leben auf dieſer ſchönen Beſitzung, den Wiſſenſchaften ergeben, der glänzendſten militäri⸗ ſchen und politiſchen Laufbahn vorziehen ſollte.“ Er ſchritt immer weiter und gelangte endlich an eine kleine Thüre, welche aus dem Parke in's Freie führte. Sie ſchien nicht ſehr gangbar zu ſein, denn die Schwelle war mit Gras bewachſen und das Thür⸗ ſchloß ganz verroſtet. Gleichwohl war ſie nicht ver⸗ ſchloſſen und nur angelehnt. Armand, welchen die hohe Mauer ſchon lange verdroſſen, weil ſie nicht einen Durchblick in den ge⸗ wiß herrlichen Park geſtattete, konnte der Verſuchung nicht widerſteben, zumal die Thür offen ſtand, ſich ein wenig in der reizenden Waldung, deren ſtattliche Kronen weit über die Parkmauer hinausragten, um⸗ zuſehen. Er öffnete daher leiſe die Thür, welche ſich etwas ſchwer in den Angeln bewegte, und trat in den Park. Der Jüngling konnte in keiner glücklichern Stunde eingetreten ſein, die ſchönen Anlagen und Baumgrup⸗ pen ruhten in roſiger Morgenbeleuchtung; Blätter und Ranken tropften vom Thaue der Nacht; dabei athmete ringsum eine heilige Ruhe wie in einem Garten Elyſiums. Die Gänge, welche ſich in den verſchiedenſten Richtungen und Schlangenwindungen 53 durch die Büſche zogen, waren ziemlich gut erhalten. In einiger Ferne blickte der Spiegel eines Teiches durch die Zweige, wo zwei Schwäne in lieber Ein⸗ ſamkeit ihre ſilbernen Kreiſe zogen. Armand ſchritt, nicht ohne Schen, entdeckt zu werden, eine ziemliche Strecke die ſchattenreichen Gänge entlang; immer wollte er wieder umkehren, aber die Parthien wurden mit jedem Schritte freund⸗ licher und bezaubernder, ſo daß er ſich nicht loszu⸗ reißen vermochte. Etwa hundert Schritte vor ihm ſchimmerte etwas Weißes durch das Laubgrün. Es ſchien eine Statue. Bis dahin wollte er noch vorgehen und dann ſo ſchleunig als möglich umkehren. Er hatte ſich nicht getäuſcht, die Statue war eine Flora, von kunſtreicher Hand in weißem Marmor gearbeitet. In der Nähe rauſchten künſtliche Waſſer. Unfern der Flora erho⸗ ben ſich noch mehre andre Statuen; ſie ſchienen die Grenze zu bilden, wo die dunklern Waldparthien in reizende Gartenanlagen übergingen. Durch die Oeff⸗ nung in einer Taxuswand ward dem Jüngling die überraſchendſte Ausſicht in ein kleines Blumenthal, das in reicher und entzückender Farbenpracht bis an das ſtattliche Landhaus ſich erſtreckte. Die Morgenſonne ruhte mit beſondrer Liebe auf dem kleinen blühenden Paradieſe. Zahlloſe Glocken und Kelche lächelten ſtill nach Morgen. Nirgends war ein menſchliches Weſen zu erblicken. Armand, nachdem er eine geraume Zeit im An⸗ ſchauen dieſer feenhaften Blumenpracht verſunken ge⸗ ſtanden, hielt es endlich doch an der Zeit, den Rück⸗ weg anzutreten, als eine himmliſche Erſcheinung plötz⸗ lich ſeine Blicke gefeſſelt hielt. Unter einer zeltartigen Ueberdachung des Haupt⸗ 54 gebäudes, von der Morgenſonne lieblich beſchienen, ſaß ein Mädchen in reizendem Morgenkleide, eifrig beſchäftigt, einen gelben, in einem zierlichen Draht⸗ bauer auf und ab hüpfenden Canarienvogel mit Zucker⸗ ſtückchen zu verſorgen. Da das Blumenhaupt blos mit einem einfachen Ponceaubande umwunden, ſo fielen die aufgelöſten reichen Locken in dunkler Pracht auf beide Schultern herab. Von Zeit zu Zeit erhob ſich das von Wunderhand gezeichnete Oval des holdſeligen Ge⸗ ſichts und ſchaute freudigen Blicks nach dem blühen⸗ den Thale. Noch nie war dem Jünglinge, der beſeligt hinter den Zweigen lauſchte, ein engelhafteres Weſen vorge⸗ kommen. Ungeahnte Himmel ſanken in ſeine Bruſt, und die Thräne eines ſeligen Weh's trat unbemerkt in ſein Auge. Er hielt den Athem an, damit ſeine Gegenwart nicht verrathen würde; aber um ſo lauter klopfte ſein Herz. Die kleine Göttin hatte ſich jetzt erhoben und eilte, das ſilberne Trinknäpfchen des gelben Sängers zwi⸗ ſchen den Roſenfingern, nach dem in der Nähe be⸗ findlichen ſteinernen Baſſins, wo aus dem Rachen eines Delphins ein kryſtallner Strahl hervor ſprudelte. In⸗ dem ſie das Näpfchen füllte, that ſich eine der Ja⸗ louſien des Wohngebändes auf, der Kopf einer Matrone ward ſichtbar, welcher den Namen„Florentine“ rief, „Sogleich,“ antwortete eine Silberſtimme. Das Mädchen ſchwebte mit dem gefüllten Trinkgefäß zu dem gefangenen Sänger zurück, ſchob daſſelbe behutſam in den Käfig und verſchwand gleich darauf in der Hausflur. Wie träumend ſchaute Armand noch eine Zeit lang nach der beneidenswerthen Bank, wo die rei⸗ zende Erſcheinung geſeſſen, dann eilte er ſchnellen Schrittes durch die ſchattenreichen Gänge zurück nach 55 dem Eingange, wo er auch bald die kleine Thüre wieder fand. Er drückte dieſe ſorgfältig wieder in's Schloß und befand ſich bald im Freien. Das Meer, von der Morgenſonne ſilbern beſchie⸗ nen, breitete ſich immer majeſtätiſcher vor ſeinen Blicken aus, je näher er dem felſigen Ufer kam. Die Erſcheinung im Parke ſtand vor ihm wie ein ſeliger Traum. Oft blieb er ſtehen und ſchaute nach dem ſtattlichen Landhauſe mit der hohen Parkmauer zurick, die immer weiter hinter ihm zurückwich. „Iſt es denn möglich,“ frug ſich der Jüngling einmal über das andere,„lebt ein ſo engelhaftes We⸗ ſen wirklich hienieden oder war es blos ein verklärtes Bild meiner aufgeregten Phantaſie?“ Der Name„Florentine“ klang fort und fort in ſeinem Ohre. Dann ſah er die weiße liebliche Ge⸗ ſtalt in der Hausflur verſchwinden. Armand hatte das Ufer erreicht, ſeine Blicke ſchweiften über die unabſehbare Waſſerwüſte; zu ſei⸗ nen Füßen brachen ſich die Wellen in eintönigem Ge⸗ murmel an den Felſen. Weiße Seemöven umkreiſten nit ſchrillem Geſchrei die todtſtille Gegend. In wei⸗ ter Ferne zur Linken erblickte man die Maſten der Schiffe von Boulogne und darüber hinaus auf hoher See die engliſchen Blokadefregatten. Zur Rechten war das Meer ganz offen, nur daß ungefähr eine fran⸗ zöſiſche Meile vom Lande ein feindlicher Schooner lavirte, der wahrſcheinlich gleichfalls dem Blokadege⸗ ſchwader angehörte. Armand wandelte das ufer entlang. Da er von dem Orte, wo er ſich befand, noch keine vollkom⸗ mene Ausſicht über das Meer gewinnen konnte, in⸗ dem ein kleines Vorgebirge zur Linken die Rundſicht beſchränkte, ſo beſchloß er weiter rechts zu wandern, 56 wo ihm in einiger Entfernung mehre Anhöhen einen weit günſtigern Standpunkt verſprachen. Der Weg dahin war indeß nicht ohne Beſchwerlichkeit, da das Meer an vielen Stellen das Ufer durchbrochen und häufige Klippen gebildet hatte. Armand, noch immer Florentinen's Bild vor Augen und im Herzen, kletterte bald nieder-, bald aufwärts, und ſo gelang es ihm auch, jenen Anhöhen, die er zu erreichen wünſchte, immer näher zu kommen. Die ganze Strandgegend war hier überall ſo öde, es herrſchte rings ein ſo todtes unheimliches Schwei⸗ gen, daß Niemand wenige Stunden aufwärts eins der größten und ſchönſten Kriegsheere Eurvpas würde geah⸗ net haben, wenn nicht zuweilen ein Signalſchuß, der weithin durch die ſtille Morgenluft hallte, das Daſein von menſchlichen Weſen verkündet hätte. Den jungen Armand trennte jetzt nur noch eine ziemlich tiefe Schlucht von dem Zielpunkte ſeiner Wan⸗ derſchaft. Er ſtieg muthig hinab, ging eine Strecke in ihr entlang und erreichte glücklich den Fuß des Hügels, deſſen Gipfel die herrlichſte Ausſicht zu ge⸗ währen verſprach. Zahlreiches mehre Ellen hohes Geſtrüpp machten ein Vordringen und Aufwärtsſteigen höchſt beſchwer⸗ lich. Armand wollte daher den Fuß des Hügels umgehen, in der Hoffnung, daß derſelbe von einer andern Seite vielleicht leichter zu erſteigen ſei. Er bog um einen kleinen Felſenvorſprung, als er plötz⸗ lich wie angefeſſelt ſtehen blieb. Kaum funfzig Schritte vor ihm, tief in einer Uferklippe ſtand ein Mann, ſehr anſtändig gekleidet, welcher zwei weiße Stäbe in den Händen hielt, wo⸗ mit er nach Telegraphenart die mannigfachſten Zei⸗ chen in der Luft beſchrieb. Zugleich bemerkte Ar⸗ 57 mand, wie das engliſche Stationsſchiff ſich bedeutend der Küſte genähert hatte und mit dieſem Menſchen auf gleiche Weiſe zu correſpondiren ſchien. Denn oft ſetzte er das Fernglas an das Auge, wahrſcheinlich um die telegraphiſchen Zeichen des engliſchen Schiffs zu erkennen. „Das iſt alſo einer von jenen Verräthern, die ſchon ſo viel Unheil über Frankreich gebracht haben,“ ſprach Armand für ſich,„ein glücklicher Stern hat mich in dieſe unwirthbare Gegend geführt.“ Florentine und ihre Blumen waren jetzt ver⸗ geſſen, und der Jüngling ſann nur darüber nach, wie er dieſes Spions habhaft werden könne. Denſelben ohne Weiteres anzugreifen und wo mög⸗ lich gefangen zu nehmen, wie er anfangs geſonnen war, ſchien nach einiger Ueberlegung nicht rathſam. Er wünſchte den Verräther lebendig in ſeine Hände zu bekommen, weil nur dann der Fang von Wichtig⸗ keit war. Demnach beſchloß er, ihn nicht aus den Augen zu laſſen und nur dann anzugreifen, ſobald ihm die Flucht unmöglich gemacht ſei. Der Spion ſchien ſeine Miſſion beendet zu haben, denn er ſchob die weißen Stäbe in ein Geſträuch, wo⸗ mit das Ufer häufig bewachſen war und beobachtete nur mit dem Fernrohr noch eine Zeit lang die Bewe⸗ gungen des engliſchen Schiffs, das bald alle Segel aufzog und nach der engliſchen Küſte ſteuerte. Nochmals ſtieg in Armand die Begier auf, den Verräther Mann gegen Mann anzugreifen, aber er war völlig waffenlos, und ſelbſt wenn es ihm gelang, jenen zu überraſchen und zu überwältigen, ſo war doch hundert gegen eins zu wetten, daß er ihn nicht le⸗ bendig würde nach Boulogne bringen, wie in neuerer Zeit mehrfache Beiſpiele es bewieſen hatten. Die ent⸗ 58 deckten Spione hatten ſich faſt alle ſelbſt den Tod ge⸗ geben, wenn ihnen kein Entkommen mehr möglich war. Armand blieb daher ſeinem fſrähern Vorſatze getreu, verbarg ſich ſo gut es gehen wollte im Gebüſch und beobachtete jede Bewegung des Fremden. Dieſer, nachdem er noch einmal den engliſchen Schooner beobachtet hatte, deſſen Segel kaum noch am fernen Horizonte zu erblicken waren, ſchob ſeinen Dol⸗ lond zuſammen und ſteckte ihn in die Taſche, worauf er unverzüglich den Rückweg antrat. Er kam ziemlich dicht bei dem Orte vorbei, wo Armand im Gebüſch verborgen war; kaum aber hatte er einigen Vorſprung gewonnen, als auch ſein Ver⸗ folger den Verſteck verließ und ihm ungeſehen auf der Ferſe folgte. Mehremal gerieth letzterer in nicht ge⸗ ringe Beſtürzung, wenn er den Verräther für längere Zeit aus den Augen verlor, was bei den zahlreichen Hügeln und Klippen nicht ſelten der Fall war, denn jener nahm ſeinen Weg immer unmittelbar am Ufer. Endlich ward die Gegend ebener und für Armand die Verfolgung leichter. Etwa eine halbe Stunde ab⸗ wärts des Lagers von Boulogne bog der Spion links ein und nahm ſeine Richtung nach der Stadt. Ar⸗ mand, welcher ihm in einer Weite von füifhundert Fuß folgte, verdoppelte jetzt ſeine Schritte, ſo daß er ſeinem Gegner ziemlich nahe kam, ohne daß es jener bemerkt hatte. Die Sonne war indeß ein ziemliches Stück in die Höhe geſtiegen, doch blieb noch Alles ſtill und todt und nirgends war ein menſchliches Weſen zu erblicken. Armand war jetzt dem Spione ungefähr auf funf⸗ zig Schritte nahe gekommen. Da blieb jener unver⸗ ſehens ſtehen und ſchaute nach dem Meere zurück. Als er den jungen Mann gerade auf ſich zukommen ſah, 59 ſtutzte er und ſeine rechte Hand griff unwillkürlich in die linke Bruſttaſche. Armand ſchritt immer näher. Nit einem Male erhob der Jüngling ſeine Stimme. „Sie ſind ein Verräther und mein Gefangener,“ rief er im Donnertone und ſprang auf ſeinen Feind zu. Dieſer kam ihm jedoch zuvor und drückt ein Pi⸗ ſtol ab, wodurch der kecke junge Angreifer am linken Arme leicht verwundet ward. Nichtsdeſtoweniger drang er muthig vor. Ein zweiter Piſtolenſchuß folgte und die Kugel riß dem Jünglinge ein Stück Rockkragen ab. Doch im ſelben Augenblicke war der Fremde auch von Armand mit Löwengrimme gepackt. Der ſo unerwartet Angefallene wehrte ſich, mit einem Dolche bewaffnet, auf das Verzweifeltſte und brachte ſeinem Angreifer mehre Wunden bei, die einen nicht unbe⸗ deutenden Blutverluſt zu Folge hatten. Armand mühte ſich aus Leibeskräften, ſeinen Gegner zu überwältigen und zu Boden zu werfen, aber die mehrfachen Wunden hatten ſeine Kräfte ſchon ſo geſchwächt, daß er es trotz aller Anſtrengung nicht im Stande war, zumal der Dolch des Spions ſeinen linken Arm immer furchtbarer zerfleiſchte. Der Kampf währte nur noch kurze Zeit und Ar⸗ mand's Untergang ſchien gewiß, denn ſeine Hand, welche die dolchbewaffnete Rechte des Feindes umklam⸗ mert hielt, ward immer ſchwächer, ſo daß dieſer bald Luft genug bekommen mußte, dem Jüngling den Stahl in die Bruſt zu ſtoßen;— als ein plötzliches ſoldatiſches„Qu'il vive?!“ der Scene augenblicklich ein Ende machte. Die beiden Ringenden hatten nämlich in der Hitze des Kampfes nicht wahrgenommen, wie eine Patrouille der Küſtenwache, die durch die beiden Piſtolenſchüſſe 60 aufmerkſam gemacht worden war, eilends und in al⸗ ler Stille genaht war. Kaum hatte der Spion die Patrouille erblickt, die vom Meere hergekommen war, als er augenblick⸗ lich nach der Stadt zu die ſchleunigſte Flucht ergriff. Ein wohlgezielter Büchſenſchuß, welcher dem Fliehen⸗ den den rechten Schenkel zerſchmetterte, ſtürzte ihn aber in einiger Entfernung zu Boden. Auch Armand war von Blutverluſt erſchöpft zu Boden geſunken. Als die Patrouille herankam, be⸗ gann bereits eine Ohnmacht ſeine Stirn zu um⸗ dunkeln. „Es iſt ein Spion, der uns verrathen hat!“ Dies waren die einzigen Worte, die der verwun⸗ dete Jüngling noch zu ſtammeln vermochte, worauf die Beſinnung ihn verließ. Im Verlaufe von zwanzig Minuten war Hülfe angelangt. Die beiden Verwundeten wurden nach dem nächſten Wachthauſe gebracht, wo ſie vor allen Dingen mehren Aerzten übergeben wurden. Fünftes Rapitel. Nachden der Kaiſer Napoleon zahlreiche Revuen über die bei Boulogne cantonirenden Landtruppen abgehalten und faſt überall ſeine hohe Zufriedenheit zu erkennen gegeben hatte, beſchloß er, auch eine all⸗ gemeine Revue mit der im Hafen verſammelten See⸗ macht vorzunehmen. Bevor er daher eines Morgens zu Pferde ſtieg, 61 um ſeine gewohnten Lagerbeſuche anzutreten, ſprach er zu ſeinem dienſthabenden Adjutanten: „Savary, begeben Sie ſich zum Admiral Bruir und ſagen Sie ihm, daß er die Stellung der Fahr⸗ zeuge, welche die Sperrlinie bilden, wechſeln laſſe, weil ich heute die Revue der Schiffsmannſchaften im offenen Meere vorzunehmen gedenke. Er ſoll alle Verfügungen und Anſtalten ſo treffen, daß zu Mit⸗ tag, wenn ich zurückkehre, Alles bereit iſt.“ Napoleon ritt hierauf, nur von Ruſtan und einem Piqueur gefolgt, nach den Lagern. Savary, der nur zu gut wußte, daß ſelbſt der leiſeſte Wunſch des Kaiſers einem gemeſſenen Befehle gleichkomme, ging ſogleich zum Admiral Bruix, wo er ſich ſeines Auftrages entledigte. „General,“ erwiederte Bruix, nachdem er den Befehl des Kaiſers vernommen, mit großer Ruhe, „es thut mir ſehr leid, aber die von Seiner Maje⸗ ſtät beabſichtigte Revue kann heute nicht ſtattfinden.“ Der Adjutant Napolcon's vernimmt mit Be⸗ ſtürzung dieſe Antwort des alten Seemanns. Im erſten Augenblicke glaubt er, ſich ſeines Auftrags nicht deutlich genug entledigt zu haben. Er fragt daher in etwas ungewiſſem Tone: „Ew. Excellenz haben mich vielleicht nicht richtig verſtanden?“ „Entſchuldigen Sie, General,“ bemerkt der Ad⸗ miral trocken,„ich habe Sie ganz wohl verſtanden und wiederhole Ihnen nochmals, die Revue wird heute nicht ſtattfinden.“ Savary entfernt ſich und im Hafen rührt ſſch kein Fahrzeug. Gegen Mittag kehrt der Kaiſer von ſeinem Spa⸗ zierritte heim und iſt eben im Begriff, ſich zu Tafel zu ſetzen, als er ſeinen Adjutanten erſchaut. „Apropos, Savary,“ fragt er,„haben Sie meinen Auftrag an Bruix ausgerichtet und was hat der Admiral geantwortet?“ Der Gefragte wiederholt wörtlich die kurze Ant⸗ wort des Seemannes. „Sie haben wahrſcheinlich nicht ausgeſchlafen, Savary,“ verſetzt Napoleon, dem dergleichen Ant⸗ worten zu ungewohnt klangen. „Sire,“ betheuert der General,„es iſt nicht an⸗ ders, als wie ich berichtet habe.“ Eine augenblickliche Pauſe erfolgt. „Was ſoll das heißen?“ ruft jetzt der Kaiſer mit außergewöhnlicher Stimme;„glaubt ſich der Admiral noch vor dem Fort Tour de Croi? Sicher täuſcht ſich hier einer von uns Beiden über die Rolle, die ihm zukommt. „Savary,“ fährt er zu ſeinem Adjutanten ge⸗ nendet fort,„kehren Sie auf der Stelle zu dem Ad⸗ miral zurück, und ſagen Sie ihm, daß ich ihm be⸗ fehle— verſtehen Sie mich wohl— daß ich ihm befehle, unverzüglich zu mir zu kommen und ſich zu erklären. „Laſſen Sie mich allein, meine Herren,“ wendet ſich der Kaiſer zu den anweſenden Officieren und tritt in ſeine Barake. Hier ſchreitet er eine Minute lang in höchſter Aufregung auf und ab. Voller Ungeduld, daß der Admiral nicht ſchnell genug erſcheint, ſchlägt er mit der Reitgerte, die er noch von ſeinem Spazierritte in der Hand hält, auf den Rand der Tafel, wo ſein Frühſtück noch ganz unangerührt ſtand. „Er wagt es vielleicht nicht,“ ruft er wiederholt aus,„wohlan, ich will ihn ſelbſt aufſuchen; ich muß 63 doch endlich wiſſen, woran ich mit dem Herrn Ad⸗ miral bin.“ Raſch griff Napoleon nach ſeinem Hute, drückte ihn tief in's Geſicht und nur von einigen ſeiner Ge⸗ neralſtabs⸗Officiere begleitet, verließ er eilig die Ba⸗ rake. Aber kaum iſt er einige Schritte gegangen, als er den Admiral Bruix in Begleitung des Con⸗ tre⸗Admiral Magon und des Adjutanten Savary auf ſich zukommen ſieht.„Da iſt er ja,“ ſpricht der Kaiſer für ſich,„nun werden wir doch ſehen.“ Der Admiral nähert ſich, der Generalſtab des Kaiſers gruppirt ſich ſchweigend um ihn. Napo⸗ leon's Augen ſprühen Blitze. „Herr Admiral,“ ſpricht er mit kurzer, gepreßter Stimme,„warum haben Sie meinen Befehl von heute Morgen nicht ausgeführt?“ „Sire,“ erwiedert Bruix im ehrfurchtsvollſten Tone,„weil ein furchtbares Wetter herannaht; Ew. Majeſtät können ſich ſelbſt davon überzeugen, und ich kann nicht glauben, daß Sie unnützer Weiſe ſo⸗ wohl Ihr, für uns Alle ſo koſtbares Leben, wie das⸗ jenige aller braven Officiere, die Sie begleiten, einer Gefahr ausſetzen wollen.“ Die drückende Atmoſphäre, das dumpfe Rollen des Donners, das ſich ſchon ſeit einiger Zeit aus der Ferne vernehmen läßt, ſo wie die auffallende Windſtille rechtfertigten nur zu ſehr die ausgeſprochene Befürchtung des Admirals. „Mein Herr,“ verſetzt Napoleon, den die kalte Ruhe des alten Seemanns noch mehr in Zorn bringt, „ich hatte Ihnen Befehle gegeben, noch ein Mal, warum haben Sie dieſelben nicht ausgeführt?“ „Sire,“ erwiedert Bruix im vorigen Tone,„ich wollte mir nicht zeitlebens den Tod der Marine⸗ 64 Officiere und Seeſoldaten Ew. Majeſtät vorzuwerfen haben.“ „Mein Herr,“ ruft der Kaiſer, deſſen Zorn ſich immer mehr ſteigert,„die Folgen meiner Befehle ge⸗ hen allein mich an; noch ein Mal, gehorchen Sie; ich befehle es Ihnen zum letzten Male.“ „Sire!— ich werde nicht gehorchen.“ „Mein— Herr,“ ſtammelt Napoleon und ſeine Lippen zittern fieberhaft, Sie ſind— ein— Un⸗ verſchämter!—“ Mit dieſen Worten geht er auf den Admiral zu und macht mit der Reitgerte, die er in der Hand hält, eine drohende Bewegung. Bruir tritt einen Schritt zurück und die Hand an das Gefäß ſeines Degens legend, ruft er erblaſſend dem Kaiſer zu: „Haben Sie Achtung, Sire!— Ew. Majeſtät können weder mich noch Sich erniedrigen wollen!“ Bei dieſen Werten erhebt ſich die kleine ſchwäch⸗ liche Figur des Admirals im Gefühle ihrer Würde um Vieles und ſteht drohend dem Gebieter Europa's gegenüber. Alle Umſtehende erbleichen. Der Kaiſer, unbeweglich, die Hand convulſiviſch geballt, wirft einen niederſchmetternden Blick auf Bruix, welcher ſeine edle Stellung beibehält. Es erfolgt eine nur augenblickliche aber furchtbare Pauſe. Da ſchlendert Napoleon die Reitgerte über den Kopf weit von ſich, worauf der Admiral ſeinen Arm in die natürliche Lage zurückfallen läßt, und mit ent⸗ blößtem Haupte in aufrechter Stellung, ruhigen Blickes und ſchweigend den Ausgang dieſer ſchrecklichen Scene erwartet. „Herr Contre⸗Admiral Magon,“ ſpricht endlich der Kaiſer, kalt und bleich zum Entſetzen,„Sie wer⸗ den in dieſem Augenblicke die Bewegungen, welche ich dieſen Morgen befohlen habe, ausführen. „Was Sie betrifft, mein Herr,“ wendet er ſich zu Bruix, indem er einen Knopf von deſſen Uni⸗ form erfaßt und daran zupft,„ſo werden Sie noch heute Boulogne verlaſſen. Innerhalb vierundzwanzig Stunden wird Ihnen die Entſcheidung mitgetheilt werden, die ich hinſichtlich Ihrer getroffen habe. Für jetzt ſind Sie entlaſſen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich ſchnell der Kai⸗ ſer. Einige Generalſtabsofficiere, unter andern der Contre⸗Admiral, drückten dem in ſchwere Ungnade gefallenen Seehelden als Zeichen ihrer innigen Theil⸗ nahme die Hand. Napoleon begab ſich in ſeine Barake zurück, und die von ihm befohlenen unheilvollen Bewegungen wurden vollzogen. Unterdeſſen hatte ſich der Himmel immer ſchwär⸗ zer umhüllt, lauter ward das Grollen des Donners und bereits begann das Meer ob des herannahenden Sturmes unruhig zu werden. Nur mit Mühe gelang es der erſten Linie der Kanonenböte, welche die Avant⸗ garde bildeten, auf der hohen See Stellung zu ge⸗ winnen. Bevor aber die übrigen Fahrzeuge ſich in Bewegung ſetzten, hatte ſchon das Unwetter dermaßen überhand genommen, daß man an Rettung der Mann⸗ ſchaften und Equipagen, die ſich bereits auf der See befanden, zu zweifeln begann., Finſtre Nacht hielt den Himmel bedeckt, welche nur durch die weißen Blitze angenblicklich erhellt wurde. Dabei wühlte der entfeſſelte Sturm das Meer bis zum Grunde auf und trieb himmelhohe Waſſerberge zu den Wolken. Die Brandung an den Felſenufern war fürchterlich, und bald war die Linie der Schiffe Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 5 66 durchbrochen. Jammer und Hülfegeſchrei der mit dem wüthenden Elemente kämpfenden Mannſchaft drang mitten durch das Geheul des Sturmes nach dem Ufer herüber, wo ſich eine große Menge Volkes ängſtlich und rathlos verſammelt hatte. Die furchtbare Pro⸗ phezeihung des Admiral Bruix ſchien gänzlich in Er⸗ füllung zu gehen. Vyn dem Fenſter ſeiner Barake aus hatte Na⸗ poleon eine zeitlang ſtillſchweigend das grauſe Schau⸗ ſpiel mit angeſehen; als aber der Hülferuf der un⸗ glücklichen Schiffsmannſchaften auch ſzu ſeinen Ohren drang, ergriff er ſeinen Hut, und eilte hinaus, in⸗ dem er die Worte für ſich murmelte: „So muß Bruix wirklich Recht behalten?“ Mit düſterm Blicke und niedergeſenktem Kopfe be⸗ gab er ſich nach dem Ufer. Er hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt und ſprach mit Niemand. Seine Generalſtabs⸗Officiere, mehre Marſchälle, ein Theil ſeiner Garden ſind anweſend. Alle beobachten ihn ſtillſchweigend; kein Menſch wagt einen Befehl zu er⸗ theilen oder mit dem Beiſpiele perſönlicher Aufopfe⸗ rung voranzugehen, ſo groß iſt der allgemeine Schrecken. Indeß wird das Hülfsgeſchrei, das er ſchon von ſeiner Barake aus vernommen hatte, immer dringen⸗ der, herzzerreißender. Mehre mit Matroſen und Sol⸗ daten beladene Kanonenböte werden ſo eben an's Ufer geworfen, wo ſie an den Felſen zerſchellen. Verge⸗ bens ſchreien die mit den Wellen kämpfenden Unglück⸗ lichen nach Rettung, die ihnen zu bringen Niemand den Muth beſitzt. „Dieſes Unglück iſt furchtbar,“ ruft Napoleon in höchſter Verzweiflung,„wir dürfen nicht thatlos 67 zuſehen, wo ſo viele brave Leute untergehen. O Bruir, Bruix, was hab' ich gethan!“ Mit dieſen Worten bedeckt er ſein Geſicht mit beiden Händen. „Meine Herren,“ wendet er ſich ſodann mit ſicht⸗ barer Anſtrengung an ſeine Begleitung,„wo ſind denn die kleinen Böte? Weshalb ſehe ich nicht alle Scha⸗ luppen im Meere? Sie ſollten ſchon längſt da ſein. Ein Kanot, ſchnell ein Kanot! Ich ſelbſt will dieſen Unglücklichen zu Hülfe.“ Niemand ſcheint dieſe Worte in Ausführung brin⸗ gen zu wollen; überall herrſcht ängſtliche Unentſchloſ⸗ ſenheit. Der Kaiſer wendet ſich jetzt an die in ſeiner Suite befindlichen Seeofficiere. „Allons, meine Herren, ſchaffen Sie Hülfe.“ „Sire,“ entgegnet man,„das Meer iſt zu ent⸗ feſſelt. Es iſt unmöglich, Menſchen beizuſtehen, die dem Untergange geweiht ſind. Wir alle würden um⸗ kommen, ohne einen Einzigen zu retten.“ „Ach, meine Herren von der Marine,“ ruft der Kaiſer in ſchneidendem Tone,„Sie haben Furcht vor dem Waſſer. Glücklicher Weiſe giebt es aber hier noch Leute, die ſich dadurch nicht abſchrecken laſſen. Gott ſei Dank, ich habe dort meine Grenadiere von Arcole und Marengo.“ Darauf mit Lebhaftigkeit ſich umwendend und mit der Hand ein Zeichen gebend, ruft er:„Gros, laß die erſte Compagnie von Deinem Bataillon vorrücken. Dies, meine Herren, ſind keine Seeſoldaten, und gleichwohl werden ſie keine Furcht vor dem Meere haben.“ Mit dieſen Worten des Kaiſers ändert ſich die Scene. Alles ſetzt ſich in Bewegung, Alles rührt ſich, man eilt von allen Seiten herbei. Zahlreiche 58 68 Fahrzeuge ſind binnen wenigen Minuten flott ge⸗ macht; es gleicht einer Zauberei. Während dem rückt eine bewundernswürdig ſchöne Compagnie der alten Garde im Geſchwindſchritt heran. Stolz und Gehorſam lieſt man in den Blicken der ergrauten Veteranen. Morland marſchirt auf dem rechten Flügel der Compagnie, welche nur auf den Wink Napoleon's zu warten ſcheint, um ſich in die kleinen gebrechlichen Fahrzeuge zu werfen. „Zu mir, meine Braven,“ ruft der Kaiſer,„fol⸗ get meinem Beiſpiele, eilen wir den Schiffbrüchigen zu Hülfe.“ Ein Kanot, das bedeutend größer als die übri⸗ gen und von zwölf ſtarken Ruderern regiert iſt, wird herbei geführt. Napoleon war der Erſte, welcher hinabſteigt. Während er auf dem ſchmalen Brete, welches zum Fahrzeug führt, ſchwankenden Fußes da⸗ hinſchreitet, rufen alle Grenadiere:„Hoch lebe der Kaiſer!“ In der gemeſſenſten Ordnung, das Gewehr im Arm, folgt dem Gewaltigen ſeine Garde. Keiner dieſer Helden verräth Furcht oder Unruhe oder achtet auf den Abgrund zu ſeinen Füßen. Alle ſind eingeſchifft, da wogt plötzlich eine Rie⸗ ſenwelle heran, die ſich an dem Boote bricht und den Kaiſer, der den einen Fuß auf den äußerſten Rand des Fahrzeugs geſetzt hat und unbeweglich vor ſich hinſtarrt, ganz umhüllt. Mit weithinhallender Stimme hört man ihn aber dem Steuermann zurufen: „In See!— In See!“ Mit Todesverachtung gehen die Ruderer an's Werk, mit allen Kräften ihres Geiſtes und Körpers kämpfen ſie gegen die Wellen— aber das Boot will nicht vorwärts. Immer von Neuem durch die Fluth 69 zurückgeſchleudert, iſt das kühne Fahrzeug jeden Au⸗ genblick in Gefahr, vom Meere verſchlungen zu werden. „Wir kommen nicht vorwärts,“ ſagte der Kaiſer zum Steuermann, dann wandte er ſich zu den Ru⸗ derern: „Muth, Muth, meine Freunde; hört Ihr nicht den Hülferuf Eurer untergehenden Brüder! „Ha, das Meer, das Meer!“ rief er, die Hände krampfhaft zuſammenballend,„estempört ſich gegen uns; aber man kann es beſiegen.“ In demſelben Augenblicke wird das Fahrzeug von einer zweiten ungeheuern Welle in den Abgrund ge⸗ ſchleudert. Es ſcheint dies die Antwort des Meeres auf die Worte des Kaiſers. „Sire,“ rief der Steuermann,„das Meer iſt nicht mehr zu halten, unſere Anſtrengungen ſind vergebens; dringen wir weiter vor, ſo werden Ew. Majeſtät und Ihre Soldaten ein Grab in den Wellen finden.“ Die Donnerſchläge folgten ſich ununterbrochen, die Blitze furchten goldne Abgründe in die ſchwarze Wolkennacht, der Sturm durchwühlte mit beiſpielloſer Wuth das Meer. Napoleon wandte ſich nach ſeinen Grenadieren. Da ſtand das Heldenhäuflein, eng zuſammengeſchaart nicht für ihr Leben, nur für das ihres Kaiſers be⸗ ſorgt, auf den ihr Auge düſter gerichtet iſt. „Steuermann,“ frug der Kaiſer,„ſollten wir denn keinen der Unglücklichen, die um Hülfe flehen, retten können?“ „Sire,“ war die Antwort,„wenn unſer Tod ſie zu retten vermag.“ Nochmals ſtrengten die Ruderer all' ihre Kräfte an, vergebens; das Boot ward jedesmal zurückgewor⸗ fen. Da gab Napoleon dem Steuermann ein Zei⸗ 70 chen— nach wenig Augenblicken ſtieß das Fahrzeug wieder an's Ufer. „Alle an's Land,“ rief der Kaiſer. Die Grenadiere ſtiegen aus; Napoleon war der letzte, der das Kanot verließ, das ſich über ein Dritt⸗ theil mit Waſſer angefüllt hatte. Er war ganz durchnäßt und baarhaupt, denn der Sturm hatte ſei⸗ nen Hut entführt, gleichſam als wenn der Ocean ein Pfand ſeiner thörichten Verwegenheit hätte zurück be⸗ halten wollen. Der Orkan war ſo heftig, daß ſich der Kaiſer am Ufer mit dem einen Arm an einen Pfahl klammern mußte, um nicht in's Meer geſchleudert zu werden. Er verweilte noch geraume Zeit hierſelbſt und ertheilte bald hierhin bald dahin Befehle, die zur Rettung der Schiffbrüchigen dienten, aber größtentheils nicht ausgeführt werden konnten. Nur eine geringe Anzahl von denen, die ſich auf den zertrümmerten Kanonierböten befanden, hatte man retten können. Noch immer hielt Napoleon den gewaltigen Pfahl, der unmittelbar am ſteilen Uferabhange einge⸗ ſchlagen war, umarmt und ſtarrte nach dem empörten Meere hinaus, als plötzlich ganz nahes Wehgeſchrei an ſein Ohr ſchlug. Ein bereits vollkommen leck gewordenes Fahrzeug, deſſen Bemannung zur Hälſte ſchon von den Wellen verſchlungen war, ward ganz nahe an das Ufer geworfen. Bis auf wenig Schritte war es vom Lande entfernt, als eine neue Welle das Wrack wieder weit in die See warf. „Ein Seil, ein Seil,“ rief der Kaiſer,„und die Unglücklichen ſind gerettet; wer bringt ihnen ein Seil? Zehntauſend Franken, wem es gelingt, das Boot zu erreichen.“ 74 Dieſe Worte, welche nur von dem Theile des Generalſtabs verſtanden worden, der dem Kaiſer zu⸗ nächſt ſtand, verhallten ſpurlos. Von den Herren Epaulettenträgern ſchien Niemand Luſt zu haben, ſich in den offenen Todesrachen zu ſtürzen, wo jede Welle den, der es wagte, an den Felſen zerſchmet⸗ tern mußte. „Wer will zehntauſend Franken gewinnen?“ rief wiederholt der Kaiſer. „Ich, ich,“ antwortete eine Stimme; und von Blitzen erleuchtet trat ein Jüngling an's Ufer, der bereits ein Seil in der Hand haltend, das er behände um den Pfahl, welcher den Kaiſer als Stütze diente, ſchlang, ſich unverzugs in die Tiefe ſtürzte. „Wer iſt dieſer Brave, wie heißt er?“ frug Na⸗ poleon, von der ſeltenen Kühnheit dieſes Jünglings überraſcht. Niemand vermochte ihm Auskunft zu geben. „Unfehlbar einer der Gamins von Boulogne,“ meinte Savary, der dem Kaiſer zunächſt ſtand, mit halblauter Stimme,„ſie geben ihren pariſer Genoſſen an Waghalſigkeit nichts nach.“ „Sagen Sie lieber,“ rügte Napoleon, der die Worte verſtanden hatte, mit ſcharfem Tone,„einer der Edelknaben Frankreichs, und wenn Sie, General, dereinſt ſolche Leute zu kommandiren bekommen, ſo müſſen Sie ſich's zu einer Ehre ſchätzen.“ Der kühne Schwimmer kämpfte indeſſen vergeblich mit den Wellen; trotz aller Anſtrengung vorwärts zu kommen, um das Boot, das in einiger Entfernung dem Sinken nahe war, zu erreichen, ward er immer wieder an das Ufer geſchleudert. Der General Rapp, welcher mit beſonderer Theil⸗ nahme die heldenmüthigen Anſtrengungen des Jüng⸗ * 72 lings beobachtete, ſagte mit ſeiner gewohnten Frei⸗ müthigkeit zum Kaiſer: „Ew. Majeſtät konnten leicht zehntauſend Fran⸗ ken bieten, der arme Junge wird ſie nicht verdienen, da die Sache ohne zerſchellten Kopf nicht abgehen kann.“ „Er hat ſie ſchon verdient,“ erwiederte raſch Na⸗ polevn,„man rufe dem Braven zu, daß er von ſeinem vergeblichen Unternehmen abſtehe und ziehe ihn mit Vorſicht an's Land.“ Kaum hatte der Kaiſer dieſe Worte geſprochen, als das Kanot durch eine Welle wieder ganz nahe an das Ufer getrieben ward. Der kühne Jüngling erfaßte den glücklichen Augenblick, ſtrengte ſeine letz⸗ ten Kräfte an und erfaßte glücklich mit der einen Hand den Bord des Bootes, wo er unter allgemei⸗ nem Jubel der am Lande Verſammelten von der ſchon halbtodten Schiffsmannſchaft vollends hereinge⸗ zogen ward. Mit Hülfe des Seiles war es jetzt leicht, daß Fahrzeug an's Land zu bringen und die bereits dem Tode verfallene Mannſchaft zu retten. „Wo iſt mein Braver,“ rief der Kaiſer in ſelte⸗ ner Aufregung; aber dieſer konnte nicht vorgeſtellt werden, er war den rieſenmäßigen Anſtrengungen er⸗ legen und an mehren Kopfwunden blutend; da er mehrmal an die Felſen geworfen worden war, lag er bewußtlos und halb todt am Boden. Ein Wort des Kaiſers brachte den ganzen Gene⸗ ralſtab in Bewegung; man ſtürzte von allen Seiten nach Aerzten. Der Doector Larrey eilte herbei und Napoleon empfahl ihm den Ohnmächtigen mit einer Fürſorge, als wäre es ſein eignes Kind. Der Regen fiel noch immer in Strömen herab. 73 Endlich ſchritt Napoleon, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, langſam nach ſeiner Barake. Am folgenden Morgen ſpülte das Meer nicht weniger denn zweihundert Leichname an's Land. Es war dies ein Tag der Trauer und des Wehklagens, ſowohl für das Lager, wie für die Stadt Boulogne. Alles eilte nach dem Geſtade, um unter den Todten zu ſuchen, ob ſich vielleicht ein Verwandter oder Freund darunter befände. Auch der Kaiſer begab ſich am frühen Morgen nach dem Strande. Er ſetzte ſich auf ein Stück Fel⸗ ſen nieder und betrachtete mit düſterm Blicke die Trümmer, welche die Wellen vor ſich hertrieben. Plötzlich ſtreckte er die Hand aus und zeigte auf einen ſchwarzen Gegenſtand, der unfern dem Ufer auf dem Waſſer ſchwamm. „Savary,“ frug er,„wofür halten Sie jenen ſchwarzen Punkt?“ „Es kann nichts Andres ſein,“ meinte der Adju⸗ tant,„als die Patrontaſche eines verunglückten Sol⸗ daten.“ In dieſem Augenblicke ſchlug eine Welle ſchäu⸗ mend gegen das Ufer, und ſich wieder zurückziehend, ließ ſie den ſchwarzen Gegenſtand, der des Kaiſers Aufmerkſamkeit erregt hatte, beinahe vor ſeinen Fü⸗ ßen liegen. Sogleich ſtand Napoleon auf und ging darauf zu; dann bückte er ſich und hob ſeinen dreieckigen Hut auf, den ihm geſtern der Sturm entführt und der ganz durchweicht war und von Waſſer triefte. „Sieh einmal,“ ſagte er, überraſcht,„daß ich Dich alten Gefährten jemals wieder finden würde, hätte ich nicht geglaubt. „Da, Savary, bewahren Sie ihn zum Anden⸗ 7⁴ ken auf; es wäre undankbar, wollten wir ihn hier ſeinem Schickſal überlaſſen.“ Mit dieſen Worten löſte er die kleine dreifarbige Kokarde und den Karton zur Feder, die einzige Zierde dieſer Kopfbedeckung, ab und ßeckte ſie in die Taſche, während er den Hut ſelbſt ſeinem Adjutanten überließ. Die ſchmerzlichen Scenen, die bald in der Nähe bald in der Ferne des Kaiſers ſtattfanden, ſo oft dieſer oder jener unter den vom Meere ausgeſpülten Leichnamen einen Verwandten wieder erkannte, ver⸗ leidete den Kaiſer alsbald ſeinen Sitz auf dem Fels⸗ ſtück, und er kehrte, von ſeinem Adjutanten begleitet, auf einem Umwege durch's Lager nach ſeiner Barake zurück. Sechſtes Rapitel. — In der Geſellſchaft Morland's und mehrer alter Grognards ſaß Maillebois mit ſeinem Sohne Na⸗ poleon beim traulichen Becher. „Jetzt, da mir der Feldſcheerer auf Ehrenwort ver⸗ ſichert, begann der Ziergärtner, nachdem er einen herzhaften Schluck gethan,„daß es mit den beiden Schlingels weiter keine Gefahr hat, mundet mir der Wein erſt recht. Stoßt an, Kameraden, meine bra⸗ ven Jungen ſollen leben!“ „Ja wohl,“ riefen die Grenadiere aus einem Munde und die Gläſer klangen luſtig aneinander, „Armand und Guiſeppe ſollen leben!“ „Glücklicher Vater,“ ſprach Morland, ſeinen 75 alten Zeltkameraden auf die Schulter klopfend,„wie bereu' ich's jetzt, Deinem Beiſpiele nicht gefolgt zu ſein und kein Weib genommen zu haben, die mir vielleicht auch ſolche wackre Söhne geboren hätte.“ „Aber jetzt muß ich Euch offen geſtehen, meine Freunde,“ fuhr Maillebvis fort,„wenn ſich nun die Gelegenheit nicht bald findet, dem Kaiſer meine Aufwartung zu machen, muß ich unverrichteter Sache nach Merville zurückkehren. Meine Wirthshausrech⸗ nung wird täglich länger und auf ſolche Depenſen bin ich nicht eingerichtet.“ „Poſſen,“ lachte Morland,„hat doch Dein Guiſeppe durch ſeine herviſche Waſſerfahrt allein zehntauſend Franken gewonnen.“ „Und was die Empfehlung Armand's und Gui⸗ ſeppe's anbelangt,“ meinte einer der Grenadiere, „haben ſie ſich durch ihre Thaten bereits beſtens em⸗ pfohlen.“ „Es iſt mir nur um den Kanonier hier,“ ſprach Maillebois,„den möcht' ich gar gern dem kleinen Korporal vorſtellen, wie ich ihm verſprochen habe im heidniſchen Aegypten.“ „Hab' nur bis morgen noch Geduld,“ tröſtete Morland,„da hoff ich's durch meine Connaiſſanſen gewiß durchzuſetzen, daß Du Seine Majeſtät zu ſpre⸗ chen bekommſt.“ Während ſich die alten Krieger noch auf dieſe Art unterhielten und dabei fleißig den Becher in der Runde gehen ließen, trat der brave General Rapp⸗ der Liebling Napoleon's, in die Barake. Sämmt⸗ liche Trinker fuhren, ob der unerwarteten Ehre, wie vom Blitz getroffen, in die Höhe und erhoben die Hände zum militairiſchen Gruße. „Guten Tag, meine Kinder,“ ſprach Rapp in 76 herzlichem Tone,„finde ich hier nicht den braven Veteranen Maillebois, ehemaligen Feldwebel im Regimente Taglimene?“ „Hier ſteht er, General,“ erwiederte rapportmäßig der Ziergärtner mit militairiſcher Grandezza. „Sieh da,“ ſprach Rapp, der jetzt die noch im⸗ mer ſtattliche Geſtalt des einſtigen Grenadiers wieder erkannte,„alte Bekanntſchaft aus Aegypten. Das freut mich. Jetzt aber macht Euch fertig, der Kaiſer will Euch ſprechen.“ „Stehe zu Befehl,“ antwortete Maillebvis; „komm mein Sohn, Du gehſt auch mit,“ ſprach er zu Napoleon gewendet, und nahm denſelben bei der Hand. „Auch Euer Sohn?“ frug der General,„wie viel habt Ihr deren ſo eigentlich?“ „Drei, zu dienen, General, dann iſt's aus,“ war die Antwort. „Wohlan,“ ſprach Rapp,„ſo kommt, Ihr wißt, der Kaiſer liebt das Warten nicht.“ Während des aber hatte Morland ein Glas gefüllt und daſſelbe mit der feinſten Tournüre dem kaiſerlichen Adjutanten präſentirend ſprach er: „General, Ihr habt oft mit der Garde gefochten, Ihr müßt auch einmal mit ihr trinken.“ Rapp nahm das Glas dankend an. „Es leben die braven Grenadiere der Garde,“ ſprach er, indem er den Römer leerte. Die anweſenden Grenadiere ſtießen nun ihrerſeits an und riefen:„hoch lebe der brave General Rapp!“ Als dieſer mit dem Ziergärtner und dem kleinen Napoleon die Barake verlaſſen hatte, wandelte letzterer, ſeinen Sohn an der Hand, ſtolz neben dem Adjutanten des Kaiſers durch die Lagergaſſen. Eine ——————————— S 77 ſolche Ehre war ihm im Leben noch nicht widerfah⸗ ren. Wäre er ganz nüchtern geweſen, ſo würde er wahrſcheinlich nicht ganz ohne Herzklopfen gefolgt ſein, ſo aber hatte ihn der Wein Muth gegeben, ihn beredt gemacht, daß er ſich höchſt angenehm mit dem tapfern Rapp unterhielt. „Wiſſen Sie noch, General,“ erinnerte der Zier⸗ gärtner,„da bei den Pyramiden, wo ſo ein türkiſcher Hund Ihnen das Pferd unter'm Leibe erſchoß, daß Sie nicht wenig in's Gedränge kamen? Es war um Sie geſchehen, General, wenn nicht der tapfre Ri⸗ card— Gott hab ihn ſelig, er hat die grüne Küſte Frankreichs und ſein herrliches Landhaus auch nicht wieder geſehen— Ihnen mit einer halben Com⸗ vagnie zu Hülfe geeilt wäre, und die türkiſche Rei⸗ terei, die Ihnen den Garaus machen wollte, nach allen vier Winden zerſtreut hätte. Ich höre die alten Grenadiere noch ſchreien wie toll:„en avant, Kame⸗ raden, unſer guter Rapp ſitzt in der Klemme.“ Ja, General, Sie waren ſchon damals allgemein geliebt.“ Während Maillebvis in Einemfort alſo treu⸗ herzig erzählte, war man bei der Barake des Kaiſers angelangt. Die beiden am Eingange poſtirten Gre⸗ nadiere der Fußgarde präſentiren. Der Ziergärtner, der ſich dieſe Ehrenbezeugung mit annahm, dankte huldreich und folgte mit ſeinem Sohne dem General in das Vorzimmer des Kaiſers. Hier gab er, da er nicht ſogleich vorgelaſſen wurde, dem Kanonier noch einige gute Lehren, wie er ſich vor Seiner Majeſtät zu benehmen habe. Plötzlich öffnete der Leibmameluck Ruſtan die Thür, und Vater und Sohn traten in das Zimmer Napoleon's. Der Kaiſer, die Hände auf dem Rücken, ſtand 78 an einem der Fenſter und ſchaute nach dem Meere hinaus. So wie Maillebvis eingetreten war, wandte er ſich ſchnell um und trat ihm einen Schritt entgegen. „Willkommen in Boulogne,“ ſprach er äußerſt gut gelaunt,„wie geht's mit der Gärtnerei; iſt Etwas dabei zu verdienen?“ „Muß zufrieden ſein, Ew. Majeſtät,“ erwiederte Maillebois,„die Geranien und Camelien, die ich aus Aegypten mitgebracht habe, gedeihen ganz vor⸗ trefflich, und mache ich alljährlich recht hübſche Ge⸗ ſchäfte damit.“ „Wohin handelt Ihr vorzüglich?“ „Sire, nach den nördlichen Departements, auch nach den Niederlanden gehen anſehnliche Sendungen.“ „Werdet Ihr auch immer pünktlich bezahlt?“ „O ja, Majeſtät, darüber iſt nicht zu klagen. Es iſt Geld unter den Leuten.“ „Aber zum Teufel, was will ein Ziergärtner hier in Boulogne? Da werdet Ihr verdammt wenig Ge⸗ ranien und Camelien an den Mann bringen.“ „Ich bin gekommen, Sire, um mein Verſprechen zu löſen, daß ich Ew. Majeſtät in Aegypten gab.“ „Welches Verſprechen?“ „Ihnen meine drei Söhne zu bringen, ſobald ſie das Alter erreicht, um für Ew. Majeſtät zu kämpfen, da ich ſelbſt für den Krieg untauglich geworden.“ „Gut, ſchön, ich entſinne mich.“ „Freilich kann ich vor der Hand nur den Jüng⸗ ſten Ew. Majeſtät präſentiren, der Armand und Guiſeppe liegen noch darnieder.“ Des Kaiſers Geſicht heiterte ſich ſichtbar auf. „Weiß es, weiß es,“ ſprach er,„und wenn Ihr nach Merville zurückkommt, ſo ſagt Eurer Frau, daß — ſie dem Vaterlande zwei brave Söhne geboren hat, und daß ich für ſie ſorgen werde.“ „Ew. Majeſtät find zu gnädig.“ „Und der Kleine hier?“ „Der iſt ſo zu ſagen,“ ſprach Maillebvis, der Pathe Ew. Majeſtät, er hieß Crispin, nach dem Großvater; mit Ihrer gütigen Erlaubniß jetzt aber Napoleon, gerade wie Ew. Majeſtät.“ „Aha, der Kanonier, nicht wahr,“ lachte der Kaiſer. „Freilich, der Kanonier,“ bejahte der hochbe⸗ glückte Vater. „Nun, mein Herr Napoleon,“ wandte ſich jetzt der Kaiſer zu dem Jünglinge,„wie ſteht's, haben wir auch Luſt zum Soldaten und Muth?“ „O ja, Ew. Majeſtät,“ erwiederte herzhaft der Kleine. „Das iſt ſchön,“ fuhr der Kaiſer fort;„der Sol⸗ dat muß aber auch Geld haben, wie ſieht's damit aus, he?“ Der Kanonier ſchlug beſchämt die Augen nieder. „Die letzten Pfennige der Sparbüchſe,“ geſtand hier Maillebvis achſelzuckend,„ſind für die neuen Höschen drauf gegangen, die Ew. Majeſtät da ſehen.“ „So,“ ſprach der Kaiſer,„da müſſen wir freilich Rath ſchaffen.“ Er trat an ſein Bureau und nahm eine Hand voll Goldſtücke aus der Caſſette, die er dem erglühten Jünglinge gab. „Hier, mein junger Freund, iſt das Aufgeld; aber vor der Hand kann ich Ihn noch nicht im La⸗ ger gebrauchen. Ein Kanonier, will er ſeiner Waffe Ehre machen, muß etwas Tüchtiges gelernt haben. Darum ſoll Er ein Jahr auf meine Kriegsſchule 80 nach Saint⸗Cyr. Melde Er ſich daher beim Kriegs⸗ miniſter; ich werde das Uebrige beſorgen.“ Vater und Sohn wußten nicht, wie ſie ihren Dank für dieſe Gnade würdig genug ausdrücken ſollten. Der Alte erſchöpfte ſich in Betheuerungen der Ergebenheit. „Seien Sie überzeugt, Ew. Majeſtät, daß der Taufpathe Ihnen keine Schande machen und ſich der hohen Gnade, ſo Sie ihm erweiſen, nicht unwürdig bezeigen wird.“ „Ich verlange vor der Hand nur Gehorſam und Fleiß, dann wird ſich das Uebrige finden,“ ſprach Napoleon, und machte mit der Hand das Zeichen der Entlaſſung. Ueberglücklich verließen die Zwei das Zimmer des Kaiſers und kehrten nach der Barake Morland's zurück. Jubelnd wurden ſie von den noch verſam⸗ melten Grenadieren empfangen und Maillebois er⸗ mangelte nicht, ſeine gehabte Audienz bis in die kleinſten Details wieder zu geben. Man ließ den Kaiſer hoch leben und Alles war heiter und guter Dinge; nur Freund Morland war es nicht ganz recht, daß ſein einſtiger Zeltkamerad ohne ſeine In⸗ tervention und ohne ſeine Connaiſſanſen mit dem Kaiſer zuſammen getroffen war. Siebentes Rapitel. u war von ſeinen Wunden ſo weit herge“ ſtellt, daß er wieder ausgehen und kleine Spazier“ 8¹ gänge machen konnte. Er hatte die ſchnelle Wieder⸗ herſtellung theils ſeiner kräftigen Natur, theils der trefflichen Behandlung ſeines Arztes, des Doctors Bonorand zu danken. Letzterer war ein Mann von tiefer wiſſenſchaftlicher Bildung, ein eifriger Forſcher auf dem Gebiete der Naturkunde, aber nicht ganz frei von einer gewiſſen myſtiſchen Richtung, welche durch den damals auftauchenden thieriſchen Magne⸗ tismus, wie durch die Lehren Gall's und Lava⸗ ter's bedeutende Nahrung fand; ja, man konnte ihn wohl gar für einen geheimen Anhänger Schweden⸗ borg's halten, obwohl er ſich öffentlich nie darüber ausſprach; denn er geſtand geheimen unerklärlichen Naturgewalten unmittelbaren Einfluß auf das Wohl und Wehe der Sterblichen zu. Durch täglichen Beſuch war er mit Armand innig befreundet geworden. Er liebte den Jüngling und intereſſirte ſich außerordentlich für ihn, da er in deſſen ſchönem offenen Antlitz glückliche Linien, die auf ein freundliches Geſchick zu deuten ſchienen, entdeckt zu haben glaubte. Armand ſeinerſeits war wieder dem Arzte ſehr zugethan. Die heitere, troſtreiche Lebensphiloſophie deſſelben ſprach ihn ungemein an; und wenn der Na⸗ turkundige von guten und böſen Sternen, von freund⸗ lichen und feindlichen Genien, die den Sterblichen umſchweben, ſprach, ſo lieh er gern ſein Ohr, ohne dabei ſeinem aufgeklärten Sinne etwas zu vergeben. Namentlich war das Gemüth des Jünglings ſeit dem Erſcheinen Florentinen's in jenem Blumenparadieſe, deren Bild noch immer wie eine beſeligende Fata Morgana in ſeinem Herzen ruhte, für dieſe Lehren empfänglicher geworden, als es wohl außerdem der Fall geweſen ſein mochte. Stolle, ſämmtl. Schriften. XN. 6 82 Die Beiden unterhielten ſich oft über jenes in⸗ tereſſante Feld, das ein berühmter deutſcher Natur⸗ forſcher ſo treffend die Nachtſeite der Naturwiſ⸗ ſenſchaft genannt hat, wenn ſie auf einſamen Spa⸗ ziergängen dem Fluge der Wolken folgten, dem ſelt⸗ ſamen Rauſchen des Windes in den Kronen uralter ulmen lauſchten oder am Strande das eintönige Ge⸗ murmel der Meereswellen an ihr Ohr ſchlug. „Nennen Sie es immerhin eitles Spiel der Phan⸗ taſie,“ ſprach eines Tages der Doctor, als er wieder mit Armand auf einem Felſen am Meere ſaß,„wenn ich aufmerkſamer als andere Leute dem Grollen, Schmollen, Lachen, Seufzen, Aechzen und Frohlocken der Wellen zuhöre, die ſich hier am Ufer brechen, die Sache verdient ſchon der Poeſie wegen, die darin liegt, Beachtung.“ „Ihr höret nur das aus den Wellen, lieber Doctor,“ entgegnete Armand,„was Ihr erſt hinein⸗ getragen, es iſt Euer eigener Geiſt, Eure eigene Phantaſie, die Ihr vernehmet.“ Der Arzt wollte das nicht unbedingt zugeben, und die Zweie ſtritten noch eine geraume Zeit darüber. Man kam auf die geheimen Kräfte der Natur zu ſprechen, auf Sympathieen und Antipathieen, Ahnun⸗ gen und Viſionen. „Mein junger Freund,“ ſchloß Bonorand ſeine Rede,„es giebt Vieles zwiſchen Himmel und Erde, wovon ſich unſere Philoſophie nichts träumen läßt. Das iſt ein wahres Wort des großen Dichters. Un⸗ ſere Freigeiſter erklären Alles für Unſinn, Spiel der Phantaſie, was ihr beſchränkter Verſtand nicht zu be⸗ greifen vermag. Damit iſt aber nichts bewieſen. Als Gegenbeweis könnte man ihnen anführen, wie ſelbſt die gelehrteſten und aufgeklärteſten und geiſtreichſten 83 Männer, daß ich mich ſo ausdrücke, dem Aberglauben huldigten, weil ſie an ein unmittelbares Einwirken einer unſichtbaren Welt auf die ſichtbare glaubten. Lebt nicht eins der auffallendſten Beiſpiele in unſrer nächſten Nähe; glaubt Napoleon nicht an ſeinen Stern, wie an ſeine glücklichen und unglücklichen Tage, und hat er ſich nicht ſogar unlängſt von der bekannten Normand wahrſagen laſſen?“ „Ich möchte wiſſen, was die ihm Alles verkündet hat?“ ſprach Armand. „Für die nächſte Zeit Glück, ſpäter aber ſchweres Unglück,“ verſetzte der Arzt. Armand ſchüttelte ungläubig lächelnd den Kopf. „Trifft das Prophetenwort ein,“ meinte er,„iſt's doch nur Zufall.“ „Zufall,“ fiel hier Bonorand etwas ärgerlich ein,„gleich ſeid Ihr Leute doch mit dem Zufall bei der Hand, und glaubt den Proceß gewonnen zu ha⸗ ben. Zufall, was iſt Zufall? Es giebt keinen Zufall, ſo wie Ihr ihn Euch vorſtellt. Jede Erſcheinung wird durch Urſachen bedingt; wo Ihr nun mit Euern blö⸗ den Augen die Urſachen nicht ſeht, da ſprecht Ihr, das iſt Zufall. „Was übrigens die Prophezeihung der Normand hinſichtlich des Kaiſers anbelangt,“ fuhr er fort,„ſo kann ich aus eigner Erfahrung ſprechen. Aus Lieb⸗ haberei habe ich in meinem ſogenannten aſtrologiſchen Salon zu Paris Napoleon das Horoſcop geſtellt, und ſonderbar, meine Conſtellationen ſtimmen mit den Ausſagen der Madame Normand ziemlich überein. Der Stern des Kaiſers wird noch einige Jahre ſtei⸗ gen, eine noch nie geſehene Höhe erreichen, aber ſein Niedergang iſt von Wolken und Gewitterbergen um⸗ lagert. Die Welt wird den Stern Napoleon's 62 8⁴ nimmer als ſchönen Abendſtern am weſtlichen Himmel untergehen ſehen, darauf verlaßt Euch. „Wenn Ihr mich einmal in meinem Hauſe zu Paris beſucht,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu, „könnt Ihr Euch ſelbſt überzeugen.“ „Prophezeihungen,“ verſetzte Armand,„ſind gerade dasjenige, worauf ich am Wenigſten gebe.“ „Wohlan, Ihr Ungläubiger,“ ſprach Bonvrand, „ich will Euch da einige Anekdoten aus der kaiſer⸗ lichen Familie mittheilen, die ich als wahr verbür⸗ gen kann.“ Armand erklärte ſich gern bereit, ſie zu hören; und der Doctor begann: „Eines Tages,“ erzählte er,„als der erſte Con⸗ ſul in ſehr heiterer Stimmung war, begab er ſich nach Malmaiſon, wo ſich Joſephine befand und er⸗ götzte ſich in traulichem Geſpräch. Joſephine, von Natur zum Aberglauben geneigt, lenkte die Unterhal⸗ tung bald in's Reich des Wunderbaren. Napoleon ſpielte den Freigeiſt, hörte aber doch ſehr aufmerkſam zu, als ſeine Frau folgendermaßen zu erzählen be⸗ gann:„Ich lebte noch zu Martinique, als ich mitten in einem großen Haufen von Sclaven eine alte, ma⸗ gere und abgezehrte Frau von hohem Wuchſe ge⸗ wahrte. Sie ward meiner gleichfalls anſichtig und ſchritt auf mich zu. Schweigend nahm ſie meine Hand, öffnete ſie, ſchaute hinein und ſchien ſehr überraſcht.„„Was findet Ihr ſo Ungewöhnliches an mir?““ fragte ich.“ „„Ihr würdet es nicht glauben,“ antwortete ſie, „wenn ich es Euch auch ſagte.“ „Ich redete ihr zu, mir mitzutheilen, was ſie ge⸗ ſehen habe. Da hob ſie ihren Blick zum Himmel und ſagte mit ſonderbarem Ausdrucke und ernſter 85 Stimme:„Sie werden ſich bald verheirathen, aber Ihre Verbindung wird nicht glücklich ſein; in Ihrer zweiten Ehe werden Sie ſchöne Jahre verleben“.. Bonaparte lächelte bei dieſen Worten fein und verbindlich..„und,“ fuhr Joſephine fort,„ohne Königin zu ſein, mehr ſein als Königin.“ Die fremde Alte entfernte ſich nach dieſer Rede und ich habe ſie nie wieder geſehen. „Bonaparte war aufgeſtanden und ging, ſeiner Gewohnheit nach, die Hände auf dem Rücken gelegt, im Zimmer auf und ab. Nach einer Pauſe ſprach er:„Mir iſt in Aegypten etwas ganz Aehnliches widerfahren. Ich luſtwandelte mit einigen Officieren, da kam ein braunes Weib in zerlumpten Kleidern auf mich zu. Sie ſchaute mich lange ſchweigend an, dann ſagte ſie mir, den ſie nie zuvor geſeben, ich würde dereinſt ſo groß wie Cäſar und Muhamed werden.“ „Napoleon ging indeß bei dieſer Erzählung ge⸗ gen Joſephine nicht ganz aufrichtig zu Werke. Der wahre Hergang der Sache war nach glaubwür⸗ digen Ausſagen folgender: Bonaparte ließ während ſeines Feldzuges in Aegypten eine Wahrſagerin, die beim Volke in großem Rufe ſtand, zu ſich kommen, und ſtellte ſich der Sibylle, die in ihm keinesweges den Obergeneral vermuthen konnte, in der einfachen Uniform eines Subalternofficiers vor. Die weiſe Frau verkündigte ihm, nachdem ſie verſchiedene ſymboliſche Geräthſchaften auf dem Tiſche ausgekramt hatte:„Du wirſt zwei Frauen häben, eine von ihnen wirſt Du ſehr mit Unrecht verſtoßen, die andere wird Dir einen Sohn gebären. Kurz nach ſeiner Geburt werden ſchlimme Ränke gegen Dich geſchmiedet werden. Mit Deiner Macht und Deinem Gluck wird es bald vor⸗ 86 bei ſein; in allen Deinen Hoffnungen wirſt Du Dich getäuſcht ſehen. Du wirſt mit Gewalt verjagt und auf ein vulkaniſches Eiland mitten im Meere ver⸗ bannt werden. Hüte Dich, mein Sohn, hüte Dich wohl, auf Deiner Freunde Treue zu bauen.“ „Bonaparte ließ der Wahrſagerin zur Belohnung ſiebenundzwanzig Zechinen auszahlen, ſo viel hatte gerade ſein Adjutant bei ſich, der bei dieſem ſeltſa⸗ men Auftritte zugegen war.“ „Das klingt ja höchſt traurig,“ ſprach Armand, „wir wollen hoffen, daß dieſe Prophetenworte niemals in Erfüllung gehen.“ Der Doctor zuckte mit den Achſeln. „Dunkel ſind die Wege des Schickſals,“ ſprach er. Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Noch merkwürdiger verhält ſich die Sache mit dem alten Pergamente des Meiſter Noöl Olivarius.“ „Was iſt es damit?“ frug der Jüngling. „Eines Abends, als Napoleon gleichfalls mit Joſephinen in Malmaiſon allein war,“ erzählte der Arzt,„und das Geſpräch auf ſeine gigantiſchen Ent⸗ würfe kam, zog er plötzlich ein altes Heft in vergilb⸗ tes Pergament gebunden, voll unleſerlicher Schriftzüge und mit der Jahreszahl 1542 aus der Taſche und überreichte es ſeiner Gemahlin. „Joſephine nahm es und las laut den Titel: „Prophezeihungen des Meiſter Olivarius.“„Was ſoll das?“ frug ſie. „„Es heißt,“ erwiederte der Kaiſer,„es ſei von mir die Rede in dem Buche.“ „„Wie,“ rief Joſephine,„in einem 1542 ge⸗ ſchriebenen Manuſeripte?“ „„Lies nur,“ ſprach Napoleon. „Joſephine begann zu leſen, aber da das Ma⸗ 87 nuſcript in ganz altem Franzöſiſch geſchrieben war, ſo brauchte ſie einige Zeit, um ſich auf den erſten Sei⸗ ten zurecht zu finden. Dann aber las ſie ziemlich geläufig Folgendes: (Der Doctor hatte, während er dies erzählte, ein Blatt aus ſeiner Brieftaſche gezogen, worauf nachſte⸗ hende Prophezeihung ſtand) „Das galliſche Italien wird nicht weit von ſeinem Schvoße ein übernatürliches Weſen geboren werden ſehen. Dieſer Mann wird noch ſehr jung über das Meer gehen und Sprache und Sitte von den Celtv⸗ Galliern entnehmen. Als Jüngling ſchon wird er ſich unter allen Kriegsleuten über tauſend Hinderniſſe hin⸗ weg eine Bahn brechen und ihr erſtes Oberhaupt wer⸗ den. Dieſer Weg wird ihn der Mühe nicht wenig koſten. Dann wird er nahe bei dem Lande ſeiner Geburt ein Luſtrum und länger Krieg führen. „Jenſeits des Meeres wird er ſich als Krieger mit großem Ruhm und Tapferkeit bewähren und dann auf's Reue die römiſche Welt mit Krieg überziehen. „Er wird den Germanen Geſetze geben, wird bei den Celto⸗Galliern Schrecken und Verwirrung mit Frieden zu Ende bringen und darauf nicht König, ſondern Imperator genannt werden, zu alles Volkes großer Zufriedenheit. Kriegsherr überall in den Rei⸗ chen ringsum, wird er Fürſten und Herren und Kö⸗ nige verjagen, zwei Luſtern und länger noch. Dann werden Fürſten und Herren auf's Neue ſich mit Macht erheben und er wird auf ſeinem Throne rufen:„0 sidera! O sacra!“ Mit einem Heere wird er geſehen werden. Er wird ein Heer von neunundvierzig Mal zwanzigtauſend Mann haben. Es werden Fußgänger ſein, die Waffen mit ehernen Spitzen tragen. Er wird ſiebenmal ſiebenmal ſiebentauſende Pferde haben, von 88 Männern geritten, die längere Lanzen noch als die andern Schwerter tragen und eherne Harniſche. Er wird ſiebenmal ſiebenmal zweitauſend Mann haben, die fürchterliche Maſchinen ſpielen laſſen werden, welche Schwefel, Feuer und Tod ſpeien. Der ganze Beſtand ſeines Heeres wird neunundvierzigmal zwanzigtauſend Mann ſein. „In der rechten Hand wird er einen Adler, das Zeichen des Sieges in Schlachten tragen. Manche Länder wird er den Nationen geben, aber keinen Frieden. „Er wird in der großen Stadt verweilen, man⸗ cherlei große Dinge anbefehlen: Gebäude, Brücken, Seehäfen, Waſſerleitungen und Kanäle. Er wird Alles ganz allein thun, durch die Macht großer Reich⸗ thümer, wie es nur ein Römer gethan, und Alles innerhalb der Befitzungen der Gallier. „Frauen wird er zwei haben.“ „Hier hielt Joſephine inne; Napoleon bat ſie aber weiter zu leſen. „Und einen einzigen Sohn. Er wird gehen, den Krieg fünfundfunfzig Monde lang zu führen, wo ſich die Grade der Länge und Breite kreuzen. Dort wer⸗ den ſeine Feinde durch Feuer die große Stadt anzün⸗ den und er wird dort einziehen und unter Aſchenhau⸗ fen mit den Seinigen wieder fortziehen. Vielfache Zerſtörung wird ſein und die Seinigen werden Man⸗ gel leiden an Brot und an Waſſer, der ſo ſchwer auf ihnen laſten wird, daß zwei Dritttheile ſeines Heeres untergehen werden. „Dann wird der große Mann verlaſſen und verra⸗ then von ſeinen Freunden, mit großem Verluſte, von einer großen Völkermenge Europa's bis zu ſeiner eig⸗ nen Stadt gejagt werden und an ſeine Stelle der alte König, aus altem Geſchlecht geſetzt werden. „Er aber wird zur Verbannung in's Meer ver⸗ urtheilt werden, nahe dem heimathlichen Boden, von dem er in ſeiner Jugend gekommen war, und dort eilf Monden mit einigen der Seinigen wohnen. Sind dann die eilf Monate abgelaufen, ſo werden er und die Seinigen Schiffe nehmen und wiederum das celto⸗ galliſche Land betreten. „Und er wird ſich gegen die große Stadt wenden, wo der alte König ſeinen Sitz genommen hat. Der wird ſich erheben und fliehen, all' ſeinen Schmuck mit dahin nehmend. Jener aber wird wieder ſeine alte Herrſchaft einnehmen, wo er den Völkern viele treff⸗ liche Geſetze giebt. „Aber von Neuem verfolgt, von einem Bunde dreier europäiſcher Völker wird nach drei Monden und dem Drittel eines Mondes der alte König wieder ein⸗ geſetzt werden auf ſeinen Stuhl. „Die Völker und die Gallier, wie Tiger werden ſie ſich würgen unter einander. Des alten Königs Blut wird das Werkzeug ſchwarzen Verrathes ſein. Die Lilie wird aufrecht erhalten werden, aber die letzten Zweige des alten Blattes werden bedroht werden. „Darauf werden ſie einander bekriegen. „Dann aber wird ein junger Kriegsmann wider die große Stadt ziehen, auf ſeinem Wappenſchilde wird der Löwe ſtehen und der Hahn. Die Lanze aber wird ihm gegeben werden von einem großen Fürſten des Oſten. Höchſt rühmlich und hülfreich werden ihn die gallo⸗belgiſchen Völker beiſtehen, die ſich mit den Pariſern vereinigen, um Unruhen zu Stande zu brin⸗ gen, Kriegsvölker zu verſammeln und ſie alle mit Oel⸗ zweigen zu bedecken. 90 „Darauf wird Frieden ſein fünfundzwanzig Mon⸗ den hindurch. „In Lätitia wird die Seine roth von Blut, durch Verwüſtung und Sterblichkeit, ihre Wogen wälzen, neue Aufſtände der Unzufriedenen werden wiederum erfolgen.“ oſephine überraſcht von dieſen Verkündigun⸗ gen hielt, nachdem ſie noch einige wunderbare Sätze geleſen hatte, inne. „Der Kaiſer ſchritt nachdenkend auf und nieder. Endlich ſagte er:„Prophezeihungen pflegen in der Regel das zu ſagen, was man ſie ſagen laſſen will, indeſſen geſtehe ich, dieſe hat mich überraſcht.“ „Gegen einen Vertrauten ſoll er hingegen in Be⸗ zug auf dieſe Prophezeihung, die in einem alten Be⸗ nedictinerkloſter aufgefunden worden, geäußert haben: „„Ich geſtehe es frei, es giebt Dinge, die über dem menſchlichen Geſichtskreiſe ſtehen, und die Niemand, ſei er auch mit dem größten Scharffinne begabt, je zu ergründen vermag. Wahrhaftig, wir ſollten uns um Alles an den wenden, der tie Welt regiert und uns die Lichtſtrahlen wohl zu Nutze machen, die hier und da auf einige bevorzugte Weſen niedergeſtrömt ſind, um uns über den wahren Weg aufzuklären, den wir einſchlagen müſſen, um uns frühzeitig von den Hinderniſſen zu unterrichten, die uns entgegen ſtehen können.“ „So erzählt man auch von Joſephinen,“ fuhr der Doctor fort,„daß, als ſie noch Gattin des Se⸗ nerals Bonaparte einſt auf einem Balkon geſtanden, Männer und Weiber, ſeltſam widrig anzuſchauen, an ihr vorüber gegangen ſind. Namentlich ſoll ein beſon⸗ ders häßliches und mißgeſtaltes Weib die Aufmerkſam⸗ keit der nachherigen Kaiſerin auf ſich gezogen haben. * 91 Ein neben ihr ſtehender Edelmann hat dieſes Weib als eine Seherin bezeichnet, welche im Volke unter dem Namen der Alpenhexe ſehr bekannt ſei. „Eine Dame ſprach zu Joſephinen: Sehen Sie einmal, Sie ſcheinen beſonders die Aufmerkſamkeit die⸗ ſes gräulichen Weſens auf ſich gezogen zu haben, denn es blickt Sie ſtarr an. „In demſelben Augenblicke ſchrie die Alpenhexe zu dem Balkon herauf: Zurück, ſchnell zurück, ein gro⸗ ßes Unglück bedroht Euch. „In der That ſtürzten die Stützen, die den Bal⸗ kon hielten, einige Minuten ſpäter zuſammen. Jo⸗ ſephine warf ſich glücklicher Weiſe auf die Seite, die noch feſt hielt, und ſie und die Damen ihres Ge⸗ folges wurden gerettet. Am folgenden Tage ließ Jo⸗ ſeyhine die Alpenhexe zu ſich kommen; ſie hatte ſich mit einer Freundin verabredet und ſie wollten ſich für Florentinerinnen ausgeben. Alle die bei dem Erſchei⸗ nen des Weibes, eines wahren Scheuſals in menſchli⸗ cher Geſtalt, zugegen waren, fühlten ſich bei ihrem Anblicke von Furcht und Schrecken ergriffen. Es hatte einen Kropf, der ihm bis an den Gürtel ging und führte an der Hand einen zwerghaften Eretin, der ihm zum Erſchrecken ähnlich ſah. Jeder wollte dieſe Frau um ſeine Zukunft befragen. Sie war taub und das Sprechen koſtete ihr ziemlich viel Anſtrengung. Sie langte Kräuter aus ihrer Schürze und forderte friſche Eier und drei Eimer Waſſer. Nachdem ſie einige un⸗ verſtändliche Worte gemurmelt, ſagte ſie einem jungen Officier, der beſonders eifrig geweſen war, ſein Schick⸗ ſal zu vernehmen:„Sie werden in einer Schlacht den Tod finden;“ zu einem andern:„Sie werden vor Froſt und Hunger umkommen.“ „Als die Gattin des Obergenerals an die Reihe kam, verkündete ihr die Hexe, ſie werde einſt eine Krone tragen und zeigte ihr, wie im Waſſer die Eier Kreiſe bildeten, die alſo vereinigt eine Krone andeu⸗ teten.„Ich ſehe zwei Kronen im Waſſer,“ ſagte ſie ihr,„Sie aber werden nur eine tragen.“ „„Das iſt auch ſchon genug,“ erwiederte lächelnd Joſephine. „Jeder wünſchte, die ſo zerbrechliche Krone von Eiern zu ſehen; ſie ward von Allen aufmerkſam be⸗ trachtet und gefunden, daß ſie ſieben Zacken habe, worauf der kleine Cretin, der dem Weibe faſt wie ein Schutzgeiſt zur Seite ſtand, beifällig das Haupt nickte. Die Alpenhexe ward darauf fortgeſchickt und in einer Art belohnt, daß ſie nicht Verdacht ſchöpfen konnte, ſie habe mit ſo vornehmen Perſonen zu thun gehabt. „Die liebenswürdige Joſephine hat oft von die⸗ ſen Prophezeihungen geſprochen. Noch vor kurzem, als ich das Glück hatte in ihrer Geſellſchaft zu ſein, kam die Rede darauf, wo zuletzt die Kaiſerin in die denk⸗ würdigen Worte ausbrach:„Viermal iſt mir meine ietzige Stellung vorausgeſagt worden. Erſt von der alten Negerin, dann von der Irländerin David, hierauf von der Alpenhexe und zuletzt von Demoiſelle Lenormand; aber keine von ihnen hat mir geſagt⸗ ob meine Krone auf meine Nachkommen übergehen werde. Wahrſcheinlich wird mein Königreich nicht von dieſer Welt ſein, denn der ärmſte Franzoſe hinterläßt ſeinen Kindern ein Erbe; die meinigen aber werden, wie mir ahnet, nur in ihrer Tugend ein glänzendes Erbe finden, und der Glanz, der mich umgiebt, wird noch vor meinem Tode in Nichts zerfallen. Nur das iſt mir troſtreich, daß mich nach meinem Tode noch meine Handlungen in meiner Freunde Gedächtniß wer⸗ 93 den leben laſſen, und ich gebe mich gern der Hoffnung hin, daß ich einige Freunde hinterlaſſen werde.“ Armand hatte die wunderbaren Mittheilungen des Arztes ſchweigend mit angehört; doch ſchien ſein Glaube dadurch nicht eben ſehr gehoben worden zu ſein. Halb im Scherze frug er,„ob Freund Bonorand nicht auch etwas Prophetengabe in ſich verſpüre?“ „Warum nicht,“ erwiederte der Arzt,„wenigſtens gehen mir oft Träume wunderbar in Erfüllung.“ „Wenn Sie prophezeihen könnten,“ fuhr der Jüngling fort,„da hätt' ich eine Frage auf dem Herzen.“ „Es war eine Wohlthat des Himmels, daß er uns die Zukunft verhüllte,“ ſprach der Doctor,„darum ſoll der Menſch auch nicht vorwitzigerweiſe den Schleier lüften. Er wird nicht glücklich dadurch.“ „Meine Anſprüche an die Orakel find ſehr beſchei⸗ den,“ meinte Armand lächelnd,„ich wünſchte nur zu wiſſen, ob ich eine junge Dame, die ich in Ge⸗ danken habe, einmal wiederſehen werde.“ Kaum hatte der Jüngling dieſe Worte geſprochen, als ſich oben auf der Gruppe des Felſens eine pathe⸗ tiſche, declamatoriſche Stimme alſo vernehmen ließ: „Welch' einen großartigen, gigantiſchen Anblick ge⸗ währt nicht das Meer, ſei es nun, daß der liebliche Zephyr es mit leichtem Liebeshauche anfächelt oder daß der wüthende Orkan die weißen Wellen wie giganteske Lämmerheerden nach den Wolken ſchleudert.“ „Mein Gott,“ ſprach der Doctor leiſe und är⸗ gerlich,„das iſt Herr Suatremere⸗Disjonval, ich kenne die Stimme; wenn uns der anſichtig wird, ſind wir verloren, denn wir werden ihn ſo leicht nicht wieder los.“ 94 „Wer iſt denn dieſer Herr Quatremere⸗Dis⸗ jonval?“ frug Armand. „Ein halb verrückter Gelehrter,“ war die Ant⸗ wort,„der ſich ſchon ſeit geraumer Zeit im Lager umhertreibt und das Mittel gefunden zu haben glaubt, die Armee ſicher nach England überzuſchiffen, ohne daß ſie vom Sturme abhängig oder den feindlichen Angriffen ausgeſetzt wäre. Er belagert förmlich das Generalhauptquartier mit ſeinen unſinnigen Projecten und iſt bereits von faſt allen Corps⸗Commandanten, denen er ſeine Entdeckung mittheilen wollte, abgewie⸗ ſen worden.“ „Worin beſteht denn dieſe Entdeckung?“ erkun⸗ digte ſich Armand. „Was weiß ich,“ erwiederte der Doctor,„doch ja, ich entſinne mich, in einer Art Kugelfang, das heißt, die äußern Schiffswände ſollen mit Wolle und Haa⸗ ren gepolſtert werden, um die feindlichen Kugeln ſchad⸗ los zu machen. Auch hat er eine Art großer Glas⸗ cylinder vorgeſchlagen, mittelſt weicher die Soldaten unter dem Waſſer nach England gebracht werden ſollen.“ Armand konnte ſich ob dieſer wunderbaren Pro⸗ jecte des lauten Lachens nicht enthalten, ſo daß Herr Quatremere, neugierig wer da unten ſitze, ſeinen Kopf vorwärts beugte und den Arzt gewahr wurde. „Ach, mein beſter Doctor,“ rief er und begann ſogleich den Felſen herabzuklettern,„das iſt ja char⸗ mant, daß ich Sie hier treffe; ich habe Ihnen eine Nachricht von der allerhöchſten Wichtigkeit mitzu⸗ theilen.“ „Nun habt Ihr ihn doch herbeigelockt, durch Euer unzeitiges Lachen,“ zankte Bonorand leiſe;„wir kommen nun nicht wieder von ihm los.“ Herr Quatremere war nach einigen Strapazen „ 95 und Seufzern, die ihn das Herabklettern verurſachte, glücklich am Fuße des Felſens angelangt, wo der Arzt und Armand ſaßen. „Eine verfluchte Kletterei,“ ſprach er, tief athem⸗ holend,„man kann den Hals brechen bei dem unge⸗ ſchlachten Felsſtück. Es iſt ein Jammer, das für Verbeſſerung reizender Strandparthien nicht mehr ge⸗ than wird. Es ſoll auch meine nächſte Aufgabe ſein, die Behörden in einem ausführlichen Memorial hier⸗ auf aufmerkſam zu machen.“ 3 Während er dies ſprach, focht er eifrig mit einer ſorgfältig in Papier gewickelten langen Rolle in der Luft. „Was iſt denn das für eine Rolle, mit der Sie da fechten?“ frug Bonorand. „Ja, das iſt eben die hochwichtige Angelegenheit,“ beſter Doctor,„wegen welcher ich zu Ihnen herabge⸗ klettert bin.“ „Sie müſſen wiſſen.“ fuhr er gleichfalls auf einer Felſenbank Platz nehmend fort,„daß ich mit meinen Vorſchlägen wegen des Kugelfangs ſowohl, wie wegen der Cylinder bei dem Generalhauptquartier nicht durch⸗ gedrungen bin.“ „Was Sie ſagen!“ ſprach der Doector. „Dieſe Leute haben einmal keinen Sinn für groß⸗ artige giganteske Ideen,“ fuhr Herr Quatremere fort,„ich tröſte mich mit Chriſtophero Colon, den die Welt fälſchlicher Weiſe Columbus nennt, und andern Entdeckern.“ „Da thun Sie wohl daran,“ meinte Bonorand. „Ich bin feſt überzeugt,“ ſprach Quatremere weiter,„daß, wenn ich hätte bis zu Seiner Majeſtät gelangen können, dieſelbe meine Ideen zu würdigen gewußt haben würde.“ 96 „Das läßt ſich nicht bezweifeln,“ geſtand der Doctor. „Beharrlichkeit iſt aber eine ſchöne Tugend,“ fuhr Colon der Zweite fort,„und dieſe beſitze ich, ich muß es ſelbſt geſtehen, im hohen Grade. Ich ließ mich daher von den übermüthigen und hoffärtigen Epeaulettenträgern nicht abſchrecken und arbeitete ein neues Project aus, welches, wie ich mir ſchmeichle, die beiden andern weit hinter ſich zurück läßt.“ „Und dieſes wäre?“ frug Bonorand. „Darüber, verehrter Freund,“ ſprach Quatre⸗ mere,„laſſen Sie mich ſchweigen; Sie werden bald nur zu Viel darüber erfahren; aber für den Augen⸗ blick iſt mir die Zunge gebunden.“ „Warum denn,“ lachte der Arzt,„immer heraus mit der Sprache.“ „Und wenn Sie mir Tauſende böten,“ verſetzte der Erfinder,„ich darf Sie jetzt in das Geheimniß noch nicht einweihen. „In dieſem Memorial, das nicht weniger denn funfzig enggeſchriebene Bogen enthält, und das ich heute noch Seiner Majeſtät zu überreichen die Ehre haben werde, habe ich meine Idee ausführlich ent⸗ wickelt und dem Leſer vor Augen geführt.“ „Sie wiſſen aber doch,“ bemerkte der Arzt,„daß der Kaiſer ſeit einiger Zeit keine dergleichen Projecte mehr ür „O dafür iſt diesmal geſorgt,“ erwiederte O Qua⸗ tremere mit Selbſtgefühl, und zog ein Papier aus der Rocktaſche.„Hier,“ fuhr er fort,„ſehen Sie ein eigenhändiges Empfehlungsſchreiben des Marſchalls Davouſt an Seine Majeſtät.“ „Des Marſchalls Davvuſt?“ frug Bonorand verwundert. 97 „Nicht anders, und dieſes wird hoffentlich den Weg zum Kaiſer öffnen.“ „Allerdings,“ ſprach der Arzt,„aber wie in aller Welt kommen Sie zu dieſem Schreiben?“ „Ja, ſehen Sie, Verehrteſter, die Sachen machen ſich oft wunderbar. Nachdem ich es überdrüßig ge⸗ worden war, die Herren im Generalhauptquartier für meine Ideen empfänglich zu machen, faßte ich den kühnen Entſchluß und reiſte nach Oſtende, wo eben der Marſchall Davouſt beſchäftigt war, die glänzende Friand'ſche Diviſion zu muſtern. Obſchon ich nicht die Ehre hatte Seiner Excellenz perſönlich bekannt zu ſein, wagte ich es doch, mich nach der Revue vor⸗ ſtellen zu laſſen und ihm ein Memvire über mein jüng⸗ ſtes Project zu überreichen. „Herr Marſchall,“ ſagte ich,„großartige und gi⸗ ganteske Ideen können nur von Männern wie Ew. Excellenz gehörig verſtanden und gewürdigt werden. Daher wende ich mich vor allen Andern, ich verhehlte nämlich wohlweislich, wie es mir im Generalhaupt⸗ quartiere ergangen, alſo vor allen andern, an Ew. Exellenz u. ſ. w. und hiermit übergab ich mein Memvoire. „Wie ich ſpäterhin erfahren,“ erzählte Quatre⸗ mere weiter,„hat der Marſchall am andern Tage einen ſeiner Adjutanten gefragt, wer wohl der Herr geweſen ſein möge, der ihm dies Memvire übergeben habe. Ein Gelehrter aus Paris hat man geantwor⸗ tet. Darauf iſt Seine Epcellenz ſo gütig geweſen zu erklären, daß, obgleich Sie den Herrn Verfaſſer nicht kennten, in der Schrift doch viel Gutes enthalten ſei und daß dieſelbe Seiner Majeſtät gefallen werde. Hierauf erhielt ich mein Memoire nebſt Empfehlungs⸗ ſchreiben an den Kaiſer zurück.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XR. 7 98 „Da muß Ihr Werk in der That,“ verſetzte der Doctor,„von außerordentlicher Wichtigkeit ſein, da ſich ein Marſchall Davouſt ſelbſt dafür intereſſirt, und ich bin in der That begterig darauf; aber wenn wer⸗ den Sie daſſelbe Seiner Majeſtät überreichen?“ „Ich warte ſchon,“ gab Quatremere zur Ant⸗ wort,„den ganzen Morgen auf den Kaiſer. Er iſt am frühen Tage nach Ambleuteuſe hinüber geritten und noch nicht zurückgekehrt. Sobald er wieder kommt, ſtelle ich mich an die Barake und überreiche, dem ganzen Generalhauptquartier zum Aerger und Trotz, mein Memvoire.“ „Da thun Sie wohl daran,“ meinte der Doetor; „aber wenn mich meine Ohren nicht täuſchen, hör' ich fernes:„Vive l'empereur!“ aus dem Lager, ein Zei⸗ chen, daß Seine Majeſtät zurück kehrt.“ „Allerdings,“ ſprach jetzt Armand,„auch ich höre das Rufen.“ „Ei, da muß ich eilen,“ rief Quatremere eif⸗ rig, kletterte, ſein Memoire fortwährend in der Hand, ſo ſchnell als möglich den Felſen empor und lief ſporn⸗ ſtreichs dem Lager zu. Der Doctor und Armand ſchauten ihm lachend nach; der Beſuch des ſonderbaren Kauzes hatte beide recht heiter geſtimmt, und froh gelaunt traten auch ſie den Rückweg an. Als der Kaiſer an ſeine Barake kam, ſtand Herr Quatremere⸗Disjonval bereits in kerzengrader Stellung an dem Eingange und überreichte Seiner Majeſtät mit einem tiefen Bücklinge den Brief des Marſchalls. Der Kaiſer warf einen flüchtigen Blick auf die Adreſſe, dann ſagte er wohlgefällig zu dem Bittſteller: 99 „Aber, mein Herr, das iſt noch nicht Alles, wie ich ſehe, haben Sie mir noch Etwas zu übergeben?“ „Sehr richtig,“ erwiederte Herr Quatremere, „die großartigen und zu gigantesken Dinge können nur von Männern wie Ew. Majeſtät gehörig gewürdigt werden, weshalb ich mich daher vor Allen an Aller⸗ höchſtdieſelben zu wenden ſo frei bin.“ Napoleon machte eine leichte Verbeugung mit dem Kopfe. Herr Disjonval überreichte ihm hier⸗ auf mit einem noch tiefern Bücklinge eine große ele⸗ gant verzierte Rolle Papier, mit Goldſchnitt und roth, weiß und blauſeidenen Bändern, indem er hochach⸗ tungsvoll hinzufügte: „Sire, das iſt unſtreitig das einzige Mittel, die brave Armee Ew. Majeſtät ohne Gefahr nach Eng⸗ land überzuſetzen. Das Verfahren erſcheint nicht ge⸗ wöhnlich, aber es iſt ökonomiſch. Ich bitte Ew. Ma⸗ jeſtät, mein Project, das der Naturgeſchichte einen ungeheuern Aufſchwung geben dürfte, nur recht auf⸗ merkſam durchleſen zu wollen.“ Der Kaiſer betrachtete Herrn Quatremere mit einem Blicke des⸗Mißtrauens; hatte man ihm doch ſchon ſo viel unausführbare und utopiſche Vorſchläge gemacht. Er trat zwei Schritte zurück und ſprach mit ſeiner gewöhnlichen ruhigen Miene: „Schön, mein Herr, ich werde es mit Aufmerk⸗ ſamkeit leſen,“ und hierauf machte er mit der Hand am Hute das Zeichen eines Grußes zum Abſchiede. Am Abend— nachdem er die zahlreiche von Pa⸗ ris angekommene Correſpondenz durchlaufen und die Geſchäfte des Tages beendigt hatte, griff er nach dem Memoire des Herrn Quatremere und las mit Er⸗ ſtaunen wie folgt: „Endlich iſt der Augenblick gekommen, wo das * 7 100 treuloſe Element, das Waſſer, unterworfen und die Bewohner deſſelben zum Ruhme der franzöſiſchen Na⸗ tion dienſtbar gemacht werden ſollen. Wenn der Ochs für den Menſchen den Pflug zieht, der Hund für ihn jagt, wenn ihn das Pferd in die Mitte der Schlacht trägt, wenn, mit einem Worte, der Menſch durch die Kraft und ſeinen Willen alle Thiere der Erde tri⸗ butpflichtig und ſich unterthänig zu machen gewußt hat: warum ſollte er es nicht auch verſuchen wollen, eine gewiſſe Klaſſe von Fiſchen, und namentlich die Meerſchweine, zu ähnlichem Gehorſam zu zwin⸗ gen?. „Oh, oh,“ rief hier der Kaiſer, indem er die beiden Wachslichter auf dem Gefimſe ſeines Kamins ein Wenig näher rückte,„das iſt ja etwas gans Neues. Wo Teufel will denn der mit ſeinen Meer⸗ ſchweinen hin;“ und nach einer langſam genommenen Priſe ſetzte er ſeine Lectüre fort. Herr Quatremere berief ſich nun auf das Zeugniß der Naturforſcher aller Zeiten, um die Ge⸗ lehrigkeit der Thiere zu beweiſen, und ſchloß damit, daß die Fiſche eben ſo gut Thiere wären, wie das Kameel, das Pferd, der Elephant und ſelbſt der Zeiſig u. ſ. w. „Wenn man dieſe abrichtet,“ ſagte er,„warum ſollte man nicht auch die Fiſche zu dreſſiren im Stande ſein?“ Hierauf bezog er ſich mit großer Gelehrſamkeit auf altgriechiſche Medaillen, z. B. die Münzen von Athen, welche den Pyrrhus mit einem Delphin, der einen Menſchen auf dem Rücken trug, vorſtellten. Endlich ſchlug er wirklich in allem Ernſte vor, eine gewiſſe Anzahl von Delphinen, auch Meerſchweine genannt, dahin abzurichten, auf dem Rücken, gleich — 101 einem Pferde, einen Tirailleur oder Füſſelier von der kaiſerlichen Garde zu tragen. „Nichts iſt leichter,“ meinte er,„während die Ar⸗ mee am ufer des Meeres cantonirt, kann man die Matroſen und Schiffsmannſchaften der Flotille zum Wallfiſchfang benutzen und die eingefangenen Meer⸗ ſchweine in die Hafenbaſſins ſperren. Daſelbſt müßten ſie abgerichtet und ihnen Unterricht gegeben werden. „Dies wird,“ ſo ſchloß Herr Suatremere in Entzückung über die gemachte Entdeckung,„eine See⸗ Cavallerie abgeben, die ganz vortrefflich dazu geeignet wäre, uns nach England hinüber zu ſchaffen.“ Dies war indeß noch nicht Alles. In den bei⸗ gefügten Anmerkungen beſchrieb er auf das Genauſte, wie man ſich benehmen müſſe, um die Meerſchweine wie die Pferde an Zügel und Zaum zu gewöhnen. Schließlich bezeichnete er die ganze Ausrüſtung des Delphins, denn er behielt dieſen poetiſcheren Namen bei. Endlich hatte er ſelbſt den Fall vorausgeſehen, daß, wo das Meerſchwein einmal im Marſche, d. h. im offenen Meere, einige alte Freunde anträfe, mit welchen es Bekanntſchaft zu erneuern Bedürfniß fühle. In dieſem Falle würde das Untertauchen des Reiters mit ſeinem Thiere unvermeidlich ſein. Um dieſem Ereig⸗ niſſe jedoch vorzubeugen, ſchlug Herr Disjonval vor, der Equipage des Meerreitſchweins zwei große Schwimmblaſen am Vordertheile des Sattels, ſtatt der Piſtolenhalfter hinzuzufügen. Dies war im Weſentlichen der Inhalt des Me⸗ moires, das Napoleon nicht zu Ende las. Anfangs glaubte er, der Verfaſſer wollte ihn myſtificiren und hatte das Manuſcript in der erſten Aufregung weit von ſich geworfen. Er langte mit der Hand nach dem Klingelzuge, um ſtrenge Befehle in Rückſicht des 102 unglücklichen Autors zu geben; doch ſchnell beſann er ſich, hob das Manuſeript wieder auf und ſagte: „Bah, er iſt ein Narr, zeigen wir uns nicht mehr als Narr wie er;“ und danmit flog das Heft in's Feuer. Am folgenden Tage lud er mehre Großoffiziere und darunter den Marſchall Davouſt zur Tafel. Kaum hatte man Platz genommen, als der Kaiſer mit geheimnißvoller Miene begann: „Wie werden Sie erſtaunen, meine Herren, wenn ich Ihnen eines Tages eine Eskadron Meergötter, vollſtändig equipirt, zuzeritten und wohldiseiplinirt vorführe. Wenn wir Baſſins vertiefen, Arſenale für die Marine erbauen, unſere Flotten vermehren und die Seemacht fleißig exereiren laſſen, ſo iſt das Alles recht ſchön; aber ich wette, daß Niemand von Ihnen jemals daran gedacht hat, ein Regiment Seecavallerie zu errichten; was meinen Sie, Davouſt?“ Alle Gäſte, mit Ausnahme des Gefragten, wel⸗ cher verlegen den Kopf neigte, ſehen ſich gegenſeitig an; ſie wußten nicht, was das bedeuten ſollte, oder ob der Kaiſer ſie zum Beſten habe. „Ja, ja, meine Herren,“ fuhr Napoleon im ernſten Tone fort,„ein Regiment Seecavallerie, un⸗ verbrennbar und waſſerdicht.“ Hierauf erzählte er, welch ſonderbares Project man ihm am vorhergehenden Tage vorgelegt habe. Rapp lachte laut auf, Einige ſchienen nachzudenken; Davouſt blieb unbeweglich, „Sire,“ rief der General Faultrier in großer Entrüſtung,„Ew. Majeſtät können unmöglich länger zugeben, daß man ſich mit ſolcher Kühnheit Scherze gegen uns erlaubt. Der Verfaſſer dieſer Stupidität 4 103 muß von Brigade zu Brigade nach Paris geführt werden, um—“ „Um im Narrenhauſe eingeſperrt zu werden, nicht wahr, General?“ unterbrach ihn der Kaiſer mit Leb⸗ haftigkeit.„Und weshalb, weil es in ſeinem Kopfe nicht ganz richtig auszuſehen ſcheint? „Parbleu,“ fügte er dem Marſchall Davouſt einen rügenden Blick zuwerfend hinzu,„wenn ich Diejenigen, die hierher kommen, um mir ihre toll⸗ häusleriſchen Pläne vorzulegen, alle einſperren wollte, ſo müßte ich am Irrenhauſe noch einen beſondern Flügel anbauen laſſen. Es giebt im vorliegenden Falle nach meiner Anſicht nur ein Mittel, und das iſt: den Verfaſſer des Meerſchweinprojects zu nöthi⸗ gen, ſich ein wenig mehr mit der Herſtellung ſeiner Geſundheit, als mit unſern Angelegenheiten zu be⸗ ſchäftigen.“ Obſchon der Kaiſer dem Marſchall Davouſt, we⸗ gen ſeiner voreiligen Empfehlung dieſe Lehre, die dieſem allein verſtändlich war, gegeben hatte, kam ſpäterhin die Sache dennoch heraus, und der arme Marſchall mußte wegen ſeines Protectorats, das er dem Erfinder der Seecavallerie ſo bereitwillig hatte angedeihen laſſen, manches Witzwort ſeiner Collegen anhören. Achtes Rayitel. E⸗ war ein luſtiges Leben im Lager von Boulogne. Wenn die Revuen beendet, die Arbeiten im Cabi⸗ nette, denen Frankreich noch heute viele ſeiner groß⸗ 104 artigen Bauten und unſterblichen Inſtitutionen ver⸗ dankt, geſchloſſen, ſtand der Kaiſer mit ſtillem Ent⸗ zücken hinter den Jalouſieen im Speiſeſaal und ſchaute den Spielen und Unterhaltungen ſeiner alten Garde zu, die ſich abendlich ſehr zahlreich auf dem Raſen⸗ platze vor der kaiſerlichen Barake einfand und dem friedlichſten aller Amuſements mit faſt kindlichem Sinne überließ. Morland ſpielte da ſtets eine Hauptrolle. Er verſah die Funktion eines Vortänzets und Tanzmei⸗ ſters mit größter Gewiſſenhaftigkeit. Mit einer Vio⸗ line bewaffnet, der oft eine oder gar mehre Saiten fehlten, begleitete er die Pas und Aſſembleen ſeiner Kameraden mit Ohren zerreiſſenden Tönen. Oft führten die Gewandteſten aus Morland's Schule nach beendigter Tanzſtunde eine vollſtändige Quadrille von der Figur du Pantalon bis zum Fi⸗ nale auf. Da es aber an Damen mangelte und dieſe doch unerläßlich waren, ſo ſtreiften diejenigen, welche als Damen figurirten, ihre Aermel bis zum Ellenbogen hinauf, und um die Sache noch charakteriſtiſcher zu machen, erfaßten ſie, die Arme äſthetiſch gekrümmt, mit Daumen und Zeigefinger, wie die Damen ihre Kleider, zart die Schöße ihrer Uniform, machten klei⸗ nere Pas, hielten ſich ein wenig mehr als die An⸗ dern entfernt und ſchlugen ſogar die Augen ſchamhaft— zur Erde. Dieſe Spiele erfreuten den Kaiſer außerordentlich. Niemand ſchien glücklicher als er, wenn einer der alten Sapeure von der Armee Italiens und Aegyp⸗ tens mit langem Barte, verbrannter Geſichtsfarbe, zerfetztem, narbenvollem Antlitz und mit jener Sanft⸗ muth und Gefälligkeit im Blicke, welche dieſe al 105 Grenadiere vor Allem auszeichnete, endlich einwilligte, die Rolle einer Tänzerin zu übernehmen, um ſich der Geſellſchaft nützlich zu erweiſen und das Vergnügen nicht zu ſtören. An einem andern Abende brachten ihm ſeine alten Schnurrbärte ein Ständchen, indem ſie die auf die Landung in England gedichteten und einige andre damals beliebten Lieder unter ſeinen Fenſtern ſangen. Sie wiederholten dann ſtets im Chor den Refrain: „Traverser le détroit N'est pas la mer à boire.“ Oft verſammelten ſich bei dieſen Serenaden mehr als ein ganzes Bataillon. Sie faßten dann einander bei den Händen und ſchlangen ſich ſodann Alle im Kreiſe und in Form einer Schlange um die kaiſerliche Barake. Bei dem Ausrufe:„Vive l'empereur!“ blie⸗ ben ſie dann Alle mit einem Tempo feſt und unbe⸗ weglich, wie unter'm Gewehr ſtehen, und je nach dem Commando Morland's, der den Kopf der Schlange bildete, ſchwenkten ſie rechts oder links um, worauf ſich der ungeheuere Knäuel oft auf die ſonderbarſte Weiſe entwickelte. Napoleon ließ ihnen alsdann Erfriſchungen reichen. Eine Flaſche Wein auf drei Mann. Aber er wartete damit bis zum erſten Trommeſſchlage des Zapfenſtreichs und ſo wie der Tambour geendet, legte er ſich in's Fenſter und die allgemeine Stille be⸗ nutzend, welche bei ſeinem Anblick ſogleich eintrat, ſagte er dann zu ihnen: „Es war ſehr ſchön, aber nun geht ſchlafen. Was mich betrifft, ſo will ich arbeiten. Gute Nacht Kinder.“ Mit einem donnernden:„Hoch lebe der Kaiſer!“ entfernten ſich dieſe alten Getreuen. 106 Die Garde⸗Seeſoldaten mochten ihrerſeits der Garde zu Lande nicht müßig nachſtehen. Sie erfan⸗ den eine ebenſo originelle wie ſpaßhafte Land⸗Schiff⸗ fahrt. Sie verſahen nämlich ihre Nachen mit einem langen Maſtbaume, ſpannten darauf ein breites Se⸗ gel, befeſtigten an dem untern Fußboden rollenartige Räder und ſchifften ſo bei günſtigſtem Winde längſt den Ufern des Meeres. Offiziere vom Generalſtabe folgten oft dieſer Landſeefahrt zu Pferde, aber nur ſelten gelang es ihnen, die Nachen einzuholen, ſo be⸗ deutend war ihre Schnelligkeit. Drehte ſich aber der Wind plötzlich, ſo warfen die Kähne in der Regel um, und die Grenadiere und Seeſoldaten, die ſich darin befanden, flogen einer über den andern auf den Sandboden unter dem Lachen und Händegeklatſch der Relintintins von der Linie, welche beſcheiden von der Höhe des Ufers herab dieſem Schauſpiele zuſahen. Dieſe Lauf⸗ und Rennwuth nahm bald ſo über⸗ hand, daß auch die Soldaten unter ſich Fußwettläufe anſtellten. Der Kaiſer, der mit Vergnügen bemerkte, wie ſich ſeine Armee Zerſtreuungen hingab, welche die Geſundheit und Abhärtung des Körpers bezweckten, ſetzte Preiſe von zwanzig, dreißig, ja bis ſechzig Franken für den Sieger aus. Auch Pferderennen fanden für die leichte Caval⸗ lerie ſtatt. Hier belief ſich der Siegespreis auf hun⸗ dert bis dreihundert Franken. Der Kaiſer wünſchte, daß auch Offiziere daran Theil nehmen ſollten. Er verſprach dem Sieger zwölfhundert Franken. Eine Commiſſion, welche größtentheils aus Stabsofficieren beſtand, ward niedergeſetzt und beauftragt, die Be⸗ dingungen des Wettrennens zu entwerfen. Dieſe legte den Entwurf dem Kaiſer vor, welcher ihn genehmigte — 107 und Tag und Stunde feſtſetzte, wo das erſte Rennen ſtattfinden ſollte. Es ward für eine beſondere Gunſt angeſehen, daran Theil nehmen zu dürfen. Ein junger Officier von den Dragonern, Namens Thierry, meldete ſich zur Theilnahme und bat um Einſchreibung. Das Conſeil der Oberofficiere ver⸗ weigerte ihm aber dieſe unter dem Vorwande, daß er noch nicht den erforderlichen Rang bekleide. Der junge Mann war allerdings erſt Unterlieutenant; in⸗ deß beſtand der eigentliche Grund der Zurückweiſung darin, weil Thierry als der beſte Reiter in der Schwadron bekannt war. Der ſo ungerechterweiſe Zurückgewieſene wandte ſich aber an Napoleon, welcher ihm, nachdem er ſich erkundigt und erfahren, daß der junge Mann in ſei⸗ nem Regimente äußerſt geachtet ſei, die Theilnahme am Wettrennen erlaubte. Der feſtgeſetzte Tag erſchien; der Kaiſer war ge⸗ genwärtig, alle Theilnehmer hielten in einer Linie, und auf ein gegebenes Zeichen braußte die Cavalcade donnernd die Bahn entlang. Der junge Dragoner⸗ lieutenant hatte bereits Alle überholt, als ein Pudel bellend zwiſchen die Füße ſeines Pferdes ſprang, welches ſich vor dem Hunde bäumt, ſich mehremal mit dem Reiter, der wie angewachſen im Sattel ſitzt, überſchlägt und auf dieſe Art das Ziel erreicht, ſo⸗ dann aber regungslos mit Schweiß und Staub be⸗ deckt liegen bleibt. Alle Welt hält das Pferd für todt und den Reiter für verloren. Zwei Secunden nach dieſem Sturze gelangt ein Adjutant zum Ziel und wird als Sieger ausgerufen. Während jedoch dies vorgeht, erhebt ſich das ge⸗ ſtürzte Pferd wieder und Reiter und Roß entfernen ſich wohlbehalten vom Kampfplatze; erſterer ſehr trau⸗ rig und nur durch den Beifall der Zuſchauer ein Wenig ermuthigt. Er iſt eben im Begriff, ſtill da⸗ von zu reiten, als der Kaiſer ſeine Stimme erhebt und den Preisrichtern zuruft: „Nichts da, nichts da! Dem Geſtürzten gebührt der Siegespreis. Er ſoll und muß ihn haben.“ Die Richter machen dem Kaiſer bemerklich, daß dieſer Officier das Programm nicht befolgt habe und daß ſich mit dem piet überſchlagen nicht reiten heiße. „Es handelt ſich pie nicht darum,“ entgegnet Napoleon,„es ſfind nicht die Mittel zu prüfen, ſondern das Ziel— der erreichte Zweck.“ „Sehr richtig, Sire, indeſſen—“ „Dieſer Officier iſt mit ſeinem Pferde zuerſt an⸗ gekommen,“ fährt der Kaiſer mit Wärme fort,„er hat den Preis verdient, ich gehe davon nicht ab.“ „Aber, Ew. Majeſtät—“ „Es iſt dies vielleicht die Art der Herren Dra⸗ goner,“ fuhr der Kaiſer in etwas ſpitzigem Tone fort, „auf dieſe Art Wette zu rennen, und gerade Sie ſind es, meine Herren Dragoner, welche unſer Reitſyſtem immer fehlerhaft nennen. Unaufhörlich wollen gerade Sie Neuerungen in den Eskadronſchulen einführen; nun gut, hier iſt eine. Sie haben gewiß an dieſen Fall vorher nicht gedacht, und ich, ich geſtehe es frei, auch nicht. Uebrigens ſtellt ſich hier die Frage ſehr einfach. „Welches iſt der Zweck eines Wettrennens?“ fragte er den General, welcher die Preis⸗Commiſſion präſi⸗ dirte,„nicht wahr, mit ſeinem Pferde vor den Ue⸗ brigen an einem gewiſſen Punkte eintreffen?“ „Sehr richtig, Sire, glaube ich— 109 „General,“ beharrte Napolevn,„antworten Sie mit Ja oder Nein. Iſt das Pferd des Lieutenants vor dem des Adjutanten eingetroffen?“ J Sire, äber „Genügt,“ unterbrach ihn der Kaiſer,„da es nun zugeſtanden, daß das Pferd von Thierry vor allen andern das Ziel erreicht, mithin den Preis gewonnen hat, ſo gebühren auch die zwölfhundert Franken von Rechtswegen dem Pferde. Da aber Pferde eine Quit⸗ tung zu ertheilen unfähig ſind, es im Leben aber ſtets nöthig iſt, daß Alles buchſtäblich und nach der Regel gehe, ſo wird ſein Befitzer darüber quittiren und den Preis in Empfang nehmen. „Durve,“ wandte er ſich zu dem Großmarſchall, „laſſen Sie ſofort dem Kapitain Thierry die zwölfhundert Franken auszahlen.“ Mit einem kurzen: „Leben Sie wohl, meine Herren,“ entfernte er ſich von den Kampfrichtern. Ein allgemeines„Hoch lebe der Kaiſer!“ der ver⸗ ſammelten Menge folgte auf dieſe Scene. Von allen Seiten umringte man den neuen Kapitain und gra⸗ tulirte ihm zu ſeinem glücklichen Sturze. Napolcon wollte durch dieſe Handlungsweiſe theils dem jungen Thierry für die erlittene Krän⸗ kung wegen der Zurückweiſung, theils für den Sturz, der ihn leicht das Leben koſten konnte, gewiſſermaßen entſchädigen; hauptſächlich aber den Oberofficieren, die ſich ſo ungerecht und eiferſüchtig gegen einen Unter⸗ geordneten gezeigt hatten, eine Lehre geben. Dieſe verſchiedenartigen Unterhaltungen brachten endlich den Kaiſer auf den Einfall, auch ſeine eigene Geſchicklichkeit, nämlich im Fahren, zu verſuchen. Zu dieſem Zwecke wollte er einen mit vier Pferden be⸗ ſpannten Wagen, denſelben vom Bocke aus mit 140 höchſt eigner Hand lenkend, um ſeine Barake herum⸗ fahren. Eines Tages ſetzte er ſich daher auf den Vor⸗ derſitz einer à grands Guides beſpannten Kaleſche und nahm die Zügel aus den Händen ſeines Kutſchers, Cäſar mit Namen, welcher letzterer ſich hinten auf⸗ ſtellte. Im Wagen ſelbſt ſaßen der Erzkanzler Cam⸗ baceres, der Viceadmiral Magon und General Rapp. Jetzt wollte es aber das Unglück, daß dieſe Pferde — wrelche der Kaiſer erſt kürzlich von der Stadt Antwerpen zum Geſchenk erhalten hatte, obſchon von einer der ſchönſten und edelſten Rage, aber noch nicht völlig eingefahren waren, ſo daß ſelbſt Cäſar, un⸗ geachtet ſeiner langjährigen Erfahrung, all' ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit aufbieten mußte, um ſie zu lenken— durchgingen. Jung und feurig vermißten dieſe Thiere ſehr bald die Hand, der ſie zu gehorchen gewohnt waren, ſetzten ſich alsbald in luſtigen Galopp und braußten nach eigenem Gutdünken in gerader Linie nach dem Meere zu. Cäſar, der dieſe gefährliche Richtung wahrnahm, rief daher dem Kaiſer zu: „Sire, mehr links, lenken Sie links, faſſen Sie den zweiten Zügel des kleinen Grauſchimmels etwas kürzer.“ „Laß mich nur, Cäſar, ich weiß was ich zu thun habe,“ antwortete der Kaiſer, welcher ſchon nicht mehr Herr der Pferde war. „Aber, mein Gott, wo fahren uns denn Ew. Majeſtät hin?“ rief der Erzkanzler, der an ſich ſchon ſehr bleich, durch dieſe ſchnelle Fahrt nach dem Meere noch erdfahler würde. „Sie haben doch ſtets Furcht, Cambaceres,“ 111 verſetzte der hohe Wagenlenker,„ich weiß, was ich thue; ich fahre Sie ſehr gut.“ R „Wahrhaftig, Excellenz,“ ſprach Rapp, der ſich um die Beruhigung ſeines geängſteten Nachbars nicht eben viel Mühe gab,„Seine Majeſtät der Kaiſer fahren uns diesmal direct nach England, wohin wir uns ſchon ſeit lange ſehnen.“ „Sire, halten Sie, halten Sie an, um Gottes Willen,“ ſchrie Cambaceres kläglich dem Kaiſer zu, welcher nur immermehr auf die Pferde einſchlug. Magon klammerte ſich feſt an die Wagenthür. Er hatte den Kopf eingezogen, die Augen geſchloſſen und ſchien in ſein Schickſal ergeben. Das Fuhrwerk braußte immer gewaltiger vor⸗ wärts, der ominöſe Waſſerſpiegel kam immer näher, dem Erzkanzler verging Hören und Sehen, als plötz⸗ lich das eine Vorderrad an eines der hervorſpringen⸗ den Felsſtücke ſtieß. Der Wagen warf um und die Pferde, vor Schrecken an allen Gliedern zitternd, hielten ſogleich ſtill. Der Kaiſer, zehn Schritte weit von ſeinem Sitze mit Heftigkeit auf den Sand ge⸗ ſchleudert, lag für todt am Boden. Cambaceres ſchlug ſich an der Stirn eine ungeheure Beule. Der Kopf des Admirals ſtak bis an das Kinn in ſeinem Hute, und Cäſar befand ſich eine große Strecke hin⸗ ter dem Wagen. Rapp allein hatte ſich geſchickt aus der Kaleſche zu werfen gewußt und ſprang dem Kaiſer zu Hülfe, der nicht eher wieder zur Befinnung kam, bis man ihn tüchtig auf den Handteller rieb und klopfte. Mit Ausnahme Rapp's hatten alle Quetſchungen und Contuſionen erlitten; gleichwohl konnte ſich Keiner des Lachens enthalten, als Napoleon mit ernſthaften Worten und unterwürfiger Miene ſeinem Kutſcher die Peitſche mit den Worten übergab: 142 „Man gebe dem Cäſar was des Cäſars iſt, genug der Wettfahrten, ich nehme freiwillig meine Ent⸗ laſſung.“ Alle kehrten hierauf zu Fuß und froh gelaunt nach dem General⸗Hauptquartier zurück, wo ſich am Abend Napoleon mit Eau de Cologne einreiben ließ. Dies war ſeine ganze Medicinalkur. Als man ihn am folgenden Tage fragte,„was er wohl bei dem Falle empfunden,“ erwiederte er,„daß er ſich todt geglaubt habe. „Und was iſt übrigens der Tod?“ meinte er ſchlüßlich,„ein ruhiger Schlaf ohne böſe Träume und ohne Erwachen.“ Reuntes Rapitel. Der brave Maillebois, nachdem er ſeine beiden älteren Söhne nochmals ſeinem Freunde Morland anempfohlen und den Kanonier auf die kaiſerliche Kriegsſchule zu Saint⸗Cyr gebracht hatte, war ſeelen⸗ vergnügt nach ſeinem Herde zu Merville zurückge⸗ kehrt. Hier ließ er ſich's denn außerordentlich ange⸗ legen ſein, ſeiner guten Margot das große Glück ihrer Kinder zu Gemüth zu führen, um ſie ſo viel als möglich über deren Abweſenheit zu tröſten. Nicht weniger denn vierzehn Tage lang war täglich Beſuch beim Ziergärtner. Jeder Nachbar und Bekannte wünſchte zu wiſſen, was Herr Maillebvis mit Seiner Majeſtät dem Kaiſer geſprochen. Der alte Veteran ward auch nicht müde, das, was er ſchon 1¹3 hundertmal erzählt, immer von Neuem zu wiederho⸗ len, und ermangelte hierbei nicht, um einigermaßen Abwechslung in ſeine Mittheilungen zu bringen, oft ſeiner Phantaſie ziemlich freien Spielraum zu laſſen. Der arme Guiſeppe hatte noch immer an ſei⸗ nen Wunden zu leiden, während Armand als völlig wieder hergeſtellt betrachtet werden konnte. Der Doctor Bonorand trat an einem ſchönen Morgen mit einem äußerſt freudigen Geſicht, in das Gemach des Jünglings. „Ich habe Euch,“ begann er,„zwei recht erfreu⸗ liche Nachrichten mitzutheilen. Erſtens erkläre ich, daß Ihr von nun an vollkommen den Geſunden wie⸗ der gegeben ſeid, und zweitens, daß Euch in Kurzem eine große Ehre bevorſteht.“ „Was das Geſundwerden anbelangt,“ erwiederte Armand,„ſo gebe ich Euch vollkommen Recht, ich befand mich nie wohler und danke Euch, edler Mann, mit Herz und Hand für die treffliche Heilung. Ich bereue die überſtandenen Schmerzen nicht, denn ihnen hab' ich ja Eure mir ſo theuer gewordene Freund⸗ ſchaft zu verdanken. „Was jedoch,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„die bevor⸗ ſtehende Ehre betrifft, von der ich nicht wüßte, wo ſie herkommen ſollte, ſo wird wohl Euer gutes Herz, um mir eine Freude zu machen, Euch einen Streich geſpielt haben.“ „Nein, nein,“ beharrte der Arzt,„ich täuſche mich nicht, Ihr ſeid mir vorige Nacht im Traume erſchie⸗ nen und trugt einen blühenden Pfirſichzweig in der Hand, das bedeutet etwas Gutes, Ehre oder Reich⸗ thum, darauf verlaßt Euch.“ Armand war nachdenklich geworden. Er hatte während ſeiner Bekanntſchaft mit Bonorand mehr⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XR. 8 14⁴ mals die Erfahrung gemacht, daß Träume deſſelben auf überraſchende Weiſe in Erfüllung gegangen waren. „Nun,“ meinte er,„das wäre ſo übel nicht, wenn auch diesmal Euer Traumgenius wahr geſprochen, obſchon ich nicht begreife, woher mir mit einem Male Ehre und Reichthum kommen ſollten.“ Armand war an das Fenſter getreten und ſcin nach dem ſchönen blauen Himmel empor. „Da kommt mir ein guter Gedanke,“ ſprach er, „ſobald ich vollkommen hergeſtellt bin, ſoll ich mich im General⸗Hauptquartier melden, um in den activen Dienſt zu treten; dann aber heißt's, adien die goldne Freiheit; darum will ich mir den ſchönen Vormittag noch zu Nutzen machen und recht con amore eine kleine Landparthie in der Gegend umher unternehmen. Wollt Ihr von der Parthie ſein, Doctor?“ „Thut mir herzlich leid,“ entſchuldigte ſich dieſer, „aber dieſen Morgen geht's beim beſten Willen nicht; die verwünſchten Wechſelfieber haben dermaßen über⸗ hand genommen, daß ich für die nächſten Tage über keine Stunde zu gebieten habe.“ Armand klangen dieſe Worte diesmal nicht un⸗ angenehm, obſchon er ſich wohl hütete, davon etwas verlauten zu laſſen. Es war nämlich ſchon oft des Jünglings ſehnlichſter Wunſch geweſen, jenes einſam ſchön gelegene Landhaus wieder zu beſuchen, wo er die geſchaut, deren Bild noch immer unverlöſchlich in ſeinem Herzen lebte. Bald befand er ſich daher auf dem Wege. Er gedachte hier unwillkürlich jenes Abenteuers mit dem Spion, dem er die Wunden verdankte, von welchen er jetzt hergeſtellt war. Trotz wiederholten Nachfragen hatte er doch nie erfahren können, was aus jenem Menſchen geworden, —— ob er erſchoſſen oder noch am Leben ſei; nur ſo viel hatte er von Bonorand vernommen, daß jener Spion zu den gefährlichſten Feinden Frankreichs und des Kaiſers gehöre, daß man ihn nach Paris ge⸗ ſchafft, wo er ſich in den Händen der Polizei befinde, und daß aus den Papieren, die er bei ſich getragen, eine neue Verſchwörung gegen das Leben des Kai⸗ ſers entdeckt worden ſei. Mit welch bewundernswürdiger Feinheit und Spür⸗ kunſt auch die kaiſerliche Polizei gegen die größten⸗ theils royaliſtiſchen Verſchwörer zu Werke ging, und mit welcher exemplariſchen Strenge man gegen dieſel⸗ ben verfuhr, ſobald einer oder der andere ſeines Vorhabens überwieſen worden war, ſo wußte man doch gleichfalls, daß noch eine große Anzahl dieſer Menſchen ſich theils in Paris, theils in Boulogne aufhalte, und daß das britiſche Miniſterium nicht er⸗ mangele, bei jeder günſtigen Gelegenheit neue, theils mit Gold gedungene Banditen, theils unternehmende Märtyrer für die königliche Sache an's Land zu ſetzen. Armand hatte jetzt das vorletzte Landhaus er⸗ reicht und wanderte klopfenden Herzens dem Ziele ſeiner Morgenpromenade entgegen. Florentinen's engelhafte Geſtalt ſchwebte im Geiſte vor ihm. Viel⸗ leicht, daß es ein freundliches Schickſal wollte und er durfte ſie wieder ſehen. Er kam dem Ziele ſeiner Wünſche immer näher; das freundliche Landhaus, halb von uralten Linden beſchattet, lag vor ihm, aber rings um daſſelbe herrſchte tiefe Stille, die von dem regen Leben und Treiben auf den andern Landſitzen auffallend abſtach. Alles ſchien wie ausgeſtorben, die Jalouſieen des ſtatt⸗ lichen Gebäudes waren dicht verſchloſſen. Das Land⸗ haus konnte gar nicht mehr bewohnt ſein. 8* 446 Der Jüngling blieb eine Zeit lang ſtehen und ſchaute halb verwundert, halb traurig nach dem ſtillen Gebäude. Nur der Wind ſpielte einſam in den Gipfeln der alten Linden. „Florentine,“ frug er ſich,„ſollteſt Du nicht mehr hier weilen? Warſt Du nur eine beſeligende Traumerſcheinung? „Doch können,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „die Bewohner dieſes Hauſes nicht nach dem Parke und dem Blumenthale hinaus wohnen? War es nicht auf der Gartenſeite, wo ich Florentinen erblickte? Sollte die Parkthüre noch offen ſtehen?“ Mit dieſen Gedanken ſchlich Armand die ſtille Parkmauer entlang. Er war ſo in ſich verſunken, daß er nicht bemerkt hatte, wie er ſchon geraume Zeit von einem Gensd'armen, der ihm in der Ferne folgte, beobachtet ward. Der Jüngling bog jetzt um einige Hecken, um nach der kleinen Thüre zu gelangen, durch welche er an jenem Morgen in den Park getreten war, als ein kräftiges„Wer da“ ertönte, und ein alter Grenadier ihm phlegmatiſch die Spitze ſeines Bayonnetts entgegen hielt. „On ne passe pas,“ ſprach dieſer. Armand blieb verwundert ſtehen, er erblickte zu⸗ gleich an der kleinen Thüre, die er jetzt anſichtig wurde, einen zweiten Grenadier poſtirt. „Aha,“ dachte Armand,„hier hat ſich unfehl⸗ bar ein General, wo nicht gar ein Marſchall einquar⸗ tirt, und dergleichen Herren haben ihre Launen. Er gedachte an Florentinen, und die ſeltſamſten Gedan⸗ ken durchkreuzten ſein Gehirn. Indeß blieb ihm jetzt nichts übrig, als umzukehren. Er warf noch einen Blick nach der Parkthür, die ihm wie die Pforte zum Himmelreich vorkam und von der er ſich nur ungern —— — —— 117 trennte, als Schritte hinter ihm vernehmbar wurden. Er drehte ſich um, und der Gensd'arme, der ihm ſchon eine geraume Zeit beobachtet und gefolgt war, ſtand vor ihm. Mit aller Artigkeit, die der franzöſiſchen Polizei ſo eigenthümlich iſt, machte er dem verwunderten Ar⸗ mand bekannt, daß er ſich mit Bedauern in die traurige Nothwendigkeit verſetzt ſähe, ihn verhaften zu müſſen. Der Juͤngling blickte den Polizeiagenten mit gro⸗ ßen Augen an, er glaubte nicht recht gehört zu ha⸗ ben, ſo daß jener ſeine Worte wiederholen mußte. Armand, der ſich nicht des geringſten Vergehens bewußt war, glaubte noch immer, der Gensd'arme mache ſich einen Scherz mit ihm; als er jedoch end⸗ lich erkannte, daß es deſſen voller Ernſt ſei, erkun⸗ digte er ſich nach dem Grunde der Verhaftung. „Der dürfte Ihnen ſpäter eröffnet werden,“ war die höfliche Antwort;„doch jetzt, mein Herr, ſei mir erlaubt, Sie begleiten zu dürfen.“ Armand, der ſich noch nie in einer ähnlichen Situation befunden hatte, und dem es zu ärgern an⸗ fing, ſo auf offener Landſtraße von der Polizei aufgegrif⸗ fen zu werden ſchien im Anfange nicht geſonnen, dem Wunſche des kaiſerlichen Gensd'armen Genüge zu leiſten. Dieſer ſprach mit äußerſt wohlwollendem und humanem Tone: „Verehrter Herr, vermeiden wir allen Eclat; es iſt zu Ihrem eignen Beſten. Es ſollte mir leid thun, die zahlreich hier verſammelte bewaffnete Macht requiri⸗ ren zu müſſen. Schauen Sie um ſich und Sie werden meinem Rathe alle Gerechtigkeit wiederfahren laſſen.“ Armand blickte bei dieſen Worten umher, und bemerkte in einiger Entfernung überall Gensd'armen, die gleichſam wie aus der Erde wuchſen, ſo daß er bald völlig umzingelt war. 118 Von einem Widerſtande konnte unter ſolchen Um— ſtänden natürlich nicht die Rede ſein. Der Gefan⸗ gene erklärte ſich daher bereit zu folgen. „Sie ſollen nicht im Geringſten moleſtirt werden,“ verſicherte der Polizeiagent,„wir wandern zuſammen nach dem General⸗Hauptquartier, ſo verlangt es meine Inſtruction und Pflicht.“ Armand zerſann ſich vergeblich den Kopf, wel⸗ ches wohl die Veranlaſſung zu dieſer Verhaftnahme ſein könnte. Unbeſtritten beruhte ſie auf einem Irr⸗ thume. Der junge Mann, dem jetzt der weiſſagende Traum des Arztes einfiel, wonach er zu hoher Ehre gelangen ſollte, mußte lächeln, daß die Viſion mit dem blühenden Pfirſichzweige gerade auf die entgegen⸗ geſetzte Weiſe in Erfüllung ging. Die Beiden hatten das Landhaus wieder erreicht. Armand bemerkte jetzt, was ihm früher entgangen war, daß der Haupteingang gleichfalls von einem mi⸗ litairiſchen Poſten beſetzt war. Er gedachte wieder Florentinen's und es ward ihm nun wahrſchein⸗ licher, daß ſie die Tochter irgend eines Generals ſei. Man kam dem Lager immer näher. Mehre Gens⸗ d'armen waren in einiger Entfernung gefolgt. „Gehen Sie jetzt eine Strecke voraus,“ ſprach der Begleiter Armand's,„es wird Ihnen angenehmer ſein, ohne meine Begleitung das Lager zu betreten, und erwarten Sie mich im Vorgemache des Haupt⸗ quartiers.“ „Wie Sie befehlen,“ antwortete der Gefangene, der ſich eines ironiſchen Lächelns nicht erwehren konnte. Er ſchritt unbefangen die Lagergaſſen ent⸗ lang und befand ſich bald an dem Orte, den ihn der Gensdarme bezeichnet hatte. Dieſer trat nach einiger Zeit ebenfalls ein. 119 Armand muſterte die verſchiedenen Gruppen, die hier theils ſtanden, theils auf und nieder wandelten. Als ſein Blick in die eine Ecke fiel, ward ihm recht humoriſtiſch zu Muthe. Mit ziemlich mißmuthigem Ge⸗ ſicht ſaß hier Herr Quatremere⸗Dijonval, den Kopf nachdenklich auf den Knopf ſeines Stocks geſtützt. Armand ſuchte ſich dem hypergenialen Gelehrten zu nähern. „Was Teufel, Sie hier, mein Herr Quatre⸗ mere,“ frug er leiſe,„wie ſteht's mit Ihrem groß⸗ artigen, gigantesken Projecte?“ Herr Quatremere, welcher den Jüngling ſo⸗ gleich wieder erkannte, ſeufzte tief. „Es iſt unmöglich,“ ſprach er,„die Intriguen, die hier geſpielt werden, zu durchdringen. Sie ſehen in mir ein neues Opfer derſelben. Die hochgeſtellten Herren Epaulettenträger mißgönnen Jedermann, der nicht mit dem Schwerte drein ſchlägt, den Ruhm. „Man hat Seiner Majeſtät,“ fuhr er fort,„ei⸗ nen Floh in's Ohr geſetzt, hat ihr glauben gemacht, meine Ideen ſeien unausführbar; beſchränkte Köpfe wiſſen dieſelben freilich nicht zu begreifen.“ „Und das Reſultat Ihres Memoires?“ frug Ar⸗ mand. „Soll ich hier erwarten,“ ſprach Quatremere, „daß daſſelbe nicht eben erfreulich ausfallen wird, da⸗ für zeugt der Ort, wo wir uns befinden.“ „Meinetwegen,“ ſprach er,„will Frankreich meine Ideen nicht begreifen, ich kann nicht dafür; aber Frankreich iſt noch nicht die Welt, es giebt noch Fürſten und Völker, die Sinn für giganteske Dinge haben.“ Bei dieſen Worten trat ein Adjutant aus dem Zimmer, wo der General en Chef der Armee von 120 Boulogne, Marſchall Soult, Audienz gab. Er über⸗ reichte dem ungliücklichen Projectmacher ſeinen Paß, mit der Weiſung, Boulogne binnen vierundzwanzig Stunden zu verlaſſen. Herr Quatremere war wie aus den Wolken gefallen. „Aber mein Memoire?“ frug er ſtotternd. „Iſt confiscirt und vernichtet,“ gab der Adjutant zur Antwort,„denken Sie jetzt an Ihre Abreiſe.“ „Confiscirt und vernichtet,“ rief außer ſich vor Schrecken und Zorn der Entdecker,„iſt ſo etwas er⸗ hört worden; mit Chriſtophero Colon iſt man nicht ſo barbariſch umgegangen.“ „Gleich viel,“ verſetzte der Adjutant trocken, ob⸗ ſchon ihm das Lachen nicht fern war,„Sie werden morgen reiſen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Quatremere lamentirte im Anfang über alle Maßen ob ſolch eines türkiſchen Verfahrens, wie er es nannte; bald ward er aber ruhiger und ein Ge⸗ danke ſtieg in ihm auf. „Ich verſtehe,“ ſprach er für ſich,„die Regierung will ſich meiner Entdeckung bemächtigen, ohne mir, dem Erfinder, einen Dank oder Lohn dafür ſchuldig zu ſein. Welche Vermeſſenheit, als ob mein Name verſchwiegen bleiben könnte, wenn dieſe giganteske Erfindung in's Leben tritt. „Aber ich will dieſer rafſinirten Perfidie,“ mur⸗ melte er für ſich,„einen Streich ſpielen, der mich noch berühmter machen ſoll als die Erfindung ſelbſt. Ich werde den Engländern die Gegenmittel lehren, den Meerſchweinen kräftig entgegen zu treten. Ich habe die Natur dieſer Thierart ſtudirt und weiß ſie zu behandeln. —————————— 121 „O, mit dem Quatremere,“ fuhr er fort,„bin⸗ det man nicht ſo leichten Kaufs an. Er weiß ſich zu rächen, furchtbar zu rächen. Frankreich wird ſei⸗ nen Namen mit blutigen Buchſtaben in ſeiner Ge⸗ ſchichte leſen; die künftige Generation wird die gegen⸗ wärtige bedauern, daß ſie einen ſolchen Mann alſo behandeln konnte, und ihn zwang, mit ſeinem ſchö⸗ pferiſchen Genie zu dem Feinde überzugehen.“ Er drückte mit dieſen Worten dem Jünglinge krampfhaft die Hand und ſtürzte, ohne ein Wort weiter zu ſagen, aus dem Zimmer. Armand, von ſeiner Morgenpromenade etwas ermüdet, hatte in einem Lehnſtuhle Platz genommen und erwartete der Dinge, die da kommen ſollten. Der Gensd'arme, der ihn bis hierher eskortirt, hatte ſich wieder entfernt. Nach Verlauf einer halben Stunde ward der Jüngling von dem dienſthabenden Adjutanten in ein kleines Cabinet geführt, das unmittelbar an das Au⸗ dienzzimmer grenzte. Hier ſaß der Marſchall Soult und ein anderer Herr im Civtl, welches, wie Ar⸗ mand ſpäter erfuhr, Niemand anders als der Poli⸗ zeiminiſter war, der vor Kurzem erſt aus Paris an⸗ gelommen. Auf dem Antlitze beider Männer ruhte ein finſterer Ernſt. Man ſchien die Verbeugung Ar⸗ mand's beim Eintreten nicht zu bemerken und dankte nicht. In der Ecke des Gemachs erblickte Armand einen Secretair eifrig mit Schreiben beſchäftigt. Nachdem man den Jüngling eine Zeit lang ſchwei⸗ gend beobachtet hatte, frug Marſchall Soult: „Ihr Name?“ „Armand Maillebois,“ antwortete ruhig und beſcheiden der Gefragte. Es folgten jetzt noch einige der allgemeinen Fra⸗ 122 gen, wie ſie beim Eingange eines Verhörs vorzukom⸗ men pflegen. Nach einiger Zeit fuhr der Marſchall fort:„ „Warum verließen Sie heute Morgen ohne die Begleitung Ihres Arztes Ihr Quartier, wie Sie zeither doch immer gewohnt waren?“ „Ich bat den Doctor Bonorand um ſeine Be⸗ gleitung,“ erwiederte Armand,„aber er ſchützte drin⸗ gende Berufsgeſchäfte vor.“ „Wenn Sie in letzterer Zeit einen Spaziergang machten,“ ſprach Soult weiter,„ſo ſchlugen Sie Ihren Weg ſtets nach dem Römerberge am Meere ein, aus welchem Grunde wanderten Sie heut', wo Sie allein waren, nach der entgegengeſetzten Richtung?“ Der Jüngling ward etwas betroffen, doch ließ er ſich nicht das Geringſte davon merken. „Ich wollte,“ war die Antwort,„noch einmal den Ort beſuchen, wo ich mit dem Spione der Engländer ſo hart zuſammen getroffen war.“ Der Marſchall warf hier dem Miniſter einen be⸗ deutſamen Blick zu. Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Das Landhaus Bellevue iſt Ihnen bekannt?“ „Mir iſt keins von alle den hieſigen Landhäuſern bekannt,“ verſetzte Armand. „Aber das äußerſte gewiß,“ meinte Soult, in⸗ dem er das Wort„äußerſte“ beſonders betonte,„das mit den hohen Linden umſchattete, mit dem ſchönen Parke, beſinnen Sie ſich?“ Dem Examinanden klopfte das Herz unruhiger, doch verlor er die Geiſtesgegenwart nicht, und erwie⸗ derte:„ich entſinne mich der ſchönen Lage deſſelben.“ „Und nicht auch der Bewohner?“ frug der Marſchall. Der Gefragte gerieth in eine immer peinlichere 123 Lage. Sollte er geſtehen, daß er an jenem Morgen in den Park geſchlichen und das ſchöne Mädchen be⸗ lauſcht habe? Das wollte er nicht, und ſo blieb ihm nichts als die Antwort übrig, die er auch mit gutem Gewiſſen geben konnte, daß er nämlich Niemanden von den Bewohnern jenes Landhauſes kenne. „Gleichwohl,“ fuhr der Marſchall fort,„ſchienen Sie heut' Morgen mit einem Intereſſe das bewußte Gebäude zu beobachten, welches Sie in den Verdacht gebracht hat, mit den Bewohnern in näherer oder ent⸗ fernterer Verbindung zu ſtehen.“ Armand, welcher noch immer nicht begriff, wie hier von einem Verdachte die Rede ſein könne, verſetzte der Wahrheit gemäß:„Mir fiel die bemerkenswerthe Stille auf, die rings um das ſchöne Gebäude herrſchte, welche mir anzudeuten ſchien, daß es gar nicht bewohnt ſei. Erſt die an den Eingängen aufgeſtellten Wachen belehrten mich eines Andern und gaben mir die Ver⸗ muthung, daß eine hochgeſtellte Militairperſon hier Lo⸗ gis genommen habe.“ Die Strenge und der Ernſt, welcher zeither auf dem Geſichte des Marſchalls zu leſen geweſen war, begann allmälig zu ſchwinden, jemehr ſich der Examinator zu überzeugen ſchien, daß der junge Mann mit den Bewohnern jenes Landhauſes in keiner Berührung ſtehe. Er ging von jetzt an auch weit offener und vertrauungsvoller zu Werke. „Sie können mir alſo Ihr Ehrenwort geben,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß Ihnen die Be⸗ wohner jenes Gebäudes vollkommen unbekannt ſind?“ Armand gab mit ruhigem Gewiſſen ſein Ehren⸗ wort. „So wiſſen Sie denn,“ verſetzte Soult,„daß das Haus ein Hauptquartier der Spione Englands 124⁴ und der Emigrirten war. Sie ſelbſt lieferten einen Haupträdelsführer in unſere Hände, und dieſen Um⸗ ſtand verdanken Sie es auch nur, daß man Sie nicht vor ein Kriegsgericht geſtellt hat. Ihr heutiges Be⸗ nehmen, indem Sie mit beſonderem Intereſſe jenes Haus beobachteten, war allerdings geeignet, Verdacht zu erwecken.“ Der Jüngling war durch dieſe Worte auf das Tiefſte erſchüttert. Alſo war jenes engelgleiche Weſen nicht die Tochter oder Anverwandte eines franzöſiſchen Marſchalls oder Generals, ſondern gehörte Verräthern und Feinden des Vaterlandes an. Wer konnte es wiſſen, jener Mann, mit welchem Armand auf Leben und Tod gekämpft, und den er in die Hände der Gerechtigkeit geliefert hatte, war vielleicht Florenti⸗ nen's eigener Vater. Dieſe und ähnliche Gedanken durchkreuzten Ar⸗ mand's Kopf; ſein Herz war tief betrübt, doch blieb ſein Aeußeres ruhig und Niemand ahnte den innern Kampf.„Unter dieſen Umſtänden,“ ſprach er,„ſehe ich mich genöthigt, nochmals feierlichſt zu erklären, daß ich keine Ahnung gehabt habe, von welchen Leuten jenes Haus bewohnt ſei, daß ich erſt jetzt, aus dem Munde Ew. Excellenz dies erfahre. Ich ſehe mich zur Bewahrheitung meiner Worte gleichfalls gedrun⸗ gen, die Gefangennahme jenes Spions in Erinnerung zu bringen, die doch gewiß nicht erfolgt ſein würde, wenn ſich der gegen mich erhobene Verdacht beſtätigte.“ „Die Intriguen der Royaliſten,“ entgegnete der Marſchall,„find oft ſo fein geſponnen, daß der geüb⸗ teſte Blick der Polizeibehörde ſie nicht zu durchdrin⸗ gen vermag. Es wäre nicht das erſte Mal, daß ſie einen der Ihrigen zum Opfer gebracht hätten. „Indeß ſind wir,“ fuhr er fort,„von Ihrer Un⸗ 125 ſchuld vor der Hand überzeugt; obſchon es wünſchens⸗ werth wäre, wenn Sie ſich noch einer Probe unter⸗ werfen wollten, um vollkommen gerechtfertigt da zu ſtehen.“ „Ich bin zu einer jedweden bereit,“ verſetzte der Jüngling,„die ſich mit der Ehre eines Franzoſen vereinigen läßt.“ „Unehrenvolles,“ ſprach der Marſchall ernſt,„wird Niemand von Ihnen verlangen. Vorher aber wollen wir von etwas Anderm ſprechen. Sie ſind jetzt voll⸗ kommen hergeſtellt und Ihr Geſuch um Anſtellung in der Armee kann bewilligt werden. In Betracht ferner Ihres Muthes, den Sie bei der Verhaftung jenes Verräthers gezeigt, ſo wie wegen des großen Dienſtes, den Sie dadurch dem Vaterlande erwieſen, ſind Sie, auf ausdrücklichen Befehl Seiner Majeſtät, des Kaiſers, zum Ordonnanzoffizier in meinem Gene⸗ ralſtabe ernannt.“ Leid und Freud reichen ſich oft im Leben die Hand; ſo auch hier. Armand glaubte ſeinen Ohren nicht zu trauen. Er wußte nicht, wo er Worte hernehmen ſollte, für dieſes ſo unverhoffte Glück würdig zu danken. „Sie können Ihren Dank am Beſten durch Hand⸗ lungen an den Tag legen,“ ſprach der Marſchall „und dazu ſoll Ihnen noch heute Gelegenheit gegeben werden.“ Armand machte eine ſtumme, dankbare Verbeu⸗ gung. Der Marſchall fuhr fort:„Ihre Geiſtesgegen⸗ wart, Ihr Muth, ſo wie die Kenntniſſe der deutſchen und engliſchen Sprache, die Sie ſich erworben, macht Sie zu einer Miſſion von höchſter Wichtigkeit geſchickt, durch deren glückliche Ausführung Sie ſich überzeugt 126 halten können, das Vertrauen Seiner Majeſtät, unſe⸗ res Kaiſers, im hohen Grade zu erwerben.“ Der junge Ordonnanzoffizier betheuerte, daß man über ſein Blut und Leben gebieten könne. „Durch die Verhaftnahme jenes Spions,“ ſprach der Marſchall,„der durch Ihren ſo lobenswerthen Bei⸗ ſtand ermöglicht ward, ſind der Regierung äußerſt wichtige Aufſchlüſſe über die Pläne der Verſchwörer zugekommen. Das Complott erſtreckt ſich von London aus nach Paris und reicht bis tief nach Deutſchland hinüber. Sein Hauptzweck beſteht in Ermordung des Kaiſers und Zurückführung der Bourbonen auf den Thron Frankreichs. Noch dieſe Nacht wird zwei Stun⸗ den von hier in der Nähe des einſam gelegenen Dor⸗ fes Breſſoles ein Boot mit engliſchen und deutſchen Banditen landen; ſie werden in der Schenke zu den „drei Königen“ ſich verſammeln und Berathung hal⸗ ten. Es wäre nun nichts leichter, als dieſe ganze Bande zu fangen und erſchießen zu laſſen, aber da⸗ mit würde uns nur wenig geholfen ſein. Es iſt uns vielmehr darum zu thun, die Verbindungen kennen zu lernen, in welchen jene Böſewichter mit Boulogne, Paris und Deutſchland ſtehen; erſt wenn die Regie⸗ rung alle Fäden der Verſchwörung in der Hand hält, kann ein Hauptſchlag ausgeführt werden. Darum iſt es von höchſter Wichtigkeit, Einiges von den münd⸗ lichen Verhandlungen zu erfahren, die heute Nacht in jenem Gaſthaus geführt werden. Da, wie wir wiſ⸗ ſen, die Verſchwörer durch Schaden klug geworden, von jetzt an alles Schriftliche, wodurch ſie leichter ver⸗ rathen und compromittirt werden könnten, zu ver⸗ meiden beſchloſſen haben, ſo müſſen womöglich die Phyſiognomien der Meuchelmörder genau in's Auge gefaßt werden, um ſie im Betretungsfalle wieder zu erkennen und iſt überhaupt auf Alles genau Obacht zu geben, was jene immerhin vornehmen mögen. „Sie, mein Herr Ordonnanzoffizier,“ ſprach Soult nach einer Pauſe weiter,„ſind für dieſe Miſſion un⸗ ter Vielen auserkoren, hauptſächlich weil die Regie⸗ rung ſich zu dem Glauben veranlaßt findet, die Con⸗ verſation in jener Schenke werde größtentheils in eng⸗ liſcher und deutſcher Sprache vor ſich gehen.“ Dem jungen Manne, dem nichts mehr zuwider war, als Alles was einem Spioniren ähnlich ſah, fand ſich wenig erbaut durch dieſe Miſſivn. Er wagte da⸗ her die Worte:„Ich muß offenherzig geſtehen, daß mir der Befehl eine Batterie mit dem Degen in der Hand zu nehmen, lieber wäre.“ Der Marſchall, welcher den Grund dieſer Abnei⸗ gung ſogleich errieth, erwiederte: „Da es als eine Pflicht für jeden Franzoſen be⸗ trachtet werden muß, die Feinde des Vaterlandes zu vernichten, eine Bande Meuchelmörder unſchädlich zu machen, ſo kann dieſe Pflicht auch einem franzöſiſchen Offizier nicht zur Unehre gereichen; die Mittel, deren er ſich bedient, mögen ſein, welche ſie wollen. Uebri⸗ gens iſt es auch der Wunſch des Kaiſers, daß Sie ſich dieſer Miſſion unterziehen.“ Armand wagte jetzt nicht mehr zu widerſprechen und ergab ſich in ſein Geſchick, indem er zugleich um weitere Verhaltungsbefehle bat. Soult ertheilte ihm nun die nöthigen Inſtructio⸗ nen. Demnach ſollte der junge Mann, als normän⸗ niſcher Bauer verkleidet, ſich unverzugs nach Breſſoles begeben und in dieſem Fiſcherdorfe, das nicht unbe⸗ trächtlichen Handel mit Seefiſchen trieb, Einkäufe machen. Hauptſächlich ward ihm zur Aufgabe ge⸗ ſtellt, das Vertrauen des Schenkwirths zu gewinnen, 428 in deſſen Behauſung die Verſchwornen zuſammen kom⸗ men wollten. „Alles Uebrige,“ ſchloß Soult,„bleibt Ihrem eignen Ermeſſen anheimgeſtellt. Klugheit und Vorſicht werden Ihnen am Beſten ſagen, was Sie zu thun und zu laſſen haben; aber verlieren Sie ja nicht den Umſtand aus den Augen, daß Sie eine rein paſſive Stellung zu ſpielen haben. Die Perſönlichkeit der Verſchwornen kennen zu lernen, wo möglich ihre näch⸗ ſten Pläne zu erkunden, dieſes iſt es, was uns haupt⸗ ſächlich am Herzen liegt. Alſo reiſen Sie mit Gott, mein Herr Ordonnanzoffizier, richten Sie Ihre Miſ⸗ ſion gut aus, und ſeien Sie überzeugt, daß Ihnen der Beifall des Kaiſers ſo wie aller Ihrer Obern nicht ausbleiben wird.“ Hiermit winkte der Marſchall mit der Hand, und Armand war entlaſſen. Als er in ſein Quartier zurückkehrte, ward ihm ein ziemlich umfangreiches Paquet übergeben. Er öff⸗ nete daſſelbe und fand darin den vollſtändigen Anzug eines Bauers aus der Normandie. Dem Paquet lag noch ein Schreiben bei, das nebſt einigen Verhaltungs⸗ regeln noch die ſtrengſte Weiſung enthielt, ſich nach Durchleſen deſſelben mit nichts Weiterem, als mit der ihm gewordenen Expedition zu beſchäftigen. Armand machte ſich daher ſofort an die Verklei⸗ dung, und ſtand bald als normänniſcher Bauer vor dem Spiegel. Er ſelbſt mußte ob dieſer Metamor⸗ phoſe lächeln, obſchon ihm nichts weniger denn heiter zu Muthe war. Er gedachte des unheimlichen Verhörs, welches der Marſchall hinſichtlich jenes Landhauſes mit ihm an⸗ geſtellt hatte, und das Bildniß Florentinen's er⸗ ſchien ihm mit düſterm Flore umzogen. 2 „Dieſer Engel,“ ſprach er für ſich,„iſt gewiß un⸗ ſchuldig an dieſen politiſchen Intriguen, aber wo mag er hingekommen ſein? Weilt er noch in den von Wa⸗ chen umſtellten Bellevue, oder ſchmachtet er wohl gar im Kerker? Und wer iſt die Urſache an alle dem?“ Der Jüngling drückte ſich hier wie vorwurfsvoll die Hand vor die Augen. „Aber konnte ich anders handeln,“ frug er ſich nach einer Pauſe,„und würde ich anders handeln können, wenn der Fall wieder vorkäme, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß es ihr Bruder wäre? Bin ich das nicht dem theuern Vaterlande ſchuldig?“ Er verſank eine Minute in düſteres Nachdenken. Dann fuhr er wie von einem Gedanken plötzlich er⸗ ſchreckt auf. „Darum alſo,“ ſprach er,„ſtand an jenem Mor⸗ gen die wenig gangbare Parkthüre auf, weil Jener aus ihr hervorgetreten und nach dem Meere gegangen war, um den Feinden ſeine Signale zu geben. Wun⸗ derbares Geſchick, wie räthſelhaft ſind deine Fü⸗ gungen.“ Armand vollendete jetzt ſeinen Anzug. „Das hätt' ich mir auch nicht träumen laſſen,“ meinte er,„daß ich meine kriegeriſche Laufbahn anſtatt mit dem Degen in der Hand, wie mir freilich lieber geweſen, als normänniſcher Fiſchhändler beginnen ſollte. „Indeſſen, was hilft's,“ fuhr er, ſich den unge⸗ ſchlachten, dreikrempigen Hut aufſtülpend, fort,„Ge⸗ horſam iſt die erſte Soldatenpflicht und für ein glän⸗ zendes Avancement kann ich ſchon einmal in einen ſauren Apfel beißen.“ Er gedachte hier an den Traum und die Prophe⸗ zeihung ſeines Freundes, des Doctors Bonvrand. „Jetzt gäbe ich Etwas darum,“ ſprach er weiter, Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 9 „wenn mir der Doctor ſagen könnte, ob meine ſon⸗ derbare Expedition glücklich ablaufen wird oder nicht. Der Himmel mag wiſſen, wie ich die Rolle des Fiſch⸗ händlers ſpielen werde. Der Marſchall Soult muß erfahren haben, daß ich auf unſerm Liebhabertheater im Lyceo einigemal hervorgerufen und ob meiner An⸗ lage zum Schauſpieler belobt worden bin. Ich begreife nicht, wie man auf mich jungen Mann gekommen iſt, der für dergleichen Angelegenheiten gar keine Erfah⸗ rung beſitzt. Faſt möchte ich es für eben keine lobens⸗ werthe Bevorzugung halten, daß man mir ſo große Verſtellungskunſt zutraut, Andere, und find es auch verbrecheriſche Menſchen, in's Verderben zu bringen. Indeß ſchien der Marſchall großen Werth auf mein Bischen Deutſch und Engliſch zu legen. Dies iſt unfehlbar der Hauptgrund, denn namentlich Deutſch zu erlernen iſt nicht die ſtärtſte Seite meiner Lands⸗ leute und am Wenigſten der Militairs.“ Während dieſes Selbſtgeſprächs war Armand mit ſeiner Verkleidung vollkommen zu Stande gekommen. „Das Beſte noch,“ ſprach er,„bei dieſem Anzuge iſt, daß er wenigſtens bequemer als die engzugeſchnit⸗ tene Uniform iſt. Man kann ſich ziemlich ungenirt darin bewegen.“ Er ſchrieb hierauf noch einen Brief, in welchem er einige Verfügungen für den Fall traf, daß er von ſeiner Miſſion nicht zurückkehren ſollte, und adreſſirte ihn an ſeinen Chef, den Marſchall Soult. So viel ſah er ein, daß er ſich ſo unkenntlich als möglich ma⸗ chen müſſe, denn jene engliſchen Spione waren gewiß nicht aus der beſchränkteſten Menſchenklaſſe gewählt und ſchwer zu täuſchen. Ward er entdeckt, ſo hatte ſeine letzte Stunde geſchlagen und er kehrte ſicher nicht lebend nach Boulogne zurück. Was ihm ſehr zu ſtat⸗ 434 ten kam, war, daß er den normänniſchen Bauerndia⸗ lect, der in ſeiner Heimath häufig geſprochen ward, auf das Täuſchendſte nachzuahmen verſtand. Es mochte ungefähr die Mittagsſtunde ſein, als vor der Wohnung Armand's ein Wagen mit ver⸗ ſchloſſenen Fenſtern vorfuhr, der ihn unerkannt, und ohne daß Jemand den Inſitzenden entdecken konnte, bis aus dem Bereiche von Boulogne und dem Lager bringen ſollte. Zugleich erhielt er die letzten Befehle vom Marſchall, nach welchen ihn nochmals die Wich⸗ tigkeit der Sendung vorgehalten und er zur pünkt⸗ lichſten Befolgung der erhaltenen Inſtructionen auf⸗ gefordert wurde. Nur ein vertrauter Diener des Marſchalls, wel⸗ chen dieſer an Armand abgeſandt hatte, um denſel⸗ ben beim Umkleiden behülflich zu ſein, wußte nächſt dem Kaiſer und dem Chef der geheimen Polizei um die ſo ſeltſame Miſſion. Er war es auch, der den Jüngling ſo unbemerkt, daß Niemand eine Ahnung davon hatte, in den Wagen beförderte, welcher gleich darauf abfuhr und den Weg nach dem Lager einſchlug. Zehntes Rapitel. 6 Der geprüfte Diener des Marſchall Soult, welcher zugleich das Amt eines Kutſchers verſah, hatte kaum die äußerſten Poſten und Schildwachen des Lagers aus den Augen verloren, als er ſeiner Inſtruction gemäß anhielt und den dicht verhangenen Kutſchen⸗ 9* 132 ſchlag öffnete. Armand ſtieg aus und ſchaute ſich in der Gegend um. „Dort ſehen Sie den Kirchthurm von Breſſoles,“ ſprach der Wagenlenker, mit der Peitſche auf einen kaum bemerkbaren weißen Streif am Horizonte zeigend. „Wandern Sie getroſt den Abhang der kleinen Hü⸗ gelkette, die da hinter dem Erlengehölz beginnt, ent⸗ lang, ſo können Sie gar nicht fehlen. Das armſelige Neſt liegt kaum eine halbe Stunde vom Meere. Wünſche gute Geſchäfte, mein Herr Capitain.“ Mit dieſen Worten ſaß er wieder auf dem Kut⸗ ſcherſitze und kehrte auf einem ziemlichen Umwege nach Boulogne zurück, Armand aber ſchritt nach dem Er⸗ lengehölz zu, um den angegebenen Weg zu erreichen. Der Himmel war klar und mild, in einiger Ferne zur Rechten glänzte der Spiegel des Meeres, hier und da tauchten weiße Segel aus der blauen Fluth. Ringsumher herrſchte tiefe Stille, welche gegen das geräuſchvolle Lagerleben ſehr abſtach. Die Gegend ſelbſt gehörte nicht zu den fruchtbaren, da ſie von ſcharfen Seewinden oft beſtrichen ward. Selbſt das hier und da zerſtreute Buchen⸗ und Erlengehölz war von unbedeutender Höhe. Armand wanderte unter ſeltſamen Gefühlen den beſchriebenen Weg auf dem Hügelabhange dahin. Je weiter er vorwärts kam, deſto einſamer und ſtiller ward die Gegend. Unheimlich ſpielte der Wind in dem Laubwerk der dürftigen Erlengeſträuche, und nur von Zeit zu Zeit floh eine Möve durch den todtſtil⸗ len Himmel. Der junge Mann ſtudirte nochmals ſeine Rolle durch, die ihm ſo ganz wider Willen zugetheilt wor⸗ den war, als er nach ungefähr einſtündiger Wande⸗ rung auf eine einſame Hütte traf, die von einer Fi⸗ 133 ſcherfamilie bewohnt ſchien. Zwei Buben von zehn und zwölf Jahren, welche auf der Bank vor der Thür ſaßen und mit Netzflechten beſchäftigt waren, ſpran⸗ gen ſogleich auf, als ſie den Wanderer erblickten und eilten unter ſonderbarem Geſchrei in die Hütte, aus welcher bald darauf ein hoher ſtämmiger Mann trat, welcher mit finſtern mißtrauiſchen Blicken den daher kommenden Armand muſterte. Der Hüttenbewohner, deſſen harten Geſichtszügen man es anſah, daß mehr als ein Seeſturm darüber hingeweht war, ſchien von Profeſſion ein Fiſcher; doch mochte außer dem Fiſchfange auch noch ein anderes Gewerbe, welches dazumal eine große Anzahl von Küſtenbewohnern beſchäftigte, ſeine Hauptbeſchäftigung ausmachen; das war der Schleichhandel. Armand, als er bei der Hütte angelangt war, grüßte treuherzig den Strandbewohner und erkundigte ſich nach ſolchen Bewohnern von Breſſoles, bei wel⸗ chen die beſten und zugleich die billigſten Fiſche zu er⸗ handeln ſeien. So wie der Fiſcher den normänniſchen Bauerndia⸗ lect vernahm, verſchwand er, ohne ein Wort zu ſagen, in der Hütte, und kehrte mit einem Kruge Moſelwein zurück, welchen er dem Wanderer zutrank und ihm tüchtig dabei die Hand drückte. Armand, den die faſt unerträgliche Hitze etwas abgemattet hatte, kam dieſer Labetrank recht zu ſtat⸗ ten und er dankte freundlichſt dafür. Der gaftfreund⸗ liche Fiſcher war jetzt ſogar erbötig, den Fiſchhändler ſelbſt nach Breſſoles zu begleiten, damit er erſtens gute Waare erhalte und dann nicht übertheuert werde. „Dieſes Erbieten,“ erwiederte Armand,„nehme ich dankbar an, jedoch nur unter der Bedingung, daß „ 134⁴ Ihr mir auch zur Schenke folgt und mir geſtattet, daß ich Euch ebenfalls traktiren darf.“ „Ei,“ verſetzte der Andere,„dahin würden wir ohnedies gekommen ſein; mein Freund Laervix, der Dreikönigswirth, bezieht die beſten Sorten aus der erſten Hand, Ihr habt ſie da billig und die Auswahl.“ Hierauf pfiff er ſeinen zwei Jungen, die ſich aus Furcht vor dem Fremden in den Ecken der Hütte verſteckt hatten. Dieſe Furcht rührte daher, weil die zur Verhütung des Schmuggelhandels angeſtellten Küſtenwächter ſich oft in der verſchiedenſten Kleidung der Hütte nahten und oft gräulichen Unfug verübten, da Roland, dies war der Name des Fiſchers, in dem Verdachte eines Hauptſchmugglers ſtand. Auf das Pfeifen des Vaters kamen die zwei Bu⸗ ben wieder zum Vorſchein, aber im Anfang nur mit den Köpfen, die ſie ein Wenig aus der Hüttenthür hervorſtreckten. Der Alte redete einige beruhigende Worte in einer Armand unbekannten Sprache zu ihnen, worauf ſie vollends herausgekrochen kamen und in muntern Sätzen umherſprangen. Armand ſetzte jetzt in Begleitung Roland's ſeine Reiſe nach Breſſoles fort; auch Jacques und Robin, ſo hießen die Knaben, liefen nebenher. Ro⸗ land klagte unterwegs über ſchlechte Zeiten, daß Nichts zu verdienen ſei, beſchwerte ſich über die Bru⸗ talitäten der Küſtenwächter, die ihn für einen Schleich⸗ händler hielten, da er doch einzig und allein durch ein Wenig Küſtenfiſcherei und durch Winden von Netzen, die er an ſeine wohlhabenderen Zunftgenoſſen verkaufe, ſeinen Lebensunterhalt kümmerlich beſtreite. Nach anderthalbſtündiger Wanderung gelangte man zu dem Abhange des Thales, in welchem die Hütten des Fiſcherdorfes Breſſoles zerſtreut umherlagen. 135 Die ganze Gegend gewährte einen höchſt eintöni⸗ gen Anblick. Man erkannte bald, daß die Bewohner dieſes Dorfes nur vom Ertrage der Fiſcherei lebten, denn an einen Anbau des Bodens war nicht zu denken, kaum daß man ſich die Mühe genommen, hier und da bei den Hütten kleine Gärtchen anzule⸗ gen; aber auch in dieſen gedieh nur ſpärlich die Ve⸗ getativn und der Boden ſchien allerdings nicht zu dem fruchtbaren zu gehören. Unter den hüttenartigen Wohnungen zeichnete ſich nur ein Gebäude aus, das auf den Namen eines anſtändigen Bauernhauſes Anſpruch machen konnte; es lag eine ziemliche Strecke von den Hütten ab⸗ wärts, faſt ganz einſam in dem Theile des Thales, wo die Abhänge näher und ſteiler zuſammenrückten und eine Art Schlucht bildeten. Dieſes Gebäude gewährte einen recht romantiſchen Anblick; ein klarer Bach rieſelte am Fuße deſſelben über ſein ſteiniges Bett, während der Giebel von dunkeln Tannen um⸗ ſchattet ward. Man würde dieſes Haus für eine Waſſermühle gehalten haben, aber da rauſchte kein Rad und ſprühte geſchäftig ſeine ſilbernen Funken, und kein Wehr vernahm man aus der Ferne; kein Müller ſteckte ſeinen mehlbeſtäubten Kopf aus einem der Fenſter, rings herrſchte Todtenſtille, und man würde das Gebäude für ausgeſtorben gehalten haben, hätte nicht der bläuliche Rauch, der ſtill an der einen Felſenwand aus dem Schornſteine emporſtieg, Kunde von einer Inwohnerſchaft gegeben. „Das muß ich geſtehen,“ ſprach Armand, der mit eben nicht ſehr heiterm Blicke die unheimliche Gegend überſchaute,„ſehr luſtig ſcheint's in dieſem Thale nicht herzugehen. Dieſes Dorf gleicht eher 136 einer Anſiedelung ſpleeniger, menſchenfeindlicher Bri⸗ ten, als lebensheitrer Franzoſen.“ „Es gehet nicht immer ſo ſtill her,“ antwortete Roland,„aber heut' iſt der größte Theil der Be⸗ wohner in See. Es iſt jetzt gerade die ergiebigſte Jahreszeit. Da zieht Alles, was Füße hat, Jung und Alt, nach den blauen Wellen, und nur wer krank und vor Alter nicht fort kann, bleibt daheim.“ „Auch die Bewohner dieſes ſtattlichen Hauſes ſcheinen ausgezogen zu ſein,“ fuhr Armand auf das Gebäude in der Schlucht zeigend fort,„wenigſtens geht es ſehr ſtill daſelbſt zu. Gehört der Beſitzer auch zu den Fiſchern?“ „Das will ich meinen,“ verſetzte der Andre, „Freund Lacrvix iſt gleichſam der Oberälteſte und treibt den bedeutendſten Handel; faſt alle Hütten ſind ihm tributpflichtig und müſſen ihm pünktlich ein⸗ liefern; er hat ſo zu ſagen das ganze Dorf im Sack, weil Jeder bei ihm im Vorſchuß ſteht. Der Mann tauſcht nicht mit manchem Armeelieferanten.“ „Dieſes Haus ſind alſo die„Dreikönige“, das Ziel meiner Wanderung?“ frug Armand. „Nicht anders,“ antwortete Roland,„wir wol⸗ len nun hinabſteigen, Lacrvix wird mir's Dank wiſſen, wenn ich ihm einen neuen Kunden zuführe. Der Mann beſitzt Lebensart, hat ſich umgeſehen in der Welt und zeigt ſich generös, ſobald er einiger⸗ maßen ein Geſchäft machen kann.“ Er pfiff nach dieſen Worten ſeinen beiden Jun⸗ gen, welche immer in einiger Entfernung halsbrechende Streiche trieben, bald an den Bäumen emporkletter⸗ ten, bald über breite Gräben ſprangen. „Galvppirt voran, Schlingels,“ ſprach er zu ih⸗ nen,„und beſtellt einen braven Imbiß und friſchen 137 Trunk bei Laervix für Herrn— wie iſt gleich Euer werther Name?“ „Ich heiße Dauphin,“ ſprach Armand. „Dauphin,“ lachte der Fiſcher,„dieſer Name iſt heutzutage ſehr außer Cours gekommen.“ „Leider,“ verſetzte der kaiſerliche Offizier, dem die royaliſtiſchen Geſinnungen der hieſigen Küſtenbewoh⸗ ner nicht unbekannt waren, mit halbunterdrücktem Seufzer. Bei dieſem„leider“ ward Roland noch ver⸗ trauensvoller. Er drückte dem jungen Manne die Hand. „Mir aus der Seele geſprochen,“ hub er an,„es waren andere Zeiten als Frankreich ſeinen Dauphin hatte. Da war noch Gottesfurcht unter den Leuten und wir kounten handeln mit Gott und aller Welt.“ „Hoffen wir, daß dieſe Zeiten wiederkehren,“ ſprach Armand. „Ich hoffe nichts mehr,“ erwiederte der Fiſcher, „ſeit der erſte Conſul ſich Kaiſer ſchimpfen läßt, dür⸗ fen die Bourbonen nicht mehr daran denken, Frank⸗ reichs Thron je wieder zu beſteigen. Die Regierung erbt nun in der Bonaparte'ſchen Sippe fort und wird von einer Million Bayonnette beſchützt. Es iſt ein Jammer, Breſſoles allein hat neun Söhne dar⸗ unter; und was das Schlimmſte, kaum haben ſie den verdammten blauen Rock angezogen, ſind ſie wie umgewandelt, vergeſſen Herd und Heimath und laſſen ſich mit Wolluſt einem Ehrgeizigen zu Gefallen zur Schlachtbank führen.“ Unter dieſen und ähnlichen Geſprächen waren Ar⸗ mand und ſein Begleiter in die Nähe der„Drei⸗ könige“ gekommen, wo ihnen Lacroix, dem ein ſchöngebauter engliſcher Dogge bellend voranſprang, 138 eine Strecke entgegentrat. Der Gaſtwirth war ein kräftiger, unterſetzter Mann in den mittlern Jahren. Mehre Narben, die er in Kämpfen mit engliſchen und ſpaniſchen Flibuſtiern erhalten zu haben vorgab, ent⸗ ſtellten das von der Sonne des Süden verbrannte Geſicht. Er führte die Ankömmlinge nach ſeiner Be⸗ hauſung, welche von vieler Wohlhabenheit zeigte. Das Möblement in dem Gaſtzimmer war faſt von bürgerlicher Eleganz. Bald ſtand ein ſauber gedeckter Tiſch inmitten der Stube. Die ſeltenſten Fiſcharten wurden theils warm theils kalt aufgetragen; dabei duftete ein lieblicher Rheinwein in grünen Pokalen. Nach dem Eſſen führte Laeroiꝝ ſeine Gäſte über den Hof nach ſeinen Fiſchbehältern. „Die beſten Sorten,“ ſprach der Wirth zu den Dreikönigen,„ſind mir für den Augenblick ausge⸗ gangen, Boulogne hat meine Vorräthe erſchöpft, aber heute noch langen friſche Sendungen an. Ich habe mein ganzes Haus nach dem Meere geſchickt. Mor⸗ gen ſollt Ihr zufriedner ſein mit meinem Lager.“ Man kehrte zum Vorderhauſe und in die Gaſt⸗ ſtube zurück. Armand mußte ſich's bequem machen, Lacroix ließ andere Sorten Wein auftragen, und der junge Offizier würde ſich recht wohl befunden ha⸗ ben, wenn ihm nicht ſeine geheime Miſſion zu ſehr am Herzen gelegen hätte. Er hütete ſich daher wohl, im Trinken des Guten zu viel zu thun, geſtand of⸗ fen, ſo ſtarke Weine nicht gewohnt zu ſein und trank häufig Waſſer dazwiſchen. Indeß hatte der Wein auch die Zungen von La⸗ eroix und Roland etwas gelöſt. Ihre Reden zeig⸗ ten offenbar, daß ſie keineswegs zu den Freunden des Kaiſers gehörten und wenn ſie auch nicht im Solde 139 der Engländer und Royaliſten ſtanden, doch ſtets be⸗ reit waren, deren Zwecke zu begünſtigen. „Recht leid thut mir's,“ wandte ſich plötzlich der Gaſtwirth zu Armand,„daß ich Euch für heute Nacht kein ſonderliches Nachtlager verſprechen kann. Eine Geſellſchaft fremder Voyageurs, die ſich das Boulogner Lager in Augenſchein nehmen wollen, ha⸗ ben meine paar Gaſtſtuben für dieſe Nacht in Be⸗ ſchlag genommen. Ich kann Euch daher Nichts wei⸗ ter anbieten, als das hier angrenzende Kabinet. Ihr werdet zwar im Anfang, wenn die Geſellſchaft an⸗ langt, in Eurer Ruhe etwas geſtört werden, aber hoffentlich nicht auf lange Zeit, denn ich werde ſchon Sorge tragen, daß man nicht allzulange hier unten verweilt und ſich bald nach den Schlafgemächern ver⸗ fügt.“ Armand, dem dieſe Rede gar nicht unangenehm klang, verſicherte, daß, da er von ſeiner Wanderung und dem genoſſenen Wein ſehr ermüdet, ihm jedes Lager willkommen ſei; auch erfreue er ſich eines ge⸗ ſunden und feſten Schlafs und werde durch Lärm nicht ſo leicht geſtört. Laervir trat jetzt an's Fenſter und ſchaute nach dem Himmel.„Alle Wetter,“ ſprach er,„die Wind⸗ fahne hat ſich abſcheulich gewendet, wir bekommen heut noch Sturm und Gewitter.“ „Ein Wunder wär's nicht,“ meinte Armand, „wenn ein Gewitter heraufzöge, die Hitze dieſen Nach⸗ mittag war zu drickend.“ „Ich wünſchte, meine Leute wären nach Hauſe und die verehrliche Reiſegeſellſchaft mag ſich auch ſpu⸗ den, will ſie nicht ein himmliſches Sturzbad erhalten. „Roland, alte Jacke,“ wandte er ſich zu dem Fiſcher, der gleichfalls mit beſorgtem Blicke am Fen⸗ 14⁰0 ſter ſtand,„geh doch einen Sprung nach dem Meere und ſchau aus, wie die Sachen ſtehen.“ Roland war ſogleich bereit und machte ſich auf den Weg. Als er das Zimmer verlaſſen, ſprach La⸗ eroix, indem er ſich ein neues Glas einſchenkte: „Der alte Lauſcher braucht nicht Alles zu hören, was wir verhandeln. Er kann der Prozente nie genug erhalten, wenn er mir einen Kunden zuweiſt. Ich verſichere Euch, Herr Dauphin, königliche Ho⸗ heit, wir machen ein gut Geſchäft. Ihr ſollt mit mir zufrieden ſein, werdet mich recommandiren.“ „Verlaßt Euch darauf,“ erwiederte Armand,„ob⸗ ſchon Euer Name bereits einen ſo guten Klang hat, daß er einer Recommandation nicht bedarf.“ „Alſo bin ich Euch nicht erſt durch Roland be⸗ kannt geworden,“ frug der Fiſchhändler geſchmeichelt, „ſeht den Schlucker, wollte mir weiß machen, daß nur ſeine Empfehlung Euch hierher gewieſen habe.“ „Zum Theil hat er Recht,“ ſprach der Offizier, „er war Eures Lobes ſo voll, daß ich mich unver⸗ züglich für Euch entſchied, obſchon man die Einkäufe bei andern Bewohnern von Breſſoles billiger ma⸗ chen ſoll.“ „Aber betrachtet auch die Waare,“ fiel hier La⸗ eroix eifrig ein,„und die meine. Ha, ha, die ar⸗ men Schlucker müſſen mir von Allem, was ſie nach Hauſe bringen, die beſten Sorten ablaſſen. Ihr ſollt Euch Morgen ſelbſt überzeugen. Es iſt wahr, die Unſinnigen treiben zuweilen wahren Schleuderhandel, es iſt ein Scandal, was habe ich dagegen geeifert, das Volk kann nicht beſtehen bei dieſen Preiſen, das muß ich wiſſen. Ein ſolider Mann giebt ſich damit nicht ab. Ihr ſollt mit meinen Preiſen zufrieden ſein.“ 141 Unterdeß war es draußen immer dunkler gewor⸗ den, der Himmel hatte ſich mit ſchwarzem Gewölk überzogen und der Sturm begann ſein Lied. „Ihr entſchuldiget,“ wandte ſich jetzt Lacroix an Armand,„wenn ich Euch auf kurze Zeit verlaſſe, aber das Wetterchen wird mir doch bedenklich, ich will jetzt ſelbſt nach der Küſte und nach meinen Leu⸗ ten ſehen. In längſtens einer Stunde bin ich wieder bei Euch.“ „Wenn ich nicht ſo ermüdet wäre,“ verſetzte Ar⸗ mand,„würde ich mich zum Begleiter anbieten, aber für heute wollen meine Füße durchaus nicht fort.“ „Pflegt der Ruhe, Herr Dauphin,“ ſprach der Gaſtwirth,„und macht es Euch ſo bequem als mög⸗ lich, thut als wäret Ihr zu Hauſe, und wenn der Sturm, der in dieſen Felſen ein wenig herzhafter pfeift als in der Ebene, es zu toll machen ſollte, ſo ſeid ohne Furcht; mein Haus iſt auf Felſen gebaut und wird nicht gleich nach dem Meere geführt, wie dies wohl bei manchen Fiſcherhütten von Breſſoles der Fall iſt. Wenn Ihr außerdem etwas befehlt, ſo iſt die Brigitte zu Hauſe, Ihr müßt freilich etwas ſchreien, denn auf dem einen Ohre hört die Alte gar nichts, auf dem andern nicht viel.“ Der Gaſtwirth entfernte ſich und Armand blieb mit der alten tauben Magd allein zurück. Er hatte jetzt vollkommene Muße, über ſein romantiſches Aben⸗ teuer nachzudenken. Wie geſagt, wäre das Geſchäft, das ihn hierher geführt, weniger ernſthafter Art ge⸗ weſen, ſeine Lage würde ihm recht zugeſagt haben, denn er liebte zuweilen das Abenteuerliche. Er benutzte die Gelegenheit ſich mit der Lokalität für mögliche Fälle etwas bekannt zu machen. Erſt unterſucht er das Seitenkabinet, welches ihm La⸗ 142 crvix für die bevorſtehende Nacht beſtimmt hatte. Es war ſchmal und eng, das darin befindliche Bett ſtand unmittelbar an der Thür, welche nach der Gaſt⸗ ſtube führte. „Wenn ich hier nicht ſo tanb bin wie Fräulein Brigitte,“ ſprach Armand für ſich,„ſo kann mir auf meinem Lager kein Wort entgehen, das in der Gaſtſtube geſprochen wird; die Scheidewand beſteht nur aus dünnen, mit Tapeten überzogenen Brettern. Ich kann mir für mein Geſchäft gar keine beſſere Schlafſtelle wünſchen.“ Zugleich ſtach er mit einer Nadel eine völlig un⸗ bemerkbare Oeffnung an einer Stelle der Bretterwand, wo die Tapete über ein Aſtloch gezogen war. Er machte den Verſuch, hindurch zu blicken. Die⸗ ſer gelang. Er konnte von dem Bett aus Alles überblicken, was in der angrenzenden Stube vorging. „An ein Entkommen, für den Fall ich entdeckt werde,“ fuhr er fort,„iſt allerdings nicht zu denken; das Cabinet hat weder einen Ausgang, noch ein Fen⸗ ſter, ich muß dann meine Haut ſo theuer verkaufen als möglich. Indeß glaube ich nicht, daß es hierzu kommen wird, mein normänniſcher Dialect hat mir vortreffliche Dienſte geleiſtet, Roland wie Laervir würden eher alles Andere in mir vermuthen, als ei⸗ nen Offizier des Kaiſers Napoleon.“ Das Wetter außen ward immer böſer. Bereits heulte der Sturm in unheimlichen Tönen durch die Felsklüfte und ſchlug die Kronen der hohen Tannen und Fichten braußend an einander; auch der ange⸗ ſchwollene Bach ward unruhiger und rauſchte mit weißem Schaume bedeckt unter den Fenſtern vorüber. Der Himmel hatte ſich völlig umzogen, daß es faſt ganz finſter in der Gaſtſtube wurde und die taube 143 Brigitte mit einem brennenden Lichte in die Stube trat, das ſie auf den Tiſch ſtellte. Schon klopften einzelne Regentropfen an die Fenſter und in der Ferne grollte der Donner. „Die engliſchen Spione,“ ſprach Armand für ſich,„haben eine üble Zeit zum Landen gewählt. Es iſt jetzt leicht möglich, daß ſie bei dieſem Wetter gar nicht an's Land kommen, und ich hier vergeblich auf ſie warte.“ Er ſetzte ſich in die eine Ecke des in der Stube befindlichen Sopha's und beobachtete, wie die Blitze immer leuchtender wurden und der Donner immer näher rollte. Nach einiger Zeit erſcholl Hundegebell und bald zogen dunkle mit Fäſſern beladene Geſtalten unter den Fenſtern vorüber. Es war Roland, der mit einer Abtheilung von Laervix's Leuten zurückkehrte. „Ein ſchönes Wetterchen,“ ſprach er in's Gaſt⸗ zimmer tretend;„wir find noch vor dem Thorſchluſſe glücklich herein, aber Laeroix wird eine Taufe er⸗ halten, als ſtünde er unter'm Sturzbade, er iſt noch eine gute Strecke zurück.“ „Die Reiſenden, welche hier übernachten wollen,“ meinte Armand,„werden gleichfalls böſen Weg haben.“ „Ich glaube jetzt nicht, daß ſie kommen,“ ſprach Roland;„ſie werden ſich hüten, bei ſolchem Wetter ihre Reiſe fortzuſetzen.“ Nach ungefähr einer halben Stunde langte im ſchrecklichſten Unwetter auch Laervix mit dem Reſte ſeiner Leute an. Er war ſehr ungehalten über das Gewitter, welches ihm nach ſeiner Verſicherung großen Schaden gebracht, indem der Sturm und das tobende Meer einen Theil der Weidengeflechte zerriſſen, worin 144 die gefangenen Fiſche aufbewahrt wurden, und dieſe wieder in Freiheit geſetzt hatte. „Die erwartete Reiſegeſellſchaft,“ fuhr er unge⸗ halten fort,„wird nun auch ſchwerlich eintreffen, und ich habe vergebens gekocht und gebraten; es iſt zum Tollwerden. Ich hätte etwas verdienen können, da führt der Satan das Donnerwetter herauf. „Was hilft's,“ ſprach er nach einer Pauſe ruhi⸗ ger, indem er an den Handel dachte, den er Morgen mit Armand abſchließen wollte und bei welchem er hoffte, ſeinem heutigen Schaden wieder beizukommen, „was hilft's, wer kann für das Unwetter, wir wollen lieber froh ſein, im Trocknen zu ſitzen, mein Herr Dauphin, wie wär's, noch ein Fläſchchen?“ Axmand deprecirte, aber Lacroix hatte die Gläſer bereits wieder vollgeſchenkt und nahm auf einem Stuhle neben dem Offiziere Platz. „Auf ein glickliches Geſchäft,“ ſprach er, den Rö⸗ mer erhebend, und ſtieß mit Armand an:„Ich gebe Euch mein Wort, daß unſer morgender Handel nicht der letzte ſein wird.“ Er erzählte jetzt von ſeinem Geſchäft, das ziem⸗ lich ausgedehnt war und ihm manchen ſchönen Fran⸗ ken eintrug. Doch nicht blos durch den Fiſchhandel verdiente er bedeutende Summen, die Hauptgquelle ſeines Wohlſtandes beruhte in dem Schleichhandel, und weil er ſein Haus für die Verſammlungen hergab, welche hier von den bourboniſtiſchen Emiſſären und engliſchen Spionen von Zeit zu Zeit abgehalten wur⸗ den. Die franzöſiſche Regierung wußte darum, daß die Wohnung des Fiſchhändlers den ghihrlichſen Feinden Frankreichs und des Kaiſers zum Haupt⸗ quartier diente, ſie hütete ſich aber wohl, hier mit Gewalt einzuſchreiten. Sie begnügte ſich, die Ver⸗ 145 ſchwörer in Breſſoles zu beobachten; ein Gewaltſchritt würde ſie verſcheucht und den Augen der Polizei weniger ſichtbar gemacht haben. Darum hatte auch Armand den gemeſſenen Befehl, nur ganz paſſiv zu verfahren und den aufmerkſamen Beobachter ab⸗ zugeben. Das Unwetter tobte fort, die Finſterniß war völlig hereingebrochen, der Sturm wüthete in den Fichten, welche die Kuppen der Felſen bedeckten mit einer Gewalt, als wollte er ſie mit der Wurzel aus⸗ reißen und in den Abgrund ſchleudern. Der Regen rauſchte durch die Nacht und von Zeit zu Zeit flammte ein Blitz auf, dem ein weit hinhallender Donner folgte. „Da meine Gäſte für heute nun wohl nicht kom⸗ men,“ ſprach Laeroix zu Armand,„ſo werde ich Euch ein freundlicheres Schlafgemach im erſten Stock⸗ werk anweiſen.“ „Wenn ich Euch bitten darf,“ entgegnete dieſer, „ſo laßt mir jenes Cabinet, der Weg dahin iſt der nächſte und ich habe nicht Luſt, noch Treppen zu ſteigen; ich bin übrigens ſo müde, daß mir ein Stroh⸗ lager ſo lieb iſt wie das weichſte Bett, wenn ich nur nicht lange darnach zu gehen brauche.“ „Wohlan,“ ſprach Laeroix,„ganz nach Eurem Belieben; ich will Euch aber auch jetzt nicht länger von der Ruhe abhalten durch mein Geſchwätz und wünſche Euch eine gute Nacht.“ Armand, der ſich weit müder und abgeſpannter ſtellte, als er es in Wahrheit war, dankte dem Wirthe, und befand ſich bald auf ſeinem Lager in dem Sei⸗ tenkabinet der Gaſtſtube. Er lauſchte hier noch lange Zeit dem Sturme, welcher unermüdlich an Fenſtern und Thüren rüttelte. Allmälig ward es ſtiller im Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 10 14⁴6 Hauſe und Hof; einer nach dem andern von den Knechten des Wirths begab ſich zur Ruhe; nur das Unwetter tobte fort, obſchon das Gewitter längſt vorüber war. Der junge Mann überlegte ſo eben, was er den folgenden Tag beginnen ſollte, für den Fall ſich die Verſchwörer nicht einfänden, als ein entferntes Klopfen an ſein Ohr ſchlug. Er glaubte anfänglich, es rühre vom Sturme her, aber das gleich darauf ſich erhe⸗ bende Hundegebell bewies, daß Jemand Einlaß be⸗ gehre. Bald auch wurden Schritte im Hauſe ver⸗ nehmbar, Thüren auf- und zugemacht, man lief hin und wieder, und es währte nicht lange, als ſich die Gaſtſtube mit unheimlichen Gäſten füllte. Die Flam⸗ men des Kamins wurden von Neuem angeſchürt und Armand erkannte nur zu bald aus den Geſprä⸗ chen, daß die Verſchwörer trotz des Unwetters ange⸗ langt waren. Wie ihm vorausgeſagt worden war, ſprachen die Unheimlichen nur mit dem Gaſtwirh Lacrvir fran⸗ zöſiſch, außerdem faſt durchweg engliſch und deutſch. Dem Lauſchenden, der mit großer Aufmerkfamkeit ſein Ohr an die dünne Scheidewand gepreßt hielt, ent⸗ ging kein Wort des Geſprächs. Im Anfang erzählte man von der gefährlichen Landung, wie man wiederholt in Gefahr geweſen, von den Wellen verſchlungen zu werden und von dem nichtswürdigen Wege bis zum Gaſthauſe der„Drei⸗ könige.“ Dann erkundigte man ſich bei Lacrvix, ob die Luft auch rein ſei. Dieſer, welcher befürch⸗ tete, ſich großer Verantwortung, und ſeinen Kunden, der ſich im Seitenkabinete befand, das er mit eig⸗ ner Hand verſchloſſen hatte, großer Gefahr auszu⸗ ſetzen, wenn er deſſen Gegenwart verriethe, beruhigte die Fragenden mit den voll Zuverſicht ausgeſproche⸗ nen Worten, daß nirgends Gefahr drohe, Wachen ausgeſtellt ſeien und die wilde Nacht ſie vor jeder Ueberrumpelung ſichere. „Wir hofften letzteres auch,“ ſprach einer der Ver⸗ ſchwornen,„darum wir auch auf die Gefahr hin, den Untergang in dem empörten Meer zu finden, die Lan⸗ dung wagten.“ Die Anzahl der angekommenen nächtlichen Gäſte belief ſich nur auf ſechs Mann. Lacrvix, welcher ob dieſer geringen Anzahl ſeine Verwunderung aus⸗ ſprach, erhielt zur Antwort: daß der größere Theil noch unterwegs ſei, welcher die Senfte der Frau Elev⸗ nore von Pvitiers begleite, welche kühne Dame ſich's nicht habe nehmen laſſen, der heutigen Ver⸗ ſammlung beizuwohnen. In Kurzem müſſe ſie ein⸗ treffen. Wirklich erhob ſich auch nach Verlauf von einer halben Stunde abermaliges Hundegebell und die zweite Abtheilung der Verſchwornen traf ein. Armand beobachtete jetzt durch die unbemerkbare Heffnung, die er am Nachmittag vermittelſt einer Nadel gebohrt hatte, die verſchiedenen Gruppen der nächtlichen Gäſte. Ein großer Theil derſelben be⸗ ſtand aus Engländern, der übrige aus emigrirten Franzoſen, aus Deutſchen und Italienern. Die wohl⸗ unterhaltenen Flammen des Kamins verbreiteten eine ſolche Helle im Zimmer, daß Armand die einzelnen Geſichtszüge deutlich zu erkennen vermochte. Sämmt⸗ liche Anweſende waren ihm völlig unbekannt, er konnte ſich nicht entſinnen, irgend einen derſelben im Leben ſchon geſehen zu haben. Man unterhielt ſich vielfach von einigen Mord⸗ verſuchen, die gegen das Leben des Kaiſers in jüng⸗ 10* 148 ſter Zeit unternommen worden, und die ſämmtlich fehlgeſchlagen waren. „Es ſcheint faſt,“ ſprach einer der Anweſenden, „als ſtehe dieſer Menſch unter beſonderm Schutze des Satans, der ſich ſeiner annimmt, um eine Geiſel für die ſündvolle Menſchheit zu haben. Binnen den letz⸗ ten drei Wochen ſind nicht weniger denn eilf der Un⸗ ſern an verſchiedenen Orten Frankreichs erſchoſſen worden, ohne ihren Zweck erreicht zu haben.“ „Das kann nicht länger ſo fortgehen,“ riefen An⸗ dere,„es muß hier zu den außerordentlichſten Maaß⸗ regeln geſchritten werden, oder wir gehen alleſammt nach und nach zu Grunde, und die Tyrannei befſtigt ſich von Tage zu Tage.“ Die Converſation ward immer lebhafter und lei⸗ denſchaftlicher, als plötzlich tiefe Stille eintrat und eine hohe Frauengeſtalt an der Seite eines ältlichen Herrn in's Zimmer trat. Jedermann machte ihr ehr⸗ erbietig Platz; ſie ging auf den Kamin zu, wo ſie ſich auf einen Seſſel niederließ, den man für dieſen Zweck hingeſtellt hatte. Die Dame trug ein Amazo⸗ nenkleid von grünem Stoffe, das ſich eng und reizend an die vollendeten Formen des ſchönen Körpers ſchloß. Ihr Antlitz, obſchon von tiefem Ernſt umſchattet, war von wunderbarer Schönheit. Das dunkle Auge flammte in düſtrer Glut und der blendend weiße Teint ward von dem dunkel glänzenden Haar, das in langen Flechten herabfiel, zauberhaft gehoben. Frau von Poitiers, welche einer der älteſten und vornehmſten Familien Frankreichs angehörte, hatte im zarten Mädchenalter, nachdem ſie Vater und Mutter auf dem Blutgerüſt verloren, ihr Vaterland verlaſſen müſſen. Ihr Geſchick war mit dem der ver⸗ triebenen Königsfamilie auf das Innigſte verkettet. 149 Ihr Haß gegen Alles, was aus der Revolution her⸗ vorgegangen, war glühend, und all ihr Denken und Streben nur darauf gerichtet, die Bourbonen auf den Thron Frankreichs zurückzuführen. Ihr Gemahl, welcher ihre politiſchen Geſinnungen theilte, war be⸗ reits als ein Opfer derſelben gefallen und als Mitver⸗ ſchworner von Georges und Pichegru zu Paris erſchoſſen worden. Seit dieſer Zeit ſtand in ihr der Gedanke feſt, ſelbſt nach Frankreich zurückzukehren und Alles aufzubieten, den größten Feind der Bourbo⸗ nen, den Kaiſer Napoleon, den ſie als das al⸗ leinige Unglück Frankreichs und der Welt betrachtete, aus dem Wege zu ſchaffen. Theils durch junge En⸗ thuſiaſten, welche ſie durch ihre Reize an ſich gefeſſelt hielt, theils durch Emigranten, welche die Herrſchaft der Bvurbonen als heilige Glaubensangelegenheit betrachteten, theils durch kühne Abenteurer, die ſie mit Gold gewonnen hatte: war es dieſer unterneh⸗ menden Frau gelungen, eine Anzahl von funfzehn Köpfen zuſammenzubringen, die ſämmtlich in Frank⸗ reich mit der Abſicht gelandet waren, Napoleon zu ermorden. Nachdem Frau von Poitiers am Kamine Platz genommen, gruppirten ſich die Anweſenden im Kreiſe umher, und ihr Stillſchweigen ſchien anzudeuten, daß die ſchöne Frau das Wort ergreifen werde. Dies ge⸗ ſchah auch nach Verlaufe einiger Secunden. „Wir haben,“ ſprach Eleonore mit ernſter, aber wohlklingender Stimme in engliſcher Sprache, „uns weder durch die zürnenden Elemente, noch durch die feindlichen Wachten abhalten laſſen die Küſte Frankreichs zu betreten. Wir haben allen Hinderniſ⸗ ſen mit Muth die Stirn geboten, weil es ein hoch⸗ heiliger Zweck iſt, der uns hierhergeführt hat. Wir 150⁰ werden auch künftig uns durch nichts zurückſchrecken laſſen, was uns dieſem Ziele abwendig machen könnte. Dieſer hochheilige Zweck, dieſes erhabene Ziel iſt aber kein anderes, als Frankreich, die Menſchheit von ei⸗ nem Tyrannen zu befreien, der ihre heiligſten Rechte mit Füßen tritt, die Völker in Feſſeln ſchlägt und der mit Blut ſeine Geſetze ſchreibt. Seit der beiſpiel⸗ losinfamen Ermordung des Herzogs von Enghien hat dieſer Menſch, Bonaparte mit Namen, das letzte Band zerriſſen, welches ihn noch unter den Schutz der göttlichen und menſchlichen Rechte ſtellte. Seit ijener Schandthat, vor welcher die Menſchheit ſchau⸗ dert und das Jahrhundert erröthet, iſt ſeine Perſon unſern Dolchen verfallen. Ja, als Rächer des ge⸗ mordeten edeln Prinzen ſchreiten wir einher, als Rä⸗ cher aller Franzoſen, deren freventlich vergoſſenes Blut um Rache zum Himmel ſchreit. Sie, meine Freunde, haben mir ſämmtlich jenſeits des Meeres geſchworen, Frankreich nicht eher wieder zu verlaſſen, bevor un⸗ ſer Zweck erreicht iſt; wir brauchen dieſen Schwur nicht zu erneuern, ein ſolcher Schwur kann nicht durch die Meereswellen, die über uns zuſammenſchlu⸗ gen, verlöſcht werden und kein Donner des Himmels vermag ihn zu übertäuben. „So eben,“ fuhr die beredte Sprecherin fort,„iſt mir die Nachricht geworden, daß mehre Edle, die gleich uns daſſelbe erhabene Ziel verfolgen, entdeckt und gemordet worden find. Der Eine derſelben hatte ſchon die Hand erhoben, um den Tyrannen niederzu⸗ ſtoßen, aber ein einziger Blick des Gewaltigen hat ihn entwaffnet. Meine Freunde, wenn wir nicht ein⸗ mal moraliſche Kraft genug beſitzen, den Blick eines Böſewichts zu ertragen, dann wird unſer Vorhaben nie gelingen. Ich glaube nicht an die übernatürliche 151 Gewalt jenes Blicks, ich glaube vielmehr, es iſt Furcht, eigne Liebe zum Leben, was im entſcheiden⸗ den Augenblicke die Hand abhält vom tödtlichen Streiche. Meine Freunde, unſre Miſſion iſt von der Art, daß wir mit dem Leben abgeſchloſſen haben müſ⸗ ſen; heldenmüthige Aufopferung iſt das erſte Beding⸗ niß, denn ohne dieſe werden wir nie zum Ziele kom⸗ men. Ich habe mir daher einen Weg ausgeſonnen, der uns in gerader Linie zum Zwecke führt und der mir der beſte unter allen ſcheint. Soll ich ihn nennen?“ „Nenne ihn,“ tönte es von allen Seiten. „Wohlan,“ ſprach die kühne Frau,„ſo laßt uns loſen. Wir ſind hier, mich nicht ausgeſchloſſen, ſech⸗ zehn Perſonen beiſammen. Unter ſechzehn Looſen be⸗ finde ſich ein ſchwarzes, wer es zieht, iſt dem Tode verfallen. Er empfange das heilige Abendmahl und ſchließe mit dem Leben ab. Er ſuche bei Bona⸗ parte um eine Audienz nach, ich werde dafür ſor⸗ gen, daß er ſogleich vorgelaſſen wird. Damit aber der Blick des Tigers ihn nicht wie die Andern ein⸗ ſchüchtert und kein Funken Lebensliebe in ſeiner Bruſt zurückbleibt, ſo leere er vorher einen Becher mit Gift, das ich ſelbſt bereiten und ihm darreichen werde. Um unſre große That mit Ener⸗ gie auszuführen, müſſen wir die Brücke hinter uns abbrechen, die Schiffe verbrennen wie Cortez, und nur vorwärts, nie rückwärts ſchauen.“ Ein Todtenſchweigen folgte auf dieſe entſchiedene Rede. „Sind Sie mit dieſem meinen Vorſchlag einver⸗ ſtanden?“ frug nach einer Pauſe Eleonore. „Wir ſind es,“ tönte die Antwort, obſchon man⸗ cher der Abenteurer im Stillen die kühne Maaßregel zu allen Teufeln wünſchte. „So wollen wir loſen,“ fuhr Frau von Poi⸗ tiers in ruhigem Tone fort. Man ſchritt ſofort zu der ernſten Handlung. Es wurden ſechzehn Lvoſe, worunter ſich ein ſchwarzes, das Todesloos, befand, in einen großen Pokal ge⸗ worfen und dieſer im Kreiſe umhergereicht. Schon waren zwölf Nieten gezogen worden, auch Eleonore hatte ſich freigelooſt; nur vier Looſe be⸗ fanden ſich im Pokal, darunter der ſchwarze Treffer. Da ſtand die kühne Frau auf, warf ihr Freilvos zu⸗ ſammengerollt wieder in den Pokal und trat zu den vier jungen Männern, die noch zu ziehen hatten. Zwei derſelben hatte ſie nämlich in dem Verdacht, daß es ihnen an Muth für die energiſche That ge⸗ brechen könnte. „Wohlan, meine Freunde,“ ſprach ſie mit bezau⸗ bernder Anmuth,„ich theile mein Schickſal noch ein⸗ mal mit Ihnen.“ Vergebens waren alle Einwendungen der Ver⸗ ſammlung, Eleonore ließ ſich von ihrem Vorſatz nicht zurückbringen. „Ziehen Sie!“ Mit dieſen Worten kredenzte ſie den Todesbecher einem jungen Franzoſen, Namens Fournier, der zu ihren glühendſten Anbetern gehörte. Ihr ſonnen⸗ hafter Blick bewirkte, daß er begeiſtert in die Urne griff. Das Lvos wurde entrollt, es war das— Todesloos. Der junge Mann ſank vor der ſchönen Frau nie⸗ der und preßte ihre Hand an ſeine Lippen. 4 „Dein Wille geſchehe, meine Heilige,“ ſprach er 153 mit religiöſer Hingebung,„das Gift aus Deiner Hand ſoll mir zum Unſterblichkeitstranke werden.“ Frau von Poitiers war ſehr zufrieden, daß gerade dieſen das entſcheidende Loos getroffen hatte; von ihm war ſie überzeugt, daß er freudig in den Tod gehen würde, ſobald ſie es befehle, denn ſie war ſich ihrer Macht über den jugendlichen Schwärmer hinlänglich bewußt. Sie bot daher allen ihren Zau⸗ ber auf, den Jüngling für ſeinen ernſten Schritt zu ſtärken und zu begeiſtern. Nach dem feierlichen Actus des Looſens berath⸗ ſchlagte die Verſammlung die nächſten Schritte, die man zu ergreifen hatte. Faſt in allen Fällen gab Frau von Poitiers, welche als Präſidentin des Klubs zu betrachten war, den Ausſchlag. Der Haupt⸗ zweck der Verſchwornen ging dahin, unmittelbar nach Ermordung Napoleon's von Paris aus einen all⸗ gemeinen Aufſtand zu Gunſten der Bvurbonen zu bewirken. Die Debatten währten bis tief in die Nacht; alle Mittel und Wege, die man für die nächſte Folgezeit einzuſchlagen gedachte, kamen zur Sprache; doch be⸗ reits am folgenden Tage war der Kaiſer von der ganzen Verſchwörung, bis in die kleinſten Details, durch Armand in Kenntniß geſetzt. Zwölftes Rapitel. De große Tag, wo zum Erſtenmale der neugeſtiftete Orden der Ehrenlegion an die Braven der Ar⸗ mee ausgetheilt werden ſollte, war erſchienen. 15⁴½ Den 15. Auguſt 180 4, am fünf und dreißig⸗ ſten Geburtstage des Kaiſers, Morgens acht Uhr rückten in ſchönſter Ordnung achtzig tauſend Mann aus den Lagern von Brügges, Arras, Moutreuil, Amiens, Oſtende, Dünkirchen, Fournes, Vimereuſe, Ambleteuſe u. ſ. w., unter dem Befehle des Marſchall Soult vor, und vereinigten ſich rechts bei dem Ha⸗ fen von Boulogne. Hier im Hintergrunde eines geräumigen, ſchon von der Natur gebildeten Amphitheaters, unfern der gefürchteten Batterie Tour d'Ordre, fand die Aufſtel⸗ lung der impoſanten Heeresmacht in der Art ſtatt, daß ihre Front den concaven Bogen eines Halbzirkels bildete und daß jede Kolonne einen Strahl deſſelben gegen den im Rittelpunkte gelegenen Thron des Kai⸗ ſers bildete. Dieſer Thron, in Form eines regelmäßigen Vier⸗ ecks, hatte hundert Fuß im Umfange, war ziemlich hoch gelegen und glich jenen Thronen, welche die rö⸗ miſchen Heere ihren Imperatoren errichteten. Auf dieſem Throne ſtand der eiſerne Stuhl des Königs Dagobert. Hinter ihm erhob ſich eine große Trophäe von Waffen und Rüſtungen aller Art, aus alter und neuer Zeit. Darüber flaggten ſämmtliche von den franzöſiſchen Heeren in mehr denn tauſend Schlachten den Feinden Frankreichs abgenommene Fahnen. Dieſe großartige Trophäe ward von einer unge⸗ heuern, mit goldnem Lorbeer unflochtenen Krone überragt, über welcher wieder die Roßſchweife der Paſcha's von Aegypten und der Mameluken wehten, ijene unſterblichen Siegeszeichen der Schlachten von Abukir und den Pyramiden. Zur Linken des eiſernen Stuhles ſtanden auf gold⸗ 155 nen Dreifüßen die Helme von Duguesclin und Ba⸗ yard, in welchen ſich die mit des Kaiſers Bildniſſe geſchmückten Kreuze des Ordens der Ehrenlegion be⸗ fanden. Zur Rechten erblickte man das Schwert Franz des Erſten. Der durch die Tiefe der Armee gebildete Halb⸗ mond war frei geblieben, damit der Kaiſer überall geſehen und von allen Soldaten verſtanden werden konnte. Die für den Orden der Ehrenlegion Erwähl⸗ ten waren vor der Front in einem Halbkreis auf⸗ marſchirt und in Pelotons dergeſtalt eingetheilt, daß ſie die Spitze derjenigen Colonne bildeten, zu denen ſie gehörten, und von welcher ſie nur durch die kreuz⸗ weis über einander geſtellten Fahnen der ganzen Co⸗ lonne getrennt wurden. ungefähr dreihundert Schritte rechts vom Throne, auf einem etwas erhöhten kreisförmigen Abhange, bei⸗ nah ebenfalls in Form eines Amphitheaters, waren achtzig prachtvolle Zelte aufgeſchlagen, die mit den Fahnen der Seemacht geſchmückt, für die Damen aus Boulogne und alle zu dieſer großen Feier eingela⸗ denen Perſonen beſtimmt waren. Dies glänzende La⸗ ger gewährte beſonders aus der Ferne betrachtet einen außerordentlich maleriſchen Anblick. Zwiſchen dieſen Zelten und dem kaiſerlichen Throne war ein Theil der glänzenden Garden zu Pferde in Schwadronen aufmarſchirt. Dieſes großartige Tableau wurde durch die mit allen Segeln und Flaggen ge⸗ ſchmückte Schiffslinie, welche den Hafen ſperrte, von der Meerſeite eingerahmt. Um zehn Uhr Vormittags verkündete der Erde und Himmel erſchütternde Donner der Batterie Tour d'Ordre die Ankunft des Kaiſers. Napoleon verließ ſeine Barake zu Pferde in 156 großem Galopp, umringt von mehr denn achtzig Generalen und zweihundert Oberoffizieren ſeines Generalſtabes; ſein Civil⸗ und Militairhofſtaat wa⸗ ren ihm bereits voraus. Er trug die Uniform eines Oberſten ſeiner Garde zu Fuß, blau mit weißen Auf⸗ ſchlägen, weißen Beinkleidern nebſt Weſte, kurzen Reitſtiefeln und einem neuen Hute, welcher die einzige Ausgabe für ſeine Toilette an dieſem Tage war. Unter dem Geſchmetter der Trompeten, dem Trom⸗ melwirbel von allen Regimentern, dem Donnern der Kanonen und dem Jubelgeſchrei von Hunderttauſen⸗ den, langte der Kaiſer am Fuße des Thrones an. Es war ein Lärm, ein Krachen, als ſollte die Erde berſten; alle Welt verſtopfte ſich die Ohren, Hunde wälzten ſich heulend im Staube, und die doch an Kanonendonner ſo gewöhnten Roſſe bäumten ſich ſcheu unter ihren Reitern. Die Marſchälle und Großwürdenträger ſchritten Napoleon voran, der mit der Hand rechts und links grüßend, in raſchen Schritten die Stufen des Thrones hinaufſchritt. So wie er Platz genommen, gruppirten ſich ſeine Brüder, die Großoffiziere des Reichs, die Admiräle, Miniſter, Senatoren und Reichs⸗ räthe um ihn her. Der Großkanzler des Ordens der Ehrenlegion, Lacepede, ſtand in geringer Entfer⸗ nung vor dem Thron, auf den erſten Stufen der mittlern Treppe. Hier befanden ſich auch die Stall⸗ meiſter, Pagen, Adjutanten und Ordonnanzoffiziere des Kaiſers, jeden Augenblick bereit, Befehle zu em⸗ pfangen und zu beſorgen. Auf den fürchterlichen, betäubenden Lärm, wel⸗ chen die Ankunft des Kaiſers verurſacht hatte, folgte plötzlich weit und breit die tiefſte Stille. Der Groß⸗ kanzler ſtieg einige Stufen herab und hielt eine Rede, 157 welche die Stiftung des Ordens der Ehrenlegion zum Gegenſtand hatte und ungefähr eine Viertelſtunde währte, aber wegen der ſchwachen Stimme des Spre⸗ chers nur von den in der nächſten Nähe befindlichen Perſonen verſtanden wurde. Ein Trommelwirbel von allen Tambours gab jetzt den Legionairen das Signal, mit ihren Fahnen bis in die Mitte des freien Platzes vorzurücken, um zu⸗ vor den Schwur zu leiſten. Napoleon ſelbſt ſprach das Formular vor, worauf Alle mit„Ja!“ antwor⸗ teten. Der Kaiſer fügte mit erhabener Stimme hinzu: „Ihr ſchwört, mit Gefahr Eures Lebens die Ehre des franzöſiſchen Namens, Euer Vaterland, Euern Kaiſer zu vertheidigen?“ „Wir ſchwören es,“ riefen Alle mit aufgehobenen Armen. Napoleon wandte ſich hierauf gegen das ihn umgebende gold⸗ und juwelenbedeckte Gefolge, gab mit der Hand das Zeichen, und die Vertheilung der Ehrenkreuze nahm ihren Anfang. Die Ceremonie hierbei war dieſe: Ein Adjutant rief jedesmal den Namen des zu decorirenden Ritters. Dieſer ſchritt bis an den Fuß des Thrones vor, wo er einen Augenblick Halt machte, und den Kaiſer begrüßte. Hierauf ſtieg er die rech⸗ ter Hand befindliche Treppe hinauf, wo ihm der Groß⸗ kanzler das Brevet überreichte. Mit dieſem verſehen trat er vor Napoleon. Ein Page langte aus dem Helme Bayard's das Kreuz hervor und übergab es dem Kaiſer. Dieſer heftete nun eigenhändig das Ehrenzeichen auf die Bruſt des Braven. Hier ſchlu⸗ gen jedesmal über achthundert Tambours einen mehre Secunden langen Wirbel. Während der Neu⸗ 158 decorirte die Treppe zur Linken wieder hinabſtieg, und dem unermeßlichen Generalſtab entlang ſchritt, bließen zwölfhundert Trompeter eine bis zu den Wolken ſchmetternde Fanfare. Bei ſeinen Cameraden ange⸗ kommen, folgten dann von allen Seiten Umarmungen auf Umarmungen, Händedrücke auf Händedrücke. Die Ceremonie währte von Vormittag halb eilf Uhr bis Nachmittag gegen Vier, weil der Kaiſer, wäh⸗ rend er das Kreuz anheftete, immer einige Lobſprüche beifügte. Einige Mal ereignete es ſich auch, daß der Legionair ſo bewegt und ſo zitternd ſich dem Kaiſer näherte, daß die Scene ſpaßhaft wurde. Als zum Beiſpiel der kaiſerliche Adjutant auch den Namen „Guiſeppe Maillebvis“ ausrief, ſah man den braven Jungen, welcher mit auf der Seite der See⸗ mannſchaften, auf dem rechten Flügel des Halbmonds ſtand, wie einen Berauſchten, obſchon er vollkommen nüchtern, aus ſeiner Reihe vorkommen und mit einer Art von Galoppſprung ſich den Stufen des Thrones nähern. Er ſchwang ſeinen Hut hoch in die Luft, und ſich in der Treppe täuſchend, ſtand er plötzlich dem Contre⸗Admiral Magon gegenüber, welchen er verdutzt ſo lange anſah, bis ihm einige Generalſtabs⸗ offiziere unterrichteten was er zu thun habe. Aber das konnte er nicht Alles faſſen, ſo ſehr war ſein Kopf von dem großen Glück, das ihm widerfahren, eingenommen. Er ſtieg die Treppe links wieder hinab, und kletterte die zur Rechten empor, ohne auf die Per⸗ ſonen, die ihm umgaben, zu achten. Seine Knie ſchlot⸗ terten wie die eines Verbrechers, der auf'sSchaffot ſteigt. Als Guiſeppe endlich vor dem Kaiſer angelangt war, empfing ihn dieſer mit einem ganz beſondern Lächeln; denn er war dem Jünglinge, welcher ſich auch außer jener Sturmnacht, wo ſich der Leſer ſei⸗ nes Heldenmuths erinnern wird, noch bei mehrern ſpätern Gelegenheiten ausgezeichnet, beſonders zuge⸗ than. Da nun Napoleon den Arm aufhob, um ihn das Kreuz anzuheften, glaubte Guiſeppe nicht anders, als der Kaiſer wolle ihn umarmen, und brei⸗ tete daher gleichfalls ſeine Arme aus. Willig über⸗ ließ ihm Seine Majeſtät eine ſeiner Hände, welche der glückliche Jüngling ſo herzlich und herzhaft drickte, daß es die kaiſerlichen Finger wohl eine Zeit lang nachher noch mögen empfunden haben. Guiſeppe zog ſich zurück, aber vier bis fünf Stufen immer auf einmal nehmend, und Alles rechts und links anſtoßend, was ſich auf ſeinem Wege vor⸗ fand. Zu ebener Erde angelangt, nahm er ſeinen Rückzug nach den Reihen ſeiner Kameraden, die ihn, wie ein Regiment Kuiraſſiere, welches aus dem Hin⸗ tergrunde chargirt, herzlich empfingen. Das war zu viel für den Gläcklichen; er fiel ohnmächtig in ihre Arme, nur einige Schlucke Wein, womit an dieſem Tage die Flaſchen beſonders reichlich gefüllt waren, brachten ihn wieder zum Bewußtſein. Als die Vertheilung der Kreuze zu Ende war, ſah man die Adjutanten die Diviſionen durchfliegen. Abermals donnerten die Kanonen und achtzigtauſend Mann rückten in dichten Colonnen auf fünf und zwan⸗ zig Schritte dicht vor den Thron. Das tiefſte Still⸗ ſchweigen erfolgte nach dem Trommelwirbel. Der Kai⸗ ſer ſelbſt commandirte das Defilée der Colonnen. Indem ſie bei Napoleon vorüber marſchirten, um in ihre Lager zurückzukehren, ſenkte der Chef je⸗ des Corps ſeinen Degen vor dem Kaiſer. Joſeph Bonaparte, welcher von ſeinem Bruder erſt kürzlich zum Oberſten des vierten Dragonerregiments ernannt worden war, grüßte bei dieſer Gelegenheit weit mehr 160 nach Art des Civils als nach militäriſcher Ordre. Dies bemerkte Lannes, der Roland von Frankreich, und ſagte mit ſeiner gewohnten Freimüthigkeit zu einem der neben ihm ſtehenden Generallieutenants, in⸗ dem er auf den Bruder Napoleon's deutete: „Daß dieſer neue Oberſt nur nicht etwa unter meine Befehle kommt; beim erſten Verſehen ſperre ich ihn acht Tage in Arreſt.“ Napoleon, welcher dieſe Aeußerung vernommen, zog ſeine Stirn in Falten und ſagte halb laut zu Lannes, der dicht neben ihm ſtand: „Mein Herr Marſchall, ſeien Sie ohne Furcht, denn höchſt wahrſcheinlich werden Sie ſehr bald un⸗ ter ſeinen Befehlen ſtehen.“ Gegen das Ende des Defilirens bemerkt man, wie der Kaiſer ſich oft zum Marine⸗Miniſter hinwandte und mit ihm ſprach. Hierauf nahm er raſch das Fernglas aus der Hand eines Pagen und blickte nach dem Meere. Alle um den Thron verſammelten Groß⸗ offiziere werden aufmerkſam und ihre Blicke wenden ſich gleichfalls der Gegend zu, welche der Kaiſer ge⸗ nau zu beobachten ſcheint. Plötzlich wirbelt eine Staubwolke auf, ein Ordon⸗ nanzoffizier jagt im geſtreckten Galopp von der Küſte daher, ſpringt, beim Throne angelangt, eiligſt vom Pferde, ſteigt die Treppe zur Linken empor und er⸗ ſtattet dem Marine⸗Miniſter Rapport. Dieſer macht ſofort dem Kaiſer eine Meldung, welcher wieder raſch nach dem Fernrohre greift. Aller Blicke ſind jetzt nach dem Fort⸗en⸗Bois ge⸗ wendet, und eines der ſchönſten Schauſpiele entfaltet ſich vor den Augen der entzückten Zuſchauer. Es war die Flotte von Havre, welche, ſiebenund⸗ vierzig Schiffe ſtark, alle Segel aufgeſpannt, unter 161 dem Befehle des Kapitain Daugier, gerade in dem Augenblicke, wo die große Feierlichkeit zu Ende ging, majeſtätiſch in den Hafen von Boulogne einlief. Sie wurde mit einem Donner von achthundert Geſchützen und einem Zuruf von zweihunderttauſend Menſchen begrüßt. Dichte Rauchſäulen ſtiegen in allen Richtungen an den Geſtaden empor, welche bald die ganze Ge⸗ gend bedeckten. Zwiſchen durch ſah man die endloſen Colonnen der nach ihren Lagern zurückkehrenden Ar⸗ mee. Unaufhörlich tönten die glänzenden Märſche ihrer Feldmuſik zum ſchönen Auguſthimmel. Während die erſten Bataillone bereits am Horizonte verſchwanden, donnerten noch immer ſtaubumwirbelte Cavalleriebri⸗ gaden am Throne vorüber. Dort oben aber ſtand mit ruhiger glänzender Stirn der Mann des Jahrhunderts und ſchien der Zukunft ihre Geſetze im Voraus zu dietiren. Der Schluß des großen Feſtes war ein Banket, welches Napoleon den Rittern ſeiner Ehrenlegion gab, dem ein großes Luſtfeuerwerk folgte. Zwanzig⸗ tauſend Mann in Schlachtordnung aufgeſtellt, ſchoſſen Sterne und Brillantkugeln aus ihren Flinten. Dies war gleichſam der Blumenſtrauß für den Geburtstag. Der unbeſchreibliche Glanz, welchen dieſer Brillantre⸗ gen hervorbrachte, ſetzte das ganze Geſtade von Bou⸗ logne in feenhafte Verklärung, ſo daß die Engländer, deren Fernröhre fortwährend auf den Hafen gerichtet waren, nicht anders glaubten, als die franzöſiſche Flotte ſei in Brand gerathen. Aber wie groß Napoleon als Kriegsheld da⸗ ſtand, nicht minder groß war er als Schöpfer von Werken des Friedens. Bereits am andern Tage ar⸗ beitete er mit den Miniſtern des Innern und der Fi⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 11 „ nanzen, ſo wie mit einigen Staatsräthen, die ihm nach Boulogne gefolgt waren. Von Boulogne aus ergingen eine Menge Decrete, die ſämmtlich von der Weisheit ihres Schöpfers zeug⸗ ten. Zwölf Rechtsſchulen wurden in den vorzüglich⸗ ſten Hauptſtädten des Kaiſerreichs errichtet. Die po⸗ iytechniſche Schule erhielt eine neue zweckmäßigere Or⸗ ganiſativn; die Impfung der Kuhpocken wurde in Frankreich eingeführt. Ferner decretirte er die Errich⸗ tung von Arbeitshäuſern; Pferderennen wurden ein⸗ geführt; die Normalſchule zu Paris, die Militär⸗ Specialſchule von Saint⸗Cyr gegründet, und an die Stelle des nur Verwirrung anrichtenden republikani⸗ ſchen Calenders ſollte bald wieder die Gregorianiſche Zeitrechnung treten. Von Boulogne aus ferner wurden Unterhandlun⸗ gen zur Wiederherſtellung eines General⸗Friedens er⸗ öffnet. Desgleichen erging von hier das Decret aus, wonach in allen Finanzverwaltungen des Staats die alte Rechnungsmethode abgeſchafft wurde, an deren Stelle die doppelte Buchführung trat. All' dieſer wichtigen und zahlreichen Arbeiten un⸗ geachtet, beſchäftigte ſich der Kaiſer doch unausgeſetzt und bis in die kleinſten Details herab mit der groß⸗ artigſten ſeiner Unternehmungen,„de Sa grande aflaire,“ wie er ſie ſelbſt nannte, der— Landung in England. 163 Dreizehntes Rapitel. Mnan ſaß auf dem Zimmer des Doctor Bonv⸗ rand zu Boulogne, den er ſchon längſt einen Beſuch verſprochen und welchen er jetzt erwartete, da dieſer hinterlaſſen hatte, daß er nicht lange ausbleiben werde. Während der junge Offizier ſinnend im Sopha ſaß, fielen ſeine Blicke unwillkürlich auf das rothe Band der Ehrenlegion, das in ſeinem Knopfloche klimmte. Armand war nämlich am Geburtstage des Kaiſers gleichfalls decvrirt worden. Es war indeß kein freudiges Gefühl, das ſich ſei⸗ ner beim Anſchauen dieſes Bandes bemächtigte. „Hätte ich mir dieſe Ritterſchaft auf dem Schlacht⸗ felde, mit dem Degen in der Fauſt, erkämpft,“ ſprach er für ſich,„dann würde mir dieſer Orden Freude machen, ſo weiß ich eigentlich nicht, wofür ich ihn erhalten habe. Mein Bruder Guiſeppe iſt in die⸗ ſer Hinſicht weit beſſer daran. „Ueberhaupt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „befinde ich mich in einer höchſt unangenehmen Lage. Täglich verhört mich Marſchall Soult, gleich einem Mouchard, ob ich noch keines der Verſchwörer anſich⸗ tig geworden, über deren Zuſammenkunft in den „Dreikönigen“ ich pflichtgemäß Bericht erſtattet, und da ich ihm ſtets eine verneinende Antwort geben muß, wird er von Tage zu Tage verdrüßlicher. Ich hatte ihn auf den Geburtstag des Kaiſers vertröſtet, aber wie groß der Zuſammenlauf der Menſchen aus allen Gegenden an dieſem Tage auch war, und welch' eines glücklichen Perſonengedächtniſſes ich mich ſonſt erfreue: auch er iſt vorübergegangen, ohne daß ich einen Ein⸗ 11* 4164½ zigen aus jener Nacht zu Geſicht bekommen hätte. Auch Fournier hat ſein herviſches Mordattentat noch nicht ausgeführt. Wahrſcheinlich hat er am folgenden Morgen mit etwas abgekühlterm Enthuſiasmus dar⸗ über nachgedacht. „Es iſt zum Verzweifeln,“ rief er aufſtehend und im Zimmer auf⸗ und abſchreitend,„am Ende arg⸗ wöhnt der Marſchall oder gar der Kaiſer, daß ich ih⸗ nen ein Märchen aufgebunden habe. Wie ſchwer mir es ankommt, und wie ſehr mich das Geſchäft anwi⸗ dert, aber ich muß jetzt ordentlich auf Recognoscirung nach Verſchwörern ausgehen und den erſten, der mir aufſtößt, ohne Gnade und Barmherzigkeit an das Meſſer liefern, will ich mich nicht ſelbſt dem Verdachte ausſetzen und in zweideutigem Lichte zeigen.“ Er warf ſich wieder auf's Sopha und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen, in welcher Stellung er eine geraume Zeit verharrte, als plötzlich die Thür aufgeriſſen ward und der Doctor Bonorand in höch⸗ ſter Aufregung in's Zimmer trat. Er war dermaßen mit ſich ſelbſt beſchäftigt, daß er im Anfange ſeinen Gaſt gar nicht bemerkte. „Iſt ſo Etwas erhört worden,“ rief er einmal über das andere aus.„In welcher Zeit leben wir! Welche Aufopferung, welcher Heldenmuth!“ Armand machte ſich jetzt bemerkbar und frug, „was ihn ſo in Aufregung verſetzt habe?“ „Ah, gut, daß Sie da ſind!“ ſprach der Doctor, „ich habe Ihnen eine Geſchichte zu erzählen, eine That, ſag' ich Ihnen, gegen die ſich alle Heldenthaten der alten und neuen Welt verſtecken müſſen.“ Es bedurfte noch einer geraumen Zeit und vieles Zureden von Seiten Armand's, bevor Bonorand 165 zur Sache kam und die außerordentliche Geſchichte, die ſein ganzes Weſen ſo ergriffen hatte, mittheilte. „So eben komme ich,“ begann er endlich,„von dem Sterbelager eines Mörders,— doch, was ſage ich,— eines Fanatikers, nein, eines Helden der neuern Zeit.“ Er erzählte nun wirklich auf ergreifende Weiſe den Tod des jungen Fournier, welcher ſein Verſprechen, das er Eleonoren und den Verſchwornen gegeben, wirklich erfüllt, jedoch, wie voraus zu ſehen war, ſei⸗ nen Zweck nicht erreicht hatte. „Denken Sie ſich,“ ſprach Bonorand mit Lei⸗ denſchaft,„dieſer junge Mann wollte den Kaiſer er⸗ morden, und damit er nicht etwa aus Liebe zum Le⸗ ben im entſcheidenden Augenblicke vor der That zu⸗ rückſchaudre, hatte er Gift getrunken und ſich im Voraus dem Tode geweiht.“ Armand, den dieſe Begebenheit natürlich vor allen andern intereſſirte, erkundigte ſich daher begierig nach dem nähern Verlauf. „Ich wandelte ſo eben,“ erzählte der Doctor,„die eine Zeltgaſſe der Gerard'ſchen Diviſion entlang, um einige Krankenbeſuche abzuſtatten, als ich mich plötz⸗ lich convulſiviſch am linken Arm gepackt fühle. Ich blicke mich um und gewahre zu meinem nicht gerin⸗ gen Schrecken, daß es Ruſtan„der Leibmameluk Napoleon's iſt, der mich ſo gewaltig am Arme ſchüttelt.“ „„Mitkommen, mitkommen!“ ſind die einzigen Worte, welche der in unſrer Sprache noch nicht ſehr bewanderte Afrikaner hervorzubringen vermag. „„Wohin denn?“ frage ich. „„Zu die Kaiſer, zu die gute Kaiſer,“ fährt der Dunkelgebräunte fort und zerrt in Einem fort. 166 „Im erſten Schrecken glaubte ich nicht anders, als den Kaiſer hat ein plötzlicher Schlagfluß oder ſonſt ein lebensgefährliches Unglück betroffen; als mir Ru⸗ ſtan unterwegs endlich trotz ſeines Kauderwelſch be⸗ greiflich macht, daß es nicht die Perſon des Kaiſers iſt, welche ärztlichen Beiſtands bedürftig. Ich folge alſo nach der Barake Napoleon's. Hier kommt mir Rapp entgegen, ſein Geſicht iſt bleich und entſtellt, ich habe den tapfern Mann nie ſo angegriffen ge⸗ ſehen. 1. „„Kommen Sie ſchnell, Doctor,“ rief er mir zu und führte mich nach dem Zimmer der dienſthabenden Adjutanten. Hier wälzte ſich ein junger anſtändig gekleideter Mann unter den furchtbarſten Zuckungen und Todesqualen am Boden. Seine Kleidung war zerriſſen, ſein Auge halb gebrochen, weißer Schaum ſtand vor ſeinem Munde. Alle Hülfe war hier ver⸗ gebens; der Unglückliche hatte nur noch wenige Mi⸗ nuten zu leben. „„Iſt noch Rettung?“ frug Rapp,„Seine Ma⸗ jeſtät wünſcht ſehr, daß dieſer Mann am Leben er⸗ halten werde.“ „Meine Kunſt iſt hier zu Ende,“ erwiederte ich, und kaum waren dieſe Worte geſprochen, als der am Boden Liegende unter einem Fluche ſeinen Geiſt aus⸗ bauchte. „Der Leichnam ward hinweggeſchafft; einem kai⸗ ſerlichen Befehle zu Folge ſoll er ſecirt werden; ich aber vernahm nun Ausführlicheres über die außeror⸗ dentliche Begebenheit. „Trotz dem gemeſſenen Befehle, Niemanden mehr mit Bittſchreiben vor den Kaiſer zu laſſen, ſo fern nicht der Bittſteller gehörig legitimirt ſei, war es je⸗ nem Unglücklichen, vermittelſt eines glänzenden Em⸗ — ———— — 167 pfehlungsſchreiben des Generals Junot, doch gelun⸗ gen, bis in das Vorzimmer Nap oleon's zu drin⸗ gen. Er verlangte augenblicklich vor den Kaiſer geführt zu werden, da er demſelben Mittheilungen von höchſter Wichtigkeit, die keinen Aufſchub erlitten, zu machen habe. Der Marſchall Soult, welcher den Bittſteller eine Zeit lang mit mißtrauiſchen Blicken fipirt hatte, flüſterte den beiden im Zimmer befindlichen Gensd'ar⸗ men einige Worte in's Ohr und trat auf den jungen Mann mit der Erklärung zu, daß Seine Majeſtät jetzt keine Audienz ertheilen könne, er ſolle morgen wieder kommen. Vergebens hielt der Bittſteller das Empfehlungsſchreiben des Generals vor und wieder⸗ holte ſein Geſuch in ſo dringendem Tone, daß unter den anweſenden Offizieren der Verdacht entſtand, ob es mit dieſem vermeintlichen Petenten wohl ganz ſeine Richtigkeit habe. Der Marſchall Soult nahm das Empfehlungsſchreiben in Empfang, erklärte jedoch wie⸗ derholt, daß für heut' eine verſönliche Audienz eine unmöglichkeit ſei. Schon mochte der unglückliche die Wirkungen des Giftes ſpüren; er hatte daher keinen Augenblick zu verlieren. Nachdem ſein flehendes Ge⸗ ſuch nochmals zurückgewieſen worden war, erfaßte ihn Wuth und Verzweiflung. Mit den Worten:„Ich muß den Kaiſer ſprechen!“ ſtürzte er wie ein Wüthen⸗ der nach der Thüre, welche in das Gemach Napo⸗ leon's führte. Eh' er dieſe aber erreichte, fühlte er ſich bereits von den Gensd'armen gefaßt und feſt gehalten. Jetzt zückte er einen Dolch und ſuchte ſich frei zu machen, indem er die Angreifer verwundete; aber die Uebermacht, die auf ihn eindrang, war zu groß. Nach einem Kampfe der wahnſinnigſten Ver⸗ zweiflung ward er überwältigt, entwaffnet und zu Bo⸗ den geworfen. Die Anſtrengungen des Kampfes hat⸗ 168 ten ihn momentan ſo ermattet, daß er eine Zeit lang wie todt liegen blieb. Aber bald ſtellten ſich die Krämpfe, Folge des genoſſenen Giftes, ein. Er kam wieder zum Bewußtſein, wollte aufſpringen, ſank aber jedes⸗ mal kraftlos zurück. Blos wenn die Höllenqualen, welche ſeine Eingeweide zerriſſen, zu unerträglich wur⸗ den, erſtarkte er wieder in maßloſer Verzweiflung, raffte ſich auf, um im nächſten Augenblicke wieder zu Boden zu ſtürzen. Alle Augenzeugen ſtimmen darin überein, daß ihnen ſelbſt auf den blutigſten Schlacht⸗ feldern kein ſo graußenerregender, haarſträubender An⸗ blick vorgekommen ſei. Der Marſchall Soult hatte dem Kaiſer ſogleich Bericht über den Vorfall abge⸗ ſtattet und dieſer den Befehl gegeben, den Unglückli⸗ chen womöglich zu retten. Zufällig befand ſich kein Arzt in der Nähe, und als ich ankam, war bereits alle Hülfe vergeblich.“ Armand hatte mit Schaudern die grauſenhafte Erzählung vernommen; der Doctor fuhr fort: „Aber das muß man zugeſtehen, heldenmüthig bleibt die That des jungen Fanatikers immer. Es iſt ein großes Glück, daß er ſeinen Zweck nicht er⸗ reicht hat, aber ſolcher Muth und ſolche Selbſtauf⸗ opferung verdient Bewunderung. Den Kaiſer ſoll dieſe That auch ſehr ernſt geſtimmt haben und das iſt kein Wunder; wenn der Meuchelmord mit ſolcher Energie zu Werke geht, wo iſt dann noch Sicherheit zu finden?“ „Hoffentlich, daß dieſer Mordverſuch der erſte und letzte ſeiner Art geweſen iſt,“ ſprach Armand, zwenigſtens glaub' ich nicht, daß ſich noch mehre ſolche Tollkühne finden werden, welche zuvor den Gift⸗ becher leeren, zumal ſich erwieſen, daß ſelbſt dieſes äußerſte Mittel ſeinen Zweck verfehlt hat.“ „So viel iſt gewiß,“ meinte nach einigem Beden⸗ 169 ken der Doctor,„Seine Majeſtät der Kaiſer Na⸗ poleon iſt ein großer Mann, ein beneidenswerther Mann; aber ich möchte doch nicht mit ihm tauſchen, da ich durchaus keine Luſt in mir verſpüre, dem Dolch eines jeden politiſchen Hitzkopfs zur Zielſcheibe zu dienen.“ „Es wird keinem Meuchelmörder gelingen, dem Kaiſer etwas anzuhaben,“ ſprach Armand,„ſein guter Stern beſchützt ihn.“ „Sieh' da,“ ſprach Bonorand,„Freund Ar⸗ mand iſt ja ein Proſelyt meiner Lehre geworden und glaubt an gute und böſe Sterne.“ „Wird man nicht dazu gezwungen,“ erwiederte der junge Mann,„wie vielen Gefahren iſt Napo⸗ leon nicht ſchon ausgeſetzt geweſen, wie viele Male hat er dem Tode nicht in's Angeſicht geſchaut, und iſt er nicht immer glücklich und wohlbehalten davon gekommen. Ich erblicke aber hierin nur den weiſen Finger der Vorſehung, welche dieſen großen Mann zur Veredlung des menſchlichen Geſchlechts wahrſcheinlich noch zu nothwendig braucht, um ihn unter dem Dolche eines fanatiſchen Meuchelmörders oder durch die blinde Kugel des Schlachtengottes fallen zu laſſen.“ Der Doctor war an's Fenſter getreten und ſchaute nach dem Himmel.„Das Wetter iſt wunderſchön,“ ſprach er,„wie wär's, wenn wir eine kleine Prome⸗ nade durch's Lager machten? Ich werde wahrſchein⸗ lich in den nächſten Tagen nach Paris abreiſen und da möcht' ich mir die lebendige und anmuthige Co⸗ lonie gern noch einmal mit Muſe in Augenſchein nehmen. Zeither bin ich vor Berufsgeſchäften immer nicht dazu gekommen.“ Armand war dies gern zuftieden und die Bei⸗ den befanden ſich bald mitten im Lager. 170⁰ „Es iſt erſtaunlich,“ ſprach Bonorand,„wie der franzöſiſche Soldat Induſtrie mit Tapferkeit, Geduld mit Muth und mechaniſche Geſchicklichkeit mit Kriegs⸗ erfahrenheit zu verbinden weiß. Es ſind kaum zehn Monate her, daß dieſer Boden aus nichts beſtand als aus dürren Ebenen, ſumpfigen Gewäſſern und unfrucht⸗ baren Dünen, und wie ſieht es jetzt hier aus.“ Wirklich voten dieſe Lager auch einen höchſt freund⸗ lichen Anblick dar. An die Stelle der Wüſte waren lange Reihen dauerhaft und geſchmackvoll gebauter Baraken getreten. Ueberall erblickte man zwiſchen den Lagergaſſen ſchöne grüne Raſenplätze, anmuthige Gärt⸗ chen, Pyramiden, Obelisken und Säulen, welche die Büſte des Kaiſers trugen. Die Offiziersbaraken ver⸗ einigten mit der Regelmäßigkeit des Lagers ſtädtiſche Eleganz. Die Wohnungen der Soldaten waren nicht minder ſorgfältig gebaut. Geſchickt angebrachte Ein⸗ ſchnitte in die Dämme ſchützten ſie vor Feuchtigkeit, bequeme Chauſſeen erleichterten den Verkehr mit den benachbarten Dörfern und klare Waſſerquellen ſicher⸗ ten die Geſundheit. Jede Barake hatte ihre Nummer, jede Straße den Namen irgend eines gebliebenen berühmten Kriegers. Schrieb man an einen Soldaten, ſo konnte man den Brief wie in der Stadt adreſſiren: Herrn N. N. Straße Deſſaix No. 20 bei der Napoleonsbrücke. Der Eingang des Lagers zur Linken, unter dem Commando des General Friant, gewährte einen höchſt militairiſchen und impoſanten Anblick; das zur Rech⸗ ten unter Oudinot war weniger regelmäßig, aber darum deſto maleriſcher. Jedes Regiment hatte ſei⸗ nen Garten, jede Compagnie ihre Beete darin. In⸗ mitten befand ſich ein kleiner mit Raſen ausgelegter Brunnen, um die Gewächſe und Blumen, die man anbaute, begießen zu können. Der Soldat kochte ſeine Suppe mit Gemüſen, die er gepflanzt hatte. Er ſah mit jedem Tage das Werk ſeiner Hände wachſen und gedeihen, und ſo war es nicht die Kriegszucht allein, die ihn an ſeine Fahnen feſſelte, ſondern auch der Reiz des Eigenthums. Er arbeitete in ſeinen Muſe⸗ ſtunden unaufhörlich an deſſen Verſchönerung. Da⸗ durch entging er dem Müſſiggange und nützte auch ſeiner Geſundheit. Beſuchte ein Reiſender das Lager, ſo machte ſich jeder Soldat ein Vergnügen daraus, ihn überall um⸗ her zu führen und die Sehenswürdigkeiten dieſer Sol⸗ datenſtadt zu zeigen. Unter den verſchiedenen Corps herrſchte ſeit dem berühmten Rencontre der Garde und der Linie, das oben näher beſchrieben worden, die größte Eintracht, dafür aber ein edler Wetteifer. Kaum hatte ein Re⸗ giment irgend eine neue Verſchönerung erſonnen, ſuchte das andere es ſchon wieder zu übertreffen. Man ſah daher beinahe jeden Tag neue Werke entſtehen. Unter anderm wußten die Soldaten die vom Meere ausgeworfenen Muſcheln in die eleganteſten Formen zu bringen und anmuthige Zierrathen daraus zu bilden. Die Fahnenwachen bildeten eine lange durch rothe Pfähle und dreifarbige Fahnen bezeichnete gerade Li⸗ nie; dazwiſchen lagen die Küchen, von Ziegelſteinen gemauert, mit Schornſteinen verſehen und mit Raſen überkleidet. Im Hintergrunde erblickte man die ſchöne Flotte, welche den Raum von einer Stunde einnahm. Ma⸗ rine⸗Soldaten und Landtruppen lebten in großer Ein⸗ tracht zuſammen und glichen einer Familie. Jedes Corps, ja jedes Regiment hatte dem Kai⸗ ſer ein Denkmal errichtet. Das einundfunfzigſte Re⸗ 472 giment zeichnete ſich hierin beſonders aus. Inmitten eines großen grünen Platzes, welcher von einem Ge⸗ länder umgeben war, erhob ſich eine majeſtätiſche, mit Vaſen geſchmückte dreieckige Pyramide. Daneben be⸗ fand ſich die Büſte des Kaiſers zwiſchen zwei allego⸗ riſchen Statuen; dieſes waren Minerva, welche die Büſte mit ihrem Schilde deckt und Prometheus, der ihr das himmliſche Feuer reicht. Darüber las man: „Dem Kaiſer Napoleon das LI. Regiment.“ Auf der Mittagsſeite der Pyramide erblickte man eine Son⸗ nenuhr mit der Unterſchrift:„Ich werde bald die Stunde des Sieges bezeichnen.“ Gegen Morgen be⸗ fand ſich eine zweite Sonnenuhr mit den Worten: „Jede Stunde des Soldaten gehört dem Ruhme.“ Das dreizehnte leichte Infanterieregiment hatte zwei Pyramiden errichtet, die eine von Marmor, die andere von Raſen. Außerdem beſaß dieſes Regiment in ſeinen Gärten eine Nachahmung des Sanct Gott⸗ hardt mit Felſen und Waſſerfällen. Von den Sol⸗ daten des ſiebzehnten Infanterieregiments waren in ihren Gärten zwei Forts mit Gräben, Zugbrücken und kleinen Kanonen angelegt worden, aus denen der Kaiſer bei ſeiner Ankunft begrüßt wurde. Das hun⸗ dertundachte Linienregiment hatte eine fünfunddreißig Fuß hohe Pyramide gebaut, auf deren Spitze ein ſchöner verſilberter Stern glänzte. Der geräumige Exereierplatz war mit Pyramiden von Raſen eingefaßt. Ueber die vielen Gräben, welche man zur Ableitung der Gewäſſer ziehen mußte, führ⸗ ten Brücken, von denen die größte die„Brücke von Arcole“ genannt wurde. Die Straßen waren, wie bereits erwähnt, nach berühmten auf dem Bette der Ehre gefallenen Generalen benannt. Auf den Dünen vor der Mitte ſeiner Diviſion hatte General Friant ein großes Frontiſpize in dori⸗ ſcher Bauart, mit Pilaſtern, Säulen und einer Bal⸗ luſtrade errichten laſſen. In dem triangelförmigen Fronton ſah man die Büſte des Kaiſers mit der Un⸗ terſchrift:„Napoleon, ſieh Deine Kinder, alle ſind ſie Dir ergeben.“ Einige Regimenter zeichneten ſich beſonders durch die üppige Vegetation aus, womit ſie ihre Baraken zu umgeben wußten. Mitten im Sande wechſelten ſchöne grüne Raſenplätze mit prächtigen Blumenbee⸗ ten ab. Man hatte Lauben erbaut, welche von wil⸗ den Roſen und Geißblatt umſchattet wurden. Auf vielen der großen Raſenplätze ſprudelten Fontainen. Aber wenn die Soldaten das Aeußere ihrer Woh⸗ nungen verſchönten, ſo vernachläſſigten ſie darum das Innere nicht. Die Baraken waren insgeſammt äu⸗ ßerſt reinlich und ſauber. Bänke, Stühle, Tiſche, nichts fehlte darin, was zum Comfort der Soldaten gehörte. In den Baraken ſelbſt erblickte man intereſſante Scenen. Hier ſaß ein alter Veteran, welcher den jun⸗ gen Soldaten ſeine Kriegs⸗ und Heldenthaten erzählte, dort theilte der Figaro des Regiments drollige Aneedo⸗ ten mit oder man ergötzte ſich mit Abſingen froher Lieder. An einem andern Orte wieder ſah man junge Conſeribirte, welche alten Graubärten Unterricht im Leſen und Schreiben ertheilten. „Ein ſolches Lagerleben laß ich mir gefallen,“ ſprach Bonorand, welcher an Armand's Seite die Lagergaſſen entlang wandelte,„es kann nichts An⸗ genehmeres geben, ich bin nur begierig, wie lange die Herrlichkeit noch dauern wird. Wir campiren nun faſt ein volles Jahr hier am Strande, gucken 174½ ſehnſüchtig nach der engliſchen Küſte, aber hinüber kommen wir darum nicht.“ „Diesmal ſcheint es jedoch dem Kaiſer vollkom⸗ men Ernſt mit der Landung,“ meinte Armand. „Und er hat Recht,“ eiferte der Doctor;„bevor er nicht ſeinen Adler auf den Tower gepflanzt und jener hochnäſigen Ariſtveratie den Daum auf's Auge drückt, machen die Rothröcke keinen Frieden.“ „Man ſpricht auch,“ erzählte Armand,„daß es mit Oeſterreich und Rußland nicht richtig ſtehen ſoll. Wenigſtens hört man viel von großen Rüſtungen der beiden Mächte.“ „Da ſteckt nur England dahinter,“ erwiederte Bo⸗ norand,„das hetzt unaufhörlich den Continent auf und unterhält den Krieg mit ſeinem Gelde. Was kümmert es Herrn Pitt, ob ſich Oeſterreich oder Ruß⸗ land, oder irgend eine mit ihm verbündete Macht ver⸗ blutet, wenn er nur ſeinem Haſſe gegen Frankreich freien Lauf laſſen kann.“ „Was mich in der engliſchen Kriegführung am Meiſten empört, und was den gegenwärtigen Krieg zu einem wahren Vertilgungskrieg macht,“ ſprach Armand,„das iſt die ſchnöde Verletzung alles Völ⸗ kerrechts von Seiten des engliſchen Cabinets. Zahl⸗ los allein ſind die einzelnen Gewaltthaten, welche ſich die engliſche Seemacht gegen alle Regierungen Euro⸗ va's erlaubt. Kaum hatte die engliſche Regierung den Frieden von Amiens gebrochen, als ſie ihre Ver⸗ achtung gegen alle neutrale Flaggen nicht mehr zu⸗ rückhielt. So nahm eine Wachtflotte vor den Dar⸗ danellen alle mit Getreide beladenen Schiffe weg, um ſie nach Malta zu ſchicken und unter dieſen Priſen befanden ſich ſowohl ruſſiſche wie öſterreichiſche Schiffe. Im adriatiſchen Meere beging man Ausſchweifungen 4 ½ 175 aller Art gegen Oeſterreichs Neutralität. Im Hafen von Neapel ließ der Kapitain einer engliſchen Corvette eine Unterſuchung auf holländiſchen Schiffen anſtellen, unter dem Vorwande, daß ſich daſelbſt franzöſiſche Kriegsgefangene vorfänden, welche engliſchen Schiffen entflohen wären. Ein engliſcher Korſar ſetzte einem holländiſchen Schiffe bis in den Hafen nach, und nun neuerdings die barbariſche Wegnahme der vier ſpa⸗ niſchen Fregatten, wobei ganz unnützer Weiſe ſo viel Blut vergoſſen worden.“ „Das Alles nimmt mich gar kein Wunder,“ er⸗ wiederte Bonvrand,„ſeit Herr Pitt durch ſeine Organe offen und rund heraus erklärt hat, daß Eng⸗ land in einem Kriege mit dem revolutionären Frank⸗ reich ſich über die Gewiſſensſerupel des Völkerrechts hinwegſetze. Hat es doch ſelbſt zugeſtanden, mit Meu⸗ chelmördern, um Bonaparte zu ermordern, in Ver⸗ bindung zu ſtehen. Darum wird auch nicht eher Ruhe, der Kaiſer mag thun was er will, bevor er nicht dieſe engliſche Oligarchie zu Boden geworfen hat.“ „Dieſes wird aber immerhin eine Rieſenarbeit blei⸗ ben,“ meinte Armand;„denn geſetzt, wir werfen eine Armee von hunderttauſend Mann nach England, ſo haben wir deshalb das Inſelreich noch keineswegs erobert. Wir haben es da nicht mit Continental⸗ truppen zu thun, die größtentheils nur für den Sold kämpfen, den ihre diverſen Cabinette von England erhalten, ſondern mit einer freien, die Unabhängigkeit liebenden und ſtolzen Nation. Ueberdies hat es das engliſche Gouvernement nicht an Vertheidigungsan⸗ ſtalten fehlen laſſen. Der Ruf zum allgemeinen Auf⸗ gebote hallt durch die ganze Inſel, von einem Ende zum andern. Die Marine iſt zu einer wahrhaft furchtbaren Größe angewachſen. Sie zählt nicht we⸗ 176 niger denn funfzehnhundert Kriegsſchiffe mit zweiund⸗ zwanzigtauſend Kanonen. Ihre Bemannung beläuft ſich auf hunderttauſend Mann. Die Landmacht für das vereinigte Königreich beſteht, glaubwürdigen Berichten zu Folge, aus hundertvierundachtzigtauſend Mann. Hierzu kommen noch viermalhunderttauſend Freiwil⸗ lige, was mit Inbegriff der auf verſchiedenen Punk⸗ ten zerſtreuten und in den engliſchen Niederlaſſungen vertheilten Truppen im Ganzen eine Armee von acht⸗ malhunderttauſend Mann giebt; alſo wenigſtens ſchon über zweimalhunderttauſend Mann mehr als in Frankreich.“ „Dieſes numeriſche Uebergewicht der Landmacht,“ entgegnete Bonvrand,„wäre weniger zu fürchten. Die Erfahrung hat bewieſen, daß der Engländer ge⸗ gen den Franzoſen zu Lande in der Regel den Kür⸗ zern zieht, aber die Marine, die Marine. Trotz den coloſſalen Rüſtungen hier, halte ich das Landungs⸗ project für eine utopiſche Idee. Mit unſern Nußſcha⸗ len, und wenn wir noch ſo viel aufbrächten, werden wir nicht weit kommen; ein einziges britiſches Kriegs⸗ ſchiff bohrt dergleichen dutzendweiſe in den Grund, und der ganze Kanal wimmelt von engliſchen Segeln. Das ſollte eine Luſt für die feindlichen Kapitaine werden, wenn wir uns einmal einfallen ließen, un⸗ ſere ſogenannten Kanonenböte, mit alten Gardiſten geſpickt, gegen die engliſche Küſte zu ſchicken.“ „Der Kaiſer wird dieſelben aber nicht ohne Be⸗ deckung laſſen,“ wandte Armand ein. „Ganz ſchön,“ verſetzte der Doetor,„aber dazu gehört vor allen Dingen eine anſehnliche Kriegsflotte, womöglich ſtärker als die feindliche, und eine ſolche haben wir nicht.“ „Daß aber eine Landung dem Kaiſer im Sinne — 177 liegt,“ ſprach Armand,„das geht doch aus dieſen unermeßlichen Rüſtungen unbeſtreitbar hervor.“ „Mir ſcheint's auch ſo,“ geſtand der Andere,„nur begreife ich nicht das wie.“ „Ich ebenfalls nicht,“ meinte der Jüngling,„aber ich vertraue dem Genie des Kaiſers. Er hat uns ſo Manches erleben laſſen, das ehedem gleichfalls unmög⸗ lich ſchien. Eine andere Frage aber iſt, was will er beginnen, falls die Landung gelingt? Erobern wird ſich England nicht ſo leicht laſſen wie Holland, Italien oder Aegypten.“ „Daran denkt wohl Napoleon auch nicht,“ er⸗ wiederte Bonorand,„er wird die Beefſteaks in einer Schlacht ſchlagen, nach London marſchiren, die Bank ſprengen, die Arſenäle und die Schiffswerfte zerſtören und das engliſche Volk von ſeiner übermü⸗ thigen Ariſtokratie befreien, welche die Wurzel alles Uebels iſt. Er wird ſich dem engliſchen Volke als Befreier präſentiren, und daran hat er diesmal auch gar nicht Unrecht.“ „John Bull dürfte ſich aber für dergleichen fran⸗ zöſiſche Befreiung nicht ſowohl höflichſt als gröblichſt bedanken,“ bemerkte Armand. „Dann ruft er die geknechteten Irländer zu Hülfe,“ fuhr der Doctor fort,„und die engliſchen Radicalen und John Bull wird endlich begreifen, daß der Mann Recht hat, wenn er weiter nichts bezweckt, als der volks⸗ feindlichen Ariſtokratie den Kopf einzudrücken.“ „Es iſt für den Freund der Civiliſation wirklich ein Jammer,“ meinte Armand nach einer Pauſe, „wenn er ſieht, wie ſich gerade die zwei gebildetſten Nationen der Erde ſo mörderiſch bekriegen.“ „Die Nationen ſelbſt ſind nicht Schuld daran,“ verſetzte der Doctor,„ſondern ihre Feinde. Man darf Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 12 178 nur die engliſchen Unterhausverhandlungen leſen, da ergiebt ſich's klar und deutlich, daß in England ganz prave Männer leben, welche dieſen Krieg auf das Entſchiedenſte verabſcheuen und den Miniſtern, die ununterbrochen die Kriegsflamme anſchüren, tüchtig und derb den Text leſen.“ „Ich begreife übrigens nicht,“ meinte Armand, „woher der furchtbare Haß der engliſchen Regierung gegen Frankreich herzuleiten iſt; es iſt nun Jahrzehnte lang ſo viel Blut gefloſſen, man ſollte doch glauben, die Wuth müſſe einmal abkühlen.“ „Die Quellen dieſes Kampfes,“ erklärte der Doe⸗ tor,„ſind ſo ſchwer nicht zu finden. Abgeſehen von der Eiferſucht, welche ſeit jeher beide Nationen und Cabinette entzweite, ſo konnte uns England noch im⸗ mer nicht vergeben, daß wir den inſurgirten Nord⸗ amerikanern die Hand boten, wodurch ſie leichter ihre Unabhängigkeit erkämpften. Der Hauptgrund des Kriegs bleibt aber unbeſtritten die franzöſiſche Revo⸗ lution. Die europäiſche Ariſtokratie, an deren Spitze die engliſche ſteht, ſieht recht gut ein, daß ihr dieje⸗ nigen Principien, aus welchen die Revolution hervor⸗ ging, das Todesurtheil verkündigen; die europäiſche Ariſtokratie, wenn ſie gegen Frankreich kämpft, kämpft alſo nur für ihr eignes Haupt und Leben.“ „Aber ſeit Frankreich wieder in die Reihe der monarchiſchen Staaten getreten,“ hielt Armand ent⸗ gegen,„hat doch der Adel Europa's und namentlich England die Revolution nicht mehr zu fürchten. Im Gegentheil ſollte er dem Napoleon Dank wiſſen, daß er den Abgrund der Revolution ſchloß und den Thron befeſtigte.“ „Ja,“ meinte Bonorand⸗„das ſcheint beim er⸗ ſten Anblick allerdings ſo, aber die edeln Lords jen⸗ 179 ſeits des Kanals und die Cabinette des Feſtlandes ſchauen doch etwas tiefer, um ſich ſo leicht täuſchen zu laſſen. Napolevn, wie parador dieſe Meinung klingen mag, iſt, trotzdem daß er Kaiſer geworden und daß er ein ziemlich ſtrenges Regiment führt, doch nichts weiter als die verkörperte Revolution.“ Der Jüngling ſchüttelte hier zweifelhaft den Kopf. Der Doctor fuhr fort: „Napoleon, obſchon er das gichtbrüchige Direc⸗ torium aus einander jagte und manchen Act verübte, den ihn die ſogenannten Liberalen als Hochverrath an der Souverainetät des Volks anrechnen, iſt und bleibt doch der wahrhafte Liberale und der vernünf⸗ tigſte Volksfreund. Man hat ihn häufig einen Des⸗ poten genannt, dies iſt er allerdings in gewiſſer Hin⸗ ſicht, nur hat ſein Despotismus ein eigenthümliches Gepräge. Gewöhnliche Despoten ſtreben nur darnach, die Menſchen kleiner zu machen, das Licht ihrer Ein⸗ ſicht zu verlöſchen und das menſchliche Geſchlecht in Stumpfſinn zu erhalten. Napoleon im Gegentheil denkt nur daran, die Menſchen zum höchſten Gefühl ihrer Würde zu erheben, ihren geiſtigen Kräften die ausgedehnteſte Entwickelung zu geben, Frankreich über alle Völker zu erheben. Das iſt zwar Stolz, aber welch berechneter Stolz für ſein Volk und für ihn ſelbſt. Er adelt ſein Volk, um ſich felbſt zu adeln, weil er ſtolz darauf iſt, der erſte Mann des erſten Volks der Welt zu ſein. Darf man ſich daher wun⸗ dern, wenn die Franzoſen ihm ſo grenzenlos zugethan ſind, da ſein Despotismus einen ſolchen Zweck hat?“ „Gleichwohl,“ warf Armand ein,„kann ich mich mit der Anſicht nicht befreunden, als ſei der Kaiſer ein Repräſentant der Revolution, welche er ſelber geſchloſſen hat.“ 2* 180 „Er hat blos ihre Auswüchſe vernichtet, ihre fal⸗ ſchen Sprößlinge verſchnitten,“ erwiederte der Doector, „die Anarchie, das Blutſyſtem der Guillotine, das Gute der Revolution, das Vernunftrecht an die Spitze des hiſtoriſchen Rechts zu ſetzen, iſt fortwährend ſein erhabenes Ziel.“ „Aber er hat auch die Preßfreiheit und die Volks⸗ repräſentanten verſchnitten,“ meinte Armand,„und die gehören unmöglich zu den falſchen Sprößlingen der Revolution.“ „Mein Gott,“ erwiederte Bonorand,„ewig die alte Leier. Hat denn ein Mann, wie Napoleon, Zeit, ſich mit phraſenreichen Deputirten herumzuſtrei⸗ ten, die, den Kopf voll utopiſcher Ideen, durch ihr Geſchrei nur das Volk aufrühreriſch machen, und den beſten Plänen des großen Werkmeiſters in den Weg treten. Uebrigens iſt der Kaiſer für den guten Rath vernünftiger Männer durchaus nicht unerreichbar, ja er bittet darum; aber wenn er es verſchmäht, ſich mit ideologiſchen Volkstribunen herum zu disputiren und damit ſeine Zeit zu verlieren, denn bei dieſen Leuten iſt in der Regel, was die geſunde Vernunft anbelangt, Hopfen und Malz verloren, ſo verdenke ich ihm das durchaus nicht. Mit der periodiſchen Preſſe iſt es derſelbe Fall; man laſſe einmal dieſe Herren Journaliſten ſchreiben und ſchreien nach Her⸗ zensluſt, welch eine babyloniſche Sprachverwirrung ſo⸗ gleich entſtehen wird. Da kann der liebe Gott aus ſeinem Himmel herabſteigen und regieren, er wird es dieſen Leuten nicht recht machen. Nein, ein ſolches Geſchrei würde jetzt die kaum beruhigten Leidenſchaf⸗ ten und Parteien von Neuem aufregen und weit mehr Schaden als Nutzen bringen. Ich gebe zu, daß der Kaiſer hier und da ſtreng, ja zuweilen tyranniſch ver⸗ —₰ 181 fährt, aber er kann nicht anders, ein in der Revolu⸗ tion verwildertes Volk iſt im Anfange nicht mit einem Roſenbande zu leiten. „Nein,“ ſprach der Arzt nach einer Pauſe weiter, „ich laſſe es mir nicht nehmen, Napoleon iſt der Volksfreund im wahren Sinne des Wortes; denn das Wohl und die Ehre Frankreichs iſt der alleinige Zweck, wohin all' ſein Streben nur gerichtet iſt. Er iſt der wahrhafteſte Freund der Aufklärung, obſchon er von den liberalen Declamationen gewiſſer Leute nichts wiſſen mag, obſchon er den vorlauten Zeitungs⸗ ſchreibern den Mund verſtopft hält. Jeder nützliche Gedanke findet Aufmunterung bei ihm, jeder Verbeſ⸗ ſerungsvorſchlag Annahme. Es iſt wirklich bewun⸗ dernswürdig, wie die umfaſſenden Anſichten und das Eindringen in Einzelnheiten ſich in dem Geiſte die⸗ ſes außerordentlichen Mannes vertragen, ohne ſich zu verwirren und einander Eintrag zu thun. In dem⸗ ſelben Angenblicke, wo er unlängſt Jahrgehalte an alte Arbeiter in den Nähnadelfabriken vertheilte, gab er Befehl, wodurch die Preiſe zu fünf⸗ und zehntau⸗ ſend Franken ausgeſetzt wurden, zur Aufmunterung für alle Kenntniſſe, welche die Staaten ernähren und bereichern, für alle Künſte, die ſie ſchmücken, für ma⸗ thematiſche und phyſiſche Wiſſenſchaften, Geſchichte, Künſte und Manufakturen, Ackerbau und Handwerke, dramatiſche Dichtungen, Malerei, Bildhauerkunſt und Muſik. Sein Wunſch bei dieſer Anordnung war, daß Frankreich nicht allein ſeine in den Künſten und Wiſſenſchaften erworbene Ueberlegenheit ferner be⸗ haupte, ſondern daß das beginnende Jahrhundert die verfloſſenen überbiete.“ „Das iſt Alles recht ſchön,“ entgegnete Armand; „aber warum verdunkelt dieſer große Mann ſeine wei⸗ 182 ſen Einrichtungen durch andere, welche ihm unmöglich zur Ehre gereichen können?“ „Und dieſe wären?“ frug Bonorand. „Ich führe hier namentlich das Inſtitut der ge⸗ heimen Polizei an,“ ſprach der Jöngling,„eine An⸗ ſtalt, die mir ſtets in tiefſter Seele verhaßt war, weil ſie lediglich darauf berechnet ſcheint, das Ver⸗ trauen der Geſellſchaft zu untergraben und die Staats⸗ bürger zu demoraliſiren.“ Der Doetor erwiederte hierauf Folgendes: „Die franzöſiſche Revolution, an Offenheit ge⸗ wöhnt, hatte Anfangs Nachſuchungsausſchüſſe. Unter dem Directorio verwandelte ſich dieſer Ausſchuß in ein Miniſterium der allgemeinen Polizei, das dem Conſulate als eine Erbſchaft zufiel. Kaum hatte der Abſchluß des Friedens von Amiens für Frankreich die Hoffnung ruhigerer Tage aufkeimen laſſen, als der erſte Conſul, in beifallswürdiger Anregung, die⸗ ſes Miniſterium aufzuheben eilte, weil er der Ueber⸗ zeugung war, die innere Sicherheit ſei hinlänglich durch die gerichtliche und Verwaltungspolizei feſtge⸗ ſtellt. Nach dem von den Engländern ausgegangenen Bruche des Friedens aber, nach George's und Pichegru's Verſchwörungen, nach den Meutereien des engliſchen Geſchäftsträgers Drake, Spencer, Shmith und Tayler urtheilte der Kaiſer anders. Er meinte, das Syſtem eines geheimen und unred⸗ lichen Kampfes, zu dem die engliſche Regierung ſich bekannt, fordere eine Verdoppelung der Aufficht und erfordere die Wiedereinführung eines beſondern Mini⸗ ſteriums. Um dieſe Maßregel richtig zu würdigen, darf man die Zeitumſtände nicht aus den Augen ver⸗ lieren. Man geräth in Gefahr, ungerecht zu werden, wenn man die Handlung einer Regierung von den 183 Ereigniſſen trennt, die ſie nothwendig machen. In einer Zeit, wo factiſch erwieſen iſt, daß eine feind⸗ liche Partei Meuchelmörder in der Hauptſtadt und andern Orten des Landes beſoldet, gränzte es an Einfalt und Tollkühnheit, nicht Vorſichtsmaaßregeln dagegen zu ergreifen. Daß der Kaiſer ſich vor dem Tode nicht fürchtet, wiſſen wir alle, aber er weiß ſelbſt nur zu gut, daß, wenn er unter der Hand eines Meuchelmörders fallen ſollte, das Schickſal Frankreichs einer ſehr ungewiſſen und ſehr trüben Zu⸗ kunft Preis gegeben ſei; darum ſieht er ſich vor, und mit Hülfe der öffentlichen wie der geheimen Polizei iſt ihm dies ſeither immer gelungen. Ich habe Euch vorhin erzählt, bis zu welchem Grade von Vermeſſen⸗ heit ein Phantaſt es bringen kann; deshalb bedarf gerade Er, vor allen Andern, ſeine Polizei, welche vermöge ihrer feinen Naſe einen Mörder durch zehn Wände riecht. Ihr allein iſt es zuzuſchreiben, daß der Kaiſer in jüngerer Zeit von Mordattentaten ſo ziemlich verſchont geblieben iſt. So glaube ich auch, daß diesmal die Sache gleichfalls durch einen verſchla⸗ genen Polizeiſpion dem Kaiſer verrathen worden iſt.“ Armand, der ſich plötzlich ſo ganz unerwartet mit einem Polizeiſpion auf gleiche Stufe geſtellt ſah, mußte ſich erröthend abwenden. Bonorand, der nichts bemerkte, erging ſich noch eines Weitern über dieſe Angelegenheit, um ſeinem jungen Freunde die Unentbehrlichkeit des ihm ſo verhaßten Inſtitutes in gehöriges Licht zu ſetzen. Nach mehrfachem Hin⸗ und Widerreden kam man auch auf den neuen Hoſſtaat und auf die wieder ein⸗ geführte Etiquette. Armand ſprach ſich entſchieden dagegen aus, während Bonvorand auch dieſe kaiſer⸗ liche Maaßregel warm in Schutz nahm. 184 „Glaubt mir,“ ſprach er,„Niemand denkt wohl aufgeklärter über dieſes, an ſich lächerliche Inſtitut als der Kaiſer ſelbſt; aber er weiß, daß er es mit Franzoſen zu thun hat, welche das Glänzende lieben und daß er der vergangenen Zeit und dem veralteten Europa auch einige Sympathieen und Conzeſſionen ſchuldig iſt. Die Revolution war in dem Abſtreifen aller Etiquette zu weit gegangen; es iſt unmöglich, mit einer Schlinge eine leichtſinnige Nation zu ſtren⸗ gen Catonen zu machen, eine Reaction konnte hier nicht außen bleiben. Auch die vergangenen Jahrhun⸗ derte haben ihre Rechte, die man nicht ganz unge⸗ ſtraft verletzen darf und wären ſie noch ſo ſehr von der geſunden Vernunft proſeribirt. Wir haben geſehen, wie lange ſich die Republik erhalten hat. Auch halte ich weder Frankreich noch irgend ein anderes Volk des alternden Europa's für die einfachen Formen des Re⸗ publikanismus geeignet. Zwei Dinge nur ſind es, welche die Republik in Europa möglich machen; das ſind die Tugend und der Schrecken. Von der Tugend wollen wir bei dieſer laſtervollen Menſchheit ganz ab⸗ ſehen, und nur bei dem Schrecken ſtehen bleiben. Durch dieſen allein gelang es auch nur dem blutigen Triumvirat des Convents die Republik in Reſpect zu erhalten. Mit dem Sturze der Schreckensmänner war auch dieſe ideale Republik zum Guckuck, und Robes⸗ vierre hat daher wohl kein wahreres Wort geſpro⸗ chen, als an jenem achten Thermidor, wo er, über⸗ ſchrieen vom Convente, nicht zum Reden kommen konnte, und die Verſammlung mit den Worten ver⸗ ließ:„Die Schurken ſiegen, die Republik iſt verloren.“ Wie in der ganzen Natur, ſo müſſen die Fortſchritte auch in der moraliſchen und geiſtigen Entwickelung des Menſchengeſchlechts nur Schritt vor Schritt vor 185 ſich gehen, wenn es wirklich vor ſich gehen ſoll; große Sprünge, durch Revolutionen hervorgebracht, haben ſtets Rückſchritte und Reactionen zur Folge. „Mit dem Adel,“ ſprach er weiter,„findet der⸗ ſelbe Fall ſtatt. Ein hiſtoriſcher Adel wird nie ganz vertilgt werden können, und wenn die Geſellſchaft eine noch ſo hohe Stufe erreicht. Die Sympathieen, welche für ihn ſprechen, find zu tief im Menſchenge⸗ müthe begründet. Nur Kurzſichtigkeit und völlige Unbekanntſchaft mit der menſchlichen Natur kann es Napoleon zum Vorwurfe machen, daß er einen neuen Adel ſtiftete. Er weiß recht gut, wie lebendig der Sinn dafür noch unter den Völkern iſt. Freilich wird er einer Ariſtokratie, welche die übrige Menſch⸗ heit zu unterdrücken und zu erniedrigen ſtrebt, ſtets feindlich entgegen ſtehen, und andrerſeits wird er auch ſie ſtets zur entſchiedenſten Feindin haben. Dieſer Feindſchaft allein verdankt auch die heutige Welt allen Krieg und alles Blutvergießen. Nicht die Völker waren es und ſind es noch, welche gegen die franzö⸗ ſiſche Revolution zu Felde ziehen, denn Niemand wird gegen ſeine eigene Sache zu Felde ziehen, ſondern die europäiſchen Ariſtokratien, welche ihre Privilegien be⸗ droht ſahen. Da nun Napoleon die Principien dieſer Revolution vertheidigt, ſo kann man ſich den Haß der europäiſchen Ariſtokratie, an deren Spitze die Tory's von England ſtehen, wohl erklären. Hier hel⸗ fen auch alle Friedensſchlüſſe nichts. Nie werden die Gegner des Kaiſers mit ihm einen aufrichtigen Frie⸗ den ſchließen. Es ſind blos Waffenſtillſtände, bis ſie ſich von den Schlägen, welche das große Kriegsgenie ihnen beigebracht, erholt haben. Er muß ſie ver⸗ nichten, will er wahrhaften Frieden haben. Napo⸗ leon weiß anch recht gut, daß ſeine größten und 186 mächtigſten Feinde jenſeit des Meeres wohnen, darum iſt als Feldherr ſein Hauptbeſtreben, vor allen Din⸗ gen England zu beſiegen. Ueberhaupt bekämpfte er in allen zeitherigen Kriegen nur England, er mochte nun dieſe oder jene Macht des Feſtlandes bekriegen, das Cabinet Georg des Dritten ſtak gewiß jedes⸗ mal dahinter. Was man von ſeiner übergroßen Liebe zum Kriege ſpricht, ſo zeigt ſich dieſe ebenfalls als Fabel, denn man braucht nur einigermaaßen tiefer nachzuforſchen, ſo wird man finden, daß er faſt ſtets der angegriffene Theil war. Das Glück war zeither fortwährend auf ſeiner Seite, und daher iſt es wohl gekommen, daß er den Krieg nicht fürchtet; daß er ihn aber nicht einem ehrenvollen Frieden vorziehen ſollte, bezweifle ich durchaus; denn wer für das Wohl des Volkes ſo väterlich beſorgt iſt, wer für den Frie⸗ den ſo große Werke gethan hat, muß ihn mehr lie⸗ ben, als den ruhmreichſten Krieg. Daß ferner Na⸗ poleon jeden Sieg benutzt, und ihn als weiſer Mann dazu benutzt, ſein Reich mächtiger zu machen und ſeine Feinde zu ſchwächen, wer wollte ihm daraus ein Verbrechen machen? Uebrigens wird man ihn als Sieger nie die Großmuth haben verleugnen ſehen, wie er ſich in allen ſeinen Handlungen nur nobel zeigt.“ Auf dieſe Art und Weiſe war Bonorand fort⸗ während bemüht, ſeinen Abgott, den er in dem Kai⸗ ſer der Franzoſen verehrte, in aller Hinſicht zu ver⸗ theidigen. Ihm war Napoleon nicht deshalb ſo ver⸗ ehrungswürdig, weil er ein großer Feldherr, Staats⸗ mann und Geſetzgeber war, ſondern weil er in ihm den Mann erkannte, jenen politiſchen Heiland, der berufen war, dem ewigen Rechte der Vernunft nach tauſendjährigem Kampfe endlich einmal den Sieg zu verſchaſſen und daſſelbe auf den Thron zu ſetzen. 187 Dabei war er nicht blind für die Schattenſeiten in Napoleon's Character. Er geſtand unverhohlen ein, daß der Kaiſer, vom Glücke verwöhnt, oft zu will⸗ kürlich verfahre und ſich manchmal von ſeinem heſti⸗ gen Temperamente zu ſehr beherrſchen laſſe. „Auch die Sonne hat ihre Flecken,“ pflegte er dann zu ſagen,„die jedoch gegen den göttlichen Glans, den ihre Strahlen über die Menſchheit verbreiten, kaum in Betracht kommen dürfen.“ Die Zwei waren jetzt bei den Baraken der alten Garde angekommen. Hier ertheilte Morland ſoeben Tanzſtunde; auch Guiſeppe befand ſich unter den Zöglingen und machte ſeine Pas mit ſolchem Ernſte und mit ſolcher Grazie, daß Armand wiederholt laut auflachen mußte. „Seht nur meinen Bruder,“ ſprach er zu Bono⸗ rand,„vor ſechs Wochen noch glich er einem kleinen Bär, ſo ungelenk und täppiſch war er, und was hat ſeitdem Morland aus ihm gemacht? Der Junge würde dem feinſten Balle Ehre machen.“ „Ein ächter Franzoſe,“ lobte der Doctor,„tapfer wie Bayard und galant wie ein Ritter von der Ta⸗ felrunde; doch apropos, was iſt aus dem kleinen Napoleon geworden, dem dritten Bruder, dem Ka⸗ nonier?“ „Der ſtudirt auf der Kriegsſchule auf kaiſerliche Koſten, daß ihm der Kopf raucht,“ antwortete Ar⸗ mand;„das wird einmal ein ganz braver Soldat, der ſeinem Herrn Namensvetter gewiß keine Schande machen wird.“ Guiſeppe hatte jetzt ſeine Tanzſtunde beendet und eilte auf Armand zu. Seine Augen glänsten vor Freude. „Weißt Du es ſchon,“ frug er,„in Kurzem 188 geht's zu Schiffe, zur luſtigen Jagd auf die Eng⸗ länder?“ Morland, welcher ſich gern den Anſchein gab, als ſei er eingeweiht in die geheimſten Pläne des Kaiſers, war ebenfalls herangetreten und nickte ernſt⸗ haft mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß Guiſeppe die Wahrheit geſagt. „Ich will weiter nichts verrathen,“ ſprach er, „aber mit Nächſtem geſchieht ein Schlag.“ Ein entferntes„Vive l'empereur!“ unterbrach das Kriegsgeſpräch und dumpfer Trommelton klang durch die Lüfte. „Das ſind die tapfern Grenadiere von Arras!“ rief Guiſeppe,„welche von Junot befehligt, in's Lager rücken. Auf, die müſſen wir defiliren ſehen!“ Morland ſtrich ſich mit gravitätiſchem Phlegma den Bart. Was waren ihm die Grenadiere von Ar⸗ ras gegen die alte Garde. „Ich kenne ſie,“ ſprach er ruhig,„ſind mir nichts Neues; ich will meine Centifolien begießen.“ Er wandelte langſamen Schritts nach dem Garten ſeines Regiments, während ſich die beiden Brüder Maillebois und der Doctor Bonorand eiligſt aufmachten, um die Grenadiere von Arras in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Pierzehntes Rapitel. De erſten Strahlen der aufgehenden Sonne zitterten über die noch ſtillen Fluren, und beleuchteten das 189 blaſſe Geſicht eines Mannes, der in halb ſitzender, halb liegender Stellung auf einem Bette ruhte, das von einem grünſeidnen Vorhange umhangen war. Zur Seite dieſes Bettes ſtand ein Strohſtuhl, worauf man eine kleine goldne Tabacksdoſe, ein weißbatiſtnes Taſchentuch, eine an den Ecken ſauber mit Gold ver⸗ zierte Brieftaſche und einen Leuchter erblickte, deſſen zwei Wachskerzen faſt ganz herabgebrannt waren. Uum den Kopf des auf dem Lager Ruhenden ſchlang ſich ein Shawl von Madras, deſſen lange Zipfel nachläſſig auf der Stirn zuſammen gebunden waren und zwiſchen welchen hindurch einige ſchwarze Haarlocken ſchauten. Die Arme lagen oberhalb der Decke und in der Hand hielt er ein ziemlich ſtarkes Heft in groß Folio, das er aufmerkſam zu durchleſen ſchien. Dieſer Mann war Niemand anders als Na⸗ poleon, und das Manuſcript ein Memoire des In⸗ genieur Fulton. Endlich begann der Kaiſer mit halblauter Stimme zu leſen wie folgt: „Sire! „Das Meer, welches Sie von Ihren Feinden trennt, gewährt dieſem einen unberechbaren Vortheil. Von Sturm und Wetter abwechſelnd geſchützt, belei⸗ digt er Sie ungeſtraft und trotzt Ihnen auf ſeiner unzugänglichen Inſel. „Wohlan, dieſes Hinderniß, welches ihn ſchützt, kann ich verſchwinden machen; ich kann all' ſeiner Flotten zum Trotz, zu jeder Zeit und in wenigen Stunden Ihre Armeen nach ſeinen Küſten führen, ohne die Stürme zu fürchten und ohne die Kraft der Winde dabei nöthig zu haben.“ Napoleon machte hier ein ziemlich zweifelvolles Geſicht, er gedachte an die Projecte des Herrn Qua⸗ 190 tremere⸗Disjonval und vieler Anderer, doch las er weiter. Aber je länger ſeine Blicke die ſchwarzen Schrift⸗ züge des Memoires überflogen, deſto größer ward ſeine Aufmerkſamkeit, deſto mehr ward ſein Intereſſe in Anſpruch genommen. Endlich rief er in hoher Auf⸗ regung: „Wenn dieſer Menſch wahr ſpricht, ich geb' ihm ein Königreich!“ Und von Neuem verſenkte er ſich in die Lectüre. Nach ungefähr einer halben Stunde ſprang er auf vom Lager; er war von der Neuheit und Großartig⸗ keit des Fulton'ſchen Projects ganz hingeriſſen. Napoleon rief nach Conſtant, der dicht an der Thür auf einer quer über die Schwelle gelegten Matratze ſchlief. „Geh' raſch zu Daru,“ befahl er dem eintreten⸗ den Kammerdiener,„er ſoll unverzugs zu mir kommen.“ Als der General-Intendant der Armee nach un⸗ gefähr zehn Minuten in der kaiſerlichen Barake an⸗ langte, fand er den Kaiſer bereits angekleidet im Conſeilſaale. Seine Arme waren über der Bruſt ge⸗ kreuzt und ſeine Blicke ruhten auf der auf dem Tiſche ausgebreiteten Karte. „Nehmen Sie Platz, Daru, ſetzen Sie ſich,“ ſprach Napoleon, auf den einzigen Stuhl zeigend, der ſich im Salon befand. Der General⸗Intendant warf bei dieſen Worten einen fragenden, zweifelhaften Blick nach ſeinem Ge⸗ bieter. Er konnte ſich doch unmöglich ſetzen, während der Kaiſer ſtand. „Nur Platz genommen,“ fuhr dieſer fort, und drückte ihn auf den Stuhl nieder,„ſo, jetzt ſchreiben Sie, es iſt an den Miniſter des Innern.“ 191 Daru griff unverzüglich zur Feder und Napo⸗ leon diectirte: „Mein Herr von Champagnie! „Ich habe ſpeben das Memvire des Bürgers und Ingenieurs Fulton geleſen und daraus erſehen, daß daſſelbe geeignet iſt, der Welt eine andere Geſtalt zu geben. Sie haben mir das Manuſcript viel zu ſpät geſchickt. Ich wünſche, daß Sie daſſelbe ſofort einer von Ihnen ſelbſt aus den verſchiedenen Mitgliedern der Akademie erwählten Commiſſion zur Prüfung vor⸗ legen; denn nur dort würde die große Frage, um welche es ſich hier handelt, die gebührende Antwort ſinden. „Eine große Wahrheit, eine phyſikaliſche Wahr⸗ heit liegt offen vor meinen Augen. Mögen jene Her⸗ ren ſie ebenfalls finden und eilen, ſie zu begreifen. Der Bericht darüber ſoll Ihnen ſofort mitgetheilt und mir zugeſandt werden. Nur ſorgen Sie, daß dieſe Angelegenheit ſo bald als möglich erledigt iſt, denn ich bin ſehr ungeduldig. „Möge Sie Gott, mein Herr von Champagnie, in ſeinen gnädigen Schutz nehmen. „Aus meinem Lager zu Boulogne. „Napoleon.“ „Beſorgen Sie ſchleunigſt die Staffette,“ ſprach der Kaiſer, nachdem er mit dem Dietiren zu Ende. Dann ging er eine Zeit lang ſchweigend im Saale auf und ab, und als der General⸗Intendant ſich ent⸗ fernt hatte, ſprach er: „Wenn nich dieſer Fulton nicht täuſcht, ich ſchenk' ihm ein Königreich und die Nach⸗ welt wird ihm goldne Statuen errichten!“ Indeß war der Augenblick herbeigekommen, wo der Kaiſer Boulogne verlaſſen wollte, um durch Belgien nach Mainz zu reiſen, wohin er auch die Kaiſerin Joſephine beſchieden hatte. Zuvor aber waren die Marſchälle und Generäle um die Erlaubniß eingekommen, ihm zu Ehren einen Ball geben zu dürfen. Nach erhaltener Genehmigung wurden die ange⸗ ſehenſten und ſchönſten Damen von Boulogne und den benachbarten Ortſchaften geladen. Der General Bertrand hatte das Amt eines Oberceremonienmeiſters bei dieſem Feſte übernommen und General Biſſon, als der feinſte Gaſtronom und Gourmand der Armee bekannt, wurde beauftragt, für die Büffets und Erquickungen Sorge zu tragen. Ein eigends für dieſen Ball beſtimmter Feſtſalon war von den Zimmerleuten der Marine erbaut wor⸗ den. Das Orcheſter beſtand aus den vortrefflichen Mufikchören der vier Regimenter der alten Garde, unter Oberleitung des in der Muſikwelt berühmten Fagottiſten Gebauer. Die Muſikchöre von zwanzig Linienregimentern eröffneten den Ball mit einem von Leſeur, erſtem Kapellmeiſter des Kaiſers, eigends für das Lager von Boulogne componirten Triumph⸗ marſch. um bei dieſem Feſte Zutritt zu erhalten, war, mit Ausnahme der dienſthabenden Adjutanten und Ordonnanzoffiziere, wenigſtens der Rang eines Com⸗ mandanten erforderlich. Alle Marſchälle und Generäle jener weltberühmten Armee, die ſeit Kurzem den Namen der großen Armee erhalten hatte, waren anweſend und ſtrahlten in ihren neuen kaiſerlichen mit Gold und Juwelen bedeckten Uniformen. Dahin war mit einem Schlage jene republikaniſche Einfachheit, welche ſeit länger denn einem Jahrzehnt in Frankreich Sitte geweſen⸗ 193 und ſonderbar war es mit anzuſehen, wie die vor Kurzem noch ſo ſtarren Republikaner ſich gern oder ungern in die Etikette des neuen Hofreglements fügten. Selten hat es wohl einen prachtvollern Ball ge⸗ geben. Nirgends erblickte man hier jene nach Schön⸗ waſſer duftenden, ſauberfriſirten, zärtlich girrenden Herrchen, die wie Eintagfliegen die ſtrahlenden Ball⸗ ſäle zu durchflattern pflegen. Diesmal beſtanden die Cavaliere aus lauter Helden; da war keiner, an deſſen Namen ſich nicht ein Sieg oder eine ruhmvolle Waffenthat knüpfte. Es war der Kriegsruhm des jungen Frankreichs, der hier verſammelt war, es war das heldenvolle claſſiſche Alterthum in ſtrahlender neu⸗ franzöſiſcher Generalsuniform. Der männlichen Kraft und Würde gegenüber bot die Anmuth der blendenden Damenguirlanden einen um ſo intereſſantern Anblick dar. Was nur Jugend und Schönheit, Reiz und Grazie, und eine bezau⸗ bernde Toilette hervorzubringen vermag, war hier vereinigt. Das Auge konnte nicht müde werden, dieſe blumenhaften Sylphiden, dieſes Himmelreich ir⸗ diſcher Engelgeſtalten immer von Neuem zu über⸗ ſchauen. Es war, als hätten ſich Ares und Aphrotide vereinigt, ihrem Hofſtaate einen Ball zu geben. Immer näher und näher tönende Fanfaren der in gewiſſer Entfernung von einander außerhalb auf⸗ geſtellten Trompeterchöre verkündeten die Ankunft des Kaiſers. Die Flügelthüren ſprangen auf, und ſo wie der Gefeierte in den Saal trat, begannen zwanzig Mu⸗ ſikchöre den großartigen Triumphmarſch, und ein Meer von Tönen durchwogte die glänzenden Räume. Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 13 194⁴ Napoleon ging wie gewöhnlich ganz einfach ge⸗ kleidet. Er trug die Obriſtenuniform ſeiner Fußgarde, vlau mit weißen Aufſchlägen, auf der Bruſt das große Band der Ehrenlegion. Er ſtach gegen den Glanz ſeiner Marſchälle auffallend ab, doch wurde das Erhabene ſeiner Perſönlichkeit durch dieſe Einfach⸗ heit nur gehoben. Die Hände auf dem Rücken durchſchritt er die glänzenden Gruppen; hier und da blieb er ſtehen und unterhielt ſich mit ſeinen alten Kriegskameraden. Man ſprach von Lodi, den Pyramiden, von dem uebergange über die Alpen und Marengo. Blut⸗ und ruhmvolle Erinnerungen erwachten da in mancher Bruſt. Doch konnte ſich der Kaiſer wiederholt eines Lächeln nicht erwehren, wenn er ſah, wie viele dieſer ſchlachtergrauten Recken ſich dermaßen in kindiſcher Eitelkeit gefallen konnten. Namentlich war dies bei dem tapfern Marſchall Augereau der Fall. Dieſer hatte ſich zwar von Paris eine völlig vorſchriftgemäße Marſchalls⸗Uniform kommen laſſen, doch ſich bei der Decoration derſelben zu ſehr dem eitlen Geſchmack ſeines Schneiders überlaſſen. Die von violettblauem Sammet angefertigte Uniform dieſes einſt ſo eifrigen Republikaners ſtarrte von überladener Goldſtickerei. Die weißatlaſſenen Beinkleider waren ſelbſt an den Knieen reich mit Gold durchwirkt. Dazu trug der Marſchall ſeidene, an den Knöcheln durchbrochene Strümpfe. Nun denke man ſich zu dieſem Glanze einen außerordentlich langen, pomadiſirten und wohl⸗ gepuderten Haarzopf, große breite ſilberne Ohrringe und einen republikaniſchen Säbel von antiker Form. Selten konnte ſich das Gemiſch von plebejiſcher Char⸗ latanerie und ariſtokratiſcher Nachäfferei treffender kund geben. Als er den Kaiſer mit einer Verbeugung nach 195 alter Hofſitte begrüßte, konnte ſich dieſer des lauten Auflachens kaum enthalten. „Guten Tag, guten Tag, alter Sergeant⸗Major der republikaniſchen Armee,“ ſprach er,„Du ſcheinſt Dich für den zerriſſenen Mantel und den abgetragenen Waffenrock, den Du bei Arcole trugſt, heut' entſchä⸗ digen zu wollen. Ja, ja, Kleider machen Leute, das iſt ein altes Sprichwort, das ſich heut auch an Dir beſtätigt.“ Die Eitelkeit des Marſchalls erhielt durch dieſe Worte einen harten Schlag, und der ehemalige Re⸗ publikaner mußte ſich deshalb noch manches Witzwort ſeiner weniger eiteln Waffengefährten gefallen laſſen. Nachdem der Kaiſer auch einige der Eſtraden ent⸗ lang geſchritten, wo die Damen ſaßen und er dieſer oder jener, die ſich durch Geiſt, Schönheit oder ge⸗ ſchmackvolle Tilette beſonders auszeichnete, einige ver⸗ bindliche Worte geſagt, trat er zu Madame Ber⸗ trand, der Gemahlin des Großceremonienmeiſters beim heutigen Feſte, und forderte ſie zu einem Wal⸗ zer auf. Die liebenswürdige Pariſerin folgte geſchmeichelt ihrem hohen Tänzer. Dieſer ſchnallte ſeinen Degen ab, und ihn einem in der Nähe ſtehenden Obriſten hinreichend, gab er zu verſtehen, denſelben einſtweilen in Empfang zu nehmen. Der Obriſt, der ſich durch dieſes ihm vom Kaiſer zugemuthete Amt verletzt glaubte, nahm den Degen nicht an und erwiederte ſtolz, daß er einen Kammerdiener Seiner Majeſtät herbei rufen werde. Mehre Generäle, dieſen großen unverantwortlichen Verſtoß bemerkend, traten augenblicklich herbei und empfingen die Waffe des Kaiſers. Letztrer würdigte 18 196 den Oberſten keines Blickes und trat mit Madame Bertrand den Tanz an. Die Muſikchöre der alten Garde ſtimmten einen der anmuthigſten und beliebteſten Walzer der dama⸗ ligen Zeit an. Doch wie lieblich und tanzbelebend auch die Töne daher wehten, und wie leicht, ſylphen⸗ haft und graziös die ſchöne Tänzerin auch daher ſchwebte, trat der Kaiſer bereits nach zweimaligem Herumtanzen ab. Er liebte ein Vergnügen nicht, das nur für flüchtigen Rauſch berechnet war. Bald darauf verließ Napoleon ſtill und ge⸗ räuſchlos das glänzende Feſt, wo jetzt erſt die unbe⸗ ſchränkte Freude, die durch die Ehrfurcht vor der An⸗ weſenheit des Monarchen in Grenzen gehalten wor⸗ den, losbrach. Das Knallen der Champagnerpfropfe vervielfältigte ſich, die Unterredung ward belebter, lauter, die Muſik rauſchender und die Tanzpaare ſchwebten in beflügelter Eile dahin. Als der Kaiſer nur in Begleitung zweier ſeiner Adjutanten die äußerſten Gemächer durchſchritt, welche nach dem Ausgange führten, bemerkte ſein Adlerblick in der Vertiefung eines Fenſters einen jungen Mann, der ſcheinbar theilnahmlos an dem Feſte nach dem Himmel ſchaute. „Wer iſt dieſer Aſtronom?“ frug Napoleon, indem er auf die dunkle Geſtalt zu trat. Es war Armand, der etwas überraſcht, plötzlich den Kaiſer vor ſich erblickte. „Warum tanzen Sie nicht?“ ſprach letzterer,„ich mag die philoſophirenden Militärs nicht leiden.“ „Laut Ordre Seiner Excellenz, meines Chefs, hab' ich hier ſeine Befehle zu erwarten,“ lautete die beſcheidene Antwort des Jünglings. „Das iſt etwas Anderes,“ verſetzte Napoleon; — 197 „aber Sie müſſen tanzen, ſagen Sie dem Marſchall, er ſoll Sie tanzen laſſen.“ „Laut des Programms,“ ſprach Armand,„kön⸗ nen nur Corps⸗Commandanten an dieſem Vergnügen Theil nehmen.“ „Bah,“ erwiederte der Kaiſer,„auf die Adjutan⸗ ten der Chefs kann das keine Anwendung finden.“ Er wandte ſich hierauf zu einem der ihn beglei⸗ tenden Generale: „Savary,“ ſprach er,„machen Sie Bertrand bemerklich, daß ich es gern ſehen würde, wenn man die dienſthabenden Adjutanten von dem Ballvergnügen nicht ausſchlöſſe.“ Halb für ſich ſetzte er hinzu:„Ich glaube, die Damen werden mir dies Dank wiſſen.“ Savary entfernte ſich eiligſt, um den Wunſch des Gebieters, der bei der Armee ſo viel galt wie der gemeſſenſte Befehl, dem Oberceremonienmeiſter, dem General Bertrand, zu überbringen. Napoleon heftete wieder ſeinen Blick auf Ar⸗ mand, der fortwährend in kerzengrader militäriſcher Stellung vor ihm ſtand. „Alſo machen Sie ſich heute noch luſtig,“ ſprach er,„der Soldat ſoll nicht zu viel träumen; übrigens erwarten Sie mich binnen drei Wochen in den Tuilerien.“ Nach dieſen Worten verließ er mit Rapp, der jetzt ſein einziger Begleiter war, ſchnellen Schrittes das Gemach und ſtieg in den Wagen, welcher ihn im Verlauf von wenigen Minuten nach der kaiſerlichen Barake brachte. Unterdeß hatte jener Obriſt, welcher in ſeiner Aufgeblähtheit ſo taktlos geweſen, dem Kaiſer gegen⸗ über einen höchſt unzeitgemäßen und abgeſchmackten 198 Stolz zu zeigen, von ſeinem Corps⸗Commandanten bereits den wohlverdienten Verweis erhalten, als ihm ein Adjutant des Kaiſers plötzlich den Befehl über⸗ brachte, binnen zwölf Stunden ſich reiſefertig zu hal⸗ ten, um mit der nächſten Eskadre nach den Antillen abzugehen, da er auf Domingo ein Commando er⸗ halten werde. Als dieſer Act zu ſtrafen bekannt wurde, be⸗ dauerten Einige den Oberſten; die Meiſten aber fan⸗ den dieſe Beſtrafung eben ſo gerecht, als des Kaiſers würdig. Armand, welchen ein Befehl ſeines Chefs zeit⸗ her in eine der dem Ballſale am abgelegenſten Vorhallen gebannt hatte, um etwaiger Befehle gewärtig zu ſein, wurde plötzlich zum Marſchall Soult entboten. Dieſer ſaß in einem der unmittelbar an den gro⸗ ßen Saal angränzenden Salons und war wie ein tür⸗ kiſcher Paſcha von lauter jungen und ſchönen Damen umringt, welchen er theils auf galante Art den Hof machte, theils ſie durch anmuthige Anekdoten, die er ſehr gut vorzutragen verſtand, auf das Angenehmſte unterhielt. So wie Armand eintrat, erhob ſich der Mar⸗ ſchall und kam ihm einige Schritte entgegen. „Benachrichtigen Sie den Hauptmann Leplait,“ ſprach er,„daß er Sie ablöſe, Sie ſelbſt haben von jetzt an Urlaub und Muße, ſich die Ballherrlichkeiten in Augenſchein und an allen Ergötzlichkeiten ungeſtört Theil zu nehmen.“ Der Jüngling dankte für dieſe Gnade, obſchon er recht gut wußte, daß er ſie einzig und allein der mächtigen Fürſprache des Kaiſers zu danken habe. Armand ſtand nämlich ſeit einiger Zeit mit dem Marſchalle nicht auf dem beſten Fuße. Obſchon er ⸗ 199 ſeine geheime Sendung zu großer Zufriedenheit deſ⸗ ſelben vollzogen, und man auch ihr allein die Vor⸗ ſichtsmaßregeln gegen den jungen Fournier, die ſich ſo zweckmäßig erwieſen, zu verdanken hatte, ſo hielt es doch Soult für Nachläſſigkeit von Seiten Ar⸗ mand's, daß er nicht einen einzigen der Verſchwö⸗ rer anſichtig geworden. In mehren Unterredungen, welche von den Zweien deshalb geflogen worden wa⸗ ren, hatte ſich der Herzog ſelbſt nicht ohne Empfind⸗ lichkeit ausgeſprochen. „Entweder,“ waren ſeine Worte geweſen,„wol⸗ len Sie die Verbrecher nicht ſehen, was ich nicht glauben will, oder Sie beſitzen das ſchlechteſte Perſo⸗ nengedächtniß, das mir je vorgekommen; denn Hun⸗ dert iſt gegen Eins zu wetten, daß ſich von jener zahlreichen Bande in Boulogne und der Umgegend nicht Einige umhertreiben ſollten.“ Armand befand ſich daher in letzterer Zeit in einer höchſt unangenehmen Lage. Er war gezwungen, den Denuncianten zu machen, ein Amt, das ihm in tiefſter Bruſt zuwider war, und gleichwohl konnte er Niemanden anzeigen, ſelbſt wenn er den beſten Wil⸗ len dazu gehabt hätte; denn mochte er auch noch ſo oft die Straßen, öffentlichen Plätze, die Gaſthöfe und Reſtaurationen von Boulogne durchſtreifen, nimmer wollte es ihm gelingen, auch nur Einen von jenen Verſchwörern aus dem Fiſcherdorfe anſichtig zu wer⸗ den. Er ſelbſt war der Meinung, daß ſie ſich ſämmt⸗ lich nach Paris gewandt haben müßten, um von dort aus ihre verbrecheriſchen Pläne in's Werk zu ſetzen. Trotz des erhaltenen Urlaubs und der Erlaubniß, auch am Tanze Antheil nehmen zu dürfen, war Ar⸗ mand doch viel zu beſcheiden, als ſich in die glän⸗ zenden Gruppen hochgeſtellter Stabsoffiziere zu drän⸗ 200 gen. Er begnügte ſich daher, ſeinen Gedanken nach⸗ zuhängen und den ſtillen Beobachter zu machen. Hauptſächlich beſchäftigten ihn die Worte des Kaiſers:„In drei Wochen erwarten Sie mich in den Tuilerien!“ Er zerbrach ſich vergebens den Kopf, was es damit für eine Bewandtniß haben könnte. Seine Stellung als Militair knüpfte ihn ununterbro⸗ chen an die Perſon des Marſchalis Soult, deſſen Ad⸗ jutant er war. Soult commandirte das Lager von Boulogne. Auf welche Art war nun zu erklären, daß er den Kaiſer in drei Wochen in den Tuilerien erwarten ſollte. Ein Aufenthalt in Paris ſelbſt wäre ihm gar nicht unangenehm geweſen, und zwar in mehrfacher Hinſicht. Erſtens kannte er dieſe Haupt⸗ ſtadt, welche auf jeden Franzoſen eine ſo ungemeine Anziehungskraft ausübt, faſt nur dem Namen nach, und dann hoffte er auch daſelbſt eher als in Byu⸗ logne— einen der Verſchwörer anſichtig zu werden. Es ward ihm dann Gelegenheit, ſich von dem Ver⸗ dachte der Nachläſſigkeit oder gar der Böswilligkeit, der mit Centnerſchwere auf ihn laſtete, zu befreien. Ja noch ein drittes Intereſſe, das er ſich kaum ſelbſt zu geſtehen wagte, erweckte ſeine Sehnſucht nach der Hauptſtadt, der Wunſch: vielleicht die engelhafte Er⸗ ſcheinung aus dem Garten von Bellevne, die wunder⸗ holde Florentine wieder zu ſehen. Wie manche liebliche Mädchenblume ſeit jenem verhängnißvollen Morgen auch an ihm vorüberge⸗ ſchwebt war, ſo war es doch keiner gelungen, jenes wunderbare Bild, das im Tiefinnerſten ſeines Herzens lebte, zu verdrängen, ja nur erbleichen zu machen. Auch diesmal, wo ein ſo reicher Mädchenhimmel ſich vor ihm öffnete, wo ſo viele liebliche, bezaubernde und verführeriſche Geſtalten ihn umgankelten, blieb 201 er jenem Weſen, das für ihn nur noch ein Ideal, eine holdſelige Traumgeſtalt war, in treuer Liebe ergeben. Vergebens waren all die leuchtenden Blicke, die hier und da aus ſchönen dunkeln, liebeſehnſüchtigen Augen zu ihm aufſchoſſen, vergebens all die feine und ſonſt ſo wohlberechnete Coquetterie, worin die Franzöſinnen alle Frauen auf Erden übertreffen. Der Jüngling war bereits mehre der dichtge⸗ drängten Gemächer durchwandelt, welche an den gro⸗ ßen Saal grenzten, in dem getanzt wurde. Sein Auge war faſt geblendet von dem unbeſchreiblichen Glanze der Perlen und Juwelen, womit viele der Damen überhangen waren, von dem ſtrahlenden Golde und den Diamanten der reichdecorirten Uni⸗ formen. Der Anblick grenzte wirklich an's Feenhafte. Dazu der Duft der zahlreichen Orangerien, Blumen und Guirlanden, welche dieſe feſtlichen Hallen reich⸗ lich ſchmückten; die glorienhafte Beleuchtung von mehr denn dreißig Kronleuchtern, deren Lichtmeer von den hohen Spiegelwänden tauſendfach wiedergeſtrahlt wurde; dazu der weiche beſeligende Strom ſüßer Melodieen, die von den Orcheſtern herabwehten. Alles grenzte an's Feenhafte, man glaubte ſich bereits der Erde entrückt und im Lande der Seligen zu leben. Gleichwohl durchwandelte Armand dieſe Zauber⸗ ſphäre ziemlich theilnahmlos. „Was hilft mir aller Sinnenrauſch,“ ſprach er für ſich,„wenn das Herz kalt bleibt;“ dabei gedachte er wieder an Florentinen, und das Bild des ſchönen Mädchens trat lebendiger denn je vor ſein inneres Geſicht. Er ſchaute träumeriſch, an einen der Pfei⸗ ler gelehnt, durch die offenſtehenden Flügelthüren nach dem großen Saale, wo ſich die zahlreichen Quadril⸗ len in maleriſchen Gruppen durcheinander ſchlangen. 202 Er ſchaute eine geraume Zeit dieſem bunten Gewirr zu, ols er plötzlich erſchrocken zurückfuhr und ein Eis⸗ ſtrom durch alle ſeine Glieder rieſelte. Er rieb ſich zu wiederholten Malen die Augen, als glaube er nicht recht geſehen zu haben, und eine auffallende Bläſſe überzog ſein Geſicht. Wenn ihm ſeine Augen nicht gänzlich täuſchten, ſo war in der Quadrille, die zunächſt der Saalthür getanzt wurde, ſo eben eine Dame vorüberchaſſirt, die Niemand anders ſein konnte, als Frau Eleonore von Poitiers. Nur einen Augenblick hatte er ihre Züge habhaft werden kön⸗ nen, aber dieſer war bei ſeinem ſcharfen Auge hin⸗ reichend, dieſe gefährliche Feindin Frankreichs und des Kaiſers ſogleich wiederzuerkennen. Noch immer wollte er ſich überreden, daß ſein Auge ihn getäuſcht habe, ja im Innern wünſchte er dies ſogar; als die vorige Tour der Quadrille ſich wiederholte, die ſchöne Frau abermals bei der offenen Saalthür vorüberſchwebte und bei ſo heller Kerzen⸗ beleuchtung, daß dem Jüngling kein Zweifel mehr übrig blieb. Armand befand ſich jetzt in der peinlichſten Lage von der Welt. Sollte er von der Anweſenheit die⸗ ſer Dame dem Marſchall ſofort Anzeige machen und ſich ſomit wenigſtens einigermaßen von dem Verdachte reinigen, in welchem er bei ſeinem Chef ſtand; aber war hier nicht ein höchſt ſtörender Auftritt zu be⸗ fürchten, bei welchem er als Urheber nicht eben eine glänzende Rolle ſpielte? Es ließ ſich zwar erwarten, daß man bei einer Verhaftung mit möglichſter Vor⸗ ſicht und Verſchwiegenheit zu Werke gehen werde, aber ganz ohne Aufſehen konnte die Sache nicht ge⸗ ſchehen, und daß ſeine Theilnahme und Mitwiſſen⸗ ſchaft endlich, wenn auch nicht erwieſener Maaßen, 203 ² doch dem Verdachte nach bekannt werden müßte, lag außer allem Zweifel. Wie leicht, daß er dann bei ſeinen Kameraden in den Geruch eines Militärſpions fommen konnte, daß man ſich von ihm zurickzog, ihn wie einen Verbrecher floh, ein Gedanke, der ihn er⸗ beben machte.— Alles dies durchflog mit Blitzes⸗ ſchnelle ſein Gehirn. Wäre es wenigſtens ein Mann geweſen, ein erwieſener Spion, den er durch ſeine Ausſage an das Meſſer lieferte; aber ein Weib, ein ſchwaches, ohnmächtiges Weib, die mehr Schwärmerin als Verbrecherin zu nennen, deren heldenmüthige Auf⸗ opferung für eine Idee unter andern Verhältniſſen eine Bürgerkrone verdient hätte, die er überdies heim⸗ lich belauſcht: dieſe ſollte er jetzt dem Henker auslie⸗ fern; und endlich wenn er ſich dennoch getäuſcht, giebt es nicht Beiſpiele, daß ſich Menſchen ſo ähnlich ſehen, wie ein Ei dem andern, Zwillingsbrüder und Schwe⸗ ſtern, welche die eigne Mutter nicht zu unterſcheiden vermag? Je länger er allen dieſen Gedanken nach⸗ hing, deſto peinlicher ward ſeine Lage. Erſt nach einigen Minuten, nachdem die erſte Ueberraſchung vorüber, gewann er wieder die erfor⸗ derliche Faſſung über das, was er zu thun habe, ru⸗ higer nachzudenken. Vor allen Dingen mußte ihm daran gelegen ſein, ſich von der Identität dieſer Per⸗ ſon zu überzeugen. Er war daher bemüht, ſo bald als möglich ſich durch die zahlreich verſammelten Zu⸗ ſchauer in den Saal zu drängen. Dies war nicht ohne Mühe zu bewerkſtelligen, denn alle Eingänge waren dermaßen von hoher Generalität beſetzt, daß es für den Subaltern eine höchſt mißliche Sache war, ſich hier Bahn zu brechen, zumal in einem Augen⸗ blicke, wo eine der intereſſanteſten und meiſterhaft ge⸗ tanzten Quadrillen die ungetheilte Aufmerkſamkeit * 204 aller Zuſchauer in Anſpruch nahm. Armand recog⸗ noscirte vergeblich eine Flügelthür nach der andern, nirgends war an ein Durchkommen zu denken, kaum daß ihm zuweilen zwiſchen den Köpfen der Vorder⸗ männer hindurch ein Blick in den Saal vergönnt war. Armand war endlich durch ſein Umherirren ſo übel angekommen, daß er nicht einmal mehr der Qua⸗ drille anſichtig werden konnte, in welcher Frau von Pvitiers tanzte. Der Tanz war ihm von uner⸗ träglicher Länge, die Touren wollten kein Ende neh⸗ men. Endlich erſchien das Finale, die Quarrés löſ'⸗ ten ſich auf und das Tanzpublikum wogte wie ein Meer durch einander; jeder Herr führte ſeine Dame nach ihrem Sitze zurück, und die entzückten Zuſchauer ſtrömten durch alle Thüren in den Saal, um dieſen oder jenen ihrer Bekannten und Bekanntinnen Schmei⸗ cheleien über den vortrefflich ausgeführten Tanz aus⸗ zuſprechen. Da gelang es auch Armand in den Saal zu dringen. Aber wie ſpähend auch ſeine Blicke umher ſchweiften, vergebens trafen ſie auf den ge⸗ ſuchten Gegenſtand. Er ſchritt wiederholt den pracht⸗ vollen Saal auf und ab, ſein Auge flog von Dame zu Dame; Alles vergeblich, er war gewiß, daß ſie ſich nicht im Saale befand. Nun begann Armand die angrenzenden Gemächer zü durchwandern. Ueber⸗ all begegneten ihm auf und abwandelnde Damen und Herren, alle ihm bekannte Generale und Obriſten entdeckte er nach und nach, alle ihm ſonſt Befreun⸗ dete, nur Frau von Poitiers war nirgends zu er⸗ blicken. „Sollte ſie ſchon den Ball verlaſſen haben?“ frug er ſich,„das iſt aber nicht denkbar, die Tänze haben kaum ſeit anderthalb Stunde begonnen. „Ach,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„hätte 205 mich doch der Kaiſer in meiner Fenſtervertiefung ru⸗ hig ſtehen laſſen, wo ich fern von dieſem betäuben⸗ den Leben und Treiben in ſtiller Abgeſchiedenheit zum Abendſtern aufſchaute, der in freundlichem Glanze über England ſtand, ich wäre dann all' dieſer Qual und dieſer Unruhe überhoben geweſen. „Und gleichwohl,“ ſprach er nach einigem Nach⸗ denken,„iſt es vielleicht ein Glück, wenn ich zur Ent⸗ deckung dieſer gefährlichen Feindin beitrage. Wer weiß, wen ſie bereits wieder mit ihren Netzen um⸗ ſpinnt, um ihm den Giftbecher zu reichen. Das Le⸗ ben des Kaiſers, das Glück des Vaterlandes ſteht auf dem Spiele. Iſt ſie nicht fanatiſch genug, wenn ſich kein Opfer mehr findet, mit Aufopferung ihres eigenen Lebens die unheilvolle That zu vollbringen? Einer Dame, wenn ſie darum bittet, dürfte Napo⸗ leon kaum eine Audienz abſchlagen. Was aber iſt das Leben einer Schwärmerin gegen das Leben eines Mannes, wie noch keiner über die Erde gegangen⸗ der berufen iſt, über Europa und die civiliſirte Welt eine neue Aurora herauf zu führen?“ Armand ſchauderte bei dem Gedanken, daß dieſe glühende Anhängerin der Bourbonen vielleicht erſchie⸗ nen ſei, um perſönlic das Verbrechen auszuführen, das den von ihr Geſanbten zeither nicht gelungen war. Er beſchloß ſofort, dem Marſchall Soult Anzeige davon zu machen, auf die Gefahr hin, ob er ſich in der Perſon getäuſcht habe oder nicht. Schon wollte er ſich auf den Weg machen, als er nachdenkend ſtehen blieb. Es fragte ſich nämlich, wie er Frau von Poitiers dem Marſchall kenntlich machen ſollte, da er ſie ihm nicht perſönlich zeigen konnte. Die wenigen Augenblicke, in welchen er ſie heute Abend hatte vorbeitanzen ſehen, waren nicht 206 hinreichend geweſen, um ſich ihre Toilette einzuprä⸗ gen. Nur ſo viel entſann er ſich, daß ſie ein Kleid von blaßblauer Farbe getragen. Aber wie wenig wollte dieſe Bezeichnung beſagen, wie viele Kleider von blaßblauer Farbe gab es nicht auf dem Balle. Daß ſie ferner auf dieſem Feſte, das von den Mar⸗ ſchällen Frankreichs dem Kaiſer Napoleon zu Ehren gegeben ward, nicht unter ihrem wahren Namen er⸗ ſchienen ſei, unterlag keinem Zweifel. Sonach blieb denn Armand nichts übrig, als nochmals die Säle und Gemächer zu durchwandeln, um die Feindin des Kaiſers ausfindig zu machen. Er begann alſo ſeine Runde von Neuem, und diesmal mit mehr Erfolg als das erſte Mal, denn kaum hatte er mehre der Salons durchſchritten, und ein kleineres, nur wenig erhelltes, Gemach, das mehr einen bloßen Durchgang bildete, betreten, als er die Geſuchte entdeckte. Doch wer malt ſein Erſchrecken! Frau von Poitiers ſaß hier in vertrautem Geſpräch mit einem Lieblinge des Kaiſers, dem General Ju⸗ not; doch ſein Schreck ging in Entſetzen über, als er einen zweiten Blick nach der Gruppe warf, und auf der andern Seite der Frau von Pvitiers ein Mäd⸗ chen erblickte, das ſich mit kindlicher Innigkeit an ſie anſchmiegte, und welches Niemand anderes war als— Florentine. Armand war eine Zeit lang mehr todt als leben⸗ dig. Er hatte nicht gewagt, das dunkle Gemach? wo die Drei auf einer Ottomane ſaßen, zu durchwandeln, ſondern war umgekehrt, und ſchwankte wie ein Träu⸗ mender durch die Menge, welche immer lebendiger und geräuſchvoller wurde. Mußte vorher ſein Zuſtand ſchon ein peinlicher genannt werden, ſo war er es jetzt in einem weit 207 höhern Grade. In welche unglückſeligen Conflicte war er gerathen. Florentine, dieſes himmelvolle Weſen, in welcher ihm ein neues ungeahntes Daſein aufgegangen, das Ideal ſeiner Träume, Florentine, in welcher er einen Genius, einen Engel Gottes ver⸗ ehrte, Florentine, für die er freudig Blut und Le⸗ ben zum Opfer gebracht hätte, dieſe war vielleicht die Tochter jener Mutter, welche er in Bereitſchaft ſtand dem Blutgerüſte zu überliefern. Neue Paare, die zum Tanzſaal eilten, wo die Muſik ſo eben die Introduction zu einer neuen Fran⸗ caiſe aufſpielte, ſtürmten an Armand vorüber. Er ward mechaniſch mit fortgezogen. Da ſah er ſoeben, wie einer ſeiner Kameraden, ein Adjutant des Ge⸗ neral Junot, Rochambeau mit Namen, mit dem er befreundet war, Florentinen nach dem Saale führte, während der General ſelbſt die Frau von Poitiers für den beginnenden Tanz engagirt hatte. Jetzt kümmerte ſich Armand weniger um die hohe Generalität, welche wieder die Saalthüre zu be⸗ lagern begann und er ſuchte, es koſte was es wolle, einen Stehplatz im Saale ſelbſt zu gewinnen, um nur Florentinen tanzen zu ſehen. Nach wiederholt miß⸗ lungenen Verſuchen gelang es ihm auch. Er traf gerade in dem Augenblicke ein, wo die Frangaiſe ih⸗ ren Anfang nahm. Wenige Schritte vor ihm ſchwebte Florentine wie die Erſcheinung einer ſchönern Welt rhythmiſch hin und wieder. Je länger der Jüngling dem Tanze zuſchaute, deſto mehr verliebte er ſich in den Engel. Sie ging einfach aber reizend gekleidet. Ein gazeartiges Roſakleid umſchloß die von Meiſter⸗ hand gezeichneten Formen. Die ſeidnen Locken, blos 208 von einer Schnur weißer Perlen umgürtet, umwogten in reizender Natürlichkeit das holdſelige Antlitz. Armand beneidete von ganzer Seele ſeinen Freund, welcher dieſe zartgeformte Hand erfaſſen durfte. Zum erſten Male in ſeinem Leben keimte eine leiſe Eiferſucht in ſeiner Bruſt. Seine Blicke waren wie von Zauberhand geleitet, nur auf Flo⸗ rentinen gerichtet, die auch im Tanze jene Liebens⸗ würdigkeit entfaltete, welche ihr ganzes Weſen um⸗ ſchwebte. Nicht ein leiſer Anklang von Coquetterie war zu bemerken; aber eben dieſe Natürlichkeit ge⸗ wann ihr alle Herzen. Mehre Stabsoffiziere, die Armand nicht kannte, und welche neben ihm ſtanden, ſchienen ebenfalls gro⸗ ßes Intereſſe an der holden Erſcheinung zu nehmen, wenigſtens ging dies aus ihrem Geſpräche hervor. „Ein wahrer Engel,“ ſprach der Eine,„wer ſie nur ſein mag? Von Boulogne iſt ſie nicht; die da⸗ ſigen Schönheiten kenne ich ſo ziemlich.“ „So viel mir bekannt,“ antwortete der Andere,. „iſt es eine Nichte der Gräfin von Schönburg, die dort mit dem General Junot tanzt; cbenfalls eine ſehr ſchöne Frau.“. „Der Name klingt nicht franzöſiſch.“ „Es iſt auch keine Franzöſin, ſondern eine Wie⸗ nerin, obſchon man darauf ſchwören wollte, ſie ſei in Frankreich geboren.“ Der eine Stabsoffizier richtete auf dieſe Worte ſeine Lorgnette nach dem Quarré, in welchem Junot mit der ſogenannten Gräfin von Schönburg tanzte. „Die Tante,“ ſprach er nach einer Pauſe,„macht der Nichte keine Schande, blendende Schönheit und grazienhafter Wuchs; aber wie kommt eine Wienerin nach Boulogne?“ 209 „Sie lebt dermalen in Paris,“ lautete die Ant⸗ wort,„und da ſie mit dem General Junot befreun⸗ det, ward ſie von dieſem zum Balle eingeladen.“ Armand, welcher durch dieſe Unterhaltung, die er Wort für Wort vernommen hatte, abermals zwei⸗ felhaft geworden war, ob er ſich nicht getäuſcht habe, beſchaute ſich abermals die Dame, von welcher die Rede war; aber wie er ſie auch fixirte, es blieb Frau von Poitiers, wenigſtens jene kühne Abenteuerin, deren Züge er in jener Nacht, wo ſie vom Kamin⸗ feuer erhellt wurden, deutlich genug in's Auge ge⸗ faßt hatte. Vergebens zerarbeitete er ſich den Kopf, auf wel⸗ che Weiſe ſie mit dem General ſo bekannt geworden ſein könne. Es unterlag ihm keinen Zweifel, daß ſie Junot, welcher für Frauenſchönheit nicht unempfind⸗ lich war, für ihre Zwecke zu gewinnen ſuche, obſchon an dieſem ergebenen Freunde des Kaiſers alle ihre Zauberkunſt verlorne Mühe war. Indeß je länger Armand über dieſe räthſelhafte Angelegenheit nachdachte, deſto mehr Licht erhielt er darüber. So entſann er ſich, daß jener Fournier auf Junot's Empfehlung um eine Audienz bei Na⸗ poleon nachgeſucht habe. Ferner wohnte Floren⸗ tine zu Bellevne, das ihm als Hauptquartier der royaliſtiſchen Partei geſchildert worden. Es war alſo entſchieden, daß dieſer Engel einer royaliſtiſchen Fa⸗ milie angehöre, und zwar einer ſolchen, die gegen die gegenwärtige Regierung Frankreichs intriguire. Er bebte vor der Gefahr, in welcher ſich dieſes arme Kind, das gewiß aller Politik fremd war, befand; und gleichwohl lag es in ſeiner Macht, Tante und Nichte in's Unglück zu ſtürzen; ja ſelbſt ſeine Pflicht forderte ihn dazu auf. Stolle, ſämmtl. Schriften. XX. 14 240 Die Frangaiſe war unterdeß zu Ende und Ro⸗ chambeau führte ſeine Tänzerin nach der rothſammet⸗ nen Eſtrade zurück, ſo daß ſie faſt unmittelbar neben dem Orte zu ſitzen kam, wo Armand ſtand. Der Adjutant Junot's, der ſich jetzt von Florentinen verabſchiedet hatte, gewahrte ſeinen Kameraden und Dutzbruder. „Engagire Dich mit der im Roſakleide,“ flüſterte er Armand in's Ohr,„ſie tanzt wie ein Engel.“ Seligkeit und Wehmuth zogen bei dieſen Worten durch Maillebois Bruſt. „Ich kenne ſie nicht,“ erwiederte er kaum hörbar. „So will ich Dich vorſtellen,“ verſetzte Rocham⸗ beau,„es wird Dich nicht gereuen.“ Armand, der eine ſo hohe Verehrung in tiefſter Bruſt für Florentinen nährte, daß er ſie gleich einer Heiligen anbetete, würde es für eine Sünde ge⸗ halten haben, ſich ihr ohne Umſtände zu nähern, wie wohl ſonſt auf Bällen der Fall vorkommt, aber, von dem Freund beſtürmt, gab er mit klopfendem Herzen ſeine Einwilligung und ließ ſich vorſtellen. Nun muß man geſtehen, daß Armand, wie faſt alle Franzoſen, ein gutes Mundwerk beſaß, und nicht leicht um Stoff zur Converſation verlegen war; als er aber jetzt dem reizenden Mädchen gegenüber ſtand, das ſein Herz vollkommen erobert hatte, war er wirk⸗ lich um Worte verlegen. Er hatte ihr ſo Viel, ſo unendlich Viel zu ſagen, und gleichwohl konnte er ſich auch durchaus auf keinen paſſenden Eingang befinnen. Um mit einem Engel ein Geſpräch anzuknüpfen, kam ihm Alles, was er ſagen wollte, ſo fade, proſaiſch, abgeſchmackt vor. Bei jeder andern Dame würde er nicht verlegen geweſen ſein. Er würde mit einer Schmeichelei über ihren Tanz, Toilette und ſo weiter 211 begonnen und bald den geeigneten Converſationston gefunden haben; Florentinen aber eine Schmei⸗ chelei zu ſagen, dafür ſaß ſie zu überirdiſch ihm ge⸗ genüber, das war ihm unmöglich. Er war ſich in ſeinem Leben noch nicht ſo ungelenk, ſo ungeſchickt, ſo wahrhaft geiſtesbankerott vorgekommen. Er bat um den nächſten Tanz, den ſie ihm freundlich zuſagte. Zu Armand's Glück ſtand noch Rochambeau bei ihm, welcher gleichſam ſeinen Dol⸗ metſcher machte. Florentine ſchaute mit ihren Blumenaugen wie ein junger Frühlingsmorgen zu Armand auf. Ein beſeligendes Lächeln ſpielte um ihren Mund. „Wiſſen Sie auch,“ begann ſie mit ihrer Glocken⸗ ſtimme, nachdem ihr Maillebvis von Rocham⸗ beau vorgeſtellt worden war, voller Heiterkeit und Unbefangenheit,„daß ich Sie ſchon geſehen habe und kenne?“ Dem alſo Angeredeten, der nicht anders glaubte, als das Mädchen rede von jenem Morgen im Parke zu Bellevue, fiel bei dieſen Worten das Herz vor die Füße. Er war nicht im Stande, eine Sylbe zu erwiedern, ſondern machte eine ſtumme Verbeugung. „Und zwar von einer recht ſchönen Seite kenne,“ fuhr Florentine unbefangen fort, auf das„recht ſchönen“ einen beſonderen Nachdruck legend. Armand, noch immer glaubend, ſie ſpreche von Bellevue, hielt jetzt ihre Worte für Ironie und ward immer beſtürzter. „Ich wüßte mich nicht zu entſinnen,“ ſtotterte er, „wo ich das Glück gehabt haben könnte—“ „Mich werden Sie freilich nicht geſehen haben,“ ſprach Florentine weiter,„da hatten Sie auch beſ⸗ ſere Dinge zu thun.“ 14* Armand athmete jetzt ein Wenig auf, er fing an zu begreifen, daß von dem Morgen im Parke unmöglich die Rede ſein konnte. Das Mädchen fuhr mit vieler Freundlichkeit fort: „Waren Sie denn nicht jener Offſizier, der ehe⸗ geſtern auf dem Hafendamme das kleine Mädchen ret⸗ tete, das Gefahr lief, von den zwei wild gewordenen Pferden überfahren zu werden?“ Jetzt fiel dem Jüngling ein großer Stein vom Herzen. Er bekannte mit vieler Beſcheidenheit, daß er allerdings jener Offizier geweſen ſei. „Sie glauben gar nicht,“ geſtand das Mädchen mit liebenswürdiger Treuherzigkeit,„was ich und die gute Tante für Angſt um Sie ausgeſtanden haben. Unſer Wagen war nicht weit davon. Sie konnten leicht gerädert werden von den wüthenden Roſſen.“ Und wenn alle Engel des Himmels zu Armand geſprochen hätten, es würde ihm nicht lieblicher ge⸗ klungen haben, als dieſe Rede Florentinen's. Das Mädchen erzählte ihm jetzt, wie ſie ihn gleich wieder erkannt, als er vorhin dem Contretanz zugeſchaut habe. Armand ward endlich zu ſeinem unbeſchreibli⸗ chen Glücke inne, daß ſeine Herzenskönigin nicht in überirdiſchen Sprachen rede, wie er Anfangs geglaubt, ſondern eben ſo lieblich franzöſiſch parlire, wie andere ſterbliche Mädchen, und ſo bekam er allmälig auch Muth, ſein Wörtchen dazu zu geben. Sie hatte ihm in ih⸗ rer Unſchuld bereits ſo viel Schönes geſagt, daß er ein Eskimo hätte ſein müſſen, wenn er ihr nicht gleichfalls ein Compliment hätte machen wollen. Er ergriff alſo die Gelegenheit und bemerkte, wie wohl noch nicht ohne alle Schüchternheit, wie er nur nach Ihr in der vorigen Fransaiſe geſchaut, und daß er 213 dieſe Touren noch nie mit größerer Grazie habe tan⸗ zen ſehen. Bei dieſen Worten machte aber Floren⸗ tine ein ziemlich böſes Geſicht. „Spotten Sie,“ ſprach ſie,„ich weiß nur zu gut. daß es Spott iſt, wenn Sie mich wegen meines Tanzens loben, die Tante ſagt, daß ich gar keinen Anſtand und in den Unterrichtsſtunden noch gar Nichts profitirt habe; ſie wollte mich deshalb auch auf den heutigen prächtigen Ball nicht mitnehmen.“ Armand hatte jetzt nichts Angelegentlicheres zu thun, als ihr bei Himmel und Erde zu verſichern, daß die Tante ſich diesmal im vollkommenen Unrecht befinde. Florentine ſchien dieſen Betheuerungen nicht recht zu trauen, doch ſie auch nicht ungern zu hören. Sie wiegte mit reizender Naivität das Köpfchen und drohte lächelnd ein Wenig mit dem Finger. Armand's Leidenſchaft für den kleinen Engel ſtieg immer mehr. Hatte er Florentinen zeither nur als ein unerreichbares Ideal verehrt, ſo begann er ſie jetzt auch aus vollem Herzen zu lieben. Ein neuer Tanz begann. Ueberſelig eilte der glückliche Jüngling, an der Hand das geliebte We⸗ ſen, in die Reihen der Tanzenden. Ein neuer Him⸗ mel hatte ſich ihm erſchloſſen. In dieſem ſeligen Rauſche vergaß er Frau von Poitiers und ihre ſchwarzen Pläne. Er lebte nur dem Augenblick, wo ihm der Brunnen des Lebens in nie geſehener Schöne ſprudelte. Die ihm ſo oft wie ein holder Traum durch die Nacht des Lebens geleuchtet, hielt er jetzt als ſüße Wahrheit umfaßt und ſchwebte unter den Sphären⸗ klängen bezaubernder Melodieen durch die glänzenden Räume. 21⁴ Die Muſik ſchwieg; Armand führte ſeine Flo⸗ rentine, die wie eine junge Roſe blühte, nach ih⸗ rem Sitze zurück. Er ſchaute auf die Holderglühte, die ſich mit einem kleinen Perlenfächer Kühlung zuwehte und da⸗ bei zu dem beglückten Jüngling mit ihren ſchönen frommen Augen ebenfalls recht glücklich aufblickte. Noch immer glaubte er zu träumen, als ihn ein leiſes Klopfen auf die Schulter an die Wirklichkeit mahnte. Er wandte ſich, und vor ihm ſtand Herr von Rochambeau. „Der Marſchall Soult ſchickt mich ab,“ ſprach dieſer,„er erwartet Dich unverzüglich im dritten Salon rechter Hand.“ Bei dem Namen dieſes Marſchalls ward Armand nicht eben wohl zu Muthe. Der unverhoffte Befehl machte ihn ſtutzig. Er empfahl ſich daher Floren⸗ tinen. Sie verneigte ſich mit aller Lieblichkeit, noch einmal traf ihr Blumenblick ſein Auge, und fort ſtürzte er von den ſeltſamſten Gefühlen bewegt. In dem etwas abgelegenen Salon, Nummer drei, ſchritt der Marſchall Soult ganz allein auf und ab. Er hielt einen kleinen Papierſtreifen in der Hand, in welchem er zu leſen ſchien. Als Armand eintrat, drehte ſich Seine Exeellenz raſch nach ihm um und ſprach in nicht ganz freundlichem Tone: „Da es Ihnen hier im Lager durchaus nicht ge⸗ lingen will, einen der Verſchwörer anſichtig zu wer⸗ den, von welchen Sie doch behaupten, daß es Ihnen nicht ſchwer fallen würde, dieſelben ſogleich wieder zu erkennen, ſo iſt es der Wille des Kaiſers, daß Sie ſich unverzugs nach Paris begeben und dort ſo lange verweilen, bis Seine Majeſtät von ihrer Reiſe daſelbſt 215 eintrifft, wo Sie dann derſelben perſönlich Bericht er⸗ ſtatten werden, ob Sie in der Hauptſtadt glücklicher geweſen ſind, als hier. Wenigſtens verhoffen wir dies. Sie werden daher morgen Mittag abreiſen. Dem Balle können Sie übrigens noch ſo lange beiwohnen, als es Ihnen beliebt.“ Der Marſchall winkte und Armand war entlaſ⸗ ſen. Da entſtand in ſeiner Bruſt ein zwar nur au⸗ genblicklicher, aber furchtbarer Kampf. Sein Gewiſſen ſagte ihm, daß diesmal der Marſchall Recht habe, wenn er unzufrieden mit ihm ſei, und er war einen Augenblick unſchlüſſig, ob er die Anweſenheit der Frau von Poitiers auf dem Balle dem Marſchall nicht entdecken ſolle. Schon öffneten ſich ſeine Lip⸗ pen zu dem entſcheidenden Bekenntniß, zu der Anklage auf Tod und Leben, als Florentinen's Bild in ſeinem Innern auftauchte, ſo daß ihm das Wort auf der Zunge erſtarb. Er verneigte ſich ſtumm und ver⸗ ließ den Salon. Von den ſich widerſtrebendſten Gefühlen über⸗ mannt, eilte er halb bewußtlos durch mehre der be⸗ nachbarten Säle, um zu einem Entſchluß zu gelan⸗ gen. Er zerarbeitete ſich das Gehirn nach einem Aus⸗ kunftmittel, wie es ſich mit ſeinem Gewiſſen vereini⸗ gen laſſe, wenn er die Anweſenheit der Frau von Poitiers nicht verrathe. Er wandelte nach einem der äußerſten Zimmer, das von Niemandem beſucht war. Hier ſank er ermattet in die Ecke eines So⸗ pha's und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. Eine geraume Zeit verblieb er in dieſer Stellung; endlich ſprang er auf, ein glücklicher Gedanke hatte ſein Innerſtes durchleuchtet. Er wollte den General Junot, dieſen getreuen Freund des Kaiſers, zu ſeinem Vertrauten machen. Es ließ ſich vorausſehen, 246 daß dieſer wackere und erfahrne Krieger, da er mit Frau von Poitiers ſehr befreundet ſchien, Alles anwenden werde, die Gefahr, welche von Seiten der fanatiſchen Royaliſtin dem Haupte des Kaiſers drohte, zu beſeitigen, ohne die Frau von Poi⸗ tiers unmittelbar den Kriegsgerichten in die Hände zu liefern. Dem General ſelbſt mußte es ſehr er⸗ wünſcht kommen, wenn Armand dieſen Weg ein⸗ ſchlug, weil er außerdem leicht ſelbſt auf das Em⸗ pfindlichſte compromittirt werden konnte. Von dieſem Gedanken etwas beruhigt, kehrte er nach dem Tanzſaale zurück, weil ſein Herz ihn un⸗ willkürlich zur Geliebten zog. So wie er eintrat, be⸗ merkte ihn Florentine ſogleich und lächelte ihm in ihrer Unſchuld holdſelig entgegen. Der junge Ro⸗ chambeau ſtand noch bei ihr. „Nun, alter Freund,“ frug dieſer, als Armand wieder hereingetreten war,„was hatte denn der Mar⸗ ſchall ſo Eiliges?“ „Wir werden uns auf kurze Zeit trennen müſſen,“ erwiederte der Gefragte,„ich reiſe morgen bis auf weitere Ordre nach der Hauptſtadt.“ „Du Glicklicher,“ ſeufzte Rochambeau,„wer Dich begleiten dürfte; ich muß offen geſtehen, daß mir das Lagerleben nach gerade recht langweilig wird, ſo daß ich eine wahre Sehnſucht nach dem guten Paris empfinde, wo ſich's doch beſſer leben läßt als hier.“ „Nach Paris reiſen Sie?“ frug Florentine und holde Freude überſtrahlte das anmuthige Mäd⸗ chenantlitz,„das iſt ja recht ſchön; auch wir kehren morgen dahin zurück, da beſuchen Sie uns doch ein⸗ mal, nicht wahr?“ Armand betheuerte, und zwar aus Herzens⸗ grunde, daß ihm die Erlaubniß zu einem ſolchen Be⸗ ſuche zum höchſten Glück gereichen werde. Frau von Poitiers, welche aus der Entfernung bemerkt hatte, wie ihre Nichte ſich ſo angelegentlich mit zwei jungen Offizieren unterhielt, von welchen ihr nur der Herr von Rochambeau bekannt war⸗ ärgerte ſich, daß das Mädchen in ihrer Jugend und Unbefangenheit noch ſo wenig Takt und Weltton be⸗ ſitze, dergleichen Converſationen als unpaſſend zu ver⸗ meiden. Sie kam daher mit ſtolzem Anſtande den Saal entlang und ihrer Nichte auf eine feine Art einen Verweis ertheilend, durch welchen ſich jedoch weder Rochambeau noch Armand im Geringſten verletzt fühlen konnten, gab ſie Florentinen den Arm, und führte, ſich gegen die beiden Offiziere mit würdevoller Anmuth verbeugend, den kleinen Engel nach der Eſtrade im obern Theile des Saales, wo ſie in Geſellſchaft mehrer ältern Damen ſaß. Das arme Mädchen, welches keine Ahnung ge⸗ habt, daß ſie etwas Nichtſchickliches begangen, warf noch einen recht traurigen Blick auf Armand, und wandelte am Arme der Tante dahin. Sie erſchien Armand, an der Seite dieſer fanatiſchen und intri⸗ ganten Frau, wie ein Opferlamm, das zur Schlacht⸗ bank geführt wird. „Wer iſt nur dieſe Dame?“ frug jetzt Armand den Freund;„weißt Du etwas Näheres über ſie?“ „Ich weiß nur ſo viel,“ erwiederte dieſer,„daß ſie aus Wien ſtammt, Gräfin von Schönburg ge⸗ nannt wird, und von meinem General und deſſen Ge⸗ mahlin außerordentlich protegirt wird.“ „Ihre Nichte iſt ein Engel,“ ſprach Armand. „Ein liebes, unverdorbenes Kind,“ verſetzte der Andere,„man ſieht, daß ſie erſt ſeit Kurzem aus der 2¹8 Einſamkeit in die Welt getreten iſt; ſie hat ſich noch ganz die rührende Kindlichkeit bewahrt, welche ſo tief⸗ ſinnig zum Herzen ſpricht, und ſich gegen die raffi⸗ nirteſte Coquetterie wie Diamant zu einem geſchlif⸗ fenen Glaſe verhält. Indeß fürchte ich, daß ſich's ihre gnädige Tante angelegen genug ſein laſſen wird, das holde Naturkind alsbald zur faſhionablen Salon⸗ dame umzubilden.“ „Das engelgute Herz wird ſich darum nie ver⸗ leugnen können,“ verſetzte Armand mit vieler Wärme. Die beiden Freunde unterhielten ſich noch geraume Zeit über Florentinen. Armand konnte ſeiner Gefühle nicht ganz Meiſter bleiben, er ſprach ſich mit ſolchem Intereſſe aus, daß es Rochambeau nicht lange verborgen bleiben konnte, wie ſein Freund vom geflügelten Gotte ſehr ſicher getroffen ſei. Eine Polonaiſe, die ſich ſo eben in mannigfachen Windungen durch den Saal bewegte, brachte die bei⸗ den jungen Männer auseinander. Armand hatte jetzt nichts Wichtigeres zu thun, als ſeinen vorhin gefaßten Entſchluß in Ausführung zu bringen. Die Zeit drängte; er bedachte, daß er bereits morgen Boulogne verlaſſen müſſe. Sonach beſchloß er denn, den Ball zu verlaſſen, nach Hauſe zu eilen, und die ganze Angelegenheit mit Frau von Ppitiers ſchrift⸗ lich dem General Junot zu berichten. Vorher jedoch konnte er nicht umhin, den Lieb⸗ ling ſeiner Seele noch einmal zu ſehen und von ihm Abſchied zu nehmen. Er mußte ſich gedulden, bis die Polonaiſe zu Ende war, welche Florentine mit einem alten benarbten Oberſten der Kaiſergarde tanzte. Obſchon dieſer Tanz nicht länger währte, als die Regel vorſchrieb, ſo kam er doch Armand diesmal wieder wie eine Ewigkeit vor. Kaum waren daher die letzten Geigenſtriche verklungen und die Damen kehrten zu ihren Sitzen zurück, als ſich der Jüngling ziemlich ungenirt durch die Menge drängte und bald vor Florentinen angelangt war. Hier erheiſchte es denn der Anſtand, daß Armand vorerſt der gräf⸗ lichen Tante die Honneurs machte. Dieſe Frau ahnete nicht, daß in der Hand des jungen Mannes, der mit ſolcher Artigkeit zu ihr ſprach, ihre Freiheit, ja ihr Leben ſtand, und daß, wenn ſie gerettet wurde, ſie es nur dem Engel zu verdanken habe, der an ihrer Seite ſaß. Armand enpfahl ſich jetzt auch Florentinen. Doch dieſe war nicht mehr das unbefangene heitere Kind mit der roſenfarbenen Laune von vorhin. Die geheimen Lehren, die ſie nachträglich von der gnädi⸗ gen Tante erhalten hatte, ſchienen etwas herber aus⸗ gefallen zu ſein, als der ſanfte Verweis in Gegen⸗ wart Rochambeau's und Armand's. Sie war ernſt, faſt traurig, ihr Blick fiel wehmüthig auf Ar⸗ mand, gleichſam als flehe ſie zu ihm, daß er ſie be⸗ ſchützen möchte. Als er ſich verbeugte, erwiederte ſie die Verbeugung nur ſtumm; auch war von einem Beſuche in Paris keine Rede mehr. Der Jüngling entfernte ſich, und lange, lange, bis er durch die äußerſte Saalthüre verſchwand, blickte ihm Floren⸗ tine verſtohlen nach. Kaum war Armand in ſeinem Quartier ange⸗ langt, als er unverzüglich das Schreiben an den Marſchall entwarf. Er ging offen und ehrlich, doch auch nicht ohne Klugheit dabei zu Werke. Der Brief war auf eine Weiſe abgefaßt, daß der Schreiber in keine Gefahr lief, ſich zu compromittiren. Binnen zwei Stunden war Armand zu Ende. Er traf jetzt Sorge, daß der Brief dem Marſchall, ſollte er be⸗ 220 reits zu Hauſe ſein, ſofort zugeſtellt werde, außerdem unmittelbar nach ſeiner Heimkehr vom Balle. Wohl noch nie hatte ſich Armand in einem ſo aufgeregten Zuſtande zur Ruhe gelegt, als dieſe Nacht. Welche verſchiedenartigen und erſchütternden Eindrücke waren aber auch im Verlaufe weniger Abendſtunden auf ihn eingeſtürmt. Lange floh ihm aller Schlaf. Wüſte fieberhafte Phantaſieen zogen während eines träumeriſchen, halbwachen Zuſtandes an ihm vorüber. Es war ein Chaos unheimlicher, widernatürlicher Ge⸗ ſtalten; ein Kampf wilder Höllenmächte; große grüne Schlangen mit ſtiletſcharfen Zungen wälzten ſich durch Rauch und Flammen. Erſt gegen Morgen ſank er in einen beruhigenderen Schlummer. Die diüſteren Traumgebilde zerfloſſen, und von roſenrothen Wolken getragen ſchwebte Florentine daher, welche ihm holdſelig lächelnd einen Kranz von himmliſchen Roſen zuwarf. Noch ſchaute der ſo ſelig Träumende nach der verklärten Geliebten, als ihn eine Hand in die kalte Wirklichkeit zurückführte. Es war Jacgues, ſein Diener, welcher ihm meldete, daß er unverzugs zu Seiner Excellenz dem General Junot kommen ſollte. Armand ſagte nicht ohne Wehmuth dem ſchönen Traume Lebewohl, ſtand auf und kleidete ſich an. Nach Verlauf von einer Viertelſtunde befand er ſich bereits beim General. Dieſer trat ihm in einem ſehr aufgeregten Zu⸗ ſtande entgegen: „Sie haben mir da, mein lieber Maillebvis,“ begann Junot,„einen Dienſt erwieſen, den ich Ih⸗ nen nie vergeſſen werde. Ich bin auf das Empö⸗ rendſte hintergangen worden; man wollte meine Stel⸗ lung, wie ich jetzt einſehe, zu verbrecheriſchen Zwecken . mißbrauchen. Ihnen danke ich es, daß ich noch zeitig genug gewarnt worden bin. Indeß verdient die Sache die äußerſte Delikateſſe; wir müſſen mit größter Vorſicht zu Werke gehen, wollen wir Unglück verhü⸗ ten. Am Allerwenigſten dürfen wir der geheimen Polizei Aufſchluß über die gefährlichen Intriguen der Poitiers zukommen laſſen. Durch die Verhaftung dieſer Frau würden ſehr hochgeſtellte Perſonen und ſelbſt fremde Diplomaten auf das Enpfindlichſte com⸗ promittirt werden, was jetzt noch vermieden werden muß, wollen wir das Uebel in der Wurzel angreifen. Vor der Hand ſeien Sie verſichert, mein lieber Ka⸗ pitain, daß für das geheiligte Haupt unſers Kaiſers von Seiten der Pvitiers Nichts zu beſorgen iſt. Ich werde mich der Zügel des Complotts bemächtigen, indem ich den Verräthern glauben mache, als gehöre ich zu Ihnen. Ich habe mir die Sache bereits reif⸗ lich überlegt.“ Der General ging nach dieſen Worten einige Minuten in Gedanken vertieft auf und ab. Dann fuhr er fort: „Ganz recht, das wird das Beſte ſein; wir müſſen dem Feinde in die Karten ſehen, um der guten Sache wahrhaft zu nützen. Die Poitiers kehrt heute nach Paris zurück. Sie, mein lieber Kapitain, werden gleichfalls dahin abgehen. Das trifft ſich vortrefflich. Ich werde Ihnen Empfehlungsbriefe mitgeben, welche Ihnen die Salons der Intrigantin öffnen. Ich werde Sie als einen jungen Mann ſchildern, der vielleicht für die royaliſtiſche Partei zu gewinnen iſt. Richten Sie Ihr Verhalten darnach ein. Geben Sie ſich das Anſehen, als intereſſirten Sie ſich für ihre Nichte— dem Jüngling ward bei dieſen Worten wunderbar zu Muthe.— Suchen Sie,“ fuhr der General fort,„vor 222 allen Dingen über etwaige Attentate, die man vor⸗ haben ſollte, Licht zu erhalten. Genug, Ihr eigner Takt wird Ihnen das Weitere lehren. Schreiben Sie mir womöglich täglich. Die erforderlichen Papiere ſollen Ihnen binnen einer Stunde zugeſtellt werden; und ſomit reiſen Sie mit Gott, mein lieber Maille⸗ bois, und ſeien Sie überzeugt, daß Sie mich durch Ihre Mittheilung wahrhaft verpflichtet haben.“ Armand kehrte nach ſeinem Quartier zurück. Hier erſt überdachte er den ihm gewordenen Auftrag in ſeinem vollen Umfange. Abermals ward ihm, ganz wider Willen, die ihm ſo verhaßte Rolle auf⸗ gebürdet, das zu ſcheinen, was er nicht war. Er würde gewiß diesmal dieſe zweideutige Rolle, welche ihm der Marſchall zuertheilte, zurückgewieſen haben, hätte ihn nicht der Gedanke, Florentinen täglich ſehen und ſprechen zu dürfen, alle Bedenklichkeiten vergeſſen gemacht. Bereits nach zwei Stunden flog er in einem fe⸗ derleichten Cabriolet nach Paris. Fünfzehntes Rapitel. Es war eine dunkle, unfreundliche Nacht, der Him⸗ mel mit düſtren Wolken rings verhangen, nirgends ein Stern zu erblicken. Unheimlich ſtrich der Nacht⸗ wind vom Meere her gegen das Land, Hafen, Flotte und Baraken lagen in tiefer Finſterniß. Eine Tod⸗ tenſtille herrſchte, nur von Zeit zu Zeit durch den dumpfen Tritt einer Patrouille und das Anrufen der „ 223 Schildwachen unterbrochen. Alles ſchien wie ausge⸗ ſtorben, bis auf das eine Wachthaus der Seegarde, hart am Meere gelegen, wo noch ein einſames Licht ſchimmerte. Darin aber, in der gegen Sturm und Unwetter wohlverwahrten Wachtſtube ſaßen Guiſeppe, welcher heute die Wacht kommandirte, und Morland, der Sergeant der alten Garde, welchen der Jüngling auf einen tüchtigen Napf Matroſenpunſch eingeladen hatte. Die Gläſer dampften und der Sergeant erzählte mit vielem Wohlbehagen dem aufhorchenden Guiſeppe von den blutdunkeln Revolutionszeiten, von Jemap⸗ pes und Hohenlinden, von Lodi und Arcole, von den Pyramiden und Marengo, wo er überall dabei geweſen war. „Mein Junge,“ ſchloß der alte Grognard nicht ohne Selbſtgefühl die Beſchreibung des Ueberganges über die Alpen,„das waren Zeiten! „Wir rutſchten nun,“ fuhr Morland in ſeiner Erzählung fort,„die ſtachlichen Alpen hinab und marſchirten in das ſchöne Italien hinein. Da hätteſt Du unſre Grenadiere ſehen ſollen, Junge, Juchhei, ſo wohl war's uns lange nicht gegangen. Erſt nichts zu brocken und zu beißen, jetzt Orangen in Scheffeln. Da fällt mir aber eine ſchöne Geſchichte ein. Schenk einmal voll, braver Kerl, ſo was muß bei vollem Becher erzählt werden. Es war in der Schlacht von ja wie hieß ſie doch, es gab damals der Schlachten ſo viele, daß ſich der Teufel die welſchen Namen alle merken mag; kurz und gut, es war in einer Schlacht nicht weit vom Meere, ich entſinne mich noch deutlich, wie durch den Pulverdampf in der Ferne der blaue Spiegel glänzte, Schiffe oben drauf, alſo konnte das Meer nicht weit ſein. Wir — 22⁴ ſahen damals noch ziemlich dürftig aus, wie ein Volk gerupfter Spatze, hatten weder viel auf noch in dem Leibe, waren nicht lange erſt eingeruckt in Italia. Es war ein grauer Morgen, s iſt mir wie heute, die Schlacht noch nicht angegangen) wir marſchirten vald hier hin, bald dahin, die Kreuz und die Quer, um Terrain zu gewinnen; der Bonaparte war da⸗ mals auch noch ſo dürr, wie ein Sperling, hatte das Alles ſo angeordnet. Ich ſtand bei den Jägern zu Fuß, neben mir Francois Lyon aus Nieder⸗Bre⸗ tagne, Seegardiſte; den Lyon hätteſt Du kennen ſollen, alle Wetter, das war ein Kerl, ſchon als Junge Genie durch und durch, hörte das Gras wach⸗ ſen und die Mäuſe nieſen; der ſtand alſo neben. ir und marſchirte mit durch Dick und Dünn; aber ſein Blick, Seegardiſte, ſeinen Blick hätteſt Du ſehen ſol⸗ len, ein Luchs iſt eine Blindſchleiche dagegen, ſein Blick überall. Während wir marſchiren und da⸗ bei uns eben nicht viel dachten, zifferte er fortwäh⸗ ¹ rend und ſuchte heraus zu bekommen, warum wir gerade ſo und nicht anders marſchirten. An jenem Morgen nun trieb er's beſonders toll, war ſo ver⸗ tieft in ſeine Calculationen, daß er mir die Feld⸗ flaſche zurückgab, ohne daraus einen Tropfen getrun⸗ ken zu haben, und es war verdammt friſch jenen Morgen. Wir ſtanden juſt Gewehr im Arme auf einem Plateau; in der Ferne hatte der heilige Chriſt beſcheert, da ſtand der Oeſtreicher, wie ihn Gott ge⸗ ſchaffen hatte, der Länge lang an einen Wald ge⸗ lehnt, kein Mann fehlte. Wir konnten die Sache charmant überſehen. Lyon fraß den Feind ordent⸗ lich mit ſeinem Blicke. Es währte nicht lange, kam der damalige Bonaparte geritten auf einer kleinen 4 Falbe, keine zwanzig Schritt an der Front vorüber, —,— plagt den Lyon der Satan, ſpringt vor und prä⸗ ſentirt. Der Bonaparte hielt die Falbe an und fragt, was mit Lyon ſei.„Bürger⸗General,“ ruft dieſer,„auf jenen Hügel vier Kanonen,“ dabei zeigt er mit der einen Hand auf ein hervorſpringendes Ge⸗ virg, ganz in der Nähe gelegen. Der damalige Herr Bonaparte ſchien aber nicht ſonderlich gelaunt, es mochte ihn ärgern, daß ihm ein gemeiner Jäger gute Lehren geben wollte.„Zurück in Dein Glied!“ fuhr er den armen Lyon an. Ich hör' ihn noch ſchreien. Lyon kehrte zurück, ich aber ſagte zu ihm, das haſt Du für Dein vorlautes Weſen; das wird ein guter Leviten werden vom Obriſt. Lyon antwortete nichts, aber ſeine Blicke flogen nach wie vor über die feind⸗ lichen Schlachtlinien. Indeß mochte Bonaparte doch eingeſehen haben, daß der Jäger ſo unrecht nicht habe, denn bald ſahen wir richtig vier Stück Kanv⸗ nen auf den bezeichneten Hügel hinauf fuhrwerken. Ich vergeſſ es im Leben nicht, wie Lyon's Augen bei dieſem Anblick leuchteten.„Nun kriegen wir ſie,“ rief er voller Freude. Der gute Junge, es war ſein letzter Spaß auf Erden. Bald darauf ging die Pelz⸗ wäſche los und gleich eine der erſten Kugeln, die ihm durch den Kopf fuhr, machte ſeinen Caleulationen für immer ein Ende.“ Hier ergriff Morland ſein Glas, und mit Gui⸗ ſeppe anſtoßend, ſprach er:„Er ſoll leben, der brave Kerl, aber jetzt, Seegardiſte, vernimm den weitern Verlauf der Sache. Alſo die Pelzwäſche, wie geſagt, ging los und zwar tüchtig. Der damalige Bona⸗ varte fuhr wie ein Blitz umher, war bald hier bald da, ordnete und förderte, encouragirte und manövrirte, daß es eine Luſt war. Dabei pfefferten die vier Ka⸗ nonen, welche auf dem Hügel ſtanden, wie eine Höl⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XR. 15 226 lenbatterie und gaben der Sache den Ausſchlag. Schon am Nachmittag ſtand es wacklig mit dem Oeſt⸗ reicher, ein paar Stunden ſpäter hatten wir die Flucht; es war eine Hetze, wie ich lange nicht geſehen habe. Als aber Schicht war und die Armee auf dem Schlacht⸗ felde Anſtalt traf zu übernachten, ließ der Bona⸗ parte die geſammte Infanterie ein Viereck bilden, und als wir ſo ſtanden und einander anſahen, kam er ganz ruhig daher geritten bis in die Mitte vor. Dann frug er:„Wer der Soldat geweſen, der heute Mor⸗ gen aus der Linie getreten und zu ihm geſprochen habe? Er ſolle hervortreten.“ Ich ſprach leiſe für mich:„Sei fidel Lyon, daß Du todt biſt, jetzt wird Dir Dein Brot gebacken.“ Als Niemand antwortete, ſo wiederholte Bonaparte ſeine Frage, und als auch diesmal Alles mäuschenſtill blieb, frug er zum dritten Male. Da faßte ich mir endlich ein Herz.„Lyon,“ ſprach ich,„ich werde für Dich antworten, er könnte ſonſt denken, Du hätteſt keine Courage;“ und aus dem Gliede hervortretend, rief ich:„Bürger⸗General, nach dem Du verlangſt, der liegt bereits ſeit heute Morgen acht Uhr ein halbes Stündchen von hier und rührt ſich nicht mehr.“ Da kam Bonaparte lang⸗ ſam auf mich zugeritten und frug, wie er geheißen. „Frangois Lyon hat er geheißen, Bürger⸗General,“ antwortete ich,„aus Niederbretagne, dritte Halbbrigade, viertes Bataillon, Commandant Lafort.“„Wohlan,“ rief nun Bonaparte mit erhabener Stimme und ſeine Augen flammten:„man ſoll ihn als General begraben und ſeinen Namen in das goldne Buch der Republik ſchreiben. Vernehmt es denn, Soldaten der Armee von Italien, wenn ich geblieben wäre, ſo war er der Würdigſte, mir zu folgen!“ Ein donnerndes „Vive la république!“ war die Antwort der Armee, 227 die Fahnen wurden geſchwenkt, die Trommeln wirbel⸗ ten, die Trompeten ſchmetterten, aus weiter Ferne klangen die Donner unſerer Avantgarde, welche die Trümmer der öſtreichiſchen Armee verfolgte, und bald loderten die Feuer unſrer Bivouaks zu dem ſchönen Nachthimmel Italiens empor. Siehſt Du, Seegardiſte, das nennt man Krieg.“— Aber je länger der Sergeant auf dieſe Weiſe er⸗ zählte, deſto aufgebrachter wurde Guiſeppe. „Es iſt zum Raſendwerden,“ rief er erboſt, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend,„ſolche herrliche Dinge erlebt man heutzutage gar nicht mehr. Ich muß Euch offen geſtehen, daß ich dieſes müßige La⸗ gerleben herzlich ſatt habe. Es iſt zum Verzweifeln, dieſe Rothröcke fahren uns da Tag für Tag wie zum Hohne vor der Naſe herum und gleichwohl können oder dürfen wir ſie nicht packen.“ „Laß nur den Kaiſer erſt Alles hübſch arrangirt haben,“ tröſtete Morland,„dann giebt's einen Hauptſchlag, darauf verlaß Dich. Dermalen reiſt er im Rheingau und cajolirt die kleinen deutſchen Für⸗ ſten, um eine Schutzmauer zu haben gegen Oeſtreich und Preußen, welchen beiden nie zu trauen iſt. Hat er aber einmal den Ricken frei, dann, haſt Du nicht geſehen, auf den Engländer. Dieſe Tage iſt er in die Gruft zu Kaiſer Karl dem Großen hinabgekro⸗ chen; Seegardiſte, Hiſtoriker, weißt Du, wer dieſer Karl war?“ „Ei ja wohl,“ erwiederte Guiſeppe,„er herrſchte über Frankreich und Deutſchland zugleich.“ „Sehr richtig, mein Sohn,“ fuhr Morland fort,„nun ſiehe, dieſe Doppelherrſchaft mag dem Kaiſer gefallen. Drum hält er auch große Stücke 15* 228 auf jenen Karl und hat ihn beſucht in ſeiner Gruft zu Aachen; da liegt er nämlich begraben.“ „Nun kommt auch der Papſt nach Frankreich,“ ſprach Guiſeppe,„das will mir gar nicht gefallen, der wird dem Kaiſer gewiß recht in den Ohren lie⸗ gen, daß er bald Friede mache.“ „Ei, das glaube nicht,“ lachte der Sergeant,„der Papſt und Friede, geht es nicht gegen die Engländer, und ſind das nicht Ketzer? Es wundert mich übri⸗ gens von dem alten Jacob, daß er in Perſon nach Frankreich kommt, wo ſie vor zehn Jahren ſogar den lieben Herrgott davon jagten.“ „In Paris wird Leben werden zur Krönung,“ meinte Guiſeppe,„der Armand iſt doch ein wah⸗ res Glückskind, der wird ſich dort den ganzen Rum⸗ mel herrlich mit anſehen, während wir uns hier im Lager ennuyiren und uns über den Engländer ärgern.“ „Der Armand,“ erwiederte Morland,„ſcheint mir ſchon ſo ein Stück diplomatiſche Perſon, gar kein ächter Soldat mehr; er iſt ewig auf Reiſen, das will mir nicht gefallen, aber er wird ſeine Car⸗ riere machen. Iſt übrigens ein braver Junge, ſtöß an, Seegardiſte, er ſoll leben.“ „Ja wohl, ein braves Blut,“ verſetzte Guiſeppe, „er iſt der Geſcheidteſte unter uns dreien, hatte ſchon von Kindesgebeinen an einen offenen Kopf, die Lec⸗ tionen, die mir und dem Nap die meiſten Prügel einbrachten, waren ihm Spaß.“ „Ei, der Nap,“ rief Morland fröhlich,„das war ein poſſirlich Kerlchen, den möcht' ich gern wie⸗ der einmal ſehen.“ „Er wird uns die nächſten Ferien beſuchen,“ ſprach Guiſeppe,„ich freue mich auch recht auf ihn.“ 6 299 „Die ſtrenge Schulzucht wird dem Mutterſöhnchen nicht behagen,“ meinte der Sergeant. „Es iſt nur um ein Jahr zu thun,“ erwiederte der andere,„und ein guter Soldat muß frühzeitig gehorchen lernen.“ „Das iſt wahr,“ geſtand Morland zu,„übri⸗ gens, Du weißt, ich ſchmeichle nicht, ſeid Ihr alle Drei recht liebe Jungens; Euer Alter iſt in der That zu beneiden. Wohlan, er ſoll leben, mein alter Schul⸗ und Zeltkamerad; wir ſtanden mein Lebetag gut mit einander. Stoß an, Guiſeppe.“ „Und auch du, gute Mutter,“ fügte der gute Sohn hinzu. „Soll auch mit leben,“ rief der Sergeant,„alle mit einander, die ganze Familie Maillebois.“ Die Gläſer klangen diesmal herzhafter zuſammen, und auf Morland's Rath mußten ſie bis auf den Grund geleert werden, weil ſonſt die ausgebrachte Geſundheit nichts helfe. Der Sergeant machte ſo eben die Nagelprobe, als an dem einen Fenſter, das durch einen Laden ver⸗ ſchloſſen war, ein leiſes Klopfen vernehmbar ward. „Hörtet Ihr nichts?“ frug Guiſeppe,„ich dächte, es hätte an den Laden geklopft.“ „Was wird's geweſen ſein,“ antwortete Morland mit vielem Gleichmuth,„der Wind, nichts weiter.“ Guiſeppe lauſchte, da klopfte es zum zweiten Male und etwas ſtärker. „Nun, das war nicht der Wind,“ ſprach Gui⸗ ſeppe aufſtehend und nach der Thür ſchreitend. „Allerdings,“ bemerkte Morland,„das war der Wind nicht.“ „Wenn übrigens noch Saufauſe einſprechen ſoll⸗ ten,“ fuhr er in den Topf guckend fort,„ſo würde 230 ich unmaßgeblich rathen, dieſes Reſtchen einſtweilen unter die Bank zu ſchieben. Man hat vor dieſem Volke doch ſelbſt in der Nacht keine Ruhe.“ Ehe noch Guiſeppe die Thüre erreicht hatte, pochte es zum dritten Male und diesmal ſehr ver⸗ nehmlich. „Nun, Ihr werdet es erwarten können,“ brummte der Sergeant, und ſchob den Punſchtopf mit großer Vorſicht in eine Oeffnung der Barakenwand. Guiſeppe ſchritt jetzt bei der ſchnarchenden Wacht⸗ mannſchaft, die er als Gefreiter befehligte, und die in der zweiten Abtheilung der Barake am Boden lag, vorüber und trat vor die Thür; hier fand er Nie⸗ manden, als die einſame Schildwacht, die ihn zu er⸗ warten ſchien.. „Haſt Du gepocht, Leſtoque?“ frug er. „Ja, ich war es,“ verſetzte die Schildwacht,„ſebt einmal nach dem Meere, Maillebois.“ Guiſeppe ſchaute dahin, als er einen Augenblick wie verſteinert ſtehen blieb. Es war eine pechſchwarze Nacht, und mitten durch die Finſterniß, welche das Meer bedeckte, kamen wohl an ein Dutzend majeſtätiſche Feuerſäulen geſchwommen, welche weit in die Nacht hinaus leuchteten. Guiſeppe rieb ſich wiederholt die Augen, ob er auch recht ſähe, aber es war nicht anders, die Feuer⸗ ſäulen ſchienen, von einem leichten Weſtwinde getrie⸗ ben, der franzöſiſchen Küſte immer näher zu kommen. „Die Engländer müſſen ihre eignen Schiffe in Brand geſteckt haben,“ rief er verwundert über dieſes außerordentliche Schauſpiel. Kaum hatte er indeß dieſe Worte geſprochen, als bereits vom untern franzöſiſchen Lager her pfer Trommelton erklang. 231 „Alle Wetter,“ rief jetzt Guiſeppe,„die ſchla⸗ gen ja Feuerlärm,“ und er ſprang in die Schlafſtätte zurück, um die Wachtmannſchaft zu wecken. Worland hatte ſich unterdeß mit der größten Ruhe wieder ein Glas Punſch eingeſchenkt, das er eben mit vieler Behaglichkeit ausſchlürfte, als ihm der Lärm, den Guiſeppe verführte, zu arg wurde, ſo daß er etwas raſcher, als es wohl außerdem der Fall geweſen ſein würde, ſein Glas leerte und vor die Barake trat. Aber kaum hatte er einen Blick nach dem Meere geworfen, als er ausrief:„Heiliges Kreuz⸗Bomben⸗Bataillon, das find Brand S Pie Engländer wollen unſere Flotte verbrennen,“ und im geſtreckten Laufe eilte er nach dem Quartier ſeines Bataillons. Unterdeſſen raſſelten bereits zahlloſe Trommeln durch's ganze Lager. Trompeten ſchmetterten, Lärm⸗ kanonen wurden gelöſt. Raketen rauſchten als Sig⸗ nale an verſchiedenen Orten zum rabenſchwarzen Nachthimmel empor. Es war ein Lärm, ein Getöſe, als wenn das jüngſte Gericht hereinbräche. Das ganze franzöſiſche Heer trat unter Waffen und rückte gegen das Ufer. Die Unruhe und die Verwirrung im Hafen und auf der Flotte war wo möglich noch grö⸗ ßer als auf dem Lande. Dabei kamen die furcht⸗ varen, Tod und Verderben ſchwangeren Feuerſäulen immer näher. Zwiſchen den Flammen der Brander hindurch er⸗ blickte man die engliſche Flotte, zweiundfunfzig Segel ſtark, in Schlachtordnung, welche jetzt zu feuern begann. Der Contreadmiral Lacroſſe, der die franzöſi⸗ ſche Flotte commandirte, gab ſogleich den Befehl, daß ſich die als Vorpoſten aufgeſtellten Peniſchen und die 232 ihnen zur Deckung beigegebenen Kanonierböte auf die Schiffslinie zurückziehen ſollten. Zugleich befahl er ſämmtlichen Schiffscapitänen, den Brandern ſo weit als möglich auszuweichen und ſie zwiſchen den Schif⸗ fen, welche die Linie bildeten, hindurch gehen zu laſ⸗ ſen. Durch dieſes meiſterhaft und mit vieler Kühn⸗ heit ausgeführte Manöver gelang es auch, daß die erſte Abtheilung der furchtbaren Vulkane, die franzö⸗ ſiſche Schiffslinie paſſirte, ohne ſich zu entladen. Die nächtliche Seeſchlacht, blos von den grauſen⸗ haften Feuerſäulen erleuchtet, entwickelte ſich jetzt auf der ganzen Linie. Die Küſtenbatterien begannen zu feuern, die furchtbare Tour d'Ordre eröffnete ihr erderſchütterndes Gewitter. Die ganze franzöſiſche Küſte ſtand in Rauch und Flammen. Weithin durch die Nacht, bis hinüber nach Englands Geſtaden rollte ein ununterbrochener Donner, flammten zahl⸗ loſe Blitze. Die erſte der furchtbaren Vernichtungsmaſchinen, von den Engländern Catamarans genannt, welche die franzöſiſche Linie paſſirt hatte, ſchwamm jetzt Verderben ſchwanger auf die eine Küſtenbatterie zu, welche den Namen„Grenadierbatterie“ führte. Das ganze franzöſiſche Heer, die zahllos herbei⸗ geeilten Bewohner von Boulogne und der Umgegend blickten voll banger Erwartung auf die immer näher ſchwimmende Feuerſäule. Das kunſtreich im Innern der Maſchine ange⸗ brachte Uhrwerk, das ſich in einer kupfernen Kapſel befand, war jetzt abgelaufen, der letzte Schlag des Perpentikels mußte die Pulvermaſſe entzünden. Die Schlacht der beiden Flotten währte indeß ununterbrochen, der Donner der Küſtenbatterien rollte ohne Unterlaß, die Blitze flammten in Einem fort; 233 es war ein Schauſpiel, wie ſich's die kühnſte Phan⸗ taſie nicht furchtbar⸗ſchöner zu malen vermag,— plötzlich aber that ſich im vollſten Sinne des Wortes die Hölle auf; der eine Catamaran, der auf die Grenadierbatterie zuſchwamm, hatte ſich entzündet. Ein weißer Strahl, heller als Sonnenlicht, Meer und Land meilenweit hin einen Augenblick lang ver⸗ klärend, zuckte zu den Wolken; es erfolgte ein Schlag, daß das Meer empört auseinander ſprang und an den Felſenufern verzweiflungsvoll zum Himmel bäumte, daß in Boulogne die Fenſterſcheiben auf die Straßen klirrten, die Thüren aus den Angeln ſprangen und die Ziegel von den Dächern fielen. Gleichwohl richtete dieſe fürchterliche Exploſion unter den franzöſiſchen Schiffen keinen Schaden an. Es währte nicht lange, da ſprang der zweite Ca⸗ tamaran und zwar der ſogenannten„Kaiſer⸗Batterie“ gegenüber; der dritte zwiſchen dem Fort Croi und de la Creche, der vierte in der Gegend der Bom⸗ bardie⸗Batterie, aber ſämmtlich ohne die vom Feinde gewünſchte Wirkung hervorzubringen. Nach der Entladung dieſer vier Vulkane ſtellte die engliſche Flotte eine halbe Stunde lang das Feuer ein. Der Contreadmiral benutzte dieſe Stille, um die ganze franzöſiſche Linie zu durcheilen und einige Schiffe, die zur Vermeidung der Brander ihre Ankertaue hatten laufen laſſen, wieder an ihre Po⸗ ſten zu ſtellen. Der kühne Seemann befand ſich ſo eben in Be⸗ gleitung mehrer Kähne, worauf ſich Offiziere vom Generalſtabe befanden, auf der Höhe der Dünenbat⸗ terie, als er eine feindliche Brigg erblickte, deren Segelwerk ihm verdächtig vorkam. Er befahl ſogleich, auf dieſes Schiff Feuer zu geben. Kaum aber hatte 234 er ſich einen halben Piſtolenſchuß davon entfernt, als es in die Luft ging und eine Exploſion hervorbrachte, welche die der erſtern Catamarans noch bei Weitem übertraf. Abgründe thaten ſich auf, himmelhohe Waſ⸗ ſerberge ſtiegen zu den Wolken, viele Schiffe wurden von ihren Ankertauen geriſſen und die ganze franzö⸗ ſiſche Linie in Unordnung gebracht. Ein Theil des Generalſtabs des Marſchall Soult, welcher letztrer vom Meeresſtrande aus das furchtbare Nachtſtück mit anſchaute, ward aus den Sätteln ge⸗ hoben und zu Boden geworfen, ſo daß der Marſchall ſeinen Offizieren befahl, abzuſteigen. Trotz des gefährlichen Schauſpiels behielt er ſei⸗ nen guten Humor. „Die Engländer,“ ſprach er,„ſind doch erfinde⸗ riſche Leute; vor einem Jahre wollten ſie unſern Ha⸗ fen, der ihnen ein ſo großer Dorn im Auge iſt, verſchütten, diesmal haben ſie die Chemie zu Hülfe gerufen, unſre Flotte in die Luft zu ſprengen oder zu verbrennen. Ich wette, Herr Pitt ſteht mit ſei⸗ nem Dollond in Perſon auf der Terraſſe des Schloſ⸗ ſes Walmer, um ſich von unſerm Untergang mit eignen Augen zu überzeugen.“ Nach Verlauf von ungefähr einer halben Stunde begannen die Engländer das Feuer von Neuem. Ihr Angriff wandte ſich jetzt gegen den rechten franzöſi⸗ ſchen Flügel. Wieder ſprangen drei Brander unmit⸗ telbar auf der Höhe vom Hafen von Vimereux, zwei links von la Ereche, wieder zwei zwiſchen Chatillon und dem Fort de l'Heurt. Endlich der zwölfte und letzte auf der Höhe der kaiſerlichen Bat⸗ terie. Dieſer war der furchtbarſte von allen und hatte ſich dem Lande am Meiſten genähert. Die Ex⸗ ploſion war ſo außerordentlich, daß die Soldaten der 4 —— 235 Landarmee in allem Ernſte an ein Erdbeben glaub⸗ ten. Meilenweit ward Meer und Land von dem ent⸗ ſetzlichen Schlage erſchüttert. Es war halb vier Uhr des Morgens, als die Engländer das Feuer einſtellten und die Franzoſen Zeit gewannen, ihre Linte wieder herzuſtellen, ſo daß, als der Tag anbrach, die franzöſiſche Flotte unver⸗ ſehrt und kampfbereit dem Feinde gegenüberſtand. Das Reſultat der großen Unternehmung, wovon ſich ganz England den gewiſſen Untergang des Ha⸗ fens von Boulogne und der darin befindlichen Flotte verſprochen hatte, beſchränkte ſich auf die Zertrüm⸗ merung einiger franzöſiſcher Peniſchen und den Ver⸗ luſt von dreiundzwanzig Matroſen und vier Ma⸗ rineſoldaten. Zwei Brander liefen auf den Strand, der eine öſtlich vom Signalthurm von Ambleteuſe, der andere rechts von Vimereux. Beide waren unbeſchädigt. Beim erſten waren die Lunten verlöſcht, und beim zweiten ſollten ſie erſt durch die Kraft einer Feder, die noch nicht abgelaufen, entzündet werden. Vier Soldaten vom Vierundzwanzigſten der Linie bemäch⸗ tigten ſich zuerſt des Catamaran, riſſen die Lunten weg und verhinderten ſo die Exploſion. Beide Brander maßen ein jeder einundzwanzig Fuß der Länge, ſechs in der Breite und ſechs in der Höhe, und waren nach den Enden hin zugeſpitzt. Im Innern befanden ſich zwei Kammern, von denen die eine das Pulver, die andere das Uhrwerk enthielt. Am andern Morgen lavirte die engliſche Flotte vor dem Hafen von Boulogne, jedoch ohne die Schlacht zu erneuern. Das Admiralſchiff kehrte nach Dover zurück, um dem beſtürzten England die Kunde 236 von dem völligen Mißlingen der großen Unterneh⸗ mung zu überbringen. 5 William Pitt, dieſer große und unverſöhnliche Feind Frankreichs, nachdem er ſeinen Plan, auf wel⸗ chen ſo unermeßliche Summen verwendet worden wa⸗ ren und in Folge deſſen ein furchtbarer Schlag gegen die franzöſiſche Marine geführt werden ſollte, gänzlich geſcheitert ſah, ſann jetzt auf andere Hülfsquellen, den Kaiſer Napoleon zu bekämpfen, und er wendete ſeine Blicke wieder nach Wien und Sanct Petersburg. Ende des erſten Bandes. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. ———————— 2—————— ———— e1ů ↄenque