————————— Leihbibliothet 6 deutſcher, engliſcher und fran 6duard Oltmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Leih- und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Quution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für Wchentich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wi.— f. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Se lange die eiviliſirte Welt ſteht, und das iſt ſo lange nicht her, da ſie dieſes Prädicat erſt durch die wohllöblichen Poſtämter und Zeitungsexpeditionen an ſich gebracht hat, ſo lange ein anſehnlicher Theil des löblichen Poſtperſonals das Gegentheil vom Poſtpa⸗ pier, und die Lungen der Briefträger pulſiren in of⸗ ficieller Haſt, iſt von letzteren noch keiner mit ſolcher Sehnſucht erwartet worden, als der Briefträger Jacob Flügel vom Studenten Johannes am heiligen Car⸗ paſiustage. Bereits ſeit einer halben Stunde, denn Johannes wußte genau, wenn die gebirgiſche Poſt bei gutem oder böſem Wetter eintreffen mußte, hatte dieſer ſei⸗ nen Kopf in die warme Atmoſphäre der Gaſſe hin⸗ aus geſteckt, wie in ein wohlthuendes Bad. Daß die⸗ ſen Morgen ein wunderſchöner Frühlingstag aufge⸗ blüht war, das ſchien ihm klar; wiewohl er von den blauen Frühlingswellen, die unter Lerchengeſang über Giebel und Dächer dahinwogten, nicht das Geringſte gewahr wurde, weil er Nichts davon ſah. Selbſt dem kleinen Silberſtreifen über ſich, aus dem wie aus einem Himmelsriſſe Licht und Luft in die winterfeuchte Gaſſe herabſtrömte, konnte er ohne Gefahr, den Brief⸗ träger zu verpaſſen, keiner Betrachtung widmen. Wäre 8 nicht Poſttag geweſen, ſo würde ſich Johannes unbe⸗ ſtritten auf den Oberboden des Hauſes begeben ha⸗ ben, wo die Haſenfelle des Hutmachers hingen, und wo er wenigſtens ſo viel Himmel zu ſehen bekam, als er brauchte für ſeine Bruſt. Daran war heut nicht zu denken. Für die Späherblicke des Studenten nach dem Briefträger konnte es aber diesmal nichts Aerger⸗ liches geben, als der Erker des Nachbarhauſes, der wie ein Glasſchrank weit in die Gaſſe hineingebaut war. Johannes konnte zwar hindurch ſehn, und that's auch, aber es half ihm Nichts, und daran war eine Gevatterſchaft ſchuld. Die Erkerfürſtin war Pathe und ließ ſich friſiren. Das geſammte dienende Pu⸗ blikum, den Friſeur an der Spitze, tanzte in geſchäf⸗ tiger Eile wie die Kinder Israel um das kerzengrad⸗ ſitzende Steinbild. Moſes konnte ſich vor zweitauſend Jahren über ſolche Heidengräuel nicht mehr ärgern als Johannes. Indeß gelang ihm nach langen vergeblichen Ver⸗ ſuchen ein entſcheidender Blick zwiſchen dem Erkerpu⸗ blikum hindurch, und zwar mitten durch eine majeſtätiſche Haarpuffe, die ſo eben unter der Meiſterhand des Friſeurs emporgeſtiegen war. Die Erkerfürſtin, die keine Ahnung hatte, daß die kühnen Windungen ihres Haupthaars dem Stu⸗ denten als Lorgnette dienten, nach dem Briefträger zu gucken, blieb ruhig ſitzen, und ſo ward dem Jo⸗ hannes endlich die Freude, am äußerſten Ende der Straße einen gelben Punkt zu entdecken, der aber ſogleich wieder unſichtbar wurde. „Wenn das nicht Flügel war, will ich nicht Jo⸗ hannes heißen,“ rief der Student und tanzte in der Stube herum; denn jetzt konnte er ſich ſchon einige „ — 9 kleine Fenſterferien erlauben, da er mit dem Laufe des Brieſträgers genau bekannt war. Flügel brauchte wenigſtens eine Viertelſtunde, ehe er wie eine Maus die Schluchten und Gemächer des Frenzel ſchen Hau⸗ ſes, in welchem er unſichtbar geworden, durchfahren hatte. Johannes allein kannte ſieben ſtudirende In⸗ quilinen daſelbſt, die alle auf Geld lungerten und in Flügeln den Geſegneten des Herrn verehrten. Indeß litt es unſern Freund nicht allzulange im Stübchen; er lag bald wieder im Fenſter und ſah durch die Puffe, welche unterdeß zwei ebenbürtige Colleginnen erhalten hatte. Da ſah er, wie ſo eben zwei lange Landsmannſchafter mit rothen Mützen, die Briefcvuverts in der Hand, aus dem Frenzel ſchen Hauſe ſtürzten und der Poſt zu. Ein Haufe Mani⸗ chäer trampelte hinter drein. Ein paar Burſchen⸗ ſchafter folgten. Endlich erſchien Flügel ſelbſt, wie ein Gott, der Segen geſpendet, Hoffnungen vernichtet. Dreizehn hoffnungsloſe Phyſiognomien, auf denen ſich ſämmtlich getäuſchte Erwartung malte, wurden jetzt in den Fenſtern der vierten Etage ſichtbar und ſahen den Davvoneilenden trübſeligen Blickes nach. Indeß mußten die Beobachtungen, die Johannes durch den Erker und Puffe angeſtellt hatte, nicht bei⸗ fällig bemerkt worden ſein, denn mit einem Male ſenkte ſich eine graue Wand herab; und wenn Jo⸗ hannes nicht die Kunſt verſtand, um die Ecke zu ſe⸗ hen, ſtand es ſchlimm. Er tobte und verwünſchte den Erkerbau und lobte es, daß keine ſolchen Glasſchränke mehr geduldet würden. Er bekam nun Flügeln nicht eher wieder zu Geſicht, als bis dieſer durch die end⸗ loſen zwei Häuſerreihen ſich durchgefreſſen und ganz nahe war, wozu es noch einer ſchönen Zeit bedurfte. Johannes benutzte dieſe, um ſeine Habſeligkeiten vol⸗ 10 lends zuſammen zu packen; und dem verehrten Leſer kann zugleich vertraut werden, warum Johannes grade heut auf dem Briefträger ſo erpicht war. Die Sache war dieſe. Der Onkel unſers Jo⸗ hannes, ein Mann an Hetzlichkeit, Biederkeit und Humor, wie es wenige giebt, hatte ein höchſt roman⸗ tiſch gelegnes Waldſchloß ererbt; und da die Lage deſſelben ſo wunderſchön und die Gegend ſo roman⸗ tiſch, daſſelbe mit ſeiner Familie ſeit Kurzem für be⸗ vorſtehenden Frühling und Sommer bezogen; den Neffen aber bereits gelegentlich einladen laſſen, die bevorſtehenden Frühlingsferien bei ihm zuzubringen, und heute ſollte denn die vfficielle Einladung erfolgen, nebſt erklecklichem Viaticum. Johannes, nachdem er noch ein paar juriſtiſche Wälzer in den Torriſter geſchoben, eilte wieder an's Fenſter und hatte den Moment ſo gut getroffen, daß er nicht lange zu warten brauchte, als Flügel aus dem Nachbarhauſe ſchief über heraustrat. Dieſer, ſo wie er unſern Freund, der auch der ſeinige war, anſichtig wurde, ſchwenkte ſeine Mütze hoch in der Luft, und verſchwand gleich wieder in der angren⸗ zenden Tabackshandlung. Dieſes Mützenmanöver war aber ein äußerſt gün⸗ ſtiges Phänomen für Johannes, der ſich Flügeln zum lebendigen Telegraphen abgerichtet hatte. Ihm blieb jetzt nichts Eiligeres zu thun, als Feder und Tinte zum Quittiren hervorzuſuchen; und bald trat der Geſegnete des Herrn in's Zimmer. Der Brief des Oheims, dem zu Johannes frohem Schreck mehre Louisd'ore begleiteten, lautete aber wie folgt: „Mein guter Hans! „Laß Alles ſtehen und liegen und komm zu uns. 14 Wir können des Frühlings nicht Herr werden, Du mußt helfen. Wir freuen uns Alle ſehr auf Dich. Aber um fidel zu leben, mußt Du Dich für dieſe Ferien zu folgenden Bedingungen verſtehen: A. Den Juriſten auszuziehen. B. Keine homöopathiſche Kur anzufangen. C. Keine Journale zu leſen. b. Dich nicht zu verlieben. „Ohne dieſe Bedingungen halte ich ein pvetiſch⸗ humvoriſtiſches Leben für nicht denkbar und ein ſolches wollen wir führen. Bring doch einen guten Freund mit. Wo möglich ſo ein Stück Poet; Du verſtehſt mich ſchon. In unſrer Gegend findet er Futter, und ich hab es für's Leben gern, wenn ſich die Leute der herrlichen Natur freuen. Alle grüßen herzlich und mahnen zur Eile. Oben an ſteht Dein alter Oheim.“ Als Poſtſeript waren noch folgende Worte von Mädchenhand geſchrieben: „Wir fürchten uns ganz entſetzlich in dem alten Schloſſe. Helfen Sie uns ja recht bald, lieber Vet⸗ ter, gegen die Geſpenſter kämpfen. Pauline. Zugleich im Namen der Mutter und Sſ Maria.“ Das Erſte, was Johannes nach Durchleſung des Briefs vornahm, war, daß er ſich wie der böſe Feind über den Torniſter warf und mit einem Griffe zwei corpulente Pandeetenhefte herausriß. Meiſter's Cri⸗ minal⸗ und Biener's Prozeß folgten. Ein ſchönes Kirchenheft mit diverſen Schwänzen ereilte daſſelbe Geſchick. So, rief er erleichtert aufſpringend, iſt der Juriſt ausgezogen. Der Onkel hat ganz Recht, wie konnte mir's einfallen, den Frühling auf dem Lande 12 durch dieſe Wälzer zu entweihen. Er griff wieder nach dem Briefe und las:„Keine homöopathiſche Kur anzufangen.“ Ich verſtehe, der Onkel hat einen treff⸗ lichen Wein im Keller, wer da nicht trinkt, iſt nicht ſein Mann. Drittens:„Keine Journale zu leſen.“ Das iſt freilich ſchlimm. Geſtern erſt hab ich ein halb Dutzend ſchöner Gedichte in die Zeitung für die elegante Welt geſchickt, die gewiß bald erſcheinen werden, und wo⸗ durch ich mich bei den Damen in Buchenfels zu in⸗ ſinuiren hoffte. Närriſcher Onkel. Viertens:„Sich nicht zu verlieben.“ Dieſe Worte ſprach Johannes etwas leiſe vor ſich hin. Eine leichte Wolke floh dabei über das ſchöne Geſicht. Nachdem Johannes auf dieſe Art das Schreiben commentirt, machte er ſich nach dem im Briefe er⸗ wähnten Freunde auf den Weg. 2. Der Student Eginhard ſchritt ſo eben, Heine's Reiſebilder in der Hand, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und declamirte: „Britannia, dir gehört das Meer; aber das Meer hat nicht Waſſer genug, um abzuwaſchen die Schande, die der große Todte dir ſterbend vermacht hat.“ Da ſtürmte Johannes herein, den Brief des On⸗ kels in der Hand.„Da lies, Beſter,“ rief er, und hielt dem Deklamator den Brief hin. Dieſer aber ließ ſich nicht ſtören und fuhr fort: „Nach langen Jahren noch werden die Knaben Frankreichs ſingen und ſagen von der ſchrecklichen 13 Gaſtfreundſchaft des Bellerophon, und wenn dieſe Spott⸗ und Thränenlieder hinüberklingen über den Kanal, giebt es kein Britannien mehr.“ „Nimm Vernunft an und höre mich,“ beſchwor Johannes; aber Eginhard gerieth nur noch mehr in's Feuer, und rief mit erhobener Stimme: „Und Sanct Helena iſt das heilige Grab, wohin die Völker des Orients und Occidents wallfahrten in buntbewimpelten Schiffen und ſich ſtärken an den Thaten des weltlichen Heilands, der gelitten unter Sir Hudſon Lowe, wie es geſchrieben ſteht in den Evangelien des Las Caſes, Omeara und Antomarchi. Göttlicher Heine!“ Er ſank erſchöpft in den Seſſel. Johannes er⸗ kundigte ſich jetzt, ob der Raptus vorüber? Aber ſtatt der Antwort tönte es dumpf:„Wie es geſchrie⸗ ben ſteht in den Evangelien des Las Caſes, Omeara und Antomarchi. Göttlicher Heine!“ Doch gleich darauf ſprang Eginhard wieder auf und fiel dem Jo⸗ hannes um den Hals. „Weißt Du es ſchon,“ rief er,„ein neuer Band von Heine iſt erſchienen!“—„Da weiß ich noch Neures,“ ſprach Johannes, und reichte den Brief hin. „Göttlicher Heine!“ murmelte Eginhard vor ſich hin und begann das Schreiben zu leſen; aber kaum hatte er es überflogen, als er mit beiden Armen den Freu id erfaßte und zu walzen begann. Johannes, mit der drolligen Art Eginhard's wohl bekannt, walzte mit, bis der Enthuſtaſt nach Luft ſchnappend ausrief:„Das iſt übergöttlich! Wenn reiſen wir?“ „Lieber heut als morgen.“ „Auf der Stelle, Theuerſter! Das wird eine himmliſche Romantik. Die Couſinen, find ſie hübſch?“ 1⁴ „O ja, recht hübſch.“ „Natürlich, Pauline heißt die holdſelige Schrei⸗ berin; alle Paulinen ſind wunderhübſch; ich habe noch keine häßliche gekannt. Und Maria! O engel⸗ gleicher Name— „Maria möcht' ich Dich begrüßen Mein Herz hat ſtets Dich ſo genannt!“ „Armer Wilhelm Müller,“ fuhr der Enthuſiaſt in Wehmuth übergehend fort,„er hat dieſen ſchönen Frühlingstag nicht erlebt. Aber er ſoll leben. Komm Freund, wir bringen ihm einen Becher in Orlando's geiſterreicher Tiefe. Wir haben es ja lange nicht daran gewendet. Wein, Freude und dazwiſchen ein Klang der Wehmuth und Erinnerung an heimgegan⸗ gene Lieben— wir lieben es ja Beide.“ Johannes ließ ſich das heute nicht zwei Mal ſa⸗ gen, und wenn es dem Leſer gefällig, ſo klettern wir ein wenig mit hinab zu Orlandv. 3. Orlando's weltberühmter Weinkeller beſtand aus zwei Abtheilungen, wovon die erſtere das Forum hieß. Hier war es wohnlich, hell und gemüthlich. Hier ſaßen an den langen polirten und zierlich mit Wachsleinwand überzogenen Tiſchen die Advokaten, die in einem Viertelſtündchen einen Termin in dem nahegelegenen Rathhaus abzuwarten hatten; die Me⸗ diziner, die auf ihren Krankenbeſuchen zufällig an der verführeriſchen Kelleröffnung vorbeigeführt wur⸗ den; die Chirurgen, die ſich Courage tranken zur be⸗ vorſtehenden Operation, und Candidaten, die daſſelbe thaten, wegen des heutigen Examen; Schauſpieler, die die Probe verſäumt; Studenten, die mit lobens⸗ werthem Eifer in die Pandecten gerannt, aber vom ſeltſam lächelnden Famulus erfahren, daß die Frau Gemahlin des Pandectarius eines Söhnleins geneſen; Oekonomen der Umgegend, die Hafer und Wolle zur Stadt gebracht; Aeſthetiker, Politiker und ſchöne Gei⸗ ſter von Profeſſion. Berge von Zeitungen aus allen Weltgegenden vom ſächſiſchen Trompeter bis zum Moniteur Ottoman wurden alle Tage wie heut aufgeſchüttet und ver⸗ ſchlungen. Zuweilen floh die geſellige Wechſelrede wie Schmetterlinge über die Geſellſchaft, zuweilen wie⸗ der gab es ſtürmiſche Debatten. Alle politiſche, religiöſe und literariſche Farben und Parteien waren vertreten. Nur an gewiſſen Tagen herrſchte Todtenſtille, ſaß der Abſolute ruhig neben dem Radicalen, der Supernaturaliſt ruhig neben dem Rationalen, der Allopath ruhig neben dem Jünger Hahnemann's, und man vernahm nur ein allgemeines Eſſen, wie bei den Heuſchrecken, die man auch nicht zu ſehen braucht, um von ihrer begleitenden Nähe und ihrem Appetite überzeugt zu ſein. Dieſes merkwürdige Phänomen fand aber allemal an ſolchen Tagen ſtatt, wo Herr Orlando ſeine neuangelangten Brücken, Sprotten, Lachſe und ſeinen deliciöſen Cheſterkäſe im Tageblatte angekündigt hatte.. Links ab vom Foro führte aber ein ſchmaler, dunkler Gang zu einer kleinen mit Eiſen beſchlagenen Thür. Nur ganz entfernt vernahm man hier noch den Lärm des Forum. Ein düſtres Lämpchen be⸗ leuchtete die dunkle Pforte. Das war der Eingang zur zweiten Abtheilung des Kellers, das heilige Grab genannt. That ſich die Pforte auf, ſo ſah man in eine finſtere Felſenſchlucht hinein, durch welche 16 eine ſchmale Treppe zum tiefunterſten Keller führte. Hier lagen in dunkler, geheimnißvoller Stille die Cabinetsſtücke des Orlando, in langen Reihen. Was die Sonne vor langen, langen Jahren gekocht hatte auf fernen weinfröhlichen Hügeln, ruhte ſtill und hei⸗ lig in den gediegnen Stückfäſſern. Hier lagerten die ſchweren dunkeln Ungarweine, die goldnen Perlen des Rheingaus, die flammenden Italiener und der ölige, dunkelfarbige Ausbruch des glühenden Hispaniens. Eginhard und Johannes, die Bruſt voll Himmel und der Eine überdies drei wahrhaftige Louisd'ors in der Taſche, hatten eben im Sonnenlichte geſchworen, einmal einen Ducaten nicht anzuſehen und lebendi⸗ gen Leibes hinabzufahren zum Grabe. „Es iſt nur Jammerſchade,“ meinte Eginhard im Hinabklettern,„daß ich Hauf's Rathskeller nicht zu mir geſteckt habe,“ und Hans beſtellte eine Flaſche Pedro Kimenes. Zwei Wachskerzen erleuchteten dü⸗ ſter die todte Weingruft; der dunkle Spanier flammte und duftete; die Römer klangen an einander. „Den heimgegangenen Lieben,“ begann Johannes anſtoßend,„und allen guten Menſchen, die dort oben wandeln in Freud' und Schmerz!“ „Und in Specie,“ fügte Eginhard hinzu„Dein Onkel nebſt den holden Couſinen. Unſre Landsmann⸗ ſchafter würden ſagen: es iſt ein Prachtphiliſter. Jetzt aber, Hans, beſchwör' ich Dich, vor allen Din⸗ gen und mit allem Ernſte unſre poetiſche Situation gehörig zu überlegen. Man muß ſich derſelben nur recht bewußt werden. Bedenke, da zwei Etagen tief im Eingeweide der Erde bei Kerzenlicht und gefüllten Bechern. Ueber uns trampelt die Proſa herum wie toll, und über dieſer jubeln die Lerchen im himmli⸗ ſchen Blau. Sonſt überall Frühling; die Blumen liegen ellendick auf den Fluren. Wir hören und ſe⸗ hen von alle dem Nichts. Aber mein dunkler Pa⸗ raxedes erzählt mir dafür von ſeiner fernen ſonnigen Heimath im lieblichen Keres. Abſeits der großen Straße liegt das freundliche Städtchen in heitrer Stille. Nur ſelten verirrt ſich ein Reiſender dahin wegen der Räuberbanden in den andaluſiſchen Gebir⸗ gen. Aber wer einmal dort geweſen, der erzählt wie aus Tauſend und einer Nacht von den herrlichen Bodegas, den großen Weinkathedralen von Keres. Da ſtehen in ſymmetriſcher Ordnung die Fäſſer zu tauſenden, und langſam wandelt man auf und ab, macht von Zeit zu Zeit Halt und ſetzt ſich rittlings auf ein Faß, wie der alte Silen. Dann koſtet man den ſüßen Paraxedes, den duftigen Muskatello und jene unvergleichlichen dunkelfarbigen Weine, die wohl ein halb Jahrhundert erlebt und deren Duft allein ein todtkrankes Weinküferherz vom Tode erwecken könnte. Während außerhalb Alles von der glühenden Hitze Spaniens verſenkt wird, herrſcht in den Bode⸗ gas eine ewige erquickende Kühle. Stoß an, Hans, Spanien lebe!“ „Aber das freie Spanien,“ fiel dieſer mit Wärme ein,„das freie Spanien, auf dem kein Blut, keine Thränen und Flüche ermordeter Mauren, Inkas und Niederländer laſten. Unglückliches Land, unglickliche Sonne, die dieſe goldne Fluth kochte.“ „Politiſire nur nicht gleich,“ ſprach Eginhard, „wir ſitzen ja nicht im Forv. Aber Du haſt Recht, ich bin Spanien auch nicht grün. War das ver⸗ wünſchte Land nicht, der große Kaiſer lebte noch und wir riefen heute noch Vive l'empereur! Nun ſei nicht böſe,“ fuhr er, Johannes die Hand hinreichend, fort; „ich kenne ja wohl Dich Republikaner; aber ich kann Srolſe, ſämmtl. Schriften. XVi. 2 18 mir einmal nicht helfen. Denke nur, Kaiſer der großen Nation.“ „Die große Nation war keine freie Nation,“ erwiederte Johannes ernſt.„Aber unter dem liebens⸗ würdigen Juſte⸗Milieu, den Doctrinairs und wie ſie alle heißen, da iſt ſie es wohl, he? Jetzt aber, beſter Hans, laß uns vor allen Dingen unſere Reiſe über⸗ legen. Ich darf gar nicht daran denken. Wann bre⸗ chen wir denn auf?“ „Am Schönſten wär' es,“ meinte Johannes,„des Abends. Wir gehen die Nacht hindurch, da die Tage ſo warm ſind.“ „Göttlicher Gedanke,“ rief Eginhard,„himmliſche Wanderung. Rings Abendlauten friedlicher Dörfer, heimkehrende Heerdenglocken. Das Abendroth glüht, die heieigen Sterne ziehen herauf, wir immer darun⸗ ter hinweg. Zur Rechten und Linken träumende und duftende Blumen. Wir hindurch unter Sang und Klang. Dann keimt der Morgen. Die erſte Lerche ſingt ihr frommes Morgenlied am dunkeln Himmel. Bald blicken wir in das brennende Morgenroth und wandern direkt hinein. Die Sonne ſteigt herauf, wir immer vorwärts bis neun oder zehn Uhr; dann Sieſte gehalten in irgend einem ſchattig gelegenen Dorfe. Apropos, Dein Onkel ſammt Coufinen haben wohl noch keine Ahnung von Heine?“ „Wohl ſchwerlich,“ lächelte Johannes. „Da muß ich das Buch der Lieder noch einſacken,“ entſchied Eginhard.„Bruder, es wird himmliſch. Das war ſchon immer mein Wunſch, einmal einen Früh⸗ ling zu verleben in herrlicher Gegend poetiſch, humo⸗ riſtiſch, unter guten frohen Menſchen.“ 19 4. O meine Leſer, ich hoffe, es iſt keiner unter Euch, der nicht einen Haufen duftender Frühlingsabende in der Bruſt trüge, ſei's in der Erinnerung, ſei's in der Hoffnung. Ich bitte Euch, ſucht einen der ſchön⸗ ſten heraus, ſo Ende Mai, ungefähr acht Tage vor der Himmelfahrt, wo der tief ſchattende Flieder, mit violetten Trauben überhangen, ſteht, wo die Akazien ihre Silberblüthen angezündet und die Kaſtanien ihre Chriſtbäumchen des Mai's. Schon keimt der erſte Purpurblick in den Buſen der Roſen. Die Sonne iſt geſunken, die Lerchen ſingen ihr nach im Abend⸗ roth. Aus der Ferne einſames Abendlauten, ſonſt Alles ſtill und heilig. Nur die von der Sonne ver⸗ laſſnen Blüthen trauern und duften inniger vor Liebe und Sehnſucht. Dann provvzir' ich an Euch, erleuchtete Häupter, die Ihr hinter Akten, Krankenbetten und Leichenpre⸗ digten thut und ſchaffet, was Eures Amtes; blickt einmal zurück durch einige Decennien, in die Zeit, wo Ihr unbeweibt, aus froher Bruſt das„Gaudeamus“ ſanget, in den Auditorien und Karzern Euch ennuyir⸗ tet, am Ende des Halbjahrs aber froh und ſelig hin⸗ aus zoget eines Abends in den Frühling, in die Hei⸗ math;— Ihr werdet ein Auge zudrücken, wenn ſich unſre Wandrer bereits innerhalb des ſtädtiſchen Po⸗ lizeidiſtrikts, wo alles Rauchen bei harter Strafe ver⸗ boten war, ihre Cigarren angezündet und himmel⸗ glücklich dahin ſelbanderten. Eginhard hätte die ganze Welt umarmen mögen und grüßte Alles, was ihm in den Weg kam; Hübſche und Häßliche, Bekannte und Unbekannte, Jung und 2* 20 Alt, daß Johannes in gerechtes Erſtaunen gerieth über ſolche Bekanntſchaft. „Wachſen denn Deine Bekannten aus der Erde hervor?“ fragte er, der aus Höflichkeit die Mütze nicht auf den Kopf brachte. „Sind alles herzensgute Leute,“ verſicherte Egin⸗ hard,„ſieh, ſieh!“— Ein wunderliebliches Mäd⸗ chen ſchlüpfte ſo eben freundlichſt, doch ehrerbietig gegrüßt, mit einer Purpurglut auf dem Geſichtchen vorüber. „Wer war denn der Engel?“ fragte Johannes. „Ein göttliches Kind!“ „Wer war ſie denn?“ „Ja, ich weiß es nicht.“ Jetzt wurde es Johannes außer'm Spaße. Er zankte und ſchwor, lieber vorauszutraben, als ſich hier vor den Leuten blamiren zu laſſen. „Ein göttliches Kind!“ rief Eginhard in beglück⸗ ter Erinnerung und ehrerbietig ſenkte ſich ſeine Mütze vor einem alten Invaliden, der ganz verklärt dankte. Johannes begann jetzt zu traben. Eginhard hin⸗ terdrein und ſo gelangten ſie zum äußern Thore. Letz⸗ terer that hier einen ungeheuern Sprung in's Freie, ſchüttelte ſich, drehte ſich um, ſchlug drei Kreuze ge⸗ gen die Stadt und erklärte: „Dieſe drei Kreuze gelten nicht euch, holde Kin⸗ der mit den Blumengeſichtern, nicht euch, Prachtphi⸗ liſter, die ihr den Bruder Studio unter die Arme greift, nicht euch, fidele Kneipiers, die ihr nicht ſo⸗ gleich wegen eines ſoliden Pumpus das hochweiſe Uni⸗ verſitätsgericht in Feuer und Flammen ſetzt, ſondern lediglich euch heimtückiſche Schnurren und Pedells, die ihr uns das Leben, die holde freundliche Gewohn⸗ 2¹ heit des Daſeins verbittert, dir romantiſchem Karzer und euch, ſaure Linſen des Convikts.“ Während Eginhard ſeine drei Kreuze erklärte, blickte auch Johannes auf ſeinen Wanderſtab gelehnt in die Straßen zurück. Eine leiſe Wehmuth zog über das reizende Geſicht, eine Thräne ſchien nicht fern, als Eginhard zu zanken anfing, daß Johannes dem Abendroth den Rücken zukehre. „Was haſt Du noch an dem Neſte,“ frug er, und die Zwei wanderten in den Abendhimmel hinein. „Iſt doch, als ſäß Dir ein Liebchen drinnen im Stein⸗ haufen, in Thränen und Schmerz. Wie müßt ich thun; Larifari. Andre Städtchen, andre Mädchen. Mein Herz iſt groß, da können ein paar Dutzend himmliſche Kinder Cotillon tanzen und thun es auch. Nur keine Königin erwählt; da bin ich ſtrenger Re⸗ publikaner.“ Der Sprecher verbreitete ſich jetzt weiter über ſeine Herzensangelegenheiten, über ſein Glück bei den Da⸗ men, wo er gewöhnlich nicht ermangelte, tüchtig auf⸗ zuſchneiden. Mit ſeiner Herzensrelation zu Ende, blieb er plötzlich ſtehen, ſtützte ſich auf ſeinen Stab und ſchalt auf Johannes:„Großer Menſch,“ hob er an,„es iſt nicht auszuhalten mit Dir, biſt ſo hübſch und noch nicht einmal ein kleines Liebeshändelchen. Sieh, wie allerliebſt es wär', wenn wir ſo in Com⸗ pagnie unſre Herzen vermietheten an niedliche Inwoh⸗ nerinnen. Das iſt ungemein praktiſch, gleiche Liebe, gleiches Intereſſe. Aber was iſt mit Dir anzufangen Nova Zemblianer, Eisbär, Kieſelherz.“ Johannes ſchien etwas erwiedern zu wollen, doch ſchwieg er und fragte nach einer Pauſe:„Glaubſt Du denn bei alle Deinen Liebſchaften wahrhaft geliebt zu haben?“ 22 „Wie,“ rief Eginhard,„ich nicht geliebt? Heili⸗ ges Abendroth, ich nicht geliebt! Hans, ſoll ich Dir Hiſtorien erzählen? In keinem Romane kann's toller hergehen, als in meiner erſten wahren Liebe. Mein Herz war ein Vulkan. Jetzt iſt's ausgebrannt; und was ich Dir vorhin von meinen Liebſchaften erzählte, iſt bloße Verzweiflung.“ „Bloße Verzweiflung?!“ „Ja, Verzweiflung mit Philoſophie vermiſcht.“ „War's denn eine glückliche oderunglückliche Liebe?“ fragte Johannes. „Eine unglückliche,“ tönte es dumpf. „Und haſt mir nie davon erzählt?“ Eginhard fiel ſeinem Reiſegenoſſen um den Hals. „O Hans,“ rief er,„laß mich weinen, an treuer Freundesbruſt heiße Thränen weinen; aber Hans ich beſchwöre Dich— reiße alte, kaum verharrſchte Wunden nicht auf— laß mich ſchweigen.“ Dem Jo⸗ hannes, der das Weſen ſeines Freundes nur zu gut kannte, war lange nicht ſo romantiſch zu Muthe als letzterer glauben mochte. Er war überzeugt, daß es mit dieſer unglücklichen Liebe nicht viel auf ſich habe; erfüllte aber Eginhard's Wunſch und fragte nicht weiter. Dieſer dankte gerührt mit den Worten: „Laß dieſen Blick und Händedruck Dir ſagen, Was unausſprechlich iſt.“ Unterdeß brach die Dämmerung tiefer herein und dichtere Flore ſanken auf den geſtorbenen Abend herab. Eginhard ſprach noch viel über Liebe, Tod und Un⸗ ſterblichkeit, als in der Ferne ein erleuchtetes Haus ſichtbar ward, und bald darauf Töne von Tanzmuſik durch die Stille des Abends daherwehten. Dieſe X 23 Tanzmuſik gab Eginhard wieder vollauf Stoff zu me⸗ lancholiſchen Betrachtungen. „Keine Muſik,“ ſprach er,„hat ſo etwas weh⸗ müthig Ergreifendes als Tanzmuſik, welcher man ein⸗ ſam von fern zuhört. Es liegt ein eigner Charakter in dieſen Tönen. Es iſt, als ſtünde der ferne Zu⸗ hörer hoch über dem Irdiſchen und als ſtaunte er gleichſam auf das finnverwirrende Treiben herab, deſſen Nichtigkeit ihm jetzt erſt recht klar würde.“ Alsbald erreichten unſre Freunde den Tummelplatz der Luſt. Es war ein luſtiges Landvölkchen, das hier eine Hochzeit feierte. Johannes beſtellte ſich einen friſchen Trunk und ſetzte ſich in eine Laube am Hauſe, in welche der Abendſtern lieblich ſtrahlte. Eginhard war bald im Gedränge verſchwunden. Der Abend war wunderſchön und frühlingswarm. Rings träumende Blumen, duftende Stille. Immer goldner tauchten einſame Sterne aus den Tiefen des Himmels herauf und nur der etwas wüſte Lärm des Gaſthauſes, die grellen Töne der Tanzmuſik ſtörten die Harmonie des Abends., Johannes wandelte den Gang am Hauſe entlang und trat in den nächtlichen Garten. Hier war es ſtiller und heiliger. Eine kleine Terraſſe von duften⸗ den Flieder umwachſen, erhob ſich im Hintergrunde, und leiſe, damit er die goldnen und ſilbernen Glocken und Kelche nicht aufwecke, ſtieg Johannes hinauf und überſchaute die nächtliche Gegend. Aber bald wandten ſich ſeine Blicke nach der Ge⸗ gend, die er daher gewandert, und weilten lange da⸗ ſelbſt. War es die Wonne des Abends oder eine andere Quelle im Innern des Jünglings, daß ihm eine Thräne in die Augen trat. Den Lippen aber entſchwebte ein ſüßes Geheimniß, das bisher wie ein 2⁴ Räthſel tief in ſeiner Bruſt geruht hatte— der Name — Eugenie. Dem aufmerkſamen Leſer wird jetzt hoffentlich über unſern Johannes ein Licht aufgegangen ſein. Hatte der heitre Frühlingsmorgen, wo er nach dem Briefträger ſpähete, das Dejeuner bei Orlando nichts verrathen, der Abſchied am Thore nur ahnen laſſen, ſo konnte es doch am tiefſchattenden Abend, wo die Sehnſucht, dieſe ſüße blaſſe Tochter der Unſterblich⸗ keit, ſtärker duftet, wie die Nachtviole, nicht verbor⸗ gen bleiben, daß auch in ſeinem Herzen ein holdes Bild lebte, daß vielleicht die Liebe ihre erſten gold⸗ nen Funken hineingeworfen hatte. Gleichwohl ſchien es nur das erſte Frühlingsahnen, das erſte Sehnen der Knospe zur Sonne. Wie ein ſeliges Morgen⸗ roth war Eugenien's Bild vorüber geſchwebt. Ob er ſie ſelbſt je wieder zu ſehen hoffen konnte, das war der ſüße Schmerz ſeines Innern. War das Mädchen nicht auf der Durchreiſe begriffen geweſen? Aber dich, heilige Stunde des erſten Findens, des erſten ſeligen Himmelsblickes in jene Welt, der erſten ſichern Gewißheit von einem Engellande, von einer Unſterblichkeit— dich hatte er empfunden. Johannes mußte lange nach Eginhard ſuchen und fand ihn endlich mitten unter den Tanzenden, ein liebliches Landmädchen am Arme, luſtig dahin walzend. „Greif zu, Hans,“ rief der Tänzer ſchon von ferne;„lerne das Glück ergreifen.“ Aber Johannes war gar nicht zum Tanzen aufge⸗ legt, und mußte nur im Stillen den Freund be⸗ lächeln, der noch vor Kurzem ſo pathetiſch über die Nichtigkeit alles Irdiſchen, über Tod und Unſterblich⸗ keit deklamirt hatte. Endlich gelang es ihm, Egin⸗ hard zum Weiterwandern zu bewegen. 25 „Wir hätten immer noch ein Weilchen bleiben können,“ meinte letzterer;„wer den Augenblick er⸗ greift, iſt der rechte Mann. Es war ein nettes Kind, meine Tänzerin; ſie hat noch zwei Schweſtern und einen Bruder. Ihr Gütchen liegt zwei Stunden von hier. Ihr Bräutigam will mit der Hochzeit nicht länger als ein Jahr warten; ich verdenk's ihm nicht.“ Eginhard ſprach noch Vieles über die Familien⸗ angelegenbeiten ſeiner Tänzerin, und dem Johannes war es ein Räthſel; wie ſein Freund ſogleich mit Gott und aller Welt bekannt und vertraut werden könnte. Er befragte ihn darum. „Wie ich es anfange,“ lachte dieſer,„nun das giebt ſich von ſelbſt. Mein Motto iſt: Traurig mit den Trauernden, froh mit den Fröhlichen. Da kann es gar nicht fehlen. Man ſchickt ſich in Zeit und Umſtände und ſieht ſeine Leute an. Freilich mit einer Vorleſung über Tod und Unſterblichkeit darf ich auf einem Tanzſaale nicht kommen. Hätteſt auch ein We⸗ nig mit können herumſpringen, nun werde ich im Laufen früher caduk werden als Du.“ Immer goldner brach die Nacht herein. Die Freunde blieben oft ſtehen, ſich am herrlichen Ster⸗ nenhimmel zu orientiren. Eginhard deklamirte: „Die Sterne, die dort oben wimmeln, Sind Himmel, ſagt man, ſel'ger Luſt— Der ſeligſte von allen Himmeln, Das iſt der Himmel in der Bruſt. Es iſt Jammerſchade,“ fuhr ex fort,„daß der herrliche Schmidt von Lübeck ſo wenig bekannt iſt. Ich habe ſeine Lieder daheim: ſie ſind ein wahres Labſal. Wo nur der Gute die Muſe herbekommt; ſo ich nicht irre, iſt er beim Rechnungsfache in Lü⸗ beck angeſtellt; Ziffern und Pveſie!“ 26 Die Wanderer kamen wieder auf die Sterne zu ſprechen. Johannes belehrte den Freund, wie man ſchnell und leicht den Polarſtern finden könne; man dürfe nur die beiden hinterſten Radſterne des großen Wagens als Lineal gebrauchen und von dieſen auf⸗ wärts eine gerade Linie in Gedanken ziehen, ſo ſei der erſte helle Stern, auf den man ſtoße, der Po⸗ larſtern oder die Cynoſura. Eginhard ärgerte ſich, daß viele Theologen den Leuten vorſchwatzten, auf den Sternen wohnten reine Geiſter, körperloſe Eſſentialia, da von ſolchen doch Millionen in einem Fingerhute Platz hätten und keine Orionen und Milchſtraßen dazu brauchten. . 5. Halb von finſtern Waldungen, halb von Wein⸗ bergketten und fröhlichen Saaten umgrenzt, ſtreckte das alte Schloß Buchenfels ſeine grauen, epheuum⸗ rankten Steinmaſſen mit allem Trotze einer ehemali⸗ gen Raubburg in die blaue Frühlingsluft. Wie wohl der eine Theil des Schloſſes faſt ganz unbewohnbar war, ſo gewährte doch der andere, der ſein Daſein einer weit ſpätern Zeit verdankte, einen recht ange⸗ nehmen Sommeraufenthalt. Gleichwohl wollte ſich der weibliche Theil der Familie Wertheim mit dem alterthümlichen Gebände, mit ſeinen hohen Gemächern, dunkeln Kreuzgängen, Wendeltreppen und unergründ⸗ lichen Felſenkellern ganz und gar nicht befreunden, wie ſehr man ſonſt der mittelalterlichen Romantik im Walter Seott zugethan war. Der unbewohnte ältere Flügel des Schloſſes ſtand vollends im Verruf, und es unterlag gar keinem Zwei⸗ 27 fel, daß er vom Grunde bis zum Giebel voller Ahn⸗ frauen, Kobolde, Zwerge, Feuerſpeuern und Ketten⸗ klirrer wimmle. War es doch ſelbſt der weiblichen Neugier noch nicht gelungen, das Füßchen einer ſchö⸗ nen Bewohnerin von Buchenfels nach dem Bibliothe⸗ kenſaale, dem noch am beſten erhaltenen Gemache des alten Schloſſes zu lenken und dem räthſelhaften alten Bibliothekar einen Beſuch abzuſtatten. Wie ein altes Inventarienſtück war dieſer einzige Bewohner des alten Flügels von einem Beſitzer auf den andern fortgeerbt und endlich an den alten wackern Wertheim gelangt. Laut Teſtamentsklauſel erhielt er freie Wohnung, Koſt, nebſt einem kleinen Jahrgehalte von dem jedesmaligen Beſitzer. Vergebens hatte ihm Wertheim einen wohnlichern und freundlichern Aufenthalt im neuen Schloßtheile angeboten; vergebens war er oft zur herrſchaftlichen Tafel eingeladen worden; der Bibliothekar wußte ſich immer zu entſchuldigen und endlich hatte man den alten Sonderling gehen laſſen. Aber eben dieſes zurückhaltende, menſchenſcheue Verhalten des Mannes gab dem ſchönen Publiko Stoff zu tauſenderlei abenteuerlichen und romantiſchen Ver⸗ muthungen; und Signor Baſilico, dies war ſein Name, war nothwendigerweiſe Niemand anderes als der Ober⸗ direktor und Regiſſeur von alle den Ahnfrauen, Ko⸗ bolden, Gnomen und Sprühteufeln. Ein ſchwar⸗ zer Kater, eine höchſt myſtiſche Perſon und ſte⸗ ter Begleiter des Bibliothekars, war nicht geeignet, die Vermuthungen des ſchönen Publikums in Zweifel zu ſtellen. Der geneigte Leſer, ſo er das erſte Kapitel die⸗ ſer außerordentlichen Hiſtorie mit Andacht ſtudirt hat, wird ſich über die Beſtandtheile des ſchönen Publi⸗ 28 kums auf Buchenfels nicht lange den Kopf zerbrechen. Sie waren in der Welt Niemand andres, als die Verfaſſerin des niedlichen Poſtſcripts im Briefe an Johannes, die wunderliebliche ſiebzehnjährige Pauline und die reizende Marie, die zwei Jahre ältere Schwe⸗ ſter. Auch die Mutter des ſchönen Schweſterpaares, Wertheim's treffliche Gattin und Hausfrau und des Paſtors ſehr hübſche Camilla müſſen mit vollem Rechte hierher gerechnet werden. Die antiquariſchen, heraldiſchen und atrtiſtiſchen Unterſuchungen des alten Schloßtheils waren daher mit Recht auf die Ankunft der cvurageuſen Muſen⸗ ſöhne aufgeſchoben worden. Da ließe ſich eher etwas riskiren, hatte Pauline gemeint. „Wo ſie nur bleiben,“ frug dieſe eines Tages beim Nachmittagskaffee, der auf dem Balkone des Schloſſes eingenommen ward, von wo man die er⸗ quickende Ausſicht über das große ſchöne Thal genoß; „Du haſt den Brief gewiß wieder liegen laſſen, lie⸗ bes Väterchen?“ „Schweig,“ zankte Wertheim in ſeiner drolligen Manier, indem er die Tabackswolken in die blaue Luft blies,„liegen laſſen? Wünſcht Jemand, daß der Hans da wäre, bin ich's. Der herrliche Junge, hab' ihn faſt anderthalb Jahre nicht geſehen. Ihr ſeid's gar nicht werth, daß er die ſchöne Ferienzeit unſerer Ein⸗ ſiedelei zum Opfer bringt. Er thut es auch blos mir zu Liebe.“ „Wie doch die Zeit vergeht,“ ſprach ſinnend die Mutter.„Du beſuchteſt noch die Schule, Pauline, als er uns das letzte Mal beſuchte, und Marie war nicht lange vorher confirmirt worden.“ „Iſt raſend in die Höhe geſchoſſen,“ bemerkte 29 Wertheim,„ich ſprach ihn das letzte Mal, als ich durch ſeine Univerſitätsſtadt reiſte.“ „Ich kann mich nicht viel auf ihn beſinnen,“ meinte Pauline. „O er ſteht noch vor mir,“ ſprach Marie,„mit den Kaſtanienlocken; er war immer ſo ſanft und ſchüchtern. Er iſt gewiß recht hübſch geworden.“ „Ja, aber nur nicht gleich Verliebens angefan⸗ gen, voll Seufzer und Mondſchein,“ proteſtirte der Alte, in einem Tone, der zu gutmüthig klang, als daß er hätte verletzen können,„das wäre mir. Da wollen wir die Zeit vernünftiger anwenden.“ „Beruhige Dich, Väterchen,“ lachte Marie,„das wäre ja zu tragiſch. „Vor mir hat er auch Ruhe,“ entſchied Pauline und declamirte mit Pathos: „Ruhig werd' ich ihn erſcheinen, Ruhig gehen ſeh'n. Seiner Augen ſtilles Weinen Kann ich nicht verſteh'n.“ Alle mußten lachen. Nur der Vater brummte für ſich:„habt gut Lachen, da die Gefahr nicht da iſt.“ 6. Es lebt ein Weib im Norden, Sit ſchönes Weib, königlich ſchön; Die hohe Cypreſſengeſtalt Unſchließt ein lüſtern weißes Gewand; Die dunkle Lockenfülle, Wie eine ſelige Nacht, ergießt ſich Von dem hohen, flechtengekrönten Haupte. Sie net ſich träumeriſch ſüß Um das ſüße blaſſe Antlitz, Und aus dem ſüßen blaſſen Antlitz, Groß und gewaltig, ſtrahlt ein Auge Wie eine ſchwarze Sonne. 30 „Jetzt frag' und beſchwör' ich Dich, Beſter,“ fragte Eginhard den Johannes, mit dem er in dem ſchönen Frühlings⸗Nachmittage dahin wanderte,„wo findeſt Du vom ſeligen Hiob, dem Urahn aller Poeten, bis auf heute eine Dame einfacher, maleriſcher, himmliſcher gezeichnet, als in dieſen wenigen Worten des göttli⸗ chen Heine?“ Johannes, der nicht unbeleſen war, begann jetzt zu citiren, aber mit ſchlechtem Erfolge. Welch' herr⸗ liche poetiſche Gemälde weiblicher Schönheiten er vor⸗ brachte, ſie waren dem Freunde nichts gegen die obige Heine'ſche Zeichnung. Unglücklicherweiſe gerieth der Citant auch auf Fougué's Cvrona, und begann mit dem bekannten Verſe: „Ja dieſe finſtern braunen, dunkeln Locken zc.“ Der Gedanke an Fouqus brachte den Heineaner in Harniſch. „Schweig mir von dieſem Ritter von der trauri⸗ gen Geſtalt,“ rief er.„War er es nicht, der 1815 den in ſein Reich zurückgekehrten Napoleon nicht als Kaiſer anerkennen wollte? O armes Poetlein. Wo tauſend und aber tauſend Herzen zum Himmel jubel⸗ ten und freudig bluteten für den Mann der Jahrtau⸗ ſende, den weltlichen Heiland, da will ſich der Herr Baron ein romantiſches Air geben, ſchlägt ſich in die Bruſt und erklärt, er werde dieſen Mann nicht aner⸗ kennen. O Lächerlichkeit, und das will ein Dichter ſein? Aber man braucht nur einen Blick auf ſeine Verſe zu werfen, um von dieſem verbreiteten Irrthume zurück⸗ zukommen.“ Johannes, obſchon er an des Freundes Hyperbeln gewöhnt war und auch wußte, daß ſie bei Weitem nicht ſo gemeint waren, konnte doch dergleichen ober⸗ 34 flächliche Abſprecherei nicht leiden. Er nahm ſich daher des Barons mit Wärme an, ohne ein großer Verehrer ſeiner Poeſie zu ſein. Da Eginhard ſchon aus Vorurtheil gegen Fouqué wenig von ihm geleſen hatte, wie überhaupt die com⸗ plette und gründliche Lectüre eines Schriftſtellers, wenn er nicht ſein Liebling war, nicht zu ſeinen ſtarken Seiten gehörte, ſo ward es Johannes leicht, ihm ſeine Abſprecherei tüchtig fühlen zu laſſen. Eginhard ließ ſich indeß kein graues Haar wachſen. „Da fällt mir gleich,“ ſprach Johannes am Schluſſe ſeiner Strafpredigt,„ein recht liebes Liedchen von Fouqué ein, das, wie klein und unſcheinbar es ſcheint, dem Dichter gewiß von keiner unliebenswerthen Seite zeigt.“ Er recitirte: „Das iſt der wohlbekannte Flieder, Hier ſaß ich oft, ein frohes Kind, Und ſtammelte die erſten Lieder Gewiegt von Träumen hell und lind. „Das Glück, auf ungeſtümer Well Entfloh'n mir in des Sturms Gebraus, Such' ich an der geliebten Stelle;— Ach, Alles ſieht viel anders aus. „Die kleine Bank iſt weggenommen, Hochauf wuchs das Geſträuch umher, Und mag ich ſelbſt auch wiederkommen, Doch kommt das frohe Kind nicht mehr.“ „Was da,“ entgegnete Eginhard,„eine Schwalbe macht keinen Sommer. Indeß was wahr iſt, iſt wahr. Das Liedchen iſt nicht übel. Den Napoleon hätte aber der Baron demungeachtet anerkennen ſollen. Guter Hans, willſt Du mir wohl die Verſe wiederholen, damit ich ſie lerne.“ Johannes that es. 32 „Und mag ich ſelbſt auch wiederkommen, Doch kommt das frohe Kind nicht mehr“ wiederholte Eginhard mit Ausdruck declamirend.„Ein himmliſches Lied!“ rief er entzückt.„Hans, warum haſt Du mir das ſo lang verſchwiegen? Wie, das konnteſt Du Deinem Freunde thun? Bei Gott, das war kein Meiſterſtreich, Octavio!“ Johannes mußte lachen und fragte, ob er mit Fouqué ausgeſöhnt ſei? „Ja, aber, beſter Hans,“ war die Antwort,„den Kaiſer Napoleon nicht anzuerkennen— ich bitte Dich!“ Indeß ging die Reiſe vorwärts. Aber je näher die Freunde dem Ziele ihrer Wanderung kamen, deſto reizender ward die Gegend. Immer üppiger und blü⸗ hender quoll die Vegetation. Eine kleine Anhöhe lag vor ihnen. Sie ward im Sturm erklettert. „Ah!“ riefen Beide mit Einem Munde, als ſie die Höhe erſtiegen hatten, und ihre Blicke entzückt über das große herrliche Thal ſchweifen ließen, das in aller Pracht des Frühlings vor ihnen ausgebreitet lag. Da wogten die grünen Kornfluren, von ſilber⸗ nen Bächen, Obſt⸗Alleen und freundlichen Meiereien durchſchnitten. Der Horizont bildete eine Kette von Weinbergen und dunklen Waldungen. „Wie ſchön, v Gott, iſt deine Welt gemacht, Wenn ſie dein Licht umfließt. An Engeln ſehlt's ihr nur, und nicht an Pracht, Daß ſie kein Himmel iſt!“ declamirte Eginhard, während ſich Johannes nicht ſatt ſehen konnte an dem herrlichen Panorama. „Schau nur die göttliche Burg,“ jubelte der er⸗ ſtere,„dort in der Ferne am Waldesrande, linker Hand, wie altersgrau, dunkeltrotzig und kühn. Das 33 nenn ich Romantik. Aber wie weit haben wir noch bis Buchenfels?“ „Nach Ausſage des Mannes von vorhin,“ erwie⸗ derte Johannes,„vier Stündchen.“ „Das iſt ewig Schade,“ klagte Eginhard,„da liegt es nicht in dieſem himmliſchen Thale, ſondern jenſeits jenen Weinbergen oder hinter dem Walde.“ Ein Landmädchen kam des Weges daher. „Du, Schätzchen,“ rief Eginhard,„wie heißt denn die Burg oder das Schloß dort, was Du ſiehſt links beim Walde?“ „Die Buche,“ war die Antwort. „Die Buche?“ fragte Eginhard.„Dunkel iſt der Rede Sinn, erkläre Dich deutlicher, ſchönes Kind.“ „Nun Buchenfels,“ belehrte die Bäuerin,„wenn Er es ſo genau wiſſen will.“ „Buchenfels!“ rief Eginhard, ſprang auf Johan⸗ nes zu, umarmte dieſen und gallopirte mit ihm, trotz ſeines Widerſtrebens, den Hügel hinab.„Buchenfels! Haſt Du's gehört?“ wiederholte er, unten angekommen. „Freilich,“ entgegnete Johannes ziemlich ärgerlich; „aber was muß das Mädchen denken?“ „Was' kümmert uns das einfältige Ding,“ lachte Eginhard;„aber jetzt laß uns allen Ernſtes überle⸗ gen, wie wir der Burg beikommen.“ „Wie denn beikommen?“ fragte Johannes. „0 simplicitas!“ zankte Eginhard,„würde es denn nicht zu proſaiſch und alltäglich herauskommen, wenn wir auf dem gewöhnlichen, breitgetretenen Wege, den jeder Philiſter in ſeiner Verſtocktheit dahin trottirt, zum Schloſſe gelangten? Das iſt Nichts für Genies, wie wir ſind. Wir müſſen uns eine Entführung aus den Ritterzeiten denken. Du biſt der Knappe, ich der Ritter; oder meinetwegen umgekehrt. So faſſen wir 3 Stolle, ſämmtl. Schriften. XVI. 34 die Burg im Rücken, vielleicht durch den Schloßpark, falls einer da iſt.“ „Und werden von der Dienerſchaft entdeckt, und . als Spitzbuben durchgebläut,“ ſprach Johannes. „Um ſo beſſer,“ erwiederte Eginhard.„Da giebt es köſtliche Abentener, voller Kampf, Hervismus und höchſt romantiſcher Entdeckungsſcenen.“ „Oder von den Hunden gepackt.“ „Noch ſchöner,“ ſprach der Enthuſiaſt,„ſo müſſen die Burgfräuleins Charpie zupfen für unſere Wunden.“ Als ſich Johannes auf alle dergleichen romantiſche Ercentricitäten nicht einlaſſen wollte, ſprach Eginhard 1 mit traurigem Pathos: „O Hans, Du biſt der löwenkühne Jüngling nicht, 7 Der in Alcala von mir Abſchied nahm, Zu Dem ein unterdrücktes Heldenvolk mich ſendet. So verſprich mir wenigſtens,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„nicht ſo barbariſch fortzuſchreiten, als ob die Burg davon liefe, ſondern ganz piano, damit wir nicht am hellerlichten Tage im Hafen der Glück⸗ ſeligkeit einlaufen. Am Tage, Hans, bedenke, welche Proſa! Dämmerung muß es wenigſtens ſein. Am Liebſten freilich wäre mir Mitternacht.“ „Da bin ich gern dabei,“ geſtand Johannes. „Wenn wir ſie beim Abendeſſen überraſchen könnten, müßte es herrlichen Spaß geben.“ „Es wird ganz himmliſch,“ jubelte Eginhard,„ſo eben ſchlug es vier Uhr in der Dorfkirche da drüben. Drei Stündchen bis zum Schloſſe ſind es höchſtens. Wir machen fünf daraus. So wird es paſſen.“ Und ſie ſchritten wohlgemuth dahin. Marie und Pauline waren von einem Spazier⸗ gange in die Walderdbeeren zurückgekehrt. „Sieh' mal die ſchönen Beeren, Mutter,“ rief Pauline, ihr Körbchen hinhaltend,„die ſollen uns ſchmecken zur Abendmahlzeit.“ „Und immer noch keine Nachricht von den Akade⸗ mikern?“ brummte der Vater. „Wir haben uns die Augen ausgeguckt, die Straße entlang,“ ſprach Marie. „Begreife nicht, wo ſie bleiben,“ murrte Wert⸗ heim,„der Frühling iſt ſo ſchön, daß es, weiß Gott, um jede Stunde Schade iſt.“ „Geduld, Väterchen,“ ſprach Pauline,„ich will den Herren ſchon den Text leſen.“ „Der Hans iſt doch ſo ein Stück Poet,“ fuhr der Alte fort,„und die ſind auf den Frühling in der Regel verſeſſen.“ „Da macht er wohl Gedichte?“ fragte Pauline. „Sehr ſchöne,“ ſprach die Mutter,„ich beſitze ſelbſt einige.“ „O die mußt Du uns zeigen,“ riefen die beiden Mädchen. „Iſt ja ein wahres Genie,“ fügte Pauline hinzu. „Ja wohl, ein Herzensjunge iſt es,“ erwiederte der Vater.„Nur eins will mir nicht an ihm gefallen. Er giebt auf Napoleon nichts.“ „Auf unſern Liebling!“ rief eifrig Pauline,„nun das wollen wir doch ſehen.“ „Wirſt ihn auch nicht bekehren,“ ſprach der Vater. „Dir zu Liebe, Väterchen, wird er den Kaiſer ſchon anerkennen,“ tröſtete Marie. 3 36 „Da kennſt Du ihn übel,“ war Wertheim's Ant⸗ wort.„Hans iſt eingefleiſchter Republikaner. Ein zweiter Catv.“ „Ein Republikaner, was iſt denn das für ein Ding?“ frug Pauline. „Der keinen König haben will,“ belehrte Marie. „Alſo eine Königin?“ „Auch nicht,“ lachte der Vater. „Auch nicht,“ fuhr Pauline fort,„was will er denn?“ „Ueberhaupt gar keinen Fürſten, das Volk ſoll ſich ſelbſt regieren.“ „Närriſche Anſichten!“ „Ja wohl, mein Paul,“ ſprach der Vater und ſtrich mit Wohlgefallen die ſeidenen Locken aus dem blühenden Antlitz ſeines Lieblings,„da haſt Du ſehr Recht. Ich lobe mir den Napoleon, vor dem hatte man Reſpect; aber wie ſieht es in einer Republik aus!“ Wenn Wertheim ſein jüngſtes Töchterlein Paul nannte, war er abſonderlich guter Laune, wie wohl das ſchöne Kind dieſe Abbreviatur ihres Namens gar nicht leiden konnte. „Der Abend wird wunderſchön,“ ſprach Marie, die an das Fenſter getreten war,„wie wäre es, wenn wir zu Abend im Parke ſpeiſten?“ „Ein himmliſcher Gedanke,“ fiel Pauline ein,„v Väterchen, nicht wahr, Du biſt noch gar nicht müde?“ „Welche Zumuthung,“ ſprach abwehrend der Papa, „ſo weit hinabzuklettern und dann wieder herauf.“ „Wir führen Dich,“ ſchmeichelte der Liebling, „denk nur, wie hübſch es ſich an dem ſchönen Abend dort unten eſſen muß. Die Walderdbeerkaltſchale ſoll uns vortrefflich munden.“ „Was ihr Kinder einem das Leben ſauer macht,“ 37 ſprach der Vater, der ſeinen Lieben nie einen billigen Wunſch abſchlug, wie bitterböſe er ſich zuweilen auch ſtellte.„Vorher aber laßt mich mein Abendpfeifchen in Ruhe rauchen beim Paſtor. Ich ſchicke Euch die Camilla zur Geſellſchaft.“ „Du biſt und bleibſt unſer gutes Väterchen,“ ju⸗ belte Pauline; und alle Anſtalten zum Souper im Grünen wurden getroffen. 8. Die Dämmerung brach allmälig herein. Der Tiſch im Park war gedeckt, aber der Papa konnte ſich vom Paſtor nicht fortfinden und die Mutter ließ ſich eben⸗ falls nicht blicken. Unterdeß ſaßen die drei Mädchen plaudernd und ſcherzend auf einer Raſenbank an der Parkmauer. „Wenn ſie nicht bald kommen,“ ſprach Marie in das verbleichende Abendroth blickend,„könnte unſer einem ordentlich bange werden hier in der Einſamkeit. Unter uns,“ fuhr ſie geheimnißvoll fort,„ſoll's auch im Park nicht ganz richtig ſein.“ „Wie denn ſo?“ fragte Pauline, die in der Mitte ſaß, neugierig und ängſtlich, und erfaßte von jeder der Nachbarinnen eine Hand. „Ja,“ erzählte Marie,„Fritz, der Jäger, will neu⸗ lich des Nachts eine weiße Geſtalt mit blutrother Fackel hier haben umherwandeln ſehen.“ „Das iſt der uralte Graf Bodo,“ erklärte Ca⸗ milla, leiſe und geheimnißvoll,„der hier begraben liegt und wegen der vielen Miſſethaten, die er im Leben begangen hat, im Grabe keine Ruhe finden kann.“ „Was, wo liegt er begraben?“ fuhr Pauline auf, „um's Himmelswillen, mach' mir nicht Angſt, Camilla.“ 38 „Gleich hier neben der Laube,“ verſicherte dieſe. „Das fehlte noch,“ drängte Pauline,„kommt, . kommt!“ Camilla, von Natur beherzter und indifferenter gegen Geſpenſter, ſuchte die Freundin zu beruhigen und zurückzuhalten.„Er geht nur des Nachts um,“ ſprach ſie,„jetzt nicht“ ¹„Wird Dich nicht fragen,“ fiel Pauline ein. 1 Marie fuhr aber mit einem Male vom Sitze auf: „Habt Ihr nichts gehört?“ frug ſie zähneklappernd, 1„Um Gotteswillen, was denn?“ rief die Schweſter. „Es ſcharrt an der Parkwand.“ „Was ſoll denn ſcharren!“ lachte Camilla, und drei horchten ſtill auf. „Himmliſcher Freund,“ rief von außen eine Stimme, „Und wär' die Mauer höher als die Jungfrau, 1 Die ſeit ewig grau verſchleiert ſitzt, ich muß hinauf.“ Zugleich vernahm man das Geräuſch eines von außen Emporkletternden und alsbald ward Eginhard's Kopf über der Mauer ſichtbar. all — „O, warum enteilen Sie, ſchöne Damen?“ rief er den davon laufenden Mädchen nach; und zu Johan⸗ nes, der ziemlich ärgerlich unten an der Mauer ſtand: „Himmliſche Kinder, ſag ich Dir, wahre Gazellen, ſo viel ich in der Dämmerung wahrnehmen kann.“ Johannes zankte und rief, daß Eginhard wieder herabklettern ſollte; dieſer aber trieb tauſenderlei Kurz⸗ weil.„Die erſte Baſtion iſt ſchon erobert,“ ſprach er, „der Feind hat ſich unſtreitig in's Schloß zurückgezo⸗ gen.“ Er recognoscirte die Localität des Schloßparks. „Das muß ehedem eine Art Bärenzwinger geweſen ſein,“ meinte er,„hier mag es ſonſt ſchön gebrummt haben. Jetzt ſind leider die guten Bären todt und keine Gefahr mehr vorhanden; wo drei hübſche Mäd⸗ 39 chen hauſen, iſt's mit der Bärſchaft aus. Ich werde daher getroſten Muths hinabklettern.“ Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als er ſie ausführte und ſich bald im Schloßparke befand. Hier entdeckte er die Laube und den ſauber gedeckten Tiſch. „Heureka, Joanne,“ rief er dem außerhalb fluchend Auf⸗ und Abſchreitenden zu,„herrliche Entdeckungen, die Abendmahlzeit iſt erobert. Ja, nur Muth, und der Menſch kann es weit bringen. Deliciöſe Erdbeeren, Johannes, armer Schlucker, der Du am Rande des Himmelreichs auf⸗ und abrennſt. Spring in's Teu⸗ felsnamen herein. Wir können nicht beſſer aufgehoben ſein. Lerne das Glück ergreifen. „Willſt du immer weiter ſchweifen, Sieh, das Gute liegt ſo nah.— Hans, biſt doch noch da?“ Johannes war ſo ärgervoll, daß er keine Ant⸗ wort gab. „Hans,“ rief Eginhard wiederholt,„biſt mir doch nicht eſchappirt? „Geh nicht von mir, Max— bleib bei mir. Denk Dir nur dieſe überirdiſche Romantik, hier Dei⸗ nen Freund im Bärenzwinger; es hat Alles ſo etwas Verzaubertes, wie in einem Mährchen von Ludoviko Tieck. Dieſe niedliche Abendtafel, von welcher unter⸗ nehmende Ritter die ſchönen Burgfräuleins vertrieben haben. Wo ſeid Ihr hin, holde Blumen, reizende Genien meines Daſeins? Aber wo Ihr Euch verbergt, mein liebeglühend Herz wird Euch entdecken, und wenn ein Rieſe oder Moloch Euch bewacht, ſo werde ich ihn tödten und Euch befreien, und die Schönſte und Tu⸗ gendhafteſte führ' ich heim als trautes Ehgemahl, auf Ritterehr und Ritterſchwur.“ 40 Dieſe poetiſchen und hochromantiſchen Expectora⸗ tionen wurden übrigens plötzlich auf ziemlich proſaiſche Weiſe unterbrochen. Vom Schloſſe her wurden Stim⸗ men laut und ein raſendes Hundegebell durchſcholl die Luft. Nach dem energiſchen Baſſe, in welchem dieſe Hunde bellten, war auf tüchtige Bullenbeißer zu ſchließen. „Sultan, Paſcha, faß!“ tönte es immer näher und ſchon vernahm man, wie die gefeſſelten Beſtien durch die Geſträuche brachen. Eginhard ſuchte jetzt in ſchnellſten Sätzen die Mauerſtelle zu erreichen, wo er herabgeklettert war. Er bemühte ſich, mit der außerordentlichſten Behän⸗ digkeit emporzuklimmen, aber bereits ſaß ihm der Paſcha auf den Ferſen und packte den Flüchtling an den Schößen des altdeutſchen Rockes. „Halt,“ rief eine Stimme,„oder ich gebe Feuer.“ Dabei knackte ein Hahn auf ſo verdächtige Weiſe, daß Eginhard den entfernteſten Gedanken an eine Flucht aufgab. Er blieb daher kerzengerade, mit dem Ge⸗ ſichte gegen die Mauer gekehrt, ſtehen. Der Paſcha, ein echter Wolfsfänger, war ihm nämlich mit den Vorderpfoten auf die Achſeln geſprungen und hielt den Romantiker ſo energiſch am Rockkragen, daß er ſich nicht rühren, ja den Kopf nicht einmal ein we⸗ nig ſeitwärts biegen konnte. Unterdeß kam auch Sul⸗ tan herangebrauſt und faßte Eginhard von vorn. So ſtand er vollends eingemauert. „Wer ſeid Ihr, was wollt Ihr hier?“ fuhr die Stimme im barſchen Tone fort. „Ach, hochverehrteſter Herr Schloßcaſtellan oder Oberförſter, oder wer Ihr ſonſt ſeid,“ lamentirte Eginhard,„ruft nur die kannibaliſchen Beſtien zurück, ich will Euch gern Rede ſtehen. Ich bin der fried⸗ fertigſte Menſch, den die Sonne beſcheint.“ 4¹ „Sultan, Paſcha,“ gebot die Stimme, die Packer ließen los und Eginhard erhielt ſo viel Freiheit, we⸗ nigſtens Rechtsumkehrt zu machen. Vor ihm ſtand, ſo viel der Student in der Dunkelheit gewahren konnte, ein alter Waidmann, der ihn nicht mit den freundlichſten Blicken muſterte. Unterdeß war Johannes, der außerdem den Spek⸗ takel vernommen, auf der Mauer erſchienen und wollte dem Freund zu Hülfe eilen. So wie aber der Waid⸗ mann den zweiten Feind erblickte, hieß es wieder: „Allons, Sultan, Paſcha!“ und Eginhard ſtand wie⸗ der wie angenagelt. Die Beſtien hielten ihn brüder⸗ derlich umarmt. Seine Lage war nicht die angenehmſte und ſelbſt nicht ohne Gefahr, denn wer wollte es dem Sultan verargen, wenn er es in der Dunkelheit nicht ſo genau nahm und ſein Zahn im Dienſteifer etwas die Haut ritzte. Trotz ſeiner precairen Lage, konnte Eginhard doch nicht die Gewohnheit laſſen, mit dich⸗ teriſchen Citaten um ſich zu werfen. Er rief daher Johannes zu: „Zurück, Du retteſt den Freund nicht mehr, Den Tod erleidet er eben, So rette das eigene Leben.“ Johannes, der jetzt die ſchlimme Lage des Freun⸗ des erkannte, ſprach ſo vernünftig zum alten Waid⸗ mann, daß dieſer abermals die Hunde zurückrief. So⸗ bald ſich Eginhard befreit ſah, unterſuchte er vor allen Dingen ſeine Garderobe und viſitirte ſich am ganzen Leibe, ob er wirklich mit heiler Haut den Höllenhunden entkommen ſei. „Das nenn' ich Abenteuer,“ ſprach er,„aber mein Rock hat dermaßen büßen müſſen, daß ich mich in ihm bei keinem vernünftigen Menſchen ſehen laſſen kann. Romantik war bei der Sache, aber wenn kein 42 Schneider hier zu Lande, ſoll ſie der Teufel holen, und dieſer Schneider muß überdies ein durchtriebener und mit allen Hunden gehetzter Mann ſein, wenn er die Wirkungen von Herrn Sultans Klauen einiger⸗ maßen unkenntlich zu machen gedenkt.“ Der Waidmann gebot jetzt dem Sprecher zu fol⸗ gen, und dem Johannes, ſich unverweilt zu entfernen; der Weg zum Schloſſe führe nicht über die Mauer. „Du ſiehſt jetzt, Hans,“ rief Eginhard dem Freunde zu,„daß ich ietzt thun muß, was ich nicht laſſen kann. Leb' wohl, in einer andern Welt ſehen wir uns wieder.“ Damit folgte er, rechts und links von Sultan und Paſcha eskortirt, dem voranſchreitenden Waidmann. 9 Eginhard's Ueberfall hatte die ganze Schloßbe⸗ wohnerſchaft in Alarm gebracht; am Meiſten die drei Mädchen, über welche der erſte Sturm hereingebro⸗ chen war. Wertheim war eiligſt aus der nahgelege⸗ nen Wohnung des Paſtors geholt worden. Letzterer ſelbſt folgte, mit einem Stocke bewaffnet. Die drei Mädchen, die Mutter, nebſt dem weiblichen Dienſt⸗ perſonale hatten ſich unter den Schutz der beiden Diener Wertheim's begeben, welche Fritz, der Sohn des alten Waidmanns, kommandirte. Letzterer ſelbſt hatte ſich's nicht nehmen laſſen, mit den beiden Wolfsfängern und einer guten Doppelbüchſe den be⸗ drohten Park zu recognosciren. Als Wertheim und der Paſtor angelangt waren, concentrirte ſich die große Armee in dem blauen Saale, von wo man die nächſte Umgebung des Schloſſes am Bequemſten überſehen konnte. Fritz⸗ durch das Hundegebell aufmerkſam gemacht, ſchickte ſeinem Vater noch den unternehmenden Benedix zum Succurs. Dieſer begegnete dem alten Förſter gerade am Eingange des Parks, wie er mit dem Arreſtanten zurückkehrte. Eginhard ward jetzt vor dem Schloßherrn ge⸗ bracht. Er kannte den Charakter Wertheim's aus Johannes Mittheilung und begann folgendermaßen: „Großmächtiger Beherrſcher dieſes Schloſſes. Zwei irrende Ritter, die zeither an den Brüſten der Alma Mater gelegen, und von denen der eine dermalen noch im Nebel und Zwielicht umherirrt und wahr⸗ ſcheinlich den legitimen Eingang zu dieſer Burg nicht finden kann, waren für bevorſtehendem Frühling der Milch der ſchönen Wiſſenſchaften überdrüßig gewor⸗ den, und haben dem gemäß für gut befunden und beſchloſſen, ihr Hauptquartier auf die Ferienzeit in vorliegendem Schloſſe aufzuſchlagen, oder auch in ir⸗ gend einem Gartenhäuschen, da die Nächte nicht kalt, ſintemal die Weinmörder alleſammt glicklich vorüber ſind. Die Urkunde, vermöge welcher wir uns dieſes Rechts bedienen, beſitzen wir ſchwarz auf weiß vom weitregierenden Regentenhauſe dieſes Schloſſes eigen⸗ händig unterſchrieben und ſteckt, wenn ich nicht irre, im Ränzlein beſagten Ritters, der noch in der Irre umherläuft. Da wir den verwachſenen und ſich weit dahinſchlängelnden Fahrweg, welcher zur Burg führt, als befliſſene Studioſen der freien Künſte einzuſchla⸗ gen gerechten Anſtoß nahmen, fintemalen denſelben all ſündhaft Vieh und die geſammte Philiſterſchaft ein⸗ her trottirt, auch Herr Johannes als einſtiger Rechts⸗ praktikant und Verfechter der menſchlichen und gött⸗ lichen Gerechtigkeit ſchon ſich frühzeitig daran gewöh⸗ 44 nen wollte, alle krummen Wege zu meiden und nur den geraden zu wandeln, ſo blieb uns nach wohlbe⸗ dachtem Dafürhalten nichts übrig, als unſern Einzug durch den Park zu halten. Indeß waren die Anſich⸗ ten der Menſchen verſchieden von Anbeginn, wie ſchon in der Bibel zu leſen; ſo kam es, daß dieſer wür⸗ dige Oberforſtmeiſter, thätigſt unterſtützt von zweien ſeiner würdigſten Scholaren, unſerm weiſen Plane entgegen trat, indem er die eben erwähnten Vierbeine mir geſchäftig unter die Arme ſchickte. Doch nie ſoll uns ein Unglück zur Verzweiflung, nie ein Glück zum Taumel bringen, das iſt meine Maxime; gelang auch unſer hochherziger Entſchluß nicht, ich hatte gehofft, mein Lohn iſt abgetragen, mein Glaube war mein zugewognes Glück. Gegen das Schickſal kämpfen Götter ſelbſt vergebens, was will ein Studioſus, der erſt im dritten Semeſter ſteht, noch ein magrer Ham⸗ mel iſt, vor Ihren ſeligen Herrlichkeiten voraus ha⸗ ben.“ Uebrigens ſchloß er ſeine Anrede und ver⸗ neigte ſich mit republikaniſcher Grandezza: „Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni!“ Wertheim erkannte bald, wen er vor ſich hatte. Er war außerordentlich erfreut, umarmte Eginhard herzlichſt und erkundigte ſich angelegentlich nach Jo⸗ hannes. „Die Götter wiſſen's, wo er umherirrt,“ ſprach der Muſenſohn,„bis auf die Parkmauer iſt er ge⸗ kommen, dort hab ich ihn ſtehen ſehen, ſo lang er war. Was weiter mit ihm geſchehen, weiß ich nicht, denn ich ſchritt folgſam zwiſchen Sultan und Paſcha.“ „Allons, auf Ihr Leute,“ commandirte ſogleich Wertheim,„ſucht mir meinen Vetter auf, der Weg zum Schloſſe iſt für den Unbekannten nicht leicht zu finden, zudem bricht die Dunkelheit immer mehr herein.“ Eginhard ward aber von dem Alten unter den Arm genommen und nach dem blauen Saale geführt, wo das weibliche Perſonale noch immer angſtvoll dem Ausgang des großen Abenteuers entgegenſah. „Hier bring ich den kühnen Mauerſtürmer,“ lachte er, den Studenten vorſtellend,„es iſt der Freund und Begleiter unſers Hans, der ſogleich ſelbſt erſchei⸗ nen wird.“ Den Damen ſiel ſämmtlich ein großer Stein vom Herzen. Ihre Beklommenheit ging in große Freude über. Eginhard bat jetzt in ſeiner launigen Manier um Verzeihung wegen des Schreckens. „Wer konnte auch glauben,“ entſchuldigte er ſich, „daß hinter der alten Druiden⸗Mauer unmittelbar der Himmel angehe, wo die Engel leibhaftig auf⸗ und abwandeln. Daß ich übrigens für das Himmel⸗ reich noch lange nicht genug geläutert bin, iſt mir klar geworden; die vierbeinigen Satane mit den türkiſchen Prädicaten machten ſich unmittelbar nach meiner Einfahrt über mich her.“ Eginhard, als er dies ſprach, konnte indeß noch keineswegs herausbekommen, welche Mühe er ſich auch gab, ob die anweſenden Damen wirklich ſo hübſch ſeien, daß ſie das Prädicat Engel verdienten; denn es war ziemlich dunkel geworden, und der Befehl Wertheim's, Licht herbei zu ſchaffen, kam ihm ſehr gelegen. Zugleich beſann er ſich auf ſeine zerſauſte Garderobe. Er fuhr convulſiviſch mit der Hand nach ſeinen Rockſchößen. Hier machte er die überaus be⸗ trübende Entdeckung, daß der Paſcha wahrhaft unver⸗ antwortlich gewirthſchaftet hatte. Ein artiges Stick 46 feines Tuch, der Türke hatte den Rachen vollgenom⸗ men, ſchlotterte um ſeine Waden. Er beſchloß daher, die wenigen dunkeln Augenblicke zu benutzen, knipp den herabhangenden Fetzen vollends ab und ſchob ihn in die Taſche. Zugleich erſuchte er das Publikum, ſich auf einen anderweitigen Schrecken vorzubereiten, ſobald das Licht kommen werde. Sie würden näm⸗ lich einen halb angefreſſenen Menſchen erblicken, lobte die Racker, daß ſie in ihm keinen Wolf erkannt, weil er dann unfehlbar noch weit ſchlimmer davon gekom⸗ men ſein würde. Endlich erſchien Licht und es wur⸗ den verſchiedenartige Entdeckungen gemacht. Eginhard gewahrte nämlich, daß die Couſinen allerliebſte Mäd⸗ chen ſeien, was ihn ganz glücklich machte; die Cou⸗ ſinen ihrerſeits, nachdem ſie die äußere Perſönlichkeit des Studenten recht angenehm gefunden hatten, rich⸗ teten ihre Aufmerkſamkeit auf den zerzauſten altdeut⸗ ſchen Rock. Eginhard ſelbſt gewann endlich Muſe, über ſeine Kleidung Unterſuchungen und Betrachtun⸗ gen anzuſtellen. Er geberdete ſich dabei ſo poſſirlich, daß die Mädchen in lautes Lachen ausbrachen. Wertheim ward indeß immer beſorgter wegen dem Johannes. Er ging denſelben ein Stück vor das Schloßthor entgegen. Zum Glück brauchte er hier nicht allzulange zu warten und das ausgeſchickte ommando eskortirte alsbald den vermißten theuern Neffen in ſeine Arme. Nun ward Leben im Schloſſe. Für die Abend⸗ mahlzeit im Parke war es zu ſpät geworden. Die⸗ ſelbe ward daher in dem geräumigen und freundlichen Speiſezimmer zubereitet und bald ſaß Alles an der wohlbeſetzten Tafel. Das Mahl war gerade kein ſveratiſches zu nen⸗ nen, aber ich hätte mögen dabei ſein. Johannes 17 Herz von ſo vielen befreundeten Herzen begrüßt, konnte nicht genug pulſiren zum Gegengruß. Dabei ſaß ihm ein leibhafter Engel aus dem Himmelsland nicht ſechs Handſpannen gegenüber. Er hatte oft in ſeinen Ausarbeitungen Engel mit einander discuriren laſſen, er ſprach da wohl ſelbſt mit, und im beſten Styl; diesmal konnte er ſich durchaus auf keinen Anfang beſinnen. Er hatte bereits jedem Vögelchen in dem Familienneſte ſeinen herzigen Inbiß vorge⸗ legt, nur Marie war leer ausgegangen. Dabei ſaß ihm der verwünſchte Spruch, der Cavalier ſoll die Dame unterhalten, wie ein böſer Feind im Nacken. Er fuhr vergeblich in ſeinen Gehirnkammern nach einem ſchmackhaften Körnchen umher, daß er dem En⸗ gelkinde vorlegen könnte. Er rannte verzweifelt am jenſeitigen Ufer auf und ab, um eine taugliche Stelle zu erſpähen, zum Uebergange in eine Converſation; er fand keine Brücken, nicht einmal ein lumpiges Bret. Eginhard, der weiter oben an der Tafel ſaß, lebte im dritten Himmel und ahnte nichts von der ſtillen Verzweiflung ſeines Freundes. Er ließ unun⸗ terbrochen ſeine launigen Knallbonbons ſpringen und ſeine humoriſtiſchen Leuchtkugeln ſteigen, daß es Allen eine Luſt war, nur für Johannes nicht, der im Stil⸗ len den Redſeligen von Herzen beneidete. Eginhard war ganz der Mann für Wertheim. Die Beiden waren auch ſchon ſo vertraut, daß es Johannes ein Räthſel war, wie das ſo ſchnell habe zugehen können. Sie ſaßen bereits über Napoleon, und der eine war über den andern entzückt, als ſie die herrliche Entdeckung machten, daß der Kaiſer ihr beiderſeitiger Abgott ſei. Wenn Wertheim hier und da an ſeinem Gotte noch etwas auszuſetzen fand, 48 ſo war das Waſſer auf die Mühle Eginhard's. Die⸗ ſer, in ſeiner gewohnten Exaltation vertheidigte Na⸗ voleon in allen Dingen. Selbſt wo die unparteiiſche Geſchichte gegen ihn ſprach, machte er den Advokaten. Bei aller Politik vergaß er aber auch die Galanterie nicht. Pauline, die neben ihm ſaß, überſchüttete er mit drolligen Artigkeiten und Aufmerkſamkeiten, und der Frau vom Hauſe wußte er bei einem jeden auf⸗ getragenen Gericht eine neue Schmeichelei zu ſagen. Unterdeß hatte ſich Johannes nach langer reifli⸗ cher Ueberlegung auf einen paſſenden Anfang beſon⸗ nen, um mit Fräulein Marien in Converſation zu treten. Das Mädchen ſprach ſo eben mit ihrem Nach⸗ bar, dem Paſtor Arnold, und Johannes erhielt Muſe, das von Meiſterhand gezeichnete Profil zu beobachten. Aber er profitirte in ſeiner bedrängten Lage wenig davon, ſondern recapitulirte ſeine wohlſtudirte Apo⸗ ſtrophe und wartete nun, bis die Sonne wieder voll werden würde. Dies währte niche lange. Marie wen⸗ dete ſich mit einem leiſen Lächeln und Erröthen wieder zur Tafel. Johannes faßte ſich ein Herz und begann. Im Anfang drehte ſich das Geſpräch allerdings nur um alltägliche Gegenſtände. Aber bald machte ſich die Sache ſcharmant. Johannes Selbſtvertrauen ſtieg, ſeine Rede ward unbefangener, natürlicher, ſein ſchö⸗ nes Organ wohltönender. Marie blieb keine Ant⸗ wort ſchuldig. Sie war eben ſo geiſtreich und ange⸗ nehm unterhaltend als ſchön. Der Jüngling ſchwamm im dritten Himmel. Er begriff gar nicht, wie ſo ein kleines unbedeutendes Mädchen, wie er ſie vor meh⸗ ren Jahren hatte kennen lernen, in ſo kurzer Zeit habe zu einem vollendeten Engel werden können. Sie erzählte intereſſant von dem alten Schloß⸗ theile, von der räthſelhaften Erſcheinung des alten Bibliothekars Baſiliko, und wie ſie und die Schweſter es noch nicht über ſich hätten gewinnen können, die uralten, faſt ſeit einem Jahrhunderte verlaſſenen Ge⸗ mächer zu betreten. Es habe Alles ſo ein myſtiſches, geſpenſtiſches Ausſehen. Man hätte ſich daher lange auf die Ankunft des Couſins geſehnt, um genaue Unterſuchung über das verſchollene Gebäude anzuſtel⸗ len, denn neugierig wären ſie ſehr auf die innere Einrichtung deſſelben. Pauline, die einiges von der Rede der Schweſter vernommen hatte, ſchilderte die unheimliche Romantik des alten Schloſſes mit noch lebhaftern Farben, ſo daß auch Eginhard, der ſo eben ſtrategiſch und mili⸗ täriſch dem alten Wertheim auseinanderſetzte, daß Na⸗ poleon bei Leipzig eigentlich gar nicht geſchlagen worden ſei, aufmerkſam und ganz Ohr für die Sache ward. „Während Morgen mein Rock einer radicalen Re⸗ ſtauration unterliegt,“ ſprach er,„werd' ich in meiner Interims⸗Forgejacke, an der ohnedem nicht viel ver⸗ loren iſt, wie ein Schornſteinfeger alle Schluchten, Keller und Winkel des Zauberſchloſſes durchfahren und alle Memorabilien zu Tage fördern. Ueber den my⸗ ſtiſchen Bafiliko will ich bald im Klaren ſein.“ „Nzr an den ſchwarzen Kater vergreifen Sie ſich nicht, warnte Pauline,„der iſt durch und durch behert.“ „Pauline,“ ſtraften die Aeltern,„wer wird ſo abergläubiſch reden.“ Eginhard aber nahm ſich ſeiner ſchönen Nachbarin eifrigſt an; und Pauline ſelbſt wußte, was ſie wußte. Wenigſtens bewies ihr un⸗ gläubig ſchüttelndes Köpfchen, daß es mit dem Kater nicht richtig ſei. „Ich habe es ſehr gern,“ ſprach Eginhard,„wenn ſich die Damen ein wenig fürchten vor Geiſter und Stolle, ſämmtl. Schriften. XVI. 4 50 Geſpenſter, es kleidet ſie allerliebſt. Ich ſelbſt, ſeit ich Schelling, Schubert und Juſtinus Körner ſtudire, bin nicht ohne Geiſterglauben. Es iſt mir ſeit der Zeit ſo mancherlei durch den Kopf gefahren und ſagt nicht ſelbſt unſer hochverehrter Shakeſpeare: „Es giebt Vieles zwiſchen Himmel und Erde, „Wovon ſich unſre Philoſophie Nichts träumen läßt.“ Johannes wandte ſich an Marien und fragte, ob ſie auch an Geiſter glaube? „Warnm nicht?“ erwiederte das ſchöne Mädchen, „der Geiſterglaube hat für mich eher etwas Erheben⸗ des als Abſchreckendes. Beſonders wohlthuend iſt für mich die Lehre von den Seelen geliebter Abgeſchie⸗ dener, welche uns, gleichſam wie Genien, unſichtbar umſchweben, uns warnen, beſchützen vor Gefahren und tröſten im Unglück.“ „Gern trete ich auch dieſer ſchönen Lehre bei,“ ſprach Johannes;„wenn ſie auch nur Dichtung, ſo ruht doch ein ſehr poetiſcher Zauber darin.“ Eginhard war indeß mit einer einzigen Species von Geiſtern, den erwähnten Genien, nicht zufrieden; er behauptete, die Anzahl der Geiſter ſei Legion, die ſich auf ſehr verſchiedene Weiſe der geplagten Menſch⸗ heit manifeſtirten. Uebrigens ſei nur dem reinen Ge⸗ müth, das mit einem leicht reizbaren Nervenſyſtem begabt ſei, es verſtattet, mit Geiſtern zu communi⸗ eiren und Unterhaltung mit ihnen zu pflegen. Bei ihm ſelbſt ſei es noch nicht der Fall geweſen. Er wiſſe ſich die Averſion der Geiſter vor ihm gar nicht zu erklären. Entweder ſei er nicht fromm genug, oder für das luftige Volk zu maſſiv. Am guten Willen fehle es nicht, denn nichts wäre ihm lieber, als mit ein Paar tüchtigen reſpectabeln Geiſtern ein⸗ mal in Converſation zu treten. Er habe hierin ent⸗ 51 ſchiedenes Malheur, jedem Menſchen ſei im Leben einmal etwas Uebernatürliches paſſirt, ihm noch nicht. Er ſei ein wahrer Geiſterbanner, wo er hinkomme, ergriffe das ſonderbare Geſchlecht die Flucht; und falls ſich dergleichen in den Mauern von Buchenfels vorfinden ſollte, werde er bald reine Wirthſchaft ge⸗ macht haben. Die Rede kam jetzt auf den alten, räthſelhaften Bibliothekar. „Denken Sie nur,“ ſprach Pauline zu Eginhard, „von dem weiß kein Menſch, wie alt er eigentlich iſt; alle Leute aus dem Dorfe, ſie mögen zurückdenken, ſo viel ſie wollen, haben ihm als Signor Baſiliko gekannt, und zwar nicht älter und nicht jünger als er jetzt iſt. Man erzählt von einem Fläſchchen Le⸗ benseſſenz, die er ſelbſt bereite. Da ſchnapſe er zu⸗ weilen und das verleihe ihm Lebensdauer und Kraft auf viele Jahre. Uebrigens iſt es ein höchſt mürri⸗ ſcher Kanz. Wenn ich manchmal in der Gegend des alten Schloßtheils promenirte, um mir das alte Ge⸗ bäude wenigſtens von Außen zu beſehen, kam auch gleich das finſtre Geſicht des Bibliothekars zum Vor⸗ ſchein und blickte mich ordentlich mit drohender Miene an, daß ich allemal die Flucht ergriff. Wenn der etwas zu befehlen hätte, der jagte uns gewiß über alle Berge.“ „Wenn ich nur die ſchönen rothen Blumen ein⸗ mal in der Nähe ſehen dürfte,“ ſprach Marie,„die in dem Garten des Bibliothekars blühen, das iſt ein ſeltſam, wunderbares Roth, das fernen Himmeln an⸗ gehören ſoll; wenigſtens entſinne ich mich unter un⸗ ſern heimathlichen Blumen dieſer Farbe nicht.“ „Ja, denken Sie nur,“ fuhr Pauline eifrig fort, „er hat auch ſeinen eignen Garten, und da wollte 52 ich's Niemandem gerathen haben, demſelben in die Nähe zu kommen, noch viel weniger ihn zu betreten. Und wie ſchön mag's darin ausſehen. Da blühen die herrlichſten, ſeltenſten Blumen aus allen fünf Welt⸗ theilen, aber man ſieht nichts davon; denn der hohe, lebendige Zaun, der den Garten einſchließt, iſt ſo dick und undurchſichtig, wie die dickſte Stadtmauer. Neulich habe ich und Marie von unſerm Schloßthürm⸗ chen ein kleines Stückchen vom Garten überſehen. Ach, da blüheten wunderſchöne, rothe Blumen. Gott mag wiſſen, was noch hinter dem alten Schloſſe ſteckt, uns den übrigen Garten verbirgt. Da ſol⸗ len, wie in dem Mährchen des goldene und ſilberne Lauben ſtehen, und auf den verzauber⸗ ten Leren ſich ſchöne, fremdartige Vögel, in herr⸗ lichem Farbenglanze wiegen; alle Blumen ſollen wie ſchöne bittende Menſchenaugen zum Beſchauer empor⸗ blicken.“ Eginhard war ganz hingeriſſen von ſolch hochpoe⸗ tiſcher Romantik. Er ſchwur, einen Luftballon zu bauen, und über das Blumeneden con amore dahin zu ſchiffen. „Ei, da nehmen Sie mich auch mit,“ rief Pauline. Eginhard declamirte mit galanter Verbeugung: „Willſt Du in meinem Himmel mit mir leben, So Du kommſt, er ſoll Dir offen ſtehn.“ Der alte Wertheim war bei Paulinen's pvetiſcher Beſchreibung des fabelhaften Gartens ſehr gefaßt ge⸗ blieben. Er erklärte, daß ſich Bafiliko allerdings viel mit Botanik beſchäftige und ſehr ſchöne ausländiſche Blumen erziehe. Mit den ſilbernen und goldenen Lauben und curioſen Vögeln ſei es aber nichts. Er wäre ſelbſt einmal im Garten geweſen, und habe nichts Außergewöhnliches gefunden, als was man in jedem ſorgfältig gepflegten Ziergarten vorfinde. 53 „Nichts da,“ proteſtirte Eginhard,„wir laſſen uns ſo hohe Romantik nicht proſaiſch hinwegdisputi⸗ ren. Mit dem Bibliothekar iſt es nicht richtig, Fräulein Pauline hat ganz recht. Da ſteckt mehr dahinter, als ſich unſre Philoſophie träumen läßt. Den Baſiliko hat uns der Himmel gegeben. Ein ſolch myſtiſches Individuum ſollte eigentlich in jedem Schloſſe ſtecken, welches einigermaßen Anſpruch auf Romantik macht. Ich komme indeß der Sache auf die Spur, das verſpreche ich. Wir müſſen in's Klare kommen, welche Bewandtniß es mit dem räthſelhaften Manne hat.“ „Ich finde gar nichts Räthſelhaftes,“ ſprach Wert⸗ heim,„Baſiliko iſt ein Sonderling und Miſanthrop, wie es viele giebt. Daß er die Dinger da nicht in den Garten läßt, finde ich in der Ordnung; was verſtehen die Mädchen von Botanik. Es iſt blos Neu⸗ gier, die ſie ſo begierig nach dem Garten macht, in welchem ſich ihre Phantaſie die fabelhafteſten Dinge vorſtellt; und wenn er dieſe eitle Begier nicht befrie⸗ digen will, kann ich's ihm nicht verdenken. Ein alter Mann, der am Rande des Grabes ſteht, hat ſeine Grillen, die man ihm hingehen läßt. Wenn aber Freund Eginhard glaubt, der Bibliothekar werde für ihn zugänglicher ſein, als für uns Uebrige, ſo irrt er ſich. Ich bin überzeugt, daß wir von ihm wäh⸗ rend der Anweſenheit der Muſenſöhne wenig oder gar nichts werden zu ſehen bekommen.“ „Ich gebe mich für einen vaeirenden Botaniker aus,“ ſprach Eginhard,„Kunſtgenoſſen haben gewöhn⸗ lich einen größern Stein im Brete, als die übrigen profanen Menſchenkinder. Ich krieg ihn ſchon.“ „Sie müſſen uns aber dann auch erzählen,“ fiel 3⁴ Pauline eifrig ein,„und genauen Bericht erſtatten über alles Wunderbare, was Sie geſehen haben.“ „Unbeſorgt, mein Fräulein,“ tröſtete der Muſen⸗ ſohn,„ich gebe ein Buch darüber heraus, unter dem Titel:„Höchſtwichtige Aufſchlüſſe über Geiſterglauben und Geſpenſterfurcht oder der niedergedonnerte Frei⸗ geiſt, zur Belehrung und Beſſerung für Alle, die ſich noch mit Serupeln und Zweifeln plagen. Leipzig, im Jahre der Aufklärung“; und fange gleich mit der zweiten Auflage an, das giebt der Sache ein größe⸗ res Ausſehn.“ „Eginhard wird uns ſchönes Zeug weiß machen,“ lachte Johannes,„was der ſich einbildet, glaubt er und ſchwört Stein und Bein darauf.“ Wertheim theilte jetzt der Geſellſchaft die ange⸗ nehme Nachricht mit, daß in wenig Tagen noch mehr Beſuch auf Buchenfels eintreffen werde. Die beiden Beſitzer der angrenzenden Güter, Bodo und Alfred, zwei junge lebensluſtige Männer, die ſchon lange einen Beſuch verſprochen hätten. „Das iſt herrlich,“ rief Pauline,„nun werden ge⸗ wiß auch die längſt verabredeten Parthien in der Um⸗ gegend einmal zu Stande kommen.“ „Kein Tag ſoll unbenutzt dahin gehen,“ verſicherte der Vater,„ich hab' mir's überlegt; wir gehen ſtrate⸗ giſch zu Werke wie Napoleon, machen unſere Parthien nach der Landkarte und jeden Tag nach einer andern Himmelsgegend.“ „Das ſoll ein Feſt werden,“ ſprach Pauline,„bis jetzt ging es ſo ſtill her, daß unſre Stimmen im Schloßhofe laut wiederhallten. Vier junge Herren werden ſchon Leben in die Sache bringen. Mir iſt nur bange, daß bei dem Spektakel die alten Mauern zuſammenfallen und unſern guten Baſiliko mit allen ſeinen Geheimniſſen unter ihrem Schutte begraben.“ „Für dieſen tragiſchen Fall,“ tröſtete Eginhard, „ſetz' ich mich, ein zweiter Scipio, auf die Ruinen und ſinge unſterbliche Lieder auf die Vergänglichkeit alles Irdiſchen. Es giebt Nichts, dem man nicht eine poetiſche Seite abgewinnen könnte. Uebrigens,“ fügte er hinzu,„iſt mir an der Ankunft der beiden Herren Ritter nicht viel gelegen. Hans und meine Wenigkeit werden nun all' unſre Liebenswürdigkeit zuſammen nehmen müſſen, um von den beiden galan⸗ ten Ankömmlingen nicht aus dem Sattel gehoben zu werden.“ „Unbeſorgt,“ platzte Pauline naiv und unbefan⸗ gen heraus,„wir bleiben den Muſen getreu.“ „Wenn nur erſt mein altdeutſcher patriotiſcher Rock wieder ganz wäre,“ ſprach Eginhard,„alsdann möchte Alles ſein wie es wollte. Uebrigens iſt es morgen mein Erſtes, die beiden Packer, Herrn Sul⸗ tan und Paſcha, die mir in der Dämmerung wie kleine Elephanten vorgekommen ſind, bei Tage zu be⸗ ſehen.“ „Es ſind die friedlichſten Thierchen von der Welt,“ verſicherte Pauline,„ich kann mit ihnen machen was ich will.“ „O ja,“ erwiederte Eginhard,„auf Freundſchaft ſcheinen ſie ſich zu verſtehen, denn ſie hielten alle Beide mich brüderlich umarmt.“ Eginhard trug jetzt ſein Rencontre mit dem Ober⸗ forſtmeiſter, wie er ihn nannte, mit vielem Humor vor, daß die ganze Geſellſchaft viel zu lachen hatte. Endlich blies der alte Wertheim zum Aufbruch, weil es ſpät geworden und die Muſenſöhne gewiß ermüdet ſein würden. Johannes und Eginhard verſicherten mit klaren, lachenden Augen das Gegentheil. „Ich gehöre zu den ſogenannten Nachtlampen,“ ſprach letzterer;„auf das zu frühe Aufſtehen geb' ich nichts. Musis aurora amica, das iſt ganz ſchön; aber des Abends, nach vollbrachtem Tagewerk noch ein paar Stündchen zu verplaudern im freundlich geſelligen Kreiſe, darüber geht Nichts. In dieſen ſtillen Abend⸗ ſtunden iſt man ſich ſeiner weit klarer bewußt, als im Lärme des nüchternen Tags, und aufgeweckter zur Converſation. Schiller dachte accurat ſo, und hat ganz Recht, wenn er ſagt: „Ein halbes Dutzend guter Freunde höchſtens „Um einen kleinen runden Tiſch, ein Glitchen „Tokaierwein und ein vernünftiges Geſpräch— „So lieb' ich's.“ Das war auch Wertheim's Philoſophie. Er ließ daher noch ein paar Flaſchen Markobrunner auftra⸗ gen. Den Damen ward es frei geſtellt, ob ſie noch aufbleiben wollten. Pauline hatte große Luſt, aber ein Wink der Mutter belehrte ſie, daß es Zeit zum Schlafengehen ſei; ſie hätten überdies morgen alle Hände voll zu thun wegen des angekommenen und noch bevorſtehenden Beſuches. Kaum hatten ſich die Damen entfernt, als Wert⸗ heim und die beiden Studenten die Stühle näher zu⸗ ſammenrückten; der Paſtor, obgleich er den folgenden Tag zu predigen hatte, blieb auch noch und ſo floß bei dem perlenden Weine und unter intereſſanten Ge⸗ ſprächen ein Stündchen der Nacht nach dem andern vorüber. „Einmal ſei nicht immer,“ tröſtete Eginhard, und ſo blieb man beiſammen bis die Lerche den kei⸗ menden Morgen verkündete. 10. Die Sonne ſtand bereits hoch am Himmel, als Eginhard von ſeinem Lager ſprang und den Kopf in den herrlichen Morgen hinausſteckte. Die Landſchaft lag wie ein friſches, duftendes Gemälde ausgebreitet. Von dem Schlafzimmer, welches den zwei Muſen ein⸗ geräumt war, genoß man die erquickendſte Ausſicht. Eginhard's Jubel und Lärmen ließ auch Johan⸗ nes an keinen weitern Schlaf denken. Er ſprang auf und ſchaute gleichfalls entzückt in die Landſchaft. „Ich frage Dich nur,“ ſprach Eginhard, der ſich an der reichen Gegend nicht ſatt ſehen konnte,„mir aufrichtig zu ſagen, ob wir wirklich noch auf Erden leben oder bereits lebendigen Leibes gen Himmel ge⸗ fahren ſind. Seit geſtern Abend iſt mir Alles zu fa⸗ belhaft. Deine Couſinen ſind ja eingeborne Engel, gar keine irdiſchen Mädchen. Ich habe ſchon geſtern Abend einen dreifachen Harniſch um mein Herz ge⸗ legt. Wie ſoll das bei hellem Sonnenlichte werden?“ Er ſteckte den Kopf wieder zum Fenſter hinaus: „Ein himmliſcher Morgen, wie erquickt Alles. Die Nacht hat recht geweint, daß ſie ihre Blumen ver⸗ laſſen mußte; ſieh nur, Haus, die Millionen Thrä⸗ nen, in welchen ſich die Morgenſonne ſpiegelt. „Das Schloß iſt nicht von geſtern;“ fuhr er, ſich die nächſte Umgebung betrachtend, fort.„Die alten Mauern haben ihre paar Jährchen geſehen. Aber auf den Kopf gefallen war der Erbauer nicht. Er konnte ſich keinen ſchönern Punkt wählen in der ganzen Ge⸗ gend. Ob's nur ein Raubritter geweſen iſt. Ich glaub's nicht, ſo kühn und frei heraus baute dieſe Art nicht. Wenn wir nur eine Chronik auftreiben 58 könnten, da ſchrieb ich einen Ritterroman, wo man die Romantik mit Händen greifen ſollte. Hans, ſo tief in der Poeſie haben wir noch nicht geſteckt. Ein uraltes Schloß, ein räthſelhafter Bibliothekar, ein gaſtlicher und humoriſtiſcher Burgherr, herrliche Burg⸗ fräuleins, köſtlicher Wein, Frühling, erquickende Aus⸗ ſicht und Ferien; ich will den Menſchen ſehen, der da nicht poetiſch würde.“ Johannes erkundigte ſich, welche von den Couſi⸗ nen Eginhard am Meiſten gefalle. „Ich bin in beide verliebt, theuerſter Freund, und zwar in allem Ernſte; Du weißt, mein Herz iſt groß und hat für Viele Raum. Himmliſche Kinder. Wie geſagt, ich muß mich verwahren mit dreifachem Panzer, ſonſt bin ich verloren für die ganze Ferien⸗ zeit und verpaſſe den ganzen Frühling.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Wenn doch die biedern Ritter, die auf morgen ihren Beſuch angekündigt haben, in dem Lande ver⸗ blieben, wo der herrliche Pfeffer wächſt. Ich ver⸗ ſichere Dir, Hans, die Sache kann ſchlimm werden. Wenn dieſe Junker unſre Burgfräuleins abſpenſtig machen, Hans, da kennſt Du mich, da bin ich fürch⸗ terlich. Ohne Blut geht es nicht ab. Wir Muſen dürfen uns von der Ariſtokratie nicht werfen laſſen. Nur Einer kommt lebendig vom Platze.“ „Sprich nicht abgeſchmackt,“ verwies Johannes, „ich hoffe, daß Du ſo viel Vernunft haſt und im Hauſe der Gaftfreundſchaft nicht unnöthigerweiſe Hän⸗ del ſuchſt.“ „Aber, beſter Freund,“ erwiederte Eginhard,„wir können doch unmöglich, ohne aus der Haut zu fah⸗ ren, mit anſehen, wie dieſe irrende Ritter unſern Da⸗ men den Hof machen? In ſolchen Angelegenheiten bin 59 ich fürchterlich, und auf ein paar Kannen Blut kommt mir's nicht an.“ Chriſtine, das Dienſtmädchen, frug jetzt, ob die beiden Herren den Frühkaffee auf ihrem Zimmer oder im Garten unter der Linde zu trinken wünſchten. „Hans,“ ſprach Eginhard,„das iſt eigentlich eine Injurie, die uns Dein braver Onkel in dieſer Alter⸗ native ſagen läßt. Er weiß, daß wir poetiſche Ge⸗ müther ſind und das Freie und Grüne lieben. Aller⸗ dings, Schätzchen,“ wandte er ſich zu dem Mädchen, „trinken wir im Garten und werden ſogleich er⸗ ſcheinen.“ „Guten Morgen, Couſinchen,“ rief jetzt Johan⸗ nes zum Fenſter hinaus, denn Pauline hüpfte ſo eben durch den Garten. „Langſchläfer,“ tönte es lachend herauf und das Mädchen ſchabte ein Rübchen. „Alle Wetter,“ frug Eginhard,„mit wem disku⸗ rirſt Du denn?— Ach es iſt der Paul, das Him⸗ melskind im Roſakleide.— Du Gliücklicher, Du ſteckſt ſchon total in den Kleidern. Ich kann mich vor dem eingebornen Engel nicht einmal ſehen laſſen.“ Eginhard hatte nur ein klein wenig die grüne Gardine hinweggeſchoben und blickte hinab. „Sieh nur das Himmelskind,“ fuhr er fort,„der liebe Gott muß ſeine Freude haben über ſolch ein Mädchen; wie es über den weichen Raſenteppich tän⸗ zelt. Ach du kleiner liebenswürdiger Affe. Es geht doch in der Welt nichts über eine ſolche ſiebzehnjäh⸗ rige Göttin, zumal an einem ſchönen Frühlingsmor⸗ gen. Das iſt Poeſie! Das Roſakleid ſteht ihr reizend.“ Johannes mahnte zum Aufbruch. Eginhard konnte ſich aber von der anmuthigen Erſcheinung nicht los⸗ reißen. Mit einemmale begann er aber entſetzlich zu 60 lamentiren, zu fluchen und zu verzweifeln, daß Jv⸗ hannes ganz beſorgt nach der Urſache fragte. Egin⸗ hard hatte ſich erſt jetzt auf ſeinen Rock und den kläg⸗ lichen Zuſtand deſſelben beſonnen. Er lief jammernd und verwünſchend im Zimmer auf und ab. „Das iſt wahr,“ rief er einmal über das andere, „ich bin einmal zum Unglücke geboren. Es hätte können ſchön werden; es ſollte nicht ſein. Ohne gan⸗ zen Rock, was iſt da auszurichten. Geſtern Abend mochte es gehen; da war es dunkel und von der Be⸗ ſcheerung nichts zu ſehen. Jetzt aber iſt's Tag, die Sonne hat ſeit Erſchaffung der Welt nicht ſo hell geſchienen. Was helfen die herrlichen Geſchöpfe da unten, wenn ich mich vor ihnen nicht ſehen laſſen kann in einem anſtändigen Rocke. Als Centunkulus mag ich nicht auf Buchenfels umherſpazieren. Ich begreife nicht, wie ich das Unglück geſtern Abend auf die leichte Achſel habe nehmen und noch Witz darüber machen können. Was hilft jetzt Romantik, Biblio⸗ thekar, Frühling, Liebe und ſchöne Ausſicht, an dem vermaledeiten zerfle ſchten Rocke berſtet alle Poeſie, und wäre ſie von Apollo ſelbſt, von allen Muſen und Grazien präparirt und rekommandirt.“ Johannes tröſtete und ging in den Vorſaal nach dem Kleiderſchranke, um zu ſehen, ob das Corpus delicti wirklich unrettbar verloren, oder durch kunſt⸗ reiche Hand zu reſtauriren wäre.„Im ſchlimmſten Falle ziehſt Du meinen Frack an, der iſt ganz an⸗ ſtändig und wird Dich gut kleiden.“ Eginhard, der in dumpfem Schweigen dageſeſſen, ſprang jetzt auf. „Schweig mir,“ rief er,„von dieſer niederträch⸗ tigen Tracht, eher will ich in Hemdenärmeln meine Aufwartung machen, als in dieſem Non plus ultra 61 alles Ungeſchmacks, wie eine Bachſtelze umherzuſpazie⸗ ren. Schon der gute Jean Paul hat ſich ſein Lebe⸗ tag darüber geärgert. Er nennt den Frack einen Schwalbenſchwanz und hat ganz Recht.“ „Ich hole den Altdeutſchen,“ ſprach Johannes, „vielleicht iſt Rettung.“ Eginhard hatte aber alle Hoffnung aufgegeben.„Ich entſinne mich ja ganz deut⸗ lich,“ ſprach er verzweifelt,„wie ich geſtern Abend in meinem ſataniſchen Uebermuthe ein ganzes großes Stück vollends abgeknaupelt und in die Taſche geſteckt habe. An dem Rocke iſt Hopfen und Malz verloren, die Beſtie iſt noch nicht einmal bezahlt.“ Darauf ſprach er dumpf für ſich hin: „Hin iſt hin— verloren iſt verloren, Stirb hin, ſtirb hin in Nacht und Graus, O wär' ich nie geboren.“ Johannes war indeß mit dem Ueberzieher zurück⸗ gekehrt. Er betracht te ihn oben und unten, vorn und hinten mit gerechter Bewunderung.⸗ „Was fehlt denn Deinem Rocke?“ fragte er,„ich ſehe ja nicht die geringſte Verletzung. Es iſt das unverſehrte Prachtſtück von geſtern.“ Eginhard ſah jetzt auch hin und ſein entzücktes Erſtaunen erreichte den höchſten Grad. „Iſt denn das mein Altdeutſcher?“ fragte er ſei⸗ nen Augen kaum trauend. „Kein anderer,“ lachte Johannes,„gute Genien haben über ihn gewaltet. Während wir in guter Ruh' gelegen, haben die geſchickten Hände meiner Couſinen oder der Näherin den Schaden, der übrigens lange nicht ſo bedeutend geweſen iſt, wie Du Dir vorge⸗ ſtellt haſt, auf das Unmerklichſte gut gemacht. Du biſt den weiblichen unſichtbaren guten Engeln zu großem Danke verpflichtet.“ 62 Eginhard, welcher noch immer ſeinen Rock an allen Orten beſah und viſitirte, ſchwur jetzt Stein und Bein, das könnten keine menſchlichen Hände ſo unſichtbar genäht haben. Es müßten ſchlechterdings Heinzelmännchen im Schloſſe ihr ſegensreiches Weſen treiben. „Entſinnſt Du Dich nicht, Hans, wie der origi⸗ nelle Kopiſch in Berlin, der auch unſer neueſtes Lieb⸗ lingslied, den Vater Noah, gedichtet hat, ſo aller⸗ liebſt von den niedlichen, fleißigen Kerlchens ſingt?“ Er ſang: „Wie war zu Köln es doch vordem, Mit Heinzelmännchen ſo bequem! Denn war man faul:— man legte ſich Hin auf die Bank, und pflegte ſich: Da kamen bei Nacht, Ehe man's gedacht, Die Männlein und ſchwärmten Und klappten und lärmten, Und rupften Und zupften, Und hüpften und trabten Und putzten und ſchabten— Und eh' ein Faulpelz noch erwacht, War all' ſein Tagwerk bereits gemacht. Einſt hatt ein Schneider große Pein: Der Staatsrock ſollte fertig ſein; Warf hin das Zeug und legte ſich Hin auf das Ohr und pflegte ſich. Da ſchlüpften ſie friſch An den Schneidertiſch; Und ſchnitten urd rückten, Und nähten und ſtickten, Und faßten Und paßten Und ſtrichen und guckten, Und zupften und ruckten— Und eh' mein Schneiderlein erwacht, War Bürgermeiſters Rock gemacht.“ W 63 „Juchhe, auch mein Röcklein iſt wieder ſauber und nett, als kam es erſt vom Schneider her.“ Als die Beiden herabſtiegen zum Garten, kam ihnen der alte Wertheim entgegen. „Ein herrlicher Morgen,“ ſprach er, den zwei Jünglingen die Hand ſchüttelnd,„Jammerſchade, daß wir ein koſtbar Stück verſchlafen haben; bin auch nicht lange aus den Federn.“ Der Kaffee unter der Linde war ſervirt. Die Schloßfrau nebſt den beiden anmuthigen Töchtern fan⸗ den ſich ein. Eginhard ſtellte jetzt dankbare Unterſuchungen an wegen des Wunders, daß ſich dieſe Nacht mit ſeinem Rocke zugetragen hatte. Da kam es heraus, daß Pau⸗ line mit ihrer kleinen Meiſterhand die gute Fee gewe⸗ ſen war. Sie hatte ſich das Kleidungsſtück in aller Frühe herabholen laſſen, und die Reſtauration mit bewunderungswürdiger Geſchicklichkeit vollendet. Eginhard wäre ſeiner reizenden Erretterin für's Leben gern um den Hals gefallen, wenn ſich dies einigermaßen hätte bewerkſtelligen Marie, Pelche im violetten Kleide ging, kam dem Johannes im Sonnenlichte wieder ſo überirdiſch vor, daß er abermals um Worte verlegen war, das be⸗ zaubernde Weſen anzureden. Nach eingenommenem Kaffee ſchlug Wertheim ſei⸗ nen beiden Gäſten einen Spaziergang vor, um ſie mit der nächſten Umgebung des Schloſſes bekannt zu machen. Der Vorſchlag ward gern angenommen, und ſo wandelten die nachdem ſich Johannes und Eginhard von den Damen verabſchiedet, in der frd⸗ heſten Stimmung in den ſchönen Morgen hinein. Man ehugt zu dem alten, halbverfallenen Schloß⸗ theile. In die meiſten Gemächer ſchien der blaue 6 ¹ Maienhimmel und der Epheu war armdick durch die offenen Fenſter hineingewachſen. Nur ein kleiner Theil dieſes alten Gebäudes war noch bewohnbar, und da eben reſidirte der Bibliothekar. Johannes fragte den Onkel, ob dieſe verfallenen Gemächer nicht wieder zu reſtauriren wären. „Wohl kaum,“ war die Antwort,„ſie find Rui⸗ nen, und Koſten und Mühe wären vergebens aufge⸗ wendet. Man hat mir wiederholt gerathen, den al⸗ ten Steinhaufen vollends abtragen zu laſſen, aber ich habe mich noch immer nicht dazu entſchließen können.“ „Um's Himmelswillen,“ rief Eginhard,„abtra⸗ gen, ſo eine Prachtruine, ich begreife nicht, wie man ſo einen praſaiſchen Gedanken geben kann. Nein, da muß Alles ſtehen bleiben, wie es ſteht. Eine ſo herr⸗ liche Ruine, ſo ein ehrwürdiges Aktenſtück aus dem Mittelalter, iſt heutzutage, wo der Rauch der Fabri⸗ ken alle Blüthen des Frühlings ſchwärzt und man vor dem Schnaufen der Dampfmaſchinen ſein eigen Wort nicht mehr hört, nicht mit Golde zu bezahlen.“ Die Wanderer ſtiegen in dem alten Gebäude Trepp auf, Trepp ab. Eginhard ſtellte lauter mittelalter⸗ liche Betrachtungen an. Er meinte, in ſo einem al⸗ ten Schloſſe könne man in einer Stunde mehr deutſche Geſchichte lernen, als bei Luden im längſten Seme⸗ ſter. Man gelangte in ein kleines, finſtres Gewölbe. „Das war die ehemalige Marterkammer,“ erklärte Wertheim,„wenn dieſe ſtummen Mauern erzählen könnten, würden wir Gott nicht genug danken kön⸗ nen, im neunzehnten Jahrhundert zu leben.“ „Das neunzehnte Jahrhundert hat auch ſeine Mar⸗ tekn,“ meinte Eginhard,„weit ſfinnreicher als die al⸗ ten Ritter; den großen Mann der Weltgeſchichte, à la Prometheus auf einen Felſen zu ſchmieden und einen 65 Geier daneben zu ſetzen, eines ſolchen Verbrechens und eine ſolche Marter hat ſich das Mittelalter nicht zu Schulden kommen laſſen.“ In dem dunkeln Gewölbe fanden ſich mehre Trüm⸗ mer ehemaliger Marterwerkzeuge. Eginhard betrach⸗ tete Alles mit Kennerblick. Er war in der altdeut⸗ ſchen Criminalpflege ziemlich zu Hauſe, erklärte die Wirkungen der verſchiedenen Inſtrumente und fragte Johannes, ob er ſich zum Zeitvertreibe an dem ſchö⸗ nen Frühlingsmorgen nicht ein wenig martern laſſen wollte? Der Gefragte verſpürte keine Luſt hierzu, und man ſtieg lachend in den innern Hof des alten Schloſſes. Hier ſtand ein uralter, ziemlich umfangreicher, hoher, cylinderförmiger Thurm. Eginhard lief mehre Male um ihn herum, ohne einen Eingang zu finden. „Alle Wetter,“ rief er,„eine Thür muß doch da ſein, wie kann man ſonſt hinein.“ Er machte noch einmal die Runde und ſtand ganz erſtaunt. „Die Bauleute,“ ſprach er,„müſſen präſumirt haben, daß die Bewohner ſchon darin geſteckt haben, da ſie die Thüre vergeſſen.“ Man betrachtete das ſeltſame Gebäude von unten bis oben. Da bemerkte endlich Johannes eine ver⸗ mauerte Thür hoch oben, und man zog den ſehr folge⸗ richtigen Schluß, daß der Thurm vermittelſt einer Zug⸗ brücke mit dem Schloſſe in Verbindung geſtanden ha⸗ ben müſſe. Nun war Eginhard wieder ſehr nengierig, was wohl drinnen ſtecken möge. Wertheim konnte hierüber keine Auskunft geben. „Das muß ich wiſſen,“ ſprach ſchnell reſolvirt% Alterthumsforſcher, zog den Rock aus und begann witẽ eine Gemſe, von Fuge zu Fuge emopr zu klimmen. Stolle, ſämmtl. Schriften XVI. 5 66 Das überall hervorſproſſende Geſträuche diente zur bequemen Handhabe. i Vergebens war das Abmahnen von Seiten Wert⸗ 3. heim's und Johannes. Eginhard hatte bald das Ende erreicht und ſtand wohlgemuth hoch oben auf der Thurmmauer. „Oben wär' ich,“ ſprach er,„eine herrliche Aus⸗ ſicht. Wenn hier der Thurmwart logirt hat, war das Kerlchen nicht dumm. Man kann Meilen weit in's grüne Land ſchauen.“ Hierauf ſang er: „Kleinhänſel ſchau auf, Was trappelt im Thal? Kommt Wackermann an? „Aber hinſichtlich des Thurmbauches bin ich nicht im Klaren. Iſt er hohl, oder was iſt darinnen. Es ſieht verwünſcht finſter aus. Die Sonne ſcheint nur ein Stückchen hinein. „Der Menſch verſuche die Götter nicht, Und begehre nimmer und nimmer zu ſchauen, Was ſie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen. „Was da, ich will nicht vergebens heraufgekrochen ſein. Wohlan! „Ich bringe Euch Kunde, Was ich ſah auf des Meeres tiefunterſtem Grunde.“ Damit begann er an der inwendigen Seite des Thurms hinabzuklettern. „Er muß von Sinnen ſein,“ rief Wertheim,„in den Schlund hinabzuſteigen.“ Johannes tröſtete; er war dergleichen Stiückchen an Eginhard gewohnt, und wußte, daß dieſer im Klettern die Geſchicklich⸗ keit eines Gemſenjägers beſaß. Plötzlich hörte man Eginhard im Innern des Thurmes entſetzlich fluchen.„Die Kraniche des Ibicus,“ „ 67 rief er,„verdammtes Geſchwirr und Geſumme;“ und faſt zu gleicher Zeit flatterte ein Schwarm eulenar⸗ tiges Geflügel, ob des unerwarteten Beſuches im Schlafe geſtört, mit widrigem Geſchrei zum Thurme hinaus. Eginhard fluchte fortwährend und ſtieg immer tie⸗ fer. Nun mochte aber das Gezweig nicht mehr halt⸗ var genug ſein, denn man hörte von außen, wie er plötzlich vollends hinabrutſchte. Jetzt ward Wertheim bange. „Da haben wir die Beſcheerung,“ rief er,„er iſt vollends hinabgefahren, wie will er wieder hinauf? Ich werde ein paar Suadern herausheben müſſen, da⸗ mit der Tollkühne geſegneten Auszug halten kann.“ Johannes mußte laut auflachen und freute ſich, daß Eginhard. einmal für ſeinen Vorwitz auf ſo drol⸗ lige Weiſe beſtraft wurde. Er fragte den Thurmbe⸗ wohner mit lauter Stimme, wie er ſich befinde und welche antiquariſchen Entdeckungen er bereits gemacht habe. Anſtatt der Antwort tönte herauf: „Süße, freundliche Gewohnheit des Daſeins und Wirkens, von dir ſoll ich ſcheiden! Wenn ich wenig⸗ ſtens eine Laterne hätte, mein Unglück bei Lichte zu ſehen. Hier herrſcht eine Nacht, wie in der ewigen Verdammniß. Ich kann die Sterne ſehen, ſo tief iſt der Keller. Was hilft mir das. Und eine Kälte iſt hier, wie auf Szitzbergen, wo die Eisbären über⸗ müthig werden. Wäre ich doch lieber in den Him⸗ mel gefahren, als in das verdammte Eisloch, das der Teufel in ſeinem Zorne erſchaffen hat.“ „Ei, ſo fahre doch wieder zu Tage, wackrer Berg⸗ mann,“ rief Johannes. „Das iſt bald geſagt,“ zankte es im Thurme, 5 68 „doch ſobald nicht gethan. Ihr habt gut rathen draußen in der warmen Welt, wo die Mücken ſpie⸗ len und Schmetterlinge gaukeln. Ich hab' es mit andern Beſtien zu thun. Ich will nicht lebendigen Leibes herabgefahren ſein zur Hölle, wenn ich nicht einem Schock Nattern, Molchen, Salamandern und Drachen auf den Kopf getreten habe. Der Satan hole ſolche Romantik. Menſch bleibt Menſch.“ Unter dieſen abgebrochener Monvologen ſtolperte er fortwährend über große Steine, die den Boden des Thurmes bedeckten, und zankte ſich mit Schlangen und Ungeheuern, die ihm ſeine Phantaſie vormalte. „Ich wünſchte,“ fuhr er fort,„daß die alten Deutſchen, dieſe Blondins, ihr Genie und Geld zu was Beſſerem angewandt hätten, als ſolche höchſt ab⸗ geſchmackte und überdies geſchmackloſe Babelthürme aufzuführen. Ich ſehe gar keinen Zweck, den dieſe elenden Steinkoloſſe haben konnten, weder in militä⸗ riſcher noch politiſcher Hinſicht. Es war in manchen Dingen ein bornirtes Volk, dieſe Deutſchen. Das wird einem klar, ohne daß man den Luden zu leſen braucht, und mir jetzt abſonderlich, obſchon es um mich ſtockfinſter iſt wie in Aegypten zur Zeit der Landplage.“ Nachdem Eginhard vergebens mehrmals an den innern Thurmwänden umhergetappt war, ohne einen Anhaltepunkt zum Aufwärtsſteigen zu finden, ward er demüthig und begann gute Worte zu geben. „Hans, beſter Hans,“ rief er,„Liebling meiner Seele, wenn Du Deinen treuen Freund noch einmal um⸗ armen willſt auf dieſer ſchönen Welt, ſo wirf etwas herab in den Abgrund, ein Stück Strick oder Strick⸗ leiter, daß ich etwas erfaſſen und auferſtehen kann von den Todten. Aber hab Acht, daß der Hanf gut 69 gedreht und das Ankerthau nicht zerreißt, ſonſt kann ich den Hals brechen auf die bequemſte Art, ohne daß Jemand etwas davon gewahr wird. Erſt nach Jah⸗ ren wird mein moderndes Gebein Kunde geben von meinem tragiſchen Ende.“ Johannes war nach dem Schloſſe zurückgeeilt und kehrte mit Bendix, dem Diener Wertheim's, zurück, welcher eine Strickleiter nachſchleppte. Unterdeß ward aber dem Lebendigbegrabenen die Zeir lang; doch verlor er ſeinen guten Humor nicht; und Wertheim, wie unangenehm ihm das Eginhard'ſche Unternehmen war, mußte oft über die Monologe, welche der Thurm⸗ bewohner hielt, laut lachen. „Ich lebe unbeſtritten,“ fuhr letzterer fort,„im zwölften Jahrhundert nach der Geburt unſers Herrn und Heilands, ſo lange kann dieſe Babelfeſte ſtehen; denn die Sonne der ſpätern Jahrhunderte hat nicht in dieſe Tiefe geleuchtet. Wo bleibt denn Hans? Wenn ich noch lange hier unten verweile, thaue ich im Leben nicht wieder auf. Ueberdies habe ich wie Laakoon mit Ottern und Schlangen zu kämpfen. Die Unzahl Fledermäuſe kommt nicht in Betracht. Ich wünſchte ich wär' eine. Da hätt' ich Flügel und könnte emporſteigen in himmliſche Regionen. Daß der Menſch das Fliegen noch nicht erfunden hat, iſt auch eine Schande. Die Adam'⸗ und Eva'ſche Nachkom⸗ menſchaft hat viertauſend Jahre Zeit gehabt, über die Sache nachzudenken, und Nichts herausgebracht, obſchon täglich die Geſchlechter der leichtbeſchwingten Vogel vor der Naſe herumfliegen und das Ding vor⸗ machen. Nein, wir wollen mit unſrer Weisheit um Himmelswillen nicht dicke thun, ſonſt braucht ich nicht in dieſem Eisloche zu ſtecken und mich mit den Schlangen und Kröten herum zu zanken. Hu, das 70 mag hier kribbeln und wibbeln; es iſt gut, daß ich von der erlauchten Geſellſchaft nichts ſehe; aber es kann auf dem Meeresgrunde nicht ſchauerlicher her⸗ gehen. Wie es Schiller's Taucher zu Muthe geweſen, iſt mir jetzt klar, obſchon ich in vollkommner Nacht lebe. Wenn ich nur nicht blind werde, falls mir je noch das Glück wird, in's freundliche Leben, auf die ſchöne, lichte, warme, wonnige Erde zurück zu kehren. Ruhe, was rraſchelte da wieder. Die vier⸗, fünf⸗, ſechs- und tauſendbeinigen Ureinwohner dieſer Gruft mögen allerdings über meine Höllenfahrt Augen ma⸗ chen. Eine ſolche Erſcheinung iſt ihnen ſeit den Rö⸗ merzeiten nicht geworden. Ihre ſpäteſte Nachkommen⸗ ſchaft wird ſich noch mit geſpitzten Ohren davon er⸗ zählen. Aber Hans, alle Wetter, wo bleibt er? Ich bin ja noch nicht todt, daß man ſich nicht mehr um mich bekümmert.“ Wertheim rief ihm von außen Muth und Aus⸗ dauer zu. Nur ein paar Minuten ſollte er ſich ge— dulden, und es würde Rettung kommen. „O, das war die Stimme eines Engels,“ tönte es als Antwort aus dem Thurme,„eines Engels, der im warmen Sonnenſcheine wandelt und mein edler Gaſtfreund iſt.— „Mitten durch's Heulen und Klappern der Hölle, Durch den grimmigen, teufliſchen Hohn, Erkannt' ich den ſüßen, den liebenden Ton. „Ja, ich ſagt's immer, der Ton der menſchlichen Stimme hat etwas wunderbar Erfreuendes, hauptſäch⸗ lich für Staubgeborne, die ſich in meiner dermaligen Lage befinden.“ Nach einer Pauſe rief es wieder: „O braver Mann, braver Mann zeige Dich, Schon naht das Verderben ſich fürchterlich. 71 „Das Ottergezücht wird immer revolutivnairer. Wo dränge ſich heutzutage die Revolution nicht ein, ſelbſt dahin, wo keine Sonne ſcheint. Aber noch bin ich hier der gewaltige Napoleon und halte die ganze raſchelnde und ziſchende Unterwelt in Schach.“ Dem Johannes war es jetzt gelungen, die Thurm⸗ mauer emporzuklimmen und die Strickleiter nach ſich zu ziehen. Er ſtand oben und rief in die Tiefe: „Muth, der Retter naht, aufgepaßt, ich laſſe die Himmelsleiter hinab.“ Er ſenkte ſie in den Schlund; das eine Ende blieb aber am Geſträuch hängen und gelangte nicht bis zu Eginhard. Dieſer tappte in der Finſterniß vergebens nach dem Rettungsſeite umher. Johannes war nun genöthigt, die Leiter wieder heraufzuziehen. Er ſah kein ander Mittel, ſie für den Freund erreich⸗ bar zu machen, als wenn er einen Stein an das un⸗ tere Ende befeſtigte. Dies verurſachte wieder Aufent⸗ halt. Eginhard wollte verzweifeln. Es ward ihm, bei ſeiner erregbaren Phantaſie immer gewiſſer, daß die Thurmgruft zu ſeiner Todtengruft werden würde. Er jammerte: „So muß ich denn verlaſſen ſterben, Hier unter Schlangenbrut verderben.“ Johannes und Wertheim tröſteten aus Leibes⸗ kräften. Der Letztere ſchickte bereits nach Arbeitern, um ein paar Suadern aus der Thurmmauer heraus hauen zu laſſen, falls die Verſuche mit der Stricklei⸗ ter nicht gelingen ſollten. Johannes ſenkte jetzt die mit einem tüchtigen Steine beſchwerten Rettungsſtricke abermals in die Tiefe. Voran ſpazierte eine Laterne. Die Geſträuche leiſteten jetzt keinen Widerſtand mehr. So ſchwebte die Rettungsmaſchine immer tiefer. 2 Als Eginhard den Rettungsſtern herab ſchweben ſah, bekam er wieder Muth. „Sei mir willkommen, ſtrahlendes Geſtirn der Oberwelt,“ rief er; und erkundigte ſich zugleich, ob die Strickleiter gehörig befeſtigt ſei? „Unbeſorgt,“ antwortete Johannes,„ſpute Dich nur, daß wir Dich bald im Lichte haben.“ Bei dem Thurmbewohner bedurfte es dieſer Auf⸗ forderung nicht. So wie er den Stein erreichte, zog er ihn vollends herab und band ihn von der Leiter los. „Eigentlich ſollt' ich jetzt,“ ſprach er,„noch einige antiquariſche, hiſtoriſche Unterſuchungen anſtellen über das Innere dieſes räthſelhaften Thurms, damit ich wenigſtens für die Wiſſenſchaft nicht vergebens hier unten campirt habe. In Betracht der Nova Zembla⸗ Atmoſphäre aber will ich mir dieſe Forſchung für ein andres Mal vorbehalten.“ Er leuchtete mit der Laterne ein klein Wenig umher und war eben im Begriff, an der Strickleiter emporzuklimmen, als er das Heft eines alten Schwer⸗ tes entdeckte, das aus den Steintrümmern hervorragte. „Heureka,“ rief er,„und ſollt' ich das Sonnen⸗ licht mein Lebtag nicht wieder ſehen, dieſen außer⸗ ordentlichen Fund kann ich nicht zurücklaſſen.“ Er zog und zerrte ſo lange, bis er die Waffe glücklich erobert hatte. Mit dieſem für ihn unſchätzbaren Funde trat er ſeine Himmelfahrt an und gelangte nach einigen Beſchwerlichkeiten mit ſammt dem Schwerte glücklich auf die obere Thurmmauer, wo ihn Johannes lachend bewillkommte und Wertheim ihn ein freudiges„Glück auf!“ zurief. „Jetzt wirſt Du mir endlich zugeſtehen,“ ſprach er, vor Froſte ſich ſchüttelnd,„daß ſolch ein außeror⸗ dentliches Abenteuer, wie ich beſtanden habe, nicht 73 alle Tage vorkommt. Du wirſt zugeſtehen, daß Cou⸗ rage dazu gehört, ſich lebendigen Leibes, in der Blü⸗ the der Jahre in ein Schlangengrab zu betten. Aber,“ fügte er triumphirend hinzu,„Muth belohnt ſich, ſieh dies Schwert und ſchweige. Ein ſolcher Fund ge⸗ ſchieht nicht alle Tage. Ich fühlte wohl, als ich in der Finſterniß ſaß, daß ich auf einer untergegangenen Heldenwelt herumtrat. Das Schwert iſt Beweis, daß es vor Jahrhunderten furchtbar hier zugegangen iſt. Ich ſchreibe ein Programm über dieſen Flamberg, das ſich gewaſchen haben ſoll— O ihr Götter, welch ein Fund, unter dreiunddreißig Millionen Deutſchen war ich der Auserwählte, der ihn aus Nacht und Trümmern zu Tage fördern und die Alterthumskunde bereichern ſollte.“ Während Johannes die Strickleiter wieder heraufzog, überlegte Eginhard, wie er ſein Schwert glücklich auf die Erde bringen könnte. „Du wirfſt es hinab,“ ſprach Johannes,„es wird nicht zerſpringen.“ „Du ſprichſt, wie Du es verſtehſt,“ zankte Egin⸗ hard, welchen es nicht wenig ärgerte, daß der Freund ſeine Antiquität ſo en hagalelle behandelte. Ich be⸗ darf nothwendiger Weiſe eines guten Seils, um die Waffe wohlbehalten niederzulaſſen. Zwiſchen die Zähne kann ich's nicht nehmen, wie Horatius Coeles.“ Johannes entgegnete:„Was iſt hier für Beden⸗ ten, wir werfen die Strickleiter nach außen. Der da zuerſt hinabſteigt, nimmt's mit.“ Dieſen Vorſchlag ließ ſich Eginhard gefallen, und da er beſſer zu klettern verſtand, als Johannes, ſo übergab er die verroſtete Religuie demſelben; band ſie ihm mit väterlicher Sorgfalt auf die Seele, damit ſie keinen Schaden erleide. Endlich waren die zwei Muſenſöhne zur großen 74 Freude Wertheim's auf ebener Erde angelangt. Egin⸗ hard ward von dem Alten mit Lobeserhebungen ob ſeines Muthes überhäuft, welche er ſich auch gern ge⸗ fallen ließ. Hatte dieſer, als er noch im Thurme ſteckte, über das Furchtbare ſeines Aufenthaltes ſich in ſeiner ge⸗ wohnten Uebertreibung gefallen, ſo trieb er es jetzt, wo keine Gefahr mehr vorhanden, womöglich noch ſchlimmer. Er beſchrieb ausführlich die verſchiedenen Gattungen der Schlangen und der übrigen Ungethüme, die ſämmtlich nach ſeinem Blute gelechzt hätten. Ahmte ihr verſchiedenartiges Geziſch und Gepfeife nach, daß Wertheim und Johannes ſich oft des lau⸗ ten Lachens nicht enthalten, und dem Erzähler wegen ſeiner drolligen Manier nicht bös werden konnten, wenn er auch zuweilen bedeutend fabethaft erzählte. Das Spaßhafteſte an der Sache war, daß Eginhard an alles das Unerhörte, was er erlebt haben wollte, auch wirklich glaubte und feſt überzeugt davon war. Das aufgefundene Schwert, ein Lichtblick ſeines Le⸗ bens, wie er es nannte, gab ihm Stoff, die übertrie⸗ benſte Hypotheſe aufzuſtellen. Im Anfange ſollte es ein Frankenſchwert ſein und da Buchenfels innerhalb des alten Sachſens lag, mußte es nothwendigerweiſe aus den Zeiten Karl's des Großen herrühren; ja der Alterthümler wollte ſogar einige untrügliche Merk⸗ male daran wahrnehmen, welche ihm nicht undeutlich anzeigten, daß es jenem großen Kaiſer wohl ſelbſt angehört haben könnte. Unter ſolchen antiquariſchen Erörterungen kehrte man zum Schloßgarten zurück, wo die Fürſorge der ſchönen gaſtfreundlichen Damen unter der großen Linde ein höchſt appetitliches Frühſtück bereitet hatten. Lieblich glänzten die blanken Weingläſer im Morgen⸗ lichte. Pauline bewillkommte die Ankommenden und Eginhard hatte nichts Eiligeres zu thun, als ſeine Thurmfahrt in Erinnerung zu bringen. Er ſchloß ſeine groteske Schilderung mit den Worten, daß von ſolch einer außerordentlichen Romantik ſelten ein Sterblicher eine Ahnung habe. „Was verſtehen Sie denn eigentlich unter Ro⸗ mantik,“ fragte treuherzig Pauline,„Sie gebrauchen dieſen Ausdruck für ſo verſchiedenartige Situationen, daß ich mir ſchon den Kopf zerbrochen habe über die eigentliche Bedeutung dieſes Wortes?“ „Allerdings, ſchönes Fräulein,“ belehrte Egin⸗ hard,„ſind der Zuſtände ſehr viele, die wir mit der Benennung Romantik bezeichnen. Wandeln wir durch ein lachendes Thal, das ein klarer Bach durchrieſelt, Vergißmeinnicht und blaue Schlüſſelblumen bekränzen ſein Ufer und munteres Laub ſpiegelt ſich in den Silberwellen, während rings auf blumenreichen Hü⸗ geln und grünen Wieſen der Horizont herabfinkt, ſo rufen wir einmal über das andere:„Gott, wie ro⸗ mantiſch!“ Wird die Gegend ernſter, treten an die Stelle des freundlichen Laubholzes finſtere Tannen⸗ wälder, wachſen Felſen empor, wild und waldumnach⸗ tet, erſtirbt der Blumen Schmelz, der Wieſen ſanftes Grün, beginnt der Waldbach zu rauſchen, verſtummt der Vögel Geſang, und zieht nur ein einſamer Raub⸗ vogel in hohen Wolken ſeinen ſpionirenden Kreis— „Huh!“ rufen wir,„wie tief romantiſch!“— Es iſt Spätherbſt Abend, einſame Nebel ſchleichen über erſtorbene Gefilde, der verſpätete Wanderer legt einen ſchnellern Schritt ein, vor völliger Nacht die befreun⸗ dete Heimath zu erreichen; der Abendwind weht das letzte Laub von entblätterten Aeſten, und Alles wird nebelhafter, ungewiſſer, dunkler, unheimlicher,— auch 76 für dieſen Zuſtand wiſſen wir bald eine Bezeichnung und nennen ihn—„romantiſch.“— Glänzt der Vollmond in der Sommernacht, hält die Natur den Odem an, nur in der Silberpappel flüſtert wie Ge⸗ ſpenſter der leiſe Nachtwind, und fern im Parke tönt der Springbrunnen in einförmigem Rauſchen, die eilfte Stunde klingt von der Dorfkirche, in deren Fenſtern ſich der Vollmond ſpiegelt— ach, ſeufzen wir ſchwärmeriſch, wie—„romantiſch!“— Die moosumhüllten, epheuumſponnenen Burgtrümmer ruhen im Abendroth, melancholiſch zirpt ein Heimchen in dem todten Geſtein, unter dem Berge aber treibt der Hirt die friedliche Heerde unter frommem Abendliede nach den wohlverwahrten Ställen, melodiſch lautet dazu die Abendglocke— auch dies nennen wir wieder —„romantiſch.“— Dumpf bricht ſich das dun⸗ kelgrüne Meer an Schottlands Felſenküſte, geheimniß⸗ voll rauſchen die Wogen, ein Fiſcher ſitzt am Ufer, der ſich fingend Netze windet, die Nacht bricht herein, die Lichte des weit in die See hinausgebauten Leucht⸗ thurms werden angezündet, in der nahen Fiſcher⸗ hütte kniſtert auf dem Herde die luſtige Flamme, ein ſüßes Kind, mit holdſeligem Antlitz(Eginhard machte hier eine artige Verbeugung gegen Paulinen, wofür er aber von ihr ein bitterböſes Geſicht bekam) ſetzt beſorgt das Waſſer über die Gluth zum erwärmenden Thee für den Vater, der nych heute Abend von der See zurück erwartet wird, auch dies Bild nennen wir „romantiſch.“— Ein tief goldner Himmel wölbt ſich über Orangenhaine, über eine üppige ſüd⸗ liche Vegetation. In der Ferne glänzt der Spiegel des Meeres. Am wildverwachſenen Pfade erhebt ſich ein einſam Madonnenbild. Ringsumher aber lagern zerlumpte, ſchwarzbraune Geſellen, mit markirten Ge⸗ 77 ſichtern und mord⸗ und beuteluſtigen Blicken, es ſind Räuber aus den Abruzzen, aber Gegend und Räuber —„tief romantiſch.“— Leiſer ſchmelzender Gui⸗ tarrenton tönt aus einem Garten am Quadalquivir, wo die Granatbäume blühen und rothe Mandeln, und ſehnſüchtig erklingt die Romanze zum ſpaniſchen tiefkatholiſchen Himmel, abermals—„romantiſch.“ Es ſollte mir nicht ſchwer werden, noch eine große Anzahl Bilder anzudeuten, die an ſich ganz verſchie⸗ den, uns gleichwohl zu dem Ausrufe„wie romantiſch“ zwingen, und wir ſehen daraus, wie umfaſſend dieſes Wort ſeiner Bedeutung nach, und wie ſchwierig daſ⸗ ſelbe erſchöpfend zu definiren iſt. Wenn nennt man eine Gegend romantiſch? Wenn ſie recht„lieblich“ erſcheint? Weniger. Eine fruchtbare Ebene? Noch weniger. Schöne blühende Gärten? Noch weniger. Wogende Kornfelder, blühende Kirſch⸗Alleen? Auch nicht. Nun, zum Guckuk, wo ſteckt die Romantik? Eine Gegend nennt man romantiſch, wenn ihr Bild eine poetiſche Anſchauung zurückläßt, wenn eine poe⸗ tiſche Idee aus demſelben zu uns ſpricht, wenn wir durch die Anſchauung überhaupt in pvetiſche Stim⸗ mung verſetzt werden. Ueberſetzen läßt ſich das Wort „romantiſch“ nicht, weder durch anmuthig, reizend, lieblich, prachtvoll, noch dergleichen. Nur ein Wort giebt es, das man allenfalls für romantiſch ge⸗ brauchen könnte, obſchon es bei weitem nicht er⸗ ſchöpfend iſt,— das iſt das Wort„maleriſch.“ Eine romantiſche Gegend, mag ſie nun anmuthig, lieblich, reizend, oder nicht ſein, maleriſch iſt ſie ſtets, und maleriſche Gegenden ſind in der Regel— ro⸗ mantiſch.“ Pauline, die ſehr aufmerkſam zugehört hatte, fragte jetzt, als Eginhard mit ſeiner Vorleſung zu Ende war: 78 „Sie nannten vorhin Ihr Eingeſperrtſein im Thurme auch romantiſch; das war doch nicht maleriſch?“ „Allerdings,“ geſtand der Gefragte ein,„ich für meine Perſon gehe freier zu Werke und nenne auch Zuſtände romantiſch, die es ſtreng genommen nicht find. Sie haben recht, meine Situation im Thurm überſtieg faſt die Romantik, ſie war grotesk. Dieſer Ausdruck iſt bezeichnender. „O Königin,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, als ihm Pauline ſeinen Römer wieder gefüllt hatte,„das Leben iſt doch ſchön, zumal wenn man unmittelbar vorher iu offenbarer Todesgefahr geſchwebt hat und jetzt beim vollen Pokale ſitzt, eredenzt von einer rei⸗ zenden Ganymeda, rings von Blumen umblüht, in ſchönſter Morgenbeleuchtung. Herr Wertheim, kennen Sie das neue Weinlied, gedichtet von Kopiſch, in Muſik geſetzt von Reißiger?“ Als der Gefragte verneinte, rief Eginhard:„Wie? Das herrliche Lied kennen Sie nicht? Und Sie auch nicht, ſüßes Kind?“ Pauline ſchüttelte das Lockenköpfchen. „Wirklich nicht? Nun da muß ich's ſingen.“ Und im ſchönen ſonoren Bariton begann er: „Als Noah aus dem Kaſten war, Da trat zu ihm der Herre dar⸗ Der roch des Noä Opfer fein Und ſprach: Ich will dir gnädig ſein, Drum, weil du ein ſo treues Haus, So bitt' dir ſelbſt die Gnade aus. „Da ſprach der Noah: Lieber Herr, Das Waſſer ſchmeckt mir gar nit ſehr, Dieweil darin erſäufet ſind All ſündhaft Vieh und Menſchenkind; Drum möcht' ich armer alter Mann Ein anderweit Getränke ha'n. 90 „Da griff der Herr in's Paradies Und gab ihm einen Weinſtock ſüß, Und ſprach: Den ſollſt Du pflegen ſehr! Und gab ihm guten Rath und Lehr', Und wies ihm Alles ſo und ſo; Der Noah ward ohn' Maßen froh. „Und rief zuſammen Weib und Kind, Dazu ſein ganzes Hausgeſind; Pflanzt Weinberg rings um ſich herum, Der Noah war fürwahr nicht dumm; Baut Keller dann und preßt den Wein, Und füllt ihn gar in Fäſſer ein. „Der Noah war ein frommer Mann, Stach ein Faß nach dem andern an, Und trank es aus zu Gottes Ehrz Das macht ihm eben kein Beſchwer; Und trank, nachdem die Sündfluth war, Dreihundert noch und fünfzig Jahr.“ Eginhard that hierbei einen tüchtigen Schluck. Pauline klatſchte die Händchen zuſammen und rief ein⸗ mal über das andere:„Allerliebſt! Allerliebſt!“ Für Wertheim aber war das Lied nicht mit Golde zu be⸗ zahlen. Er verſetzte ſich ganz in die behagliche Lage ſeines Urahns und wiederholte ſingend brummend: „Dreihundert noch und fünfzig Jahr.“ Es lag in dieſen Worten für Wertheim, der ſich gern noch manches Jährchen der ſchönen Erde zu freuen und manches Fläſchchen auszuſtechen wünſchte, etwas ſehr Beruhigendes. „Paul,“ entſchied er daher ſogleich,„dieſes Lied aller Lieder ſchreibſt Du mir auf. Das lern' ich aus⸗ wendig, partvut, wie ſchlecht es mit meinem Gedächt⸗ niſſe auch ſteht.“ „Ich bin noch nicht zu Ende,“ fuhr Eginhard fort;„nun kommt erſt die gute Lehre.“ Er ſchenkte 80 ſich ſein Glas wieder voll, hob es mit bedeutſamen Blialn empor und ſang: „Ein kluger Mann hieraus erſicht, Daß ihm ſchadet nicht; Und item, daß ein guter C hriſt In Wein niemalen Waſſer gießt, Dieweil darin erſäufet find All ſündhaft Vieh und Menſchenkind.“ Von nun an hörte man den alten Wertheim faſt den ganzen Tag halb laut vor ſich hinſingen: „Dieweil darin erſäufet ſind All ſündhaft Vieh und Menſchenkind.“ Und Eginhard mußte ihm oft die einzelnen Verſe wiederholen, damit er ſie dem Gedächtniſſe einpräge. Die beiden Nachbarn Wertheim's, Bodo und Al⸗ bert, waren wohlbehalten angelangt auf Buchenfels, und wie feindſelig ihnen Eginhard Anfangs geſinnt war, hatte er ſich doch bald dermaßen mit ihnen aus⸗ geſöhnt, daß ſie die herzlichſte Freundſchaft ſchloſſen. Das große Souper, welches Wertheim den Mu⸗ ſenſöhnen zu Ehren beſchloſſen hatte, war nach dem eignen Willen der letztern bis auf die Ankunft der beiden Ritter verſchoben worden. Man war ſo eben von einer Landparthie heimge⸗ kehrt, der Abend war ſchon hereingebrochen und in dem großen Saale ſtand die Abendtafel geſchmackvoll gedeckt. Alle befanden ſich in der fröhlichſten Laune; Eginhard hatte wieder zu hunderterlei Scherzen Ver⸗ anlaſſung gegeben. Seine Thurmfahrt bot noch Stoff zu den mannigfachſten Neckereien. Er gerieth jedes⸗ 8¹ mal in Harniſch, wenn man ſeinen außerordentlichen Abenteuern, die er in ſeiner Gefangenſchaft erlebt haben wollte, nicht unbedingten Glauben und Bewun⸗ derung ſchenkte, oder die Sache überhaupt nicht grotesk und romantiſch genug fand. Wertheim trieb zur Tafel. Eginhard kam wieder neben Paulinen, ſeinem Lieblinge zu ſitzen. Es war eine herrliche Frühlingsnacht, der Abendſtern war ſo eben hinter blühenden Bergen untergegangen; alle Fenſter ſtanden offen und die balſamiſche Nachtluft wehte herein. Die Gläſer klangen an der Tafelrunde. Man ſtieß an, auf den gaſtfreundlichen Wirth und ſeine treffliche Gattin, auf den Couſin Johannes, die benachbarten Gäſte; Eginhard wußte für Alle aller⸗ liebſte verſivicirte Toaſte; er war unerſchöpflich, und die Heiterkeit nahm immermehr überhand. Da klingte Albert an ſein Glas, zum Zeichen, daß er um Gehör bitte. Alles ſchwieg ſtill, bis auf Eginhard, der eben Paulinen, die dem Napoleon nicht vergeben konnte, daß er in das garſtige Rußland hinausgezogen, hiſto⸗ riſch und politiſch bewies, wie dem Kaiſer nichts An⸗ deres übrig geblieben ſei. Er wäre nicht Napolevn geweſen, hätte er dieſen Zug in das Eisland, die größte Epopee der Weltgeſchichte, nicht unternommen. Blos die Philiſter, die Nichts verſtänden, machten ihm einen Fehler daraus. „Ruhe!“ commandirte Johannes, der Eginhard gegenüber ſaß und deutete auf Albert. Der Napo⸗ levniſt war aber dermaßen von ſeinem Gegenſtande ergriffen, daß er noch immer leiſe vor ſich hin dispu⸗ tirte und auf die Worte des Sprechers nicht ſonder⸗ lich achtete. Dieſe lauteten aber alſo: „Ich ſehe mich genöthigt, zu meiner und meines Freundes Schande zu geſtehen, daß uns beide nächſt Stolle, ſämmtl. Schriften. XVI. 6 82 dem Verlangen, unſern hochverehrten Wirth und die lieben Seinen in ihrer Beſitzung zu begrüßen, noch ein andrer, allerdings nur egoiſtiſcher Grund nach dem Buchenfels getrieben hat. Unſer langjähriger Wunſch iſt nämlich erfüllt worden, der Wunſch, dieſe Hallen einmal betreten zu dürfen, woran bei Lebzeiten des menſchenfeindlichen vorigen Beſitzers nicht zu denken war. Und deshalb hoffen wir auch endlich über die wunderbare Sage Aufſchluß zu erhalten, über jene ſeltſame geiſterartige Erſcheinung, die in dieſen Mauern umgehen ſoll, über die berühmte wunderſchöne Roſe von Segovia.“ Eginhard, der ſo eben eine geviertheilte Cotellete mit der Gabel angeſpießt hatte und zum Munde füh⸗ ren wollte, ließ ſie bei dieſer außerordentlichen Nach⸗ richt unberührt auf den Teller zurückfallen, und der Mund, den er zur Empfangnahme bereits geöffnet hatte, blieb ob ſolcher übernatürlichen Romantik gera⸗ dezu offen ſtehen. Er ſelbſt ſaß ſtarr und ſteif da. Auch auf die übrige Geſellſchaft, mit Ausnahme Wertheim's und des anweſenden Paſtors, hatten Al⸗ bert's Worte großen Eindruck gemacht. Alle ſaßen ſtill da in großer Erwartung. Da erhob ſich Wertheim: „Sie haben da, verehrter Freund,“ begann er, „ein Capitel zur Sprache gebracht, das ich den Mei⸗ nigen aus keinem andern Grunde zeither verſchwiegen habe, als um die ohnedies furchtſamen Gemüther nicht noch mehr in Schrecken zu ſetzen. Da es indeß kein Geheimniß mehr iſt, ſo will ich auch nicht länger hinter dem Berge halten und reinen Wein einſchenken, we⸗ nigſtens ſo viel ich von der Sache weiß. Allerdings geht eine Sage von Buchenfels, daß in ſeinen Mauern von Zeit zu Zeit ſich ein ſchönes geiſterartiges Frauen⸗ 83 bild blicken laſſe, welches man allgemein mit dem Na⸗ men der Roſe von Segovia belegt.“ „Von Segovia?“ fragte Johannes,„alſo aus Spanien?“ „Allerdings,“ erzählte Wertheim weiter,„der Ahn⸗ herr dieſes Schloſſes, ein Abenteurer, der Ferdinand dem Katholiſchen gegen die Mauren zu Hülfe zog, ſoll ſich das ſchöne gefangene Maurenkind vom ſpaniſchen König als einzigen Lohn für geleiſtete Dienſte erbeten, es mit nach Deutſchland und zwar hierher auf den Buchenfels gebracht haben. Aber des Nordens kalter, trauriger Himmel habe die ſchöne Tochter des Südens nie wieder lächeln ſehen. Unendliche Sehnſucht habe ſie erfaßt nach ihrer Heimath, nach ihren Lieben und den Geſpielinnen ihrer Jugend. Da wäre endlich ihr Herr und Gebieter über dieſe fortwährende Wehmuth, und weil ſie ihm ſeine aufgedrungene Liebe nicht habe erwiedern können, bös und zornig geworden und habe ſie gequält mit allerhand Martern, denn das arme Mädchen war ſeine Selavin. Dieſe aber war ſolcher Behandlung nicht gewöhnt, denn ſie war in Segovia die Tochter eines Königs und ihr zarter Fuß hatte nur auf perſiſchen Teppichen geruht, und ihre kleine Hand hatte nur zu winken gebraucht, und eine Anzahl Dienerinnen waren bereit geweſen, ihre Befehle in Ausführung zu bringen. Jetzt ſollte ſie auf Buchen⸗ fels die Dienſte einer niedern Dienerin verrichten, denn Herr Ruppert, ſo hieß der Ahnherr, hatte zu ihr geſagt:„Wenn Du nicht mein Liebchen ſein willſt, ſo ſei meine Magd.“ Da iſt aber das arme Mädchen von Tag zu Tag ſichtbar bläſſer geworden, und die im ganzen Maurenreiche gefeierte Roſe von Segovia hat ſich alsbald kaum mehr ähnlich geſehen. Ruppert, nachdem auch ſeine barbariſche Härte ihm nichts ge⸗ 6* „— 8⁴ holfen, iſt noch aufgebrachter geworden und hat das arme Kind endlich gar in den Thurm werfen laſſen, wo ſie elendiglich umgekommen ſein ſoll.“ „Was, in den Thurm?“ rief Eginhard in höch⸗ ſter Extaſe,„da hab' ich ja auch geſteckt; da mußte das himmliſche Kind umkommen, das iſt gewiß; ſie iſt unſtreitig von den daſelbſt befindlichen Schlangen getödtet worden.“ Mit welcher geſpannten Aufmerkſamkeit man auch der intereſſanten Erzählung Wertheim's zugehört hatte, ſo brachte Eginhard's leidenſchaftliche Unterbrechung doch unwillkürliches Lachen hervor. Man bedachte, welche außerordentliche Senſation der Gedanke in den Enthuſiaſten hervorbringen müſſe, mit einer ſo hoch⸗ romantiſchen Perſon, wie die von ganz Spanien wegen ihrer Schönheit gefeierten Roſe von Segovia in ein und demſelben Thurme geſteckt zu haben. Wertheim ſtellte es in Zweifel, ob das Mädchen in dem Thurm, wo Eginhard eingefahren, umgekom⸗ men ſei. Es wäre viel wahrſcheinlicher, daß ſie Rup⸗ vert in das eigentliche, jetzt ganz verfallene Burgver⸗ lies habe ſperren laſſen. Eginhard aber wollte das um keinen Preis zugeſtehen und ſchwur hoch und theuer, morgen mit erſtem Tageslichte, es koſte was es wolle, und ſelbſt auf die Gefahr hin, von den Schlangen gefreſſen zu werden, nochmals hinabzufahren und nähere Nachforſchungen über die Roſe von Segovia anzuſtellen. Wertheim fuhr in ſeiner Erzählung fort: „Seit dem Tode des Mädchens geht aber die Sage, daß es in dieſen Mauern des Nachts als Geſpenſt um⸗ hergehe, und die ſie geſehen zu haben vorgeben, ver⸗ ſichern, daß ihr Geiſt in derſelben Schönheit und Ju⸗ gendfülle erſcheine, wegen welcher das Mädchen von ihren mauriſchen Zeitgenoſſen ſo bewundert worden. — 85 Zuweilen ſingt ſie mauriſche Lieder, voller ſehnſüchti⸗ ger Wehmuth nach den Granat⸗ und Mandelbäumen Segovia's und nach den goldnen Wellen des Qua⸗ dalquivir. Man erzählt von Beiſpielen, wo herzhafte Leute ſich ihr genaht und ſie angeredet haben. Da ſoll ſie jeden einen goldnen Apfel voll bezaubernden Duftes geſchenkt haben. Die Empfänger, die ſich nicht enthalten konnten, dieſen Apfel aufzuſpeiſen, ſollen bald geſtorben ſein.“ „Natürlich,“ fiel Eginhard ganz ernſthaft ein. „ſolche Geiſterfrüchte können Sterblichen unmöglich gut bekommen; aber möcht' es werden wie es wollte, wenn ich ſo einen Apfel von dem himmliſch⸗ſchönen Kinde erhalten könnte, ich wäre außer mir vor Ent⸗ zücken. Solche außerordentliche Romantik wiederfährt nicht jedem Sterblichen. Wenn ich nur wenigſtens an einem Sonntage geboren wäre, hätte icheher Hoff⸗ nung mit dieſer Roſe von Segovia in Connexion zu treten. Sonntagskinder haben in dieſer Hinſicht etwas voraus. So aber bin ich verährloſt, ein blinder Heſſe, und muß in meiner verdumpften Thierheit auf alle romantiſche Clairvoyance verzichten. Es iſt zum Verzweifeln.“ „Wer wird ſo abergläubig ſein,“ ſtrafte Pauline. „Abergläubig!“ verſetzte Eginhard,„Sie ſind wohl ein Freigeiſt, mein Paulinchen, der alles Ueber⸗ irdiſche hinwegleugnen will; nein, meine Theuerſte, da haben andre Leute daran geglaubt als meine We⸗ nigkeit; die größten Genies der Weltgeſchichte, Julius Cäſar, Napolevn nicht ausgenommen. Erſterer war nur zuletzt mit Blindheit geſchlagen. Die Idus des Märzes ſind bekannt, und hätte er den verhängniß⸗ vollen Traum der Calpurnia nur einigermaßen beher⸗ 86 zigt, würde er nicht nöthig gehabt haben, ſich drei⸗ undzwanzig Löcher in den Leib ſtoßen zu laſſen.“ Jetzt ergriff auch der rativnale Paſtor das Wort und zog gegen Eginhard zu Felde. Dieſer ließ ſich indeß nicht ſogleich ſchlagen, und citirte eine ſolche Menge Thatſachen, die für ihn ſprachen, daß man ob ſeiner Beleſenheit in dieſem Gebiete erſtaunen mußte. Endlich fragte ihn Marie, ob er wirklich glaube, daß die Roſe von Segovia jetzt noch umher wandle? „Warum nicht?“ erwiederte der Gefragte,„die Chroniken ſind an Beiſpielen von ſolchen Burggeiſtern nicht arm. Wenigſtens wünſchte ich von Herzen, das ſchöne Kind zu ſprechen.“ „Eſſen Sie nur keinen Apfel von ihr,“ warnte Pauline. Wertheim, der jetzt fürchtete, daß von Eginhard's Geiſterglauben auch die Mädchen zu ſehr angeſteckt werden könnten, erklärte, daß er die Sage von der Roſe von Segovia gewiß nicht ſo ausführlich mitge⸗ theilt haben würde, wenn er nicht feſt überzeugt wäre, daß man darin ein hübſches pvetiſches Ammenmähr⸗ chen erkenne. Eginhard hielt ſich von der Unentbehrlichkeit eines ſolchen intereſſanten Geiſtes für ein altes Schloß be⸗ reits ſo überzeugt, daß er Wertheim auf drollige Art Vorwürfe machte, wie er den Spruch ſo dürr proſaiſch für ein Ammenmährchen erklären könne. „Ihr Schloß iſt, inecluſive der Roſe von Segovia,“ behauptete er,„unter Brüdern einige Tauſend Thaler mehr werth. Eine ſolche intereſſante geiſterhafte Ac⸗ quiſition macht nicht ein iedes. Ich ließe mir's ge⸗ fallen, wenn die Erſcheinung in einem unanſehnlichen Zwerge oder einer bejahrten Ahnfrau beſtände; ſolch Volk findet man aller Orten, aber ſo ein wunderſchö⸗ — 87 nes Königskind aus den Königshallen der Alhambra iſt mit allen Schätzen der Welt nicht zu bezahlen.“ Er kam auf die alte mauriſche Herrlichkeit zu ſpre⸗ chen.„Wir Proſaiker und Eiſenbahnactionäre des neunzehnten Jahrhunderts,“ ſprach er,„haben gar keine Ahnung von jener untergegangenen Pracht und Herrlichkeit. Da hab' ich vor Kurzem in einem eng⸗ liſchen Taſchenbuche Anſichten von der Alhambra ge⸗ ſehen. Wer da nicht in Feuer und Flammen geräth, muß am Aſchermittwoch geboren ſein. Gegen dieſe Königsburg iſt Alles nichts, was erhabene Baukunſt je hervorgebracht hat. Lange Jahre noch nach dem Untergange des Maurenreichs, als die Inquifition in Grenada ſchon nach Herzensluſt maſſacrirte, konnten die getauften Mauren der alten Herrlichkeit nicht ver⸗ geſſen, ſobald die prachtvollen Zinnen der Alhambra im Golde der Abendſonne leuchteten. Johannes ſelbſt hat die Sache gar nicht übel beſungen. Hans, wie heißt gleich Dein Lied?“ „Die unbedeutenden Verſe find der Rede nicht werth,“ bemerkte dieſer. Eginhard verband ſich aber mit Paulinen und Marien, ſo daß Johannes nach langem Widerſtreben nicht umhin konnte, ſein Lied vorzutragen. Es lautete: „In den Straßen von Grenada Wird es ſtill und ſommernächtig, Und zur Abend-Hora ſchreitet Dort der graue Mönch bedächtig; Der Morisco ſieht ihn nicht— Alhambra glänzt im Abendlicht. „Und der Prieſter flucht gewaltig Und verwünſcht die Heidenlehren, Und er ſucht zum reinen Glauben Die Verſtockten zu bekehren; Der Morisco hört ihn nicht— Alhambra glänzt im Abendlicht. 88 „Rauſchend fällt der Silberſtrahl In das Marmorbecken nieder, Und an der geweihten Quelle Kniet der Maurenknabe nieder; Cbriſtenwaſſer kühlt ihn nicht— Alhambra glänzt im Abendlicht. „Duftend läßt der Mandelbaum Rothe Blüthen niederfallen, Und aus tiefem Thalesgrunde Todeswürd'ge Lieder ſchallen; Aus dem Aug' die Thräne bricht— Alhambra flammt im Abendlicht.“ Eginhard erhob ſein goldgefülltes Glas: „Alhambra flammt im Abendlicht! Du ſollſt le⸗ ben, Johannes!“ Alle Gläſer klangen aneinander. „Wer übrigens einen wahren Begriff,“ fuhr Egin⸗ hard fort,„von jener untergegangenen Poeſie haben will, der muß die ſpaniſch⸗mauriſchen Romanzen von Heine leſen: „In dem Dome von Cordova Stehen dreizehnhundert Säulen, Dreizehnhundert Rieſenſäulen Tragen die gewalt'ge Kuppel. Man bedenke, dreizehnhundert Säulen in einem ein⸗ zigen Dome! Und die Hauptſache, aus jenen hoch⸗ pvetiſchen Zeiten ein ſchönes Königskind hier im Schloſſe. Der Gedanke iſt zu überirdiſch. Und daß ich dabei ſein kann, der ich doch in's Geſchlecht der Unglücksvögel gehöre.“ Das Geſpräch kam wieder auf die Roſe von Segovia. „Den Gedanken gab mit Gott ein,“ fuhr Egin⸗ hard plötzlich auf,„der Bibliothekar, jener myſteriöſe Mann, muß um die Sache wiſſen. Ich glaube, das iſtauch ſo eine Art Burggeiſt, da er ſich vor Nieman⸗ den blicken läßt. Ich bin dieſe Tage wie ein Narr 89 ihm zu Gefallen gelaufen; Alles vergebens. Wenn ich nur wiſſen ſollte, wie das Geſpenſt eigentlich ausſieht?“ „Er trägt einen langen, langen aſchgrauen Rock,“ beſchrieb Pauline,„der faſt wie ein Kaftan bis auf die Knöchel herabfällt, und eine Perrücke von gleicher Farbe.“ „Ganz recht“, gab Eginhard zu,„das iſt der Habit für dergleichen unheimliches Perſonale. Iſt er lang oder klein?“ „Mehr klein,“ war die Autwort,„und ſeine kleinen grauen, tiefliegenden Augen haben etwas Unheimliches.“ „Nun ſteht er vor mir, wie er leibt und lebt,“ ſprach Eginhard,„aber ſoviel iſt gewiß, daß mich kein Menſch von Buchenfels fortbringt, bevor ich nicht die nähere Bekanntſchaft dieſes höchſt räthſelhaften Kauzes gemacht habe.“ „Das kann uns nur angenehm ſein,“ lachte Wert⸗ heim,„da werden wir lange uns Ihres Beſuchs zu erfreuen haben. Ich glaube ſchwerlich, daß er, ſo lange Gäſte im Schloſſe ſind, ſichtbar wird. Wie ich vorher ſagte, er hat ſich ſeit der Ankunft der Muſenſöhne augenfällig zurückgezogen.“ „Sonſt bekamen wir ihn wenigſtens alltäglich ein vaar Mal des Abends zu ſehen, ſobald die Sonne un⸗ tergegangen war,“ erzählte Marie. „Die graue Geſtalt in Abendbeleuchtung,“ ſprach Eginhard,„muß ſich romantiſch ausgenommen haben.“ „Und ſtets marſchirte der ſchwarze Kater neben ihm,“ fuhr Marie fort,„der ſeinen Herrn wie ein Schatten folgt.“ „Selbſt dieſe myſtiſche Beſtie hab ich noch nicht geſehen,“ ärgerte ſich Eginhard,„es iſt impertinent und zum Todtärgern.“ „Wenn aber Jemand aus der Fanmilie dieſen ſelt⸗ 90 ſamen Bibliothekar beſuchen will“ fragte Bodv,„kann er doch nicht geradezu den Eintritt verweigern?“ „Das allerdings nicht,“ ſprach Wertheim,„ich ſelbſt bin zwei Mal bei ihm geweſen; aber er ſcheint dergleichen Beſuche nicht zu lieben, und da die Mei⸗ nigen kein großes Verlangen nach der Bekanntſchaft des menſchenfeindlichen Mannes tragen, ſo ſind wir ihm ſämmtlich nicht weiter beſchwerlich gefallen.“ „Die Wohnung des Signor Baſilico,“ bemerkte Bodo,„ſoll hinſichtlich der ſeltenen antiquariſchen Al⸗ terthümer die intereſſanteſte im ganzen Schloſſe ſein.“ „Wirklich?“ fiel Eginhard ein,„ei verehrteſter Herr Wertheim, da ſollte eigentlich ein ernſtes Wort von Ihnen aus die Pforten dieſes eleuſiniſchen Tem⸗ pels öffnen. Wer weiß, welche intereſſanten antiqua⸗ riſchen Schätze wir vorfänden, die außerdem für im⸗ mer unbekannt bleiben, und durch welche die Wiſſen⸗ ſchaft gewiß ſehr bereichert werden könnte.“ „Nur ungern würde ich mich hierzu entſchließen,“ entgegnete Wertheim,„der ſeltſame Mann ſteht am Ende ſeiner Tage, faſt am Grabesrande, warum ihm ſeine letzten Tage noch durch unzeitige Neugier ver⸗ bittern?“ „Am Grabesrande?“ fragte Eginhard,„das glaube ſonſt Jemand; Leute dieſes Schlages leben in die Millionen; der ſieht uns Alle begraben, eines nach dem andern; hat er nicht ſchon mehr Beſitzer von Buchenthal überlebt? Und iſt er nicht wie ein Fami⸗ lienſtück von einem auf den andern fortgeerbt? Die älteſten Leute, ſie mögen zurückdenken, ſoweit ſie wol⸗ len, können ſich nicht entſinnen, ihn anders geſehen zu haben. Und geſetzt, er muß ja einmal daran, ſo zerſtört er gewiß aus Mißgunſt und Menſchenhaß Alles, was die Menſchen erfreuen und belehren könnte. 9⁴ Das iſt die Maxime aller dieſer außergewöhnlichen Perſonen.“ „Vielleicht gelingt es,“ tröſtete Wertheim,„den Alten durch Güte und Nachſicht zu gewinnen und ihn menſchenfreundlicher und geſelliger zu ſtimmen.“ „Nun, wenn ich ſeiner nur erſt anſichtig werden könnte,“ meinte Eginhard,„ich will meine ganze Ge⸗ lehrſamkeit, Liebenswürdigkeit, Weltweisheit und Be⸗ redtſamkeit concentriren, und einen wahrhaften Sturm auf die alte zähe Feſtung unternehmen.“ Es ward einſtimmig beſchloſſen, die erſte Gele⸗ genheit hierzu zu ergreifen und beſtmöglichſt zu benutzen. 12. Als Eginhard und Johannes nach ihrem Schlaf⸗ zimmer gegangen waren, konnte erſterer durchaus nicht einſchlafen. Die Roſe von Segovia lag ihm fort⸗ während im Kopf. In einer ſolch hochromantiſchen Situation hatte er ſich noch niemals befunden. Mit dem Geiſte eines der ſchönſten Mädchen des unterge⸗ gangenen Maurenreichs unter ein und demſelben Dache zu logiren, ſo hoch hatten ſich ſeine höchſten phanta⸗ ſtiſchen Wünſche noch nicht verſtiegen. Er überlegte bei ſich, falls ihm die Roſe von Segovia erſchiene, mit welcher poetiſchen Apoſtrophe, und in welcher Mundart er ſie anreden wolle. Im Arabiſchen war er allerdings nicht zu Hauſe. Indeß tröſtete er ſich, daß ſie während ihres Aufenthaltes in Deutſchland doch etwas von der deutſchen Sprache profitirt haben würde, und im Altdeutſchen leiſtete er etwas, das war er ſich bewußt. Auch ſprach die Präſumtion für ihn, daß ein geläuterter Geiſt die irdiſchen Expecto⸗ 92 rationen verſtehen müſſe, wie der liebe Gott, zu dem man in jeder Sprache reden kann. Von dergleichen Phantaſien alarmirt, warf er ſich auf ſeinem Lager umher, während Johannes bereits geraume Zeit in tiefem Schlafe lag. Der Mond ſchien hell in's Zimmer, die Nacht war ſchön und frühlingswarm. Er hielt es daher für gerathener, aufzuſtehen und ein wenig zum Fenſter hinaus zu ſchauen. Die nächtliche Gegend lag wie am Tage. Kein Lüftchen rührte ſich, nur vom Parke herauf tönte das leiſe Rauſchen einer Cascade. Eginhard war ſehr poetiſch geſtimmt. Er recitirte leiſe für ſich folgende Verſe aus Goethe's unübertrefflichem Mondſcheinliede: „Fülleſt wieder Buſch und Thal Still mit Nebelglanz, Löſeſt endlich auch einmal Meine Seele ganz. „Breiteſt über mein Geſicht Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Ueber mein Geſchick. „Selig, wer ſich vor der Welt Ohne Haß verſchließt, Ei en Freund am Buſen hält, Und mit dem genießt, „Was von Menſchen nicht gewußt, Oder nicht bedacht. Durch das Labyrinth der Bruſt Wandelt in der Nacht.“ Plötzlich nahm eine wunderſeltſame Erſcheinung die Aufmerkſamkeit Eginhard's auf das Außerordent⸗ lichſte in Anſpruch. Er rieb ſich die Augen und ſah nach dem alten Schloſſe, rieb ſie ſich abermals und ſah abermals dahin. Er faßte ſich endlich beim Kopfe ₰ 93 und ſchüttelte dieſen, in der Meinung, daß er träume und nicht recht ſähe. Es half nichts. Hoch oben auf den Zinnen des alten Schloſſes wandelte im Mond⸗ ſchein eine weiße, geiſterhafte Geſtalt. Eginhard ſprang jetzt zu Johannes Bett und rüt⸗ telte dieſen am Arme. Der Schläfer aber war nicht zu ermuntern, brummte ein wenig und ſchlief weiter. Eginhard hatte keinen Augenblick zu verlieren und ſchlüpfte wieder an's Fenſter. Das geiſterhafte Weſen ſtand jetzt am äußerſten Abhange der Thurmzinne. Zu ſeinen Füßen gähnte ein furchtbarer Abgrund. Einen Schritt und die Ge⸗ ſtalt, wenn ſie ſterblich war, ſtürzte zerſchmettert in die Felſen des Schloßbergs. Eginhard's Haare ſtan⸗ den ſämmtlich kerzengrad empor. Er wagte nicht zu athmen, noch ſich von der Stelle zu rühren. Er war ſo aufgeregt, daß allmälig vor ſeinen Augen Alles zu tanzen anfing. Dennoch gewahrte er ſo viel, daß die weiße Geſtalt ein Mädchen mit langen dunkeln Locken ſei. Es ſchien, als blicke ſie wie träumend und lächelnd nach dem Monde, der in voller Klar⸗ heit am Himmel ſtand. Plötzlich wendete ſie ſich, und ſchwebte den fürchterlichen Abhang entlang und verſchwand hinter einer Thurmmauer. Eginhard, dem der Angſtſchweiß in großen Tropfen auf der Stirne ſtand, ſchöpfte jetzt Athem und konnte ſich noch immer nicht überzeugen, ob er die Erſchei⸗ nung wirklich geſehen oder nur geträumt habe. Er rüttelte abermals an Johannes und ſchlich zum Fen⸗ ſter zurück. Das geiſterhafte Mädchen war verſchwun⸗ den, dafür trieb ein anderes Phänomen ſein Haupt⸗ haar zu Berge, und ſeine Kinnbacken fingen zu wir⸗ beln an. Der alte Bibliothekar, ganz in der Tracht, wie Pauline ihn bezeichnet, kam zu einem Fronton⸗ *— 94 fenſter herausgeſtiegen, wandelte gleichfalls auf der Zinne des Schloſſes umher und verſchwand hinter derſelben Mauer, wo das geiſterhafte Mädchen un⸗ ſichtbar geworden. Jetzt ſtürzte ſich Eginhard, wie vom Fieber ge⸗ packt, abermals auf den ſchlafenden Johannes und rüttelte ſo lange, bis dieſer völlig wach wurde. „Um's Himmelswillen,“ raunte jener leiſe, mit gepreßter Stimme,„die Roſe von Segovia, komm ſchnell!“ „Wer?“ fragte der Erwachende, noch halb ſchlaf⸗ trunken. „Die Roſe von Segovia, nur ſchnell,“ drängte Eginhard. „Einfältiges Zeug,“ brummte Johannes mißmu⸗ thig,„haſt wieder einmal phantaſirt.“ Damit legte er ſich auf die andere Seite und ſchlief wieder ein. Der Geiſterſeher war indeß von Neuem an das Fenſter geeilt; aber weder die weiße Dame, noch der Bibliothekar kamen wieder zum Vorſchein. Die Nacht blieb ſtill und mondhell wie zuvor. Jetzt begann es Eginhard nach den außerordentlichen Erlebniſſen in der nächtlichen Einſamkeit unheimlich zu werden. An Schlaf war nicht zu denken. Darum begann er zum dritten Mal an Johannes zu rütteln. Dieſer ward bei dieſer fortwährenden Störung noch ungehaltener, und Eginhard mochte zehn Mal Stein und Bein ſchwören und Ehre und Seligkeit verwetten, die berühmte Roſe von Segovia geſehen zu haben, er fand zu ſeiner nicht geringen Pein an Johannes einen proſaiſchen Ungläubigen. Dem Gei⸗ ſterſeher konnte gar nichts Fataleres wiederfahren, als dieſe ſtviſche Apathie und Indolenz des Freundes. Er bereute jetzt bitterlich, letztern zuweilen etwas fa⸗ 95 belhafte Dinge vorerzählt zu haben, die ſeinen Kre⸗ dit als Referenten allerdings bedeutend untergraben hatten. Nun mußte er in Wahrheit eine außeror⸗ dentliche Erſcheinung erleben und hatte das Unglück, daß Johannes die Sache nicht glaubte. Daß das ſchwarzlockige Mädchen in der Welt Nie⸗ mand anders geweſen ſei, als die berühmte Roſe von Segovia, dafür hätte er ſich unbedenklich aus Kreuz nageln laſſen. Nun kam der myſtiſche Bibliothekar dazu, der mitten in der Nacht zum Frontonfenſter herausſtieg und auf der Schloßzinne auf⸗ und abpro⸗ menirte. Es war Eginhard jetzt gleichfalls klar, daß die zwei Individuen, die Roſe von Segovia und der Bibliothekar in geheimer Wahlverwandtſchaft ſte⸗ hen müßten. Daher alſo das räthſelhafte Weſen und Benehmen des Signor Baſilico. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Hatte er nicht die Bei⸗ den in höchſteigner Perſon auf dem alten Schloſſe herumſteigen ſehen? Der Bibliothekar war unfehlbar auch ein Geiſt. Ein Menſch von Fleiſch und Blut hätte bei der gefährlichen Expedition zehn Mal das Genick gebrochen. So war denn Eginhard's längſt gehegter Wunſch endlich in Erfüllung gegangen. Er hatte überirdiſchen Weſen vis à vis geſtanden, ſie mit ſeinen zwei geſunden Augen, bei völlig klarem Selbſt⸗ bewußtſein erſchaut; aber er fühlte ſich durch dieſen Blick in's Geiſterreich keineswegs wohlthuend ange⸗ ſprochen; das erſte Rencontre war zu ergreifend gewe⸗ ſen. Wenn die Beiden auf ebener Erde einherſpa⸗ ziert wären, würde es ihn weniger angegriffen haben; ſo pflegen es fleiſch⸗ und blutgeborne Menſchenkinder gleichfalls zu machen; aber auf dem Giebel des alten Schloſſes, wo ſich der erfahrenſte Kater kaum hinge⸗ traut, ſolche handgreifliche Beweiſe von einer Geiſter⸗ 96 welt mußten den vertrocknetſten Philiſter erſchüttern, wie viel mehr einen Eginhard, der ſolch' wachſames Ohr und Auge für alles Uebernatürliche hatte. Wie geſagt, die Geiſterviſion war ihm durchaus nicht bekommen, und nachdem er noch einen furchtſa⸗ men Blick nach dem verhängnißvollen Schloßdache ge⸗ worfen hatte, ſuchte er zähneklappernd und fieberfrö⸗ ſtelnd das Lager, zog die Bettdecke weit über den Kopf und bemühte ſich, an andre Dinge zu denken; aber das ſchwarzlockige Mädchen und der graue Bi⸗ bliothekar ſtanden fortwährend kerzengrade vor ihm, und an Schlaf war nicht zu denken. Erſt gegen Morgen fiel er in einen fieberiſchen Halbſchlummer, deſſen er ſich gleichfalls nicht lange zu erfreuen hatte. Johannes war früh auf und zankte vor Eginhard's Bett, daß er ihm in voriger Nacht ſo wenig Ruhe gelaſſen habe. Der Geiſterſeher erwachte, rieb ſich die Augen, und als er gewahrte, daß es vollkommen Tag, ſprang er in einem Satze aus dem Bette und nach dem Fen⸗ ſter, durch welches er die vorige Nacht geſchaut hatte. Er machte große Augen. Da lag das alte Schloß in der ſchönſten Morgenbeleuchtung, ganz wie er es im Mondſchein geſehen hatte. Daſſelbe Frontonfen⸗ ſter, dieſelbe alte graue Mauerblende, hinter welchen die Roſe von Segovia und der Bibliothekar waren unſichtbar geworden. Es war alſo kein Traum, keine Sinnestäuſchung geweſen. Er ſchaute lange mit ſtar⸗ rem Blicke nach der verhängnißvollen Schloßzinne, dann warf er ſich dem Johannes an die Bruſt. „Hans,“ rief er,„es war die furchtbarſte Nacht meines Lebens. Du mußt in einem magiſchen Schlafe gelegen haben, ſonſt würdeſt Du durch mein Rütteln 97 vollkommen wach geworden ſein. Die außerordentliche Erſcheinung war Dir vielleicht nicht beſchieden.“ „Das glaub' ich auch,“ erwiederte Johannes,„Du allein warſt der Auserwählte, darum hätteſt Du mich können immer ruhig ſchlafen laſſen. Ich weiß Dir wahrlich keinen Dank für das barbariſche Rütteln und Schütteln.“ „Spotte nur,“ ſprach Eginhard gereizt,„wenn Du geſchaut, was ich erſchaut habe, würde Dir der Spott vergehen.“ „Nun, was iſt es denn eigentlich geweſen?“ fragte Johannes,„das in dieſer Racht Vordeklamirte hab' ich rein vergeſſen.“ „Schlimm genug,“ murrte Eginhard,„und ein Beweis mehr, daß ein magiſcher Schlaf Dich umfan⸗ gen hielt.“ Er erzählte nun ausführlich, bis in das kleinſte Detail, die nächtliche Erſcheinung; ſchwor dabei ſo hoch und theuer, daß ein andrer als Johannes die Sache nicht bezweifelt haben und unfehlbar in ge⸗ rechtes Erſtaunen gerathen ſein würde. Dieſer aber blieb ſehr ruhig, ſah zum Fenſter hinaus und pfiff ein Morgenliedchen. Eginhard brachte dieſe ſtoiſche Gelaſſenheit bei einer ſo höchſt romantiſchen Angelegenheit, die er überdies ſelbſt erlebt hatte und die er mit nicht ge⸗ ringer Ekſtaſe vortrug, zur gelinden Verzweiflung. Er packte endlich den Freund und ſchüttelte ihn kon⸗ vulſiviſch. „Seelenloſes Amphibium,“ ſchrie er,„Du glaubſt es alſo wirklich nicht?“ „Nein,“ lächelte der Gefragte,„übrigens bitt ich Dich freundſchaftlichſt, Dein nächtliches Rütteln und Schütteln nicht bei hellem Tageslichte zu wiederholen.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XVi. 7 98 „Und wenn ich Ehr' und Seligkeit zum Pfande einſetze,“ fuhr Eginhard verzweifelnd fort, und ſchüt⸗ telte ununterbrochen weiter. „Thu' mir den Gefallen,“ ſprach Johannes, „und laß los, ich würde die Sache für ein Phanta⸗ ſiebild erklären, wenn ſie der nüchternſte Kantianer erzählte, geſchweige bei Dir, dem alle Tage etwas Hochromantiſches vor der Naſe umherläuft.“ Eginhard ließ erſchöpft los. „Das fehlt zu meinem Unglück,“ ſeufzte er,„jetzt hab ich wirklich einmal Geiſter geſchaut, man kann ſie gar nicht deutlicher zu Geſicht bekommen— nun glaubt's der Kannibale nicht.“ „Uebrigens,“ bemerkte Johannes lächelnd,„will ich Dir rathen, mit Deiner Geiſtererſcheinung vorſich⸗ tiger zu Werke zu gehen, hübſch reinen Mund zu hal⸗ ten gegen Jedermann im Hauſe; Du würdeſt Dich unnöthigerweiſe dem Spotte ausſetzen.“ „Nun, da will ich doch gerädert ſein und zwar von unten herauf, wenn ich von dieſer im Gebiete der Geiſterwelt ſo hochwichtigen Geſchichte nicht ſpreche, ſo lange ich eine Lunge habe. Eine ſolche Felſenlaſt mag ich nicht auf dem Herzen behalten. Ich glaube, ich lebte nicht acht Tage, wenn ich mich darüber nicht ſattſam expectoriren dürfte.“ „Aber ſo überlege doch nur,“ gegenredete Johan⸗ nes,„daß Du nur lebhaft geträumt haſt; es iſt auch ganz natürlich, wir haben geſtern den langen lieben Abend von Nichts geſprochen als von der Roſe von Segovia. Du ſelbſt warſt ordentlich verliebt in das ſchöne Maurenkind und ganz exaltirt von meines On⸗ kels mährchenhafter Relativn. Es wäre ein Wunder, wenn Du nicht bei Deiner aufgeregten Phantaſie da⸗ von geträumt haben ſollteſt; und daß der Menſch 99 äußerſt lebhaft träumen kann, ſo daß der Traum faſt dem wachen Zuſtande gleichkommt, darüber haſt Du mir noch dieſer Tage eine ausführliche Vorleſung ge⸗ halten.“ „Höre, Freund,“ brach jetzt Eginhard los,„ich vitte Dich, ſchone meine Lunge; chikanire, ärgere mich nach Herzensluſt, es ſei Dir Alles erlaubt, nur gieb mir nicht für einen Traum aus, was ich mit zwei, Gott ſei Dank, ganz geſunden Augen, keine andert⸗ halbhundert Schritt, in der herrlichſten Mondenbeleuch⸗ tung klar und deutlich geſehen habe.“ „Glaube jeder, was ihm beliebt,“ ſprach endlich Johannes,„wir wollen uns nicht darüber ſtreiten, Du weißt, daß ich über dergleichen Dinge proſaiſcher denke.“ Eginhard konnte ſich aber über des Freundes Un⸗ glauben nicht zufrieden geben; und kaum war die Geſellſchaft von geſtern beim Kaffee verſammelt, als Eginhard, trotz Johannes wiederholtem Abreden, ſein nächtliches Abenteuer mit dem ihm eigenthümlichen Feuer vorgetragen hatte. Wäre Eginhard's Erzählung von einem weniger exaltirten Gemüthe ausgegangen, ſo hätte ſie unſtrei⸗ tig eine weit größere Wirkung hervorgebracht. Man kannte aber Eginhard's Paſſion für alles Hochroman⸗ tiſche und Uebernatürliche, darum nahm man auch die Mondſcheinviſion für nichts mehr als ein Mährchen. Der Erzähler war außer ſich, daß die Senſation bei ſeiner Mittheilung nicht ſtärker war. Er ließ ſich in⸗ deß nicht abſchrecken und malte ſein Abenteuer noch⸗ mals ſo ausführlich und der Wahrheit getreu aus, daß man endlich, faſt mehr aus Gefälligkeit denn aus Uueberzeugung, daran zu glauben vorgab. Pauline und Marie erſchienen noch am Gläubigſten. 7* 100 Eginhard meinte, er komme ſich vor, wie Kas⸗ ſandra, die Hellſehende, welche auch Dinge geſehen hätte, an die die proſaiſche Welt nicht habe glauben wollen. Auch fühle er ſich ſo unglücklich wie die Tro⸗ janerin. Seine Ruhe ſei dahin. Die Geiſter, die ſich zeither ſichtbar von ihm zurückgezogen, hätten es nun wahrſcheinlich auf ihn abgeſehen, um die frühere Vernachläſſigung gut zu machen. Er wiſſe ihnen kei⸗ nen Dank dafür. Er hätte ſich ohne ſie weit beſſer befunden. Doch wolle er ſich keine Injurien gegen ſie erlauben, ſie ſtellten leicht ein Bein, denn die Rache der Geiſter ſei furchtbar und kenne keine Gren⸗ zen. Ueber dieſes Kapitel könne er entſetzliche Bei⸗ ſpiele erzählen. Um dem Geſpräch eine andere Wendung zu ge⸗ ben, ſchlug Herr Wertheim für den Nachmittag einen Spaziergang nach der Haidemühle vor, die ein hal⸗ bes Stündchen von Buchenthal in einem reizenden Thale gelegen war. 13. Eginhard ſowohl als Bodo, Albert und Johan⸗ nes hatten ſich alle erdenkliche Mühe gegeben, des räthſelhaften Bibliothekars anſichtig zu werden. Es war Alles vergebens geweſen; und da es Wertheim nicht gebilligt haben würde, ſo hatte man es auch vermieden, den gergden Weg einzuſchlagen und gleich⸗ ſam mit Gewalt in Baſilico's Wohnung einzudringen. „Ihr werdet mir nun allmälig zugeſtehen,“ ſprach Eginhard, als Bodo und Johannes von einem aber⸗ maligen mißlungenen Verſuche verſtimmt zurückkamen, „daß ich in jener verhängnißvollen Mondſcheinnacht recht geſehen habe; den Bibliothekar bekommt Ihr am 104 Tage nicht zu ſehen, der ſpaziert nur Nachts auf dem Dache. Wer dergleichen nächtliche Promenaden liebt, pflegt ſich in der Regel bei Sonnenſchein zu⸗ rückzuziehen. Ich verdenk's ihm nicht. Er hat das ſchönſte Mädchen des alten Maurenreichs bei ſich, die ihm wahrſcheinlich mit ihrem ſüßen Munde die lieb⸗ lichſten Mährchen erzählt. Unter ſolchen beneidenswer⸗ then Verhältniſſen ging ich auch nicht aus.“ Von dem Garten des Signor Baſilicv konnte man gleichfalls nichts zu ſehen bekommen. Die jungen Freunde hatten alle Bodenkämmerchen des neuen Schloſſes durchklettert, durch jede Dackluke geſpäht. Es war Alles vergebens. Ein paar Beete ſchöner rother Blumen war die einzige Ausbeute. Was hin⸗ ter den Mauern des alten Schloſſes, die den Garten hauptſächlich verdeckten, für ſeltene Blumengeſchlechter blühten, mochte der Himmel wiſſen. Was übrigens Eginhard's Geiſterſeherei betraf, hatte er ſeit jener verhängnißvollen Mondſcheinnacht alle Obſervationen ſorgfältig vermieden. Er mochte mit dieſen Nachtgeſpenſtern, die auf himmelhohen Dä⸗ chern einherſpazierten, nichts zu ſchaffen haben. Seine Philoſophie dabei war dieſe: Was nützen mir meine Geiſterbeobachtungen, ich habe nichts davon und komme obendrein um meine Ruhe. Was hülfe es, wenn alle himmliſchen Heerſchaaren auf dem alten Schloſſe ein⸗ herſtiegen, die verſtockte Welt glaubte es nicht, und ich hätte den Aerger. Eginhard vermied es daher, vor dem Schlafengehen aus dem Fenſter zu ſehen und Sternbetrachtungen anzuſtellen. Konnte er nicht ein⸗ ſchlafen, unterhielt er ſich mit Johannes und hielt dieſen durch fortwährendes Geſpräch wach. Erhielt er keine Antwort mehr auf wiederholte Fragen, ſo war dies ein Zeichen, daß Johannes ſchlafe oder zu 102 ſchlafen wünſche. Dann hielt es Eginhard ebenfalls für gerathen, dem Beiſpiele des Freundes zu folgen, zog das Oberbett über den Kopf und ſchlief ein. Kurz, er wochte in ſtockfinſtrer Nacht mit Geiſtern nichts zu thun haben. Wie vorſichtig ſich aber Eginhard während der Nacht benahm, um ſo couragöſer zeigte er ſich bei Tage, wo die freundliche Sonne hoch am Himmel ſtand, und ſo kam endlich bei ihm ein wohldurch⸗ dachter Plan zur Reife; nämlich dem Bibliothekar, ohne Vorwiſſen von Jemand, energiſch zu Leibe zu gehen. Sein Vorhaben beſtand darin, irgend einen günſtigen Augenblick zu ergreifen, und es koſte, was es wolle, über die mehre Klaftern hohe Verzäunung zu klettern, welche den geheimnißvollen Blumengarten des Signor Baſilico umſchloß. Seine Fertigkeit im Klettern mußte ihm hier zu Statten kommen. Die Hauptſache war nur, durch ſorgfältiges Recognosciren eine paſſende Stelle zu erſpähen, und für das Unter⸗ nehmen einen Zeitpunkt zu erwählen, wo die Familie Wertheim auf einer Landparthie begriffen. Dieſe großartige Idee beſchäftigte ihn außeror⸗ dentlich. Was die Stelle der Gartenwand betraf, hatte er eine ſolche bald ausfindig gemacht; jetzt galt es, eine Liſt zu erſinnen, allein im Schloſſe bleiben zu dürfen, während Johannes, Bodo und Albert, nebſt Wertheim's auswärts wären. Er ſann lange hin und her. Sich krank zu ſtellen, war verdächtig und daher gefährlich. Er beſchloß alſo, bei der nächſten Parthie in die Umgegend, unter irgend einem Vor⸗ wande vorauszueilen, ſich alsdann irgendwo verſteckt zu halten, bis die befreundete Karawane vorüber ſei, und dann im geſtreckten Laufe zurückzukehren und ſein Unternehmen in's Werk zu ſetzen. Die Gelegenheit 103 fand ſich bald. Es war ein herrlicher Nachmittag; Wertheim hatte einen Ausflug nach dem anderthalb Stunden entfernten Moritzberge vorgeſchlagen, von wo man eine noch ſchönere Ausſicht über die ganze Gegend genoß als ſelbſt in Buchenfels. Als die Ge⸗ ſellſchaft den Weg antrat, war Eginhard ſchon eine Strecke voraus. Er gab vor, vorauszutraben, damit die Wirthsleute bei dem Moritzberge auf die Ankunft der Gäſte vorbereitet wären und einige Erfriſchung auf den Berg ſchaffen möchten. „So bleib doch bei uns,“ rief dem Voraneilenden Johannes nach,„wir werden nicht umkommen vor Hunger und Durſt;“ aber Eginhard ließ ſich nicht abhalten und kaum glaubte er den Nachfolgenden aus dem Geſicht zu ſein, als er in ein Birkengehölz links einbog und ſich darin verborgen hielt. Plaudernd und lachend zögen die Spaziergänger vorüber, nicht ahnend, daß der Eginhard keine zehn Schritt hinter dem Birkengrün verſteckt wäre. Dieſer aber, ſo wie er den Weg frei glaubte, machte rechts⸗ umkehrt und eilte nach Buchenfels zurück. Unbemerkt, denn faſt das ganze Dienſtperſonale war auf dem Felde beſchäftigt, ſchlich er ſich nach der bewußten Gartenwand. Er fand bald die geeig⸗ nete Stelle, befahl ſeine Seele allen Heiligen und begann emporzuklettern. Das wollte Anfangs nicht glücken; die Wand war ſteil und verzweifelt hoch. Eginhard ließ ſich indeß nicht abſchrecken, wiederholte ſeine Verſuche, und ſo glückte es ihm endlich, ſo weit ſich empor zu arbeiten, daß er mit dem Kopfe dem obern Ende der Wand gleich kam. Das half ihm aber noch nicht viel, denn letztere war ſehr breit. Er mußte noch einen Schritt höher. Es glückte, nun konnte er einen anſehnlichen Theil des Gartens über⸗ 104 ſchauen. Da blühte es allerdings überall wundervoll. Seltſame, fremde Blumen leuchteten auf den ſauber gepflegten Beeten; es war ihm, als athme er wild⸗ fremde Düfte aus einem Garten des Morgenlandes. Vögel mit brennender Farbenpracht wiegten ſich hier und da auf den blühenden Zweigen. Eine ſeltſame Stille weilte über dem kleinen blühenden Paradieſe. Eginhard konnte ſich nicht ſatt ſehen an der reizen⸗ den Flora. Es ward ihm wunderbar zu Muthe. „Wenn es mit dieſem morgenländiſchen Garten,“ ſprach er für ſich,„nicht ſeine übernatürliche Be⸗ wandtniß hat, will ich nicht geſund hier über der Baumwand ſtehen.“ Vergebens aber forſchte er nach dem Schöpfer aller dieſer wunderbaren Herrlichkeiten, nach dem Bibliothekar. Er unterſuchte auch die Lo⸗ kalität des Gartens, wie er mit dem alten Schloſſe zuſammenhing und begriff nicht, wie man überhaupt in denſelben gelangen könne, da er nirgends einen Eingang wahrnahm. „Mein Standpunkt,“ ſprach er für ſich,„iſt nicht mit Golde zu bezahlen. Was würden Marie und Pauline und ſelbſt Johannes darum geben, wenn ſie ſolch einen Blick in das Reich der Wunderwelt thun könnten. Ich habe die Sache klug angefangen. Wäh⸗ rend die ganze Hausgenoſſenſchaft in der Sonnenhitze nach dem einfältigen Moritzberge keucht, ſchwebe ich hier ganz behaglich und ſchaue Wunder über Wunder. Aber was hilft mir's. Ich muß dieſe Myſterien wieder für mich behalten; erſtens glaubt mir die ver⸗ ſtockte Welt nichts, und dann darf ich nicht einmal bekannt werden laſſen, daß ich wider Wertheim's Willen die Baumwand erklettert habe, um dem räth⸗ ſelhaften Signor Baſilico in die Karten zu ſehen. Ich bin in ſchlimmer Lage. Faſt möchte ich wün⸗ 105 ſchen, nichts Außerordentliches geſchaut zu haben, denn dieſe wunderbaren Blumen und Vögel werden mir das Herz abdrücken, wenn ich das Alles für mich behal⸗ ten muß.“ Er überfloh nochmals die ganze innere Einrich⸗ tung des Gartens. Plötzlich entſtand ein ſeltſames Hin⸗ und Herhüpfen der Vögel, die, wie Eginhard jetzt wahrnahm, mit goldenen Kettchen an die Aeſte befeſtigt waren. Der Beobachter ſtutzte und machte große Augen bei der wunderbaren Regſamkeit. Das reizende Geflügel ward immer unruhiger. Doch ein außerordentlicher Schrecken bemächtigte ſich plötzlich des Beobachters; er glaubte ſeinen Augen nicht zu trauen,— hinter einer blühenden Roſenhecke trat die — Roſe von Segovia hervor und kam den Garten⸗ gang daher. Es war dieſelbe Geſtalt aus der Mond⸗ ſcheinnacht. Wieder einfach weiß gekleidet und lange dunkele Locken. Eginhard war ob dieſer Erſcheinung ſo erſchrocken, daß er mit dem Fuße von ſeinem Poſtamente abglei⸗ tete. Hätte er ſich mit den Händen nicht an einen feſten Baumaſt geklammert, würde er unrettbar bergab gefahren ſein. Vergebens viſitirte er mit den Füßen hin und hertaſtend nach dem frühern Anhaltepunkt. Seine Lage ward immer gefährlicher. Er geſtikulirte mit den Füßen wie ein Gehängter. Gleichwohl wünſchte er die Roſe von Segovia noch ein Weilchen zu beobachten. Er ſtreckte daher den Kopf ſo hoch als möglich empor. Da ſah er eben noch, wie das weiße Mädchen hinter einer Laube von blühendem Jasmin verſchwand. Zugleich gewahrte er, wie der berüchtigte ſchwarze Kater dem Hauptgang entlang galoppirte und der Bibliothekar mit einem langen ſilbernen Stabe in den Garten trat. Eginhard, der 106 den glänzenden Stab für eine Flinte hielt, zog den Kopf ſchnell zurück und haranguirte mit den Füßen verzweifelt nach einem Stützpunkte. Er hatte genug geſehen und wünſchte von Herzen gern den feſten, ſichern Erdboden wieder unter ſeinen Füßen zu ha⸗ ben. Aber, war es die Haſt ſeiner Bewegungen, oder die Unſicherheit ſeiner Viſitation, er konnte den frü⸗ hern Stützpunkt und Steigbügel nicht wieder finden. So hing er nun zwiſchen Himmel und Erde, in der gefährlichſten Poſitivn; denn ſo wie er los ließ ging die Reiſe „Mit bedächt'ger Schnelle Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.“ Er berechnete jetzt, daß er die Sache für die Länge nicht aushalten könne, denn ſein Körper, an ſich nicht zu den ätheriſchſten gehörend, er wog ein⸗ hundertſechzig Pfund ſächſiſch, ward von Minute zu Minute ſchwerer. Eginhard verwünſchte jetzt ſeine naſeweiſe Kletterei. „Wär ich doch,“ dachte er,„als ordnungsliebender Staatsbürger mit den andern geſcheuten Leuten, die ſich nicht auf ſolche excentriſche Klettereien einlaſſen, hinausgepilgert nach dem herrlichen Moritzberge. Die ſitzen wahrſcheinlich gegenwärtig unter grünen ſchat⸗ tigen Lauben, erquicken ſich durch trefflichen Rahm und genießen die ſchönſte Ausſicht, während ich Un⸗ glücklicher die Ausſicht habe, zur Hölle zu fahren, wie ein Verbrecher am jüngſten Gerichte. „Unter mir liegt es Berge tief In purpurner Finſterniß da. „Ohne einen Beinbruch kann es jetzt gar nicht ab⸗ gehen, wenn ich den Hals nicht dazu breche. Um Hülfe rufen darf ich nicht, da wär' ich geliefert. Der Bibliothekar ſchöſſe mich mit ſeiner verzweifelten Windbüchſe, oder was er für ein Ding in der Hand hat, wie einen Sperling herab. Er braucht nur, wenn's in aller Stille hergehen ſoll, mit einer Lanze, wie deren in der Rüſtkammer zu Dutzenden hängen, durch die Baumwand zu ſtechen, und ich falle ab, wie ein wurmſtichiger Apfel. Reif bin ich überdies, zum Untergange nämlich, und es geſchieht mir recht, wer heißt mich mit Geiſtern anbinden. Es geht über⸗ haupt nicht mit rechten Dingen zu. Mein Fußgeſtelle wäre ſonſt nicht hinweggezaubert. Ich bin eigentlich weit ſchlimmer daran, als ein ordentlich Gehängter, der braucht nicht ſo lange zu zappeln und ſpaziert bald in die Ewigkeit.“ Noch einmal viſitirte er convulſiviſch mit den Fuß⸗ zehen nach dem Schwerpunkte; und da es auch dies⸗ mal ohne Erfolg war, beſchlich ihn Wehmuth und Reſignation. „Wer hätte das geglaubt,“ fuhr er in ſeinem Ge⸗ dankengeſpräche fort,„daß ich hier in der Blüthe mei⸗ ner Jahre ſo ſchmachvoll, in ſo unäſthetiſcher Poſitur meinen Untergang finden würde. Hätte noch Bieles vor auf dieſer ſchönen Welt. Die Wege des Herrn ſind wunderbar. Aber wer ſich in Gefahr begiebt, kommt darin um, iſt ein altes Sprichwort. Es iſt Schade, daß mir die Wahrheit dieſer goldenen Lehre erſt jetzt vollkommen klar wird, wo ſie mir nichts mehr hilft. Säße ich doch auf dem Moritzberge und tränke meinen guten Rahm. Durch Schaden wird man klug. Wir Deutſchen haben ſchöne Sprichwörter. Auf mich, den dem Untergange Geweihten, erleiden ſie leider keine Anwendung mehr. Hätte ſie früher beherzigen ſollen, jetzt iſt's zu ſpät.“ Eginhard überlegte, ob nicht irgend eine Rettung möglich ſei. 108 5 „Entweder,“ ſprach er,„ich bleibe ruhig hängen, bis der Himmel irgend ein Menſchenkind vorbeiführt, oder ich ſteige weiter, auf die Gefahr, daß der Bi⸗ bliothekar auf mich ſchießt. Erſteres möcht' ich frei⸗ lich kein Viertelſtündchen länger aushalten, denn mir iſt es, als ob von Minute zu Minute eine unſicht⸗ bare Hand ein Pfundgewicht mehr mir an die Füße bände. Alſo wird das Gerathenſte ſein, ich ſteige vorwärts.“ Er begann ſofort mit dem einen Arme auf⸗ wärts zu greifen, da brach aber der Aſt, welchen er mit der Hand erfaßt hatte, wodurch ein lautes Ge⸗ praſſel entſtand. „Was war das, Eugenie, haſt Du nichts gehört?“ fragte in heißerer Stimme der Signor Bafilicv. Das ſchöne Mädchen, welches ſo eben. mehren der auf⸗ und abhüpfenden Vögeln Futter ſtreute, zeigte nach der Seite, wo Eginhard hing. „Gewiß der böſe Baummard, der unter unſern Tauben ſolche Verheerung angerichtet hat,“ ſprach der Bibliothekar,„wo iſt mein Taſchenterzerol.“ Eginhard, der mit geſpitztem Ohre Alles deutlich vernommen hatte, erkannte jetzt, daß ſein letztes Stündlein gekommen war. „Adje Welt,“ rief er verzweifelt, ließ den Ret⸗ tungsaſt los und rauſchte mit Blitzesſchnelle die Baum⸗ wand herab. Die Fahrt lief indeß ſo glücklich ab, daß er allerdings etwas zerzauſt, doch auf ſeine bei⸗ den Füße zu ſtehen kam. Dieſe aber waren ſo un⸗ ſicher geworden, daß er längelang auf den Raſen hinfiel. Er beſann ſich hier nicht lange, war wie der Blitz wieder auf, und lief, was er laufen konnte, dem Schloſſe zu. Erſt auf dem Schloßhofe glaubte er ſich 109 ſo ziemlich in Sicherheit und außerhalb der Schuß⸗ weite des jagdluſtigen Bibliothekars. So wie er ſich einigermaßen vom Schrecken er⸗ holt hatte, gewann er Muße, über ſein außerordent⸗ liches Abenteuer nachzudenken. Jetzt hatte er alſo die Roſe von Segovia nicht blos in Mondſcheinbe⸗ leuchtung, ſondern bei hellem Tage geſehen. Das ſollte auch Sinnentäuſchung geweſen ſein? Er wußte übrigens jetzt nicht, was er beginnen, ob er der Ge⸗ ſellſchaft auf dem Moritzberge nachlaufen oder im Schloſſe verbleiben ſollte. Letzteres hielt er nicht für rathſam; ſo mutterſeel allein, wer konnte wiſſen, ob nicht der belauſchte Bibliothekar im Begriff ſtand, einige Brigaden überirdiſche Geiſter gegen ihn aus⸗ zuſenden, um den Frevler, der es gewagt, über die Baumwand in das Heiligthum zu ſehen, energiſch zu züchtigen. Er machte ſich daher auf den Weg nach dem Moritzberge. In ſeinem Innern ſah es desperat aus. Er befand ſich in verzweifelter Lage. Wie, dieſes außerordentliche Erlebniß, dieſen handgreiflichen Be⸗ weis von der Roſe von Segovia ſollte er für ſich behalten? Das war unmöglich, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß der Bibliothekar die geſammte Geiſterwelt gegen ihn loslies. Er hatte immer geleſen, daß die Geiſter mit Sterblichen gerade dann am Unerbittlichſten verfahren, wenn letztere ſo unvorſichtig ſind und gemachte Ent⸗ deckungen aus dem Geiſterreiche ausplaudern. „Ich bin wahrhaft zu meinem Ungliück in dies Schloß gekommen,“ ſprach er für ſich,„der Himmel weiß, ob ich lebendigen Leibes davon komme, ſobald die Ferien zu Ende ſind. In welch höchſt verwickelte Conflicte mit einer unſichtbaren Welt bin ich gera⸗ 1410 then. Das Beſte wär' allerdings, ich ſagte kein Ster⸗ benswort von den wunderbaren Erſcheinungen und behielt Alles für mich; die Geiſter fänden ſich dann weniger compromittirt und profanirt, und würden Rückſicht nehmen. Aber eine ſolche Laſt auf dem Herzen tragen, das halt' ein Andrer aus. Ich ſchwa⸗ cher Sterblicher vermag's nicht. Dem Johannes we⸗ nigſtens, dieſem ungläubigen Thomas, muß ich einen Wink geben. Er wird die Geſchichte zwar wieder nicht glauben, aber ich kann mich doch ein Wenig leicht um's Herz reden. Verzweifelte Geſchichten; die Mädchen dürfen allerdings nichts von der Kletterei erfahren, die würden nicht reinen Mund halten, und ich hätte es bei Wertheim verſchüttet auf alle Zeiten; aber Hans, dieſes Fiſchblut muß ich ein Wenig in's Feuer bringen.“ Unter dieſen und ähnlichen Monologen langte Eginhard wohlbehalten auf dem Moritzberge an. Die Geſellſchaft war bereits aufgebrochen und hatte den Weg nach dem nahegelegenen Hammerwerke eingeſchla⸗ gen. Eginhard trabte nach und fand die Geſuchten in einem höchſt anmuthigen Thale, auf einer üppigen, reich mit Blumen geſchmückten Wieſe gelagert. Eginhard ward jetzt zur allgemeinen Rechenſchaft gezogen und mit freundſchaftlichen Vorwürfen über⸗ häuft. Er gab vor, ſich verirrt zu haben, indem er einen nähern Weg nach dem Moritzberge habe gehen wollen. Albert, der Eginhard's Citirwuth ſchon mehre Male drollig nachgeahmt hatte, trat mit ernſtem ge⸗ meſſenen Schritt auf ihn zu, legte die Hand auf Eginhard's Kopf und ſprach ermahnend: „—————— grad aus Geht des Kanonenballs fürchterlicher Lauf, 111 Macht ſich zermalmend Platz, um zu zermalmen. Mein Sohn, die Straße, die der Menſch befährt, Auf der der wandelt, dieſe folgt Der Flüſſe Lauf, der Thäler freiem Krümmen, Umgeht das Aehrenfeld, den Rebenhügel, Des Eigenthums gemeſſne Grenzen ebrend, So führt ſie ſpäter, ſicher doch zum Ziel.“ Alles mußte lachen. Eginhard fand auch ſeine gute Laune wieder; nur wenn er an den Bibliothe⸗ kar und die Roſe von Segovia dachte, ward er nach⸗ denklich und unruhig. Es drängte ihn, wenigſtens gegen Johannes das Herz auszuſchütten, und er ſuchte fortwährend nach einer Gelegenheit, den Freund allein zu ſprechen. Dieſe fand ſich bald, Johannes ſchien ſelbſt Eginhard etwas entdecken zu wollen. Als ſie allein waren, faßte einer den andern haſtig beim Arme. „Freund,“ fragte Johannes ziemlich aufgeregt, „haſt Du nicht bemerkt, wie Bodo Marien auffallend den Hof macht?“ „Wirklich!“ „Und das Kind ſcheint es ſich gern gefallen zu laſſen.“ „Verdenk's ihm nicht,“ bemerkte Eginhard,„Bodo iſt ein tapfrer Mann. Das lieben die Mädchen.“ „So,“ fragte der Andre gedehnt,„vor ein paar Tagen ſprach man ja ganz anders, von Duell, Blut und Tod.“ „Ach, Hans,“ fiel Eginhard ein,„laß jetzt derlei irdiſche Angelegenheiten, ich habe Dir unter'm Siegel der Verſchwiegenheit wichtigere Dinge anzuvertrauen.“ „Wir dürfen's nicht zugeben,“ fuhr Johannes, der auf des Freundes Worte gar nicht gehört hatte, auf⸗ fort,„wir dürfen uns die Couſinen nicht kapern laſſen. Wir haben nähere Anſprüche.“ „Mein Gott,“ ſprach Eginhard,„was iſt es um ſo ein armes gebrechliches irdiſches Mädchen, leihe mir Dein Ohr für eine höhere Welt.“ „Narrenspoſſen,“ gegenredete Johannes ärgerlich, „ſchlag Dir einmal die Hirngeſpinnſte aus dem Kopfe, wir dürfen uns nicht werfen laſſen von dieſer über⸗ müthigen Ritterſchaft. Ich intereſſire mich für Ma⸗ rien, ich will Dir's nur geſtehen; Du mußt mir ſe⸗ kundiren, falls ich mit meinem Nebenbuhler zuſammen komme; Bodo iſt kurz angebunden und gerirt ſich, als wäre er halber Bräutigam. Dieſe eitle Selbſt⸗ gefälligkeit empört mich.“ „Hör' einmal,“ ſprach nun Eginhard ebenfalls ge⸗ reizt,„wenn Du ſo verächtlich Alles für Hirnge⸗ ſpinnſt erklärſt, was ich mit eignen Augen geſehen und mit eignen Ohren gehört habe, ſo kommen wir ſelber vorher zuſammen; ich mag ſolche Reden nicht länger dulden. Hör' mich alſo aufmerkſam an.“ „Vor allen Dingen,“ fiel Johannes ein,„laß uns eine Politik erſinnen, wie wir dieſen egviſtiſchen Cavalier aus dem Sattel heben. Wenn es ein geiſt⸗ reicher, intereſſanter junger Mann wäre, hätt' ich ge⸗ gen eine Liaiſon mit Marien nicht das Geringſte; aber ich ſchwöre Dir, Eginhard, er verdient dieſen Engel nicht; beim Himmel, er verdient ihn nicht, und mir iſt's unbegreiflich, wie das Mädchen ſeine flachen Ge⸗ ſpräche mit anhören und an ſeinen faden Galanterien Geſchmack finden kann.“ „Aber ſo laß mich doch nur zu Worte kommen,“ verſetzte Eginhard,„ich habe ſo eben die— Roſe von Segovia—“ „Schweig mit Deinen Phantaſien,“ ſprach Jo⸗ hannes,„und denk' an reellere Dinge.“ „Wenn ich Dir aber bei Allem, was heilis iſt⸗ 113 zuſchwöre,“ fuhr jener fort,„daß ich das Geſpenſt geſehen, wie es leibt und lebt, am hellerlichten — „Du biſt ein Phantaſt,“ entgegnete ungeduldig Johannes. „Was, Ph hantaſt, fuhr Eginhard eifrig fort,„hör' mich in's Teufelsnamen an, nur dieſe Gefälligkeit erzeuge mir, und ich bin in Deinen Liebesaffairen mit Leib und Seele Dein. Denk' nur, ich weiß be⸗ reits, wie die Roſe von Segovia heißt; ſie heißt— Eugenie.“ „Wie?“ fragte Johannes in ſeltſamem Tone und eine leiſe Verklärung floh über ſein Geſicht. „Iſt zwar kein mauriſcher Name,“ fuhr Eginhard fort,„nicht einmal ein ſpaniſcher, aber das thut nichts; kurz, ich habe es mit meinen eignen zwei akuſtiſch gebauten Ohren gehört, wie ſie der alte ge⸗ ſvenſtiſche Bibliothekar im langen, tauen Rocke„Eu⸗ genie“ gerufen hat.“ Johannes war immer aufmerkſamer geworden und Eginhard mußte erzählen. Als der Referent an die Beſchreibung der Roſe von Segovia ſelbſt kam, ihre Geſtalt, Antlitz und Tracht näher ausmalte, ward Johannes unruhiger. Er lief mehre Male in ſeltſamer Gemüthsſtimmung auf und ab. Für Eginhard war es ein nicht geringer Triumph, daß der ſonſt ſo indifferente, ungläubige Freund ein⸗ mal ein ſo großes Intereſſe an ſeiner wunderbaren Erzählung nahm. „Nun,“ fragte er, als er mit ſeiner Erzählung zu Ende war, mit ſtiller Genugthuung,„das iſt wohl Alles Nebel und Einbildung? Wenn auch Alles dafür ſpräche, mein zerzauſter Rock gewiß nicht. Da, tolle. ſämmtl. Schriften. XVi. 8 14⁴ man kann's noch ſehen, hier iſt noch ein ziemlicher Defect, für deſſen Ausbeſſerung ich heute noch bedacht ſein muß.“ Johannes beſchwor aber Eginhard, von dem Er⸗ lebten um's Himmelswillen gegen Jedermann zu ſchwei⸗ gen. Er verſprach heilig und theuer, nun ſelbſt mit⸗ zuwirken und Alles aufzubieten, dem ſonderbaren Ge⸗ heimniſſe auf die Spur zu kommen. „Bon,“ ſprach Eginhard, ſich vergnügt die Hände reibend,„ſtehſt Du mir bei, werd' ich Dich nicht im Stiche laſſen. Ich werde Deinen Nebenbuhler ſogleich zu Leibe gehen, Du haſt ganz recht, die himmelſchöne Marie iſt nicht für ſolch einen übermüthigen, einge⸗ bildeten Krautjunker.“ 2 „Laß nur,“ ſprach Johannes jetzt um Vieles ru⸗ higer,„und wiederhol' mir lieber die Beſchreibung der Roſe von Segovia.“ Eginhard ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, und referirte von Neuem das außerordentliche Erlebniß. „Ich verſichere Dir, Hans, ſchloß er, das Wunder⸗ bare, Geiſterhafte an dieſer Erſcheinung „war ſo rieſengroß, daß ich mich recht als Zwerg erkennen mußte.“ Johannes war ſehr nachdenkend geworden; Egin⸗ hard aber verſicherte, daß ihm ein wahrer Felsblock vom Herzen ſei, ſeit er das Geheimniß dem Freunde mitgetheilt und nicht allein daran zu ſchleppen habe. „Was ſind das wieder für Geheimniſſe?“ rief Pauline, die herbeigeſprungen kam. Eginhard hätte für's Leben gern auch ſie in die wunderbare Angelegenheit eingeweiht, aber ein Wink von Johannes gebot ihm Stillſchweigen. „Die Andern ſind ſchon voraus,“ mahnte das Mäd⸗ chen,„wir dürfen nicht zaudern. Die Reiſe geht zum 115 Waſſerfalle. Der Vater hat ſchon einen Boten nach der Mühle vorausgeſchickt, damit der Müller aus ſei⸗ nem großen Teiche Waſſer abläßt; der Waldbach iſt bei der warmen Witterung ganz ausgetrocknet und ein Waſſerfall ohne Waſſer iſt ein„non ens“ Nicht wahr, ſo heißt es im Lateiniſchen?“ „Paulinchen könnte alle Tage die Univerſität be⸗ ziehen,“ lachte Eginhard,„ſie iſt geborene Römerin.“ Die Drei wanderten der Geſellſchaft nach; Eginhard ſcherzend mit Paulinen, Johannes ſtill in ſich gekehrt. Als man die Vorausgegangenen einholte, ging Bodo wieder an Marien's Seite. Dem Johannes ſchien dies jetzt ziemlich gleichgültig, aber Eginhard, der durch das vorhergegangene Zwiegeſpräch erſt auf das Verhältniß aufmerkſam geworden, ärgerte ſich über dieſes Hofmachen von Seiten des Ritters. „Johannes hat Recht,“ ſprach er zu ſich,„ich hab's nicht ungern, wenn ſich ein Engel den Hof machen läßt, aber der Cicisbeo muß darnach ſein. Hier iſt das nicht der Fall. Bodo iſt nicht der Mann, der eine ſolche Blume zu würdigen verſtände. Ich begreife nicht, wie das geiſtreiche Mädchen dieſem faden Gewäſch ſo aufmerkſam zuhören kann, als verkünde der Junker das Evangelium der ewigen Glückſeligkeit. Das duld' ich nicht und ſpringe dazwiſchen.“ Und mit einem Satze war er an Marien's andrer Seite. Das Geſpräch des Pärchens ſchien ſpeben eine ziemlich ſentimentale Richtung genommen zu haben. „Das fehlte noch,“ ſprach Eginhard für ſich, und warf humoriſtiſche Knallerbſen und Schwärmer zwiſchen die Beiden. Bodo verwünſchte den unwillkommenen Begleiter in's Pfefferland; dieſer aber ließ ſich nicht ſtören und perfiflirte einen ſentimentalen Liebhaber ſo treffend und ſo poſſirlich, daß Marien und dem Junker 8* 146 nichts übrig blieb, als die Sentimentalität auf ein andermal zu verſchieben und auf den Scherz einzugehen. Der Abend war hereingebrochen. Man beſchloß, zum Moritzberge zurückzukehren und den Mondesauf⸗ gang daſelbſt zu erwarten. Auf der Kuppe des Berges ſelbſt erhob ſich eine Terraſſe, von wo man die herrlichſte Ausſicht über die Gegend genoß. Hier ward Platz genommen, während der Abendſtern immer tiefer ſank. Eginhard declamirte: „Vom Vaterland So fern, ſo fern, Hat mich erkannt Der Abendſtern. „Wie freut es mich, Dich hier zu ſehn, Du kannſt, nicht ich, Zum Liebchen gehn. „Wenn ich nicht irre,“ fuhr er fort,„ſteht dies Liedchen in dem Roman„der Jude,“ vom wackern Spindler, wo ſich's Jedermann abſchreiben kann, dem's gefällt. Es gehört zu meinen Favoritſtückchen.“ Der Tag verglomm. Die Schatten der Dämme⸗ rung ſanken tiefer. Die Sterne traten funkelnder her⸗ vor. Es war ein reizender Abend. Die Geſellſchaft hatte auf den Bänken rings umher Platz genommen. Bodo ſaß wieder neben Marien; Eginhard, der durch den herrlichen Abend ſelbſt wieder pvetiſch geſtimmt war, hatte es nicht verhindern können. Er ſuchte ſo⸗ eben der Geſellſchaft zu beweiſen, daß dieſe Dämme⸗ rung, dieſes zweifelhafte Zwielicht, dieſes ſeltſame Schwanken zwiſchen Tag und Nacht eigentlich das wahre Urelement der Romantit ſei. „Uebrigens hat dieſes Abenddämmerreich,“ fuhr er fort,„dieſes Erſterben des Tages, Niemand herr⸗ 4147 licher geſchildert, als der Hoch⸗ und Großmeiſter aller Poeſie auf Erden, unſer Wolfgang Gvethe, in den wenigen Zeilen: „Dämm'rung ſenkte ſich von Oben, Schon iſt alle Nähe fern;. Nur noch ſtill emporgehoben Holden Lichts der Abendſtern. Alles ſchwankt in's Ungewiſſe, Nebel ſchleichen in die Höh'; Schwarzvertiefte Finſterniſſe Wiederſpiegelnd, ruht der See. „Da im öſtlichen Bereiche Ahn' ich Mondenglanz und Gluth, Schlanker Weiden Haargezweige Scherzen auf der nächſten Fluth; Durch bewegte Schattenſpiele Zittert Luna's Zauberſchein, Und durchs Auge ſchleicht die Kühle Säuftigend in's Herz hinein.“ Kaum hatke Eginhard dieſe Worte geſprochen, als auch der Mond in mildem Glanze hinter dem Walde hervortrat. Aller Blicke weilten mit ſtillem Wohlge⸗ fallen auf der ſchönen Kugel. In Marien's Auge glänzte eine Thräne; Bodo wollte die herabfallende von der ſchönen Wange küſſen. Das Mädchen bog ſich aber verſchämt zurück; ſo bekam nur die ſchöne Hand den Kuß. Eginhard, als er bemerkte, daß es wieder gar zärtlich hinter ihm zugehe, erſuchte Bodo, ein Gedicht auf den Mond zum Beſten zu geben. Ein fühlender Jüngling, meinte er, müſſe dergleichen zu Dutzenden, wenn auch nicht im Kopfe, doch in der Taſche haben. Bodo eiklärte, daß er einen ſolchen Vorrath lei⸗ der entbehre.. „Das iſt Schade,“ ſprach Eginhard,„ich bin über⸗ zeugt, Sie würden ihn mit vielem Ausdrucke vortra⸗ 118 gen. Man befindet ſich nicht immer in der geeigneten Stimmung. Die Mondſcheinſtimmung iſt eine beſon⸗ dere Art.“ „Da Sie ſo in den Mond⸗ und Mondſchein⸗ Angelegenheiten bewandert ſind,“ ſprach Pauline,„ſo könnten Sie uns eine Mondvorleſung halten, die Ge⸗ legenheit kann ſich nicht beſſer darbieten.“ Die Uebrigen waren ſämmtlich Paulinen's Mei⸗ nung und drangen auf eine Vorleſung. Eginhard ſpielte bei ſolchen Gelegenheiten nicht den Spröden; er verſprach daher, ſich ſo kurz als möglich zu faſſen, nahm eine theatraliſche Poſitur an und begann: „Der Mond, hochverehrte Zuhörer, auch Luna oder Selene genannt, ſpielt im Leben der Menſchen eine hochwichtige Rolle.— Vor allen Dingen kommt er mir vor, wie ein alter treuer Bedienter in der großen Menſchenfamilie. Während des glänzenden Beſuches der Frau Sonne, die Aller Aufmerkſamkeit auf ſich zieht, tritt er ganz zurück oder blickt ganz leis und ſchüchtern vom äußerſten Horizonte herauf. Sobald aber der vornehme Beſuch abgefahren, kommt er zu⸗ traulicher und freundlicher näher, und Jedermann hat ihn gern von Jugend auf und immerdar. Was man der ſtrahlenden Tagesfürſtin nicht vertraut: Thränen, Seufzer, Geſtändniſſe und Herzensergießungen, beim guten, verſchwiegenen Monde weiß man ſie wohl auf⸗ gehoben. Wie viele Dummheiten er mit anſehen muß, er bleibt immer freundlich und mild. „Die Poeten ſehen ihn übrigens nicht ſo proſaiſch an, als ein gewöhnliches Menſchenkind. Während letz⸗ teres ihn ſchlechtweg„Mond“ titulirt, haben ſie weit geſchmackvollere Benennungen. Da heißt es:„ſanfte Luna,“„holde Selene,“„leuchtende Blume der Racht“ 119 und dergleichen, und dabei ſeufzen ſie und machen Gedichte.— Wenn der Mond ein Landſtand wäre, ſo gehörte er gewiß nicht zur Oppoſition, denn eine ſolche Toleranz, wie er ſeit Adam und Eva gegen die Poeten an den Tag gelegt hat, davon kann wohl keine De⸗ putirtenkammer auf Erden ein ähnliches Beiſpiel auf⸗ weiſen. „Der Mond iſt ferner der älteſte Gevatter. Wie unzählige Male hat er Gevatter geſtanden; denn wie oft iſt er nicht in ſtiller Mitternacht zum Zeugen von Liebesſchwüren und Liebesbetheuerungen angerufen worden. „Unſer Freund behauptet ferner in allen unſern Kalendern einen Haupt⸗ und Ehrenplatz. Allwöchent⸗ lich kann er ſich abkonterfeit ſehen; bald ſchwarz, bald roth, bald als Sichel en prolil, bald bausbäckig en kage. „Wer bedürfte des Mondes nicht! Der Landmann, der Arzt, der Apotheker, der Schifffahrer, der Wein⸗ bauer, die Waſchfrau. Jeder Hexe iſt er unentbehrlich; und ohne den Mond gäbe es keine Mondſüchtigen. „Trotz dem iſt die Menſchheit noch nicht im Kla⸗ ren, ob der Mond eigentlich eine Frau oder ein Mann iſt. Die Griechen und Römer machten ihn zur Madame und ſprachen gar zärtlich zu ihr. Die Deutſchen hal⸗ ten ihn für einen Mann und ſagen: „Guter Mond, du gehſt ſo ſtille 2c. und Es kann ja nicht Alles ſo bleiben Hier unter dem wechſelnden Mond. „In dieſen beiden Mondſcheinverſen wollen übri⸗ gens ſcharfſichtige Philoſophen die erſten Keime der deutſchen revolutionären Propaganda erblicken. „Nämlich in dem„guter Mond, du gehſt ſo ſtille“ ſoll ein Vorwurf liegen, daß es gar nicht vorwärts mit ihm und alle dem will, was er auf Erden be⸗ ſcheint, und in der Kotzebue'ſchen Phraſe ſpricht ſich das Prinzip des Mouvement klar und offen aus; ein neuer Beweis, wie unrecht der phantaſtiſche Schwär⸗ mer, der Studioſus Sand, hatte, den Verfaſſer todt zu ſtechen und hiermit zugleich dem deutſchen Luſt⸗ ſpiele den Todesſtoß zu verſetzen. „Auch die Türken ſind große Mondliebhaber, ha⸗ ben ſich ein Stück abgeſchnitten und in ihre Fahnen genäht und auf ihre Minarets geſteckt. Es wäre je⸗ doch eine ſehr voreilige Behauptung, wenn man deshalb die Muſelmänner für ſentimentale Leute halten wollte. In Deutſchland unter den Lindenbäumen, da iſt bei Mondſchein die Sentimentalität mit Händen zu greifen. „Am Brutalſten aber verfahren die Aſtronomen mit dem guten Monde. Die ſprechen, er ſei nichts als eine große Schlacke und ſehen ihn über die Achſel an, weil er ſo verſtändig iſt, ſich nicht wie ein Feuerrad um ſich ſelbſt zu drehen. Nichts als himmelhohe Fel⸗ ſen gäbe es da, kein Feuer und kein Waſſer. Den⸗ noch hatte ein deutſcher Sterngucker es ſo weit ge⸗ bracht, die Wachtparade auf dem Monde aufmarſchiren zu ſehen, nach allen Regeln der Taktik. Wir wollen die Wahrheit dahingeſtellt ſein laſſen, daß aber der Mond bewohnt iſt, unterliegt keinem Zweifel, denn wer hätte den— Mann im Monde nicht geſehen!“ Eginhard war mit ſeinem Mondeollegio zu Ende und man brach auf, um nach Buchenfels zurückzukeh⸗ ren. Der Heimweg war wunderſchön. Bodo umgirrte Marien wie immer und Eginhard contrecarrirte ihm durch humoriſtiſche Bemerkungen und Einſchiebſel in Einem fort. Pauline, das kluge Kind, hatte alsbald die Sache durchſchaut und mußte oft laut lachen, wäh⸗ rend Bodo ſich im Innern gelobte, dem Störenfried mit nächſter Gelegenheit Hals und Beine zu brechen. 121 So langte man nach anderthalb Stündchen wohl⸗ behalten auf dem Schloſſe an. 14. In Johannes war ſeit Eginhard's Erzählung von der Roſe von Segovia eine große Veränderung vor⸗ gegangen. Er war ſichtbar ernſter und nachdenklicher geworden. Ueber ſeinem Geſichte ruhte eine leiſe Schwer⸗ muth. Wiewohl er in Geſellſchaft heiter und aufge⸗ räumt wie ſonſt erſchien, ſo konnte er doch, ſobald er allein war, ſeine innere Stimmung nicht verbergen. Eine Thräne trat dann nicht ſelten in ſeine Augen und der Name„Eugenia“ durchbebte ſein Innerſtes wie ein ſeliger Schauer. Eine magiſche Gewalt zog ihn fort und fort nach den Mauern des alten Schloſſes. Am Liebſten beſuchte er allein die alterthümlichen, halb⸗ zerfallenen Hallen. Da war kein Winkel, den er nicht unterſucht, kein Keller, wo er nicht hinabgeſtiegen wäre. In die Wohnung des Bibliothekars zu gelangen, war ihm übrigens noch nicht gelungen. Eines Morgens, roſige Träume waren in der ver⸗ gangenen Nacht ihm vorübergezogen, hatte er ſich be⸗ reits früh aufgemacht nach dem alten Schtoſſe. Wieder ſtieg er die Wendeltreppen auf und ab, wieder ſuchte er vergebens nach einem Punkte, von wo man den Garten des Bibliothekars hätte überſchauen können. Er kletterte in die dumpfen Keller hinab, und da er kein Licht mit ſich genommen, tappte er lange in der Finſterniß umher. Bald war er ſo weit in die Sei⸗ tengänge vorgedrungen, daß auch der ſchwache Licht⸗ ſtrahl erloſch, der durch die Oeffnung hereinfiel, durch welche er herabgeſtiegen war. Er tappte mit den Hän⸗ 122 den vor ſich greifend immer weiter. Die unterirdiſchen Gänge kreuzten ſich; bald wußte er nicht, ſollte er vorwärts oder rückwärts. Er tappte in Einem fort. Der Gang ſchien kein Ende zu nehmen. So viel er ſich entſann, war er früher in eine ſo lange Halle nie gekommen. Er war unſchlüſſig, ob er weiter gehen ſollte. Da indeß der Gang, wie alles Menſchenwerk, doch ein Ende haben mußte, ſo beſchloß er, muthig fortzuwandern. So währte es wieder eine geraume Zeit. Die Nacht blieb undurchdringlich. Auch war es kalt und eine Todtenſtille. Man hörte ein Sandkorn fallen. Nach einiger Zeit bemerkte er, wie ſich der Gang wieder in zwei andere Gänge theile, von denen der eine ſich rechts, der andere lints wendete Er überlegte einige Secunden, welchen er einſchlagen ſollte. „Bei links und rechts muß man das Rechte wählen,“ ſprach er zu ſich und wanderte den Gang zur Rechten- Hier ging's wieder in die Ewigkeit. „Der verwünſchte Gang,“ brummte der unterir⸗ diſche Wanderer,„muß doch einmal ein Ende haben! Wahrſcheinlich hat er für die einſtigen Ausfälle oder zur Flucht aus der Burg gedient und mündet in ir⸗ gend einem reizend und verſteckt gelegenen Thale.“ In dieſer Hoffnung tappte er getroſt vorwärts. Endlich gelang es ihm, das Ende des Labyrinths zu erreichen, aber darum keinen Ausgang. Johannes ſtand mit einemmale vor einer kalten feuchten Mauer. Er viſitirte, ſo gut es geben wollte, die Localität, und machte die höchſt unangenehme Entdeckung, daß hier die Welt nicht ſowohl mit Bretern vernagelt, als mit energiſchen Quadern vermauert ſei. Er mochte nach allen Richtungen hintaſten, überall ſtieß er auf ſtei⸗ nernen Widerſtand. Vergebens forſchte er nach einer Oeffnung. Es war gewiß, der Gang hatte hier ſein 123 Ende erreicht. Mit der Mündung im ſchönen früh⸗ lingswarmen Thale war es ſonach nichts und unſerm Troglodyten blieb nichts übrig, als umzukehren und ſich denſelben Weg zurückzugreifen, den er gekommen war. Seine Lage war nicht die angenehmſte. Wer konnte wiſſen, ob er ſich eben ſo glücklich wieder her⸗ ausfand, wie er hineingerathen war! Wie bald konnte dieſes oder jenes uralte unterirdiſche Gemäuer ob des ungewohnten Beſuchs erſchrocken, zuſammenſtürzen, ihn erſchlagen, oder in ewige Nacht begraben. Keine Seele auf der Oberwelt wußte von ſeiner unterirdi⸗ ſchen Exeurſion. „Es iſt gut,“ ſprach Johannes,„daß Freund Egin⸗ hard nicht von der Parthie iſt, wieviel Geiſter, Schlan⸗ gen und Kobolde wäre er bereits anſichtig geworden, und welch ein Miſerere würde er über den höchſtro⸗ mantiſchen Fall anſtimmen, den Ausgang mit Qua⸗ dern vermauert zu finden.“ Johannes hatte jetzt glücklich die Stelle wieder erreicht, wo ſich der Hauptgang rechts und links in zwei Arme theilte. Die rechte Hand hatte ihn alſo diesmal doch betrogen. Er war ſchon im Begriffe, weiter vorwärts zu marſchiren, als ihm der Gedanke kam, nichts ununterſucht zu laſſen, vielleicht führe der linke Gang dennoch in's Freie. Er beſann ſich nicht lange und befuhr den linken Schacht. Dieſer war indeß mit weit größern Schwie⸗ rigkeiten zu paſſiren. Aller Augenblicke ſtieß ſein Fuß an anſehnliche Steine, die am Boden lagen. Er ſprach ſich Muth ein, räumte die Steine aus dem Wege oder kletterte darüber und drang mit vieler Energie weiter. Nach Johannes Berechnung war dieſer Gang bei Weitem länger als der vorige. Er war ſchon eine geraume Zeit vorwärts gedrungen, ohne das Ende zu 124⁴ erreichen. Die im Wege liegenden Steine wurden immer zahl- und umfangreicher. „Wenn das ſo fortgeht,“ ſprach der Unterirdiſche, „und ich keinen Ausgang finde, komme ich vor Mittag nicht wieder an's Tageslicht. Ich war bisher immer ſo vorſichtig, eine Laterne anzuzünden, wenn ich in dieſe unwirthbaren Keller herabſtieg und heute gerade mußte ich ſie vergeſſen. In dieſe Gegend, wo ich mich dermalen befinde, hat ſich ſicher ſeit Jahrhun⸗ derten kein menſchlicher Fuß verirrt. Eginhard wird ſich wundern, wenn er aufwacht und mein Bett leer findet. Der Himmel weiß, welches Mährchen der ſich erdenkt über mein plötzliches Verſchwinden und wie Wertheim's in Furcht und Bangen geſetzt werden. Ich will noch hundert Schritt vordringen und wenn der verwünſchte Gang kein Ende nimmt und ſich „Die Küſte nicht zeigen will, kehr' ich auf alle Fälle um.“ Unter ſolchen Geſprächen tappte, kroch und ſtol⸗ perte er immer weiter. „Nach meiner Berechnung,“ fuhr er fort,„muß ich bereits eine halbe Stunde von Buchenfels entfernt ſein. Unter dem alten Schloſſe wenigſtens befinde ich mich nicht mehr, das iſt gewiß. Es wäre ein heil⸗ loſer Rückzug, wenn das Loch hier gleichfalls mit un⸗ geſchlachten Quadern verſtopft wäre.“ Nach ſeiner Meinung nußte er jetzt die hundert Schritte zurückgelegt haben. Er ruhte ermüdet aus, denn die beſtändige Kletterei über die Steinhaufen war ſehr beſchwerlich. Rings herrſchte Todtenſtille. Er hatte ſich auf einen mächtigen Stein geſetzt und mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Hier überſann er ſeine ſeltſame Situation. 125 „Mit Eginhard zu reden,“ ſprach er,„befinde ich mich in einer höchſt romantiſchen Lage, obſchon ich von der Romantik vor lauter Finſterniß nichts ſehe.“ Er ſtrengte ſein ganzes Hörorgan an. Da— o Himmelsruf aus ſchön'rer Welt— tönte der erfreuende Geſang einer Lerche. Sein ganzes Weſen war freudig ergriffen. Er berechnete jetzt, daß der Gang nicht zu tief unter der Erde dahin führe und ſicher ein Aus⸗ gang aufzufinden ſei. Er drang mit neuem Muthe vorwärts. Der Ler⸗ chenruf kam näher; aber ie weiter er vorwärts klet⸗ terte, deſto unwegſamer ward die Paſſage, ſo daß er zu fürchten anfing, der Gang werde am Ausgange ganz zuſammengefallen und verſchüttet ſein. Eben war er bemüht, ein neues Felſenſtück zu überklettern, als ihm ein wunderbar belebender Hauch entgegen wehte. Er athmete mit Wohlbehagen dieſe reine Luft, welche aus irgend einer Oeffnung von der Oberwelt herabkommen mußte. Neue Hoffnung belebte ihn; doch blieb die Finſterniß dieſelbe. Der belebende Luftſtrahl ward aber immer erquickender, Johannes immer freudiger. „Eginhard,“ ſprach er,„würde rufen: „Rapp, Rapp, ich witt're Morgenluft!“ Plötzlich drang ein goldener Lichtſtrahl in die Fin⸗ ſterniß, daß der unterirdiſche Wanderer, der ſo lange in der Nacht gelebt hatte, geblendet den Blick abwärts wenden mußte. So wie er ſich etwas an das Licht gewöhnt hatte, ging die Reiſe weiter, und ſo ward ihm endlich die Freude, den Ausgang der Höhle zu entdecken. Derſelbe war mit dichtem Geſträuche bewachſen. und die goldene Sonne blickte in bezaubernder Schöne durch das grüne Laub; anſehnliche Felſenſtücke lagen 126 vor der Mündung des Ganges, wie vor dem heiligen Grabe. Johannes überwand, dem Ziele ſo nahe, die letz⸗ ten Schwierigkeiten, überkletterte den Felſen am Aus⸗ gange und ſprang jubelnd in Gottes ſchöne Welt. Er war äußerſt neugierig, an welchem Orte er eigentlich das Licht wieder erblickt haben würde; aber wie groß war ſein Erſtaunen, als er umherſchaute, und über ſeinem Haupte die grauen Felſenmauern des alten Schloſſes emporſtiegen. „Bin ich behext?“ fragte er ſich,„nach meiner unterirdiſchen Wanderung muß ich wenigſtens eine halbe Stunde von hier entfernt ſein. Der Gang kann doch nicht wie eine Spiralfeder um ſich ſelbſt gelaufen ſein. Meines Erachtens führte er immer gerad aus.“ Gleichwohl war es nicht anders. Als ſich Johan⸗ nes indeß genauer umſchaute, gewahrte er mit ſeltſa⸗ mem Gefühl, daß er ſich in dem— Garten des Bi⸗ bliothekars befand. Kaum wagte er weiter zu ſchrei⸗ ten. Der ganze Garten mit ſeinen wunderbaren, fremdartigen Kräutern und Blumen ruhte in heiliger Morgenpracht. Ueberall zitterten Thauperlen auf Blät⸗ tern und Ranken. Der eine Theil des Gartens bil⸗ dete eine Art engliſchen Park. Hohe Pinien und Lerchenbäume, untermiſcht mit fremdartigem Buſch⸗ werk, bauten einſame Schattengänge. Johannes wan⸗ delte dem einen entlang. Er war ſeltſam bewegt, als er in dieſem geheim⸗ nißvollen Gehege, das ſo oft der Gegenſtand ſeiner Neugier und ſeiner Geſpräche geweſen war, langſam dahin ſchritt. Er glaubte ſich nach ſeiner langen nächtlichen Wanderung in eine andere Welt verſetzt; denn ſelbſt die fremden Pflanzen dufteten ſo morgen⸗ 127 ländiſch, daß es ihm zu Muthe war, als befände er ſich in Tauſend und Einer Nacht. Plötzlich blieb er regungslos ſtehen und hielt hoch⸗ klopfenden Herzens den Athem an. Es war ihm, als vernähme er hinter der grünen Taxuswand leiſe Fußtritte. Gewiß, er hatte ſich nicht getäuſcht und um einen mächtigen Strauch blühender Hortenſien bog die— Roſe von Segovia. Sie ging wie ge⸗ wöhnlich ganz weiß; um den blendenden Nacken floß wie Nebelhauch ein blauer Florſhawl, das Locken⸗ haupt war mit einem andern Shawl turbanartig um⸗ wunden; nichts deſtoweniger rollten mehre der ſchwar⸗ zen Locken auf die blendende Schulter herab. Die reizende feenartige Erſcheinung hielt ein Buch in der Hand. So wie ſie den Jüngling erblickte, ſtieß ſie unwillkürlich einen Schrei aus und wollte entfliehen. Johannes aber hielt wie betend die Hände gefaltet und rief mit Tönen unendlicher Liebe:„Eu⸗ genie!“ Das Mädchen winkte mit der Hand; in dem rei⸗ zenden Antlitze malten ſich Liebe und Furcht. „Flieht, flieht,“ rief ſie und winkte ängſtlich mit der Hand, daß er umkehre ſollte. „Ich fliehen?“ ſprach Johannes, und eine hohe Röthe umfloß ſein Antlitz,„jetzt, wo ich Dich, Licht meines Lebens, gefunden? Nimmermehr!“ „Flieht,“ wiederholte immer ängſtlicher Eugenie, „mein Oheim wird ſogleich hier ſein.“ „Ich weiche nicht,“ rief der Jüngling begeiſtert, „ſeit ich Dich wieder erſchaut.“ Das ſchöne Mädchen ſtand in reizender Verwir⸗ rung, ihr Buſen pochte ſtürmiſch; ſie wußte nicht, ſollte ſie fliehen oder bleiben. „Dies iſt alſo der Hafen und das Aſyl und der 128 Wunſch Deines Herzens,“ fragte in zweifelndem Tone der Jüngling,„dieſe abgeſchiedene Einſamkeit? Eu⸗ genie, ſei offen, ich beſchwöre Dich! Du biſt eine Gefangene, komm, folge mir, ich führe Dich zurück in's Leben, in die Welt.“ „Wer ſagt Dir,“ flüſterte kaum hörbar das Mäd⸗ chen,„daß ich eine Gefangene;— ich bin glücklich,“ ſprach ſie leiſe und ihr ſchönes Auge ruhte eine Se⸗ kunde lang auf Johannes;„gewiß, recht glücklich.“ „Süßes, wunderbares, heiliges Kind,“ rief in überſtrömendem Gefühle ſeines Herzens der Jüngling, zog die Hand Eugenien's an ſeine Lippen und hauchte einen Kuß darauf;„ſei offen, entdecke Dich mir, wirſt Du wider Deinen Willen in dieſer kloſterartigen Ein⸗ ſamkeit zurückgehalten? Vertraue mir, mein Blut und Leben für Dich Gedenke des Sonnenuntergangs auf Belvedere; Du ſagteſt mir nicht, wohin Du gingeſt, und doch hab ich Dich gefunden. Ich mußte Dich ja finden! Dieſe heilige Gewißheit glühte fortwährend in mir wie ein himmliſches Feuer und ſiehe, ſie hat mich nicht betrogen. Eugenie, kennſt Du dieſe Blume?“ Er zeigte ihr eine verwelkte blaue Glocke. „Wie ein ſüßes, beſeligendes Vermächtniß,“ fuhr Johannes fort,„hat dieſes koſtbare Geſchenk auf mei⸗ nem Herzen geruht. Ich habe es treu bewahrt, wie meine Liebe zu Dir. Darum vertraue mir, Euge⸗ nie; Du biſt nicht heiter. Wer wagt es, dieſes Him⸗ melsauge zu trüben?“ Das Mädchen hatte von Zeit zu Zeit ſchüchtern durch die grünen Zweige nach dem alten Schloſſe ge⸗ blickt. Sie legte den Finger an den Mund, winkte dem Jüngling und ſchlüpfte durch einen Seitengang nach dem abgelegenern Theil des Parks. Johannes folgte ihr, die Bruſt voll tauſend Himmel. 129 Nach einigen Tagen ſah man den alten Wertheim mit Signor Baſilicv in des letztern Garten im leb⸗ haften Geſpräche auf⸗ und abgehen. „Ich kann Euer Verfahren hinſichtlich Eugenien,“ ſprach Wertheim,„durchaus nicht mißbilligen. Ihr habt wie ein zweiter Vater an dem Mädchen gehan⸗ delt. Es war klug, daß Ihr ſie von der ſchwachen Tante, wo ſie den Bewerbungen des hochgeſtellten Wüſtlings preisgegeben war, hinwegnahmt und in dieſe Einſamkeit begrubt. Hier allerdings würde ſie völlig unbekannt geblieben ſein, wenn nicht Euer eig⸗ nes geheimnißvolles Weſen die Neugier der Meinigen vorzugsweiſe auf Euch und Eure nächſte Umgebung gelenkt und die Liebe ſelbſt durch die Unterwelt in das ſtille Paradies gedrungen wäre. Mein Neffe, Johannes, einer der biederſten und rechtſchaffenſten jungen Männer, und der auch ſonſt nicht auf den Kopf gefallen iſt, lernte das Mädchen auf ſeiner Hier⸗ herreiſe kennen, verliebte ſich ſterblich in ſie, und wenn nicht Alles trügt, iſt auch ſie ihm nicht abge⸗ neigt. Ich vertrete Vaters Stelle bei dem Jüngling, der ſelbſt älternlos in der Welt ſteht und habe gegen dieſe Liebe durchaus nichts. Sie iſt mir im Gegen⸗ theil lieb, weil dergleichen einen Jüngling von man⸗ chen Verirrungen zurückhält. Was der Himmel zu⸗ ſammenfügt, ſoll der Menſch nicht ſcheiden; und ſo⸗ bald Johannes in das bürgerliche Leben eingetreten iſt, mag es in Gottes Namen ein Paar geben; es ſoll mich herzlich freuen. Wie ich Eure Nichte habe kennen lernen, kann man einem Manne gar keine beſſere Frau wünſchen. Bis dahin wird Eugenie an meinen beiden Töchtern liebevolle Schweſtern finden.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XVI. 9 130 Der Bibliothekar hatte nicht ohne ſichtbare Be⸗ wegung der Rede Wertheim's zugehört. Er erfaßte deſſen Hand. „Theuerſter Mann,“ ſprach er,„Ihr habt da auch meinen Herzenswunſch ausgeſprochen. Eugenie, das unſchuldige, aufrichtige Kind, hatte auch mir den Eindruck nicht verheimlicht, den Johannes Bild auf ſie gemacht hatte. Wohl hat mir das manche ſchwere Stunde gekoſtet, zumal ich mit Schrecken in dem einen der beiden Muſenſöhne alsbald denjenigen erkannte, der für Eugenien's Ruhe ſo gefährlich war. War mir's daher zu verdenken, wenn ich mich ſeit der An⸗ kunft der jungen Männer noch ſorgfältiger zurückzog? Darum mein menſchenfeindliches Benehmen, das mir in Eurer Familie ſo oft zum Vorwurf gemacht wor⸗ den iſt. Ich hatte meinen guten Grund. Geſteht ſelbſt, wozu hätte eine Liebſchaft der beiden jungen Leute führen ſollen, für den Fall Johannes nicht der edle Mann war, wie Ihr ihn mir geſchildert habt? Wohl hat mich das Mädchen oft ſchmerzlich gedauert, wenn ſie mit thränenden Augen bat, ein wenig außer⸗ halb ihres engbegrenzten Aſyls ſich ergehen zu dürfen und ich ihr dieſen billigen Wunſch abſchlagen mußte.“ „Nun, die Zeit der Prüfung iſt vorüber,“ trö⸗ ſtete Wertheim,„Eugenie kann wenigſtens in unſere kleine ſtille Familienwelt zurückkehren.“ Der Bibliothekar ſchien noch etwas auf dem Her⸗ zen zu haben, das er Wertheim zu vertrauen wünſchte, er hatte immer gezögert. Endlich ergriff er die Hand des Schloßherrn. „Noch eins, edler Herr,“ ſprach er nicht ohne Beklommenheit,„muß ich Euch vertrauen. Es war noch ein zweiter Grund vorhanden, der mich beſtimmte, Eugenien unter meine ſpecielle Aufſicht zu ſtellen; das 134 13 Mädchen litt nämlich ſeit einiger Zeit am Somnam⸗ bulismus. Meiner Kur und Pflege iſt es jetzt, Gott ſei Dank, gelungen, dieſes Uebel zu heilen. Seit dem letzten Vollmond, wo ſie zum letzten Male ihre nächtliche Wanderung antrat, haben wir nichts mehr zu befürchten.“ Wertheim horchte hoch auf. „Wie,“ rief er,„ſo hatte Freund Eginhard doch recht geſehen, als er uns von der Geiſtererſcheinung auf den Zinnen des alten Schloſſes erzählte? Er hat uns lange genug damit in den Ohren gelegen, aber da er fortwährend nur von der Roſe von Segovia ſprach, glaubten wir, daß ihm ſeine aufgeregte Phan⸗ taſie einen Streich geſpielt habe. So erklärt ſich ja Alles natürlich.“ „Es giebt ja keine Wunder,“ antwortete Baſilico, „als die Wunder Gottes, die wir täglich an jedem ſeiner Geſchöpfe wahrnehmen können, ohne daß wir uns in das phantaſtiſche Gebiet der Geſpenſter zu verſteigen brauchen. Für diesmal aber, edler Herr,“ fügte er bittend hinzu,„wäre mein Wunſch, daß jene nächtliche Erſcheinung die Roſe von Segovia verblei⸗ ben möchte. Eugenie weiß ſelbſt nichts von ihrem Traumwandeln, und es könnte wenigſtens jetzt von ſchädlicher Einwirkung ſein, wenn ſie davon erführe. Möge das Geheimniß unter uns Beiden verbleiben, und erſt ſpäter, wenn keine Gefahr mehr vorhanden, veröffentlicht werden, und mit der Wahrheit die letzte Spur der wunderbaren„Roſe von Segovia“ ver⸗ ſchwinden.“ „Freund Eginhard,“ lächelte Wertheim,„wird uns dafür allerdings wenig Dank wiſſen, aber es kann ihm nur von Nutzen ſein, wenn er ſieht, wie ſich Alles natürlich auflöſt.“ 9* 132 Johannes und Eugenie kamen jetzt den Gang da⸗ her. Es war ein wunderſchönes Paar. In ihren Blicken leuchtete die Verklärung der erſten Liebe. Signor Baſilico war von jetzt an durchaus nicht der menſchenſcheue, wortkarge Mann mehr; im Ge⸗ gentheil war er recht heiter und ſogar froh gelaunt. Er führte Wertheim und Johannes durch ſeine ſchöne Blumenwelt, erklärend und belehrend als gründ⸗ licher Botaniker und tiefer Kenner der Natur. Auch Eugenie, die geiſtreiche Schülerin ihres Oheims, war nicht unbewandert in der Blumenkunde, und Johannes hatte in ſeinem Leben noch kein ſo himmliſches Collegium gehört, als hier im Garten des Bibliothekars von den Lippen des geliebten Mädchens. Sie ſtanden eben bei einer blühenden Alve und ſchauten mit ſtummer Bewunderung in das glühende Farbenmeer der Rieſenblume, als eine Stimme, wie aus den Wolken herab, rief: „Dreiundſiebzigſter Beweis, daß Buchenfels von den Sorben erbaut, ſpäterhin von den Deutſchen er⸗ obert, wieder verloren, und abermals erobert wor⸗ den. Hier dieſe echt ſlaviſche Streitaxt iſt der drei⸗ undfiebzigſte Beweis und überdies ein höchſt ſchla⸗ gender.“ Es war Eginhard, welcher, ſeit ſich die Pforten des geheimnißvollen Schloſſes geöffnet, wie eine Maus in allen Gemächern und Winkeln des uralten Gebäu⸗ des umherfuhr und nach Antiquitäten ſuchte. Sein Kopf guckte ganz oben am Giebel des Schloſſes wohl⸗ gemuth heraus und ſchwang in der Rechten triumphi⸗ rend eine alte Streitaxt. „Es unterliegt gar keinem Zweifel,“ docirte er herunter,„daß dieſe brave Waffe ſeine acht hundert 133 Jährchen auf dem Rücken hat. Ich möchte wiſſen, wen ſie alles auf den Kopf getippt hat. Wo die an⸗ pochte, wuchs kein Gras wieder. Uebrigens iſt es ſehr betrübend, daß ich trotz aller Nachforſchungen nicht herausbekommen habe, ob die heutigen Schloß⸗ beſitzer von den Sorben abſtammen oder ob es echte Germanen ſind. Paulinen's blonde Haare beweiſen gar nichts. Alle deutſchen Hiſtoriker ſtimmen über⸗ ein, daß wir in dieſem Punkte in völliger Dunkel⸗ heit tappen. Selbſt bei manchen erlauchten und ur⸗ alten deutſchen Fürſtenfamilien, wie zum Beiſpiel bei dem Hauſe Wettin weiß man nicht, ob es rein ger⸗ maniſcher Abkunft iſt. Bei uns nichtfürſtlichen Per⸗ ſonen iſt die Sache noch weit ſchwieriger. Das macht mir vielen Kummer. Ich wünſchte, ich wär' in Fran⸗ ken oder wenigſtens in Thüringen geboren, da wüßt' ich doch, woran ich wär'; ſo werde ich in Ungewiß⸗ heit tappen und mich ſchließlich zeitlebens in's Grab legen, ohne zu wiſſen, ob ich mich als Slave oder Germane hineinlege.“ Johannes und Eugenie achteten nicht viel auf die antiquariſchen und genealogiſchen Lamentationen Egin⸗ hard's und wandelten ſtill ſelig die Blumenbeete ent⸗ lang. Bald traten auch Albert und Bodo, Marie und Pauline in den Garten. Die zwei Mädchen eil⸗ ten ſogleich auf die ſchöne Engenie zu, und umarm⸗ ten ſie mit ſchweſterlicher Liebe. Johannes hatte jetzt im Geringſten nichts mehr gegen Bodo's und Marien's Liebe einzuwenden; ja er ſah es ſogar nicht ungern, daß ſich Albert für Paulinen intereſſirte; er war ſelbſt zu glücklich durch den Beſitz Eugenien's, als daß er andern nicht ein gleiches Glück hätte gönnen ſollen. 16. Johannes ſaß am Fenſter und zeichnete das herr⸗ liche Landſchaftsbild, das von einem Nachmittagsge⸗ witter koſtbar erfriſcht, in aller Anmuth vor ihm aus⸗ gebreitet lag. Eginhard ging mit verſchränkten Ar⸗ men und ſchnellen Schritten in dem geräumigen Zim⸗ mer auf und ab. „Da haben wir die Beſcheerung,“ ſprach er in abgebrochenen Sätzen,„nun ſind wir total aus dem Felde geſchlagen. Schöne Geſchichten. Der Bodo und Deine Couſine Nummer Eins ſind ſo gut wie Braut und Bräutigam, und bereits pouſſirt der Al⸗ bert den Paul nach Herzensluſt. Die Galle möcht' einem in's Blut treten, wenn man dieſe Paarſchaften mit anſieht. Du haſt wenigſtens die Roſe von Se⸗ govia; unter uns, ich beneide Dich nicht, aber ich, was bleibt mir? He? „Ward mir denn kein Herz gegeben, Bin ich nicht auch Mädchen gut; Immer ohne Liebe leben Wäre wahrlich Höllengluth. „Es iſt zum Verzweifeln! Während ich mich ab⸗ mühe und die Wiſſenſchaft bereichere durch Auffinden der ſeltenſten antiquariſchen Schätze, während ich wie ein Bergmann arbeite in den Schachten des verwünſch⸗ ten alten Schloſſes, von Boden zu Boden ſteige wie eine Fahrmaus, verliebt ſich's unter mir, daß es einem grün und blau vor den Augen wird. „Aber ich weiß, was ich thue,“ ſprach er ſich ſelbſt tröſtend,„ich werfe meinen Gnadenblick auf die arme verlaſſene Camilla, des Paſtors Töchterlein. Das iſt ein himmliſches Kind. Ich habe mich geſtern char⸗ 135 mant mit ihr unterhalten. Die liebe ich und hei⸗ rathe ich, oder keine auf der ganzen Welt. Sie iſt mir zehn Mal lieber als Deine überirdiſche Roſe von Segovia oder Eugenia, oder wie ſie getauft iſt; ich glaube übrigens gar nicht, daß ſie getauft iſt, ſie ſtammt ja von den Muſelmännern ab, die taufen die Leute nicht; ward geboren vor Gott weiß wie viel Jahrhunderten und iſt dermalen ein Geiſt; zwar hübſch, Geſchmack muß man Dir laſſen, aber man ſieht ihr das Geiſterhafte gleich an. Da lob' ich mir Camilla, mit der weiß ich, woran ich bin, die ward geboren vor ſiebzehn Jahren, im Kirchenbuche ſteht's ſchwarz auf weiß, von leiblichen, chriſtlichen und got⸗ tesfürchtigen Aeltern, hat Fleiſch und Blut wie alle hübſchen irdiſchen Mädchen und läuft nicht des Nachts auf den Dächern umher, ſondern bleibt ruhig in ih⸗ rem Bette.“ „Schweig mit Deinen Abgeſchmacktheiten,“ ſprach Johannes ziemlich ärgerlich,„und mach' Dich mit Deiner Geiſterſeherei nicht noch lächerlicher, als es ſchon der Fall iſt.“ „Geiſterſeherei? Gleichviel,“ entgegnete Eginhard, „was ich geſehen habe, hab' ich geſehen, aber ſtaarblind bin ich, Gott ſei Dank, noch nicht, und das alte Schloß kann ich im hellen Mondſchein auch noch er⸗ kennen, und auch den, der darauf umhermarſchirt. Und daß es die Roſe von Segovia war mit ſammt ihrem aſchgrauen Herrn Onkel; wenn ich Alles ſo ge⸗ genau wüßte, wär's gut.“ Johannes antwortete gar nicht mehr.. Eginhard fuhr brummend fort: „Dieſe Roſe von Segovia möcht' ich nicht zur Frau haben, und wenn man mir ſonſt was böte. Was nützt mir denn eine Frau, die allnächtig ſechs 136 Etagen hoch zum Dachfenſter hinausſteigt mit allen Schornſteinen und Geiſtern, und nur nicht mit ihrem Ehegemahl converſirt. Behüte mich der Himmel, ein ordentlich gebornes Mädchen heirathe ich, das nicht in die Jahrhunderte hineinlebt, ſondern wenn ihr Stündlein gekommen iſt, ſich hinlegt und hübſch zu Aſche wird, wie ſich's gebührt. Darum paßt Camilla ganz herrlich für mich; ich glaube, daß ſie dieſe herr⸗ lichen Eigenſchaften beſitzt. Ich werde von nun an die anriquariſchen Unterſuchungen einſtweilen auf ſich beruhen laſſen, mich mehr concentriren und ihr den Hof mit Syſtem machen. Ich werde dieſe herrliche Perle erobern und alsdann weit eher zu beneiden ſein als Du mit Deinem ſchwarzlockigen Mameluckenkinde.“ 17. Das Ende der Ferienzeit war herangenaht; Al⸗ bert und Bodo bereits vor längerer Zeit nach ihren Gütern abgereiſt; doch kamen ſie oft nach Buchenfels zum Beſuch. Das zärtliche Verhältniß des erſtern zu Marien, des letztern zu Paulinen, ſchien immer unauflöslicher zu werden. Johannes lebte wie im Himmel an der Seite ſeiner angebeteten Eugenie; und Eginhard, ſeinem Vorſatze getreu, hatte ſich ent⸗ ſchieden in Camilla verliebt. Es war am Tage der Himmelfahrt, als man das Abſchiedsfeſt feierte; denn die ſchon mehrmal verſcho⸗ bene Abreiſe der Muſenſöhne war für den folgenden Tag auf das Entſchiedenſte feſtgeſetzt worden. Der Abend war wunderſchön, die Schöpfung ſtand in reich⸗ ſter Pracht des Frühlings. Schon ſchlug das Korn grüne Wellen, die Kaſtanien blühten, die weißen 137 Akazien leuchteten, und in den Buſen der Roſen keimte der erſte Purpurblick der Liebe. Johannes ſtand im ſtummen Entzücken auf dem Balkone des Schloſſes, und überſchaute das frühlings⸗ volle Panorama. Eginhard trat zu ihm und ſprach im dumpfen Tone: „Heute haben wir Himmelfahrt und morgen Höl⸗ lenfahrt. Hans, ich ſchwöre es Dir bei allen Göt⸗ tern der Ober⸗ und Unterwelt, daß ich den Katzen⸗ iammer nach dieſem Himmelsleben nicht überlebe. Uebrigens“ ſetzte er zu ſeinem Troſte hinzu,„daß ich mich von jetzt wie ein böſer Feind auf mein Brot⸗ ſtudium, die edle Theologiam ſtürze, und alle Allo⸗ tria vor der Hand dahin geſtellt ſein laſſe, damit ich es bald zu etwas Reellem bringe, Amt und Würde erhalte und meine himmelsgute und ſchöne Camilla heimführen kann als trautes Eheweib, iſt auch gewiß.“ Johannes lobte den Entſchluß und verſprach ein Gleiches. „Wer den Schatz im Herzen trägt,“ fuhr Egin⸗ hard fort,„wird nicht verſumpfen in der todten Dog⸗ matik und unerquicklichen Kirchengeſchichte. Es bleibt dabei, ich beſtelle mir einen längern Rock und werde Philiſter.“ „Aber nur im academiſchen Sinne,“ fiel Johannes nicht ohne Wärme ein,„dem Philiſter im Leben ein donnerndes Pereat.“ „Ja wohl,“ rief Eginhard, „Pereant die Pbiliſter, Ihre Gevattern und ihre Geſchwiſter, Die Luckſer und Muckſer und Pfennigfuchſer, Die Mucker und Achſelzucker, Die Agio⸗ und Taxenrucker, Die Linſenwähler und Zinſenzähler, Die Couponsſchneider und Hungerleider; 138 Pereant die Philiſter, Ihre Gevattern und ihre Geſchwiſter! „Dieſe meinſt Du doch?“ „Allerdings,“ antwortete Johannes,„das aller⸗ liebſte Philiſterpereat iſt übrigens nicht von Deiner Weisheit, ſondern vom Hoffmann von Fallersleben, der es einmal bei einer feſtlichen Gelegenheit als Toaſt ausbrachte.“ „Gab's auch nicht als von mir aus,“ ſprach Eginhard, machte aber einen ehrfurchtsvollen Sprung zur Rechten, denn ſo eben trat Eugenie auf den Bal⸗ kon und lud mit bezaubernder Freundlichkeit die bei⸗ den Jünglinge zur Abendmahlzeit. „Das iſt wahr,“ meinte Eginhard, als ſich Eu⸗ genie wieder entfernt hatte,„ſie iſt überirdiſch ſchön. Unter der kalten deutſchen Sonne, glaub' ich, kann ein ſolches Mädchen gar nicht geboren werden. Wenn Du der Camilla nichts verräthſt, will ich Dir ein Gedicht mittheilen, das ich auf Deine Schöne in ho⸗ hem pvetiſchen Erguſſe gedichtet habe.“ „Auf Eugenien?“ fragte Johannes lächelnd. „Auf Niemand anderes,“ war die Antwort;„der Frauen Schönheit muß man huldigen, wo man ſie findet. Wart' ein wenig, ich habe die Verſe bei mir.“ „Ein ander Mal,“ ſprach Johannes und wollte den Balkon verlaſſen. Eginhard hielt ihn aber am Arme feſt und declamirte: „Du Wunderbild aus einem ſel'gen Traum, Wie ihn ein ſel'ger Gott geträumt; Du Frühlingsgruß aus einer Frühlingswelt, Wie ſie nur über Sternen keimt; Du Mollaccord der großen Götterharfe; Du hohes Lied, das die Gewißheit ſingt Von einem Engellande drüben; Du Oelblatttaube, die uns Nachricht bringt, ——— 139 Daß wir dort finden Alles was wir lieben; Du Kronjuwel, das einſt in ſel'ger Stunde Der Himmel uns verpfändete zum Bunde; Du Blumenurbild alles ird'ſchen Schönen. Du Meiſterſtück, das Schöpfungswerk zu krönen!— Vergebens ſucht die kühne Phantaſie Nach Sternen, Blumen, Perlen, Bildern, Ein Göttertraum, wie Du, iſt nie Von einem Sterblichen zu ſchildern.“ „Recht brav.“ lobte Johannes,„wenn auch etwas überſchwenglich,“ und eilte voran. „Nun wird er bald einſehen,“ ſagte Eginhard für ſich,„daß ich allenfalls auch meinen Vers zu Stande bringe, wenn ich mir die Sache einigermaßen angele⸗ gen ſein laſſe. Uebrigens, trotz allem dieſen pveti⸗ ſchen Summſumm, möcht' ich die Roſe von Segovia nicht zur Frau. Die Dachpromenaden kann ich bei aller bezaubernden Schönheit nicht vergeſſen.“ Er folgte dem Johannes nach dem Speiſeſaal Zum letzten Male ſaßen heut die Freunde und Freundinnen beiſammen in dem bekannten freundlichen Lokale, wo ſie in den ſchönen Frühlingstagen ſo viele frohe Stunden verlebt hatten. Auch Albert und Bodo waren angelangt zum Abſchiedsmahle. Der Bibliothekar, welchen Alle, mit Ausnahme Eginhard's, der ihn auf dem Dache geſehen und darum nicht traute, wahrhaft lieb gewonnen hatten, fehlte jetzt nebſt Eugenien nie mehr an Wertheim's Tafel und unterhielt die Geſellſchaft durch ſeine emi⸗ nente Beleſenheit, die bei ihm nicht todtes Wiſſen „auf das Angenehmſte. Den vier Mädchen, auch Camilla befand ſich an der Tafel, war aber diesmal keineswegs ſehr freudig zu Muthe. Sie gedachten der Einſamkeit auf Bu⸗ 140 chenfels, wenn die Jünglinge abgereiſt ſein würden und ſagten dies laut. Dem Johannes und Eginhard lag der Abſchied nicht minder ſchwer auf der Bruſt. „Wenn das gelehrte Reſt,“ ſprach Letzterer,„ich meine unſre Akademie, nur nicht ſo gar weit von Buchenfels entfernt läge, da könnten wir unter der Hand einen Abſtecher riskiren; aber drei Tagereiſen iſt kein Spaß.“ „Hätten wir Eiſenbahnen, wie in England,“ ſprach Johannes,„ſo wär's ein ſolcher.“ „Ein abermaliger Beweis,“ meinte Eginhard,„daß des großen Kaiſers Untergang ein Weltunglück war. Lebte der noch, führen wir längſt mit Eiſen und Dampf. Uebrigens iſt's ſo auch gut. Iſt Europa mit Eiſenbahnen überſponnen, hat alle Entfernung und damit alle Poeſie ihr Ende. Ich lobe mir die alten guten Poſtwagen des heiligen römiſch⸗deutſchen Reichs. Wenn da ein Familienvater von Hannover nach Göttingen reiſte oder von Dresden nach Leipzig, machte er vorher ſein unumſtoßbares Teſtament, nahm Abſchied von ſeiner lieben Familie, als ging's direct nach Beſſarabien oder nach Tombuktu. Da gab's noch Poeſie und Straßenräuber.“ „Da bin ich andrer Meinung,“ gegenredete Jo⸗ hannes,„und derſelben ſind die trefflichſten Dichter unſrer Zeit. Wie poetiſch beſingt der herrliche Ana⸗ ſtaſius Grün die Eiſenbahnen. Der findet keine Proſa, ſondern hohe Preſie in dieſer weltgeſchichtlichen Er⸗ findung und noch vor Kurzem las ich in den Ge⸗ dichten des genialen Magyarenkindes Karl Beck die eben ſo wahren als ſchönen Verſe: „Eiſen du biſt zohm geworden; Sonſt gewohnt, mit wildem Dröhnen —— 141 Hinzuwettern, hinzumorden— Ließeſt endlich dich verſöhnen! Magſt nicht mehr dem Tode dienen, Liebſt am Leben feſt zu hangen, Und auf deinen ſpröden Schienen Wird ein Hochzeitfeſt begangen. „Hört Ihr donnern die Karoſſen? Deutſche Länder ſitzen drinnen, Halten brünſtig ſich umſchloſſen, Wie ſie koſen! Wie ſie minnen! Und des Glöckleins helles Klingen Sagt uns, daß die Paare kamen Und die Wolkenpfaffen ſingen Drauf ein donnernd dumpfes Amen. „Raſend rauſchen rings die Räder, Rollend, grollend, ſtürmiſch brauſend, Tief im innerſten Geäder Kämpft der Zeitgeiſt freiheitsbrauſend Stemmen Steine ſich entgegen, Reibt er ſie zu Staub zuſammen, Seinen Fluch und ſeinen Segen Speit er aus in Rauch und Flammen.“ „Iſt das derſelbe Karl Beck,“ fragte Eginhard begeiſtert,„welcher ſingt: „Da liegt vor mir die Bibel aufgeſchlagen, Von hellen Thränen wird mein Aug' erheüt, Daß ſich der Menſch ſo lang, ſo lang getragen Mit Trümmern einer längſt geſunknen Welt. „Wie ſich die Bilder wild und düſter treiben Durch mein Gewitter ſchwüles, trübes Haupt; Ja, eine neue Bibel will ich ſchreiben, An die ein zweifelndes Jahrhundert glaubt. „Ein großes Kreuz erhebe ſich auf Erden, Ein Kreuz, wohin der Jude gläubig zieht, Ein Kreuz, woran die Heiden ſelig werden, Vor dem der Teufel ſelber nicht entflieht. „Verſchloſſen liegt das Wort im Schrein der Lippe, Bis daß ſich's ringe zu der That hinauf; 142 So ruhte ſtill das Kindlein in der Krippe, Und göttlich Welt erlöſend wacht es auf. „Ein prächtiger Kerl,“ ſuhr Eginhard fort,„nun ſoll mir ein Philiſter ſagen, daß unſre Zeit nicht auch ihre trefflichen Lyriker habe. Anaſtaſius, Zed⸗ litz, Freiligrath, Lenau, Moſen, welch reicher Ster⸗ nenhimmel. Julius Moſen abſonderlich iſt mein Lieb⸗ ling. Der kommt mir gleich nach Heine, und ſeine Gedichtſammlung unmittelbar nach dem Buche der Lieder. Moſen's Lieder ſind Magnetſteine, die man nicht ſowohl auf der Bruſt als in der Bruſt tragen ſoll, um von ihrer wunderthätigen Kraft allgewaltig überzeugt zu werden. Moſen's Muſe iſt ein wunder⸗ ſchönes Waldmädchen mit dunkeln blitzenden Augen und gottberedtem Munde. Der Quell ihrer Lieder iſt ein Geſundbrunnen im hohen Gebirg, wo er ſich an⸗ fangs wild und donnernd herabſtürzt, im tiefen Grunde umſchatteter Thäler fließt, ſpäter aber her⸗ vorkommt aus der Waldnacht, durch Wieſen und Blu⸗ men ſilberklar dahinrieſelt, mit herabnickenden Vergiß⸗ meinnichten und blauen Schlüſſelblumen koſt, und wunderſüße, zartgoldne Mährchen erzählt aus ſeiner Waldeinſamkeit. Kann es wohl ein zarteres, hinge⸗ hauchteres Liedchen geben, als die drei Verſe: „Das Reh guckt an die Kleinen, Die ſchliefen die ganze Racht, Ich habe bei den Meinen Den ganzen Schlaf verwacht. „Die Weinreb' hat die Ohren Zum Fenſter rein gethan, Sie hat kein Wort verloren, Sie fing zu blühen an. „Der Mond wollt' endlich ſcheiden, Weiß nicht, wie mir geſcheh'n— 143 Den Blumen und uns Beiden Voll Waſſer die Augen ſteh'n. „Selbſt bei Heine und Gvoethe iſt mir ſolche Zartheit nicht vorgekommen. Ferner das herrliche Frühlingslied: „O, Apfelbaum, was iſt es wohl mit dir? Wo willſt du noch mit allen Blüthen hin? Sag, Apfelbaum, wo ſtehet hin dein Sinn? Willſt du dich denn in dieſen rothen Gluthen Mit einem Male ganz und gar verbluten? „In Blüthenwogen brauſt ein Bienenſchwarm, Der Engelchorgeſang in meiner Bruſt; 2 Es ſteht der Baum und ſinnt mit ſtiller Luſt, Als hätt' er wieder in ſo ſel'gen Stunden Sein Heimathland, das Paradies, gefunden. „Nun muß man wieder den Dichter hören in ſeinen Schwert- und Kriegsliedern. Welche Kraft und welche Flammen: in ſeinen einfachen, körnigen Volksliedern, ſein Andreas Hofer, ſein Tambour von Namur, ſein Trompeter an der Katzbach. Wie ge⸗ ſagt, in meiner Liebe ſteht er als Lyriker unmittel⸗ bar neben Heine, was viel ſagen will, denn der Ver⸗ faſſer der Reiſebilder kann keinen enthuſiaſtiſchern Verehrer finden, als meine Wenigkeit. Moſen's per⸗ ſönliche Bekanntſchaft hab' ich bereits vor mehrern Jahren gemacht. Als ich ihn im vorigen Winter in Dresden, wo er als Advokat practicirt, beſuchte, machten wir häufige Spaziergänge in die Umgegend. Auf einem derſelben theilte er mir eine wunderſchöne Anekdote vom Marſchall Ney mit. Ich bearbeitete ſie als Gedicht, und da ſie Moſen für nicht mißlungen erklärte, habe ich ſie abdrucken laſſen.“ „Vom Marſchall Ney,“ rief Wertheim,„dem Für⸗ ſten von der Moskwa, dem Bravſten der Braven, amice! Heraus damit!“ 144 Eginhard ließ ſich nicht lange nöthigen und „In dem Kerker Lavalette's, Wo hinab kein Sonnſtrahl fiel, Tönte oft in ſtillen Stunden Wunderbar ein Flötenſpiel. „War's doch Ney, der Fürſt der Moskwa, Dort im oberen Gemach, Der gefangen, ruhig⸗heiter So mit ſeiner Flöte ſprach. „Und nen alten, alten Walzer Aus dem grünen Deutſchland her, Herzgewinnend, herzbezwingend, Dieſen liebt er gar zu ſehr. „Und er ſpielt ihn immer wieder, Wenn er dort am Fenſter ſaß, Bis auch Lavalette nicht wieder Dieſes holde Stück vergaß. „Stunden rannen, Tage gingen, Immer zur gewohnten Zeit Tönt der Walzer, wird durch dieſen Lavalette's Herz erfreut „War in ſeiner dunkeln Zelle Dieſer liebe Freundesgruß, In den einſamreichen Stunden Ja der einzige Genuß. „Aber horch, welch ſeltſam Schweigen⸗ Welche Stille, dumpf und ſchwer; Iſt die Stunde doch gekommen— Und der Walzer— tönt nicht mehr. „Und es klirrt die Kerkerpforte, Und der Wärter tritt herein, Und es fragt der Freund erbleichend, Was muß mit dem Marſchall ſein? „„Marſchall Ney wird nicht mehr ſpielen Mit der Flöte in der Hand, Von ſechs Kugeln wohl getroffen Stürzt' er heute in den Sand.““ de⸗ 14⁴5 Schmerzlich das getreue Herz, Und des Flötenſpieles Schweigen Mehret nur den tiefen Schmerz. So verblieb mir nichts von Dir, Als der alte deutſche Walzer, O er ſei geheiligt mir⸗ „Aber ſeltſam ob er ſinnet, Ob er ſinnt mit vieler Müh— Ausgelöſchet bleibt für immer Ihm die Walzermelodie. „Jahre ſind dahin gegangen, Lang ſchon weilt im freien Land, In Amerika's Gefilden Lavalette geehrt, bekannt. Eine Kirchweih feiern ſie— Horch, zum Tanze um die Linde Tönt'ue Walzermelodie. „Und er bleibt betroffen ſtehen, Und es wird ihm ſeltſam helle, Zeit und Gegenwart verrinnt. „Und die hellen Thränen perlen, s wird ihm, wie er nie gefühlt— Ja, es iſt der alte Walzer, Den im Kerker Ney geſpielt. „Und die erſten Thränen weint er In dem fernen freien Land, Wo er ſeines Freundes Stimme, Seinen Walzer wiederfand.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XViI. „Da bricht dem getreuen Freunde „Und er ruft nach dumpfem Schmerze: „Und er kommt zu deutſchen Leuten, Lauſcht und lauſchet, ſinnt und ſinnt; „Nicht übel,“ recenſirte Johannes, als Eginhard geendet hatte,„doch würde das Gedicht gewonnen 10 146 haben, wenn der Name des Flötenſpielers im Anfang nicht genannt wäre. Die Spannung des Leſers oder Zuhörers würde erhöht und die Wirkung ergreifender geweſen ſein.“ „Iſt denn die Geſchichte wahrk“ fragte Pauline. „Wenigſtens wird ſie dafür gehalten,“ ſprach Eginhard;„doch iſt die Wahrheit in ſolchen Din⸗ gen nicht die Hauptſache, wenn nur die Idee an⸗ ſprechend iſt.“ „Das Gedicht können Sie mir auch da laſſen,“ bat Wertheim. „Es kann nur ſchmeichelhaft für mich ſein,“ er⸗ wiederte lächelnd der Verfaſſer. „Ich hab' überhaupt,“ fuhr Wertheim fort,„durch den Beſuch der Muſenſöhne einen wahren Schatz von Gedichten erhalten, die mich ſämmtlich innig anſpre⸗ chen. Ich könnte einen Muſenalmanach herausgeben. Uebrigens bitt' ich mir aus, daß der alte Onkel auch künftig in dieſem Punkte nicht vergeſſen bleibt. Wenn etwas Hübſches erſcheint, daß ich's bekomme. Ihr kennt ja beiderſeitig meinen Geſchmack.“ Johannes und Eginhard verſprachen, dem wackern Gaſtfreunde alle wichtige Erſcheinungen im Gebiete der neueſten metriſchen Poeſie getreulich mitzutheilen. „Ueberhaupt,“ bemerkte Eginhard,„iſt es eine Hauptſache, hübſch in Correſpondenz mit einander zu verbleiben; an mir wenigſtens ſoll's nicht fehlen.“ Man verſprach ſich, unter einander regelmäßig in Briefwechſel zu treten. Man blieb dieſen letzten Abend noch lange bei einander. Eugenie, welche eine wunderſchöne Stimme beſaß, trug mehre reizende Lieder unter Pianoforte⸗ begleitung vor. Nie hatten die Freunde die Gvethe⸗ ſchen Lieder, in Muſik geſetzt von Reichard, ſo be⸗ 147 zaubernd gefunden, als dieſen Abend. Den Preis aber trugen die zwei Verſe von Heine davon: „Ein Fichtenbaum ſteht einſam Im Norden auf kalter Höh'; Ihn ſchläfert mit weißer Decke Umhüllen ihn Eis und Schnee. „Er träumt von einer Palme, Die fern im Morgenland Einſam und ſchweigend trauert Auf brennender Felſenwand. „Das iſt in der That das Lied aller Lieder,“ rief Eginhard begeiſtert,„und wenn der göttliche Heine keine Silbe weiter geſchrieben hätte, als dieſe acht Zeilen, wär' er darum einer der größten Dichter.“ „Auch Kotzebue's ſchönes Geſellſchaftslied:„Es kann ja nicht immer ſo bleiben ꝛc.“ ward im Chore geſungen. „Ich kann's dem fantaſtiſchen, exaltirten Sand mein Lebelang nicht vergeſſen,“ ſprach Eginhard, als man zu Ende war,„daß er den guten Kotzebue todt⸗ geſtochen hat; ſei es auch nur des herrlichen Liedes wegen, das wir ſo eben geſungen haben. Ich mag den Kotzebue nicht in allen Dingen in Schutz neh⸗ men, aber wer ein ſolches Lied dichten konnte, iſt ſicher kein böſer Menſch geweſen. Ich laſſe mir das nicht nehmen.“ Auch Wertheim ſtimmte ihm hierin bei. „Es war der unluſtigſte Streich,“ fuhr erſterer fort,„unſern beſten Luſtſpieldichter todt zu ſtechen; und ich kann dem todten Etatsrath nicht gram ſein, was man ihm auch Alles hat zur Laſt gelegt. Ich ver⸗ danke ihm mein Lebelang zu viel heitre Stunden und frohe Theaterabende. Wenn er ja den Tod ver⸗ 10* „ohne Trennung kein Wiederſehen!“ 148 dient hat, ſo hat er ihn einzig deshalb verdient, weil er den Napoleon lächerlich gemacht hat.“ „Mir aus der Seele geſprochen,“ fiel Wertheim ein;„aber der Todte würde jetzt, wo die Leidenſchaft verraucht iſt, auch anders ſingen und ſagen.“ Wertheim und Eginhard waren wieder auf ihr Lieblingsthema auf den großen Kaiſer gekommen, während ſich die übrige Geſellſchaft in Paare abge⸗ ſondert hatte. Camilla hörte voller Andacht den Apo⸗ theoſen zu, die Eginhard zur Verherrlichung Napo⸗ leon's zum Beſten gab. So kam Mitternacht heran, bevor ſich die Geſell⸗ ſchaft trennte. Der letzte Traſt galt einem einſtigen frohen Wiederſehen. Alle Gläſer klangen wie Glocken an einander und der Feuerwächter verkündete die zwölfte Stunde. 17. Die ganze Familie Wertheim, Signor Baßilico und Eugenie, ſo wie Albert und Bodo, hatten den zwei Muſenſöhnen das Geleit gegeben bis zum Gaſt⸗ haus, das den Namen„Schönbronnen“ führte, und ungefähr anderthalb Stunden von Buchenfels gelegen war. Der Morgen war wunderſchön, die Lerchen jubelten, Wald und Fluren dufteten erquickend; nur in den Herzen der Abſchiednehmenden ſah es nicht heiter aus. Manches Thränlein ſtand in den Augen der Mädchen, ſelbſt der alte Wertheim mußte ſich die Augen trocknen, als der herbe Augenblick der Tren⸗ nung gekommen war. Johannes und Eginhard ſtell⸗ ten ſich gefaßter, als ſie waren. „Lebt wohl, ihr Lieben alle,“ rief Eginhard mit bewegter Stimme, drückte nochmals Allen die Hand, 149 Als er Wertheim die Hand reichte, band er die⸗ ſem wiederholt auf die Seele, das alte Frankenſchwert, welches er im Thurme gefunden, ja mit nächſter Ge⸗ legenheit und wohlverwahrt nachzuſenden. Johannes ſchaute noch einmal in Eugenien's blu⸗ menhafte Augen, hauchte den Abſchiedskuß auf die ſchöne weiße Hand, welche zitternd in der ſeinen ruhte, und fortwanderten die Jünglinge, während die Zurückbleibenden lange nachſchauten, bis die Wan⸗ derer hinter den wogenden Korn⸗ und Weizenfluren verſchwunden waren. Dann kehrten auch ſie langſam und wortkarg nach Buchenfels zurück. Die beiden Freunde wanderten eine geraume Zeit ſchweigend neben einander. Jeder war in ſeine Ge⸗ danken und Träume verſunken. Als ſie eine Anhöhe erreicht hatten, blieben ſie ſtehen und ſchauten lange auf das Frühlingsthal zurück, wo ſie gewiß die ſchön⸗ ſten Stunden ihres Lebens verlebt hatten. Johannes breitete ſehnend ſeine Arme nach der theuern Gegend aus. Noch konnte man das liebe Buchenfels in einiger Entfernung deutlich erkennen. „Frühling und Liebe,“ rief er,„wie reich habt ihr uns in dieſem Thale mit euern duftendſten Ro⸗ ſen bekränzt.“ „Ja, Frühling und Liebe,“ ſeufzte Eginhard, „und nun heißt's Pandekten und Prozeß, und bei mir, Exegeſe und Kirchenväter. Ein erbauliches Quiproquv. Aber was nicht zu ändern iſt, iſt nicht zu ändern. Post nubila Phoebus; per aspera ad astera.“ Auch er ſtreckte die Arme über die blühende Ge⸗ gend und ſprach: „Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, Ihr traulich ſtillen Thäler, lebet wohl.“ Und immer weiter ging die Reiſe durch blühende Alleen und wogende Getreidefluren. Johannes war ſehr weich geſtimmt. „Willſt Du mein letztes Lied hören,“ fragte er den dahin ſchreitenden Eginhard,„das ich im lieben Buchenthal gedichtet habe?“ „Ja wohl, mein Hans,“ ſprach der nicht weniger ſentimental geſtimmte Freund,„es ſoll mich ſtärken, wie Manna in der Wüſte. Kommt etwa die Roſe von Segovia darin vor?“ „Es iſt ein bloßes Frühlingslied,“ antwortete Johannes,„treu der Natur nachgemalt.“ Er begann: „Es wogt das Korn in grünen Wellen Und die Kaſtanienbäume blüh'n, Die Buſen junger Roſen ſchwellen. Und Purpur bricht aus Knospengrün. „Vom Apfelbaume träufelt nieder Der letzte blutgefärbte Schnee; Doch tauſend Blumen ſchickt er wieder An ſeiner Stelle in die Höh'. „Der Fliederbaum ſteht überhangen In reicher violetter Pracht; Kaum kann ein grünes Blatt gelangen Zum Himmel durch die Blüthennacht. „Es will ſich Alles nun entzünden, Es bricht hervor aus Grab und Gruft, Ich weiß mich kaum zurechtzufinden Vor lauter Blumen, Klang und Duft. „So ſteht in königlicher Schöne Der Frühling da, ein junger Held, Und jubelnd künden ſeine Töne, Daß er die Braut umfangen hält. „Und ich mit meinem kleinen Herzen, Denkt, liege hier in's Gras geſtreckt, Umleuchtet rings von Frühlingskerzen Und halb von Blumen zugedeckt. „Und ſchau' mit ſeligem Geſichte In lieber, ungeſtörter Ruh, Dem hohen göttlichen Gedichte, Des Frühlings Hochzeitfeier zu.“ „Das Liedchen gefällt mir ſehr,“ ſprach Egin⸗ hard,„Du haſt die jetzige Blüthenzeit treu wieder gegeben. Ach, theurer Hans, aber bedenke, daß wenn wir dieſes Tempe, dieſes Friedensthal, wo die Genien der Liebe zwiſchen Blumen wandeln, im Rücken ha⸗ ben, auch Du die Poeſie an den Nagel hängen mußt, wie meine Wenigkeit. Es iſt ſchrecklich, aber es iſt ſo. O, hochehrwürdigen Kirchenväter, erleuchtete Häupter, nehmt mich auf in eure Schatten der Vor⸗ welt und begrabt mich für die nächſte Zeit hinter Schweinsleder und Bücherſtaub, daß ich vergeſſe, es habe einen Frühling und eine Liebe gegeben.“ Die Freunde waren jetzt auf derſelben Höhe an⸗ gelangt, von wo ſie vor ungefähr vier Wochen ſo über⸗ ſelig herabgaloppirten. Hier machten ſie Raſt, um ſich zum letzten Male an der herrlichen Gegend zu laben. Wie damals glänzten die Zinnen von Buchenfels gaſtlich daher und mahnten an all die herrlichen da⸗ ſelbſt verlebten Stunden. „Wenn es keine Erinnerung gäbe,“ hannes,„was wäre das Leben!“ „Ja,“ fiel Eginhard ein,„was wäre überhaupt die ganze Unſterblichkeit, die ganze himmliſche Selig⸗ keit, ohne Rückerinnerung.“ „Mag's uns nun noch ſo trüb' und trocken er⸗ gehen,“ fuhr Johannes fort,„ein Rückblick in die himmelsvolle Vergangenheit wird uns ſtärken und erquicken wie der Duft der Hyaeinthe.“ „Ja wohl,“ geſtand Eginhard,„mag's nun wer⸗ den wie's will: . ſprach Jo⸗ 152 „Ein Augenblick verlebt im Paradieſe, Wird nie zu theuer mit dem Tod bezahlt.“ Und die Jünglinge ſtanden noch lange und ſchau⸗ ten über das blühende Eden; und noch einmal ſtreckten ſie ſegnend die Arme über die duftende Land⸗ ſchaft, dann umarmten ſie ſich, küßten ſich— und fort ging's, den Berg hinab, aus dem ſtillen Reiche der Liebe und Poeſie in das der Proſa und des ſtau⸗ bigen, unerquicklichen Alltagslebens. 18. Es waren drei Jahre vergangen. Wieder ruhte der Frühling in aller Pracht auf den Höhen und Thälern von Buchenfels. In dem Schloſſe ſelbſt aber gab es ein außerordentlich reges und fröhliches Le⸗ ben. Hallen und Säulen waren mit Blumen⸗ und Laubguirlanden feſtlich geſchmückt; ſchon den ganzen Nachmittag tönten liebe, freundliche Muſikſtücke aus dem dichten Laubgrün des Schloßparks, wo ein Mu⸗ ſikchor aus dem benachbarten Städtchen poſtirt war. Man hatte den alten Wertheim lange nicht ſo heiter und geſchäftig geſehen, und überall gab's lachende, heitere Geſichter. Man gewahrte bald, daß auf dem Schloſſe etwas Außerordentliches vorgehe, und dieſes Außerordentliche beſtand in nichts Anderm, als in der Doppelhochzeit des Johannes und Eginhard mit Eugenien und Ca⸗ millen. Beide junge Männer waren bereits ſeit zwei Jahren nach brillantem Examen in's bürgerliche Le⸗ ben übergetreten, und vor nicht langer Zeit hatte er⸗ ſterer die Beſtallung als Gerichtshalter auf einem be⸗ nachbarten bedeutenden Gute, und letzterer die vacante Paſtorſtelle in einem zwei Stunden von Buchenfels 153 entfernten freundlich gelegenen Dorfe erhalten. Der Einfluß des wackern Wertheim war hierbei allerdings nicht zu verkennen geweſen. Und heute war Hochzeit. Albert und Bodo hat⸗ ten ſich mit ihren beiden lieben Frauen, Marien und Paulinen(die feſtliche Hochzeit derſelben war bereits vor anderthalb Jahren gefeiert worden), ſchon früh⸗ zeitig eingefunden. Es war ein Leben, als ſolle ir⸗ gend ein Kaiſer oder König ſeinen Einzug halten. Der Abendſtern ſtand in verklärender Schöne über den Bergen. Die Abendtafel war im Grünen errich⸗ tet; uralte blühende Linden bauten ein duftendes Laub⸗ dach. Die zahlreichen bunten Lampen gewährten eine magiſche Beleuchtung. Die Töne des Orcheſters klan⸗ gen bezaubernd durch die ſtille Abendluft. An der Tafelrunde ſelbſt war ein außerordentlich heiteres und fröhliches Leben. Auf allgemeines Ver⸗ langen hatte Wertheim nur die vertrauteſten Freunde und Bekannten zum Feſte geladen. Darum konnte ſich die wahre Freude der Herzen um ſo ungeſtörter aus⸗ ſprechen. Johannes und Eginhard ſaßen an den Eh⸗ renplätzen der Tafel in ſtiller Seligkeit neben ihren Neuvermählten und hatten häufige Neckereien zu hören. Eginhard war über den einſt gen ſomnambülen Zuſtand Eugenien's längſt belehrt worden; die Erſchei⸗ nung auf dem Schloßdache hatte ſich ihm natürlich erklärt und er erblickte in der Braut des Freundes kein geſpenſtiſches Weſen mehr. Ueberhaupt ließ er ſich durch ſeine lebhafte Phantaſie nicht mehr in dem Grade hinreißen wie früher. Er war ruhiger und geſetzter geworden, ohne daß dadurch ſein guter Humor und ſeine joviale Laune im Geringſten verloren hatte. Wertheim hatte heute den beſten Ausbruch aus ſei⸗ nem Keller zum Beſten gegeben. Lieblich duftete das 154⁴ fluſſige Gold in den Pokalen. Immer mehr ſchloſſen ſich die Herzen auf, immer beredter wurden die Zungen. Da erhob ſich Eginhard, gebot die Becher zu füllen, ſintemal er noch einen Toaſt auszubringen habe. Man that, wie er befohlen, eine allgemeine Stille erfolgte. „Wir haben nun,“ begann er,„alle Welt hoch⸗ leben laſſen, aber wie der Menſch immer undankbar gegen ſeine größten Wohlthäter iſt, ſo haben auch wir eine Hauptperſon bei unſern Tyaſten vergeſſen. Wenn ich nämlich das Facit ziebe und als exacter Philoſoph unterſuche, wem wir eigentlich den heutigen Feſttag und Alles, was Liebes darum und daran hängt, zu verdanken haben, ſo ſtellt ſich uns ein holdes Kind dar, das allerdings ſchon vor vierhundert Jahren ge⸗ lebt hat; denn geſtehen wir es nur, ohne die— Roſe von Segovia würde unſer Hans da ſchwerlich die nähere Bekanntſchaft ſeiner dermaligen lieben Frau gemacht haben, und die Götter mögen es wiſſen, was aus mir Phantaſten geworden wäre. Als vor drei Jahren jeder der verehrten Herren ſeine Roſe auf Buchenfels gefun⸗ den hatte, ging auch ich mit mir ernſtlich zu Rathe und probirte das Sprichwort, wer da ſucht, der findet; ſo habe auch ich mein herzliches Röſelein gefunden. Hier ſitzt es, Jedermann kann es ſehen. Ein Philv⸗ ſoph und ein dankbar Gemüth ſoll aber nie das eine über das andere vergeſſen. Darum rufe ich jetzt aus vollem Herzen: Es lebe das reizende Königskind, möge es aus ſeinem Himmel lächelnd auf den unſern herab⸗ ſchauen— es lebe die Roſe von Segovia!“ Die Trompeten ſchmetterten, die Gläſer klangen; man umarmte und küßte ſich; und der Abendſtern, der ſo eben hinter Buchenwäldern lächelnd unterging, hatte lange keine ſo glücklichen und ſeligen Menſchen er⸗ ſchaut, wie heute. Epiphanias Erzählung. — In majeſtätiſcher Winterpracht ſtarrten die hohen Firnen des St. Gotthard. Weithin, ſo weit das Auge reichte, erblickte man nichts als eine Einöde von Felſen und Eis. Die höchſten Spitzen des ge⸗ waltigen Gebirgskammes ſchimmerten in der gewohn⸗ ten roſenrothen Verklärung und warfen endloſe Schatten auf die tieferliegenden Gegenden. Eine hehre Stille, wie ſie nur den Wüſten Afrika's und den Savannen Nordamerika's eigenthümlich, ruhte über der verſtei⸗ nerten Gegend. Die Sonne ſank prachtvoll und in den Thälern dunkelte der Abend. Der alte Vater Nicodemus, ein noch rüſtiger Sieb⸗ ziger, weit und breit berühmt durch ſeine Kenntniß der Heilkraft der Alpenkräuter, durch ſeine guten Leh⸗ ren im Glück und ſtärkende Troſtſprüche im Unglück, ſaß auf dem gewohnten Platze am wohlerwärmten Ofen und hatte ein Kapitel der Bibel, aus welchem heiligen Buche er allſonntäglich mit lauter Stimme und ohne Brille ſeiner frommen und ſchönen Tochter Marie und ſeinem Enkel, dem kleinen Martin, vor⸗ zuleſen pflegte, beendet. Hell und vernehmlich klang die Vesperglocke des Neujahrstages aus dem unfern gelegenen Dörfchen Liebethal. Die Wohnung des alten Kräuterſammlers lag einſam am Fuße des großen 158 Adlerſteins, deſſen ſchneebedeckter Gipfel nur bei ganz heiterm Himmel zu erkennen war. Die untergehende Sonne vergoldete in himmliſcher Schöne die erhabenen Felſenzinnen, deren Wiederſchein in das ſonntäglich aufgeputzte Stüblein des Kräuter⸗ ſammlers herabfiel. Das fromme Abendlauten und dieſe ſtille Verklä⸗ rung des Hüttchens erfüllte mit heiligem Dankgefühle den Greis. „Marie,“ ſprach er ſanft,„nimm die letzte der von frommer Hand geweihten Kerzen und trage ſie zur Kirche. Sieh, wie der liebe Gott die Firnen entzündet mit himmliſchem Feuer, da ſoll der dank⸗ bare Menſch nicht zurückbleiben. Geh, meine Tochter, mit Gott wird ja wieder Rath und bis Oſtern iſt es lang; wenn wir ſparſam ſind, erübrigen wir ſchon einige neue Lichtlein, die wir anzünden am heiligen Feſte zur Ehre des Herrn.“ „Gern, guter Vater,“ erwiederte die ſchöne Marie und ſtrich die ſeidenen Locken von der Stirn,„dafür wird uns die Mutter Gottes auch gnädig ſein.“ Nicodemus antwortete:„Die Mutter Gottes iſt Allen gnädig, die ihr vertrauen.“ und Martinchen, am Ofen gelagert, rief: „Horch, Großvater, wie die eſchene Wurzel praſ⸗ ſelt; ſie hat mir auch gar weidliche Mühe gemacht, bevor ich ſie geſtern aus der Felſenſpalte herauszu⸗ bringen vermochte.“ Marie hatte die letzte Kerze aus dem Schränkchen genommen und ſchaute hinaus nach dem dunkler wer⸗ denden Abend. „Gott, Vater,“ ſprach das Mädchen,„hörſt Du nicht, es ſchlug fünf im Dorfe und Andreas wollte ſchon in der vierten Stunde bei uns ſein.“ 159 „Er wird ſich haben ein Gläschen einſchenken laſſen von der guten Mutter Marthe im Alpenhorn; da findet ſich's, daß junge Burſche eins plaudern beim herzerfreuenden Wein; und gewiß wirſt Du es dem Andreas nicht verargen; hat er doch den ganzen Vormittag mit ſeinem treuen Picas gearbeitet wie ein Bergmann, um den verſchütteten Wanderer zu Tage zu fördern.“ „Ganz wohl,“ entgegnete Marie,„aber ſoll nicht heute unſere Verlobung ſein? Da kenne ich Andreas zu gut, daß er blos deshalb ſäumen ſollte, um in der Schenke ein Glas in froher Geſellſchaft zu leeren.“ „Ei, ſieh doch, Großvater,“ rief plötzlich Mar⸗ tinchen, der an's Fenſter getreten war,„wie der Schnabel des Adlers lang geworden.“ Dabei ſchaute er aufwärts, wo ſich eine ungeheure Schneelaſt weit über die Kuppe des Adlerſteins hervorgebeugt hatte. „Das iſt kein gutes Zeichen, mein Sohn,“ erwie⸗ derte der Greis,„der Adler, wenn er zu weit herab⸗ ſchaut, hat dem Thale nie Segen gebracht. Doch vertrauen wir Gott. Er wohnt über den Lawinen.“ „So möge die Mutter Gottes,“ ſprach fromm Marie,„unſere letzte Kerze empfangen; ich trage ſie zur Kirche.“ „So iſt es recht, meine Tochter,“ erwiederte Ni⸗ codemus,„eine Kerze zu Ehren des Herrn hat nie vergebens gebrannt.“ „Vielleicht,“ fügte das ſchöne Mädchen halblaut hinzu,„daß mir unterwegs der Andreas begegnet.“ „Er hat mir ein herrliches Ammonshorn verſpro⸗ chen,“ jubelte Martinchen,„und wenn Andreas etwas verſpricht, ſo hält er Wort.“ Marie eilte mit der geweihten Kerze durch die Thalſchlucht nach der Kirche des Dorfs. Das Ge⸗ läute der Vesper war verſtummt; die Schatten ſenk⸗ ten ſich dunkler in die Thäler, aber drohend und finſter ſchwebte die gewaltige Schneemaſſe des Adler⸗ ſteins über ihrem Haupte. Das Mädchen hatte noch nicht die erſten Häuſer des Dorfs erreicht, als ihr Geliebter, der in der Ge⸗ gend bekannte und hochgerühmte Gemſenjäger, ihr entgegenkam. Aber der Gang des Jünglings war unſicher, und als er näher kam, zeigte ſich's, daß er an mehren Stellen des Körpers mit Tüchern verbun⸗ den war. „Gott!“ rief erbleichend Marie, als ſie Andreas erkannte,„was iſt Dir geſchehen?“ „Aengſtige Dich nicht, Marie,“ erwiederte lächelnd der Jüngling,„ich bin nur ein wenig von den hart⸗ herzigen Felszacken zugerichtet worden, als ich meinen Picas vom Untergnge rettete. „Denke Dir,“ fuhr Andreas mit Eifer fort,„das edle Thier hat heute nicht weniger denn drei Ver⸗ ſchüttete mit wahrhaft bewunderswürdiger Beharrlich⸗ keit aufgeſcharrt. Doch beim dritten Begrabenen ſtürzte der Retter ſelbſt in die unergründliche Tiefe, und er war verloren, wenn ich nicht ſelbſt alle Kräfte aufbot zu ſeiner Rettung.“ „Aber des Thieres wegen konnteſt Du ſelbſt zu Grunde gehen,“ ſtrafte ſanft Marie;„doch wo iſt Picas?“ „Ich habe ihn am Alphorne zurückgelaſſen bei der Mutter Marthe. Der arme Kerl iſt übel zugerichtet.“ Andreas begleitete ſeine Marie auf dem frommen Wege zur Kirche. Sie brachten die geweihte Kerze der Mutter Gottes und kehrten Hand in Hand nach der Wohnung des aten Nicodemus zurick. Schon war es dunkel im Thale, aber die Alpen⸗ t.. ₰. häupter ſtrahlten noch im goldenen Glanze. Ein prachtvolles Schauſpiel. Ueber dunkler Nacht drohn⸗ ten die Goldberge in Majeſtät, während meilenweit Todtenſchweigen herrſchte. Die ſpärlichen Waldungen, ſo wie die Häuſer des Dorfes Liebethal waren mit hohem Schnee bedeckt, denn der Winter hatte mehr als gewöhnlich ſein eiſiges Haupt geſchüttelt. Als Andreas und Marie am Fuße des Adlerſteins vorbei kamen, blieb erſterer ſtehen; ängſtlich umklam⸗ merte das Mädchen den Arm des Geliebten und ſchaute ſcheuen Blickes hinauf nach der fürchterlichen Höhe. „Die Adlernaſe,“ ſprach der Jüngling,„deutet nichts Gutes; könnten wir den Vater nicht vermögen, daß er auf einige Tage nach Liebethal zieht?“ „Wir wollen ihn bitten,“ verſetzte Marie,„aber ich glaube nicht, daß er ſich bewegen läßt.“ Noch immer ſaß der alte Nicodemus in ſeinem Lehnſtuhl und belehrte den aufhorchenden Martin über die verſchiedenen Heilkräfte der Alpenkräuter, während letzterer beſorgt war, daß das Feuer im Ofen nicht ausgehe. Dann erzählte der Alte von den benachbarten Thälern, wo im Sommer die gol⸗ denen Blumen blühen, während die Gletſcher mit ewigem Eiſe bedeckt ſind, wo in freundlichen Gärten ſeidene Lüfte wehen, während hoch darüber auf den Felſen alles Leben erſtarrt. Er erzählte von den ein⸗ fachen und ſtrengen Sitten und der Freiheitsliebe der Vorältern und den alten heldenvollen Kämpfen, und wie das Schweizervolk nur dann groß und unbezwing⸗ lich ſei, wenn es zuſammenhalte und alle Zwietracht unter ſich vergeſſe. Martinchen lauſchte lernbegierig der weiſen Rede, als Andreas und Marie in's Gemach traten. Stolle, ſämmtl. Schriften. Xvl. 162 Nicht ohne Beſorgniß war Andreas an das Fen⸗ ſter getreten und betrachtete nochmals die drohende Schneemaſſe. „Guter Vater,“ ſprach er endlich zu Nicodemus, „wär's nicht beſſer, wenn Ihr Euch auf einige Tage nach Liebethal überſiedeltet? Der Adler ſieht mir bedenklich aus, ich traue dem Alten nicht, daß er uns eine Löwin auf den Hals ſchickt; er wird über kurz oder lang ſein Gefieder ſchütteln.“ „Die Löwin des Adlers,“ verſetzte ruhig der Greis,„haben wir nicht zu fürchten; es wäre nicht die erſte, die ich erlebte; ſie ſpringt vorſichtig über unſere Wohnung hinweg, ohne nur den Firſt zu be⸗ rühren.“ „Aber drohender blickte noch keine in's Thal,“ bemerkte Andreas. „O mein Vater,“ bat die ſchöne Marie mit ge⸗ falteten Händen,„mißachte nicht ſeine Worte; auch mir iſt der Adler noch nie ſo fürchterlich erſchienen. Wie bald ſind wir drüben im ſicher gelegenen Liebe⸗ thal; beim frommen Vater Arnold wirſt Du die freundlichſte Aufnahme finden. Wir führen Dich, da⸗ mit Dir die Wanderung nicht beſchwerlich wird.“ „Ihr Kleingläubigen und Verzagten,“ ſtrafte der Greis mit ſanftem Vorwurfe,„was kümmert uns die Lawine? Wölbt ſich darüber nicht der heilige Him⸗ mel in ewiger Reine, wo Gott wohnt, unſer Schöpfer und Erhalter? Seid Ihr nicht gekommen, Eure Ver⸗ lobung zu feiern? Iſt dies nicht eine heilige Hand⸗ lung, wo Gottes Liebe ſegnend über uns weilt? Soll ich mit dem erſten Tage des Jahres die ſeit ſiebzig Jahren bewohnte Hütte verlaſſen?“ „So wollen wir bleiben,“ antwortete leiſe Ma⸗ rie, und die Familie nahm Platz um den rieſigen 163 Ofen, in deſſem Bauche eine gemüthliche Flamme praſſelte, welche durch das Gemach eine wohlthuende Wärme verbreitete. „Martinchen,“ ſprach Nicodemus,„gehe einmal hinaus in die Kammer und bringe Nummer Zehn.“ Zugleich befahl der Kräuterſammler, den Topf mit kochendem Waſſer aus dem Feuer zu holen, welch Geſchäft Andreas verrichtete. Hierauf goß Nicodemus aus der kryſtallnen Flaſche, die mit einer Zehn be⸗ zeichnet war, und die Martin aus der Kammer ge⸗ bracht hatte, eine dunkle Flüſſigkeit, welche ſich brau⸗ ſend mit dem Waſſer vermiſchte und dieſem eine gold⸗ gelbe Farbe verlieh. Ein erquickendes Arom durch⸗ duftete das Gemach. Die wohlriechende und liebliche Eſſenz hatte Nicodemus vor Jahren ſelbſt gefertigt aus dem Berghonig, und blos bei hohen feſtlichen Gelegenheiten wurde das koſtbare Getränk bereitet. Andreas und Marie legten die Hände in einander und der Alte ſprach den Segen, während der kleine Martin ein auf die feierliche Handlung Bezug ha⸗ bendes Gebet aus einem alten Gebetbuche vorlas. Nach beendigter Feier klangen die grünen Römer, in welchen das Brautgetränk dampfte, wie Glocken an einander.. „Möge Euer Leben,“ ſprach Nicodemus,„eben ſo rein klingen und dereinſt verklingen, wie der Ton dieſer Gläſer. „Nicht ohne Grund,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„hab' ich den heutigen Tag zu Eurer Verlo⸗ bung gewählt. Am erſten Tage des Jahres iſt das Gemüth reiner geſtimmt und empfindlicher für erhe⸗ bende Handlungen. Ich habe es immer geliebt, wich⸗ tige Angelegenheiten auf dieſen Tag zu verlegen. Mit dem letzten Tage des alten Jahres pflegt man 11* 164⁴ ſeine Rechnungen abzuſchließen und zieht einen neuen Menſchen an. Immer hab' ich mir daher gewünſcht, wenn Gott einmal über mich gebieten ſollte, daß er mich in den erſten Tagen des neuen Jahres abrufe.“ „Ei, guter Vater,“ verſetzte Andreas,„wer wird am Tage einer Verlobung vom Tode ſprechen; ſeht nur, Ihr habt meine Marie ganz traurig geſtimmt durch Eure Rede. Der Vater im Himmel wird es wohl meinen mit uns, und Euch noch manches Jahr rüſtig erhalten zum Heile aller Kranken und Hülfs⸗ bedürftigen.“ „Wie Gott will,“ erwiederte Nicodemus mit from⸗ mer Ergebung;„doch, muß ich geſtehen, möcht' ich gern noch ein paar Jährchen der Zeuge Eures Glücks ſein, denn bin ich auch allen Menſchen gut, ſo ſeid Ihr Beiden mir abſonderlich an's Herz gewachſen. Doch Martin, mein Enkel, fahre fort im zweiten Kapitel von der Geburt unſeres Herrn; wie oft ich auch die heiligen Worte vernommen, kann ich doch nie ſatt werden, ſie zu hören;“ und der Knabe las weiter. „Da Jeſus geboren war zu Bethlehem im jüdi⸗ ſchen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, ſiehe, da kamen die Weiſen vom Morgenlande gen Jeruſalem und ſprachen: „Wo iſt der neugeborene König der Juden? Wir haben ſeinen Stern geſehen im Morgenlande und find gekommen, ihn anzubeten. „Da das der König Herodes hörte, erſchrak er und mit ihm ganz Jeruſalem. „Und ließ verſammeln alle hohen Prieſter und Schriftgelehrten unter dem Volke und erforſchte von ihnen, wo Chriſtus ſollte geboren werden. „Und ſie ſagten ihm, zu Bethlehem im jüdiſchen —— — 165 Lande; denn alſo ſtehet geſchrieben durch den Pro⸗ pheten: „Und du Bethlehem im jüdiſchen Lande biſt mit nichten die kleinſte unter den Fürſten Juda, denn aus dir ſoll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Iſrael ein Herr ſei. „Da berief Herodes die Weiſen heimlich und er⸗ lernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erſchie⸗ nen wäre. „Und wies ſie gen Bethlehem und ſprach: Ziehet hin und forſchet fleißig nach dem Kindlein und wenn Ihr es findet, ſo ſaget mir's wieder, daß ich auch komme und es anbete. „Als ſie nun den König gehöret hatten, zogen ſie hin und ſiehe, der Stern, den ſie im Morgenlande geſehen hatten, ging vor ihnen her, bis daß er kam und ſtand oben über, da das Kindlein war. „Da ſie den Stern ſahen, wurden ſie hoch erfreut. „Und gingen in das Haus und fanden das Kind⸗ lein mit Maria ſeiner Mutter und fielen nieder und beteten es an und thaten ihre Schätze auf und ſchenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen.“— „Um Gottes Willen, was war das?“ rief auf⸗ ſpringend Marie und ward bleich wie der Tod. Ein ferner dumpfer Donner rollte grollend durch die Berge. „Eine Lawine kaum zwei Stunden von hier,“ antwortete Andreas, der aus dem Gemach ſtürzte. Der ſchönſte Sternenhimmel wölbte ſich über den Felſen. Rings herrſchte Todtenſtille; man konnte ein Sandkorn fallen hören. Der ferne Donner war verſtummt. Andreas ſchaute mit erhöhter Beſorgniß nach dem Adlerſteine. Da war es ihm, als habe ſich die 166 Schneewand bedeutend geſenkt. Der Jüngling eilte in die Hütte zurück. „Um aller Heiligen Willen, beſter Vater,“ be⸗ ſchwor er,„laſſet uns nach Liebethal flüchten, wir ſind keinen Augenblick ſicher, lebendig begraben zu werden. Wenn mich nicht Alles trügt, hat ſich die furchtbare Schneewand Fuß weit herüber ge⸗ beugt.“ „Es iſt zu ſpät,“ ieher Nicodemus,„iſt Ge⸗ fahr vorhanden, ſo würden bei der Stille der Nacht unſere Schritte hinreichen, die ſchlafende Löwin zu wecken. Wir ſind in Gottes Hand, meine Kinder; Martin, ſchlag die heiligen Blätter wieder auf und lies weiter.“ Der Knabe war noch ſo erſchrocken, daß er gar kein Wort hervorzubringen vermochte. Sonach ergriff Andreas die Bibel und fuhr fort: „Und Gott befahl ihnen im Traum, daß ſie ſich nicht wieder zu Herodes lenken. Und zogen durch einen andern Weg in ihr Land. „Da ſie aber hinweg gezogen waren, ſiehe da er⸗ ſchien der Engel des Herrn dem Joſeph im Traum und ſprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und ſeine Mutter zu dir und fliehe in Aegyptenland und bleibe allda, bis ich dir ſage: denn es iſt vorhanden, daß Herodes das Kindlein ſuche, daſſelbe umzubringen. „Und er ſtand auf und nahm das Kindlein und ſeine Mutter zu ſich bei der Nacht und entwich in Aegyptenland. „Und blieb allda, bis nach dem Tode Herodes. Auf daß erfüllt würde, das der Herr durch den Pro⸗ pheten geſagt hat, der da ſpricht: Aus Aegypten habe ich meinen Sohn gerufen.“— Kaum hatte der Vorleſer dieſe Worte geſprochen, — 167 als ein neuer Donner durch das Thal rollte. An⸗ dreas ſchlug unwillkürlich die Bibel zu; Marie war auf die Kniee geſunken und flehte mit aufgehobenen, zitternden Armen, daß der Allmächtige ſie vor der furchtbar drohenden Gefahr gnädig bewahre. Der kleine Martin hielt krampfhaft Andreas' Knie um⸗ klammert und die Angſt preßte ihm Thränen hervorz nur der alte Nicodemus im Silberhaupte blieb wie ein Weiſer der Vorzeit ruhig und gefaßt in ſeinem Lehnſtuhl ſitzen. Nicht eine Miene des ehrwürdigen Antlitzes hatte ſich verzogen. Mit dem Bewufßtſein eines Frommen ſprach er, Gott ergeben: „Laßt die Donner rollen, die Lawinen ſtürzen! Mächtiger als Donner und Lawinen iſt der Gott der Welten, der es gut meint mit allen ſeinen Ge⸗ ſchöpfen.“ Andreas war abermals vor die Hütte getreten und ſchaute mit bangendem Herzen umher in der nächt⸗ lichen Schöpfung. Da thronte ringsum die ſchauer⸗ liche Felſeneinſamkeit. Die Lichtlein von Liebethal waren erloſchen. Nur in dem Kirchthurm flimmerte das Fenſter des wachhabenden Thürmers, welcher bei vernehmbaren Bergfällen und Lawinen ſorgſam auf⸗ horchte, ob Gefahr drohe, wo er ſogleich das Glöck⸗ lein hell und Hülfe rufend durch das Thal er⸗ klingen ließ. Andreas ſchaute aufwärts, ſeine Beſorgniß ging in Entſetzen über. Die Schneewand hatte ſich aber⸗ mals geſenkt und ſchwebte in fürchterlicher Höhe ver⸗ derbenvöll über der Hütte des Kräuterſammlers. Noch immer ſaß der alte Nicodemus in ſeinem Lehnſtuhl. Einſam brannte die Lampe auf dem alten Tiſche von Nußbaum. Andreas ſchaute ſich noch ein⸗ mal ringsum in der ſchweigenden Natur. Ueberall 168 herrſchte Todtenſtille. Der Jüngling kehrte in die Hütte zurück und war bemüht, die Verlobte ſo wie den kleinen Martin zu tröſten, obſchon ſein Inner⸗ ſtes von der bangſten Beſorgniß erfüllt war. Seine einzige Hoffnung war die Ausſage des erfahrenen Nicodemus, welcher ſchon mehre Lawinen des Adler⸗ ſteins erlebt hatte, die alle in bedeutender Höhe über die Hütte hinweggerollt waren, ohne dieſelbe zu verletzen. Das herzerfreuende Getränk, welches der Kräuter⸗ ſammler bereitet hatte, verſcheuchte indeß auf kurze Zeit die trüben Ahnungen, welche die Bruſt der jün⸗ gern Leute erfüllten. „Das neue Jahr ſoll leben,“ ſprach Nicodemus, indem er von Neuem ſein Glas erhob und mit ſei⸗ nen Lielen anklang,„möge es Freud' oder Leid in ſeinem Schvoße bergen; Gott meint es immer gut mit ſeinen Kindern in Freud' wie im Leid.“ Wie Glocken klangen die Gläſer an einander— da begann das Häuschen in ſeinen Grundfeſten zu erbeben, die Lampe ſtürzte um, Marie und Martin wurden zu Boden geworfen— eine der gewaltigſten Lawinen war donnernd von dem Gipfel des Adler⸗ ſteins herniedergerollt und hatte die Wohnung des Kräuterſammlers häuſerhoch unter dem Schneegebirge begraben. Erſt nach einer langen fürchterlichen Pauſe hatte ſich Andreas in ſo weit erholt, die Größe des Un⸗ glücks zu unterſuchen. „Wir ſind lebendig begraben,“ ſprach er in ver⸗ zweiflungsvollem Tone; dann war er bemüht, die ohn⸗ mächtige Braut in's Leben zurück zu rufen. „Gott iſt ja nicht mit begraben,“ erwiederte der fromme, glaubensfeſte Nicodemus,„ſeine Allmacht und . 169 ſeine Güte iſt ſo groß, wie vordem, darum geziemt uns nicht zu verzweifeln; ſuchen wir die Stärke der Lawine zu erforſchen. Wenn wir die Hände nicht zaghaft in den Schooß legen, iſt noch immer Hoff⸗ nung vorhanden, daß wir uns herausarbeiten. Viel⸗ leicht wird auch Hülfe von Außen.“ Dem Andreas gelang es endlich, die Lampe wie⸗ der anzuzünden. Er unterſuchte die Thür und die mit Moos verwahrten Fenſter, aber vergebens war ſein Bemühen, die letztern zu öffnen, mit ſolcher Fe⸗ ſtigkeit hatte ſich die Schneemaſſe von Außen ange⸗ lehnt. Der Schornſtein war zuſammengedrückt, der Ofenrauch fand keinen Ausweg und erfüllte das In⸗ nere mit erſtickender Atmoſphäre. Man war genöthigt, das Feuer auszugießen. Andreas arbeitete mit Rieſenkraft, um die Thüre frei zu machen. Auch der alte Nicodemus und Mar⸗ tin legten eifrig Hand an. Aber vergeblich war ihre Anſtrengung. Nach mehrſtündiger Arbeit ermatteten ihre Kräfte; kraftlos ſanken ihre Arme. Es blieb nichts übrig, als für heute die Ruhe zu ſuchen. Ein unruhiger, unerquicklicher, von böſen Träumen gequälter Schlummer umfing die Verſchütteten. Als die kleine ſchwarzwälder Wanduhr die Stun⸗ den des jungen Morgens verkündete, erquickte kein Strahl des Tages die unter hoher Schneedecke Begra⸗ benen. Indeß ließ man es an neuen Anſtrengungen nicht fehlen. So gelang es auch, einen ziemlich lan⸗ gen Gang durch den Schnee nach der Richtung zu gra⸗ ben, in welcher man hoffte, am Kürzeſten in's Freie zu gelangen. In trauriger Oede verfloß der zweite Januar. Wieder ſank außerhalb die Nacht hernieder und die Sterne traten hervor, ohne daß die lebendig Begra⸗ benen davon verſpürten. Nur die Wanduhr belehrte ſie, in welcher Tageszeit ſie lebten. Am dritten Tage ward der Zuſtand der Unglück⸗ lichen immer verzweifelter. Das Oel war zu Ende, die Lampe drohte zu erlöſchen und die letzte Kerze hatte Marie am Neujahrstage der Mutter Gottes in Liebethal zum Opfer gebracht. Kraft, Muth und Hoffnung entwichen der Bruſt Marien's und Martin's; nur Andreas arbeitete unverdroſſen weiter und der alte Nicodemus vertraute mit alter Glaubensſicherheit auf Gott den allgütigen Vater. War dieſer es nicht geweſen, der ihn ſo manches Mal auf ſeinem langen gefahrvollen Lebenswege aus der augenſcheinlichſten Todesgefahr gerettet hatte? Feſt ſtand ſein Vertrauen, daß ihn Gott auch diesmal aus der gegenwärtigen fürchterlichen Lage erretten werde. Andreas war am vierten Tage ziemlich weit auf ſeinem unterirdiſchen Gange vorgedrungen, aber wie oft er lauſchte und ſein Gehör anſtrengte, um einen hoffnungsvollen Ton aus der Oberwelt zu vernehmen, Alles blieb ſtumm und die Kräfte des Jünglings nahmen von Stunde zu Stunde ab; ſchon begann Mangel an Lebensmitteln fühlbar zu werden. Nico⸗ demus hatte am Sylveſtertage den kleinen Vorrath faſt ganz erſchöpft und an hülfsbedürftige Arme der Umgegend vertheilt. Nach einer dritten langen qualvollen Nacht erſchien der vierte Tag. Immer mehr ſchwand den Unglück⸗ lichen die Hoffnung, gerettet zu werden. Rings herrſchte tiefe Stille und Finſterniß, denn das Oel war ver⸗ zehrt und die Lampe geraume Zeit erloſchen. Ver⸗ gebens tönten die tröſtenden Worte des noch immer glaubensfrommen Nicodemus. Er rieth dem Andreas, vom Durchgraben abzuſtehen, weil er nutzlos ſeine —— —F 174 Kräfte verſchwende, ohne Mittel zu haben, ſich wie⸗ der zu ſtärken; denn je weiter der unermüdliche Jüng⸗ ling vordrang, deſto größere Strecken des Schnee⸗ ganges brachen hinter ihm zuſammen. Marie und Martin lagen in einem faſt bewußt⸗ loſen Zuſtande, welcher in den Tod übergehen mußte, wenn nicht bald Rettung nahte. Der geringe Vor⸗ rath von Lebensmitteln war faſt ganz aufgezehrt. Immer ſparſamer mußten die Broſamen zugemeſſen werden. Der vierte Tag verſtrich. Kein rettender Engel erſchien. Es war, als habe Gott ſeine Hand von den Unglücklichen abgezogen. Am Abend wurde die Rede des alten Nicodemus leiſer. Der alte Mann hatte ſeit vierundzwanzig Stunden nur ein paar getrocknete Brotrinden gegeſſen. „Meine guten Kinder,“ ſprach der Greis,„wenn nicht bald der Allgütige ſich unſrer erbarmt, werden wir in Kurzem ausgelitten haben. Verbittert Euch die letzten Stunden nicht durch nutzloſe Verzweiflung. Unerforſchlich und hart ſind oft die Prüfungen des himmliſchen Vaters, aber gleichwohl geziemt ſeinen Kindern nicht, frevelhaft zu murren und ſich zu ver⸗ ſündigen, ſondern ergebungsvoll die Hände zu falten und zu bitten, daß er uns nicht verlaſſe in der bit⸗ terſten Stunde hienieden. Zwar weiß ich nicht, wo⸗ durch wir einen ſo qualvollen Untergang verdient ha⸗ ben, wenigſtens bin ich mir keiner böſen That be⸗ wußt, aber was der Herr über uns beſchloſſen hat, möge erfüllt werden, geheiligt ſei ſein Name.“ Mit dem fünften Tage erreichte die Noth eine furchtbare Höhe. Jetzt vermochte ſelbſt Nicodemus nicht mehr zu tröſten. Er ſaß ſtill und Gott erge⸗ ben in einer Ecke des dunkeln Gemachs, wo er we⸗ 12 nigſtens vor Kälte geſchützt war. Die paar Lebens⸗ mittel waren bis auf einige Broſamen aufgezehrt; Andreas kratzte mit ſeinen letzten Kräften einiges Moos von den Hüttenfenſtern und ſuchte damit ſei⸗ nen Hunger zu ſtillen. Auch der fünfte Tag verſtrich. Hunger und Trüb⸗ ſal hatten den höchſten Grad erreicht. Die Verzweif⸗ lung war in jenes dumpfe Hinbrüten übergegangen, welches dem Tode unmittelbar vorherzugehen pflegt. Niemand gedachte mehr, die kleine Wanduhr aufzu⸗ ziehen. Niemand wußte mehr, an welchem Tage und in welcher Stunde man lebe. Ein Todtenſchweigen herrſchte, als der Morgen des ſechſten Tages, des großen Neujahrs oder des Fe⸗ ſtes Epiphanias, heranbrach. In einem dem Tode ähnlichen Zuſtande kagen Marie, Martin und ſelbſt der alte Nicodemus gab kein Zeichen des Lebens von ſich. Da raffte Andreas, der noch das klarſte Bewußt⸗ ſein ſich erhalten, ſeine letzten Kräfte zuſammen und ſchlich mit größter Anſtrengung aus der Hütte, um noch einmal in dem Schneegange zu lauſchen, ovb vielleicht Rettung nahe. Der unglückliche Jüngling gelangte mit vieler Mühe bis zu der Stelle, welche eingeſtürzt war. Hier ſank er ermattet und halb ohnmächtig nieder. Eine geraume Zeit mochte er gelegen haben, als plötzlich wie im Traume bekanntes Hundegebell an ſein Ohr tönte. Andreas erwachte. Er lauſchte und lauſchte mit aller Anſtrengung. Das Hundegebell kam näher, und wenn den Verſchütteten nicht Alles trog, ſo war es die Stimme ſeines treuen Pikas, welche aus der Oberwelt in das dunkle Grab herabtönte. Neue Hoffnung und neue Lebenskraft erwachten in der Bruſt des Jünglings, welcher ſeine Seele bereits 473 Gott empfohlen hatte, und verlieh dem ermatteten Körper eine wunderbare Stärke. Er raffte ſich auf und kehrte nach der Hütte zurück, um ſeinen Lieben die Himmelsbotſchaft der nahen Rettung zu verkün⸗ den. Andreas kannte ſein getreues Thier zu gut, als daß er nicht hätte ſollen große Hoffnung ſchöpfen; denn Picas war mit einem wunderbaren Inſtinct be⸗ gabt und vermochte einen Verſchütteten in bedeutender Tiefe aufzuſpüren. Bei dem Worte Rettung erwachten auch Marie und Martin aus ihrem todtähnlichen Hinbrüten. Sie folgten mit Nicodemus, der ein lautes Gebet ſprach, dem voranſchreitenden Andreas und lauſchten mit klopfendem Herzen, ob ſich die Töne aus der Ober⸗ welt von Neuem vernehmen ließen. Doch Alles war wieder ſtill geworden. Eine endloſe halbe Stunde verſtrich. Rings Tod⸗ tenſchweigen; ſchon begann von Neuem die Verzweif⸗ lung ſich der Unglicklichen zu bemächtigen, als plötz⸗ lich von einer andern Seite her und diesmal bedeu⸗ tend näher das Gebell des treuen Hundes vernehm⸗ bar ward. Zugleich vernahm man fernes dumpfes Stimmengeräuſch. Einzelne Rufe tönten in die Tiefe. Die Verſchütteten glaubten ihre Namen zu hören und Andreas gab ſich alle mögliche Mühe, mit ſeiner aller⸗ dings geſchwächten Stimme zu antworten, aber ſeine Worte ſchienen nicht vernommen zu werden. Plötzlich ertönte in großer Nähe ein ſonderbares Geräuſch. Es glich dem Murren eines Hundes, der zugleich emſig bemüht war, ſich mit den Vorderpfoten durch den Schnee zu wühlen. Eine ſelige Ahnung durchzuckte Andreas, als das ſeltſame Geräuſch immer näher kam. Er tröſtete die 17⁴ Seinigen und— ſeine Ahnung hatte ihn nicht be⸗ trogen, das Bellen erſcholl jetzt wenige Fuß tief. „Picas, Picas,“ lockte Andreas, und gleich darauf arbeitete ſich der Gerufene bis zu den Verſchütteten durch. Das Thier war außer ſich vor Freude. Es heulte und ſchrie, war aber auch gleich wieder verſchwunden. Andreas war auf die Kniee geſunken. Thränen des ſeligſten Entzückens entrollten ſeinen Augen. „Nun werden wir bald den Tag erblicken, meine Lieben!“ rief der überglückliche Jüngling;„Picas war da und arbeitet ſich eben wieder durch den Schnee. Er iſt unſer Retter.“ Wirklich vernahm man auch bald das freudige Gebell des treuen Hundes. Das kluge Thier leitete die nachgrabenden Liebethaler auf die rechte Spur. Immer näher kamen die Retter. Bald vernahmen auch ſie die Stimme des Andreas, und nach Verlauf einer kleinen Stunde durchbrach das erſte Grabſcheit von außen die ſchwache Schneewand, welche den Be⸗ grabenen das Licht des Tages verbarg. Ein allgemeiner Ruf des Entzückens erſcholl durch die zahlreich verſammelten braven Bewohner von Lie⸗ bethal, welche bereits ſeit Neujahr, wo die Lawine des Adlerſteins gefallen war, Tag und Nacht mit Unermüdlichkeit gearbeitet hatten. Aber alle Mühe dieſer guten Leute würde vergeblich und die Ver⸗ ſchütteten einem unvermeidlichen Tode preisgegeben geweſen ſein, wenn nicht das treue Thier die rechte Stelle ausfindig gemacht und den Weg gezeigt hätte, denn die Lawine hatte faſt das ganze Thal thurm⸗ hoch verſchüttet. Spaten d Wurfſchippen wurden weggeworfen und alle die rüſtigen Arbeiter fielen auf die Kniee, als der ehrwürdige Nicodemus mit Marien, Martin —— 175 und dem braven Andreas dem Grabe entſtieg. Die Glocken in Liebethal lauteren zum Auferſtehungs⸗ morgen. In Proceſſion wurden die Geretteten nach dem Dorfe gebracht, deſſen ganze Bewohnerſchaft entgegen wallfahrtete. In dem wohlgewärmten Gemeindehauſe hatte die Gemeinde Alles aufgeboten, um die Hart⸗ geprüften zu feiern und zu erfreuen. Der würdige Prediger des Orts hielt eine Rede, worin er beſon⸗ ders den Umſtand hervorhob, daß die Verſchütteten am Feſte der Erſcheinung Chriſti, an Epiphanias, das Licht der Welt wieder erblickt hätten. Der alte Nicodemus, deſſen Gottvertrauen ihn nicht getäuſcht hatte, fiel auf die Kniee. Seinem Beiſpiel folgte die ganze Gemeinde und laut wieder⸗ holte man die Worte des begeiſterten Beters:„Ge⸗ heiliget ſei dein Name!“ Der Ruhm des getreuen Picas, ſo wie die Lei⸗ densgeſchichte der verſchütteten Familie, verbreiteten ſich in der ganzen Gegend. Von allen Orten liefen Geſchenke und milde Gaben ein, ſo daß Nicodemus bald in den Stand geſetzt war, eine neue Wohnung und zwar an einem ſicherern Orte zu bauen. Blieb doch ſelbſt eine recht ſtattliche Ausſteuer für die ſchöne Marie übrig, welche von ihrem geliebten An⸗ dreas im nächſtfolgenden Frühling als liebes Eheweib heimgeführt ward. Es war eine fröhliche Hochzeit, als der Schnee geſchmolzen, die Thäler wieder grünten und die Sen⸗ nen mit den läutenden Heerden nach den Bergen zo⸗ gen. Im ganzen Thale, nah und fern, nahm man den herzlichſten Antheil; der alte Nicodemus fühlte ſich um viele Jahre jünger und Martinchen that ſich nicht wenig zu Gute auf das rothe Band, das ihm 176 zur Hochzeit geſchenkt worden, und welches auf ſei⸗ nem Hute ſtattlich flatterte. Marie war nie ſchöner und Andreas nie glücklicher. Der getreue Picas, welcher bei dem Freudenfeſte keine unbedeutende Rolle ſpielte, war ein Gegenſtand allgemeiner Bewunderung und Liebe. Seit langen Zeiten hatte es keine ſo fröhliche Hochzeit gegeben. Der alte Nicodemus lebte noch manches Jahr. Die ſchöne Wohnung aber, die ihm und ſeiner Familie von den milden Gaben ge⸗ baut worden war, führt noch heutzutage den Namen — Epiphanias. Druck von Alexander Wiede in Leipzig⸗