S — — —— Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur— Cduard Oltmann in Gießen, ſ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih und Teſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— f. 3 „ „ in⸗ und Zurückſendung 3„„„„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für d Zu der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und B vefecte Bicher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Vuch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i ver Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Jerdinund Stollrs ausgewählle Schriſten. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. Nennzehnter Band. Leipzig, Ernſt Keil. 1854. * 5 Samelien. Novellen und Erzählungen von Frrdinand Stullr. Zweiter Zand. Leipzig, n ſt e. 1854. Schlaf oder Tod. Stolle, ſämmtl. Schriften. KIK. 4 Des Nachmittaggewitter hatte ſich über den Wald zurückgezogen; ein erquickender Sommerabend ruhte über Berg und Thal. In ſeiner Jelängerjelieberlaube, von wo man weit über die Landſchaft hinausſchauen konnte, ſaß Cornelius, der Arzt der Gegend, und ſeine Blicke weilten mit der Ruhe des Weiſen auf der herrlichen Schöpfung. Er hatte den Plato, in welchem er geleſen, zugeſchlagen und erfreute ſich an dem friſchen Grün, an den Farben der ſtillen Blu⸗ men und dem Geſumme der Bienen. Auf fernem Berge, in der Gegend des Abends, flammte das durch den Blitz entzündete Wohnhaus eines friedlichen Weinbauers. Maleriſch ſtiegen die weißgrauen Wolken zum Abendhimmel weithin, wäh⸗ rend in dem großen Thale die Glocken der Menſchen⸗ freundlichkeit und des Hülferufs ertönten. Cornelius war der erſte geweſen, der ſeine ſämmt⸗ liche Hausgenoſſenſchaft, ſeinen thätigen und unſich⸗ tigen Pflegeſohn und Famulus Alban an der Spitze, den Hülfsbedürftigen zugeſchickt hatte. Nur er allein und ſeine Tochter Theodolinde waren zurückgeblieben. „Die Kurzſichtigen,“ ſprach der Arzt,„wie hart ſind ſie beſtraft; ſie ſind die Einzigen, welche meinen Rath, ſich mit der wohlfeilen und leicht herzuſtellen⸗ den Art Blitzableiter zu verſehen, in thörichter Sorg⸗ 4* loſigkeit belächelten; jetzt haben ſie den Zorn des Himmels zu büßen, während die ganze Gegend nur den Segen des Gewitters empfing.“ Wirklich war auch die ganze Landſchaft durch die Einführung des von Cornelius empfohlenen leicht her⸗ zuſtellenden Schutzmittels lange Jahre vor dem zůn⸗ denden Blitze verſchont geblieben. Die ſchöne Theodolinde trat in die Laube und ſchmiegte ſich liebend an den Vater. „Für ein Obbach iſt geſorgt,“ ſprach das Mäd⸗ chen;„die blaue Stube und die zwei Kammern über der Gärtnerwohnung werden Raum geben.“ „Wohl, meine Tochter,“ erwiederte der Arzt,„und ein gut Abendbrot—?“ „Steht ſchon bereit unter der großen Linde. Hab' auch ein Fläſchchen Wein dazu geſtellt,“ fügte ſie ſchmeichelnd bei;„die Armen werden ermattet ſein von Schreck und Arbeit.“ Cornelius' Auge ruhte mit Wohlgefallen auf den Zügen ſeines Lieblings. Er ſtrich das dunkle Haar von ihrer Stirn; als ein Reiter in die Kaſtanienallee daher ſprengte, bei der Gartenthür abſtieg und den Gang heraufeilte. Es war Alban, ein kräftiger, ſchöner Jüngling, mit offenem, einnehmendem Geſicht. „Gott ſei Dank!“ rief er, noch aufgeregt von thätiger Hülfeleiſtung,„das Häuschen iſt zwar zum Guckuck, aber Niemand verunglückt und alle Geräth⸗ ſchaften ſind gerettet. Unſere Leute kamen zur rechten Zeit und haben brav gearbeitet.“ Theodolinde blickte mit ſtiller Liebe auf Alban; aber plötzlich verdunkelte ſich ihr Auge. „Um Gott!“ rief ſie,„was iſt mit Deiner Hand?“ Der Gefragte zog jetzt ſeinen Arm, den er unter 6 dem Kragen des Oberrocks verborgen hatte und der mit einem Tuche umwunden war, hervor. „Verſengt ein wenig,“ lächelte der Jüngling, „weiter Nichts. Als ich Chriſtelchen, das jüngſte von Lindner's Kindern, das man in der Beſtürzung und Eile vergeſſen hatte, aus der Kammer holte, leckte die Flamme bereits nach der Wiege, worin das Kind lag.“ „Und Deine Locken ſind auch verletzt,“ fuhr Theo⸗ dolinde mit ängſtlicher Sorgſamkeit fort. „Nicht der Rede werth,“ verſetzte Alban; Corne⸗ lius aber gebot der Tochter, einen Verband von Baum⸗ wolle zu beſorgen. Das Mädchen eilte in das Herrnhaus zurück; Alban wandte ſich zum Pflegevater:„Wir müſſen durchaus,“ ſprach er,„morgen in aller Frühe einen Spaziergang machen, lieber Vater, Du ſollſt Deine Freude haben, wie das Gewitter die ganze Gegend nach der vierzehntägigen Dürre erquickt hat.“ Unterdeß war auch die rettende Dienerſchaft mit⸗ ſammt der abgebrannten Winzerfamilie nach dem Gute gekommen. Cornelius begab ſich nach dem grünen Platze un⸗ ter der Linde, wo er von den Winzersleuten mit Dankesthränen empfangen ward. Er nahm den alten Lindner mit ſich auf ſeine Stube. „Hier iſt Etwas für die erſten Bedürfniſſe,“ ſprach er, dem freudig Ueberraſchten eine Geldrolle in die Hand drückend.„Für das erforderliche Bau⸗ holz werde ich ſorgen. Ich ſtelle mir eine Bedin⸗ gung dafür: daß Ihr das neue Haus mit Ziegeln deckt und nicht wieder mit Stroh.“ Der Beſchenkte verließ überglücklich ſeinen Wohl⸗ 6 thäter und Thevdolinde meldete, daß die Erdbeerkalt⸗ ſchale in der Laube bereit ſtehe. Der Abend hatte ſeine Schatten herabfallen laſ⸗ ſen, nur der Abendſtern ſtand in lieblicher Schöne über den Bergen. „Wie glücklich iſt doch der,“ ſprach Alban,„der in den Stand geſetzt iſt, Andern Gutes zu tbun. Ich habe das heut' wieder recht erkannt. Wie glück⸗ lich haſt Du eine ganze Familie gemacht, guter Va⸗ ter, ohne daß es Dir große Opfer gekoſtet hätte. Hierin liegt der wahre Segen der irdiſchen Güter. Darum iſt mir der Geiz ein wahrhaftes Verbrechen.“ „Es giebt ja kein Verbrechen, mein Sohn,“ be⸗ lehrte ſanft der Arzt,„da jeder Sündhafte nur krank iſt, unſer Mitleid, aber nicht unſere Verdammung, unſern Haß verdient. Es giebt gewiß keine Unthat, wie fürchterlich ſie beim erſten Anblicke erſcheint, die, in ihrem Keime unterſucht, wenn auch keine Verthei⸗ digung, doch Entſchuldigung zuließe.“ „O mein Vater,“ entgegnete nicht ohne Aufre⸗ gung Alban,„dieſe ſchöne Lehre hat meinem Herzen immer ſo wohl gethan, und es iſt mir darum um ſo ſchmerzlicher, ſie auf die neue furchtbare Unthat, die ſich auf dem Falkenſtein zugetragen, nicht anwen⸗ den zu können. Ich habe oft darüber nachgedacht, welches wohl die höchſte Sünde hienieden ſein möchte, ich habe meine Phantaſie gemartert mit den grauſen⸗ hafteſten Miſſethaten; Gott ſei Dank, es waren nur Phantaſiegebilde; jetzt hat ſich aber im Leben ein Verbrechen ereignet, wie ich es kaum zu denken ver⸗ mochte.“ Cornelius ward aufmerkſam und Alban erzählte: „Der Graf von Falkenſtein, die Geißel ſeiner Unterthanen und leider unſer Nachbar, hat geſtern — 7 ſeinen greiſen Vater nicht einſchlafen und nicht ſter⸗ ben laſſen, bevor dieſer nicht den Ort genannt, wo er ſein Teſtament verborgen, und welcher nur dem Gerichtsverwalter und dem Pfarrer bekannt war. In dieſem Teſtamente war nämlich auch der andere Sohn aus des Grafen zweiter Ehe bedacht, von welchem Niemand weiß, ob er noch am Leben und wo er ſich aufhält. Es hat eine Scene gegeben, bei welcher jedem fühlenden Menſchen das Blut in den Adern erſtarrt. Der verwahrloſte Sohn hat gegen ſeinen halbtodten Vater eine Folter angewendet, wie ſie nur die raffinirteſte Bosheit zu erſinnen vermag. Der alte Falkenſtein ward in den letzten Tagen von einer faſt ununterbrochenen Schlafſucht heimgeſucht. Das Ungeheuer von Sohn, fürchtend, dieſer Schlaf könne in den andern übergehen, berechnete hiernach ſeine Folter. Er weckte den kranken, todtmüden Greis mit allen erdenklichen Qualen aus dem leiſeſten Schlum⸗ mer, hielt ihn fortwährend wach und erpreßte durch ſolch teufliſche Marter das Geheimniß. Vergebens hat der alte Mann um eine ruhige Sterbeſtunde ge⸗ fleht, zweimal vierundzwanzig Stunden hat die Fol⸗ ter gewährt; endlich als der Greis nicht länger zu widerſtehen vermochte, hat er mit empörtem Herzen und unter Verfluchung ſeines Peinigers den Ort, wo das Teſtament verborgen, genannt. Während der Bö⸗ ſewicht dahin eilte, den Schatz zu heben, iſt der alte Vater geſtorben.“ Cornelius ſchauderte, und Theodolinde hielt ent⸗ ſetzt die Hände gefaltet. Alban fuhr in ſchöner Auf⸗ regung fort: „Mich empört weniger die Unthat des Ruchloſen, von dem man nichts Beſſeres gewohnt iſt, als die Erbärmlichkeit der Dienerſchaft, die ſolch himmel⸗ 8 ſchreienden Frevel ruhig mit anſchauen konnte. Und war ich der niedrigſte Knecht und war es mein Un⸗ tergang, ich hätte den eignen Herrn zu Boden ge⸗ ſchlagen bei ſolcher Frevelthat. Wo die Geſetze aller Menſchlichkeit, der heiligſten Natur übertreten werden, können mich bürgerliche Geſetze nicht abhalten, von meinem erſten Naturrechte Gebrauch zu machen. Jetzt frage ich aber, wie eine rächende Vergeltung eine Strafe erſinnen will, für eine ſolche That?“ „Mein Sohn,“ ſprach Cornelius,„die gerechte Strafe wird nicht ausbleiben.“ „In der Ewigkeit, das glaub' ich,“ erwiederte Alban,„aber ich bin ſo empört, daß ich wünſchte, den Verbrecher ſchon hienieden gezüchtigt zu ſehen.“ „Das Bewußtſein der Schauerthat wird zeitig genug erwachen,“ ſprach Cornelius. „Ja, bei jedem Andern,“ fiel Alban ein,„nur nicht bei dieſem Falkenſtein, der iſt verſteint im In⸗ nern und läßt ſich trotz ſeiner Schandthaten kein graues Haar wachſen; zudem ſind ſeine Verbrechen der Art, daß ihm eine weltliche Gerechtigkeit nicht beikommen kann.“ Als am andern Morgen die Sonne über die erquickte Schöpfung heraufſtieg, wandelten Cornelius und Alban durch die herrliche Gegend. Ueberall zeigte der dankbare Boden von dem Fleiße ſeiner Bebauer. Da war kein Plätzchen, das nicht die Mühe des Säe⸗ mannes reichlich vergolten hätte. Nur weiter zur Lin⸗ ken, wo das Thal nach dem Flußbette ſich abdachte und die Gegend waldiger wurde, erhielt die Land⸗ ſchaft ein etwas dunkleres Colorit. Die ſparſamen Felder, die hier und da aus dem dunkeln Laubgrün 9 der Buchen und Eichen hervorblickten, ſchienen mit weniger Sorgſamkeit gebaut, und die zerſtreut liegen⸗ den Wohnungen zeigten von minderer Wohlhabenheit. Der ganze Bezirk gehörte dem Grafen von Fal⸗ kenſtein, deſſen Schloß finſter und alterthümlich, einer Raubburg des Mittelalters ähnelnd, von einem jähen Felſenhange herabſchaute. Die beiden Spaziergänger waren kaum auf das Gut zurückgekehrt, Cornelius befand ſich auf ſeinem Studirzimmer, als der alte treue Diener mit einer ſeltſamen Miene in's Zimmer trat, und den Grafen von Falkenſtein anmeldete, welcher den Arzt zu ſpre⸗ chen wünſche. „Graf Falkenſtein?“ frug Cornelius, ſeinen Oh⸗ ren kaum trauend, denn er lebte mit dem Grafen, den er als unverträglichen Nachbar genugſam hatte kennen lernen, ſeit Jahren in gerichtlichem Zwieſpalte. „Er ſelbſt,“ antwortete Bertram,„ich habe ihn in das Empfangzimmer geführt.“ Kopfſchüttelnd ſtand Cornelius auf, den unerwar⸗ teten Gaſt zu empfangen. So wie er eintrat, kam ihm der Graf mit widriger Freundlichkeit, der man das Gezwungene deutlich anſah, und mit ſchnellen Schritten entgegen. „Beſter Doctor!“ rief er,„wie glücklich preiſ ich den Augenblick, unſere zeitherigen Differenzen auf freundnachbarlichem Wege ausgleichen zu können. Wenn es nicht weit früher geſchah, ſo waren die Grillen meines Vaters, der nun in Frieden ruht, die alleinige Urſache. Ich habe es daher nach dem Ableben des alten eigenſinnigen Mannes für eine der erſten Pflich⸗ ten gehalten, die Hand zur Verſöhnung zu bieten.“ Cornelius, den eine gewiſſe innere Unruhe des Grafen nicht entging, verbarg den Widerwillen, den 10 er gegen ſeinen Nachbar empfand, ſo gut es gehen wollte, und nahm die Ausſöhnung in dem Maße an, als ſie ihm gebeten wurde. „Wie geſagt,“ ſchloß der Graf ſeine wortreiche Rede,„Sie haben Charte blanche, Herr Doetor, ich bin des albernen Streites längſt müde, betrachten Sie die ſtreitigen Punfte von dem Punkte, von wo Sie Ihnen am Genehmſten erſcheinen, und ſeien Sie meiner unbedingten Zuſtimmung überzeugt. Und nun kein Wort weiter darüber.“ Er brachte das Geſpräch ſcheinbar zufällig auf andere Gegenſtände und ſchlug bei dem ſchönen Vor⸗ mittage einen Gang durch den Park vor. Noch immer konnte ſich Cornelius das räthſelhafte Benehmen ſeines Gaſtes nicht erklären. Daß Alles nur Maske war, hinter welcher der Graf einen Plan barg, erſchien gewiß. Immer war es dem Arzte, als habe Falkenſtein ein Geſtändniß auf dem Herzen, das er aber nicht auszuſprechen wagte. Cornelins, nichts Gutes ahnend, beobachtete die größte Vorſicht unter würdevoller Höflichkeit. Die Zwei waren lange in den ſchattigen Gängen des Parks auf⸗ und abgegangen und die verſchieden⸗ artigſten Gegenſtände zur Sprache gekommen; Falken⸗ ſtein unterhielt leicht und angenehm; er wußte dem Unſcheinbarſten eine intereſſante Seite abzugewinnen. Den Tod ſeines Vaters erwähnte er nur flüchtig. Wiederholt bemerkte Cornelius, wie dem Grafen Worte, die er eben herausſagen wollte, auf den Lip⸗ pen erſtarben. Der Arzt hatte Wein bringen laſſen; der Graf ſtürzte mehrere Gläſer mit einer Haſt hinunter, die ſeinen ſonſtigen höfiſchen Sitten ſeltſam widerſprach. Bereits begann das Geſpräch Erſtern, der nicht gern — 14 die Zeit nutzlos verplauderte, zu langweilen und er wünſchte im Stillen, daß ſich Falkenſtein verabſchie⸗ den möchte, als dieſer plötzlich wie von ungefähr frug: „Glauben Sie an Träume, Herr Doctor?“ Der Arzt blickte fragend auf. Falkenſtein fuhr fort: „Sie werden als aufgeklärter Mann meine Worte lächerlich finden; aber ich habe da einen curioſen Traum gehabt,— lachen Sie, Herr Doctor— der mich faſt ein wenig abergläubiſch machen könnte.“ „Träume kommen von Gott,“ verſetzte Cornelius in ernſtem Tone. „Bah,“ lachte der Graf,„ſagen Sie Gebilde einer aufgeregten Phantaſie, Weingeiſter, Seifenblaſen.“ „Von welcher Art war Ihr Traum?“ frug Cor⸗ nelius, ohne auf den Spott des Grafen einzugehen. „Ach!“ fuhr Falkenſtein in forecirter Luſtigkeit fort: „lachen Sie mich aus, liebſter Doctor, daß ſich ein Freigeiſt wie ich, ein Welt⸗ und Hofmann, von einem Dunſtbilde hat Schrecken einjagen laſſen.“ „Lachen?“ antwortete Cornelius,„da ſollte mich Gott behüten. Gehöre ich auch nicht zu jenen ſom⸗ nambulen Schwärmern, ſo wird es mir doch nie in den Sinn kommen, über jene, aus dem innerſten Seelenleben hervorgehende räthſelhafte Traumwelt mich ſpottend zu äußern; aber darf ich fragen, worin der wunderbare Traum beſtand?“ Der Graf war ſihtbar ernſter geworden, wie ſehr er ſich mühte, ſo heiter und unbefangen als möglich zu erſcheinen.* „Sie werden vielleicht,“ erzählte er leicht hinge⸗ worfen,„von dem kleinen Rencontre gehört haben, das ich dieſer Tage mit meinem eigenſinnigen Alten zu beſtehen hatte. Durch ein ungerechtes Teſtament ſollte ich der Hälfte meiner Güter beraubt werden. Mein Papa, der mich ſein Lebtage ſtiefväterlich be⸗ handelt, wollte hierdurch ſeinen Grillen die Krone aufſetzen. Ich erſchöpfte vergeblich meine Beredtſam⸗ keit, ich bat und beſchwor, daß er zur Vernunft zu⸗ rückkehre— Alles vergeblich, ſo kamen wir ein wenig hart an einander. Das Gericht hat die Sache ſchlim⸗ mer dargeſtellt; es behauptet, ich habe meinen Vater zu Tode gemartert; kein Gedanke daran, der alte Mann hätte auch ohne den letzten Streit keinen Tag länger gelebt. Gleichwohl thut mir's leid, ſo in Unfrieden von ihm geſchieden zu ſein, obſchon er die alleinige Urſache davon war. Ich bin kein nerven⸗ ſchwaches Weib, aber man hat ſein Gefühl; dies wohl auch der Grund, daß mir mein Vater vorige Nacht im Traume erſchien, mir vorwarf, ich habe ihn nicht einſchlafen und ſterben laſſen; er verfluchte mich darum und warnte mich zugleich vor dem näch⸗ ſten Einſchlafen, dieſes werde mein Tod und zugleich meine Strafe ſein.“ Der Erzähler fiel nach dieſen Worten in ſeine gezwungene Luſtigkeit zurück. „Nun, kann ich nicht hochromantiſch träumen?“ rief er,„trotz einem Versmacher, der ſich mit hun⸗ gerndem Magen zu Bett gelegt hat?“ Cornelius hatte mit Schaudern die Erzählung des Vatermörders vernommen. Er war nicht im Stande, ein Wort zu erwiedern. „Ich bin nicht abergläubig,“ fuhr der Graf fort, „ich weiß, daß Träume Schäume ſind, aber trotz der räſonnirenden Vernunft kann ich mich eines leiſen Schauers bei dem Gedanken an ein Einſchlafen nicht erwehren. Wie, wenn der Satan ſein Spiel triebe; wenn die verwünſchte Traumviſion zur firen Idee 13 würde? Man hat Beiſpiele, daß das, was man ſich feſt eingebildet hat, zur Wahrheit geworden iſt.“ „Für dieſen Fall,“ entgegnete Cornelius,„würde ich Sie nur beneiden. Kann es etwas Schöneres ge⸗ ben, als im ſanften Schlummer zum beſſern Leben hinüber zu gehen?“ „Philoſophiſche Phraſen,“ grollte Falkenſtein,„ich danke dafür. Doch im Ernſt, Doetor, iſt der irdiſche Schlaf unentbehrlich für das Leben? Gibt es kein Mittel, ſich für immer des zeitraubenden Schlafs zu erwehren?“ „Keines,“ war die Antwort. „Jede Kunſt will erlernt ſein,“ fuhr der Graf fort,„mancher große Mann, dem die Zeit dauerte, die er verſchlief, hat den Schlaf auf drei, ja auf zwei Stunden beſchränkt und ſich dabei wohlbefunden; ſollte es nicht möglich ſein, auch dieſen kurzen Zeit⸗ raum zu überwinden?“ „Jeder Erdgeborne bedarf der Ruhe des Schlafs,“ ſprach Cornelius. „Der Ruhe, gut,“ ſprach Falkenſtein;„aber ge⸗ nügt nicht jener träumeriſche Halbſchlummer, der faſt Schlaf iſt, nur daß das Benußtſein nicht erliſcht?“ „Der Halbſchlummer wird endlich in den wahren Schlaf übergehen,“ ſprach der Arzt. „Aber ich mag, ich will nicht einſchlafen!“ rief Falkenſtein mit dem Fuße ſtampfend,„und ich will ſehen, wer mich zwingen ſoll.“ „Die Mutter Natur wird Sie zwingen,“ ant⸗ wortete Cornelius;„Niemand kann dem Schlafe wie dem Tode widerſtehen.“ Das ungebändigte Gemüth des Grafen, das kei⸗ nen Widerſpruch zu ertragen vermochte, brauſte jetzt in ſeiner natürlichen Wildheit auf: 14 „Aber ich will nicht einſchlafen,“ rief er ingrim⸗ mig,„ich will wach bleiben; der Menſch kann Alles, wenn er den feſten Willen hat, und ich habe ihn.“ „Sie ſind hier ſo ohnmächtig wie jeder andere Staubgeborne,“ ſprach ruhig der Arzt.„Es gibt der Beiſpiele genug, wo ſich Menſchen geraume Zeit wach erhalten haben, endlich mußten ſie doch dem unerbitt⸗ lichen Geſetz anheimfallen.“ Der Graf erkundigte ſich nach einigen ſolcher Bei⸗ ſpiele. „Wo Sorgen und heftige Aufregung des Ge⸗ müths jene Ruhe und jenes innere Stillſtehen der Seele, welches das Leben in den wohlthätigen Strom der mitgeſtaltenden Naturkräfte verſinken macht, nicht gönnt, ſondern ſich gewaltſam dem Bewegen dieſes Stroms widerſetzt, kann zuweilen wochenlang Schlaf⸗ loſigkeit eintreten. So ließ die Angſt einen Mörder in vierzehn Nächten nicht einſchlafen, obgleich er nach und nach vierzig Gran Opium genommen hatte. Ein an Melancholie leidendes Weib blieb ſechs Wochen lang ſchlaflos und ſelbſt die höhern Grade der Hyſterie haben ein mehre Wochen, ja bis acht Monate aus⸗ dauerndes Wachen hervorgerufen.“ Nicht ohne Zufriedenheit hatte der Graf dieſe Beiſpiele vernommen. Ein verzweifeltes Lächeln zuckte über ſein Geſicht. „Wohlan!“ rief er,„ſo will ich den Beweis führen, daß der Menſch auch ohne Schlaf exiſtiren kann; der Schlummer ſoll mich nicht überwältigen, es koſte, was es wolle. „Nennen Sie mir wenigſtens ein Mittel,“ fuhr er nach einer Pauſe zum Arzte gewendet fort,„wel⸗ ches mich nur ſo lange vor dem Schlafe bewahrt, bis ich meine Anſtalten getroffen habe.“ 15 Cornelius erfüllte ſeinen Wunſch, indem er ihm einige leichte Reizmittel namhaft machte. „Wohlan, Doctor,“ ſprach der Graf und ein unheimlicher Schatten flog über ſein gebräuntes Ge⸗ ſicht,„ſo wollen wir ſehen, wer da mächtiger iſt, jene langweilige Maſchinerie, die wir Natur nennen, oder der freie, denkende Geiſt, in dem der gewaltige Wille lebt.“ „Es iſt der Kampf der Ohnmacht mit der All⸗ macht,“ erwiederte der Arzt,„in welchem Sie bald unterliegen werden.“ „So ſei wenigſtens der Verſuch gewagt,“ meinte der Erſtere,„und Sie ſollen erſtaunen, bis zu wel⸗ cher Höhe ich's zu bringen im Stande bin.“ Er entfernte ſich nach dieſen Worten mit einigen kalten Höflichkeitsformeln und kehrte nach ſeinem Schloſſe zurück. Cornelius, welcher dem Grafen bis an ſein Hof⸗ thor das Geleit gegeben, ſchaute dem haſtig Dahin⸗ ſchreitenden eine Zeit lang nach. „Ohnmächtiger Frevler,“ ſprach er für ſich,„ver⸗ ſuche es, jenem ehernen Rade in die Speichen zu greifen, und es wird Dich zermalmen, ehe Du Dir es verſiehſt. „Aber ſonderbar bleibt dieſer Traum,“ fuhr er nach einer Pauſe ſinnend fort,„wer wollte hier eine rächende Nemeſis verkennen?“ Als der Abend hereinbrach und die blühende Erde tiefer in das ahnungsreiche Grab der Schatten hin⸗ abſank, ward es allmälig lichthell auf dem Falkenſtein. Alle Fenſter waren erleuchtet und in dem großen Saale flammten ſonnenhafte Girandolen. Feenhaft 16 warfen die zahlreichen Kryſtallſpiegel das reiche Licht⸗ meer zurück. Die Gegend rings um das Schloß lag in magiſcher Verklärung. Süße Ballmelodien wogten durch die Säle und reizende Nymphen durchirrten die prachtvollen Gemächer. Der Graf von Falkenſtein hatte zur Feier, daß er jetzt der alleinige Beſitzer des Schloſſes geworden ſei, ſeine ganze liederliche Bekannt⸗ ſchaft geladen. Falkenſtein ſelbſt befand ſich in Folge des genoſ⸗ ſenen Champagners in einer äußerſt aufgeregten Stim⸗ mung und faßte in trotzigem Uebermuthe von Neuem den Vorſatz, ſich nicht vom Schlafe überrumpeln zu laſſen. Rings um ihn brauſte das Leben in ſeiner ganzen Ausgelaſſenheit und an dieſes klammerte er ſich an mit aller Macht ſeiner Seele. Nicht ohne ein gewiſf Wohlbehagen durchſchritt er das wogende Getümmel, und hätte gewiß die Hälfte ſeines Ver⸗ mögens darum gegeben, wenn es eine Möglichkeit ge⸗ weſen wäre, ſich in dieſem klaren und wachen Zuſtande zu erhalten. Nicht die geringſte Müdigkeit, nicht die entfernteſte Neigung zum Schlafe zog ſich lähmend durch ſeine Glieder. Er war die Seele der Geſell⸗ ſchaft, voller Leben und Jugendkraft. Hier klang ſein Römer mit dem ſeiner Genoſſen helltönend an einander und die goldnen Perlen des Rheingaus netzten die dürſtenden Lippen; dort im Verborgenen rauſchten glühende Küſſe, dargeboten von roſigem Munde; in andern Zimmern rollten die Goldſtücke auf den grünen Tiſchen. Der Graf in ſeiner aufge⸗ ſtachelten Fröhlichkeit hatte bereits mehre Banken geſprengt. Im großen Saale wogten in einem Meere voll Melodien die blühenden Guirlanden des Cotillon. Der Graf, ein geſuchter Tänzer, floh von einem hoch⸗ klopfenden Buſen zum andern. — 17 Immer tiefer brannten die Kerzen; ſchon erhob ſich aus dem Weizenfelde die fromme Lerche und ver⸗ kündete an dem grauen Himmel den keimenden Mor⸗ gen; hier und da hatte ſich ein Ballgaſt in die So⸗ phaecke eines dunkeln Nebenzimmers geflüchtet und die ermüdeten Augenlider fielen ihm unwillkürlich zu; aber wie ein böſer Feind durchſtrich der Graf von Falkenſtein, einen ſilbernen Leuchter mit mehrern brennenden Kerzen in der Hand, die Zimmer und jagte Jedermann, der da einzuſchlummern drohte, auf den Tummelplatz der Luſt zurück. Ihm ſelbſt war noch nicht die geringſte Neigung zum Schlafe in die Augen gekommen. Er fühlte ſich noch ſo munter, wie beim Beginne des Feſtes. Der heraufbrechende Morgen ſchien ihn mit neuer Kraft zu erfüllen. Die zahlreiche Dienerſchaft mußte immer neue Getränke umhertragen, um die Munterkeit der Geſebſchaft zu erhalten. Letztere war wieder im großen Saale verſammelt. Der junge Tag blickte hier und da durch die rothen Gardinen. Mehre der Ballgäſte traten hinaus auf den Altan. Ein erquickender Duft wehte von den Tannenwäldern herauf und kühlte wohlthätig die Wangen der Nachtſchwärmer. Auch Falkenſtein trat heraus. „Ach, das wird ein prächtiger Morgen!“ rief er, „wie wär' es, meine Herrſchaften, wenn wir eine Morgenparthie machten und den Kaffee auf meinem Belvedere einnähmen?“ Belvedere hieß ein äußerſt freundliches Weinbergs⸗ haus, das dem Grafen gehörte und von wo man eine herrliche Umſchau über die ganze Gegend genoß. Der Vorſchlag ward einſtimmig angenommen. Ka⸗ roſſen fuhren vor, reichgeſattelte Pferde wurden vor⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XIX. E 18 geführt und bald ſetzte ſich, den Grafen an der Spitze, die zahlreiche Caravane in Bewegung. Als man den Schloßberg hinabfuhr, blitzten die erſten Strahlen der Morgenſonne über dem Walde. „Sei mir gegrüßt, du Leuchte des Tages,“ ſprach der Graf von Falkenſtein in trotzigem Uebermuthe und mit ſchlafloſen Augen,„wo iſt jetzt deine Macht, unheimliches Geſpenſt, ſo man Schlaf nennt?“ Wieder ſank der Abend hernieder, wieder legten ſich die Schatten in die Thäler und die Dunkelheit hüllte die blühende Schöpfung in ihren ſchwarzen Mantel, als die hohen Fenſter im Schloſſe Falken⸗ ſtein abermals zu leuchten begannen. Das heutige Feſt war wo möglich noch glänzender, noch rauſchen⸗ der, als das am vergangenen Tage. Neue lebens⸗ luſtige Gäſte, ſchöne Mädchen, junge Cavaliere wa⸗ ren angelangt; aber der lebensluſtigſte unter allen war der Graf von Falkenſtein. Wieder knallten die Pfropfe des Champagners, wieder rauſchten die ſei⸗ denen Gewänder der üppigen Schönen, wieder klap⸗ perten die Würfel, und wieder wogten die Tänzer unter berauſchenden Melodien. Aber da ſah man, als die Kerzen immer tiefer brannten und außen wieder die Lerche aus dem Wei⸗ zenfelde emporſtieg, wie hier und da einer der geſtri⸗ gen Gäſte nur mit Mühe ſich noch aufrecht zu erhal⸗ ten vermochte und mit ſchlaftrunkenem Blicke durch das wogende Gedränge ſchwankte. Mit aller Macht rafften ſich die jungen Bonvivants zuſammen, um ſo munter wie möglich zu erſcheinen, denn der Graf hatte einen herrlichen Preis, ein Sechsgeſpann Apfel⸗ ſchimmel für denjenigen ſeiner Gäſte ausgeſetzt, der 19 dem Schlafe am Längſten zu widerſtehen vermöchte. Je⸗ dermann, namentlich von den jungen Leuten, beſtrebte ſich, dieſe Prämie zu gewinnen. Man ſchwor im Rauſche des Champagners hoch und theuer, für ſol⸗ chen Preis nie wieder einſchlafen zu wollen. So ward es abermals Tag. Das junge Mor⸗ genlicht und die bald darauf hervorbrechende Sonne ward mit einem allgemeinen Hurrah begrüßt. Wieder fuhren die Karoſſen vor. Die Pferde wurden vor⸗ geführt und die Geſellſchaft, den unermüdlichen Gra⸗ fen von Falkenſtein an der Spitze, ſtürmte hinaus in das friſche Grün und den erquickenden Morgen. Der dritte Abend ſank hernieder. Das dritte ſchwelgeriſche Feſt erfolgte. Es fehlte nicht an Pracht und Glanz, Reichthum und Fülle; es fehlte nicht an dem Schmettern der Trompeten und Wirbeln der Pauken; nicht an einem Lichtmeer, das die Sonne zu verdunkeln ſchien; aber inmitten dieſer Herrlichkeit bewegten ſich die Geſtalten, als wäre aus ihnen alles Leben entwichen, ſchwerfällig, matt; zu Dutzenden lag man auf den rothſammetnen Divans und war trotz des Lärmens der Muſik kaum im Stande, die bleiſchweren Angenlider offen zu erhalten. Nur we⸗ nige Paare tanzten im Saale. Verhallt waren faſt gänzlich das Klingen der Pokale, das Stimmenge⸗ räuſch von geſtern und vorgeſtern. Alles, wus man unternahm, war gezwungen, und nur die Rückſicht für den ſplendiden und reichen Gaſtgeber war es, daß nicht die ganze Geſellſchaft längſt in tiefem Schlafe lag. Erſterer aber war faſt der Einzige, der ſich voll⸗ kommen munter und rüſtig erhalten hatte. Seine kräftige Natur, ſein feſter Wille boten allen Anforde⸗ 20 rungen von Müdigkeit und Schlaf die Stirn. Er durchwanderte triumphirend die ſchlaftrunkenen Grup⸗ pen ſeiner Gäſte. Er ſchüttelte und rüttelte mit ner⸗ viger Fauſt dieſen und jenen ſeiner Bekannten, der ſo eben im Begriff ſtand, einzunicken. „Ich ſehe wohl,“ ſprach er nicht ohne Bitterkeit, „daß ich mir rüſtigere Naturen zu meinen Gelagen laden muß, die nicht gleich ein paar frohen Nächten und Tagen unterliegen.“ Er trat in das Nebenzimmer. Da taumelte ihm ein halbberauſchter Gardelieutenant entgegen. „Herzensbruder,“ rief er, ihm um den Hals fal⸗ lend,„ſtraf mich Gott, ich möchte vor's Leben gern Deine Apfelſchimmel gewinnen und ich kann, hol' mich der Teufel, was vertragen; aber ſoll mich der Blitz erſchlagen, ich breche zuſammen und ſchnarche wie ein Bär, wenn nicht ein Pharaöchen zu Stande kommt. Blos Seine ägyptiſche Majeſtät iſt im Stande, mich wach zu erhalten.“ „Wohlan,“ entſchied der Graf,„Georges, Ja⸗ ques, Livrets und Karten!“ Bald hatten die Diener einen Pharaotiſch zurecht gemacht. Die Leidenſchaft des Spiels war der letzte Hebel, welcher einen Theil der Geſellſchaft wieder auf die Beine brachte. Man ſetzte ſich. Falkenſtein übernahm die Bank. So ſpielte man eine, zwei, drei Stunden, da ſank einer der Pointeurs nach dem andern zuſammen. Selbſt dem Banquier kam während des Abziehens wiederholt jener magnetiſche Reiz an, ſo man Gähnen nennt, aber er überwand ihn und ſpielte ununterbrochen wei⸗ ter. Es verging noch eine Stunde, wieder graute der Morgen— noch eine— da ſaß der Graf von Falkenſtein noch allein unter lauter Schlafenden; ſämmtliche Mitſpieler hatten nach und nach die Kar⸗ 21 ten fallen laſſen und waren, ein Opfer ihrer über⸗ großen Ermüdung, zuſammengeſunken. Mit einer gewiſſen ängſtlichen Haſt warf Falken⸗ ſtein die Karten auf den Tiſch. Er hatte es über⸗ drüſſig bekommen, die Schläfer immer von Neuem zu erwecken. Darum ließ er ſie ſchlafen, ſtand auf und durchſchritt die übrigen Säle und Gemächer. Da herrſchte überall Todtenſchweigen, der größte Theil der Geſellſchaft und ſämmtliche Damen hatten ſich auf ihre Zimmer zurückgezogen, nur wenige Gäſte lagen vereinzelt auf den Divans im tiefen Schlafe, ſämmtliche Dienerſchaft ſchlief; die Muſiker waren eingenickt und ihre Inſtrumente verſtummt. Ein Theil der Kerzen war erloſchen und abermals leuchtete jun⸗ ges Frühlicht durch die Gardinen. Falkenſtein trat an das Fenſter, deſſen einen Flü⸗ gel er öffnete. Die Morgenluft ſtrich herein. Be⸗ deutende Müdigkeit hatte ſich auch ſeiner bemächtigt, aber an Schlaf war darum nicht zu denken. Seine Seele war noch zu ſehr beſchäftigt. „Ein Verſuch wäre gemacht,“ ſprach er für ſich, „ſo ich nicht ſchlaftrunkener werde wie jetzt, ſoll mir kein Schlaf je etwas anhaben können. Der ver⸗ dammte Traum, er kommt mir nicht aus dem Sinne! Selbſt geſtern und ehegeſtern im lauteſten Jubel, bei Muſik und ſchäumendem Champagner ſtand der Alte neben mir mit ſeiner verhaßten Prophezeiung. „Ich darf's bei allen Mächten der Unterwelt nicht wagen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„und einſchlafen. Das Traumbild iſt zur fixen Idee bei mir geworden, die ſich leicht verwirklichen kann. Dazu bedürfte es nicht einmal des Wunderglaubens. „Wohlan,“ ſchloß er nach langem Nachſinnen ſein Selbſtgeſpräch,„an mir ſoll es nicht liegen. Mein 22 größter Feind iſt der Schlaf und gegen ihn anzukäm⸗ pfen ſei die Aufgabe meines Lebens.“ Es waren zweimal vierundzwanzig Stunden ver⸗ gangen. Die Pauken und Trompeten, das Knallen der Champagnerpfropfe, das Geklirr der Gläſer war auf dem Falkenſtein verklungen, die zahlloſen Lichter erloſchen, die lebensfrohen Gäſte verſchwunden und die alte unheimliche Stille wiedergekehrt. Wieder ver⸗ nahm man das einſame Rauſchen des Windes in den hohen Ulmen, welche von mehren Seiten die alten Mauern umſchatteten, und weithin tönte durch die Stille das Rauſchen des benachbarten Wehrs. Nur in dem einen Zimmer des Schloſſes flamm⸗ ten noch zahlreiche Kerzen, ging die Dienerſchaft ängſt⸗ lich und haſtig auf und ab. Hier ſaß der Graf von Falkenſtein todtbleichen Antlitzes, weitaufgeriſſenen Augen und emporgeſträubtem Haar. Der Mann ge⸗ währte einen Entſetzen erregenden Anblick. Seine Averſion vor dem Einſchlafen war bei der fortwäh⸗ renden gewaltſamen Aufreizung der Nerven jetzt wirk⸗ lich zur fixen Idee geworden. Bereits ſeit fünf Tagen hatte er durch alle er⸗ denkliche Mittel ſich des Schlafs zu erwehren gewußt. Nach und nach hatte er zu immer ſtärkern, immer furchtbarern ſeine Zuflucht nehmen müſſen. Bereits war man ſo weit gekommen, daß ein Diener fort⸗ während bei ihm ſtehen und genau Acht geben mußte. Sobald ſich ein Auge des Grafen ſchloß, hatte er den ſtrengſten Befehl, ſogleich mit der glühenden Zange, die er in der Hand hielt, den entblößten Arm des Unglücklichen zu berütſen und den Schlaftrunke⸗ nen zu ermuntern. 23 Wieder ſtand eine fürchterliche Nacht bevor. Denn waren die Tage ſchrecklich, ſo waren es die Nächte noch weit mehr. Am Tage unterſtützten wenigſtens die belebenden Strahlen der Sonne den ſchlafloſen Zuſtand. Immer öfterer ſah ſich der mit der glühenden Zange bewaffnete Diener genöthigt, ſeinen fürchter⸗ lichen Befehl in Ausübung zu bringen. Der Arm des Vatermörders war bereits an unzähligen Stellen verbrannt und gebräunt. Schon ſchien alles Gefühl aus demſelben entwichen; denn der Diener mußte oft an mehrern Stellen das Marterinſtrument aufſetzen, ehe ſich die zuſammengeſunkenen Augenlider wieder erhoben. Der Graf, welcher die Abnahme des Gefühls in dem bereits halb verſtümmelten Gliede erkannte und mit Recht befürchtete, es werde ganz erſterben, bot ietzt auch den andern geſunden Arm dar. Der Die⸗ ner trat auf die rechte Seite und das entſetzliche Schauſpiel begann von Neuem. Aber kaum waren die qualvollen Stunden der Nacht verronnen, als auch bereits der rechte Arm daſſelbe Schickſal des linken erlitten hatte. Auch in ihm erloſch das Gefühl dermaßen, daß der Graf trotz der ſchmerzhaften Brandwunden einzuſchlafen drohte. Da entblößte der Unglückliche mit einer Ruhe, wie ſie einem Helden des Alterthums würdig gewe⸗ ſen wäre, den linken Fuß und gebot ſeinem Peini⸗ ger, an dieſem Gliedmaße in der Art fortzufahren wie bei den Armen. Der Knecht gehorchte, ohne ein Zeichen des Mit⸗ gefühls. Der Graf war bei ſeiner Dienerſchaft ob ſeines barbariſchen Regiments nicht beliebt. Viele derſelben erwarteten nicht ohne Schadenfreude den 2⁴ Augenblick, wo, trotz der furchtbaren Vorkehrungen, Falkenſtein's harter Sinn gebrochen und er in Schlaf ſinken werde. Viele wünſchten und hofften ſeinen Tod; ein jeder hatte für dieſen Fall ſeine Vorkeh⸗ rungen getroffen. Nur ein Einziger unter der Dienerſchaft, ein jun⸗ ger Jägerburſche, konnte ſich bei den Qualen des Grafen des Mitleids nicht erwehren. Er vergaß alle Unbill, die ihm von ſeinem Gebieter war angethan worden, ſchlich ſich heimlich vom Schloſſe und eilte hinüber nach dem benachbarten Gute, wo der edle Cornelius wohnte. Hier ſchilderte er mit lebhaften Farben die letzten fünf Tage auf dem Falkenſteine, von den glänzenden Feſten an bis auf den jüngſten Zuſtand ſeines Herrn. Mit Entſetzen hatte der Arzt dieſe Erzählung ver⸗ nommen; doch wußte er gleich, was er zu thun hatte. Er trat an ſeinen Medieinſchrank, ſteckte eine Phiole zu ſich und eilte nach dem Schloſſe des Grafen. Als er in das Zimmer treten wollte, worin ſich Falkenſtein befand, wollte ihm einer der Diener den Eintritt verwehren; der Arzt gebot ihm aber mit ſol⸗ chem Ernſte und ſolcher Würde, zu öffnen, daß ſich die Thür aufthat und er in das Gemach trat. Welch' ein Anblick bot ſich hier ihm dar; auch der linke Fuß des Grafen war bereits mit zahlrei⸗ chen Brandwunden bedeckt. Augenblicklich ſtieß Cornelius den Diener mit dem glühenden Eiſen zurück. „Sind Sie von Sinnen, Herr Graf!“ rief er in ſtrafendem Tone,„Sie morden ſich ſelbſt.“ „Mir bleibt nichts andres übrig,“ erwiederte mit Anſtrengung Falkenſtein,„Ihre Kunſt kann mir nichts mehr nützen; ich muß mir ſelbſt helfen. 25 „Sie ſehen, wie ich mich wehre,“ fuhr er nach einer Pauſe mit matter Stimme fort;„aber aller Anfang iſt ſchwer, jede Kunſt will erlernt ſein. Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.“ Cornelius erkannte ſogleich, daß Falkenſtein keine Spanne weit vom Wahnſinn entfernt, und daß einem Kranken dieſer Art nur auf pſychologiſchem Wege beizukommen ſei. „Mein lieber Graf,“ ſprach er daher in mildem Tone,„durch ihre Parforcekur wird es Ihnen nim⸗ mermehr gelingen, Ihren Zweck zu erreichen; je mehr Sie ſich abſtumpfen, deſto eher werden Sie nicht ſo⸗ wohl dem Schlafe, ſondern dem Tode unmittelbar in die Arme ſinken. Ihr wahrhaft heroiſcher Entſchluß hat mich dieſer Tage dermaßen beſchäftigt, daß es mir nach längerm Nachforſchen gelungen iſt, ein Mit⸗ tel ausfindig zu machen, wodurch der Menſch ſelbſt Wochen lang dem Schlafe widerſtehen kann, ohne daß er im Geringſten dadurch angegriffen wird, noch ſeine Kräfte aufgerieben werden.“ Der Graf von Falkenſtein ward hier ſehr auf⸗ merkſam und der Arzt fuhr fort: „Es beſteht in einem Tranke, welcher aus den ſtärkſten ſchlafabwehrenden Subſtanzen gewonnen iſt. Ich kann aus zahlreich darüber nachgeſchlagenen Kran⸗ kengeſchichten nachweiſen, wie es ſich allezeit, wo es angewendet worden, bewährt hat.“ „Führen Sie ſolchen Trank bei ſich?“ frug ſchnell der Graf. „Ich habe wenigſtens eine Probe zu mir geſteckt,“ erwiederte Cornelius, und zog bei dieſen Worten die Phiole hervor;„wäre es vielleicht dem Herrn Gra⸗ fen genehm, davon wenigſtens verſuchsweiſe Gebrauch zu machen?“ 26 „Sehr gern,“ ſprach Falkenſtein,„ich vertraue Ihrer Kunſt, Herr Doctor.“ Er langte nach der Phiole. Der Arzt ließ ſich eine kleine Schale von Por⸗ zellan reichen, ſchüttete das braun ausſehende Flui⸗ dum in dieſelbe und reichte den Trank dem Patienten. Dieſer ſchlürfte ihn mit Haſt, doch nicht ohne Anſtrengung, ein. Jetzt bat ihn Cornelius, ſich langſam in den Lehnſtuhl zurückzulehnen und erzählte noch Mehreres über die wunderbaren Wirkungen der Arznei. „Sie werden im Anfange,“ ſprach er,„einige Mattigkeit und Neigung zum Schlafen verſpüren, aber fürchten Sie dieſe nicht, ſondern geben Sie ſich ihr getroſt hin. Sie ſinken höchſtens in eine Art träumeriſchen Halbſchlummers, ſo daß Sie ſtets Herr Ihres Bewußtſeins bleiben.“ Aber kaum hatte der Arzt die letzten Worte ge⸗ ſprochen, als auch dem Grafen die Augenlider bereits zufielen, ſo daß er binnen wenigen Minuten in dem feſteſten Schlummer lag. Cornelius hatte ihm einen der betäubendſten Schlaftrunke gereicht; denn allein dadurch, daß er den Exaltirten auf künſtlichem Wege und ſo ſchnell als möglich zum Schlafen zu bringen verſuchte, hoffte er ihn zu retten. Außerdem war leicht zu befürchten, daß bei der eiſernen Willenskraft des Grafen dieſer wachend eine Beute des Todes werden konnte. Je länger Falkenſtein fortſchlummerte, in einen deſto tiefern Schlaf verſank er. Cornelius wachte fort⸗ während bei ihm. Er beobachtete genau die Züge des Schlummernden. Im Anfang ſchien der Zuſtand deſſelben völlig bewußtlos; bald aber war es, als 27 wenn wüſte, böſe Träume ſich der Seele des Schlä⸗ fers bemächtigt hätten und dieſelbe peinigten. Wie⸗ derholt warf er ſich, ohne aufzuwachen, hin und wie⸗ der. Nach einiger Zeit ward er ruhiger; ein geſunder Schlaf ſchien einzutreten, und dieſer währte ganzer zwölf Stunden. Cornelius wich nicht von dem Lager des Grafen, den er entkleiden und zu Bette bringen ließ. Er ſelbſt hatte ſich nur wenige Ruhe gegönnt, um den Schlummernden nicht außer Acht zu verlieren. Da brach das Morgenroth hervor. Der roſige Glanz fiel wohlthuend und belebend durch die grünen Vorhänge. Draußen war die Gegend durch einen Nachtregen erquickt und erfriſcht worden. Der Duft der Pflanzenwelt der grünen Wälder zog über die frühlingsvollen Fluren. Cornelius war an das Fenſter getreten, hatte den einen Fenſterflügel ein wenig geöffnet und erfreute ſich des lachenden Morgen. Dann kehrte er zu dem Lager des Grafen zurück. Noch immer ruhte dieſer in tiefem Schlummer; aber je goldner draußen der junge Tag ſich entfal⸗ tete, deſto ſichtbarer erheiterten ſich ſeine Züge. Die Geſichtsbildung, auf welcher zeither nur eine unange⸗ nehme ſchlaftrunkene Starrſucht zu leſen geweſen, zer⸗ floß in harmoniſchen Ausdruck. Wieder ſchien die Seele mit Traumgebilden beſchäftigt, aber dieſe muß⸗ ten von anderer, ſüßerer Natur ſein, als die frühern. Ein zufriedenes, ja ein ſeliges Lächeln ſpielte um den Mund, und über das ganze Antlitz hatte ſich eine Zufriedenheit verbreitet, wie ſich Cornelius nie ent⸗ ſann, an dem Grafen bemerkt zu haben. Da brach der erſte Strahl der Morgenſonne hin⸗ 28 ter dem Walde hervor und in demſelben Augenblicke ſchlug der Graf die Augen auf. „Wo bin ich?“ frug er mit matter Stimme. „In Ihrem Schloſſe,“ antwortete Cornelius. „Alſo nicht geſtorben?“ ſprach Falkenſtein und athmete tief auf. „Sie ſind durch den ſanften Schlaf von Ihrer ſeltſamen und gefährlichen Idee geheilt worden,“ meinte der Arzt. „Ja,“ hub der Graf mit bewegter Stimme an, „geheilt und gerettet an Leib und Seele. Jetzt erſt glaube ich an Träume, denn durch ſie hab' ich mein Heil gefunden.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Mein Vater iſt mir abermals erſchienen, aher nicht zürnend und fluchend wie früher, ſondern hei⸗ tern Antlitzes und voller Milde.„Du haſt gebüßt, mein Sohn,“ ſprach er,„dieſe Prüfung wird Deine Beſſerung ſein. Du ſollſt noch ferner leben auf Er⸗ den, denn Du haſt noch vieles gut zu machen, was Du früher böſe gemacht haſt. Bedenke, Gott zürnt nicht ewig, und ein reuiger Sünder iſt ihm ſo lieb wie der Gerechte. Lebe wohl. Erſt nach langen Jahren ſehe ich Dich wieder; aber nicht auf Erden.“ Mit dieſen Worten verſchwand mein Vater und bald dar⸗ auf bin ich erwacht.“ Der Graf von Falkenſtein erhob ſich nach dieſen Worten halben Leibes auf ſeinem Lager. Er reichte ſeine Hand dem daneben ſitzenden Arzte. „Vor Allem Ihnen meinen innigſten Dank, edler Freund; wären Sie nicht erſchienen, ich hätte in ver⸗ zweiflungsvollem Wahnſinne eine irdiſche Hölle mit einer ewigen vertauſcht.“ —— „Wiſſen Sie auch, worin die Mediein beſtand, die ich Ihnen verabreichte?“ frug Cornelius. „Ich weiß nur ſo viel, daß ſie eine geſegnete war,“ ſprach der Graf. „Sie beſtand in nichts Anderm,“ fuhr der Arzt fort,„als in einem einfachen, aber kräftigen Schlaf⸗ trunke. Nur dadurch, daß ſie mit Gewalt und auf künſtlichem Wege dem Schlafe in die Arme geführt wurden, konnten Sie von Ihrer fixen Idee geheilt werden.“ „Nochmals meinen innigſten Dank,“ wiederholte Falkenſtein;„da mir aber die Vorſehung noch ein längeres Leben beſtimmt hat, in welchem ich noch manche Schulden abzutragen habe, ſo will ich mit meiner größten Schuld beginnen.— So erfahren Sie denn, mein edler Freund, daß Ihr Pflegeſohn Alban mein Bruder iſt.“ „Herr Graf, Sie träumen oder ſcherzen,“ erwie⸗ derte Cornelius. „Weder träume, noch ſcherze ich,“ verſetze lächelnd der Graf.„Nachdem meine Stiefmutter geſtorben war, brachte ich's dahin, daß er, ein hülfloſes Kind, vom Schloſſe heimlich entfernt, und im Walde aus⸗ geſetzt wurde. Der Helfershelfer, den ich hierzu ge⸗ dungen hatte, ſollte daſſelbe eigentlich tödten; aber er war, dem Himmel ſei Dank, nicht von aller Menſch⸗ lichkeit verlaſſen und erſparte mir dieſes große Ver⸗ brechen. Er trug das Knäblein in den Wald, wo es bald ein gütiges Schickſal wollte, daß Sie das Hülfloſe auffanden und an Kindesſtatt annahmen. Meinem Vater wurde vorgeſpiegelt, das Kind ſei in einer der unergründlichen Schluchten in der Nähe des Schloßbergs verunglückt; aber er hat es nie geglaubt 30 und hoffte bis an ſeinen Tod, das Verlorne werde zurückkehren. Darum hat er auch im Teſtamente mei⸗ nen Bruder reichlich bedacht.“ Ein unwillkürlicher Schauer erfaßte hier den Er⸗ zähler. „Uebergehen wir jene Tage,“ ſprach er,„mein erſtes und heiligſtes Geſchäft ſei dafür, daß ich die Hälfte meiner Güter, ganz wie es das Teſtament be⸗ ſagt, an meinen Bruder abtrete. Wir haben Beide genug und wollen hinfort in Frieden und Eintracht mit einander leben. Vielleicht daß es mir gelingt, durch mein künftiges Leben zu zeigen, daß ich der Gnade des Himmels nicht ganz unwerth bin.“ Cornelius hatte mit gefalteten Händen der wun⸗ derbaren Rede des Grafen zugehört. Er pries Gott, den liebenden Vater, der das Herz des Sünders er⸗ weicht und ihm den Weg des Heils gezeigt hatte. Der Graf hielt Wort. Was er gelobt in jenen verhängnißvollen Augenblicken ſeines Lebens, er hat es gehalten bis an ſeinen Tod. Von Stund' an ward er ein andrer Menſch. Nachdem Alban mündig geworden, übernahm er die Verwaltung des ihm zu⸗ gefallnen Theils der gräflichen Beſitzungen. In Fried' und Freundſchaft lebten die beiden Brüder beiſammen. Bald erkannten die Unterthanen der Herrſchaft Fal⸗ kenſtein, daß ein Geiſt des Friedens und der Milde über ihnen walte. Mit größrer Luſt gingen ſie daher auch ihrer Berufsarbeit nach und Alles gewann ein freundlicheres Ausſehen. Nach wenigen Jahren glich die Grafſchaft Falkenſtein, die früher allerorts nur einen düſtern Anblick gewährte, einem kleinen Paradieſe. K 3 Nach einigen Jahren ſtarb der edle Cornelius den Tod des Weiſen. Vorher noch hatte er die Freude zu ſehen, wie die benachbarte Landſchaft ſo fröhlich emporblühte. Ungefähr ein Jahr vor ſeinem Tode legte er die Hand ſeiner Tochter Theodolinde in die ſeines edlen Pfleglings Alban. Das glückliche Paar zog nach dem Falkenſtein und obſchon Alban jetzt mit irdiſchen Gütern hinrei⸗ chend geſegnet war, ſo ließ er ſich's doch nicht neh⸗ men, wie ehedem als kunſterfahrner Arzt ſeinen eig⸗ nen Unterthanen ein helfender Engel zu ſein. Der Graf von Falkenſtein war nie verheirathet. Sein Hauptgeſchäft beſtand im Wohlthun, worin er nie ermüdete, um ſein früheres Leben ſo viel als möglich vergeſſen zu machen. Er erreichte ein hohes Alter, geachtet und geliebt von Allen, die ihn kannten. Als ſeine letzte Stunde gekommen war, faltete er ergeben und fromm die Hände. Jetzt hatte er den Tod nicht mehr zu fürch⸗ ten, und fürchtete ihn auch nicht. Nur flehte er um einen ſanften Heimgang, und dieſer ward ihm. An einem ſchönen Frühlingsabende hatte er ſich hinaustragen laſſen in den in reichſter Frühlingspracht ſtehenden Garten. Ringsumher blühete und duftete es. Die ganze Schöpfung lag im rothen Scheine des Abends. Allmälig verglommen die goldenen Kup⸗ pen der Abendberge; immer dunklere Flore ſanken hernieder. Aus der Ferne klang ſtilles Abendlauten und in dem nahen Buchenwalde ſchlug die Nachtigall. Da neigte ſich ermüdet das Haupt des Greiſes auf die Bruſt; ein ſanfter Schlummer umfing ihn, lä⸗ chelnde Traumgebilde zogen vorüber, ſein alter Vater erſchien und winkte; der Schlaf ward immer tie⸗ fer, bis er endlich ſeinem Zwillingsbruder die Hand reichte. Der Abendſtern aber, der am weſtlichen Himmel immer fiegender hervortrat, leuchtete der befreiten Seele auf ihrem Gange nach der neuen Heimath. Selig, die da reines Herzens ſind. Winteridylle. Stolle, ſämmtl. Schriften. XIX. „Stlig, die da reines Herzens find, denn ſie werden Gott ſchauen!“ Mit dieſen Worten hatte der bejahrte Prediger Gotthold ſeine Rede geſchloſſen, die er den nächſten Morgen, als zum Neujahrstage, vor ſeiner Gemeinde halten wollte. Er überſchaute nochmals mit ſtiller Zufriedenheit ſein Werk. Hoffte er doch damit von Neuem den Samen des göttlichen Wortes in die Herzen Vieler zu ſtreuen, den Betrübten zu tröſten, den Zweifeln⸗ den aufzurichten, den Gläubigen zu erbauen. Der würdige Geiſtliche, der ſchon manches Jahr ſeiner Gemeinde als getreuer Seelſorger vorſtand, liebte nicht glänzenden Redeprunk in ſeinen Vorträgen. Einfach, klar, faßlich, ganz für Geiſt und Gemüth ſeiner Landbewohner berechnet, floß ſeine Rede dahin, wie ein Bach aus reiner Quelle kommend, ſegens⸗ reich und befruchtend. Nachdem Gotthold ſeine Rede überflogen, legte er ſie auf die Seite, unterſuchte die mit Mvos wohl⸗ verwahrten Fenſter, damit der rauhe Winter, der draußen ſtürmiſch ſein eiſiges Haupt ſchüttelte, in das geheizte Gemach nicht herein dringe, und ſtopfte ſich ſein Abendpfeifchen. Dann wandte er ſich zu der bejahrten Haushälterin. 38 36 „Margaretha,“ ſprach er,„leg' immer noch ein Paar wackere Scheitlein in den Ofen und ſchone heut' die Apfelſinen nicht länger, die der Herr Graf uns zu Weihnachten verehrt hat; braue einen Punſch, der Oswald wird auf ein Paar Stündchen herüberkom⸗ men. Wir wollen den Sylveſter feiern, wie ich es immer gehalten habe.“ Margarethe ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Bald praſſelte es luſtiger in dem geräumigen Ofen und der Duft des goldnen Sinaapfels zog lieblich durch's Zimmer. Auch Freund Oswald, der Küſter, blieb nicht lange aus; das freudige Gebell des wach⸗ ſamen Phylax verkündete ſeine Ankunft. Der alte Mann, obſchon er nur zweihundert Schritte zu gehen hatte, trat über und über beſchneit in das Pfarrhaus. „Iſt das ein Wetter,“ begann er, ſich abſtäubend, „eine bodenlos böſe Nacht, der Sturm hat mich faſt um⸗ geworfen. Gott ſchütze Alle, die heut' unterwegs ſind.“ Bald ſaßen die beiden Alten hinter den dampfen⸗ den Gläſern und mußten die fragende Margaretha wiederholt verſichern, daß der Punſch vortrefflich ge⸗ rathen ſei. Draußen donnerte der Sturm ununter⸗ brochen an die wohlverſchloſſenen Fenſterläden und trieb den Schnee in wildem Geſtöber durch die Nacht. Margaretha ſaß mit ihrem Punſchantheile beſcheiden hinter dem Ofen und bat Gott, daß er das Dorf in ſolchem Sturme vor Feuer gnädigſt bewahren wolle. Auf dem Kirchthurme ſchlug die Glocke Eilf. „So hätten wir denn nur noch eine Stunde im alten Jahre zu verleben,“ begann der Küſter. „Wohl,“ erwiederte Gotthold,„und wohl Allen, welche zufrieden mit ſich, mit Gott und der Welt auf das verfloſſene Jahr zurückblicken können. Nur ſie allein kann ich die wahrhaft Glücklichen nennen.“ 37 „Auch ich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„be⸗ nutze gern ſolche wichtige Zeitabſchnitte im Leben, um meine Rechnung abzuſchließen. Ich habe es wieder dieſen Morgen gethan. Mag mich nun Gott abrufen, wenn er will, ich kann ſeinem Rufe heiter und ruhig folgen. Meine Schwächen, um deren Ver⸗ gebung ich ihn innigſt gefleht, wird er mir als liebender Vater vergeben, und einer böſen That bin ich mir nicht bewußt. Darum, wenn dies mein letzter Sylveſter hienieden ſein ſollte, ſeid überzeugt, lieber Oswald, daß ich den nächſten recht glücklich feiern werde.“ Die letztern Worte hatte Gotthold mit einer ge⸗ wiſſen heitern Wehmuth geſprochen, die wie eine Ah⸗ nung klangen. Oswald fuhr ſich unwillkürlich mit der Hand über die Augen und ſprach: „Wie ſprecht Ihr wieder, Herr Pfarrer, letzter Sylveſter! Wie müßte ich thun, bin ganzer zehn Jahr älter. Nein, wird mein Arm auch etwas zit⸗ ternd, hoff' ich doch noch manch' Jährchen Euch zur Kirche zu folgen und noch oft die heiligen Kerzen anzuzünden an hohen Feſten.“ „Wie Gott will,“ verſetzte Gotthold mit gefalteten Händen.„Es ſollte mir zwar wehe thun, von mei⸗ ner lieben Gemeinde zu ſcheiden; habe ja noch ſo manchen herrlichen Troſtgrund auf dem Herzen, ſie von der Liebe Gottes, von einem dereinſtigen Wie⸗ derſehen zu überzeugen; aber bedenket, Oswald, wer mich drüben Alles erwartet. Ich komme in kein frem⸗ des Land. Iſt es doch, als hätte mich Gott mit Ketten an ſeinen Himmel geſchloſſen, da er mein Liebſtes dahin geführt hat. Warten meiner dort nicht meine Eliſabeth, meine Marianne und Reinhold?“ „Gott, Gott!“ jammerte Oswald,„noch ſtehen 38 ſie vor mir, die treffliche Gattin, Mariandel, die ſo ſchön blühte, wie die Roſe im Mai, und Reinhold, der blonde herzige Springinsfeld. Wie lieb mußte Euch der himmliſche Vater haben, da er Euch ſo hart prüfte!“ „Im Anfang,“ erwiederte der Pfarrer,„glaubte ich's auch nicht ertragen zu können, doch als die er⸗ ſten Schmerzen, die an Verzweiflung grenzten, über⸗ ſtanden, erkannte ich auch in dieſen Verluſten die Liebe Gottes. Hat er mir nicht ſeinen Himmel himm⸗ liſcher gemacht, da ich weiß, daß ſie meiner warten? O, es iſt ein ſeliger Gedanke, in jener großen Hei⸗ math Jemand zu wiſſen, der uns liebt, deſſen Auge mit Liebe auf unſere Leiden und Freuden herabblickt; er verſöhnt uns mit allen Mühſeligkeiten im menſch⸗ lichen Leben; er verſchönt die Blumen des Frühlings, malt goldner die Früchte des Herbſtes, und kommt der Tod, ſo erſcheint er nicht als dunkler Genius, ſondern als Engel, als freundlicher Bote, abgeſandt von unſern Lieben, um uns zu ihnen zu führen. „Ja,“ fuhr er nach einer Pauſe in einem Tone fort, welcher die Harmonie ſeines Innern deutlich kund gab,„ich bin recht glücklich und bitte Gott, daß es Alle werden, die die ſchöne Erde bewohnen. Wäre noch ein Wunſch, ſo iſt es dieſer, daß ich im Laufe der Jahre nicht zum kindiſchen Greiſe werde, daß mein Herz friſch und jung bleibe, trotz dem Schnee meines Hauptes, und rüſtig fortſchlage für alles Gute und Schöne bis zur letzten Stunde; daß nicht langwierige Krankheit mich abhalte, von meiner Gemeinde dereinſt Abſchied zu nehmen; daß ich in Verrichtung meines göttlichen Amtes ihr zum Letzten⸗ male aus vollem Herzen zurufen darf: Bleibt treu und gut und feſt im Vertrauen auf die Liebe des 39 Höchſten! Mit dieſen Worten möge ſich dann mein Haupt neigen und mein Auge ſchließen für die irdi⸗ ſche Sonne. Stoß an, alter, treu bewährter Freund: „Eine heitre Abſchiedsſtunde!“ Die Gläſer klangen fröhlich an einander. „Aber wohl zu merken, erſt nach manchem Jahr,“ fügte der Küſter hinzu. Draußen heulte der Sturm ununterbrochen; ſchril⸗ lend kreiſchte das Wetterfähnlein auf dem Giebel der Pfarrwohnung und die Aeſte der vor dem Hauſe ſtehen⸗ den alten Linden bogen ſich ſeufzend auf und nieder. „Wir ſind ſicher,“ hub Oswald nach einer Pauſe an,„morgen zum lieben neuen Jahr wieder ganz verſchneit zu ſein wie vor drei Jahren, wo wir auch den Weg zur Frühkirche am Neujahrstage ausſchau⸗ feln mußten.“ Die Mitternacht rückte immer näher. Der Pfar⸗ rer lauſchte aufmerkſam nach der kleinen Wanduhr. Tiefe Stille herrſchte in der wohlerwärmten Stube, nur von dem Toben des Sturmes unterbrochen. Da hob die Uhr aus und verkündete in zwölf ſilberhellen Schlägen die zwölfte Stunde. Zu gleicher Zeit tönte die Glocke vom Kirchthurm herüber. Gotthold er⸗ hob ſich und faltete die Hände, eben ſo der greiſe Küſter, indem er andächtig ſein Sammetkäppchen ab⸗ zog; desgleichen Margarethe und alle Drei beteten herzinnig ein lautes Vaterunſer. „Und nun Heil dir, du neues, junges Jahr!“ rief Gotthold, nachdem ſie geendet, mit erhobener Stimme und füllte von Neuem die Gläſer;„Heil dir und deinen Sonnen und allen Geſchlechtern, auf die ſie gnadenreich herabſchauen, auf daß ſie wan⸗ deln die Pfade des Herrn, welche die alleinigen find, die zu ſeinem Himmel führen.“ 40 Kaum hatte Gotthold dieſe Worte geſprochen und alle Drei angeſtoßen, als der wachſame Phylax von Neuem anſchlug und gleich darauf ein haſtiges Po⸗ chen an das Hofthor vernehmbar ward. „Um Gotteswillen,“ ſprach zitternd der Küſter, „wer verlangt noch Einlaß in ſo ſpäter Stunde?“ „Vielleicht ein Reiſender,“ erwiederte Gotthold, „der ſich verirrt hat in dem wilden Schneegeſtöber.“ Mit dieſen Worten ging er nach der Hausflur. „Ich beſchwör' Euch, Herr Pfarrer,“ rief Marga⸗ retha angſtvoll,„öffnet nicht; wer weiß, welcher Räu⸗ ber draußen lauert.“ „Ein Räuber,“ ſprach Gotthold,„dringt nicht in die Hütte der Armuth.“ Damit öffnete er das kleine Fenſter in der Haus⸗ flur und frug nach Namen und Begehr des Klo⸗ pfenden. „Bei Allem was Euch heilig iſt, Herr Pfarrer,“ rief eine Stimme angſtvoll durch die Nacht,„mein Vater liegt im Todeskampf und ſehnt ſich nach Euerm geiſtlichen Zuſpruch; erbarmt Euch, ich kenne die Wege und führe Euch ſicher an Ort und Stelle.“ Margaretha, w lche mit Zittern die Stimme ver⸗ nommen, hatte ſie gleich auch erkannt. „Es iſt der Heinrich von Hohenſtädt, dem Fi⸗ lial!“ rief ſie und eilte zu öffnen. „Aber in dieſer entſetzlichen Nacht,“ ſprach der Küſter,„Hohenſtädt liegt eine gute Stunde von hier und bei dieſem Schnee iſt ſicher kein Weg zu finden.“ Unterdeß war Heinrich, ein junger Landmann, hereingetreten. Der arme Burſche war ganz weiß von Reif und Schnee und zitterte vor Froſt und Angſt. Die Thränen auf ſeinen Wangen waren gefroren. Als er den Pfarrer anſchaute, brachen faſt ſeine 41 Kniee. Er hob ſeine Arme beſchwörend empor und flehte um Troſt für ſeinen armen ſterbenden Vater. „Aber, Heinrich,“ rief bittend die alte Marga⸗ retha,„in dieſer grauſamen Nacht, wo Alles umkom⸗ men muß vor grimmiger Kälte! Hat es denn nicht Zeit bis zum Morgen?“ „Mein guter Vater,“ erwiederte Heinrich, und die Thränen brachen ihm hervor,„droht ſtündlich zu erlöſchen, doch hat er noch ſein volles Bewußtſein und flehte ſo innig nach dem Herrn Pfarrer, daß mir's das Herz zerriß und mich forttrieb durch Sturm und Nacht.“ „Wohlan, Margaretha,“ ſprach Gotthold ſich kei⸗ nen Augenblick befinnend,„meinen Pelzrock und dem Heinrich ein Glas Wein, daß er ſich ſtärke.“ Die treue Alte hob nochmals bittend die Hände empor, aber der Pfarrer wiederholte ſo ernſt ſeine Worte, daß ſie ſeufzend nach der Kammer ſchlich und den Pelzrock herbeiholte. Der greiſe Küſter, gerührt von dem unwiderruf⸗ lichen Entſchluſſe Gotthold's, fühlte ſich um zwanzig Jahre jünger. „Ich folge Euch auf dem heiligen Gange!“ rief der Greis.. „Nein, mein Freund,“ ſprach Gotthold ſanft, „das iſt keine Nacht für Euch, daß hieße Gott ver⸗ ſuchen. Geht getroſt zur Ruhe und ſeid unbeſorgt für mich, Heinrich kennt die Wege und Gott iſt ja mit uns.“ Der junge Landmann hätte betend niederſinken mögen vor dem heiligen Diener des Herrn. Er faßte mit ſtiller Ehrfurcht die Rechte des Geiſtlichen und drückte ſie an ſeine Lippen. Bald hatte Letzterer das ſchützende Oberkleid um⸗ 42 geworfen und Margaretha alle Hände voll zu thun, den geliebten Herrn ſo warm als möglich einzuhüllen. „Wohlan, mein Sohn,“ ſprach dieſer,„Du biſt erwärmt und geſtärkt; jetzt zu Deinem armen Vater.“ Noch einmal wandte er ſich beim Abſchiede zu Margaretha und Oswald: „Lebt wohl, meine Lieben, geht nun ſchlafen und ängſtet Euch nicht, wenn ich ob des argen Wegs län⸗ ger als gewöhnlich ausbleiben ſolite.“ Mit dieſen Worten und von den Segenswünſchen der Zurückbleibenden begleitet, folgte der Prediger dem voranſchreitenden Heinrich. Es war eine furchtbare Nacht. In wildem Ge⸗ ſtöber trieb der Sturm Schnee- und Eismaſſen durch die Finſterniß. Nur ſparſam leuchtete die Laterne des jungen Landmannes in dem Unwetter. Ihr mat⸗ ter Schimmer erhellte nur wenige Schritte im Um⸗ kreis. Bereits lag der Schnee Fuß hoch, kein Weg war zu erkennen, und hier und da hatte der Sturm unergründliche Schneewehen zuſammengetrieben. Bald waren die dunkeln Häuſerreihen des Dorfes hinter den mühſam Dahinſchreitenden verſchwunden. Nach allen Seiten graute eine undurchdringliche Finſterniß. „Heinrich,“ ſprach der Pfarrer, nachdem ſie einige Zeit in der Richtung von Hohenſtädt gegangen wa⸗ ren,„wir müſſen uns mehr rechts wenden, damit wir nicht in die Steinbrüche gerathen, welche nah am Wege liegen. Iſt Dir's vielleicht möglich, die Drui⸗ deneiche zu erblicken, die uns nicht mehr fern ſein kann? Sie wäre ein guter Wegweiſer.“ Heinrich ſchritt auf dieſe Worte eine Strecke zur Rechten und Linken, und leuchtete überall umher, während Gotthold nur langſam vorwärts watete, aber die Druideneiche war nirgends zu erblicken. 43 Immer wilder wurde die Nacht und oft drohte der gewaltige Sturm den bereits ſehr ermüdeten be⸗ jahrten Mann zu Boden zu werfen. „Die Eiche,“ ſprach zurückkehrend Heinrich,„muß noch vor uns ſein, ich habe genau Acht gegeben und würde ſie gewiß erkannt haben.“ Und immer weiter drangen die Beiden vorwärts. „Wenn wir in dieſer Richtung fortſchreiten,“ fuhr Heinrich fort,„können wir Hohenſtädt gar nicht ver⸗ fehlen. Ach, Herr Pfarrer,“ ſprach er nach einer Pauſe,„wie ſchmerzt es mich, Euch in ſolcher Nacht haben heraustreiben zu müſſen!“ „Schweig, mein Sohn,“ erwiederte Gotthold, „wo Gott ruft, iſt es unſere heilige Pflicht zu fol⸗ gen; wir wandeln dann nur ſeine Wege, wie rauh ſie immer ſein mögen.“ Aber je weiter ſie vorwärts kamen, deſto höher ward die Schneedecke, deſto mehr nahm die Kälte überhand. Nur mühſam vermochte Gotthold dem Jünglinge zu folgen. Dieſer leuchtete wiederholt nach allen Richtungen, um wo möglich die alte Eiche, die als ziemlich ſichre Richtſchnur dienen konnte, zu entdecken, als er plötz⸗ lich bis an die Bruſt in Schnee verſank. Er hatte unglücklicherweiſe einen Graben getroffen, der völlig verweht war. Indem ſich der Jüngling mühſam em⸗ por arbeitete, erloſch die Laterne und dichte Finſter⸗ niß umhüllte die beiden Wanderer. „Gott, Gott, mein Sohn!“ ſeufzte der ermüdete Pfarrer,„jetzt wird es doppelt ſchwer, die Richtung nicht zu verfehlen.“ „Es iſt der Mühlgraben,“ ſprach Heinrich, nach⸗ dem er dem Schneegrabe entſtiegen war,„wir haben die Brücke verfehlt, ſie muß aber ganz in der Nähe 4⁴ ſein.“ Mit dieſen Worten watete er eine Strecke zur Rechten. „Hier iſt die Brücke, Herr Pfarrer!“ rief er von neuer Hoffnung belebt,„ich erkenne den weißange⸗ ſtrichenen Pfahl.“ Er eilte zu Gotthold zurück und leitete ihn glücklich über die Brücke. „Da haben wir doch die Eiche überſehen,“ ſprach Letzterer. „Ja wohl,“ erwiederte Heinrich,„aber bei dieſer undurchdringlichen Finſterniß iſt es kein Wunder. Jetzt, lieber Herr Pfarrer,“ fuhr er bittend fort, „folget mir ja Schritt vor Schritt. Wir müſſen uns von jetzt mehr links wenden, es war die untere Brücke, über die wir jetzt gegangen ſind, und wir hätten eigentlich bei der obern herauskommen ſollen. Wenn wir nur bei den Steinbrüchen vorüber wären.“ Vom Sturm getrieben wehte jetzt Glockenton an das Ohr der Wandrer. „Das iſt die Hohenſtädter Uhr,“ ſprach Heinrich, „es ſchlug drei Viertel auf Eins. Gott ſei Dank! Bald ſind wir am Ziele.“ Aber immer mehr ſchwan⸗ den die Kräfte des Geiſtlichen. Nur mit großer An⸗ ſtrengung vermochte er mit ſeinem Führer gleichen Schritt zu halten. Heinrich ging jetzt mit äußerſter Vorſicht vor⸗ wärts, ein einziger kleiner Abweg konnte ihn aber⸗ mals in ein tiefes Schneegrab vergraben. Er bat daher flehentlich den Pfarrer, ja nicht von der Bahn zu weichen. Aber alle menſchliche Vorſicht ward in dieſer un⸗ durchdringlichen Nacht zu Nichte. Sie waren kaum hundert Schritte vorwärts, als der unglückliche Füh⸗ rer abermals in Schneemaſſen verſank und diesmal bedeutend tiefer. Nachrollendes Geſtein verkündete, daß er in einen der Steinbrüche gefallen war. „Barmherziger Gott!“ ſchrie Gotthold von Ent⸗ ſetzen ergriffen; aber gleich darauf tönte Heinrich's Stimme aus der Tiefe. „Um Himmels Willen, Herr Pfarrer, wendet Euch links, es iſt der Schieferbruch, in den ich gefallen; ich bin unverſehrt und finde mich bald heraus; nach einem kleinen Umwege werde ich wieder bei Euch ſein.“ Der Pfarrer dankte Gott, daß hier ſein Führer keinen weitern Schaden genommen und wandte ſich dem Rufe zufolge nach der Linken. Aber je weiter er vorwärts watete, deſto mehr nahmen die geſchwäch⸗ ten Kräfte ab. Er mußte wiederholt ſtehen bleiben, um auszuruhen. Noch immer tobte das Wetter mit furchtbarer Heftigkeit; kein Sternlein dort oben war zu erblicken und die Kälte ward immer heftiger. Mehrmals rief er den Namen Heinrich durch die Nacht. Im Anfang antwortete der Gerufene aus weiter Ferne, als aber die Stimme Gotthold's immer ſchwächer und der Sturm tobender wurde, erfolgte keine Antwort mehr. „Gott, mein Gott,“ betete inbrünſtig der fromme Seelſorger,„Du wirſt mich nicht verlaſſen und mich hinführen zu dem Armen, der nach Deinem heiligen Worte verlangt. O mein Vater, und ſollte es mein letzter Wunſch, mein letztes Gebet hienieden ſein, er⸗ barme Dich ſeiner in der letzten Stunde, auf daß er mit Freudigkeit in Deinen Himmel hinüber gehen kann.“ Aber je inniger der Fromme betete, eine deſto größere Mattigkeit bemächtigte ſich ſeiner. Immer häufiger mußte er ſtehen bleiben, um Kräfte zu ſam⸗ 46 meln; immer ſtärker wurde die Kälte; bald konnte er nicht mehr fort. Noch einmal verſuchte er mit zitternder Stimme den Namen Heinrich zu rufen, aber der Sturm verwehte die ſchwachen Laute. Rings todtkalte Finſterniß. Gotthold ſuchte mit Gewalt ſich aufrecht zu erhalten; von Neuem flehte er zum All⸗ barmherzigen mit aller Kraft ſeines Herzens, daß er ihn geleite zum Lager des Sterbenden, daß er ver⸗ richten dürfe ſein heiliges Amt und Troſt bringen dem Armen in der letzten ſchweren Stunde; aber der Himmel ſchien verſchloſſen und der Allerbarmer taub für das Gebet ſeines Frommen. „Und ich laſſe doch nicht von dir, mein Gott und Vater,“ betete der getreue Diener des Herrn, „dein bin ich todt und lebendig, in deine Hände befehle ich mein Leben.“ Mit dieſen Worten ſank er erſchöpft zu Boden und der hohe Schnee ward ſein weißes weiches Bett. Die Augenlider fielen ihm vor übergroßer Mattig⸗ keit unwillkürlich zu und ſein müdes Haupt ſank auf die nur für ſeinen Gott ſchlagende Bruſt. „Ach, ich hätte ihm ſo gern Troſt geſpendet!“ Dies war der letzte, heiße Wunſch Gotthold's. Mit ihm ſank ein wohlthätiger Schlummer auf den Ge⸗ treuen herab, der von Minute zu Minute ihn immer tiefer umhüllte. Aber je länger er ſchlummerte, deſto wohler, deſto ſanfter ward ihm. Ein ſeliger, himmliſcher Traum trat vor ſein inneres Geſicht. Ihm träumte, wie die dunkle Erde mit ihren Stürmen und Schneegefilden immer tiefer und tiefer unter ihm hinabſinkt, während er ſanft, von roſenrothen Wolken getragen, einem blühenden, heiligen Lande einem Frühling zuſchwebt, wie er ſolchen auf Erden nicht gekannt. Und ihm 47 wird ſo himmelſelig, und er beginnt laut, laut zu weinen— denn aus einem Walde blühender, himmliſcher Roſen eilt Eliſabeth daher und Marianne und Reinhold; Thränen des ſeligſten Entzückens in den Augen fliehen ſie auf ihn und umarmen, herzen und küſſen ihn. „Du guter, guter Vater!“ rufen ſie,„ſo haben wir Dich wieder, wie lange haben wir gewartet; nun ſind wir beiſammen, für immer beiſammen und kein Tod ſoll uns mehr trennen.“ Doch Gotthold, der treue Diener des Herrn, trotz des ſeligen Wiederfindens, hat nicht vergeſſen, ſeine Pflichten als treuer Seelſorger. „Eliſabeth,“ ruft er,„Kinder, meine guten Kin⸗ der, ein armer kranker Mann ſehnt ſich nach göttli⸗ chem Troſtſpruch, den ich ihm bringen ſoll; o führt mich zu ihm, meine Lieben, bevor es zu ſpät iſt.“ Und die Lieben lächelten und führten ihn durch Blumen und Morgenroth nach dem beſcheidenen Hauſe eines Landmannes, das Gotthold wohl bekannt war. Und er trat vor das Lager von Heinrich's Vater und brachte ihm himmliſchen, ſeligen Troſt. Und er ſprach ſo begeiſtert, ſo beredt, ſo gottſelig, wie er nie ge⸗ ſprochen am Lager eines Kranken, daß der Kranke erquickt und verklärt ſich empor richtete und frendig und glaubensvoll ausrief: „Nimm mich hin, mein Vater im Himmel, in deine Hände befehle ich mein Leben!“ Und wieder ſprachen die Lieben zu Gotthold: „Nun komm, Du Guter, Getreuer, wir bringen Dich jetzt zu ihm, der uns oft von Dir erzählt und der ſich freuen wird, Dich hier zu ſehen.“ Und himmelvoll lächelnd führten ſie den Seligen wieder durch Blumen und Morgenroth dahin gen 48 Morgen, wo roſenrothe Wolken den Aufgang einer himmliſchen Sonne verkündeten. Unterdeß irrte der arme Heinrich in der Angſt ſeines Herzens noch immer in Sturm und Finſterniß und ließ den Namen Gotthold wiederholt durch die Nacht ertönen. Nur der Sturm gab ihm Antwort, und vergebens war ſein Suchen nach dem geliebten Diener des Herrn. Da durchzuckte ihn plötzlich der himmliſche Gedanke: wie wenn Gotthold Hohenſtädt erreicht und das Haus des Vaters gefunden hätte? Der Gedanke ward ihm bald zur ſeligen Gewißheit. Er bemühte ſich daher, die Richtung gen Hohenſtädt wieder zu finden und erreichte nach unglaublicher An⸗ ſtrengung glücklich das Dorf. Als er in das Gemach ſeines Vaters trat, ſaß dieſer aufgerichtet im Bette und betete laut und freudig. „O mein Sohn!“ rief er, als er ſeinen Heinrich gewahrte,„wie danke ich Dir, daß Du mir den Gotthold geſchickt, der mich ſo himmliſch getröſtet und den Himmel erſchloſſen hat durch ſeine heilige Rede!“ „War denn Gvotthold hier?“ frug Heinrich und ihm ward ſo wunderſam, wie er nie gefühlt. „Er war es, mein Sohn,“ antwortete der Kranke, „und auch die fromme Eliſabeth war bei ihm und die ſchöne Marianne und der blonde Reinhold, die ich alle ſo lange nicht geſehen.“ Heinrich faltete unwillkürlich die Hände; der alte Vater fuhr fort: „Leb wohl, mein Sohn, bleib fromm und gut. Ich gehe jetzt zu meinem himmliſchen Vater— leb wohl, leb wohl!“ 49 Mit dieſen Worten ſank er zurück— er war nicht mehr. Der Jüngling aber kniete nieder am Bette und betete ſo innig, wie er nie gebetet hatte in ſeinem Leben. Als das Morgenroth des neuen Jahres hinter den Bergen emporſtieg, hatte ſich der Sturm gelegt und die Neujahrſonne beſchien eine große, weite Schneefläche. Die Glocken in Gotthold's Dorfe rie⸗ fen vergebens zur Frühkirche; Niemand dachte daran, denn die ganze Bewohnerſchaft war ausgezogen nach dem geliebten Seelſorger, der nicht wieder heimgekehrt war von ſeinem nächtlichen Gange. Endlich, nach langem Suchen, fand man ihn. Still lag der Edle auf Schnee gebettet, die Hände gefaltet, wie im ſanf⸗ teſten Schlummer. Der Engel des Todes hatte ihn mit ſeiner leiſeſten Hand berührt, und das heiter lächelnde Antlitz zeigte, daß der fromme Diener des Herrn mit Freuden eingegangen war in die Wohnun⸗ gen ſeines himmliſchen Vaters. Als der Frühling gekommen, zeichnete ſich auf dem Kirchhofe des Dorfs vor allen ein Grab aus durch die vielen Blumen und Kränze, womit es ge⸗ ſchmückt war. Darauf erhob ſich ein einfaches Kreuz mit den Schlußworten der letzten Predigt des hier Ruhenden; ſie lauteten: „Selig, die da reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen!“ * Stolle, ſämmtl. Schriften. XlX. 4 Das neue Geſt amen. N v Ee war in den erſten Zeiten des blutdunkeln dreißig⸗ jährigen Kriegs, am Tage nach Marta Heimſuchung, als auf einer der Heerſtraßen, welche von Norden nach dem mittägigen Deutſchland führten, ein einſa⸗ mer Wanderer rüſtig daher ſchritt. Zu beiden Seiten wogte das Korn, deſſen Aehren ſich bereits zu neigen begannen; blaue Kornblumen nickten hier und da am Rande hervor und in der Ferne ſtiegen, in leiſen Duft gekleidet, die Thürme des biſchöflichen Städtchens Gerlach zu dem Abend⸗ himmel empor. Die Sonne, welche keine Hand breit mehr über den Waldbergen ſtand, färbte die Gegend mit rothem Lichte und verlieh ihr den Charakter des tiefen Friedens. Der Wanderer hatte jetzt eine Anhöhe erſtiegen, wo er eine Zeit lang ſtehen blieb und die Blicke nicht ohne Wohlgefallen auf dem ſtillen Abendbilde ruhen ließ. Es war ein junger ſtattlicher Mann, in den ausgehenden zwanziger Jahren. In reichen Locken wallte das blonde ſeidene Haar auf beide Achſeln nieder. Die freie geiſtreiche Stirn verkündete den Denker, während das milde dunkelblaue Auge ebenſo das Gemüth des Fremdlings verrieth. Die Kleidung war nicht glänzend, aber ächt und ſauber, obſchon ſie durch lange Wanderung gelitten hatte. Der * 54 Schnitt jedoch fremdländiſch, ſo daß es das Ausſehen gewann, als käme der Wanderer aus Ländern, die jenſeits der Oſtſee gelegen wären. „Gott ſei Dank,“ begann der Fremdling, nach⸗ dem ſein Blick lange auf der friedlichen und geſeg⸗ neten Gegend geruht hatte,„ſo ſcheint der unmenſch⸗ liche, verheerende Krieg doch nicht das geſammte herr⸗ liche deutſche Land zur Wüſte gemacht zu haben. Faſt hatt' ich ſchon die Hoffnung aufgegeben, daß mir noch ſo ein erfreuender Anblick werden würde denn bis jetzt ſah ich nur Verwüſtung und Elend.“ Der fremde junge Mann hatte hier keine Ueber⸗ treibung ausgeſprochen, denn ſein Weg von den Ge⸗ ſtaden der Oſtſee bis in das mittägige Deutſchland war größtentheils durch Gegenden gegangen, welche durch zahlreiche Hin- und Herzüge ſich befeindender Schaaren faſt zur Einöde umgeſchaffen worden waren. War er doch ſelbſt zu wiederholten Malen gezwungen worden, ſich mit ſeinem guten Schwerte, das er weid⸗ lich zu führen verſtand, die rohe Brutalität der zügel⸗ loſen Soldateska vom Leibe zu halten. Um ſo an⸗ genehmer war er überraſcht, ſich ſo plötzlich mitten in Frieden verſetzt zu finden; denn die wohlbeſtellten Fluren, ſo wie die alten Verzäunungen, welche hier und da das Eigenthum friedlich umgaben, zeigten deutlich an, daß ſich hierher ſeit langer Zeit kein feindlicher, räuberiſcher und verheerender Heereshaufe verirrt hatte. Clothar, dies war der Name des Fremdlings, fühlte ſich doppelt durch das ſo freundliche Friedens⸗ bild angeſprochen, als Gerlach für das nächſte Ziel ſeiner Wanderung gelten konnte. Daſelbſt hatte der talentvolle Andreas ſeine Malerwerkſtätte aufgeſchla⸗ gen und unter der Leitung dieſes trefflichen Meiſters 55 ſollte er nach dem Willen ſeines Vaters ſeine künſt⸗ leriſchen Studien fortſetzen und nach erlangter Aus⸗ vildung die Malerheimath Italien beſuchen. Im fernen Upſala erfreute ſich der alte Curt Li⸗ lienſtröm gleichfalls eines verdienten Rufs. Er hatte in früheren Jahren auf ſeinen Reiſen nach dem Sü⸗ den Andreas kennen gelernt und das innigſte Freund⸗ ſchaftsband feſſelte die beiden edeln Männer ſeit Jah⸗ ren an einander. Clothar konnte ſich von dem Anſchauen der von der Abendſonne ſo ſchön beleuchteten Gegend lange nicht losreißen. „Möge der Frieden,“ ſprach er endlich nicht ohne Bewegung,„der über dir ſchönem Thale ruht, dir auch künftig beſchieden ſein; mögen nie deine Woh⸗ nungen, die ſo gaſtlich im Abendſcheine ruhen, von Frevlerhand entzündet zum Himmel flammen, deine Saaten von der Roſſe Huf zertreten und deine freundlich blühenden Gärten verwüſtet werden.“ Der Jüngling ſchritt jetzt ſtill dahin und kam dem Städtchen, das recht maleriſch am Abhange eines Bergrückens gelegen war, immer näher. Eine uralte ehrwürdige Lindenallee, in deſſen Kronen der Abend⸗ wind ſpielte, nahm ihn auf und führte ihn bis zu der geräumigen Wieſe, wo die Bürgerſchützen von Gerlach ihre Schießübungen zu halten pflegten. Da gewahrte er plötzlich eine ſeltſame Prozeſſivn, welche ſich langſam von der Stadt daher bewegte. Inmitten eines dicken Menſchenknäuels ſchritten gra⸗ vitätiſch vier wohlbeleibte Mönche, welche einen mäßig⸗ großen, von einem Mauleſel gezogenen und von Ge⸗ richtsſchergen umgebenen Leiterwagen escortirten. Der Wagen ſelbſt war mit einer ziemlichen Anzahl Foliv⸗ bände beladen und ſchlug ſeinen Weg nach der Mitte 56 der großen Bürgerwieſe ein. Hier angelangt, bilde⸗ ten die Gerichtsdiener einen geräumigen Kreis, indem ſie das gaffende Volk zurückdrängten. Aus dürrem Holze wurde mit großer Feierlichkeit ein Scheiterhau⸗ fen errichtet und darauf die Foliobücher gelegt. Es währte nicht lange, als die gewaltige Flamme zum Abendhimmel emporſchlug, und in Verlauf von keiner Viertelſtunde waren Holz und Bücher zu Aſche ver⸗ wandelt. „So wie dieſe ketzeriſchen Bücher,“ rief jetzt die Stimme des einen Mönchs laut und vernehmbar, daß die Worte ſelbſt von Clothar verſtanden werden konnten,„mögen alle Abtrünnigen aus dem Schooße der heiligen Mutterkirche von der rächenden Flamme verzehrt werden. Fluch und dreimaliger Fluch allen Irrlehrern und Ketzern, auf daß ſie zur ewigen Pein in den tiefunterſten Pfuhl der Hölle geworfen werden!“ Die Bücher aber, welche ſo eben den Feuertod erlitten hatten, waren keine andern, als die heilige Schrift in der hochdeutſchen Ueberſetzung des weiland Martin Luther, Doctors der Gottesgelahrtheit an der hohen Schule zu Wittenberg. Nach der ſtrengſten Hausſuchung, dit auf Anſu⸗ chen des frommen Herrn Biſchofs und auf den gebie⸗ teriſchen Befehl des Herrn Kreishauptmanns in dem Städtchen Gerlach war angeſtellt worden, hatte die katholiſche Geiſtlichkeit des Orts mit Entſetzen wahr⸗ genommen, wie weit die Ketzerei unter der Bürger⸗ ſchaft um ſich gegriffen und hatte es für ihre ange⸗ legentlichſte Pflicht gehalten, mit Gewalt einzuſchrei⸗ ten und vor allen Dingen den böſen ketzeriſchen Sa⸗ men, die deutſche Bibel, dem Feuer zu überliefern. Der neue Glaube hatte bereits zu Luther's Leb⸗ 57 zeiten in der biſchöflichen Stadt warme Anhänger gefunden; ein lutheriſcher Prädicant, welcher in einem nahgelegenen Grenzſtädtchen des Churfürſtenthums Sachſen mit apoſtoliſchem Eifer das neue Evangelium verkündete und gegen den Papſt und die katholiſche Kirche unerſchrocken zu Felde zog, war auch von Ger⸗ lacher Bürgern heimlich beſucht worden. Er war be— reits ſo weit gekommen, daß ſich in Gerlach eine evangeliſche Gemeinde bilden wollte, als plötzlich die römiſche Kirche, von ſiegreicher Waffenmacht unterſtützt, von Neuem ihr Haupt erhob und mit allem Grimm einer beleidigten Mutter, der man ihre Jungen rau⸗ ben will, gegen die ketzeriſchen Räuber ſich erhob. Die Kirchgänge nach Sachſen wurden den Bewoh⸗ nern Gerlachs unter den härteſten Strafen verboten und die Geiſtlichkeit bot Alles auf, die Ketzerei im Keime zu erſticken. Namentlich waren es die deut⸗ ſchen Bibeln, welche der Kleriſei ein Greuel waren, und von denen ſich manch Exemplar in Gerlach ein⸗ geſchlichen hatte. Auf die wiederholten bald milden, bald ſtrengen Aufforderungen zur Herausgabe des Buches waren doch kaum ein halb Dutzend Ablieferungen deſſelben erfolgt. Nachdem den Bewoh⸗ nern Gerlachs die Predigten des evangeliſchen Prä⸗ dicanten unterſagt worden waren, ward ihnen der Beſitz der Bibel nur um ſo theurer. Hier fanden ſie ja alle die Himmelslehren wieder, welche ihnen von dem evangeliſchen Prädicanten waren verkündigt worden und welche ihrem Geiſte wie ihrem Herzen eine eben ſo erquickende wie ſtärkende Nahrung bo⸗ ten. Unter fünf Haushaltungen befanden ſich gewiß zwei oder drei, bei welchen das ketzeriſche Buch zu finden war, deſſen Lectüre allerdings nur ganz ins⸗ 58 geheim vorgenemmen werden konnte, aber dadurch um ſo mehr bezaubernden Reiz erhielt. Nachdem alle Aufforderungen von Seiten der Geiſt⸗ lichkeit und der weltlichen Gerichte um Herausgabe der Bibel faſt ganz vergeblich geweſen waren, ſo be⸗ ſchloß man, unter höchſter Genehmigung mit der außerordentlichſten Euergie zu Werke zu gehen. Einem Befehle des Herrn Kreishauptmanns zu Folge, ward jeder Bewohner der Stadt mit der Todesſtrafe be⸗ droht, ſo er das verbrecheriſche Buch nicht ſofort aus⸗ liefern würde. Mönche und Gerichtsdiener zogen von Haus zu Haus und ſtellten die ſchärfſte Nachſuchung an. Mit Thränen in den Augen mußten die from⸗ men Leute das ihnen ſo theure Buch ausliefern. Auf dieſe Weiſe war es gelungen, faſt einen Lei⸗ terwagen voll Bibeln zuſammenzubringen, welcher, wie wir geſehen, unter großer Prozeſſion auf der Bürger⸗ wieſe verbrannt wurde. Der Volkshaufe hatte ſich verlaufen, als Clothar unfern des Platzes anlangte, woſelbſt das Autv⸗da⸗fé ſtattgefunden. Er blieb ſtehen und ſchaute ſich ver⸗ geblich nach Jemand um, der ihm Auskunft über die in den damaligen Zeiten allerdings nicht ſeltene Execution hätte geben können. Endlich kam ein Mann in den mittlern Jahren und in ſchlichter Bürgerkleidung des Wegs daher. Obſchon Letzterem der unverkennbare Verdruß auf dem bärtigen Geſichte zu leſen war, ſo nahm doch der junge Schwede keinen Anſtand, ihn anzureden und eines Nähern über das Autv⸗da⸗fé zu befragen, deſſen Dampfwolken man noch an den Bergen leis dahin ziehen ſah. Der Angeredete warf einen finſtern Blick auf Clothar, doch als er in ihm einen ſchönen fremden lichkeit nimmt ſich in jüngſter Zeit auch gar zu viel 539 jungen Mann erkannte, auf deſſen Geſicht kein Falſch und Verrath zu leſen war, erwiederte er kurz:„Man hat Gottes Wort verbrannt.“ „O,“ erwiederte lächelnd der Schwede,„das möchte ihnen doch ein wenig ſchwer werden, da müßten ſie erſt Sonne, Mond und Sterne verbrennen.“ Dem Andern mochte dieſe Antwort nicht mißfal⸗ len und er verſetzte:„Das iſt auch mein Troſt. Die Wahrheit, die in den verbrannten Büchern geſtanden, wird darum nicht untergehen.“ Ein Wort gab das andere. Der Unbekannte, namentlich als er erfahren, daß Clothar ein Schwede und Lutheraner ſei, ward wertrauender, und mitthei⸗ lender, und ſo erfuhr denn auch der junge Mann, daß jener Arnold heiße, von Profeſſion ein Kupfer⸗ ſchmied und angeſeſſener Bürger zu Gerlach ſei. Die Beiden wanderten jetzt ſelbander dem Thore der Stadt zu. Clothar erkundigte ſich eines Nähern nach dem Maler Andreas; als Arnold plötzlich ſte⸗ hen blieb und ſeine Rede noch um vieles freundlicher wurde. „Zu dem trefflichen Andreas wollt Ihr?“ frug er nicht ohne reges Intereſſe,„ei, das iſt ja mein lieber und guter Nachbar. Wenn ich nicht irre, iſt auch ſchon oft von Euch die Rede geweſen. Ihr werdet ſchon ſeit geraumer Zeit erwartet?“ „Allerdings,“ bejahte Clothar,„ich ſollte ſchon voriges Jahr meine Wanderſchaft antreten. Aber es ſah damals meinem Vater doch zu bös aus im deut⸗ ſchen Lande. Darum ward die Reiſe verſchoben.“ „Ihr könnt zu gar keiner gelegneren Zeit kom⸗ men,“ fuhr der Andere fort,„Andreas iſt die Zeit daher nicht eben der freundlichſten Laune. Die Geiſt⸗ 60 heraus. Der Himmel mag wiſſen, wie das noch werden ſoll im deutſchen Lande. Ich muß offen ge⸗ ſtehen, ich bin der neuen Lehre ſelbſt nicht abgeneigt, aber wenn ihr nicht bald Hülfe kommt, ſo wird ſie wohl am Längſten beſtanden haben. Wenigſtens ſind die Ausſichten ganz darnach.“ „Seid unbeſorgt,“ gab lächelnd der junge Schwede zur Antwort,„wie ſchlimm es auch ausſieht, Gottes Wort geht nicht unter. Darauf verlaßt Euch.“ „Aber die Nachrichten, die aus den benachbarten Landen einlaufen, find nur gar zu betrübend. Ganze Ortſchaften ſind executionsweiſe gezwungen worden, wieder in den Schooß der allein ſeligmachenden Kirche zurückzutreten, nachdem ihnen bereits eine Reihe von Jahren das reine Evangelium in ihren Kirchen iſt gepredigt worden.“ „So die Noth am Größten, iſt Gottes Hülfe am Nächſten! Dies iſt allezeit mein Sprichwort geweſen,“ tröſtete der glaubensſtarke junge Mann,„und es hat mich nie betrogen.“ Unter ſolchem Geſpräch waren die zwei an das Stadtthor gelangt und ſchlugen ſogleich ihren Weg zum Meiſter Andreas ein. Nichts konnte für den wackern Andreas erfreuli⸗ cher ſein, als die Ankunft des Sohnes ſeines Jugend⸗ freundes, des jungen ſtattlichen Clothar. In dem Jünglinge erkannte er den Vater ſogleich wieder. Auch Clothar fühlte ſich bald ſo heimiſch in dem Hauſe ſeines Lehrers, daß er eine Zeit lang die Wir⸗ ren der Außenwelt faſt ganz aus den Augen verlor. Zu dieſer Entfremdung trug allerdings die ſchöne Cäcilie, die achtzehnjährige Tochter des alten Andreas, 61 nicht wenig bei. In ihr hatte Clothar alsbald das Ideal des Weibes, wie er es in der Bruſt trug, verwirklicht gefunden. Gleichwohl mußte ſich der Jüngling zugleich geſtehen, daß über Cäcilien auch ein geheimnißvoller Zauber wehe, der ihn von jeder traulichen Annäherung zurückhielt. Vergebens hatte ſich daher Clothar auf die län⸗ ger werdenden Herbſttage gefreut. Nichts konnte er ſich reizender ausmalen, als dann, nach vollbrachtem Tagesgeſchäft, des Abends im traulichen Stübchen mit der Geliebten ſeiner Seele und dem alten Andreas zuſammen zu ſitzen in anmuthigem Geſpräch. Die heimlichen Herbſtabende kamen. Bereits um ſieben Uhr ward Licht angezündet und um acht Uhr das Abendeſſen eingenommen; aber kaum verkündete der in der Nachbarſchaft befindliche Kloſterthurm die neunte Stunde, als ſich ſtets Cäcilie, mochte auch das Geſpräch noch ſo ſehr ihre Aufmerkſamkeit gefeſ⸗ ſelt haben, erhob, ihre Lampe entzündete und mit einem freundlichen„Gute Nacht!“ das Gemach ver⸗ ließ. Andreas blieb dann gewöhnlich noch ein halb Stündchen bei Clothar, wo er den alterthümlichen Römer, welchen ihn Cäcilie jedesmal vollgeſchenkt hatte, vollends leerte und dann ſich gleichfalls ent⸗ fernte. Dem jungen Mann blieb allerdings dann auch weiter nichts übrig, als ſich zur Ruhe zu begeben. Sein Schlafgemach befand ſich in dem Erdgeſchoß eines Seitengebäudes, deſſen Fenſter nach dem ge⸗ räumigen, mit Obſtbäumen reichbewachſenen Garten hinausgingen. Am Ende dieſes Gartens erhob ſich ein unbewohntes alterthümliches Gebäude, welches An⸗ dreas von dem angrenzenden Kloſter St. Maria ſchon ſeit mehren Jahren käuflich an ſich gebracht und deſſen Räume er gleichſam als Scheuer für den Se⸗ gen ſeines Obſtgartens zu benutzen pflegte. Scheffel⸗ weiſe wurden hier Aepfel, Birnen und Zwetſchen in den luftreichen Böden getrocknet, denn Andreas trieb einen ziemlich einträglichen Handel mit dem Ertrage ſeiner Obſtplantagen. Es war gegen Anfang des Monats November, als Clothar mit hereinbrechender Dämmerung von einem Spaziergange heimkehrte. Er war mit ſeltſa⸗ men Gefühlen die ſpätherbſtliche Landſchaft durchwan⸗ dert. Cäcilien's Bild hatte ihn fortwährend begleitet. Noch immer ſtand er mit dem ſchönen Mädchen auf demſelben Fuße, wie wenige Tage nach ſeiner An⸗ kunft. Nur zur Tiſchzeit am Mittag und Abend traf er mit ihr zuſammen und war es ihm vergönnt, einige Worte mit ihr zu wechſeln; doch mit Schlag neun Uhr ergriff ſie ſtets ihre Lampe und entfernte ſich, worauf der Vater nach Verlauf einer halben Stunde folgte. Wie peinlich dieſer ſchnelle Abſchied dem jungen „Manne in der erſten Zeit geweſen war, ſo hatte er ſich doch nach und nach daran gewöhnt. Er entſchul⸗ digte die Geliebte ſogar. „Das Mädchen,“ ſprach er,„welches den ganzen lieben Tag von früher Stunde an auf den Beinen iſt und die Wirthſchaft zu beſorgen hat, mag des Abends wohl ermüdet ſein und ſich nach dem Bett⸗ lein ſehnen, wie gern ich noch ein Stündchen mit ihr plaudern möchte.“ Clothar fühlte ſich durch dieſe Anſicht eine ge⸗ raume Zeit beruhigt, als ihm ein höchſt räthſelhaftes Geſpräch, das einſt der alte Andreas mit Cäcilien führte, außerordentlich auffiel. Eines Tages war gerade unfreundlich Wetter, hatte Clothar keinen Abendſpaziergang unternommen, wie er alltäglich ge⸗ —3 63 wohnt war, und ſich in der Dämmerung in die Ecke des alterthümlichen Polſterſophas gedrückt, welches in dem Eßzimmer ſtand. Roſige Träume ſeines Jugend⸗ lebens zogen wie eine freundliche Fata Morgann an ſeinem innern Geſicht vorüber. Er ergötzte ſich eine geraume Zeit mit dieſem Phantaſieſpiele, als Andreas in das dunkle Gemach trat und nicht ahnend, daß Jemand zugegen ſei, zu der ihm nachfolgenden Toch⸗ ter ſagte:„Aber, Kind, Du biſt vorige Nacht wieder vor ein Uhr nicht zu Bett gegangen. Das kann ſo nicht fortgehen. Wie leicht kann man Verdacht ſchö⸗ pfen, und dann wären wir beide verloren. Richte es künftighin ſo ein, daß wir um ſieben Uhr zu Abend eſſen, dann kannſt Du Dich bereits um acht entfernen, und ich folge gleichfalls bald nach.“ Cäcilie verſicherte mit ſanfte Tone, daß ſie, trotz ihres ſpäten Schlafengehens, am Tage durchaus keine Müdigkeit verſpüre; durch wenige Stunden Schlaf ſei ſie vollkommen geſtärkt, ſo daß ihr gewiß Niemand ihr Nachtwachen anſehe. Clothar, um ſeine Gaftfreunde nicht zu erſchrecken, für den Fall er entdeckt würde, und um nicht für einen Verräther gehalten zu werden, ſtellte ſich ſchla⸗ fend, obſchon er mit nicht geringer Neugier dem ſelt⸗ ſamen Zwiegeſpräch zuhörte. Indeß kam Andreas alsbald mit ſeiner Tochter auf gewöhnliche Wirth⸗ ſchaftsangelegenheiten zu ſprechen und Clothar konnte über den Grund von Cäcilien's räthſelhaften Nacht⸗ wachen nicht in's Klare kommen. Andreas und Cäcilie entfernten ſich wieber, ohne den jungen Schweden, den ſie auswärts vermutheten, in ſeinem Sophawinkel wahrgenommen zu haben. Clothar war über dieſe ſeltſame Entdeckung au⸗ ßerordentlich überraſcht. Er bot vergebens ſeinen 64 ganzen Forſchungsgeiſt auf, was es wohl mit dieſen räthſelhaften nächtlichen Beſchäftigungen Cäcilien's für Bewandtniß habe. Es ſchmerzte ihn zugleich, daß der alte Andreas noch ſo wenig Vertrauen zu ihm gefaßt und ihn in das Geheimniß, das doch unbe⸗ ſtritten nur einen guten Zweck haben konnte, nicht eingeweiht habe. So war denn der zehnte November herangekom⸗ men, als der junge Mann von ſeinem Nachmittags⸗ ſpaziergange heimkehrte und wider Erwarten die Haus⸗ thür verſchloſſen fand. Erſt nach langem Klopfen that ſich ein kleines Seitenfenſter auf und der Kopf Chriſtinen's, der alten Magd, ward ſichtbar. „Ach, Ihr ſeid es,“ ſprach die treue Dienerin, „ich werde ſogleich öffnen.“ Als Clothar eingelaſſen war, kam ihm der alte Andreas im Sonntagsſtaate entgegen und führte ihn mit feierlicher Miene in das eine große Zimmer des Erdgeſchoſſes, deſſen Fenſter faſt ſtets verſchloſſen waren und das heut von vielen Lichtern, wie zum Weihnacht heiligen Abend, erhellt war. Auch Cäcilie ging feſtlicher gekleidet als gewöhnlich. Auf einem großen Tiſche, inmitten zahlreicher Kerzen, lag die heilige Schrift, und die Stelle aufgeſchlagen:„Es wird dereinſt nur eine Heerde und ein Hirte ſein.“ „Wir feiern heute,“ ſprach Andreas zu dem er⸗ ſtaunten jungen Manne,„den Geburtstag des kecken Mönchleins, der vor länger denn hundert Jahren das heilige Wort Gottes in unſer gutes Deutſch über⸗ ſetzte, ſo daß wir uns ſelbſt Troſt und Erbauung holen können in den herrlichen Worten und Lehren unſers Heilands Jeſu Chriſti und ich hoffe, daß Ihr, mein junger Freund, als Proteſtant nicht Anſtand nehmen werdet, den frohen Abend mit uns zu bege⸗ 65 hen, da heute auch zugleich mein Namenstag iſt, da ich ebenfalls Martin getauft bin.“ Clothar war aber mehr erſchrocken denn erfreut durch dieſe Worte.„Aber um Himmelswillen, Mei⸗ ſter,“ beſchwor er,„bedenkt doch was Ihr thut, wenn der Herr Biſchof von Eurer Feier erführe; er würde es gar ungnädig aufnehmen.“ „Ich habe dies auch behauptet,“ ſprach ein Mann in den mittlern Jahren, welcher der neuen Lehre ebenfalls ergeben war und zu Andreas' innigſten Freunden gehörte.„Es iſt jetzt fürwahr nicht die Zeit zu ſolchen Dingen. Wenn die Sache verrathen würde, ſo fordert Ihr ordentlich muthwillig die Bi⸗ ſchöflichen heraus. Doetor Martin, denke ich, wird auch leben, ohne daß Ihr ſeinen Geburtstag abſon⸗ derlich begeht. „Ueberhaupt,“ fuhr er nach einer Weile fort, „weiß ich nicht, ob die ſchroffe Spaltung, welche Proteſtanten und Katholiken von einander unterſchei⸗ det, von Segen iſt. Meiner Meinung nach wäre es am Zweckmäßigſten geweſen, wenn die katholiſche Kirche den billigen Anforderungen Luther's Gehör gegeben und gleich im Anfange eine unausbleibliche Reform vorgenommen, ſo würde die große und bedauerliche Spaltung, welche bereits Ströme von Blut gekoſtet, vermieden worden ſein. Auch Luther, als er blos gegen einige der ſchreiendſten Mißbräuche der katholi⸗ ſchen Kirche zu Felde zog, wollte durchaus keinen ſol⸗ chen Brand verurſachen, als ſpäterhin ausgebrochen iſt. Wie ſehr wir nun für unſere Perſon der neuen Lehre auch zugethan ſind, ſo ſollten wir doch Alles vermei⸗ den, wodurch wir den Altgläubigen ein Aergerniß bereiten. Und darum, offen geſtanden, bin ich auch nicht für die Geburtstagsfeier; nicht als ob ich den Stolle, ſämmtl. Schriften. XIK. 5 66 wackern Luther deshalb weniger achte, ſondern weil ich überhaupt in der gegenwärtigen aufgeregten Zeit ſie nicht für angemeſſen halte. Was iſt das für ein Freudenfeſt, das man bei verſchloſſenen Thüren mit ängſtlicher Vorſicht, damit Niemand davon etwas er⸗ fahre, begehen muß? Ihr wißt ja, daß mir alles Geheimnißvolle ſeit jeher zuwider war.“ „Wenn ich Euch nicht zu genau kennte,“ erwie⸗ derte Andreas,„und im Innerſten überzeugt wäre, wie treu und ehrlich Ihr es mit dem geläuterten Evangelium meintet, ſo möchte ich faſt irre werden ob Eurer Rede. Doch wir wollen uns den heutigen Abend nicht verbittern durch dergleichen Geſpräche; denkt, lieber Friedrich, daß es ja auch mein Namens⸗ tag iſt und entſchlagt Euch aller trüben und engher⸗ zigen Betrachtungen; kommt, ſtoßt lieber an auf un⸗ ſere langjährige und künftige Freundſchaft; die Strei⸗ tigkeiten, ob welcher ſich die halbe Welt in den Haaren liegt, ſollen wenigſtens nicht in die ſtille Be⸗ hauſung, die nur dem Frieden und der Eintracht ge⸗ widmet iſt, dringen.“ Clothar konnte den Anſichten des beſonnenen Freundes nicht ganz Unrecht geben, namentlich in jetziger Zeit, wo die geringſte Demonſtration in Be⸗ treff des neuen Glaubens Veranlaſſung zu den größten Mißhelligkeiten mit den katholiſch Geſinnten geben konnte. Doch vermied er diesmal ſeine Ueberzeugung auszuſprechen, um nicht Mißklang in dies kleine Fa⸗ milienfeſt zu bringen. Unterdeß hatte Cäcilie in einem traulichen Neben⸗ gemach die Abendmahlzeit bereitet. Man nahm Platz, und bald verſcheuchte der perlende Wein die diſſerti⸗ renden Anſichten über Religion und Glauben und brachte das Geſpräch auf das heitere Gebiet der 67 Kunſt, in welcher Andreas den Namen eines wackern Meiſters mit Recht verdiente. Die Kloſterkirche verkündete die neunte Stunde, als ſich Cäcilie erhob und ihren Vater fragend an⸗ ſah. Dieſer, in fröhliche Weinlaune verſetzt, erſuchte die Tochter, der Geſellſchaft noch ein halb Stündchen ihre Gegenwart zu ſchenken; wie es ſchien, gehorchte Cäcilie nur ungern den väterlichen Worten; und kaum hatte es halb zehn Uhr geſchlagen, als ſie aufſtand und ſich ſittig verneigend das Gemach verließ. Faſt ſchwebte dem jungen Schweden die Frage auf der Lippe, warum das holde Mädchen immer ſo früh ſich der Geſellſchaft entzöge, aber zugleich bedachte er, daß eine ſolche Frage dem alten Andreas vielleicht nicht angenehm ſei; er ſchwieg daher in der Hoffnung, daß die Zeit das Räthſel löſen werde. Die Freunde blieben noch geraume Zeit beiſam⸗ men. Endlich entfernte ſich Friedrich und auch An⸗ dreas wünſchte ſeinem jungen Gaſte wohl zu ruhen und begab ſich nach ſeinem Schlafgemach. Clothar war von dem genoſſenen Weine noch ſo aufgeregt, daß er, auf ſeinem Zimmer angekommen, keinen Schlaf zu finden vermochte. Eine nebelreiche Herbſtnacht ruhte auf Stadt und Land. Matt nur beleuchtete der in Dünſten verſchleierte Mond den er⸗ ſtorbenen Garten. Der Jüngling, nachdem er die Lampe verlöſcht, hatte ein Fenſter geöffnet und ſchaute lange hinaus. Kühl wehte die Nachtluft an ſeine heiße Bruſt; die mannigfachſten Bilder zogen an ihm vorüber, er gedachte der fernen Heimath und der Lie⸗ ben, die er dort zurückgelaſſen. Er gedachte der rei⸗ zenden Cäcilie, deren holdes Bildniß immer tiefer ſich in ſein Herz ſenkte und deren räthſelhaftes Ver⸗ ſchwinden alle Abende ſein Intereſſe für die dunkel⸗ 5 68 lockige Jungfrau nur noch vermehrte. Geiſterhaft hat⸗ ten die Nebel Baum und Strauch umſponnen; rings herrſchte tiefe Stille, nur von Zeit zu Zeit flüſterte ein erſtorbenes Blatt von den hohen Bäumen zur Erde. Eben war Clothar im Begriff ſich zurückzu⸗ ziehen und das Fenſter zu ſchließen, als ſich plötzlich ein Geräuſch vernehmen ließ, als wenn leiſe eine Thüre geöffnet würde. Eine dunkle in einen Man⸗ tel gehüllte Geſtalt ſchlich unfern des Fenſters vor⸗ über, die ihre Richtung nach dem alten verlaſſenen Hintergebäude des Gartens einſchlug. Wenn den Jüngling nicht Alles täuſchte, ſo war der nächtliche Wanderer Niemand anders, als der alte Andreas. Die Geſtalt war ſchon eine Zeit lang im Nebel ver⸗ ſchwunden, als ſich Clothar von ſeinem Erſtaunen noch immer nicht zu erholen vermochte. Es wandelte ihn die Luſt an, ſeinem Gaſtfreunde zu folgen, aber ein beſſeres Gefühl hielt ihn zurück. Bereits ſchlug die Kloſteruhr die Mitternachts⸗ ſtunde, als Clothar immer noch im Fenſter lag, in der Hoffnung, den Andreas zurückkehren zu ſehen; als dieſer nicht kam, ſuchte er ſich endlich zu bereden, daß die ganze Erſcheinung unfehlbar nur ein Trug⸗ vild ſeiner aufgeregten Phantaſie geweſen ſei, ob⸗ ſchon er deutlich die Geſtalt geſehen zu haben ſich erinnerte. Vergebens zerarbeitete er ſich das Gehirn, welches wohl der Grund dieſer nächtlichen Wande⸗ rung ſein möchte. Endlich wurde er doch müde, in die kühle Herbſtnacht, die immer kühler wurde, hin⸗ auszuſchauen. Er war im Begriff ſich zurückzuziehen, das Fenſter zu ſchließen und es dahingeſtellt ſein zu laſſen, was der Andreas in der Nacht zu ſuchen habe, als eine neue wunderbare Erſcheinung ſeine unge⸗ theilte Anfmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Aus dem ——————————————— 69 Hintergrunde des Gartens wurden jetzt wiederholt leiſe Schritte vernehmbar und bald trat aus dem Nebel eine abermalige Geſtalt; ſie wandelte gleich⸗ falls unfern dem Fenſter vorüber. Der Mond, wel⸗ cher gerade hinter einer lichten Wolkenſchicht hervor⸗ trat, beleuchtete momentan die Geſtalt und Clothar erkannte mit Schrecken und hoher Bewegung die ſchöne Cäcilie. Das Mädchen verſchwand in derſel⸗ ben Thüre, aus welcher der alte Andreas hervorge⸗ treten war. Jetzt litt es den Jüngling nicht länger in ſeiner engen Zelle. Die Neugierde übermannte ihn und er mußte wiſſen, was es mit den nächtlichen Wanderun⸗ gen ſeiner Gaſtfreunde für eine Bewandtniß habe. Er kletterte aus dem nicht hoch gelegenen Fenſter in den Garten und wanderte vorſichtig nach dem immer noch in dichtem Nebel ruhenden Hintergrunde. All⸗ mälig traten die Mauern des alten Hintergebäudes in unbeſtimmten Umriſſen hervor. Rings herrſchte tiefe Stille. Clothar kam dem ehemaligen Kloſtergebäude immer näher. Er tappte hin und wieder, und er⸗ reichte endlich den alterthümlichen Eingang. Dieſer aber war feſt verſchloſſen und es hatte den Anſchein, als habe denſelben lange Niemand betreten. Es war dem jungen Manne jetzt ein Räthſel, wo Andreas hingekommen, da er weder eine zweite Thür noch ir⸗ gend einen Ausgang durch die hohe Gartenmauer ausfindig machen konnte. Er unterſuchte vergebens die ganze Länge der Mauer und ſtand eben im Be⸗ griff, mißmuthig den Heimweg anzutreten, denn die Nacht gehörte keineswegs zu den angenehmſten, als plötzlich ein ſonderbares Geräuſch, welches aus einem Keller des alten Hintergebäudes zu kommen ſchien, durch die Stille der Nacht an ſein Ohr ſchlug. Lau⸗ 70 ſchend blieb er ſtehen und ſchlich nach einer Weile dem Orte näher, von woher ſich der ſonderbare Ton vernehmen ließ. Doch kaum war er bei dem ehema⸗ ligen Kloſtergebäude wieder angelangt, als plötzlich Alles ſtill war. Er ſtand eine geraume Weile und lauſchte. Da mit einem Male erhob ſich von Neuem das ſonderbare Geräuſch, und jetzt konnte er deutlich vernehmen, daß es unmittelbar aus einem der Keller des alten Gebäudes hervorkomme. Er vermochte ſich durchaus nicht zu enträthſeln, auf welche Art und Weiſe dieſe ſonderbaren Töne, deren er noch nie ge⸗ hört zu haben ſich erinnerte, entſtehen möchten. Es kam ihm fortwährend vor, als wenn zwei harte Ge⸗ genſtände mit Gewalt gegen einander gepreßt wür⸗ den. Er näherte ſich in der Dunkelheit mit mög⸗ lichſter Vorſicht und hoffte, irgend einen Lichtſtrahl zu entdecken; aber Alles blieb finſter, wie ſorgſam er umher ſpähte, und nur das Geräuſch wiederholte ſich in gemeſſenen Zeiträumen. Schon wollte Clothar die Hoffnung aufgeben, der räthſelhaften, ja faſt geiſterartigen Erſcheinung auf die Spur zu kommen, als es ihm glückte, einen äu⸗ ßerſt ſchwachen Lichtſchimmer zu entdecken, welcher von Zeit zu Zeit über ein hervorragendes Geſims dahin⸗ fuhr. Clothar forſchte begierig weiter und gewahrte endlich einen kaum fingerbreiten Sprung in der Wand, welcher von Zeit zu Zeit erhellt wurde. Er brachte ſein Geſicht ſo nahe als möglich an dieſe Oeffnung, und entdeckte vermöge derſelben ein ſpärlich erleuch⸗ tetes unterirdiſches Gemach, in welchem ſich das Ge⸗ räuſch in gewiſſen Pauſen erhob und wieder ſchwieg. Leider war ſeine Einſicht in das Innere ſo beſchränkt, daß er nur einen ſchmalen Streifen deſſelben zu über⸗ ſchauen vermochte. Ein lebendes Weſen konnte er gleichfalls nicht erblicken, nur von Zeit zu Zeit fuhr ein Schatten über den kleinen Raum. Mit einem Male erloſch der Lichtſchimmer; rings herrſchte wieder tiefe Dunkelheit, und auch das un⸗ terirdiſche Geräuſch ließ ſich nicht wieder vernehmen. Obſchon Clothar'n die Auflöſung des ſeltſamen Räthſels nicht gelungen war, ſo hielt er es doch für gerathen, von weitern Nachforſchungen abzuſtehen und den Heimweg anzutreten. Er ſchlich vorſichtig nach dem vordern Theil des Gartens, indem er ſich über das gehabte Abenteuer in den ſeltſamſten Vermuthun⸗ gen hingab. Er war kaum einige Schritte die eine Baum⸗ wand entlang geſchritten, als er vlötzlich wie ange⸗ donnert ſtehen blieb. Eine graue Geſtalt, die ihn beobachtet zu haben ſchien, machte ſich eiligſt davon, indem ſie ſich nach der Gegend des Gartens zurück⸗ zog, wo das alte Kloſter an die Gartenmauer grenzte. Clothar, der ſogleich argwöhnte, daß dieſe Ge⸗ ſtalt nichts Gutes im Sinne haben könnte, eilte nach, um ihrer habhaft zu werden; aber ſobald er die Mauer erreicht hatte, war das unheimliche Weſen ver⸗ ſchwunden und dem Jüngling blieb nichts übrig, als nach ſeinem Gemach zurückzukehren. Wie groß war der Schreck Clothar's, als er nach der abenteuerlichen Nacht nach ſeiner Malerwerkſtatt hinabſtieg und das Haus von Gerichtsſchergen ange⸗ füllt ſah. Er erfuhr zugleich, daß der alte Andreas ſowie ſeine Tochter Cäcilie in's Gefängniß gebracht worden wären. Die Gerichtsdiener, von einigen Klo⸗ ſtergeiſtlichen angeführt, durchſuchten das ganze Haus, und ſoeben hatte man einen ſehr wichtigen Fund ge⸗ than, die deutſche Bibel, aus welcher Andreas noch 72 am vorigen Abend vorgeleſen und die er den frühern Nachforſchungen zu entziehen gewußt hatte. Der Zufall wollte es, daß Clothar an demſelben Morgen einen Brief von Hauſe erhielt, worin ihm gemeldet ward, daß ſein großer König mit einem ſtarken Heere an Deutſchlands Nordküſte gelandet ſei, um die bedrohte neue Lehre, welche ſich in der höch⸗ ſten Gefahr befand, vor dem Untergange zu retten. Clothar würde unfehlbar nach dieſen erhaltenen Nachrichten ſogleich ſein Bündel geſchnürt und ſich mit ſeinen Landsleuten vereinigt haben, hätte ihn nicht die drohende Gefahr und die verlaſſene Lage, in welcher ſich Andreas und die geliebte Cäcilie be⸗ fanden, zurückgehalten. Er beſchloß alſo vor der Hand, ſeinen zeitherigen Aufenthaltsort nicht zu ver⸗ laſſen, und den eingekerkerten Freunden, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, Beiſtand zu leiſten. Sein erſter Gang war zu dem Rathsherrn Strom⸗ beck, deſſen Bekanntſchaft er gleich in der erſten Zeit nach ſeiner Ankunft zu Gerlach gemacht hatte, um ſich nach dem Grunde der Verhaftung ſeiner Gaſt⸗ freunde zu erkundigen. Als Clothar bei Strombeck in's Zimmer trat, kam ihm dieſer mit höchſt beſorgtem Geſicht entgegen, und der Jüngling vernahm mit Schrecken die Kunde, daß Andreas ſo wie deſſen Tochter theils wegen Ketzerei, theils wegen Zauberei, gefänglich eingezogen ſeien und zu ihrer Errettung wenig Hoffnung vor⸗ handen wäre. Durch Strombeck's Verwendung erhielt Clothar Erlaubniß, Andreas ſprechen zu dürfen, von welcher er noch denſelben Vormittag Gebrauch machte. „Ich bin mir keines Verbrechens bewußt,“ ſprach Andreas zu Clothar, als dieſer im Gefängniß neben 73 A ihm ſaß,„mag es darum mit mir werden wie es will, nur eines bekümmert mich, das iſt das Schick⸗ ſal meines unglücklichen Kindes, das ſo unſchuldig iſt wie ein Engel im Himmel.“ Clothar tröſtete ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, und meinte, daß die Freiſprechung des edlen Greiſes und ſeiner Tochter gewiß recht bald erfolgen werde; Andreas ſchüttelte zweifelhaft das Haupt. „Wie jetzt die Sachen ſtehen,“ ſprach er,„und wo man von katholiſcher Seite nichts unterläßt, um die neue Lehre im Keime zu erſticken, habe ich wenig Hoffnung. Doch,“ fügte er ergebungsvoll hinzu,„wir ſtehen Alle in Gottes Hand, ſein Wille geſchehe, denn er allein iſt heilig und gerecht.“ Der Prozeß gegen Andreas und ſeine Tochter, wegen angeblicher Zauberei, hatte ſeinen Fortgang. Man bot Alles auf, die beiden Inquiſiten zu dem Geſtändniß zu vermögen, daß ſie nächtlicher Weile in ihrem eignen Garten mit dem Teufel Umgang ge⸗ pflogen. Ein paar Mönche traten perſönlich als Zeu⸗ gen gegen die Angeklagten auf. Sie behaupteten, letztere in der Mitternachtsſtunde nach dem alten Hin⸗ tergebäude haben ſchleichen geſehen. Da weder Andreas noch Cäcilie von einem fre⸗ velhaften Umgange mit dem Böſen etwas wiſſen woll⸗ ten, ſo drohte man ihnen mit dem damals ſehr ge⸗ bräuchlichen Mittel, das Geſtändniß zu erzwingen, mit der Folter. Clothar war der Verzweiflung nahe, als er die Gefahr der Geliebten überſchaute. Er bot Alles auf, die unglücklichen Opfer zu retten, aber vergebens war ſein Bemühen, die Gefängnißhüter zu beſtechen und ſeine Freunde zu befreien. Bereits war der Tag feſtgeſetzt, wo Andreas und ſeine Tochter den teufliſchen Qualen der Folter ſoll⸗ ten überliefert werden. Clothar, der zu ihrer Ret⸗ tung nichts beitragen konnte, irrte ſchon ſeit mehrern Tagen, wie von Wahnſinn erfüllt, in der benachbar⸗ ten Gegend umher, vergebens nach einem Rettungs⸗ wege ſuchend, und Gott anrufend, die Unglücklichen nicht untergehen zu laſſen. So eben war er rathlos und verzweifelnd an dem Stamm einer alten Eiche niedergeſunken und hatte daſelbſt eine geraume Zeit in halber Bewußtloſigkeit gelegen, als er plötzlich durch fernes wüſtes Geſchrei aufgeſchreckt wurde. Er fuhr empor und gewahrte, wie von einem fernen Dorfe eine Menge Volk unter fortwährendem Geſchrei daher kam. Zu gleicher Zeit wirbelte eine Feuerſäule zum Himmel. Die Daher⸗ kommenden beſtanden aus flüchtigen Bewohnern des Dorfes, und als ſie den Jüngling unter der Eiche liegen ſahen, ſchrieen ſie ihm zu:„Rettet Euch, die Schweden kommen, und ſchonen weder Mann noch Weib. Kommt mit nach Arnſtadt, es wäre Schade, wenn ein ſo junges Blut den Wüthenden in die Hände fiele.“ Bei dem Namen Schweden war Clothar aufge⸗ ſprungen. Ein begeiſterter Gedanke durchzuckte ſein Innerſtes und mit dem Ausrufe:„Gott dem All⸗ mächtigen ſei Dank!“ eilte er dem Dorfe zu, deſſen Flammen immer gewaltiger zum Himmel ſchlugen. Tiefe Nacht ruhte über Stadt und Land, als der verroſtete Schlüſſel in dem Schloſſe der Thüre knarrte, welche zu Andreas Kerker führte, eine lange hagere Geſtalt, eine Blendlaterne in der Hand haltend, 75 ſchlich herein und weckte den Greis, welcher trotz dem, daß ihm am nächſten Tage die Folter bevorſtand, von Gewiſſensruhe eingewiegt, ruhig ſchlummerte. „Es gibt nur ein Mittel,“ begann der unheim⸗ liche Gaſt, welcher ein allgewaltiger Patricier zu Ger⸗ lach war,„Euch und Eure Tochter von den qual⸗ vollen Martern der Folter und von dem unvermeid⸗ lichen ſchmachvollen Tode zu retten.“ Andreas blickte den Sprecher mit zweifelvollem Blicke an. „Was meine Perſon betrifft,“ ſprach er,„ſo will ich gern Alles über mich ergehen laſſen, aber mein armes Kind zu retten, nennt mir das einzige Mit⸗ tel, obſchon mir, da es aus Eurem Munde kommt, ahnet, daß ich es nicht werde annehmen können.“ „Noch immer der alte Trotzkopf,“ erwiederte Ephraim, dies war der Name des Patriciers,„ich ſollte doch meinen, der Hildebrandt habe Euren ſtar⸗ ren Nacken etwas gefügiger gemacht.“ „Zur Sache,“ ſprach Andreas,„wenn Euer Vor⸗ ſchlag einigermaßen annehmbar, ſo ſollt Ihr mich willfährig finden.“ „Ich dächte, Ihr könntet die Bedingung erra⸗ then,“ verſetzte der Andere,„unter welcher ich Euch Freiheit und Leben zuſichere. Gebt mir Eure Toch⸗ ter Cäcilie zum Weibe, und ich werde allen meinen Einfluß anwenden, das grauſame Schickſal, welches Euch Beiden droht, abzuwenden.“ „Wenn Ihr keinen andern Vorſchlag mir zu ma⸗ chen hattet,“ erwiederte Andreas,„ſo konntet Ihr Euch dieſen nächtlichen Beſuch erſparen; denn ſo wie ich mein Kind kenne, ſo wird ſie die tödtenden Flam⸗ men ſicher Eurem Hochzeitbette vorziehen.“ „Daß Fräulein Cäcilie,“ ſprach mit ſataniſcher Ruhe der Böſewicht,„keine abſonderliche Neigung zu 76 mir verſpürt, und nicht eben mit freudigem Herzen in's Brautgemach folgen wird, weiß ich recht wohl, doch ſoll ich dafür halten, daß, wenn das Zeterge⸗ ſchrei des gemarterten Vaters zu ihren Ohren drin⸗ gen wird, ſie anderer Meinung werden dürfte.“ „Gott, du prüfſt hart!“ ſeufzte der Greis,„doch du wirſt mir auch die Kraft verleihen, daß ich die Qualen überſtehe, ohne einen Schmerzenslaut von mir zu geben.“ „Und wenn das kindliche Herz,“ fuhr Ephraim fort,„ſelbſt dem Schmerzensrufe des Vaters wider⸗ ſtehen ſollte, ſo dürfte das eigene werthe Perſönchen, dem das Blut noch roſenroth und lebensvoll durch die Adern rieſelt, bei der Waſſer⸗ und Feuerprobe, die man mit ihr vornehmen wird, gewiß nicht ganz unenpfindlich bleiben und ihre Sprödigkeit etwas milder werden.“ „Aber wer gibt euch Teufeln,“ fuhr Andreas grimmig auf,„das Recht, Hand an mein unſchuldi⸗ ges Kind zu legen?“ „Recht?“ hohnlachte Ephraim,„iſt es nicht ſelbſt durch geiſtliche Zeugen erwieſen, daß Ihr Beide in Eurem eigenen Garten geſehen worden ſeid, unfehl⸗ bar um einen Hexenſabbath abzuhalten?“ „Gott, Gott!“ ſtammelte mit erſterbender Stimme Andreas, und ſein Haupt ſank todesmatt auf die Bruſt. „Alſo bedenkt wohl,“ fuhr Ephraim fort,„daß die Sachen gar nicht ſchlimmer für Euch ſtehen kön⸗ nen, denn Ihr wißt ja wohl, daß unſere geiſtlichen und weltlichen Richter in Hexen- und Ketzerangele⸗ genheiten keinen Spaß verſtehen. Ueberlegt daher wohl Euer und Eurer Tochter Heil, und laßt mich nicht ohne günſtige Reſolution von Euch, denn mir 77 möchte dann die Luſt wiederzukommen vergehen. Dankt es vielmehr meiner großen Paſſion für die kleine Cäcilie, daß ich mich trotz der mannigfachen Körbe Eurer annahm, und Euch den Weg zeigte, Eurem traurigen Geſchick vorzubeugen.“ Der edle Andreas, durch den gegenwärtigen Be⸗ ſuch, bei welchem ſich Ephraim in ſeiner ganzen teuf⸗ liſchen Geſtalt zeigte, noch mehr gegen den verhaßten Mann erbittert, wollte aufſpringen und den Böſewicht zu Boden ſchlagen, allein die Ketten hielten ihn und er ſank entkräftet und in halber Bewußtloſigkeit auf ſein hartes Lager zurück. Ephraim, der hieraus wohl erſah, daß ſein Hei⸗ rathsantrag auch diesmal zurückgewieſen worden war, entfernte ſich mit den Worten:„Wohlan denn, Alter, in der Folterkammer ſehen wir uns wieder.“ Andreas aber, nachdem der Verſucher von ihm gewichen, betete mit Inbrunſt zum Allerhöchſten, daß er ihn in der fürchterlichſten Stunde ſeines Lebens nicht verlaſſen möge. Blutroth ſtieg am andern Morgen die Sonne hinter den Bergen empor, als Andreas von Gerichts⸗ dienern nach der Folterkammer abgeführt wurde. Nachdem die Richter, in deren Mitte der ſcheußliche Ephraim ſaß, dem Greiſe vergebens das Bekenntniß abverlangt hatten, daß er in Begleitung ſeiner Toch⸗ ter nächtlicher Weile in ſeinem Garten mit dem Satan umgang gepflogen und allerhand böſe Künſte getrie⸗ ben, wurden ihm, wie dies in der Regel zu geſchehen pflegte, die Folterwerkzeuge vorgezeigt und als An⸗ dreas auch hierauf noch nichts bekennen wollte, ſo legte man ihm die Daumenſchrauben an. Schweigend 78 ertrug ſie der unglückliche Greis, kein Schmerzenslaut entfuhr ſeinem Munde. Nachdem die Daumenſchrauben vergebens in An⸗ wendung gebracht worden waren, erhob ſich Ephraim. „Meine Herren Collegen,“ ſprach er,„ich kenne das verſtockte Gemüth dieſes Mannes, wir würden nur unnöthige Zeit verlieren, wollten wir mit ihm in der Tortur gradatim fortſteigen, um endlich das Geſtändniß zu erlangen; mein Rath wäre daher, daß wir ſogleich zur Feuerprobe ſchritten, wo wir in Kurzem erfahren würden, was wir zu wiſſen wünſchen.“ Auf dieſe Worte machten ſich zwei Folterknechte darüber her, Kohlen in Brand zu ſetzen, als ſich einer der Beiſitzer erhob, ſchüchtern und in demüthiger Rede zu bedenken gab, daß ein ſolches Verfahren, wie der hochverehrte Senator Ephraim in Vorſchlag gebracht, mit der Gerichtsordnung ſich nicht ganz vereinbaren laſſe, und daß, wie hier der Fall nicht ganz undenk⸗ bar ſei, das hochlöbliche Gericht einmal zur Rechen⸗ ſchaft gezogen werden könne, wie ſchon vor einigen Jahren einmal vorgekommen, wo ſolches Verfahren von Seiner Kaiſerl. Majeſtät, zu deren Ohren es gelangt, nicht nur gerügt, ſondern auch geahndet wor⸗ den, wie man aus den Akten, welche in dem Archiv noch vorhanden, deutlich erſehen könne. „Ich nehme alle Verantwortung auf mich,“ ent⸗ ſchied Ephraim in ſtrengem Tone,„bei Ketzern und Hexenmeiſtern haben die Richter alle Machtvollkom⸗ menheit, nach eigenem Gutdünken zu verfahren.“ „Gern beſcheide ich mich des Ausſpruchs des ver⸗ ehrten Herrn Senators,“ erwiederte der Beiſitzer; und die Folterknechte waren im Begriff, die Kohlen anzuſchüren und das unglückliche Opfer zu entkleiden, als plötzlich auf der Straße ein ungewöhnliches Hin⸗ und Wiederlaufen vernehmbar ward. Die Richter wurden aufmerkſam und ſchickten einen Gerichtsdiener ab, zu ſehen, was es gebe. Aber kaum hatte Letzte⸗ rer das Gemach verlaſſen, als athemlos ein Stadt⸗ bote mit der Schreckensnachricht hereinſtürzte, daß ſo eben die Schweden mit bewaffneter Hand in die Stadt gedrungen wären. „Er iſt von Sinnen!“ ſchrie Ephraim erbleichend, „es iſt ein blinder Lärm, wo ſollten die Schweden herkommen?“ Vergebens betheuerte der Bote, die feindlichen Haufen mit eigenen Augen geſehen zu haben. Das Collegium wollte der außerordentlichen Nachricht kei⸗ nen Glauben ſchenken, als der Tumult auf der Straße immer bedeutender wurde und ganz in der Nähe Schüſſe fielen. Jetzt hielten die Richter es denn doch für rath⸗ ſam, die Sitzung aufzuheben und die Execution des Andreas zu verſchieben. Sie griffen in Eile nach ihren Baretts, um ſo ſchleunig als möglich nach ihren Wohnungen zu eilen; da tönte bereits wildes Ge⸗ tümmel und Degengeklirr auf dem Gange, welcher nach der Folterkammer führte, und der Gerichtsfrohn ſtürzte mit blutender Stirn herein. Gleich darauf fiel die Thüre in Trümmer und Clothar, den gezo⸗ genen Degen in der Hand, ſchritt herein wie ein Engel des Gerichts. So wie er Andreas ſah, eilte er auf ihn zu, fiel vor ihm nieder, und umfaßte die Kniee des ſprachloſen Greiſes. „Ihr ſeid gerettet, mein Vater! Gott verläßt ja die Seinen nimmer.“ Als er aber die zitternden Richter ſah, flammte eine Zornesröthe über ſein ſchönes Geſicht, und er 80 rief ſeiner bewaffneten Begleitung zu:„In Feſſeln mit dieſen Miſſethätern! Es iſt jetzt an mir, über ſie Gericht zu halten.“ Durch das bewaffnete Einſchreiten des Schweden⸗ königs Guſtav Adolph war die proteſtantiſche Frei⸗ heit in Deutſchland gerettet. Auch im Städchen Gerlach hatte ſich bald eine evangeliſche Gemeinde gebildet, welche von jetzt an öffentlich und ungeſtört ihren Glauben bekennen durfte. Der alte Andreas ward ſelbſt zum Vorſtand dieſer Gemeinde gewählt, welche bald ihre eigene Kirche und ihren eigenen Geiſtlichen erhielt. Jeder der Gläubigen erhielt bei der feierlichen Einweihung des neuen Gotteshauſes zum Andenken von Andreas ein neues Teſtament, welches er ſelbſt, von ſeiner Tochter Cäcilie unter⸗ ſtützt, in einſamen Nächten gedruckt hatte, und wes⸗ halb er nebſt Cäcilien als der Zanberei verdächtig war angeklagt worden. Das erſte Brautpaar, welches unter großem Zu⸗ lauf in der neuen Kirche nach evangeliſchem Ritus getraut wurde, war Niemand anders, als Cäcilie und Clothar, welcher nach dem Tode des ehrwürdigen An⸗ dreas mit dem geliebten Weibe nach ſeiner Heimath Schweden zurückkehrte, wo ſie viele glückliche Jahre mit einander verlebten, während Deutſchland noch lange unter den fürchterlichſten Glaubenskämpfen blutete. Den Senator Ephraim ereilte ſein böſes Geſchick noch an demſelben Tage ſeiner Verhaftung. Aus Furcht einer grauſamen Rache Clothar's entleibte er ſich im Gefängniß. Die Lehensverſicherung. Launige Erzählung. Stolle, ſämmtl. Schriften. XIX. 6 Da⸗ Städtchen Rohrbach erfreute ſich eines ziemlich geräumigen Marktplatzes, welcher überdies vor andern Marktplätzen voraus hatte, daß er von den Bewoh⸗ nern der Stadt zugleich als ergiebiger Hutungsplatz für zahlreiche Gänſeſchaaren benutzt wurde. Da die Rohrbacher keine großen Freunde von Volksverſamm⸗ lungen waren, und jährlich nur einmal Jahrmarkt ge⸗ halten ward, ſo gedieh das Gras und ſchilfartige Kräuter, und dienten den ſchnatternden Schaaren als wohlſchmeckender Morgen⸗ und Abendimbiß. Die Mittag⸗ und Mitternachtſeite dieſes befutterten Mark⸗ tes wurden von zwei Gaſthöfen, dem„Bocke“ und dem „Storche“ beherrſcht, deren beiderſeitige Beſitzer Maus und Spindel hießen. Das Geſchlecht der Mäuſe hatte ſeit urdenklichen Zeiten den Bock beherrſcht, und galt als die Stütze der ſtädtiſchen Ariſtokratie. Die gegenwärtig lebende und regierende Maus machte hier⸗ von keine Ausnahme und bewachte mit der Eiferſucht eines altengliſchen Tory jede leiſe demagogiſche Re⸗ gung in dem Gemeindeweſen von Rohrbach. Nament⸗ lich hielt er ſeine ſchützende Hand über die weiden⸗ den Gänſeſchaaren des Marktplatzes, und der radika⸗ len Oppoſition der Gemeindeverſammlung, welche letztere jährlich nur einmal, und zwar am Martini⸗ tage gehalten wurde, trat er ſtets mit aller Energie 6 8⁴ auf den Kopf. Die Rohrbacher Demokraten bean⸗ tragten nämlich alljährlich, das Federvieh auf die Schießhauswieſe zu verweiſen, da der Markt doch zu⸗ nächſt für die Menſchen und nicht für die Gänſe an⸗ gelegt ſei. Wie aber die liberalen Oppoſitivnen des heutigen Europa's immer von Mißgeſchick heimgeſucht werden, ſo war ein Gleiches auch mit den Rohrba⸗ chern der Fall, und dies aus keinem andern Grunde, als weil ſie die Gänſefrage ſtets nur am Martinitage zur Sprache bringen konnten, wo die Liebe zu der nützlichen Thierart den höchſten Grad erreicht hatte. Da der Bürger⸗Landtag in Ermangelung eines wür⸗ digern Lveals allemal im Saale des Bocks abgehal⸗ ten wurde, ſo nahm Herr Maus zu einem höchſt praktiſchen Mittel ſeine Zuflucht, die feindliche Op⸗ poſition niederzudämmern. Er ließ an dieſem Tage von frühſter Morgenzeit bis nach Ende der Seſſion in Einemfort Gänſe braten, ſo daß das ganze Haus, das Verſammlungslocal nicht ausgenommen, mit lieb⸗ lichem Arom erfüllt wurde, und erſtickte ſo die rebelli⸗ ſche Oppoſition mit bloßem Duft. Der geſetzgebende Körper, welcher von dem umſichtigen Maus gleichſam mit der Naſe in die Wohlthätigkeit des Gänſege⸗ ſchlechts gedrückt ward, wollte daher von einer Exili⸗ rung nichts wiſſen, zumal da Herr Maus in einem naturwiſſenſchaftlichen Vortrage, der ſich wohlweislich aller gehäſſigen Anſpielungen auf die Oppoſition ent⸗ hielt, nicht undeutlich zu verſtehen gab, daß die Markt⸗ trift für die Reſpirationsorgane der gefiederten Heer⸗ den weit wohlthätiger ſei, als der zu fette Gras⸗ wuchs der Bürgerwieſe. Während ſeiner Rede dampf⸗ ten allemal ſechs Gänſe gleichſam als Opferlämmer beim großen Feuer, und ihr Duft ward ſtets zum Höhen⸗ und Weihrauch für den Sprecher. 85 Herr Maus bewies ſich alſo bei der Gänſefrage ſtets als großer Politiker; denn wo hat man je ge⸗ hört und geleſen, daß ein conſervativer Deputirter oder Miniſter die halsſtarrige Oppoſition durch bloßen Duft zum Schweigen gebracht hätte? Daß Herr Maus dem Syſteme des Conſervatis⸗ mus mit Leib und Leben ergeben war, kann übri⸗ gens kein Wunder nehmen, denn er hatte den Segen dieſes Syſtems an ſeiner eigenen Perſon vortrefflich bewährt gefunden und ſich in der Reihe der Jahre, in welcher er als Gaſtgeber im Bocke fungirte, treff⸗ lich conſervirt. Er konnte, was den Umfang ſeines Körpers anbelangte, gerade für das Gegentheil ſei⸗ nes Nachbars gelten. Gerade dieſes Gegentheil von ihm bildete ſein vis à vis, der Storchwirth Spindel, welcher ſeinen Namen mit der That führte. Die Differenz zwiſchen den beiden Gaſtgebern beruhte indeß nicht allein in ihrer äußern Perſönlichkeit, auch hinſichtlich ihres Charalters that ſich die größtmöglichſte Verſchieden⸗ heit kund; nur in einem Punkte wetteiferten ſie ordentlich mit einander, nämlich was den löblichen Brotneid anbelangte; beide waren ſich ſo ſpinnefeind, daß einer den andern unter einem wahren Hoſianna⸗ geſchrei hätte abſchlachten ſehen können. Wo ſich daher nur entfernt eine Gelegenheit darbot, um ein⸗ ander zu ärgern, da ergriffen ſie eine ſolche mit wah⸗ rer Wolluſt. Hert Spindel ſaß keineswegs ſo in der Wolle, als der ariſtokratiſche Maus; er hatte ſich erſt ſeit einigen Jahren etablirt und ſein Storch war der Ver⸗ ſammlungsplatz aller Mißvergnügten, Neuerungsſücht⸗ ler und Ideologen von Rohrbach. Hier vernahm man die läſterlichen Reden gegen die ſtädtiſche Nob⸗ 86 leſſe, welche blos den Bock frequentirte, und Spin⸗ del, wegen des ewigen Pumpus, ſo die Radikalen bei ihm anlegten, gleichfalls den Unzufriedenen angehö⸗ rend, ſchürte aus Leibeskräften die Flamme des Miß⸗ muths gegen die Begüterten und namentlich gegen ſeinen Todfeind, welcher im Bocke, wie in einem rei⸗ chen Hamſterbaue, zwiſchen coloſſalen Töpfen voll Gänſefett ſaß. Der Bockwirth blickte mit ariſtokratiſcher Nachläſ⸗ ſigkeit auf den dürren Schlucker, ſeinen Herrn Colle⸗ gen herab; aber im Innern wurmte ihn deſſen neues Etabliſſement um ſo grimmiger, obſchon er an den aus den Bock nach den Storch ausgewanderten Idev⸗ logen wenig verloren hatte. Sein Grimm aber er⸗ reichte den höchſten Grad, als ſelbſt einige ſolide Frachtfuhrleute den luftigen Genoſſen folgten und im Storche Herberge nahmen. Bei Herrn Spindler knippen ferner alle Gänſe⸗ feinde und die geſammte ſtädtiſche Oppoſition, die ſich nicht wenig über die lebendigen Braten, welche tagtäglich vor dem Storche umherſchnatterten und die ſämmtlich der wohlhabenden Ariſtokratie angehör⸗ ten, ärgerten. Die Oppoſition hatte weder zu Hauſe noch auf dem Markte über eine Gans zu gebieten, und ihre Wuth gegen dieſe Kraniche des Ibicus war daher nicht ſchwer zu erklären. Spindel ſelbſt hatte nur drei Stück auf dem Markte, welche überdies gar nicht recht gedeihen wollten, da ſie aus einem gewiſ⸗ ſen Inſtinet von der wohlhabendern Ariſtokratie fort⸗ während geneckt und gebiſſen wurden. Sie blieben daher immer dürr und unanſehnlich, wie ihr Herr, und ſahen recht ruppig aus. So ſtanden die Sachen, als eines Tages in einem ſtattlichen Reiſewagen ein Herr vor dem Gaſthaus 87 zum Bocke vorfuhr, welcher, nachdem er abgeſtiegen und ein Zimmer verlangt hatte, ſich von den beſten Speiſen und Getränken auftragen ließ. Der Rei⸗ ſende gab ſich ein ſo vornehmes Anſehen, als ob das Gleichgewicht von Europa in ſeinen Händen ruhe. Der ganze Bock gerieth über die ſeltene Er⸗ ſcheinung in convulſiviſche Bewegung, denn ein Frem⸗ der in eigener Equipage gehörte in Rohrbach zu den außergewöhnlichen Erſcheinungen. Herr Maus, um der Sache das größtmöglichſte Anſehen zu verleihen, bewegte ſich, ſo ſauer es ſeiner ſchwerfälligen Conſti⸗ tution ward, in höchſteigener Perſon vor die Haus⸗ thür ſeines Gaſthofs, und ertheilte mit einer lebhaf⸗ ten Pantomimik, damit ſie ja auf dem ganzen Markte bemerkt werde, dem Hausknechte die nöthigen Befehle beim Ausſpannen des fremden Roſſes; der Wagen ſelbſt wurde unter großem Geräuſch und Zubereitun⸗ gen und mit einer wahren Zeitverſchwendung nach dem innern Hofraum befördert, worauf ſich Herr Maus in Staat warf, um dem Fremden ſeine Auf⸗ wartung zu machen. Die weitſchweifigen Demonſtrativnen, welche von Seiten des Bockwirths mit dem angekommenen Wa⸗ gen vorgenommen worden waren, hatten die Aufmerk⸗ ſamkeit der Oppoſition, welche zu allen Fenſtern aus dem Storche herausguckte, in gerechtem Maße in An⸗ ſpruch genommen und Herrn Spindel's Antlitz mit der blaßgelben Farbe des Neides überzogen. Unterdeß hatte Herr Maus ſeinen weitſchößigen Safransrock, welchen er nur bei feierlichen Gelegen⸗ heiten zu tragen pflegte, angezogen, und begab ſich nach dem Zimmer des angekommenen Gaſtes. Dieſer war ſoeben mit ſeiner Mahlzeit zu Ende und ſaß an einem Tiſche, auf welchem eine Menge Tabellen und 88 gedruckte Pläne aufgehäuft lagen. Der Reſpect des Bockwirths ſtieg bei dieſem Anblicke um ein Bedeu⸗ tendes; unfehlbar war der Fremde ein Abgeordneter der Regierung, welcher nach ſtatiſtiſchen Notizen über Rohrbach verlangte. Herrn Maus kam dies ſehr gelegen. Er ſchmei⸗ chelte ſich, mit den Rohrbacher Zuſtänden ziemlich ge⸗ nau bekannt zu ſein, und wollte bei einer ſo günſti⸗ gen Gelegenheit ſein Licht nicht unter den Scheffel ſtellen, ſondern vor den Leuten, und namentlich vor den Landesbehörden, leuchten laſſen. Aber wie groß war ſeine Verwunderung, als ſich plötzlich der Fremde nach ihm umwandte und ihn mit den Worten anredete:„Wie ſteht's, wollen Sie ſich nicht in die Lebensverſicherungsbank einkaufen?“ Das Städtchen Rohrbach lag ſo abgeſondert von der übrigen bekannten Welt, und war wegen ſchlech⸗ ter Poſtverbindungen und Mangel an Zeitungen ſo wenig vertraut mit den Fragen und Intereſſen des Tages, daß Herr Maus den fremden Frager verdutzt anſah und nichts zu erwiedern wußte. Der fremde Herr ſah ſogleich, wie viel Uhr es hier geſchlagen hatte, und war ſo gütig, den Wirth mit dem Weſen der Lebensverſicherungsanſtalten und der Wohlthätigkeit derſelben näher bekannt zu machen. Herr Maus war indeß ein viel zu praktiſcher Mann, als daß ihm die Reden des Fremden nicht hätten ſehr illuſpriſch vorkommen ſollen. Auch wollte ihm der Umſtand, daß er bei ſeinen Lebzeiten von den alljährlichen Einzahlungen keinen Genuß ziehen ſollte, ſchlechterdings nicht gefallen. Ob nach ſeinem Tode ſeine Nachkommen ein paar Tauſend mehr oder weniger hatten, war ihm ziemlich gleichgültig, denn ſeine Vermögensumſtände konnten für Rohrbach glän⸗ 89 zend genannt werden. Er erklärte daher rund her⸗ aus, daß er nicht geneigt ſei, ſich in eine Lebensver⸗ ſicherungsbank einzukaufen. „Wohlan,“ fuhr der Andere fort, welcher Nie⸗ mand anders als ein reiſender Agent einer deutſchen Lebensverſicherungs⸗Geſellſchaft war,„wenn Sie ſich für Ihre eigene Perſon nicht einkaufen wollen, ſo verſichern Sie wenigſtens das Leben eines Dritten, nach deſſen Tode Ihnen ſogleich die verſteuerte Summe ausgezahlt wird.“ Dies war eine Sache, die ſich hören ließ, und der Bockwirth durchlief in der Eile ſogleich alle Be⸗ kannte, deren irdiſche Auflöſung nicht allzuferne ſtand. Leider bot dieſe Reviſion wenig erfreuliche Ausbeute, denn die Bewohner von Rohrbach erfreuten ſich faſt ſämmtlich des erwünſchteſten Geſundheitzuſtandes. Er ſann wiederholt hin und her, und fand endlich Nie⸗ manden, als ſeinen Herrn Collegen und Intimus, den Storchwirth Spindel. Dieſer litt nämlich ſeit gerau⸗ mer Zeit an der Hektik. Zugleich entzündete ein gro⸗ ßer Gedanke ſein Innerſtes. „Wie,“ dachte er bei ſich,„wenn du Spindeln einkaufteſt; lange laufen wird der Kerl nicht, und dann würde dir doch mit ſeiner Abfahrt ein kleiner Erſatz für die jahrelange Trübſal und Aergerniß, die der Böſewicht dir bereitet hat. Zudem würde ich nicht unterlaſſen, ihn nach Möglichkeit zu ärgern, um ſeine Höllenfahrt, denn von einer Himmelfahrt kann bei dem Storchwirth nicht die Rede ſein, ſo bald als möglich herbeizuführen; ja es ſollte mir zur wahren Gewiſſenspflicht werden, ihn methodiſch zu maltraitiren.“ Herr Maus erklärte ſich daher nicht abgeneigt, den Storchwirth einzukaufen, und erkundigte ſich bei 90 dem Agenten nach den erforderlichen Formalitäten, die dabei zu beobachten wären. „Die erſte Bedingung hierzu iſt,“ erwiederte der Agent,„daß Sie die Einwilligung desjenigen erhal⸗ ten, den Sie einzukaufen geſonnen find; denn ohne ſeine eigene Zuſtimmung nimmt die Lebensverſiche⸗ rungsbank die Verſicherung nicht an.“ Dies war allerdings ein höchſt ſchwieriger Punkt für Herrn Maus, der mit dem Storchwirth in ge⸗ ſpanntem Verhältniſſe lebte. Wie? Er der ehrwürdige Beſitzer des Bocks, ſollte ſich ſo weit herablaſſen und bei Spindeln bittweiſe einkommen, daß er ſich in die Lebensverſicherungsbank einkaufen laſſe? Ein ſchwe⸗ res Opfer, zu welchem ſich Maus im Anfange gar nicht verſtehen wollte, und erſt nachdem der Agent erklärte, daß es ſchlechterdings unerläßlich ſei, faßte er den kühnen Entſchluß, ſeinem Todfeind einen Be⸗ ſuch abzuſtatten. Bereits am Nachmittage deſſelben Tages ereignete ſich der in Rohrbach unerhörte Fall, daß man die kugelrunde Figur des Bockwirths über den Markt nach dem Storche rollen ſah. Herr Spindel, welcher eben aus dem Fenſter ſei⸗ ner Gaſtſtube ſchaute, glaubte in allem Ernſte an einen optiſchen Betrug, den ihm ſeine Sehnerven ſpielten. Er mußte wiederholt die Gläſer ſeiner Brille putzen, denn noch immer glaubte er nicht recht zu ſehen. Indeß die Sache war nicht anders, und Maus endlich an der Hausthür des Storches angelangt. Da der Bockwirth von ſo umfänglicher Körperbeſchaf⸗ fenheit war, daß er durch die halbgeöffnete Hausthür nicht einzudringen vermochte, ſo mußte der Haus⸗ knecht auch den andern Thorflügel öffnen; und jetzt S—— 91 erſt hielt Herr Maus ſeinen räthſelhaften Einzug. Er verlangte Herrn Spindel zu ſprechen, und alsbald befanden ſich die Häupter der Rohrbacher Montecchi und Capuletti in einem und demſelben Gemache des Erdgeſchoſſes einander gegenüber. Herr Maus, als Haupt der ariſtokratiſchen Par⸗ tei, war, wie ſich von ſelbſt verſtand, ein Weltmann. Er abſtrahirte gänzlich von den feindlichen Principien, welche ihn von ſeinem Gegner ſchieden, und übergoß den erſtaunten Storchwirth mit diplomatiſchen Höf⸗ lichkeitsformeln. Nachdem er ein Langes und Breites über die Hin⸗ fälligkeit und Vergänglichkeit alles Irdiſchen und über den Egoismus der Gegenwart geſprochen, kam er mit großem Lobe auf die hochherzige Erfindung der Lebensverſicherungsbank, als eines Inſtituts, welches zu befördern die Pflicht jedes Patrioten erheiſche; er habe ſich daher entſchloſſen, in Rohrbach mit gutem Beiſpiele voran zu gehen, und wende ſich daher an ſeinen Herrn Nachbar und Collegen mit dem Geſuch, einer ſo wohlthätigen Anſtalt ſeine Unterſtützung nicht zu entziehen. Wenn die Rohrbacher ſähen, daß zwei ihrer erſten Notabilitäten ſich bei dem großherzigen Unternehmen betheiligten, ſo würde das gute Beiſpiel bald Nachahmung finden; und man würde ſich das Verdienſt, den Anforderungen des Jahrhunderts nach⸗ gekommen zu ſein, erworben haben. Herr Maus weihte nun ſeinen Gegner etwas tie⸗ fer in die Geheimniſſe der Lebensverſicherungsbank ein und trug ihm ſein Anliegen wegen des Einkaufs vor. Der Storchwirth war keineswegs ſo auf den Kopf gefallen, daß er nicht zugleich Maus' eigentliche Abſicht errathen hätte, und da er ſich, was die Kunſt anbe⸗ langte, Jemanden zu Tode zu ärgern, noch größere 92 Geſchicklichkeit zutraute als dem dicken Bockwirth, ſo ging er bereitwillig auf deſſen Vorſchlag unter der Bedingung ein, daß es ihm gleichfalls geſtattet ſei, ſeinen verehrten Herrn Collegen einzukaufen. Der Handel ward abgeſchloſſen, und Herr Maus verließ das Gaſthaus ſeines Feindes in der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß der an der Hektik leidende Spindel nicht lange mehr laufen werde. Letztgenanntem gingen ganz dieſelben Gedanken in Betracht des Bockwirths im Kopfe herum. Er lebte ebenfalls der ſichern Ueber⸗ zeugung, daß Maus in Kurzem in ſeinem eigenen Fett erſticken müſſe. Mit wahrer Wolluſt hatten die beiden Gaſtwirthe bei ihrer Unterhandlung ihren gegenſeitigen ſcheinbar mißlichen Geſundheitszuſtand beobachtet. Dem Bock⸗ wirth erklang das fortwährende Hüſteln Spindel's wie Sphärengeſang, während auf der andern Seite Maus'ſchwerfälliges Keuchen den Beſitzer des Stor⸗ ches mit unſäglicher Zufriedenheit erfüllte. Wie jedoch die Diplomaten ihre Gedanken nie verrathen und in der Regel nur das Gegentheil von dem ſagen, was ſie im Herzen denken, ſo konnte Maus nicht genug das blühende Ausſehen und die kräftige Conſtitution ſeines Herrn Collegen rühmen, während Spindel der Geſundheit des Bockwirths eine wahre Apologie hielt. Er ſchwur hoch und theuer, Herrn Maus noch nie ſo wohl und rüſtig geſehen zu haben, wie in der Gegenwart. Die erſte feindſelige Handlung, welche ſich der Bockwirth erlaubte, um Spindeln zu ärgern, beſtand darin, daß er beim Nachhauſegehen über den Markt mit ſeinem ſpaniſchen Rohre in die drei magern Gänſe des Storchwirths einhieb, welche ihm gerade in den Weg kamen, ſo daß das eine der armen 93 Thiere einen lahmen Flügel davon trug. Indeß er⸗ reichte Herrn Maus die Strafe für ſeine böſe That auf der Stelle; Herr Spindel ſchoß dem Gänſe⸗ wüthrich, vermittelſt ſeines langen Blaſerohrs, einen ſcharfen Stechbolzen mit außerordentlicher Vehemenz in denjenigen Theil ſeines Körpers, der gerade für Herrn Maus von unberechenbarer Wichtigkeit war. Maus kollerte, ſeine Wuth und ſeinen Schmerz ver⸗ beißend, mit möglichſter Geſchwindigkeit ſeinem ſchützen⸗ den Gaſthofe zu, wo er nichts Angelegentlicheres zu thun hatte, als ſich von der eiſernen Wespe zu be⸗ freien, die ziemlich tief eingedrungen war. Sein Aerger ob der empfangenen Wunde über⸗ ſtieg faſt ſeinen Schmerz, den er wegen ihr zu leiden hatte, und er ſchwur beim jedesmaligen Niederſetzen, wo er die Wirkung des Schuſſes allemal doppelt verſpürte, hoch und theuer, alles Mögliche hervorzu⸗ ſuchen, um ſeinen Feind durch Aerger das matte Le⸗ benslicht vollends auszublaſen. Wie der Feind, wenn er eine Feſtung belagert, vor allen Dingen darauf bedacht iſt, den Belagerten Zufuhr und Waſſer abzuſchneiden, ſo gingen des Bockwirths ſtrategiſche Bemühungen jetzt vorzüglich dahin, Herrn Spindel erſt die Frachtfuhrleute und dann wo möglich auch die Oppoſition, welche im Storche feſten Fuß gefaßt hatte, abſpenſtig zu machen. Er ließ ſich keine Mühe verdrießen, und ſcheute ſelbſt bedeutende Ausgaben nicht. Ausgeſchickte Emiſſäre mußten erſt die Fuhrleute und dann die Oppoſition bearbeiten. Seine Bemühungen und pecuniären Opfer ſollten nicht ohne Erfolg bleiben. Bereits am nächſten Frei⸗ tage ſah man die Wagenburg der blaublouſigen Vet⸗ turino unter Peitſchenknall am Storche vorüberziehen 9⁴ und den alten Weg nach dem Bocke einſchlagen. Hier wurden die Ankömmlinge wie heimkehrende Sie⸗ ger aus dem Kampfe für das Vaterland empfangen. Ueber das große Hofthor zog ſich ein Friedens⸗ und Ehrenbogen von grünen Tannenreiſern, und Herr Maus begrüßte die Einziehenden mit einer Rede, in welcher er ſein ganzes parlamentariſches Talent ent⸗ wickelte. Der Schmaus, welchen der Beſitzer des Bocks den in ihren vorigen Stall wiedergekehrten Lämmleins ausrichtete, war gleichfalls höchſt ſplendid zu nennen. Es fehlte ſogar nicht an Muſikern, welche luſtige Weiſen aufſpielten. Dieſe Töne klangen wie Unken⸗ ruf nach dem Storche hinüber, deſſen Beſitzer mit zornbleichem Antlitze nach den erleuchteten Fenſtern, hinter welchen es ſehr laut und fröhlich herging, hin⸗ überſchaute. Mit ſtillem Ingrimm hatte Herr Spin⸗ del dem Abfalle der Niederlande zugeſchaut und den ungetreuen blauen Blouſenmännern die ewige Ver⸗ dammniß auf den Hals gewünſcht. Herr Spindel war indeß nicht der Mann, der eine ſolche Schmach ungerächt über ſich ergehen ließ, und er ſuchte alle möglichen Chikanen hervor, um die Galle ſeines be⸗ leibten Collegen in Aufruhr zu bringen. In der Verſammlung der Rohrbacher Oppoſition wurden, um die Perſon des Herrn Maus in Schat⸗ ten zu ſtellen, höchſt bösartige Pasquille geſchmiedet, und als dieſe Pfeile ſpurlos an der wohlconſervirten Philoſophie des Bockwirths wie an einem Panzer abprallten, nahm die Spindel'ſche Partei zur Rohr⸗ bach'ſchen periodiſchen Preſſe ihre Zuflucht. Auf dieſem Felde währte der Kampf zwiſchen Storch und Bock eine geraume Zeit fort, ohne jedoch zu einem andern Ziele zu führen, als die beiden Parteihäupter noch erbitterter gegen ſich zu machen, doch ohne gerade lebensverkürzende Wirkungen auf eine oder die andere der feindlichen Perſönlichkeiten hervorzubringen. Während dieſer publiciſtiſchen Streitigkeiten und gereizten Polemik im Wochenblatte ermangelten beide Corpsführer, um welche ſich Ariſtokratie und Demo⸗ kratie geſchaart hatte, nicht, ſich auf anderem Wege das Leben zu verbittern. Am nächſten Landtage, am 10. November, fiel die berühmte Gänſefrage zu nicht geringem Aerger der Oppoſition abermals durch; und nie dampfte der wohlriechende Opferbrodem üppiger durch die Räume des Maus'ſchen Hotels. Um ſich zu rächen, denuncirte Spindel bei der Polizeibehörde das geheime und geſetzwidrige Hazardſpiel, welches in der Woche mehre Male des Abends im Bock getrie⸗ ben wurde, und wo Herr Maus ſelbſt in eigener Perſon Bank hielt. Ein anſehnlicher Theil der Rohr⸗ bacher Ariſtokratie ward erwiſcht und mußte, den Herrn Bockwirth an der Spitze, zu Spindel's nicht geringer Freude bedeutende Strafe zahlen. Die Spannung erreichte hierdurch den höchſten Grad, und Herr Maus bot alles Mögliche auf, um dem verhaßten Storche die feindliche Oppoſition zu rauben. Seinen Agenten gelang es auch endlich, einen Theil der Radikalen durch Verheißung eines unmenſch⸗ lichen Pumps für den Bock zu gewinnen. Zwei dem Bankerotte nahe Kaufleute, ſo wie ein von Rabuli⸗ ſterei lebender Advokat erſchienen eines Abends zu nicht geringer Freude des Herrn Maus im Bock, und es ward ihnen bei dem Gratisſouper ſo tüchtig zu⸗ getrunken, daß ſie beim Nachhauſetaumeln hoch und theuer ſchwuren, nie wieder einen Fuß in den ver⸗ 96 trackten Storch zu ſetzen und für die nächſten Abende noch andere Spindel'ſche Stammgäſte mitzubringen. Wer war froher als Herr Maus, welcher jetzt dem gehaßten Nebenbuhler einen Todesſtreich verſetzt zu haben glaubte. Wirklich hatte auch Herrn Spin⸗ del lange nichts ſo an die Seele gegriffen, als die⸗ ſer unverhoffte Abfall ſeiner Getreuen, obſchon der Schaden, den er dabei erlitt, zu überſehen war; denn die nach dem Bocke Ausgewanderten ſtanden ſchon ſeit ewigen Zeiten mit ſehr leſerlichen Schriftzügen in den Spindel'ſchen Schuldbüchern, und Herr Spindel konnte ſich kaum mehr erinnern, wie eigentlich ein Geldſtück von ihnen ausſah. Auch hatte Herr Maus durchaus keinen Segen von denen mit ſo vieler Mühe und großen Unkoſten acquirirten Gäſten; denn da ſie glaubten, blos durch ihr perſönliches Erſcheinen und tapferes Schmauſen und Zechen Herrn Maus einen Gefallen zu erweiſen, ſo erklärten ſie geradezu, daß das Bezahlen gegen ihre Grundſätze wäre, und ver⸗ ſicherten offenherzig, es ſei ſtets bei ihnen ſo geweſen. Herr Maus war gezwungen, zum böſen Spiele gute Miene zu machen. Er hatte blos den baldigen Tod ſeines Nebenbuhlers vor Augen. Sobald dieſer die Augen geſchloſſen und er die bedeutende Verſiche⸗ rungsſumme in Händen haben würde, ſo war ſein feſter Entſchluß, ſich des unerſättlichen Radicalismus ſo bald als möglich vom Halſe zu ſchaffen. Seine Hoffnung hinſichtlich des Ablebens des Storchwirths ſollte indeß ſobald nicht in Erfüllung gehen; bei Letzterem war ganz daſſelbe der Fall. Trotz der ausgeſuchteſten Malicen, mit welchen ſich die beiden Widerſacher einander fortwährend begeg⸗ neten, wollte der Tod nicht ſichtbar näher rücken. Im Gegentheil ſchien der fortwährende Aerger der 97 Conſtitution des Bockwirths zuzuſagen. Herr Maus wäre unfehlbar ſchon längſt erſtickt, wenn nicht das Aergergift die Fettmaſſe wohlthätig zerſetzt hätte. Mit ſtillem Ingrimm bemerkte der Storchwirth die beharrliche Lebensdauer und die rüſtige Geſund⸗ heit ſeines Todfeindes, während ſein Lebensfaden, wie er ſelbſt deutlich fühlte, auffallend kürzer zu wer⸗ den drohte. Um jedoch Herrn Maus ſein Abzehren möglichſt zu verheimlichen, ihn über ſeinen wahren Geſundheitszuſtand zu täuſchen und dadurch zu ärgern, begann er ſich auszuſtopfen und ſein blaſſes Geſicht mit Karmin zu röthen. Alſo verjüngt ſtieg er täg⸗ lich mit möglichſter Behendigkeit und zum höchſten Mißfallen des Bockwirths über den Markt. Ein tiefer Seufzer entwand ſich jedesmal der Bruſt des Herrn Maus, wenn er den verjüngten Herrn Collegen mit lebensmuthigem Angeſicht und ſchaden⸗ froher Fröhlichkeit an ſeinen Fenſtern vorübereilen ſah. Er berechnete mit tiefem Schmerze, wie viele Mal er die Lebensſtener noch würde zu bezahlen ha⸗ ben, und der Gedanke, daß ihn Herr Spindel am Ende vielleicht überleben könnte, brachte ihn wahrhaft zur Verzweiflung. „Ich begreife gar nicht,“ ſprach er oft zu ſich, „wo dieſer Kerl, der vor Jahresfriſt faſt nur noch Knochen war, das Fleiſch hernimmt; während ich zu⸗ ſehens abnehme, arrondirt ſich dieſer Böſewicht wie ein wohlhabender Pachter. Das kann gar nicht mit reellen Dingen zugehen. Er muß ſich im Beſitze eines Lebenselixirs befinden, welches man ſo einem nichtsnutzigen Menſchen in der Apotheke gar nicht ver⸗ abreichen ſollte. Der wird mich noch mit ſeinem blühenden Ausſehen zu Grunde richten. Ich hoffte bei ihm auf die Schwindſucht; alle Doctoren waren Stolle, ſämmtl. Schriften. XIX. 7 98 darüber einverſtanden, daß er ſchon vorige Oſtern nicht erleben würde. Jetzt haben wir bald Michaelis, und er denkt noch an keine Abfahrt; da kann man recht erkennen, wie mangelhaft es mit dem medizini⸗ ſchen Wiſſen beſtellt iſt.“ Mit ſolchen höchſt ſchwermüthigen Reflexionen be⸗ ſchäftigte ſich Herr Maus Tag und Nacht. Er ver⸗ wünſchte, erſt im Stillen und dann laut vor den Leuten, das Inſtitut der Lebensverſicherung, und zahlte alljährlich unter herzbrechendem Jammer die Beiträge an die Bank. Abgeſehen von dieſen jährlich zu leiſtenden ſchwe⸗ ren Geldbeiträgen, koſtete ihm der Kampf mit ſeinem Nebenbuhler ſchwere Summen. Nicht allein, daß Herr Maus, um dem Storchwirthe die Kundſchaft zu neh⸗ men, außergewöhnlich niedrige Preiſe ſtellte, ſo hat⸗ ten ihm auch die Radicalen den halben Weinkeller ausgeſoffen, ohne daß von Bezahlen die Rede gewe⸗ ſen wäre. Was Herrn Spindel betraf, ſo konnte man von ihm gleichfalls nicht ſagen, daß ihn der langwierige Feldzug gegen den Bockwirth bereichert hätte. Ob⸗ ſchon ihm die demokratiſche Partei weniger brand⸗ ſchatzte, ſo ſah er ſich gleichwohl genöthigt, nur um mit ſeinem Feinde die Conecurrenz auszuhalten, ſeine Preiscourante zu ermäßigen. So waren die beiden Gaſtgeber auf dem beſten Wege, ſich gegenſeitig zu Grunde zu richten, wenn nicht ein unerwartetes Ereigniß das Schickſal der Rohrbacher Monteechi und Capuletti jählings entſchie⸗ den hätte. Ein Philoſoph, welcher bei Herrn Maus eben ſo oft tief in die Flaſche geguckt, als er in deſſen Schuldbüchern hoch angeſchrieben ſtand, glaubte ſich 99 ſeinen Gläubiger mit einem Male vom Halſe zu ſchaffen, indem er ihm eine große Entdeckung machte und ein wichtiges Geheimniß anvertraute. Er hatte nämlich die gewichtige Wahrheit herausgebracht, daß es ſich mit der Corpulenz des Storchwirths ganz an⸗ ders verhalte, als es den Anſchein habe. Er verhieß Herrn Maus einen großen Stachel aus der Bruſt zu ziehen, wenn der Herr Bockwirth ſeinen Namen aus dem Schuldbuche ſtreichen wolle. Maus, welcher ohne⸗ hin nicht viel von dem Philoſophen zu gewärtigen hatte, verſprach es unter der Bedingung, daß die Entdeckung für ihn von Wichtigkeit und Nutzen ſei. Der Philoſoph ſchüttete nun ſein Herz aus; er ſchwur hoch und theuer und gelobte es zu beweiſen, daß Spindel ein ausgeſtopfter Menſch ſei, der aus nichts als aus Knochen und Watte beſtehe. Nicht vier Pfund Fleiſch habe er am Leibe, und auch da⸗ mit würde es bald zu Ende ſein, worauf der Tod des gehaßten Mannes Herrn Maus eine ſichere und reiche Beute gewähre. Da der Bockwirth ob dieſer freudigen Botſchaft ein Weilchen den ungläubigen Thomas ſpielte, ſo verſprach der Philoſoph die Wahr⸗ heit ſeiner Ausſage noch ſelbigen Tages durch einen augenſcheinlichen Beweis zu bekräftigen. Als daher am Nachmittage der ausgeſtopfte Storch⸗ wirth in ſtolzer Sicherheit am Bocke vorüber wan⸗ delte, ſo wurde er von dem Philoſophen und Herrn Maus, welche unſichtbar in eine Fenſterecke poſtirt ſtanden, auf das Nachdrücklichſte mit Stechbolzen aus Blaſeröhren beſchoſſen. Spindel ſchritt bombenfeſt und nichts ahnend vorüber, und kam, von bebuſchten Nägeln ganz überſäet, als geſpickter Haſe nach Hauſe. Hier erſt, als er ſeinen braunen Rock vom Leibe zog, entdeckte er ſein Mißgeſchick, und ſah ſich entlarvt. 100 Seine Alteration und Wuth darüber waren ſo groß, daß er einen Blutſturz bekam, welcher ihn tödtlich darnieder warf. Der herbeigerufene Arzt erklärte gerad' heraus, daß Spindel keine vierundzwanzig Stunden mehr zu leben habe. Der Todescandidat nutzte dieſen kurzen Zeitraum, machte ſein Teſtament, worauf er auf den Boden kroch und ſich in beſter Form erhängte. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich der Selbſtmord des Storchwirths in der Stadt. Die Nachricht ge⸗ langte auch zu Herrn Maus. Der Unglückliche! Da⸗ hin waren mit einem Schlage ſeine jahrelangen Be⸗ ſtrebungen, die unerhörteſten Opfer. Sein Gegner war allerdings todt, aber wie Flammenlettern brannte der achte Paragraph der Statuten der Lebensverſiche⸗ rungsbank: Für einen Selbſtmörder wird die verſicherte Summe nicht ausgezahlt. Dies war zu viel, als der Beſitzer des Bocks zu ertragen vermochte. Ein gelinder Schlagfluß nahm ihn in ſeine Arme und führte ihn ſeinem Freunde Spindel nach. Seine Hinterlaſſenſchaft kam in die Hände lachen⸗ der Erben, welche ſich ihres Lebens freuten und von einer Lebensverſicherung nichts wiſſen wollten. Die geheimnißvolle Riſte. Erzählung. Der einſt reiche und gewaltige Kaufmann van der Weſten lag auf dem letzten Lager. Dem Ausſpruche ſeines Arztes nach hatte er nur noch wenige Tage zu leben. Der innere und äußere Zuſtand des Kran⸗ ken war wahrhaft bejammernswerth. Er, der in ſei⸗ nem Leben nie nach geiſtlichem Troſtſpruch verlangt, hatte nach dem Geiſtlichen ſeines Stadtviertels ge⸗ ſchickt. Der würdige Seelſorger erſchien, nahm an dem Leidenslager Platz und der kranke Sünder be⸗ gann ſogleich mit der Frage: „Glauben Sie, Herr Paſtor, an einen Segen des Himmels?“ Der Geiſtliche war keiner von den orthodoxen Eiferern, welche ſogleich mit dem Zorne des Himmels bei der Hand ſind, ſondern er war von der beſeli⸗ genden Lehre unſeres Heilands erleuchtet und erwärmt. Er erkannte alsbald mit Wehmuth das verödete und von Zweifeln und Gewiſſensbiſſen gefolterte Gemüth ſeines Beichtbefohlenen. Er antwortete alſo ſeines heiligen Amtes würdig voll Liebe und Verſöhnung. Der Kranke hörte ſchweigend zu und verſetzte endlich: „Ob ich an einen Segen des Himmels glauben ſoll, weiß ich dermalen noch nicht; aber ſo viel hat mich die eigene Erfahrung gelehrt, daß auf unrecht 104 erworbenem Gute kein ſogenannter Segen ruht. Was hab' ich mich mein Leben lang geplackt, auf erlaubtem wie unerlaubtem Wege Reichthümer zuſammenzuſchar⸗ ren. Wie manche arme Wittwe, manchen bedrängten Familienvater hab' ich oft wegen wenig Thalern auf's Blut gepeinigt. Lange Zeit ging auch die Sache ganz vortrefflich. Meine Güter vermehrten ſich zu⸗ ſehends; ich ward reich, ſehr reich. Und jetzt, was iſt mir von allen dieſen oft ſehr ſauer erworbenen Schätzen geblieben? Waren die völlig unvorhergeſehe⸗ nen Unglücksfälle der letzten Jahre nicht hinreichend, Alles zu verſchlingen und mich zum Bettler zu ma⸗ chen? Alſo kann auf dieſem Erwerbthum unmöglich viel Segen geruht haben. Um dieſes einzuſehen, be⸗ darf es nicht einmal eines großen Glaubens an eine ſogenannte göttliche Gerechtigkeit.“ Der Prediger rügte nicht die Gottesläſterung, die in den letzten Worten des Kranken lag, ſondern erwiederte mit Milde:„O, mein Freund, wie oft werden wir durch wunderſame Beiſpiele überraſcht, aus welchen wir erkennen, wie die üble That ſchon auf Erden üble Früchte trägt, ſei es auch oft nach vielen Jahren, und wir werden hier unwillkürlich an eine Nemeſis, an die Gerechtigkeit einer unſichtbaren Macht gemahnt. Doch wie das Böſe ſich beſtraft, in um ſo reichern Maße belohnt ſich auch das Gute, und ſo wird auch für Ihre guten Thaten der Segen nicht außenbleiben, beruhe er vor der Hand auch nur im beſeligenden Bewußtſein.“ „Gute Thaten?“ verſetzte der einſtige Reiche mit bitterm Lächeln,„davon weiß ich in meinem Leben allerdings nichts.“ „O, beſinnen Sie ſich nur,“ fuhr der Geiſtliche tröſtend fort,„da werden Sie gewiß auf freundliche, ſüße Stunden ſtoßen, wo Sie der Sprache Ihres Herzens Gehör gaben und manches Gute übten.“ „Vergebens ſinne ich zurück,“ war die Antwort des Kranken;„ſolcher Stunden, von denen Sie ſpre⸗ chen, weiß ich mich nicht zu erinnern. „Doch ja, damit ich nicht lüge,“ ſprach der Kauf⸗ mann, auf welchem Unglücklichen das Auge des Pre⸗ digers mitleidsvoll gerichtet war, nach einer Pauſe weiter,„ich entſinne mich einer ſolchen Stunde.“ „Welche Ihnen der Himmel reichlich belohnen wird,“ fiel hier der Prediger mit freudiger Zuver⸗ ſicht ein. „Dieſer Lohn möchte für mich doch zu ſpät kom⸗ men,“ ſprach der Kranke,„denn nach der Ausſage des Arztes habe ich auf Erden nicht viel mehr zu ſuchen.“ „Das Gute geht ſelbſt auf die Kinder über,“ verſicherte fromm und gläubig der Seelſorger. „Auf die Kinder!“ ſeufzte van der Weſten.„Sie ſind mir ja alle geſtorben in der Blüthe des Alters. Nur der Jüngſte iſt mir verblieben.“ Der Geiſtliche, um ſeinen Beichtbefohlenen auf andere Gedanken zu bringen, erkundigte ſich nach der freundlichen Stunde, deren van der Weſten gedacht hatte. „Es mag an die fünf oder ſechs Jahre her ſein,“ erzählte dieſer,„ich ſaß damals noch dem Glücke im Schooß—“ „Dem Reichthume, wollen Sie ſagen,“ mahnte ſanft der Prediger. „Ich kannte außer ihm kein Glück,“ fuhr der Kaufmann fort.„Alſo an einem Sonntag Vormit⸗ tage im ſchönſten Frühlinge— die Luft war mild und regenſchwanger— ging ich mit meinem Sohne 106 Eduard nach einem nahgelegenen Dorfe, um mehre daſelbſt anſäſſige Landleute an die gefälligen Zins⸗ termine zu mahnen.“ „Das war freilich kein ſonntägliches Geſchäft,“ dachte der geiſtliche Herr für ſich, doch unterbrach er den Erzähler nicht. Dieſer fuhr fort: „Unterwegs wurden wir von einem Gewitterregen überraſcht und waren genöthigt, um nicht allzunaß zu werden, in die am Wege einſam gelegene Dorf⸗ kirche zu treten. Ich war mein Leben lang ein Feind des Kirchengehens, denn was die Herren Geiſtlichen auf ihren Kanzeln verlangten, konnte ich in meinen kaufmänniſchen Unternehmungen nicht in Ausübung bringen, wollte ich im Geſchäft nicht zurückkommen. Ich vermied alſo lieber dieſe Bußermahnungen und würde auch an jenem Sonntag die Kirche nicht be⸗ treten haben, wäre nicht der Regen Schuld daran geweſen. Nun weiß ich nicht, wie's geſchah— auch der Kaufmann hat ſeine ſchwachen Stunden— kurz, ich ward von dem einfachen Vortrage des Dorfgeiſt⸗ lichen ordentlich erſchüttert. Außen rollte der Don⸗ ner, der mochte auch das Seine beitragen. Kurz, als ich das Bethaus verlaſſen hatte, war ich ordent⸗ lich ein wenig andächtig geworden. Ich ging mit meinem Sohne zwiſchen den wogenden Aehrenfeldern dahin, das Gewitter hatte Alles wunderbar erfriſcht; Kräuter und Blumen dufteten balſamiſch. Wir ka⸗ men zu einem Kreuzwege, da lag in dem graſigen Chauſſeegraben ein junger, ziemlich dürftig, aber rein⸗ lich gekleideter Mann, von Profeſſivn ein Tiſchler, der auf der Wanderſchaft begriffen, ſich die Füße wund gelaufen hatte. Er ſprach uns um einen Zehr⸗ pfennig an. Da ich nur ganze Thalerſtücke in der Taſche hatte, ſo ſchlug ich die Bitte ab; mein Sohn — 107 aber quälte, daß ich dem armen Menſchen eine Gabe reichen möchte; ich ſchaute die blutenden Füße des Dahingeſunkenen, und zu welchen Unüberlegtheiten läßt ſich ſelbſt der Kaufmann hinreißen, wenn er zu ſchwach iſt, ſeinem Herzen zu ſehr Gehör zu geben, genug, ich gab meinem Sohne ein Thalerſtück, wel⸗ ches er freudig dem lahmen Manne überbrachte. Ich war bereits einige Schritte voraus, als ich mich be⸗ ſann, daß man eine ſo bedeutende Gabe nie ganz ohne alle Garantie aus der Hand geben ſolle. Dem⸗ nach blieb ich ſtehen und rief dem freudig überraſchten Burſchen zu:„Wenn Er ein ehrlicher Menſch iſt, ſo zahlt er mir den Thaler einſt zurück und zwar mit guten Intereſſen; hört Er das, mit guten Intereſ⸗ ſen; ich heiße van der Weſten und meine Firma iſt weit und breit hierorts bekannt.“ Der junge Burſche hob betheuernd ſeine Rechte empor und gelobte hoch und theuer, das Geſchenk einſt wieder zu vergelten. „Ich ging lachend weiter, indem ich bei mir dachte, mit dem Wiedergeben wird es wohl ſeine Zeit ha⸗ ben. Und es hat ſeine Zeit gehabt. Der Herr Tiſchler hat im Leben nie wieder Etwas von ſich hö⸗ ren laſſen. Wenn ich den Thaler nebſt Zinſen in dieſen letzten Tagen gehabt hätte, ſo würde ich mir eine Flaſche Wein dafür angekauft haben. Sie ſehen alſo, mein Herr Paſtor, daß mir dieſe einzige gute That, die mir im Gedächtniß geblieben iſt, ebenfalls keine Roſen gebracht hat, ganz gleich den böſen Thaten, auf deren ich mich in Menge zu beſinnen weiß.“ Der Geiſtliche vernahm mit tiefer Betrübniß, bis zu welcher ſittlichen Ohnmacht dieſer ſonſt ſo gebil⸗ dete Mann geſunken war. Er bemühte ſich aus gan⸗ zem Herzen, dem Unglücklichen liebevollere Begriffe von einer Vorſehung, einem liebevollen, himmliſchen 108 Vater beizubringen; das Herz des vor Kurzem noch reichen Mannes war aber für dergleichen Lehren be⸗ reits zu vertrocknet und verknöchert und keiner er⸗ quickenden Wärme mehr fähig. Bereits am andern Tage machte ein Stickfluß dieſem übelvollbrachten Le⸗ ben ein Ende, nachdem der Geiſtliche dem Sterbenden zuvor gelobt hatte, ſich deſſen hinterlaſſenen dreizehn⸗ jährigen Sohnes anzunehmen. Fünf Jahre waren dahingegangen. Der treue Seelſorger hatte Wort gehalten, und für die Erzie⸗ hung Eduard's van der Weſten beſtens Sorge getragen. Aus den wenigen übrig gebliebenen Trümmern des väterlichen Vermögens war es ihm durch gewiſſen⸗ hafte Verwaltung gelungen, dem Sohne ein kleines Capital zu gründen, womit dieſer nach ehrenvoll be⸗ ſtandener Lehrzeit ein kaufmänniſches Geſchäft begann, denn auch Eduard zeigte die außerordentlichſte Vor⸗ liebe für den Stand des Vaters. Er eröffnete eine Ausſchnitthandlung; indeß wie thätig er ſich auch ſei⸗ nem Beruf widmete, ſchien doch das Unglück, welches ſeinen Vater in den letzten Jahren verfolgt hatte, auf ihn fortgeerbt zu ſein, denn faſt alle ſeine vor⸗ ſichtigſten und verſprechendſten Speculationen ſchlugen fehl, ſo daß er nach Verlauf einiger Jahre ebenfalls an den Bettelſtab gebracht war. Er ſah ſich in die traurige Nothwendigkeit verſetzt, um nur ſeinen dürf⸗ tigſten Unterhalt zu beſtreiten, Lohnſchreiber zu wer⸗ den, da er als zu Grunde gerichteter Kaufmann zu viel Zartgefühl beſaß, in einer andern Handlung als Commis einzutreten und weil ihm bei dem Abſchrei⸗ ben ſeine zierliche Handſchrift wohl zu Statten kam. Sein zweiter Vater, der würdige Geiſtliche, konnte 109 auch weiter nichts für ihn thun, als daß er ihn noth⸗ dürftig unterſtützte, denn in der Länge der Zeit hatte ſich bei ihm ſelbſt reichlicher Kinderſegen eingefunden. Eines Tages eilte Eduard nach der Pvoſthalterei, um neuen Verdienſt zu ſuchen, denn es war Sitte, daß diejenigen, welche Bedienung und namentlich Lohnſchreiber ſuchten, ihr Begehren in der Hausflur des Poſthauſes an eine daſelbſt befindliche ſchwarze Tafel anſchlugen. Vergebens irrten die Blicke des vom Schickſal Hartgeprüften die ſchwarze Tafel auf und ab. Es war kein Geſuch angeſchlagen und ſchon war Eduard im Begriff, traurig den Rückweg anzu⸗ treten, als ein Menſchenhaufe ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, der um eine große Kiſte geſchaart ſtand. Die obere Fläche der Kiſte führte nämlich die Adreſſe eines Handelshauſes, das längſt verſchollen war. „Dem wohledeln und hochachtbaren Kauf⸗ und Handelsherrn, Herrn Jacob van der Weſten,“ lautete die Aufſchrift. Die ehemalige Wohnung des vor mehrern Jahren als bankerott ver⸗ ſtorbenen Kaufmanns war genau angegeben. Eduard zitterte am ganzen Leibe, als er die Adreſſe ſeines Vaters erblickte. Er eilte athemlos zu ſeinem zweiten Vater, dem Geiſtlichen. Dieſem kam die Sache ebenfalls ſo wunderbar vor, daß er ſie an⸗ fänglich nicht glauben wollte. Er begab ſich nach der Poſt und nachdem auch er die geheimnißvolle Kiſte in Augenſchein genommen, trug er als ehemaliger Vormund Eduard's darauf an, daß ſie bis auf Wei⸗ teres bei den Gerichten deponirt wurde. Dem einzigen Sohne des verſtorbenen Jacob van der Weſten konnte als rechtmäßigen Erben die ge⸗ heimnißvolle Kiſte nicht vorenthalten werden. Sie ward in Gegenwart Eduard's, des Geiſtlichen und 110 einer Gerichtsperſon geöffnet. Zu oberſt lag ein Brief mit einem Reichsthaler beſchwert. Das Innere der Kiſte aber enthielt einen Schatz von über zehntauſend Ducaten, und war außerdem angefüllt mit den koſt⸗ barſten Stoffen des Morgenlandes. Der Brief aber lautete wie folgt: „Edler Mann! „Als Sie mir vor länger denn zehn Jahren an einem Sonntag Vormittage im Dorfe N. als armen Handwerksburſchen beikommenden Reichsthaler ſchenk⸗ ten, ahneten Sie nicht, daß Sie mich dadurch der⸗ einſt zum reichen Manne machen würden. Gott ſei Dank, ich brauchte die Liebesgabe damals nicht an⸗ zureißen; ich verwahrte ſie ſorgſamſt, um ſie Ihnen dereinſt wo möglich mit Intereſſen zurückzahlen zu können, wie ich gelobt hatte. Aber bereits nach drei Tagen befand ſich das Geldſtück nicht mehr in meiner Hand. Ich gelangte an einem ſchönen Maiabend an einen Fluß, wo ich überſetzen wollte; indeß war es dem Fährmann bereits zu ſpät und ich ſollte mich bis zum nächſten Morgen gedulden. Mir blieb nichts übrig, als mich in das hohe Ufergras zu ſtrecken und die milde Frühlingsnacht unter freiem Himmel zu verbringen. Kaum war ich etwas eingeſchlummert, als ſich plötzlich Fußtritte nahten und in der Dun⸗ kelheit eine Geſtalt ſichtbar wurde, welche nach der in der Nähe befindlichen Fiſcherhütte eilte und den Fährmann aus dem Schlafe weckte. Ob der nächtli⸗ chen Erſcheinung aufmerkſam gemacht, lauſchte ich mit geſpanntem Ohre und vernahm, wie der angelangte Fremdling den Fährmann fußfällig und unter ver⸗ zweiflungsvollen Beſchwörungen um die Ueberfahrt flehte. Aber der phlegmatiſche Fährmann verlangte 111 einen halben Gulden Ueberfahrtsgeld und dies war der Fremde nicht im Stande zu bezahlen.„O, habt Erbarmen!“ rief er einmal über das andere mit ei⸗ nem Tone, der mir durch Mark und Bein ging,„es gilt mein Leben, wenn ich nicht ſofort übergeſetzt werde.“ Aber der entmenſchte Fährmann blieb re⸗ gungslos und beſtand auf ſeinem halben Gulden. Da ſprang ich auf, mein Vermögen beſtand außer Ihrem Reichsthaler nur noch in wenig Pfennigen, ich riß die Naht meines Rockes auf, worin ich die Liebes⸗ gabe verwahrt hatte, riß letzteren heraus und eilte zum Fährmann.„Hier iſt ein Thaler,“ rief ich,„ſchafft dafür den Armen über den Fluß.“ Jetzt ward der Geldgierige lebendiger. Es verblieb nur ſo viel Zeit, daß ich dem Fremden meinen Namen und meine Hei⸗ math nennen konnte, worauf er dringend beſtand, und bald waren die Zwei auf der dunkeln Fläche des Stroms verſchwunden. Wenige Minuten nachher langten auch ſchon die Verfolger am Ufer an, aber ſie fanden weder Kahn noch Fährmann zum fernern Nachſetzen. Wie ich ſpäter erfuhr, war der Flücht⸗ ling ein reicher edler Nordamerikaner, der, von poli⸗ tiſchem Fanatismus verfolgt, auf dieſe Weiſe dem Gefängniß und dem bereits über ihn ausgeſprochenen Tode glücklich entkam. Es koſtete mich nicht geringe Mühe, ehe ich meinen Reichsthaler, der jetzt einen doppelten Werth für mich erhalten hatte, bei dem Fährmann wieder auslöſen konnte, wie ich mir bei ſeiner Rückkehr zur Bedingung gemacht hatte. „Tief ſchmerzte es mich, als ich ſpäterhin zufällig erfuhr, daß Sie ſelbſt in mißliche Verhältniſſe gekom⸗ men ſeien. Ich wollte immer den Thaler Ihnen wie⸗ der zuſtellen, aber die guten Intereſſen, welche ich ge⸗ lobt hatte, dazu wollte trotz meines Fleißes immer 1412 nicht Rath werden, denn ich wollte meine Dankbar⸗ keit durch die That beweiſen. „Erſt jetzt, edler Mann, bin ich im Stande, Ih⸗ nen gute Intereſſen zu zahlen, nachdem mich jener Amerikaner, dem ich mit Ihrem Thaler das Leben rettete, nachdem er vor Kurzem frauen- und kinder⸗ los geſtorben, zum Univerſalerben ſeines unermeßli⸗ chen Vermögens eingeſetzt hat. Beikommend folgen für jeden Tag ſeit Darleihung des Thalers ein Du⸗ eaten Intereſſen. Sollten Sie, um Ihr Geſchäft wieder in Flor zu bringen, mehr bedürfen, ſo haben Sie zu befehlen, es ſteht Ihnen beikommende Summe zehnfach zu Dienſten. Erkennen Sie daraus, daß Sie Ihre Gabe an jenem Sonntagmorgen keinem Un⸗ würdigen zuwendeten und daß eine gute That oft auf Erden ſchon die herrlichſten Früchte trägt. Ihr ergebenſter Theodor Neuberg.“ Unter Thränen hatte der Geiſtliche zu Ende ge⸗ leſen. Er umarmte weinend den verklärten Eduard, welcher nur die Worte zu ſtammeln vermochte:„Ja, es lebt eine Vorſehung, eine ewige Gerech⸗ tigkeit!“ Pariſer Abenteuer. Launige Erzählung. Stolle, ſämmtl. Schriften. XIX. 8 Des ewigen Trommelns und Gedränges müde, über⸗ dies von Hunger geplagt, flüchtete ich mich in den Vor⸗ mittagsſtunden, am 28. Juli 1835, nach einer nahe gelegenen Reſtauration. Auf dem Wege dahin begeg⸗ nete mir ein Freund aus Deutſchland. „Wohin?“ rief er. Ich zeigte nach der Reſtauration. „Wie?“ ſprach er verwundert,„das iſt ja ein Hauptquartier der Republikaner und Carliſten!“ „Was fragt mein Magen nach der Republik und Heinrich V.,“ verſetzte ich ziemlich verdrießlich.„Ich habe Hunger und bin des Herumtreibens müde.“ „Nimm Dich in Acht,“ warnte der Landsmann, „dieſer Ort ſteht gleichſam unter polizeilicher Aufſicht, Du kannſt da leicht in Fatalitäten gerathen, zumal heut, wo Guisquet's ganze Armee auf den Bei⸗ nen iſt.“ Ich warf einen Blick nach der Reſtauration und war einen Augenblick unſchlüſſig, was ich thun ſollte. Der Ort hatte indeß etwas ſo Lockendes, aus der Gar⸗ küche wehte ein ſo appetitlicher Geruch, daß das Vo⸗ tum meines Magens und meiner müden Füße die Majorität erhielt. Ich reichte dem Warner die Hand und ſprach:„Es bleibt dabei, ich gehe bei der Re⸗ vublik zum Frühſtück, ſie wird mich nicht gleich guil⸗ lotiniren.“ 8* 116 Der Freund verſchwand im Gewühl, denn ſo eben war wieder eine Legion Nationalgarden im An⸗ marſch, von einer Unzahl Volks umringt. Ich trat in das freundliche Aſyl der Reſtauration. Hier war's noch ziemlich leer. Nur hier und da ſaßen einige Gäſte an den Tiſchen vereinzelt, ſämmtlich in die Journale vertieft. Ich griff ebenfalls, nachdem ich mir ein frugales Dejeuner beſtellt, nach dem zunächſt liegenden Blatte. Es war die earliſtiſche„La mode,“ eines jener kleinen giftigen Tageswespen, welche es hauptſächlich mit der Familie Ludwig Philipp's zu thun haben und die ſcandalöſeſten, meiſt erlogenen Hofanekdötchen ihren Leſern zum Beſten geben. Die Legion der Nationalgarde marſchirte jetzt außen vorüber und zugleich ſtürmte eine Menge jun⸗ ger Leute unter lautem Lachen in's Gemach. Sie eil⸗ ten an's Fenſter und ließen nun ihrem Spotte und Witze über die mit vieler Gravität vorbei defilirenden Pariſer Bärmützen im vollen Maße Lauf. „Seht la grande armée des Louis Philipp,“ rief der Eine,„Gevatter Schneider und Handſchuh⸗ macher!— O Santerre! O Henriot! Wo ſind ſie geblieben, eure unſterblichen Cohorten!“ Das war alſo ein Republikaner. Ich ſchaute mich nach ihm um. Es war ein junger, wohlgebau⸗ ter Mann mit Schnurr⸗ und Backenbart à la jeune Prange; die Kleidung etwas liebenswürdig nachläſſig, Rock und Gilet waren aufgeknöpft, und durch den Schlitz des feinen Batiſtvorhemdchens glänzte ein Theil der weißen Bruſt. In der Linken hielt er ei⸗ nen Strohhut, in der Rechten, mit welcher er fort⸗ während geſtikulirte, glimmte eine Cigarre. „Wohl wahr!“ ſprach ein älterer Herr, der auf einen Stuhl poſtirt über die Achſeln der Republika⸗ ner mit ſeiner Lorgnette die Nationalgarde muſterte. „Gevatter Schneider und Handſchuhmacher! Darum konnte der gute Charles dixe nichts Beſſeres thun, als das abgeſchmackte Inſtitut aufheben.“ Das war alſo ein Carliſt.— Ich beſchaute mir ihn. Er trug einen blauen Frack, auf welchen das Ludwigskreuz geheftet war, die Haare etwas fri⸗ ſirt, Schuh und Strümpfe, und duftete nach eau de mille fleurs. Allmälig ward es voller in den Gaſtſtuben. Ich konnte aus der Haltung und den Geſprächen ſehr bald die Republikaner von den Carliſten unterſcheiden. Wie feindlich ſich dieſe beiden Parteien auch in ihren Grundſätzen entgegen ſtanden, ſo gewährte doch der Haß gegen Louis Philipp und ſeine Miniſter nebſt der franzöſiſchen Höflichkeit und Urbanität, die ſich nie verleugnet, ein ſo verſöhnendes Medium, daß der Uneingeweihte die ganze Geſellſchaft für lauter gute Freunde und Gleichgeſinnte hätte halten können. Ein Republikaner von etwas martialiſchem An⸗ ſehen, der weit lauter und energiſcher gegen Louis Philipp declamirte als alle übrige, und mit dem Perſonale der Gäſte ziemlich vertraut ſchien, faßte mich in's Ange, ſchien in mir eine neue republika⸗ niſche Eroberung zu erblicken und nahm alsbald an meiner Seite Platz. Der Wein hatte mich etwas beredt gemacht und wir wurden recht vertraut. Mein Republikaner begann nun eine republika⸗ niſche Vorleſung. Er war ſo durchdrungen von den Vorzügen der Republik, vertheidigte mit ſolchem Eifer die Männer von 93, daß mir für den guten Lud⸗ wig Philipp ordentlich angſt und bange ward. „Ja!“ rief er und ſtampfte das Weinglas krampf⸗ haft auf die Tafel, daß das edle Naß weit umher 1418 ſpritzte,„ja, heute ſollten eigentlich Paris, Frank⸗ reich, Europa einen dreifachen Flor anlegen, denn heute iſt jener unſelige 10. Thermidor, wo vor neun und dreißig Jahren die Republik mit Robespierre zu Grabe getragen ward. Geſtern war es, wo er, überſtimmt von dem mit Blindheit geſchlagenen Con⸗ vent nicht zum Worte kommen konnte, und mit den Worten den Saal verließ: Die Schurken ſiegen, die Republik iſt verloren! Und ſo war es. Nie wurde ein wahrhafteres Wort geſprochen. Die Republik war verloren, die glorreich erkämpfte, von den Sec⸗ tionen von Paris am ewig denkwürdigen 10. Au⸗ guſt!“ Ich horchte mit andächtiger Miene auf das neue Evangelium. Der Republikaner aber hielt mich ſchon für gewonnen, entkorkte eine neue Flaſche und füllte die Gläſer.„Aber nicht für immer verloren!“ fuhr er fort.„Die Republik, die heute vor neun und dreißig Jahren in ihrem Erſten großen Apoſtel auf der Guillotine blutete, iſt zwar lange Jahre be⸗ graben, aber darum nicht geſtorben, ſo wie ihr Pro⸗ phet Robespierre nicht vergeſſen. Angeſtoßen Ei⸗ toyen, Robespierre lebe!“ Dieſer Tvaſt kam mir denn doch etwas gewagt vor und ich konnte mich nicht gleich entſchließen, Be⸗ ſcheid zu thun. Ich nieſte in der Verlegenheit und hoffte loszukommen, aber der verzweifelte Republika⸗ ner ſtand nicht ab. Sein mordfunkelnder Blick ver⸗ kündete nichts Gutes. Da dacht' ich bei mir: der verwünſchte Kerl fängt Spektakel an, wenn du dich nicht fügſt; mit den Wölfen muß man heulen, und der Herr Advokat Robespierre wird ja, Gott ſei Dank, nicht lebendig davon, wenn ich ihn auch zehnmal leben laſſe. Ich ergriff alſo curagös das Glas, ſtieß an und nippte ein Wenig. Dabei war ich ſo vorſichtig, 1419 Alles ſo unbemerkt und kurz wie möglich abzumachen, denn im Geiſte ſah ich überall Guisquet mit ſei⸗ ner Nobelgarde. „Aus!“ herrſchte mir jetzt der tolle Republikaner zu, als ich mein Glas nicht geleert hatte.„Auch Rv⸗ bespierre mußte heut vor neun und dreißig Jahren den bittern Kelch bis zum letzten Tropfen leeren.“ „Der Satan hole den Kerl mit ſammt ſeinem Robespierre!“ dachte ich in der Angſt meines Herzens und leerte das Glas in einem Zuge. Jetzt ergriff der Unſinnige unſere beiden Gläſer und ſchmetterte ſie auf den Parketboden, daß ſie in hundert Scherben zerſprangen, welches einen hölliſchen Lärm verurſachte. Ich dachte im erſten Augenblick, der Wüthrich ſei verrückt geworden, und wollte mich eben artig erkun⸗ digen, ob es mit Seiner republikaniſchen Herrlichkeit rapple, als Dieſelbe ihre herviſche That motivirte und dem anweſenden Publiko erklärte:„daß aus ei⸗ nem Glaſe, woraus des großen Robespierre Ge⸗ ſundheit getrunken worden, hinfort kein Sterblicher trinken dürfe.“ Und das geſchah Alles ſo laut, als hätte es ganz Paris hören ſollen. Im Stillen verwünſchend, dem Rathe meines Landsmanns nicht gefolgt zu ſein, ſuchte ich nach meinem Hut und Stock, als mich zu meinem nicht geringen Schrecken ein freundlicher Carliſt ſanft beim Arme faßte und zu ſeinem Tiſche führte. „Ich habe Ihnen lange angeſehen,“ begann er ſeinen Sermon,„wie Ihnen die republikaniſchen Grundſätze wenig zuſagen. Sie find zu gebildet, zu erfahren, um auf die planloſen Hirngeſpinnſte dieſer jungen Leute Etwas zu geben. Wenn dieſe jeune 120 Frange in die Jahre kommt, wird ſie auch ver⸗ nünftiger.“ Ich fand dieſe Worte ſo verſtändig, daß ich nicht umhin konnte, dem Sprecher Recht zu geben. Der Carliſt ward hierdurch vertrauensvoller, ſchüttelte mir verſtändnißinnig die Hand, lächelte ſchalkhaft und ſprach:„Mein Herr, verſtellen Sie ſich nur nicht, ich ſehe es Ihnen ja deutlich an, daß Sie zu den Un⸗ ſern gehören—“ „Was ſehen Sie mir an?!“ „Daß Sie mit ein auserwähltes Werkzeug des Herrn ſind, die Rechte unſeres guten Henri wieder herzuſtellen—“ „Ich ein Werkzeug des Herrn?!“— „Daß Sie, wie alle gute Franzoſen, gerechtes Aergerniß an dem Heidengräuel nehmen, das dieſer Louis Philipp ſeit fünf Jahren verführt.“ Jetzt ward mir's außer'm Spaße, ich wollte dem Carliſten den Irrthum aufklären, in dem er ſich be⸗ finde, aber er hielt mir den Mund z Pſi ß wir verſtehen uns,“ ſprach er und reichte wir ein Glas Bordeaux. Ich dankte verbindlichſt— er ließ nicht ab; ich deprecirte— vergebens, und um den Zudringlichen nur los zu werden und fort zu kommen, klangen un⸗ ſere Gläſer leis an einander. „Vive Henri einq!“ ſprach der Carliſt. „Ich habe nichts dagegen!“ verſetzte ich ärger⸗ lich auf Deutſch. Der Carliſt hielt dies für eine kräftige Betheuerung und ſchüttelte mir innigſt die Hand. Mir ward kalt und heiß, denn ſo eben bemerkte ich, wie mein voriger Republikaner mich mit funkeln⸗ den Blicken fipirte. Doch alles bisher Erlebte war Torte und Zucker⸗ brot gegen das Malheur, was jetzt über mich fried⸗ lichen Mann hereinbrach. Mit einem Male entſtand vor den Fenſtern ein tumultuariſches Hin⸗ und Herlaufen und entſetzliches Geſchrei. Alles ſprang von ſeinen Sitzen auf und im Augenblicke ſtürzte ein Republikaner in's Gemach, verſtört und bleich athemlos rufend:„On a tiré sur le roi!“ Ein augenblickliches Stillſchweigen erfolgte, aber gleich darauf brach der fürchterlichſte Tumult los. Viele eilten davon, Andere beſtürmten den Angekom⸗ menen mit Fragen.„Iſt der König todt?“ rief man. „Todt!“ war die Antwort. „Und Orleans?“ „Todt!“ „Und Nemours, Joinville?!“ „Todt! Alles todt!“ „Vive la république!“ riefen mit einem Munde die Republikaner und„Vive Henri eing!“ die Carliſten. Ich ſelbſt war mehr todt als lebendig, wollte je⸗ doch die Gelegenheit benutzen und mich in der Stille aus dem Staube machen. Da ertönte Waffengeklirr im Vorgemach und eine Legion böſer Engel, Poli⸗ zeiſoldaten und Munieipalgarde, drangen in's Zimmer. „Im Namen des Geſetzes, meine Herren, Sie ſind unſere Gefangenen!“ rief der Brigadier der be⸗ waffneten Heerſchaar. Ein naſeweiſer Republikaner, dem kaum der Flaum um das Kinn ſproß, machte mit ſeinem überflüſſigen, abgeſchmackten Geſchrei: Vive la république!“ die Sache noch ſchlimmer. Er ward zuerſt gefaßt und nach kurzer Gegenwehr abgeführt. Den übrigen po⸗ litiſchen Glaubensgenoſſen und den Carliſten ging's 7 122 nicht beſſer. Endlich kam die Reihe an mich Un⸗ glücksſohn. Ich hatte an allen Fenſtern umherge⸗ ſchaut nach einer unbewachten Oeffnung, aber zwei Mann hoch ſtand die gebenedeite Hermandad rings umher aufgepflanzt mit langen ſpitzen Bayonnetten. Ich wäre lebendigen Leibes geſpießt worden. Meine Geiſtesgegenwart, obſchon ſich im Anfang Alles im Kreiſe mit mir drehte, hatte mich doch nicht ſo weit verlaſſen, daß ich nicht alſo reflectirte: Man incarzerirt die vermaledeite Republik, berechnete ich, und auch den verwünſchten Henri einq, alſo muß Ludwig Philipp noch oben ſchwimmen. Ich rief daher aus Leibeskräften:„Vive le roi! Vive le bon roi, le bon Louis Philippe!“ Alles vergebens, ich ward mit abgeführt. Unter ſtarker Escorde— mir friedlichem Manne war eine ſolche Blame im Leben nicht paſſirt— ging die Reiſe nach der Polizeipräfectur. Eine wahre Sündfluth von Volk umwogte den grandioſen Zug unter fortwährendem Gebrüll:„A bas les republi- cains, à bas la canaille, vive le roi!“ Ich glaubte, mein letztes Stündlein gekommen. Mir war's, als ging's zum Rabenſtein. Ein trotziger Republikaner ſchritt neben mir und ſprach Troſt zu. Ich mochte von dem Menſchen nichts wiſſen und wendete mein Geſicht ab, um dem Verdachte zu entgehen, als ſtünde ich in Gemeinſchaft mit ihm. „Nur ſtandhaft, Citoyen,“ fuhr der unermüdliche Tröſter fort,„contre nous de la tyrannie l'étentard sanglant est l6vé6!— Gedenken Sie der Gironde, wie ſie zur Guillotine ging!“ Ich mochte gar nichts denken. „Vergegenwärtigen Sie Sich Cato und Brutus!“ 423 Ich mochte von dieſem Volke nichts wiſſen. „Sie ſind ein Deutſcher?“ frug er nach einer Pauſe. „Ein Schafskopf!“ antwortete ich zähneklappernd und ingrimmig in deutſcher Sprache. „Bon, ſo werden Sie höchſtens aus Paris ver⸗ wieſen!“* Eine brillante Ausſicht für mich, der ich ſeit meh⸗ ren Jahren ein gutes Auskommen in der Seineſtadt genoß. „Aber auch außerhalb Paris,“ tröſtete der Re⸗ publikaner,„lebt die Republik!“ Ich wünſchte ihn in's Pfefferlande. Endlich gelangten wir vor unſern Minos. Es währte eine Ewigkeit, bevor ich zum Verhör kam. Ich hatte hinlängliche Muße, über mein Schickſal nachzudenken. Vernichtet ſaß ich in einem Lehnſtuhl, rings umher Polizeibeamte, Säbel und Bayonnette. „Man wird nach dieſem gräßlichen Attentat wenig Umſtände mit dieſen Coquins machen!“ ſprach ziem⸗ lich vernehmbar ein naheſtehender Polizeibeamter zu ſeinem Nachbar. Herrliche Ausſichten! In die Kategorie der Co⸗ quins hatte ich diesmal die Ehre ebenfalls zu gehören. „Beſonders die Carliſten wird man auf's Korn nehmen,“— fuhr der krächzende Rabe neben mir fort,—„von ihnen ging der Mordanfall zunächſt aus. Ich glaube nicht, daß Einer lebendig davon kommt, Volk und Nationalgarde ſind wüthend!“ Nun klarer konnt' ich's nicht haben! Heiliger Himmel, und ich hatte gerade in der verhängnißvollen Stunde ein Glas Bordeaux auf Heinrich den Fünf⸗ ten geleert und ihn hoch leben laſſen. Dieſer junge Menſch lebt herrlich und in Freuden in Prag und 12⁴ ich Unglücklicher trinke in Paris noch auf ſein Wohl⸗ ſein und werde darüber zum Märtyrer! „Aber auch den Republikanern iſt das Brot ge⸗ backen,“ gegenredete der andere Polizeimann.„Wir bekommen nicht eher Ruhe, bis man ein Exempel ſtatuirt!“ „Ohne Sorge,“— tröſtete Erſterer.„Ich bin überzeugt, daß wenigſtens die berüchtigte Geſellſchaft, die wir heute attrapirt, dran kommt!“ Dran kommt?!— ich warf einen ſcheuen Blick nach dem Autor dieſes verdächtigen Ausdrucks und bemerkte, wie er mit der Hand jene lebensgefährliche horizontale Handbewegung machte, die manchem braven Türken ſchon das Lebenslicht ausgeblaſen. Convulſiviſch griff ich nach meinem Kopf, und der Angſtſchweiß trat in hellen Perlen auf meine Stirn. Die Regierung, dachte ich ſchaudernd, iſt jetzt Alles im Stande, ſie hat die Macht und wird das Eiſen ſchmieden, weil es warm iſt. Es ward mir immer gewiſſer, daß mein letztes Stündlein geſchlagen hatte. In meinem ganzen Leben hatte ich auf Robespierre geſchimpft und gerade heute mußte ich ſeine Geſund⸗ heit trinken, und in welcher Geſellſchaft?!— Endlich kam ich vor und das Verhör begann: „Ihr Name?“ „Johann Benediet Dietrich.“ „Geburtsort?“ „Kleinhäuſel in Hinterpommern.“ „Ihr Stand und Gewerbe?“ „Klavierlehrer.“ „Wohnung?“ „Rue Laffitte Nr. 77. au quatriéme, im Hof hinaus.“ „Wie lange leben Sie in Paris?“ 125 „Drei Jahr vier Monate ſieben Tage, den heu⸗ tigen Unglückstag mit gerechnet.“ „Sie befanden Sich heute Morgen in der Reſtau⸗ ration von N. B.?“ „Um ein frugales Frühſtück zu mir zu nehmen, ja!“ „Kannten Sie die daſelbſt anweſenden Gäſte?“ „Nein!“ „Sie haben ſich aber mit mehrern vertraulich unterhalten?“ „Von alltäglichen Dingen. Ich freute mich, daß die unſterblichen Julitage von ſo ſchöner Witterung begünſtigt würden.“ „Haben Sie auf Toaſte angeſtoßen?“ Benedict Dietrich,— ſprach ich zu mir ſelbſt— jetzt nimm dich in Acht, rede dich nicht um den Kopf, geſtehe nichts, das hatte mir einmal ein Ad⸗ vokat gerathen. Zudem ſind die Republikaner und Carliſten in gewiſſen Dingen als verſchwiegene Leute bekannt. Ich antwortete alſo herzhaft:„Daß ich nicht wüßte!“ „Erſchweren Sie ſich Ihre Sache nicht durch Leugnen,“— fuhr der Examinator fort,„wir wiſſen Alles Sie haben Robespierre hoch leben laſſen?“ Ich leugnete ſtandhaft. Der Inguiſitor klingelte. Wer tritt herein?— Ich denke der Schlag rührt mich, der martialiſche Republikaner, mein Trinkgenoſſe. „Werden Sie jetzt noch leugnen,“— fuhr der Polizeibeamte im ſtrengen Tone auf,—„daß Sie mit dieſem Herrn auf die Geſundheit Robespierre's angeſtoßen haben?“ Das Herz ſiel mir vor die Füße. Ich war in Teufelsſchlingen gefallen. Mein Republikaner war ein — geheimer Polizeiſpion. Sprachlos ſtand ich eine Weile da, endlich bemächtigte ſich der Zorn mei⸗ 126 ner, ob der Schändlichkeit dieſes Menſchen, ehrliche Leute vom rechten Pfade zu verlocken, und ich rief erboſt:„Und ich bin doch kein Republikaner, der Teufel hole die Republik!“ Ueber das Geſicht des Inquiſitors flog ein leich⸗ tes Lächeln.„Daß Sie kein Republikaner ſind, mag glaubbar erſcheinen; aber— hier erhob ſich ſeine Stirne zu furchtbarem Ernſt— Sie ſind Carliſt!“ „Ich, ein Carliſt?!“ rief ich entſetzt, und ſtreckte, das Gegentheil zu bezengen, alle zehn Finger zum Himmel. „Haben Sie nicht auf die Geſundheit Heinrich des Fünften angeſtoßen?“ Ich dachte bei mir, das kann der Spitzbube von Spion nicht gehört haben, denn es geſchah ganz leiſe: alſo friſch geleugnet. Der Inquiſitor klingelte von Neuem, aber ganz Paris mußte ſich gegen mich verſchworen haben. Wer trippelte herein? Das ſüßlächelnde Teufelsge⸗ ſicht, mein Carliſt, der ſo freundlich unter vier Au⸗ gen die Geſundheit Heinrich des Fünften mir zu⸗ gebracht hatte. Auch er zeugte jetzt gegen mich. Auch er war Polizeiſpion. Ich verwünſchte das Menſchengeſchlecht von Adam und Eva an, das ſolche Polizeiſpione hervorgebracht. Ich fluchte auf die Republikaner und Carliſten. Half Alles nichts, man transportirte mich in's Gefängniß. Da ſaß ich denn, ich unglücklicher Muſikus, wohl⸗ verwahrt in der Conciergerie. Von hier ging's un⸗ fehlbar nach der Guillotine, der Galeere oder ſonſt wohin. Die Todesangſt erfaßte mich, ich ſtand noch in meinen beſten Jahren, konnte noch ſo viel Gutes ſtiften auf der ſchönen Erde. Ich faßte mir alſo ein Herz, der Gedanke kam mir von oben, ſchrieb meine 127 heutige Leidensgeſchichte der Wahrheit getreu nieder und ſchickte das Actenſtück nebſt einem Briefe an den —ſchen Geſandten, deſſen Söhnlein ich Pianoforte⸗ unterricht zu geben die Ehre hatte, worin ich herz⸗ zerreißend meine Lage darſtellte und um des Geſand⸗ ten gütige Verwendung bei der hohen königl. fran⸗ zöſiſchen Regierung und deren wohllöblichen Polizei flehte, da es ja Sr. allerchriſtlichen Majeſtät, Herrn Louis Philipp, König der Franzoſen und König von Navarra, ziemlich einerlei ſein könnte, ob ein armer Muſikus einen Kopf mehr hätte oder weniger. Unverſiegelt mußte ich das Schreiben abgeben, von meinen heißen Segenswünſchen begleitet. Eine lange, ſchreckliche Nacht voller Todesgedan⸗ ken folgte dem ſchrecklichen Tage. Aber mit dem Morgenrothe des 29. Juli brach wieder die Glücks⸗ ſonne herauf. Es war noch früher Morgen, als ich ſchon die Schlöſſer klirren und die Riegel wegſchieben hörte. Endlich öffnete ſich die Thüre. Mein Herz arbeitete wie ein Schmiedehammer. In der erſten Angſt hielt ich den einen Begleiter des Gefängniß⸗ wärters für den Geiſtlichen, der mich zum Tode vor⸗ bereiten ſollte. Ich war einer Ohnmacht nahe. Aber bald löſte ſich der Irrthum. So ein Stück von einem deutſchen Aktuarius, wenigſtens was wir einen Aktuar nennen, kündigte mir die Freiheit an mit der Er⸗ mahnung, mich künftig von der Geſellſchaft der Car⸗ liſten und Republikaner fern zu halten, weil ich ſonſt die ganze Strenge des Geſetzes würde zu empfinden haben. Die diesmalige Nachſicht habe ich blos der hohen Fürſprache eines hohen Gönners zu verdanken, welcher günſtiges Zengniß für mich abgelegt. Wer war glicklicher als ich. In der erſten Freude ſchwur ich laut Pech und Schwefel allen Car⸗ 128 liſten und Republikanern und pries die Nachſicht der väterlichen hohen franzöſiſchen Regierung. Der Ge⸗ fangnenwärter erhielt meine ganze Baarſchaft und ſo führte er mich auf dem kürzeſten Wege in's Freie. Hier hielt ich es denn für meine erſte Pflicht, mei⸗ nen Dank und mein politiſches Glaubensbekenntniß aller Welt zu verkünden, und ſo ſchrie ich denn ſo laut, daß es rings von den Häuſern wiederhallte: „Vive Louis Philippe!“ Die wandelnden Rarziſſen. Phantaſieſtück. Stolle, ſämmtl. Schriften. XIX. 1. Es war tiefe Sommernacht. Dunkle Stille ruhte über dem Garten. Ich ſaß auf der Gartenbank am Hauſe. Dort oben zogen die Sterne. In der Ferne erklang leiſe die elfte Stunde und ein Glühwürmchen blühte einſam im Gebüſch. Ruhe, tiefe Ruhe ſank herab. Liebe Bilder freundlicher Vergangenheit wan⸗ delten vorüber. Ich war recht glücklich. Da vernahm ich Geflüſter. Zwei geiſterblumige Narziſſen blühten vor mir auf dem Beete. „Schläfſt Du ſchon, Bella?“ fragte die eine. „Ich nickte nur ein wenig.“ „Viola war ſo eben hier. Sie läßt Dich grüßen. Denk' nur, das arme Kind darf nicht blühen. Sie weinte bitterlich, muß noch heute zur Heimath.“ „Ach, warum denn, Schweſter?“ „Es war um einen goldnen Sonnenblick zu thun, und ſie wäre erblüht in lieblicher Pracht, da hat ſie heut ein Ziegenbock als Knöspchen gefreſſen.“ „Armes, armes Kind!“ „Du weißt, wie ſie ſich gefreut hatte die langen Jahre daher, wie wir ihr nicht genug erzählen konn⸗ ten von den Frühlingen der Erde.“ „Sie ſah die Sonne noch nie?“ 9 132 „Vor langen Jahren als Hälmchen nur, als Blümchen nie. Nun muß ſie wieder lange Jahre har⸗ ren, ehe ſie als Glöckchen blühen darf. Das Veil⸗ chenkleidchen hätt' ihr gewiß recht lieblich geſtanden. Auch von Roſa hat ſie Abſchied genommen. Dieſe ſoll geweint haben.“ „Roſa? Wäre ſie wirklich noch ſo gut wie ſonſt?“ „Viola ſprach viel von ihr. Kein Anflug von Stolz, und ſie ſoll doch himmliſch ſchön ſein.“ „O Schweſter, ich hätte Luſt, ſie einmal zu ſehen.“ „Auch ich; wir wollen aber den Mond erwarten. Er muß bald aufgehen.“ 2. Weiße Dämmerung lagerte ſich auf den öſtlichen Gebirgen. Die Sterne im Morgen erblaßten. Leichte Schatten zitterten über dem Garten. Die nächtliche Aurora quoll immer freundlicher hervor, und bald keimte der erſte Silberblick des Mondes über den Felſen. Blumenträume flohen aufgeſchreckt von dan⸗ nen.„Schon Morgen?“ flüſterte es hier und da. Manch Blümchen erhob ſchlaftrunken das Köpfchen, ſchaute träumend nach Oſten und ſchlief wieder ein. Die beiden Narziſſen traten jetzt ihre Wanderung an. Im Schatten von renommirender Salbei ſchlichen ſie dahin. Ueberall träumende Glocken und Kelche, Duft, Kühle und Stille. Nur die brennende Liebe dachte an keinen Schlaf. Fortwährend flammte ſie in unerhörter Glut. Kein Mondſtrahl vermochte ſie zu erquicken; kein Thau des Morgens den glühenden Buſen zu löſchen. In dunklen Gängen leuchteten die 133 Nachtviolen und von den Lilienbeeten daher klang ein unnennbar ſüßes Glockenläuten. Jetzt kamen ſie zum letzten Beete des Gartens. Dort in einſamer Wun⸗ derpracht blühte die Roſe. Die Schweſtern ſchlichen leiſe näher und ein bewunderndes Ah! entſtahl ſich ihrer Lilienbruſt. Die Strahlen des Mondes hüpften und ſchlän⸗ gelten ſich jetzt wie ein Silberbächlein durch Blätter und Blüthen und riefen nach der Roſe. Jetzt fanden die Glücklichen dieſe. Lächelnd und koſend umſpiel⸗ ten und küßten ſie die träumende Blume. Da er⸗ wachte dieſe und erhob das voll Gold und Morgenroth getränkte Haupt, lächelnd und grüßend. Die Strah⸗ ien ſtahlen ſich behend bis tief in die goldſammetne Herberge, wiegten ſich lächelnd zwiſchen den roſaſeide⸗ nen Bettchen und ſangen ein wunderliebliches Schlum⸗ merlied. Da träumte alſobald die Roſe wieder, aber es mochte ein ſchöner Traum ſein, denn ſie ſang leiſe: Ich ſtarb als Veilchen einſt mit Luſt An eines ſüßen Mädchens Bruſt, Und als der neue Frühling kam, Ein Glockenkleidchen ich bekam. „So bin ich worden Röſelein. Ein Traum ſingt mir das Märchen ein: Die Roſe wird einſt Mädchen ſein, Das Mädchen wird einſt Engel ſein.“ „Was phantaſirt die wieder einmal, werthgeſchätz⸗ ter Herr Onkel?“ fragte der Maulwurf die Ratte, mit welcher er Arm in Arm daher promenirte. „Unklare Ideen,“ erwiederte der Onkel,„ſchiefe Begriffe. Befaſſen wir uns weiter nicht damit, Herr Neveu.“ „Begreif s einer! Simuliren iſt meine Sache nicht. Ihr habt ſtndirt, Herr Onkel.“ 134 „Keine Logik, kein Princip— Tappen, bloßes Tappen.“ „Wie bewundere ich Euch, Herr Onkel.“ Wiewohl ich von der Gartenbank am Hauſe nicht weggekommen, hatte ich doch Alles, was in der vo⸗ rigen Nummer erzählt worden, ganz deutlich geſehen und gehört. Dem Geſpräch der letzten Beiden hätte ich gern noch länger zugehört, wäre nicht meine Auf⸗ merkſamkeit durch ein nahes Geräuſch unterbrochen worden. Ein Fenſter über mir that ſich auf, und als ich aufwärts blickte, war ein Menſchenhaupt mit einer weißen Schlafmütze hervorgewachſen. Es glaubte ſich unbemerkt und hielt intereſſante Monologe. „Der Doctor Rosmarin,“ ſprach das Menſchen⸗ haupt,„ſitzt auf einem dicken Irrthum, wenn er glaubt, den Kerl durchzubringen. Ich müßte nicht Liebe heißen. Was, Galgen? Schöne Propoſition! Rad, ſage ich, und von unten herauf. Koſtet mich zwar ſchöne Arbeit. Hab die ganze Nacht darüber geſeſſen. Aber die Zeiten ſind danach. Wie lange wird's dauern, wirft man uns auch in die Rumpel⸗ kammer. Die Regierung nennt es Humanität. Ich möchte nur wiſſen, was aus ihr herauskommen ſoll? Hab' ich mich nun ſeit Jahren über den Pulverſack geärgert bei der poena ignis. Ob ich ihn ausmerzen kann! Ich hätte es weit bringen können, aber wo alle Aufmunterung fehlt, muß der beſte Wille ver⸗ ſiegen. Es iſt, weiß Gott, traurig! Man ſollte an der Menſchheit verzweifeln.“ Während dieſes Geſprächs war noch ein zweites Menſchenhaupt, auch in einer Schlafmütze, im zweiten Stock ſichtbar geworden. „Wo ſoll noch Reſpekt herkommen?“ ſeufzte das einſtöckige Menſchenhaupt. „Ei was, beſter Herr Criminalrath, ſo ſpät noch auf?“ rief das zweiſtöckige. „Das möchte ich Sie fragen, geſchätzter Herr Pro⸗ viantverwalter; ſind wohl gar ſentimental?“ „Möcht's wohl, Herr Criminalrath, die verdamm⸗ ten Pillen. Halt's nicht ein Viertelſtündchen im Bette aus. Soll mir eine Warnung ſein. Laboriren Sie auch?“ „Mein Gott, Sie wiſſen ja,“ rief ärgerlich der Criminalrath,„der Prozeß.“ „Verſtehe, verſtehe, geehrteſter Herr Criminalrath. Aber, Verehrteſter, ich habe doch die drei Gulden nicht umſonſt weggeworfen für die Fenſtermiethe zur Execution?“ „Ohne Sorge,“ tröſtete dieſer,„können fidel ſein, er wird gerädert.“ „Himmliſcher Criminalrath, Sie entzücken mich. Wahrhaftig, es wäre ein Meiſterſtreich. Ich glaubte ſchon, eine Räderei auf Erden nicht mehr zu erleben.“ „Freuet mich, daß Sie ſich für die Sache intereſ⸗ ſiren!“ ſprach Liebe. „O, wo gäb' es etwas Schönes und Herrliches, wofür ich mich nicht intereſſirte? Sogar dieſe Mond⸗ nacht, Herr Criminalrath, ſogar dieſe unſcheinbare Mondnacht intereſſirt mich. Sehen Sie nur, wie er daſteht, der Mond, wie ein Näpfchen friſche Butter.“ „Ich kann ihn nicht leiden!“ ſprach der Criminal⸗ rath.„Er iſt eine nichtsnutzige Laterne. Nur zwei 136 Raubmorde ſind mir in meiner Praxis vorgekommen, die im Mondſchein vorfielen.“ „Ja, das iſt's eben,“ ſeufzte der Proviantver⸗ walter,„Sie ſehen ihn juriſtiſch an, ich aber poe⸗ tiſch. Nein, beſter Herr Criminalrath, den Mond laß ich mir nicht ſchelten; da haben Sie es mit mir zu thun.“ Unterdeß kehrten die beiden Narziſſen von ihrer Wanderung heim und kamen den Gang daher. „Aber, beſter Herr Criminalrath,“ rief der Pro⸗ viantverwalter,„ich bitte Sie um's Himmelswillen, was in's Teufels Namen läuft Weißes da unten herum? Sehen Sie nur!“ „Wo denn, wo?“ „Nun, gleich da im Gange. Hol' mich der Kuckuk, jetzt iſt's beim Apfelbaume.— Sehen Sie denn nichts?“ „Weiße Mäuſe werden' ſein,“ ſprach der Eri⸗ minalrath, nach ſeiner Brille ſuchend. „Nun, die müſſen erſtaunlich lange Beine haben,“ rief der Proviantverwalter,„das muß eine ganz be⸗ ſondere Art ſein. Herr Criminalrath, was meinen Sie, ich werfe meine Nachtmütze darnach; ſie iſt zwar neuwaſchen—“ „Immer zu!“ munterte dieſer auf, der die Brille noch immer nicht finden konnte. Jetzt flog die ſchneeweiße Kopfbedeckung des Pro⸗ viantverwalters aus dem zweiten Stocke herab in den Garten. Die Narziſſen mit ihren klugen Aeuglein hatten längſt die Gefahr bemerkt und ſich hinter einen ſchützenden Fliederſtrauch geborgen. „Weg war's!“ ſprach der Proviantverwalter. „Entweder liegt's unter meiner Mütze, oder es iſt echappirt!“ 137 „Nun, beſter Herr Proviantverwalter,“ bat Liebe, der jetzt brillenbewaffnet wieder an's Fenſter trat, „dürft ich Sie um gefällige Wiederholung der De⸗ monſtrativn erſuchen? Wo iſt das Ding?“ „Hat ſich etwas zu demonſtriren,“ replicirte es oben herab,„wer heißt Sie ſo ewig nach der Brille ſuchen. Sehen Sie meine Mütze, Herr Criminal⸗ rath?“ „Ei wohl, die ſehe ich!“ „Nun, darunter liegt's.“ „Kaum glaubbar.“ Der Proviantverwalter, den es ärgerte, daß der Criminalrath ſeine Wurfgeſchicklichkeit in Zweifel ziehe, rieth dieſem, ſelbſt hinabzugehen und ſich zu über⸗ zeugen. „Davor ſoll mich Gott bewahren!“ proteſtirte Liebe.„Eine Stunde nach Sonnenuntergang, Sie wiſſen es, verlaſſe ich ohne Begleitung meine vier Pfähle nie.“ Der Proviantverwalter machte ſich indeß bereits Vorwürfe über ſeinen Wurf.„Bin ich nicht ein Thor geweſen, meine Mütze nach dem unnützen Dinge zu werfen. Nun werden Ohrkneiper, Kellerkunzen, Holzböcke und Gott weiß was für andere Beſtien dieſe Nacht darin ihr Quartier nehmen und ſie mir verunreinigen. Herr Eriminalrath, man iſt zuweilen doch ein rechter Thor.“ „Ja wohl!“ ſprach dieſer.„Aber, beſter Herr Proviantverwalter, Gott ſei mir gnädig, da kommt's wieder gewackelt. Mich rührt der Schlag, das ſind ja zwei Narziſſen! Seit wann haben die laufen ge⸗ lernt? Herr Proviantverwalter, Teufelei, Teufelei! Gute Nacht, Herr Proviantverwalter!“ Er ſchlug das Fenſter zu und das Rouleaux ſchnarrte herab. 138 Der Proviantverwalter glaubte ſich auch nicht be⸗ rufen, mutterſeelenallein den Spuk zu obſerviren, warf ebenfalls das Fenſter zu und ſich mit Fieber⸗ froſt in's Bette.— Unterdeß waren die Narziſſen wieder auf ihren Beeten angekommen, flüſterten noch ein paar Worte und ſchliefen ein. 4. Ruhe, tiefe Ruhe ſank wieder herab. Der Mond ſchwamm einſam immer höher und in heiliger Sil⸗ berpracht ruhte der Garten. Ich durchwandelte noch einmal die duftenden Gänge, die ſchlafenden Blumen und wollte, ihrem Beiſpiel folgend, auf mein Stüb⸗ chen zurückkehren, als eine wunderſeltſame Erſcheinung plötzlich meine Schritte feſſelte. Ganz oben auf der Firſte des Hauſes wandelte eine weiße geiſterhafte Geſtalt. Das Blut erſtarrte in meinen Adern. Es war Maria, die todtkranke Maria. Gelöſt floſſen die dunkeln Locken um das ſüße leidende Antlitz. Das wunderbeſeelende, liebetrunkene Auge aber war ge⸗ ſchloſſen wie zum ewigen Schlafe. So ſtand ſie, mit der Linken die eiſerne Blitzableiterröhre umfaßt, deren goldene Spitze weit hinaus im Mondenglanze fun⸗ kelte, gleich einer Pallas in fürchterlicher Höhe und ſchaute wie träumend nach dem leuchtenden Geliebten. Ich hatte ſchon viel von Nachtwandlern gehört, aber noch nie einen geſehen. Ich getraute mir kaum Athem zu ſchöpfen, um ſie nicht zu erwecken. Jetzt ſtieg ſie leicht und ſicher das ſogenannte Katzentrepp⸗ chen an der einen Dachſeite herab, wandelte die Dach⸗ rinne entlang und kam zum Fronton, wo das Fen⸗ ſter, aus dem ſie geſtiegen, noch offen ſtand. ———, 139 Ich dankte Gott, als die halsbrechende Promenade glücklich zu Ende war; aber das erlebte Abenteuer ließ mich nun an keinen Schlaf denken. Noch immer mußte ich befürchten, daß die Wanderung noch ein⸗ mal beginnen werde und blickte unverwandt nach dem Frontonfenſter. Da knarrte die Gartenthür und die Nachtwandlerin kam den Gang daher. Sollt' ich ihr entgegen gehen, ſie umfangen, auf⸗ wecken und auf ihr Zimmer bringen? Aber ſo wie ich Marien kannte, konnte ſie vor Schreck augenblick⸗ lich den Tod davon tragen. Ich ſchlüpfte alſo hinter eine dichte Taxushecke. Das Mädchen nahte jetzt, blieb ſtehen; ein ſeliger Liebreiz umfloß die ſchönen, blaſſen Züge. Sie lächelte, ihr Mund ſchien zu fra⸗ gen, warum verbirgſt Du Dich? Dann entſchwebte ſie nach den Beeten, wo in mannigfacher Pracht die Geſchlechter der Tulpen blühten. Kein Blümchen oder Blättchen ward von ihren Füßchen geknickt, ſo vorſichtig wandelte ſie zwiſchen den Glutenbechern, wiewohl ſie nicht ſelten die Gänge verließ und mitten auf den Beeten wandelte. Sie ſuchte lange unter den Blumen und brach ſich endlich eine ſchneeweiße Tulpe. Während Marie noch mit dieſer Anthologie be⸗ ſchäftigt war, kam zu meinem nicht geringen Erſtau⸗ nen ein zweiter Nachtwandler mit ziemlich ſchnellen Schritten auf der Gartenmauer daher. Ich erkannte in ihm bald den Sohn des Nachbars, den Candida⸗ ten der Theologie. Im Leben ein ſtiller, kränklicher Menſch; als Nachtwandler ein wahrer Humvriſt. Ich konnte dieſes neuentdeckte Talent nicht genug an ihm bewundern. Nachdem er auf dem Dache des Gartenpavillons die außerordentlichſten Kunſtſtücke zum Beſten gegeben, begann er ſich im Garten ſelbſt herumzutummeln. 140 „Der Bengel wird mir die gute Marie auf⸗ wecken,“ ſprach ich zu mir,„wenn ich ihn nur auf eine geräuſchloſe Art fortpracticiren könnte.“ So wie ich mich jedoch nahte, ſuchte er ſogleich das Weite. Dies hätte ſein mögen, aber auch Marie ahmte ihm hierin nach und ich durfte mich nicht von der Stelle rühren. „Das wird eine liebenswürdige Geſchichte wer⸗ den, ſo die Beiden zuſammen rennen.“ Indeß be⸗ kümmerte ſich der Humoriſt um ſeine Collegin im Geringſten nicht. Er hatte ſoeben die Mütze des Proviantverwalters gefunden und ſie aufgeſetzt. „Wenn er glaubt,“ waren meine Gedanken,„durch dieſe Decoration ſich bei Marien zu inſinuiren, ſo irrt er ſich, wiewohl ich nicht weiß, wie der Geſchmack einer Nachtwandlerin beſchaffen iſt.“ Daß indeß der Candidat die Nachtmütze nicht aus Eitelkeit aufgeſetzt, davon überzeugte mich als⸗ bald die Promenade, die er nach dem Hintergrunde des Gartens antrat. Hier ſtand ein uralter, himmelhoher Birnbaum mit gewaltigen weitragenden Aeſten. Der Theolog kletterte mit unglaublicher Virtuoſität bis zur ehr⸗ würdigen Krone, die, hoch über dem niedern Erden⸗ leben, den Segen wie den Zorn des Himmels alle⸗ mal zuerſt bekam. Die wunderſüßen Früchte, die ſie alljährlich trug, mußte entweder der Sturm herabſchleu⸗ dern oder ſie fielen ſelbſt herab. Von Menſchenhand ließ ſie ſich aber nichts rauben, wenn man nicht die Luſt verſpürte, jede Birne mit einem unvermeidlichen Hals⸗ bruche zu honoriren. Seit langen Zeiten aber ragte aus dem greiſen Haupte ein dürrer kahler Aſt wie ein Rieſenhorn hervor. Krähen, Elſtern und Früblingsſänger ſaßen gern dort oben wegen der Ausſicht. 444 Der! Theolog war als ein zweiter Kolter bis zu dieſer unerhörten Höhe geklettert, und um ſeinem Humor die Krone aufzuſetzen, nahm er die Mütze des Proviantverwalters vom Kopfe und ſetzte ſie dem alten Horne auf. Hierauf trat er kunſtvoll ſeinen Rückweg an und gelangte wohlbehalten zur Erde. Auch er pflückte ſich eine Blume, aber eine brennend rothe Tulpe. Jetzt ward noch eine dritte Perſon im Garten ſichtbar. Es war Marien's Wärterin. Sie ſchien den Zuſtand der Kranken zu kennen, denn ſie war⸗ tete, bis dieſe wieder nach der Wohnung ging, wo⸗ hin ſie in einiger Entfernung folgte. Bald entſchloß ſich auch der Candidat zur Heimkehr, aber nicht an⸗ ders als auf der Gartenmauer, wiewohl er es beque⸗ mer haben konnte. 5. Es iſt der Menſchheit ein ewiges Räthſel geblie⸗ ben, wie die Nachtmütze des Proviantverwalters auf den Birnbaum gekommen iſt. Die dazumal überhand nehmende Zweifelſucht bekam einen harten Schlag. Der Wunderglaube fand Nahrung. Mehre Atheiſten aus der Nachbarſchaft fühlten ſich getroffen. Am Meiſten der Proviantverwalter ſelbſt. Als er am Morgen nach der Mondſcheinnacht von dem Mirakel erfuhr, ließ er ſich den Ramsden bringen und erkannte ſeine Mütze. Schweigend legte er das Fernglas hin⸗ weg, ging zum Pulte, brachte ſeine Papiere in Ord⸗ nung, eaſſirte ſeine Schulden ein, ließ drei Wittwen und zwei Familienväter exequiren, zog ſich vom Zeit⸗ lichen zurück und ward Herrnhuter. Der Criminalrath prophezeite aus der Mütze gro⸗ . 142 ßes Unheil, ſchwere Sünden gegen die Natur. Es traf nicht ein. Der Delinquent ward nicht gerädert. Liebe alterirte ſich dermaßen, daß er ſeinen Abſchied einreichte. Die Mütze ſelbſt verblieb in der Höhe. Die Indignation der Krähen und Spatzen war groß. Man richtete ſie alsbald läſterlich zu. Nach Jahr und Tag fiel ſie als mürber Zunder herab. Der Birnbaum trug noch manches Jahr. Der Candidat genaß. Die Mondſucht verließ ihn. Er bekam eine Anſtellung, heirathete und iſt jetzt Pa⸗ ſtor in einem Dörfchen an der Elbe. Maria— ſtarb. Die weiße Tulpe ward ihr zur Todtenglocke. Iſt's doch wie heute. Es war ein trüber, näßlicher Sommervormittag. Die Leichenträ⸗ ger mit ihren ſchwarzen Mänteln und rohkalten Ge⸗ ſichtern lehnten wartend unter'm Wetterdach am Hauſe. Man hatte ihnen Wein gereicht. Welchen Geſellen warſt Du verfallen, Maria, mit Deinem blühenden Herzen voll Frühling und Liebe! Arme Männer, Ihr wußtet nicht, wen Ihr trugt. O, ein einziger Glockenklang dieſer entſchlafenen Bruſt in Euer win⸗ terödes Leben und Ihr wäret zu beneiden geweſen. Ich habe ſie vernommen dieſe Klänge. Noch mag ich mir gern denken, wie Maria einſt als Veilchen geduftet, als Roſe geleuchtet auf den Beeten des Gartens. Als Mädchen habe ich ſie gekannt. Jetzt iſt ſie ein Engel.— Wer von den Leſern zuerſt hinübergeht, grüße ſie. Druck von Alegander Wiede in Leipzig. —— — Fnhnt. Seite. Schlaf oder Cod. Novelle.... ² 1 Selig die da reines Herzens ſind. Winteridylle. 33 Das neue Teſtament. Novelle. 455 Die Lebensverſicherung. Launige Erzählung.... 81 Die geheimnißvolle Riſte. Erzählung..... 101 Pariſer Khenteuer. Launige Erzählung. 1¹3 Die wandelnden Rarziſſen. Phantaſieſtück.... 129 — 578 g14 Senqae