eihbiblivthet e engliſcher 2 franz öſiſcher eiteratur. 6duard Otlmann in biehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von je jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. 3. Cuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinerkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 nennt Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 5. eenie 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — un 1 Monat: 1 Mt.— 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 8 Auswärtige Wonnente en ihate für Hin⸗“ und Zurückſendung der Bücher auf ihre ei n Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher namentlich bei olchen mit Kupfern c.) muß der Labenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, i ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeten Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 1. Tage feftaeſett und wirt beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Welterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ketihen welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen ha ——— Ferdinund Stolles ausgewählte Schriften. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. Vierzehnter Bund. Leipzig, Snſ iei. 1854. Elba und Waterlun. Hiſtoriſcher Roman Ferdinand Stoſle. (Fortſetzung von„1813“ von demſelben Verfaſſer.) O wenn ein Haus in Feuer ſoll vergehn, Da treibt der Himmel ſein Gewölk zuſammen, Es zuctt der Blitz herab aus heitern Höh'n, Aus unterird'ſchen Schlünden brechen Flammen. Blindwüthend ſchleudert ſelbſt der Gott der Freude Den Pechkranz in das flammende Gebäude. (Wallenſtein v. Schiller.) Zweiter Band. Leipzig, t e 185 ½. Napoſeon in Fontainehleau. Motto: Soldaten meiner alten Garde lebet wohl! (Napoleon.) Erſtes Rapitel. Es iſt in der Nacht vom dritten zum vierten April; Napoleon wacht noch in ſeinem Cabinet und entwirft den kühnen Plan eines Sturmes auf Paris. Noch iſt Nichts verloren, wenn dieſes Unternehmen, wie alle Wahrſcheinlichkeit hoffen läßt, gelingt. Napoleon hegt die gerechte Hoffnung, daß der Donner ſeiner Kanonen den durch den Einzug der Verbündeten verletzten Nationalſtolz auf's Neue bele⸗ ben wird. Der Feind iſt ermüdet, er hat zwölftau⸗ ſend Mann beim Sturm auf Paris verloren. Seit Kurzem ruht er aus in der Sicherheit des Erfolges; ſeine Generäle ſind in den Paläſten zerſtreut, ſeine Soldaten verlieren ſich in dem Labyrinthe der Stra⸗ ßen. Wenn Napoleon an der Spitze ſeiner Funfzig⸗ tauſend mit der gewohnten Blitzesſchnelle hereinbricht, wenn ſich durch ſeine Gegenwart begeiſtert, die Acht⸗ malhunderttauſend der Hauptſtadt erheben, ſo findet der Fremdling ſein Grab, aber Paris kann darüber zu Grunde gehen. Der Kaiſer überdenkt dieſe außerordentliche Ope⸗ ration in ihren Richtungen; er erwägt die unermeß⸗ lichen Reſultate, die daraus hervorgehen können; da 8 klopft es an der Thüre des Cabinets und Berthier tritt herein. In ſeiner Hand hält er eine Depeſche, die der Herzog von Raguſa, welcher die Avantgarde comman⸗ dirt, ſo eben durch einen Eilboten überſandt hat. Der Kaiſer erbricht haſtig das verhängnißvolle Papier.— Der Senat hat Napoleon's Abſetzung aus⸗ geſprochen. Ruhig lieſt der große Mann dieſes in der Ge⸗ ſchichte beiſpielloſe Dveument von Verrath und Nie⸗ derträchtigkeit zu Ende und es bei Seite legend ſpricht er zu Berthier nur die Worte:. „Halten Sie ſich bereit; morgen marſchiren wir auf Paris.“ Der Fürſt von Neufchatel will Etwas erwiedern, aber Napoleon winkt und ſchweigend zieht ſich jener zurück. Am Morgen des Vierten iſt die Nachricht von Napoleons Abſetzung durch den Senat überall ver⸗ breitet. Das Heer geräth in wilde Gährung.„Führ' uns nach Paris, die Verräther zu züchtigen!“ Die⸗ ſer Ruf ertönt tauſendfältig durch alle Regimenter. Ununterbrochen erſchallt der laute, freudige Zuruf der Garde. Der Befehl zur Verlegung des Hauptquar⸗ tiers auf Ponthiery wird gegeben. Jeden Augenblick erwartet man die Trommeln zum Aufbruch. Ein un⸗ ermeßliches ſiegesfreudiges„Vive l'empereur!“ erfüllt die Lüfte. Aber wie groß die Kampfluſt der Armee, wie trefflich ihr Geiſt iſt, um ſo muthloſer und engherzi⸗ ger zeigen ſich die höchſten Regivnen. In düſtern Gruppen wandeln die mit Gold und Brillanten bedeckten Marſchälle und Obergenerale auf 9 dem Schloßhofe von Fontainebleau auf und ab. Man erſchrickt vor dem Gedanken, welche mannigfache Ge⸗ fahr dieſes große Unternehmen den Wohnungen zuzie⸗ hen könnte, wo man ſeine Frauen, Kinder, Aeltern und Freunde zurückgelaſſen hat. Man fürchtet durch dieſen tollkühnen Streich, wie man es nennt, ſein Vermögen, ſeinen Rang zu verlieren, die man mit ſo vieler Mühe erworben und noch nicht hat in Ruhe genießen können. Eine Abdankung des Kaiſers ſcheint Vielen ein vortreffliches Auskunftsmittel, endlich auf den Friedenszuſtand zurückzukehren. Gegen Mittag erſcheint Napolevn und hält wie gewöhnlich Heerſchau über ſeine Truppen. Unbeſchreib⸗ lich iſt der Enthuſiasmus, mit welchem man ihn em⸗ pfängt; nur in ſeiner ihm zunächſtreitenden goldbe⸗ deckten Suite bemerkt man finſtre Geſichter. Die Revue iſt beendigt. Napoleon kehrt auf ſein Zimmer zurück. Alle anweſenden Marſchälle und Groß⸗ würdenträger folgen ihm. Es entſpinnt ſich eine große und verhängnißvolle Debatte über die Zweckmäßigkeit des Marſches auf Paris. Im Anfang äußert man ehrfurchtsvolle Rathſchläge, dann folgen Vorſtellungen, dann Vorwürfe— endlich die unumwundene Erklä⸗ rung, daß man nicht marſchiren werde. Da ſtand der große unglückliche Mann, verlaſſen von denen, die er groß gemacht und mit Reichthü⸗ mern überhäuft hatte. Um das Erworbene ſich zu bewahren, verließen die Undankbaren ihren Wohlthä⸗ ter in einem Augenblicke, wo er ihrer Unterſtützung am Bedürftigſten war. Einige Elende vergaßen ſich ſo weit, Drohungen gegen ihren kaiſerlichen Herrn auszuſtoßen. Die Ver⸗ wegenen! Napoleon brauchte an das Fenſter zu tre⸗ 40 ten, zu welchem der freudige Zuruf ſeiner Garde her⸗ aufſcholl; ein Wink, und ſie waren vernichtet. Der Kaiſer, groß im Glück, größer im Unglück, blieb ganz ruhig. Noch einmal wieß er die uner⸗ meßlichen Reſultate nach, welche ein Marſch gegen die Hauptſtadt gewähren müßte. Er entwickelte klar und faßlich ſeine meiſterhafte Operation, der Erfolg war ſo gut wie geſichert; aber ſeine hochherzigen Worte waren zu kleinmüthigen Herzen und eigennützi⸗ gen Seelen geſprochen; kein Anklang, keine Beiſtim⸗ mung, nur todtes finſtres Schweigen erfolgte. Da überflog Napolevn noch einmal den Kreis ſeiner Waffengefährten; als er aber das Feuer in ih⸗ ren Blicken, mit welchem ſie ihm einſt zu Kampf und Ruhm folgten, erloſchen fand, und in ihnen nicht mehr die einſtigen Zeltgenoſſen, ſondern nur reiche Leute, auf ihren Geſichtern nur Verzagtheit, Eigen⸗ nutz und niedrige Geſinnungen erblickte, trat er, ohne ein Wort weiter zu verlieren, an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb folgende Worte: „Da die verbündeten Mächte erklärt haben, daß der Kaiſer Napoleon das einzige Hinderniß zur Wie⸗ derherſtellung des Friedens in Europa ſei, ſo erklärt der Kaiſer Napoleon, ſeinem Eide getreu, daß er be⸗ reit iſt, dem Throne, Frankreich und ſelbſt dem Le⸗ ben zu entſagen für das Wohl des Vaterlandes, das unzertrennlich iſt von den Rechten ſeines Sohnes, der Regentſchaft der Kaiſerin und der Aufrechterhal⸗ tung der Reichsgeſetze. „So geſchehen in unſerm Schloſſe zu Fontaine⸗ bleau, den vierten April 1844. Napoleon.“ Mit Ungeduld hatte die Garde, welche im Schloß⸗ hofe aufgeſtellt war, zu den Fenſtern empor geblickt, 11 wo die Conferenz gehalten wurde. Ein jeder war überzeugt, daß das Ende derſelben das Zeichen zum Abmarſch ſein werde. Plötzlich verbreitet ſich das Gerücht von Napoleon's Abdankung zu Gunſten ſei⸗ nes Sohnes. Unbeſchreibbar iſt der Schmerz der Armee. Tau⸗ ſende von Thränen träufeln über die Wangen der bärtigen Grenadiere. Ganze Rotten ſchmettern mit ſchmerzvoller Wuth ihre Gewehre auf den Boden. Nur die goldenſten Uniformen wünſchen ſich im Stil⸗ len Glück über dieſen Ausgang der Sache. Eine Stunde nach der gehaltenen Conferenz läßt Napolevn den Herzog von Vicenza rufen. Des Kai⸗ ſers Antlitz iſt todtenbleich, doch ſind ſeine Züge ru⸗ hig und ſeine Haltung feſt und ſicher. Er nimmt von ſeinem Schreibtiſche ein von ſeiner Hand geſchrie⸗ benes Papier und übergiebt es dem Herzog: „Hiexr iſt meine Abdankung, bringen Sie dieſelbe nach Paris.“ Niemals war Napolevn größer als in dieſem Au⸗ genblicke. Thränen ſtürzen dem treuen Caulaincourt aus den Augen. „Wackrer, wackrer Freund!“ ruft der Kaiſer, den Getreuen an ſein großes leidenvolles Herz drückend. Dann ſetzt er mit brechender Stimme hinzu:„Die Undankbaren, ſie werden mich eines Tags zurückwün⸗ ſchen. Eilen Sie, Caulaincvurt, reiſen Sie ſogleich!“ Bei dieſen Worten tritt der Herzog von Baſſano in's Gemach. Sein gramgebleichtes Geſicht zeigt an, was er für ſeinen kaiſerlichen Herrn und Freund leidet. „Sire,“ ſpricht Caulainevurt, als er das wichtige Doecument empfangen hat,„in dieſer ſo feierlichen und außerordentlichen Angelegenheit, Ueberbringer der ſi 12 officiellen Acte Ihrer Abdankung, bitte ich Sie, mir zwei Großofficiere des Reichs mitzugeben.“ Napoleon denkt einen Angenblick nach. „Wohlan,“ ruft er,„ſo mögen Ney und Raguſa Sie begleiten. Marmont iſt mein älteſter Waffenge⸗ fährte.“ „Der Herzog von Raguſa,“ bemerkt Maret,„iſt nicht anweſend. Er commandirt unſre Avantgarde, welche zu Eſſonne lagert. Ich halte den Herzog von Tarent für am Geeignetſten, die Armee würdig zu vertreten.“ Napoleon iſt einen Angenblick unentſchloſſen. „Maecdonald“ beginnt er nach einigem Nachſinnen, „hat mich nie geliebt; doch es ſei, der Marſchall iſt zu ſehr ein Mann von Ehre, daß er nicht meinem Vertrauen entſprechen ſollte.“ Der Herzog von Tarent wird der Commiſſion beigegeben. Sire,“ fragt Caulaincourt,„auf welchen Sti⸗ pulationen ſollen wir hinſichtlich der Perſon Ew. Ma⸗ jeſtät beſtehen?“ „Auf keinen,“ erklärt der Kaiſer augenblicklich; „thun Sie, was Sie vermögen, die beſten Bedin⸗ gungen für Frankreich zu erhalten; was mich betrifft, verlange ich keine.“ Die Vollmachten werden ausgeſtellt; bald darauf treten die Marſchälle Ney und Macdonald in's Gemach. „Gehen Sie, meine Herren,“ ſpricht Napoleon, „und haben Sie blos das Wohl des Vaterlandes im Auge. Vergeſſen Sie nicht auf Ihrer Durchreiſe durch Eſſonne, den Herzog von Raguſa von Allem zu un⸗ terrichten, was hier vorgegangen iſt. Sagen Sie ihm, daß ich ihn zu meinem Vertreter erwählt habe, 13 daß er Ihnen nach Paris folgen ſoll. Hält er es indeß für zweckmäßiger, ſoll er an der Spitze unſrer Avantgarde bleiben.“ Die drei Bevollmächtigten, nachdem ſie ihre letz⸗ ten Inſtructionen erhalten, ſetzen ſich in den Wagen, der ſie an der äußern Treppe erwartet. Die Herren von Rayneval und Rumigny begleiten die Commiſſion als Secretaire. Der Wagen rollt davon. Napoleon ſchaut ihm mit düſterem Schweigen eine lange Zeit nach; noch immer tönt das Geraſſel der Räder in ſeine Ohren, bis es endlich in der Ferne verhallt. Dann ſetzt er ſich ſtill an ſein Bureau und ergreift die Feder. Es iſt nöthig, die Kaiſerin, welche ſich in Blois befindet, von den verhängnißvollen Ereigniſſen zu un⸗ terrichten. In dieſer furchtbaren Kriſe iſt die Abwe⸗ ſenheit ihres Vaters, des Kaiſers von Oeſterreich, ein Unglück, das von Stunde zu Stunde zunimmt. Der Marſch der franzöſiſchen Armee auf Fontainebleau hat durch Sperrung der Straßen, den Aufenthalt dieſes Monarchen in der Bourgogne verlängert. Na⸗ poleon ermächtigt die Kaiſerin, den Herzog von Ca⸗ dore zu ihrem Vater zu ſenden, um ſeine Vermitt⸗ lung zu ihrem und ihres Sohnes Gunſten zu er⸗ halten. Der Abend iſt hereingebrochen; Napoleon, den Erſchütterungen dieſes furchtbaren Tages erliegend, hat ſich in ſein Zimmer zurückgezogen. Niemand theilt ſeine Einſamkeit. Welcher Sterbliche litt mehr, als dieſer große Mann in dieſer Stunde! Den herrlichen Bau, den er für Jahrhunderte gegründet, an welchen er alle Kraft ſeines bewunde⸗ rungswürdigen Genies, alle Kraft ſeines eiſernen Willens verſchwendet, der bereits der Vollendung 14⁴ nahe, zur majeſtätiſchen Kuppel emporſtieg, ihn ſah er über ſeinem Cäſaren⸗Haupte zuſammenbrechen und die halbe Welt unter ſeinen Trümmern begraben. Hier betrachte man das Geſchick menſchlicher Werke. Man überſchaue die vielen unternommenen Kriege, das maßlos vergoßne Blut, die vernichteten Völker, die großen unſterblichen Thaten, ſo viel Triumphe, Politik, Beharrlichkeit und Muth. Womit hat dies Alles geendigt!*) Noch aber ſoll der große unglickliche Held den Wermuthbecher bis auf die Hefen leeren. Es iſt kaum Mitternacht vorüber; unheimlich ſtreicht der Nachtwind durch die großen Höfe und Hallen von Fontainebleau, da kommt in wahnſinni⸗ ger Eile ein Reiter angeſprengt. Vor der großen Treppe zur Gallerie Franz des Erſten ſpringt er vom Pferde und läßt ſich ſogleich beim Kaiſer melden. Es iſt Gourgaud, der erſte Ordonnanzofficier. „Sire,“ ruft er faſt athemlos, als ihn der dienſt⸗ habende Adjutant in das Zimmer Napoleon's geführt hat,„der Herzog von Raguſa hat ſeinen Poſten ver⸗ laſſen und unterhandelt in Paris mit dem Feinde. Durch unbekannte Befehle werden ſeine Truppen in Bewegung geſetzt und ziehen in dieſem Augenblicke durch die Cantonnirungen der Verbündeten. Wir ha⸗ ben keine Avantgarde mehr und Fontainebleau iſt dem Feinde Preis gegeben.“ Der Kaiſer ſchüttelt lächelnd das Haupt. „Man hat Ihnen ein Märchen aufgebunden. Gourgaud; es iſt ja Marmont, der meine Avant⸗ garde zu Eſſonne befehligt.“ ²) Montesquieu. Verfall der Römer. „Sire, ich bürge mit meinem Kopfe für die Wahrheit.“ „Nein, nein,“ fährt Napoleon fort,„man hat Sie getäuſcht. Ein Verbrechen, wie Sie da be⸗ richten, iſt ein Marſchall Frankreichs nicht fähig und Marmont, mein älteſter Waffengefährte, der in hun⸗ dert Schlachten an meiner Seite kämpfte, mein Zelt⸗ camerad, nein, nein; es iſt ein blinder Lärm.“ Neues Pferdegetrappel ward im Schloßhofe von Fontainebleau vernehmbar. „Sire, zwei polniſche Lanziers,“ meldet der dienſt⸗ habende Adjutant,„welche von Eſſonne kommen und Ew. Majeſtät in höchſtwichtiger Angelegenheit zu ſpre⸗ chen wünſchen.“ Napolevn wird aufmerkſam. Er befiehlt die bei⸗ den Polen vorzulaſſen. Die zwei Lanzierofficiere treten ein. Ihre Klei⸗ der ſind von Kugeln zerlöchert und mit Blut bedeckt. Der Kaiſer läßt ſie reden. „Sire,“ beginnt der ältere, ein ſchlanker kühner Sarmate,„beiſpielloſer Verrath hat unſre Adler ge⸗ ſchändet. In Folge der geheimen Conventivn, die der Marſchall Marmont in Paris mit dem Feinde geſchloſſen und von welcher das Armeecorps keine Ah⸗ nung hatte, brachen wir heute morgen auf. Die Truppen glaubten, es gehe gegen den Feind und griffen mit allgemeinem Jubel zu den Waffen. Wir marſchirten im Anfange mit großer Eile, da wir glaubten, es gelte einen Seitenangriff auf die Poſi⸗ tion der Verbündeten. Plötzlich bemerkten wir, daß unſer Vorrücken von einer Colonne bairiſcher Trup⸗ pen beobachtet, aber nicht unterbrochen wird. Jetzt erſt erkannten wir den Verrath und es brach ein Auf⸗ ruhr aus. Ganze Brigaden machten Halt und wa⸗ 16 ren im Begriff umzukehren, aber der Inſtinkt der Subordination behielt die Oberhand; nur fünf Mann von unſerm Regimente jagten in geſtrecktem Carriere zurück. Wir mußten bei einem bairiſchen Bataillone nahe vorüber. Ein Hagelwetter von Kugeln brauſte über uns dahin. Drei der Unſern ſtürzten, nur wir zwei erreichten Fontainebleau.“ Ein tiefes, furchtbares Schweigen folgt auf dieſe unglückſelige Nachricht. Napoleon ſteht am Fenſter und ſtarrt in die Nacht hinaus. Sein Geſicht iſt bleich, ſein Blick ſtarr. Endlich kann er ſeines Schmerzes nicht länger Herr bleiben. „Marmont,“ ruft er mit ergreifendem Tone, „mein Kind, mein Freund, den ich mit meinem Man⸗ tel gewärmt, mit dem ich mein Brot getheilt habe, mich zu verrathen in der letzten Stunde!— Der Undankbare, er wird unglücklicher ſein als ich!“ Seine Stimme brach im tiefſten Schmerze. Allen anweſenden Kriegern traten die Thränen in die Augen hei dieſer erſchütternden Scene. Nach einiger Zeit wendet ſich der Kaiſer wieder zu dem Polen, welcher vorhin geſprochen. „Führte der Marſchall,“ frug er,„in Perſon meine Truppen zu den Feinden?“ „Nein, Ew. Majeſtät,“ war die Antwort,„der Marſchall befand ſich in Paris, um, wie heute das Gerücht ging, auf Anrathen des Herzogs von Tarent die Convention wieder rückgängig zu machen. Seine Abweſenheit benutzte der General Souham; dieſer be⸗ rief in voriger Nacht einen Kriegsrath zuſammen, wo beſchloſſen ward, die Convention in's Werk zu ſetzen, ohne auf weitere Verhaltungsbefehle von Seiten des Marſchalls zu warten.“ „Souham?!“ frug Napoleon und die Worte er⸗ 6 — — 17 ſtarben auf ſeiner Zunge. Er wendete ſich zu ſeinem Adjutanten Girardin. „General, wie hieß der Diviſionair, dem ich auf ſein Bitten geſtern ein Geſchenk von zwölftauſend Franken machte?“ „Sire,“ tönte die inhaltſchwere Antwort,„es war der General Souham.“ Bei dieſen Worten vermochten die Anweſenden ihre Entrüſtung über ſo beiſpielloſe Verrätherei kaum zurückzuhalten. Der ältere Pole ſtürzte Napoleon zu Füßen, die Andern folgten ſeinem Beiſpiele. „Und wenn Alles Sie verläßt,“ rief er, und Alle hoben ſchwörend ihre Arme empor,„Polen bleibt Ihnen treu. Sire, vertrauen Sie uns, nie werden wir Sie verlaſſen!“ „Auch Frankreich,“ riefen die franzöſiſchen Offi⸗ eiere,„führen Sie uns in den Kampf, Sire, die Verräther zu vernichten, welche unſre Adler beſchimpft haben!“ Mit ſchmerzlichem Blicke weilte der Kaiſer auf den wenigen Getreuen. Dann wandte er ſich zu Gourgaud. „Suchen Sie Belliard auf,“ ſprach er,„daß er unverzüglich mit ſeiner Reiterei Fontainebleau decke.“ Die Anweſenden entfernten ſich. Der Kaiſer warf ſich in ſeinen Lehnſtuhl; ſein Herz war gebrochen. Am andern Morgen erſchien der berühmte Tags⸗ befehl vom fünften April. Er lautete wie folgt: „Soldaten! „Der Kaiſer dankt der Armee für die getreue An⸗ hänglichkeit; namentlich weil ſie Frankreich in ihm und nicht in dem Pöbel der Hauptſtadt anerkennt. Der Soldat folgt dem Glück und Unglück ſeines Ge⸗ nerals, ſeiner Ehre und ſeiner Religion. Der Her⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XIV. 2 18 zog von Raguſa hat ſeinen Waffengefährten dieſes Gefühl nicht eingeflößt. Er iſt zum Feinde überge⸗ gangen. Der Kaiſer kann die Bedingungen nicht gut heißen, unter welchen er dieſen Schritt gethan. Er kann Leben und Freiheit nicht der Gnade eines ſeiner Unterthanen verdanken. „Der Senat hat ſich erlaubt, über die Regierung Frankreichs zu verfügen. Er hat vergeſſen, daß er dem Kaiſer die Macht verdankt, welche er gegenwär⸗ tig mißbraucht; daß der Kaiſer einen Theil ſeiner Mitglieder aus den Stürmen der Revolution gerettet, den andern aus dem Dunkel gezogen, und gegen den Haß der Nation geſchützt hat. „Der Senat gründet ſich auf die Artikel der Ver⸗ faſſung, um dieſe umzuſtürzen. Er erröthet nicht, dem Kaiſer Vorwürfe zu machen, ohne zu bedenken, daß er ſelbſt, als erſte Staatsbehörde, an allen Er⸗ eigniſſen Theil genommen hat. „Er geht ſo weit, daß er den Kaiſer einer Ver⸗ fälſchung der Aeten bei ihrer Bekanntmachung zu be⸗ ſchuldigen wagt. Die ganze Welt weiß, daß der Kaiſer ſolcher Kunſtgriffe nicht bedurfte. Ein Wink war Befehl für den Senat, der immer mehr that, als man von ihm verlangte. „Der Kaiſer iſt immer für die Vorſtellungen ſeiner Miniſter zugänglich geweſen, und er erwartete von ihnen, unter ſolchen Umſtänden die unbeſchränkteſte Rechtfertigung der von ihm ergriffenen Maßregeln. Wenn Enthuſiasmus ſich in die Adreſſen und öffent⸗ lichen Reden gemiſcht hat, ſo iſt freilich der Kaiſer getäuſcht worden. Aber die, welche ſolche Sprache geführt, müſſen ſich ſelbſt die Folgen ihrer Schmeiche⸗ lei zuſchreiben. „Der Senat erröthet nicht, von den gegen die 19 fremden Regierungen bekannt gemachten Schmähſchrif⸗ ten zu reden. Er vergißt, daß ſie in ſeinem Innern abgefaßt worden. „So lange das Glück ihrem Monarchen ſich treu erwies, ſind dieſe Menſchen treu geblieben und keine Klage über Mißbrauch der Macht hat man vernommen. „Hätte der Kaiſer die Menſchen verachtet, wie man ihm vorgeworfen, dann würde die Welt heute erken⸗ nen, daß er Urſache zu dieſer Verachtung gehabt hat. „Er hatte ſeine Würde von Gott und der Nation. Nur ſie konnten ſie ihm nehmen. Er hat ſie immer als eine Bürde betrachtet; und als er ſie annahm, geſchah es in der Ueberzeugung, daß er allein der Mann ſei, ſie würdig zu tragen. „Das Glück Frankreichs ſchien in dem Schickſale des Kaiſers zu ruhen. Heute, da das Glück ſich gegen ihn entſchieden, könnte einzig der Wille der Nation ihn bewegen, länger auf dem Throne zu blei⸗ ben. Muß er ſich als das einzige Hinderniß des Friedens anſehen, ſo bringt er willig das letzte Opfer. „Er hat demnach den Fürſten von der Moskwa und die Herzöge Vicenza und Tarent nach Paris ge⸗ ſchickt, um die Unterhandlungen einzuleiten. „Die Armee kann ſicher ſein, daß die Ehre des Kaiſers nie mit dem Glücke Frankreichs im Wider⸗ ſpruche ſtehen wird.“ 20 3weites Rapitel E⸗ war am Abende des vierten April, als die drei Abgeordneten Napoleon's in Paris anlangten. Dem Herzog von Vicenza gelang es, ehe die Sitzung der Monarchen begann, den Kaiſer Alexander zu ſprechen. „Ha,“ rief dieſer, ſo wie er Caulaincourt er⸗ blickte,„Sie kommen ſehr ſpät zurück.“ „Sire“ entſchuldigte ſich der Herzog,„es lag nicht in meiner Macht, früher zu erſcheinen.“ „Das iſt ein großes Unglück!“ „Wie,“ frug Caulaincvurt nicht ohne Beſtürzung, „ſollten ſich die Geſinnungen Ew. Majeſtät unterdeß geändert haben?“ „Ich gab Ihnen mein Wort, lieber Herzog,“ ſprach der Kaiſer von Rußland;„aber die Ereigniſſe ſind ſtärker als mein Wille. Sie rücken ſo ſchnell vor, daß, was geſtern noch möglich war, es heute nicht mehr iſt.“ „Aber Sire,“ erwiederte Vicenza,„ich erſcheine mit der Abdankungsacte des Kaiſers Napoleon zu Gunſten ſeines Sohnes, des Königs von Rom. Die Marſchälle Ney und Macdonald begleiten mich als Bevollmächtigte Seiner Majeſtät. Alle Formalitäten ſind erfüllt; es kann Nichts mehr dem Abſchluſſe des Vertrags entgegen ſtehen.“ „Herr Herzog,“ begann Alexander,„als ich Sie zur Eile mahnte, hatte ich meine guten Gründe. Ich wußte, daß der Boden unter ihren Füßen wankte. Als Sie abgingen, war die Stellung des Kaiſers Napoleon noch Achtung gebietend, ſie konnte ſogar . 21 für uns beunruhigend werden. Das Zuſtrömen von Truppen, ihre Ergebenheit an die Perſon des Kai⸗ ſers, ſeine Kriegskunde und Verwegenheit waren von der Art, in uns lebhafte Beſorgniſſe zu wecken. Ein verwegen ausgeführter Handſtreich auf Paris, die ſchwierige Aufgabe unſrerſeits, eine Bevölkerung von achtmalhunderttauſend Seelen im Zaum zu halten: Alles dies machte unſre Lage bedenklich und konnte viele Dinge in Frage ſtellen. Dieſe Rückſichten wa⸗ ren ſehr gewichtig und ich habe ſie auch geltend ge⸗ macht. In dieſem Angenblick iſt die Stellung des Kaiſers Napoleon eine ganz andre.“ „Ew. Majeſtät,“ entgegnete der Herzog,„befin⸗ den ſich hier wohl im Irrthum. Der Kaiſer Napv⸗ leon gebietet in einem Umkreis von wenig Stunden über achtzigtauſend Mann, welche laut verlangen auf Paris geführt zu werden. Dieſe Tapfern würden ſich für ihren Kaiſer in Stücken hauen laſſen.“ „Mein lieber Herzog,“ bemerkt der Kaiſer von Rußland nicht ohne alle Gereiztheit,„ich bin in der That recht unglücklich, Sie immer betrüben zu müſſen. Sie ſcheinen in völliger Unwiſſenheit über das, was hier vorgeht. Der Senat hat die Entthronung Na⸗ voleon's ausgeſprochen.“ „Ich weiß es, Sire,“ antwortete Caulaincvurt; „aber die Armee?“ „Die Armee?“ lächelte Alexander,„von allen Seiten kommen uns Beitrittserklärungen der Corps⸗ chefs. Man verbirgt die Eile, mit der man zu Werke geht, mit einem unglücklichen Herrſcher ein Ende zu machen, hinter dem Anſcheine einer geſetzlichen Unter⸗ werfung unter die Befehle des erſten Staatskörpers, und vereinigt ſo ſein perſönliches Intereſſe mit der Liebe für Geſetzlichkeit. Die Menſchen find einmal ſo, mein lieber Herzog.“ „Sire,“ erwiederte Caulainevurt mit feſter Stimme, „ich erröthe über diejenigen meiner Landsleute, die auf ſolche Weiſe frühere ehrenvolle Thaten ſchänden. Aber, Sire, die ſchmachvollen Ausnahmen werden in der Armee, die ihrem Chef treu und ergeben bleibt. keinen Wiederhall finden.“ „Sie täuſchen ſich abermals,“ ſprach der Kaiſer von Rußland.„In dieſem Augenblicke iſt Fontaine⸗ bleau von Truppen entblößt und die Perſon des Kai⸗ ſers Napolevn in unſre Hand gegeben.“ Caulaincourt trat erbleichend einen Schritt zurück. „Wie, Sire?“ rief er,„das iſt unmöglich.“ „Die Leute,“ fuhr Alexander fort,„welche ſo eilig ſind einer andern Sache als der Ihrigen, den Sieg zu verſchaffen, haben die Gewalt in Händen. Sie arbeiten unaufhörlich daran, die einflußreichſten Generale Napoleon abtrünnig zu machen; und da jeder der letztern nur an ſein Vermögen und an ſeine Stellung denkt, ſo beeilt man ſich. Mit einem Worte, das Lager von Eſſonne iſt aufgehoben.“ Der Herzog war ob dieſer unheilvollen Nachricht ſo ergriffen, daß er kein Wort der Erwiederung ver⸗ mochte. Alexander erzählte weiter: „Das Lager von Eſſonne iſt aufgehoben. Der Herzog von Raguſa hat ſeinen Beitritt erklärt, ſo wie den ſeines Armeecorps. Seine Truppen, geführt vom General Souham ſind im vollen Marſche auf Verſailles.“ „Sire,“ erwiederte Napoleon's Geſandter nach einer langen Pauſe,„unter ſolchen Umſtänden erkenne ich nur zu gut den Geiſt, welcher die Verſammlung der verbündeten Mächte beleben wird und wir bleibt 23 Nichts übrig als an die Großmuth Ew. Majeſtät zu appelliren.“ Der Kaiſer von Rußland zuckte die Achſeln. „Die Umſtände,“ ſprach er,„reißen auch mich mit ſich fort. Die Abdankung hat zu lange auf ſich warten laſſen. In der Politik ſind drei Tage drei Jahrhunderte. So lange ſich der Kaiſer Napoleon an der Spitze einer anſehnlichen Armee wenige Stun⸗ den von Paris befand, hielten wichtige Rückſichten den von den Gegnern der kaiſerlichen Sache vorge⸗ legten Entwürfen die Waage. Aber ich wiederhole es, jetzt da die Armee ihr Oberhaupt zu verlaſſen ſcheint, da die Marſchälle und Generäle die unter ihnen ſte⸗ henden Anführer mit ſich fortreißen, hat ſich die Frage ganz anders geſtellt. Fontainebleau iſt nicht mehr eine achtunggebietende militäriſche Stellung; urtheilen Sie ſelbſt, was ich da zu thun im Stande bin?“ Der Herzog von Vicenza legte die Hand an ſeine glühende Stirne. Alexander ſprach weiter: „Während Ihrer Abweſenheit haben ſich Diseuſ⸗ ſionen über die Regentſchaftsfrage erhoben. Beſchul⸗ digungen ſchlagen bei mir wenig an, ſobald ſich eine Idee in meinem Geiſte feſtgeſetzt hat und deren Aus⸗ führung mir gerecht ſcheint; aber, lieber Herzog, Sie haben hier äußerſt gewandte Leute zu Gegnern. Es find ſehr merkwürdige Dinge vorgegangen. Können Sie ſich vorſtellen, daß man vorgeſtern in unſrer Gegen⸗ wart eine ſehr unangenehme Comödie aufgeführt hat. Sei es, daß hier etwas von unſrer Unterredung vor einigen Tagen bekannt geworden iſt, oder daß Napo⸗ leon ſie Jemandem vertraut hat, kurz man kannte unſern Plan wegen der Regentſchaft, und Alles ge⸗ rieth in Aufruhr. Vorgeſtern nahmen daher Talley⸗ 24 rand und die übrigen Mitglieder der proviſoriſchen Regierung, die Regentſchaftfrage wieder auf und be⸗ kämpften ſie mit allen Kräften. Man erſchöpfte ſich in Klagen und Beſchuldigungen gegen ihren Kaiſer und der Erzbiſchof von Mecheln erklärte, daß weder Bonaparte noch ſeine Familie noch Anhänger hätten, und daß ganz Frankreich royaliſtiſch denke und die Bourbonen wünſche. Ich wollte dies nicht zugeben und machte Einwendungen, da wandte ſich der Ge⸗ neral Deſſoles an mich und ſprach mit ſtarker Beto⸗ nung:„Sire, Sie haben bei ihrer Ankunft in Paris Ihr Wort gegeben, nicht mit Bonaparte zu unter⸗ handeln; auf dieſe Verheißung haben wir keinen An⸗ ſtand genommen, ihn zu entſetzen und die Bourbons zurückzurufen. Jetzt ſich für die Regentſchaft erklä⸗ ren, heißt ſo viel, als das zeitherige kaiſerliche Sy⸗ ſtem fortbeſtehen zu laſſen. In dieſem Falle bleibt den Mitgliedern der proviſoriſchen Regierung nichts übrig, als ſich von den verbündeten Monarchen einen Zufluchtsort in ihren Staaten zu erbitten.“ Wie ge⸗ ſagt, lieber Herzog, die Leute, welche jetzt an der Spitze der Geſchäfte ſtehen, find gewandt und ma⸗ növriren geſchickt; denn die Beitrittserklärungen von Militair⸗ und Civilbehörden langen in Maſſe an; hierdurch iſt meine Stellung um ſo ſchwieriger ge⸗ worden, da ich bei den alliirten Mächten anſtatt auf Unterſtützung zu hoffen, nur auf lebhaften Widerſtand ſtoße. „Doch,“ ſetzte er nach einiger Zeit in mildem Tone hinzu,„Caulaincvurt, nehme ich mein Wort nicht zurück. Ich habe Ihnen nur alle dieſe Machinativ⸗ nen entdeckt, um die Schwierigkeiten zu zeigen, welche meinem guten Willen im Wege ſtehen.“ 25 Der Herzog von Vicenza verharrte lange in einem tiefen Schweigen, endlich fand ſein Schmerz Worte. „Wie,“ rief er,„der Kaiſer Napoleon verrathen, ſchändlich verlaſſen, den Siegern überliefert und von denen, die mit ihren Körpern einen Wall um ſeine geheiligte Perſon bilden ſollten? Ha, Schmach ohne Beiſpiel, ich ſchäme mich jetzt, ein Franzoſe zu heißen.“ Alexander blickte mit vieler Theilnahme auf ſei⸗ nen niedergebeugten Freund. Dann faßte er ihn am Arme und ſagte mit gepreßter Stimme: „Und fügen Sie hinzu, von denen, die ihm Alles, Alles verdanken, Namen, Vermögen! Welche Lehre für uns Könige! Doch Muth, Caulaincourt, geben wir noch nicht Alles verloren. Ich werde vor Ihnen im Rathe ſein. Wir wollen ſehen.“ Bekümmerten Herzens verließ der Herzog von Vicenza die Wohnung Alexander's. Als er über den Hof ſchritt, begegnete ihm einer der erbärmlichſten Verräther des Kaiſers. Es war der Abbé von Pradt, welchen Napolevn zum Erzbiſchof von Mecheln erhv⸗ ben. Derſelbe ſchlich unaufhörlich um die fremden Herrſcher umher und kam nicht aus den Salons der Alliirten. Als ihn Caulaincourt erſchaut, empörte ſich ſein Innerſtes; er würdigte den Abbé keines Blickes und wollte vorübergehen. Letzterer aber war unverſchämt genug, mit hüpfenden Schritten und der heiterſten Miene von der Welt auf den Herzog zuzukommen. „Ich bin hocherfreut,“ begann er,„Sie hier zu ſehen, Herr Herzog.“ Caulaincourt ſah den Zudringlichen an, ohne ſei⸗ nen Gruß zu erwiedern. „Herr Herzog,“ fuhr er ſchmunzelnd und ſich die der royaliſtiſch 26 Hände reibend fort,„Ihre Sachen gehen nicht gut — nicht wahr? Sie gehen ſchlecht— ah, ſehr ſchlecht.“ Da vermochte ſich Caulaincourt nicht länger zu mäßigen. Er packte den erſchrockenen Abbé beim Kragen und ſchüttelte ihn aus Leibeskräften. „Wiſſen Sie, was Sie ſind?“ frug er.„Sie ſind ein Schuft!“ Mit dieſem Worte veraichte er dem Verräther einen Backenſtreich und ſtieß ihn von ſich, daß er eine große Strecke im Schloßhofe hintaumelte. Der Herzog von Vicenza ſuchte jetzt die zwei andern Bevollmächtigten Napoleon's, Ney und Mac⸗ donald, auf, um ſich mit ihnen vereint in die Sitzung der Alliirten zu begeben. In dem Sitzungsſaale beſprach ſich in der Vertie⸗ fung eines Fenſters der Kaiſer von Rußland mit dem Könige von Preußen. Die Stirn des erſtern war ſehr düſter. Links von Friedrich Wilhelm, etwas Srück⸗ wärts, ſtand der General Beurnonville. Derſelbe hatte dem Könige ſo eben den Uebergang des Aur mont'ſchen Corps berichtet und bot alle Beredtſamkeit auf, dieſen Fürſten gegen die Regentſchaft zu ſtimmen. Weiterhin hatten ſich Schwarzenberg, Neſſelrode, Lichtenſtein und Pozzo di Borgo gruppirt. Letzterer machte ſich durch die Lebhaftigkeit ſeiner Bewegungen bemerklich. um dieſe Gruppe ſchwirrten die Leiter rtei. Aus ihren triumphirenden Mienen und a den Blicken konnte man erken⸗ nen, daß ſie, des Erfolgs ihrer Intriguen ſicher, den Ausgang der zu eröffnenden Conferenz nicht fürchteten. Da traten die Abgeordneten Napoleon's in den Saal. Der Kaiſer von Rußland und König von Preußen näherten ſich einem großen, mit einem grü⸗ 20 nen Teppich überhangenen Tiſche, welcher in der Mitte des Saales ſtand. Ein jeder nahm ſeinen Platz ein. Der Herzog von Vicenza übergab dem Kaiſer Alexander die Abdankungsurkunde ſeines Herrn, des Kaiſers Napoleon, zu Gunſten des Königs von Rom und der Kaiſerin Marie Louiſe als Regentin. Der König von Preußen eröffnete die Sitzung. Der Ton ſeiner Stimme Kwar kalt und abgemeſſen. „Die zeither eingetretenen Ereigniſſe,“ ſprach er, „erlauben den Mächten nicht mehr, mit dem Kaiſer Napolevn zu unterhandeln. Die Wünſche Frankreichs für die Rückkehr ſeiner alten Herrſcher offenbaren ſich von allen Seiten. Der erſte Staatskörper, der Senat, unterſtützt von der Zuſtimmung ſeiner Mitbürger, hat Napoleon des Thrones für verluſtig erklärt. Es kommt den verbündeten Mächten nicht zu, ſich in die Ange⸗ legenheiten der franzöfiſchen Regierung zu miſchen, und der Erklärung des Senats zuwider, dem des Thrones für verluſtig erklärten Napoleon das Recht, über die Krone Frankreichs zu verfügen, zuzugeſtehen.“ Der Marſchall Maedonald nahm ſich der Sache ſeines kaiſerlichen Herrn mit Wärme und Nachdruck an. Er ſetzte die hohen politiſchen Rückſichten aus⸗ einander, welche die verbündeten Mächte beſtimmen müßten, die Entſagung des Kaiſers Napolevn zu Gunſten ſeiner Gemahlin und ſeines Sohnes anzuer⸗ kennen. „Der Kaiſer Napoleon,“ ſchloß er,„hat die Krone aus den Händen der franzöſiſchen Nation erhalten. Er entſagt derſelben, um einen allgemeinen Frieden möglich zu machen, da die Mächte erklärt haben, er ſei das einzige Hinderniß des Friedens. Der Kaiſer trägt daher kein Bedenken, ſeine⸗Perſon dem Intereſſe Europa's zum Opfer zu bringen. Will man ihm je⸗ 28 doch das Recht beſtreiten, zu Gunſten ſeines Sohnes abzudanken, ſo kann aus dieſer Weigerung großes unglück entſtehen. Noch ſteht der Kaiſer an der Spitze von ſechzigtauſend Mann, welche ihren letzten Bluts⸗ tropfen zu Aufrechthaltung der Rechte ihres Herrſchers vergießen werden.“ Ein ungläubiges Lächeln flog bei den letzten Wor⸗ ten über die Verſammlung. An dem einen Theile des Tiſches ließ ſich ſogar ein verächtliches Geflüſter vernehmen. Da meldet man die Ankunft des Marſchall Mar⸗ mont, Herzogs von Raguſa. Mehre der am Tiſche Sitzenden ſpringen ſogleich auf und eilen dem„äl⸗ teſten Waffengefährten“ Napoleon's entgegen, ihn mit Händedrücken und Beglückwünſchungen zu empfangen. Den Kopf erhaben, mit lächelnden Lippen tritt der Herzog von Raguſa in den Saal. Die Abgeord⸗“ neten Napoleon's muſtern ihn mit Blicken der tiefſten Verachtung. Die Ankunft dieſes Mannes, der ſeinen kaiſerli⸗ chen Herrn am letzten Tage verrieth, vereinfacht die Debatten in dem Maaße, daß die Regentſchaftsfrage gar nicht wieder aufgenommen wird. Die Rückſichten, welche Napolevn's Geſandte geltend zu machen verſu⸗ chen, ſind jetzt nicht mehr vorhanden und alle gegen⸗ ſeitigen Erklärungen werden hierdurch überflüſſig. Die Mächte geben die Definitiv⸗Entſcheidung, daß von einer bedingungsweiſen Abdankung nicht mehr die Rede ſein könne. Napoleon ſei vom Throne geſtürzt in Folge des Wunſches der Nation und der Armee. Die unbedingte Entſagung müſſe in der kürzeſten Zeit nach Paris geſchickt werden. Jeden Augenblick langen Depeſchen an, die man mit freudiger Haſt umherreicht. Es ſind Beitrittser⸗ klärungen verſchiedener abtrünniger Napoleoniſcher Generale. Beſtürzt haben ſich die drei Commiſſarien Napo⸗ leon's zurückgezogen. Es handelt ſich nicht mehr, um einen Thron zu ſtreiten, ſondern, da Fontainebleau ganz entblößt iſt, für die perſönliche Sicherheit des Kaiſers Sorge zu tragen. Aber hierzu gehören weitere Vollmachten. Napo⸗ leon muß bedingungslos abdanken. Nur um den Preis dieſes letzten Opfers kann ſeine und ſeiner Familie Zukunft ſicher geſtellt werden. Ueberdies drängt die Zeit. Caulaincourt geht in halber Verzweiflung auf und ab. „Wer ſoll dem Kaiſer,“ fragt er,„dieſen neuen Schlag beibringen?“ Macdvonald, von Schmerz durchdrungen, beobachtet ein finſteres Schweigen. Dann ergreift er Caulain⸗ court's Hand. „Es iſt ein trauriger, ſehr trauriger Auftrag,“ ſpricht er,„aber Sie allein, Herzog, können ihn vollbringen. Sie allein beſitzen ſein volles Vertrauen.“ Caulaincvurt widerſteht eine geraume Zeit. „Ich bin des Henkeramts überdrüſſig,“ xuft er, „ſeit acht Tagen bin ich verdammt, dem großen Un⸗ glücklichen nur Giftbecher zu überreichen. Ich kann den unſeligen Auftrag nicht auf mich nehmen.“ Die beiden Marſchälle vereinigen ihre Bitten. End⸗ lich gibt der Herzog von Vicenza, erkennend, daß kein Augenblick zu verlieren, ſeine Einwilligung zu dem ſchweren, verhängnißvollen Gange. Er wirft ſich in ſeinen Wagen und fährt im geſtreckten Trabe nach Fontainebleau zurück. 1₰ Als er angelangt, begiebt er ſich unmittelbar nach 30 dem Kabinete des Kaiſers. Zufällig iſt Niemand da, der ihn anmeldet. Der Herzog öffnet daher leiſe und halb die Thüre. „Sire,“ ſpricht er,„es iſt Caulaincvurt;“ worauf er vollends in's Zimmer tritt. „Schon?!“ fragt der Kaiſer, und ſein durch⸗ dringender, raſcher Blick ſcheint die verhängnißvolle Miſſion ſeines Geſandten auf deſſen Stirn zu leſen. Napoleon ſaß in der Vertiefung eines nach dem Garten gehenden Fenſters. Die Bläſſe ſeines Ge⸗ ſichts, die Unordnung ſeines Anzugs deuteten auf eine durchwachte Nacht. Der Herzog von Vicenza hatte nicht den Muth, ſogleich den Zweck ſeiner Sendung zu berühren. „Der Abfall von Eſſonne,“ ſprach der Kaiſer mit Anſtrengung,„hat neuen Forderungen zum Vorwand gedient, nicht? Man ſtellt andere Bedingungen jetzt, da ich verlaſſen, ofſen verrathen bin.— Nun, was verlangt man noch?“ Caulaincourt ſetzte die Veränderungen, die in des Kaiſers militairiſcher und politiſcher Lage eingetreten waren, ſo ſchonend als möglich auseinander. Er er⸗ . zählte ſeine Unterredung mit Alexander und Alles, was im Rathe der Verbündeten verhandelt worden war. Nur das Erſcheinen Marmont's im Salon der Alliirten verſchwieg er, aus Schonung für ſeinen kai⸗ ſerlichen Herrn. Als der Herzog von Vicenza geendet, und voller Trauer und Bangigkeit einer Antwort Napoleon's ent⸗ gegen ſah, verharrte dieſer eine lange Zeit in dumpfem Schweigen. „Unterhandlungen!“ ſprach er endlich,„die ſo de⸗ müthigend werden, muß man abbrechen. Der Krieg mit allen ſeinen Wechſelfällen bietet nichts Schlim⸗ 3¹ meres, als ſolche Bedingungen.— Ich nehme ſie nicht an.“ Es lag nicht in dem feurigen, aufbrauſenden Tem⸗ peramente Napoleon's, kalt zu überlegen, wenn er ohne Zeugen, Herz gegen Herz ſich ergießen konnte. Bei dem erſten Eindrucke blieb er faſt immer Herr ſeiner ſelbſt. Dann aber vulkaniſirte die Lava, welche in ſeinen Adern rollte und ließ Feuer und Flammen emporſprühen. Seine Augen warfen Blitze, ſeine Stimme ward ergreifend, der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes gewaltig, furchtbar; und alle Kraft, alle Energie, alle menſchliche Intelligenz ſchienen ſich in dieſer rie⸗ ſenhaften Natur zuſammen zu drängen. Mit einem Male ſtieß der Kaiſer das Kiſſen, auf welchem einer ſeiner Füße geruht hatte, heftig von ſich, ſprang auf und ſtürzte nach ſeinem Schreibtiſch, wo die mit Stecknadeln beſäeten Karten lagen. „Glauben ſie denn,“ rief er mit Donnerſtimme, „glauben ſie, die übermüthigen Sieger, daß ſie Herren von Frankreich ſind, weil ihnen Verrath die Thore der Hauptſtadt geöffnet hat? Wenn eine Hand voll elender Verſchwörer meinen Sturz betrieben, ſo hat die Nation dieſe Schurkerei nicht genehmigt. Ich rufe das Volk zu mir. Die Wahnſinnigen! Sie begreifen nicht, daß ein Mann wie ich nicht eher aufhört, furcht⸗ bar zu ſein, als bis er im Grabe liegt. Morgen, in einer Stunde, kann ich die Schlingen, in die man mich verwickelt, abſchütteln und mich ſo ſtark und furchtbar fühlen als jemals an der Spitze von Hun⸗ dertdreißigtauſend Mann! „Folgen Sie meiner Berechnung, Caulaincvurt! Ich habe hier um mich fünfundzwanzigtauſend Mann meiner Garden; dieſe Rieſen, der Schrecken der feind⸗ lichen Cohorten. Sie werden der Kern einer Armee, 32 welche ich aus den dreißigtauſend Mann von Lyon, den Fünfzehntauſend, welche Grenier aus Italien her⸗ beiführt, den Fünfzehntauſend unter Suchet, den Vier⸗ zigtauſend unter Soult zuſammen ziehe. Sie geben eine Macht von Anderthalbhunderttauſend. Ich bin Herr aller meiner Feſtungen in Frankreich und Ita⸗ lien, und ſoviel ich weiß, ſind zur Zeit nicht lauter Abtrünnige und Verräther unter meinen Generalen. Noch ſtehe ich aufrecht; geſtützt auf denſelben Degen, der mir alle Hauptſtädte Europa's öffnete: noch bin ich das Haupt der tapferſten Truppen von der gan⸗ zen Welt, jener Granitcolonne von Marengo, die nie beſiegt worden iſt. Ich rufe alle Männer von Herz zur Vertheidigung des Vaterlandes, ſeiner Prin⸗ cipien und ſeiner Freiheit; ich laſſe über meine Adler die Worte:„Unabhängigkeit und Vaterland“ ſchrei⸗ ben und dieſe Adler werden jenen Königen Europa's wieder furchtbar werden.— Wenn die Chefs der Armee, die ihren Ruhm meinen Eroberungen verdan⸗ ken, wenn dieſe verweichlichten Chefs ſich ausruhen wollen, ſo mögen ſie gehen. Ich finde unter den wollenen Epauletten Generäle und Marſchälle. Dieſe vergoldeten Männer haben ihre Capottes von grobem Tuche vergeſſen.“ Der Kaiſer ſchritt während dieſer Worte in höch⸗ ſter Aufregung auf und ab. Plötzlich blieb er ſtehen und trat vor den Herzog von Vicenza. „Setzen Sie Sich, Caulaincourt,“ ſprach er,„ſchrei⸗ ben Sie an Ney und Macdonald, daß ſie auf der Stelle zurückkehren. Alles iſt abgebrochen.“ „Sire“, rief der Herzog in flehendem Tone,„ich beſchwöre Cw. Majeſtät, das außerordentliche Wagſtück zu überlegen, ehe Sie zum Aeußerſten ſchreiten.“ 33 „Alles iſt überlegt,“ erwiederte Napoleon trocken; „ich habe keine Wahl unter den Mitteln.“ „Ew. Majeſtät“, fuhr der Herzog von Vicenza beru⸗ higend fort,„geben einer ſehr gerechten Aufwallung nach; aber, Sire, die Dinge haben eine ſo ernſte Wendung ge⸗ nommen, daß, bevor Sie einen ſo rieſenhaften Entſchluß ausführen, alle Folgen reiflich zu überlegen ſind.“ „Ich verzichte auf jede weitere Unterhandlung,“ ſprach entſchloſſen der Kaiſer.„Sie ſtießen das per⸗ ſönliche Opfer von ſich, das ich brachte, um Frank⸗ reich Frieden und Ruhe wieder zu geben. Sie ver⸗ weigerten die Annahme meiner Abdankung; ich nehme ſie jetzt zurück..... Ich will fechten gehen. Mein Platz iſt bezeichnet; er iſt über oder unter dem Boden des Schlachtfeldes. Möge das franzöſiſche Blut, das noch fließen wird, auf die Häupter der Elenden fal⸗ len, welche den Sturz der Lande beabſichtigen.“ Napoleon beſchäftigt ſich von jetzt blos mit mili⸗ tairiſchen Angelegenheiten. Kaum aber iſt der Bruch der Unterhandlungen im Schloſſe von Fontainebleau bekannt, als der Mißmuth in den vergoldeten Gallerien den höchſten Grad er⸗ reicht. Seit der Kaiſer im Unglück, hält man ihn nur noch fähig, Fehler zu begehen. Napoleon ſelbſt beſitzt einen ſo hohen Adel der Geſinnung, daß er Niedrigkeit und Treuloſigkeit nicht begreifen kann. Er kann es nicht denken, daß er von Leuten umgeben iſt, die mit Ungeduld den Augenblick erwarten, ſich mit einigem Anſtande ihrer Verpflich⸗ tungen gegen ihn zu entziehen, um unmittelbar nach Paris zu eilen und der neuen Regierung die Zuſiche⸗ rung ihrer Ergebenheit zu überbringen. Man iſt bereits ſo weit, ohne Scheu ſeine Mei⸗ nung auszuſprechen. Man hat das Kaiſerthum über⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XIV. 3 34⁴ drüſſig. Iſt Napoleon unglicklich, heißt es, wer iſt Schuld daran? Iſt dies ein Grund, ſich und ſeine Stellung, die Intereſſen ſeiner Familie ausſchweifen⸗ den Projecten zu opfern? Napoleon's Sturz erſcheint Vielen als eine Aus⸗ gleichung der Intereſſen. Nur ein Einziger wird ge⸗ opfert, nur ein einziges Unglück iſt zu beklagen. Von Stunde zu Stunde werden neue Lücken be⸗ merkbar. Jeder ſucht einen Vorwand, nach Paris zu reiſen. Mancher verläßt ſeinen Poſten ohne Erlaub⸗ niß, vergißt ſeinen Dienſt, ſeine Pflichten und küm⸗ mert ſich nicht mehr, ob man dem, von welchem man nichts mehr zu erwarten hat, gefalle oder mißfalle. Gern würde man Alles, was der Anſtand erfordert, beobachten; aber warum zögert er ſo lange mit der Abdankung. Er ſoll ein Ende machen, damit ein Je⸗ der Herr ſeiner Handlungen werde. Seine Unent⸗ ſchloſſenheit, ſein Zögern, ſeine kriegeriſchen Pläne, ſtellen die Lage Vieler bloß.— Die neue Regierung empfängt mit offenen Armen Jeden, der von der Armee kommt. Was ſoll für die übrig bleiben, die zuletzt kommen? Die Regentſchaft iſt verworfen, der Sohn Napp⸗ leon's vom Throne ausgeſchloſſen. Es iſt eine Thor⸗ heit länger in den Vorzimmern von Fontainebleau zu bleiben, während es in Paris Gold und Gna⸗ denbezeugungen regnet. Alſo ſprechen die Leute, welche der Kaiſer mit Ehren und Reichthümern überhäuft hat, und man eilt nach Paris.— Nachdem ſich Caulaincourt einigermaßen von den erſchütternden Anſtrengungen der jüngſten Tage durch kurzen Schlaf auf ſeinem Zimmer erholt, kehrt er zu Napoleon zurück. 35 Er unterrichtete Dieſen, daß die Verbündeten ir⸗ gend einen der kühnen Schläge, an welche Napoleon Europa gewöhnt hatte, von Fontainebleau her be⸗ fürchteten. Sie ſeien daher nicht müßig geweſen, in dieſem Schloſſe Verbindungen anzuknüpfen, durch welche ſie von Allem in Kenntniß geſetzt wurden, was in des Kaiſers Kabinet vorging. Der Officier, welchen Caulaincourt abgeſendet hat, Erkundigungen über die Stellung der feindlichen Trup⸗ pen einzuziehen, iſt mit der Rachricht zurückgekehrt, daß die Heere der Verbündeten alle Zugänge nach Fontainebleau beſetzt halten. Die ruſſiſche Armee be⸗ deckt auf dem rechten Seineufer die Gegend von Melun bis Monterau, eine zweite hat zwiſchen Paris und Eſſone Stellung genommen. Andre Corps ſperren die Straßen von Chartres und Orleans; noch andre haben ſich zwiſchen der Yonne und Lvire militairiſch aufgeſtellt. So iſt Fontainebleau von den Truppen der Verbündeten förmlich cernirt und auf das erſte Signal können ſich hundertfunfzigtauſend Mann auf die kleine Armee, welche Napoleon bewacht, einſtürzen. Der Herzog von Vicenza theilte dies Napoleon mit. Nach einiger Ueberlegung erwiederte dieſer: „Eine für Couriere verſchloſſene Straße öffnet ſich bald für funfzigtauſend Mann.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Wahrhaftig, dieſe Nachricht wird den Rathgebern, die einen Frieden um jeden Preis verlangen, ſehr ge⸗ legen kommen. Wird ſie bekannt, dürften wir bald mehr erfahren.“ „Für jetzt, betheuerte Caulaincvurt,„iſt ſie nur Ew. Majeſtät und zweien Ehrenmännern, die zu ſchwei⸗ gen wiſſen, bekannt. Aber ſelbſt ihr Bekanntwerden würde die Gefahren, welche Ew. Majeſtät umgeben, 3* 36 nicht vermindern. Ich beſchwöre Sie, Sire, faſſen Sie einen Entſchluß.“ „Gefahren,“ entgegnete der Kaiſer,„ich fürchte ſie nicht. Mein Leben iſt eine Laſt für mich. Ich werde es nicht lange mehr ertragen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu;„aber ehe ich einen Entſchluß faſſe— einen ſchrecklichen Entſchluß, Caulaincvurt, will ich zuvor die Marſchälle ſprechen! Ich will wiſſen, ob meine Sache, die meiner Familie, noch die Sache Frankreichs iſt und dann— dann werde ich mich entſcheiden.“ In dieſem Augenblicke traten der Fürſt von Neuf⸗ chatel und mehre Marſchälle in das Zimmer. Ihre Haltung iſt verlegen. Einige Gemeinplätze eröffnen die Unterhaltung. Berthier kaut an den Nägeln und murmelt einige Worte. Er hat, wie er ſagt, Or⸗ donnanzofficiere nach verſchiedenen Richtungen abge⸗ ſchickt. Ihre Berichte haben keinen Zweifel gelaſſen, daß der Feind von allen Seiten Fontainebleau um⸗ ringe. „Ich weiß es,“ erwiedert der Kaiſer trocken. Indeß ſind die Großofficiere nicht gekommen, um Napoleon blos dieſe üble Nachricht mitzutheilen. Man ſpricht ſeine Meinung verſtändlicher aus, obſchon man noch nicht wagt, einen entſcheidenden Rath zu erthei⸗ len; die Gefahren, welche Fontainebleau bedrohen, geben Stoff zu den düſterſten Geſprächen. Der Kaiſer behauptet fortwährend eine bewun⸗ drungswürdig ruhige Haltung. Er ergreift das Wort und wiederholt ohne Zorn die beiden Bedingungen, welche die Alliirten ihm auferlegt. Zu dem perſön⸗ lichen Opfer, das man von ihm verlangt, iſt er ent⸗ ſchloſſen; aber er weigert ſich, daß man auch ſeiner lr und ſeinem Sohne die Krone rauben will. 37 Die anweſenden Marſchälle nehmen dieſe Mitthei⸗ lung mit finſterm Schweigen auf. Immer noch ruhig bleibend überzählt jetzt der Kaiſer die ihm verbleibenden Streitkräfte. „Ich will,“ ſpricht er,„von ihnen Gebrauch ma⸗ chen, nicht um den Krieg zu verewigen, ſondern um Frankreichs Ehre zu retten, dem Lande ſeine Unab⸗ hängigkeit wieder zu geben und einen Frieden unter weniger entehrenden Bedingungen zu erhalten. Wieder erfolgt eine tiefe Pauſe. Endlich ſpricht einer von den Marſchällen: „Dann haben wir Bürgerkrieg, Sire!— Ew. Majeſtät, gewohnt, in jeder Schlacht über das Schick⸗ ſal einer Hauptſtadt, eines Königreichs zu entſchei⸗ den, müſſen dann zu dem Handwerke eines Partei⸗ gängers herabſteigen, von Provinz zu Provinz ſtreifen, immer Krieg führen, überallhin Verwüſtung bringen, ohne ein Ende zu erreichen.“ Die übrigen Marſchälle treten der Anſicht ihres Collegen bei. Man gefällt ſich, die Greuel eines Bürgerkriegs in den dunkelſten Farben auszumalen. Der Kaiſer hat den Worten ſeiner Waffengefähr⸗ ten eine lange Zeit düſtres Schweigen entgegengeſetzt. Das Wort„Bürgerkrieg“ ergreift ihn tief, ſein hoher Sinn empört ſich bei dem Gedanken, als bloßer Par⸗ teigänger aufzutreten. „Wohlan,“ ruft er endlich, und ſein Römerantlitz wird vom letzten Hoffnungsſchimmer erleuchtet;„wenn ich auf die Vertheidigung Frankreichs verzichten muß, bietet nicht Italien eine Zuflucht dar, die unſrer wür⸗ dig iſt? Italien die Wiege unſres Ruhms? Will man mir noch einmal dahin folgen? Laßt uns nach den Alpen ziehen!“ Auf dieſen Vorſchlag folgt ein tiefes Schweigen. 38 Seine Worte prallen wie an erzenen Statuen an der Unbeugſamkeit der alten Waffengefährten ab, welche um jeden Preis Ruhe wollen. Kein Zuruf, kein Wort des Beifalls, ſelbſt kein Zeichen der Theil⸗ nahme für das Unglück des großen Helden wird ver⸗ nommen. Da überſchaut der Kaiſer eine lange Zeit mit einem unausſprechlichen Blicke die Männer, die er aus dem Staube gehoben, und die jetzt vor ihm ſte⸗ hen, fremd und theilnahmlos, als hätten ſie ihn nie gekannt. In ſeiner Bruſt tobt ein Vulkan. Doch bezwingt er ſich. „Ihr wollt Ruhe,“ ſpricht er endlich mit matter Stimme,„ſo nehmt ſie hin. Ihr wißt nicht, wie viel Kummer und Gefahren Euch auf Euren Dau⸗ nenbetten erwarten. Einige Jahre des Friedens, den Ihr ſo theuer erkauft, werden mehr von Euch in's Grab raffen, als der verzweifelte Krieg gethan haben würde.“ Mit dieſen Worten ergreift Napoleon die Feder, und ſich für beſiegt erkennend, weniger durch die Feinde als durch Verrath und Feigheit ringsumher, ſchreibt er die verlangte Abdankungsformel in folgen⸗ den Worten: „Da die verbündeten Mächte erklärt haben, daß der Kaiſer Napoleon das einzige Hinderniß der Wie⸗ derherſtellung des Friedens in Europa ſei, ſo erklärt der Kaiſer ſeinem Eide getreu, daß er für ſich und ſeine Erben auf die Throne von Frankreich und Ita⸗ lien verzichtet, und daß es kein Opfer, ſelbſt das ſeines Lebens gibt, welches er nicht bereit wäre, dem Intereſſe Frankreichs darzubringen.“ Während der ganzen großen Seene hatte Napo⸗ levn die bewundernswürdigſte Feſtigkeit gezeigt: als 39 er aber die verhängnißvolle Urkunde niedergeſchrieben und die Marſchälle bereit ſtehen, ſie in Empfang zu nehmen, bricht ſein Herz. Er wirft ſich auf ein Sopha und verhüllt eine lange Zeit ſein Geſicht. Dann ſchaut er mit jenem Lächeln der Ueberredung, das ſo oft unwiderſtehlich gefunden wurde, zu ſeinen Waffenbrüdern auf, und fleht, den Entſchluß, den ſie gefaßt, aufzugeben, das Abdankungsdocument zu ver⸗ nichten und ihm noch einmal zum Kampfe zu folgen. „Laſſet uns ziehen,“ rief er,„laßt uns noch ein⸗ mal auf dem Kampfplatze erſcheinen! Wir ſind ſicher ſie zu ſchlagen und auf unſre Bedingungen Frieden zu erhalten!“ Es war ein erſchütternder Moment, ſelbſt die von Egoismus erfüllten Marſchälle wurden ergriffen; aber die bereits früher ausgeſprochenen Anſichten wurden deshalb nicht zurückgenommen. Man wiederholte den ſchlechten Zuſtand der Armee, ſprach von Widerwil⸗ len, mit welchem der Soldat gegen den Senat fech⸗ ten würde und von unvermeidlichem Bürgerkriege. Da wendete der Kaiſer ſein Geſicht abwärts und winkte, daß man ihn verlaſſe. Schweigend entfernten ſich die Großwürdenträger. Napoleon blieb mit ſeinem Unglück und ſeinem Schmerze allein. Dieſe letzte weltgeſchichtliche Unterredung bezeich⸗ net die Geſchichte mit dem Namen der Marſchalls⸗ conferenz. 40 Drittes Rapitel. Frzen hatte einen Brief über den andern von La⸗ roſe erhalten, worin er beſchworen ward, ſchleunigſt nach Paris zu kommen, um die Befreiung Valerien's und ihrer Mutter, die von dem Grafen von Brienne in einer alten Raubburg im einſamen Gebirg in der Gegend von Orleans gefangen gehalten wurden, zu bewirken. Es ſei kein Augenblick zu verlieren, ſchrieb der unglückliche Gatte und Vater, die Ehre, ja das Leben ſeiner Tochter ſchwebe in Gefahr. Eugen war in Verzweiflung. Wenn er jetzt um Urlaub nach Paris bat, ſetzte er ſich bei dem Kaiſer nicht in den Verdacht, als folge er jenen treuloſen goldbedeckten Schmeichlern, die als Napolevn im Glick, vor ihm im Staube krochen und im Unglück ihn nicht zeitig genug verlaſſen zu müſſen glaubten? Der Ge⸗ danke, daß auch ihn ein ſolcher Verdacht treffen könne, war ihm entſetzlich. Zwei Tage lang hatte er gekämpft, ob er blei⸗ ben, die Geliebte dem Verderben überlaſſen oder ſich Urlaub erbitten ſolle. Da langte ein neuer Brief von Laroſe an, ein wahrer Hülferuf eines verzwei⸗ felten Vaters, dringender als alle die frühern. Eu⸗ gen vermochte jetzt nicht länger zu widerſtehen, und begab ſich zum Kaiſer, um auf einige Tage Urlaub nach der Hauptſtadt zu erbitten. Des Kaiſers Blick ruhte lange auf dem ſchönen Jünglinge. Unverholner Schmerz ſprach aus dem bleichen Antlitz des großen Dulders. „Auch Du, Eugen?“ frug er in einem Tone, — 44 der dem Jüngling die Seele durchſchnitt.—„Immer geh!“ ſetzte er nach einer Pauſe ruhig hinzu.„Ich halte Dich nicht.“ Das war zu viel für Eugen; Thränen brachen aus ſeinen Augen; er ſtürzte Napoleon zu Füßen. „O mein Kaiſer,“ rief er,„das hab' ich nicht verdient. Ich bleibe bei Euch und will keinen Ur⸗ laub. Verkennt mich nicht, mein Kaiſer, nur die äußerſte Noth, die Gefahr, in welcher ein mir theu⸗ res, heiliges Leben ſchwebt, zwang mich zu dem ſchwe⸗ ren Schritte. Den Beweis meiner Unſchuld ſpricht nur mein Herz und dieſes Schreiben.“ Napoleon griff nach dem jüngſten Briefe von La⸗ roſe, den Eugen empor hielt, und als er geleſen, ſprach er in mildem Tone: „Stehen Sie auf, Normand, welche Bewandtniß hat es mit dieſem Briefe?“ Eugen theilte dem Kaiſer kurz und präcis, wie es dieſer liebte, das Verbrechen des Grafen von Brienne mit. „Warum entdeckten Sie mir dieſes Bubenſtück nicht,“ frug Napoleon ſtreng,„als ich noch Kaiſer von Frankreich war? Es ward in meinem Lande be⸗ gangen.“ „Sire,“ antwortete der Jüngling,„mir ſelbſt erſt ward die Kunde davon vor wenigen Tagen.“ „Unter bewandten Umſtänden,“ fuhr der Kaiſer fort,„befehle ich Ihnen, die zwei Frauen aus den Händen dieſes Räubers zu retten. Aber für Ihre Perſon allein vermögen Sie nichts. Suchen Sie ſich ein halb Dutzend aus den Reihen meiner alten Garde aus. Dieſelben müſſen ſuchen, ſich auf verſchiedenen Wegen und ſo unbemerkt als möglich dem Raubneſte zu nähern. Ein gemeinſchaftliches Stelldichein muß 42 ſie vereinigen. Hierauf können Sie etwas wagen, ſei es durch Liſt oder Gewalt. Auf meine Grena⸗ diere iſt ſich zu verlaſſen, die nehmen es mit dem Teufel auf, wenn ich's befehle.“ Der Jüngling wußte kaum Worte des Dankes zu finden. Er bedeckte die Hand ſeines kaiſerlichen Freun⸗ des mit Küſſen. „Nichts übereilt,“ mahnte Napoleon,„dergleichen Unternehmungen erfordern Vorſicht. Sind Sie bei Caſſe?“ Eugen erröthete. Er mußte geſtehen, für den Augenblick von Geldmitteln entblößt zu ſein, doch poffte er in Paris ſich dieſelben leicht zu verſchaffen. „Bauen Sie nicht auf Paris,“ ſprach Napoleon mit ſchmerzlichem Lächeln.„Hier ſind fünfhundert Louisd'or. Schonen Sie kein Geld, wenn ſich Leute vorfinden, die beſtochen werden müſſen. Das Geld iſt eben ſo unumgänglich nöthig, die Tugend zu Grunde zu richten, wie das Laſter zu bekämpfen. Adieu, Herr Ordonnanzofficier, viel Glück zur Un⸗ ternehmung!“ Kaum war Eugen abgetreten, als ein Officier vom Marmon'ſchen Corps, das zu dem Feinde über⸗ getreten war, ſich melden ließ. „Ich kenne dieſes Corps nicht,“ ſprach Napoleon ſich ſtolz abwendend. „Sire,“ erklärte der Adjutant, welcher die Mel⸗ dung machte,„es iſt ein braver Ofſicier, der mit Thränen in den Augen bittet, vor Ew. Majeſtät ge⸗ laſſen zu werden, um im Namen ſeiner Cameraden die Unſchuld der übergeführten Truppen darzuthun.“ Der Kaiſer ging unſchlüſſig einige Mal im. Zim⸗ mer auf und ab. „Er mag kommen!“ ſprach er endlich. 43 Der Officier vom Corps des Herzogs von Ra⸗ guſa, der ſich mit Lebensgefahr von Verſailles, wo⸗ hin dieſes Corps abgeführt worden war, nach Fon⸗ tainebleau durchgeſchlichen hatte, ward eingeführt. Es war ein hoher ſtattlicher Mann. So wie er Napoleon erſchaute, kniete er nieder und hielt wie betend ſeine Hände gefaltet. „Nun, mein Herr Ruſſe,“ begann Napoleon iro⸗ niſch,„der Kaiſer Alexander und der König von Preußen ſind wohl gütigere Herren als der Kaiſer Napoleon?“ „Sire,“ erwiederte der Officier und der unge⸗ heucheltſte Schmerz ſprach aus dem ſchönen männlichen Antlitz,„nur drei Perſonen meines Corps haben dieſe Worte verdient. Ganz Verſailles iſt im Auſſtande. Der Sturm gegen unſre verrätheriſchen Heerführer iſt ausgebrochen. Souham und Bordeſoult haben vor unſern eignen Flintenſchüſſen flüchten müſſen und den Namen des Herzogs von Raguſa ſpricht kein franzö⸗ ſiſcher Soldat ohne Erröthen und ohne Entrüſtung aus. Obſchon halb Eurvpa bewaffnet zwiſchen Ew. Majeſtät und uns ſteht, ſo ſind doch die getreuen Truppen des verrätheriſchen Marſchalls jeden Augen⸗ blick bereit, ſich zu Ew. Majeſtät hindurch zu ſchla⸗ gen. Ein Wort, ein Wink, Sire, und ich führe Ih⸗ nen Ihr Corps zurück und ſollten wir uns unterwegs decimiren laſſen.“ „Es iſt zu ſpät, mein Freund,“ ſprach der Kai⸗ ſer in mildem Tone;„doch freut es mich, wenn ich das Corps nicht zu verdammen und zu verachten brauche. Ich habe nie an der Treue und der Ehre der franzöſiſchen Soldaten gezweifelt; aber Ihr hät⸗ tet Euch von ein paar Verräthern nicht ſo blindlings dupiren und der Schande zuführen laſſen ſollen.“ 44 Der Officier bot ſeine ganze Beredtſamkeit auf, auch in dieſer Hinſicht die Ehre ſeines Corps zu ver⸗ theidigen. „Der Geiſt der Truppen,“ ſprach er,„konnte nicht trefflicher, die Liebe und Verehrung zu Ew. Majeſtät nicht größer ſein. Als Befehl zum Aufbruch gegeben ward, glaubten Alle, es gehe gegen den Feind und ſie griffen jubelnd zu den Waffen. Der Verrath war nur wenigen der oberſten Führer be⸗ kannt, darum ward er erſt entdeckt, als es zu ſpät war.“ Er erzählte hierauf das Ausführlichere über die⸗ ſen Verrath, welcher die franzöſiſche Kriegsgeſchichte brandmarkt. „Der General Lacutte,“ ſchloß er,„war der ein⸗ zige Diviſionair, welcher von unſerm Corps treu blieb und ſich als Ehrenmann zeigte. Als er den uebergang erfuhr, ſprach er am folgenden Morgen zu ſeinen Truppen: „Ganze Corps haben vorige Nacht ihre Stellun⸗ gen verlaſſen. Ich hatte Befehl, Corbeile zu beſetzen; da mir kein entgegengeſetzter Befehl zugekommen, ſo bin ich mit Euch auf meinem Poſten geblieben. Die Tapfern laufen nicht davon, ſie wiſſen auf ihrem Poſten zu ſterben.“ Ein andrer Adjutant meldete jetzt den Herzog von Vicenza, welcher mit dem Tractat von Fon⸗ tainebleau von Paris zurückkehrte. Der Kaiſer trat Caulaincvurt haſtig entgegen. Sein Blick war niederſchmetternd. „Ich habe Ihnen,“ ſprach er,„binnen vierund⸗ zwanzig Stunden ſieben Couriere geſchickt, daß Sie mir meine Abdankung zurückſchicken ſollen. Ich un⸗ terſchreibe keinen Contract, der mit ekelhaften Geld⸗ 45 ſtipulationen zuſammenhängt. Das iſt unter meiner Würde. Ich bin beſiegt, ich weiche dem Waffenglück. Ein bloßes Cartel iſt hinreichend. Ich verlange blos, nicht als Kriegsgefangener behandelt zu werden. Brin⸗ gen Sie mir meine Abdankung zurück?“ „Sire,“ erwiederte der Herzog von Vicenza,„ich bitte Ew. Majeſtät, mich anzuhören, bevor Sie mir Vorwürfe machen. Es ſtand nicht mehr in meiner Gewalt, Ihnen die Acte Ihrer Abdankung zurückzu⸗ ſchicken. Es war mein erſtes Geſchäft in Paris, ſie den verbündeten Monarchen zu übergeben, damit alle Feind⸗ ſeligkeiten aufhörten. Sie hat den Unterhandlungen über den Friedensvertrag zur Grundlage gedient. Auch iſt das officielle Doeument der Abdankung Ew. Maje⸗ ſtät bereits in den Journalen erſchienen.“ „Was kümmert das mich,“ entgegnete Napoleon haſtig,„ob man ſie bekannt gemacht oder nicht, ob man ſie in die Journale eingerückt hat. Ich mag nicht in dieſen Formen unterhandeln.“ Caulaincourt erſchöpfte ſich, den Kaiſer von Allem, was in Paris vorging, mit Genauigkeit zu unterrich⸗ ten. Er verbarg ihm ſogar nicht, daß man Mord⸗ anſchläge auf ſeine Perſon befürchte. Er rief ihm ferner die Geſinnung und Stimmung aller derer in's Gedächtniß, welche ihn hauptſächlich zu ſeiner Abdan⸗ kung vermocht hatten. Es war Alles vergeblich. Na⸗ voleon's fortwährende Antwort war:„Ich unterzeichne nicht. Ich mag von keinem Vertrage wiſſen.“ Ein Theil des Tages geht unter dieſen peinlichen Debatten vorüber. Während dieſer Zeit entſteht großer Aufruhr im Schloſſe. Der zu dem Zimmer des Kaiſers führende Salon iſt überfüllt von Gruppen, welche ſich über die von Paris angelangten Nachrichten unterhalten. Man iſt außer ſich, daß Napoleon den Friedensvertrag noch nicht unterzeichnet hat, da man Alles als abgemacht betrachtet. Worauf wartet er noch? fragt man. Jedes⸗ mal, wenn die Thür des Kabinets ſich öffnet, erblickt man Köpfe, die ſich vorbeugen. Man drängt ſich ſo viel als möglich, um Alles, was beim Kaiſer vor⸗ geht, zu bevbachten. Das Aſyl des Unglücks wird durch die elende Neugier der Höflinge entweiht. Als Caulaincourt den Kaiſer verlaſſen, hatte er den Vertrag, welchen er im Namen Napoleon's, auf die Abdankungsurkunde deſſelben geſtützt, mit den Ver⸗ bündeten abgeſchloſſen, auf dem Bureau des kaiſer⸗ lichen Cabinets zurückgelaſſen. Es war ihm nicht einmal gelungen, den Kaiſer zu vermögen, ihn ganz zu durchleſen. Dieſes wichtige unter dem Namen des„Tractats von Fontainebleau“ bekannt gewordene Dveument, ſicherte dem Kaiſer Napoleon Rang, Titel und Ehren⸗ bezeugungen gekrönter Häupter zu. Die Inſel Elba ward ihm mit vollen Souverainetätsrechten als Eigen⸗ thum abgetreten. In allen Geldverhältniſſen waren die Verbündeten den Bevollmächtigten Napoleon's groß⸗ müthig entgegen gekommen. Ein Sitz in Italien ward der Kaiſerin Marie Louiſe und ihrem Sohne beſtimmt; allen Gliedern der kaiſerlichen Familie hatte man Einkünfte zugeſichert. Weder die Kaiſerin Joſephine noch der Prinz Eugen, Napoleon's Stiefſohn, waren vergeſſen worden. Der Kaiſer Alexander trieb die Großmuth ſo weit, ſich mit der kleinen Zahl von Adju⸗ tanten, Generalen und Dienern zu beſchäftigen, welche Napoleon's militairiſche Begleiter und ſeinen Haushalt ausmachten. Als der Abend hereingebrochen war, begab ſich Caulaincourt abermals zum Kaiſer. Dieſer befand 3 3 ſich in tieſſter Niedergeſchlagenheit. Die Aufregung des Tages hatte einer auffallenden Apathie Platz ge⸗ macht. Der Herzog von Vicenza bemühte ſich, ihn aus dieſem Zuſtande zu reißen. Napoleon antwortete einſylbig, aber ſeine Seele ſchien anderswo. „Sire,“ beſchwor ihn der Herzog,„in des Him⸗ mels Namen, im Namen Ihres eignen Ruhmes, faſſen Sie einen Entſchluß, welcher es ſei. Die Verhält⸗ niſſe erlauben kein Zögern mehr. Sire, ich kann nicht alle Beſorgniſſe, die mich verzehren, Ihnen mit⸗ theilen, aber wenn Caulainevurt, Ihr treuer, Ihr er⸗ gebener Freund, Sie beſchwört, Sie auf den Knieen anfleht, aus der Lage, in welcher Ew. Majeſtät ſich befinden, ſich zu reißen, ſo müſſen wahrhaftig gebiete⸗ riſche Gründe dabei obwalten.“ „Aber was wollen Sie denn, daß ich thun ſoll?“ frug Napoleon und ſein finſtrer Blick ruhte auf dem Herzoge von Vicenza. Caulaincourt ſchwieg. Der Kaiſer ſtand auf und ging, die Hände kreuzweis auf den Rücken gelegt, eine geraume Zeit langſam auf und ab. Dann, wie aus einem Traume erwacht, ſprach er mit ruhigem Tone: „Man muß der Sache ein Ende machen, ich fühl' es!— Mein Entſchluß iſt gefaßt.. Auf Morgen, Caulaincourt!“ Dem Herzoge von Vicenza fielen dieſe Worte eentnerſchwer auf die Bruſt. Es lag etwas Unheim⸗ liches in dem Tone, in welchem ſie der Kaiſer ſprach. Ein unbeſchreibliches Angſtgefühl überkam den treuen Freund, und als ihm Napoleon ſeine brennendheiße Hand zum Abſchied reichte, war es ihm, als riefe ihm eine Stimme zu, daß er den großen Unglücklichen in dieſer Nacht nicht allein laſſen ſollte. Nur mit ſchwerem, ſchwerem Herzen und nach langem Zögern entfernte ſich der Herzog. Immer ſtiller und dunkler wird die Nacht. Das Schloß von Fontainebleau ruht in tiefer Finſterniß. Selbſt der ſchwache Lichtſchimmer im Gemache Napo⸗ leon's iſt erloſchen. Alles ſcheint erſtorben und im Schlafe des Todes begraben. Die Thurmuhr hebt aus und verkündet die zweite Stunde des Morgens. Da ſieht man plötzlich ein helles Licht auf der einen Gallerie. Die öde Stille wird durch Schritte unterbrochen, welche die langen Gänge des Schloſſes entlang eilen. Lakaien rennen auf nieder. Die Kerzen in den innern Gemächern werden angezündet. Die Kammerdiener find auf den Beinen. Man klopft an die Thüre des Doctor Jwan. Man weckt den Großmarſchall Bertrand, man eilt nach dem Herzog von Baſſano, der in der Canzlei wohnt. Der Kammerdiener Conſtant ſteht an Cau⸗ laincvurt's Thüre und ruft ununterbrochen im Tone der höchſten Angſt, daß der Herzog zum Kaiſer kom⸗ men möchte, welcher dringend nach ihm verlange. Caulaincvurt, der in unruhigen Träumen gelegen, ſpringt eiligſt auf. Eine furchtbare Ahnung durch⸗ bohrt ſein Innerſtes. Ehe fünf Minuten vergehen, befindet er ſich am Bett des Kaiſers. Sein Vorge⸗ fühl hatte ihn nicht betrogen. Welcher Anblick ward dem zum Tode erſchrockenen Freunde! Napoleon rang mit den heftigſten Convulſionen und ſchien auf dem Punkt, das Leben auszuhauchen. Sein Geſicht be⸗ deckte eine gelbliche Bläſſe, die Lippen waren krampf⸗ haft verzogen, ein leichter Schweiß ſtand auf ſeiner 4 Stirn, die Augen waren erloſchen. Caulaincourt ahnte die Urſache von des Kaiſers 49 fürchterlichem Zuſtande, aber er vermochte nicht, ihn deshalb zu befragen. Der Doctor Jwan zupfte den Herzog am Arm. „Herr Herzog,“ ſprach er leiſe und dringend,„er iſt verloren, wenn er nicht trinkt. Er verweigert Alles.. Er muß aber durchaus trinken... Um Gottes Willen, ſuchen Sie ihn zu vermögen, daß er trinkt!“ Caulaincourt entriß auf dieſe Worte dem Doctor die Taſſe; es war Thee und bot ſie dem Kaiſer dar. Dieſer ſtieß ſie zurück. „Ich ſterbe, Caulaincvurt,“ ſprach er mit matter Stimme in abgebrochenen Sätzen,„ich empfehle Ih⸗ nen meine Frau und mein Kind... Vertheidigen Sie mein Andenken... es war nicht möglich... ich konnte das Leben nicht länger ertragen.“ Der Herzog von Vicenza konnte vor Schmerz nicht reden. Immer bot er dem mit dem Tode rin⸗ genden die Taſſe wieder an und immer wieder ſtieß dieſer ſie zurück. „Laſſen Sie ab, laſſen Sie ab!“ ſprach er mit ſterbender Stimme. „Sire,“ rief der treue Caulaincvurt außer ſich, „im Namen Ihres Ruhms, im Namen Frankreichs verzichten Sie auf einen Ihrer unwürdigen Tod!“ Ein tiefer Seufzer entſchlüpfte des Kaiſers keu⸗ chender Bruſt. Der Herzog von Vicenza war am Bette nieder⸗ geſunken. „Sire,“ rief er in flehendem Tone,„erhält Ihr Caulaincourt dieſe Gnade nicht?“ Er ſprang wieder auf und beugte ſich über Na⸗ polevn; ſeine Thränen rannen unaufhörlich. Von Neuem drang er in den Kaiſer, zu trinken. Dieſer Stolle, ſämmtl. Schriften. XIV. 4 50 ſchaute mit einem unbeſchreiblichen Blicke zu dem treuen Freunde auf. Der treue Freund ließ nicht nach. Endlich trank der Kaiſer. Ein Erbrechen, von heftigen Krämpfen begleitet, ſtürzte Alle in tödtliche Angſt. Nur Jwan's Stirn entwölkte ſich. Erſchöpft und faſt leblos war Napoleon auf das Kopfkiſſen zurückgeſunken. „Aber er muß noch immer trinken,“ fuhr Jwan fort,„er iſt verloren, wenn er nicht trinkt.“ Wieder begann Caulaincourt ſein flehendes Bit⸗ ten. Der Kaiſer widerſtand abermals; indeß gelang es endlich doch, ihn zu wiederholtem Trinken zu ver⸗ mögen. Neues Erbrechen hatte einige Erleichterung zu Folge. Die Magenkrämpfe verminderten ſich, die Glieder nahmen wieder Gelenkigkeit an, die Geſichts⸗ züge traten in ihre harmoniſche Form zurück. Napo⸗ leon war gerettet. Während des zweiſtündigen Todeskampfes ent⸗ ſchlüpfte ſeinem Munde keine Klage, kein Seufzer. Er erſtickte den Schrei, den ihm die furchtbarſten Schmerzen entriſſen, indem er ein Taſchentuch zwi⸗ ſchen die Zähne gepreßt hatte. Endlich trat einige Ruhe ein. Napoleon ſchlum⸗ merte. Während deſſen erzählte Conſtant den Her⸗ gang des ſchrecklichen Ereigniſſes. „Ich vernahm,“ ſprach er,„vor ungefähr zwei Stunden plötzlich ein Geräuſch in des Kaiſers Zim⸗ mer. Ich eilte herbei und fand ihn in den heftig⸗ ſten Convulſionen liegend, das Geſicht in das Kopf⸗ kiſſen gedrückt, um ſein Schreien zu erſticken. Alle Hülfe, die ich ihm zu reichen bemüht war, wies er zurück. In meiner Angſt weckte ich nun den Doctor Iwan. Als der Kaiſer dieſen gewahrte, rief er: 54 „Jwan, die Doſis war nicht ſtark genug.“ Hier erſt erhielten wir Gewißheit, daß er ſich vergiftet habe. Darauf verlangte er mit ſchwacher Stimme nach dem Herzoge von Vicenza. Beſorgt über die Folgen, welche die Wirkung des Giftes auf die Geſundheit des Kaiſers haben konnte, wandte ſich Caulaincourt, um den Doctor Iwan, den er noch im Zimmer glaubte, zu befragen. Dieſer war verſchwunden. Man ſuchte ihn, aber fand ihn nirgends. Später erſt ergab es ſich, daß Jwan, er⸗ ſchrocken über die Verantwortlichkeit, welche die Worte des Kaiſers„die Doſis war nicht ſtark genug,“ auf ihn werfen könnten, das erſte beſte geſattelte Pferd, das er im Schloßhofe gefunden, beſtiegen und nach Paris geſprengt war. Er ließ ſich auch in der Folge nicht wieder blicken. Mit dem Gifte ſelbſt, das der Kaiſer genommen, hatte es dieſe Bewandtniß. Zur Zeit ſeines Rück⸗ zugs aus Rußland war Napoleon beſorgt geweſen, ſich für mögliche Fälle ein Mittel zu verſchaffen, um nicht lebend dem Feinde in die Hand zu fallen. Er hatte ſich daher von ſeinem Wundarzte Jwan ein mit Opium vermiſchtes Gift bereiten laſſen, das er in einem Beutelchen während der ganzen Zeit der Ge⸗ fahr am Halſe trug. Seitdem war dieſes Gift in einen geheimen Fache ſeines Reiſekäſtchens aufbewahrt worden. Es hatte aber durch die Länge der Zeit an Kraft verloren. Darum konnte der Kaiſer noch ge⸗ rettet werden. Von Nervenzufällen gepeinigt, genoß Napoleon keines ruhigen Schlafs. Caulaincourt hatte ſich in einen Armſtuhl geworfen, welcher dem Bette gegen⸗ über ſtand. Die Reihe von Unglücksfällen, die er im Laufe eines Monats erlebt. zogen an ſeinem Geiſte 52 vorüber. Die jüngſte Nacht hatte dieſen Schreckniſſen die Krone aufgeſetzt. Da lag wenig Schritte vor ihm ein großer vom Throne geſtürzter Monarch, der ſeine Krone in's Grab legte, in den einzigen Zufluchtsort vor Be⸗ ſchimpfungen, die ſein tapfres Schwert nicht mehr zu rächen vermochte. Ja, dieſes war der Gedanke Na⸗ poleon's geweſen. Er hatte den Vertrag mit dem Tode dem Vertrage, den ihm der Fremde bot, vor⸗ gezogen. Der Kaiſer erwachte. Caulaincourt trat an ſein Bett. Die Dienerſchaft entfernte ſich. Napoleon's eingeſunkene matte Augen ſchienen die Gegenſtände, die ihn umgaben, zu ſuchen und zu erkennen. Eine ganze Welt von Qualen offenbarte ſich in dieſem Blicke, in dieſem unbeſtimmten verzweiflungsvollen Blicke. Nach einiger Zeit ward ſein Auge milder. Die Ruhe einer ſtillen Ergebung breitete ſich über ſein Antlitz. „Gott hat es nicht gewollt,“ ſprach er,„ich ſollte nicht ſterben. Es ſei!“ „Sire,“ ermahnte der Herzog von Vicenza,„Ihr Sohn, Frankreich, wo Ihr Name ewig leben wird, legen Ihnen die Pflicht auf, das große Unglück zu ertragen.“ „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief Napoleon durch den Gedanken an dieſen von Neuem auf das Schmerz⸗ lichſte gerührt,„welches Erbtheil hinterlaſſ ich ihn! — Dieſes als König geborene Kind— heute ohne Vaterland! Warum ließ man mich nicht ſterben!“ Thränen erſtickten ſeine Worte. Welch' eine Scene. Napoleon vergiftet, weint über die Zukunft ſeines einzigen Kindes! Napoleon, 53 iener Herrſcher, deſſen Gewalt ſich vor anderthalb Jahren noch von Nord bis Süd erſtreckte! Napoleon, jener Rieſe der Feldlager, der ſeine Adler auf alle Hauptſtädte Europa's pflanzte! „Sire,“ ſprach Caulaincvurt,„Sie dürfen ſo nicht ſterben. Frankreich muß Sie lebend beweinen.“ „Frankreich?“ frug der Kaiſer.„Es hat mich verlaſſen. Und Sie, Caulaincvurt, hätten an meiner Stelle gethan, was ich that. Als Alles mir zulä⸗ chelte, habe ich da nicht oft auf den Schlachtfeldern dem Tode Trotz geboten?“ „Ohne Zweifel,“ geſtand der Herzog von Vicenza, „ſind die Umſtände, in welchen ſich Ew. Majeſtät be⸗ finden, im höchſten Grade beklagenswerth, aber—“ „Es iſt nicht der Verluſt des Thrones,“ unter⸗ brach Napolevn,„der mir das Daſein unerträglich macht. Meine militairiſche Laufbahn gnügt mir und — eine Lorbeerkrone iſt weniger zerbrechlich als die Krone von Diamanten. Aber wiſſen Sie, was ſchwe⸗ rer zu ertragen iſt, als die Unfälle des Geſchicks? Wiſſen Sie, was das Herz zermalmt? Es iſt die Gemeinheit, die ſchändliche Undankbarkeit der Men⸗ ſchen. Vor den Erbärmlichkeiten derſelben, vor der Unverſchämtheit ihres Egvismus, habe ich das Haupt mit Ekel abgewendet, und habe das Leben verab⸗ ſcheut. Der Tod iſt die Ruhe... Was ich in den letzten zwanzig Tagen gelitten habe, kann nicht be⸗ griffen werden.“ In dieſem Augenblicke ſchlug die Stutzuhr die fünfte Stunde des Morgens. Die Strahlen der auf⸗ gehenden Sonne, die durch die Vorhänge mit ſtrah⸗ lendem Roth ſchimmerten, ſtärkten das ſtrenge und ausdrucksvolle Antlitz Napoleon's mit kräftigern Tö⸗ nen. Es lag in dieſem Manne ſo viel Größe, ſo viel Gewalt, daß es unmöglich ſchien, als könne er anders als durch einen Blitzſtrahl vernichtet werden. Napoleon erhob ſich, ergriff den Vorhang, warf ihn zurück und ſtützte ſich mit dem Ellenbogen auf das Kopfkiſſen. „Caulaincourt,“ ſprach er, mit der Hand ſeine Stirn berührend,„in dieſen letzten Tagen hatte ich Anugenblicke, wo ich glaubte, ich würde wahn⸗ ſinnig werden.— Der Wahnfinn iſt die letzte Stufe menſchlicher Verdorbenheit— Tauſendmal lieber ſterben!“ „Sire,“ tröſtete der Herzog von Vicenza,„ver⸗ ſcheuchen Sie dergleichen ſchreckliche Gedanken. Ihre ſo reiche Organiſation wird ſich nie ſchwächen. Ihr Muth muß Ihrem Ruhme gleichkommen und das Ge⸗ heimniß der vergangenen Nacht ſoll nicht über dieſe Mauern kommen.“ „Ich begreife Sie,“ ſprach Napoleon;„wenn ich mich dazu verſtehe, fortzuleben, ſo heißt das eben ſo viel als mich namenloſer Qual preisgeben. Gleich⸗ viel, ich werde ſie zu ertragen wiſſen!“ Nach einigem Nachdenken fuhr er fort: „Ich werde heute unterzeichnen. Ich befinde mich jetzt wohler, mein Freund. Gehen Sie auch zur Ruhe, armer Caulaincvurt!“ Er wünſchte allein zu ſein, um in der Stille und Einſamkeit die Energie, deren er zur Voll⸗ ziehung des Opfers bedurfte, wieder zu gewinnen. Der Herzog von Vicenza entfernte ſich. Erſt um zehn Uhr Vormittags ward er wieder zum Kaiſer gerufen. Napoleon war aufgeſtanden und vollkommen an⸗ gekleidet. Sein Geſicht war etwas verſtört; aber er hatte ſeine Herrſchaft über ſich ſelbſt wiedergewonnen . 55 und in ſeiner Haltung verrieth Nichts die Convul⸗ ſionen ſeiner Seele. Er beſprach ſich mit dem Herzog über mehre Be⸗ ſtimmungen des Vertrags. „Dieſe Klauſeln da, Geldſtipulativnen betreffend,“ ſprach er,„demüthigen mich. Man muß ſie ausſtrei⸗ chen. Ich bin nichts mehr als ein Soldat. Ein Louis täglich genügt.“ Endlich gab Napoleon nach und bequemte ſich zur Beſtätigung des Vertrags, dieſes letzten Kettengliedes, das ihn noch an die Souverainetät, die er mit ſo vielem Glanze geübt, knüpfte. „Jetzt,“ ſagte er raſch und kurz,„beſchleunigen Sie den letzten Abſchluß, bringen Sie den Vertrag in die Hände der Verbündeten. Sagen Sie, Cau⸗ laincourt, ſagen Sie ihnen in meinem Namen, daß ich mit dem ſiegreichen Feinde unter⸗ handle und nicht mit jener proviſoriſchen Regierung, in der ich nur ein Comité von Rebellen und Verräthern erblicke.“ Die beiden Bevollmächtigten Ney und Macdonald wurden jetzt in das Zimmer des Kaiſers gerufen. Er unterzeichnete in ihrer Gegenwart den Vertrag. Sein Sturz war vollzogen. Von dem allmächtigen Mo⸗ narchen blieb Nichts übrig als der— unſterbliche Mann. 56 Viertes Rapitel. Abſeits der ſanftſtrömenden Loire in düſtrer, men⸗ ſchenleerer Gegend ragten die Zinnen und Mauern der ehemaligen Raubburg Saintervix trotzig in die blaue Frühlingsluft empor. Die alte Veſte, welche manches Jahrhundert über die bemooſten Scheitel da⸗ hin ziehen ſah, hatte ſich ziemlich gut erhalten. Ein Zufall hatte es gewollt, daß die Revolution der neun⸗ ziger Jahre, welche über die meiſten Burgen und Schlöſſer Frankreichs ein nicht minder furchtbares Ge⸗ richt gehalten hatte, wie über die Bewohner derſelben, ſpurlos über Saintervix dahin gezogen war. Wahr⸗ ſcheinlich lag der Grund in der großen Abgelegenheit des Schloſſes und in der einſamen und wenig beleb⸗ ten Gegend. Noch war die Burg mit Zugbrücken, Waſſergräben, feſten Mauern und Thürmen wohl verſehen und be⸗ fand ſich in vollkommenem Vertheidigungszuſtande. In der ärmlichen Herberge des kleinen Dorfs, das ſich in wenig halbzerfallenen Hütten am Fuße des Schloßbergs hinzog, ſaßen Eugen und Laroſe bei einem Schoppen ſchlechten Landweins. Erſtrer war ſo eben von einer Recognoscirung des Raubſchloſſes, wo ſein Theuerſtes auf Erden gefangen gehalten wurde, zurückgekehrt. Er hatte ſich überzeugt, daß mit Ge⸗ walt hier nichts auszurichten ſei, obſchon ſechs alte Kaiſergardiſten, die, um kein Aufſehen zu erwecken, verkleidet in der Gegend umherſchlichen, auf den er⸗ ſten Wink zu ſeinem Beiſtande bereit waren. Man beſchloß alſo, ſeine Zuflucht zur Liſt zu nehmen. „Es bleibt nichts übrig,“ ſprach der Jüngling zu 57 ſeinem Begleiter,„als daß ich meine frühere Idee in's Werk führe und mich verkleidet in's Schloß ſchleiche. Bin ich einmal darin, öffne ich Euch bald das Thor; und wenn die Schurken ſich zur Wehr ſetzen, ſchlagen wir ſie ohne Weiteres zu Boden.“ „Laßt mich das Wagſtück unternehmen,“ bat der Vater Valerien's,„wenn ich auch dabei zu Grunde gehe; was liegt an mir, werden doch die Meinigen gerettet, die ſich ja dann unter Eurem Schutze be⸗ finden.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als an dem niedern Fenſter das behaarte Antlitz eines alten Gar⸗ diſten ſichtbar ward. So wie dieſer Eugen erſchaute, winkte er und verſchwand wieder. Auf dieſes Zeichen verließen die Beiden ſogleich die Wirthsſtube und folgten in einiger Entfernung dem Grenadier, welcher dem nahen Gehölze zuſchritt. Erſt als ſie in die Mitte des Waldes gekommen wa⸗ ren, wo ſie von Niemandem beobachtet werden konn⸗ ten, erreichten ſie den Vorangeſchrittenen. „Wir ſind in Ordnung,“ ſprach hier Victor, dies war der Name des Gardiſten;„dort auf der Land⸗ ſtraße naht ein Wagen, welcher Mundvvrrath in das Teufelsneſt führt. Carriere, dem's an Mundwerf und Liſt nicht gebricht, iſt dem Kärner bereits ein großes Stück Weges entgegen gegangen; er wird deſſen Ver⸗ trauen gewinnen und ſich Eingang in die Burg zu verſchaffen wiſſen. So wie das Fuhrwerk unter dem Fallthore dahin fährt, haut er die Stränge durch, das Loch iſt offen und das Neſt unſer. Ferrand und Lyon halten in der Felſengrotte rechter Hand für uns die Waffen bereit; die Uebrigen ſtehen wohlpoſtirt und können beim erſten Zeichen hervor brechen.“ Eugen und Laroſe reichten dem Gardiſten dank⸗ 58 bar die Hand, und alle drei ſchlichen bis an den Saum des Waldes, von wo ſie den langſam daher kommen⸗ den Frachtwagen beobachten und unbemerkt bis zur Burg verfolgen konnten. Carriere, der ſich dem Fuhrmann für einen Spiel⸗ mann aus Poitiers ausgegeben und zum Beweis be⸗ reits mehre luſtige Stückleins auf einer Art Clari⸗ nette aufgeſpielt hatte, ſchien ſich die vollkommene Gunſt des Vietualienhändlers erworben zu haben. Die Beiden kamen im vertraulichſten Geſpräche des Wegs daher. Oft hörte man den Fuhrmann laut auflachen, wahrſcheinlich unterhielt ihn der verſchmitzte Gardiſt mit drolligen Anecdoten und Schwänken. Das Fuhrwerk war jetzt bis an den Fuß des Schloßbergs gelangt, als Carriere dem Kärner die Hand zum Abſchied reichte. „Wie?“ frug dieſer,„luſtiger Schelm, wolltet Ihr nicht übermorgen mit mir zurückfahren nach der Loire?“ „Wohl wollte ich das,“ erwiederte der verkappte Gardiſt;„aber wo ſoll ich bleiben unterdeß? Im Schloß würden ſie Augen machen über den armen Spielmann; wohnen gar vornehme Leute darin, könnte leicht von den Hündleins hinausgehetzt werden.“ „Poſſen,“ lachte der Fuhrmann,„muß das beſſer wiſſen, kehre aller vierzehn Tage hier ein. Sind gar luſtige Leute drin, liederliche Dienerſchaft des gnädi⸗ gen Herrn Grafen, die einem Spielmann nichts zu Leide thun, wenn er brav aufſpielt. Euer Magen kann ſich freuen. Bringe fette Biſſen in die Kiüche. Fällt auch für Euch was ab, ſo Ihrs recht anfangt.“ „Nun,“ gegenredete Carriere,„auf Eure Verant⸗ wortung. Ich fürchte nur, mein Rücken wird's zu büßen haben.“ Das Fuhrwerk war jetzt an der Zugbrücke ange⸗ ek. —— 59 langt. Der Kärner legte einen Finger zwiſchen die Zähne und pfiff ſo durchdringend, daß es rings in den Bergen wiederhallte. Dabei knallte er energiſch mit der Peitſche. Auf dieſes Signal ward alsbald ein liſtiges Do⸗ meſtikengeſicht am Thore ſichtbar, das zu einem klei⸗ nen Fenſter herausſchaute. „Margot, ſeid Ihr's?“ frug der Schloßbewohner. „Allerdings, Etienne,“ war die Antwort,„bringe Naſchhaftes für Küche und Keller. Der gnädige Herr Graf hat guten Einkauf gemacht in Paris.“ „Wen bringt Ihr da nit?“ frug der Thorhüter weiter,„Ihr wißt, daß der Eintritt blos Euch für Eure Perſon geſtattet iſt.“ „Oeffnet getroſt,“ beruhigte Margot,„es iſt ein armer Schlucker, ein verhungerter und verdurſteter Spielmann aus Poitiers, pfeift nach Noten und Ihr tanzt gern mit der flinken Barbara darnach.“ Es waren jetzt Mehre der Dienerſchaft des Grafen Brienne an der Pforte erſchienen. Man debattirte, ob der Spielmann mit einzulaſſen ſei oder nicht. Endlich ſiegte die Mehrheit, welche mit der weiblichen Dienerſchaft in Abweſenheit des Grafen ein Tänzchen zu machen wünſchte. Der herbeigekömmene Major⸗ Domus gab ſeine Einwilligung, die Zugbrücke that ſich nieder und das Thorgitter ward aufgezogen. „Hab' ich's Euch nicht geſagt,“ ſprach Margot zu Carriere, indem er ſein Geſpann antrieb,„ſind luſtige Häuſer, die einen ehrlichen Spielmann nicht fürbaß ziehen laſſen.“ Das Fuhrwerk bewegte ſich vorwärts, fuhr über die Zugbrücke und gelangte unter das Thor. Hier benutzte Carriere den günſtigen Augenblick, ſchnitt mit wunderbarer Behendigkeit die Stränge durch und 60 ſtürzte mit Rieſenkraft den ganzen nicht gar zu ſchwe⸗ ren Karren über den Haufen. Zugleich blitzte ſeine bis dahin ſorgfältig verborgene Klinge luſtig im Son⸗ nenlicht und flammte unter der erſchrockenen Diener⸗ ſchaft umher. „Verrath! Verrath!“ ſchrie es von allen Seiten, „nieder mit dem Banditen!“ Die Dienerſchaft ſam⸗ melte ſich. Vom Schloßhofe daher ſtürmten Bewaff⸗ nete. Mehre Schüſſe fielen. „Die Zugbrücke auf! Das Thor nieder!“ com⸗ mandirte der Major⸗Domus; aber das war mit großen Schwierigkeiten verbunden. Das gerade unter dem Thore umgeſtürzte Fuhrwerk mußte erſt hinweggeräumt werden. Carriere kämpfte wie ein Löwe. Mehre der Die⸗ ner taumelten von ſeinen Streichen getroffen hier und da auf den Boden. Aber bald ward die Uebermacht zu gewaltig. Er mußte ſich bis unter das Thor zu⸗ rückziehen. Hier, den Rücken durch das Fuhrwerk ge⸗ deckt, vertheidigte er ſich gegen die Schloßbewohner⸗ ſchaft, die immer heftiger auf ihn eindrang. Schon blutete der Brave aus mehrern Wunden. Eine Kugel hatte ihm den linken Arm verwundet. Schon hielt er ſich für verloren, da ertönte freudiges Siegesgeſchrei in ſeinem Rücken. Die Grenadiere Napoleon's, Eugen an der Spitze, eilten im geſtreck⸗ ten Laufe daher. „Vive l'empereur!“ rief es, und wie eine Geſell⸗ ſchaft gereizter Panther warfen ſich die Gardiſten auf die Schloßvertheidiger. Es fochten Acht gegen Zwanzig. Eugen, welcher allein gegen fünf Mann kämpfte, befeuerte die Seinen ununterbrochen durch Zuruf. Aber das bedurfte es bei dieſen Männern nicht. „Wie,“ rief Vietor,„dieſes Lumpengeſindel wagt 6¹ der Garde Napoleon's zu widerſtehen? Da ſoll ein Donnerwetter drein ſchlagen. Latour, faß' Du dort an, ich hier!“ Mit dieſen Worten warf er ſeinen Säbel hinweg, war im Nu der kleinen Vertheidigungsarmee in der rechten Flanke, unterlief behend den Streichen, packte mit jeder Hand einen der Diener, die den Angriff von dieſer Seite nicht erwartet hatten, am Kragen, ſchlug ihre Köpfe zuſammen, und warf ſie ſo energiſch auf den gepflaſterten Boden, daß ihnen das Aufſtehen für eine geraume Zeit verging. Latvur folgte Victor's Beiſpiel auf dem linken Flügel, die übrigen Gardiſten durchbrachen das Mitteltreffen, ſo daß der Reſt der Beſatzung alsbald die Flucht ergriff und ſich in ei⸗ nen feſten Thurm flüchtete. Von hier aus begann man zu capituliren. „Schont unſer Leben,“ ſprach der Major⸗Domus, „und wir wollen Euch alles Gold und Silber aus⸗ liefern, ſo ſich in Saintervix befindet.“ „Wir verlangen nicht Euer Gold und Silber,“ gab Eugen zur Antwort,„ſetzt augenblicklich die bei⸗ den Frauen in Freiheit, die hier widerrechtlich gefan⸗ gen gehalten werden.“ Als der Major⸗Domus hierauf nicht ſogleich ein⸗ gehen wollte, unter der Entſchuldigung, daß in die⸗ ſem Schloſſe keine Gefangenen ſich befänden, befahl Eugen, den Thurm anzugreifen. „Es kommt Keiner lebendig vom Platze,“ drohte der Jüngling,„wenn die beiden Frauen nicht den Au⸗ genblick die Freiheit erhalten!“ Drei Grenadiere trugen jetzt einen Balken herbei, der in der Nähe lag und gebrauchten ihn als Mauer⸗ brecher gegen die Thurmthür. Dumpf donnerte das Holzſtück gegen das Thor, deſſen Pfoſten auch nach mehren Stößen zu weichen begannen. 62 „Pardon! Pardon!“ tönte es wiederholt im Thurme und zu gleicher Zeit fiel ein großer eiſerner Schlüſſel herab und eine Stimme rief:„Im Flügel linker Hand, die zweite Thür!“ Eugen bemächtigte ſich ſogleich des Schlüſſels, ge⸗ bot den Grenadieren bis auf Weiteres, Niemanden aus dem Thurme zu laſſen, vom Sturme aber abzu⸗ ſtehn. Er eilte hierauf mit Laroſe nach der bezeich⸗ neten Stelle. Niemand begegnete ihnen, denn Alles war zur Vertheidigung der Burg herbeigeeilt. Nur in der Nähe des linken Flügels blickte ganz ſchen ein Mädchenkopf hervor. „Wo iſt das Gefängniß der beiden Damen?“ frug Eugen. „Die zweite Thüre linker Hand,“ war die Ant⸗ wort. Bald befand ſich Eugen und Laroſe an derſelben. Sie war verſchloſſen, aber der eroberte Schlüſſel paßte. Zitternd öffnete der Jüngling. Man ſchritt einen langen Gang entlang. Dann führte der Weg eine Treppe tiefer. Endlich erreichten die Beiden eine kleine mit Eiſen beſchlagene Thür. Eugen klingte, aber ſie war feſt verſchloſſen. Auf wiederholtes Klopfen rief eine unbekannte weibliche Stimme: „Ach, gnädigſter Herr Graf, habt Erbarmen mit dem armen Kinde, Ihr werdet ſie tödten, wenn Ihr Gewalt braucht. Sie wird lieber ſterben, als Euern Wünſchen Genüge leiſten.“ „Es iſt nicht der Graf,“ antwortete Eugen, „Freunde ſind es, welche der Himmel zur Rettung ſendet.“ „O, das war eines edeln Menſchen Ruf,“ fuhr die weibliche Stimme fort:„aber Ihr täuſcht doch die Armen nicht? Wir dürfen Euch vertrauen?“ 63 „Gewiß,“ drängte Eugen,„die Unglücklichen ha⸗ ben keine beſſern Freunde auf Erden.“ Auch Laroſe bat jetzt die Stimme, daß ſie öffnen und ohne Furcht ſein ſolle. Da that ſich endlich die Thür auf. Eugen und ſeine Begleiter traten in ein kleines Vorzimmer. Vor ihnen ſtand eine Frau, bereits ziemlich in den Jah⸗ ren und von gutmüthigem Ausſehen. „Wo iſt das Fräulein?“ frug dringend der Jüngling. „Pſt, Pſt,“ winkte die Alte,„ſtört die Arme jetzt nicht, ſie betet.“ „Es iſt kein Augenblick zu verlieren,“ antwortete Eugen,„wir ſind zu ihrer Rettung gekommen. Führt uns zu ihr.“ Die Alte blickte eine Zeit lang zu dem Jüng⸗ ling auf. „Ja,“ rief ſie,„Ihr meint es gewiß gut, Ihr habt ein ſo redliches Geſicht. Folgt mir.“ Wieder ging die Wanderung einen Gang entlang. „Heffne, Valli,“ ſprach ſie,„gute Freunde wol⸗ len mit Dir ſprechen.“ Erſt nach langem Zaudern und nach wiederholten Bitten von Seiten der Alten, ſchob ſich der innere Riegel hinweg und die Thüre öffnete ſich. Da ſtand Valerie, zwar bleich und leidend, aber in derſelben bezaubernden Lieblichkeit wie einſt. Kaum erſchaute ſie ihren Retter, als ſie bewußtlos zurückſank. Der Jüngling fing die Sinkende mit feinen Ar⸗ men auf und trug die ſüße Bürde in's Zimmer. Frau Laroſe, welche ebenfalls herbei gekommen war, that einen lauten Schrei und ſank gleichfalls bewußtlos auf einen Stuhl zurück. Erſt nach langem Bemühen gelang es, die beiden 64 Frauen wieder in's Leben und zum Bewußtſein zu⸗ rückzurufen. Welch ein Wiederſehen! Welch ein Ent⸗ zücken! Immer von Neuem preßte Eugen ſein wie⸗ dergefundenes und gerettetes Mädchen in ſeine Arme, während Laroſe und ſeine Gattin dem ſeligen Gefühle des Wiederſehens nach ſo langer Trennung und ſo vielen Leiden ſich hingaben. Aus den Erzählungen der beiden Frauen kam das Verbrechen des Grafen von Brienne vollends an den Tag. Nur zu bald war den Armen der ſchändliche Plan des Verführers klar geworden. Nachdem der Böſewicht alle Mittel der Verführung vergebens an⸗ gewandt, ſuchte er ſeinen Zweck durch Drohungen und Gewalt zu erreichen. Er hatte Mutter und Tochter in eine Art Gefängniß ſperren laſſen und der Letzte⸗ ren einen Termin geſetzt, bis zu welchem ſie ſich ent⸗ ſcheiden ſollte, entweder als Favoritin das angenehmſte Leben an ſeiner Seite zu führen, oder für immer auf Rückkehr in die menſchliche Geſellſchaft, auf Freiheit und Lebensglück zu verzichten. Noch drei Tage, wo der Graf ſeine Rückkehr von Paris hatte anſagen laſſen, und der Termin war vorüber. Zum Glück war es den Frauen gelungen, durch eine Freundin in Paris Laroſe von ihrem Schickſal und Aufenthalt Kenntniß zukommen zu laſſen. Eugen mahnte zum Aufbruch. In dem kleinen Dorfe Lavillette hatte Victor be⸗ reits für einen Wagen geſorgt. Dorthin brachte man die Geretteten. Eugen und Laroſe nahmen Platz neben Valerien und ihrer Mutter. Auf den Kutſcherſitz ſetzten ſich zwei Gardiſten. So ging die Reiſe ſchleu⸗ nigſt dahin auf der Straße von Paris. Vorher hatte Eugen die entwaffnete Dienerſchaft von Sainteroir wieder in Freiheit ſetzen laſſen. Man war bereits bis in die Nähe von Lonjumeaur 2 65 gekommen, als ein vierſpänniger Reiſewagen im ſchnel⸗ len Trabe daher kam. Ein Reiter ſprengte voraus. Es war der Italiener Franzesco. Als dieſer Eugen erkannte und die zwei verſchleierten Damen gewahrte, ſtutzte er, hielt ſein Pferd an, kehrte um und jagte in geſtrecktem Galopp zu dem Vierſpänner zurück. „Tod und Teufel!“ raunte er dem Grafen Brienne zu, welcher im Wagen ſaß,„wenn mich nicht Alles trügt, kommen uns Valerie und ihre Mutter ent⸗ gegen.“ Der Graf lächelte ungläubig. „Das iſt nicht möglich,“ ſprach er,„Saintervix iſt zu wohlbefeſtigt, als daß es von einem Aben⸗ teurer überrumpelt werden könnte.“ „Möglich oder nicht möglich,“ erwiederte Fran⸗ zescv,„aber es iſt ſo. Den Normand hab' ich deut⸗ lich erkannt. Der Andere ſchien der Exſecretair. Auf dem Bocke ſitzen zwei verkleidete Soldaten. Graf, ich beſchwöre Euch, faßt einen Entſchluß, wir dür⸗ fen dieſe Geſellſchaft um keinen Preis nach Paris laſſen!“ Brienne hatte den Kopf aus dem Wagen geſteckt. Das entgegen kommende Fuhrwerk war bereits ganz nahe. Er erblaßte, als er die beiden Graubärte auf dem Kutſcherſitze erblickte; doch faßte er ſich ſchnell. „Ich werde die ganze Sippſchaft arretiren,“ ſprach er nach kurzem Beſinnen;„der Verhaftsbefehl, den ich mir zur Fürſorge hinſichtlich Eugen Normand's von Talleyrand ausgewirkt habe, ſoll mir treffliche Dienſte leiſten.“ „Das wird allerdings ohne ein paar blutige Köpfe nicht abgehen,“ entgegnete Franzesco,„wir ſind ihrer Fünf, dort Vier, die ſich nicht auf ein bloßes Papier Stolle, ſämmtl. Schriften. XIV. 5 66 hin werden gefangen nehmen laſſen. Aber unter ge⸗ genwärtigen Umſtänden iſt es das Beſte.“ Der Graf griff nach den zwei geladenen Piſtolen, die in der einen Wagentaſche befindlich. „Verſucht im Guten auseinander zu kommen,“ rieth Franzesco. Der Zweiſpänner brauſte heran. „Im Namen des Geſetzes.“ rief Brienne ſich mit Würde erhebend, den zwei auf dem Bocke ſitzenden Gardiſten zu,„befehle ich Euch, zu halten.“ „Was will das Heupferd?“ brummte Latour und ſchien von dem Befehle des Grafen nicht die geringſte Notiz zu nehmen. Eugen aber gebot, anzuhalten, und frug, was es gäbe? „Im Namen der proviſoriſchen Regierung,“ fuhr Brienne fort,„bin ich beauftragt, den Eugen Nor⸗ mand, zeitherigen Ordonnanzofficier des Kaiſers Na⸗ poleon zu verhaften.“ „Wer ſind Sie?“ frug Eugen und die Zornader trat ſichtbar auf ſeiner Stirn hervor. „Ich bin der Graf Alphons von Brienne,“ war die Antwort,„und hier iſt der Verhaftsbefehl.“ „Ich kenne keine proviſoriſche Regierung, wohl aber einen Schurken, der den Namen Alphons von Brienne führt!“ Kaum hatte Eugen dieſe Worte geſprochen, als der Graf ein Piſtol auf ihn abdrückte; die Kugel pfiff nahe bei ſeinem Kopfe vorbei. „Meuchelmörder!“ donnerte der Jüngling, ſprang mit einem Satze aus dem Wagen und ſtürmte mit gezücktem Degen auf Brienne. Dieſer war gleichfalls vom Wagen geſprungen und hatte ſeinen Degen ge⸗ zogen. Die Klingen kreuzten ſich. 67 Eugen, ein äußerſt gewandter Fechter, desarmirte ſofort den Grafen. „Du biſt nicht werth,“ rief er zornglühend,„daß ſich die Klinge eines ehrlichen Mannes mit Deinem Blute beſudle!“ Mit dieſem Worte kehrte er ſeinen Degen um und ſchlug den Entwaffneten mit dem Degengefäß zu Boden. „So,“ fuhr er fort,„müſſen Meuchelmörder und Verräther gezüchtiget werden!“ Die drei Diener des Grafen wurden von den beiden Gardiſten mit leichter Mühe entwaffnet. Fran⸗ zescv, als er den unglücklichen Ausgang des Kampfes gewahrte, hatte feiger Weiſe die Flucht ergriffen. „Jetzt fort!“ gebot Eugen, ſprang wieder in den Wagen und dieſer brauſte die Straße dahin. Es be⸗ durfte geraumer Zeit, ehe ſich die zwei Frauen von dem blutigen Schauſpiele, das vor ihren Augen vor⸗ gegangen war, erholten. Nach kurzer Fahrt erreichte man unangefochten und wohlbehalten die Barriere von Paris. Fünftes Rapitel. hatte Napoleon ſeinen Namen unter den Ver⸗ trag von Fontainebleau geſchrieben, als die Gallerien und Salons, die an des Kaiſers Zimmer ſtießen, immer öder wurden. Ein Großer nach dem Andern ward unſichtbar. Alles eilte, den unglücklichen Mann * 5 68 zu verlaſſen und in Paris bei dem neuen Regimente ſich ſeinen Platz und ſeinen Rang zu bewahren. Die Marſchälle hatten ihre ganzen Generalſtäbe mit fort⸗ geführt. Der Wind des Unglücks wehte durch die weiten Hallen von Fontainebleau und die vergoldete Menge zerſtob. Der gefürchtete Chef, der vor Kur⸗ zem nur noch von einem glänzenden Gefolge umgeben einherſchritt, der große Monarch, der Könige zu ſei⸗ nen Füßen geſehen, war nur noch ein einfacher Pri⸗ vatmann, enterbt der Freundſchaft und Pflege ſeiner Freunde. 8 Er hatte ſich ganz in einen Winkel des Palaſtes zurückgezogen und verließ nur ſelten ſein Gemach, um in dem kleinen Garten zwiſchen der Hirſchgallerie und der Kapelle, über welche der junge Frühling ſein er⸗ ſtes goldenes Grün geworfen, einſam auf⸗ und abzu⸗ wandeln. So oft das Rollen eines Wagens im Schloßhofe hertönte, unterließ er nie zu fragen, ob nicht einer ſeiner Miniſter käme, um ihm ein Lebe⸗ wohl zu ſagen. Er erwartete mit voller Sicherheit Molé, Fontanes und ſo viele Andre, die ihm dieſen letzten Beweis von Anhänglichkeit ſchuldig waren. Es erſchien keiner. Der getreue Maret, der Herzog von Baſſano, (Caulaincvurt war abweſend) iſt der Einzige, welcher bei ſeinem Gebieter mit unerſchütterlicher Standhaf⸗ tigkeit aushält. Häufig erblickt man die Beiden im Geſpräch mit einander. Napoleon bewahrt in ſolchen vertrauten Unterredungen alle jene Heiterkeit, welche in den ſchönſten Tagen ſeines Ruhms auf ſeinem Ge⸗ ſicht ſtrahlte; und nach dem Betragen des Miniſters zu ſchließen, ſollte man nicht glauben, daß dieſe Tage vorüber ſind. Die Achtung, die Aufmerkſamkeit, die zarten Rückſichten ſind noch dieſelben, wie einſt. 69 Es war während einer ſolchen Unterredung, als Berthier, der Prinz von Neufchatel in's Gemach trat. Seine Haltung iſt unſicher, ſein Benehmen verräth eine gewiſſe Verlegenheit. Er ſtammelt Entſchuldi⸗ gungen und verkündet ſeine Abſicht, nach Paris ab⸗ zureiſen, wo er Papiere in Sicherheit zu bringen habe, die für den Kaiſer ſelbſt von Wichtigkeit wä⸗ ren. Seine Gegenwart in Paris ſei durchaus noth⸗ wendig. Während er ſpricht, betrachtet ihn der Kaiſer lange mit ſchmerzlichem Staunen. „Berthier,“ ſpricht er endlich, indem er des Für⸗ ſten Hand ergreift,„Berthier, Sie ſehen, wie ſehr ich des Troſtes bedarf und beſonders in der Nähe meiner wahren Freunde.“ Er betont dieſe letztern Worte. Berthier ant⸗ wortet Nichts. Napoleon fährt fort: „Sie werden Morgen zurückkehren, nicht wahr, Berthier?“ „Gewiß, Sire,“ erwiedert der Prinz von Neuf⸗ chatel. Hierauf verläßt er das Zimmer. Napoleon ſpricht lange Zeit kein Wort. Der Herzog von Baſſano ehrt dieſes Schweigen. Aus dem Blicke des Kaiſers, der auf dem Fußboden ruht, ſpricht eine nicht zu beſchreibende Trauer. Große Gedanken durchkrenzen ſeine leidende Seele. Endlich nähert er ſich dem Her⸗ zoge von Baſſanv, legt ſeine Hand auf deſſen Arm, den er heftig drückt. „Maret,“ ſpricht er,„er wird nicht wiederkehren.“ „Wie?“ fragt der Herzog von Baſſanv,„das könnte Berthier, den Ew. Majeſtät noch vorgeſtern ſo hoch ehrten, indem Sie ihm den Oberbefehl der Truppen abtraten?“ 70 „Er wird nicht wiederkehren,“ wiederholt Napo⸗ leon in einem Tone, welcher dem Herzoge von Baſſanv die Thränen in die Augen treibt. Hierauf winkt der Kaiſer; ſchweigend verläßt ihn der Miniſter. Erſchöpft ſinkt Napoleon auf einen Armſtuhl und bedeckt lange Zeit ſein Geſicht mit beiden Händen. Da nahen ſich Schritte. Es iſt Caulaincourt, welcher von Paris zurückkehrt. Der Kaiſer erwacht aus ſeinen ſchmerzvollen Träu⸗ men, wendet den Kopf und als er den Getreuen er⸗ blickt, erhellt ein Blick der Freude ſein Geſicht. Er erfaßt die Hand des Eingetretenen: „Iſt Alles bereit zu meiner Abreiſe?“ fragt er. „Sire,“ antwortet der Herzog von Vicenza mit mühſam unterdrücktem Schmerze,„es iſt Alles bereit.“ „Das iſt gut,“ fährt der Kaiſer fort.—„Mein guter Caulaincvurt, Sie verſehen bis an's Ende den Großſtallmeiſterdienſt um meine Perſon. Wiſſen Sie, daß Berthier abgereiſt iſt? Berthier abgereiſt, ohne mir ein Lebewohl zu ſagen?“ Eine lange Pauſe erfolgte. Der Herzog von Vicenza wußte nichts zu erwiedern. „ Napoleon ſprach hierauf mit Würde von dem Be⸗ nehmen der Großofficiere des Reichs in dieſen letzten Tagen. „Ich bin tief gedemüthigt;“ ſprach er,„Männer. die ich ſo hoch erhoben in den Augen Europa's, wür⸗ digen ſich ſo herab. Was iſt aus dem Ruhmglanze, mit dem ſie dem Auslande imponirten, jetzt gewor⸗ den? Was ſollen die Herrſcher von den Notabilitäten meiner Regierung denken?“— Nach einer kurzen Pauſe ſetzte er bitter lächelnd hinzu:„Und gleichwohl mag ich machen, was ich will, dies Frankreich iſt noch immer mein, Alles, was 71 daſſelbe entblättert, iſt ein Schimpf, der mir ange⸗ than wird. Ich hatte mich mit ihm verſchmolzen.“ Napoleon trat nach dieſen Worten an einen Tiſch⸗ worauf ein Haufen Pariſer Zeitungen lag. Faſt alle waren voller Schmähungen gegen ſeine Perſon. „Da ſehen Sie,“ ſprach er lächelnd,„ſo ſind die Menſchen; wenn ich ſo viele Fehler und Verbrechen während meiner Regierung beging, wie dieſe Zeitung⸗ ſchreiber beſagen, warum machte man mich nicht frü⸗ her darauf aufmerkſam? Ich habe dem gerechten Ta⸗ del nie mein Ohr verſchloſſen. Doch dies hätte ſein mögen; wenn ſie es nicht wagten, mich zu tadeln, ſo waren ſie doch nicht gezwungen, mich zu loben und fortwährend nur mit Schmeicheleien zu überſchütten, wie ſie gethan haben. Warum ſchwiegen ſie nicht lieber? Das Schweigen der Völker iſt die Lehre der Könige.“ Der Kaiſer nahm ein Zeitungsblatt in die Hand. „Da iſt ein Artikel,“ fuhr er fort,„worin ich neben Nero und Caligula geſtellt werde; er übertrifft an Gehäſſigkeit alle übrigen und iſt mit Lacretelle unterzeichnet. Ich kenne Zwei dieſes Namens. Iſt er der meinige, der dieſe Schmähſchrift verfaßt hat?“ Der Herzog von Vicenza vermochte ihm hierüber keine Auskunft zu geben. „Gehen wir ein wenig in den Garten, Caulain⸗ evurt, die Wände ſind mir beengend; was haben Sie für Nachrichten über meine Familie?“ „Ihre Majeſtät die Kaiſerin,“ berichtet der Ge⸗ fragte,„iſt dem Wunſche ihres Vaters gemäß, mit ihrem Sohne nach Wien unterwegs. Mehre ihrer Palaſtdamen begleiten ſie.“ „Caulaincvurt,“ frug hier Napolevn und ſeine Stimme zitterte,„in welchem Criminalcoder irgend 72 einer Nation haben Sie geleſen, daß man die Gat⸗ tin von dem Gatten, das Kind von ſeinem Vater trennt? Doch weiter!“ „Die Kaiſerin Mutter,“ fuhr Caulaincourt fort, „ihr Bruder, der Kardinal, haben Orleans verlaſſen und den Weg nach Rom eingeſchlagen. Der Prinz Ludwig iſt nach der Schweiz abgereiſt. Die Prinzen Joſeph und Hieronymus ſtehen im Begriff denſelben Weg zu nehmen.“ „Iſt es doch,“ ſprach der Kaiſer,„als habe ein Blitzſtrahl in meine Familie geſchlagen!“ Er ging einigemal mit ſchnellen Schritten im Zimmer auf und ab; dann fuhr er fort: „Kommen Sie in den Garten, Caulaincvurt.“ Als die Zwei das Gemach verlaſſen, und die Hirſchgallerie entlang wandelten, trat ein Cüraſſier der alten Garde, der ſchon lange auf den Kaiſer ge⸗ wartet zu haben ſchien, ſalutirend in den Weg. „Was willſt Du?“ frug Napoleon. „Mein Kaiſer, ich verlange Gerechtigkeit von Ih⸗ nen,“ erwiederte der Veteran mit bittendem Tone. „Was hat man Dir gethan?“ „Man thut mir ſchreiendes Unrecht,“ fuhr der Cüraſſier fort.„Ich habe zwei und zwanzig Jahre Dienſt von ſechs und dreißig Altersjahren; ich bin decorirt— hier ſchlug er ſich auf ſeine breite Bruſt — und ich ſtehe nicht auf der Reiſeliſte. Ich werde unter den Privilegirten eine leere Stelle machen. Das geht nicht ſo ab.“ „Du haſt alſo große Luſt, mit mir zu gehen?“ „Das iſt keine Luſt, mein Kaiſer,“ erwiederte der Schnauzbart;„es iſt mein Recht, meine Ehre, die ich fordere“ „„Haſt Du auch überlegt,“ frug Napoleon, und 73 in ſeinen Worten lag ein bezauberndes Wohlwollen, „daß Du Frankreich, Deine Familie verlaſſen, auf Vorrücken Verzicht leiſten mußt? Du biſt Maréchal de logis.“ „Ich ſchenke Ihnen mein Avancement,“ ſprach der Gardiſt,„ich habe meine Galons und mein Kreuz— das genügt mir. Das Uebrige kann ich entbehren. Zu dieſer Stunde iſt für unſer Einen das Land das Regiment; unſer Kirchthurm die Fahne. Und was die Familie anlangt, ſind Sie ſchon ſeit zweiund⸗ zwanzig Jahren meine Familie, Sie, mein General. Ich war Trompeter in Aegypten, wenn Sie ſich er⸗ innern.“ „Nun gut,“ ſprach Napolevn,„Du ſollſt mit mir kommen, Kind; ich werde das anordnen.“ „Dank, Dank, mein Kaiſer!“ rief der Veteran, „ich hätte ein Unglück angerichtet, das iſt gewiß.“ Der Brave entfernte ſich mit glücklicher und ſtolzer Miene. „Das gleicht Alles aus! Caulaincourt,“ ſagte der Kaiſer tief bewegt;„ich darf nur vierhundert Mann mit mir nehmen und meine brave Garde will ſammt und ſonders mir folgen. Jeder von dieſen Höflingen da wetteifert im liſtigen Auffinden eines Grundes, ſei es Dienſtalter, ſei es die Anzahl ſeiner Armſtreifen, das ihn berechtigt, Brot und Boden der Verbannung mit mir zu theilen. Brave, brave Leute! Warum kann ich Euch nicht Alle mitnehmen!“ Kaum waren die Zwei eine Zeit lang im Garten auf⸗ und abgewandelt, als ſich der Obriſt Montholon anmelden ließ, der an die Oberlvire geſchickt worden war, um über den Zuſtand dieſer Gegend Bericht zu erſtatten.. Napoleon befahl, den Obriſten vorzulaſſen. 7⁴ Derſelbe erſchien und entwarf ein begeiſterndes Gemälde über den trefflichen Geiſt der Bewohner und der verſchiedenen Armeecorps. Er ſchlägt dem Kaiſer vor, ſich nach Rouanne oder Moulins zu begeben, wo er von zehntauſend erleſenen Truppen mit Jubel empfangen werden würde. Er verſichert, daß, wenn man den Weg über die Gebirge nähme, Napoleon die Corps der Marſchälle Augereau, Soult und Suchet leicht an ſich ziehen und an der Spitze von hundert⸗ tauſend Mann ſtehen könne. „Sire,“ ruft er,„noch gebieten Sie über furcht⸗ bare Streitkräfte, die Feinde und Verräther zu zer⸗ ſchmettern.“ Das Auge des Kaiſers ruht mit Wohlgefallen auf dem begeiſterten Sprecher. Ein Lächeln ſpielt über ſein Antlitz. „Es iſt zu ſpät, mein Freund,“ ſpricht er end⸗ lich,„ich habe abgedankt, und nichts in der Welt könnte mich bewegen, die Fackel des Bürgerkriegs über Frankreich zu ſchleudern. Aber was Sie mir vorzuſchlagen gekommen ſind, werde ich Ihnen nie vergeſſen, hören Sie, niemals. „Es iſt zu ſpät,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „ſie haben es nicht gewollt.“ Er unterhielt ſich hierauf noch eine lange Zeit mit Montholon. Als dieſer ſich entfernt hatte, wandte ſich der Kaiſer wieder zu dem Herzog von Vicenza. „Caulaincvurt,“ frug er,„ſo iſt Alles zur Ab⸗ reiſe fertig?“ Der Gefragte bejahte ſchweigend. „Morgen Mittag ſteige ich in den Wagen,“ ſetzte er kurz hinzu. Caulaincourt beobachtete lange Zeit ein ſchmerz⸗ ₰ — 10 volles Schweigen. Sein Blick begegnete dem des Kaiſers, der auf ihn gerichtet war. „Caulaincvurt,“ ſprach Napolevn, dem getreuen Freunde die Hand reichend,„wir hätten uns nie ver⸗ laſſen ſollen.“ „Sire,“ rief der Herzog von Vicenza, der ſeinen Schmerz jetzt nicht länger zurückzuhalten vermochte, „ich bleibe bei Ihnen. Frankreich iſt mir verhaßt, ich finde nur Ruhe und Troſt bei Ew. Majeſtät.“ Der Kaiſer ſchüttelte wehmüthig lächelnd das Haupt. „Nein, Caulaincourt,“ ſprach er mild,„Sie dür⸗ fen Frankreich nicht verlaſſen. Sie ſind mir hier nützlicher als auf Elba. Wer würde ſich mit den Intereſſen meiner Familie, mit denen meiner treuen Diener befaſſen? Wer vertheidigt die Sache jener tapfern und treuergebenen Polen, die in hundert Schlachten für mich geblutet, und deren ehrenvolle Dienſte der Neunzehnte Artikel des Vertrags gewähr⸗ leiſtet? Bedenken Sie wohl! Es iſt für Frankreich, für mich, für uns alle eine Schmach mehr, wenn die Intereſſen der Polen nicht unwiderruflich geſichert wären. „Dem Rechte gemäß,“ fuhr der Kaiſer nach einer Pauſe fort,„das mir der Neunte Artikel gibt, habe ich einen Etat anfertigen laſſen und die Summen feſtgeſetzt, mit denen ich meine Garden, meinen Ci⸗ vil⸗ und Militairſtaat und meine Dienerſchaft be⸗ ſchenken will. Treue und Bravheit können nicht mit Geld belohnt werden; aber jetzt iſt dies Alles, was ich geben kann. Sagen Sie ihnen ja, Caulaincvurt, es ſei ein Andenken, das ich jedem Einzelnen, es ſei eine Beſcheinigung treuer Dienſte, die ich ihnen hin⸗ 76 terließe. Wachen Sie darüber, daß alle dieſe Ver⸗ fügungen pünktlich vollzogen werden.“ Der Herzog von Vicenza mußte die Erfüllung dieſes ausgeſprochenen Wunſches mit Hand und Mund geloben. „In einigen Tagen,“ fuhr er nicht ohne Bitter⸗ keit fort,„werde ich in meiner Souverainetät auf Elba eingerichtet ſein. Ich habe Eile, dort aufzu⸗ athmen. Ich erſticke hier. Wer hätte geglaubt, daß mir die Luft Frankreichs je verhaßt werden könnte. So große und herrliche Dinge hatte ich für dieſes Land geträumt. Es fehlte mir die Zeit. Der Bei⸗ ſtand Aller war nothwendig. Sie haben mir ihn verweigert. Ich ſagte es Ihnen vor der Leipziger Schlacht, Caulaincvurt, das franzöſiſche Volk vermag Unfälle nicht zu ertragen. Das bravſte und umſichts⸗ vollſte Volk der Welt hat nur Ausdauer, wenn es im Gefecht ſiegt; Niederlagen demoraliſiren es mit furchtbarer Schnelle. Sechzehn Jahre lang folgten mir die Franzoſen von Eroberung zu Eroberung. Ein einziges Jahr voller Unfälle ließ Alles vergeſſen, verſchlang Alles.“ Er ſeufzte tief auf. Seine Gedanken fielen wie⸗ der auf ſeine Gattin und ſein Kind. „Iſt ſo etwas erhört worden,“ rief er in großer Aufregung,„ich ward beſiegt, man hat mir Krone und Reich genommen, aber wer gab den Siegern das Recht, mir auch die Rechte eines Gatten und Vaters zu nehmen?“ Große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn, ſeine Aufregung ſtieg von Augenblick zu Augenblick. „Sire,“ beruhigte der Herzog von Vicenza,„ich ſchwöre Ihnen, daß all' mein Eifer und meine Be⸗ mühungen dahin gehen werden, ſobald als möglich — eine Vereinigung zu bewirken. Es iſt die Sache aller Familienväter, aller Staatsbürger.“ „Nein,“ fuhr Napoleon noch immer in Leiden⸗ ſchaft fort,„es iſt ein feſtgefaßter Entſchluß. Sehen Sie denn nicht, daß man nicht wagt, mich vor den Kopf zu ſchießen, und mich hinterliſtig ermordet? Es giebt tauſend Mittel mich zu tödten.“ „Sire, im Namen des Himmels,“ rief Caulain⸗ cvurt,„beruhigen Sie ſich, Ew. Majeſtät können auf mich zählen. Ich werde den Kaiſer von Oeſterreich nach ſeiner Ankunft ſprechen; die Kaiſerin von ihrer Seite wird das ihrige thun. Seien Sie überzeugt davon.“ Napoleon ward nach dieſen Worten ruhiger. Sein ſanften Gemüthsbewegungen abgeſtorbenes Herz ſchöpfte neue Hoffnung. „Sie haben Recht, Caulaincourt,“ ſprach er, „meine Frau wird bei ihrem Vater für unſere ge⸗ meinſchaftliche Sache ſprechen. Meine Frau liebt mich; ich glaube es.— Sie hatte ſich nie über mich zu beklagen. Es iſt unmöglich, daß ich ihr gleich⸗ gültig geworden bin. Louiſe hat einfache Neigungen. Sie iſt ſanft, verſtändig. Sie wird das Dach ihres Mannes dem Almoſen eines Herzogthums vorziehen. Auf der Inſel Elba kann ich mit meiner Frau und meinem Sohne noch glücklich werden.“ Der Herzog von Viecenza betrachtete mit ſtiller Bewunderung Napoleon, wie dieſer ſo viel Größe überlebend, ſich mit einem Leben häuslicher Ruhe ausſöhnte; wie der Mann, der die Welt mit ſeinem Namen und ſeinen Thaten erfüllt, jetzt im vierund⸗ vierzigſten Jahre eine ſo glanzvolle Laufbahn beſchloß und ergeben in ſein Schickſal, bereit ſtand, in die Verbannung zu gehen. 78 Er ſprach jetzt ohne Bitterkeit von den Angele⸗ genheiten des Landes. Mit großer Mäßigung bezeich⸗ nete er die Schwierigkeiten, welche die Dauer der neuen Ordnung der Dinge unmöglich machten; ent⸗ wickelte die Möglichkeiten, die aus dem Entſchluſſe, die Bourbonen wieder auf den Thron Frankreichs zu ſetzen, hervorgehen würden. „Zwiſchen den alten Bourbonen,“ ſprach er,„und den neuen Franzoſen iſt eine Uebereinſtimmung durch⸗ aus unmöglich. Die Zukunft geht mit Freigniſſen“ ſchwanger. Caulaincourt, Sie werden mir oft ſchrei⸗ ben. Ihre Briefe werden mir Sie entbehren helfen. Das Andenken, das ich von Ihnen mitnehme, ver⸗ ſöhnt mich mit den Menſchen. Sie ſind der vollkom⸗ menſte Freund.“ Er breitete ſeine Arme aus. Caulaincourt warf ſich an Napoleon's Bruſt und weinte lange daſelbſt. „Wir müſſen uns trennen,“ ſprach der Kaiſer; „Morgen bedarf ich noch all' meines Muthes, um von meinen Soldaten Abſchied zu nehmen. Brave, bewundernswerthe Garde! Treu wie Gold, ergeben im Glück wie im Unglück! Morgen werde ich ihr Lebe⸗ wohl ſagen. Endlich! Es iſt das letzte Opfer, das ich zu bringen habe.“ Dann ſetzte er mit einer von Schmerz gebroche⸗ nen Stimme hinzu: „Caulaincourt, treuer, wackrer Freund, lebe wohl! Wir ſehen uns eines Tages wieder!“ Er wandte ſein Geſicht ab und verließ ſchnell das Gemach. In der folgenden Nacht erlitt polee den letzten Abfall. Sein vertrauter Kammerdiener Conſtant und ſein Mameluk Ruſtan, der quer über „ 25 3 79 der Schwelle ſeines Zimmers zu ſchlafen pflegte, wa⸗ ren verſchwunden.— Endlich iſt der verhängnißvolle Zwanzigſte des Märzes erſchienen. Die vier Commiſſarien der Ver⸗ bündeten, welche den Kaiſer bis Elba begleiten ſollen, ſind angelangt; von Seiten Rußlands, der General Schuwaloff, Oeſterreichs, der General Koller, Eng⸗ lands, der Obriſt Campbell, Preußens, der General Waldburg⸗Truchſes. Es iſt Mittag. Die Reiſewagen ſind auf dem Hofe des weißen Roſſes und dem Hufeiſen vorgefah⸗ ren. Die kaiſerliche Garde tritt unter die Wafſen. Dieſe Veteranen, von allen Himmelsſtrichen gebräunt, bedeckt mit Narben aus Schlachten mit allen Natio⸗ en, zahlreich decorirt mit dem rothen Bande der Ehrenlegion, den linken Arm voller Dienſtſtreifen; da ſtehen ſie von Schmerz gebeugt, die Blicke nicht aufwärts gerichtet zu dem Geſtirne, das ſie ſo oft zum Siege geführt, ſondern zu Boden gekehrt. Die⸗ unſterbliche Phalanx zählt noch immer einige Gre⸗ zadiere von Arcole, den Pyramiden, Abukir, Ma⸗ rengo, Auſterlitz, Jena, Friedland, Eilau, Madrid, Wagram, Lützen, Bautzen, Dresden und ** anau. Da ſteht ſie, dieſe unſterbliche Garde, um bſchied zu nehmen von ihrem großen Feldherrn. 8 Um Ein Uhr verläßt Napoleon ſein Zimmer. c dem zahlreichſten und glänzendſten Hofe Euro⸗ pa's ſind dem Kaiſer nur folgende Perſonen geblie⸗ ben, die ſich auf dem Wege zum Abſchiede aufgeſtellt haben, Es ſind der Herzog von Baſſano, der Ge⸗ neral Belliard, der Obriſt von Buſſi, der Obriſt Anatole Montesquivu, der Graf von Turenne, der General Fouler, der Baron Mesgrigny, der Obriſt Gourgaud, der Baron Fain, der Obriſtlieutnant Atha⸗ 80 lin, der Baron de la Place, der Baron Ledorgne d'Ideville, der Ritter Jouanne, der General Koſtaowsky und der Obriſt Vonoſowitſch. Napoleon reicht jedem die Hand, ſteigt lebhaft die Treppe herab und an den Reihen der Wagen vor⸗ übergehend, tritt er gegen ſeine Garde vor. Er giebt ein Zeichen, daß er reden will. Jeder ſchweigt. Eine Todtenſtille tritt ein. Man hört ein Sandkorn fal⸗ len. Der Kaiſer ſpricht: „Soldaten meiner alten Garde, lebet wohl! Seit zwanzig Jahren habe ich Euch beharrlich auf dem Wege der Ehre und des Ruhms gefunden. In die⸗ ſen letzten Zeiten, wie in denen unſeres Glückes wa⸗ ret Ihr ſtets Muſter an Tapferkeit und Treue. Mit Männern, wie Ihr, wäre unſre Sache nicht verloren geweſen; aber der Krieg war nicht zu beendigen. Es wäre ein Bürgerkrieg und Frankreich noch unglückli⸗ cher geworden. Ich habe daher alle unſre Intereſſen denen des Vaterlands zum Opfer gebracht. Ich ſcheide. Ihr, meine Freunde, fahret fort, Frankreich zu dienen. Sein Glück war mein einziger Gedanke Es wird immer der Gegenſtand meiner Wünſche blei⸗ ben. Beklagt mein Schickſal nicht. Wenn ich darein gewilligt habe, mich ſelbſt zu überleben, ſo geſchah es nur, um Eurem Ruhme ferner zu dienen. Ich werde hingehen und die großen Thaten beſchreiben, die wir zuſammen vollbracht haben. Lebet wohl, meine Kinder, ich möchte Euch alle an mein Herz drücken! So will ich wenigſtens Euer Banner um⸗ armen!“ Auf dieſe Worte tritt der General Petit mit dem Adler hervor. Napoleon umarmt den General und küßt die Fahne. Die Stille der Bewunderung, welche dieſe große 81 Scene einflößt, wird nur durch das Schluchzen der Soldaten unterbrochen. Napoleon, deſſen Bewegung ſichtbar iſt, rafft ſich mit Gewalt zuſammen und ſpricht mit feſter Stimme: „Noch einmal, lebet wohl, meine alten Kame⸗ raden! Möge dieſer letzte Kuß in Eure Herzen dringen!“ Nach dieſen Worten ſteigt der Kaiſer ſchnell in ſeinen Wagen, in deſſen Grunde der General Ber⸗ trand ſchon ſitzt. Der Wagenſchlag wird zugeſchlagen und mit dumpfem Donner rollt das Sechsgeſpann durch das Schloßthor von Fontainebleau. Stolle, ſämmtl. Schriften. Rlv. Die Bourhonen. Motto: Sie haben Richts gelernt und NRichts vergeſſen! (Napoleon.) ——— —— Dames.“ Erſtes Rapitel. — Im goldnen Saale der Tuilerien ſaß König Ludwig. Ihn umgaben die Prinzen und der Miniſter ſeines Hauſes. Die Herzogin von Angouleme, ſchwarz ge⸗ kleidet wie immer, ſtand mit ihrem ſchmerzensbleichen Antlitz in der Vertiefung eines Fenſters. Nie ſchien in dieſen, von Gram und Leid verſteinerten Zügen die Freude je wieder einkehren zu wollen. Ihr Ge⸗ mahl ſtarrte wie geiſtesabweſend auf den Tuilerienhof hinab, wo ein Haufe neugieriger und ſpottſüchtiger Pariſer zu den königlichen Fenſtern heraufſchaute, wäh⸗ rend der kleine unterſetzte Herzog von Berry, wie ſeine Gewohnheit war, ſich fortwährend die Kniee rieb und vergnügt vor ſich hinlächelte. König Lud⸗ wig ſelbſt ſaß in einem weich gepolſterten Rollſtuhle, ſeine gichtgeſchwollenen Füße ſtaken in mächtigen grü⸗ nen Sammetſtiefeln. „Mein Neffe ſcheint vergnügt,“ begann Seine Majeſtät zum Herzoge von Berry gewendet,„es iſt uns angenehm, ihn heiter zu wiſſen.“ „Sire,“ erwiederte, einen Schritt vortretend, der Prinz,„ein allerliebſtes Epigramm auf den corfi⸗ ſchen Abenteurer; ganz neu aus dem Courier des 86 „Ein Epigramm?“ frug der König, indem er ſich eine Priſe nahm,„ich liebe die Epigramme. Prinz, wie lautet Ihr Epigramm?“ Der Herzog von Berry nahm jetzt eine etwas theatraliſche Poſition an. „Es iſt das Teſtament,“ erklärte er,„das Te⸗ ſtament jenes Menſchen.“ Und mit vieler Wohlge⸗ fälligkeit declamirte er: „Je legue aux enfers mon geénie, Mes exploits aux avanturiers, A mes partisans Iinfamie, Le grand livre à mes créanciers, Aus Frangais lhorreur de mes crimes, Mon exemple à tons les tyrans, La Frange à ses Rois légitimes, Et lhöpital a mes parens.“ „Paſſabel, paſſabel,“ nickte Ludwig; der Graf von Artvis ließ ſich die Verſe von ſeinem Sohne geben, um ſie nochmals mit Andacht zu überleſen; der Her⸗ zog von Angouleme ſtarrt noch immer geiſtesabwe⸗ ſend durch's Fenſter. Er hatte keinen Sinn für der⸗ gleichen Dinge. Blacas, der Miniſter des königli⸗ chen Hauſes ſtand mit anerkennender Bewunderung das Haupt vorwärts gebeugt. Der König Ludwig lächelte mit ſtiller Wohlbehä⸗ bigkeit vor ſich hin. „Da einmal von Epigrammen die Rede,“ ſprach er verheißend,„wüßt' ich eins.“ „O Sire,“ rief der Herzog von Berry begeiſtert, „welch' ein Glück, es aus Ihrem Munde zu ver⸗ nehmen.“ Der Graf von Artois und Blacas vereinigten ihre Bitten. Ludwig wiegte mit ſeinem Haupte eine Zeit lang hin und her. e 87 „Frankreichs großer König,“ fuhr Berry, der vor ſeinem Onkel niedergekniet war, beſchwörend fort, „nicht eher verlaſſe ich dieſe Stelle, bis Du durch Mittheilung dieſes Epigrammes die Herzen der Dei⸗ nigen erfreut haſt. Ich ahne einen großen Ge⸗ danken.“ „Wohlan,“ ſprach Ludwig nachgebend,„es be⸗ trifft auch den Napoleon.“ „Bei allen Heiligen,“ rief erſchrocken die Herzo⸗ gin von Angoulème, einen Schritt zurücktretend, „welchen Namen muß ich in dieſen Hallen hören!“ „Er iſt unſchädlich, meine Nichte,“ tröſtete die Majeſtät,„wir leben nicht mehr in Hartwell.“ „Der Tyrann,“ murmelte der Herzog von An⸗ goulème. „Aber, Sire,“ fuhr Berry noch immer knieend fort,„das Epigramm, das Epigramm!“ „Richtig, das Epigramm,“ ſprach Ludwig,„was ich ſagen wollte; es betrifft alſo den Bonaparte, Nichtchen, ſei ohne zurl es iſt ſo zu ſagen ſeine Grabſchrift.“ „Wollte Gott,“ ſeufzte die Angouleme,„einer ſolchen bedürfe es in Wirklichkeit.“ Der König kreuzte wohlgefällig ſeine Arme über ſeinen Leib und ſprach: „Passant, ne pleure point mon sort, Si je vivais, tu serais mort.“ Mit Todtenſchweigen hatten die Anweſenden die Worte des Königs vernommen. Jett brach die all⸗ gemeine Bewunderung hervor. „Großer König,“ rief der Herzog von Berry,„ich ahne einen großen Gedanken; leugne nicht, Du biſt der Verfaſſer dieſer unſterblichen Perle.“ 88 Ludwig antwortete nicht, aber lächelte ſchlau vor ſich hin. „Du biſt der Verfaſſer,“ fuhr Berry enthuſiaſtiſch fort.„Beneidenswerthes Frankreich, dem ein ſolcher König ward!“ Man umringte den König von allen Seiten und bekomplimentirte ihn über die Autorſchaft des Epi⸗ grammes. Die Herzogin von Angouleme war wieder an das Fenſter getreten und ſchaute hinab. Plötzlich fuhr ſie geiſterbleich zurück. „Mein Gott,“ frug der Herzog von Berry,„was iſt Ihnen, Couſine?“ Die Herzogin antwortete nicht und zeigte mit ab⸗ gewandtem Geſicht nach den im Tuilerienhofe ver⸗ ſammelten Volkshaufen. „Dieſelben Geſichter wie Dreiundneunzig,“ rief ſie,„ha, dieſe Blicke jener Gruppe dort!“ „Du irrſt, Herzogin,“ beruhigte Berry,„es iſt das gute Volk von Paris, das voller Ungeduld den Augenblick erwartet, wo ſich der König zeigen wird.“ „Steht mein gutes Volk im Hofe?“ frug Ludwig. „O Sire,“ flehte der Miniſter Blacas,„zeige Dich einen Augenblick Deinem treuen Volke, Du be⸗ glückſt Paris auf lange Zeit dadurch. Als ich vor⸗ hin durch die Menge fuhr, ſehnte man ſich laut nach Deinem erhabenen Anblick.“ „Es wird mir ſchwer,“ antwortete der König, „die verwünſchte Gicht, das Stehen wird mir ſauer.“ „Wir führen Dich, Majeſtät,“ ſprach Berry. „Mein königlicher Bruder,“ meinte der Graf von Artvis,„verwöhnt das Volk durch zu große Nachgie⸗ bigkeit. Das Volk muß warten lernen.“ „Aber wenn das Volk mich zu ſehen wünſcht,“ 89 entgegnete Ludwig,„warum ſoll ich mich nicht zei⸗ gen? Führe mich an das Fenſter, Blacas.“ „Sire,“ rief die Angoulème,„tritt nicht zu nahe vor, wenn ein Böſewicht heraufſchießt.“ „Immer die alte Aengſtlichkeit, Nichte,“ lächelte der König,„es ſind Franzoſen, die da unten ſtehen!“ „Aber nicht unſre Franzoſen,“ erwiederte die Herzogin,„die ſind ſchlafen gegangen mit dem großen Ludwig.“ „Sieh, großer König,“ ſprach Blacas hinabzei⸗ gend,„der ganze Hof iſt angefüllt; aller Blicke ſu⸗ chen nach Deinem heiligen Haupte.“ „Schreckliche Geſichter,“ rief die Angouldme,„ſo ſchauten ſie herauf zum Tempel.“ „Ihro königliche Hoheit,“ meinte der Miniſter des Hauſes,„täuſchen ſich gewiß; es iſt nicht blos Pöbel da unten, ich erblicke viel anſtändig Gekleidete.“ „Horch, Majeſtät,“ ſprach Berry,„man ruft: vive le roi! Welch' erhabenes Gefühl erfüllt mein Herz bei dieſem Jahre lang vermißten Rufe.“ „Die guten Franzoſen,“ erklärte Blacas,„haben dieſen Ruf nie vergeſſen. Sie würden ihn ſchon lange haben ertönen laſſen, wenn der Tyrann Todesſtrafe darauf geſetzt gehabt hätte.“ „Der Tyrann,“ murmelte der Herzog von An⸗ gvulème. „Sieh, mein königlicher Herr,“ fuhr Blacas fort,„man ſchwenkt Mützen und Hüte. Das Volk verkündet Dir ſeinen Jubel.“ „Aber dort jene finſtern Gruppen,“ ſprach die Herzogin von Angoulème,„kein Ruf ſchallt aus ih⸗ rem Munde, und ihre Köpfe bleiben trotzig bedeckt.“ „Ich werde dieſe Verwegenen durch meine Haus⸗ truppen arretiren laſſen,“ rief der Herzog von Berry. 90 „Das iſt auch meine Anſicht,“ ſprach der Graf von Artois,„königlicher Bruder, Du mußt ein ſtrengeres Regiment einführen. Das Volk mißbraucht Deine Güte, es ſoll künftig nur zittern.“ „Erlaubt mir, Majeſtät,“ fuhr Berry immer krie⸗ geriſcher fort,„daß ich die Frevler züchtige.“ „Nicht doch, mein Neffe,“ ſprach der König,„wie ich nach ihren zerlumpten Röcken und trotziger Hal⸗ tung ſchließe, ſind es heimgekehrte Kriegsgefangene. Dieſer verwilderten Soldateska muß man etwas zu gute halten.“ „O Worte der Milde und Großmuth,“ rief Bla⸗ cas voll Salbung,„wenn ſie Frankreich vernommen, Du hätteſt das Vaterland zum zweitenmal erobert. Sie ſollen morgen den Moniteur zieren. Sie find ſo viel werth als eine gewonnene Schlacht.“ „Aber, Sire,“ warnte der Graf von Artois,„Du läßt Dich von Deinem großen Herzen zu weit führen. Der verbrecheriſche Pöbel muß mit eiſerner Zucht⸗ ruthe zu Boden gehalten werden.“ „Majeſtät,“ rief Berry, noch immer kriegeriſch entflammt,„ich laſſe aufſitzen, und ſäubere an der Spitze meiner Haustruppen den Schloßplatz von der widerſpenſtigen Canaille. Wer ſich widerſetzt, fällt von meiner Hand.“ „Würdiger Sprößling Heinrich des Vierten,“ er⸗ wiederte belobend der Miniſter Blacas,„wie ſehr ver⸗ ehre ich den hohen königlichen Sinn, der aus den kühnen Worten Eurer königlichen Hoheit ſpricht; aber laut muß ich dagegen proteſtiren, daß Sich Eure Ho⸗ heit einer ſolchen Gefahr ausſetzen will. Könnte der Tropfen königlichen Blutes, der dabei flöſſe, je von Frankreich bezahlt werden? Nimmermehr! Soll ja der Pöbel in die Schranken zurückgetrieben werden, ſo 94 gibt's der Lieutnants, die uns der Tyrann wie eine Kuppel Bullen hinterließ, in Menge, welche ſämmt⸗ lich nach dem hohen Berufe geizen, für das erlauchte Haus der Bourbonen Blut und Leben zu opfern. Ich nenne nur den Marmont, Macdonald und wie ſie heißen.“ „Es iſt mein Beruf,“ erwiederte nicht ohne Selbſtgefälligkeit der Herzog von Berry,„an der Spitze unſrer Haustruppen für das königliche Haus zu fechten.“ „Braver Sohn,“ ſprach der Graf von Artvis, „ich blicke mit Stolz auf Dich; aber dem Himmel ſei Dank, noch bedarf es Deines tapfern Armes nicht. Dem Pöbel da unten Reſpect beizubringen, bedarf es nur eines unerſchrockenen Corporals.“ „Mein königlicher Bruder,“ fuhr er zu Ludwig gewendet fort,„ſchicke ein Piket hinab und ſchaffe uns jene Unverſchämten aus den Augen.“ „Laß das nur,“ erwiederte der König,„es iſt dies Sache der Gensd'armen und der Polizei. Aber das Stehen wird mir ſauer. Wo bleibt das Frübſtück?“ Ein hereintretender Kammerdiener meldete, daß das Dejeuner bereit ſtehe. 3 „Wohlan, meine Prinzen,“ ſprach Ludwig,„laſſen Sie dem Volke ſeinen unartigen Eigenſinn. Die letz⸗ ten zwanzig Jahre haben die Franzoſen um ein Jahr⸗ hundert in den guten Sitten zurückgebracht. Wir werden Mühe haben, ſie auf den rechten Weg zurück⸗ zuführen; aber mit Gott und Beharrlichkeit wird es gelingen. Seien Sie jetzt meine Gäſte;“ und zur Angoulème gewendet: „Couſinchen, fürchte Dich nicht mehr!“ „Majeſtät,“ ſprach der Herzog von Angoulème mit Haſt hervortretend,„die Coteletts ſind von mir.“ 92 „Danke, mein Prinz,“ erwiederte lächelnd Lud⸗ wig,„und wenn Euch wieder ein Rehbock vor den Lauf kommt—“ „Auch die Tauben find von mir,“ fiel der Prinz mit Eifer ein. „Wir werden ſie auf Eure Geſundheit ſpeiſen,“ verhieß der König. An Berry's und Blaca's Arme wankte jetzt Lud⸗ wig nach dem Speiſeſaale, wohin die übrige königliche Familie folgte. Noch immer ſtand der Volkshaufe im Tuilerien⸗ hofe und ſchaute nach den königlichen Fenſtern herauf. „Welches war denn der König?“ frug ein Klein⸗ bürger ſeinen Nachbar. „Der Dicke,“ antwortete der Gefragte,„der mit den rothen Backen.“ „Er hat die Naſe Ludwig's des Sechzehnten,“ fuhr der Erſte fort. „Ganz recht,“ meinte dieſer,„ein ſtattlicher Mann.“ „Dicker als Napoleon,“ ſprach der Kleinbürger. „Auch größer,“ war die Antwort. „Sagen Sie lieber,“ ſprach ein zunächſt ſtehender Emigrant,„von Herzen der Beſte. Welchen Ver⸗ gleich könnte mit ihm der corſiſche Abenteurer aus⸗ halten!“ „Aber den Blick hat er nicht,“ meinte der Klein⸗ bürger.— „Sein Auge iſt mild und voll Barmherzigkeit,“ fuhr der Emigrant fort;„des Corſen Blick war hyä⸗ nenartig.“ „Er ſchlug Schlachten damit.“ „Zum Unglücke Frankreichs.“ „Aber der Ruhm?“ 93 „Iſt verraucht durch die Schmach der Niederlage,“ ſprach der Emigrant. Der Kleinbürger mochte dem anſtändig Gekleide⸗ ten nicht widerſprechen; aber er nahm ſich kopfſchüt⸗ telnd eine Priſe. „Die Schwarze war die Herzogin von Angoulème, nicht wahr?“ frug er nach einer Pauſe. „Frankreichs hohe Dauphine.“ „Sah recht blaß aus.“ „Das zwanzigjährige Unglück des Vaterlandes hat ſie niedergebeugt.“ „Das iſt dieſelbe,“ fuhr der Kleinbürger fort, „welche der Guillotine entlaufen?“ „Ward gerettet durch des Himmels Gnade aus den Klauen blutdürſtiger Tiger.“ „Hat von Glück zu ſagen,“ brummte Erſterer. Auf ganz andre Weiſe lautete der Wortwechſel in jenen Gruppen, welche durch ihr unhöfliches Be⸗ nehmen die Aufmerkſamkeit und Unzufriedenheit der königlichen Familie auf ſich gezogen hatten. Dieſe Gruppen beſtanden aus zerlumpten bärtigen Geſtalten, von wildem, martialiſchem Ausſehen. Es waren meiſt Kriegsgefangene, die aus Rußland, Deutſch⸗ land, Spanien und England heimgekehrt waren. „Darf ich meinen Augen trauen,“ frug ein jun⸗ ger ſtattlicher Mann in bürgerlicher Kleidung, aber voll militatriſchen Anſtandes,„Barbarnegre hier im Vorhofe der Bou bonen?“ Der Angeredete, eine hohe kräftige Geſtalt, blitzte aus ſeinen grauen Augenwimpern finſter auf den Spre⸗ cher. Aber je länger er dieſen fixirte, deſto mehr be⸗ lebte ſich ſein gramgebleichtes Geſicht. „Seh' ich recht,“ hub er endlich an,„Eugen Nor⸗ mand gi-devant oſficier d'ordonnance?“ 94 „Kein Andrer,“ lächelte Eugen, dem ehemaligen kaiſerlichen Gardiſten der Fulminatrix die Hand rei⸗ chend,„aber zum Kuckuck, warum nicht auf Elba?“ „Das frag ich Euch,“ gegenredete Barbanegre, „Ihr ſteht da geſund und friſch; unſer eins iſt ſeit Montmirail halber Krüppel. Hab' erſt vor wenig Tagen das Lazareth verlaſſen. Die Todesbotſchaften aus Fontainebleau waren verfluchtes Heilpflaſter. Wünſchte lieber, ich wär' mit zu allen Teufeln gefahren.“ „Aber was treibt Ihr hier im Tuilerienhofe?“ frug Eugen weiter,„Ihr ſtärkt Euch wahrſcheinlich an dem Anblicke der Bourbonen?“ „Wollte mir dieſe Sippe,“ antwortete der Gardiſt, „nur einmal in Augenſchein nehmen. Hab' ſie mein Lebetag nicht geſchaut, muß ſie doch kennen lernen, um bei nächſter Gelegenheit dieſen oder jenen auf's Korn zu nehmen. Dieſe Fettbäuche find gar nicht zu fehlen.“ „Pfui, wie ſprecht Ihr,“ rügte der Jüngling, „einem Helden Napoleon's ſollten ſolche Gedanken nicht in den Sinn kommen. Der Kaiſer hat abgedankt und Ludwig iſt dermalen Frankreichs rechtmäßiger König.“ „Wer hat ihn dazu gemacht?“ frug Barbanegre, „ein paar Schufte und die Koſaken. Ich kenne nur einen Kaiſer der Franzoſen. Warum habt Ihr ihn verlaſſen und ſeid nicht auf Elba?“ ſetzte er hinzu und blickte finſter auf den Jüngling. „Ich habe Urlaub von ihm ſelbſt, um noch einige Geſchäfte hierſelbſt abzumachen,“ antwortete Eugen; „ſobald ich zu Ende, ſchiffe ich mich ein.“ „Da ſchiff ich mit,“ entſchied ſchnell Barbanegre, „ich athme hier Peſtluft.“ „Da müßt Ihr Euch an Bertrand wenden,“ ſprach Eugen;„ohne deſſen Erlaubniß erhält Niemand Dienſte beim Kaiſer.“ —,— —,— 95 „Was geht mich Bertrand an,“ grollte der Gar⸗ diſt,„nur einen Fetzen Land gibt es auf Erden, wo ich athmen darf, das iſt Elba, außerdem erſticke ich.“ Ein Piket königlicher Haustruppen, angeführt von dem jungen Montmoreney, dem Verehrer Valeriens, nahte ſich den Beiden. „Unverſchämter Graubart,“ redete der Officier den Grenadier der alten Garde an,„habt Ihr ſo wenig Reſpect vor unſrer geheiligten Majeſtät, daß Ihr nicht ſalutiren könnt? Den Augenblick packt Euch, oder Ihr ſitzt vier Wochen bei Waſſer und Brot.“ „Was faſelt der Milchbart?“ brummte Barbanegre, der die Worte, welche etwas in näſelndem Tone ge⸗ ſprochen waren, nicht recht verſtanden hatte. „Fort von hier!“ rief Montmorency lauter und übermüthig. „Um Himmels Willen, Barbanegre,“ raunte Eugen dem Alten in's Ohr,„nehmt Vernunft an und ſucht keine Händel, wo Ihr den Kürzern ziehen müßt.“ Dann trat er auf Montmoreney zu, der, als er den Jüngling erkannte, ſichtbar erblaßte und ſprach in verſöhnendem Tone: „Nehmen Sie es nicht zu ſtreng, Herr von Mont⸗ morency, mit dieſem braven Alten, wenn er in den hundert Schlachten, die er für Frankreich ſchlug, die Höflichkeit etwas verlernt.“ Barbanegre ward über den verächtlichen Ton des königlichen Söldners ſo empört, daß er ordentlich ironiſch wurde. „Mein Herr Officier,“ ſprach erdemüthig, während in ſeinem Auge die Wuth zitterte,„der erhabene Anblick der Durchlauchtigſten Herren Bourbonen hat mich ſo perpler gemacht, daß ich in der That ſtarr und ſteif worden bin und darum nicht ſalutiren und„vive leroi!“rufenkonnte!“ 96 WMontmorency, obſchon er die Jronie erkannte, machte aus Rickſicht zu Eugen, mit dem er noch einen Ehrenhandel auszumachen hatte, zum böſen Spiel gute Miene und marſchirte, ohne ein Wort weiter zu ſugen mit ſeinen Haustruppen davon. „Hätten wir doch dieſes royaliſtiſche Gefindel zu Staub gerieben,“ ſprach Barbanegre, den Abmarſchi⸗ renden ingrimmig nachblickend,„wir führen aller⸗ dings mit zum Teufel, aber die Luſt wär' nicht zu theuer bezahlt. „Das Klügſte, theurer Freund,“ tröſtete Eugen, „iſt jetzt. ſich in Geduld faſſen. Das Unkraut mag immer noch ein paar Monate wachſen und gedeihen. Der Schnitter wird nicht außenbleiben und wir hel⸗ fen dann wacker mit“ „Wenn ich den Tag erlebte,“ ſprach Barbanegre, „würde ich getröſtet rufen: Jetzt, Herr, laß deinen Knecht in Freuden fahren! Ihr ſeht, was die jetzige Luft aus dem Menſchen machen kann. Ich bin zum Bibelhuſaren geworden.“ Eugen lächelte. „Aber welches iſt nun Euer nächſter Lebensplan?“ frug er. „Je nun, wenn mich der Rabenvater auf Elba nicht annimmt, was ich noch nicht glauben kann, häng ich die Muskete an die Wand und werde pro⸗ viſoriſcher Bauer. Es iſt jetzt einmal eine provi⸗ ſoriſche Zeit.“ Bleibt getroſt in Frankreich,“ rieth der Jüngling; „es iſt gut, wenn dem Kaiſer ergebene Leute im Lande bleiben.“ „O ganz Frankreich,“ ſprach Barbanegre,„bleibt ihm ergeben, ſeine Garde, ſeine Linie, auf die paar — 97 Verräther und Schufte, Talleyrandt und Conſorten, kommt Nichts an.“ „Darum Geduld,“ meinte Eugen;„die Bourbo⸗ nen, welche ihr ganzes Leben nicht aus dem Schlafe und Traume erwacht, mögen ſich immer ein wenig König von Frankreich träumen. Der Morgen, wo ſie einmal aufwachen und die Nachtmütze abziehen müſſen, wird nicht außenbleiben.“ „Der Uebergang iſt auch zu drollig,“ hub der alte Gardiſt nach einer Pauſe an;„es iſt eine Zeit zum Todtärgern, aber auch zum Todtlachen. Auf den Napoleon, ein in Flanell genähter dicker Bourbon, der kein Glied rühren kann. Auf die geſunde Ver⸗ nunft, Unfinn und Pfaffen. Die Glatzen laufen wie geſäet in der Stadt herum, täglich kommen ein paar Packetſchiffe von England. Was England purgirt, muß Frankreich aufeſſen. Glorreiche Zeit! Wenn es wenigſtens noch einen Teufel gäbe, dem man ſich überliefern könnte!“ Die Beiden verließen plaudernd den Tuilerienhof. Sie waren nicht lange gegangen, als ein öſterreichi⸗ ſches Linienregiment mit voller Mufik in die Straße einbog. „Daß Euch der Satan!“ murmelte Barbanegre, „man kann in Paris, in dieſer alten Coquette, nicht zehn Schritte gehen, ohne auf unſre Schande zu ſtoßen.“ „Daß wir von Eurvpa beſiegt worden ſind,“ ſprach Eugen,„iſt keine Schande, das kann dem tapferſten Volke begegnen. Unfre eigentliche Schande ſitzt im Senatsſaale. Dort ſitzen die Perrücken, welche Frankreich verrathen haben.“ Das öſterreichiſche Regiment marſchirte jetzt gaſſen⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XMW. 7 X 98 breit an den Beiden vorüber. Sie wurden faſt bis an die Häuſerwand gedrängt. „Es leben die braven Oeſterreicher, unſre Be⸗ freier!“ riefen mehre Stimmen. „Hört Ihr das Sumpfgezücht?“ frug Eugen, „man möchte in die Erde finken vor Schaam.“ „Beim Satan,“ antwortete Barbanegre, kirſch⸗ braun,„wenn ich ſo einen Schreier unter die Hände kriege, ich werfe ihn an die Wand wie einen tollen Hund.“ Ein junger Mann mit dem Ludwigsorden drängte ſich ungeſtüm und mit freudigem Geſicht zwiſchen Eu⸗ gen und Barbanegre hindurch, um die vorüberdefili⸗ renden Colonnen beſſer überſchauen zu können. „Prächtige Leute!“ rief er.„Das ſind Solda⸗ ten; es iſt kein Wunder, wenn vor ihnen unſre Puppen Reißaus nehmen mußten.“ „Soll ich ihn kalt machen?“ frug in allem Ernſte Barbanegre und machte Anſtalt, ſeine Worte in Aus⸗ führung zu bringen. Der Jüngling hielt ihn aber zurück und zu dem Ludwigsritter gewendet, frug er: „Sind Sie Franzoſe?“ „Allerdings,“ war die kurze Antwort. „Und Militair?“ fuhr Eugen fort. Der Ludwigsritter maß den Frager mit hoffärti⸗ gem Blicke. „Ich bin es!“ ſprach er. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ein ſo wüthender Backenſtreich auf des Ritters Wange brannte, daß das Blut ihm augenblicklich aus Mund und Naſe ſtürzte. „Hier iſt meine Karte,“ fuhr Eugen ruhig fort, „ich heiße Normand.“ „Wir ſprechen uns,“ ſtotterte der Blutende auf — 99 das Heftigſte erſchrocken, riß ſein Taſchentuch aus der Taſche und entfernte ſich. Das Regiment war vorüber, auch Eugen und Barbanegre gingen ruhig ihres Weges. „Ihr ſeid noch viel zu human,“ ſprach der Gar⸗ diſt,„ein ſolcher Taugenichts verdient unwiderruflich den Tod.“ „Ich bin begierig, ob mich der Menſch fordern wird,“ meinte Eugen;„das wird die dritte Fehde, die ich in Frankreich auszufechten habe, bevor ich nach Elba abgehe. Obſchon Friede iſt, führe ich einen kleinen Krieg auf eigne Fauſt gegen die Feinde des Kaiſers.“ Die Beiden gelangten an die eliſäiſchen Felder. Hier bivouaquirte ein bedeutender Koſakenpulk. „Seht dieſes ſeythiſche Feldlager,“ ſprach Eugen, „nichts als Juchtengeruch und Ungeziefer, wo ſonſt das eau de mille fleurs der pariſer beau monde duf⸗ tete. Es iſt weit gekommen. Geſtern las ich in einem deutſchen Journale den Vers: „Auch Baſchkiren in Paris Das bringt uns den Frieden gewiß.“ Erbärmlichkeit, Abgeſchmacktheit, Niederträchtigkeit, dein Name iſt Paris!“ „Der Kaiſer hätte das Pulvermagazin von Grenelle in die Luft ſprengen ſollen,“ meinte Barbanegre,„das hätte dieſes Neſt ſchon wegen ſeiner ſchändlichen Ueber⸗ gabe verdient. Aber hier in dieſer aſiatiſchen Wirth⸗ ſchaft halte ich es nicht aus. Kehrt um, Normand!“ „Wißt Ihr ſchon,“ frug dieſer,„daß Blücher in ſeiner Berſerkerwuth die Jenabrücke hat in die Luft ſprengen wollen?“ „Hab' davon gehört,“ antwortete Barbanegre, 7 100 „auch das heroiſche Anekdötchen von Capet bei dieſer Gelegenheit.“ „Was iſt's damit?“ erkundigte ſich Eugen. „Nun, der proviſoriſche König,“ erzählte der Grau⸗ bart,„als er Nachricht von des Huſarenrittmeiſters Exploſionsideen erhalten, ſoll erklärt haben, er werde ſich in Perſon zuvor auf die Jenabrücke tragen laſſen.“ „Unternehmende Leute, dieſe Bourbonen!“ meinte Eugen. „Ich wüßte aber, was ich gethan hätte, wenn ich Blücher war,“ ſprach Barbanegre. „Nun,“ frug der junge Mann,„was würdet Ihr gethan haben?“ „Ich hätte mich in meinen großartigen Plänen nicht ſtören laſſen,“ antwortete der Alte,„und die Brücke mit ſammt Seiner allerchriſtlichen Majeſtät in die Luft geſprengt.“ Die Beiden wanderten unter dieſen und ähnlichen Geſprächen nach der innern Stadt zurück. Als ſie in die Nähe des Vendomeplatzes kamen, ward das Ge⸗ dränge der Menſchen immer dichter. „Was geht hier vor?“ frug Eugen. „Etwas Geſcheutes gewiß nicht,“ antwortete Bar⸗ banegre. Sie drängten ſich immer weiter bis auf den von Menſchen erfüllten Vendomeplatz. Eugen frug Einen der Zunächſtſtehenden,„was das Gedränge bedeuten?“ „Die Statue des Uſurpators,“ war die Antwort, „ſoll von der Vendomeſäule geſtürzt werden.“ Eugen glaubte nicht recht gehört zu haben. „Es iſt ein Mährchen,“ ſprach er ungläubig,„ich habe ſchon dieſer Tage davon ſprechen hören, aber es nicht für möglich gehalten.“ 404 Die Hände Barbanegre's ballten ſich cvnvulſiviſch; ſeine Augen ſchoſſen Blitze. Wirklich war auch die majeſtätiſche Säule mit Stricken und Flaſchenzügen reichlich umhangen und verſchiedene Leitern daran befeſtigt, welche bis hinauf zum Standbilde führten. Mehre Leute kletterten ge⸗ ſchäftig auf und nieder. Rings um die Säule hatten mehre Regimenter ruſſiſcher Grenadiere ein Carrse ge⸗ ſchloſſen, an den Spitzen deſſelben waren ſcharfgela⸗ dene Kanonen aufgefahren. „Barbanegre,“ ſprach Eugen, ſeinem Begleiter krampfhaft die Hand drückend,„iſt es Traum oder Wirklichkeit?“ „Wollen wir Tumult beginnen?“ frug dieſer,„wir müſſen Anhang finden.“ „Das wäre Thorheit,“ entgegnete Eugen,„es ent⸗ ſtände ein Blutbad, ohne daß ein Zweck erreicht würde. Verſparen wir das Losbrechen auf eine paſſendere Zeit.“ „Aber,“ gegenredete der Gardiſt,„wir können doch nicht ruhig mit anſehen, daß man den Frevel auf's Aeußerſte treibt und den kleinen Korporal von der Säule ſtürzt?“ Eugen gebot zu ſchweigen: ſo eben hatten mehre Werkleute die Spitze erreicht, umſchlangen die Statue mit Seilen und rüttelten an ihrem Fußgeſtelle. Die An⸗ ſtrengung blieb lange vergeblich. Noch immer trotzte das erzene Kaiſerbild den frevelnden Fäuſten ſeiner Feinde. „Mir wird es grün und blau vor den Augen,“ ſprach Barbanegre;„warum will Gott oder der Teufel nicht, daß ich eine Compagnie meiner Kameraden hier habe. Wir räumten den Platz und rächten die Schmach, wenn auch nicht einer lebendig davon käme. Das wäre nur eine Pflicht, die wir dem Kaiſer ſchuldig ſind.“ Gewichtige Axtſchläge tönten jetzt von der Vendome⸗ ſäule herüber. Mit ſtoiſcher Gleichgültigkeit ſah die Menſchenmenge das Werk der Zerſtörung mit an; und wenn auch Manchem das Herz ergrimmte, wagte er doch nicht, ſeinem Zorne freien Lauf zu laſſen. Den Bilderſtürmern war es endlich gelungen, die Statue in ihren Grundveſten wankend zu machen. Das hohe Kaiſerbild, von Stricken umgarnt, begann ſich allmälig zu neigen, verließ unter dem Jubelgeſchrei der Ruſſen, der anweſenden zahlreichen Emigranten und eines niedrigen Pöbels ſein hohes Poſtament und ſchwebte mehr und mehr dem Erdboden zu. Da konnte ſich Barbanegre nicht länger mäßigen. So laut als wöglich, rief er ein donnerndes„Vive l'empereur!“ das laut von den Häuſerreihen widerhallte und von vielen Stimmen jubelnd beantwortet wurde. Kaum war dieſer verhängnißvolle Ruf erſchollen, als das ruſſiſche Carrée ſogleich Front gegen das Volk machte und die Kanoniere mit brennender Lunte an ihre Achtpfünder traten. Zu gleicher Zeit durch⸗ furchten zahlreiche Gensd'armen die Menge. „Ich bitte Euch um Himmels Willen, Freund,“ beſchwor Eugen,„richtet kein Unglück an. Es iſt um Hunderte von Menſchenleben geſchehen, wenn das Car⸗ rée zu feuern beginnt und Ihr habt dann allein den Tod manches Unſchuldigen auf dem Gewiſſen.“ „Das Kaiſerbild,“ brummte Barbanegre,„iſt da⸗ mit nicht zu theuer bezahlt.“ Ganz in der Nähe entſtand Tumult. Mehre Gensd armen hatten einen jungen franzöſiſchen Soldaten von der Linie beim Kragen, der„Vive l'empereur!“ gerufen haben ſollte. „Ihr habt gerufen,“ beſchuldigte den Infanteriſten ein Brigadier der Gensd'armen mit Donnerſtimme, „marſch auf die Polizeipräfectur!“ 103 Der junge Soldat wehrte ſich verzweifelt. „Nein,“ rief er wiederholt,„ich habe nicht gerufen.“ „Ja, ja, Herr Gensd'arme, er hat gerufen, de⸗ nuncitte ein daneben ſtehendes Krämergeſicht,„ich hab's ſelbſt gehört.“ „Dem braven Jungen muß ich beiſpringen,“ ſprach Barbanegre ſchnell reſolvirt. Vergebens war Eugen's Abmahnen. Der Krämer wiederholte ſo eben ſeine Angeberei, als der Gardiſt anlangte. Er faßte ſogleich den De⸗ nuncianten bei dem einen Ohre, das er halb ausdrehte. „Du verdammtes Galgengeſicht,“ rief er,„haſt ja ſelbſt gerufen, und willſt einen armen Teufel in's Malheur bringen?“ Das Galgengeſicht ward bei der imponirenden Stimme Barbanegre's kreideweiß und fuhr verzweif⸗ lungsvoll nach ſeinem Ohre. „Dieſen faſſen Sie, meine Herren,“ fuhr der Gardiſt fort,„ich kenne ihn, er war Spion unter Napoleon.“ Der unerſchütterliche Ernſt und die würdige Hal⸗ tung, mit welcher Barbanegre zu Werke ging, machte die Gensd'armen ſtutzig. „Sehen Sie nicht ſein ſchuldbewußtes Gewiſſen auf ſeiner käſeweißen Phyſiognomie?“ fuhr der Gar⸗ diſt fort;„wart Gauner, ich will Dich lehren, un⸗ ſchuldige Leute denunciren. Hat dieſer Coujon,“ frug er die Umſtehenden,„nicht gerufen Vive Fempereur?“ Der zähneklappernde Denunciant betheuerte bei allen Heiligen ſeine Unſchuld. „Hat er nicht gerufen?“ fuhr Barbanegre wie im Commandotone, zu dem Publikum gewendet fort.„Sie müſſen's wiſſen, meine Herren.“ „Ja,“ riefen mehre Stimmen, die über des Krä⸗ 104⁴ mers erbärmliche Angeberei gleichfalls erzürnt waren, „der iſt's geweſen.“ „Da hören Sie, meine Herren,“ ſprach Barbanegre zu den Gensd armen,„der junge Mann iſt unſchul⸗ dig, dieſer hier hat das Verbrechen begangen.“ Die Gensd'armen ließen jetzt den Soldaten von der Linie los und faßten trotz allen Betheuerungen ſeiner Unſchuld, trotz allen Bitten und Beſchwörungen, den angeberiſchen Krämer. „Bravo, bravo,“ rief das Volk,„allen Denuncian⸗ ten muß es ſo ergehen!“ Erſt nach einiger Zeit, nachdem die Execution der Napoleonsſtatue vorüber war und die Menge ſich zu verlaufen anfing, fanden ſich Eugen und Barbanegre wieder zuſammen. Der junge Mann machte dem Gardiſten lebhafte Vorwürfe. „Wenn Ihr,“ ſprach er,„Euch künftighin nicht beſ⸗ ſer zu beherrſchen wißt und das Herz ohne den Kopf da⸗ von laufen laßt, bürge ich nicht vierundzwanzig Stunden für Eure Freiheit. Ihr könnt auf der Galeere ſitzen oder todtgeſchoſſen werden, eh' Ihr's Euch verſeht.“ „Bedenkt zum Kuckuck,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß Ihr nicht allein das Krumme grad machen könnt. Euer Eifer iſt lobenswerth, nur muß etwas Vernunft dabei ſein. So aber ſchadet er mehr. Was nützt jetzt Euer„Vive l'empereur?“ Dem Kaiſer iſt darum kein Haar geholfen. Wo Alles im Argen liegt, muß man mit einiger Vorſicht zu Werke gehen, um nicht ſelbſt in's Arge zu gerathen.“ 5„ Der alte Gardiſt ſchritt ſtumm neben dem jungen Do⸗ eenten her. Er fühlte, daß dieſer ſo unrecht nicht hatte. „Aber es liegt in meinem Blute,“ entſchuldigte er ſich endlich,„kann ich einen andern Venſcena machen? Hab'ich nicht zwei Augen, alle dieſe Schänd⸗ lichkeiten, die hier vorgehen, mit anzuſehen, zwei Ohren, ſie mit anzuhören und ein Herz, das ſich darob em⸗ vört? Der Teufel möchte nicht losſchlagen in ſolcher Heidenzeit. Was liegt mir am Leben, ſeit der Kaiſer geſtürzt iſt, wenn ich nur noch ein paar ſolcher Schufte, wie ſie ſchaarenweiſe umherlaufen, mit fortnehme.“ „Iſt der Kaiſer auch geſtürzt,“ ſprach Eugen„ſo iſt er noch nicht todt; und Napoleon bleibt auch auf Elba Napolevn. Darum Geduld, alter Cumpan, Zeit bringt Roſen.“ „Geduld, Geduld,“ grollte Barbanegre,„der Satan hat das Wort erfunden; ich kann auf die Zeit nicht war⸗ ten, welche Roſen bringen ſoll, zumal hier in dem ver⸗ dammten Paris. Ich muß quittegelb ausſehen von dem Aerger und dem Zorn, dem Ingrimm, der Wuth, die mich nur ſeit den wenigen Tagen meines Hierſeins erfaßt hat; das Leben iſt mir eine Laſt geworden.“ „Darum müßt Ihr fort von hier, in andre Luft,“ ſprach Eugen,„und ich habe ſchon darüber nachgedacht, wie ſich das gut arrangiren läßt.“ „Mein Onkel Camille,“ fuhr er fort,„beſitzt ein allerliebſtes Landgütchen, vier Stunden von hier, abſeit der großen Straße von Verſailles. Da müßt Ihr hin. Dus ſorgenfreieſte Leben iſt Euch dort gewiß. Ihr werdet Major⸗Domus, erfahrt da Nichts von den Nichtswürdigkeiten der Hauptſtadt; die Gegend iſt ſtreng napolevniſch. Sagt, habt Ihr Luſt?“ „Warum nicht,“ erwiederte der Gardiſt,„Elba wär' mir aber lieber.“ „Kommt Zeit, kommt Rath,“ tröſtete Eugen,„nur von hier fort. Hier ſeid Ihr keine Stunde ſicher, Händel zu bekommen und dabei zu Grunde zu gehen.“ „Verſprecht mir,“ fuhr er fort,„wenigſtens heute 106 noch Ruhe zu halten; bereits morgen könnt Ihr an den Ort Eurer Beſtimmung, auf Euer kleines Elba abgehen. Die Hand darauf, Barbanegre!“ Der Gardiſt ſchlug ein und die Beiden entfernten ſich, nachdem ſie ſich ein Rendezvous für den nächſten Morgen beſtimmt hatten. Zweites Rapitel. d Ver Banquier Normand, einen erbrochenen Brief in der Hand, ging in höchſter Aufregung in ſeinem Zim⸗ mer auf und ab. Sein Geſicht war verſtört. Nach einiger Zeit ließ er den Brief zu Boden fallen, warf ſich in einen Armſeſſel und bedeckte ſein Antlitz mit beiden Händen. Da pochte es, und Camille Normand hinkt mit ſei⸗ nem Stelzfuße in's Zimmer. So wie er ſeinen Bruder erſchaute, ſtützte er ſich auf ſeinen Krückenſtock und be⸗ trachtete ihn eine Zeit lang mit Verwunderung. „Nun,“ frug er ironiſch,„wie lebt ſich's im bvur boniſchen Himmelreiche, noch nicht Hofbanquier oder Fi⸗ nanzminiſter?“ Der Banquier winkte ſeinem Bruder, zu ſchweigen. Dann ſtand er auf, umarmte ihn und weinte lange an ſeiner Bruſt. Er war nicht im Stande zu reden. Dem alten Obriſt ward ganz ſonderbar zu Muthe. „Wozu dieſe Rührſcene,“ frug er, wir ſpielen nicht Comödie?“ „Alle meine Hoffnungen,“ begann endlich der Ban⸗ quier,„find zertrümmert. So eben hab' ich die verbürgte Nachricht erhalten, daß der Graf Alphons von Brienne — 107 geſtern mit der Gräfin Choiſeul verlobt worden iſt. Die Herzogin von Angouléme hat ſelbſt die ganze Sache geleitet und in ihren Appartements iſt die Verlobung gefeiert worden. Mein armes unglückliches Kind ward von dieſem Verräther ſchändlich betrogen.“ Der alte Kriegsmann ſchien von dieſer Nachricht nicht im Geringſten ergriffen. „Was iſt da zu verwundern?“ frug er gleichmüthig. „Durch die immer ſeltener werdenden Beſuche,“ fuhr der Banquier fort,„ward mir die erſte entſetzliche Ahnung von des Böſewichts Untreue. Bald erhielt ich Gewißheit. Ich wandte mich in meiner Verzweiflung an einige Hochgeſtellte des königlichen Hofes und ſuchte Troſt, Rath und Hülfe. Nur Hohn, Spott und Ver⸗ achtung iſt mir geworden von dieſen Menſchen, die noch vor zwei Monaten Arm in Arm mit mir auf und ab wandelten und mich ihren intimſten Freund nannten. Es iſt zum wahnſinnig werden.“ „Aber alle Wetter,“ wiederholte Camille,„was iſt da zu verwundern, zu jammern? Das iſt doch Alles in der Ordnung?“ „Ich Thor,“ rief der Banquier, verzweiflungsvoll auf und abgehend,„der ich glauben konnte, daß die⸗ ſer übermüthige Adel mich jemals als einen der ſei⸗ nigen anerkennen würde.“ Der Obriſt hatte während der Jeremiaden ſeines Bruders mit großem Gleichmuthe auf dem Sopha Platz genommen. Er nahm ſich eine Prieſe, ſtemmte die beiden Arme auf den Krückenſtock und beobachtete nicht ohne Wohlbehagen den auf und ab ſchreitenden Ban⸗— quier. Ihm ward jetzt die ſchönſte Genugthuung für den faſt jahrelangen Aerger, für das faſt jahrelange Ermahnen und Abmahnen, ſich mit der royaliſtiſchen Nobleſſe nicht einzulaſſen. Er war vollkommen ge⸗ 108 rächt und das war ihm ſehr lieb. Nur wenn er an Henrietten dachte, trübte ſich ſeine Stirne. „Weiß das Mädchen ſchon um die Sache?“ frug er nach einer Weile in milderem Tone. „Noch nicht,“ erwiederte der Banquier;„daß der Verräther in der letztern Zeit mit ſeinen Beſuchen ſpar⸗ ſamer wurde, hat ihr viele Thränen gekoſtet, aber noch ahnt ſie den beiſpielloſen Verrath nicht.“ „Beiſpielvollen, willſt Du ſagen,“ unterbrach der Obriſt. „Du mußt dem armen Kinde,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„reinen Wein einſchenken. Es iſt beſſer, wenn ſie die Kunde von Dir erhält, als auf anderem Wege.“ „Ich wage noch nicht,“ erwiederte der Banquier, „ihr den Vorhang ganz zu lüften. Das Herz des Mädchens hängt mit zu großer Liebe an den Elen⸗ den. Die nackte Wahrheit würde ſie tödten, ich muß ihr das Gift tropfenweis beizubringen ſuchen.“ „Henriette dauert mich wahrhaft,“ ſprach nicht ohne Rührung der Obriſt,„ſie iſt ein gutes, liebes Kind und ſteht meinem Herzen ſehr nahe. Aber wer iſt Schuld an ihrem Unglück? „Ich will Dir,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „keine Vorwürfe weiter machen. Ich glaube, Du biſt für Deine bornirte Politik hinlänglich beſtraft, aber dem Herrn Grafen von Brienne hätt' ich große Luſt eine Kugel durch den Kopf zu jagen.“ „Dadurch wird der Frieden meines Hauſes nicht wiederhergeſtellt,“erwiederte düſter der Banquier.„Hilf mir lieber einen Ausweg erſinnen, was ich mit mei⸗ nem armen Kinde anfange. Hier in Paris, wo ſie überall an das unſelige Verhältniß erinnert wird, darf ſie nicht bleiben. Aber wohin mit ihr?“ „Auf's Land, in Gottes freie Natur,“ meinte der 109 Obriſt,„die jetzt mit jedem Tage ſchöner wird. Ich glaube, Nichts wirkt wohlthätiger auf ein verrathenes Herz.“ Der Banquier ging eine Zeit lang nachdenkend auf und nieder. „Wie wäre es mit Chateauneuf?“ frug er endlich. „Mir recht lieb,“ antwortete Camille,„das liebe Schlößchen ſteht lange genug unbewohnt; aber es wird dem Mädchen zu einſam daſelbſt werden. Die Pach⸗ tersleute und der Pfarrer ſind faſt die einzigen Ge⸗ bildeten der ganzen Gegend.“ „Wie wär's,“ ſchlug der Banquier vor,„wenn Du ſelbſt bevorſtehenden Sommer und Herbſt mit hinaus⸗ zögeſt? Ich für meine Perſon würde für's Leben gern das kleine anmuthige Aſyl theilen, wenn mich meine Geſchäfte nicht täglich an Paris feſſelten.“ „Ich bedaure,“ antwortete der Obriſt,„hierin Dei⸗ nen Wünſchen nicht nachkommen zu können. Ich ſtehe eben im Begriff, eine Reiſe anzutreten.“ „Du willſt verreiſen?“ frug der Banquier voll Ver⸗ wunderung. „Allerdings,“ war die Antwort,„und zwar lieber heut' als morgen. Ich will die paar Lebensabendſtun⸗ den, die mir der Himmel noch ſchenkt, nicht in einem Lande verleben, deſſen Atmoſphäre vergiftet iſt. Ich habe dieſe letzte Zeit zu unausſprechlich gelitten; den Todeskampf des Kaiſerthums in allen ſeinen Qualen mit durchgekämpft. Gern entſage ich einem Lande, das den größten Mann der Weltgeſchichte ſchmählich verrathen und verlaſſen hat.“ Vergebens bemühte ſich der Banquier, ſeinen Bru⸗ der von dieſem Auswanderungsplane zurückzubringen. „Gib Dir keine Mühe,“ ſprach der Obriſt,„ein Wort ſo viel wie tauſend. Binnen heut und acht Ta⸗ gen athme ich keine franzöſiſche Luft mehr.“ 11⁰ „Aber wohin denn?“ frug der Banquier,„Du biſt alt, gebrechlich und willſt Dich noch den Mühſeligkei⸗ ten und Gefahren einer langen Reiſe ausſetzen? Am Abend des Lebens bleiht das Vaterland, die Heimath immerhin das beſte Aſyl; was willſt Du draußen in fernen, fremden Landen, ohne Freunde und Familie?“ „Ich kenne eine Scholle,“ ſprach Camille mit Wärme, „die mir theurer iſt als Vaterland und Heimath und wo ich Freunde und Familie in Menge finde.“ „Doch nicht—“ fiel der Banquier ein und ſchien dieſe Stätte zu errathen. „Elba heißt das heilige Eiland,“ ſprach der Obriſt, „wo ich meine letzte Ruheſtätte bauen will, Elba, wo ſein Athem, ſeine Flagge weht. Dort finde ich mei⸗ nen Schlachtenvater, meinen großen Kaiſer, meine Ka⸗ meraden, meine Erinnerungen. Wo der Kaiſer Napo⸗ levn wandelt, nur da iſt Frankreich, iſt Wohlſein; da laßt uns Hütten bauen.“ „Aber bedenke, mein Bruder,“ mahnte der Ban⸗ quier,„daß es mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden iſt, Aufenthalt auf Elba zu erhalten. Der Zudrang der Fremden aus allen Ländern nach dieſer Inſel iſt ſo groß, daß der Kaiſer ernſtliche Maaßre⸗ geln hat dagegen ergreifen müſſen.“ „Unbeſorgt,“ lächelte der Obriſt,„der Geleitsbrief ſteckt in meiner Taſche. Ich hatte mich vorgeſehen und war gleich an die rechte Quelle gegangen. Ich ſchrieb dem Kaiſer über den hieſigen Stand der Dinge, und daß mir's unmöglich ſei, länger auszuhalten, obſchon ich mit einem Fuße im Grabe ſtünde. Er mag kom⸗ men, hat der Kaiſer nach Durchleſung meines Briefes zu Bertrand geſagt, mir find einige Details aus der Pyramidenſchlacht entfallen, er ſoll mich unterſtützen bei Abfaſſung meiner Memviren.“ 144 Der Banquier gab ſich noch viele Mühe, den Obriſt von ſeiner Auswanderungsidee zurückzubringen, aber all ſeine Worte waren vergeblich. „Sei überzeugt,“ ſprach er unter Andern,„daß der klägliche Zuſtand Frankreichs gewiß bald ein Ende neh⸗ men wird. Laß nur die fremden Kriegsvölker, die uns ein Dorn im Auge ſind, abgezogen ſein und Alles wird eine freundlichere Geſtalt annehmen. Die Bourbonen, wie ſehr wir alle Urſache haben, mit ihnen unzufrie⸗ den zu ſein, werden endlich zu der Einſicht gelangen, daß die jetzigen Franzoſen nicht mehr die Franzoſen Ludwigs des Funfzehnten ſind und ein der Zeit ent⸗ ſprechendes Regierungsſyſtem einführen.“ „Beſſer werden?“ frug Camille,„es wird in Frank⸗ reich nicht eher beſſer, bevor wir nicht die ganze Sipp⸗ ſchaft, welche jetzt am Ruder ſteht, aus dem Lande ge⸗ jagt haben, und das dürfte ein artig Weilchen Zeit brauchen, worauf ich nicht zu warten Luſt habe. „Frankreich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„hat auch keine beſſere Zeit verdient. Es hat den Kaiſer, der es groß und blühend gemacht, ſchmählich verlaſ⸗ ſen. Die Strafe dafür wird nicht außenbleiben. Wir kommen in ſchlimmere Knechtſchaft als in welcher wir je geweſen. Schon tritt die Anmaßung des emigrir⸗ ten Adels mit aller Unverſchämtheit früherer Jahrhun⸗ derte hervor. Man darf nur die Reden in der De⸗ putirtenkammer hören. Schon ſpricht man von Zu⸗ rückgabe der Nationalgüter an ihre vorigen Beſitzer; von Entſchädigung des Emigrantenheers für den zwan⸗ zigjährigen Feldzug, den es gegen das eigne Vater⸗ land unternommen hat. Aller Rechtszuſtand hört auf. Wie lange wird es dauern, und die Jeſuiten kehren wieder, jene Wölfe in Schaafskleidern, um in dieſem Frankreich ſlimner zu hauſen als je zuvor. Die Ju⸗ 142 gend wird vergiftet, das Volk dumm gemacht und die Franzoſen ſind um all' die blutig erkämpften Früchte ihrer Revolution betrogen.“ Der Banguier hielt dieſe Befürchtungen größten⸗ theils für ungegründet. „Sehen wir's nicht ſchon,“ fuhr der Obriſt eifrig fort,„im Süden fängt man bereits an, die Prote⸗ ſtanten niederzumetzeln. Ein Schritt noch, und wir ſte⸗ hen bei den Dragonaden Ludwig des Vierzehnten. Eine erquickliche Ausſicht; und in ſolchem Lande ſollte ich den Abend meines Lebens verbringen, ſollte mir die letzten paar Tage verbittern, die mir der Himmel noch ſchenkt? Nimmermehr, mein Entſchluß iſt gefaßt.“ Als die Zwei noch converſirten, trat Eugen in's Zimmer. So wie dieſer den Entſchluß des Onkels ver⸗ nommen, billigte er ihn von ganzem Herzen. „In Frankreich,“ ſprach er,„iſt es für einen, der noch Etwas auf die geſunde Vernunft, auf Ehre und Herz gibt, ſchlechterdings nicht mehr auszuhalten. Die Bourbonen ſind um kein Haar beſſer geworden. Alles feudaliſtiſche und pfäffiſche Unkraut ſchießt wieder in die Höhe; es wird Einem grün und blau vor den Augen. „Geſtern,“ fuhr er fort,„hat wieder ein merkwürdi⸗ ger Act ſtattgefunden. Es iſt zum Todtärgern, wenn es nicht zum Todtlachen wäre. Die Pfaffen ſind in ih⸗ rer hohen Weisheit auf die glückliche Idee gekommen, den Gebeinen Ludwig's des Sechzehnten und der An⸗ toinette nachzugraben. Der Hof hat mit Begeiſterung die Hand geboten, und ſo hat man geſtern in Ge⸗ genwart der Blacas und mehrer Glatzen gebergwerkt, daß es eine Luſt war. Man hat auch wirklich einen unſchätzbaren Fund gethan, den ire profanen 113 und verwahrloſten Franzoſen gar nicht zu würdigen vermögen. Man hat einiges Knochenmehl zu Tage gefördert, das von einer hohen, zu dieſem Behuf nie⸗ dergeſetzten Commiſſion einſtimmig für die Reſte von Marien Antoinetten anerkannt worden iſt. Aber auch ohne Wunder iſt es natürlich nicht abgegangen. Der klare, durchdringende und unmſichtsvolle Blick des Herrn von Blacas hat bei der Ausgrabung ein Strumpfband entdeckt, das von dem hohen Rathe gleichfalls einſtim⸗ mig für das Strumpfband der enthaupteten Königin anerkannt worden iſt. Der Himmel hat es vor Ver⸗ moderung ſichtbar geſchützt, um die jetzige freigeiſteri⸗ ſche und ſündenvolle Welt zur Erkenntniß zu bringen. Das weißliche Knochenpulver nebſt Strumpfband wer⸗ den nun heut' zur Erbauung der Pariſer in einem ungeheuern Kaſten mit Kerzen und Rauchfaß durch die Stadt gefahren. Wahrſcheinlich wird man dieſe un⸗ ſterblichen Reliquien auf die Vendomeſäule ſetzen, vvn der man den Napoleon herabgeſtürzt hat.“ „Da haſt Du es,“ ſprach Camille zu ſeinem Bru⸗ der gewendet,„und in einem ſolchen Lande ſollte ich es nur acht Tage noch aushalten?“ „Was den Frieden betrifft, fuhr Eugen fort, „den Seine Majeſtät Ludwig der Achtzehnte, durch Gottes und der Koſaken Gnade König von Frankreich, mit den Alliirten abgeſchloſſen, ſo möchte man vollends aus der Haut fahren. Die Bourbonen, um nur auf den Thron zu kommen, haben voller Erkenntlichkeit faſt mehr gegeben, als man verlangt hat. Bis auf einige Broſamen haben wir Alles verloren, was ſeit mehr denn zwanzig Jahren mit ſo vielem Blute er⸗ kämpft worden iſt. Noch nie ward Frankreich mehr gedemüthigt, als gach des Kaiſers Sturz. Das Land haben wir verloren, die Ehre haben wir verloren, und Stolle, ſämmtl. Schriften. XIV. 8 144⁴ dafür alten ächten Adel und Pfaffen bekommen. Wahr⸗ haftig, man muß ſich ſchämen, ein Franzoſe zu heißen.“ „Auf nach Elba,“ rief der Obriſt,„heute lieber als morgen!“ „Die tiefſte Demüthigung Frankreichs,“ erzählte Eugen weiter,„ward mir übrigens vor wenig Tagen aus Caulaincvurt's Munde. In einer Unterhaltung mit dem Kaiſer Alexander hat ſich dieſer verwundert, daß die Pariſer ihren angebeteten Napoleon ſobald ver⸗ geſſend, die Verbündeten mit Jubel empfangen und ſie als Befreier begrüßen konnten und in Folge der bei⸗ ſpielloſen Charakterloſigkeit der Pariſer die Aeußerung gethan: „Wenn ich den Kutuſow auf den Thron Frankreichs geſetzt hätte, bin ich der feſten Ueberzeugung, die Pa⸗ riſer würden gerufen haben: Hoch lebe Kutuſow!“ „Engen,“ fiel hier der Obriſt in die Rede,„wenn Du mich lieb haſt, ſo ſchweige; ich bitte Dich. Ich habe genug gehört, um meines eignen Vaterlands von Herzen überdrüſſig zu werden. Ichmag nichts mehr hören.“ „Zum Troſt,“ fuhr Eugen fort,„muß ich hinzu⸗ fügen, daß ſich nur der Pöbel, der vornehme wie der niedere, die gerügten Infamien hat zu Schulden kom⸗ men laſſen. Seid überzeugt, die Herzen von Millio⸗ nen bluten gleich den unſern.“ „Was hilft das,“ verſetzte eifrig der Obriſt,„iſt es nicht Schande genug, wenn dieſe Millionen gedul⸗ dig zuſehen, wie der Pöbel triumphirt und das Va⸗ terland erniedrigt?“ „Bereits beginnt der geſunde Volkswitz,“ erzählte Eugen,„ſeine Geißel gegen die Hauptverräther zu ſchwingen. Ein geſchickter Karrikaturenzeichner hat aus dem Geſicht eines Fuchſes die Phyſiognomie Talley⸗ rand's ſprechend ähnlich herausgebracht. Desgleichen 115 iſt unſer Dictionnaire durch ein neues Wort bereichert worden. Da nämlich Marmont vom Kaiſer zum Her⸗ zog von Raguſa erhoben worden iſt, ſo gebrauchen jetzt faſt ſämmtliche freifinnige Journale das Wort „raguser“ für„Verrath üben.“ So lange es alſo eine franzöſiſche Sprache gibt, wird dieſer Menſch ge⸗ brandmarkt daſtehen.“ „Was macht ſich ein Verräther daraus,“ ſprach Camille;„warum hatte Niemand den Muth, den Ue⸗ berläufer unmittelbar nachdem er ſein Verbrechen voll⸗ bracht hatte, niederzuſchießen?“ „Aber,“ fuhr der Obriſt nach einer Pauſe in dum⸗ pfem Tone fort,„dann hätte man, um gerecht zu ſein, bei Einem nicht ſtehen bleiben dürfen. Ueberhaupt was die goldbedeckten Leute anbelangt, den innern Schmuz hat die vergoldete Uniform nicht bedecken können.“ Der Banquier war an das Fenſter getreten und ſchaute düſtern Sinnes auf die Straße hinab, als mit Einemmale ein ſeltſames Hinundwiederlaufen entſtand. „Nieder mit den Pfaffen!“ tönte es von mehren Sei⸗ ten,„ja nieder! nieder!“ antwortete es aller Orten. Der Banquier hatte das Fenſter geöffnet und ſchaute hinaus; auch der Obriſt und Eugen, durch den Lärm aufmerkſam gemacht, waren an die Fenſter getreten. Auf der Straße lief das Volk wie toll durchein⸗ ander. „Was gibt's denn?“ frug der Banquier einem ſei⸗ ner Comptvirdiener, welcher eine Etage tiefer heraus⸗ ſchaute. „Der Pfarrer von will eine geſtorbene Schau⸗ ſpielerin nicht einſegnen. Sie ſoll ohne den Segen der alleinſeligmachenden Kirche beerdigt werden.“ „Warum denn?“ frug der Banquier. „Als Schauſpielerin,“ lautete die Antwort, 3 8* 146 „habe der Pater erklärt, könne ſie den andern guten Chriſten nicht gleichgeſtellt werden. Die Todte habe keinen Anſpruch auf den Segen der Kirche. Der un⸗ ermeßliche Leichenzug iſt bereits bei der Kirche ange⸗ langt; aber die Geiſtlichkeit hat die Thüren verſchlie⸗ ßen laſſen und verweigert jede kirchliche Ceremonie. Nun ſteht die Leiche unbeerdigt vor der Kirchthür. Der ganze Leichenconduct iſt in Alarm, das Volk hat ſich zuſammen gerottet und iſt eben im Begriffe, die Kirche zu ſtürmen.“ „Da haben wir die Pfaffen;“ rief der Obriſt, „o ihr Schlangengezücht, hat man ſolchen Scandal un⸗ ter dem Kaiſer erlebt?“ „Eine Emeute, eine Emeute,“ rief Eugen aufge⸗ regt,„da muß ich dabei ſein. Lebet wohl, Onkels; es geht gegen die Pfaffen. Bald bin ich wieder hier und erſtatte Euch Bericht. Adien, Adieu!“ Mit dieſen Worten eilte Engen davon. „Es iſt wirklich erſtaunlich,“ ſprach der Obriſt, „was ſich das Sumpfgezücht gleich regt, ſobald die Sonne erloſchen und Nebel auf's Land gefallen iſt. Dieſe Pfaffen fangen ganz da an, wo ſie es vor der Revolution gelaſſen haben, und werden die geſunde Vernunft ſo lange chikaniren, bis man dieſe verwünſchten Glatzen an die erſte beſte Laterne knüpft. Darauf kann ich aber nicht warten. Drum Adieu Frankreich, auf, nach Elba!“ Mit dieſen Worten reichte er dem Banquier die Hand. „Du haſt Recht, mein Bruder,“ erwiederte dieſer, indem er die dargebotene nicht ohne Rührung preßte, „wird's doch ſelbſt mir unheimlich im Lande. Indeß würd' ich an Deiner Stelle den Gang der Dinge noch eine Zeit lang mit abwarten. Man kann nicht wiſſen, 147 wie ſich die Sachen geſtalten, und falls den Kaiſer auf Elba die Zeit zu lang werden ſollte, was ich nicht bezweifle—“ „Je nun,“ fiel der Obriſt in die Rede,„ſo keh⸗ ren wir nach Frankreich zurück; und dann mögen ſich die dicken Bourbonen bei Zeiten auf den Weg ma⸗ chen. Jetzt aber will ich von der armen Henriette Abſchied nehmen. Ich werde ihr das Sommerlogis auf Chateauneuf ſelbſt vorſchlagen. Es iſt im beſten Stande. Das liebe Schlößchen wird ſich freuen, ein⸗ mal von ſo einem liebenswürdigen Kinde bewohnt zu werden.“ Mit dieſen Worten begaben ſich die Beiden nach den Zimmern Henrietten's. Drittes Rapitel. — In reicher Lampenpracht ſtrahlte das Palais Royal. Obſchon der Abend bereits lange herabgeſunken, ſchien doch hier das wahre Leben erſt zu beginnen. In bun⸗ tem Gemiſch drängten ſich die Uniformen von halb Europa durch die ſtrahlenden, prachtvollen Säle. Die Etabliſſements des Herrn Bernard, welche ſich unter den Arkaden von der berühmten Nummer 9 bis Num⸗ mer 18 erſtreckten, waren überfüllt von den General⸗ ſtäben Wellington's, Blücher's und Alexander's, welche hier in dem Roulette und Trente-et-un zum Theil das Geld zurück gaben, das Frankreich an die Verbünde⸗ ten zahlen mußte. Namentlich waren es die Englän⸗ 148 der, welche ſich durch eine ihres Rufs ganz würdige Generoſität in der Zurückgabe auszeichneten. Die Adminiſtration hatte übrigens auch Alles ver⸗ einigt, was die Fremden anlocken konnte. Um eilf uhr des Nachts erſchien der berühmte Abélard mit ſeinen famöſen Chapons au riz und ſättigte das ſieg⸗ reiche hier von Herrn Bernard beſiegte Europa. Zwi⸗ ſchen den Roulettes und Eraps wurde ſoupirt. Die ſtets nach ſtarken Emotionen gierigen Engländer ſpeiſten mit wahrer Wolluſt unter dem Accompagnement des Elfenbein⸗ und Kupfergeklappers. Während der Fe⸗ ſtins überſchwemmten die Odalisken des Palais Royal, überhangen mit dem Raube einer ganzen Welt, die Salons von Nummer 9. Der Generalſtab von Eu⸗ ropa ſchloß beim Deſſert ephemere Ehen und erhob ſich von der Tafel, um am grünen Tiſche den Mahl⸗ ſchatz der Phrynen zu gewinnen. Das Trente-et-un ſchickte ſie aber in der Regel ohne Brautſchatz heim. Der Graf von Brienne wandelte mit Franzesco Arm in Arm die Säle auf und ab. Berauſchende Orcheſtermuſit wogte durch die Räume; in mehren Abtheilungen ward bereits getanzt. „Ich bin des Auf⸗ und Abſchreitens überdrüſſig,“ ſprach der Graf, und die Beiden ließen ſich auf ei⸗ nem Sopha nieder. „Von hier,“ meinte Franzesco,„kann man die magiſchen Tiſche, dieſe Centralſonnen der gewinnſüch⸗ tigen Soldateska, recht behaglich überſchauen. Seht dort den Blücher, der im Felde keinen Augenblick Ruhe hat, er ſteht bereits ſeit drei Stunden wie feſt⸗ gekittet, kein Auge von dem Würfel verwendend. Sein Geſicht ſcheint aber nicht das heiterſte; der Schnurr⸗ bart zuckt etwas convulſiviſch. Wahrſcheinlich⸗ daß dieſe Nacht ein Rittergütchen drauf geht. Wenn der 149 Marſchall desperat wird, hat man Beiſpiele, daß er den Point zu tauſend Louisd'vren geſpielt. Der gute König von Preußen ſchenkt dem alten Haudegen ein Gut über das andre, aber es bleiben für dieſen nur Luftſchlöſſer, indem er ſie größtentheils wieder ver⸗ ſpielt.“ Noch einiger Zeit frug der Graf: „Gebt mir ein Mittel an, Franzesco, wie ich mir den Normand, dieſen Tollkopf, vom Halſe ſchaffe. Ich bin keine Stunde ſicher, daß mich dieſer von Neuem anfällt.“ „Nun,“ frug der Italiener,„iſt der Verhaftsbe⸗ fehl nicht mehr gültig?“ „Leider nicht,“ erwiederte der Graf;„der Menſch gehört zur Suite des Corſen und auf polizeilichem Weg iſt ihm nicht beizukommen.“ „Ich würde ihn als Straßenräuber denunciren,“ ſprach Franzesco,„hat er uns nicht auf offner Straße überfallen?“ „Ganz ſchön,“ replizirte Brienne,„aber dann käme die Geſchichte mit der Bürgerdirne zur Sprache, welche meiner Braut um jeden Preis verborgen bleiben muß.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Für dieſe Bekanntſchaft bin ich Euch auch we⸗ nig Dank ſchuldig. Ich habe nur Aerger mit dem einfältigen Dinge gehabt.“ „Wäret Ihr nur ernſthafter,“ ſprach Franzesco, „zu Werke gegangen, die Feſtung würde nicht gar zu lange widerſtanden haben.“ „Ich mußte riskiren,“ meinte der Graf,„die bor⸗ nirte Dirne hätte ſich ein Leids angethan.“ „Und was wär's weiter geweſen,“ lachte der Ita⸗ liener im gleichmüthigſten Tone,„dergleichen Exem⸗ plare gibt es mehr auf der Welt.“ 120 „Den jungen Montmorency,“ ſprach nach einer Pauſe der Graf,„hat der Wütherich dieſe Tage in Grund und Boden geſchoſſen. Ich begreife nicht, war⸗ um die Beiden zuſammen gerathen ſind.“ „Unfehlbar auch wegen der Secretairs⸗Tochter,“ antwortete Franzesco,„wenigſtens machte der Mont⸗ morency dem Mädchen gleichfalls den Hof.“ „Der Zuſammengeſchoſſene,“ fuhr Brienne fort, „kann unter einem halben Jahre nicht an ein Aufkommen denken, wenn er nicht für's ganze Leben ein Krüppel bleibt. Gleichwohl iſt dem Verräther ganz Recht geſchehen, denn Niemand anders als er konnte von dem Verſtecke Volerien's wiſſen und es dem Normand verrathen.“ „Auf Euch, Herr Graf,“ ſprach der Italiener, „mag Normand gleichfalls nicht gut zu ſprechen ſein. Er wird von Euch doppelte Rechenſchaft fordern, we⸗ gen Valerien und Henrietten.“ „Was die Letztere anbelangt,“ lächelte der Graf, „ſo iſt das Bagatelleſache. Daß ich das Bürgermäd⸗ chen eine Zeit lang ausgezeichnet, lag in der Ord⸗ nung; aber es wäre von Henrietten und den Ihrigen mehr als eine ausſchweifende Idee, zu glauben, daß ich das einfältige Kind heimführen würde als Gräfin von Brienne.“ „Leider hegt aber in der durch die Revolution verdrehten Zeit,“ erwiederte Franzescv,„das Bürger⸗ volk ſolche verkehrte Ideen. So ein Krämer, ſobald er ſich ein paar Geldſäcke erſchachert, hat gar keinen Begriff, daß zwiſchen Bürger und Adel noch ein Un⸗ terſchied ſtattfinde. Der junge Vormund, dieſer Na⸗ poleoniſt iſt nicht beſſer und wird gewiß Feuer und Flammen ſpeien, wenn er erfährt, daß Ihr in dem Hofmachen bei ſeiner Demoiſe ouſine eine wohl⸗ thätige Pauſe und Abkühlung habt eintreten laſſen.“ — 424 „Darum helft mir ein Mittel erſinnen,“ wiederholte der Graf mit Lebhaftigkeit,„daß ich des unverſchäm⸗ ten Plebejers los werde. Ihr beſitzt aus Eurer po⸗ lizeilichen Carriere noch genug Routine, dieſen Men⸗ ſchen der neuen Polizei verdächtig zu machen und ver⸗ dächtige Symptome an ihm wahr zu nehmen. Sorgt dafür, daß er ſobald als möglich das Land verlaſſen muß. Ich werde, ſo lange er in Frankreich, ein ge⸗ ſchicktes Incognito zu behaupten wiſſen; denn ich ge⸗ ſtehe es Euch offen, ich mag mich als glücklicher Bräu⸗ tigam nicht wie der arme Montmoreney zuſammen⸗ ſchießen laſſen.“ „An meiner Bereitwilligkeit zweifelt nicht,“ gab Franzesco zur Antwort;„auch glaube ich mit Sicher⸗ heit behaupten zu können, daß man dem Napoleoni⸗ ſten den Aufenthalt hierſelbſt ſo viel als möglich ab⸗ kürzen wird. Alſo für jetzt habt Ihr Ruhe; nur fürchte ich—“ „Was fürchtet Ihr?“ fiel der Graf in die Rede. „Daß der junge Tollkvpf über kurz oder lang ei⸗ nen Abſtecher macht, Elba iſt nicht zu weit.“ „Könnten wir den Störenfried nicht für immer zur Ruhe bringen?“ frug der Graf;„wie wäre es, wenn er für immer des Landes verwieſen oder auf andere Weiſe unſchädlich gemacht würde?“ „Leider Gottes,“ ſeufzte Franzesco,„ſind die ſchönen Zeiten der lettres de cachet vorüber; die ſchö⸗ nen Augen Eurer Braut könnten ſonſt vortreffliche Dienſte leiſten. Auch leben wir nicht in Spanien oder in meinem geſegneten Vaterlande, wo man ſich über die Hinwegräumung einer unbequemen Perſon nicht lange den Kopf oder das Gewiſſen zerbricht.“ Die Beiden aufgeſtanden und gingen lange im Geſpräch auf und ab. 122 „Was muß nur aus Valerie geworden ſein?“ frug der Graf. „So viel mir bekannt, wohnt die ganze Familie, der dem Galgen entlaufene Papa hat ſich nämlich auch wieder eingefunden, nicht weit vom Banquier Normand, bei welchem dermalen auch Herr Eugen ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hat, wahrſcheinlich, um ſeinem Liebchen hübſch in der Nähe zu wohnen und bei Henrietten den chriſtlichen Tröſter zu machen.“ „Der reiche Banquier,“ erzählte Franzesco wei⸗ ter,„iſt im Anfange ob der Liebſchaft ſeines Neffen mit der Tochter des davon gelaufenen Miniſterialſe⸗ cretair ſehr entrüſtet geweſen; das Schickſal ſeiner eig⸗ nen Tochter hat ihn indeß etwas zahmer und demi⸗ thiger gemacht.“ „Sollte man es glauben,“ fiel der Graf ein, „ſelbſt unter der Bürgercanaille findet wieder Abſon⸗ derungs⸗ und Kaſtengeiſt ſtatt!“ „Allerdings,“ gab Franzescv zur Antwort,„und weit ſchrofferer als zwiſchen Adel und Bürgerſtand. Die⸗ ſer bürgerliche Kaſtengeiſt iſt über alle Maßen erbärm⸗ lich, denn er gründet ſich einzig und allein auf die numeriſche Stärke des Vermögens.“ Noch lange Zeit wanderten die Beiden im Ge⸗ ſpräch durch die glänzenden Säle und beſprachen ſich über die Mittel, den Eugen unſchädlich zu machen, und ihm die Macht zu nehmen, damit er nicht über kurz oder lang von dem Grafen Rechenſchaft fordere. Viertes Rapitel. — In dem freundlich gelegenen Schlößchen Chateauneuf, welches dem Obriſt Normand gehörte, war es ſeit einiger Zeit recht lebhaft geworden. Man vernahm oft durch die ſtillen Räume die commandirende Stimme des neuen Major⸗Domus, des alten Barbanegre. Seit dieſer Gar⸗ diſt des Kaiſers Napoleon das Commando übernom⸗ men, ging im Schloſſe Alles nach der pünktlichſten Ordnung und er übte eine ſtrenge Disciplin. Aber auch an ſchönen Bewohnerinnen fehlte es nicht. Henriette wohnte bereits ſeit acht Tagen zu Chateau⸗ neuf, und durch Eugen's Vermittlung hatte die Couſine in Frau Laroſe und Valerien die angenehmſten Ge⸗ ſellſchafterinnen gefunden. Namentlich waren es die beiden Mädchen, welche mit ſchweſterlicher Liebe an einander hingen, und dem Eugen gewährte es große Beruhigung und Freude, dieſes Aſyl aufgefunden zu haben. Er ſelbſt ſtand im Begriff nach Elba abzu⸗ reiſen. Vergeblich waren alle ſeine Bemühungen ge⸗ weſen, des Grafen von Brienne habhaft zu werden. Er beſchloß daher, ſeine Angelegenheit mit dieſem Räuber ſeiner Geliebten und Betrüger ſeiner Coufine für eine ſpätere Zeit aufzuſchieben und war nach Chateauneuf gekommen, um Abſchied von ſeinen Lieben zu nehmen. Barbanegre hatte alle Anſtalten getroffen, ſeinen Wohlthäter mit möglicher Feierlichkeit zu empfangen, und als Eugen in den Schloßhof ſprengte, ſtand die geſammte männliche Schloßbewohnerſchaft, aus einigen 12⁴ Dienern, dem Gärtner nebſt Burſchen beſtehend, unter Waffen und ſalutirte mit militairiſcher Grandezza. Der alte Gardiſt repräſentirte den General en chef und Kanonier in einer Perſon, indem er mit eigner Hand die drei Böller abbrannte, welche man auf ſeinen Be⸗ fehl im Schloßhofe aufgefahren hatte. Eugen ſprang vom Pferde, grüßte freundlichſt die aufgeſtellte Ehrengarde und umarmte den alten Waf⸗ fengefährten. „Ich bringe Dir keine erfreuliche Botſchaft,“ ſprach er,„meine Verwendung hat trotz aller Bitten nichts gefruchtet; der Kaiſer iſt ſo überfüllt mit Soldaten, daß er kategoriſch erklärt, vor der Hand Niemanden mehr in ſeine Dienſte zu nehmen.“ „So,“ antwortete Barbanegre in militairiſcher Stellung, ſtrich ſich den Schnauzbart und das Weinen war ihm näher als das Lachen. „Der Kaiſer,“ fuhr Eugen tröſtend fort,„dankt Euch freundlichſt und läßt ſagen, wenn Ihr ihn in Frankreich nicht vergäßet, ſo wäre das eben ſo viel werth, als wenn Ihr auf Elba exercirtet. Alſo, Alter. nicht verzweifelt; es kommt noch eine Zeit, wo der Kaiſer ſeine Grenadiere von Marengo brauchen wird.“ „Das gebe Gott,“ ſprach Barbanegre, und wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge;„ich kann einmal von dem Manne nicht laſſen. Es iſt mein Vater, mein Sohn, meine Lebensluft.“ Henriette, Valerie und ihre Mutter eilten Eugen entgegen. Henriette, welcher der Verrath des Grafen endlich nicht länger hatte verheimlicht werden können, war anfangs wie eine gebrochene Blume zuſammen ge⸗ knickt. Nur nach und nach hatte ſich das Mädchen etwas erholt, doch ſtand ihr ſtilles Leiden auf ihrem bleichen Antlitz noch lesbar geſchrieben. Valerie dagegen blühte wie eine junge Roſe. Hauptſächlich war es ihrem himmliſchen Gemüthe und ihrer liebenden, hingebenden Schweſterlichkeit gelungen, der Freundin lindernden Balſam auf das blutende Herz zu träufeln. Eugen wußte den Frauen, unter zarter Berückſich⸗ tigung Henrietten's, vielerlei Neues aus der Hauptſtadt mitzutheilen. Er hatte ſelbſt die neueſten Modezei⸗ tungen und einige intereſſante Lectüre mitgebracht. „Sind wir denn die garſtigen Baſchkiren und Kal⸗ mücken noch immer nicht los?“ frug Valerie. „Gott ſei Dank,“ antwortete der Jüngling,„Aſien macht ſich endlich zum Aufbruche fertig. Binnen kur⸗ zer Zeit iſt Frankreich geräumt; ob es aber da viel beſſer werden wird, iſt ſehr zu bezweifeln. Die Bour⸗ bonen machen ſich durch ihre verkehrten und unzeitge⸗ mäßen Maßregeln täglich mehr verhaßt; der alte Adel ſchwimmt oben auf, die Pfaffen treiben ihr Weſen und die alte heldenvolle, narbenbedeckte Armee wird mißhandelt, verhöhnt und verabſchiedet. Man ſtößt ihren Ruhm zurück, mißkennt ihre Dienſte, übergibt die, welche dem Vaterlande Milliarden erkämpft, der Dürftigkeit, und unter den von Thränen der Wuth gerötheten Augen der ſtolzen Grenadiere Napoleon's läßt man die glänzenden Puppen der königlichen Haustruppen paradiren. Aber in den ausgehun⸗ gerten Buſen jener Grenadiere ſchlagen Löwenher⸗ zen, und wenn des Abends die Sterne hervortreten, blicken die Augen von Millionen nach jenen Sternen, welche über Elba leuchten. Der alte Barbanegre hat von Glück zu ſagen, daß er alle dieſe Schmach wenig⸗ ſtens nicht mit anzuſehen braucht.. Der könnte es nicht ertragen, ſchlüge drein und wäre in kürzeſter Zeit erſchoſſen. Ich ſelbſt, wie ſehr ich mich zu beherrſchen bemühe, kann es nicht länger ertragen und da meine 126 Angelegenheiten beſorgt, werde ich nächſter Tage nach Elba aufbrechen. Onkel Camille iſt ſchon voraus.“ Die letztern Worte hatten aber bei den Frauen ſichtbare Betrübniß hervorgerufen. „Iſt es denn keine Möglichkeit, Eugen,“ frug Hen⸗ riette,„daß Du Deinen Urlaub noch einige Zeit ver⸗ längerſt? Wir find ſo verlaſſen hier und alles Schu⸗ tzes beraubt.“ „Habt Ihr nicht den Barbanegre?“ tröſtete der Jüngling. „Das iſt wohl ein recht braves Haus,“ ſprach kleinlaut Valerie,„aber wenn der nur den Namen Elba hört, wird er ganz unruhig, und wenn auch Du abgereiſt biſt, ſind wir keine Stunde ſicher, daß er Dir über alle Meere nachſchwimmt.“ „Unbeſorgt,“ lächelte Eugen,„der Alte hat mir ſein Wort gegeben, ſeine Schutzbefohlenen nicht zu verlaſſen, und das hält er, darauf verlaßt Euch.“ Barbanegre, nachdem er ſeine Armee hatte abtre⸗ ten laſſen, kam jetzt des Weges daher. „Nicht wahr, mein Alter,“ frug Eugen,„ein braver Soldat darf ſeinen Poſten nicht verlaſſen?“ „Allerdings, Capitain,“ wardie kategoriſche Antwort. „Nun, Chateauneuf iſt Dein Poſten,“ fuhr der Jüngling fort. „Ich vertheidige ihn gegen halb Europa,“ ſprach der Gardiſt. „Wenn aber nun,“ frug Eugen lächelnd,„der kleine Korporal auf Elba fragt, wo bleibt Barbanegre?“ „Dann ſprenge ich,“ war die ruhige Antwort,„das Neſt in die Luft, damit es nicht dem Feinde in die Hände fällt und gehe zu meinem Kaiſer.“ „Schöne Ausſichten,“ ſprach Frau Laroſe; die bei⸗ 127 den Mädchen aber geriethen ob der kategoriſchen Ant⸗ wort in große Aufregung. „Da müſſen wir wohl auch mit in die Luft?“ frug Valerie. „Das bleibt ſich gleich,“ antwortete Barbanegre. Eugen hatte jetzt Mühe die Mädchen zu beruhigen. Als er zufällig aufblickte, wehte eine majeſtätiſche drei⸗ farbige Fahne auf der Zinne des Schloſſes. „Aber Barbanegre,“ ſprach er mit rügendem Ernſte, „biſt Du von Sinnen?“ und er zeigte nach dem flaggen⸗ den Tricolor. „Es iſt Frankreichs Fahne,“ erwiederte gleich⸗ müthig der Alte,„ſie muß Euch erquicken wie die Quelle in der Wüſte.“ „Sogleich wird dieſe Flagge herabgenommen,“ ge⸗ bot der Jüngling ſtreng. Der alte Gardiſt ſchwenkte mechaniſch rechts ab, den Befehl zu vollſtrecken, aber im Abmarſchiren mur⸗ melte er für ſich: „Der darf nach Elba und ich nicht. Iſt's nicht himmelſchreiend 2* Bald erblickte man ihn auf der Zinne des Schloſſes, wo er ſeine Fahne herabnahm und mit großer Sorgfalt zuſammen wickelte. Wiederholt ſtanden dem Alten bei dieſem Geſchäfte die Thränen in den Augen. „Sieh'“ ſprach ängſtlich Henriette,„der Barbanegre begeht lauter unüberlegte Dinge; wie gut wäre es, wenn Du bei uns bliebeſt.“ Valerie ſchaute mit einem Blick voller Himmel zu dem Jünglinge empor. „Nicht wahr,“ frug ſie mit bezaubernder Stimme, „Du bleibſt bei uns? Denk nur,“ fuhr ſie in drol⸗ ligem Tone fort,„der Barbanegre iſt im Stande, mit 428 ſeiner Armee dem Könige den Krieg anzukündigen und macht uns am Ende zu Amazonen.“ Eugen lachte und beruhigte. „Der Pariſer Onkel,“ ſprach er,„kommt alle Wochen zweimal auf Beſuch, der ſieht ſchon auf's Recht. Was mich betrifft, ſo darf ich nicht bleiben, der Kaiſer hat mein Wort, auch dürfte mein Aufenthalt in Frankreich durch mancherlei Chikanen verbittert werden.“ „Aber Du haſt ja uns,“ ſprach traurig Valerie, „wir wollen Alles thun, Dir die Leiden des Vater⸗ landes vergeſſen zu machen.“ „Freilich,“ fuhr ſie nach einigem Nachſinnen fort, „Du haſt dem Kaiſer das Wort gegeben; aber doch nicht auf zu lange Zeit?“ „Ich komme ſchon zuweilen auf Beſuch, und finde ich das Leben auf Elba für Euch einigermaßen er⸗ träglich, ſoll mich keine Mühe dauern, Euch ſobald als möglich nachzuholen.“ Eugen ging mit den Frauen noch lange Zeit die duftenden Gänge des Schloßparks auf und nieder, welche im erſten Schmucke des jungen Frühlings prangten. Das Geſpräch kam unter andern auf die Reiſe Napoleon's von Fontainebleau nach Elba, von welcher Eugen gar Viel zu erzählen wußte. Fünftes Rapitel. „ In den weiten und ſchattigen Räumen des Palais Royal ſtrömte die Volksmenge in buntem Gemiſch durch einander. Alle politiſchen Factionen der damaligen Zeit fanden hier mehr oder weniger ihre Repräſentanten. 129 Trotzig und mit finſtern Blicken ſchritten die entlaſſenen und auf halben Sold geſetzten Soldaten der kaiſer⸗ lichen Armee einher. Ihre Uniform, die viele Schlach⸗ ten geſehen, war verblichen und zum Theil an vielen Stellen ſchadhaft geworden. Die alten Helden muß⸗ ten froh ſein, wenn ſie einen halben Schoppen ſauern Weins an ſich bringen konnten, während an reichbe⸗ ſetzten Tafeln der alte emigrirte Adel ſchwelgte und mit Verachtung auf die hungernde und zerlumpte Sol⸗ dateska herabſchaute. In reicher, goldüberladner, aber geſchmackloſer Uniform wandelten die neu organiſirten königlichen Haustruppen übermüthig auf und ab; ihre Officiere beſtanden aus lauter Adeligen. Zeitungsträ⸗ ger und Brochürenverkäufer trieben ſich unabläſſig durch die Menge, während Bilderkrämer, Guckkaſtenmänner, Marionettenſpieler, Savoyardenknaben durch unaufhör⸗ liches Geſchrei die Schauluſtigen herbeizulocken ſuch⸗ ten. Muſik tönte aller Orten, und überall vernahm man nichts als die beiden Lieder: „Charmante Gabriele“ und „Vive Henrri quatre,“ welche in unerträgliche Einförmigkeit fortwährend mit einander abwechſelten. Das Volk, der beiden bourboniſchen Lieder wie der Bourbonen ſelbſt von Herzen überdrüſſig, erman⸗ gelte nicht, ſeiner Galle in reichen Spott⸗ und Witz⸗ worten Luft zu machen. Ein Leierkaſtenmann, welcher gleich am Eingange des Palais Royal Poſto gefaßt hatte, orgelte unun⸗ terbrochen ſein Charmante Gabriele. „Kerl,“ ſprach ein alter Kaiſergardiſt, eine Helden⸗ geſtalt in grauer Capotte,„leiere zum Teufel einmal was Friſches. Man kriegt Ohrenzwang von dem ab⸗ 9 Stolle, ſämmtl. Schriften. XIV. 130 geſchmackten Liede! Wer war denn die Canaille, dieſe ſcharmante Gabriele?“ „Quelle horreur!“ ſchauderte eine Dame aus der Faubourg Saint Germain, welche am Arme eines ge⸗ puderten Marquis dahin ſchritt und die Worte des Gardiſten vernommen hatte,„welch' ein frevelndes Ungeheuer!“ „Was ſagen Sie, meine Gute und Liebe?“ frug in ſüßlichem Tone der Marquis, der etwas ſchwer hörte, ſich zu ſeiner Begleiterin hinabneigend. „Ha, es iſt entſetzlich, fuhr die Dame fort, „ſolche Läſterung!“ „Mein Gott, Königin meines Herzens, welche un⸗ willkürliche Aufregung?“ „Dieſer Barbar da,“ erklärte die Dame,„er weiß nicht, wer Gabriele war.“ „Traurige Beſchränktheit des Geiſtes und Wiſſens,“ begann der Gepuderte mit Pathos,„hier verlangt es der Patriotismus, dieſem in Finſterniß Einherwan⸗ delnden einige Aufklärung zukommen zu laſſen.“ Mit dieſen Worten tippte er den Gardiſten auf den Arm. „Pfui,“ ſprach heimlich die Dame,„den Pöbel anzurühren!“ Der Gardiſt wandte ſich und frug?„Was beliebt?“ „Die überausreizende und allerfürtreffliche Gabriele, von welcher dieſes unſterbliche Lied ſingt,“ erklärte der Marquis,„war die angebetete Freundin Seiner Maje⸗ ſtät unſers großmächtigſten, allerchriſtlichſten und al⸗ lerſeligſten Königs Heinrich des Vierten.“ „Seine Frau?“ frug der Gardiſt. „Nicht doch,“ fuhr der Gepuderte fort,„ſeine Freundin. Die Genoſſin ſeines großen edelmüthigen Herzens. 13¹ „Eine ſchöne Freundſchaft,“ brummte ungläubig der Grenadier. „Seine Maitreſſe war's, ſeine Maitreſſe war's!“ rief ein vorlauter Gamin, der dem Geſpräch zugehört. „Und davon erzählt man heutzutage noch?“ frug der alte Krieger;„der gute Heinrich der Vierte hätte auch was Geſcheuteres thun können, als Maitreſſen zu halten.“ „Hinweg, hinweg,“ drängte die Dame aus der Faubourg Saint Germain,„ich erſticke!“ „Sie haben Recht, meine Theuerſte,“ ſprach, ſeine Begleiterin hinwegführend, der Marquis;„das Volk iſt in der kurzen Zeit, ſeit Frankreich an ſeinen legi⸗ timen Königen verwaiſt war, furchtbar verwahrloſt. Wenn nicht die fromme Geiſtlichkeit alle ihre Macht aufbietet, weiß ich nicht, wie das werden ſoll. O ihr ſchönen Zeiten des großen Ludwig, wo ſeid ihr hin⸗ geſchwunden! Denken Sie ſich meinen Schrecken, Gute und Liebe, unſer herrliches Bellvillage, ſo lieblich an der ſanft dahin ſchlängelnden Loire gelegen, in deſſen ſchattigen Laubgängen wir in dem freundlichen Herbſte von 1783 ſo viele zärtliche Stunden verlebt vom Morgen bis zum ſterbenden Abendrothe, wo ich ſchon als Kind ſtets die erſten Blumen des Frühlings für Adelaide, Vicomteſſe von Clary brach, meiner todten, aber nimmer vergeſſenen Geliebten, gehört jetzt— er⸗ ſchrecken Sie nicht, meine Theuerſte, gehört jetzt einem filzigen Fabrikherrn. Niedergeriſſen ſind die hohen Hecken, die ſo oft unſre zärtlichen Seufzer belauſcht, wenn ich Ihnen vorlas aus dem idylliſchen Florian; Dampfmaſchinen brauſen in den Gewächshäuſern, und wo einſt die herrlichen Tulpen aus Harlem leuchteten auf den ſauber gefurchten Beeten— Himmel, meine Theuerſte, was ſteht da—“ 9 132 „Heraus, Marquis,“ frug zitternd die Dame,„welche Schandthat der Natur—?“ „Kartoffeln, Theuerſte!“ hauchte der Marquis mit erſterbender Stimme. „Kartoffeln!“ ſchrie die Vicomteſſe,„eölniſches Waſſer, ich ſterbe.“ „Kartoffeln,“ wiederholte dumpf der Emigrant. „Was hilft es mir, wenn auch der jetzige Beſitzer nach dem weiſen Geſetze, das der Miniſter Blacas nächſtens zum Vortrag bringen wird, mein Gut mir abzutreten gezwungen iſt, den Kartoffelgeruch bringe ich im Le⸗ pen nicht wieder heraus. O Vaterland, was iſt aus dir geworden!“ „Ha,“ rief plötzlich die Begleiterin und fuhr von Neuem zuſammen. „Schon wieder, Gute und Liebe,“ frug erſchrocken der Marquis,„welch' neuer Schreck?“ „Da, da,“ ſprach die Vicomteſſe und zeigte mit abgewandtem Geſicht nach einem Phaeton, der ſo eben vorüberfuhr und worin eine Dame ſaß. „War das nicht die Ney?“ frug ſie aufgeregt. „Wohl möglich, meine Theuerſte.“ „Die Bäckerstochter!“ rief ſchaudernd die Vicom⸗ teſſe. „Ja man ſieht's der Frau gleich an,“ erwiederte der Marquis,„Pöbel bleibt Pöbel und verläugnet ſich nie.“ „Und kommt aus den Tulierien,“ rief die Be⸗ gleiterin halb außer ſich,„die Bäckerdirne!“ „Leider, leider,“ ſeufzte der Marquis,„unſer gu⸗ ter König iſt viel zu liberal; er ſchmeichelt dem Pö⸗ bel, das iſt nicht gut. Doch,“ fügte er tröſtend hin⸗ zu,„die Angouleme wird Alles wieder in's Gleis bringen.“ 133 „Bürgerliche Creaturen in den Tuilerien,“ fuhr die Vicomteſſe mit ſtillem Entſetzen fort,„am Hofe Ludwig des Achtzehnten, o wären wir fern von Frank⸗ reich geſtorben!“ „Gute und Liebe,“ meinte der Marquis,„nicht verzweifelt, ein ſcheu gewordenes Pferd iſt nicht im Augenblicke zur Vernunft zurück zu führen. Es braucht neuer Dreſſur. Die Miniſter haben den beſten Wil⸗ len; ein guter Anfang iſt ſchon gemacht; die Haus⸗ truppen werden nur von altem Adel commandirt, ich ſelbſt habe drei Coufins darunter; eine Elite, wie ſie lange nicht über die Erde gegangen. Da ſoll ein⸗ mal kommen die berüchtigte alte Garde des Tyran⸗ nen, dieſes Lumpengeſin el, ein Bataillon Haustrup⸗ pen, gut Geblüt an der Spitze, jagt jene Straßen⸗ räuber über alle Berge.“ Die Zwei verſchwanden im Gedränge. Ein Zeitungsleſer war auf den Tiſch geſprungen und theilte an einen zahlreich umherverſammelten Zu⸗ hörerkreis den neueſten Stand der politiſchen Ange⸗ legenheiten mit. „Die neueſten Nachrichten vvm Wiener Congreß,“ las er.„Geſtern, Montags großes Diner bei Seiner Durchlaucht dem Fürſten Metternich. Ihre Majeſtä⸗ ten, die beiden Kaiſer von Rußland und Oeſtreich, ſo⸗ wie Seine Majeſtät der König von Preußen beehrten das ſeltene Feſt durch ihre allerhöchſte Gegenwart. Lange ſah Wien nicht ſolchen Glanz in ein und dem⸗ ſelben Hotel vereinigt. Die allerhöchſten Herrſchaften verließen das Feſt, welches dem Geſchmacke und Kunſt⸗ ſinne des durchlauchtigſten Feſtgebers zu hoher Ehre gereicht, mit hoher Zufriedenheit. Man hat Seine Majeſtät, den Kaiſer von Rußland lange nicht ſo hei⸗ ter geſehen.“ 134⁴ „Weiter, weiter!“ rief das Volk. Der Vorleſer fuhr fort: „Abends Ball in den Appartements der Kaiſerin von Oeſtreich. Dienſtags, ſolenne Spazierfahrt der allerhöchſten Herrſchaften und des diplomatiſchen Corps nach Schönbrunn. Dieſe Partie, wo dem öſtreichi⸗ ſchen und ungariſchen hohen Adel Gelegenheit gege⸗ ben ward, ſeine Pracht und ſeinen Luxus im höchſten Glanze zu zeigen, ward von der herrlichſten Witte⸗ rung begleitet. Abends Ball beim ruſſiſchen Geſandten. — Mittwoch, Dejeuner danſant beim Fürſten Eſter⸗ hazy. Ein wahres Feenfeſt. Wem das hohe Glück ward, dieſem Feſte beizuwohnen, weiß nicht, was er mehr bewundern ſoll, die treffliche Einrichtung des Feſtins oder die Anmuth des Wirthes, welche alle An⸗ weſende bezauberte.“ „Nun kommen wir zum Donnerſtage,“ brummte ein alter Invalid mit einem Beine. „Donnerſtag,“ fuhr der Vorleſer fort,„Großes Mittagseſſen in der Hofburg. Abends Feuerwerk im Prater und Feſtſpiel. Die ſinnige Anordnung des letz⸗ tern hat alle davon gehegte Erwartungen übertroffen.“ „Politik wollen wir hören,“ rief das Volk,„was kümmern uns die Schmauſereien!“ Der Vorleſer aber ließ ſich nicht ſtören und las weiter: „Freitag. Großes Souper nebſt Ball beim preu⸗ ßiſchen Geſandten. Zu allgemeiner Betrübniß bemerkte man, daß Seine Majeſtät der Kaiſer von Oeſtreich durch eine Unpäßlichkeit abgehalten war, dem Gaſt⸗ mahle beizuwohnen. „Nach dem Souper Tanz.“ „Bomben Element,“ brummte der Stelzfuß,„der Congreß geht nicht, er tanzt.“ 135 „Nieder mit dem Vorleſer,“ ſchrie das Volk,„er hat uns zum Narren, nieder mit ihm!“ „Meine Herren,“ replicirte der Bedrohte,„hier ſteht es ſchwarz und weiß, ich kann nichts Andres le⸗ ſen, als was hier ſteht. Indeß Geduld, Privat⸗Mit⸗ theilung aus Wien.“ „Hört, Privatmittheilungen, laßt ihn weiter le⸗ ſen!“ rief die Menge. Der Vorleſer fuhr fort: Geſtern bei der glänzenden Soirée des Grafen Stadion, auf welcher auch Seine Majeſtät der Kaiſer von Rußland zu erſcheinen ge⸗ ruhten—“ „Schon wieder Soiréen,“ ſchrieen viele Stimmen, „jetzt keine Barmherzigkeit mehr!“ Und verſchiedene kräftige Arme griffen nach den Füßen des Vorleſers, ihn von dem Tiſche herabzuwerfen. „Nur einen Augenblick Geduld,“ proteſtirte die⸗ ſer,„jetzt kommt was ganz Wichtiges.“ „Was da,“ tönte es von mehren Seiten,„er will uns von Neuem zum Narren haben. Nieder mit ihm!“ „Nein, laßt ihn zu Ende leſen,“ riefen andre und der Zeitungsleſer rief mit erhabener Stimme:—„zu erſcheinen geruhten; auch Seine Durchlaucht der Prinz von Talleyrand, der franzöſiſche Bevollmächtigte be⸗ fand ſich auf beſagter Soirée.“ „Hört, Talleyrand,“ erſcholl es ringsum im Kreiſe, „ſtill, was iſt's mit dieſem Spitzbuben?“ „Man bemerkte,“ las jener weiter,„wie ſich Seine Majeſtät der Kaiſer von Rußland in einer Fenſter⸗ vertiefung eine volle halbe Stunde auf das Angele⸗ gentlichſte mit dem Fürſten von Benevent unterhielt.“ „Dieſer wird dem guten Kaiſer ſchöne Naſen auf⸗ geheftet haben,“ riefen mehre Stimmen. 136 „Man vermuthet allgemein,“ fuhr der Leſer fort, „daß die polniſche und ſächſiſche Frage der Gegen⸗ ſtand dieſer Unterredung geweſen iſt.“ „Vivat, die Polen und Sachſen ſollen leben,“ tönte es von vielen Seiten. „Nieder mit den Sachſen,“ riefen Andere,„ſie haben uns bei Leipzig verrathen!“ „Man erzählt ſich nämlich,“ las der Vorleſer,„daß Rußland Polen, Preußen Sachſen als Entſchädigung für den Krieg verlangten.“ „Nieder mit Ruſſen und Preußen,“ ſchrie das Volk,„das geben wir nicht zu!“ „Auch ſoll Talleyrand gegen dieſe Einverleibung proteſtirt haben.“ „Bravo, Talleyrand!“ tönte es. „Meine Herren,“ belehrte ein junger anſtändig gekleideter Herr,„glauben Sie, daß Talleyrand aus Rechtsgefühl proteſtirt hat?“ „Das glauben wir auch nicht,“ riefen Viele, „aber warum nimmt ſich dieſer Fuchs der Polen und Sachſen an?“ „Das will ich Ihnen ſagen,“ fuhr der junge Mann fort,„es iſt immer Politik des franzöſiſchen Cabinets geweſen, Rußland nicht allzumächtig werden zu laſſen; und was Deutſchland betrifft, ſo verlangt es dieſelbe Politik, daß einzelne Staaten dieſes Landes die klei⸗ neren nicht aufeſſen, woraus allmälig Ein einziges Deutſchland entſtehen würde, zum größten Nachtheile für Frankreich, das in der Zerſtückelung des deutſchen Reichs ſeinen Vortheil findet.“ „Der hat's ſtudirt,“ lobten Mehre aus der Menge. „Steht denn nichts von Elba in der Zeitung?“ frug ein junger Mann den Vorleſer. „Ja Elba! Elba!“ rief Alles begeiſtert wie aus einem Munde. „Nicht viel von Bedeutung,“ war die Antwort, „der Kaiſer hat bereits eine Eroberung gemacht.“ „Wie, was, Eroberung?“ frug man. „Er hat mit vierzig Mann ſeiner Garde eine kleine unbewohnte Nachbarinſel von Elba in Beſitz genommen.“ „Ha, die Garde!“ rief es. „Sagt' ich's nicht,“ ſprach ein Haarkräusler,„der kleine Korporal hält nicht Ruhe.“ „Wie befindet ſich ſonſt der Kaiſer?“ frug der junge Mann. „Ja, wie befindet er ſich, was treibt er, wie geht's ihm?“ wiederholten faſt ſämmtliche Umherſtehende. „Seine Majeſtät,“ erwiederte der Vorleſer,„er⸗ freuen ſich des erwünſchteſten Wohlſeins.“ „Das iſt ſchön, herrlich!“ jubelte das Volk,„Vive l'emp“— „Pſt!“ mahnten mehre Stimmen,„dort kommen Gensd'armen.“ „Was kümmern uns die Gensd'armen, nieder mit den Gensd'armen! hoch der—“ „Ruhe, Ruhe!“ ſcholl es von mehren Seiten. Der Vorleſer erzählte weiter: „Ihre kaiſerliche Hoheit, die Prinzeſſin Borgheſe und die Mutter des Kaiſers befinden ſich auf Elba, Napoleon in ſeiner Einſamkeit die Zeit vertreiben zu helfen.“ „Brave Pauline! Brave Mutter!“ ſchrie das Volk, „hoch! die ganze kaiſerliche Familie ſoll leben und der Kaiſer oben an!“ Gensd'armen erſchienen und trieben den Haufen auseinander. Der Leiermann am Eingange ſpielte wieder die Melodie: 138 „Charmante Gabriele“ und ſang in kreiſchendem Tone den Text dazu. Der Zeitungsvorleſer und der junge Mann, welcher Talleyrand's Politik enthüllt hatte, ſtanden im Begriff, das Palais Royal zu verlaſſen. Sie gelangten durch das Volksgewühl bis zu dem Leiermann. „Kerl, blöke nicht ſo ohrenzerreißenden abgeſchmack⸗ ten Chanſon,“ ſprach der eine,„hier iſt ein Frankſtück, ſo ſpiele zur Abwechslung einmal das„ca ira.“ „Monſeigneur,“ entſchuldigte ſich der Handorgel⸗ ſpieler,„das„ga ira“ hab' ich ſchon ſeit länger denn zehn Jahren herausnehmen müſſen. Es liegt aber wohl⸗ verwahrt zu Hauſe. Wird auch ſeine Zeit kommen; jetzt muß man die„Gabriele“ ſpielen und den guten„Henri quatre“, ſo man was verdienen will. Beide Stücke koſten mich baare achtzehn Franken; man muß mit der Zeit fortſchreiten, ich kaufte ſie noch unter der proviſori⸗ ſchen Regierung und habe manchen Sou damit verdient.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ganz in der Nähe in einer der brillanteſten Reſtaurationen ein großes vollſtimmiges Orcheſter das„Charmante Gabrièle“ zu executiren begann und an hundert daſelbſt befindliche Perſonen mit vollen Kehlen das Lied anſtimmten. „Das halt' ein andrer aus,“ rief der Zeitungs⸗ vorleſer und ſeinen Begleiter unterm Arm nehmend drängte er ſich durch das Gedränge, um ſobald als möglich das Palais Royal im Rücken zu haben. Die Sänger, welche in der glänzenden Reſtauration das bourboniſche Lied angeſtimmt hatten, beſtanden faſt ſämmtlich aus Emigranten und exaltirten Royaliſten. Man beging die Nachfeier der Verlobung des Grafen Alphons von Brienne mit der Gräfin Choiſeul. Auch der Ritter Leon und Franzesev befanden ſich unter der Geſellſchaft. Der ganze brillante Speiſeſaal war 439 auf geſchmackvolle Weiſe mit weißen Fahnen, Lilien und andern Emblemen der Bourbonen geſchmückt. Als der Geſang zu Ende war, begann man zu politiſiren. Während die durch den Champagner begeiſterten ultra's eine reactionaire Maßregel nach der andern zur Sprache brachten und hochleben ließen, ward durch einen Diener dem Italiener Franzesco ein verfiegeltes Billet überreicht, welches dieſer ſogleich erbrach. Kaum hatte er das Schreiben zu Ende geleſen, als er mit ſichtbarer Unruhe den Grafen von Brienne abſeit der lär⸗ menden Geſellſchaft in die Vertiefung eines Fenſters zog. „Unſer Unternehmen,“ ſprach hier Franzesco,„iſt fehlgeſchlagen.“ Der Graf erbleichte. Der Italiener fuhr fort: „Es iſt unbegreiflich, wie dieſe vier Bullenbeißer nicht herzhafter zu Werke gegangen find; ich hatte die tüchtig⸗ ſten aus Maubreuil's Schaar ausgeſucht. Zwei find gar zum Teufel gegangen und liegen todt auf dem Platze, die andern haben ſchwer verwundet Paris erreicht.“ Der Graf wußte vor Schrecken kein Wort zu er⸗ wiedern; er war vollkommen nüchtern geworden, und alle Farbe aus ſeinem Geſicht entwichen. „Und der Normand?“ frug er endlich ſtammelnd. „Iſt mit einer leichten Armwunde davon gekommen und befindet ſich dermalen gleichfalls in Paris.“ „Hölle und Teufel!“ rief jetzt der Graf,„da bin ich keine Stunde ſicher. Ich muß auf der Stelle in mein Verſteck zurückkehren.“ „Allerdings,“ antwortete der Italiener,„aber hoffent⸗ lich nur auf ſehr kurze Zeit. Ich bürge dafür, daß Normand keine achtundvierzig Stunden in Paris verweilen darf.“ „Aber wie konnte dieſer wohlberechnete Angriff nur mißlingen?“ frug Brienne. 14⁰ „Laut dieſem Schreiben,“ erzählte Franzeseco,„trägt der Eyſecretair Laroſe allein die Schuld. Dieſer nichts⸗ nutzige Federheld ſoll wie ein Löwe gekämpft und dadurch den Normand, der ſich des plötzlichen Ueberfalls im Walde nicht verſehen, gerettet haben; er iſt bei der Geſchichte ebenfalls zum Teufel gefahren.“ „Wie, der Laroſe auch todt?“ rief der Graf von Neuem erſchrocken,„ſo iſt kein Zweifel, daß die Sache anhängig wird.“ „Das wäre das Geringſte,“ meinte der Italiener, „ein Raubanfall iſt in jetziger Zeit nichts Seltenes. Unſre Bullen gelten für Straßenräuber; zum Glück befindet ſich von den Lebenden keiner in den Händen der Juſtiz. Wir bleiben demnach ganz ſcharmant aus dem Spiele.“ „Aber wird der Normand nicht Anzeige machen?“ frug der Graf. „Ich glaube kaum,“ antwortete Franzesco,„dem iſt die Zeit in Paris gemeſſen und falls er auch den Ueberfall zur Kenntniß der Gerichte bringt, ſo iſt's ein Raubanfall geweſen und die Sache hat weiter nichts auf ſich.“ „Wie verhält ſich denn das Nähere dieſer ſo heil⸗ loſen verunglückten Unternehmung?“ „Laut dieſem Schreiben,“ ſprach der Italiener, „ſehr einfach. Unſre vier Buben ſtanden wohlpoſtirt im Walde von Verſailles, welchen Normand paſſiren mußte. Auf meinen ausdrücklichen Befehl hatten ſie ſich reichlich mit Piſtolen verſorgt, denn ich ſah vor⸗ aus, daß, wenn es zum Handgemenge käme, die Un⸗ ſern den Kürzern ziehen müßten, da Normand bei ſeiner unverſchämten Tapferkeit im Stande iſt, eine halbe Compagnie in die Flucht zu ſchlagen. Dieſer Menſch langt auch zur beſtimmten Stunde bei der Stelle an, wo die Vier im Hinterhalte liegen. Blos Laroſe und ein Reitknecht begleiten ihn. Eine Pi⸗ 1 1 ſtolenſalve erfolgt, Normand wird verwundet, ſein Pferd bäumt ſich und iſt im Begriff durchzugehen, da kracht die zweite Salve; ſie erreicht ihren Zweck gleich⸗ falls nicht. Die Unſern nun, anſtatt das Feuer zum Drittenmale zu wiederholen, ſtürzen hervor, in der Beſorgniß, daß Normand ihnen entfliehen möchte. Kaum aber haben ſie ſich auf der Straße gezeigt, als Laroſe ſein einziges geladenes Piſtol abdrückt und einen der Unſern zu Boden ſtreckt. Die übrigen Drei fallen nichtsdeſtoweniger muthig über Normand, der ſeines Pferdes noch immer nicht Herr werden kann, her. Wiederholt werden Piſtolen auf ihn abgefeuert, ohne ihn zu verletzen; endlich dringt man mit dem Säbel in der Hand auf ihn ein. Sein Reitknecht, als er den wüthenden Kampf entſtehen ſieht, ergreift die Flucht und ſchon ſcheint Normand's letztes Stünd⸗ lein gekommen, als der Teufel den Laroſe, welcher vom Pferde geſprungen, den Angreifenden in den Rücken fällt. Wie eine wüthende Beſtie wirft er ſich auf die Unſeren, blos mit einem dünnen Stoßdegen bewaffnet. Er ſtößt dieſes verfluchte Eiſen dem Einen durch den Rücken, daß es vorn auf der Bruſt wieder heraus⸗ kommt, und verwundet die beiden Uebrigen ziemlich gefährlich. Jetzt endlich iſt es auch dem Normand gelungen, ſeinen Säbel zu ziehen, und den beiden Letzten bleibt nichts übrig, als ſo ſchleunig wie mög⸗ lich in den Wald zu fliehen. Vorher noch drückt der Eine ſein Piſtol ab und ſchießt den Laroſe durch die Bruſt, daß er augenblicklich zuſammenſtürzt. Normand, der endlich vom Pferde geſprungen, denkt nicht an Verfolgung und iſt nur mit dem erſchoſſenen Laroſe beſchäftigt. Dies iſt der Hergang der Sache.“ „Verflucht,“ rief der Graf,„nun ſitzt mir dieſer Menſch wieder auf dem Nacken und ich kann meines 142 Lebens nicht froh werden; warum wählten wir auch nur vier Leute; ihre Zahl war zu gering.“ „Es waren übergenug, die kaiſerliche Ordonnanz in die Ewigkeit zu ſpediren,“ entgegnete Franzesco; „aber wo der Teufel einmal ſein Spiel treibt—“ „Ich halte es jetzt am Gerathenſten,“ fuhr Brienne fort,„mich ſo unbemerkt als möglich zu entfernen und in mein Verſteck zurückzukehren; ich bin ja keinen Augenblick ſicher, daß der Normand hier im Palais Royal erſcheint und Händel ſucht, die mir nicht un⸗ gelegener als eben jetzt wären. Ihr werdet mich bei der Geſellſchaft entſchuldigen; wer nach mir fragt, ich bin auf unbeſtimmte Zeit verreiſt.“ Der Graf entfernte ſich durch eine Seitenthüre und Franzesco kehrte zu der weinfröhlichen Geſellſchaft zu⸗ rück. Hier hatte man bereits Frankreichs Schickſal entſchieden. Man war um ein halbes Jahrhundert zurückgegangen und fand in dem Zuſtande vor der Revolution das alleinige wahre Wohlfahrtsprincip. Wieder ſpielte das Muſikchor„Charmante Gabriele“ und erſt tief in der Nacht trennte ſich die royaliſti⸗ ſche Geſellſchaft. Sechſtes Rapitel. In der einfachen Wohnung eines abgelegenen Vier⸗ tels von Paris ſaß Frankreichs großer Kriegsmeiſter, der Republicaner Carnot. Diesmal waren es nicht Karten und Pläne, welche ſeinen großen Schreibtiſch bedeckten, ſondern neue Regierungserlaſſe und Ordon⸗ nanzen des Königs Ludwig des Achtzehnten. 143 Je länger aber der General in dieſen Schriften las, deſto finſtrer furchte ſich ſeine Stirn, und eine nach der andern floh bald zerknittert in die Stube. „Dieſes Geſchlecht bleibt unverbeſſerlich,“ ſprach er endlich,„man ſollte doch glauben, das zwanzig⸗ jährige Exil und die Noth habe die Bourbonen in Etwas geſcheuter und unſichtiger gemacht; aber ver⸗ gebens, ſie ſind die Alten geblieben.“ „Tolle Maßregeln,“ fuhr er nach einer Pauſe fort;„kaum heimgeführt in's Vaterland durch die Protection von dreimalhunderttauſend Bayonetten, treiben ſie es ſchlimmer als zuvor. Ihren Beſtrebun⸗ gen nach ſoll es den Anſchein haben, als ſei gar keine Revolution über die Erde gegangen.“ Der General verſank in tiefes Sinnen. „Den Kaiſer,“ hub er wieder an,„ſind wir al⸗ lerdings los, aber was haben wir dafür erhalten? Ich bin in der Politik nie der Freund dieſes großen Mannes geweſen; aber die Bourbonen für einen Na⸗ poleon! Die Sache iſt zu lächerlich, als daß man ſich wahrhaft ärgern könnte.“ Der eintretende Diener meldete den kaiſerlichen Ordonnanzofficier Eugen Normand. „Mir herzlich willkommen,“ rief Carnot und ſtand eilig auf, den Jüngling, zu empfangen. Eugen, den einen Arm in der Binde, trat ein. Der General ging ihm entgegen und ſchloß ihn in ſeine Arme. Die Beiden hatten ſich nicht geſehen und geſprochen, ſeit Carnot die Vertheidigung von Antwerpen übernommen. „Ich bin eigentlich hier, um Abſchied zu nehmen,“ ſprach der Jüngling, als er neben Carnot auf dem Sopha ſich niedergelaſſen hatte,„und anzufragen, ob Ihr, General, etwas nach Elba zu beſtellen habt.“ 144⁴ „Sagt dem Kaiſer,“ gab Carnot lächelnd zur Antwort,„daß er nach Frankreich kommen und die dicken Bourbonen zu allen Teufeln jagen ſoll.“ „Aber, apropos,“ fuhr er auf Eugen's Arm zei⸗ gend fort,„ſeit Ihr verwundet worden?“ „Allerdings,“ antwortete der junge Mann,„es herrſcht dermalen eine löbliche Ordnung im Lande; auf meiner Rückkehr von Verſailles ward ich von Straßenräubern auf die mörderiſcheſte Art angefallen.“ „Es geht direct auf die Zeiten der Raubritter zu,“ bemerkte Carnot,„nun fehlen nur noch Tortur, He⸗ xenproceſſe, Baſtillen, Bartholomäusnächte und ähn⸗ liche humane Einrichtungen.“ „Nur Geduld,“ erwiederte Eugen,„wenn Freund Blacas und die Angvulème noch ein Jahr ſo fort⸗ wirthſchaften, können wir das Alles erleben. Die Je⸗ ſuiten haben wir bereits, an Wundern fehlt es auch nicht, weder am Himmel noch auf Erden; in Nismes hat ein brillantes Kreuz am Himmel geſtanden und in Avignon und Marſeille maſaerirt man die Prote⸗ ſtanten nach Herzensluſt. Mehr kann man in der kur⸗ zen Zeit nicht verlangen.“ Carnot bedeckte mit beiden Händen ſein Geſicht. „Ich habe ordentlich meine Freude daran,“ fuhr Eugen fort,„daß die Bourbonen ſo mannhaft zu Werke gehen. „Nein, der Gedanke,“ ſprach er nach einer Pauſe, „es iſt zu einzig; hier die Bourbonen mit ihrem be⸗ puderten, bezopften und gichtbrüchigen Emigranten⸗ adel, Frankreich, die Vernunft, Erinnerungen, Ruhm und alles Hohe und Herrliche mißhandelnd und dort wenige Tagereiſen auf ſeiner Felſeninſel— Napo⸗ leon. Ich habe oft aus ſeinem Munde gehört:„du 145 sublime jusqu'au ridicule rien qu'un pas!“ Wie wahr! wie wahr!“ „Habt Ihr meine Denkſchrift an den König ge⸗ leſen?“ frug Carnot, wie aus einem Traum er⸗ wachend. „Ja wohl, mein General,“ erwiederte der junge Mann mit Begeiſterung,„wenn dieſe Offenbarung ihnen den Staar nicht ſticht, ſind ſie verloren binnen Jahr und Tag.“ „Das find ſie ohnedem,“ antwortete Carnot;„es iſt ſo gut wie entſchieden, daß es über kurz oder lang zu einer Kriſe kommen muß, oder Frankreich wäre nicht werth, daß es die Sonne beſchiene.“ „Wie,“ fuhr er nach einer Pauſe in aufgeregtem Tone fort und ſein Geſicht überzog ein furchtbarer Ernſt, ſeine Geſtalt erhob ſich, wie in jenen Zeiten. wo er im Wohlfahrtsausſchuſſe gegen die Feinde der Freiheit donnerte,„das wäre der Lohn für die zwan⸗ zigjährige Blutarbeit, für das Schlachten der Guil⸗ lotine, für das Morden zahlloſer Schwerter und Ka⸗ nonen, daß wir am Abend, ruhm⸗ und wundenvoll, wie arme Sünder Buße thun ſollten vor Junkern und Pfaffen? Wie, die Revolution, die Welterſchüt⸗ terin, ſollte blos eine ephemere Blähung in dem Wanſte des Feudalismus und der Hierarchie geweſen ſein? Nun und nimmermehr; und wenn der ſchmach⸗ voll erkaufte Friede nochmals in den Kauf gegeben werden müßte, die Nation darf dieſe Frevel dulden!“ Carnot ſchritt lebhaft im Zimmer auf und 3 Er blieb wieder vor Eugen ſtehen. „Noch leben die Elemente der Revolution friſch und kräftig,“ ſprach er;—„man hat ſie zwar in Keller geſperrt und die Oeffnungeu mit Miſt ver Stolle, ſämmtl. Schriften. XIV. 10 146 ſtopft, aber das hat ſie eben geſund und friſch erhal⸗ ten. Ein Wink, und das Meduſenhaupt von 93 ſchüttelt ſeine Mähnen furchtbarer denn je. „Noch habe ich immer Anſtand genommen,“ fuhr er nach einiger Zeit fort,„jene finſtern Mächte her⸗ auf zu beſchwören; die Verantwortung iſt unermeß⸗ lich; ich habe den Bourbonen in meinem Memoire noch eine Bedenkzeit gegeben, aber ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, wenn dieſe Zeit vorüber und dieſe Thoren nicht zur Vernunft gekommen find, dann, wohlan, mag es kommen wie da will, ich werfe die Fackel in das Pulverfaß und pflanze dis Blutfahne auf die Zinne der Notredame!“ Kaum hatte Carnot dieſe Worte geſprochen, als die Thüre aufging und die Generale Excelmann und Erlon in großer Aufregung in's Zimmer traten. Eu⸗ gen war mit beiden perſönlich befreundet, darum nah⸗ men ſie keinen Anſtand, ihrer Entrüſtung über das jetzige Regiment freien Lauf zu laſſen. „Ich koche vor Wuth,“ rief Excelmann,„ſo eben war Parade im Tuilerienhofe. Da ſtand ein Batail⸗ lon Haustruppen, bartloſe Memmen; daneben eine Colonne ſchlachtergrauter Veteranen. Jener puppen⸗ hafte Bourbon, der Berry, der Heinrich den Vierten nachäfft, hält Muſterung. Die Haustruppen ſchreien oder quäcken vielmehr wie toll ihr„Vive le roi“; in finſterem Schweigen ſteht die Granitcolonne; nicht ein einziger Ruf erſchallt. Das wurmt natürlich den Berry; er läßt die Haustruppen defiliren und einige Schwenkungen vornehmen. Die Sache geht herzlich ſchlecht, aber ſeine königliche Hoheit iſt entzückt über dieſe vollendete Taktik. Jetzt kamen die Veteranen an die Reihe; auch ſie müſſen rechts und links ab⸗ ſchwenken, und mit welcher Meiſterſchaft ſie das Exer⸗ 147 citium auch ausführen, dem Nachkömmlinge Heinrich des Vierten iſt Nichts recht. Er findet überall zu tadeln, wird immer eigenfinniger und ungezogener, und treibt endlich die Frechheit ſo weit, daß er einen der Hauptleute, welcher nach ſeiner Meinung fehler⸗ haft commandirt hat, die Orden von der Bruſt reißt und ſie in den Koth wirft. Ein dumpfes Murmeln lief bei dieſem empörenden Anblick durch die Granit⸗ colonnen; es bedurfte eines Wortes von Seiten dert obern Officiers, und von Seiner königlichen Hoheit war binnen wenigen Minuten nichts übrig, als ein paar blutige Lumpen.“ „Es darf und kann nicht ſo fortgehen,“ ſprach Erlon,„wenn wir auch den Kaiſer nicht wieder be⸗ kommen, müſſen doch dieſe Bourbonen aus dem Lande.“ „Der Kaiſer aber bleibt immer das Beſte,“ meinte Epcelmann;„durch eine freiſinnige Verfaſſung von ſeinen Eroberungsplänen abgehalten, wüßte ich keinen trefflichern Regenten.“ „Wie ſteht's denn mit Eugen Beauharnvis?“ frug Carnot, der zeither dem Geſpräch mit Aufmerk⸗ ſamkeit zugehört hatte. „Fouchs hat an ihn geſchrieben,“ antwortete Er⸗ lon,„aber nur ſehr unbeſtimmte Antwort erhalten, ſo daß wir nicht wiſſen, wie wir mit dem Prinzen ſtehen.“ „Wohlan,“ rief Carnot,„ſo ſehe auch ich nur einen Ausweg, der Bourbonen ledig zu werden, und das iſt der Kaiſer.“ „Ich ſtehe im Begriff,“ ſprach Eugen,„nach Elba abzureiſen, und würde mich ſehr glücklich ſchätzen, von Euch Briefe an meinen Gebieter mitnehmen zu können.“ „Wozu der unſichern Schreiberei,“ meinte Car⸗ 10* 148 not,„berichtet dem Kaiſer von den hieſigen Zuſtän⸗ den, von unſern Anſichten und Geſinnungen; Napo⸗ leon wird dann am Beſten ſelbſt wiſſen, was er zu thun hat.“ „Vergeßt auch nicht,“ fügte Excelmann hinzu, „den Kaiſer zu benachrichtigen, was aus mehrern ſei⸗ ner Marſchälle geworden iſt; daß zwei derſelben un⸗ längſt keinen Anſtand genommen, bei der Feier des heiligen Cyprian in Prozeſſion zu Fuß durch die Stadt zu ziehen, die Wachskerzen in der Hand, wie arme Sün⸗ der. Was muß Europa von uns denken!“ „Darum kommt die Zeit zu handeln,“ ſprach Car⸗ not,„entweder wir ſiegen oder kommen um. Habt Ihr Lafayette in der jüngſten Zeit geſprochen?“ „Allerdings,“ erwiederte Excelmann;„der alte Nationalgarden⸗General will Nichts vom Kaiſer wiſ⸗ ſen. Er träumt noch immer den alten Traum von Neunundachtzig, ſein Ideal iſt die Monarchie, umge⸗ ben von republicaniſchen Inſtitutionen; ſpricht viel, iſt reich an Theorie und guten Lehren, aber es ent⸗ geht ihm gänzlich die zum Durchbruche erforderliche Energie. Ich bin überzeugt, daß Lafayette mit den Bourbonen Frieden ſchließt, ſobald nur Blacas ab⸗ dankt und ein einigermaßen erträgliches Miniſterium an die Spitze tritt.“ „Auch der Benjamin Conſtant, mit dem ich geſtern ſprach,“ meinte Erlon,„obſchon er zur äußerſten Lin⸗ ken gehört, kämpft lediglich gegen das Miniſterium und ſcheint keine antidynaſtiſchen Ideen zu haben.“ „Das ſind alles Halbſchürige,“ rief Carnot,„mit ihnen können wir nichts machen. Jetzt heißt's, ent⸗ weder oder; Napoleon oder die Republik; vor allen Dingen aber die Bourbonen aus dem Lande.“ Die drei Generale beſprachen ſich noch geraume 149 Zeit über dieſe Angelegenheit, bis Eugen ſich verab⸗ ſchiedete und von einem Jeden Grüße an den Kaiſer auf den Weg bekam. Siehentes Rapitel. — In dem kleinen Dorfe, welches zu Chateauneuf ge⸗ hörte, ward das Erntefeſt von den Landleuten mit vieler Heiterkeit gefeiert. Die beiden Mädchen, Va⸗ lerie und Henriette, und Frau Laroſe hatten ſelbſt die Blumenguirlanden gewunden, mit welchen die Pfor⸗ ten feſtlich geſchmückt waren. Auf dem grünen Platze vor dem Dorfe tummelte ſich Jung und alt fröhlich durch einander, während den beiden Fäßchen Moſel⸗ wein, welche unter der großen Linde wie eine Batte⸗ rie aufgefahren waren, fleißig zugeſprochen wurde. Bunte Bänder wehten auf den Hüten der jungen Landleute; Muſik ertönte; man glaubte ſich in eine Florian ſche Idylle. Nur der Feſtordner ſelbſt, der alte Barbanegre, ſchien an der allgemeinen Heiterkeit wenig Theil zu nehmen und ſchritt, häufig mit ſich ſelbſt discvurirend, finſter durch die Menge. „Aber, Barbanegre,“ frug Valerie, welche ſo eben kleine Geſchenke an die Dorfjugend austheilte,„was iſt Euch? Ihr habt Alles ſo allerliebſt angeordnet und macht gleichwohl ein Geſicht, daß man ſich fürch⸗ ten möchte.“ „O,“ erwiederte mürriſch der Alte,„ich habe einen Bock geſchoſſen, der gar nicht wieder gut zu machen iſt.“ 150 „Wie ſo denn?“ frug das Mädchen. „Haben wir denn nicht in ein paar Tagen den funfzehnten Auguſt,“ meinte Barbanegre,„konnten wir die heutige Geſchichte nicht dahin verlegen?“ „Mein Freund,“ erwiederte Valerie,„es iſt gewiß ſehr ſchön von Euch, daß Ihr des Kaiſers ſo in Liebe gedenket, aber ein wenig mehr Vorſicht könnte Euch wahrhaftig nicht ſchaden. Neulich habt Ihr in der Schenke wieder Euer Vive l'empereur ſo laut ertönen laſſen, als ſollte es ganz Frankreich hören. Ihr wißt, daß dieſer Ruf verpönt iſt, und wie ſelbſt unſre ſtille Gegend von Aufpaſſern nicht verſchont iſt. Bedenkt doch, daß Ihr nicht nur Euch, ſondern auch uns, die Ihr ſchützen ſollt, der größten Gefahr ausſetzt; dar⸗ um, Barbanegre, nicht wahr, künftig vorſichtig?“ Der alte Gardiſt hörte die Strafrede ſtumm mit an. „Aber den Funfzehnten müſſen wir doch feiern,“ hub er endlich an.„Was ſollte der Himmel denken. Hat er nicht alle Jahre an dieſem Tage von den Ka⸗ nonen wiedergehallt? Vor'm Jahre noch in Dresden. Morgens war große Revue, Mittags großes Diner und Abends Feuerwerk. Ich lag mit dem Eugen in demſelben Quartier.“ „Gab es da nicht zwei hübſche Wirthstöchter?“ frug Valerie etwas neugierig.„Waren ſie wirklich ſo hübſch wie Eugen erzählt?“ „So viel ich mich aus jener pulverdampfigen Zeit beſinne,“ erwiederte der Veteran,„waren es ſchmucke Dinger; beſonders die jüngere, die mir zuweilen den Kaffee brachte, ſah Euch ſo ähnlich, wie ein Ei dem andern.“ Von der Linde tönte jetzt lauter Geſang. Man hatte das Lied der Abreiſe angeſtimmt. Als man zu Ende, erſcholl hin und wieder ein halb lautes vive lempereur! 151 „Hört Ihr Eure Zöglinge?“ ſprach lachend Valerie; „ſie find nicht Herren ihrer Zungen; ſorgt ja dafür, Barbanegre,,“ fügte ſie ernſthafter hinzu,„daß die jungen Leute nicht aus den Schranken treten. Wir haben alle Urſache, mit Vorſicht zu Werke zu gehen.“ Barbanegre ſchaute nach dem Haufen hin; je länger er aber hinblickte, deſto finſtrer ward ſeine Stirn;„dort ſchleicht ſchon wieder das confiscirte Pfaffengeſicht,“ murmelte er;„der Kerl iſt mir zum Tod verhaßt.“ „Was hat der fromme Mann Euch gethan?“ frug Valerie. „Frommer Mann?“ meinte Barbanegre,„ſchöne Frömmigkeit; ich wette, es iſt ſo eine Art Spion, unſer hieſiges Leben und Treiben zu beſchnüffeln; aber ſobald ich Etwas merke, kommt er nicht lebendig vom Platze.“ „Dieſer Mann hat ſicher nichts Böſes im Sinne,“ erwiederte Valerie,„es iſt ein entfernter Verwandter unſeres Pfarrers und nur zu Beſuch anweſend.“ „Iſt mir auch der rechte, unſer Herr Pfarrer,“ brummte Barbanegre,„wollte mich neulich coramiren, daß ich von ſeinen miſerablen Predigten ſo wenig Notiz nähme; es wäre um ein ruhiges Sterbeſtündlein, meinte der Schlucker. Haben Sie das gehört, Fräulein, um ein ruhiges Sterbeſtündlein; die Fulminatrix hat in hundert Schlachten im Feuer geſtanden und ich war Flügelmann, und dieſer Pfaffe ſpricht von ruhigem Sterbeſtündlein.“ Valerie ward jetzt von Henrietten abgerufen. Die beiden Mädchen eilten nach einer kleinen in der Nähe gelegenen Terraſſe, von wo man die Straße nach Ver⸗ ſailles eine lange Strecke überſehen konnte. Ein Zwei⸗ ſpänner, in dem man alsbald die Equipage des Banquier Normand erkannte, kam im ſchnellen Trabe daher. Hen⸗ riette und Valerie eilten dem Ankommenden entgegen und bald befand ſich der Bangquier bei ihnen. 152 „Aber Himmel,“ rief Henriette, nachdem ſie ihren Vater umarmt hatte, in beſorgtem Tone,„ich ſehe Dir's an, Du bringſt uns keine gute Botſchaft.“ „Allerdings nicht,“ erwiederte der Banquier, in deſ⸗ ſen Zügen ſich unverholene Beſorgniß und Aengſtlichkeit ausſprachen,„Ihr müßt ſobald als möglich Chateauneuf verlaſſen, weil Ihr keine Stunde ſicher ſeid.“ Die beiden Mädchen entfärbten ſich; Normand fuhr fort: „Das unfinnige Benehmen des alten Barbanegre, der nicht vergeſſen lernt, daß es mit der Kaiſerregie⸗ rung zu Ende iſt, und in dieſer Hinſicht eine gefähr⸗ liche Dummheit nach der andern begeht, iſt durch, der Himmel weiß welche, Zuträgerei nach Paris berichtet und im übelſten Lichte dargeſtellt worden. Wir müſ⸗ ſen ſtündlich erwarten, daß Gensd'armen erſcheinen, Hausſuchung halten und die ganze Bewohnerſchaft, den Barbanegre an der Spitze, gefangen nehmen; denn Chateauneuf gilt als ein Hauptquartier der kaiſerli⸗ chen Verſchwörer. Ich ſelbſt habe deshalb ſchon die größten Ungelegenheiten gehabt.“ Die beiden Mädchen wurden durch dieſe Worte ſehr erſchreckt. Valerie erholte ſich indeß bald wieder. „Aber was kann man uns Uebles zufügen,“ ſprach ſie,„da ſich doch bald ausweiſen muß, daß wir ganz unſchuldig ſind?“ „Mein Kind,“ erwiederte der Banquier,„in der jetzigen heilloſen Zeit reicht der entfernteſte Verdacht hin, einen ehrlichen Menſchen in die größte Ungelegen⸗ heit und Gefahr zu bringen. Ich halte es daher für das Beſte, daß Ihr mir wieder nach Paris folgt.“ „Ach Gott!“ ſeufzte Henriette,„wieder in die abſcheu⸗ liche Hauptſtadt, aus dieſem ſtillen, freundlichen Aſyle.“ „Eins iſt beſſer als das Andere, meine Tochter,“ 153 meinte Normand;„allerdings findet Ihr in Paris wenig Erbauliches. Die Bourbonen hauſen daſelbſt ſchlimmer als vor der Revolution; nichts als Pfaffen und alter Adel, welcher letztere von Tag zu Tag unverſchämter wird.“ „Hat denn Eugen noch nicht geſchrieben?“ frug Henriette nach einer Pauſe. „Noch nicht,“ erwiederte der Banquier und ſeine Stirn umwölkte ſich ſichtbar. Er gedachte des Todes von Laroſe, von welchem weder Valerie noch ihre Mutter Etwas wußte. Er wollte die Armen erſt nach und nach auf die Unglücksbotſchaft vorbereiten. „Camille,“ ſprach er,„hat mir in wenigen Wor⸗ ten ſeine glückliche Ankunft auf Elba gemeldet.“ Valerie ſchien ſehr niedergeſchlagen, daß weder von Eugen noch von ihrem Vater eine Nachricht eingegangen war. Der Banquier betrachtete das ſchöne Mädchen, die, den ſchrecklichen Tod ihres Vaters nicht ahnend, in rüh⸗ render Unſchuld zu ihm aufblickte, nicht ovhne Wehmuth. „Da iſt einzig der Barbanegre Schuld,“ meinte ſie,„er treibt es wirklich zu arg. So eben hat er nach zwei Trompetern geſchickt. Sie wollen die Caramagnole tanzen.“ „Das Volk iſt von Sinnen!“ rief Normand,„ich werde ſogleich das ganze Feſt verbieten und die Un⸗ ſinnigen nach Hauſe ſchicken.“ „Du brauchſt nur dem Barbanegre den Text zu leſen,“ ſprach Henriette,„der iſt der Anſtifter von Allem; aber dem andern Völkchen verdirb das frohe Feſt nicht, auf welches es ſich ſo lange gefreut hat.“ Barbanegre war eben im Begriff, dem Landvölk⸗ chen Unterricht in den grotesken Pas des berüchtigten Revolutionstanzes, die Caramagnole genannt, zu er⸗ theilen, als der Banquier Normand auf dem grünen Wieſenplane erſchien. Sogleich ſchwieg die Muſik; 154⁴ Alles nahm eine geſetztere Poſitur an und der alte Tanzmeiſter trat dem Ankommenden mit militairiſchem Anſtande ſalutirend entgegen. Der Banquier gab unverholen ſein Mißfallen zu⸗ erkennen; auch befahl er, die mit Blumen zierlich ge⸗ ſchmückte Büſte Napoleon's zu entfernen und verbot das Tragen dreifarbiger Bänder. Nur mit finſtrem Schweigen gehorchte man ſeinen Worten. Das fröhliche Leben verſtummte und der alte Barbanegre ging, unwillig in den Bart murmelnd, hin und wieder. „Ich will durchaus Euer Feſt nicht ſtören,“ hub der Banquier an, als er die allgemeine Niedergeſchlagen⸗ heit bemerkte,„Ihr könnt fröhlich ſein ſo viel Ihr wollt, aber Eure offnen Huldigungen, die Ihr dem Kaiſer Napoleon bringt, ſind in jetziger Zeit zu gefähr⸗ lich, als daß ich ſie geſtatten könnte. Ihr ſetzt da⸗ durch nicht nur Euch ſelbſt, ſondern mich und all' die Meinigen der größten Verantwortlichkeit aus.“ „Aber, beſter Herr,“ rief die Hände zuſammen⸗ ſchlagend Barbanegre,„wie iſt ein Feſt unter Franzoſen ohne die Büſte des Kaiſers und ohne dreifarbige Bänder nur möglich? Ich kann mir ein ſolches nicht denken.“ „Wir auch nicht!“ tönte es von vielen Seiten. „Ein kluger Mann muß ſich in die Zeiten zu ſchicken wiſſen,“ gab der Banquier achſelzuckend zur Antwort. „Aber wir ſind nicht kluge Leute,“ gegenredete Barbanegre in ſeiner Einfalt,„wir wollen keine klu⸗ gen Leute ſein.“ „Darum iſt es wohlgethan,“ ſprach lächelnd Nor⸗ mand,„daß Andere für Euch denken und Euch vor Schaden bewahren.“ Während dieſer Geſpräche wandelten die beiden 155 Mädchen in den ſchattigen Gängen des Schloßparks traurig auf und ab. „Ich bin bitterböſe auf den Barbanegre,“ ſprach Volerie;„wie lieb ich ihn habe, er iſt allein Schuld, daß wir unſer gutes Chateauneuf verlaſſen und nach dem abſcheulichen Paris zurückkehren müſſen. Wie prächtig blüht hier Alles; ich hatte mir noch ſo ſchöne Sommer⸗ und Herbſttage geträumt.“ „Ich kann den Gedanken gar nicht faſſen,“ meinte Henriette,„wieder in der erdrückenden Häuſermaſſe zu leben.“ „Und ſollten wir nicht auch Beſuch bekommen näch⸗ ſten Herbſt?“ fuhr Valerie mit leiſem Erröthen fort. Henriette blickte auf die Sprecherin. „Du Glückliche,“ ſprach ſie lächelnd, aber eine Thräne rollte über ihre Wange. Sie lehnte ihr noch immer von Kummer ſchweres Haupt an die Bruſt der Freundin. Valerie verſtand die Trauernde. Sie ſtrich ihr die ſeidnen Locken aus der weißen Stirn, küßte dieſe und tröſtete mit ihrer Engelſtimme, der holden Botin ihres eignen engelhaften Herzens. Henriette, ſobald ſie des unglückſeligen Verhältniſſes mit dem Grafen von Brienne ungeſtört gedachte, konnte den lauten Schmerz nicht zurückhalten. „Wie gut,“ ſprach ſie nach einer Pauſe ſanft, „daß der Himmel Dich mir gegeben, meine Schweſter, ich wäre verzweifelt in meiner Einſamkeit.“ „Gedenke, Liebchen,“ fuhr Valerie tröſtend fort, „daß er Deiner ja nicht würdig war; und ſelbſt wenn er Dich nicht treulos verlaſſen hätte, wie unglücklich wäreſt Du an der Seite dieſes Böſewichts geworden. „Ich habe allerdings gut tröſten,“ meinte ſie nach einer Weile traurig,„ich bin ſo unglücklich nicht ge⸗ weſen; und ich wüßte wahrhaftig nicht, was da wer⸗ den ſollte, wenn Eugen mir untreu würde. Ich glaube, ich ſtürbe auf der Stelle.“ Frau Laroſe kam jetzt auf die beiden Mädchen zu. „Ein neuer Wagen,“ ſprach ſie nicht ohne Zittern; „wenn ich mich nicht ganz getäuſcht habe, ſitzen Gensd⸗ armen darin.“ Im gleichen Augenblicke eilte auch der Banquier daher. „Da haben wir die Beſcheerung,“ rief er,„ein Brigadier mit zwei Polizeibeamten iſt angelangt. Gutes bringen dieſe gewiß nicht. Ich ahne die Urſache ihres Beſuchs; hoffentlich, daß ſie ſich mit der Perſon des Bar⸗ banegre begnügen, der die Feſtnahme auch verdient hat.“ Die drei Frauen waren von heftigem Schrecken er⸗ griffen. Normand tröſtete, ſo gut es gehen wollte, und begab ſich nach dem Schloßhofe, wo die Polizei⸗ beamten ſo eben aus dem Wagen ſtiegen. Als das Kleeblatt von dem Banquier in das Schloß geführt worden war, begann der Brigadier den Grund ſeiner Sendung mitzutheilen. „Mit wahrhafter Indignatin,“ ſprach er,„hat das hohe Polizeiminiſterium in Erfahrung gebracht, daß auf dieſem Schloſſe, Herr Banguier, über welches Sie der⸗ malen zu gebieten haben, Handlungen vorgenommen werden, welche der gegenwärtigen Regierung geradezu Hohn ſprechen und darum höchſt verbrecheriſch genannt werden müſſen. Wir find daher gekommen, uns über das Nähere zu erkundigen und die Schuldigen zur gebührenden Verantwortung zu ziehen.“ „Meine Herren,“ erwiederte Normand,„ich habe Ihren Beſuch vorausgeſehen und halte es für das Beſte, wenn ich Ihnen reinen Wein einſchenke. Aller⸗ dings hat ſich der hieſige Major⸗Domus, ein ergrauter Veteran der ehemaligen Kaiſergarde, Mancherlei zu Schulden kommen laſſen, weshalb er bereits von mir 157 die ſtrengſten Verweiſe erhalten hat; aber was iſt mit ſo einem alten Sohne des Lagers anzufangen? Er hängt, wie gewiß viele ſeines Gleichen, mit ab⸗ göttiſcher Verehrung an Bonaparte; das vormalige Lagerleben, in welchem er aufgewachſen, will ihm nicht aus dem Kopfe, und da fährt ihm allerdings Manches über die Zunge, was jetzt verbrecheriſch klingt, aber es wohl kaum iſt; denn ich bin überzeugt, daß ſich der alte Barbanegre, außer ſeinen Lobreden und Lebe⸗ hochs auf Bonaparte, gewiß nichts Hochverrätheriſches wird zu Schulden kommen laſſen.“ „Gleichviel,“ erwiederte der Brigadier,„ſchon das freche Benehmen dieſes Soldaten, das ſo wenig Hoch⸗ achtung für das erlauchte Königshaus bekundet, ver⸗ dient die ſtrengſte Ahndung. Dieſe übermüthige Sol⸗ dateske Bonaparte's muß mit Gewalt niedergedrückt werden, ſonſt nehmen die Emeuten kein Ende, und es muß den Polizeibehörden hauptſächlich daran ge⸗ legen ſein, hier mit Kraft und Energie einzuſchreiten. Ich bin daher gekommen, den Barbanegre zu verhaften; die Unterſuchung wird ausweiſen, welche Strafe dieſem Menſchen gebührt. Ich hoffe, daß Sie, Herr Banquier, dieſer Verhaftung kein Hinderniß in den Weg legen⸗ ſondern ihr ſo viel als möglich förderlich ſein werden.“ „Was in meinen Kräften ſteht,“ ſprach Normand, „will ich thun; den Geſetzen bin ich nie entgegen ge⸗ weſen und gern zu thun erbötig, was ſie verlangen; nur fürchte ich, daß ſich der alte Kriegsmann nicht ſo leicht wird fangen laſſen. Verſuchen wir's daher, meine Herren, vorerſt in Güte, dies iſt wohl der ein⸗ zige Weg, ſich ſeiner zu verſichern.“ „Mit dergleichen hochverrätheriſchen Subjecten,“ entſchied kurz der Brigadier,„werden wenig Umſtände gemacht. Ergeben ſie ſich nicht im Guten, gebrauchen 158 wir⸗ Gewalt, und dann mag Jeder ſeinen Kopf in Acht nehmen.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als Barba⸗ negre mit mehrern bewaffneten Landleuten in's Zim⸗ mer trat. Seine Stirn war gefurcht wie im wilden Gefecht und ſeine Augen ſchoſſen unheimliche Blitze. „Herr Banquier,“ ſprach er,„man ſagt mir, Sie wären in Gefahr, dieſe Schergen wollten Gewalt brau⸗ chen. Sagen Sie nur ein Wort, und es iſt uns Allen eine Himmelsfreude, dieſen bourboniſchen Sa⸗ telliten die Knochen ſyſtematiſch zu zerbrechen, daß ihnen ein Beſuch auf Chateauneuf im Leben nie wie⸗ der in den Sinn kommen ſoll.“ Der Brigadier und ſeine beiden Begleiter erbleichten. „Unfinniger,“ erwiederte heftig der Banquier, „weißt Du wohl, daß Du Dich um den Kopf redeſt?“ „Das bleibt ſich gleich,“ erwiederte Barbanegre mit vieler Ruhe,„wenn ich nur vorher auf ein paar Minuten dieſem Büttelvolke auf den Leib darf.“ „Augenblicklich,“ fuhr Normand im ſtrengen Tone fort,„legſt Du Deine Waffen nieder, und folgſt die⸗ ſen Herren, um Dich bei der Jury von Verſailles über Dein rückſichtsloſes Benehmen die ganze Zeit daher, zu rechtfertigen, oder Du biſt die längſte Zeit Major⸗Domus geweſen.“ „Die Waffen niederlegen,“ frug der alte Gardiſt, „bin ich denn ein Verbrecher oder bin ich beſiegt wor⸗ den? Was hab' ich begangen, daß man mich zum Sclaven machen will. Ich habe den Kaiſer hoch leben laſſen und thue es noch, denn ihm allein habe ich Treue geſchworen und ein Thor wäre ich, wollte ich mein treues Schwert, das gegen halb Europa gekämpft, dieſen Häſchern zu Gefallen niederlegen.“ „Nicht ihnen zu Gefallen,“ ſprach der Banquier, 159 „ſondern Deiner jetzigen Herrſchaft zu Gefallen, welche durch Dein unſinniges Betragen in Gefahr und Trüb⸗ ſal gerathen iſt. Nur Du allein kannſt Alles wieder gut machen, wenn Du Vernunft annimmſt, keinen weitern Widerſtand leiſteſt und vor Deiner recht⸗ mäßigen Obrigkeit Dich rechtfertigeſt.“ „Meine rechtmäßige Obrigkeit wohnt auf Elba,“ erwiederte Barbanegre,„was gehen mich die franzö⸗ ſiſchen Facultäten an. Die können das Blaue vom Himmel decretiren, ehe mir ein Wort gefällt. „Ihnen zu Gefallen,“ fuhr er fort,„wollt' ich mich allenfalls knebeln laſſen, Sie waren mir immer ein guter Herr, aber da Sie nicht frei ſind und nur dem Einfluſſe dieſer Satrapen gehorchen, wird nichts aus der Knebelei. Wären Sie unabhängig, würden Sie anders ſprechen, ich weiß es; darum Ein Wort ſo viel wie tauſend, Barbanegre geht nicht in die Falle und iſt nicht ſo dumm, ſeinen Kopf in ein Loch zu ſtecken, aus welchem er nicht wieder herauskäme.“ Nochmals verſuchte der Banquier ſeine Autorität geltend zu machen. Er drohte und bat; Alles ver⸗ gebens. Endlich wandte ſich der Brigadier, als er die Unmöglichkeit erkannte, den alten Krieger zum Nachgeben zu bewegen, an Normand. „So gebieten Sie wenigſtens den Uebrigen,“ ſprach er,„daß ſie die Waffen niederlegen und ſich entfernen.“ Der Banquier gehorchte und die Landleute, nach⸗ dem ſie zuvor fragende Blicke auf Barbanegre, den ſie wie einen Abgott verehrten, geworfen, leiſteten auch Ge⸗ horſam, gaben ihre Waffen ab und verließen, einer nach dem andern, das Zimmer. Barbanegre ſtand während deſſen wie eine Bildſäule, und als der Letzte der Seinen ſich entfernt hatte, frug er: „Darf ich auch abtreten?“ 160 Der Brigadier ſprang bei dieſen Worten in we⸗ nigen Sätzen nach der Thüre, die er verriegelte. Dann zog er ſeinen Degen, winkte ſeinen Begleitern, die ein Gleiches thaten, und zu Barbanegre gewendet, rief er im Donnertone: „Im Namen des Geſetzes, Ihr ſeid mein Ge⸗ fangener!“ DerVeteran Napoleon s legte bei dieſer Aufforderung die Arme ruhig über einander und blickte eine Zeit lang mit lächelnder Verachtung auf ſeine drei Gegner herab. Der Banquier begann von Neuem, den Starrkopf zu ermahnen, ſeinen Widerſtand aufzugeben und den Geſetzen Gehorſam zu leiſten. „Wenn Ihr höfliche Leute wäret,“ ſprach endlich Barbanegre,„ſo würde ich höflich antworten, aber ſo ſeid Ihr Grobiane und ich bin auch grob.“ Und zum Banquier gewendet frug er nochmals: „Bin ich entlaſſen?“ Ohne ein Wort weiter zu verlieren, führte jetzt der Brigadier mit ſeiner Klinge einen Streich nach Barbanegre; und die beiden Gensd'armen drangen gleichfalls mit gezückten Degen auf den Gardiſten ein. „Nun, wie Ihr wollt,“ erwiederte dieſer kurz re⸗ ſolvirt, unterlief gewandt dem Streiche des Brigadiers, packte dieſen mit Löwenkraft beim Schopfe, ſchleppte den Zappelnden an ein Fenſter und warf ihn ohne Weiteres hinab in den Hof. Alles war faſt das Werk einiger Angenblick. Kaum lag der Brigadier im Hofe, als ſich Barba⸗ negre zu den beiden Gensd'armen wandte. Dieſe verdoppelten jetzt ihre Anſtrengungen, um ihren Chef zu rächen, und drangen mit um ſo größerem Unge⸗ ſtüme auf den Gardiſten ein. Der Kampf währte indeß nicht lange, bald ereilte 164 den Einen daſſelbe Geſchick des Brigadiers. Er flog gleichfalls durch's Fenſter und in wenigen Secunden folgte der Dritte. Der Banquier war gleich beim erſten Angriffe davongeeilt, um Succurs zur Ueberwältigung des Barbanegre zu holen. Doch wollte ihm das nicht ge⸗ lingen. Es fand ſich Niemand, der trotz aller Bitten und Beſchwörungen Normand's Luſt gehabt hätte, den Gensd'armen beizuſpringen und ſich an dem Gardiſten zu vergreifen. Als der Bangquier halb außer ſich auf das Zimmer, wo der Kampf ſtattgefunden, zurück⸗ kehrte, ſtand Barbanegre am Fenſter und ſchaute la⸗ chend auf den Hof hinab, wo ſich die Hinabgeworfe⸗ nen noch im Staube herumwälzten. „Menſch,“ rief der Banquier,„was haſt Du begonnen! Weißt Du, daß Du Dich auf die Guillo⸗ tine gebracht und uns alleſamt in's Unglück geſtürzt haſt?“ Er blickte verwundert im Zimmer umher. „Wo ſind die Gensd'armen?“ frug er. „Da krabbeln ſie wie die Krebſe, wenn die Sonne darauf ſcheint,“ gab Barbanegre zur Antwort. Normand eilte an's Fenſter, da ſah er mit Ent⸗ ſetzen, in welchem Zuſtande ſich das Kleeblatt befand. Ein Haufe Bauern umſtand daſſelbe. „Sollen wir ſie vollends kalt machen?“ frugen die Bauern den hinabſchauenden Barbanegre. Dieſer wandte ſich zum Banguier. „Wie wär's,“ meinte er,„ſollen ſie vollends kalt gemacht werden, daß dem Gefindel für immer die Wiederkehr nach Chateauneuf vergeht?“ „Daß es Niemand wagt, an dieſe Herren die Hand zu legen,“ rief Normand den Bauern zu. Er Stolle, ſämmtl. Schriften. Rlv. 1¹ 162 eilte ſelbſt hinab und half den Halbzerſchlagenen in die Kutſche, welche ſogleich in vollem Trabe davon rollte. Achtes Rapitel. Wider ſaß König Ludwig mit den grünen Sammet⸗ ſtiefeln in ſeinem Armſtuhle. Sein Beichtvater ſtand neben ihm und las ſeit geraumer Zeit Gebete vor. Der König hatte die Hände gefaltet und vernahm die Worte ſeines Beichtigers mit großer Andacht. „Mein königlicher Herr,“ ſprach der Geiſtliche, nachdem er zu Ende geleſen,„die Zeiten werden trü⸗ ber; da iſt der einzige Weg des Heils, daß wir uns mehr und mehr an den Himmel anſchließen.“ „Ich bin mit den Franzoſen nicht zufrieden,“ be⸗ gann nach einiger Zeit der König mit düſtrer Miene, „ſie machen mir viele Sorge. Es iſt mit dieſem Volke kein Auskommen.“ „Du biſt zu gütig, mein königlicher Herr,“ ant⸗ wortete der Beichtiger;„verwahrloſte Kinder, ver⸗ irrte Lämmer, die im Begriff ſtehen reißende Wölfe zu werden, find nicht mit Sanftmuth zu regieren.“ „Man rufe den Miniſter meines Hauſes,“ ſprach Ludwig. Der Verlangte trat alsbald in das Zimmer. „Blacas,“ ſprach der König,„der Telegraph ſpricht von Verſchwörungen, die in der Armee aus⸗ brechen ſollen.“. „Leider, Ew. Majeſtät,“ antwortete der Miniſter, „kann ich dem nicht widerſprechen. Das Gift der Revolution ſteckt dieſer verwilderten Soldateska in ₰ 163 den Gliedern und wird von einigen Rädelsführern genährt.“ „Was iſt da zu thun?“ frug Ludwig. „Mehr Strenge, mein königlicher Herr,“ ſprach Blacas dringend,„das Volk mißbraucht Deine Nachſicht.“ Der Beichtvater kniete vor dem Könige nieder. „Nur Ein Mittel kenne ich, großer König,“ rief er mit emporgehobenen Armen,„das Giftkraut der Revolution im Keime zu erſticken.“ „Steht auf, mein Vater,“ ſprach Ludwig,„was iſt es für ein Mittel?“ „Nicht eher weiche ich von dieſer Stelle,“ fuhr der Beichtiger beſchwörend fort,„bis Du gelobt, das Mittel zu gebrauchen.“ „Nenne es,“ erwiederte der König,„und ſo daſ⸗ ſelbe heilſam, verſpreche ich, es anzuwenden.“ „Sire,“ flehte der Geiſtliche in erhabenem Tone, „übertrage die Erziehung Frankreichs wieder den hei⸗ ligen Vätern Jeſu.“ „Haben wir die Jeſuiten nicht ſchon einmal aus dem Lande gejagt,“ erwiederte Ludwig,„wegen ihrer gefährlichen Tendenzen?“ „Und ſind für dieſen Frevel auch gezüchtigt wor⸗ den,“ ſprach der Beichtiger im nachdrücklichen Tone; „nie würde die Revolution ihr Schreckenshaupt erho⸗ ben haben, hätte der heilige Orden ſeine ſegensreiche Hand fortwährend über dem Lande halten dürfen.“ „Aber die Franzoſen, die heutigen,“ meinte der König,„was werden dieſe dazu ſagen?“ „Die guten Franzoſen,“ antwortete der Geiſt⸗ liche,„und das ſind nur die, welche es mit Dir und Deinem Hauſe auch wahrhaft gut meinen, werden 11* 164½ Dich für dieſe weiſe Maßregel ſegnen. Laß die Bö⸗ ſen geifern, es wird ein Geziſch geben, wie das der Schlangen, denn die Zahl der Böſen iſt nicht ge⸗ ring; aber Muth und Beharrlichkeit vermag viel und die Saat wird bald aufgehen. Dann haben wir ge⸗ wonnen, denn nur dadurch, daß wir die Gemüther der Franzoſen wieder dem Himmel zuwenden, iſt das Gift der Revolution, von welchem noch Viele verpe⸗ ſtet ſind, zu vertilgen, und wem wäre hierzu größerer Beruf geworden, als jenem heiligen Orden?“ „Ich will mir die Sache überlegen,“ entſchied der König nach einer Pauſe. „So möge Gott Dich erleuchten, Sohn des hei⸗ ligen Ludwig,“ ſprach mit Salbung ſich erhebend, der Beichtiger;„möge Dich der Gedanke mit Flammen⸗ lettern überall umſchweben, daß nur dieſe große und weiſe Maßregel zum Alleinigbeſten führen kann.“ „Auch ich, großer König,“ begann jetzt der Mi⸗ niſter Blacas,„nahe mich mit einer Bitte, in deren Erfüllung ich allein Heil für Dich, Dein königliches Haus und für Frankreich erblicke—“ Der Miniſter hielt nach dieſen Worten ehrfurchts⸗ voll inne. „Sprich Dich frei aus, mein Freund,“ ermunterte Ludwig. „Sire,“ ſprach Blacas, gleichfalls in beſchwören⸗ dem Tone,„ſuche Dich nach und nach von jenen Feſ⸗ ſeln zu befreien, die Du Dir aus angeborner Her⸗ zensgüte ſelbſt auferlegt haſt. Alle, die es wahrhaft gut und treu mit Dir meinen, ſind von dieſer Wahr⸗ heit durchdrungen; binde Dich künftig nicht länger an die ſchweren Hemmketten der jetzigen Verfaſſung, die man nur mißbraucht, Dein Anſehn zu verletzen, Deinen Thron zu untergraben; Sire,“ fuhr der Mi⸗ 8. 165 niſter betheuernd fort,„es iſt der einzige Weg zum Heile.“ Der König hatte mit ziemlich unzufriedener Miene dieſe Worte vernommen. „Die Verfaſſung iſt gut,“ ſprach er nach einer Pauſe,„ich habe ſie der engliſchen nachgeformt und England befindet ſich wohl unter den ſeinen.“ „Großer König,“ erwiederte ehrfurchtsvoll der Miniſter,„weit entfernt, die Weisheit zu verkennen, die aus dieſer Verfaſſung ſpricht, ſo wage ich doch aus reiner Verehrung für Dein heiliges königliches Haupt, in Erwägung zu ſtellen, daß der Charakter des engliſchen Volkes von dem des unſrigen zu weit abweicht, als daß beide Nationen nach gleichen Re⸗ gierungsprincipien zu beherrſchen wären. Auch iſt es keineswegs meine Meinung, die Verfaſſung direct auf⸗ zuheben, ſondern ſie nur in den Punkten zu beſchrän⸗ ken, aus welchen, wie leider die Erfahrung täglich lehrt, unmöglich Heil für Dich entſprießen kann. „Verkenne nicht, mein königlicher Herr,“ fuhr der Sprecher nach einer Pauſe fort,„die wohlgemeinte Abſicht, die mich alſo ſprechen läßt. Nur Liebe zu Dir iſt es und unerſchütterliche Treue Deines Die⸗ ners. Ich wiederhole es nochmals, nicht die Verfaſ⸗ ſung, dieſes erhabene Document Deiner großen Weis⸗ heit und unendlichen Herzensgüte, wünſche ich auf⸗ gehoben, ſondern dieſe Verfaſſung nur in einigen we⸗ nigen Punkten beſchränkt; ihr Segen ſoll nicht ver⸗ mindert, aber die Nachtheile ſollen möglichſt vermie⸗ den werden, Nachtheile, welche allein daraus entſte⸗ hen, weil die Verfaſſung einige Paragraphen aufſtellt, welche leicht gemißbraucht werden können und bereits vielfältig gemißbraucht worden ſind., „Erkläre Dich deutlicher,“ ſprach König Ludwig. 466 „Ein Hauptpunkt in unſrer Verfaſſung,“ erklärte der Miniſter,„welcher zu dem fürchterlichſten Miß⸗ brauche Veranlaſſung gibt, iſt vor Allem die— Preßfreiheit, hoher königlicher Herr. Erwäge, welchen unberechenbaren Schaden Deiner königlichen Würde allein die Schmähſchrift des berüchtigten Car⸗ not gebracht hat. Man darf einen Blick in die Jvur⸗ nale werfen und findet alltäglich von erbärmlichen und ſchlechtgeſinnten Scriblern den offnen Aufruhr gepredigt, alle Deine weiſen Verordnungen und Ge⸗ ſetze werden der gehäſſigſten und giftigſten Kritik un⸗ terworfen. Wo kann hier Vertrauen entſtehen zwi⸗ ſchen Regierenden und Regierten, wenn jene Mord⸗ brenner tagtäglich Haß und Mißtrauen dazwiſchen ſäen? Ich verkenne die Segnungen der freien Preſſe nicht, aber für die gegenwärtige Generation, die durch Revolutivn in Moral, Frömmigkeit und Tu⸗ gend ſo zurückgekommen iſt, paßt dieſe Freiheit ge⸗ wiß nicht. Sie iſt das Meſſer in der Hand des Wahnwitzigen.“ „Wenn einem Diener des Herrn vergönnt iſt,“ ſprach der Beichtvater,„noch einmal in hohen Re⸗ gierungsſachen ein Wort zu den Füßen ſeines Herrn und Königs zu legen, ſo kann ich, gleichfalls aus rei⸗ ner Liebe und Verehrung für Dein geheiligſtes Haupt, Majeſtät, nicht umhin, den weiſen Worten des Mi⸗ niſters aus ganzem Herzen beizuſtimmen. Auch ich lebe der innigſten Ueberzeugung, daß die Franzoſen für eine Freiheit, die ſie zur Frechheit herabwürdi⸗ gen, noch nicht reif ſind. Ich geſtehe es offenherzig, daß ich heutzutage nur mit Zittern und Zagen jene Tageswespen, ſo man Journale nennt, in die Hand zu nehmen wage, weil ich ſtets fürchten muß, darin 4 ——— die ſchuldige Achtung vor einer geheiligten Majeſtät auf das Schreiendſte verletzt zu finden.“ Der König ſaß in Gedanken verſunken auf ſei⸗ nem Rollſtuhle. Sein Beichtvater fuhr fort: „Wir dürfen nur einen Blick rückwärts werfen.“ ſprach er,„um uns von den Nachtheilen, welche die Preßfreiheit über Frankreich gebracht hat, auf das Au⸗ genſcheinlichſte zu überzeugen. Würde es jenen gott⸗ und tugendloſen Seriblern des vorigen Jahrhunderts, jenen Voltaire's, Diderot's, Montesquiens, Rouſſeau's, und wie die Geiſeln der Menſchheit heißen, gelungen ſein, mit ihren giftgeſchwollenen Federn halb Europa in Brand zu ſtecken, alle Tugend und Ehrfurcht vor dem Heiligen daraus zu vertreiben, wenn eine wohl⸗ thätige Cenſur das Uebel im Keime erſtickt hätte? Nicht in jener berüchtigten Nationalverſammlung von Neunundachtzig ſoll man die Anſtifter der Revolution ſuchen, ſondern lediglich in jenen frevelnden Serib⸗ lern, welche zuerſt die Grundfeſten der Kirche und des Staats zu untergraben ſich erfrechten.“ Der König ſaß noch immer ſchweigend da. End⸗ lich ſprach er: „Voltaire und Rouſſeau haben die Revolution nicht allein gemacht. Der Adel und die Geiſtlichkeit trugen auch ihr Theil.“ Der Beichtvater warf bei dieſen Worten einen ſchmerzlichen Blick auf Blacas. Dieſer Miniſter ſuchte den kühnen Satz Ludwig des Achtzehnten ſo ſchonend als möglich zu widerlegen. Der Beichtvater ſtand ihm wacker bei. Die Beiden blieben bei ihrer Meinung, daß die Vertreibung der Jeſuiten und die Lehren der neuern franzöſiſchen Philoſophie allein Schuld an der ſpätern Staatsumwälzung und der damit verbunde⸗ nen Gräuel trügen. 168 Der Oberceremonienmeiſter meldete jetzt den Her⸗ zog von Berry und die Herzogin von Angouléme. „Meine Herren,“ ſprach der König zu Blacas und dem Beichtvater,„ich kann Ihnen nicht in allen Dingen Recht geben; doch werde ich Ihre Vor⸗ ſchläge in Erwägung ziehen. Seien Sie überzeugt, daß wenn es die Umſtände gebieten, ich davon Ge⸗ brauch machen werde. Die Franzoſen haben mich bis jetzt nur als milden Vater kennen gelernt. Miß⸗ brauchen die Undankbaren meine Güte, wohlan, kann ich auch als geſtrenger Herrſcher auftreten. Nimmer ſoll es unter meiner Regierung den Böswilligen ge⸗ lingen, die Flamme der Revolution von Neuem an⸗ zuſchüren. Wo Güte nicht fruchtet, muß nachſichts⸗ loſe Strenge herrſchen. Dies iſt meine Anſicht. Ver⸗ laſſen Sie ſich darauf, meine Herren!“ Er winkte, die beiden Rathgeber entfernten ſich und der Herzog von Berry nebſt der Herzogin von Angoulème traten in das Gemach. Als die Prinzeſſin den König erſchaute, ſchritt ſie ſchnell auf ihn zu und kniete vor ihm nieder. „Gerechtigkeit, mein König,“ flehte ſie,„Gerech⸗ tigkeit!“ „Couſinchen,“ frug Ludwig,„was hat man Dir gethan?“ „So eben erhalte ich das Verzeichniß der Gela⸗ denen für das nächſte Hoffeſt,“ fuhr die geiſterbleiche Dauphine fort;„es iſt nicht möglich, mein König, das kannſt Du nicht geſehen haben. Das iſt durch beiſpielloſen Betrug ohne Deine Einwilligung abge⸗ faßt.“ „Aber der Blacas hat mir es von A bis Z vor⸗ geleſen,“ ſprach Ludwig. „Unmöglich, unmöglich,“ rief die Herzogin;„ich 169 habe zitternd das Blatt aus der Hand fallen laſſen; Himmel! ſechs Gardiſten der Pariſer Nationalgarde ſtanden darauf verzeichnet mit ſammt ihren Weibern; iſt ſo etwas erlebt worden?“ „Das ſind unſtreitig ſehr brave und loyale Leute,“ erwiederte ruhig der König.„ſonſt würden ſie gewiß nicht geladen worden ſein.“ „Aber, Sire,“ fiel die Dauphine verzweifelnd ein, „Kleinbürger von Paris, Pöbel der Hauptſtadt in den Tuilerien!“ „Die Nationalgarde, mein Kind,“ belehrte der König,„iſt kein Pöbel. Im Gegentheil, ſie hält die⸗ ſen im Zaume und darum dürfen wir es mit dieſem Corps nicht verderben, und uns zu eigenſinnig von ihm zurückziehen.“ „Ha, dieſe Nationalgarde,“ rief die Prinzeſſin⸗ indem ſie ſich drohend wie eine unheilverkündende Norne vor Ludwig erhob,„kennſt Du dieſe Natio⸗ nalgarde von Paris?“— Sie, und keine andre umſtand das Schaffot, König, als man Deinen Bru⸗ der mordete.“. „Immer die traurigen Erinnerungen,“ ſprach der König,„die Zeiten ſind ja längſt vorüber.“ „Wer Jahre lang im Kerker und unter Tigern lebte,“ antwortete die Herzogin,„wird die Erinne⸗ rung davon behalten, ſo lang ein Gedächtniß in ihm „Aber Du verbitterſt Dir unnöthigerweiſe das Leben,“ meinte Ludwig. „Ein Leben, das bereits vergiftet iſt,“ ſprach die Dauphine in hohlem Tone,„kann nicht verbittert werden.“ „Aber die Einladung der Nationalgardiſten, die einmal erfolgt iſt, bemerkte nach einer Panſe König 17⁰ Ludwig ziemlich ärgerlich,„kann ich nicht mehr rück⸗ gängig machen.“ „So erlaube mein König,“ ſprach die Angou⸗ leme,„daß ich mich und meinen Gemahl für das Feſt entſchuldige.“ „Der Herzog, was macht er?“ frug Ludwig, „warum beſucht er mich nicht?“ „Mein erhabener Gemahl,“ erwiederte die Prin⸗ zeſſin,„betet und arbeitet; und ſelbſt ſeine Arbeit iſt Gebet.“ „Wie iſt das zu verſtehen?“ frug der König. „Die Früchte ſeiner Arbeit ſind ein Werk,“ fuhr die Herzogin fort,„deſſen die Gegenwart nur zu ſehr bedarf. Mein erhabener Gemahl iſt ſchon ſeit geraumer Zeit mit Abfaſſung S Gebetbuchs für Frankreich beſchäftigt.“ „Er ſchriftſtellert?“ frug der König;„nun da mag er ſich nur vor den Rezenſenten in Acht nehmen. Ich kann davon erzählen.“ Nach einer Pauſe wandte ſich Ludwig nach dem in einiger Entfernung ſtehenden Herzoge von Berry. „Aber Couſin, warum ſo ſtill?“ „Auch ich, mein König,“ ſprach jetzt der Herzog, „erſcheine als Klagender vor Deinem Throne und verlange Gerechtigkeit.“ „Doch nicht von wegen der Virginie,“ meinte ſchalkhaft Seine Majeſtät,„Du weißt, ich menge mich nicht in ſolche Angelegenheiten. Man nennt Dich den andern Heinrich den Vierten. Der wußte für⸗ trefflich mit ſeinen ſchönen Freundinnen umzugehen.“ „Sire,“ erwiederte der Prinz,„ich habe nie Ur⸗ ſache gehabt, mich über dieſes engelhafte Weſen zu bveklagen. Ein andrer Grund iſt es, der mich zu den Füßen des Throns treibt, um Gerechtigkeit zu — — 171 ſuchen. Majeſtät,“ fuhr er in aufgeregtem Tone fort, „Euers Bruders Sohn iſt auf das Empörendſte von dem Pöbel inſultirt worden.“ „Und man hat Euch Gerechtigkeit verweigert?“ frug Ludwig. „So iſt es, Sire,“ erwiederte der Herzog. „Wohlan,“ fuhr der König fort,„tragt Eure Klage vor, ich werde es nimmer dulden, daß man ſich an meinem Hauſe vergeht und die Beleidigung ſtreng zu rügen wiſſen.“ „Wir waren dieſer Tage,“ begann der Prinz,„eine heitre Jagdgeſellſchaft zu Trianon. Ein unvorherge⸗ ſehener Zufall wollte es, daß die Cavalcade ihren Weg durch das Weizenfeld eines Bauern nahm. Ich ſprengte voran, aber kaum befanden wir uns inmitten des Getreides, als uns der freche Beſitzer mit den pöbelhafteſten Schimpfreden begrüßte. Mehre aus dem Gefolge wollten dieſen Empörer über den Hau⸗ fen ſchießen; ich aber verbot es und war noch ſo gnädig, dem Böſewicht zuzurufen, daß ihm der Scha⸗ den erſetzt werden ſolle; das half aber Alles nichts. Der Kerl ſchimpfte fort. Da fügte es das Unglück. daß mein Arur, dieſer Madator aller Hühnerhunde, in dem Weizenfelde ein Kätzchen aufſtöberte. Die Beſtie flüchtete ſich in den geräumigen Hofraum des erwähnten Böſewichts. Axur beſinnt ſich nicht lange, ſpringt über die niedre Verwahrung und fährt ein wenig unter dem daſelbſt befindlichen Hühnervolke umher. Wir hatten alle unſre Freude daran über ein ſo unſchuldiges Vergnügen, die paar Hühner wa⸗ ren leicht zu bezahlen. Da fällt ein Schuß und, Ma⸗ jeſtät, denken Sie ſich das Entſetzen, Axur liegt leb⸗ los am Boden. Jetzt konnte ich die Wuth der Mei⸗ nigen nicht länger bezähmen. Sie verwüſteten nicht 172 nur das Weizenfeld, ſondern auch die Beſitzung des Mörders, der ſich ſchleunigſt flüchten mußte, ſonſt wäre er gewiß nicht mit dem Leben davon gekommen. Armer Axur, mir ewig unvergeßlich; wie könnte ich Erſatz für dich finden?“ Der König Ludwig hatte mit finſterm Schweigen zugehört. Der Prinz fuhr fort: „Was aber die ſchreiende Ungerechtigkeit und das Empörende bei der Sache iſt, daß ich den Meuchel⸗ mörder meines Leibhundes nicht einmal gerichtlich be⸗ langen kann. Ich habe überall umhergefragt. Man zuckt die Achſeln. Die Verfaſſung erlaube es nicht. Mein Gott, Frankreich was iſt aus dir geworden! Ein Verbrechen, das zwanzig Jahre Galeere verdient, ſoll ungeſtraft bleiben?! Darum, großer König, wende ich mich an Dein edles, Gerechtigkeit erfülltes Herz⸗ Du wirſt nimmer zugeben, daß man ſich an Deinem Hauſe ſo freventlich vergehet; bedenke, welch' ein Zu⸗ ſtand müßte eintreten, wenn derartige Verbrechen nicht auf das Nachdrücklichſte geahndet würden!“ „Prinz,“ begann nach einiger Zeit, nachdem Berry geendet, der König,„Ihr hattet nicht Recht, dem Bauer ſein Feld zu verwüſten. Ich kann Euch hier⸗ über nur mein Mißfallen zu erkennen geben.“ Der Herzog trat verdutzt einen Schritt zurück. Er wußte kein Wort zu erwiedern. „Die heutigen Franzoſen ſind Trotzköpfe,“ fuhr Ludwig fort,„ſie wollen anders behandelt ſein, als vor dreißig Jahren. Merkt Euch das, Prinz!“ „Aber der Mörder meines Axur,“ ſtotterte der Herzog von Berry,„wie, dieſer ſollte nicht zur Re⸗ chenſchaft gezogen werden?“ „Das iſt die Sache der Gerichte,“ ſprach der König,„ich kann dabei nichts thun.“ ——— 173 Der Ceremonienmeiſter meldete jetzt Seine Ex⸗ cellenz den Miniſter der Finanzen. „Iſt's nicht bald Zeit zum Diner?“ frug Ludwig. „Sire,“ antwortete die Herzogin von Angoulème, „noch fehlen reichlich anderthalb Stunde.“ „Sonderbar,“ ſprach Seine Majeſtät,„hätte ge⸗ glaubt, es müſſe weiter ſein in der Zeit. Was will der Finanzminiſter? Er mag kommen.“ Der Genannte trat mit ziemlich gefülltem Porte⸗ feuille in das Zimmer. Als der König die vielen Papiere erſchaute, ſeufzte er tief. „Das wird wohl lange dauern?“ frug er,„ich fühle mich heute erſchöpft.“ „So Ew. Majeſtät zu befehlen geruhen,“ ſprach der Miniſter, werde ich in einigen Tagen—“ „Nein,“ meinte Ludwig;„was gibts? Iſt viel zu unterſchreiben?“ „Ein Federzug, Sire,“ tröſtete der Miniſter;„es betrifft die Entſchädigung der getreuen Diener Ew. Majeſtät, für das zwanzigjährige Mißgeſchick im Aus⸗ lande. Ein Theil hat erträgliche Aemter, die übri⸗ gen entſprechende Penſionen erhalten.“ „Wie hoch beläuft ſich die Summe?“ frug der König. „Gegen fünf Millionen Franken,“ antwortete der Miniſter.“ „Das iſt Viel, ſehr Viel,“ bemerkte Ludwig,„ich dächte, für die nicht zu große Anzahl wäre die Hälfte jener Summe hinreichend geweſen.“ „Aber bedenke, mein König,“ ſprach die Herzogin von Angoulème,„daß Treue und Ergebenheit nie zu hoch belohnt werden können.“ „Mir ſcheint aber,“ ſprach der König, indem er die Namensliſte der zu entſchädigenden Emigranten 17⁴ überſchaute,„als befänden ſich da Perſonen darunter, die keinen ſo großen Anſpruch auf Entſchädigung ha⸗ ben können. Ihr Verdienſt, ſo viel ich mich erin⸗ nere, beſteht nur darin, im Auslande Schulden ge⸗ macht zu haben.“ „Wenn ſie uns auch keine weſentlichen Dienſte ge⸗ leiſtet haben,“ fiel die Angouleme wieder ein,„ſo verdienen ſie ſchon deshalb Belohnung, zwanzig Jahre lang die rauhe Luft der Fremde der des Vaterlandes vorgezogen zu haben.“ Der Miniſter der Finanzen bot gleichfalls ſeine Beredtſamkeit auf, den König zur Unterſchrift der Ordonnanz zu bewegen. Endlich gab Ludwig nach und ſetzte ſeinen Na⸗ men unter das wichtige Document. Mit ſehr zufrie⸗ dener Miene verließ der Miniſter das königliche Gemach. Kaum war er fort, als ſich der Polizeipräfect von Paris anmelden ließ. „Soll morgen wiederkommen,“ entſchied der Kö⸗ nig verdrießlich. „Der Polizeipräfeet,“ bemerkte ehrfurchtsvoll der Ceremonienmeiſter,„wünſcht Ew. Majeſtät in höchſt dringlicher Angelegenheit zu ſprechen.“ „Sire, gewiß wieder eine entdeckte Verſchwö⸗ rung,“ ſprach die Herzogin von Angvulème,„laßt ihn vor.“ „Verſchwörung und wieder Verſchwörung! wiederte mißlaunig König Ludwig,„Du ſieheſt überall Geſpenſter, Dauphine. Wenn er ſich kurz faſſen will, mag er kommen.“ Der Polizeipräfect von Paris ward eingeführt. Er entwarf ein beunruhigendes Gemälde von dem Zuſtande des Landes. Nach ſeiner Meinung war es „ er⸗ S —— — 175 hauptſächlich die napolevniſche und republikaniſche Par⸗ tei, welche die bürgerliche Ordnung zu untergra⸗ ben bemüht waren. Die Hotels der Herzogin von St. Leu, von Montebello und Baſſano bezeichnete er als die Mittelpunkte der Bonapartiſten, während ſich die Republikaner um Fouché und Carnot ſchaarten. Bei den Namen Carnot und Fouché ſchauderte die Herzogin von Angoulème ſichtbar zuſammen. „Der Herzog von Ortranto?“ frug der König kopfſchüttelnd.„Das kann ich kaum glauben. Dieſer Menſch ſcheint vielmehr zur Erkenntniß ſeiner Ver⸗ brechen gekommen zu ſein und auf beſſerem Wege zu wandeln. Wenigſtens hat er alle Minen ſpringen laſſen, ſich meiner Regierung zu nähern und ihr nütz⸗ lich zu werden.“ „Um Gott, Sire,“ rief die Dauphine in höchſter Aufregung,„ein Königsmörder, wie kann der je zum Pfade des Guten zurückkehren?“ „Es wäre wohl das Gerathenſte,“ bemerkte der Herzog von Berry,„wenn man die beiden Kerle ein⸗ ſperrte. Der Carnot hat durch ſein aufrühreriſches Pasquill ohnehin die Galeere verdient.“ Als Beiſpiel, wie in der Gegenwart die Geſetze verhöhnt würden, erzählte der Polizeipräfect auch den Vorfall auf dem Schloſſe Chateauneuf, wo ſich Bar⸗ banegre ſo thätlich an den Gensd'armen vergriffen hatte. Seine Majeſtät, der Herzog und die Herzogin erſtaunten ob ſolcher unerhörten Verbrechen. Man be⸗ ſchloß die nachdrücklichſte Beſtrafung. „Majeſtät,“ ſprach der Präfect,„nur durch Strenge iſt der Schlange Revolution auf den Kopf zu treten. Erfahrung hat hinlänglich bewieſen, daß Milde und Nachſicht zu Nichts fruchten. Ueberhaupt,“ ſchloß er * 176 ſeine Rede,„ſehe ich für Frankreich kein Heil, als bis die Verfaſſung und der Zuſtand vor Neunund⸗ achtzig, dem Jahre des Fluchs, wieder hergeſtellt ſind.“ Der Herzog von Berry und die Princeß verei⸗ nigten ihre Bitten und Beſchwörungen mit dem des Polizeipräfecten. In der Rückkehr zu der Vergan⸗ genheit, der ſogenannten„guten alten Zeit“ erblickte man die einzige Rettung. „Wohlan,“ begann endlich Ludwig der Achtzehnte, „ich hoffte zeither immer, die Franzoſen als milder Vater regieren zu können, jetzt fange ich an, einzuſe⸗ hen, daß dies der rechte Weg nicht iſt. Wo Güte nichts mehr hilft, muß Strenge eintreten. Mein Volk iſt verwahrloſt durch Revolution und kaiſerlichen Des⸗ potismus; es bedarf der Ruthe; es ſoll mich auch als ſtrengen Herrſcher kennen lernen. Morgen werde ich meinen Miniſterrath verſammeln, die Sache ernſter beſprechen und die erforderlichen Maßregeln treffen; — jetzt aber, meine Freunde, wollen wir zum Eſſen gehen.“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Alexander Wiede in Leipzig.