. Leihbiblivthet 6dnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GLeiß und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ angenymmen.. Caution. 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Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und. PFrrdinund Stolle's ausgewühlte Schriſten. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. Inntzehnter Band. Leipzig, r n ſt eil. 1851. Elbhn und Wuaterlu. Hiſtoriſcher Roman von Ferdinand Stolle. (Fortſetzung von„1813“ von demſelben Verfaſſer.) Dritter Band. Leipzig, 6 r n 6 e 1851. RNapoleon auf Elb. Motto: Er ſoll oft an Eiba's nördlichem ufer ſtehen und nach Frankreich ſchaun. (Grabbe.) Erſtes Rapitel. Mi dumpfem Brauſen brachen ſich die vom Sturm gepeitſchten Wellen des Mittelmeeres an den Felſen⸗ ufern von Porto Ferrajv. Der Abend begann her⸗ einzubrechen; ſchon wurden die Lichter des alten Leucht⸗ thurms, welche weit über das Meer hinaus den ret⸗ tenden Schimmer ſandten, angezündet, als ſich Eugen noch immer nicht von dem grofartigen Anblicke los⸗ reißen konnte, welchen das nralte, gewaltige Meer gewährte. Er befand ſich auf einem Felſenvorſprunge, wel⸗ cher wie eine ſteinerne Baſtei eine ziemliche Strecke in das Meer hinausreichte. Dunkel, mit unheimli⸗ chem Grollen wogte das gewaltige Element zu ſeinen Füßen. Vergebens bemühten ſich die brandenden Wel⸗ len, den trotzigen Felſen, der ihnen ſo kühn die Stirn bot, loszureißen und in den Wgrund des Meeres zu ſtürzen, aber es war dies eine ſeit Jahrtauſenden ver⸗ gebliche Arbeit. Eugen ſaß einſam auf einer in den Felſen ge⸗ hauenen Bank und ſchien ganz in dem Anſchauen des grotesken Abendbildes verſunken. Immer neue Wo⸗ gen rollten heran, immer dunkler und wilder wurden ſie. Zuweilen ſpritzte der weiße Schaum bis auf die 8 Platte, wo ſich der Jüngling befand. Er achtete nicht darauf; im Gegentheil ſchien ihn dieſes Wellenſpiel zu ergötzen. „Wie dieſer Fels,“ ſprach er endlich,„unverletzt bleibt von den zahlloſen Wellen, die feindlich gegen ihn anſtürmen: alſo wird auch Er unverletzt bleiben von den Wellen der Verläumdung, die jetzt aus allen Schmutzwinkeln Europa's gegen ihn anſpülen, und wie dieſer Fels Jahrtauſende überdauert hat in ſtol⸗ zer Sicherheit, wird auch Er daſtehen in ſeiner un⸗ antaſtbaren gewaltigen Größe. „Sonderbares, räthſelhaftes Geſchick,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wie nahe die Wiege und das — Grab. Der Donner einer Kanone trägt hinüber zu den Thürmen von Ajacciv.“ Der Abend ward immer dunkler, die tobende Waſſerwüſte immer ſchwärzer. Der Leuchtthurm ragte wie eine Feuerſäule durch die Nacht. Von Zeit zu Zeit wehten einzelne Töne Ballmuſik, vom Sturm ge⸗ trieben, von Porto Ferrajo ei Sie mahnten zum Aufbruch. Eugen war eben im Begriff, ſeine Warte zu verlaſſen, als zwei dunkle Geſtalten die enge Felſentreppe herabſtiegen. Der Jüngling, ob dieſes ſeltſamen Beſuches verwundert, nahm wieder Platz auf der Steinba „Ich halte es nicht aus in dieſer verführeri⸗ ſchen Atmoſphäre von ſüßen Melodien und reizenden Nymphen,“ ſprach die eine Geſtalt,„der Schlachten⸗ donner liegt mir noch zu ſehr in den Ohren. Nur wenn ich das Meer branden höre in dunkler Nacht, wird mir wieder wohl.“ „Dort liegt Frankreich,“ meinte der andre Grau⸗ mantel,„und dort Italien, die Wiege unſres Ruhmes, wo meine Batterien im Siegs⸗ und Jubeltone ſangen.“ 9 „Und weiter rechts über das dunkle Meer,“ fuhr der Erſtere fort,„ſchwelgt der Murat, der Abtrün⸗ nige, in ſeinem Feenpalaſt; der Thor, er ahnet nicht, daß, während er auf ſeinem Purpurlager träumt, das Loos bereits über ihn geworfen iſt, welches ihn für immer von der Liſte der Könige ſtreicht.“ „Er hat ſich in neuerer Zeit wieder dem Kaiſer zu nähern geſucht,“ ſprach der Andre,„aber die ver⸗ diente Zurückweiſung erhalten.“ „In Italien iſt's überhaupt nicht richtig,“ fuhr der Erſtere fort,„weißt Du die Geſchichte mit dem Bellegarde in Mailand?“ Der Andere verneinte. Der Sprecher fuhr fort: „Vor einigen Tagen befand ſich beſagter General im Theater della scala. Das Haus war gedrängt voll. Plötzlich rufen während des Stücks mehre Stimmen das Vive l'empereur. Bellegarde wirft einen verächtlichen Blick nach dem Parterre, von woher das Geſchrei kommt und bleibt ganz ruhig; das Rufen hört auf. Das Stück wird fortgeſpielt. Am Schluſſe des dritten Aetes erſchallt von Neuem der verpönte Ruf. Man bemerkt, wie jetzt der Graf einem ſeiner Adjutanten leiſe ein paar Worte in's Ohr ſagt. Der Officier verläßt die Loge und gleich darauf erhebt ſich der öſterreichiſche General, und giebt ein Zeichen, daß er zu ſprechen verlange. Sogleich tritt die größte Stille ein.„Meine Herren,“ ſpricht Bellegarde,„ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß ſo eben auf meinen Befehl das Haus umzingelt worden iſt. Wol⸗ len Sie mir gefälligſt Diejenigen anzeigen, welche: Es lebe der Kaiſer! gerufen haben?“„Nein, nein!“ ſchreit man von allen Seiten.„Wohlan,“ erwiederte Bellegarde,„ſo gebe ich Befehl, daß Truppen einrücken, welche die Schuldigen finden werden.“ Se —— —. 40 „Sollte man nun glauben,“ fuhr der Erzähler fort,„daß man die Nichtswürdigkeit beging, die Un⸗ glücklichen auszuliefern? An demſelben Abend wurden noch neun Perſonen bei Fackelſchein erſchoſſen.“ „Wie!“ rief die zweite Geſtalt,„einer ſolchen Bar⸗ barei konnte ſich dieſer öſterreichiſche General ſchuldig machen?“ „Was weiter,“ bemerkte der Andere ruhig,„der Graf that ſeine Pflicht, indem er ſtreng war, die Mailänder aber bezeigen eine nichtswürdige Feigheit, indem ſie ihre eigenen Landsleute ausliefern.“ Eugen hatte die zwei Sprechenden längſt an ih⸗ ren Stimmen erkannt, es waren die Generale Drouot und Cambronne, welche dem Kaiſer nach Elba ge⸗ folgt waren. Er trat daher aus ſeiner Vertiefung hervor und grüßte die Freunde. „Was Teufel, Normand,“ frug Cambronne ver⸗ wundert,„Ihr hier, in Nacht und Sturm? Ich glaubte, Ihr zöget heut' tapfer an dem Siegeswagen der himm⸗ liſchen Paulette.“ „Kann noch Rath werden,“ antwortete lächelnd der Gefragte;„aber ich war von je ein Liebhaber der Romantik und hoffte von hier einen Seeſturm mit Muße betrachten zu können. Hat der Ball ſchon begonnen?“ „Allerdings,“ ſprach Dronot,„wenn ich nicht irre, ſeid Ihr auch vermißt worden. Auf den Parkets der Tanzſäle galt von je die junge Garde mehr als die alte, eilt daher, eh' Ihr in Ungnade fallt.“ „Iſt der Kaiſer auf dem Balle?“ frug Eugen weiter. „Er war es,“ ſprach Cambronne,„aber nur auf kurze Zeit, das Geſicht des Obriſten Campbel trieb ihn in die Flucht. Er kann die Engländer einmal 41 nicht vertragen, zumal dieſen Obriſt, über den heut⸗ zutage die Welt noch nicht im Klaren, ob er als Botſchafter Englands oder als Spion des brittiſchen Cabinets auf Elba fungirt.“ „Wenn der Kaiſer nicht mehr zugegen iſt,“ ſprach Eugen kurz entſchloſſen,„kümmert mich der ganze Ball nicht, ſammt der reizenden Paulette. Ich bleibe bei Euch, Generals, wenn Ihr es geſtattet. Keine Nachrichten aus Paris?“ „Die Pariſer,“ antwortete Cambronne,„ſcheinen jetzt zu der Einſicht gekommen zu ſein, daß ſie beſſer gethan hätten, ihre Stadt kräftiger zu vertheidigen gegen die Koſaken, welche dieſen Schattenkönig auf den Thron geſetzt haben. Wir Inſulaner ſind unter den dreißig Millionen Franzoſen noch die Glücklich⸗ ſten und werden von ganz Frankreich beneidet. Das Miniſterium Blacas geht dermalen ordentlich ſyſtema⸗ tiſch zu Werke, das Land zu ruiniren und die Fran⸗ zoſen vor den Augen Eurvpa's in den Staub zu treten.“ „Was mich von dieſer Regierung am Meiſten em⸗ pört,“ ſprach Drouot,„iſt, daß ſie bereits den Trak⸗ tat von Fontainebleau ſchamlos gebrochen hat. Schon ſeit zwei Monaten iſt der Zahlungstermin der erſten Rate des Jahrgeldes abgelaufen, welches Frankreich dem Kaiſer zu zahlen hat, und noch iſt kein Centime eingelaufen. Napoleon iſt deshalb bereits in bedeu⸗ tende Geldverlegenheit gekommen. Er hat den Sold der Truppen herabſetzen und den Einwohnern eine außerordentliche Steuer auferlegen müſſen, deren Ein⸗ treibung mit mancherlei Aergerniß verbunden war. Alles dies hat den Kaiſer in letzter Zeit ſehr ver⸗ ſtimmt. Er iſt ſichtbar unfreundlicher und menſchen⸗ feindlicher geworden.“ 12 „So wollen wir doch den Bourbonen als Ver⸗ tragsbrüchigen den Krieg erklären,“ fuhr Eugen keck heraus;„der Kaiſer ſpricht dann gleichfalls in ſeinen Proclamationen: Ich führe nicht mit dem franzöſiſchen Volke Krieg, ſondern lediglich gegen das Haus Bour⸗ bon, welches durch vertragswidrige Zurückhaltung der ſtipulirten Penſion meine Exiſtenz bedroht.“ „Das wird auch das Ende des Liedes von Elba,“ ſprach nach einer Pauſe Cambronne,„die Dinge, wie ſie jetzt ſtehen, können von keinem Beſtand ſein. Es iſt einmal vergebliche Arbeit, die Menſchheit um funf⸗ zig Jahre zurück zu führen.“ Drouot, welcher ganz am Rande des Felſenvor⸗ ſprungs geſtanden und in die wilde Nacht geſchaut hatte, wollte einen Kanonenſchuß vernommen haben. „Das war ein Hülfsſignal,“ ſprach er, zu den Freunden gewendet; dieſe, welche nichts vernommen hatten, wollten des Generals Worten nicht glauben. „Lehrt mich alten Kanonier,“ rief der ehemalige Commandeur der kaiſerlichen Gardeartillerie,„die Stimmen meiner Lieblinge nicht kennen. Ein Schiff, drei Stunden von hier, ſchwebt in bedeutender Ge⸗ fahr, oder ich will nicht Drouot heißen. Es iſt ein Packet⸗ oder Paſſagierbvot, ſonſt würde man zum Ret⸗ tungsſignale ſich eines größern Calibers bedient haben, falls man die ſchweren Kanonen nicht ſchon über Bord geworfen hat.“ „Wenn dem ſo iſt, wie Du ſagſt,“ ſprach Cam⸗ bronne,„ſo muß die Equipage auch den Leuchtthurm im Geſicht haben, kann bald einlaufen und hat nicht nöthig durch Kanonenſchüſſe zu allarmiren. „Unſtreitig lavirt man noch jenſeits des Südcaps, von wo die rettende Feuerſäule allerdings von wenig 13 Nutzen iſt, indem man kein Lämpchen davon zu Ge⸗ ſicht bekommt.“ Immer unheimlicher rauſchte der Sturm über das dunkle Meer. Da Drouot feſt bei ſeiner Meinung verharrte, ſo ſtanden die Drei noch geraume Zeit auf der Felſenplatte und lauſchten nach wiederholten Sig⸗ nalſchüſſen. Alles blieb ruhig, nur der Sturm trieb das Meer brandend gegen die felſigen Ufer der Inſel. „So werden Normand und ich wohl für diesmal Recht behalten,“ ſprach ſcherzend der General Cam⸗ bronne,„wie geſagt, alter Freund, der Schlachten⸗ donner des Kaiſerreichs klingt Dir noch in den Oh⸗ ren. Jeder träumt gern von ſeinem Handwerk. In⸗ deß dieſe Nachtluft, die da von Italien herüber weht, iſt auch nicht die wärmſte und ich halte es für gera⸗ thener, heimzukehren. Kommt mit in meine Wohnung. Es iſt da behaglicher. Was kümmert uns Paulinen's Ball. Wir leeren noch ein paar Flaſchen Keres auf das Wohl des Kaiſers, politiſiren ein wenig und er⸗ tränken die ſchaale Gegenwart in unſern blut⸗ und blumenvollen Erinnerungen.“ „Ich bin es zufrieden,“ ſprach Drouot,„aber daß ein Signalſchuß drei Stunden von hier aus einem Drei⸗ oder Vierpfündner abgefeuert worden, davon werdet Ihr Euch morgen überzeugen.“ Der General hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als ſie die Beſtätigung erhielten, indem ganz vernehm⸗ lich ein zweiter Kanonenſchuß durch die Nacht daher ſcholl. Ein dritter und vierter folgte in kurzen Pauſen. „Mit einem ſo wackern Ingenieur und Kanonier,“ ſprach jetzt Cambronne zu Eugen,„ſollten wir In⸗ fanteriſten allerdings in kanoniſchen Angelegenheiten nicht ſtreiten. Doch jetzt gilt's d den von den Wellen Bedrängten beizuſpringen, ſo weit es uns möglich. 14⁴ Ich eile zu dem Hafencommandanten, damit er ein paar Schaluppen auf das Meer ſchickt. Ihr Beiden macht in den beiden Caſernen die Garden mobil. Es werden ſich der Braven genug finden, welche eine nächtliche Meer⸗ und Sturmfahrt der ſüßen Ruhe des Bettes vorziehen.“ Alle Drei verließen eiligſt die Felſenplatte und kehrten nach der Stadt zurück. Als ſie in die Nähe des Leuchtthurms kamen, flammten bereits rieſige Kiehnkörbe auf der höchſten Zinne, ſo daß die nächſte Umgebung wie am Tage lag. Zu gleicher Zeit blitzte es auf der linken Hafenbatterie und der gewaltige Donner eines Zwölfpfündners rollte majeſtätiſch über das ſtürmende Meer. „Hört Ihr,“ rief Drouot,„meine braven Jun⸗ gen ſind keine Schlafmützen und noch ſo wachſam wie bei Marengo und Wagram. Auch der Leuchtthürmer verſteht ſeine Sache und fackelt, daß es eine Luſt iſt. Das ließ ſich von dem Korporal der Granitcolonne nicht anders erwarten. Ich hoffe, das Paſſagierboot iſt jetzt ſo gut wie gerettet; wenn ſie dieſen Zwölf⸗ pfündner nicht gehört haben und ſich bei dieſer ſolen⸗ nen Illumination nicht zurecht finden können, verdie⸗ nen ſie unterzugehen im Meere, wo's am Tiefſten. Hört, da tönt auch die Feuerglocke. Ja, wo der Kaiſer ſeine Einrichtung getroffen hat, geht's wie ein Uhrwerk.“ Im Hafen bedurfte es nicht der Ermunterung zur Ausſendung von Hülfsſchaluppen; zwei derſelben wa⸗ ren ſo eben im Begriff mit hinreichender Bemannung in See zu ſtechen. Eugen, der am Ufer ſtand, be⸗ kam Luſt, dieſer romantiſchen Fahrt in Perſon beizu⸗ wohnen. Er ſprang in die kleinere Schaluppe und bald befand man ſich mitten auf dem Meere. Das Fahrzeug ward von den ſturmgepeitſchten Wellen bald auf die Höhe eines Waſſerberges, bald wieder in ein Fluthengrab geworfen. Von Zeit zu Zeit ſchlug eine Welle über Bord und füllte die obern Räume der Schaluppe mit Waſſer, welches durch fleißi⸗ ges Pumpen und Schöpfen indeß bald wieder entfernt wurde. Eugen, einer ſolchen Meerfahrt noch ungewohnt, mußte ſich mit beiden Händen an die eine Kajüten⸗ wand klammern, um nicht von einer Seite zur andern geworfen zu werden. Der Leuchtthurm, der noch deut⸗ lich zu ſehen war, ſchien wie ein Irrlicht auf⸗ und abzutanzen. Nach einer guten Viertelſtunde war die Schaluppe, auf welcher ſich Eugen befand, dem hülferufenden Schiffe bereits ſo nahe gekommen, daß man ſich trotz des Sturmes des Sprachrohrs bedienen konnte. Auf die Anfrage, die von der Schaluppe aus er⸗ folgte, tönte es zurück:„Wir kommen von Livorno, haben Paſſagiere für Elba am Bord und ſind leck ge⸗ worden an einer Klippe des Südcap. Das Waſſer ſteht bereits fünf Fuß hoch im Raume.“ „Alle Wetter,“ brummte der Hochbvotsmann, der mit ſichrer kräftiger Hand das Steuerruder führte, „da iſt's blos eine Spanne bis zum Salzbade. Friſch auf, Jungens, die Knochen gerührt, in zehn Minu⸗ ten müſſen wir anlegen, oder die armen Teufel ſou⸗ piren heut' im Meeresgrunde anſtatt in Porto Ferrajo.“ Durch den Aufruf des Hochbvotsmannes von Neuem befeuert, griffen die Ruderer mit verdoppelter Anſtren⸗ gung in die Wellen, daß das Fahrzeug wie ein Blitz dahin fuhr und die Lichter des leck gewordenen Schiffes bald ſichtbar wurden. „„Alle Teufel,“ fluchte von Neuem der Hochbvots⸗ 16 mann,„wo ſteckt die Penelope, unſer Montebello faßt die armen Schlucker nicht.“ Wieder tönte das Sprachrohr durch die Nacht. Keine Antwort erfolgte. „Hat denn der Berends den Kopf verloren,“ frug der Hochbootsmann,„ſtellt ſonſt ſeinen Mann; Allons, noch einmal eine Frage in die Nacht.“ Von Neuem dröhnte das Sprachrohr über die Wellen. Da erſcholl nach einer ziemlichen Pauſe die Antwort der Penelope aus weiter Ferne. „Ha,“ ſprach der Steuerlenker, mit einer Reſig⸗ nation, die für Eugen nicht eben angenehm klang, „da können wir uns alleſammt auf das Salzbad ge⸗ faßt machen. Der Berends hat's am jüngſten Tage zu verantworten. Hat er denn heute Abend zu tief in den Grognapf geguckt?“ Nach unendlicher Anſtrengung gelang's dem Monte⸗ bello noch zum glücklichen Augenblicke an das fremde Schiff anzulegen. „Wie viel Mann?“ frug der Hochbvotsmann. „Vierzehn Matroſen und zehn Paſſagiere,“ war die Antwort. „Iſt nur Platz für zwölf,“ fuhr der Führer des Montebello fort,„wer zuerſt kommt, mahlt zuerſt.“ Ob dieſer kategoriſchen Reſolution entſtand ein lautes Jammergeſchrei auf dem den Sinken nahen Schiffe. Jeder flehte um Himmelswillen in das Ret⸗ tungsboot mit aufgenommen zu werden. Die Paſſa⸗ giere liefen verzweiflungsvoll auf und nieder, während die Matroſen unverweilt in's Meer ſprangen und an dem Montebello in die Höhe kletterten. 5 „Iſt es denn keine Möglichkeit?“ frug Eugen, den das Jammergeſchrei auf das Heftigſte erſchütterte,„die Unglücklichen mit aufzunehmen? Die Penelope kann 17 nicht mehr weit ſein und bis zu ihrer Ankunft halten wir uns ſchon.“ Immer tiefer ſank das lecke Schiff. Jeden Augen⸗ blick konnte es im Meere verſchwinden. Die Ver⸗ zweiflung der Paſſagiere erreichte den höchſten Grad. Mehre der Beherzten hatten ſich den ſchwimmkundigen Matroſen nachgeſtürzt und den Montebello glücklich erreicht. Die Penelope ſignaliſirte jetzt in ziemlicher Nähe. „Wohlan, ſo wagen wir's,“ rief Eugen, und ge⸗ bot den noch zurückgebliebenen Paſſagieren die Strick⸗ leiter muthig herabzuklettern, auf daß ſie aufgenom⸗ men werden könnten. „Meinetwegen,“ murrte der Hochbvotsmann,„aber wir wollen's uns morgen im Meeresgrunde erzählen, daß es ein dummer Streich war.“ Der Hochbvotsmann griff wieder mit nerviger Fauſt an's Steuerruder, die Ruderleute folgten ſei⸗ nem Beiſpiel; ſo gelang es durch übermenſchliche An⸗ ſtrengung, das überladene Boot vor dem Sinken zu bewahren. Trotz der offenbarſten Todesgefahr, welche mit Ausnahme der Matroſen, faſt allen Andern das Herz angſtvoll beben machte, verlor der Hochbootsmann Cobbet ſeinen guten Humor nicht. „Wenn uns die Penelope ſitzen läßt,“ ſprach der unermüdliche Ruderer,„ſo fahren wir dermalen mit Extrapoſt entweder in den Himmel oder in die Hölle. Und die Penelope iſt ein Weib, unzuverläſſig wie die andern, was auch der gute Homer Schönes von ihr geſagt hat. Ich glaube das dumme Zeug nicht. Der Alte war mit Blindheit geſchlagen, hatte den Staar. Ihm war ſonach leicht ein K. für ein U. zu machen. „Jungens,“ rief er nach einer Pauſe den gerette⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 2 48 ten Matroſen zu,„löſt zum Satan meine Brut ein⸗ mal ab; die arbeiten ſich die Seele aus dem Leibe. Aber mit Ordnung, nicht alle auf einmal, Himmel Element, Ihr Schlingel müßt wiſſen quid juris! So, recht brav; aber wo pleibt die Beſtie, die Griechin? Armer Montebello,'s wird dir ergehen wie deinem hohen Namensvetter bei Wagram. Das war ein tapfrer Mann, Jungens, ich ſtand damals bei der Marine, aber beſinne mich deutlich auf ihn. Hatte Courage, wie Roland, und ging d'rauf wie der Ney. Bei Wagram machte ers aber alle, ein Geſchick, wel⸗ ches dem Sterblichen über kurz oder lang bevorſteht und vor Allen uns. In jeder Secunde ſtirbt ein Menſch und wird ein andrer geboren. Wenn die Penelope nur vor jener bedenklichen Secunde anlangt uud uns freundſchaftlichſt unter die Arme greift.“ Engen, welcher wacker mit zum Ruder gegriffen hatte, half tüchtig mit arbeiten, während das Häuf⸗ lein der Paſſagiere ängſtlich in einem Winkel der Schaluppe zuſammengeſchaart ſtand. Nur ein Einzi⸗ ger von ihnen, ſo viel die Dunkelheit gewahren ließ, ein junger kräftiger Mann, ſchwang mit geſchickter Hand das Ruder, ſo daß er ſelbſt vom Hochboots⸗ mann, der ihm zunächſt ſtand, belobt wurde. Die Beiden geriethen alsbald in's Geſpräch mit einander, welches mit vieler Unbefangenheit, als be⸗ fänden ſie ſich auf einer Luſtfahrt, ja ſelbſt mit Laune geführt wurde. „Es wäre mir ſehr verdrießlich,“ ſprach der un⸗ ermüdliche Ruderer⸗„hier eine Spanne weit von Elba von den Haifiſchen gefreſſen zu werden, ohne den Kai⸗ ſer geſehen zu haben, dem zu Gefallen ich einzig und allein dieſe einfältige Waſſerreiſe unternommen habe.“ „Könnt Ihr denn ſchwimmen?“ frug Cobbet. 19 „Eine Landratte,“ war die Antwort,„lernt dieſe edle Kunſt nie aus dem Fundamente, daher iſt's auch mit meiner Schwimmerei eitel Kinderei. Ich glaube ſchwerlich, daß ich von hier aus den Leuchtthurm er⸗ reichen würde.“ „Woher des Landes?“ fuhr der Hochbvotsmann fragend fort. „Aus Sachſen!“ „Hm, aus Sachſen,“ meinte Cobbet,„das will ja der hohe Congreß verſpeiſen.“ „Allerdings,“ antwortete der Unbekannte,„meine Landsleute leben dermalen in proviſoriſcher Ungewiß⸗ heit, zu was für Unterthanen ſie der Congreß machen wird. Erſt hieß es, wir würden ganz preußiſch, jetzt heißt es, nur halb.“ „Iſt Euch Sachſen ſchon recht,“ brummte der Hoch⸗ bvotsmann,„warum bliebt Ihr nicht bei uns. Die Leipziger Fatalität wäre da nicht vorgefallen. Ueb⸗ rigens läßt der Kaiſer darum nichts auf Sachſen kom⸗ men und an dem alten Friedrich Auguſt, heißt er nicht ſo? hat er vollends den Narren gefreſſen. Was macht der brave Fürſt?“ „Lebt noch quaſi in der Gefangenſchaft,“ antwor⸗ tete der Sachſe,„und wartet im Auslande das Ge⸗ ſchick ab, das man ſeinem armen Lande bereiten wird.“ „Hört einmal,“ fuhr nach einer Pauſe der Steuer⸗ lenker fort,„es ſollte mir wahrhaft Leid thun, wenn Ihr hier von den Haifiſchen verzehrt würdet, ohne Seine Mäieſtät geſprochen zu haben. Wie geſagt, ſie hält was auf die Sachſen. Greift darum immer friſch zu, daß wir oben bleiben. Die Penelope, das nichtsnutzige Weibsbild, will noch immer nichts von uns wiſſen. Daß uns noch nicht ein Waſſerberg über 2* 20 den Kopf gekommen und mit Mann und Maus ver⸗ ſchlungen hat, iſt mir ein Räthſel.“ „Wie weit ſind wir noch vom Lande?“ frug der Unbekannte. „Ein lumpig halb Stündchen,“ antwortete Cobbet, „ſeht da den Leuchtthurm, den prächtigen Kerl, man kann die einzelnen Lampen zählen.“ „Nun, was hat es da für Noth,“ ſprach der Andere,„eine halbe Stunde halten wir uns ſchon, auch ohne die Penelopeia.“ „Ihr ſprecht, wie Ihr's verſteht,“ brummte der Hochbootsmann, das Ruder herumreißend,„dieſes lumpige halbe Stündchen iſt gerade lang genug⸗ uns fünfundzwanzig Mal dem alten Abraham in den Schvoß zu liefern. Die Wellen haben einen Teufel mehr im Leibe, je näher man dem Felſenufer kommt. Wir können noch zwanzig Schritte vom Lande um⸗ gaukeln, daß uns die Landung für alle Ewigkeit vergeht.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Der Berends muß wirklich vom Satan beſeſſen ſein. Er iſt wieder verſchwunden und verſchollen. Brüllt dem Dickkopf doch Eins zu, daß er Vernunft annimmt. Wahrſcheinlich ſucht er mit Laternen nach dem zum Teufel gegangenen Schiffe, gönnt uns die Ehre nicht, das Neſt ausgenommen zu haben. Halloh, immer wiederholt in's Rohr geſtoßen. Ich verklage den Kerl beim Schiffsgericht, nota bene⸗ wenn ich ein ſolches auf Erden noch einmal zu Geſicht bekomme.“ Wiederholt wurde jetzt durch das Sprachrohr nach der ungetreuen Penelope gerufen; keine Antwort er⸗ folgte. Alles blieb ſtill. „Da haben wir die Beſcheerung,“ rief der Hoch⸗ bvotsmann.„Jetzt heißt's aut-aut. Friſch, nicht 2¹ nachgelaſſen, munter Jungens, wir kommen bald in das Bereich der Strandwellen; das ſind Meerharpyen. Nur den Kopf nicht verloren, wenn er auch naß wird!“ Das kaum zwei Handbreit Bord haltende Boot bewegte ſich jetzt ſichtbar dem Lande zu. Der Leucht⸗ thurm rückte immer näher und beleuchtete die dunkle Fluth. Von Zeit zu Zeit ſchlug eine Welle in den Schiffsraum, doch war es bisher der thätigen Schiffs⸗ mannſchaft immer gelungen, das Waſſer wieder aus dem Boote zu entfernen. Eugen, unermüdlich mit ſeiner Ruderſtange be⸗ ſchäftigt, hatte bis jetzt keine Zeit gehabt, ſich um die fremden Paſſagiere zu bekümmern. Seine Auf⸗ merkſamkeit war allein dahin gerichtet, aus allen Kräften mitzuwirken, daß das Fahrzeug flott erhalten werde. Der Hochbvotsmann fuhr fort, ſein Steuerruder zu lenken, die nöthigen Befehle zu ertheilen und ſich von Zeit zu Zeit mit dem jungen Manne aus Sach⸗ ſen zu unterhalten. Schon hatte ſich das Boot dem Landungsplatze ungefähr tauſend Schritte genähert, als die von Cob⸗ bet ſchon lang befürchteten Wellen heranbrauſten. Die erſte hob das Schiff im Augenblick zu einer äußerſt bedeutenden Höhe, die zweite warf es wieder in einen Abgrund. Die Lage des Bootes ward immer gefähr⸗ licher. Schon vermochte die Schiffsmannſchaft beim angeſtrengteſten Fleiße nicht mehr, das in das Schiff geſtürzte Waſſer wieder zu entfernen. Die Waſſer⸗ maſſe ſtieg im innern Schiffsraume in größter Schnelle bis zu einer furchtbaren Höhe, als ein neuer Wellen⸗ berg heranwogte und einen Theil der Ruderer und Paſſagiere in's Meer warf. Auch Eugen befand ſich darunter. „Jetzt gilt's,“ ſprach ſchnell entſchloſſen, der Sachſe; „von hier getraue ich mir das Ufer zu erreichen und Hülfe herbei zu ſchaffen!“ Mit dieſen Worten war er mit Einem Satze aus dem Bvote und kämpfte gegen die Wellen, um das Land zu gewinnen. Wiederholt warfen den Kühnen die Wellen in's tiefre Meer zurück. Er ließ ſich nicht abſchrecken, wiederholte immer von Neuem ſeine Ver⸗ ſuche, bis es ihm endlich gelang, ein von den Fel⸗ ſenwänden in's Meer herabhängendes Geſträuch zu er⸗ haſchen. Mit Hülfe deſſelben ſchwang er ſich vollends auf's feſte Land. Hier war ſein Erſtes, Lärm zu ſchlagen, indem er den Untergang des Bootes verkündete. Sogleich warf ſich eine Anzahl der tüchtigſten Schwimmer in Kähne und ſtachen muthvoll zur Rettung der Verun⸗ glückten in's Meer. Auch der junge Sachſe befand⸗ ſich unter ihnen. Es gelang ihm, zwei von den aus dem Boote Geſtürzten aufzufiſchen und glücklich an's Land zu bringen. Es waren dies Eugen und einer der Paſſagiere. Als Erſterer einigermaßen wieder zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen war und ſeinem Retter mit Hand und Mund dankte, preßte dieſer den Jüngling mit inniger Bewe⸗ gung an ſein Herz. „Wie?“ frug er, im Tone ſanften Vorwurfs,„hat mich Eugen ſo ſchnell vergeſſen?“ „Ruffus!“ rief außer ſich der Jüngling, der jetzt in ſeinem Retter ſeinen verſchollenen Dresdner Freund, den Bruder ſeiner verſtorbenen Geliebten, an der Sprache wieder erkannte, und ihm freudetrunken an den Hals ſtürzte,„wach' ich oder träum' ich? Du ſelbſt oder Dein Geiſt?“ „Beides vereint,“ erwiederte lächelnd der Wieder⸗ gefundene;„ich freue mich, Dich auf Elba zu finden, das iſt der Ehrenplatz, der Dir gehört.“ Eugen glaubte noch immer ſeinen Augen und Oh⸗ ren nicht trauen zu dürfen, daß er den ſo lange ſchmerzlich Vermißten endlich gefunden. Er preßte ihn immer von Neuem wieder an ſeine Bruſt, und that in der Eile ſo viele Fragen, daß es dem Ruffus unmöglich war, ſie alle mit Einemmale zu beant⸗ worten. „Vorerſt, Freund,“ ſprach er,„laß uns nachſe⸗ hen, ob unſre Augenblicke jetzt nicht koſtbarer anzu⸗ wenden ſind, als ſie hier zu verplaudern, wozu ſpä⸗ ter gewiß hinlänglich Zeit bleibt.“ „Du haſt Recht,“ rief Eugen, und die Beiden eilten zum Strande zurück. Hier ſah man nach und nach alle Geretteten glücklich anlangen. Eine Anzahl alter Kaiſergardiſten waren unermüdlich mit ihren Kähnen in Auffiſchen der Verunglückten, ſo daß man endlich die Freude hatte, Paſſagiere und Matroſen ſämmtlich gerettet zu ſehen. Auch die Penelvope, welche ſich auf dem Meere verirrt gehabt hatte, fand ſich nach einiger Zeit wieder ein. Die kleine Herberge an der einen Hafenbaſtei war überfüllt mit Beſuchern. Retter und Gerettete ſtärk⸗ ten und erquickten ſich hier an Wein und Grog nach der überromantiſchen Waſſerparthie. Ruffus, welcher zwiſchen Eugen und dem Hoch⸗ bootsmann ſaß, hatte den Ehrenplatz an der Tafel. Alle verehrten in ihm Denjenigen, welcher das Meiſte zur Errettung der Mannſchaft des Montebello beige⸗ tragen, und der Hochbootsmann ward nicht müde, 2 ½ einen Toaſt nach dem andern auf den braven Sachſen auszubringen. Eugen ſaß in ſtiller Seligkeit neben dem Freunde, in welchem er jetzt zugleich den Retter ſeines Lebens erblickte und welchen er auf ſo wunderbare Weiſe wie⸗ dergefunden hatte. Trotz ſeiner unzähligen Fragen hatte er nur erſt ſo viel von Ruffus herausbekommen, daß dieſer in jüngſter Zeit Deutſchland, Frankreich, die Schweiz und Italien durchreiſt und im Begriffe ſtehe, dem Kaiſer Napoleon ſeine Dienſte anzubieten. „Aber,“ frug Eugen voll Verwunderung, als ihn Ruffus ſeine Abſicht wegen des Dienſtes bei dem Kai⸗ ſer mitgetheilt,„Du biſt ein Deutſcher und die Deut⸗ ſchen erkennen in Napoleon nur ihren Erbfeind; wie verträgt ſich das?“ „Haſt Du ſchon vergeſſen,“ erwiederte der Ge⸗ fragte,„daß ich weder ein Deutſcher noch ein Fran⸗ zoſe, noch ein Italiener, ſondern ein Europäer bin? Was kümmert mich der Unterſchied der Völker. Wo die Leute am Vernünftigſten denken und rechtlich han⸗ deln, da iſt meine Heimath. Darum bin ich nach Elba gekommen, wo dermalen der vernünftigſte Menſch auf Erden regiert. War ich dem Napoleon ſeit Jah⸗ ren ſchon zugethan, ſeit ſeinem Feldzuge in der Cham⸗ pagne, ſeit Fontainebleau iſt er mir ein Gott gewor⸗ den. Ein ſolcher wandelt nicht alle Jahrhunderte über die Erde. Die Weltgeſchichte erzählt bis Dato blos von Dreien. In der Nähe aber eines Gottes zu leben, iſt herrlich; da muß unſre kleine Bruſt hö⸗ her ſchlagen.“ „Weißt Du auch,“ ſprach Eugen,„daß der Kai⸗ ſer keine Officiere mehr in Dienſt nimmt? Die be⸗ ſtimmte Anzahl iſt übervoll.“ „Es wird ſich für mich noch ein Plätzchen finden,“ 25 erwiederte Ruffus lächelnd;„und iſt Alles beſetzt, ſo verlange ich nichts mehr, als in ſeiner Nähe zu leben.“ „Trefflich, trefflich!“ rief Eugen,„jetzt weht mich die Luft von Elba tauſendmal geſunder an; wir wol⸗ len ein herrliches Leben führen.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ein Abgeſandter Napoleon's in die Herberge trat. Der Kaiſer hatte von dem Unfall des Schiffes und von der Errettung der Equipage Nachricht erhalten und erkundigte ſich vornehmlich nach Ruffus, den er für den nächſten Morgen zu ſich beſchied. „Seht, ſo iſt unſer Kaiſer,“ ſprach der Hochboots⸗ mann zu Ruffus,„ſein Auge weilt überall, ſeine Va⸗ terhand ruht über Jedermann. Hoch, und tauſendmal hoch der Kaiſer und unſer braver Sachſe!“ Die Gläſer klangen ſtürmiſch an einander. Ruffus hatte abermals zu danken. Eugen umarmte ihn. „Du Glücklicher,“ rief er,„faſt möcht' ich Dich beneiden. Napoleon iſt mit ſeinem Audienzertheilen nicht freigebig. Du wirſt ihm gefallen. Dein Glück iſt gemacht. Aber jetzt erzähl' mir noch ein Wenig von den Deinen. Wie lebt Dein guter Vater, was macht Schweſter Anna?“ „Was die Geſundheit anlangt,“ erwiederte Ruffus, „recht wohl. Da ſich mein Papa mit den dermaligen Zuſtänden Deutſchlands nicht befreunden konnte, iſt er mik ſeiner Tochter nach der Schweiz gezogen, wo er ſich im Kanton Aargau ein ganz allerliebſtes Land⸗ gut gekauft hat. Er lebt völlig zurückgezogen von der großen Welt, beſchäftigt ſich nur mit Bewirth⸗ ſchaftung ſeiner freundlichen Beſitzung und den Wiſ⸗ ſenſchaften, während Anna in den Alpenthälern ſchwärmt.“ 26 „Iſt das Mädchen noch die begeiſterte deutſche Patriotin?“ frug Eugen. „Es hat ſich etwas gelegt,“ war die Antwort. „Seit die Ruſſen bei meinem Vater eine geraume Zeit im Quartier gelegen, denkt ſie weniger Antina⸗ polevniſch.“ Eugen hatte noch Viel zu fragen, Ruffus noch Viel zu antworten, ſo daß Mitternacht herangekom⸗ men war, ohne daß man es gewahr worden wäre. Ruffus nahm die Einladung ſeines Freundes, dieſe Nacht bei ihm zu verbringen, gern an. Als die Bei⸗ den das Wirthshaus verließen, ſchlug es auf dem Thurme von Porto Ferrajo bereits die erſte Stunde des Morgens. Zweites Rapitel. In der roſenumblühten Laube ihres Parkes, nahe bei Porto Ferrajo gelegen, von wo man meilenweit über die ſaphirnen Wellen des Mittelmeeres dahin ſchauen konnte, ſaß neben ihrer Mutter Lätitia, die reizende Fürſtin Pauline. Heiter und roſenlaunig wie immer, war ihre kleine weiße Hand damit be⸗ ſchäftigt, den Haufen farbenprächtiger Blumen, wel⸗ cher auf ihrem Schooße lag, in duftende Kränze zu winden. Dabei ſang ſie mit ihrer Glockenſtimme fort und fort die Anfangszeilen des bekannten Liedchens: „Bella Italia, amate sponde Pur vi torno a reveder.“ Madame Lätitia, welche dem bezaubernden Weſen lächelnd zuſchaute, hielt in der Hand eine prachtvolle 27 Ausgabe von Taſſo's befreitem Jeruſalem, in welchem Gedichte ſie ſchon den ganzen Morgen geleſen hatte. „Sieh' mal, Mama,“ rief die Fürſtin, einen ſchö⸗ nen Kranz in die Höhe haltend,„iſt der nicht präch⸗ tig gerathen? Den ſchenke ich dem Napoleone.“ „Schenk' ihm lieber Etwas von Deinem Froh⸗ ſinn,“ erwiederte die Mutter,„mein Sohn iſt ſeit einiger Zeit düſter und leidend.“ „Das macht der abſcheuliche Rothrock, der Camp⸗ bell, den er auf der Inſel nicht leiden mag.“ „Und gleichwohl konnteſt Du dieſen Mann geſtern einladen?“ frug Lätitia. „Er hat ſich ſelbſt einladen laſſen,“ antwortete eifrig Pauline,„mir wär' es nicht in den Sinn ge⸗ kommen; und ihm den Eintritt förmlich zu verwei⸗ gern, ging doch nicht an!“ „Warum nicht?“ frug Lätitia;„auf Elba iſt Na⸗ poleon Herr und Gebieter und wir dürfen Nichts thun, was dieſem unangenehm iſt.“ „Es hätte wieder ein Geſchrei in allen Journa⸗ len Europa's gegeben,“ entſchuldigte ſich die Prinzeß, „wenn ich dem Britten den Zutritt verſagt.“ „Was kümmert eine Schweſter Napoleon's das Geſchrei der Zeitungsſchreiber, ſo ſie thut, wie es ihm am Angenehmſten!“ „Man beſchuldigt mich,“ fuhr Pauline fort,„ich ſtiftete Verſchwörungen auf Elba und wäre deshalb hierhergekommen.“ „Laß ſie ſchwatzen,“ antwortete Lätitia,„Frö⸗ ſchen kann der Menſch das Quaken nicht verbieten. „Sieh,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort und ließ die majeſtätiſchen Blicke ihrer großen ſchwarzen Augen über das Meer ſchweifen,„wie ſtill und ruhig, kaum, daß die blauen Wellen an den weichen Blumenufern 28 leiſe zu athmen wagen, und dieſe Nacht, welch' ein Sturm, welch' ein Branden. Es ſollen Schiffe ver⸗ unglückt ſein.“ „So viel ich weiß,“ ſprach die Prinzeß,„iſt die Mannſchaft durch unſre brave Garde gerettet worden.“ Plötzlich ſprang ſie auf und eilte lauſchend einige Schritte den Park entlang. „Pferdegeſtampf,“ fuhr ſie aufgeregt fort,„das iſt Er! Mutter, Napoleone kommt!“ Wirklich war auch der Kaiſer vor der Parkthür vom Pferde geſtiegen und kam den ſchattigen Haupt⸗ gang daher. Pauline flog ihm entgegen und küßte ſeine Hand. „Aber welch' ein bitterböſes Geſicht wieder, Na⸗ poleone,“ ſchalt die Prinzeß in ſchalkhaftem Zorne, als ſie den finſtern Ernſt in den Zügen des Kaiſers erſchaute.„Hinweg mit dieſen Stirnwolken; das Nachtgewitter iſt vorüber. „O Napoleone,“ fuhr ſie mit liebeweichem Tone fort,„ſieh dieſen blauen Himmel, dieſe Blumen, ſieh mich und— lächle.“ Napoleon's Blick weilte ſtreng und ernſt auf dem zu ihm aufſchauenden Himmelantlitz der Schweſter. „Paulette,“ ſprach er endlich,„ich bin unzufrie⸗ den mit Dir. Während meine Garde darbt, lebſt Du herrlich und in Freuden. Dein geſtriger Ball koſtet ſechsmal mehr, als Du mir angegeben. Ich bin die Rechnungen durchgegangen. Unerhörte Ver⸗ ſchwendung. Ich dulde dies nicht.“ „Mein ſüßes Leben,“ erwiederte mit Tauben⸗ ſanftmuth die reizende Schweſter,„mein Napoleone, gab ich doch das Feſt nur Dir zu Ehren, für dieſen Zweck war es lange nicht prächtig genug!“ „Ich brauche zu meiner Ehre Deine Feſte nicht,“ 29 ſprach der Kaiſer noch immer ungehalten.„Hätteſt Du meine Garde geſpeiſt, die zu Porto Ferrajo ſteht und die braven polniſchen Lanziers, würde ich mich gefreut haben. Paulette, Deine Feſtins unterbleiben hinfort! „Während die Nobleſſe ſchwelgt,“ fuhr Napoleon fort,„und Du Dir von allen Großmächten Europa's den Hof machen läßt, ſchwimmen meine braven Gre⸗ nadiere wie Delphine im brandenden Meere umher und retten die Equipage einer verſunkenen Brigantine.“ Der Prinzeß glänzten ein paar Thränenperlen in den Augen. „O mein Geliebter,“ ſprach ſie ſanft,„nicht wahr Du erlaubſt, daß ich dieſe Braven nach Herzensluſt tractire?“ „Sind ſchon von mir geladen,“ erwiederte einſyl⸗ big der Kaiſer. „Mein Freund,“ fuhr die Fürſtin ſchmeichelnd fort,„ſo übernehme ich die Honneurs und nächſter Tage ſoupiren ſie bei mir. Aber jetzt ſei wieder gut, Napoleone, hörſt Du? Komm dort zur Mutter; wir ſitzen ſchon den ganzen Morgen in der Laube und le⸗ ſen im Taſſo.“ Mit dieſen Worten umfaßte ſie mit ihrem ſchönen, ſchwanenweißen Arm des Kaiſers rechten Arm, und deſſen Hand fortwährend ſtreichelnd und küſſend, ließ ſie ſich zu der Stelle führen, wo Madame Lätitia ſaß, welche durch Kränklichkeit verhindert war, ihrem Sohne entgegen zu kommen. Indeß war der Ball der Prinzeſſin Pauline nicht der einzige Grund, welcher Napoleon verſtimmt hatte. Kaum war er in die Laube getreten, als er gegen ſeine Mutter den unverholenſten Verdruß ausſprach, daß ſeine Stieftochter Hortenſe, die vormalige Köni⸗ 30 gin von Holland, welche in Paris wohnte, bei der franzöſiſchen Regierung um die Erlaubniß eingekom⸗ men war, ſich künftig Herzogin von St. Leu zu nennen. „Schreiben Sie Ihr, Madame,“ ſprach der Kai⸗ ſer zu ſeiner Mutter,„wo möglich heut' noch, daß ich das Benehmen dieſer Fürſtin nicht gut heißen kann. Wenn ſie ſich nicht Majeſtät nennen wollte, ſo mußte ſie ihren Familiennamen Bonaparte annehmen, ein Name, deſſen ſich hoffentlich Niemand zu ſchämen hat.“ „O ſchilt Hortenſe nicht,“ fällt Pauline bittend ein,„ihr Herz iſt ſo lauter wie Gold und Dir bis in den Tod ergeben.“ „Ich begreife nicht,“ ſprach Napoleon, der in der Laube Platz genommen hatte,„wer der Frau den einfältigen Rath geben konnte.“ Er griff nach dem Taſſo, in welchem er eine Zeit lang blätterte. „Wenn ich länger am Steuerruder Europa's ge⸗ blieben,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„würde ich eine europäiſche Ausgabe aller Claſſiker dieſes Welt⸗ theils veranſtaltet und ſie auf Staatskoſten unter's Volk haben vertheilen laſſen. Den Corneille, hätte er zu meiner Zeit gelebt, würde ich in den Fürſten⸗ ſtand erhoben haben.“ „Mein Sohn,“ ſprach Maria Lätitia,„Du hat⸗ teſt einen Tempel gebaut, deſſen Kuppel bis in die Wohnungen reichte, wo Zeus Chronion mit ſeinen Blitzen thront. Darum warf der gekränkte Gott un⸗ aufhörlich ſeine Donnerkeile herab auf den majeſtäti⸗ ſchen Bau.“ „Hätte ich die Kuppel vollenden dürfen,“ erwie⸗ derte der Kaiſer,„würde ich die Blitzableiter nicht vergeſſen haben. Uebrigens haben mich nicht die Göt⸗ 3¹ ter des Olymps geſtürzt; ein ſolches Verbrechen ge⸗ gen die Legitimität würden ſie ſich nicht haben zu Schulden kommen laſſen, ſondern das tückiſche, ſchein⸗ heilige, im Finſtern ſchleichende, giftgeſchwollene Fa⸗ tum der Unterwelt. „Der Tempel,“ fuhr er nach einiger Zeit fort, „iſt zuſammen gebrochen, die Altäre ſind geſchändet, das heilige Feuer, welches ich angezündet, das Licht der geſunden Vernunft, iſt erloſchen; aber nach Jahr⸗ tauſenden noch werden dieſe Trümmer, dieſe himmel⸗ anſtrebenden Säulen, dieſe Strebepfeiler, dieſe Thürme und Zinnen den nachwachſenden Geſchlechtern bewei⸗ ſen, was ich bereits im neunzehnten Jahrhunderte mit der Welt im Sinne gehabt.“ „Du haſt genug für die Welt gelebt, Napoleone,“ ſprach Pauline,„lebe jetzt für Dich. Sieh, als Du noch in den Tuilerien wohnteſt, ward mir nur ſelten das Glück, mit Dir nach Herzensluſt plaudern zu können; darum biſt Du mir auf Elba viel lieber.“ „Ein gefeſſelter Prometheus,“ ſprach der Kaiſer dumpf für ſich,„dem der Geier an der Leber frißt.“ Er wandte ſich plötzlich zu Lätitia. „Mutter,“ frug er in einem Tone, der den Kampf ſeines Innern verrieth,„hat die Kaiſerin Marie Luiſe auf Deine Briefe geantwortet?“ „Sie hat es nicht gethan!“ war die tonloſe Antwort. Da ſtand Napoleon plötzlich auf und ging ſchnel⸗ len Schrittes den Laubgang entlang, bis er hinter dichten Taxushecken unſichtbar wurde. „Mir iſt es im Grunde recht lieb,“ ſprach Pau⸗ line,„wenn die Kaiſerin es verſchmäht, das Exil ihres Mannes zu theilen; ich habe mich mit der Oeſter⸗ reicherin nie vertragen. Es iſt keine Frau für Na⸗ 32 poleon, obgleich er ſie innig liebt. Aber den kleinen hübſchen König von Rom hätt' ich gern hier.“ „Marie Louiſe iſt nicht frei,“ erwiederte Lätitia; „die europäiſche Diplomatie hält ſie umgarnt mit tauſend unſichtbaren Fäden, und die Frau iſt zu ſchwach, dieſes Spinngewebe zu zerreißen und zu ih⸗ rem Manne zu fliehen.“ „Ich begreife gar nicht,“ fuhr die Prinzeſſin fort, „warum ſich dieſes diplomatiſche Federvolk zwiſchen Mann und Weib, Vater und Kind ſtellt.“ „Dieſe ganze Ehe war nur ein diplomatiſches Fe⸗ derſpiel,“ ſprach Lätitia,„die Oeſterreicher haben es ja offen heraus geſagt.“ „Mich dauert der arme Bruder,“ meinte Pauline; „dieſe Zurückhaltung der Seinigen ſchmerzt ihn mehr, als er uns merken läßt.“ „Ich fürchte deshalb für Napoleon,“ antwortete die Mutter,„man ſollte ſich hüten, den Löwen zu reizen. O meine Träume deuten nichts Gutes. Blut⸗ dunkle Ahnungen durchzucken ſeit einiger Zeit mein Innerſtes. Ich ahne, was in der tiefſten Bruſt mei⸗ nes Sohnes vorgeht. Man hat ſich an den heiligſten Rechten, die ihm gebühren, vergriffen. In ſeinem Innern tobt ein Vulkan. Ein Wort des Gewaltigen und Europa ſteht von Neuem in Flammen.“ „Mutter,“ rief erſchrocken die Prinzeß,„Du machſt mir bange.“ „Es kann die Zeit kommen,“ fuhr Lätitia wie im Prophetentone fort,„daß er mit ſeiner kleinen Hand zum dritten Male an Wiens Thore klopft und nach ſeinem Weibe und ſeinem Kinde verlangt. Dann wird man zu ſpät bereuen, dem Löwen ſein Junges entriſſen zu haben.“ 33 Der Kaiſer kehrte zu den Frauen zurück. Sein Antlitz war bleich, aber ſeine Haltung ruhig. „Schreiben Sie der Kaiſerin Marie Louiſe,„ſprach er,„daß man mir meinen Sohn ſchicke. Der Ge⸗ danke, ihn in Habsburg's Händen zu wiſſen, bringt mich um. Er iſt ein franzöſiſcher Prinz und Habs⸗ burg iſt Frankreichs Erbfeind. Ich habe das ſchönſte Reich der Welt dahin gegeben; ich habe das fun⸗ kelndſte Diadem verſchmerzt, aber mein Kind nicht. Mein Sohn iſt kein Kriegsgefangener. Warum hält ihn Oeſterreich zurück? Betrachtet man ihn als Geißel, den Vater um ſo ſicherer an ſeinen Felſen zu ketten? Thörichter Wahn! Sie wiſſen nicht, daß mein Vater⸗ ſchmerz mehr zu fürchten iſt, als je mein Ehrgeiz zu fürchten war.“ „Ich will an Murat und Eugen ſchreiben,“ rief bereitwillig die Prinzeß,„daß ſie all ihren Einfluß in Wien aufbieten zur Erfüllung Deines ſo gerechten Wunſches.“ „Nichts da,“ entſchied der Kaiſer finſter;„es iſt die Sache der Mutter, die Vaterrechte ihres Sohnes zu reclamiren.“ Der Großmarſchall des Palaſtes, General Ber⸗ trand, kam jetzt die Allee herauf, der Kaiſer trat ihm einige Schritte entgegen. „Ich muß den Lohn der Bergleute“ ſprach er zu Bertrand,„um ein Drittel herabſetzen. Es iſt mir ſchmerzlich, aber ich kann nicht anders. Meine Bauten koſten zu viel Geld und die Bourbonen zahlen keinen Pfennig. Sind Sie mit dem Herzog von Toskana in Unterhandlung getreten wegen des Artillerieparks?“ „Sire,“ erwiederte der Großmarſchall,„der Herzog hat die verlangte Summe bewilligt.“ „Wohlan,“ fuhr Napoleon fort,„ſo ſchließen Sie Stolle, ſämmtl. Schriften. RV. 3 3⁴ ab; ſorgen Sie, daß ich bald Geld bekomme. Auch mein Haus in Porto Ferrajo werde ich verkaufen.“ „O Sire!“ flehte Pauline,„das ſchöne Hotel, das Sie mit ſo viel Koſten erſt ſeit Kurzem erbauet haben!“ „Was hilft es,“ ſprach Napoleon,„zwingt man mich nicht dazu? Erfüllt die franzöſiſche Regierung ihre im Traktate von Fontainebleau eingegangenen Verpflichtungen? Werde ich mit den wenigen mir gebliebenen Getreuen nicht dem drückendſten Mangel Preis gegeben?“ „Sire,“ ſprach Bertrand,„der Obriſt Campbell hat deshalb eine ſehr energiſche Note an ſeine Regie⸗ rung erlaſſen.“ „Schlimm genug,“ erwiederte der Kaiſer mit Bit⸗ terkeit,„daß England interveniren muß, wenn ich nicht verhungern ſoll. Als ich ein großes Reich ab⸗ trat, verlangte ich Nichts, als einen mäßigen Jahr⸗ gehalt, um anſtändig leben zu können. Die vier größten Mächte eilten möglichſt, dieſem frugalen Ver⸗ langen entgegen zu kommen. Ich war Ihnen damals noch furchtbar. Ein Wort von mir und der Donner meiner Schlachten hallte von Neuem durch Frankreich. Jetzt glauben ſie mich gefeſſelt; ſie halten mich für einen todten Mann, dem man ſein Wort nicht mehr zu halten braucht. Was die Miniſter zweier Kaiſer, zweier Könige, im Namen dieſer ihrer Souveraine ſchriftlich garantirten, gilt ihnen nicht mehr, als ein Fetzen unnütz Papier.“ „Dieſelbe Sprache,“ fuhr der Großmarſchall fort, „hat Oberſt Campbell gegen ſeine Regierung geführt.“ „Campbell und wieder Campbell,“ erwiederte finſter Napoleon,„nenne mir dieſen Namen nicht. Wer iſt der Menſch? Was will er hier? Er ſoll ſich packen, oder ich laſſe ihn nächſter Tage auf ein Schiff ſetzen und an der engliſchen Küſte ausladen. Kann ich es nicht verhindern, daß ganz Europa ſeine Blicke nach Elba richtet, ſo mag ich doch keinen Spion in der Nähe leiden.“ „Ew. Majeſtät,“ ſprach Bertrand mit beſcheidener Ruhe,„urtheilen ſicher zu hart über dieſen Englän⸗ der, der ſich ſtets als Ehrenmann erwieſen hat.“ „Ehrenmann?“ unterbrach der Kaiſer mürriſch,„ein Ehrenmann übernimmt keine ſo zweideutige Stellung.“ „Ew. Majeſtät bitt' ich zu erwägen,“ fuhr Ber⸗ trand fort,„daß der Obriſt, dieſe zweideutige Stel⸗ lung erkennend, wiederholt bei ſeiner Regierung darauf angetragen hat, daß er entweder abberufen, oder ihm ein officieller Rang ertheilt werde. Auch ihm iſt ſeine Lage peinlich, und er ſucht daher jede Gelegen⸗ heit, ſeinen Aufenthalt auf Elba ſo viel als möglich abzukürzen. Es vergeht faſt keine Woche, wo er nicht nach Livorno überſchifft.“ Die Prinzeß Pauline erkundigte ſich jetzt bei dem Großmarſchall nach dem Schickſale des in voriger Nacht geſcheiterten Schiffes. „Die Mannſchaft,“ antwortete Bertrand,„iſt gänz⸗ lich gerettet. Das Schiff ſelbſt aber verſchwunden. Mehre dieſen Morgen am Strande aufgefundene Trüm⸗ mer laſſen ſchließen, daß es ein Raub der Wellen ge⸗ worden iſt.“ Der Kaiſer ſchien ſich bei der Frage ſeiner Schwe⸗ ſter eines Umſtandes zu erinnern. „Ein junger Sachſe,“ ſprach er endlich,„hat ſich durch ſeine thätige und muthige Hülfsleiſtung bei dem geſtrigen Schiffbruch ſehr verdient gemacht. Man ſprach mir bereits geſtern Abend davon. Ich habe den Braven auf heute zu mir beſtellt; warum kommt er nicht?“ 3* 36 „Der wackre Helfer in der Noth,“ erwiederte Ber⸗ trand,„wartet ſchon eine geraume Zeit in dem Sa⸗ lon de Service zu Porto Ferrajo.“ „Warum ſagte man mir nicht davon?“ ſprach un⸗ muthig Napoleon.„Ich würde ihn gern vorgelaſſen haben.“ entſchuldigte Bertrand,„Du befandeſt Dich ſchon auf dem Wege hierher.“ „Der junge Brave darf nicht länger warten,“ ſprach der Kaiſer.„Entſchuldigt, meine Freundinnen, wenn ich ſo ſchnell zurückkehre. Adieu, Mutter und Schweſter.“ Alsbald ſah man Napoleon wieder zu Roß, wie er in ziemlich ſchnellem Trabe nach Porto Ferrajo zurückkehrte. Drittes Rapitel. Ergen ſaß auf dem Altane vor ſeiner Wohnung, die nach einem blühenden und duftenden Garten hinaus⸗ ging und erfreute ſich der reichen Blumenpracht und des reinen ſtillen Himmels, der ſich mit aller der lieblichen und erquicklichen Bläue der ſüdlichen Zone über ſeinem Haupte dahin zog, als die Glasthüre klirrte und Ruffus auf den Altan trat. Eugen ſprang auf und eilte dem Freunde entgegen. „Nun,“ frug er erwartungsvoll,„wie iſt die Au⸗ dienz abgelaufen, Anſtellung erhalten?“ „Nach beſtem Wunſche,“ antwortete Ruffus und ſeine Blicke leuchteten begeiſtert,„der Kaiſer hat ſich 37 auf das Freundſchaftlichſte mit mir unterhalten. Ich mußte ihm von dem gegenwärtigen Zuſtande Sachſens erzählen. Er erkundigte ſich nach den geringfügigſten Umſtänden. Ich habe nun auch jenes hochberühmte bezaubernde Lächeln des großen Mannes kennen ge⸗ lernt und bin auch bezaubert davon. Er ſoll mein Blut und Leben verlangen, ein Wink, und ich bringe ihm beides mit Freuden dar. Und das will bei mir Etwas ſagen. Du weißt, ich gehöre gerade nicht zu den Enthuſiaſten.“ „Und die Anſtellung?“ frug Eugen weiter. „Ich bin ſo eine Art kaiſerlicher Voyageur ge⸗ worden,“ antwortete der Gefragte.„Ich ſoll meine Reiſe durch Frankreich, die Schweiz, Italien wieder⸗ holen und ihm fortwährend brieflich von dem Zuſtande dieſer Länder genauen Bericht erſtatten.“ „Das iſt mir nicht lieb,“ ſprach Eugen traurig, „ich hoffte, Du würdeſt nun hier bleiben und mit mir und den Freunden des Kaiſers ein recht vernünf⸗ tiges Leben führen.“ „Aller ſechs Wochen,“ tröſtete Ruffus,„kehr ich zurück, wo ich dann eine Zeit lang auf Elba ver⸗ weile und dem Kaiſer über ſolche Angelegenheiten berichte, deren Beſprechung ſich nicht zur ſchriftlichen Unterredung eignet.“ Wieder klirrte die Glasthüre und Onkel Camille ſteckte den Kopf hervor. Als er ſeinen Neffen erblickte, humpelte er vollends heraus auf den Balcon und nahm ſogleich auf dem Stuhle Platz, welchen ihm Eugen entgegen brachte. „Wir bekommen wieder Sturm,“ hub der alte Krieger an,„ich fühl's in meinem Bein, das bei Krasnow liegt. Es iſt das probat'ſte Wetterglas.“ Eugen ergriff jetzt Gelegenheit, Ruffus mit ſeinem 38 Oheim bekannt zu machen. Als dieſer vernahm, daß Ruffus ziemlich lange Audienz bei dem Kaiſer gehabt, ward er um vieles freundlicher. „Hat mich dieſe Tage auch beſucht, Seine Maje⸗ ſtät,“ ſprach er zutraulich. „Wir haben,“ fuhr er fort,„ſcharmant mit ein⸗ ander discurirt. Mein Gütchen, das mich ſchweres Geld koſtet, lobte er ſehr, und war ſo gnädig, mir einige Ideen zur Verbeſſerung des Grundſtückes mit⸗ zutheilen.“ Als der Obriſt erfuhr, daß Ruffus auch Frank⸗ reich durchreiſt, erkundigte er ſich genau nach dem Zu⸗ ſtande deſſelben. Eugen, welcher die rege Theilnahme bemerkte, die ſein Onkel für das Heimathland an den Tag legte, frug, ob der Herr Obriſt vielleicht Heim⸗ weh empfinde? „Soll mich der Himmel bewahren vor dieſem Lande,“ brach der Gefragte los.„Wie ich da ſo eben vernehme, ſteht's noch ſchlimmer als in den er⸗ ſten Regierungsmonaten der lieblichen Bourbone. Nein, wir Elbaneſen haben fürwahr keine Urſache zum Heimweh, wohl aber laborirt Frankreich am Heim⸗ weh nach Elba und mit Recht. Es iſt nicht möglich, daß dieſer Zuſtand länger dauern kann. Die Fran⸗ zoſen wären nicht werth, in ihrem ſchönen Lande von der Sonne beſchienen zu werden, wenn ſie daſſelbe wieder den raubgierigen Händen der Ariſtokraten und heuchleriſchen Cleriker zurückgeben wollten. „Wie ſteht's,“ wandte er ſich wieder zu Ruffus, „Sie haben Seine Majeſtät geſprochen, hat er denn gar keine Luſt zu einer Spazierfahrt nach Frankreichs Küſten, um unter dem Jubel von dreißig Millionen ſich ſeine Krone wieder aufzuſetzen?“ 39 „Bevor ihn nicht die Nothwendigkeit dazu treibt.“ antwortete Ruffus,„wohl ſchwerlich.“ „Nothwendigkeit,“ frug verdrießlich Camille,„was bedarf's der Nothwendigkeit, wo die Pflicht gebietet! Ich hätte gern die Paar Tage,“ fuhr er fort,„noch auf Elba in Ruhe gelebt und wäre darauf freudig in dem Anſchauen des großen Kaiſerbildes geſtorben. Aber ich erlebe es, daß wir auf Elba nicht alt wer⸗ den. Die Bourbonen und der hohe Congreß, der, trotz dem, daß er mehr tanzt als geht, nicht vor⸗ wärts kommt und es zu nichts bringt, fängt es dar⸗ nach an. Haben Sie nichts von dem teufliſchen Plane gehört, daß man beabſichtiget, den Kaiſer nach Sanct Helena oder Sanct Luzie zu bringen, weil man ein böſes Gewiſſen hat und den gefeſſelten Pro⸗ metheus ſelbſt auf Elba noch fürchtet?“ „Allerdings,“ antwortete Ruffus,„hab' ich von dieſem Gerüchte gehört. Die Idee wegen St. He⸗ lena ſoll zuerſt in dem Kopfe des rothen Herzogs von Wellington aufgeſtiegen ſein, welcher ſich außer⸗ dem eben keines ſonderlich reichen Ideenfonds zu er⸗ freuen hat. Ich glaube Talleyrand iſt der Autorz dieſer Vorſchlag ſieht ihm ähnlich und der gute Wel⸗ lington gibt ſeinen ehrlichen Namen dazu. So reicht man ſich brüderlich die Hände. Der weiſe Herzog bedenkt nicht, daß er ſich durch ſolche verbrecheriſche Maßregel den Haß von Europa auf den Leib zieht. Aber noch iſt das Gerücht unverbürgt.“ „Uebrigens ſoll ſie nur kommeu,“ rief voller Eifer und Zorn der Obriſt,„dieſe ſogenannte heilige Allianz, und ſich an der Perſon des Kaiſers vergreifen; wir machen alsdann aus Elba ein zweites Troja und halten uns Jahre lang. Munitivn haben wir die Hülle und die Fülle, an Waffen fehlt es, Gott ſei 40 Dank, auch nicht, und dann ſind wir Alle bereit, für unſern Kaiſer und Herrn zu ſterben. Müßten wir endlich doch der Uebermacht weichen, wohlan, ſo ſpren⸗ gen wir Porto Ferrajo in die Luft und die verbre⸗ cheriſchen Sieger ſollen nur Trümmer und Leichname finden. „Es iſt jammervoll, wie man mit dem Kaiſer um⸗ geht,“ hub der Obriſt nach einiger Zeit wieder an. „Ich weiß es aus Bertrand's Munde, wie tief es ihn geſchmerzt hat, ſeiner getreuen alten Garde, die in hundert Schlachten für Frankreich gekämpft und ge⸗ blutet, auf ihre alten Tage den Sold ſchmälern zu müſſen. Ich bin daher gekommen, dem gekränkten großen Manne die Hälfte meines Vermögens anzu⸗ bieten. Wenn mein Kaiſer ſich einſchränken muß, warum ſoll ich's nicht. So viel ich für die Paar Jahre meines Lebens noch brauche, bleibt mir. Nun iſt meine Hauptſorge, auf welche geſchickte Art ich es dem Kaiſer anbiete, damit ſei hoher Sinn nicht ver⸗ letzt wird. Ich glaube daher, es iſt das Klügſte, wenn ich mich hinter Dich ſtecke, Eugen. Du biſt täglich in ſeiner Nähe und findeſt gewiß Gelegenheit, in einem günſtigen Augenblicke dem Kaiſer die unbe⸗ deutende Gabe annehmbar zu machen. Ich baue ganz auf Deine Geſchicklichkeit. Du wirſt dieſe Sache ver⸗ ſtändig einzuleiten und zu einem erwünſchten Reſultate zu bringen wiſſen. Ich bin überglücklich, wenn er von dem Wenigen Gebrauch macht und ſeine Sorgen auch nur um ein Kleines vermindert.“ Eugen verſprach mit Hand und Mund, ſich dieſes ſeltenen Geſchäfts mit allem Eifer zu unterziehen. Ruffus belobte den Obriſt für die wahrhaft großher⸗ zige Theilnahme. Er hatte den alten Krieger gleich beim erſten Anblick von ganzem Herzen lieb gewon⸗ 41 nen. Die drei Freunde ſaßen noch lange Zeit in vertrautem Geſpräch bei einander. viertes Rapitel. d —er Winter war gekommen. Henriette, Valerie und ihre Mutter hatten ſchon lange Zeit das freundliche Chateauneuf verlaſſen und waren wieder in die Stadt gezogen. Unfreundlich wehte der Novemberwind durch die großen Häuſermaſſen von Paris und hier und da zitterten die erſten Schneeflocken durch die rauhe Luft. Aber wie kalt und unheimlich es außen, um ſo freundlicher und behaglicher war das Leben in der wohlerwärmten Stube, in welcher ſich Valerie und Henriette befanden. Die Mädchen waren beide mit feiner weiblicher Arbeit beſchäftigt. Da das liebe Weihnacht⸗ und Neujahrsfeſt, wo Mancher mit niedlichen Stickereien zu bedenken war, nicht mehr zu fern ſtand, ſo hatten die beiden jungen Schönen wirklich alle Hände voll zu thun. Ihre zuweilen einförmige Arbeit ward aber auf intereſſante Art durch die Gegenwart eines jungen Mannes gewürzt, welcher es ſich zu großem Vergnü⸗ gen machte, den beiden Mächten kleine, anziehende Novellen und Erzählungen der neuerh beſſern Belle⸗ triſten vorzuleſen. Man erkannte alsbald an der Ausſprache des Vor⸗ leſers, daß dieſer kein Sohn Frankreichs, ſondern unter einem andern Himmel geboren war. Er hatte das Franzöſiſche nach der Grammatik gelernt, und erſt durch lange Uebung und häufigen Umgang mit ge⸗ bornen Franzoſen es dahin gebracht, ſich eine geläu⸗ fige Umgangsſprache anzueignen; wiewohl das Fremd⸗ ländiſche, namentlich für das fein gebildete Pariſer Ohr, leicht hindurch blickte. Jedoch weit entfernk, daß dieſer Mangel dem jungen, ſchönen Vorleſer bei den Damen zum Nachtheil gereicht hätte, erhöhte er im Gegentheil, wie alles Ungewohnte und Ausländiſche, das Intereſſe der Zuhörerinnen. Schon ſeit einiger Zeit hatte ſich Henriette von Volerien und ihrer Mutter kleiner Neckereien wegen des jungen Mannes gefallen laſſen müſſen, und wohl auch nicht mit Unrecht; denn der Fremdling, erſt ſeit Kurzem im Normand'ſchen Hauſe eingeführt, zeichnete die Tochter des Banquiers bei jeder Gelegenheit und auf eine Art aus, daß die Gefühle ſeines Innerſten ſich nur zu ſehr verriethen. Auch ſchienen Henrietten dieſe liebenswürdigen Huldigungen keineswegs unangenehm, im Gegentheil fühlte ihr Herz, das ſo viel gelitten und in welchem ſeit des Grafen Brienne's Treubruch eine tödtende Oede eingezogen war, ſich wohlthuend berührt. Der Banquier Normand ſchien dieſe entſtehende gegenſeitige Neigung der beiden jungen Leute gleichfalls nicht un⸗ gern zu ſehen. Erſtens war, wenn Herr von Zaren⸗ gow, ſo hieß der junge Mann, ernſtliche Abſichten auf ſeine Tochter hatte, dieſe Partie gar nicht unglän⸗ zend; denn Zarengow war aus ſehr gutem Hauſe, vermögend und Attachs bei der ruſſiſchen Geſandtſchaft. Die glänzendſte Carriere war ihm geöffnet; und zwei⸗ tens iſt für ein Mädchen, das wie Henriette, von einem Elenden hintesgangen ward, nichts wünſchens⸗ —— — — 13 werther, als wenn das verwundete Herz bald den glücklichen Arzt findet, dem die Heilung beſſer ge⸗ lingt, als allen Troſtgründen und Stoßſeufzern der tröſtenden Verwandten und Freunde. Das Einzige, was in dem Verhältniß zwiſchen Zarengow und Henrietten als ſtörend hätte betrachtet werden können, war, daß Zarengow nicht nur kein Franzoſe, ſondern ganz am Ende des europäiſchen Rußlands geboren war, wiewohl man dem fein ge⸗ bildeten Mann ein nordiſches Barbarenthum keines⸗ wegs anſah. Da ein zärtliches Herz weit unparteiiſcher zu Werke geht, als der klügelnde Verſtand, ſo hatten die beiden jungen Leute an die Entfernung ihres bei⸗ derſeitigen Geburtsortes wirklich nicht gedacht; nur Normand machte ſich zuweilen Grillen darüber. In⸗ deß verhoffte er, da der Frieden zwiſchen Rußland und Frankreich wiederhergeſtellt, daß auch das Vor⸗ urtheil und die Antipathie ſeiner Landsleute gegen die Bewohner des Nordens immermehr ſchwinden werde, zumal die Perſönlichkeit des Kaiſers von Ruß⸗ land ſelbſt in Paris einen ſo guten Eindruck zurück⸗ gelaſſen hatte. Eugen, als er auf ſeinem Elba von dem neuen Verhältniß Kunde erhalten, war weit entfernt, auf ſeiner frühern einſeitigen Anſicht zu beharren. Hatte er nicht ſelbſt gegen ſein früher aufgeſtelltes und mit vielem Pathos vertheidigtes Syſtem geſündigt, indem er ſich in ein deutſches Mädchen ſterblich verliebte? Eugen alſo hatte nicht das Geringſte gegen dieſe Liaiſon einzuwenden und wünſchte vielmehr den jun⸗ gen Leutchen von Herzen Glück. Ein Andres war es aber mit dem Onkel Ca⸗ mille. Als dieſer von dem Verhältniſſe Henrietten s 1⁴ mit einem Ruſſen hörte, gerieth er in Feuer und Flammen. Er hatte, obſchon kein Freund vom Brief⸗ ſchreiben, in ganz kurzer Zeit bereits drei wahre Brandbriefe an ſeinen Bruder und zwei an Henriet⸗ ten geſchrieben, worin viel von„nordiſchen Barbaren,“ der„Ehre Frankreichs,“ einem„gewiſſenloſen Vater“ und einer„verwahrloſten Tochter“ die Rede war. Valerie freute ſich innig, daß ihre Freundin end⸗ lich den Schmerz über Brienne bekämpft und in der Zärtlichkeit des jungen, liebenswürdigen Nordländers ſo überreichen Erſatz für den erlittenen Verluſt er⸗ halten hatte. Gleichwohl war es ihr unbegreiflich, wenn ſie ihrer Liebe zu Eugen gedachte, wie Hen⸗ riette in ſo kurzer Zeit an einem andern Manne wieder habe Gefallen finden können. Sie geſtand ſich offen, daß wenn Eugen untreu würde, ihr Herz für immer gebrochen ſei. Zarengow hatte ſo eben eine höchſt anſprechende Erzählung beendet, Valerie und Henriette waren noch ganz ergriffen davon, als die Thüre aufging und ein Diener die neueſten Journale überbrachte. Der junge Mann fiel ſogleich mit Haſt darüber her. „Daß Gott!“ ſeufzte Valerie mit komiſcher Trauer, „nun geht's über die Politik und unſer guter Er⸗ zähler hat Ruhe. Das niedliche Bändchen liegt auch ſchon zugeſchlagen ganz in der Ecke. Ich hoffte noch auf eine hübſche Novelle. Wer nur die abſcheulichen Zeitungen erdacht hat.“ „Unbeſorgt, mein Fräulein,“ antwortete der Jüng⸗ ling mit ſchlauem Lächeln,„ich ſuche ſo eben nach dem Artikel„Elba.“ Valerie erröthete leis und frug, als habe ſie nichts gehört, vb keine Modezeitungen nebſt Kupfern in dem gewaltigen Pakete ſtäken? . 15 „Nichts als Politik,“ erwiederte Zarengow;„nun wo ſteckt Elba,“ fuhr er fort und ſeine Blicke irrten in den großen Columnen umher.„Aha hier. Jetzt hübſch aufgepaßt, meine Damen. Das iſt eben ſo intereſſant, wie die ſchönſte Novelle.“ Er las: „Elba den zwölften November. „Seine Majeſtät, der Kaiſer Napoleon befinden ſich im erwünſchteſten Wohlſein. Desgleichen ihre kaiſer⸗ lichen Hoheiten, Madame Lätitia und die Fürſtin Pauline, welche ſich noch immer zu Beſuch auf der Inſel befinden. Trotz der rauhen Witterung iſt der Andrang von Fremden aller Länder, welche den Kai⸗ ſer Napoleon zu ſehen wünſchen, immer noch ſehr groß. Aufnahmen in die Armee finden wegen der oft doppelten Beſetzung von Officierſtellen gar nicht mehr ſtatt.“ Hier hielt der Vorleſer plötzlich inne. Henriette blickte fragend auf. „Nun immer weiter,“ ſprach ſie,„wir ſind ganz Ohr. Plötzlich bemerkte Henriette, wie eine hohe Freude des Geliebten Antlitz verklärte. „Was giebt's denn, was giebt's denn?“ frug ſie mit freudiger Haſt.„Zarengow, quälen Sie uns doch nicht; Sie ſehen ja, wie Valerie vor Neugier halb außer ſich iſt.“ „Ich glaube gar,“ widerſprach Valerie, aber es war ihr nicht ſo um's Herz, wie ſie ſagte. Zarengow erhob ſich jetzt mit freudeſtrahlendem Geſicht und ſtellte ſich vor den Stickrahmen, an wel⸗ chem Valerie ſaß. „Mein gutes, liebes, ſchönes Fräulein,“ begann er in halb freudigem, halb drolligem Tone,„jetzt 16 beſchwöre ich Sie, Nadel und Seide einmal bei Seite zu ſtecken und ſo andächtig zuzuhören, als ſäßen Sie in Notredame.“ Valerie wußte nicht, was ſie erwiedern ſollte und blickte ſcheu und ängſtlich geſpannt zu Zarengow auf. Dieſer las weiter: „Dieſe Tage haben auch wieder Avancements ſtatt⸗ gefunden. Der wegen ſeiner in den letzten zwei Feld⸗ zügen 1813 und 14 bewieſenen Tapferkeit hier eben ſo bekannte, als wegen ſeines vortrefflichen Charak⸗ ters allgemein verehrte, bei Seiner Majeſtät dem Kai⸗ ſer in hoher Gunſt ſtehende zeitherige Ordonnanzoffi⸗ cier Eugen Normand aus Paris iſt in Betracht ſei⸗ ner zahlreichen Verdienſte mit Uebergehung mehrer Grade zum Obriſtlieutenant avancirt. Desgleichen ſein tapferer Onkel, der zeither penſionirt geweſene Obriſt Camille Normand zum General in der kaiſer⸗ lichen Suite ernannt worden.“ Valerien war bei der Anerkennung und dem Lobe des Geliebten vor Freude alles Blut in die Wangen geſtiegen. Sie beugte ihr glichendes Geſichtchen über die Stickerei und erwiederte kein Wort. Henriette aber war aufgeſprungen, klatſchte in die Hände und umarmte mit ſchweſterlicher Liebe die Freundin. „Sieh, mein Kindchen,“ ſprach ſie ſchelmiſch, „während Du hier wie ein Bienchen über dem Sou⸗ venir für den Ordonnanzofficier ſitzeſt, avancirt der über alle Berge, daß man kaum nachkommen kann. Aber Du avancirſt mit. „Den guten Onkel möcht' ich ſehen, den Camille,“ fuhr ſie fröhlich fort,„den hat wirklich ſein guter Stern nach Elba geführt. Hier in Paris wär er ganz vergeſſen worden und an den General war gleich 47 gar nicht zu gedenken. Nun haben wir wieder alle Hände voll zu thun. Wir müſſen doch gratuliren.“ Zarengow wiederholte nochmals das gedruckte Lob Eugen's und Camille's. „Sehen Sie,“ ſprach er zu Valerien, indem er ihr das Zeitungsblatt hinlegte;„hier können Sie ſich mit Ihren eignen ſchönen Augen von der Wahrheit überzeugen. Da ſteht es ſchwarz auf weiß.“ Henriette ergriff ſchnell das Blatt. „Das muß ich dem Vater vorzeigen,“ ſprach ſie, „der wird ſich ſehr freuen.“ Mit dieſen Worten ſchlüpfte ſie aus dem Zimmer. „Nun wird uns hoffentlich der neue Obriſtlieute⸗ nant bald einmal beſuchen,“ ſprach Zarengow.„Viel⸗ leicht kommt er als heiliger Chriſt.“ „Ach,“ erwiederte Valerie traurig,„da hab ich alle Hoffnung aufgegeben. Wie oft hat er verſpro⸗ chen zu kommen und nicht Wort gehalten.“ „Was lange währt wird gut,“ tröſtete der junge Mann. Henriette kehrte jetzt mit dem Banquier in das Zimmer zurück. Letztrer war ſehr erfreut über die Nachrichten von Elba. „Ich wünſchte nur,“ ſprach er,„der Kaiſer com⸗ mandirte noch fünfmalhunderttauſend Mann, der Eu⸗ gen könnte es zu etwas bringen.“ Zarengow, der obgleich ein Ruſſe, doch ein gro⸗ ßer Verehrer Napoleon's war, geſtand offen, daß er eine Lieutenantsſtelle auf Elba, wo ein Napoleon commandire, einer Obriſtenſtelle unter den Bourbonen vorziehe. Der Banquier, nachdem er nochmals das Zeitungs⸗ blatt überleſen und ſich von der Richtigkeit des Avance⸗ 48 ments ſeiner Familie überzeugt hatte, faltete ſorgfäl⸗ tig das Papier zuſammen und ſteckte es in die Taſche. Er ging hierauf mehrmals im Zimmer auf und ab und ſchien noch Etwas auf dem Herzen zu haben. Endlich blieb er vor den Mädchen ſtehen. „Freud will Leid, Leid will Freude haben,“ ſprach er,„ich kann Euch die betrübende Nachricht nicht länger verhehlen, daß es mit dem Prozeſſe un⸗ ſers armen Barbanegre ſehr ſchlimm ſteht. Falls er ja ſo glücklich iſt, mit dem Leben davon zu kommen, kann er doch der lebenslänglichen Galeere nicht ent⸗ gehen.“ Henriette und Valerie ſchraken bei dieſer Nach⸗ richt ſichtbar zuſammen. In den Augen der Letzteren glänzte eine Thräne. „Der arme, alte Mann!“ klagte Henriette,„gu⸗ ter Vater, kannſt Du denn gar nichts für ihn thun?“ „Daran iſt nicht zu denken,“ antnprtete Nor⸗ mand,„ich muß froh ſein, daß wir ſelbſt ſo glücklich davon gekommen find. Durch das allerdings höchſt unfinnige Benehmen des alten Bären waren wir alle bedeutend compromittirt. Es hat mir Mühe gekoſtet, uns rein zu waſchen; für den Barbanegre kann ich daher gar Nichts thun. Jeder Schritt von meiner Seite würde vergeblich, ja gar gefährlich ſein. Der Alte dauert mich, aber er hat ſein trauriges Geſchick auch wahrhaft mit den Haaren herbeigezogen.“ „Wir wollen doch nach Elba an den Kaiſer ſchreiben,“ gab Valerie in ihrer Unſchuld den guten Rath,„vielleicht daß er zur Rettung ſeines alten Tapfern anf diplomatiſchem Wege Etwas beitragen kann. Der alte Mann hat ſich ja lediglich aus Liebe zu Napoleon in's Unglück geſtürzt.“ 49 Normand und Zarengow konnten ſich bei dieſem wohlgemeinten Rathe eines Lächelns nicht enthalten. Sie ſchüttelten aber Beide den Kopf und gaben zu verſtehen, daß die Macht des Kaiſers Napoleon nicht ſo weit reiche, Criminalprozeſſe rückgängig zu machen. Auch Henriette fand dies wahrſcheinlich und be⸗ lehrte die Freundin, daß, wo die Geſetze einmal Recht geſprochen hätten, das Urtheil ſelbſt vom eigenen Landesvater nicht umgeſtoßen werden könnte. „Der König,“ ſprach Normand,„hat allerdings das Recht der Gnade und kann ein geſprochenes Ur⸗ theil mildern oder vielleicht gar eaſſiren, aber Bar⸗ banegre, als enthufiaſtiſcher Napoleoniſt, hat von den Bourbonen ſicher keine Gnade oder Milderung ſeines harten Geſchickes zu erwarten.“ Valerie zerſann fortwährend ihr Köpfchen, wie dem alten Grenadier zu helfen ſei. „Wie wäre es denn,“ frug ſie endlich,„wenn wir dem Kaiſer die Galeere bezeichneten, worauf der arme Barbanegre mit rudern ſoll? Da kann jener ja ein größeres Schiff abſchicken, welches die Galeere erobert und ſo den Gefangenen losmacht.“ „Das ginge nur im Kriege an,“ erwiederte Nor⸗ mand,„wo die Schiffe auf dem Meere mit einander Krieg führen, wie die Armeen auf dem Lande. Jetzt aber iſt Friede.“ „Armer, armer Barbanegre!“ ſeufzte Valerie, und verſank, als ſie nirgends eine Rettung erblickte, in tiefe Betrübniß. „Er iſt nicht der Einzige der ehemaligen kaiſer⸗ lichen Armee,“ fuhr Normand fort, welchen dieſes harte Schickſal trifft; die in mehren Departements unterdrückten Emeuten gingen faſt ſämmtlich von alten kaiſerlichen Soldaten aus, und außer Barbanegre Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 50 dürfte noch eine große Anzahl ſeiner Kameraden zur Galeere verurtheilt werden.“ „Ich wünſchte,“ ſprach Valerie,„es würden gleich ein Paar vollſtändige Regimenter alte Garde auf die Galeere geſchickt, die würden ſchon zuſammenhalten, ſich alsdann frei machen und zum Kaiſer übergehen.“ Man ſprach noch dies und jenes über das Un⸗ glück des alten Grenadiers. Valerie brachte noch einige Rathſchläge zu ſeiner Rettung zum Vorſchein; doch zeigten ſie ſich alsbald, wie die früheren, unaus⸗ führbar. Motto: Die Garde ſtirbt, doch ſie ergiebt ſich nicht. Erſtes Rapitel. „Bueas,“ ſprach König Ludwig der Achtzehnte, in⸗ dem er ſich eine Priſe nahm,„wie ſieht es aus in meinem Reiche?“ „Sire,“ erwiederte der Miniſter des königlichen Hauſes, indem er ſich tief verbeugte,„in Deinem Reiche iſt Alles wohlbeſtellt. Deine weiſen Maßregeln der Strenge haben beſtens angeſchlagen. Seit wir eine kleine Flotte mit jener übermüthigen Soldateska des Corſen bemannt haben, welche den offnen Aufruhr predigten, ſeit dieſes verworfene Volk mit den Ru⸗ dern die Wellen peitſchet anſtatt im Palais Royal Deiner königlichen Würde Hohn zu ſprechen, ſeit die Gefängniſſe mit jenen unzufriedenen und vorlauten Schreiern angefüllt ſind, iſt Ruhe. Wir haben das Uebel in der Wurzel getödtet und alle brave und loyale Bürger freuen ſich darüber und preiſen laut Deine ſtrenge aber gerechte Politik, mein königlicher Herr.“ „Nur ungern hab' ich zu dem ſtrengen Verfahren meine Zuſtimmung gegeben,“ ſprach der König,„aber es ging nicht anders.“ „Auch die Gottesfurcht,“ fuhr der Miniſter belo⸗ bend und tröſtend fort,„bemächtigt ſich wieder der 5⁴ Gemüther. Die frommen Diener des Herrn ſind wahrhaft unermüdlich. Das Volk beginnt endlich wieder einzuſehen, daß nur dann Frieden und Ruhe im Lande bleiben kann, wenn es ſich jener ruchloſen und zerſtörenden Principien entäußert, die durch die gottloſe Revolution im Lande ſo überhand genommen hatten; es lernt begreifen, daß der Adel die wahre Stütze des Thrones iſt, und daß man ihn deshalb ſeiner angeerbten Vorrechte nicht berauben darf, weil er ſonſt dem Volke gleich geſtellt würde.“ „Was macht denn der Bonaparte auf Elba?“ frug Ludwig weiter. „Er ſchreit ſeine ohnmächtige Wuth den Wellen zu, mein königlicher Herr,“ erwiederte Blacas.„Da ſein verſtocktes Gemüth von keiner Religion etwas weiß, welche, wie wir Alle erfahren haben, im Un⸗ glück ſo wunderthätig Balſam auf die Wunden träu⸗ felt, ſo überläßt er ſich der Verzweiflung, hadert mit Gott und Vorſehung und büßt alſo ſchon hienieden für das große Unglück, das er über die Menſchheit gebracht hat.“ „Denkt man wohl in Frankreich noch an ihn?“ fuhr der König fort. „Man denkt wohl noch an den Tyrannen,“ er⸗ wiederte der Miniſter,„aber nie, ohne in Verwün⸗ ſchungen gegen den Mörder ſo vieler Millionen aus⸗ zubrechen, ohne Bitten für Dein Wohl, mein königli⸗ cher Herr, zum Himmel zu ſenden.“ 5 „Dein Bericht, Blacas,“ ſprach Ludwig,„freut mich, ich werde gut ſchlafen darnach; auch die Cote⸗ lettes waren heut wider Erwarten gerathen. Ich fühle nicht die geringſte Beſchwerlichkeit. Gute Nacht, Blacas.“ „Möge der Himmel ununterbrochen das Füllhorn 55 ſeines Segens über das geheiligte Haupt meines hohen königlichen Herrn ausſchütten!“ antwortete der Miniſter voller Salbung und mit tiefer Verbeugung. Er ſprach's und wollte ſich entfernen, als zur un⸗ gewohnten Stunde der Oberceremonienmeiſter in das königliche Zimmer trat. „Der Director der Telegraphen,“ ſprach er,„bit⸗ tet um einen Augenblick Audienz bei Ew. Majeſtät.“ „Iſt zu ſpät für heute,“ antwortete der König, „auf morgen.“ „Der Director der Telegraphen,“ bemerkte der Oberceremonienmeiſter ſchüchtern,„behauptet, ſeine Nachricht ſei von außerordentlicher Wichtigkeit für Ew. Majeſtät.“ „Einbildung!“ entgegnete Ludwig ziemlich unge⸗ halten,„ich will aber Ruhe für dieſe Nacht.“. „Machen Sie,“ ſprach Blacas zum Ceremonien⸗ meiſter,„den Director auf das unverantwortliche Be⸗ nehmen aufmerkſam, Seine Majeſtät zu ſo ungewohn⸗ ter Stunde zu beläſtigen. Der Mann ſoll morgen wiederkommen. Mein hoher, königlicher Herr, Dei⸗ nem geheiligten Haupte die ſanfteſte Nacht.“ Kaum hatte der Miniſter dieſe Worte geſprochen, als die Herzogin von Angouleme unangemeldet und in großer Aufregung in's Zimmer trat. „Sire, auf, auf, zu den Waffen,“ rief die kühne Tochter Ludwig des Sechszehnten,„Sturmglocken ge⸗ läutet durch's ganze Land! Der Corſe iſt in Frank⸗ reich gelandet,“ „Aber ich begreife nicht, Dauphine,“ erwiederte ruhig Ludwig der Achtzehnte,„wozu dieſen Lärm. Blacas mag den betreffenden Präfecten benachrichtigen, daß er den Abenteurer verhaften läßt.“ 56 „Hoffentlich,“ tröſtete der Miniſter,„iſt dies ſchon vom erſten beſten Dorfmaire geſchehen.“ „Sire,“ ſprach die Angoulème noch immer in großer Aufregung,„ich habe bereits die Prinzen al⸗ larmirt, ſie werden ſogleich hier ſein. Sie müſſen augenblicklich nach dem Süden aufbrechen, um die Be⸗ wohner durch ihren Anblick für die königliche Sache zu gewinnen. Ich eile nach meiner guten Stadt Bordeaux.“ „Aber, Herzogin,“ erwiederte verdrießlich der König, „Du biſt wirklich zu enragirt, Deine Phantaſie ent⸗ behrt der wohlthätigen Feſſeln des nüchternen Ver⸗ ſtandes, ſie ſchweift aus und erblickt überall Schreck⸗ bilder. Pourquoi tant de bruit pour une omelette!“ Der Herzog von Berry trat jetzt in's Zimmer. Auf ſeinem Geſicht war unverholener Verdruß zu le⸗ ſen. Der Bote der Herzogin hatte ihn gerade bei einem téte à téte mit der ſchönen Tänzerin Virginie getroffen. „Dem Himmel ſei Dank,“ begann der Herzog, als er den König geſund und wohl auf dem Roll⸗ ſtuhle ſitzen ſah,„Ew. Majeſtät iſt kein Unglück wi⸗ derfahren. Nach dem dringenden Boten der Herzogin mußte ich das Schrecklichſte befürchten.“ „Es iſt ſchrecklich,“ ſprach der Dauphin,„ſchreck⸗ lich für uns Alle, der corſiſche Tyrann iſt in Frank⸗ reich gelandet.“ Der Herzog von Berry war bei dieſer Nachricht wie aus den Wolken gefallen. „Und weiter Nichts?“ frug der Enttäuſchte,„Gott ſei Dank, ich glaubte, es ſei ein Unglück paſſirt. Dieſe Bagatelle hätten wir übrigens morgen noch zeitig genug erfahren.“ 57 Der Herzog von Angoulème trat jetzt gleichfalls in's Zimmer. „Mein Gott, Gemahlin, welch' außerordentliche Erſcheinung,“ frug er,„ich ſaß über meinem Abend⸗ ſegen, als mich Dein Bote aus dem ſtillen Reiche der Andacht unbarmherzig emporriß. Was iſt paſſirt?“ „Der Corſe hat einen Abſtecher nach Frankreich gemacht,“ belehrte der Herzog von Berry mit ärger⸗ lichem Lachen;„darum der ganze Lärm.“ „Und dieſes Böſewichts wegen,“ fuhr Angouléme mit Entſetzen fort,„mußte ich mein Gebet im Stiche laſſen, meine fromme Unterredung mit dem Himmel unterbrechen? Gott, Gott, Gemahlin, wie konnteſt Du mir das thun!“ Die Herzogin war bei dieſen Reden in halber Verzweiflung ans Fenſter getreten und ſtarrte in die Nacht hinaus. Plötzlich trat ſie wieder hervor, eilte auf den König zu und kniete vor ihm nieder. „Sire,“ rief ſie in ergreifendem Tone,„ſchicke Berrv nach Lyon, bevor es zu ſpät iſt. Während Deine Prinzen hier ungläubig und unſchlüſſig daſte⸗ hen, eilt Er auf Sturmesflügeln gen Paris.“ „Oho,“ brummte Ludwig. „Befrage ſelbſt den Telegraphen,“ fuhr die Dau⸗ phine beſchwörend fort,„und überzeuge Dich, daß jeder Augenblick Verzögerung Gefahr bringt.“ „Ach, das war alſo die wichtige Neuigkeit des Telegraphendirectors,“ frug der König,„iſt er noch zugegen?“ „Er wartet auf die Befehle Ew. Majeſtät,“ er⸗ wiederte der Oberceremonienmeiſter. „Da ſoll er hereinkommen,“ ſprach Ludwig. Der Director der Telegraphen ward eingeführt. „Sire, nach den neueſten Nachrichten,“ ſprach die⸗ 58 ſer,„hat Bonaparte bereits einen Weg von ſechszig Stunden landeinwärts zurückgelegt. Er nähert ſich mit ſtarken Schritten Deiner Stadt Grenoble.“ „Sechszig Stunden,“ frug der Herzog von Berry in zornigem Tone,„und man hat den Elenden nicht arretirt? Majeſtät, gieb Befehl, daß man die ſämmt⸗ lichen Mairs der dortigen Gegend auf die Galeere ſchickt. Die Präfecten verdienen erſchoſſen zu werden.“ „Die Fortſchritte der Böſen,“ ſeufzte Angoulème, „ſind reißender als die der Guten, führen aber, Gott ſei Dank, um ſo eher zum Abgrunde.“ „Meine Freunde,“ ſprach König Ludwig,„ſo lange Bonaparte nicht Grenoble überſchritten, iſt auch nicht ein Schatten von Gefahr vorhanden. Er endet damit, als elender Abenteurer in den Gebirgen um⸗ her zu irren. Entrinnen kann er uns nicht.“ „Dann aber kurzen Prozeß,“ rieth der Herzog von Berry,„Standgericht und erſchoſſen.“ „Die unbedeutende Sache,“ fuhr der König fort, „hätte immer auf morgen verſchoben werden können, das Couſinchen iſt in ſolchen Dingen zu ängſtlich. Meine Freunde, ſchlaft wohl.“ „Erlaubt mir, königlicher Herr,“ bat die Herzogin von Angvulème,„daß ich dieſe Nacht noch nach Bor⸗ deaux abreiſe.“ 3 „Iſt jetzt kein Reiſewetter, meine Tochter,“ ant⸗ wortete Ludwig,„und die Nachtluft Anfangs März nicht die wärmſte. Deine Geſundheit nicht die ſtärkſte; entſchlage Dir Dein Reiſeproject.“ „Gemahlin, komm,“ ſprach der Herzog von An⸗ gouleme,„der Onkel bedarf der Ruhe; wir desglei⸗ chen. Vielleicht will es der Himmel, daß ich meine Andacht wieder finde, aus welcher ich durch Deinen Boten gewaltſam aufgeſchreckt ward. Komm, Gemah⸗ 59 lin. Der Tyrann iſt gewiß ſchon von den wachſamen Behörden hingerichtet.“ Er reichte bei dieſen Worten der Herzogin den Arm, welche ohne ein Wort weiter zu verlieren mit ihm davon ging. „Virginie wird erſchrocken ſein,“ ſprach der Herzog von Berry für ſich,„ich muß zu ihr und ſie beruhl⸗ gen. Ruhe wohl, mein König!“ „Schlaft wohl, meine Kinder,“ antwortete Lud⸗ wig,„die Herzogin koſtet uns heut eine reichliche Stunde Schlafes. Wir müſſen ſie wieder einbringen. Gute Nacht.“ Berry und Blacas verabſchiedeten ſich. Der König ließ ſich entkleiden, zog wie gewöhnlich die Schlaf⸗ mütze tief über den Kopf und ging mit derſelben Ruhe zu Bett, als ſei irgend ein höchſt unbedeuten⸗ der Abenteurer in Frankreich an's Land geſtiegen. 3weites Rapitel. Hatte der klägliche Zuſtand, in welchem ſich Frank⸗ reich unter den Bourbonen befand, in dem Kaiſer Napoleon ſchon ſeit geraumer Zeit den Gedanken rege gemacht, noch einmal auf dem großen Weltthea⸗ ter aufzutreten und das in der Geſchichte beiſpielloſe Schauſpiel aufzuführen, mit einem Häuflein von tau⸗ ſend Mann ein Reich von dreißig Millionen zu ero⸗ bern, ſo war es noch ein anderer Hauptgrund, wel⸗ cher dieſen Gedanken ſo ſchnell in Ausführung brachte. 60 Der König Murat von Neapel, welcher auf dem Wiener Congreſſe einen Agenten hatte, ſchrieb wieder⸗ holt an den Kaiſer und theilte dieſem den berüchtigten Entwurf mit, welchen Talleyrand den verbündeten Mächten vorgelegt und der von dieſen nicht ohne Mißbilligung aufgenommen worden ſein ſoll, nämlich den Kaiſer auf Elba zu überfallen und zu größerer Sicherheit der Ruhe Europa's nach St. Helena zu bringen. Napoleon traf ſofort Anſtalten, ſeine Inſel ſo gut als möglich in Vertheidigungszuſtand zu ſetzen. Während er noch damit beſchäftigt war, erſchienen zwei edle Engländer bei Napoleon, welche von Wien kamen und von dem Entwurfe genaue Kenntniß hat⸗ ten. Entrüſtet über ein ſolches Verfahren gegen den Helden des Jahrhunderts und beſorgt wegen der Schande, die durch ſolche Verletzung des Völkerrechts auch auf ihre Nation fallen mußte, theilten ſie dem Kaiſer offen die Gefahr mit, welche ihn bedrohte. Napoleon beſchloß ſeinen Feinden zuvorzukommen. Kriegsmunition wurde zu Neapel, Waffen zu Al⸗ gier, und Transportfahrzeuge zu Genua gekauft. Alles fand ſich bald zur Abreiſe bereit. Ein Corps von tauſend Köpfen, beſtehend aus fünfhundert Mann kai⸗ ſerlicher Garde, zweihundert corſiſchen Jägern, zwei⸗ hundert Infanteriſten und hundert polniſchen Lanziers, erhielt plötzlich am Sonntag den ſechsundzwanzigſten Februar 1815, Abends 8 Uhr durch einen Kanonen⸗ ſchuß den Befeht zum Einſchiffen. Napoleon wählte dieſen Tag, an welchem der Commandant der engliſchen Nation, Obriſt Campbell, nach Livorno, wo er ſich für eine Dame intereſſirte, abgereiſt war. Um überhaupt jeden Verdacht zu ent⸗ fernen, gab er am ſelbigen Tage ein Feſt, bei wel⸗ 61 chem Madame Lätitia und die Prinzeſſin Pauline die Honneurs machten. Der Kaiſer ſelbſt verließ frühzeitig das Feſt, und als die Offiziere vom Balle heimkehrten, erhielten ſie Ordre zum Aufbruch. „Das Lvos iſt geworfen,“ ſprach Napoleon, als er den Fuß auf die Kriegsbrigg der„Unbeſtändige“ ſetzte. Dieſes Fahrzeug, welches mit ſechsundzwanzig Kanvnen bewaffnet war, trug vierhundert Grenadiere, und ſechs andere kleinere Fahrzeuge bildeten die kai⸗ ſerliche Flotille. Bald verlor man die Inſel aus dem Geſicht. Die Generale Bertrand, Drouot und Cambronne ausge⸗ nommen, wußte Niemand, wohin die Reiſe ging. Die allgemeine Meinung auf der Flotille war, daß Napo⸗ levn in Italien landen werde. Man beunruhigte ſich darüber wenig. Er war da. „Grenadiere,“ ſprach der Kaiſer nach der Fahrt von einer Stunde,„wir gehen nach Frankreich; wir gehen nach Paris.“ Der Ruf: Es lebe Frankreich! Es lebe Napoleon! hallte in den Lüften wieder und eine patriotiſche Freude glänzte auf den Geſichtern der alten Krieger von Fontainebleau. So ſollte der blaue Spiegel des Mittelmeeres noch einmal Den nach Frankreich führen, eine königliche Dynaſtie zu entfernen, den es zwanzig Jahre früher von Aegypten zurückgebracht hatte, um das Direeto⸗ rium zu ſtürzen. Unterdeß wurde, nachdem man das Cap Saint André unſchifft hatte, der Wind ungünſtig. Beim Anbruche des Tages hatte man erſt ſechs Stunden 62 zurückgelegt und das Meer wurde rings umher von franzöſiſchen und engliſchen Kreuzern bewacht. Die Seeleute riethen daher nach Porto Ferrajo zurückzukehren. Aber wie bei ſeiner Heimkehr aus Aegypten wollte Napoleon in Frankreich landen und man befolgte die angegebene Richtung. Des Kaiſers Plan war, wenn der Feind ihn an⸗ griffe, ſich entweder des Kreuzerſchiffes zu bemächtigen oder nach Corſika zu gehen. Im erſten Falle mußte man ſich vielleicht ſchlagen und um ſich hierzu beſſer vorzubereiten, befahl er alle eingeſchiffte Effecten in's Meer zu werfen; ein Opfer, welches Jedermann gern brachte. Am Abend tauchten Segel am Horizonte empor. Es waren zwei Fregatten und ein franzöſiſches Kriegs⸗ fahrzeug. Letzteres, in welchem man alsbald den „Zephir“ erkannte, ſteuerte gerade auf die Flotille zu. Napoleon gebot ſeiner Garde, die Bärmützen ab⸗ zunehmen und ſich platt auf's Verdeck niederzuſtrecken. Die beiden Briggs waren ſich binnen einer Stunde ſo nahe, daß nMMurchs Sprachrohr unterreden konnte. „Woher des Weges?“ frug der Zephir. „Von Elba,“ antwortete der Unbeſtändige. „Wie befindet ſich der Kaiſer?“ frug das fran⸗ zöſiſche Schiff weiter. „Der Kaiſer befindet ſich wohl!“ rief Napolevn ſelbſt durch's Sprachrohr. „Glückliche Reiſe!“ ertönte es vom Zephir. „Gleichfalls!“ erwiederte das Schiff Napoleons. Bald war der gefährliche Rencontre vorüber und die beiden Fahrzeuge waren ſich aus dem Geſicht. Am achtundzwanzigſten Februar zog ein Schiff von 63 vierundſiebzig Kanonen am Horizont vorüber. Glück⸗ licher Weiſe bemerkte es die Flotte des Cäfar nicht. Derſelbe Tag ward dazu angewendet, drei Procla⸗ mationen abzuſchreiben, zwei im Namen des Kaiſers, die eine an die Franzoſen, die andre an das Heer, und die dritte an das Heer im Namen ſeiner Garde. Die Verdecke füllten ſich mit Canzelliſten, jeder Grenadier, der des Schreibens kundig, beſchäftigte ſich mit copiren. Dieſes ſeltſame Stabsbureau, wel⸗ ches im Angeſichte der feindlichen Kreuzer, mitten auf dem Meere, auf einem Fahrzeuge ohne Vertheidigung, unter dem Dictiren Napoleon's, Proclamationen nie⸗ derſchrieb, welche dreißig Millionen Menſchen einlu⸗ den, dem Banner eines Bataillons zu folgen, iſt eine der wunderbarſten Begebenheiten in dieſer ſo roman⸗ tiſchen Lebensperiode Napoleon's. Endlich am erſten März, dem Lieblingsmonate des Kaiſers im Glücke, ſtieg die Küſte Frankreichs, ein ſchöner, grüner Streif, am Horizonte empor. Uner⸗ meßliches Jubelgeſchrei; tauſendfältige Lebehochs für das geliebte Mutterland und den Helden des Jahr⸗ hunderts erfüllten die Lüfte. Die kaiſerliche Flotille ging zu Cannes, einem kleinen Seehafen in dem Meerbuſen von Cap Juan, unweit von Frejus, wo Napoleon vor ſechzehn Jah⸗ ren bei der Rückkehr aus Aegypten landete, vor An⸗ ker. Kaum war die Ausſchiffung erfolgt, als ein engliſches Kriegsſchiff auf der Höhe des Meeres ſigna⸗ liſirt ward. Es war Sir Campbell, welcher zu Li⸗ vorno die Abreiſe Napolevn's erfahren, ſchnell nach⸗ geeilt war, um die Flotille entweder zu nehmen oder in den Grund zu bohren. Es war zu ſpät, die ver⸗ hängnißvolle Landung bereits erfolgt. 64 Das Bivouak wurde in einer Pflanzung von Oli⸗ venbäumen aufgeſchlagen. „Eine glückliche Vorbedeutung,“ rief Napoleon, indem er unter den Oliven auf und abſchritt,„möge ſie in Erfüllung gehen!“ Unter den Einwohnern, welche herbeieilten, war einer, der gedient hatte. Er erkannte den Kaiſer und wollte dieſen nicht wieder verlaſſen. „Nun, Bertrand,“ ſprach Napoleon zum Groß⸗ marſchall,„hier iſt Verſtärkung.“ Unmittelbar darauf ward dem Kaiſer ein Poſtillon in glänzender Livree vorgeſtellt, welcher früher im Dienſte der Kaiſerin Joſephine, jetzt zum Gefolge des Fürſten von Monaco gehörte. Der Mann konnte lange nicht zu ſich kommen, als er des Kaiſers an⸗ ſichtig wurde, und antwortete auf die an ihn geſtell⸗ ten Fragen, daß er von Paris komme, daß er auf der ganzen Reiſe daher nur Schmerz über die Abwe⸗ ſenheit des Kaiſers vernommen habe, daß ſein Name in Aller Mund und Herzen lebe, und daß ſich die ganze Bevölkerung um ihn ſchaaren würde. Nach Aufgang des Mondes um zwei Uhr des Morgens am zweiten März gab Napoleon Befehl zum Aufbruch nach Graſſe. Er erwartete, hier eine Straße zu finden, deren Bau er während ſeiner Regierung befohlen hatte; aber er täuſchte ſich, denn die Bour⸗ bonen hatten alle Werke zum öffentlichen Beſten auf⸗ gegeben, und das Geld zur Unterſtützung des ausge⸗ wanderten Adels und der Geiſtlichkeit verwandt. Der Kaiſer ſah ſich daher gezwungen, durch enge, mit Schnee gefüllte Schluchten zu ziehen und mußte zwei Kanonen und ſeinen Wagen zurücklaſſen. Vorher hatte er einen Kapitain nebſt fünfund⸗ zwanzig Mann nach Antibes geſandt. Sie ſollten ſich 65 für Ueberläufer von Elba ausgeben und die Beſatzung für den Kaiſer gewinnen. In übereiltem Eifer aber zog dieſe kleine Schaar unter dem enthufiaſtiſchen Rufe: Es lebe der Kaiſer! durch die Thore, ward entwaff⸗ net und gefangen genommen. Unermüdlich drang die kleine Truppe, welche Na⸗ polevn die Deputation ſeiner Garde nannte, durch die mit Schnee angefüllten Bergſchluchten. Die polniſchen Lanziers waren zu Fuß und trugen auf ihrem Rücken das Sattelzeug für die Pferde, die ſie bekommen ſollten. Nach einem ununterbrochenen Marſche langte Na⸗ polevn beim Dorfe Cérénon an; am dritten ſchlief er zu Barsme; den vierten zu Digne, den fünften zu Gap. Er behielt in dieſer Stadt nur zehn Mann zu Pferde und vierzig Grenadiere bei ſich. Hier ließ er auch die Proclamationen drucken, welche er auf dem Meere dictirt hatte. Eugen, zum kaiſerlichen Adjutanten ernannt, wel⸗ cher ſich zeither fortwährend im Gefolge des Kaiſers befunden hatte, wurde nach Grenoble vorausgeſchickt. „Eilen Sie nach Grenoble,“ ſprach der Kaiſer, „reiſen Sie Tag und Nacht, ſteigen Sie bei Herr Dumoulin ab, der mir ſehr befreundet iſt und der ſogleich zu mir aufbrechen wird. Dann ſuchen Sie ſich einen ſichern Boten zu verſchaffen, welcher um jeden Preis Depeſchen an den Herzog von Baſſano überbringt. Ein Andrer muß dieſes Paket an den Obriſten überbringen, welcher das ſiebente Regiment zu Chambery commandirt; können Sie die Depeſche ſelbſt übergeben, um ſo beſſer. Eugen jagte auf ſeinem Renner davon. Als er in Grenoble bei dem eifrigen Anhänger des Kaiſers, Herrn Dumoulin abſtieg, mußte man ihm die Stie⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 5 66 feln von den Füßen ſchneiden; doch mit großer Vor⸗ ſicht, in dem Futter waren Proclamationen und wich⸗ tige Papiere verborgen. Sobald Herr Dumoulin die Ankunft Napoleon's erfahren, verbreitete er die Nachricht unter ſeinen Freunden. Aber das Geheimniß ward treu bewahrt. Es galt jetzt, die Proclamation drucken zu laſſen. Dies war eine Sache, welche den Kopf koſten konnte. Dumoulin eilte nebſt Eugen zu Herrn Chavie, dem Factor der David'ſchen Druckerei. Die Proclamativn wurde in Dumoulin's Hauſe mit der Walze von Chavie gedruckt. Es geſchah dies gleich in der erſten Nacht nach Eugen's Ankunft. Alle Augenblicke fürch⸗ tete man, verrathen zu werden. Oft ward man un⸗ terbrochen und lauſchte, ob nicht der Tod die Treppe heraufkomme. Unterdeß empfingen in Grenoble mehr als funfzig Perſonen Briefe mit dem Poſtſtempel„Paris,“ welche alle geſchriebene Proelamationen enthielten. Die Pa⸗ trioten wurden darin aufgefordert, ſich zu vereinigen, das von dem Ausländer auferlegte Joch abzuſchütteln und wieder Franzoſen zu werden. Am erſten März hieß es, ſei Frankreich wieder frei geworden; es müſſe ſeinen Rang als erſte Nation wieder einnehmen. Kaum hatte ſich Eugen einigermaßen erholt, als er von Neuem ſeinen Renner beſtieg und nach Cham⸗ bery jagte. Er langte am Abend deſſelben Tages an und ließ ſich ſogleich zum Obriſten Carl von Labe⸗ doyere führen, welcher in Chambery befehligte und übergab dieſem den Brief des Kaiſers. Kaum hatte der Obriſt die kaiſerliche Zuſchrift überflogen, als dem noch jungen Manne die Thränen aus den Augen ſtürzten. „Ja,“ rief er mit begeiſterter, frendezitternder — 67 Stimme,„der Kaiſer kann auf mich zählen. Kehren Sie zu Seiner Majeſtät zurück und verſichern Sie dem Kaiſer, daß ich ſein bin auf Leben und Tod.““ Eugen kehrte ſogleich nach Grenoble zurück. Er fand die Freunde des Kaiſers zahlreich bei Dumvu⸗ lin verſammelt. Die Proclamationen waren gedruckt, wurden heimlich vertheilt und brachten eine zauber⸗ ähnliche Wirkung hervor. Am Morgen des fünften Märzes war die pofi⸗ tive Nachricht von der Landung Rapoleon's in Gre⸗ noble verbreitet; desgleichen war die officielle an den Präfecten und den General Marchand gelangt, wel⸗ cher in der Stadt befehligte. Sogleich ergriffen dieſe Beiden Vertheidigungsanſtalten. Man zog Gräben, warf Wälle auf; das Thor von Roune, durch welches der Kaiſer kommen mußte, wurde crenellirt und durch einen Graben geſperrt. Ein Bataillon des fünften Linienregiments erhielt Befehl zum Aufbruch; desgleichen eine Ingenieur⸗ Compagnie, welche ein Defilé, das durch eine Brücke beſchützt war, beſetzen ſollten. Dieſe Truppen traten in der Nacht ihren Marſch an. Kaum war die Nachricht von Napolevn's Landung bekannt, als ſich eine ſeltſame Prozeſſion zu Gre⸗ noble in Bewegung ſetzte. Es war ein Haufen alter Edelleute, welche den Paradedegen an der Seite, den Hut auf einem Ohre, ſich zum Gouverneur begaben ihm die Dienſte der Edeln der ganzen Dauphiné an⸗ zubieten. Bald waren die Proclamationen auch unter der Garniſon verbreitet. Die Soldaten, als ſie die Worte ihres großen Feldherrn laſen, weinten heftig. Sie murrten laut, als ſie von dem Widerſtande hörten, welchen der Präfect und der General Marchand ent⸗ 5 68 gegen ſetzen wollten. Einige Stimmen ſprachen das Todesurtheil über die Beiden aus. Mehre verabſchiedete und auf halben Sold geſetzte Officiere ſprachen davon, dem Bataillon des fünften Regiments und der Ingenieur⸗Compagnie nachzueilen, und ſich der Stimmung dieſer Truppen zu verſichern. „Nicht Einer von Uns,“ riefen ſie,„wird ſeinen Degen gegen den Kaiſer ziehen; wie, gegen unſern großen Kaiſer? Wir wollen den Bourbons kein Ueb⸗ les zufügen, aber ſie mögen ihm ihre Stelle einräu⸗ men und dahin gehen, von wo ſie gekommen find.“ Beſorgt über die Stimmung der Stadt und der Truppen beriefen der General Marchand und der Prä⸗ fect Faurier die Notabilitäten von Grenoble zuſam⸗ men. Es ward in dieſer Verſammlung beſchloſſen, die Stadt auf das Aeußerſte zu vertheidigen. Die Ankunft Seiner königlichen Hoheit, des Herrn Grafen von Artois, ſprach der General Marchand, iſt eine ſichre Bürgſchaft des Sieges. Dieſem Tri mph beizuwohnen ſoll für Napoleon die einzige Strafe ſein, daß er ſeinen Bann brach und die Inſel Elba verließ. An demſelben Tage fand eine andre Verſammlung ſtatt; ſie beſtand aus einem Theile der Officiere des fünften Regiments. Man kam zu einem Mittagseſſen zuſammen. Im Namen der franzöſiſchen Armee, die Dezen hochgeſchwungen über der dreifarbigen Cvearde, faſt knieend und mit religiöſer Feier, ſchwur man, nichts Feindſeliges gegen den Kaiſer und ſeine Be⸗ gleiter zu unternehmen. Es wurden Emiſſaire der ausgerückten Ingenieur⸗Compagnie nachgeſchickt, um jeden Preis zu verhindern, daß die Brücke des Defi⸗ lés nicht geſprengt würde. Die Lage des General Marchand ward von Stunde 3 69 zu Stunde kritiſcher. Die Soldaten erklärten laut, daß ſie nicht auf den Kaiſer und ſeine Garde ſchießen würden. Alles ließ den Abfall der Truppen befürch⸗ ten, und unter der Bevölkerung zeigte ſich jene dumpfe Gährung, welche dem Ausbruche eines Volksſturms voranzugehen pflegt. Der Präfect erließ eine officielle Proclamation, worin er die Ankunft Bonaparte's anzeigte und ſich ſehr gehäſſig gegen dieſen ausſprach. Dies erbitterte die Menge um Vieles. Man ſprach ſich bereits un⸗ verholen für den Kaiſer aus und die Proclamation des Präfecten ward unter lautem Geziſch von den Straßenecken geriſſen. Was der royaliſtiſchen Partei vollends den Todes⸗ ſtoß verſetzte, war ein Aufruf an den alten Adel, worin dieſer aufgefordert ward, dem Abenteurer Bo⸗ naparte entgegen zu ziehen und ihn zu vernichten. Unter Allen, welche zum Kampfe fähig waren, gab es in Grenoble, außer dem General Marchand und dem Präfecten Niemand, der nicht dem Kaiſer erge⸗ ben geweſen wäre. Der aufgerufene Adel beſtand aus alten gichtbrüchigen Emigranten mit Haarzöpfen und Puder, welche kaum einen Stock zu ſchwingen ver⸗ mochten. Unterdeß waren die Napoleoniſten äußerſt thätig. Fortwährend fanden Verſammlungen bei Dumoulin ſtatt. In der Nacht vom Fünften zum Sechſten er⸗ klärten der Doctor Fournier, ein reicher Hanfhändler aus der Vorſtadt St. Joſeph, ein Herr Rißon und viele Andre, daß alle Opfer an Geld und Menſchen gebracht werden ſollten. Als die Behörde von dieſer beſtimmten Erklärung Nachricht erhielt, ließ ſie dreißig Stück Geſchütz auf die Wälle fahren. Die Soldaten vom vierten Artille⸗ 70 rieregiment, jenes Regiments, in welchem Napoleon ſeine Heldenlaufbahn begonnen, ſtanden mit brennen⸗ der Lunte bei ihren Batterien. Oft näherten ſich ihnen Bürger, welche ſich mit den Soldaten unterhielten und denſelben die Hände drückten. „Es iſt ja Napoleon, welcher kommt?“ ſagte man zu den Artilleriſten. „„Wir wiſſen es,“ war die eintönige Antwort. „Aber was werdet Ihr thun? Hoffentlich nicht auf den Kaiſer ſchießen?“ „Das kümmert Euch nicht,“ antworteten die Sol⸗ daten vom vierten Regiment,„wir wiſſen, was wir zu thun haben.“ Dabei rannen häufig Thränen über die gebräun⸗ ten und benarbten Geſichter. Ein Tagesbefehl ward dem vierten Regimente ver⸗ leſen und mit finſterm Schweigen beantwortet. Gre⸗ noble war wegen ſeines beträchtlichen Artillerieparks einer der wichtigſten Punkte für den Kaiſer. Indeß war das Bataillon des fünften Regiments und die Ingenieur⸗Compagnie auf der Straße gegen Lamure vorgerückt. Der Anführer dieſer Truppe war ein Adjutant des General Marchand und ein perſön⸗ licher Feind des Kaiſers. Es währte nicht lange, als auf der Anhöhe, über welche der Weg führte, dumpfer Trommelton erklang und die Bärmützen von vierzig Grenadieren ſichtbar wurden, welche die Avantgarde der kaiſerlichen Armee bildeten. Ein einzelner Officier ſprengte voran und verlangte im Namen des Kaiſers zu parlamentiren. Dies ward abgeſchlagen, wie überhaupt der Comman⸗ dant der Truppen von Grenoble jede Annäherung mit den Soldaten Napoleon's zu verhindern ſuchte. *½ Bei der Nachricht von dem Widerſtande, den ſeine Soldaten gefunden hatten, ward Napoleon ſehr nach⸗ denkend. „Bertrand,“ ſprach er zum Großmarſchall,„man hat mich getäuſcht; gleichviel, vorwärts.“ Er wußte, daß ſich ſein Geſchick in Grenoble oder durch die daſelbſt befindlichen Truppen mußte. Die ganze Bevölkerung von Lamure den um⸗ liegenden Ortſchaften hatten⸗ihre Wohnungen verlaſſen, um ihrem geliebten Kaiſer zu folgen. Sie bedeckten die Straße und die hohen Berge, zwiſchen welchen Napolevn hindurch mußte. Sie hielten grüne Zweige in den Händen, Sträuße von Veilchen, Himmels⸗ ſchlüſſeln und Hyacinthen, womit ſie den Weg be⸗ ſtreuten, auf welchem Napoleon daher kam. Aller Augen glänzten vor Freude. Man ſchien nicht ein⸗ mal um den Ausgang des Kampfes beſorgt, der jetzt beginnen ſollte. Der Kaiſer war bisher immer zu Pferde. Er ritt eine kleine muntre Falbe. Als er aber der Trup⸗ pen anſichtig wurde, welche die Anhöhe von Lamure beſetzt hielten und eine feindliche Stellung eingenom⸗ men hatten, ſtieg er ab und trat haſtig auf ſie zu. Das Thal, in welchem dieſes wichtige Drama ſpielte, iſt wild, aber maleriſch. Es heißt das Thal Beaumont. Napolevn erſchien den gegen ihn geſen⸗ deten Truppen wie ein überirdiſches Weſen. Sein wohlbekannter Anzug, ſein grauer Ueberrock, das welt⸗ hiſtoriſche Hütchen, brachten jene zauberähnliche Wir⸗ kung hervor, die man ſo oft in dem Leben dieſes außerordentlichen Mannes bemerkt hatte. Die Sol⸗ daten ſtanden regungslos und blickten wie betend zu ihrem großen Feldherrn auf. Napoleon ſchritt ganz allein ſeinen hundert Gre⸗ nadieren voraus, welche, das Gewehr unterm linken Arm, in einiger Entfernung folgten. Als der feindliche Commandant des Kaiſers an⸗ ſichtig wurde, ließ er auf ihn anſchlagen. Eine lange Reihe dunkler Mündungen waren gegen ſeine Bruſt gerichtet. Ruhig trat Napoleon den Todesröhren ent⸗ gegen, knöpfte ſeinen grauen Oberrock auf und ſprach mit lauter Stimme: „Soldaten, ich bin Euer Kaiſer. Iſt Einer un⸗ ter Euch, der ſeinen General tödten will, hier ſteht er.“ Das war mehr als ein franzöſiſches Herz, ein franzöſiſcher Soldat zu ertragen vermochte. Der zeit⸗ her nur mühſam zurückgehaltene Enthuſiasmus brach in helle Flammen aus. Eine Begeiſterung ohne Bei⸗ ſpiel bemächtigte ſich der gegen Napoleon geſandten Truppen. Sie ſchmetterten in wahnſinniger Freude ihre Gewehre zu Boden, eilten auf den Kaiſer zu, ſtürzten vor ihm nieder, umſchlangen ſeine Arme und Füße, die ſie mit zahlloſen Küſſen und Thränen be⸗ deckten. Endloſer, ſeliger Jubel erfüllte die Lüfte; es war ein Himmelsfeſt, wie dies nur ein Herz em⸗ pfinden kann, das nach langer, langer Kerkernacht zum erſten Mal wieder reine Himmelsluft athmet. Der Bataillonschef hatte zweimal Feuer comman⸗ dirt. Nach dem zweiten Male mußte er die Flucht ergreifen. Seine eignen Soldaten wollten ihn um⸗ bringen. Wan riß alte dreifarbige Cocarden hervor, die man ſorgfältig auf der Bruſt verborgen gehalten und ſteckte ſie auf die Tſchako's. Ein endloſes„Vive 'empereur,“ in welches die zahlreiche Bevölkerung einſtimmte, hallte von allen Bergen wieder. Ueberall ſchwenkte man jubelnd die Hüte und umarmte ſich freudetrunken. — Napoleon hielt nach den erſten Begrüßungen, wie ehedem, Muſterung über das Bataillon und gebot, ihm zu folgen. Jubelnd vereinigten ſich die freude⸗ trunkenen Truppen mit ihrem Kaiſer. Man hatte den Commandanten, welcher die Flucht ergriffen, eingeholt und vor den Kaiſer gebracht. „Wer hat Sie zum Officier gemacht?“ frug Na⸗ poleon. „Ew. Majeſtät,“ war die Antwort. „Und zum Lieutnant?“ „Ew. Majeſtät.“ „Und zum Kapitain?“ „Ew. Majeſtät.“ „Und zum Bataillonschef?“ „Ew. Majeſtät.“ „Ich ſollte alſo wohl Dankbarkeit erwarten,“ ſprach nun der Kaiſer,„aber ich verlange keine. Geben Sie Ihre Epauletten an den älteſten Kapitain des Bataillons und entfernen Sie ſich.“ Mehre von den Officieren des zu Napoleon über⸗ getretenen Bataillons erboten ſich, nach Grenoble zu⸗ rückzukehren und ſich die Thore öffnen zu laſſen. Des⸗ gleichen erklärten die Bewohner von Mateyline, ſich in Maſſe für ihn zu erheben. Der Kaiſer aber wies Beides zurück. Er wollte Herrſcher ſein und rech⸗ nete nur auf die Liebe ſeiner Völker und des Heeres. Einige Stunden nach dem verhängnißvollen Ueber⸗ tritte des Bataillons, als Napoleon durch das Dorf Laffrey ging, ward er von heftigem Durſte geplagt und trat in eines der Häuſer am Wege. Die Be⸗ ſitzerin, eine ſchon bejahrte Frau, die ihn nicht kannte, ſprach mit ſolcher Begeiſterung vom Kaiſer, daß die⸗ ſer innig gerührt ward. „Könnt' ich ihn nur ſehen, ehe ich ſterbe,“ ſprach 74 die Alte,„um ihm die Hand zu küſſen und ihn zu bitten, die vereinigten Gefälle aufzuheben.“ Der Kaiſer lächelte, und nachdem er ſich durch kühlen Rahm erquickt hatte, drückte er der Alten einige Napoleonsd'or in die Hand, indem er ſich zu erken⸗ nen gab. Die Frau fiel wie anbetend vor ihm nieder. „Jetzt,“ rief ſie,„du Gott im Himmel, laß deine Magd in Frieden fahren, denn ich habe den Herrn geſehen!“ Frankreich betete ihn an und die einfachen und guten Menſchen ſahen in ihm allein den Glanz des Vaterlandes, auch der ihrige war, Indeſſen bot die Stadt Grenoble, wo die Behör⸗ den noch berathſchlagten, was zu thun ſei, ein ſon⸗ derbares Schauſpiel. Die Macht galt nichts mehr, da ſie von den Maſſen verworfen ward. Die Trup⸗ pen waren in ihren Caſernen gleichſam mit Arreſt be⸗ legt, und wenn eine Ordonnanz einen Befehl brachte, wurde ſie von S escortirt. Die ganze Be⸗ völkerung war auf dem Markte und den Straßen e⸗ lagert, durch welche der Kaiſer den folgenden Tag kommen ſollte. In ſechs Tagen hatte dieſer zweiund⸗ ſiebzig Meilen durch ein Land voll rguher, ſchwieri⸗ ger Berge zurückgelegt. Am ſiebenten März, des Morgens, langte eine Schwadron des vierten Huſarenregiments an. Mit⸗ tags zog mit klingendem Spiele das ſiebente Linien⸗ regiment, von Labedoyere geführt, in Grenoble ein. Eugen, nachdem er alle Poſten der kaiſerlichen Partei unterſucht, kehrte in vollem Galopp zum Kai⸗ ſer zurück. Wenige Stunden vor Lamure ſtieß er auf den Vortrab Napolevn's. Es waren Chaſſeurs und Lan⸗ eiers der Garde. „Es lebe der Kaiſer!“ rief freudig der Jüngling, indem er die Schwadron der großen Garde entlang ſprengte. „Es lebe der Kaiſer!“ antworteten die Reiter. Eugen ſprang jetzt vom Pferde und eilte zu Napo⸗ levn. Als dieſer ihn erblickte, rief er ſogleich: „Willkommen, Normand, ſteigen Sie ſchnell wie⸗ der auf und laſſen Sie uns plaudern.“ Eugen ſetzte ſich wieder in den Sattel und der Kaiſer that Fragen über Fragen. Er wollte die An⸗ ordnungen des General Marchand, des Präfecten, den Namen der Regimenter der Umgegend, ihre Stärke, ihre Stimmung kennen lernen. „Und Labedoyere?“ frug er endlich. „Er iſt zu Mittag in Grenoble eingetroffen, Sire,“ antwortete Eugen,„und als ich ihn vorgeſtern ſprach, trug er mir auf, Ew. Majeſtät zu verſichern, daß er auf Leben und Tod der Ihre ſei.“ „Braver Junge!“ ſprach der Kaiſer mit Rührung, „ja, der iſt mir ergeben. Und welchen Eindruck ha⸗ ben meine Proclamationen auf das Volk und die Sol⸗ daten gemacht?“ fuhr er fragend fort. „Wie Ew. Majeſtät erwarten mußten,“ war die Antwort,„ſie haben den größten Enthuſiasmus her⸗ vorgebracht.“ „Das Bataillon, welches Grenoble mir ſendete,“ ſprach der Kaiſer in heitrer Laune weiter,„hat ſich mit mir vereinigt, ſobald es mich gewahr wurde. Ich⸗ zeigte mich nur; meine Kinder haben mich ſchnell wie⸗ der erkannt.“ Der Zug der kleinen kaiſerlichen Armee fand in folgender Ordnung ſtatt: 76 Vor dem Kaiſer ritten vier Chaſſeurs ſeiner Garde und vier polniſche Lanciers, welche den Weg recog⸗ noszirten. Dann kam Napoleon, einige Schritte vor ſeinen Leuten; ihm zunächſt ritten nun die Generale Bertrand, Drouot und Cambronne. Hinter dieſen mehre Officiere, unter denen man den Grafen Ger⸗ manowski, Obriſten der polniſchen Lanciers, bemerkte. Hierauf ein Dutzend Chaſſeurs, Lanciers und die Es⸗ corte des Kaiſers, hundert Mann ſtark, beritten, theils Polen, theils Chaſſeurs. Ungefähr eine halbe Stunde ſpäter marſchirte die kleine Armee der Inſel Elba, neuerdings durch das Bataillon des fünften Regi⸗ ments und die Ingenieurcompagnie verſtärkt. Napoleon, von großen Gedanken beherrſcht, ritt oft ganz allein voraus. Er begriff, daß in Grenoble ſich ſein Geſchick entſcheiden müſſe. Der kaiſerliche Zug bewegte ſich auf der ſteilen Straße von Lamure gegen Vizille. Wieder ritt der Kaiſer einſam voraus. Seine Arme waren auf der Bruſt gekreuzt; er hatte den Zügel ſeines kleinen Ge⸗ birgspferdes auf deſſen Hals fallen laſſen und war in tiefes Sinnen verſunken. Plötzlich erblickte er einen Haufen junger, kaum aus dem Knabenalter getretener Leute, welche ſich ihm vorſtellten. Der Kaiſer hielt ſein Pferd an und betrachtete lächelnd die jugendliche Gruppe, welche mit Thränen in den Augen und einer Achtung vor ihm ſtand, die an göttliche Verehrung grenzte. „Wer ſeid Ihr, meine Kinder,“ frug Napoleon im freundlichen Tone,„und was wollt Ihr von mir?“ Die jungen Leute ſahen einander an. Niemand wagte zu ſprechen. Endlich näherte ſich Einer der⸗ ſelben, den ſeine Kameraden zum Wortführer ernannt 77 hatten. Er war von einnehmender Geſichtsbildung; ſeine ſchönen Augen ſprachen die innigſte Bewegung aus. Der Kaiſer reichte ihm ſeine Hand, welche der Jüngling mit Begeiſterung an ſeine Lippen preßte. Er wollte ſprechen, konnte aber nur verworrene Worte hervorbringen. „General— Bürger— Sire—“ begann er. Aber die Rede erſtarb auf ſeiner Zunge. „Sie haben mir Etwas zu ſagen, mein Kind,“ ſprach der Kaiſer,„ſprechen Sie ohne Furcht. Flöße ich Ihnen denn Furcht ein?“. „O nein, Sire,“ antwortete beherzter der Jüng⸗ ling,„man fürchtet ſich nicht vor denen, die man liebt.“ „Woher kommen Sie, und was wollen Sie?“ „Wir kommen von Grenoble, Sire, wir waren Zöglinge des kaiſerlichen Lyceums. Als wir Ihre Rückkehr erfuhren, wollten meine Freunde und ich Sie einen Tag früher ſehen und Ihnen ſagen, daß wir bereit ſind, für Sie zu ſterben.“ Ueber Napoleon's Antlit flog eine ſichtbare Rührung. „Indem Sie ſich mir widmen,“ ſprach er im Tone des bezauberndſten Wohlwollens,„widmen Sie ſich Frankreich. Indeſſen, meine Kinder, ſind Sie noch zu jung, um Soldaten zu werden. Uebrigens, wiſſen denn Ihre Aeltern von Ihrem Entſchluß?“ Die jungen Leute blickten einander ſchüchtern an und ihr Sprecher erwiederte verlegen: „Sire, wir ſind fortgegangen, ohne Jemand Etwas zu ſagen.“ „Das iſt nicht recht,“ ſprach der Kaiſer;„die erſte Pflicht der Geſellſchaft iſt der Gehorſam gegen die Aeltern; vergeſſen Sie das nie. Nun, was ſpricht man in Grenoble von mir?“ Dieſe Frage wirkte elektriſch auf den jungen Ly⸗ 78 eeiſten. Er antwortete, daß Grenoble mit Schwärme⸗ rei und Liebe den Kaiſer erwarte; ebenſo die benach⸗ barten Ortſchaften; doch hoffe das Volk auch liberale Inſtitutivnen, den Frieden und Hinwegfall der ver⸗ einigten Gefälle. Napoleon ſtrich den Hals ſeines Pferdes und ſprach nach einer Pauſe: „Das Volk hat Recht, auf mich zu zählen. Ich liebe es und will, daß es glücklich ſei. Man hat es ſeit einem Jahre in ſeinen Rechten verletzt. Ich werde ſein Mißgeſchick wieder gut⸗machen. Frankreich war das ſchönſte Reich der Welt. Es ſoll das freieſte ſein.“ In dieſem Augenblicke bog man um eine der vie⸗ len Krümmungen an der ſchönen Küſte von Laffray, und eine große Anzahl Gebäude ſchien die Aufmerk⸗ ſamkeit Napoleon's zu feſſeln. Er hielt die Hand vor die Augen, um beſſer ſehen zu können und fragte, was dies für Gebäude ſeien. „Das Schloß von Vizille, Sire,“ antwortete der Lyceiſt;„hier war es, wo im Jahre 1789 die Ge⸗ neralſtände der Dauphiné die Freiheit proclamirten.“ Der Kaiſer erkundigte ſich nach der Geſchichte der Dauphiné, worüber ihn der junge Schüler beſſer als irgend Jemand Aufſchluß geben konnte. Er bebte, als er vernahm, daß dies der Weg ſei, den Hanni⸗ bal vor zweitauſend Jahren gefolgt ſei. Hannibal war, wie bekannt, ſein Held. „Ich werde im Schloſſe von Vizille anhalten und übernachten,“ ſprach er nach einigen Augenblicken des Nachdenkens. „Nein, Sire, thun Sie das nicht,“ erwiederte der junge Menſch, der neben dem Pferde hergehend, das Geſpräch mit dem Kaiſer unterhielt. — 9 „Wie ſo?“ frug Napoleon verwundert über den beſtimmten Ton. „Grenoble iſt nur drei Stunden weit,“ fuhr der Lyceiſt eifrig fort,„Sie haben Feinde dort, Sire, Sie müſſen dieſen Abend dort eintreffen. Man kann die Stadt, welche zwiſchen zwei Thälern und dem Zuſammenfluß der Dras und der Iſere liegt, nicht vermeiden.“ Napolevn betrachtete den jungen Mann mit Ver⸗ wunderung doch mit Wohlwollen. „Wer ſind die Feinde,“ frug er,„die ich in Gre⸗ noble habe?“ „Ich kann ſie nicht nennen, Sire,“ war die Ant⸗ wort,„ich darf Sie nur warnen.“ „Wie alt ſind Sie? Wo wurden Sie erzogen?“ fuhr der Kaiſer fragend fort. „Sire, ich bin ſechzehn Jahr alt, und meine Er⸗ ziehung iſt eine Ihrer Wohlthaten. Ich ſtudirte als Nationalzögling auf der Schule zu Grenoble.“ „Verſtehen Sie Mathematik?“ „Nein, Sire.“ „Nun, zum Teufel, was denn?“ „Die Literatur und Geſchichte.“ „Pah!“ ſprach der Kaiſer,„die Literatur macht keine höheren Officiere. Sie werden mir nach Paris folgen und in Saint⸗Cyr oder Fontainebleau ein⸗ treten.“ „Meine Aeltern ſind zu arm, Sire, um die Pen⸗ ſion bezahlen zu können.“ „Dafür ſorge ich; auch ich bin Ihr Vater. So⸗ bald wir in Paris ſind, erinnern Sie den Kriegsmi⸗ niſter an mein Verſprechen.“ In Grenoble war indeß das ſiebente Linienregi⸗ ment Mittags am ſiebenten März eingezogen und hatte 4 80 ſich auf dem Marktplatze in Schlachtordnung geſtellt. Das Siebente der Linie war das ſchönſte Regiment Frankreichs und ſein Obriſter der Schönſte und Ta⸗ pferſte der ganzen Armee. Karl von Labedoyere zählte kaum dreißig Früh⸗ linge. Blonde Locken unflatterten ſeine Schläfe; ſeine freie, ſchöne Stirn verkündete einen eiſernen Willen, aus den ſchönen, blauen Augen ſtrahlte eine für Großes und Herrliches begeiſterte Seele. Sein Wuchs war ſchlank, ſeine Haltung edel, ſeine Per⸗ ſönlichkeit liebenswürdig und ſeine Ergebung für Na⸗ poleon grenzte an Verehrung. Als Labedoyere auf dem Marktplatze erſchien, be⸗ merkte er, daß ihm der General von Villiers gefolgt war. Dieſer brachte Befehle vom General Marchand. Labedoyere hörte ſie ſchweigend an und erwiederte kein Wort. Während der General von Villiers ſprach, ward Murren in den Reihen vernehmbar. Alles deutete auf einen bevorſtehenden Sturm. Der General hatte geendet; es trat eine momen⸗ tane dumpfe Stille ein. Da ſprengte der Obriſt Labedoyere vor die Fronte ſeines Regiments. Seine Blicke flogen voller Begeiſterung über die ſchöne Truppe. „Soldaten!“ rief er mit ſtarker Stimme,„man befiehlt mir, Euch gegen den Kaiſer Napoleon zu führen. Soldaten! ich nehme meine Entlaſſung, ich bin nicht mehr Euer Obriſt. Ich werde das ſiebente Regiment nicht den Weg der Schande führen!“ Sogleich erhob ſich von allen Seiten das Geſchrei: „Nein, nein, es lebe unſer Obriſt! Es lebe der Kaiſer! Auf, laßt uns unſerm Obriſten folgen!“ „Ich danke Euch,“ erwiederte Labedoyere,„aber ich kann Euch nicht anführen. Der Kaiſer hat meine erſten Schwüre empfangen. Er fordert mich zurück. 81 Ich muß zu ihm. Soldaten, theure Kameraden, ich kehre zu dem zurück, unter dem ich immer kämpfte. Lebt wohl, ich gehe zur Nationalfahne, ich gehe zu Napoleon!“ Der Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ verzehnfachte ſich mit maßloſer Begeiſterung. Die Soldaten verließen ihre Glieder, umringten ihren Obriſt und bedeckten ſeine Hände und Füße mit Küſſen. „Obriſt,“ ſprach ein alter Officier,„Sie können nicht Kinder verlaſſen, von welchen Sie geliebt wer⸗ den;— führen Sie uns zum Kaiſer!“ „Ja ja, zu unſerm Kaiſer, zu unſerm Kaiſer!“ riefen Hunderte von Stimmen,„es lebe unſer Obriſt!“ „Wohlan, Ihr wollt es, meine Freunde,“ rief Labedoyere,„wohlan, vorwärts! Wer mich liebt, folge mir!“ „Wir marſchiren Alle,“ ſprach ein alter Sergeant, „und hätten Sie uns gegen den Kaiſer geführt, wür⸗ den wir nicht gefolgt ſein, Obriſt, ſehen Sie; hier⸗ her, Tambour!“ Der Tambour riß ſogleich die eine Seite ſeiner Trommel auf und nahm den Adler des ſiebenten Re⸗ giments heraus, den man auf dieſe Art verwahrt hatte. Er übergab dieſes heilige Symbol dem Obri⸗ ſten, welcher es mit ehrfurchtsvoller Freude küßte. Sogleich ward die weiße Fahne zerriſſen und von den Soldaten und Grenoblern mit Füßen getreten, denn die Bevölkerung hatte ſich unter die Truppen gemiſcht und ſchrie ſo laut wie dieſe. In demſelben Augen⸗ blicke wurden auf alle Tſchacko's dreifarbige Cvcarden geheftet. Es glich einer Zauberei. Kaum waren ſie aufgeſteckt, als ſich das Regiment unter Trommelwir⸗ bel, die Muſik an der Spitze, in Marſch ſetzte. Ueber ſechstauſend Perſonen zogen zu gleicher Zeit mit aus. Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 6 82 Napoleon befand ſich noch in einiger Entfernung von Vizille, als mit einem Male alle Glocken zu läuten begannen und das Getöſe einer ihm entgegen⸗ ſtrömenden Bevölkerung anzeigte, daß er in dieſem Flecken willkommen ſei. Kaum hatte er die Brücke über die Romanche er⸗ reicht, als er von einer freudetrunkenen Menge umringt wurde, die ihn mit Veilchen, Berghyazinthen, mit Tannen⸗ und Buchsbaumzweigen überſchüttete, dem einzigen Grün dieſer Jahreszeit. Ununterbrochen tönte der Ruf:„Es lebe der Kaiſer! Nieder mit den Plattmützen.“ „Was rufen ſie?“ frug Napoleon. „Sie rufen, nieder mit den Pfaffen!“ erklärte Bertrand, der an des Kaiſers Seite ritt. „Nach Grenoble, nach Grenoble!“ tönte es unauf⸗ hörlich aus der unermeßlichen Volksmenge. So zog Napoleon, umwogt von einer freudetrun⸗ kenen Bevölkerung durch Vizille. Die ganze Einwoh⸗ nerſchaft dieſes Ortes ſchloß ſich dem Zuge an, ſo daß den Kaiſer in dieſem Angenblicke zehntauſend Bewohner der umliegenden Dörfer umringten. Alles trug dreifarbige Bänder und Cocarden an den Hüten. Die jüngern Leute zogen voran, indem ſie die Mar⸗ ſeillaiſe und das Lied der Abreiſe ſangen. Alle Häuſer waren geöffnet und man nöthigte die Grena⸗ diere, welche der Ermattung unterlagen, einzutreten und ſich zu erquicken. Es lag etwas Antikes und Erhabenes und eine Erinnerung an die glorreichen Römerzeiten in dieſem welthiſtoriſchen Triumphzuge, in dieſer Erhebung einer ganzen Nation, welche ſo freimüthig ihre Liebe aus⸗ ſprach. So langte man bei dem kleinen Dorfe Brié an, 83 welches zwiſchen Grenoble und Vizille gelegen iſt. Es war gegen fünf Uhr des Abends. Plötzlich hielt der Kaiſer ſein Pferd an und blickte durch ſein Fernglas. „Ich irre mich nicht,“ ſprach er,„es ſind Trup⸗ pen, die uns dort entgegen ziehen. Es ſcheint, als ſuche man eine Schlacht.“ Auf dieſe Worte gab Eugen ſeinem Pferde die Sporen und flog die Straße voran, um zu ſehen, wer die Ankommenden wären. Nach einigen Minuten kehrte er zurück. „Sire,“ meldete athemlos der Jüngling,„es iſt das ſiebente Regiment, welches daher zieht, Labedoyere an ſeiner Spitze.“ In demſelben Augenblicke langte auch dieſes Re⸗ giment in vollem Laufe und der größten Unordnung an. Es war unmöglich geweſen, die Soldaten beim Anblicke des Kaiſers zurückzuhalten. Man ſchrie, man weinte. Der Kaiſer mußte mit Gewalt ſeine Rüh⸗ rung unterdrücken. „Wo iſt der Obriſt?“ frug er. „O, Sire,“ rief Labedoyere, auf des Kaiſers Steigbügel zuſtürzend,„endlich ſind Sie uns wieder⸗ gegeben!“ und das Antlitz dieſes jungen, ſchönen Mannes ſtrahlte vor Freude und ſeine Augen glänz⸗ ten voller Thränen. „In meine Arme, mein Sohn,“ ſprach Napoleon, indem er den Obriſten an ſein Herz drückte. „Und mein Adler?“ frug er. Labedoyere überreichte denſelben. Napoleon em⸗ pfing und küßte ihn zweimal. Wie die Lawine mehrten ſich die Begleiter des Kaiſers bei jedem Schritte vorwärts, ſo daß, als er 6 8½ am ſiebenten März Abends ſechs Uhr bei Grenoble anlangte, funfzehntauſend Menſchen ihn umgaben. Die Thore von Grenoble waren geſchloſſen. In der Stadt herrſchte die größte Aufregung. Nach dem Abmarſche des ſiebenten Regiments hatte General Marchand eine Revue gehalten, die Soldaten ange⸗ redet und ſie aufgefordert:„Es lebe der König“ zu rufen. Die Soldaten waren ſtill und finſter geblie⸗ ben und hatten nicht einmal die Augen zu ihren Führern erhoben. Der General Marchand verſammelte einen Kriegs⸗ rath, in welchem aber Nichts ausgemacht wurde. Die Unruhe wuchs bei hereinbrechender Nacht und bei der Nachricht, daß Napoleon nicht in Vizille Halt ge⸗ macht, ſondern gegen Grenoble vorrücke. Zugleich er⸗ ging die Meldung, daß ſich die Soldaten und Offi⸗ ciere des fünften Regiments, welches in ſeinen Ca⸗ ſernen eingeſperrt war und von welchen ſich ein Bataillon bereits mit der Armee von Elba vereinigt hatte, an Bettüchern aus den Fenſtern herabließen und Alles aufböten, um aus der Stadt zu kommen und dem Kaiſer entgegen zu eilen. In dieſem Augenblicke durchzog Napolevn die Vorſtadt Saint Joſeph und gelangte vor das Thor von Baune. Hier hatte man einen fünfundzwanzig Fuß breiten Graben aufgeworfen. Auf dem Walle, welcher dieſes Thor deckte, waren zehn mit Kartät⸗ ſchen geladene Kanonen aufgefahren. Ihre todtbrin⸗ genden Mündungen waren gegen den Kaiſer gerichtet. Die Beſatzung, welche ſich auf den Wällen befand, beſtand aus dem ſechſten Linienregimente, aus dem dritten vom Geniecorps, aus dem vierten Huſaren⸗ und vierten Artillerieregimente. 85 Mehre angeſehene Einwohner von Grenoble nahten ſich jetzt dem Kaiſer. „Sire,“ ſprach einer,„man erwartet Sie mit Ungeduld.“ Der Kaiſer ließ durch einen Parlamentair die Stadt auffordern, ſich zu ergeben und die Thore zu öffnen. Der Adjutant des General Marchand, welcher be⸗ reits bei Lamure Befehl gegeben hatte, auf den Kai⸗ ſer zu ſchießen, war nach Grenoble zurückgekehrt und evmmandirte die Thor⸗Batterien. Dieſer verweigerte die Uebergabe und das Oeff⸗ nen des Thors. Zugleich ſuchte er die Artilleriſten anzuſpornen, die Kanonen auf den Kaiſer abzubren⸗ nen. Kein Menſch rührte ſich auf dieſen Aufruf im ganzen Regiment, die Soldaten ſtanden regungslos bei ihren Geſchützen. „Wohlan,“ rief General Cambronne, der ſich im Gefolge Napoleon's befand,„wenn ſie nicht öffnen, muß man das Thor ſprengen.“ „Nicht doch,“ ſprach Napoleon, welcher keineswegs über die Verzögerung beſorgt ſchien, und ging ruhig, die Arme über die Bruſt geſchlagen, unter der ihn vergötternden Menge auf und ab, welche ihm meilen⸗ weit von ihrem Herde gefolgt war. Unterdeſſen war es Nacht geworden. Die kaiſer⸗ lichen Soldaten und eine Menge andrer Leute hatten ſich in den zahlreichen Lichtfabriken der Vorſtadt St. Joſeph Lichter gekauft und dieſe angezündet, wodurch die große verhängnißvolle Scene ein höchſt maleriſches Anſehen erhielt. Nochmals ſchickte der Kaiſer einen Parlamentair ab, das Oeffnen des Thors zu verlangen. Da rief eine Stimme von den Wällen: 86 „Es wird geſchehen!“ Dies war der Adjutant des Generals Marchand. Empört über den Ungehorſam ſeiner Truppen ergriff er endlich ſelbſt eine Lunte und wollte Feuer geben, da ſprang in demſelben Augenblicke eine Frau auf dieſen Officier zu und riß ſie ihm aus der Hand. „Unglückſeliger,“ rief ſie,„was wollen Sie thun? Wiſſen Sie nicht, daß es unſre Männer und Söhne find, die da unten ſtehen? Uebrigens wollen wir den Kaiſer, hoch, es lebe der Kaiſer!“ Auf dieſes Signal erhob ſich, wie mit einem elec⸗ triſchen Schlage ein allgemeines Geſchrei. Tauſende von Stimmen ließen den Namen des Kaiſers zu den Wolken ſteigen. Die Wälle erbebten von dem uner⸗ meßlichen„Vive l'empereur!“ Napoleon war in dieſem entſcheidenden Augenblicke den Batterien ſo nahe, daß mehre ſeiner Begleiter ihre Beſorgniß ausſprachen und ihn baten, ſich aus der gefährlichen Nähe zurückzuziehen. „Was ſoll mir denn widerfahren?“ frug lächelnd der große Mann.„Uebrigens tödtet eine Kugel, aber ſie thut nicht weh.“ Endlich erfuhr man, daß der General Marchand Grenoble verlaſſen und die Schlüſſel der Stadt mit ſich genommen habe. Sogleich ergriffen die Bewohner einen Balken und ſprengten von Innen das Thor von Baune. Mit dumpfem Gekrach und unter dem erderſchütternden Geſchrei:„Hoch lebe der Kaiſer!“ brachen die gewaltigen Pfoſten zuſammen. Jetzt bot ſich ein bewundernswerthes Schauſpiel dar. Dreißig Tauſend Menſchen bedeckten die Stra⸗ ßen und den Marktplatz von Grenoble. Alle Häuſer waren illuminirt und der Kaiſer wurde in den Tagen ſeiner höchſten Macht nicht mit ſolchem Enthuſiasmus 87 empfangen. Alle Soldaten und Officiere, die dem Kaiſer folgten, wurden entführt. Niemand durfte zwei bei ſich aufnehmen. Alle wollten Theil haben an dem, was man das Feſt der Stadt nannte. So gelangte der Kaiſer von dem berauſchten Volke faſt auf den Arnen getragen, nach dem Hotel des trois Dauphins. Er wollte nicht auf der Prä⸗ fectur wohnen. Der Wirth des genannten Hotel war ein alter Soldat aus Aegypten; bei dieſem nahm er Quartier. Kaum war er abgeſtiegen, als eine Deputation des Volks eingeführt ward. „Sire,“ ſagte ein Bürger von Grenoble, welcher den Sprecher machte,„wir können Ihnen nicht die Schlüſſel unſrer Stadt zu Füßen legen, weil dieſelben der General Marchand mit ſich genommen hat; dafür legen die getreuen Bürger von Grenoble Ihnen das ganze Thor zu Füßen. Geruhen Ew. Majeſtät, den Kopf zum Fenſter hinauszuſtecken.“ Der Kaiſer trat auf dieſe Worte lächelnd an das Fenſter, welches er öffnete. Da lagen die beiden Thorflügel vor der Hausthür. Zugleich erhob ſich in dieſem Augenblicke ein heftiges Geſchrei:„Es lebe der Kaiſer!“ Es kam von einem Bataillon des fünf⸗ ten Regiments, welches der Obriſtlieutenant hatte aus der Stadt führen wollen, das aber, angeführt vom Capitain Pelaprat, unter upanthrichem„Vive l'em- pereur!“ zurückgekehrt war. „Normand,“ ſprach der Kaiſer, als er einige Au⸗ genblicke Ruhe erhalten,„eilen Sie ſogleich zu Du⸗ moulin. Ich will ihn ſprechen.“ Als der Verlangte erſchien, ſprach der Kaiſer zu ihm: „Herr Dumvoulin, ich wollte Ihnen meine ganze Zufriedenheit über Ihr Benehmen bezeugen. Sie ſind 88 Mitglied meiner Ehrenlegion und werden mir nach Paris folgen“*). Nach dieſen Worten nahm der Kaiſer ein dia⸗ mantnes Kreuz aus einem Käſtchen. „Nehmen Sie das,“ ſprach er, dem Freudezittern⸗ den dieſes Zeichen kaiſerlicher Huld überreichend, „und treten Sie Morgen bei guter Zeit Ihren Dienſt als Ordonnanzofficier bei mir an. *) Dieſer Bürger von Grenoble zeichnete ſich bei der Rückkehr Napoleon's von Elba durch ſo grenzenloſe Hin⸗ gebung für die kaiſerliche Sache aus, daß hier ſeiner auf das Ehrenwertheſte gedacht werden muß Niemand war dem Kaiſer treuer ergeben. Als Herr Dumoulin isis an der Börſe mehre Millionen gewann, eröffnete er eine Unterhand⸗ lung mit Lord Bathurſt, Staatsſecretair der engliſchen Ma⸗ rine, um dem Kaiſer jährlich hunderttauſend Franken nach St. Helena ſchicken zu dürfen. Unter der Reſtauration wurde er zahlreiche Male wegen Verſuchen zu Gunſten Na⸗ poleon's verhaftet. Seine Liebe für den großen Mann dauerte über das Grab hinaus, und als der Morgen des neunundzwanzigſten Juli 1830 über Frankreich heraufbrach, war Dumvulin der Erſte, welcher in ſeiner Uniform als kai⸗ ſerlicher Ordonnanzofficier auf dem Pariſer Stadthauſe er⸗ ſchien. Er erinnerte ſich ſeines Eides, welchen er dem Kai⸗ ſer geleiſtet, für deſſen Sache zu ſterben, eilte zu dem Buch⸗ drucker David in der Faubourg Poiſſonniere und ließ in der Nacht mehre tauſend Proclamationen drucken, welche Na⸗ polevn II. nach dem Detrete der Kammern vom 21. Juli 4815 auf den Thron Frankreichs riefen. Am 30. Juli, neun Uhr Morgens, proclamirte er mit Bewilligung von drei Mit⸗ gliedern der Municipalcommiſſion und unter dem Beiſtande einer Anzahl Freunde, Napoleon II., als der Obriſt Car⸗ bonel und der Wechſelagent Combard, Secretair des Herrn von Lafayette, ihm ſagten, daß ihr General ihn zu ſprechen wünſchte. Sie führten ihn in ein abgelegenes Haus, wo er jedoch nur zwei Menſchen vorfand, die ihn von Neun Uhr des Morgens bis Sieben Uhr Abends zurückhielten. Dies iſt ein abermaliger Fall, wo Lafayette der kaiſerlichen Dynaſtie verderblich ward. 89 „Herr Großmarſchall,“ fuhr der Kaiſer zu Ber⸗ trand gewendet fort,„hier ſtelle ich Ihnen einen neuen Officier meines Gefolges vor.“ Dabei zupfte er den neuen Ordonnanzofficier wohlgefällig am Ohr. Unter den Bewohnern Grenobles, welche ſich nächſt Dumoulin am Eifrigſten für die kaiſerliche Sache ge⸗ zeigt hatten, befand ſich auch Herr Champollion Figeac, ein Bruder des berühmten Hieroglyphenentzifferers. Der Kaiſer ließ ihn rufen, dankte ihm und bald kam das Geſpräch auf Aegypten. Napoleon vergaß darü⸗ ber Grenoble, die Inſel Elba, Paris, um nur von jenem Lande, deſſen Alterthümern, den vierzehn Dy⸗ naſtien der Lagiden, die in den Pyramiden verſchloſ⸗ ſen ſind, der Wiedererwachung des arabiſchen Volks, dem Iſthmus und von Suez zu reden. „Was ſagt man,“ frug der Kaiſer,„von den großen Arbeiten, die ich zur Ueberſetzung des chineſi⸗ ſchen Wörterbuchs und zur neuen franzöſiſchen Ueber⸗ ſetzung des Strabo angeordnet habe? Wenn ich in Paris bin, muß man mir über dieſe literariſchen Ar⸗ beiten Bericht erſtatten.“ Das Geſpräch verlängerte ſich bis ein Uhr des Morgens. „Gehen Sie zu Bett,“ ſprach endlich Napoleon, „und kommen Sie Morgen ſo früh wieder, wie ſie können.“ Früh acht Uhr des nächſten Tages langte ein Rittmeiſter von Lyon an, welcher vom General Brayer abgeſandt war, dem Kaiſer die Anhänglichkeit dieſes Generals zu verſichern. Er hatte Lyon um zwei Uhr Nachmittags am Siebenten verlaſſen. „Kehren Sie ſogleich zurück,“ befahl Napolevn, „und verſichern Sie den General Brayer meiner 90 Freundſchaft. Hauptſächlich ſagen Sie ihm, daß ich nach Paris zu kommen wünſchte, ohne einen Schuß zu thun.“ Dem Herrn Champollion dictirte er zu gleicher Zeit einen Brief an den Kaiſer von Oeſterreich. Als der Kaiſer ſichtbar wurde, ſtellte ſich ihm der Biſchof Simon an der Spitze ſeines ganzen Capitels und der vier Pfarrern von Grenoble vor. Er hatte ſeinen ganzen Clerus bei ſich, mit Ausnahme des General⸗ vicars, der mit dem Präfecten davon gegangen war. Bei dieſer Audienz fand ein komiſcher Auftritt ſtatt. Der Biſchof ſtellte dem Kaiſer die Pfarrer vor, indem er jeden bei dem Namen nannte. Bei den Worten:„Ich habe die Ehre, Ew. Majeſtät Herrn de la Grez vorzuſtellen,“ fiel ihm der Kaiſer in die Rede, indem er zu dem Pfarrer ſagte:„Ach, Sie ſind es, mein Herr, der mich alle Sonntage in ſei⸗ nen Predigten an die Köchinnen mit ſo viel Schmä⸗ hungen überhäufte?“ „Mein Gott, Sire,“ ſtotterte der Pfarrer in der höchſten Beſtürzung,„ich verſichre Sie—“ „Sein Sie unbeſorgt,“ beruhigte ihn lächelnd der Kaiſer,„ich zürne Ihnen deshalb nicht. Ich weiß, daß Sie ein guter Prediger ſind. Fahren Sie ſo fort, wie es Ihnen gefällt. Ich habe die Freiheit des Cultus geſtattet.“ Der arme Pfarrer war ganz niedergeſchmettert. Als dies der Kaiſer bemerkte, fuhr er fort: „Denken Sie nicht mehr daran; doch ſeien Sie künftig ſanft und barmherzig gegen Alle, das iſt die wahre Lehre Jeſu Chriſti.“ Man meldete den kaiſerlichen Gerichtshof. Der Kaiſer ſprach in dieſer Audienz ſehr gelehrt. Er ſprach über die Rechtsgelahrtheit wie ein Mann 91 vom Fach, und hob beſonders die Nothwendigkeit hervor, die veralteten Geſetze zu verbeſſern. Einen rührenden Anblick gewährten namentlich die Generale, Obriſten und Officiere, welche vor Napoleon erſchienen. Sie ſchienen alle einen Vater wieder zu finden. Sie weinten vor Freude und zitterten, indem ſie mit dem großen Feldherrn ſprachen. „Die Bourbons,“ ſprach der Kaiſer zu ihnen, „haben Euern Ruhm mit Füßen getreten. Sie be⸗ gingen einen Fehler, und nicht blos einen Fehler, ſondern auch eine Beleidigung gegen Frankreich.“ Nach dieſen verſchiedenen Audienzen ging Napoleon hinab auf den Markt, die Garniſon und National⸗ garde die Revue paſſiren zu laſſen. Erſtere beſtand aus dem fünften und ſiebenten Infanterieregimente, dem vierten Huſarenregiment, zwei Ingenieurcompagnien und dem vierten Regimente Ar⸗ tillerie. Die Nationalgarde war funfzehnhundert Mann ſtark, ein ſchönes Corps, faſt ganz aus alten Solda⸗ ten beſtehend. Der Enthuſiasmus war womöglich noch größer, als am Abende zuvor. Der Kaiſer wurde von den Armen des Volkes getragen. Ein junges Mädchen näherte ſich ihm mit einem Lorbeerkranze in der Hand und ſprach einige Verſe. „Was kann ich für Sie thun, ſchönes Kind?“ frug der Kaiſer. Das Mädchen erröthete, erhob dann die Augen zu Napoleon und erwiederte: „Ich habe Ew. Majeſtät um Nichts zu bitten, doch wenn Sie mich ganz glicklich machen wollen, ſo umarmen Sie mich.“ Der Kaiſer küßte ſie auf die ſchöne Stirn und 92 indem ſeine Blicke mit anmuthigem Lächeln über die Volksmenge ſchweiften, ſprach er laut: „Ich umarme in Ihnen alle Damen von Grenoble.“ Als er nach dem Platze ſchritt, wo die Revue ge⸗ halten werden ſollte, bemerkte man, daß keine drei⸗ farbige Fahne da war. Sogleich eilte Eugen in ein Merinogewölbe, ließ Streifen von rothem, weißem und blauem Merino zuſammen nähen und in kurzer Zeit flaggte die Tricolore auf allen Thürmen der Stadt. Kaum wurden die Truppen und das Volk dieſer Fahnen anſichtig, als ein unermeßlicher Jubel ent⸗ ſtand. Das Entzücken erreichte aber namentlich unter dem bejahrtern Publikum den höchſten Gipfel, als die Militairmuſik die Marſeillaiſe anſtimmte. Am Nachmittage des achten März verließ Napo⸗ leon Grenoble, um in Bourgving, einem großen zehn Stunden entfernten Flecken, zu übernachten. Von dem Golf Juan bis Grenoble war er ſtets zu Pferd oder zu Fuß gereiſt. Erſt in Grenoble ließ er einen Wagen kaufen. Am nächſten Tage, als ſich der Kaiſer Lyon näherte, befahl er dem Obriſten Kermanuski, mit ſechs polniſchen Lanciers eine Recognoseirung bis zur Guillivtaire, einer Vorſtadt von Lyon, zu unterneh⸗ men. Kaum aber erblickten die Lyoneſen dieſe kai⸗ ſerlichen Vedetten, als Nichts mehr ſie zurückzuhalten vermochte. Zu Tauſenden entſtrömte das Volk den Mauern Lyons, dem Kaiſer entgegen zu eilen. Seit zwei Tagen war Niemand zu Bette gegangen. In dieſer alten Hauptſtadt Galliens herrſchte noch ein größeres Entzücken als ſelbſt in Grenoble. In Saint⸗Denis⸗de⸗Brou, zwei Stationen vor Lyon, ———————— 93 erreichte die Bevölkerung Lyons unter allgemeinem Jubelgeſchrei den Kaiſer. Napoleon war am erſten März mit dreizehnhun⸗ dert Mann gelandet. Als er ſich am neunten Lyon nahte, gebot er ſchon über achttauſend regulaire Trup⸗ pen und es folgten dreißig Kanonen. Der Weg von Grenoble bis Lyon iſt von zahl⸗ reichen Dörfern und reichen Flecken eingefaßt, deren Bevölkerung neben ſeinem offnen Wagen herzog, und ſo ſein Gefolge bildete. Die jungen Leute der Dau⸗ phiné und der Provinz Lyon umgaben beſtändig den Kaiſer, indem ſie die Marſeillaiſe ſangen. Alle ſchwo⸗ ren ihm auf den Tod, bis nach Paris zu folgen. „Nein, meine Kinder,“ ſprach der Kaiſer,„bleibt bei Euern Müttern und jungen Frauen. Ich hoffe jetzt auf den Frieden, und wenn kein Krieg wird, habt Ihr nicht nöthig, wegen mir Eure Familien und Geſchäfte zu verlaſſen.“ Unfern von Lyon ward Napoleon von einem Greiſe angeredet, der Hufſchmidt und Maire ſeines Dorfes war. Er kam mit der ganzen Dorfbewohner⸗ ſchaft aus ſeinen Bergen herab und trat vor den Kaiſer. Als dieſer die ebrwürdige Geſtalt mit dem ſilberweißen Haare erblickte, die mit der dreifarbigen Schärpe bekleidet war, ohne deshalb ſein Schurzfell abgelegt zu haben, ließ er ſogleich den Wagen an⸗ halten. „Sire,“ ſprach der Dauphineſe,„Sie kehrten nach Frankreich zurück und gehen nach Paris. Wenn Sie dort ſind, ſo vergeſſen Sie das Volk nicht, welches Ihnen den Weg bahnte. Es beſteht aus freien Män⸗ vern und will frei ſein. Wir wollen weder Pfaffen noch Fremdlinge zu unſern Herren. Wir werden Ihnen Alles geben, was Sie verlangen; aber Sie 9⁴ müſſen uns unſre Rechte bewahren. Bedenken Sie, daß wir arm und Ihre Kinder ſind. Leben Sie wohl, Sire, Gott führe und beſchütze Sie! Denken Sie an unſer Glück und vergeſſen Sie nicht, daß Sie der Stellvertreter des Volkes ſind.“ Als der Greis dieſe Worte ſprach, ſtand er auf⸗ recht mit ehrfurchtsvoll entblößtem Haupte und Thrä⸗ nen ſtanden in ſeinen Augen. „Gewiß,“ antwortete der Kaiſer,„ich werde dich nicht vergeſſen, Volk der Dauphinsé! Du erinnerſt mich, ſeitdem ich unter dir weile, an alle die edeln und großen Eigenſchaften, wegen welcher ich vor zwan⸗ zig Jahren den Franzoſen den Namen der großen Nation gab. Du biſt es noch und wirſt es immer ſein. Sie, Herr Maire, haben zu meiner Seele ge⸗ ſprochen, geben Sie mir Ihre Hand.“ Der Kaiſer ſprang aus dem Wagen und umarmte den Greis mit Innigkeit. In Bourgving hörte Napoleon von dem erſten ernſten Widerſtand, den er zu bekämpfen haben würde, von der Ankunft des Grafen Artvis und des Mar⸗ ſchall Macdonald in Lyon. Der Prinz hielt unmittelbar nach ſeinem Cintref fen Revue über die Truppen. Er ward mit finſtrem Schweigen empfangen. Das dreizehnte Dragoner⸗ regiment, welches erſt ſeit Kurzem aus Spanien zu⸗ rückgekehrt war, beſtand aus lauter Veteranen. Der Obriſt, welcher erſt von dem Marſchall, dann von dem Prinzen angeredet wurde, erwiederte: „Monſeigneur, ich werde für die Sache Ew. kö⸗ niglichen Hoheit mein Blut vergießen.“ Dann erhob er den Säbel und rief: „Es lebe der König!“ 95 Ein Todtenſchweigen erfolgte. Nicht ein Einziger im ganzen Regiment ſtimmte in den Ruf ein. Der Prinz veränderte die Farbe. Er näherte ſich einem Unterofficier deſſelben Regiments, welcher reich decorirt und deſſen Arm mit vielen Dienſtſtreifen be⸗ deckt war. „Sieh,“ ſprach der Bruder des Königs, indem er dem Veteranen die Hand reichte,„Du biſt ein ſo braver Krieger, Du wirſt wenigſtens: Es lebe der König! rufen.“ „Nein, Monſeigneur,“ erwiederte achtungsvoll doch feſt der alte Dragoner;„ich ehre Ew. königliche Ho⸗ heit, aber ich kann Ihr Lebehoch nicht rufen. Meine Loſung iſt: Es lebe der Kaiſer!“ Da hallte es im Augenblick tauſendſtimmig wie⸗ der durch alle Regimenter. Die ganze Garniſon von Lyon wiederholte einſtimmig und begeiſtert den theuern, geliebten Namen. Da ſprang der Prinz in ſeinen Wagen zurück. „Alles iſt verloren!“ rief er, und ſchleunigſt ver⸗ ließ er Lyon. Der Wagen, in welchem der Bruder des Königs fuhr, wurde nicht einmal bis zu den Thoren der Stadt begleitet. Von der ganzen zahlreichen Yeo⸗ mannie, der Lyoner reitenden Nationalgarde, gab den Fliehenden nur ein Einziger das Geleit. Napoleon, als er nach ſeiner Ankunft dieſe Garde auflöſte, ſchenkte dieſem Einzigen das Ehrenkreuz. Während der Graf Artvis aus Lyon floh, beſetzte Marſchall Macdonald mit zwei Bataillonen Infanterie die Brücke der Guilliotiaire, die er barricadiren ließ, um dem Kaiſer den Uebergang ſtreitig zu machen. Kaum aber hatten die Soldaten die rothen Pelze des vierten Huſarenregiments erblickt, als ſie ihre Tſcha⸗ 96 ko's in die Luft warfen und in ein einſtimmiges Vive l'empereur! ausbrachen. Der Marſchall verließ jetzt gleichfalls Lvon. Die Truppen vereinigten ſich mit Napoleon, und ohne auf das geringſte Hinderniß zu ſtoßen, hielt dieſer unter dem beiſpielloſen Jubel einer unermeßlichen Bevölke⸗ rung ſeinen Einzug in der zweiten Stadt des Reichs. Drittes Rapitel. S In finſterm, dumpfigem Kerkergewölbe, an Händen und Füßen gefeſſelt, lag der arme Barbanegre. Nur ganz ſchwach warf das Tageslicht einen Strahl in die unheimliche Tiefe. Das Schickſal des alten Gre⸗ nadiers war ſo gut wie entſchieden. Das Gericht hatte in letzter Inſtanz auf den Tod entſchieden. Es blieb nur noch eine Hoffnung— an die Gnade des Königs zu appelliren. Der Rechtsanwalt, welcher dem Gefangenen hierzu gerathen, hatte den Kerker ſo eben verlaſſen; aber ſeine Ermahnungen waren fruchtlos geblieben, der alte Grenadier Napoleon's wollte ſein Leben keinem Bourbonen zu verdanken haben. „Was verlier ich denn an dieſem erbärmlichen Leben,“ ſprach Barbanegre für ſich,„die Schmach des Vaterlandes hat mir das Daſein verhaßt gemacht. Freilich wär' mir's lieber geweſen, ich läge mit draußen auf den Aeckern der Champagne, wie ſo viele meiner Brüder, dann hätt' ich viel verſchlafen. „Was iſt der Tod,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„war ich nicht in hundert Schlachten in ſeiner ——— Nähe? Ich fürchte ihn nicht; aber erſchoſſen will ich ſein, wie ſich für einen Soldaten Napoleon's geziemt.“ Wieder klirrte die Kerkerthür und eine bleiche Mönchsgeſtalt nahte ſich dem Gefeſſelten. „Barbanegre,“ ſprach die Geſtalt,„Euer Lovs iſt geworfen, Euer letztes Stündlein hat geſchlagen; es bleibt Euch nichts übrig, als Euer verſtocktes Ge⸗ müth dem Himmel aufzuſchließen, welcher auch den Sünder liebend in ſeine Arme nimmt, ſo dieſer de⸗ müthig bereut. Geht alſo in Euch, Barbanegre, ſpielt nicht mehr den Verſtockten, beichtet mir Euer ſündenvolles Leben, auf daß ich Euch kraft meines Amtes Abſolution ertheilen kann.“ „Ich habe Nichts zu bereuen,“ erwiederte der Ge⸗ fangene unmuthig,„und nichts zu beichten.“ „Bedenkt,“ fuhr der Mönch fort,„daß Ihr in Kurzem vor Gott ſteht, der für verſtockte Herzen ein zürnender Richter iſt, aber für zerknirſchte und reue⸗ volle ein liebender, vergebender Vater.“ „Was ſoll ich denn bereuen?“ frug Barbanegre. „Vor allen Dingen,“ antwortete der Mönch,„die Verbrechen, welche Euch hierher gebracht haben, aber dann Euer ganzes Leben, denn es war ein fortwäh⸗ render Irrthum; Verbrechen war es, einem Menſchen, der weder Gott noch die Kirche vor Augen hatte, durch die halbe Welt zu folgen und für ſeinen Ehr⸗ geiz das Schwert gegen alle Völkerſchaften zu ſchwin⸗ gen. Nimmer wäre es jenem Tyrannen gelungen, das Maaß ſeiner Sünden bis zum Ueberlaufen zu füllen, wenn Ihr, ſeine Helfershelfer, ihm nicht ſo halsſtarrig bei Seite geſtanden hättet.“ „Daß wir Frankreich groß gemacht,“ frug Bar⸗ banegre lächelnd weiter,„daß wir dem Vaterlande Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 7 98 unſterblichen Ruhm gebracht, und für daſſelbe in hun⸗ dert Schlachten freudig geblutet, das wäre Sünde?“ „Ruhm?“ erwiederte ſtrafend der Mönch,„was iſt Euer ſogenannter Ruhm, die Geburt Eurer Eitel⸗ keit vor den Augen des Höchſten? Eine Seifenblaſe. Alſo nochmals, ſchließt Euer verſtocktes Gemüth auf; bereut aufrichtigen Herzens Euere vielen Miſſethaten und hauptſächlich, daß Ihr ſo lange Jahre in dem Solde eines Tyrannen geſtanden. Verleugnet dieſe Geiſel Gottes, verabſcheut ſie und kehrt zerknirſcht in den Schooß der allliebenden Kirche zurück.“ „Da will ich doch gleich zehntauſend Jahre in der Hölle braten,“ fuhr hier der alte Gardiſt heraus,„als ſolche Miſſethat mir zu Schulden kommen zu laſſen. Wie, meinen Kaiſer und Herrn verleugnen, der gleich nach dem Herrgott ſelbſt regiert? Du verdammtes Pfaffengeſicht! Stäk' ich nicht in Ketten über und⸗über, ich wollte Dir Dein Maul ſtopfen ob ſolcher Läſter⸗ rede. Fort von mir. Der Weg in die Ewigkeit iſt im Finſtern zu finden; brauche keine Kirchenlaterne; zum Satan mit Dir und Deiner Abſolution!“ „Nun ſo fahre hin in Nacht und Graus, Du Gottverfluchter,“ rief der Mönch, ſchlug drei Krenze und entfernte ſich eiligſt. Wieder ward es ſtill in dem finſtern Kerker. Barbanegre, froh, des geiſtlichen Beſuches los zu ſein, ſtreckte ſich ruhig auf ſein Lager. Er überſann noch⸗ mals ſein ganzes Leben und fand keine dunkle Stelle, die ihm hätte ſein letztes Stündlein verbittern kön⸗ nen. Ueberall war er ſich bewußt, nach beſtem Wiſ⸗ ſen und Gewiſſen gehandelt zu haben. Darum blickte er ſorglos dem Tode entgegen, und nur die Hinrich⸗ tung durch die Guillotine war es, was ihm im höch⸗ 99 ſten Grade zuwider war. Er wollte als ehrlicher Soldat erſchoſſen ſein. Trotz ſeines harten und unbequemen Lagers über⸗ mannte den Gefangenen bald der Schlaf; heitre Traumgebilde zogen an ihm vorüber; er war wieder jung, fühlte ſich in die frühlingvollen Auen ſeiner Kindheit verſetzt; ſelig ſaß er wie einſt an dem kla⸗ ren Bache ſeines Dorfes und ſah dem muntern Spiele der Gold⸗ und Silberforellen zu; in der Ferne zo⸗ gen blaue Wolken über duftende Wälder; alle Wieſen waren geſchmückt mit ſtiller Blumenpracht. Plötzlich drang ein Ton der Erdenwelt in die holde Fata Morgana des Traums. Erſchreckt fuhr Barbanegre empor. Glocken klangen, Trommeln wirbelten, eilende Fußtritte wurden vernehmbar, es ſchien ein tumultua⸗ riſches Durcheinanderrennen. Plötzlich tönte ein Ruf aus der Oberwelt herab in die Kerkernacht, welcher Barbanegrels Herz beben machte. Der Gefangene riß convulſiviſch an ſeinen Ketten. Und immer lauter, immer mehrſtimmiger tönte das ſiegsfreudige Vwe 'empereur! Barbanegre klopfte mit dem Kopf an die Wand, damit er aus ſeinem Traume erwache, denn noch im⸗ mer glaubte er zu träumen; aber der Tumult der Oberwelt ließ nicht nach und nahm von Minute zu Minute zu. Thüren wurden aufgeſchlagen. Das Getös drang bis in das Grabgewölbe der Kerker herab und kam immer näher. Fußtritte und Waffen⸗ geklirr ward bereits in den vorderſten Gängen ver⸗ nehmbar Dabei tönte ununterbrochen:„Hoch lebe der Kaiſer!“ Barbanegre hielt betend die Hände gefaltet. Er glaubte ſich ſchon geſtorben. Heiße Thränentropfen rannen ihm in den Bart; und immer näher drang der —* 7 100 Tumult. Ketten fielen klirrend auf den Boden. Es war ein Jubel, wie am Auferſtehungsmorgen. Plötzlich rief eine Stimme: „Barbanegre, erſter Grenadier der Fulminatrix, wo ſteckſt Du?“ „Vive l'empereur!“ antwortete der Gardiſt, daß die Gewölbe widerhallten, und raſſelte wie ein ge⸗ feſſelter Löwe an ſeine Ketten. Da ſtürzte von Axtſchlägen getroffen, die Thür in Trümmer, Fackelſchein drang blendend in die dunkle Halle, alte Kameraden Barbanegre's ſtürzten herein. „Unſer Kaiſer ruft,“ tönte es vielſtimmig, und bald ſtand der dem Tode Verfallene entfeſſelt da.„Na⸗ poleon iſt in Lyon. Er iſt von Elba gekommen. Ganz Frankreich liegt wieder an ſeiner Bruſt.“ Da fiel Barbanegre vernichtet auf ſeine Knie. Es war der ſeligſte Augenblick ſeines Lebens. Viertes Rapitel. Es war am zwanzigſten März, Nachts zwei Uhr, als alle Treppen, Höfe und Zugänge der Tuilerien von einer ängſtlichen, zahlreichen und ſchweigenden Men⸗ ſchenmenge bedeckt waren. Einzelne Fackeln beleuch⸗ teten ſchauerlich die düſtern Gruppen, welche größten⸗ theils aus Emigranten und Perſonen beſtanden, die zum Hofe Ludwig's des Achtzehnten gehörten. So war denn zum zweiten Male der Augenblich gekommen, wo das franzöſiſche Königshaus ſein Stamm⸗ 401 ſchloß verlaſſen und ſeine Heimath in der Fremde ſu⸗ chen ſollte. Alles war vergeblich geweſen, den Triumphmarſch Napoleon's aufzuhalten. Alle gegen ihn geſendete Truppen waren zu ihm übergegangen. Selbſt der Warſchall Ney, welchen der König an die Spitze eines bedeutenden Heeres geſtellt, um den Kaiſer aufzuhal⸗ ten, nachdem er ſich von dem Geiſte ſeiner Truppen überzeugt, hatte die Sache der Bourbonen für eine verlorne erklärt und ſich mit Napolevn vereinigt. Nichts ſtand dem Kaiſer bis Paris mehr im Wege, als ein vom Marſchall Macdonald befehligtes Trup⸗ pencorps, welches ſich bei Melun in dreifacher Linie aufgeſtellt hatte. Ruffus und Eugen, welche in Aufträgen des Kai⸗ ſers vorausgeeilt waren, befanden ſich unter der Menge, welche das Tuilerienſchloß belagerte. Plötzlich erſchien ein mit acht Pferden beſpannter Wagen, welcher vor dem Schloßthore vorfuhr. Aller Blicke richteten ſich nach der großen Treppe. Da ſtieg langſam der alte König, ſchwach und kränklich, ge⸗ ſtützt auf dieſelben Getreuen, die ihm ſchon einmal in die Verbannung gefolgt waren, die Stufen herab, um von Neuem die Gaſtfreundſchaft des Auslandes in Anſpruch zu nehmen. Es war ein ergreifender Anblick, dieſes greiſe, gramgebleichte Königshaupt, wie es mitten in der Nacht, von ſeinem Volke und ſeinem Heere verlaſſen, abermals den Weg nach der Verbannung einſchlagen mußte. Eugen war tief erſchüttert. „Ich bin kein Freund des Königs,“ ſprach er, „aber dieſer alte Mann dauert mich von Herzen, in 102 ſo ſpätem Alter noch von ſo großem Unglück betroffen zu werden.“ Der Wagen des Königs rollte ſtill durch die Nacht. Kein Beifallsgeſchrei folgte. Alles blieb ſtill; bald verlief ſich die Menge, um ſich zum Empfange des neuen Gebieters vorzubereiten. Eugen und Ruffus begaben ſich in die Wohnung des Herzogs von Vicenza, den ſie aus dem Schlafe weckten. Als der Herzog die beiden Freunde des Kai⸗ ſers erblickte, malte ſich eine unbeſchreibliche Freude auf ſeinem Geſicht. Eugen überreichte ihm ein eigenhändiges Billet Napolevn's, das alſo lautete: „Der Erfolg hat Alles gerechtfertigt. Ich habe Frankreich und die Franzoſen wieder erobert. Morgen ſchlafe ich in Paris.“ Kaum graute der Morgen, als ſich die Straße von Fontainebleau mit einer unzählbaren Menſchen⸗ menge bedeckte. Auch Caulaincvurt, Eugen und Ruffus ſchloſſen ſich an und ritten dem Kaiſer entgegen. In der Gegend von Melun trafen ſie auf die kö⸗ niglichen Truppen, welche die Straße beſetzt hielten, auf welcher der Kaiſer daher kommen mußte. Die Alleen des Waldes von Fontainebleau befanden ſich im Geſichte der königlichen Armee. Rings herrſchte eine tiefe Stille, die ganze Gegend ſchien wie aus⸗ geſtorben. Zuweilen mußten auf Befehl des Mar⸗ ſchalls die Regimentsmuſiker das„Vive Henri Ouatre,“ die„Charmante Gabriele“ und andre Melodien aufſpie⸗ len, welche auf die Familie der Bourbons Bezug hat⸗ ten, aber von den Soldaten mit finſtern, unzufriednen Mienen angehört wurden. Auf allen Geſichtern malt ſich die geſpannteſte Erwartung; aller Augen ſind un⸗ 103 verrückt nach der Straße gerichtet, welche ſich in dem Walde von Fontainebleau verliert. Plötzlich, es iſt in der erſten Stunde des Nach⸗ mittags, wirbelt in der Ferne Staub auf. Pferde⸗ getrapp wird vernehmbar. Ein offener, von vier muthigen Roſſen gezogener und nur von einigen Hu⸗ ſaren escortirter Wagen fliegt heran. Der Kaiſer Na⸗ poleon ſpringt heraus und befindet ſich im Augenblicke mitten unter den Reihen, die ihn bekämpfen ſollen. Sein Gefolge ſitzt ab und miſcht ſich unter die alten Kameraden. Alle Gewehre ſenken ſich vor Napoleon; ein endloſes vive l'empereur hallt durch die Lüfte— die letzte Armee der Bourbonen iſt zum Kaiſer über⸗ gegangen. Nichts ſteht dieſem jetzt mehr im Wege, ſeine Hauptſtadt in Beſitz zu nehmen. Caulaincvurt drängt ſich durch die Maſſe der Of⸗ ficiere, welche den Kaiſer umgiebt. Als dieſer ſeinen ehemaligen Miniſter erblickt, eilt er auf denſelben zu und ſchließt ihn in ſeine Arme. „Caulaincvurt, da bin ich!“ ruft er. Der treue Freund des Kaiſers weiß in der erſten Aufregung der Frende nichts zu erwiedern. „Gehen Sie, Caulaincvurt,“ fährt Napoleon fort, „erwarten Sie mich in den Tuilerien.“ Von Fontaineblean an erreichte der weltgeſchicht⸗ liche Triumphzug des Kaiſers den höchſten Glanz. Ganz Paris kam dem Gefeierten entgegen und trug ihn auf ſeinen Armen nach dem Schloſſe der Tuile⸗ rien. Sein Generalſtab hatte ſich bald in's Unermeß⸗ liche vermehrt; Truppen von allen Regimentern folgten ihm. Die entgegenſtrömende Pariſer Bevölkerung war ſo groß, daß der Kaiſer nur Schritt vor Schritt vor⸗ wärts fahren konnte und daß er erſt am Abend die Hauptſtadt erreichte. 104 Es war bereits neun Uhr, als er in den Hof der Tuilerien einfuhr. Hier hatte ſich eine unzählige Volksmenge verſammelt, ihn zu bewillkommnen. Das Gedränge war ſo groß, daß ihn ſeine Adjutanten auf ihren Waffen nach den königlichen Gemächern tragen mußten. Die Marſchälle Frankreichs, alle Notabilitäten der Hauptſtadt empfingen ihn hierſelbſt. Es war, als kehre der Kaiſer nicht aus dem Exil, ſondern nur von einer Reiſe zurück. Ein Jeder hatte bereits den Poſten wieder eingenommen, den er früher unter dem Kaiſerreiche begleitete. Alle Geſichter glänzten vor Freude und ſelbſt das des Kaiſers hat man nie ſo wonneſtrahlend geſehen als am Zwanzigſten des Märzmonats. Im Schloſſe befanden ſich die Königin Hortenſia mit ihren reizenden Kindern. Freudenthränen floſſen unaufhaltſam über das Antlitz der trefflichen und an⸗ muthigen Frau. Nachdem die erſten Momente des Wiederſehens vor⸗ über, zeigte Napoleon ſeine gewöhnliche Geſchäftigkeit. Er verbrachte die ganze Nacht mit Expediren von Be⸗ fehlen, um überall den Dienſt wieder zu organiſiren und ſein Cabinet zu bilden. Sein Eifer war ſtau⸗ nenerregend. In allen Fällen, wo eine geiſtige Ar⸗ beit ſeine Einbildungskraft in Anſpruch nahm, fühlte er weder Ermüdung noch das Bedürfniß des Schla⸗ fes. Er pflegte dann zu ſagen, daß von vierund⸗ zwanzig Stunden zwanzig nützlich angewendet werden müßten. Seinen Schreibetiſch fand Napoleon voll geiſtlicher Bücher. Er ließ ſie hinwegſchaffen und es kamen Landcharten und militairiſche Pläne an ihre Stelle. „Das Cabinet eines franzöſiſchen Monarchen,“ ſprach er,„darf nicht einer Capelle, ſondern muß dem Zelte eines Generals gleichen.“ Seine Augen fielen auf die Charte von Frankreich. „Armes Frankreich,“ rief er im Tone der tiefſten Trauer, nachdem er deſſen neueſte Grenzen überſchauet, „was hat man mit dir gemacht!“ Dann ſchwieg er einige Augenblicke und ſang, durch die Zähne murmelnd die Verſe: „S'il est un tems pour la folie, „Il en est un pour la raison.“ Der König war ſo ſchnell abgereiſt, daß er nicht einmal Zeit gehabt hatte, ſeine ihn perſönlich be⸗ treffenden Briefſchaften mit hinwegzunehmen. Auf ſeinem Schreibetiſche fand man ſeine Familienbrief⸗ taſche, die eine ſehr große Anzahl von Briefen der Herzogin von Angouléme und von den Prinzen ent⸗ hielt. Napoleon las einige durch und übergab dann die Brieſtaſche einem ſeiner Cahinetsſecretaire, mit dem Befehl, ſie heilig aufzubewahren. Der Kaiſer wünſchte ſtets, man ſolle Ehrfurcht ſür die königliche Majeſtät und für Alles haben, was der Perſon des Königs angehöre. Ludwig bediente ſich gewöhnlich eines kleinen Ti⸗ ſches, den er aus ſeiner Verbannung mitgebracht hatte. Napoleon machte es Vergnügen, einige Stunden lang daran zu arbeiten. Darauf ließ er ihn hinwegbrin⸗ gen und befahl, daß man ihn ſorgfältig aufhebe. Der mechaniſche Rollſtuhl des Königs konnte dem Kaiſer, welcher einen kräftigen und geſunden Körper beſaß, nicht behagen. Er ließ ihn in din Hinterca⸗ binet ſchaffen. Es ſetzte ſich Jemand in einem Au⸗ genblicke darauf, wo Napoleon unvermuthet in's Zim⸗ mer trat, indem er die Geſten des gichtbrüchigen Lud⸗ wig des Achtzehnten nachahmte. Der Kaiſer warf 106 einen zornigen Blick auf den Spötter und ließ den Stuhl hinwegnehmen. Ein Kammerdiener, der ſich bei dem Kaiſer ein⸗ zuſchmeicheln glaubte, wagte, auf deſſen Kamin für die Bourbons beleidigende Spottbilder zu legen. Na⸗ poleon warf ſie voll Unwillen in's Feuer und verbot dem Diener ſtreng, ſich in Zukunft ſolche Unverſchämt⸗ heiten zu erlauben. Am andern Morgen beim erſten Tagesblicke war es bereits wieder laut in der Umgebung der Tuile⸗ rien. Die Gärten, Höfe, Treppen und Zimmer füll⸗ ten ſich alsbald mit einer frendetrunkenen Menge. Es war ein Lärm, daß man ſein eignes Wort nicht hören konnte. Draußen vor dem Schloſſe rief wüthen⸗ des Geſchrei nach dem Kaiſer, der ſich von Zeit zu Zeit am Fenſter zeigte. Aber es war etwas Gezwun⸗ genes in ſeiner Haltung; er liebte dieſe Art von re⸗ volutionären Paraden nicht. Die Grenadiere der Inſel Elba, die mit Napo⸗ leon in zwanzig Tagen beinahe zweihundert Stunden zurückgelegt hatten, waren von Fontainebleau, wo der Kaiſer ihnen einen Ruhetag befohlen, nach und nach in der Nacht vom zwanzigſten auf den einundzwan⸗ zigſten nach Paris gerückt. Sie bivouakirten in dem Hof der Tuilerien und Nichts vermochte den ſtolzen Ausdruck der kriegeriſchen Geſichter dieſer Auserwähl⸗ ten zu ſchildern. Um Mittag ſollte ihr Kaiſer Muſte⸗ rung über ſie halten, und da ſie erſchöpft von Stra⸗ pazen und die meiſten ohne Schuhe, die Uniform zer⸗ riſſen, mußte man ihre ſinnreiche Geſchicklichkeit,„ſich ſchön zu machen“ bewundern. Alle Umgebungen des Palaſtes waren mit Trup⸗ pen bedeckt. Es ſchien, daß ſie auf den Ruthenſchlag des großen Zauberers aus der Erde gewachſen wären. Die Regimenter, die abgeſchickt waren, den Kaiſer zu bekämpfen und die ſich Tags zuvor noch zwanzig und dreißig Stunden von der Hauptſtadt befanden, lang⸗ ten von Minute zu Minute an, mit enthüllten Fah⸗ nen, die Muſik an ihrer Spitze, und reihten ſich auf dem Carouſſelplatze an die Truppen, welche zwei Tage vorher noch der Herzog von Berry befehligte. Zu Fuß, umgeben von einem ungeheuern und glänzenden Generalſtabe, ſtieg der Kaiſer gegen Mit⸗ tag den Palaſt herab, redete die Truppen an und durchging die Fronten aller daſelbſt befindlichen Re⸗ gimenter. Für Alle hatte er ſolche Worte und Ein⸗ fälle, welche elektriſiren und die Maſſen mit fortreißen. In einen Winkel geſchaart, warteten die Grena⸗ diere von Elba, prächtig durch die Unſcheinbarkeit ih⸗ rer Uniformen und durch die Erſchöpfung, die auf ihren gebräunten Geſichtern zu leſen war, bis die Reihe auch an ſie kommen werde. Als ſich ihnen Napolevn näherte, ward er mit einem unbeſchreibbaren Ausbruch von Vivatrufen em⸗ pfangen. Doch der Kaiſer antwortete darauf blos mit einem Lächeln und einem freundlichen Kopfnicken. Ein alter Schnauzbart, deſſen Augen unter ſeiner Bärmütze wie ein Paar Karfunkel hervorleuchteten, mißvergnügt über dieſe Schweigſamkeit Napoleon's, ſagte murrend: „Deufel, das iſt kurz, es ſcheint als ob er hei⸗ ſer geworden, weil er den Andern ſo viel geſagt. Er hatte nur für ſie Etwas.“ Der Kaiſer hörte es, wandte ſich, blieb ſtehen und ſagte mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck: „Ich rathe Euch da, Euch zu beklagen, Ihr an⸗ deren!— Kommt Ihr nicht ſo eben mit mir von der Inſel Elba?“ 108 Mit dieſen Worten ſetzt er ſeinen Weg fort. Da fliegen alle Bärmützen in die Luft, wahnfin⸗ niges Schreien und Rufen folgt ihm, bis man ihn aus dem Geſichte verloren. Als die Revue zu Ende, befiehlt der Kaiſer, daß alle Regimenter ein mächtig Quarré bilden. Die Grenadiere von Elba nehmen auf ſein Gebot in der Mitte des Viereckes Platz. Der Kaiſer macht ein Zeichen, daß er zu ſprechen wünſche. Eine Todten⸗ ſtille herrſcht unter den Tauſenden. Napoleon ſpricht: „Soldaten! „Ich bin mit zwölfhundert Mann nach Frankreich gekommen, weil ich auf die Liebe des Volkes und das Andenken meiner alten Soldaten rechnete. Ich bin in meiner Erwartung nicht betrogen worden. Solda⸗ ten! Ich danke Euch. Der Ruhm von dem, was wir gethan haben, gehört ganz dem Volke und Euch. Der meinige beſchränkt ſich darauf, Euch gekannt und gewürdigt zu haben.“ Nach dieſen Worten enthüllte auf ein Zeichen des Generals Cambronne das Bataillon von Elba die al⸗ ten Adler. Der Kaiſer zeigte auf ſie hin und ergriff wieder das Wort: „Soldaten! „Hier ſtehen die Officiere und Soldaten des Ba⸗ taillons, welches mich in mein Exil begleitet hat. Sie ſind alle meine Freunde und meinem Herzen theuer. So oft ich ſie ſah, ſtellten ſie mir die ver⸗ ſchiedenen Regimenter der franzöſiſchen Armee dar. Alle riefen mir jene großen Tage zurück, deren An⸗ denken mir ſo theuer iſt; denn Alle ſind mit ehren⸗ vollen Narben bedeckt, welche ſie in jenen denkwürdigen Schlachten erhalten haben. Indem ich ſie liebte, liebte ich Euch, Alle Soldaten des franzöſiſchen Heeres. 109 „Das Bataillon von Elba bringt Euch Eure Ad⸗ ler zurück. Sie ſeien künftig wieder Euer Vereini⸗ gungspunkt. Indem ich ſie der Garde gebe, gebe ich ſie dem ganzen Heere. Verrath und unglückliche Er⸗ eigniſſe hatten ſie mit einem Trauerflor umzogen; aber Dank dem franzöſiſchen Volke, Dank Euch, ſie er⸗ ſchienen in ihrem ganzen Ruhme ſtrahlend wieder. „Schwört, daß ſie ſich immer da befinden werden, wohin ſie das Intereſſe des Vaterlandes rufen wird. Mögen die Verräther und alle die, welche unſer Land feindlich überziehen, niemals ihre Blicke ertragen können!“ Ein Klingenmeer wogte im Augenblick filberfun⸗ kelnd über alle Regimenter. Das franzöſiſche Heer ſchwor von Neuem, den Adlern des Kaiſers zu folgen. Napoleon kehrte in ſein Cabinet zurück und ließ Caulaincourt rufen. Nach zehnmonatlicher Abweſen⸗ heit befand er ſich zum erſten Male wieder mit die⸗ ſem treuen Freunde allein. Der Kaiſer war in außer⸗ ordentlich guter Laune. Er ſetzte ſich an den Kamin, ſtellte die Füße auf die Stützeiſen und ſchlug wie ge⸗ wöhnlich die Arme unter. „Nun, mein Herr Diplomat,“ begann er in drolli⸗ gem Tone,„Sie ſind wohl recht erſtaunt, mich hier zu ſehen?“ „Allerdings, Sire.“ „Das thut mir um Ew. Excellenz Willen Leid, mein armer Caulaincourt; Sie ſehen, daß die Ge⸗ ſandten viel Geld koſten und doch zu nicht Viel tau⸗ gen. Man muß daher ſelbſt lieber ſeine Angelegen⸗ heiten beſorgen.“ S „Auf die Art und Weiſe, wie Ew. Majeſtät die Geſchäfte beſorgt,“ erwiederte lächelnd Caulaincourt, „geht's auch förderlicher.“ 110 „Alles ſchön und gut,“ fuhr der Kaiſer fort, „aber wir haben alle Hände voll zu thun. Sprechen wir davon. Sie müſſen vor allen Dingen das Porte⸗ feuille der auswärtigen Angelegenheiten wieder über⸗ nehmen.“ „Sire, ich wünſchte lieber activen Dienſt in der Armee. „Nichts da,“ entſchied Napoleon,„Sie ſprachen mir von Molé. Ich mag ihn nicht. Er iſt in mei⸗ ner Sache nicht genug bloßgeſtellt, um ſich bis an den Hals hinein zu ſtecken. Ich kenne meine Leute. Er wäre mir auch in den auswärtigen Angelegenhei⸗ ten von keinem Nutzen. Er kennt die Cabinette nicht und iſt nicht von ihnen gekannt. Das iſt eine lächer⸗ liche Idee, die Sie da gehabt haben. Nur Sie, Cau⸗ laincourt, nur Sie können mir auf dieſem Poſten mit Erfolg dienen. Die letzten Unterhandlungen von Fon⸗ tainebleau haben Sie in jeder Beziehung gut geführt. Und wahrhaftig, Sie haben gar nicht aufgehört, mein Miniſter des Auswärtigen zu ſein. Kommen wir zu Ende. Sie müſſen an Metternich ſchreiben, müſſen die Unterhandlungen mit Oeſterreich wieder anknüpfen. Nur von dieſer Seite können wir hoffen, die Ver⸗ hältniſſe mit Europa wieder herzuſtellen.“ „Sire,“ erwiederte der Herzog von Vicenza, „meine Ergebenheit iſt Ihnen gewiß. Wohlan, ich will das Portefeuille wieder übernehmen; aber ich theile das Vertrauen Ew. Majeſtät in einem von Oeſterreich zu erwartenden Beiſtande nicht.“ „Ah bah,“ fiel Napoleon nicht ohne Heftigkeit ein,„das ſind die alten Ideen. Warum ſollte mir Oeſterreich nicht beiſtehen? Ich habe auf meinem Wege überall den Frieden proclamirt. Ich habe es verſpro⸗ chen und werde mein Wort halten und den Vertrag 114 von Paris anerkennen. Die Unſtände ſind gebiete⸗ riſch. Ich kann heute annehmen, was ich zu Cha⸗ tillon nicht bewilligen durfte. Es hat Frankreich ge⸗ fallen, Opfer zu bringen. Ich durfte es nicht ver⸗ kleinern, um die Krone zu erhalten. Ich übernehme die Angelegenheiten des Landes wie ich ſie finde. Ich will den Fortbeſtand des Friedens. Es liegt in der geſunden Politik der Mächte, das Feuer nicht wieder anzufachen. „Ich habe der Kaiſerin geſchrieben,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſie wird von ihrem Vater erlan⸗ gen, daß ſie ſich wieder mit mir vereinigen darf. Wel⸗ chen Grund könnte man entgegenſtellen? Ich komme nicht mit feindlichen Abſichten wieder. Ich durchzog Frankreich, ohne eine Lunte abzubrennen. Ich mag den Krieg nicht wieder beginnen.“ „Sire,“ erwiederte Caulaincourt,„wenn man den verbündeten Mächten nur dieſe Ueberzeugung einflößen könnte. Dieſe Schwierigkeit beherrſcht die ganze Frage. Und Europa ſteht in Waffen. Napoleon verſank in Nachdenken. „Ich verſtehe Sie, Caulaincourt,“ ſprach er end⸗ lich,„ich verſtehe Sie. Meine Riückkehr, glauben Sie es mir, iſt kein Souslieutenantsſtreich. Die Leute da meinen, ich ſei zu nahe. Und der Felſen von Sanet Helena iſt ein ſichrer Ort. Haben Sie von dieſem Project nichts erfahren?“ Nach einigen Augenblicken fuhr er fort: „Der Würfel iſt geworfen; ich bin nicht gekom⸗ men, um umzuſtürzen, ſondern um aufzubauen. Ich will Frankreich ſtarke, mit ſeinen neuen Ideen har⸗ monirende Inſtitutionen geben. Thörichte Utopien ha⸗ ben während meiner Abweſenheit in den Köpfen ge⸗ ſpukt, und es iſt merkwürdig, daß gerade unter den 112 Bourbonen die revolutionaire Faction und jene krie⸗ geriſchen Theorien, welche Worte an die Stelle der Dinge ſetzen, wieder aufgetaucht ſind. Die„engliſir⸗ ten“ Könige haben mich in zehn Monaten zehn, zur Zähmung der Revolution verwendete Jahre verlieren laſſen. Sie haben die Regierung in der Hand eines Einzigen für die Zukunft unmöglich gemacht; und es iſt doch nur möglich, daß ein unbeſchränkter Herrſcher, Kaiſer, König, Dictator, oder wie man ihn nennen will, für den Ruhm und die Wohlfahrt des Landes Etwas thun kann. Iſt das nicht auch ihre Meinung, Caulaincourt?“ „Sire,“ gab der Gefragte zur Antwort,„Ihre Lage iſt allerdings mit großen Schwierigkeiten umge⸗ ben. Die Bourbonen haben Ihnen Ihr Frankreich ganz verdorben. Es war an abſolute Herrſchaft ge⸗ wöhnt, denn dieſe Herrſchaft war in Wundern aller Art, mit welchen Sie die Franzoſen berauſcht, ver⸗ borgen. Jetzt iſt aber dieſes Prisma, welches die unbeſchränkte Herrſchaft in bezauberndem Lichte erſchei⸗ nen ließ, gebrochen; und wie Ew. Majeſtät vorherge⸗ ſehen, Sie werden auf große Hinderniſſe ſtoßen, wenn Sie, wie früher, Ihren Willen raſch durchſetzen wol⸗ len. Die öffentliche Meinung hat bereits eine zu große Macht erlangt.“ „Wenn man das Ruder des Staates,“ ſprach der Kaiſer,„einmal wieder in der Hand hat, muß man auch deſſen Laſten tragen. Wenn Frieden bleibt, wird ſich Alles machen. Jetzt muß man ſich mit dem Drin⸗ gendſten befaſſen. Schreiben Sie an Oeſte reich. Ihre Theilnahme an den Unterhandlungen iſt eine Autori⸗ tät. Man weiß, Sie waren immer für den Frieden. Es iſt nicht Ihr Fehler und auch der meinige nicht, 41413 wenn die Sachen bis auf's Aeußerſte getrieben wor⸗ den ſind.“ Der Kaiſer trat an ſein Bureau, an welchem viele erbrochene Schreiben lagen. „Sehen Sie,“ ſprach er,„ſo find die Menſchen. Ich bin den Leuten doch etwas zu unverhofft auf den Hals gekommen. Viele dieſer Schreiben ſind an den König gerichtet und erſt nach meiner Ankunft eingelaufen. Sie wimmeln voller Betheuerungen der Treue und Anhänglichkeit. In mehren derſelben werde ich eben nicht mit den ſchmeichelhafteſten Prädikaten beehrt. Wie ſehr mögen aber gegenwärtig dieſe Briefſteller ihren antinapoleoniſchen Styl bereuen!“ Außer den officiellen Correſpondenzen langten auch eine Menge anderer Briefe an. Die einen ent⸗ hielten Fingerzeige und Rathſchläge, die andern zeig⸗ ten Complotte gegen das Leben des Kaiſers an. Noch andere enthielten Liebeserklärungen. Napoleon kümmerte ſich im Allgemeinen wenig um Fingerzeige und Rathſchläge, die er nicht verlangt hatte, und berückſichtigte noch weniger Denunciationen über Attentate gegen ſeine Perſon. „Wer ernſtlich,“ pflegte er zu ſagen,„ſein Leben gegen das meine auf's Spiel ſetzen will, der nimmt dazu keine Vertrauten. Die Stunde meines Todes ſteht da oben geſchrieben.“ Nur wenn der Kaiſer guter Laune war, durch⸗ blätterte er die Liebesbriefe. Doch theilten ſie in der Regel das Schickſal der übrigen unwichtigen Zuſchrif⸗ ten und flogen in's Feuer. „Wiſſen Sie,“ frug Napoleon unter andern den Herzog von Vicenza,„was ich in der Nacht nach meiner Ankunft zu Paris berathſchlagte? Ich über⸗ legte, ob ich mit den dreißigtauſend Mann, die ich 8. Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 3 114 im Norden jeden Augenblick zuſammenziehen kann, nicht die Feindſeligkeiten beginren und direct auf Brüſſel marſchiren ſollte. Die belgiſche Armee erwar⸗ tet nur dieſes Zeichen, um zu meinen Adlern zu ſtoßen. „Meine Nachrichten darüber,“ fuhr er fort,„ſind ſicher; der alte Haß Belgiens gegen England iſt wie⸗ der erwacht. Denn Holland iſt nur Englands Werk⸗ zeug und des letztern Politik hat Vließingen und Antwerpen ſequeſtrirt, um beide Städte zu vernichten. Belgien erhebt ſich auch gegen Preußen aus Antipa⸗ thie der Nachbarſchaft und Nationalität. In dieſer Stimmung werden mir die Belgier helfen, dieſe Mächte aus den Rheinprovinzen zu vertreiben, und ich würde dann eine reine, aber furchtbare Defenſiv⸗ ſtellung hinter dem Rhein einnehmen. Belgien kann mich nicht vergeſſen haben, was habe ich für dies Land gethan; die Deiche, Vließingen, Middelburg, das Baſſin von Antwerpen, Werke der Römer würdig, auf welche ich Millionen verwendet: Alles verdanken ſie Frankreich. Die erſten Familien des Landes hatte ich an meinen Hof gezogen, um Allen fühlbar zu machen, daß ich die Belgier als Glieder der großen franzöſiſchen Familie betrachtete. „Wellington,“ fuhr der Kaiſer fort,„iſt in Wien, Blücher in Berlin, die engliſchen und preußiſchen Streitkräfte ſind ſchwach, ohne Chefs, ohne Feſtungen und an den Ufern des Rheins zerſtreut. Ich könnte den erſten April zu Brüſſel ſein, mich ganz Belgiens bemächtigen, ohne einen Schuß zu thun, aber dennoch opfere ich dieſen großen Entſchluß dem allgemeinen Wunſche. Ich biete Frieden an. Die Zukunft wird entſcheiden, ob mir auch bei dieſer Gelegenheit meine eignen Gedanken nicht mehr Wahrſcheinlichkeit, Frank⸗ 115 reich zu retten, dargeboten, als durch Befolgung kal⸗ ter Verechnung und ſtrengere Vorſicht.“ Während Napoleon noch ſprach, meldete eine tele⸗ graphiſche Depeſche die Gefangennehmung des Her⸗ zogs von Angouleme. Sogleich ließ der Kaiſer einen ſeiner Seeretaire rufen und dictirte an den General Grouchy, welcher den Herzog gefangen genommen, folgende Worte: „Herr General Grouchy! „Die Verordnung des Königs vom ſechſten März konnte mich berechtigen, den Herzog von Angoulème zu behandeln, wie dieſe Verordnung befiehlt, daß man meine Familie behandeln ſoll. „Aber getreu den Geſinnungen, welche mich be⸗ ſtiumt haben, die Familie Bourbon frei und unge⸗ bindert aus Frankreich ziehen zu laſſen, iſt meine Abſicht, den Herzog von Angouleme nach Cette zu bringen, für ſeine Sicherheit zu ſorgen und ſeine Perſon vor jeder üblen Behandlung zu bewahren. „Tragen Sie blos Sorge, daß die Gelder, welche den öffentlichen Kaſſen genommen, wieder zurückerſtat⸗ tet werden und daß ſich der Herzog verpflichte, die Diamanten der Krone, welche das Eigenthum der Nation ſind, zurückzuerſtatten. Machen Sie ihm zu⸗ gleich die geſetzlichen Verfügungen der Nativnalver⸗ ſammlungen bekannt, die erneuert worden ſind, und auf die Familie Bourbon anzuwenden, für den Fall ſie nach Frankreich zurückkehrt. „Danken Sie in meinem Namen den Nationalgar⸗ den für die Vaterlandsliebe und den Eifer, welchen ſie an den Tag gelegt und für die Ergebenheit, welche ſie mir in ſo ſchwierigen Umſtänden erzeigt hat.“ 8 116 Kaum war der Kaiſer zu Ende, als General Carnot, welchen Napoleon als eine Bürgſchaft für die Nationalfreiheiten zum Miniſter des Innern ernannt hatte, in's Cabinet trat. Die höchſte Entrüſtung, welche er nur mit Mühe zu unterdrücken ſtrebte, ſprach aus den Zügen dieſes edeln männlichen Antlitzes. „Sire,“ begann er,„ein Document, wie die Welt⸗ geſchichte kein zweites kennt, iſt von den in Wien verſammelten Mächten ausgegangen. Es enthält die Achtserklärung Ew. Majeſtät.“ Napoleon trat einen Schritt zurück. Ein tiefes Schweigen folgte und Carnot überreichte tehrfurchts⸗ voll dem Kaiſer die verhängnißvolle Erklärung der Kaiſer und Könige Europa's, welche er ſo eben über Straßburg erhalten hatte. „Leſen Sie,“ gebot der Kaiſer kurz und Carnot las: „Die hohen Mächte, welche den Friedensvertrag unterzeichnet haben, auf dem Congreſſe von Wien ver⸗ ſammelt, und von Napoleon Bonaparte's Flucht und ſeinem bewaffneten Einzuge in Frankreich unterrichtet, ſind ihrer eigenen Würde und der Erhaltung der öffentlichen Ruhe eine feierliche Erklärung der Ge⸗ ſinnung ſchuldig, die dieſe Begebenheit in ihnen er⸗ weckt hat. „Indem Napoleon Bonaparte dergeſtalt die Ueber⸗ einkunft bricht, welche ihm auf der Inſel Elba eine Reſidenz bereitete, zerſtört er den einzigen geſetzlichen Titel, woran ſeine Exiſtenz geknüpft war. Indem er ſich in Frankreich wieder mit Plänen der Unruhen und Umwälzungen zeigte, hat er ſich ſelbſt des Schutzes der Geſetze beraubt und vor den Augen der ganzen Welt dargethan, daß mit ihm weder Frieden noch Waffenſtillſtand möglich ſei. „Die Mächte erklären demnach, daß Napo⸗ ——— 1417 leon Bonaparte ſich außerhalb der Civil⸗ und Geſellſchaftsgeſetze geſtellt und als Feind der Ruhe und Weltaufwiegler der öf⸗ fentlichen Rache Preis gegeben hat. „Sie erklären zugleich, daß, feſt entſchloſſen, den Friedensvertrag vom dreißigſten Mai 1814 unverſehrt zu erhalten, und die durch dieſen Vertrag geheiligten Verfügungen, ſo wie die, welche ſie feſtgeſetzt haben und noch feſtſetzen werden, um denſelben zu ergänzen oder zu befeſtigen, ſie alle Mittel aufbieten und alle ihre Kräfte vereinigen werden, damit der allgemeine Friede, Gegenſtand der Wünſche Europa's und beſtän⸗ diger Zweck ihrer Arbeiten nicht auf's Neue geſtört werde, und um denſelben vor jedem Eingriffe zu be⸗ wahren, der die Völker wieder in die Verwirrung und das Unglück der Revolution zu ſtürzen droht. „Obſchon innig überzeugt, daß ganz Frankreich ſich um ſeinen geſetzmäßigen Monarchen, Ludwig den Acht⸗ zehnten, ſammeln und dieſen letzten Verſuch eines verbrecheriſchen und ohnmächtigen Wahnſinns zu Nichte machen wird, ſo erklären alle Mächte Europa's, von denſelben Geſinnungen beſeelt und denſelben Grund⸗ ſätzen geleitet, daß, wenn gegen alle Berechnung aus dieſer Begebenheit eine wahre Gefahr hervorgehen könnte, ſie bereit ſein würden, dem Könige von Frank⸗ reich und der franzöſiſchen Nation, oder jedem andern angegriffenen Staate, nach gethaner Anfrage, die nö⸗ thige Hülfe zu leiſten, um die öffentliche Ruhe wieder herzuſtellen und gemeine Sache gegen Die zu machen, welche dieſelbe zu untergraben bemüht ſein ſollten. „Die gegenwärtige Erklärung, welche in das Pro⸗ tocoll des zu Wien vereinigten Congreſſes in der Sitzung vom dreizehnten März eingeſchrieben worden, ſoll bekannt gemacht werden. 118 — „Gegeben und als wahr beſcheinigt von den Be⸗ vollmächtigten der acht Mächte, welche den Pariſer Vertrag unterzeichnet haben.“ Carnot hatte zu Ende geleſen und Napoleon ohne Unterbrechung der verhängnißvollen Vorleſung zuge⸗ hört. Er verſank eine Zeit lang in tiefes Nachdenken. „Dieſe Erklärung“ ſprach er endlich,„ſcheint mir unecht. Iſt ſie das nicht, ſo iſt ſie beiſpiellos in der Weltgeſchichte, denn ſie fordert offen zum Morde ge⸗ gen mich auf. Der Schmähſtyl, worin ſie abgefaßt, läßt glauben, daß man ſie als das Machwerk des Parteigeiſtes und der Zeitungsſchreiber anſehen muß, die ſich unberufen in den letzten Zeiten in Staats⸗ angelegenheiten gemiſcht haben. Sie iſt vorgeblich auch von den engliſchen Miniſtern unterzeichnet, aber es iſt unmöglich zu glauben, daß die Miniſter einer freien Nation, wie die engliſche, einer der Geſetzge⸗ bung ihrer Lande ſo zuwiderlaufenden Handlung ſich ſchuldig gemacht haben ſollten. Sie iſt vorgeblich auch von den Miniſtern Oeſterreichs unterzeichnet, aber es läßt ſich nicht annehmen, welche politiſche Streitigkei⸗ ten auch obwalten, daß ein Vater den Mord gegen ſeinen Sohn aufrufen könne. Sie iſt gegen den Cha⸗ rakter der Redlichkeit der erhabenen Monarchen, deren Bevollmächtigte ſo durch die Schmähſchreiber bloßge⸗ ſtellt werden. Sie iſt unbeſtritten aus der Legation des Grafen von Lille in Wien hervorgegangen. Sollte ſie officiell ſein, ſollte ſie wirklich die Geſinnungen des Wiener Congreſſes manifeſtiren, wohlan, ſo wer⸗ den wir darauf zu antworten wiſſen!“ Der Kaiſer winkte und die Miniſter entfernten ſich. 1419 Fünftes Rapitel. — In der Familie des Banquier Normand gab es ein doppeltes fröhliches Leben: man feierte die Verlobung Eugens mit Valerien und Zarengow's mit Henrietten. Ruffus, der bei Normand's längſt einheimiſch gewor⸗ den war, befand ſich in der fröhlichſten Stimmung und war unerſchöpflich in Reckereien, womit er die beiden Liebespaare verfolgte. Der ruſſiſche Geſandtſchaftsſecretair war ſo eben mit der fröhlichen Botſchaft in den Familienkreis zu⸗ rückgekehrt, daß der Geſandte Herr von Boudiakeen noch keine Anſtalten zur Abreiſe treffen laſſe. Er er⸗ warte noch Verhaltungsbefehle von der ruſſiſchen Re⸗ gierung, und da Napoleon ſo offen überall den Frie⸗ den proclamirt habe, ſei es nicht unwahrſcheinlich, daß es hoffentlich zwiſchen den Großmächten und Na⸗ poleon zu keinem Bruche kommen werde. Die beiden Mädchen hatten abſonderlich Urſache, ob dieſer Nachricht erfreut zu ſein, denn brach der Krieg aus, mußte Zarengow Paris verlaſſen und Eu⸗ gen zur Armee. Ruffus, welcher bereits die Wiener Erklärung kannte, glaubte allerdings nicht an dieſe Friedens⸗ träume, doch theilte er ſeine Beſorgniß nicht mit, um nicht die Freude der liebenden Paare zu ſtören und das Feſt der Verlobung durch Unglück verheißende Wahrſagungen zu trüben. Seine Hoffnung beruhte auf dem Genie des Kaiſers. Er war überzeugt, daß es dieſem bei dem herrlichen Geiſte der Armee gelin⸗ gen werde, in der erſten Schlacht zu ſiegen und ſo das feindlich geſinnte Europa eher dem Frieden ge⸗ neigt zu machen. 120 „Ich wünſchte übrigens,“ ſprach er lachend,„die kriegsluſtigen Cabinete fragten zuvor bei Freund Za⸗ rengow und den Damen Valerie und Henriette an von wegen des Losſchlagens. Da würden ſie, ohne ganz ungalant zu ſein, ihr Schwert ruhig in der Scheide laſſen.“ „Ich begreife eigentlich nicht,“ meinte Eugen,„was Europa will; noch nie ward wohl ein Monarch von ſeinem Volke ſo enthuſiaſtiſch einſtimmig anerkannt als Napoleon in dieſen letzten unſterblichen Tagen; und ſind wir nicht eine ſelbſtſtändige Nation, die den zum Könige erwählen kann, den ſie liebt?“ „Nach dem Naturrechte,“ erwiederte Ruffus,„läßt ſich das freilich nicht beſtreiten, aber der kleine Nap hat den Fürſten in den Tagen ſeiner Macht auch et⸗ was gar zu übel mitgeſpielt, als daß ſie es ſo bald vergeſſen und nicht anſehnlichen Reſpect vor ihm ha⸗ ben ſollten.“ „Aber ſie ſollen nur kommen,“ rief Eugen,„jene Gewaltigen Europa's und uns Geſetze vorſchreiben wollen, es iſt nicht das erſte Mal, daß Frankreich dieſen Welttheil zur Vernunft gebracht hätte.“ „Ach ſprich doch nicht vom Kriege,“ bat Valerie, „nicht wahr, Freund Zarengow, Ihr Kaiſer iſt auch für den Frieden?“ „Wenn Seine Majeſtät der Kaiſer aller Reußen wie ſein Pariſer Geſandtſchaftsſeeretair denkt, aller⸗ dings, mein Fräulein,“ lächelte Ruffus,„und wir wollen es hoffen.“ „Sprecht nur gar nicht vom Kriege,“ eiferte Hen⸗ riette,„dann wird auch keiner; aber bei Euch Män⸗ nern iſt Krieg das dritte Wort.“ „Ja wohl,“ fiel Valerie ein,„das abſcheuliche Wort ſei bei uns gänzlich unterſagt. Wer vom Kriege — — 121 ſpricht, zahlt Strafe. Wir wollen einmal Frieden, laßt uns doch.“ Ruffus hatte unterdeß ein Blatt Papier hervor⸗ gezogen. „Ich eile,“ ſprach er,„den Wünſchen meiner ſchönen Freundinnen zuvorzukommen. Da habe ich mir den Spaß gemacht, die verſchiedenen Nachrichten über Napoleon's Triumphzug aus den Pariſer Zei⸗ tungen wörtlich zuſammen zu ſtellen, wodurch ein poſ⸗ ſirliches Product entſtanden iſt; darf ich es mit⸗ theilen?“ „Von Herzen gern“ antwortete Valerie,„ſo nicht von Kriege darin die Rede iſt.“ „Im Anfange allerdings,“ bemerkte Ruffus,„geht es ziemlich feindſelig her, aber zuletzt wird es außer⸗ ordentlich friedlich.“ „Ei da leſen Sie,“ ſprach Henriette. Der junge Mann theilte nun zehn Nachrichten über Napoleon's Landung aus den Pariſer Zeitungen mit, wie ſie innerhalb wenig Tagen waren gedruckt worden. Sie lauteten alſo: Erſte Nachricht:„Der Unhold iſt aus ſeiner Verbannung entronnen; er iſt von Elba entwiſcht.“ Zweite Nachricht:„Der corſiſche Währwolf iſt bei Cap Juan an's Land getreten.“ Dritte Nachricht:„Der Tiger hat ſich bei Gax gezeigt. Truppen ſind auf allen Seiten gegen ihn in Bewegung. Er endet damit, als elender Aben⸗ teurer in den Gebirgen umher zu irren. Entrinnen kann er nicht.“ Vierte Nachricht:„Das Ungeheuner iſt wirk⸗ lich, man weiß nicht durch welche Verrätherei, nach Grenoble entronnen.“ 122 Fünfte Nachricht:„Der Tyrann hat in Lyon verweilt. Entſetzen lähmt Alles bei ſeinem Anblick.“ Sechſte Nachricht.„Der Uſurpator hat es gewagt, ſich der Hauptſtadt auf ſechszig Stunden zu nähern.“ Siebente Nachricht:„Bonaparte nähert ſich mit ſtarken Schritten; aber nie wird er nach Paris gelangen.“ Achte Nachricht:„Napoleon nähert ſich Fon⸗ tainebleau.“ Neunte Nachricht:„Der Kaiſer Napoleon iſt in Fontainebleau.“ Zehnte Nachricht:„Geſtern Abend hielten Seine Majeſtät der Kaiſer und König ſeinen Einzug in den Tuilerien.— Alles iſt in unausſprech⸗ lichem Jubel.“ Das Vorleſen dieſer heterogenen Zeitungsberichte hatte allgemeine Heiterkeit in der Familie Normand verbreitet. Eugen war ganz begeiſtert davon. „Ja,“ rief er,„es war ein fröhlicher Marſch, der Marſch von Carens nach Paris. Nach Jahrhunderten noch wird man ſich davon erzählen. Es waren heitre, goldne Jubeltage voll Herzensfreude und Lebensluſt. Durch die ganze Erde tönt noch das Echo dieſes Marſches. Augen lachten, Herzen tanzten, Hände klatſchten. Das nenn' ich Popularität! Nicht wenn tauſend Menſchen über das Ergebniß ihrer Beſchlüſſe förmlich und in Sicherheit rathſchlagen, ſondern wenn Jeder dieſer Tauſende, bevor er weiß, was die An⸗ dern thun, aus einem unwiderſtehlichen Impulſe han⸗ delt, ohne je an die Folgen zu denken. Napoleon's Marſch vom Meere nach ſeiner Hauptſtadt iſt auf Er⸗ den das größte bekannte Beiſpiel von Macht, welche ein Einziger über die öffentliche Meinung ausübte. 123 Aber dies iſt auch nicht ſchwer zu erklären, weil die⸗ ſer einzige Mann mit dem Rechte eines ganzen Vol⸗ kes gegen diejenigen bewaffnet war, welche dieſem alle ſeine natürlichen Rechte geraubt. Daher ſchien der Kaiſer vom erſten Augenblicke ſeiner Landung an wie ein Koloß über das Land zu ſchreiten, denn in ihm erhoben ſich die geſtürzte Macht und Majeſtät des Menſchen und di⸗ Bourbonen gingen dem rieſigen Schatten des Rolandsſohnes der Revolution aus dem Wege. Die Kähnheit der Unternehmung, welche jeder Berechnung ſpottete, lähmte zugleich jeden Widerſtand, wie wenn ein Menſch wirklich aus dem Schattenreiche zurückgekehrt wäre. Napoleon vertrieb die Freunde der Bourbonen wie Ulyſſes die Freier. Der einzige Grund, welchen ich für die Popularität der Bourbonen hörte, iſt, daß man die Erneuerung des Kriegs fürchtet. Aber was nützt ein Frieden in der Erniedrigung. Dann lieber Krieg, zehnmal lieber Krieg, als Verluſt aller Selbſtſtändigkeit.“ „Lieber Vater,“ fiel Henriette ärgerlich ein,„un⸗ terſag's doch dem Couſin, er fängt ſchon wieder vom Kriege an.“ „Alſo, Frieden, mein Freund,“ gebot der Ban⸗ quier,„Frieden um jeden Preis.“ „So er mit der Ehre Frankreichs ſich verträgt,“ erwiederte Eugen. „Ich ſehe ſchon,“ lachte Ruffus,„daß wir aus dem Zirkeltanze über Krieg und Frieden nicht heraus kommen; und ich ſchlage daher vor, unſern frühern Vorſatz, den heutigen ſchönen Tag in Chateauneuf zu verleben, in's Werk zu ſetzen, damit wir nur auf an⸗ dere Gedanken kommen. In Gottes ſchöner Natur, zumal jetzt, wo der Frühling überall mit ſeinen gol— denen Augen hervorblickt und die ſanften, ſeidenen 24⁴ Lüfte wehen, werden wir weniger an den Krieg den⸗ ken, als hier in dem waffenlärmenden Paris.“ „Aber in Chateauneuf,“ bemerkte Valerie,„ſteckt wieder der alte Barbanegre mit ſeinen Schlachtplänen. Daß wir nicht aus dem Regen in die Traufe kom⸗ men!“ Trotz Valerien's Bedenken ward dennoch Ruffus Vorſchlag einſtimmig angenommen und die Familie machte ſich zum Aufbruch fertig. Eben wollte Eugen die Wagen beſtellen als der Briefträger einen Brief von der Inſel Elba brachte. Der Banquier erbrach ihn, aber kaum hatte er einen Blick in das ſchwarzverſiegelte Schreiben gewor⸗ fen, als die hellen Thränen ihm über die Wangen rollten. Er vermochte nicht weiter zu leſen und reichte Ruffus den Brief. „Um Gotteswillen,“ riefen die Mädchen erſchrocken, „was macht Onkel Camille?“ „Ihm iſt wohl,“ ſprach Ruffus, nachdem er das Schreiben zu Ende geleſen, in ſeltſam ergreifendem Tone;„möge allen Sterblichen ein ſolcher Heimgang von Gott verliehen ſein. In der ſeligen Freude über den Triumphzug ſeines Kaiſers iſt er geſtern vor acht Tagen ſanft entſchlummert. O ſchöner Tod, benei⸗ denswerther als der auf dem Schlachtfelde, wo man noch nicht weiß, ob man als Sieger gefallen! Onkel Camille hat die Siegestrompeten vernommen; ſein ſchönſter, heiligſter Erdenwunſch war in Erfüllung ge⸗ gangen. Glücklicher konnte er hienieden nicht werden. Darum iſt er hinübergegangen, ſeinen alten Kamera⸗ den die Botſchaft von dem ſchönſten Triumphe ihres Kaiſers zu bringen.“ Alle hielten die Hände gefaltet und Thränen brachen aus Aller Augen. Eine lange, tiefe Stille erfolgte. 125 „Wohlan,“ ſprach endlich Eugen mit ſanfter, trö⸗ ſtender Stimme,„ſo ſei uns am heutigen Tage unſre Wanderung nach Chateauneuf, dem Lieblingsaufent⸗ halte des Vollendeten, doppelte Pflicht. Wir wollen die Büſte des Edeln, die dort im Schatten ſtiller Ulmen ſteht, mit Lorbeer bekränzen und Gott bitten, daß jedem braven Krieger ein ſolches Ende werde, wie unſerm Camille, welcher an der Freude über den Sieg geſtorben!“ Sechſtes Rapitel. Die Thätigkeit Napoleon's nach Beſitznahme ſeines Thrones war außerordentlich. Er kam gewöhnlich Morgens vor ſechs Uhr in ſein Cabinet und verließ es erſt in der Nacht wieder. Ungeduld und Lebhaftigkeit ſind in der Regel mit Ordnung und Genauigkeit unverträglich. Napolevn aber, der beſtimmt ſchien, mit Niemandem Aehnlichkeit zu haben, vereinigte mit dem Feuer des Genies die methodiſchen Gewohnheiten kalter und kleinigkeitlie⸗ bender Geiſter. Meiſtens ſorgte er ſelbſt für die An⸗ ordnung ſeiner zahlreichen Papiere. Jedes hatte ſeine beſtimmte Stelle. Hier befand ſich Alles, was das Kriegsdepartement betraf; dort waren die Budgets, der tägliche Beſtand des Schatzes, der Finanzen, die Polizeiberichte, ſein geheimer Briefwechſel mit den beſondern Agenten. Sorgfältig legte er jede Sache, wenn er ihrer nicht mehr benöthigt war, an ihren 126 Platz. Der vollendetſte, eigenſinnigſte Ordner würde gegen ihn ein Anfänger geweſen ſein. Seine erſte Beſchäftigung beſtand darin, daß er ſeinen Briefwechſel und die in der Nacht eingegan⸗ genen Depeſchen durchlas. Die intereſſanten Briefe legte er auf die Seite, die andern warf er auf die Erde. Dies nannte er ſeine Beantwortung. Darauf las er die Abſchriften der auf der Poſt geöffneten Briefe durch und verbrannte ſie ſogleich. Er ſchien die Spuren von dem Mißbrauche der Ge⸗ walt, welche er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, vernichten zu wollen. Endlich warf er einen Blick in die Zeitungen. Bisweilen ſagte er:„Das iſt ein guter Artikel, von wem iſt er?“ Er mußte Alles wiſſen. Wenn er mit dem Durchleſen dieſer verſchieden⸗ artigen Gegenſtände zu Ende, begann er zu arbeiten und war hierin eben ſo unvergleichbar wie an der Spitze des Heeres. Da er Niemandem die oberſte Sorge für die Staatsverwaltung anvertrauen wollte, ſo durchſah er Alles ſelbſt, und man kann denken, auf welche uner⸗ meßliche Menge von Gegenſtänden er ſtoßen mußte. Außer ſeinen Miniſtern ſchickte der Herzog von Baſ⸗ ſano, der Befehlshaber der erſten Diviſion von Paris, der Polizeipräfect, der Generalmajor der Garde, der Großmarſchall des Palaſtes, der Generalinſpector der Gensd'armerie, die Großbeamten der Krone, die auf Sendungen befindlichen Adjutanten und Ordonnanz⸗ officiere alle Tage umſtändliche Berichte ein, die er unterſuchte und auf der Stelle beantwortete. Sein Grundſatz war, Nichts auf Morgen zu verſchieben. Dabei beſchränkte er ſich keineswegs auf oberfläch⸗ liche Behandlung der Sachen. Aufmerkſam las er 127 jeden Bericht durch und unterſuchte jede Beilage. Durch ſeinen ungemeinen Forſcherblick entdeckte er oft Irrthümer und Fehler, die ſeinen Miniſtern entgan⸗ gen waren. Dann berichtigte er ihre Arbeiten. Noch häufiger arbeitete er ſie völlig um und das vierzehn⸗ tägige Werk eines ganzen Miniſteriums koſtete ſeinem Genie kaum einige Augenblicke. Selten ſetzte er ſich, ſondern ſagte auf und ab⸗ gehend in die Feder. Er wiederholte nicht gern Et— was. Wenn einer ſeiner Secretaire irgend einen Ausdruck nicht verſtand und darnach fragte, erwiederte der Kaiſer:„Ich hab' es geſagt“ und fuhr fort. Hatte er ſeiner würdige Gegenſtände zu bearbei⸗ ten, ſo erhob ſich ſeine Schreibart, die gewöhnlich nervig und gedrängt war, zur Höhe ſeiner großen Ideen; ſie ward majeſtätiſch und erhaben. Konnte er ſeine Ideen nicht durch ein vaſſendes Wort ausdrücken, oder ſchienen ihm die gebräuchlichen Ausdrücke nicht ſtark, nicht lebendig genug, ſo ver⸗ band er Worte mit einander, die ſich mit Verwunde⸗ rung bei einander ſahen und ſchuf ſich eine eigen⸗ thümliche Sprache, eine reiche, eigenthümliche Schreib⸗ art, die zwar zuweilen gegen den Sprachgebrauch ver⸗ ſtieß, aber dieſen Verſtoß dadurch gut machte, daß ſie ſeinen Gedanken mehr Erhabenheit und Kraft gab. Bisweilen nahm er ſich, durch den Ungeſtüm ſei⸗ nes Charakters mit fortgeriſſen, nicht Zeit, ſeine Worte, ſeine Gedanken und ſeine Abſichten abzuwã⸗ gen, um deſto ſchneller zum Ziele zu kommen. Dann hüteten ſich in der Regel ſeine Secretaire, ihm der⸗ gleichen Befehle an demſelben Tage zur Unterſchrift vorzulegen; den Tag darauf wurden ſie faſt immer verändert, gemildert und zerriſſen. Nie ward Napo⸗ 128 leon unwillig darüber, wenn man ihn vor Uebereilung ſchützte. Der Kaiſer ſchrieb nur ſelten ſelbſt. Die mehr⸗ ſilbigen Worte kamen ihm langweilig vor, und da er nicht die Geduld beſaß, ſie vollſtändig auszuſchreiben, verſtümmelte er ſie. Dieſe Gewohnheit nebſt der feh⸗ lerhaften Bildung der Buchſtaben, die er ſchrieb, machten die Schrift ganz unleſerlich. Oft war es auch der Fall, daß er aus Unachtſamkeit und Zerſtreu⸗ ung gegen die Rechtſchreibung verſtieß. Napoleon that nach ſeiner Rückkehr Alles, um die Nation zu gewinnen. Er beſuchte die öffentlichen An⸗ ſtalten und ſprach mit dem Volke. Die Vorſtadt St. Antoine, dieſe Wiege der Revolution ward nicht ver⸗ geſſen. Der Kaiſer durchritt ſie von einem Ende zum andern. Er ließ ſich die Thüren aller Werkſtätten öffnen und unterſuchte Alles genau. Der Kaiſer war bei ſolchen Wanderungen nur von einem oder zwei Adjutanten begleitet. Jeder⸗ mann drängte ſich heran. Die Frauen küßten ihm die Hand; die Männer drückten ſie, oft ſo heftig, daß er hätte ſchreien mögen. Viele Bittſchriften wurden ihm bei ſolchen Gelegenheiten überreicht. Da ſie der Kai⸗ ſer nicht alle ſelbſt leſen konnte, ſo trug er ſeinem Cabinetsſecretair auf, ſie genau durchzugehen und ihm Rechenſchaft darüber zu erſtatten. Er wünſchte gern, dem Vertrauen des Volkes zu entſprechen und oft ge⸗ währte er der Bitte eines dunkeln, unbekannten Bür⸗ gers, was er vielleicht den Bitten eines Marſchalls und Miniſters abgeſchlagen hätte. Der Vortheil die⸗ ſes vertraulichen Verkehrs zwiſchen der Nation und ihrem Oberhaupte beſchränkte ſich in ſeinen Augen nicht auf den Nutzen des Bittſtellers. Er betrachtete ihn als ein wirkſames Mittel, die Mißbräuche und 9 Ungerechtigkeiten kennen zu lernen und die Behörden in den Schranken der Pflicht zu erhalten. Er mun⸗ terte gern dazu auf, damit jene Worte„wenn es der Kaiſer wüßte oder der Kaiſer ſollte es erfahren“ das Herz des Unterdrückten erleichtern und den Unterdrücker in Schrecken ſetzen könnten. Ehedem hatte er einen beſondern Ausſchuß er⸗ richtet, um die Bittſchriften in Empfang zu nehmen. Dieſe Einrichtung ſchien ihm nicht zweckmäßig genug. Er wünſchte, daß ſie unter ſeinen Augen einer ernſten Unterſuchung unterworfen würden. Er befahl daher, daß man ihn alle Tage ohne Rückhalt von den Kla⸗ gen, Bedürfniſſen und Wünſchen der Franzoſen un⸗ terrichte. In Staatsangelegenheiten hatte er ſich zum Geſetz gemacht, ſeine Staatsräthe und ſeine Miniſter zu Rathe zu ziehen. Von Natur mit der Fähigkeit be⸗ gabt, Alles zu wiſſen, Alles zu errathen, nahm er faſt jedesmal an den Erörterungen thätigen Antheil. Bei dieſen oft ſehr lebhaft geführten Diseuſſionen herrſchte große Freiheit, Offenherzigkeit und Vertrauen. Der Kaiſer nahm es durchaus nicht übel, wenn man ihm widerſprach. Er duldete Widerſprüche, ja er forderte fogar dazu auf und nahm ohne Widerrede die Mei⸗ nung ſeiner Gegner an, wenn er ſie für vorzüglicher als die ſeinige hielt. War hingegen von großen Ent⸗ ſchlüſſen die Rede, welche auf das Schickſal der Staa⸗ ten Einfluß hatten, ſo hörte er wohl dann und wann die Einwendungen ſeiner Miniſter mit an; war aber das Ziel ſeiner Aufmerkſamkeit gekommen, unterbrach er die Rathgeber und behauptete ſeine Meinung mit ſo viel Feuer, Kraft und Behurrlichkeit, daß er ſie zum Schweigen brachte. Wollte Napoleon Jemand für ſich gewinnen, ſo Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 9 130 ſtudirte er deſſen Denkart, Grundſätze, Charakter, die ihn beherrſchenden Leidenſchaften, und durchſchaute ſie mit außerordentlichem Scharfſinne. Dann wußte er ſich mit jener vertraulichen Anmuth, mit jener Lie⸗ benswürdigkeit und jener Stärke und Lebhaftigkeit ſei⸗ nes Ausdruckes, die ſeiner Unterhaltung ſo viel Werth und Reiz verlieh, unvermerkt bei Jemandem einzu⸗ ſchmeicheln. Er bemächtigte ſich der Leidenſchaften, ſchmeichelte ihnen und fachte ſie immermehr an. Hier⸗ auf entwickelte er plötzlich die magiſchen Hülfsquellen ſeines Genies, verſetzte ihn in Trunkenheit und Be⸗ wunderung und unterwarf ihn ſo ſchnell und vollſtän⸗ dig, daß er ihn bezaubert zu haben ſchien. Unterhaltungen mit Perſonen, deren Meinungen und Verdienſte Napoleon ſchätzte, waren jederzeit lie⸗ benswürdig, belehrend, anziehend, voll kräftiger Ge⸗ danken und kühner, ſinnreicher und erhabener Aus⸗ drücke. Bei Leuten hingegen, die ihm gleichgültig waren und deren Unbedeutenheit er einſah, wurden ſeine kaum angefangenen Phraſen nie vollendet. Seine Gedanken beſchäftigten ſich dann blos mit unbedeuten⸗ den Gegenſtänden, mit Gemeinſprüchen, die er gern mit bittern Sarcasmen oder mehr ſonderbaren als geiſtreichen Scherzen würzte. Hieraus läßt ſich der Widerſpruch der verſchiedenen Urtheile erklären, welche Ausländer, die an ſeinen Hof kamen, über ſeinen Geiſt gefällt haben. Der König Ludwig der Achtzehnte hatte Frank⸗ reich am dreiundzwanzigſten März verlaſſen und der Herzog von Orleans war ihm binnen vierundzwanzig Stunden gefolgt. Letzterer ſchrieb zuvor noch einen Brief an den Marſchall Mortier, worin folgende Stelle vorkam:„Ich bin ein zu guter Franzoſe, als daß ich die Intereſſen Frankreichs aufopfern ſollte, da 131 neues Mißgeſchick mich dieſes zu verlaſſen zwingt. Ich reiſe ab, um meine Tage in der Einſamkeit und Vergeſſenheit zuzubringen.“ Als Napoleon dieſen Brief geleſen, ſprach er zum Herzog von Baſſano:„Sehen Sie einmal, was der Herzog von Orleans an Mortier ſchreibt. Dieſer Brief macht ihm Ehre. Er hat immer ein fran⸗ zöſiſches Herz gezeigt.“ Zugleich befahl er, daß die Herzogin von Orleans wegen ihrer Güter, die mit Sequeſter belegt waren, jährlich aus dem öffentlichen Schatze dreihunderttau⸗ ſend Franken als Entſchädigung erhalten ſollte. Eine andere Entſchädigung von hundertfunfzigtauſend Fran⸗ ken ward zugleich für die Herzogin von Bourbon aus⸗ geſetzt. Als Napoleon von dem muthigen Benehmen hörte, welches die Herzogin von Angoulème zu Bordeaux ge⸗ zeigt hatte, ſagte er:„ſie ſei das einzige Glied der Familie Bourbon, welches Hoſen zu tragen verdiente.“ Die Unterwerfung Marſeille's und die gänzliche Beruhigung des Süden vernahm der Kaiſer gerade zu der Zeit, als er ſich zur Muſterung der Nationalgarde von Paris begeben wollte. Schon ſeit ſeiner Ankunft hatte er dieſe Muſterung vorgehabt, allein die fort⸗ währenden Revuen der Linientruppen hatten ihn im⸗ mer davon abgehalten. Man ſchrieb im Anfange dieſe Zögerung der Furcht zu, welche der Kaiſer vor der Stimmung der Pariſer Nationalgarde habe. Furchtſame Leute aus ſeiner nächſten Umgebung behaupteten, es befänden ſich viele Royaliſten unter dieſer Garde, von welchen leicht ein Attentat gegen ſeine Perſon zu befürchten ſei. Man beſchwor den Kaiſer, ſich bei dieſer Muſterung von 6 132 einigen Bataillonen ſeiner Garde begleiten zu laſſen. Napoleon lächelte: „Ich habe,“ ſagte er,„ſeit zu langer Zeit mit fremden Kugeln Bekanntſchaft gemacht, als daß ich franzöſiſche fürchten ſollte.“ Gleichwohl ließen ſich zehn bis zwölf ſeiner ge⸗ treuen Grenadiere nicht abhalten, ihrem geliebten Feld⸗ herrn unaufgefordert zu folgen und ihn nicht aus den Augen zu laſſen. So lange der Kaiſer langſam die Reihen durch⸗ ritt, folgte ihm die improviſirte Begleitung in eini⸗ ger Entfernung, ſo daß er ſie nicht gewahr wurde; ſobald er aber ſein Roß in Trab ſetzte, bemerkte er, daß die Grenadiere ebenfalls zu traben begannen. Na⸗ poleon hielt ſtill und frug den Zunächſtreitenden: „Was machſt Du da? Wo iſt der Officier, der Euch befehligt?“ Keine Antwort erfolgte. Man that, als wenn man nicht gehorchen wollte. Napoleon begriff jetzt, und ſprach mit ſanfter Stimme:„Geht, geht, meine alten Brummbäre!“ und als auch dieſe Ermah⸗ nung nichts helfen wollte,„ich befehle, daß Ihr fort⸗ geht; hörſt Du, alter Schnauzbart?“ damit ſchüttelte er den Einen an der Bärmütze;„ich bin hier blos von guten Franzoſen umgeben und bei ihnen ſo ſicher wie bei Euch!“ Dieſe Worte wirkten elektriſch auf die ringsumſte⸗ henden Nationalgarden. „Ja, ja, Sire,“ tönte es von en Seiten,„Sie haben Recht. Wir Alle geben unſer Leben für Ihre Sicherheit.“ Man verließ die Glieder, drängte ſich um den Kaiſer. Man drückte und küßte ihm die Hände un⸗ ter fortwährendem Geſchrei:„Es lebe der Kaiſer! Es lebe die Nation!“ muß Ew. Majeſtät gegenwärtig bekannt ſein. Sie 133 Es hatte ſich das Gerücht verbreitet, die kaiſer⸗ liche Garde zürne den Pariſern wegen der voreiligen Uebergabe der Hauptſtadt im Jahre 1814. Napoleon, um eine Ausſöhnung zu Stande zu bringen, bewirkte es, daß ſeine Garde den Pariſer Nationalgarden ein Gaſtmahl gäbe. Funfzehntauſend Mann von allen Waffengattungen verſammelten ſich daher auf dem Marsfelde. Das Feſt war heiter. Man verbrüderte ſich überall. Abends zogen dieſe Truppen Arm in Arm, die Officiere beider Garden an der Spitze, nach den Tuilerienfenſtern. Die lorbeerumkränzte Büſte des Kaiſers ward vorausgetragen und ſpäter am Fuße der Vendomeſäule, wo ſonſt die Statue Napoleon's ge⸗ ſtanden, niedergeſetzt. Der Kaiſer, als er davon erfuhr, befahl dem Po⸗ lizeiminiſter, die Büſte in der Nacht heimlich wieder wegnehmen zu laſſen. „Nicht in Folge eines ſchwelgeriſchen Mahls,“ ſprach er im Gefühl ſeiner Würde,„ſoll mein Bild⸗ niß wieder auf die Säule geſetzt werden. Der Tag wird kommen, wo Frankreich meiner gedenkt und mit Anſtand durch einen Nativnalact die verächtliche Be⸗ ſchimpfung eines ehrloſen Haufen wieder gut machen wird.“ Nachdem der Kaiſer alle Wege verſucht, ſich mit Europa auszuſöhnen, hielt er es endlich ſeiner Würde angemeſſen, ſelbſt an die Monarchen zu ſchreiben. Sein Brief lautete: „Mein Herr Bruder! „Sie werden im Laufe des letzten Monats meine Rückkehr nach den Küſten Frankreichs, meinen Einzug in Paris und die Abreiſe der Familie Bourbon er⸗ fahren haben. Die wahre Natur dieſer Ereigniſſe 134⁴ ſind das Werk einer unwiderſtehlichen Macht, das Werk und der einſtimmige Wille einer großen Nation, welche ihre Pflichten und ihre Rechte kennt. Die Er⸗ wartung, welche mich zum größten Opfer beſtimmt hatte, war getäuſcht worden. Ich bin gekommen und von dem Augenblicke an, wo ich das Ufer betreten, hat mich die Liebe meiner Völker bis in die Mitte meiner Hauptſtadt getragen. Das erſte Bedürfniß meines Herzens iſt, eine ſo große Zuneigung durch eine ehrenvolle Ruhe zu vergelten. Da die Wieder⸗ herſtellung des kaiſerlichen Thrones für das Glück der Franzoſen nothwendig iſt, ſo hege ich keinen ſüßern Gedanken als den, ſie zu gleicher Zeit für die Befe⸗ ſtigung der Ruhe Europa's nützlich zu machen. „Genug des Ruhmes hat abwechſelnd die Fah⸗ nen der verſchiedenen Nationen beherrlicht. Das wech⸗ ſelnde Glück hat oft genng große Unfälle auf große Triumphe folgen laſſen. Ein ſchönerer Kampfplatz iſt heute den Monarchen eröffnet worden, und ich bin der Erſte, auf demſelben zu erſcheinen. „Nachdem man der Welt das Schauſpiel großer Kämpfe dargeboten, wird es ſüßer ſein, in Zukunft keine andere Rivalität zu kennen, als die Vortheile des Friedens, keinen andern Kampf, als den heiligen für die Glückſeligkeit der Völker. „Es gewährt Frankreich Vergnügen, dieſes edle Ziel ſeiner Wünſche mit Freimüthigkeit zu proclami⸗ ren. Eiferſüchtig auf ſeine eigne Unabhängigkeit, wird der unveränderliche Gedanke ſeiner Politik die unbeſchränkteſte Achtung für die Unabhängig⸗ keit anderer Nationen ſein. „Wenn dieſes, wie ich das vollſte Vertrauen habe, die verſönlichen Geſinnungen Ew. Majeſtät ſind, ſo iſt die allgemeine Ruhe auf lange Zeit geſichert, und die Gerechtigkeit, welche am Ruder der Staaten ſitzt, iſt allein hinreichend, ſie zu bewahren.“ Dieſes Schreiben, welches Caulaincourt an alle Höfe Europa's geſchickt, war nirgends angenommen worden und kam unerbrochen zurück. Als der Mini⸗ ſter hierüber Bericht erſtattete, verfiel Napoleon lange Zeit in düſtres Schweigen. Carnot, welcher anwe⸗ ſend war, ward durch dieſe Behandlung, welche die gekrönten Häupter Frankreichs vom Volk erwählten Regenten angedeihen ließen, im Innerſten empört. „Wohlan, Sire,“ rief er,„wenn die Monarchen Europa's Ew. Majeſtät als Kaiſer und als einen der Ihren nicht anerkennen wollen, ſo werfen Sie den prunkenden Königsmantel von ſich, werden Sie der erſte Bürger Frankreichs. Die Bürgerkrone auf dem Haupte, die hoffentlich funkelnder ſtrahlt als das Diadem des Kaiſers, erklären Sie Ihrerſeits, daß Sie keinen Monarchen Europa's anerkennen. Sire, werfen Sie Ihre Krone in's Meer, treten Sie an die Spitze der franzöſiſchen Republik und Sie ſind mächtiger als alle Könige auf Erden.“ Napoleon ſchien dieſe Wörte Carnot's überhört zu haben. Nach einer langen Pauſe ſprach er:„So komme das Blut, welches fließen wird, auf die Häup⸗ ter derer, welche ſo eifrig den Krieg wollen. Ich habe wiederholt den Frieden geboten. Sie verſchmä⸗ hen ihn, wohl, ſo ſollen ſie Krieg haben!“ Von jetzt an wandte der Kaiſer faſt alle ſeine Thätigkeit auf eine furchtbare Vertheidigung des Lan⸗ des. Tag und Nacht waren den Kriegsrüſtungen ge⸗ widmet. Alles war umzugeſtalten, neu zu erſchaffen; das Material der Armee war nicht mehr vorhanden, die Staatsmagazine waren leer. Es war als hätte 136 eine Feuersbrunſt alle militairiſchen Hülfsquellen Frank⸗ reichs vernichtet. In unglaublich ſchneller Zeit bildeten ſich ſieben Heere. Es entſtand eine Rhein⸗, Moſel⸗, Inra⸗, Alpen⸗, Pyrenäen⸗ und Nordarmee, deren Reſerven ſich um Lyon und Paris conzentrirten. Hundertundfunfzig Batterien wurden errichtet, dreihundert Kanonen auf die Höhen der Hauptſtadt geſtellt. Corps von Frei⸗ willigen und Parteigänger bildeten ſich. Das Aufge⸗ bot in Maſſe in den ſieben Grenzdepartements des Oſten und Norden wurde organiſirt. Alle Städte bis in das Herz Frankreichs wurden befeſtigt, alle Engpäſſe bewacht, alle Uebergänge verſchanzt. Redou⸗ ten und Feldwerke erhoben ſich überall, wo es nur eine Schlucht zu vertheidigen, einen Ausgang zu ver⸗ ſchließen, eine Straße zu beſchützen gab. Frankreich ward zur Cidatelle, um den Sturm Europa's auszu⸗ halten. Das Heer ward bald von Achtzigtauſend auf Zwei⸗ malhunderttauſend gebracht. Der Kaiſer gab den Re⸗ gimentern ihre alten Beinamen wieder, unter welchen ſie ſolche Wunder verrichtet hatten. Es entſtanden“ wieder Legionen, die Unüberwindliche, Schreck⸗ liche, Unvergleichliche, die Eine gegen Zehn genannt. Zehntauſend Soldaten traten in die Reihen der alten Garde ein. Die tapfern Marineſoldaten, ruhmvoll bekannt aus den Schlachten von Lützen und Bautzen, bildeten ein Corps von Dreißigtauſend. Die ſchwere Reiterei wurde durch zehntauſend Pferde von der Gensd'armerie verſtärkt. Dreißigtauſend Officiere, Unterofficiere und Soldaten, welche verabſchiedet wa⸗ ren oder auf halbem Solde ſtanden, beſetzten die fe⸗ ſten Plätze. Endlich bildeten die Nationalgarden Frankreichs, dreihundertunddreißig Bataillone, eine Maſſe von zwei Millionen zweihundertfunfzigtauſend Mann. Funfzehnhundert Chaſſeur⸗ und Grenadier⸗ Compagnien, zuſammen hundertachtzigtauſend Mann, wurden zur Verfügung des Kriegsminiſteriums geſtellt. Die Gewehrfabriken von Paris lieferten im An⸗ fang funfzehnhundert, ſpäter dreitauſend Flinten täg⸗ lich. Die entſprechenden Maßregeln, um die Beklei⸗ dung der Truppen zu ſichern, wurden getroffen. Am erſten Juni befanden ſich ſechsundvierzigtauſend Pferde in den Linien und die Artillerie zählte deren achtzehn⸗ tauſend. Die Schatzkammer bezahlte alle Lieferungen in baarem Gelde, ohne daß die Auszahlung der Renten und Penſionen, noch irgend ein öffentlicher Dienſt eine Verzögerung erlitt. Die Pariſer Arbeiter, welche jetzt alle Hände voll zu thun hatten, ſagten:„Man ſieht, daß der große Werkmeiſter zurückgekehrt iſt; Alles war todt und jetzt lebt Alles wieder auf!“ Dieſe außerordentlichen Ausgaben der Regierung nußte man ſich daher gar nicht zu erklären. Es hieß, Na⸗ polevn habe nach ſeiner Rückkehr hundert Millionen Livres in Gold in den Tuilerien gefunden. Dem war nicht ſo. Die vorzüglichſte Hülfsquelle war der gute Wille des Volkes und das daraus entſpringende Vertrauen der großen franzöſiſchen und holländiſchen Capitaliſten. Die Geſchenke, welche freiwillig auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt wurden, waren äußerſt zahlreich. Sie beliefen ſich in mehren De⸗ partements auf mehr denn eine Million. Der Kaiſer ſelbſt kehrte nie von einer Revue zurück, daß man ihm nicht hätte ganze Pakete von Banknoten über⸗ reicht. Er konnte oft bei ſeiner Rückkehr in den Pa⸗ laſt dem Finanzminiſter achtzig bis hunderttauſend Franken geben, die er auf dieſe Art erhalten hatte. 138 Am erſten Juni betrug die effective Stärke der franzöſiſchen Streitmacht fünfhundertneunundfunfzig⸗ tauſend Mann. Der Kriegsminiſter hatte in zwei Monaten über viermalhunderttauſend, alſo täglich bei⸗ nah ſiebentauſend Mann, ausgehoben. Von dieſer Anzahl umfaßte die reguläre Armee dreihundertdrei⸗ undfunfzigtauſend Mann, die außerordentliche gegen zweimalhunderttauſend. Von der effectiven Mann⸗ ſchaft der Linie waren über zweimalhunderttauſend be⸗ waffnet, equipirt, exercirt und im Stande, ſogleich in's Feld zu rücken. Die kaiſerliche Garde beſtand aus vier Regimen⸗ tern der jungen, vier der mittlern und vier der alten Garde und führte ſechsundneunzig Geſchütze. Die neunzig Feſtungen, welche Frankreich beſaß, waren be⸗ waffnet, verpalliſadirt, verproviantirt und wurden von erfahrenen Officieren befehligt. Da der Krieg nicht mehr zu vermeiden war, ſo boten ſich dem Kaiſer zwei Pläne für den bevorſte⸗ henden Feldzug dar. Der erſtere war: Die Verbündeten zu erwarten, ſie ſich zwiſchen die Feſtungen verlieren zu laſſen und ihnen eine Schlacht unter den Mauern von Paris zu liefern, welches ſie nicht vor Mitte Auguſt erreichen konnten, zu welcher Zeit Napoleon ſeine Streitkräfte verdoppelt, alle Hülfsquellen des Landes und der Hauptſtadt in Contribution geſetzt haben würde, wäh⸗ rend der Feind ein Viertheil ſeiner Macht zurück⸗ laſſen mußte, um die Feſtungen in ſeinem Rücken zu bewachen. Napoleon würde in dieſem Falle dritthalbhundert⸗ tauſend Mann, mit Paris in vollkommenem Verthei⸗ digungszuſtande den vierhundertfunfzigtauſend Feinden entgegenzuſtellen gehabt haben. Auf gleiche Weiſe 139 ſollte Marſchall Suchet die Stadt Lyon mit fünfund⸗ zwanzigtauſend Mann gegen ſechzigtauſend vertheidi⸗ gen, welches die höchſte Macht war, welche die Ver⸗ bündeten in jener Gegend beiſammen haben würden. Der zweite Plan beſtand darin: Dem Anrücken der Verbündeten zuvorzukommen, die engliſch⸗preußiſche Armee in Flandern anzugreifen und zu ſchlagen, be⸗ vor die Ruſſen, Oeſterreicher und die deutſchen Hülfs⸗ völker am Rhein angekommen waren. Dieſer Plan bot weit mehr Vortheile dar. Er ſagte dem ungeduldigen, kriegeriſchen Charakter der Nation zu. Wenn er gelang, empörte ſich Belgien und vereinigte ſich mit Frankreich. Waren die Eng⸗ länder geſchlagen, entſchloß ſich wahrſcheinlich ihr Ca⸗ binet zum Frieden, und im Fall einer Niederlage konnte Napoleon zurückgehen, und bei Paris eine feſte Stellung faſſen und ſich auf Leben oder Tod verthei⸗ digen. Aber um dieſen zweiten Plan in's Werk zu füh⸗ ren, mußte der Kaiſer Mitte Juni in's Feld rücken. wo er daſelbſt nur eine Armee von anderthalbhun⸗ derttauſend Mann vereinigen konnte. Mit dieſer Macht hatte er die engliſch⸗preußiſch⸗niederländiſche Armee, zuſammen zweihundertdreißigtauſend Mann, zu bekämpfen. Im Jahre 181 4 ſiegte Napoleon oft mit blos Vierzigtauſend gegen die Zweihundertfunfzig⸗ tauſend unter Schwarzenberg und Blücher. Er ent⸗ ſchloß ſich daher zu dem Feldzuge in Flandern. Siehentes Rapitel. die Familie Normand war nach den wenigen fro⸗ hen Tagen, die hauptſächlich durch Engen's Rückkehr herbeigeführt worden waren, wieder große Trauer ein⸗ gezogen. Zarengow, Herrietten's Verlobter, hatte endlich als Begleiter ſeines Chefs, des ruſſiſchen Ge⸗ ſandten, Paris verlaſſen müſſen, und Valerien und ihrer Mutter war der Tod des Vaters und Gatten nicht länger zu verheimlichen geweſen. Der Schmerz der beiden Frauen war unbeſchreiblich und es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe ſie ſich nur einigermaßen erholten. Valerie ſchloß ſich jetzt, nachdem ſie den Vater verloren, nur um ſo inniger an den Geliebten; aber der Gedanke, ihn bald in einen verzweifelten Kampf ziechen zu ſehen, war nicht geeignet, ihre ohnehin trübe Stimmung zu erheitern. Immer drohender zog das Gewitter am Horizonte Frankreichs herauf. Zwölfmalhunderttauſend Strei⸗ ter, faſt aus allen Völkern des Erdtheils zuſammen⸗ geſetzt, ſtanden bereit, die von den Kaiſern und Kö⸗ nigen gegen Napoleon ausgeſprochene Acht zu voll⸗ ziehen. Nicht gegen das franzöſiſche Volk, hieß es in den Proelamationen der Verbündeten, führen wir Krieg, ſondern einzig und allein gegen die Perſon Napv⸗ levn's; und ſo bot ſich das in der Geſchichte aller Völker allein daſtehende große und wunderbare Schau⸗ ſpiel dar, daß zur Bekämpfung eines einzigen Man⸗ nes über eine Million Bayonnette und dreitauſend Ka⸗ 141 nonen in Bewegung geſetzt wurden; es iſt der größte Triumph, welchen je das Genie eines Sterblichen da⸗ von getragen hat. So war der denkwürdige Dritte des Junimonats erſchienen. In unermeßlichen Schaaren bedeckte das Volk die weiten Räume des Marsfeldes und alle die Straßen, durch welche der Kaiſer Napoleon kommen ſollte. Dieſer hatte nämlich zu einem großen National⸗ acte alle Wähler und Deputirte des Reichs zuſammen kommen laſſen. Ihre Zahl belief ſich über Zehntau⸗ ſend. Der Kaiſer wollte den von Neuem in Beſitz genommenen Thron auch der freien Wahl des franzö⸗ ſiſchen Volks verdanken. Mit allem Glanze, wie der Charakter dieſer Na⸗ tionalfeier verlangte, erſchien Napoleon in einem von acht ailchweißen Roſſen gezogenen Spiegelwagen, um⸗ ringt von allen Marſchällen Frankreichs, unter unun⸗ terbrochenem, ſiegesfreudigem Zurufe der zahlloſen Volksmaſſen. Die ganze Nationalgarde ſtand unter Waffen. In unabſehbaren Linien zogen ſich andre Truppen vom Marsfelde bis nach dem Hofe der Tuilerien. Vor den Fenſtern des erſten Stockes der Militairſchule war eine großartige, halbkreisförmige Tribune errichtet. Hier ſaßen die Abgeordneten Frankreichs, welche die eigentliche Verſammlung des Marsfeldes ausmachten. So wie der Kaiſer den für ihn beſtimmten Thron eingenommen, donnerten die Kanonen und ein uner⸗ meßlicher Jubelruf drang durch die Lüfte. Alles was Frankreich an hohen und gefeierten Namen beſaß, war hier verſammelt, um dem Kaiſer von Neuem den Eid der Treue zu ſchwören. Nach den erſten Ceremonien erhob ſich der Erz⸗ kanzler und verlas mit lauter Stimme das Protocoll der Stimmenſammlung der Gemeinden für die Wie⸗ dererwählung Napoleon's zum Kaiſer der Franzoſen. Es ergaben ſich für die Wiedererwählung Eine Mil⸗ lion fünfmalhunderttauſend Stimmen, dagegen — Viertauſend. So ward Napoleon auf's Neue Kaiſer der Na⸗ tion. Er verdankte ſeine Wahl weder den fremden Bayonnetten, noch den Stimmen der mitten unter feindlichen Lagern gehaltenen Gemeindeverſammlungen. Auch kann man nicht ſagen, daß ſeine Erwählung durch Gevalt oder Drohungen erzwungen, denn ſchon zu dieſer Zeit waren die Truppen an den Grenzen verſammelt oder auf dem Marſche dahin und die Re⸗ gierung hatte kein Mittel, die Stimmenden für ſich zu gewinnen. Inmitten des großen Raumes auf dem Marsfelde war ein Altar errichtet. Ringsum in einem Rieſen⸗ quarré ſtand die kaiſerliche Garde, Nationalgarden und Linientruppen. Inmitten ſtrahlte Napolevn, von ſeinen Brüdern und ſeinem Hofe umgeben, wie ein zweiter Karl der Große. Er trug eine Dalmatica von weißem Atlas, reich mit Gold geſtickt, einen Lor⸗ beerkranz und einen Mantel von Purpurſammet und mit Bienen beſäet. Nachdem die religiöſe Feier vorüber, näherte ſich eine Deputation von fünfhundert Wählern dem Throne. Ihr Sprecher ſprach folgendermaßen zum Kaiſer: „Ew. Majeſtät! „Das franzöſiſche Volk hatte Ihnen die Krone er⸗ theilt. Sie haben dieſelbe ohne Zuſtimmung deſſel⸗ ben niedergelegt. Seine Stimme hat es Ihnen zur Pflicht gemacht, dieſelbe wieder anzunehmen. Ein neuer Vertrag iſt zwiſchen Ew. Majeſtät und der Na⸗ 143 tion geſchloſſen worden. Von allen Punkten des Reichs um die Geſetzestafeln verſammelt, wo wir den Wunſch des Volkes, die einzige geſetzmäßige Quelle der Macht, einzuſchreiben kommen, iſt es unmöglich, nicht Frankreichs Stimme ertönen zu laſſen, deſſen unmittelbare Organe wir ſind, und nicht in Europa's Gegenwart dem erhabenen Oberhaupte der Nation zu ſagen, was deshalb von ihm erwartet, und was es von derſelben zu erwarten hat. „Unſre Worte werden ernſthaft ſein, wie die Um⸗ ſtände, die dieſelben einflößen. „Was will das Bündniß der verbündeten Könige mit dieſen Kriegsrüſtungen, womit es Europa erſchreckt und die Menſchheit betrübt? „Durch welche That, durch welche Verletzung haben wir ihre Rache erregt, und zu ihrem Angriffe Veran⸗ laſſung gegeben? „Wir wollen blos, daß Diejenigen beobachtet wer⸗ den, welche mit unſern Sitten übereinſtimmen. Wir wollen nicht zum Oberhaupte jenen Mann, welchen unſre Feinde für uns verlangen, wir wollen im Ge⸗ gentheil den, welchen ſie zurückſtoßen. „Man wagt es, Sie perſönlich zu ächten, der Sie ſo oft Herr der Hauptſtädte jener Fürſten waren, die Sie auf ihren Thronen befeſtigt haben. Dieſer Haß unſrer Feinde vermehrt unſre Liebe für Ew. Majeſtät. Wenn man den Geringſten unſrer Bürger ächtete, würden wir ihn mit derſelben Kraft vertheidigen. Er würde unter demſelben Schutze der Geſetze und unſrer Macht ſtehen. „Man bedroht uns mit einem Ginfall Und den⸗ noch in Grenzen eingeſchloſſen, welche uns nicht von der Natur auferlegt und welche lange Zeit vor Ihrer Regierung durch Sieg und Frieden waren erweitert 144 worden. Wir haben dieſen engen Kreis nicht über⸗ ſchritten aus Achtung für Verträge, die Sie nicht unterzeichnet und die Sie ſich erboten, zu beobachten. „Ew. Majeſtät, ein augenblicklich durch fremde Ar⸗ meen errichteter Thron, den unheilbare Irrthümer um⸗ gaben, iſt ſogleich vor Ihnen zuſammen geſtürzt, weil Sie uns aus Ihrer Zurückgezogenheit, die nur große Gedanken in großen Männern erzeugt, unſern wahren Ruhm und unſer wahres Glück wiederbrachten. „Hat Ihr Triumphzug von Cannes nach Paris nicht Aller Augen geöffnet? Giebt es in der Ge⸗ ſchichte aller Völker und Jahrhunderte ein volksthüm⸗ licheres, heldenmüthigeres und ehrfurchtsvolleres Schau⸗ ſpiel? Dieſer Triumph, welcher kein Blut gekoſtet, reicht er nicht hin, unſre Feinde über Frankreichs wahre Intereſſen aufzuklären? Verlangen dieſe Feinde noch einen blutigern? Wohlan, ſo kann Ew. Maje⸗ ſtät auf Alles rechnen, was ein Held und Staaten⸗ gründer von einer treuen, kräftigen und edelmüthigen Nation erwarten darf, die in ihren Grundſätzen un⸗ erſchütterlich, im Zwecke ihrer Beſtrebungen unverän⸗ derlich, nämlich in der Unabhängigkeit von Außen und der Freiheit im Innern iſt. „Ew. Majeſtät, Nichts iſt unmöglich und Nichts ſoll geſpart werden, um unſere Ehre und unſere Un⸗ abhängigkeit, die theuerſten Güter des Lebens, zu be⸗ wahren. Wir ſind zu Allem bereit, um ein ſchimpf⸗ liches Joch zurückzuſtvßen. Wir erklären dies im An⸗ geſichte der Welt allen Nationen. Mögen die Könige unſere Stimme hören. Wenn ſie unſere Friedensvor⸗ ſchläge annehmen, ſo erwartet das franzöſiſche Volk von Ihrer kraftvollen, freiſinnigen und väterlichen Herrſchaft, die Troſtgründe über die Opfer, welche ihm der Friede gekoſtet haben wird. Wenn man uns aber nur die Wahl zwiſchen den Waffen und der Schande läßt, ſo erhebt ſich die ganze Nation für den Krieg; jeder Franzoſe wird Soldat, der Sieg folgt Ihren Adlern und unſere Feinde, welche auf unſere inneren Streitigkeiten rechneten, werden es be⸗ dauern, uns aufgereizt zu haben.“ Der Kaiſer antwortet: „Als Kaiſer, Conſul, Soldat hatte ich Alles vom Volke. Im Glück wie im Unglücke, auf dem Schlacht⸗ felde, im Rathe, auf dem Throne; während der Ver⸗ bannung war Frankreich der einzige und beſtändige Gegenſtand meiner Gedanken und Handlungen. „Gleich jenem Könige Athens habe ich mich für mein Volk aufgeopfert, in der Hoffnung, daß das geleiſtete Verſprechen erfüllt werde und Frankreichs Integrität, ſeine Ehre und ſeine Rechte ungeſchmälert blieben. „Der Unwille, dieſe heiligen, durch fünfundzwan⸗ zigjährige Siege erlangten Rechte verkannt und auf immer verloren zu ſehen, der Ruf der franzöſiſchen verletzten Ehre, die Wünſche der Nation, haben mich auf den mir theuern Thron zurückgeführt, welcher das Palladium der Unabhängigkeit und der Volksrechte iſt. „Franzoſen, indem ich mitten unter dem unermeß⸗ lichen Jubel die verſchiedenen Provinzen des Reichs durchzog, mußte ich auf einen langen Frieden rechnen. Die Nationen ſind durch die von ihren Regierungen geſchloſſenen Verträge gebunden, von welcher Art die⸗ ſelben ſein mögen. „Meine Gedanken richteten ſich damals ganz auf die Mittel, unſere Freiheit durch eine den Willen und dem Wohle des Volks entſprechende Verfaſſung zu begründen. In dieſer Abſicht habe ich das Maifeld zuſammen berufen. Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 10⁰ 146 „Ich erfuhr gar bald, daß Fürſten, welche alle Grundſätze verkannt, die Meinung und das größte Intereſſe ſo vieler Völker verletzt, uns mit Krieg überziehen wollen. Sie finnen darauf, das Reich der Niederlande zu vergrößern, denſelben unſere Nordfe⸗ ſtungen als Grenze anzuweiſen und ihre Streitigkei⸗ ten untereinander dadurch auszugleichen, daß ſie Lo⸗ thringen und Elſaß unter ſich theilen. „Wir haben uns zum Kriege rüſten müſſen. „Da ich jedoch perſönlich den Gefahren des Kam⸗ pfes mich ausſetzen muß, ſo iſt es meine Hauptſorge geweſen, der Nativn unverzüglich eine Verfaſſung zu geben. Das Volk hat die Acte angenommen, die ich ihm vorgeſchlagen habe. „Franzoſen, wenn wir dieſen ungerechten Angriff zurückgewieſen haben werden, und wenn Europa da⸗ von durchdrungen ſein wird, was man den Rechten und der Unabhängigkeit einer Nation von dreißig Millionen ſchuldig iſt, dann ſoll ein feierliches Geſetz, nach den durch die Conſtitutionsacte verlangten For⸗ men, die verſchiedenen Verfügungen der heute noch zerſtreuten Verfaſſungen ſammeln. „Franzoſen, Ihr werdet jetzt in Eure Departements zurückkehren. Saget den Bürgern, daß die Opfer groß ſind, daß wir aber mit Einigkeit, Kraft und Ausdauer ſiegreich aus dieſem Kampfe mit unſern Unterdrückern hervorgehen werden; daß die künftigen Geſchlechter unſere Handlungen mit Strenge prüfen werden und daß eine Nation Alles verloren habe, ſo⸗ bald ſie ſich ihre Unabhängigkeit habe rauben laſſen. Sagt ihnen, daß die fremden Könige, die ich auf den Thron gehoben, oder die mir ihre Krone verdan⸗ ken, welche alle zur Zeit meines Glückes um mein 147 Bündniß und den Schutz des franzöſiſchen Volkes buhlten, heute alle ihre Streiche gegen mich richten. Wenn ich nicht einſähe, daß dieſelben nur Frankreich demüthigen wollten, ſo würde ich mein Leben, nach welchem ſie trachten, ihrem Haſſe preisgeben. Sagt aber auch den Bürgern, daß ſo lange die Franzoſen mir die Gefinnungen ihrer Zuneigung bewahren, die Wuth unſrer Feinde ohnmächtig ſein wird. „Franzoſen, mein Wille iſt der des Volkes, meine Rechte ſind die ſeinigen. Meine Ehre, mein Ruhm, mein Glück kann nur mit der Ehre, dem Ruhme und dem Glücke Frankreichs beſtehen!“ Nach dieſer Rede trat der Kaiſer an den Altar und ſchwur, die Conſtitution des Reichs zu beobach⸗ ten und aufrecht zu erhalten. Dieſer Eid wurde von den Miniſtern und den Wahldeputationen wiederholt. Hierauf vertheilte der Kaiſer die Adler unter die Truppen. Sie waren mit Flor umhüllt, welcher erſt nach dem erſten Siege abgenommen werden ſollte. Es war eine große erhebende Scene. Voller Vertrauen auf künftige Siege blickte das Volk auf die zahlrei⸗ chen Garderegimenter, dieſe unſterblichen Cohorten der neuern Kriegsgeſchichte. Ganze Reihen dieſer Braven waren mit dem rothen Bande der Ehrenlegion ge⸗ ſchmückt. Da war Keiner, der nicht freudig ſein Blut, ſein Leben für ſeinen Kaiſer und für die Ehre des Vaterlandes dahin gegeben hätte. Als die Feier vorüber war und Jedermann mit Begeiſterung geſchworen hatte, für Napolcon zu leben und zu ſterben, donnerten von Neuem die Kanonen, ſcholl abermaliges hunderttanſendſtimmiges„Vive lem- pereur!“ zu den Wolken und der Kaiſer kehrte in die Tuilerien zurück. Nach wenigen Tagen traten die Kammern zuſam⸗ 10* 148 men, aber gleich im Anfange ward ein Geiſt des Wi⸗ derſpruchs gegen die Regierung bemerkbar. Der Kai⸗ ſer, welcher ſogleich Nachricht davon erhielt, ward ſehr düſter geſtimmt. „Ich ſehe,“ ſprach er,„daß die Deputirten, ſtatt ſich zur Rettung des Vaterlandes mit mir zu vereini⸗ gen, ſich von m iner Sache trennen und ſich auf meine Koſten beim Volke beliebt machen wollen. Glauben ſie denn, ſie könnten aus mir einen Holzmann oder einen andern Ludwig den Sechszehnten machen? Ich bin nicht der Mann, der ſich ſchulmeiſtern, noch we⸗ niger der ſich von Phraſenhelden Geſetze diectiren oder von den Factionen bei der Gurgel nehmen läßt. Mein Blut wird für Frankreich auf dem Schlachtfelde flie⸗ ßen, aber kein Schaffot röthen. „Dieſe Leute da,“ fuhr er fort,„ermorden ſelbſt das Vaterland, ſie begreifen nicht, daß ihr Geſchwätz einen verderblichen Widerhall findet. Ich habe der öffentlichen Stimmung nachgegeben und die Kammern zuſammen berufen, aber ich begreife auch, daß dieſe Maßregel eine unzeitige iſt. Die Franzoſen haben eine zu warme Einbildungskraft, zuviel Beweglichkeit 3 des Geiſtes, eine zu große Neigung, die Wirkung für 8 die Urſache zu nehmen und ihre Rechte zu mißbrau⸗ chen, um mit einem Male eine unbedingte Freiheit genießen zu können. Ich habe das voraus geſehen. Die Utopiſten werden Alles verderben. Man wird die repräſentativen Regierungsweiſen nothwendig inwoh⸗ nende Oppoſition mißverſtehen und übel leiten. Sie wird uns die unfinnigſten Hinderniſſe in den Weg legen und die Thatigkeit der ausübenden Gewalt läh⸗ men. Ich brauche ein Schwert, um das Vaterland gegen eine Million Feinde zu vertheidigen, und man giebt mir ein Rappier in die Hände. Wenn der Feind 149 vor den Thoren, iſt eine berathende Verſammlung überhaupt ſchädlich. Man gedenke des griechiſchen Reiches, wo man im Senat über philoſophiſche The⸗ ſen disputirte, während die feindlichen Sturmblöcke die Stadtmauern zertrümmerten. Die unruhigen Leute in der Kammer ſtreben nach Lärm, nach Poypularität, nach Herrſchaft, werfen ſich aus eigner Machtvollkom⸗ menheit zu Advokaten des Volkes auf, zu Vertheidi⸗ gern deſſen, was gar nicht angegriffen worden, zu Rathgebern des Fürſten. Sie wollen Alles wiſſen, Alles anordnen, Alles leiten. Wenn man ihre unzei⸗ tigen Rathſchläge nicht hören will, ſo werden aus Rathgebern Cenſoren, aus Cenſoren Parteimänner und aus Parteimännern Rebellen. Das iſt die Geſchichte aller berathſchlagenden Verſammlungen, die aus In⸗ triganten und aus mehr oder minder aufgeklärten Leuten zuſammengeſetzt ſind. Die letztern werden faſt immer von andern getäuſcht und ohne daran zu den⸗ ken oder es zu wollen, deren Werkzeuge und Mitſchul⸗ dige. Die Verwegenen bemächtigen ſich der Furcht⸗ ſamen. Furcht vor Gefahr desorganiſiren die ſchwa⸗ chen Köpfe. Dummköpfe anfangs, fallen ſie nachher als Opfer. Sie leihen den Ehrgeizigen ihren Rücken, damit dieſe die erſte Staffel der Leiter emporklimmen. Die rechtlichen Leute in der Kammer werden von den Royaliſten, welche in ihrer Reihe feine und geſchickte Führer haben, überliſtet. Unter dem Scheine von Frei⸗ heitsliebe ſchmeicheln ſie den Patrioten und unter dem Vorwande, meiner Tyrannei einen Zaum anzulegen, binden ſie mir die Arme, die ich jetzt zur Verthei⸗ digung Frankreichs am Nöthigſten bedarf. Ich er⸗ ſchrecke, eine ſolche Kammer hinter mir zurücklaſſen zu müſſen.“ Der Herzog von Vicenza, welcher anweſend war, 150 gab durch ſein Schweigen die Anerkennung der Wahr⸗ heit, die in des Kaiſers Worten lag, zu erkennen. „Hoffen wir noch,“ ſprach Napoleon nach einer Pauſe weiter,„daß die erſten für die Unabhängigkeit des Vaterlandes abgefeuerten Kanonenſchüſſe in die⸗ ſen Volksvertretern den wahren Patriotismus wieder erwecken. Die Parthie iſt eingeleitet; man muß ſie halten.“ Der Kaiſer ernannte für die Zeit ſeiner Abweſen⸗ heit einen Regentſchaftsrath. Er beſtand aus Napo⸗ leon's Brüdern, Joſeph und Lucian, den Miniſtern und vier Beiminiſtern. Er ertheilte dieſer Behörde ſeine Inſtructionen. „Ich reiſe dieſe Nacht ab,“ ſchloß er,„thun Sie Ihre Schuldigkeit; die Armee und ich werden die unſrige thun. Ich empfehle Ihnen Einigkeit, Eifer und Energie. Wachen Sie, meine Herren, wachen Sie darüber, daß Frechheit nicht an die Stelle der Freiheit, Anarchie an die der Ordnung treten. Be⸗ denken Sie ſtets, daß der Erfolg der Mittel allezeit von der Einheit der Handlung abhängt.“ Der Regentſchaftsrath entfernte ſich, nur der ge⸗ treue Caulaincourt blieb noch bei dem Kaiſer. „Ich verlaſſe mit ſchwerem Herzen Paris,“ hub der letztere an,„das Unglück Murat's hat mich ſehr trüb geſtimmt. Konnte dieſer Menſch nicht vier Wo⸗ chen warten, bevor er Oeſterreich angriff? Es wäre eine treffliche Seiten⸗Diverſion für mich geweſen. Vor einem Jahre that er uns durch ſeinen Abfall Schaden, heuer dadurch, daß er ſich für mich erklärt.“ „Sire,“ antwortete der Herzog von Vicenza, „Seine Majeſtät ſind nach der verunglückten Unter⸗ nehmung in Frankreich an's Land geſtiegen.“ „Er ſoll auf der Stelle das Land verlaſſen,“ ent⸗ 154 ſchied Napoleon,„ſeine Anweſenheit compromittirt mich. Beſorgen Sie das, Caulaincvurt.“ Nach dieſen Worten trat er an ſein Bureau und unterzeichnete noch eine Menge Befehle. Der Herzog von Vicenza wiederholte noch einmal ſeine dringende Bitte, den Kaiſer in's Feld begleiten zu dürfen. „Sire,“ ſprach er,„der Miniſter der auswärti⸗ gen Angelegenheiten iſt in dieſem Augenblicke nur der Form nach vorhanden. Was kann ich hier thun, um Ew. Majeſtät von Nutzen zu ſein?“ „Sprechen wir nicht davon,“ erwiederte Napoleon, „ich nehme Maret mit. Wenn ich Sie nicht in Pa⸗ ris zurückließe, auf wen ſollte ich zählen? Haben Sie vor allen Dingen meinen Polizeiminiſter in Augen, den Fouchs, er iſt voller Intriguen, und ich habe allen Argwohn, daß er jeden Augenblick bereit iſt, mich zu verrathen.“ Den übrigen Theil der Nacht verbrachte er damit, die Arbeit der Portefeuilles auszuziehen. Er ertheilte mit der größten Geiſtesfreiheit ſeine beſondern In⸗ ſtructionen. Sein Blick war düſter. Er ſah viel Un⸗ glück voraus, aber ſeine Hoffnung ruhte auf der er⸗ gebenen von Eifer und Begeiſterung vollen Armee. Der Tag begann zu grauen. Vom Thurme der Tuilerien tönte die dritte Stunde des Morgens. „Adien, Caulaincvurt,“ ſprach Napoleon, indem er dem Herzoge die Hand reichte;„adieu, ich muß ſiegen oder ſterben.“ Mit ſchnellem Schritt durchging er die Zimmer. Am Fuße der großen Treppe angekommen, warf er noch einen langen Blick um ſich. Ganz Paris lag in tiefem Schweigen. Im Oſten graute das Morgen⸗ roth. Napoleon warf ſich in den Wagen. Die Peit⸗ 152 ſchen der Poſtillone knallten und fort brauſte das Ge⸗ ſpann, die todtſtillen Straßen entlang, hin nach— Waterlov. Achtes Rapitel. E⸗ war ein wunderſchöner Tag in der erſten Hälfte des Juni. Das freundliche Gütchen Chateauneuf ſtand in heitrer Frühlingspracht. Ueberall blühte und duf⸗ tete es und Lerchengeſang durchtönte den heitern blauen Himmel. Zum letzten Male war die Familie Nor⸗ mand in Begleitung Eugen's und Ruffus heraus ge⸗ fahren nach der anmuthigen Villa, um die letzten Stunden, welche Eugen bei den Seinigen noch ver⸗ gönnt waren, in ländlicher Anmuth und Stille zu verleben. Aber wie ringsumher die blühende Natur auch zur Freude aufmunterte, und wie angelegen ſich's die bei⸗ den jungen Männer ſein ließen, Heiterkeit in die Ge⸗ ſellſchaft zu bringen, ſo war die Schwermuth nament⸗ lich von den reizenden Geſichtern Valerien's und Hen⸗ rietten's nicht zu verbannen. Auch Frau Laroſe und der Banquier waren ſehr ernſt geſtimmt. „Iſt es nicht wahre Sünde,“ klagte Valerie,„jetzt, wo Alles ſo herrlich blüht und nur Glück und Zu⸗ friedenheit durch die ganze Natur athmet, blutigen Krieg anzufangen? Der liebe Gott, der den Krieg überhaupt nicht leiden kann, muß diesmal noch böſer werden.“ „So kann ſich wenigſtens Frankreich und der Kai⸗ 153 ſer,“ antwortete Eugen,„das Zeugniß geben, daß ſie unſchuldig an dem bevorſtehenden Kampfe ſind. Wir haben wiederholt die Friedenshand geboten und nur die heiligſte Nothwehr, die Vertheidigung unſter Unabhängigkeit, zwingt uns zum Kampfe.“ „Ich dächte denn doch,“ bemerkte der Banquier, „daß der Krieg zu vermeiden geweſen wäre, wenn der Kaiſer zu Gunſten ſeines Sohnes abgedankt hätte, da die Verbündeten offen proclamirt haben, die Per⸗ ſon Napoleon's ſei das einzige Hinderniß des Friedens.“ „Das wäre eine Erniedrigung für Frankreich,“ fiel Eugen eifrig ein;„eine Nation von dreißig Mil⸗ lionen, welche wie aus einem Herzen und Munde ſich einen Monarchen gewählt, wird dieſen auch zu be⸗ ſchützen wiſſen. Was hat ſich das Ausland in unſre Angelegenheiten zu miſchen? Es wäre ein Unglück für's Land, wenn der Kaiſer abdankte, er allein ver⸗ mag das Ruder eines Staates, in dem ſich ſo man⸗ nichfache feindliche Elemente vorfinden, mit kräftiger, ſichrer Hand zu leiten.“ „Auch ich halte,“ ſprach Ruffus,„den gegenwär⸗ tigen Angriff, den das verbündete Europa gegen Frankreich unternimmt, für einen ungerechten. Kein Monarch ſitzt wohl mit größerem Rechte auf ſeinem Throne, als Napoleon nach ſeiner Rückkehr auf dem Throne Frankreichs. Sollte denn der Geſammtwille einer großen, ſelbſtſtändigen und mündigen Nativn keine Stimme bei der Wahl ſeines Regenten haben?“ „Die Herren Alliirten,“ meinte Eugen,„werden ſchon andern Sinnes werden, ſobald ſie die erſte Schlacht verloren haben.“ „Mein Gott,“ rief Henriette,„ſchon wieder Schlach⸗ ten! Müſſen denn wieder Tauſende hingeopfert werden, ehe man ſich verſtändiget?“ 154⁴ „Ohne Schlacht,“ erwiederte Ruffus,„dürfte es diesmal wohl nicht abgehen und wenn die Maſſen ein⸗ mal auf einander ſtoßen, wird es unſtreitig eine der blutigſten, die je geſchlagen worden find; denn von ihr hängt das nächſte Geſchick der Welt ab.“ „Wohlan,“ rief Eugen mit Feuer,„und die fran⸗ zöſiſche Armee wird da beweiſen, daß ſie nicht zur Kurzweil für den Kaiſer ſich erklärt hat, daß es ihr Ernſt iſt und daß man ſich nicht ungeſtraft an ihrer ſelbſt gewählten Majeſtät vergreifen darf.“ „Ich fürchte nur,“ fuhr Ruffus fort,„daß in Na⸗ polevn nach dem erſten Siege wieder die alten welt⸗ herrſcheriſchen Gedanken aufſteigen werden. Als Lohn für die erſte gewonnene Schlacht wird er ſich dann unfehlbar Belgien und das linke Rheinufer ausbitten.“ „Das fürchte ich eben auch,“ fiel der Banquier ein,„und dann lebt wohl ihr idylliſchen Friedensge⸗ danken!“ „Das glauben Sie nicht,“ beruhigte Eugen,„mit der Weltherrſchaft iſt es aus, das franzöſiſche Volk mag nichts davon wiſſen, auch die Armee nicht, und ſelbſt der Kaiſer wünſcht Ruhe. Ohne Belgien und das linke Rheinufer wird es freilich nicht abgehen, aber daran ſind die Alliirten ſelbſt ſchuld; warum ha⸗ ben ſie in die Friedenshand Napoleon's nicht einge⸗ ſchlagen und beharren ſo eigenfinnig auf dem Kriege.“ „Nun,“ ſprach Ruffus,„wir wollen hoffen, daß er von ſeinen Eroberungsglänen geheilt iſt; vielleicht daß die Schule des Unglücks wohlthätig auf ihn ge⸗ wirkt hat. Möge dann die Welt, welche ihn zeither als den Größten im Kriege erkannt, ihn auch als den Größten im Frieden erkennen. Es iſt ein erhebender Gedanke, den Napoleon als Vater des Vaterlandes zu denken, blos mit deſſen Glück beſchäftigt; binnen wenigen Jahren wäre dann Frankreich der beneidens⸗ wertheſte Staat auf Erden. Sein Genie, das wir oft im Zerſtören bewundert haben, würden wir im Aufbauen und auf den Gefilden des Friedens noch mehr bewundern können. Der Kaiſer Napoleon ſtünde dann ſicherer als je ein Fürſt dieſer Erde geſtanden hat, und der ganzen Menſchheit und allen künftigen Jahrhunderten würde der Segen zu gute kommen, den dieſer große Genius im reichen Maaße zu ver⸗ breiten im Stande wäre. Nicht durch ſein Schwert würde er dann Schiedsrichter der Welt ſein, ſondern durch ſeinen Geiſt, der in ſeinen weiſen Schöpfungen ſich offenbarte, durch ſeine Geſetzgebung, durch ſeine Beförderung der Künſte und Wiſſenſchaften, des Han⸗ dels und der Gewerbe, durch ſeine Aufklärung in den Schranken einer vernünftigen Freiheit, durch ſeine Schulen und Unterrichtsanſtalten, welche ein reiferes und edleres Geſchlecht heranbilden würden; durch ſeine großartigen Bauten, welche noch den ſpäteſten Ge⸗ ſchlechtern den großen Werkmeiſter des neunzehnten Jahrhunderts verkünden würden. Groß und gewaltig war der Napoleon des Kriegs, doch göttlich muß der Napoleon des Friedens ſein.“ Alle hatten mit großem Intereſſe den begeiſterten Worten des jungen Mannes, der ſich nur ſelten von der Begeiſterung hinreißen ließ, zugehört. Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Für dieſen ſchönen Glauben will ich auch freu⸗ dig mein Blut und Leben zum Opfer bringen.“ Er zog ein Papier aus dem Buſen. „Hier,“ ſprach er,„iſt meine Beſtallung als kai⸗ ſerlicher Ordonnanzofficier. Eugen, ich ziehe mit Dir in den Kampf, und fechte unter Napoleon's Adlern für die Unabhängigkeit einer großen und edeln Nation.“ 156 „Herrlich, herrlich!“ jubelte Eugen und umarmte den neuen Waffenbruder mit brüderlicher Herzlichkeit. „Ich bin ein Deutſcher, ein Sachſe,“ fuhr Ruffus fort,„viele meiner Landsleute werden es mir zum Verbrechen machen, es für Verrath am Vaterlande halten, daß ich in die Dienſte Napoleon's, den ſie nur für einen Tyrannen halten, getreten bin. Ich kann ihnen nicht zürnen; wenn der Kampf geendet, der Haß verraucht, die Leidenſchaft geſtillt iſt, wer⸗ den ſie auch unparteiiſcher und milder über den Kai⸗ ſer der Franzoſen urtheilen. Man erzählt von den Deutſchen, daß viel Weltbürgerſinn in ihnen wohne. In dieſer Hinſicht bin auch ich von ganzem Herzen ein Deutſcher, mein Vaterland iſt die ganze ſchöne Erde, mein Volk die Menſchheit; ich will, daß alle Nationen frei und glücklich ſeien; darum bin ich un⸗ ter die Fahnen eines Mannes getreten, der nicht blos über ein Volk, der über die Welt gebietet, der nicht blos zum Heile einer Nation, ſondern zum Heile der Menſchheit erſchienen iſt. Meine Verehrung und Liebe für Napoleon iſt nicht das Reſultat ſelaviſcher Geſin⸗ nungen, es iſt die angeſtammte Verehrung, die ein geſundes Herz für jedes Große und Herrliche empfin⸗ det. Dies mein Glaubensbekenntniß und der Maßſtab meines Thuns und Laſſens.“ Valerie, begeiſtert von den Worten des jungen Deutſchen, weil eine gleiche Geſinnung ihre Bruſt be⸗ lebte, brach eine ſchöne, kaum entfaltete Roſe von dem herüberhangenden Roſengebüſch. „Wohlan,“ ſprach ſie,„wenn Sie hinausziehen für Frankreichs Freiheit und Unabhängigkeit, ſo iſt die Pflicht jeder Franzöſin, Ihnen zu danken. Em⸗ pfangen Sie hiermit den Dank aller meiner Schweſtern.“ Mit dieſen Worten reichte ſie dem Jüngling die 157 Roſe. Auch Henriette brach eine ſolche und ſchenkte ſie Ruffus. Der Banquier umarmte gerührt den Freund. „Ziehen Sie mit Gott,“ ſprach er,„und käm⸗ pfen Sie für die Freiheit meines Vaterlandes. Die Unabhängigkeit einer Nation iſt die Sache aller Na⸗ tionen; und wenn auch Ihre Landsleute, die jetzt noch von Haß gegen uns erfüllt ſind, Ihr Benehmen nicht billigen, der edle Menſch, der erhaben ſteht über den Scheidelinien, welche die Völker unter ſich gezogen, wird Ihnen nicht zürnen.“ „Und ſieh,“ fiel Engen ein, indem er auf die reizende Gegend zeigte, welche in ſchönſter Abendbe⸗ leuchtung lag,„kämpfſt Du nicht auch für ein ſchönes herrliches Land, wo ſo viele edle und gute Menſchen wohnen, ſollte dieſes der Selbſtſtändigkeit nicht wür⸗ dig ſein?“ Vom Herrenhauſe herüber tönte die Abendglocke und mahnte zum Aufbruch. Valerie ruhte lange ſtill⸗ weinend an Eugen's Bruſt. Ruffus trocknete ſich un⸗ geſehen eine Thräne aus dem Auge. Doch faßte er ſich bald, trat zu Eugen, deſſen Hand er faßte. „Freund,“ ſprach er,„ohne Trennung kein Wie⸗ derſehn, mit Gott ſehen wir uns wieder in einem freien Vaterlande!“ Noch denſelben Abend reiſten die beiden kaiſerli⸗ chen Officiere zur Armee ab. Reuntes Rapitel. De Kaiſer Napoleon war mit hundertzwanzigtauſend Mann und vierthalbhundert Kanonen blitzesſchnell in Belgien eingerückt und hatte den Feldzug mit folgen⸗ der Proclamation an ſein Heer eröffnet: „Soldaten! „Heute iſt der Jahrestag der Schlachten von Ma⸗ rengo und Friedland. Damals, wie nach den Schlach⸗ ten von Auſterlitz und Wagram ſind wir zu großmü⸗ thig geweſen. Wir glaubten den Betheuerungen und Eiden der Fürſten, die wir auf ihren Thronen ließen. Und jetzt haben ſie es, eng verbündet, auf die ge⸗ heiligten Rechte Frankreichs abgeſehen. Sie haben den ungerechteſten aller Angriffe begonnen. Sind wir denn nicht mehr dieſelben Männer? „Soldaten, als Ihr zu Jena gegen dieſelben Preußen fochtet, die jetzt ſo anmaßend geworden, wa⸗ ret Ihr Eins gegen Zwei und zu Montmirail wie Eins gegen Drei. Diejenigen, die in die Hände der Engländer gefallen waren, mögen Euch die Geſchichte der Gefangenſchaft und der Leiden erzählen, die ſie daſelbſt erduldet haben. Die Sachſen, Belgier und die Völker des Rheinbundes ſind über den Gedanken empört, daß ſie ihre Schwerter der Sache der Für⸗ ſten leihen müſſen, welche Feinde der Gerechtigkeit und der Rechte der Nationen ſind. Sie wiſſen, daß die Cvalition unerſättlich iſt. Nachdem ſie zwölf Mil⸗ lionen Polen, zwölf Millionen Italiener, eine Million Sachſen und ſechs Millionen Belgier verzehrt hat, wird ſie auch die Staaten zweiten Ranges in Deutſch⸗ land verſchlingen. 159 „Die Thoren, ein Augenblick des Glücks verblen⸗ det ſie. Die Unterdrückung und Erniedrigung Frank⸗ reichs iſt ihrer Macht entrückt. Wenn ſie Frankreich betreten, werden ſie daſelbſt ihr Grab finden. „Soldaten, wir haben foreirte Märſche zu ma⸗ chen, Schlachten zu ſchlagen, Gefahren entgegen zu gehen; aber bleibet ſtandhaft und der Sieg iſt unſer, die Rechte, und die Ehre des Vaterlands werden zu⸗ rückerobert ſein. Für jeden Franzoſen, der ein Herz hat, iſt der Augenblick gekommen, entweder zu ſiegen oder zu ſterben.“ Den Franzoſen gegenüber ſtand der Feldmarſchall Blücher mit hundertzwanzigtauſend Preußen und drei⸗ hundert Kanonen, und der Herzog von Wellington mit hunderttauſend Engländern, Deutſchen und Nie⸗ derländern. Blücher bildete den linken, Wellington den rechten Flügel der combinirten Armee. Da Napoleon dieſer vereinten Macht nicht gewach⸗ ſen war, ſo ging ſein Plan dahin, die zwei Armeen zu überrumpeln und zu trennen. Durch geſchickte Manöver gelang dieſer Plan. Während der Herzog von Wellington auf dem Balle zu Brüſſel noch Po⸗ lonaiſe tanzte, warf ſich Napoleon auf die Preußen, ſchnitt ſie von den Engländern ab und ſchlug ſie in der Schlacht bei Ligny. Hätte der Marſchall Ney Napoleon's Befehle pünktlich befolgt und wäre er plan⸗ mäßig in die Operationen des Kaiſers eingegangen, ſo war, nach dem Urtheile aller Kriegskundigen, die preußiſche Armee unrettbar verloren. Napoleon ging bei dieſem Angriffe von einer ſehr richtigen Berech⸗ nung aus. Er griff die Preußen deshalb zuerſt an, weil er von dem bedächtigen Charakter des britiſchen Heerführers überzeugt war, daß dieſer ſich nicht zu 6 ſehr beeilen werde, dem Blücher zu Hülfe zu kommen; 160 dahingegen, hätte Napolevn Wellington angegriffen, der preußiſche Feldmarſchall augenblicklich zur Unter⸗ ſtützung herbeigeeilt ſein würde. Alles war das Werk von vier Tagen geweſen. Engländer und Preußen zogen ſich, durch Napoleon's Operationen von einander getrennt, vor den verfol⸗ genden Franzoſen zurück; erſtere auf der Straße gen Brüſſel, letztere weiter links auf das Städtchen Wawre. Zur Verfolgung der Preußen, welche durch die Niederlage bei Ligny bedeutend geſchwächt waren, ent⸗ ſendete Napolevn den Marſchall Grouchy mit vierzig⸗ tauſend Mann und dem Befehle, den Blücher nicht aus den Augen zu laſſen und deſſen Vereinigung mit Wellington zu verhindern, doch zugleich ſo zu ma⸗ növriren, daß er(Grouchy) mit der franzöſiſchen Haupt⸗ macht immer in Communication bleibe. Napoleon wandte ſich nun, da er die Preußen im Schach wußte, mit dem ihm verbleibenden Kerne der Armee, achtzigtauſend Mann ſtark, gegen Wellington. Letzterer ſchrieb an Blücher: daß wenn er mit einem Corps ihn unterſtützen wolle, er vor dem Walde von Soignes, zwei Stunden vor Brüſſel, Poſto faſſen und die Schlacht annehmen werde. Blücher antwor⸗ tete, nicht blos mit einem Corps, mit der ganzen preußiſchen Armee werde er zu Hülfe kommen. Dem⸗ nach ſchlug der britiſche Feldherr im Flecken Waterloo auf der Brüſſeler Straße ſein Hauptquartier auf und formirte ſeine Schlachtlinie quer über die Straße vor dem Walde von Svignes. Es war um ein Uhr des Morgens, am achtzehn⸗ ten Juni 1815, als Napoleon in Begleitung des Großmarſchalls Bertrand ausging, um die Linie ſei⸗ ner Vorpoſten, welche auf Flintenſchußweite von den Engländern entfernt ſtand, zu beſichtigen. Seine 161 Abſicht war, die engliſche Armee trotz der Dunkelheit der Nacht anzugreifen, falls ſie den Rückzug antre⸗ ten ſollte. Es war eine finſtre Nacht, der Regen floß in Strömen hernieder. Der Wald von Svoignes ſchien gleichſam in Flammen zu ſtehen. Die ganze Hoch⸗ ebene erglänzte von den Feuern zahlloſer Bivouaks. Ein tiefes Schweigen herrſchte nur von dem herab⸗ rauſchenden Regen unterbrochen. Das vereinigte eng⸗ liſche Heer lag in Folge der bedeutenden Strapazen des zweitägigen Rückzugs in tiefen Schlaf begraben. Plötzlich blieb der Kaiſer auf ſeiner nächtlichen Wanderung ſtehen und lauſchte mit der größten Auf⸗ merkſamkeit nach der Gegend des engliſchen Lagers. „Bertrand,“ ſprach er,„ich vernehme Colonnen⸗ marſch, Wellington beginnt den Rückzug, wir müſſen aufbrechen und ihn verfolgen.“ „Sire,“ entgegnete der Großmarſchall,„wie ſehr ich mein Gehör anſtrenge, vernehme ich nichts, als den herabſtrömenden Regen.“ „Ich kann aber unmöglich glauben,“ fuhr der Kaiſer fort,„daß Wellington vor einem undurchdring⸗ lichen Walde feſten Fuß faſſen ſollte. Im Fall einer Niederlage iſt ihm aller Rückzug abgeſchnitten und ſein Heer rettungslos verloren.“ Im nahgelegenen Flecken Hougomont ſchlug es jetzt halb drei Uhr des Morgens. Noch immer ſtrömte der Regen nieder. Napoleon, in eine graue Capotte gehüllt, kehrte ganz durchnäßt in's Hauptquartier zurück. Mehre Officiere, die auf Recognoscirung ausge⸗ ſchickt worden waren, kehrten jetzt mit der einſtimmi⸗ gen Nachricht zurück, daß im engliſchen Lager Alles ſtill ſei, und daß Wellington durchaus keine Bewe⸗ gungen vornähme. Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 11 162 Gegen vier Uhr ward ein Bauer eingebracht, wel⸗ cher einer britiſchen Brigade als Wegweiſer gedient hatte. Er beſtätigte die Nachricht der Officiere, des⸗ gleichen zwei Deſerteure eines flandriſchen Regiments, welche die Gewißheit überbrachten, daß man ſich im britiſchen Lager zu einer Schlacht rüſte. Napoleon ſchüttelte das Haupt. „Unbegreiflich,“ ſprach er,„der unerfahrenſte Ge⸗ neral wird ſich keinen ſolchen Fehler zu Schulden kom⸗ men laſſen und für die Rückzugslinie ſo wenig Sorge tragen.“ Die franzöſiſchen Truppen bivouaquirten im tiefen Schlamme; der Boden war durch den mehrtägigen Re⸗ gen ganz durchweicht worden. Alle Officiere hielten eine Schlacht den nächſten Tag für unmöglich, weil die Artillerie wegen des bodenloſen Terrains nicht würde operiren können. Napoleon war über den großen Fehler des briti⸗ ſchen Feldherrn außerordentlich zufrieden. Er dictirte dem Majorgeneral, Marſchall Soult, neue Verhal⸗ tungsbefehle an den Warſchall Grouchy, welcher zur Verfolgung und Beobachtung der geſchlagenen Preußen ungefähr vier Stunden vom Hauptquartier in den Flecken Gembloux ſtand. Man ſchärft dem Marſchall wiederholt ein, die Preußen nicht aus den Augen zu laſſen und dabei mit der franzöſiſchen Hauptarmee im⸗ mer in Communication zu bleiben. Es iſt fünf Uhr des Morgens. Der Regen hat nachgelaſſen, die Atmoſphäre hellt ſich auf und einige ſchwache Strahlen jener verhängnißvollen Sonne, die als ſie niederging, das Schickſal Frankreichs und das der Welt entſchieden hatte, erhellten das weite Schlachtfeld. Die engliſche Armee bedeckte eine Kette von Hö⸗ 163 hen, die ſich von dem Dorfe Merke Braine zur Rech⸗ ten bis zu einem Weiler Ter la Haye auf der Linken erſtreckte. Dieſer Hügelkette gegenüber läuft faſt parallel eine zweite, welche die Franzoſen beſetzt hielten. Zwi⸗ ſchen durch ſchlängelt ſich ein eine halbe Stunde brei⸗ tes Thal. Das Feld wird quer durchſchnitten von zwei Hochſtraßen, welche beide nach Brüſſel führen. Die eine kommt von Charleroi, Quatre Bras und Genappe und iſt diejenige, auf welcher ſich das eng⸗ liſche Heer zurückgezogen hat; die andre führt von Nivelles daher. Dieſe zwei Straßen durchkreuzen das Thal und ſtoßen hinter dem Dorfe Mont Saint Jean, welches den Engländern im Rücken lag, zuſammen. Auf der entgegengeſetzten Hügelkette, welche von der franzöſi⸗ ſchen Armee beſetzt war, liegt das Dorf la belle Al⸗ liance, welches der ganzen Hügelreihe den Namen giebt. Die Lage dieſes Dorfes iſt der von Mont Saint Jean gerade gegenüber und dieſe zwei Punkte bilden die Mittelpunkte der franzöſiſchen und engli⸗ ſchen Schlachtlinien. Eine altväteriſche Villa, Goumont oder Hougo⸗ mont genannt, ſteht mitten im Thale mit Gärten und Nebengebäuden und einem Walde von dünnen Bu⸗ chen, etwa zwei Ackerlängen im Umfang. Wald und Villa waren von den Engländern beſetzt. Das Haupt⸗ quartier Napolevn's befand ſich in dem Maierhofe Caillvu, eine halbe Stunde hinter belle Alliance. Es war Morgens acht Uhr, dem Kaiſer ward das Frühſtück aufgetragen, woran mehre Generale Theil nahmen. „Die Armee des Feindes,“ ſprach Napolevn,„iſt uns beinahe um ein Viertheil überlegen; gleichwohl 14* 164⁴ haben wir neunzig Chancen gegen zehn zu unſerm Gunſten.“ „Unbeſtritten,“ erwiederte der Marſchall Ney, der eben eintrat,„wenn Wellington ſo unüberlegt wäre, auf Ew. Majeſtät zu warten; aber ich bringe die Nachricht, daß ſeine Colonnen ſo eben den Rückzug antreten und im Walde von Soignes verſchwinden.“ „Sie haben falſch geſehen,“ rief der Kaiſer,„es iſt zu ſpät, Wellington würde ſich durch einen ſolchen Schritt dem größten Verderben ausſetzen. Indeſſen, er hat die Würfel geworfen und ſie ſind zu unſerm Gunſten gefallen.“ In demſelben Augenblicke langten Artillerieofficiere mit der Meldung an, daß die Artillerie, wenn gleich mit großer Anſtrengung manövriren könne, daß aber dieſe Schwierigkeit des Bodens binnen einer Stunde ſehr abgenommen haben würde. Auf dieſe Nachricht ſteigt der Kaiſer zu Pferde. Er reitet vor zu den Plänklern und recognoszirt aber⸗ mals die engliſche Linie. Zugleich beauftragt er den Ingenieurgeneral Haxo, zu unterſuchen, ob der Feind Feldverſchanzungen aufgeworfen habe oder nicht. Hier⸗ auf dictirt er zweien Generalen, die ſich auf den Bo⸗ den niedergeſetzt haben, den Schlachtbefehls Die Ad⸗ jutanten bringen ihn den verſchiedenen Corps, welche bereits unter Waffen ſtehen und ſich in eilf Colonnen vorwärts bewegen. um neun Uhr langen die Spitzen der vier Co⸗ lonnen der erſten Linie an den Plätzen an, wo ſie ſich zu formiren haben. Zu gleicher Zeit bemerkt man, wie ſich die übrigen ſieben Colonnen von den Höhen herabbewegen. Trommeln wirbeln, Trompeten ſchmettern; die Mu⸗ ſikbanden erfüllen die Luft mit Klängen, welche in 165 den Herzen der Soldaten die Erinnerung an hundert Siege aus der Kaiſerzeit hervorbringen. Die Erde ſelbſt ſcheint ſtolz zu ſein, ſo unerſchrockene Krieger zu tragen. Es war ein großes, majeſtätiſches Schauſpiel. Die geſchloſſenen Colonnen marſchirten mit ſolcher Präciſivn, daß nirgends Verwirrung entſtand. Jede rückte in die vom Kaiſer ihr bezeichnete Stellung. Die Armee war in ſechs Linien, auf jeder Seite der Straße von Charlervi, aufgeſtellt. Die beiden erſten beſtanden aus Infanterie, welche auf beiden Flanken von leichter Cavallerie gedeckt ward; die dritte und vierte Linie war aus lauter Curaſſieren gebildet, und die Gardecavallerie formirte die fünfte und ſechſte Linie. Etwas noch weiter zurück ſtand die Infanterie der Garde. Um halb eilf Uhr war die ganze Bewegung vollen⸗ det. Der Kaiſer durchritt die Reihen und ward überall mit jubelndem Enthuſiasmus empfangen. Die In⸗ fanterie ſchwenkte die Tzſchako's auf den Bajonnetten, die Curaſſiere ihre Helme auf den Spitzen ihrer Schwerter. Der Sieg ſchien über dieſen erleſenen Truppen zu ſchweben. Inzwiſchen hatte Napoleon ſeine letzten Befehle gegeben und ritt an der Spitze ſeines Generalſtabes nach der Höhe von Roſſomme, wo ſeine Garden ſtanden. Er genoß von hier der voll⸗ kommenſten Ueberſicht des Schlachtfeldes und konnte alle Bewegungen des engliſchen Generals genau be⸗ obachten. Er hatte ſeine Garde in der Nähe, um ſie augenblicklich dahin zu ſenden, wo ihre Gegenwart nothwendig ſchien. Eine unermeßliche Artillerie ſtand auf den Höhen von belle Alliance, um den Haupt⸗ angriff zu unterſtützen. Des Kaiſers Angriffsplan ging dahin, den linken 166 Flügel des engliſchen Heeres zu umgehen, weil er hierdurch die Communication der Engländer mit den Preußen abſchnitt, welche ſich zu Wawre befanden; weil der linke feindliche Flügel der ſchwächere war, und weil auf dieſer Seite jeden Augenblick der Mar⸗ ſchall Grouchy zum franzöſiſchen Heere ſtoßen konnte. Nachdem Alles für den großen Angriff vorbereitet war, begann die Diviſivn Jerome auf dem franzöſi⸗ ſchen Flügel ein lebhaftes Kleingewehrfeuer in der Richtung des Waldes von Hougomont. Die Englän⸗ der demaskirten vierzig Stück Geſchütz. General Reille rückte mit der Batterie ſeiner zweiten Diviſion vor und der Kaiſer ſandte dem Marſchall Kellermann den Befehl, ſeine Artillerie zu verwenden. Der Wald ward mehre Male genommen und wieder verloren. Er wurde von einer Diviſivn der engliſchen Garde mit der außerordentlichſten Tapferkeit vertheidigt. Die Diviſion des General Foy verwickelte ſich gleichfalls in den Kampf. Wunder der Tapferkeit wurden auf beiden Seiten verrichtet und die engliſchen Garden deckten den Wald und die Zugänge des alten Schloſſes mit ihren Todten. 3 Jetzt ward Marſchall Ney mit der Leitung des Hauptangriffs im Centrum beauftragt. Niemand war zu einer ſo furchtbaren Unternehmung geeigneter als dieſer Marſchall, der Bravſte der Braven. Er ließ dem Kaiſer melden, daß Alles bereit ſei und er nur auf das Zeichen harre, um den Angriff zu beginnen. Bevor der Kaiſer den verhängnißvollen Befehl gab, überflog ſein Adlerblick nochmals das große Schlachtfeld, wo ſein, Frankreichs und das Geſchick einer Welt entſchieden werden ſollte. Plötzlich treffen ſeine Blicke am fernen Horizonte, rechts in der Ge⸗ 167 gend von St. Lambert einen ſchwachen Nebelſtreif, der ihm wie eine Truppenmaſſe vorkommt. Er rief ſeinen Generaladjutanten an ſeine Seite. „Gourgaud,“ frug er,„was ſeben Sie in der Nähe von St. Lambert?“ „Sire,“ erwiedert der Gefragte,„mir ſcheint es ein Corps von fünf bis ſechstauſend Mann, unfehl⸗ bar ein Detachement von Grouchy.“ Die Fernröhre aller Officiere kehrten ſich jetzt nach der bezeichneten Stelle. Einige hielten den Nebel für Truppen, Andre für Gehölz, Einigen ſchien er ſtill zu ſtehen, Andern ſich zu bewegen. Augenblicklich gab Napoleon dem General Dau⸗ mont Befehl, mit dreitauſend leichten Reitern nach St. Lambert aufzubrechen, ſich mit jenen Truppen zu vereinigen, wenn es Grouchy wäre, und ſie im Zaume zu halten, im Fall es Feinde ſein ſollten. Das beorderte Cavalleriecorps brauſte davon, legte in kurzer Zeit den Weg von zwei Stunden zurick und ſtellte ſich zur äußerſten Rechten des franzöſiſchen Heeres in Schlachtordnung auf. Kurz darauf ward ein ſchwarzer preußiſcher Huſar als Gefangener eingebracht. Von ihm und aus dem Schreiben, deſſen Trägex er war, erfuhr man, daß die Colonne, die man bei St. Lambert erblickt, die Avantgarde Bülow's ſei, der mit dreißigtauſend Mann friſcher Truppen heranrücke, daß Blücher mit ſeiner Armee Wawres verlaſſen und Grouchy daſelbſt nicht erſchienen ſei. Augenblicklich gebot der Kaiſer dem Maiorgene⸗ ral, dem Marſchall Soult, von Neuem an Grouchy zu ſchreiben, und ihn zur dringendſten Eile zu er⸗ mahnen. Soult erließ daher folgende Depeſche an den ſäumigen Marſchall. 168 „Der Kaiſer befiehlt mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie immer in unſrer Richtung manövriren ſollen. Beobachten Sie alſo immer den Punkt, auf welchem wir uns befinden, um ſich darnach zu richten und un⸗ ſere Operationen zu verknüpfen; ſo wie, um immer bereit zu ſein, auf einige feindliche Truppen zu fallen, welche unſern rechten Flügel beunruhigen könnten, und dieſelben zu vernichten. In dieſem Augenblicke wird die Schlacht auf der Linie von Waterloo beginnen; manövriren Sie alſo dergeſtalt, ſich mit unſerm rech— ten Flügel zu vereinigen. „Der Herzog von Dalmatien. 3„W ch ſc „Ein aufgefangener Brief meldet, daß der Gene⸗ ral Bülow unſre rechte Flanke angreifen ſoll. Wir glauben dieſes Corps auf der Höhe von St. Lambert zu erblicken. Verlieren Sie alſo keinen Augenblick, ſich uns zu nähern, mit uns ſich zu vereinigen und Bülow zu vernichten, den Sie auf der That ertappen werden.“ Zugleich ſchickte der Kaiſer den Grafen Lobau mit zehntauſend Mann den dreitauſend Reitern nach. Er ſollte Bülow in Schach halten und den Angriff ver⸗ doppeln, ſobald er in Erfahrung brächte, daß Grouchy den Preußen im Rücken ſtehe. So ſah ſich Napolevn auf dem Schlachtfelde um zehntauſend Mann geſchwächt, ihm verblieben jetzt ſechzigtauſend gegen die neunzigtauſend unter Wel⸗ lington. „Wir hatten heute Morgen neunzig Chancen ge⸗ gen zehn, zu unſerm Gunſten,“ ſprach er zu Suult, „die Ankunft Bülow's verringert ſie um dreißig. Doch haben wir noch immer ſechzig gegen vierzig; und wenn Grouchy ſeinen entſetzlichen Fehler durch ein pünktli⸗ 169 ches Herbeikommen wieder gut macht, ſo wird der Sieg nur um ſo entſcheidender, weil dann Bülow's ganzes Corps vernichtet iſt.“ Es war Mittag. Die Tirailleurs plänkelten auf der ganzen Linie; aber außer bei Hougomont hatte noch kein ernſtlicher Kampf ſtatt gefunden. Da ſandte der Kaiſer den Befehl zum Angriff an den Fürſten von der Moskwa. Die Trommeln raſ⸗ ſelten durch die ganze Schlachtlinie und im Augen⸗ blick begann eine Batterie von achtzig Kanonen ein erderſchütterndes Gewitter. Bald ruhte ein dicker Pulverdampf über dem ganzen Thale und die fran⸗ zöſiſchen Kugeln richteten eine furchtbare Verheerung auf dem linken engliſchen Flügel an, auf deſſen Zer⸗ trümmerung es zunächſt abgeſehen war. Eine feind⸗ liche Diviſion wurde gänzlich vernichtet. Mit der alten eiſernen Schlachtenruhe beobachtete der Kaiſer von der Höhe von Roſſomme aus die Wirkung ſeiner flammenſpeienden Batterien; zugleich faßte er die Bewegungen des engliſchen Feldherrn mit äußerſter Aufmerkſamkeit in's Auge. Auf dem feind⸗ lichen rechten Flügel blieb Alles ruhig. Plötzlich aber bemerkte er, wie ſich lange dunkle Reitermaſſen im Hintergrunde der britiſchen Schlachtlinien bildeten und daß Wellington einen großen Cavallerieangriff vorbe⸗ reitete. Sogleich gab er ſeinem Roſſe die Sporen und galoppirte nach dem bedrohten Punkte. Aber bevor er anlangt, hat ſich die Gewitterwolke ſchon entladen, die engliſchen Reiterbrigaden ſind angebrauſt und ha⸗ ben Tod und Verderben in die franzöſiſche Angriffs⸗ linie gebracht. Eine ganze Colonne wird geworfen und ſieben Stück Geſchütz nebſt zwei Fahnen fallen in die Hände der Engländer. 170⁰ Sofort ertheilt Napolevn dem General Milhaud Befehl, mit ſeinen Curaſſieren der Infanterie zu Hülfe zu eilen. Die Milhaud'ſchen Schwadronen beſtehen aus lauter ſchlachtergrauten Veteranen; ihre Geſichter ſind gebräunt von der Sonne Hispaniens. Wie eine Schaar gereizter Löwen wirft ſich dieſe erleſene Ca⸗ vallerie auf die engliſchen Reiter. Dieſe können einer ſo furchtbaren Charge nicht widerſtehen; ſie werden geworfen, zerſprengt, zuſammen gehauen und die Ka⸗ nonen zurück erobert. Immer mehr Zerſtörungsmittel des Schlachten⸗ gottes werden jetzt von beiden Seiten losgelaſſen. Wüthende Cavallerie- und Infanterieangriffe folgen ununterbrochen auf einander. Fortwährend würgt das verheerendſte Kanonen- und Kleingewehrfeuer in bei⸗ den Linien. Dunkle Dampfwolken haben meilenweit das Land bedeckt, darin nichts als flammende Blitze, brennende Dörfer, ununterbrochener, zermalmender Donner der Batterien; die Erde dröhnt unter dem Sturmſchritt der Heere und dem furchtbaren Anpraſ⸗ ſeln der Cavalleriebrigaden. Es iſt eine der wildeſten verheerendſten Schlachten, die je geſchlagen wurden. Nach dreiſtündigem beiſpielloſen Kampfe wird der Hof von la Haye Sainte, der Stützpunkt des linken engliſchen Flügels, trotz des außerordentlichſten, ver⸗ zweifeltſten Widerſtandes der daſelbſt poſtirten ſchot⸗ tiſchen Regimenter, von der franzöſiſchen Infanterie gewonnen und behauptet. Wieder gehen zwei engli⸗ ſche Diviſionen total zu Grunde und ihr Anführer Pickon bleibt auf dem Platze. Es iſt vier Uhr. Noch immer iſt Grouchy nicht 47 erſchienen. Die Kanonade zwiſchen dem General Bü⸗ low und dem Grafen Lobau hat bereits ſeit einer Stunde begonnen. Plötzlich bemerkt der franzöſiſche 171 General, daß das Centrum der Preußen, welches am Weiteſten vorgeſchoben iſt, nicht gehörig unterſtützt wird, ſogleich attakirt er daſſelbe, durchbricht und wirft es zurück. Aber die beiden Flügel von Bülow's Armee, welche durch die ſchlechten Wege zurückgehalten wurden, treten in dieſem Augenblicke in die Linie und ſuchen das Corps des Grafen Lobau zu überflügeln. Der franzöſiſche General, fürchtend turnirt zu wer⸗ den, geht zurück, das Feuer der Preußen verdoppelt ſich und die preußiſchen Kugeln fliegen bis auf die Straße bei belle Alliance, wo der Kaiſer mit ſeiner Garde ſteht. In dieſem bedenklichen Momente befiehlt Napo⸗ levn dem General Duhesme, mit zwei Brigaden jun⸗ ger Garde und vierundzwanzig Kanonen dem Grafen Lobau zu Hülfe zu eilen. Rach einer Viertelſtunde eröffnet dieſe furchtbare Batterie ihr Feuer und ge⸗ winnt bald die Oberhand. Nichtsdeſtoweniger verſu⸗ chen die Preußen, ſich über den rechten franzöſiſchen Flügel auszudehnen. Da ſchickt der Kaiſer den Gene⸗ rallieutenant Morand mit vier Bataillonen alter Garde und ſechszehn Kanonen zur Unterſtützung und zwei Regimenter alte Garde faſſen vor Planchenvit Poſto. Kaum hat die Garde am Kampfe Theil genommen, als dieſer zu einem der furchtbarſten wird. Die Preu⸗ ßen werden überflügelt und Bülow auf ſeiner ganzen Linie zurückgeworfen. Die Franzoſen rücken vor und beſetzen die Stellungen, welche der preußiſche General verlaſſen hat. Es iſt ſieben Uhr. Bereits ſind zwei Stunden verfloſſen, ſeit die Franzoſen la Haye Sainte in Sturm genommen und die linke Flanke der Englän⸗ der überflügelt haben. Die leichte franzöſiſche Caval⸗ lerie dringt immer weiter vor und gewinnt immer mehr Terrain. Der Gott des Siegs ſchwebt über den ſranzöſiſchen Adlern. Da ſchickt Wellington, er⸗ kennend, was es hier gelte, neue furchtbare Cavallerie⸗ maſſen gegen die vordringenden franzöſiſchen Reiter. Letztere werden geworfen, aber ſchon trabt Milhaud wieder mit ſeinen Curaſſieren herbei. Der Artillerie⸗ general Lefebre Desnouettes unterſtützt ihn durch ein verheerendes Kanonenfeuer. Der Angriff iſt noch furchtbarer als der frühere, die engliſche Reiterei wird zurückgedrängt und Milhaud ſäubert das ganze vom engliſchen linken Flügel beſetzte Schlachtfeld. In Wellington's Armee beginnt Unordnung ein⸗ zureißen. Man bemerkt bereits Anſtalten, welche auf einen Rückzug hindeuten. Aber im Rücken des eng⸗ liſchen Heeres herrſcht die größte Unordnung. Die Ausgänge des Waldes von Soignes ſind durch zahl⸗ loſe Pulverkarren, durch Artillerie und Gepäck ver⸗ ſperrt, zahlreiche Trupps von Flüchtlingen verbreiten Verwirrung und Schrecken bis Brüſſel. Der Marſchall Soult und alle franzöſiſchen Generale halten die Schlacht für gewonnen. Siegesgeſchrei erhebt ſich im ganzen franzöſiſchen Heere. „Es iſt eine Stunde zu früh,“ ſpricht der Kaiſer, aber wir müſſen fortfahren, was wir begonnen Er ertheilte den Curaſſieren Kellermann's, welche bis jetzt wie eine gewitterſchwangere Wolke unbeweg⸗ lich auf dem linken Flügel gehalten hatten, den Be⸗ fehl, die Curaſſiere Milhaud's zu unterſtützen. Dieſe dunkle Colonne von dreitauſend gepanzerten Reitern, welche ſich unter ſiegesfreudigem„Vive lem- pereur“ in Bewegung ſetzen, bringt eine belebende Wirkung auf das ganze Heer hervor. Es iſt als wenn dieſe Eiſenharniſche nur hervorbrächen, um den Sieg vollſtändig zu machen. Ungefähr dreihundert Schritte hinter den Curaſſie⸗ ren Kellermann's hält ein zweites Cavalleriecorps. Dieſes, furchtbarer als alle anderen, beſteht aus den kaiſerlichen Garden zu Pferde. Knum aber ſind Kel⸗ lermann's Reiter ſiegesjubelnd davon geſprengt, als ſich mit einem Male, vom Kampfeifer fortgeriſſen, auch dieſe felſenſtürmende Colonne in Bewegung ſetzt und im ſcharfen Trabe den voranſprengenden Curaſ⸗ ſieren folgt. Kaum hat der Kaiſer dieſe Bewegung bemerkt, als ſich eine außerordentliche Unruhe ſeiner bemäch⸗ tigt. Er befiehlt augenblicklich Bertrand, nachzujagen und dieſe Gardecavallerie zurückzuholen; denn es iſt ſeine Reſerve.* Der Großmarſchall giebt ſeinem Pferde die Spo⸗ ren und galoppirt den Gardereitern nach; aber bevor er ſeine Miſſion ausrichten kann, iſt dieſe Cavallerie bereits im Gefecht verwickelt und es iſt unmöglich, ſie zurückzurufen. Jetzt ſind zwölftauſend erleſene franzöſiſche Reiter im Gefecht. Die Schlacht hat ihre furchtbarſte Höhe erreicht. Zahlloſe Schwerter metzeln in den britiſchen Bataillonen. Unter donnerähnlichem Vive lempereur erſtürmen die Franzoſen die Höhe von⸗Mont Saint Jean, den Stützpunkt des engliſchen Centrums. Für Wellington iſt die Schlacht unrettbar verlo⸗ ren. Er nimmt zum letzten äußerſten Mittel ſeine Zuflucht und läßt ſeine Infanterie Quarrés bilden mit verdeckten Batterien. Im Vertrauen auf die Aus⸗ dauer ſeiner Truppen hofft er ſo lange Stand halten zu können, bis entweder die Nacht heranbricht, oder Blücher, der nicht fern mehr ſein kann, eine Diver⸗ ſion zu ſeinem Gunſten macht. An jeder Minute hängt das Schickſal einer Welt. Die kleine Thurm⸗ uhr von Waterloo ſchlägt die verhängnißvollſte Stunde im Leben des britiſchen Feldherrn. Die unermeßliche franzöſiſche Cavallerie brauſt jetzt gegen die engliſchen Quarrés. Es entſteht ein Kampf, wie die Geſchichte keinen zweiten kennt. Der Angriff der franzöſiſchen Curaſſiere gleicht einem wüthenden Oeean, der gegen iſolirte Felſen anſtürmt. Wellington hat ſich in ſeinen Engländern nicht getäuſcht. Sie behaupten mit der außerordentlichſten Tapferkeit ihre Stellung. Mehre Quarrés werden geſprengt und ver⸗ nichtet. Zwölftauſend Engländer liegen in ihrem Blute. Die engliſchen Generale Ponſonby und der Prinz von Oranien ſtürzen ſchwer verwundet zu Boden. Die Franzoſen erobern ſechzig Kanonen und ſechs Fahnen. Drei Chaſſeurs der Garde und drei Curaſſiere über⸗ reichen dieſe letzten Trophäen dem Kaiſer der Fran⸗ zoſen. Wellington ſelbſt iſt genöthigt, ſich in ein Quarré zu begeben. Die engliſchen Kanonen glühen vor Hitze und drohen zu zerſpringen. Die Schlacht iſt gewonnen; denn ſo eben iſt Bü⸗ low, welcher die rechte Flanke der Franzoſen bedrohte, zurückgeſchlagen und Napoleon ordnet ſeine Garden, zum Angriff in Colonnen, zum letzten, entſcheidenden Schlage. In dieſem großen, verhängnißvollen Augenblicke ſteigen in der Gegend vom Ohain Raketen auf und neuer Kanonendonner wird vernehmbar. Es iſt Grouchy, tönt es freudig durch die fran⸗ zöſiſchen Linien. Die Schlacht iſt gewonnen, glän⸗ zend gewonnen wie keine. Die Garde greift an, Muth! Muth! die Engländer find verloren. „ 175 Verwundete, die noch einige Schritte zu gehen vermögen, kehren in's Gefecht zurück und tauſend und abertauſend Stimmen rufen:„En avant! En avant!“ Ein unerforſchliches Geſchick wollte es aber, daß es nicht Grouchy, ſondern Blücher war, der mit dreißigtauſend Preußen in die Linie rickt und die Armeen Wellington's und Bülow's verbindet. Der greiſe, unermüdliche preußiſche Feldmarſchall dringt mit ſeinen durch bodenloſe Wege ermatteten Schaaren ſogleich im Sturme gegen la Haye vor. Der bereits geſchlagene britiſche Feldherr athmet von Neuem auf. Mehre ſeiner Obſervationscorps, durch die Ankunft Blücher's disponibel gemacht, bre⸗ chen hervor. Die ganze engliſche Linie ergreift wie⸗ der die Offenſive, auch Bülow dringt neu ermuthigt vorwärts. Mehre franzöſiſche Regimenter bei la Haye, welche der Uebermacht und dem ungeſtümen Angriffe Blücher's nicht widerſtehen können, ſind die erſten, die zurück⸗ weichen. Der preußiſche Feldmarſchall erſtürmt dieſe wichtige Poſition. Die franzöſiſche Cavallerie, durch ihre ununterbrochenen Chargen gegen die engliſchen Quarrés ſchrecklich mitgenommen, beginnt zu wanken. Napoleon, welcher das Zurückweichen der Regi⸗ menter bemerkt, und dem es von äußerſter Wichtigkeit iſt, das Vertrauen ſeiner Cavallerie wieder herzuſtellen, tritt ſelbſt an die Spitze von vier Bataillonen Garde und rückt in Front vor la Haye vor. Zu gleicher Zeit befiehlt er, Hougomont ebenfalls in Front an⸗ zugreifen. Der General Friant erhält den Befehl, mit vier Bataillonen der mittlern Garde die Cavallerie zu unterſtützen. Dieſe vier Bataillone werfen Alles nieder und die franzöſiſche Reiterei dringt von Neuem gegen die engliſchen Linien. Neue Gardebataillone 176 langen an. Der Kaiſer theilt ſie in Brigaden, zwei Bataillone in Linien, zwei in Colonnen. Ihm iſt jetzt Alles daran gelegen, die engliſche Schlachtlinie zu durchbrechen, bevor die Preußen zu weit vordringen. Der Sieg, welchen er ſchon in den Händen hatte, iſt ihm wieder entſchlüpft. Die Niederlage iſt herein⸗ drohend, ſobald die Engländer nicht durchbrochen wer⸗ den. Es gilt eine letzte verzweifelte Anſtrengung. „Garden!“ ruft Napoleon,„giebt es eine menſch⸗ liche Kraft, die Schlacht und Frankreich zu retten, ſo ſeid Ihr es; Ich habe nie an Euch gezweifelt, Gar⸗ den, ich zähle auf Euch!“ „Zähle, Kaiſer,“ antwortet der General Cam⸗ bronne, der Commandant der Granitcolonne,„und Du findeſt lauter Treffer.“ Die furchtbaren Colonnen der Garden ſetzen ſich jetzt in Bewegung. Das mörderiſcheſte Feuer erhebt ſich. Gleich Vulkanausbrüchen ſchmettern die Angriffe der Garde Alles nieder, was ſich in den Weg ſtellt. Das engliſche Centrum, ſo fürchterlichen Stößen nicht gewachſen, beginnt zu wanken. Die Sonne iſt unter⸗ gegangen. Der verwundete General Friant ſprengt herbei. „Sire,“ ruft er,„der Feind bildet ſeinen Rück⸗ zug, das Centrum wird durchbrochen, ſobald der Reſt der Garde angreift.“ Napoleon ertheilt den Befehl hierzu. Aber eine Viertelſtunde bedarf es, bevor die letzten Reſerveba⸗ taillone am Kampfe Theil nehmen können. Gerade in dieſer verhängnißvollen Viertelſtunde gelingt es Blücher, der mit Löwengrimme alle ſeine Truppen in's Feuer führt, das Corps bei la Haye vollends zu werfen und in die Flucht zu treiben. Hierdurch entſteht eine Lücke in der franzöſiſchen 177 Schlachtlinie, preußiſche Cavallerie bricht herein und überſchwemmt die Ebenen. Bülow drängt immer heftiger vor, der Graf Lo⸗ bau weicht zurück. Bald wird die Uebermacht der Preußen ſo unermeßlich, daß die franzöſiſche Garde eine Frontbewegung machen muß, um den ungeſtümen Angriffen der Preußen zu begegnen. Wellington, ſobald er ſich von der Garde befreit ſah, ſchickte ſogleich zweitauſend engliſche Reiter vor, welche zwiſchen der Kaiſergarde und dem franzöſiſchen Centrum hindurchbrachen und eine außerordentliche Verheerung und Unordnung in dem franzöſiſchen Heere hervorbrachten. Die ganze engliſche Linie ergriff wieder die Offenſive und achtzigtauſend Engländer und ſech⸗ zigtauſend Preußen drangen im Sturmſchritte gegen die gelichteten, in Unordnung gerathenen, zurückwei⸗ chenden franzöſiſchen Colonnen. Noch wäre Rettung geweſen, hätte Napoleon ſeine Gardecavallerie beſeſſen, die zu frühzeitig an dem Kampfe Theil genommen. Aber der Kern dieſer treff⸗ lichen Cavallerie war bei ihren Angriffen auf die eng⸗ liſchen Suarrés zu Grunde gegangen. Der Kaiſer, Augenzeuge dieſer unerhörten Nieder⸗ lage, bot Alles auf, die Ordnung wieder herzuſtellen. Nach allen Seiten flogen ſeine Adjutanten und Or⸗ donnanzofficiere. Alles war vergebens. Weder Be⸗ fehle noch Bitten wurden mehr gehört. Die herein⸗ brechende Nacht vermehrte die beiſpielloſe Verwirrung. Eugen war vom Kaiſer mit Verhaltungsbefehlen zu den Colonnen des Grafen Erlon, welche ſich nebſt den Garden noch in ziemlicher Ordnung zurückzogen, geſchickt worden. Nur mit Mühe gelang es dem Jüngling, ſich durch die entgegenſtrömenden Kriegs⸗ völker Bahn zu brechen. Endlich traf er auf Erlon Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 12 178 und überbrachte den kaiſerlichen Befehl, daß ſich die⸗ ſer General, es koſte was es wolle, halten ſolle. Der Graf verſprach ſein Möglichſtes zu thun, und Eugen ritt die Colonnen entlang, um wieder zu dem Kaiſer zu kommen. Da ſtieß mit einem Male ganz in ſeiner Nähe eine Stimme den verderblichen Ruf:„Sauve qui peut!“ aus. Bald wiederholte ſich derſelbe in Erlon's Ba⸗ taillonen und die Unordnung nahm auch hier mit reißender Schnelle überhand. „Das kann nur ein Verräther geweſen ſein,“ rief Eugen, ſprengte auf die Geſtalt zu, von welcher das Signal zur Flucht zuerſt ausgegangen war und die in einen grauen Reitermantel gehüllt ganz in der Nähe hielt. So wie der Graumantel den kaiſerlichen Officier auf ſich zukommen ſah, wandte er ſein Roß und er⸗ griff die Flucht. Eugen gab ſeinem Rappen die Sporen und hatte den Flüchtling bald eingeholt. Als dieſer ſah, daß er nicht entkommen konnte, wandte er ſein Roß und zog ein Piſtol hervor. Die Flammen des brennenden Hougomont ſchlu⸗ gen hoch empor und beleuchteten momentan das grau⸗ ſenhafte Schlachtfeld. Eugen blickte auf; als er aber das Antlitz des Reiters anſichtig wurde, gerann das Blut in ſeinen Adern und die fürchterlichſte Wuth bemächtigte ſich ſeines Innerſten. Es war der Graf von Brienne, der einen franzöſiſchen Reitermantel über ſich geworfen, in engliſcher Uniform ſo eben das Piſtol auf ihn anſchlug. „Halt Schurke,“ rief er außer ſich, dem Grafen mit dem Degen das Piſtol aus der Hand ſchlagend, „Dir wenigſtens ſoll der Erfolg Deines Verraths nicht zu Gute kommen.“ Mit dieſen Worten ſauſte flammend ſeine Damas⸗ eenerklinge hernieder und der Graf ſtürzte mit geſpal⸗ tenem Haupte vom Pferde. Dieſes bäumte hoch auf und ſprengte im Galopp davon, den zu Boden Ge⸗ ſtürzten eine weite Strecke mit ſich ſchleifend. Unterdeß hatte ſich der unheilvolle Ruf:„Sauve qui peut“ immer mehr verbreitet, die Verwirrung vermehrt und den Rückzug in die vollſtändigſte, regelloſeſte Flucht verwandelt. Infanterie, Cavallerie, Artillerie, Alles floh in grauſem Gemiſch durcheinander, Jeder nur auf ſeine perſönliche Rettung bedacht. Selbſt die Glieder der heldenhaften Garde löſten ſich endlich und wurden in den chaotiſchen Strudel mit fort⸗ geriſſen. Es war eine Nacht, wie ſie die kühnſte Phantaſie nicht entſetzlicher zu malen vermag. Die ganze Ar⸗ mee glich einer verworrenen Maſſe, wo der Eine in wahnſinniger Eile über den Andern ſtürzte. Die In⸗ fanterie ward von der eignen Cavallerie überritten, dieſe wieder von der querfeldein jagenden Artillerie überfahren. Dabei ſchlugen zahlloſe feindliche Kugeln verheerend in die Maſſen; rings, zur Rechten, zur Linken, im Rücken flammten meilenweit die Batterien von faſt anderthalbhunderttauſend Feinden. Von allen Seiten rauſchte verderbenvoll die feindliche Cavallerie heran und die Infanterie folgte im fortwährenden Sturmſchritt und unter ununterbrochenem mörderiſchen Kleingewehrfeuer. Alle Dörfer, Weiler und Höfe in der Nähe und Ferne ſtanden in Flammen und be⸗ leuchteten geiſterhaft das grauſenhafte Werk der Zer⸗ ſtörung. Eugen hat ſich mit unſäglicher Mühe und Gefahr durch ſeine eignen Landsleute bis zum Kaiſer durch⸗ geſchlagen. Dieſem iſt es gelungen, acht Gardeba⸗ 12* 180 taillone zuſammen zu bringen, welche ſich in geſchloſ⸗ ſenen Quarrés zurückziehen. Aber die Anzahl der anſtürmenden Feinde iſt zu unermeßlich. Von allen Seiten umringt, angegriffen und niedergeſchmettert, ſtürzen die Grenadiere gliederweiſe zu Boden. Ein Quarré nach dem andern wird durchbrochen und nie⸗ dergemacht. Nur zwei derſelben, von den tapfern Generalen Petit und Pelet von Morrand commandirt, halten felſenfeſt zuſammen und machen das Terrain noch geraume Zeit ſtreitig, bis auch ſie dem Schick⸗ ſale der übrigen erliegen, aufgelöſt und in dem bran⸗ denden Strome mit fortgeriſſen werden. Ein einziges Reſervebataillon, der letzte Ueberreſt der berühmten Granitcolonne von Marengo, iſt mit⸗ ten unter dem ungeſtümen Wogen der Armee uner⸗ ſchütterlich geblieben. In die Reihen dieſer Tapfern, von dem heldenmüthigen Cambronne befehligt, begiebt ſich Napolevn. Er läßt ſie ein Viereck bilden und führt ſie dem Feinde entgegen. Alle Marſchälle und Generäle, Ney, Suult, Bertrand, Drouot, Carbineau, Flahaut, Labedoyere, Gourgaud, ziehen ihre Degen und werden gemeine Soldaten. Die Grenadiere, welche nie für ihr Leben zittern, erbeben bei der Gefahr, in welcher ſie ihren Kaiſer ſehen. „Zurück, Sire,“ ruft es von allen Seiten,„der Tod will Sie nicht!“ Der Kaiſer beharrt bei ſeinem Vorſatze und be⸗ fiehlt Feuer zu geben. Da fällt ihm der Marſchall Soult in die Zügel. „Sire,“ beſchwört er den großen Unglücklichen, „man wird Sie gefangen nehmen und nicht tödten.“ Da gelingt es den Generalen, den Kaiſer mit ſich fort zu reißen. Noch einmal wirft er einen Blick nach ſeiner Garde. 18¹ „Lebt wohl, lebt wohl, meine Braven!“ ruft er, und verſchwindet alsbald im Getümmel des fliehenden Heeres. Eugen und andere Officiere aus der kaiſer⸗ lichen Suite haben ſich angeſchloſſen und decken mit ihren Leibern ihren kaiſerlichen Herrn gegen die nach⸗ ſtürmenden Feinde. Noch immer ſteht, wie ein an die Erde geketteter Fels, die Granitcolonne von Marengo. Hoch funkelt noch ihr unſterblicher Adler im Glanze zahlreicher Blitze. Barbanegre als Fahnenträger hält ihn mit eiſerner Fauſt umklammert. Da ſprengen engliſche Schwadronen heran. „Ergebt Euch, Garden!“ rufen die feindlichen Officiere. „Feuer!“ cvmmandirt Cambronne, und die Granit⸗ colonne wird zum feuerſpeienden Vulkan. Die engli⸗ ſche Cavallerie prallt zurück; aber im Augenblick brau⸗ ſen neue Schwadronen heran. „Ergebt Euch, Wahnſinnige!“ tönt es zum zwei⸗ ten Male. „Feuer!“ erwiederte der General der Granitcv⸗ lonne, und die Engländer werden zum zweiten Male geworfen. Da donnert eine Cuiraſſierbrigade daher. „Ergebt Euch,“ ruft es zum dritten Male,„oder Ihr ſeid des Todes!“ „Ergeben?“ antwortete Cambronne mit lauter, todesfreudiger Stimme,„die Garde ſtirbt, aber ſie ergiebt ſich nicht! Feuer! Tambours, alle Trommeln gerührt!“ Alle Trommeln raſſeln. Es ſind die Letzten der glorreichen Kaiſerzeit. Der General ſtürzt tödtlich ge⸗ troffen nieder. Die Wogen der feindlichen Reiterei ſtürmen immer wüthender. Die Dämme brechen; das 182 Heldenbataillon ſchaart ſich dichter um ſeine ſterbenden Adler. Die Zahl der Feinde wächſt in's Unermeß⸗ liche. Es entſteht ein Kampf, furchtbarer, wilder denn je.——* Die Granitcolonne iſt gefallen, groß und herrlich, einem Eichwalde gleich, getroffen von zahlloſen Aexten. Ihre Trümmer liegen ſtumm am Boden—— die feindliche Reiterei reitet weiter. Ruffus war unnmittelbar an des Kaiſers Seite, als dieſer, von ſeinen Generalen fortgezogen, das Quarré verlaſſen hatte, ſchwer verwundet niederge⸗ ſunken. Eine Ohnmacht hielt mehre Stunden lang ſeine Sinne gefeſſelt; ein feiner kühler Nachtregen, der ihm ſeit einiger Zeit auf das bleiche Geſicht wehte, brachte ihn wieder zu ſich. Er erwachte und ſchlug die Augen auf. Da war rings ſtille Nacht; die durch die Schlacht in Flammen gerathenen Dör⸗ fer waren niedergebrannt und glimmten nur hier und da wie feurige Kohlen durch die Dunkelheit. Vom entfernten Waterlov herüber ſchlug die Thurmuhr Mitternacht, und eine kalte, mit feinem Regen ge⸗ miſchte Nachtluft wehte unheimlich über das meilen⸗ weite Todtenfeld. Da ruhten rings umher zu Tau⸗ ſend und Abertauſenden die Söhne der gebildetſten Nationen, halb Europa in gerechte Trauer verſetzend. In Ruffus nächſter Nähe aber ſchlief die Granit⸗ colonne der Unſterblichkeit entgegen, und unmittelbar neben ihm lag der getreue Barbanegre, die dreifar⸗ bige Fahne ſeines Bataillons, von der er nicht hatte laſſen wollen, um den Leib geſchlungen, wie ein blu⸗ tendes Talar. Es bedurfte einer geraumen Zeit, bevor der Ver⸗ wundete zum Bewußtſein erwachte. „Alſo verloren die furchtbare Schlacht,“ ſprach er 183 mit dumpfem Sinnen,„wirklich verloren! Vergebens der Kampf der Helden und das Sterberöcheln einer edeln Nation! Dahin die herzerhebenden Träume der goldenen hundert Tage!“ Ein unerklärlicher Schmerz durchzuckte ſein In⸗ nerſtes. „Und die Zukunft?“ frug er nach einer düſtern Pauſe,„wann wird auf dieſe Nacht ein Morgenroth folgen?“ Eine neue Ohnmacht umdunkelte ſeine Augen; ſein Haupt ſank ſterbensmatt zurück und ruhte auf der dreifarbigen Fahne, welche den gefallenen Freund und Helden bedeckte. Zehntes Rapitel. E⸗ war an einem ſchönen Herbſttage des Jahres 1821, als ſich ein junger Mann in den dreißiger Jahren, dem ein Neger voranſchritt, mühſam durch einen wildverwachſenen Wald der ſchönen Louiſiana Bahn brach. Der europäiſche Wanderer blieb oft ſte⸗ hen und überſchaute mit Bewunderung dieſe wild⸗ fremde und üppige Vegetation, dieſe himmelhohen 8 8 Stämme des Urwaldes, die von zahlloſen Schling⸗ pflanzen wie zu einem Feſte maleriſch umſchlungen waren. Ueberall blickten ihn große, ſeltſam fremde Blumen an mit brennenden, leuchtenden Farben. Da⸗ bei herrſchte rings ein majeſtätiſches Schweigen; kaum daß die äußerſten Zweige der Rieſenbäume vom Weſt⸗ winde leiſe hin und herbewegt wurden. Der Wan⸗ 184 derer durchirrte mit ſeltſamen Gefühlen dieſe Wunder⸗ welt des transatlantiſchen Himmels. Nach mehrſtündiger Wanderung erreichte man das Ende des Waldes. Blauer Himmel blickte durch die Zweige und bald ſtanden die Wandrer am Abhange eines Thales, das ſich in reizender Abgeſchiedenheit, wie eine liebliche Idylle zu ihren Füßen dahinzog. Im Hintergrunde, wo dunkle Waldberge einen ſchir⸗ menden Wall gegen die Nordſtürme bildeten, ſtiegen weiße, gaſtliche Wohnhäuſer mit mannigfachen Wirth⸗ ſchaftsgebäuden in edlem franzöſiſchen Geſchmacke em⸗ por. Schattende Kaſtanienalleen, Silberbäche von Blu⸗ menufern umſäumt, wogende Getreidefelder und ſauber umzäumte Obſt⸗ und Blumengärten, wo die Blumen der alten und neuen Welt in ſtiller Eintracht neben einander blühten, gewährten der ganzen Landſchaft einen ſo maleriſchen Anblick, daß ſich der junge Eu⸗ ropäer nicht daran ſatt ſehen konnte. Er ſchaute lange, wie trauernd auf das Thal herab, ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. „Ja,“ ſprach er endlich aufathmend,„ich fühle es, hier könnte ich noch einmal froh werden.“ Der Neger ſchritt wieder voran. Man ging die Kaſtanienalleen entlang und erreichte den Hof des öſt⸗ lichen Herrenhauſes. Ein Hund ſchlug an und ein ſchöner blonder Knabe, welcher in dem angrenzenden Baumgarten mit der Armbruſt nach dem Ziele ſchoß, rief ein keckes„Oui vive!“ Doch ſo wie er den Ne⸗ ger erſchaute, warf er ſein Geſchoß von ſich und eilte dem Schwarzen mit kindlicher Freude entgegen. In demſelben Augenblicke trat ein hoher ſtattlicher Mann, gebräunt von der transatlantiſchen Sonne, in ſtattlicher Jägerkleidung hinter einer blühenden Aga⸗ vepflanzung hervor. Er kam dem Europäer entgegen und reichte dieſem, ohne ihn zu kennen, die gaſt⸗ freundliche Hand. „Ich wünſchte Herrn Eugen Normand zu ſpre⸗ chen,“ begann jetzt der Europäer,„der in dieſem ſchönen Thale wohnen ſoll; bin ich hier recht oder nicht?“ „Eugen Normand,“ antwortete der Pflanzer,„iſt mein Nachbar und wohnt in dieſem angrenzenden Gebäude.“ Er fipirte bei dieſen Worten den Ankömmling mit ſeinem durchdringenden Blicke. Je länger er aber ihn betrachtete, deſto größres Wohlwollen überzog ſein ſchönes männliches Antlitz. „Wenn mich nicht Alles trügt,“ ſprach er endlich, „und die Beſchreibung meiner franzöſiſchen Freunde einigermaßen Stand hält, iſt Euer Name Ruffus Günther.“ „Und wenn mich nicht Alles trügt,“ erwiederte Ruffus, mit ſchöner Freude,„ſo ſeid ihr Georg Falkland.“ „An mein Herz, edler Freund!“ rief nun Georg, die Arme ausbreitend und den Deutſchen mit freudi⸗ ger Rührung an ſich preſſend. „So iſt endlich doch unſer ſchönſter Wunſch in Erfüllung gegangen,“ rief er,„wir haben Dich, treue Seele, und nichts auf Erden ſoll uns wieder trennen.“ „Wenn ich bei Euch ein Plätzchen finden kann,“ antwortete Ruffus,„wie gern! Bei Euch allein, Ihr Edeln, in dieſem freien herrlichen Lande kann ich den Frieden wiederfinden, den ich in der alten Welt verloren habe.“ „Himmel,“ fuhr Georg freudenerfüllt fort,„wie wird ſich der Eugen freuen und Valerie und meine gute Victorine. Kommt, Freund, kein Augenblick iſt 6 186 zu verlieren, wenn wir unſre Freunde, die eine Tag⸗ parthie vorhaben, noch zu Hauſe antreffen wollen.“ Mit dieſen Worten zog er Ruffus mit ſich fort nach der Beſitzung Eugen's. Es war am Abende deſſelben Tages, als die Fa⸗ milien Normand und Falkland auf dem großen Altan vor Eugen's Wohnung, wo man eine ſchöne Ausſicht über das blühende Thal genoß, verſammelt waren. Ruffus ſaß inmitten der beiden reizenden Frauen Vie⸗ torine und Valerie, welche wieder von blühenden Kna⸗ ben und Mädchen umringt waren, und nicht müde wurden mit Fragen über Frankreich, Paris und die Lieben, die ſie dort zurück gelaſſen hatten. Alle lauſchten der Rede ſeines Mundes wie einem Märchen aus Tauſend und Einer Nacht. So hatten ſie bereits erfahren, daß Onkel Norwand ſich wohl befinde, ſo gut es die politiſchen Verhältniſſe nur ge⸗ ſtatteten; daß Henriette gleichfalls an der Seite ihres geliebten Zarengow's, dem ruſſiſchen Geſandtſchafts⸗ ſeeretair in Paris, ein glückliches Leben führe und ſelbſt ein glänzendes Haus mache. Auch der Straß⸗ burger Onkel, der Vater Vietorinen's, der ſich ſo ge⸗ ſchickt einer jeden Regierung zu accommodiren gewußt, war ſehr von Glück begünſtigt, bereits Präfect eines Süddepartements geworden. Ruffus hatte alle die Genannten vor ſeiner Abreiſe aus Frankreich beſucht und von Jedem Grüße und Briefe mitgebracht. Desgleichen war wieder ihm von Seiten der ame⸗ rikaniſchen Freunde die betrübende Nachricht gewor⸗ den, daß Valerien's Mutter, Frau Laroſe, unmittel⸗ bar nach der Ankunft in der neuen Heimath, wahr⸗ ſcheinlich von der ſtürmiſchen Seefahrt und von frü⸗ hern Leiden zu ſehr angegriffen, geſtorben war. 187 „Aber Freund,“ frug Eugen, als in Ruffus Er⸗ zählung eine Pauſe eingetreten war,„wie kam es nur in aller Welt, daß Du unſre vielfachen Zuſchrif⸗ ten, die wir in den erſten Jahren an Dich ſchickten, ſo ganz unbeantwortet ließeſt? Uns blieb endlich nichts übrig als Dich für geſtorben zu halten.“ „Die Sache iſt ſehr einfach,“ antwortete der Ge⸗ fragte,„weil keiner dieſer Briefe an mich gelangt iſt und mir demnach auch Euer Aufenthalt völlig unbe⸗ kannt war. Ihr glaubtet mich in Frankreich. Dem war nicht ſo. Als ich von meinen Wunden der Wa⸗ terlover Schlacht hergeſtellt war, hatteſt Du als Ge⸗ ächteter bereits Dein undankbares Vaterland verlaſſen. Auch mir war daſelbſt nach des Kaiſers abermaliger Abdankung, nach der Rückkehr der Bourbonen, nach den zahlreichen Aechtungen der edelſten Männer, nach der Hinrichtung eines Ney und Labedoyere die Luft wie verpeſtet. Ich blickte nach meinem Vaterlande Deutſchland hinüber, da ſah es nicht viel freundlicher aus. Ich wollte mich eben nach Amerika einſchiffen, als mich der Gedanke an Ihn, den größten Unglück⸗ lichen des Jahrhunderts, bald meinen Entſchluß faſſen ließ. Durch engliſche Vermittelung gelang mir's auf Sanct Helena zu landen, und ſo ward mir das un⸗ ausſprechliche Glück, in ſeiner Nähe leben zu können bis im Mai dieſes Jahres.“ Dieſe Worte brachten auf die Anweſenden den tiefſten Eindruck hervor. „O Du Glücklicher,“ rief Eugen in höchſter Be⸗ wegung,„Du kommſt von Ihm, wie geht es dem Kaiſer, unſerm großen unglücklichen Freunde?“ „Ihm iſt wohl,“ antwortete der Gefragte nach einer Pauſe in ſeltſamem düſteren Tone;„am neun⸗ ten des Monats Mai,“ fuhr er mit leiſer Stimme 188 fort,„haben wir ihn begraben im Thale von Gera⸗ nium, an der Quelle, deren Labetrunk ihn oft ge⸗ kühlt und wo fünf Trauerweiden ihre grünen Haare ſchattend herabfallen laſſen.“ Eine tiefe Stille erfolgte; Alle hielten die Hände wie betend gefaltet. Ruffus entfaltete nun ein Gemälde von den Lei⸗ den Napoleon's auf Helena und von der Größe, mit welcher der Mann des Jahrhunderts ſie ertragen. Oft ward der Erzähler von dem Weinen Victorinen's und Valerien's unterbrochen, während Eugen ob der Nie⸗ derträchtigkeit, mit welcher man den Kaiſer behandelt, ingrimmig die Hände ballte. „Unglückſeliges Waterloo,“ ſprach Georg,„es war um eine Viertelſtunde gethan und wir hatten eine andre Weltgeſchichte, welche von der Schandthat, wie man ſie gegen den größten Mann der neueſten Zeit verübt hat, nichts wüßte. Welcher hölliſche Dä⸗ mon hatte nur den Marſchall Grouchy verblendet, daß er mit ſeiner Armee nicht zu Hülfe kam! Ich habe hierüber noch immer nicht in's Klare kommen können.“ „Auch in Europa,“ antwortete Ruffus,„hat es über dieſen unbegreiflichen Fehler des Marſchall viel Hin⸗ und Widerreden gegeben. Die Sache iſt nach einſtimmiger Ausſage glaubwürdiger Angenzeugen dieſe. Grouchy hatte von Napoleon den gemeſſenen Befehl, die Preußen zu verfolgen. Er befand ſich am ver⸗ hängnißvollen achtzehnten Juni Mittags zwiſchen zwölf und ein Uhr auf der Mitte des Weges von Gemblour nach Wawre. Er hörte die furchtbare Kanonade von Waterloo und mußte alſo wiſſen, daß zwei große Ar⸗ meen mit einander im Kampfe ſich befänden. Der General Excelmann kommt herbei und ſtellt dem Mar⸗ ſchall vor: 189 „Der Kaiſer,“ ruft er,„iſt im Kampfe mit der engliſchen Armee, denn ein ſo ſchreckliches Feuer kann kein Scharmützel ſein. Wir müſſen nach den Kano⸗ nen des Kaiſers marſchiren. Ich bin ein alter Sol⸗ dat von der Armee von Italien und habe den Gene⸗ ral Bonaparte dieſe Lehre hundert Mal einſchärfen hö⸗ ren. Wenn wir uns links wenden, werden wir in zwei Stunden auf dem Schlachtfelde ſein.“ „Grouchy ſchützt den Befehl vor, Blüchern verfol⸗ gen zu müſſen, obſchon er nicht weiß, wo dieſer Ge⸗ neral ſich befindet. Da kommt der Graf Gerard her⸗ bei und giebt dringend denſelben Rath wie Excel⸗ mann. Aber Nichts kann den Marſchall bewegen. Er bleibt wie angebannt ſtehen. Die Furcht vor dem, was ſich ereignen könne, die Größe der Gefahr raubt ihm die Mittel, ſie abzuwenden. Er ſieht über ſei⸗ nem Haupte die Sonne, welche die Unabhängigkeit ſeines Vaterlandes und das Antlitz der Freiheit nie wieder beſcheinen ſoll; er ſieht die Triumphe, die Kämpfe, die Opfer der letzten fünfundzwanzig Jahre auf dem Punkte vernichtet zu werden, während es nur einer einzigen Anſtrengung bedarf, ſie für immer zu befeſtigen und zu ſanctioniren. Er ſieht dies Alles und kann gleichwohl nicht bewogen werden, nach dem Schlachtfelde aufzubrechen. Excelmann und Gerard wiederholen ihre Bitten, Vorſtellungen und Beſchwö⸗ rungen. Einmal iſt Grouchy ſogar auf dem Punkte, aufzubrechen und gen Waterloo zu marſchiren, da trifft die Nachricht ein, daß die Preußen zu Wawre wären, und er— marſchirt dahin. Aber es war nicht Blücher, ſondern nur eine Nachhut ſeiner Armee unter Tielemann; der preußiſche Feldmarſchall war dahin abgegangen, wo man ſeiner am Nöthigſten be⸗ durfte, nach— Waterlov.“ 190 Wieder erfolgte eine tiefe Pauſe. Endlich ſprach Victorine in ſanftem, bittenden Tone: „O Freund, führen Sie uns wieder nach Helena und erzählen Sie weiter von unſerm großen unglück⸗ lichen Freunde.“ Ruffus, der in ſeiner Erzählung bis auf die letz⸗ ten Lebenstage des Kaiſers gekommen war, kam der Bitte der Freundin gern nach. „Die letzten Tage Napoleon's,“ ſprach er,„wa⸗ ren eben ſo groß, wie die glorreichſten Epochen ſei⸗ nes Lebens. Von ſeinem Tode überzeugt, lächelte er denen mitleidig zu, welche ihm dieſe Idee auszureden ſich bemühten.“ „Hier, hier iſt es,“ ſagte er zu ſeinem Arzte, dem Doctor Antvmarchi, indem er die Hand auf ſeine Bruſt legte. Der Arzt reichte ihm ein Flacon mit Alkali. „O nein,“ rief der Kaiſer,„es iſt nicht die Schwäche, es iſt die Kraft, welche mich erſtickt, es iſt das Leben, welches mich tödtet.“ „Hierauf ſprang er an ein Fenſter, und zu dem wolkenloſen Himmel emporſchauend, ſagte er: „— Siebenzehnter März— an dieſem Tage vor ſechs Jahren waren Wolken am Himmel. Ach, ich wäre geheilt, wenn ich dieſe Wolken ſähe.“ „Und nun die Hand des Doetors ergreifend und an ſeinen Magen drückend: „Es iſt ein Fleiſchermeſſer, welches ſie mir da hineingeſtoßen und die Klinge in der Wunde abge⸗ brochen haben. „Kein Mittel kann mich hier heilen,“ fuhr er fort,„aber mein Tod wird ein heilſamer Balſam für unſere Feinde ſein. Ich hatte gewünſcht, meine Ge⸗ 49! mahlin und meinen Sohn wieder zu ſehen. Man hat es nicht erlaubt. Der Wille Gottes geſchehe.“ „Dann ſetzte er mit einer Haltung, die eines So⸗ erates würdig geweſen, hinzu: „Es iſt nichts Schreckliches in dem Tode. Er iſt in dieſen letzten drei Wochen der Gefährte meines Pfühls geweſen und ſteht jetzt im Begriff, ſich meiner für immer zu bemächtigen.“ „Eines andern Tages ſagte er: „Die Ungeheuer, haben ſie mich nicht genug lei⸗ den laſſen? Wenn ſie mich noch hätten erſchießen laſſen, ſo wäre ich den Tod eines Soldaten geſtorben. Ich habe mehr Undankbare gemacht als Auguſtus, warum bin ich nicht wie er in der Lage, ihnen zu verzeihen!“ „Das neue für Napoleon beſtimmte Haus war end⸗ lich fertig geworden.„Es wird mir zum Grabe die⸗ nen,“ ſagte der Kaiſer, und in der That mußte man die Steine deſſelben nehmen, um die Gruft zu bauen, in welcher er ruht. „Napoleon ward von Tage zu Tage ſchwächer. Als ihm jedoch die Nachricht ward, daß im engliſchen Par⸗ lamente von den großen Schätzen, die er hinterlaſſen haben ſollte, die Rede geweſen war, ſchien die alte Lebenskraft in ihm zu erwachen. Sein getrübter Blick leuchtete begeiſtert auf: „Von meinen Schätzen ſprechen ſie,“ rief er,„die ſind allerdings unermeßlich, aber ich halte ſie nicht vor der Welt verheimlicht, wie jene Verleumder ſa⸗ gen, meine hinterlaſſenen Schätze liegen offen am Tage. Wet kennt ſie nicht, die ſchönen Baſſins von Ant⸗ werpen und von Vließingen, welche die zahlreichſten Flotten zu faſſen und ſie gegen die Eismaſſen des Meeres zu ſchützen vermögen? Die hydrauliſchen Werke 192 zu Dünkirchen, Havre und Nizza, das rieſenhafte Baſſin von Cherbourg; die Seewerke zu Venedig; die ſchönen Straßen von Antwerpen nach Anmſterdam, von Mainz nach Metz, von Bordeaux nach Bayonne; die Straßen über den Simplon, Mont Cenis, Mont Ge⸗ nevre und la Corniche, welche die Alpen in vier Rich⸗ tungen durchſchneiden, darin allein würde man über achthundert Millionen finden; dieſe Straßen, welche an Kühnheit, Größe und Kunſt alle Werke der Rö⸗ mer übertreffen. Die Wege von den Pyrenäen nach den Alpen, von Parma nach la Spezzia; von Sa⸗ vonna nach Piemont; die Brücken von Auſterlitz, Jena, die vielen Kunſtbrücken, ferner die zu Sievres, Rouomny, Tours, Lyon, Turin, über die Iſere und die Du⸗ rance, zu Bordeaux, Rouen u. ſ. w. Der Kanal, welcher den Rhein mit der Rhone verbindet und die Meere Hollands mit dem mittländiſchen in Verbin⸗ dung ſetzt; der Kanal, welcher die Schelde mit der Somme und ſo Anſterdam mit Paris vereinigt; der, welcher die Rance mit der Vilaine verbindet; die Ka⸗ näle von Arles, Parä und am Rheine. Das Aus⸗ trocknen der Sümpfe vor Bourgoing, Cotentin und Rochefort. Die Wiederherſtellung der meiſten durch die Revolution zerſtörten Kirchen. Die Aufbauung neuer; die Errichtung einer großen Anzahl Induſtrie⸗ anſtalten zur Ausrottung der Bettelei. Die Er⸗ bauung des Louvre, der öffentlichen Kornſpeicher, der Bank, des Kanals von Ourcg und die Vertheilung ſeines Waſſers in Paris. Die Arbeiten für die Ver⸗ ſchönerung Roms; die Wiederherſtellung der Manu⸗ facturen von Lyon, die Anlegung mehrer hundert Baumwollen⸗, Garn⸗ und Webereimanufacturen, welche mehre Millionen Arbeiter beſchäftigen. Die angehäuf⸗ ten Fonds, um mehr als vierhundert Runkelrüben⸗ 193 fabriken zu errichten, welche den Zucker für denſelben Preis wie Oſtindien geliefert hätten. Die Erſetzung des Indigo's durch Färberwaid, den man ſich in Frankreich mit derſelben Vollkommenheit und eben ſo wohlfeil verſchafft hätte wie in den Colonien. Die Zahl der Manufacturen für jede Art Gegenſtände der Kunſt. Funfzig Millionen wurden zur Ausbeſſerung und Verſchönerung der Paläſte der Krone verwendet; ſechzig Millionen für Möbeln in den Kronpalais von Frankreich, Holland und Italien. Sechzig Millionen Krondiamanten wurden alle mit meinem Golde ge⸗ kauft. Der Regent ſogar, der einzige, welcher von allen Diamanten der franzöſiſchen Krone übrig blieb, wurde für drei Millionen von Berliner Inden, bei welchen er verſetzt war, ausgelöſt. Das Muſeum Na⸗ poleon, auf mehr als vierhundert Millionen geſchätzt. Viele Millionen wurden zur Aufmunterung des Acker, baues verwandt, welcher das erſte Intereſſe Frank⸗ reichs iſt. Ferner koſtete die Einrichtung der Pferde⸗ rennen, die Einführung der Merinos u. ſ. w. uner⸗ meßliche Summen. „Das ſind meine Schätze, die ich in der Welt hin⸗ terlaſſen habe und die Jahrhunderte überdauern wer⸗ den. Das ſind die Denkmäler, welche alle Verleum⸗ dungen beſchämen werden. Die Geſchichte wird ſa⸗ gen, daß Alles dies unter beſtändigen Kriegen und ohne irgend eine Anleihe vollendet wurde, und zu einer Zeit, wo die öffentliche Schuld ſich alle Tage verminderte und man die Abgaben um funfzig Mil⸗ lionen herabgeſetzt hatte. Ich habe in der kurzen Zeit meiner Regierung mehr gebaut, größere Werke er⸗ richtet, und mehr wohlthätige Anſtalten eingeführt, als die Bourbonen in Jahrhunderten.“ „Nach einer Pauſe fuhr der Kaiſer fort: Stolle, ſämmtl. Schriften. XV. 13 194 „Darum mögen ſie beſchnüffeln, beſchneiden und verſtümmeln, es wird ihnen ſchwer fallen, mich ganz zu vernichten. Ein franzöſiſcher Schriftſteller muß nothwendig das Kaiſerreich berühren, und wenn er den Muth hat, wird er mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Sein Geſchäft iſt leicht, denn die Thatſachen reden und ſcheinen ſo hell wie die Sonne. „Ich habe den Abgrund der Anarchie geſchloſſen und das Chaos entwirtt. Ich habe die Revolution rein gewaſchen, die Völker geadelt, die Könige befe⸗ ſtigt. Ich habe den Wetteifer für alle Tugenden ge⸗ weckt, alle Verdienſte belohnt und die Grenzen des Ruhmes weiter geſteckt! Das Alles iſt doch Etwas werth! Und was könnte man mir zum Vorwurfe machen, daß mein Schriftſteller mich nicht zu rechtfer⸗ tigen vermöchte? Etwa meine Abſichten? Da muß man mich gänzlich freiſprechen. Meinen Despotismus? Er wird zeigen, daß die Dictatur abſolut nothwendig war. Wird man ſagen, ich habe der Freiheit im Wege geſtanden? Er wird beweiſen, daß Unordnung, Anarchie noch vor der Thüre waren. Wird man mich beſchuldigen, daß ich den Krieg zu ſehr geliebt? Er wird nachweiſen, daß ich beſtändig der angegriffene Theil war. Wird man ſagen, ich habe nach einer Univerſalmonarchie geſtrebt? Er wird zeigen, daß ſie das zufällige Werk der Verhältniſſe war, daß unſre Feinde mich Schritt vor Schritt ſo weit brachten. Soll es endlich mein Ehrgeiz ſein? Ja, er wird finden, daß ich ihn, und zwar in ſehr hohem Grade beſeſſen, aber den größten und erhabenſten, den es vielleicht je gab, den Ehrgeiz, das Reich der Ver⸗ nunft, den vollen Beſitz und den unver⸗ kümmerten Genuß aller menſchlichen Fähig⸗ keiten endlich einmal feſt zu gründen und zu 195 heiligen. Und hier bedauert vielleicht der Geſchicht⸗ ſchreiber, daß ein ſolcher Ehrgeiz nicht befriedigt und ein ſo erhabenes Ziel nicht erreicht ward.— Da hat man in wenigen Worten meine ganze Geſchichte.“ „Am funfzehnten April ſchloß ſich Napoleon mit Montholon und Marchand, ſeinem erſten Kammerdiener, ein. Er errichtete ſein Teſtament, worin er Niemand vergaß, weder diejenigen, welche ihm gefolgt waren, noch diejenigen, welche er in Frankreich gelaſſen, noch diejenigen, welche ſeit langer Zeit geſtorben, noch auch die Schlechten, welche ihn verrathen hatten. Dieſes köſtliche Verzeichniß der dankbaren Geſinnungen Napoleon's ſteigt aus dem Gefängniſſe zu Longwood bis in ſeine Jugend hinauf. Den letzten Augenblicken nahe, denkt er noch an die Kinder des General Dütheil, der ſeit ſeinem Eintritt in die militairiſche Laufbahn Sorge für ihn getragen hat; an den Sohn des uner⸗ ſchrockenen Dugomier, ſeines Freundes und des Er⸗ ſten, welcher den künftigen Beherrſcher Europa's in dem jungen Artillerie⸗Commandanten ahnete. Unter den Empfängern von Legaten ſind weder die Soldaten der Inſel Elba, noch die Verwundeten von Waterloo, noch die Geächteten von 1815, noch die alten Freunde und trenen Diener vergeſſen. Seine theure Stadt Brienne, wo er die erſten Knabenträume träumte, und acht Provinzen Frankreichs haben Theil an der Freigebig⸗ keit dieſes zweiten Cäſars, der nicht weniger dankbar, nicht weniger edelmüthig als der erſte war. „Sein innigſter Wunſch war, daß ſeine Aſche an den Ufern der Seine ruhen möge, mitten unter dem franzöſiſchen Volke, das er ſo ſehr geliebt hat. „Wenn ich todt bin,“ ſprach der Kaiſer zu den Getreuen, die ſein Schmerzenslager umſtanden,„wer⸗ det Ihr Alle das ſüße Glück haben, nach Europa zu⸗ 13* 196 rückzukehren, Eure Freunde und Verwandten wieder zu ſehen. Ich, ich werde meine Tapfern in den eli⸗ ſeiſchen Feldern wiederſehen. Ja Alle, Kleber, Deſ⸗ ſaix, Beſſieres, Duroc, Ney, Murat, Maſſena, Ber⸗ thier, Alle werden mir entgegen kommen. Wir wer⸗ den mit einem Seipio, Hannibal, Cäſar, Friedrich uns von unſern Thaten unterhalten; wofern man nicht,“ fügte er lächelnd hinzu,„ſich dort unten fürch⸗ tet, ſo viele Krieger beiſammen zu ſehen.“ „In dieſem Augenblicke trat der Doctor Arnodt, der Wundarzt eines engliſchen Regiments, in's Zimmer. „Es iſt geſchehen,“ ſagte Napoleon zu ihm,„der Schlag iſt gefallen. Ich nahe meinem Ende und gebe meinen Körper der Erde zurück. Treten Sie näher, Bertrand, überſetzen Sie dem Herrn da Wort für Wort, was ich Ihnen ſagen werde, laſſen Sie Nichts hinweg!“ „Bei dieſen Worten erhob ſich der Kaiſer wie ein Weiſer der Vorwelt, und ſprach mit einer Stimme, in welcher ſich alle Majeſtät und Erxhabenheit ſeines großen Charakters ausſprach: „Ich war gekommen, mich an den Herd des bri⸗ tiſchen Volkes zu ſetzen. Ich bat um ehrliche Gaſt⸗ freundſchaft. Mit Verletzung aller Rechte, die es auf der Welt giebt, antwortete man mir mit Feſſeln. Ich wäre vom Kaiſer Franz, von Alexander, von dem Könige von Preußen ſelbſt anders empfangen worden. Allein es blieb England überlaſſen, die Könige zu überliſten und hinzureißen und ſo der Welt das un⸗ erhörte Schauſpiel von vier großen Mächten zu ge⸗ ben, welche einen einzigen Mann rachgierig verfolgen. „Das engliſche Miniſterium war es, welches dieſen ſchrecklichen Felſen gewählt hat, auf welchem in we⸗ niger als drei Jahren das Leben der Europäer ver⸗ kümmert, um das meinige durch einen Mord zu enden. 197 Und wie hat man mich behandelt, ſeit ich auf dieſem Felſen bin? Es giebt keine Unwürdigkeit, die man nicht an mir zu erſchöpfen ſich ein Vergnügen gemacht hätte. Die einfachſten Familienverbindungen, die man ſonſt keinem Menſchen verſagt, ſind mir verweigert worden. Meine Frau, mein Sohn leben nicht mehr für mich. So hat man mich ſechs Jahre lang auf die Folter des Geheimniſſes geſpannt. „Auf dieſer unwirthbaren Inſel hat man mir den unbewohnbarſten Ort zum Aufenthalte angewieſen, den Ort, wo das mörderiſche Klima der Tropenlän⸗ der ſeinen größten Einfluß ausübt. Man hat mich zwiſchen vier Wände geſperrt, der ich gewohnt war, Europa zu Pferde zu durchwandern. Die britiſche Regierung hat mich langſam und mit Vorbedacht er⸗ mordet und der ſchändliche Hudſon Lowe iſt ihr Scharfrichter geweſen. „Dieſe Regierung wird enden wie die ſtolze Re⸗ publik Venedig. Was mich betrifft, der ich auf die⸗ ſem ſchrecklichen Felſen, der Meinigen beraubt und an allen Mangel leidend, ſterbe, vermache ich die Schande meines Todes dem regierenden Hauſe von England.“ „Alſo lautet das teſtamentariſche Manifeſt Napoleon's!“. Ruffus ſchwieg. Die andächtigſte Stille hatte ſich des kleinen Zuhörerkreiſes bemächtigt. Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Am' achtundzwanzigſten April beauftragte der Kaiſer ſeinen Arzt Antvmarchi, die Beſchauung ſeines Körpers nach ſeinem Tode vörzunehmen, die Beobach⸗ tungen ſeinem Sohne mitzutheilen und ſein Herz Ma⸗ rien Louiſen zu überbringen. „Wenn ich todt bin,“ ſagte er,„werden Sie ſich 198 nach Rom begeben; Sie werden meine Mutter, meine Familie aufſuchen. Sie werden ihnen meine Leiden und mein Ende erzählen; Sie werden ihnen ſagen, daß Napoleon auf dieſem traurigen Felſen, in dem bejammernswürdigſten Zuſtande, von Allem verlaſſen, an Allem Mangel leidend, geſtorben iſt.“ „Am folgenden Tage brachte man ihm Waſſer aus der nahen Quelle zu Hutsgate. „Wenn das Schickſal wollte,“ ſagte Napoleon, „daß ich wieder genäſe, ſo würde ich an dem Orte, wo dieſe Quelle ſprudelt, ein Denkmal errichten, zum Andenken an die Linderung, welche mir dieſes kühle Waſſer ſo oft verſchafft hat. „Wenn man,“ fuhr er fort,„nach meinem Tode meine Aſche nicht ächtet, wie man meine Perſon ge⸗ ächtet hat und mir ein wenig Erde vergönnt, ſo wünſche ich im Dome zu Ajaccio auf Corſika neben meinen Voreltern oder an den Ufern der Seine zu ruhen, inmitten des franzöſiſchen Volkes, das ich ſo ſehr geliebt habe. Allein, wenn man auch dieſes ver⸗ weigert, dann begrabe man mich da, wo dieſes ſüße und reine Waſſer fließt.“ „Am Morgen des dritten Mai ließ der Kaiſer die Vollſtrecker ſeines Teſtamentes, die Grafen Bertrand und Montholon an ſein Leidenslager kommen. Seine Stimme iſt feierlich und er ſpricht den letzten Willen ſeiner Allmacht aus: „Sie werden nach Europa zurückkehren,“ ſagt er; „ich bin Ihnen einige Rathſchläge über das Beneh⸗ men ſchuldig, welches Sie zu beobachten haben. Sie haben meine Verbannung getheilt, Sie werden mein Andenken ehren. Sie werden Nichts thun, was daſſelbe beleidigen könnte. Ich habe alle Grundſätze ſanctionirt, ich habe ſie mit meinen Geſetzen, mit a — 199 meinen öffentlichen Handlungen verſchmolzen. Es giebt keinen einzigen, den ich nicht geheiligt hätte. Un⸗ glücklicher Weiſe waren die Umſtände ſchwierig. Ich wurde gezwungen, ſtrenge zu ſein, aufzuſchieben; ich konnte den Bogen nicht losdrücken, und ſo iſt Frank⸗ reich der liberalen Inſtitutionen beraubt worden, die ich demſelben beſtimmt hatte. Frankreich wird mich mit Nachſicht richten und meine Abſichten in Rechnung bringen. Es liebt meinen Namen, meine Siege; ahmet es nach, bleibt treu den Meinungen, die wir vertheidigt, dem Ruhme, den wir errungen haben. Auf jedem andern Wege giebt es nur Schmach und Verwirrung.“ „Am Abende deſſelben Tages berichtete dem Kaiſer einer ſeiner Diener, daß man einen Kometen am weſt⸗ lichen Himmel erblickt habe. „Einen Kometen?“ rief Napoleon,„ein ſolcher war der Vorbote von Cäſar's Tode.“ „Furchtbar tobte der Sturm am folgenden Tage; himmelhoch brandeten die Meereswogen an den ſtei⸗ len Felſenufern von Sanct Helena; der ganze Him⸗ mel war düſter umhangen, in Strömen floß der Re⸗ gen nieder. Es ſchien, als wollte die ganze Natur das Erlöſchen eines großen Geſtirns verkünden. Die Weiden an der Lieblingsquelle im Thale von Gera⸗ nium, wo der Kaiſer ſo oft weilte und ſich erquickte, wurden entwurzelt; alle Pflanzungen verwüſtet. Nur ein ſchlankgewachſener Gummibaum widerſtand eine geraume Zeit; da faßte ihn ein Wirbelwind und warf ihn zu Boden.— Nichts von dem, was der Kaiſer liebte, ſollte ihn überleben.. „Weder das Brauſen des Orkans, noch der her⸗ niederrauſchende Regen, noch der ferne Donner des Meeres hatten Napolevn aus ſeinem Schlummer ge⸗ . 200 weckt. Sonnabend den fünften Mai früh halb ſechs Uhr unterbrach er das todtenähnliche Schweigen mit den Worten:„Tete d Armes.“ Es waren die letzten Worte des großen Mannes. Die Büſte ſeines Soh⸗ nes, welche ſeit einem Monate dem Bette gegenüber aufgeſtellt war, hatte Napoleon's letzte Blicke erhal⸗ ten. Zwanzig Minuten ſpäter erkalteten dieſe Hände, welche ſo viele Scepter getragen, ſo viele Denkmäler errichtet und ſo viele Wälle geſtürzt hatten. „In der Uniform der Jäger zu Pferde der kaiſer⸗ lichen Garde gekleidet und mit allen Orden bedeckt, die er während ſeiner Regierung entweder geſtiftet oder erhalten hatte, wurde Napoleon auf ſeinem Sterbebette, welches in ſein Paradebett verwandelt worden war, ausgeſtellt. Als Leichentuch diente ihm der himmelblaue Mantel, welchen er in der Schlacht von Marengo trug.— Der Gefangene der Könige ſollte mit allen Zierden der europäiſchen Königswürde in's Grab ſteigen, und das eiſerne Feldbett, worauf er nach neunundvierzig Schlachten, in welchen er die halbe Welt beſiegt hatte, ruhte, wurde zum Katafalk, um welchen ſich im entlegenſten Theile des atlantiſchen Oceans die Achtung eines engliſchen Generalſtabes und die Trauer einer franzöſiſchen Familie ſchaarte. Da war nicht ein Einwohner von Sanct Helena, der nicht Napoleon beweinte, nicht ein Soldat, der dem großen Feldherrn ſein Bedauern verſagt hätte. Seine Leiden hatten ihm Aller Herzen gewonnen. Sein Tod ſprach ihn heilig. „Kaum hatte der große Dulder die Augen ge⸗ ſchloſſen, als der Kerkerknecht, Sir Hudſon Lowe, gleichſam wie bittre Jronie, ebenfalls ſein Bedauern über den Tod Napoleon's ausſprach.„Derſelbe,“ ſprach er,„ſei um ſo ſchmerzlicher, da er ſo eben 20 von ſeiner Regierung den Auftrag erhalten, dem Ge⸗ neral Bonaparte anzuzeigen, daß der Augenblick nahe, wo ihm die Freiheit wiedergegeben werden könnte. „Doch,“ ſetzte er trocken hinzu,„er iſt jetzt todt und Alles vorbei.“ „Hudſon erlaubte nicht, daß die Hülle des Kaiſers von ſeinen Freunden nach Europa geführt werde. Nicht einmal ſein Herz durften ſie mitnehmen, um es, des Verſtorbenen Wunſche gemäß, ſeiner Familie zu überbringen. „So wurde denn Napolevn im Thale von Gera⸗ nium, an ſeinem Lieblingsplätzchen, unter den Trauer⸗ weiden, wo ein Bächlein ſüßen Waſſers vorbeifließt, zur Erde beſtattet. In den Morgenſtunden des neun⸗ ten Mai verkündete der Donner engliſcher Kanonen dem Ocean, daß Napoleon zu Grabe ſteige. Ein gewaltiger Stein verſchließt die Gruft, wo der Mann des Jahrhunderts ruht. Der engliſche Gouverneur erlaubte nicht, daß man eine Grabſchrift darauf ſchrieb. Was liegt daran? Auch ohne Worte ſpricht dieſer Stein und um ſo ſchöner ſingt der Dichter: „Hier ruht, kein Name ſagt's, ſo mögt die Welt ihr fragen⸗ Sein Nam' in gold'ner Schrift, rings ſteht er aufgetragen, Von Kedar's Felſenſtirn bis zu des Dones Strand, Auf Marmor und in Erz und auf der Bruſt der Braven, Und in dem Herzen ſelbſt der feigen Schaar der Selaven, Die ſich ihm unter'm Wagen wand. „Kein Menſchenname noch, den aller Ohren kennen, Seit jenen großen Zween, die Jahre Jahren nennen, Schwang mit Gewitterflug ſich je ſo weit hinaus Nie hat ein ird'ſcher. Fuß, den ſonſt ein Hauch entrücket, Der Erde ſtärk're Spur im Gelen aufgedrücket; Und— hier ging ſeine Wandrung aus.“ Ruffus hatte geendet. Mit tiefbewegtem Herzen trat Eugen zu ihm und umarmte ſchweigend den 202 Freund. Die beiden Frauen weinten noch manche ſtille Thräne dem heimgegangenen Helden. Die Kna⸗ ben und Mädchen, Nichts verſtehend von den inhalt⸗ ſchweren Worten des fremden Mannes, ſchmiegten ſich mit kindlicher Liebe an ihre Mütter. Georg ſchaute, von des Freundes Erzählung auf's Tiefſte ergriffen, in den immer mehr erſterbenden Abend.— Geiſter⸗ haft rauſchte es herüber aus dem Urwalde; die Sterne des transatlantiſchen Himmels traten immer ſiegender hervor; doch ſchien es, als blickten ſie theilnehmend auf die trauernde Familie hernieder und als betrauer⸗ ten auch ſie den Heimgang des größten Mannes im neunzehnten Jahrhundert. Nchſchrißt. Noch heutzutage leben glücklich und zufrieden die Familien Normand und Falkland in dem ſchönen Thale der Lyuiſiana. Auch Ruffus, welcher mit der Zeit für ſtilles Familienglück Intereſſe gefunden, hat bereits ſeit mehren Jahren eine reizende Virginierin als trautes Ehgemahl in die glückliche Colonie heim⸗ geführt. Immer freundlicher blüht die ſtille Anſiedelung von Jahr zu Jahr auf. Wenn aber bei hereinbre⸗ chendem Herbſte der hundertkörnige Weizen heimge⸗ bracht in die geräumigen Scheuern, die Fäſſer gefüllt find mit dem ſtärkenden Safte der Agave und die Cocosnüſſe und Datteln hoch aufgeſpeichert liegen auf zahlreichen Böden, und es immer unheimlicher aus — dem Urwalde herüberrauſcht, und der ſonſt ſo lieblich blaue Himmel Amerika's trüber und trüber wird, und endlich die lange eintönige Regenzeit eintritt:— dann ſitzen die drei befreundeten Familien allabendlich um das wärmende Kaminfeuer und der— große Todte von Sanct Helena iſt oft, ach oft, der alleinige Inhalt ihrer tee und wie eine ſtille Fata Mor⸗ gana ziehen dann die verklungenen großen Zeiten an ihnen vorüber. Blicken die Glücklichen aber von Zeit zu Zeit nach Europa hinüber, ſo erſcheint ihnen der Zuſtand deſſel⸗ ben nicht als ein ſolcher, der ihnen eine Rückkehr nach dieſem Lande wünſchenswerth machen könnte.— Selbſt als die Julirevolution ein neues Morgenroth über Frankreich heraufgeführt, konnten ſie durch die Bitten ihrer dortigen Freunde nicht bewogen werden, den ſchönen ſtillen Himmel ihres Thales mit dem ſtürmevollen der alten Welt zu vertauſchen. 8 S — S — — 2 — E — * — * * — S 3 2 — Ludwig Storch. Ludwig Storch, der bekannte Verfaſſer des„Frei⸗ knechts“, des„deutſchen Leinwebers“ und vieler an⸗ derer trefflicher Romane, bietet hier zum erſten Male eine Sammlung ſeiner Gedichte. Viele davon ſind bereits Volks⸗ lieder geworden, andere in Muſik geſetzt, alle aber tragen den Stempel der göttlichen Poeſie an ſich und haben, wie der Verfaſſer ſelbſt, durch ganz Deutſchland Verehrer und Freunde in Menge gefunden. Bei der eleganteſten Ausſtattung iſt der Preis für 2 4 Bogen nur auf 1 ½ Thlr., prächtig gebunden auf 1 ½ Thlr. geſetzt. Am warmen Pfen. Erzählungen und Novellen von Ludwig Storch. 2 Bde. 2 ½ Thlr. Der bekannte Verfaſſer, deſſen Ende vorigen Jahres er⸗ ſchienene„Gedichte“ von Publikum und Kritik ſo günſtig aufgenommen wurden, übergiebt in dieſen beiden Bänden eine Reihe anziehender und unterhaltender Novellen und Er⸗ zählungen, die von ſeinem reichen pvetiſchen Gemüth aber⸗ mals das glänzendſte Zeugniß ablegen. Allen Schulvorſtehern, Lehrern zc. empfehlen wir nach⸗ ſtehende, in vielen Lehranſtalten ſeit Jahren eingeführte „Schulbücher“: Achtzig Lieder vorzüglich fü di Jug nd mit Melodien, ge ſammelt von J. Ad. Emig, Schullehrer in Zipſendorf bei Zeitz. Elfter, unveränderter Abdruck. Preis mit den Melodien: 1 ½ Ngr. S 2 Wohützůg zwei⸗, drei⸗ und vierſtimmige Jugendlieder für Schulen, geſammelt und vom Leichten zum Schwerern geordnet von J. Ad. Emig, Schullehrer in Zipſendorf bei Zeitz. Zweites Heſt. Mit in den Text gedruckten Melodien. Preis 2 ½ Ngr. Leipzig. Magazin für Literatur. * .