Leihbibliothek ₰ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmunn in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und SLeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗. pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. f. de Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe f hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und † eträgt: für npchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Wet. 50 Pf 2— Pf. * n*„.—„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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XXIII. 4 J es giebt Unglücksvögel auf der Welt, das iſt eine ausgemachte Sache, die ſich zu oft beſtätigt hat, als daß ſie noch einem Zweifel unterliegen ſollte. Es giebt arme Teufel, die bei aller Thätigkeit, bei aller Geſchicklichkeit von einem böſen Schickſal ver⸗ folgt werden, ſo daß ſie es nie zu Etwas bringen können. Entweder kommen ſie ſtets zu früh oder zu ſpät, oder es ſtellt ſich irgend ein anderes Hinderniß ihrem Vorhaben in den Weg. Oft wenn ſie das langerſehnte Glück ſelbſt mit beiden Händen ſchon erfaßt haben, kommt noch ein böſer Genius und ent⸗ reißt es hohnlachend den Armen; oft wenn ſie ſchon auf der Schwelle zum Himmelreiche ſtehen, ſchlägt das ſchadenfrohe Mißgeſchick die Thüre ihnen vor der Naſe zu und lange, lange Zeiten vergehen, ehe ſich ihnen nur wieder eine ähnliche günſtige Gelegen⸗ heit zeigt. Ein lebendes Beiſpiel von dem Geſagten bot der ehrſame Candidat der Theologie, Herr Elias Weit⸗ haas, welchem in Kurzem ſein vierzigſter Geburtstag bevorſtand. Gott war ſein Zeuge, daß der Gute Alles gethan hatte, was in ſeinen Kräften ſtand, um einmal dem Ziel und Hauptſtreben ſeines Lebens, einer kleinen Pfarrſtelle, mit Ehren vorzuſtehen. Man mochte ſeine Cenſuren durchſehen von der Schule 4 N 4 bis zur letzten Candidatenprüfung, er hatte ſtets wohl beſtanden, hatte ſtets Lob eingeerntet ob ſeines aus⸗ dauernden Fleißes und ſeiner ſoliden Kenntniſſe; aber was half ihm Alles, immer waren Glücklichere vorgezogen worden, und ſo war der Arme vertröſtet worden bis in ſein vierzigſtes Jahr, das er nun bald betreten ſollte. Einem Candidaten der Theologie von vierzig Jahren kann auf dieſer Erde wohl kaum am Wohl⸗ ſten zu Muthe ſein, zumal wenn er noch eine arme Mutter und einen kranken Bruder zu ernähren hat und ſein Einkommen auf mühſames Stundengeben beſchränkt iſt. Bei dem armen Elias war dies der Fall. Von früh bis zum ſpäten Abend ſah man ihn im dürftigen Fracke die Gaſſen und Gäßchens des Städtchens Krautberg auf⸗ und ablaufen, aus einer Familie in die andere, hier im Latein, dort im Piano, dort in irgend einer andern Elementarwiſſen⸗ ſchaft Unterricht ertheilend. Kam er dann ſpät des Abends als gehetztes Reh todtmüde nach Hauſe, ſo hatte er doch nie vergeſſen, als guter Sohn und Bruder ſeinem Mütterchen ein Weißbrötchen oder zur Faſtenzeit ein paar Bretzeln mitzubringen, womit er bei den genügſamen Seinen allemal große Freude an⸗ richtete. Dann ſtreckte er ſich behaglich auf das hart⸗ gepolſterte Sopha und ſchlürfte ſein Glas Dünnbier mit einer Behaglichkeit, als wär' es eben Rebenſaft. Der Zufriedene braucht ſo wenig, um glücklich zu ſein, aber oft muß der Arme auch auf dies Wenige verzichten. Es war bereits das ſiebenundzwanzigſte Mal, daß Weithaas um ein vor Kurzem erledigtes dürftiges Pfarrſtellchen im hohen Gebirge angehalten hatte. Er mußte zu dieſem Zweck allemal perſönlich nach 5 der Reſidenz, und dem Oberconſiſtorial⸗Präſidenten ſeine Aufwartung machen. Großblumige Hoffnungen in der Bruſt und von den ſchönſten Träumen umgaukelt, machte ſich unſer Candidat auf den Weg. „Mütterchen,“ hatte er beim Abſchiede geſchwo⸗ ren,„wenn ich die Stelle bekumme, ſollſt Du den Himmel auf Erden haben.“ Er beſchrieb ihr dann die Einrichtung ſeiner kleinen Wirthſchaft, wie ſie ihr eigenes Stübchen bekommen ſollte nach dem Garten hinaus, und alle Sonn⸗ und Feſttage müſſe ſie ihr Brätchen haben, anders thue er es gar nicht. Der Menſch iſt ſo glücklich in ſeinen Träumen. „Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut,“ erwie⸗ derte die fromme Alte auf das begeiſterte Gemälde, das der gute Sohn vor ihr ausbreitete.„Gehe mit Gott, mein Sohn, nur ſeine Wege führen zum Heile.“ Bald darauf ſehen wir den Candidaten ruhig die Straße dahin ſchreiten. Der junge Morgenwind ſpielte in den Zweigen, die Sonne lachte ſo golden über dem grünen Walde, die Vögelein muſicirten, und Elias war ganz gottvergnügt. Eine frohe Ah⸗ nung ſagte ihm, daß er diesmal den ſo oft zurückge⸗ legten Weg nicht vergebens mache. War nicht mor⸗ gen ſein vierzigſter Geburtstag? Gewiß hatte es der liebe Gott in ſeiner Weisheit und Güte ſo ein⸗ gerichtet, daß ſein jahrelang gehegter Wunſch an ſei⸗ nem Geburtstage in Erfüllung gehen ſollte. Ein himmliſcheres Angebinde konnte ſich der Gute auch nicht denken. Aber der Menſch denkt und Gott lenkt, das iſt ſeit Ewigkeit ſo geweſen und wird in Ewigkeit ſo bleiben. Als Weithaas nach zweitägigem Tagemar⸗ 6 ſche wohlbehalten beim Oberconſiſtorial⸗Präſidenten anlangte, ward ihm die Todesbotſchaft, daß die Stelle bereits vergeben. Der glückliche Bräutigam der Nichte des Superintendenten, in deſſen Ephorie die vacante Pfarrei gehörte, hatte ſie erhalten. Dahin waren nun zum ſiebenundzwanzigſten Male die ſchönſten Hoffnungen und ſüßen Träume. Dahin war das Stübchen mit der Ausſicht nach dem Gar⸗ ten, das Brätchen an Sonn- und Feiertagen. Nicht ſich ſelbſt bedauerte der arme Candidat, aber ſein Mütterchen, die ja mit ihm leiden und darben mußte in ihren alten Tagen. Das war ein recht trüber Geburtstag für unſern Elias. Er zählte ſeine paar Groſchen, ſie reichten kaum zur Rückreiſe. Eine kleine Summe, die er ſchon ſeit langen Jahren in der Hauptſtadt außen⸗ ſtehen hatte und die er diesmal einzutreiben ſich die gewiſſe Hoffnung gemacht hatte, konnte er aus dem einfachen Grunde nicht erhalten, weil ſein Schuldner bereits ſeit längerer Zeit verdorben und geſtorben. Dies war ein neuer harter Schlag für den Armen. Nicht für ſeinen Nutzen hatte er das Sümmchen zu verwenden gehofft. Aber ſein Mütterchen brauchte recht nothwendig ein neues kattunenes Sonntagskleid⸗ chen. In dem zeitherigen war ſie nun bereits ſeit funfzehn Jahren gelaufen. Es war ganz verwaſchen und verſchoſſen, ſo daß es für die Kirche wirklich nicht mehr gehen wollte. Auch der Einkauf eines hübſchen Halstuchs für den Bruder war ſein ſtiller Plan geweſen. Nun war durch den Tod des inſolventen Schuld⸗ ners auch die Hoffnung zu Waſſer geworden. Elias war ſo menſchenfreundlichen Herzens, daß — S 7 er dem Verſtorbenen nicht zürnte, ſondern ihn be⸗ dauerte. „Der arme Mann,“ dachte er bei ſich,„er iſt gewiß noch unglücklicher geweſen als Du, er iſt in Kummer und Elend geſtorben. Möge es ihm dafür dort oben recht wohl ergehen.“ Während unſer vierzigjähriger Candidat alſo vol⸗ ler Milde und Barmherzigkeit richtete über einen Unglücklichen, ſaß er, ganz ermüdet von dem Herum⸗ rennen, in der weitläufigen Hauptſtadt und gebeug⸗ ten Hauptes bei einem halben Glaſe Braunbier in einer dem Thore zunächſt gelegenen armſeligen Schenkwirthſchaft. Er rechnete hin und her, ob es denn keine Mög⸗ lichkeit ſei, von den wenigen Groſchen etwas zu er⸗ übrigen, um ſeiner armen Mutter eine Freude zu machen. Es war ihm recht ſchmerzlich, mit unter⸗ gegangenen Hoffnungen und leeren Händen zugleich nach Hauſe zurückzukehren. Aber Elias mochte calculiren und reduciren, ſo viel er wollte, ſeine Baarſchaft reichte, wie geſagt, kaum, die Heimath zu erreichen. Sie war zwei gute Tagereiſen entfernt und ſchon war es hoher Nachmit⸗ tag, alſo mußte er nothwendig unterwegs zwei Mal über Nacht bleiben. Er wäre mit ſeiner Kaſſe nicht ſo ganz ſchlecht beſtellt geweſen, aber ein neues, völ⸗ lig ungeahntes Mißgeſchick hatte ſie erſchöpft. Er mußte nämlich, um nur als Candidat beim Präſi⸗ denten angemeldet zu werden, zum Beſten einer wohl⸗ thätigen Sammlung acht Groſchen gut Geld erlegen, eine Abgabe, die früher nie beſtanden und von wel⸗ cher er kein Sterbenswörtchen gewußt hatte. So ver⸗ blieben ihm nur noch ein Zwanzigkreuzer, ein preu⸗ ßiſcher Silbergroſchen und zwei Vierpfenniger, alſo in Summa mit Agio ſieben Groſchen gut Geld. „Wenn du auch,“ fuhr er in ſeiner Berechnung fort,„auf beide Mittagsmahlzeiten heute und mor⸗ gen verzichteſt, ſo kannſt du doch nicht unter freiem Himmel die Nacht bleiben; wie leicht könnte ein Landgensd'arm erſcheinen und als Vagabund behan⸗ delt zu werden, würde einem ehrſamen Candidaten der Theologie bei all ſeiner Unſchuld in ein übles Licht ſtellen, und ein paar Brötchen verſchlingſt du doch während der zwei Tage und einige Schluck Bier ſind unentbehrlich, um Kräfte für die Wanderung zu erhalten. Du biſt einmal ein verwöhnter Menſch. Hätteſt dir von Jugend auf mehr Enthaltſamkeit an⸗ eignen ſollen.“ Von den ſieben Groſchen gut Geld verblieben dem Candidaten nach möglichſter Einſchränkung funf⸗ zehn Pfennige. Hiermit ließen ſich allerdings keine großen Einkäufe für die geliebten Seinigen bewerk⸗ ſtellige n. Während Elias dies bedenkend am Fenſter der Gaſtſtube ſtand und ſchwermuthvoll nach der Straße hinaus ſchaute, ſtieg plötzlich ein großer kühner Ge⸗ danke in ſeiner betrübten Seele auf. Schräg über vom Wirthshauſe nämlich, in welches der Candidat eingetreten war, hatte ein Kleidertrödler ſeinen Kram⸗ laden aufgeſchlagen. Da hingen der abgetragenen Kleidungsſtücke in Unzahl: Beinkleider, Röcke, Fracks, Gilets zu allen Größen und Farben. „Wie wär's,“ dachte Elias, von Kindes⸗ und Bruderliebe erfüllt,„da du deinen Frack nun für geraume Zeit nicht mehr unumgänglich nöthig haſt, indem ſobald eine Vacanz nicht wieder eintreten wird, wenn du den ohnedies abgetragenen Alten hier ver⸗ 8 kaufteſt und ein wohlfeileres Kleidungsſtück dafür an dich brächteſt? Für den Ueberſchuß könnteſt du dann deines Herzens Wunſch befriedigen und der Mutter Kattun zu einem Röckchen erhandeln.“ Die Blicke des guten Sohnes ſuchten daher in dem Kleider⸗Ba⸗ zar nach ſo einem wohlfeilern Stück. Plötzlich that Elias einen Freudenſprung in die Luft. Richtig, da hing an der Ecke ein allerliebſtes Nankingjäckchen. Das konnte ein Königreich nicht koſten. Da war ſein ehrwürdiger langſchößiger Frack ein Krönungsmantel dagegen. Da mußte er eine re⸗ ſpectable Summe herausbekommen. „Zu einem neuen Fracke wird der liebe Gott auch wieder helfen,“ tröſtete er ſich,„ich bekomme vom nächſten Monat vier neue Clavierſtunden beim Tuchmacher Engelmann; da kann ich das Tuch ab⸗ klavieren und Engelmann hat ſtets als Chriſt an mir gehandelt.“ Elias war ſchon im Begriff, ſein halb Glas Braunbier zu berichtigen und auf den Kleiderhandel und Kattuneinkauf zu gehen, als ein neues Bedenken in ihm aufſtieg. „Aber als ehrſamer Candidat der Thevlogie,“ frug er ſich,„kannſt du doch unmöglich ſo durch die weite Welt reiſen? Wenn dir nun Kirchenlicht zu⸗ fällig begegnet und den dereinſtigen Herrn Confrater im chineſiſchen Nankingjäckchen einherſtolziren ſieht, muß er nicht in gerechte Beſorgniß gerathen, daß es mit meiner Wenigkeit rapple?“ Das war ein höchſt fataler Fall, der ihm da in den Sinn gekommen. „Armes Mütterchen,“ ſprach der gute Sohn, „alſp ſoll aus dem neuen Sonntagsröckchen wirklich nichts werden. Auf das Stübchen mit der herrlichen 40 Ausſicht nach dem Garten mußt Du verzichten; auch das Brätchen an Sonn⸗ und Feſttagen iſt Dir in den Brunnen gefallen. O, jetzt fühle ich wahrhaft, was bittere Armuth zu bedeuten.“ Er lief verzweiflungsvoll die an Gäſten leere Schenkſtube wiederholt auf und ab. „Was da,“ rief er endlich, und bekam wieder frohen Muth,„ich riskire es und verkeile den Frack. Ich brauche ja nicht auf der Heerſtraße zu bleiben, wo mir die mediſante Menſchheit aller Augenblicke in den Weg läuft; ich bin ja bekannt ringsumher, ich ſchneide mitten durch, über Berg und Thal, durch Wald und Flur, der Chauſſee ſo fern als möglich. Ja, es bleibt beim Nankingjäckchen!“ Eiligſt legte er die vier Pfennige für das Bier auf den Tiſch und war nach wenigen Sekunden mit dem Kleidertrödler im Handel verwickelt. Hier ſank ihm aber anfangs der Muth gewaltig. Er glaubte ſeinen Ohren nicht zu trauen. Der Kaufmann wollte nämlich noch acht Groſchen heraus⸗ haben, wenn er ſein Jäckchen gegen den Candidaten⸗ frack herausgebe. Das hatte der arme Elias freilich nicht erwartet, daß ſein ihm ſo theuer ehrwürdiger Frack nicht ein⸗ mal einer dürftigen Nankingjacke die Waage halten ſollte. „Aber betrachten Sie auch die Naht,“ fuhr der Trödler in ſeinem gewohnten anpreiſenden Tone fort, „und das Zeug, ſolches giebt's heutzutage gar nicht mehr, Leder iſt nichts dagegen, und wie wäſcht ſich's! Ich büße mein eigenes Geld bei dem Handel ein.“ Zugleich maß er den Frack des Candidaten mit einem Blicke, der ſeine innerſte Empörung ob des altmodi⸗ . 44 ſchen Schnittes und des groben abgetragenen Tuchs hinlänglich ausſprach. „Sehen Sie, das ſind Fracks,“ ſprach er weiter, indem er auf mehrere an der Wand hängende Exem⸗ plare zeigte,„dagegen muß ſich Ihr Langſchvoß aus dem ſiebenjährigen Kriege verſtecken. Wie geſagt, mein baares Geld ſetze ich zu, wenn ich mich mit acht Groſchen begnüge; wären Sie einigermaßen von chriſtlicher Geſinnung beſeelt, würden Sie mir eine ſolche Anmuthung gar nicht ſtellen und freiwillig noch vier Groſchen zulegen.“ Jetzt ward es dem Candidaten zu arg. Der jüdiſche Trödler zog ſogar ſeine chriſtliche Geſinnung in Zweifel, bei ihm, einem ſo gottesfürchtigen Can⸗ didaten der Gottesgelehrſamkeit! Das war nicht zu ertragen. Halb Zorn, halb Wehmuth im Herzen wollte Elias, ohne ein Wort zu erwiedern, davon. „So warten Sie doch,“ rief ihm der Trödler nach,„ein Gebot giebt das andere, Thal und Berg kommen zuſammen, warum wir nicht.“ „Nimmermehr!“ antwortete Elias,„aus unſerm Handel kann auf dieſer Welt nichts werden.“ „So kommen Sie nur einen Augenblick zurück,“ fuhr der Trödler drängend fort,„Sie wären der Erſte nicht, mit dem ich nicht noch Handelseins ge⸗ worden wäre.“ Unſchlüſſig zögerte Elias. Endlich ließ er ſich bewegen, nochmals umzukehren. „Nun,“ begann der Trödler den Handel von Neuem,„ich will an Ihnen mein Möglichſtes thun, obſchon ich nicht weiß, wie ich es bei meiner Frau verantworten will. Unter der Bedingung, daß Sie gegen Jedermann reinen Mund halten, ſollen Sie mir nur vier Groſchen herausgeben nächſt dem Fracke, dann will ich das herrliche Jäckchen, ſo weh mir's thut, verſchmerzen.“ Der Candidat ergriff bei dieſem Vorſchlag von Reuem die Flucht und kam auf des Trödlers Bitten nochmals zurück. „Sie ſind auch ſchrecklich kurz angebunden,“ ſprach letzterer.„Unter der Bedingung, daß Sie mich künftig wieder in Nahrung ſetzen, ſollen Sie mir diesmal nichts herausgeben.“ Elias konnte ſich noch immer nicht zum Handel entſchließen. „Nun,“ rief der Trödler im verſtellten Tone des höchſtens Erſtaunens,„Sie wollen doch nicht etwa noch heraushaben?“ „Allerdings,“ geſtand der Candidat ſtockend, der durch die Aechtung, die der Handelsmann über ſei⸗ nen Frack ausgeſprochen, an dieſem ſelbſt ganz irre geworden. „Nun, das iſt ſpaßhaft,“ fuhr der Händler iro⸗ niſch fort,„was verlangen Sie denn?“ „Unter einen Thaler,“ ſprach leiſe Elias,„kann ich den Frack gegen das Jäckchen nicht abtreten.“ „Was, einen Thaler?!“ ſchrie hier der Tröd⸗ ler mit einer Stentorſtimme, daß der Candidat er⸗ ſchrak und ihn bat, nicht ſo außerordentlich zu ſchreien. Da half aber kein Bitten und Zureden. Der Händler that unermeßlich aufgebracht über ſolches Verlangen. Doch damit wir dieſe Angelegenheit nicht zu weit ausſpinnen, das Ende vom Liede war das Gewöhnliche. Durch beiderſeitiges Nachgeben ward man endlich dennoch Handelseins. Elias erhielt für ſeinen Frack das Nankingjäckchen und ſechzehn Gro⸗ ſchen ſchlecht Geld, obſchon der Trödler fortwährend 13 ſchwur und betheuerte, daß er gewiſſenlos an Weib und Kindern handle. Der Candidat ward nun metamorphoſirt. Das gelbe Nankingjäckchen ſtand ihm ziemlich poſſirlich zu ſeinen ſchwarzen Beinkleidern und ſchwarzer Weſte. Allein da es gerade Sommer war, fiel die ſonder⸗ bare Tracht nicht weiter auf. In dem benachbarten Ausſchnittladen begann Elias nun einen neuen Han⸗ del, kaufte für vierzehn und einen halben Groſchen Kattun, allerdings nicht den feinſten, und für drei Groſchen ein Halstuch für den Bruder. Himmelſelig wanderte er nach dieſen für ihn ſo wichtigen Geſchäften zum Thore hinaus. Er konnte ſich's zwar nicht verhehlen, daß ihn der Verluſt ſei⸗ nes ſoliden Fracks etwas ſchmerzte, das Jäckchen war auch gar zu luftig, und daß er ſo wenig auf ſeinen Schwarzen herausbekommen; wenn er aber des Kat⸗ tuns gedachte, des Halstuchs und der Freude, die er damit anrichten werde, ſo verſchwand jede weh⸗ müthige Empfindung, denn der Himmel einer rüh⸗ renden kindlichen Liebe mit all' ſeinem Segen ruhte in ſeiner Bruſt. Jetzt ging die Reiſe leichten Schritts auf Feld⸗ wegen zwiſchen wogenden Kornfeldern hindurch, von Dorf zu Dorf, immer in der Richtung nach ſeiner Heimath. Der Abend war ſchon hereingebrochen, als er ein armſeliges Dörfchen erreichte, wo er zu übernachten beſchloß. Jetzt fühlte er recht den Man⸗ gel ſeines Fracks, denn mit einem ſolchen hätte er als frommer Candidat vielleicht bei dem Ortsgeiſt⸗ lichen Abendimbiß und Nachtherberge gefunden; in ſeinem dermaligen Coſtüm wagte er aber nicht ſeine Aufwartung zu machen. Am folgenden Tage kam ihm die Gegend, wo 1⁴ an den Rainen häufig wilde Himbeeren wuchſen, recht zu Statten. Er lebte faſt den ganzen Tag von nichts als ſolchen Beeren, welche ihm nebſt einem Stück trocknem Brote herrlich mundeten, und konnte dem lieben Gott nicht genug danken, daß er eine ſolche herrliche Frucht erſchaffen habe zum Nutzen und Frommen der Wanderer, die in den Wirthshäuſern nicht viel aufgehen laſſen konnten, wie dies bei ihm der Fall war. Gegen Mittag des zweiten Tages ſtach die Sonne gewaltig auf ihn herab. Vergebens ſah er ſich weit und breit nach einem ſchattigen Plätzchen um. Nir⸗ gends war ein ſolches zu erblicken; nur in der Ferne winkte ein Dorf. Keuchend und halb verſchmachtet erreichte er endlich daſſelbe. Er frug nach der Schenke, es gab keine im Orte. Er bat in einigen Bauern⸗ häufern um einen Trunk Waſſer. Man wies ihm hartherzig die Thür. Endlich in einem der letzten ward ſeine Bitte erfüllt. Er bekam für ſechs Pfen⸗ nige auch ein ſchön Stück Brot und ein wenig But⸗ ter. Hier denn lagerte ſich Elias unter einem weit⸗ ſchattenden Nußbaum in's weiche Gras und verzehrte ſein frugales Mittagsbrot. Gaßtlich blickte das ſtattliche Pfarrhaus zwiſchen hohen Ulmen zu ihm herüber. „Ja, wer einen Frack hätte,“ ſprach Elias,„der könnte vielleicht dort drüben an ſtattlicher Tafel ſitzen in gelahrtem Geſpräch mit dem Herrn Pfarrer.“ Ein Seufzer entſtahl ſich ſeiner Bruſt, der Arme hatte nun ſeit fünf Tagen faſt von nichts als trock⸗ nem Brote gelebt. Da fiel aber ſein Blick auf das Päckchen Kattun, und alles Leid war vergeſſen, denn er gedachte der Freude, die er ſeiner alten Mutter und ſeinem kranken Bruder bereiten würde. Elias beſchloß während ſeiner Mittagsmahlzeit, von nun an kein Nachtquartier weiter zu machen, ſondern in einer Strecke fortzuwandern bis zu ſeinem Wohnorte, welcher nicht mehr zu weit entfernt war. Nachdem er ſich gelabt, geſtärkt und ausgeruht hatte, ſetzte er wohlgemuth ſeine Wanderung fort. Wieder begann die Sonne zu ſtechen, als ihn bald ein ſchattiger Wald aufnahm. Wer war froher als unſer Elias, denn hier gab's Erd⸗ und Heidelbeeren in Maſſe. Er zog den Reſt ſeiner Mittagsmahlzeit aus der Taſche, welcher aus einem Stück ſchwarzen Brotes beſtand, lagerte ſich unter den hohen Bäumen und begann unter den Abendliedern der Waldvögel zu veſpern. Immer länger wurden die Abendſchatten, immer tiefer dunkelte der Wald. Elias ſchritt die einſame Haide dahin, der Richtung ſeiner Heimath nach. Obſchon er ſich vor Räubern weiter nicht zu fürchten hatte, wer hätte ſich auch wollen an ihm bereichern, ſo war er doch nicht ohne Bangen für ſeinen Kattun und das gekaufte Halstuch, welche beide Gegenſtände für ihn Kleinodien von unſchätzbarem Werthe waren. Doch auf Gott vertrauend wandelte er weiter. Allmälig ward es aber immer finſtrer und unſerem Elias, um nicht in der Irre herumzulaufen, blieb nichts übrig, als Halt zu machen und unter einem alten Nußbaume auf weichem Mooſe ſein Nachtquar⸗ tier aufzuſchlagen. Von dem beſchwerlichen Tagemarſche ziemlich er müdet, fiel Elias bald in einen geſunden feſten Schlaf. Liebliche Traumbilder umgaukelten den Entſchlummer⸗ ten. Er hatte lange nicht ſo ſüß geträumt wie die⸗ ſes Mal. Seine Mutter erſchien heiter lächelnd im prächtigen Sonntagsſtaate, auch ſeinen Bruder er⸗ 16 ſchaute er ſo froh und lebensluſtig, wie er ihn nie im Leben geſehen. Plötzlich aber tönte in die roſige Traumwelt ein gellender Ton aus der irdiſchen Welt. Ein langge⸗ haltenes Pfeifen ſcholl durch den Wald. Elias fuhr erſchreckt aus dem Schlafe empor. Bereits graute der Morgen. Nachdem Elias vollkommen munter geworden war, vernahm er durch die ſtille Morgenluft die Schritte von mehreren Perſonen und das ergreifende Wehkla⸗ gen einer Frauenſtimme. Aengſtlich barg ſich der Can⸗ didat hinter dichtes Geſträuch und erwartete klopfen⸗ den Herzens und mit zurückgehaltenem Athem der Dinge, die da kommen ſollten. Die Schritte kamen immer näher, das Wehklagen ward immer vernehmbarer und mit emporgeſträubten Haaren bemerkte Elias durch eine kleine Oeffnung in dem Geſträuch, wie zwei wild ausſehende Männer ein händeringendes junges Frauenzimmer, das vergebens bat und flehte, an einen Baum banden. Kaum war dies geſchehen und die Gefangene der⸗ maßen mit Stricken befeſtigt, daß ſie ſich nicht rüh⸗ ren konnte, und ihr Mund mit einem Tuche verbun⸗ den, um das Hülfeſchreien zu verhindern, als ſich die Männer eilends wieder entfernten, ſo daß von ihren Schritten bald nichts mehr zu vernehmen war. Vergebens mühte ſich die Gefeſſelte, ihrer Ban⸗ den ledig zu werden, wobei ſie ihren ſchrecklichen Zuſtand nur durch leiſes Wimmern zu verrathen ver⸗ mochte. Elias in ſeinem Verſteck ſchaute dieſer erſchüttern⸗ den Scene eine geraume Zeit zu. Noch immer wußte er nicht, ob er wache oder träume. Ein ſolch außer⸗ ordentliches Abenteuer war dem friedſamen Candida⸗ 17 ten der Theologie in ſeiner Praxis noch nicht vorge⸗ kommen. Alle Räubergeſchichten, die er in ſeiner Jugend mit großer Begier geleſen, ſie aber ſpäter für Fabeln erkannt hatte, traten wieder vor ſeine auf⸗ geregte Phantaſie. Stand vielleicht über den Sternen geſchrieben, daß er der Ritter und Retter dieſer Ge⸗ noveva werden ſollte? Er lauſchte lange und gerieth in einen großen Streit mit ſich. Sollte er in ſeinem Verſteck ausharren und den Verlauf der Schauerthat ruhig mit abwarten, denn die finſtern Geſellen hatten es unfehlbar auf das Leben des jungen Frauenzim⸗ mers abgeſehen, oder ſollte er ſich ſo leiſe als mög⸗ lich aus dem Staube machen und den gefährlichen Schauplatz verlaſſen, oder ſollte er endlich wie ein Recke der Vorwelt hervorſtürzen und mit Gefahr ſei⸗ nes Lebens die hilfloſe Gefangene befreien? Er wählte lange, bis endlich das herzzerreißende Gewimmer der jungen Dame ſein Innerſtes erſchüt⸗ terte und ſeinen Muth ſtählte. Er lauſchte noch eine geraume Zeit, ob die Räuber nicht etwa wieder nah⸗ ten, dann kroch er in ſeiner Nankingjacke hinter dem Geſträuch hervor, ergriff ſein Taſchenmeſſer, durch⸗ ſchnitt die Banden, womit die Gefangene gefeſſelt war, band ihr das Tuch ab, welches ihr den Mund verdeckte und ergriff mit ihr die Flucht. Elias konnte ſich in der Folge ſelbſt nicht genug wundern, wie er mit einem Male zu ſo großer Geiſtesgegenwart und ſolchem Heldenmuth gelangt ſei. Die Befreite folgte auch ihrem Retter ohne Zö⸗ gern und bald hatten die Beiden das Ende des Wal⸗ des erreicht. Von hier war das Städtchen Krautberg, der Wohnort des Candidaten, keine zwei Stunden mehr entfernt. Jetzt erſt, nachdem die Flüchtlinge ſich nicht ver⸗ Stolle, ſämml. Schriften. XXIII. 2 18 folgt ſahen und in einiger Entfernung ein Dorf er⸗ blickten, athmeten ſie etwas freier und Elias gewann Muße, ſeine befreite Prinzeſſin etwas genauer in Augenſchein zu nehmen. Es war ein wunderſchönes Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren in nobelſter Reiſekleidung. Von ihr aber erfuhr Elias ungefähr Folgendes: Sie ſei die Tochter eines Landedelmanns, der mehrere Güter in der Umgegend beſitze und habe wollen mit ihrer Geſellſchafterin nach der Reſidenz fahren, woſelbſt ſich ihre Aeltern bereits ſeit einigen Tagen befänden, um daſelbſt einem Familienfeſte bei⸗ zuwohnen. Drei Räuber hätten ſich ihrer mitten im Walde, durch welchen die Straße führe, bemächtigt, den Kutſcher vom Bocke geſtürzt und ſie und die Ge⸗ ſellſchafterin tiefer in's Gebüſch geſchleppt, wahrſchein⸗ lich, um ſie daſelbſt zu ermorden. Da habe der Him⸗ mel ihr in der Perſon des Candidaten einen Retter geſandt. Elias gerieth nun in nicht geringe Verlegenheit, was er mit dem verlaſſenen Fräulein beginnen ſolle. Er hatte ſich in einem ähnlichen Falle noch nie be⸗ funden, und je weiter ſich die Beiden von dem Orte der Gefahr entfernten, deſtv größere Schüchternheit bemächtigte ſich des Candidaten, in welchem ſeine alte Blödigkeit, dem ſchönen Geſchlechte gegenüber, er⸗ wachte. 6 Während er noch mit ſich berathſchlagte, ob er das Fräulein im wohllöblichen Amte oder bei der ſtädtiſchen Polizeibehörde zu weiterer Verfügung ab⸗ liefern ſollte, blieb er plötzlich wie vom Donner ge⸗ rührt ſtehen. Aengſtlich blickte die Gerettete, welche den Namen Angelika führte, zu ihm auf und wurde auf's Tiefſte bewegt, als ſie die hellen Thränen über die Wangen des Candidaten rollen ſah. Der Arme, 19 er hatte bei ſeinem hochherzigen Rettungswerke ſein Päckchen Kattun und auch das Tüchlein für den Bru⸗ der verloren, welches ſorgfältig in das Zeug einge⸗ ſchlagen war. Dahin waren nun mit einem Male all die ſchweren Opfer, welche er der kindlichen und brüderlichen Liebe gebracht hatte. Vergebens war der ſtattliche Frack für das dürftige Nankingjäckchen da⸗ hingegeben worden. Vergebens hatte er gehungert, gedürſtet, gefroren und vergebens war er im vaga⸗ bondenähnlichen Coſtüme durch's Land gepilgert. Im Anfang wollte er Rechtsumkehrt machen und es koſte, was es wolle, ſein Päckchen wieder erobern; aber bei näherm Ueberlegen, was ſollte dann aus dem Fräulein werden, die er aller Hülfe baar und ledig zurücklaſſen mußte? Aber auch Angelika rang plötzlich die Hände und blickte nach dem Walde zurück, den ſie vor Kurzem verlaſſen hatten, denn ſie gedachte ihrer Freundin, die in Räubers Hand zurückgeblieben war. Die Beiden machten einige Sekunden Halt. Keins wußte, weshalb das Andere ſo in Verzweiflung ge⸗ rieth, als plötzlich das Gefühl der eignen Rettung alle andere Gedanken verdrängte und ſie zur eiligſen Weiterflucht antrieb; denn aus der Tiefe des Waldes ward wieder das gefährliche Pfeifen vernommen. Nachdem man wieder eiligen Scheitts eine ge⸗ raume Strecke zurückgelegt hatte, wagte Angelika ſchüchtern ſich nach der heftigen Bewegung ihres Ret⸗ ters zu erkundigen. Dem Elias fiel das Herz vor die Füße. Er ge⸗ dachte wieder des verlornen Kattunpäckchens und des Tuchs und ſeines armen Mütterchens und des kranken Bruders. Die Thränen waren ihm nahe und ſo er⸗ zählte er offen und treuherzig ſo ziemlich ſeinen gan⸗ 2* 20 zen Lebenslauf, ſeine kümmerlichen Verhältniſſe, ſeine ſiebenundzwanzigſte Bewerbung um ein Pfarrſtellchen, ſeinen Frackumtauſch und ſein trauriges Geſchick in Betreff des verlorenen Kattuns. Es that dem Armen ordentlich wohl, ſein Herz einmal recht ausſchütten zu können; aber während der Mittheilung ſeines trü⸗ ben Geſchicks und ſeiner Leiden bemerkte er nicht, wie ſich Angelika wiederholt die Thränen trocknete, die ihr unwillkürlich bei der Mittheilung des Candidaten hervortraten. Elias gelangte endlich mit ſeiner Geretteten noch in früher Tagesſtunde wohlbehalten in Krautberg an, wo er ſie unnittelbar nach der Wohnung des ihm befreundeten Pfarrers führte und woſelbſt ſie die wohlwollenſte Aufnahme fand. Zugleich machte er von dem Raubanfalle bei der ſtädtiſchen Behörde An⸗ zeige. Die Nachricht davon verbreitete ſich alsbald durch das ganze Städtchen und halb Krautberg, auf die abenteuerlichſte Art bewaffnet, ſetzte ſich alsbald, Gerichtsperſonen an der Spitze, nach dem Walde in Bewegung, wo die Räuber den herrſchaftlichen Wa⸗ gen angefallen hatten. Auch ſchickte Angelika einen Expreſſen an ihre Aeltern nach der Reſidenz. Der vereinten Anſtrengung der braven Krautber⸗ ger gelang es auch, nicht ſowohl die Geſellſchafterin Angelika's zu befreien, welche gleichfalls an einen Baum gebunden war, ſondern auch der Raubgeſellen habhaft zu werden, die bei dem Anfalle keinen andern Zweck gehabt hatten, als durch Schrecken, Drohungen und Martern aller Art die beiden hilfloſen Mädchen zu dem Geſtändniſſe zu bringen, an welchem Orte Angelika's reicher Vater ſeine Gelder und Staatspa⸗ piere verborgen habe. Man wollte ſodann auf dem Gute einbrechen, wo man einen großen Raub zu voll⸗ bringen hoffte, da man erfahren, daß Angelika's Va⸗ ter noch vor wenig Tagen eine Summe von mehr als funfzehntauſend Thalern eingenommen, die ſich noch auf dem Gute befinde. Glücklicherweiſe ward äber das Vorhaben der Böſewichter durch ihre urplötzliche Gefangennahme zu nichte gemacht. Bereits am andern Tage langte Angelika's Vater mit Courierpferden in Krautberg an und umarmte unter Freudenthränen erſt ſeine Tochter, dann Elias, welcher mit einem Male Held des Tages geworden war. Kaum aber hatte er von der traurigen Lage des armen Candidaten und ſeiner Familie Nachricht erhalten, als er ſich auf das Edelmüthigſte derſelben annahm. Es waren kaum vier Wochen in's Land gegangen, ſo ward der ſchönſte Erdenwunſch unſeres Elias er⸗ füllt. Er erhielt ganz in der Nähe von Lindenthal, ſo hieß das reizend gelegene Gut, wo Angelika's Familie wohnte, eine einträgliche Pfarrſtelle. Schon mit herannahendem Herbſte, alle Aeſte beugten ſich vom Segen Gottes tief zur Erde, gab's fröhlichen Einzug von Elias und den Seinen in das neue Ely— ſium. Das Mütterchen erhielt ihr Stübchen mit der Ausſicht nach dem Gärtchen und ihr Brätchen alle Sonn⸗ und Feſttage, wie ſich's der fromme Sohn geträumt in ſeinen hoffnungsvollſten Stunden. An⸗ gelika und ihre aus Räuberhand gerettete Freundin, ſo wie die geſammte gutsherrliche Familie zu Linden⸗ thal, machten ſich's zur angelegentlichſten Pflicht, die Mutter des frommen Pfarrers auf das Sorgſamſte zu pflegen. Auch der kranke Bruder genaß in den jetzi⸗ gen glücklichern Verhältniſſen allmälig von ſeinem Bruſtleiden und fand als Gärtner in dem ſchönen Garten zu Lindenthal eine paſſende Anſtellung; Elias 22 aber konnte allſonmtäglich in herzerhebenden Predigten dem himmliſchen Vater nicht genug danken für die Gnade, ſo er erzeigt ihm und den geliebten Seinen. Der neue Pfarrer war bald der beliebteſte Kanzel⸗ redner in der ganzen umgegend und wenn er Kirche hielt, konnte in den heiligen Räumen faſt kein Apfel zur Erde. Das Nankingjäcken blieb aber in der Familie des Pfarrers, der trotz ſeiner Schüchternheit gegen die Schönen binnen Jahr und Tag ein herzliebes Weib⸗ chen heimführte, das größte Heiligthum. Es lag wohlverwahrt neben dem Päcken Kattun, das ſich im Walde wiedergefunden hatte, und beides erinnerte den Elias und die Seinen an die wunderbare Fü⸗ gung und Gnade Gottes. Darum hielt auch alljähr⸗ lich, wenn der Tag der Rettung wiederkehrte, der glückliche Pfarrer eine begeiſterte Predigt über das alte und wahre Sprichwort:„Der Menſch denkt⸗ Gott lenkt!“ red Erzählung. — S. war mir's denn endlich gelungen; ein langjäh⸗ riger Lieblingswunſch erfüllt worden, der Brief lag vor mir; richtig, es war nichts anders,— ich ſollte den vierzehnten Sonntag nach Trinitatis in der freund⸗ lichen Dorfkirche zu Buchenheim eine Gaſtpredigt halten. Was hätte ich drum gegeben, Dich, verklärte Mutter, aus dem ſtillen Grabe heraufzubeſchwören; es war ja auch Dein ſchönſter Wunſch hienieden, mich einmal im ſchwarzen Predigergewande, mit dem wei⸗ ßen Prieſterkrägelchen auf der heiligen Kanzel zu ſe⸗ hen, und recht glaubensvoll, wie den ſeligen Vater, das Wort Gottes der andächtigen Gemeinde verkün⸗ digen zu hören. Wiederholt durchlas ich das Einladungsſchreiben des wackern Predigers zu Buchenheim, welches freund⸗ liche Dörfchen fünf Stunden weit von dem Univerſi⸗ tätsorte, wo ich mich damals befand, in anmuthiger Gegend gelegen war. Denn man muß wiſſen, daß ich als gewiſſenhafter Studioſus der hetligen Gottes⸗ gelahrtheit noch an den Brüſten der alma mater lag und im fünften Semeſter meines akademiſchen Tri⸗ ennii ſtand. Faſt allen meinen befreundeten Commili⸗ tonen war es gelungen, theils in den Stadtkirchen, theils in den benachbarten Ortſchaften Gaſtpredigten 26 zu erhalten; ſie hatten voll heiligen Eifers das Blaue vom Himmel herabgedonnert, nur ich, der Unglücks⸗ vogel, war, trotz wiederholten Anſuchens, immer leer ausgegangen. Jetzt endlich war auch mir die Arena geöffnet, und ich junger Kämpe brauchte nun mein Licht nicht länger unter den Scheffel zu ſtellen, ſon⸗ dern durfte es leuchten laſſen vor den Leuten. Mir war es außerordentlich lieb, daß ich meine erſte Predigt nicht in einer der Stadtkirchen zu hal⸗ ten brauchte. Erſtens, erhielten ſolche junge Schlucker, wie meine Wenigkeit, in der Regel nur⸗ die Mittags⸗ oder Nachmittagspredigten, wo, außer ein Paar al⸗ ten, halbtauben Weibern, höchſtens ein Paar ſpott⸗ luſtige Commilitonen, die durch allerhand Geſticula⸗ tionen den jungen Demoſthenes außer Faſſung zu bringen ſuchten, in die Kirche kamen, und dann hatte von jeher eine Dorfkirche mehr Feierlichkeit für mich, als die dumpfen hochgewölbten Tempel der ſündhaften Stadt. Alſo nicht in ſchwüler, proſaiſcher Mittags- oder Nachmittagsſtunde ſollte ich da oben ſtehen unter dem ſchön verzierten Himmelsdach der Kanzel, ſondern in freundlicher Morgenbeleuchtung Vormittags neun Uhr, wo das Kirchlein gerüttelt und geſchüttelt voll an⸗ dächtiger Chriſten, und wo ſelbſt die gnädige Guts⸗ herrſchaft nicht fehlte. Mein Lieblingsſpruch:„Selig die da reines Her⸗ zens find, denn ſie werden Gott ſchauen!“ hatte mir als Thema zu meiner Predigt gedient, die ich am vierzehnten Sonntag nach Trinitatis in der Kirche zu Buchenheim zu halten gedachte. Ich hatte mit Luſt und Liebe daran geſchrieben und war ſelbſt ganz er⸗ baut davon. Was das Memoriren anbelangte, ſo ſtellte ich meinen Mann, und die Rede glitt mir ſo 27 fließend vom Munde, wie einem engliſchen Parlaments⸗ Advocaten. In den ſtillen Morgenſtunden, wenn die übrige Menſchheit noch dem Schlafe fröhnte, war ich ſchon auf den Beinen, und in der kleinen Studentenwoh⸗ nung auf⸗ und abſchreitend, declamirte ich die einzel⸗ nen Stellen meiner Predigt. Obſchon aller Eitelkeit fremd, konnte ich doch nicht umhin, in dieſer für mich ſo hochwichtigen Periode mich des Spiegels zu bedie⸗ nen und die erforderlichen Geſtikulationen gewiſſenhaft einzuüben. So war denn der verhängnißvolle Sonnabend er⸗ ſchienen, wo ich mich an einem ſchönen Herbſtmorgen auf den Weg machte. Obgleich mich der gaſtfreund⸗ liche Pfarrer zu Buchenheim ſchon den Freitag einge⸗ laden hatte, ſo wollte ich doch ſeine Güte nicht zu ſehr in Anſpruch nehmen und mich beſcheiden zeigen, wie es einem ehrſamen Studioſus der Theologie zu⸗ kommt. Es war ein herrlicher Morgen, bereits zogen leiſe weiße Herbſtnebel über die ſtillen Fluren. In den Gärtchen an den Häuſern, bei welchen ich vorbeikam, blühten Aſtern und Sonnenblumen, und die Aeſte der Obſtbäume neigten ſich fruchtbelaſtet zur Erde. Mein Weg führte mich durch lauter geſegnete Gegenden. Die Fluren, wo noch vor wenig Wochen das goldne Korn ſeine Wellen geſchlagen hatte, waren nun ab⸗ gemähet, weithin ſtrich der Morgenwind über die Stoppeln; Schafheerden weideten auf denſelben, wäh⸗ rend andere Felder von dem fleißigen Landmann von Neuem überackert wurden. Hier und da ſtieg ein Volk Staare auf, das ſeine Richtung ſtets nach den Weinbergen und Weingärten nahm, die ſich in eini⸗ ger Entfernung dahinzogen. 28 Richts geht über einen ſchönen, unbewölkten Herbſttag, die ganze Natur athmet eine ſo wohl⸗ thuende Ruhe; weithin tönt die Dorfglocke durch die ſtille Gegend und der Himmel wölbt ſich in ſo reinem Blau über die Schöpfung, wie wir es am ſchönſten Frühlingstage nicht erblicken. Namentlich ſind es die letzten ſchönen Herbſttage, welche einen wunderſamen Eindruck auf das Gemüth zurücklaſſen. Es ſind die letzten freundlichen Jahresgrüße; wenige Wochen, und jener mildblaue Himmel wird von Schneewolken ver⸗ finſtert. Nach mehrſtündiger Wanderung war die Gegend etwas gebirgig und es macht wohl Nichts einen an⸗ genehmern Eindruck, als wenn man aus der Ebene in die blauen Berge hineinſteigt. Bald wanderte ich ein ſchönes Thal entlang, welches zur Rechten und Linken von Weinbergen bekränzt ward. Da ich zwiſchen Weinbergen aufgewachſen und mein ſeliger Vater ſelbſt eine nicht unbedeutende Wein⸗ anlage beſaß, ſo hatte ich mein Leben lang große Paſ⸗ ſion für das Weinbergsleben. Es gibt gewiß kein zweites Gewächs, das faſt das ganze Jahr über ſo viel Sorge und ſo viel Freude gewährt, als der Weinſtock. Dieſe Beſorgniß und Freude nimmt unmittelbar nach der Weinleſe ih⸗ ren Anfang. Da guckt der umſichtige Winzer ſchon, ob der Wein reif wird. Dieſes Reifwerden be⸗ zieht ſich aber nicht auf die Trauben, ſondern auf das Holz der Reben. Wenn dieſe ein recht braunes Anſehen bekommen haben, ſo iſt das ein gutes Zei⸗ chen für das künftige Jahr. Nun kommt der Win⸗ ter, da hat denn der Winzer wieder oft mit beſorg⸗ ter Miene aus dem Fenſter zu ſchauen, denn es iſt ein übel Ding, wenn nicht Schnee genug fällt, um — 30 dem zur Erde gelegten Weinſtock die gehörige Win⸗ terdecke zu geben, und wenn ſo genannter Barfroſt eintritt. Am Gefährlichſten iſt es für den Weinſtock, wenn er im Winter vom Regen naß wird und un⸗ mittelbarer Froſt darauf fällt, ſo daß Glatteis erfolgt. Iſt der Winter glücklich überſtanden, ſo geht mit beginnendem Frühlinge die Sorge von Neuem an, denn jetzt erſcheinen jene gefürchteten Herren, vor welchen der Weinbauer allen möglichen Reſpekt hat, die ſogenannten Weinmörder. Das ſind nämlich größtentheils kalte Mainächte und Spätfröſte, welche die zarten Knospen des Weinſtocks oft in wenig Nacht⸗ ſtunden und mit ihnen die ganze Weinernte vernich⸗ ten. An der Spitze dieſer gefürchteten Herren ſtehen Servatius und Pankratius. Mit welcher beſorgter. Miene ſchaut an dieſen Tagen des Abends der Win⸗ zer nach dem Himmel! Iſt dieſer bewölkt, ſo iſt wei⸗ ter keine Gefahr zu beſorgen, geht aber die Sonne prachtvoll unter, ſo wird ſich der Weinbauer nicht ohne Sorge zu Bette legen. Sind die Weinmörder glücklich vorüber, ſo geht eine neue Sorge an. Es kommen nämlich jetzt eine andere Art bedenkliche Tage für den Weinſtock. Da ſteht der Herr Medardus oben an. An dieſem Tage nämlich darf es nicht regnen, denn ein altes Sprich⸗ wort ſagt: Iſt Medardus naß, Dann nimmt der Wein ab bis in's Faß. Iſt Medardus Sonnenſchein, Wird der Wein geſegnet ſein.. Dieſes Sprüchlein läßt ſich folgendermaßen erklä⸗ ren: Wenn es den Medardustag, welcher den 8. Juni fallt, regnet, ſo lehrt die Erfahrung, daß die Regen⸗ 30 zeit gewöhnlich eine Woche währt. Da nun gerade in dieſe Zeit die Weinblüthe fällt, ſo kann der Wein nicht gehörig abblühen, und Nichts iſt verderblicher für die Weinernte, als wenn der Wein in der Blüthe durch Regen geſtört wird. Iſt aber auch dieſe Change glücklich überſtanden, und hat der Wein glicklich abgeblüht, ſo iſt man im⸗ mer noch nicht über den Berg. Tritt jetzt große Hitze und Trockenheit ein, ſo können die Weinträubchen nicht wachſen und zunehmen, ſondern ſie bleiben klein und unanſehnlich. Läßt es aber die Witterung an dem Regen nicht fehlen, ſo ſchwellen die Trauben ſichtbar an, und die grünen Perlen werden immer umfangreicher. Jetzt kommen wir zum letzten Stadium. Es be⸗ ginnt die Zeit der Weinreife. Dieſe verlangt wieder ſchlechterdings Sonnenſchein und warmes Wetter. Die Weintraube fängt jetzt an zu blauen, in der Winzer⸗ ſprache nennt man dies lautern. In Weingegenden iſt dies allemal ein ſehr frohes Ereigniß. Sorgfältig durchſpäht der Weinbergbeſitzer ſeine Weinanlagen, und wer zuerſt ein in Blau ſchillerndes Kernlein ent⸗ deckt, der pflegt eine Fahne auf die höchſte Höhe ſei⸗ nes Weinbergs zu pflanzen, oder läßt Böllerſchüſſe weithin durch die Berge hallen; denn es gereicht dem Wein berge zu nicht geringer Ehre, der zuerſt eine lauternde Traube erblicken läßt. Wenn nun jetzt warmer Sonnenſchein eintritt, ſo daß die Trauben ordentlich gekocht werden von dem Feuer des Himmels, ſo entſteht gewiß ein Jahrgang, an welchem der eigenfinnigſte Weinſchmecker nichts aus⸗ zuſetzen haben wird. Man erſieht aber aus der gan⸗ zen Mittheilung, wie faſt das ganze Jahr hindurch 34 die edle Rebe der Gunſt des Himmels anheimge⸗ ſtellt iſt. Wer vermöchte aber das fröhliche Feſt der Wein⸗ leſe würdig zu beſchreiben? Unter Kanonendonner wird ſie gefeiert, weithin ſchallt das ſröhliche Lied der Winzer und der Winzerinnen. Man eilt hinaus in die Berge, wo man vor blauen Trauben faſt die Blätter des Weinſtocks nicht mehr ſieht. Einen erquicklichen Anblick gewährt es, wenn ein leichter Nachtfroſt über die Berge gegangen iſt. Dieſer ſtreift gewöhnlich alle welkenden Blätter von dem Wein⸗ ſtocke, ſo daß an dieſem nichts mehr zu ſehen iſt, als der Weinpfahl, ein paar Reben und ein großer Klumpen blauer Trauben. Oft füllen zwei oder drei geſegnete Stöcke eine ganze Butte. Welch ein fröhliches Leben waltet in den Preß⸗ ſtuben— hier, wo kein Preßzwang den gepreßten Trauben ihren Geiſt entzieht, und wo kein Cenſor etwas zu ſagen hat. Wie labt der kühle Moſt in den warmen Herbſttagen, beſonders wenn er purpurn unmittelbar von der Preſſe kommt. Die letzte Operativn, welche die fröhliche Wein⸗ leſe beſchließt, iſt das ſogenannte„Keltern“. Da bringt man den gewonnenen Rebenſaft in die dun⸗ keln, hochgewölbten Keller, in welchen alsbald ein gewaltiger Spectakel entſteht, denn der junge Moſt beginnt in Gährung überzugehen und zu brauſen. In dieſem Zuſtande wird er in der Weinbergsſprache „Grauer“ genannt, und er mouſſirt und berauſcht dann, wie der beſte Champagner.— Alle dieſe Weinangelegenheiten gingen mir durch den Kopf, als ich in dem ſchönen Thale dahinſchritt. Nach mehrſtündiger Wanderung erreichte ich die höchſt angenehme Gegend, in welcher Buchenheim gelegen 32 war. Ich konnte mich lange nicht ſatt ſehen an den freundlichen Dörfern, den zahlreichen Obſtalleen und den wohlgebauten Gärten, in welchen noch viel ſchöne Herbſtblumen blühten. Das Dorf Buchenheim, wel⸗ ches ich noch nie geſehen hatte, machte ſich allerliebſt. Die freundlichen Wohnhäuſer zogen ſich wie eine heitere Idylle im Thale entlang. Die Wege waren wohl erhalten und Alles hatte ein ſo reinliches, gaſt⸗ liches Ausſehen, daß mir noch einmal ſo wohl zu Muthe ward. Nichts war mir immer verhaßter ge⸗ weſen, als jene Dörfer, die vermöge der Faulheit ihrer Bewohner fortwährend im Moraſte ſtecken, und wo bei naſſer Witterung vollends an kein Fortkom⸗ men zu denken iſt. Das war nun bei Buchenheim nicht der Fall. Das Dorf glich eher freundlichen Meiereien, als ein⸗ fachen Bauernhäuſern. Ich blieb eine Zeit lang ſtehen und beſchaute, auf meinen Stock geſtützt, den Ort, wo ich zum erſten Male meinen ſchönen Beruf in Ausübung brin⸗ gen ſollte. Der ſchlanke Kirchthurm ragte idylliſch aus him⸗ melhohen Buchen hervor, und dem fernen Seefahrer kann bei ſtürmender Fahrt der rettende Leuchtthurm nicht angenehmer erſcheinen, als mir armen Studioſus Theologiä die zwiſchen Buchen hervorlauſchende Pfarr⸗ kirche zu Buchenheim. Unmittelbar an die Kirche grenzte ein gaſtliches Wohnhaus mit grünen Jalouſien und von alterthüm⸗ lichen Kaſtanienbäumen umſchattet. An den geräu⸗ migen Hofraum, wo Hühner und Tauben ihr behag⸗ liches Leben führten, ſtieß ein allerliebſter Blumen⸗ garten mit mehren Lauben, von Sonnenblumen um⸗ wachſen, und an dieſen wieder ein umfangreicher 33 Obſtgarten, wo man die zahlreichen Aepfelbäume mit Stangen geſtützt hatte, damit die Aeſte unter der Laſt der rothen Aepfel nicht brechen möchten. „Ich will nicht Daniel Leßmüller heißen,“ rief ich, von froher Ahnung ergriffen,„wenn das nicht die Wohnung des wackern Pfarrers iſt.“ Ich brei⸗ tete meine Hände mit Salbung über das Thal.„So ſei mir gegrüßt, du herrlicher Hafen, in welchem ich eingelaufen bin, du ſtattliches Kirchlein, in deſſen heiligem Raume ich die Worte des Herrn verkünden ſoll, du ſtattliches Pfarrhaus, in deſſen Mauern die Gottesfurcht und Zufriedenheit wohnt, jenes leuch⸗ tende Blumengärtchen, in deſſen Laube ich ſitze, jene ſchattenreichen Obſtgehege, in welchen ich mit dem ehrwürdigen Pfarrer im gelehrten Geſpräch auf und abſchreiten werde.“ Nach dem herzlichen Briefe des Pfarrers Burk⸗ hard mußte dieſer ein vortrefflicher Mann ſein. Er war mir von einem meiner beſten Freunde auf das Dringlichſte empfohlen worden. Darum hatte ich es allein nur gewagt, mich mit meinem Geſuch um eine Gaſtpredigt an ihn zu wenden. Ich verlangſamte jetzt meinen Schritt, wandelte den Pfad, der von der Anhöhe allmälig in das Thal hinabführte, in ſüßer Muße dahin, und erreichte ein kleines Birkenwäldchen, das ſich anmuthig an dem einen Abhange dahinzog. Ein Gang, welcher durch das Gehölz gehauen, war ſo einladend, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihn einzuſchlagen. Zu beiden Seiten flüſterte der ſtille Herbſtwind in den Zweigen der Birke, deren Laub für die vorgerückte Jahreszeit ſich noch recht grün erhalten hatte. Nach einiger Wanderung durch den ſtillen Wald gelangte ich zu einer kleinen Ro⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XRlll. 3 34 tunde, auf welcher ſich eine Art Terraſſe erhob, von welcher aus man eine erquickende Ausſicht über das Thal genoß. Kaum hatte ich auf der einen der Bänke Platz genommen, als von der entgegengeſetzten Seite ein junger Mann aus dem Birkenwäldchen hervortrat. Wir begrüßten uns gegenſeitig. „Halt,“ dachte ich,„der wird dir Auskunft ge⸗ ben können, ob du dich vorhin in Betreff der Pfarr⸗ wohnung von Buchenheim getäuſcht haſt oder nicht.“ Der junge Mann, der in meinen Jahren ſtehen mochte, kam jetzt die Terraſſe herauf. Wir kamen pald in's Geſpräch mit einander. Ich erkundigte mich, wo die Pfarrwohnung des vor mir liegenden Dörfchens gelegen ſei? Der junge Mann blickte mit Aufmerkſamkeit mich an.„Die ſehen Sie,“ antwortete er,„deutlich hin⸗ ter den Buchen hervorblicken. Die beiden Fenſter, welche nach dem Blumengarten herausgehen, und die zum Theil von den Jalvuſien bedeckt ſind, bezeichnen die Studirſtube des Pfarrers Burkhard.“ Der Fremdling mußte alſo hierorts ziemlich bekann ſein. Mir war das recht lieb, denn ich hoffte, von ihm Mehreres über die Perſönlichkeit meines geiſtlichen Gaſtfreundes zu erfahren. „Sie ſind wohnhaft hier im Orte, verehrter Herr?“ frug ich. „Das nicht,“ erwiederte der Unbekannte,„nur auf Beſuch; ich will morgen Vormittag eine Gaſt⸗ predigt hierſelbſt halten.“ Ich glaubte, nicht recht gehört zu haben, und frug mit leiſer Stimme, in welcher ſich die trübſe⸗ ligſte Verwunderung ausſprach: „Eine Gaſtpredigt gedenken Sie hier zu halten?“ 35 Der Unbekannte, der aus meinem zweifelnden Tone ſchließen mochte, als traue ich ihm nicht zu, eine Predigt halten zu können, antwortete: „Allerdings, mein Herr!“ Sogleich zog er ein Manuſeript aus der Taſche, und ſich gegen mich verneigend, ſprach er: „Sie erlauben, wenn ich mich entferne und in die Waldeinſamkeit zurückkehre, da ich mit dem Me⸗ moriren meiner Predigt noch nicht zu Ende bin.“ „Ei, wäreſt Du im Pfefferlande mit ſammt Deiner Predigt!“ rief ich unwillkürlich aus, als mein Rival im Walde wieder verſchwunden war, und ſtand ſtarr und ſteif, wie aus den Wolken gefallen, auf der Terraſſe.„Es iſt ja gar nicht möglich,“ be⸗ ruhigte ich mich.„Wir haben Morgen den vier⸗ zehnten nach Trinitatis; da hab' ich's ja ſchwarz auf weiß, daß ich an dieſem Tage Vormittags neun Uhr in der Kirche von Buchenheim die Kanzel beſteigen ſol.“ Ich holte zu meiner größern Beruhigung den Brief des Pfarrers Burkhard hervor, und überzeugte mich von Neuem, daß ich nmich nicht getäuſcht habe. Und gleichwohl, wenn ich an den Unbekannten dachte, der jetzt im Walde umher rannte und an der Pre⸗ digt, die er morgen halten wollte, ſtudirte, daß ihm der Kopf rauchte, ward mir höchſt unbehaglich zu Muthe.. Was blieb mir übrig, ich mußte meinen Weg nach Buchenheim fortſetzen. Ich hatte kaum das Birkenwäldchen im Rücken und wandelte den Gärten des Dorfes zu, als mit einem Male um eine Hecke von Corneliuskirſchen ein zweiter junger Mann bog, der, in Lectüre vertieft, mir gerade entgegen kam. Ich glaubte im Anfange, es ſei mein Nebenbuh⸗ 3 36 ler von der Terraſſe, als ich aber genau hinſchaute, bemerkte ich, daß es ein ganz Anderer ſei. Er war länger und ſtärker und trug dunkles Haar, während die Locken des Nebenbuhlers in's Blonde ſchimmerten. Der lernbegierige junge Mann war dermaßen in ſein Buch vertieft, daß er mein Daherkommen gar nicht bemerkte und faſt an nich angerannt wäre, wenn ich nicht einen Schritt ſeitwärts gethan hätte. Jetzt erſt ward der Fremde meiner anſichtig. Wir begrüßten uns höflichſt, und ich, von höchſt über⸗ flüſſiger Neugier geplagt, wünſchte vor's Leben gern zu wiſſen, was es mit dieſem gelehrten Thebaner, denn dem gelehrten Stande ſchien er unverkennbar anzugehören, für eine Bewandtniß habe. Um ein Geſpräch anzuknüpfen, erkundigte ich mich zuvörderſt, ob dies der rechte Weg ſei, nach der Pfarrwohnung zu gelangen. Der Gefragte betrachtete mich mit einiger Ver⸗ wunderung vom Kopf bis zu den Füßen. „Allerdings,“ war ſeine Antwort.„Gehen Sie nur immer fort, und Sie können gar nicht fehlen.“ Ja er war ſo gütig, trotz meiner Proteſtation, mich ein Stück Wegs zurück zu begleiten, bis zu einem Kreuzwege, wo ich, nach ſeiner Befürchtung, mich doch hätte verirren können. Ein Wort gab das andere, und ſo erfuhr ich denn, daß das Buch, in welchem er ſtudirte, ein Weg⸗ weiſer ſei, um ein guter Kanzelredner zu werden. Ich ward immer aufmerkſamer, als er meiner Neugier mit den erſchütternden Worten ein Ende machte: „Ich habe wohl Urſache, mich in dem Büchlein umzuſehen, da ich morgen Vormittag eine Gaſtpre⸗ digt in hieſiger Pfarrkirche zu halien gedenke.“ Mir ward grün und blau vor den Augen. Ich 37 glaubte abermals nicht recht gehört zu haben, und frug unter leiſem Fieberſchauer: „Eine Gaſtpredigt morgen Vormittag?“ „Allerdings, lieber Herr!“ erwiederte er gut⸗ müthig. Wir waren unter dieſem Geſpräch bei dem Kreuz⸗ wege angelangt. Er beſchrieb mir jetzt nochmals den Pfad, welchen ich wandeln ſollte, empfahl ſich höflich und kehrte in der Richtung zurück, wo wir hergekom⸗ men waren. Die Verbengung, mit welcher ich meinen Dank abſtattete, mag ſonderbar ausgefallen ſein. Ich habe ſpäterhin ſelbſt darüber lachen müſſen, aber dazumal war mir's nicht zum Lachen. „Will denn die ganze theologiſche Chriſtenheit,“ frug ich mich zähneklappernd,„morgen Vormittag in Buchenheim eine Gaſtpredigt halten?“ Ich zog noch⸗ mals den Brief des Pfarrers Burkhard hervor. Ich fing an zu buchſtabiren und laut zu leſen. Da ſtand ganz deutlich:„Ich habe Ihnen, mein lieber, junger Freund, die Predigt für den Vormittags⸗Gottesdienſt den vierzehnten nach Trinitatis aufgehoben.“ Wenn man demzufolge in Buchenheim nach dem verbeſſerten gregorianiſchen Kalender rechnete, ſo war auch hier⸗ orts morgen der vierzehnte nach Trinitatis. Was hat es alſo mit den beiden Schlingels für Bewandt⸗ niß, die mir ſo unverhofft in den Weg gekommen waren? Ein Terzett konnten wir auf der Kanzel nicht ſingen. Ich wanderte jetzt nur zögernd vorwärts. Mein ſchwacher Verſtand begriff nicht, wie das enden ſollte. Hier mußten außerordentlich große Irrthümer zum Grunde liegen; ich philoſophirte aber folgendermaßen, wodurch ich freilich nicht ſehr erbaut ward: 38 „Du biſt einmal zum Unglücksvogel von einem widrigen Geſchick auserſehen. Endlich glaubſt du ein⸗ mal nach langer ſtürmiſcher Meerfahrt den Hafen der Ruhe erreicht zu haben; du warſt ſchon ſo nahe, um den Anker auszuwerfen, im Angeſichte der ſchönen grünen Küſte, da nimmt dein Malefikus die Backen voll und bläſt das Schifflein wieder zurück in das brandende Meer. Es ſollte nicht ſein. Es wäre das Beſte, du kehrteſt wieder um, ohne das Pfarrhaus zu betreten; der Himmel weiß, was dein böſer Stern dir daſelbſt noch für Noth und Sorge bereitet hat. Du haſt wenigſtens eine herrliche Promenade ge⸗ macht, durch die ſchöne Herbſtlandſchaft, begnüge dich damit, Unerſättlicher, und kehre heim in dein dürftiges Stüblein. Der Wunſch war auch zu kühn und hoffärtig, hier in der ſchönen, neugebauten Dorfkirche die Kanzel beſteigen zu wollen, vor einer ſo anſehnlichen und gottesfürchtigen Gemeinde. Kehre um, Daniel, der Menſch muß nie zu hoch hinaus⸗ wollen; Beſcheidenheit ehrt den treuen Diener des Herrn. Singt nicht ſchon der herrliche Schiller: Zwei Blumen blühen für den weiſen Finder; Sie heißen: Hoffnung und Genuß. Wer dieſer Blumen eine brach, begehre Die andre Schweſter nicht.—— Du haſt gehofft, Dein Lohn iſt abgetragen, Dein Glaube war Dein zugewognes Glück. Ich war ſtehen geblieben und ſchaute mit gefal⸗ teten Händen über die ſchöne Gegend dahin. Da lag ſie, die herrliche Pfarrkirche mit dem ſtattlichen Thurme und in der ſchönſten Sonnenbeleuchtung; da lauſchte ſo gaſtlich das Pfarrhaus mit grünen Jalvu⸗ ſien hinter den Buchen hervor; leiſe bewegte ſich das „ 39 Wetterfähnlein, von der milden Herbſtluft bewegt, auf den Firſten des Hauſes hin und wieder. Eine Thräne trat mir unwillkürlich in die Au⸗ gen, als ich von dieſem ſchönen Thale und allen meinen Hoffnungen Abſchied nehmen ſollte. Eine geraume Weile ſtand ich ſo unſchlüſſig, als eine herz⸗ hafte Stimme in mir vernehmbar ward. „Schäme dich, Daniel Leßmüller, du biſt ein rechtskräftig getaufter Chriſt und willſt verzagen? Sind die Wege des Herrn oft nicht wunderbar? Wer kann wiſſen, was es mit den beiden Rivalen für eine Bewandtniß hat? Es wäre ja ſelbſt nicht undenkbar, daß ſich eine Irrenanſtalt in der hieſigen ſchönen Gegend befände, welcher jene beiden Indivi⸗ duen angehörten. „So iſt der Menſch! Ich ſchuf in meiner Phan⸗ taſie lieber zwei Verrückte, als daß ich meine Hoff⸗ nung, morgen in Buchenheim zu predigen, aufgege⸗ ben hätte. „Alſo unverzagt vorwärts, bald muß ſich das Räthſel löſen.“ Mit dieſen Worten kam ich der Pfarrwohnung immer näher. Mein Herz pochte hörbar an die ſchwarze Theologenweſte. Ich repetirte zu wieder⸗ holten Malen die Anrede, welche ich an den Paſtor Burkhard halten wollte. Ich weiß nicht, wie es zuging, meine Rede wollte nicht recht klappen. Ich machte demnach Halt und nahm mir vor, nicht eher einen Schritt vorwärts zu ſetzen, bevor ich nicht meine Alloeution ſo firm her⸗ zuſagen vermöchte, wie das Vaterunſer. Während ich noch ſo daſtand, kerzengerad und unbeweglich, und memorirte, näherten ſich leiſe Fuß⸗ 40 tritte, und gleich darauf bog um die Ecke, welche Erlenbüſche bildeten, ein Frauenzimmer. Es war mein Lebtage mein Fehler, daß ich einen zu außerordentlichen Reſpect, ja ſo zu ſagen, Furcht vor allen Frauensperſonen hatte, namentlich wenn dieſelben jung oder gar hübſch waren. Auf dem Felde der Galanterie hatte ich's nie zu etwas Reellem gebracht, ich ſpielte da ſtets eine höchſt beklagens⸗ werthe Rolle. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß mir's am Mundwerk nicht gebrach, wenn ich auf dem Papier in einer fruchtbaren Mußeſtunde den Liebha⸗ ber mit ſeiner Auserwählten discuriren ließ, aber ſo⸗ bald mir ein lebendiges Frauenzimmer gegenüber ſtand, waren alle jene ſchönen Redensarten zum Ku⸗ ckuck; ich glich dann einem Papageno mit dem Schloſſe vor dem Munde. Ich konnte mich in der Regel nicht auf einen Anfang befinnen. Daher zog denn auch das Frauenzimmer, welches um das Erlengebüſch bog, meine ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. So viel ich auf den erſten Blick wahrnahm, gehörte das weibliche Weſen, wel⸗ ches mir entgegen kam, den höheren Ständen an, denn es trug einen Strohhut und ein roſafarbenes Kleid. Ferner bemerkte ich, daß meine Schöne noch nicht zu den bejahrten Damen gerechnet werden konnte. Ihre Geſtalt war ſchlank und voller An⸗ muth. Das Antlitz hatte ich aber in der Ferne noch nicht genau beobachten können. Stehen bleiben konnte ich aber unter bewandten Umſtänden nicht länger. Meine wohlſtyliſirte Anrede an den Pfarrer Burkhard war wieder rein vergeſſen. Ich ſchritt langſam vorwärts, und da das junge Frauenzimmer ebenfalls nicht ſtehen blieb, ſo lag es in der Natur der Dinge, daß wir Beide uns immer me 44 näher kommen mußten. In meinem Innern kämpften die widerſprechendſten Gefühle. Ich faßte anfangs den Entſchluß, die Frauensperſon gar nicht anzubli⸗ cken, und mit abgewandtem Geſicht, als ſei ich im Anſchauen der ſchönen Herbſtlandſchaft verſunken, an ihr vorüber zu ſpazieren. Aber ſogleich tauchte der Gedanke in mir auf, daß dies nicht nur als eine große Grobheit erſcheine, ſondern auch eine ſolche wirklich ſei. Grüßen wenigſtens mußte ich die mir entgegen Kommende, oder ich hätte für den unge⸗ ſchliffenſten Menſchen in Europa gegolten. Unter dieſen Betrachtungen war ich der Unbe⸗ kannten bis auf wenige Schritte nahe gekommen, aber wie ſie im Geſichte ausſah, wußte ich demungeachtet noch nicht, denn ich hielt es mit der Würde eines ehrſamen Studioſus der heiligen Gottesgelahrtheit für unvereinbar, das Frauenzimmer mehr in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Meine Blicke waren fortwährend zu Boden gerichtet geweſen, jetzt aber war es die höchſte Zeit, einmal aufwärts zu ſchauen, damit ich nicht in Gefahr liefe, mit der Schönen auf unge⸗ bührliche Weiſe zuſammen zu rennen. Ich erhob ſofort den Kopf ein wenig, und blickte mit Schüchternheit gerad aus; aber, heilige Kirchen⸗ väter, wie ward mir! Welch ein Götterbild nie geahnter Schönheit ſtand vor mir. Ich zog mit aller Andacht und mit aller Ehrfurcht meinen Hut vom Kopfe und grüßte das ſchöne Kind, wie ich ungefähr eine Prozeſſion Engel grüßen würde, die aus dem Himmel kommt und an mir vorüberzöge. „Das holde Kind dankte mit einer Himmelsfreund⸗ lichkeit, daß ich vor Entzücken auf alle Fälle aus der Haut gefahren ſein würde, wenn ſich ein ſolcher Ae⸗ tus einigermaßen hätte bewerkſtelligen laſſen. Wie 42 angedonnert war ich nach der Begrüßung ſtehen ge⸗ blieben, und ſchaute unwillkürlich dem entſchwebenden Engel nach, und wich nicht vom Platze, bis die holdſelige Erſcheinung meinen Blicken wieder ent⸗ ſchwunden war. Ich mußte wirklich einige Mal umherſchauen, ob ich mich noch in Buchenheim und auf dem Planeten befände, den man Erde nennt, denn ſeit der Grü⸗ ßung der unbekannten Huldgöttin hatte ich wirklich im Himmel gelebt. „Ja,“ ſprach ich endlich zu mir,„was helfen alle Declamationen, Diſſertationen und Abhandlun⸗ gen über Unſterblichkeit, ein Blick in ſolch ein Him⸗ melsantlitz und man bedarf ſie alle nicht mehr. Steht es da nicht geſchrieben, daß es ein Land giebt, wo die Engel wohnen? Was brauch' ich weitere Beweiſe, wo mir die Gewißheit klar und deutlich vor Augen ſteht?“ Aber wer war dieſe Huldgöttin? Das war eine Frage, die mich jetzt auf das Angelegentlichſte be⸗ ſchäftigte. Gehörte ſie in dieſes Dorf? O, Buchen⸗ heim, dann wärſt du das beneidenswertheſte der Dörfer, die mir je vorgekommen. Während ich noch hin und her ſann, kam eine Bauernfrau mit einem Korbe den Weg daher, wel⸗ chen meine Unbekannte gewandelt war. „Liebe Frau,“ frug ich, mit etwas unſicherer Stimme,„wer war denn das ſchöne Frauenzimmer, die Ihr begegnet haben müßt?“ Die Gefragte blickte mit etwas Schalkhaftigkeit zu mir auf. „Nicht wahr,“ frug ſie,„das iſt eine ſchmucke Dirne? Ja, Jedermann hat ſeine Freude daran.“ 43 „Ein Engel,“ fiel ich begeiſtert ein;„aber wer iſt ſie? ie heißt ſie?“ „Verſtelle Er ſich nicht,“ lachte die Bauernfrau. „Er ſieht mir nicht darnach aus, daß Er unſern braven Pfarrer nicht kennen ſollte.“ „Gute Frau, Euren braven Pfarrer kenne ich wohl,“ antwortete ich,„aber—“ Die Frau ſchlug lachend die Hände zuſammen. „Und will ſein Töchterlein nicht kennen!“ rief ſie;„das iſt zu ſpaßig, ha, ha, ha!“ „Des Pfarrers Tochter?“ frug ich, und mir ward ſeltſam zu Muthe, ich wußte ſelber nicht wie. „Nun, wer ſoll's denn anders geweſen ſein?“ frug die Frau;„freilich war es Louischen, des Pfar⸗ rers älteſtes Töchterlein. Iſt das nicht ein nettes Bräutchen?“ „Bräutchen!“ rief ich zähneklappernd;„wie denn, was denn Bräutchen?“ „Nun, die bald Frau werden ſoll,“ lachte die Bäuerin. „Aber um Himmelswillen,“ rief ich in kläglichem Tone,„mit wem iſt ſie denn Bräutchen?“ „O, Er Schalk!“ meinte die Bauernfrau,„hält Er mich für ſo dumm, daß ich nicht wüßte—“ „Ich halte Sie im Geringſten nicht für dumm, liebe Frau,“ erwiederte ich;„aber was weiß Sie denn?“ „Nichts da!“ lachte die Bäuerin,„ich ſeh' es Ihm ja an, daß Er mich nur zum Beſten haben will.“ Ich ſchwor hoch und theuer, daß dies durchaus nicht der Fall ſei, und daß ſie ſich doch näher er⸗ klären möchte. „J Potztauſend, ich ſeh' es Ihm ja an, Er iſt ja ſelbſt der Bräutigam von Jungfer Louischen!“ 44 „Ich der Bräutigam?“ „Nun, anders nicht; will Er nicht morgen gaſt⸗ predigen?“ „Allerdings, gute Frau, will ich morgen gaſtpredigen „Darum iſt Er auch der Bräutigam, denn der morgen hier predigt, bekommt Louischen zur Frau.“ Ich riß jetzt wie raſend den Brief des Paſtors Burkhard zum dritten Male hervor. Aber da ſchwamm Alles vor meinen Augen, die Buchſtaben liefen wie Ameiſen durcheinander. Doch zugleich entfiel das Papier meiner erſtarrten Hand. Eine infernaliſche Leichtigkeit ging in meinem Innern auf. „Wenn der,“ dachte ich bei mir,„der morgen hier gaſtpredigt, ſich zugleich eine Braut erpredigen ſoll, ſo bin ich's, trotz des Briefs des Paſtors, nicht, und einer von den feinen Schluckern, die im Felde umherlaufen, erhält die Braut und das Mädel.“ O, ich war außer mir vor Schmerzen und Ver⸗ zweiflung, und machte ein ſo deſperates Geſicht, daß die Bäuerin die Hände über'm Kopfe zuſammenſchlug. „Schäm' Er ſich,“ ſprach ſie ärgerlich,„iſt das ein Bräutigamsgeſicht? Was ſoll da einſt aus dem Ehemanne werden, und was wird Louischen ſagen? Nun, auf Wiederſehen, morgen in der Kirche, es wird gerüttelt voll, und Er wird ſeine Sache gut machen.“ Mit dieſen Worten nickte ſie freundlich und ging ihres Weges dahin. „Meine Sache gut machen?“ frug ich mich;„die Frau hat gut reden. Ich bin zur erbaulichen Stunde hier angelangt. Ein ſolch Malheur kann nur mir paſſiren, dem das Brot ſtets auf die geſchmierte Seite fällt. Du armer Daniel Leßmüller, ſo biſt du denn hierher gekommen, um einen glicklichen Rivalen predigen zu hören, und zu ſehen, wie er unmittelbar 45 nach der Predigt dem ſchönſten Mädchen, das ich je geſehen habe, als Bräutigam um den Hals fällt.“ Ich ſtand wiederum im Begriff, umzukehren, und dahin zurückzugehen, wo ich hergekommen war, als die Dorfglocke anmuthig zu läuten begann. Ich war von jeher ein großer Freund von ſchönem Geläut, und ſo hörte ich auch diesmal mit ſüßer Wehmuth den heiligen Klängen zu. Aber je länger ich lauſchte, deſto größerer Frie⸗ den ſank in meine tiefbewegte Bruſt. Ich ward wie⸗ der fromm und gottergeben.„Du ſollſt,“ ſprach ich zu mir,„als kurzſichtiger Adamsſohn, mit den We⸗ gen einer weiſen Vorſehung nicht rechten. Geh' ge⸗ troſt in die Pfarre, und mache wenigſtens deine Auf⸗ wartung dem wackern Burkhard. Mag es dann wer⸗ den, wie es will, du haſt deine Schuldigkeit gethan⸗ und dir keine Vorwürfe zu machen.“ Mit dieſen Worten ſchritt ich langſam vorwärts, und erreichte ſo endlich den Eingang zur Pfarrwoh⸗ nung. Das Pfarrhaus konnte gar nicht niedlicher gelegen ſein. Ueppig rankten ſich die Weinreben, mit Trauben behangen, an den Wänden empor. Selbſt der Bogen des Hofthores war damit überſpon⸗ nen. Ringsumher athmete tiefer Frieden nur die äußerſten Zweige der alten Buchen bewegten ſich kaum bemerkbar in der klaren Herbſtluft. Ich ſtand jetzt an dem verhängnißvollen Glocken⸗ ringe der Hofpforte. Zitternd langte meine Hand darnach, aber wiederholt ſank ſie zurück, ohne die mich anmeldende Glocke in Bewegung geſetzt zu ha⸗ ben. Ich recapitulirte meine Rede nochmals, nahm endlich, da ſich die Thüre unmöglich von ſelbſt auf⸗ thun konnte, meine ganze Energie zuſammen, und that einen herzhaften Zug am Glockenringe. 46 Laut hörte ich die metallene Schelle wiederhallen, Hundegebell ertönte, und bald vernahm ich Fuftritte von innen; die verhängnißvolle Pforte that ſich auf, und vor mir ſtand ein kleines, blondgelocktes Mäd⸗ chen, mit den freundlichſten Augen von der Welt. Ich erkundigte mich nicht ohne Zagen nach dem Herrn Pfarrer Burkhard. Die Kleine nickte freundlich und ſprach: „Papa ſitzt in der Laube und ſtudirt an der Pre⸗ digt auf morgen.“ „Das Gotterbarm,“ dachte ich bei mir,„nun will der auch noch predigen; wahrſcheinlich langt der Herr Generalſuperintendent und das wohllöbliche Con⸗ ſiſtorium auch noch an, um in Buchenheim zum vier⸗ zehnten nach Trinitatis zu predigen.“ Die Kleine hatte mich indeß mit ihren klugen Aeuglein mit Aufmerkſamkeit gemuſtert, und nickte ſehr freundlich mit dem Köpfchen.„Papa,“ fuhr ſie mit liebenswürdiger Unſchuld fort,„wird ſich freuen, Sie hier zu ſehen; wir haben Sie ſchon geſtern er⸗ wartet.“ Es war rührend mit anzuhören. Die Worte des Kindes klangen ſo ſüß wie Engelstöne, aber der kleine Springinsfeld wußte nicht, was er ſprach. Papa konnte ſich unmöglich freuen, ob meiner Ankunft, wie die Kleine vermeinte; auch war derjenige, den man ſchon geſtern erwartet hatte, wohl ſchwerlich jener Da⸗ niel Leßmüller, der ich zu ſein die Ehre hatte.„Du holde, liebenswürdige Unſchuld,“ ſprach ich zu mir⸗ als ich dem Lockenkopfe nach der Laube des Gartens folgte, wo der Papa an ſeiner Predigt ſtudirte,„Kin⸗ der und Narren ſagen zwar in der Regel die Wahr⸗ heit, aber an mir Unglücksſohn werden ſelbſt alle ge⸗ prüfte, bewährte Sprichwörter zu Schanden.“ 47 Es war ein herrlicher Garten, in welchen mich die Kleine führte, er ſtand im ſchönſten Schmucke des Herbſtes, überall fruchtbelaſtete Obſtbäume, deren Aeſte hie und da geſtützt waren, und deren rothe Aepfel appetitlich zwiſchen dem Laube herableuchteten. Auf den wohlgehaltenen Beeten blühten zahlloſe Aſtern, Georginen und andere glänzende Herbſtblumen. Bal⸗ ſamiſch duftete die Reſeda, die aromatiſche Spicke und Salbey, womit die Beete und Rabatten eingefaßt waren. Die Laube, in welcher der Pfarrer Burkhard ſtudirte, war von einem brennenden Walde Sonnen⸗ blumen umgeben. „Ha, dieſes Paradies!“ ſprach ich zu mir, der ich, wie im Traume, durch die blühenden Gänge wandelte;„hier läßt ſich's ſtudiren, das will ich glauben.“ Die kleine Blondine war jetzt vorausgehüpft und meldete mich bei Sr. Hochehrwürden. Dieſelben tra⸗ ten mir auch ſogleich aus der Laube entgegen. Das war ja ein charmanter Mann, der Pfarrer Burkhard, von ſo wohlwollendem Ausſehen, daß man ſogleich Vertrauen faſſen konnte. Mir fiel bei ſeinem Anblicke ein ordentlicher Stein vom Herzen. Ich nannte jetzt meinen Namen. Der Ehrwür⸗ dige breitete ſeine Hände aus, und umarmte mich wie ein Vater. Solchen Empfang hatte ich nicht erwar⸗ tet. Wie ſollte das nur werden mit den beiden Schwarzröcken, die noch draußen in Wald und Flur umherirrten? „Seien Sie mir ſchönſtens willkommen, mein lie⸗ ber, guter Freund!“ begann der Alte;„ich hoffte, Sie würden ſchon geſtern eintreffen. Hab' Ihre Pre⸗ digt geleſen, mir aus dem Herzen geſprochen, brav 48 ausgeführt, Sie werden morgen Ehre damit einlegen; freue mich ſelbſt darauf.“ Hier muß ich zu näherem Verſtändniß erwähnen, daß ich eine Abſchrift der von mir zu haltenden Pre⸗ digt dem Pfarrer Burkhard ſchon früher eingeſchickt hatte. Ich gerieth daher in nicht geringes Erſtaunen, als der ehrwürdige Mann, trotz den beiden Rivalen, die mir begegnet waren, und von denen, nach Aus⸗ ſage der Bauernfrau, der Eine überdies wohlbeſtallter Bräutigam und der Schwiegerſohn in spe des Paſtors war, gleichwohl von der mir zugeſagten Gaſtpredigt am vierzehnten nach Trinitatis anfing. Unfehlbar lag hier ein Irrthum zum Grunde. Ich dachte bei mir:„Nun, die Sache wird ſich bald löſen, ſobald meine zwei Gegner ihre Morgenpromenade geendet haben.“ Aengſtlich lauſchte mein Ohr nach jedem Geklingel der Hofthürſchelle, denn wenn der eine Schwarzrock, dem ich zuerſt begegnete, ſeine Predigt im Kopfe hatte, kehrte er unbeſtritten zurück; und bei dem zweiten war unfehlbar daſſelbe der Fall, ſobald er ſich in ſeiner ars concionandi zurecht gefunden hatte. Ich wagte nicht, dem Pfarrer mein Reiſeabenteuer wegen der beiden ſchwarzen Geſellen mitzutheilen, und er ſelbſt ſchien von ihrer Anweſenheit nicht die geringſte Ah⸗ nung zu haben. Der wackere Pfarrer gebot jetzt dem kleinen Locken⸗ kopfe, welcher den Namen Roſalie führte, Frühſtück zu beſtellen. Röschen hüpfte davon, und bald ſtand das Verlangte auf einem ſauber gedeckten Tiſchchen. Ich wandelte mit dem Pfarrer in gelehrtem Geſpräch die ſchönen Gänge auf und ab. Wir ſprachen über Schleiermacher und Bretſchneider, Tholuck und Geſe⸗ nius, Lev und Ruge, Strauß und ſeine Widerſacher. 49 Burkhard gehörte zu den rationellen Supernaturaliſten, und erſchien mir als ein Mann Gottes, wie er ſein mußte. „Röschen,“ rief er mit Einemmale,„beſorge, daß noch ein Paar Stühle herbeigeſchafft werden, für den Fall, daß Herr Linden und Bitterfeld zurückkehrten; wir frühſtücken dann in Gemeinſchaft.“ „Alſo doch,“ ſprach ich zu mir,„das ſind unbe⸗ ſtritten die beiden Gaſtpredigt⸗ und heirathsluſtigen Candidaten. Heiliger Himmel, wie ſoll das enden?“ Der ehrwürdige Pfarrer hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als ſich die Hofthürſchelle von Neuem hö⸗ ren ließ. Ich blickte dahin, aber wer malt meinen Schrecken, als ich den Schwarzrock von der Terraſſe hereintreten ſah, welcher auch den Weg nach dem Gar⸗ ten einſchlug. Als er bei dem Pfarrer und mir an⸗ gelangt war, faßte ihn Burkhard bei der Hand und ſtellte ihn mir mit den Worten vor: „Mein lieber Vetter, welcher uns morgen mit ei⸗ ner Predigt erfreuen und erbauen wird.“ Nun deutlicher konnte ich's nicht haben. Das alſo war der Glückliche, der den Vogel abſchießen ſollte? Er hatte ſonach doch Recht gehabt, als er mir auf der Terraſſe erklärte, daß er hier gaſtpredigen wolle. Nun war es noch dazu ein Vetter des Herrn Pfarrers, alſo hatte ich abermals vergebens gehofft und mich gefreut. Wahrſcheinlich hatte mich der Pfar⸗ rer Burkhard nur ſchonen wollen, als er ſich ſo gün⸗ ſtig über meine Predigt ausſprach. Ich befand mich in bejammernswerther Lage, und ein tiefer Seufzer entwand ſich meiner Bruſt. Da tönte ſchon wieder die verhängnißvolle Hof⸗ und des Pfarrers reizendes Louischen trat erein. Stolle, ſämmtl. Schriften. XXMI. 4 50 Sobald der Vetter das ſchöne Mädchen anſichtig wurde, eilte er ſpornſtreichs den Gartengang entlang und empfing Louiſen mit einer Artigkeit und chevale⸗ resken Manier, die ich dem trocknen Theologen gar nicht zugetraut hätte. Da hatte ich's ja klar und faßlich, er war der Bräutigam, für welchen die Bäuerin mich angeſehen hatte. Ich ſchaute mit kläglicher Miene der intereſ⸗ ſanten Empfangsſcene zu, als ſich der Pfarrer Burk⸗ hard mit den Worten zu mir wandte: „Laſſen Sie ſich nicht irren, mein lieber, junger Freund, wenn ich Ihnen meinen Vetter vorhin als denjenigen vorſtellte, der morgen hier predigen ſoll.“ Ich horchte mit geſpitzten Ohren, und der Pfar⸗ rer Burkhard fuhr fort: „Mein Vetter iſt ein junger talentvoller aber et⸗ was leichtfertiger Page. Er ſchreibt eine recht brave Predigt, aber mit dem Memoriren iſt es bei ihm eine verzweifelte Sache. Bereits vor einem halben Jahre hat er dadurch nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch mir und der ganzen Gemeine die größten Unannehmlich⸗ keiten bereitet. Er predigte an meiner Statt, blieb ſtecken, wollte ertemporiren, kam aber damit nicht fort, und mußte, zu nicht geringem Aergerniß der andäch⸗ tigen Verſammlung, die Kanzel verlaſſen. Ich war damals ſo ärgerlich, daß ich mich feſt entſchloß, ihn nie wieder hier predigen zu laſſen; aber er hat mich ſpäter ſo dringend gebeten, ich möchte ihm erlauben, ſeinen Fehler wieder gut zu machen, daß ich nicht umhin konnte, ihn von Neuem eine Predigt zuzuge⸗ ſtehen. Doch habe ich meine Maßregeln getroffen, daß ihm eine abermalige Blame erſpart werde. Er iſt von mir aufgefordert worden, ſich für morgen mit einer Predigt bereit zu halten. Da ich aber noch im⸗ 5⁴ mer befürchten muß, daß er ſeinen Vortrag noch nicht vollkommen im Kopfe hat, ſo laſſe ich ihn morgen noch nicht predigen, ſondern Sie, mein junger Freund, werden's an ſeiner Statt thun.“ Ich hätte dem ehrwürdigen Pfarrer vor Freuden um den Hals fallen können, als die Hofthürſchelle abermals läutete und der andere Schwarzrock herein⸗ trat, der mir vorhin begegnet war. Auch er ſchlug ſeinen Weg ſogleich nach dem Garten ein und war bald bei uns angelangt. Wieder erfolgte eine Vor⸗ ſtellung von Seiten des Pfarrers, und wieder ertön⸗ ten die Worte: „Ein wackrer Kanzelredner, der uns morgen durch ſeinen Vortrag erfreuen und erbauen wird.“ Ich wußte abermals nicht, was ich denken ſollte. Sollte dieſer im Auswendiglernen gleichfalls nicht ſat⸗ telfeſt ſein, wie der Herr Vetter? Dies konnte wohl möglich ſein, aber daß der neuangekommene Schwarz⸗ rock morgen hier eine Predigt halten werde, war aus⸗ gemacht, denn der Pfarrer Burkhard unterhielt ſich ja ausführlich darüber mit ihm. Was mein Erſtaunen vermehrte, war, daß als mich Burkhard dem Fremden gleichfalls als Gaſtpre⸗ diger für morgen vorſtellte, der junge Mann ſich nicht im Geringſten darüber verwunderte, ſondern das Alles in der Ordnung zu finden ſchien. Mein ſchwacher Verſtand begriff nicht, wie ſich dieſe verwickelte Sache noch auflöſen werde, als mein Rival die Bedauerung ausſprach, daß er mich morgen nicht hören könne, da er faſt um dieſelbe Zeit ebenfalls zu predigen habe. Ich ſchaute mich ganz verwundert ringsum, ob es viel⸗ leicht zwei Kirchen im Dorfe gäbe, konnte aber nur eine entdecken. „Eben ſo ergeht es mir mit Ihnen,“ ſiel der — 52 Pfarrer Burkhard zu dem Fremden gewendet ein; „auch ich muß für morgen auf Ihren Vortrag ver⸗ zichten, da ich zu begierig bin, wie unſer Herr Leß⸗ müller ſeine Sache machen wird.“ Das Räthſel ward mir jetzt immer unauflösbarer. Ich wagte nicht, mich näher zu erkundigen, und war nur froh, daß ich noch zur Predigt gelangen ſollte, als ein Livreebedienter ei⸗ lenden Schrittes daher kam und dem Pfarrer Burk⸗ hard ein Billet überreichte. Kaum hatte der Empfänger das Brieflein geleſen, als er ſich wieder zu uns mit den Worten wandte: „Das trifft ſich ja charmant; ſo eben ſchreibt mir unſer gnädiger Herr Graf, daß er ſowohl als ſeine geſammte Familie in unſerer Kirche erſcheinen werden, um die Predigt des Herrn Leßmüller zu hören;“ und zu dem andern Candidaten gewendet, ſprach er:„Sie, lieber guter Freund, werden dagegen erſucht, ſich's noch einige Tage auf dem Schloſſe des Herrn Grafen gefallen zu laſſen, um irgend eine Vormittagsſtunde künftiger Woche ſelbſt zu beſtimmen, in welcher Sie Ihren Vortrag in der Schloßkapelle zu halten ge⸗ denken. „Sie müſſen nämlich wiſſen,“ ſetzte Burkhard ge⸗ gen mich gewendet hinzu,„daß hier mein junger Freund,“ er zeigte auf den Candidaten,„unſerm gnädigen Grafen als Pfarrer für eine Stelle, die er zu vergeben hat, empfohlen iſt. Darum ſollte er denn morgen vor dem Grafen und ſeiner Familie in der hieſigen Schloßkapelle eine Probepredigt halten. Da ich jedoch mit dem Grafen auch über Ihre Predigt geſprochen habe, ſo wünſcht derſelbe auch Sie zu hö⸗ ren, und wird daher morgen früh mit ſeinem ganzen Hauſe in der Dorfkirche erſcheinen, während die Pre⸗ 53 digt in der Schloßkapelle auf einige Tage verſchoben bleibt.“ Dem Candidaten tönten die Worte des Pfarrer Burkhard ganz und gar nicht unangenehm, denn es lebte ſich ganz allerliebſt im Schloſſe und in der gräflichen Familie. Wie Schuppen fiel es mir jetzt von den Augen; wer war froher, als ich. Nicht blos den Pfarrer Burkhard und den Candidaten, ſondern die ganze Welt, Louischen nicht ausgenommen, hätt' ich umar⸗ men und an's Herz drücken mögen. Unterdeß war Wein angekommen; die Gläſer wurden gefüllt und wir tranken auf das Gelingen der Predigt für morgen. Auch Louiſe ward herbei⸗ gerufen und mir ward das Glück, ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen. Nie hatte ich ein geiſtreicheres und ſchöneres Mädchen kennen gelernt; ihr reizender Anblick prägte ſich immer unverlöſchlicher in mein Herz. „Die oder keine Andere heirathe ich!“ ſchwur ich mir heimlich zu. Ich hatte mich bereits ſterblich in den Engel verliebt.— Als ich am andern Morgen im ſchwarzen Predi⸗ gergewande, die ſchneeweißen Prieſterkrägelchen auf der Bruſt, nicht ohne heiligen Schauer in das Got⸗ teshaus trat, konnte kein Apfel zur Erde, ſo über⸗ füllt war die Kirche von Beſuchern. Ich hatte zu⸗ vor einen kleinen Morgenſpaziergang durch die ſtille Landſchaft gemacht. Es war einer der herrlichſten Herbſtmorgen, die ich je erlebt hatte. Tauſendfach ſpiegelte ſich die friſche Morgenſonne, die in aller Pracht am blauen Himmel ſtand, in den Thauper⸗ len, die an den Sträuchern und Gräſern zitterten. Die ſtillen Berge ſtanden in leiſen Nebel gekleidet 5 4 und über dem ganzen Thale athmete die heilige Stille des Sonntagmorgens. Mir war ſo himmliſch wohl zu Muthe, ich wandelte gottergeben und gottbeſeligt dahin; wie ein ſtiller Segen ruhte der Morgengruß, welchen ich von Louiſen erhalten hatte, in meiner Bruſt. Ich verſprach auch Gott, der mir ſo viel Gnade erwieſen hatte, aus vollem Herzen zu danken, indem ich ſein heiliges Wort der andächtigen Gemeine mit aller Begeiſterung zu verkünden gelobte. Und ſo geſchah es auch. Nie entſann ich mich, beredter, gottbegeiſterter geſprochen zu haben, als in jener meiner erſten Predigt. Meine Worte, die vom Herzen kamen, mußten ja auch zum Herzen gehen. Dazu ward ich von meinem ſonoren Organe beſtens unterſtützt.„Selig ſind, die da reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen.“ Dieſe herrliche Wahrheit verkündete ich freudig der in andächtiger Stille lauſchenden Gemeine. Wiederholt traten mir die Thränen in die Augen, ſo ergriffen ward ich durch meine eigene Rede. Ein Gleiches war bei faſt allen meinen Zuhörern der Fall. Als ich die Kanzel verlaſſen und in die Sacriſtei trat, kam mir der alte Burkhard entgegen, er um⸗ armte mich ſchweigend und drückte einen väterlichen Kuß auf meine Stirn. „Wahr geſprochen, mein Sohn,“ ſprach er, auf's Tiefſte ergriffen;„Selig, die da reines Herzens find!“ Gleich nach der Kirche ließ mich der Graf zu ſich auf's Schloß rufen. Er erkundigte ſich theilnehmend nach meinen Familienverhältniſſen, und als er er⸗ fuhr, daß ich binnen Jahr und Tag meine Studien vollendet haben würde, gebot er mir, daß ich mich unmittelbar nach meinem Examen bei ihm melden ſolle. 55 Der ſchönſte Lohn für meine Predigt ward mir aber unſtreitig zu Theil, als ich nach dem Pfarr⸗ hauſe zurückkehrte und in Louiſen's Augen las, daß ich auch zu ihrem Herzen geſprochen hatte. Auf den ſchönen Herbſtmorgen folgte ein wo möglich noch ſchönerer Herbſtnachmittag. Wir ver⸗ brachten ihn in dem ſchönen Garten der Pfarrwoh⸗ nung. Selbſt der Graf kam eine Stunde lang vom Schloſſe herüber. Ich mußte ihm verſprechen, noch im Laufe dieſes Jahres nach Buchenheim zu kommen. Einige Weinbauern beſchenkten mich mit einem Körb⸗ chen von den erſten reifen Trauben ihrer Berge, welche herrliche Früchte von der Pfarrfamilie, dem Candidaten, dem Herrn Vetter, welcher ſeine Predigt noch immer nicht vollkommen auswendig konnte, und mir in großer Heiterkeit verzehrt wurden. Nie in meinem Leben werde ich jenen vierzehnten Sonntag nach Trinitatis vergeſſen. Reich beſchenkt mit Liebe und Hoffnung kehrte ich nach der Stadt zurück, und daß ich mein Verſpre⸗ chen, recht bald wieder nach Buchenheim zu kommen, nicht unerfüllt ließ, kann ſich der geneigte Leſer wohl denken. Den dritten Weihnachtsfeiertag predigte ich bereits das zweite Mal in der freundlichen Dorf⸗ kirche. Der Zudrang der Landleute war wo möglich noch größer, als das erſte Mal. Hatte ich mir aber durch die erſte Predigt die Liebe Louiſen's erworben, ſo erwarb ich mir durch die zweite die Hand des holden Mädchens. Nach ungefähr vierzehn Tagen feierten wir die Verlobung. Mein Examen ging glücklich von Statten. Ver⸗ ſprochenermaßen theilte ich ſogleich dem Herrn Gra⸗ fen die Nachricht davon mit, und binnen anderthalb Jahren bezog ich die erledigte Pfarrſtelle im Dorfe 56 Steinbach, was ungefähr eine Stunde von Buchen⸗ heim gelegen war, welche der Herr Graf zu vergeben hatte, und wohin mir meine Louiſe, als trautes Ehe⸗ gemahl, gern und freudig folgte. Mein Lieblings⸗ ſpruch aber iſt allezeit geblieben:„Selig, die da reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen!“ . — 8 — — — S — 8 — + — — — — — — — 1. Man hatte lange nicht den wohlbeſtallten Förſter und Hegereiter Jakob Burkhard auf Einſiedel mit ſo höchſt verdrießlichem Geſichte auf⸗ und abſteigen und den Dreikönigsknaſter entſetzlicher qualmen ſehen, als am Abende nach Walpurgis. Die beiden Jägerbur⸗ ſchen, welche in der einen Ecke der kleinen Förſter⸗ ſtube beim Abendbrote ſaßen, waren ſchon ganz im Dampfe untergegangen, und Valerie, die reizende Förſterstochter von ſiebzehn Jahren hatte ſich mit ih⸗ rem Spinnrade in das äuferſte Fenſter geflüchtet. Dabei herrſchte tiefe Stille im Gemach, nur von dem einförmigen Schnurren des Rades der fleißigen Spin⸗ nerin unterbrochen. Burkhard war jetzt mit ſeiner Pfeife zu Ende, ſtopfte eine friſche und der Opferdampf ſtieg üppiger auf, denn jemals. Da ward es dem Mädchen zu arg, ſie öffnete das Fenſterſchößchen ein Wenig, rieb ſich mit den Goldfingern die Veilchenaugen und ſprach verdrießlich:„Ach, Vater, Du dampfſt heute wirklich fürchterlich.“ „Die verdammten Hexen,“ brummte Burkhard, ohne ſich ſtören zu laſſen. Jetzt tauchte die lange Geſtalt des einen Jäger⸗ 60 burſchen aus der Wolkenſchicht empor, ſtreckte alle zehn Finger wie drohend in die Höhe, und rief in heiſerm warnenden Tone:„Meiſter— Frevel— Frevel— Frevel!—“ „Hätte können die Cholera am Leibe haben,“ fuhr der Raucher fort,„war Valli nicht für ein Warmbier beſorgt.“ „Die Griechen und Römer,“ doeirte der lange Salomo hinter der Dreikönigswolke,„erkundigten ſich zuvor bei den Paſtoren ihrer Ephorie; dieſe ſchlachteten Hammel und guckten nach, ob's richtig.“ „Der Paſtor würde mir leuchten,“ meinte Burk⸗ hard,„ein Freigeiſt!“ „Da iſt's auf andere Art verſehen worden,“ be⸗ hauptete Salomv. „Naſeweis!“ fuhr hier der Förſter zornig auf. Auf das Naſeweis verſank der lange Salomv wieder hinter der Wolke, aber ſein Ohr blieb wach. „Ich Etwas verſehn,“ fuhr Burkhard fort,„hatt' ich nicht den ſchönſten Kreuzweg gewählt von Eurv⸗ pia, da zwiſchen der Eiſenhütte und dem Tännig! Konnt ich's Sprüchlein nicht wie's Vater Unſer? Du weißt's, Valli.“ Valerie beſtätigte die Wahrheit und frug, ob er wirklich Nichts geſehn? „Ich will nicht lebendig auf zwei Beinen ſtehen,“ betheuerte Burkhard,„wenn ich nur einen Beſenſtiel geſehn, vielweniger einen completen Beſen mit der Hexe darauf.“ „Sind wahrſcheinlich gar nicht ausgezogen,“ meinte die Spinnerin. „Der Bock iſt dabei geweſen,“ brummte Günther, der zweite Jägerburſche,„er war den ganzen Tag unruhig, er ſah übernächtig aus und zerzauſt.“ 6¹ Salomo erhob ſich wieder und ſprach:„Meiſter, ich denuncire den Kater, er weiß um die Sache. Mehr ſag' ich nicht.“ Er verſchwand. „Der Müllerfritze vor'm Jahre,“ fuhr Burkhard ingrimmig fort,„ſah wenigſtens Funken, auch die blieben weg, es iſt zum Tollwerden!“ Valerie ward jetzt ſceptiſch und berief ſich auf den Schulmeiſter, der die Hexen für fabelhafte In⸗ dividuen erkläre. „Aber wir haben's ſchwarz auf weiß,“ widerlegte ärgerlich der Vater, und Salomo ſtand auf:„Mam⸗ ſellica, es ſagt ſchon der große großbritanniſche eng⸗ liſche Poeta, der ſich auf Bier endigt: Es hyuſchelt und ruſchelt Vielerlei, ſagt er, zwiſchen Himmel und Erde herum, von dem unſere Philoſophie ganz und gar nichts träumt.“ „Ja, das ſagte der Brite,“ bekräftigte der För⸗ ſter,„und die Komödianten in der Stadt beſtätigen es öffentlich und rund heraus, und die zuhörende Durchlaucht und das höchſte Hofperſonale findet es in der Ordnung; ungläubiges Kind!“ „Auch die Griechen und Römer,“ fuhr Salomo fort,„können ein Liedchen ſingen, da ſtack Alles voll von Ueberirdiſchen, Geiſter und Kobolde von allen Branchen, in jeder Haſelnuß ſaß einer, in jedem Baumſtrunk, in jedem Felſenloche, kein Apfel konnte zur Erde, ſo voll war's von dem Geziefer.“ „Nur ich Unglücklicher muß mit Blindheit ge⸗ ſchlagen ſein, und ſehe nichts,“ jammerte Burkhard. „Ich will's nur geſtehen,“ fuhr er nach einer Pauſe mit gepreßter Stimme fort,„nicht einmal den Kobold der Frau Katharine hab' ich geſehen, den alle Leute im Dorfe kennen, mit dem die Großmutter ſeliger auf ganz vertrautem Fuße gelebt; mögt's nun glau⸗ 62 ben oder nicht, ſelbſt kein Erdzwerg, wie ſolches Volk doch ſchaarenweis herum läuft, nicht einmal ſolch ein verächtlicher Knirps iſt mir je in den Weg getreten, und hat mich eines Blickes oder Worts gewürdigt. An einen kleinen Alraun, an ein niedliches Wichtel⸗ männchen, capriziöſen Spukteufel will ich gar nicht denken.“ Die beiden Jägerburſchen ſeufzten tief, ob ſol⸗ ches auserleſenen Mißgeſchicks, und die federſchleu⸗ ßende Sabine, die alte Magd, ſchlug drei Kreuze. „Aber morgen kommt der Student,“ tröſtete ſich Burkhard,„der hat nicht umſonſt Vocabeln gelernt, und im Carzer geſteckt, der iſt bewandert, der giebt mir ſchon Rath, er hält was auf mich.“ Jetzt that ſich die Thür auf, Nachbars Röschen, ein Mädchen von Valerien's Alter, ſchlüpfte herein und nahm Platz neben letzterer. „Ich komme nur auf ein Sprüngelchen,“ ſprach ſie eilfertig,„weißt Du's ſchon Valli, und der Herr Förſter?“ „Was denn?“ fragten dieſe mit einem Munde. „Nun ſtellen Sie ſich vor,“ erzählte Röschen, „die Kieſewalter's, das reiche geizige Volk, haben das große Lvos gewonnen.“ „Das große Loos?“ riefen Alle und Burkhard ließ vor Erſtaunen die Pfeife fallen.“ „Hunderttauſend Thaler,“ fuhr Röschen bekräfti⸗ gend fort. „Hunderttauſend Thaler!“ tönte es verwundert im Echo wieder. „Aber das geht nicht zu nit rechten Dingen,“ ſprach die Botſchafterin. „Das glaub ich,“ nickte Burkhard. 63 „Das wiſſen wir beſſer,“ meinte Röschen ge⸗ heimnißvoll. „Hunderttauſend Thaler,“ murmelte der Förſter, der vor Verwunderung noch gar nicht zu ſich ſelbſt kommen konnte. „Das macht das Mätzchen,“ flüſterte die Nach⸗ barin etwas leiſe zu Valerien. „Was für ein Mätzchen?“ frug ſogleich der Va⸗ ter, der das Geflüſter wohl verſtanden. Röschen wollte nicht mit der Sprache heraus, aber Burkhard nahm ſogleich Platz neben der Ge⸗ heimnißvollen und fing an zu belagern, zu pouſſiren, zu flattiren, zu inquiriren. Da kam's heraus. Die Feſtung ergab ſich und ſprach:„Aber Herr Förſter, wenn ein Wort—“ „Wie's Grab ſo ſtumm,“ betheuerte dieſer,„aber nur weiter; welche Bewandniß hat's mit dem Mätz⸗ chen?“ „Iſt halb Kobold, halb Eidechſe,“ fuhr Röschen geheimnißvoll fort,„und wird gefüttert im Neumond.“ „Auch erzählen ſchon die Griechen und Römer,“ fiel Salomo ein,„von ähnlichen Kreaturen, den Sy⸗ renen, waren halb Mamſell, halb Hecht.“. „Halt Er's Maul mit den Griechen und Rö⸗ mern,“ ſchrie Burkhard den Antiquar an, und zu Röschen gewendet, dringend:„Nun?“ „Bringt Nahrung und Gedeihen in die Wirth⸗ ſchaft,“ erzählte dieſe weiter,„aber der Urian ſteckt dahinter unmittelbar, holt den Segen und die Sippe dazu.“ „Und die hunderttauſend Thaler?“ frug der Förſter. „Iſt Satans Geld,“ ſprach die Erzählerin,„zer⸗ läuft wie Butter in der Sonne und läßt zurück Heu⸗ len und Zähneklappern.“ 6⁴ „Nun, Gott ſei Dank,“ tröſtete ſich Burkhard, „ich hab die Niete auf's Achtel, aber ſehen möcht' ich das Kerlchen.“ „Macht ſich rar,“ verſicherte die Bewanderte, „aber die Waſchweiber haben's geſehen leibhaftig und können's beſchwören vorm Amtmann und Gott.“ „Spricht's denn?“ forſchte Burkhard weiter. „Discutirt wie gedruckt,“ verſicherte Röschen,„der Paſtor muß ſich verſtecken, beweiſt den Leuten, daß zweimal zwei fünf und der Teufel ein Eichhörnchen iſt.“ Salomo, der ſich mit ſeinen Citaten nicht mehr herauswagte, brummte vor ſich hin:„bei den Syre⸗ nen war's auch ſo, ſangen wie nach Noten, ohne Generalbaß und Alles.“ Burkhard, in der Meinung, Salomo habe etwas zur Charakteriſtik des Mätzchens gemurmelt, ermahnte ihn, lauter zu reden. Das gab dem Burſchen Muth, er erhob ſich: „Bei den Syrenen,“ ſprach er,„war's accurat ſo; die Griechen und Römer— „Hol' ihn der—,“ fuhr Burkhard getäuſcht auf und neigte ſich wieder zu Röschen, um Näheres zu erfahren. Das Mädchen aber warf einen Blick nach der Wanduhr, erſchrak und rief:„Gute Nacht, Valli, morgen ein Mehres, Herr Förſter!“ Sie entſchlüpfte.„Zitteraal,“ brummte ärgerlich der Alte. Dann ging er eine Zeit lang gedanken⸗ voll in der Stube auf und ab, klopfte die Pfeife aus und ſprach, wie zu ſeinem Troſte:„Nun, mor⸗ gen kommt der Student.“ 2. Der Student Sigismund war am folgenden Mor⸗ gen wohlbehalten angelangt und ſaß bereits mit Burkhard in der Laube des Gartens beim Frühſtück. Zu Beider Verdruß hatte ſich auch ein benachbarter College des Förſters beſuchsweiſe eingefunden, eine alte ehrliche Haut, welche durch ihre höchſt proſai⸗ ſchen Brocken und Bemerkungen, die ſie von Zeit zu Zeit in das Geſpräch über die Natur der Geiſter einſchob, die zwei Metaphyſiker nicht wenig ennuyirte. „Dummes Zeug,“ brummte Valentin, ſo hieß der College, als der Student, welcher Burkhard ſyſtema⸗ tiſch in die Geheimniſſe des Geiſterreichs einweihte, eben ein geiſtreiches Kapitel über die Sylphiden be⸗ endigt hatte und ſich an dem Triumphe ſeines Vor⸗ trags weidete, der ſich auf dem Geſichte ſeines er⸗ ſtaunten Wirths deutlich genug ausſprach,„dummes Zeug, an dem luftigen Volke iſt kein wahres Wort;“ dabei that er einen herzhaften Schnitt in den vor ihm ſtehenden Schinken und ſägte ſich ein appetit⸗ liches Stück ab. „Natürlich,“ ſprach Sigismund, mit mühſam un⸗ terdrücktem Ingrimme über die fortwährenden Ein⸗ ſchiebſel und allen Eindruck ſtörenden Randgloſſen des Frühſtückenden,„wo der Leib rohen irdiſchen Be⸗ dürfniſſen fröhnt, liegt der Geiſt darnieder in ſchmäh⸗ licher Feſſel und die hoͤhere Welt bleibt ihm ver⸗ ſchloſſen.“ „Mein Geiſt liegt weder noch ſteht er,“ ant⸗ wortete gelehrt Valentin,„der ſitzt, und zwar im Kopfe, darüber ſind alle Gelehrten eins, aber mit dem luftigen Volke da, ich mag die Namen gar nicht Stolle, ſämmtl. Schriften. XRIII. 3 66 in den Mund nehmen, iſt's nichts, da müßte mir in meiner langen Praxis auch etwas vorgekommen ſein.“ „Sie ſind, was man ſo zu ſagen pflegt,“ warf der Student in ziemlich verächtlichem Tone hin,„ein ſimpler Materialiſt.“ Der Schinkeneſſer, welcher dieſes Prädikat im kaufmänniſchen Sinne nahm, fand ſich ſehr beleidigt, ward grob und ſprach:„Mosije Magiſter Lobeſam, wähl Er ſeine Redensarten beſſer, ich bin wohlbe⸗ ſtallter Revierförſter und Hegereiter zu Hammelshau⸗ ſen, weiß Er das?!“ „Sancta Simplicitas!“ lächelte mitleidig der Auf⸗ ſchließer des Geiſterreichs. Valentin hielt dieſen lateiniſchen Ausruf für ein Schimpfwort und gerieth noch mehr in Harniſch. „Ja,“ ſprach er erboſt,„immer red' Er ausländiſch, glaubt Er, ich verſtehe ſeine Injurien nicht? Ich ver⸗ ſtehe ſie gar wohl. Ihn ſoll das—“ Burkhard legte ſich in's Mittel und ſtiftete Frie⸗ den. Nach langem Zureden fuhr der Student in ſeiner Geiſterſeherei fort, Valentin frühſtückte weiter, jedoch mit ziemlich ungläubigem Geſicht, aber der Wirth war ganz Ohr. Die Lehre über die Waſſernixen war abſolvirt, man kam zu dem Geſchlechte der Erdgnomen, das in viele Gattungen zerfällt. Die Vorleſung war äußerſt gelehrt. Burkhard ſchwamm im dritten Himmel, nur dem Valentin riß ſchon wieder die Geduld. Er ſprang auf und rief: „Der Sperber ſoll mich holen, wenn ich all das Zeug glaube. Wenn ich auch das Petermännchen zugebe, das kleine kurivſe Ding, aber mit dem an⸗ dern Volke iſt's Nichts.“ „Alſo an das Petermännchen glauben Sie, wohl⸗ 67 beſtallter Herr Hegereiter?“ fragte lauernd der Student. „So halb und halb,“ geſtand dieſer zu,„es ſind mir gar zu viele glaubwürdige Berichte darüber zu⸗ gekommen, auch glaube ich's einmal geſehen zu ha⸗ ben, ganz im Spätherbſt war's.“ „Wirklich geſehen?“ fuhr Burkhard unwillkürlich auf,„Du Glückskind haſt mir davon noch kein Ster⸗ benswörtchen erzählt!“ „Ich kann mich auch getäuſcht haben,“ ſprach Valentin. „Mein verehrter Herr Hegereiter,“ fuhr der Stu⸗ dent fort,„können Sie ſich wohl das Petermännchen natürlich erklären?“ „Das hält ſchwer,“ war die Antwort. „Alſo glauben Sie an Uebernatürliches?“ fragte Sigismund weiter. „Man muß wohl,“ erwiederte erſterer. „Nun da begreif' ich aber nicht,“ meinte der Student,„warum Sie die Exiſtenz aller der Geiſter, von denen ich vorhin ſprach, geradezu abläugnen. Glauben Sie denn, daß ſich das ganze Univerſum des Ueberirdiſchen auf Ihr Petermännchen beſchränkt?“ Valentin, durch Sigismund's Logik in die Enge getrieben, antwortete ärgerlich,„er befaſſe ſich nicht mit ſolchen Lebensfragen.“ Der Examinator aber ließ nicht nach, kühlte ſein Müthchen und brachte den armen Hegereiter allmälig zur gelinden Verzweiflung. Weder vor⸗ noch rückwärts könnend ſprang der Geplagte endlich auf und ſchlug erboſt mit dem ab⸗ geſchälten Schinkenbein auf den Tiſch: „Und ich glaub's doch nicht, das Teufelszeug,“ rief er verſtockt,„iſt Alles blauer Dunſt trotz De⸗ monſtration.“ Nach dieſem Ultimatum ergriff er jedoch 5* 68 ſogleich die Flucht aus der Laube, um nicht von Neuem auf die logiſche Folterbank des Studenten ge⸗ ſpannt zu werden. „Gott ſei's gedankt, daß wir ihn los ſind,“ ſprach erleichtert Burkhard, rückte dem Studenten ver⸗ traulich näher, ſchenkte die Gläſer voll und ſchien etwas Wichtiges auf dem Herzen zu haben. „Sie ſehen an dieſem Subjecte,“ ſprach Sigis⸗ mund,„wie ungleich die Gaben der göttlichen Ein⸗ ſicht vertheilt ſind; während Sie, hochgeehrteſter Herr Förſter, mit ſo regem Sinn begabt, zur Anſchauung der geheimnißvollen Wunderwelt, iſt dieſer Idiot ſo tief in die gemeine Thierheit und rohe Sinnlichkeit verſunken, daß das geiſtige Princip nie zu nur eini⸗ ger Oberherrſchaft bei ihm gelangen wird.“ „Ach, ja wohl,“ ſeufzte Burkhard,„am regen Sinne fehlt mir es nicht, und gleichwohl bin ich mit Blindheit geſchlagen und ſehe nichts, paſſirt mir nichts.“ „Kommt Zeit, kommt Rath,“ tröſtete Sigismund mit vielverheißendem Tone. „Alſo wäre noch Hoffnung,“ frug der Förſter er⸗ leichtert und ward immer vertraulicher.„Trinken Sie, Herr Candidatus!“ Dieſer hob mit Pathos das Glas empor und deklamirt: „Die Geiſterwelt iſt nicht verſchloſſen Auf, bade Schüler unverdroſſen Die ird'ſche Bruſt im Morgenroth.“ Burkhard faßte jetzt Muth und rückte mit der Sprache heraus.„Hochgeehrteſter Herr Candidatus,“ begann er,„in Kurzem wird, wie ich in Erfahrung gebracht, unſer durchlauchtigſter Herzog mein Revier mit ſeinem allerhöchſten Beſuche beehren. Ich bin da 69 ſein Factotum und wir ſtreichen durch Dick und Dünn, nun muß mir ſelbſt der Neid laſſen, ich war früher ein trefflicher Schütze, die Schwalbe war nicht zu ſchnell, ich holte ſie herunter, das Viergroſchen⸗ ſtück nicht zu klein, ich packte es auf zweihundert Schritt, aber das will heutzutage nicht mehr flecken, ſo daß mir ſchon das Letztemal Seine Durchlaucht mit ihrer höchſten Hand auf die Schultern zu klopfen geruhten und ſprachen: Burkhard, mit uns Beiden geht es rückwärts! Ich erſchrak ſo darüber, daß ich zu zittern begann, denn im Geiſte erſchien die ganze junge Brut, die kaum von der Akademie heim, das Blaue vom Himmel herunter ſchießt und nach meinem armſeligen Förſterſtellchen lungert wie der Satan nach einer armen Seele. Der Herzog, der mein Zittern bemerkt, lachte und ſprach: Burkhard, ſei Er kein Narr, jung bleiben wir einmal nicht. Sehen Sie, mein hochverehrteſter Herr Candidatus, nun möcht ich für's Leben gern, daß Seine Durchlaucht beim nächſten Beſuch zu mir ſagten: Burthard, Er iſt ein Teufelskerl, das mach' ich nicht nach, und daß ich dreiſt erwiederte: Ew. Durchlaucht, wollen Ew. Durch⸗ laucht geruhen, Ihro höchſteigne Blicke da oder dort⸗ hin zu wenden, da kreiſt ein Sperber und dort ſtößt ein Raubgeier, wie wär's, ich hol ihn? Hol' Er ihn, würde der Herzog ſagen. Puff, excellent, und der Räuber läge zu unſern Füßen. Sehen Sie, mein geſchätzter Herr Candidatus, da iſt mir in meiner Einfalt die große Idee aufgeſtiegen: Wie wär's, wenn mir durch Geiſterhand das Geheimniß offenbar würde, Freikugeln zu gießen. Verſteht ſich, der Urian müßte aus dem Spiele bleiben, den brauchen wir gar nicht, die Geiſter ſind ſo geſcheute Leute, wie Er. Allenfalls wollt' ich mich dazu verſtehen, 7⁰ dem Herrn Urian, weil wir ihm in's Handwerk grei⸗ fen, durch ein monatliches Deputat Wildpret das Maul zu ſtopfen, und nun, mein verehrteſter Herr Candidatus, was ſagen Sie zu der koloſſalen Idee?“ Sigismund machte lange ein ſehr nachdenkliches Geſicht.„Die Sache hat viel Schwierigkeiten,“ ſprach er endlich. „Das glaub' ich, Werthgeſchätzteſter,“ fiel Burk⸗ hard ein,„aber wer ſo intim mit der ganzen Natur⸗ geſchichte der Geiſter, ich ſollte glauben—“ Der Student ſchwieg lange und in ſeinem Inner⸗ ſten ſchien ein Gedanke aufzugehen. „Nur ein paar lumpige Kugeln,“ fuhr der För⸗ ſter fort,„ein wahres Bagatell für die Herren Gei⸗ ſter, fällt ihnen darum keine Perle aus der Krone, einen alten Mann glücklich zu machen, der ſich vier⸗ zig Jahre lang geplagt für Gott, König und Va⸗ terland.“ „Die Sache verdient der reiflichſten Ueberlegung,“ meinte der Student. „Ja, überlegen Sie, hochgeſchätzter Freund und Gönner,“ ermahnte der Freiſchütze in spe. „Es ſind da zuvor noch manche Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen.“ „Räumen Sie, räumen Sie, mein lieber Herr Candidatus, ich helfe.“ „Wenn Sie mir aufrichtigſt an die Hand gehen wollten, Herr Förſter—“ „Mit Leib und Seele,“ rief dieſer,—„nolta bene Freundchen, der Urian, der Samiel bleibt aus dem Spiele, mit dem Kerl will ich Nichts zu ſchaffen haben.“ „Der bleibt hinweg, wie billig,“ verſicherte Si⸗ gismund. 74 „Nun, da gebieten Sie, Freundchen,“ rief er⸗ leichtert der Förſter. „Großer Opfer bedarf es gar nicht,“ meinte das Freundchen. „Um ſo beſſer, Candidatchen.“ „Ich baue auf Ihre Mitwirkung und Discretion, Herr Förſter.“ „Häuſer, Häuſer, Felſen, Vorgebirge, was ſie wollen,“ rief dieſer zugeſtehend. „Sehen Sie,“ rückte der Student näher heran, „die Sache ließe ſich allenfalls arrangiren.“ „Ich bin Ohr, Candidatchen, weiter—“ „Dann iſt aber das erſte Bedingniß, daß ich mit Luſt und Liebe an das Werk gehe.“ „Verſteht ſich.“ „Frohen Herzens und frohen Muthes,“ fuhr der Student fort. „Recht und billig.“ „Aber mein Herz iſt betrübt, mein Muth dahin, tiefer Schmerz wohnt in meinem Innern,“ ſprach Sigismund im dumpfen Tone. „Muß heraus!“ entſchied Burkhard ſchnell. „Wird ſchwer halten,“ ſeufzte der Geiſterkundige. „Valerie verwirft meine Anträge und ich habe die redlichſten Abſichten—“ „Schnickſchnack, das Mädel weiß nicht, was es will.“ „Binnen Jahr und Tag ſind meine Studien ab⸗ ſolvirt, an Gönnern fehlt mir's nicht, eine gute Pfründe kann mir nicht entgehn.“ „Weiß es, weiß, werthgeſchätzter Herr Candidat, aber ſie wird ſich beſinnen.“ „Wenn ein Wort von Ihnen—“, bat der ver⸗ ſchmähte Liebhaber. 72 „Sie wird ſich beſinnen, das iſt meine Sorge,“ entſchied kräftig der Förſter. „Nun denn,“ rief Sigismund aufſpringend, „Herr Förſter, meine Hand, ſo wie ich das Jawort habe, gehen wir an's Werk.“ „Herzens⸗Candidatchen,“ rief entzückt Burkhard, den Schwiegerſohn in Hoffnung umarmend,„wenn's weiter nichts iſt.“ Man ſchenkte noch einmal diez Gläſer voll und trank auf glücklichen Ausgang der Sache⸗ 3. Valentin war in ſeinem Aerger nach dem Förſter⸗ hauſe zurück gekehrt. Er traf hier auf Valerien, die er ſogleich in Beſchlag nahm. „Valli,“ ſprach er voll frommen Eifers,„Du biſt ein gutes, aufgeklärtes, menſchenfreundliches Kind, laß Dich mit jenem Schlucker nicht ein in der Laube.“ Valerie ſah ihn fragend an. „Der iſt voller Lug und Trug,“ fuhr der Er⸗ mahner fort.„Mich wollt' er auch umgarnen, da kam er an. Sich an einen ſo aufgeklärten Mann zu wagen. Er hat's gebüßt.“ Valerie war ganz erſtaunt. „Laß Dich nicht berücken,“ fuhr Valentin ein⸗ dringlicher fort,„bleib ein fromm Kind, halt an Chriſtum, wie ich. Deinen Vater hat er jetzt beim Kragen, bald ganz, aber ich ſchreie noch ein Wort dazwiſchen, eh' ihn der Schwarze holt.“ 73 „Ihr macht mir bange, Herr Valentin,“ ſprach nicht ohne einige Beklemmung das ſchöne Mädchen. „Dacht's gleich,“ fuhr jener fort,„die Teufels⸗ ſcarteken, die jener Lumpacius dem Burkhard geſchickt, die haben ihn den Kopf verdreht.“ „Ja wohl,“ ſeufzte Valerie,„ſeit der Vater über jenen Büchern ſitzt, iſt er ganz umgekehrt.“ „Aber ich ſehe ſchon, wo der ganze Spuk hinaus will,“ ſprach der Forſtmann,„o, man iſt nicht ſo dumm, als es vielleicht den Anſchein hat.“ „Wo denn hinaus?“ frug zaghaft Valerie. „Sieh'ſt Du, mein aufgewecktes Kind,“ fuhr jener fort,„daß der Schlucker in der Laube an all das Zeug ſelbſt glaubt, das mag er einem Andern weiß machen, aber er weiß,'s iſt einmal Burkhard's ſchwache Seite. An dieſe attachirt er ſich und denkt, hab ich einmal den Alten, kann mir das Mädel nicht entgehen.“ Valerie that, als verſtände ſie den Sprecher nicht. „Biſt ja ſonſt nicht auf den Kopf gefallen,“ ſprach dieſer ärgerlich,„nun heirathen will Dich der Mosje, einfältiges Ding, geht aber den krummen Weg und ſteckt ſich hinter den Alten.“ „Das iſt luſtig,“ lachte das Mädchen,„und darum die geiſtigen Vorleſungen?“ „Ich finde da gar nichts Luſtiges, Mamſell,“ fuhr Valentin immer ärgerlicher fort.„Ein Liebhaber,“ ſprach er lauter,„der den Vater mißbraucht, um die Tochter zu capern, den ſoll— ja den ſoll,“ rief er erboſt,„der Teufel holen. Er kann's hören, der Urian von Salamanka oder wo er ſonſt her iſt.“ „So mäßigt Euch doch,“ beſänftigte Valerie. „Vor Zeugen und Notar ſag' ichs,“ ſpektakelte Valentin,„der Teufel ſoll ſo einen Amouren holen.“ 7⁴ „Ich werde ganz böſe, Herr Valentin—“ „Und auch mich will der Kerl chikaniren, der ich vorgeritten vor Sr. Durchlaucht, ſo ein Naſeweis— nun da ſoll doch gleich—“ Valerien gelang es endlich, den durch ſeine eig⸗ nen Worte in Harniſch Gerathenen, zu beruhigen. „Hier meine Hand,“ ſprach ſie,„Ihr ſollt mich nie ein freundlich Wort mit dem Studenten ſprechen hören.“ „ Voalentinen aber ſtak der Aerger noch zu tief im Blute.„Chriſtens Gottes Sohn!“ rief er,„Ihr Frauenzimmer, thut mir nicht ſo zuverſichtlich, wenn vom Heirathen die Rede iſt.“ Jetzt ward das Mädchen böſe und ernſt und ent⸗ ſchied entſchloſſen:„Eher ſtürze ich mich von dem Ei⸗ chenfelſen in den See, ehe ich dem die Hand gebe.“ b„So ſprach die neulich in der Oper auch,“ brummte Valentin,„zum Glück kam's nicht zum Sprung.“ „Immer ſpottet,“ ſprach Valerie,„ich halte Wort, Ihr werdet ſehen.“ Der halb ernſt, halb wehmüthige Ton dieſer Worte machte den Waidmann aufmerkſam. Er be⸗ trachtete das todesmuthige Förſterkind, dann rieb er ſich die Stirne, als ſänne er über Etwas nach, ward freundlich, klopfte Valerien auf die Sammetwange, und ſprach:„Muß es ja glauben, kleiner Schelm, aber wär' der Johannes nicht, hätt' ich doch Recht. Nun,“ fuhr er fort,„närriſch Ding, brauchſt nicht roth zu werden, Johannes iſt ein lieber Kerl, ächt und braves Waidmanns Geblüt, gegen den ſich der Vitzliputzli dahinten verſtecken muß.“ „Wie Ihr auch wieder ſprecht,“ ſtammelte errö⸗ thend das Mädchen.„Ich verſtehe Euch gar nicht.“ „Es iſt Jammerſchade, daß ich ihn nicht behalten 75 konnte,“ fuhr Valentin fort,„der brave Burſche, ge⸗ wann ihn lieb in der erſten Stunde. Alſo das iſt der ſcharfe Schütze,“ lachte er behaglich,„der der gu⸗ ten Valli Herz getroffen; ja das glaub' ich, der brauchte nicht dem Papa Vorleſung über den Teufel und ſeine Großmutter zu halten. Nun in Gottes Namen, da hab' ich Nichts dagegen— nur der Saſ⸗ ſafraß nicht, dieſer Derwiſch. Aber— iſt denn das Mädchen geblieben?“ Valerie, als Valentin auf das Evangelium des Johannes gekommen, war, während jener an ſeinen Feuerſtein Feuer ſchlug, unvermerkt entſchlüpft, ſo daß des Waidmanns letzte Declamation nur dem Banko, dem Hühnerhunde, zu Gute kam, der vor ihm ſaß und aufmerkſam zuhörte. 4. Dem betrügeriſchen Studioſus war es bald ge⸗ lungen, durch ſein myſtiſches Geſchwätz den alten Burkhard völlig auf ſeine Seite zu bringen. Valen⸗ tin war nach einen heftigen Streit über ſeines Col⸗ legen Leichtgläubigkeit, worin ihm das Wort„Schafs⸗ kopf“ entflohen, im Zorne geſchieden, und die arme Valerie nun ganz ſchutzlos den widerlichen Bewerbun⸗ gen des Studenten und der eben nicht zarten Be⸗ handlung des verblendeten Vaters Preis gegeben. Es war ein naßkalter, dunkler Abend. Der Sturm rüttelte unaufhörlich an dem Giebel und den Fenſterladen der kleinen Förſterwohnung, und in den Kronen der hohen Fichten des nahen Waldes heulte und brauſte es in wunderlichen Tönen. 76 Sigismund, der keine Gelegenheit unbenutzt ließ, die Phantaſie des Förſters für ſeine Zwecke zu bear⸗ beiten, hielt eben wieder eine äußerſt große und ſpuk⸗ hafte Vorleſung, worin er von Salomo, der gleich⸗ ſam für ſeinen Famulus gelten konnte, nach Kräften unterſtützt ward. Der Student mochte noch ſo Widerfinniges zu Markte bringen, Salomo beſtätigte es allemal mit Erfahrungen aus ſeinem Leben und aus dem der Grie⸗ chen und Römer. Ueberall war er dabei geweſen, und hatte er ja einmal einen Spuk verſäumt, ſo hatte denſelben doch irgendwo ein Freund genau beobachtet und ihm darüber getreuen Bericht erſtattet. Valerie ſaß mit verweinten Augen in der Ecke beim Spinnrade. Sigismund that jetzt einen Zug aus dem Grog⸗ glaſe, ſetzte es vor ſich hin und horchte mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit auf das ſeltſame Heulen des Sturm⸗ winds in den Gipfeln der alten Fichten. Burkhard und Salomo thaten es dem Studenten nach und es entſtand eine tiefe unheimliche Stille im Zimmer, welche der hohle Ton des Sturmes nur noch unheim⸗ licher machte. „Die Sturmgeiſter,“ begann der Student nach einer Pauſe,„ſind dieſe Nacht ſehr geſchäftig, ſie ha⸗ ben etwas im Werke, aber die Stimmen find verwor⸗ ren.“— Er lauſchte weiter und Salomo erhob ſich: „Meiſter,“ ſprach er,„die Griechen und Römer ſagten bei ſolcher Sturmwirthſchaft, Herr Aeol nimmt die Backen voll.“ Burkhard winkte mit der Hand Ruhe, damit der Student nicht geſtört werde. Nach einer Pauſe fuhr Letztrer fort, in dumpfen abgebrochenen Sätzen: „Ein ewiges Ringen und Kämpfen, keine Partei will ſich ergeben— vor Mitternacht muß der Kampf entſchieden ſein— der ſchwarze Molo führt ſeine Fel⸗ ſengeiſter herauf, die ſeit Ewigkeit in den Klüften ſchliefen— aber die höhniſchen, vorlauten Luftgeiſter fahren lachend und pfeifend über die dumpfbrummen⸗ den Rieſen. Hört Ihr's nicht, wie ſie ſich necken, Herr Förſter?“ „Es iſt mir ſo,“ meinte dieſer und ſpannte Ohr und Phantaſie zugleich an, um in dem verworrenen Sturmbrauſen den Geiſterkampf zu entdecken. „Die Brummer,“ commentirte Salomo,„ſind ein höchſt ungeſchlachtes Volk, die Pfeifer aber deſto ma⸗ litiöſer. Schon die Griechen und Römer—“ So halt das Maul, wenn ich Etwas verſtehen ſoll, zankte Burkhard; der Guckuck mag ſich da in der complicirten Sturmſchlacht zurecht finden, wenn der Maulafſe immer dazwiſchen ſchreit. Wieder lauſchte man eine Weile. Da begann der Student ſeinen Sermon von Neuem, aber ſeine Stimme ward immer dumpfer, ſeine Rede immer mnyſtiſcher. „Burkhard!“ rief er jetzt aufſpringend, und faßte den Erſchrockenen krampfhaft beim Arm,„dieſe Nacht bringt Euch nichts Gutes, die Stimme des Sturms hat mir's verrathen.“ „Auch ging der Kater,“ bekräftigte Salomo,„den ganzen Tag wie vor dem Kopf geſchlagen herum, den Schwanz wohlweislich eingezogen.“ „Was iſt da zu thun,“ fragte erſchrocken der Alte, „iſt der Geiſter Zorn nicht zu verſöhnen?“ „Drei rothe Striche über die Thür mit Bocksblut,“ rieth Salomv. Immer fürchterlicher tobte der Sturm, die hohen Fichten krachten und nicht ſelten fiel ein Ziegel vom Dache des Förſterhauſes. Burkhard ward immer bänger, er ergriff die Hand des Studenten. „Candidate, was habe ich zu thun,“ frug er angſtbeklommen, giebt's kein Mittel?“ „Haltet feſt in Glauben zu mir,“ ſprach dieſer, „das iſt jetzt das Einzige was ich rathen kann, gegen zwei vereinte Seelen haben die Geiſter weniger Macht, und wären ſie noch ſo ſtark; aber ſtill jetzt, vielleicht daß mir aus den Stimmen des Sturmes noch ein Mittel kund thun wird gegen die drohende Gefahr.“ Und wieder lauſchte Alles. Der Sturm wüthete fort. Einen Stamm, den er im nahen Walde ent⸗ wurzelt hatte, brach jetzt mit dumpfem Gekrach zu⸗ ſammen, dabei praſſelte der Regen ununterbrochen an die wohlverriegelten Fenſterladen. Ein Schauer überlief Burkhard bei dem Toben der Natur und ſelbſt Valerien, dem muthigen För⸗ ſterkinde, ward es ganz unheimlich zu Muthe. Si⸗ gismund lauſchte fort. Da mit Einemmal ertönte ein Klopfen an der Hausthür. Alle fuhren zuſammen. „War das nicht Klopfen?“ frug leiſe und zähne⸗ klappernd Burkhard. „Ja wohl,“ ſprach Valerie,„wer kann das nur ſein?“— „Es war wohl der Sturm,“ tröſtete ſich der Va⸗ ter. Man horchte ſtill. Da klopfte es wiederholt und ſtärker. „Um Gotteswillen, Candidate,“ ſtammelte Burk⸗ hard,„ſollten ſchon die Geiſter— aber die ſpecta⸗ keln noch draußen im Walde—“ „Iſt wahrſcheinlich blos eine Deputation,“ meinte Salomo kreideweis. Und zum Dritten klopfte und raſſelte es an der wohlverſchloſſenen Thür. „Es iſt gewiß ein Reiſender, der ſich in dem Unwetter verlaufen,“ ſprach jetzt muthiger Valerie, „Salomo mag doch nachfragen.“ „Wer heißt ihn ſich verlaufen,“ verſetzte Burk⸗ hard,„es wird nicht aufgemacht.“ „Ja, wer heißt ihn ſich verlaufen,“ zähneklap⸗ perte Salomo, der nicht viel Luſt verſpürte, den ſi⸗ chern Platz hinter dem Tiſche zu verlaſſen. „Aber nachfragen möchten wir doch,“ ſprach der Student, den die Neugierde plagte ob des nächtlichen Beſuchs.„Sind es die Geiſter, ſo iſt es nicht po⸗ litiſch, ſie ſo lange haſeliren zu laſſen und ihren Zorn zu reizen, ſie fahren ſonſt leicht zum Schornſtein herein und wiſſen ſich zu rächen.“ „Wohl war,“ verſetzte zitternd Burkhard,„alſo mein Salomo, nimm ein Licht und frage nach, aber ſei höflich und beſcheiden, die Herren Geiſter könnten Dir ſonſt den Kopf umdrehen, das Geſicht im Nacken.“ Salomo griff unwillkürlich nach ſeinem Kopfe, um ſich zu überzeugen, ob er noch in der richtigen Lage ſäße.„Meiſter,“ proteſtirte er, erſchrocken über den gefährlichen Auftrag,„mich ſchickt nicht, wenn Ihr ein Unglück verhüten wollt. Ihr kennt meine Hitze. Ich bin kurz angebunden.“ „So mäßige Dich,“ ermahnte Burkhard,„und frage nach.“ „Und wenn ſo ein blitzlauer Geiſt mir etwa Sottiſen ſagt, Meiſter, ich kenne mich da nicht mehr, es wird nicht gut.“ „Einbildung,“ ſprach der Förſter,„Du gehſt, Salomo, und befolgſt meinen Befehl. Ich würde 80 es ſelbſt thun,“ wendete er ſich zum Studenten, „wenn ich ſchon das Gluck gehabt, mich mit Geiſtern zu unterhalten, aber ſo weiß ich mich durchaus nicht zu benehmen.“ „Nun, ich erſt,“ verſicherte Salomo,„ich muß ihnen ein wahres Greuel und Scheuel ſein, ich bin grob und die Geiſter fein, da kann gar nichts Gu⸗ tes herauskommen.“ „Ungehorſamer Burſche, feige Memme, wirſt Du gehen!“ rief jetzt Burkhard erboſt. „Immer injuriren Sie, Herr Förſter, ſchlagen Sie mich braun und blau; daran ſterb ich nicht, ich vertrage ſchon Etwas; das Schmerzengeld entgeht mir nicht; die Kurkoſten tragen Sie, Ehrenerklärung obendrein; aber bei der hochedeln Geiſterzunft an⸗ fragen, das laß ich wohl bleiben, ich kenne mich, ich bin ein Grobian, ſackgrob, wenn's ſein muß, und die Geiſter verſtehen keinen Spaß. Ich ſtehe in der Blüthe meiner Jahre und habe noch keine Luſt mich im Rücken zu beſchauen mit verdrehtem Halſe. Ich bin nicht ſo neugierig und habe in meinem Leben nicht verlangt dahin zu ſehen.“ Das Klopfen und Raſſeln an der Hausthür ward immer heftiger. „Da hören Sie's,“ fuhr Salomo fort,„die luf⸗ tige Geſellſchaft wird immer maſſiver. Ohne Hals⸗ umdrehen geht's nun gar nicht mehr ab. Schon die Griechen und Römer—“ „So werd' ich ſelbſt nachfragen,“ ſprach ent⸗ ſchloſſen Valerie, ergriff ihr Lämpchen und eilte nach der Hausflur. „Ein Blitzmädel,“ brummte Burkhard, und zu Sigismund gewendet frug er beſorgt,„ſie werden dem Naſeweis doch NRichts anhaben?“ 8¹ „An reinen Gemüthern vergreift ſich kein Un⸗ ſterblicher.“ „Ja, der thun ſie Nichts,“ meinte Salomo, ſich den Angſtſchweiß von der Stirn trocknend,„da ſind's vernünftige Leute, generös und galant.“ „Wer klopft ſo ſpät?“ hörte man jetzt Valerien fragen, worauf eine männliche Stimme antwortete, die man nicht erkannte; das Mädchen aber eilte mit ſeltſamer Haſt zur Stube zurück nach dem Schlüſſel⸗ bunde. „Biſt Du von Sinnen?“ rief erſchrocken der Vater,„aufmachen, wer iſt's denn?“ „Johannes!“ antwortete Valerie und hatte im Augenblick ſchon die Thür geöffnet, durch welche, in einen Reitermantel gehüllt, eine kräftige Jünglings⸗ geſtalt herein trat. „Was Teufel, Johannes,“ rief im Tone der ge⸗ täuſchten Erwartung, ziemlich ärgerlich Burkhard, der in die Stubenthür getreten war,„woher in ſo ſpäter Nacht?“ „Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Förſter, ob des nächtlichen Ueberfalls,“ ſprach der Jüngling, ſich den Regen abſchüttelnd,„ich hatte mich verirrt in der mir unbekannten Gegend, die Nacht übereilte mich und ein Gaſthaus oder menſchliche Wohnung war nirgends zu erblicken.“ „Aber mein Gott,“ ſprach Burkhard,„wer wird ſich auch verlaufen, und um Mitternacht bei gottes⸗ fürchtigen Leuten als Kobold an der Thür rumoren. Wir denken nicht anders als die geſammte Höllen⸗ chaar will herein. Bei ſolchem Wetter bleibt man ffein zu Hauſe und macht keine Landparthien. Ich denke, Mosje Johannes ſitzt ganz ehrſam in der Re⸗ ſidenz und wartet auf ein Unterkommen.“ Stolle ſämmtl. Schriften. XXIII. 6 „Nicht aus Vergnügen,“ ſprach gekränkt der Jüngling,„unternahm ich die Wanderung zu Ihnen, Herr Förſter, ſondern in Folge dieſes Schreibens des Herrn Oberforſtmeiſters.“ Damit überreichte er ein Papier, das Burkhard mit ziemlichem Unwillen annahm, und überflog. „Wie ich geahnt,“ ſprach er noch unfreundlicher, „die großen Herren haben gut zu reden. Ich habe es doch Seiner Hochwohlgeboren neulich klar genug auseinandergeſetzt, daß ich keines Gehülfen mehr be⸗ dürſtig bin auf meinem kleinen Revier. Was hilft's, die großen Herren geruhen und uns kleinen Leuten bleibt nichts übrig als zu gehorchen. Nun, Er wird der Ruhe bedürfen,“ ſprach er nach einer Pauſe et⸗ was milder,„kann heute mit auf Salomo's Kammer ſchlafen. Valli, wenn noch etwas Grog im Topfe, gieb es dem nächtlichen Störenfried mit hinauf.“ Valerie war ſehr eilig in Befolgung des väter⸗ lichen Willens. Johannes aber reichte dem Förſter die Hand:„Herr Förſter,“ ſprach er, in aufrichtigem und ſchmerzlichem Tone,„es thut mir wahrhaftig leid, Euch als ſo unwillkommner Gaſt erſcheinen zu müſſen. Ich ßtellte dem Oberforſtmeiſter auch vor, daß ich unlängſt bei Euch vergeblich um Unterkom⸗ men angefragt und daß Ihr mit Aſſiſtenten hinläng⸗ lich verſorgt wäret; aber Ihr kennt ſelbſt den alten Waidmann, er läßt ſich nicht gern widerſprechen, in dem was er ſich einmal in den Kopf geſetzt hat. Nur ein Jahr ſoll ich mich noch in der Praxis des Forſtweſens vervollkommnen, wo er alsdann für eine Anſtellung ſorgen will.“ Ja, da ſitzt gleich eine Anſtellung,“ fuhr Burk⸗ hard heraus,„die Großen ſind mit ſchönen Worten ſehr freigebig, aber es bleibt auch bei den ſchönen —, —, 83 Worten, zumal jetzt, wo die Welt von jungen Schlu⸗ ckern wimmelt, die alle in's Brot wollen.“ „Er hält gewiß ſein Wort,“ ſprach Johannes warm,„wenn es ihm irgend eine Möglichkeit iſt.“ „Schon gut,“ lachte der Förſter,„euch jungem Volke hängt der Himmel immer voller Geigen, wer⸗ det ſchon andern Sinnes werden, für jetzt ſchlaft wohl.“ „Das wäre hart,“ ſeufzte der Jüngling und ver⸗ ließ in Salomo's Begleitung das Zimmer. Sigismund aber, dem die Theilnahme nicht ent⸗ gangen, welche Valerie für den Ankömmling verrieth, blickte ihm giftig nach und raunte Burkharden zu: „Herr Förſter, vor dem nehmt Euch in Acht, ſein Geſicht ſagt nichts Gutes.“ „Hat aber ein gar ehrlich Geſicht,“ meinte der Alte. „Nehmt Euch in Acht,“ wiederholte jener drin⸗ gend,„meine Ahnung von vorhin täuſchte mich nicht, dieſe Nacht hat Euch nichts Gutes gebracht.“ 5. Das Gießen der Freikugeln war glücklich vorüber gegangen. Sieben ſchöne Freikugeln lagen wohl ver⸗ wahrt im geheimſten Fache von Burkhard's Schreib⸗ tiſche. Täglich ſechsmal, des Vormittags dreimal und dreimal des Nachmittags, ſah man den Förſter in das Oberſtübchen ſteigen, wo der verhängnißvolle Schreibtiſch ſtand, und die Thür jedesmal ſorgfältig hinter ſich verſchließen. Behutſam und mit Vorſicht 6* 8⁴ eröffnete er das geheime Fach, nahm die merkwürdi⸗ gen bleiernen Pillen heraus, beſah und beroch eine jede; dann wickelte er ſie ſorgfältig wieder in Baum⸗ wolle und Papier, verſchloß ſie und entfernte ſich mit unheimlichem Grauen. So trieb er's drei Tage. Am vierten trat der Verſucher zu ihm und flüſterte: „Wie wär's Burkhard, wenn Du ein ſolch Kügel⸗ chen probirteſt? Es bleiben noch ſechs und vollauf, dem alten Herzog den Daumen auf's Auge zu drücken.“ Der Gedanke war ſüß und lockend,„aber nein, Burkhard, ſei ein Mann,“ ſprach's in ihm,„nicht neu⸗ gierig, und vergeude nicht die Gottesgabe, die dir durch Geiſtermacht und Güte verliehen ward.“ Und wieder raunte der Verſucher:„Burkhard, die Augen möcht ich ſehen vom Salomo, wenn Du das Blaue vom Himmel holſt; es iſt ja nur zur Uebung, die Geiſter zürnen nicht darob und der Student erfährt's nicht. Es iſt nur um den Salomo in Reſpect zu halten, der täglich naſeweiſer wird und, ein ungläu⸗ biger Satan, zweifelt, daß Du noch einen edeln Hirſch erlegen könnteſt rechtskräftig.“ Schon zuckte die Rechte des Förſters nach einer Freikugel, aber er legte ſie wieder hin. Der Verſu⸗ cher fuhr fort:„Der Schuß wird bekannt, Sglomo hat's Schweigen nicht gelernt. Der Valentin fühlt ſich getroffen und nimmt den„blinden Heſſen“ zu⸗ rück; der Nachbarſchaft nicht zu gedenken.“ Das war zu viel, Burkhard unterlag. Er holte zitternd ſein erprobtes Jagdgeſchoß, die Freikugel rollte in den Lauf und bald hörte man Burkhard's Stimme im Hofe:„Salomo, wo ſteckt der Teufelsbraten?“ Salomo's lange Geſtalt ward hinter dem Gar⸗ tenzaune ſichtbar. Seine Hand hielt einen todten 85 Maulwurf empor und rief:„Meiſter, da hab' ich den Schlucker!“ „Laß jetzt das Maulwurfsfangen, mein Salomo,“ ſprach Burkhard ſanft,„wir machen ſelbander einen Gang durch den Wald.“ „Meiſter,“ fuhr Salomo hinter dem Zaune fort, „das nenn' ich ein Exemplar, der muß Wirthſchafts⸗ ſecretair geweſen ſein, ſo fett iſt er.“ „Leg' ihn zu der übrigen todten Rotte, ich honv⸗ rire den Schwanz wie keinen, aber jetzt folge mein Salomv.“ Salomo trug den Maulwurf in Prozeſſion nach ſeiner Kammer und erſchien nach einer Weile mit dem Jagdgewehr. Die Beiden wanderten dem Walde zu. „Ich ſag' Dir, Salomo,“ begann der Förſter,„es juckt mich heut ordentlich, einmal loszubrennen.“ „s iſt einem ſo manchmal, ich weiß,“ meinte der Burſche,„der Menſch hat ſeine Tage, wie's liebe Vieh. So war's ſchon im Alterthume. Wenn der Römer am Morgen ſtolperte, ſo ging's fort den gan⸗ zen Tag; die Butterſemmel fiel auf die geſchmierte Seite, was er trank lief in die unrechte Kehle und ein Malheur folgte dem andern.“ „Ich glaube,“ fuhr Burkhard fort,„ich könnte heut dem knapernden Eichhorn die Nuß aus den Zähnen holen.“ „Chriſtens hätt'“,“ rief Salomo,„Meiſter, was habt Ihr an der Nuß, packt nur's Horn, kommt die Nuß mit.“ „Du verſtehſt keine Allegorie,“ erwiederte ärger⸗ lich der Förſter,„mit ſammt Deinen Griechen und Römern, dem Heidenvolke.“ „Wurden ſpäterhin getauft, von Mutterleibe an, 86 wie wir,“ brummte Salomo,„glaubten an die Drei⸗ faltigkeit und den Papſt dazu.“ „Salomo, Du weißt, ich ſtreite mit Dir nicht über Dinge, die Du nicht verſtehſt. Gieb mir jetzt ein Ziel, aber ein reſpectables.“ Der Burſche ſchaute ſich ringsum, und nach einer Weile:„Meiſter, dort der ſchwarze Buchenſtumpf, wenn Ihr dem was anhaben könntet.“ „Schafskopf, ich hab' Dir geſagt ein reſpectables. Der Buchenſtumpf iſt ja ein wahrer Babelthurm.“ „Meiſter, ich will Euch was ſagen,“ hub Salomo an,„der Thurmbau zu Babel war doch, bei Lichte beſehen, ein rechter Schwabenſtreich.“ „Schweig mit Deinen Albernheiten,“ fuhr Burk⸗ hard ärgerlich heraus. „Ja, die waren's,“ docirte Salomo weiter,„da dem lieben Gott in die Karten gucken zu wollen, aber die Strafe kam nach. Die Mauerpolirer redeten mit einem Male rothwelſch, die Maurer arabiſch und die Handlanger ſyraeuſaniſch, ſo kam die Confuſion zu Stande, die Prügelei folgte und der Thurm blieb Stückwerk.“ Jetzt war Burkhard's Geduld zu Ende. Er faßte. Salomo beim Kragen, ſchüttelte ihn und rief zornig: „Wird der Satan Ruhe halten und mir ein Ziel zeigen?“ Der Geſchüttelte hielt wieder Umſchau in der Waldgegend. „Meiſter ſeht Ihr jenen Baum dort mit den drei Rieſen⸗Aeſten?“ „Ganz recht!“ „Er ſteht etwas gegen Morgen?“ „Ich ſehe ihn!“ 87 „Seine Wurzeln ſpringen hier und da aus der Erde?“ „Ja doch!“ „Er ſcheint ungefähr ſeine funfzig Jährchen zu zählen?“ „Satan, was iſt mit dem Baume?“ „Beliebt nur mit Euern Augen den Stamm hinauf zu ſpazieren.“ „Nun?—“ „Da trefft Ihr auf die drei erwähnten Rieſen⸗ Aeſte.“ n „Aus dem nittlern Aſte ragen zwei mäßige dürre Zweige wie Heugabeln hervor, Meiſter, wo habt Ihr Eure Brille?“ „Brauche keine, erkenne die Zweige gar wohl.“ „Sie ſind vollkommen dürre.“ „Sehe ſchon!“ „Meiſter, ich glaube, die Brille könnte nicht ſchaden.“ „Denkt der Eſel ich hätte den Staar, die maje⸗ ſtätiſchen Zweige, wer die nicht ſehen wollte.“ „Zwiſchen dem einen Zweige und dem Hauptaſte hat ſich ein vorjähriger Tannzapfen eingeklemmt.“ „Den hol' ich,“ rief Burkhard ſchnell reſolvirt und machte ſich ſchußfertig. „Das wäre ein Meiſterſtück, Meiſter, Ihr wollt doch nicht?“ „Schweig, Salomo, und hab Acht, wie er fällt und bring ihn mir.“ Der Schuß krachte durch den Wald. „Mein Salomo bring' mir den Zapfen,“ ſprach „ Burkhard ſtolz und gnädig. „Da müßt' ich einen langen Arm haben.“ 88 „Wo fiel er hin?“ „Weder in den Himmel noch auf die Erde, er blieb, wo er war.“ „Unmöglich!“ „Meiſter, Ihr habt ja einen ganz andern Aſt ge⸗ troffen, ſeht die Splitter, zwei Fuß weit vom Ziel!“ „Aber es iſt nicht möglich. Ich ſage Nein!“ „Ich ſage Ja.“ „Und der Zapfen?“ „Dort ſitzt er wie angenagelt, ja, ich dacht's gleich, man ſoll den Himmel nicht verſuchen, wie die Baby⸗ lonier.“ „Aber mein Salomo, ſo ſchaue doch in Teufels Namen genau hin,“ rief der aus allen Himmeln ge⸗ fallene Waidmann. „Was hilft das. Der Zapfen bleibt oben, ich unten, meine Blicke find keine Poſten, nicht einmal Vogeldunſt.“ Jetzt warf Burkhard ſein Feuerrohr ingrimmig auf den Boden, brach in ſlaute Verwünſchungen aus und rannte wie wahnſinnig davon. „Da haben wir den Babylonier,“ rief der er⸗ ſchrockene Salomo,„er ſpricht ſchon ganz irre. Den Tannzapfen, ja Proſit Mahlzeit.“ Er hob Burkhard's Jagdgewehr vom Boden auf und eilte dem getäuſch⸗ ten Freiſchützen nach. Das Erſte war, als Burkhard nach Hauſe kam, daß er ohne ein Wort zu verlieren, den erſtannten 89 Studenten beim Kragen faßte und zu ſſchütteln begann. „Nun, was ſoll das bedeuten?“ rief dieſer, und ſuchte ſich loszumachen. „Teufelsbraten, Ihr habt mich genarrt mit den Freikugeln,“ ſprach Burkhard ingrimmig, und ſchüt⸗ telte unverdroſſen weiter.„Ich habe eine probirt.“ „Und nichts getroffen?“ frug Sigismund. „Zehn Meilen davon, wie konnt' ich mich bla⸗ miren vor Seiner Durchlaucht! Aber ich packe Ihn ſchon.“ Er griff noch herzhafter zu. „So laßt mich, zum Henker— es war ja ganz natürlich, daß Ihr nicht treffen konntet.“ „Ganz natürlich, und das ſagt Ihr?“ frug ver⸗ wundert Burkhard, und ließ den Studenten fahren. „Habt Ihr das Verſprechen gehalten,“ frug jener, „daß Ihr mir beim Kugelgießen gabt, unter welcher Bedingung das Werk nur gelingen konnte?“ Der Förſter rieb ſich ſinnend und verdrießlich die Stirn. „Iſt Valerie ſeitdem nicht noch ſpröder gegen mich geworden,“ fuhr Erſterer fort,„anſtatt daß Ihr ſie meinen Anträgen willfährlicher machen ſolltet.“ Burkhard ſchwieg betroffen. „Glaubt Ihr,“ ſprach der Student in ernſtem rügenden Tone,„daß ſich die Geiſter warnen laſſen, daß ſie dem Wortbrüchigen ihren Beiſtand leihen werden?“ „Aber wie iſt die Sache wieder gut zu machen,“ frug nach einer Pauſe Burkhard, der dem Studenten nicht ganz Unrecht geben konnte,„wie erhalten wir neue ächte Freikugeln?“ „Erſt müſſen wir die erzürnten Geiſter verſöh⸗ nen, bevor wir von Neuem an das Werk gehen.“ 90 „Wodurch verſöhnen wir ſie?“ „Vor allen Dingen muß jene Perſon aus Vale⸗ rien's Nähe gebracht werden, die allen meinen Beſtre⸗ bungen ſo feindlich entgegenſteht.“ „Ihr meint den Johannes?“ frug der Förſter. „So iſt es, er muß entfernt werden.“ „Das wird ſchwer halten,— der ausdrückliche Befehl des Oberforſtmeiſters—“ „Der ausdrückliche Befehl des Oberforſtmeiſters,“ rief jetzt Sigismund mit erhobener Stimme,„kann Euch nicht zumuthen, daß Ihr einen Mörder in Eurem Hauſe beherbergt.“ „Johannes ein Mörder!“ rief zum Tod erſchrocken Burkhard. „Durch Geiſtermacht,“ fuhr erſterer fort,„iſt mir das Verbrechen offenbar worden. Habt Ihr noch nicht den Brillantring an dem Zeigefinger ſeiner rechten Hand bemerkt?“ „Er iſt mir aufgefallen,“ verſetzte der Förſter. „Mit dem er ſo geheimnißvoll thut, über deſſen Erlangung er nie mit der Sprache heraus will?“ „Das iſt wahr,“ ſprach Burkhard mit immer be⸗ denklicher werdendem Geſicht. „Nun zu dieſem Schatze iſt er nicht auf rechtem Wege gekommen, ein armer Jägerburſche, das begreift jeder. „Er ſollte aber?“— frug zögernd der Förſter. „Abgemuckt hat er den Eigenthümer,“ entſchied der Student,„forſchet nur genauer nach, Herr För⸗ ſter, es kann nicht fehlen und Euer gerechter Ver⸗ dacht wird zur Gewißheit. Ich habe ihn bereits zu wiederholten Malen ſondirt, aber mir hält er nicht Stand.“ 94 „Da will ich bald im Klaren ſein,“ rief Burk⸗ hard und wollte fort. „Aber ja vorſichtig,“ mahnte Sigismund,„es genüge Euch, wenn er das Haus räumt. Alles wird ſich dann günſtiger geſtalten.“ „Und mein voriger Ungeſtüm, Herr Candidat— Eure Hand—“ „Iſt vergeſſen,“ rief einſchlagend der Student, und der Förſter eilte, um den vermeintlichen Mörder ausfindig zu machen. — „Johannes,“ begann Burkhard, als er den Jä⸗ gerburſchen gefunden,„es gefällt mir Manches nicht an Dir.“ Johannes ſah ihn fragend an. „Es iſt mit Dir,“ fuhr erſterer fort, nicht Alles, wie es ſein ſollte.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Herr Förſter.“ „Wie kommt das Ding da an den Finger?“ Er zeigte auf Johannes Ring. Etwas überraſcht erwiederte nach einer Pauſe 5 Gefragte:„Ein theures Vermächtniß von theurer and.“ „Der Teufel auch,“ fuhr jetzt Burkhard auf,„wo iſt der Ring her?“ Johannes ſchaute ihn ernſt an und ſchwieg. „Du biſt im Felde geweſen,“ polterte jener wei⸗ ter,„da weiß man, wie's her geht, ich will Gewiß⸗ heit, ob das Ding ehrlich erworben.“ 92 „Auf ſolche Fragen bin ich keine Antwort ſchuldig.“ „Nun da haben wir's,“ tobte der Förſter,„wer ein ehrlich Gewiſſen hat, hält nicht hinter dem Berge. Ich will's aber heraushaben.“ „Ein Verſprechen bindet mich, dies genüge Euch.“ „Könnte Jeder ſagen. Ich will reinen Wein.“ „Ein Wort ſo viel als tauſend, ich kann's Euch nicht ſagen, wenigſtens jetzt nicht; aber ſo viel, daß wir nach dem jetzigen Geſpräch nicht länger beiſam⸗ men bleiben können.“ „Sehr obligirt,“ fiel Burkhard ſchnell ein, der froh war, ſeinen Zweck, die Entfernung Johannes, ſo leicht bewirkt zu haben. „Ich gehe,“ ſprach der Burſche,„mir ein Obdach zu ſuchen, wo man freundlicher von mir denkt.“ Er blickte noch eine Zeit lang ſchmerzlich auf Burkhard. „Herr Förſter,“ ſprach er ſanft,„nicht Ihr treibt mich fort, das weiß ich, drum hört mein Abſchieds⸗ wort, und wenn Ihr keinem meiner Worte geglaubt, ſo glaubt dieſem: Traut Ihm nicht, auf deſſen Wunſch Ihr mich jetzt gehen heißt, traut Ihm nicht, denn ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, er meint's nicht ehrlich mit Euch.“ Mit dieſen Worten ent⸗ fernte er ſich eilends. Burkhard wollte ihm eine Zornrede nachſenden, aber ſie erſtarb auf ſeinen Lippen und für ſich brummte er:„Ich glaub's nicht, daß er einen abge⸗ muckt hat, wie der Sigismund meint, aber richtig iſt's mit dem Ringe nicht.“ „Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als Sa⸗ lomo ſeinen Kopf zur Thür herein ſteckte:„Meiſter,“ begann er,„s iſt heute Neumond, da trägt's Wich⸗ telmännchen ſeinen Speck ein, der Herr Studente 93 will's operiren, daß es ſprechen lernt, ich ſoll dabei ſein.“ „Nun ich wohl nicht?“ rief Burkhard faſt belei⸗ digt und ſaß augenblicklich auf ſeinem alten Stecken⸗ pferde. Salomo kam jetzt vollends zur Thür herein und docirte:„Eigentlich nieſt's nur, wird' aber operirt, ſpricht's auch.“ „Wie macht das Herr Sigismund?“ frug der Förſter. „Iſt mir ſelbſt nicht klar,“ erwiederte Salomo, „aber er kann's und ich glaub's. Da kommt er ſelbſt.“ Der Student trat in's Gemach und that ſehr geheinnißvoll.„Hat Ihnen Salomo ſchon das Un⸗ ternehmen entdeckt?“ frug er wichtig. „Bin dabei,“ ſprach Burkhard bereitwillig. „Sobald es dunkelt,“ fuhr Sigismund, nach der Uhr ſehend, fort,„können wir aufbrechen.“ Das Kleeblatt converſirte noch lange auf die ge⸗ wohnte Weiſe und trat bei einbrechender Dunkelheit den Weg zum Walde an. „Ich begreife es nicht,“ begann Sigismund,„der Salomo hat für die Geiſterwelt doch eine weit kla⸗ rere Anſchauungsgabe, als Sie, Herr Förſter.“ Burkhard ſeufzte, Salomo aber fand ſich geſchmei⸗ chelt und ſprach:„Ja, ich hab' ein aufgeweckt Ge⸗ müth für's Ueberirdiſche, ſchon von Kindesbeinen an, mir entgeht Nichts, hätte ſtudiren ſollen, aber es gab's nicht her.“ Sie drangen immer tiefer ein. Der Wald ward unwegſamer, man mußte oft das Gebüſch zurückbie⸗ gen, um durchzukommen. „Was war das?“ frug mit einem Male der Stu⸗ 9⁴ dent und blieb ſtehen,„mir kam's vor, als folge uns Jemand. Hörten Sie nicht in der Entfernung das Geſträuch rauſchen?“ Alle Drei ſtanden ſtill, lauſchten und Salomo be⸗ lehrte leiſe:„Das Wichtelmännchen kann's nicht ge⸗ weſen ſein; das vergreift ſich nicht an Aeſte, ſeine Conſtitution iſt ſchwächlich von Mutterleibe an.“ Es blieb Alles ruhig, nur der Nachtwind ſpielte einſam in den Wipfeln der Fichten. Die Wanderer ſetzten ihren Weg fort. Nach einer Pauſe frug der Student:„Salomo, hört Ihr's nicht trippeln neben uns, ich glaube, das Wichtelmännchen trägt ſchon, wir ſehn's nur noch nicht?“ „s iſt mir ſo,“ gab der Gefragte zurück,„es hält ſich dazu, das fleißige Kind.“ Sigismund blieb abermals ſtehn:„Ganz richtig, es trippelt, ich hör's deutlich, Ihr nicht auch Herr Förſter?“ Dieſer war ganz Ohr, aber vergebens, er ver⸗ nahm Nichts. Salomo war glücklicher, Alles was der Student hörte, kam ihm auch ſo vor, ſei es nun, daß ſeine Phantaſie ihm wirklich Etwas vorſpielte, oder daß es ſeiner von Sigismund belobten Clair⸗ voyance und Geiſterſpürkraft kein Dementi geben wollte; kurz Alles, was jener wahrzunehmen vorgab, nahm auch er wahr im vergrößerten Maßſtabe. Er ſtellte ſich hierdurch bei dem Förſter in eine wahr⸗ haft verehrungswürdige Poſitur, während letztern ſeine Taub⸗ und Blindheit immer klarer wurde und troſt⸗ loſer machte. „Ich hör's ſogar keuchen,“ ſprach Salomo nach einer Pauſe,„es muß ſchwer geladen haben. Ver⸗ nehmt Ihr wirklich nichts, Herr Förſter?“ 95 Dieſer ſpannte verzweifelt ſein Gehörorgan auf die äußerſte Spitze, aber er blieb verwahrloſt und hörte Nichts. „Das iſt mir wirklich bedenklich,“ ſprach der Stu⸗ dent und ſchritt weiter vor. „Mir auch,“ meinte Salomo,„Ihr ſeid doch ſonſt nicht auf den Kopf gefallen, Herr Förſter.“ Man arbeitete ſich noch eine Strecke durch das Geſtrüpp und gelangte an einen freien, ſehr ſumpfi⸗ gen Ort. Irrlichter ſtiegen hier von Zeit zu Zeit auf und nieder. „Nun, die Irrlichter ſeht Ihr doch?“ frug Sigis⸗ mund, der jetzt Halt machte. „Ei, ja wohl,“ rief Burkhard, tief Athem ſchö⸗ pfend,„ganz brillant.“ „Iſt ſchon viel gewonnen,“ fuhr Erſterer fort. „Mit den Irrlichtern iſt das Männchen intim, da werdet Ihr's auch ſehen, denn hier iſt der Ort, wo es ſichtbar wird.“ „Schon die Griechen und Römer,“ meinte Sa⸗ lomv,“ waren hierin weit. Sie kannten die Connai⸗ ſancen der Geiſter bis in's vierte Glied und die Ge⸗ vatterſchaften obendrein.“ Sigismund ſah jetzt ſtill und unverwandt vor ſich hin und rief plötzlich im Tone der freudigſten Ver⸗ wunderung:„Ah!“ „Ah!“ wiederholte Salomo. „Was denn?“ frug haſtig der Burkhard. Sigismund:„da kommt's!“ Salomo:„Wahrhaftig, da kommt's!“ Burkhard:„das Wichtelmännchen?“ Sigismund:„Und wie freundlich!“ Salomo:„Nein, das liebe Kerlchen.“ 96 Burkhard(auf die Zehen tretend und ſich die Augen reibend):„Um Himmelswillen, wo denn?“ Sigismund:„Und wie ſich's plackt.“ Salomo:„Ach, das ſchleppt.“ Burkhard(den Salomo ſchüttelnd):„Nichtswür⸗ diger, wirſt Du mir' zeigen?“ Sigismund:„Butt, Butt, Mäuschen, Mäuschen!“ Salomo:„Couche! Couche! Mäuschen!“ Burkhard(den Salomo noch ingrimmiger packend): „Ich erwüge Dich, wenn Du mirs nicht zeigſt.“ Salomo:„Laſſen Sie mich los, Sie thaben einmal keinen Sinn für das Höhere, Mäuschen! Mäuschen!“ Sigismund:„Jetzt nieſt es.“ Salomo:(zärtlich)„Helf Dir Gott.“ Burkhard:(verzweifelt ſchreiend)„Profit!“ Sigismund:„O weh, nun haben Sie mir's er⸗ ſchreckt.“ Salomo:„So unverſtändig zu ſchreien.“ Ein Geräuſch wie vom Zuſammenſchlagen von Gebüſch ward in einiger Entfernung wieder vernehm⸗ bar. Alle Drei hatten es diesmal vernommen. Si⸗ gismund ging leiſe einige Schritte nach jener Gegend hin, hielt den Finger in den Mund und pfiff. Alles blieb ruhig, er kehrte zurück und ſprach:„es war Nichts.“ „Wahrſcheinlich ein ehrſamer Rehbock,“ bemerkte der, jetzt erſt aus den Händen ſeines Prinzipals be⸗ freite Salomo,„ein Rehbock, den Euer großartiges Profit von dem erſten Schlafe ſcheuchte.“ „Mit dem Männchen iſt aber heute Nichts mehr,“ ſprach der Student,„es iſt ſchüchtern gemacht und verſchwunden.“ „Verdenk's ihm nicht,“ brummte Salvmo,„das —— Proſit ging ihm durch und durch, es zitterte am gan⸗ zen Leibe.“ „Alſo, geehrter Herr Förſter, Sie haben wirk⸗ lich wieder Nichts geſehen?“ „Nicht das Geringſte,“ entgegnete dieſer dumpf. „Wie ſah's denn aus, das Ding?“ Sigismund beſchrieb und Salomo beſcheinigte es. „Ich ſinne vergebens nach,“ fuhr Sigismund fort,„wodurch Sie ſich den Haß dieſes kleinen, ſonſt ſo friedlichen Geiſtes könnten zugezogen haben, daß er ſich Ihnen nicht zeigt. Doch vielleicht gelingt mir's, daß ich heute Nacht noch ein paar Sumpfgei⸗ ſter ſprechen kann, die gleichfalls am Neumond ſicht⸗ bar ſind. Sie ſollen mir Auskunft geben. Alſo fol⸗ gen Sie mir, Herr Förſter, wir werden hoffentlich nicht lange zu ſuchen brauchen.“ Und angeführt vom Studenten wander rten die Waidmänner nach der Seite der Landſtraße zu. Sie Eun ermals auf ei⸗ nen großen freien Platz. orientirte ſich, ſo gut es in der Dunkelheit gehen wollte; dann ge⸗ bot er den beiden Begleitert ſtehen zu bleiben. „Wir wollen jetzt hören, ob die Sumpfgeiſter noch wach ſind und antworten,“ ſprach Sigismund. Er pfiff nach der Gegend der Landſtraße zu. Alle Drei lauſchten mit eingehaltenem Athem. Da er⸗ tönte alsbald ein Pfeifen zur Antwort aus derſelben Gegend her. Salomo unſchlang überglücklich ſeinen Prinzipal mit beiden Armen.„Nun, Herr Förſter,“ rief er, „wenn Ihr das nicht gehört habt?“ „Ja, mein Salomo,“ replicirte dieſer, ganz glück⸗ lich, und umſchlang mit gleicher Liebe den Jägerbur⸗ ſchen,„diesmal hab' ich's gehört. Ich ſehe, daß ich nicht ganz verwahrloſt bin.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XXlll.. „ 98 Der Student gebot jetzt den Unſchlungenen ſtehen zu bleiben und ſich nicht von der Stelle zu rühren; er werde mit den Sumpfgeiſtern Rückſprache nehmen. Er ging am Waldrande entlang, wo ihm von der entgegen⸗ geſetzten Seite zwei dunkle Geſtalten entgegen kamen. „Herr Förſter, Herr Förſter,“ rief Salomo ſeiſe, „ſoll mir Gott helfen, da kommen ſie, ſeht Ihr?“ „Nicht recht!“ „Da, da, folgt nur meinem Finger.“ „Wie wär's, wenn wir ein wenig näher träten?“ ſprach der Kurzſichtige.“ „Um Himmelswillen, wo denkt Ihr hin, Herr Förſter, ſind's gleich nur Sumpfgeiſter, ſo verlangen ſie Reſpect und ehrfurchtsvolles Fernſtehen. Seht, der Herr Student kommt ihnen immer näher. Er hat doch raſende Cvurage.“ „alus publica!“ rief jetzt Sigismund den ſich nähernden Geſtalten mit gedämpfter Stimme zu. „Suprema lex esto!“ tönte es zurück. Nach die⸗ ſen Worten eilte man ſchnell auf einander zu. „Aber ſage mir, Menſch,“ ſprach der eine Grau⸗ mantel,„willſt Du uns Alle auf den Hund bringen? Wir wollen täglich losbrechen und Du liegſt hier auf der Bärenhaut.“ „Nur noch wenige Tage,“ beſchwor Sigismund, „Valerie iſt dann meine Braut und ich bin Euer.“ „Wir ſind gekommen, Dich zu warnen,“ hub die zweite Geſtalt an.„Es iſt nicht geheuer, Ruppert itzt.“ „Verdammt,“ rief Sigismund und ſchnalzte mit den Fingern in die Luft. „Kein Augenblick iſt zu verlieren,“ drängte die erſte Geſtalt. „Wohlan, vierundzwanzig Stunden noch,“ ſprach 80 nach einer Pauſe der Student,„und ich komme.“ Er redete lange heimlich mit den Unbekannten. „Nein, Herr Förſter, was ſich Herr Sigismund charmant mit den Sumpfgeiſtern unterhält, da möchte man faſt Luſt bekommen, ſelbſt ein Wort hinein zu reden.“ „Wenn man nur Etwas verſtünde,“ meinte dieſer. „Die Griechen und Römer,“ fuhr Erſtrer fort — da rauſchte es zum dritten Male in den Zwei⸗ gen ganz in ihrer Nähe. Salomo war in Einem Satze auf Burkhard's andrer Seite, welche Poſition ihm wegen des verdächtigen Rauſchens angemeſſener ſchien.„Alle Wetter, Herr Förſter,“ rief er leiſe, „da kommen wohl gar von dieſer Seite auch Sumpf⸗ geiſter?“ Burkhard glaubte ſich unter bewandten Umſtän⸗ den nicht berufen, mit ſeinem Leichnam den theuern Jägerburſchen zu decken, und ſprang auf Salomo's linke Seite. Dieſer wiederholte ſein voriges Mans⸗ ver und ſtand, ehe ſich's der Prinzipal verſah, ihm wieder zur Linken. So ſpielte man einige Zeit zwei Mann hoch, ohne zu bemerken, daß Sigismund's Sumpfgeiſter wieder im Walde verſchwunden und Je⸗ ner zu ihnen zurückkehrte. In ihre Springübungen ganz vertieft, hielten ſie den jetzt herantretenden Studenten für einen Sumpf⸗ geiſt und ergriffen beiderſeitig die Flucht, bis ſich Jener zu erkennen gab. Er nahm den ſogleich noch ganz erſchrockenen Burkhard unter den Arm und raunte ihm zu:„Wie ich geahnet, die Sumpfgeiſter haben mir Alles entdeckt, Eure Saumſeligkeit hin⸗ ſichtlich Valerien's hat alle Geiſter Euch abgewendet und wenn Ihr nicht vermöget, daß binnen vierund⸗ zwanzig Stunden das Mädchen meine Braut iſt, habt 100 Ihr nicht nur keine Gunſt von den unſichtbaren We⸗ ſen zu hoffen, ſondern auch all' ihren Zorn zu fürch⸗ ten. Die Langmuth derſelben iſt erſchöpft. Alſo hab' ich's aus der Sumpfgeiſter eignem Munde.“ „Wenn's weiter nichts iſt,“ antwortete Burkhard erleichterten Herzens,„ſo ſeid getröſtet, Herr Can⸗ didat. Den kleinen Gefallen erzeig' ich den Herren Geiſtern recht gern. Morgen früh ſprech' ich ein ernſtes Wort mit dem Mädel, und wenn ſie mei⸗ nen väterlichen Worten kein Gehör giebt und ſich den elenden Hans nicht aus dem Sinne ſchlägt, ſchieß ich meinen Fluch wie eine ſcharfe Patrone auf ſie ab. Das hilft, ich verſichere Euch's. Sie be⸗ ſinnt ſich und nimmt Vernunft an, ich kenne mein Blut.“ „Auch drängt die Zeit,“ ſprach Sigismund,„da ich Uebermorgen früh auf einige Zeit verreiſe.“ „Ohne Sorge, Herr Schwiegerſohn,“ tröſtete Burkhard,„morgen Abend feiern wir die Ver⸗ lobung.“ „Eingeſchlagen, Herr Förſter!“ rief der Student und reichte ſeine Hand hin. „Ein Mann ein Wort,“ erwiederte jener ein⸗ ſchlagend. Sigismund mußte jetzt ſeine Unterhaltung mit den Sumpfgeiſtern ausführlich erzählen, von Salomo oft unterbrochen. So langte man ziemlich ſpät bei der Förſterwohnung an. 8. Der folgende Tag war der ſchrecklichſte in Vale⸗ rien's Leben. Schon am Abend zuvor hatte Johan⸗ 104 nes ſein Bündel geſchnürt und das Förſterhaus ver⸗ laſſen. Die Liebenden hatten ſich nochmals Treue geſchworen. Wenn die Noth am Höchſten, iſt Got⸗ tes Hülfe am Nächſten. Dies waren Johannes letz⸗ ten Worte geweſen, und ſie ſchützten das Mädchen vor Verzweiflung in den bald folgenden fürchterlichen Stunden. Burkhard hatte nämlich mit dem Frühſten ſeine Bewerbungen für Sigismund bei Valerien be⸗ gonnen. Erſt in Güte. Er ſtellte ihr vor, wie ſeine ſelige Frau als Mädchen ebenfalls eine Anti⸗ pathie gegen ihn gehabt, weil ihr ein Andrer im Kopfe geſeſſen, in der Ehe habe ſich das gegeben und ſie hätten das glücklichſte Leben geführt. Dar⸗ auf führte er dem Mädchen zu Gemüth, wie weit vorzüglicher es ſei, eines Gelehrten Frau zu heißen, als die eines armen Jägermannes; er legte ihr an's Herz, wie ſehr ſie ſein Alter erheitre, wie er ihr ſtets dankbar dafür ſein werde— kurz er erſchöpfte ſeine ganze Ueberredungskunſt, aber vergebens. Das Mädchen verhehlte ihren Abſcheu gegen den Studen⸗ ten nicht, hielt denſelben für einen Betrüger, der die Schwächen des Vaters mißbrauche und durch ſei⸗ nen Geiſterunſinn eine Macht über ihn zu erlangen ſuche. Das könne gar kein gutes Ende nehmen. Burkhard, nachdem er mit Güte nichts ausgerich⸗ tet, und den Grund von Valerien's Abneigung al⸗ lein in der Liebe zu dem Johannes erblickte, ging nun mit Strenge zu Werke, und es erfolgte eine jener empörenden Familienſcenen, die wir auf dem Theater und in Romanen oft genug und mit Abſcheu vorüberziehen ſehen, daß der Leſer damit billig ver⸗ ſchont bleiben mag.. Valerie, ſo weich das Mädchen ſonſt war, ſetzte dem Toben des verblendeten Vaters eine eiſerne Fe⸗ 1402 ſtigkeit entgegen. Wüthend trat dieſer endlich vor ſie hin.„Eine halbe Stunde Bedenkzeit noch“ ſchrie er—„dann wähle zwiſchen ſeiner Hand und mei⸗ nem Fluche.“ Er rannte aus der Stube, die er hinter ſich verſchloß; Valerie aber ſank faſt bewußt⸗ los zu Boden. Ingrimmig ſtürzte der Foͤrſter in den Hof, um freie Luft zu ſchöpfen. Da kam ihm Sigismund entgegen:„Es hat ein kleines Tänzchen gegeben,“ ſprach er theilnahmsvoll,„ich kauſchte ein Wenig.“ Burkhard faßte ihn beim Arm.„Herr Candidat,“ rief er,„jetzt müſſen Sie ſie haben oder ich will nicht Burkhard heißen. Solch unverſchämter Trotz muß gebrochen werden, will doch ſehen, ob des Va⸗ ters Wort noch was gilt oder nicht.“ „Ich würde die Sache nicht ſo preſſiren,“ ent⸗ ſchuldigte ſich der Student,„wenn ich nicht Morgen verreiſen müßte und vielleicht ſobald nicht zurückkehre. „Iſt ganz einerlei!“ ſprach Burkhard.„Ich hab' ihr eine halbe Stunde Bedenkzeit gegeben, dann ſoll, dann muß ſie gehorchen.“ „Theurer Herr Förſter, wie verbunden bin ich Euch,“ erwiederte Sigismund, den thätigen Schwie⸗ gervater in spe zärtlich umarmend,„die Geiſterwelt wird für mich reichlich vergelten. Ich gehe jetzt,“ fuhr er fort,„auf mein Zimmer um meine Sachen zur morgenden Abreiſe bereit zu halten. Alſo gut Glück, Herr Förſter, ſobald es des Bräutigams be⸗ darf, bin ich bei der Hand.“ Er kehrte in das Wohn⸗ haus zurück, während Burkhard wie toll im Hofe auf und ab lief. Kaum war die halbe Stunde vorüber, als der Schlüſſel ſich im Schloſſe drehte und der zärtliche Va⸗ ter in das Gemach Valerien's trat:„Nun,“ frug er 103 halb ingrimmig, halb ironiſch,„hat ſich die Mam⸗ ſell eines Beſſern beſonnen?“ Valerie fiel ihm beſchwörend zu Füßen. Er ſtieß ſie von ſich.„Entſcheidung will ich,“ ſchrie er,„keine Comödie.“ Das Mädchen lag todtenähnlich am Boden. „Seine Hand oder meinen Fluch,“ rief der halb Wahnſinnige mit erhobener Stimme. Keine Antwort— Da ergriff unbändiger Zorn den Entmenſchten. Er hob die Hand auf zum fürchterlichen Schwur und Fluch, ſeine Augen ſtarrten geiſterhaft, ſchon öffne⸗ ten ſich die zuckenden Lippen— da ertönte Pferde⸗ getrampel vor dem Hauſe, in demſelben Augenblicke ward die Thür aufgeriſſen, Sigismund ſtürzte herein, athemlos und todtenbleich.„Vernichtet dieſe Papiere,“ rief er,„augenblicklich“— er ſchleuderte ein Packet hinter den Ofen—„ich werde verfolgt.“ Er ſprang in die Kammer, von wo ein Fenſter nach dem Hofe führte. Landdragoner drangen in's Zimmer.„Er iſt dort hinaus,“ rief der Erſte und ſtürzte in die Kammer. Bewaffnete füllten das Zimmer. Alles war das Ergebniß weniger Augenblicke. Hundegebell erſcholl jetzt im Hofe— Stimmen riefen— und bald ſah man den Studenten unter ſtarker Eskorte bei den Fenſtern vorüber führen. Faſt bewußtlos ſtarrte Burkhard dem Gefangenen nach und ſchien gar nicht zu bemerken, wie dieſer ihm mit der Hand mehrmals zuwinkte, als wolle er ihn an Etwas erinnern. Valerie aber war auf die Knie geſunken zum Gebet. Die letzten Worte des Geliebten waren ja in Erfüllung gegangen: Wenn die Noth am Höchſten, iſt Gottes Hülfe am Rächſten. 104 6 Mehre Stunden ſpäter ſaß Burkhard ſehr ver⸗ ſtimmt auf ſeiner Stube und Salomo neben ihm, der Troſt zuſprach. „Ich ſage Euch,“ verſicherte der Tröſter,„ſieiſt ganz lächerlich, dieſe Arretirung, Herr Sigismund braucht zu pfeifen und die Sumpfgeiſter befreien ihn mit Eclat. Wir haben's geſtern geſehen. Und was ſind das für Kerle, ſo ein elender Landdragoner iſt ein Storchſchnabel dagegen. Aber wär' ich nur zugegen geweſen, zum Haus hinaus hätt' ich die rothen Krebſe geworfen, einen nach den andern. Ich hab' ſo eine Pique auf dieſe Kerle. Seit ſie in der Gegend ſte⸗ hen, kann man keine Pfeife Taback mehr ruhig in der Schenke rauchen. Wär' ich nur da geweſen.“ „Was er nur mag verbrochen haben, der Sigis⸗ mund?“ frug nachdenkend der Förſter. „Verbrochen!“ ſprach Salomo,„was ſoll er ver⸗ brochen haben? Nichts! weil's ein geſcheuter Menſch iſt, der mit den Geiſtern Du auf Du ſteht. Das wollen die Großen, die es noch nicht ſo weit ge⸗ bracht, nicht leiden. Wayhrſcheinlich ſoll er irgend einem Großwürdenträger ein Privatiſſimum über die Sumpfgeiſter halten; aber was huſten wird er ihnen und ich verdenk's ihm nicht.“ „Es iſt nur Jammerſchade,“ bemerkte der Förſter mit Betrübniß,„daß unſere Forſchungen ſo ſchmäh⸗ lich unterbrochen ſind. Wir waren auf ſo gutem Wege.“ „Eine wahre Sünde iſt's,“ fiel Salomo ein. „Ich war noch viel weiter, als Ihr, Herr Förſter, Ihr hattet blos Sinn für die Sumpfgeiſter; das 105 Wichtelmännchen entging Euch. Wie hoch konnt ich's bringen.— O dieſe Landdragoner, hätt' ich nur gleich einen bei der Hand.“ „Die Dragoner konnten ohne Ordre Nichts,“ be⸗ lehrte Burkhard—„aber da kommt mir ein guter Gedanke.“ Er ſtand auf, ging hinter den Ofen und hob ein Papierpacket auf.„Richtig,“ ſprach er,„da hab' ich's. Dieſes Packet übergab mir Sigismund, als er gedrängt ward von den Dragonern.“ „Wär' ich nur zu Haus geweſen,“ warf Salomo kampfmuthig dazwiſchen. „Wahrſcheinlich enthält's,“ fuhr der Förſter fort, „die Anweiſung, wie wir uns auch ohne ihn mit den Geiſtern zurecht finden können. Er ſagte zwar, ich ſollte es vernichten, aber doch nicht ohne es zu⸗ vor zu leſen.“ „Iſt ein herrlicher Menſch, der Sigismund,“ be⸗ merkte gerührt Salomo,„ſorgt für alle Fälle im Leben.“ Burkhard war eben beſchäftigt, das Siegel des Umſchlags zu löſen, wobei Salomo behülflich war, als ſich näherndes Pferdegetrampel die Beiden an's Fen⸗ ſter zog. „Da kommen wieder ſolche verwünſchte Butter⸗ krebſe die Straße daher,“ ſprach Salomo,„könnt' ich Euch Siegellackſtangen doch an den Leib!“ Seine Rede verſtummte aber und ſein Geſicht ward um ein Bedeutendes länger, als die Drago⸗ ner am Forſthauſe hielten, und von den Pferden ſprangen. „Ih will jetzt dem Braunen ein wenig Futter ſtreuen, Herr Förſter, der gute Kerl wird warten.“ „Bleib' nur bei mir,“ gebot Burkhard,„bin doch begierig, was dieſe Soldaten vorhaben.“ 106 Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als die Thür aufſprang und ein ſet mit zwei Ge⸗ meinen herein trat. „Im Namen des Herzogs, Förſter Burkhard, Ihr ſeid mein Gefangener!“ Burkhard konnte vor Schreck kein Wort hervor⸗ bringen. Als Salomo von Gefangennehmung hörte, ſchlich er leiſe nach der Thür.“ „Paſſirt Niemand,“ tönte es hier, und ein Drä⸗ goner vertrat ihm den Weg. „Wollte nur dem lieben Thierchen, dem Wite ein wenig Hafet ſtreuen.“ „Jetzt nicht,“ entſchied der Thürwächter. „Wie heißt Er?“ wendete ſich der Wachtmeiſter zu Salomv. „Ich bin ein gutes Thier,“ zähneklapperte dieſer. „Wie Er heißt?“ donnerte der Frager. Salomo konnte ſich in der Angſt auf ſeinen eig⸗ nen Namen nicht befinnen. Der Wachtmeiſter hielt dies für Verſtocktheit und ſchnaubte noch ingrimmi⸗ ger:„Soll ich Ihn krumm ſchließen laſſen, Ihn Höl⸗ lenelementer?“ Burkhard hatte ſich unterdeß ſoweit erholt, ſeines Burſchen Tauf⸗ und Vaternamen zu nennen. „Alſo Salomo Lambert?“ ſprach der Anführer. „'s iſt mir ſo,“ ſchluchzte dieſer. „So führt ihn ab, auch er iſt Arreſtant, und dieſe Papiere hier, über welche wir die Staatsverrä⸗ ther betroffen, nehmt ebenfalls mit.“ Die Dragoner thaten wie geheißen. „Aber himmliſcher Herr Landdragoner,“ jammerte Salomo,„edler Menſch, der Sie von Ihrer Mutter mit Schmerzen geboren wurden, bei dieſer Ihrer 107 edeln, braven Mutter beſchwör ich Sie, was hab' ich Wegwurf der Menſchheit verbrochen?“ „Auf des Herzogs Befehl!“ gab der Soldat kurz zurück. „Aber wie kann ſich unſer Durchlauchtigſter Herr Herzog ſo tief erniedrigen,“ fuhr Salomo fort,„bis auf mich ſchändlichen Kerl ſein hohes Auge zu rich⸗ ten?“ Der Dragoner gebot Ruhe. Unterdeß war auch Burkhard, dem man blos ſo viel Zeit gelaſſen, einen Mantel überzuwerfen, blaß und zerſtört angelangt. Die Caravane ſetzte ſich in Bewegung. Salomo mußte mit fort, wie er ging und ſtand. 10. „Beruhige Dich nur, Valli,“ ſprach ſanft und tröſtend am folgenden Tage Johannes zur weinenden Valerie, es wird ſo ſchlimm nicht werden. Binnen wenig Tagen wird ſich's ergeben, daß Dein Vater unſchuldig iſt.“ „Nicht einmal ein Abſchiedswort hab' ich ihm zurufen können,“ weinte das Mädchen,„ich war bei Pachters drüben in Burgdorf, als das Unglück ge⸗ ſchah.“ „Ich erfuhr's zum Glück noch geſtern Abend,“ erzählte Johannes,„Du kannſt Dir meinen Schreck denken um Dich, aber zugleich ſprach eine Stimme im Innern, daß uns dieſer Sturm Glück bringen werde.“ „Mir ahnet Schreckliches,“ erwiederte in hoff⸗ 108 nungsloſem Tone Valerie,„den alten, armen Mann durch Landdragoner aufgreifen zu laſſen, als ſei er Räuber und Mörder!“ „Vielleicht, daß er jetzt von ſeiner unſeligen Geiſterverblendung geheilt und hinſichtlich des Sigis⸗ mund eines Beſſern belehrt wird,“ ſprach der Jüng⸗ ling,„denn daß man dieſen wegen ſeiner Hokus⸗ pokusmachereien arretirt haben wird, glaube ich nicht, er hat ſich gewiß Schlimmres zu Schulden kommen laſſen.“ Jetzt klopfte es an die Thür und Valentin's Kopf ward ſichtbar.„Das Haus rein?“ frug er im ko⸗ miſchen Tone,„der Nebukadnezar auf und davon? Ja, die Landdragoner ſfind treffliche Geiſterbanner.“ Er kam näher, als aber ſein Scherz unbeantwor⸗ tet blieb und er die verweinten Augen Valerien's ge⸗ wahrte, rief er:„Alle Wetter, was iſt das? Dum⸗ mes Zeug, ſeid geſcheut und froh, daß ihr den Schlucker los ſeid. Dem Alten wird hoffentlich nun das Blatt geſchoſſen ſein? Wo iſt er denn?“ Johannes erzählte jetzt Burkhard's und Salo⸗ mo's Gefangennehmung. „Die Möglichkeit!“ rief Valentin erſchrocken. „Davon weiß ich kein Wort, blos die von Nebukad⸗ nezar. Nun, das iſt eine charmante Geſchichte, der Kerl ſitzt wegen Landesverrätherei.“ „Um Gotteswillen!“ ſchrie Valerie. Johannes winkte dem Vorlauten, dieſer ließ ſich aber nicht ſtören und fuhr fort:„Wollte den Durch⸗ lauchtigſten Herzog vom Throne ſtoßen, und ſich dar⸗ auf ſetzen, der Burkhard ſollte wahrſcheinlich Ober⸗ landjägermeiſter werden, aber Salomo, ich bitt' Euch Salomo, der Schaafskopf—“ „Burkhard's Arretirung beruht auf einem bloßen 109 Irrthum,“ unterbrach Johannes,—„in wenig Ta⸗ gen haben wir ihn wieder.“ „Glaub's auch,“ ſprach nach einer Pauſe Valen⸗ tin,„da Schaafskopf Salomo dabei iſt; konnt auch mit ſeinem Poſten zufrieden ſein, die Landjägerei wär' ſo nichts für ihn— aber zu den Liberalen, den Krawallern gehörte er immer.“ Johannes beſtritt dies. Als Valerie ſich gar nicht beruhigen wollte, ge⸗ rieth endlich Valentin auf die kühne Idee, ſelbſt nach der Stadt zu gehen, und für Burkhard und Salomo zu wirken.„Ich ſteck' mich hinter dem Läufer Lim⸗ burger,“ ſprach er,„der iſt mir zugethan und des Herzogs rechte Hand.“ Valerie beſchwor ihn, zu eilen und Johannes lobte den Entſchluß. „Den Läufer hat mir Gott eingegeben,“ rief der Helfer in der Noth, nach ſeiner Mütze greifend.„Ich ſpring nur einen Gang nach Hauſe. Dann gleich nach der Stadt.“ Von den Segenswünſchen Valerien's begleitet machte ſich Valentin eiligſt auf den Weg. 11. Der Inguiſitionsrichter war in dem Verhör mit Salomo bis zu der Nacht vor der Arretirung gekom⸗ men.„Ich wiederhole Euch nochmals,“ ſprach er, „daß Ihr durch Euer confußes Geſchwätz die Sache nur verſchlimmert. Antwortet mir einfach auf meine Fragen und der Wahrheit getreu. Ihr waret am 11⁰ Dienſtag Abend zwiſchen neun und zehn Uhr in Be⸗ gleitung des Förſters Burkhard und des Studenten Sigismund im Friedewalde, zu welchem Zwecke?“ Salomvo:„Herr Sigismund wollte das Wichtel⸗ männchen operiren, geſtrenger Herr Judex.“ Der Richter:(mit Nachdruck)„Wir wiſſen s beſ⸗ ſer, Ihr habt eine geheime Unterredung gehabt.“ Sa lomo:„Nein, reden konnt's gar nicht, es war ja noch nicht operirt, aber genieſt hat's.“ Der Richter:(ſtrenge)„Werdet Ihr leugnen, daß eine Unterredung ſtattfand, oder ſoll ich Zeugen rufen?“ Salomo, der aus dem ſtrengen Tone ſchloß, daß ſein Verbrechen in der Unterredung mit Wichtelmänn⸗ chen beſtehe, fiel jetzt ein ſchwerer Stein vom Her⸗ zen.„Ich will's nur geſtehen,“ ſprach er,„geſtren⸗ ger Herr Judex, weiß Gott, ich will nicht geſund hier ſtehen, der Schlag ſoll mich treffen, wenn ich der das Ding je geſehen oder gehört habe, ſo wenig wie der Herr Förſter. Ich that nur ſo, Herrn Sigismund zu Gefallen.“ Zugleich fiel ihm ein, daß auch die Un⸗ terredung mit den Sumpfgeiſtern gemeint ſein könne. Hier fühlte er ſich eben ſo unſchuldig.„Herr Sigis⸗ mund,“ beichtete er,„hat lange mit ihnen discurirt, aber weder ich noch der Herr Förſter, auch ſtanden wir fern und verſtanden Nichts, ſo geſpitzt wir lauſchten.“ Nach mehrern Kreuz⸗ und Querfragen, die der Inquiſit alle auf ſeine Weiſe beantwortete, ſchloß der Richter diesmal das Verhör, indem er für ſich ſprach: „Der Menſch ſtellt ſich wahrſcheinlich einfältig auf den Rath anderer, denn von Natur kann man un⸗ möglich ſo verwahrloſt ſein.“ Salomo ward in's Gefängniß zurück gebracht. 11— Hier angekommen, ſprach er zum Gefangenwärter: „Nun wird die Geſchichte bald zu Ende ſein, da ich dem Herrn Judex erzählt, daß weder ich noch der Herr Förſter mit Wichtelmännchen und den Sumpf⸗ geiſtern discurirt.“ „Hoh, hoh,“ lachte der Schließer,„mit Demago⸗ gen geht's nicht ſo ſchnell.“ „Mit Demagogen? Was iſt das für Volk?“ „Staatsverräther,“ murmelte jener. „Staatsräthe!? Das wär eine glänzende Carrisre.“ „Ja, ſpott' Er nur, es wird Ihm vergehn, wenn's heißt: Kopf ab.“ „Kopf ab? Was denn, wie denn?“ Der Gefängnißwärter würdigte ihm keiner Ant⸗ wort, ging hinab und ſchob den Riegel vor die Thür. „Kopf ab? Herr Gefangenwärter, wie hat man denn das zu verſtehen?“ Keine Antwort. „Hochzuverehrender Herr Gefangenwärter!“ ſchrie Salomo in ſteigender Uaruhe. Todtenſtille. Salomo hatte jetzt Muße, über den bedenklichen Ausdruck ſich den ſeltſamſten Grillen hinzugeben. 12. Nach zwei Tagen kehrte Valentin mit höchſt be⸗ denklichem Geſicht von ſeiner Expedition aus der Re⸗ ſidenz zurück. Johannes, der ihn von fern erblickt hatte, war ihm entgegengeeilt. „Liebwertheſter Johannes,“ rief der Wandrer 112 ſchon von weitem,„mit unſerm Burkhard ſammt dem Salomo ſtehn die Sachen verteufelt ſchlimm.“ „Wie?“ „Ich ſag' Euch, verteufelt ſchlimm, der Verrath liegt am Tage.“ „Nicht möglich!“ „Der Laufer zieht ſeine Hand ab, der Herzog mag Nichts wiſſen.“ „Erklärt Euch, ich beſchwöre!“ „Werden wohl Beide d'ran glauben müſſen— der Student wird unfehlbar gerädert.“ Johannes lächelte ungläubig. „Haben in der Dienſttagsnacht große Verſamm lung gehalten mit den Rebellen im Friedewalde, der Flurſchütz hat ſie belauſcht und verrathen.“ „Was ſagt Ihr?“ „Haben Jeder die drei Finger der linken Hand emporgeſtreckt und geſchworen, die durchlauchtigſte her⸗ zogliche Familie und das Geſammtminiſterium kalt zu machen.“ „Wer hat Euch das Mährchen aufgebunden, Herr Valentin?“ „Macht mich nicht toll mit Eurer Verſtocktheit, oder ich werde grob. Die Gerichte haben es ſchwarz auf weiß. Der Wachtmeiſter hat bei der Arretirung den Burkhard und Salomo die hochverrätheriſchen Papiere ſelbſt aus den Händen geriſſen, dieſe haben Alles verrathen. Geſtern ſind die Beiden bereits in Ketten und Banden gelegt und für Niemand mehr zu ſprechen.“ Jetzt ward Johannes ſehr ernſthaft. „Was die Sache noch verſchlimmert,“ fuhr Va⸗ lentin fort,„iſt, daß man mit Demagogen jetzt nicht 113 mehr fackelt. Der Herzog ſagt ſich los. Man ſpricht von Standgericht und raſcher Execution.“ „Um Himmelswillen,“ beſchwor Johannes,„daß Valerie Nichts von Eurer Nachricht erfährt, es würde ſie tödten.“ „Dazu kommt,“ ſprach jener,„daß der Erbprinz zurück iſt, der führt die Sache und will durchaus ein Exempel ſtatuiren.“ „Wie!“ rief Johannes mit Heftigkeit,„der Erb⸗ prinz ſagt Ihr?“ „Iſt zurück von ſeiner Tour durch Europa und wird wenig Federleſens machen.“ „Prinz Ferdinand!“ wiederholte der Jüngling und ſchüttelte Valentin mit beiden Armen. „Was iſt da zu ſchütteln, glaubt Ihr's wieder nicht? Ich habe die Equipagen ſelbſt geſehen.“ „Gott ſei Dank,“ jubelte Johannes, den Bot⸗ ſchafter ſtürmiſch umarmend.„Jetzt ſchwört mir, Va⸗ lerien Nichts zu entdecken: ich eile ſogleich ſelbſt nach der Stadt.“ „Steht ab von mir,“ ſchrie ängſtlich Valentin, „Ihr erdroſſelt mich,“ und für ſich ſprach er:„das fehlt noch zu unſerm Unglück, daß es mit dem zu rappeln beginnt.“ Johannes aber ergriff ſeinen Arm und zog den erſchrockenen Valentin ſchleunigſt nach dem Forſthauſe. 13. Bereits am Vormittage des nächſten Tages ſah man einen ſchlanken, ſchmucken Jägersmann beſchei⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XXIII. 8 114 den in einer Ecke des Vorzimmers zum Audienzge⸗ mach des Erbprinzen Ferdinand ſtehen und beſcheiden warten, bis die Reihe unter den zahlreichen Suppli⸗ canten an ihn kommen würde. Ein Secretair des Prinzen, dem die ſtattliche Geſtalt auffiel, trat zu ihm und fragte nach dem Namen. „Dieſes Zeichen hier,“ ſprach Johannes, einen Brillantring überreichend,„wird mich bei Seiner Ho⸗ heit legitimiren.“ Der Secretair betrachtete die funkelnden Diaman⸗ ten, ward zuvorkommend und verſprach, ſo bald als möglich das Kleinod zu übergeben. Es währte nicht lange Zeit, ward Johannes in das Audienzzimmer geführt. Ein hoher ſchöner Mann in den dreißiger Jahren kam ihm entgegen.„Will⸗ kommen, Johannes,“ ſprach er huldreich,„nun, wie titulirt man Euch jetzt?“ „Aſſiſtent beim Förſter Burkhard,“ erwiederte der Gefragte unbefangen. „Wie?“ frug der Prinz verwundert,„noch nicht im eignen Brote, ich hinterließ Auftrag deshalb dem Oberforſtmeiſter.“ „Es gab noch Aeltere und Verdientere,“ entſchul⸗ digte der Jüngling,„nur ein Jahr noch ſollte ich warten.“ „Gut,“ ſprach abbrechend der junge Fürſt,„ſo werd' ich ſorgen. Aber meinen Ring will ich auslö⸗ ſen; habt Ihr Euch auf eine Auslöſung beſonnen?“ „Ein Wort von Ew. Hoheit,“ ſprach warm Jo⸗ hannes,„und ich bin zufrieden.“ „Das wäre?“ „Ein Wort der Fürſprache für den verhafteten Förſter Burkhard und ſeines Burſchen Salomo.“ „Beſinnt Euch auf eine andere Auslöſung,“ ent⸗ 415 ſchied finſter der Prinz Ferdinand;„das iſt Sache der Gerichte, denen ich diesmal noch beſondere Strenge anempfohlen.“ „Wenu ich die Beiden,“ ſprach Johannes beſchei⸗ den, ohne ſich einſchüchtern zu laſſen,„des beſchuldig⸗ ten Verbrechens für ſchuldig hielt, würde ich mir ei⸗ ner ſolche Bitte nicht erlauben, aber ſie ſind unſchul⸗ dig, Ew. Hoheit— unſchuldig,“ fügte er mit ſchö⸗ ner Wärme hinzu. Er erzählte hierauf offen und kurz Burkhards Verhältniß zu Sigismund. Ueber des Prinzen Geſicht floh hierbei einigemal ein leich⸗ tes Lächeln. „Es ſollte mich freuen,“ begann Letzterer,„wenn ſich die Sache ſo verhielte, ich werde mich erkundigen und im günſtigen Falle meine Hand nicht abziehen.“ „Der Himmel ſegne Ew. Hoheit!“ rief Jo⸗ hannes. „Ich werde Euch rufen laſſen, ſo wie ich Ge⸗ wißheit habe,“ verhieß huldvoll der Erbprinz, und überglücklich verließ der Supplicant das Andienz⸗ zimmer. „Was hat denn das für ein Bewandtniß mit dem jungen Jäger, den der Prinz ſo in Affection genom⸗ men?“ frug leiſe ein Miniſterialſecretair den neben ihm ſtehenden Kammerherrn. „Schreibt ſich noch aus letztem Feldzuge her,“ flüſterte dieſer zurück.„Der Prinz war umringt von feindlichen Reitern, ſeine Gefangennehmung oder Tod ſchien unvermeidlich, da hat ihn dieſer junge Mann, der als freiwilliger Jäger diente, mit Löwenmuthe glücklich herausgehauen. Der Gerettete, der ſtets fürſtlich zu belohnen pflegt, zog ſeinen eignen Bril⸗ lantring vom Finger und gab ihn dem Jäger mit dem Verſprechen, ihn zu gelegener Zeit einzulöſen. § 116 Dieſe gelegene Zeit ſcheint jetzt gekommen; kaum iſt der Prinz zurück, erſcheint auch der Pfandgläubiger und wird ſich wahrſcheinlich ein artig Sümmchen oder fettes Aemtchen als Auslöſung bedungen haben.“ „Nein, was ſich die Welt erdenkt,“ lamentirte Salomo in ſeinem Gefängniß,„ich, dem es jederzeit leid gethan, wenn ich ſollte einem ſchwatzhaften Spatze den Kopf breit drücken, ſoll unſern Durchlauchtigſten verehrungswürdigen Herrn Herzog an ſeinen hochhei⸗ ligen, gebenedeieten und geſalbten Corpus gewollt haben! Und damit ich nicht davon laufe, ſteck' ich in Ketten über und über. O du verklärte, im himm⸗ liſchen Feuer ſtrahlende Mutter im Himmel oben, das hätteſt du dir wohl dein Leben lang nicht träu⸗ men laſſen, daß dein Salchen es ſo weit bringen würde auf irdiſchem Dornpfade. Eigentlich haben die reſpectabelſten Leute ſchon bei den Griechen und Römern, Grafen und Herren, in Ketten und Banden gelegen und nicht gemault, weil ihre Unſchuld doch klar werden mußte mit der Zeit.“ Salomo fand in dieſem Gedanken große Beruhi⸗ gung. Nach einiger Zeit fuhr er fort:„Was ich von den Herren Geiſtern denken ſoll, weiß ich nicht, ich ſitz' in Trübſal und keiner greift zu. Bis Mor⸗ gen ſeh' ich's mit an, läßt man mich ſtecken, ſind wir geſchieden, ich kündige und bleib' für mich.“ „Die Geiſter,“ ſprach er nach einigem Nachden⸗ ken,„ſind mir überhaupt Nebendinge, ſeit ich De⸗ magoge bin. Iſt doch merkmürdig, bin Demagoge — 22 117 und hab's mein Leben lang nicht gewußt. Wie man die Kerle nur erkennen kann?“ Der Wärter brachte die Gefangenkoſt, Salomo erkundigte ſich nach den Demagogen. „Sind Tauchenichtſe, die das Oberſte zu Unterſt kehren wollen.“ „Das Oberſte zu Unterſt?“ frug Salomo,„da ſteigt ja das Blut zu Kopfe.“ „Man wird ihnen aber ebenfalls das Oberſte zu Unterſt kehren.“ „Ihnen? Da ſteck ich wohl auch darunter?“ „Habt Ihr noch Viel auf dieſer Welt zu beſtel⸗ len?“ erkundigte ſich jener. Salomo, der dies für vertrauliche Theilnahme des Wärters an ſeinen häuslichen Geſchäften hielt, erwiederte ſchnell:„Außerordentlich Viel, lieber Herr Gefängnißwärter, der halbe Garten bei Burkhard's ſteht noch ungeraupt, wenn der Fritz nicht dazu thut, kriechen die Beſtien aus und Alles geht d'runter und d'rüber.“ „So beſtellt Euer Haus,“ gab jener guten Rath. „Augenblicklich, wenn Ihr mich gütigſt loskup⸗ peln wollt; hab' einen ſcharfen Blick und bin gebor⸗ ner Rauper.“ „Schon nach einem Paſtor umgethan?“ examinirte jener. „Du lieber Gott,“ ſeufzte Salomo,„denke jetzt nicht an's Heirathen.“ „Dummkopf, einen Paſtor, der Euch für's Him⸗ melreich zurecht macht.“ „Das hat noch Zeit,“ tröſtete Salomo,„mein Vater ſelig ward fünfundſiebzig, der Großvater achtzig, ich ſtehe in der Blüthe.“ Als der Wärter noch Mehres fragte, daß der Gefangene in ſeinem Sinne beantwortete und auf die letztern Fragen dieſem unverſtändliche Antworten gab⸗ that Salomo wieder gelehrt und ſprach:„Herr Ge⸗ fangenwärter, Ihr ſeid eine Pythia, die ſelbſt die Griechen und Römer confus machte, wenn ſie nicht benebelt war.“ Die Pythia rückte nun mit der Sprache heraus, ward klarer und faßlicher, Salvmo's Geſicht aber län⸗ ger und die Haare ſtiegen allmälig bei überhandneh⸗ mender Einſicht perpendikulair empor. Der boshafte Gefangenwärter verließ den Gefol⸗ terten gerade da, als dieſem alle Schuppen gefallen waren und die verzweifelndſte Gewißheit ſich ſeiner bemächtigt hatte. Die hereinbrechende Nacht war die grauſenhafteſte in dem friedlichen Leben unſers Salomv. 15. Der prinzliche Einfluß ward in dem Gange der Unterſuchung gegen Burkhard und Salomo bald be⸗ merkbar. Der junge Fürſt hatte ſich ſelbſt die Akten kommen laſſen und aus ihnen, ſo wie aus anderwei⸗ tigen Erkundigungen erſehen, daß die Sache wirklich ſo ſtand, wie ſie Johannes erzählt hatte. Ohne den Gerichten vorzugreifen, konnten die beiden des Hoch⸗ verraths Beſchuldigten freilich nicht ſogleich auf freien Fuß geſetzt werden und mußten noch mehre Wochen im Gewahrſam verharren, doch nahm man ihnen die Ketten ab, ſie erhielten ein freundliches Verhafts⸗ lokal und Johannes, Valerie, Valentin und andere Bekannte die Erlaubniß, die Gefangenen zu beſuchen und auf baldige Erlöſung zu vertröſten. 119 Hier nun gelang es Johannes und andern Be⸗ freundeten, auf dem Wege der klaren, faßlichen Be⸗ lehrung den nicht ſowohl Geiſterbeſeſſenen als vielmehr auf Geiſterverſeſſenen von ſeinem Wahne vollkommen zu heilen. Salomv war ſchon früher be⸗ kehrt, da ihn Wichtelmännchen und Conſorten ſchmäh⸗ lichſt im Stiche gelaſſen hatten. So gingen Beide geprüft und erleuchtet aus dem Gefängniſſe hervor, das für ſie zu einer wohlthätigen Educationsanſtalt geworden war. Das ſegensreiche Wirken des Prinzen Ferdinand gab ſich aber bald noch auf andere Weiſe kund. Johannes erhielt die Ernennung als Oberförſter über ſämmtliche dem Erbprinzen zugehörige Waldungen. Burkhard ward penſionirt mit Beibehaltung ſeines Gehaltes und einer ſehr freundlichen Auszugswoh⸗ nung unweit des Förſterhauſes ſeines künftigen Schwie⸗ gerſohnes Johannes. An ſeine zeitherige Stelle rückte Freund Valentin und verbeſſerte ſich um Vieles. Desgleichen ward Salomo bedacht und bei Johannes vortheilhaft placirt. Unfreundlicher geſtaltete ſich freilich das Schickſal des Studenten Sigismund, welchen das Gericht zu mehrjähriger Gefangenſchaft und als Ausländer zur Landesverweiſung nach verbüßter Strafzeit verurtheilte. Indeß verhoffte man von der Gnade des Herzogs in Betracht der großen Jugend des Verurtheilten, an⸗ ſehnliche Milderung. Was die Landesverweiſung an⸗ belangt, meinte lächelnd Johannes, als er das Ur⸗ theil erfuhr, ſo kann ſich dieſe Herr Sigismund ge⸗ fallen laſſen. Die Grenzen des Großherzogthums waren nämlich von den Geographen faſt mit zu großer Beſcheidenheit gezogen. Binnen Jahr und Tag feierten Johannes und 120 Valerie ihre Hochzeit im neuen Förſterhauſe. Der Erbprinz hatte für ein brillantes Hochzeitgeſchenk ge⸗ ſorgt. Als man eben fröhlich zu Tiſche ſaß, kam er ſelbſt auf ein paar Augenblicke vom Schloſſe herüber, gratulirte dem Brautpaare, und dem alten Burkhard auf die Schulter klopfend, frug er:„Nicht wahr, Herr Förſter, hier unter den fröhlichen Leutchen iſt's doch beſſer, als unter den heilloſen Geiſtern, von dem Ihr nicht einmal Etwas ſahet?“ Der alte Mann war von der unerwarteten Ehre ſo überraſcht, daß er keine Worte finden konnte; Salomo aber, der bereits etwas weinfröhlich ihm ſchiefüber ſaß, konnte die himmliſche Gelegenheit, ſeine Gelehrſamkeit und ſein Genie in die vortheil⸗ hafteſte Beleuchtung zu ſtellen, unmöglich unbenutzt vorüber laſſen. Trotz Johannes Zuwinken, der für Salomo's Weinlaune fürchtete, erhob dieſer ſein Glas:„Schon die Griechen und Römer,“ begann er, „heiratheten ſich nie ohne gereimte Anzüglichkeiten. Hierauf declamirte er: „Wichtelmännchen, Demagogen, Nixen, die uns oft betrogen, Samiel, der ſchwarze Meiſter, Und zumal die Sumpfgeiſter— Alle, Alle pereant Vivat unſer Ferdinand!“ Lachend dankte der Prinz und kehrte ſehr heiter von den Segenswünſchen der glücklichen Familie und Hochzeitgäſte begleitet, zum Schloſſe zurück. Die Fröhlichkeit im Hochzeithauſe währte bis tief in die Nacht, und viele glückliche Sehre folgten dem glück⸗ lichen Tage M § —— ₰ Der Dreikönigsahend. Phantafieſtück. Des Hüttchen war ganz verſchneit, im Innern aber warm und gemüthlich. Im Lehnſtuhl ſaß ein alter Mann mit weißem Haar, die Hände andächtig ge⸗ faltet. Die Mutter las in der Bibel das Kapitel vom verlorenen Sohn. „Dem Allmächtigen Preis und Dank,“ ſprach der Alte, als die Vorleſerin geendet,„wir haben um keinen verlornen Sohn zu trauern, von Dreien Kei⸗ nen verloren. Noch heute werden wir ſie wieder ſe⸗ hen. Sie haben Alle geſchrieben und verſprochen, heute zum heiligen Dreikönigsfeſte, als dem Jahres⸗ tage, wo ſie von uns ſchieden, wiederzukehren. Sie ſind Alle fromm und gut geblieben, uns und ſich in herzlicher Liebe zugethan. Nur eine Verſchiedenheit iſt mir aufgefallen. Das iſt die Art, in welcher die drei Briefe geſchrieben ſind, worin ſie ihre Ankunft vermelden. Der Aelteſte, der Arnolph⸗ ſchreibt auf feines, geglättetes Papier, die Züge ſind ſauber aber nachläſſig vornehm, der Styl kurz, huldvoll mit fran⸗ zöſiſchem Anfang und Schluß. Auf dem Siegel be⸗ merke ich den zierlichen Abdruck eines Petſchaftringes. Das Gegentheil von Arnolph's Brief iſt der des Hugo. Hier iſt keine conventionelle Form beobach⸗ tet. Er hat ſich nicht einmal eines gewöhnlichen Briefbogens bedient, das Blatt ſcheint aus einem 124 Buche geriſſen. Der Styl wimmelt von excentriſchen Exclamationen, Gedankenſtrichen und Ausrufungszei⸗ chen, iſt abgeriſſen und die Ideen rollen wild durch⸗ einander. Seine Liebe zu uns lodert in hellen Flam⸗ men. Der ſonſt ſo ſtille, fromme Knabe muß ein wilder, aufbrauſender Jüngling geworden ſein.— Am Beſten hat mir Bernhard's Brief gefallen. Hier iſt nichts Exeentriſches, nichts Formelles. Ein harmoniſch ausgebildeter, männlicher, feſter Charac⸗ ter, glühend für das Edle, aber zugleich beſonnen und mild, giebt ſich in jeder Periode kund. Doch wie dem auch ſei, ſchloß der greiſe Vater, ſie ſind mir alle Drei gleich willkommen, wie ſie dieſem Herzen gleich nahe ſtehen. Mutter, mache den Chriſt⸗ baum zurecht, auf daß ich meinen Söhnen beſcheere, wie ich es einſt gethan, und iſt auch die heilige Weihnacht vorüber, des Vaters Gabe und Segen kom⸗ men nie zu ſpät.“ Kaum hatte der Greis dieſe Worte geendet, als man einen Reiter heranſprengen hörte, und gleich darauf trat ein Offizier der Garde des Königs mit hohem Anſtande in das niedere Gemach. Seine Uni⸗ form war prachtvoll und ſeine Manieren verriethen den erfahrenen Weltmann. Arnolph umarmte Va⸗ ter und Mutter. Man ſah es, wie er ſich alle Mühe gab, ſo herzlich als möglich zu erſcheinen, aber ein unbekanntes Etwas ließ erkennen, wie ſich der An⸗ kömmling bei der dürftigen Einrichtung der Aeltern unbequem berührt fühlte. Nun ſollte er erzählen, wie es ihm ergangen, wie es ihm gelungen, ſich ſo hoch emporzuſchwingen? Aber Arnolph ging hierauf nicht ein und antwor⸗ tete etwas vornehm aber freundlich:„Ach, liebe Ael⸗ tern, Ihr würdet es doch nicht faſſen.“ 125 Nun ſollte er erzählen, wie es draußen in der Welt ausſähe? Wieder waren ſeine Worte,„ach, liebe Aeltern, Ihr würdet es doch nicht faſſen.“ „Ob er denn Nichts von dem Hugo vernommen?“ Bei dem Namen Hugo aber ergoß ſich eine dunkle Röthe über Arnolph's Geſicht. „Nennt mir dieſen Namen nicht,“ rief er, kaum ſeines Zornes Meiſter,„nennt mir nicht den Namen eines Vagabonden, der ſeiner hirnverrückten Ideen wegen gleich einer giftigen Natter geflohen oder beſ⸗ ſer vertilgt werden muß.“ „Unſer Sohn!?“ ſchrien entſetzt die beiden Alten. „Leider, daß er's iſt,“ ſprach düſter der Offizier, „aber ich nenne ihn ſchon längſt nicht mehr Bruder und hoffe, Ihr thut desgleichen und vergeßt, daß er Euer Sohn iſt.“ „Hat er gemordet oder geraubt?“ ſtammelte mit bebenden Lippen der Greis, während die Mutter laut zu ſchluchzen begann. „Mehr als dies,“ donnerte Arnolph. „Vollende, Unglücksbote,“ rief der unglückliche Vater,„was iſt mit unſerm Sohne?“ Der Gardeoffizier ſchwieg eine Weile wie im Nachdenken verſunken, dann fuhr er fort:„Wozu die Geheimnißkrämerei— ja Euer Sohn iſt einer von jener verruchten Rotte, die das ganze Unglück der letzten Jahre auf ihrem Gewiſſen hat, die bereits vor vierzig Jahren das ſchöne Frankreich vergiftete, geheiligte Throne ſtürzte und frevelhafte Hand an geſalbte Häupter legte.— Euer Sohn iſt ein Da ſprang die Thür auf und herein trat Hugo in dürftiger, faſt bettelhafter Kleidung, bleichen An⸗ 126 geſichts, aber mit Augen, die von ungewöhnlichem Feuer glänzten. Er ſtürzte ſogleich dem Vater und dann der Mutter zu Füßen und bedeckte ihre Hände mit Küſſen und Thränen. Dann ſtand er auf und wickelte eine Rolle Gold aus ſeinen Lumpen. „Da,“ rief er,„nehmt hin, meine Aeltern und verſüßt Euch ein paar Tage, ſo gut man ſie mit dem armſeligen Metall verſüßen kann. Nehmt und ge⸗ braucht, es iſt ehrlich verdient und kein Seufzer, keine Thräne der Armuth, kein Blut der Unſchuld, kein Fluch ruht darauf! Aber,“ fuhr er fort, indem er die Aermlichkeit der Hütte flüchtig überflog und die Zornader auf ſeiner Stirn ſichtbar ſchwoll,„iſt es nicht eine Sünde, daß dieſe ehrlichen Leute, die ihr ganzes langes Leben der Tugend und Arbeit weihten, ſich ſo kümmerlich behelfen müſſen, während mancher müſſige Schurke ſeine fetten Glieder wollüſtig auf weiche, goldgewirkte Polſter ſtreckt? „Aber es ſoll anders werden!“ ſetzte er nach ei⸗ ner Pauſe ingrimmig hinzu,„Krieg den Paläſten, Frieden den Hütten!“ Seine Blicke ſtreiften wild umher und trafen auf den Gardeoffizier, der ihn alsbald erkannt und ſich mit Abſcheu abgewandt hatte. „Wie, was ſeh' ich!“ rief der Phantaſt im höch⸗ ſten Zorne,„mein Bruder im Solde der Tyrannen! Seht, meine greiſe Aeltern, dieſe rothe Kleidung,“ er zeigte auf die rothe Uniform des Bruders,„ſo klei⸗ den die Tyrannen ihre Söldner, damit man das Blut der gemordeten Unſchuld nicht ſehe.“ Noch ein Strom wilder Exclamationen erfolgte. Da konnte ſich Arnolph nicht länger halten. Er trat hervor und ſprach nit ſchrecklicher Kälte: „Danke es der Stätte, Verruchter, wo Du ſtehſt, ₰ 127 daß nicht mein gutes Piſtol die Welt von einem Un⸗ geheuer befreit.“ „Jeſus Maria!“ ſchrie die Mutter, der Greis aber erhob ſich mit ſeinen letzten Kräften, hob die Hände drohend empor. „Ungerathene Söhne,“ rief er,„ſoll ich den Tag verfluchen, der Euch geboren!—“ Da that ſich die Thür abermals auf und herein trat ein ſchlicht gekleideter, kräftiger Mann mit ge⸗ ſcheiteltem braunen Haar und edeln Zügen. „Fluchet nicht, Vater, den Verirrten,“ ſprach er ſanft mit wohllautendem Organ; zu den Brüdern aber wendete ſich Bernhard: „Iſt das die Ehrfurcht, die Ihr dem Vaterhauſe, dem Tempel Eurer Kindheit ſchuldig ſeid? Wollt Ihr die Zwietracht, die die Welt entzweit, bis in dieſe ſtille Hütte, in dieſes heilige Aſyl tragen?—“ „Du biſt auch einer von jenem halbſchierigen Ge⸗ ſchlecht,“ rief Hugo,„das weder kalt noch warm iſt, den Mantel nach dem Winde hängt und Niemandem Feind ſein will, ſondern ſich gleißneriſch, ſchlangen⸗ artig zwiſchen den Parteien hindurchwindet.“ „Euer beider Feind bin ich,“ ſprach Bernhard ernſt.„Beider Meinung werde ich bekämpfen mit dem beſten Blute, denn ſie iſt es, welche alles Un⸗ heil in der Welt erzeugt; aber das hält mich nicht ab, Euch als Brüder brüderlich die Hand zu reichen im Hauſe der Kindheit und des Vaters. Vergeßt wenigſtens für heute Euern politiſchen Glauben, die kindliche Liebe ſteht über ihn. Wenn Ihr wieder draußen in der Welt, breche die Flamme des Haſſes wieder hervor, die doch nicht eher zu lodern aufhört, als bis ſie gänzlich erloſchen.“ Bernhard ſprach noch lange in mildem, verſöh⸗ nendem Tone. Er redete ſo rührend zu ihnen, in⸗ dem er die Tage der Kindheit, den letzten Abend vor zehn Jahren in ihrem Gedächtniſſe mit freundlichen Farben auffriſchte, daß wenigſtens vor der Hand die feindlichen Brüder Waffenſtillſtand ſchloſſen. Die Züge des Greiſes erheiterten ſich ſichtbar, doch ſchied die Wehmuth nicht ganz aus ihnen; er gebot aber den Chriſtbaum anzuzünden, denn es be⸗ gann dunkel zu werden. Die Lichtlein flammten wie vor zehn Jahren. Damals aber ſtanden die drei Brüder als knabenhafte Jünglinge vor dem Chriſtbaume, Einer hätte das Leben für den Andern gelaſſen. Heute waren es Ge⸗ ſtalten in jugendlicher kräftiger Männerſchönheit, wo⸗ von zwei ſich bis zum Tode haßten und Beide ge⸗ meinſchaftlich wieder den Dritten. Und gleichwohl waren im Grundcharakter alle Drei dieſelben geblie⸗ ben, alle Drei wollten das Beſſere, aber die Pfade, auf denen ſie wandelten, liefen ſich ſcharf entgegen. Die drei Brüder repräſentirten mit ihren Mei⸗ nungen die drei Hauptparteien, welche die Welt thei⸗ len. Die beiden Prinzipe, der Abſolutismus und die Revolution trafen auch in der niedern Hütte feindlich auf einander, bis es dem wahrhaften Liberalismus gelang, als verſöhnendes Medium dazwiſchen zu treten. Jetzt holte der Vater aus einem alten Schranke die Chriſtgeſchenke. „Drei Dinge,“ ſprach er,„hab' ich für Euch auf⸗ bewahrt zur Feier des heutigen Tages; ein Jeder nehme ſich das, was ihm am Meiſten zuſagt. Hier iſt Erſtens ein Schwert!“ „Mir das!“ rief Hugo ſchnell und griff nach der 129 ſchönen Waffe.„Unſere Ideen ſiegen zu machen, hilft nichts mehr als ein gutes Schwert.“ „Zweitens,“ fuhr der Greis fort,„iſt hier eine Pergamentrolle, welche den Adelsbrief unſerer Fa⸗ milie enthält. Zerrüttete Vermögensumſtände hießen mich vor langen Jahren den Adel ablegen und in die Verborgenheit zurückziehen. Ihr wuchſet daher als Bürgerliche auf. Wer will das Doeument?“ „Gieb es mir,“ ſprach haſtig der Offizier der Garde.„Sind die Throne und mit ihnen das Glück der Völker durch ein Mittel zu retten, ſo iſt es der Adel, der nicht genug befeſtigt werden kann.“ „Drittens,“ ſprach der Vater,„iſt hier ein Buch, gefüllt iſt es mit nützlichen Kenntniſſen und Weisheit.“ „Das gebt mir, guter Vater,“ ſprach Bern⸗ hard;„denn,“ fügte er hinzu,„nur durch weiſe Belehrung, Kenntniß, Aufklärung und Bil⸗ dung kann's beſſer werden auf Erden.“ Alſo beſchenkt verließen die drei Brüder zwar friedlich und vom Segen der greiſen Aeltern begleitet die Hütte; aber kaum waren ſie in der geräuſchvol⸗ len Welt angekommen, trat jeder unter die Fahnen ſeiner Partei zurück, um ſich, wenn die Gelegenheit erſcheine, einander auf den Tod zu befehden. Stolle, ſämmtl. Schriften. KXIll. genrehilder. 9* Die deutſchen Oſtern. Die Nacht im Forſthauſe. Die Locken Germaniens. Die Schwalbenneſterrevolution. Ein Flug durch's Gebirge. Die ſächſiſchen Mädchen. Eine Gewitternacht auf dem Winterberge. Die deutſchen Pſtern. E⸗ giebt im deutſchen Jahre zwei Zeiten, die in ihrem myſtiſchen Nebelgrau jener hochſchottiſchen, Oſſian⸗beſungenen Bergatmoſphäre nicht nachſtehen. Mit naſſen dunkeln Vorhängen iſt der Novemberhim⸗ mel umhangen. Geſpenſtiſch werden von den losge⸗ laſſenen Stürmen die feuchten Morgen⸗ und Abend⸗ nebel über todtſtille Fluren und Berge gejagt. Das feuchte Laub, die geſtorbenen Locken des letzten Früh⸗ lings, rauſchen von Zeit zu Zeit empor, ein einſamer Rabe durchkrächzt den grauen eintönigen Himmel— es ſind die Sterbefeufzer des verſcheidenden Jahres. Die andere geheimnißvolle Nebelzeit iſt die der Frühlings⸗Tag⸗ und Nachtgleiche. Die Natur liebt ihr Erwachen, wie ihren Tod in ahnungreiches Dun⸗ kel zu kleiden. Aber ein ganz anderer Ton als aus dem grauen Spätherbſte ſpricht aus dieſem Frühlings⸗ dämmerreiche. Verrauſchen die Novembernebel, ſo be⸗ ſcheint der klare kalte Decemberhimmel eine große, weiße Leiche, aus dem Märzgrau dagegen bricht der Frühling reizend und ſonnengelockt hervor. Wie der Himmel, ſo das Volk, das darunter wohnt. Ich mußte daher obige Worte vorausſchicken, 13⁴ bevor ich erwähne, daß das deutſche Oſtern in jenes ahnungsreiche Frühlingsgrau fällt. Ja, auch wir Deutſchen glauben an eine Auf⸗ erſtehung, an einen Gott der Liebe und Gerechtig⸗ keit, darum feiern wir unſere Oſtern, und die Natur feiert ſie mit uns. Gleichzeitig flammt es auf un⸗ ſeren Altären und Bergen. Die dunkeln Winter⸗ träume dort Oben zerrinnen und ſiegend tritt die Frühlingsſonne in die ſchöne Welt. Es giebt kein zweites Feſt im Jahre, das ſo ſymboliſch zu uns ſpräche, ſo einfach, ſo tieffinnig, und nur ein deutſches Gemüth vermag Oſtern in ſeiner ahnungsvollen, heiligen Deutung zu verſtehen. Bedeutſam klingt die deutſche Oſterglocke im Ge⸗ müthe des Knaben wieder, und wächſt er zum Jüng⸗ ling heran, wird die Ahnung zur Gewißheit. Auf⸗ erſtehen, Auferſtehen, hier und jenſeits, iſt das hohe Lied der deutſchen Oſtern. Wie eine vom Himmel geküßte Blume wandelt die Jungfrau zur Kirche, himmel⸗-bräutlich, madon⸗ nenhaft. Ich kenne euch, ihr Madonnenaugen des Oſter⸗ morgens. Wie oft leuchtetet ihr mir in den dun⸗ keln Hallen der Frühkirche. Gläubig hab' ich Jahre lang zu euch aufgeſchaut und mein Glaube hat mich nie betrogen. Wie oft ſtand ich am Pfeiler rechter Hand, wenn du ſüßes Heiligenbild, im alterthümlichen, ſeltſam geſchnitzten Kirchenſtuhle ſaßeſt und mit Gott ſprachſt und ſeinen Engeln. Hoch über uns klangen die Frühglocken in die dämmernde Welt. Wo nahmſt du nur die ſchönen rothen Mandelblüthen her, die ſtets neben dem Büchlein mit goldenem Schnitte lagen? 135 Zerfallen mit Kopf und Herz, voll ſophiſtiſcher Spitzfindigkeiten, theologiſcher Skrupel und Zweifel war ich lange Zeit die Kirche geflohen wie ein Kran⸗ kenhaus. Da rief mich einmal mit wunderbarem Klange die Oſterglocke in die ſtillen Hallen. Ich ſchaute dich und glaubte wieder an Engel, an einen Himmel, an Gott und Unſterblichkeit. Du warſt mein Evangelium. In ihren Locken blühten für un⸗ ſern nordiſchen Himmel ſeltſam rothe Blumen; als ich mir ſie näher betrachtete, waren es rothe Man⸗ delblüthen. Der Patron der Kirche hatte der Gemeinde ein treffliches Altarbild zum Geſchenk gemacht. Es war ein Chriſtuskopf. Von den Altarkerzen mild erleuch⸗ tet, blickte er zu der Gemeinde hernieder wie die ver⸗ ſöhnende Liebe. Auch ſie blickte zu dem Bilde auf mit Gott vertrauendem hingebendem Auge. Ach, die ſchöne Sage von Pygmalion iſt auch nur eine ſchöne Fabel geweſen, ſonſt würde das Altarbild durch die Himmelsblicke der Beterin Leben bekommen und ſie davon geführt haben nach ſeiner Heimath. Ich glaube, es iſt auch geſchehen. Als ich nach Jahr und Tag wieder am Pfeiler lehnte, ſaß auf ihrem Platze eine ſchwarzverſchleierte Dame. Auch das Chriſtusbild war mit Flor umhangen. Eine erhebende Ahnung durchzuckte mein Innerſtes. Pro⸗ phetiſch klangen die Oſterglocken in der Höhe. Ich folgte der Verſchleierten auf dem Heimwege. Sie wandelte nach dem Kirchhofe und knieete an einem Grabe nieder. Auf dem Grabe aber blühten— ſchöne rothe Mandeln. 136 Die Racht in Jorſthauſe. Nuuſchend ſchlugen die finſtern Fichtenhäupter, vom Sturme gepeitſcht, aneinander. Es war eine Nacht zum Tollwerden, aber in Deutſchland wird man nicht ſo leicht toll. Unſere treffliche Philoſophie, und jeder Deutſche iſt geborner Philoſoph, läßt es nicht zum Aeußerſten kommen. Wir haben da ein reichhaltiges Lager von Stoßſeufzern und Sprichwörtern für die Stunden der Trübſal. Ich ſtärkte mein durchnäßtes und verzagtes Ge⸗ müth mit ſolchen Bonmots, und erreichte auch glück⸗ lich eine Förſterwohnung, die mitten im Walde lag. Die Hunde erhoben ein ſolch entſetzliches Geheul, als habe man ſie vier Wochen lang auf mein theures Fleiſch und Bein faſten laſſen. Ich lebte damals wirklich der moraliſchen Ueberzeugung, daß ich die Sonne des nächſten Tages nicht erleben würde. Das Forſthaus, ſo viel ich in der Finſterniß ge⸗ wahren konnte, war ſo alterthümlich-romantiſch, daß es jeder umſichtigen Theaterdirection als Muſter zu empfehlen wäre, und die Leute, die mir entgegentra⸗ ten, konnten ſich getroſt in die Brockhaus'ſche Urania binden laſſen, als abgeſchloſſene und abgerundete Charaktere des Waldbruders Ludwig Tieck. Eine tiefe Baßſtimme richtete folgende Apoſtrophe an mich: „Plagt Sie der Satan, Herr Urian, in dem Teufelswetter! Ein Glück für Ihre Lenden, daß Sultan gekuppelt. Nun, ſein Sie ſchönſtens will⸗ kommen.“ 137 Der Nimrod, der dieſe troſtreichen Worte ſprach, war Niemand anders, als der Beherrſcher des Wal⸗ des, der alte Oberförſter 3Z..., ein ſtattlicher Greis, wie ihn Iffland nicht gediegener hervorbrin⸗ gen konnte. Sowie ich nur einigermaßen im Trocknen ſaß' brach die Poeſie aus allen Winkeln hervor. Der Vater des Förſters hatte den ſiebenjährigen Krieg mitgemacht, der Urahne, den dreißigjährigen. Ich lernte dieſen Abend mehr deutſche Geſchichte, als ein deutſcher Profeſſor im längſten Semeſter vorbringt. Wallenſtein und Friedrich der Große wandelten in der kleinen Förſterwohnung leibhaftig auf und ab. Dabei ſaß die ſchöne Spinnerin wie ein leben⸗ diges Mährchen mir gegenüber. Sie gehörte zu jenen liebenswürdigen Gazellen, die von Kopf bis Fuß roſenlaunig und übermuthfröhlich, ſobald aber ein Fremdling naht, wie erſchrockene Roſen ſich zurück⸗ ziehen und die langen ſeidenen Wimpern tief und ſittig über die blühenden Augen herabfallen laſſen. Meine herzlichen Fragen wurden ſchüchtern, faſt ein⸗ ſilbig beantwortet, und nur ſelten erhob ſich der zarte Flor, und ich ſchaute in das reizende Reich der Unendlichkeit. Zur irdiſchen Glückſeligkeit gehört im Grunde ſehr wenig. Ein gemüthlicher Seſſel und vor uns eine ſiebenzehnjährige Göttin. Ich überlegte eben, wie dem Jüngling zu Muthe ſein müſſe, wenn jene ſüßen frommen Lippen zu ihm das bekannte Wort „Liebe“ ſprächen, und jene Wunderſterne dazu be⸗ kenntnißinnig leuchteten, als mich der alte Förſter mit der Frage unterbrach:„Ob ich den Ali Paſcha von Janina nicht für einen Höllenhund erkenne?“ Ich erkannte ſofort den Ali Paſcha für einen 138 Höllenhund und erſtattete Bericht über den Zuſtand der Griechen nach dem neueſten Hamburger Correſpon⸗ denten. Mein Eifer für die heilige Sache machte mich warm, ſo daß ich mich plötzlich vom Arme des Förſters mit Heftigkeit gepackt fühlte:„Mir aus der Seele geſprochen, Doctor, aber werden ſie's aushal⸗ ten? Der Kapudan iſt unterwegs, der fackelt nicht, der Himmelſakermenter.“ Ich gerieth immer mehr in's Feuer; der Alte war ganz Ohr— das Spinnrad ſchwieg und ein paar Sonnen blickten zu mir auf himmelgroß, ein paar verkündende Welten, daß ich Wahrheit geſpro⸗ chen, wie ſie geſchrieben ſtand in meinem Herzen. Ja, ich hatte wahr geſprochen, Hellas ward frei; ich aber war gefangen und bin es heute noch, gedenke ich eurer, iht Sonnen im alten Förſterhauſe. Die Locken germaniens. Die deutſche Geſchichte iſt ein ſo verzweifelter Punkt für den gewiſſenhaften deutſchen Hiſtoriker, daß ſich einer der letztern vor nicht gar langer Zeit in einem aparten Aufſatze zu der Anfrage getrieben fand: Giebt es eine deutſche Geſchichte? Wenn wir dieſe ſeltſame Sache mit hiſtoriſchem Blute überden⸗ ken, und von den heutigen toupirten und düpirten Köpfen aufwärts ſteigen durch die Säcula der Per⸗ rücken und Panzer bis zu den goldhaarigen Ahnen, ſo ſtellt ſich allerdings das bedenkliche Reſultat, daß 139 es wohl allerlei deutſche Geſchichten giebt, aber keine deutſche Geſchichte. Nur zweimal findet eine Ausnahme ſtatt, in zwei ziemlich von einander liegenden Zeiträumen. Dieſe beiden Ausnahmen er⸗ eigneten ſich, als das deutſche Volk die Adler und Legionen der beiden Cäſaren Auguſtus und Napoleon theils erſchlugen, theils aus dem Lande jagten. Dem Erſten dieſer deutſch⸗geſchichtlichen Mo⸗ mente, denn ſolche waren es, nur Zornausbrüche, ging ein ſeltſamer Akt zuvor, der für das ganze deutſche Volk bis auf den heutigen Tag von einer beklagenswerthen ſymboliſchen Vorbedeutung war. Die Römer nämlich, klaſſiſchen Andenkens, ſchnitten zwar den unterjochten Deutſchen alle ungehorſamen Köpfe ab; das hätte ſein mögen, wir wiſſen aus der Weltgeſchichte, daß aus bloßer Kopfabhackerei ſel⸗ ten Großes herauskommt, aber jene tvilettenkundigen Quiriten gingen ſpekulativer zu Werke, ſie bewirth⸗ ſchafteten die ſtehen gebliebenen Köpfe als Wollhänd⸗ ler, ſchnitten, ich weiß nicht, ob die Schur, wie heut⸗ zutage, auf einen beſondern Monat beſchränkt war, die goldgelben Flechten ab und ſchickten ſie kiſten⸗ weiſe als geſuchter Artikel an die römiſchen Friſeure. So wurden die Deutſchen gleich beim Beginn ihrer Geſchichte, im vollſten Sinne des Wortes, ge⸗ ſchoren. Nun muß man zugeben, und alle deutſchen Ge⸗ ſchichten belegen es, daß der Deutſche einen Spaß verſteht, ſei er ſubtil oder grob, und nicht gleich wegen jeder Bagatelle zu den Waffen greift, aber dieſe ſymboliſche Entmannung durch die römiſche Scheere war ihm außer Spaß und ſtieg in die ge⸗ lüfteten Köpfe. Jeder, dem nur goidgelbes Haar auf dem Scheitel ſproßte, und das war bei jedem 440⁰ ächten Germanen der Fall, ergrimmte und griff zu den Waffen. So ward die Sache Nationalangelegen⸗ heit und darum gelang der Schlag im Teutoburger Walde, worüber wir heutzutage uns nicht genug ver⸗ wundern können. Jenes induſtriöſe Haarverſchneiden haben aber die Deutſchen Rom nie vergeſſen, und ſo oft in der Folge ein Kaiſer nach Italien zog, waren ſie bei der Hand und rächten den Lockenraub mit vandaliſchem Grimme. Sie mußten bei dieſen höchſt unerſprießlichen Epxpe⸗ ditionen zwar oft außer den Haaren auch den Kopf laſſen; heldenhaft kämpfte das Kaiſerhaus der Hohen⸗ ſtaufen faſt ſeine Lebzeit über im heilloſen Welſch⸗ land, bis es ſeinen letzten Kopf auf einem Schaffotte zu Neapel einbüßte. Ziehen die Oeſtreicher nicht ſtets mit Cheruskermuthe über den Po, wenn in Italien die Revolutionsglocke läutet und blaßen Feier⸗ abend? Und wer wollte endlich jenen zweitauſend⸗ jährigen zornigen Patriotismus verkennen in dem Buche des wackern Guſtav Nikolai? Bella Ita⸗ lia, du haſt die goldenen Locken Italiens theuer bezahlt! Rom, trotz der Niederlage im Teutoburger Walde, konnte von ſeinem Syſtem, den Deutſchen mit der Scheere in die Haare zu fahren, nicht laſſen. Als ſeine Präfecte und Lictoren Nichts mehr zu ſchaffen hatten im deutſchen Lande, erfand es die Tonſur und ſchor abermals mit großer Ruhe einen Theil der deutſchen Köpfe bis auf die Kopfhaut. Nun hatten die Deutſchen wieder viele Jahrhunderte an den Glatzen zu laboriren, bis Martinus Luther zu Wittenberg auftrat und als Bratfiſch des ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts den Haarwuchs beförderte. In Folge dieſer Haarwuchs befördernden Lehre 141 Luther's fuhren ſich die Deutſchen wiederum dreißig Jabre einander ſelbſt in die Haare, worauf unmit⸗ telbar das Zeitalter der Perrücken begann, unter welchen man die zerzaußten und zerſchlagenen Häupter verbarg. Es war eine dürre, unerguickliche Zeit, voller Bücher⸗ und Puderſtaub, bis Napoleon gegen die deutſchen Perrücken zu Felde zog mit Kanonen und Dekreten. Da wuchſen den Deutſchen die Haare wieder, ſie erhielten Einheit und Manneskraft und jagten den neuen Auguſtus aus dem Lande. Die deutſchen Turner, welche hierbei rüſtig ge⸗ holfen hatten, ſahen jetzt wohl ein, daß die Kraft des deutſchen Volkes, wie beim ſeligen Simſon ei⸗ gentlich in den Haaren ruhe, und darum ließen fie ſich dieſelben ſo lang, wie immer möglich wachſen, bis ſich das neue Inſtitut des deutſchen Bundes die⸗ ſer altväteriſchen Sitte widerſetzte. Es ſind an die zweitauſend Jahre, ſeit uns Rom die Haare verſchnitt; die nächtig ſchattenden Wälder von Altgermanien ſind gelichtet und klar und nebel⸗ rein ſcheint die Sonne über die deutſchen Lande. Es hat ſich darum unſer Haar ſichtbar gebräunt, und die goldgelben Locken, jene einſtige nationale Kopfbedeckung, werden immer ſeltener. Ueberdies ha⸗ ben die zahlreichen Beſuche aus aller Herren Ländern einer jeder wiſſenſchaftlichen Unterſuchung hohnſpre⸗ chende Haarverwirrung zurückgelaſſen, ſo daß ich be⸗ zweifele, ob die heutigen Römerinnen noch Verlangen nach unſeren Locken tragen. Wien hat auch in die⸗ ſer Hinſicht die Fürſorge übernommen und liefert die ſchönſten Locken in allen Couleuren für Italien und Deutſchland. Dies iſt die Geſchichte der goldgelben Locken Germaniens. Soll ich auch euer gedenken, ſeidene, zauberhafte Fäden, die ihr euch weich und zart um die Schläfe der Töchter Germaniens legt, oder tändelnd herab⸗ ringelt in reizendem Muthwillen, oder traumhaft um⸗ ſchattet blumenhafte Sonnen? Was ſiehſt du wie aus einem goldenen Traume zu mir auf, ſüßes, blondes Vermächtniß im einfachen Medaillon, ſeliges Pfand geſtorbener Seligkeiten? Fern in einem ſchönen Thale von Deutſchland, wo die Linden duften und die Nachtigallen ſchlagen, küßteſt du Jahre lang ein frühling⸗ſchönes Antlitz, bis die eigene zarte Hand ſelbſtmörderiſch dich löſte aus dem goldenen Reiche der Schweſtern. Schönſter Juniabend meines Lebens, heilige Vor⸗ feier jenes großen Frühlingsfeſtes, deſſen Kerzen in einer anderen Welt flammen, deſſen Glocken in einer anderen Welt läuten, aber in geweihten Augenblicken herüberklingen durch unſere Nebeldecken und feuchten Wolkenſchichten. Das Abendroth war einſam verblüht hinter Gär⸗ ten und Rebenhügeln; immer tiefer ſank die Welt in das große ahnungsreiche Grab der Dämmerung. Der bunte Schmelz der Blumenbeete zerfloß in duftendes Grau; nur die weißen Lilien leuchteten geiſterhaft in dunklen Räumen. Aber je tiefer der blühende Erden⸗ ſarg hinabſank in das ernſte Reich der Schatten, um ſo flammender und überzeugender entzündete ſich dort Oben der ſonnengeſtickte Namenszug Gottes in un⸗ ſterblicher Schöne. Mitten im goldduftenden Dunkel, zwiſchen Blu⸗ men und Sternen, ſaß ich an der Seite Seraphinen's, jenes poeſiereichen Kindes mit blondſeidenem Haar und frommen, wunderſchönen Augen. Eine tiefe Sa⸗ bathſtille ruhte heilig über der nächtlichen Schöpfung. 4 4 143 Das Reich der Träume wob ſinnend ſeine goldenen Flore über Glocken und Kelche.— Da wanden ſich leiſe und lind die Töne einer fernen Abendglocke durch Blätter und Stauden und legten ſich wie Him⸗ melsgrüße einer ſchönen Welt an unſer Herz. Sie neigte wunderbar bewegt ihr ſüßes Haupt gegen meine Bruſt und ich hauchte einen leiſen Kuß auf die ſchöne Stirn. „O Seraphine,“ flüſterte ich,„ſeligſter Traum mei⸗ nes Lebens, reizender Gedanke einer ſchönen Welt—“ und ich bat die Holdſelige, warum ich ſchon ſo oft vergebens gebeten, um eine Locke ihres ſchönen Haars. Sie antwortete nicht und blickte wie eine träumende Blume nach dem immer tiefer ſinkenden Abendſtern. „Er ſinkt gen Frankreich,“ ſprach ich leiſe,„bald folg' ich ihm,“ und wiederholte meine Bitte in wei⸗ chem flehenden Tone.— Da tönte eine bekannte Hofthürſchelle. „Die Aeltern ſind zurück,“ ſprach Seraphine, ſtand ſchnell auf und eilte den Gartengang entlang. Ich folgte. Im Wohnhaus am Eingang des Gar⸗ tens war es lichthell geworden. Ich trat in den Salon, wo ich die heimgekehrten Aeltern begrüßte, und wo das Abendeſſen ſchon bereit ſtand. Letztes heiliges Abendmahl in jenem ſchönen deut⸗ ſchen Frühlinge voller Blumen und Liebe. Zum letzten Male ſaß ich gegenüber der reizenden Verkün⸗ derin einer Unſterblichkeit. Die Römer klangen an einander auf meine dereinſtige Wiederkehr, aus dem ſchönen Frankreich. Und als ich mit ihr anklang und der Ton ſo rein und golden die Luft durchzog wie ſterbendes Abendroth, verſank ich zum letzten Male in jene ſeligen Himmel ihrer blauen Augen, und un⸗ 144 willkürlich durchklang mich das reizende Lied des herr⸗ lichen Hoffmann von Fallersleben, das er einſt in heiliger Stunde gewiß auf eben ſo ſchöne Augen ge⸗ dichtet hat: „Ich ſchaute die blaue unendliche See, Da ward mir im Herzen ſo wohl und ſo weh, Doch als ich Dein blaues Auge geſehen— Da, weiß ich ſelbſt nicht, wie mir geſchehen. Und ob ich die blaue unendliche See Auch immer und immer wiederſeh'; Das Waſſer immer nur Waſſer bliebe— Dein Aug' iſt ewig unendliche Liebe.“ Zur Erinnerung an jenen Abend aber bewahr ich eine der ſchönſten Locken Germaniens, welche mir Seraphine in ein goldgerändertes Stammbuchblatt gewickelt, plötzlich in die Hand drickte, als ich ſchwer⸗ muthvoll ob des bevorſtehenden Abſchiedes durch das geöffnete Fenſter nach den nächtlichen, duftenden Garten hinſchaute. O ſeliger Augenblick!— Ich wollte ihr nacheilen, ihr dankend zu Füßen ſinken, aber ſie war bereits durch die Glasthür entſchlüpft. Ich klingte. Die Thüre war verſchloſſen und meine Blicke trafen nur noch die Himmelsgeſtalt im him⸗ melblauen Kleide, als ſie durch die zweite Thür ent⸗ ſchwebte. Es war das letzte Mal. Ich habe ſie nie wieder geſehen, denn bereits am andern Tage rief ſie ein Brief an das Sterbebette ihrer weiten entfernten Tante, welche ſich die letzten Augenblicke durch das Anſchauen eines Engels verſüßen wollte. Von Tag zu Tag verſchob ſich meine Abreiſe; Seraphine kehrte nicht zurück. So mußte ich fort, ohne Gruß und Kuß von ihr das Vaterland verlaſſen. Das Poſthorn klang. Fort brauſte der Wagen auf der Straße nach Frankreich. Auf meiner Bruſt 445 aber ruhte wie ein ſtiller Segen das letzte heiligſte Geſchenk, das ich im Vaterland erhalten— eine Locke Germaniens. Die Schwalhenneſter⸗Revolution. — In einem deutſchen Fürſtenthume ereignete ſich der tragiſche Fall, daß mehre Schwalben, die in einem Grenzdorfe ihre Neſter bauten, die Baumaterialien aus dem ausländiſchen Gebiete herüber trugen. Der Gutsherr, ein Patriot, ſo wie er von der Paſcherei erfuhr, gab den Befehl, die unverſteuerten Neſter zu zerſtören. Ein böſes Beiſpiel verderbt gute Sitten, hatte er geſagt, denn er wußte für die verwickeltſten Lagen im Leben Sprichwörter. Die gutsherrliche Executions⸗Armee ſetzte ſich ſo⸗ fort gegen die Schwalbenneſter in Bewegung; die Bauern aber, die, wie ihre ſämmtlichen Collegen im deutſchen Lande, die Schwalbenneſter an den Häuſern für glückliche Omina erkennen, wollten die Zerſtörung nicht zugeben und ſetzten ſich zur Wehre. Der Guts⸗ herr, weil er für ſolch' außerordentlichen Fall kein Sprichwort wußte, ließ anſpannen, fuhr nach der Re⸗ ſidenz und ſchlug Lärm. Sogleich behandelte die deutſche Preſſe die kleine Revolution mit der ihr ei⸗ genthümlichen Delikateſſe; aber im Pariſer Temps las ich ſie bereits mit Kanonen. In das rebelliſche Dorf rückten Dragoner und verblieben daſelbſt, bis die Schwalben in die Winterquartiere zogen.. An ſolchen Miniatur⸗Revolutionen iſt die deutſche Stolle, ſämmtl. Schriften. XRIIl⸗ 10 14⁴6 Geſchichte neuerer Zeit nicht arm. Oft waren die urſachen noch unbedeutender als Schwalbenneſter. Der Gutsherr, welcher der Schwalbenneſter⸗Re⸗ volution ſo determinirt auf den Kopf trat, war Nie⸗ mand anders als Herr von K..., der als ſpäterer Landſtand die Kammeroppoſition vernichtete. Seine Sprichwörter und Bonmots waren gefürchtet. Mit einem Sprichwort ſchlug er einmal die ganze Debatte darnieder, die für das Miniſterium ſchon eine ſehr be⸗ denkliche Wendung nahm. Die Oppoſition beſchwerte ſich nämlich über die vielen Cenſurlücken in der in⸗ ländiſchen periodiſchen Preſſe. Man brachte die gra⸗ virendſten Beweiſe vor. Die Miniſterbank gerieth in die Enge. Da erhob ſich Herr von K.... „Meine Herren,“ rief er,„ich verſichere auf Ehre, daß mich die Cenſurlücken nie incommodirt haben. Ich habe da meine Philoſophie und denke: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Die rechte Seite fand dieſe Anſicht eben ſo weiſe als beruhigend; das Miniſterium ſchöpfte friſchen Athem, und die Oppoſition blieb in der Minorität. Ich lernte Herrn von K.... einmal in Baden⸗ Baden perſönlich kennen. Er war der leibhafte Re⸗ präſentant des Conſervativ⸗Syſtems und hatte ſich ſelbſt vortrefflich conſervirt. Die Stürme der Revo⸗ lution waren ſpurlos über dieſen deutſchen Schädel dahin gegangen. Seine einzige Sorge beſtand darin, noch ſo lange zu leben, bis den Franzoſen noch et⸗ was Tüchtiges am Zeuge geflickt wäre. Herr von X. hatte nämlich alle Urſache, mit Frankreich un⸗ zufrieden zu ſein. Die Franzoſen hatten nach und nach faſt ſeine ſämmtliche Vetterſchaft todtgeſchoſſen, von den Revolutionskriegen an bis Anno 1815. Er ſelbſt zählte mir eine Menge verklärter Coufins auf. „Aber Papa,“ rief die zehnjährige Anna, die aus⸗ gegangene Pfeife des Vaters mit einem Fidibus an⸗ zündend,„wie viel Cuufins haſt Du nur gehabt? Da iſt der Bodo, der Albrecht, der Hans, der Kasper, die ich alle nicht leiden kann, wegen der abſcheulichen Schnurrbärte.“ „Einfältig Kind,“ brummte der Alte,„danke Gott, daß dem Vaterlande noch einige Stützen er⸗ halten ſind. Wären jene Helden,“ fügte er zu mir gewendet mit leiſem Seufzer hinzu,„nicht ſo frühzei⸗ tig gefallen, wer weiß, wie es jetzt ſtünde.“ „Es wäre Manches anders geworden,“ gegenre⸗ dete ich. „Der Iſegrimm ſteht noch vor mir,“ ſprach der deutſche Dichter mit ſtiller Begeiſterung,„ein Pracht⸗ junge. Die Geſchichte hätte einen Blücher mehr. Gott hab' ihn ſelig, er hieß eigentlich Moritz; aber die Familie nannte ihn Iſegrim.“ „Der mag erſt einen Schnurrbart gehabt haben,“ rief Anna mit komiſchem Entſetzen. „Lothringen und Elſaß mit ſammt dem Münſter entgingen uns nicht,“ behauptete der Alte,„den ſchmach⸗ vollen pariſer Frieden hätte Iſegrimm nimmer zuge⸗ geben.“ Ich betrauerte von Herzen den edlen Ritter. Ein Flug durch's gebirge. Wem man an einem heitern Sommertage eine der vielen anmuthigen Anhöhen der Dresdner Umgegend 10* 1 ½8 erſteigt und die Blicke über das weite ſchöne Elbthal dahinſtreifen, ſieht man den ſüdlichen Horizont auf ferne nebelhafte Berge herabſinken. Das ſind die blau⸗ grauen Wolken des Erzgebirges. Märchenhaft weht es aus jener Gebirgsgegend in das lachende Thal herüber, und das Erzgebirge allein genießt in der Phantaſie der Dresdner mehr Kredit, als der blü⸗ hendſte Märchenalmanach. Denn in jenen Gebirgen rauſchen geheimnißvoll die dunkeln Bergwaſſer in un⸗ ergründlichen, waldumnachteten Tiefen; da ſteigen in nächtlicher Stille die Silbereimer in die ſchwarzen Eingeweide der Erde, irren die Grubenlichter in zwei⸗ deutigem Nebel, und einſam nur klingt das Glöcklein der Hüttenwerke durch die todtſtille Gegend. Da blüht kein Frühling, lacht keine Roſe, da iſt der Gnomen und Erdgeiſter märchenhaftes Reich und die Armuth wohnt zwiſchen Silberhaufen. Die einzigen Silber⸗ blicke, die der Himmel den armen Gebirgsbewohnern verlieh, heißen Gottvertrauen und Zufriedenheit. Der Gedanke an das kalte Erzgebirge an einem heißen Sommertage in Dresden wirkt ſo erquickend, wie das erfriſchenſte Glas Erdbeereis bei Baldini auf der Brühl ſchen Terraſſe. Ich ſaß an einem ſchönen Sommerabende auf ge⸗ nanntem Vergnügungsorte; die untergehende Sonne, welche kaum eine Hand breit über den Rebenbergen der Lösnitz ſtand, warf ihren Roſaſchimmer verklä⸗ rend über das reizende Abendbild. Die Fenſter der Loſchwitzer Weinberghäuſer ſtrahlten in prachtvoller Erleuchtung, über mir dufteten die Lindenblüthen, das Muſikkorps ſpielte das ſüße Duett aus Jeſſonda: Laßt uns dorthin, dorthin ziehen ꝛe., als plötzlich ein poetiſcher Freund zu mir trat und mit demoſthe⸗ niſcher Beredtſamkeit mir die Reize eines Flugs durch's 149 hohe Erzgebirge in den jetzigen warmen Sommerta⸗ gen auseinander ſetzte. „Bedenke nur,“ riefer begeiſtert, heute noch ſitzen wir hier im reizenden, ſonnigen Elbthale, inmitten der glockenreichen König ſtadt, inmitten von ſüßen Me⸗ lodien, leuchtenden Roſen, und morgen ſchon hören wir die Urquellen rauſchen im hohen Gebirg, ſehen den einſamen Raubvogel über ſtarren Felſen kreiſen; Alles iſt todt und erſtorben— „Das Glöcklein klingt, der Morgen graut, Es wird im Bergmannshüttchen laut.“ Ich laſſe nie gern eine Gelegenheit vorüber, wo es gilt, eine poetiſche Idee zu realiſiren. Es ſind ſolche Zeiten Silberblicke, und je reicher das Leben an ihnen, deſto reicher iſt das Leben ſelbſt zu nen⸗ nen. Meine Scrupel und Zweifel waren daher bald niedergeſchlagen und bereits am andern Morgen ſelb⸗ anderten wir frei und glicklich auf der Straße gen Freiberg dahin. Das reizende Tharand iſt der letzte ſüdliche Stern der ſchönen Dresdner Umgegend. Darüber hinaus wird die Gegend waldſtiller, ernſter und höher. Je weiter wir vorwärts ſchreiten, deſto mehr Berge wälzen ſich zwiſchen uns und das zurückgebliebene Elb⸗ thal. Selbſt der Himmel verliert bald ſein erquik⸗ kendes Blau, dann noch einige Stunden Wegs, und hie und da ſteigt die einförmige Rauchſäule der Hüt⸗ tenwerke zu den Wolken. Wir ſind in das Reich des Plutus getreten. Das iſt aber ein eben ſo unlie⸗ benswürdiger Gott, wie ſein Herr Vater Vulkan. Aſch grau und Schwefelgelb brütet er wie der leibhaf⸗ tige Geiz über Silberhaufen. Die Bergſtadt Freiberg, acht Stunden von Dres⸗ den, iſt ſo alt wie die äiteſten ſächſiſchen Spezies 150 Hier wird jene Kunſt, die Erde auszubeuten, methodiſch gelehrt; denn hier befindet ſich die berühmte Berg⸗ akademie, welche von Scholaren aus aller Herren Ländern beſucht wird. Selbſt Spanier ſtudirten noch vor nicht langer Zeit hier. Nachdem für Spanien die Silberblicke Amerika's erloſchen waren, kein Herz und keine Silberader der neuen Welt mehr für die kaſtiliſchen Könige ſchlug und keine Silberflotte mehr einlief unter dem Donner der Karthaunen und dem Hurrah der Equipage in den Hafen von Kadix, ſah man eines Tages fremde ſüdliche Geſtalten mit ſtol⸗ zen Schritten und tiefkatholiſchen Geſichtern einher⸗ wandeln in den Straßen eines unſcheinbaren ſächſi⸗ ſchen Bergſtädtchens. Spanien wollte nämlich nach dem Verluſte beider Indien in den eigenen Buſen greifen und aus den Tiefen ſeiner Sierras die Gold⸗ und Silberquellen ſprudeln laſſen in nie geſehener Schöne. Ich weiß nun nicht, wie weit die Sache gediehen iſt, doch ſcheint mir, daß Freund Mendiza⸗ bal bei den karliſtiſchen Händeln die Freiberger Stu⸗ dien vor der Hand habe dahin geſtellt ſein laſſen, indem er es für gerathener fand, zuvor den ſchönen Hamſterbau der ſpaniſchen Klöſter bergmänniſch zu bearbeiten. An der Freiberger Bergakademie lehrte noch vor wenig Decennien der große Bergmann Abraham Werner, der Linné der Unterwelt, und noch heute lebt und wirkt ein gefeierter deutſcher Name in der kleinen Bergſtadt— der Oberberghauptmann Frei⸗ herr v. Herder, Sohn des Verfaſſers der Ideen zur Philoſophie der Geſchichte der Menſchheit. Bevor ich die Bergſtadt, die nächſt ihrer Alter⸗ thümlichkeit wenig Bemerkenswerthes vorzeigt, ver⸗ laſſe, muß ich noch eines kleinen mufikaliſchen Mei⸗ 154 ſterwerks gedenken, das innerhalb Freibergs düſtern Mauern gedichtet und in Mußik geſetzt ward. Ich weiß nicht, ob das liebe Mufikſtück:„der Berg⸗ mannsgruß,“ Text von Döring, componirt von Anacker, außerhalb Sachſen ſo bekannt und beliebt iſt, wie innerhalb unſerer beſcheiden gezogenen Grän⸗ zen. Es erhält dieſes Tonwerk hauptſächlich dadurch einen eigenthümlichen Reiz, daß Dichtung und Töne inmitten des Bergwerklebens entſtanden, den Zauber und den Duft der Berge gleichſam in ſich geſogen und treu bewahrt haben. Wenn man von Dresden nach Freiberg heraufge⸗ wandert iſt, denkt man wunder wie hoch man ſich vefindet, während ſich im Süden neue, höhere Berg⸗ maſſen gen Himmel wälzen. Immer öder und trau⸗ riger wird die Gegend, die Vegetation ſparſamer, bald bleibt Flora's und Pomona's Reich ganz zurück, und man vernimmt nur das einſame Rauſchen finſterer Tannenwälder. Wir beſchloſſen, das gewerbreiche Chemnitz, dieſe Lebenspulsader des Gebirgs, rechter Hand lie⸗ gen zu laſſen, und wanderten über das freundliche Bergſtädtchen Annaberg ſchnurſtracks auf jene vom Himmel verlaſſene Gegend zu, die man unter dem Namen des ſächſiſchen Siberien begreift. Man kann das ſächſiſche Erzgebirge füglich in drei Gürtel theilen. Aehrengolden wogt es auf den ſüd⸗ lichen Abhängen, der üppige Saum iſt mit Blumen durchwirkt, fruchtbelaſtete Aeſte beugen ſich im Herbſte zur Erde, und der dankbare Boden nährt den flei⸗ ßigen Bebauer. Noch baut ſich der Landmann ſein ſolides räumliches Wohnhaus, und die innere Ein⸗ richtung zeigt von dem behaglichen Auskommen des Eigenthümers. Aber ein ſchneidender Luftzug durch⸗ 152 weht bereits die mittlere Region, und verbietet manchem reizenden Kinde Floren's, die goldenen Au⸗ gen aufzuſchlagen. Der Fleiß der Menſchenhand muß hier nachholen, was der Erdboden verſagt. Uner⸗ müdlich ſchwirrt das Weberſchiffchen in den zahlrei⸗ chen, großentheils ärmlichen Wohnungen. Tauſend und abertauſend Hände regen ſich in geſchäftiger Eile wie ein Ameiſenhaufe, vom armen Löffelſchmidt und Korbflechter bis zur blaſſen Spitzenklöpplerin, die bei dürftigem Lampenlicht von früh bis zum ſpäten Abend an ihrem kunſtreichen Gewebe ſitzt. Steigen wir aber beherzt noch höher in die Berge hinein, in den dritten Gürtel, da ſchweigt als⸗ bald die Gewerbthätigkeit, das Fabrikleben; Alles wird ſtiller, rauher; auf der Erde iſt für den Men⸗ ſchen Nichts mehr zu holen, und er ſteigt wieder in die Erde hinab, in das Reich der Gnomen und Me⸗ talle. Die Hütten werden ärmlicher, die Geſichter bläſſer; die kräftigen Fichten, die muntern Tannen, die wenig Stunden tiefer im Lande noch ſtolz und majeſtätiſch zum Himmel ſtreben, verlieren allen Muth und werden zwergartig. Dürftig nur noch gedeiht der einſame Eibiſchbaum mit ſeinen blutrothen Bee⸗ ren am Wege, endlich erliſcht auch dieſer, und ſo weit der Blick troſtlos die todtkalte Gegend durch⸗ ſtreift, trifft er auf Nichts, als auf einen theilnahm⸗ loſen Himmel und graues Elend. Faſt wie Jronie ſieht es aus, wenn die armen Bewohner hier und da auf einem ſonnig gelegenen Plätzchen die unfruchtbare Erde umgewühlt und ein goldenes Saatkorn darin verborgen haben. Ich durch⸗ wanderte vor einigen Jahren im Anfang October dieſe Gegend, da ſtand das armſelige Korn mit ſei⸗ nen federleichten Aehren noch auf dem Felde und der Hafer war noch ganz grün. Die Armuth in dieſer, von allen Göttern ver⸗ laſſenen Region nimmt von Jahr zu Jahr zu. Beim angeſtrengteſten Fleiße verdient jetzt— im vollſten Sinne des Worts— eine Spitzenklöpplerin nicht das trockene Brot, denn ſie muß ihren Hunger gro⸗ ßentheils mit Kartoffeln ſtillen. Dazu kommt noch, daß der Bergbau immer mehr in Verfall ge⸗ räth. Auf der Erde Nichts, unter der Erde Nichts, ſind die Armen auf den Himmel verwieſen, wovon ſie leider nicht ſatt werden. Es iſt ein Jammer, wenn man in den Gegenden des höchſten Gebirgs, in Johann⸗Georgenſtadt, Eibenſtock, Schön⸗ haide, den blaſſen Leidensgeſtalten begegnet, die mit ſeltſamer Trauer zu dem durchwandernden Fremd⸗ ling aufſchauen, der von glücklicheren Himmeln zu erzählen weiß. Was helfen hier oben in dieſer Stiefmutter von Gegend alle Deklamationen von Heimath, Patriotis⸗ mus und Vaterlandsliebe. Der Boden, der ſeine Kinder beim angeſtrengteſten Fleiße verhungern läßt, hat auch keinen Anſpruch auf die Liebe derſelben, und iſt irgend deutſchen Landsleuten eine glückliche Ueberfahrt nach Amerika zu wünſchen, ſo ſind es die armen Bewohner des ſächſiſchen Sibirien. Auf der Grenze zwiſchen Sachſen und Böhmen beim Dorfe Wildenthal ſteigt ein gigantiſcher Berg zu den Wolken; es iſt dies der Auersberg, und wer ihn erſtiegen, kann von Ausſicht erzählen. Man muß aber einen heitern Nachmittag wählen, denn die Vormittage ſind ſelten von Nebeln frei. Da liegt ein mächtiges Stück von Böhmen, wie eine friſch eo⸗ lorirte Landkarte, zu unſern Füßen. Ein gut be⸗ 154⁴ waffnetes Auge ſoll die Zinnen von Prag erkennen. Wenden wir uns, ſo überſchweift unſer Blick die bei⸗ den kalten Gürtel des Erzgebirgs und ganz am Ho⸗ rizonte dämmert in lieber bläulicher Ferne das Reich der Blumen und ſeidenen Lüfte. Zur Linken breitet das Vogtland ſeine reichen Getreidefluren in endlo⸗ ſen Flächen aus bis zur bairiſchen Grenze; rechts aber verbauen die himmelhohen böhmiſchen Grenzge⸗ birge faſt jede Ausſicht. Auf dieſem höchſten Gebirge ſtanden wir und ſchauten wie Könige auf die große Welt zu unſern Füßen. Dort in weiteſter Ferne, hinter jenem blaſ⸗ ſen Nebelſtreif, lag das Elbthal, Dresden, die lin⸗ denumblühte Brühl'ſche Terraſſe, wo wir noch ehe⸗ geſtern ſaßen, von lieblichen Melodien umwogt. Hier in der erhabenen Einſamkeit tönte ein anderer Cho⸗ ral in den Kronen der dürftigen Tannen. Da un⸗ ten lag Schönhaide, eine der traurigſten jener ſäch⸗ iſch⸗ſibiriſchen Kolonien mit ſeinen ärmlichen Hütten voller Hunger und Elend. Kalt ſtrich der Wind aus Böhmen herüber. Mein Freund hatte eine Flaſche guten Medoc mit herauf⸗ geſchleppt. Wir tranken auf das Wohl der armen Hüttenbewohner und auf das ſchöne Mitleid, daß es einkehre in die Paläſte und die Herzen der Reichen. Klirrend flog die geleerte Flaſche in den Abgrund. Eine Schaar ſchwarzes Geflügel ſtieg erſchreckt hervor und umkreiste mit heiſerm Geſchrei unſere Häupter; der Wind aus Böhmen pfiff ſchneidender; immer un⸗ heimlicher ward es auf der kalten Bergeshöh'. Da faßte mich der Freund am Arme. „Laß' uns dorthin, dorthin ziehen, Wo die Blumen ſchöner blüh'n.“ ſang er, und unter der Spohr'ſchen Melodie eilten wir den Berg herab. 155 Am andern Tage ging die Reiſe zur Poſt von Schneeberg aus, über Stollberg, Chemnitz, nach dem lachenden Elbflorenz, aus dem Winter in den Früh⸗ ling zurück.— Die ſächſiſchen Mädchen. Un über den fraglichen Gegenſtand ein unbefange⸗ nes, philoſophiſches Urtheil abzugeben, iſt ein Haupt⸗ erforderniß, daß man nicht ſelbſt verliebt iſt. Da ich mich, Gott ſei Dank, dermalen in dieſem glück⸗ lichen, emancipirten Zuſtande befinde, ſo ergreife ich die ſch ne Gelegenheit, und berichte wie folgt: Die ſächſiſchen Mädchen ſind ein herrliches Ge⸗ ſchlecht, das der liebe Gott zum Nutzen und From⸗ men ſeiner guten und getreuen Bewohner des conſti⸗ tutionellen Königreichs Sachſen beſonders erſchaffen hat, obſchon die königlich ſächſiſchen Mädchen nichts weniger als conſtitutionell geſinnt zu nennen, da der ſächſiſche Landtag gleich beim Beginn ſeiner Sitzun⸗ gen die unpolitiſche Ungalanterie beging, das reizende Geſchlecht von ſeinen Sitzungen auszuſchließen und ſich ſeine Gallerie muthwilligerweiſe zu defloriren. Es iſt ein uralt Bonmot, daß „in Sachſen die ſchönen Mädchen wachſen.“ Ging ich nun nicht ſo unparteiiſch zu Werke, ließ ich das Bonmot auf ſich beruhen, und die Welt käme hinſichtlich der ſächſiſchen Mädchen nie auf's Reine, aber ſo ſtreiche ich das ſchön und ſetze dafür hübſch. Nach dieſer Variation will ich das Sprichwort be⸗ ſchwören, falls die Sache zum Prozeſſe kommt. Hier⸗ mit ſoll nun nicht geſagt ſein, als ob in Sachſen . 156 nicht auch ſehr ſchöne Mädchen wüchſen, bewahre der Himmel! Auch leb' ich der moraliſchen Ueberzeugung, daß ſich ℳ% Theile meiner Landsmänninnen für ſehr ſchöne Mädchen halten. Hätt ich völlig freie Hand, würd' ich obiges Bonmot noch auf eine zweite Art variiren und ſchreiben: „In Sachſen, wo die herzigen Mädchen wachſen.“ Dies kann ich ſogar auf geographiſchem Wege beweiſen. Deutſchland oder, wie die Turner wollen, Teutſchland, oder demagogiſch das deutſche Vaterland, oder laut der Wiener Congreßakte die deutſchen Bun⸗ desſtaaten find bekanntlich das Herz von Europa; Sachſen wiederum iſt das Herz von Deutſchland; kann es aber nach deutſcher Logik und Fundamental⸗ Philoſophie anders kommen, als daß auf ſolch' her⸗ zigem Terrain die meiſten herzigen Mädchen wachſen? Ein ſächſiſches Mädchen weiß mit ihrem kleinen Her⸗ zen in der Welt Gottes Nichts anzufangen, als ſich damit zu verlieben, und das macht das ſüße Kind eben ſo herzig und liebenswürdig. Indem ich den letzten kühnen Satz niederſchreibe, fallen mir die Leipzigerinnen ein, und ich komme in nicht geringe Verlegenheit. Daß die Leipzigerinnen auch ſächſiſche Mädchen, kann ich nicht läugnen und gleichwohl paßt da mein Satz nicht, daß ſie mit ih⸗ ren diverſen Herzen Nichts anzufangen wüßten, als ſich zu verlieben. Ich will mich auf gut conſtitutio⸗ nellem Wege aus der Schlinge ziehen und ſo klar als möglich faſſen. Jeder Mediciner, wenn er auch noch nicht pro⸗ movirt hat, wird mir zugeſtehen, daß jedes irdiſche Mädchen, von andern iſt die Rede nicht, mit zwei Herzkammern geboren wird. Nun gut, ich mache 457 jetzt die Nutzanwendung auf die ſächſiſchen Mädchen. Wenn ich von ihnen im Allgemeinen behaupte, daß ſie mit ihren Herzen nichts anzufangen wüßten, als ſich damit zu verlieben, ſo ſoll Das ſo viel heißen, daß ſie ſich mit beiden Herzkammern verlieben; die Leipzigerinnen machen aber eine Ausnahme und ver⸗ lieben ſich blos mit Einer, während die Andere mit allerhand Contrebande, als da ſind Feronieren, Spitzen, Marabvuts, Ballengagements und mit noch ſchlimmeren Dingen vollgepfropft iſt. Die Leipziger Mädchen ſind wie ihre vaterländi⸗ ſchen Colleginnen zwar conſtitutionelle Staatsbürgerin⸗ nen, aber liberaler geſinnt. Sie geben dem Zwei⸗ kammerſyſtem den Vorzug. Es iſt da ein ewiger Streit der Intereſſen zwiſchen Liebe, Eitelkeit und Gefallſucht, während die Mädchen in der Provinz gar nicht wiſſen, daß ſie zwei Kammern haben, da in beiden nur die Liebe wohnt. Die Mädchen in der Provinz, was ſoll das be⸗ deuten? Es iſt gut, daß mir dieſe Redensart in den Weg kam, ich habe mich lange genug darüber geär⸗ gert, und erhalte nun Gelegenheit, einmal dem Leip⸗ ziger Uebermuthe beizukommen. Die Leipziger, doch damit ich nicht ungerecht werde, faſt nur das junge Leipzig, la jeune Leipsie, wenn es auch nicht ganz der Ueberzeugung lebt, daß Leipzig der Mittelpunkt der Erde und der Civiliſa⸗ tion, und daß der liebe Gott den 5400 Meilen lan⸗ gen Aequator blos erſchaffen hat, damit er ſich um Leipzig drehe, hat ſich ſeine eigene Geographie ge⸗ ſchaffen. Nach dieſem Leipziger geographiſchen Kate⸗ chismus wird das Königreich Sachſen eingetheilt: a) in die Stadt Leipzig, inclusive der Kohlgär⸗ ten und Straßenhäuſer, und 158 b) in die Provinz. Alles, was nicht Sahne ſtatt Rahm ſagt, was nicht zittert und bebert, ſondern nur zittert und bebt, gehört zur Provinz; das herrliche Dresden im blühenden Elbthale mit ſeinen Kunſtſchätzen, Dresden, die Haupt⸗ und Reſidenzſtadt, das gewerbreiche Chem⸗ nitz mit ſeinen Fabriken— Alles iſt Provinz, hat neun Zehntheile weniger Anſpruch auf die ewige Glückſeligkeit, und Leipzig mit ſeinen fetten Lerchen und magern Profeſſuren iſt die allmächtig gebietende Urbs. Doch ich kehre zu meinem Hauptthema, den ſäch⸗ ſiſchen Mädchen, zurück. Mir ward Gelegenheit, die ſächſiſche Flora in den verſchiedenartigſten Jahreszeiten zu beobachten. Wie manche ſelige Winternacht lehnte ich an einem Pfei⸗ ler der kerzenflammenden Ballſäle des Hotel de Po⸗ logne in Leipzig, und ſah die reizenden Guirlanden des Cotillon an mir vorüberſchweben. Ich habe ſie geſchaut die liebliche Flora der Leipziger Gewandhaus⸗ concerte, ſo wie die freundlichen Blumen der Reſi⸗ denz, in reizender Verklärung der hundertfach flam⸗ menden Kerzen, umwogt von den ſüßeſten Melodien Bellini's. Man befand ſich in einem Zauberparke von Tauſend und Einer Nacht; man war berauſcht, entzückt, aber nicht— erquickt. Die lieblichen Blu⸗ men waren eben nichts als Balldamen, und wenn man am Tage nach dem Ball den blaſſen, kränklichen Geſtalten auf der Promenade begegſete⸗ ſchwand vol⸗ lends alle Pveſie. Aber es gibt außer Leipzig und Dresden noch eine andere ſächſiſche Flora, die wie ein duftendes Veilchengebild in der Stille ihrer Berge und Thäler 159 einſam blüht, des eigenen Werthes unbewußt, und ſie iſt die Nationalfarbe der ſächſiſchen Mädchen. O durchwandere nur, geneigter Leſer, an ſchönen Sommerabenden die freundlichen ſächſiſchen Landſtädte, blicke auf nach den Fenſtern, wo Blumen herabnicken, und Du wirſt hinter den Blumen noch ſchönere Blu⸗ men verſteckt finden; wandle nur vorüber an den Steinbänfen vor den Häuſern, wo ſie gern vereint ſitzt die holde nachbarliche Flora, plaudernd und Märchen erzählend, und Du wirſt ſie oft der glän⸗ zendſten Damengallerie des Ballſaals vorziehen. Kehre nur ein in den einſam gelegenen Maiereien, den im Waldesgrün vergrabenen Förſterwohnungen und den hinter blühenden Linden verſteckten Pfarrhäuſern, und Du wirſt erkennen, daß in Sachſen auch Engel blühen, von denen kein Geograph und ſelbſt der königlich ſächſiſche ſtatiſtiſche Verein Nichts weiß. Indem ich dies ſchreibe, überkommt mich tiefe Wehmuth, denn ich muß ja deiner gedenken, un⸗ nennbar ſüße Blume, die du einſam und vergeſſen blühſt in Sachſens höchſtem Gebirg, wo man keinen Frühling kennt, träg' der ſchwarze Hüttendampf zum verödeten Himmel ſteigt, wo eintönig das Glöckchen des Bergwerks tönt, und am Weg der Eibiſchbaum mit ſeinen rothen Beeren kümmerlich nur gedeiht. Stiegſt du herab von deinem Wolkenſitze zu den Fluren des Frühlings, welch' ein Blumenregen von Huldigungen würde dich begrüßen. So wirſt du einſam blühen, einſam ſterben, und im Eiſe des Erz⸗ gebirgs wird dein einſames Grab ſein. Denn du biſt arm und ein Engel, zwei Eigenſchaften, die voll⸗ kommen geeignet ſind, hienieden recht bald vergeſſen zu machen. Vielleicht, daß, wenn du von hinnen gegangen, die Volksſage ihren Regenbogenſchimmer um dich breitet, und du den wenigen armen Leu⸗ ten, die dich kannten und als kleine Heilige verehr⸗ ten, auch künftig als Heilige erſcheinſt und ſie ſtärkſt im frommen Wandel. Mir iſt Nichts von dir ge⸗ blieben, als ein einfach Lied, das ich ſpäter einer jungen Dame ſchenkte, der ich oft von dir erzählte und die dich innig liebte, weil ſie dir ähnlich war. Obſchon ſich die Paar Verſe gedruckt vorfinden, ſei ihnen doch, da ſie ein ſächſiſches Mädchen charak⸗ terifiren, ein Plätzchen gegönnt: „Hoch oben auf den Felſen, Wohin kein Auge ſieht, In Frühlingspracht eine ſchöne Vergeß'ne Blume blüht. „Tief unten lacht der Frühling, Leben der Schweſtern viel! Es treiben in muntern Zweigen Die Vögel ihr luſtiges Spiel. „Die Wolken und die Geier Achten der Blume nicht, Es ſchaut kein freundlich Auge In das ſo liebe Geſicht. „Kein Schmetterling umgaukelt Das blühend ſchöne Kleid— Die ganze Welt da unten Kennt nicht der Blume Leid. „Das Abendroth iſt verklungen, Die Sterne blicken herfür— Die Blume iſt geſtorben— Es weiß kein Menſch von ihr.“ Der Leſer wird mir übrigens für dergleichen poe⸗ tiſche Excurſe wenig Dank wiſſen. Ich gehe aber 16¹ in mich, werden wieder ſtatiſtiſch und beachte wie folgt: Unter zehn ſächſiſchen Mädchen iſt eins ſehr hübſch, eins recht hübſch, drei ſind hübſch, drei we⸗ niger hübſch, zwei gar nicht hübſch. Schön iſt ungefaähr das Fünfzigſte und häßlich das Dreißigſte. Unter zehn ſächſiſchen Mädchen ſind ferner drei bis vier liebenswürdig, ein Paar ſind angenehm, die übrigen laſſen gleichgültig. Geiſtreich ſind von Zehn eins oder zwei, ge⸗ müthreich aber acht. Naivität iſt ihre Cardinaltugend und Nativ⸗ naltypus. Unter zehn befinden ſich wenigſtens ſechs oder ſieben Naive. Sich geſchmackvoll zu kleiden verſtehen von Zehn nur drei oder vier. In Leipzig ändert ſich dies Verhältniß, da verſtehen es acht. Von zehn Mädchen bekommen drei den Mann ihrer Wahl; ſechs heirathen, um unter die Haube zu kommen und eine bekommt gar keinen Mann. Nichtsdeſtoweniger ſind von zehn Ehen zwei glücklich, fünf zufrieden, zwei unzufrieden und nur eine unglücklich zu nennen. Nach dieſer Wahrſcheinlichkeitsrechnung, von der ſich jeder Leſer, ſo er nach Sachſen kommt, wird überzeugen können, ſei mir noch zu erwähnen erlaubt, wie man die hübſchen Sachſinnen in der Regel benamt. Da ſtehen nun gleich im erſten Gliede die Marien. Sind zehn Mädchen beiſammen, ſtecken gewiß ein oder zwei Marien darunter; und ſonderbar, ein eigner Segen ruht auf den ſächſiſchen Marien, es ſind faſt ſämmtlich ſüße und holde Kinder. Daher das Lied von Wilhelm Müller von den Lippen man⸗ ches begeiſterten Marienliebhabers ertönt: Stolle, ſämmtl. Schriften. XKIII. 11 162 „Maria, möcht' ich Dich begrüßen! Mein Herz hat ſtets Dich ſo genannt. Seh' ich ein klares Bächlein fließen, Setz' ich mich ſtill an ſeinen Strand; Maria, rieſeln ſeine Wogen, Maria ſoll Dein Namen ſein u. ſ. w.“ Nach den Marien kommen die Paulinen. Auch dieſe ſind in der Regel recht hübſch; und ich würde überhaupt bei jeder königlich ſächſiſchen Ge⸗ vatterſchaft den guten Rath geben, das reſpective Töchterlein Marie oder Pauline zu taufen; es würde da gewiß einmal recht hübſch. Auf die Paulinen folgen die Thereſen, dieſen die Sophien, die Luiſen, Henrietten, Ama⸗ lien, die Julien und Emilien, dieſen die Char⸗ lotten und Karolinen, die Auguſten, Wilhel⸗ minen und Mathilden. Auch Clärchen giebt's die Menge, und in Dresden heißt alle Welt Ida. Beſcheidenheit iſt eine der hervorragendſten den meiner ſchönen Landsmänninnen. Sie würden es nur ungern ſehen, wollte ich dieſes Kapitel, welches allein über ſie handelt, noch weiter fortſpinnen, ob⸗ ſchon mir der intereſſanteſte Stoff zu Gebote ſtünde, wo ich meine über allen Tadel erhabene Beobachtungs⸗ gabe im glänzendſten Lichte zeigen könnte. Indeß meine Galanterie iſt doch noch größer als meine Au⸗ toreitelkeit, was gewiß viel ſagen will, und indem ich dem Wunſche der beſcheidenen Schönen zuvorzukommen ſuche, ſchließe ich dieſen Aufſatz mit der Bitte an alle nichtſächſiſchen Leſer, recht bald ſelbſt in mein freund⸗ liches Heimathland zu kommen und ſich von der Wahr⸗ haftigkeit meiner Ausſagen über die ſächſiſchen Mäd⸗ chen zu überzeugen. „ 4 163 Ich lebe und empfehle mich in der frohen Hoff⸗ nung, daß ſie die Reiſe nicht gereuen wird. Eine Jewitternacht auf dem Winterberge. Es war ein klarer, fröſtelnder Spätherbſtmorgen, als Martinus Luther, gefeierten Andenkens, ſeine berühm⸗ ten Controverſen an die Schloßkirche zu Wittenberg nagelte. Die Morgenſonne ſchien ſo nüchtern über die Dächer der churſächſiſchen Univerſitätsſtadt, daß der Reformator für ſeinen hochheiligen Zweck gar keine geeignetere Zeit nihihhrorte Der Frühling mit den blühenden Altären und ſterngeſtickten Nachtigal⸗ nächten war nicht paſſend für die nüchternen Vernunft⸗ ſätze Meiſter Martin's; auch der norddeutſche gluth⸗ und ſchweißreiche Sommer nicht; wohl aber jene klare, leidenſchaftloſe Herbſtſonne, wo die Natur das blühende Gewand abgeſtreift hat, die Sinne unbehel⸗ ligt läßt, und die Contemplative erleichtert. Als nach einigen Wochen die Novembernebel herabſanken, war die Saat bereits geſtreut und in den langen, ofenerwärmten Winternächten fand Bürger⸗ und Rit⸗ tersmann hinlängliche Muſe, über die fünf und neun⸗ zig Sätze nachzudenken. Die Schneedecke des Winters 1517 bis 1518 ſchmolz, donnernd trieben die Eis⸗ ſchollen der Elbe gen Norden— da brach die Saat der Reformation wohl erhalten und ſtark hervor. Ich weiß nicht, wie lange jenes welterſchütternde Placat an der Schloßkirche zu Wittenberg angeheftet 11* 164⁴ hing; aber heute noch, nach länger denn dreihundert Jahren, muß ich mich wundern, wie die damalige Sicher⸗ heits⸗ und Wohlfahrts⸗Polizei der guten Univerfitäts⸗ ſtadt ein ſolches polizeiwidriges Unternehmen ſo ge⸗ laſſen mit anſehen konnte. Ich kann mir die Sache nur daraus erklären, daß die damaligen weltlichen Behörden, die Fürſten, Grafen und Herren gegen den für ihre höchſt eigenen Gefälle ſo verderblichen Ab⸗ laßkram noch weit aufgebrachter waren als Luther ſelbſt; die heller Denkenden der Univerſität waren über die Abnormitäten der damaligen katholiſchen Kirche längſt im Klaren und der hausbackene, phan⸗ taſieloſe Sinn des Bürgers zu Wittenberg, einer Stadt an der proſaiſchen Elbe, ließ ſich durch die Declamatorien Tetzel's kein für ein U machen. So war Luther nur das Organ der damaligen öffent⸗ lichen Meinung. Er hatte den Muth, ſie auszuſpre⸗ chen und anzuſchlagen an der Schloßkirche zu Witten⸗ berg am 31. Oetober 1517, und zu vertheidigen vor Kaiſer und Reich in der freien Reichsſtadt Worms.— Frühlinge kamen und gingen. Da verſtummten allmälig in Folge jenes verhängnißvollen October⸗ tages die katholiſchen Glocken in den Domen und Hallen, die ewigen Lampen erloſchen, die Heiligen⸗ bilder erbleichten und weinend floh Madonna gen Süden. Aber auch dort, in den Gebieten der weithin rauſchenden Donau, in den fröhlichen Thälern won Ober⸗ und Nieder-Heſterreich, in der eiſenhaltigen Steier, wo Italien herüberrankt mit ſeinen blühenden Armen, und das kernvolle deutſche Wort in melodi⸗ ſchem Wohllaut zerfließt, ward es lutherlaut und tageshelle. Lange Zeit ſchleuderte der Vatican ſeine Blitze gegen den heraufbrechenden Morgen; ſein Reich ſchien zu Ende im deutſchen Lande. Da ſchlug einer 165 der römiſchen Blitze in die Hofburg zu Wien und zündete. Das junge deutſche Glaubenslicht ward jetzt zur Feuersbrunſt. In dreißig blut⸗ und zornvollen Jahren legte das Haus Habsburg ſein religiöſes und politiſches Glaubensbekenntniß nieder. Mancher katho⸗ liſche Dom ſtürzte zuſammen, manches proteſtantiſche Bethaus ward geſchleift, und als man kampf⸗ und blutmüde Frieden ſchloß, theilte ſich Luther und der Papſt in das deutſche Reich. Jener behielt den Nor⸗ den, dieſer den Süden. So iſt es geblieben bis auf den heutigen Tag. Finſter und waldumnachtet erhebt ſich auf Böh⸗ mens und Sachſens Grenze ein hoher Berg mit ba⸗ ſaltner Kuppe und einer Eichenkrone. Man nennt ihn den großen Winterberg und er iſt einer der Marktſcheiden zwiſchen dem proteſtantiſchen und katho⸗ liſchen Deutſchland. Weithin ſchweift von hier der Blick in das walddunkle, tiefkatholiſche Böhmen, wo ſie vor Jahrhunderten feeudig kämpften und bluteten für Huß und Luther und jetzt gläubig knieen vor dem heiligen Nepomuk. Weithin ſchweift der Blick auf der anderen Seite in das lachende proteſtantiſche Sach⸗ ſen. Der Gipfel des Berges ſelbſt iſt lutheriſch, vom nahen ſächſiſchen Gränzdorfe tönt einfach und ſtill die Glocke des reinen Evangeliums. Auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Berges beginnt Sanct Peter's Macht. Tief unten im Thale tritt die Elbe aus Böhmen herüber und fließt nun fort durch lauter proteſtantiſche Länder bis zu ihrer Mündung im Meere. Dort oben aber auf der unwirthbaren Höhe, wo das kleine Winterhaus erbaut ſteht auf kaltem Ba⸗ ſalt, und umrauſcht wird von der einſamen Eichen⸗ gruppe, in deren Zweigen wunderbare Lieder tönen, 166 kehren in den Sommermonaten oft Harfenſpieler ein, welche aus Böhmen herüber kommen und die Beſu⸗ cher des Winterberges durch ihr Spiel und ihre Me⸗ lodien erfreuen. Einſt hatte mich der Abend übereilt und ich war genöthigt, im Winterhauſe zu übernachten. Schon von fern wehte mir durch die Stille des Abends Harfenlaut entgegen. Die Sonne war hinter einer dunkeln Wolkenwand untergegangen, und allmälig verſanken Städte und Dörfer, Berge und Wälder in geheimnißvolles Dunkel. In den Kronen der Win⸗ terberg⸗Eichen rauſchte es märchenhaft. Der Abend⸗ himmel umzog ſich dunkler und in den kleinen Fen⸗ ſtern des Winterhauſes ward es lichthell. Der Wirth kam mir entgegen, blickte nach Abend, verkündete heut noch ein kleines Unwetter und wünſchte mir Glück, trocken das Winterhaus erreicht zu ha⸗ ben. Ich war heute der einzige Gaſt und trat in die damals noch kleine, aber gemüthliche Fremden⸗ ſtube. Zu meiner Bewillkommnung ertönte eine jener böhmiſchen Nationalmelodien, in welcher, wie in al⸗ len ſlaviſchen Liedern, ein ſo unendlicher Zauber ruht. Es war ein Allegro, aber ein Allegro, das durch Thränen lächelt. Wer ermißt den abgrundtiefen Schmerz, der in den Mollaccorden jener weithinwohnenden Völkerſchaften ſpricht, die wir Slaven nennen. Sie klagen ſeit Jahrhunderten um einen unerſetzbaren Verluſt, der ſo groß iſt, daß ſie ihn nicht auszuſprechen wagen in Worten; aber wenn wir ihre Lieder hören, verſtehen wir ihn. Weich und thränenvoll legen ſich dieſe Klänge an des Deutſchen Bruſt, die ſo gern theil⸗ nehmend mitſchlägt bei fremden Leiden. Noch oftmals werden ſich die Berge und Thäler 4 167 Slavoniens grün kleiden im Schmucke des Frühlings, und noch mancher Ring wird den Kern der deutſchen Eiche umgürten; aber einſt— dafür bürgt der Geiſt der Geſchichte, die große ſittliche Weltordnung— werden jene Molltöne wieder in Dur übergehen, und der Himmel wird ſich röthen— ich weiß nicht, ob vor Freude oder von Blut⸗ und Racheflammen. Das Mußikcorps auf dem Winterberge beſtand aus einem ziemlich bejahrten Böhmen und ſeiner Tochter, einer reizenden Blume aus dem Reiche der Madonna. Unter den langen dunkeln Wimpern glühte es tief⸗ katholiſch. Das dunkelſeidene Haar ſcheitelte ſich rein und reizend um das von Wunderhand gezeichnete Oval. Die kleine Goldhand flüſterte leis in den Saiten der Harfe. So ſaß ſie da, wie ein ſchönes frommes Legendenbild der Vorzeit. O ihr ſchönen frommen Legendenbilder der allein⸗ ſeligmachenden Kirche, ich bin Proteſtant, aber gegen euch hab' ich nie proteſtirt. Ich glaube, daß ihr ſe⸗ lig ſprechen könnt mit dem ſüßen Munde, und Un⸗ ſterblichkeit verleihen mit den Gewißheit verkündenden Augen. Der Wirth auf dem Winterberge hatte wirklich nicht unrichtig prophezeit. Es war ein Heidenwetter im Anzuge. Schon grollte und pfiff es unheimlich in der ringsumher ausgebreiteten Felſeneinöde. Ein fernes Wetterleuchten ſetzte die Gegend in momentane Beleuchtung. Der Harfner war mit ſeiner Tochter vor das Winterhaus getreten. Das Mädchen hielt ängſtlich ſeinen linken Arm unſchlungen und blickte ſcheu nach dem heraufziehenden Gewitter, bei jedem Blitz ihr Geſicht an der Bruſt des Vaters verbergend. Ein langſamer Donner rollte jetzt durch's Elb⸗ 168 thal, halb Sachſen und Böhmen den Beginn des Nachtgewitters verkündend. Der plötzlich herabfal⸗ lende Platzregen trieb uns zurück in's Winterhaus. Der alte Böhme ſtellte ſich ſogleich an's Fenſter und ſchaute keck hinaus in das großartige Nachtſtück, wäh⸗ rend das Mädchen zitternd die Perlen des Roſen⸗ kranzes durch die Finger gleiten ließ. Immer wil⸗ der tobte das Unwetter. Von Zeit zu Zeit ſtürzte ein losgeriſſenes Felsſtück unter dumpfem Donner in den Abgrund. Seufzend ſchlugen die Eichen auf ih⸗ rem baſaltenen Poſtament die naſſen Kronen gegen einander. Rings umher eine Nacht wie vor Er⸗ ſchaffung der Welt, fortwährend von den goldenen Bändern der Blitze durchſchnitten. Der Donner rohte ununterbrochen.. Als aber das Toben der Natur den höchſten Grad erreicht hatte, das ſchöne Mädchen todtenähnlich zu⸗ ſammengeſunken war, die Wirthsleute, die Bibel in der Hand, mit bebenden Lippen daſtanden, und mir ſelbſt ganz und gar nicht wohl zu Muthe war, da die Blitze wie Raketen aus allen Weltgegenden ge⸗ gen das Winterhaus daherfuhren— da griff der alte Böhme plötzlich nach ſeiner Harfe. Seine Blicke leuch⸗ teten, die Töne rauſchten und er ſtimmte an ein ur⸗ altes böhmiſches Volkslied. Es war ein wilder, to⸗ desmuthiger, ſiegesfreudiger Schlachtgeſang aus dem Kriege der Huſſiten. Der ging aber nicht aus Moll, ſondern aus dem kräftigſten, freudigſten Dur. Ich hörte deutlich die Trommel Ziska's wirbeln, ich ſah die Procope hoch zu Roß, die Eiſenkeule in der Fauſt, voran der ſchwarzen rache⸗ und freiheitglühen⸗ den Schaaren. Es war ein heißer, blutiger Drang und Kampf für Glauben und Vaterland, und je lau⸗ ter der Donner niederſchlug in die Felſen und dröh⸗ 169 nend widerhallte, um ſo lauter klang die Harfe. Ich hätte nie geglaubt, daß aus dieſem ſanften Inſtru⸗ mente ſolche Töne zu ſchlagen wären. Aber der Sturm legte ſich, das Gewitter zog vorüber, nur noch aus der Ferne grollend und leuch⸗ tend, und leiſer klangen die Saiten. Da brach aus zerriſſenen Wolkendecken der Nachthimmel in ſeiner ſtillen Schöne, und nun perlten die Töne glaubens⸗ freudig und ſiegesſicher, und gingen über in den ewigen Choral des Lutherliedes:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott!“ Erſchrocken ſprang bei dieſen Klängen das fromm⸗ beſorgte Mädchen auf den Vater zu, und ſuchte ihn mit gefalteten Händen zu beſchwören. Zugleich blickte ſie ſcheu nach mir, den Wirthsleuten und dem ſich zurückziehenden Gewitter, gleichſam als fürchte ſie, es werde zurückkehren ob dieſes ketzeriſchen Liedes. Der Alte ließ ſich aber nicht ſtören und ſang laut und begeiſtert alle vier Verſe des großen Liedes. „Es iſt kein Verräther unter uns, mein Kind,“ ſprach er, als er geendet,„und würde es auch verrathen, ich kann mir nicht helfen; ſchau' ich Gottes Pracht und Herrlichkeit, da muß ich ſie ſingen, die alten herzerquickenden Lieder, und hätte ſie auch der fromme Pater Clemens noch ſo ſtreng verboten. Das Mädchen ſchüttelte aber ungläubig und trau⸗ rig das Madonnengeſicht und küßte um ſo inniger das kleine Marienbild, das ſie in der Hand hielt. Sie wußte es ja wohl, die Himmelskönigin war es geweſen, die das Winterhäuschen vor dem Blitz ge⸗ ſchirmt und das Gewitter gnädig hatte vorübergehen laſſen. Der Wirth klappte ſorgfältig die alte Haus⸗ bibel zu, in welcher er ſich während des Unwetters Troſt erholt, und ſtellt ſie ehrfurchtsvoll an den ge⸗ 170 wohnten Ehrenplatz. Er war überzeugt, die Bibel, dieſes heilige Buch, war es geweſen, welches den Zorn des Himmels abgewendet. Ruhig ſtellte der Harfner ſeine Harfe in die Ecke. Ihm war es klar, hätte er nicht das uralte Vaterlandslied angeſtimmt, die Sache konnte ſchlimm werden. Ich aber trat hinaus in die Sternennacht, wo des Winters Name in goldnen Zügen leuchtete. Da unten wohnten ſie, die Sachſen, die Böhmen. Oft bekämpften ſie ſich in dunkelen Schlachten über den wahren Gott. Und war es nicht derſelbe Him⸗ mel, der über beide Länder mit gleicher Liebe herabfinkt? Wie aber das Nachtgewitter nicht ein einziges Komma verrücken konnte in jener goldnen Wahrheit⸗ ſchrift dort Oben, ſo wird die Wahrheit auch ſelbſt ſiegen über alle Stürme der Erde, und dereinſt nur Ein Gott, Ein Glauben, Ein Vaterland und Ein Himmel ſein hienieden! Druck von Alexander Wiede in Leipzig. 3 ———————————————————