SS Leihbibliothełk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 W.— Pf 1 Wr 50 Pf 2 W.. „*„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtes Rapitel. — In einem jener blühenden Thäler Afghaniſtans, wo der Granatbaum in ſeltener Schöne blüht und das Waizenkorn hundertfältige Frucht treibt, da wo der ſchnellfließende Kabul in den gewaltigen Indus mün⸗ det, unfern der ſtarkbefeſtigten Stadt Attok, deren Zinnen und Minarets hinter Citronenwäldern her⸗ vorlauſchten, im Rücken den majeſtätiſchen Himalaya mit ſeinen himmeldrohenden und mit ewigem Schnee bedeckten Gipfeln, ſaß im Garten ſeines Gaſtfreundes unter einer Laube blühender Akazien ein Mann in den vierziger Jahren, gekleidet in das fliegende Ge⸗ wand der Afghanen und auf dem Haupte einen Tur⸗ ban von Kaſchemir. Unmittelbar neben ihm hatte auf reichem, gold⸗ durchwirktem Teppiche eine zweite Geſtalt in Afgha⸗ nentracht Platz genommen, ungefähr zehn Jahre älter als die eben erwähnte, welche mit ächt moslemſcher Ruhe und unerſchütterlichem Ernſte die Wolken ſeiner langen Pfeife zu den rothen Blüthen emporſteigen ließ. Betrachtete man die Geſichtszüge dieſer beiden Männer genauer, ſo war bei dem älteren die afiatiſche Abkunft nicht zu verkennen, während der andre höch⸗ ſtens die dunklere Geſichtsfarbe mit den Bewohnern Irans und Turans gemein hatte. Beide waren in 8 tiefes Schweigen verſunken, der ältere verfolgte be⸗ haglich das blaue Gewölke ſeines Knaſters, das in ſeltſamen Kreiſen und Ringen emporſtieg, während die Blicke des jüngern mit Wohlgefallen auf den Mi⸗ narets von Attok ruhten, die im Abendſcheine immer röther zu glühen begannen. Tiefe Stille ruhte über der Gegend, nur von fern vernahm man das Rauſchen des Kabul, als ſich plötz⸗ lich ein Abendwind erhob und die Luft mit himmli⸗ ſchem Aroma erfüllte. „Bei Gott,“ nahm jetzt der Vierziger das Wort, indem er mit Entzücken die lieblichſten Düfte ein⸗ athmete,„das iſt Wohlgeruch aus den Gärten des Paradieſes. Was ſind das für Blumen, Ismael, wären es bereits die Vorboten Hindoſtans?“ „Der Abendwind geht über die Veilchengefilde von Peſchawer,“ erwiederte der Gefragte,„es iſt das Guli peigamber, die Roſe des Propheten, wie man ſie weder in Vorder noch Hinteraſien kennt. Hörteſt Du, Haſſan⸗ben⸗Mullah, nie von dem wunderbaren Dufte dieſer Veilchenfluren, die das Herz erfüllen mit unnennbarer Wonne und berühmt find im Lande Tu⸗ ran, ſo weit die Schneegipfel leuchten des Himalaya?“ „Wohl vernahm ich oft von der gefeierten Roſe des Propheten,“ verſetzte Haſſan,„wenn ich an Som⸗ merabenden den Erzählern zuhörte in den Straßen von Kabul oder unter den ſchattigen Tamarisken auf und niederwallfahrtete im Königsgarten des Timur Schah; doch ihren Duft hab' ich nie gekoſtet bis zu dieſer Stunde.“ „Es iſt der letzte Gruß,“ ſprach Ismael,„wel⸗ chen Afghaniſtan Dir ſendet, mög' er nie Deinem Gedächtniß entſchwinden, Haſſan⸗ben⸗Mullah, mein 9 Heimathsland wird dann in lieblicher Erinnerung in Deiner Seele fortleben.“ „Es wird dies auch ohne die Veilchen von Peſcha⸗ wer,“ verſetzte Haſſan, der ſeiner innern Bewegung nur mit Mühe Meiſter ward;„glaubſt Du, Ismael, daß man ein Land wieder vergißt, wo man Gaſt⸗ freundſchaft und Liebe in reichem Maaße fand? Du weißt, daß viele Worte und Deelamationen nicht meine Sache ſind, aber hier beim Abſchiede an der Grenze Deines Landes mag ich es wohl geſtehen, daß die Jahre und Stunden, die ich, obſchon tauſend Meilen von der deutſchen Heimath, unter Euch verlebte, die glücklichſten meines Lebens waren; und wenn nicht das Licht meines Lebens in Euren Thälern erloſchen wäre, und ich das Theuerſte unter Euern Roſen hätte begraben müſſen, würde ich wohl ſchwerlich an eine Heimkehr nach dem Abendlande gedacht haben.“ „Und wer ſoll künftig die Roſen begießen,“ frug Ismael, nicht ohne Wehmuth,„die auf dem Grabe der weißen Perle wachſen?“ „Das ſollſt Du thun, geprüfter Freund,“ er⸗ wiederte Haſſan, indem er dem Frager die Hand mit einem Blicke reichte, aus welchem ungeheuchelter Schmerz und Liebe ſprach. „Beim Propheten,“ betheuerte Ismael,„Du haſt keinen Unrechten gewählt; ſobald die erſten Frühlings⸗ küſſe die finſtre Stirn des Hindukuſch berühren, und ſeine erſten Lawinen in die Thäler rollen, ſoll von meiner Hand gepflegt, die Schlummerſtätte in ſtiller Roſenpracht erblühn, die weiße Perle vom Paradieſe hernieder lächeln.“ Nach einer Pauſe längern Schweigens fügte er mit ſchmerzlichem Unwillen die Worte hinzu:„Gleich⸗ wohl hätteſt Du nicht davon gehen ſollen.“ 10 „Alter Freund,“ erwiederte Haſſan, der wieder ſeine gewohnte Ruhe gefunden hatte,„Du wirſt es nicht übel deuten, aber ſeit dem Heimgange meiner Olivia iſt es mir ſelbſt unter den Blumen Kabuls einſam geworden und wenn der Abend in der Ferne kommt, ſehnt ſich jeder Menſch nach der Heimath.“ „Will's glauben,“ verſetzte Ismael,„obſchon ich nicht begreife, wie es eine ſchönre Heimath geben könne, als die Aprikoſenthäler der Duranen.“ „Auch im deutſchen Lande blühen die Aprikoſen,“ erwiederte Haſſan⸗ben⸗Mullah,„wenn ſeine Thäler auch nicht in dem Grade leuchten und duften wie das Flußgebiet des Kabul.“ „Uebrigens,“ fuhr er nach einiger Zeit in Nach⸗ denken verſunken fort,„möge mich der Himmel be⸗ wahren, daß ich meine Heimkehr einmal bereue. Dann wäre mir ſelbſt die Rückkehr in die Thäler der Duranen abgeſchnitten.“ „Allerdings,“ geſtand Ismael,„für Kabul biſt Du geſtorben und begraben in Ewigkeit, und darum eben begreife ich bis dieſe Stunde nicht, was Dich zu dem freiwilligen und gefährlichen Tode und Be⸗ gräbniſſe bewegen konnte. Ich glaube nimmer, daß der König Deiner Heimkehr in's Vaterland Hinder⸗ niſſe in den Weg gelegt haben würde.“ „Doch, doch,“ erwiederte Haſſan,„wie hoch ich in ſeiner Gunſt ſtand, ſo überwog ſeine Sorge für ſeinen Leib, den ich als Arzt behandelte, alle andern Rückſichten.“ Als Ismael hier zweifelnd den Kopf ſchüttelte, zog Haſſan ein Papier hervor, das er dem Freunde mit den Worten überreichte:„Wenn Du in meine Worte Bedenken ſetzeſt, ſo wird hoffentlich dieſe Schrift Deine Zweifel beſeitigen.“ 1¹ Das Manuſcript enthielt die Abſchrift eines eigen⸗ händigen Briefs des Königs von Kabul, ſchon von längerer Zeit her datirt, an ſeinen erſten Miniſter, worin letztrer unter Androhung der ſtrengſten Ahndung aufgefordert ward, auf Haſſan⸗ben⸗Mullah das ſtrengſte Auge zu haben und der kleinſten Reiſe deſſelben, welche eine Auswanderung zum Zweck haben könnte, die un⸗ überſteiglichſten Hinderniſſe in den Weg zu legen. Im ſchlimmſten Falle war der Miniſter bevoll⸗ mächtigt, die äußerſte Gewalt anzuwenden. „Dieſe polizeiliche Aufſicht,“ ſprach Haſſan,„hab' ich mir gefallen laſſen, ſo lange Olivia am Leben, nach ihrem Scheiden ward mir dergleichen Bewachung um ſo unerträglicher.“ „Wenn dem ſo iſt,“ erwiederte Ismael,„kann ich Deinen freiwilligen Tod nur loben; gleichwohl bleiben mir Deine ſonderbaren teſtamentlichen Verord⸗ nungen ein Räthſel. Warum ſollen denn Deine Er⸗ ben ihr Erbe in eigner Perſon in Kabul erheben?“ „Weil dies die einzige Bedingung,“ verſetzte Haſſan, „unter der mir verſtattet war, Gelder dem Auslande zuzuwenden.“ „Sonderbare Grille des Königs,“ brummte Is⸗ mael,„er hofft wahrſcheinlich durch Deine Erben Dich ſelbſt zu erſetzen.“ „So viel ich mich der Perſönlichkeit dieſer Erben noch entſinne,“ meinte Haſſan,„dürfte Seine Ma⸗ jeſtät weniger gewillt ſein, ihre Abfahrt unter polizei⸗ liche Aufſicht zu ſtellen. Ich nehme meinen leiblichen Vetter aus. Doch dieſer iſt bedacht, auch wenn er die Reiſe nach Kabul nicht antritt.“ „Ich glaube überhaupt nicht,“ ſprach Ismael, „daß ſich einer der Erben auf den Weg macht; die Länge und Beſchwerlichkeit der Reiſe iſt unabſehbar.“ 12 „Man kann nicht wiſſen,“ erwiederte Haſſan,„die Gier nach Gelde verleiht dem Furchtſamſten Muth und begeiſtert zu größten Anſtrengungen. Wie dem ſei; ich habe für meine Angehörigen Alles gethan, in meinen Kräften ſtand. Sollte einer oder der andere nach Kabul kommen, ſo iſt er Dir, treu be⸗ währter Freund, ohne deſſen edelmüthige Unterſtützung ich meinen langgenährten Plan der Flucht nicht hätte in Ausführung bringen können, empfohlen.“ „Dein Wunſch iſt mein Befehl,“ ſprach Ismael, „es ſoll mir große Freude gewähren, Dir auch in der Ferne gefällig zu ſein. Wie ungern ich Dich ſcheiden ſehe, ſo erkenne ich doch, daß Du Dich un⸗ ter Deinem Volke, das Deinem Häit näher ſteht und Deinem Herzen vertrauter iſt, wohler befinden mußt als ſelbſt in der Hofburg zu S Darum hab' ich Deinen Plan zur Flucht nie mißbilligt. Ge⸗ denke meiner alle Jahre einigemal, ich werde Deiner täglich gedenken und nimmer vergeſſen, daß ich vieles Wiſſen, welches mich über mein Volk erhebt und zu hohem Anſehen gebracht hat, lediglich Deiner weiſen Belehrung verdanke. Wäre ich einige Jahrzehnte jün⸗ ger, dann würd' ich mit Dir ziehen nach Deiner Heimath, dem deutſchen Lande, mehre Jahre daſelbſt verweilen und mich unterrichten mit allen Kräften und in ſolchen Dingen, in welchen mein Volk noch zurück ſteht. Kehrte ich dann wieder nach Afghani⸗ ſtan, ſollte mein Wirken ein geſegnetes ſein, denn ich würde das Erlernte gern mittheilen, allen denjenigen, welchen an anderweitiger Erkenntniß gelegen wäre. So aber bin ich zu alt und will mich gern begnügen mit dem, was ich Deinen Lehren verdanke.“ Während Ismael noch ſprach, bogen ſich auf der einen Seite der Laube die Zweige auseinander, ein — blühender Mädchenkopf, deſſen glänzendes Haupthaar in kunſtreichen Flechten herabfiel, ward ſichtbar und eine Silberſtimme frug:„Störe ich wohl?“ „Nur näher, Olivia,“ erwiederte lächelnd Haſſan⸗ ben⸗Mullah und winkte mit der Hand,„Du ſtörſt uns im Geringſten nicht.“ Ein zwölfjähriges reizendes Geſchöpf in männliche Afghanentracht gekleidet, hüpfte jetzt in die Laube und ließ ſich neben ſeinem Vater nieder. „Herrliche Nachrichten,“ jubelte die Kleine,„der Gaſtfreund Runſchid läßt Dir ſagen, Väterchen, daß die Karawane des Mirza Osman heut Morgen an⸗ gelangt iſt und am Ufer des Indus lagert. Sie geht direct nach Lahora und beut uns die ſchönſte Gele⸗ genheit, das britiſche Gebiet zu erreichen.“ Der edle Runſchid, ein wohlhabender Handels⸗ herr von Attok, dem der herrliche Landſitz, wo die gegenwärtige Scene ſpielte, angehörte, und welcher bereits ſeit Jahren mit Haſſan⸗ben⸗Mullah auf be⸗ freundetem Fuße lebte, trat jetzt herein und beſtätigte die Ausſage Olivia's. „Ihr könnt nicht ſicherer reiſen,“ ſprach er,„als mit Osman, der mein Freund iſt und mit dem ich Euretwegen bereits geſprochen habe. Von der ganzen Karawane kennt Euch Niemand, denn ſie kommt direct von Bukarah und hat Kabul nicht berührt, ſondern ihren Weg über Kandahar genommen. Alſo entſchlagt Euch jeder Beſorgniß. Doch jetzt kommt, die Sonne will eben verſcheiden und das Abendeſſen harret.“ Freudig ſprang Haſſan-ben⸗Mullah von ſeinem Sitze auf und folgte in Begleitung ſeiner Tochter und des ehrlichen Ismael dem Gaſtfreunde in deſſen rei⸗ zend gelegenen und im morgenländiſchen Geſchmacke 14⁴ erbauten Gartenpavillon. Man genoß von hier die ſeltenſte Ausſicht über die prachtvolle Gegend rings umher. Die untergehende Sonne färbte die reiche Landſchaft mit ihren rothen Tinten. Fern in Oſten blitzte hier und da der goldne Spiegel des Indus durch Palmen und Tamarisken, welche maleriſch die beiden ufer beſchatteten. In blauen Duft verliefen ſich in der Ferne die Gebirge von Hindoſtan, während die ſtolzen gewaltigen Maſſen des nahen Himalaya in prachtvoller Beleuchtung thronten. „Aber jetzt erzähle mir vor allen Dingen, Freund,“ begann Rundſchid, nachdem man beim Mahle Platz genommen hatte,„wie iſt Dir Deine Flucht gelun⸗ gen? Was mir Ismael von Deinem vorgeblichen Ableben erzählt, klingt faſt wie ein Märchen Sche⸗ hezerades.“ „Und gleichwohl hat er nur die Wahrheit geſpro⸗ chen,“ erwiederte lächelnd Haſſan.„Nachdem ich er⸗ kannt, daß mir kein Mittel blieb, aus der Haupt⸗ ſtadt und der Gewalt des Fürſten zu kommen, ward ich krank, dann immer kränker, machte mein Teſta⸗ ment nach allen Regeln Eurer Geſetzgebung und ſtarb endlich ſanft und ſelig in den Armen meiner Tochter Olivia und in Gegenwart Ismael's, welcher alsdann mein Begräbniß beſorgte und zwar auf eine ſo weiſe Art, daß ich gleich in der nächſten Nacht wieder zum Leben erwachen und in Begleitung Olivia's die Flucht ergreifen konnte. Ismael hatte die ganze Sache mit ſo viel Unſicht geleitet, daß mich ganz Kabul bereits wohlbehalten im himmliſchen Paradieſe angelangt glaubt, während ich mich derzeit noch ſehr behaglich im irdiſchen befinde und nichts mehr bedaure, als daß ich mich nun bald gezwungen ſehe, von meinen zwei treueſten Freunden Afghaniſtans zu trennen.“ . 15 Auch der wackre Runſchid war viel zu edelſinnig, als daß er ſeinem Freunde zu ſeiner gelungenen Be⸗ freiung nicht von Herzen hätte Glück wünſchen ſollen, obſchon auch er wie Ismael die Heimreiſe Haſſan's aufrichtig bedauerte. „Wohlan!“ ſprach er,„es hat ſo ſein ſollen und der Wille Allah's geſchehe! Wir wollen uns aber die letzten Stunden des Beiſammenſeins nicht durch thö⸗ richten Trübſinn verbittern. Zum Letztenmale athmet Ihr heute die Luft Afghaniſtans, zum Letztenmale weilt Euer Fuß auf ſeinem Boden; ſo mögen auch ſeine edelſten Früchte zum Lebewohl Euern Gaumen letzen.“ Runſchid erhob ſich bei dieſen Worten und zog den Vorhang, der vor einer niſchenartigen Marmor⸗ halle herabfloß. Da leuchteten und dufteten in gold⸗ nen Schalen die koſtbarſten Früchte Afghaniſtans: Aprikoſen von Kabul, auf vierzehn verſchiedene Arten zubereitet; Granatäpfel von Ghizin, Feigen von Kan⸗ dahar und Melonen von Peſchawer. Haſſan und Olivia ſo wie Ismael, welche ſelbi⸗ gen Tag eine geraume Strecke Wegs zu Fuß zurück⸗ gelegt hatten und deshalb nicht ohne Eßluſt waren, ließen ſich's trefflich ſchmecken und erfreuten ſich dabei der wunderherrlichen Abendlandſchaft, die nach und nach immer tiefer in die Schatten der Nacht hinab⸗ ſank. Schon ruhte tiefe Dunkelheit in Thälern und Schluchten, aber noch immer glühten die Gipfel des Himalaya in unſterblichem Glanze. Plötzlich hallte ein Kanonenſchuß von den Wällen Attoks herüber. Haſſan blickte befremdet auf und Olivia klammerte ſich ängſtlich an den Arm des Va⸗ ters, denn ſie fürchtete nicht anders, als an der Grenze Afghaniſtans von dem Fürſten von Kabul noch auf⸗ gehalten zu werden und hielt den Donner für ein — e 16 Signal, welches ihre Flucht anzeige. Runſchid aber lächelte, als er die Furcht des Mädchens gewahrte. „Es gilt der Karawane Osman's,“ ſprach er be⸗ ruhigend,„die ſo eben bei den gelben Wellen des In⸗ dus anlangt und deren Ankguft ſtets durch einen Ka⸗ nonenſchuß ſignaliſirt wird.“ Die Freunde blieben noch einen großen Theil der Nacht bei einander. Man verabredete die Art und Weiſe, wie man künftig von Zeit zu Zeit in Corre⸗ ſpondenz treten wolle, und verſank dabei in Rücker⸗ innerung vergangener Zeiten⸗ Olivia war in die blüthenduftende Nacht hinaus auf den Balkon getreten, welcher nach dem Garten hinaus ging. Dort am Fuße jenes Gebirges, hinter welchem die Sonne ſchlafen gegangen war und deſſen Höhen im letzten Abendrothe glühten, ruhte das edelſte Mutterherz, das für ſie ſo früh zum Letztenmale ſchlagen ſollte. Olivia war kaum neun Jahr alt, als die Mutter ſchlafen ging unter die Blumen von Kabul. Sie hatte keine andre Heimath gekannt, als das ſchöne Thal am Fuße des Hindukuſch, wo die Aepfelbäume ſo ſchön und ſo voll blühen, daß ſie oft wie im Schnee in herabgefallenen Blüthen watete; und gleichwohl wollte es ihr doch nie heimathlich werden in dem ſchönen Lande; ſie ſah ihre ſchöne und gute Mutter zu oft weinen unter ihrem Lieblingsbaume im Garten zu Kabul und dieſe »Thränen galten alle der fernen Heimath im deutſchen Lande. Die kleine Olivia hatte zu oft und zu viel aus älterlichem Munde erzählen hören von dieſer fer⸗ nen deutſchen Heimath, als daß nicht auch in ihrer Bruſt eine wachſende Sehnſucht nach jenem Abend⸗ lande hätte erwachen ſollen. Sie betrachtete daher ihre nächtliche Flucht an der Seite des Vaters wie eine 17 Befteiung aus einem Kerker, in welchem ſie nur ei⸗ nen Schatz zurückließ, das Grab ihrer Mutter. Die Mondesſichel leuchtete bereits eine Hand breit über den Gebirgen Hindoſtans, als die Freunde, dem Gebote des Propheten ungeachtet, das man überhaupt bei Abſchiedsféten weniger zu berückſichtigen pflegte, zum Letztenmale die Becher mit dem muskatnußduf⸗ tenden Kabulwein an einander klingen ließen. Man ſchwur ſich ewige Freundſchaft und vergaß dabei nicht, die holde„Roſenknospe,“ ſo hieß Olivia bei den Afghanen, hoch leben zu laſſen. Als die Morgenſonne ſich von Neuem in den rau⸗ ſchenden Wellen des Indus badete, verließen Haſſan⸗ ben⸗Mullah in Begleitung ſeiner Tochter, von jetzt in Hindutracht gekleidet, die Blumengeſtade Afgha⸗ niſtans und gingen nach Hindoſtan über, wo ſie ſich als fromme Pilger, welche auf einer Betfahrt nach Katuſir begriffen, der Karawane von Bukhara an⸗ ſchloſſen. Zweites Rapitel. NRach einer ziemlich abenteuerlichen Fahrt, bei wel⸗ cher ſich die große Weltunkenntniß des Rathsactuar Zeiſig beſonders auf ergötzliche Weiſe kund gab, war das Niederroßla⸗Kabul'ſche Erbheer, unter Anführung des jungen Morand vermittelſt des königlich hanns⸗ verſchen Poſtwagens glücklich und wohlbehalten in der freien Reichs- und Hanſeſtadt Hamburg angelangt und in einem Gaſthauſe unfern des Hafens abgeſtiegen. Stolle, ſämmtl. Schriften. XVIII. 2 —— — 18 Gamaliel's Herz, zeither von dem Abſchiede bei Felicitas, die er in ſeinem Leben das erſte Mal ver⸗ ließ und vom Heimweh etwas beengt, athmete wieder frei und groß und ſein Auge leuchtete begeiſtert, als der Maſtenwald der großen Handelsſtadt vor ihm auf⸗ ſtieg und das geräuſchvolle Leben eines großartigen Verkehrs von allen Orten her an ſein Ohr ſchlug. Alles war ihm neu, fremd, außerordentlich. Victor, welcher Hamburg bereits von früher her kannte, über⸗ nahm das Amt des Cicerone und kaum hatte man einigermaßen Toilette gemacht, als die beiden jungen Männer bereits die geräuſchvollen Straßen Hamburgs entlang wandelten. Weit weniger behaglich fühlte ſich, mit Ausnahme Vetterlein's und des Heldenſpielers, der übrige Theil der Reiſegeſellſchaft; Lagemann, die Hanno'ſche Ab⸗ tretungsurkunde fortwährend bei ſich tragend, ward von quälender Ungewißheit gepeinigt, ob ihm Siebecke und Comp. die Reiſeſpeſen zahlen würden oder nicht. Im letztern Falle war er übel dran; dann mußte er für die Ueberfahrt und Beköſtigung ſelbſt ſorgen, denn ſeine Würde als Attaché brachte ihm keinen rothen Heller. Der Rath zu Niederroßla hatte ſich nicht zu der geringſten Entſchädigung verſtanden. Ein Mann wie der Wirth zur Stadt Magdeburg ſieht ſich aber für alle Fälle vor. So wie ſich die Gele⸗ genheit günſtig zeigte, zog er ſeinen diplomatiſchen Chef, den Actuar, auf die Seite und führte ſeditiöſe Reden gegen den Rath von Niederroßla. „Eine ſolche Knickerei iſt noch nicht dageweſen,“ begann er,„ich erhalte als Attaché keinen Kreuzer, und Sie mit Ihren dreihundert Gulden, die man be⸗ willigt hat, wie wollen Sie auskommen in drei Welt⸗ theilen; bedenken Sie die Länge des Wegs, die Em⸗ * 1 ballage des Krokodills; ein ſolches Thier will ver⸗ packt ſein, daß ſich's nicht abſtößt, die Steuern und Gaben, die darauf haften, die Ausfuhr⸗ und Grenzzölle.“ Zeiſig zuckte die Achſeln.„Es will eingetheilt ſein,“ ſprach er;„indeß hoff' ich in Betracht meines mäßigen Appetits, meiner frugalen Koſt—“ „Was da,“ eiferte Lagemann,„kommen Sie nur auf's Meer, da eſſen Sie für zehn Mann; Seeluft zehrt.“ Der Actuar ſchauderte, wenn er an's Meer dachte. „Ihr Reiſegeld,“ fuhr der Hotelier fort,„iſt ver⸗ freſſen, eh' wir um Afrika herum.“ „Das wolle Gott verhüten!“ ſeufzte Zeiſig. „Dann liegen Sie krumm und hungern bis Kabul.“ „Wer vermöchte dies auszuhalten.“ „Ich für meine Perſon wenigſtens nicht,“ ſprach Lagemann;„es iſt übrigens eine Sünd' und Schande, die eigne Geſandtſchaft verhungern zu laſſen, trotz der brillanten Erbſchaft.“ Zeiſig fühlte die Wahrheit dieſer Worte, doch war Ser viel zu loyal, um ſeine Beiſtimmung laut werden zu laſſen. „Nie ſind diplomatiſche Perſonen ſo gegen alles Völkerrecht behandelt worden,“ fuhr der Magdeburger mit geſteigertem Ingrimm fort,„eine ganze Geſandt⸗ ſchaft dem Hungertode Preis zu geben, es iſt him⸗ melſchreiend!“ 5 Der Actuarius ſchwieg und ſeufzte. Lagemann hielt denſelben jetzt für reif, einen An⸗ griff auf deſſen Rechtlichkeit zu wagen. „Unter bewandten Umſtänden,“ ſprach er,„gebeut die eiſerne Nothwendigkeit, daß wir uns ſelbſt Recht ſchaffen.“ Zeiſig ſchrak zuſammen und lauſchte ängſtlich, wo 2* ſein Attaché mit dieſen gefährlichen Reden hinaus⸗ wolle. „Wenn alle Stränge reißen,“ erklärte der Hotelier, „ſchlagen wir der goldnen Beſtie den Kopf ab oder den Schwanz, verkeilen die Maſſe und ſtillen unſern Hunger. Das Rathscollegium mag ſich mit dem Rumpfe begnügen.“ Sich am anvertrauten Gute zu vergreifen, war dem Actuar eines der außerordentlichſten Verbrechen, und er verhehlte ſeine Averſion gegen dergleichen Ge⸗ ſinnungen dem Wirthe zur Stadt Magdeburg nicht. Dieſer kümmerte ſich aber wenig um die Zeiſig'ſche Averſivn und ſuchte dem redlichen Manne zu bewei⸗ ſen, daß Noth Eiſen breche, wie viel weniger menſch⸗ liche Satzungen. Uebrigens verlöre europäiſche Ge⸗ ſetzgebung in fremden Zonen ihre Kraft. Die Lagemann'ſche Dialectik wollte indeß bei dem ehrlichen Actuar nicht anſchlagen. Er blieb feſt bei ſeiner Ehrfurcht hinſichtlich anvertrauten Gutes.„Das reſpective Krokodill,“ behauptete er mit vieler Beharr⸗ lichkeit,„müſſe unverletzt an allen ſeinen Theilen einem hochweiſen Rathe von Niederroßla überantwor⸗ tet werden.“ „Aber Sie haben doch,“ warf Lagemann ein, „als Senatsmitglied ſo gut Antheil am Krokodill wie die andern. Wenn Sie ſich alſo ein Stück in Er⸗ mangelung andrer Subſtdien abſchlagen und verfreſ⸗ ſen, geht's ja von dem Ihrigen.“ „Wenn ſchon,“ meinte Zeiſig,„aber ich will mich eher ſelbſt aneſſen, als die Integrität des mir anver⸗ trauten Gutes verletzen.“ Da Lagemann ſah, daß dem gewiſſenhaften Be⸗ amten nicht beizukommen ſei, ſtand er von ſeinen Verſuchungen und Angriffen vor der Hand ab. Er wollte paſſendere Gelegenheit abwarten und hoffte da⸗ her viel vom erſten Seeſturm, wo er dem Gewiſſen des ängſtlichen Zeiſig's einen kräftigern Schlag bei⸗ zubringen vermeinte. Ein weit ruhigeres und behaglicheres Daſein als der Hotelier führte Hanno in Hamburg. Der größte Theil der Lagemann'ſchen Ducaten ſtak kunſtreich ver⸗ wahrt in einem ledernen Gürtel, welchen er Tag und Nacht um ſeinen Leib trug. Er hatte ſich lange nicht ſo wohlhabend und ſorgenfrei gefühlt wie dermalen. In der Heimath konnte er es nie zu Etwas bringen, er hatte daher an ihr nichts zu verlieren; vielleicht daß ihm ſein Glück im Morgenlande blühte. Ob er mit dem erhobenen Erbtheile der Fran Urſula nach Niederroßla zurückkehren oder mit dieſer Summe durchgehen und ſich in Hindoſtan habilitiren und eine reiche Nabobtochter heirathen ſolle, darüber war er mit ſich noch nicht vollkommen im Klaren. Vor der Hand ließ er die Zukunft auf ſich beruhen und genoß der freundlichen Gegenwart. Vetterlein's Beſchäftigung war ungemein amüſan⸗ ter. Er hatte ſich vom Wirthe einen Stadtplan ge⸗ liehen, mit deſſen Hülfe er das Straßenlabyrinth durchzog. Sobald er irre ward, zog er den Grund⸗ riß aus der Taſche, trat in die erſte beſte Hausflur und orientirte ſich. Sehr ſchlimm erging es ihm in Altona. In einem öffentlichen Garten, der nicht eben von dem gewählteſten Publikum beſucht wurde, wo aber die Preiſe für Speiſen und Getränke ſehr billig geſtellt waren, ſah Vetterlein eines Tages dem Kegelſchieben zu. Als großer Freund dieſes Spiels nahmen die hier üblichen hohen Kegel und coloſſalen Kugeln ſeine volle Aufmerkſamkeit in Anſpruch und es wandelte 22 ihm die Luſt an, an einer Parthie Theil zu nehmen, damit er dereinſt in der Heimath erzählen könne, auch mit Hanſeaten Kegel geſchoben zu haben. Der⸗ gleichen Reiſeabenteuern war er ſehr zugethan. Vet⸗ terlein erkundigte ſich demnach bei einem Individuum, das gleichfalls der Kegelei zuſchaute, zu welchem Preiſe das Spiel hier geſchoben würde und ob es wohl er⸗ laubt ſei, Antheil zu nehmen? Wußte es nun der Angeredete nicht bener oder wollte er dem Frager, weil dieſer ſich ſo angelegentlich nach dem Preiſe des Spiels erkundigte, einen kleinen Schabernack ſpielen, kurz er gab zur Antwort, daß hier das Kegelgeld die Hauptſache ſei. „Das kann den Kopf nicht koſten,“ dachte Vetter⸗ lein bei ſich, und überrechnete in Gedanken den Preis des Parthiegeldes in Niederroßla. Zugleich ward hier⸗ durch ſeine Luſt mitzuſchieben ſo groß, daß er dem Haufen der Kegelanten immer näher trat und auf Be⸗ fragen eines der letztern, ob er Antheil nehmen wolle, ſeine Zuſtimmung gern ertheilte. Das Spiel begann, gewährte aber Jedermann mehr Vergnügen, als unſerm Quartus, deſſen kleine Figur zu den ungeheuern Kugeln in gar keinem Ver⸗ hältniſſe ſtand. Um nur einen ſolchen zwölfzolligen Globus in die Höhe zu heben, bedurfte Vetterlein ſeiner geſammten zwei Arme, was den athletiſchen Hanſeaten, welche ſämmtlich der arbeitenden Klaſſe angehörten, poſſirlich vorkam. Der Erfolg ſeines Schiebens war ſeiner Kraftloſigkeit vollkommen ange⸗ meſſen. Die matte Kugel erreichte nur mit Mühe ihr Ziel und war ſelten im Stande, ein oder zwei Kegel umzuwerfen, während die übrigen Mitſpielenden ein Honneur nach dem andern ſchoben. Die Spiel⸗ art brachte es mit ſich, daß der Mann vier Kugeln unmittelbar hinter einander zu ſchieben hatte. Bereits bei der zweiten ſchwitzte Vetterlein wie ein Hammel⸗ braten und bei der vierten, die in der Regel nie ihr Ziel erreichte, war er halb todt. „Es iſt mein Glück,“ dachte er bei ſich,„daß es blos um's Parthiegeld geht, dieſes werd' ich aber lei⸗ der diesmal wohl bezahlen müſſen. Wer heißt mich mitſchieben. Ein ſolcher Plack beim Kegeln iſt mir noch gar nicht vorgekommen. In Niederroßla koſtet die Parthie acht Pfennige, bei dieſen vierundzwanzig⸗ pfündigen Kugeln kann ſie leicht auf zwei Schillinge kommen. Ein eben ſo theures wie ſaures Vergnügen. Dafür kann ich aber auch dereinſt erzählen, mit ächten Hamburger Söhnen Kegel geſchoben zu haben.“ Das Spiel währte ziemlich lange. Vetterlein, welcher bald ſeine Arme nicht mehr fühlte, bekam es höchlich überdrüßig. Endlich ging's zu Ende. Der Rechnungsführer zog über die ſchwarze Tafel einen energiſchen Strich und ſummirte den gegenſeitigen Ver⸗ luſt und Gewinn. Am Uebelſten kam Vetterlein hin⸗ weg. Er hatte netto neunzig Point verloren. Als er gewahrte, wie die verlierenden Mitſpieler nach Gelde ſuchten, zog er auch ſeufzend ſeinen Beutel und zum Tafelrechner hervortretend, frug er, wie hoch ſich ſein Beitrag zum Parthiegelde belaufe? „Das Kegelgeld,“ erwiederte der Gefragte,„ha⸗ ben die Gewinnenden zu tragen.“ „Ei!“ dachte der Quartus,„iſt das eine verkehrte Welt,“ und er frug ſchmunzelnd:„demnach hätt' ich nichts zu entrichten?“ „O ia,“ fuhr der Andre fort,„Sie ſtehen juſt hoch an der Kreide. Sehen Sie hier neunzig Point, den Point zu einem halben Schilling, beträgt fünf⸗ und vierzig Schillinge.“ 24⁴ „Ach, Sie ſcherzen,“ verſetzte Vetterlein, welcher wirklich glaubte, Jener treibe ſeinen Spaß mit ihm. „Uebrigens kommen Sie noch billig hinweg,“ tröſtete der Anſchreiber,„in Betracht Ihres Malheurs haben wir das kleine Spiel geſchoben.“ Vetterlein, nachdem er mit Zähneklappern inne geworden, daß es ſich hier wirklich um fünfundvierzig Schillinge handle, die er zu bezahlen habe, wünſchte nichts mehr, als die Kunſt zu beſitzen, ſich unſichtbar zu machen. Da ihm aber für dieſe ſo wohlthätige Operation der unentbehrliche Zauberring mangelte, ſo wollte er mit dem Tafelrechner in Unterhandlung treten und einen billigen Accord abſchließen. Er bot fünf Schillinge und gab zu bedenken, daß er als Fremder die hohe Spieltaxe nicht gekannt und in der Meinung geſtanden, es gehe blos um's Parthie⸗ geld. Mit fünf Schillingen glaube er ſein Mitſchie⸗ ben honnet genug bezahlt zu haben. Der Rechnungsführer flüſterte jetzt einigen der Mitſpielenden ein paar Worte in's Ohr, die aber zum Schrecken Vetterlein's, welcher den Bewegungen des Controleurs ängſtlich folgte, nicht gut aufgenommen wurden. Plötzlich entſtand ein Gemurmel und eine rohe Stimme, die einem Matroſen, einem der Haupt⸗ gewinner, angehörte, rief laut und vernehmlich:„Wenn der Hund nicht bezahlt, ſoll er keinen ganzen Knochen nach Hauſe bringen.“ Der entſetzte Vetterlein zweifelte keinen Augenblick, daß unter der erwähnten Thierart Niemand anders als er zu verſtehen ſei. Fieberfroſt durchſchauerte ſein bedrohtes Gebein, und da ihm die Unverletztheit ſeines kleinen Körpers doch lieber war als die fünf⸗ undvierzig Schillinge, ſo zahlte er dieſe enorme Sum⸗ me, wofür er in Niederroßla einen ganzen Sommer Kegel ſchieben konnte, und verließ die theure und gefährliche Wirthſchaft ſo ſchnell, als ihn ſeine klei⸗ nen Beinchen zu tragen vermochten. Er hatte ob der ausgeſtandenen Angſt dermaßen den Kopf verloren, daß er wiederholt den Grundriß aus der Taſche zie⸗ hen mußte, um ſich nach Hauſe zu finden. Zugleich gelobte er ſich mit einem hochheiligen Eide, bevor er nicht nach Niederroßla zurückgekehrt ſei, nie wieder eine Kegelkugel anzurühren. Auf eine ganz andre Art als die Uebrigen ver⸗ brachte der lange blonde Factor ſeine Zeit in Ham⸗ burg. Er war in eine Liebſchaft mit ſeinem Man— ſarden vis- à— vis verwickelt und ſpielte den ſchmach— tenden Schäfer mit aller Zartheit eines idealiſch Lie⸗ benden. Wenn dem Schwärmer das heiß erſehnte Glück wirklich zu Theil geworden wäre, den Gegen⸗ ſtand ſeiner Verehrung in der Nähe zu betrachten, ſo iſt kaum zu bezweifeln; daß ſein Liebeswahnſinn einige Abkühlung erlitten haben würde. Die Ange⸗ betete, eine Poſamentirerstochter, die ſich vom Locken⸗ verfertigen ernährte, ſtand bereits im vierten Jahr⸗ zehnt, war pockennarbig und alles mögliche außer hübſch. Die verliebten Demonſtratiovnen des unver⸗ hofften Anbeters wurden von ihr nur zu bald be⸗ merkt und es ward ihr ganz wunderbar zu Muthe, in ihrem Lebensſommer noch die lang vermißte Lie⸗ besſonne aufgehen zu ſehen. Für ihre Umſtände konnte ſie keinen beſſern Verehrer finden, als den dünnhaarigen blonden Factor, welcher zu ſeinem und ihrem Glücke ziemlich ſchlecht ſah. Auch ihr kam Süßmilch alsbald verklärt und idealiſch vor. Daß das Glück der Menſchen hauptſächlich in der Idee in der Einbildung beruht, ſehen wir an dem Niederroßlaer Factor und der Hamburger Poſamen⸗ tirtochter. Beide waren ſelig und machten den erſten Curſus der Liebe in all' den kleinen roſenrothen Atomen und überzuckerten Broſamen durch, wie zwan⸗ zig Jahre jüngere Leute. Eine ideale Liebe braucht erſtaunlich wenig zu ihrem Leben und Gedeihen. Ein Rouleauaufziehen, ein Fenſteraufmachen, ein Blumen⸗ topf, das find für ſie alles Dinge und erotiſche Tele⸗ graphen von der höchſten Wichtigkeit. Auch zwiſchen dem Factor und ſeinem vierzigjährigen Gegenüber entſpann ſich ein ſolches ſymboliſches Kreuzfeuer. Die Lockenfabrikantin ſtellte einige Blumenſtöcke an's Fen⸗ ſter, welche ſie häufig zu begießen pflegte, wobei ſie ſich mit Sentimentalität geberdete. Dem Factor ent⸗ gingen nun ob ſeines kurzen Geſichts zwar die fei⸗ nern Nuancen dieſer weiblichen Koketterie, aber ſein verliebter Inſtinct witterte doch ſo viel, daß das fleißige Blumenbegießen ſeinen abſonderlichen Haken habe. Der wonnige Gedanke, daß er wohl ſelbſt der Haken ſei, ſchraubte ſeine Liebe und Seligkeit zur außerordentlichen Höhe. Hiermit hätte ſich Süßmilch, wenn er geſcheut geweſen wäre, begnügen ſollen, aber ein Verliebter iſt nie ganz geſcheut. Der Factor ging weiter und legte ſich, wahrſcheinlich aus Nachahmungstrieb, gleich⸗ falls auf die Gärtnerei. Dies hätte ſein mögen, aber auch hiermit war der blaſſe Blondin nicht zufrieden. Die Liebe macht kühn und verwegen. Demzufolge ließ er ſich Papier, Tinte und Feder geben und ſchrieb mit vieler Kunſt und mit drei Zoll langen Buchſta⸗ ben die bedeutungsvollen Worte:„Welch ein himm⸗ liſches Vergnügen iſt nicht die Liebe!!!“ Die letzten drei Ausrufungszeichen waren von einer wahren rie⸗ ſigen Größe. Mit entzücktem Schauer las Aurikula, ſo hieß die Poſamentirertochter, die großartige Fractur. 2 des verliebten Factors, und ſie beſchloß, das ſüße Be⸗ kenntniß nicht unerwiedert zu laſſen. Ein Stock mit brennender Liebe, den ſie unmittelbar darauf vor das Fenſter ſchob, ſollte ſymboliſch andeuten, daß die Flammen der Liebe auch in ihrem ſchwachen Herzen gezündet hätten. Süßmilch, der ſich hinter ſeinen Hortenſien wie ein Luchs gelagert hatte und mit verhaltenem Athem auf den Erfolg lauſchte, den ſeine Fractur in der Manſarde gegenüber hervorbringen würde, war außer ſich vor Entzücken, als er die urplötzliche Blumen⸗ ausſtellung gewahrte, die mit ſeinem Papierzettel in zu auffallendem Rapporte ſtand, als daß er dieſelbe nicht hätte auf ſich beziehen ſollen. Nur aus der Blumenart ſelbſt konnte er ſeiner Kurzſichtig⸗ keit nicht ganz klug werden. Bald ſchienen es ihm Roſen, bald Levkoien. Er mußte hierüber in's Klare kommen, dies ſtand feſt; der Gegenſtand war von zu großer Wichtigkeit. Liebe macht erfinderiſch. Er ent⸗ ſann ſich, daß der Wirth ein ziemlich langlaufiges papiernes Perſpectiv beſitze, vermittelſt welchem er und ſeine Gäſte oft die Schiffe im Hafen zu beobach⸗ ten pflegten. Nach dieſem für Süßmilch's Zuſtände ſo wohlthätigen Inſtrumente erwachte jetzt ſein Ver⸗ langen. Der Factor kletterte ſofort ein Stockwerk tiefer nach der allgemeinen Gaſtſtube, wo er wußte, daß der Gucker ein Stück des Inventariums aus⸗ mache. Süßmilch entdeckte auch alsbald den Gegen⸗ ſtand ſeiner Sehnſucht, welcher ihn in den Liebeshim⸗ mel einführen ſollte, und ſtürzte wie ein Lämmergeier auf den Gegenſtand ſeiner Begierde, und war im Nu damit verſchwunden. Nie hat wohl ein Aſtronom ſein Obſervatorium mit größrer Glückſeligkeit beſtiegen, als der Factor 28 das Manſardenſtübchen. Auf der Sternwarte ange⸗ langt, traf er ſogleich Anſtalten, dem Teleſcope die⸗ jenige Richtung zu geben, um ſeine Venus in mög⸗ lichſt vollem Lichte zu erblicken. Damit aber ſeine aſtronomiſchen Beſtrebungen gegenüber nicht bemerkt würden, faßte er ganz im Hintergrunde Poſto, wobei ihm die alterthümliche durchbrochene Bauart des Ka⸗ chelofens vortreffliche Dienſte leiſtete. Ausgerüſtet, alle Himmel zu ergründen, that er jetzt mit wonneſchauerndem Herzen einen verhängniß⸗ vollen Blick durch das Rohr, das er, um der Po⸗ ſamentirertochter ſo nah' wie möglich zu kommen, ausnehmend verlängert hatte. Aber wie ſehr ward ſeine Erwartung getäuſcht, als er in eine undurch⸗ dringliche Nacht ſchaute. Er guckte eine Zeit lang mit dem rechten, dann mit dem linken Auge, dann wieder mit dem rechten; immer dieſelbe ägyptiſche Finſterniß. Blind war er nicht, denn er ſah außer⸗ dem alle Gegenſtände, alſo mußte der Fehler an dem Rohre liegen. Süßmilch ſchob daſſelbe ein Stück zu⸗ ſammen. Alles umſonſt. Liebe und Noth machen in⸗ deß erfinderiſch. Der Factor ſtellte jetzt genauere For⸗ ſchungen über die Eigenthümlichkeiten ſeines Teleſcops an und war ſo glücklich, die Urſoche von deſſen gänz⸗ licher Undurchſichtig eit zu ermitteln. Vor dem Ocular⸗ glaſe nämlich befand ſich ein kleiner Schieber, um daſſelbe vor dem eindringenden Staube zu ſchützen. Süßmilch knaupelte mit Beharrlic keit ſo lange, bis er die Finſterniß beſeitigt. Jetzt begannen die Obſer⸗ vationen von Neuem; leider mit demſelben ſchlechten Erfolge wie früher. Der Factor machte die Bemer⸗ kung, daß auch das untere Glas mit einem Schieber verſehen ſei. Auch dieſer ward endlich beſcitigt, das Rohr ſo weit wie möglich ausgeſchoben und der ent⸗ 29 ſcheidende Blick ſollte geſchehen. Neues Mißgeſchick; Süßmilch ſchaute in ein Nebelmeer; alle obſervirten Gegenſtände floſſen coloſſal und chaotiſch durcheinander. Der neue Herſchel ſchob und förderte jetzt mit Uner⸗ müdlichkeit, um das Inſtrument ſeiner Geſichtskraft conform zu ſtellen. Seinen Probirſtein bildete hier⸗ bei eine unfern befindliche Feuereſſe. Endlich hatte er alle Hinderniſſe beſiegt und der Weg zu ſeinem Himmelreiche ſtand offen. Es galt jetzt nur, das rechte Fenſter unter den vielen gegenüberliegenden zu treffen. Süßmilch zitterte vor freudiger Haſt. Das Rohr irrte unſicher hin und wieder und haſchte end⸗ lich ein Fenſter, welches es feſthielt. Aber welch ein Sturzbad für den glühenden Liebhaber! Sein Auge erblickte ganz dentlich ein altes ſcheußliches Weib, das ſo eben ungeſcheut und im tiefſten Negligé ein Bedürfniß verrichtete, welches freilich Niemand anders für ſie verrichten konnte. Der Factor prallte ſchaudernd und ſchamhaft zu⸗ rück und begriff nicht, wie die Unverſchämtheit einer Frauensperſon ſo weit gehen könne. Er bedachte frei⸗ lich nicht, daß jenes unerfreuliche Geſtirn nicht ahnen konnte, ſich teleſcopiſch in ſeinem unaufſchieblichen Geſchäft fixirt zu ſehen. Süßmilch, durch dieſes abſchreckende Phänomen nachdenklich gemacht, entdeckte endlich, daß er ein ganzes Stockwerk zu tief gerathen ſei. Er beſchloß alſo vorſichtiger zu Werke zu gehen, viſirte abermals und mit mehr Ruhe, jedoch ohne auf ein erwünſch⸗ teres Reſultat zu ſtoßen. Sein Rohr ertappte dies⸗ mal ein Fenſter, hinter welchem es gleichfalls nicht eben poetiſch herging. Ein übelausſehendes Indivi⸗ duum ſtand im Begriff, ſich einen Naſenpolypen aus⸗ ſchneiden zu laſſen. Als Vorkur war daſſelbe gerade 30 beſchäftigt, einige Naſenbäder zu nehmen. Wie bei einem Wallfiſche ſtieg der Waſſerſtrahl aus dem Ge⸗ ruchsorgan empor, worauf ſich der anweſende Chirurg anſchickte das Uebel an der Wurzel anzufaſſen. Süß⸗ milch wartete die Operation ſelbſt nicht ab, ſondern lenkte den Sterngucker abermals ſchaudernd abwärts. Durch die zwei Fehlfahrten war er übrigens weiſe geworden und richtete ſein Geſchoß zum dritten Male ſo glücklich, daß er diesmal wirklich in's Schwarze traf, nämlich in das erſehnte Fenſter der Geliebten. Die brennende Liebe, welche weithin leuchtete, kündigte den Treffer an. Aber welches Mißgeſchick, eben als der Factor im Begriffe ſtand, in den Hitergrund ſeines Himmelreichs einzudringen, ſenkte ſich ein graues Gewölk herab, das aus linnenem Zeuge beſtand und nichts anders als ein Rouleau war. Süßmilch hatte in der That mit allen Hinder⸗ niſſen der Aſtronomie zu kämpfen; denn nichts wirkt auf Beobachtungen nachtheiliger, als eine graue Wand, welche den Himmel bedeckt. Der Factor gerieth in eine wahrhafte exaltirte Stimmung, ob dieſes neuen und völlig unerwarteten Malheurs. Seine Phantaſie gerieth in Wallung, ob⸗ ſchon das bei ihm ſelten der Fall war; aber die Sach⸗ lage war der Art, daß auch eine höchſt proſaiſche Natur ſich hinter der grauen Wand Allerlei zu denken vermochte. Endlich ſchnarrte das Rouleau wieder aufwärts und die Poſamentirertochter erſchien bei offenem Fen⸗ ſter nach ſorgfältig geordneter Toilette in aller Pracht und Herrlichkeit. Der Factor, welcher wie ein Luchs auf ſein Beute lauerte, erſchrak ob des unverhofften Sonnenaufgangs dermaßen, daß er mit dem Teleſcop wieder die Rich⸗ 31 tung verlor. Er fuhr zitternd eine lange Zeit um⸗ her, bevor er der brennenden Liebe wieder habhaft wurde, worauf er aber ſogleich losſchoß und der An⸗ gebeteten an den Hals fiel. Bei näherer Beſichtigung kühlte ſich ſein Eifer indeß auffallend ab. Er machte die Entdeckung, daß er ſich geirrt habe, denn die Frauensperſon gegenüber entſprach keineswegs dem Ideal, das in ſeiner Phantaſie Poſto gefaßt hatte. Obſchon dieſes alternde Geſicht gleichfalls verſchwen⸗ deriſch von Locken umwogt wurde, ſo konnte daſſelbe doch unmöglich dem ſtattlichen Lockenkopfe angehören, der die ganze Zeit daher ſein Herz in Affection ge⸗ nommen hatte. Es war unbeſtritten eine ältere Schweſter, oder, was dem Factor weit wahrſcheinlicher erſchien, die Frau Mutter. Dem aufmerkſamen Factor mit ſeinem Teleſcop entging nicht die geringſte Bewegung der Frau Mut⸗ ter und er konnte ſich oft eines mißbilligenden Kopf⸗ ſchüttelns nicht erwehren. Sie geberdete ſich ja wie ein achtzehnjähriges Mädchen. Er bedauerte ſein Ideal, das ihm bei einer ſolchen gefallſüchtigen Mut⸗ ter keineswegs gut aufgehoben ſchien. Plötzlich ward's ihm aber außer'm Spaße. Wenn ihm nicht alles trog, ſo warf die Frau Mutter verliebte Kußhändchen herüber; zugleich befeſtigte ſie an die brennende Liebe einen Zettel, worauf der Factor ganz deutlich buchſtabirte: Mein Herz ſchlägt einzig nur für Dich, ſüßer Fremdling! „Das Weib iſt verrückt,“ ſprach Süßmilch ganz aufgebracht und ſtellte ſofort ſeine nicht eben beloh⸗ nenden aſtronomiſchen Beobachtungen ein.„Eine ſo gewiſſenloſe Mutter iſt mir noch gar nicht vorgekom⸗ men; die will mich der einzigen Tochter abtrünnig machen. O Sitten, Sitten, wie tief ſeid ihr hier und da geſunken!“ Wie oft auch der Factor ſpäterhin mit dem Te⸗ leſcope ſeinen zeitherigen Himmel durchſtöberte, ſo war er doch nie wieder ſo glücklich, ſein Ideal ausfindig zu machen. Immer erſchaute er nur die Frau Mut⸗ ter, deren Anblick und grobe Koketterie ihm nachgerade höchſt verhaßt wurden, ſo daß er endlich die Forſchun⸗ gen auf ſich beruhen ließ. Als Victor und Gamaliel nach einem Ausfluge in den Hafen in ihr Gaſthaus zurückgekehrt waren, fanden ſie eine ſchriftliche äußerſt verbindliche Einla⸗ dung zum Mittagseſſen in Eppendorf bei Herrn Sie⸗ becke und Comp. vor. Aber nicht blos die beiden Genannten waren geladen, dieſelbe Ehre wurde auch dem übrigen Kabul'ſchen Erbperſonal zu Theil, wel⸗ ches deshalb in faſt convulſiviſche Bewegung gerieth. Die Firma Siebecke und Comp. war berühmt in ganz Hamburg und es galt für eine nicht geringe Ans⸗ zeichnung, namentlich für Kleinſtädter wie Lagemann⸗ Zeiſig, Vetterlein, Süßmilch und Hanno, in einem ſo vornehmen Hauſe zu Gaſte gezogen zu werden, obwohl letzterer fortwährend renommirte, bei Fürſten und Grafen zu Mittag geſpeiſt zu haben. Die Hauptfrage des größten Theils der Geladenen betraf vor allen Dingen eine paſſende Garderobe. Faſt ſämmtliche Coſtüms der Niederroßlaer waren wohl auf eine ſtrapazirende Seereiſe, aber nicht für ein Erſcheinen in einem glänzenden Salon, wie der bei Siebecke und Comp. berechnet. Vetterlein hielt ſich noch für am Geborgenſten, denn er gedachte ſeines ſchwarzen Candidatenfracks, den er als weiſer Mann für alle Fälle ſeinem Felleiſen einverleibt hatte; Ga⸗ maliel ward von Victor ſtattlich und geſchmackvoll 3 * 33 ausſtaffirt; aber für die Uebrigen ſtand's ſchlimm. Am Uebelſten war unſtreitig Zeiſig daran, welcher einen hochweiſen Rath von Niederroßla repräſentiren ſollte und deſſen Exteurieur durchaus nicht zum Beſten be⸗ ſtellt war. In ſeinem waſſerdichten Coſtüm konnte er doch unmöglich bei Siebecke und Comp. ſeine Auf⸗ wartung machen, das ſah man allgemein ein, und gleichwohl erlaubten ſeine ſpärlichen Diäten, bei wel⸗ chen auf Garderobengelder nicht im Geringſten Rück⸗ ſicht genommen worden war, durchaus keine Extra⸗ ausgaben. Hanno, welcher in Garderobenangelegen⸗ heiten aus ſeiner Heldenlaufbahn her nicht ganz ohne Praxis war, ſchaffte endlich Rath. Er trieb einen Juden auf, welcher ein ganzes Bund ſchwarze Fracks von den verſchiedenſten Umfängen herbei hockte. „In einem ſchwarzen Fracke,“ erklärte der Hel⸗ denſpieler,„kommt man durch die ganze Welt. Auß die Beinkleider kommt weniger an; der Frack iſt Hauptſache, ohne ihn iſt ein Auftreten in der Geſell⸗ ſchaft nicht denkbar. Ich habe daher eine Parthie die⸗ ſes unentbehrlichen und unſchätzbaren Kleidungsſtücks in Entrepriſe genommen. Gegen ein angemeſſenes Aequivalent ein ich gern erbötig, Jedermänniglich zu befracken und nöthigenfalls auch ſonſt bei der Doilette behülflich zu ſein. Kleider machen Leute, dieſes Sprüchwort iſt in Kraft getreten, ſobald der Engel Adam und Eva mit dem feurigen Schwerte aus dem Paradieſe gejagt hatte. In Hamburg und nament⸗ lich in ſo einem vornehmen Hauſe, wie Siebecke und Comp. wird hauptſächlich darauf geſehn. Laſſet Euch das geſagt ſein, bedenket, daß die genannte Firma die Reiſegelder auszahlt und mit aller Aufmerkſam⸗ keit will behandelt ſein.“ Abſonderlich waren es die letzten Worte der Hanno'⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XVIiI. 3 3⁴ ſchen Rede, welche ihren Eindruck nicht verfehlten. Lagemann lag außerordentlich viel daran, ſich bei Siebecke und Comp. in Gunſt zu ſetzen; denn wer konnte wiſſen, ſo er das genannte Handelshaus nicht bei Gutem erhielt, ob Herr Siebecke dann geneigt war, die Ceſſion der Hanno'ſchen Erbquote anzuer⸗ kennen. Er machte daher wieder einen verzweifelten Ausfall auf das Gewiſſen des Rathsactuars, damit die⸗ ſer auf Koſten des Krokodills faſhionable Kleidung ſchaffe. Zeiſig befand ſich in verzweifelter Lage; auf der einen Seite hatte er den hartnäckigen Verſucher ab⸗ zuwehren, auf der andern ängſtete ihn das ſtandes⸗ gemäße Erſcheinen bei Siebecke. Der Wirth zur Stadt Magdeburg verfehlte nicht, die Einbildungskraft des Niederroßlaer Botſchafters durch Schreckbilder aller Art in Bangen und Angſt zu verſetzen. „Wenn wir nicht weltbürgerlich coſtümirt bei Siebecke erſcheinen,“ ſprach er,„ſo riskiren wir das Aeußerſte. Der gewaltige Kaufmann hält's für Ver⸗ nachläſſigung und Affrunt und iſt im Stande, uns und einem hochweiſen Rathe die goldne Beſtie trotz allen teſtamentariſchen Verfügungen vor der Naſe hin⸗ weg zu ſchnappen. Seine Verbindungen mit Kabul ſind vehement. Er hat dort mehr zu ſagen, als der Teſtator, welcher überdies ein todter Mann iſt. Wir müſſen hier nothwendigerweiſe die Wurſt nach der Speckſeite werfen, und nobel auftreten, unſerer hohen Miſſion, ſo wie dem großen Renommé Herrn Sie⸗ becke's würdig. Ein abgetragener Frack reicht hier nicht aus, ein Mittagseſſen bei Siebecke verlangt mehr.“ Kleinlaut erkundigte ſich Zeiſig, was wohl Alles benöthigt ſei und wie hoch ſich der desfallſige Koſten⸗ betrag belaufen möge. 35 „Frack, Hoſe, Gilet, Kaſtor,“ rechnete Lagemann, „Summa Summarum vierzig Reichsthaler; darunter getraue ich mir's nicht herzuſtellen.“ Zeiſig ſchauderte. Der Hotelier fuhr fort: „Eigentlich ſollten wir zwei als Diplomaten auch noch in ſchwarzſeidenen Strümpfen und Schuhen, letz⸗ tere wo möglich mit goldenen Schnallen, erſcheinen; die Diplomatie trampelt nicht in Cuiraſſierſtiefeln ein⸗ her, ſondern tritt fein leiſe auf, kaum hörbar; aber ich hoffe, daß es Herr Siebecke als aufgeklärter Mann ſo ſtreng nicht nehmen wird.“ Zeiſig wußte ſeinem Leibe keinen Rath. Lage⸗ mann that den Vorſchlag, die benöthigte Summe vor⸗ zuſchießen, wenn der Actuar als Entſchädigungsquan⸗ tum dem Krokodille ein Bein abſchlagen wolle.“ Bei Zeiſig empörte ſich alles Rechtsgefühl ob die⸗ ſes Vorſchlags; er wies daher Lagemann's Zumuthung trotz ſeiner bedrängten Lage entſchieden zurück. „Ich begreife aber nicht,“ ſprach der Attaché,„was Euch eine Pfote ſo an's Herz gewachſen iſt; das Beeſt behält ja immer noch deren genug. „Aber, mein Gott,“ erwiederte Zeiſig, ängſtlich und weinerlich,„ſie ſind nun einmal daran; wer kann dafür und Frepel wäre es, nur eine Klaue zu entwenden.“ „Wenn aber durch den Verluſt einer einzigen Pfote das geſammte Ungeheuer zu retten iſt, wie im gegenwärtigen Falle,“ gegenredete Lagemann;„ſchnei⸗ det man doch den Menſchen Arm und Beine ab, um Kopf und Rumpf zu erhalten, welch letztere doch immer die Hauptſachen bleiben.“ Trotz dieſer politiſch⸗mediciniſchen Beweisführun⸗ gen wollte der gewiſſenhafte Zeiſig von einer Opera⸗ 3 36 tion des Krokodills im Lagemann'ſchen Sinne noch immer nichts wiſſen. Der Magdeburger, im Geiſte fortwährend ſpeeu⸗ lirend, ſchlug dem Niederroßlaer Chargé d'Affaires einen andern Ausweg vor. Er verſprach ſich und den Actuar hoffähig zu machen und aus dem beſten Klei⸗ dermagazin zu equipiren, wenn ihm dieſer einen Theil ſeiner Krokodillquote abtrete. Zeiſig, von der Noth getrieben, zeigte ſich dieſem Vorſchlage nicht ganz ab⸗ geneigt, worauf Lagemann ohne eine Definitiverklä⸗ rung des Niederroßlaer Geſandten abzuwarten, un⸗ mittelbar nach der zunächſt gelegenen Kleiderhandlung eilte, von wo er alsbald beladen zurücktehrte. Er rechnete, daß wenn er Zeiſig die Kleider nur erſt an⸗ probirt habe, dieſer nicht mehr zurück könne und daß er alsdann ſeine Bedingungen nach Belieben ſtellen könne. So geſchah's auch. Lagemann kleidete den Actuar eigenhändig und mit vieler Dienſtbefliſſenheit an und gab auf die fortwährenden Anfragen, wie viel er(Zeiſig) von ſeinem Krokodillantheile ihn abtreten ſolle, die allezeit ausweichende Antwort:„Das findet ſich, guter Actuar.“ Rachdem der Letztere durch Lagemann's unglaub⸗ liche Behendigkeit ſo plötzlich vollkommen metamor⸗ phoſirt daſtand und der ſchlaue Magdeburger nicht er⸗ mangelte, in wahrem Hymenton das magnifique Ex⸗ terieur des Herrn Actuar zum Himmel zu erheben, ſo erwachte endlich auch in Zeiſig der alte Adam, der Actuar ward eitel. Lagemann ſchleppte in der ESile alle Spiegel zuſammen, die er aufzutreiben ver⸗ mochte, und ſein Lob des neuen Gewands erreichte eine excentriſche Höhe. Zeiſig wandelte nicht ohne Selbſtgefälligkeit vor den vortheilhaft geſtellten Spiegeln auf und ab; er 37 erkannte die große Wahrheit, daß Kleider Leute machen, in vollem Umfange an. Namentlich war es der un⸗ ermeßliche Buſenſtreif, der wie ein Schneegebirge auf ſeiner Bruſt empor ſtieg, welcher ſich ſeines beſondern Wohlgefallens zu erfreuen hatte. „Noch nie ſah ich einen ſchönern Mann,“ fuhr Lagemann, den Actuar fortwährend vom Kopf bis zum Fuße muſternd und hier und da die letzte Hand an⸗ legend, lobpreiſend fort;„noch nie war ein Diplo⸗ mat vortheilhafter coſtümirt. Den will ich ſehen, der vor dieſen majeſtätiſchen Frackſchößen, vor dieſer ge⸗ blumten Weſte, vor dieſem Matador aller Buſenſtrei⸗ fen nicht in tiefſter Ehrfurcht erſtarrt und in ſprach⸗ loſer Bewunderung aufſchaut.“ Je wohlthuender Zeiſig dieſe Hyperbeln berühr⸗ ten, um ſo mehr fühlte ſich der Actuar angetrieben, nach dem ungefähren Preiſe der trefflichen Kleidung von Neuem zu fragen; aber Lagemann ließ ihn nicht zu Worte kommen und fuhr fort: „Ich bin feſt überzengt, daß wenn Ihr in dieſem Koſtüm Eure Aufwartung dem Beherrſcher von Ka⸗ bul zu machen nicht verabſäumet, dieſer das ganze Teſtament zu Euren Gunſten über den Haufen wirft. Laßt Euch umarmen, geſegneter Actuar, als alleiniger Krokodillarius; ich kenne dann Euer Herz, welches ſich erinnern wird, wem es dieſes Glück zunächſt zu danken.“ Der gewiſſenhafte Zeiſig, welchem ſchon Angſt ward, er könne durch ſeinen Kleiderluxus ſeinen Col⸗ legen das Erbtheil ſchmälern, ſprach die beruhigende Ueberzeugung aus, daß ſich Seine Majeſtät von Ka⸗ bul, durch bloße Aeußerlichkeiten in ſeinem Gerechtig⸗ keitsſinne nicht werde irre machen laſſen. „Aber wolltet Ihr wohl, lieber Lagemann, mir 38 jetzt die Kaufſumme dieſes werthvollen Anzugs, die Ihr einſtweilen zu verlegen die Güte habet, endlich notificiren—“ „Wenn ich nicht ganz genau wüßte,“ fuhr Lage⸗ mann, ohne auf Zeiſig's Anfrage im Geringſten einzu⸗ gehen, apologiſtiſch fort,„daß Ihr der Rathsactuar von Niederroßla wäret, ich erkennte Euch nicht.“ „Ich liebe Ordnung und Pünktlichkeit in ſolchen Dingen—“ „Ein engliſcher Lord muß ſich verſtecken; dieſe edle Haltung, dieſe Tournure—“ „Es iſt um Lebens und Sterbens willen—“ „Siebecke und Comp. ſind weg, wenn Ihr mor⸗ gen erſcheint; wenn ich Alles ſo gewiß wüßte—“ „Ich hoffe, Ihr laßt Euch nicht unbillig finden—“ „In Hanno's Fracke wäret Ihr geliefert zeitlebens, ein Grabebitter iſt nichts dagegen. Ich muß mich ſelbſt loben ob der glücklichen Idee, Euch total zu metamorphoſiren—“ „Bagatelle für die Erhabenheit der Idee und den Habit obendrein, Ihr cedirt mir für hundert Duca⸗ ten Krokodillmaſſe; dann bezahl' ich ſelbſt noch das Trinkgeld für den Schneiderjungen, welcher die Klei⸗ der hergeſchafft hat.“ „Hundert Ducaten Krokodillmaſſe,“ hauchte der Actuar erſterbend,„guter Lagemann, Ihr beliebt zu ſcherzen!“ „Hundert Ducaten, was iſt das für einen Mann, der ein ganzes Sechstheil von dem goldnen Mino⸗ taurus ererbt; das ſind höchſtens ein paar Schuppen, gegen meine großartige Idee, Euch zu einem neuen Menſchen gemacht zu haben.“ Der Actuar ſah dies ein, aber gleichwohl erſchien ihm die verlangte Summe zu enorm. Er ſtand ſchon 39 im Begriff, auf den ganzen Anzug zu verzichten, als Lagemann fortfuhr:„Ihr müßt nur bedenken, daß Ihr in Euerer dermaligen Garderobe den Zweck der Reiſe vollkommen verfehlt. Glaubt Ihr, daß die Bewohner Kabuls nicht ebenfalls Ambition beſitzen, daß ſie wollen honorirt ſein und auf Etiquette und vorzüglich auf ſtandesgemäße Kleidung ſehen? Mir kann's gleich ſein, ob Ihr von meinem großmüthigen Darlehn Gebrauch machen wollt oder nicht, ich behalte mein Geld, und weiß was ich habe, beſſer iſt immer, ich habe, als ich hätte.“ In Zeiſig's Innerm kämpfte es gewaltig. Die Befürchtung, ohne Lagemann's Habit nicht durch die Welt zu kommen, ward immer gewiſſer, ſo daß er endlich nicht umhin konnte, auf das wucheriſche Ge⸗ ſchäft einzugehen. Seufzend ſtellte Zeiſig die Ceſſion aus, die der unchriſtliche Attaché ſogleich ſeiner Brieftaſche einver⸗ leibte, wo bereits die Hanno'ſche Anweiſung ſtak. Am folgenden Tage fuhren Nachmittags drei Uhr zwei elegante Equipagen mit betreßter Dienerſchaft vor, welche Herrn Siebecke und Comp. angehörten und beſtimmt waren, das Kabulheer und den jungen Mo⸗ rand, der Herrn Siebecke bereits brieflich bekannt, zum Diner nach Eppendorf zu transportiren. Bevor die Niederroßlaer mit ihrer Toilette zu Stande gekommen, hatte es einer enormen Zeit bedurft; der ganze Tag, von frühem Morgen an, war darauf gegangen. 40 Drittes Rapitel. Der Kauffahrteifahrer, welcher die Erbſchaar nach Bombay überſchiffen ſollte, war ein Engländer und hieß der Habicht. Der Kapitain nannte ſich John Bovens, der Schiffsarzt Dr. Barring und der Ober⸗ ſteuermann Hobhouſe. Die Kajüten der Paſſagiere waren mit möglichſter Bequemlichkeit und ſelbſt nicht ohne Luxus ausgeſtattet. Siebecke und Comp. hatten alle Sorge getragen, den Niederroßlaern die Meerfahrt ſo comfortabel wie möglich zu machen. Es waren denſelben drei Kajüten eingeräumt, zwei kleinere und eine größere. Von letzterer nahmen der Factor, der Quartus und Hanno Beſitz, während ſich in die gndern beiden Victor und Gamaliel und Zeiſig mit ſeinem Attaché Lagemann theilten Außerdem gab es noch einen Salon, der zum gemeinſamen Verſamm⸗ lungsorte, ſo wie zum Speiſelocale diente. Einige abſeitsliegende Paſſagierkajüten ſtanden noch leer, von denen es hieß, daß ihre Bewohner erſt in Cuxhafen an Bord kommen würden. Der Augenblick der Abfahrt rückte immer näher; noch erhoben ſich die Thürme Hamburgs in ſtolzer Majeſtät, noch tönte ringsumher das geräuſchvolle Le⸗ ben des Hafens; ſämmtliche Niederroßlaer, nachdem ihr Gepäck an Bord gebracht worden war, hatten ſich auf dem Verdecke verſammelt und ſchauten den An⸗ ſtalten zur Abreiſe zu, welche alle Matroſen in die eilfertigſte Bewegung ſetzte. Sie mußten ſich oft manchen Puff der Schiffsmannſchaft gefallen laſſen, wenn ſie zu unvorſichtig den mit Seilen, Segeln und Stangen beſchäftigten Arbeitern in den Weg kamen. ——— 41 Namentlich ward Lagemann ununterbrochen von der einen Seite des Verdecks zur andern gejagt, ſo daß er ſich endlich fluchend in die Kajüte flüchtete. Hier ſaß bereits Zeiſig in höchſt niedergeſchlagener Stim⸗ mung. Ihm war äußerſt weichlich zu Muthe, das Heimweh begann ſich ſeiner zu bemächtigen. „Ach,“ ſeufzte er für ſich,„ſäße ich doch lieber hinter meinem lieben Actentiſche auf dem Rathhauſe zu Niederroßla, oder nach überſtandener Expeditions⸗ zeit unter den kühlen Schießhauslinden bei einem Kruge Dünnbier.“ In dieſer trüben Gemüthsſtimmung war es ordent⸗ lich wohlthätig für Zeiſig, daß er in Lagemann einen Geſellſchafter bekam. Es war wenigſtens eine bekannte Seele aus dem Niederroßlaer Friedensthale, obſchon der Attaché für ſeine Perſon nichts weniger als für den Frieden geſtimmt war. Er ſchimpfte über alle Maßen auf die Matroſen, welche ihm ſo übel mitge⸗ ſpielt hatten und ſchwur, das Verdeck nicht eher wie⸗ der zu betreten, als bis es von den groben Unholden geräumt ſei. „Actuar,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wie wär's, wenn wir ein Fläſchchen ſelbander ausſtächen? Ihr ſcheint mir auch nicht der heiterſte und der Wein erfreut des Menſchen Herz. Vielleicht, daß ich die mannigfaltigen Püffe, ſo ich erhalten habe, und der Aerger darüber hinunterſpüle. Actuar, gebt Euerm Herzen einen Stoß, bedenkt, daß wir ſo jung nicht wieder zuſammen kommen.“ Zeiſig war, ſeine pecuniären Verhältniſſe in Ueber⸗ legung ziehend, im Geringſten nicht aufgelegt, auf Lagemann's Vorſchlag einzugehen; auch war ſeine melancholiſche Stimmung für's Poculiren gar nicht geeignet; der Attaché ließ indeß nicht nach, ſchaffte ſelbſt eine Flaſche Rothwein herbei und die Gläſer klangen an einander. „Das Krokodill ſoll leben!“ ſprach er, ſein Glas an den Mund bringend; aber in demſelben Augen⸗ blicke ertönte ein Kanonenſchuß, welcher das Signal zur Abfahrt gab, worüber der Attachs dermaßen er⸗ ſchrak, daß die Hälfte des Rothweins ſeiner Weſte zu Gute kam. Zeiſig, der ſehr an Kurzſichtigkeit litt, und wel⸗ chen der Donner nicht weniger erſchreckt hatte, glaubte im erſten Augenblicke, als er das purpurne Gilet Lagemann's gewahrte, derſelbe habe einen Blutſturz bekommen und ſchrie kläglich nach Hülfe. Das ener⸗ giſche Fluchen des Begoſſenen belehrte ihn indeß, daß die Lebensgefahr des Magdeburgers nicht gar zu groß war. „Wir wollen jetzt ein wenig friſche Luft ſchöpfen,“ ſprach Lagemann, nachdem er die Flaſche faſt allein ausgetrunken,„und uns umſchauen. Wir können gar nicht weit mehr vom Meere ſein.“ Der Actuar ſchauderte, wenn er an das Meer dachte, von welchem er ſchon aus früher Jugendzeit gehört zu haben ſich erinnerte, daß es keine Balken habe. Unterdeß wurden die Schwankungen des Schiffs immer beträchtlicher. Der Attaché, welcher ſich ſo eben auf dem Wege nach der Kajütentreppe befand, und welchem der Weindunſt auch keinen ſichern Halt⸗ punkt verlieh, verlor das Gleichgewicht und ficl di⸗ rectement auf den Bauch, wo er im Anfange ſich der ſchrecklichen Anſicht bingab, es hab' ihn der Schlag getroffen, weshalb er entſetzlich zu lamentiren begann. Zeiſig, auf's Höchſte erſchrocken und von Nächſtenliebe getrieben, wollte dem am Boden Liegenden zu Hülfe ſpringen, als er gleichfalls in's Schwanken gerieth und ¹3 unvermögend, ſich auf den Füßen zu erhalten, auf ſei⸗ nen Attaché zu liegen kam. „Mein Gott,“ ſeufzte Lagemann,„was fällt Euch ein und wie ſpielt Ihr einem Unglücklichen mit!“ „Ach,“ jammerte der zu oberſt Liegende, welcher ſchlechterdings nicht begreifen konnte, wie er ſo un⸗ verſehens zu Falle gekommen,„wir ſind gewiß ſchon auf dem hohen Meere und der Sturm iſt losgebrochen.“ „Das iſt aber nicht möglich, wir ſind ja kaum eine Stunde von Hamburg fort! Das müßte ja mit Siebenmeilenſtiefeln gegangen ſein.“ „Es wird leider nicht anders ſein,“ verſetzte Zei⸗ ſig, der zitternd auf des Magdeburgers Leichnam lie⸗ gen blieb, ohne die geringſte Anſtalt zu treffen, ſich wieder zu erheben. „Aber ſo ſteht wenigſtens auf, ich kann kaum ein Glied rühren.“ „Das Schwanken iſt ſo bedeutend,“ gegenredete Zeiſig,„daß man ſich auf eignen Füßen nicht zu er⸗ halten vermag.“ „Das mag Alles ſein, aber Ihr könnt mir doch nicht zumuthen, daß ich Euch zeitlebens als Matratze diene?“ Der Actuar ſah das Billige, das in dem Verlan⸗ gen ſeines Attaché's lag, vollkommen ein. Er richtete ſich alſo nicht ohne Mühe empor, und kam wieder auf ſeine Füße zu ſtehen; doch kaum war ihm dies ge⸗ lungen, als ein abermaliger Stoß ihn von Neuem zu Fall brachte; er fiel auf ſeine Hände und bildete die Figur eines vierfüßigen Thieres. Lagemann, welcher ſich unterdeß an allen Theilen ſeines Körpers betaſtet und die erfreuliche Entdeckung gemacht hatte, daß er diesmal vom Schlage noch ver⸗ ſchont geblieben, ward ſogleich wieder übermüthig. 44 Er erblickte Zeiſig in unmittelbarer Nähe neben ſich und ſprach:„Ihr ſtürzt ja wie ein Nußſack einmal über das andere; ich begreife nicht, wie Ihr Kabul erreichen wollt, ſo Ihr ein Glas Wein nicht vertra⸗ gen könnt.“ „Ich bin die Nüchternheit ſelbſt,“ bethenerte der Actuar,„wer kann für Seeſturm.“ „Was da Seeſturm,“ behauptete Lagemann.„kein Lüftchen rührt ſich. Das müßte mit ſonderbaren Dingen zugehen, wenn man nicht aufrecht ſtehen könnte.“ Er richtete ſich ſofort mit Mühe empor, doch kaum glaubte er das Gleichgewicht gefunden zu haben, als ein abermaliger Ruck des Schiffs ihn in dieſelbe Stel⸗ lung warf, in welcher ſich Zeiſig befand. Der Actuar, welcher den neuen Fall hörte, drehte den Kopf und erblickte ſeinen Attaché gleichfalls auf allen Vieren poſtirt. „Es iſt keine Möglichkeit, aufrecht zu ſtehen,“ ſprach Lagemann,„ſolche Stöße verträgt kein Menſch. Das wirft ein Vieh um.“ „Ich mein's auch,“ erwiederte der Actuar. „Wir wollen bis zur Kajütentreppe vorkriechen,“ ſchlug Lagemann vor,„vielleicht daß die von oben hereindringende Luft uns ſtärkt.“ Zeiſig pflichtete Beifall und man trat auf Händen und Füßen ſich vorwärts bewegend die Wanderung an. Unterwegs ſprach der Attaché:„Eite Seereiſe iſt doch mit großen Widerwärtigkeiten verknüpft. Wer weiß, wie es mit unſeren übrigen Landsleuten und Reiſegefährten ſteht. Wenn die auf dem Verdecke ge⸗ blieben ſind, hat ſie der Sturm unfehlbar in's Meer geſchleudert. Es war ein guter Gedanke von mir, daß ich Euch zum Weintrinken animirte. Ihr wäret — 45 höchſt wahrſcheinlich gleichfalls hinaufgeklettert und läget im Meere. Wollet das bedenken, Actuar!“ Zeiſig war bemüht, das Gegentheil zu behaupten, aber Lagemann ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Mein Gott, ſchweigt!“ ſprach er,„es unterliegt keinem Zweifel, Ihr wäret längſt über Bord, ſo ich Euch nicht durch Wein an die Kajüte gefeſſelt. Ihr könnt mich getroſt als den Erretter Eures Lebens be⸗ trachten. Wollet das wohl beherzigen, Actuar!“ Unter dieſem Zwiegeſpräch waren die beiden Vier⸗ füßler an der Treppe, welche nach dem Verdeck führte, wohlbehalten angelangt. „Hier geht's hinauf,“ ſprach der Attaché,„Actuar, wie iſt Euch?“ „Gar nicht zum Beſten,“ ſeufzte dieſer,„wenn ich bedenke, daß ich bis nach Kabul ſo fortkriechen ſoll.“ „Das ſollt Ihr nicht,“ belehrte Lagemann,„der Menſch gewöhnt ſich mit der Zeit an Alles. Zuletzt iſt's ihm egal, ob er auf dem Lande oder Schiffe lebt.“ „Aber wir ſind ſchon zu bejahrt,“ gab Zeiſig mit Trauer zu bedenken,„als daß wir dergleichen Stra⸗ pazen lange aushalten ſollten. Ich bin wie zerſchla⸗ gen und es iſt mir auch ſonſt gar nicht recht.“ „So?“ verſetzte Lagemann,„bei mir findet juſt das Gegentheil ſtatt, ich fühle Rieſenkraft in meinen Muskeln. Freilich, Ihr waret von jeher kein Held. Ich wünſche Niemand etwas Böſes, aber daß Ihr Kabul nicht erreicht, wenn ich Alles ſo gewiß wüßte—“ Zeiſig ſtieß hier einen außerordentlichen Seuf⸗ zer aus. „Es wäre daher nur eines weiſen Mannes wür⸗ dig,“ fuhr Lagemann fort,„wenn Ihr für den Fall Eures Todes mir die Vollmacht ausſtelltet, an Eurer Statt das Krokodill zu erheben.“ Dem Actuar ward bei dem fortwährenden Schwan⸗ ken immer unwohler. Es überkam ihm ein Gefühl⸗ wie er nie empfunden zu haben ſich erinnerte. Schon vermochte er keine Antwort mehr zu geben. Lagemann, welcher aus Zeiſig's Schweigen ſchloß, daß dieſer hinſichtlich einer Vollmacht vollkommen ein⸗ verſtanden ſei, fuhr im dunkeln Schiffsraume fort, dem Niederroßlaer Rathsbotſchafter leidenſchaftlich zu⸗ zuſetzen. „Ihr verdient einen wahrhaften Gotteslohn,“ ſprach er,„wenn Ihr ſo bald als möglich an's Werk geht, ich werde für Feder, Tinte und Papier ſorgen. Wir ſind Alle ſterblich—“ Der Actuar fühlte das Inhaltreiche dieſer letztern Worte nie inniger, als in ſeinem gegenwärtigen Zuſtande. „Noch vor dem Mittagseſſen,“ fuhr der Attaché fort,„wollen wir das Inſtrument aufſetzen.“ Der Gedanke an das Mittagseſſen erfüllte den Actuar vollends mit Grauſen. Lagemann, der im Stillen bereits berechnete, wie viele Prozente vom Krokodille ihm bei Zeiſig's Ab⸗ leben wohl zufallen könnten und der ſogar nicht übel Luſt hatte, das ganze Ungethüm zu unterſchlagen und in ſeinem Nutzen zu verwenden, ward auf eine hochſt merkwürdige Weiſe in ſeiner innern Specutation un⸗ terbrochen. Am obern Eingange der Kajütentreppe zeigte ſich nämlich ein langer dunkler Gegenſtand, der plötzlich mit ſeltener Rapidität die Stufen herabfuhr und auf den ſpeculativen Lagemann zu reiten kam. Es war Niemand anders als der Factor Süßmilch, welcher 47 es vermöge ſeiner langen Beine auf dem ſchaukelnden Verdeck nicht länger auszuhalten vermochte und in dem unteren Schiffsraume Schutz ſuchte. Zufällig rutſchte er auf der oberſten Stufe aus, welches ſeine ſo urplötzliche Hinabfahrt und ſeinen originellen Sitz auf Lagemann's Rücken zur Folge hatte. „Alle Wetter,“ ſchrie letzterer,„welches Ungethüm reitet denn auf mir?“ Süßmilch, der trotz der eurioſen und überraſchen⸗ den Fahrt nicht alle Beſinnung verloren hatte, er⸗ wiederte:„Ich bin es.“ „Da weiß ich ſo viel wie zuvor,“ meinte der als Rappe fungirende Lagemann. „Der Factor Süßmilch,“ gab jetzt der Reiter nähere Auskunft. „Wer heißt Euch zum Teufel auf mir reiten?“ „Die Allgewalt der Umſtände, guter Lagemann, ich bin an der Herabfahrt ſo wie an dem Ritte ſo unſchuldig wie ein neugeboren Kind.“ „Aber nicht ſo leicht wie ſolch ein Wurm, das ſpür' ich,“ replieirte Lagemann,„ich wette, Ihr habt mir Schaden gethan, das kann Euch theuer zu ſtehen kommen. Wenn Ihr mich zum Krüppel geritten, lege ich ſofort Beſchlag auf Euer Kabul'ſches Erbtheil.“ Der Factor erſchrak bei dieſen Worten dermaßen, daß er wie verſteinert auf dem Magdeburger ſitzen blieb. Dieſer ſchrie verzweifelt: „So ſteigt zum Satan endlich von mir herunter! Bin ich denn verdammt, heut' aller Welt zur Unter⸗ lage zu dienen?“ Dieſe energiſchen Worte ſattelten den Reiter ab. Lagemann ſchöpfte friſchen Athem, als neues Unge⸗ mach von oben über ihn hereinbrach. Ein triefendes Gewand flog herab, welches den Attaché total über⸗ 48 deckte, ſo daß er eine Zeit lang weder Etwas ſah noch hörte. Zu gleicher Zeit kam Hanno die Kajüten⸗ ſtiege fluchend herabgeklettert. Dieſer hatte bisher in ſeinem Carbonari gewickelt und maleriſch an die eine Bruſtwehr gelehnt allen Schwankungen des Schiffs kühnlich Trotz geboten. Er träumte ſich nämlich in die Stelle des Hannibal, wie dieſer, Italien, die Wiege ſeines Ruhms, verlaſſend, unter Verwürſchungen nach ſeinem Vaterlande zurückkehrte. Plötzlich ward aber ſeine Hannibalsrolle auf ziemlich unbequeme Art un⸗ terbrochen. Eine Welle ſchlug über Bord und weichte den Heldenſpieler bis auf die Haut ein. Dieſer ſuchte jetzt in's Trockene zu kommen und flüchtete nach der Kajütenthür. Da die Stiege, welche von hier nach den untern Räumen führte, zu ſchmal war, um mit dem Carbonari bequem hinabſteigen zu können, ſo warf er den Mantel voran. Dies war alſo das naſſe Gewand, welches Lagemann auf eine Zeit lang Hören und Sehen benahm. Der Heldenſpieler, wel⸗ cher ſeinem vorangeflogenen Mantel folgte, erhöhte die am Fuße der Kajütentreppe entſtandene Verwickelung um Vieles. Er griff im Dunkeln vor allen Dingen nach ſeinem Carbonari, in welchem ſich aber der un⸗ glückliche Lagemann bereits dermaßen verfangen hatte, daß er von Hanno an einem Beine mit in die Höhe gezogen wurde. Der Attachs ſchrie Zetermordio, aber es klang nur dumpf, weil das Gewand den Schall dämpfte. Der Heldenſpieler, welcher im Anfang nicht an⸗ ders vermeinte, als es wolle ſich ein Anderer ſeines rechtmäßigen Eigenthums bemächtigen, zerrte mit einer Vehemenz am Carbonari, daß er den wie in einem Zaubermantel verwickelten Magdeburger faſt das rechte Bein ausrenkte. Letzterer begann jetzt zu brüllen, 49 und Hanno ahnte den Zuſammenhang. Er erkannte Lagemann's Stimme und beſchloß ſogleich, die präch⸗ tige Gelegenheit nicht unbenutzt zu laſſen, um an dem verhaßten Magdeburger einmal ungeſtraft ſein Müthchen zu kühlen. Er gedachte der zahlloſen De⸗ müthigungen, die er ſich in Niederroßla von der Hab⸗ fucht Lagemann's hatte gefallen laſſen müſſen; wie manchen Aerger und Groll er gezwungen geweſen ein⸗ zuſchlucken. Diesmal konnte er urkräftige Rache neh⸗ men, denn der Verhaßte lag wie in einen Knäuel gewickelt wehrlos zu ſeinen Füßen. Der Heldenſpieler gab ſich alſo das Anſehen, als betrachte er den Emballirten für einen Dieb ſeines Mantels, ohne zu ahnen, wer wohl darin ſtecken könne. Demzufolge erhob er ein gräßliches Donner⸗ wetter und ein wahrer Strom von Flüchen und Schimpfworten ging aus ſeinem Munde, welche fämmtlich gegen den Mantelinſaſſen gerichtet waren und dieſem den Untergang ankündeten. Zu gleicher Zeit begann von Seiten des Heldenſpielers ein merk⸗ würdiges Kneten, Puffen und Stoßen, ordentlich me⸗ thodiſch wie in einem türkiſchen Bade; denn glaubte Hanno mit der einen Seite fertig zu ſein, wandte er den bereits halbtodten Klumpen um und die Arbeit begann von neuem. Während deſſen entfloß folgende abgebrochene und berechnete Rede ſeinem Munde: „Wart', Du verdammter Bootsknecht, ich will Dir Deinen Diebsſinn austreiben! Es iſt gut, daß man mich vor Dir gewarnt hat. Wie, kaum hab' ich das Schiff betreten und ſchon willſt Du mich beſtehlen? Ei, Du Hallunke! Wart, ſobald ich Dich hinlänglich gegerbt habe, überliefere ich Dich Deinem Herrn, dem Capitain, welcher Dich kielholen wird. Er iſt es Stolle, ſämmtl. Schriften. Xv11. 4 50 meinen ſämmtlichen Landsleuten und Reiſegefährten ſchuldig, daß er an Dir ein Exempel ſtatuirt.“ Lagemann vernahm im Anfang die von zahlrei⸗ chen Püffen begleiteten Worte des Heldenſpielers und erkannte mit Entſetzen, in welchem für ihn ſo un⸗ glücklichen Irrthum Hanno ſich befand. Er ſtrengte daher ſeine letzten Kräfte an, ſeinen Peiniger die Au⸗ gen zu öffnen und zu beweiſen, daß er nicht der die⸗ biſche Bootsknecht, ſondern der Wirth zur Stadt Magdeburg ſei; aber der Heldenſpieler war viel zu eifrig mit Prügeln beſchäftigt, als daß er auf die überdies höchſt unverſtändlichen Reclamationen Lage⸗ mann's hätte Rückſicht nehmen ſollen. Er fuhr in ſeiner Lohgerberarbeit unermüdlich fort und ließ von dem unglücklichen Attaché nicht eher ab, als bis dieſer keinen Arm mehr zu rühren im Stande und es im Innern des Carbonari bedenklich ſtill geworden war. „Ganz todt will ich ihn nicht ſchlagen,“ ſprach Hanno zu ſich,„obſchon es die Canaille verdient hätte; ich vernehme keinen Laut mehr, er dürfte vor der Hand genug haben.“ Mit dieſen Gedanken begann er den Carbonari zu ſchütteln, wo denn endlich der halbtodte Lagemann herausſiel. Der Gemißhandelte lag am Boden und rührte ſich nicht. „Jetzt ſoll Dich erſt der Capitain in's Gebet neh⸗ men,“ ſprach Hanno, noch immer den Unwiſſenden ſpielend,„ich gehe ihn zu holen.“ Der Heldenſpieler entfernte ſich, aber nicht um John Bovens zu requiriren, ſondern um ſich nach einem Kruge Waſſer umzuſehen, denn der Magdebur⸗ ger ſchien wirklich mehr todt als lebendiß. Hanno kehrte alsbald mit einem mit Waſſer gefüllten Waſch⸗ becken zurück, welches er ohne Umſtände dem Halb⸗ ohnmächtigen über den Kopf ſchüttete. In Folge dieſer hydropathiſchen Kur kehrte Lage⸗ mann in's Leben zurück, war aber nicht im Stande, ein Glied zu rühren. Er ächzte und ſeufzte erbar⸗ mungswürdig. Der Factor, welcher lange nicht hatte in Erfahrung bringen können, welcher hölliſche Kobold über den unglücklichen Lagemann gekommen, denn er hatte in der Dunkelheit nur die ununterbrochenen Püffe und des Magdeburgers entſetzliches Lamento vernommen, wagt ſich jetzt, nachdem es ſtiller geworden, mit einer brennenden Laterne hervor, die er in ſeiner Privat⸗ kajüte angezundet, und gewährte der tragiſchen Scene eine eigenthümliche Beleuchtung. Da lag der unglückliche Lagemann, ausgeſtreckt auf dem Boden, ſo lang er war, und ſchien von Gott und Welt nichts mehr wiſſen zu wollen. Zeiſig, be⸗ reits von der Seekrankheit ergriffen, war in einen Winkel gekrochen und befand ſich in einem eben ſo verzweifelten Zuſtande. Unwohlſein und Todesangſt ſchüttelten abwechſelnd ſein Gebein. Sein Untergang war ihm noch niemals ſo gewiß geweſen, wie diesmal. Entweder, dachteger ſchaudernd bei ſich, du würgſt dich ſelber zu Tode oder wirſt gewürgt, wie gegen⸗ wärtig der unglückliche Lagemann, der ſo eben unter Mörderhand ſeufzte. Zeiſig glaubte in allem Ernſte, das Schiff wäre von Seeräubern erobert, welche nun maſſacrirten nach Herzensluſt. Nachdem Süßmilch mit der Laterne den Ort des Schreckens näher beleuchtet hatte, ereignete ſich eine große Scene. Der Heldenſpieler machte nämlich die Entdeckung, daß er ſtatt des diebiſchen Bootstncchts Lagemann ſo übel mitgeſpielt hatte. 4* „Was Teufel, Lagemann, ſeid Ihr's?“ rief er im Tone des höchſten Erſtaunens,„ich habe Euch wahrhaftig für einen ganz andern gehalten. Ei, das thut mir leid, da ſeid Ihr einmal recht unverſchuldet zu einer Tracht Schläge gekommen.“ „Mörder,“ hauchte der Attaché erſterbend und wandte den Kopf abwärts. Die Scene würde von hoher Tragik geweſen ſein, wenn nicht in demſelben Augenblicke, als Lagemann das pathetiſche Wort „Mörder“ hauchte, beim Actuar im Winkel die See⸗ krankheit zum Ausbruch gekommen wäre. Bei dem neuen ſeltſamen Geräuſch, welches die Zeiſig'ſchen Eruptionen hervorbrachten, hielt der Fae⸗ tor die Laterne höher und man konnte nun die ganze Wahlſtatt überſchauen, auf welcher die Geſandtſchaft des hochweiſen Raths⸗zu Niederroßla ausgeſtreckt lag. Hanno legte jetzt ſelbſt Hand an, den halbtodten Wirth zur Stadt Magdeburg nach ſeiner Kajüte zu ſchaffen, auch trug er Sorge, daß dem Actuar der bei Seekrankheiten unentbehrliche Napf gereicht wurde. Während ſolche Mordgeſchichten im Innern des Schiffs ſich zutrugen, waren Victor und Gamaliel nicht vom“ Verdeck gekommen. Die Beiden konnten ſich nicht ſatt ſehen, wie die grünen Ufer immer wei⸗ ter zurücktraten, die Elbe ein meerartiges Anſehen gewann und die Wellen immer höher ſchlugen. Die zahlreichen Kauffartheifahrer, welche den günſtigen Wind benutzend, ebenfalls im Hamburger und Alto⸗ naer Hafen die Anker gelichtet hatten, gewährten ein herrliches Schauſpiel. Der Habicht überholte eine Brigg und einen Schvoner nach dem andern, ſo daß er endlich die geſammte Hamburg⸗Altonaer Flotte im Rücken hatte und alle Segel entfaltend, ſtolz voran⸗ rauſchte. — 53 Jetzt erſt, nachdem er ſich an der Spitze aller anderen Schiffe ſah, ließ John Bovens mit Poltern und Commandiren nach; ſein mürriſch Geſicht nahm eine zufriedene Miene an und die Hände auf dem Rücken und die Cigarre im Munde ſchaute er nicht ohne Wohlbehagen, wie alle ſeine Herren Collegen hinter ihm zurückblieben. Er ward jetzt auch geſprä⸗ chiger und war ſo artig, den jungen Morand und Gamaliel auf eine Flaſche Conſtantiawein in ſeine Kajüte einzuladen. Mit vielem Vergnügen nahmen die Genannten die Einladung an und bald befand man ſich in dem geräumigen und außerordentlich com⸗ fortabel eingerichteten Cabinete des Schiffführers, wo man an einem ſauber ſervirten Tiſche Platz nahm, welcher an dem einen Kajütenfenſter angebracht war, und von wo man einer freien Ausſicht über die un⸗ geheure Waſſerfläche genoß. Der Conſtantia funkelte und duftete, und die ſauber geſchliffenen Gläſer klan⸗ gen an einander auf das Wohl des gaſtlichen Wirths. Sir John's Geliebte war die dampfende Punſch⸗ bowle oder auch eine ächte Havanna⸗Cigarre. Immer majeſtätiſcher erhoben ſich draußen die grünen Wellen. Der Himmel war trübe; von Zeit zu Zeit vernahm man vom Verdecke her die Stimme des Oberbootsmanns, welcher den in dem Tauwerke hangenden Matroſen Befehle zurief. Auf dem Ver⸗ decke befand ſich von den Erbfahrern Niemand als Vetterlein, der ſich fortwährend übte, mit ſeinen klei⸗ nen Beinen von einer Bruſtwehr zur andern zu lau⸗ fen, um ſich an die Schwankungen des Schiffs zu gewöhnen. Dabei plagte er fortwährend den Ober⸗ bootsmann, oder wer ihm in den Weg kam, um den Namen dieſes oder jenes Orts, der ſich an den Ufern 5⁴ der Elbe zeigte, welche er ſorgfältig in ſeine Brief⸗ taſche notirte. „In Cuxhafen,“ ſprach Sir John unter Anderm, „werden wir eine ziemlich ſonderbare Geſellſchaft an Bord bekommen, auf die ich wirklich neugierig bin; einen todten Braminen und deſſen lebendige Frau, die mit dem Leichnam ihres vor Kurzem auf einer Reiſe durch Europa verſtorbenen Ehemannes nach In⸗ dien zurück will, um denſelben daſelbſt zu verbrennen und, wie man ſagt, ſich desgleichen, wie es der gute Ton bei den Hindufrauen verlangt. Der Schutzherr dieſes halblebendigen und halbtedten Ehepaars iſt ſeltſamerweiſe ein Türke, ein vertrauter Freund des Verſtorbenen, welcher in der Gegend von Delhi ſeß⸗ haft und den Braminen auf ſeinen Reiſen fortwährend begleitete. Die Dienerſchaft wiederum beſteht aus zwei Negern aus Senegambien, Tohu und Bohu mit Na⸗ men. So wenigſtens beſagt mein Schifferbuch. Zu⸗ gleich wird darin anbefohlen, die Wittwe mit der möglichſten Aufmerkſamkeit zu behandeln, da ſie einen enormen Ueberfahrtspreis bezahlt hat; auch ſoll Herr Abdullah, ſo heißt der Moslem, die Frau ſeines ver⸗ ſtorbenen Freundes mit dem eiferſüchtigen Auge eines Liebhabers bewachen und in dieſem Punkte durchaus keinen Spaß verſtehen.“ „Das kann eine höchſt intereſſante, aber auch eben ſo langweilige Sache werden,“ meinte Viector. „Wie angenehm es iſt, eine Meerfahrt in Geſellſchaft einer intereſſanten Dame zu machen, um ſo ennuyan⸗ ter iſt es, wenn dieſelbe beſtändig von Argusaugen bewacht wird, ſo daß man ihr nicht nahen darf.“ „Die Wittwe iſt wohl ſehr ſchön?“ frug Ga⸗ maliel. „Iſt mir dermalen noch völlig unbekannt,“ erwie⸗ 55 derte Sir John,„denn im Schifferbuche ſteht nichts darüber. Auch bezweifle ich, ob wir darüber je in's Klare kommen dürften; ſie wird wohl mehr als einen Schleier übergezogen haben, wenn ſie ſich ja einmal öffentlich ſehen läßt.“ „Wiſſen denn die übrigen Paſſagiere,“ erkundigte ſich Victor,„von den neuen Reiſegeſellſchaftern? Es wäre wohl wünſchenswerth, ſie gleichfalls über die Eigenthümlichkeit dieſer Leute in Kenntniß zu ſetzen, damit nicht etwa einer unſerer guten Niederroßlaer in Gefahr läuft, mit Herrn Abdullah feindlich zu⸗ ſammen zu treffen.“ „Ich bin ſo eben im Begriff, die Herren darüber in Kenntniß zu ſetzen.“ Er begab ſich, von Gamaliel und Victor gefolgt, nach der Salonkajüte. Hier ſah es ziemlich trübſelig aus. Hanno lag auf einem der Divans lang ausgeſtreckt und ſchnarchte nach Herzens⸗ luſt, während der Factor, ſich über alle Maßen lang⸗ weilend, in einer gegenüber befindlichen Ecke ſaß. Nur Vetterlein war auf den Füßen und damit beſchäftigt, die Notizen, welche er über die zahlreichen Kirchthürme auf der Reiſe daher auf ſeine Pergamenttafel verzeich⸗ net, vermittelſt ſchwarzer Tinte in ſein Tagebuch über⸗ zutragen und zu verewigen. Zeiſig und der Attaché waren gar nicht anweſend. Sie befanden ſich in der bejammernswertheſten Lage in ihrer Separatkajüte, der erſtre mit den Wirkungen der Seekrankheit kämpfend, der andere an den zahl⸗ reichen Püffen des Heldenſpielers laborirend. Beide klagten ſich von Zeit zu Zeit ihre Noth. Die Ankunft des Capitains brachte etwas Leben in den Salon. Hanno ward geweckt, der Factor kam aus ſeinem Winkel und Vetterlein war ganz Ohr. Man vernahm mit vielem Intereſſe die Mähr 56 von der ſeltſamen Reiſegeſellſchaft. Sir John ſchärfte wiederholt die Verhaltungsmaßregeln ein, welche man gegen dieſe Aſiaten und Afrikaner zu beobachten habe und hob hauptſächlich das Verbot hervor, die Bra⸗ minin auf irgend eine Art zu beläſtigen, weil man ſich außerdem großer perſönlicher Gefahr ausſetze, da die Eiferſucht der Türken eine bekannte Sache ſei. Zugleich erhielt der Factor den Auftrag, den Actuar ſo wie Lagemann mit dem Stande der Dinge bekannt zu machen. Vetterlein betheuerte feierlich, daß er dem Herrn Abdullah keine Veranlaſſung zur Eiferſucht geben werde; auch Süßmilch verſprach Mäßigung und Ent⸗ haltſamkeit; nur bei Hannv war's nicht ganz tichtig. Er nahm ſich feſt vor, bei erſter Gelegenheit der Braminin unter den Schleier zu gucken und erklärte dies, nachdem ſich der Capitain entfernt hatte, laut. „Sehen muß ich ſie,“ ſprach er,„und wenn der Großſultan mit allen Muſelmännern Wache hielte; vielleicht läßt ſich ſelbſt ein intereſſanter Liebeshandel anſpinnen. Das wäre kein übler Zeitvertreib auf der Meerfahrt, die mir nachgrade ennuyant wird.“ Vetterlein und der Factor konnten die Courage des Heldenſpielers nicht genug bewundern. „Nein,“ verſetzte Vetterlein, indem er ſich aus Süßmilch's Doſe eine Priſe nahm,„das wäre meine Paſſion nicht, mich mit ſolch' einem wildfremden Frauenzimmer einzulaſſen. Man weiß da nie, wie weit man gehen ſoll, und wie leicht kann man mit dem eiferſüchtigen Türken in unangenehme Berührung kommen.“ „Vor mir hat die Braminin Ruhe,“ erklärte der Factor,„und wäre es die Prinzeſſin Turandot in 57 hoher Perſon. Es iſt mit ſolchen Leuten nicht gut Kirſchen eſſen.“ Hanno belächelte die kleinbürgerlichen Anſichten des Quartus und des Factors. „Freilich,“ meinte er,„in der Liebe muß man etwas wagen. Ehe man ſich's verſieht, kann man den Dolch des eiferſüchtigen Türken zwiſchen den Rippen haben; doch darin beſteht eben der ſüße Reiz, der Zauber.“ „Wo hier der ſüße Reiz und Zauber zu ſuchen iſt, meinte Vetterlein kopfſchüttelnd,„wenn man ſo unverſehens angebohrt wird, begreife ich ſchlechter⸗ dings nicht.“ „Ich auch nicht,“ geſtand der Faector. „Hancta simplicitas,“ lachte Hanno,„der Zauber ruht eben in der Gefahr; die ſüßeſten Früchte der Liebe gedeihen nur am Abgrunde, wo man ſie mit Gefahr des Lebens pflücken muß.“ „Das ſind überſpannte Anſichten,“ ſprach Süß⸗ milch. „Ja wohl, im höchſten Grade überſpannt,“ fügte der Quartus hinzu. Dem Heldenſpieler, den es ärgerte, daß ſich die Proſa ſeiner beiden Erbeollegen zu ſeiner poetiſchen Anſchauung nicht zu erheben vermochte, ward ſehr abſprechend. „Mit ſolchen verwahrloſten, unglücklichen Geſchö⸗ pfen, wie Ihr,“ verſetzte er,„denen nie jener beſeli⸗ gende Glockenton, ſo man Liebe nennt, erklungen, deren winterödes Herz nie von einem Strahle dieſer Weltenſonne erwärmt worden iſt, läßt ſich über einen ſo erhabenen Gegenſtand allerdings nicht risputiren.“ Vetterlein und Süßmilch, welche in Betracht des Mundwerks und Phraſenthums dem Heldenſpieler kei⸗ neswegs gewachſen waren, glaubten ſich gegen Han⸗ no's Inſinnationen nicht beſſer revangiren zu können, als wenn ſie ſeine erotiſchen Abſichten auf die Bra⸗ minin geradezu für unmoraliſch und als dem Chri⸗ ſtenthum für zuwider erklärten. Vetterlein ging noch weiter und citirte das alte Teſtament, wo Moſes ausdrücklich geſagt habe:„Du ſollſt nicht begehren deines Nächſten Weib u. ſ. w.“ Jetzt ward der Heldenſpieler freigeiſtiſch und lä⸗ chelte mitleidig.„Beſchränkte Schulanſichten,“ ſprach er,„was geht mich das alte und das neue Teſtament an! Die Vernunft, welche nicht am todten Buchſta⸗ ben klebt, iſt mein Leitſtern. Die Vernunftreligion iſt die einzig wahre, und die ſagt mir andere Dinge, als in der Bibel ſtehen.“ Vetterlei und Süßmilch, beides ſtrenggläubige Chriſten, ſchauderten ob ſolcher frivolen Anſichten. Der Quartus ließ ſich's hauptſächlich angelegen ſein, dem Freigeiſt in's Gewiſſen zu reden. Er mahnte den Heldenſpieler an das Sterbeſtündlein und gab ſich viel Mühe, ihn zu bekehren. Hanno blieb indeß ſehr gefaßt und begann endlich zu gähnen. „Was das Sterbeſtündlein anlangt,“ ſprach er, „ſo muß man's abwarten, vor der Hand will ich mein Schlafſtündlein abhalten, in welchem mich der Capitain geſtört hat. Es geht nichts über die Be⸗ quemlichkeit.“ Mit dieſen Worten kehrte er zu ſeinem Kajüten⸗ divan zurück, wo er ſich mit vielem Behagen ſo lang als möglich ausſtreckte. Der Factor flüſterte dem Quartus achſelzuckend in's Ohr:„'s iſt ein Comödiant.“ „Wahr, wahr!“ ſeufzte Vetterlein. Süßmilch begab ſich jetzt nach der diplomatiſchen 59 Kajüte, wo die Niederroßlaer Rathsgeſandtſchaft her⸗ bergte, um ſich ſeines Auftrags wegen der Braminin zu entledigen. Bevor er eintrat, hatte ſich zwiſchen Lagemann, der wieder etwas zu ſich gekommen, ob⸗ ſchon er kein Glied zu rühren vermochte, und Zei⸗ ſig, der fortwährend an der Seekrankheit litt, fol⸗ gendes Geſpräch entſponnen. Lagemann. Actuar! Keine Antwort. Lagemann(nach einer Pauſe). Rathsactuar! Zeiſig(giebt nur durch einen Seufzer zu erkennen, daß er den Ruf vernommen). Lagemann. Was hat denn eine weiſe Geſetz⸗ gebung für eine Strafe auf denjenigen Verbrecher ge⸗ ſetzt, der einen unſchuldigen Menſchen halb zu Tode pufft und ſtößt? Denkt einmal nach, Actuar, und theilt mir Eure Anſicht mit. Zeiſig(it gepreßter Stimme). Ein verwickel⸗ ter Fall. Lagemann. Ich finde hier gar nichts Ver⸗ wickeltes. Das Verbrechen kann gar nicht klarer am Tage liegen. Was ſteht für eine Strafe darauf? Zeiſig(chzt und giebt keine Antwort). Lagemann(nach einer Pauſe, während welcher er auf Antwort gewartet). Welche Strafe, Actuar? Denkt doch ein wenig nach! Zeiſig(fortwährend ächzend). Lagemann. Aus Euerm ewigen Geächze werd ich nicht klug. Seid ein Mann! Zeiſig. Ich— kann— nicht. Lagemann. Narrenspoſſen! Der Menſch viel, wenn er will. Zeiſig. Ich nicht! 60 Lagemann. Iſt denn ein ähnlicher Fall in Eurer Praxis nie vorgekommen? Zeiſig. Wüßte nicht. Lagemann. Befinnet Euch nur. Ich dächte, an Prügeleien zu Niederroßla wäre nie Mangel ge⸗ weſen, namentlich zur Kirmeßzeit. Zeiſig. Unterſchiedliche Mal. Lagemann. Alſo wie ſtrafte das Gericht den Miſſethäter? Zeiſig(vermag wegen einer abermals nahenden Ka⸗ taſtrophe der Seekrankheit keine Antwort zu geben). Lagemann. Das iſt wahr, ein miſerablerer Rechtsanwalt iſt mir noch nicht vorgekommen. Ac⸗ tuar, ſo gebt doch Antwort!(Bei Zeiſig kam ſo eben die Kataſtrophe zum Ausbruche und zwar auf ziemlich hör⸗ bare Weiſe.) Lagemann. Daß Gott, da geht's ſchon wieder los. So mäßiget Euch doch zum Satan, Ihr bringt ja keinen ganzen Darm nach Kabul. Zeiſig befand ſich nicht in den Umſtänden, daß er zu großen Repliken aufgelegt geweſen wäre. Er glaubte den Geiſt aufgeben zu müſſen. Die Welt war ihm nichts. Die Natur ſetzte ihren Reinigungs⸗ proceß fort. „Ihr ſeid wirklich unerſchöpflich,“ verſetzte Lage⸗ mann,„ich begreife nicht, wo es herkommt. Ein aus⸗ genommener Hering iſt nichts gegen Euch. Ihr ge⸗ hört fürwahr zu den Naturſpielen. Zeiſig, welchem für kurze Zeit etwas leichter um's Herz geworden war, geſtand in einem freien Augen⸗ blicke, daß wenn die Krantheit nicht bald nachließe, er daraufginge. Solches Würgen halte er nicht län⸗ ger aus. Dem Attaché klangen dieſe Worte nicht unange⸗ 61 nehm. Er verſprach ſich große Vortheile, falls er allein das Krokodill in Empfang zu nehmen und nach Niederroßla zu transportiren habe. Er verwünſchte daher den Heldenſpieler in die tief unterſte Hölle, weil ihn dieſer in einen Zuſtand verſetzt hatte, in welchem er verhindert war, von Zeiſig's Krankheit den mög⸗ lichſten Nutzen zu ziehen. „Wenn ich Euch nur den Kopf halten könnte, guter Actuar,“ ſprach der Attaché,„es iſt dies ein Liebesdienſt, den ich meinem Todfeinde, um wie viel weniger nicht Euch, leiſten würde. Ihr glaubt alſo wirklich, diesmal nicht davon zu kommen?“ „Es geht jetzt etwas beſſer,“ meinte der Actuar mit ſchwacher Stimme. „Das iſt blos ſcheinbar,“ erwiederte Lagemann, „die Windſtille vor dem Sturme, die der Himmel dem Menſchen aus keinem andern Grunde beſcheert, als damit er in Ruhe ſein Haus beſtellen und ſeine letztwi lligen Verfügungen treffen kann.“ „Ich ſpüre aber wahrhafte Erleichterung,“ hielt der Actuar entgegen. „Alles ſcheinbar,“ beharrte Lagemann.„Wie ſoll's denn mit Eurer Portion Krokodill gehalten werden, guter Actuar, für den Fall, wie zu erwarten ſteht, Ihr das Zeitliche geſegnet? Ich ſollte meinen, dieſes könne mir, als Eurem Erſatzmann, keineswegs entge⸗ hen? Freilich wäre das Beſte, wenn Ihr Euch durch ein paar Zeilen damit einverſtanden erklärtet. Es würde große, ſpätere Weitläufigkeiten erſparen. Wie meint Ihr nicht auch, guter Actuar?“ Der gute Actuar meinte aber vor der Hand gar nichts. Es bereitete ſich in ſeinen Eingeweiden ein neuer Zornausbruch der Seekrankheit vor, welches der Kranke mit Wehmuth inne ward. 62 „Später ein Mehreres,“ hauchte er erſterbend und brachte ſeinen Kopf wieder in diejenige Lage, um der Natur den Prozeß zu erleichtern. „Wenn ich auf den Beinen wäre,“ ſprach er für ſich,„ſollte mir's gar nicht ſchwer werden, den halb⸗ todten Zeiſig zur Unterſchrift einer letztwilligen Ver⸗ fügung zu vermögen. Der Mann kann abſtehen wie ein Karpfen.“ Der Attaché raffte daher ſeine ganze Kraft zu⸗ ſammen und ſchleppte ſich auf Händen und Füßen zu einem Stuhle in der Ecke, worauf Schreibzeug und Papier lag; er verfaßte in der Eile eine Abtretungs⸗ urkunde und kroch mit dieſer zum kranken Zeiſig, der bereits wieder zu würgen begann. „Wenn er nur diesmal noch nicht darauf geht,“ dachte Lagemann, und tappte voller Barmherzigkeit nach Zeiſig's Kopfe, um ihn zu halten. Der Attaché ward indeß für dieſe Dienſtleiſtung von Seiten des Actuars übel bedient. Letzterer, ob der unerwarteten Hülfe ordentlich erſchrocken, wandte raſch den Kopf, ſah ſeinen Helfer einige Augenblicke mit ſeltſam ver⸗ zerrtem Geſicht an, und wenn Lagemann der Kaiſer geweſen, er konnte ihn nicht ſchonen. Die Ratur wirkte zu gewaltig. Der Attaché, auf den Händen und Füßen über⸗ haupt nicht taktfeſt, fiel bei dem urkräftigen Schuſſe total über den Haufen wie ein wohlgetroffener Hirſch. Erſt nach einer ziemlichen Pauſe erholte er ſich wie⸗ der und begann entſetzlich zu fluchen. Mit großem Verdruſſe gewahrte er, wie auch die Abtretungsur⸗ kunde verunreinigt und vollkommen unbrauchbar ge⸗ worden war. „Ihr ſeid ein Schw—, Actuar, das Ihr's wißt,“ fuhr er grob heraus,„ich begreife überhaupt nicht, 63 wie Ihr dieſe niederträchtige Krankheit hierunten ab⸗ halten könnt. Das ſtinkt ja wie die Peſtilenz; die ganze Kajüte wird verpeſtet, man kann die Cholera bekommen. Zeiſig vernahm wenig von der Lagemann'ſchen Zornrede. Er war viel zu ſehr mit ſich ſelbſt be⸗ ſchäftigt. Der Attaché ſuchte jetzt die Thüre zu gewinnen, um die Folgen des Zeiſig'ſchen unpoetiſchen Attentats von ſeinem Leichname zu entfernen, als zur rechten Zeit der Factor hereintrat, um die beiden Niederroß⸗ laer Diplomaten hinſichtlich der Braminin, des eifer⸗ ſüchtigen Herrn Abdullah und der beiden Mohren, Tohu und Bohu, in Kenntniß zu ſetzen. „Gott Lob,“ ſprach Lagemann, als er des Fae⸗ tors anſichtig wurde,„daß ſich eine Menſchenſeele blicken läßt in unſerm Elend. Der Aetuar iſt ganz caduc. In ſeiner Nähe iſt kein Weilen mehr. Sorgt doch dafür, werthgeſchätzter Factor, daß ich ein Becken mit friſchem Waſſer erhalte. Ihr ſeht, daß ich kaum auf allen Vieren vorwärts kann.“ Süßmilch war viel zu chriſtlich gefinnt, als daß er den Wunſch des Attaché's nicht augenblicklich hätte erfüllen ſollen. Er kehrte in Kurzem mit einem Napf friſchen Waſſers zurück. „Es wurde mir auch ſchon wiederholt unangenehm zu Muthe,“ meinte er,„aber ſo ſchlimm wie Zeiſig hat mir die Waſſerfahrt nicht mitgeſpielt.“ „Ich befände mich ſicher auch vollkommen wohl,“ erwiederte Lagemann,„meine Natur verträgt Etwas, aber die Hanno'ſche Behandlung würde die durabelſte Conſtitutivn zu Grunde richten.“ Der gewiſſenhafte Factor erkundigte ſich jetzt, ob ſich Zeiſig ſowohl wie ſein Attaché in demjenigen 64 geiſtesfreien Zuſtande befänden, um die Mittheilung, ſo er zu eröffnen habe, anhören zu können. „Was meine Perſon anbelangt,“ erwiederte Lage⸗ mann,„kann ich Alles vernehmen: erzählt alſo ge⸗ troſt, werther Factor, was Ihr auf dem Herzen habt, ich halte unterdeß meine Reinigung.“ Die Mittheilung Süßmilch's, namentlich als die⸗ ſer auf die Braminin zu ſprechen kam, gewann für Lagemann ein ſolches Intereſſe, daß er wiederholt den Mund offen behielt. „Hauptſächlich,“ fuhr der gewiſſenhafte Factor fort,„habt Ihr Euch zu hüten, den Herrn Abdullah nicht Veranlaſſung zur Eiferſucht zu geben, der Herr Capitain läßt Euch dies ausdricklich ſagen.“ Lagemann, deſſen Geiſt fortwährend ſpeculirte und der ſich ſchon als einen Begünſtigten der verſchleierten Braminin träumte, wobei er ſich ein artiges Sümm⸗ chen zu machen gedachte, erwiederte:„Aber, beſter Factor, wer kann für ſein Herz. Wir ſind alle Men⸗ ſchen. Ich ſetze den Fall, die Braminin faßt Paſ⸗ ſion zu einem von uns?“ „Dann muß uns der Gedanke, daß wir Chriſten ſind,“ erwiederte Süßmilch,„auf dem Pfade der Tu⸗ gend erhalten.“ „Das iſt bald geſagt,“ meinte der Attaché,„ich denke auch chriſtlich, aber die Ausführung iſt ſchwer.“ „Der Anblick des ſcharfgeſchliffenen Dolchs, wel⸗ chen Abdullah ſtets bei ſich führt,“ meinte Süßmilch, „dürfte uns gewiß die Abwege verleiden, wenn es Religion und Glaube nicht thut. Auch ſollen, laut Sir John's Ausſage, die beiden Mohren Tohn und Bohu beſtens dreſſirt ſein, denjenigen ſofort zu wür⸗ gen, der es wagen wollte, ſeine Blicke zur Braminin zu erheben.“ „Und dieſe Frau,“ frug der Attaché ungläubig, „reiſt mit dem Cadaver ihres todten Eheherrn nach Oſtindien, um ſich dort in Gemeinſchaft mit ihm ver⸗ brennen zu laſſen?“ „So verlangt es die Sitte der Hindufrauen,“ gab der Factor zur Antwort. „Und ſie iſt jung, liebenswürdig und reich?“ er⸗ kundigte ſich Lagemann. „So ſagt man,“ verſetzte Süßmilch. „Factor,“ rief der Attaché in Extaſe,„das dür⸗ fen wir nicht zugeben!“ „Aber wie wollen wir es denn hindern, wenn es einmal der unabänderliche Beſchluß der Frau iſt?“ „Factor,“ fuhr Lagemann immer aufgeregter fort, „das dürfen wir nicht zugeben, partout nicht zugeben, und ſollten wir die ſchöne Dame ſelbſt heirathen.“ „Wir ſelbſt heirathen?“ frug Süßmilch verwun⸗ dert,„ſeid Ihr denn nicht ſchon im Beſitze einer Frau?“ „Leider,“ ſeufzte der Magdeburger und gedachte der gebornen Grümpler;„aber was thut man nicht, um Jemanden vom Flammentode zu erretten.“ Der Factor verhehlte ſeine gerechte Mißbilligung nicht, daß auch Hanno unchriſtliche Abſichten gegen die Braminin zu hegen ſcheine, welche Mittheilung Lagemann ſehr unwirſch ſtimmte. „Dieſer Belial,“ ſprach er zu ſich,„kommt mir überall in den Weg; die Glaſermeiſterin konnte auch einen geſcheutern Einfall haben, als dieſen Menſchen nach Kabul zu ſchicken. Daß er mir hinſichtlich der Braminin in die Quere kommt, ſeh' ich im Voraus. Wenn ich den Kerl nur unſchädlich machen könnte.“ Während Lagemann noch darüber nachſann, auf Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 5 66 welche Weiſe letzteres zu bewerkſtelligen ſei, ging das Schiff im Hafen von Cuxhafen vor Anker. viertes Rapitel. Ungefähr ſeit acht Tagen befand ſich die Niederroß⸗ laer Erbſchaar auf dem Meere. Die unerbittliche all⸗ gewaltige Seekrankheit hatte nach und nach das ge⸗ ſammte Perſonale dermaßen in Anſpruch genommen, daß man alles Andere darüber vergaß. Die aſiatiſch⸗afrikaniſche Reiſegeſellſchaft hielt ſich ihrerſeits eben ſo zurückgezogen in ihrem abgeſchloſſe⸗ nen Schiffsraume; die Niederroßlaer wurden die An⸗ weſenheit derſelben kaum gewahr. Die Braminin ſelbſt hatte noch keiner, auch nur einen Augenblick lang, geſehen. Sie war mitten in der Nacht auf's Schiff gebracht worden und hatte ſeitdem ihre Kajüte nicht verlaſſen. Die lange Geſtalt des Türken, ſo wie die Herren Tohu und Bohu wollte Vetterlein zwar eines Abends in der Dämmerung auf dem Verdecke haben auf⸗ und abſpazieren ſehen, eine weitere Auskunft über die räthſelhaften Paſſagiere vermochte er aber nicht zu geben. Wo der Kaſten mit dem eingemachten todten Braminen ſtand, wußte Niemand. Dieſer lethargiſche Zuſtand, in welchem ſich das Erbheer befand, währte eine geraume Zeit. Gamaliel und Victor, welche den diätetiſchen Vorſchriften, die ihnen Doctor Barring hinſichtlich des Seeübels gege⸗ ben hatte, genau nachgekommen waren, befanden ſich am erſten wieder auf den Füßen und erfreuten ſich 67 weit eher ihrer Geſundheit, als die übrige Geſell⸗ ſchaft. Namentlich hatte die Krankheit, was man nicht hätte glauben ſollen, den kräftigen Heldenſpieler hart mitgenommen. Er mußte ſein zeitheriges wahr⸗ haft ſchwelgeriſches Leben und die zahlloſen Diätfeh⸗ ter ſehr theuer bezahlen, denn er lag weit länger darnieder als die übrigen Leidensgenoſſen; ja die Seekrankheit ging bei ihm ſogar in ein langwieriges Fieber über, das ihn gänzlich an das Bett feſſelte. Nächſt Gamaliel und Victor war Lagemann trotz des bereits auf der Elbe beſtandenen Malheurs der erſte, welcher wieder munter war. Das fortwährende Unwohlſein Hanno's trug weſentlich zu ſeiner Wie⸗ derherſtellung bei, denn die Freude über des Gegners Mißgeſchick wirkte wahrhaft wohlthätig und recreirend. So wie der Magdeburger einigermaßen auf ſeinen Füßen zu ſtehen vermochte, regte ſich ſogleich auch der Speculationsgeiſt in ihm. Die Braminin, welche ihm ſeine Phantaſie eben ſo ſchön als reich vormalte, war der Brennpunkt ſeiner Aufmerkſamkeit. Er calculirte wie folgt:„Eh' ſich,“ dachte er,„die Frau ihrem tod⸗ ten Mann zu Gefallen mit Haut und Haar verbrennt, iſt ſie zu Allem fähig. Eine junge ſchöne Frau fürchtet ſich zehnmal ärger vor dem Feuer als eine alte. Ich kenne die Weiber. Wenn ſich's hier wirk⸗ lich um's Verbrennen handelt, ſo müßte ich nicht La⸗ gemann heißen oder hier iſt ein Sümmchen zu ver⸗ dienen. „Wenn ich nur Junggeſell oder Wittwer wäre,“ fuhr er in ſeiner Berechnung fort,„trüg' ich ihr auf der Stelle meine Hand an; gelte ich nach ihren Be⸗ griffen auch gerade für keine glänzende Parthie, ſo muß mir doch jeder Unparteiiſche zugeſtehen, daß ich noch immer beſſer als der Scheiterhaufen bin. Ich 5 68 wollte ſie meinetwegen auch blos zum Schein heira⸗ then, wenn ſich's anders thun ließe, und mit Aus⸗ nahme der Vermögensverwaltung auf alle Rechte des Eheherrn verzichten. Wenn man dieſe billigen Be⸗ dingungen der Frau nur begreiflich machen könnte, ich bin überzeugt, ſie greift zu; wer kommt gern in den Flammen um?“ Hier bedachte aber der ſpeculirende Attaché der Niederroßlaer Geſandtſchaft, daß er bereits verheira⸗ thet ſei und ſeufzte tief. „Ein Weib,“ ſprach er,„kann doch zuweilen zu einem wahren Beineiſen werden. Was gäb' ich drum, wär' ich jetzt Wittwer oder geſchieden! Nun ſitzt mir die geborne Grümpler daheim und ſtört meine ſchön⸗ ſten Pläne. Ich muß verſuchen, da es ſich als Ehe⸗ mann nicht gut will thun laſſen, mich der Braminin auf andre Art gefällig zu erweiſen, und zwar je eher je lieber, bevor der ſataniſche Hanno wieder herge⸗ ſtellt iſt und mir dazwiſchen kommt.“ Nach einiger Ueberlegung fuhr der Attachè fort: „Daß Hanno hart und feſt liegt, betrachte ich als ein wahrhaftes Geſchenk des Himmels. Es iſt die gerechte Strafe für den meuchelmörderiſchen Angriff, den er gegen mein Leben unternahm. Vielleicht geht der Böſewicht darauf. Es wäre eine Wohlthat für die Menſchheit. Was nützt er denn? An dergleichen Subjecten verliert die Welt nichts.“ Während ſich Lagemann dergleichen menſchenfreund⸗ lichen Gedanken in Betreff des Heldenſpielers hingab, ſchlich der lange Factor, von der überſtandenen See⸗ krankheit noch ganz angegriffen und geſchwächt in die Kajüte. Sein Geſicht, das ſich nie einer blühenden Farbe erfreute, glich dem eines Todten. 69 „Wißt Ihr es ſchon?“ flüſterte er mit heiſerer Stimme. „Was denn?“ erkundigte ſich der Attaché. „Mit dem Hanno geht's ſichtbar zu Ende.“ „Wirklich?“ frug Lagemann, ſich vergnügt die Hände reibend,„erzählt doch, guter Factor.“ „Man glaubt nicht, daß er den Abend erleben wird.“ „Vortrefflich,“ jubelte der Magdeburger im In⸗ nern. Laut erwiederte er:„Wir ſind alle ſterblich, gu⸗ ter Factor, was will der Heldenſpieler voraushaben?“ „Aber ſo jung,“ gab Süßmilch zu bedenken. „Der Tod fragt darnach nicht,“ belehrte Lage⸗ mann,„auch ſoll ſich's jung am Beſten ſterben. Man hat da nicht viel zu verlieren, iſt noch nicht zu ſehr an's Leben gewöhnt.“ „Es ſtirbt aber Niemand gern,“ verſetzte der Factor,„ſei er jung oder alt.“ „Geb' es zu, lieber Süßmilch, aber offen geſtan⸗ den, wenn der Tod einmal ein Opfer von uns ver⸗ langt, ſo finde ich es ordentlich rechtſchaffen gedacht von ihm, wenn er den Heldenſpieler angelt. Geſteht ſelbſt, guter Factor, welche Ausſichten, welche Car⸗ rieren ſtehen dem Hanno offen. Nichts gelernt, kei⸗ nen Fonds in Händen, was beginnen, wovon in Zu⸗ kunft leben? Sein bischen Erbtheil hat er mir ſchriftlich abgetreten und die Summe, ſo er dafür erhalten, wer weiß, wo ſie bereits die vier Winde haben.“ „Ein wenig locker iſt er,“ geſtand der Factor. „Ein wenig bocker,“ rügte Lagemann,„der lie⸗ derlichſte Strick, der mir je vorgekommen. Factor, wenn ich reden wollte—“ „Pſt,“ mahnte Süßmilch chriſtlich,„er wird's nicht 70 lange mehr treiben. Von Sterbenden laßt uns nicht Uebels reden.“ „Ihr habt Recht,“ geſtand der Attaché,„fahre er in Frieden, obſchon er es um mich nicht verdient hat. Der eine Arm thut mir heut noch weh von den Mißhandlungen unter dem Carbonari.“ „Seht,“ erwiederte der ſanfte Factor,„dafür muß er nun in jener Welt Rechnung ablegen.“ „Iſt auch nicht mehr als billig,“ meinte Lage⸗ mann;„alſo es ſteht wirklich wacklig, guter Factor?“ „Wie geſagt,“ antwortete dieſer,„der Doctor Barring gibt ihm keinen Tag mehr.“ Der Attaché begann ſich bei dieſen Worten wie⸗ der vergnügt die Hände zu reiben; er bedachte, wie ihm jetzt hinſichtlich der reichen und ſchönen Brami⸗ nin Niemand im Wege ſtehe. Deshalb ward er auch nachſichtig und menſchenfreundlich gegen den ſterbenden Hanno. „Er fahre in Frieden,“ ſprach er mit Salbung, „wir wollen ihm als Freund und Landsmann die müden Augen zudrücken und mit einem ſtillen Vater⸗ unſer in's Meer werfen. Mich ſoll er dereinſt nicht unter ſeinen Anklägern finden, obſchon ich die Erin⸗ nerung an ſeine Mißhandlung ſobald nicht verſchmerze.“ Der gutgeartete Factor freute ſich ob dieſer chriſt⸗ lichen Geſinnungen des Magdeburgers ungemein' und ſprach:„Das iſt edel gedacht von Euch, Lagemann, und der Lohn dafür wird nicht außenbleiben.“ Der Gedanke an Lohn wirkte noch ergreifender auf Lagemann's menſchenfreundliches Gemüth. Der Attaché ward ordentlich weich geſtimmt bei dem Ge⸗ danken an Hanno's Tod. „Ja, ich vergebe Dir, befreiter Geiſt,“ ſprach er nicht ohne ſchwärmeriſchen Pathos,„ſchwinge Dich ungenirt empor, von den Schlacken der Erde gerei⸗ nigte Pſyche, Dein Lagemann verzeiht Dir. Dein Lagemann trägt Dir nichts nach in die Ewigkeit!“ „Ich glaube,“ wandte ſich der Attaché zum Factor, „dergleichen Geſinnungen können mir nur Segen bringen; was meint Ihr?“ „Nichts iſt gewiſſer,“ verſicherte der ſtrenggläu⸗ bige Süßmilch. „Ich glaube ſogar,“ fuhr Lagemann begeiſtert und mit thrä envollem Auge fort,„daß wenn ich die mörderlichen Püffe und Stöße, ſo ich unter dem Carbonari erhielt, mit Bruderliebe vergebe, ſie mir noch zu himmliſchen Roſen erblühen.“ „Ich glaube es nicht nur, ich bin es feſt über⸗ zeugt,“ betheuerte der Factor, der ebenfalls immer gerührter ward. „Ach, das wäre herrlich,“ ſchwärmte der Attaché, „vielleicht auf Erden ſchon, was meint Ihr, guter Süßmilch?“ „Wenn auch auf Erden nicht, dereinſt gewiß.“ „Nein, nein,“ fuhr Lagemann verklärt fort,„hie⸗ nieden ſchon, Ahnung ſagt mir's, ich athme ſchon den himmliſchen Duft.“ „Man hat viele Beiſpiele,“ geſtand der Factor, „daß gute Thaten ihren Lohn ſchon hienieden fanden.“ „So wird's auch bei mir ſein, ich fühl's,“ rief der Magdeburger,„ſterbender Hanno, Deine Sünden ſind Dir vergeben!“ Auf dieſen ergreifenden Ausruf folgte eine feier⸗ liche Pauſe, welche der Gemüthsſtimmung Lagemann's und Süßmilch's vollkommen angemeſſen war. Sie ward indeß ſehr bald durch den Eintritt des Dieners von Doctor Barring unterbrochen, welcher Lagemann ſchleu⸗ nigſt zum Sterbelager des Heldenſpielers beſchied. 72 „Er wird ohne meine Verzeihung nicht erſterben können,“ ſprach der Attaché,„ich eile, ſie ihm zu bringen, um der kämpfenden Seele den Hinübergang zu erleichtern.“ „Thut dies, thut dies, edler Freund,“ mahnte der Factor mit frommem Eifer,„und der Himmel wird Euren Gang ſegnen.“ „Das wird er,“ rief Lagemann vergebungsluſtig, und folgte dem Diener zum Lager des Kranken. Mit Hanno ſtand's wirklich miſerabel, das Fieber hatte ihn dermaßen mitgenommen, daß er äußerſt ſchwach war und kaum zu reden vermochte. Er fühlte, daß es mit ihm zu Ende gehe und wollte daher vor⸗ her ſein Gewiſſen erleichtern. „Lagemann,“ ſprach er mit leiſer Stimme,„ich habe mich ſchwer an Euch verſündigt.“ „Weiß es, weiß es,“ erwiederte der Attaché,„em⸗ pfinde die Folgen noch, ſobald ich die Arme aus⸗ ſtrecke, die Gelenke ſind wie gebrochen. Aber, Hanno, vergeben ſoll der Chriſt; ſeht, ich thue es; ſterbt deshalb getroſt, ich wollte erſt auf Schmerzensgeld an⸗ tragen und Euern Nachlaß mit Beſchlag n laſ⸗ ſen, aber ich thu's nicht.“ Wie nachſichtig ſich Lagemann in dieſen Worten auch vernehmen ließ, ſo ſchienen ſie doch keinen be⸗ ruhigenden Eindruck auf den Kranken hervorzubringen. Im Gegentheil verdüſterte ſich deſſen Antlitz ſichtbar. „Ihr meint wahrſcheinlich die Carbonarigeſchichte?“ frug er leiſe. „Allerdings, die meine ich,“ erwiederte der At⸗ taché,„und ich ſollte meinen, ich hätte Grund dazu.“ „Mein Gott,“ ſeufzte der Heldenſpieler,„das war ja ein eitler Scherz, den ſich ein Freund gegen den andern erlauben darf.“ —— 73 Der Magdeburger glaubte ſeinen Ohren nicht zu trauen. „Ein Scherz,“ rief er, und ſchon drohte ihn die chriſtliche Sanftmuth, mit welcher er zu dem Kranken getreten war, zu verlaſſen,„Ihr phantaſirt unſtreitig, ſonſt wollt ich Euch antworten.“ „Ich habe mich weit ſchlimmer an Euch vergan⸗ gen,“ fuhr Hanno fort. „Was?“ ſchrie Lagemann entſetzt,„noch ſchlim⸗ mer vergangen? Hanno bedenkt, was Ihr ſprecht, noch ſchlimmer vergangen? Ihr habt doch nicht Meu⸗ chelmördergedanken? Hanno, ich beſchwöre Euch, hier am Rande des Grabes, was wollt Ihr damit ſagen: ſchlimmer vergangen?!“ Der Kranke ward auffallend ſchwächer, daß er nicht zu antworten vermochte. Der Attaché gerieth in unbeſchreibliche Angſt. Er befürchtete ſchon, der Heldenſpieler möchte unverſehens in die beſſere Welt gehen und faßte ihn deshalb am Arme. „Bei Ewigkeit und Weltgericht, Hanno, redet,“ rief er dringend,„Ihr dürft mir nicht abfahren, be⸗ vor Ihr mir nicht Euren Anſchlag gegen mein Leben entdeckt habt.“ Der Heldenſpieler, durch Lagemann's angſtvolle Ekſtaſe, die ihm wie furchtbare Beſchwörung klang, angeſtachelt, raffte alle ſeine Kräfte zuſammen und erwiederte: „Gegen Euer Leben hab' ich mich weniger ver⸗ gangen, wohl aber gegen Euern Geldbeutel.“ Das Wort Geldbeutel griff den Magdeburger noch weit ſchmerzhafter in die Seele, als ſelbſt das Be⸗ kenntniß eines Meuchelmords es gethan haben würde. „Gerechter Himmel,“ rief er,„was werd' ich ver⸗ nehmen! Hanno redet, ſprecht, beim ewigen Weltge⸗ 7⁴½ richt mit dreitauſend Poſaunen und ſiebenhundert Erzengeln, ſprecht.“ Dem Sprecher lief bei dieſer Beſchwörung der Schweiß ſtromweiſe von der Stirne. Der Helden⸗ ſpieler ward immer ſchwächer. Sein Haupt ſank kraft⸗ los in's Kiſſen. Lagemann ſprang herbei, ſchüttelte das Kiſſen auf, um dem Sterbenden ſeine Lage und das Sprechen zu erleichtern. Hanno ſtöhnte. „Mein Gott,“ eiferte Lagemann,„verſchwendet Eure Kräfte doch nicht mit unnützem Geſtöhn, das verſteht kein Menſch, ſondern benutzt den noch vor⸗ räthigen Athem zum Sprechen.“ Es trat jetzt eine höchſt verhängnißvolle Pauſe ein, in welcher ſich der Heldenſpieler etwas zu erho⸗ len ſchien. Lagemann athmete neu auf, ſein Herz arbeitete wie ein Schmiedehammer. „Macht's kurz,“ drängte der Magdeburger,„Ihr habt mich beſtohlen, habt das Geld vergraben, wo liegt's, wie hoch beläuft ſich die entwendete Summe; nur raſch, ehe der Tod Euch die diebiſche Gurgel zuſchnürt. „In welchen Münzſorten habt Ihr den Raub be⸗ gangen,“ fuhr der unermüdliche Examinator fort;„die Summe muß ſich auf das Außerordentlichſte belaufen, ſonſt würde Euer Gewiſſen nicht erwacht ſein.“ Das wiederholte Schütteln von Hanno's Haupte zeigte, daß ſich Lagemann in ſeiner Vermuthung we⸗ gen des Raubes irre. Der Attaché wußte jetzt nicht, wo ihm der Kopf ſtand. Er rang rathlos die Hände und rief fortwährend:„daß mir unglückſeligen Mann dies Unglück noch paſſiren mußte. Wer hätte das gedacht?“ Doctor Barring, welcher jetzt in die Kajüte trat, erſuchte den verzweifelnden Lagemann, daß er ſich moderire und den Zuſtand des Kranken durch ſein exaltirtes Weſen nicht verſchlimmere. „Was da,“ lärmte Lagemann,„meinetwegen kann er ſterben, wenn's ihm beliebt, aber der Miſſethäter ſoll mir zuvor bekennen, welcher Freveltbat er ſich gegen mich ſchuldig gemacht hat.“ Auf dieſe, die höchſte Gefühlloſigkeit verrathenden Worte, faßte der Doctor ohne weitere Umſtände den Attachs bei dem einen Ohre und führte ihn, trotz alles Sträubens zur Thür hinaus, die er hinter ihm zuſchloß. Ob dieſer Behandlung gerieth aber Lage⸗ mann außer ſich; er tobte wie ein Beſeſſener, er ſchimpfte auf den Doctor und den Heldenſpieler über alle Maßen und rüttelte mit ſolcher Vehemenz an der Kajütenthür um Einlaß, daß der ganze untere Schi ffs⸗ raum in Aufruhr gerieth. Ja er lief in ſeiner blin⸗ den Wuth aller Orts umher, als wolle er die ganze Schiffsmannſchaft zu Hülfe rufen. Plötzlich fühlte ſich der Tumultant von vier ner⸗ vigen Fäuſten gepackt, welche ihn mit Rieſenmacht in die Höhe hoben und forttrugen. Sein verzweifelter Hülferuf half ihm zu nichts, denn die eine Fauſt hielt ihm die Kehle zu. Dem Attachés verging Hö⸗ ren und Sehen während dieſes unerwarteten Trans⸗ ports. Als er wieder zu ſich kam, lag er auf dem Fußboden einer ganz fremden Kajüte, in derem Hin⸗ tergrunde der Türke Abdullah in finſtrer Majeſtät thronte. Unmittelbar zu Lagemann's Seiten knieten Tohu und Bohu, welche den hülflos Ausgeſtreckten nicht eben mit den lieblichſten Blicken beäugelten. Der Magdeburger befand ſich in einer höchſt un⸗ angenehmen Lage. Er ſchauderte, wenn er in die zwei ſchwarzen, grinzenden Larven ſchaute, deren Au⸗ gen fortwährend auf ihn gerichtet waren. „„Was ſoll mit mir geſchehen, wackre Männer?“ frug er leiſe. Die Larven antworteten einige kauderwelſche Worte, die Lagemann durchaus nicht verſtand und feixten un⸗ heimlich. Dabei ſchauten ſie von Zeit zu Zeit nach Abdullah, als erwarteten ſie Befehle von demſelben. Dem Attaché, dem ſeine harte, horizontale Lage allmälig unbequem ward, wollte ſich jetzt mit halbem Leibe emporrichten, ward aber jedesmal von Tohu wieder auf den Rücken gelegt. Nach kurzer Zeit wie⸗ derholte er ſeinen Verſuch, der jedoch zu demſelben Reſultate führte. Da dem Attaché weiter kein Leids geſchah, ſo ge⸗ wann er endlich Muße, über dieſe ſonderbare Be⸗ handlungsweiſe nachzudenken und Betrachtungen an⸗ zuſtellen. Er fand bald, daß ſich ſeine ausgeſtreckte Lage mit der Würde eines Attaché's der Niederroß⸗ laer Rathsgeſandtſchaft nicht gut vereinbaren laſſe. Darum berief er ſich auf ſeine diplomatiſche Stellung und ließ ſogar einige Bemerkungen von Verletzung des Völkerrechts fallen. Trotz dieſer mannigfachen Reclamationen feixten ihn Tohu und Bohn ununterbrochen an. Lagemann dachte endlich, da man nicht die ge⸗ ringſte Anſtalt zu ſeiner Befreiung traf, von dieſer völkerrechtswidrigen Gefangenhaltung den Capitain in Kenntniß zu ſetzen, er drohte ſogar, laut um Hülfe zu rufen, wenn man ihn nicht unverzüglich aufſtehen laſſe. Das waren aber in den Ohren der beiden Afri⸗ kaner, welche von dem Niederroßlaer Dialect ebenſo wenig verſtanden, als Lagemann von den Sprachen Afrika's, höchſt überflüſſige Redensarten. 77 Dem Magdeburger ging endlich die Geduld aus. Als er ſah, daß ſeine Drohungen nichts fruchteten, begann er ſie in's Werk zu führen und rief laut um Hülfe. Aber kaum war der verhängnißvolle Ruf ſei⸗ nem Munde entflohen, als Tohu's ſchwarze Fauſt wie ein Blitz nach ſeiner Kehle fuhr und ſo heftig zugriff, daß der Attachs zu erſticken vermeinte. Zugleich blitzte in Bohu's Hand ein haarſcharfer Dolch, deſſen Spitze direct nach des Magdeburgers klopfendem Her⸗ zen gerichtet war. Dieſe Demonſtrationen reichten vollkommen hin, Lagemann's Schreien vor der Hand Einhalt zu thun. Er lag ſtill wie eine Maus, nur daß beim Anblick des Dolches ſeine Haare emporſtiegen. Wie ruhig er übrigens da lag, um ſo gewaltiger ſtürmte es in ſei⸗ nem Innern. Er begann zu fürchten, daß es Ab⸗ dullah und die zwei ſchwarzen Ungethüme auf ſein Leben könnten abgeſehen haben, nur begriff er nicht, zu welchem Zwecke. Raubſucht konnte unmöglich zu Grunde liegen, denn was hätte man ihm rauben wollen, und bloßer Blutdurſt konnte es auch nicht ſein, dann würde man nicht ſo lange mit ihm fackeln. Oder ſollte Abdullah eine Ahnung von Lagemann's Abſichten auf die Braminin haben? Im letzten Falle war der Magdeburger allerdings geliefert. Doch wo wollte der eiferſüchtige Türke hiervon Kunde haben, da der Attaché ſich hinſichtlich der Braminin nicht laut geäußert hatte? Es blieb dem auf dem Rücken Liegenden in der Welt nichts übrig, als die Sache abzuwarten. Dazu brauchte es aber eine ziemliche Zeit, denn Abdullah, welcher mit unbeſchreiblichem Phlegma ſeine lange Pfeife dampfte, ging ſehr lange mit ſich zu Rathe, L 78 bevor er Befehl ertheilte, was weiter mit dem Attache vorzunehmen ſei. Letztrer gab ſich indeß ſeinerſeits ſehr niederſchla⸗ genden Betrachtungen hin. Er dachte wieder an Hanno und zerbrach ſich vergeblich den Kopf, auf welche Art dieſer ihn wohl beſtohlen oder übervor⸗ theilt haben könnte. „Den Geldbeutel nannte er ausdrücklich,“ ſprach Lagemann für ſich,„und gleichwohl will mich der Heldenſpieler nicht beſtohlen haben. Da werde ein Andrer klug. Am Ende hat der Kerl blos phanta⸗ ſirt und ich habe mich vergeblich abgeängſtet.“ Dieſer letzte Gedanke wirkte ſo wohlthätig auf den Attaché, daß er einmal recht vernehmlich Athem ſchöpfte. Der Ton dieſes tiefen Athmens klang aber dem Tohn wieder verdächtig; er befürchtete, der Magde⸗ burger wolle abermals nach Hülfe rufen und ſchob demſelben ſeine Hand ſo energiſch unter die Kinn⸗ backen, daß ihm der Angſtſchweiß aus allen Poren drang, während ſich Bohu's Dolchſpitze der arbeiten⸗ den Bruſt des Attaché um ein Bedeutendes näherte. „Gott im Himmel, man wird doch noch athmen können,“ dachte Lagemann.„Eine ſolche Tortur iſt mir in dieſem Leben noch nicht vorgekommen.“ Sobald der Magdeburger wie todt da lag und nicht den geringſten Laut von ſich gab, ließ Tohu mit der Hand los und Bohu zog den Dolch etwas zurück. Lagemann wagte jetzt kaum mehr aufzublicken. Er ergab ſich ſchweren Herzens in ſein unvermeid⸗ liches Schickſal, welches ihn in die Gewalt der Moh⸗ ren geliefert hatte. „Sollte ich denn von Niemandem vermißt wer⸗ den?“ dachte er bei ſich;„man iſt wahrſcheinlich mit 79 dem ſterbenden Hanno beſchäftigt und denkt gar nicht an mich, oder man glaubt mich auf einem gewiſſen Orte beſchäftigt; aber ſo lange Zeit, wie ich bereits hier liege, braucht ein geſunder Menſch nicht. Wenn der Zeiſig Herz und Kopf auf dem rechten Flecke hätte, müßte ich längſt befreit ſein; es iſt wirklich unverantwortlich, ſeinen Attaché ſo lange außer Acht zu laſſen. Zeiſig iſt ein erbärmlicher Kerl, ihm zu Gefallen könnte ich längſt geſchlachtet und zu Wurſt verarbeitet ſein.“ Lagemann wagte nach einiger Zeit die Augen ein klein wenig aufzuſchlagen. Der lang vermißte Licht⸗ glanz wirkte aber dermaßen auf ſeine Geſichtsnerven, daß ihm ein Reiz zum Nieſen ankam. Der Attaché fühlte die nahende Exploſion, die ihn jedoch mit Angſt und Grauen erfüllte. Es war vorauszuſehen, daß ſobald der Funken in ſeiner Naſe gezündet und die erſchütternde Kataſtrophe erfolgte, Tohu und Bohu wieder wie behext zufahren und dem Nieſer die un⸗ entbehrlichſte Lebensluft abſchneiden würden. Lage⸗ mann, um alſo der Eruption zuvorzukommen und den Zündſchwamm in ſeiner Naſe zu erſticken, ſchnitt die außerordentlichſten Geſichter, die nur ein Menſch hervorzubringen im Stande iſt. Selbſt Tohu'n und Bohu'n kamen dieſe phyſiognomiſchen Studien des Magdeburgers ſo neu und eigenthümlich vor, daß ſie vor Wolluſt bald ſich, bald den am Boden liegenden Grimaſier anſahen. Indeß wie ſehr auch Lagemann mit all ſeinen Geſichtsmuskeln und aus Leibeskräften bemüht war, den krabbelnden Funken todt zu machen, die Naſe bald hoch empor ſtülpte, wie ein Kameelbuckel, bald wieder ſie ganz aus ſeiner Phyſiognomie vertilgte, bald zuſpitzte, bald aufblähte, es half Alles nichts, die 80 Natur ging ihren Gang, die Epxploſion entlud ſich nur um ſo vollkräftiger. Wie der Attaché befürchtet hatte,“ ſo geſchah es; kaum brannte ſeine Naſe los, fühlte er auch die ſchwar⸗ zen Fäuſte an der Gurgel und die Dolchſpitze kitzelte diesmal fühlbar auf ſeiner Bruſt. Das desperate Nieſen Lagemann's war aber außer⸗ dem noch von anderen Folgen begleitet. Herr Ab⸗ dullah, welcher die ganze Zeit über, gleichſam in ein Meer von Gedanken vertieft, mit unterſchlagenen Bei⸗ nen auf ſeinem Poſten im Hintergrunde gethront hatte, ward durch das ausgezeichnete Nieſen ſeines Gefang⸗ nen aus einer Contemplative aufgeweckt. Er ſchien jetzt erſt ſeinen Entſchluß zu faſſen, was mit dem Nieſer anzufangen ſei. Nach ſeinen türkiſchen Be⸗ griffen hatte Lagemann allerdings den Tod verdient, denn dieſer Giaur hatte die Frechheit gehabt, in das Bereich ſeiner Kajüten zu dringen und einen raſen⸗ den Lärm zu vollführen. Wirklich war der Attaché auch in ſeiner Aufgeregtheit ob des Hanno'ſchen Tod⸗ tenbettbekenntniſſes und über des Doctors ſo kurz an⸗ gebundene Entfernungsweiſe ſo unvorſichtig geweſen, in das abgeſchloſſene Schiffsterrain der Türken förm⸗ lich einzubrechen und ein Mordhalloh daſelbſt anzu⸗ ſtimmen. Faſt zu ſpät erinnerte er ſich jetzt mit ge⸗ heimem Grauſen an das wiederholte Verbot des Ca⸗ pitains, ja das Bereich des Abdullah nicht zu betreten, weil er dann(Sir John) ſelbſt für das Leben des vorwitzigen Paſſagiers nicht ſtehen könne. Dieſes Verbot, welches alsbald mit Flammen⸗ lettern des ewigen Gerichts in Lagemann's Innerm zu leuchten begann, ließ ihn das Gefahrvolle ſeiner Lage in ſeiner ganzen Größe erkennen. Alſo Abdullah war durch das gewaltſame Nieſen 8¹ Lagemann's aus ſeinem angeſtrengten Nachdenken auf⸗ gewacht und er gab nun ſeinem Denkvermögen die⸗ jenige Richtung, welche die Beſtrafung des frechen Ein⸗ dringlings zunächſt zum Zwecke hatte. Auf ſeine Handbewegung ſprang Tohn auf und erwartete mit gebengtem Haupte und mit über der Bruſt gekrenzten Armen die Befehle ſeines Gebieters. Der Mohr mußte vortrefflich abgerichtet ſein, denn Abdullah machte blos eine Wendung mit dem Kopfe und ſogleich wußte Tohu, woran er war. Er eilte nach einem Wandſchränkchen, aus welchem er eine Art rothwollene Schlafmütze hervorlangte, die vermittelſt einer Schnur wie ein Tabacksbeutel zuſammengezogen werden konnte. Mit dieſem ſeltſamen Kleidungsſtücke in der Hand kniete er bei Lagemann und zog das⸗ ſelbe dem Attaché über den Kopf, wie ſehr dieſer auch durch energiſches Hin⸗ und Herwackeln ſeine un⸗ beſtreitbare Abneigung gegen derartige Bedeckung zu erkennen gab. Die rothe Mütze ward vermittelſt der Schnur unter dem Kinn ziemlich feſt zuſammenge⸗ bunden, ſo daß des Magdeburgers Kopf gänzlich in dem wollenen Beutel ſtak, was ſich ſehr poſſirlich ausnahm. Lagemann war aber ob dieſer auffälligen Kopf⸗ umkleidung nichts weniger als poſſirlich zu Muthe. Er verſuchte nochmals um Hülfe zu rufen, aber die ſtraff angezogene Zwangsmütze dämpfte dermaßen je⸗ den Laut, daß der Attaché ſich hätte die Lunge aus dem Leibe ſchreien können, man würde nichts ver⸗ nommen haben. Zugleich beraubte ihn der nichts⸗ würdige rothe Beutel ſeiner ſämmtlichen Organe und reduzirte ihn auf den allgemeinen Gefühlsſinn. Er ſah, hörte, roch und ſchmeckte nichts mehr von der Außenwelt. Wenn er die Augen öffnete, lag Alles Stolle, ſämmtl. Schriften. RvlII. 6 82 wie dem Schiller'ſchen Taucher in„purpurner Finſter⸗ niß“. Er durfte über ſeine Lage gar nicht nachden⸗ ken, wollte er nicht rein des Teufels werden. Sein ſterblicher Leichnam war völlig in die Gewalt des türkiſchen Unholds gegeben. Man konnte ihm jetzt den Bauch aufſchneiden, ihn ordentlich ausſchlachten wie einen Faſtnachtshammel, er konnte für ſolche Ope— ration gar nicht bequemer und einladender daliegen; er mußte ſich Alles gefallen laſſen. In ſeinem Leben hatte der Magdeburger nicht ſo viel Angſtſchweiß ge⸗ ſchwitzt als unter der rothen Mütze. Der ganze Kopf ſtak in einem warmen Bade. Sein fibrirendes Denk⸗ vermögen durchfloh in der Eile alle türkiſchen Ge⸗ ſchichten, die er je geleſen, um wo möglich dem eigent⸗ lichen Zwecke der rothen Mütze auf die Spur zu kommen. Er entſann ſich wohl von der mörderiſchen ſeidenen Schuur geleſen zu haben, aber nie von ſolch einem baumwollenen Beutel. „Wer weiß,“ raunte ihm ſeine aufgeregte Phan⸗ taſie zu,„wir leben jetzt in einer erfindungsreichen Zeit, auch die Türken werden nicht zurückgeblieben ſein und haben ihre Fortſchritte gemacht, ſei's auch nur in Mordinſtrumenten. Dieſe Kopfzwangsjacke gehört unſtreitig unter die Marterwerkzeuge der neue⸗ ſten Zeit.“ Dieſe wenig troſtreichen Reflexionen, welche der philoſophirende Lagemann unter ſeiner Mütze anſtellte, wurden plötzlich unterbrochen und ſeine Ideenfolge er⸗ hielt eine andere Richtung, als er gewahrte, daß ihm einer der Mohren, ob es Tohn oder Bohn, vermochte er nicht zu enträthſeln, begann die Stiefeln auszu⸗ ziehen. Die Schlüſſe, welche das denkende Weſen in La⸗ gemann's unſtricktem Kopfe aus dieſem Stiefelaus⸗ 83 ziehen folgerte, waren überraſchend, aber keineswegs befriedigend. Der Attache begriff ſchlechterdings den Zweck nicht, er mochte ſimuliren ſo viel er wollte. Als die Stiefeln herunter waren und es auch über die Strümpfe herging, glaubte Lagemann mit Sicherheit die Behauptung aufſtellen zu dürfen, daß es zunächſt auf ſeine nackten Füße abgeſehen ſei. Im Grunde war ihm dies nicht ganz unlieb; es war doch immer beſſer, als wenn Abdullah unnittelbar beim Halſe angefangen hätte. Die Füße des Attaché waren, Dank der uner⸗ müdlichen Behendigkeit Tohn's und Bohu's, bald ſplitterfaſennackt wie ſie der Herr Gott erſchaffen. Ihr Inhaber aber befand ſich in äußerſter Span⸗ nung, was man wohl mit ſeinen Läufen anfangen werde. Plötzlich fühlte ſich das Rothhaupt von mehren Fäuſten nicht eben auf die ſanfteſte Weiſe mit dem ganzen Leibe emporgehoben und auf eine erhöhete Ebene gelegt. Dieſe Erhöhung ſchien ihn aber von durchaus keiner guten Vorbedeutung zu ſein. Lage⸗ mann kam ſich vor wie ein Opferlamm auf einem heidniſchen Altar; er befürchtete jeden Augenblick, daß man einige energiſche Fleiſchergriffe nach ſeiner Kehle khun und den Dolch, welchen Bohn bei ſich trug, ihn ſanft zwiſchen die Rippen ſchieben würde. Nichts iſt bei einer ſolchen Execution, wie ſie der Attaché zu beſtehen hatte, veinlicher als die Langſam⸗ keit, womit die Executoren zu Werke gehen. Nach Lagemann's Erhöhung trat wieder eine ziemlich lange Pauſe ein, wo man den Rothkopf ruhig liegen ließ, ohne ihm das geringſte Weh zuzufügen. Letzteres fügte ſich der Magdeburger aber ſelbſt zu, indem er den ausſchweifendſten Phantaſien erlag. Da jedes 6 84 Geräuſch der Außenwelt nur ſehr unvollkommen zu ſeinen rothverbrämten Ohren gelangte, ſo muthmaßte er die ſchaudererregendſten Dinge. Bald klang es ihm, als ſchiebe man einen hohlen Topf heran und nichts war gewiſſer, als daß man ihm das Blut ablaſſen wollte, bald wieder war's als ſchleife man Meſſer. Nach derlei traurigen Vermuthungen griffen end⸗ lich wieder ein paar barbariſche Fäuſte nach Lagemann's eütblößten Füßen und zogen dieſelben in die Höhe. Dies war eine äußerſt verdächtige Demonſtration für den Attaché. „Das Gott erbarm,“ krächzte er unter dem rothen Beutel,„ſie hängen wich an den Beinen auf.“ So ſchlimm, wie Lagemann befürchtete, ſollte es nicht werden. Die Mohren legten ſeine Füße nur auf eine Art Geſtelle, ſo daß ſie ein Stück in die Luft zu ſtehen kamen. In dieſer nicht ganz beque⸗ men Lage mußte ſich's der Attaché wieder eine ziem⸗ liche Zeit gefallen laſſen, bevor man weiter vorwärts ſchritt. Die türkiſche Rechtspflege ſcheint ſich am deutſchen Prozeßgange ein Muſter genommen zu haben. Lagemann glich in ſeiner ſonderbaren Lage einer Schnecke, welche ihre Fühlhörner weit von ſich ſtreckt; bei ihm nämlich vertraten die ausgeſpreizten Beine die Stelle der Fühlhörner. Wirklich war auch ſein Gefühl, da ihm die übrigen vier Sinne abgingen, lediglich auf ſeine zwei Beine beſchränkt. Auf dieſen entblößten und bedrohten Theil hatte er ſeine unge⸗ theilte Aufmerkſamkeit concentrirt. Nach einiger Zeit vernahm der erwartungsvolle Lagemann ein ſonderbares Geklapper, als wenn Je⸗ mand ein Bund Stöcke irgendwo hervorlangte. Gleich darauf aber hätte er vor Schmerz laut aufſchreien mögen, wenn ihm nicht die rothe Mütze daran gehin⸗ dert. Es war ihm nämlich, als ob man mit einer glühenden Kohle einen Strich über ſeine entblößte rechte Fußſohle zöge. Mit einem Zetermordio hinter dem Beutel wollte er ſchleunigſt das eine angeſtrichene Fühlhorn einziehen, aber nervige Fäuſte griffen in das Kniegelenk und vereitelten das eben nicht unbil⸗ lige Beſtreben. Ehe noch der Attaché ob dieſes höchſt unzarten und echttürkiſchen Verfahrens hinreichende Betrachtung anzuſtellen vermochte, erhielt das linke Bein ebenfalls ſeinen feurigen Strich. Abermaliger Verſuch zum Zurückziehen. Abermaliger Griff in das Kniegelenk. Der ausgeſpreizte Magdeburger glaubte jetzt alles Ernſtes, daß man ihn mit glühenden Eiſen auf den Fußſohlen gebrandmarkt habe, aber ſein ſonſt richti⸗ ges Gefühl täuſchte ihn diesmal dennoch. Der feurige Strich, der nach Lagemann's Meinung von einem glühenden Eiſen herrührte, war nur die Folge eines Stockhiebes, und die ganze Prozedur, die man mit dem Attaché vornahm, war nichts weiter als die in der Türkei ſo beliebte Baſtonade. Lagemann vereinigte jetzt wirklich Geſicht, Gehör, Geruch und Geſchmack in ſeinem Fußgeſtell, um der höchſt unangenehmen Sache auf die Spur zu kommen; aber bei jedem neuen Streiche fuhr ſein Ich wie be⸗ ſeſſen aus dem beklagenswerthen Theile zurück. Tohn und Bohn verrichteten ihr Strafamt mit einer Accurateſſe, die nichts zu wünſchen ließ. Sie bearbeiteten die unglücklichen Fußſohlen mit Kunſt und Geſchick, ſo daß ſie bei dem ſiebenten Schlage bereits zu bluten anfingen. Lagemann wollte ſchier aus der Haut fahren ob dieſes kannibaliſchen Schmerzes. Sein rothes Haupt 86 fuhr verzweifelt hin und wieder, während ſich die Moh⸗ ren nicht im Geringſten in ihrer Arbeit ſtören ließen. Die Schläge folgten nicht willkürlich auf einander, ſondern methodiſch in abgemeſſenen Pauſen, gleichſam um dem Patienten Zeit zu laſſen, über die Operation nachzudenken. So währte die Marter eine gute halbe Stunde. Lagemann hatte ſich bereits hundertmal den Tod ge⸗ wünſcht und ſtellte ſogar convulſiviſche Verſuche an, ſich mit den eigenen Händen zu erwürgen; aber die wachſamen Mohren verhinderten jedes derartige Atten⸗ tat, indem ſie die ſelbſtmörderiſchen Fäuſte auf Lage⸗ mann's eigener Bruſt zuſammenbanden. Sie thaten dies wahrſcheinlich auch zu ihrem eignen Beſten, denn der Gefolterte focht todverachtend mit den Armen in der Luft und theilte nicht eben ſanfte Schläge und Stöße aus. Wie indeß in der Welt jedes Ding ſein Ende hat, ſo geſchah's auch mit der türkiſchen Execution. Nachdem die unglücklichen Fußſohlen dermaßen zuge⸗ richtet waren, daß ihr Beſitzer unter vierzehn Tagen an kein Auftreten denken konnte, band man den Ge⸗ folterten los, ohne jedoch die rothe Kappe zu lüften; wieder griffen die gewaltigen Arme zu, und trugen den Attaché davon. Außerhalb des Bereichs von Ab⸗ dullah ward er auf den Boden gelegt und ihm die rothe Mütze abgezogen. Auch vergriff man ſich keines⸗ wegs an ſeinem Eigenthum, ſondern legte Stiefeln und Strümpfe gewiſſenhaft neben ihm nieder. Sobald der Attachs einigermaßen wieder zu ſich kam, begann er zunächſt Unterſuchungen über ſeine eignen Füße anzuſtellen, wobei er jedoch die aller⸗ traurigſten Erfahrungen machte. Wie Pumpenſtiefelu waren ſie aufgeſchwollen und er begriff gar nicht, wie 87 er ſie je wieder zum Gelen werde benutzen können. Eines ſolch' niederträchtigen Schmerzes wußte er ſich in ſeinem ganzen Leben nicht zu erinnern. Er war nicht vermögend, ſich von der Stelle zu rühren. Wo ihn Tohn und Bohu hingelegt, da lag er. Er glich ganz Braun dem Bären, nachdem dieſen ſein Neffe Reinecke beim Bauer Rüſteviel ſo übel mitgeſpielt. Der Factor war der Erſte, welcher ihn in dieſer be⸗ dauerungswürdigen Lage vorfand. Süßmilch ſchlug Lärm und bald hatten ſich ſämmtliche Niederroßlaer mit Ausnahme Hanno's um den übelzugerichteten Landsmann verſammelt. Fünftes Rapitel. Di Lagemann'ſche Baſtonade bildete eine geraume Zeit den Gegenſtand des Geſprächs auf dem Schiffe. Während Steuermann und Matroſen berſten wollten vor Lachen, erfüllten ſich die Gemüther des Raths⸗ actuars, Süßmilch's und Vetterlein's mit Grauen und Entſetzen. Mit ſchenen Blicken nur betrachtete man das Terrain des blutgierigen Türken und hütete ſich wohl, demſelben im Entfernteſten zu nahe zu kommen. Der Magdeburger lag nicht weniger denn acht Tage und acht Nächte auf einem Flecke. Er ver⸗ mochte von ſeinen Füßen nicht den geringſten Ge⸗ brauch zu machen. In ſeinem Gemüthe ſah's höchſt desperat aus. So wie er einigermaßen zu ſtehen ver⸗ mochte, eröffnete er eine energiſche Conferenz mit Zei⸗ ſig, welche Letzterem keineswegs erhaulich klang. 88 „Stülpen Sie Ihren Hut mit dem Ochſenkopfe determinirt auf den Kopf,“ ſprach er zum Actuar„und rücken Sie dem Türken vor's Quartier. Sie dürfen ſolche Schmach nicht auf ſich ſitzen laſſen, partout nicht; bedenken Sie, daß in meiner Perſon das ge⸗ ſammte Niederroßlaer Rathscollegium hundsföttiſch be⸗ leidigt, ſo wie das geſammte Völkerrecht mit Füßen getreten iſt. Ich bin Ihr Attaché und integrirender Theil der Niederroßlaer Geſandtſchaft. Sie ſind durch meine Baſtonade eben ſo beleidigt, als hätten Sie dieſelbe ſelbſt erhalten.“ „Ich würde ob ſolcher Mißhandlung unfehlbar den Geiſt aufgegeben haben,“ geſtand zagend der Actuar. „Weichen wir nicht von der Hauptfrage ab,“ er⸗ wiederte Lagemann ärgerlich,„ſuchen Sie Ihren Hut mit dem Stadtwappen und verlangen Sie Audienz und Satisfaction vom Türken.“ „Ich bezweifle nur,“ gab Zeiſig zu bedenken,„ob Herr Abdullah in der Heraldik ſo weit vorgeſchritten ſein dürfte, unſer Stadtwappen zu en und zu reſpectiren.“ „Nennen Sie das türkiſche Ungeheuer nicht Herr, ſondern Hund,“ eiferte Lagemann,„er verdient kei⸗ nen civiliſirten Namen. Befeſtigen Sie oberhalb des Ochſenkopfs die Landescvearde, ich hoffe, die reſpectirt er. Behalten Sie aber den Hut auf dem Kopfe, wenn Sie mit dem Satan ſprechen, damit er Wap⸗ pen und Cocarde ſieht; auch imponirt das mehr.“ „Aber den Fall geſetzt,“ frug Zeiſig,„der Muſel⸗ mann reſpectirt Wappen und Cvcarde nicht, was dann, lieber Lagemann?“ „Was dann?“ ſpottete der Attaché,„Sie müſſen ſich der vielen Bedenklichkeiten entſchlagen; Sie brin⸗ gen es ſonſt im Leben zu nichts. Bedenken Sie, daß 89 Sie als Diplomat durch die Welt fahren, deſſen Per⸗ ſon geheiligt iſt.“ „Aber wenn Abdullah davon keine Notiz nimmt, wie er dies bei Ihnen als meinem Attaché bewie⸗ ſen hat?“ „Ich wünſchte, Sie ſäßen im Pfefferlande mit Ihren ewigen„aber's!“ Sein Sie doch nur ein Ein⸗ zigesmal ein Mann.“ 2 „Aber, ich befürchte nur, daß mich gerade dieſes Einzigemal wenn auch nicht den Kopf doch die Füße koſten kann.“ „Poſſen, die Wuth des Türken hat ſich an mei⸗ ner Perſon hinlänglich geſättigt.“ „Sie kann auch wilder geworden ſein.“ „Wohlan, ſo bluten Sie für's Vaterland, wie ich geblutet habe, und wir behalten uns Regreß und Schmerzensgeld vor, ſobald wir an's Land ſteigen.“ „Ich wollte im Nothfalle wohl bluten,“ verſetzte Zeiſig,„aber ich fürchte, ich halte es nicht aus.“ „Einbildung, Sie haben nicht viel Fleiſch auf dem Leibe, eine Baſtonade iſt für Sie ein Kinderſpiel. Es iſt bei Ihnen gar nichts abzuſchlagen.“ „Ich weiß, was ich weiß,“ beharrte der Actuar, der ſchlechterdings keine Neigung in ſich verſpürte, Herrn Abdullah wegen der Lagemann'ſchen Baſtonade zur Rede zu ſtellen,„ich kenne meine Natur, eine ſolche türkiſch⸗vrientaliſche Behandlungsweiſe hält mein Körper nicht aus.“ Lagemann war ſehr aufgebracht, als der Nieder⸗ roßlaer Geſandte ſich zu einem Beſuche beim Türken durchaus nicht verſtehen wollte. Er hatte einen dop⸗ pelten Zweck, daß er Zeiſig ſo angelegentlich antrieb, dem Abdullah, wie er ſich ausdrückte, vor's Quartier zu rücken. Erſtens hoffte er, daß ſich der Muſel⸗ 90 mann doch vielleicht bewegen laſſen könnte, ſeine bar⸗ bariſche Handlungsweiſe gegen den Attaché einzuſehen und um weitres Aufſehen zu vermeiden, einen Beutel mit türkiſchen Piaſtern als Schmerzensgeld herauszu⸗ rücken. Dieſe Hoffnung war indeß bei Lagemann, wie er den Türken kennen zu lernen Gelegenheit ge⸗ habt hatte, ſehr ſchwach. Weit größre Hoffnung baute er auf den andern Zweck der Zeiſig'ſchen Miſſion, nämlich, daß der Actuar gleichfalls abbaſtonadet werden möge. Der edle Magdeburger erfreute ſich nämlich einer ſo ſchönen Seele, daß er alles Ueble, ſo ihm widerfuhr, auch andern gönnte. Nichts war ihm da⸗ her unerträglicher als der Gedanke, allein die türkiſche Tortur haben überſtehen zu müſſen Von Herzen gern hätte er dem Heldenſpieler, dem Quartus und Factor, kurz jedermann ein ähnliches ſchmerzreiches Abenteuer gewünſcht. Während Lagemann noch bemüht war, den Nie⸗ derroßlaer Rathsbotſchafter für einen Beſuch bei Ab⸗ dullah geneigt zu ſtimmen, trat der lange Factor mit der Nachricht in's Gemach, daß Hanno jetzt außer Gefahr ſei. Das letzte Mittel des Doctor Barring habe vortrefflich angeſchlagen und die gefährliche Kriſis ſei glücklich überſtanden. „Unkraut verliert ſich nicht,“ dachte Lagemann bei ſich, doch war er froh, daß Hanno geneſe. Er hoffte nun baldigſt hinter das Geheimniß zu kommen, wo⸗ mit ihm der todtkranke Heldenſpieler ſo gepeinigt hatte. Da ſeine Beredtſamkeit bei Zeiſig wegen des Beſuchs beim Türken ohne allen Erfolg blieb, ſo wandte er ſich an den Factor, damit dieſer es dem Actuar gleich⸗ falls begreiflich mache, wie nothwendig und der Würde Niederroßla's angemeſſen es ſei, wenn Zeiſig dem Ab⸗ dullah vor's Quartier rücke. 91 Die Diseuſſion wegen einer Zuredeſtellung des Abdullah ward plötzlich auf eine höchſt energiſche Weiſe unterbrochen. Alle drei Disputanten fielen mit einem Schlage die Länge lang auf den Boden. Als man in ſoweit wieder zu ſich gekommen war, um über das Wie und Warum einer ſo unerwarteten Niederlage Betrachtungen anzuſtellen, vernahm man ein wahres Donnergepolter auf dem obern Verdeck und dem⸗ ſelben Moment kam Vetterlein wie in der Lu rch die Kajütenthür hereingeflogen. Es hatte ſich plötzlich ein Orkan erhoben und eine Rieſenwelle das Schiff auf die Seite geworfen. Der Himmel umzog ſich ſchwärzer und das Toben des Sturmes ward bedeutend. Es war das erſte Unwetter, welches den Habicht auf ſeiner Fahrt ereilte und er⸗ ſchien den Niederroßlaern in ſeiner ganzen ungewohn⸗ ten Furchtbarkeit. Zu dem Orkane hatte ſich, um das Schauſpiel des Schreckens vollſtändig zu machen, ein Gewitter geſellt und die vom Sturm gepeitſchten und Donner durchrollten Waſſerberge gewährten einen fürchterlich majeſtätiſchen Anblick. Die tieffinſtre Nacht ward von den flammenden Blitzen von Secunde zu Secunde ſonnenhaft verklärt. Der Capitain Sir John erſchien jetzt in ſeiner Heldengröße. Mit einer Ruhe, als gelte es einem unbedeutenden Manöver auf ſtillem Meere, ertheilte er ſeine Befehle. Seine Stimme durchdrang Sturm, Donner und Wellengebraus und ob alle bewegliche Sachen auf dem Schiffe über und untereinander ſtürz⸗ ten, ob Tod und Verderben von allen Seiten herein⸗ zubrechen drohten, behielt er dennoch all ſeinen Gleich⸗ muth, ja ſeinen Humor wie beim ſchönſten Wetter. „Wenn der Sturm ſo anhält,“ meinte er in ge⸗ 92 mächlichem Converſationstone zu Victor, als dieſer ſich bei ihm nach dem Stande der Dinge und der Größe der Gefahr erkundigte,„ſo kann ſich unſer Koch die Abendmahlzeit erſparen, wir ſoupiren alsdann nicht ſowohl auf dem Meeresgrunde, als werden vielmehr ſoupirt von Fiſchen und Meergewürm.“ Als ſich ſo eben eine weiße, geiſterhafte und ver⸗ danger Welle dem Schiffe näherte, ſagte er: Ihr den Tod noch nicht geſchaut habt von Angeſicht zu Angeſicht, ſo ſieht er aus wie dieſe Welle, welche ſehr Uebles im Sinne führt.“ Zugleich donnerten wieder ſeine Befehle im wun⸗ derlichen Kauderwelſch; von Neuem fuhren die Ma⸗ troſen wie behext auf und nieder und gaben dem Schiffe eine ſolche Richtung, daß die gefahrdrohende Welle nicht ihre ganze Gewalt an dem Schiffe ent⸗ laden konnte. Auch Gamaliel hatte ſich auf's Verdeck herausge⸗ wagt, hielt eine Strickleiter umklammert und ließ ſich willenlos mit dem Schiffe auf- und abſchleudern. Auf Victor's Anfrage, ob er und Drollinger nicht etwas helfen könnten, ſchüttelte Sir John den Kopf. „Jetzt noch nicht,“ ſprach er,„ſobald das Schiff keinen Leck bekommt, hat es keine Noth; aber wir müſſen alle Augenblicke befürchten, daß die Planken berſten und das Waſſer den untern Schiffsraum füllt. Dann könnt Ihr pumpen, ſo viel Ihr Luſt habt. Ich werde vor der Hand in den Kajüten die Pumpen anlegen laſſen. Die Paſſagiere müſſen in den zweiten Schiffsraum hinab. Falls Ihr Euch hier oben nicht gefallt, würde ich gleichfalls rathen, in den ſicherern obwohl unbequemern Gewahrſam des zweiten Decks Euch zu verfügen.“ Gamaliel und Victor erklärten, beim Capitain 93 aushalten zu wollen, während Letzterer einigen Ma⸗ troſen den Befehl ertheilte, die Kajüten der Nieder⸗ roßlaer zu räumen. Lagemann, Zeiſig, der Factor und Vetterlein be⸗ fanden ſich ebenfalls in keinem bencidenswerthen Zu⸗ ſtande. Sie glaubten ſämmtlich, daß ihr letztes Stündlein gekommen ſei und waren über alle Maßen demüthig und gottesfürchtig. Als die Matroſen eintraten, die Kajüte zu räu⸗ men, lagen alle Vier brüderlich umarmt wie der Rattenkönig auf dem Boden. Obſchon unter obwal⸗ tenden Umſtänden Jedem das Lachen hätte vergehen ſollen, ſo brachen die rohen Schiffsleute doch in ein unmäßiges Gelächter aus, als ſie die Niederroßlaer in ſo herzbrechender Umarmung erlklickten. Die am Boden Liegenden ſchöpften neuen Athem, und neue Hoſſnung zog in die angſterfüllte Bruſt, als ſie die Bootsleute ſo urkräftig lachen hörten. Sie ſchloſſen daraus, daß die Gefahr vorüber ſei. „Wie ſteht's denn mit dem Sturm und Gewit⸗ ter?“ erkundigte ſich Lagemann, welcher zuerſt die Sprache wieder erhielt. „Vortrefflich,“ war die Antwort,„wenn das Un⸗ wetter ſo forttobt, ſind wir um Mitternacht all' im Himmel.“ „Dieſes Unglück wolle doch ein grundgütiger Gott verhüten!“ rief der Attaché ſchaudernd und die An⸗ dern ſtimmten ein. „Ho, ho,“ verſetzte ein Matroſe,„iſt das ein ſo großes Unglück, bald in den Himmel zu kommen?“ „Wir ſtehen ſämmtlich in den beſten Jahren,“ gab Lagemann zu bedenken. „Was da,“ lachten die Bootsleute,„geſtorben 94⁴ muß einmal ſein, ob ein paar Jahr früher oder ſpä⸗ ter, kommt auf eins heraus.“ Die Niederroßlaer, auf der Erbſchaftsreiſe begrif⸗ fen, gingen von andern Prinzipien aus. Sie moch⸗ ten vom Tode ſchlechterdings nichts wiſſen, am we⸗ nigſten Lagemann. Er klagte, daß er auf's Ableben noch gar nicht vorbereitet ſei. Matroſen ließen ſich auf keine weiiere philo⸗ ſo Auseinanderſetzung über Tod und Unſterb⸗ lichkeit ein, ſondern mahnten die Niederroßlaer, auf⸗ zuſtehen und die Kajüte zu verlaſſen. „Aber wo ſollen wir denn hin?“ frug Lagemann zähneklappernd. „Ein Stockwerk tiefer,“ war die Antwort. „Aber warum will man uns hier vertreiben?“ er⸗ kundigte ſich der Attaché weiter. „Damit ihr nicht den Pumpen im Wege ſeid,“ erwiederte ein Matroſe. „Weh, ſo dringt wohl das Waſſer ſchon ein?“ „Es wird nicht lange dauern und wir haben alle Schiffsräume voll.“ Die Niederroßlaer wurden bei dieſer Rede wieder von Entſetzen gepackt; gleichwohl rührten ſie ſich nicht von der Stelle. „Allons, erhebt Euch,“ commandirten die Boots⸗ leute,„wollt Ihr bis zum jüngſten Tage hier liegen?“ Der menſchliche Rattenkönig ſetzte ſich jetzt etwas in Bewegung, aber er war mit ſeinen acht Armen und Füßen dermaßen in einander verwachſen, daß es viel Mühe machte, den Knäuel aus einander zu bringen. Die Matroſen machten nicht viel Umſtände, ſon⸗ dern packten einen nach den andern, ſchüttelten ſo lange, bis die Uebrigen abfielen, trugen ihn aus der Kajüte und ſchoben den Halbbewußtloſen durch eine Fallthüre wie einen Geköpften, auf die Gefahr hin, daß er Arm und Beine breche, in den untern Raum, wo er mit ziemlichem Geräuſch auf den Boden fiel. Lagemann, als er hinabtransportirt wurde, be⸗ ſaß noch ſo viel Geiſtesgegenwart, den Matroſen ihr gewiſſenloſes Fluchen zu Gemüthe zu halten. „Wenn Ihr von Eurem raſenden Gefluche nicht ablaßt,“ ſprach er,„ſo iſt's kein Wunder, daß wir alleſammt zu Grunde gehen. So moderirt Euch doch in Etwas und bedenkt, daß Ihr Chriſten ſeid.“ „Was räſonnirt die Landratte,“ tönte es zur Ant⸗ wort,„ſchlagt ihr den Hirnſchädel ein, ſo ſie muckt.“ Lagemann hielt es nach dieſer Aeußerung für an⸗ gemeſſener, dem rohen Schiffsvolke keine moraliſchen Zumuthungen weiter zu ſtellen. Er verſchwand gleich darauf in der Tiefe und fiel auf Zeiſig, welcher als matter Karpfen bereits unten am Boden lag. Auf den Attaché folgte Vetterlein. Dieſer glaubte in der Angſt ſeines Herzens, er ſolle über Bord ge⸗ worfen werden, um das Schiff flott zu machen. Er ſtrampelte daher aus Leibeskräften, als er von einem der handfeſten Matroſen in die Höhe gehoben ward, aber ſeine Widerſpenſtigkeit vermochte nichts gegen die böhere phyſiſche Gewalt. Er kam auf Lagemann zu liegen, welcher entſetzlich aufſchrie, als er noch ein andres lebendes Weſen auf ſich verſpürte. Jetzt kam die Reihe an den Factor, welcher dem dunkeln Geſchick ſeiner Landsleute und Gefährten folgte und in dem dunkeln Schiffsraum krochen nun die vier Niederroßlaer wie Krebſe auf und nieder, beſtän⸗ dig einander in den Weg kommend und einander anſtoßend. Durch die Fahrt in die Tiefe waren ſie, bis auf Zeiſig, welcher den Geiſt aufzugeben vermeinte, ſo 96 ziemlich wieder zu ſich gekommen und führten unter⸗ irdiſche Geſpräche. „Wenn wir nur wenigſtens ein Licht hätten,“ ſprach der Attaché,„daß wir unſer Unglück etwas beleuchten könnten, ſo tappt man in Aegypten wie zur Zeit der Finſterniß; ſeid Ihr das, Factor?“ Mit dieſen Worten hatte er ein Bein gefaßt und wußte nicht, wem es zugehörte. Vetterlein meldete ſich als Eigenthümer, indem er es zurück und an ſich zog. „Heiliger Himmel,“ ſchrie plötzlich eine Stimme, welche dem Factor angehörte,„mir lief ſo eben ein Mühlrad über den Leib. Ich bin ganz breit gedrückt.“ „Poſſen,“ tröſtete Lagemann,„wo ſoll ein Mühl⸗ rad herkommen? Dergleichen gibt's nicht auf Schiffen.“ Süßmilch hatte ſo ganz unrecht nicht, nur irrte er ſich in dem Gegenſtande, der ihm über den Bauch gerollt war. Dieſer beſtand in einem Faſſe mit Spi⸗ ritus, welches bei jeder ſtarken Schwankung des Schiffs von der einen Wand zur andern rollte. Es war das einzige Mobiliar in dem ſtockfinſtern Raume. Vetterlein, des unnützen Herumkriechens auf Hän⸗ den und Füßen(ein aufrechtes Gehen war wegen der niedrigen Decke, an welcher man jeden Augenblick mit dem Kopfe anſtieß und wegen des unerhörten Schwanken des Schiffs unmöglich) überdrüßig, hatte ſich in eine Ecke geflüchtet, wo er ſich an eine eiſerne Klammer anhielt und ausſtreckte, um ein wenig Ruhe zu genießen. Leider follte ihm dieſe nicht lange zu Theil werden. Er fühlte ſich plötzlich von einem ſei⸗ ner Unglücksgefährten an den Haaren gezauſt und auf höchſt ſchmerzhafte Art an der Naſe gezwickt. Er that mit dem Kopfe einen energiſchen Ruck rückwärts und machte den Landsleuten Vorwürfe, daß man ſich 97 in ſolchen Stunden der Gefahr dergleichen Scherze erlaube. „Ich war's nicht,“ vertheidigte ſich der Factor, welcher vor allen Dingen trachtete, den vermeintlichen Mühlſtein aus dem Wege zu bekommen, der nun be⸗ reits zweimal an ihn angerollt und ihm faſt die Seele aus dem Leibe gepreßt hatte. „Ich auch nicht,“ ſeufzte Zeiſig aus einer ent⸗ fernten Ecke des Raums, wo er wie ein Häufchen Unglück zuſammengekauert ſaß. Vetterlein, welcher trotz dieſer Zuſicherungen von Neuem an den Haaren gezwickt wurde, richtete nun ſeine mißbilligende Rede an Lagemann. „Daß Ihr doch,“ ſchalt er,„Eure Schabernacken nie laſſen könnt, Lagemann. Es iſt dies ein rechter Schattenpunkt in Eurem Charakter.“ Der Attaché, welcher ſich nie ſo unſchuldig gefühlt wie diesmal, betheuerte aus Leibeskräften, daß ihm ein Schabernack nicht entfernt in den Sinn gekommen ſei. Er habe mit eigner Noth zu kämpfen. Vetterlein wußte jetzt nicht, was er denken ſollte. Alle Welt verſicherte ihre Unſchuld und gleichwohl zauſte es ihn hartnäckig in den Haaren, ſobald er den Kopf ausſtreckte. Um ſich nun handgreiflich zu überzeugen, daß es Niemand anders als der boshafte Magdeburger ſein könne, griff er bei abermaligem Zauſen raſch über ſich, um die Hand des Miſſethäters zu erhaſchen und ihn in flagranti zu ertappen. Aber mit Entſetzen fuhr er zurück, als er eine lebendige Ratte packte, die ihn noch dazu in den Finger biß. Der Quartus erhob ein Zetermordio ob dieſer Ent⸗ deckung und traf ſofort Anſtalt, die Schiffswand zu verlaſſen und wieder nach der Mitte zu ſteuern. In demſelben Augenblicke fühlte ſich auch Zeiſig Stolle, ſämmtl. Schriften. XVIII. 7 98 angefreſſen und zwar an dem Theile ſeines Körpers, der beim Niederkauern faſt den Fußboden berührte. Er ſetzte ſich ebenfalls ſo ſchleunig wie möglich in Bewegung und kroch der Mitte zu, wo er mit Vet⸗ terlein, ſeinem Rattenleidensgefährten, kopflings zu⸗ ſammenſtieß. Die beiden tauſchten eben ihre bittern Erfahrungen aus, als auch Lagemann hinreichende Veranlaſſung fand, in ein Zetermordio auszubrechen. Das Rad des Schickſals, die Spiritustonne, welche hin und wieder kollernd, ſchon den Factor ſo übel mitgeſpielt, hatte auch ihn erreicht und war ihm direct über die Hinterfüße gegangen. Es kann wohl kaum eine troſtloſere Lage gedacht werden, als diejenige war, in welcher ſich die vier unglücklichen Niederroßlaer befanden. Keinen Augen⸗ blick ſicher, wie neuwaſchnes Linnenzeug von dem ge⸗ füllten Spiritusfaſſe gerollt und lebendigen Leibes von den Ratten angefreſſen zu werden, glichen ſie wirklich den Verdammten im unterſten Höllenpfuhl. Indeß kann der Menſch Unglaubliches ertragen, bevor er total verzweifelt und aus der Haut fährt. Die Niederroßlaer lieferten den Beweis. Sie ſtreng⸗ ten ihre geſammten Geiſteskräfte an, um ſich aus der unerträglichen Lage zu befreien. Lagemann that den Vorſchlag, ſich wieder zu con⸗ zentriren, zu umſchlingen und als Vereinskörper dem Ungemach die Stirn zu bieten. „Es iſt dies das Beſte, was wir thun können,“ ſprach er,„wir ſchlagen dann mit vereinten Kräften die Angriffe der Ratten ab und legen uns als Vor⸗ gebirge dem umherrollenden Gegenſtande, der nach meinem Dafürhalten kein Mühlſtein, ſondern eine ge⸗ füllte Tonne iſt, in den Weg.“ „Wäre es nicht gerathener,“ gab der Factor zu 99 bedenken,„wir ſuchten wieder die Oberwelt zu ge⸗ winnen? Ich will lieber im Maſtkorbe ſchaukeln, auf die Gefahr hin, in's Meer zu fallen, als in dieſer Mordhöhle länger verweilen. „Es iſt dies auch meine Meinung,“ verſetzte der Quartus;„die Ratten ſcheinen von beiſpielloſem Ap⸗ vetite, und unſereins hat, was den Leib anbelangt, nicht viel zuzuſetzen.“ Auch der Actuar pflichtete bei. Der praktiſche Lagemann erwiederte:„Ihr ſprecht, wie Ihr es verſteht. Unſerm Falle nach zu ſchließen, müſſen wir ein halbdutzend Ellen in die Tiefe gefahren ſein. Die Fallthür iſt zugeſchlagen, keine Stiege führt nach der Oberwelt; zudem herrſcht hier eine Fin⸗ ſterniß, daß man die Hand vor den Augen nicht ſieht. An ein Entkommen iſt unter ſolchen Umſtänden nicht zu gedenken. Alſo vereinigen wir uns; Bruſt an Bruſt trägt ſich das Mißgeſchick leichter.“ Die Rede Lagemann's fand Anklang und man be⸗ ſchloß, ſeinen Vorſchlag in Ausführung zu bringen. Dies war aber nicht ſo leicht. Von allen Seiten kroch man zwar gegen einander, aber die heftigen Schwankungen des Schiffs, ſo wie die rückſichtslos auf⸗ und niederrollende Tonne erſchwerten eine Ver⸗ einigung. Jeder griff in der Dunkelheit um ſich, um wo möglich einen Landsmann zu erhaſchen. Endlich thaten die weitausgreifenden Arme des Factors einen Fang. Es war der Actuar. Sogleich annoncirte Süßmilch das glickliche Ereigniß mit den Worten: „Wir haben uns.“ „Wer?“ frug Lagemann in die Nacht. „Ich und Zeiſig,“ war die Antwort. „Haltet feſt an einander,“ rieth der Attaché und ſteuerte dem Orte zu, von woher der Ruf erklungen 100 war. Nach ziemlich langem Unhertappen gelang es ihm, die Vereinigung zu bewerkſtelligen. „Seid umſchlungen, theure Landsleute,“ ſprach er,„jetzt ſoll uns nichts mehr trennen. Schlagt die Arme um einander brüderlich.“ Jetzt fehlte nur noch Vetterlein. Dieſer irrte als detachirtes Corps einſam in dem weiten Raume um⸗ her und jammerte über alle Maßen, daß er der Ge⸗ fährten nicht habhaft werden konnte. „Quartus, wo ſteckt Ihr?“ frug Lagemann. „Hier,“ tönte es kläglich aus entfernter Ecke. „Kriecht dem Schalle nach.“ Vetterlein befolgte dieſen Rath. So kam endlich die Quadrupelallianz zu Stande. „Wenn jetzt die Tonne kommt,“ ſprach der um⸗ ſichtige Attaché,„ſo wollen wir uns bemühen, der⸗ ſelben habhaft zu werden. Wir nehmen das Beeſt alsdann in die Mitte und verhindern das Auf⸗ und Niederrollen.“ Dieſen letztern Vorſchlag Lagemann's auszuführen, war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Die Tonne kam angeprallt, aber eh' man ihrer habhaft werden konnte, war ſie ſchon wieder zurückgerollt. Ihr An⸗ lauf erſchütterte aber jedesmal das Quarré gewaltig und ließ höchſt unangenehme Empfindungen zurück. Es bedurfte geraume Zeit, bevor man das wider⸗ ſpenſtige Locomotiv zwiſchen Süßmilch's und Zeiſig's Leichnam dermaßen placirt hatte, daß ein Weiterrollen verhindert wurde. Neben den zwei Genannten waren Vetterlein und Lagemann gelagert. Der Factor fand ſich nach einiger Zeit zu der Bemerkung veranlaßt, daß ſich's keineswegs bequem liege. Auch Zeiſig pflichtete ſeufzend bei. Der At⸗ taché tröſtete. In Betracht der umherrollenden Tonne 401 liege man wie im Himmel. Süßmilch konnte dieſem Ausſpruche nicht beipflichten. „Für die Länge,“ ſprach er,„halt ich's nicht aus. Was meinen Sie, Aectuar?“ „Bei mir dürfte derſelbe Fall eintreten,“ gab dieſer zurück. „Wir wechſeln ſpäter,“ verhieß Lagemann. Das iſt höchſt wünſchenswerth und zwar je eher je lieber,“ meinte der Factor,„mein Arm, der zu⸗ nächſt liegt, iſt bereits mürbe.“ Die Ratten, welche bei dem Vereinigungswerke der Niederroßlaer ſich etwas zurückgezogen hatten, kehrten wieder, als man ruhiger lag. Auf den un⸗ glücklichen Quartus, an deſſen Perrücke ſie abſonder⸗ lichen Geſchmack gefunden, geſchah wieder der erſte Angriff. Vetterlein ſchrie wie ein Geſpießter und hieb mit Todesverachtung um ſich. Dieſe energiſchen Ausfälle ſtörten indeß die gefrä⸗ ßigen Beſtien diesmal weniger. Sie überkletterten den kleinen Körper Vetterlein's, welcher mit außeror⸗ dentlicher Vehemenz nach allen Seiten ausſchlug, ſo daß er dem Factor ſehr beſchwerlich fiel, der auch nicht ermangelte, ſeine höchſte Mißbilligung ob ſolcher Strapazen auszuſprechen. Vetterlein befand ſich in⸗ deß keineswegs in der Lage, auf Süßmilch's Miß⸗ ſtimmung Rückſicht zu nehmen. Der Zweck, die Rat⸗ ten abzuſchütteln, ging ihm über Alles. Wirklich gelang ihm dies auch durch gewaltſame Anſtrengung; aber die Folge davon war, daß die langgeſchwänzte Ratte über den Factor herfiel. Süßmilch, von zwei Seiten angegrifen, der Spi⸗ ritustonne und den Ratten, gerieth in außerordent⸗ liche Extaſe. Er wälzte in der erſten Verzweiflung das Spiritusfaß geradezu Zeiſig auf den Leib. Die⸗ 102 ſer glaubte nicht anders, als ein Welttheil läge auf ihm; er nahm ſeine letzten Kräfte zuſammen und beförderte vermöge eines ausdrucksvollen Katzenbuckels, er lag nämlich auf dem Bauch, die nicht eben be⸗ neidenswerthe Weltkugel auf Lagemann, über welchen ſie hinweg wieder in's Freie rollte, um ihr voriges läſtiges Spiel von Neuem zu beginnen. So war es einem halben Dutzend Ratten gelun⸗ gen, das Niederroßlaer Quarré total zu ſprengen; denn ein Jeder war jetzt auf die Vertheidigung ſeiner eige⸗ nen Perſon bedacht. Es entſtand nun ein entſetzli⸗ cher Fauſtkampf, der zwar zunächſt gegen die Schiffs⸗ ratten berechnet war, aber mancher der zahlloſen Püffe traf auch Unſchuldige. Das Mißgeſchick voll zu machen, begann nun die Tonne wieder ihr hölliſches Weſen und bohrte bald dieſen bald jenen der bemitleidenswerthen Niederroß⸗ laer in den Grund. An ein feſtes Zuſammenhalten der Unglücksgefähr⸗ ten war nicht mehr zu denken. Lagemann, welcher ſich bei der Vereinigung noch am Beſten befunden hatte, brachte die Centraliſationsfrage wieder in An⸗ regung, fand aber keinen Anklang. Die Ueberrum⸗ pelung der Tonne, wie verteufelt unbequem ſie wax, fürchtete man weniger als den Angriff der unheimli⸗ chen geſchwänzten Gäſte, welche mit unermüdlicher Beharrlichkeit ihren Hunger zu ſtillen ſuchten. Es war, wie bereits erwähnt, ſtockfinſter in dem Schiffsraume, worin die Niederroßlaer eingeſperrt waren. Demzufolge ereignete ſich die grauliche Er⸗ ſcheinung, daß die Augen der Ratten wie kleine Lich⸗ ter leuchteten. Lagemann, nachdem er dieſe Bemer⸗ kung gemacht, trat mit ſeinen großen Stiefeln wie 103 beſeſſen nach den Feuerfunken und gab den Andern den guten Rath, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Jetzt glich der Schiffsraum einer Oel⸗ und Walk⸗ mühle. Jeder ſprang voll Eifer nach den lichten Punkten, um ſie auszuputzen. Oft verlor man darü⸗ ber das Gleichgewicht und fiel die Länge lang auf den Boden. Zuweilen unterbrach auch die rollende Tonne die Springübungen, indem ſie dieſen oder jenen die Beine unter dem Leibe hinweg nahm. Die vier Niederroßlaer Erbfahrer vollführten einen wahrhaften bethlehemitiſchen Kindermord unter der ägyptiſchen Landplage; alle Mittel waren erlaubt ge⸗ gen die gefräßige Thierart. Der ſonſt ſo ſanfte Zeiſig arbeitete mit einer Wuth an dem Vernichtungswerke, die man ſeinem chriſtlichen Gemüthe gar nicht zuge⸗ traut hätte. Der Factor als Rattenvertilger war kein Menſch mehr, er gerirte ſich als Wolf in einer Läm⸗ merheerde. Vetterlein knipſte mit einem coloſſalen Appartementſchlüſſel, den er ſtets bei ſich trug, wie die Schulknaben nach Pfirſichkernen, nach den illumi⸗ nirten Rattenköpfen, während Lagemann wie ein Win⸗ zer in der Weinkufe mit ſeinen Dragonerſtiefeln auf und nieder trat. Auch die Tonne trug durch ihre unermüdliche Beweglichkeit zum Untergange der Rat⸗ ten bei. Solchen vereinten Bemühungen konnte der Sieg nicht ausbleiben. Die geſchwänzten Gäſte wurden nach einer radicalen Niederlage total in die Flucht geſchlagen, ſo daß die Niederroßlaer endlich Luft be⸗ kamen und ihre Aufmerkſamkeit wieder der Tonne zu⸗ wenden konnten. Lagemann war hier wieder derjenige, der durch ſeinen weiſen Rath bedeutenden Einfluß auf ſeine Gefährten gewann. Er ſchlug vor, des Faſſes ſich 104 zu bemächtigen und nachzuſehen, welche Flüſſigkeit dar⸗ innen aufbewahrt ſei. Fände ſich etwas Genießba⸗ res vor, ſo wolle man ſich recht ſatt trinken und den Ueberreſt auslaufen laſſen. Es ließe ſich ja an den Fingern abzählen, daß eine leere Tonne weit leichter zu bewältigen ſei, als eine gefüllte. Was die Sünd⸗ fluth anlange, die entſtehen könne, ſo würde ſich in dem weiten Raume ſchon irgend eine Oeffnung vor⸗ finden, wo die Näſſe ablaufen könne, auch würden da die vielen Rattenleichname hinweggeſpült. Dieſe Rede fand allgemeinen Beifall. Man bewunderte das Genie und Denkvermögen des Attaché's; ſelbſt der gereiſte und welterfahrene Vetterlein bekam Reſpect vor der geiſtigen Größe des Magdeburgers, denn auf alle dieſe Vorſchläge wäre er in ſeiner Weisheit nicht gekommen. Man ſtellte ſofort wieder Jagd auf die Tonne an. Da man ſie nicht ſah, ſo mußte man ihrem Donnergepolter nachtappen. Bei dieſen nächtlichen An⸗ griffen ward Lagemann einmal, der Factor dreimal, Vetterlein fünfmal und der unglückliche Zeiſig neun⸗ mal von dem kollernden Ungeheuer über den Haufen gerannt. Verheerend wie eine Lawine rollte das Spiritus⸗ faß durch den dunkeln Raum, rückſichtslos Alles nie⸗ derreißend, was ſich in den Weg ſtellte. Endlich wollte es der Zufall, daß ſie in ihrem Laufe durch die Körper des Actuars und Vetterlein's, welche über einander am Boden lagen, gehemmt wurde. Lage⸗ mann ſchloß ſogleich aus der Pauſe, die nach dem Donnergepolter eingetreten war, daß jetzt ein günſti⸗ ger Moment ſei, des ungeberdigen Feindes habhaft zu werden. Vetterlein's Signalruf kam ihm hierbei zu ſtatten. 105 „Hier liegt ſie,“ rief der Quartus. „Wo denn, wo?“ frug Lagemann. Der am Boden Liegende erhöhte ſeine Stimme und wiederholte:„Hier, hier!“ Jetzt vermochte ſich der Magdeburger einigermaßen zu orientiren. Er tappte über todte Ratten nach der Gegend hin, wo Vetterlein ſeine Stimme erhob. „Endlich hab' ich ſie,“ rief der Attaché trium⸗ phirend und war ſogleich ſo vorſichtig, die Tonne auf den Boden zu ſtellen, ſo daß ſie von nun an weni⸗ ger Luſt zum Davonlaufen bekam. Der unermüdliche Lagemann viſitirte jetzt nach dem Spundloche. Das war aber mit ſolcher Accu⸗ rateſſe verwahrt, daß ohne die nöthigen Inſtrumente ein Eindringen nicht möglich war. „Wir werden müſſen den Boden einſchlagen,“ meinte der Attaché;„aber womit? das iſt die Frage.“ Vetterlein mußte den Appartementsſchlüſſel hergeben, mit welchem er die Ratten vor den Kopf geworfen. Lagemann bediente ſich mit ſolchem Eifer dieſes we⸗ nig brauchbaren Inſtruments, bis zu Aller Leidweſen der Bart abbrach. „Nun ſind wir nicht beſſer daran als zuvor,“ meinte er.„Wer wagt es, hinaufzuklettern, um viel⸗ leicht mit den Füßen den Boden zu zertrümmern? Nach meinem Dafürhalten könnte das der Quartus vermöge ſeiner kleinen Statur am Beſten bewerkſtelli⸗ gen. Wir andern Alle würden zu heftig mit dem Kopfe anſtoßen.“ Die Niederroßlaer, mit Ausnahme Vetterlein's, waren ſämmtlich der Anſicht Lagemann's. Der Suar⸗ tus proteſtirte heftig gegen den Vorſchlag. „Wir halten Euch,“ beruhigte der Atta hé. „Aber wenn ich durchfahre, kann ich einen Knacks 106 davon tragen zeitlebens,“ gab Vetterlein zu bedenken. „In der Tonne kann auch Oel ſtecken.“ „Es riecht nach Spiritus,“ betheuerte Lagemann. „Gleichviel, ich danke.“ „Aber ich begreife nicht,“ meinte der Factor, im Finſtern mit dem Kopfe ſchüttelnd,„wie Ihr Euch einer ſo gemeinnützigen Unternehmung entziehen könnt. Hätte mich die Natur nicht ſo geſtreckt erſchaffen, würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, dem Gemeinwohl dieſes Opfer zu bringen.“ Auch dieſe factorliche Ermahnung wollte keine Früchte bringen und Vetterlein ſich zu dem Empor⸗ klettern anf die Tonne nicht verſtehen. Dieſe höchſt unfruchtbaren Verhandlungen wurden plötzlich auf ſehr unſanfte Weiſe unterbrochen. Eine heftige Schwankung des Schiffs, wo dieſes mit Blitzes⸗ ſchnelle von einem Wogenberge in den Meeresabgrund geſchleudert wurde, warf alle vier Delibrirenden im Augenblicke mit ſammt der Tonne über den Haufen. Sie hatten ſich kaum von ihrem Schreck etwas erholt, als ein neues Ereigniß ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Die Fallthüre, durch welche ſie ſämmtlich von den rohen Matroſen herabgeworfen worden waren, that ſich auf und es erfolgte ein neuer dumpfer Fall. Lagemann war ſehr begierig, wer wohl der neue Schickſalsgefährte ſein möge, und ob man von ihm nicht Nachricht erhalten könne, wie es auf der Ober⸗ welt hergehe. Er kroch ſofort nach der Richtung hin, wo ſeiner Berechnung nach der Herabgeworfene liegen mußte, welcher ſich indeß nicht rührte und keinen Laut von ſich gab. „Der hat unfehlbar ſeinen Tod gefunden,“ dachte der Attaché,„es iſt auch kein Wunder, hier den 107 Hals nicht zu brechen, und ich begreife nicht, wie wir vier ſo glücklich davon gekommen ſind.“ Als der Magdeburger ſo weit auf Händen und Füßen vorwärts gedrungen war, daß er glaubte, dem neuen Ankömmling ziemlich nahe zu ſein, rief er: „Heda, guter Freund, wer ſeid Ihr und wie ſteht's oben auf dem Schiffe?“ Ein tiefes Seufzen war die einzige Antwort. „Ihr habt Euch gewiß Schaden gethan beim Herabfallen?“ erkundigte ſich der Attaché und ſtellte ſich ſehr theilnehmend. „Ich bin der unglückliche Hanno,“ tönte es zu⸗ rück,„den man auf barbariſche Weiſe aus ſeinem Bett geriſſen und in dieſe Mordhöhle geworfen hat.“ Dem Magdeburger war dies Zuſammentreffen gar nicht unlieb. Es war das erſte Mal, daß ihm wie⸗ der Gelegenheit ward, ſich mit dem Heldenſpieler zu unterhalten. Er beſchloß ſogleich, den günſtigen Mo⸗ ment zu benutzen und in Hanno zu dringen, daß er ihm das Geheimniß wegen des Betrugs entdecke, wel⸗ ches dem Attaché die ganze Zeit über wie eine Cent⸗ nerlaſt auf der Bruſt gelegen. Der Heldenſpieler, nachdem er Lagemann an der Sprache erkannt, war aber keineswegs aufgelegt, Beichte zu ſitzen oder viel⸗ mehr zu liegen. „Ein andermal, Lagemann,“ erwiederte er mit matter Stimme,„wenn ich vollkommen hergeſtellt bin, jetzt wird mir das Reden zu ſauer.“ „Warum wollt Ihr aber das Geheimniß auf die lange Bank ſchieben,“ fuhr der Attaché dringend fort; „ſo Ihr auf Eure Wiederherſtellung wartet, erfahr' ich's im Leben nicht, denn daß Ihr nicht wieder auf⸗ kommt und daraufgeht, iſt ausgemacht.“ 108 „Der Arzt hat große Hoffnung,“ hielt Hanno dagegen,„auch iſt mir ſeit einigen Tagen beſſer.“ „Einbildung,“ erwiederte der Attaché,„voreilige Phantaſiegebilde. Ich gebe auf Eure Wiederherſtel⸗ lung keinen Heller. Alſo beichtet; erleichtert Herz und Gewiſſen durch aufrichtiges Bekenntniß, es iſt um Lebens und Sterbenswillen. Um wie viel habt Ihr mich denn eigentlich beſtohlen oder betrogen, und wie war das bei meiner Wachſamkeit möglich? Was habt Ihr mit dem unrechten Gute angefangen Habt Ihr's ſchon verthan oder vergraben? Schenkt mir reinen Wein ein, Hanno, bedenkt die Sterbeſtunde, die Euch näher ſteht, als Ihr meint.“ um ſeiner Rede mehr Eindruck zu verſchaffen, war Lagemann dem am Boden liegenden Heldenſpie⸗ ler ganz nahe gekrochen, ſo daß er zu ſeinem Miß⸗ geſchick gerade unter die Fallthür gerathen war. Plötzlich that ſich dieſe von Neuem auf, ein neues Schlachtopfer flog herab und kam höchſt ſeltſamer⸗ weiſe auf den Attaché zu ſitzen. Dieſem konnte, während er dem verſteckten Hanno in's Gewiſſen redete, gar nichts Fataleres paſſiren, als dieſer unerwartete Ritt. Er ſchüttelte und bäumte ſich, aber der Reiter ſaß ſattelfeſt. Hanno, welcher das Geräuſch des Herabfahrens vernommen und welchem Lagemann's Anſtrengungen, des ungebetenen Ritters ledig zu werden, nicht ent⸗ gingen, erkundigte ſich nach dem neuen Ankömmling. „Der Teufel mag wiſſen, was das für ein Kerl iſt,“ erwiederte der berittene Attaché, der ob ſeines Obermanns immer aufgebrachter wurde und die außer⸗ ordentlichſten Anſtrengungen traf, den beharrlichen Reiter abzuſatteln. Der Ritter ſchien ſich übrigens auf ſeinem Platze 109 dermäßen zu gefallen, daß er Gegenanſtalten traf, das widerſpenſtige Roß zur Ruhe zu bringen. Er fuhr Lagemann mit ein paar Rieſenfäuſten nach der Kehle und drückte ſo vehement, daß der Berittene ſchier vermeinte, aus der Haut zu fahren. Wenn ihn nicht Alles trog, ſo hatte er mit dieſem Kehlgriffe bereits in der türkiſchen Kajüte Bekanntſchaft gemacht. Er argwohnte ſogleich nicht ohne Fieberſchauer, daß Tohu oder Bohu als Alp auf ihm ſitze, und er täuſchte ſich nicht. Es war Bohu, welcher auf Befehl ſeines Herrn den Matroſen hatte ſollen zur Hand gehen, aber denſelben nur im Wege geweſen und von ihnen als unbrauchbare Möbel entfernt und in den untern Schiffsraum zu den Niederroßlaern geworfen wor⸗ den war. Etwas afrikaniſches Gemurmel ſetzte es dem angſt⸗ ſchwitzenden Attaché vollends außer Zweifel, und er machte jetzt als Roß keine Sprünge und Paraden mehr, ſondern war lammfromm geworden, in der Hoffnung, der Schwarze werde endlich von ſelbſt abſteigen. Dies geſchah auch nach einiger Zeit, Bohu ver⸗ ließ Lagemann und kroch weiter vorwärts, wo er alsbald mit den übrigen Niederroßlaern Bekanntſchaft machte, was zu eigenthümlichen Scenen Veranlaſ⸗ ſung gab. Zuerſt ſtieß der Afrikaner auf den Factor, wel⸗ cher ihn für Lagemann hielt und ſich nach dem Hel— denſpieler erkundigte, von deſſen Ankunft er Kenntniß erhalten hatte. Bohn gab keine Antwort; da ihm aber das Umherkriechen auf dem Boden zu unbequem war, ſo beſchloß er wieder den Ritt zu verſuchen und beſtieg den Factor. Süßmilch, den Schwarzen noch immer für Lage⸗ 110 mann haltend, drückte unverholen ſeine Mißbilligung über ſolches Verfahren aus. „Welche Unbilligkeit,“ ſprach er,„Lagemann, ich bin doch nicht Euer Pferd, ſteigt ab; der Aufenthalt hierſelbſt iſt an ſich nicht angenehm, nun dieſe Laſt! Mein Gott, wie ſchwer ſeid Ihr, ich hätt' Euch gar nicht für ſo gewichtig gehalten. So ſteigt doch ab! Es iſt jetzt keine Zeit zum Scherz. Ich bitte, La⸗ gemann.“ Der vermeintliche Lagemann ließ ſich durch des Factors Abmahnung nicht irre und abwendig machen, ſo daß endlich dem ſanften Süßmilch die Geduld aus⸗ ging und er ebenfalls zu cvurbetiren begann. Dies würde ihm indeß wenig Nutzen gebracht haben, wenn ihm diesmal nicht die Tonne zu Hülfe gekommen wäre. Sie machte einen energiſchen Angriff gegen den Factor, warf ihn um, ſo daß Bohn das Gleich⸗ gewicht verlor und von dem Rücken Süßmilch's herabfiel. Plötzlich vernahm man die nach Hülfe rufende Stimme Zeiſig's. Das Unglück war jetzt über den Actuar hereingebrochen und er dem umhergreifenden Mohren in die Zange gerathen. Sein richtiger In⸗ ſtinkt ſagte ihm gleich, daß ſolche barbariſche Griffe unmöglich von europäiſchen Fäuſten herrühren könnten⸗ Bohn ſchlug mit ſeinen Klauen wie mit Enterhaken in Zeiſig's Schultern. Letzterer witterte die unheim⸗ liche Nähe und ſchrie entſetzlich. Lagemann ſchloß aus dieſem Geſchrei ſehr folge⸗ richtig, daß der Afrikaner ſeinen diplomatiſchen Chef erwiſcht habe. i er ſehen, wie er loskommt,“ dachte er bei ſich,„ich menge mich nicht darein.“ Er verſuchte hierauf wieder mit Hanno in Converſation zu treten, 111 wozu aber dieſer nicht die geringſte Luſt verſpürte, da er ſich zu ſchwach und abgeſpannt fühlte. Süßmilch, welcher aus Zeiſig's Hülferuf vermu⸗ thete, daß der ſchadenfrohe Lagemann ihn ebenfalls beſtiegen habe, ſprach ernſtlich dem Attaché in's Ge⸗ wiſſen. Vetterlein war derjenige, welcher dem Schreier zu Hülfe kroch, um zu fühlen(zu ſehen war nichts), was es gebe. Ihm ward aber ein übler Lohn für ſeine Dienſtgefälligkeit. Der Mohr packte den Heran⸗ kriechenden am Rockkragen und zog ihn mit ungeſtü⸗ mer Zärtlichkeit an ſich. Jetzt ward auch der Quartus mit Grauſen inne, daß noch ein andres nicht aus Niederroßla abſtam⸗ mendes Weſen im finſtern Raume ſich einherbewege. Wäre er nicht ein ſo aufgeklärter Mann geweſen, ſo würde er unfehlbar an den Teufel in Perſon geglaubt haben, denn die Fauſt, die ihn am Rockkragen ge⸗ faßt hatte, ſchien ihn mit Klauen begabt. Er ſchüt⸗ telte alſo aus Leibeskräften, um loszukommen, aber dem Schwarzen mochte es Spaß machen, mit den Niederroßlaern ſein Spiel zu treiben. Er preßte den Quartus mit Innigkeit an ſich wie einen Sohn und knusperte ihn mit ſeinen dicken aufgeworfenen Lippen nach afrikaniſcher Zärtlichkeits ſitte über das ganze Geſicht. Vetterlein ſchrie entſetzlich. Er glaubte, der un⸗ ſichtbare Unhold, in welchem er jetzt gleichfalls den Afrikaner ahnte, wolle ihn anfreſſen. Ob dieſes außerordentlichen Zetermordio's ward Bohn ungeduldig. Er ſteilte ſein Knuspern ein, nach⸗ dem er dem Quartus nochmals kräftig in die Naſe geblaſen, welches für Vetterlein eine ſehr unangenehme Empfindung hervorbrachte, und w arf ihn unwillig von ſich. Das war dem Quartus recht lieb. Er betaſtete 112 ſich am ganzen Körper und nachdem er noch Alles beiſammen fand, war er zufrieden, mit blauem Auge davon gekommen zu ſein. Zeiſig, da er vermöge ſeiner belegten Stimme weniger ſchrie als der Qnartus, hatte noch geraume Zeit mit den Zärtlichkeiten Bohu's zu kämpfen. Er war in ſeinem Leben nicht ſo geherzt worden wie jetzt auf dem atlantiſchen Ocean im finſtern Schiffs⸗ raume. Von den fünf Niederroßlaern hatte jetzt jeder ſeine Noth. Hanno war noch halb krank, der Attaché mühte ſich vergebens, den Heldenſpieler zum Geſtändniß zu bringen. Süßmilch kämpfte raſtlos mit der Tonne, die er durchaus zum Stehen zu bringen verſuchte. Vetterlein kroch ruhlos umher, fortwährend in Furcht, ſeinem afrikaniſchen Liebhaber in die Arme zu gera⸗ then; und Zeiſig wußte ſich vor den ſonderbaren Lieb⸗ koſungen Bohu's nicht zu retten. Der Schwarze hatte den Actuar, nicht ohne Widerſtreben von Seiten des Letztern, auf den Ricken gelegt und krabbelte ihn mit einer eigenthümlichen Geſchicktichkeit am ganzen Leibe von oben bis unten. In jeder andern Lage würde Zeiſig gegen dieſe Operation nichts eingewendet haben, denn ſie that ihm wohl, aber immer ſchwebte er in der Angſt, das ſeltſame Manöver könne leicht mit einem Gurgeleindrücken endigen. Sein Herz vochte daher jedesmal lauter, wenn die Hände Bohus ſich dem Halſe näherten. Dieſe mannigfache Trübſal der Niederroßlaer Lei⸗ densgefährten ſollte indeß plötzlich durch eine neue allgemeine Noth verdrängt werden, gegen welche alle zeither überſtandenen Mühſeligkeiten und Drangſale in gar keine Betrachtung kommen konnten. Es war nämlich Zeiſig, welcher, auf dem Rücken 143 ausgeſtreckt liegend und von Bohn ſich frottiren laſ⸗ ſend, zuerſt die Bemerkung machte, daß es ihm ſchiene, als werde der Fußboden etwas feucht. Hanno, der gleichfalls ausgeſtreckt lag, fand ſich alsbald zu der⸗ ſelben Bemerkung veranlaßt. Lagemann, der jetzt um⸗ herkriechend die Sache ernſtlicher unterſuchte, meinte, es müſſe hereinregnen. Bald war die Aufmerkſamkeit ſämmtlicher Erb⸗ ſchafter auf dieſe neue und unerwartete Erſcheinung gerichtet. Zeiſig, der es mit dem Rücken in der Näſſe nicht länger auszuhalten vermochte, hatte ſich freiwillig den Liebkoſungen Bohu's entzogen und nahm ſeine frühere Stellung als Vierfüßler ein. Unterdeſſen wuchs das Waſſer auffällig in dem Schiffsraume und mit ihm die Angſt der eingeſperr⸗ ten Niederroßlaer. Lagemann's Hypotheſe wegen des Hereinregnens fand gar keinen Anklang; der Attaché glaubte ſelbſt nicht daran. Es war nur zu gewiß, daß das Schiff bei dem fortwährenden Hin⸗ und Herwerfen einen Leck bekommen. Der wachſende Tu⸗ mult in den obern Räumen verkündete gleichfalls nichts Gutes. Wirklich befand ſich das Schiff auch in bedeuten⸗ der Gefahr. Noch immer war Meer und Himmel in undurchdringliche Nacht gehüllt, nur momentan von den Blitzen flammend geſpalten. Die Wellen tobten mit unermüdlicher Wuth gegen das Gebäu von Men⸗ ſchenhand, welches kaum zu widerſtehen vermochte. Gleich den eifrigſten Matroſen arbeiteten Victor und Gamaliel an den Pumpen, denn bereits hatte das Schiff mehrere Lecks erhalten. Die zwei jungen Männer wurden plötzlich nach der Kajüte des Capi⸗ tains berufen und ihre Plätze durch ein paar Boots⸗ leute erſetzt. Als ſie zu Sir John in's Gemach tra⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XVil. 8 11¹ ten, ſetzte dieſer ſo eben ſeinen kräftigen Namenszug unter eine Schrift, welche er aufgeſetzt hatte. Man merkte dem alten Seehelden den furchtbaren Inhalt dieſes Schreibens im Geringſten nicht an. Er hatte eine Flaſche Champagner entkorkt und die Gläſer gefüllt. „Einen Schluck zur Stärkung,“ ſprach er, die ſchäumenden Gläſer präſentirend.„Die Gefahr iſt darnach. Wenn der Himmel nicht Zeichen und Wun⸗ der thut, halten wir uns keine Stunde mehr. Ich habe daher das Schickſal des Habichts kurz zu Pa⸗ pier gebracht und bitte um größrer Glaubhaftigkeit halber um Eure beiderſeitige Unterſchrift. Das Do⸗ eument wird in einer luftleeren, hermetiſch verſchloſ⸗ ſenen Flaſche aufbewahrt. Es ſoll der Bote unſers Untergangs an die Ueberlebenden ſein.“ Gamaliel wie Victor war nicht wohl zu Muthe bei dieſen Worten des Capitains. In blühender Ju⸗ gend und Geſundheit lag das Leben noch ſo roſig und lockend vor ihnen. Dazu der Gedanke an die in der Heimath zurückgelaſſenen Lieben. Gleichwohl ſiegte in beiden Jünglingen der moraliſche Muth und ſie unterzeichneten mit ziemlich ſichrer Hand ihre Namen. Als man die Kajüte verlaſſen hatte, ſchien das Unwetter ſeinen höchſten Grad erreicht zu haben. Tau⸗ und Segelwerk waren zerriſſen und man war genöthigt, die Maſten zu kappen. Mehrere der Boots⸗ leute hatten, das Fruchtloſe ihrer Anſtrengungen ein⸗ ſehend, ſich auf die Knie geworfen und erhoben im krampfhaften Gebet die Arme zum Himmel, wurden aber ſogleich wieder von dem wachſamen Capitain an ihre Poſten getrieben. Victor und Gamaliel arbeiteten mit dem Muthe der Verzweiflung, den ſteten Untergang vor Augen. Aber mit der Zeit ſchwanden auch ihre Kräfte. 115 Woge an Woge donnerte gegen das Schiff. Eine ſchien eiferſüchtig auf die andere, daß ihr die Beute entgehen könne. Wilder als je heulte der Sturm durch die Waſſerwüſte. Ununterbrochen rollte der Don⸗ ner und die Blitze flammten ohn' Unterlaß. Da im Augenblick der höchſten Gefahr, als das Waſſer in den Räumen trotz der übermenſchlichen Anſtrengung von Seiten der Matroſen immer höher ſtieg und das Schiff jeden Augenblick zu ſinken drohte, erſchien von Blitzen umleuchtet die hohe Geſtalt des Abdullah, an ſeiner Hand die ſchöne Blume Hindo⸗ ſtans geleitend. Raſch ſchritten die Beiden nach dem Vordertheil des Kauffahrers. Wie das Weſen einer ſchönern Welt leuchtete von himmliſchem Feuer verklärt die edle Frauengeſtalt am äußerſten Ende des Schiffs. Weithin wehte ihr blen⸗ dend weißer Schleier in die Nacht. Sie hatte ihre Arme erhoben, als wollte ſie die tobenden Elemente beſchwören. Sämmtliche Matroſen ſtürzten auf die Kniee; ſie glaubten an die Erſcheinung eines Geiſtes und hielten ihre letzte Stunde für gekommen. Gama⸗ liel und Victor, welche mit dem Erdenleben abge⸗ ſchloſſen, für die Fahrt in's unbekannte Jenſeits ſich brüderlich umſchlungen hielten, fühlten ſich wunderbar erhoben durch dieſe überirdiſche Erſcheinung. Sie er⸗ ſchien ihnen wie der frühlingsvolle Führer nach dem Lande jenſeits der Gräber. Da nahte ſich ſchwarz und verhängnißvoll eine Rieſenwelle; weißer Schnee kräuſelte voran; ſie kam näher und näher, ward größer und größer, jetzt himmelhoch; ein herzzerreißender Schrei— und Schiff und Mannſchaft verſanken in die Tiefe des Meeres.— 8* 116 Zechstes Rapitel Einſam rauſchte der Abendwind in den hohen Pal⸗ men des Vorgebirges St. Anna auf der Weſtküſte von Afrika, wo unfern des Strandes, am Eingange eines Gummiwaldes, die Schiffbrüchigen des Habichts ihre dürftigen Hütten aufgeſchlagen hatten. Jene Rieſenwelle, welche die Unglücklichen in ih⸗ rem Schooße verbarg, hatte zugleich das Gute gehabt, das Schiff zwiſchen Klippen zu werfen, wo es ſich ſo lange zu halten vermochte, bis Matroſen und Paſ⸗ ſagiere die Rettungsboote beſtiegen. Ein andrer glücklicher Stern wollte es, daß das Continent von Afrika nicht entfernt war und den bis zum Tyd er⸗ ſchöpften Mannſchaften, nach beiſpielloſen Anſtrengun⸗ gen, die Landung geſtatteten. Nur zwei Menſchen⸗ leben waren Beute des empörten Elements geworden, ein Matroſe und ein Schiffsjunge, während ſämmt⸗ liche Niederroßlaer, ſelbſt der noch halbkranke Hanno, ſo wie Herr Abdullah nebſt der ſchönen Braminin und Tohu und Bohu glücklich das Land erreicht hatten. Es würde vorliegende Geſchichte zu weit ausſpin⸗ nen, wollte man das eben ſo außerordentliche wie ge⸗ fährliche Abenteuer, das die Niederroßlaer in Geſell⸗ ſchaft Bohu's bei dem eindringenden Waſſer in ih⸗ rem höchſt incomfortabeln Schiffsraume zu beſtehen hatten, ausführlicher beſchreiben. Nur ſo viel ſei er⸗ wähnt, daß bei dem Wachſen der Flüſſigkeit einer auf den andern zu ſteigen bemüht war, um dem Er⸗ trinken zu entgehen; daß Lagemann, jede Rückſicht der Humauität verletzend, Alles in Grund und Bo⸗ 117 den trat, um nur ſeine theure Perſon im Trocknen zu erhalten; wie der kleine Vetterlein die beklagens⸗ wertheſte Rolle ſpielte, der lange Factor aber ver⸗ möge ſeiner langen Figur vom Schickſal am Meiſten begünſtigt wurde. Bei alledem würden die guten im zweiten Schiffsraume befindlichen Niederroßlaer eines elendiglichen Todes geſtorben ſein, wenn nicht Victor und Gamaliel als ihre Retter erſchienen wären. Von den Matroſen gedachte Niemand der Eingeſperrten, ſelbſt der Capitain ſchien ihrer vergeſſen zu haben, als im höchſten Augenblicke der Gefahr, wo das Waſſer in den unteren Räumen immer höher ſtieg, Morand und Drollinger, wie von einem Gedanken ergriffen, nach dem zweiten Deck hineilten, die Fall⸗ thüre öffneten und eine Leiter hinabließen. Den Niederroßlaern ging das Waſſer bereits an den Nabel, Vetterlein ragte nur als Büſte aus der Fluth. Kaum hatten die Schiffbrüchigen das Land be⸗ treten, als die Matroſen ſogleich Hand anlegten, eine Anzabl Hütten aufzubauen, wozu der in der Nähe gelegene Gummiwald hinlänglich Material bot. Zu gleicher Zeit trat eine Art Kriegsrath zuſammen, um über die Frage zu delibriren, was unter obwaltenden Umſtänden zu thun ſei. Das berathende Collegium beſtand aus dem Capitain, dem Doetor Barring, dem Hochbvotsmann und einigen der älteſten und erfah⸗ renſten Matroſen. Auch Abdullah und Victor wurden dazu gezogen, während Gamaliel beſchäftigt war, ſei⸗ nen Landsleuten Troſt zuzuſprechen, die von allem moraliſchen Muthe verlaſſen, in der niedergeſchlagen⸗ ſten Stimmung in einiger Entfernung unter dem Schatten einiger Maulbeerbäume ſich gelagert hatten. Selbſt Lagemann ſchien auf afrikaniſchem Grund und 1¹ Boden gar nicht der Alte mehr. Er lag, von Gott und Welt nichts wiſſen wollend, lang ausgeſtreckt im Sande und verwünſchte den Speculationsgeiſt, der ihn nach fernen Ländern getrieben. Der Rathsactuar mochte lieber gar nichts denken, er machte die Bemer⸗ kung, daß er ſich in einem ſolchen unangeſtrengten Zuſtande am Leidlichſten befinde. Der Factor und Vetterlein, welche es in ihrer Philoſophie noch nicht bis zu dieſem Zeiſig ſchen nichtdenkenden Höhepunkt gebracht hatten und ſich noch mit Serupeln und Zwei⸗ feln aller Art über Gegenwart und Zukunft plagten, befanden ſich deshalb auch weit miſerabler. Die Zu⸗ kunft gähnte wie ein ſchwarzes Todesthor vor ihnen und der Gedanke daran entpreßte ihnen mehr wie einen Seufzer. Hanno's Lage konnte noch für die paſſabelſte gelten. Von der Landluft fühlte er ſich als Reconvalescent wunderbar geſtärkt, und wenn er an das dachte, was er durch den Schiffbruch verlo⸗ ren, ſo ließ ſich dieſer Verluſt ertragen. Hatte er doch ſelbſt ſein bedeutendſtes Mobiliarvermögen, den Carbonari, gerettet, welcher ihm jetzt als Schattendach gegen den Sonnenbrand, ſo wie als Schutz gegen die kalte Nachtluft trefflich zu Statten kam. Die Duca⸗ tenwurſt trug er beſtändig um den Leib, desgleichen die gerichtliche Vollmacht der verwittweten Glaſermei⸗ ſter Kluge zu Erhebung der Kabul'ſchen Erbſchaft. Die Blume Hindoſtans, ſobald ſie das Land be⸗ treten, war auf Abdullah's Wink tief verſchleiert nach einem unfern gelegenen Palmenhain gebracht worden, wo Tohu und Bohn ſogleich bemüht waren, eine Hütte für ſie zu erbauen. Dafür war kein Mangel an buntfarbigem Geflü⸗ gel aller Art, deſſen eintöniges ſchrillendes Geſchrei mit feinem glänzendem Farbenſchmuck in vollem Wi⸗ 119 derſprüche ſtand. Ein noch weit unheimlicheres Ge⸗ fühl als dieſes Vögelgeſchrei erregte aber namentlich bei den Niederroßlaern das Geheul der zahlreichen Schakals, die ſich des Nachts ziemlich nahe heran⸗ wagten. Dieſes unheimliche Gefühl erreichte ſeinen höchſten Grad und ging in gelindes Haarſträuben über, als ſich im nahen Gebirg das Gebrüll eines Löwen vernehmen ließ. Wenn die Niederroßlaer, die alle zuſammen eine und dieſelbe Hütte bewohnten, während der Nacht ſolche außergewöhnliche afrikaniſche Töne hörten und entſetzt mit den Köpfen zuſammen fuhren, wie die Schafe beim Wetterleuchten, ſo konnten ſie nicht genug der lieben Heimath und des gebenedeiten Niederroßla gedenken, wo Jahr aus Jahr ein nur das ſanfte Ge⸗ brüll einer frommen Kuh und das friedliche Geblök eines Hammels oder das muntre Gebell eines wach⸗ ſamen Hofhundes und im Frühling herzerquickender Vogelgeſang durch die Lüfte tönt. „Dieſes Afrika,“ behauptete Lagemann, welchen ſo eben ein Moskito auf die Naſe geſtochen hatte, ohne daß er deſſelben hätte habhaft werden können, „muß der Herrgott wirklich in ſeinem Zorn erſchaf⸗ fen haben.“ „Es iſt das unerträglichſte Land, das mir je vor⸗ gekommen iſt,“ verſicherte der Factor, der gleichfalls auf der Moskitvjagd begriffen und von den Stichen dieſer beläſtigenden Inſectenart ganz wuthig geworden war;„bei uns zu Hauſe moleſtiren höchſtens die Stechfliegen; aber ihre Stiche ſind wahrhaftes Zucker⸗ lecken gegen dieſe afrikaniſche Wespen, die man zum Ueberfluß nicht einmal erhaſchen kann, um ſeine Wuth auszulaſſen.“ „Ich habe die kleinſte Oeffnung verſtopft,“ ſprach der Attachs,„und begreife nicht, wie die Beſtien hereingekommen ſind, es muß ein ganzer Schwarm ſein. Das ſummt wie in einem Bienenſtocke.“ „Ich begreife nicht,“ meinte Süßmilch,„wie die Andern bei dieſem Geſurre ſchlafen können. Ich bin nicht im Stande, ein Auge zuzuthun.“ „Ich auch nicht,“ verſetzte Lagemann;„aber ſie ſollen gleich munter werden, ich ſehe nicht ein, warum wir Zwei allein wachen.“ Er begann mit dieſen Worten dem Heldenſpieler, dem Quartus und Zeiſig ſo determinirt auf den Füßen herumzutreten, daß der Eine fluchend, die Andern ächzend aus dem Schlafe emporfuhren. „Was giebt's?“ ertundigte ſich Hannv. „Ein Löwe, ganz in der Nähe,“ log Lagemann, und bewirkte dadurch, daß Vetterlein in der Ecke, wo er lag, ſich wie eine Ringelraupe zuſammenrollte und unter ſeinen Tüffel verkroch. Hanno wollte des Magdeburgers Ausſage keinen Glauben beiſtimmen, weil außerdem tdie ausgeſtellten Wachen Lärm gemacht haben würden. „Ich habe das Unthier deutlich mit ſeiner Rie⸗ ſennaſe an der Hüttenthür ſchnobern gehört,“ log der Attaché weiter;„die Wachen haben unfehlbar geſchla⸗ fen oder ſind bereits zerriſſen.“ Außer Lagemann und dem Factor, welcher des Magdeburgers Worten am wenigſten Glauben bei⸗ maß, lauſchte Alles mit verhaltenem Athem und klopfendem Herzen. Aber man vernahm von dem Löwen nichts; deſtomehr von dem unerträglichen Ge⸗ ſumme der Muskito's, welchen es vermöge ihrer Sta⸗ chel gelang, alsbald die Aufmerkſamkeit der Nieder⸗ roßlaer von dem Wiſtenkönige ab⸗ und ihrer bei wei⸗ tem kleinern Perſon zuzuwenden. 2 Die Geplagten litten außerordentlich; Hanno wurde ganz raſend. Der Schmerz der Stichwunde ward durch den Ingrimm vermehrt, daß man des Stechers nie habhaft werden konnte. Der Factor ohrfeigte ſich in Einem fort, in der Hoffnung, eine ſolche geflügelte Beſtie auf dem Kopf zu trefſen, aber er traf gewöhn⸗ lich nur ſeinen Backen. Zeiſig hatte den Kopf bis tief in de Schultern eingezogen und ſuchte die Mos⸗ tito's dadurch von ſich abzuhalten, daß er fortwäh⸗ rend in die Luft blies, welches bei ſeiner eben nicht durabeln Bruſt keine Kleinigkeit war. Am Meiſten unter den Niederroßlaern hatte aber der Quartus auszuſtehen. Wie bereits erwähnt, war dieſer in den äußerſten Winkel der Hütte gekrochen und hatte ſich unter ſeinen Tüffel verborgen. Leider aber wollte es das Mißgeſchick, daß ſich einer der ge⸗ flügelten Quälgeiſter unter dem Kalmuck gefangen hatte. Nun hätte man allerdings glauben ſollen, Vetterlein würde ſich des böſen Feindes haben be⸗ mächtigen können, aber der Fang wollte dem Quar⸗ tus ſchlechterdings nicht gelingen. Vergebens fuhr er mit der Hand zahlloſe Mal nach dem Geſurre, das von ſeinem rechten Ohr nicht hinwegzubringen war. Die Sache kam dem Quartus endlich ſo räthſel⸗ haft vor, daß er eine Zeit lang in der Meinung ſtand, es könne gar kein Inſect ſein, was da ſurre, ſondern der Fehler müſſe in ſeinem Gehörorgan lie⸗ gen. Er fürchtete ſogar, ſich im Gehirn etwas ge⸗ ſprengt zu haben. Dieſe Furcht trat indeß bei den fortwährenden Stichen, die er im Geſicht auszuhalten hatte, in den Hintergrund und ward ganz beſeitigt, als das Moskito vorzugsweiſe die Naſe zum Angriffs⸗ punkte erwählt hatte. Jetzt glaubte Vetterlein, er dürfe nur zulangen, und er ſchnappte wie ein routi⸗ 122 nirter Fliegenfänger nach dem Inſect; aber auch dies⸗ mal war es keine Möglichkeit, deſſelben habhaft zu werden. Der Quartus ſah ſich endlich genöthigt, den Tüffel zu lüften, wodurch aber das Unglück nur ver⸗ größert wurde, denn jetzt ſtak ſein Kopf wie in einem Bienenſchwarm. In dieſer verzweifelten Lage erkun⸗ digte er ſich bei den übrigen Leidensgefährten, wie ſie es wohl anfingen, um des unausſtehlichen Gezie⸗ fers los zu werden. Zeiſig, welcher ſeinen Athem zum Blaſen brauchte, konnte dem Frager nicht dienen, ſo gern er ſonſt gefällig war; Süßmilch, der das Unzweckmäßige ſeiner Ohrfeigen endlich einſah, wußte keinen Rath; dem Heldenſpieler war es endlich durch einige kühne Faltenwürfe ſeines Carbonari gelun⸗ gen, die Moskito's auf einen Augenblick von ſich zu verſcheuchen. Er benutzte den günſtigen Moment und fuhr mit der Geſchwindigkeit einer Maus unter ſei⸗ nen Mantel, den er ſo geſchickt zu wickeln verſtand, daß ihm kein Beißer beikommen konnte. Keine Macht der Erde würde ihn vermocht haben, ſein Gewand zu lüften, um Red' und Antwort zu ſtehen; auch hatte er Vetterlein's Anfrage hinter ſeiner dreifachen Tuchwand nicht verſtanden. Lagemann hatte ſich wie ein Ameiſenlöwe mit dem Kopfe in den Sand gegra⸗ ben und war vollkommen ſprachlos. Vetterlein wiederholte ſeine Anfrage und erhielt endlich vom Factor den guten Rath, ſtill zu halten und es mit Geduld abzuwarten, bis ſich die Beſtien dick und ſatt geſoffen hätten. Wie wenig dieſe Worte annehmlich klangen, ſo beſchloß der Quartus dennoch einen Verſuch zu wagen und hielt den Kopf mit einer ſtoiſchen Ruhe den Moskito's hin, in der Hoff⸗ nung, das Geziefer werde nach gelöſchtem Durſte wie Blutigel abfallen. 123 Aber ſolche unerſätrliche Beſtien waren dem Quar⸗ tus in ſeiner Lebenspraxis noch nicht vorgekommen. Die Moskito's, welche ſich jetzt ganz ungeſtört fühl⸗ ten, concentrirten faſt ihre ganze Heeresmacht am Kopfe Vetterlein's. Dieſer litt wie ein Hiob und zog die Grauſen erregendſten Geſichter. Als ſich aber der Appetit der Moskito's auch gar nicht ſättigen wollte, konnte er's nicht länger aushalten und er be⸗ gann wieder wie früher zu ſchütteln und mit den Armen zu fechten. „Das war ein verzweifelter Rath, Factor, den Ihr mir gegeben,“ ſprach er,„ich werde dieſe Nacht mein Lebetag nicht vergeſſen. Ich hab' mich doch um⸗ geſehen in der Welt, war in Frankreich und der Schweiz, aber ſolche Pein hab' ich nie erlitten.“ „Ich auch nicht,“ antwortete der Factor in dum⸗ pfem Tone, denn er ſtak mit dem Kopfe in einer Art Pudelmütze, die er von einem Matroſen erhan⸗ delt hatte. „Eure Stimme ſcheint mir etwas belegt,“ erkun⸗ digte ſich Vetterlein, fortwährend mit den Moskito's kämpfend,„Ihr ſprecht ſonſt ſonorer.“ „Ich ſpreche durch die Pudelmütze,“ tönte es aber⸗ mals wie Grabeston. „Das iſt etwas anderes,“ meinte der Quartus, „gewiß wegen des afrikaniſchen Geziefers, von wel⸗ chem ich derzeit noch nicht begreifen kann, zu welchem Zwecke es der liebe Herrgott eigentlich geſchaffen hat.“ „Die Wege der Vorſehung ſind dunkel,“ ſprach der Factor. „Allerdings,“ geſtand Vetterlein,„und zuweilen auch etwas läſtig; es iſt das nicht in Abrede zu ſtel⸗ len. Fühlt Ihr denn Linderung durch die Mütze?“ „Es paſſirt!“ . „Vie tief ſitzt ſie denn?“ „Bis unter's Kinn.“ „Das laß ich gelten, da müßt Ihr wie im Him⸗ mel wohnen, Factor.“ „Es läßt ſich halten.“ „Bedenkt mich, der ich den Ungethümen völlig bloß geſtellt bin; wenn ich nur auch Etwas über den Kopf zu ziehen hätte.“ Der Factor wußte hier keinen Rath und ſchwieg. „Nun möcht' ich aber um alles in der Welt wiſ⸗ ſen,“ fuhr Vetterlein nach einer Weile fort,„was ſo ausdauernd ſchnaufte; das kann doch unmöglich ein Menſch ſein?“ Zeiſig nämlich blies noch immer gegen die Mos⸗ titos, aber bei weitem nicht mehr mit ſolcher Vehe⸗ menz wie früher; der Athem war ihm faſt ganz aus⸗ gegangen und ſein Blaſen glich mehr einem Röcheln. „Das klingt ja,“ fuhr Vetterlein fort,„als ob ein Menſch im Sterben läge. Seid Ihr's, Actuar, der ſo beharrlich keucht?“ „Leider!“ „Gebricht's Euch an Athem?“ „Allerdings!“ „Aber dergleichen Töne hab' ich ſonſt nicht von Euch vernommen?“ Zeiſig erklärte den Grund ſeines Keuchens, worauf Vetterlein ebenfalls zu blaſen anfing. „Es hilft nicht viel,“ meinte der Rathsactuar. „Das merk ich,“ erwiederte der Quartus, welcher trotz alles Blaſens der Moskito's nicht los wurde. Noth macht erfinderiſch. Vetterlein nahm endlich wieder die Zuflucht zu ſeinem Tüffel, unter welchem er ſich diesmal mit ſo viel Geſchick verkroch, ſich der⸗ maßen zuſammen ringelte und ſo vorſichtig alle Oeff⸗ —.—— 12 5 nungen verſtopfte, daß es keinem Moskito möglich war einzudringen. Obſchon ſeine Lage nicht zu den comfortibelſten gehörte, ſo dünkte ſich der Quartus dennoch in Abraham's Schooß. Bis auf Zeiſig waren jetzt alle Niederroßlaer vor den Moskito's untergebracht. Der Actuar, welcher endlich einſah, daß, wenn er ſo fort blaſebalkte, er ſich die geſammte Lebensluft aus dem Leibe pumpe, ſuchte ſich endlich dadurch zu helfen, daß er ſein Antlitz mit Erdmaſſen bedeckte, die er aus dem Fuß— boden bergwerkte. Ueber die Ohren ſtriegelte er ſo viel Haare, als er von dieſem Artikel aufzubringen vermochte. Die Händ ſchob er nach vollbrachtem Begräbniß ſeines Kopfes in die Hoſentaſchen. So lag er auf dem Rücken ausgeſtreckt wie ein Halbbe⸗ grabener mit,dem Geſicht unter kühler Erde, und wenn er auch das verdächtige Geſurre der Moskito's noch deutlich genug und oft ganz nahe an ſeinem Ohre vernahm, ſo war er doch vor ihren Stichen ſo ziemlich geſichert. Zeiſig glich außer ſeiner Lage auch noch dadurch einem Todten, daß er unter ſeiner Erd⸗ kruſte ſich ſo ſtill wie ein Mäuschen verhielt; denn immer fürchtete er, das Erdreich könne, namentlich was ſeine ineruſtirte Naſe anbelange, herbfallen und die Moskito's einen neuen Angriffspunkt erhalten; an ein auf die Seite legen war gar nicht zu geden⸗ ken. Er mußte in ſeiner verſteinerten Lage regungs⸗ los verharren. Nichts deſtoweniger fand er ſeinen dermaligen Zuſtand gegen den vorigen, wo ſeine Lun⸗ gen wie Schmiedebälge gearbeitet hatten, wahrhaft beneidenswerth. 126 Siehentes Rapitel. Wehrend ſich die Geſandtſchaft der Schiffbrüchigen, worunter Victor und Gamaliel, unter Beſchwerden al⸗ ler Art durch die Wüſte nach dem Senegal und der daſelbſt gelegenen franzöſiſchen Factorei durchzuſchla⸗ gen ſuchte, befanden ſich die Zurückgebliebenen nicht eben in der angenehmſten Lage. Namentlich hatten die Niederroßlaer mit vielen Unannehmlichkeiten zu kämpfen. Bald war es die unerträgliche Hitze, bald die Moskito's, bald Schlangen und anderes afrika⸗ niſches Ungeziefer, das ſie beläſtigte. Um das Miß⸗ geſchick vollzumachen, hatte ein tropiſcher Wirbelwind ihnen die Baracke über den Köpfen hinweg entführt, ſo daß ſie plötzlich unter freiem Himmel ſaßen. „Das muß ich geſtehen,“ meinte Lagemann, als alle fünf Erbſchafter dicht geſchaart um ein Feuer lagen und ihren Hunger mit Datteln und wilden Melonen ſtillten,„ein niederträchtigeres Land als die⸗ ſes Afrika iſt mir weit und breit nicht vorgekommen; es fehlt nur, daß ein fenerſpeiender Berg ſeinen Rachen aufthut oder das Meer austritt und uns hinweg⸗ ſchwemmt.“ „Weder in Frankreich noch in der Schweiz iſt mir Aehnliches vorgekommen,“ verſicherte der Quartus. Lagemann fuhr fort, ſich auf äußerſt gehäſſige Art über Afrika zu äußern. Er machte ſeinem Verdruſſe durch eine Menge Schimpfwörter Luft, und ſchien trotz ſeiner ſtarken Ausdrücke bei ſeinen Leidensgenoſ⸗ ſen Anerkennung zu finden; nur im Geſichte Hanno's gab ſich eine höchſt abſprechende Miene bei den Wor⸗ ten des Attaché's kund. Dieſer, der den Heldenſpie⸗ 127 ler ſeit der Carbonarigeſchichte nicht erſehen konnte, ärgerte ſich über dieſe abſprechende Miene. „Ihr ſcheint nicht ganz meiner Meinung zu ſein, Heldenſpieler?“ frug er. „Jedes Land hat ſeine Vorzüge und ſeine Schat⸗ tenſeiten,“ erwiederte Hanno mit Philoſophie. „Vorzüge?“ lachte Lagemann,„da möchte man wohl eine Laterne anzünden, um dieſe zu finden.“ Hanno behielt den ſpöttiſchen Zug um den Mund, welchen Lagemann nicht leiden konnte, bei. Sein ganzer Habitus ſchien zu ſagen:„Wie kann der Blinde von der Farbe ſprechen.“ Lagemann ward dadurch nur aufgebrachter. „Nun, gelehrter Mann,“ frug er ſpitzig,„ſo nennt uns doch einige Vorzüge; wir ſind Alle begie⸗ rig.“ Vetterlein, Süßmilch und Zeiſig drückten ſämmt⸗ lich ihre geſpannte Erwartung nach den Vorzügen Afrika's aus. „Zu viel reden macht ungeſund,“ antwortete Hanno geheimnißvoll und ließ ſich über die Vorzüge weiter nicht aus. Der neugierige und argwöhniſche Attaché ward aber jetzt nur um ſo verſeſſener darauf. Der Heldenſpieler war aufgeſtanden und wanderte, die Hände auf dem Rücken, wie in tiefes Sinnen verloren, am Strande auf und ab. Lagemann ſprang auf, eilte ihm nach und erfaßte ſeinen Arm.— Die Beiden promenirten lange im Geſpräche hin und wieder. „Hanno,“ begann der Magdeburger,„Landsmann und Freund, Ihr habt etwas auf dem Herzen, Euer edles deutſches Geſicht kann ſich nicht verſtellen. Ein Plan durchkreuzt Euer Inneres, ich ſehe es. Seid offen, in fremden Landen thut Ofſenheit wohl, ent⸗ deckt Euch mir. Wollen wir vielleicht die Braminin „ beſtehlen? Sie muß anſehnlichen Schmuck beſitzen; ſie iſt jetzt oft allein, der Türke macht häufige Parthien in's Land und kehrt erſt ſpät zurück. Was nützt der Frau der Bettel?“ Hanno ſchaute den Sprecher mit einem Blicke an, groß, gebieteriſch und ſtolz, welcher zu fragen ſchien? „zu welcher Schandthat willſt Du mich verleiten. Elen⸗ der?“ aber Lagemann ließ ſich dadurch nicht irre machen. „Thut doch nicht ſo tugendlich, Hanno,“ ſprach er vertraulich,„wir kennen uns ja; Ihr nehmt's vom Altare.“ Der Heldenſpieler wollte ob dieſer Inſinuation im Gefühl ſeiner Würde aufbrauſen, aber er gedachte an den Betrug, den er ſelbſt an dem Magdeburger ver⸗ übt und begann ſich zu moderiren. „Es mag Euch diesmal hingehen,“ ſprach er, „aber hütet Euch, mich auf ähnliche Art zu reizen⸗ Wenn Jemand meine Ehre angreift, dann bin ich kein Menſch mehr—“ „So iſt es eine andre Svpeculation,“ fuhr der Attaché fort,„die Euch im Kopfe umhergeht. Schüt⸗ tet Euren beſchwerten, ſorgenvollen Buſen aus, ſchüt⸗ tet aus, Hanno, in die Arme der Freundſchaft. Was wolltet Ihr mit den Vorzügen dieſes elenden Landes ſagen? Ihr verbandet einen geheimen Sinn mit dieſer Rede, ich ſah's Euch an, leugnet nicht. Ihr habt eine Entdeckung gemacht.“. „Allerdings,“ tönte es inhiltsſchwer. „Wirklich?“ rief Lagemann erfreut,„ſeht, bin ich nicht ein Schlaukopf, der den Leuten die Gedan⸗ ken aus dem Geſichte lieſt?“ „Wenn ich mich ganz auf Eure Verſchwiegenheit verlaſſen könnte, Lagemann— —.————— 129 „Hanno, Ihr beleidigt mich; ein Todter, ein Fiſch find ein Schwätzer gegen mich.“ „Wohlan, ſo vernehmt und erſtaunt—“ Der Magdeburger ſpannte ſeine Ohrmuskeln mit einer Vehemenz an, als wollte er das Gras wachſen hören. Da indeß der Heldenſpieler, wie das zu Zei⸗ ten ſeine Gewohnheit war, nach den Worten„ver⸗ nehmt und erſtaunt“ eine große Pauſe eintreten ließ, ward der angeſtrengte Hörer ungeduldig und ſagte: „Wenn ich aber erſtaunen ſoll, muß ich auch was zu erſtaunen haben.“. „Nach zuverläſſigen Nachrichten,“ begann der Heldenſpieler mit nachdrucksvoller aber etwas gedämpf⸗ ter Stimme,„ſollen ungefähr drei Stunden von hier—“ Hier ſchien dem Sprecher wieder der Athem aus⸗ gegangen zu ſein, ſo daß ſich Lagemann zu der Frage veranlaßt fand:„Nun, drei Stunden von hier, was iſt denn da?“ „Da ſollen,“ fuhr der geheimnißvolle Berichter⸗ ſtatter fort,„die Goldſtücke wie Kieſelſteine umher⸗ liegen.“ Das Erſte, was Lagemann vornahm, nachdem er ob dieſer außerordentlichen Kunde Hanno's wieder etwas zu ſich ſelbſt gekommen war, war, daß er ſich nach dem ziemlich umfangreichen Sacke umſah, dem einzigen Mobiliarvermögen, welches er aus dem Schiff⸗ bruche gerettet hatte. „Es entſteht nun billig die Frage, ob wir eine Excurſion nach dem Goldlande wagen?“ fuhr der Heldenſpieler fort. „Und ob!“ rief leidenſchaftlich der Magdeburger, von Hanno's Worten wie behext.„Aber Silentium! ſonſt ſchaufelt uns die übrige Rotte den Mammon Stolle, ſämmtl. Schriften. XvII. 0 130 vor der Naſe hinweg. Wenn ich nur wüßte, wo mein Reiſeſack hingerathen wäre. Ich glaube, Zeiſig hat ſich deſſelben als Kopfkiſſen bemächtigt. Wart', ich will Dich lehren, Dich an fremdem Eigenthume zu vergreifen.“ „Freilich,“ zab Hanno nach einer Pauſe zu beden⸗ ken,„die Sache iſt nicht ohne alle Gefahr.“ „Poſſen, Gefahr,“ meinte Lagemann leichtfertig, „wo ſoll Gefahr herkommen?“ k „Löwen, Panther, Klapperſchlangen.“ „Allerdings,“ verſetzte der Attaché erſchrocken, „an dieſe Beſtien hab' ich in der erſten Rage nicht gedacht.“ „Auch ſollen ſich in der Goldprovinz nicht ſelten wilde Negerſtämme zeigen!“ „Das wäre der Teufel,“ brummte Lagemann nachdenklich. Furcht und Golddurſt begannen einen kurzen, aber entſcheidenden Kampf, in welchem letzte⸗ rer die Oberhand behielt. „Hanno, deutſcher Jüngling, Zierde Deines Va⸗ terlandes, groß als Menſch und Künſtler,“ rief der Magdeburger cxaltirt,„wir wagen es, die Löwen werden nicht gleich beißen! Man darf dieſes Volk übrigens nur ſtarr anſehen, ſo ergreift es die Flucht. Bedenkt, hoffnungsvoller junger Mann, daß uns das Gold im ganzen Leben nicht wieder ſo vor die Naſe gelegt wird.“ „Das iſt wahr,“ geſtand der Heldenſpieler,„eine ſo günſtige Gelegenheit möchte ſich ſo leicht nicht wie⸗ der finden.“ „Kabul iſt noch weit,“ fuhr der Attaché leiden⸗ ſchaftlich fort;„wer weiß, ob wir je hinkommen. Hier haben wir's bequemer. Alſo zugelangt, wir ſind einmal in Afrika.“ * 131 „Wohlan, ich bin dabei,“ ſprach Hanno,„aber — Lagemann— redliche Theilung.“ „Ein Schuft, wer eine Unze veruntreut,“ ſchwur Magdeburger aus Leibeskräften. Indeß fuhr ihm doch trotz ſeiner Aufgeregtheit ein höchſt nüchterner und proſaiſcher Gedanke durch den Kopf; nämlich wie, wenn der ſpitzbübiſche Hanno nur eine Falle gelegt hätte; er gedachte dabei ſeiner Drang⸗ ſale unter dem Carbonari. Lagemann ward durch dieſen Gedanken dermaßen abgekühlt, daß er vorerſt nähere Erörterungen über das Ob und Wie des Goldlandes anſtellte. Der Heldenſpieler nannte jetzt ſeinen Gewährs⸗ mann, den Matroſen Hiob, mit welchem er auf ziem⸗ lich vertrautem Fuße ſtand. „Aber warum,“ examinirte der plötzlich ſehr zwei⸗ felhaft gewordene Attaché weiter,„warum geht denn Hiob nicht ſelbſt und lieſt ſich die Mütze voll?“ „Laut Ordre des Capitain darf Keiner das Lager auf tauſend Schritte verlaſſen.“ „So wären wir die einzigen Glücklichen,“ frug Lagemann,„die von der ſchönen Gelegenheit Ge⸗ brauch machen könnten?“ „Außer dem Türken allerdings.“ Jetzt ging dem Attaché ein Licht auf. Er wußte nun, was deſſen einſame Landparthien zu bedeuten hatten. Zugleich floh ein neuer leuchtender Gedanke durch ſein Gehirn und zündete. „Nach Eurer Ausſage, Seelenfreund,“ frug er, „wäre alſo Gold in Menge zu habeu?“ „Hundertmal mehr,“ verſicherte der Heldenſpieler, „als wir Beide fortzubringen im Stande find.“ „Wohlan,“ ſchlug nun der Attaché vor,„wie wär's, wenn wir chriſtlich dächten und unſern Lands⸗ de — 132 leuten auch etwas zukommen ließen, da am Golde kein Mangel iſt. Wir müſſen ſie anſtacheln, die Reiſe mitzumachen. Es iſt auch wegen der wilden Thiere, fünf Perſonen werden weniger angefallen, als zwei einſame Wanderer. Mögen ſich die Landsleute die Taſchen vollpacken, ſpäterhin prozeſſiren wir es ihnen wieder ab. Für unſere Packeſel ſind ſie gut.“ Leider aber fand die Aufforderung, welche Lage⸗ mann unmittelbar darauf an die Niederroßlaer ergehen ließ, ſich zum Abmarſche nach dem Goldlande bereit zu halten, durchaus keinen Anklang. Weder Zeiſig, noch der Factor, noch der Quartus, wie ſehr letzterer auch dem edeln Metalle, um deſſen Erbebung es ſich handelte, zugethan war. zeigten den erforderlichen Muth, tiefer in's Land einzudringen. Der Magdeburger ſprach wie ein Demoſthenes von dem neuen Potoſi; aber wenn der Factor eine nachdenkliche Priſe nahm, ſo konnte man darauf rechnen, daß ein Schütteln ſeines Kopfs die Folge war. Vetterlein ertheilte unter ſeinem Kalmuck her⸗ vor, den er als Zelt gegen die Sonne nicht ohne Kunſt aufgeſchlagen hatte, gleichfalls eine verneinende Reſolution und Zeiſig konnte ſich nicht genug über die Tollkühnheit ſeines Attaché und des Heldenſpie⸗ lers entſetzen, welche in die Wildniß eindringen woll⸗ ten, wo ſeiner Meinung nach vor Löwen, Salaman⸗ dern und Drachen kein Apfel zur Erde konnte. „Bedenkt, Bürger Niederroßla's,“ fuhr Lagemann haranguirend fort,„was Ihr Euch ſelbſt, was Ihr Eurer Vaterſtadt, Eurem Ruhme ſchuldig ſeid.“ „Das Denken fällt uns ſchwer,“ erwiederte der Factor ziemlich kurz und ungehalten, um die un⸗ fruchtbare Debatte abzubrechen. 133 Der Magdeburger ließ ſich durch dieſe abſprechende Bemerkung keineswegs aus dem Concepte bringen. „Niemand,“ ſprach er,„wird es dereinſt in Eu⸗ ropa glauben, daß Ihr nicht einmal die Hand aus⸗ geſtreckt habt nach den Goldſtücken; die europäiſche jugendliche Gaſſenbevölkerung wird mit Fingern auf Euch zeigen ob ſolcher unerhörten Feigheit.“ „Aber wenn wir gefreſſen werden,“ ließ ſich die dünne Stimme Vetterlein's vernehmen,„wie dann, lieber Herr Lagemann?“ „Einfalt! Wer ſoll Euch freſſen; die hieſigen Lö⸗ wen find gar nicht ſo biſſig, als man uns in Europa vorgefabelt hat; man braucht ſie nur ſtarr anzuſehen, ſo nehmen ſie den Schwanz zwiſchen die Beine und er⸗ greifen die Flucht, als würden ſie vom Teufel gejagt.“ Die nachdenkliche Priſe, welche ſich der Factor bei dieſen Worten nahm, zeigte deutlich, daß er in dieſe angebliche Löwenfurcht einigen Zweifel ſetze. „Fragt jeden Matroſen,“ fuhr der beredte At⸗ taché fort,„für die giebt's keinen größern Spaß, als ſolch einen Langſchwanz in die Wüſte zu treiben.“ Trotz dem aber, daß ſich Lagemann alle Mühe gab und ſeine ganze Redekunſt aufbot, konnten ſich die drei Niederroßlaer für den kühnen Zug in's Gold⸗ land nicht entſchließen. Der Magdeburger ward end⸗ lich aufgebracht und anzüglich. „Wie?“ rief er,„Ihr wollt nach Kabul, das noch viertauſend Meilen von hier entfernt iſt und wagt nicht einmal eine kleine Landparthie von wenigen Stunden zu unternehmen? Wißt Ihr nicht, daß die aſiatiſchen Löwen und Schlangen zehnmal größer, ſtär⸗ ker und blutgieriger ſind, als die hieſigen—“ Hier ſah der Quartus den Factor fragend an. „Ihr wollt mit geringem Muthe eine ſo große 4 134⁴ Reiſe unternehmen, deren Mühſeligkeiten, Drangſale und Gefahren gar nicht abzuſehen ſind; und warum? Ein paar lumpiger Dueaten willen, während die Gold⸗ klumpen, woraus bekanntlich die Ducaten gemacht werden, wenig Schritte von hier aufzuleſen ſind und zwar am Werthe zehnmal mehr, als die ganze Hin⸗ terlaſſenſchaft des Hofmalers beträgt. Ein einziger Gang nach dem Goldlande, dem wir nie wieder ſo nahe kommen, als gegenwärtig, und wir können uns die ganze langwierige Kabulfahrt erſparen, von der überhaupt zu befürchten ſteht, daß wir von ihr nicht lebendig wiederkehren. Ein glückliches. Geſchick wollte es, daß wir gerade an dieſer Goldküſte Schiffbruch litten; laſſet uns nicht undankbar ſein gegen einen ſo guten Genius, der uns hierherführte. Wie leicht könnte er ungehalten werden ob unſrer Hartnäckigkeit und unſrer ſpätern Fahrt Widerwärtigkeiten aller Art in den Weg legen. Bedenkt, daß wenn wir das dar⸗ gebotene Glück ergreifen, wir in Kurzem wieder als reiche Leute unſern glorreichen Einzug in Niederroßla halten können, ohne die halsbrechende Reiſe nach Ka⸗ bul unternommen zu haben.“ Es war nicht zu leugnen, daß dieſe letztere Rede des Attachs's einen weit größern Eindruck auf die drei zuhorchenden Niederroßlaer hervorbrachte, als die frühere. Namentlich klang die Ausſicht, bald nach dem geſegneten Niederroßla heimziehen zu können, und zwar als wohlhabende und begüterte Leute, ausneh⸗ mend lieblich in den Ohren Zeiſig's, Vetterlein's und ſelbſt des Factors. Lagemann, der ſogleich einſah, welcher Theil ſeiner Rede ſich des abſonderlichen Wohl⸗ gefallens der Landsleute zu erfreuen hatte, ermangelte nicht, ſich eines Weitern darüber zu expectoriren. „Bedenkt,“ fuhr er mit leuchtenden Blicken fort, 135 „bedenkt, Freunde und Mitbürger, wir ſchreiben ietzt October; wenn Wind und Wetter günſtig ſind, kön⸗ nen wir bereits zur heiligen Weihnachtszeit unſern geſegneten Einzug in der Vaterſtadt halten, wie die heiligen drei Könige, von Jung und Alt hoch gefeiert. Bedenkt, was wir erlebt, was wir geſehen und ge⸗ hört, welche Abenteuer und Drangſale und Gefahren wir beſtanden. Was vermögen wir Alles zu erzäh⸗ len in den langen Winterabenden, wenn die Loſſa zu Stein gefroren, der Himmel von Schneewolken um⸗ dunkelt iſt, der Nordſturm an Giebeln und wohlver⸗ wahrten Fenſtern rüttelt und wir wieder in den ge⸗ müthreichen, ofenerwärmten Stuben Niederroßla's in dem Schooße unſerer reſpectiven Familien ſitzen, rings umher die geſpannte Nachbarſchaft, aufgepflanzt wie Oelgötzen, mit offenen Mäulern und Naſen.“ Dieſe idylliſche Schilderung that wahrhafte Wun⸗ der auf die zuhorchenden Niederroßlaer. Das Heim⸗ weh kehrte zurück mit ſeinem wollüſtigen Schmerze. Vetterlein ſtrich ſich mit einem Zipfel des Kalmucks über die feuchten Augen; der Factor ſeufzte, drehte“ den Kopf auf ſonderbare Weiſe und nahm ſich eine Deſperationspriſe. Der weiche Zeiſig ſtrebte verge⸗ bens, ſeiner Wehmuth äußernden Geſichtsmuskeln Herr zu werden, ſie zogen ſich breit und breiter, bis der Bock dazu kam, welcher ihn direct in den Rücken ſtieß, daß ſein ſanftes Gemüth überfloß vor Wehmuth und Schluchzen. Lagemann überſchaute nicht ohne ſtillen Triumph den Gemüthszuſtand ſeiner Landsleute; er warf einen Siegerblick auf Hanno, welcher in ſeinen Carbonari gehüllt als ſtummer Zuſchauer die Rührſcene anſah. Selbſt Zeiſig ſchien, trotz dem, daß er den wenig⸗ ſten Muth beſaß, durch Lagemann's Idylle für die 136 Goldfahrt gewonnen, wenn ihm nicht ein Gedanke ſchwer auf's Herz gefallen wäre. „Aber,“ rief er mit gefalteten Händen und thrä⸗ nenfeuchten Blicken,„was ſoll aus beſagtem Krokodill werden für einen hochweiſen Rath?“ „Mag das Beeſt bleiben, wo es iſt,“ erklärte der Magdeburger kurz;„wir laſſen beim nächſten Juſtiz⸗ amte den Schiffbruch protokolliren, auf dem Bauche können wir nicht nach Kabul ſchwimmen. Der Rath mag ein anderes Membrum aus ſeiner Mitte ſchicken. Ihr habt das Eure gethan, Actuar, und ich das meine.“ Der Heldenſpieler, welchem dieſe Worte aus La⸗ gemann's Munde gar nicht unangenehm klangen, ſtimmte aus voller bei. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ pflichtete er bei, „daß ſo ein totaler Schiffbruch, wie wir erizen⸗ alle europäiſche Verträge ungültig macht.“ Zeiſig ſchien einigermaßen beruhigt; er whrde ſich ſelbſt der Expedition nach dem Goldlande angeſchloſ⸗ ſen haben, hätte nicht der Factor zu höchſt ungele⸗ gener Zeit die Thiere der Wildniß in Erinnerung gebracht. „Wir ſind hier am Meeresſtrande kaum ſicher vor den Zähnen hungriger Beſtien,“ ſprach er,„wie mag es erſt tiefer im Lande hergehen.“ „Hinein in den Wald ſind wir bald,“ bemerkte jetzt auch Vetterlein,„aber das Hinaus ſteht auf einem andern Blatte.“ Der Magdeburger war es endlich überdrüſſig, ſich wegen ſeiner muthloſen Landsleute die Lunge wund zu reden. Er ſchoß den letzten Pfeil auf das furcht⸗ ſame Heer und war diesmal ſo glücklich, die Scheibe zu treffen. 137 „Wohlan,“ ſprach er,„thut was Euch beliebt; ich werde mich mit Herrn Hanno allein auf den Weg machen. Wir ſacken ſo viel Gold ein, als wir be⸗ dürfen, um unſere übrige Lebenszeit in Niederroßla herrlich und in Freuden zu leben, und fahren mit erſter Retourgelegenheit nach Europa zurück. Ihr mögt dann ſehen, wie Ihr lebendig nach Kabul ge⸗ langt. Uns iſt es einerlei. Nicht wahr, Hanno?“ „Allerdings,“ geſtand dieſer zu,„uns bleibt in der Welt nichts übrig. Was ſollen wir in Kabul, wenn wir hier ohne Erbſchaft das Gold in Haufen vorfinden? Die Glaſermeiſterin mag ſehen, wie ſie zu ihren paar lumpigen Ducaten kommt; ich fahre mit Lagemann zurück.“ Dieſe beiderſeitige Erklärung brachte einen höchſt niederſchlagenden Eindruck auf die übrigen drei Nie⸗ derroßlaer hervor. Namentlich gerieth der Actuar in äußerſte Beſorgniß, daß ihn ſein Attaché verlaſſen wollte. In ſeinem Innern kämpfte es gewaltſam. Heimweh und Löwenfurcht rangen mit einander. End⸗ lich ſiegte die Verzweiflung. „Ich gehe mit in's Goldland,“ erklärte er mit vieler Reſignativn. „Brav, Actuar,“ lobte Lagemann,„daran erkenne ich den würdigen Repräſentanten eines hochweiſen Raths von Niederroßla.“ „Ich gehe auch mit,“ ſtimmte reſolut der Quar⸗ tus bei, welcher durch Zeiſig's herviſches Beiſpiel Muth bekam. „Wenn's dann nicht anders ſein kann,“ meinte der Factor, eine wahre Deſperationspriſe in die Naſe befördernd,„ſo ſei's; unter Wölfen findet ſich ſelbſt der Vernunftbegabteſte zum Heulen genöthigt. An Warnung meinerſeits hat's nicht gefehlt; wenn wir 138 verſchlungen werden mit Haut und Haar, waſch' ich meine Hände.“ „Poſſen, Factor,“ ermuthigte der Attaché,„ſeid kein Hypochonder, wer ſoll Euch verſchlingen?“ „Nun wer anders, als die Löwen, Panther, Klapperſchlangen, Zibethkatzen und wie die Naturge⸗ ſchichte weiter beſagt.“ „Ach,“ lachte Lagemann,„wißt Ihr denn nicht, daß die Löwen einen gar ſcharfen Blick haben und ſich den Braten herausſuchen, ſo ſie die Wahl haben? Wenn es ja zum Freſſen kommen ſollte, wäret Ihr der Letzte, der verſpeiſt würde. Ihr ſeid der Längſte und Dürrſte, habt nicht zwölf Pfund Fleiſch am Leibe; ich glaube, daß Euch ein Löwe höchſtens be⸗ riecht und kopfſchüttelnd weiter geht. Er müßte denn beiſpielloſen Hunger haben.“ Süßmilch dankte zum erſten Nack in ſeinem Le⸗ ben dem Himmel für ſeine wirklich unbeſchreibliche Magerkeit. „Da wär' mir eher für den Quartus bange,“ fuhr Lagemann, welcher auf Vetterlein's Koſten dem Factor Muth einſprechen wollte, fort,„ſein kleiner gedrungener Körper ſticht weit appetitlicher in die Augen. Er iſt, ſo zu ſagen, ein recht in die Augen ſtechender Biſſen.“ Dem Quartus ſiel bei dieſen Worten das Herz vor die Füße. Er war ſchon im Begriff, ſeine Zu⸗ ſage wegen der Theilnahme an der Expedition in's Goldland zurückzunehmen, als ihn der Attaché wieder zu beruhigen wußte. „Wir nehmen Euch in die Mitte,“ tröſtete er, „ſeid deshalb ohne Furcht. Ueberhaupt begreife ich nicht, was man ſich in ſolchem Grade über Gefahren abängſtet, die noch gar nicht da ſind. Vor einer Ge⸗ —˙————— ——— 1 —, — „————— —— 139 ſellſchaft haben die Beſtien in der Regel Reſpect, namentlich wenn ein lautes fröhliches Lied ange⸗ ſtimmt wird.“ Der Heldenſpieler räuſperte ſich und ſang mit einem grandioſen Bierbaſſe: „Hier im ird'ſchen Jammerthal Gab's doch nichts als Plack und Qual—“ ſ w „Sehr brav,“ lobte Lagemann,„Eure Stimme, Hanno, iſt allein hinreichend, alle Beſtien Afrika's in Reſpect zu halten. Wenn wir alſo in Gefahr kom⸗ men ſollten, ſingen wir ein luſtig Lied und Hanno mag als Vorſänger fungiren.“ Die Niederroßlaer trafen jetzt alle Anſtalten zu der bevorſtehenden Expedition. Hauptſächlich war man um Säcke und Beutel bemüht, damit man die goldne Beute transportiren könne. Hannv erweiterte ver⸗ mittelſt Nadel und Zwirn trotz dem geſchickteſten Schneider die Seitentaſche ſeines Carbonari's zu einem wahren Wallfiſchbauche. Er hatte Raum genug, um ein paar Centner Gold hineinzuſtecken. Lagemann, noch unerſättlicher, betrachtete ſeinen Scheffelſack mit wahren Liebesblicken. Dieſer Sack war ihm jetzt nicht um einen Königsmantel feil. Er ſah es für einen abſonderlichen Wink des Schickſals an, daß er aus dem Schiffbruche gerade dieſen, für ſeine dermaligen Umſtände ſo hochwichtigen Gegenſtand gerettet hatte. Vetterlein unterſuchte die geräumigen Taſchenſchlünde ſeines Kalmucks, welche er mit großer Gewiſſenhaf⸗ tigkeit leerte und die diverſen Nähte inſpicirte, damit durch die Goldlaſt keine Trennung entſtehe. Wie groß iſt doch die Allgewalt des Goldes; der Factor leerte ſogar ſeinen größten Schatz, den leder⸗ nen Beutel, in welchem ſich der Vorrath ſeines Le⸗ 140 bensbalſams, der Schnupftaback, befand. Als der Ha⸗ bicht dem Sinken nahe war, hatte Süßmilch, wie jener alte Huſar nach ſeiner Pfeife, zuerſt nach ſei⸗ nem Tabacksbeutel gegriffen und denſelben vom Un⸗ tergange gerettet. Als der Beſcheidenſte unter den Niederroßlaern mußte Zeiſig betrachtet werden. Er war der Einzige, welcher keine weitere Vorbereitung zur Reiſe in's Goldland traf. Auf Befragen, wo er das Gold ber⸗ gen wolle, erklärte er, daß er für ſeine Perſon nur Wenig brauche und dieſes füglich in ſeiner Sackmütze Raum finde. Erſt auf Lagemann's dringendes An⸗ rathen ſteckte er noch ein blaukattunenes Reſerveta⸗ ſchentuch zu ſich, um daſſelbe nöthigenfalls mit Gold⸗ ſtücken zu füllen. Dem Capitain, welcher das Obercommando wie auf dem Schiffe fortführte, erklärte Lagemann im Namen des Expeditionsheeres, daß man eine Land⸗ parthie vorhabe, um ſich Afrika ein Wenig näher zu betrachten, man ſei doch einmal da und habe Muſe. Es würde ſonſt gar zu ſeltſam klingen, wenn man dereinſt in Europa erzählen müſſe, zwar in Afrika geweſen zu ſein, aber nur ein Stück Meeresſtrand von dem großen Lande geſehen zu haben. Sir John rieth von der Parthie ab. Wenn auch weniger die wilden Thiere zu fürchten wären, meinte er, ſo könne man doch leicht dieſem oder jenem der umherſchweifenden Negerſtämme in die Hände gera⸗ then und in die Gefahr kommen, als Sclave verkauft zu werden. Lagemann, welcher in des Capitains wohlgemein⸗ tem Rathe nur die Abſicht zu entdecken glaubte, die Niederroßlaer vom Goldlande abzuhalten, erwiederte, — — 144 daß man nur mit der größten Vorſicht und keine halbe Stunde weit vorzudringen gedächte. „Ich will Euch wenigſtens ein paar erfahrene Matroſen mitgeben,“ fuhr Sir John fort,„damit Ihr nicht ganz ohne Schutz ſeid.“ Auch für dieſes Anerbieten dankte der Attaché höflichſt, weil er fürchtete, die Matroſen könnten die Goldfahrt dem Capitain verrathen und dieſer wiederum könne den Niederroßlaern die Beute abnehmen.„ Der Aufbruch wurde auf den nächſten Morgen feſtgeſetzt, und in der That trat zur beſtimmten Stunde das Erbheer ſeine Wallfahrt nach dem In⸗ nern von Afrika an. Es währte nicht lange, als man im Schatten des unfern vom Meeresſtrande gelegenen Gummiwaldes muthig dahinſchritt. Man hatte ſich zuvor durch ein tüchtiges Frühſtück, wobei auch dem geretteten Cognae⸗ fäßchen nicht wenig war zugeſprochen worden, für das bevorſtehende Wagſtück nach dem Goldlande würdig vorbereitet. Voran wandelte Hanno, maleriſch in den Carbonari wie in eine Toga gewickelt, als tste des Niederroßla'ſchen Armeecorps. Mit der einen Hand hielt er den Carbonari, in der andern führte er einen gewaltigen Bambus, hinlänglich ſtark, um der ange⸗ ſehenſten Schlange einen urkräftigen Hieb zu ver⸗ ſetzen und ihr Hören und Sehen, Stechen und Beißen auf lange Zeit zu verleiden. Gegen vierbeinige Un⸗ geheuer hoffte man durch Geſang froher Lieder und ſchlimmſten Falls durch die Augenſprache auszukommen. Dem Heldenſpieler folgte die Hauptmacht drei Mann hoch, Süßmilch, Zeiſig und der Quartus in der Mitte Arm in Arm marſchirend. Den Nachtrapp repräſentirte Lagemann, welcher zugleich das Commando des geſammten Zugs über⸗ 1⁴2 nommen hatte. Als Zeichen ſeiner Würde führte er einen halben Cavallerieſäbel, den er von einem Ma⸗ troſen eigens erhandelt hatte und welchen er bei jeder wichtigen Gelegenheit, namentlich beim Ausmarſch aus dem Lager befehlshaberiſch ſchwang. Es war, nebſt dem Bambus des Heldenſpielers, die einzige Waffe, welche das Erbheer bei ſich führte. So lange der Cognac ſeine Wirkung that, die Herzen ſtark hielt und die Füße belebte, und ſo lange der kühlige Schatten der freundlichen Gummibäume aushielt, ging die Sache charmant und das Eppedi⸗ tionsheer hätte ſich nimmer träumen laſſen, daß ein afrikaniſcher Wald einen ſo angenehmen Morgenſpa⸗ ziergang gewähren könne. Was aber den Niederroßlaern das Beſte dünkte, war, daß ſie weder von einer Schlange, noch einem Löwen oder ſonſt einem Ungethüm behelligt wurden. Nur ftemdartiges Geflügel flatterte und kreiſchte hier und da in den Zweigen. Unter ſo angenehmen Verhältniſſen ſtieg der Muth des Expeditionsheeres wahrhaft. Selbſt das Trium⸗ virat des Mitteltreffens ſchritt mit vieler Zuverſicht. Man überlegte bereits, wie man das afrikaniſche Gold am Beſten anlegen ſollte, ob in preußiſchen Staats⸗ ſchuldſcheinen, oder öſterreichiſchen Metalliques, oder polniſchen Pfandbriefen, oder in Eiſenbahn⸗, Maſchi⸗ nenbau⸗, Steinkohlen⸗, Baieriſchen Bier⸗ oder Chem⸗ nitzer Bobinetactien, als Lagemann von Neuem den halben Söbel ſchwang und ein energiſches Halt com⸗ mandirte. Ein pompöſer Himbeerſtrauch, dergeſtalt mit Früch⸗ ten überſäet, daß davon das Bundescontingent eines deutſchen Fürſtenthums hätte ſatt werden können, war der Grund zu Lagemann's energiſchem Halt. Der 143 Commandant zeigte mit dem Säbelfragment nach dem Strauche und motivirte ſeinen Befehl durch die Worte: daß der Soldat nicht immer marſchiren könne und von Zeit zu Zeit Halt machen und etwas genießen müſſe, um ſich für die noch bevorſtehenden Strapazen zu ſtärken. Die Hauptmacht, der Gros der Armee, welcheß in der Mitte marſchirte, fand die Anſicht und den Aus⸗ ſpruch ihres Commandanten ebenſo weiſe als beher⸗ zigenswerth. Da der Factor wie Vetterlein und Zeiſig bereits in Niederroßla leidenſchaftliche(unbeſtritten das einzige„Leidenſchaftliche“, was an dem Actuar anzu⸗ treffen) Himbeereſſer waren, ſo fingen ſie ſofort an zu eſſen, ohne das erforderliche militäriſche Commando abzuwarten, welcher Subordinationsfehler von Sciten des General en chef einer milden Rüge nicht entge⸗ hen konnte. Die Niederroßlaer konnten ſich in ihrem Leben nie eines Falles erinnern, wo ihnen die Himbeeren ſo bequem gehangen hätten, als hier in dem afrika⸗ niſchen Urwalde. Sie brauchten ſich nicht zu bücken wie in Europa, ſelbſt der lange Factor nicht, oder die Hände zu Hülfe zu nehmen, ſondern hatten nur den Mund aufzumachen und brauchten nur zu beißen, ſo unbeſchreiblich bequem baumelten die dunkelrothen, ſchweren, traubenartigen Beeren direct vor den Naſen. Der Magdeburger, nachdem er als vorſichtiger Feldherr überall umhergeſchaut, ob ſich nicht irgend⸗ wo ein Feind blicken laſſe, ſteckte ſeinen Säbeltorſo in ein für dieſen Behuf erweitertes Knopfloch ſeines engliſchen Fracks und ſchloß ſich, da nirgends ein An⸗ griff zu befürchten ſtand, ſeinem ſchmauſenden Heer⸗ haufen an; während Hanno ſich in ſtrategiſchen Com⸗ binationen vertiefte. Ihm war der ebenfo ſchwierige 144⁴ wie ehrenvolle Auftrag geworden, den rechten Weg durch den Wald nach dem erſehnten Goldlande aus⸗ findig zu machen. Er mußte alſo den Kopf auf dem rechten Flecke behalten und durfte deshalb den Ma⸗ gen nicht über Gebühr überladen. Die Mittheilungen Hiob's über das afrikaniſche Potoſi ſchwankten etwas in's Ungewiſſe. Er hatte nur ſo viel mit Beſtimmt⸗ heit erfahren, daß das Goldland keine zwei Stunden ſüdwärts vom Meeresufer ſeinen Anfang nehme. Auf weitere Angabe der betreffenden Lokalitäten hatte ſich Hiob nicht eingelaſſen, und man kann daraus ermeſ⸗ ſen, daß dem Heldenſpieler jetzt Alles daran liegen mußte, in der Himmelsgegend nicht confus zu werden. Daher ſtand er, wie geſagt, in mathematiſchen Berechnungen und Himmelsbeobachtungen vertieft, ein zweiter Newton, ein paar Schritte abwärts. Weder das Mitteltreffen der Himbereſſer, noch ſelbſt der gleichfalls ſpeiſende General en chef wagten es, den großen Strategen, von deſſen geſchickter Leitung der glückliche Ausgang des ganzen Unternehmens abhing, in ſeinem Calcül zu ſtören. Es herrſchte daher im ganzen Heere eine bedeut⸗ ſame Stille, die plötzlich auf eine höchſt überraſchende Weiſe unterbrochen werden ſollte. Dem einſamen Den⸗ ker und Strategen im Carbonari flog nämlich mit einem Male eine fauſtgroße Wallnuß ſo determinirt an den Kopf, daß die antique Geſtalt trotz des male⸗ riſchen Faltenwurfes des weitſchweifigen Mantels das Gleichgewicht verlor, in's Schwanken gerieth und etwas reſoluter als der„ſterbende Fechter“ in's weiche WMoos zu liegen kam. Ein nichtswürdiges, ohrenzerrei⸗ ßendes Gelächter begleitete den Fall des Mathematikus. Das eſſende Heer, deſſen Front zeither dem gaſt⸗ lichen coloſſalen Himbeerſtrauche zugewendet war, fuhr „— 145 wie vom Blitz getroffen zuſammen und ſchaute ſich erſchrocken und zitternd gegenſeitig an, während das widernatürliche Gelächter, das gar kein Ende nehmen wollte, ihm die Haare kerzengerade zu Berge trieb. Der Oberbefehlshaber, welcher gleichfalls erſchrocken war, behielt wenigſtens ſo viel Contenance, daß er wiederholt convulſiviſch nach ſeinem Schwerthefte am Knopfloche tappte. Nichts bringt im menſchlichen Einbildungsvermö⸗ gen einen peinlichern Eindruck hervor, als ein Feind, von dem man angegriffen wird und den man nicht ſieht. Es iſt dann nicht anders, als habe man es mit Geiſtern zu thun, mit denen bekanntlich kein gut Kirſcheneſſen iſt. Die Niederroßlaer befanden ſich in derſelben Lage. Sie glaubten ſich von irgend einem unſichtbaren Wald⸗ geiſte attakirt, namentlich konnte nach ihrer Anſicht das unmenſchliche, haarſträubende Gelächter nicht aus einer irdiſchen Kehle hervorgehen. Niemand entdeckte den verwogenen Schützen, welcher den Mathematikus zu Boden geſtreckt; auch war dies nicht gut möglich, denn das Mitteltreffen, nachdem ſeine Front gegen den Himbeerſtrauch etwas erſchüttert war, ſtellte, den Feldmarſchall nicht ausgenommen, keine Nachforſchun⸗ gen an, ſondern blickte ſich gegenſeitig ſtarr einander in's Geſicht. Sonach ward den auf dem Rücken im weichen Mooſe liegenden Heldenſpieler zuerſt das Glück zu Theil, ſeines lachluſtigen Feindes anſichtig zu werden. Dieſer war Niemand anders, als ein zwei Fuß großer, langgeſchwänzter, im Geſicht blau und roth tätowirter Orang⸗Utang, welcher, den Schwanz kunſtreich um einen Aſt geſchlungen, halb in der Schwebe hin und wieder ſchaukelte und verwahrloſte Geſichter ſchnitt. Unfehlbar ſchien ihm ſein Wurf, Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 10 146 wodurch die Carbonarigeſtalt ſammt dem Bambus zu Boden geſtreckt worden, viel Vergnügen zu machen. Der Mathematikus fand es endlich zweckmäßiger, ſeine ausgeſtreckte Lage zu verändern und ſich wieder auf zwei Beine zu ſtellen. Er unterſuchte ſeinen Kopf, wo zwar kein Loch ausfindig zu machen war, aber eine ziemliche Beule. Dieſe etwas ſchmerzhafte Erhöhung ſtimmte den Inhaber keineswegs freundlich gegen das feixende Zerrbild der Menſchengeſtalt, wel⸗ ches mit dem Schweif am Baume hing. Hanno zog ſeine Stirn in grauſe Falten, ſchimpfte aus Leibes⸗ kräften und drohte mit dem Bambus. Als Lagemann aus Hanno's unehrerbietigem Schim⸗ pfen die Folgerung zog, daß es mit dem Feinde nicht weit her ſein könne, zog er den halben Cavallerieſä⸗ bel vollends aus dem Knopfloche und ſtellte weitere Nachforſchungen an. Da er ſah, wie der Mathema⸗ tikus muthig und drohend den Bambus ſchwang, hielt er den unſichtbaren Feind bereits auf dem Rück⸗ zuge begriffen und glaubte es ſeiner Stellung als Oberbefehlshaber ſchuldig zu ſein, ſofort zu einem Angriff aufzumuntern. „En avant,“ commandirte er,„wir dürfen den Hanno nicht im Stiche laſſen, folgt mir insgeſammt und wär's zum Tode.“ Wie aber das Mitteltreffen vom Tode hörte, ver⸗ ſpürte es nicht die geringſte Neigung zur Nachfolge. Es verharrte mit ſeltener Beharrlichkeit auf ſeinem Platze und ſah ſich wie vorher gegenſeitig einander in's Geſicht. Der Attaché hatte endlich durch vorſichtiges Avan⸗ eement ſeine Vereinigung mit dem Heldenſpieler be⸗ werkſtelligt. Auch er war jetzt des Feindes anſichtig geworden. Sein Muth wuchs erſtaunlich, da er nur 147 einen Affen und zwar von höchſt mittelmäßiger Sta⸗ tur erblickte. Er begriff gar nicht, wie dieſer Knirps einen Angriff hatte wagen können, fühlte ſich in ſeiner Würde als Oberfeldherr ordentlich gekränkt und er⸗ muthigte den Mathematikus zum muthigen Vorwärts⸗ dringen. „Mit dieſem Pavian,“ ſprach er verächtlich,„wer⸗ den wir wenig Umſtände machen; Hanno, leiht mir einmal Euern Bambus.“ „Ich trenne mich nicht gern von meiner Waffe,“ zögerte dieſer,„man kann nicht wiſſen, welcher neue, unerwartete Angriff—“ „Seid kein Thor,“ lachte der unternehmende La⸗ gemann,„nur zwei Minuten, damit ich dieſes nichts⸗ würdige Blaumaul ob ſeiner Verwegenheit abſtrafe.“ Er nahm mit dieſen Worten dem Strategen den Bambus aus der Hand und drang kühn gegen den Langſchwanz vor. Dieſer wartete indeß die Ankunft des Magdeburgers nicht ab, wickelte ſich vom Aſte los und flüchtete mit Gepraſſel auf den Himbeer⸗ ſtrauch, an deſſen Seiten die Triumvirn noch wie an⸗ genagelt ſtanden. Während aber der Attache ob der Flucht des Gegners ein Siegesgeſchrei erhob, ward das Kleeblatt durch das Gepraſſel in nächſter Nähe und durch die unerwartete Ankunft des Affen total auseinanderge⸗ ſprengt. Der Factor war bemüht, in weitausgreifen⸗ den Schritten die beiden Heerführer zu erreichen, ward aber durch Vetterlein, welcher in der Angſt wie ein hungriger Karpfen nach ſeinen zwei Rockſchößen ſchnappte, feſtgehalten. In ſeiner Deſperation ſchleifte der Factor den Quartus wie Achill den Hector hinter ſich her und langte endlich, aus Leibeskräften keu⸗ chend, bei Hannv und Lagemann an. Hier erſt fiel 40* 148 Vetterlein ab und kam wieder auf ſeine zwei Füße zu ſtehen. Nachdem ſich der Factor ebenfalls überzeugt hatte, daß der ganze Schreck nur von einem mäßigen, etwas langgeſchwänzten Affen herrühre, ſo bekam er die Sprache wieder und benutzte dieſe vor allen Dingen dazu, ſeine unbedingte Mißbilligung gegen Vetter⸗ lein's Einbeißerei auszuſprechen. Der Magdeburger war durch ſeinen Sieg gegen den Pavian ſo unternehmungsluſtig geworden, daß er nicht üͤbel Luſt hatte, die Verfolgung fortzuſetzen. Indeß ward er von Hanno unter dem Vorgeben da⸗ von zurückgehalten, daß das Expeditionsheer vor Al⸗ lem darauf bedacht ſein müſſe, das Goldland zur rechten Zeit zu erreichen. Man ſei noch ziemlich weit entfernt und man dürfe ſich durch Nebendinge nicht von der Hauptſache ableiten laſſen. Lagemann ſah das ein und zähmte ſeinen Muth. Er erinnerte ſich wieder ſeiner Eigenſchaft als Ober⸗ vefehlshaber und traf die desfallſigen Anſtalten. Vor allen Dingen mußte ihm daran gelegen ſein, wieder Ordnung in das Heer zu bringen. Er hielt daher Revue und vermißte den Actuar. Dieſer war, als das Mitteltreffen durch den Orang⸗Utang ſo plötzlich auseinander geſprengt worden, in's Gras gefallen, wo er noch lag, und zwar auf dem Bauche. Lagemann ertheilte daher ſofort dem Factor den Befehl, als Ordonnanz Zeiſig die Meldung zu brin⸗ gen, aufzuſtehen und das Mitteltreffen zu vervoll⸗ ſtändigen. Der Factor, gehorſam dem erhaltenen Befehl, verfügte ſich nicht ohne bedächtigen Seitenblick nach dem Aſte, wo der Hrang⸗Utang herbergte, an Ort und Stelle, wo Zeiſig lag. 149 „Actuar,“ begann er, ihn ſanft angreifend,„er⸗ mannet Euch, die Gefahr iſt vorüber; es war nur ein ſimpler Affe. Die Reiſe ſoll fortgehen.“ Zeiſig war's indeß gar nicht wie ermannen. Der Schreck war ihm in den Magen gefahren und hatte daſelbſt eine bedeutende Revolution zu Wege gebracht. Eben als ihn der Factor leiſe am Arme zupfte, um ihn zum Aufſtehen zu bewegen, half ſich die Natur und befreite des Actuars Magen von einem Theile der überflüſſigen Himbeeren. Süßmilch gewahrte mit Schrecken Zeiſig's Kampf und als er näher nachſah, glaubte er nicht anders, als der Unglückliche habe einen Blutſturz bekommen. Er rief kläglich nach Hülfe, worauf Lagemann in Perſon herbeieilte, um die Sache zu unterſuchen. „Ein Blutſturz iſt es nicht,“ beruhigte der At⸗ taché,„Zeiſig hat ſich etwas übernommen.“ Dem Actuar war erbärmlich zu Muthe. Erſt den vereinten Bemühungen Lagemann's und des Factors gelang es, den Kranken auf die Beine zu bringen. „Nehmt ihn in die Mitte,“ ſprach der Attaché zu Süßmilch und Vetterlein,„da wird es ſchon gehen. Hoffentlich daß er ſich bald erholt; wer heißt ihn, in den Himbeeren ſich zu übernehmen.“ Vetterlein war nicht ohne Beſorgniß, die Krank⸗ heit des Actuars könne während der Armführung noch einige Ausbrüche erleiden. „Er ſieht noch recht blaß aus,“ ſprach er,„ich befürchte, die ſchlimmen Zufälle wiederholen ſich. Ruhe wäre daher wohl wünſchenswerther als mar⸗ ſchiren. Actuar, wie iſt Euch, ſeid Ihr nicht auch meiner Meinung?“ Zeiſig war vor der Hand gar keiner Meinung, wie überhaupt auch keines Wortes mächtig. Er ließ 150 den Kopf hängen und blieb dem Quartus die Ant⸗ wort ſchuldig. „Länger verweilen können wir auf keinen Fall,“ ſprach Lagemann, auf ſeines Botſchafters Umſtände weiter keine Rückſicht nehmend. Zugleich überlegte er, daß der krankhafte und ſchwache Zeiſig bei der gan⸗ zen Expedition überhaupt ein mehr beſchwerliches, als nutzenbringendes Meubel ſei. Er fuhr daher fort: „Sollte der Actuar den noch bevorſtehenden Strapa⸗ zen nicht gewachſen ſein, ſo bleibt uns nichts übrig, als ihn einſtweilen hinter einen Strauch zu legen, wo er die mannigfachen Chikanen, ſo ſein Bauch noch über ihn verhängen ſollte, in Ruhe abwarten kann. Bei der Heimkehr nehmen wir ihn wieder mit.“ Wiewohl Zeiſig das Sprechen ſehr ſchwer ward, ſo war doch die Lagemann'ſche Zumuthung, wegen des Strauches, zu ſtark, als daß der Betheiligte da⸗ bei hätte ſtillſchweigen können. „Ich komme ſchon mit fort,“ krächzte der Bot⸗ ſchafter. „Ihr überſchätzt Euch, guter Actuar,“ erwiederte der Attaché, der ſeinen diplomatiſchen Gaſt, da er den Marſch nur behinderte, vor's Leben gern los ge⸗ weſen wäre. „Wenn nur die böſen Anfälle nicht wiederkehren,“ meinte Vetterlein,„da wollen wir ihn ſchon fort⸗ bringen.“ Zeiſig verſicherte dem Quartus, daß er ſich ſo wohl, wie der Fiſch im Waſſer fühle; nur etwas ſchwach ſei er. „Ihr wäret mein Fiſch,“ brummte der Attaché unzufrieden,„Ihr ſeht mir eben nicht darnach aus.“ „Wie geſagt,“ beharrte Zeiſig,„wie ein Fiſch im Waſſer.“ Der Factor, welcher die blaſſen Geſichtszüge mit Kennerblicken betrachtete, nahm ſich eine Priſe und ſchüttelte in Betracht des Fiſches mit dem Kopfe. „Der Factor ſchüttelt auch,“ ſprach Lagemann, „und mit Recht; ich glaube nicht, daß wir den Hin⸗ fälligen tauſend Schritte weit bringen. Meinetwegen! Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich; wer nicht hören will, mag fühlen. Indeß erklär' ich, vermöge meiner amtlichen Machtvollkommenheit als Heerführer ſo viel, daß, ſo wie der Aetuar eine auffällige Hin⸗ fälligkeit blicken läßt, derſelbe unwiderruflich ad de- positum niedergelegt wird.“ Der Factor, ſtets menſchenfreundlich geſinnt, gab zu bedenken, daß dies eine zu unchriſtliche Verfah⸗ rungsart gegen einen allgemein geachteten Lands⸗ mann ſei. „Noth kennt kein Gebot,“ entſchuldigte ſich La⸗ gemann; auch Hanno geſtand, daß man wegen Zei⸗ ſig's fortwährendem Unwohlſein unmöglich die für geſammte Niederroßlaer ſo wichtige Expedition gefähr⸗ den könne. Unter dieſer für den Actuar höchſt unerquicklichen Unterhaltung ſetzte ſich der Zug in der vorigen Ord⸗ nung wieder in Bewegung; nur daß anſtatt Vetter⸗ lein's, diesmal Zeiſig in der Mitte ging. Lagemann, um für jeden etwaigen neuen Angriff vorbereitet zu ſein, übte ſich in der Führung ſeiner Waffen, indem er mit der halben Klinge tapfer in die benachbarten Geſträuche einhieb. Die Flucht des Orang⸗Utangs, der ſich nicht wieder blicken ließ, hatte ihm all ſeine kriegeriſche Haltung wiedergegeben. Man war nicht weit gekommen, als Hanno plötz⸗ lich äußerſt nachdenklich ſtehen blieb und in die Höhe ſchaute. Die nachfolgende Armee machte gleichfalls Halt und blickte, ſelbſt den Actuar nicht ausgenom⸗ men, wie ſchwer es ihm ankam(der Factor hielt ihm den Kopf), ebenfalls in die Höhe, ohne etwas Außer⸗ gewöhnliches wahrzunehmen. Der Heldenſpieler fuhr fort, ſich angeſtrengten Beobachtungen am Himmel hinzugeben, obſchon von letzterem, wegen des dickbelaubten Waldes, nicht das Geringſte zu ſehen war. Lagemann, ſo wie der Factor und Vetterlein guckten ſich faſt die Augen aus. End⸗ lich that Allen der Hals weh von dem ununterbro⸗ chenen fruchtloſen In⸗die⸗Höhe⸗blicken und der Attaché vermochte es nicht länger über ſich zu gewinnen, bei Hanno Erkundigungen über den Zweck der aſtrono⸗ miſchen Bemühungen anzuſtellen. „Kann mir denn Riemand ſagen,“ frug nun die⸗ ſer,„wo eigentlich die Sonne ſteht?“ Das war allerdings eine Magiſter-Frage für die Niederroßlaer, die ſo tief im Urwalde ſtaken, daß ſie nicht einmal den Himmel, viel weniger von der Sonne etwas ſahen. Ein böſes Geſchick hatte es nun gewollt, daß der Heldenſpieler, als ihn der Wallnuß⸗ wurf zu Boden ſtreckte, die Richtung der Himmels⸗ gegenden total verloren; das übrige Heer, welches den Himbeerſtrauch von allen Seiten befraß, tappte in Betracht der Weltgegenden ebenfalls im Finſtern. Selbſt der Obergeneral hatte die Sorge für den Weg gänzlich dem Mathematikus überlaſſen, deſſen Weis⸗ heit jetzt gleichfalls ihr Ende erreicht hatte. Die Bäume des Urwaldes waren von ſo thurm⸗ hoher Höhe, ihre Stämme von ſolchem Umfange, die weitragenden, ſtarkbelaubten und von Schlingpflanzen der mannigfachſten Art durchwucherten Aeſte von ſol⸗ cher Dichtigkeit, daß nur hier und da ein tellergroßes Stück Himmel durch die ehrwürdigen Kronen in die 153 Dunkelheit herabfiel; von dem ſtrahlenden Tagesge⸗ ſtirne, ſo wie von deſſen Stande aber war ſchlechter⸗ dings nichts zu ermitteln. „Es wird uns am Ende wahrhaftig nichts übrig bleiben,“ ſprach der Heldenſpieler, dem es nicht wenig fatal war, die Richtung verloren zu haben,„als einen der hohen Stämme zu erſteigen, um des Stan⸗ des der Sonne anſichtig zu werden; ohne ihr iſt es keine Möglichkeit, ſich weiter fortzufinden; abgeſehen, daß wir das Goldland nicht erreichen, ſo laufen wir noch Gefahr, den Rückweg zu verlieren.“ Das waren allerdings Bedenklichkeiten, die Ueber⸗ legung verlangten. „In meiner Jugend,“ meinte der Oberfeldherr Lagemann,„war mir kein Baum zu hoch, ich mußte hinauf; mit den Jahren hat ſich das gelegt; die Knochen ſind mir ſteifer geworden, ſonſt würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, für's allgemeine Beſte die Auffahrt zu wagen. Aber wenn ich nicht irre, ſo hat der Quartus häufig von ſeinen Kunſt⸗ reiſen, die er an gefährlichen Stellen angeſtellt, ge⸗ ſprochen; ich zweifle daher keinen Augenblick, daß er die günſtige Gelegenheit ergreifen wird, einen that⸗ ſächlichen Beweis ſeiner Turngeſchicklichkeit an den Tag zu legen und ſich um das Heer verdient zu ma⸗ chen. Nöthigenfalls wollen wir am Fuße des Stam⸗ mes den Kalmuck ausgebreitet halten, damit er kei⸗ nen Schaden nimmt, ſo er herabfällt.“ Vetterlein fühlte ſich diesmal bei ſeiner Ambition angegriffen, und war auch nicht abgeneigt, einen Ver⸗ ſuch zu wagen. „Es iſt freilich lange her, daß ich mich mit Baumkletterei abgegeben habe,“ ſprach er,„indeß unter 154⁴ obwaltenden Umſtänden halte ich es für Pflicht, das Möglichſte zu bewerkſtelligen.“ Lagemann lobte dieſe Geſinnung und Vetterlein trat wirklich nicht ohne Geſchick die Himmelfahrt an. Es war dieſelbe auch mit keinen großen Schwierig⸗ keiten verbunden, da die vielen Anhaltepunkte das Emporklettern erleichterten. Zum Ueberfluß hielt der Factor und Marſchall Lagemann den Kalmuck des Quartus ausgebreitet. Süßmilch, welcher ob ſeiner langen Beine es nie in der edeln Turnkunſt zu etwas Erſprießlichem ge⸗ bracht hatte, war ganz verwundert, als er Vetterlein wie ein Eichhörnchen durch die Aeſte klettern ſah. Seine einzige Beſorgniß beſtand nur darin, daß der kühne Voltigeur ihm mit der Zeit auf den Kopf fal⸗ len möchte. Er rief daher dem Himmelfahrer den guten Rath nach, ſich ja feſt anzuhalten und um alle Welt keinen Fehltritt zu thun. „Wenn Vetterlein,“ ſprach er zu Lagemann,„auch nicht ſchwer wiegt, ſo könnte er uns doch in Betracht der Höhe des Baumes beim Herabfallen übel mit⸗ ſpielen.“ Zeiſig kam der Aufenthalt und die Kletterei Vet⸗ terlein's recht gelegen. Er konnte da mehren Anfor⸗ derungen der Natur mit Muſe Genüge leiſten, ohne den Marſch der Colonne im Geringſten zu ſtören. Das zweibeinige Eichhorn hatte endlich den Gi⸗ pfel des majeſtätiſchen Ulmenbaumes erreicht und mochte von dem hohen Standpunkte aus eine recht angenehme Ausſicht genießen. Wenigſtens renommirte er ſehr damit. Hanno trat jetzt in wiſſenſchaftlichen Rapport mit dem Oberwäldler und erkundigte ſich vor allen Din⸗ gen nach der Himmelsgegend. 155 „Eine wahre Pracht,“ verſicherte der Quartus von oben herab;„Ihr habt wirklich kein Idee da⸗ von. Ich habe halb Frankreich und die Schweiz durchwandert, aber ſolch' erquickende Ausſicht ward mir noch nie. Soll ich Euch vielleicht eine kleine Beſchreibung davon mittheilen?“ „Später, ſpäter, guter Quartus,“ antwortete Hanno,„jetzt ſagt nur vor allen Dingen, wohinein die Sonne ſteht, damit wir das Goldland auf dem geradeſten Wege erreichen.“ „Das Goldland,“ replicirte es aus dem Wipfel der Ulme;„ei, das ſeh' ich ganz deutlich; es ſchim⸗ mert gar herrlich in der Sonne.“ Lagemann ward durch dieſe frohe Kunde ausneh⸗ mend erheitert. Er vereinigte daher ſeine Bitten mit denen des Heldenſpielers, daß der Quartus die Him⸗ melsgegenden ſignaliſiren möchte. Vetterlein aber, der ſich auf ſeine Kletterkunſt nicht wenig zu Gute that, glaubte auch einmal ſeinen Kopf aufſetzen zu müſſen und fuhr noch geraume Zeit fort, über die herrliche Ausſicht zu pvetiſiren, indem er die im Waldesdunkel Begrabenen nicht genug bedauern konnte, daß ſie auf eine Theilnahme an ſeinem Ergötzen verzichten mußten. „In der That,“ rief er,„beklagen muß ich Euch von ganzem Herzen, die Ihr vermöge der Ungelen⸗ kigkeit Eurer Glieder nicht berufen ſeid, an meinem Entzücken Theil zu nehmen; es iſt eine edle Kunſt das Klettern. In meiner Jugend war ich ſtärker darin. Nicht weniger denn ſechs Mal hab' ich den Preis davon getragen bei dem Prämien⸗Stangenklet⸗ tern zu Kleinhennersdorf, wo alljährlich zum König⸗ ſchießen die geübteſten Turner von weit und breit her ſich verſammelten. Es war ein ſchönes Feſt, das Königſchießen zu Kleinhennersdorf, ich denke nie ohne 156 Rührung an daſſelbe zurück; es fiel alljährlich auf den Tag Bartholomäi und die zwei folgenden Tage. Traf ſich's, daß Bartholomäi ein Sonntag war, ſo begann es den darauf folgenden Montag und endete mit einem ſolennen Sternſchießen den Donnerſtag. Der Schützenauszug erfolgte in der Regel den Sonn⸗ tag und der Königsſchuß die Mittwoch.“ Lagemann und Hanno wollten verzweifeln, ſelbſt dem Factor kam die Sache etwas gedehnt vor. Alle Bitten und Redensarten, ſelbſt Drohungen, ihn zur Bezeichnung der Himmelsgegenden zu vermögen, wa⸗ ren vergeblich. „So ich eine Windbüchſe bei mir hätte,“ ſchwur endlich Lagemann in ſtiller Wuth,„ich ſchöſſe den Kerl wie einen Spatzen herunter.“ Hanno frug, ob nicht eine Möglichkeit vorhanden wäre, den Quartus mit Wallnüſſen, deren es hier in Menge gab, zum Rückzuge zu nöthigen. Er be⸗ hauptete zugleich, einen guten Wurf zu beſitzen. „Was hilft das,“ entgegnete unmuthig der Mag⸗ deburger,„man ſieht ja den Hallunken gar nicht, er muß ganz oben auf dem Wipfel ſitzen. Welcher Wurf ſollte ihn da erreichen! Wir würden ihn nur unnöthiger Weiſe reizen, ohne zu unſerm Zweck zu kommen. Das Beſte iſt, wir erklären ihm, daß, wenn er nicht herabſteigt, wir ohne ihn die Wande⸗ rung fortſetzen würden. Wir entfernen uns dann wenige Schritte, halten uns ganz ſtill, ich wette, er verläßt dann ſo ſchleunigſt wie möglich ſein Neſt.“ Dieſer Vorſchlag Lagemann's fand Beifall. Ihm zu Folge rief Hanno mit Stentorſtimme:„Quartus, zum dritten und letzten Male, entweder Ihr ſteigt nieder oder wir laſſen Euch ſitzen und marſchiren weiter.“ 157 Vetterlein, welcher erhaben über ſeinen Gefährten wie ein Gott in freien Lüften ſchwebte, war weit entfernt, auf dergleichen Drohungen aus der Tiefe das geringſte Gewicht zu legen. Es ſchmeichelte ihm nicht wenig, daß man ſich ohne ſeine am Himmel gemachten Erfahrungen nicht fortzufinden vermöchte. Er pochte auf ſeine Unentbehrlichkeit und fuhr daher fort, ſich über die Eigenthümlichkeiten und Vorzüge des Kleinhennersdorfer Königſchießens eines Weitern zu verbreiten. „Die Anzahl der Schützen,“ ſprach er,„war nicht unanſehnlich und tüchtige Hähne darunter, ſämmtliche Revierförſter der Ungegend nahmen Theil; da hab' ich ſelbſt erlebt, daß der Hegereiter Faulring fünf Mal unmittelbar hinter einander den Nagel ſchoß. Auch die Prämien waren ganz reſpectabel. Der Kö⸗ nigſchuß wurde ſtets mit einem fetten Hammel und drei Dutzend Schlackwürſten honorirt. Mein Vetter, der Stadtſchreiber, trug ſelbſt einmal den Preis da⸗ von. Den Hammel hättet Ihr ſehen ſollen, mir iſt ein ſolcher nie wieder zu Geſicht gekommen; er hätte auf jeder Viehausſtellung Furore gemacht. Die Fül⸗ lung der Schlackwürſte war vorzüglich; ich habe ſie ſelbſt gekoſtet und kann es ſonach authentiſch bezeu⸗ gen; weder in Frankreich noch in der Schweiz hab' ich ſpäter delicatere Würſte angetroffen. Was die übrigen Prämien betraf—“ „Kommt glücklich nach, Quartus,“ tönte jetzt die Stimme des Heldenſpielers und die Karavane brach mit abſichtlichem Geräuſch auf, rückte ungefähr funf⸗ zig Schritte vor, wo ſie hinter dichtem Geſträuch Halt machte und ſich ſo ruhig wie möglich verhielt, um dem Quartus glauben zu machen, ſie ſei wer weiß wie weit. 158 Vetterlein hielt im Anfang Hanno's Ruf ſowie den darauf folgenden Aufbruch für einen bloßen Schreckſchuß und ließ ſich im Geringſten nicht in der Beſchreibung des Kleinhennersdorfer Königſchießens ſtören. Er erzählte recht con amore und gefiel ſich außerordentlich in der Erinnerung an jene roſenro⸗ then Zeiten. Als es ihm endlich aber doch bedünkte, als ſei es unter ihm recht ſtill geworden, ließ er in ſeinen Memoiren eine Pauſe eintreten und horchte; kein Laut regte ſich. Er beugte nun den Kopf und guckte zwiſchen dem Blättergrün hinab nach der Tiefe, da war Alles leer und das geſammte Erbheer ver⸗ ſchwunden. Dem Quartus pochte bei dieſem Anblicke das Herz hörbar. Er hoffte indeß, die Landsleute würden ſich nur wenige Schritte entfernt haben, ſo daß ſie ſeine Stimme noch zu vernehmen möchten. Um alſo ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln, ließ er die Beſchreibung des Kleinhennersdorfer Königſchießens vor der Hand auf ſich beruhen und kam wieder auf die Himmelsgegend und den Stand der Sonne zu ſprechen, aber nur im Allgemeinen. Er hoffte auf dieſe Mittheilung ſicher, von Hanno oder Lagemann wieder über die Richtung des Wegs befragt zu wer⸗ den. Aber keine Anfrage erfolgte; es blieb ſo ſtill wie zuvor. Der Quartus, dem es ſchon ganz un⸗ heimlich ward, guckte nochmals herab, und da er auch diesmal Niemanden erblickte, ſo ſchoß er ſeine letzte Patrone ab, indem er ausrief, ſo laut er konnte: „Verſammelt Euch Alle unmittelbar am Stamme der Ulme, damit ich Euch den Stand der Sonne, ſowie die wahre Richtung, ſo Ihr zu nehmen habt, be⸗ zeichnen kann.“ Auf dieſe Worte kroch Vetterlein mehre Fuß tie⸗ fer und lauſchte und ſchaute unter ſich nach allen 159 Seiten in der geſpannteſten Erwartung und mit ver⸗ haltenem Athem. Auch diesmal blieb es ſtill, keine Antwort ließ ſich vernehmen, kein Niederroßlaer ſich blicken. Jetzt hätte man dem Quartus Millionen bieten können, nur eine Minute noch auf der Ulme auszuharren, es wäre ihm nicht möglich geweſen. „Wehe mir Unglückſeligen, ſie haben mich allein gelaſſen; wer weiß, ob es mir je gelingt, ihrer wie⸗ der habhaft zu werden. Sie müſſen bereits einen außerordentlichen Vorſprung erreicht haben, daß ſie meine Stimme nicht vernommen und ich ſchreie doch, als hätte ich Todte aus dem Grabe wach rufen wollen.“ Unter ſolchen Gedanken kletterte der Quartus mit einer Behendigkeit von ſeinem hohen Standpunkte herab, daß er wiederholt in Gefahr lief, den Hals zu brechen. Zu ebener Erde angelangt, erhob er ein wahres Zetergeſchrei, in welchem man ununterbrochen nur die Namen Hanno und Lagemann unterſchied. Dabei lief er verzweifelt bald hier, bald dahin und kehrte immer wieder zu dem Ulmenbaume zurück, von deſſen Gipfel herab er das Kleinhennersdorfer Königſchießen ſo anmuthig beſchrieben hatte. Nicht ohne Vergnügen vernahmen die hinter dem Strauche verſteckten Niederroßlaer, wie die Liſt ihren Zweck erreicht hatte. Auf Lagemann's Rath ließ man den Quartus noch eine Zeit lang in Verzweiflung umherſchweifen. „Er hat es um uns verdient,“ ſprach der Attaché. Auch Hanno, welchen Vetterlein hauptſächlich durch die Beſchreibung des Kleinhennersdorfer Königſchieſ⸗ ſens gelangweilt hatte, pflichtete dem Attaché bei. Nur der ſanfte und chriſtlich geſinnte Factor, als er 160 den kläglichen Hülferuf ſeines Freundes Vetterlein vernahm, hatte Mitleid und wollte dem Rufenden antworten. „Daß Ihr Euch nicht unterſtehet,“ gebot Lage⸗ mann nachdrücklich;„der Quartus leidet nur die ge⸗ rechte Strafe.“ Die Verzweiflung Vetterlein's hatte jetzt den höch⸗ ſten Grad erreicht, nachdem der einſam Umherirrende die Entdeckung gemacht, daß die Erbſchaar auch ſei⸗ nen Kalmuck, auf welchem er die außerordentlichſten Stücke hielt, mit entführt hatte. Mit dem Verluſte ſeines, über dreißig Jahre alten Jugendgefährten, ſah er auch ſich für verloren an und begann deshalb bitterlich zu ſchluchzen. Dem Factor, welcher hinter ſeinem Strauche allen Gemüthszuſtänden ſeines Freundes treulichſt folgte, ging dieſes Schluchzen durch und durch; er ward ebenfalls ganz zu Thränen gerührt, und er kam aber⸗ mals beim General Lagemann um Schonung ein. Dieſer aber, welcher ſich nebſt Hanno an dem Schmerze des Quartus weidete, wollte ſchlechterdings nichts von Schonung wiſſen. Er griff mit einer drohenden Miene nach ſeinem Dragonerſäbel und ge⸗ bot Ruhe. Die gutgemeinte Süßmilch'ſche Petition ſollte in⸗ deß plötzlich auf eine Art unterſtützt werden, welche nicht gut Widerrede zuließ, und die vier Niederroß⸗ laer, wie mit einem Wetterſchlage aus ihrem Verſteck hervortrieb. Hanno nämlich, welcher neben Lagemann poſtirt durch eine Oeffnung in dem Strauchwerke mit großem Gaudium dem verzweifelten Auf⸗ und Abgaloppiren Vetterlein's zuſchaute, fühlte ſich unverſehens an ſei⸗ nem Carbonari gezupft. Er ſchaute hinter ſich und — 161 blickte einem züngelnden Schlangenkopfe direct in's liebe Antlitz. Ein Schreckensruf und ein Sprung in's Freie, war das Werk eines Augenblicks. Lage⸗ mann, welcher des originellen Kopfs gleichfalls an⸗ ſichtig wurde, folgte mit derſelben Behendigkeit. Nur der bedächtige Factor, der neben Zeiſig am Boden ſaß, begriff nicht das urplötzliche Verſchwinden des Heldenſpielers und des Attaché's. Erſt auf Lage⸗ mann's Zuruf, ſich umzuſehen, welchem Süßmilch wie der Actuar gewiſſenhaft nachkamen, erſchauten Beide, in einem und demſelben Augenblicke, das rieſige Un⸗ geheuer und wälzten ſich, einer den andern überpur⸗ zelnd, mit unnachahmlicher Schnelligkeit aus der ge⸗ fährlichen Nähe. Niemanden konnte aber die Boa oder welcher Gattung die Schlange ſonſt angehören mochte, einen angenehmern Dienſt erweiſen, als dem Quartus, der ſich ſchon ſeit einiger Zeit für einen verlorenen Mann gehalten. Er glaubte ſeinen Augen nicht zu trauen, als er in der erfreulichſten Nähe die Geſtalten Han⸗ no's und Lagemann's auftauchen ſah. Bald auch wurden der Factor und Zeiſig ſichtbar und das Erbheer concentrirte ſich von Neuem. Die jüngſte Gefahr ſchloß, wie dies immer zu geſchehen pflegt, die Gemüther inniger an einander, ſie ver⸗ ſcheuchte die innere Zwiſtigkeit und verlieh dem Gan⸗ zen größere Einheit. So kam auch Vetterlein ob ſeiner ausführlichen Beſchreibung des Kleinhennersdorfer Königſchießens diesmal mit einem blauen Auge davon. Man war bereiter denn je zu vergeben und zu vergeſſen, wenn er nur länger keinen Anſtand nähme und ſeine auf dem Ulmenbaume angeſtellten vimmelsbehaen zum Beſten gebe. Stolle, ſämmtl. Schriften. XVIII. 14 — 162 Niemand zeigte ſich jetzt bereitwilliger als Vetter⸗ lein; von Kleinhennersdorf war keine Rede mehr, und ſo gelang es dem Heldenſpieler, den richtigen Weg nach dem Goldlande wieder ausfindig zu machen. Es war auch fürwahr die höchſte Zeit, wollte man am ſelbigen Tage wieder das Lager erreichen. Lagemann ſtellte die vorige Heerordnung her, zückte ſein Schwert und commandirte zum Abmarſch. Man ſetzte ſich in Bewegung. Nichts flößte aber dem Erbheere größere Beſorgniß ein, als das Ge⸗ ſträuch, in welchem ſich die grau⸗grüne Schlange ge⸗ zeigt hatte. General Lagemann machte daher eine entſcheidende Flankenbewegung, wodurch er das ver⸗ dächtige Geſträuch weit zur Rechten liegen ließ. So bewegte ſich der Zug in ziemlicher Eintönig⸗ keit vorwärts. Es ward wenig geſprochen. Jeder ſchien mit ſich beſchäftigt und war in Gedanken in Niederroßla, wo er von dem in Afrika erbeuteten Golde in behaglicher und beneidenswerther Gemäch⸗ lichkeit lebte. Lagemann durchkreuzte in Gedanken die ganze Um⸗ gegend von Niederroßla und inſpicirte alle Güter, von denen er wußte, daß ſie zum Verkauf ſtanden. Dieſe heitern und anmuthigen Phantaſiegebilde ſollten indeß durch ein abermaliges Abenteuer unter⸗ brochen werden, wodurch die bisher auf der Wande⸗ rung nach dem Goldlande erlebten Begebenheiten in Nichts zerfielen. In ziemlicher Entfernung ließ ſich ein dumpfer Ton vernehmen, welcher ſogleich das Intereſſe und die Aufmerkſamkeit ſämmtlicher Niederroßlaer in An⸗ ſpruch nahm, und über deſſen Urſprung und Urſache man den verſchiedenartigſten Vermuthungen ſich hingab. Lagemann commandirte Halt, damit man ſtill lau⸗ 163 ſchen könne, ob ſich der Ton nicht von Neuem hören laſſe. Man brauchte nicht lange zu warten. Der⸗ ſelbe Ton ward vernehmbar und diesmal um ein Be⸗ deutendes näher. „Wenn das nicht ein Löwe iſt,“ ſprach der Hel⸗ denſpieler,„ſo will ich nicht Hanno heißen. Wir müſſen uns auf das Schlimmſte gefaßt machen.“ Lagemann hatte ſich von den Matroſen ſo viel von der Haſenherzigkeit der Löwen vorerzählen laſſen, daß er davon vollkommen überzeugt war und daher ob Hanno's verhängnißvollen Worten die Beſinnung keineswegs verlor. Im Gegentheil zeigte er ſich wider Erwarten gefaßt, und behauptete jene Ruhe, welche bei einem Heerführer von ſo hohem Vortheil iſt. „Beſinnt Euch nur auf ein luſtig Lied,“ ſprach er,„ſobald das Gebrüll näher kommt, ſingen wir dieſes, und Ihr werdet gewahren, wie die Beſtie ſchleunig Reißaus nimmt.“ Weder dem Factor, noch Zeiſig, noch dem Quar⸗ tus war ſingeluſtig zu Muthe. Indeß bewirkte die hohe Zuverſicht, welche der General bewies, daß das Mitteltreffen nicht alle Hal⸗ tung verlor. „Für den Fall der Löwe,“ fuhr Lagemann fort, „unſern Geſang nicht reſpektiren ſollte, ſo müſſen wir uns allerdings auf unſere Augen verlaſſen. Sie ge⸗ währen unbeſtreitbare Sicherheit. Dann möge der⸗ jenige von uns, welcher ſich der größten Augen zu erfreuen hat, kühn voranſchreiten, den Löwen unun⸗ terbrochen ſtarr anſehen und ihm direkt auf den Leib rücken. Nur darf man nicht die geringſte Furcht zeigen, ſonſt ſpringt das Unthier zu und packt. Wer wäre aber unter uns im Beſitze der größten Augen? 11* 164⁴ Wen hat wohl ein gütiges Geſchick mit dem vortreff⸗ lichſten Sehorgan ausgeſtattet?“ „Unbeſtritten den Quartus,“ ſprach Hanno. „Mich?“ frug erſchrocken Vetterlein,„bewahre der Himmel, ich habe ja wahre Maulwurfsaugen.“ „Ich berufe mich auf das Zeugniß aller Anweſen⸗ den,“ beharrte der Heldenſpieler. „Seht mich einmal an,“ ſprach nun der General ernſt zum Quartus, um ſich von der Peripherie ſei⸗ nes Auges perſönlich zu überzeugen. Der Aufgeforderte zog die Augenwimpern ſo nahe wie möglich zuſammen und blinzelte den Feldherrn an, als ſchaue er in die Sonne. Der Angeblickte zog die Stirne kraus. „Wenn Ihr,“ ſprach er,„dem Löwen mit dieſer Phyſiognomie kommt, ſeid Ihr verloren. Von Euern Augen iſt ja ſo gut wie nichts zu ſehen.“ „Darum eigne ich mich auch nicht, dem Löwen entgegen zu gehen.“ „Eigenſinn, ſo ſperrt doch einmal die Klotzen auf und ſchaut mich groß an.“ „Beſcheidenheit verbietet mir— „Wenn ich es Euch als Feldherr gebiete, ver⸗ ſchwinden alle Rückſichten der Beſcheidenheit. Alſo ſtarr mir in's Auge geblickt. Habt Ihr etwa kein gut Gewiſſen?“ „Das ruhigſte von der Welt.“ „Wohlan, Auge in Auge. Denkt, ich wär' der Löwe.“ „Das fällt mir ſchwer.“ „So thut wenigſtens, als wär' ich der Löwe.“ „Ich glaube, der Factor—“ „Nichts da Factor, von Euch iſt jetzt die Rede.“ „ 165 „Seine majeſtätiſche Figur; mich würde das Un⸗ thier nicht für voll anſehen.“ „Das iſt wahr,“ meinte Lagemann nachdenkend. „Er beſitzt Haltung,“ fuhr Vetterlein ermuthigt fort,„ich glaub', er weiß ſich zu benehmen dem Lö⸗ wen gegenüber.“ Süßmilch, welcher äußerſt ausmerkſam geworden, als die Rede auf ihn gekommen, widerſtritt die Ver⸗ muthung Vetterlein's auf das Hartnäckigſte. „Ich will mich nicht ſelbſt in Schatten ſtellen,“ ſprach er,„aber daß ich einem ſolch' blutgierigen Un⸗ geheuer gegenüber die Contenance verliere, getraue ich mir mit einem körperlichen Eide zu erhärten.“ Hanno vermittelte die Sache dahin, daß, im Fall der Löwe erſchiene, Keiner zwar vorangehen, aber Jeder das Seine thun ſollte, um das Unthier in Reſpeect zu halten. „Vor allen Dingen nur keine Furcht,“ befahl Lagemann,„das iſt Hauptbedingung. Uebrigens,“ fügte er beruhigend hinzu,„glaube ich noch gar nicht, daß der gehörte Ton von einem Löwen herrührte.“ Daß dem ſo war, ward durch die Wiederholung des donnerähnlichen Tones, der jetzt weit näher ge⸗ kommen und einem dumpfen Gebrüll glich, ziemlich außer Zweifel geſtellt. Das Mitteltreffen zitterte bei dem furchtbaren Klange wie Espenlaub; ſelbſt dem Heldenſpieler ward nicht wohl zu Muthe. Nur Lagemann, auf die Er⸗ fahrung und Erzählung der Matroſen vertrauend, be⸗ hauptete eine bewundernswürdige Faſſung. „Der Löwe ſcheint näher zu kommen,“ ſprach er, „vielleicht daß er Menſchenfleiſch in ſeinem Gebiete wittert. Wir müſſen jetzt über das fröhliche Lied übereinkommen, das wir bei ſeinem Erſcheinen an⸗ 166 ſtimmen. Ich werde den zweiten Baß übernehmen. Hannv mag den erſten ſingen. Wär's nicht gerathen, wir hielten vorher eine kleine Probe?“ Der Heldenſpieler räuſperte ſich und begann un⸗ eultivirte Töne hervorzuſtoßen; auch Lagemann übte ſich in einigen anmuthigen Läufern und Colvraturen; aber mit Süßmilch, Vetterlein und dem Actuar ſtand's trübſelig. Sie waren alle Drei von Natur keine Helden im Geſang und jetzt ſchien ihnen die Angſt abſonderlich die Kehle geſchnürt zu haben. „Könnt Ihr den: Jäger aus Churpfalz?“ er⸗ kundigte ſich Lagemann als Vorſänger. „Ich kann ihn,“ erwiederte Hanno und begann: „Gar luſtig iſt die Jägerei, Tralli, tralla, tralla“ u. ſ. w. Da der Hauptarmee der Jäger aus Churpfalz gänzlich unbekannt war, ſo ſprach ſich Lagemann äu⸗ ßerſt mißbilligend über ſolche Ignoranz aus. „Könnt Ihr denn,“ frug er und ſang: „Auf haſcht am Roſenſaume Den Lenz eh' er entflieht!“ Allgemeines Kopfſchütteln. „Oder,“ fuhr Lagemann fort und ſang: „Deutſches Herz verzage nicht, Thu' was Dein Gewiſſen ſpricht!“ Wieder allgemeines Kopfſchütteln. „Mit Euch iſt in der That auch gar nichts an⸗ zufangen,“ zankte der vorſingende Oberfeldherr.„Wie ſteht's denn mit: „Daß Eva ſich am Apfelbaume Gelabt im Paradies, Kein Menſch verargt ihr dies!“ Hätte man weniger Furcht vor dem Löwen ge⸗ habt, ſo würde man gewiß nicht ermangelt haben, ——— 167 dem Magdeburger ob ſeines Liederreichthums reichlich Lob zu ſpenden. So aber berückſichtigte man ſeine Rhapſodien weniger und hielt nur das Ohr der Ge⸗ gend zugekehrt, von woher ſich das erſchütternde Ge⸗ brüll hatte vernehmen laſſen. Lagemann, um ſeine unmufikaliſchen Landsleute in ihrer ganzen Blöße hinzuſtellen und ſeinen Ge⸗ ſangsruhm außer allen Zweifel zu ſtellen, fuhr fort, die Anfangsſtrophen von einer Menge Liedern und Arien herzuſingen, wobei er ſein zagendes Mitteltref⸗ fen mit vieler Hoffart anſah. „Wie,“ frug er, auch das herrliche: „Preis Dir, Herrmann, Volkserretter, Der wie Gottes Donnerwetter In die Feinde Deutſchlands ſchlug!“ Als der Sänger auch diesmal keine befriedigende Antwort erhielt, fand er ſich endlich zu der Frage vetanlaßt:„Aber, Factor, es hat doch jeder Menſch ſeine Lieblingslieder, wie ſteht's mit Euch? Ihr wer⸗ det doch nicht ganz von Gott verlaſſen ſein, daß Ihr nicht auch eine Arie vorzutragen verſtündet?“ „O ja,“ erwiederte der Factor, deſſen Muth durch das Stillſchweigen des Löwen wieder gewachſen war und der Stimme bekommen hatte. Süßmilch ſetzte jetzt ſeine Singorgane in Stand, wobei wunderbare Töne zum Vorſchein kamen. Vor⸗ her ging ein langwieriges Räuſpern, Hüſteln, Aech⸗ zen. Endlich ſchien ihm die Kehle hinreichend ge⸗ ſtimmt und er begann: „Ich bin ein deutſches Mädchen, Mein Aug' iſt blau und ſanft mein Blick.“ Selbſt Zeiſig ſah den Quartus, ob dieſer außerge⸗ wöhnlichen Klänge, die an ſein Ohr ſchlugen, betroffen an. Hanno fiel faſt um vor Lachen, während Lage⸗ 168 mann in ſtolzer Siegesſicherheit mit einem unnach⸗ ahmlich mitleidigen Lächeln auf den Sänger blickte. Durch die totale Niederlage Süßmilch's in der edeln Geſangskunſt bekam aber jetzt auch Vetterlein Muth, ſich hören zu laſſen. Ohne daß es alſo eine Aufforderung von Seiten Lagemann's bedurft hatte, ſtimmte er ſeine Kehle und begann mit ſehnſuchtsvol⸗ lem Ausdruck: „Ach könnt' ich Molly kaufen Für Gold und Edelſtein.“ Verwundert blickte Alles auf den neuerſtandenen Sänger. Er begann Triller zu ſchlagen und zuletzt gar zu jodeln. Lagemann ward ordentlich eiferſüchtig ob Vetterlein's Succeß: er ließ ihn nicht ganz zu Ende ſingen, ſondern unterbrach ihn mit den Wor⸗ ten:„Dieſes Lied iſt doch nichts im Vergleich des herrlichen: „Tochter nie entweihter Tugend, Mit des Himmels Reiz geſchmückt.“ Er ſang alle vier Verſe dieſes Liedes. „Da muß ſich,“ ſprach er, als er zu Ende war, „ebenſowohl Vetterlein's Molly als des Factors deut⸗ ſches Mädchen verſtecken. Welch' erhabene Moral liegt in dem Liede. „Nicht minder ſchön iſt: „Des Künſtlers Reich iſt die Natur, Ihm huldigt See und Hain und Flur, Was immer ſeine Blicke ſah'n Iſt ſeinem Pinſel unterthan.“ „Ferner: „Mein Herr König von Spanien, Wie theuer iſt ſein Königreich.“ 169 „Oder das zarte: „Sie ſchwur, daß ſie mich liebe, Keinen andern Umgang habe Als nur mit mir.“ „Nicht minder anſprechend: „Der Graf bot ſeine Schätze mir Von Gold und Edelſteinen.“ „Ferner höchſt ergreifend iſt die Arie, welche be⸗ ginnt: „Ha, mein Appius, der Vater will mich morden, Weil Du mich liebſt.“ „Lieblich in die Ohren fallend: „Als Hirten ſtehen wir und lauſchen.“ „Wahrhaft erhebend: „Wort des Troſtes, Wiederſehn.“ Die muſikaliſche Academie, welche Lagemann in Gegenwart ſeiner Truppen zum Beſten gab und wor⸗ auf er ſich nicht wenig zu Gute that, ſollte indeß durch einen urkräftigern Ton plötzlich unterbrochen werden. Der Löwe, den man ſchon über alle Berge geglaubt, ließ ſich wieder vernehmen und diesmal in ſo bedeutungsvoller Nähe, daß dem größten Theil des Erbheeres ſchleunigſt die Haare zu Berge ſtiegen. Lagemann dachte vor der Hand an keine Fort⸗ ſetzung ſeiner Chanſons, ſondern traf die nöthigen Vorkehrungen für den Fall, daß der Löwe ſich in Leibes⸗ und Lebensgröße zeigen ſollte. „Da wir kein Enſemble im Geſange zuſammen⸗ bringen,“ ſprach er,„ſo wird es das Gerathenſte ſein, wenn Jeder das Lied anſtimmt, worin er glaubt das Meiſte zu leiſten. Der Factor kann ſein„Deutſches Mädchen“ anſtimmen, der Quartus:„Ach könnt' ich 17⁰ Molly kaufen,“ Hanno das Trinklied aus dem Frei⸗ ſchütz und der Actuar, der über keinen ganzen Ton in ſeiner Kehle zu gebieten hat, mag meinetwegen quieken oder miauen, wie's ihm beliebt, je lauter deſto beſſer. Ich bin überzeugt, wenn Jeder das Seine thut, ſo wird der vierbeinige Unhold je eher je lieber die Flucht ergreifen. Die Hauptſache freilich beſteht darin, daß Alle kräftig einfallen und aus Lei⸗ beskräften ihre diverſen Stimmen erheben. Es kommt diesmal weniger auf den Wohlklang, als auf Vehe⸗ menz des Geſanges an. Ich und Hanno können es freilich nicht allein machen. Ich glaube nicht, daß wir Beide allein den Löwen zur Raiſon bringen.“ „Auch wird es nicht undienlich ſein,“ fuhr er fort,„daß wir uns möglichſt zuſammen ſchaaren, da⸗ mit der Löwe eine compacte Maſſe vor ſich erblickt, welche anzugreifen er wohl Bedenken tragen dürfte.“ Dieſer letzte Vorſchlag fand im Mitteltreffen den meiſten Anklang. Man drängte ſich ordentlich, um die Concentration ſo ſchnell wie möglich zu bewerk⸗ ſtelligen. „So wie ich das Zeichen gebe,“ ſprach Lagemann, „fallt Ihr Alle ein. Vor der Hand wollen wir uns ruhig verhalten. Es wäre doch möglich, daß der Löwe keinen Angriff beabſichtigte.“ Wieder rollte das furchtbare majeſtätiſche Gebrüll durch den Wald, deſſen Urheber jetzt gar nicht weit entfernt ſein konnte. Der Ton wirkte aber ſo ge⸗ waltſam auf das engconcentrirte Heer, daß es faſt aus einander geplatzt wäre. „Wer zuckt und ruckt denn ſo ungeberdig?“ frug Lagemann in höchſt ſtrafendem Tone;„ich dächte Ihr wäret es, Factor?“ „Ich kann mir nicht helfen,“ entſchuldigte ſich dieſer,„ich kann das Brüllen nicht vertragen, es reißt mich jedesmal herum; wer kann für ſeine Nerven.“ „Der Menſch vermag viel über ſich, ſo er nur will,“ ſprach Lagemann,„jetzt will ich mich aber als Commandant auf meinen Poſten begeben, nämlich hinter die Fronte, damit ich beſſer Alles überſchauen und namentlich das Enſemble des Geſanges richtig leiten kann.“ Er zog den Dragonerſäbel aus dem erweiterten Knopfloche, um ihn als Commandoſtab und Taktir⸗ ſtock zugleich zu gebrauchen. Der Factor hielt mit dem einen Arme den Hel⸗ denſpieler inbrünſtig umſchlungen, während er mit dem andern den Actuar zärtlich an's Herz drückte. Zwi⸗ ſchen Zeiſig und Süßmilch guckte das Antlitz des Quartus ziemlich zerſtört hervor. Der unmittelbar im Rücken des Herzens aufge⸗ pflanzte Oberbefehlshaber ward nicht müde, dem za⸗ genden Corps Muth einzuſprechen und daſſelbe zu kühner Ausdauer anzufeuern. „Ihr werdet ſehen,“ ſprach er,„es hat keine Noth und wäre der Löwe noch ſo groß, an einen Geſang, wie wir anſtimmen, iſt er nicht gewohnt. Ich bin überzeugt, daß er die Flucht ergreift, ohne daß es unſerer Sehwerkzeuge bedarf.“ Da entſtand in den benachbarten Geſträuchen mit einem Male ein entſetzliches Gepraſſet. Es hätte nicht viel gefehlt, ſo wäre das Centrum des Heeres durch des Factors convulſiviſche Nervenzufälle geſprengt worden. Lagemann, welcher im Rücken der Schlacht⸗ linie ſtand, hatte aus Leibeskräften zu halten. Zu⸗ gleich gab er das Zeichen zum Beginn des Geſanges. „Stimmt an,“ rief er,„das war er, nur herz⸗ haft eingefallen. Es iſt die einzige Rettung.“ 17 12 Er ſelbſt begann nun mit durchdringender Stimme, deren Vehemenz man die nahende Gefahr etwas an⸗ merkte: „Beim großen Faß zu Heidelberg, Da ſitzt der Magiſtrat, Und auf dem Schloß Johannisberg Ein hochwohlweiſer Rath.“ Im Baſſe fiel der Heldenſpieler ein: „Hier im ird'ſchen Jammerthal Gäb's doch nichts als Plack und Qual, Hätt' der Stock nicht Trauben.“ Der Factor, Vetterlein und Zeiſig ſperrten zwar, wie kleine hungrige Staare, die noch nicht ausfliegen können, inſtinktmäßig die Mäuler auf, aber ſie waren nicht im Stande, vor Angſt einen Ton hervorzu⸗ bringen. „So ſingt doch zum Teufel,“ rief ihnen Lage⸗ mann zu,„wir ſind ſonſt verloren!“ und begann mit erhöhter Stimme: „Beim großen Faß zu Heidelberg.“ Da preßten Factor, Quartus und Actuar aus Leibeskräften und mit Verzweiflung. Wie Blaſebälge dehnten ſich ihre Lungenflügel aus, die Mäuler ſpreiz⸗ ten ſich auf, als gelte es Erdkugeln zu verſchlingen; die drei verzerrten Geſichter glichen denen von Ver⸗ dammten im äußerſten Höllenpfuhl. Endlich kamen Töne zum Vorſchein, Töne, wo ſich alle Menſchen⸗ haare ſo ſchleunig wie möglich würden empor gebäumt haben, wenn ſie bei den Triumvirn nicht ſchon ker⸗ zengrade geſtanden hätten. Während Lagemann fortwährend mit desperater Stimme wiederholte: „Beim großen Faß zu Heidelberg,“ ——— 173 und der Heldenſpieler im tiefſten Baſſe: „Würfelſpiel und Kartenluſt,“ krächzte der Factor: „Ich bin ein deutſches Mädchen, Mein Aug' iſt blau und ſanft mein Blick,“ und Vetterlein: „Ach könnt' ich Molly kaufen, Für Gold und Edelſtein.“ Zeiſig, der ſich in der allgemeinen Noth ſchlechterdings auf keine Arie zu beſinnen wußte, und doch auch das Seine zum allgemeinen Beſten beitragen wollte, um nicht vom Löwen verſchlungen zu werden, befolgte den Rath, welchem ihm Lagemann früher gegeben und quiekte und miaute aus Leibeskräften. Nichtsdeſtoweniger ward der vermeintliche Löwe ſichtbar, welcher aber nichts weiter als eine hochauf⸗ geſchoſſene Giraffe war. Sie ſteckte neugierig den auf langem Halſe ſitzenden Kopf durch die Zweige, um zu ſehen, was wohl da unten für ein Conzert aufgeführt werde; doch kaum hatten die Triumvirn den ſeltſa⸗ men Kopf geſchaut, der nicht weniger denn zehn El⸗ len hoch herabguckte, als trotz Lagemann's und Han⸗ no's Geiſtesgegenwart die geſammte Akademie über den Haufen fiel. Man würde beim Anblicke des Löwen nicht ſo erſchrocken ſein, als bei dieſem Gi⸗ raffenkopfe, der wie aus den Wolken herabſchaute. Daß der liebe Gott ein ſo baumlanges Thier ge⸗ ſchaffen, davon hatten weder der Factor noch Zeiſig eine Ahnung gehabt, und der Quartus, obſchon er zu Niederroßla ſeiner Schuljugend Naturgeſchichte über die vierfüßigen Thiere hatte vorgetragen, war doch von der rieſenhaften Erſcheinung dermaßen angegriffen, daß ihm „Ach könnt' ich Molly kaufen“ 17⁴ ſchlechterdings in der Kehle ſtecken blieb. Der Factor bekam wieder Nervenanfälle und Zeiſig glaubte ſich bereits verſchlungen. Vergebens ermahnten der Oberfeldherr und Hanno, welche den überaus friedlichen Charakter der Giraffen kannten, Heldenſinn zu entwickeln. Es war Alles vergeblich. Das Mitteltreffen lag wie erſchoſſen re⸗ gungslos, einer über den andern. „Es iſt ja der Löwe gar nicht,“ rief Lagemann, „ſondern nur eine Giraffe, welche kein Kind be⸗ leidigt.“ Die Giraffe ſchien ebenfalls kein Held zu ſein. Sie zog den Kopf wieder zurück, getraute ſich nicht näher und man hörte ſie nach einigen Secunden nach einer andern Richtung hin abtraben. „Das Thier iſt unſtreitig vor dem Löwen geflo⸗ hen,“ meinte Hanno. „Kann wohl ſein,“ erwiederte Lagemann;„aber wir können jetzt auf Seine Majeſtät nicht länger warten. Unfehlbar hat der Löwe wieder den Rück⸗ weg angetreten, denn ſein Gebrüll, das ſich von Zeit zu Zeit vernehmen läßt, tönt weit entfernter. Wenn wir uns jetzt nicht rüſtiger dazuhalten, erreichen wir das Goldland auf den Nimmermehrstag; und da iſt im Grunde Niemand ſchuld als dieſe drei Schächer. Wie ſie wieder daliegen, die abgeſtochenen Kälber. Es wäre wirklich vernünftiger geweſen, Hanno, wir hätten die Goldfahrt ohne dieſes Volk unternommen. Wir könnten längſt das Ziel unſerer Reiſe erreicht haben. Wie lange wird es jetzt wieder Zeit brau⸗ chen, die Gebrechlichen auf die Beine zu bringen.“ „Ich bin dafür, daß wir weiter keine Umſtände mit ihnen machen und ſie ruhig liegen laſſen, wenn ſie dem erſten Aufgebot nicht folgen,“ meinte Hannv. 175 „Es iſt dies auch meine Meinung,“ ſprach Lage⸗ mann,„ſolche Schächer verdienen gar keine Schätze. Auch haben ſie, falls ſie nicht die Reiſe in's Gold⸗ land mitmachen, durchaus keinen Anſpruch auf unſere Beute.“ „Das verſteht ſich,“ erwiederte der Heldenſpieler, „nicht ein Prozent treten wir ab.“ „Ich wüßte auch nicht wofür,“ verſetzte der At⸗ taché und wandte ſich zu den Triumvirn, die noch immer wie todt im Graſe lagen. Der Anblick der großen Giraffe hatte wirklich einen unbeſchreiblich nie⸗ derſchlagenden Eindruck auf ſie hervorgebracht. „Hollah,“ ſprach Lagemann, den nervenſchwachen Factor mit dem Fuße anſtoßend,„die Reiſe geht vorwärts. Wollt Ihr mit oder lieber hier warten bis wir wiederkommen?“ Süßmilch warf vor allen Dingen einen ſcheuen Blick nach dem Orte, wo der Kopf der Giraffe her⸗ vorgeblickt hatte. „Iſt das Ungehener fort?“ frug er ängſtlich. „Lange ſchon,“ gab der Attaché zur Antwort, „jetzt kommt aber, ich und Hanno warten keinen Au⸗ genblick länger.“ „Ich dächte, wir kehrten nach dem Lager zurück,“ gab Süßmilch den wohlgemeinten Rath,„es iſt doch das eine beſſer wie das andere. Was meint Ihr, Lagemann? Unſer unchriſtlicher Golddurſt hat uns bereits in eine Menge von Gefahren geſtürzt und wer kann wiſſen, welche unſrer noch erwarten.“ „Es iſt dies auch meine Meinung,“ verſetzte der Quartus.„Ich glaube, der afrikaniſche Reichthum iſt uns nicht beſtimmt. Ich ſtimme auch für den Rückzug.“ „Ich auch,“ ſeufzte Zeiſig. „Ihr habt gar nichts zu ſtimmen,“ fuhr Lage⸗ mann ſeine Truppen hart an.„Wenn Euch das Herz in die Hoſen gefahren iſt, ſo ſcheert Euch zum Teufel. Ich und der Heldenſpieler, wir werden uns auf dem Wege des Ruhms und der Beute durch Eure Haſenherzigkeit nicht aufhalten laſſen. Nicht wahr, Hanno?“ „Bewahre der Himmel,“ antwortete dieſer. „Ein ächter Mann bleibt nicht auf halbem Wege ſtehen,“ ließ ſich der Attaché eines Weitern verneh⸗ men;„aber Ihr werdet es in Eurem Leben zu nichts bringen. Wer nichts wagt, kann nichts gewinnen.“ „Nun, ich dächte wir hätten gewagt,“ gab Vet⸗ terlein zu bedenken,„haben wir es bis jetzt nicht mit lauter Ungeheuern zu thun gehabt?“ „Bagatellen,“ verſetzte Lagemann abſprechend, „wenn die Gefahren nicht ſchlimmer kommen, ſind ſie nicht der Rede werth.“ Vetterlein guckte hier den Factor bedeutſam an, welcher ſich ſehr kopfſchüttelnd eine Priſe nahm. „Uebrigens frage ich jetzt zum allerletzten Male, ob Ihr uns nach dem Goldlande noch folgen wollt oder nicht?“ „Ich wollte mir nur zuvor noch die Bemerkung erlauben—“ gab Süßmilch zu bedenken. „Hier werden gar keine Bemerkungen erlaubt,“ fiel der Attaché abſprechend ein. „Es wäre nur von wegen—“ meinte der Factor. „Nichts da,“ entſchied kategoriſch Lagemann, wel⸗ cher Süßmilch abermals nicht ausreden ließ⸗„Ihr habt nur zu erklären, ob Ihr uns folgen wollt oder nicht.“ „Ich dächte, wir wollten nicht,“ verſetzte nach einer Pauſe kleinlaut der Quartus. cbK 177 „Das dächt' ich auch,“ meinte der Factor eben⸗ falls nach einer Pauſe,„denn, wenn man alle die obwaltenden Verhältniſſe und Umſtände in reifliche Ueberlegung zieht, ſo ſtellt ſich am Ende faſt unwi⸗ derruflich heraus, daß—“ „Ihr Eſel ſeid,“ ſprach trocken Lagemann, und nahm den Heldenſpieler am Arm;„kommt, Hanno,“ fuhr er fort,„mit dieſen Gevatter Schneidern und Handſchuhmachern iſt nichts anzufangen. Laßt uns unſerm Sterne allein vertrauen.“ „Ja, das wollen wir,“ erwiederte der Helden⸗ ſpieler und ſeiner einſtigen Kunſt ſich erinnernd decla⸗ mirte er: „Da ſtehen wir ein entlaubter Baum, Doch innen im Marke lebt die ſchaffende Gewalt.“ Mit dieſen Verſen aus dem Wallenſtein verſchwan⸗ den Lagemann und Hanno im Gebüſch und ließen ihr zeitheriges Mitteltreffen in einer höchſt merkwür⸗ digen Gemüthsſtimmung zurück. Einen ſolchen Staatsſtreich, mitten allein in einer heidniſchen Wildniß von den eignen Heerführern zu⸗ rückgelaſſen zu werden, das hatten ſie nicht erwartet; und je länger und angeſtrengter ſie über dieſen Fall nachdachten, in deſto grauſigerm Lichte erſchien er ihnen. „Sie ſind vielleicht nicht weit und kehren bald wieder,“ meinte tröſtend der Factor, obſchon er an dieſen Troſt ſelbſt nicht recht glaubte. „Wir hätten uns doch nicht trennen ſollen,“ ſprach Vetterlein mit äußerſt beſorglichem Geſicht. „Wollen wir ihnen nicht nacheilen, ſie können keine hundert Schritt entfernt ſein?“ ſchlug Süß⸗ milch vor. „Wenigſtens wollen wir ihnen zurufen,“ ſprach Vetterlein,„bevor der Zwiſchenraum zu groß wird.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XVII. 12 178 Die Ausführung dieſer Vetterlein ſchen Idee ließ diesmal nicht lange auf ſich warten. „Herr Lagemann! Herr Lagemann,“ rief die Stimme des Quartus aus Leibeskräften,„wir haben uns anders beſonnen.“ „Dann folgt uns ſchnell,“ ertönte eine Antwort aus der Entfernung. Die drei Nachzügler reſolvirten ſich daher ſchnell und ſuchten ihre Vereinigung mit Hanno und dem Attaché zu bewerkſtelligen. Sie waren auch bereits den beiden Feldherren ſo nahe gekommen, daß ſie ſich mündlich unterreden konnten, als eins der außerordent⸗ lichſten Ereigniſſe die nachfolgende Truppenmacht plötz⸗ lich wie angedonnert ſtehen hieß. Ein gewaltiges Rauſchen in dem Gebüſch vor ihnen ließ ſich vernehmen, es war nicht anders, als wenn mehre Compagnien Fußvolk durch's Geſträuch brächen. Höchſt befremdliches Gemurmel ſchlug an das zagende Ohr des nachfolgenden Heeres. Plötzlich ertönte kreiſchender Hülferuf von Seiten Hanno's und Lagemann's. „Zu Hilfe, Factor, Quartus, um aller Barm⸗ herzigkeit willen,“ ſcholl es verzweifelt durch den Wald,„wir ſind überfallen!“ Die beiden nach dem Goldlande voranſchreiten⸗ den Feldherren waren einem umherſchweifenden Ne⸗ gerſtamme in die Hände gerathen. Eh' ſie zur Be⸗ ſinnung kommen konnten, fühlten ſich der Attachs wie der Heldenſpieler von ſchwarzen Fäuſten gepackt und der Erſte ſich ſeines halben Dragonerſäbels, der An⸗ dere ſeines Carbonaris und des Bambusſtocks beraubt. Zu gleicher Zeit band man ihnen die Hände auf den Rücken und einige urkräftige Peitſchenhiebe deuteten ——————— den Gefangenen an, daß ſie ſich in Marſch zu ſetzen und ihren ſchwarzen Gebietern zu folgen hätten. Daß unter obwaltenden Umſtänden das Mittel⸗ treffen, ohne dem Hülferuf im Entfernteſten nachzu⸗ kommen, ſchleunigſt den Rückmarſch antrat und zwar in ausdauernd geſtrecktem Galopp, wird Niemandem Wunder nehmen. In der That gelang es auch, wie⸗ wohl nach einer beiſpiellos forgirten Retirade, dem gehetzten Kleeblatt, noch im Laufe deſſelben Tages das Lager zu erreichen, wo man allerdings wie todt hin⸗ fiel und kaum ſo viel Kraft hatte, den Capitain von der unerhörten Begebenheit in Kenntniß zu ſetzen. Achtes Rapitel. 1 Nach ungefähr acht Tagen kehrten Gamaliel, Victor und Tohn in einem geräumigen Boote vom Fort St. Louis nach dem Vorgebirge St. Anna, wo die Schiffbrüchigen ihre Hütten aufgeſchlagen, zurück. Es dürfte jetzt dem Leſer nicht ganz unintereſ⸗ ſant ſein, das fernere Schickſal Lagemann's und Han⸗ no's, welche ſich gefangen in den Händen der Man⸗ dingv⸗Neger befanden, zu erfahren. Wie ſchon angedeutet worden, machten die Neger nicht die geringſten Umſtände mit den zwei gefange⸗ nen Europäern. Im Gegentheil ſetzten ſie alle Hu⸗ manitätsmaßregeln auf das Auffallendſte aus den Augen. Auf ein paar Hiebe mehr oder weniger kam es der wilden Horde nicht an, Lagemann, der es ſelbſt in der traurigſten Lage 12* 4180 nicht unterlaſſen konnte, Vorwürfe zu machen, lag dem um ſeinen Mantel höchlich beſtürzten Heldenſpie⸗ ler fortwährend in den Ohren. „Wer nur Euch folgt, Hanno,“ ſprach er mit ſtillem Ingrimm,„der kann ſicher ſein, zu Grunde zu gehen, wenn er nicht gar gehenkt wird. Das hat man nun von Eurem Goldlande. Ein Teufel muß Euch den Rath eingegeben und ein anderer Teufel mich geblendet haben, auf Euern Vorſchlag zu folgen. Nun ſteht uns die erlabende Ausſicht bevor, entweder heut' Abend noch geſchlachtet und gebraten oder näch⸗ ſter Tage in die afrikaniſchen Bergwerke im Innern als Sclaven verkauft zu werden. Man folge nur einem Comödianten!“ Ein außerordentlicher Seufzer von Seiten Lage⸗ mann's folgte dieſen Worten. Der Heldenſpieler, welcher mit auf dem Rücken gebundenen Händen neben dem Attaché einherſchritt, tröſtete. „Vielleicht,“ ſprach er,„daß wir noch gerettet werden; Zeiſig, Vetterlein und der Factor ſind ge⸗ wiß glücklich entkommen und ſchlagen Lärm; der Fac⸗ tor hat erſtaunlich lange Beine und kann beiſpiellos ausſchreiten.“ Der Magdeburger wollte auf dieſe Hoffnung nicht viel geben. „Eh' ſich dieſe Hottentotten,“ meinte er,„nach dem Lager finden, können wir bereits zwei Mal geſchlachtet, gebraten, verſchlungen und wieder ver⸗ daut ſein.“ „Dann freilich käme die Rettung zu ſpät,“ ſprach dumpf der Heldenſpieler. „Das ſag' ich auch,“ replicirte Lagemann;„im Gegentheil wär' mir' recht lieb, wenn die Schwar⸗ 481 zen das nichtsnutzige Kleeblatt ebenfalls mit erwiſcht hätten. In Geſellſchaft trägt ſich Ungemach leichter.“ „Ihr habt ja meine Geſellſchaft,“ tröſtete Hanno.“ „Die iſt darnach,“ entgegnete der Attaché. Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Es iſt in der That zum Raſendwerden, daß gerade mich dieſes Unglück treffen muß, während die Dummheit glücklich davon kommt.“ Bei den überſtandenen Prüfungenge dachte er wieder ſeiner Leiden unter Hanno's Carbonart, und ihm ward in ſeinem Unglück wenigſtens die Genugthuung, dieſen verwünſchten Mantel jetzt in feindlicher Hand zu wiſſen. „Nun habt Ihr auch einen Mantel gehabt,“ ſprach er ſchadenfroh. „Leider,“ ſeufzte der Heldenſpieler und ließ in Erinnerung an ſein Kleidungsſtück, in welchem er zeither allem Mißgeſchick getrotzt und in welchem er, ein zweiter Alexander, halb Aſien zu durchwandern gedachte, betrübt das Haupt ſinken. „Keine Strafe iſt gerechter,“ fuhr Lagemann fort,„gedenkt der Frevelthat, die Ihr vermittelſt des verwünſchten Carbonari allein gegen mich verübt habt. Wenn es überhaupt mit Gerechtigkeit auf Erden zu⸗ ginge, ſo müßtet Ihr, bevor man Euch bratet, eben⸗ falls unter Eurem eignen Mantel ſo zugerichtet wer⸗ den, wie Ihr mich einſt zugerichtet habt.“ „Lagemann,“ ſprach Hanno,„ſeid nicht ſo nach tragend, wer weiß, wie wenig Stunden wir noch au dieſer ſchönen Erde zu wandeln haben.“ „Wer iſt denn daran ſchuld,“ fuhr der Magde⸗ burger auf,„daß ich nicht länger mehr auf dieſer ſchönen Erde, die ich im Vorbeigehn geſagt, übrigens gar nicht ſo exemplariſch finde, wandeln ſoll? Kein Menſch als Ihr. Es iſt entſetzlich, in ſeinen beſten Jah⸗ ren eines Comödianten willen hingeopfert zu werden.“ 182 Der Heldenſpieler war ob der bevorſtehenden Todesſtunde ſehr weich geſtimmt. „Lagemann,“ fuhr er fort,„bedenkt daß Ihr ein Chriſt ſeid—“ „Und Ihr ein Heide,“ unterbrach ihn der Attaché. „Vergebung in der Todesſtunde iſt was Schö⸗ nes—“ „Einbildung, wo ſoll in der Todesſtunde das Schöne herkommen?“ „Man ſchlummert ſo ſanft und ſelig hinüber.“ „Ich mag aber noch nicht ſanft und ſelig hin⸗ überſchlummern,“ fuhr der Attaché den unberufenen Seelſorger von Neuem an.„Es kommt nichts her⸗ aus dabei; ich weiß es.“ „Lagemann, wie gottlos ſprecht Ihr.“ „Der Teufel möcht's nicht.“ „Was ich für Euch thun kann, Euch den Hin⸗ übergang zu erleichtern, will ich gerne thun.“ „Ihr wär't der Mann darnach.“ „Ich glaube doch, daß ich Etwas thun könnte; wenigſtens würde es Euch den Abſchied vom Leben weniger ſchmerzensreicher machen.“ „Ihr wollt mich wahrſcheinlich vorher in der Stille erdroſſeln, damit ich nicht unter den Fäuſten der Schwarzen das Leben aushauche. Ich bedanke mich. So weit ſind wir noch nicht.“ „Lagemann, welch' ein Gedanke. Es ſei ferne von mir, an Euren ſtattlichen Leichnam Hand anzu⸗ legen.“ „Außerdem begreife ich nicht, was Ihr noch für mich thun könntet?“ „Viel, viel, guter Lagemann.“ Der Attaché, von neuer Lebenshoffnung ergriffen, glaubte jetzt, Hannv wiſſe ein Mittel, ihn, vielleicht 183 mit eigner Aufopferung, aus den Klauen der Schwar⸗ zen zu retten. „Wenn Ihr während der Nacht,“ ſprach er, vielleicht mit den Zähnen meine Hände freimachen könntet, ſo wollt' ich dann ſchon ſehen, wo der Zim⸗ mermann das Loch gelaſſen hat. Hanno, eine ſolche That gereichte Euch fürwahr zur Ehre. Ich würde ſie Euch nie vergeſſen. Auch müßt Ihr bedenken, daß Ihr ſie mir ſchuldig ſeid, denn wer hat mich denn in dieſen bejammernswerthen Zuſtand gebracht? Einzig und allein Ihr.“ „Nein, Lagemann,“ erwiederte der Heldenſpieler, „macht Euch keine trügeriſchen Hoffnungen. Aus den Klauen der Feinde vermag ich Euch nicht zu retten, ſo gern ich wollte; wir ſind viel zu ſtark und zu vorſichtig bewacht. Nein, Euer ſterblicher Leichnam der fahre in Gottesnamen dahin und werde wieder Aſche, welches er ſchon früher geweſen. Aber, Euch den Tod zu erleichtern, Euch den Verluſt des Lebens weniger fühlbar zu machen, dazu hab' ich ein Mittel.“ „Wenn Ihr meinen Leib nicht zu retten vermögt, hole der Teufel Euer Mittel.“ „Lagemann, ſeid doch nicht ſo trotzig in den letz⸗ ten verhängnißvollen Stunden. Geht in Euch.“ „Das iſt bald geſagt, geht in Euch, wenn man noch ganz außer ſich iſt.“ „Vernehmt mein Rittel, ich beſchwöre Euch, es wird Euch— nicht allein, es wird auch mir zu wahrhafter Beruhigung gereichen.“ „So es in Euern Nutzen ſchlägt,“ proteſtirte der Magdeburger,„mag ich nichts wiſſen.“ „Weder in meinen noch in Euern irdiſchen Nutzen ſchlägt's, und es iſt nur, um froher aus der Welt zu gehen.“ 18 4½ „Ihr mögt mir ſagen, was Ihr wollt, ich werde einmal nicht froh ſcheiden. Wahrſcheinlich ein mora⸗ liſcher Troſt, ſpart den für Euch ſelbſt auf.“ „Lagemann,“ hub jetzt der Heldenſpieler mit ſehr bewegter Stimme an,„unſere Stunden ſind gezählt, vernehmt jetzt das große Geheimniß, warum Ihr mich ſo oft angegangen und das ich Euch bis jetzt immer verſchwiegen habe.“ „Was wird's ſein?“ erwiederte unmuthig der Attaché,„Ihr habt mich beſtohlen.“ „Nicht ſo eigentlich beſtohlen, ſondern—“ „Oder betrogen, daß mir hätte grün und blau mögen werden, nicht wahr?“ „Allerdings grün und blau würde Euch geworden ſein, ſo ich Euch das Geheimniß früher entdeckt hätte.“ „Sehr großmüthig, mir das Geſtändniß erſt zu thun, da mir's nichts mehr nützen kann. Alſo beich⸗ tet getroſt, mich ſoll's ſehr ruhig laſſen.“ „Das hoff' ich auch. Lieber Lagemann, nicht wahr, Ihr waret auf der Reiſe nach Kabul begrif⸗ fen, um das Erbtheil in Perſon zu erheben, das ich Euch abgetreten hatte—“ „Allerdings, und das ich Euch mit ſchwerem Gelde abgekauft—“ „Die Ducaten waren zwar etwas leicht—“ „Für Euch noch viel zu ſchwer, aber ich begreife nicht, was Ihr da Dinge erzählt, die ſo allbekannt ſind wie zweimal vier.“ „Doch nicht ſo ganz wie Euch ſcheinen dürfte, denn wenn Ihr auch nach Kabul gekommen wäret, würdet Ihr dennoch kein Erbtheil für Euch vorge⸗ funden haben.“ „Wie ſo?“ „Weil ich gar keines zu verkaufen hatte. Meine Frau ſtand allerdings mit im Teſtamente, aber nur für ihre Perſon und für den Fall, daß ſie noch am Leben ſei; auf mich ging daher, nach der ausdrück⸗ lichen Erklärung des Teſtaments, nicht ein Pfennig über. Ich begreife daher heute noch nicht, wie Ihr mich für einen der Erben halten konntet und mit mir ein für mich, trotz der leichten Ducaten, eben ſo vortheilhaftes als für Euch nachtheiliges Geſchäft ab⸗ ſchließen konntet.“ „O Heidenhund,“ brauſ'te der Magdeburger los, „wenn nicht die Stricke mich verhinderten, ich würgte Dich auf der Stelle.“ Er ſchrie dabei ſo laut, daß ein paar energiſche Peitſchenhiebe ihn daran erinnerten, daß er Gefan⸗ gener ſei. Zugleich wirkte der Gedanke, daß er un⸗ ter ſeinen dermaligen Verhältniſſen ja ſo auf Kabul verzichten müßte, ſehr beruhigend. Er ging daher vor ſich hin, ohne ein Wort weiter von ſich zu geben. „Nicht wahr,“ erkundigte ſich nach einiger Zeit Hanno mit leiſer Stimme,„Ihr werdet jetzt ruhiger in den Tod gehen? Der Werth Eures Lebens iſt nach meiner Erklärung um hundert Prozent gefallen. Was iſt ein Leben ohne Erbſchaft? Auch ich fühle mich nach dem Geſtändniß, das mich ſo lange Zeit beſchwert, ſo leicht, als habe ſich ein Vorgebirge von der Bruſt gewälzt.“ „Ich wünſchte,“ raunte der Enttäuſchte ingrimmig, „es wälzten ſich drei tauſend fünfhundert Vorgebirge mit ſammt dem Mond und allen Planeten auf Eure verbrechenvolle Bruſt und drückten Euch zehn tauſend Klaftern tief in den Erdboden hinein bei dem Ge⸗ danken, einen ehrlichen Mann, der Frau und Kinder hat, in's Unglück geſtürzt zu haben, denn ohne Euren 186 menſchheitſchaudernden Betrug wäre mir's nicht in den Sinn gekommen, das friedliche Niederroßla zu verlaſſen, wo ich die Hoffnung hatte, mit Nächſtem Stadtverordneter zu werden.“ „Was wäret Ihr auch weiter als Stadtverord⸗ neter in Niederroßla!“ tröſtete der Heldenſpieler. „Mehr wie Ihr, hoff' ich.“ „Das iſt immer noch nicht viel! Bedenkt, daß Alles eitel iſt. Nie war mir der Gedanke klarer als jetzt; mit meinem Carbonari, dem treuen Begleiter in Leid und Freud', hab' ich gleichſam den alten Menſchen aus und einen beſſeren angezogen.“ „Ich wünſchte es wäre früher geſchehen.“ „Es iſt immer noch Zeit, wenn es nur vor dem Tode geſchieht. Bei Euch, Lagemann, ſcheint es aber nicht der Fall.“ „Wer hätte ſich denn träumen laſſen,“ erwiederte dieſer ungehalten,„daß die Reiſe ſo ſchnell fortgehen ſollte? Ich ſtehe noch in den beſten Jahren. Kein Menſch denkt da, mit ſich abzuſchließen. Bei mir iſt es überhaupt eine etwas verwickelte Geſchichte. Ich brauche Zeit dazu.“ „Macht es kurz,“ rieth der Heldenſpieler. „Das iſt bald geſagt. Dazu gehört vor allen Dingen Sammlung, und in meiner gegenwärtigen Stimmung—“ „Ich bin ſchnell fertig geworden,“ meinte Hanno, „meinetwegen kann's dieſe Stunde fortgehen.“ „Ich glaube, Ihr geht da zu leichtſinnig zu Werke, Euer Sündenregiſter kann das kleinſte nicht ſein.“ „Meiſt Uebereilungsfehler.“ „Zählt Ihr die Carbonarigeſchichte auch zu den Uebereilungsfehlern?“ „Warum nicht? Ein jovialer Scherz.“ „Das muß ich geſtehen, Ihr konntet mir das Le⸗ benslicht ausblaſen.“ „Ich kannte Eure gute Natur.“ „Wie ſteht's denn aber mit dem Erbſchaftsbetruge, den Ihr Euch gegen mich habt zu Schulden kommen laſſen? Etwa auch ein Uebereilungsfehler?“ „Nein, der war Verbrechen; indeß hat er doch auch ſein Gutes gehabt.“ „Da bin ich begierig.“ „Ward er nicht die Veranlaſſung, daß Ihr jetzt zur Buße bereit ſeid? In Niederroßla hättet Ihr Euer Leben lang nicht daran gedacht.“ „Das könnt Ihr nicht wiſſen, Hannv.“ „Uebrigens, ich begreife nicht, worin das Un⸗ glück liegt, frühzeitig das mühevolle Leben zu ver⸗ laſſen.“ „Da ſieht man Euren Leichtſinn.“ „Was verliert man denn?“ Ihr allerdings ſehr wenig; aber ich, angeſeſſener Bürger zu Niederroßla, ein wohlangebrachtes Geſchäft, in nächſter Zeit Stadtverordneter.“ „Das ſind alles irdiſche, vergängliche Herrlich⸗ keiten, die einen unſterblichen Geiſt nicht befriedigen können.“ „Ich war aber zufrieden damit; ich bin nicht ſo unbeſcheiden wie Ihr.“ „Auch iſt es eine Gabe der Götter, frühzeitig zu ſterben.“ „Was das wieder für ausſchweifende Ideen ſind; da brauchte man ſich ja lieber gleich gar nicht gebä⸗ ren zu laſſen.“ „Es iſt noch immer die Frage, ob der nicht glücklicher, der nie geboren ward.“ „Wenn man aber einmal geboren iſt, wie bei uns 188 Beiden der Fall iſt, ſo bleibt man doch lieber da, als daß man ſo ſchnell als möglich wieder abtritt.“ „Glaubt Ihr an eine Unſterblichkeit, Lagemann?“ „Das ſind Facultätsfragen, mit denen hab' ich mich nie befaßt.“ „Dann ſeid Ihr allerdings zu beklagen.“ „Nun, ich dächte mit Eurer Weisheit über Unſterb⸗ lichkeit könnte es das Große auch nicht ſein. So viel ich mich entſinne, war Euer Dichten und Trach⸗ ten faſt nur jauf den Leichnam gerichtet. Ich denke noch mit Schaudern zurück, was mich dieſer werthe Leichnam koſtet; er fraß ſtets für zwei, meine Bücher in Niederroßla können es bezeugen.“ „Gleichwohl hab' ich nie ganz unterlaſſen, auch für das geiſtige Weſen Sorge zu tragen. Seine Er⸗ ziehung hat mir ſtets am Herzen gelegen.“ „Als Ihr mich ſo coloſſal betrogt, konnte dieſe Erziehung noch nicht weit gediehen ſein.“ „Allerdings, der Weg der Tugend iſt zu glatt, daß man nicht zuweilen ausgleiten und fallen ſollte.“ „Ich dächte, Ihr wäret gar nicht zum Aufſtehen gekommen.“ „Ich war beſſer als mein Ruf.“ „Dazu gehörte auch nicht viel, denn mit letzterm ſah's verteufelt ſchlecht aus.“ „Lagemann, wir wollen doch die noch kurz zuge⸗ meſſenen Stunden uns durch Vorwürfe nicht verbit⸗ tern, und die dem Gemüthe nöthige Ruhe entziehen, welche zu einem Einkehren und Abſchließen mit uns ſelbſt von ſo hoher Wichtigkeit iſt.“ „Ich mag's anfangen wie ich will,“ geſtand der Attaché,„ich kann mit mir nicht in's Klare kommen. Dazu bedarf's Zeit, ich nehm' es nicht ſo auf die leichte Achſel wie Ihr.“ 189 „Geſtorben muß einmal ſein,“ fuhr der Helden⸗ ſpieler tröſtend fort,„ein paar Jahr mehr oder we⸗ niger, was thut's.“ „Nun, ein paar Jahr, das thut ſchon etwas; ich nehme ſie gern mit; namentlich bei den jetzigen Aus⸗ ſichten wären ſie gar nicht zu verachten.“ „Es kann auch ſein,“ ſprach Hanno,„daß uns die ſchwarzen Teufel das Leben ſchenken; aber unter einer Bedingung, die auszuſprechen eine Sünde iſt?“ „Bedingung, welche Bedingung?“ frug Lagemann. „Ich wag' es kaum, ſie zu denken, aber das Le⸗ ben würden wir erhalten.“ „Wagt es getroſt, Hanno,“ munterte der zu neuer Lebenshofſnung erſtarkte Attaché auf,„ich verantworte es auf jedem Fall.“ „Nein, Lagemann, es wäre zu entſetzlich.“ „Wenn wir das Leben erhalten können, ſeh' ich ſchlechterdings nichts Entſetzliches; alſo heraus damit, ich will's wiſſen.“ Der Heldenſpieler zögerte, Lagemann drängte. Endlich ergab ſich Letzterer und ſprach:„Es bedürfte nur, daß wir unſern Glauben abſchwören, Muſel⸗ männer würden, zehn Weiber heiratheten und herrlich und in Frenden lebten.“ „Zehn Weiber?“ „Dakunter nicht.“ „Hanno, ich ſchwöre das Chriſtenthum ab.“ „Wie? Ihr, ein rechtgläubig Getaufter, ich will's nicht glauben.“ „Mir ganz einerlei, aber ich ſchwöre. Ich kann ja, wenn ich wieder unter Chriſten komme, die zehn Weiber abſchaffen und thun, als ob nichts vor⸗ gefallen.“ 190 „Nein, Lagemann, für ſo entartet hätt' ich Euch nicht gehalten.“ „Ich wette, Hanno, Ihr macht's gerade ſo wie ich.“ „Wie verkennet Ihr mich, Lagemann.“ „Hanno, thut doch nicht ſo, ich kenn' Euch nicht von geſtern.“ „In Sachen der Religion hab' ich meine Grund⸗ ſätze.“ „Die hat ein Jeder.“ „Eh' ich Muſelmann würde, ja da wäre ich eher im Stande, den letzten Blutstropfen zu verſpritzen—“ „Nun da ſpritzt zu, ich will mein Blut behalten. In ſolchen Dingen hat Jeder ſeine beſondern Anſich⸗ ten. Ich denke aufgeklärt.“ „Für meinen Glauben könnt' ich Alles wagen. Tod und Scheiterhaufen ſollten mich nicht abtrünnig machen von der Religion meiner Väter.“ „Das klingt Alles recht ſchön, Hanno, aber wenn's dazu kommt, wenn's heißt, jetzt knie nieder, Chriſtenhund, jetzt wollen wir Dir den Bauch auf⸗ ſchneiden, Hanno, das iſt ein kitzliches Ding. Und auf der andern Seite zehn Weiber und ein Leben voller Freude und Wonne.“ „Meinetwegen dreitauſend Weiber.“ „Hanno, Menſch bleibt Menſch. Die Verſuchung iſt groß. Uebrigens ſind unter den Türken auch ehr⸗ liche Leute, und wer rechtſchaffen lebt, kann in der türkiſchen Religion auch ſelig werden. Ehedem waren freilich die Leute noch ſo beſchränkt, daß ſie nur den Bekennern ihres Glaubens dereinſtige Seligkeit zuge⸗ ſtanden. Aber die Zeiten haben ſich geändert. Der Samen der Aufklärung hat Wurzel geſchlagen. Auch ich bin ein Freund der Aufklärung.“ 191 „Allerdings,“ ſtrafte der Heldenſpieler,„weil dieſe aufgeklärte Lehre Euren ſündigen Gelüſten zuſagt.“ „Ich will ja blos mein Leben retten, ſo merkt doch auf, das iſt doch kein ſündig Gelüſt, zumal wenn ich auf die zehn Weiber verzichte.“ Die Glanbensſtreitigkeiten zwiſchen dem religköſen Heldenſpieler und dem aufgeklärten Lagemann wurden plötzlich unterbrochen, indem der Negertrupp Halt machte und einen Kreis um den Anführer bildete. Es kam hier zu einer ziemlich anhaltenden Debatte, welche von heftigen Geſtikulationen begleitet war. Man ſchien unter ſich nicht einig werden zu können, was mit den beiden Gefangenen anzufangen ſei. Lagemann wie Hanno ſchauten dieſem ſchwarzen Landtage nicht ohne Beſorgniß zu. Beide befürchte⸗ ten das Schlimmſte. „Wen? man ihnen nur begreiflich machen könnte,“ meinte der Erſtere,„daß es das Vortheilhafteſte für ſie wäre, wenn ſie uns gegen Löſegeld frei gäben; ich bin überzeugt, daß unfre Landsleute das Mög⸗ lichſte thun würden, die Summe aufzutreiben, um uns vom Tode und ſchimpflicher Seclaverei zu retten.“ „Wie will man aber eine ſolche Propoſition dem ſchwarzen Volke beibringen?“ frug der Heldenſpieler. Lagemann glaubte jetzt wenigſtens den Verſuch wagen zu müſſen. Er wandte ſich zu dem Neger, welcher als Schildwacht bei den beiden Gefangenen zurückgeblieben war, und da er die Hände nicht frei hatte, welche man ihm auf dem Rücken zuſammenge⸗ bunden, ſo machte er mit dem rechten Fuße eine Pan⸗ tomime, welche Geldzählen verſinnbildlichen ſollte. Die ſchwarze Schildwache, die indeß hierin nur außerafrikaniſche Zauberformeln argwohnte, ließ ſeine Peitſche ſogleich dermaßen auf Lagemann's Rücken 192 hin und wieder tanzen, daß dieſer von ſeiner panto⸗ mimiſchen Vorſtellung ſchnell zurückkam. „Nein,“ ſprach er reſignirt,„mit dieſer Thierart iſt nichts anzufangen. Ein deutſcher Pudel iſt ein Genie gegen dieſes Volk.“ Unterdeß ſchien die afrikaniſche Nationalverſamm⸗ lung ihren Beſchluß gefaßt zu haben. Der Kreis that ſich auf und die Reiſe ging weiter. Den beiden Gefangenen kam dieſe Art zu wandern höchſt unbe⸗ haglich vor; denn die Schwarzen legten jetzt einen vehementen Schritt ein, daß Lagemann und Hanno, um mit fortzukommen, beſtändig traben mußten. „Es iſt doch ein trauriges Geſchick, ſeinem Unter⸗ gange im Galopp entgegen laufen zu müſſen,“ meinte Lagemann.. „Wenn die Beſtien wenigſtens einmal Halt mach⸗ ten,“ ſprach Hanno,„daß man ausruhen könnte. Das iſt ja ein engliſches Wettrennen.“ „Ich werde mit eheſtem liegen bleiben,“ bemerkte der Attaché. „Die Schwarzen können unmöglich Lunge und Milz im Leibe haben,“ keuchte der Heldenſpieler. Indeß währte die Jagd noch geraume Zeit, be⸗ vor man den Ort erreichte, wo der Stamm ſein La⸗ ger aufgeſchlagen hatte. Lagemann, mehr todt als lebendig, ſtürzte wie ein gefüllter Sack zur Erde. Nur durch fortgeſetzte Schläge war er die letztere Zeit auf den Beinen zu erhalten geweſen. Letzterem war der Muth total geſunken. „Wenn wir jetzt geſchlachtet werden,“ ſprach er, „müſſen wir einen Wildpretbraten abgeben, der nichts zu wünſchen übrig läßt. Denn mehr gehetzt kann k kein Thier werden. Ich glaube, die Jagd geſchah 193 aus keinem andern Grunde, als unſer Fleiſch wohl⸗ ſchmeckender zu machen.“ „Ihr ſeid ein rechter Hypochonder geworden,“ er⸗ wiederte Hannv.„Fortwährend habt Ihr den Tod vor Augen.“ „Nach dergleichen Motion pflegt man nicht eben Hypochonder zu ſein,“ erwiederte Lagemann. „Das mein' ich auch,“ verſetzte Hanno,„darum begreif' ich eben Eure düſtern Gedanken nicht. Bei mir findet gerade das Gegentheil ſtatt; die Lebens⸗ luſt war nie in ſo großem Grade vorhanden, ſo wie auch der Appetit.“ „Lebensluſt hätt' ich ſchon ebenfalls noch,“ gab Lagemann zur Antwort;„aber die Anſtalten, die man da trifft, ſehen mir bedenklich aus; ſehet, ſie zünden wahrhaftig ein Feuer an. Es fragt ſich jetzt, ob man uns zu eſſen geben oder ſelbſt aufeſſen wird.“ In dem Lager befand ſich auch die ſchwarze Ma⸗ jeſtät des Negerſtammes, welche auf einem hölzernen Seſſel vor einer der Hütten des Kraals ſaß. Das Miniſterium ſchien um den König verſammelt und allem Anſchein nach waren Lagemann und Hanno der Gegenſtand des afrikaniſchen Conſeils. Wenigſtens geruhten Seine Majeſtät, ſowie die Großwürdenträ⸗ ger, oft nach dem Orte hinzublicken, wo ſich die bei⸗ den Schickſalsgenoſſen in's Gras geſtreckt hatten. Dem Magdeburger entgingen dieſe Blicke nicht, und er er⸗ mangelte nicht, ſeine desfallſigen Bemerkungen gegen den Heldenſpieler laut werden zu laſſen. „Wir ſcheinen ihnen von ſpeciellem Intereſſe zu ſein.“ „Ich wünſchte, ich wäre ihnen eben ſo unintereſ⸗ ſant, als ſie mir,“ erwiederte Hanno;„aber einen Stolle, ſämmtl. Schriften. XViil. 13 19¹ Hunger empfinde ich, der nicht anmaßender genannt werden kann.“ „In dieſem Leben werdet Ihr wohl nichts mehr zu eſſen bekommen.“ „Das wäre traurig,“ erwiederte der Heldenſpieler, „mit hungerndem Magen zu ſterben iſt mir immer für das größte Unglück auf Erden erſchienen. Die weiſen Geſetzgebungen ſcheinen das eingeſehen zu ha⸗ ben; daher man ſelbſt dem Verbrecher die ſogenannte Henkersmahlzeit reicht, wo es ſplendid hergeht.“ Lagemann konnte von ſeinen hypochondriſchen To⸗ desgedanken durchaus nicht loskommen. „Ob es nur in jener Welt auch etwas zu brocken und zu beißen giebt?“ frug er.. „Zu wünſchen wär's.“ „Freilich Klöße, Pudding, Rinderbraten und der⸗ gleichen maſſive Lebensmittel wird es wohl nicht ge⸗ ben. Die Geiſter leben von der Luft.“ „Ich kann mir da ein eigentlich Sattwerden nicht denken,“ erwiederte Hannv. „Für Euch wird es einmal ſchlimm werden, Hel⸗ denſpieler, eine gute Mahlzeit ging Euch über Alles.“ „Das iſt wahr.“ „So eine braungebratene Martinsgans mit ge⸗ ſchmorten Kartoffeln—“ „Ich bitt' Euch, Lagemann, laßt das—“ „Oder ein polniſcher Karpfen mit Speck und Krautſalat.“ „Lagemann, wozu das jetzt?“ „Das müßt Ihr doch geſtehen, meine Kirmeß⸗ und Faſtnachtſchmäuſe hatten ſich gewaſchen. Als Ein⸗ gang ſtets die brodelnde Wurſtſuppe.“ Hanno ſtieß bei dem Gedanken an die Wurſtſuppe, die ihm über Alles ging, einen ſo herzbrechenden 195 Seufzer aus, daß der Magdeburger nicht anders glaubte, als ſein Gefährte habe den Geiſt aufgegeben. Er drehte ſich daher nach ihm um, und als er den Heldenſpieler noch lebendig fand, fuhr er fort, den einſtigen Reichthum ſeiner Küche mit vieler Umſtänd⸗ lichkeit vorzumalen; denn er konnte es ſelbſt in der traurigſten Situation nicht unterlaſſen, ſeinen Mit⸗ menſchen einen Schabernack zu ſpielen. Bei den Fricandeau's mit Kapernſauce und dem wilden Schweinskopf, bei welchem letztern Lagemann mit beſonderer Vorliebe verweilte, wand ſich der hungernde Künſtler wie ein Wurm auf dem Boden. Des Magdeburgers maleriſche Küchenmemoiren wurden indeß durch zwei Fäuſte, welche ihn unmit⸗ telbar an den Ohren faßten und tüchtig zauſten, ur⸗ plötzlich unterbrochen und für Hanno zu erwünſchtem Ende gebracht. Die Fäuſte gehörten Niemandem als der ſchwarzen Schildwacht, welche den nachtheiligen Einfluß gewahr worden, den Lagemann's Relationen auf den Heldenſpieler hervorbrachten und die ſie für Hexerei hielt. Der an den Ohren gezauſte Lagemann begriff gar nicht, wodurch er den Zorn der Schildwacht auf ſich gezogen haben könne, und gab die Mißhandlung ledig⸗ lich der barbariſchen Laune der Schwarzen ſchuld. Er beklagte ſich darüber bei Hanno, welcher aber in der Furcht, Lagemann könne noch mehr Gerichte vor die glühende Phantaſie citiren, ſich beide Ohren zuhielt. Erſt nach geraumer Pauſe ward ſeine Seele dem Schalle wieder zugänglich, und er vernahm des Magdeburgers ſeufzende Worte:„Ja, wer hätte ah⸗ nen können, daß ich, der Eigenthümer von ſo vielen eßbaren Herrlichkeiten, in meinen beſten Jahren rohen 13* 196 ſchwarzen Menſchen⸗Ungeheuern ſelbſt zum Unterhalte dienen würde.“ Lagemann's Seufzer ſchien diesmal wirklich in Erfüllung gehen zu wollen. Zwei Neger, wahrſchein⸗ lich abgeſandt von Seiner Majeſtät, erſchienen, faßten den etwas widerſtrebenden Attaché an beiden Armen und führten ihn vor den Thron Seiner ſchwarzen Herrlichkeit, wo ſie auf einen Wink den Niederroßlaer Hotelier zu entkleiden begannen. Lagemann ahnte aus dieſer Entkleidung das Schlimmſte und verſtand ſich erſt nach vielem Wider⸗ ſtreben dazu. Nur durch häufige wiederholte kräftige Griffe gelang es den Schwarzen, ein Kleidungsſtück nach dem andern dem Attachs zu entwinden. Die Averſion des letztern gegen die Entkleidung ward noch vermehrt, als er plötzlich gewahrte, wie einer der in der Nähe ſtehenden Neger ein Raſirmeſſer hervorzog. Als man den Widerſpenſtigen bis auf's Hemd entkleidet hatte, legte man ihn ſo lang er war auf den Boden, und Seine Majeſtät geruhten höchſteigen⸗ händig den Körper des vor Angſt am ganzen Leibe ſchwitzenden Lagemann zu betaſten und zu durchkneten. Der unglückliche ei— devant Hotelier von Nieder⸗ roßla glaubte in ſeiner bedrängten Lage, man wolle ihn fleiſchermäßig unterſuchen, ob er auch gehörig an⸗ geſetzt, um der königlichen Tafel keine Schande zu machen. Nachdem ſich Seine Majeſtät überzeugt, daß die weißen Männer gerade eben ſo gebaut wären, wie ſeine Unterthanen, darum hatte er den Magdeburger unterſucht, nahm er wieder auf ſeinem Stuhle Platz, und Lagemann ward zu ſeiner eben ſo großen Ver⸗ wunderung als Freude wieder angekleidet. Letztere würde vollkommen ungetrübt geweſen ſein, wenn nicht 197 der Schwarze mit dem blitzenden Barbiermeſſer fort⸗ während in der Nähe des Königs geſtanden hätte. Mehre der hohen Würdenträger machten jetzt verſchiedene pantomimiſche Bewegungen, um ſich dem weißen Manne verſtändlich zu machen; der weiße Mann aber verſtand ſchlechterdings nichts von all' dieſen telegraphiſchen Geſtikulationen. Er ſchüttelte fortwährend mit dem Kopfe, indem er beſtändig aus⸗ rief:„Nix verſteh,“ welchen Ausdruck er aus ſeinen Converſationen mit den Koſacken gewohnt war. Endlich reichte man ihm das Barbiermeſſer und zeigte unverholen auf den Hals. „Daß Gott,“ dachte der Hotelier,„da ſoll ich mir wahrſcheinlich mit eigener Hand die Kehle ab⸗ ſchneiden. Das iſt doch eine gräßliche Zumuthung.“ Jetzt that der Attaché erſt recht, als ob er die Schwarzen nicht verſtünde. Nun zeigte man auf Seine Majeſtät, welche auch ſogleich den Hals entblößte und bereitwillig hinhielt. „Alſo dem Könige ſelbſt ſoll ich die Gurgel durch⸗ ſchneiden?“ dachte Lagemann;„das iſt was Anders. Wahrſcheinlich getrauet ſich Niemand von ſeinen ge⸗ treuen Unterthanen an den gehetligten und geſalbten Corpus.“ Er unterſuchte jetzt euragös die Schärfe des Ra⸗ ſirmeſſers und fand, daß ſie nichts zu wünſchen übrig laſſe. „Unfehlbar,“ fuhr der Attachs in ſeiner Gedan⸗ kenfolge fort,„iſt es ein Tyrann, welcher den Tod verdient hat; er würde ſonſt nicht ſo gutwillig den Kopf herhalten. Ich vertrete blos das Schwert der Gerechtigkeit und habe mir wegen ſeines Ablebens keine Vorwürfe zu machen.“ Er war eben im Begriffe an's Werk zu gehen, 198 um Seiner ſchwarzen Majeſtät den Kopf vor die Füße zu legen, als eine innere Stimme ihm zurief;„Biſt du des Teufels, Lagemann, was ſtehſt du im Begriffe zu thun? Königsmord! Bedenke wohl, was du thun willſt. Wenn nun die Schwarzen etwas ganz An⸗ deres gemeint haben und du ſäbelſt in aller Ruhe die königliche Kehle durch? Das wäre entſetzlich, und du wäreſt unfehlbar der Erſte, welcher Seiner Maje⸗ ſtät in's dunkle Jenſeits folgte. Alſo überlege wohl, bevor du zuſchneideſt.“ Während er noch mit ſich berathend daſtand, er⸗ tönte plötzlich die Stimme des Heldenſpielers, welcher den zeitherigen Proceduren aus der Ferne zugeſchaut hatte, und ihm zurief:„Seht Ihr denn den Wald vor Bäumen nicht? Der Kerl will barbirt ſein.“ Jetzt ging dem Attachs ein Licht auf. Er be⸗ trachtete ſich den Bart Seiner Majeſtät genauer und fand, daß er wirklich von ausnehmender Länge ſei. „Hanno hat wahrhaftig Recht,“ ſprach er für ſich, „den Bart ſoll ich ihm abnehmen. Wie konnte ich nur ſo thöricht ſein, an den Hals zu denken? Da würd' ich mir was Schönes angerichtet haben.“ Jetzt entſtand aber die Frage, wie er ohne Becken die ſchwarze Majeſtät einſeifen ſollte. Er ſchaute ſu⸗ chend im Kreiſe der Großwürdenträger umher. Dies⸗ mal ſchien man ſeine Blicke zu verſtehen. Man brachte eine Art irdenes Waſchbecken, in welchem eine weiße Maſſe ſchäumte. Der Attachs überzeugte ſich durch den Geruch alsbald, daß dieſer Schaum aller⸗ dings nicht von Seife herrührte. Indeß ließ ihn das ſehr gleichgültig und er ging mit vieler Zuverſicht an's Werk. Die Aufmerkſamkeit ſämmtlicher Anweſenden er⸗ reichte den höchſten Grad, als Lagemann Seine Ma⸗ 199 ieſtät einſeifte. Man drängte ſich ordentlich, ſelbſt auf Gefahr, die afrikaniſche Etiquette zu verletzen, um dem europäiſchen Barbier, welcher ſeinem neuen Amte keine Schande machte, zuzuſehen. Bei den Schwarzen war die Sitte des Barbierens noch etwas völlig Neumo⸗ diſches. Seine Majeſtät und einige Große waren bisher die Einzigen, welche dieſer Neuerung huldigten. Leider aber waren ſie von ihren zeitherigen gänzlich ungeſchickten ſchwarzen Barbieren dermaßen geſchunden worden, daß bei ihnen der Act des Barbierens unter die Torturen gehörte. Es war daher nur ein weiſer Rathsbeſchluß zu nennen, einem Weißen das Bar⸗ bieramt zu übertragen. Die Blicke Aller waren, während Lagemann ſeines neuen Amtes mit Eifer oblag, auf die Geſichtszüge Seiner Majeſtät gerichtet, deren Ruhe und Heiterkeit man nicht genug bewundern konnte. Man war näm⸗ lich zeither gewohnt geweſen, den König unter den ſchwarzen Barbieren wie einen Hiob leiden und gleich dem Laokvon die ſchmerzensreichſten Geſichter ſchnei⸗ den zu ſehen. Kaum hatte Lagemann geendet und ſeine verbind⸗ liche Verbeugung gemacht, als man ſämmtliche Groß⸗ würdenträger, wie mit einem Schlage, zur Erde fal⸗ len und die Arme flehend zum Könige emporheben ſah. Dieſer war ob der ſchmerzlos überſtandenen Operation ſo wohl gelaunt, daß er allerhöchſtgnädig mit dem Kopfe nickte. Sofort nahm der Großſiegel⸗ bewahrer auf einem Seſſel Platz und Lagemann ward bedeutet, die Operation des Bartabnehmens auch an dem Chef des Miniſterii vorzunehmen. Der Attaché glaubte ſich bei ſo hochgeſtellten Per⸗ ſonen inſinuiren zu müſſen, und er ſchor daher den 200 Chef mit derſelben Geſchicklichkeit, wie er deſſen Mo⸗ narchen geſchoren hatte. Neue geſpannte Aufmerkſamkeit, neues allgemeines Entzücken. Nach dem Miniſterpräſidenten kam der Cultus⸗ miniſter an die Reihe. Nach dem gereinigten Cultus der Vorſteher der Rechnungskammer. So folgte ein Departementschef nach dem andern. Lagemann hatte zu thun wie ein Barbier zur Zeit der Leipziger Meſſe. Nachdem er das geſammte Miniſterium und auch bereits ein Paar geheime Räthe abbarbiert hatte und bemerkte, daß immer neue Fußfälle geſchahen und Seine Majeſtät fortwährend huldreich mit dem Kopfe nickte, ſo ward ihm die Sache nachgerade doch etwas langweilig, und er warf von Zeit zu Zeit Seiten⸗ blicke nach der Gegend des Heldenſpielers, ohne jedoch deſſelben anſichtig zu werden. „Ich ſehe nicht ein,“ ſprach er für ſich,„warum ich allein alle Oberbehörden des ſchwarzen Königreichs raſiren ſoll, während Hanno im weichen Graſe die langen Glieder ſtreckt, faulenzt und Gott einen from⸗ men Mann ſein läßt. Er mag mich ablöſeh. Als officieller Bartabnehmer des diplomatiſchen Corps werde ich mich nicht decanailliren und auch den ſchwarzen Pöbel raſiren. Den kann der Heldenſpieler ſchinden. Gleich und gleich geſellt ſich. „Aber ich möchte wirklich wiſſen, wo er ſteckt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, als er eben einen ſchwarzen Oberappellationsrath unter dem Meſſer hatte, „auf ſeinem vorigen Platze befindet er ſich nicht mehr. Wahrſcheinlich hat er ſich in's tiefe Gras ge⸗ wühlt, und vor Hunger ſo zuſammengerollt, daß man von ihm nichts gewahr wird.“ Indeß, je länger Lagemann als Bartabnehmer 201 fungirte, deſto ſtumpfer ward ſein Meſſer, und es konnte daher kein Wunder nehmen, wenn ſich auf den Geſichtern der diverſen Räthe während des Barbie⸗ rens weniger Heiterkeit ausſprach, als bei den vor⸗ herbarbierten Miniſtern und bei Seiner Majeſtät. Auch nahm es der Attaché bei den Perſonen zweiten Ranges bei weitem nicht mehr ſo genau. So hatten namentlich ein paar Pupillenräthe fürchterlich auszu⸗ ſtehen, denn der Magdeburger nahm ſich bei ihnen nicht einmal die Mühe, das Meſſer friſch abzuziehen. Die beiden Opferlämmer begriffen daher gar nicht, worin die Wohlthat der von Seiner Majeſtät und dem Geſammtminiſteriv ſo hoch geprieſenen Barbier⸗ methode zu ſuchen ſei. Lagemann, obſchon es ihm nicht wenig ſchmei⸗ chelte, als Oberhofbarbier dem Heldenſpieler vorge⸗ zogen worden zu ſein,— man muß dir doch mehr Grütze zugetraut haben als ihm, dachte er,— är⸗ gerte ſich gleichwohl, daß Hanno ſo ungeſtört der Ruhe pflegen durfte, während er die Waldungen auf den ſchwarzen miniſteriellen und geheimräthlichen Phy⸗ ſiognomien zu vertilgen hatte. Er beſchloß daher, Rache zu nehmen und ruinirte das Meſſer mit Ab⸗ ſicht. Sein Zweck hierbei war dieſer, den Helden⸗ ſpieler als ſeinen Nachfolger zu inſtalliren und dem⸗ ſelben das Meſſer in einem Zuſtande zu überliefern, daß er unmöglich Ehre damit einzulegen im Stande war. Hanno ſollte den Schwarzen ſchlechterdings in der Glorie eines Schinders erſcheinen, und ihm, dem officiellen Oberhofbarbier, zur Folie dienen. Lagemann hatte wiederholt ſeine unverholene Aver⸗ ſivn gegen ein Weiterbarbieren an den Tag gelegt und häufig nach der Gegend hingezeigt, wo ſeiner Meinung nach der Heldenſpieler im hohen Graſe lie⸗ — 10 gen mußte; aber die hohen Behörden waren zu ver⸗ ſeſſen auf ſeine Kunſt, als daß ſie geneigt geweſen wären, ſeine negirenden Geſten zu verſtehen. Noch ſtand die ganze Commerziendeputation bebartet vor ihm und drang auf Expedirung. Wenn ſie weiſe ge⸗ weſen wäre, ſo würde ſie ſich allerdings an den bei⸗ den Pupillenräthen ein Beiſpiel genommen haben; aber des Attaché's Ruf als Barbier ſtand bercits zu feſt, als daß er ſo leicht hätte erſchüttert werden können. Er mußte alſo in einen ſauern Apfel beißen und ſich mit ſeinem ſchartigen Meſſer über die Com⸗ merziendeputation hermachen. Die genannte Deputa⸗ tion hatte unſtreitig in einen noch ſauerern Apfel zu beißen. Der Magdeburger richtete dieſe Behörde gottesjämmerlich zu. Das Blut floß in Strömen. Jeden andern Barbier würde man auf der Stelle er⸗ würgt haben. Der Attaché konnte aber als Ober⸗ hofbarbier ſchinden nach Herzensluſt. Wohl Jedem, der einmal einen Ruf erworben. Nachdem die wohllöbliche Commerzien⸗Deputation hinlänglich Haare und Blut gelaſſen hatte, legte der Attaché das Meſſer auf die Erde und erklärte durch eine ausdrucksvolle Geberde, daß nun die Freude ihr Ende habe. Wenigſtens für ſeine Perſon ſei er nicht länger im Stande zu raſiren. Zugleich aber zeigte er mit ſolcher Beharrlichkeit nach der Stelle, wo der Heldenſpieler im Graſe lag, daß die Schwarzen end⸗ lich aufmerkſam wurden und ihnen ein Licht aufging, was der Attaché wohl meine. Man eilte nach Hanno's Lagerplatz; aber welche Entdeckung, welcher Schrecken, welche Verwirrung entſtand plötzlich. Der Heldenſpieler hatte die Zeit, während welcher Lage⸗ mann das Geſammtminiſterium und die hohen Be⸗ hörden raſirte, beſſer benutzt und war auf und davon 203 gegangen. Er hatte alſo die Schwarzen ſeinerſeits ebenfalls barbiert. Des Attaché's Kunſtfertigkeit war die Urſache geweſen, daß ſelbſt der Poſten, welcher den Heldenſpieler zu bewachen hatte, es nicht unter⸗ laſſen konnte, näher zu treten und die wunderbare Kunſt ſchärfer in's Auge zu faſſen, wobei ihm der zu Bewachende außer Acht gekommen. Die erſte Folge von Hanno's Flucht war, daß ſich die geſchorene Majeſtät mit ſammt dem geſchornen Miniſteriv, den Geheimräthen und der geſchundenen Commerziendeputativn auf den Weg machte, um des entſprungenen Flüchtlings habhaft zu werden. Der Hofbarbier ward einſtweilen, damit er nicht ebenfalls Fluchtideen bekomme, ſondern zum Nutzen und From⸗ men der künftigen Bärte für die ſchwarze Geſellſchaft erhalten werde, mit einem armsdicken Schiffstaue an einen Cedernbaum gebunden. Das Tau wand ſich wie eine Rieſenſchlange nicht weniger den ſechsmal um den Attaché und den Stamm. Zum Ueberfluß ließ man noch zehn Mann Bewachung zurück. Etwas Fataleres konnte Lagemann nicht paſſiren, als die Hanno'ſche Flucht. Erſtens mußte er nun allein die Martern der Gefangenſchaft ertragen; denn daß man ihm nicht mehr das Leben nehmen würde, ſeit man ſein Raſirtalent kennen gelernt hatte, deſſen glaubte er ziemlich gewiß zu ſein; alsdann beneidete er den Heldenſpieler ob ſeiner Freiheit, und drittens hatte er ſeinem entwichenen Freunde den engen und unbequemen Gewahrſam zu verdanken, in welchem er ſich dermalen befand. Seine Deſperation gab ſich in abgebrochenen Monologen kund. „Da ſieht man,“ ſprach er,„was Volksgunſt zu bedeuten hat, und namentlich wild afrikaniſche. Erſt haben ſie mich bis in den dritten Himmel erhoben, 20 4½ weil ich ſie von ihren nichtsnutzigen Bärten befreite; gleich darauf werd' ich angebunden wie ein wildes Thier. Ich wünſchte, ich hätte dem Volke die Keh⸗ len abgeſchnitten, ſtatt der Bärte, Seiner Majeſtät wie dem Geſammtminiſterium.“ Nach einer Pauſe: „Wenn ſie den Heldenſpieler nicht einfangen, ſchneid' ich mir bei erſter Gelegenheit die Kehle ſel⸗ ber ab; mutterſeel allein mag ich nicht unter dieſem ſchwarzen Gefindel leben. „Es iſt zwar eine Möglichkeit, daß Hanno das Lager erreicht und dem Capitain meinen Aufenthalts⸗ ort anzeigt. Da wäre es nicht unwahrſcheinlich, daß ich gerettet würde. Aber ich befürchte nur, der Sa⸗ tan thut den Mund nicht auf meinetwegen und läßt mich ruhig in den Händen der Neger. Er iſt Egvoiſt durch und durch. Es geſchieht ihm vielleicht ein großer Gefalle, wenn ich nicht wieder komme, dann iſt er mit einem Male aller Rechenſchaft überhoben, die ich wegen des beiſpielloſen Betrugs an ihm nehmen könnte. Gerechter Himmel, wie kann nur der Menſch ſo tief ſinken, ſolche Schandthaten an ſeinen eignen Bekannten und Freunden begehen.“ Wenn der Heldenſpieler äußerte, daß er beſſer als ſein Ruf ſei, ſo lieferte er davon einen ſchlagen⸗ den Beweis unmittelbar nach ſeiner Flucht, wenigſtens handelte er beſſer als der angebundene Lagemann von ihm dachte. Hanno hatte nach ſeinem unbemerkten Aufbruche kaum einige Stunden zurückgelegt, als es das Glück wollte, daß er auf eine Abtheilung der von Sir John abgeſchickten Matroſen ſtieß. Anſtatt in ihrer Geſell⸗ ſchaft ruhig nach dem Lager zurückzukehren und La⸗ gemann ſeinem Schickſal zu überlaſſen, ſo that er 205 diesmal gerade das Gegentheil. Er encouragirte die Matroſen, ihm zu folgen, und hatte den Muth, ſie direet nach dem Negerkraal zurückzuführen. Er ge⸗ traute ſich, mit dieſer, obwohl geringen Mannſchaft der ſchwarzen Rotte die Spitze bieten zu können, den Attaché zu befreien und ſich gelegentlich an den Bar⸗ baren, die ihn ſo übel mitgeſpielt und halb verhun⸗ gern hatten laſſen, zu rächen. Lagemann, obſchon Oberhofbarbier und eines gro⸗ ßen Rufes ſich erfreuend, befand ſich gleichwohl in der miſerabelſten Lage. Die Schwarzen hatten ihn mit ſolcher Accurateſſe an dem Cedernbaume befeſtigt, daß er kein Glied zu rühren vermochte. Selbſt die Arme befanden ſich innerhalb des Schiffstaues. Nur den Kopf konnte er bewegen, und das that er auch, und zwar mit einer Vehemenz, die ſich höchſt poſſir⸗ lich ausnahm, obſchon ihm keineswegs poſſirlich zu Muthe war. Die Moskito's hatten es auf ihn abge⸗ ſehen. Man denke ſich die verzweifelte Lage. Am ganzen Leibe gefeſſelt und am Kopfe das nichtsnutzige Geziefer. Der Attachs glaubte ſeinen Geiſt aufgeben zu müſſen. Vergebens war ſein Hin- und Herwerfen des Kopfes, ſein Blaſen, Sprudeln, Nieſen; die Mos⸗ kitos waren außerordentlich zahm und ganz und gar nicht ſchüchtern. Vergebens hatte er durch alle mög⸗ liche Laute, die er in der Kehle aufzutreiben vermochte, die zehn ſchwarzen Wächter, welche um ihn hergelagert waren, von ſeinem Uebelbefinden in Kenntniß geſetzt und aufgefordert, etwas zur Verminderung ſeiner Lei⸗ den beizutragen. Aber den Barbaren gewährten die ſeltſamen Töne und Capriolen des Gefeſſelten höch⸗ liches Vergnügen. Sie feixten und grinzten bald den Gefeſſelten, bald ſich einander mit wilder Fröhlichkeit 206 an, und ihre Heiterkeit nahm in dem Grade zu, als der Gemarterte ſeine Schmerzenslaute in den wunder⸗ barſten Cadenzen variirte. Als er endlich gar zu heulen begann, wälzte ſich die geſammte ſchwarze Rotte wie närriſch im Graſe umher und ſchlug Pur⸗ zelbäume vor Wolluſt. Nach endloſen vier Stunden, die dem Attaché wie vier Jahre erſchienen, ſollten ſeine Leiden ihr Ende finden. Hanno nahte mit der Befreiungsarmee. Die zehn Wächter ergriffen die ſchleunigſte Flucht und ließen den gefeſſelten Prometheus ohne Kampf in den Händen der Europäer. Der Attaché war mehr todt als lebendig. Er gab nur wenige Worte von ſich; worauf ſein Kopf, um die Moskitoſtiche weniger ſchmerzhaft zu machen, wie eine Blumenzwiebel in fette Erde emballirt wurde. Nachdem man ſich an dem Frucht- und Brotvor⸗ rath, welchen die Schwarzen im Kraal zurückgelaſſen, weidlich geſtärkt hatte, wurde der Rückweg angetreten. Lagemann glich, was ſeine Kopfbedeckung anlangte, einem reitenden Artilleriſten der einſtigen Napolevni⸗ ſchen Kaiſergarde. Einen ſolchen Umfang nahm das Territorium ein, welches er auf dem Kopfe trug und woran er wie ein Atlas zu ſchleppen hatte. Zu re⸗ den war ihm nicht erlaubt, denn ſo wie er den Mund aufthat, drohte ein Erdfall. Alſo ſchwieg er, obſchon ihm dies äußerſt ſchwer ankam; denn Lage⸗ mann war nicht der Mann, ein ſo grauſiges Aben⸗ teuer, wie er erlebt hatte, auf dem Herzen zu be⸗ halten. Ohne von dem Negerſtamme oder durch reißende Thiere nochmals behelligt zu werden, erreichte man nach einem ziemlich langwierigen Marſche das Lager, wo Alles zur Abfahrt nach St. Louis bereit ſtand. 207 Die Niederroßlaer ſtaunten ihren wiedergefundenen Landsmann, als er mit ſeinem Rieſenkopfe anlangte, wie ein Wunderthier an. Zeiſig erkannte ſeinen At⸗ taché nicht wieder und der Factor, als er das Kopf⸗ gebäude näher betrachtete, nahm ſich kopfſchüttelnd eine Priſe. Nach einer wegen der übergroßen Hitze nicht eben angenehmen Küſtenfahrt gelangte man nach dem Ha⸗ fen von St. Louis, wo mehre theils nach Europa, theils nach Oſtindien beſtimmte Schiffe vor Anker lagen. Sir John trug für die Niederroßlaer die mög⸗ lichſte Sorge. Sie erhielten auf dem Oſtindienfahrer ein faſt eben ſo gutes Unterkommen, als ſie auf dem Habicht gefunden, ohne daß ſie einen Heller mehr als die in Hamburg feſtgeſetzten Fahrpreiſe zu entrichten gehabt hätten. Lagemann, nachdem er nicht weniger denn vierund⸗ zwanzig Stunden die Artilleriebärmütze auf dem Kopfe gehabt, denn ſo lange waren die Vorſichtsmaßregeln gegen die Moskitoſtiche unerläßlich, entpuppte ſich end⸗ lich und bekam die Sprache wieder. Die Beſchreibung ſeiner Leiden grenzte geradezu an's Aſchgraue. Er ward allemal ganz außer ſich, wenn er nur darauf zu ſprechen kam. Noch mehr gerieth er aber in Aufruhr, als der Tag der Abfahrt heranrückte. Er wußte nämlich jetzt nicht, ob er noch mit nach Kabul oder mit Sir John zurück nach Europa ſegeln ſollte, da nach Hanno's Bekenntniß ſein Antheil an der Erbſchaft ſo gut wie im Monde lag. Seine Wuth gegen den Heldenſpieler, obſchon dieſer ihn mit Lebensgefahr aus den Händen der Schwarzen und von der Anſtellung eines Oberhofbar⸗ biers befreit, überſtieg alle Grenzen und ging mehre Male ſo weit, daß er den geflüchteten Hanno, ein 203 blankes Meſſer in der Hand, im ganzen Schiffsraume ſuchte, um ihn unwiderruflich todt zu ſtechen. Erſt nachdem der Heldenſpieler einen großen Theil der für das abgetretene Erbtheil erhaltenen beſchnittenen Ducaten wieder herausgegeben und ihm außerdem noch manche annehmbare Propoſition geſtellt, ward er etwas ruhiger und beſchloß die Kabulfahrt als ſimpler Attaché mitzumachen. „Seid kein Thor, Lagemann,“ hatte Hanno zu ihm geſprochen,„und reißt Euch den Kopf nicht ab wegen der paar lumpigen Ducaten. Das Krokodill, welches ja doch die Hauptſache iſt, kann Euch ja gar nicht entgehen. Hier meine Hand darauf, daß ich Euch dazu verhelfe. Wenn wir es einmal in unſerer Gewalt haben, ſoll der Rath von Niederroßla nicht eine goldene Klaue davon zu ſehen bekommen. Ich begreife auch nicht, wie der Rath zu dieſer Selten⸗ heit kommt, womit er ſie verdient hätte. Dieſe fau⸗ len Senatoren ſitzen behaglich in Niederroßla und laſſen Gott einen frommen Mann ſein, während Ihr mit Leibes⸗ und Lebensgefahr Euch für ſie durch die halbe Welt ſchlagt. Nein, dem Verdienſte ſeine Kro⸗ nen! Euer muß das Krokodill ſein, Lagemann, und ſoll ich es dem Könige von Kabul mit Gefahr meines Lebens ſtehlen.“ „Aber Zeiſig,“ ſtelte der Attaché in Erwägung, welchem Hanno's Rede ſo ſüß wie Honig klang. „Zeiſig?“ frug lächelnd der Heldenſpieler,„wo zwei Geiſter wie wir vereint wirken, wie kann da ein i in Betracht kommen?“ Das iſt allerdings wahr;“ geſtand Lagemann; „aber wie wären denn ſonſt E Eure Ideen hinſichtlich des Krokodills? Daß wir es niis in unſere Ge⸗ walt bekommen?“ —— — 209 „Auf die einfachſte Weiſe,“ verſetzte der Helden⸗ ſpieler,„auf der Heimreiſe, wenn wir uns noch in Indien befinden, beſtechen wir ein paar Mohren, die⸗ ſes Volk iſt zu Allem zu gebrauchen; dieſe müſſen das goldene Beeſt ſtehlen, wir wollen es ihnen ſchon zuſchieben, daß ſie leichter Spiel haben; dann begiebt ſich einer von uns Beiden mit den Mohren nach der erſten beſten indiſchen Stadt; in den indiſchen Städ⸗ ten aber wimmelt es von Goldſchmieden, welche ſich die Hälſe brechen um ſolch' ein goldenes Meiſterwerk. Wir verkeilen das Thier, und Ihr ſeid ein gemach⸗ ter Mann.“ „Es ſoll mir auch auf ein paar Prozente für Euch nicht ankommen,“ verhieß Lagemann, dem bei dem Gedanken an das Krokodill immer holdſeliger um's Herz wurde. „Zeiſig wird ſich freilich den Hals abreißen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort. Hanno zuckte die Achſeln. „Das ſtebt bei ihm,“ ſprach er,„warnm unter⸗ nimmt er Expeditionen, denen er nicht gewachſen iſt. Zu ſolchen Dingen gehört Kopf und Herz. Uns hätte der Stadtrath ſchicken ſollen.“ „Das iſt wahr,“ geſtand der Attaché. „Gegen chriſtliche Theilung und Vergütung der Reiſeſpeſen hätten wir das Möglichſte gethan.“ „Unbeſtritten.“ „So bekommt er gar Nichts und es geſchieht ihm recht. Wer heißt ihn knickern bei ſo reicher Erbſchaft.“ „Es iſt die verdiente Strafe,“ ſprach Lagemann, „Wir müßten Eſel ſein, wenn wir nicht zulan⸗ gen wollten,“ meinte Hannv. Stolle, ſämmtl. Schriften. XVIMI. 14 „Zumal, da die Expedition in's Goldland ſo wahrhaft gottesjämmerlich abgelaufen iſt.“ „Eure Leiden unter den Schwarzen muß Euch der Stadtrath von Niederroßla ſplendid vergüten.“ „Es freut mich, Hanno, daß Ihr ein Einſehen habt, die Moskitohölle vergeß' ich in tauſend Jahren nicht.“ „Jeden Stich muß Euch der Rath von Nieder⸗ roßla wenigſtens mit zehn Ducaten aufwiegen. Ich ſelbſt werde dafür Sorge tragen.“ „Hanno, wenn ich noch jüngſt zornig auf Euch—“ „Gerechte Aufwallung, nicht mehr als billig.“ „Wenn ich in der Hitze einige Worte und Re⸗ densarten—“ „In der Leidenſchaft fährt Manches heraus—“ „Hanno, wenn Ihr könntet—“ „Alles vergeben und vergeſſen— „Ja, wenn Ihr das könntet—“ „Es iſt geſchehen!“ „An mein Herz, edler Sterblicher,“ rief jetzt Lage⸗ mann in überſtrömendem Gefühle,„von jetzt ſoll nur der Tod uns trennen.“ Der fromme Zeiſig ahnete nicht, welches Complot in ſeiner nächſten Nähe und von ſeinem eigenen At⸗ taché geſchmiedet wurde. Als der Tag der Abfahrt gekommen war, ereig⸗ nete ſich noch eine ziemlich tragiſche Scene zwiſchen Herrn Abdullah und ſeiner Pflegbefohlenen, der Blume Hindoſtans. Letztere ſträubte ſich aus allen Kräften, dem Türken nach dem Schiffe zu folgen, welches nach Oſtindien beſtimmt war. Als letzterer endlich genö⸗ thigt war Gewalt zu brauchen, zog das ſchöne Weib einen Dolch. Dabei rief ſie mit ihrer Glockenſtimme fortwährend in gebrochenem Engliſch:„Ich mag nicht „ —,.—.— nach dem Lande, wo die rothe Blume des Lotos blüht; das Meer hat die ſchlanken Glieder verſchlungen, welche mich einſt umarmt; die Flamme verlangt ihr Opfer, ich kann ihr keines bringen; was ſoll ich ohne Ihn in Brama's Reich; die Schweſtern würden mit Händen zeigen auf die Ehrloſe. Ich bin nicht werth, die ſüße Luft der Heimath zu trinken. Ich will zu⸗ rück nach dem rauhen Norden und daſelbſt ruhlos beten, bis Brama mich erlöſt.“ Abdullah's Lippen zitterten vor Wuth; leiſe zog er auch ſeinen Dolch, und war im Begriff, ſich auf die ſchöne Indierin zu ſtürzen, als der rüſtige Sir John, welcher mit regem Intereſſe der Streitſcene zugeſchaut hatte, dem Wüthenden in den Rücken fiel und mit Rieſenkraft feſthielt. Vergebens rang der Türke aus Leibeskräften gegen den gewaltigen Gegner. Zu gleicher Zeit rief er ſeinen beiden Mohren zu, die Braminin mit Gewalt nach dem Oſtindienfahrer zu bringen. Sir John befahl dagegen ſeinen Ma⸗ troſen, dies zu verhindern. Endlich gelang es dem Abdullah, einen Augenblick lang die dolchbewaffnete Rechte frei zu bekommen. Sogleich ſprang ein Blut⸗ ſtrahl aus des Capitains rechtem Arme. Dies war aber zugleich das Zeichen zu Abdullah's Entwaff⸗ nung. Alles ſtürzte auf ihn und machte den Raſen⸗ den wehrlos. Sir John erklärte jetzt, daß Milady keine Scla⸗ vin ſei und daß ihr als unabhängige Wittwe frei⸗ ſtehe, zu leben, wo es ihr beliebe. Niemand dürfe ſich an ihrer Freiheit vergreifen und ſo es die Dame wünſche, werde er ſie mit zurück nach Europa nehmen. So wie Bohu und Tohu wahrnahmen, daß ihre Gebieterin bei den Europäern Schutz fand, erklärten ſie ſich gleichfalls in Inſurrectionszuſtand gegen Ab⸗ 14* dullah und wollten von ihrer Herrin nicht laſſen. Alle drei wurden auf das Schiff gebracht, welches ſo eben nach Europa abzugehen im Begriff ſtand. Der Türke tobte wie ein Beſeſſener und ſtieß gottesläſter⸗ liche Redensarten aus, die zum Glück Niemand ver⸗ ſtand. Er beſtand darauf, gleichfalls nach Europa zurückgenommen zu werden, worauf aber Sir John nicht einging.„Die Milady,“ erwiederte dieſer, „habe ſich unter ſeinen Schutz begeben und er dürfe nicht geſtatten, daß ein für ſeinen Schützling ſo ge⸗ fährliches Individuum auf das Schiff mit aufgenom⸗ men werde.“ Abdullah, nachdem er einſah, daß gegen den hart⸗ köpfigen Seemann nichts auszurichten ſei, reclamirte jetzt wenigſtens ein Käſtchen mit Diamanten, daß ſich im Gewahrſam der Braminin befand. Ohne die ge⸗ ringſte Weigerung von Seiten der letztern ward ihm dieſes überantwortet, worauf ſich ſein toller Raptus ſichtbar legte. Bereits am andern Tage lichtete das nach Europa beſtimmte Schiff die Anker, nachdem Sir John zu⸗ vor ſämmtlichen Niederroßlaern noch ein recht heiteres Diner gegeben hatte. Nur höchſt ungern trennten ſich Victor und Gamaliel von dem wackern Capitain und dem intelligenten Doctor Barring, welcher gleich⸗ falls nach Europa zurückkehrte. Der Oſtindienfahrer, welcher die Erbſchaar und den Herrn Abdullah am Bord hatte, trat einige Tage ſpäter ſeine Reiſe an. —,— 213 Reuntes Rapitel. E⸗ hieße die Anzahl der Kapitel dieſes Buches in's Unendliche vermehren, wollte man die Abenteuer der Niederroßlaer, bevor ſie das gewaltige Afrika umſchifft, Oſtindien und ſpäter Afghaniſtan erreicht, mit der zeitherigen Ausführlichkeit beſchreiben. Der große Tag, wo die von dem Hofmaler Haſ⸗ ſan⸗ben⸗Mullah niedergelegte Erbſchaft den Nieder⸗ roßlaern von Seiten der Kabul'ſchen Gerichte überge⸗ ben werden ſollte, war erſchienen. In hoher Galla verfügten ſich die Erbfahrer, theils zu Wagen, theils zu Roß nach dem Juſtizhofe. Der unſichtige Lage⸗ mann hatte in der Eile das Niederroßlaer Stadtwap⸗ pen mit dem eingehörnten Ochſenkopfe, das unter⸗ wegs verloren gegangen war, von einem Kabul'ſchen Blechſchmied als Doublette anfertigen laſſen und ſich und den Actuar, als diplomatiſche Perſonen, damit behangen. Obſchon die Afzhanen in ihrem geſelligen Um⸗ gange nicht ohne mannigfache Ceremonie ſind, ſo ka⸗ men dergleichen doch bei dem Gerichtsperſonale und bei deſſen Verhandlungen keineswegs vor. Sobald die Documente der Erbfahrer für richtig befunden worden waren, nahm die Auszahlung der Legate ihren Anfang. Zuerſt kam Gamaliel Drollinger, als Haupterbe, an die Reihe. Er erhielt eine ſo bedeutende Summe in Golde ausgehändigt, daß ſämmtliche Miterben in Erſtaunen geriethen und Lagemann vor Neid faſt ver⸗ gehen wollte. „Es geht doch nirgends ungerechter zu als in der Welt,“ raunte er dem Heldenſpieler in's Ohr,„wo⸗ 214 mit hat dieſer Gelbſchnabel ſolche Unſummen verdient, während wir geſetzten Männer hier ſtehen und das Zuſehen haben? Hoffentlich daß es ihm nicht gedeiht. Es kann kein Segen aus dieſem unverdienten Mam⸗ mon herauskommen. Was meint Ihr, Hanno?“ Der Heldenſpieler zuckte mit den Achſeln. „Aber zum Teufel, Hanno,“ fuhr der mit dem eingehörnten Ochſenkopfe decorirte Attaché fort, deſſen gierige Blicke das Gerichtslocal nach allen Richtungen durchkreuzten,„wo ſteckt nur das Krokodill?“ „Ich habe mich auch ſchon darnach umgeſchaut,“ erwiederte der Heldenſpieler,„wahrſcheinlich hat man es als Cabinetsſtück hinter irgend einem der zahlrei⸗ chen Vorhänge verborgen.“ „Hanno,“ ſprach Lagemann dringlich,„die Stunde iſt feierlich, ein Schwur gilt jetzt viel. Schwört mir in dieſer feierlichen Stunde, mich, Eurem Verſprechen gemäß, bei dem großen Unternehmen, wo ich das goldne Thier rauben und in unſerm Nutzen verwen⸗ den werde, getreulichſt beizuſtehen.“ Der Heldenſpieler, deſſen Blicke ſich von den Gold⸗ haufen, die Gamaliel ausgezahlt erhielt, nicht los⸗ reißen konnten, hob mechaniſch die drei Finger der rechten Hand ein wenig und ſprach:„Ich ſchwöre.“ „Ihr ſcheint mir nicht ganz ſicher bei der Sache, Hanno,“ fuhr Lagemann mißbilligend fort,„geht nicht leichtſinnig mit einem Schwure um, bedenkt, was er zu ſagen hat.“ „Ich weiß es,“ verſetzte der Heldenſpieler. „Das iſt mir lieb. Ferner ſchwört mir, Hanno, Euch mit einem Dritttheil der Krokodillmaſſe begnü⸗ gen zu wollen, wie Ihr mir ebenfalls bereits wieder⸗ holt verſprochen habt.“ —— Wieder erhoben ſich die drei Finger des Helden⸗ ſpielers und abermals ertönte:„Ich ſchwöre.“ 5 „Ich hoffe, daß Euch namentlich dieſer zweite Schwur von Herzen geht. Bedenkt wohl, daß Ihr mir wegen des welthiſtoriſchen Betrugs, ſo Ihr Euch gegen mich habt zu Schulden kommen laſſen, eine kleine Erkenntlichkeit ſchuldig ſeid. Bedenkt wohl, daß, wenn ich mich an der Krokodillmaſſe nicht eini⸗ germaßen erholen kann, ich ein total ruinirter Mann bin, und allein durch Eure Schuld. Eigentlich hätt' ich als Gatte und Vater auf drei Viertheile An⸗ ſpruch; Ihr als einzelner Menſch ſolltet Euch mit einem Viertheil begnügen; aber ich will chriſtlich denken und aus Freundſchaft und aus wirklich väter⸗ licher Zuneigung zu Euch mit zwei Dritttheilen vor⸗ lieb nehmen.“ Hanno vernahm wenig von den Reden Lage⸗ mann's, der ihm beſtändig in den Ohren lag, und gab ſeine Zuſtimmung nur von Zeit zu Zeit durch Kopfnicken zu erkennen. Eben erhielt der Factor ſein Erbtheil ausgezahlt. „Nun möcht' ich in aller Welt wiſſen, wo das Krokodill bleibt,“ begann Lagemann von Neuem, und abermals durchſuchten ſeine Blicke mit Sorgfalt die entlegenſten Tiefen und Winkel des ſehr geräumigen Gerichtsſaales. Nach dem Factor kam Vetterlein an die Reihe. Im folgte Hanno als Mandatar der verwittweten Glaſermeiſterin Klugin Alle hatten ihr feſtgeſetztes Theil in Empfang ge⸗ nommen, nur die mit dem eingehörnten Ochſenkopfe gekrönte Geſandtſchaft des Stadtraths von Nieder⸗ roßla ſaß noch erwartungsvoll, und verhoffte jeden Augenblick von afghaniſchen Dienern der Gerechtig⸗ 216 keit das goldne Krokodill herbeigetrieben zu ſehen. Lagemann war noch weit mehr auf den Anblick des gebenedeiten Thieres verſeſſen als ſelbſt der Actuar; denn er wollte aus der Größe deſſelben ſich einen un⸗ gefähren Ueberſchlag machen, wie viel ihm wohl die geſtohlenen Zweidritttheile in Bauſch und Bogen ab⸗ werfen könnten. „Ihr müßt eine majeſtätiſchere Poſitur anneh⸗ men,“ raunte er Zeiſig zu, der in ziemlich verküm⸗ merter und ängſtlicher Stellung unmittelbar vor ihm ſaß,„damit Ihr einen hochweiſen Rath zu Nieder⸗ roßla keine Schande macht. Mehr die Schultern zu⸗ rück, den Rücken gerade, Bruſt heraus; ein gebieteri⸗ ſches, aber vornehm nachläſſiges Air angenommen!“ Er ſelbſt verfehlte nicht, ſeinen eigenen Rath⸗ ſchlägen auf das Genaueſte nachzukommen. Durch Strecken und Dehnen ſeiner Geſtalt, Räuſpern und Schnauben mit beiden Naſenflügeln war er bemüht, ſeine Perſönlichkeit in den Augen des Gerichtsperſo⸗ nals in denjenigen Reſpect zu ſetzen, auf welchen er als Geſandtſchaftsattaché in hohem Grade glaubte Anſpruch machen zu dürfen. Zu gleicher Zeit war er bemüht, eine möglichſt erhabene Stellung einzu⸗ nehmen, um das blecherne Niederroßlaer Stadtwap⸗ pen, welches auf ſeiner Bruſt prangte, in die gün⸗ ſtigſte Beleuchtung zu ſtellen. Da ergriff der vorſitzende Amini Mekhemed von Neuem das Wort und ſprach: „Laut Teſtaments des Erblaſſers iſt auch noch über ein goldnes Krokodill, ſo ſich in deſſen Hinter⸗ laſſenſchaft vorgefunden, verfügt worden. Dem Wil⸗ len des verſtorbenen Haſſan⸗ben⸗Mullah gemäß ſollte dieſes durch ſeinen Goldwerth wie durch ſeine kunſt⸗ reiche Arbeit gleich ausgezeichnete Werk einem wohl⸗ 217 weiſen Rathe zu Niederroßla zu Theil werden, falls derſelbe geneigt wäre, ein Mitglied aus ſeiner Mitte nach Kabul zur Abholung des Thieres zu ſenden. Leider iſt aber nach Publieirung des Haſſan⸗ben⸗ Mullah'ſchen Teſtaments ſofort ein Prozeß hin ſicht⸗ lich dieſer letztwilligen Verfügung beim höchſten Ge⸗ richtshofe anhängig gemacht und nach mehrmaliger abgeworfener, Seiten Erbwächters zu Wahrung der Erbmaſſe angeſtellten Appellation zum Nachtheil des Erblaſſers entſchieden worden. Die prozeſſualiſchen Gegner, ſämmtliche reſpective Derwiſche hieſiger Ab⸗ dullah⸗Moſchee haben ein eigenhändig abgefaßtes Ar⸗ tenſtück des verſtorbenen Haſſan⸗ben⸗Mullah zu pro⸗ duciren gewußt, worin ihnen das Krokodill in aller Form Rechtens für den Todesfall zugeſprochen wor⸗ den. Daß Erblaſſer in dem ſpätern Teſtamente über beſagtes Krokodill anderweitig verfügt, vorgebend, die Derwiſche beſäßen kein Recht an dieſem Erbtheil, weil ſie durch ihr Gebet Erblaſſern nicht vom Tode geret⸗ tet, hat ein hoher Gerichtshof für rechtsbindend anzu⸗ erkennen ſich nicht geneigt gefunden und das Erbrecht der Derwiſche dem Erbrechte des wohlweiſen Rathes zu Niederroßla für derogirend erachtet. „Mit Bedauern ſieht ſich daher die niedergeſetzte Erbcommiſſion zu der Erklärung genöthigt, einem wohlweiſen Rathe beſagtes goldenes Krokodill nicht ausantworten zu können, indem ſolches bereits vor länger denn drei Monaten, unmittelbar nach erfolg⸗ ter Publication des Urthels höchſter Inſtanz, von den reſpectiven Derwiſchen der Abdullah⸗Moſchee, den Ober⸗ derwiſch an der Spitze, in Pomp abgeführt und zum Beſten ihres Ordens verwendet worden iſt. „Zugleich hat jedoch ein hoher Gerichtshof, ſtets von dem Grundſatze ausgehend, ſtrenges Recht mit 248 möglichſter Billigkeit zu vereinen, die Verfügung ge⸗ troffen, daß dem nach Kabul entſendeten Mitgliede des hochweiſen Rathes von Niederroßla nicht nur ſämmtliche Reiſekoſten vergütet, ſondern auch für die mannigfachen Gefahren und Beſchwerden der lang⸗ wierigen Reiſe eine Entſchädigungsſumme von tauſend Ducaten von den Derwiſchen der Abdullah-Moſchee ausgezahlt werden, welche Summe unſer Zahlmeiſter beauftragt iſt, ſofort betreffendem Mandatar des Stadtraths zu Niederroßla als rechtmäßiges Eigen⸗ thum zu überantworten.“ Während alſo der Zahlmeiſter einen neuen Sack herbeifuhrwerkte und wieder zu zählen begann, be⸗ mühte ſich ein ſeit langen Jahren in Kabul wohnen⸗ der Schwabe, welcher für dieſe Erbſeſſion eigens als Dolmetſcher requirirt worden war, die für den Rath von Niederroßla ſo niederſchlagende Rede zu ver⸗ deutſchen. Als er an die verhängnißvolle Stelle kam, wo von einem hohen Gerichtshof der Stadtrath des Kro⸗ kodills für verluſtig erklärt wurde, ſank Zeiſig, wel⸗ chen ſchon die vorhergehenden unheilſchwangeren Pe⸗ rioden in das heftigſte Zittern verſetzt und das Ge⸗ ſicht mit Leichenbläſſe überzogen hatten, bewußtlos in die Arme des Factors, welcher unmittelbar neben ihm ſaß, während der Attaché mit ſammt ſeinem Stuhle zuſammenbrach. Man ſprang Zeiſig zu Hülfe, wodurch ein ziem⸗ licher Tumult entſtand und die Vorleſung unterbro⸗ chen wurde. Erſt nach geraumer Zeit brachte man den Bewußtloſen wieder zu ſich und ſetzte ihn in den Stand, den Schluß der gerichtlichen Vorleſung zu vernehmen. Hier nun ward ihm die glänzendſte Ge⸗ nugthuung, und auf den großen Schreck folgte große — 219 Freude, ſich als perſönlicher Erbe ſo großmüthig und reichlich bedacht zu ſehen. Er hielt Anfangs die ganze Sache für einen ſchö⸗ nen Traum; als er aber von Gerichtswegen erſucht ward, die aufgezählte Summe durchzuſehen, ſich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen und ſie in Empfang zu nehmen, würde er unfehlbar dem vorſitzenden Amini Mekhemed, ſo wie der geſammten Erbcommiſſion um den Hals gefallen ſein, wäre er nicht durch die ver⸗ ſchiedenen Schranken und Barrieren daran verhindert worden. Er breitete ſehnend ſeine Arme aus und umfaßte Alles, was in ſeine Hand kam. Vor der Hand war's der Factor. Er würgte ihn förmlich, um ſeine Freude thatſächlich auszulaſſen, ſo daß ihn Süßmilch vor allen Dingen Mäßigung anempfahl. In äußerſt froher Gemüthsſtimmung nahmen die Erbfahrer Abſchied von der Erbcommiſſion. Ihr Hauptzweck war erreicht. Nimmer hätte man geglaubt, daß man mit den Gerichten von Kabul ſo ohne alle Schwierigkeiten und ohne Sporteln, woran man in Europa gewöhnt war, aus einander kommen würde. Glücklich und goldbeladen traf man Anſtalt, den Gerichtsſaal zu verlaſſen. Als man ſich aber nach dem Attaché umſchaute, war er weder zu ſehen noch zu hören. Bei dem allgemeinen Tumult, welchen Zeiſig's Ohnmacht zu Folge hatte, war er unverſehends abhanden gekommen. Den Erbfahrern blieb jetzt nichts übrig, als ohne Lagemann den Rückweg anzutreten. Dieſer erfolgte in derſelben Ordnung und mit demſelbe Pompe wie der Herweg, nur daß es in den Gemüthern der Nie⸗ derroßlaer weit fröhlicher ausſah. Leider aber war die Prozeſſion noch nicht weit vorgeſchritten, als ſie durch eine große Menſchenmenge 220 aufgehalten wurde, die einen Maulbeerbaum umflu⸗ thete. Die Niederroßlaer konnten lange nicht klug werden, was wohl dieſer Auflauf zu bedeuten habe, als ſie näherkommend— wer malt ihren Schrecken — da hing der Attachs der Niederroßlaer Rathsge⸗ ſandtſchaft an einem Aſte des Maulbeerbaumes. Das noch auf ſeiner Bruſt prangende Stadtwappen ließ keinen Zweifel über die Identität der Perſon übrig. Der Edle, nachdem er ſeine Pläne auch auf das von den Derwiſchen der Abdullah⸗Moſchee in Be⸗ ſchlag genommene Krokodill, das er in Gemeinſchaft Hanno's zu ſtehlen beabſichtigte, geſcheitert ſah, ver⸗ mochte ein Leben nicht länger zu ertragen, und hatte demſelben mit eigner Hand unter dem Kabul'ſchen Maulbeerbaume ein Ziel geſetzt. Alle Verſuche, den Selbſtmörder in's Leben zu⸗ rückzurufen, waren erfolglos; ſo blieb den beſtürzten Niederroßlaern nichts übrig, als den entarteten Lands⸗ mann den nächſten Morgen in aller Stille, fern von der Stadt, in einem Cedernwäldchen am Fuße des Hindukuſch zu begraben. Nachdem der Hauptzweck der Kabulreiſe erreicht war, wollte es den Erbfahrern wenig mehr in der Hauptſtadt Afghaniſtans gefallen. Man ſehnte ſich nach der Heimath. Alle Palmen und Roſen des Orients vermögen das ſtille heimathliche deutſche Lin⸗ dendach nicht vergeſſen zu machen. Die gewaltſame Todesart Lagemann's, obſchon derſelbe wegen ſeines unleidlichen Charakters keineswegs beliebt war, mochte auch das ihre beitragen. Nachdem man den betreffenden Behörden Kabuls wegen der liberalen Auswanderung der Erbſchaft noch⸗ mals den gebührenden, ſowie für die gaſtliche Auf⸗ nahme den wärmſten und innigſten Dank ausgeſpro⸗ 221 chen und ſie als geringe Erkenntlichkeit mit mannig⸗ fachen europäiſchen Gegenſtänden, welche der unſich⸗ tige Victor in Bombai eingehandelt, beſchenkt und ausnehmend erfreut hatte, verließ man Kabul an ei⸗ nem ſchönen Frühlingsmorgen. Bereits nach mehren Wochen trug ein ſtattlicher Kauffahrteifahrer, deſſen weiße Segel von dem gün⸗ ſtigſten Winde geſchwellt wurden, die Erbſchaar nach der umfriedeten Heimath. Zehntes Rapitel. N Berits im Herbſt deſſelben Jahres, eben als die Aſtern zu blühen begannen, vereinigte das Weichbild von Niederroßla ſämmtliche Erbfahrer. Kaum war die Nachricht von ihrem Herannahen bekannt worden, als ein förmlicher Aufruhr entſtand, wie ſolcher in Niederroßla nie war erlebt worden. Sämmtliche Be⸗ wohner der Stadt, mit Ausnahme der Sterbenden und Gebärenden, zogen den aſiatiſchen Ankömmlin⸗ gen ſtundenweit entgegen, obſchon der Stadtrath, der ebenfalls zu Hauſe blieb, in Ermangelung des gold⸗ nen Krokodills alle Empfangsfeierlichkeiten ausdrücklich verboten hatte. Alles war voll Jubel und guter Dinge, bis auf den Senat, den Bürgermeiſter Sebaſtian Flaminius an der Spitze und die verwittwete Lagemann, geborne Grümpler, welche indeß nur auf einem Auge weinte, der Leute halber, während ſie mit dem andern gleich⸗ falls lachte. Es hätte der guten Frau gar nichts 1 Schlimmeres paſſiren können, als wenn ihr, am Fuße des Hindukuſch ruhender, zänkiſcher und eiferſüchtiger Eheherr mit der Erbſchaar heimgekehrt wäre und bereits eine Art Stellvertreter zur Stadt Magdeburg vorgefunden, welch' Letzterer bald nach des Attaché's Abfahrt den ſchwierigen Poſten eines Hausfreundes übernommen hatte. Der Stadtrath ſeinerſeits aber ſpie wirklich Feuer und Flammen, und war feſt entſchloſſen, mit den Derwiſchen der Abdullah-Moſchee einen Kampf auf Leben und Tod zu beginnen. Erſt die wiederholte Warnung des Doctor Eiſenbeiß, welcher den Satz aufſtellte, daß es einer weltlichen Behörde außeror⸗ dentlich ſchwer, wohl gar unmöglich falle, einen Schatz, welchen die Kirche bereits an ſich genommen, wie⸗ der heraus zu prozeſſiren, bewog das hohe Collegium, die Sache einer ſpäteren Berathung vorzubehalten. Zeiſig, welcher nicht nur im Beſitze von tauſend Ducaten, ſondern zugleich als gereiſter Weltmann nach Niederroßla heimkehrte, gelangte zu weit größe⸗ rem Anſehen, als dies früher mit ihm der Fall ge⸗ weſen war. Mit dem Factor und dem Quartus war es eben ſp. Ihr Ruhm ſtand hoch wie die Sterne. Wenn in der erſtern Zeit einer der Erbfahrer über die Straße ging, ſo blieben die Leute ſtehen und ſchauten den Dahinſchreitenden gleich einem Wunderthiere nach; erſchien er aber in Geſellſchaft, ſo ward ihm ſtets der Ehrenplatz zu Theil, und Jedermann ſchwieg und Aller Augen hingen an ſeinem Munde, wenn ſich der⸗ ſelbe aufthat, um EFreigniſſe und Dinge zu verkün⸗ den, die zuvor in Niederroßla nie waren gehört worden. Hauptſächlich ſtieg Zeiſig's Credit, als er ſeinen Collegen und einigen der angeſehenſten Honoratibren der Stadt bei der verwittweten Lagemann ein ſplen⸗ dides Mittagseſſen gab, bei welcher Gelegenheit er dem Stadtrathe die ſämmtlichen Reiſeſpeſen, ſo ſeine Perſon benöthigt gehabt, zurückerſtattete. Die Wuth der weiſen Behörde gegen die Derwiſche der Abdul⸗ lah⸗Moſchee legte ſich jetzt auffallend. Der Heldenſpieler Hanno war durch den gewalt⸗ ſamen Tod ſeines Freundes Lagemann ſo erſchüttert worden, daß er von Stund' an den alten Adam aus⸗ zog und ein beſſerer Menſch wurde. Nachdem er den Attaché mit eigner Hand vom Maulbeerbaume losge⸗ ſchnitten, ſorgte er mit wahrer Pietät für deſſen Be⸗ gräbniß, wodurch er ſehr in der Achtung der Erb⸗ fahrer gewann. Aber die Beſſerung war bei ihm nicht blos eine ſchöne Wallung, ſondern hatte tiefer Wurzel geſchlagen. Mit Gewiſſenhaftigkeit bewahrte er das Erbtheil der Wittwe und zahlte es ihr von Heller zu Pfennig aus, ohne auf die geringſte Ent⸗ ſchädigung Anſpruch zu machen. Gute Werke beloh⸗ nen ſich ſtets. Aus Dankbarkeit reichte ihm die hüb⸗ ſche Wittwe ihre Hand. Er legte ſpäter eine viel⸗ beſuchte Turnſchule an und lebt noch heutzutage in behaglichen Verhältniſſen und als geachteter Mann in Niederroßla. Es bedarf gewiß keiner Verſicherung, daß es auf dem benachbarten Friedrichshof nach Rückkehr der Ka⸗ bulfahrer nicht minder freudvoll herging. Bereits ſeit längerer Zeit lebte daſelbſt die edle Felicitas, welche den liebenden Bitten des Generals und Klo⸗ tildens nicht länger hatte widerſtehen können. Unmit⸗ telbar nach Gamaliel's und Vietor's Abreiſe waren 224 dieſe guten Menſchen einander näher bekannt worden und hatten ſich ſo innig verſtanden, daß ihnen eine jedesmalige Trennung ſchwer fiel. Das gemeinſchaft⸗ liche Intereſſe an den abweſenden Geliebten band ſie nur feſter an einander. Darum war kaum eine Woche nach Victor's und Gamaliel's Abreiſe verfloſſen, als Felicitas nach Friedrichshof zog. Die Mutter Ga⸗ maliel's hatte aus keinem andern Grunde den Bitten der neuen Freunde ſo lange widerſtanden, als weil ſie dem Wunſche des Teſtaments nachkommen zu müſ⸗ ſen glaubte, dem zu Folge ſie das Gut Siebeneichen kaufen und eines Abends den unbekannten Pilger er⸗ warten ſollte. Sie hatte ſich über dieſe Stelle im Teſtament gar oft im Stillen den Kopf zerbrochen, und auch Morand rieth hin und wieder, ohne den dunkeln Sinn enträthſeln zu können. Endlich hatte der General mit den Worten: „Wenn Ihr Fremdling Sie auf Siebeneichen nicht vorfindet, wird er Sie ſchon auf Friedrichshof auf⸗ ſuchen,“ die letzte Bedenklichkeit der Wittwe nieder⸗ geſchlagen und ſie ward eine Bewohnerin des ſchönen Schloſſes, wo ſie wie ein Glied der Familie gehalten wurde. Klotilde hing mit kindlicher Liebe an der edeln Frau, und dieſe wieder fand an dem holden Mädchen einen Erſatz für den abweſenden geliebten Sohn. General Morand hatte nicht unrichtig prophezeiht. Nach Verlauf eines halben Jahres ſtellte ſich der Pilger, welcher Felicitas vergebens auf Siebeneichen geſucht hatte, wirklich auf Friedrichshof ein. Es war Niemand anders, als der Hofmaler mit Olivien. Er erſtaunte nicht wenig, hier außer ſeiner Tante auch die Familie ſeiner geliebten Gattin, welche unter den Roſen Afghaniſtans ſchlief, anzutreffen. O 225 Wer vermöchte die mannigfachen Endeckungsſcenen würdig zu ſchildern und die darauf folgende Freude? Jetzt ward der Ankauf von Siebeneichen ganz aufge⸗ geben. Auch Balthaſar mußte in Friedrichshof blei⸗ ben, welches der wohnlichen Räume in Menge darbot. Ein wahrer Himmel ſank von nun auf die glück⸗ lichen Schloßbewohner hernieder, der nur von den Sorgen für die geliebten Kabulfahrer zuweilen ge⸗ trübt ward. Aber dem klaren, blauen Herbſthimmel des nächſten Jahres und den ſich färbenden Aſtern war es vorbehalten, auch dieſe Wolken zu verſcheu⸗ chen. Gamaliel und Victor kehrten um eine Welt reicher an Erfahrung, geprüfter und kräftiger zu den Ihrigen zurück. Hatte Letzterer auch nur das blü⸗ hende Grab derjenigen gefunden, wegen der er die weite Reiſe überhaupt angetreten, ſo bereute er doch keineswegs die Weltfahrt an der Seite des geliebten Freundes unternommen zu haben. Kaum aber hatte die ſchöne Olivia erſchaut, als es wunder⸗ bar licht in ſeinem Innern ward. Ja, ſie war es geweſen, die im fernen Weltmeer von der Abendſonne verklärt ihm vorübergeſchwebt. Der Himmel Afgha⸗ niſtans hatte ſeinen Einfluß auf das reizende Ge⸗ ſchöpf nicht ganz verläugnet. Ihr Teint war etwas dunkler, ihr Auge feuriger und ihr Wuchs üppiger als der Klotilden's, und obſchon kaum vierzehn Früh⸗ linge zählend, glich ſie einer Jungfrau von achtzehn. Und es währte nicht lange, da keimte neue Lie be und neue ſtille Seligkeit zog ein in die ſchönen Hal⸗ len von Friedrichshof. Gamaliel's und Klotilden's Herzen hatten ſich gefunden einerſeits, während Vietor Stolle, ſämmtl. Schriften. XVIMI. 15 226 und Olivia in inniger Liebe für einänder erglühten. Alle Mühſeligkeiten der Weltfahrt, welche Victor be⸗ ſtanden, um die Mutter aufzufinden, ſollten durch die reiche Liebe der reizenden Tochter tauſendfältig ver⸗ golten werden. Und ein Frühling zog über das Land und noch einer; da gab's eine Doppelhochzeit zu Friedrichshof. Daß hierbei weder der Rathsactuar Zeiſig, noch der Buchdruckereibeſitzer Süßmilch, noch der Tertius Vet⸗ terlein, noch der Turnlehrer Hanno fehlten, bedarf wohl keiner Erwähnung. Befand ſich doch ſelbſt der alte Doctor Eiſenbeiß unter den Geladenen. Als aber die Hochzeitsgäſte gerade bei Tafel ſa⸗ ßen, den ſeligen Brautpaaren ein Lebehoch nach dem andern gebracht wurde und die Champagnerpfropfen ſprangen, als ſollte eine Breſche in den Himmel ge⸗ ſchoſſen werden, erhob ſich plötzlich vom Schloßhofe herauf ein mörderliches Geſchrei. Ein paniſcher Schre— cken bemächtigte ſich der im Hauſe hin- und wiedèr⸗ laufenden Dienerſchaft, und unter dem Ausrufe:„Der Teufel kommt! Der Teufel kommt!“ ſtürzte eins über das andere. Erſchrocken eilten Brautpaare und Gäſte nach den nach dem Hofe führenden Fenſtern. Da war ein ge⸗ waltiger vierſpänniger Reiſewagen vorgefahren, und eben ſah man zwei Mohren beſchäftigt, eine wunder⸗ ſchöne Frau aus dem Wagen zu geleiten. „Die Blume Hindoſtans!“ rief Gamaliel, und verſchwand, ohne ein Wort weiter zu verlieren, durch die Saalthüre. „Sir John!“ rief Victor, und ſtürzte dem Freunde = 5 e * —— nach. „Doctor Barring!“ rief Hanno, und folgte gleich⸗ 6 falls. 3 227 Zeiſig, Vetterlein und Süßmilch klatſchten aber jubelnd in die Hände und riefen ununterbrochen: „Tohu, Bohn, Tohu, Bohn, das iſt prächtig!“ Und ſie waren es. Der wackre Capitain hatte zufällig von dem doppelten Hochzeitfeſte Kunde er⸗ halten und dieſe Gelegenheit benutzt, auch ſeine junge Frau den einſtigen Reiſegefährten vorzuſtellen. Dieſe war aber Niemand anders, als die reizende Brami⸗ nin, und die Sache alſo zugegangen. Sir John, als eifriger Chriſt, hatte es unmittelbar, nachdem ſich die Blume Hindoſtans unter ſeinen Schutz begeben, nicht unterlaſſen können, der Heidin die Vorzüge des Chriſtenthums, wo ſich die Wittwen nicht zu ver⸗ brennen brauchen, anſchaulich zu machen. Bei dieſem löblichen Bekehrungswerke war er aber ſelbſt vom Weiberhaſſer zum Liebhaber bekehrt worden. Kurz, der bekehrte Hageſtolz heirathete ſpäter. Die bekehrte und getaufte Heidin befand ſich ganz wohl in dem neuen Stande. Um die junge Frau nicht immer in Angſt und Bangen zu verſetzen, hatte er dem wüſten Seeleben entſagt und ſich in den geſegneten Vierlan⸗ den Hamburgs ein höchſt freundliches Landgut ge⸗ kauft, wo er endlich in Erfahrung brachte, daß ſich's daſelbſt doch beſſer leben laſſe, als zwiſchen Himmel und Wellen. So fügt ſich's in der Welt. Doctor Barring, namentlich ſeit dem letzten Schiff⸗ bruche und dem Aufenthalte an der afrikaniſchen Küſte dem Seeleben gleichfalls abhold, hatte ſich in Hamburg niedergelaſſen, woſelbſt er als praktizirender Arzt eines ausgezeichneten Rufes genoß. Wöchentlich fuhr er regelmäßig einmal in die Vierlande nach dem Gute ſeines alten Freundes, wo man ſich in ſtillum⸗ blühter Laube, wenn der Abendſtern herrlich ſtrahlte und Cöleſtine, dieſen Namen hatte die Blume Hin⸗ 228 doſtaus in der Taufe erhalten, die duftende Erdbeer⸗ kalteſchale auftrug, gern der einſtigen Seeſtürme er⸗ innerte. Mit Freuden faßte er den Gedanken des wackern Sir John auf, die einſtigen Reiſegefährten e Habichts bei ihrem Hochzeitsfeſte zu überraſchen. Tohu und Bohn wollten rein närriſch werden vor als die Reiſe fortging. Eine ſchönere Ueberraſchung aber als S un⸗ verhoffte Beſuch der Hamburger konnte namentlich den beiden Bräutigams nicht werden. Noch lange nach der Hochzeitfeier mußten erſtere auf Friedrichshof ver⸗ weilen. Es waren die letzten Hochzeitgäſte, welche das glückliche Schloß verließen.— Von dem Türken Abdullah, welcher den Erbfah⸗ rern bereits in Bombai aus den Augen gekommen, hat man nie wieder Etwas vernommen. Ende des zweiten und letzten Bandes. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. —— — 5 . N.. 578 e1u ↄnenqae 1