— — —— he Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduurd Ottmann in Gießen, eiß und eſebedingungen. 1. Oflensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: tee auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene unv defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. A ——— — —— —. — 4 Ferdinund Stolles ausgewühlle Schriſten. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. Fiebzehnter Band. Leipzig, n t e 1851. Die Erbſchaft in Kabul. Komiſcher Roman von Ferdinand Stolte Motto: Trinke Wein im Schloſſe zu Kabul und laß den Becher umhergehn ohn' Unterlaß; denn es iſt zugleich ein Berg, ein See, eine Stadt, ein Garten und eine Wüſte. (Kaiſer Babur's Commentarien.) Erſter Jand. Leipzig, rnſt ei 1854. Die Erhſchaft in Rabul. Komiſcher Roman. Erſtes Rapitel. E⸗ begab ſich am Sonnabende, den drei und zwan⸗ zigſten April 18.., daß in Nummer 16 des Nieder⸗ roßlaer Wochenblatts folgende Bekanntmachung zu le⸗ ſen war: Bekanntmachung. „Nachdem der Hofmaler Seiner Majeſtät des Kö⸗ nigs von Kabul, Haſſan⸗ben⸗Mullah, ehedem Baltha⸗ ſar Drollinger genannt, Sohn des in Niederroßla verſtorbenen Peter Drollinger, nach Anzeige des groß⸗ britanniſchen Conſulats der freien Reichs⸗ und Han⸗ delsſtadt Hamburg, neuerdings in Kabul mit Hinter⸗ laſſung eines Teſtaments und eines Codicills mit Tode abgegangen, ſo wird dieſes mit der Bedeutung zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß, wenn binnen ſechs Wochen Niemand auf die Eröffnung obgedachter letztwilliger Verfügung anträgt, dieſelbe vorgenommen oder ſonſt den Geſetzen gemäß verfahren werden wird. Stadtgericht Niederroßla, den zwanzigſten April 18.. Jacoby, Stadtrichter.“ Seit dem letzten großen Sommerwaſſer, wo die hart an den Stadtgärten dahinfließende Loſſa halb 8 Niederroßla unter Waſſer ſetzte und bedeutenden Scha⸗ den anrichtete, wußten ſich die Bewohner der genann⸗ ten Stadt keines Ereigniſſes zu entſinnen, welches einen ſo tiefgehenden Eindruck auf Geiſt und Herz hervorgebracht hätte, als dieſes in Nummer 16 des Wochenblattes publicirte Actenſtück. Balthaſar Drollinger— Hofmaler— Kabul— Teſtament; dies waren die Markſteine und Signalflaggen, über welche hinaus das Geſpräch, ſo ein Collegium(wozu bekanntlich nur drei gehören) Niederroßlaer zuſammentrafen, ſich ſelten verirrte. Zu⸗ gleich hielt es jeder angeſeſſene, wie nicht angeſeſſene Familienvater für Pflicht, über beſagten Balthaſar Drollinger umfangreiche genealogiſche Forſchungen an⸗ zuſtellen, und dabei im Stillen das Spinngewebe der eignen, wenn auch zeither vernachläſſigten Sippe ſo weit als möglich auszuſpannen, in der Hoffnung, daß ſich darin eine Kabul'ſche Erbfliege fange. Gemeinſame Beſtrebungen, ſo ſie ein und daſſelbe Ziel verfolgen, vermögen viel, das lehrt die Ge⸗ ſchichte; und ſo war es auch noch vor Ablauf der nächſten Woche in Niederroßla eine ausgemachte Sache, daß Peter Drollinger, Thonpfeifenverfertiger, den acht⸗ zehnten Juli 17., an Leberverhärtung, acht und funf⸗ zig Jahre alt, in der Webergaſſe verſchieden und den zwanzigſten m. in der Stille auf dem Friedhofe zu Unſrer lieben Frauen zur Erde beſtattet worden ſei. Er hatte einen jüngern Bruder Johannes und einen fünfzehnjährigen Sohn Balthaſar, den Hofma⸗ ler, hinterlaſſen. Johannes ſtarb als Pfarrer eines kleinen, zwei Stunden von Niederroßla gelegenen Dorfes; ſeine Wittwe und ein Sohn lebten noch ge⸗ genwärtig in Niederroßla. Erſtere erwarb ſich ihr Brot mühſam durch Unterricht kleiner Mädchen in 9 Nähen und Stricken, während der einundzwanzigjäh⸗ rige Gamaliel beim Advocaten Eiſenbeiß Bogen ſchrieb. Was den Hofmaler ſelbſt betraf, ſo war es der raſtloſen Unterſuchungsbehörde zu Niederroßla, welche nicht weniger als die ganze Stadt und Umgegend in ſich faßte, gelungen, gleichfalls als unantaſtbare Wahr⸗ heit herauszubringen, daß Balthaſar beim Tode ſei⸗ nes Vaters bei dem Bürger und Beutlermeiſter Ham⸗ ger in Lehre geſtanden, anſtatt aber zu beuteln, mit der Reißkohle überall umhergefahren, alle Wände ver⸗ unreinigt, Panther und Levparden, Störche und Stieg⸗ litze, Gras und Laubwerk aller Orts angebracht, Ge⸗ ſellen und Nachbarſchaft unverkennbar auf Thüren und Mauerwerk geworfen zur Aergerniß aller beſſerdenken⸗ den Bürger. Nur der Leichtſinn habe darüber lachen ſich erluſtiren können. Endlich ſei der kecke Burſche über den eignen Meiſter gerathen, welcher ſich an einem ſchönen Morgen auf friſchgefirnißter Gartenplanke hinter blühendem Flieder, auf einem ſtillen Oertchen ſitzend, leibesgroß erblickt und heraus⸗ gefunden. Dies habe aber dem Faſſe den Boden ausgeſtoßen; Hamger habe nach einem umfänglichen Haſelrohre geſucht, Balthaſar aber die Schlägerei nicht abgewartet, ſondern ſei auf und davon gelaufen in die weite Welt. Von dieſer Zeit an verſchwand mit dem Conter⸗ fei des Beutlers an der Gartenplanke das Andenken an Balthaſar in Niederroßla, und ward erſt af An⸗ trag Großbritanniens und Irrlands vermittelſt Rum⸗ mer Sechszehn des Wochenblatts wieder in dem Ge⸗ dächtniſſe der Bürger und Einwohner hervorgerufen. Der in Kabul zu den Todten gegangene Hofmaler hielt in Niederroßla ſeine Auferſtehung. Dieſelbe Nummer Sechszehn des Wochenblatts, ob⸗ 10 ſchon ſie auf daſſelbe graufließende Papier gedruckt war wie die andern, ward zur befruchtenden Früh⸗ lingswolke für Gamaliel und ſeine Mutter Felicitas. Der Vorſegen träufte auf das Paar hernieder. Mutter und Sohn waren zeither als Nullen der Niederroßlaer Geſellſchaft überſehen worden. Seit dem drei und zwanzigſten April war das anders. Die erſte Gnadenſpende, welche als warmer Sprühregen herabwehte, erreichte Madame Drollinger beim Bäcker⸗ meiſter Stutz, wo ſie gewöhnlich am Sonnabend Nach⸗ mittag ihre kleine Wochenrechnung zu berichtigen pflegte. Stutz behauptete, ſie ſei zu ängſtlich im Be⸗ zahlen, er nicht der Mann, der rechtſchaffne Leute mahne und gab eine beſondere Auszeichnung— eine Franzbrezel zu. Um dieſelbe Zeit lobte Eiſenbeiß das erſte Mal Gamaliel's Reinſchrift eines Pachtvertrags und kam auf das Teſtament, deſſen Eröffnung er nicht auf die lange Bank zu ſchieben rieth. „Das afiatiſche Straußenei,“ ſprach er,„iſt ſo gut wie im Sack, ſobald die Sache einigermaßen an⸗ gegriffen wird. Sollte Erblaſſer Flauſen machen, wer⸗ fen wir bie Paſtete um und ſuccediren ab intestato; die pars legitima zieht nicht, ſo viel ſag' ich.“ Gamaliel als frommer Sohn, blos die Nothdurft der Mutter im Auge, ſtammelte wonneſchüchtern:„Ach, ein Sonntagsröckchen für die Gute, wenn's das ab⸗ würfet Wir lechzen darnach ſeit Jahren.“ Eiſenbeiß gerieth einigermaßen in Verlegenheit, ob er ſeinen Schreiber mit„Iſt Er“— oder„Sind Sie“— antworten ſollte. Er half ſich indeß als gewandter Mann und ſprach:„Sind wir“— ein Narr wollte er ſagen, beſann ſich aber und fügte ſchonend bei—„nicht unklug! Ein Sonntagsröck⸗ 11 chen, das verlohnte ſich; wo ſich England einmenge⸗ lirt, handelt ſich's nicht um taube Nüſſe. Der Hof⸗ maler hat ſich was Erkleckliches erpinſelt. So viel ſag' ich.“ Nächſt dem guten und ſchönen Gamaliel und ſei⸗ ner frommen Mutter, welche zunächſt am Stamme ruhten, hatten ſich noch verſchiedene andere Niederroß⸗ laer, denen es gelungen war, eine ziemlich vielgra⸗ dige Verwandtſchaft mit Peter Drollinger's ſeliger Wittwe ausfindig zu machen, unter dem Schatten des hoffnungsvollen Erbſchaftsbaums gelagert. Unter der ſo urplötzlich, wie nach einem warmen Gewitterregen aus der Erde hervorgewachſenen Vet⸗ terſchaft, die vor dem ſtadtgerichtlichen Proclam keine Ahnung von ihrer gegenſeitigen Exiſtens gehabt, und ſich deshalb jetzt einander ganz erſtaunt anſah, that ſich der Wirth zur Stadt Magdeburg, Athanaſius Lagemann, am Lauteſten hervor. Er kam ſeit dem drei und zwanzigſten April wenig mehr nach Hauſe, und ſchwur auf allen Schenkſtätten und Kreuzwegen, unbekümmert, ob es Jemand zu wiſſen wünſche oder nicht, daß ihn mit dem ſeligen Peter eine ſeltene Seelenharmonie verbunden; er habe ſeinen ganzen Pfeifenbedarf von dem Drollinger entnommen, wel⸗ cher letztere die Pipen bei ihm abgetrunken. Nichts ſei rührender geweſen als dieſe Freundſchaft; ſie ſei zum Sprichwort geworden in der Nachbarſchaft und ſelbſt dem Pöbel aufgefallen, welcher ſeine Verwun⸗ derung unverholen in den Worten:„ſolche Saufbrü⸗ der kommen ſobald nicht wieder,“ ausgeſprochen, ob⸗ ſchon hierunter nur ein gemeinſchaftlicher Schnaps zu verſtehen geweſen. Dieſe Treue belohne ſich jetzt; er hoffe von dem dankbaren Sohne im Teſtamente ge⸗ bührend bedacht zu ſein, denn Balthaſar habe um 12 die rührende Freundſchaft ſeines Vaters Kenntniß gehabt. Nicht weniger Hoffnung auf ein geſegnetes Ge⸗ dächtniß im Kabul'ſchen Teſtamente machte ſich Frau Urſula, verwittwete Glaſermeiſterin Kluge; deren Mut⸗ ter der ſiebzehnjährige Balthaſar vor ſeinem Davon⸗ laufen, wahrſcheinlich aus vetterlicher Aufmerkſamkeit, bedeutend den Hof gemacht, und dabei zugleich ihren Hof an all ſeinen Wänden mit kühnen Pinſelſtrichen bereichert hatte. Dergleichen roſenrothe Jugenderinnerungen, erklärte auch Frau Urſula mit pſychologiſchem Scharfblick, ver⸗ gäßen ſich auf dem Sterbebette nicht, und habe Herr Haſſan⸗ben⸗Mullah einmal an Niederroßla gedacht, ſo ſtünde ihre Frau Mutter ſelig oben an. Die drei Freier, welche dermalen mit Eifer am Triumphwagen der jungen koketten Wittwe zogen, und wo jeder nach Kräften bemüht war, den andern vom Bocke zu werfen und nöthigenfalls zu würgen, hörten ſolche Rede nicht ungern, obſchon ſie im Chore ſchwuren und betheuerten, daß große Erbſchaft den Werth der Wittib und ihre Liebe zu derſelben nicht zu erhöhen vermöchte. Gleichwohl verdoppelten ſie ihre Anſtrengung, und jeder ſtrebte aus Leibeskräften, Sologaul am Wagen zu werden. Große Hoffnung auf die Erbſchaft baute auch der Schauſpieldirector und Heldenſpieler Hanno, welcher mit ſeiner ambulanten Truppe zufälliger Weiſe in Niederroßla gaſtirte. Er hatte fünf Weiber gehabt; wovon ihm drei geſtorben und zwei davon gelaufen waren. In Folge des angeſtrengteſten Nachdenkens brachte er heraus, daß ſeine zweite verblichene Frau die Pfarrerswittwe Felicitas Drollinger, bei welcher ſein kleines, jetzt ebenfalls verſtorbenes Töchterlein 13 Amanda in die Stricke gegangen, zuweilen Frau Muhme genannt. Hanno theilte dieſe erfreuliche Entdeckung ſofort dem Meubleur Hantuſch mit, bei welchem er ſeine einzige Walddecoration verſetzt hatte, verwies auf die aſfiatiſche Erbſchaft und verlangte, daß jener den Wald herausgebe. Hantuſch war kein Sanguiniker, und ſchüttelte über des Directors erb⸗ ſchaftliche Muthmaßungen ungläubig den dicken Kopf. Hanno führte indeß das„Frau Muhme“ dem Zweif⸗ ler ernſtlich zu Gemüth, ſo daß Hantuſch Einſehen bekam und die Decoration bis zur Teſtamentseröff⸗ nung aus dem Arreſt gab. Dem Director kam dies ſehr gelegen, und er konnte nun den Wald bei Her⸗ mannſtadt, ein Kaſſenſtück, in Scene ſetzen, wie er längſt gewünſcht. Ein anderweitiger Niederroßlaer, welcher auf die Erbſchaft ſpeculirte, aber ruhig und ohne Leidenſchaft, war der Factor in der Buchdruckerei, Herr Süßemilch mit Namen, ein langer, dünner, ſteifer, blaſſer und ſemmelblonder Knabe in den mittlern Vierzigern. Seine Anſprüche waren nicht weiter her, als die des Lagemann, der Klugin und des Hanno; darum ſagte er gelaſſen:„wir warten es ab.“ Wir kommen jetzt zum letzten Expectanten, dem Magiſter Vetterlein, Quartus an der Stadtſchule, einem kleinen drolligen Männchen, der in ſeinen jun⸗ gen Jahren Frankreich, die Schweiz und Oberitalien bereiſt und nun bereits ſeit dreißig Jahren von dem Ertrage dieſer Reiſe zehrte. Dreißig Jahre lang er⸗ zählte er in Niederroßla von ſeinen ehemaligen Wan⸗ derungen und war noch immer nicht zu Ende, denn ſo wie es das Geſpräch einigermaßen gab, kam er darauf zurück. Daſſelbe war der Fall, als Nummer 16 des Wochenblatts viel Stoff zur Unterhaltung gab. 14⁴ „Ein curioſer Fall,“ ſprach der Kleine,„als ich eines Tags von Montpellier nach Marſeille wanderte, traf ich mit einem Handwerksburſchen zuſammen, der mir von einer ähnlichen Erbſchaft in ſeiner Familie erzählte. Es wäre übrigens gar nicht ſo übel, wenn ſich einmal eine ſolche afiatiſche Lachtaube in unſerm guten Niederroßla niederließ und goldne Eier legte; namentlich wär's den armen Schulleuten zu gönnen.“ Eiſenbeißen's Menſchen- und Nächſtenliebe vergaß ſich am drei und zwanzigſten April nach Tiſche ſo weit, daß er ſeinem Schreiber, nachdem er den mun⸗ dirten Pachtcontract überflogen und belobt, für heute Feierabend gab, obſchon die Uhr erſt auf Nachmittag halb Vier wies. „Man bearbeite die Frau Mama,“ gab er dem Gamaliel auf den Weg,„daß ſie ſich von ihrem Rechte nichts vergiebt; keine Hand breit; das india⸗ niſche Vogelneſt kann ihr nicht entgehen mit Rumpf und Stiel, kein Federchen darf fehlen, oder es müßte keine Gerechtigkeit hienieden geben; ſo viel ſag ich. „Uebrigens verliere man nicht Kopf und Herz,“ fuhr der alte Praktikus fort,„wenn Aſiens Schätze blinken, man wolle nicht verſchwitzen im Taumel des Wohllebens, daß ich es zeither war, der Brot gab.“ „O, nimmer, nimmer,“ betheuerte Gamaliel; ſein ſanftes Auge ſchwamm in Wonne und das Herz war voll von Freude und Frühling. „Man hat manchen Bock geſchoſſen,“ meinte Ei⸗ ſenbeiß,„ich nahm's nicht genau; Dankbarkeit iſt eine chriſtliche Tugend; man ergehe ſich im Freien, es iſt noch früh am Tage, die Jahreszeit paſſabel; Frühlingswind ſtimmt die Bruſt gelinde und ermun⸗ tert das Herz zu dankbaren Gefühlen; ich muß mich noch plagen.“ . 15 Das ſchmerzte Gamaliel, er bat, daß es ihm er⸗ laubt ſei, ſich auch mit zu plagen. „Nein,“ erwiederte der Alte,„man laufe ſich ein⸗ mal aus, Bergluft erfriſcht das Blut, macht die Glie⸗ der gelenkig, ſtärkt die Geſundheit; man wird mir's in ſpätern Zeiten noch danken.“ Dem Gamaliel, welchem Alles, was der Doctor Eiſenbeiß ſprach, Befehl war, eilte ſelig und leicht, obſchon er hundert Himmel in der Bruſt trug, dem Thore zu. Für den Glücklichen iſt Einſamkeit wohl⸗ thätig; die Nachmittagsferien konnten dem Schreiber daher nicht gelegener kommen. Schon blickte die Frühling athmende Landſchaft durch den Thortunnel, die Lerchen da draußen ſan⸗ gen ſo verheißend, als ein Gedanke den Jüngling am Rockkragen packte und ſtehen hieß: es war der Ge⸗ danke an Felicitas. Gamaliel hatte mit der Guten über die Erbſchaftsangelegenheit noch mit keiner Silbe geſprochen. Der Pachtcontract hielt ihn ſeit der früh⸗ ſten Morgenſtunde am Pulte feſt.„Dem Doctor,“ ſprach der gute Sohn für ſich,„wird's nichts ver⸗ ſchlagen, wenn ich ſpäter renne und vorher mit der Mutter Rückſprache nehme. Ich kann die Freudenlaſt allein ſo nicht fortbringen, und muß ein par Kiſten Goldperlen abwerfen der Mutter in's Haus.“ Je länger er darüber nachſann, deſto rechtſchaffner erſchien ihm dieſe Anſicht. Sie ſiegte auch und er ſchwenkte vermittelſt eines Quergäßchens links vom Frühlinge ab und ſtürmte nach der Wachsbleiche, ſo hieß die Häuſerreihe, wo Felicitas beim Horndrechsler Ziegenbalg, einem gottesfürchtigen Manne, zur Miethe wohnte. Auf dem Wege dahin hatte der Schreiber viel Freudigerſtickendes auszuſtehen. Da die Straßen⸗ pflaſterung in Niederroßla nie recht gedeihen wollte, 16 ſo hatte Gamaliel zu ſchwimmen und zu waten. Der halbe Winter lag überall noch im Wege und befand ſich eben in völliger Auflöſung. Unſer Held ſah ſich daher genöthigt, wie ein verfolgter Gemsbock von einem trocknen Fleckchen zum andern zu ſpringen. Dabei ward er häufig begratulirt wie am Neujahrs⸗ tage, was viel Aufenthalt und viel haſtige Freude verurſachte. Bei der Nickels⸗, eigentlich Nikolaikirche, ſtak er eben bis an die Waden im Moraſte und würde vielleicht einem ſanften Fluche freien Lauf ge⸗ laſſen haben, hätte er ſich nicht in ſo heiliger Nähe des Gotteshauſes befunden, als er plötzlich ſogar vom Himmel herab angeredet ward. Er ſchaute auf⸗ wärts und entdeckte den Kopf des Calcanten und Pulſanten Schnuphaſe, der aus einem Schallloche des Thurms herab gratulirte und den Segen ſprach. „Das Ppem kommt morgen in Arbeit,“ verhieß Schnuphaſe, der bei jedem freudigen Ereigniß, ſo einem Niederroßlaer paſſirte, mit einem Carmen vor⸗ fuhr.„Aber ſagen Sie mir, geſchätzter Herr Drol⸗ linger, wie Ihr edler Herr Vetter nach Kabul avan⸗ eirt iſt und überdies nach Hof? Er wird doch der Augsburgiſchen Confeſſion treu geblieben ſein? Was meinen Sie, Herr Drollinger? Der Herr Superinten⸗ dent ſoll heut Mittag bei dem„Haſſan⸗ben⸗Mullah“ ſehr nachdenklich mit dem Kopfe geſchüttelt haben.“ Gamaliel ward durch dieſe Rede in üble Lage ver⸗ ſetzt. Während er mit den Füßen immer tiefer in den Sumpf ſank, ſollte er nach dem Schallloche hin⸗ auf dem lauſchenden Calcanten die Glanbensfeſtigkeit ſeines Vetters außer Zweifel ſtellen. Er ſprach mit Wärme über den Teſtator, den er nur nach den Ausſagen ſeiner Mutter kannte und be⸗ ruhigte Schnuphaſen und ſich durch die Worte, daß 17 bei dem künſtleriſchen Hofmaler ein Renegatenthum nicht denkbar, noch viel weniger glaubbar ſei. Es würde ihn dann ein böſes Gewiſſen ſicher nicht an das chriſtlich-proteſtantiſche Niederroßla in ſeinem letzten Willen, welches ja kein egoiſtiſcher, ſondern ein moraliſcher und heiliger ſei, haben denken laſſen. Schnuphaſe, welchem dieſer Grund einleuchtete, nickte Beifall aus der Höhe und zog den Kopf zurück; Gamaliel that daſſelbe mit ſeinen zwei Füßen, die er wie Oelmühlenſtampfer aus dem Sumpfe hob, und begann wieder zu ſpringen, der Wachsbleiche zu. Er wollte ſo eben mit ſtürmendem Herzen in die Stube und der Mutter um den Hals fallen, als er den Zugang zu dem Gegenſtande ſeiner Zärtlichkeit durch nicht weniger denn ein Dutzend theilnehmender Nachbarinnen verrammelt fand, die ſich ſämmtlich aus Theilnahme für das freudige Geſchick der Wittwe Drollinger, obſchon es Sonnabend war, zum Kaffee eingeladen hatten. Mit Taubenſanftmuth ſaß Felici⸗ tas inmitten der geſprächigen Nachbarſchaft und theilte der gefräßigen weiblichen Neugier, welche jedes Wort vom Munde wegſchnappte, die ſchon zehnfach wiederholten dürftigen biographiſchen Notizen über den Hofmaler mit; wie derſelbe ſie und ihren ſeligen Mann in Ringethal beſucht, ehe er in die weite Welt gegangen, und ſich mehre Tage bei ihnen aufgehalten habe. Seit jener Zeit ſei ihr aber nicht die geringſte Nachricht von ihm wieder zu Ohren gekommen, ſo daß ſie ihn endlich als todt betrauert. Das Schönſte aber hierbei, wie ſie dem Lehrling ihren einzigen treu bewahrten Sparducaten auf den Weg gegeben und ihm gerathen, nicht wieder zum Beutler zurückzukeh⸗ ren, ſondern ſein Glück im Zeichnen zu verſuchen, und ihm für dieſen Zweck einen Empfehlungsbrief an einen Stolle, ſämmtl. Schriften. XVI. 2 entfernt verwandten Zeichnenlehrer in der Stadt über⸗ macht, verſchwieg ſie. Der weibliche Convent fand ſich durch dergleichen wenig erſchöpfenden Mittheilungen nicht ganz beruhigt und erging ſich in Hypotheſen, wie der davon gelau⸗ fene Beutlerlehrling nach Kabul gekommen und Hof⸗ maler geworden; eine Frage, welche halb Niederroßla, den Bürgermeiſter und den Senat nicht ausgenom⸗ men, mehre Nächte lang unruhige Träume machte. Der gute Sohn, als er„dieſe Fülle der Ge⸗ ſchichte“ erſchaute, prallte erſchreckt zurück und fuhr in die Küche, wo er nach Bürſte und Wichſe ſuchte. Während er mit erſterer verzweifelt hin und wieder fuhr und ſich wieder auf glänzenden Fuß zu ſetzen bemüht war, durchzuckten Freudenblitze ſein Gehirn und Herz. Der weibliche Senatusfrequens am Scheuertage ſchien ihm von vorzüglicher Vorbedeu⸗ tung. Die Nachbarinnen waren ihm ſammt und ſonders Sybillen, welche Segen und Freude pro⸗ phezeiten. „Es fällt gewiß außer dem Sonntagsröckchen noch was ab,“ ſprach er wichſend und Freudentropfen fie⸗ len aus den blauen Wunderaugen; er gedachte der mit Armuth kämpfenden Mutter.„ Es ſind ja die angeſehenſten Frauen drinnen,“ fuhr er fort,„ die kommen nicht wegen einer Bagatelle.“ Während Gamaliel in der Küche wichſte und weinte, ging's über ihn her im Frauencolleg, chriſtlich und liebreich. Sein plötzliches Erſcheinen und Ver⸗ ſchwinden hatte die Aufmerkſamkeit auf ihn gelenkt und die Rede auf ihn gebracht. Man überſah dem hoffnungsreichen Erben menſchenfreundlich das fahrige Weſen und ließ ſeiner madonnenhaften Schöne gebüh⸗ rende Anerkennung widerfahren. Für diejenigen, wel⸗ — 10 chen heirathbare Töchter zu Hauſe ſaßen, war der Sohn der Wittwe Ideal. Felicitas ſelbſt athmete in ſtiller Mutterſeligkeit das Lob des Sohns ein und pries ſein Herz unparteilich und wahr. Gamaliel war unterdeß mit ſeiner Parterretvilette zu Stande, er hätte, was den Glanz ſeiner Stiefeln anlangte, als Huſarenrittmeiſter oder als Küraſſier getroſt auf dem Hofballe erſcheinen können. Er ſteckte jetzt den Kopf vorſichtig in die Röhre des Kochofens, welcher zugleich die Stube wärmte, um heraus zu bekommen, ob die weibliche Nachbarſchaft keine An⸗ ſtalt treffe, in den Schvoß ihrer reſpectiven Familien zurückzukehren; aber das unaufhörliche Taſſengeklirr ließ ſobald an keinen Aufbruch denken und die geſel⸗ lige Unterhaltung war noch im beſten Gange. „Dieſe Kaffeegeſchichte,“ ſprach er, behutſam ſei⸗ nen Himmelsglobus aus dem Krater zurückziehend, „kommt mir eigentlich fatal, obſchon er von frohſter Vorbedeutung iſt. Ich läge gern an ihrer klopfen⸗ den Bruſt und wir bauten Luftſchlöſſer, himmelhoch. Ich will noch bis hundert zählen, wenn die Nachbar⸗ ſchaft bis dahin das Feld nicht räumt, lauf' ich ohn' Weiteres in die Berge und unter die Lerchen, nach Eiſenbeißen's Wunſch und Gebot.“ Gamaliel war mit hundert zu Ende und gab noch funfzig zu; aber die Kaffeeviſite dachte an keinen Aufbruch. Er ward ungeduldig und machte ſich marſchfertig. „Ein Weiberdiskur iſt ſobald nicht todt zu ma⸗ chen,“ ſprach er,„das Mühlenwerk treibt noch luſtig und ich kann die halbe Welt umlaufen, ehe die zur Ruhe und nach Hauſe kommen.“ Er drückte die Thür in's Schloß und wollte ſo eben durch das Hinterthor, welches durch den Garten 2* nach den Bergen führte, die Flucht ergreifen, als ihm Felicitas, welche, um ihn zu ſuchen, auf einen Au⸗ genblick die Geſellſchaft verlaſſen hatte, entgegentrat. „Ach, Mutter!“ war der einzige Ausruf, mit wel⸗ chem Gamaliel der Geliebten an's Herz eilte. Felicitas ſprach ſanft und ruhig:„Mein guter Sohn, überlaß Dich nicht zu ſehr einer Hoffnung, die eben ſo leicht zerfließen kann, als ſie vielleicht trügend aufgeſtiegen iſt.“ „Beſtes Mutterchen,“ ſchwur der Glückliche,„da ſteckt was dahinter, vielleicht viel, ach viel; der Doe⸗ tor(Eiſenbeiß nämlich) ſagt's auch. Er meint, Eng⸗ land befaſſe ſich nicht mit Lappalien. Mutter, Mut⸗ ter, Du wirſt wieder glücklich werden. „Bin ich denn nicht glücklich, wenn Gama gut bleibt und mich immer liebt?“ frug Felicitas, den ſchönen Sohn mit Mutterſeligkeit anblickend,„gleich⸗ wohl will ich gern geſtehen, daß es mir große Freude machen würde, wenn der Himmel uns, wenn auch nur eine kleine Gabe, beſcheerte— Du könn⸗ teſt Dir vielleicht manch gutes Buch kaufen, was ich ſo wünſche.“ „Erſt ein Sonntagsröckchen, Mutterchen,“ eiferte der Schreiber. „Aber willſt Du nicht mit in die Stube kom⸗ men? Man hat Dich einmal geſehen und es war viel Nachfrage nach Dir.“ Gamaliel, der ſich bei dieſem Verlangen wie ein wildes Thier vorkam, das vor eine glänzende und ſtaunende Verſammlung geführt werden ſollte, hob beſchwörend alle zehn Finger in die Höhe, indem er zugleich auf Eiſenbeißen's Urlaub und Wunſch pochte, der ihn in die Berge trieb. Felicitas, welche ihren Sohn kannte, lächelte und drang nicht weiter in ihn, ermahnte ihn nur, zum Abendſüppchen wieder da zu ſein, wo ſi auch ein Glas Glühwein bereit halten wollte. „Du biſt und bleibſt meine Engelsmutter,“ jubelte Gamaliel,„aber jetzt leb' wohl, damit ich noch ein Stück Sonne erhaſche; ſie kann nicht mehr hoch über den Bergen ſtehn.“ Er ſtürmte fort und Felicitas kehrte nach dem Kaffeezimmer zurück. Zweites Rapitel. Ueter grünen Knospen hing die Abendſonne, ein leuchtender Gedanke Gottes in der ſchönen Welt. Der blaue Fluß athmete leicht und heiter durch das früh⸗ lingſchauernde Thal. Seine klaren Wellen drängten koſend und neckend gegen die weichen ſchwellenden Ufer. Ueberall brach es hervor golden und grün. Die Luft war ſtill und mild; aus dem erwärmten Wieſenboden blickte hier und da ein blaues Veilchen oder Crocusglöckchen; Lerchengeſang durchklang den blauen Himmel. Gamaliel wallfahrtete den Fluß zur Rechten in die nahen Abendberge, hinter welchen die Vesper⸗ glocke eines naheliegenden Dorfs den morgenden Sonntag verkündete. Er blieb oft ſtehen und ſchaute vom Uferrande in die weichen ſtillen Wellen, in de⸗ nen ſich das hohe Ufergras und knospenſchwellendes Erlengebüſch wiederſpiegelte. Der Menſch iſt erſt dann Menſch im ſchönen 22 Sinne dieſes Worts, und Gott und der Natur und ſeiner wahrhaft werth, wenn er geſund, die Bruſt voll Frieden, den Blick beruhigt auf der Welt ruhen läßt. Verklärt dann noch eine heilige Freude ſein Herz, ſo entſchwebt er bereits der Erde und die Räth⸗ ſel des Lebens beginnen ſich zu löſen. Die Liebe trägt ihn empor, der Glaube wird zur überzeugenden Gewißheit, die von dem Gebrauſe des Lebens über⸗ täubten Wahrheiten tönen wie Glocken ſchönrer Wel⸗ ten an das geiſtige Ohr und er iſt eine Zeit lang für geſtorben zu betrachten. Dieſer Zuſtand würde für immer fortdauern und in erhöhterm Grade, wenn in ſolchen Augenblicken die Todeshand leiſe die Bruſt berührte und das irdiſche Herz ſtillſtehen ließ, damit das himmliſche freier pulſire. Der Menſch kann aber eine anſehnliche Doſis Himmelsfreude, ſo wie viel Er⸗ denleid ertragen, ohne daran zu ſterben; doch bringt er von ſolcher Sternenfahrt ſtets einen Straus himm⸗ liſcher Blumen mit, deren Duft ihn noch lange unter den feuchten Wolkenſchatten und Erdſchollen erquicken und— die ihn nicht zu Schanden werden laſſen im irdiſchen Gomorrha. Aehnliche Ausbeute gewährt ſchon eine Flucht in die Einſamkeit, wenn's dem Flüchtling nämlich wahrer Ernſt um die Einſamkeit iſt, theils um ſich die Wunden, die er in der Lebens⸗ ſchlacht erhalten, zu verbinden und Balſam zu ſam⸗ meln für die Heilung, theils um als ſorgſamer Haus⸗ vater mit ſeiner verſchiedenen Inwohnerſchaft Rechnung abzuſchließen. Jeder Menſch trägt ſein Bethanien in ſich, wo er den Vater und den Sohn finden und ſprechen kann, er mag ſchuldbelaſtet oder im weißen Gewande der Unſchuld, heiteren oder weinenden Her⸗ zens eintreten; doch wird der Vater der Liebe den Schuldbelaſteten und Weinenden eher vorlaſſen. Nur 23 das Herz ſelber muß der Menſch mitbringen, ſonſt wird er erſtens kein Bethanien, ſondern ein Schirke und Elend oder gar eine Löwenhöhle, und zweitens keinen Vater und drittens keinen Sohn finden. Es entſchuldige ſich übrigens Niemand, er ſei Hausbe⸗ ſitzer oder Miethbewohner oder Aftermiether, daß im Logis kein Ort zu haben zur ſtillen Einkehr, oder daß die Geſellen und Lehrburſchen zu ſehr hämmerten und Mägde und Kinder rumorten. Er ſuche nur und er wird finden, Bethanien iſt für den wahrhaft Su⸗ chenden näher als die Kirche, in welche er gepfarrt iſt, und ein einfach Gebet kann zum Abendmahle werden. Gamaliel wandelte wie jeder Menſch zwiſchen Himmel und Erde, am Knospen umhangenen Loſſa⸗ ufer; nur daß ihm der Himmel ein ſolcher auch war und die Erde die Vorhalle. Die Schatten der Abend⸗ berge lagen weit im Thale dahin. Schon wateten ſeine Füße im Dunkel, während Bruſt und Kopf noch flammenumfloſſen emporragten. Er begann jetzt zu galoppiren, um die einige hundert Schritte entfernte Marienhöhe zu erreichen, von wo er ſchon oft einſa⸗ mer Zeuge des Sonnenuntergangs geweſen war. „Eine junge Mutter, den Säugling im Arm, einen Regenbogen, einen Sonnenuntergang, einen Veſuvaus⸗ bruch mit dem Buſen von Neapel, die Alpen, die Nordſee, die Dresdner Gallerie, die Pyramiden, einen amerikaniſchen Urwald, den Syrius, die Peterskirche, das ſind alles Dinge,“ ſprach Gamaliel oft zu ſich, „die man nicht oft genug ſehen kann.“ Es gefiel ihm daher keine andre Bank, die Ofen⸗ vank in Winterabenden nicht ausgenommen, mehr, als die einfache Bretbank, welche am Stamme des alten Lindenbaums auf der Marienhöhe zur Beobachtung des Sonnenuntergangs ſehr zweckmäßig angebracht 5 2⁴ war. Man konnte von hier ſitzend und mit dem Rücken an den Lindenſtamm gelehnt, das glänzende Schauſpiel auf das Bequemſte mit anſehen, ohne daß man einen Kreuzer Sitz⸗ und Sehgeld zu entrichten gezwungen geweſen wäre, obſchon eine blecherne Büchſe mit der Ueberſchrift:„Zur Verſchönerung der Ma⸗ rienhöhe“ oberhalb des ehrwürdigen Baums ange⸗ nagelt war. Gamaliel hatte es ſeinem Galopp zu verdanken, daß er gerade auf dem Belvedere anlangte, als die Sonne untergehen wollte. Er war ſo erfreut dar⸗ über, daß er mit bloßem Dank diesmal nicht durch⸗ zukommen fürchtete und ſich zu Leiſtungen verpflichtet hielt. Demzufolge rollte, gleichſam als Sonnenopfer, der Kreuzer für das morgende Frühſtücksbrotchen in die Verſchönerungsbüchſe. Er fiel tief, und der Fall klang hohl, ein Zeichen, daß die zeitherigen Beſucher der Höhe nicht eben rothſchildmäßig ſich aufgeführt hatten, welches Gamaliel ſchmerzte. Für ſeinen Kreuzer genoß aber der leutſelige Geber eins der großartigſten und koſtbarſten Schauſpiele, das dem Menſchenauge und Menſchengeiſte vorgeführt wer⸗ den kann. Die Sonne ging hinter einer mit Birken bewachſenen Anhöhe unter, die erſt vorige Nacht in Folge eines warmen Gewitterregens mit dem erſten zarten Grün war bekleidet worden, und verſank ſo unter Lerchengeſang und Abendlauten in das jung⸗ fräulichſte Brautbett. Es gewährte einen himmliſchen Anblick, wie der friſchgrüne Birkenwald immer gold⸗ ner wurde und im Feuer aufzugehen ſchien, und wie die untergehende Sonne ihr Flammengewand über ſämmtliche Abendberge breitete. „So ſtirbt ein großer Menſch,“ ſprach Gamaliel, deſſen holdſeliges Antlitz in Einem fo nach Abend 25 ſchaute,„er ſcheidet, wie er gelebt, groß. herrlich und ſtill, um einer neuen Welt als Morgenſonne aufzu⸗ gehen.“ Der Roſaduft der geſtorbenen Blume durchzog aber noch lange den blauen großen Dom; immer tiefer hinter die Berge ſank der leuchtende Tag und die leis nachſchleichende Nacht warf einen Flor nach dem andern über den letzten rothen Saum der Abendberge. Dämmerung hüllte Flur und Wald in geheimnißrei⸗ ches Dunkel, und der Abendſtern, welcher ſchon im bleichen Mantel der Abendröthe ſchwach geſchimmert hatte, trat ſiegend hervor. „Die Welt,“ fuhr Gamaliel auf ſeiner Breter⸗ bank fort,„kann eigentlich gar nicht herrlicher einge⸗ richtet ſein als ſie es iſt. Kaum hat uns das ſtrah⸗ lende Tagsgeſtirn verlaſſen, ſo brechen neue Erden und Sonnen aus dem Weltenabgrunde empor, und verkünden die Allmacht Gottes überzeugender als der blendende Tag. Mit dem Menſchen iſt es ebenſo. Erſt nach dem Sonnenuntergange des Lebens treten die Sterne der Unſterblichkeit in himmliſcher Schöne hervor, und erleuchten freudig und glaubenshell das Schattenthal des Todes. Ich begreife daher nicht, wie der Menſch, ſo er nicht gemüthskrank oder bös, und als letzterer iſt er auch nur krank und kann und wird geſunden, den Tod ſo kohlſchwarz, erdfahl und fnochenbeinig finden kann, daß der Gedanke daran ihm ſchon Zit⸗ tern und Zähneklappern erregt. Das ſich abängſti⸗ gende Volk ſollte doch nur aufpaſſen und einſehen lernen, wie der liebe Gott Alles aufbietet, die Lebens⸗ luſtigen an das Sterben zu gewöhnen; er läßt ſie alle Abende einſchlafen und den nächſten Morgen neu⸗ geſtärkt und luſtig aus dem Bette ſpringen. Wenn der Tod eeut eingerichtet wäre, als er es iſt, ſo würde das Erdenland über kurz oder lang eine Wüſte werden, und jeder Schuljunge nach erhaltener Kopf⸗ nuß das Zeitliche abſchütteln und verklärt den Ster⸗ nen zuſchweben.“ Gamaliel philoſophirte noch geraume Zeit, wäh⸗ rend der Sternenhimmel ſich über ihn immer pracht⸗ voller aufſchloß. Die Luft zog frühlingswarm über die Berge und die ſchlummernden Knospen. „Ich wünſcht', ich wäre ein Keim,“ fuhr der Phi⸗ loſoph fort,„und könnte morgen früh, wenn die Sonne über die Berge ſteigt, hervorbrechen und die Herzblättchen auseinanderfalten im Schöpfungsſaal. Die Sonne und der blaue Himmel muß ſich prächtig ausnehmen nach der langen Winternacht in feuchter Erde. Auch eine Lerche möcht' ich ſein, die ſieht Alles von Oben mit an, oder die grüne Fichte auf hohem Gebirg'“ oder die Alpenblume, oder die de⸗ mantreine Quelle, die aus umwaldetem Felsgeſtein bricht und vieles Andere. Vor der Hand dank' ich aber dem lieben Gott von Herzen, daß ich bin, wozu er mich gemacht hat.“ Er gedachte hier an ſeine Mut⸗ ter, an die Erbſchaft und an den Glühwein, der ihn zu Hauſe erwartete. „Wenn der Glühwein nicht wäre,“ meinte der Schrei⸗ ber,„und die erbſchaftlichen Angelegenheiten⸗ ſo weiß ich nicht, ob ich nicht noch ein halb Stündchen hier ſitzen bliebe und dem finkenden Abendſtern zuſchaute; ich habe ihn lange nicht in ſolcher Pracht geſehen.“ Gamaliel war jetzt aufgeſtanden und überſchweifte nochmals die im Dunkel ruhende Erde, auf welche der reiche Sternenhimmel herabſchaute. „Das muß ein außerordentlicher Frühling werden,“ ſprach der Jüngling, indem er den Heimweg antrat, „wenn die warme Witterung anhält, iſt in ein paar 27 Tagen Alles grün, ſo weit das Auge reicht, die Knos⸗ pen liegen ellendick auf Berg und Thal. Ich laufe dann ſicher alle Tage in's Weite und nehme Mutter⸗ chen mit. Unterdeß löſt der weiſe Rath die Erb⸗ ſchaftsſiegel, und da fällt gewiß Etwas ab. Ich darf nicht recht darüber nachdenken, wie das ſchön werden kann. Man hat mit dem Frühling vollauf zu thun und erbſchaftet dazu. Ich werde den lieben Gott bit⸗ ten, daß er mir tragen hilft oder die Schultern recht kräftig macht, dahkit ich unter der Laſt nicht erliege. „Wenn nur von der aſiatiſchen Hinterlaſſenſchaft des guten Onkels nach Abzug der Sportuln, des mütterlichen Sonntagskleidchens ſo viel übrig bliebe,“ rechnete Gamaliel auf dem Heimwege,„daß ich den Matthiſſon und Stein's Erdbeſchreibung an mich brin⸗ gen könnte. In der Geographie war ich von jeher kein Held; ſo kann man mich umbringen, ich weiß nicht zu ſagen, wo das geſegnete Kabul liegt, ob es ein Königreich oder Kaiſerthum, ob man daſelbſt einen einzigen Gott anbetet oder mehre, und ob daſelbſt die Menſchheit in Kaftanen oder Oberröcken und Fracks einherſchreitet. Ich will nicht ſchlimm denken von mei⸗ nem Nächſten, aber ich glaube, der Herr Bürgermeiſter ſchwebt hierüber gleichfalls im Duſter, und iſt die Frage, ob es Eiſenbeiß weiß. Alſo eine einſichtsvolle Geo⸗ graphie paßte ſchon lange für meine Umſtände. Sie war ſeit je ein„tiefgefühltes Bedürfniß“ für mich, wie die Herren Buchhändler in ihren Bekanntmachungen zu ſagen pflegen. Mit Matthiſſon's herrlichen Ge⸗ dichten iſt ein Gleiches der Fall. Mit ihnen muß ſich der Frühling noch einmal ſo ſchön durchleben laſ⸗ ſen. Ich werde mich gern mit der kleinen Ausgabe begnügen, die nicht zu theuer iſt. Für zwanzig gute Groſchen erhält man den ganzen reichen Strauß Ge⸗ 28 dichtblumen ſammt ſauberm Titelblatt und Inhalts⸗ verzeichniß. Es iſt doch was Schönes um die Buch⸗ druckerkunſt. Sollte Kabul was Erkleckliches abwer⸗ fen, würde vielleicht gar zum erſten Bande der Schil⸗ ler'ſchen Gedichte Rath, den zweiten veſitzt die Mutter noch aus der Hinterlaſſenſchaft des guten Vaters. Ei, wollt ich dann der Felicitas vorleſen. Sie hört gar zu gern was Schönes. Auch der Vater hat ihr ehe⸗ dem oft vorgeleſen in Ringethal, wie ſie mir erzählt. Doch nicht unbeſcheiden will ich in meinen Wünſchen ſein; wenn's nur vor de Hand den Stein abwirft, Matthiſſon und Schiller bleiben dann für ſpätere Zei⸗ ten. Man muß nicht Alles auf einmal haven.“ Gamaliel zog, einen Sternenhimmel über ſich und einen zweiten in der Bruſt, jubelnd durch's Thor, und erreichte wohlgemuth die Parterrewohnung ſeiner Mut⸗ ter. Vorſichtig lauſchte er zuvor an den geſchloſſenen Fenſterläden, ob ſich nicht eine der nachmittäglichen Kaffeetauben noch verhalten und der guten Mutter in die Ohren girre. Aber ſie ſchienen ſämmtlich nach ihren Neſtern zurückgekehrt; es war ſtill und dem Schreiber fiel ein aroßer Stein vom Herzen. Er ſturmte nun ſelbſt mit großer Haſt in's mütterliche Neſt. Der Glühweinduft durchzog würzig das rein⸗ liche Stübchen, und verſetzte den Eintretenden in Eckſtaſe. „Mütterchen,“ betheuerte er,„es funkelt über dem Dache eine Sternenwelt, um die uns die Engel im Himmel beneiden müſſen, aver, erzähle mir jetzt vor allen Dingen ebenfalls von Balthaſarn und ſag' mir, wo Kabul liegt und welche Verfaſſung dieſes Land hat. In unſerm geographiſchen Kalender ſteht kein Wort darüber, das weiß ich, ſonſt wüßt' ich's. Uebri⸗ gens kann ich mich, bei Licht beſehen⸗ ich hatte an dieſen Fall gar nicht gedacht, über die Erbſchaft nicht einmal recht freuen; es iſt eine wahrhaft üble Einrichtung, daß bei einer Erbſchaft allemal Jemand zuvor geſtorben ſein muß; und diesmal noch dazu ein ſo naher Verwandter.“ „Du haſt recht, mein Gama,“ erwiederte Felici⸗ tas,„auch hab' ich mich nicht eben gefreut; ich hielt mir die Himmelsbotſchaft dagegen, wenn der Bal⸗ thaſar ſelbſt plötzlich heimgekehrt wäre nach Nieder⸗ roßla. So iſt er geſtorben unter fremden Menſchen, im fernen Afien, in der Blüthe ſeiner Jahre, und hat noch im Tode unſrer liebend gedacht.“ Gamaliel trocknete ſich eine Thräne; die Mutter fuhr fort:„Ich ſehe ihn noch vor mir den jungen hübſchen Burſchen mit dem weichen geringelten Haar und den heitern, muthigblickenden Augen, wie er, das Ränzlein auf dem Rücken, Abſchied nahm, und dahin wanderte die alte Kaſtanienallee, und immer ſtehen blieb und zurückblickte und mit dem blauen Taſchentüchlein Lebewohl winkte, bis er hinter einem blühenden Weizenfelde verſchwand. Du warſt damals erſt wenige Monate alt und lagſt noch in der Wiege. Balthaſar konnte ſich an Dir nicht ſatt ſehen und ſchwur, wenn er's einmal zu etwas Reellem brächte, wollte er Alles mit Dir theilen.“ „Der Gute,“ ſchluchzte Gamaliel,„o daß er lebte, wie wollt' ich ihn lieben. Was helfen jetzt alle Reichthümer Aſiens, da er uns ſelbſt entriſſen. Hat er denn auch gar nicht einmal geſchrieben?“ „Den erſten und letzten Brief,“ erwiederte Felici⸗ tas,„erhielt ich aus der Reſidenz, wo ich ihn an einen geſchickten Zeichnenlehrer empfohlen hatte. Dort machte er die Bekanntſchaft eines kunſtliebenden Eng⸗ länders, dem er nach Italien folgte. Seit dieſer Zeit 30 vernahm ich keine Silbe wieder, ſo daß ich ihn ſchon längſt als todt betrauerte. Hoffentlich iſt es ihm aber, und namentlich in den letzten Jahren, recht wohl ergangen.“ „Ach,“ meinte Gamaliel,„eiren guten Menſchen kann es gar nicht bös ergehen, denn er hat ja ſtets den lieben Gott auf ſeiner Seite; aber Du haſt mich, Mutterchen, wirklich ganz traurig geſtimmt, und je mehr wir erben, um ſo wehmüthiger werde ich ſein.“ „Du mußt hier auch erwägen,“ verſetzte die ſanfte Mutter,„daß, wenn uns der fromme Wille des Heimgegangenen Etwas beſcheert haben ſollte, wir die Gabe eines guten Menſchen nicht mit Schmerzen empfangen, denn er wollte uns ja eine Freude damit bereiten. Uebrigens,“ fügte ſie lächelnd hinzu,„wird unſer Geſpräch faſt komiſch, da es über eine Erb⸗ ſchaft handelt, die wahrſcheinlich im Monde liegt. Wie ich den ſeligen Balthaſar in ſeiner Jugend ken⸗ nen lernte, ſo ſchien er mir nicht von dem Tempera⸗ mente, Reichthümer anzuhäufen. Wir wollen uns daher in unſern Erwartungen nicht zu hoch verſteigen und die Erbſchaftsangelegenheit ſtill auf ſich beruhen laſſen. Hat uns der Himmel Etwas zugedacht, ei, wir nehmen es mit großem Danke; doch glaube ich noch immer, daß der gute Balthaſar, der ſchon in ſeiner Jugend aus froher Laune und luſtigen Stück⸗ leins zuſammengeſetzt war und gar zu gern die Leute neckte, ſich einen Scherz gemacht, um das gute Nie⸗ derroßla, dem er nie zugethan war, ſo zu ſagen in den April zu ſchicken.“ Gamaliel erblaßte, ſein Erbſchaftshimmel mit ſammt der Stein'ſchen Geographie, dem Matthiſſon und Schiller, ſtürzten bei den mütterlichen Worten 3¹ plötzlich zuſammen; nur Eiſenbeißen's Ausſagen hiel⸗ ten ihn in Etwas aufrecht. „Aber ſollte,“ frug er,„das gewaltige England zu dergleichem Stücklein ſeine Hand bieten?“ Felicitas rieth, den Ausgang ruhig abzuwarten. Der Sohn theilte jetzt des Doctors Anſicht und Rath mit, die Sache nicht auf die lange Bank zu ſchieben und auf Teſtamentseröffnung anzutragen. „Nein, mein Gama,“ verſetzte die Mutter,„wir wollen nichts übereilen, ſondern Alles ſtill ſeinen Gang gehen laſſen. Je eifriger wir nach dem bis jetzt nur ſcheinbaren Glücke ſtrebten, um ſo niederſchlagender würde eine Enttäuſchung und um ſo größer der öffent⸗ liche Spott und die Schadenfreude ſein. Der Sohn nahm ſich zwar die mütterliche Rede zu Herzen, im Innern aber war er noch ſtark im Glauben an die Erbſchaft.„Eiſenbeiß,“ ſprach er zu ſich,„verſteht ſich auf ſolche Dinge, der würde die Sache lange nicht ſo ernſthaft genommen und mir bereits halb Vier Uhr Urlaub gegeben haben, wenn nichts dahinter ſtäke.“ Er begann alſo mit ziemlicher Hoffnungsfröhlich⸗ keit, obſchon er ſich hütete, ſeine großen Entwürfe hinſichtlich des Bücherankaufs der Mutter nitzuthei⸗ len, den belebenden Glühwein zu ſchlürfen, welchen ihm Felicitas darreichte. Da trat ihm aber, kaum hatte er eine halbe Taſſe hinunter, das Herz wieder auf die Zunge, und er war eben im Begriff, die kühnſten Luftſchköſſer auf dem noch uneröffneten Te⸗ ſtamente aufzubauen, als ſich die Thür öffnete und der große Geograph von Niederroßla, der Gotteska⸗ ſtenvorſteher, Chriſtian Henoch, ein Buch unter dem Arme, eintrat. Er nahm ſofort auf dem dargebote⸗ nen Stuhle Platz, und begann, die Geographie auf⸗ ſchlagend, in ſeiner ununterbrochenen eintönigen Re⸗ deweiſe: „Es dürfte ſicher von außergewöhnlichem Intereſſe ſein, Etwas von den Forſchungen zu vernehmen, ſo ich über das aſiatiſche Staatengebiet Kabul, welches dermalen Alt und Jung außergewöhnlich beſchäftigt, angeſtellt, in Erfahrung zu bringen. Nach ange⸗ ſtrengtem Studium und mühſamer Quellenforſchung iſt es mir gelungen, über beſagtes Kabul, auch Kabuli⸗ ſtan oder Afghaniſtan genannt, zu berichten wie folgt: „Dieſes Königreich, ehedem zu Perſien gehörig, umfaßt einen Flächenraum von dreizehntauſend Qua⸗ dratmeilen, iſt von hohen ſchneebedeckten Gebirgsket⸗ ten durchzogen, von denen einige die Höhe von zwan⸗ zigtauſend Fuß erreichen. Der Hauptfluß iſt der In⸗ dus. Es gibt zahlreiche Steppen, doch auch viele fruchtbare üppige Gegenden, zahlloſe Gärten, worin die orientaliſche Frucht⸗ und Blumenwelt in reicher Pracht gedeiht. Die Zahl der Eingebornen beläuft ſich auf vierzehn Millionen, und ſie find ſehr ver⸗ ſchiedenen Stammes, den Perſern und Hindus ver⸗ wandt, theils völlige Nomaden, theils in Städten und Dörfern wohnend, und Halbnomaden, die nur eine Zeit lang im Jahre umherziehen. Viehzucht und Ackerbau ſind Hauptbeſchäftigungen, doch findet ſich in den Städten auch einiger Kunſtfleiß. Die Bewoh⸗ ner ſind kriegeriſch, roh und räuberiſch, aber gaſtfrei, beſcheiden, freimüthig und ohne Tücke, von Farbe gelb und braun. Sehr merkwürdig iſt alljährlich die Regenzeit, Munſun geheißen, welche vier Monate dauert und das ganze Land überſchwemmt. Ihr Her⸗ annahen wird durch große Wolkenmaſſen angekündigt, welche dem indiſchen Oeean entſteigen, und je näher ſie heraufkommen, immer ſchwärzer werden. Der 33 Munſun tritt gewöhnlich während der Nacht ein und wird ſtets von einem furchtbaren Ungewitter begleitet, wovon ſich derjenige, welcher dieſelben Himmelserſchei⸗ nungen blos unter gemäßigten Himmelsſtrichen ge⸗ wohnt iſt, keine Vorſtellung zu machen im Stande iſt. Unter Sturmgeheul leuchten die Blitze mehre Stunden lang ohne alle Unterbrechung. Zuweilen er⸗ hellen ſie nur die Wolken des nahen Horizont, doch plötzlich enthüllen ſie die fernſten Gebirge, während die zunächſt gelegene Gegend von tiefer Nacht be⸗ deckt bleibt; doch im nächſten Augenblick ſteht auch dieſe wieder in ſonnenhafter Verklärung. Der Don⸗ ner rollt in Einem fort durch die fernen Gebirge, und wird nur zuweilen durch nähere Schläge über⸗ täubt, welche das Ohr urplötzlich mit ſo furchtbarem Krachen erfüllen, daß auch die unerſchrockendſte Seele davon erſchüttert wird. Endlich ſchweigt der Donner und man vernimmt nur noch das Getöne des unauf⸗ hörlich herabfallenden Regens und das Rauſchen der anſchwellenden Ströme. Der folgende Tag gewährt einen traurigen Anblick. Der Regen ſtürzt noch im⸗ mer in Strömen nieder und verſtattet kaum den An⸗ blick der verfinſterten Gefilde. Die Flüſſe ſind ange⸗ ſchwollen und getrübt, und reißen Zäune, Hecken und die Ueberbleibſel des Feldbaues mit ſich fort, den man während der dürren Jahreszeit in den Betten getrie⸗ ben hat. Nach einigen Tagen klärt ſich der Himmel auf, und wie durch einen Zauber umgeſchaffen, bietet die Natur einen ganz veränderten Anblick dar. Vor dem Gewitter ſind die Felder rings verdorrt, ver⸗ brannt; nirgends erblickt man ein grünes Blatt; keine Wolke unterbricht die vollkommenſte Reinheit des Himmels; der Dunſtkreis iſt mit Staub geſchwän⸗ gert, wodurch entfernte Gegenſtände wie durch einen Stolle, ſämmti. Schriſten. XvII. 3 3 Nebel, und die Sonne ſelbſt trüb gefärbt erſcheinen. Glühende Luft weht wie aus einem Ofen und erhitzt Holz, Eiſen, Steine ſelbſt im Schatten zu einem außerordentlichen Grade. Unmittelbar vor dem Mun⸗ ſun tritt eine noch erſtickendere Windſtille ein. Aber kaum iſt die erſte Heftigkeit des Gewitters vorüber, ſo ſieht man die Erde weit und breit mit üppigem Grün bedeckt; die Flüſſe ſtrömen in prächtigen, ru⸗ higen Wellen. Die Luft iſt rein und entzückend und der Himmel mit maleriſchen Wolken geſchmückt. Es iſt dieſelbe Umwandlung, als wenn man aus dem tiefſten Winter plötzlich in den prachtvollſten Früh⸗ ling träte.“ Gamaliel war von der Beſchreibung dieſer mor⸗ genländiſchen Naturzauberei, welche der Gotteskaſten⸗ vorſteher aus einer alten Reiſebeſchreibung ableierte, ſo hingeriſſen, daß er gar nicht bemerkte, wie ihm Henoch nach und nach den ganzen Glühwein weg⸗ trank. Er glühte ohnehin ſchon; die Flammen ſeiner Phantaſie durchloderten ſchöpferiſch das Gehirn. Er malte ſich eine ſolche afghaniſtiſche Gewitternacht in furchtbar ſchöner Pracht. Er ſah die ferne Bergkette im Silberlichte des Blitzes ſtehen, vernahm die erd⸗ erſchütternden Donnerſchläge, das Rauſchen des Re⸗ gens, das Wogen der Ströme. Begeiſtert umarmte er die gleichfalls mit großem Intereſſe zuhörende Fe⸗ licitas, indem er ausrief:„Mutterchen, ſo etwas zu erleben, der glückſelige Balthaſar!“ Der Gotteskaſtenvorſteher, nachdem er den Reſt des Glühweins in ſeine Schale gegoſſen und em⸗ pfindungslos ausgeſchlürft hatte, fuhr fort: „Einen außergewöhnlichen Eindruck ſollen auch die Gebirge von Kabuliſtan gewähren, worüber es alſo heißt: Weit über hundert Meilen ſchauen die Ge⸗ birge Afghaniſtans über die Länder. Ueber den ſchnee⸗ bedeckten Ketten ragen noch Piks von großer Höhe und Pracht empor, die mit erſtaunenswürdiger Kühn⸗ heit zu den Wolken ſtreben. Dieſe mit ewigem Schnee bedeckten Höhen, die feierliche ungeſtörte Ein⸗ ſamkeit, und der Gedanke, daß dieſe Berge von zahl⸗ loſen Völkerſchaften geſehen werden, erfüllt das Ge⸗ müth mit Bewunderung und einem Erſtaunen, das nicht zu beſchreiben iſt.“ „Ich wollt's,“ platzte der Schreiber heraus, ſeine Augen leuchteten und er begann zu beſchreiben:„Seht wie ſie glühen, einem Goldgebirge vergleichbar, über welches noch königliche Pyramiden leuchtend empor⸗ ſteigen, obſchon die Sonne längſt zur Ruhe gegangen und tiefe Schatten die Palmenhaine und die Blu⸗ men in Gärten und Thälern decken. Ein warmer, blüthenſchwerer Frühlingsabend ruht über der Land⸗ ſchaft, die einem Garten Gottes vergleichbar; die Strahlen der Abendſonne durchziehen wie Glockentöne die Lilienbeete, die Roſenfelder; Bienen ſummen in den weißen Orangenblüthen, und die Pfirſichbäume an Häuſern und Geländern wollen ſich verbluten. Hier und da wandelt gottbeſeligt die ſchöne ſtille Geſtalt eines Perſers durch das reiche Paradies und ſchaut der ſcheidenden Sonne nach. Die Luft koſet mild, weich wie Seide über die Blumen, während leiſer Donnerton, wie aus andern Welten kommend, von Zeit zu Zeit in den Frühling hereinbricht. Es iſt der Donner der Lawinen, die in den öſtlichen Gebir⸗ gen ununterbrochen in die Tiefen rollen.“ Felicitas reichte dem begeiſterten Seher und Spre⸗ cher lächelnd die Hand, während Henoch unverdroſſen mit dem Theelöffel auf dem Ankergrunde des Glüh⸗ weinkännchens hin und wiederfuhr, um ſich der letz⸗ 36 ten Feuchtigkeit zu bemächtigen. Er begriff nicht, was Gamaliel ſo eigentlich wollte, und beſchloß, deſ⸗ ſen Gefaſel durch einige ruhige ſtatiſtiſche Notizen ein Ziel zu ſetzen. „Die Hauptſtadt Kabul,“ begann er, nachdem er ſich von der Unergiebigkeit des Kännchens ſattſam überzeugt hatte,„iſt in einer höchſt reizenden Thal⸗ ebene am Fuße des Hindukuſch gelegen und zählt achtzigtauſend Einwohner. Die Stadt iſt der Erd⸗ beben wegen nur von Holz gebaut, wichtig aber als einer der Haupthandelsplätze Aſiens, wo die verſchie⸗ denſten Nativnen Vorder- und Hinterindiens zuſam⸗ mentreffen und unter dem Schutze des Regenten, der hier wohnt, völlige Sicherheit und Religionsfreiheit genießen. Der große Bazar beſteht aus einer ſechs⸗ hundert Fuß langen und dreißig Fuß breiten Säu⸗ lenhalle.“ „Himmel, ſo ein Bazar,“ rief Gamaliel wieder, „dieſer Reichthum, dieſe leuchtende Pracht, dieſe Per⸗ len, dieſer Purpur, dieſe ſeidenen Stoffe, dieſe Shawls; Mutterchen, wenn ich einmal dahin komme, bringe ich Dir einen echten Shawl mit, um den Dich ganz Niederroßla und Umgegend beneiden ſoll.“ „Das ſoll mich freuen,“ ſcherzte Felicitas,„wenn Du nur ſchon dort wärſt.“ Der Gotteskaſtenvorſteher hielt hier als berühm⸗ ter Geograph für ſeine Pflicht, die Kurzſichtigen auf die Beſchwerlichkeit und die Gefahr, im Morgenlande fortzukommen, aufmerkſam zu machen; zugleich gab er die Länge der Reiſe zu bedenken. „Bis nach Kabul iſt kein Katzenſprung,“ ſprach er gelehrt,„das iſt wohl weiter als man denkt; nur außergewöhnlicher Anſtrengung mag es gelingen, bis dahin vorzudringen; auch iſt daſelbſt als Chriſten⸗ menſch nichts zu profitiren, der Muſelmann führt da 's große Wort und läßt Niemanden aufkommen. Daß es dem Balthaſar gelungen, iſt mir ein außer⸗ gewöhnliches Räthſel; auch würde es ihn als ſimpler „Drollinger“ nicht gelungen ſein, hätte er nicht den richtigern Namen Haſſan⸗ben⸗Mullah angenommen.“ „Was heißt das wohl?“ frug Gamaliel raſch. Henoch, der diesmal auch als Linguiſt ſich nicht werfen laſſen wollte, erwiederte mit Geiſtesgegenwart: „Haſſan⸗ben⸗Mullah iſt das deutſche Drollinger.“ Gamaliel wollte dieſe Verſion nicht recht glaub⸗ bar finden, wodurch Henoch, der ſich darüber ärgerte, bewogen ward, um ſo hartnäckiger auf ſeiner Mei⸗ nung zu beſtehen. Er würde ſeine geographiſchen Mittheilungen über Kabul unſtreitig noch länger aus⸗ gedehnt haben, wenn Felicitas das Glühweinkännchen von Neuem gefüllt hätte; dem Gotteskaſtenvorſteher war es nämlich trotz ſeines gelehrten Vortrags nicht entgangen, daß in der Ofenröhre ein Töpflein ſtand, in welches ſich ſeine Phantaſie einigen Reſerveglüh⸗ wein träumte. Sein Glaube hatte ihn diesmal nicht betrogen; es befand ſich wirklich ein ganz kleiner Reſt des würzigen Getränks noch in dem Topfe; aber wie intereſſant die Wittwe die geographiſchen Mitthei⸗ lungen gefunden hatte, und wie großen Dank ſie dem Gotteskaſtenvorſteher dafür ſchuldig war, ſo konnte ſie es gleichwohl nicht über ſich gewinnen, ihrem Sohne, auf den bis jetzt kaum ein mäßiges Täßlein gekom⸗ men, auch den kleinen Reſt zu entziehen und ihn dem geographiſchen Saufaus vorzuſetzen. Henoch, nachdem er eine Zeit lang auf friſche Füllung des geleerten Luftballons gelauert und dabei bedeutſame Blicke nach der Ofenröhre geworfen, be⸗ ſchäftigte ſich endlich mit dem Aufbruch. Er verhieß, 38 falls ſich die Erbſchaft, wie er nicht zweifele, ver⸗ lohne, nähern Aufſchluß über den ergiebigen aſiati⸗ ſchen Landſtrich. Gamaliel dankte mit Wärme und verhieß glänzende Erkenntlichkeit unmittelbar nach der Teſtamentseröffnung. Der Gotteskaſtenvorſteher entfernte ſich, während der erregbare, phantaſiereiche Jüngling, den halben Orient im Kopfe, das Stüblein auf- und abſchritt. Er ſchaute noch immer die blühenden Ebenen und glänzenden Gärten, vernahm den Donner der Lawi⸗ nen und ſprach darüber mit Feuer und Leben. Als Felicitas ihm die Neige des Glühweins vor⸗ ſetzte und ſanfte Vorwürfe machte, daß er ſich nicht tapferer eingeſchenkt, während es Herr Henoch daran nicht habe fehlen laſſen, da bemerkte der Enthufiaſt jetzt erſt, daß ihm der Gotteskaſtenvorſteher ſein Lieb⸗ lingsgetränk bis auf dreiviertel Taſſe, ſo viel betrug der Reſt, weggeſoffen hatte. Er lebte indeß viel zu ſehr im Morgenlande, als daß er den Verluſt der abendländiſchen Leckerei hätte ſchmerzlich empfinden ſollen. Er meinte, Henoch habe ſein Guthaben für die gevgraphiſche Mittheilung lange nicht abgetrunken. Er ſei demſelben zu großem Danke verpflichtet, und man müſſe ihn wahrhaftig bedenken, wenn's die Erb⸗ ſchaft einigermaßen hergebe. Felicitas bat ihn wiederholt, ſich nicht zu großen Erwartungen hinzugeben; eine Enttäuſchung ſei dann um ſo empfindlicher; Gamaliel aber ließ ſich's nicht nehmen, daß der König von Kabul ein kunſtliebender Monarch ſei, welcher ſeine Hof⸗ und Leibmaler gewiß gut honorirt habe. Er beſchrieb hierauf, wie der ſe⸗ lige Haſſan⸗ben⸗Mullah als wohlhabender Bürger und Hausbeſitzer, vielleicht gar Stadtverordneter, denn man ſchätze im Morgenlande abendländiſche Intelli⸗ 39 genz hoch, in ſeinem prächtigen Garten vor der Stadt geſeſſen, und der Mond im Morgen aufgegangen ſei. „Das Geräuſch der nahen Stadt iſt verſtummt,“ ſprach er,„einſam rauſchen die Kaskaden in Baltha⸗ ſar's Garten, der ſilberne Waſſerſtrahl fällt eintönig in die Marmorbaſſins zurück. Der Mond blickt durch Lorbeergebüſch über die hohe Gartenmauer, in den dunkleren Parthieen des Gartens ſchimmern weiße Li⸗ lien und goldleuchtende Roſen ruhen im Mooſe. Leiſe ſpielt die Nachtluft in den hohen Pinien, und dort oben ziehen die Sterne des Morgenlandes. Von dem unfern gelegenen Minaret verkündet der Wächter die Stunde, welche die Menſchen zur tiefen Ruhe mahnt; aber noch immer ſitzt der Hofmaler vor ſeinem ſchlan⸗ ken Kiosk, der umwuchert wird von Weinranken, Pfirſich⸗- und Granatbäumen, voll ſüßer ſtrotzender Früchte, die im Verein mit perſiſchen Roſen koſtbar zwiſchen dem dunkeln Laube hervorblicken. Der goldne Halbmond auf der hohen von Marmorſäulen getrage⸗ nen Kuppel leuchtet weit in die ſtille mondhelle Nacht hinaus. Ein ächter Kaſchemirſhawl umſchlingt Hals und Bruſt des Hofmalers. Neben ihn liegen die Lieder des Hafis in der Urſprache. Balthaſar hat den ganzen Abend von der berühmten, viel beſunge⸗ nen Nachtigalbraut geleſen. Jetzt hat er ſich's bequem gemacht, und ruht nachläſſig auf der weichen Otto⸗ mane und ſeine Blicke weilen auf der milden nächt⸗ lichen Landſchaft. Er verſinkt in tiefes Sinnen. Ver⸗ gangenheit und Zukunft, Morgenland und Abendland ziehen magiſch an ſeinem Geiſte vorüber; er gedenkt an Deutſchland, an deſſen Burgtrümmer, wie ſie, auf Fichten umkränzten Höhen, im Abendſcheine ſchim⸗ mern; er gedenkt an Niederroßla, wie es friedlich in den Waldbergen liegt und die ſanfte Loſſa ſich durch's 40 Thal zieht; er gedenkt, wie er einſt beutelte bei Mei⸗ ſter Hamger, und wie er dieſen abkonterfeit hatte hinter dem Holderbuſch— da kniſtert leis ein zarter Frauenfuß im Sande, und die ſchönſte Orientalin biegt um die blühende Jasminwand. Es iſt die Gattin des glücklichen Hofmalers, die einzige Tochter und der Augapfel irgend eines Großen im Lande; darum duldete es Letzterer auch, daß Balthaſar, wie einſt der Graf von Gleichen, die reizende Melechſala zum Chriſtenthum bekehrte und dann ehelichte. Da in Kabul, wie der Gotteskaſtenvorſteher darthat, voll⸗ kommene Religionsfreiheit herrſcht, ſo wird die Be⸗ kehrung und Taufe weiter keinen großen Schwierig⸗ keiten unterlegen haben, wie außerdem in den muhame⸗ daniſchen Ländern der Fall iſt. Balthaſar eilt dem geliebten Weibe entgegen, und die Beiden betrachten in Gemeinſchaft die herrliche Nacht. Die ſchöne Gattin erzählt, von leiſem Guitarrenklange begleitet, die ſchönſten Märchen aus Perſien, dem reichen Wun⸗ derlande, während der Hofmaler von Zeit zu Zeit aufſteht, um durch das im Kiosk aufgeſtellte ſieben⸗ füßige Teleſcop Mond und Planeten zu beobachten. Der Marmorboden des Kiosk iſt mit weichen perſi⸗ ſchen Teppichen belegt; eine Ampel von Milchglas verbreitet eine wohlthuende Helle, während der Duft des koſtbaren Roſenöls den ſtillen Raum durchzieht.“ Gamaliel würde das Ende ſeiner orientaliſchen Phantaſien ſo bald nicht gefunden haben, hätte nicht der Nachtwächter Benedict unmittelbar unter den Fen⸗ ſtern ſo urkräftig in ſein Horn geſtoßen, daß Felici⸗ tas ordentlich erſchreckt auffuhr und der Orientaliſt jählings unterbrochen wurde. „Was fällt dem Benediet ein?“ frug die Mutter, und Gamaliel geſtand gleichſalls, ſo erſchütternd habe — —————— 44 er den Nachtwächter noch nie duten hören. Benedict hatte übrigens ſeinen guten Grund, als er unter den Fenſtern der Wittwe ſo beherzt in's Horn ſtieß. Die große Neuigkeit des Tages war auch ihm, dem treuen Wächter der Nacht, nicht unbekannt geblieben; er hoffte durch ein außerordentliches Blaſen ſich den rei⸗ chen Erben und den zugleich frommen und wohlthä⸗ tigen Menſchen bemerkbar zu machen und zu inſinui⸗ ren. Dieſe Abſicht unterlag keinem Zweifel, da Be⸗ nediet nach ſeinem erſchütternden Schlachtenruf unmit⸗ telbar laut und vernehmlich ein frommes Lied an⸗ ſtinmte, worin von Gottes wunderbaren Fügungen die Rede war, und daß man des Nothleidenden nicht vergeſſen ſolle, wenn uns der Himmel mit Segen überſchütte. Felicitas, da ſie den Zweck des frommen Geſangs leicht errieth, ward eben deshalb weniger ergriffen davon, als es wohl außerdem der Fall geweſen ſein würde; aber Gamaliel fühlte ſich trotz dem, daß ihm der nächtliche Herold aus dem Garten bei Kabul nach Niederroßla geblaſen hatte, hoch erbaut durch das Lied. Bei ihm verfehlte die nachtwächterliche Politik ihre Abſicht keineswegs. „Nächſt Henochen,“ ſprach er,„ſollten wir den Benediet billig bedenken. Er verdiente es noch mehr als der Gotteskaſtenvorſteher; denn erſtens iſt er arm, und zweitens Nachtwächter; ein Nachtwächter aber, der unähnlich den andern glücklichen Sterblichen auf des Lebens ſchönſte Hälften, auf den blauen lichten Tag, die goldne Sonne, das erquickende Grün der Erde verzichten muß, und in ewiger Nacht wandelt, in un⸗ unterbrochener Eintönigkeit die Straßen auf und ab trottirt, hat vor Allem Anſpruch auf unſre Milde. Er ſang nur ſchöne, erhebende Wahrheit, daß der 42 Wohlhabende des Bedürftigen ſich chriſtlich erbarme, und ein gut Lied ſoll man immer zu Herzen nehmen.“ „Wohl, mein Gama,“ erwiederte die ſanfte Feli⸗ eitas,„es iſt gewiß ein himmliſches Gefühl, Armen wohl zu thun; wir gehören nur ſelbſt zu den Be⸗ dürftigen.“ „So wir Nahrung und Kleidung haben, laſſet uns genügen,“ ſprach Gamaliel eifrig und bibelfeſt; doch in demſelben Augenblicke beſann er ſich, daß ſeine gute Mutter eines Sonntagskleides ſo gar be⸗ dürftig ſei und Recht habe, wenn ſie ſich zu den Bedürftigen rechne. Er ſchwieg daher über dieſes Kapitel und kam wieder auf die Beſchwerlichkeit des Nachtwächterpoſtens zu ſvprechen. Felicitas benutzte gleichfalls den vernommenen Wächterruf, um den Sohn an das Schlafengehen zu mahnen. Gamaliel kletterte folgſam die ſchmalen Boden⸗ treppen nach ſeinem Himmelbette empor, welches ſei⸗ nen Namen mit der That führte, denn unter allen Betten im Hauſe ſtand es dem Himmel am Nächſten. Vor dem Einſchlafen kehrte er noch einmal in den blühenden Garten nach Kabul zurück, woſelbſt er ſich im Traume mit dem Beſitzer, dem Hofmaler und deſ⸗ ſen reizender Gemahlin ſcharmant unterhielt, obſchon er bei Tage gegen Frauenzimmer, ſeine Mutter aus⸗ genommen, die Schüchternheit ſelbſt war. 43 Drittes Rapitel. Be Wirth der Stadt Magdeburg, Herr Athanaſius Lagemann, ſowie der Schauſpieldirector und Helden⸗ ſpieler Hanno theilten hinſichtlich der Teſtamentseröff⸗ nung keineswegs die Anſicht der Wittwe Drollinger und beſtanden auf ſofortige Publicirung. Es war Beiden unmöglich, bis zu dem von dem Gericht feſt⸗ geſetzten Termin ſich in Geduld zu faſſen. Lagemann zehrte ſichtbar ab, daß es ſelbſt ſeiner Frau, einer gebornen Grümpler, trotz ihrer Kurzſichtigkeit auffiel. Bei Hanno waltete nicht geringeres Intereſſe vor, hinſichtlich der Kabul ſchen Erbſchaftsangelegenheit in's Reine zu kommen. Er hatte ſich bei dem geringen Kunſtſinne der Niederroßlaer und der daraus erklär⸗ baren ſchlechten Einnahme nebſt zwei Liebhabern, einem polternden Alten, einem zärtlichen Vater, ſammt der Primadonna, einer Anſtandsdame, einer Mutter und einer zweiten Liebhaberin, den Suuffleur nicht ausgenommen, wie ein Holzbock mit Familie ein- und feſtgefreſſen. Nur der Böſewicht und der Maſchinen⸗ meiſter, beides ein paar Geizhammel, welche ihre Zeche allabendlich berichtigten, waren flott geblieben. Selbſt der dreimal bei beſetztem Hauſe gegebene dickbelaubte Wald bei Herrmannſtadt war nicht im Stande gewe⸗ ſen, die Truppe in's Trockne zu bringen. Dazu war die Conceſſion mit Nächſtem abgelaufen, und kein Menſch konnte es Herrn Hanno verargen, wenn er mit Sehnſucht nach dem verheißenden Erbſchaftsbaume ſchaute, in der Hoffnung, daß ihn wegen ſeiner zwei⸗ ten todten Frau auch ein Granatapfel zugedacht ſein möchte, und zwar, je eher je lieber; denn es war bei ihm wirklich periculum in mora. Hanno vergegen⸗ „ 14⁴ wärtigte ſich jetzt erſt recht die Tugenden ſeiner ver⸗ ſtorbenen Frau, und ward jetzt erſt gewahr, welchen Schatz er in die Erde gelegt, da ihm noch aus ihrem Grabe ein Fruchtbaum emporwuchs. Er fühlte ſich in dieſer Stimmung vollkommen aufgelegt, den Ham⸗ let zu ſpielen. Leider aber verliefen ſich die Verwandtſchaftsgrade Lagemann's wie des Heldenſpielers in ſo unſcheinbare Nuancen, daß das Stadtgericht zu Niederroßla Be⸗ denken trug, ihrem dringlichen Anſuchen um Eröffnung des aſiatiſchen Teſtamentes nachzukommen. Die Beiden hielten daher wiederholt gemeinſchaft⸗ liche Berathung, wie dem Uebel abzuhelfen ſei, die ſich jedoch allzeit nur rath- und troſtlos endete. „Haben Sie es denn wirklich mit der Gans ver⸗ ſucht?“ erkundigte ſich Hanno nach einigen Tagen, im höchſten Unmuth, als man wieder rathſchlagend beiſammen ſaß. „Und ob!“ gab Lagemann eifrig zurück,„ein ſol⸗ ches Vieh wird gar nicht wieder ausgebrütet unter dieſer Sonne. Ich hatte es für die Thier⸗ und Ge⸗ werbeausſtellung in Ratzeburg beſtimmt, wo mir die Prämie nicht entgehen konnte. Das Thier hat mir in acht Wochen einen Gewürzladen aufsefreſſen, einen halben Centner Hammerſchlag obendrein, ich hab' es mit eigner Hand genudelt, um meiner Sache gewiß zu ſein. Die ganze Gans war zuletzt eine lebendige Leber. Was half's, ſie mußte unſrer Verabredung gemäß daran und ſpazierte zum Stadtrichter. Dieſer Belial ſchickte mir das todte Beeſt aber noch ſelbige Stunde mit der ſpitzigen Bemerkung zurück, daß er Präſente nicht liebe.“ „Ha,“ rief der Heldenſpieler aufgebracht,„ich werde den Actenwurm in einem Drohbriefe zu ver⸗ 45 ſtehen geben, daß man ihn vom hohen Cothurn herab vernichten wird.“ „Ach,“ gab Lagemann ärgerlich zurück,„der küm⸗ mert ſich viel um Ihren hohen Cothurn, der iſt wohl in ſeinem Leben in kein Theater gekommen.“ Rathlos blickte Hanno abermals vor ſich hin und Verzweiflung überkam ihn. Seine ſtille Wuth ging endlich in Toben über. Er ſchwur, dem Stadtrichter vor's Quartier zu rücken, ſo er das Teſtament nicht in den nächſten Tagen eröffne.„Was hilft mir der Mammon in fünf Wochen,“ rief er,„bis dahin kann ich fünfundzwanzig Mal verhungern.“ Der Wirth zur Stadt Magdeburg ſchüttelte bei Hanno's desperatem Entſchluß, dem Stadtrichter vor's Quartier zu rücken, abermals das Haupt. „Mit Gewalt richten Sie gar nichts aus,“ ſprach er,„was meiner ſanften Gans nicht gelang, wird Ihrer Vehemenz noch weit weniger gelingen. Ich ſehe ſchon,“ ſetzte er nach einer Pauſe ſeufzend hinzu, „wir werden uns müſſen in Geduld faſſen, wie ſchwer es wird.“ „Ich nicht,“ ſchrie der Heldenſpieler, und rannte, ſich vor die Stirn ſchlagend, das Zimmer auf und ab, gleichſam, als wollte er einen guten Gedanken aus dem Kopfe pochen. „Ihre raſende Desperation bringt uns nicht weiter,“ ſprach Lagemann, der ſich vor den großar⸗ tigen, hochtragiſchen Geſten des Heldenſpielers or⸗ dentlich zu fürchten begann. „Ich könnte den Oecean vergiften, daß ſie den Tod aus allen Quellen ſaufen!“ declamirte Hanno leiden⸗ ſchaftlich. „Warum nicht gar,“ meinte Lagemann erſchrocken, „da müßten ja wir beide auch mit dran“ 416 „Es müßte eine Wolluſt ſein, mit Dir auf ein Rad geflochten zu werden,“ fuhr der Heldenſpieler fort und packte den Wirth zur Stadt Magdeburg krampfhaft an beiden Schultern. Dieſer fuhr entſetzt empor und ſchaute Hanno's rollendes Auge. Er glaubte nicht anders, als der Schauſpieler ſei verrückt geworden, und ſuchte ihn mit ſanfter Rede zu beruhigen. „Aber ſo moderiren Sie ſich doch,“ bat er,„was hilft das mit dem Kopfe gegen die Wand; was ein⸗ mal nicht zu ändern, iſt nicht zu ändern; ein chriſt⸗ lich Gemüth muß ſich zu finden wiſſen.“ „Armſelige Vernünftelei,“ radotirte der dramati⸗ ſche Künſtler, und ſchritt mit verſchränkten Armen das Zimmer auf und ab. „Unſer Herr Stadtrichter,“ fuhr Lagemann beru⸗ higend fort,„iſt einmal ein geſtrenger Herr, der exact auf die Staatsgeſetze hält.“ „Ha, dieſe Staatskunſt, wie veracht' ich ſie,“ mur⸗ melte Hanno; doch plötzlich blieb er ſtehen und ſchaute lange vor ſich hin.„Doch was ſeh ich,“ fuhr er fort,„ein Gedanke, groß und herrlich, wie ein leuchtender Meteor ſpringt aus dem ſtaunenden Gehirn.“ „Das wäre?“ ſprach Lagemann. „Du biſt im Trocknen, Roller,“ rief nun der Heldenſpieler, den Wirth zur Stadt Magdeburg ſtür⸗ miſch umarmend.„Wir wandern Arm in Arm zu meiner Muhme, Madame Drollinger, und bewegen das Weib, daß es auf Teſtamentseröffnung beſtehe. Ihr kann es der ſataniſche Stadtrichter nicht abſchla⸗ gen, denn ihre Anſprüche auf das Erbtheil liegen ſonnenklar.“ Lagemann ſchlug ſich vor die Stirn.„O Ein⸗ 47 falt!“ rief er,„iſt man doch zuweilen mit Blindheit geſchlagen. Es gibt ja gar kein einfacheres Mittel, um zum Ziele zu gelangen. Die Pfarrerswittwe iſt eine ſanfte und gefällige Frau, ſie wird ſich's zum Vergnügen machen, unſerm Wunſche zu entſprechen. Da ſchmeckt ein Trunk drauf, Herr Hanno.“ Der Schauſpieldirector, durch ſeinen glücklichen Gedanken ſtolz gemacht, nahm Lagemann's Vorſchlag wegen des Trunks gnädig an. Man kam überein, nach genommener Stärkung ſich ſogleich nach der Be⸗ hauſung der Wittwe auf den Weg zu machen. Als Gamaliel am nächſten Morgen wieder bei Eiſenbeiß eintrat, war dieſer wo möglich noch geſprä⸗ chiger als Tags vorher. „Wie ich in Erfahrung gebracht habe,“ ſprach er,„hungern noch Mehre nach der Kabul ſchen Hin⸗ terlaſſenſchaft, armſelige Schlucker, deren Verwandt⸗ ſchaft mit dem Erblaſſer kaum nach kanoniſchem Rechte in Betracht gezogen werden kann. Sollte dieſes Volk Späne machen, bin ich da.“ Der Sohn der Wittwe, alle Menſchen nach ſich beurtheilend und für Engel haltend, erwiederte daher in Betracht der Späne unſchuldsvoll, ſelig und ſchüch⸗ tern:„Ich glaube kaum!“ „Beſſer bewahrt als beklagt,“ fuhr Eiſenbeiß eif— rig fort,„ſo viel ſag ich.“ „Das iſt wahr,“ geſtand Gamaliel beherzter. „Hat Ihre Frau Mutter ſchon auf Publication des Teſtaments angetragen?“ Dem ſimpeln Schreiber begann zu ſchwindeln, als er ſich von ſeinem Prinzipal, zu dem er nie ohne die größte Ehrfurcht aufzuſchauen vermochte, per Sie 48 angeredet hörte. Er hätte dem großen Manne lie⸗ bend zu Füßen fallen können; und es ſchmerzte ihn über alle Maaßen, auf die Frage eine verneinende Antwort geben zu miſſſen. Der alte Juriſt, dem ein ſolches fremdländiſches Teſtament in ſeiner Praris noch nicht vorgekommen, war äußerſt begierig auf deſſen Inhalt, und er wünſchte daher ſehnlich, daß die Eröffnung ſo bald als möglich vorgenommen werde. „Ich begreife Ihre Frau Mutter nicht,“ fuhr er fort,„in ſolchen Angelegenheiten kann man nicht raſch genug zu Werke gehen; das ſag' ich.“ „Ja wohl, ſehr richtig,“ geſtand Gamaliel. „Stellen Sie es Ihrer Frau Mutter vor, ſagen Sie nur, ich hätte es geſagt.“ Gamaliel legte betheuernd die Hand auf's Herz. Er verſprach hoch und feierlich, ſein Möglichſtes zu thun. Im Innern gelobte er ſich, mit feurigen Zun⸗ gen zu ſeiner Mutter zu ſprechen, um ſie, dem Wun⸗ ſche Eiſenbeißen's gemäß, zur Teſtamentseröffnung zu bewegen. Der Juriſt nickte zufrieden mit dem Kopfe und wollte nach ſeinem Expeditionsgitter zurückkehren, als er noch einmal umkehrte und ſich zu Gamaliel wendete. „Noch eins,“ ſprach er.„da Ihrer im Teſtamente Ihres Herrn Vetters unfehlbar gedacht iſt, ſo wird es gut ſein, wenn Sie einen Henkel haben, wo man Sie anfaßt.“ Der Angeredete, welcher ſeinen Principal nicht verſtand, warf einen ſchüchternen Blick auf ſeine Fi⸗ gur, der zu fragen ſchien, wo wohl ein Henkel an⸗ zubringen ſei. „Ich meine,“ fuhr Eiſenbeiß fort,„es wird nicht ungerathen ſein, wenn Sie künftig einen Titel 49 führen, worauf heutzutage die Welt viel giebt; damit es bei der Teſtamentsvorleſung nicht heißt:„Der Erbe, Herr Gamaliel Drollinger, Schreiber bei Doetor Eiſenbeiß. Sie ſind von jetzt an mein Secretair.“ Der zeitherige Schreiber haſchte, ob dieſer unver⸗ hofften Standeserhöhung ganz berauſcht, convulſiviſch nach der rechten Hand des alten Jurispractikus, um ſie liebend an ſein klopfendes Herz zu drücken. Aber Eiſenbeiß gab dies nicht zu. Da er, nach des jun⸗ gen Mannes heftiger Bewegung zu ſchließen, be⸗ fürchtete, dieſer verbinde in Gedanken mit dem Se⸗ eretariat auch eine Gehaltserhöhung, ſo fügte er aus⸗ drücklich hinzu:„Auf Ihre zeitherige Beſoldung hat der neue Titel jedoch keinen Einfluß, die Zeiten ſind zu miſerabel, die Gelder gehen wahrhaft erbarmungs⸗ würdig ein.“ Gamaliel ſtammelte, daß davon ja ſchlechterdings keine Rede ſein könne, er komme prächtig aus; wor⸗ auf er einen abermaligen Dankesanlauf nehmen wollte. Eiſenbeiß aber wendete dieſen von ſich ab, indem er an das Mundum eines Actenſtücks mahnte, das er gern bald zu haben wünſchte. Der neugebackene Secretair ſtürzte dienſtbefliſſen nach ſeinem Schreibtiſche, und begann die Arbeit mit unglaublichem Eifer. Da bemerkte er aber alsbald. je reſoluter er die Sache vornahm, zu nicht gerin⸗ gem Schreck, daß das Mundiren dem Secretair gar nicht ſo gut von der Hand gehen wollte, wie früher dem ſimpeln Schreiber. Die Buchſtaben ſtanden gar nicht ſo ſtill wie ehedem, ſondern tanzten höchſt auf⸗ fälliger Weiſe hin und wieder; er bemerkte mit Schre⸗ cken, daß ſeine Hand zitterte und aller drei Zeilen verſchrieb er ſich auf ſo unverantwortliche Weiſe, daß er das Actenſtück immer wieder vorn anfangen mußte. Stolle, ſemmtl. Schriften. Xvll. 4 50 Endlich, als gar nichts zu Stande kommen wollte, gerieth er ordentlich in Angſt; er hielt ſich für ver⸗ wahrloſt und behext, und begriff nicht, wie das künf⸗ tig werden ſolle, wenn der fieberhafte Zuſtand nicht nachlaſſe. Er ſchrieb im Schweiße ſeines Angeſichts, der Boden brannte unter ſeinen Füßen. Einen ſolchen Zuſtand hatte er nie empfunden. Er wünſchte ſich weit hinweg vom Schreibpulte, hinaus unter freien Himmel, in die Berge und vot Allem zu ſeiner Mut⸗ ter, um der Geliebten ſein Herz auszuſchütten. Er dankte daher ſeinem Schöpfer, als vom nahen Rath⸗ hausthurme die Erlöſungsſtunde herüberſchlug. Mit Schmerz überblickte er das Wenige, was fertig ge⸗ worden war, und auch dieſes gereichte ihm als Se⸗ cretair zu durchaus keiner Ehre, da er als Schreiber weit Beſſeres geleiſtet zu haben ſich bewußt war. In der Hoffnung, daß der Nachmittag, wo er wieder zu Verſtande gekommen zu ſein hoffte, ein günſtigeres Reſultat liefern werde, packte er ſo ſchleu⸗ nig wie möglich ſeine Papiere zuſammen und ergriff die Flucht mit einer Schnelligkeit, als ob der Kopf brenne. Er eilte, wie Henoch, wenn er ihn geſehen, geſagt haben würde, in außergewöhnlichen Schrit⸗ ten und Sprüngen nach Hauſe; Niemandem ſonder⸗ lich Rede ſtehend, wie doch ſonſt ſeine Art war, und trat erhitzt und keuchend mit den Worten bei Felici⸗ tas in's Zimmer:„Mutter, ich bin Secretair!“ Da Madame Drollinger ob dieſer Botſchaft ge⸗ faßter blieb, als der Herr Sohn verhofft hatte, ſo wäre er ob dieſer Ruhe, die mit ſeinem freudigen Enragement ſeltſam contraſtirte, faſt bös geworden. „Mutter,“ wiederholte er mit leuchtenden Augen, „haſt Du es gehört, ich bin Secretair geworden?“ 5¹ „Allerdings, mein Sohn,“ erwiederte Felicitas, „aber da weiß ich ſo viel, wie zuvor.“ Der glückliche Sohn verbreitete ſich nun eines Ausführlichern über ſein außerordentliches Avancement, wie er es nannte, wobei er nicht ermangelte, die Hochherzigkeit des Doctor Eiſenbeiß in den Himmel zu heben. Die kluge Felicitas, welche den Charakter des Doctors kannte, ſah ſogleich ein, daß an der Stan⸗ deserhöhung die zu verhoffende Erbſchaft wohl die größte Schuld trage; gleichwohl ließ ſie ſich nichts merken und theilte mütterlich die Freude des Sohnes. Nachdem aber der Herr Secretair den Freuden⸗ becher über die glückliche Mutter hinlänglich geleert zu haben glaubte, begann er, der Aufforderung von Seiten Eiſenbeißen's gemäß, mit demoſtheniſcher Be⸗ redtſamkeit ſein Bekehrungswerk, um Felicitas für die Teſtamentseröffnung zu ſtimmen. „Mutter,“ rief er,„wenn Du nicht ſofort zum Herrn Stadtrichter eilſt und auf Publication anträgſt, kann das ganze Erbe im Meere verſinken, wo es am Tiefſten iſt. Wahrhaftig, kein Augenblick iſt zu ver⸗ lieren. Der Doctor iſt ganz meiner Meinung und muß das verſtehen.“ Felicitas, die nicht begriff, worin die große Ge⸗ fahr liegen ſolle, wenn man dem Geſetze ruhig ſeinen Lauf laſſe, die in des Doctors indirecter Aufforde⸗ rung nur eitle Neugier erkannte, und welche allen Anſchein zu vermeiden wünſchte, als könne ſie es mit der Erbſchaft nicht erwarten, da ſie überhaupt nicht wußte, ob ihr Name im fraglichen Teſtamente auch verzeichnet ſei, ſchlug wiederholt die Stürme ab, welche der von Dankbarkeit und Hochachtung gegen Eiſen⸗ * beiß beſtochene Gamaliel gegen ihre Willensfeſtigkeit unternahm. Der neugebackene Secretair lief verzweifelt hin und wieder; er fühlte mit Schmerz, wie wenig er ſeinem neuen Poſten Ehre mache und daß ſeine Car⸗ ridre als Chargé d'affaires des Doctor Eiſenbeiß nicht eben glanzvoll und mit großen Reſultaten ſich eröffne. Während Gamaliel als Miſſionair und Heiden⸗ bekehrer ſeines Prinzipals vergebens arbeitete und ob der mütterlichen Standhaftigkeit, die er für entſetzli⸗ chen Eigenſinn hielt, odentlich wuthig ward, kam ihm plötzlich und unerwartet Suceurs von Außen. Der Wirth zur Stadt Magdeburg und der Heldenſpieler ſtiegen eilfertig unter den Fenſtern vorüber und tra⸗ ten gerade in dem Augenblicke in das Zimmer, als der Secretair mit dem Schwure, daß er ſich dem Doctor nicht mehr unter die Augen getraue, ſeine letzte Patrone auf die ſanfte, aber beharrliche Felici⸗ tas verſchoſſen hatte. S. Lagemann fiel ſogleich mit der Thür in's Haus und kam um die Erlaubniß ein, im Namen der Wittwe dem Stadtgerichte zuſetzen zu dürfen, richtete indeß ſo wenig aus, wie der Secretair, welcher, ſei⸗ ner abgeſchlagenen Attaken eingedenk, ſich grollend hinter den Ofen zurückgezogen hatte. Jetzt fuhr Hanno vor, aber wider Erwarten ſanft und weich; er ver⸗ ſprach ſich glänzendere Reſultate, wenn er die ver⸗ wandtſchaftlichen Sympathieen der Wittwe heraufbe⸗ ſchwöre und begann ſogleich von ſeiner zweiten Frau, deren Tugenden er eben ſo in den Himmel hob, wie er den Verluſt der Unerſetzbaren beklagte. Felicitas entſann ſich gar bald der ehemaligen Prima Donna und ſprach ihr aufrichtiges Bedauern über das früh⸗ zeitige Dahinſcheidan der wackern Frau aus. Der 53 tiefgebeugte Wittwer wollte in Wehmuth zerfließen als er ſolche Theilnahme entdeckte, von der er das Beſte verhoffte. Um ſeines Sieges gewiß zu ſein, trocknete er ſich wiederholt die Augen, daß ſelbſt dem hinter dem Ofen vergrollenden Secretair weich um's Herz wurde, während der Magdeburger Wirth ver⸗ ſtockt der rührenden Scene zuſchaute. „Ich verlor in der Seligen,“ fuhr Felicitas fort, „nicht allein eine nahe Verwandte, ſondern auch eine bewährte Freundin.“ „Weiß es,“ ſchluchzte der Schauſpieldirector, der vor innrer Wonne, welche dieſe Worte in ihm her⸗ vorbrachten, denn auf nahe Verwandtſchaft hatte er im Traume nicht gerechnet, jetzt ſeinen lauten Schmerz nicht länger zu bändigen vermochte;„Sie verloren eine nahe, theure Verwandte, ich eine— Gattin; eine Mutter,“ ſetzte er mit ergreifender Stimme hinzu,„wie ſie ſelten wieder gefunden werden wird hienieden.“ Er ließ nach dieſen Worten in unaus⸗ ſprechlichem Schmerze den Kopf langſam auf die Bruſt ſinken. 4 Bei dem erſchütternden Worte Mutter erkun⸗ digte ſich die Wittwe ſogleich mit noch regerem In⸗ tereſſe nach der kleinen Amanda, der ſie das Stricken gelehrt. Hanno antwortete nicht, er ſtellte ſich ſprachlos und zeigte mit einer ausdrucksvollen Pantomime zum Himmel. Felicitas verſtand ihn, fragte nicht weiter, ſondern langte ebenfalls, um eine Thräne zu verbergen, nach ihrem Taſchentuche. Es entſtand eine minutenlange, aber ergreifende Stille; nur der Secretair, welchen die Barmherzigkeit, die er am Weh ſeiner Mitmen⸗ ſchen nahm, aus ſeinem Schmoll⸗ und Grollwinkel 5⁴ hervorgetrieben hatte und der ſich der Kleinen noch recht wohl zu entſinnen vermochte, unterbrach die Pauſe durch Seufzer. Lagemann war höchſt ſeltſam zu Muthe, als er ſich ſo urplötzlich unter allgemeine Rührung verſetzt ſah. Er rutſchte wiederholt auf ſeinem Stuhle hin und wieder; doch verſprach er ſich von den Thränen der Madame Drollinger nur Gün⸗ ſtiges. Dieſe Hoffnung hielt ihn aufrecht und be⸗ wahrte ſeine gemeſſene Haltung. Er fand es bei ſolcher allgemeinen Trübſal für angemeſſen, auf ſei⸗ nem Geſichte gleichfalls die Trauerflagge aufzuziehen, in der Hoffnung, damit eher in den Hafen ſeiner Wünſche einzulaufen. „Wenn es jetzt der Comödiant nur einigermaßen geſcheit anfängt,“ ſprach er zu ſich,„kann uns die Wittib nicht entgehen. Sie iſt windelweich und ein gerührtes Weib ſchlägt keine Bitte ab. Ich werde mich daher wohl hüten, dieſe herrliche Rührung zu unterbrechen.“ Felicitas war die Erſte, welche ſich in ihrem Schmerze ſo weit erholte, über Krankheit und Ab⸗ leben von Mutter und Tochter nähere Erkundigun⸗ gen einzuziehen. Der von Gatten⸗ und Vaterſchmerz übermannte Heldenſpieler brauchte geraume Zeit, bevor er mit⸗ theilungsfähig wurde. Er gab den troſtloſen Gatten mit ſolcher Virtuoſität, daß ſelbſt Lagemann, an Frau und Kinder denkend, endlich nicht gleichgültig zu blei⸗ ben vermochte. In wohlberechneten abgebrochenen Sätzen theilte der Künſtler erſt das Abſcheiden ſeiner zweiten Frau, aledann die Himmelfahrt Amanden's mit.„Dieſe zwei harten Schläge,“ fügte er hinzu, „hätten ihn faſt ſechs Monate breterunfähig gemacht, wodurch ſeine finanziellen Kräfte außerordentlich er⸗ 55 ſchöpft worden wären, ſo daß er ſich bis zu dieſer Stunde noch nicht habe erholen können.“ Gamaliel, dem ein ſolches Muſter von Gatten und Vater noch nicht vorgekommen war, konnte ſich nicht enthalten, hervorzutreten und die Hand des Be⸗ klagenswerthen zu erfaſſen. „Wohl ſind ſie dunkel, die Wege der Vorſehung,“ ſprach er mit ſchöner Wärme,„zuweilen ſollten wir ſogar irre werden an einen Leiter dort oben; doch gerade in ſolchen böſen Stunden müſſen wir die Hand des Allvaters um ſo inniger feſthalten. Sie wird uns durch Nacht und Wolken über Klippen und Abgründe wieder in einen ſchönen heiligen Gottes⸗ ſaal führen, wo wir all die Geliebten wiederfinden, die wir in dem Dunkel des Lebens verloren.“ „Ein erhebender Glaube,“ geſtand Hanno, tief Athem holend, der durch die Worte des Secretairs wahrhaft geſtärkt zu ſein ſchien. „O nicht blos Glaube, Gewißheit, Gewißheit,“ ſiel Gamaliel mit Eifer ein. „Ja, wer das wüßte,“ ſeufzte der Schauſpieldi⸗ rector, und ſpielte leiſe den Sceptiker.* Sobald das Geſpräch auf Religion und Unſterb⸗ lichkeit kam, gerieth der Secretair allemal in's Feuer; traf er nun noch dazu mit einem Gemüthe zuſammen, das ſich mit Zweifeln quälte, ſo loderte die edelſte Begeiſterung durch ſein ganzes Weſen. In ſeinem reinen Herzen flammte ein ſo kindlicher, beſeligender und unerſchütterlicher Glaube an Gott, Himmel und Unſterblichkeit, daß er ſchon manchem vom Schickſal Gebengten und an einer ewigen Gerechtigkeit Ver⸗ zweifelnden zum rettenden Engel geworden war. Ga⸗ maliel nahm ſich auch des zweifelnden Schauſpieldi⸗ rectors ſogleich mit Liebe an und ſprach zu dem 56 gebeugten und verdüſterten Herzen wahr und ſchön. Leider aber verfehlte ſein apoſtvliſcher Eifer bei Hanno ſeinen Zweck durchaus, denn der Schauſpieldirector dachte weder an Gott noch Unſterblichkeit, worüber ſich Gamaliel ſo herrlich ausließ, ſondern an die Ver⸗ wandtſchaftsgrade ſeiner verſtorbenen Frau. Sie waren ihm vor der Hand weit wichtiger, als die Glaubens⸗ anſichten des Seecretairs. Gleichwohl vernahm er ſcheinbar mit wahrer Andacht und Erbauung die Rede des frommen Jünglings, um erhoben und ge⸗ ſtärkt von dem Geiſtlichen wieder auf's Weltliche über⸗ gehen zu können. Dem Wirth zur Stadt Magdeburg, wie ſehr er auch der allgemeinen Rührung mit unterlegen war, wollte Gamaliel's Vortrag, obſchon er andächtig zu⸗ hörte, gleichfalls nicht behagen. Er fürchtete, der zweifelnde Hanno werde ſich in einen langwierigen Diskur über Religioſa verwickeln und ganz den Zweck des Hierſeins vergeſſen. „Wenn der Comödiant,“ ſprach er für ſich,„nur das Einzigemal den guten Einfall hätte, und ſeinen Schmetz inſoweit moderirte, um wegen der Teſtaments⸗ eröffnung anzubohren. Eine ſo günſtige Gelegenheit kommt ſobald nicht wieder. Wenn er die Sache nicht ganz einfältig anfängt, ſo können wir bereits morgen wiſſen, woran wir find.“ Gamaliel hatte unterdeß wie ein Peter von Amiens gegen die unſelige Zweifelſucht, dieſer Feindin alles inneren Friedens, dieſer Sünde- und Todgebärerin, geſprochen und er lebte der ſchönen Ueberzeugung, dem Director, wie Lagemann, das Himmelreich auf⸗ geſchloſſen zu haben, denn Beide ſchwiegen und ſchie⸗ nen von der Wahrheit ſeiner Worte überzeugt und beſiegt. Hanno mußte ſichtbar Troſt geſchöpft haben, 57 denn ſeine Augen waren wieder trocken und er be⸗ gann leiſe und vorſichtig Madame Drollinger wegen der Verwandtſchaft mit ſeiner ſeligen Frau zu viſitiren. Ueber die Familienverhältniſſe der Dahingeſchiedenen wußte er ſo viel wie Nichts; es war ihm nur noch erinnerlich, daß ſie eine geborene Seekrebs geweſen. Mit dieſem Seekrebs wollte er jetzt ſein Glück ver⸗ ſuchen; er warf ihn der Wittwe vor, in der Hoff⸗ nung, daß ſie anbeißen werde. Dies geſchah auch. Felicitas erging ſich ſogleich in genealogiſche Aus⸗ einanderſetzungen, und Hanno entdeckte mit Entzücken, wie wenige Sproſſen ſie von einander ſtünden. Der Seekrebs that wirklich Wunder, denn die Wittwe be⸗ grüßte und beſeligte plötzlich den Heldenſpieler mit dem Namen Vetter. Auch der Secretair freute ſich innigſt der neuen Verwandtſchaft und ward ordentlich ſtolz, einem ſo großen Bühnenkünſtler durch die Bande des Bluts ſo nahe zu ſtehen. Lagemann hingegen ward ſeinerſeits wahrhaft eiferſüchtig ob Hanno's genealogiſchem Avancement. Er beneidete ihn von Herzen um die Vetteſchaft, die er zeither nur für eine Renommiſterei gehalten. Er befürchtete, der verwünſchte Seekrebs werde ſich auf unverantwortliche Weiſe in die Erbſchaft einkneipen und fuhr in der Eile in der geſammten gens Loge- manniana umher, ob er nicht auch ein ſolches Meer⸗ gewürm auftreiben könne, welches ihn dem Stamm⸗ baume der Drollinger um ein Erfreuliches näher brächte. Er zählte daher der Pfarrerswittwe ein gan⸗ zes Namensregiſter vor, deren Beſitzer jedoch zu ſei⸗ nem Leidweſen nicht für legitim und ſucceſſionsfähig anerkannt wurden. Lagemann blieb zuletzt in der Welt nichts übrig, als ſein Pfeifenhandel und ſein gemeinſchaftliches Schnapſen mit dem verſtorbenen 58 Peter Drollinger. Gleichwohl war ſein Glaube, daß der dankbare Sohn in ſeinem Teſtamente hierauf Rückſicht genommen haben werde, größer als ſein Glaube über die Fortdauer nach dem Tode, welchen zu ſtärken der Seeretair ſich ſo viel Mühe gegeben hatte. Hanno, welcher zeither Arm in Arm mit Lage⸗ mann gewandelt war, trennte ſich von dem Hotelier, da er jetzt als Vetter der hoffnungsreichen Erbin auf eigenen Füßen fortzukommen hoffte. Der verlaſſene Wirth zur Stadt Magdeburg glaubte, um ſeine Erb⸗ anwartſchaft nach Kräften zu dveumentiren, die zärt⸗ liche Freundſchaft mit Peter Drollinger in das un⸗ zweifelhafteſte Licht zu ſetzen, bei welcher Erzählung der von Felicitas gevetterte Hanno ein bemitleidendes Lächeln ob der Nichtigkeit der Lagemann'ſchen Erb⸗ anſprüche nicht zu unterdrücken vermochte. Selbſt Ma⸗ dame Drollinger ſchüttelte bei den Hoffnungen des Magdeburgers wiederholt zweifelnd den Kopf. Nur Gamaliel, welcher die beſcheidenen Wünſche der Sterb⸗ lichen gern erfüllt ſah, geſtand, wenn der Sohn um das zarte Verhältniß gewußt, es keinem Zweifel un⸗ terliege, daß Herr Lagemann im letzten Willen loeirt ſei. Der Hotelier fand ſich durch den menſchenfreund⸗ lichen Ausſpruch des jungen einſichtsvollen Mannes, dem er ſolchen Ideenreichthum gar nicht zugetraut hatte, weit mehr erquickt, als durch deſſen vorige Glaubenspredigt. Sein dankbares Gemüth ergriff zu⸗ gleich die Gelegenheit, den Secretair aus Erkenntlich⸗ keit zum Truthahnſchmauſe auf nächſten Mittwoch ein⸗ zuladen, eine Ehre, welche Gamaliel zeither in Nie⸗ derroßla noch nicht widerfahren war.. Der Secretair fühlte ſich durch den Truthahn ſo geſchmeichelt, daß er in ſeinem Herzen dem Wirth 59 „ zur Stadt Magdeburg einen der erſten Plätze im Teſtamente wünſchte. Aber jemehr Lagemann den jungen Drollinger in's Herz ſchloß, um ſo erboſter ward er gegen den Heldenſpieler, der ihn gar nicht mehr berückſichtigte und all ſeine Aufmerkſamkeit nur der ſchönen Muhme, wie er Felicitas nannte, zukommen ließ. Zugleich be⸗ griff er nicht und ärgerte ſich, daß der Breterkönig ſein Avancement nicht benutze und auf die Teſta⸗ mentseröffnung losſteure. Der unſichtige Director würde dieſem Wunſche des Magdeburgers, der auch der ſeine war, gerne nachgekommen ſein, wenn er nicht hätte erſt bei Fe⸗ licitas das erforderliche Terrain gewinnen wollen, um eines glücklichen Erfolges deſto ſicherer zu ſein. Er entfaltete daher ſeine ganze Liebenswürdigkeit, die ihm als darſtellender Künſtler im Heldenfache zu Ge⸗ bote ſtand. Dies würde ihn jedoch kaum zum Zwecke geführt haben, denn Felicitas war keine Frau, die ſich leicht blenden ließ, hätte er nicht mit ziemlicher Offenheit ſeine finanziellen Beängſtigungen und die dringliche Nothwendigkeit ſeiner Abreiſe der guther⸗ zigen Wittwe zu Gemüthe geführt. Als Hanno den Sturm wegen der teſtamentari⸗ ſchen Publicativn eröffnete, ſo fiel auch Lagemann und dem Secretair, letzterem wegen Eiſenbeiß, ein gewaltiger Stein vom Herzen. Sie ſtanden aus Lei⸗ beskräften dem voranſchreitenden Heldenſpieler bei, welcher im Namen ſeiner ganzen darbenden Truppe tapfer voranſchritt. Felicitas, von ſo viel Streitkräften zu gleicher Zeit und mit ausdauernder Hartnäckigkeit angegriffen, ergab ſich endlich und ertheilte dem dramatiſchen Vet⸗ ter in ihrem Namen die Erlaubniß, auf Teſtaments⸗ 60 eröffnung anzutragen, welche ihr als der nächſten An⸗ verwandten des Kabul'ſchen Erblaſſers von Seiten des Gerichts nicht verweigert werden konnte. Fiertes Rapitel. Der Gotteskaſtenvorſteher Henoch in ſeinen außerge⸗ wöhnlichen Forſchungen über das Erbland Kabul un⸗ ermüdlich, glaubte nichts Angelegentlicheres thun zu müſſen, als ſich auch zur jungen Wittwe Urſula zu begeben, zu deren Freiern er gehörte, um ſich durch gelehrte Mittheilung über das fabelhafte Reich gleich⸗ falls eine Stufe in den Himmel zu erbauen. Urſula hatte zeither ſeine geographiſchen Eroberungen, auf die er ſich nicht wenig zu Gute that, ziemlich en ba- gatelle behandelt, bei Kabul hoffte er indeß, da da⸗ hin auch der Blick der verwittweten Glaſermeiſterin mit Sehnſucht gerichtet war, werde das eine Aus⸗ nahme erleiden. Henoch hatte zu ſeinem großen Leidweſen noch mit zwei unerträglichen Nebenbuhlern bei Frau Ur⸗ ſula zu kämpfen, welche ihm, was die Geographie betraf, nicht im Geringſten gewachſen waren. Er be⸗ griff überhaupt nicht, wie die eingebildete Donna an den rohen Späßen des ungeſchlachten Spritzen- und Schlauchfabrikanten Auerhahn, ſowie an dem außerge⸗ wöhnlichen Phlegma und der geiſtigen Beſchränktheit des Papiermüller Grimbart Gefallen und Amuſement finden könne. Während Auerhahn ſein Freiwerber⸗ amt auf eine ſehr polternde, kecke und verwogne Art 64 betrieb, ſo daß er von der Wittwe nur mit Mühe in den Schranken der äußern Zucht gehalten werden konnte, ſaß Grimbart, die Hände über dem Bauche gefaltet, in ſtummer Bewunderung und ſcheinbarer Reſignation vor dem ſchönen Bilde. Auerhahn ver⸗ achtete geradezu ſeine beiden Nebenbuhler und fürch⸗ tete weder den Geographen, noch den Papiermüller. Er ſchritt mit vollkommener Siegesſicherheit einher und lebte der feſten Ueberzeugung, daß ihm das ſchmucke Weib nicht entgehen könne. Frau Urſula, nach Art aller Coquetten, verdarb es mit keinem der drei Anbeter und gab jedem Hoff⸗ nung, ohne daß es ihr in den Sinn gekommen wäre, dieſe Hoffnung zu erfüllen. Es ſchmeichelte ſie unge⸗ mein, ſolche Männer bei der Stadt vor ihrem Triumph⸗ wagen zu erblicken; gleichwohl waren ſie ihr alle drei zu alt. Der Gotteskaſtenvorſteher und der Papiermüller, ſo ſie bei der Wittib zuſammentrafen, was ſehr häufig der Fall war, vertrugen ſich paſſabel; Grimbart hörte, die Hände wie gewöhnlich über dem gravitäti⸗ ſchen Bauch gefaltet, mit großer Ruhe Henoch's Gev⸗ graphie mit an, fiel darüber gewöhnlich in einen ſanften Schlummer, welchen Umſtand der Gotteskaſten⸗ vorſteher benutzte, der Frau Urſula ſein Herz zu er⸗ öffnen. Sobald jedoch Auerhahn in's Zimmer trat, hatte der Friede ein Ende. Namentlich konnte Henoch den Spritzen⸗ und Schlauchfabrikanten nicht erſehen. Der Geograph dankte daher dem Himmel und allen Heiligen, als er bei der Wittwe in's Zimmer trat und nur den Papiermüller vorfand, welcher be⸗ reits in jenem träumeriſchen Zuſtande, der einem ge⸗ ſunden Schlafe voranzugehen pflegt, mit gefalteten Händen im gewohnten Lehnſtuhle ſaß. 62 Urſula verbarg das Gähnen ihres lieblichen Mun⸗ des mit dem Taſchentuche, wie ſie des Gotteskaſten⸗ vorſtehers anſichtig wurde. Dieſer aber begann mit einem zärtlichen Bücklinge wie folgt: „Inſonderheit geſchätzte Frau Urſula, es dürfte mein diesmaliger geographiſcher Vortrag von außer⸗ gewöhnlichem Intereſſe für Hochdieſelben ſein, da er über ein Land ſich ausführlich verbreitet, aus welchem für ſämmtliche Drollinger'ſche Erben eine außerge⸗ wöhnliche Glücksſonne emporgeſtiegen iſt.“ Alles was die Erbſchaft anlangte, war für Urſula von großer Wichtigkeit. Sie hieß daher Herrn He⸗ noch mit einem Blicke willkommen, der den Gottes⸗ kaſtenvorſteher in den dritten Himmel erhob. Er hoffte diesmal mit Sicherheit, den Spritzen⸗ und Schlauchfabrikanten aus dem Sattel zu heben und ſprach ſo gelehrt wie möglich über Kabul und Afgha⸗ niſtan. Nachdem er Lage und Grenzen, Flüſſe und Gebirge dieſes afiatiſchen Reichs mit Genauigkeit be⸗ ſtimmt und dabei eine Menge fremdländiſcher und kauderwelſch klingender Namen citirt hatte, unterbrach ihn die etwas ungeduldige Urſula mit der Frage, ob nichts von dem Hofmaler in dem Buche ſtehe? Henoch ſprach ſein außergewöhnliches Bedauern aus, diesmal ihren Wunſch nicht erfüllen zu können, ſintemal von Privaten in einem bloßen Handbuche der Geographie kaum die Rede ſein könne. „Sprechen denn die Leute in Kabul deutſch?“ „Ei, wo denken Sie hin, Verehrteſte,“ lächelte gelehrt der Gotteskaſtenmann,„ein weit ſchwierigeres Idiom wird da geredet, als hier zu Lande.“ „Verſtehen Sie denn die fremde Sprache?“ „Dermalen noch nicht, aber ich hoffe mit der Zeit 63 „Verſteht ſie denn der Herr Stadtrichter?“ „Wohl noch weniger,“ verſetzte Henoch,„ich habe nie gehört, daß er in afiatiſchen Mundarten zu Hauſe wäre.“ „Aber mein Himmel,“ fuhr die Wittwe fort, „wie will man denn erfahren, was im Teſtamente ſteht, und dieſes iſt gewiß in kabuliſcher Sprache ge⸗ ſchrieben.“. Der Geograph hatte hieran wahrhaftig nicht ge⸗ dacht und erwiederte:„Der Fall wäre wirklich außer⸗ gewöhnlich, doch hoffe ich, der Herr Hofmaler hat für eine deutſche Ueberſetzung geſorgt.“ „Das gebe Gott,“ ſprach Urſula, und Henoch fuhr fort: „Das ganze Königreich wird in ſiebenundzwanzig Provinzen oder Gebiete getheilt, deren bedeutendſte von einem Hakim beherrſcht werden. Letzterer giebt es achtzehn und ihre Namen ſind: Herat, Farra, Candahar, Ghasni, Kabul, Bamican, Ghoreband, Dſchella labad, Laghman, Pe⸗ ſchawar, Dera Ismael, Chan, Dera Ghaſi Chan, Schikapor, Sewi, Sind, Kaſchmir, Tſchotſch, Haſareh, Leia und Multan.“ Der Papiermüller fiel bei dieſer geographiſchen Mittheilung vollkommen in Schlaf; auch der Wittwe kam ein herzhafteres Gähnen an. Henoch aber, der einmal im Zuge, ließ ſich nicht irre machen. „Das ganze Einkommen des Kabul'ſchen Reichs in ruhigen Zeiten,“ fuhr er fort,„kann beinahe auf drei Crors Rupien veranſchlagt werden; aber hier⸗ von wird ein Cror an halb unterjochte Fürſten ab⸗ gelaſſen, die zufricden ſind, ihr Einkommen als eine Bewilligung vom Könige zu beziehen. Das wirkliche 6 64 Einkommen dürfte ſonach ſich nicht ganz auf zwei Cror belaufen.“ „Wie viel iſt denn ein Cror?“ frug unmuthig Urſula, der die Beſchreibung von Kabul nach gerade immer ennuyanter wurde. „Das ſteht freilich nicht hier,“ bedauerte der Vorleſer;„es iſt dies eine außergewöhnliche Nachläſ⸗ ſigkeit von Seiten des ſonſt höchſt gelehrten Herrn Verfaſſers; doch gedulden Sie ſich nur kurze Zeit, ich werde mir all' erdenkliche Mühe geben, über be⸗ ſagte Crors nähern Aufſchluß zu erhalten und Ihnen das Reſultat ſofort mitzutheilen.“ „Incomodiren Sie ſich nicht,“ verſetzte die Wittwe, „dieſe Kabul'ſchen Crors ſind mir im höchſten Grade gleichgültig, wirklich unausſprechlich gleichgültig. Aber find wir noch nicht zu Ende, Herr Gotteskaſten⸗ vorſteher?“ „Muß noch um klein Wenig Geduld und Auf⸗ merkſamkeit bitten,“ verſetzte dieſer;„das Wichtigſte kommt ſo eben, die Rechtspflege.“ „Daß Gott, die Rechtspflege,“ ſeufzte Urſula. Henoch ließ ſich durch dieſen Seufzer in ſeinem Vortrage nicht ſtören und ſprach:„In den Städten wird die Juſtiz von dem Kadi, den Muftis, dem Amini Mekhemeh und dem Doroghai Adau⸗ lat verwaltet. Die ſtreitige Sache wird nach den Vorſchriften der Schirra verhandelt, welche zuweilen durch die Beſtimmungen des Puſchtunwalli modi⸗ ficirt werden.“ Grimbart ſchnarchte wie ein Dachs. Urſula hatte das Fenſter geöffnet und ſchaute, ein Liedchen ſum⸗ mend, nach der Straße hinaus, wo diesmal zu ihrer nicht geringen Freude der Spritzen- und Schlauchfa⸗ brikant daher ſchritt und gerade auf das Haus zu⸗ 65 kam. Um von der unerträglichen geographiſchen Lection befreit zu werden, nickte Urſula Herrn Auerhahn ſo freundlich und einladend zu, daß dieſer ſeine Schritte verdoppelnd mit erhöhter Siegesſicherheit in die Haus⸗ thür einlief. Henoch verbreitete ſich eben mit außergewöhnlicher Gelehrſamkeit über die Organiſation der kabuliſtiſchen Armee, die er in Durahner, Gholami Schahs, Karra Nokars und in die Dawatallab eintheilte, als Auerhahn, ohne vorher anzuklopfen, haſtig in das Zimmer trat und auf den Gegenſtand, der vor ſeinen Augen Gnade gefunden, zueilte. Beim Anblicke des Spritzen⸗ und Schlauchfabri⸗ kanten, der ihm gar nicht ungelegener kommen konnte, ſchlug der Gotteskaſtenvorſteher mit einem Seufzer ſein Buch zu; denn jetzt war bei dem Aufruhr, den dieſer liebende Unhold verübte, an eine weitere Auf⸗ merkſamkeit nicht zu denken. Auerhahn zog auch ſo⸗ gleich ein grimmiges Geſicht, als er des Geographen anſichtig wurde. „Schon wieder die verdammten Charteken,“ fuhr er ihn rauh an,„Sie wiſſen doch, daß Sie damit die Leute zum Raſendwerden langweilen.“ Die Wittwe, ſchon zufrieden, über die Kabul'ſche Juſtizpflege und Heerverfaſſung nichts mehr hören zu dürfen, ſprach beſänftigend:„Der Vortrag war nicht unintereſſant, da er das unbekannte Land beſchrieb, wo mein guter Vetter, der Herr Hofmaler, lange Zeit ſich aufhielt.“ „Und über welches Sie, Herr Auerhahn,“ fügte Henoch gereizt hinzu,„ſich unfehlbar in bedeutender, außergewöhnlicher Finſterniß und Unkenntniß befinden. Doch,“ fuhr er ſich mäßigend fort,„der wahrhafte Chriſt ſoll nicht Uebles mit Ueblem vergelten; ich Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 5 66 bin daher gar nicht abgeneigt, auch Ihnen über be⸗ ſagtes aſiatiſches Ländergebiet, das für uns Nieder⸗ roßlaer und namentlich für die verehrten Erben des ſeligen Herrn Drollinger neuerdings von ſo außerge⸗ wöhnlicher Wichtigkeit geworden, einiges Licht aufzu⸗ ſtecken, welches Ihr Inneres recht wohlthätig erleuch⸗ ten und erwärmen dürfte.“ Frau Urſula erſchrak ob dieſer Propoſitivn und ſie ſah den Spritzen- und Schlauchfabrikanten bittend an, daß er auf ſolche unerträgliche Vorleſung nicht eingehen möge. Letzterer wußte ſich den Blick der Wittwe nicht recht zu erklären. Er glaubte anfangs, Urſula wolle ihn bereden, daß er ſich dem Geographen füge und gerieth im Kampf mit ſich. Gleichwohl war ſeine Averſion vor allem gelehrten Weſen ſo groß, daß er es nicht über ſich zu gewinnen vermochte, dem Wun⸗ ſche der Angebeteten nachzukommen. Er ſchlug daher dem Gotteskaſtenvorſteher ſeine Propoſition rund ab. Ein heimlicher Händedruck der Wittwe belohnte ihn. Auerhahn, durch ſolche unerwartete Gunſtbezeugung kühn gemacht, ergriff nun Gelegenheit, ſeinen ganzen Ingrimm gegen die Gelehrten, nichtsnutziges Volk, wie er ſie nannte, loszulaſſen. Er ſchritt ſcheltend im Zimmer auf und ab. In ſeinem Eifer packte er den ſchlafenden Grimbart an der Achſel und rüttelte ihn unverantwortlich. „Nicht wahr, Papiermüller,“ rief er,„mit dem gelehrten Grimskram lockt man keinen Hund unter dem Ofen hervor?“ „Bewahre Gott,“ ſtammelte der Erwachte, ſich ſchlaftrunken die Augen reibend, ohne zu wiſſen, wo⸗ von die Rede ſei. ———— 67 „Da hören Sie's,“ ſprach Auerhahn zu Henoch, „der Papiermüller bezeugt's gleichfalls.“ „Grimbart weiß nicht, was er ſpricht,“ entgegnete der Gotteskaſtenvorſteher,„er iſt noch halb im Schlafe, ſonſt würde er als Mann von Einſicht nicht gegen ſein eigenes Intereſſe ſprechen; ohne Gelehrſamkeit und Literatur brauchten wir auch kein Papier. Dies müſſen Sie doch zugeben, Herr Grimbart?“ „Sehr wahr,“ erwiederte der Phlegmatiker und gähnte entſetzlich. „Verſchlingen Sie mich nur nicht,“ ſprach Henvch. „Poſſen,“ brummte der Spritzen- und Schlauch⸗ fabrikant,„unbedrucktes Makulatur verrichtet's auch.“ Da er aber das Geſpräch über Gelehrſamkeit überdrüſſig bekam, drehte er ſich mit grob chevaleres⸗ ker Nonchalance einigemal auf dem Stiefelabſatze herum, trat keck zu Urſula und ſie in die Wangen kneipend, frug er:„Nun, ſchmucke Wittib, wenn ma⸗ chen wir Hochzeit?“ Henoch erſtarrte über dieſes unzarte Benehmen und über die indecente Frage, welche ſein keuſches Ohr erröthen machte. Er hoffte, Urſula werde den Verwegenen derb heimſchicken; die Wittwe beugte ſich aber blos ſchamroth über ihren Spinnrocken und meinte, ſolche Rede könne ſie bei ihrer Armuth nur für Spott halten, der Herr Spritzen⸗ und Schlauch⸗ fabrikant denke ſicher an kein Heirathen. Auerhahn that jetzt einen raſenden Schwur, daß er die beſten Abſichten habe, und jede Verzögerung nur ihr zur Laſt falle. Ihre Armuth kümmere ihn den Guckuck; ſeine Spritzen und Schläuche gingen jetzt bis nach Amerika und brächten ſo viel ein, daß beide herrlich und in Freuden leben könnten. Sie 5* . 68 0 0 brauche zu winken und für den Hoch⸗ zeitſchmaus ſolle noch heute in den Stall. Dem Gotteskaſtenvorſteher ward bei dieſem deter⸗ minirten Heirathsantrage nicht ganz wohl zu Muthe. „Die Weiber,“ ſprach er für ſich,„ſind ein an ſich außergewöhnlich ſchwaches Geſchlecht, ſobald ernſtlich von Heirathen die Rede iſt. Ich hätte das bedenken und anſtatt von der Geographie doch mehr von der Hochzeit ſprechen ſollen. Der rohe Auerhahn ſcheint bei all' ſeiner Unwiſſenheit hier ein gewiſſes Inſtinct zu beſitzen. Indeſſen verhoffe ich denn doch, daß Frau Urſula nicht ſo ſchnell zu befiegen ſein wird. Sie hat die Auswahl unter Dreien und wird ſich deshalb mit Recht bedenken, eh' ſie ihre Freiheit verkauft.“ Henoch ſchien nicht ganz unrichtig philoſophirt zu haben; die junge Wittwe, obſchon ſie dem Fabri⸗ kanten keineswegs die Hoffnung nahm, wollte ſich doch auch zu keinem Verſprechen, noch vielweniger zu einem Eheverlöbniß verſtehen, wie ſehr auch Auer⸗ hahn in ſie drang, mit welch' glänzenden Farben er ſeinen Spritzen⸗ und Schlauchhandel vor Augen führte. Urſula hoffte in ihrem Innerſten gar ſehr auf die Erbſchaft. Hatte ſie Erblaſſer anſehnlich bedacht, ſo war ihr Wille, mit den drei Freiern weniger Um⸗ ſtände zu machen und dieſelben, je nach den Umſtän⸗ den, gänzlich abzudanken, denn ihr Herz hatte ſich einen weit jüngern Schatz erkoren. Es war dies der hübſche Zinngießergeſelle Florian, der täglich in der gegenüberliegenden Werkſtätte ſeines Meiſters von früh bis Abends unverdroſſen arbeitete und in ſeiner Unſchuld und Einfalt nicht ahnete, welchen Eindruck er auf die junge Frau hervorgebracht hatte. Urſula, um den unternehmenden Auerhahn bei 69 ſeinen kühnen Bewerbungen um ihre Gunſt in ge⸗ bührenden Schranken zu halten, verwies ihn auf das beſcheidene Benehmen Henoch's und des Papiermüllers, welch letztrer unverdroſſen in ſeinem Lehnſtuhle ſchlief. Der Gotteskaſtenvorſteher fühlte ſich ſehr geſchmei⸗ chelt durch dieſe Anerkennung ſeines Verdienſtes. Er gab auf verblümte Weiſe zu verſtehen, daß wahrhafte Bildung den Frauen nie zudringlich werde, und er feierte wirklich einen kleinen Triumph über Auerhahn. Seine Eitelkeit flüſterte ihm zu, daß er im Grunde doch der am meiſten Begünſtigte unter den drei Freiern ſei. Der Spritzen- und Schlauchfabrikant aber gerieth in Wuth und tobte. Nur mit Mühe gelang es der Wittwe, ihn zu beſänftigen. Um ihn auf andre Gedanken zu bringen, leitete ſie das Ge⸗ ſpräch auf die Kabul'ſche Erbſchaft. „Darüber,“ meinte Auerhahn, noch immer unge⸗ halten und mürriſch,„werden wir bald in's Klare kommen und erſehen, daß der aſiatiſche Narr und Hofpinſel ganz Niederroßla ſammt dem hochweiſen Stadtrath und insbeſondere alle die einfältigen Leute in den April geſchickt hat, welche ſich Etwas zu erben einbildeten.“ Frau Urſula machte ein bitterböſes Geſicht und nahm ſich feſt vor, mit dem ungalanten Freiersmann vierundzwanzig Stunden lang zu ſchmollen. Sie würde noch weit böſer auf ihn geworden ſein, hätte ſie ſeinen Unmuth nicht ſeiner Eiferſucht auf Henoch zur Laſt gelegt, eine Männeruntugend, die von den Weibern am Leichteſten verziehen wird. Der Gotteskaſtenmann erkundigte ſich von wegen des„bald in's Klare kommen,“ da bis zur Teſta⸗ mentseröffnung noch faſt ganzer fünf Wochen hin ſeien. „Madame Drollinger,“ berichtete Auerhahn, 70 „wahrſcheinlich weil ſie glaubt, in dem fabelhaften Teſtamente obenan zu ſtehen und es nicht erwarten kann, zur reichen Frau zu werden, hat den lächer⸗ lichen Einfall gehabt, auf ſofortige Publication an⸗ zutragen.“ Urſula brannte vor Neugier um Näheres über dieſe für ſie ſo wichtige Angelegenheit; gleichwohl ſiegte der weibliche Schmollgeiſt und ſie frug nicht weiter. Dafür that's der Gotteskaſtenmann um ſo ergiebiger. Auerhahn's Anſichten über die Erbſchaft klangen eben nicht erbaulich für die hoffende Wittwe.„Ich laſſe mich todt ſchlagen,“ ſprach der Schlauchfabri⸗ kant in ſeiner polternden Redeweiſe,„es iſt alles blauer Dunſt, Lug und Trug. Dem Drollinger lag's ſchon als Beutlerjunge im Blute, die Leute zu foppen. Ein ſolcher davongelaufener Schlingel will Hofmaler geworden ſein! Es iſt zu lächerlich, dem Publikum ſolche Märchen aufzubinden.— Der Betrug liegt übrigens vollkommen am Tage; denn ich will's nur geſtehn, es giebt gar kein Kabul in dieſer Welt, noch weit weniger einen König von Kabul, bei dem ein Hofmaler angeſtellt wäre.“ Henoch erſchrak über ſolche außerordentliche wiſ⸗ ſenſchaftliche Verwahrloſung, welche eins der angeſe⸗ henſten und wohlarrangirteſten aſiatiſchen Königreiche mir nichts dir nichts aus der Geographie ſtrich. Er ſchlug ſofort ſeine Erdbeſchreibung auf, um Auer⸗ hahn eines Beſſern zu belehren, als ihn dieſer mit den Worten anfuhr:„Ihre Charteken machen mich nicht dumm; es ſteht viel gedruckt, an dem kein wahr Wort iſt.“ Er ſchüttelte bei dieſen Worten Grimbarten wie⸗ 71 der aus dem Schlafe und frug:„Nicht wahr, Pa⸗ piermüller, es giebt gar kein Kabul?“ „Bewahre Gott,“ ſtammelte dieſer ſchlaftrunken und ſich die Augen reibend. „Da hören Sie es, kluger Mann,“ ſprach der Schlauchfabrikant zu Henoch. urſula blickte ängſtlich und fragend zu Letz⸗ term auf. Der Gotteskaſtenvorſteher wollte verzweifeln.„Und wenn,“ rief er erboſt,„der geſammte Rath und die geſammte Bürgerſchaft und die ganze Umgegend, ade⸗ lige und bürgerliche Gutsbeſitzer, es läugnen, ein Ka⸗ bul giebt's. Mag's mit der Erbſchaft, mit dem Hof⸗ maler eine Bewandtniß haben, welche es will, aber ein Kabul giebt's, ſo gewiß am Tage die Sonne ſcheint, ſo gewiß die Erde rund iſt, ſo gewiß ich He⸗ noch heiße und Gotteskaſtenvorſteher bin.“ Er ſchlug ſein Buch auf und las laut und ver⸗ nehmlich:„Kabul, auch Afghaniſtan oder Kabuliſtan, umfaßt einen Flächenraum von ſechszehntauſend Qua⸗ dratmeilen, dehnt ſich tief in das Hindukuſch⸗ und Himalaja-Gebirge und begriff ehedem ſelbſt einen Theil von Indien. In Oſten erheben ſich drei Verg⸗ ketten, welche—“ „Narrenspoſſen,“ unterbrach ihn der Spritzen⸗ und Schlauchfabrikant,„das Papier iſt geduldig; morgen iſt Teſtamenteröffnung, da werden aller Welt die Schuppen von den Augen fallen.“ „Und ob das Teſtament morgen oder über's Jahr eröffnet wird,“ beharrte Henoch,„ein Kabul giebt's. Ich begreife nicht,“ wandte er ſich nicht ohne Heftig⸗ keit zu Grimbart,„wie Sie, als gebildeter Mann, ſo etwas bezweifeln können.“ „Ich?“ frug der Papiermüller,„bewahre Gott.“ 72 „Er weiß nicht, was er ſpricht,“ behauptete Auerhahn. „Das glaub' ich auch,“ meinte Henoch. Grimbarten ließ es ſehr ruhig, was der eine be⸗ hauptete und der andre glaubte. Er ſchlief bald aber⸗ mals; während die beiden andern Freier wieder daran dachten, ſich ihrer Herzenskönigin, der jungen Wittib, in angenehmem Lichte zu zeigen. Fünftes Rapitel. Der Heldenſpieler Hanno hatte nach ſeinem Beſuche bei Felicitas nichts Angelegentlicheres zu thun, als auf. das Stadtgericht zu gehen und als Bevollmächtigter der verwittweten Drollinger auf ſchleunigſte Eröffnung des aſiatiſchen Teſtaments anzutragen. Er erhielt die Reſolution, daß die Publication in den Vormit⸗ tagsſtunden des nächſtfolgenden Tages den Geſetzen gemäß vorgenommen werden ſolle. Es war kaum eine Stunde verſtrichen, als ganz Niederroßla von dem hochwichtigen Ereigniß Kennt⸗ niß hatte. Von den erleuchteten Vätern der Stadt herab bis zum Schuſterlehrling ſprach Niemand von etwas Anderm, als dem Teſtamente. Die diverſen Erben waren die Helden des Tages, der Unterhaltung, der Schmeichelei und des heimlichen Neides. Der Schauſpieldirector ließ ſich wie ein heidniſcher Gott beräuchern und nahm die Weihrauchſpenden großmü⸗ thig entgegen. Seiner geſammten Truppe, den total inſolventen Suufleur nicht ausgenommen, ward ein — 73 anderweitiger achttägiger Credit eröffnet. Der Wirth zur Stadt Magdeburg hatte ſeine Gaſtſtube noch nie von Beſuchern ſo überfüllt geſehn, als am Abende jenes Tages, an welchem der unternehmende Hanno auf Teſtamentseröffnung gedrungen hatte. Nicht nur ſämmtliche Stammgäſte waren angelangt, ſondern auch eine große Anzahl ſolcher Niederroßlaer, die man in der Regel ſonſt nie an öffentlichen Orten zu erblicken pflegte. Manche Ehefrau hatte diesmal ihre Averſion gegen das Schenkenleben zu bekämpfen gewußt und dem Eheherrn Urlaub ertheilt, auf daß er Kundſchaft einziehe bei Lagemann. Letztrer ſelbſt betrachtete die⸗ ſen außerordentlichen Zulauf als einen Vorſegen des Teſtaments und ſchritt, hoffnungsreich, ſich die Hände reibend, liebevoll lächelnd als gefeierter Mann unter ſeinen Gäſten auf und ab, überall Rede ſtehend, Aus⸗ kunft ertheilend und dabei das ſeltene Freundſchafts⸗ band, welches ihn und den ſeligen Peter Drollinger vereint, in den Himmel erhebend. Mehre der Stamm⸗ gäſte benutzten ſogleich die Gelegenheit, den Hotelier auf die unvermeidliche Verbindlichkeit eines zu geben⸗ den Schmauſes, falls er, wie nicht zu bezweifeln ſtehe, im Teſtamente bedacht ſei, aufmerkſam zu machen. Lagemann flüſterte dann jedem, der ihn wegen des Schmauſes anging, verſtändniß⸗innig in's Ohr:„Wir trinken Eins zuſammen, aber ganz unter uns, ein Weinchen ſag' ich, das ſobald nicht wieder gefunden wird.“ Hierdurch beſchwichtigte er die Einzelſtimmen und verhinderte, daß ſie Cvalition machten, wo er leicht hätte zu einem Gratisſchmauſe gezwungen wer⸗ den können. So dachte aber Jeder, er ſei der all⸗ einige Beneidenswerthe, auf welchen der Segen der Erbſchaft überfließe und hütete ſich, auf einem großen Feſtin zu beſtehen. — 74 Magiſter Vetterlein, dem es gleichfalls gelungen war, eine entfernte Verwandtſchaftsſproſſe zur Familie Drollinger ausfindig zu machen, traktirte ſeine Quar⸗ taner in den geographiſchen Lectivnen mit beſondrer Vorliebe faſt nur mit Aſien, obſchon dem Stunden⸗ plane gemäß über das deutſche Königreich Hannover zu berichten war. Unmittelbar nach der bekannten ſtadtgerichtlichen Bekanntmachung im Wochenblatte war er mit einem Sprunge von der Landdroſtei Lüne⸗ burg nach Aſien übergeſetzt, wo er, unterſtützt von ſeiner wißbegierigen Jugend, unermüdlich nach dem geſegneten Kabul forſchte. Die gute Felicitas wußte ſich, nachdem ihr Man⸗ dator, der dramatiſche Künſtler, auf Teſtamentseröff⸗ nung angetragen hatte, vor guten Freunden und Be⸗ kannten nicht mehr zu laſſen. Ihr kurz zuvor noch ſo wenig beſuchtes Stübchen ward von Beſuchern nicht leer; und ſie hatte alle Gelegenheit, die Men⸗ ſchen in ihren verſchiedenen Schwachheiten kennen zu lernen. Man überpurzelte ſich in Aufmerkſamkeiten gegen eine Frau, die man zeither nur über die Ach⸗ ſeln angeſehen hatte. Die Freundlichkeit und Freund⸗ ſchaftlichkeit ging ſo weit, daß ſie ſelbſt dem Secre⸗ tair, obſchon er alle Menſchen für halbe Engel hielt, etwas verdächtig vorkam. „Mutter,“ ſprach er,„und wenn ich Alles glaube, ſo glaube ich nicht, daß es allen den Leuten ſo um's Herz iſt, wie ſie thun.“ Felicitas lächelte und erwiederte:„Laß unſre Erb⸗ ſchaftshoffnungen in Nichts zerfließen und Du wirſt ſehen, wie einſam unſer Stübchen bald wieder ſein wird.“ Gamalicl verſetzte traurig:„Aber das iſt nicht ſchön von den Leuten.“ 75 „Die Welt iſt nicht anders, mein Gama,“ ſprach Felicitas,„darum hab' ich auch nur mit äußerſtem Widerſtreben meine Einwilligung wegen der Eröffnung gegeben. Sollte, wie ich fürchte, die ganze Sache auf einen Scherz hinauslaufen, ſo werde ich meine Voreiligkeit gewiß thener genug zu bezahlen haben.“ „Wo denkſt Du hin, Mütterchen,“ antwortete der Sohn;„auf dem Todtenbette vergeht dem Luſtig⸗ ſten der Scherz. Auch meint Eiſenbeiß, daß hinter der Sache wohl mehr ſtecke, als man vermuthe.“ Neuer Beſuch aus der Nachbarſchaft unterbrach dieſes Geſpräch, welches oft auf dieſe Art zwiſchen Mutter und Sohn geführt wurde— Den geographiſchen Verdienſten des Gotteskaſten⸗ vorſteher Henoch war es endlich gelungen, ſich Bahn zu brechen und gebührende Anerkennung zu erlangen. Henoch gehörte in den Tagen unmittelbar vor der Teſtamentseröffnung zu Niederroßla unter die geſuch⸗ ten Artikel. Er feierte Triumph auf Triumph. Die erſten Patrizierfamilien riſſen ſich um den Mann. Wie Bienen ſog man die Worte über Kabul von ſeinem Munde. Zweimal ſogar ward er zum regie⸗ renden Bürgermeiſter entboten, um Auskunft zu geben, da Seine Eminenz, wie es in dem Charakter großer Männer liegt, offen geſtand, aus ſeiner Schulzeit her ſich nur duſter auf Kabul beſinnen zu können. Henoch verließ ganz berauſcht von der Ehre, dem geſtrengen Bürgermeiſter ein Licht aufgeſteckt zu haben, die Woh⸗ nung deſſelben, und ward vom Hochmuthsteufel hier⸗ durch dermaßen beſeſſen, daß er den ihm begegnenden und grüßenden Bürgern kaum zu danken vermochte. Urſula träumte in den zwei letzten Nächten vor der teſtamentariſchen Publication von nichts als Gold⸗ und Silberſäcken, türkiſchen Shawlen, Perlen und 76 wohlriechenden Specereien, unter welchen Herrlichkei⸗ ten der geliebte Zinngießer als junger Türke auf und ab wandelte. Die drei Freier erſchienen in weniger vortheilhaftem Coſtüme; der Papiermüller als Faul⸗ thier, der Spritzen⸗ und Schlauchfabrikant als kollern⸗ der Puter und Henoch als graue Feldmaus. Urſula fühlte ſich daher am Morgen des Entſcheidungstages von den theils roſigen, theils beängſtigenden Träumen ganz abgemattet. Gleichwohl verfehlte ſie nicht, ſich ſobald als möglich in Staat zu werfen, um der Ge⸗ richtsſitzung als hoffende und eroberungsluſtige Erbin in Perſon beizuwohnen. So war denn endlich der große Tag herbeigekom⸗ men und die entſcheidende Stunde, wo der Inhalt des Kabul'ſchen Teſtaments veröffentlicht werden ſollte, hatte geſchlagen. Außer Felicitas, die durch Herrn Hanno repräſentirt ward, hatten ſich ſämmtliche Erb⸗ erſpectanten, Lagemann nicht ausgenommen, obſchon er höchſtens durch die Noah'ſche Familie mit dem ſe⸗ ligen Drollinger verwandt war, eingefunden und harr⸗ ten mit verhaltenem Athem der Dinge, die da kommen ſollten. Voran ſaß Frau Urſula, trotz der unruhigen Nächte ſchönſtens geputzt, und evquettirte, ſo gut es Ort, Zeit und Umſtände erlauben wollten, mit dem jungen Stadtgerichtsacceſſiſten, der vor Kurzem erſt die Univerſität verlaſſen und durch ſein ſtudentiſches Weſen die Blicke und Aufmerkſamkeit der ſchönen Niederroßlaerinnen im hohen Grade auf ſich zog. Zunächſt der jungen Wittwe hatte Hanno, dem ſeit ſeines Beſuchs bei Felicitas, wo ihm eine ſo erwünſchte Vetterſchaft in den Schooß gefallen, der Kamm ge⸗ waltig geſchwollen war und der ſich bei dem heutigen F0 Drama für den Hauptacteur hielt, eine höchſt künſt⸗ leriſch plaſtiſche Stellung eingenommen. Durch eine gewiſſe angenommene vornehme Nonchalance hoffte er den Stadtrichter Jacoby, einen etwas abgeſchloſſenen und gemeſſenen Mann, der nicht viel Worte machte, aber Alles mit klarem, ruhigem Blute überſchaute, zu ärgern, weil dieſer ihm die Teſtamentseröffnung frü⸗ her mit kurzen Worten abgeſchlagen und ſelbſt durch Lagemann's großlebrige Gans nicht zu beſtechen ge⸗ weſen war. Der Präſes des Stadtgerichts nahm jedoch nach ſeinem Erſcheinen von der kunſtreichen Pantomimik des Heldenſpielers, wovon ſich Letztrer viel verſprach, keine Notiz. Neben dem coloſſalen Hanno nahm ſich das kleine und dünne Figürlein des Quartus gar poſſirlich aus. Während des Bühnenkünſtlers Füße weit in dem Ge⸗ richtsſale dahin lagen, erreichten Vetterlein's Beinchen kaum den Fußboden. Der Kleine ſixirte mit ange⸗ ſtrengter Aufmerkſamkeit alle die Präliminarien, die von Seiten des Gerichts zur Eröffnung des Kabul'⸗ ſchen Teſtaments getroffen wurden. Hinter Vetterlein's Kopfe ragte ein langes blaſſes Geſicht mit ziemlich indifferenten Zügen hervor, wel⸗ ches dem blonden Factor aus der Druckerei angehörte. Süßmilch hatte von ſeinem Prinzipal Urlaub erhalten, damit er der merkwürdigen Gerichtsſitzung beiwohne. Neben ihm harrte Gamaliel in banger ſchüchter⸗ ner Erwartung auf den Ausgang der Dinge. Ob⸗ ſchon Felieitas es nicht gewünſcht hatte, daß er bei der Teſtamentseröffnung zugegen ſei, ſo hatte ihn doch Eiſenbeiß mit dem gemeſſenen Befehle auf's Stadtgericht gejagt, daß er ihm(dem Doctor) unmit⸗ telbar nach beendigter Sitzung Bericht abſtatte über den Ausgang der Sache. Der Secretair hatte Ei⸗ ſenbeißen mit der Hand geloben müſſen, vom Rath⸗ hauſe direct nach der Erpedition zurückzukehren. Gamaliel empfand vor allem obrigkeitlichen We⸗ ſen eine ſo außerordentliche Scheu, daß er nur mit angſtklopfendem Herzen das Gerichtslocal betrat. Es konnte einem Verbrecher, der zum Tode verurtheilt werden ſollte, nicht unheimlicher zu Muthe ſein, als ihm. Vergebens ſprach er ſich Muth ein und ſuchte in ſich den Gedanken zu befeſtigen, daß er ja nicht als Miſſethäter, ſondern als hoffnungsreicher Erbe vor den Schranken erſcheine; ein leiſes Zähneklappern war demungeachtet nicht ganz zu unterdrücken, und von Zeit zu Zeit lief, wie man zu ſagen pflegt, ihm der Tod über den Nacken. Er grüßte mit Ehrfurcht den Gerichtsdiener, welcher die Thür öffnete und wollte den beſcheidenſten Sitz unter den für die Erben be⸗ ſtimmten Plätze einnehmen, nämlich den der Thür am nächſten, als ihm Hanno, der ſein Eintreten bemerkt, näher winkte und auf den Stuhl hinter ſich und der jungen Wittwe zeigte. Gamaliel rückte dieſer Auf⸗ forderung des künſtleriſchen Vetters zu Folge auch wirklich einige Plätze vorwärts, aber bis hinter die ſchöne junge Frau wagte er ſich nicht, weil ihm das zu unbeſcheiden dünkte. Hannv winkte abermals und abermals avancirte der Secretair, ſo daß er endlich neben dem Factor und hinter Vetterlein und dem Directorial⸗Vetter zu ſitzen kam. Frau Urſula, wel⸗ cher Hanno's wiederholtes Winken nicht entgangen war, wandte ſich plötzlich mit ihrem Geſicht zu Ga⸗ maliel und flüſterte mit reizender Vertraulichkeit: „Sie fürchten ſich wohl vor mir?“ Der Secretair ward ganz roth bei dieſer Frage, und konnte ſich ſchlechterdings auf nichts beſinnen, was er darauf hätte erwiedern ſollen. Er ſtammelte etwas Unverſtändliches, welches wahrſcheinlich beſagen wollte, daß er ſich nicht fürchte; aber zu verſtehen war's nicht. Urſula hatte jetzt mit ihrer Coquetten⸗ haftigkeit zwei Punkte zu beſtreichen, den einen vor⸗ wärts, wo der Stadtgerichtsacceſſiſt ſaß, und etwas zur Linken, bis wohin der ſchöne und erbſchaftsreiche Gamaliel auf Hanno's wiederholtes Winken vorge⸗ rückt war. Urſula machte daher eine Rechtsachtel⸗ ſchwenkung und wendete ihr Lockenköpfchen dergeſtalt, daß ſie dem Acceſſiſten hinter ſeinem Gitter en fage, und dem Seeretair des Doetor Eiſenbeiß en prolil zu ſitzen kam. Gamaliel hatte, außer vor Eiſenbeiß und der Obrigkeit, in dieſer Welt vor Niemanden größern Reſpect, als vor einem weiblichen Individuum, das in ſeinen beſten Jahren, nämlich im ſechszehnten bis zum ſechs und dreißigſten ſtand, einen Reſpect, wel⸗ cher um ſo höher ſtieg, je mehr der Secretair die Bemerkung machte, daß das Individuum zugleich hübſch ſei. In dieſem Falle geſtattete er ſelten ei⸗ nen Unterſchied zwiſchen einer ſolchen Hübſchheit und einem Engel. Frau Urſula war ihm alſo auch eine Art Engel, obſchon er über ihre Coquetterie Mancherlei hatte munkeln hören. Er begriff gar nicht, wie dieſes rei⸗ zende Profil, nach welchem er von Zeit zu Zeit einen verſtohlnen Blick warf, nicht einem eben ſo ſchönen Herzen und einer eben ſo edlen Seele angehören ſolle. Bei dieſen anthropologiſchen und philanthropiſchen Betrachtungen ſtörte ihn Niemand ſo ſehr wie Lage⸗ mann, welcher dem Secretair fortwährend Etwas in's Ohr zu ziſcheln hatte und nicht müde ward, dem jungen Manne ſeine Freundſchaft zu verſichern. Der Wirth zur Stadt Magdeburg, obſchon ihn 80 kein justus titulus berechtigte, auf den Erbſtühlen Platz zu nehmen, hatte ſich gleichwohl unter die hof⸗ fende Erbſchaar einzuſchmuggeln gewußt und unmit⸗ bar hinter Gamaliel Poſto gefaßt. Er glaubte ſteif und feſt, wenn auch nicht im Teſtamente, doch in einem Codiecille oder Legate vom dankbaren Sohne ſeines ſeligen Freundes bedacht zu ſein. Lagemann war ſtets ſehr redſeliger Natur, und da er diesmal keinen andern Abzugskanal für ſeine Suade fand, als den vor ihm ſitzenden Secretair, und lautes Reden in der Gerichtsſtube unzuläſſig war, ſo wisperte er fortwährend ſeinem Vordermanne zu und filtrirte demſelben ununterbrochen all' ſeine Hoffnun⸗ gen, Befürchtungen, Ahnungen, gehabten Träume, ſo wie eine umſtändliche Kritik des im Vordergrunde ſeßhaften Erbperſonals zu. Gamaliel hatte ſchon alle Mittel aufgeboten, dem unermüdlichen Schwätzer auf zarte Weiſe zu erken⸗ nen zu geben, wie unangenehm ihm das beſtändige Gewisper ſei, und ſelbſt wiederholt ſein Geſicht in die verdrießlichſten Falten gelegt und es dem Hotelier hingehalten. Dieſer aber verſtand dergleichen Andeu⸗ tungen nicht und dachte an kein Aufhören. „Sehen Sie nur die Glaſerwittwe,“ fuhr er wispernd fort,„iſt Ihnen in Ihrem Leben ein coquet⸗ teres Weib vorgekommen? Wie ſie den Kopf dreht, das gilt nur Ihnen. Die Frau hat es auf Sie ab⸗ geſehn; nehmen Sie ſich in Acht.“ Der Secretair erſchrak, obſchon er den wahren Sinn des Geflüſters nicht verſtand. Er begriff nicht, wofür er ſich in Acht nehmen ſollte, warf wieder einen verſtohlnen Blick nach der gefährlichen Stelle, und traf gerade in die ſchönen Augen der Wittwe, die zufällig nach ihm hinblickte. Dem Seecretair ward 81 ganz wunderbar zu Muthe bei dieſem Blicke, und er ſchlug ſchleunigſt das Auge zur Erde. „Sie müſſen das Weib gar nicht angucken,“ fuhr der Hintermann fort,„ſonſt laufen Sie in Gefahr; Sie wären der Erſte nicht.“ Während Gamaliel noch darüber nachdachte, wie die warnenden Worte des Magdeburgers eigentlich zu verſtehen ſeien, rief die Stimme des Gerichtsdieners durch die halbgeöffnete Thür:„Der Herr Stadt⸗ richter!“ Gleich darauf thaten ſich beide Flügel weit auf, der Chef des Stadtgerichts trat in's Gemach, und ſchritt ernſt nach ſeinem Seſſel beim Seſſions⸗ tiſch. Als er an dem Erbpublikum grüßend vorüber⸗ ging, erhob ſich dieſes ſämmtlich zur Erwiederung; nur der Heldenſpieler blieb ſitzen und nickte blos ein Wenig mit dem Kopfe. Jacoby ſchien dieſe Unhöf⸗ lichkeit nicht zu beachten und ging, ſo wie er Platz genommen, zur Sache über. Eine Todtenſtille verbreitete ſich jetzt über die An⸗ weſenden, daß man den Fall eines Sandkorns hätte hören können. Nach den üblichen Formalien und als die Unverletzbarkeit der Teſtamentsſiegel von Sei⸗ ten der Erben war anerkannt worden, eröffnete Ja⸗ coby den letzten Willen des ſeligen Haſſan⸗ben⸗Mullah, überreichte ihn dem beiſitzenden Actuarius, welcher aufſtand und zu leſen begann wie folgt: „Kabul, den zwölften des Ramaſan im.... Jahre der Hegira.“ Bei dieſen Worten fühlte ſich der Secretair von Lagemann auf die Schulter geklopft. Wahrſcheinlich wollte er ſich über die ihm unbekannte Hegira Aus⸗ kunft erbitten; Gamaliel aber, deſſen ganze Aufmerk⸗ ſamkeit auf den Inhalt des Teſtaments gerichtet und Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 6 deſſen Geduld hinſichtlich Lagemann's erſchöpft war, gab durch einen unwilligen Ruck zu verſtehen, daß er ihn ungeſchoren laſſen ſollte. Der Stadtgerichtsactuar Kieſewetter, ſo hieß das vorleſende Individuum, fuhr fort: „In nachfolgenden Blättern habe ich, Haſſan⸗ben⸗ Mullah, ehedem Balthaſar Drollinger geheißen, Hof⸗ maler, ſo wie auch Hofchirurg Seiner Majeſtät des Königs von Kabul, in Gegenwart des ehrwürdigen Kadi Abdulla, ſo wie des nicht minder ehrwürdigen Amini Mekhemed meinen letzten Willen theils eigen⸗ händig niedergeſchrieben, theils durch den verpflichteten Gerichtsſchreiber, Mulk Hiſſar, niederſchreiben laſſen. „Nachdem ich die mildthätigen Anſtalten der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt des Königreichs Kabul, wo mich Gott geſegnet und woſelbſt ich viele frohe und glück⸗ liche Jahre verlebt, in dankbarer Anerkennung genü⸗ gend bedacht zu haben glaube, ſo iſt mein Wille und Gebot, daß die wenigen Ueberbleibſel meiner zeit⸗ lichen Glücksgüter einigen Bewohner Niederroßla's, einem Städtchen im Kreisdirectionsbezirke Waldenburg, des deutſchen Fürſtenthums K.. gelegen, deren ich mich gleichfalls in dankbarer Anerkennung nach Jah⸗ ren noch erinnere, zu Gute kommen mögen, falls nämlich die reſpectiven Erben die Frachtſpeſen von Kabul bis Niederroßla aus eignen Mitteln zu beſtrei⸗ ten gewillt ſind. Ich muß mir iedoch hierbei die Be⸗ merkung erlauben und bitten, mehr auf die Geſin⸗ nung des Gebers, als auf den Werth der Gabe zu ſehen, da letztere überhaupt nur als ein kleines An⸗ denken an den davongelaufenen Beutlerjungen zu be⸗ trachten ſind, da ihr Werth mit dem koſtſpieligen Porto allerdings in keinem Vergleiche ſteht.“ Das hoffende Erbpublikum begann ſich von den 83 Worten„wenigen Ueberbleibſel“ an bis zu dem„da der Werth mit dem koſtſpieligen Porto in keinem Vergleich zu bringen iſt“ gegenſeitig mit ſeltſamen Gefühlen und noch ſeltſa⸗ mern Geſichtern anzuſchauen. Der Heldenſpieler fiel unwillkürlich aus ſeiner chevaleresken Poſition, Ur⸗ ſula vergaß ihre Coquetterie, und Lagemann flüſterte dem innerlich erzitternden Gamaliel in's Ohr:„ich hab's faſt geahnt, daß der Kabul'ſche Hallunke uns ſammt und ſonders zum Narren gehabt hat.“ Kieſewetter las weiter: „Demzufolge vermache ich nachverzeichneten ſieben Perſonen oder deren reſpeetiven Erben nachverzeichnete Gegenſtände aus meiner Hinterlaſſenſchaft. I.„Dem ehrſamen Bürger und Beutlermeiſter Elias Lucas Harniſch, meinem ehemaligen Lehrherrn oder deſſen Erben, eedire ich andurch die Krone mei⸗ nes zvologiſchen Cabinets, nämlich den nach der neuen indiſchen Methode ausgeſtopften Seehund, welchen ich mit eigner Hand erlegt und der in der einen Niſche meines Gartenpavillons aufgeſtellt iſt. Ich verbinde mit dieſem Geſchenke den wohlgemeinten Zweck, dem ehrſamen Elias Lucas Harniſch, welcher mich ob meiner Malerei oft einen Seehund geſchol⸗ ten, einen bildlichen Begriff von einem richtigen See⸗ hunde beizubringen und ihn zugleich zu überzeugen, daß zwiſchen mir und der genannten Beſtie noch ein weſentlicher Unterſchied obwaltet.“ Ueber das ernſte Geſicht des Stadtrichters floh kaum bemerkbar ein leiſes Lächeln, während dem erb⸗ ſchaftlichen Publikum durchaus nicht lächerlich zu Mu⸗ the war. Kieſewetter fuhr fort: 1I.„Vermache ich dem Armenpfleger Franz Lange, der ſich meiner braven Eltern ſo chriſtlich an⸗ 6 84⁴ nahm, daß er die todtkranke Mutter wegen rückſtän⸗ diger Miethe auf die Straße werfen wollte, den eiſer⸗ nen zugeſpitzten reſpectablen Pfahl, auf welchen die kabuliſtiſchen geſpießt werden, worauf ſi dann in der Sonne braten, und den ich vor Kurzem zu dieſem Behufe erſt vom hieſigen Kapidſchi mit ſchwerem Gelde erhandelt habe.“ III.„Cedire ich dem tapfern Schulmeiſter, Onv phrius Zech, meinem einſtigen Educationsrathe und Pädagogen in dankbarer Erinnerung der zahlloſen Püffe, Hiebe, Kopfnüſſe, Pfötchen und ähnlicher Er⸗ munterungsmittel, ein ächtes Bambusrohr mit ſilber⸗ nem Griff, wie ſolches ſich kein Paſcha zu ſchämen braucht, und ein ſolches in Niederroßla nicht zum zweiten Mal gefunden werden dürfte.“ Iv.„Dem Bettelvvigte Tobias Mütze, da wir beide nie unter einen Hut zu bringen waren, vermache ich meinen kabuliſtiſchen Doctorhut, welchen ich mir in Ermangelung einer mediziniſchen Faeultät zu Afgha⸗ niſtan, nach einer deſperaten Bruchoperation am Hof⸗ koche, Hadſchi Baba, mit eigner Hand auf den Kopf geſetzt habe.“ V.„Der Jungfer Salome, welche während meiner Beutlerlehrzeit in der Dachſtube des Harniſchen Hau⸗ ſes ſeßhaft und vor lieber langer Weile nichts zu thun wußte, als mich beim Meiſter anzuſchwärzen, beſtimme ich ein Straußenei von anſehnlichem Um⸗ fange, zu gefälligem Ausbrüten. Sollte Jungfrau bereits in den himmliſchen Saal eingeſchritten ſein, ſo bleibt der reſpectiven Nachkommenſchaft die Brü⸗ tung überlaſſen.“ VI.„Dem Bäcker Breitkopf, über welchen in Riederroßla ſtete Klage wegen zu leichten Brotes war, vermache ich ein Dutzend von denjenigen Nä⸗ 85 geln, womit von der hieſigen Bäckerinnung diejenigen Meiſter mit den Ohren an ihre eignen Hausthüren genagelt werden, welche der geſetzlichen Brottaxe nicht nachkommen. Auch folgt ein Töpfchen Honig bei, womit ein ſolcher ſpitzbübiſcher Teigaffe in warmem Sonnenſtrahle angepinſelt wird, zur allgemeinen Be⸗ luſtigung und Leckerei benachbarter Bremſen und Hor⸗ niſſen.“ Während um den einen Mundwinkel des Stadt⸗ richters ein faſt ununterbrochenes Lächeln zuckte, war dem Erbpublikum mit Schrecken klar geworden, daß es auch diesmal, wie früher ſo mancher ehrſamer Niederroßlaer von dem Hofmaler total genarrt wor⸗ den ſei. Dem Heldenſpieler war aller Muth geſunken. Jetzt half ihm auch die neuerworbene Vetterſchaft nichts, die ihn zeither ſo hochfahrend gemacht; er ließ ſchlaff und zerknirſcht die Hände hangen, ohne auf eine künſtleriſche Plaſtik weiter Rückſicht zu nehmen. Bei Urſula ſank das Köpfchen gleichfalls wie bei ei⸗ nem Röslein, welches man zu begießen vergeſſen hat. Acceſſiſt und Gamaliel waren ihr nichts mehr, und die drei bejahrten Freier ſtiegen um hundert Prozent. Vetterlein ſeufzte unaufhörlich, während bei dem Se⸗ eretair des Doctor Eiſenbeiß die Thränen ſehr nahe ſtanden. Am Gefaßteſten blieb der Factor. Sein Ge⸗ ſicht blieb ſich ſo ziemlich gleich, nur daß er häufiger als gewöhnlich eine Priſe zu nehmen pflegte. Bei Lagemann wollte die angeborne Ruſticität ſogar in laute Schelt⸗ und Drohworte gegen den Hofmaler ausbrechen, als der Stadtrichter ob des ungebührlichen Gebrummes mit feſtem, ernſtem Blicke aufſchaute und zur Ruhe verwies, während Kieſe⸗ wetter, nachdem er wieder die Brille zurechtgerückt, im Teſtamente fortfuhr: 86 „Endlich hinterlaſſe ich VII.„Dem Cafetier, Athanaſius Lagemann(der Genannte fuhr hier wie behext in die Höhe, und ſtarrte mit aufgeriſſenem Ohr und Auge wie bewußt⸗ los vor ſich hin), welcher einſt als Hühneraugenope⸗ rateur in Niederroßla Furore machte, und in beſoff⸗ ner Stunde mir faſt die Mittelzehe hinwegſchnitt, an welcher Operation ich ſechs Wochen lang zu hinken hatte, und wofür ihm mein ſel'ger Vater überdies fünf Dutzend Pfeifen als Honorar verehren mußte, für künftige Operativnen aus meinem chirurgiſchen Beſteck nachverzeichnete werthvolle Gegenſtände: à) Sharp's Bruchmeſſer; b) Klemm's fünfförmige Rachenpolypenzange; c) Mureaux Mandelzange; d) Leber's Führungsſtäbchen; e) Benvit's Lippenhalter; 1) Ohle's Kranichſchnabel; g) Theden's Rachenpolypen-Unterbinder; h) Gerangot's Mundſchraube; i) Perey's Sedaceumnadel; k) Knauer's Schlundſchiebzange; ) Savigny's Steisfiſtelmeſſer, und endlich m) ein Etui zum Ohrlochſtechen.“ Der Wirth zur Stadt Magdeburg hatte während des Vorleſens der chirurgiſchen Inſtrumente beſtändig in ſtiller Hoffnung gelebt, daß auf die für ihn ſo nutzloſen Gegenſtände noch eine Kiſte holländiſche Ducaten, oder eine Schachtel voll Perlen und Edel⸗ geſtein, was ſich allenfalls des Herbeiſchaffens nach Niederroßla verlohne, folgen werde; da aber mit dem „Etui zum Ohrſtechen“ der kabuliſtiſche Segen ſeine Endſchaft erreicht hatte, ſetzte ſich Lagemann mit einem Ausdrucke wieder nieder, der ſelbſt in einem 87 launigen Romane, wie vorliegender, nicht namhaft gemacht werden kann. Kieſewetter las weiter: „Dies iſt mein Teſtament oder letzter Wille, den ich in Beiſein des ehrwürdigen Kadi Abdullah, ſo wie des nicht minder ehrwürdigen Amini Mekhemed theils eigenhändig niedergeſchrieben, theils durch den verpflichteten Gerichtsſchreiber Mulk Hiſſar habe nie⸗ derſchreiben laſſen. „Sollten mir in der Folgezeit noch etwaige erb⸗ ſchaftliche Gedanken durch den Sinn fahren, ſo ſollen ſie codicillariſch dieſem meinem Teſtamente beigefügt, doch erſt den ſiebenten Tag nach Eröffnung des Ge⸗ genwärtigen, den Perſonen, ſo es angeht, von Seiten des Gerichts mitgetheilt werden.“ Der Stadtrichter, nachdem er einen Blick auf den pappernen Wandkalender warf, erhob ſich und ſchloß die Sitzung mit den Worten:„Da dem mitgetheil⸗ ten Teſtamente ein Codicill in der That beiliegt, ſo werden die Anweſenden erſucht, zu anderweitiger Pu⸗ blication den fünften Mai Vormittags halb eilf Uhr an hieſiger Gerichtsſtelle ſich einzufinden.“ Sechſtes Rapitel. Ungefähr drei Stunden Wegs aufwärts von dem freundlichen Niederroßla, im höhern Gebirg, war in einſamer aber romantiſcher Gegend das Schloß Frie⸗ drichshof gelegen, welches vor nicht zu langer Zeit ein franzöſiſcher Graf Morand, der als ergebener An⸗ 88 hänger Napoleon's auf der bourboniſchen Proſeriptions⸗ liſte von 1815 mit verzeichnet ſtand, angekauft hatte. Hier lebte der aus ſeinem Vaterlande Verwieſene im ehrenvollen Exil, abgeſchieden von der Welt, nur im Umgange mit ſeinen beiden Kindern, dem achtund⸗ zwanzigiährigen Victor, der zehn Jahre jüngern Klo⸗ tilde, dem Pfarrer aus dem nahgelegenen Dörfchen Friedberg, Leopold mit Namen, einen für einen Land⸗ prediger ſehr gebildeten, freiſinnigen, aber nichtsdeſtv⸗ weniger äußerſt gottesfürchtigen Manne, und ſeinem alten bewährten Diener und Kriegskameraden, Jean Jaques aus der Normandie. Morand gehörte mit zu den zahlreichen Kriegsmännern jener Zeit, welche in dem Kaiſer der Franzoſen ihren Gott verehrten; nur daß bei unſerm Grafen die ſeltene Ausnahme ſtatt⸗ fand, den im Glück angebeteten Helden auch im Un⸗ glück treu geblieben zu ſein. Mit Napoleon's abermaligem Sturze nach dem kurzen aber glänzenden Zeitraume der hundert Tage, ſah auch Morand ſeine Laufbahn für beendigt an. Mit dem Abtreten ſeines Helden von der großen Schaubühne erſchien ihm der politiſche Zuſtand Eu⸗ ropa's verwahrloſt, und namentlich widerte ihn das neue Regiment ſeines Vaterlandes an. Fern war es daher, daß ihm ſein einſam gelegenes deutſches Exil die Heimath hätte wünſchenswerth machen ſollen; im Gegentheil fand er ſich, nachdem er faſt ſein hal⸗ bes Leben im Felde und unter Waffenlärm verbracht, durch dieſe Stille und Abgeſchloſſenheit recht wohl⸗ thuend berührt. Bewandert in den mathematiſchen Wiſſenſchaften, und nicht unbeleſen in der geſchichtli⸗ chen und ſchöngeiſtigen Literatur der Franzoſen und Deutſchen, beſchäftigte er ſich viel mit Lectüre, wäh⸗ rend er im vertrauten Geſpräch gern die große Na⸗ ——— 89 poleon'ſche Vergangenheit, welcher er ſelbſt mit ange⸗ hörte, vorüberziehen ließ. Mit dem Pfarrer Leopold disputirte er auch wohl gern über philoſophiſche und religiöſe Gegenſtände; während zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Sohne Victor, Frankreich, der franzöſiſche Cha⸗ rakter, die franzöſiſche Geſchichte und franzöſiſche Ver⸗ hältniſſe faſt den alleinigen Gegenſtand der Unterhal⸗ tung bildeten; wo die beiden jedoch ſelten einerlei Meinung waren. Victor, von einer deutſchen Mutter, einer Sachſin geboren, und auf deutſchen Schulen und Univerſitäten gebildet, legte zu ſeines Vaters großem Leidweſen eine entſchiedene Abneigung gegen Frankreich und allem überrheiniſchen Weſen an den Tag. Sein ern⸗ ſter Sinn konnte nie an der franzöſiſchen Oberfläch⸗ lichkeit und Flatterhaftigkeit Geſchmack finden, wäh⸗ rend die bei jenem Volke ſo häufig vorkommende Frivolität und Verhöhnung alles Heiligen ſeinem ſtreng ſittlichen Character im höchſten Grade zuwider waren. Ein reizendes Gemiſch deutſcher Anmuth und fran⸗ zöſiſcher Grazie bot die jugendliche Klotilde dar. Ein engelhaftes Gemüth in ſeltener Vollendung weiblicher Form. Da ſie die Mutter früh verloren, ſo hing ſie mit unendlicher Liebe an dem Vater, während ihr der Bru⸗ der für das Ideal eines jungen Mannes galt. Kaum dürfte ein Geſchwiſterpaar gefunden werden, bei wel⸗ chem ein größerer Einklang der Gemüther ſtattge⸗ funden hätte. Der Biene gleich, die ſich vom Blu⸗ menſtaube nährt, ſog das Mädchen die milden Reden und Lehren vom Munde des Bruders, welcher ſeiner⸗ ſeits ſich an der reinen, ſchönen Seele in idealer Form erquickte. Es war an einem Nachmittage; ein warmer leiſer 90 Frühlingsregen ſprühte befruchtend auf die knospen⸗ reiche Erde herab. Hier und da blühten zeitige Kirſch⸗ und Birnenbäume; in dem Garten von Friedrichshof ſchwellten die Purpuraugen der Pfirſichen; Lerchenge⸗ ſang durchtönte die ſtille Luft; Klotilde war zu ihrer Freundin Hermine, der Tochter des Predigers, auf die nahgelegene Pfarrwohnung hinüber gegangen— als Morand, Victor und Leopold nach aufgehobener Mittagstafel noch bei einer Flaſche alten Rheinweins im vertrauten Geſpräche beiſammen ſaßen. Das Spei⸗ ſezimmer, worin ſich die Drei befanden, ging nach den Waldbergen hinaus, die in einiger Entfernung anmuthig emporſtiegen, und von welchen frühlings⸗ voller Vogelgeſang herübertönte. Die Fenſter ſtanden offen. Erquickender Duft ſtieg aus dem Garten herauf. Die auf dem Tiſche liegenden vor Kurzem einge⸗ troffenen politiſchen Zeitungen, welche über die Fort⸗ ſchritte der reactivnairen Partei in Frankreich, über die blutigen Unterdrückungen des hier und da auf⸗ tauchenden Bonapartismus, über den revolutionären Geiſt Deutſchlands, Italiens und der pyrenäiſchen Halbinſel berichteten, hatten dem Geſpräch eine ſehr ernſte Richtung gegeben. Es war eine längere Pauſe eingetreten; ein jeder ſchien mit ſeinen eignen Ge⸗ danken beſchäftigt. Victor ſtand mit verſchränkten Armen am Fenſter und ſchaute nach den Bergen hin⸗ aus; der General rauchte ſtill ſeine Cigarre, während Levpold mit der Gabel auf ſeinem Deſertteller Figu⸗ ren beſchrieb. Da trat Jean Jaques in's Zimmer und meldete, daß ſo eben ein junger ſchöner Mann von Niederroßla angelangt ſei, welcher dem Herrn General einen Brief eigenhändig zu übergeben habe. Morand befahl, daß der Ueberbringer hereinkomme, 91 und bald darauf trat Gamaliel in's Zimmer, welcher vom Doctor Eiſenbeiß, dem Rechtsanwalte des Gene⸗ rals, erſucht worden, ein Schreiben, das über eine Grenzſtreitigkeit berichtete, perſönlich zu übergeben. Gamaliel erfüllte dergleichen Aufträge, die über Land gingen, ſehr gern, darum hatte er auch als neucreir⸗ ter Seeretair kein Bedenken getragen, ſich dieſes Auf⸗ trags zu unterziehen, obſchon er aus Unbekanntſchaft mit der vornehmen Welt den Beſuch bei hochgeſtellten Leuten nicht ſehr liebte. Nicht ohne Wohlgefallen ruhten die Blicke des Generals, des Sohnes und des Predigers auf dem ſchönen Jünglinge, der in tiefſter Beſcheidenheit am Eingange ſtehen blieb und ſich in dem eleganten Zim⸗ mer nicht vorwärts getraute. Morand trat freundlich auf ihn zu, nahm den Brief in Empfang, und bot dem Schüchternen einen Stuhl an, worauf Gamaliel erſt nach wiederholter Einladung Platz nahm. Victor ſchenkte ein Glas mit Wein voll und reichte es mit ſolcher Herzlichkeit dem Seeretair dar, daß dieſer ganz bezaubert von ſolcher Güte und Herablaſſung ward, und nicht wußte, wie er entſprechend genug danken ſollte. Er glaubte nicht anders, als in einem Feenſchloſſe angelangt zu ſein. „O wie gut ſind Sie,“ ſprach er zu Victor, der ihm wie der Engel Gabriel erſchien. „Wie befindet ſich mein guter Doctor?“ frug der General. Gamaliel war ſehr froh, hier eine recht befriedi⸗ gende Antwort geben zu können. „Vortrefflich,“ erwiederte er; und fügte muthiger hinzu:„Und wer ſollte das nicht beim jetzigen Auf⸗ erſtehungsfeſt!“ Der General ſchien ihn hier nicht recht zu ver⸗ ſtehen, der Seeretair bemerkte es und fügte etwas leiſer hinzu:„Ich meine, weil Alles ſo grün wird und die Lerchen ohne Unterlaß fingen.“ „Sie ſind gewiß ein rechter Naturfreund?“ frug der alte Krieger. Gamaliel, welcher nicht begriff, wie Jemand kein Naturfreund ſein könne, und warum er allein eine Ausnahme machen ſolle, entgegnete mit einem eignen zum Herzen ſprechenden Tone:„Das iſt jeder gute Menſch.“ „Wohl wahr,“ verſetzte der General, den dieſe Antwort innig anſprach;„nur ein böſes, verſtocktes Gemüth kann die Pracht Gottes ohne Theilnahme betrachten.“ Dieſe Worte waren Waſſer auf Gamaliel's Mühle. Er erwiederte mit Wärme und ziemlicher Unbefangen⸗ heit:„Ein böſes Gemüth iſt nur krank, und zu ſeiner Heilung bietet Gott unabläſſig die Hand, und läßt nicht nach, bis es wieder geneſen und ſeinen Frühling anlächelt. Ich glaube auch, daß der himm⸗ liſche Vater ſeine Blumen für ſolche Leidende am Schönſten blühen läßt, damit endlich die Herzen auf⸗ und die Augen übergehen.“ Jetzt war auch Levpold mit ſichtbarem Intereſſe näher getreten und geſtand, daß dies ein eben ſo ſchöner als beſeligender Glaube ſei. Das Geſpräch ward immer wärmer und intereſ⸗ ſanter. Der Seeretair ließ unbefangen ſein ſchönes, liebevolles Herz leuchten, ſeine Rede erhob ſich nicht ſelten zu poetiſcher Höhe; die große Schüchternheit hatte ſich verloren; er ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß er begeiſtert zu einem vornehmen Manne ſpreche. Aber gerade dieſes ſich Gehenlaſſen gewährte dem 93 ſchönen Jünglinge in den Augen der Anweſenden einen erhöhten Reiz. Man ſchien gar nicht begreifen zu können, wie der proſaiſche Advocat Eiſenbeiß zu ſolch einem hochpvetiſchen Briefträger gekommen ſei. Gamaliel, der wie im Himmel lebte, fühlte ſich wie⸗ derholt die Hand gedrückt und ward um biographi⸗ ſche Mittheilungen erſucht, die ihm vollends aller Herzen gewannen; denn die Liebe zu ſeiner Mutter Felicitas verlieh ſeiner ſchönen Seele einen wunder⸗ baren Glanz. Der General befand ſich in ſo wohliger Stim⸗ mung, daß er Champagner bringen ließ. Man ſtieß die Gläſer aneinander und ließ den Frühling leben, die nächſte Roſenblüthe und trank auf ein geſegnetes Weinjahr. Der Seeretair, welcher in ſeinem Leben keinen Champagner getrunken hatte, begann gleich nach dem erſten Glaſe von dem ungewohnten Weine zu glühen. Er glaubte gar nicht mehr auf Erden zu leben, ſo leicht, ſo himmelvoll fühlte er ſich. Er begann über Unſterblichkeit zu ſprechen, die ihm, wie er behauptete, noch nie ſo unumſtößlich gewiß erſchie⸗ nen, als in der gegenwärtigen Stunde. Auch der Himmel that das Seine, um den vier glücklichen Menſchen das Leben ſo bezaubernd wie möglich zu machen. Der leiſe Regen hatte die früh⸗ lingſchlummernde Landſchaft wunderbar erquickt; das ſilbergraue Gewölk begann ſich zu theilen, und hier und da brach ein Stück blauer Himmel hindurch; nur über dem Walde im Oſten ſtand unbeweglich eine dichte graue Wand. Allmälig ward das Gewölk dünner und lichter, und die Nachmittagsſonne trat ſiegend hervor, Berg und Thal himmliſch erleuchtend; über den Wald aber zog ſich ein Regenbogen von 9⁴ ſeltener Schöne. Darunter ſangen die Lerchen, und friſches, erquickendes Grün blickte überall hervor. Aus den Fenſtern des Speiſezimmers genoß man mit ſtummem Entzücken das koſtbare Frühlingsbild; dem Secretair ſtanden die Thränen in den Augen; er entſann ſich nie einer ſo wahrhaft ſeligen Stim⸗ mung, und kam daher immer wieder auf die Unſterb⸗ lichkeit zurück, deren Gewißheit in ſchönen Momenten mit leuchtenden Lettern in ſeinem Innern brannte. Hohe Seligkeit ſcheint aber den armen Sterbli⸗ chen hienieden nie auf lange Zeit verliehen zu ſein; ſie ſoll wahrſcheinlich nur ein Vorgeſchmack des Him⸗ mels ſein, da ſie für die Dauer die irdiſche Hülle brechen würde. Die verklärte Seele dürfte in ſolchen Momenten keinen Augenblick Bedenken tragen, auf und davon zu flattern, den Sternen zu, wenn ſie nicht von Fleiſch und Blut centnerweis umklammert und auf Erden zurückgehalten würde. Dem Secretair erging's kein Haar beſſer. Seine himmliſche Stim⸗ mung ward plötzlich durch zwei Bedenklichkeiten ge⸗ ſtört, die an ſich nicht der Rede werth waren, an Ga⸗ maliel's Bruſt aber wie Geier fraßen. Je mehr ſich nämlich die Nachmittagsſonne den Abendbergen näherte, deſto nagender ward beim Se⸗ eretair der Gedanke, daß er ganzer drei und drei viertel Stunde von Niederroßla entfernt ſei, und daß er längſt den Heimweg hätte antreten ſollen, anſtatt hier als Fürſt zu leben. Er gedachte mit Schrecken, wie Felicitas in Sorge und Bangen gerathen werde, wenn er nicht zur beſtimmten Zeit eintreffe. Indeß baute er, ſobald nur der Abſchied, an welchen er nicht ohne Wehmuth dachte, überſtanden ſein würde, auf ſeine Füße. In ausdauerndem Doublirſchritt hoffte er das Verſäumte einigermaßen nachzuholen. 95 Eine andere Bedenklichkeit fiel ihm aber noch weit ſchwerer auf's Herz, als der Gedanke an die Weite des Heimwegs. Er überlegte nämlich, wie er ſo gaſtfreundlich aufgenommen worden ſei von dem Herrn General und Sohn, wie er Rheinwein und ſelbſt Champagner getrunken, und daß es unter ſolchen Um⸗ ſtänden unerläßlich ſei, ſich als Weltmann und ſplen⸗ did zu zeigen gegen die Dienerſchaft. Er erinnerte ſich, irgendwo ſogar vernommen zu haben, daß in manchen Häuſern die Bedienung nur ſpärlich Lohn erhalte, und hauptſächlich auf die Douceure ange⸗ wieſen ſei. Während dieſer Betrachtungen, die ſich ihm, je mehr er darüber nachſann, als unerſchütterliche Wahr⸗ heiten herausſtellten, viſitirte und ſummirte er mit geheimem Grauſen verſtohlen die Baarſchaft ſeiner rechten Hoſentaſche, die ihm für einen Bedienten mit ſchönem hochrothen Kragen durchaus unzureichend er⸗ ſchien. Wiederholt ließ er die fünf Kupferlinge, die auf zwei halbe Krüge Bier und ein Stück Butter und Brot während des Heimmarſches berechnet wa⸗ ren, durch die Finger gleiten. Er mochte zählen ſo viel er wollte, die Baarſchaft in der rechten Hoſen⸗ taſche wollte nicht zunehmen, und daß im linken Sacke und in den beiden Weſtenbehältern nichts ſtack, wußte er genau, denn er konnte über den Stand ſeines Vermögens allezeit prompte Rechenſchaft geben. Dieſe vertracte Douceurangelegenheit, die ihm zum Glück ganz ſpät in den Sinn gekommen, denn außer⸗ dem hätte ihm kein Tropfen Wein geſchmeckt, um⸗ hing die ganze Frühlingslandſchaft mit einem trüben Schleier, und verlieh ſeinem Benehmen wieder einige Befangenheit. Er begriff bereits ſo viel von der großen Welt, 96 daß er einen hochadeligen Bedienten nicht mit Kupfer⸗ geld abſpeiſen könne, und hätte er zwei Scheffel voll Drei⸗ und Vierlinge beſeſſen. Das wäre gegen alle Delicateſſe geweſen. Er ſann demnach hin und wie⸗ der, wie er ſich ohne Dementi aus dieſer gefahrvollen Lage zu ziehen vermöchte. „Ein nobles Trinkgeld,“ ſprach er für ſich,„geht der Dienerſchaft über Alles, und giebt man nicht drauf und drein, ſo iſt das Volk im Stande, unſer⸗ einen bei der Herrſchaft in böſes Licht zu ſetzen. Es ſind mir Beiſpiele davon erzählt worden. Mir aber wäre das äußerſt ſchmerzhaft. Ich bin mit ſo außer⸗ ordentlicher Generoſität aufgenommen worden. Es bleiben mir in der Welt nur zwei Auswege, will ich mich nicht blamiren. Entweder ich laſſe dem Roth⸗ kragen meine Uhr zum Unterpfande, die ich bei näch⸗ ſter ſchicklicher Gelegenheit einlöſe, oder ich ſpreche ſtolz und abgebrochen:„Werde mich abfinden das nächſte Mal!“ wo ich dann die Summe durch einen Expreſſen unter verſiegelter Adreſſe an den Herrn Domeſtik gelangen laſſe. Hinſichtlich des Zurücklaſſens der Uhr ſtiegen aber alsbald neue Zweifel im Gehirne unſeres Secretairs empor. „Sie iſt von Tombak,“ fuhr er mit ſich bera⸗ thend fort,„und geht nur, ſobald ſie geſchüttelt wird; ein bloßes Zierrath, denn als Uhr entſericht ſie ihrem Zwecke ſchlecht. Dies könnte Anſtoß geben; alſo beſſer, ich laſſe es bei der vornehmen kurzabge⸗ brochenen Verheißung; der Rothkragen kann mir doch nicht in die Taſche ſehen und wiſſen, ob nicht Gold oder unveräußerliche Schanſtück darin ſtecken. Ich kann das Courant bereits verausgabt haben, in Wirthshäuſern, an Bettler, wer weiß es?“ ——— . Dem Secretair ward wieder leicht und groß um's Herz, als er dieſe peinliche Angelegenheit bei ſich auf's Reine gebracht hatte. Die Nachmittagslandſchaft verklärte ſich von Neuem, und er würde ganz der frohe Menſch wieder geworden ſein, hätte ihn nicht die immer tiefer ſinkende Sonne mehr denn je an den Aufbruch gemahnt. Er recapitulirte ſo eben bei ſich, wie der ſchick⸗ liche Anlauf zur Retirade zu nehmen ſei, als der General ſich mit den gaſtfreundlichen Worten an ihn wandte:„Sie könnten heut' bei uns vorlieb nehmen, lieber Drollinger, wir ſind einmal ſo froh bei ein⸗ ander; ich laſſe Sie morgen früh nach Niederroßla zurückfahren.“ Wie überraſchend und ſchmeichelhaft dieſes Aner⸗ bieten für Gamaliel war, ſo konnte er es gleichwohl nicht annehmen, weil er ſeiner Mutter durch ein nächt⸗ liches Ausbleiben die unruhvollſten Stunden bereitet haben würde. Er ſtellte dies offenherzig vor und bat inſtändig, auf ſein Dableiben nicht länger zu be⸗ ſtehen, da es ihm ſchmerzhaft genug ſei, den liebrei⸗ chen Wunſch nicht erfüllen zu können. „Wohlan,“ verſetzte Morand,„ſo behalten wir es uns für ein ander Mal vor, aber ohne ein kleines Vesperbrot dürfen Sie nicht von dannen. Sie fah⸗ ren in meinem Wagen zurück und meine flinken Braunen werden Ihr Verſäumniß wieder einbringen. Wir bleiben noch zwei Stündchen beiſammen, und Sie ſollen gleichwohl noch zeitig genug in Nieder⸗ roßla eintreffen; eben ſchlägt es fünf Uhr.“ Zugleich befahl der General einem Diener, daß um ſieben Uhr die grüne Chaiſe vorfahren ſolle. 2 Gegen ſolche Liebenswürdigkeit, wie ſie Gamaliel in ſeinem Leben bei einem ſteinfremden Manne nicht Stolle, ſämmt'. Schriften. XVII. 7 98 vorgekommen war, ließ ſich nichts einwenden. Man nahm nach einiger Zeit wieder Platz zur Einnahme des Vesperbrotes, während draußen die Abendland⸗ ſchaft in immer ſchönere Beleuchtung trat. Das Geſpräch ward wieder ſehr belebt und be⸗ rührte die mannigfachſten Gegenſtände, als der Pre⸗ diger Leopold daſſelbe plötzlich mit den Worten un⸗ terbrach:„Apropos, lieber Drollinger, da fällt mir bei Ihrem Namen ſo eben ein, ſind Sie nicht bei der berühmten Kabul'ſchen Erbſchaft betheiligt, die in dieſen Tagen in Niederroßla ſolches Aufſehen erregt hat? Wenn ich nicht irre, kommt der Name Drol⸗ linger in der ſtadtgerichtlichen Bekanntmachung vor.“ In Gamaliel's Freudenbecher hätte Niemand einen herbern Wermuthstropfen werfen können, als der Pre⸗ diger mit dieſer Frage, während die beiden Morand's bei den Worten: Kabul'ſche Erbſchaft ſich einan⸗ der betroffen anſahen und ſehr geſpannt ſchienen, ein Weiteres zu vernehmen. Der Secretair theilte nun ziemlich betrübt mit, wie ſein ſeliger Vetter ſich unfehlbar nur einen Scherz mit den Niederroßlaern gemacht habe; das Te⸗ ſtament bedenke Perſonen, die nicht im Entfernteſten zu den Erben gehörten, und überdies auf eine Art, daß der Schabernack deutlich vor Augen liege. Zu größrer Evidenz ſeiner Behauptung führte er den teſtirten ausgeſtopften Seehund, den kabuliſtiſchen Doctorhut, das Straußenei zum Ausbrüten, und noch einige der Teſtamentsclauſeln an. Und dieſes Teſtament ſollte wirklich aus Kabul ſtammen, daſelbſt verfaßt ſein?“ frug Victor mit großer Theilnahme. „Es unterliegt dies wohl keinem Zweifel,“ ver⸗ ſetzte Gamaliel,„da dieſe letztwillige Verfügung durch 99 das britiſche Conſulat ſelbſt anhero gelangt iſt, wel⸗ ches zugleich die Aechtheit des Actenſtücks verbürgt.“ „Seltſam, höchſt ſeltſam,“ rief Victor noch immer ſehr bewegt;„aber wie iſt denn Ihr Herr Vetter nach Kabul gekommen?“ „Darüber können wir durchaus keine Auskunft geben,“ geſtand der Secretair. „Und wirklich Hofmaler ſoll er geweſen ſein?“ fuhr Vietor fort. „Dies beſtätigt der Verſtorbene eigenhändig im Teſtamente.“ Victor, nachdem er wieder einen ſeltſamen Blick auf ſeinen Vater geworfen, war aufgeſtanden und ging in Gedanken das Zimmer auf und ab. Ga⸗ maliel, welcher die Aufregung der beiden Morand's gar nicht bemerkte, erzählte unbefangen weiter: „Dem Teſtamente liegt zwar noch ein Codicill bei, das dem Wunſche des Teſtators zufolge erſt acht Tage nach Eröffnung des Teſtamentes publicirt wer⸗ den ſoll, aber was iſt von einem Codicill zu hoffen, wo der eigentliche letzte Wille nur Scherz treibt? „Die Hoffnung, aus dem Morgenlande erbſchaften zu wollen,“ fuhr er nach einer Pauſe, als wolle er ſich ſelbſt tröſten, fort,„war auch zu vermeſſen.“ „Und dieſe Codicilleröffnung,“ frug Victor weiter, „wann wird ſie vor ſich gehen?“ „Der Publicationstermin iſt auf Uebermorgen an⸗ geſetzt,“ antwortete Gamaliel. Der junge Morand ſchien noch Mehres fragen zu wollen, als Jean Jaques mit der Meldung in's Zimmer trat, daß der Wagen vorgefahren ſei. Zu⸗ gleich ſchlug es ſieben Uhr auf dem Thürmchen des Herrnhauſes. Draußen ruhte der ſchönſte Frühlingsabend auf 5* 100 Berg und Thal; alle Wolken hatten ſich verzogen; in reinem Blau athmete der Himmel, und die tief⸗ geſunkene Sonne warf ihre rothen Strahlen verklä⸗ rend über die junge Frühlingslandſchaft. Noch im⸗ mer ſangen die Lerchen, und im benachbarten Dorfe tönten die Abendglocken. Man leerte die Gläſer auf baldiges Wiederſehen; Gamaliel geſtand offenherzig(er hätte beinahe ge⸗ ſchworen, wenn er blos ſeinem überſtrömenden Herzen Gehör gegeben), daß er heut die ſchönſten Stunden ſeines Daſeins verlebt habe. Beim Aufbruche ſah er ſich vergeblich nach einem dienſtbaren Geiſte um, den er hätte wegen des Trinkgeldes vertröſten können. Er konnte zu keinem derſelben hingelangen, ohne den General, oder Victor, oder den Prediger, in deren Mitte er ſich fortwährend befand, über den Haufen zu werfen. Erſt als er mit Jean Jaques Hülfe in den Wagen kletterte, begannen ſeine Verheißungen, deren Wirkung er freilich nicht wahrnehmen konnte, da er zu ſehr mit der innern Einrichtung der Equi⸗ page beſchäftigt war. Es ſtiegen in ihm abermals Zweifel und Bedenken auf, ob es nicht ſchicklicher ſei, wenn er ſich als eine ſo unbedeutende Perſon rück⸗ wärts ſetze; zugleich überlegte er jedoch, daß er ja mutterſeelallein kutſchire, und wie es da lächerlich ſei, verkehrt durch die Welt zu fahren. Der genoſſene Champagner that das Seine und beſtärkte ihn in dieſer Anſicht, daher er mit großem Muthe im Fond Platz nahm; er empfahl ſich höflich dem Jean Jaques, nickte ununterbrochen nach dem Schloſſe hinüber, wo ſeine Gaſtfreunde durch die Glasthüre auf den Bal⸗ kon getreten waren, und genoß jetzt erſt Muſe, über den heutigen märchenhaften Nachmittag Betrachtungen anzuſtellen. In einem ſo prächtigen Wagen hatte er 101 ſein Lebelang nicht geſeſſen. Wie das im Innern Alles ſo ſchön und bequem eingerichtet war, ſo weich und elaſtiſch. Es ſaß ſich königlich in dieſer Equi⸗ page, gegen welche die zwei Niederroßlaer Gevatter⸗ kutſchen und der Einſpänner des Doctor Eiſenbeiß ſchlechterdings nicht in Vergleich zu bringen waren. „Die Menſchheit,“ ſprach er für ſich,„hat es doch außerordentlich weit gebracht in der Eleganz und Bequemlichkeit.“ Um dem vornaufſitzenden Kutſcher nicht als ein Menſch zu erſcheinen, der durch plötzlichen Glücks⸗ wechſel ſtolz und ſtumm geworden, ergriff er die Ge⸗ legenheit, ſich nach dem ungefähren Preiſe der Caroſſe zu erkundigen. „So ein Wagen mag Geld koſten,“ ſprach er. „Dieſer hier,“ erwiederte Niklas, ſo hieß der Kut⸗ ſcher,„geht an; aber die neue Chaiſe, die in der Remiſe ſteht; ich weiß nicht, ob Sie dieſelbe kennen—“ Gamaliel geſtand ſeine Unkenntniß. „Dieſe iſt unter Brüdern ihre Achthundert werth.“ „Um Himmelswillen,“ rief Gamaliel,„dafür be⸗ kommt man ein ganzes Haus in Niederroßla.“ „Mag wohl ſein,“ verſetzte der Wagenlenker;„die Sattlerarbeit beträgt allein über anderthalbhundert, das Geſtelle iſt direct von London.“ „Allerdings,“ geſtand der Seecretair,„der Trans⸗ port über's Meer, der iſt koſtſpielig, aber achthun⸗ dert—“ „Gleichwohl iſt mir der Grüne lieber,“ meinte Niklas,„das Feder⸗ und Räderwerk iſt leicht und flink; finden Sie das nicht?“ „Es fährt ſich wie im Himmel,“ verſetzte Gama⸗ liel, mit Niklas Meinung vollkommen einverſtanden; 102 „man begreift gar nicht, wie man ſo leicht und an⸗ genehm vorwärts kommt.“ Niklas, der ſich in dem Lobe ſeines Fuhrwerks ſelbſt geſchmeichelt fühlte, ließ die zwei Braunen noch herzhafter auftreten, ſo daß die Frühlingsabendland⸗ ſchaft zu beiden Seiten wie im Fluge vorüberzog. Er hoffte, daß ſein Paſſagier hierdurch Gelegenheit nehmen werde, ſeine Aufmerkſamkeit auch dem ſchmuck⸗ gehaltenen, vortrefflichen Roßgeſpann, Niklas Stolz, zukommen zu laſſen. Der Secretair verſtand aber ſo viel wie gar nichts von Pferden und Pferdezucht; auch ermangelte ihm dafür aller Sinn. Eine alte Krake, ſo ſie nur mit vier Beinen begabt war und nur einigermaßen vorwärts konnte, galt ihm eben ſo viel, wie ein arabiſch Vollblut. Seine Anſprüche an ein Pferd waren wirklich außerordentlich beſcheiden. Es ſiel ihm daher im Geringſten nicht ein, über die ſtolzauftretenden Roſſe des Generals Morand ein Wort zu verlieren. Seine Seele war wieder bei ſei⸗ nen edeln Wirthen in Friedrichshof, und nebenbei ſchwelgte ſie in dem goldnen Frühlingsabende zur Rechten und Linken. Niklas, dem es als etwas Undenkbares erſchien, daß einem Gaſte ſeiner Herrſchaft der Namen der zwei vorantrabenden Braunen unbekannt ſein ſollte, und der gar zu gern ſeine Lieblinge in das Bereich des Discours gezogen hätte, begann nach einiger Zeit, da ſein Paſſagier keine Anſtalt traf, auf die Vor⸗ züge ſeiner Vierfüßler anzuſpielen. „Für die Pallas und den Hector,“ ſprach er, „ſind meinem gnädigen Herrn vor ungefähr vierzehn Tagen hundertundzwanzig Friedrichsd'or in Golde vom Burgdorfer Baron geboten worden, aber er giebt ſie 103 nicht, und Niemand verdenkt ihm das; ſo ein Paar bekommt er ſobald nicht wieder.“ Der Secretair des Advocaten Eiſenbeiß, ſo eben poetiſch verzückt in Anſchauung des roſigen Abendge⸗ wölkes, fuhr bei Niklas Anrede aus ſeinem goldnen Traume empor. Er hielt, da kurz vorher von Ca⸗ roſſen des Generals die Rede war, die Pallas wie den Hector gleichfalls für dergleichen Locomotiven, und pflichtete, um dem braven Niklas nicht zu nahe zu treten, ſeinen Anſichten wegen des Nichtverkaufs bei, obſchon er nicht recht einſah, wozu der General einer ſolchen Wagenburg benöthigt ſei. „Sie ſind kaum ſieben Jahre alt,“ fuhr der Kut⸗ ſcher fort. „So?“ ſprach Gamaliel gutmüthig. „Und gut dreſſirt!“ „Das will ich glauben,“ erwiederte der Paſſagier obſchon er wiederum nicht recht begriff, was am Wa⸗ gen zu dreſſiren ſei. „Laufen in die Millionen,“ erzählte Niklas wohl⸗ gefällig weiter. „Eine vortreffliche Eigenſchaft,“ belobte der Se⸗ cretair. „Der Hector hat ſogar einen Wolfsbiß.“ „Merkwürdig,“ erſtaunte der Secretair,„und wo iſt er dazu gekommen?“ „Doch in Polen,“ war die Antwort. „Aha,“ ſprach Gamaliel, dem ein glücklicher Ge⸗ danke kam,„der Herr General bedienten ſich ſeiner in der ruſſiſchen Campagne.“ „Nein,“ lachte Niklas,„da war wohl an den braven Hector noch nicht zu denken.“ Gamaliel begriff jetzt in der That nicht, wie es gekommen, daß der Wagen des Generals Morand von 104 einem Wolfe angebiſſen worden ſei. Er ließ indeß die Sache auf ſich beruhen, und frug, ob der Biß den Wagen ſtark beſchädigt habe? „Den Wagen ganz und gar nicht!“ „Nicht?!“ ⁵ „Hector lief damals gewiß frank und frei um⸗ her,“ ſprach Niklas. Dem Secretair ging endlich ein Licht auf, wen wohl der Schwager unter Hector und Pallas verſtan⸗ den habe. Er ſchämte ſich, ſo widerſinnige Fragen gethan zu haben, und glaubte ſein Verſehen nur da⸗ durch wieder gut machen zu können, wenn er die Tu⸗ genden der vierfüßigen griechiſchen Göttin und des vierfüßigen trojaniſchen Helden aus Leibeskräften her⸗ ausſtrich. Niklas fühlte ſich dadurch ſehr angenehm berührt, und begann eine erſchöpfende hippologiſche Abhandlung, welcher Gamaliel anfangs zwar mit großer Aufmerkſamkeit zuhörte, die ihn endlich aber doch zu umfangreich erſchien. Namentlich ward ſeine Aufmerkſamkeit durch einen Gegenſtand abgelenkt, der allerdings geeignet war, den andächtigſten Zuhörer über Pferdeweisheit abtrünnig zu machen. Als näm⸗ lich der Wagen langſam einer Anhöhe emporfuhr, traten plötzlich zwei mit ſtädtiſcher Anmuth gekleidete Frauenzimmer aus einem hellgrünen Birkenwäldchen, und kamen des Weges daher. Gamaliel machte ſo⸗ gleich die äußerſt richtige Bemerkung, daß die beiden Wanderinnen noch dem jugendlichen Alter angehören müßten, denn die zwei Damen waren Niemand an⸗ ders als Klotilde Morand und des Pfarrers Töchter⸗ lein Hermine, welche ſo eben von einem ländlichen Spaziergange nach dem Schloſſe heimkehrten. Als Klotilde das väterliche Geſchirr und den Ni⸗ klas auf dem Bocke erkannte, blieb ſie ſtehen und die Hand gegen die eben untergehende Sonne haltend, bemühte ſie ſich, des im Wagen Sitzenden anſichtig zu werden, in der Hoffnung, einen auch ihr bekann⸗ ten Freund ihres Vaters zu erblicken. Das Mädchen, um ihre reizende Erſcheinung in die ſchönſte Beleuchtung zu ſtellen, konnte gar keinen glücklicheren Moment treffen, als den, wo Gamaliel an ihr vorüberfuhr. Von den Strahlen der Abend⸗ ſonne zauberhaft umklungen, ſtand ſie in roſenro⸗ ther Verklärung wie der Engel einer ſchönern Welt. Der Secretair des Doctor Eiſenbeiß hatte nur einen Blick auf die himmliſche Erſcheinung am Wege ge⸗ than, und ſeine Ruhe war mit einem Schlage dahin. Er empfand plötzlich einen ſolchen urkräftigen Stich im Herzen, daß er faſt bewußtlos in den Fond zu⸗ rückſank und darüber das Grüßen vergaß, worin ihn doch Niklas mit gutem Beiſpiele voranging. Der Wagenlenker war durch das plötzliche Er⸗ ſcheinen der jungen Gräfin ſelbſt überraſcht, daß er ſein Pferdekapitel mit den Worten ſchloß:„Ja, es iſt was ſchönes um ein tadelloſes Pferd; ich könnte mein Leben dafür laſſen, aber ſo ein ſchmuck Mädchen hat auch ſeine Meriten.“ „Um Gotteswillen,“ ſtammelte der von Schütz Amor rechtskräftig erlegte Gamaliel, ſo er wieder zur Beſinnung kam,„wer war denn das himmliſch reizende Weſen?!“ „Ei kennen Sie unſer ſchönes gnädiges Fräulein nicht,“ ſchmunzelte der Gefragte;„und ſtehen ſo gut mit dem gnädigen Herrn; nicht wahr, das iſt ein Mädel, Bombenelement! und nicht ein Fünkchen Stolz; wir beide ſtehen auf beſtem Fuße; ſie ſpricht nie an⸗ ders zu mir, als„mein guter Niklas.“ Jetzt ward dem Paſſagier ſein Kutſcher ordentlich 106 zu einem Stück heiliger Perſon, da er in der Nähe eines ſolchen Engels wohnte, und überdies mit dem⸗ ſelben, ſeiner Ausſage nach, auf gutem Fuße ſtand⸗ „Ja, wer die einmal bekommt,“ fuhr Niklas red⸗ ſelig fort,„der kann lachen, der braucht keine Hand mehr anzurühren auf dieſer Welt. Man ſchätzt den Alten auf ſeine dreimalhundert Tauſend; zwei Kinder ſind nur da; der gnäd'ge Herr Graf, Gott verleihe ihm ein langes Leben, es iſt der beſte Herr unter der Sonne; aber lange wird er's auch nicht treiben; die Campagnen haben ihn den Knars gegeben, dann iſt Tildchen die reichſte Erbin.“ Niklas büßte ob dieſer letztern Mittheilung, weil ſie den gräflichen Engel blos als reiche Parthie ſchil⸗ derte, und dem Secretair zu egoiſtiſch vorkam, von ſeinem Heiligenſchimmer etwas ein. Gamaliel vefand ſich übrigens in höchſt verzwei⸗ felter Lage. Er hätte ſich mögen den Kopf einſtoßen vor Wuth, wenn nicht das Innere der Kutſche mit weichem Polſter ausgeſchlagen geweſen wäre. Er über⸗ dachte nämlich jetzt ſeine herkuliſche Grobheit, den himmliſchen Seraph, der ſo nah am Wege geſtanden und überdies, wie er ja geſehen, in den Wagen hin⸗ eingeſchaut hatte, nicht gegrüßt zu haben. „Ein ſolch' grobes, ungeſchliffenes Betragen,“ wet⸗ terte er,„iſt ſicher noch nicht dageweſen, ſo lange die Welt ſteht. Was ſoll die gnäd'ge Gräfin von mir denken? Allerdings kann ſie in Betracht ziehen, daß ich ſie nicht gekannt habe; aber als Grobian, als Menſch ohne alle Bildung erſchein' ich ihr immerhin. Ein vernünftiger Mann grüßt jede Dame, mit der er in ſo nahe Berührung kommt, auch wenn er nicht gerade das Glück ihrer nähern Bekanntſchaft genießt. Der Teufel muß in dem verhängnißvollen Augenblicke 107 in mich gefahren ſein, daß ich den Deckel nicht vom Kopfe bringen konnte. Ich bin der höflichſte Menſch in ganz Niederroßla, der jede Creatur grüßt, die von einem Weibe geboren iſt, und werde gleichwohl zum radicalen Grobian, als mir das erſtemal in meinem Leben ein Engel in den Weg tritt.“ Dem Secretair war lange nichts ſo außerm Spaße geweſen, als die Vernachläſſigung, die er ſich gegen die Tochter ſeines Gaſtfreundes hatte zu Schulden kommen laſſen. Die geſchäftige Phantaſie malte ihm ſehr bereit⸗ willig und ausführlich, wie Klotilde bei ihrer Heim⸗ kunft über ſeine Grobheit ausführlichen Bericht ab⸗ ſtatten und in welchem höchſt ungünſtigen und undank⸗ baren Lichte er ſeinen edeln Gaſtgebern erſcheinen müſſe. Er wurde endlich ganz wild ob der unaufgefor⸗ derten Phantaſien, legte ſich in den Fond zurück und mochte von der Welt nichts mehr wiſſen. Der ſtille Frühlingsabend, der warm und duftend herabſank, der himmliſche Abendſtern, der bereits ſchwach über den Abendbergen zu ſchimmern begann, war ihm nichts. Er wollte weder etwas hören noch ſehen, während das Gift von Amors ſcharfem Pfeile in ſeinem Her⸗ zen immer tiefer fraß. Wie übrigens das weiſe Geſchick, ſo über dem Leben und Treiben des Menſchen waltet, es immer ſo einzurichten pflegt, daß jedes Malheur in der Re⸗ gel auch ein Glück im Gefolge hat, ſo bewahrte das dumpfe indolente Hinbrüten, mit welchem der ver⸗ liebte Secretair in der einen Wagenecke lag, ihn vor einem andern Uebel, welches er außerdem nicht min⸗ der ſchmerzlich als ſeine Unhöflichkeit gegen die junge Gräfin empfunden haben würde. Die Straße, auf welcher das muthige Geſpann da⸗ 108 hin brauſte, hatte nämlich zuweilen Dorfſchaften mit lachenden Wirthshausſchildern zu paſſiren. Gamaliel würde es nun in jeder andern Stimmung für uner⸗ läßlich erachtet haben, bei einem dieſer Schilde Halt zu machen und dem Kutſcher einen erquickenden Labe⸗ trunk reichen zu laſſen; denn er war von Natur au⸗ ßerordentlich ſpendabel. In welche Pönitenz würde er aber bei dem Gedanken an ſeine kupferne Baar⸗ ſchaft verſetzt worden ſein! Er hätte wahre Todesangſt ausgeſtanden. Diesmal entging er derſelben, da ſein Inneres ob ſeiner Grobheit noch zu empört und ſein Sinn davon erfüllt war. Die lockenden Schilder flo⸗ gen daher, ohne ihren Zweck zu erreichen, an ſeinem Geſichte vorüber. Gleichwohl ſollte er hinſichtlich ſei⸗ ner fünf Kupferlinge noch eine kurze, aber harte T fung zu beſtehen haben. Das Fuhrwerk mochte ungefähr noch ein Stünd⸗ chen von Niederroßla entfernt ſein, es war unterdeß dunkler geworden, am tiefblauen Himmel leuchteten wunderſchön die Sterne der Frühlingsnacht; doch der Secretair, noch immer voller Groll und Liebe, achtete ihrer nicht; dafür begann ihn ein Stern zu intereſſi⸗ ren, der in geringer Entfernung vor ihm an der Straße plötzlich aufging und einen ziemlich trüben Schein umherwarf. Der Secretair machte alsbald die desperate Entdeckung, daß es die Lampe des Chauſ⸗ ſeehauſes ſei und ein Weiterfahren durch den officiel⸗ len Balken, der ſich quer über die Straße gelegt, unmöglich gemacht werde, ſofern man nicht dritthalb Silbergroſchen Weggeld erlege. Das hatte noch ge⸗ fehlt, um das Maaß von Gamaliel's Mißgeſchick voll zu machen. Wieder fuhr die Hand des Paſſagiers convulſiviſch in die rechte Hoſentaſche und controlirte die Kupferlinge. Die unfruchtbaren Kreuzer hatten —— 109 aber nicht geheckt, es waren nicht mehr und nicht we⸗ niger als in Friedrichshof, nämlich fünf Stück. Gamaliel begriff diesmal wirklich nicht, welch' ein Ende dieſer neue Unfall, an den er nicht im Entfern⸗ teſten gedacht, nehmen werde. Eine Menge Pläne durchzuckten blitzartig ſein fibrirendes Gehirn, einer abenteuerlicher als der andre. Erſt wöllte er ſich ſchlafend ſtellen wie ein Todter, unaufweckbar, trotz alles Rufens von Seiten Niklas und des Gelderein⸗ nehmers, in der Hoffnung, der Schwager werde end⸗ lich ſo viel Conduite bekommen, die Summe, welche ſeine eigenen pecuniären Kräfte überſtieg, zu verlegen. „Aber,“ überlegte er auf der andern Seite,„wenn Niklas in der Hoffnung eines ſplendiden Trinkgelds ſelbſt nichts zu ſich geſteckt hat, ſo wird man alle nur denkbare Belebungsverſuche mit mir vornehmen, man wird kein Mittel unverſucht laſſen, mich in's wache qualvolle Daſein zurück zu rufen; und nach meiner gezwungenen Auferſtehung werde ich um ſo blamirter daſtehen, inſolvent, als Bankeroteur.“ „Beſſer wäre es,“ fuhr er nach einer Paufe fort, während die verwünſchte Chauſſeeſternſchnuppe immer näher kam,„ich entdeckte mich dem Niklas und pumpte ihn an. Der gerade Weg bleibt immer der beſte und das kann einem Prälaten paſſiren, daß er einmal ohne Geld fährt.“ Kaum hatte er dieſen Gedanken gefaßt, als ſchon wieder eine neue Idee gepflogen kam. „Das Gerathenſte unter obwaltenden Unſtänden wäre,“ rieth dieſe,„du ſtiegſt vor dem Chauſſeehauſe aus und liefſt das Stündchen zu Fuße nach der Stadt, während zugleich Niklas und den Roſſen ein tüchtig Stück Weg erſpart würde.“ Dieſe neue Motion, die ſein erfinderiſch Genie 11⁰ aufſtellte, ſchien ihm aller Ueberlegung werth; bevor er ſie jedoch in alle ihre Theile zerlegt und einen jeden derſelben mit Weisheit erwogen, waren Pallas und Hector bereits beim Chauſſeehausſirius und dem Wegbalken angelangt, welcher letztere ſich ſofort auf Niklas ausdrückliches Peitſchengeknall in die Höhe zu leiern begann. Jetzt blieb dem zu Tode erſchrockenen Secretair, der ſich dem Zollhauſe noch gar nicht ſo nahe geglaubt hatte, nichts übrig, als zu dem erſten Mittel ſeine Zuflucht zu nehmen und in einen bärenmäßigen Schlaf zu fallen. Um den Niklas über ſeinen Zuſtand außer allen Zweifel zu ſetzen, begann er ſogar höchſt ver⸗ nehmlich zu ſchnarchen. Dazu hatte er die Augen feſt zugedrückt und mochte ſchlechterdings von nichts mehr wiſſen. Das Schnarren und Krächzen des He⸗ bebaums ging dem Schläfer durch Mark und Bein. Nach ſeiner Berechnung mußte jetzt der Martergalgen die Culminationshöhe erreicht haben, die Paſſage frei und der entſcheidende Moment, nämlich der des Zah⸗ lens, gekommen ſein. Gamaliel rührte ſich nicht und ſchnarchte aus Leibeskräften. Dabei war ſein Ohr wachſam wie ein Eiſenbahnwärter. Er vernahm jetzt, wie Niklas, dem der Hebebaum nicht ſchnell genug ſich erhob, zu fluchen begann. ℳ „Das währt allemal eine Ewigkeit,“ raiſonnirte der gräfliche Wagenlenker,„eh Ihr den verfluchten Balken in die Höhe bringt, wie lange ſoll ich warten?“ „Daß Gott,“ erſeufzte der Secretair,„nun wird Niklas grob; der bedenkt nicht, daß ſein Paſſagier „ zahlungsunfähig iſt; alſo fortgeſchnarcht. „Guten Abend,“ tönte jetzt die Stimme des Gel dereinnehmers aus dem Fenſter herüber. Niklas zog an und das Fuhrwerk brauſte dahin. 11 Der Secretair wußte nicht, wie ihm geſchah, als die Sache ſo in Frieden und beiſpiellos wohlfeil ablief. Erſt nachdem er bereits eine anſehnliche Strecke die Einnahme hinter ſich hatte, wälzte ſich die Felſenlaſt von ſeiner Bruſt, ſein Schnarchen ward leiſer und er begann aus ſeinem Todtenſchlafe zu erwachen. Wenn Gamaliel von dem Fixum, welches der General Morand mit der fürſtlichen Chauſſeeeinnahme hinſichtlich des Weggeldes abgeſchloſſen, gewußt hätte, ſo würde er ſich ſeine Angſt und ſein forcirtes Schnar⸗ chen allerdings haben erſparen können. Niklas, nach⸗ dem er bemerkte, daß ſein Paſſagier aus ſeinem Rie⸗ ſenſchlafe wieder erwacht, ſetzte ihn ſelbſt darüber in Klarheit. Es ſchlug auf der Frauenkirche von Niederroßla gerade halb Neun, als Hector und Pallas, welche den Weg von Friedrichshof nach der Stadt in un⸗ glaublich kurzer Zeit zurückgelegt hatten, durch's Stadt⸗ thor trabten. Siebentes Rapitel. De Schickſalſchläge müſſen hart kommen, bevor der Menſch alle Hoffnung verliert, ſo ſaß auch das Ka⸗ bul'ſche Erbyublikum pünktlich acht Tage nach der Teſtamentseröffnung wieder auf ſeinem Platze im Stadtgericht und hoffte auf das Codicill. Allerdings waren die Erwartungen diesmal gemäßigter. Denn hatte ſich das Teſtament ſchon als taube Nuß erwieſen, was war vom Codicill zu hoffen? Ein Erbe klammert ſich indeß wie der Ertrinkende an einen Strohhalm. 112 Hanno's Uebermuth hatte ſich vollkommen gelegt, ſein Credit war durch die gerichtliche Publication vor acht Tagen, trotz ſeiner Vetterſchaft zur Wittwe Drollinger, außerordentlich erſchüttert worden. Seine Truppe befand ſich in gährender Bewegung; ſein pol⸗ ternder Alter war mit der zärtlichen Mutter bereits bei Nacht und Nebel auf und davon gegangen. Der Heldenſpieler dachte alſo bei der heutigen Seſſion an keine mimiſch⸗plaſtiſchen Abſchweifungen, um den Stadt⸗ richter zu choquiren, ſondern ſaß beſcheiden, wie an⸗ dre vernünftige Menſchen, auf ſeinem Stuhle in banger, zweifelvoller Erwartung der Dinge, die das Codicill mit ſich bringen würde. Ihm blieb, für den Fall der kabuliſtiſche Teſtator in ſeiner ebenſo wun⸗ derlichen als unfruchtbaren Methode zu legiren fort⸗ fuhr, gleichfalls nichts übrig, als den Fußtapfen ſei⸗ nes polternden Alten zu folgen und das kunſtver⸗ wahrloſte Niederroßla bei nächtlicher Weile zu verlaſſen. Frau Urſula, deren Köpfchen ſich ſonſt nach allen Himmelsgegenden bewegte, ſaß gleichfalls, obſchon ſie in einem funkelnagelneuen Häubchen prangte, ziemlich geſetzt auf ihrem Stuhle. Nur von Zeit zu Zeit warf ſie einen Blick nach dem Acceſſiſten, während Gamaliel diesmal weniger von ihr berückſichtigt ward. Auch ihre Erbhoffnung ſtand nur wenige Grade über dem Gefrierpunkte; ſie war daher ihren drei Freiern, dem Spritzen- und Schlauchfabrikanten, dem Gottes⸗ kaſtenvorſteher, ſo wie dem Papiermüller die vergan⸗ gene Woche weit liebenswürdiger vorgekommen als gewöhnlich. Auerhahn hatte ob ſeiner kabuliſtiſch⸗ teſtamentlichen Prophezeihung einen bedeutenden Sieg davon getragen. Vetterlein hoffte, daß der liebe Gott, deſſen wun⸗ derbare Führungen er namentlich auf ſeinen Reiſen ₰ 113 kennen gelernt hatte, einen armen Schulmann im Co⸗ dieille gewiß nicht vergeſſen werde. Der Factor ſchnupfte nachdenklich und Gamaliel, der von dem neugierigen Eiſenbeiß abermals in die teſtamentliche Seſſion getrieben worden war, ſaß, in ſüßen Träumen, in welchen Klotilden's himmliſche Ge⸗ ſtalt auf und niederſchwebte, verſunken, wieder unmit⸗ telbar vor Lagemann. Letztrer war unter allen Erbſchaftlern mit der größten Hoffnung ausgeſtattet. Er gab ſich ganz dem wohlthuenden Gedanken hin, daß der kabuliſtiſche Teſtator im Codicille eiuſehen würde, wie wenig ihm (Lagemann) mit den ſtechenden im Teſtamente ver⸗ machten Inſtrumenten gedient ſei. Ueberhaupt glaubte der Hotelier vor den anweſenden Erben viel voraus zu haben, da ihrer ja mit keinem Worte im Teſta⸗ mente Erwähnung geſchehen, während er namentlich aufgeführt und in Betracht der übrigen Legatare am Brillanteſten weggekommen ſei. Das Intereſſe der Niederroßlaer hatte hinſichtlich der aſiatiſchen Erbſchaft ſeit acht Tagen bedeutend abgenommen. Der Hofmaler galt für einen Narren und Windbeutel, wofür er ſchon früher in Nieder⸗ roßla bekannt war, und Henoch's geographiſche Mit⸗ theilungen ſanken von Tag zu Tag im Werthe. Mit den Erben ward weit geringeres Aufheben gemacht, ihre Freundſchaft weniger geſucht und die Beſuche bei der Wittwe Drollinger erlitten eine ſichtbare Abnahme. Nur Eiſenbeiß meinte kopfſchüttelnd, mit dieſem Te⸗ ſtamente ſei das Lied unmöglich zu Ende. Felicitas ſchien ſo ziemlich Alles vorausgeſehen zu haben und ertrug daher die unfruchtbaren Ergebniſſe der Teſtamentseröffnung mit faſt heiterm Muthe, wel⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 8 14⁴ chen Gamaliel, dem ſo viele Hoffnungen in den Brun⸗ nen gefallen waren, nicht begreifen konnte. Wieder rief der Gerichtsdiener durch die halbge⸗ öffnete Thür:„der Herr Stadtrichter!“ wieder ſchritt Jacoby ernſt grüßend nach dem Seſſionstiſch, wieder entſtand die lautloſe Stille, wieder erhob ſich auf des Stadrichters Wink Kieſewetter und begann zu leſen wie folgt: „Da mir, dem Haſſan⸗ben⸗Mullah, ehedem Bal⸗ thaſar Drollinger genannt, in Betreff meiner Hinter⸗ laſſenſchaft wirklich durch den Sinn gefahren, daß mir außer den Gegenſtänden, wo über ich in meinem Teſtamente bereits verfügt, durch die Güte der Vor⸗ ſehung noch anderweitig Glücksbroſamen verliehen worden, ſo verordne ich— die Geſpanntheit des Erb⸗ publikums erreichte hier einen außerordentlichen Grad — wie folgt: „Erſtens ſollen vom laufenden Jahre an am je⸗ desmaligen Weihnachtsheiligenabend zehn Arme der Stadt Niederroßla ein jeder eine gute Pelzmütze mit Ohrenklappen, desgleichen ein paar Fuchsklauen ſo wie eine Klafter fünfviertelelliges Floßholz, wie ſol⸗ ches auf der Loſſa geflößt wird, erhalten. Die Ver⸗ theilung geſchieht durch die Armenbehörde. Wenn ein Armer das Beneſicium drei Jahre hindurch genoſſen, ſo muß er auf das vierte zum Beſten eines andern Bedürftigen verzichten und hat erſt im fünften Jahre wieder Anſpruch, ſo er nämlich von der Behörde für würdig befunden wird. Die benöthigten Fonds— tauſend holländiſche Dukaten— ſind von der Nie⸗ derroßlaer Armenverſorgungscommiſſion bei Siebecke und Comp. in Hamburg gegen Quittung zu erheben, ſofort hypothekariſch anzulegen und von den Zinſen die betreffende Spende zu beſtreiten. Sollte ſich ein Ueberſchuß herausſtellen, ſo iſt ſolcher zur Verſchö⸗ nerung der freundlichen Promenaden Niederroßla's zu verwenden.“ Bei den Worten„tauſend holländiſche Ducaten“ zuckte es gleich einem galvaniſchen Schlage durch die lebende und mit verhaltenem Athem zuhörende Erb— maſſe. Lagemann war ſo wenig Meiſter ſeiner lei⸗ denſchaftlichen Bewegungen, daß er dem unmittelbar vor ihm ſitzenden Seeretair des Doetor Eiſenbeiß einen heftigen Stoß in die linke Seite verſetzte. Der vorleſende Kieſewetter ſelbſt gerieth bei der bedeutenden Summe einigermaßen aus dem Conzepte; die Brille verſchob ſich auf ſeiner Naſe und er war genöthigt, ſie erſt zurecht zu rücken, bevor er weiter leſen konnte. „Zweitens(lautete es im Kabul'ſchen Codicille) ſellen in den Wintermonaten von Michaelis bis Oſtern zehn anderweitige Arme von Niederroßla allſonn- und feſttäglich eine kräftige und ſchmackhafte Mittagsmahl⸗ zeit(beſtehend aus Suppe, Braten, abwechſelnd mit Fleiſch und Gemüſe) erhalten. Die Auswahl unter den betreffenden Armen wird die Frau Paſtorin, Fe⸗ licitas Drollinger oder deren Nachkommen— hier fühlte Gamaliel wieder Lagemann's Fauſt im Rücken — zu übernehmen die Güte haben. Sollte aber, was mir ſehr leid wäre, weder Madame Drollinger noch irgend Jemand am Leben ſein— hier richteten ſich wohlwollend Aller Blicke und namentlich die von Frau Urſula auf den zeither wenig beachteten Secre⸗ tair, auf deſſen Rücken Lagemann wie ein Trommel⸗ haſe arbeitete, daß ſich Gamaliel, der wie Hiob ge⸗ litten, endlich ſchmerzhaft umwandte und den Magde⸗ burger bat, ſich doch in ſeiner Freude einigermaßen zu moderiren— ſo hat die Niederroßlaer Armenver⸗ ſorgungsbehörde die Auswahl unter den Armen, ſo 8 116 wie die weitere Beſorgung zu übernehmen. Die Spei⸗ ſung ſelbſt wird dem Rathskellerpachter unter der Be⸗ dingung, für gutes und nicht zu theueres Eſſen zu ſorgen, überlaſſen.“ „Der ſelige Herr Vetter,“ raunte hier Lagemann dem mit äußerſter Spannung aufhorchenden Secretair ärgerlich in's Ohr,„bleibt doch ein Schlingel; konnte er nicht der Stadt Magdeburg die Speiſung zuwen⸗ den, allwo ſein ſeil'ger Vater, mein Freund, tagtäglich einkehrte und die Pipen abſchnapſte. Der Kellerwirth wird die Armencommiſſion ſchön barbiren, die Sup⸗ pen will ich ſehen und den Braten, daß Gott erbarm!“ Der Actuarius fuhr fort: „Die benöthigten Fonds— zweitauſend Stück holländiſche Ducaten— ſind von der Niederroßlaer Armenverſorgungsbehörde bei Siebeck und Comp. in Hamburg gegen Quittung zu erheben, ſofort hypo⸗ thekariſch anzulegen und von den Zinſen die betref⸗ fende Spende zu beſtreiten. Sollte ſich ein Ueber⸗ ſchuß herausſtellen, ſo ſoll er zur Verſchönerung der Marienhöhe, von wo man die ſchöne Ausſicht über das Loſſathal genießt und von wo ich oft den Son⸗ nenuntergang bewundert habe, verwendet werden.“ Wie ſüß auch die bedeutenden Geldſummen, welche Erblaſſer bei Siebecke und Comp. in Hamburg de⸗ ponirt hatte, in den Ohren der Erben wiederklangen, da ſie auf ſehr großen Reichthum des verſtorbenen Hofmalers hindeuteten, ſo beklagte man doch, mit Ausnahme Gamaliel's, allgemein, daß Erblaſſer auf Koſten der rechtmäßigen Erben in Betreff des armen Geſindels ſolche Verſchwendung getrieben. Nur die Hoffnung, daß das Codicill ſein Glückshorn auf ſie in einem verhältnißmäßig um ſo höhern Grade aus⸗ ſchütten werde, ließ ihre Mißbilligung nur durch Mur⸗ ren laut werden. Der Heldenſpieler, welchem der Kamm außerordentlich ſchwoll, begann ſich bereits wie⸗ der zu ſtrecken. Unter tauſend Ducaten konnte ihn, in Betracht der Vetterſchaft mit Felicitas, der ſel'ge Hofmaler gar nicht gedacht haben. Das ſtand feſt. Frau Urſula ertheilte im Innern ihren drei Freiern den Abſchied und fühlte unerwartetes Herzklopfen für den jungen ſchönen Secretair des Doctor Eiſenbeiß. Vetterlein lächelte verklärt. Der Factor überlegte im Stillen, während er nachdenklich eine Priſe nahm, ob nicht irgendwo eine Druckerei zu verkaufen, und Lagemann meinte, nachdem das Bettelvolk ſo über⸗ reich bedacht ſei, verhoffe er, daß die Reihe endlich an Leute kommen werde, die mehr Anſpruch hätten. Nur Gamaliel fühlte ſich durch den Gedanken, daß ſeine Mutter eine Wohlthäterin Bedürftiger geworden, ſo glücklich, daß er an ein größeres Glück vor der Hand nicht dachte. „Drittens,“ fuhr Kieſewetter in der Codicillvor⸗ leſung fort,„ſind funfzehnhundert Ducaten bei Sie⸗ becke und Comp. in Hamburg zu dem Zwecke nieder⸗ gelegt, daß von dem Ertrage dieſer Summe dreißig Thaler alljährlich als Prämien unter ſittſame und fleißige Schüler der Stadiſchule von Niederroßla ver⸗ theilt werden. Der Reſt iſt auf ein kleines Feſt zu verwenden, welches alljährlich am Trinitatisfeſte der Schuljugend auf der Schützenwieſe gegeben werden ſoll, und hat die ehrſame Geiſtlichkeit für Erhebung und Anlegung der Summe, ſo wie für Verwendung der Zinſen nach obgedachter Willensmeinung gefälligſt zu verfügen. „In der Hoffnung, daß dieſe meine wohlwollen⸗ den Geſinnungen für Niederroßla's Hülfsbedürftige ſo wie für deſſen Schuljugend freundlich mögen an⸗ 118 erkannt werden und daß der Himmel dieſen meinen letztwilligen Verfügungen ſeinen Segen gebe, iſt auch dieſes in Gegenwart des ehrſamen Kadi Abdullah, ſo wie des nicht minder ehrwürdigen Amini Mekhemed abgefaßte Codicill hiermit geſchloſſen und durch meine Namensunterſchrift bekräftigt.“ Mit dieſen Worten faltete Kieſewetter das Papier, woraus er vorgeleſen, zuſammen, entwarf ein kurzes Protocoll, nach deſſen Mittheilung der Stadtrichter die Sitzung aufhob und das Gerichtszimmer verließ. Die Erbmaſſe ſah ſich ob dieſes ſo unerwarteten und allerdings höchſt troſtloſen Schluſſes gegenſeitig mit offenem Munde und ſtarren Blicken an. Es währte eine geraume Zeit, eh' man ſich in ſo weit erholte, um an ein Aufſtehen und Nachhauſegehen zu denken. Man ſchien ſich gar nicht darein finden zu können, daß die berühmte Erbſchaftsſache ſchon zu Ende ſei. Kieſewetter, der achſelzuckend hervorgetreten war, verhehlte keineswegs, daß er eines ganz andern Ausgangs ſich gewärtig geweſen wäre. Indeß pflege es mit ſolchen fremdländiſchen Teſtamenten in der Regel ſo zu gehen. Eine wahrhaft troſtloſe Figur ſpielte der Schau⸗ ſpieldirector. Seine ganze Geſtalt ſchien unter der Laſt des Mißgeſchicks zuſammen zu brechen. Er mur⸗ melte erſterbend aus Don Carlos:„So herabgeſtürzt aus allen meinen Himmeln!“ Dann erkundigte er ſich bei dem Stadtgerichtsactuar, ob ſolch' ein gottver⸗ geſſenes, ruchloſes Teſtament nicht umzuſtürzen ſei? Kieſewetter zuckte wieder mit den Achſeln und meinte, daß Teſtamenten, in welchen eine pia causa bedacht, nicht gut beizukommen ſei. „Ich werde Alles aufbieten,“ verſetzte Hannv in⸗ grimmig,„dieſes Codicill, welches alle Verwandtſchafts⸗ 149 grade ſo himmelſchreiend mit Füßen tritt, zu ver⸗ nichten. Es kann und darf in unſerm aufgeklärten, gerechtigkeitsliebenden Lande keine Kraft haben. Was kümmert uns die Zeugenſchaft des elenden Mekhemed und wie der andere Eſel heißt; das ſind blinde Hei⸗ den, die den Teufel wiſſen, was Rechtens. Nein, dies Codicill kann nicht gelten; die in Hamburg de⸗ ponirten Summen müſſen unter die rechtskräftigen Erben vertheilt werden. Ich laſſe nicht nach, und ſoll ich bis zum Fürſten gehen,“ hierauf rief er: „Ich muß ſie haben die Stadt Stralſund „Und wär' ſie mit Ketten am Himmel geſchloſſen!“ Während der Heldenſpieler auf dieſe Art radotirte und mit Gewaltſtreichen ſchwanger ging, hatte Frau Urſula ihr Taſchentüchlein hervorgezogen und hielt es zierlich vor die Augen. Sie wußte, daß eine junge hübſche Wittwe in Thränen dem Männerauge eine abſonderlich intereſſante Erſcheinung gewähre. Sogar Kieſewetter, dieſer trockene Actenwurm, konnte ſolchen Anblick nicht ertragen und begann zu tröſten. „Iſt denn wirklich keine Hoffnung, Herr Actuar?“ frug Urſula leiſe, dringend und mit thränendem Auge; „o entziehen Sie einer unglücklichen, in Thränen gebadeten Wittwe Ihren hülfreichen Rath und Bei⸗ ſtand nicht.“ Kieſewetter, der ſich wie ein Zappelmann vorkam, zog von Neuem die Achſeln in die Höhe. Urſula hatte den Heldenſpieler vom Teſtamentum⸗ werfen ſprechen hören. Sie hielt dieſes Mittel für zweckmäßig und weiſe und klopfte deshalb bei Kieſe⸗ wetter an. „Da iſt wenig Hoffnung,“ entgegnete dieſer;„ja wenn die Armenverſorgungsbehörde und die Geiſtlich⸗ keit nicht dahinter ſtäcken, aber wo dieſe beiden Be⸗ 120 hörden im Spiele ſind, da iſt Alles vergebens, die geben nichts heraus und wenn ſich alle Advoecaten der Welt die Köpfe einrennten.“ Das vorgeleſene Codicill hatte auf das Erbpubli⸗ kum einen noch weit ungünſtigern Eindruck hervor⸗ gebracht, als ſelbſt das Teſtament. Dort war doch nur die Rede von geringfügigen Gegenſtänden, die in Betracht der Frachtſpeſen vollends allen Werth verloren; im Codicill hingegen kamen holländiſche Ducaten zur Sprache, die im unfernen Hamburg zu erheben und deren Anmuth und Liebenswürdigkeit man auch in Niederroßla zu ſchätzen wußte. Viertauſend⸗ fünfhundert holländiſche Ducaten hatte der Hofmaler deponirt, welche, wenn ſie unter die ſechs hoffenden Erben, Lagemann inbegriffen, verhältnißmäßig wären vertheilt worden, einem Jeden doch einigermaßen zu⸗ friedengeſtellt haben würden; ſo aber kam die ganze bedeutende Summe einzig und allein den Armen und der Schuljugend zu Gute, ohne daß die geſammte Erbſchaar einen Asper erhielt. „Wenn ich wenigſtens die Abfütterung des Bet⸗ telvolkes erhalten hätte,“ ſprach Lagemann voller In⸗ grimm,„wollt ich nichts ſagen, es wäre Wenig, aber Etwas; der Hofmaler iſt in meinen Augen ein Schuft.“. Gamaliel, der des Magdeburgers Ingrimm ver⸗ nahm, bat ihn, ſich zu moderiren, da er und ſeine Frau Mutter, die doch ſo nahe verwandt wären, ja auch nichts bekommen hätten. Aber Lagemann, der von keinem Bedenken Etwas wiſſen wollte, erwiederte mit Heftigkeit:„Ich nehme mein Wort nicht zurück, der Hofmaler hat als Schuft an mir gehandelt. Wenn ich an der Stelle Ihrer Frau Mutter wäre, ließ ich mir die Suppen- und 121 Bratengelder auszahlen und theilte ſie mit dem hier verſammelten Erbperſonale; es wäre dies zugleich chriſtlich und rathſam, ein wahres Werk der Gerech⸗ tigkeit und Barmherzigkeit; dem Bettelvolke taugt ein guter Fraß ſo nichts, es wird übermüthig, die Poli⸗ zei kommt nicht mehr durch und die Revolution iſt fertig. Ich zahle aus dieſem beherzigenswerthen Grunde auch ſo wenig als möglich Armenſteuer.“ Der Secretair ſchauderte bei Lagemann's Vor⸗ ſchlage und führte ihm das Inmoraliſche deſſelben vor Augen; der Hotelier ſchimpfte aber gottesläſterlich. Er bedauerte nichts mehr, als daß der Erblaſſer bereits verblichen ſei, ſonſt reiſte er mit nächſter Gelegenheit nach Kabul, rückte ihm vor's Quartier und ſchlüge ihn mit jedem Hiebe einen Knochen entzwei. Es ſolle dieſem Himmelſakramenter nicht wieder in den Sinn kommen, ehrliche Leute, Bürger und Hausbeſitzer an der Naſe herumzuführen. Während aber die Erbſchaftler mit höchſt zerſchla⸗ genem Gemüthe aus der Seſſion nach Hauſe zogen und wo ſie hinkamen, überall Betrübniß zur Schau trugen, klärten ſich die Phyſiognomien von zwei ſehr umfangreichen Claſſen der menſchlichen Geſellſchaft in Niederroßla auf, nämlich die der Armen und der Schuljugend. Der Jubel klang durch alle Gaſſen und Häuſer. Jeder der zahlreichen Armen, Krüppel und Lahme ſahen ſich bereits zum nächſten Weihnachtshei⸗ ligenabende in der ſtattlichen Pelzmütze mit wohl⸗ thuenden Ohrenklappen, ſo wie in wintertrotzenden Fuchsklauen einherſchreiten und im traulichen Stüb⸗ chen hinter dem warmen Ofen ſitzen, oder Sonn⸗ und Feiertags ihr gewürziges Süpplein und delicaten Bra⸗ ten ſchmauſen, obſchon nur zwanzig Auserwählten dieſe unverhoffte Wohlthat zu Theil werden konnte. Nichtsdeſtoweniger ſah die geſammte Armenſchaft dem nächſten Winter mit frohem Muthe entgegen und ſeg⸗ nete den edeln Hofmaler Haſſan⸗ben⸗Mullah; zugleich beſchloß ein jeder, der auf das Kabul'ſche Suppen⸗ und Bratenſtipendium Anwartſchaft zu haben ver⸗ meinte, der vielvermögenden Felicitas ſeine Aufwar⸗ tung zu machen, von deren Sanftmuth und Güte man das Beſte erwartete. Die geſammte Schuljugend freute ſich auf das nicht allzuferne Trinitatisfeſt und ließ zu ihres eignen Quartus nicht geringer Betrübniß den Kabul'ſchen Hofmaler hoch leben. Die übrige Bürger- und Einwohnerſchaft konnte die mildthätigen Geſinnungen des Balthaſar Drollin⸗ ger nicht genug loben, obſchon man nicht recht einſah, warum der Kabuliſte ſeine eigne in dürftigen Um⸗ ſtänden lebende Tante nicht mit einem Legate bedacht, da er ihrer doch ausdrücklich im Codicille erwähnt hatte. Die übrigen Erbſchaftler fanden übrigens mit ihren Klagen wenig Anklang in der Stadt, da ihre Erbanſprüche von geringem Belang ſchienen. Lagemann wie Hanno ſahen ſich daher genöthigt, ihren Grimm gegenſeitig gegen einander auszulaſſen. Niemand mochte auf ihre Verwünſchungen hören und Etwas darauf geben. Die Zwei riefen Prennenden Schwefelregen und Höllenbrand auf die Seele des verſtorbenen Erblaſſers herab und wurden zugleich über den ſchwarzen Plan einig, das Codieill umzu⸗ ſtürzen und der Armenverſorgungsbehörde ſo wie dem Clerus die holländiſchen bei Siebecke und Comp. nie⸗ dergelegten Ducaten, wie ſie ſich ausdrückten, aus den Klauen zu rücken. Mit dem Hotelier und dem Heldenſpieler ſympa⸗ thifirte vorzüglich der noch am Leben befindliche Theil 123 der Kabul'ſchen Teſtamentserben; nämlich der Bäcker Breitkvpf, der ſich beim Brotbacken zuweilen noch immer nicht in die geſetzliche Taxe finden konnte und dem daher das Packet Spindenagel nebſt dem ominö⸗ ſen Honigtopfe von Haſſan⸗ben⸗Mullah zugedacht war, und der Armenpfleger Lange, der im Teſtamente für des Spießens würdig erklärt worden war. Die beiden Teſtamentseclauſeln, in welchen der ſo eben genannten zwei Individuen gedacht war, hatten übrigens das Gute, daß man von Polizei wegen dem Bäcker ſtrenger auf's Gewicht ſah und dem harther⸗ zigen Armenpfleger mehr Menſchlichkeit anempfahl. Felicitas, welche nie große Hoffnung auf die Ka⸗ bul'ſche Erbſchaft geſetzt hatte und die nur ihres Ga⸗ maliel wegen es vielleicht gern geſehen hätte, wenn ihr eine kleine Summe zugefloſſen wäre, fühlte ſich durch den ihr im Codicill gewordenen Auftrag, der ihrem mildthätigen Herzen innigſt wohlthat, für die untergegangene Erbhoffnung vollkrmmen entſchädigt. Es gewährte ihr der Gedanke, daß in ihre Hand das Wohl ſo manches Hülfsbedürftigen gegeben ſei, einen beſeligenden Genuß. Die Gute bedachte indeß nicht, welch' ein ſchwieriges und undankbares Geſchäft ihr geworden und der verblichene Erblaſſer hatte daran wahrſcheinlich ſelbſt am Wenigſten gedacht. Bereits am Nachmittag deſſelben Tages, nachdem das Codicill Vormittags war veröffentlicht worden, wimmelte es in dem Stübchen der Wittwe voll zudringlichen und unverſchämten Bettelvolkes, welches ſämmtlich ein jäm⸗ merliches Klaggeſchrei erhob, in der Hoffnung, von Felicitas unter die zehn Sopenßiheuieie auſ men zu werden. Gamaliel, den man ſelbſt auf der Expeditivn des Doctor Eiſenbeiß hatte, führte ein ganzes Rudel Hülfsbedürftiger hinter ſich 12⁴ her, um ſie ſeiner Mutter zu empfehlen. Wie er⸗ ſchrak er aber, als er zu Hauſe ſchon Alles über⸗ füllt fand. Die Wittwe ſuchte endlich die ungebetenen Gäſte dadurch loszuwerden, daß ſie die Namen Aller auf einen Zettel ſchrieb. Sie erklärte hierauf, daß ſie ſich nach den nähern Umſtänden eines Jeden erkundigen und alsdann die Auswahl unter den Bedürftigſten und Würdigſten mit der möglichſten Gewiſſenhaftigkeit treffen würde. Die drei Freier der Frau Urſula hatten in den nächſten Tagen nach Bekanntwerdung des Codicills nicht wenig durch die Launen der jetzt hoffnungslo⸗ ſen Erbin zu leiden; namentlich bekam Henoch als Mitglied der ducatenfreſſenden Armenbehörde einen ſchweren Stand. Auerhahn, welcher ſo eben den tragikomiſchen Aus⸗ gang der Kabul'ſchen Erbangelegenheit erfahren hatte, war ſtehenden Fußes zur Wittwe geeilt, um den Triumph ſeiner Divinationsgabe zu feiern. War doch von je ſeine Rede geweſen, daß ſich Frau Urſula von wegen dieſer fremdländiſchen Erbſchaft vergebens alarmire. Gleichwohl hatte es ihm außerordentlich gefallen, daß der Hofmaler Armuth und Schuljugend ſo großmü⸗ thig bedacht, und er ließ ſich darüber aus. „Das iſt gewiß,“ ſprach er,„ein achtbarer Kerl bleibt der Balthaſar Drollinger; ſolchen Edelmuth hätt' ich ihm nicht zugetraut. Daß für Sie nichts abfiel, Frau Urſula, und für den Lagemann und für den Comödianten, und wie ſie alle heißen, die dar⸗ nach lungerten, das wußt' ich; aber daß der Hof⸗ maler ſo nobel für die Bedürftigen geſorgt hat, das hätt ich mein Seel' nicht geglaubt und das freut mich doppelt.“ Daß ſich Auerhahn durch dergleichen Anſichten und menſchenfreundlichen Bemerkungen bei der Wittwe nicht eben inſinuirte, wird man ohne Betheuerung glauben; Urſula verhehlte auch keineswegs ihren In⸗ grimm und meinte leidenſchaftlich, wenn er ſie nicht beſſer zu unterhalten verſtehe, ſo verzichte ſie recht gern auf ſeine Beſuche und ſeine Unterhaltung. Auerhahn bemerkte, daß er zu weit gegangen, gab als ktuger Feldherr nach und meinte, es ſei ihm au⸗ ßerordentlich lieb, daß Urſula im Kabul'ſchen Teſta⸗ mente übergangen; ſie würde außerdem nur ſtolz und hoffärtig geworden ſein. „Gewiß nicht,“ verſicherte die Wittwe in gemäßig⸗ terem Tone. „Es iſt leichter, daß ein Kameel durch ein Nadel⸗ öhr gehe,“ citirte der Spritzenfabrikant,„als daß ein Reicher in's Himmelreich komme. Reichthum hat nie Gutes gebracht; ich bin für die ſchmucke Wittwe ent⸗ brannt und nicht für ihr Geld; ich würde ſie heira⸗ then, wenn—“ hier that er zur Bekräftigung einen desperaten Schwur—„wenn ihre ſämmtliche Habe in nichts als einem Hemde beſtünde, ja ſelbſt ohne letzteres würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, ihr meine Hand zu bieten.“ Der Gotteskaſtenvorſteher wandte ſich mit Abſcheu ab ob ſolcher unzüchtiger Redensarten und Frau Ur⸗ ſula ſchlug verſchämt die Augen nieder. Auerhahn, dem die Wittwe in ihrer Verſchämtheit und Züchtig⸗ keit doppelt reizend erſchien, breitete die Arme aus und marſchirte ſehr zärtlich auf den Gegenſtand ſeiner Neigung zu. Urſula, die ihn ankommen ſah, flüch⸗ tete kokettirend hinter den gottesfürchtigen Henoch⸗ den ſie beſchwor, ihre Weiblichkeit vor der Zudring⸗ lichkeit Auerhahn's zu ſchützen. Henoch, von dem guten 126 Zwecke begeiſtert, that's und trat mit moraliſchen Apo⸗ ſtrophen dem Spritzen- und Schlauchfabrikanten ent⸗ gegen, wie weiland der Papſt dem Barbarenkönig. Auerhahn, der durch die Flucht der Wittwe nur noch mehr für ihre Reize entflammt ward, ſchob den Sittenprediger mit den Worten:„Ach, hol' Sie der — unſanft auf die Seite und bemächtigte ſich des leicht zu erhaſchenden Gegenſtandes, welcher zu ſchreien begann. Der Gotteskaſtenmann konnte ſolche babylo⸗ niſch⸗ſodomitiſche Greuel, wie er ſich ausdrückte, un⸗ möglich länger mit anſehen; er hielt' für das Beſte, um Frau Urſula's Unſchuld vor den Angriffen Auer⸗ hahn's zu retten, in das Geſchrei der Wittwe tapfer mit einzuſtimmen. Er begann ein wahres Zetermor⸗ dio, ſo daß der unternehmende Liebhaber ſeine Beute, nachdem er ihr einen Kuß auf die Wange gedrückt, fahren ließ und alles Ernſtes den Gotteskaſtler fragte,, ob es mit ihm rapple? Während ſich die Beiden noch über die Grenz⸗ linien des Anſtandes herum disputirten und wie weit ein gebildeter Mann gegen ein anſtändiges Frauen⸗ zimmer gehen dürfe, wälzte ſich der Papiermüller durch die Thüre und ſofort zu Frau Urſula, die ſchmollend am Fenſter ſaß, und die er höchlich bekomplimentirte und begratulirte wegen der Erbſchaft. Als Grimbart bemerkte, wie ſich das Geſicht der Wittwe immer finſtrer ob ſeiner Gratulation verzog, denn Urſula vermeinte, der Papiermüller treibehſeinen Scherz mit ihr, ſo glaubte er, ſeine Beglückwünſchung nicht klar und faßlich vorgetragen zu haben und be⸗ gann daher laut und volltonend:„O du geſegnete Perle des Orients, kabuliſtiſcher Paradiesvogel, Zucker⸗ ſtengel von Afghaniſtan und Generalerbin des groß⸗ mogul'ſchen Hof⸗, Leib- und Magenmalers—“ wo⸗ 127 durch es ihm endlich gelang, die Erzürnte von ihrem Platze am Fenſter vollends zu vertreiben. Auerhahn packte den Gratulanten bei den Schul⸗ tern, ſchüttelte ihn und ſprach:„Papiermüller, jbiſt Du bei Sinnen, treibſt Du Deinen Spott mit Frau Urſula?“ Grimbart wandte ſich um und blickte verdutzt dem Spritzen⸗- und Schlauchfabrikanten in's Geſicht.„Iſt ſie denn nicht der Generalerbe?“ frug er. Es ergab ſich jetzt, daß ein Spaßvogel mit dem leichtgläubigen Papiermüller ſich einen Scherz gemacht und ihm gerade das Gegentheil von dem bberichtet hatte, was das Codicill beſagte. Die Wittwe, obſchon ſie heut keineswegs Urſache hatte, mit ihren Freiern zufrieden zu ſein, war doch politiſch genug, ihren Unmuth nicht gar zu laut wer⸗ den zu laſſen. Sie glaubte ſich vielmehr größern Nutzen zu verſchaffen, wenn ſie ihre Anbeter aus⸗ forſchte, was ſie wohl zu einer Teſtamentsumſtoßung meinten, und ging, was dieſes Kapitel anlangte, ziem⸗ lich unverholen mit der Sprache heraus. Henoch, als Mitglied der Armenverſorgungsbehörde, erſchrak außer⸗ gewöhnlich ob ſolcher dem wohlthätigen Codiecille feind⸗ lichen Geſinnungen; Auerhahn, welcher der Armuth gleichfalls zugethan war, erklärte geradezu den Willen des Hofmalers für unumſtoßbar und verurtheilte im Voraus Jedermänniglich, der es wagen würde, die frevelnde Hand nach ſolchem„geweihten“ Gute aus⸗ zuſtrecken, zur Bezahlung ſämmtlicher Prozeßkoſten. Grimbart, ebenfalls um ſeine Meinung befragt, ſtellte den philoſophiſchen Satz auf, daß Reichthum nicht glücklich mache und Armengut abſonderlich keinen Se⸗ gen bringe. All' dieſe feierlichen Anſichten und Ausſprüche wirk⸗ ten nicht eben roſenfarben auf die Laune der Wittwe, welche ſich jetzt, nachdem eine abermalige Hoffnung (denn auf den unternehmenden Auerhahn hatte Ur⸗ ſula Stücke gebaut) in den Brunnen gefallen war, weniger rückſichtsvoll äußerte. Namentlich war ſie auf den Spritzenfabrikanten aufgebracht, welcher ihr hundertmal Schutz und Trutz zugeſchworen und eidig⸗ lich gelobet, Jedem unwiderruflich Hals und Rück⸗ grat zu brechen, der ihre Rechte zu beeinträchtigen ſich nur entfernt in den Sinn kommen laſſe. Sie konnte jetzt nicht umhin, den Vergeßlichen auf ſpitzige Weiſe auf ſeine Schwüre aufmerkſam zu machen. Auer⸗ hahn, der aber in gewiſſen Dingen keinen Spaß ver⸗ ſtund und vermeinte, wie dem auch war, er ſolle der Wittwe mit Rath und That bei dem Umſturze des Codicills, das er nicht allein für gerecht, ſondern auch für höchſt edelſinnig hielt, behülflich ſein, vergaß ſeine erotiſche Stellung zu Urſula gänzlich und ward grob. Dies hatte noch gefehlt, um der von ihren Freiern ſo wenig unterſtützten Wittwe die Gegenwart ihrer drei Anbeter vollends unerträglich zu machen. Sie erklärte daher geradezu, daß ſie einen Beſuch abzu⸗ ſtatten habe und begab ſich in's Nebenzimmer, um ein Umſchlagetuch umzuwerfen. Der Gotteskaſtenmann verſtand ſogleich den Wink und empfahl ſich. Er be⸗ dachte, daß auch ſeine Gegenwart in der Seſſion der Armenverſorgungsbehörde von Nöthen ſei, um über die ſo erfreuliche kabuliſtiſche Erbſchaftsangelegenheit eines Weitern zu berathen. Auerhahn brummte von Weiberlaunen und ſuchte gleichfalls nach ſeiner Mütze. Nur der Papiermüller, der ſo eben erſt recht gemäch⸗ lich im gewohnten Lehnſtuhl Platz genommen hatte, konnte nicht begreifen, was der urplötzliche Aufbruch ſeiner beiden Nebenbuhler zu bedeuten habe. Im — 4129 Grunde war ihm dieſes Fortgehen nicht unangenehm. Er konnte jetzt um ſo ungeſtörter Frau Urſula an⸗ ſehen und derſelben durch Blicke, mit Worten befaßte er ſich nicht gerne, zu verſtehen geben, wie hoch ſie bei ihm ſtehe. Er erſchrak daher nicht wenig als die Wittib reiſemäßig mit Hut und Unſchlagetuch aus der Seitenthür trat und ihm zu verſtehen gab, daß er Stuhl und Stube zu räumen habe. Das war für Grimbarten viel verlangt. Er war ſo eben nach mancher Beſchwerlichkeit im Hafen der Liebe eingelaufen und hatte im umfriedeten Lehnſtuhl Anker geworfen, und ſollte, kaum warm geworden, bereits wieder aufbrechen. Der Papiermüller ſtellte daher an Frau Urſula die nicht unbillige Propoſition, ſie möge ihn ſitzen laſſen im Polſterſtuhle, bis zu ih⸗ rer Heimkehr; er wolle ſich dafür verbindlich machen, ſeinen Sitz nicht zu verlaſſen; die Blicke nicht wiß⸗ begierig umherſchweifen, ſondern einfältiglich auf ſei⸗ nen gefalteten Händen ruhen zu laſſen. Urſula ſchien ſehr ungehalten ob dieſer Petition und begriff nicht, wie der Papiermüller ſolch unmo⸗ raliſches Verlangen ſtellen könne. Grimbart ſeinerſeits begriff wieder nicht, worin die Immoralität zu ſuchen ſei, wenn man ſo un⸗ ſchuldsvoll wie ein neugeboren Kind eine Zeit lang ruhig in einem Polſterſtuhle ſitze. Es kam hierüber zu einem kleinen philoſophiſchen Disput, wo ſich's denn leider ſehr bald heraus ſtellte, daß der Papier⸗ müller der Dialektik ſeiner Gegnerin nicht gewachſen war. Von den ſchlagenden Gründen der moraliſchen Wittwe immer mehr in die Enge getrieben, hielt es Grimbart endlich für rathſam, ſeinen bequemen Sitz lieber aufzugeben, als ſich länger in unfruchtbaren Theorien mit der dialectiſirenden Frau zu erſchöpfen. Stolte, ſämmt'. Schrifter. Xvll. 9 130 Er ſchob und förderte unter großer Anſtrengung und unter manchem Seufzer ſeinen eignen Leichnam in die Höhe und trat nicht eben mit der zufriedenſten Miene den Rückzug an. „Ein andermal,“ gab ihm Urſula noch den guten Rath auf den Weg,„laßt Euch nicht ſolch albernes Zeug weiß machen, wie heut wegen der Erbſchaft.“ Der Papiermüller, von Natur ſehr gutmüthig, bedankte ſich ob des guten Raths und bewegte ſich dabei langſam aus dem Hauſe, worauf ihm die Wittwe nach einer kleinen Weile folgte. Achtes Rapitel. Der Frühling war in's Land gezogen, ſein blühend Gewand ruhte auf Berg und Thal. In den Wald⸗ bergen ſchlugen die Nachtigallen; Flieder und Akazien ſtanden in reicher Blitthe und wie ein blaues Band zog ſich die Loſſa durch die Landſchaft. In dem Herrenhauſe zu Friedrichshof ſtanden alle Fenſter offen und der Frühling hing reich und ſchwer herein. Blumenduft umzog Schloß und Garten. Im Parke, der unmittelbar an den Garten ſtieß, herrſchte fröhliches Leben. Finken, Grasmücken ſchmetterten um die Wette. Von den Wieſen tönte Glockenklang der Schaaf⸗ und Rinderheerden und von den Bergen erſcholl die Art des rüſtigen Holzhauers. Es war ein wunderſchöner Frühlingsvormittag, als Morand, ſeine Meerſchaumpfeife dampfend, in dem Hauptgange ſeines Parks, welcher einen kühlen und 131 angenehmen Schatten bot, langſam auf und ab wan⸗ delte, oft ſtehen bleibend und mit ſeiner Tochter ſprechend, die ein Buch in der Hand an ſeiner Seite ging. Das Geſpräch des alten Kriegers war nicht ſelten von heftigen Geſtikulativnen begleitet. Hatte er eine Zeit lang geſprochen, dann bedeutete er das Mädchen, daß es weiter leſe; denn er pflegte häufig den Commentar des vorgetragenen Autors abzugeben. Heute war der Alte abſonderlich in Aufregung, der alte Schlachtengott blitzte gewaltig aus dem noch feurigen, von dunkeln Augenbrauen überbuſchten Auge. Klotilde trug aus einer vor Kurzem erſchienenen Ge⸗ ſchichte des großen Jahres Eintauſendachthundertdrei⸗ zehn die Kataſtrophe von Dresden vor, welcher Mo⸗ rand an der Seite des Kaifers in Perſon beige⸗ wohnt hatte. Zuweilen nickte er Beifall, wenn der Verfaſſer treu und wahr erzählte, oft gerieth er in Feuer, wenn die Erinnerung an die heldenkühne Zeit von Neuem vor ſeine Seele trat; doch finſter umzog ſich ſeine Stirn, ſobald der Erzähler ſich parteiiſch zeigte oder gar den Mann des Jahrhunderts in Schatten zu ſtellen wagte. Vater und Tochter waren jetzt zu einer reizend gelegenen Laube gekommen, die am Eingange des Parks gelegen und reich mit blauen und weißen Flie⸗ dertrauben umhangen war. Hier nahm der General Platz, zündete ſich von Neuem den Meerſchaumkopf an, der ihn im Eifer des Geſprächs ausgegangen war, und erſuchte Klotilden, in der Lectüre fortzufahren. Da wurden Schritte im Gange vernehmbar und Victor, welcher ſo eben von Niederroßla zurückkehrte, trat in die Laube. Der General, der bei der Rückkehr des Sohnes eine Zeit lang das Kriegsleben vergaß, erkundigte ꝛ 132 ſich ſogleich nach der Kabulſchen Erbſchaft, worauf Victor Alles mittheilte, was er von dieſer ſeltſamen Begebenheit, welche die Morand'ſche Familie ausneh⸗ mend beſchäftigte, erfahren hatte. Er erzählte erſt von dem Hauptteſtamente und deſſen humoriſtiſchen Legaten, welche dem General zwar ſchon durch Gamaliel be⸗ kannt waren, und alsdann von dem armen⸗ und ſchuljugendfreundlichen Codicille; und wie die Hoff⸗ nung aller derjenigen, welche den meiſten Anſpruch auf die fremdländiſche Hinterlaſſenſchaft zu haben ge⸗ glaubt, gänzlich zu Waſſer geworden wäre. „Wie,“ erkundigte ſich der General verwundert, „auch Felicitas und unſer wackrer Gamaliel find leer ausgegangen?“ „Es ſcheint unglaublich,“ erwiederte Victor,„na⸗ mentlich da der Wittwe Drollinger in dem Codicill ausdrücklich gedacht und ihr die Auswahl derjenigen Armen übertragen iſt, welche künftig geſpeiſt werden ſollen, und gleichwohl iſt es nicht anders. Man wun⸗ dert ſich auch in Riederroßla allgemein darüber und die gute Felicitas wird von Vielen wahrhaft bedauert. Weit mehr als die erbſchaftlichen Verfügungen ſelbſt ſchien dem General indeß die Perſon des Erb⸗ laſſers zu intereſſiren. Er frug daher wiederholt, ob Victor nicht erfahren, wie der Maler nach Kabul ge⸗ kommen ſei, in welchen Verhältniſſen er daſelbſt ge⸗ lebt und ob er verheirathet geweſen oder nicht. „Darüber,“ gab Vietor zur Antwort,„blieb mein Nachforſchen völlig vergeblich.“ Aus dieſem und namentlich aus dem folgenden Geſpräche des Vaters mit dem Sohne, ward ſo ziem⸗ lich deutlich der Grund erſichtlich, warum ſich die Familie Morand in ſolchem Grade für den Kabul'⸗ ſchen Teſtator intereſſirte. Vor einer längern Reihe 133 von Jahren hatte ſich auf dem Schloſſe von Morand's Schwiegervater der romantiſche Fall ereignet, daß ein junger deutſcher Künſtler, der als Portraitmaler eines bedeutenden Rufs genoß, zu dem Zwecke, die freiherr⸗ liche Familie zu portraitiren, eine längere Zeit auf Wildenfels, ſo hieß das Schloß, verlebte, ſich mit al⸗ lem Feuer der Jugend und Schwärmerei des Künſt⸗ lers in die reizende Olivia, die jüngere Schweſter von Morand's nachmaliger Gattin, verliebte. Das Schickſal wollte es, daß die Leidenſchaft des jungen Malers nicht unerwiedert blieb. Da zu einer Ver⸗ bindung bei dem Adelſtolze der Familie nicht die ent⸗ fernteſte Hoffnung vorhanden war, ſo faßte das lie⸗ bende Paar, der allmächtigen Leidenſchaft erliegend, den kühnen Entſchluß, zu fliehen. Sie ſetzten ihr Vorhaben während einer ſtürmiſchen Nacht in's Werk und erreichten unangefochten und wohlbehalten Ham⸗ burg, wo ein Kauffahrteifahrer ſo eben im Begriffe ſtand, nach Oſtindien unter Segel zu gehen. Bal⸗ thaſar hatte ſich Empfehlungsbriefe an den Gouver⸗ neur von Bombay zu verſchaffen gewußt. Bald be⸗ fanden ſich die Flüchtlinge auf offner See. Olivia hatte von Hamburg aus die Ihrigen von ihrem Vor⸗ haben, dem Geliebten ihre Hand zu reichen, in Kenntniß geſetzt. Mehrere ſpätere Schreiben, die aus Oſtindien eintrafen, gaben die Kunde, daß ſich das junge Paar nach dem Ritus der engliſchen Kirche hatte einſegnen laſſen und in recht glücklichen Ver⸗ hältniſſen lebe. Alle Bemühungen von Seiten der Verwandten Olivia's, ſie zur Rückkehr in's Vaterland zu bewegen, blieben erfolglos. Nach ſpätern Nach⸗ richten hatten ſich die jungen Eheleute unter engli⸗ ſchem Schutze nach Kabul, der Hauptſtadt von Afgha⸗ niſtan, begeben, wo Balthaſar am Hofe des Königs 134⁴ als Maler und Heilkünſtler im größten Anſehen ſtand, und bedeutende Reichthümer erwarb. Später⸗ hin aber blieben, da bei dem Seekriege Englands und Frankreichs an eine Correſpondenz mit jenen fer⸗ nen Ländern nicht zu denken war, alle weitern Nach⸗ richten aus und man wußte nicht, was aus Balthaſar und ſeiner jungen Gattin geworden war. Man kann ſich alſo wohl denken, von welchem Intereſſe es für die Morandſſche Familie ſein mußte, als man plötzlich von einem Teſtamente Kunde er⸗ hielt, welches ein deutſcher Hofmaler in Kabul hin⸗ terlaſſen hatte. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Teſtator Niemand anders als der geniale Maler ſein könne, welcher Olivien entführt; auch ſtimmte die humoriſtiſche Abfaſſung der letztwilligen Verfügung ganz mit der eigenthümlichen Art und Weiſe, wie man ſie an dem jungen Maler auf Wildenfels Gele⸗ genheit gehabt kennen zu lernen, vollkommen überein. Daß Herr Haſſan⸗ben⸗Mullah nicht unvermögend geſtorben, ging aus den anſehnlichen Legaten hervor, die er zum Beſten der Armen und der Schuljugend von Niederroßla ausgeſetzt hatte, aber was war aus ſeiner Gattin, der einſt ſo wunderſchönen, lieblichen Olivia geworden? War ſie noch am Leben und in welchen Verhältniſſen lebte ſie, nachdem der Tod ihr denjenigen entriſſen, dem zu Liebe ſie in die ferne, fremde Welt gefolgt war? Olivia, die wegen ihres engelhaften Herzens und ihrer ſtets roſigen Laune allzeit der Liebling ihrer Familie geweſen, ward auch ſpäterhin noch immer von den Ihrigen geliebt, und man nahm das lebhafteſte Intereſſe an dem reizenden Flüchtling. Wären nicht die kriegeriſchen Zeiten da⸗ zwiſchen gekommen, ſo würde man gewiß das Aeußerſte verſucht haben, die Entflohenen zur Heimkehr in's —,——— 135 Vaterland zu bewegen; ſo aber war, wie erwähnt, alle Communication zur See durch den Krieg unmög⸗ lich gemacht. Große Hoffnung, um Näheres über den Teſtator zu erfahren, ſetzten die beiden Morand's auf das Hamburger Haus Siebecke und Comp., bei welchem die anſehnlichen Legate für Niederroßla's Arme und Schuljugend niedergelegt worden waren, und man be⸗ ſchloß ſofort, ſich desfalls mit dem genannten Han⸗ delshauſe in Correſpondenz zu ſetzen. Reuntes Rapitel. Ni hat der Clerus zu Niederroßla, ſo wie die da⸗ ſige Armenverſorgungsbehörde eine Sache mit größerm Eifer angegriffen, als die Kabul'ſche Erbſchaft. Man entwickelte eine Thätigkeit, die ihres Gleichen ſuchte. Gleich in der erſten Conferenz kam man ohne große Debatten dahin überein, den Hamburger Geldlachs in thunlichſter Schnelle in den Hafen von Niederroßla einlaufen zu laſſen. Der Herr Superintendent, wel⸗ cher es vor der Hand dahin geſtellt ſein ließ, ob Teſtator in Kabul als rechtgläubiger proteſtantiſcher Chriſt(ein Caſus, der ihn noch Tags vorher ſchwere Sorge gemacht) geſtorben oder in den Himmel des Propheten Muhamed's eingezogen ſei, hatte ein um⸗ fangreiches, mit Bibelſtellen und Geſangbuchverſen reich verziertes Sendſchreiben an Herrn Siebecke und Comp. in Hamburg aufgeſetzt, das er in der Con⸗ ferenz mit Rührung vortrug und welches ſich des all⸗ 136 gemeinſten Beifalls zu erfreuen hatte. Nur der Stadtrichter ſchien, trotz daß es ſehr fromm in dem apoſtoliſchen Hirtenbriefe herging, die Rührung des Superintendenten und der Verſammlung nicht zu thei⸗ len. Er nahm die Epiſtel mit nach Hauſe, änderte ſie gänzlich um, und gab ſie mit nächſter Gelegenheit nach Hamburg auf die Poſt. Lange ſah man in Niederroßla einer Poſt nicht mit größerem Intereſſe entgegen als der hannöveri⸗ ſchen, welche die Hamburger Briefſchaften überbrachte und die alle Wochen am Donnerſtage eintraf. Den Sonnabend hatte der Stadtrichter den Brief an Sie⸗ becke und Comp. zur Poſt gegeben und wenn das Hamburger Haus unmittelbar wiedergeſchrieben, wie man zu Niederroßla ſicher erwartete, mußte die Ant⸗ wort bereits den nächſten Donnerſtag eintreffen. Je näher der verhängnißvolle Termin rückte, um ſo größer ward die Anzahl der Zweifler. Hat der Hofmaler, hieß es, die rechtmäßigen Erben gefoppt, ſo wird's der Armendirectivn und der Geiſtlichkeit nicht beſſer ergehen. Unter dem zweifelnden Publico ſtanden wieder Lagemann und der Schauſpieler oben an. Die Beiden hatten ihren ſchwarzen Plan, das Teſta⸗ ment umzuſtoßen, ſo lange vertagt, bis ſie auch der Sache gewiß wären, daß es wirklich etwas umzuſto⸗ ßen gebe. Hanno, deſſen Truppe nach und nach in alle Welt gegangen und ſich wie ein treuloſer Bie⸗ nenſtock von ihrem Weiſer getrennt hatte, lebte unter⸗ deß zechfrei bei Lagemann, der blos in dem Falle Zahlung verlangte, wenn dem Heldenſpieler der Um⸗ ſturz des Teſtaments gelänge. Der Magdeburger hatte ſeinen Freundſchaftsbund mit Hanno blos auf die Zeit der erbſchaftlichen Ausgleichung geſchloſſen. Fiel vom Erbſchaftsbaume nichts ab und erwieſen ſich die hoffnungsvollen Blüthen als taub, ſo waren die Beiden geſchiedene Lute. Lagemann hatte das ſeinem Mitſtreiter gegen Kabul im Vertrauen offen⸗ bart und der andre die Sache vollkommen in der Ordnung gefunden. „Vor der Hand,“ hatte der Magdeburger geſtan⸗ den,„iſt meine Liebe zu Euch das Große nicht, denn daß Ihr jeden Tag, den Gott werden läßt, Eure langen Beine in der jetzigen nahrungsloſen Zeit unter meinen Tiſch ſteckt, kann meine Affectivn und Leiden⸗ ſchaft für Euch nicht erhöhen. Bedenkt dies und greift unſere gemeinſchaftliche Sache mit Ernſt an, ich traue Eurer Einſicht und Eurem Geſchick etwas zu; ein Comödiant iſt im Intriguiren geſchickter, als ein andrer ehrlicher Menſch. Erſt wenn Ihr das Teſtament umgeſtoßen habt, ſo daß ein Theil der Ka⸗ bul'ſchen Ducaten in unſre Taſche rollt, fühle ich, daß ich wahrhafte Liebe zu Euch faſſen, ja daß ich Euch inbrünſtig verehren könnte, wohin ich's bis jetzt noch nicht gebracht. Es iſt auch natürlich, jede Liebe will ihren Grund haben.“ Hanno verſprach das Möglichſte. „Der Gedanke an Eure Liebe, Lagemann,“ ſprach er nicht ohne Pathos,„reicht allein hin, mich zu dem Außerordentlichſten zu begeiſtern, ſelbſt wenn mein eigner Vortheil nicht mit im Spiele wäre. Wenn nur,“ fügte er etwas nachdenklicher hinzu,„die Du⸗ caten wirklich vorhanden ſind.“ „Ich glaube doch,“ tröſtete der Hotelier,„obſchon ich öffentlich das Gegentheil behaupte und den Zweif⸗ ler ſpiele Siebecke und Comp. können nicht ganz aus der Luft gegriffen ſein. Freilich,“ fügte er nach einer Pauſe ſeufzend hinzu,„ſollten wir auch dies⸗ mal genarrt ſein, ſo dürfte unſre beiderſeitige Freund⸗ 138 ſchaft einen Stoß erleiden, der nicht ſo leicht wieder ungeſchehen zu machen wäre. Der Mittagstiſch wäre das erſte Opfer, welches fallen müßte.“ „Ich ſehe das ein,“ gab der liberale Hanno zu, „obſchon nach den Lehren aller Jahrhunderte wahre Freundſchaft ſich erſt in der Noth bewährt.“ „Das ſind Uebergelahrtheiten,“ entgegnete Lage⸗ mann,„ausſchweifende bizarre Lehren, die einen recht⸗ ſchaffenen Mann, wie Unſereinen, ruiniren würden. Ich hab' es ſchon geſagt⸗ Liebe und Freundſchaft wollen ihren ſoliden Grund haben; im vorliegenden Falle beſteht dieſer aus Ducaten.“ Der Heldenſpieler recitirte nicht ohne Wehmuth: „Am Golde hängt, Nach Golde drängt Doch Alles.“ „Und iſt auch nicht mehr als recht und billig,“ meinte der Hotelier;„eine von der Natur höchſt ſchätzbare Einrichtung. Vergegenwärtigt Euch einen Menſchen ohne Ducaten und mit Ducaten, welch ein himmelgroßer Unterſchied.“ „Allerdings,“ ſeufzte Hanno, welcher die Wahr⸗ heit dieſes Lagemannſſchen Ausſpruchs an ſeiner eig⸗ nen Perſon in der ganzen Kraft erkannte. „Ihr ſeid jetzt,“ fuhr der Magdeburger, um ſei⸗ nen Ausſpruch gründlich zu motiviren, fort,„ein ver⸗ düſtert Gemüth, welch ein Menſch wäret Ihr z. B. im Beſitze von hundert Ducaten?“ „Sehr wahr,“ geſtand Hanno, tief ergriffen. „Darum,“ ſchloß der Hotelier ſeine Rede mit der Nutzanwendung,„ſpannt Euere Einbildungskraft an, erdenkt Etwas, ein Mittel, einen Ausweg, einen An⸗ griff auf das Codicill, daß wir es umwerfen zu un⸗ ſerm Heile.“ ————— &ne — —— 139 Der Heldenſpieler verſprach ſein Möglichſtes. „Stopft Euch auch den Magen nicht zu voll,“ fügte Lagemann hinzu;„das erſchwert das Denken, und verſchluckt nicht ſo unverantwortlich viel Lager⸗ bier, das rann Euch nicht gedeihen. Ihr umnebelt das Gehirn, unnöthigerweiſe zehrt Ihr mich arm und Euch bringt Ihr um die Gedanken. Mäßigkeit iſt eine löbliche Tugend für Jung und Alt und nament⸗ lich für einen Künſtler, wo Genie die Hauptſache.“ Hanno, welcher alle Urſache hatte, den Magde⸗ burger beim Guten zu erhalten, weil ſonſt ſeine Wohnung und Koſt gefährdet waren, wollte ſeinem Gaſtgeber weiß machen, daß er ſeiner Stimme wegen nicht viel mehr als ein Canarienvogel verzehre. Sein Eſſen ſei nicht der Rede werth. Anſtatt aber durch die vorgebliche Diät Lage⸗ mann zu beruhigen, gerieth dieſer erſt recht in's Feuer.„Ein ſolcher Canarienvogel,“ rief er,„ſoll noch geboren werden; Ihr wolltet unfehlbar einen Strauß oder Lämmergeier als Beiſpiel anführen. Da wollt' ich nichts geſagt haben.“ „Indeß,“ fuhr er ſich ſelbſt beherrſchend fort, „wir wollen uns nicht weiter ereifern; daß Euer Bauch zu den umfangreichſten gehört in ganz Niederroßla, das lehrt die Erfahrung, die vaar Tage werden hof⸗ fentlich zu überſtehen ſein. Mir war's, als ich auf Euern unverwüſtlichen Appetit zu ſprechen kam, auch zunächſt mehr um Euern Geiſt zu thun, von welchem die Erbſchaftserlangung abhängt. Ich bin ja nicht der Mann, der Alles auf die Goldwaage legt. Fallen mir ein paar Schock Ducaten in den Sack, will ich gern vergeſſen, was Euer Minotaurusſchlund meiner Küche für Schaden gethan. Der Donnerſtag wird's entſchei⸗ den, ob ich umſonſt geſtopft habe oder nicht. Wenn 140 eine Vergeltung exiſtirt, ſo kann es dieſe unmöglich zugeben, daß ich Euch ohne Belohnung chriſtlich quartirt und traktirt. Darum hoffe ich immer, der Himmel hilft uns das Codicill zertrümmern und wirft uns ein artig Stück davon zu.“ Die Sonne des berühmten Donnerſtags war end⸗ lich aufgegangen. Lagemann, welcher die Nacht zuvor kauderwelſch Zeng geträumt und ſehr viel auf Träume gab, konnte mit ſich nicht recht in's Klare kommen, ob die verworrenen Traumgebilde auf Glück oder Unglück deuteten. Er blätterte unermüdlich in ſeinem Traumdeuter, dem Peter Waldmann, und zog ſelbſt wiederholt ſeine Ehe- und Bettgenoſſin, Ma⸗ dame Lagemann, zu Rathe. Mit nicht geringer Erwartung hatte der Superin⸗ tendent und Doctor der Theologie, ſo wie die ge⸗ ſammte Armenverſorgungsbehörde ihr Lager verlaſſen; denn heute mußte ſich die große Frage, welche den Niederroßlaern ſo viel Stoff zum Nachdenken gab, entſcheiden; die verhängnißvolle Frage, ob der Ka⸗ bul'ſche Hofmaler und Operateur es ernſtlich im Co⸗ dicill gemeint und die dreitauſendfünfhundert Ducaten wirklich in Hamburg vorhanden wären. DDiejenigen Armen, welche in größter Hoffnung auf das Suppen⸗ und Pelzmützenſtipendium lebten, und ihre Anzahl war nicht gering, wallfahrteten bereits bei früher Tageszeit zum Conſtitutionsthore hinaus, durch welches die hannöverſche Poſt anlangen mußte, um zu erfahren, ob der Vierſpänner, der halb acht Uhr eintraf, wirklich den Kabul'ſchen Erbſack bei ſich führe. Hätte die Stadtſchule nicht bereits um ſieben Uhr ihren Anfang genommen, ſo würde unbezweifelt — 144 auch die bei der Erbmaſſe gleichfalls betheiligte Schul⸗ jugend ſich der Armuth angeſchloſſen und die Pilger⸗ ſchaft angetreten haben. An ihrer Statt ſah man mehre Haus⸗ und Grundbeſitzer, die der Neugier eben ſo wenig zu widerſtehen vermochten, der Poſt entgegen zu wallfahrten und ſich zugleich des ſchönen Frühlingsmorgens zu erfreuen. Endlich ſah man in der Ferne Staub aufwirbelnz vier rüſtig daher trabende Schimmel wurden ſichtbar, hinter welchem unmittelbar die ducatenſchwere Poſt⸗ kutſche rollte. Wie eine Lawine ſchloß ſich die vorausgeeilte Ar⸗ muth dem Wagen an, deſſen nebenher trabende Be⸗ gleitung, je näher das Fuhrwerk dem Stadtthor kam, immer größer wurde. In dem Poſtwagen ſaß nur ein einziger Paſſagier, ein hannöveriſcher Landſtand, welcher auf einer Ferienreiſe begriffen war, um ſich von den landtäglichen Strapazen zu erholen. Das außerhalb einhertrottirende Volk hielt den Poſtinſaſſen für den eigentlichen Teſtamentsexecutor und ermangelte nicht, ihm die gebührende Ehrfurcht durch fortwäh⸗ rendes Grüßen und Mützenſchwenken an den Tag zu legen. Der Landſtand, welcher dieſe unverhoffte Hul⸗ digung ſeiner parlamentariſchen Berühmtheit zu Gute hielt, obſchon er während der ganzen Seſſion keine zehn Worte von ſich gegeben, dankte gerührt. Der Poſtillon begriff gar nicht, was dieſe feier⸗ liche Einholung, die ihm in Niederroßla nie vorge⸗ kommen war, zu bedeuten habe. Er bekam allmälig ſelbſt den höchſten Reſpect vor ſeinem Paſſagier, den er für einen im Incognito reiſenden Prinzen oder ſonſtigen Potentaten hielt. In der Hoffnung eines um ſo ſplendidern Trinkgelds trieb er die Roſſe zu größerer Eile an, ſo daß das nebenher keuchende Publikum kaum nachzukommen vermochte. Von Zeit zu Zeit tönte dem rothkragigen Wagen⸗ lenker das Wort Ducaten in's Ohr; dies beſtärkte ihn nur mehr in ſeinem erfreulichen Verdachte. End⸗ lich ſchlug, weil ſich das Wort„Ducaten“ zu oft wiederholte, ein Gedankenblitz durch ſein Gehirn, daß er unfehlbar Rothſchild in eigner Perſon kut⸗ ſchiere, und er trieb, von dieſem Gedanken begeiſtert, die Roſſe zu außerordentlichem Trabe an, daß die nebenan galoppirende Armuth und jugendliche Gaſſen⸗ vevölkerung alsbald wie mürber Zunder, wie reife Birnen und Pflaumen abfielen und zurückblieben. Im Poſthauſe hatte ſich unterdeß der Herr Su⸗ perintendent und ein Comité der Armenverſorgungs⸗ behörde eingefunden, welche erwartungsvoll der An⸗ kunft der gebenedeiten hannöverſchen Poſt entgegen ſahen. Lagemann trank bereits in dem der Poſt ge⸗ genüberliegenden Liqueurladen den ſiebenten Bittern, um ſich für alle Fälle zu ſatteln und allen großen Ereigniſſen gefaßt entgegen ſehen zu können. Endlich raſſelte der hoffnungsreiche Poſtillon mit ſeinem hannöverſchen Landſtande vor und ward von einem Volkshaufen, der ſich vor dem Poſthauſe ver⸗ ſammelt hatte, jubelnd empfangen. Das Landtagslicht gerieth jetzt in nicht geringe Verlegenheit. Es be⸗ fürchtete, die Magiſtraten der Stadt würden ihn un⸗ fehlbar mit wohlgewählten Redensarten bekomplimen⸗ tiren. Beredtſamfeit ſelber aber war nie diejenige Eigenſchaft, womit ihn die Mutter Natur reichlich begabt hatte. Er verdankte dieſer Vernachläſſigung unfehlbar ſeine Wahl zum hannöverſchen Landtagsab⸗ geordneten, und er beſchloß daher, ein nobles Incog⸗ nito zu beobachten, indem er ſich ſo tief wie möglich in die Ecke des Wagens zurückbog, ſo daß er von der ſchau⸗ und ducatenluſtigen Menge nicht mehr ge⸗ ſehen werden konnte. Letztere, welche nicht anders vermeint hatte, als der Hamburger Teſtamentsexecutor, für dieſen ward der Landſtand allgemein gehalten, werde bei der Poſt ausſteigen und goldſtreuend auf- und niederwandeln, ward ziemlich ungehalten, als der Fremde weder etwas von ſich hören noch ſehen ließ, auch würde man unfehlbar ſeinen Unmuth noch lauter zu erkennen gegeben haben, wenn nicht das Perrückenhaupt des Superintendenten ſo wie die Habichtsnaſe des zum Armencomité gehörigen Viceconſuls, welche beide Por⸗ traits am Poſtfenſter ſichtbar wurden, die loyalen Niederroßlaer in den Schranken der Geſetzmäßigkeit gehalten hätten. Die Büſten der beiden hohen No⸗ tabilitäten nahmen alsbald in noch erhöhterm Grade das Intereſſe des vor der Poſt verſammelten Publi⸗ kums in Anſpruch, da man bemerkte, wie ſich die bei⸗ den Profils, nämlich das des Superintendenten und das des Viceconſuls, die ſich gegenſeitig anſaben, auffallend verfinſterten. Bald darauf erſchien der Po⸗ ſtillon mit noch weit finſtererm Geſichte als das der beiden hohen Häupter und begann die Pferde, welche auf der Station gewechſelt wurden, auszuſpannen. Er hatte nämlich aus dem Paſſagierbuche erſehen, daß er keineswegs Rothſchild, ſondern einen ſimpeln Herrn Gundelfinger aus Buptehude gefahren, welcher auch nicht die geringſte Anſtalt zu irgend einem Trinkgelde treffe. Weit gerechtere Urſache zur Betrübniß hatten aber der Herr Superintendent und die verehrliche Armen⸗ behörde, denn Herr Siebecke und Comp. hatte weder geantwortet noch die Kabul'ſchen Ducaten geſchickt. Der Doctor der Theologie ſah ſich in die traurige Nothwendigkeit verſetzt, ſeine nächſte Predigt total umzuändern, denn er hatte in vielen Stellen unver⸗ holen auf die menſchenfreundlichen Geſinnungen des ſeligen Hofmalers angeſpielt. Mit Blitzesſchnelle verbreitete ſich das Gerücht von der zu Waſſer gewordenen Erbſchaft in Niederroßla. Lagemann traf die Todesbotſchaft gerade, als er bis zum zehnten Bittern vorgerückt war. Ihm ward im erſten Augenblicke ſo unwohl, daß er ſich niederſetzen mußte und kein Wort hervorzubringen vermochte. Erſt nach und nach ſtellte ſich der Redefluß wieder ein und ergoß ſich in einen wahren Strom von Ver⸗ wünſchungen über den todten Hofmaler. Der Mag⸗ deburger ward diesmal von vielen Seiten auf das Kräftigſte unterſtützt, namentlich ließ es die Pelzmützen beraubte Armuth an weidlichem Schimpfen nicht fehlen. Der hannöverſche Landſtand, in welchem man vor wenig Minuten noch einen glückbringenden Engel Gabriel frohlockend begrüßt, erhielt gleichfalls ſein ge⸗ meſſen Theil von dem allgemeinen Unwillen. Bei ſeiner Einfahrt ein Gegenſtand der Freude und des Entzückens, begleitete ihn Haß und Verfolgung bei der Ausfahrt. Unter Schimpfen und Schreien der getäuſchten Schuljugend rollte der Buxtehuder durch's Thor.⸗ „Ich habe jetzt den Beweis in Händen,“ ſprach er zu ſich, als ihm Niederroßla ein Stück im Rücken lag,„daß in der Welt nichts wankelmüthiger iſt als Volksgunſt, und werde bei der nächſten landtäglichen Seſſivn nicht ermangeln, darauf hinzudeuten. Bei meiner Ankunft ward ich vergöttert und zum Ab⸗ ſchiede fehlte nicht viel, man hätte mich geſteinigt. O bethörtes Volk!“ 145 In Niederroßla ſelbſt bedurfte es einer geraumen Zeit, bevor ſich die Gemüther beruhigten. Daß die ſo erquickende und erwärmende Ausſicht auf Suppen, Braten, Holz, Fuchsklauen und Pelzmützen zu Grunde gegangen, erregte großes Herzeleid; ſelbſt der Herr Superintendent und Doctor der Theologie kehrte äußerſt tiefſinnig nach ſeiner Wohnung zurück. Mit dem Comité der Armenbehörde war ein Gleiches der Fall. Der Zorn gegen den Hofmaler erreichte den höch⸗ ſten Grad. Einige fanatiſche Bettelweiber waren nicht übel gewillt, nach Kabul aufzubrechen und das Grab⸗ mal des Verſtorbenen zu zerſtören und zu verunreinigen. Binnen vierundzwanzig Stunden hatte ſich indeß die Aufregung in ſo weit gelegt, daß man es nicht mehr der Mühe werth hielt, den betrügeriſchen Haſ⸗ ſan⸗ben⸗Mullah in den Mund zu nehmen. Die rach⸗ luſtige Frauenſchaar hatte in Betracht ihrer ſchlecht⸗ beſtellten Beſchuhung gleichfalls ihre kabuliſtiſchen Rei⸗ ſepläne auf günſtigere Zeiten verſchoben und Alles trat in Niederroßla in das gewohnte Bett der Unter⸗ haltung zurück. Von dem Hofmaler war bald keine Rede mehr. Man hatte die ganze Zeit daher zu viel über ihn geſprochen und war es endlich überdrüßig geworden, hauptſächlich da die ganze Erbangelegenheit ein ſo ſchmähliches Ende genommen. Gleichwohl war die Kabul'ſche Erbangelegenheit noch nicht zu Ende, ſondern ſollte erſt recht ihren Anfang nehmen und Niederroßla mehr denn je in außerordentliche Aufregung verſetzen. Stolle, ſämmtl. Schriften. XVI. 10 146 Zehntes Rapitel. Es war drei Tage ſpäter, als ſich in den Straßen Niederroßla's eine ſeit den letzten Kriegsjahren nicht geſehene Erſcheinung blicken ließ, nämlich ein reiten⸗ der Poſtbote, welcher vom Thore direct ſeinen Weg nach der Wohnung des Stadtrichters nahm, woſelbſt er abſtieg und mit einem gewichtigen Felleiſen unter'm Arme bei Jacoby eintrat. Die Nachricht von dieſem außerordentlichen Er⸗ eigniß verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle in der Stadt. Alles ſteckte die Köpfe zuſammen und man munkelte ſonderbare Dinge. Vergeſſene Geſchichten vom Hof⸗ maler und Kabul kamen wieder zum Vorſchein. Man erſchöpfte ſich in Vermuthungen. Hauptſächlich war der ſchwere Mantelſack der Staffette der Gegenſtand allgemeinen Nachdenkens. Die Spannung in Niederroßla erreichte indeß den höchſten Grad, als man ungefähr ein halb Stündchen nach Ankunft des berittenen Fremdlings den Herrn Superintendenten ſchwitzend nach dem Hauſe Jacoby's eilen ſah, mehre Deputirte der Armencommiſſion, ſo wie das Gerichtsperſonal eilten gleichfalls herbei. Es fand eine Conferenz ſtatt, die faſt zwei Stunden währte und welche die Niederroßlaer, weil ſie nichts davon erfuhren, zur Verzweiflung brachte. Lagemann, zu welchem die Kunde am Erſten ge⸗ drungen, konnte es in ſeiner Behauſung nicht länger aushalten; eine Unruhe ſondergleichen hatte ſich ſeines ganzen Weſens bemächtigt. Er mußte fort, in's Freie, friſche Luft ſchöpfen. Er war eben im Be⸗ ——2 griffe, dieſen Vorſatz in Ausführung zu bringen, als Hanno, welchet in Folge der zu Grunde gegangenen Erbſchaft bereits ſeit zwölf Stunden gefaſtet hatte, athemlos durch die Thüre und ihm in die Arme ſtürzte. „Sie ſind da!“ waren die einzigen Worte, die der Heldenſpieler zu ſtammeln vermochte. Der Hotelier packte den Künſtler krampfhaft und frug gleichfalls athemlos:„Um's Himmelswillen, wer denn?“ „Die Ducaten!“ ſtöhnte Hanno und ſank erſchöpft in einen Seſſel. Lagemann faltete andächtig die Hände.„Ich ſehe,“ ſprach er,„der Himmel will's, daß ich Euch nicht umſonſt gefüttert habe.“ „Und daß ich nicht verhungere!“ „Erzählt, ich beſchwöre,“ rief der Magdeburger. Hanno, bei dem der Appetit alle andern Intereſſen verdrängte, erwiederte:„Erſt etwas Maſſives, etwas Schinken, oder Preßwurſt, kalten Braten, was da iſ Lagemann eilte ſelbſt in die Küche und trug auf, ſo viel der Tiſch zu tragen vermochte. Dann faßte er neben dem eſſenden Schauſpieler Poſto, dieſer ſollte jetzt Ausführliches mittheilen, aber Hanno brauchte ſeine Sprachwerkzeuge zu nützlichern Angelegenheiten für ſeinen Magen. Er aß unbeſchreiblich und ſah den auf Kohlen ſitzenden Hotelier blos kauend an. Lagemann rutſchte verzweiflungsvoll auf und nie⸗ der. Da er ſah, daß der hungernde Hanno an kein Aufhören dachte, überkam ihn die Reue, ſo reichlich aufgetragen zu haben, und er wollte eine Schüſſel nach der andern wieder hinwegtragen. Der Künſtler duldete dies indeß nicht, und umklammerte ſo viel Speiſebehälter, als ihm möglich war. Dabei ſchüttete er unermüdlich neue Nahrung ſeinen Freßwerlzeugen 10* 148 zum Zermalmen vor, ohne daß Lagemann ein Wort aus dem Eſſer herauszubringen vermochte. „Ihr müßt wahrhaft vom Freßkrampfe befallen ſein,“ meinte endlich der Magdeburger,„ein ſolcher Appetit iſt mir bei einem vernünftigen Menſchen noch nicht vorgekommen.“ „Nur wenig Geduld,“ preßte der Heldenſpieler ziemlich unarticulirt hervor, denn ſein Rachen, der einem Amalgamirwerke glich, ward nicht leer und an eine verſtehbare Rede nicht zu denken. Dabei ſäbelte er von Neuem ein ſolch unüberſehbar Stück von dem Schinken los, daß Lagemann die Haare zu Berge ſtiegen. „Mich muß der Leibhaftige geplagt haben,“ ſprach er für ſich,„dieſem Belial meine halbe Vorraths⸗ kammer vorgeſetzt zu haben. Es geſchah in der erſten freudigen Ueberraſchung; ich fange an zu argwohnen, das unerſättliche Tigerthier hatte es nur auf einen fetten Imbiß abgeſehen, und frißt ſich wie die Rie⸗ ſenſchlange bei mir auf ſechs Wochen voll.“ Als der Heldenſpieler ununterbrochen fortaß, ohne ſeinem harrenden und verlangenden Gaſtgeber die geringſten Notizen wegen der Kabul'ſchen Ducaten mitzutheilen, ward Lagemann wuthig. Er wollte wenigſtens die Schinkenſchüſſel vor neuen Angriffen in Sicherheit bringen und faßte darnach, aber Hanno fuhr ſo desperat und mordfunkelnden Auges mit dem ſcharfen Meſſer nach der zugreifenden Fauſt, daß der Magdeburger ſeine Rechte ſchleunigſt zurückzog und die Schüſſel unangetaſtet ließ. „Der Kerl iſt gar kein Menſch mehr,“ dachte e ſchaudernd bei ſich,„der mordet wegen einer Kalbs⸗ keule. Mit Strenge iſt hier nichts auszurichten, ich glaube, dieſe Hyäne iſt im Stande und ſieht mich, — „— — — 149 ſo ich ihr Etwas aus den Zähnen rücke, in ihrer Eßbrunſt für einen leibhaftigen Schinken an und ſchnei⸗ det mich lebendigen Leibes an. Ich muß ſehen, daß ich den Vielfraß auf gütlichem Wege beikomme.“ „Aber ſagt mir um aller Heiligen Willen, lieber Hanno,“ begann Lagemann,„hat denn Euer werth⸗ geſchätzter Magen nicht bald genug?“ Der Heldenſpieler, welcher ſo sben einen Schin⸗ kenknochen mit Rieſenkraft zerknackte und ſich mit Wolluſt des nährenden Markes bemächtigte, ſchüttelte den Kopf. „Das muß ich geſtehn,“ fuhr Lagemann fort,„ich wollte alle bezahlenden Gäſte, die bei mir einkehrten, erfreuten ſich eines ſo umfangreichen Magens und ge⸗ ſegneten Appetites. Ich wäre ein reicher Mann.“ „Glaub's,“ verſetzte wieder höchſt unverſtändlich Hannv. „Wie, glaub's?“ frug der Magdeburger,„aber bei Euch muß ich zum armen Manne werden, wenn Ihr Eurer Freßraſerei nicht bald Einhalt thut.“ Dieſe Worte mochten dem Heldenſpieler keiner Antwort werth ſcheinen, denn er erwiederte nichts darauf und aß. Lagemann hielt's jetzt nicht länger aus, er ſprang auf und lief verzweifelnd die Stube auf und ab. Hanno'n ſtörte dies nicht. Obſchon ſich der Magdeburger vorgenommen, ſein Unglück mit Faſſung und als Mann zu tragen und den Meſſerbewaffneten nicht weiter zu reizen, ſo konnte er es doch nicht über ſich gewinnen, an den uner⸗ müdlichen Freſſer die ſpitze Frage zu richten,„ob er wohl ein Hamſter ſei, der für die Wintermonate eintrage?“ Als der Heldenſpieler auch dieſe Anfrage keiner 150 Berückſichtigung für nöthig erachtete, lief Lagemann die Galle vollends über. Er beabſichtigte einen neuen Angriff auf die noch ziemlich unberührte Schüſſel mit Schweinsknöchelchen. Dieſe hatte ſich aber der Künſt⸗ ler expreß zum Deſſert auserſehen. Als gewandter Fechter entdeckte er ſogleich des Magdeburgers böſen Angriffsplan. Dieſer faßte nämlich in einiger Ent⸗ fernung förmlich Poſto, um als Lämmergeier auf die Schweinsknöchelchen herabzuſtoßen und ſie mit ſammt der Schüſſel in den Lüften davon zu führen. Hanno war im Abſchlagen von dergleichen Angriffen nicht unbewandert. Als daher Lagemann auf die Schüſſel Charge machte, pflanzte der Künſtler kaltblütig ſeine meſſerbewaffnete Rechte wie ein Bajonnet auf dem be⸗ drohten Punkte auf, und ließ den Feind nicht zu⸗ greifen. Der Magdeburger mußte ſich wüthend zurück⸗ ziehen; Hanno aß ruhig weiter, das bedrohte Außen⸗ werk war vor der Hand gerettet. Der unglückliche Hotelier, welcher von Neuem zornvoll das Zimmer auf und abrannte, drohte end⸗ lich mit Magiſtrat, Polizei und Nachtwächtern. Er beſchuldigte den Heldenſpieler geradezu eines Attentats auf ſeine Perſon. „Mordanfall im eignen Logis,“ ſprach er,„wird, glaub' ich, doppelt hart geſtraft. Es iſt ein großer Unterſchied, ob man im Freien oder im Hauſe an⸗ gefallen wird.“ Der Eſſer bekümmerte ſich wenig um dergleichen juriſtiſche Admonitionen. Er ſtand ſo eben bei den Schweinsknöchelchen, in deren Zermalmen ſein Gebiß wieder Gelegenheit fand, ſich in all ſeiner Gediegen⸗ heit und Energie zu zeigen. Lagemann, der verzweiflungsvoll hinter dem Eſſer auf und nieder ſtieg und dabei wüthende Blicke nach 15¹ den bereits geleerten Schüſſeln und Tellern ſchoß, konnte, als er auch die Schweinsknöchelchen in dem Schlunde des Künſtlers verſchwinden ſah, ſeines Arms nicht länger Meiſter werden und gab im Vorbeigehen dem ungebetenen Gaſte mit dem linken Ellenbogen einen herzhaften Puff, worauf er einen unverzüglichen Sprung that, in der Furcht, der gepuffte Eſſer könne ſich raſch umwenden. Dieſer aber, viel zu ſehr mit ſeinem Miniſterium des Vordern beſchäftigt, beküm⸗ merte ſich wenig um die angegriffene Rückſeite, wo er weder Mund noch Schlund beſaß, und duldete ge⸗ laſſen Lagemann's Unbill. Letztrer, als er gewahrte, wie ihm ſeine Handlungsweiſe ſo für voll ausging, bekam Muth, auf dem betretenen Wege fortzufahren. Er defilirte leis auftretend abermals bei Hanno's Rücken vorbei und carambulirte denſelben diesmal mit dem rechten Ellenbogen. Er wußte in dem diesma⸗ ligen Stoße ſeinen Ingrimm ganz beſonders zu mar⸗ kiren. Der Eßkünſtler nahm auch dieſe zweite Affront gelaſſen hin. Vielleicht dachte er, daß dergleichen Er⸗ ſchütterungen der Verdauung zuträglich ſeien. Sobald man ein Vergehen nicht beſtraft, wird der Verbrecher in der Regel verwegener. Dies war auch bei Lagemann der Fall. Er ließ es bald nicht bei einem Puffe mehr bewenden, ſondern duplirte und triplirte; und als Hanno, noch immer mit den Schweinsknöchelchen beſchäftigt, ſchlechterdings an keine Vertheidigung dachte, ſo arbeitete er endlich als Hof⸗ pauker mit beiden Fäuſten auf dem breiten Rücken des Heldenſpielers umher, ſeine Wirbel zuweilen durch urkräftige Knieſtöße unterſtützend. Dieſes Lagemann'ſche Pedalconzert ward aber dem Heldenſpieler, zumal er am Ende des Deſſerts ſtand und ſein Appetit geſtillt war, und da die Stöße per⸗ — petuirlich auf diejenige Stelle von des Künſtlers leib⸗ lichen Gegenden berechnet waren, wo das Rückgrat ſein Ende erreichte, endlich ſtörend. Er wandte ſich um und drohte dem zurückprallenden Muſikus mit einem Schinkenknochen, deſſen Fleiſchmaſſen er bereits ſeinen Verdauungswerkzeugen überliefert hatte. Da der Magdeburger nicht zu erreichen war, ſo begnügte ſich Hanno mit einem Lufthiebe. Zugleich ſagte er: „ſatt wären wir.“ Lagemann's Ingrimm legte ſich ſichtbar, als er vernahm, der Vielfraß habe die Sprache wieder er⸗ halten. Er bemühte ſich, den Verluſt, welchen er durch den beiſpielloſen Appetit des Künſtlers erlitten, nach Kräften zu verſchmerzen, und kam näher. Der geſättigte Hanno war ein ganz anderer Menſch als der hungernde und eſſende. Er kam dem Hote⸗ lier ordentlich liebenswürdig vor. „So vernehmt das Außerordentliche,“ begann er, indem er ſich behaglich den Bauch ſtrich, und mit einem ſelbſt geſchnitzten Zahnſtocher die Ueberbleibſel der Mahlzeit aus den verſchiednen Felsſpalten und Schluchten ſeines Gebiſſes zu Tage förderte,„es hat ſeine Richtigkeit mit dem Hofmaler.“ „Und die Ducaten?“ fiel Lagemann haſtig ein. „Liegen ſauber gerollt und gepackt beim Stadt⸗ richter.“ „Und ſollen wirklich dem Pöbel und der Schul⸗ brut zum Opfer fallen?“ „Laut Codieill allerdings.“ „Ich hoffe, Hanno, Ihr habt mich nicht umſonſt arm gefreſſen und verhelft mir zu dem Meinigen durch Euern anſchläglichen Kopf.“ „Ich habe gedacht, ich denke und werde denken,“ conjugirte der Heldenſpieler. „Das iſt rechtſchaffen, aber das Reſultat Eures Gedachten und derzeitigen Denkens?“ „Geht dahin, daß wir auf gerichtlichem Wege dem Codicille nicht beikommen.“ „Mich rührt der Schlag, was nützt mir's da, Euern unergründlichen Magen wie einen Torniſter geſtopft zu haben?“ „Ich denke doch.“ „So? Erklärt Euch faßlicher.“ „Allerdings iſt dann erforderlich, daß wir von dem Gedanken ausgehen, die Kabul'ſchen Ducaten ge⸗ hören uns als rechtmäßigen Erben.“ „Wer zweifelt daran, wir haben doch zehnmal größres Recht, als der Pöbel und die Schulbuben.“ „Dann müſſen wir uns ſelbſt helfen,“ „Unbeſtritten, ſelber iſt der Mann.“ „Aber, Lagemann, es gehört Muth dazu und Geiſtesgegenwart.“ „Muth? Hm! Nun ſo viel wird ſich ſchon noch erübrigen laſſen, um zu unſerm Eigenthum zu ge⸗ langen.“ „Schlägt mein Plan fehl, ſo ſpazieren wir beide — wißt Ihr wohin?“ „Nun wohin denn?“ „In's Zuchthaus!“ „Gehorſamer Diener, ich bedank' mich ſchönſtens.“ „Ich danke auch, darum, denke ich, iſt das Beſte—“ „Wir laſſen die Sache ihren Gang gehen, die Ka⸗ bul'ſchen Ducaten ſcheinen uns einmal nicht beſtimmt.“ „Vielfraß, wenn Ihr nichts Beſſeres auscaleulirt habt, reut mich der Biſſen Brot, den Ihr bei mir verſchlungen. So viel konnt' ich allenfalls ſelber aus⸗ difteliren.“ 15⁴ Hanno verfiel hier plötzlich in Schweigen und ſtrich ſich den Bauch, welche Manipulation ihm wohlzu⸗ thun ſchien. Lagemann ſchaute höchſt ärgerlich dieſem Beginnen zu. „Ihr wollt wohl. Eure guten Gedanken aus dem Bauche ſtreichen,“ frug er,„da wird freilich nicht viel Geſcheutes herauskommen, obſchon, dem Appetit nach zu ſchließen, Euer Magen in vortrefflichem Zu⸗ ſtande ſich befinden muß. Doch daß wir nicht eins in's andere reden, iſt denn Euer Mittel, der Ducaten habhaft zu werden, wirklich ſo desperat, daß große Gefahr dabei vorhanden?“ „Es iſt nicht anders,“ gab Hanno zur Antwort, „um unſers Eigenthums habhaft zu werden, bleibt nichts übrig, als daß—“ „Nun, als daß—“ erkundigte ſich der Hotelier angelegentlich. „Aber, Lagemann, ſo ein Wort über Eure Lippen—“ Lagemann ſchwur aus Leibeskräften.. „Aber Eure Schwüre,“ zweifelte der Heldenſpieler, „kann ich darauf bauen? Lagemann, wenn Ihr ein Räuſchchen habt, pflegt Ihr nicht zu wiſſen, was Ihr ſprecht.“ Der Magdeburger begann ſich jetzt zu vermaledeien, daß weder im berauſchten noch nüchternen Zuſtande Jemand ein Wort erfahren ſolle. „Wohlan,“ hub nun Hanno geheimnißvoll an, „um zu unſerm Eigenthume zu gelangen, bleibt nichts übrig, als daß—“ hier ſtockte der Sprecher aber⸗ mals und wollte mit der Sprache nicht heraus. „So ſprecht doch, zum Satan,“ drängte Lage⸗ mann,„ich bin auf Alles gefaßt.“ „Es bleibt nichts übrig,“ fuhr der andre fort, 155 „als daß wir uns der Ducaten auf— verſteht mich wohl— auf directem Wege verſichern.“ „Damit bin ich vollkommen einverſtanden,“ ver⸗ ſetzte der Hotelier,„der gerade Weg bleibt der beſte.“ Vertrauungsvoller fuhr der Heldenſpieler fort: „Wir müſſen uns unſeres Eigenthums verſichern, ohne daß Jemand groß davon erfährt, ſo ganz in der Stille.“ „Es iſt dies eine edle Beſcheidenheit, die uns kein Menſch verargen wird,“ meinte Lagemann. „Wo möglich in nächtlicher Stille,“ fügte Hanno bei. „Ein guter Zweck nimmt auf keine Tageszeit Rückſicht,“ verſetzte der Magdeburger. „Ich ſehe, daß Ihr einen anſchläglichen Kopf habt,“ ſprach der andre weiter,„alſo rund heraus.“ „Rund heraus,“ munterte Lagemann auf. „Wir müſſen die Kabul'ſchen Ducaten— ſtehlen.“ „Hm,“ erwiederte der Hotelier, der ein derglei⸗ chen moraliſches Mittel geahnt zu haben ſchien,„ſteh⸗ len wollt' ich es nicht nennen, wenn wir unſer Ei⸗ genthum auf geheimnißvolle Weiſe in Beſitz nehmen.“ „Allerdings,“ geſtand Hanno,„der Ausdruck iſt etwas bizarr.“ „Es iſt eine vollkommen rechtmäßige Handlung, obſchon ſie der kurzſichtigen Welt anders erſcheinen dürfte.“ „Unſer Recht iſt ſo lauter wie Gold,“ ſprach der Künſtler,„daß es die Gerichte nicht anerkennen, was können wir dafür?“ „Aber— aber—“ begann jetzt Lagemann mit einem ſchweren Seufzer. Hanno erkundigte ſich nach der Urſache des Seufzers. „Wenn wir erwiſcht werden.“ „Freilich, erwiſchen dürfen wir uns nicht laſſen.“ „Hanno, die Sache will überlegt ſein.“ „Das will ſie, allerdings.“ „Das Riſico iſt ungehener.“ „Der Lohn nicht minder.“ „Ich wäre ruinirt auf Lebenszeit,“ fuhr der Ho⸗ telier fort,„bin Bürger und Hausbeſitzer und ſtehe auf dem Sprunge, Stadtverordneter zu werden.“ „Mit dieſer Charge,“ meinte Hanno,„würde ſich allerdings unſer gerechtes Vorhaben in Betracht der rückſichtsloſen Welt wenig vereinbaren.“ Lagemann ward immer bedenklicher. Endlich klopfte er bei Hanno an, ob dieſer nicht allein das Wagniß auf ſich nehmen wollte. Seine(Lagemann's) Dank⸗ barkeit würde ungeheuer ſein. Die Beiden ſaßen noch lange über dieſem wichti⸗ gen Kapitel bei einander. Der böſe Wille war da, aber der erforderliche Muth fehlte. — Eilftes Rapitel. Des Schickſal hatte es gewollt, daß die Bewohner von Niederroßla durch die Kabul'ſche Erbfrage zum dritten und letzten Male aufgerüttelt werden ſollten und zwar diesmal auf eine Art und Weiſe, bei wel⸗ cher weder die Pelzmützen und Fuchsklauen bedürftige Armuth, noch das Haupt der Stadt, der geſtrenge Herr Bürgermeiſter Sebaſtian Flaminius, ſo wie die geſammte Senatorenſchaft gleichgültig zu bleiben ver⸗ mochten. Die Herren Siebecke und Comp., bei welchen die im Kabul ſchen Codicille erwähnte Ducatenſumme vom Hofmaler wirklich niedergelegt worden war, hatten es für ſicherer erachtet, beſagte Summe nicht durch die hannöver'ſche Poſt, ſondern durch einen expreſſen Bo⸗ ten nach Niederroßla gelangen zu laſſen. Dieſer be⸗ deutenden Geldſendung lag aber noch eine anderweitige teſtamentariſche Verfügung bei, die vom Erblaſſer wenige Tage vor ſeinem Dahinſcheiden ſelbſt aufge⸗ ſetzt worden war und dem Wunſche des Verfaſſers gemäß durch den Stadtrichter, nach vorhergängiger gerichtlicher Vorladung, den betreffenden Erben mitge⸗ theilt werden ſollte. Alſo während noch die beiden Biedermänner Hanno und Lagemann mit dem moraliſchen Unternehmen ſchwanger gingen, ſich ihres rechtmäßigen Eigenthums, wie ſie es nannten, auf möglichſt geräuſchloſe Art zu verſichern, erſchien im Wochenblatte von Seiten des Stadtrichters eine abermalige Vorladung an die Drol⸗ linger'ſchen Erben, ſich an Gerichtsſtelle einzufinden und der Eröffnung eines anderweitigen Codicills ge⸗ wärtig ſein. Wie nach einem warmen Frühlingsregen, ſo ho⸗ ben ſich die zeither geſunkenen Häupter der Drollin⸗ gerſſchen Erbſchaar wieder empor. Selbſt der Helden⸗ ſpieler und der Magdeburger faßten für den Fall, daß ſie im zweiten Codicill rechtſchaffen bedacht wären, den hochherzigen Entſchluß, ihren geräuſchloſen Plan aufzugeben. Bereits nach drei Tagen ſaß Jedermann wieder hoffnungsreicher denn je auf ſeinem gewohnten Platze im Stadtgericht; Frau Urſula im nagelneuen Häub⸗ chen, ihre wohlwollenden Blicke zwiſchen dem umgit⸗ terten Acceſſiſten und Gamaliel theilend. Hanno ſtreckte ſich ſichtbar und Lagemann ſaß kampfbereit 158 hinter dem Secretair, entweder ſeine Freude oder ſein Leidweſen auf jenes Rücken laut werden zu laſſen. Abermals ſteckte der Gerichtsdiener den Kopf durch die halbgeöffnete Thür und rief:„der Herr Stadt⸗ richter,“ und ſo wie letztrer auf ſeinem Stuhle Platz genommen, und einige einleitende Worte vorangeſchickt hatte, begann auf ſeinen Wink Kieſewetter zu leſen wie folgt: „Da ſich nach Abſendung der drei Ducatenſäck⸗ lein an Siebecke und Comp. in Hamburg in meiner Hinterlaſſenſchaft noch einige Activa vorgefunden, und ich dieſelben gern nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen an den Mann gebracht wünſchte, ſo iſt mein Wille, daß ſelbige allen ſolchen Perſonen in Niederroßla zu Gute gehen, welche, wenn auch im entfernten Grade, mit mir eine Verwandtſchaft nachzuweiſen im Stande find.“ Als wenn der heilige Geiſt ſein Licht über die Erbſchaftler ausgegoſſen, ſaßen bei dieſen Worten des Actuarius Kieſewetter ſämmtliche Auditores mit leuch⸗ tendem Antlitz da; es fehlten nur die üblichen Flämm⸗ chen über den Köpfen. Lagemann ſelbſt war ſo er⸗ griffen, daß er ſeine höchliche Ueberraſchung dem Se⸗ eretair durch einen freundſchaftlichen Puff mitzutheilen vergaß, wie ſonſt ſeine Art war. Seine Hand war gelähmt, ſein Mund ſtand offen. „Demnach,“ fuhr Kieſewetter fort,„iſt mein Wille und Gebot, daß Felicitas Drollinger, meine nicht ge⸗ nug zu verehrende Frau Tante, als General- oder Univerſalerbin ſuccedire. Sollte ſie ſich bereits an dem⸗ jenigen Orte befinden, wohin ſie eigentlich gehört, nämlich im Himmel, ſo folgt ihr Ehemann und ihre Nachkommenſchaft im Erbſchaftsrechte.“ Jetzt wandte ſich die lebendige Erbmaſſe mit einem 150 Rucke nach dem Seecretair um, während ihn Lage⸗ mann von hinten krampfhaft anbohrte, ſo daß Ga⸗ maliel vor Seelenfreudigkeit und Rückenſchmerz aus der Haut zu fahren vermeinte. „Felicitas Drollinger,“ hieß es im Codicille weiter, „erbt aus meiner hinterlaſſenen Baarſchaft die Summe von achttauſend holländiſchen Ducaten unter nachſte⸗ henden Bedingungen, wovon die erſte unerläßlich iſt. „Erſtens: Sie ſendet einen ihrer Söhne, wo möglich den Erſtgebornen, den jungen Gamaliel, in Perſon nach Kabul, damit er die Erbſchaft erhebe. Die erforderlichen Gelder zur bequemen und anſtän⸗ digen Hin⸗ und Zurückreiſe wird ihm Herr Siebecke und Cpmp. in Hamburg aushändigen. Sollte jedoch keiner meiner Herren Couſins am Leben ſein, oder denſelben, was ich nicht hoffen will, die erforderliche Courage abgehen, ſo muß leider meine gute Tante mit einem Abfindungsquantum von der Hälfte der Erbſumme vorlieb nehmen, die ihr gegen Quittung von dem oft erwähnten Hamburger Hauſe ſofort aus⸗ gezahlt werden ſoll. „Zweitens: Sollte jedoch Herr Gamaliel oder einer ſeiner Brüder den erforderlichen Muth in ſich verſpüren, die allerdings etwas langwierige Reiſe an⸗ zutreten, ſo ſollen ihm die achttauſend bei den Ge⸗ richten zu Kabul deponirten Ducaten ungeſchmälert ausgezahlt werden. Dafür bürgt ſowohl die Gerech⸗ tigkeitstiebe des afghaniſtiſchen Volkscharakters, ſo wie der noble Sinn des Königs, wie auch die Garantie des engliſchen Conſulats. Iſt aber der Herr Neveu mit den Goldſäcken Afghaniſtans glücklich in Nieder⸗ roßla wieder eingetroffen, ſo ſtelle ich als zweite Be⸗ dingung, daß ſich Frau Felicitas Drollinger, wo mög⸗ lich das ein Stündchen von der Stadt freundlich 160 zwiſchen den Bergen gelegene Gütchen Siebeneichen ankauft und den rechten Flügel, deſſen Fenſter nach dem Buchenwalde hinausgehen, zur behaglichen Woh⸗ nung für eine oder zwei Perſonen einrichtet. Wenn es die Verhältniſſe geſtatten, ſo ſoll ſie wo möglich ſelbſt nach Siebeneichen ziehen. Da wird ſich eines Tags ein junger Wanderer einfinden und einen Brief von mir vorzeigen. Dieſen Wandrer ſoll ſie freund⸗ lich aufnehmen, bewirthen und beherbergen, ſo lange, bis ſpäter vielleicht noch Jemand dazu ſich findet. Uebrigens hat ſich Herr Gamaliel Drollinger oder derjenige ſeiner Brüder, der die Reiſe nach Kabul anzutreten geſonnen iſt, innerhalb acht Tagen beim Stadtgericht zu Niederroßla zu melden und ſeine des⸗ falſige Entſchließung abzugeben.“ Der ſonſt ſo beſcheidene und ſchüchterne Secretair erhob ſich jetzt mit leuchtendem Antlitz:„ein Wort ſo viel als tauſend, ich reiſe!“ rief er mit großer Ent⸗ ſchiedenheit. „Bravo!“ munterte Lagemann auf,„ich fahre mit; Ihr ſeid dann billig und tretet fünf Prozent von der Erbſchaft ab, für die Gefahr; das Waſſer hat keine Balken, man kann caput gehen.“ Die Erbſchaftsmaſſe blickte mit unglaublichem In⸗ tereſſe bald auf Gamaliel, der noch immer helden⸗ kühn daſtand, bald auf Kieſewettern; nach Letzterm in der Hoffnung, ob nach dem reichen Segen der Feli⸗ eitas nicht auch für ſie etwas Erkleckliches vom Erb⸗ ſchaftsbaume abfallen werde. Der Actuar aber bedeutete vor der Hand Gama⸗ malieln, daß er ſeinen Entſchluß ſchriftlich beim Stadtgericht einzureichen habe. Der Secretair ſetzte ſich und ward von Lagemann angetrommelt.„Es bleibt bei den fünf Prozent;“ 161 raunte letzterer,„Ihr dürft Euch dem treuloſen Meere allein nicht anvertrauen. Ein Begleiter iſt unerläßlich, ich habe Erfahrung mit fremden Völkern umzugehen, ward im letzten Kriege mit den Koſacken immer am Beſten fertig.“ Kieſewetter las weiter: „Ferner leben noch in freundlicher Erinnerung aus meiner Knabenzeit zu Niederroßla die Muhme Sigismunde, eine geborne Seekrebs—“ „Das war meine Frau,“ rief hier Hanno auffah⸗ rend, ſo lang er war;„ſie ſtarb als mein rechtmäßig Eheweib, ich kann den Todtenſchein beibringen von Mutter und Tochter.“ Der Actuarius winkte, und gab pantomimiſch zu verſtehen, daß dergleichen Erklärungen hierher nicht gehörten, und fuhr fort: „Sollte ſich beſagte Sigismunde Seekrebs bei Er⸗ öffnung dieſer letztwilligen Verfügung noch unter den Lebenden befinden, ſo erhält ſie durch dieſes mein Codieill das Recht, einen Vertrauten nach Kabul zu ſenden und die ihr beſtimmten fünfhundert Stück Du⸗ caten in Empfang zu nehmen. Die Koſten der Hin⸗ und Zurückreiſe ſind vermöge eines Atteſtes des Stadt⸗ raths zu Niederroßla gleichfalls bei Siebecke und Comp. zu erheben.“ „Als rechtmäßiger Erbe meiner Frau,“ ſprach der Heldenſpieler zu ſich,„kann mir die in Kabul de⸗ ponirte Summe nicht entgehen; ſie iſt freilich ein wahrer Pappenſtiel gegen das Erbtheil der Felicitas, aber in meinen Verhältniſſen nicht zu verachten, ſelbſt wenn ich mich den Gefahren der Seereiſe ausſetze.“ Herr Hanno bedachte freilich nicht, daß die Worte des Codicills:„ſollte ſich beſagte Sigismunde Seekrebs bei Eröffnung dieſer letztwilligen Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 11 162 Verfügung noch unter den Lebenden befin⸗ den,“ auf ſeine Perſon durchaus keine Anwendung zuließen. Nichtsdeſtoweniger ward der Künſtler von ſeinem zeitherigen Cumpan und erbſchaftlichen Schickſals⸗ und Leidensgenoſſen Lagemann wahrhaft beneidet. „Da ſieht man,“ reflectirte dieſer,„wie das Schick⸗ ſal ungerecht waltet; dieſer Hanno, den ich gefüttert und logirt, deſſen Herz voll iſt von allerhand ſchwar⸗ zen Ränken und Schwänken, deſſen Tugend gegen die meinige gar nicht in Betracht kommen kann, dieſer Menſch erbſchaftet und weiß gar nicht, wie er dazu kommt, während ich noch immer am bloßen Hoff⸗ nungsknochen nage und mir die Zähne lahm kaue. Freilich wenn ich fünf Frauen gehabt, wovon ich drei zu Tode geärgert und zwei mir davon gelaufen, könnt' ich vielleicht auch Ducaten erben; ſo hab' ich mich zeitlebens mit einer Einzigen begnügt, von der es, obſchon ſie ſchlecht ſieht und ſchwer hört, noch jetzt nicht den Anſchein hat, als ob ſie der liebe Herrgott zu ſich nehmen wollte; die Grümpler ſind einmal ein unverwüſtliches Geſchlecht.“ Während Lagemann dergleichen unerfreuliche Be⸗ trachtungen anſtellte, fiel abermals ein goldner Apfel vom Kabul'ſchen Erbſchaftsbaume einem der anweſen⸗ den Aſpiranten in den Schvoß, und zwar einem, bei dem man es am Wenigſten erwartet hätte, näm⸗ lich dem langen blaßen, hagern Factor Süßmilch, für deſſen Wohlfahrt ſich der Hofmaler wahrhaft zu in⸗ tereſſiren ſchien. Der Drucker war nur ſehr entfernt mit Erblaſſern verwandt, aber die beiden waren Schulnachbarn geweſen und Balthaſat verdankte ſeinen erſten Zeichnenunterricht, durch den er ſpäter hauptſäch⸗ lich ſein Glück begründete, dem jungen Süßmilch, der ——— 163 ſich auf die uneigennützigſte Weiſe ſeines lernbegieri⸗ gen Schülers angenommen, welcher ihm ſpäter aller⸗ dings über den Kopf wuchs. Dies hatte der Hof⸗ maler nicht vergeſſen und dem Factor tauſend Duca⸗ ten ausgeſetzt, jedoch unter derſelben Bedingung, daß er ſie perſönlich in Kabul erhebe, wozu ihm die er⸗ forderlichen Reiſegelder bei Siebecke und Comp. in Hamburg angewieſen waren. Man hatte nie Herrn Süßmilch eine ſo beiſpiel⸗ loſe Priſe nehmen ſehen, als bei Nennung ſeines Namens und der tauſend Ducaten. Weniger ſchien ihm das perſönliche Erſcheinen zu behagen, denn dem Factor war das Waſſer als ein eben ſo unſicheres wie falſches Element bekannt. Der Actuarius ſchüttelte rüſtig weiter, in Folge welcher Anſtrengung endlich auch für Frau Urſula und den Magiſter Vetterlein, für jeden Theil fünf⸗ hundert Ducaten abfiel en, jedoch ebenfalls unter der Bedingung der Selbſterhebung; der Wittib war es nachgelaſſen, einen Mandatar zu ſchicken, aber Vet⸗ terlein ſollte, wie die übrigen Legatare, nach Aſien. Noch immer ſaß entt mit klopfendem Herzen und geſpitzten Ohren hinter dem begüterten Gamaliel und lauſchte, ob bei dem geſegneten Mannaregen ſein dürſtend Gebiet endlich nicht auch befruchtet werde, als Kieſewetter folgendermaßen zu leſen fortfuhr: „Jetzt wüßte ich nicht, mit wem ich in Nieder⸗ roßla irgend noch verwandt oder wem ich ſonſt eine Erkenntlichkeit ſchuldig wäre—“ ob ſolcher unver⸗ S Vergeßlichkeit ſeufzte Lagemann außer⸗ ordentlich. „Ich ſinne und ſinne, aber vergebens,“ hieß es im Teſtamente weiter. Der Wirth zur Stadt Magdeburg ſtöhnte laut 164⁴ und vernehmlich, gleichſam als wolle er dem Teſtator ſeine im Codicill vergeſſene Perſon in's Gedächtniß rufen. „Demnach mag, fuhr der teſtirende Hofmaler fort, der noch verbleibende Reſt meines baaren Vermögens, ungefähr in zweitauſend Ducaten beſtehend, einer An⸗ zahl braver aber hülfsbedürftiger Familien in Kabul, welcher Stadt ich den größten Theil meiner zeitlichen Habe verdanke, durch gleichmäßige Vertheilung zu Gute kommen und habe ich die desfallſigen Verfü⸗ gungen bei dem ehrwürdigen Mekemeh Doſt⸗Raya hier⸗ ſelbſt niedergelegt.“ Sämmtliche Erben fanden das nur recht und bil⸗ lig, nur Hannv und Frau Urſula, welche ihr Erb⸗ theil durch die kabuliſtiſche Armuth auf unverantwort⸗ liche Weiſe geſchmälert glaubten, ſchienen ſehr unzu⸗ frieden damit. „Das Bettelvolk in Europa und Aſien,“ brummte der Heldenſpieler,„ſcheint dem Hofmaler doch aus⸗ nehmend am Herzen zu liegen, unſtreitig aus ehema⸗ liger Verwandtſchaft; aber wie kommen die rechtmä⸗ ßigen Erben dazu? Ich werde deshalb bei einem Rechtskundigen Nachfrage halten.“ Kieſewetter fuhr im Codicille leſend fort: „So wäre denn über meine ſämmtliche Baarſchaft nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen verfügt; meine lie⸗ gende Habe, über die ich, nach den hier beſtehenden Geſetzen, nach meinem Tode nicht verfügen kann, fällt dem ſtädtiſchen Fiskus anheim. Was meine Mobiliar-Hinterlaſſenſchaft anlangt, ſo hat ein be⸗ ſonders bei den Gerichtsbehörden zu Kabul niederge⸗ legtes Codieill beſtimmt; ſämmtliches bewegliches Ver⸗ mögen wird an den Meiſtbietenden verkauft und der Ertrag dem Ermeſſen der Magiſtratsbehörden gemäß 163 zum Beſten milder Stiftungen anheimgeſtellt. Nur über einen Gegenſtand von Werth hab' ich mir freie Dispoſition vorbehalten. Dieſer Gegenſtand be⸗ ſteht in einem drei Fuß langen Krokodille von gediegenem Golde, mit großem Fleiße von dem erſten Goldſchmiede Kabuls gearbeitt. Ich hatte dieſes ſeltene, an Werth auf dreitauſend Ducaten geſchätzte Kunſtwerk den Derwiſchen der Abdallah⸗Moſchee für den Fall zugeſichert, wenn es ihnen durch ihr Gebet gelänge, mich von meiner letzten langwierigen Krank⸗ heit zu befreien und mir die Geſundheit wieder zu geben. Da nun mein Tod bewieſen, daß ihr Gebet nichts gefruchtet, ſo haben jene Derwiſche auch auf das Krokodill keinen weitern Anſpruch und es iſt da⸗ her mein Wille, daß dieſes ſauber gearbeitete Thier dem kunſtſinnigen Magiſtrate meiner Vaterſtadt Nie⸗ derroßla zu Gute komme und zwar auf dieſe Art, daß der Herr Bürgermeiſter ein Drittel und die übri⸗ gen Senatoren zwei Dritttheile des goldenen Unge⸗ heuers percipiren. Es ſoll zum Nutzen und From⸗ men eines hochweiſen Raths geſchlachtet, das heißt, wenn ſich kein Käufer findet, eingeſchmolzen und par⸗ zellirt werden. Zugleich ſtelle ich aber hierbei noch die unerläßliche Bedingung, daß der hochweiſe Rath zu Niederroßla ein Membrum aus ſeiner Mitte wähle, welches das Thier in Perſon in Kabul in Empfang nimmt und nach Hauſe geleitet. Wäre dies nicht der Fall, ſo würden dennoch die Derwiſche ſuccediren. Auch iſt ein hochweiſer Rath gehalten, die Reiſe⸗ und Transportkoſten aus eignen Mitteln zu beſtreiten, da Herr Siebecke und Comp. in Hamburg hierzu mit den erforderlichen Fonds nicht verſehen iſt. „Hiermit geſchieht mein letzter Wille und ich bitte zu Gott, daß den diverſen Erben das ihnen zuge⸗ 166 dachte Erbtheil, ſo wie dem hochweiſen Rathe von Niederroßla das Krokodill recht wohl bekommen möge. „Kabul, den 8. des Moharem des Jahres... der Hedgira. Haſſan⸗ben⸗Mullah, Hofmaler.“ Der ſonſt ſo ernſte Stadtrichter konnte ſich bei dem Krokodillvermächtniß wiederum eines Lächeln nicht enthalten, während die Erben, Gamaliel ausgenom⸗ men, den Magiſtrat um das goldne Thier von Her⸗ zen beneideten. Lagemann befand ſich in troſtloſer Desperation. „Wenn mir der Hofmaler,“ ſprach er,„wenig⸗ ſtens einen goldnen Sperling oder eine Art Fleder⸗ maus oder ſo was vermacht, ich hätte die Liebe ge⸗ ſehen; die Beſtie, wenn ſie maſſiv, war doch ihre funfzig Ducaten unter Brüdern werth. Ein ſo un⸗ dankbares hofmalendes Gemüth, das des beſten Freun⸗ des ſeines Vaters nicht gedenkt, während er dem Rathe höchſt überflüſſiger Weiſe ein ganzes Krokodill in den Rachen ſchiebt, iſt mir noch gar nicht vorge⸗ kommen. Ich wünſchte, dieſer goldne Racker verſänke im Meere, wo es am Tiefſten und das Erbſchafts⸗ heer dazu.“ In dieſem Augenblicke beſann er ſich aber, daß er wegen der fünf Prozente ſelbſt mitfahren wolle; er nahm ſeinen übereilten Wunſch zurück und be⸗ ſchäftigte ſich vor der Hand mit dem glückſeligen Ga⸗ maliel, der am Ziele aller ſeiner Wünſche ſtand, und welchem er ſich fortwährend als Reiſecumpan aufdrang. Der Seeretair, der über eine ſo wichtige Angele⸗ genheit ohne ſeine Mutter nicht ſogleich ein Pactum abſchließen, in der Freude ſeines Herzens auch dem Hotelier keine abſchlägige Antwort geben wollte, ſagte: 167 „Aber Herr Lagemann, Ihre Wirthſchaft, Ihr ange⸗ brachtes Geſchäft, bedenken Sie!“ „Iſt meine Sache,“ fiel der Magdeburger eifrig ein,„ohne mich geht's fort, die Nahrung iſt jetzt 8 Große nicht, meine Frau verricht's. Da Sie mir zehn Prozent der Erbſchaft gewähren, hoff' ich den Schaden ertragen zu können; bekomme überdies die Welt zu ſehen und mache Erfahrung Um letzteres iſt mir's eigentlich, nach Gelde ſteht mein Sinn we⸗ niger; Geld macht nicht glücklich, aber Erfahrung, Bildung, Weltſchau.“ Der Secretair erſchrak, als Lagemann von den zehn Prozenten wie von einer ausgemachten Sache ſprach. Er gab nicht ohne Befangenheit zu bedenken, daß er zuvor doch mit ſeiner Frau Mutter, als der eigentlichen Erbin, wegen der gewünſchten Tantieme und der Mitfahrt Rückſprache nehmen müſſe. Lagemann erklärte dies für überflüſſig. „Ihre Frau Mutter,“ ſprach er,„wird Gott dan⸗ ken, wenn ein erfahrner Mann für ſo Billiges Sie begleitet, ſo mutterſeelallein können und dürfen wir Sie nicht fort laſſen. Von Niederroßla bis Kabul iſt kein Katzenſprung, fragen Sie Henoch, der hat es ſchwarz auf weiß. Die Reiſe iſt nicht ohne Gefahr; in Aſien iſt die Polizei nicht ſo auf den Beinen wie bei uns; man hat einen Schnitt in die Kehle, einen Strick am Halſe, ohne daß man weiß, woher er eigentlich kommt; die Aſiten befitzen hierin Fertig⸗ keit; der wilden Elephanten, geſtreiften Panther und des wilden Viehs nicht zu gedenken; man wird ge⸗ freſſen, verſchwindet von der Erde mit Haut und Haar und kein Hahn kräht darum, weder ein aſiati⸗ ſcher noch europäiſcher; ich begreife nicht, wie der Hofmaler ſo durchgekommen iſt. Die zehn Prozent 168 ſind ein Spottgeld; ich hoffe, Ihre Frau Mutter denkt billig und legt was zu; funfzehn, ja zwanzig, wäre nicht übermäßig, die Gefahren ſind darnach. Ich ver⸗ laſſe Weib und Kind Ihretwegen, Haus und Hof, Kundſchaft und Alles; an den Abſchied darf ich nicht denken, er frißt mir das Herz ab, ich fühl's; und meine Frau wird's würgen, ſie kann ſich den Knacks holen Zeitlebens.“ Dem Secretair ward immer übler zu Muthe. Er fürchtete, Lagemann, deſſen Tugend er für keinen un⸗ erſteiglichen Felſen hielt, könne ſpäterhin auf Ver⸗ ſprechungen von Seiten ſeiner pochen, an die er ſelbſt im Entfernteſten nicht gedacht. Gamaliel ſchob daher angelegentlich überall ſeine Mutter dazwiſchen; doch der Hotelier nahm die Mitfahrt und die Prozente als eine ausgemachte Sache an. Während die Beiden noch über die vrientaliſche Expedition unterhandelten, fühlte ſich Gamaliel auf die Achſel geklopft. Er wandte ſich um und blickte in die ſchönen Augen der Wittib, welche recht ſchmach⸗ tend zu ihm aufſchauten. „Vetter,“ flötete das ſchöne Weib,„nicht wahr, Ihr nehmt Euch einer armen verlaſſenen Wittwe an?“ Der Seeretair wollte die Frage ſo eben heilig be⸗ theuern, als Urſula fortfuhr:„Und beſorgt meine Angelegenheiten in Kabul? Da Ihr einmal die Reiſe macht, iſt es Euch ein Kleines, mein geringes Erb⸗ theil zu erheben. Ich erſpare die Speſen und weiß das Meine in ſichern Händen.“ Lagemann, welcher zwei Fliegen mit einem Schlage zu erlegen hoffte, erbot ſich ſogleich zum Beſten der Wittwe zur Fahrt nach Oſtindien. Sein Erbieten ward indeß ſehr. entſchieden zurückgewieſen. „Nicht wahr, Vetter,“ fuhr Urſula zu Gamaliel 169 gewendet mit vieler Wärme fort,„Ihr erzeigt dieſe Gefälligkeit einer armen Wittwe?“ Der Secretair, obſchon er faſt zwei Jahre bei einem Inriſten ſchrieb, wußte ſich in dergleichen civil⸗ rechtlichen Aufträgen durchaus nicht zu benehmen. Er geſtand dies offen. Lagemann bekräftigte es; die Wittwe ſprach aber:„Ich unterſchreibe eine Vollmacht, eine unumſchränkte Vollmacht, da ſchwinden alle Weit⸗ läufigkeiten und Schwierigkeiten.“ Gamaliel hob ſo tief Athem, daß es faſt wie ein Seufzer klang. Er gedachte der eignen Geſchäfte, die auf ihn ruhten und denen er ſich kaum gewachſen fühlte, und ſollte nun auch als Mandatar für andre wirken. Er verſprach indeß ſein Möglichſtes, ohne die Sache gewiß zu machen, aber Urſula nahm, wie Lagemann, Alles für abgemacht an. Die diesmalige Heimkehr der Erben aus der ſtadtgerichtlichen Seſſion glich einem Triumphzuge. Die Nachricht von dem reichen Erbſegen hatte ſich mit Blitzesſchnelle verbreitet. Es entſtand ein förm⸗ licher Volksauflauf vor dem Rathhauſe. Namentlich war Gamaliel ein Gegenſtand des allgemeinſten In⸗ tereſſes und heimlichen Neides. Lagemann ſchritt ſtolz an ſeiner Seite. Der Seeretair wußte nicht, wie er nach Hauſe kam. Er hielt Alles für einen Traum und mußte ſich wiederholt den Kopf reiben, um zu unterſuchen, ob er wirklich auf Erden wandle. Er war unver⸗ mögend, auf alle die Fragen, die von den angeſehen⸗ ſten Leuten unterwegs an ihn gerichtet wurden, Ant⸗ wort zu ertheilen. Lagemann that's an ſeiner Statt um ſo ergiebiger. Der glückliche Erbe hatte ſo voll⸗ kommen den Kopf verloren, daß er ſelbſt vergaß, dem Doctor Eiſenbeiß Bericht abzuſtatten, wie er doch ver⸗ ſprochen hatte. Ihn drängte es, vor allen Dingen ſeiner Mutter an den Hals zu fallen. Er ließ ſich daher auf lange Auseinanderſetzungen während des Heimweges nicht ein, ſondern drängte vorwärts. Als er auf der Wachsbleiche bei Meiſter Ziegen⸗ balg's Hauſe anlangte, ſah er bereits einen großen Knäuel Menſchheit vor ſeiner Wohnung verſammelt. Aus der Ferne rückte der Stadtmuſikus Kranich, wel⸗ cher die Gelegenheit zu einem paſſenden Ständchen nie verſäumte, mit ſeinem Chor in jubelndem Ge⸗ ſchwindmarſch, von der ſämmtlichen jugendlichen Gaſ⸗ ſenbevölkerung umringt, eiligſt heran. Noch nie hatte man in Niederroßla eine ſolche Aufregung geſehen. Zwölftes Rapitel. Desgleichen hatte es wohl nie eine lebhaftere Sitzung im Rathscollegio zu Niederroßla gegeben, als die⸗ jenige war, welche unmittelbar nach Bekanntwerdung des zweiten Codiecills ſtattfand und die Herbeiſchaf⸗ fung des goldnen Krokodills aus Afghaniſtan betraf. Mehre der Senatoren, wackre Handwerker und Fa⸗ brikanten, hatten ſelbſt den berühmten Lorenzkircher Jahrmarkt in die Schanze geſchlagen, um der hoch⸗ wichtigen Sitzung beizuwohnen. Das Rathscollegium zu Niederroßla beſtand außer den bereits oben erwähnten Bürgermeiſter Sebaſtian Flaminius aus folgenden ſechs, theils beſoldeten, theils gehaltloſen Senatoren oder Rathmännern, näm⸗ lich dem Rathsactuar Zeiſig, dem Tuchbereiter und⸗ 17 Kämmereiverwalter Tambour, dem Horndrechsler Matze, auch der Baumeiſter genannt, weil ihm die Sorge der ſtädtiſchen Bauten oblag, ferner aus dem Mützen⸗ macher Kabel, dem Taback⸗ und Cigarrenhändler Ger⸗ ſtenberger und dem Drahtzieher Schlimper. Es währte lange, ehe man zum Sitzen, geſchweige zum Delibriren kam. Kabel, der Mützenmacher, ein Sanguiniker, welcher überdies bei der Nachricht von dem Krokodill, wovon auch ihm eine Parcelle zufal⸗ len ſollte, in aller Haſt und Freude eine Flaſche Rothwein getrunken, umarmte, mit Ausnahme des Bürgermeiſters, welcher noch nicht zugegen war, den ſämmtlichen Rath und ſchwur feierlichſt, daß, wenn man das Krokodill chriſtlich theile, und ihm ſeinen Theil nicht zu knapp zumeſſe, er das Pfeifergäßchen, worin man bei naſſer Witterung zum Erbarmen bis an die Kniee einſinke, zum Ruhm Niederroßla's auf eigne Koſten pflaſtern laſſen wolle. Dann verſicherte er jeden ſeiner Collegen ſeiner beſondern Freundſchaft und Gönnerſchaft und umarmte die Rathsverſamm⸗ lung zum zweiten Male, der Reihe nach. Der Goldwerth des Krokodills war faſt der allei⸗ nige Gegenſtand des Geſprächs; Tambour, der um⸗ ſichtige Kämmerer, ſchlug vor, das Thier einem Könige anzubieten, der bezahle außer dem Gehalte auch die Kunſt und man brauche es nicht einzuſchmelzen. Schlimper, der Drahtzieher und Patrivt, war der Meinung, das morgenländiſche Erbe der Stadt zu verehren, als Denkmal hochherziger Begeiſterung des Rathes gegen ſeine Bürgerſchaft. Nur in Zeiten der höchſten Noth ſolle für's Beſte der Stadt zum Kro⸗ kodille die Zuflucht genommen werden. Die übrigen Rathsmitglieder wollten aber von ſolch einem Denk⸗ mal hochherziger Begeiſterung ſchlechterdings nichts 172 wiſſen. Dagegen ſchlug man dem Patrioten vor, wenn er für ſeine Perſon auf ſeine Portivn Krokodill verzichten und dieſelbe ſeinen Collegen abtreten wolle, ſo wäre man nicht abgeneigt, ſolche Enthaltſamkeit mit großem Danke anzunehmen. Kabel, roch immer umarmungsluſtig, fiel dem Drahtzieher zum dritten Male um den Hals und flehte, ſeine Portion Kroko⸗ dill ihm zu überlaſſen, er wolle ſie wohl anwenden. Schlimper mochte ſich aber nur unter der Bedingung zu einer Reſignation hinſichtlich ſeines Erbtheils ver⸗ ſtehen, wenn das Krokodill mit Haut und Haar zu einem gemeinnützigen Zwecke verwendet werde. „Aber mein Gott,“ erwiederte Matze der Käm⸗ merer,„kann es denn einen gemeinnützigern Zweck überhaupt geben, als wenn der Reichthum uns zu Gute kommt? Wir find das Haupt der Stadt, müſ⸗ ſen denken, ſorgen und berathſchlagen für dieſelbe. Was zu unſerm Beſten geſchieht, geſchieht auch zum Beſten der Stadt und iſt gemeinnützig.“ Schlimpern ausgenommen waren ſämmtliche Rath⸗ männer mit des Kämmerers Ausſpruch einverſtanden; da trat der Bürgermeiſter aus ſeinem Kloſet, woſelbſt er von demjenigen Theile des Kabul'ſchen Codicills, worin von ihm, ſeinen Senatoren und dem Kroko⸗ dille die Rede war, eine Abſchrift genommen. So wie das Haupt der Verſammlung ſichtbar wurde, trat ſofort eine bemerkenswerthe Stille ein. Selbſt der Mützenmacher that ſeinen Liebkoſungen Einhalt. Der Bürgermeiſter ging ſogleich zur Sache über, weshalb er die außergewöhnliche Verſammlung ausgeſchrieben, und las nach einigen einleitenden Worten wie folgt: „Nur über einen Gegenſtand von Werth habe ich, Haſſan⸗ben⸗Mullah, mir freie Dispoſition vorbehalten. 173 Dieſer Gegenſtand beſteht in einem drei Fuß langen Krokodille von gediegenem Golde, mit großem Fleiße von dem erſten Goldſchmiede Kabuls gearbeitet. Ich hatte dieſes ſeltene, an Werth auf(hier erhob der Vorleſer beſonders ſeine Stimme) dreitauſend Ducaten geſchätzte Kunſtwerk den Derwiſchen der Abdallah⸗ Moſchee für den Fall zugeſichert, daß ſie es durch ihr Gebet dahin brächten, mich von meiner letzten, lang⸗ wierigen Krankheit zu befreien und mir die Geſund⸗ heit wieder zu geben. Da nun mein Tod bewieſen, daß ihr Gebet nichts gefruchtet, ſo haben jene Der⸗ wiſche auch auf das Krokodill keinen weitern An⸗ ſpruch und es iſt mein Wille, daß dieſes ſauber ge⸗ arbeitete Thier(die nun folgenden Worte wußte Herr Sebaſtian Flaminius wieder ausnehmend zu betonen, während die Rathmänner ſich einander mit gravitäti⸗ ſchen Blicken anſchauten) dem kunſtſinnigen Ma⸗ giſtrate meiner Vaterſtadt Niederroßla zu Gute komme; und zwar auf dieſe Art, daß der Herr chier ver⸗ neigten ſich ſämmtliche Senatoren) Bürgermeiſter ein Drittel(dieſes Drittel markirte Herr Flaminius ſehr vernehmlich) und die übrigen Senatoren zwei Drittel des goldenen Ungeheuers percipiren. Es ſoll zum Nutzen und Frommen eines hochweiſen Raths ge⸗ ſchlachtet, das heißt, wenn ſich kein Käufer findet, eingeſchmolzen und parcellirt werden. Zugleich ſtelle ich aber hierbei noch die unerläßliche Bedingung, daß (hier ward der Bürgermeiſter wieder ſehr laut und vernehmlich) der hochweiſe Rath zu Niederroßla ein Membrum aus ſeiner Mitte wähle, welches das Thier in Perſon in Kabul in Empfang nehme und nach Hauſe begleite. Wäre dies nicht der Fall, ſo wür⸗ den dennoch die Derwiſche ſuccediren. Auch ſoll ein hochweiſer Rath gehalten ſein, die Reiſe⸗ und Trans⸗ 17⁴ portkoſten aus eignen Mitteln zu beſtreiten, da Herr Siebecke und Comp. mit den hierzu erforderlichen Fonds nicht verſehen, wie bei den andern Legataren der Fall iſt.“ Die Rathmänner hatten den letzten Theil der Vor⸗ leſung mit weit weniger Vergnügen vernommen, als den erſtern, und es trat, nachdem der Bürgermeiſter geendet, eine große Pauſe ein, welche allgemeines Nach⸗ denken zu verrathen ſchien. Herr Flaminius fuhr fort: „Meine Herren,“ ſprach er,„wie groß das Glück iſt, ſo uns auf ſo unerwartete Weiſe durch dieſe Erb⸗ ſchaft zu Theil geworden, und zu wie hohem Danke ſie uns gegen den edeln Haſſan⸗ben⸗Mullah verppflich⸗ tet, ſo ſehen Sie doch auf der andern Seite ein, daß die Acquiſitivn des Erbtheils nicht mit geringen Schwierigkeiten verbunden iſt.“ „Das ſehen wir,“ geſtanden die Senatoren mit Einem Munde. „So viel iſt eins,“ fuhr das Haupt der Bürger⸗ gerſchaft fort,„einer aus unſrer Mitte muß nach Kabul, ſonſt ſuccediren die Derwiſche.“ „Sonſt ſuecediren die Derwiſche,“ erwiederten die Rathmänner im Chor. „Und das dürfen wir nun und nimmer zugeben,“ rief Flaminius energiſch. „Nun und nimmer!“ tönte es eben ſo herzhaft rings um den Seſſionstiſch. „Aber wer ſoll reiſen? Das iſt die Frage!“ „Das iſt die Frage,“ antwortete der Chor. „Gern würde ich mich ſelbſt zur Weltfahrt ent⸗ ſchließen,“ fuhr der Bürgermeiſter fort,„wenn es das allgemeine Beſte gilt, ſtehe ich nie zurück, das iſt bekannt; aber meine Stellung als Conſul dirigens, die mannigfachen Wirren in unſern ſtädtiſchen Ange⸗ legenheiten, die nie ſo verwickelt ſich herausſtellten wie in der Gegenwart, machen meine perſönliche An⸗ weſenheit mehr denn je unerläßlich. Sie werden dies einſehen, meine Herren Senatoren.“ Obſchon es faſt kein Einziger einſah, ſo hatte man doch nicht den Muth, es gerade heraus zu ſagen. „Auch ſcheint mir,“ ſprach Flaminius weiter, „daß Erblaſſer, dem aus ſeiner Jugendzeit die hie⸗ ſigen Verhältniſſe nicht unbekannt ſind, unter dem „Membrum“ nur einen der Herren Senatoren ver⸗ ſtanden hat. Bei ſeiner Vorliebe ſür Niederroßla, die ſich ſo offenkundig herausſtellt, iſt faſt als gewiß anzunehmen, daß es nicht in ſeinem Willen gelegen, dieſe geliebte Stadt auf längere Zeit ihres Hauptes zu berauben.“ Den Senatoren ſchien dies einzuleuchten, ſie er⸗ wiederten Nichts.. „Alſo bitte ich, die wichtige Sache zur Entſchei⸗ dung zu bringen, es iſt keine Zeit zu verlieren, wenn wir dieſes Jahr noch zum Ziele gelangen wollen. Ich lebe noch immer in der frohen Hoffnung, daß ſich einer unter uns aus freien Stücken zur Reiſe entſchließen wird. Sie iſt nicht ohne Annehmlichkeit. Man bekommt ein groß Stück Welt zu ſehen, erhält Gelegenheit, die mannigfachſten Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. Der glückliche Voyageur bedenke, was er nach ſeiner Heimkehr erzählen kann, abgeſehen von dem ganz beſondern Verdienſte, das er ſich um das geſammte Rathscollegium erwirbt.“ Die frohe Hoffnung des Herrn Bürgermeiſters ſchien indeß nicht in Erfüllung zu gehen und die er⸗ wähnten Annehmlichkeiten der Reiſe keinen ermun⸗ ternden Anklang zu finden. Vergebens überſchauten die Blicke des Flaminius der Reihe nach die Rath⸗ 176 männer und ſie verweilten mit ſichtbarem Wohlwollen auf dem Baumeiſter. „Matze,“ begann das Bürgerhaupt in anerken⸗ nendem und ermunterndem Tone,„Ihr habt Euch in ſchwierigen Fällen immer zu benehmen gewufßt, ſeid mit allen Nationen ausgekommen zur Zeit der Einquartierung; dieſe Reiſe nach Kabul iſt eigentlich ganz für Euren unternehmenden Geiſt geſchaffen. An Eurer Stelle ließ ich mir ſie nicht nehmen. Ich bin überzeugt, daß ſämmtliche Herren Collegen derſelben Anſicht ſind.“ „Ja wohl,“ tönte es aus einem Munde,„Matze muß nach Kabul.“ Matze ſelbſt war ganz andrer Meinung. „Ich bin der einſtige Matze nicht mehr,“ ſprach er ablehnend,„der ſich ehedem mit Koſaken und Baſch⸗ kiren und Kriegsvolk aus aller Herren Länder her⸗ umgeſtritten, die Jahre, das Gemeinwohl, die koſt⸗ ſpieligen Bauten, das jetzige Lagerbier haben ihren nachtheiligen Einfluß auf meine Conſtitution nicht verfehlt. Ich käme nicht nach England, geſchweige nach Kabul.“ „Nichts iſt aber ſtärkender als Seeluft,“ gab Flaminius zu bedenken,„vielleicht daß eine ſolche Er⸗ holungsreiſe auf Eure Geſundheit recht wohlthätig wirkt. Man hat Beiſpiele. Wollet dies wohl über⸗ legen, Herr Baumeiſter.“ „Und ſollte es mich meinen Antheil am Kroko⸗ dille koſten,“ erklärte Matze,„mich bringt keine Macht der Erde auf meine alten Tage aus Niederroßla. Ich habe mich genug geplagt mein Lebelang, daß ich keine Luſt habe, mich zu guterletzt von einem Wallfiſche verſchlingen zu laſſen.“ „Oh, oh,“ mahnte der Bürgermeiſter,„von ſol⸗ 177 cher Gefahr kann ja die Rede gar nicht ſein, ſo viel ich mich aus meinen naturgeſchichtlichen Forſchungen entſinne, tragen die Wallfiſche nach Menſchenfleiſch weit weniger Gelüſte, als davon gefabelt wird.“ „Sie werden bei einem hochlöblichen Stadtrath von Riederroßla nicht erſt um Erlaubniß einkommen,“ brummte der Baumeiſter für ſich. Darauf erwiederte er laut:„Thut's der Wallfiſch nicht, ſo giebt's der andern Beſtien in Menge, die einen friedlichen See⸗ fahrer nach dem Leben trachten. Nein, ich habe der Prüfungen des Lebens genug beſtanden und will Ruhe haben; aber da iſt unſer verehrter College, der Herr Kämmerer Tambour, dem ſehe ich es an, daß er ſich die ehrenvolle Expedition nicht wird nehmen laſſen.“ Auf dieſe Worte richteten ſich die Blicke des geſammten Rathscollegiums auf Tambour, welcher nicht wenig erſchrak, ſo plötzlich der Gegenſtand der allge⸗ meinen Aufmerkſamkeit zu werden. Noch bei weitem mehr aber gerieth er in Beſtürzung, als ihn Flaminius fol⸗ gendermaßen anredete: „Matze hat nicht Unrecht, in der That, Euer feuriger Blick kann ſich nicht verleugnen. Da ſchlum⸗ mern Thaten dahinter, die unſrer Stadt zum Ruhme gereichen werden. Auch ſpricht Euer kriegeriſcher un⸗ ternehmender Name insbeſondere für die morgenlän⸗ diſche Expeditivn. Der Name Tambour hat etwas Erſchütterndes.“ Das Rathscollegium ſtimmte, mit Ausnahme des Kämmerers, hier wieder vollkommen bei; dieſer aber ſtreckte beide Arme beſchwörend gegen ſeine Collegen aus und flehte, ſeiner ſchwangern Frau und ſeiner fünf lebendigen Würmer zu gedenken, die in ihm den einzigen Ernährer verlören, falls er auf der Reiſe umkomme. An Muth fehle es ihm nicht, das zeige Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 12 178 allerdings ſein Blick, aber die Familienpflichten gingen ihm über Alles. Er ſchlage aber Schlimpern vor, der ſei bekannt als Patriot und habe überdies keine Kinder. Die allgemeine Aufmerkſamkeit lenkte ſich jetzt auf den Drahtzieher. Dieſer blieb ſehr ruhig und erklärte, wegen ſo einer precären Erbſchaft reiſe er nicht zehn Meilen per Poſt, geſchweige um die halbe Erde herum nach Kabul. Es ſei die große Frage, ob die Kabu⸗ liſten einen Pfifferling herausgäben. Wenn man auch mit dem Leben davon komme, ſicher nicht ohne große Naſe, an der man zeitlebens zu tragen habe. Ihm gelüſte nicht nach großem Mammon, ſo viel er mit ſeiner Frau brauche, habe er; die orientaliſche Erb⸗ ſchaft laſſe ihn daher ſehr gleichgültig, vielweniger daß er ſich ihrethalber ſollte der geringſten Gefahr aus⸗ ſetzen.„Kabel, der Mützenmacher,“ ſchloß er,„würde ſich weit eher zur Reiſe eignen. Er iſt lebensluſtig, ſieht ſich gern in der Welt um, hat da Gelegenheit, Erfahrungen zu machen und berühmt zu werden.“ Jetzt wurde der Mützenmacher der Brennpunkt, der Aller Augen auf ſich zog. „Faſt möchte ich es als einen Fingerzeig des Schick⸗ ſals anſehen,“ ſprach der Bürgermeiſter,„daß ſich un⸗ ſer verehrter College Kabel zur Reiſe entſchlöſſe. Ka⸗ bel und Kabul, welch' wunderſamer Zuſammenklang. In der That, ich bin erſtaunt.“ Der Mützenmacher, welchem bei der Anmuthung zur morgenländiſchen Fahrt aller Weinrauſch verflog, begann aus Leibeskräften zu proteſtiren und geberdete ſich weit verzweifelter als alle ſeine Vorgänger. Seine Averſion gegen die Seereiſe war außererdentlich und das Antlitz des Bürgermeiſters ward immer beſorgter. Die Anzahl der nach Kabul zu entſendenden Raths⸗ mitglieder ward immer geringer. Es verblieben uur 179 noch zwei, der Cigarrenfabrikant Gerſtenberger und der Rathsactuar Zeiſig, hinſichtlich derer man noch ungewiß war, ob ſie die Reiſeaverſion der Uebrigen theilten. Als man bei Gerſtenberger anklopfte, ward der Mann ordentlich grob und frug, ob man ſein wohlangebrachtes Geſchäft ruiniren wolle, indem man ihn nach Kabul ſchicke. Seine Anweſenheit ſei un⸗ entbehrlich und ſelbſt für den Fall, daß das ganze Krokodill ſein Eigenthum werde, könne er ſich keinen Schritt vom Hauſe entfernen. „Aber, meine Herren,“ begann mit großer Be⸗ trübniß der Bürgermeiſter,„da es eine unwiderruf⸗ liche Teſtamentsklauſel iſt, daß Einer aus unſrer Mitte nach Aſien wallfahrtet, ſo ſehe ich nicht ein, wie das werden ſoll und wie wir die ſchöne Erbſchaft, die uns doch Allen recht wohl thun würde, acquiriren wollen?“ Seine Blicke ſchweiften während dieſer Rede weh⸗ müthig über die Verſammlung und fixirten ſich end⸗ lich auf Zeiſig, der zeither zähneklappernd, an ſeiner Protokollfeder kauend, dageſeſſen hatte. Wie ein ge⸗ fahrdrohendes Donnerwetter war ihm die ganze Ver⸗ handlung zeither erſchienen. Er hatte den Blitz wie⸗ derholt herabfahren und von der Collegenſchaft ab⸗ prallen ſehen. Sein Inſtinkt als geborner Unglücks⸗ vogel ſagte ihm gleich im Anfang, daß der Wetter⸗ ſtrahl zu guterletzt ihn treffen und zermalmen werde. Wie der Unglückliche geahnet, ſo geſchah es; Fla⸗ minius richtete jetzt ſeine Rede an ſeinen Actuar, einem Manne, der halb aus Aengſtlichkeit und halb aus Höflichkeit zuſammengeſetzt war, der äußerſt ſelten und ſeinem geſtrengen Principal, dem Bürgermeiſter, nie widerſprach; deſſen Stellung faſt ganz vom Rathscollegio abhängig und der daher gezwungen war, ſich faſt ſclaviſch dem Willen deſſelben zu fügen. 12 180 Zeiſig war ein herzensbraver Mann; er trat Nie⸗ manden in den Weg und erfüllte ſeine Pflichten mit ſeltener Redlichkeit und Berufstreue; aber er war unbekannt mit der Welt und ihrem ſchnöden Treiben. Sein ganzes Lebelang war er, mit Ausnahme ſeines Aufenthalts auf der Akademie, nicht drei Meilen weit über das Weichbild ſeiner Vaterſtadt Niederroßla hin⸗ ausgekommen. Ueberdies gehörte Zeiſig auch noch zu den ſogenannten Unglücksvögeln, denen ſelten Etwas gelang und die überall mit dem kleinen malitiöſen Dämon der Fehlſchlagungen zu kämpfen hatten. Na⸗ mentlich war dies mit dem Actuar im Punkte der Liebe der Fall geweſen, immer hatte er, obſchon die redlichſten Abſichten im Buſen führend, einem Glück⸗ lichern nachſtehen müſſen und war daher Junggeſelle geblieben zeitlebens. Zu ihm aber wandte ſich, nach⸗ dem das geſammte Ratbscollegium auf die Reiſe nach Kabul verzichtet, der regierende Bürgermeiſter und ſprach folgendermaßen: „Senator,“ begann er,„ich bin überzeugt, ein geehrtes Collegium iſt allgemein damit einverſtanden, wenn ich Sie für die ſo ehrenvolle wie fruchtbrin⸗ gende Reiſe nach Kabul auserleſe.“ Zeiſig ſah den Blitzſtrahl niederzucken, erwiederte nichts und man vernahm nur einen tiefen Seufzer, welcher der großen Scene ein eignes romantiſches Co⸗ lorit verlieh. „Senator,“ fuhr Flaminius fort,„je länger ich darüber nachdenke, um ſo überzeugender ſtellt ſich mir der Gedanke, daß Niemand mehr geeignet zu dieſer Weltfahrt ſein dürfte.“ Der Actuar ſeufzte. „Sie ſind unverheirathet,“ ſprach der Bürgermei⸗ ſter weiter,„kein Weib und Kind weint dereinſt an 181 Ihrem Grabe, ſelbſt wenn es das Unglück wollte, daß Sie von den Wellen verſchlungen würden.“ Zgeiſig ſah ſich im Geiſte bereits auf tiefem Mee⸗ resgrunde ausgeſtreckt liegen, zwiſchen Korallen und Meergewürm, angefreſſen von Haifiſchen. „Sie ſind Juriſt und zur gerichtlichen Empfang⸗ nahme des Krokodills weit geeigneter, als die übrigen Herren Senatoren. Ihnen werden die Rabuliſten in Kabul ſo leicht kein& für ein U machen. Das bin ich überzeugt. Was ſagen Sie, meine Herren?“ Das ſämmtliche Collegium mit Ausnahme des Actuars war der Anſicht des Bürgermeiſters. Indeß erkundigte ſich Schlimper, wer denn unterdeß die Actuariatsgeſchäfte übernehmen ſollte. Zeiſig athmete bei dieſer Frage in Etwas auf er hielt ſich für unentbehrlich. „Wie überhäuft ich auch mit Geſchäften bin,“ erwiederte Flaminius,„ſo werde ich einſtweilen als Actuar fungiren. Was thut man nicht dem allge⸗ meinen Beſten zu Gefallen! Die Sachen von gerin⸗ gem Belang kann Pomſel, der Rathsſchreiber, über⸗ nehmen. Er hat ſo nur müßige Zeit.“ „Dann erlaube ich mir aber,“ fuhr Schlimper fort,„noch in Erwägung zu bringen, daß, da die Reiſe nach Kabul keine Kleinigkeit iſt, dem Reiſenden, der ſich für uns alle aufopfert, eine beſondere Grati⸗ ficativn zu Theil werde, und trage darauf an, falls ſich Herr Zeiſig noch zur Waſſerfahrt entſchließt, ihm die Tantieme am Krokodill um fünf Prozent zu ver⸗ größern.“ „Erſt müſſen wir das Thier ſehen,“ entſchied der Bürgermeiſter,„um nach der desfallſigen Größe zu urtheilen, ob Jeder Etwas von ſeiner pars legitima abzugeben im Stande iſt oder nicht. Eine weit ge⸗ 182 wichtigere Frage jedoch iſt es, welche jetzt unſer an⸗ geſtrengtes Nachdenken in Anſpruch nimmt, nämlich die gemeinſchaftliche Aufbringung der Atzungskoſten für den Actuar, ſo wie für Emballage und Fracht des ererbten Unthiers, da Erblaſſer bei Siebecke und Comp. dafür eine Summe niederzulegen bedauerlicher Weiſe Anſtand genommen hat.“ Zeiſig, der die ganze Zeit daher dageſeſſen hatte wie ein Vogel ſeines Namens, der beregnet iſt, ge⸗ rieth, da er bereits von den Atzungskoſten ſprechen hörte und vernehmen mußte, wie man ſeine Abfahrt als ausgemachte Sache verhandle, in ſtille Wuth, die ihn alle Rückſichten gegen den Bürgermeiſter und ein hohes Collegium aus den Augen verlieren ließen. Er, der ſein Lebelang kaum aus dem Weichbilde Nieder⸗ roßla's herausgekommen, ſollte mit Einemmale halb um die Welt und wieder retvur fahren, und noch dazu in Begleitung eines Krokodills. In ſeinem ſanf⸗ ten Gemüth kochten Wehmuth, Angſt und Zorn mit einander. Endlich lief der Topf über und der Ge⸗ quälte platzte mit weinerlicher Stimme die Worte her⸗ vor:„Aber ich mag nicht nach Kabul!“ „Guter Senator,“ erwiederte Flaminius väterlich, „Sie weichen von der Hauptſache ab.“ Der liberale Schlimper, der gern Oppoſition machte, meinte, gezwungen könne ein conſtitutioneller Staatsbürger nicht werden. Wenn Zeiſig natürliche Averſion habe vor Aſien, ſo ſolle man die ererbte Beſtie, und beſtünde ſie auch aus Perlen und Edel⸗ geſtein, fahren laſſen. Der Bürgermeiſter, dem ſein Dritttheil im Kopfe herumging, ſpannte, um die Oppoſition nicht zu rei⸗ zen und hartnäckiger zu machen, gelindere Saiten auf. „Der Rathsactuar Zeiſig, Wohlgeboren,“ ſprach 183 er,„wird durch fortgeſetztes Nachdenken zu der An⸗ ſicht gelangen, daß eine ſchönere Gelegenheit, Ruhm und Reichthum zu erwerben, ſich nicht ſo leicht wieder darbietet. Ich werde als ganz beſondre Anerkennung ſeiner Verdienſte ihm ein beſondres Kapitel in unſrer ſtädtiſchen Chronik einräumen. Nach Jahrhunderten wird ſein Name genannt und gefeiert werden von den nachwachſenden Enkelgeſchlechtern.“ Schlimper wollte ſich mit dieſer Perſpective nicht ganz einverſtanden erklären.„Die nachwachſenden Enkelgeſchlechter,“ meinte er,„können für Zeiſig des⸗ halb von weniger Belang ſein, da er nicht verhei⸗ rathet iſt.“ „Ja wohl,“ ſeufzte der Actuar,„auch fühl' ich mich durchaus nicht geneigt, noch in den Stand der heiligen Ehe zu treten.“ „Aber gerade dieſe Eheloſigkeit,“ gab Flaminius zu bedenken,„macht den Senator geſchickt zur Reiſe. Wir Andern alle würden Weib und Kinder in herz⸗ zerreißendem Jammer zurücklaſſen. Von wem hat Zeiſig Urlaub zu nehmen? Einzig und allein von uns, und werden wir ſolchen in Gnaden nicht vorenthal⸗ ten. Sollte ihm etwas Menſchliches begegnen; er kann getroſt in's beſſere Jenſeits eingehn, denn auf Erden für wen hat er zu ſorgen? Bei uns Andern verhal⸗ ten ſich die Umſtände ganz gegentheilig. Sie ſehen das ein, meine Herren Senatoren?“ Alle ſahen es ein; nur Schlimper war mit ſeiner Oppoſition nicht todt zu machen.„Ich halte es,“ ſprach er,„mit dem Geiſte einer conſtitutionellen Ver⸗ faſſung, deren ſich unſer Land Gott ſei Dank zu er⸗ freuen hat, ſchlechterdings unvereinbar, Jemanden, der nicht abſonderlich Luſt dazu verſpürt, in ein ſtein⸗ fremdes Land zu ſchicken, wo Gefahren der mannig⸗ 4 184 fachſten Art ſeiner warten. Und wenn wir hundert goldne Krokodille erbten, was ſind ſie gegen ein Men⸗ ſchenleben, gegen das Wohl und Wehe eines conſti⸗ tutionellen Staatsbürgers?“ Flaminius replicirte:„Von einem Zwange kann hier nicht die Rede ſein, aber wenn wir unſern ver⸗ ehrten Actuar auf die glänzenden Vortheile aufmerkſam zu machen uns bemühen, ſo ihm aus der aſiatiſchen Fahrt zu Theil werden, ſo liegt das keineswegs außer dem Bereiche conſtitutivneller Geſinnung und Geſetz⸗ gebung. Ich hoffe, daß dies auch Ihre Anſicht iſt, meine Herren Senatoren.“ „Vollkommen,“ nickten die Andern und warfen dem unermüdlichen Opponenten, der mit ſolchem Eifer gegen ihr Intereſſe ſprach, nicht eben die freundlich⸗ ſten Blicke zu. Schlimper ließ ſich indeß nicht irre machen und fuhr fort, ſeine eonſtitutionellen Anſichten in Anſehen zu erhalten. Zeiſig ſelbſt verhielt ſich ſehr leidend. Nach ſeinem vorigen desperaten Auf⸗ treten ſchien ſeine moraliſche Kraft gebrochen. Das Collegium beſchloß daher, der Actuar ſolle vierund⸗ zwanzig Stunden Bedenkzeit erhalten, worauf man eines Weitern zu verfügen gedenke. Man kam wie⸗ der auf die Atzungskoſten und berechnete, wie hoch wohl der Krokodilltransport von Kabul bis Nieder⸗ roßla ſich belaufen werde. Mit Schrecken hatte man in Erfahrung gebracht, daß der Hofmaler für jeden der übrigen Erben ein Reiſegeld von zweihundert Ducaten niedergelegt hatte. Berechnete man nun auch, daß Zeiſig, bei deſſen weichem Charakter man die Bereitwilligkeit zur Fahrt als gewiß vorausſetzte, äußerſt mäßig lebe, indem er nicht ſelten des Mittags einen halben Häring verzehre und alſo bei weitem* nicht zweihundert Ducaten brauche wie die andern 6 Freſſer, ſo gab wieder der Transport des Erbthiers zu den mannigfachſten Vermuthungen, Befürchtungen und Erörterungen Veranlaſſung. Auch bei dieſer Ver⸗ handlung machte ſich Schlimper wieder als äußerſt unbequemer Opponent bemerkbar. Als nämlich von Zeiſig's Frugalität und dem halben Häringe die Rede war, meinte der Horndrechsler:„Ein Geſandter des Raths zu Niederroßla dürfe nicht als Dreckfreſſer durch die Welt fahren; im Gegentheil er müſſe dicke thun, Geld aufgehen und ſich ſehen laſſen, dies verlange die Ehre der Corporation, welche er repräſentire; zwei Bouteillen ächten Rheinwein täglich, was ſei das; ferner gut Frühſtück; fünf Gänge Mittag und drei zu Abend; das ſei unerläßlich. Seeluft zehre. Die Ehre gehe über Alles. Der Zeiſig müſſe als Adler nach dem Morgenlande flattern und königlich leben, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß er das Kroko⸗ dill aufzehre.“ Das übrige Collegium, den Bürgermeiſter nicht ausgenommen, war mit dieſen hochfliegenden Anſichten des liberalen Schlimper's ganz und gar nicht einver⸗ ſtanden. Eſſen und Trinken, hieß es, mache nicht den Mann, plötzliche Unmäßigkeit könne ſogar nach⸗ theilig werden, namentlich in ſüdlichen Gegenden. Der Actuar ſei des Weins ungewohnt und kein Freund von Leckereien. Während man ſich über Zeiſig's Appetit herum⸗ ſtritt, ſaß der Actnar ſelbſt ganz willenlos in ſtilles Hinbrüten verſunken auf ſeinem Platze. Die Gefah⸗ ren der morgenländiſchen Fahrt zogen in drohenden Bildern ſeinem verdüſterten Gemüthe vorüber, welches letztere ſelbſt durch Schlimper's in Ausſicht geſtellten feinen Weine und leckern Mahlzeiten nicht zu erhei⸗ tern war. 186 Flaminius brachte endlich in Vorſchlag, daß wenn jedes Mitglied des Stadtraths funfzehn Thaler er⸗ lege, die Koſten der Hin- und Herfahrt des Actuar mit ſammt des Krokodills hinlänglich gedeckt zu ſein. ſchienen. Der Baumeiſter warf die Frage auf, ob Zeiſig gleichfalls gehalten ſein ſollte, als Rathsmitglied und Erbe die Reiſebeiſteuer zu entrichten? „Warum nicht,“ erwiederte der Bürgermeiſter, „genießt er nicht die Annehmlichkeiten der Reiſe? Tau⸗ ſend andre Unverheirathete würden ſich um die Gele⸗ genheit reißen, ſo vieler Herren Länder zu ſehen.“ Dieſe Antwort gab dem Horndrechsler wieder allen Anlaß, die heftigſte Oppoſition zu erneuern. Er ſprach ſich auf's Entſchiedenſte gegen dieſe Ungerechtigkeit aus und dann auch behauptete er, daß mit funfzehn Tha⸗ lern pro Perſon ſchlechterdings nichts auszurichten ſei. Funfzig Thaler müſſe der Mann wenigſtens zahlen und der Herr Bürgermeiſter hundert. Dieſe letztere ihn betreffende Zumuthung war dem Conſul Flaminius außerm Spaße. „Wie ſo hundert?“ frug er im Tone des unwil⸗ ligſten Erſtaunens. „Sehr einfach,“ erwiederte Schlimper,„weil Hoch⸗ dieſelben auch ein Drittel der ſogenannten Erbmaſſe percipiren und wir andern uns mit zwei Dritteln be⸗ gnügen müſſen.“ Dieſes Argument ſchien den übrigen Beiſitzern ſo einleuchtend, daß ſich diesmal der eines all⸗ gemeinen Beifalls erfreute. Man debattirte noch geraume Zeit, zu einem erwünſchten Reſultate zu gelangen. Schlimper ward endlich ungeduldig und erklärte alle Verhandlungen über den Koſtenpunkt für unnütz, da der Actuar Zeiſig — ſeine Bedenkzeit noch nicht überſtanden. Bis dahin laſſe ſich noch gar kein gültiger Beſchluß faſſen. Das Collegium ſah die Wahrheit des Geſagten ein und die Sitzung ward aufgehoben. Dreizehntes Rapitel. — Vrotz des reichen Erbſegens, der in Niederroßla ein⸗ gezogen war, gab's doch überall Streit und Zwietracht. Vorerſt im Hauſe der Felicitas, welche ihren Sohn ſchlechterdings nicht nach Kabul laſſen und ſich gern mit der Hamburger Abfindungsſumme begnügen wollte. Gamaliel träumte hingegen Tag und Nacht von nichts als Palmen und Lotosblumen, Perlen und Goldſand. Er'hatte alle Welt auf ſeiner Seite, darunter die gewichtigſten Autoritäten, wie den Doctor Eiſenbeiß, welcher geſagt hatte:„Wie ungern ich Sie einbüße, lieber Seeretair, ſo liegt doch die Nothwendigkeit Ih⸗ rer Reiſe ſo klar vor, daß ich Ihnen im Geringſten in Ihrem Glücke nicht hinderlich ſein mag.“ Gamaliel hatte die Worte des Doctors zehnmal einer Frau Mutter zu Gemüthe geführt, aber immer vergebens, und außerdem eine Beredtſamkeit gegen die Hartnäckige entfaltet, die oft zur poetiſchen Höhe ſtieg. „Ich wäre gebrandmarkt für Ewigkeit,“ rief er eines Tages aus,„wenn ich nicht die himmliſche Ge⸗ legenheit benutzte, das ſchöne Morgenland zu ſehen, ſondern philiſterhaft in Niederroßla auf der Scholle kleben bliebe.“ 188 „Es haben Millionen glücklich und zufrieden ge⸗ lebt, ohne das Morgenland geſehen zu haben,“ er⸗ wiederte ruhig die Mutter. „Aber wo ſich eine ſolche Gelegenheit darbietet, iſt es Sünde, von ihr keinen Gebrauch zu machen.“ „Es kann zugleich eine Gelegenheit ſein, auf Ab⸗ wege zu gerathen und den Untergang herbeizuführen.“ „Ein junger Menſch muß ſich verſuchen.“ „Aber nicht Gott verſuchen, ſchnöden Mammons halber.“ „Hätte der Hofmaler wie Du gedacht, ſo erbten wir gar nichts.“ „Was Einem glückt, kann Hunderten mißglücken.“ Der weltfahrtluſtige Gamaliel, nachdem er mit all' ſeiner Beredtſamkeit nichts ausgerichtet, ſtand auf dem Punkte, an ſeiner eignen Mutter zum Rebellen zu werden, da that ſich die Thür auf und der Wirth zur Stadt Magdeburg, Herr Lagemann, trat in's Zimmer. Der Secretair, obſchon Lagemann ſein Freund nicht war, trug ihm die zwiſchen ihm und ſeiner Mutter obſchwebende Streitfrage zur Begutachtung vor. Dem Hotelier klangen die verweigernden Worte der Wittwe ſüß wie Honigſeim, denn er ſah den Grund wohl ein, warum Madame Drollinger ihren Einzigen nicht mutterſeelallein in die fremde Welt ſchicken wollte. Er hoffte daher, daß wenn er ſich für ſeine Perſon als Reiſegefährte und erfahrner Mann gegen billige Prozente anbiete, würde Felicitas mit geküßten Händen ſein Erbieten annehmen. Lagemann ging daher, ſeiner eignen Natur zuwie⸗ der, einmal ſehr ruhig und ſeiner Meinung nach ſehr philoſophiſch zu Werke. Er ſprach von den mannig⸗ fachen Gefährlichkeiten einer ſolchen Reiſe und ſtimmte 189 Madame Drollinger hinſichtlich ihrer Abneigung, den Sohn ſo ohne allen Schutz reiſen zu laſſen, vollkom⸗ men bei. Endlich kam er auf den Zweck ſeines Be⸗ ſuchs, nämlich auf die Begleitung ſeinerſeits und die Prozente. Der Hotelier hätte ſich übrigens den weiten Um⸗ weg und die vielen Worte in gewählten Redensarten erſparen können, denn Felicitas ſah ſehr bald ein, wo Lagemann hinaus wollte. Sein wohlüberdachter Kriegs⸗ plan hatte daher nicht den geringſten Erfolg. Lieber würde Madame Drollinger ihren Sohn allein in die weite Welt geſchickt haben, als in Begleitung dieſes eigennützigen und gemeinen Mannes. „Nein, lieber Lagemann,“ ſprach ſie mit ernſtem Kopfſchütteln,„und wenn alle Schätze Indiens unter der Bedingung mein ſein ſollten, daß mir dieſelben durch einen Familienvater herbeigeſchafft würden, ſo wollte ich lieber auf alles Geld und Gut verzichten, ehe ich das zugäbe, ehe meinetwegen ein Verſorger von Weib und Kind Gefahr liefe. Ich würde wäh⸗ rend der ganzen Reiſe keine ruhige Stunde haben und die ſchreckhafteſten Phantaſien würden ſich meiner Seele bemächtigen. Sollte aber gar das nicht außer dem Berxeiche des Unwahrſcheinlichen liegende Unglück ſich ereignen, daß mein Abgeſandter umkäme, ſo wäre es für immer um die Ruhe meiner Tage geſchehen. Vorwürfe und Gewiſſensbiſſe würden mich ununter⸗ brochen peinigen und der Gedanke an die unglückliche Familie, die ich um den Vater gebracht, den Reſt meines Lebens vergiften.“ „Beſte Madame Drollinger,“ erwiederte Lage⸗ mann,„der Tod kann unſereinen auch zu Hauſe am eignen Herde überraſchen, und wie gern begiebt man 190 ſich in Gefahr, wenn es das Wohl unſrer Familie betrifft.“ „Zugeſtanden,“ verſetzte Frau Felicitas,„nur mag ich nicht die Schuld von Jemandes Untergange auf dem Herzen tragen.“ „Da kann wohl von keiner Schuld die Rede ſein, wenn ſich der Abgeſandte aus freiwilliger Entſchließung zur Reiſe erbietet.“ „Iſt wohl möglich, aber ich habe hier meine eignen Grundſätze, lieber Lagemann, in denen ich mich nicht wankend machen laſſe.“ Der Secretair, welcher dem zeitherigen Geſpräche mit großem Intereſſe gefolgt war, gab ſein Mißfallen an den letzten Worten ſeiner Mutter durch ein ver⸗ nehmbares Brummen zu erkennen. Lagemann benutzte dieſe aufrühreriſchen Töne, die ihm ſehr ermunternd klangen, zu einem neuen An⸗ griff auf den harten Sinn der Madame Drollinger, ward aber mit gleich unerwünſchtem Erfolge zurück⸗ gewieſen. In dem Wirthe zur Stadt Magdeburg, nachdem er ſah, daß all' ſeine Bemühungen fruchtlos blieben, ſiegte endlich die urſprüngliche Natur; er wurde grob und verließ die Wohnung der Wittwe nicht in der beſten Laune. Auch Gamaliel griff nach ſeiner Mütze und eilte wuthig in die Berge. Lagemann war kaum die Wachsbleiche entlang ge⸗ ſchritten, als er die lange Geſtalt des Heldenſpielers erblickte, der ſo eben von einem Advokaten kam, wo er die traurige Gewißheit erhalten, daß mit ſeiner Kabul'ſchen Erbſchaft nichts ſei, denn der Buchſtabe des Codicills laute klar und deutlich, daß das Legat nur dann von Gültigkeit ſei, wenn Madame Hanno, geborne Seekrebs, bei Eröffnung des letzten Willens 191 noch am Leben ſei. Da dieſes nun nicht der Fall, ſo habe Herr Hanno für ſeine Perſon nicht den ge⸗ ringſten Anſpruch. Der Heldenſpieler, nachdem er dieſe wahrhaft nie⸗ derſchlagende Erfahrung gemacht, wandelte mit ziem⸗ lich geſenktem Haupte ſeines Wegs, als er plötzlich ſeinen Namen rufen hörte. Er ſah ſich um und er⸗ blickte den gleichfalls um die Erbſchaftshoffnung be⸗ trogenen Wirth zur Stadt Magdeburg, welcher mit höchſt desperaten Geſichtszügen auf ihn zuſchritt. In Lagemana's Augen galt Hanno noch für einen gemachten Mann, denn er ahnete nicht, daß es mit deſſen Erbſchaftsanſprüchen ſo miſerabel ſtehe. Er überwand ſeine zeither gefühlte Averſivn gegen den inſolventen Bühnenkünſtler und begann ihm den Hof zu machen, in der Hoffnung, ſich dadurch eines Theils der Hanno'ſchen Erbſchaft zu verſichern. Dem Bühnenkünſtler, der ſogleich erkannte, wie hier der Haaſe laufe, ging unerwartet in dem Mag⸗ deburger ein neuer Hoffnungsſtern auf. Er faßte ſogleich den Entſchluß, von der für ihn ſo wohlthä⸗ tigen Unkenntniß des Hoteliers den möglichſten Nutzen zu ziehen. Er nahm daher die freundſchaftliche An⸗ näherung von Seiten Lagemann's ziemlich kühl ent⸗ gegen, worauf dieſer um Vieles wärmer wurde. Das von Neuem offerirte Logis ſo wie comfor⸗ table Beköſtigung war der erſte Freundſchaftsſchuß, den Lagemann auf den vermeintlichen kabuliſtiſchen Erbtheilhaber abdrückte. Hanno wich ſchonend aus, war einſylbig, zurückhaltend, indirect ablehnend, wo⸗ durch Lagemann, der ſchon fürchtete, der Erbe könne mit ſeinen fünfhundert Ducaten im„wilden Manne,“ ſeinem Todfeinde, einfahren, nur verſeſſener auf ihn wurde. Er überſchüttete den Heldenſpieler mit Gunſt⸗ bezeugungen und brachte es endlich, wiewohl nach vieler Mühe, dahin, daß Hanno wenigſtens verſprach, wieder bei ihm zu eſſen. Die Wohnung konnte er trotz aller Ueberredungsgabe nicht durchſetzen. Mit Schmerz hatte Lagemann wiederholt die Be⸗ merkung gemacht, daß ſein Begleiter Miene mache, von ihm loszukommen. Er ſchloß hieraus, daß Hanno, der nach ſeiner Berechnung jetzt ein geſuchter Mann war, anderweite Verbindung anzuknüpfen im Begriffe ſtehe. Um ihn alſo mit unauflöslichen Ketten an ſeine Perſon zu ſchließen, gab er ſeinem Herzen einen gewaltſamen Stoß. Er riß ſich ſelbſt, nach heftigem innern Kampfe, zu einer That hin, welche er im Le⸗ ben nicht für möglich gehalten hätte. Als er nämlich mit Hanno an eine Gaſſenecke gelangt war, und die⸗ ſer wieder Miene machte, zu echappiren, faßte er den Heldenſpieler krampfhaft am Arme. „Hanno,“ raunte er leiſe und vertrauungsvobl, „wenn Ihr Geld braucht—“ Wie Orgelton und Glockenklang tönte dieſes in⸗ haltſchwere Wort in des Heldenſpielers Gehörorgane wieder. Doch war er ſchlau genug und ließ ſich von ſeinem Wohlbehagen nicht das Geringſte merken. Er ſtellte ſich gerührt von ſolcher Freundſchaft, machte ſich ſanft los, drückte Lagemann vielſagend die Hand und verſchwand mit den wohlwollenden Worten„danke wirklich“ in ein Seitengäßchen. Dem Magdeburger war es gar nicht recht, daß ihm der Künſtler ſo zeitig entwiſchte. Er war auf Jedermann eiferſüchtig, dem Hanno in's Garn laufen könnte. Doch tröſtete er ſich damit, daß der Kabul⸗ ſche Erbe ihm freundſchaftlich die Hand gedrückt. Er beſchloß, ſeine Freundſchaftsofferten, ſobald er nach Hauſe tine, in erhöhterem Grade fortzuſetzen. *— * 193 „Der Satan mag wiſſen,“ ſprach er zornig für ſich,„wer bereits die Angel nach Hanno ausgewor⸗ fen, denn daß er ſelbſt auf das angebotene Darlehn Verzicht leiſtete, läßt mich das Aergſte befürchten. Es iſt doch eine verworfene, eigennützige Welt; vor dem Codicille wollte kein Menſch etwas von dem Komödianten wiſſen; ich war der einzige, der mit ihm in Verkehr ſtand und ihn fütterte; er wäre längſt verhungert, war ich nicht, und jetzt reißt man ſich um den Kerl. Ich muß wirklich das Aeußerſte auf⸗ bieten, um ihn zu erhalten. Er iſt leichtſinnig und achtet das Geld nicht. Ich bin überzeugt, es iſt mit ihm kein übel Geſchäft zu machen. Wenn ich ihm hundert Ducaten hinzähle, iſt er im Stande, mir das ganze Erbtheil abzutreten. Baar Geld lacht. Ich muß ſehen, was zu thun iſt; aber da iſt auch nöthig, daß ich ſchleunig dazu thue, ſonſt fällt er irgend einem Schnapphahne, wie wir leider die Menge haben, in die Hände. Mit dieſen Worten eilte der edle Lagemann gra⸗ den Weges nach ſeiner Wohnung, um ſo viel Geld bereit zu legen, als er zu brauchen glaubte, um mit dem Heldenſpieler, wie er meinte, ein Geſchäftchen zu machen. Faſt um dieſelbe Zeit als Lagemann bei Felicitas ſich als Mentor Gamaliel's anhot, hatte Frau Urſula ihre Noth mit den drei Freiern, welche ſie mit aller Gewalt nach Kabul treiben wollte, zu welcher weit⸗ läuſigen Reiſe aber keiner die geringſte Neigung ver⸗ ſpürte. Da es bei Gamaliel bei der fortwährenden Weigerung ſeiner Mutter, ihn von ſich zu laſſen, im⸗ mer unwahrſcheinlicher wurde, ob er die vrientaliſche Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 13 194 Fahrt überhaupt unternehmen werde, ſo hatte ſich Frau Urſula in ihrer Bedrängniß an ihre Anbeter gewandt. Mit dem Papiermüller war gleich gar nichts an⸗ zufangen, bei dem war Hopfen und Malz verloren. Seine ſonſt nicht ergiebige Phantaſie war bei dem Gedanken an eine ſolche Reiſe außerordentlich ſpen⸗ dabel und malte ihm alle erdenkbare Gefahren, Men⸗ ſchenfreſſer, Feueranbeter, fabelhafte Götterthiere aus der Offenbarung Johannis, drei⸗ und ſiebenköpfige Ungeheuer mit den coloſſalſten Schwänzen, der Erd⸗ beben und Vulkanausbrüche nicht zu gedenken. Auerhahn, den das zweite Codicill äußerſt mali⸗ tiös geſtimmt hatte, weil dadurch ſeine Divinations⸗ gabe eine große Niederlage erlitten, ſprach ſich noch ungeberdiger über die Zumuthung aus, nach einem Lande unter Segel zu gehen, deſſen Exiſtenz er gar nicht zugeſtand. Er begab ſich hinter ſeine Spritzen und Schläuche in Sicherheit und meinte, ſein ange⸗ brachtes Geſchäft könne er wegen der paar lumpigen Ducaten nicht vernegligiren. Der Gotteskaſtenvorſteher, welcher auf ſeinen Karten den Weg nach Kabul ausgerechnet hatte, erſchrak ob der enormen Weite. Er behauptete, daß wer nicht geographiſche Kenntniß beſitze, ſich von ſolch einer Reiſe ſchlechterdings keinen Begriff machen könne. Urſula ließ kein Mittel unverſucht, ihren Anbe⸗ tern die Vortheile einer ſolchen morgenländiſchen Reiſe in gehöriges Licht zu ſetzen. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ ſprach ſie zu Auerhahn,„daß Ihre Spritzen und Schläuche in Ka⸗ buliſtan eine völlig unbekannte Erfindung find. Sie können ſpielend ein Geſchäft machen, ſo glänzend wie kein früheres, abgeſehen von dem Ruhme, ein Wohl⸗ thäter jener Gegenden zu werden. Wer weiß wie die — Dinge kommen, Sie werden von Seiner Majeſtät von Kabul mit Orden geſchmückt, ja geadelt.“ „Wo die Engländer ihre Naſe hingeſteckt,“ erwie⸗ derte der erfahrene Auerhahn,„da fehlt's weder an Spritzen noch an Schläuchen; das muß ich beſſer wiſ⸗ ſen. Dieſes Volk concurrirt mit Gott und aller Welt und es bleibt ein ewiger Jammer, daß Napoleon mit dieſen H— nicht fertig geworden und ſie zu allen Teufeln gejagt hat.“ Nachdem Urſula erkannt hatte, daß Auerhahn ſelbſt durch ſeine Spritzen und Schläuche nicht zu bewegen war, die Kabul'ſche Reiſe anzutreten, wandte ſie ſich an den Gotteskaſtenmann, welchem ſie zu verſtehen gab, wie viel die Wiſſenſchaft gewinnen würde, wenn ein in der Geographie ſo erfahrner Mann die Fahrt unternähme. „Ich wage hier allerdings nicht zu widerſprechen,“ verſetzte Henoch,„aber gerade weil ich in der Geo⸗ graphie nicht ganz unbewandert bin, erkenne ich die außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die es mit dieſer Weltfahrt auf ſich hat, und zwar klarer als irgend ein andrer. Nachdem Urſula alle Regiſter gezogen, um in ih⸗ ren Anbetern die Reiſeluſt zu erwecken, nahm ſie zu dem letzten Mittel ihre Zuflucht, ſie bot auf verblümte Weiſe ihr Herz und ihre Hand demjenigen an, der ihr die fünfhundert Ducaten von Kabul herbeiholen würde. Henoch wandelte bei dieſer Propoſition, deren Sinn er allein erkannt zu haben ſich ſchmeichelte, ein außergewöhnlicher Hervismus an. Er ſah die Mög⸗ lichkeit, ſeine Nebenbuhler mit einem Schlage aus dem Sattel zu heben. Zugleich aber bedachte er auch, wie lange Zeit er zur Reiſe nöthig habe, unterdeß 13* 196 wären Auerhahn und der Papiermüller Hahn im Korbe. Auf eine junge heirathsluſtige Wittwe ſeien keine Häuſer zu bauen. Während er(Henoch) auf hoher See mit den Wellen kämpfe und mit widrigen Winden und Seeungeheuern, hätten die beiden Zurück⸗ bleibenden die bequemſte Muſe, das Herz der Frau Urſula zu belagern, zu ſtürmen und endlich zu erobern. Es konnte ſich vielleicht gerade der traurige Fall er⸗ eignen, daß wenn er nach tauſenderlei außergewöhn⸗ lichen Abenteuern endlich aus dem Morgenlande heim⸗ kehre, er gerade zu dem Momente eintreffe, wo Auer⸗ hahn mit der Wittib Hochzeit mache, wie zu den Zeiten der Kreuzzüge öfter vorgekommen ſei und den Poeten häufig Stoff zu den rührendſten Romanzen gegeben habe. Alſo auch die Ausſicht auf der⸗ einſtigen ſüßen Minneſold konnte den Gotteskaſten⸗ vorſteher nicht bewegen, den trauten heimathlichen Herd von Niederroßla zu verlaſſen und gen Kabul zu ſteuern. Auerhahn, welcher den Sinn von Urſula's ver⸗ blümten Heirathsofferten endlich ebenfalls heraus be⸗ kam, erwiederte auf ſeine gewohnte unzarte Weiſe: „Was da, wenn Sie mich heirathen wollen, wozu das lange Brimbarium; ich bin kein eigennütziger Freier, der nach Geld und Gut geht; auch ohne die Kabul'ſchen Ducaten ſollen Sie es ganz leidlich bei mir haben. Eine kluge Frau, wie Sie, wird ſchon mit mir auszukommen wiſſen, wenn ich auch nicht alle Zeit zu den Feinſten gehöre.“ Frau Urſula that bei dieſen Worten wieder ſehr böſe und im Grunde war ſie es auch. Sie begriff nicht, nachdem ihre Freier ſo wenig ritterlichen und galanten Sinn an den Tag gelegt, wie ſie ihres Erb⸗ theils auf die am wenigſten koſtſpielige Weiſe hab⸗ — ———.— haft werden ſolle. Es blieb ihr jetzt nur noch der Ausweg, ſich an Vetterlein und den Factor Süßmilch zu wenden, welche feſt entſchloſſen waren, die Reiſe nach dem Oriente anzutreten. Gamaliel hatte, wie wir geſehen, nach Lagemann's Niederlage bei Madame Drollinger ſeine Mütze ergrif⸗ fen und war in höchſt desperater Stimmung hinaus in die Berge gelaufen. Hier grünte Alles wunder⸗ ſchön und Grasmücken ſangen im Gebüſch. Aus dem tiefern Walde herüber tönte die Stimme des Guckucks. Der Secretair hörte ihn dieſes Jahr zum erſten Mal, und begann ſogleich zu zählen. Er brachte es auf dreiundzwanzig, was ihn ziemlich heiter ſtimmte. Nach einiger Zeit fuhr der Secretair fort:„Was hilft es, daß wir plötzlich reich geworden ſind, bin ich denn deshalb froher geworden? Der ganze ſchöne Frühling geht mir zu Grunde, wenn ich nicht reiſen darf. Vergebens blüht Alles umher und die Vöglein ſchmettern, daß man möchte taub werden, aber Herz und Gemüth iſt verſtimmt und vernimmt nichts.“ Während dieſer miſanthropiſchen Betrachtungen wa⸗ tete Gamaliel durch Gras und Blumen längſt des Fahrwegs, welcher nach Friedrichshof führte. Es war dieſe Richtung ſeit einiger Zeit ſein Lieblingsſpazier⸗ gang. Wenn er aus dem Stadtthore trat, ſchlug er ihn faſt unwillkürlich ein. Dann ſchwebte wohl zu⸗ weilen vor ſeiner entzückten Phantaſie das Bild der reizenden Klotilde wie eine Engelserſcheinung vorüber, und er vergaß Kabul, Erbſchaft und Alles und lebte blos in Rückerinnerung an jenen feenhaften Augen⸗ blick, wo er die Tochter des Generals vom Abend⸗ rothe umklungen wie eine kleine Heilige erſchaut hatte. 193 Die zeitherigen Erbangelegenheiten hatten dem Se⸗ cretair nicht erlaubt, ſeinen Beſuch auf Friedrichshof zu wiederholen, wie ſehr ſein Herz jenen Morgenber⸗ gen zuſchlug. Seit er in Erfahrung gebracht, daß ein eingeborner Engel daſelbſt wohne, dachte er nur mit Zagen an einen abermaligen Beſuch. Er erin⸗ nerte ſich mit Schrecken an ſeine Grobheit, das ihn anſchauende Fräulein nicht begrüßt zu haben, und be⸗ griff nicht, wie er ſich mit einer Entſchuldigung herausfinden ſollte, wenn er Klotilden auf Friedrichs⸗ hof vorgeſtellt wurde. Mit Dienerſchaft und Kutſcher war er wegen des Trinkgelds auf's Reine. Er hatte ſich ſehr honnet abgefunden und ſomit eine ſchwere Laſt von der Bruſt gewälzt. Dafür lag der Gedanke an ſeine Grobheit wie ein Vorgebirge auf ihm. Als er ſo mit ſich ſelbſt unzufrieden dahin wan⸗ delte, ward plötzlich ſeine Aufmerkſamkeit durch einen Wagen rege gemacht, der eiligſt die Straße daher rollte. Der Secretair, welcher ziemlich leuteſcheu war und namentlich, wenn er ſich im Frühlinge erging, gern ungeſtört war, wollte ſo eben in's düſtre Ge⸗ büſch flüchten, als er ſeinen Namen rufen hörte. Er blieb ſtehen und erkannte mit freudigem Schrecken den jungen Victor, welcher in dem Wagen daher kam. Auf dem Kutſcherſitze thronte der bekannte Niklas. Gamaliel, von der Tarantel der Höflichkeit ge⸗ ſtochen, machte augenblicklich rechtsumkebrt und eilte ſpornſtreichs dem Wagen zu, welcher anhielt. Er mußte ſofort einſteigen und ward von dem jungen Morand mit freundſchaftlichen Vorwürfen in Menge überhäuft, daß er ſo wenig Wort gehalten und Fried⸗ richshof nicht wieder beſucht habe. Der Secretair entſchuldigte ſich mit ſeinen Erb⸗ angelegenheiten, worauf ihm Victor mit der Frage —— ——— — — ——— 499 in die Rede fiel:„Wiſſen Sie ſchon, daß auch ich die Reiſe nach Kabul mitmache?“ Das hatte noch gefehlt, um Herrn Drollinger gegen ſeine Frau Mutter vollends in Rebellion zu ſetzen. Er klagte Victor ſein außerordentliches Miß⸗ geſchick, trotz ſeiner Sehnſucht nach dem Morgenlande in Niederroßla verbleiben zu miſſen. „Das iſt allerdings Jammerſchade,“ klagte der junge Morand,„ich hatte auf Ihre Geſellſchaft ſo ſchöne Ho ffnung gebaut.“ Dem Secretair waren die Thränen nahe. Er faßte im Innern den verzweifelnden Entſchluß, wie der ſelige Hofmaler auf und davon zu laufen. „Ich werde ſelbſt mit Ihrer Frau Mutter ſpre⸗ chen,“ tröſtete Victor,„wir wollen ſogleich bei ihr vorfahren, vielleicht, daß mir's gelingt, dieſelbe für Ihre Abreiſe geneigter zu ſtimmen.“ Gamaliel verſprach ſich von Victor's Einfluſſe auf Felicitas allerdings mehr als von dem Lagemanns, und er begleitete ziemlich hoffnungsreich den Sohn des Generals nach der Stadt zurück. Als ſich das Fuhrwerk über das ſehr holprige Pflaſter von Niederroßla dahin bewegte, fuhr der Hochmuthsteufel in den Secretair und er wünſchte, daß ihm ſo viel Bürgerſchaft und Honoratioren wie möglich begegnen möchten, um ihn in einer ſo glän⸗ zenden Equipage und an der Seite eines ſtattlichen und vornehmen Herrn ſitzen zu ſehen. Er grüßte bereits mit Anſtand und mit einer leichten ariſtocra⸗ tiſchen Handbewegung, die er Victor abgelauſcht hatte, die Entgegenkommenden, welche ſämmtlich ſtehen blie⸗ ben und verwunderungs- und ehrfurchtsvoll dem da⸗ hinfahrenden Secretair nachſchauten. Als das Fuhrwerk in die Straße einbog, in wel⸗ cher die Stadt Magdeburg lag, begegnete man Lage⸗ mann, welcher ſo glücklich geweſen, des Heldenſpie⸗ lers wieder habhaft zu werden und eben bemüht war, den vermeintlichen Kabul'ſchen Erbengel, welcher große Unluſt und Widerſtreben heuchelte, mit Gewalt nach ſeinem Gaſthauſe zu fuhrwerken. Den beiden Biedermännern blieb der Mund weit offen ſtehen, als ſie den Secretair hoch zu Wagen daher kommen ſahen. Hanno erinnerte ſich ſogleich der Vetterſchaft und grüßte ganz familiär, was Ga⸗ maliel in etwas fatal war. Er befürchtete, Victor konne argwohnen, er ſtehe mit dieſem Strohmian, deſſen comödiantenhaftes Aeußere suf keinen großen innern Gehalt ſchließen ließ, auf intimem Fuße, was keineswegs der Fall war. „Es iſt der junge Franzoſe von Friedrichshof,“ ſprach Lagemann, als der Wagen vorüber war,„da ſieht man gleich, was eine Erbſchaft thut. Früher ſah man den ärmlichen Schreiber nicht über die Ach⸗ ſeln an und jetzt fährt man mit ihm in demſelben Wagen. O die Welt liegt im Argen, Hannv, edler Menſchenfreund, Ihr habt mir's immer nicht glauben wollen. Und dieſe Morand's hätten's wahrlich nicht nöthig, ſitzen im Golde bis über die Ohren. Pfui über ſolch eigennütziges Geſindel; da lob' ich mir den ſimpeln Bürgersmann. „Hanno,“ fuhr der Hotelier fort, als man bei dem Gaſthaus angelangt war,„thut mir nur den Gefallen und benehmt Euch, als ob Ihr zu Hauſe wäret; Ihr würdet mich zu tief kränken, ſo Ihr die geringſten Umſtände machen wolltet. Betrachtet mein Beſitzthum wie das Eurige; unter wahren Freunden darf kein beſondres Eigenthum ſtattfinden. Das iſt mein Grundſatz von jeher geweſen. Jetzt aber wol⸗ 204 len wir vor allen Dingen meinen neuangelangten Scharlachberger verſuchen; Freund, ein Weinchen, ſag' ich; ein ſolches wächſt ſobald nicht wieder. Wenn Ihr nicht tapfer zuſprecht, habt Ihr's mit mir zu thun.“ Mit dieſen Worten faßte Lagemann den Helden⸗ ſpieler freundſchaftlichſt unterm Arm und zog ihn durch die Thür ſeines Gaſthauſes. Hanno, obſchon es in ſeinem Innern jubelte, folgte ſcheinbar gezwungen und mit höchſt verdroſſenem Geſichte. Als Victor und Gamaliel bei Madame Drollinger vorfuhren, trat ſo eben der Stadtrichter aus dem Hauſe, welcher mit der Wittwe eine lange Unterredung gehabt. 6 bierzehntes Rapitel. De große Expedition nach dem Morgenlande war endlich beſchloſſen. Felicitas hatte ſich durch den Stadtrichter, den ſie als einen kenntnißreichen und ge⸗ wiſſenhaften Mann kannte und achtete, wie durch den jungen Morand, welcher ſich Gamaliel als Reiſege⸗ fährte anbot, bewegen laſſen, ihrem Sohne die Er⸗ laubniß zur Reiſe nach Kabul zu ertheilen. Desgleichen war es einem hochmögenden und wei⸗ ſen Rath von Niederroßla gelungen, den Rathsactuar Zeiſig, obſchon dieſer ſeinen Tod vor Augen ſah und deshalb ſein Teſtament niedergeſchrieben, für die Welt⸗ fahrt zu gewinnen. Da aber Zeiſig rund heraus er⸗ klärt hatte, daß er für ſeine Perſon allein ſich nicht getraue, das Krokodill ganzbeinig nach Niederroßla zu bringen, ſo hatte ein hoher Rath in ſeiner Weis⸗ & heit zu beſchließen gernht, ihm einen Schutz⸗- und Trutzgefährten beizugeſellen; und dieſer beſtand aus Niemandem anders, als aus dem Athanaſius Lage⸗ mann, welcher ſich keine Mühe hatte verdrießen laſ⸗ ſen, dieſes Amt zu erlangen. Zwei fette Schweine, ſo groß wie kleine Ochſen, waren gefällt worden, um den Senat für das Lagemann'ſche Reiſeproject gün⸗ ſtig zu ſtimmen. Mit ihrem Blute war der Bund beſiegelt worden, welcher den Hotelier und Zeiſig auch in fernen Welttheilen vereinen ſollte. Nicht ohne Grund war der Magdeburger ſo erpicht auf Kabul. Er lebte nämlich Hanno hatte ſeine Rolle mei⸗ ſterhaft geſpielt— noch immer ſtarr und ſteif in dem bezaubernden Irrthum, daß der Heldenſpieler über fünfhundert Ducaten zu disponiren habe; auch war es Lagemann gelungen, von dieſer Summe bereits einen anſehnlichen Theil ſich zu verſichern. Die Wirths⸗ hausrechnung des Künſtlers belief ſich allein auf funf⸗ zig Ducaten, der Magdeburger ſchonte trotz der Freund⸗ ſchaft keine Kreide; funfzig Stück(ſämmtlich beſchnit⸗ ten, Lagemann hatte mehre Nächte mit der Feile ge⸗ arbeitet) waren Hanno baar unter der Bedingung vom Hotelier überantwortet worden, daß er ihm da⸗ für zweihundert von der Erbſumme abtrete. Nur nach langem Widerſtreben und unter der heiligen Verſiche⸗ rung, daß ihm das Meſſer an der Kehle ſtehe(wie dem auch ſein mochte), war der Heldenſpieler zu be⸗ wegen geweſen, den wucheriſchen Accord abzuſchließen. Gleichwohl verblieben ihm nach Lagemann's Meinung noch immer zweihundert Duecaten, welche dem gelddür⸗ ſtenden Sinne des Magdeburgers gewaltig in die Au⸗ gen ſtachen, ſo daß er mit Hanno in abermalige Un⸗ terhandlung trat. Er bot noch funfzig Stück für Ueberlaſſung des geſammten Erbtheils; ob dieſes Ge⸗ bots aber ſtellte ſich der Künſtler außerordentlich ent⸗ rüſtet, ſo daß er lange nicht zu beſänftigen war. La⸗ gemann meinte, ein Freund dürfe dem andern nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen; aber Hanno, fortwährend aufgebracht, gab zu verſtehen, daß er nach ſolchem ſchändlichen Gebote nicht übel gewillt ſei, die ganze Freundſchaft aufzuheben. Jetzt ward dem Hotelier Angſt und er legte noch zwanzig Ducaten zu. Hanno beſtand ſchlechterdings auf Zweihundert. Lagemann beſchwor ihn bei ſeiner Freundſchaft, ob er ſolche Forderung vor ſeinem Gewiſſen und vor dem der einſtigen Richter zu verantworten vermöge? Hanno behauptete, es verantworten zu können, aber Lagemann wollte darum nicht zahlen. Man ſtritt lange und wieder. Lagemann appellirte fortwährend an die Freundſchaft, der Künſtler desgleichen. Ein Sprüchwort ſagt:„Berg und Thal kom⸗ men zuſammen.“ So war's auch mit den beiden Biedermännern. Der Handel war geſchloſſen, am nächſten Tage zahlte Lagemann, nachdem er die Nacht vorher wie⸗ der auf wahrhaft unverantwortliche Art geraſpelt, acht⸗ zig Stück, wahre Schmetterlinge, und Hanno ſtrich ſie ſeufzend ein, nachdem er vorher vermittelſt eines ſchriftlichen Documents das Kabul'ſche Erbe ſeiner verſtorbenen Frau, geborne Seekrebs, an Herrn Atha⸗ naſius Lagemann abgetreten hatte. Im Beſitze dieſer Ceſſionsurkunde hatte nun der Hotelier nichts Angelegentlicheres zu thun, als den Se⸗ nat mittelſt eines doppelten Schweinemords zu ſeinem Gunſten zu ſtimmen und ihn zu beſtürmen, daß es ihm erlaubt ſei, dem Actuariats-Botſchafter als At⸗ taché nach Kabul zu folgen. Er glaubte, wenn er als ein Stück diplomatiſch⸗officielle Perſon in Afghaniſtan 204 anlange, er die Erbſchaft mit weniger Schwierigkeiten werde erheben können als außerdem. Der Senat, da Lagemann auf keine anderweitige Vergütung Anſpruch machte und Zeiſig ohne Beglei⸗ ter ſchlechterdings nicht reiſen wollte, überdies gerührt durch das fette Opfer, trug kein Bedenken, dem Ho⸗ telier das Amt eines Attaché in Gnaden zu be⸗ willigen. Alſo Lagemann fuhr mit nach Kabul, das ſtand feſt. Aber auch Hanno fuhr mit und das verhielt ſich alſo. Frau Urſula, nachdem ſowohl Gamaliel, als auch ihre drei Anbeter das Geſuch, das ihr zu⸗ fallende Erbtheil in Kabul zu erheben, abgelehnt, rich⸗ tete ihre Blicke auf Hanno, welcher ihr allerdings alle erforderlichen Eigenſchaften für eine langwierige Reiſe zu beſitzen ſchien, nur daß er etwas charlatanmäßig erſchien und ihm daher weniger zu trauen war. In⸗ deß da ſich auch Vetterlein und der Factor auf das Mandat nicht einließen, blieb keine andre Wahl. Sie trug alſo dem Heldenſpieler ihr Anliegen vor, wel⸗ ches auch ohne weitern Widerſpruch beſtens acceptirt wurde. Dem Künſtler kam die morgenländiſche Fahrt höchſt erwünſcht. Er bedachte, daß er im Vaterlande ſo nichts mehr nütze; außerdem war er an ein unſte⸗ tes Leben gewöhnt und liebte das Abenteuerliche. Demnach machten ſich in Niederroßla nachverzeich⸗ nete Perſonen zum Aufbruch nach Kabul fertig: Ga⸗ maliel Drollinger in Begleitung des jungen Victor Morand; Hannv als Mandatar der verwittweten Ur⸗ ſula Klugin; der Quartus Vetterlein und der Factor Süßmilch; und endlich der Rathsactuar Zeiſig nebſt ſeinem Attaché und Mentor Athanaſius Lagemann; letztere zwei ſpecialiter beauftragt, das goldne Kroko⸗ 3 — 2035 dill, welches ein hochweiſer Rath ererbet, wohlbehal⸗ ten nach Niederroßla zu transportiren. Die Reiſeanſtalten, welche von den verſchiedenen Individuen getroffen wurden, gehörten zu dem Außer⸗ ordentlichſten, was man in Niederroßla je erlebt hatte. Die ganze Stadt nahm durch Rath und That Theil an der Ausrüſtung. Zeiſig ward auf Magiſtratsun⸗ koſten völlig neu bekleidet und zwar mit einem waſſer⸗ dichten Stoffe, deſſen Erfindung unſerm Jahrhundert zur Ehre gereicht. Außerdem erhielt er ein Futteral für den ganzen Körper von Glanzleinwand nebſt einem Schifferhut, auf welchem das Stadtwappen von Nie⸗ derroßla in erhabener Arbeit prangte. Dieſes Wap⸗ pen beſtand in einem Ochſenkopfe mit nur einem Horne und verdankte ſeine Entſtehung einer höchſt merkwürdigen Begebenheit. Es war im grauen Al⸗ terthume, als Niederroßla nur noch den Rang eines Marktfleckens einnahm, von einem benachbarten Raub⸗ ritter belagert und hart berennt worden. Die Belager⸗ ten beſaßen nur noch einen Ochſen und dieſer ſollte eben geſchlachtet werden, als beim jetzigen Conſtitu⸗ tionsthore ein mörderlicher Lärm entſteht. Der Feind iſt eingedrungen und ſtürmt mordend die Straße ent⸗ lang. Der Metzger, der den Ochſen tödten ſoll, ver⸗ liert ob des außerordentlichen Mordio den Kopf und ſchlägt blind darauf los, anſtatt aber die Stirn des Stiers zu treffen, zertrümmert er ihm das rechte Horn. Der Ochſe, von ſolcher Handlung empört, reißt ſich los, ſtürmt zum Schlachthauſe hinaus und zufälliger⸗ weiſe dem ſtürmenden Feinde entgegen. Nachdem er nicht weniger denn ein Dutzend der eingedrungenen Raubritter über den Haufen geworfen, eilt er durch's Thor in's Freie. Der Feind, durch dieſes völlig un⸗ erwartete Ereigniß in Schrecken geſetzt— denn nach 2 damaligen Anſichten konnte das wüthende Beeſt mit nur einem Horne Niemand anders als der Beelzebub ſein, ergreift die Flucht. Die Niederroßlaer, reſolute Leute wie immer, benutzen den glücklichen Umſtand, werfen das Thor zu und halten ſich ſo lange, bis kaiſerlicher Erſatz herbeieilt. Wegen ſeiner tapfern Gegenwehr ward Niederroßla zur Stadt erhoben und in dankbarer Erinnerung an den Ochſen, das wohl⸗ getroffene Portrait deſſelben mit einem Horne in das neue Stadtwappen aufgenommen. Dieſes denn trug der Rathsactuar Zeiſig bei ſeinem Zuge nach Afgha⸗ niſtan auf ſeinem lackirten Schifferhute. Der Hut, ſo wie der ganze vom Magiſtrat geſchaffte Habit war, wie der Brautſtaat einer Prinzeſſin, acht Tage lang unter dem Rathhauſe zu Jedermanns Anſicht und Bewunderung ausgeſtellt. Der Factor Süßmilch, ein für ſeine Geſundheit ſehr beſorgter Mann, hatte ſich einen Wamms und Beinkleider von Baumwolle anfertigen laſſen. Er beabſichtigte damit drei Fliegen mit Einem Schlage todt zu machen. Erſtens ſollte ihn dieſes neue Kleid für den Fall er das Unglück habe, in's Waſſer zu fallen, ſo lange auf der Oberfläche erhalten, bis Hülfe käme, alsdann gegen die etwaigen Pfeile der Indianer ſchützen und drittens vor den Nachtheilen eines ſchnel⸗ len Temperaturwechſels bewahren. Als Süßmilch in dieſem ſeltſamen Koſtüme ſeinen Probeausgang hielt, vermochte man den Mann nicht wieder zu erkennen. Seine dünne Figur war angeſchwollen wie die eines Bürgermeiſters. In nicht minder barocker Tracht erſchien Lage⸗ mann. Er fand Zeiſig's Glanztaffet eben ſo unpaſſend wie Süßmilch's Baumwolle und erſchien daher in der Tracht eines ehemaligen Lanzenknechts, faſt gänzlich 207 in grobgegerbtem Rindsleder mit Pickelhaube und einer Art blechernen Bruſtharniſch, worauf gleichfalls das Niederroßlaer Stadtwappen zu ſehen war. Er hielt letzteres für unentbehrlich, da er in der diplo⸗ matiſchen Eigenſchaft eines Attaché der Niederroßlaer Geſandtſchaft reiſte. Sein kriegeriſcher Anblick im⸗ ponirte faſt noch mehr als Süßmilch's Baumwollen⸗ habit, namentlich fand ſich die Schuljugend ſehr alar⸗ mirt dadurch. Vetterlein's Reiſecoſtüm beſtand aus einem ziem⸗ lich ungeſchlachten Tüffelrock, der bis auf die Knö⸗ chel herabreichte und die kleine Figur des Quartus ganz verſchlang. Wenn er bei unfreundlichem Wetter den Kragen in die Höhe ſtülpte, ſo war vom Schul⸗ manne nichts zu erblicken und es gab nur einen wan⸗ delnden Rock, höchſtens, daß die Quaſte der Sack⸗ mütze, vom Winde hin und wieder bewegt, ein We⸗ nig hervorragte. Vetterlein wußte ſich trotzdem, daß er in dem Rocke total verſchwunden war, doch recht gut zurecht zu finden. Er ſchaute durch eins der obern Knopflöcher wie durch eine Schießſcharte. Ob⸗ ſchon er nun vermittelſt ſeines Tüffels gegen den Re⸗ gen vollkommen geſchützt war, ſo ermangelte er doch nie ohne Regenſchirm auszugehen, welch' letztrer ſich ſogleich entfaltete, ſobald ein dunkles Wölkchen am Horizonte emporſtieg. In dieſem Aufzuge hatte er in ſeinen frühern Jahren Deutſchland, die Schweiz und einen Theil Frankreichs durchwandert und dieſe Bekleidungsart ſehr praktiſch gefunden. Deshalb ſtand ſein Entſchluß feſt, auch Afghaniſtan im Tüffel und in Begleitung des Regenſchirms zu beſuchen. Hanno's Garderobe war die einfachſte. Er beſaß eine ziemliche Fertigkeit im Umſchlagen und im Fal⸗ tenwurfe des Carbonarimantels. Alle Helden in Män⸗ teln ſtellte er ſehr maleriſch vermittelſt ſeines Carbv⸗ naris, dieſes Solitairs ſeiner Theatergarderobe, dar. Leider mußte er aber bereits ſeit Zeit auf dieſe Um⸗ ſchlagevirtuoſität verzichten, da der Mantel in Geſell⸗ ſchaft des Waldes von Hermannſtadt beim Meubleur Hantuſch verſetzt ſtand und erſt neuerdings durch Ver⸗ mittlung des Attaché in den Beſitz des Eigenthümers zurückgekehrt war. In dieſem Mantel, ſchwur der Held, ſei er unbeſiegbar und getraue ſich, ein zweiter Alexander, Aſien zu erobern. So war die Ausrüſtung der Niederroßlaer Afgha⸗ nen bis in's geringfügigſte Deteil vorgericckt und der Tag der Abreiſe auf Dienſtags den dreiundzwanzig⸗ ſten Juni angeſetzt, ungefähr zehn Wochen nach der erbſchaftlichen Bekanntmachung im Wochenblatte. Ende des erſten Bandes. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. 3 e1n ↄuende