Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. QAution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe biueleen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Blindwüthend ſchleudert ſelbſt der Gott der Freude Den Pechkranz in das flammende Gebäude. (Wallenſtein v. Schiller.) Erſter Band. Leipzig, Ern ſt ei Die Invaſion. Motto: Hannibal ante portas. 3 Me Erſtes Rupitel. S ſtand am Fenſter und ſchaute düſteren Blickes auf die Straße, wo ſich ein Haufe von Käufern und Verkäufern im bunten Gemiſch durch einander trieb. Am andern Fenſter ſtand die ſchöne Henriette, mit Perlenarbeit beſchäftigt. Sie blickte von Zeit zu Zeit mit ſehr unzufriedener Miene nach dem Couſin, der in ſeiner himmelblauen, ſilbergeſtickten Uniform als kaiſerlich königlicher Ordonnanzofficier zwar recht in⸗ tereſſant vor ihr ſtand, deſſen einſilbiger Ernſt aber der lebensfrohen Pariſerin immer unerträglicher ward. „Es iſt nicht zum Aushalten,“ ſprach ſie, ver⸗ ſtimmt aufſtehend,„welch' eine dicke, abſcheuliche Luft muß in dieſem Deutſchland wehen, die Dich in we⸗ nig Monaten zum ſpleenigen Britten gemacht hat. Ich war zwar nie Galanterien von Dir gewohnt, aber Du ſprachſt wenigſtens und wußteſt nicht übel zu erzählen; jetzt biſt Du ganzer acht Tage aus dem Felde zurück, und vergebens warten wir, daß Du uns die langweiligen Novembertage durch intereſſante Reiſeabenteuer verkürzen wirſt.“ „Was ich erzählen könnte,“ erwiederte ernſt der Jüngling,„kann einer Tochter Frankreichs nicht zur Freude gereichen.“ 8 „Du meinſt die Kriegsangelegenheiten,“ ſprach ärgerlich Henriette,„von ihnen mag ich auch nichts wiſſen; das ſteht ja Alles im Moniteur; nein, mein Freund,“ fuhr ſie lächelnd fort,„was Dir ſonſt be⸗ gegnet iſt, wie Du die deutſchen Damen gefunden haſt. Giebt's wirklich in dem barbariſchen Deutſch⸗ land hübſche Mädchen? Ich kann's nicht glauben.“ „Wer ſagt Dir denn,“ frug Engen,„daß Deutſch⸗ land barbariſch ſei? Die höhern Stände in jenem Lande ſtehen uns an Geſittung und Bildung nicht nach, und was den Bürgerſtand anbelangt, hat er zehnmal mehr gelernt als der unſere.“ „Aber die Frauen und Mädchen,“ drängte die Couſine,„wie ſteht es mit ihnen? Nicht wahr, ge⸗ ſchmacklos kleidet ſich das Völkchen, wie keines?“ „Zuweilen,“ entgegnete trocken der ungalante Vetter,„wenn es die Toilette zu ſclaviſch à la Paris modelirt.“ „Abſcheulicher Menſch,“ rief das Mädchen bitter⸗ böſe,„daß Du auch die Artigkeit in Deutſchland verlernt, hätte ich nicht geglaubt.“ „Die Wahrheit iſt zuweilen herbe.“ „Die Wahrheit?“ fuhr Henriette eifrig fort;„das iſt aber keine Wahrheit, das iſt Verläumdung und Verſündigung an Deinen Landsmänninnen. Eugen, was iſt aus Dir geworden? Der Umgang mit den Deutſchen und Koſaken ſcheint nicht vortheilhaft auf Dich gewirkt zu haben!“ „Er hat auf unſere ganze Armee nicht eben vor⸗ theilhaft gewirkt,“ bemerkte der Vetter,„ſonſt würd' ich mich nicht zu Paris und die Alliirten ſich nicht vor den Thoren Frankreichs befinden.“ „Mach' mir nicht bang,“ ſprach die Couſine,„der Kaiſer wird ſie nicht über den Rhein laſſen.“ eihez 9 „Das gebe der Himmel,“ erwiederte Eugen,„daß der Friede einer Invaſion zuvorkommt; außerdem kann unſer ſchönes Vaterland, wenigſtens die weſtlichen Provinzen, leicht zum Kriegsſchauplatze werden.“ „Aber Du bleibſt nun bei uns?“ frug angelegent⸗ lich die Coufine;„Du haſt Dich genug mit Ruhm bedeckt. Ein ferneres Zuſammentreffen mit den ſauer⸗ töpfiſchen Deutſchen würde Dich vollends zum Bar⸗ baren machen.“ „Deutſchland iſt das Land der Philoſophen,“ ſprach der Jüngling mit düſterm Lächeln;„wer da nicht zum Philoſophen wird, wird es nirgend; auch ich bin ein ſolcher geworden.“ „Brauchſt Dich nicht dafür zu bedanken,“ fiel Henriette ſchnell ein;„als die deutſche Philoſophie Dich noch nicht beim Schopfe hatte, warſt Du weit liebenswürdiger.“* Die Beiden waren an das Fenſter getreten und hinab. „O Himmel,“ rief Henriette,„ſchon wieder ein Paar Stelzfüße, und der eine iſt noch ſo blutjung.“ Dann umfaßte ſie mit ſchweſterlicher Liebe den Couſin, und ſprach mit weicher Stimme,„wie müſſen wir Gott danken, daß er Dich geſund erhalten.“ „Ja,“ ſprach der Jüngling,„ein Wunder iſt mir es ſelbſt. Zu Tauſenden fielen die Brüder rings umher.“ „Der Kaiſer muß wirklich Frieden machen,“ meinte traurig das Mädchen. „Er wird es auch,“ erwiederte Eugen,„wenn man ihm nicht gar zu harte Bedingungen vorſchreibt.“ Die beiden Invaliden hatten bei einem Bilder⸗ händler Halt gemacht, der am Hauſe gegenüber ſei⸗ nen Kram aufgeſchlagen und mit großem Geſchrei ſeine Waare an den Mann zu bringen ſuchte. 10 „Hier ſehen Sie, meine Herren,“ begann er mit marktſchreieriſcher Stimme,„die große Preußenhaupt⸗ ſtadt, Namens Berlin, in vollen Flammen, nach zehn⸗ tägigem Bombardement von der großen Armee mit ſtürmender Hand genommen und auf Befehl Seiner Majeſtät unſers gnädigſten Kaiſers den Flammen über⸗ geben; wenn ſie niedergebrannt iſt, wird ſie der Erde gleich gemacht und Salz darüber geſtreut. So ſtraft unſer erhabener Kaiſer die Bundbrüchigen ſtreng und gerecht. Sie ſehen hier am äußerſten Thore die Trümmer der preußiſchen Armee, einen Korporal, zwei Trommelſchläger und vier Gemeine, wie ſie mit ohnmächtiger Wuth die Poſition zu behaupten ſtreben. Vergebliche Anſtrengung, lächerlicher Heldenmuth, einer beſſern Sache würdig; ihr Schickſal reißt ſie hin. Sie ſind verloren; à bas la Prusse! vVive l'em- pereur!“ „A bas la Prusse! Vive l'empereur!“ ſchrie der dichtgedrängte Haufe, welcher den Bildertiſch um⸗ ſtand und vom Untergange Preußens ſich hier augen⸗ ſcheinlich überzeugte. Die zwei Invaliden hinkten lächelnd vorüber. „Alſo habt Ihr wirklich Berlin abgebrannt?“ frug Henriette mit Erſtaunen,„Ihr ſpielt den armen Preußen auch gar zu ſchlimm mit.“ „Ohne Sorge,“ tröſtete der Vetter,„Berlin iſt unverſehrt, beim feurigſten Muthe wollte es unſern Armeen nicht gelingen, dieſe Stadt wieder zu er⸗ obern.“ Der Bilderhändler fuhr mit ſeiner Stentorſtimme fort: „Hier iſt ferner zu ſchauen die Familie Capet, welche vor langen Jahren auf dem Throne von Frank— reich ſaß, dermalen vogelfrei und landflüchtig in der S — 44 Welt umherirrt. Der Künſtler hat ſie mit Thier⸗ köpfen verſehen, um ſeine Verachtung gegen dieſe ver⸗ triebene Sippſchaft unverholen an den Tag zu legen. Der Gedanke iſt genial. Hier, Stück für Stück zwei Sous, der weiland Prinz von der Provence wegen ſeiner. Corpulenz drei Sous, ein Spottgeld. Rie, meine Herren, wird es dieſen Abenteurern gelingen, den erhabenen Thron der großen Nation wieder zu beſteigen!“ „Und nie dachten wohl die Bourbonen,“ ſprach Eugen für ſich,„mehr daran, als eben jetzt.“ Ein anſtändig gekleideter junger Mann drängte ſich durch den Volkshaufen. Der Händler, der es be⸗ merkte, rief ſogleich: „Wollten die hochverehrten Herrſchaften ein wenig Raum geben; der Herr ſcheint ein Kunſtfreund. Was beliebt Ihnen, Monſeigneur? Große Auswahl, feine Arbeit, hier Seiner Majeſtät der König von Rom, ſchlummernd in der Wiege von Paris. Ein Mei⸗ ſterſtück.“ „Die Familie Bourbon,“ ſprach der junge Mann eilfertig,„ſo viel Sie Exemplare haben.“ „Mit Vergnügen, mein Herr,“ war die geläufige Antwort,„hier iſt der ganze Reſt; die Angvuléme nebſt Ehgemahl iſt am meiſten vorräthig; dieſe Exdau⸗ phine lag wie Blei, der Künſtler hat die zwei Leute in zu ungünſtigem Lichte gehalten. Es war freilich ſchätzbarer Patriotismus.“ Der junge Mann ſchloß ſchnell den Kauf über den ganzen Vorrath, knitterte das Paket nicht eben mit großer Sorgfalt zuſammen und entfernte ſich. Murrend blickte der Haufe dem reſoluten Käufer nach. „Mir auch einen dicken Bourbon für zwei Sous,“ rief ein Ouvrier aus der Vorſtadt Saint Antvine. „ „Muß bedauern,“ rreplicirte der Bilderhändler „die Auflage iſt für den Augenblick vergriffen.“ „Gib uns Bourbonen mit Thierköpfen,“ ſchrie das Volk immer aufgeregter. „Die hohen Herrſchaften haben ja mit ihren eig⸗ nen ſchätzbaren Augen geſehen,“ entſchuldigte ſich der Bildermann,„daß jener hohe Kunſtfreund—“ „Was da,“ tobte der Haufe,„dieſer Coquin will dem Volke die Gegenſtände ſeines gerechten Haſſes *ntziehen. Nieder mit dem Royaliſten!“ Schon begannen mehre gewichtige Fäuſte an dem Stellwerke des Bilderkrams zu rütteln, als das Hül⸗ fegeſchrei des Bilderhändlers Gensd'armen herbei rief, welche die Ruhe und Ordnung bald wiederherſtellten. „Wenn ich die Ehre hätte,“ ſprach Eugen, dem die kleine Emeute nicht wenig Spaß gemacht,„zu der heiligen Hermandad des Herzogs von Rovigo zu ge⸗ hören, ſo würde ich an dem Einkäufer der bourboni⸗ ſchen Portraits unſtreitig einen guten royaliſtiſchen Fang gemacht haben.“ Kaum hatte der Jüngling dieſe Worte geſprochen, als die Thür aufging und der Bangquier Normand ha⸗ ſtig in's Zimmer trat. „Da haben wir die Beſcheerung,“ rief dieſer im Ton⸗ getänſchter Erwartung,„nun ſind alle ſchönen Friedenspläne wieder verſenkt im Meere, wo's am tief⸗ ſten. Der Luftteufel hat ſie geholt. Caulaincvurt iſt geſtern Abend unverrichteter Sache von Frankfurt in den Tuilerien eingetroffen. Die Präliminarien ſind ſo gut wie abgebrochen; Alles ſteht zehnmal ſchlim⸗ mer wie zuvor. Wellington iſt im Begriff über die Pyrenäen zu ſteigen; Schwarzenberg bricht aus der Schweiz hervor mit einem Häuflein von beiläufig zweimalhunderttauſend Mann erleſener Krieger; Blü⸗ 13 cher rückt mit ſeinen Schleſiern, gleichfalls eine Baga⸗ teile von hunderttauſend Mann, gegen die Champagne, und damit der Maus ja kein Loch zum Entſchlüpfen bleibt, kommt Freund Bernadotte mit der ſogenannten Nordarmee die Niederlande herauf. Bei der Nachricht von Caulaincourt's fehlgeſchlagener Miſſion ſind die Vierprozentigen mit Einem Wetterſchlage um ſechs Prozent gefallen; die andern Papiere ſtürzten wie toll nach. Ich liege wie im Fieber und wundre mich nur, nicht ſelbſt vom Schlage getroffen worden zu ſein ob⸗ der außerordentlichen Hiſtorien. Aber wer iſt Schuld an dem Malheur? Wer anders als Seine kaiſerlich königliche Majeſtät, welche Frankreich für ein Stück gepachtetes Land und ſeine Bewohner für Leibeigne hält, mit denen er machen kann was er will. Das kann ſo nicht fort gehen. Wir ſind nicht gelaunt, zum zehnten Male unſer gutes Blut für eine Sache zu vergießen, die nicht die unſere, ſondern die des Ehr⸗ geizes eines emporgekommenen Soldaten iſt „O ſchmäht den Helden nicht,“ fiel Eugen mit Wärme ein,„und ſeid überzeugt, daß er gewiß Frie⸗ den macht, ſobald ſich's einigermaßen mit der Ehre Frankreichs vereinigen läßt.“ „Ehre Frankreichs?“ unterbrach der Banquier,„ich kenne dieſe Phraſe; ſie reicht grade hin, das ganze waffentragende Frankreich an das Meſſer zu liefern. Wir haben genug Schlachten gewonnen, daß unſre militäriſche Ehre vollkommen geſichert iſt; Unglück kann der tapferſten Nation widerfahren, das bringt keine Schande; und wenn wir unſere unmäßigen Eroberun⸗ gen herausgeben müſſen, ſo iſt dies nur ein gerechtes Gericht der Nemeſis, gegen das wir noch weniger zu murren befugt ſind. Wir bleiben darum die alten Franzoſen, geachtet und gefürchtet. Aber ich weiß 14⁴ ſchon, woran es liegt, daß kein Friede wird. Da iſt der Maret, der Herzog von Baſſano, das iſt des Kaiſers böſer Genius, der ihm von jedem Vertrage aus Leibeskräften abräth. „Maret?“ frug Eugen verwundert,„das iſt ein neuer Beweis, wie wenig Ihr vom wahren Stande der Dinge unterrichtet ſeid und Eure Urtheile blos nach Comptoirnachrichten und Salonsgeſchwätz abmeßt. Maret iſt nächſt Caulaincourt grade der Eifrigſte in der Nähe des Kaiſers, der für den Frieden ſtimmt. Ich weiß aus beſter Quelle, daß Erſterer unlängſt den Kaiſer fußfällig um Beendigung des Krieges ge⸗ beten hat.“ „Nun, warum ſchließt denn der Kaiſer nicht Frie⸗ den?“ meinte Normand mürriſch. „Weil es den unzweideutigſten Anſchein hat,“ ſprach Eugen,„als wolle man mit ihm nicht Frie⸗ den machen. Wenigſtens hat ſich der redliche Cau⸗ laincourt, der unſere Angelegenheiten zu Frankfurt leitete, dahin ausgeſprochen. Ich habe mir der Merk⸗ würdigkeit halber den Brief, den er in dieſen Ange⸗ legenheiten an einen hochgeſtellten Freund geſchrieben hat, copirt. Da heißt es ungefähr folgendermaßen: „Die zuletzt von Oeſtreich in ſeiner Correſpondenz vorgeſchlagenen Grundzüge waren beinahe annehm⸗ bar. Wiewohl Napoleon zögerte, verließ ich doch die Tuilerien mit der Vollmacht, auf dieſem Fuße, jedoch mit einigen Beſchränkungen, zu unterhandeln. Als ich auf dem Congreſſe ankam, zog man ſeine Vor⸗ ſchläge zurück, unter dem Vorwande, daß Napolevn nicht ſchnell genug ſeine Zuſtimmung gegeben habe. Die neuen Vorſchläge aber, die mir nun gemacht wurden, waren durchaus unannehmbar. Ich verlangte, daß man die Unterhandlungen ungefähr wieder auf 15 die Grundlage des erſten Friedensplans herſtelle. Auf ruſſiſcher Seite wäre ich auch durchgedrungen; aber den andern Coaliſirten gegenüber ſcheiterten alle meine Unterhandlungen. Ueberzeugt von der Vergeblichkeit meiner Bemühungen und keinen Zweifel mehr hegend über den verborgenen Gedanken, der müſſige Beſpre⸗ chungen zwecklos verlängerte, ſchrieb ich dem Kaiſer, die unter dem Namen eines Congreſſes angekündigten Conferenzen hätten nur den Plan, mit Frankreich gar keinen Frieden zu machen. Man wolle nur Zeit ge⸗ winnen, alle Streitkräfte zu conzentriren, um mit Ei⸗ nem Schlage auf mehren Punkten in Frankreich ein⸗ zubrechen, und wenn wir noch länger zögerten, ſo würden wir unnützerweiſe die Gefahren nur ver⸗ mehren.“ „Hierauf erſt,“ fuhr Eugen fort,„wurde die Aus⸗ hebung von dreimalhunderttauſend Mann beſchloſſen.“ Ich bin nicht ſo glücklich,“ entgegnete der Ban⸗ quier in ziemlich kühlem Tone,„in ſo nahem Verkehr mit hohen Diplomaten, wie der Herzog von Vicenza iſt, zu ſtehen; indeß weiß ich, was ich weiß und laſſe mir ſo leicht kein für ein Uu machen.“ Er griff in die Rocktaſche und holte ein bedruck⸗ tes Papier hervor. Es war die berühmte Frankfur⸗ ter Erklärung der alliirten Mächte vom Erſten De⸗ cember 1813. „Hier,“ ſprach er,„hab' ich die friedlichen und ächthumanen und völkerfteundlichen Geſinnungen der hohen Verbündeten ſchwarz auf weiß. Ich hoffe, daß bei dieſem Aufrufe auch der Ungläubigſte endlich zu Verſtand und zur Einſicht gelangen wird.“ Er las:„Die franzöſiſche Regierung hat ſo eben eine neue Aushebung von dreimalhunderttauſend Mann anbefohlen. Die Gründe des Staatsbeſchluſſes ent⸗ 16 halten eine Herausforderung an die verbündeten Mächte. Sie finden ſich von Neuem berufen, im Angeſichte der Welt die Abſichten zu verkündigen, welche ſie in dem gegenwärtigen Kriege leiten; die Grundſätze, welche den Grund ihres Verhaltens ausmachen, ihre Wünſche und ihre Beſchlüſſe. Die verbündeten Mächte führen nicht mit Frankreich Krieg, ſondern mit die⸗ ſem laut angekündigten uebergewichte, dieſem Ueber⸗ gewichte, das zum Unglück Europa's wie auch Frank⸗ reichs der Kaiſer Napoleon zu lange außerhalb der Grenzen ſeines Reichs ausgeübt hat. „Der Sieg hat die verbündeten Heere an den Rhein geführt. Der erſte Gebrauch, den JJ. kaiſer⸗ lichen und königlichen Majeſtäten von dem Siege ge⸗ macht haben, war, Seiner Majeſtät dem Kaiſer der Franzoſen den Frieden anzubieten. Eine Stellung, verſtärkt durch den Beitritt aller Herrſcher⸗und Sou⸗ veraine Deutſchlands, hat keinen Einfluß auf die Friedensbedingungen gehabt. Dieſe Bedingungen ſind auf die Unabhängigkeit des franzöſiſchen Reichs, wie auf die Unabhängigkeit der andern Staaten Europa's gegründet. Die Abſichten der Mächte ſind gerecht in ihrem Gegenſtande, großmüthig und freimüthig in ihrer Anwendung, beruhigend für Alle, ehrenvoll für Jeden. „Die verbündeten Herrſcher wünſchen, daß Frank⸗ reich groß, ſtark und glücklich ſei, weil dieſe große und ſtarke Macht eine der Grundſäulen des geſell⸗ ſchaftlichen Gebäudes iſt. Sie wünſchen, daß Frank⸗ reich glücklich ſei, daß der Handel wieder erſtehe, daß die Künſte, dieſe Wohlthaten des Friedens, wieder aufblühen, weil ein großes Volk nur ruhig ſein kann, ſo lange es glücklich iſt. Die Mächte geſtatten dem franzöſiſchen Reiche eine Gebietsweite, welche es nie 1 17 unter ſeinen Königen beſeſſen hat, weil eine tapfere Nation nie verfällt, wenn ſie die Reihe getroffen hat, Unfälle in einem hartnäckigen und blutigem Kampfe zu erleiden, in welchem ſie mit ihrer gewohnten Kühn⸗ heit geſtritten hat. „Aber die Mächte wollen ebenfalls glücklich und ruhig ſein. Sie wollen einen Friedenszuſtand, der durch eine weiſe Vertheilung der Kräfte, durch ein gerechtes Gleichgewicht künftighin ihre Völker vor den unzähligen Unglücksfällen bewahre, die ſeit zwanzig Jahren auf Europa gelaſtet haben. „Die verbündeten Mächte werden nicht eher die Waffen niederlegen, als bis ſie dieſen großen und wohlthätigen Zweck, den edeln Gebrauch ihrer An⸗ ſtrengungen, erreicht haben. Sie werden nicht eher die Waffen niederlegen, als bis der politiſche Zuſtand Europa's von Neuem befeſtigt worden iſt; als bis unwandelbare Grundſätze ihre Rechte über eitele An⸗ ſprüche wieder erlangt haben und die Heiligkeit der Verträge einen wahrhaften Frieden Europa endlich zugeſichert hat.“ Eugen hatte mit großer Aufmerkſamkeit dem Ver⸗ leſen dieſes wichtigen Documentes zugehört, dann ließ er ſich daſſelbe geben und begann es nochmals zu überleſen. Aber je länger er las, deſto umwölk⸗ ter ward ſeine Stirn. Endlich warf er das Papier ziemlich zornig auf den zunächſtſtehenden Tiſch. „Nun,“ frug der Banquier gereizt,„es klingt dem Herrn Ordonnanzofficier der großen Armee wahrſchein⸗ lich zu friedlich? Allerdings, mit den Avancements dürfte es künftig ſeine größeren Bedenklichkeiten ha⸗ ben als zeither. Wo der Feind ſelbſt eine ſo fried⸗ liche und humane Geſinnung manifeſtirt, geht es mit Krieg und Soldatenregiment zu Ende.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XIII. 2 18 Eugen war einigemal ſchweigend im Zimmer auf⸗ und abgegangen. Dann blieb er vor Normand ſte⸗ hen.„Ich finde in dieſer Proelamation keine fried⸗ liche Geſinnung,“ ſprach er. Der Banquier glaubte nicht recht gehört zu haben. „Wie?“ frug er mit offnem Munde. Eugen fuhr fort:„Dieſes Document iſt ganz ge⸗ eignet, unter den Franzoſen ſelbſt Zwietracht hervor⸗ zubringen. Die Alliirten trennen darin ſehr ſchlau die Perſon des Kaiſers von der franzöſiſchen Nativn. Mit euch Franzoſen, ſagen ſie, führen wir keinen Krieg, ſondern allein mit dem Störenfried, der an eurer Spitze ſteht. Dieſe Lehre, wenn ſie bekannt wird, kann nur Unheil anrichten; denn zu keiner Zeit als jetzt war es nöthiger, daß ſich das franzöſiſche Volk eng an den Kaiſer anſchließt; nur er vermag Frank⸗ reich zu retten. Uebrigens finde ich es ſehr ſonder⸗ bar, daß die Verbündeten dem Kaiſer die jüngſte Re⸗ erutenaushebung zum Vorwurfe machen. Wenn eine Million Feinde bewaffnet vor den Thoren ſtehen, iſt es das erſte Naturgeſetz, daß man ſich rüſtet. Frank⸗ reich wird ſich doch nicht mit gebundenen Händen der Großmuth ſeiner Gegner überliefern ſollen?“ „Frankreich ſoll Frieden machen,“ ſprach Nor⸗ mand,„das iſt ſeine einzige Rettung, Frieden um jeden Preis, oder wir haben Seine Majeſtät den Kaiſer Alexander in Kurzem vor den Barrieren von Paris.“ „Der Kaiſer von Rußland,“ meinte Henriette, „ſoll ein ſehr ſchöner Mann ſein und in der Galan⸗ terie gegen mein Geſchlecht hinter dem beſten Fran⸗ zoſen nicht zurückſtehen.“ „Ja, aber von ſeinen Herren Koſaken und Baſch⸗ kiren,“ bemerkte Normand,„will man ein ſolches we⸗ 49 niger behaupten. Großer Gott, wenn dieſe aſiati⸗ ſchen Horden in unſre ſchöne Hauptſtadt einziehen! Eine allgemeine Plünderung iſt dann gar nicht zu vermeiden.“ „Um Gotteswillen!“ rief Henriette erſchrocken. „Eure Geldfäſſer,“ frug Eugen,„liegen Euch wohl recht am Herzen, Herr Onkel?“ „Schlimm genug,“ erwiederte Normand bitter, „daß die hochbelobte große Armee ſie mir nicht ſchü⸗ tzen kann.“ „Legt ſie auf dem Altare des Vaterlandes nie⸗ der,“ rieth der Neffe,„rüſtet eine Compagnie Vater⸗ landsvertheidiger nach dem Beiſpiele manches patrio⸗ tiſchen Bürgers von 1792; da ſeid Ihr aller Sorge enthoben.“ „Euere Scherze,“ bemerkte ärgerlich der Banquier, „bewahrt für eine geeignetere Zeit auf. Ihr Haude⸗ gen ſeid ein unverantwortlich leichtſinniges Volk. Nachdem Ihr ganz Europa gegen Frankreich in Har⸗ niſch gejagt, und das arme Land in's Unglück ge⸗ ſtürzt habt, wollt Ihr der geſunden Vernunft nicht einmal Gehör geben. Ich bin ein friedlicher Bürger, dem das Wohl des Vaterlandes wahrſcheinlich mehr am Herzen liegt, als Euch Soldaten, und darum wünſche ich Frieden und ganz Frankreich mit mir.“ „Ihr werdet ihn nur zu bald haben,“ beruhigte der Reffe in ſeltſamem Tone;„ob aber ein vom Auslande dictirter Frieden Frankreich zum Heile ge⸗ reichen wird, will ich ununterſucht laſſen.“ „Ein andrer iſt gar nicht mehr denkbar,“ ſprach Normand,„und das iſt auch ganz gut; wir wiſſen es, wie lange die von Napoleon dictirten Friedens⸗ zuſtände von Beſtand waren. Uebrigens,“ fuhr er 20 in die Taſche greifend fort„habe ich ganz vergeſſen, weshalb ich eigentlich gekommen bin.“ Er zog einige Viſitenkarten hervor. „Eine Einladung für heute Abend zu der Svirée der Gräfin Saint Amand; eine Ehre, die meinem Hauſe noch nicht widerfahren iſt. Man hat es dem alten Adel immer zum Vorwurfe gemacht, daß er uns Bürgerliche wie Parias vermeide; dieſe Einladung bezeugt, daß auch er mit der Zeit fortgeſchritten iſt. Nun, wir werden ihm keine Schande machen. Hen⸗ riette, Du wirſt heute beſondere Sorgfalt auf Deine Toilette verwenden.“ Er überreichte der Tochter die Karte, welche die⸗ ſelbe mit freudezitternden Händen in Empfang nahm. „Auch Ihr, Eugen,“ fuhr der Banquier fort,„ſeid. geladen.“ Er hielt dem Jüngling eine zweite Karte hin, und fügte nicht ohne Selbſtgefälligkeit hinzu:„Der Name Normand ſcheint in gewiſſen hohen Eirkeln kei⸗ nen ganz üblen Klang zu haben.“ „Ich danke,“ ſprach Eugen, die Einladung kalt zurückweiſend,„ich werde bei der Gräfin Saint Amand nicht erſcheinen.“ „Seid Ihr klug, Neffe,“ frug im Tone höchſten Erſtaunens der Banquier,„eine ſolche Auszeichnung wolltet Ihr thörichterweiſe zurückweiſen?“ „O kommt mit, Eugen,“ bat Henriette,„ich werde ſonſt in dieſer hohen Geſellſchaft gewiß ganz verlaſſen daſtehen.“ „Gute Gründe nöthigen mich, die Einladung ab⸗ zulehnen,“ beharrte der Cuuſin. „Gute Gründe?“ fuhr der Banquier unmuthig her⸗ aus,„darf man nach dieſen guten Gründen ſich er⸗ kundigen?“ 21 „Recht gern,“ erwiederte Eugen;„die Gräfin Saint Amand iſt als politiſche Intrigantin bekannt. Ihr Hotel iſt der Sammelplatz der royaliſtiſchen Par⸗ tei; mein Herr aber iſt der Kaiſer, und ich würde als ſein Ordonnanz⸗Officier bei dieſer Soirée eben keine paſſende Rolle ſpielen. Ueberdies hält mich eine Antipathie ab, mit dieſen Leuten in nähere Berüh⸗ rung zu treten.“ „Aber, mein Gott,“ eiferte der Onkel,„Ihr ſeid ſonſt nicht auf den Kopf gefallen, ſo lernet Euch nur ein wenig in Zeit und Umſtände fügen. Mit Eurem Kaiſer und ſeiner Herrlichkeit ſteht es verzweifelter denn je. Ein kluger Mann ſieht ſich vor. An ein Compromittiren Eurer amtlichen Stellung iſt im Ge⸗ ringſten nicht zu denken. Ihr werdet heut' Abend ſelbſt kaiſerliche Großofficiere vorfinden, deren Treue gegen den Kaiſer demungeachtet über allen Zweifel erhaben ſteht.“ „Jeder hat ſeine Anſichten und Begriffe, Herr Onkel,“ entſchied kurz der Jüngling,„ich kann von der Einladung keinen Gebrauch machen.“ „So bedenkt aber,“ drängte der Banquier,„daß ich ſelbſt durch Euer Außenbleiben in Verlegenheit gerathe. Ihr geltet als Glied meines Hauſes und habt durch meine Hand die Einladung erhalten.“ „Seid unbeſorgt,“ tröſtete Eugen,„ein Entſchul⸗ digungsgrund iſt bald gefunden, wenn man ſich nur entſchuldigen will. Wenn Ihr übrigens glaubt, daß dieſe Einladung eine humane Conceſſion iſt, welche der hohe royaliſtiſche Adel dem Bürgerthume macht, ſo irrt Ihr gewaltig. Es iſt rein politiſches Mans⸗ ver. Der altköniglichen Partei muß jetzt Alles daran liegen, den angeſehenern Bürgerſtand der Hauptſtadt zu ſeinen Gunſten zu ſtimmen. Laßt einmal dieſe 22 Emigré's, dieſe Marquis Ludwig's XV. wieder zur Gewalt gelangt ſein, und Ihr werdet mit Erſtaunen ſehen, mit welch' ächt altadeliger Impertinenz man die flattirten und dupirten Plebejer in die gebührende Nullität zurückſtoßen wird. Lebt wohl, und wenn ich Euch einen Rath geben ſoll, iſt es der: Laßt Euch von dem adeligen Glanze und ſeiner Bonhommie nicht zu ſehr blenden; Ihr könntet auf Abwege gerathen und noch iſt Napoleon Kaiſer von Frankreich, der in gewiſſen Dingen keinen Spaß verſteht.“ Er griff mit dieſen Worten nach ſeinem Feder⸗ hute und verabſchiedete ſich. Zornig blickte ihm der Onkel nach. „Der Junge iſt unverbeſſerlich,“ ſprach er,„wie die jetzige Jugend überhaupt. Der Corſe hat ſie ſo lange in den Lägern umhergeſchleppt, daß ſie ſich aller Vernunft entäußert und alle guten franzöſiſchen Sit⸗ ten verlernt hat.“ „Mir iſt es,“ fuhr er nach einigem Nachdenken fort,„übrigens recht lieb, wenn er heut' Abend nicht kommt. In dem Cirkel der Gräfin Amand will leiſe aufgetreten ſein. Da herrſcht noch der gute Ton aus den achtziger Jahren, der feine Takt des ancien re- gime, welchen die jetzige rüde Jugend total verſchwitzt hat.“ Vater und Tochter beriethen ſich noch eines Lan⸗ gen und Breiten wegen der Soirée, um daſelbſt ſo glänzend wie möglich zu erſcheinen. zweites R apitel. Ergen wandelte in Gedanken verſunken die endloſen menſchenbelebten Boulevards entlang. Das ununter⸗ brochene Getöſe der Hauptſtadt war ihm läſtig und drückend. Er ſehnte ſich weit hinweg nach Einſam⸗ keit, und ſo gelangte er endlich zum Ziele ſeiner Wanderung, zu dem meilengroßen Père la Chaise. Hier in der unermeßlichen Todtenſtadt, abgeſchieden von dem brauſenden Paris, das in einiger Entfer⸗ nung im Decembernebel vor ihm lag, ward ihm freier und wohler. Er ſetzte ſich auf einen Grabſtein und zog ein ſauber geſticktes Souvenir aus der Bruſttaſche, das er häufig an die Lippen drückte. Dabei flohen ſeine Lippen über die gigantiſche Seineſtadt, die zu ſeinen Füßen lag, hinweg und ſuchten am grauen Horizonte nach der Gegend von Deutſchland. Elär⸗ chen's und Jerome's verklärte Geſtalten traten vor ihn; ſeine Angen füllten ſich mit Thränen. „Daß Ihr noch lebtet, Lieblinge meiner Seele,“ ſprach er mit ſtillem Schmerze,„in wie holdem Lichte würde auch mir der Friedensgenius erſcheinen; ich würde die Wunden des Vaterlandes weniger ſchmerz⸗ lich empfinden, da Ihr mich tröſten würdet!“ Seit Jerome's und Clara's Tode war Eugen nie wieder recht froh geworden und die Leiden des Va⸗ terlandes ſtimmten ihn gleichfalls ſchwermüthig. Seine Liebe zu dem deutſchen Mädchen war ſo innig, daß er ſie wie ein heiliges Geheimniß in ſeiner Bruſt be⸗ wahrte. Weder ſeine Verwandten noch ſeine Bekann⸗ 1 24⁴ ten wußten ein Wort darum und vermochten ſich da⸗ her die unzerſtörbare Schwermuth des Jünglings nicht zu erklären. Wie ein ſeliges Vermächtniß ruhte Clara's Souvenir auf ſeiner Bruſt; es war ſein theuerſtes Gut und ſein ſtiller Troſt in Noth und Gefahr. Weder von Ruffus noch der Familie Günther über⸗ haupt hatte er ſeit den Leipziger Schlachttagen eine Nachricht erhalten. Er gedachte ihrer oft und aller der ſeligen Stunden, die er in jener deutſchen Kö⸗ nigſtadt verlebt hatte. Noch geraume Zeit ſaß der Jüngling in Erinne⸗ rung verſunken auf dem Grabſteine; dann ſtand er auf und wandelte einſam das große Todtenreich ent⸗ lang. Da ruhten rings umher die edelſten Geſchlech⸗ ter Frankreichs; jener übermüthige und weitgebietende Adel Ludwig's XlV. und XV.; die Helden der Revo⸗ lution, eiſerne Republikaner neben verweichlichten Hof⸗ leuten; Helden, deren Siegesfahnen von einem Ende Europa's bis zum andern wehten, neben unſcheinbaren Kleinbürgern von Paris; Staatsmänner, Gelehrte, Künſtler, deren Namen die fernſte Geſchichte rühmend wiederhallen wird, alle in friedlicher Eintracht und geringem Zwiſchenraume neben einander. Eugen war bis zu einer Reihe alter, halb ver⸗ fallener Grüfte gelangt; lange ſchien ſich kein Men⸗ ſchenfuß in dieſen ganz abgelegenen Theil des Fried⸗ hofs verirrt zu haben. Er ſtand im Begriff umzu⸗ kehren, als er leiſe Stimmen zu vernehmen glaubte, die aus dem einen Todtengewölbe zu kommen ſchienen. Der Jüngling blieb aufmerkſam ſtehen. Er hatte ſich nicht getäuſcht, darum ſchlich er leiſe näher. Unhörbar trat er in das dumpfe Gewölbe. Uralte, vermoderte Kränze hingen an den Wänden; die ein⸗ ſtigen goldenen Grabſchriften waren faſt erloſchen; die 25 Gruft ſchien eine der älteſten des Pdre la Chaise. In der Mitte des Gewölbes führte eine eiſerne, ver⸗ roſtete Fallthüre nach der eigentlichen Gruft, wo die Särge in langen Reihen neben⸗ und aufeinander ſtanden. Da nur wenig Tageshelle durch den äußern Ein⸗ gang in dieſe Todtenhalle fiel, bemerkte Eugen als⸗ bald einen ſchwachen Lichtſchein, der aus der untern Gruft ſparſam herauf flimmerte. Das Geflüſter war jetzt vernehmbarer und der ſtille Beobachter erkannte alsbald ein paar männliche Stimmen, die ſich leiſe und angelegentlich unterredeten. „Gutes, was das Tageslicht nicht zu ſcheuen braucht,“ ſprach Eugen für ſich,„kann hier nicht ver⸗ handelt werden und das Lauſchen wird in dieſer ver⸗ rathreichen Zeit zur Pflicht.“ Er ſtrengte daher ſein ganzes Gehörorgan an, um des unterirdiſchen Dialog habhaft zu werden. „Die hohen Verbündeten.“ ſprach die eine Stimme, „ſollen ſich durch die pomphaften Zeitungsartikel über Frankreichs furchtbare Rüſtungen nicht täuſchen laſſen; in dieſen Papieren allein finden ſie die wahren Etats aus unſerm Kriegsminiſterium. Wir ſind ſchwächer denn je und der Enthuſiasmus von 1792 iſt längſt verraucht. Eine energiſche Invaſion und der Corſe kann ſich nicht halten. Frankreich will den Frieden und ſieht in den Herren der Alliirten nur ſeine Be⸗ freier von einem langjährigen Despotismus.“ „So bürgt Ihr mir,“ ſprach der Andere,„für die Richtigkeit dieſer Papiere?“ „Mit Leib und Seele,“ war die Antwort,„es ſind die getreueſten Copieen aus den Archiven unſers Kriegsdepartements, ich glaube nicht, daß Ihr irgend ein weſentliches Doeument vermiſſen werdet. Es iſt die angeſtrengteſte Arbeit dreier mühvollen Nächte.“ „Mein General,“ ſprach der feindliche Agent, „wird dieſen unſchätzbaren Dienſt, welchen Ihr der guten Sache geleiſtet habt, zu ſchätzen wiſſen. Auch läßt er Euch andeuten, daß Ihr in Eurem guten Eifer nicht erkalten möget. Die zeither von mir erhalte⸗ nen Gratifikationen ſollt Ihr nur als kleine Abſchlags⸗ zahlungen betrachten und verſichert ſein, daß wenn die gute Sache ſiegt, die angemeſſene Belohnung für Eure unbezahlbaren Dienſte nicht ausbleiben wird.“ „Verſichert Seine Excellenz,“ ſprach der Verräther, „meiner unverbrüchlichen Ergebenheit. Er kann auf mich zählen. Ihr werdet auch künftig die betreffen⸗ den Mittheilungen aus unſerm Miniſterium auf ge⸗ wohntem Wege erhalten.“ „Sataniſche Verrätherei!“ knirrſchte Eugen, und ſchlich näher zur Fallthür, des Verräthers Geſicht an⸗ ſichtig zu werden. Nach wiederholten Verſuchen ge⸗ lang es ihm, ſich ſo weit vorzubeugen, daß er in das Grabgewölbe hinabſchauen konnte. Zwei Geſtalten ſaßen hier auf morſchen Särgen. Ein Windlicht erleuchtete ſchauerlich die unheimliche Todtengruft. Daneben lag ein Packet Manuſeripte. Eugen konnte nur des feindlichen Agenten anſichtig werden. Dieſes Geſicht war ihm völlig unbekannt; des Verräthers Antlitz blieb ihm jedoch verborgen, da er mit dem Rücken gegen ihn gewendet ſaß. Der Agent ſtand jetzt auf und griff nach den Papieren. „Ihr werdet,“ ſprach er,„nun bald an unſern Operationen bemerken, daß dieſes Recept gewirkt hat. Die Heerführer der Verbündeten werden nach Einſicht dieſer Etats nicht länger anſtehen, den Rhein zu überſchreiten. Noch heute reiſe ich verkleidet nach dem Hauptquartiere des Feldmarſchalls Blücher.“ „Glück auf die Reiſe,“ ſprach der andere, eben⸗ falls ſich erhebend und dem Agenten die Hand rei⸗ chend,„hoffentlich, daß wir uns bald in freundlichern Etabliſſements wiederſehen, als hier in den Todten⸗ hallen des Pere la Chaise.“ Mit dieſen Worten wandte ſich der Sprecher ge⸗ gen das Licht und Eugen entfuhr ein unwillkürliches Hah! Wenn ihn nicht Alles trog, ſo war der Ver⸗ räther ein Secretair aus dem Bureau des Kriegsmi⸗ niſterium, Namens Laroſe, der als ein enthufiaſtiſcher Anhänger der kaiſerlichen Regierung bekannt war.“ Eugen war ob dieſer Entdeckung dermaßen er⸗ griffen, daß er das alte Gemäuer, an welches er ſich mit der einen Hand gehalten hatte, plötzlich losließ, ſo daß Steine und Kalk donnernd in die Tiefe rollten. „Wir ſind verrathen!“ ſchrie Laroſe ſtarr vor Entſetzen. Im Augenblick war das Licht verlöſcht und man vernahm, wie die Zwei ſich eiligſt durch einen unterirdiſchen Gang entfernten. „Verruchte Buben!“ rief Eugen jetzt wüthend auf⸗ ſpringend, riß mit Rieſenſtärke die ſchwere eiſerne Gatterthür empor und ſprang mit gezücktem Degen in die Gruft hinab. Fluchend ſtolperte er über die morſchen Särge und erſt nach mehrmaligem vergeb⸗ lichen Hin- und Hertappen gelang es ihm, den un⸗ terirdiſchen Gang ausfindig zu machen. Er eilte ihn, ſo gut es die undurchdringliche Finſterniß geſtattete, entlang und gelangte endlich in die Trümmer einer kleinen Kapelle, die am Ende des Père la Chaise gelegen war. Vergebens ſchweiften ſeine zornigen Blicke nach den beiden Flüchtlingen. Sie waren nirgends zu er⸗ blicken; und von den widerwärtigſten Gefühlen be⸗ ſtürmt, ſchritt er zur Stadt zurück. 28 Fortwährend erſchien ihm ſein erlebtes Abenteuer wie ein Traum, und von Laroſe war ihm der Ver⸗ rath gleich ganz undenkbar. Er beſchloß vor der Hand das Geheimniß für ſich zu behalten; doch wollte er über Laroſe's Leben und Treiben Erkundigungen einziehen und beim geringſten Verdacht dem Polizei⸗ miniſter die Sache entdecken. Als er die Stadt erreicht hatte, wandte er ſich nach der Gegend der Notre⸗Dame⸗Kirche und trat in ein Haus von ziemlich bürgerlichem Ausſehen. „Der General zu Hauſe?“ frug er dem entge⸗ gentretenden Diener. Dieſer führte ihn ſogleich in ein Zimmer, das mit Landkarten reich tapezirt, und deſſen einfaches Mobiliar faſt ganz mit mathematiſchen Inſtrumenten bedeckt war. Eine Bibliothek, meiſt kriegswiſſenſchaft⸗ licher Schriften, nahm die eine Zimmerwand ein. Auf dem geräumigen Tiſche, der vor dem Sopha ſtand, war ein ausführlicher Plan der Stadt Ant⸗ werpen ausgebreitet, und daneben lag die Karte von Frankreich, deren Grenzen mit einer großen Anzahl buntköpfiger Stecknadeln beſteckt waren. „Der General wird ſogleich erſcheinen,“ ſprach der Diener, welcher Eugen in das Zimmer geführt hatte, und gleich darauf trat ein hoher ſtattlicher Mann herein. Seine Kleidung war ſchlicht bürger⸗ lich, auf dem Geſichte thronte ein ſtiller gebietender Ernſt, ſein Auge blickte geiſtreich, aber voller Milde und Menſchenfreundlichkeit. Der Eingetretene war Frankreichs großer Bürger Lazare Nicolas Marguerite Carnot, der als ſtrenger Republikaner dem Kaiſer⸗ reich grollend, ſieben Jahre von allen öffentlichen Aemtern zurückgezogen im Schooße ſeiner Familie ge⸗ 3 lebt, jetzt aber, wo das Vaterland in Gefahr war, dem Kaiſer ſeine Dienſte angeboten hatte. Eugen ſtand in ſtiller Begeiſterung vor dem Hel⸗ den, deſſen nähere Bekanntſchaft er vor Kurzem zu machen ſo glücklich geweſen war. Carnot liebte nächſt militairiſcher Bravour vor allem offene Redlichkeit, ſtrenge Gewiſſenhaftigkeit und zugleich die freimüthige Unbefangenheit der Jugend; darum hatte er Eugen, der ihm von mehren Seiten empfohlen war, in kur⸗ zer Zeit ſehr liebgewonnen, und der treffliche Jüng⸗ ling war ihm ſtets ein willkommener Gaſt. „Schönſten Gruß,“ rief der Eingetretene,„es iſt gut, daß Ihr gekommen ſeid, habe Mancherlei mit Euch zu plaudern, denn mit mir dürfte die Reiſe in den nächſten Tagen fortgehen.“ „Ihr wollt verreiſen?“ frug beſtürzt der Jüng⸗ ling,„doch nicht auf lange Zeit?“ „Je nachdem,“ antwortete Carnot;„da hat mir der Kaiſer ſo eben die Vertheidignng von Antwerpen übertragen. Dieſe Sache kann ſich etwas in die Länge ziehen, wenigſtens ſollen die Engländer ſich ein Weil⸗ chen in Geduld üben, ehe ich ſie herein laſſe. Habt Ihr Luſt, in meine Dienſte zu treten? Doch nein,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„das iſt ein übler Rath; in der Champagne iſt Euer Platz, wo halb Europa ſich gegen unſer Vaterland ein Rendezvvus verſprochen.“ „Glaubt Ihr wirklich, General,“ frug der Jüng⸗ ling,„daß die Verbündeten es wagen werden, über den Rhein zu gehen und das alte Frankreich anzu⸗ greifen?“ „Bis jetzt.“ meinte Carnot,„haben ſie eine ziem⸗ liche bedenkliche Miene angenommen. Valmy ſcheint ihnen im Kopf herum zu gehen. Gleichwohl ſind ſie ſehr im Irrthume. Frankreich von 1814 iſt nicht mehr das Frankreich von 1792; ſie haben nicht mehr 30 unſre Macht, und nur das Genie des Kaiſers zu fürchten. Unſre Lage, wir wollen ſie uns nicht ver⸗ bergen, iſt gefährlicher denn je; nicht daß wir ſo wenig Kräfte beſäßen, uns gegen Europa zu verthei⸗ digen, aber die Intrigue, die Verrätherei alter Roya⸗ liſten und fettgewordener Napolevniden, das iſt der Krebsſchaden, der uns zu Grunde richtet.“ „Aber die Jugend, die Armee,“ rief Eugen warm, „und den Kaiſer an der Spitze, was haben wir von ein paar elenden Verräthern zu fürchten?“ „Ihr kennt die Perfidie der franzöſiſchen Großen nicht, junger Freund,“ ſprach Carnot:„ich will kein Prognoſticon ſtellen, aber Napoleon's Krone ſchwebt an einem Pferdehaar.“ „Wie,“ frug Eugen erbleichend,„was ich immer für ein Märchen gehalten habe, muß ich aus Eurem Munde vernehmen?“ „Wollte der Himmel,“ antwortete der alte Re⸗ publikaner,„es wäre ein Märchen; ich bin kein Freund des Kaiſers Napoleon, aber im Vergleich mit den vertriebenen Bourbonen, muß jeder Vaterlands⸗ freund auf ſeiner Seite ſtehen. Trat er auch unſre Freiheit nieder, ſo erſetzte ſein Genie Vieles. Er hat Frankreich um Jahrzehnte vorwärts gebracht; er hat wenigſtens nie an der geſunden Vernunft gefre⸗ velt. Die Bourbonen, welche die neue Zeit, dieſe Tochter der Revolution, nie anerkennen werden, wür⸗ den das Land nur in Verwirrung und Unglück ſtür⸗ zen. Darum bin ich, ſeit ich dieſe royaliſtiſchen Ele⸗ mente auftauchen ſah, faſt aus Noth kaiſerlich gewor⸗ den. Unter zwei Uebeln muß man das kleinſte wählen.“ „Ich habe in dem Kaiſerthume nie etwas Uebles zu erkennen vermocht,“ bemerkte Eugen.„Hat Na 31 poleon Frankreich nicht groß gemacht, mit Ruhm be⸗ deckt, und für des Landes Wohlfahrt geſorgt nach beſten Kräften? Würde ihm das gelungen ſein, wenn eine freifinnige Oppoſition ihm fortwährend entgegen⸗ getreten wäre und der Ausführung ſeiner beſten Ideen im Wege geſtanden hätte?“ „Ich bin dem Kaiſer perſönlich,“ antwortete Car⸗ not,„von ganzem Herzen ergeben, aber mit ſeinen Herrſcherlaunen hab' ich mich nie befreunden kön⸗ nen. Ich mache auch dem großen Manne weniger einen Vorwurf über das, was er gethan hat, als darüber, was er hätte thun können. War je ein Sterblicher berufen, das Glück des Welttheils für Jahrhunderte zu gründen, war er es. Dann aber mußte er ein Mann des Volkes bleiben und nicht eitler Weiſe um die Gunſt der Könige buhlen. Was brauchte er nach den Königen zu fragen, wenn er die Völker auf ſeiner Seite hatte. Er hat ſeine Miſſion nicht erfüllt und die Strafe dafür iſt nicht ausgeblie⸗ ben. Dieſelben Fürſten, in deren Verwandtſchaft er ſich drängte, ſtehen jetzt an des Reiches Grenzen und ſind aller Wahrſcheinlichkeit nach ſein Verderben. Wie geſagt, ich bin dem Kaiſer außerordentlich zugethan, trotz dem, daß ich ſein politiſcher Widerſacher bin; er beſitzt eine hochedle Seele und ich bin ihm ſelbſt verſönlich verpflichtet. Er hat mir einen Dienſt er⸗ wieſen und auf eine Art, welche ich ihm nie vergeſ⸗ ſen werde und die für ſeinen trefflichen Charakter das beſte Zeugniß giebt.“ Eugen blickte fragend auf. Carnot fuhr fort: „Es war im Jahre 1809 als ich, der ich früher in Geldhaufen gewühlt und Provinzen verwaltet hatte, ſo ärmlich lebte wie ein Commis mit ſechshundert 32 Franken, einen Verluſt von Geld erlitt, der mir die Wahl ließ, in's Gefängniß zu wandern, oder mich an einen Freund zu wenden. Wo ſollte ich aber die⸗ ſen finden? Nach mehren unruhvollen Tagen und ſchlafloſen Nächten ſagte ich mir, daß in Paris nur Einer lebe, dem ich meine Verlegenheit entdecken könnte und dies war mein Feind— der Kaiſer. Ich ſchrieb ihm frei und unverholen meine Lage. Napo⸗ leon las und wurde gerührt. Er war der Mann, mich zu verſtehen. Deſſelben Tages ſprach er mit dem Herzoge von Baſſano über die Sache.“ „Carnot darf,“ waren ſeine Worte,„keinen Au⸗ genblick länger in Unruhe bleiben, aber ich wage nicht, ihm Geld anzubieten. Statten Sie mir auf der Stelle einen Bericht ab, in dem Sie mir vorſchlagen, an all die verfloſſenen Jahre zu denken, ſeit Carnot Generallieutnant iſt und ſtellen Sie ihm das Patent darüber vor der Bildung des Kaiſerreichs ans. Auch fertigen Sie das Patent einer Penſion von zwölf⸗ tauſend Franken, wovon der Rückſtand ihm auf gleiche Weiſe berechnet wird und er ſoll eine Senatorſtelle erhalten. Auf dieſe Weiſe iſt er blos dem Vater⸗ lande verpflichtet, von dem ich nur das Organ bin. Will er ſich dankbar bezeigen, ſo kann er es wenig⸗ ſtens ungezwungen und freiwillig.“ „So ward ich,“ fuhr der Erzähler fort,„in den Stand geſetzt, meine Verpflichtungen zu erfüllen, ohne das drückende Gefühl einer empfangenen Wohlthat zu empfinden. Freilich verſtehen nicht alle Leute, auf dieſe Art Jemanden aus Verlegenheiten zu ziehen.“ „Und ſolchen Mann könnte Frankreich gegen die Bourbons eintauſchen,“ rief Eugen,„gegen die Bour⸗ bons, die ſeit zwanzig Jahren in den Lägern unſrer Feinde leben?“ 33 „Sprecht nicht Frankreich,“ antwortete Carnot, „dieſes verabſcheut ſolchen Tauſch, aber nicht jene feilen Seelen, in deren Händen ſich gegenwärtig das Schickſal Frankreichs befindet. Wie mir ſcheint, ſeid Ihr mit dieſen Leuten noch ziemlich unbekannt. Das iſt nicht gut, man muß ſeine Feinde kennen lernen. Begleitet mich heut Abend in die Soirée der Gräfin Saint Anand. Man hat mich geladen, weil man an mir, als ſtetem Widerſacher des Kaiſerthums, einen leichten Fang zu thun glaubt. Da werdet Ihr, wenn Ihr Euch einigermaßen auf Phyſtognomik verſteht, ſeltſame Entdeckungen machen, und einſehen lernen, daß die wahre Gefahr nicht in den Intriguen der Royaliſten, die die Sache ziemlich einfältig anfan⸗ gen, zu ſuchen iſt, ſondern allein in den Perſonen, die ſchamlos genng, ſich der hohen Gunſt des Kaiſers zu rühmen, den ſie alle Augenblicke zu verrathen be⸗ reit ſind.“ „Auch ich bin in Gemeinſchaft meines Onkels,“ erwiederte Eugen,„zu dieſer Spirée eingeladen, habe aber für's Beſte gehalten, die Einladung auszu⸗ ſchlagen.“ „Und warum?“ frug Carnot. „Aus dem einfachen Grunde, weil ich es für Un⸗ recht halte, mit den Feinden des Kaiſers auch nur in evnventionelle Gemeinſchaft zu treten.“ „Da habt Ihr abermals Unrecht, junger Freund,“ belehrte der alte Republikaner,„man darf nie eine Gelegenheit verabſäumen, das Lager des Feindes ken⸗ nen zu lernen. Man nützt der guten Sache mehr, wenn man vorſichtig umherſchaut, als durch ſchroffes Abſondern. Darum begleitet mich heut Abend. Ich bin überzeugt, es wird Euch von Nutzen ſein.“ Eugen gab jetzt gern ſeine Einwilligung und ver⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XIII.— 34 abſchiedete ſich erſt, nachdem die Beiden noch Man⸗ cherlei über die militäriſche und politiſche Lage des Vaterlandes verhandelt hatten. Drittes Rapitel. E⸗ war hoher Nachmittag. Napoleon ging in ſei⸗ nem Cabinette ſchweigend auf und ab. Sorgenvolle Wolken waren auf ſeiner Stirn gelagert. In einiger Entfernung ſtand Caulaincvurt, der Herzog von Vi⸗ eenza, der Befehle des Kaiſers gewärtig. „Herzog,“ ſprach nach langer Pauſe Napoleon, „wir müſſen bei den Verbündeten nochmals anklopfen wegen des Friedens. Ich brauche ihn; aber einen ſichern und ehrenvollen Frieden will ich. Frankreich ohne ſeine natürlichen Grenzen, ohne Antwerpen und Oſtende, würde nicht mehr mit den übrigen Staaten Europa's in Verhältniß ſtehen. England und alle Mächte haben dieſe Grenzen anerkannt. Die Eroberun⸗ gen jenſeit des Rheins und der Alpen können das nicht aufwiegen, was Oeſtreich, Rußland, Preußen in Polen, in Finnland erworben haben, was England in Aſien an ſich geriſſen hat. Ich habe die Frankfurter Grund⸗ linien angenommen; aber es ſteht ſehr zu vermu⸗ then, daß die Verbündeten unterdeß andere Gedanken bekommen haben. Ihre Vorſchläge ſind nur Worte geweſen. Werden die Unterhandlungen erſt einmal unter den Einfluß der Kriegsereigniſſe geſtellt, ſo kann man die Folgen eines ſolchen Syſtems nicht vor⸗ ausſehen. Man muß Alles hören, Alles beobachten. Sie müſſen ſich bemühen, die wahren Abſichten der Verbündeten zu erforſchen und mich täglich davon be⸗ nachrichtigen.“ Wieder eine Pauſe. Der Kaiſer fuhr fort: „Will man Frankreich auf ſeine alten Grenzen zurückführen? Das hieße es erniedrigen. Man täuſcht ſich, wenn man glaubt, daß die Kriegsunfälle der Nation einen ſolchen Frieden wünſchenswerth machen könnten. Es gäbe binnen ſechs Monaten kein einziges franzöſiſches Herz, das nicht von Schmach entbrennen, und welches ihn nicht der Regierung, die ſo feige war ihn zu unterzeichnen, zum Vorwurf machen würde. Italien iſt unverletzt, der Vicekönig hat eine ſchöne Armee. Nach acht Tagen werde ich ſo viel Truppen verſammelt haben, um unſere Schlachten lie⸗ fern zu können, ſelbſt vor Ankunft meiner ſpaniſchen Armee. Die Verheerungen der Koſaken werden die Einwohner zu den Waffen rufen und unſere Streit⸗ kräfte verdoppeln. Wenn mich die Nation unterſtützt, geht der Feind ſeinem Verderben entgegen. Wenn das Glück mich verräth, iſt mein Entſchluß gefaßt; mein Herz hängt nicht am Throne. Ich will, indem ich ſchmachvolle Bedingungen unterſchreibe, weder die Nation noch mich herabwürdigen. Man muß zu er⸗ fahren ſuchen, wie Metternich denkt. Es liegt nicht im Intereſſe Oeſtreichs, die Sache auf's Aeußerſte zu treiben. Einen Schritt weiter und die Hauptrolle iſt ihm entſchlüpft. Unter ſolchen Umſtänden ſchreibe ich Ihnen nichts vor. Beſchränken Sie ſich vor der Hand darauf, auf Alles zu hören und mir über Alles Be⸗ richt zu erſtatten. Schonen Sie keine Couriere.“ Nach einer Pauſe frug er: „Welches iſt Ihre Anſicht über den Stand der Dinge, Caulaincvurt?“ 36 Der Herzog von Vicenza ſah die einzige Rettung Frankreichs in einem Aufſtand en masse. Er drang in den Kaiſer, dieſe Maßregel zu ergreifen. „Nur durch begeiſterten Volksaufſtand,“ ſprach er, „wird der Feind zurückgeſchreckt und zu friedlichen Geſinnungen getrieben werden; fall's er wagt, den Boden des Vaterlandes zu betreten, wird ihm der allgemeine Aufſtand als Meduſenhaupt entgegentreten, das ihm ſeinen Untergang zeigt.“ Der Herzog ſprach noch viel zu Gunſten ſeines Vorſchlags. Der Kaiſer hörte ihm ſchweigend zu und verſank in finſteres Nachdenken. „Ich liebe dergleichen revolutionaire Heilmittel nicht,“ hub er endlich an;„der Fürſt, der dazu ſeine Zuflucht nimmt, überliefert ſich halb gebunden einem aufrühreriſchen Pöbel und iſt keinen Morgen ſicher, ob er als Herrſcher aufſteht. Ich will das Möglichſte indeß thun. Commiſſarien ſollen in die Provinz ei⸗ len und die Maſſen in Bewegung ſetzen.“ Sein Blick fiel wieder auf die Frankfurter Pro⸗ clamation, die auf einem Marmortiſche lag. „Dieſer Stoß iſt wohlberechnet,“ ſprach er mit bitterem Lächeln,„ich ſehe wohl, die Verbündeten haben ſich auf mein Grab eingeladen, aber keiner wagt, den erſten Schritt zu thun. Wenn Frankreich mich verläßt, vermag ich Nichts; aber man dürfte es doch wohl zu bereuen haben.“ Der Herzog von Vicenza entfernte ſich, und als⸗ bald traten die Prinzen Joſeph und Jerome, der Herzog von Rovigo, der Präſident des Senats und mehre Großofficiere, welche der Kaiſer ſämmtlich zu einer Berathung hatte rufen laſſen, in's Zimmer. „Ich reiſe in Kurzem zur Armee,“ ſprach Napo⸗ levn,„da iſt Hauptſache, daß ich mir den Rücken decke. Ich will meine Hauptſtadt, meine Gemahlin und mein Kind in Sicherheit wiſſen; ich werde die Pariſer Nationalgarde neuorganiſirt in's Leben rufen; was meinen Sie, meine Herren?“ Der König Joſeph erkannte die Maßregel als zweckmäßig. „Das Vertrauen,“ ſprach er,„welches Ew. Majeſtät gegen die Nativnalgarde der Hauptſtadt an den Tag le⸗ gen, indem Sie Ihre Gemahlin und Ibren Sohn un⸗ ter den unmittelbaren Schutz dieſer bewaffneten Bür⸗ gerſchaft ſtellen, kann nur von den wohlthätigſten Folgen ſein. Ich bin überzeugt, daß die Pariſer Nativnalgarden dieſe ihr anvertrauten Palladien mit ihrem Blute vertheidigen werden, fall's die Hauptſtadt einem feindlichen Angriffe ausgeſetzt würde.“ Der Herzog von Rovigo, der Polizeiminiſter, war anderer Meinung. Die Pariſer Nationalgarde, meinte er, ſei ſtets das gefährlichſte Mittel geweſen, deſſen ſich die poli⸗ tiſchen Unruhſtifter aller Zeiten zum Nachtheil der Regierung bedient hätten. Es ſei daher gefährlich, es ihnen von Neuem in die Hände zu kiefern. Dem Polizeiminiſter pflichteten faſt alle die An⸗ weſenden bei, die doch durch die Revolution allein ſich gehoben hatten. „Aber die Umſtände drängen,“ ſprach der Kaiſer. „Wenn dieſe Maßregel nicht umgangen werden kann,“ rieth endlich der Präſident des Senats,„ſo wäre ich wenigſtens dafür, der Regierung das Recht, die Officiere zu ernennen, vorzubehalten.“ Dieſer Vorſchlag fand allgemeinen Beifall und ſo ward die Herſtellung der Pariſer Nationalgarde faſt mit Stimmeneinhelligkeit beſchloſſen. Die Rathsverſammlung ward nach einiger Zeit 38 entlaſſen und Napoleon ſetzte ſich an ſein Bureau, wo ein Haufe neuer Depeſchen ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch nahm. Er überflog mehre der jüngſten Briefe des Kaiſers von Oeſtreich an ſeine Tochter. Dieſer Monarch verſichert die Kaiſerin fort⸗ während ſeiner ganzen Zärtlichkeit. Er betheuert, daß, wie auch die Begebenheiten ſich geſtalten möchten. er nie die Sache ſeiner Tochter und ſeines Enkels von der Frankreichs trennen werde. Andere Depeſchen berichteten von dem Fortgange der Rüſtungen. Napoleon war nicht zufrieden damit. Die Thätigkeit war zwar überall groß; man arbei⸗ tete an allen Orten, aber nirgends war Etwas vol⸗ lendet. Die bevorſtehende Invaſivn lähmte den Muth. Hinſichtlich politiſcher Umtriebe herrſchte, mit Ausnahme von Paris, in ganz Frankreich die größte Ruhe. Es glimmte nirgends ein aufrühreriſcher Funke. Man litt, ertrug die ſchweren Laſten und Opfer, aber man war geduldig. Man ſehnte ſich nach dem Ende des Kriegszuſtandes, ohne daß Jemand an Unord⸗ nungen dachte. Wenn dieſer Zuſtand den Kaiſer beruhigte, ſo gewahrte er mit Betrübniß. daß ſeine Bataillone nicht zunahmen, und täglich ſah er die Armeen der Feinde an der Grenze ſich vermehren. Er gab Befehl, daß die Truppen zu Chalons und an der Marne ſich vereinigen und auf den beiden Straßen von Straßburg und Metz ſich zurückziehen ſollten. Die kaiſerliche Garde ließ er nach Arcis an der Aube aufbrechen. Er gebot, die Feſtungen der alten Grenze, an welche man ſeit 1795 nicht gedacht hatte, zu verpro⸗ viantiren. Allein ſeine Befehle und Vorſichtsmaß⸗½ 39 regeln ſcheiterten großentheils an dem Mangel der erforderlichen Mittel, der ſich noch zu keiner Zeit ſo augenſcheinlich kundgethan hatte. Dieſe ganze furchtbare Feſtungslinie, welche einen Gürtel um Frankreich bildet, war faſt unbewaffnet. Die Artillerie, mit der ſie ſonſt verſehen war, hatte man in die Feſtungen der neuen Grenze gebracht und von Platz zu Platz bis an die Mündungen der Elbe, Oder und Weichſel geführt. Man verlangte nach Waffen von einem Ende Frankreichs zum andern, und ſo entzog man den Ra⸗ tionalgarden die wenigen Flinten, um ſie in Maga⸗ zinen aufzuhäufen und daraus die Bedürfniſſe der Armee zu beſtreiten. Der Mangel an Zugpferden für die Artillerie war gleich außerordentlich fühlbar, und ſchuf neue Verlegenheiten. Man war genöthigt, Zuflucht zu drückenden Mitteln zu nehmen, um Lieferungen zu beſchleunigen, welche nicht ſchnell genug gemacht wer⸗ den konnten. Die Klagen darüber ertönten aller Orten. Der Kaiſer raffte die ganze Kraft ſeines Genies zuſammen. Er trug wie ein Atlas. Ihm war die Sorge überlaſſen, an Alles zu denken, für Alles zu ſorgen. Er hatte ſelbſt Jedermann ſo gewöhnt, daß man ſehr häufig nur maſchinenmäßig handelte, weil man nur buchſtäblich ausführte, was er befohlen hatte. Der Kaiſer arbeitet Tag und Nacht. Stündlich langen Couriere in den Tuilerien an, deren Depeſchen ſeine Aufmerkſamkeit faſt an allen Orten Frankreichs zu gleicher Zeit in Anſpruch nehmen. Täglich ſind Miniſterconſeils, denen er präſidirt; täglich paſſiren neu organiſirte Regimenter die Revue, um von dem 40 Tuilerienhofe ſogleich nach den bedrohten Grenzen ab⸗ zugehen. Man ſah bei dieſer Gelegenheit, was ein Genie wie das ſeine vermochte, und was es bewirkt haben würde, wenn es gehörig unterſtützt worden wäre. Schien es doch, als wenn das Unglück, indem es ſeine Strenge ſchärfte, ſie verhältnißmäßig zu der Kraft ſeiner Seele geſteigert hätte. Nichts ſetzte ihn in Erſtaunen; Nichts erſchütterte ihn. Er blieb der⸗ ſelbe große Mann im Glück wie im Unglück. Fiertes Rapitel. Huperſc warfen die hohen Kryſtallſpiegel das Kerzenlicht der prächtigen Kronleuchter zurück. Eine wohlduftende Atmoſphäre durchzog die hohen glänzen⸗ den Gemächer. Vom Orcheſter erklangen die damals noch neuen ſo ſüßen und wollüſtigen Klänge Roſſi⸗ nis. Ueberall herrſchte die größte Eleganz, mit dem feinſten Geſchmacke gepaart. Der Salon der Gräfin Saint Amand galt für einen der ausgezeichnetſten im ganzen Faubourg Saint Germain. Die Anzahl der Gäſte war ziemlich bedeutend. Während die Einen im Geſpräch auf und abwandel⸗ ten, ſtanden Andere in Gruppen beiſammen; die, Damen hatten faſt ſämmtlich auf den reichen Divans und den purpurrothen Eſtraden Platz ge⸗ nommen, wo ſie eine außerordentlich reizende Gal⸗ 44 lerie bildeten. In dem großen Saale ward bereits getanzt. Die bejahrtere Herrenwelt verhandelte faſt Nichts als Politik. Unter ihnen befanden ſich die be⸗ deutendſten Notabilitäten der Hauptſtadt; mehre Mar⸗ ſchälle, Senatoren, und beſonders viele Deputirte des geſetzgebenden Körpers, deſſen Eröffnung man in Kur⸗ zem entgegen ſah. Nur ein Einziger war es, der ſich den Anſchein gab, als verſtehe er kein Sterbenswörtchen von Po⸗ litik, wenigſtens hatte man den ganzen Abend noch kein Wort von ihm vernommen. Er begnügte ſich, die Damen mit geiſtigen Bonbons ſeines überaus witzreichen Kopfes ſehr angenehm zu unterhalten; die⸗ ſer Mann war Charles Maurice de Talleyrand⸗-Peri⸗ gord, Fürſt von Benevent. Er ſaß faſt unter lauter Damen, die zum Theil. ſehr hübſch und geiſtreich waren, und ſchien ſich ganz wohl und behaglich zu fühlen. Um ſeine Mundwin⸗ kel ſpielte das bekannte unſterbliche Lächeln. Verge⸗ bens bemühten ſich mehre Damen wiederholt, das Ge⸗ ſpräch auf die Tagesbegebenheiten zu keiten, um des Fürſten Meinung darüber zu vernehmen. Er nußte ſtets mit wunderbarem Takte auszuweichen und das Geſpräch auf dem Gebiete der Mode, der Kunſt und Galanterie feſt zu halten. Eine junge Baroneſſe ärgerlich darüber, daß dem großen Diplomaten gar nicht beizukommen war, und von Neugier geplagt, platzte endlich mit der Frage heraus: „Aber, mein Fürſt, werden wir nicht bald Frie⸗ den bekommen?“ „Madame,“ antwortete Talleyrand, ſich galant gegen die Fragerin verbeugend,„ich habe wirklich den Moniteur noch nicht geleſen.“ In einem Nebenzimmer, wo mehre Deputirte des geſetzgebenden Corps um einen Tiſch ſaßen, ſprach man ſich ziemlich laut und freimüthig über das kai⸗ ſerliche Regiment aus. Der Marſchall Macdonald, welcher in der Nähe ſtand, that, als wenn er nichts davon hörte. Beſonders war es Herr Lainé, ein Advokat und Deputirter aus Bordeaux, der ziemlich rückſichtslos den ſtrengſten Tadel über des Kaiſers Handlungsweiſe ſich erlaubte. Mehre kaiſerliche Beamte fanden es für gerathen, ſich von dieſem revolutionären Tiſche zu⸗ rückzuziehen. Herr Lainé fuhr fort: „Das geſetzgebende Corps muß, ſeiner hohen Miſſion eingedenk, den Augenblick und die Verlegen⸗ heit des Kaiſers benutzen, um ihm freiſinnige Con⸗ ceſſionen abzunöthigen. Nie bot ſich eine günſtigere Gelegenheit dar und das geſetzgebende Corps, dieſe letzte Ruine der Volksfreiheit, iſt das einzige geeig⸗ nete Organ hierzu. Nur unter der Bedingung, daß ein liberaleres Syſtem an die Stelle des jetzigen Mili⸗ tairdespotismus tritt, dürfen wir Seine Majeſtät un⸗ ſerer Unterſtützung verſichern. Herr Rainouard, gleichfalls Deputirter, ergriff die Gelegenheit, ſich energiſch über die verwilderte Soldateska auszuſprechen, die im eignen Vaterlande ſchlimmer hauſete, als in Feindes Lande. Als Bei⸗ ſpiel führte er unter andern an, daß Marſchall Maſ⸗ ſena das Haus eines Bürgers in Lyon förmlich ge⸗ plündert habe. Die Herren geriethen immer mehr in's Feuer, und alsbald hatte ſich Alles, was des Kaiſers Farbe trug, aus dieſem gefährlichen Zimmer zurückgezogen. Da trat Carnot herein und ward mit allgemeiner Freude empfangen. 43 Wenn aber in dieſem Zimmer ſich größtentheils revolutionaire Elemente kund gaben, ſo ging es in den übrigen faſt rein legitimiſtiſch her. Hier, wo die Royaliſten ihre Geſinnungen wenigſtens unter einer glättern Außenſeite zu verbergen wußten, erblickte man viel Kaiſerliche. Sie brauchten hier weniger zu fürch⸗ ten, ſich zu compromittiren als bei den rückſichtsloſen Liberalen. Namentlich waren es in dieſen legitimi⸗ ſtiſchen Gruppen die Frauen, welche die Intereſſen der Bourbonen mit vieler Freiheit und Liebenswür⸗ digkeit zu verfechten wußten, und mit ihren ſchönen Augen unermüdlich um Eroberungen in dem Kaiſer⸗ reiche bemüht waren. Man hatte äußerſt ſauber geſtochene Portraits der vertriebenen Königsfamilie herumgereicht und fand hier⸗ bei Gelegenheit, über die vortrefflichen, liebenswür⸗ digen und ächtfranzöſiſchen Eigenſchaften der Verbann⸗ ten ſich mit vollem Lobe auszuſprechen. Henriette, welche ſich unter den Tanzenden be⸗ fand, ſchwamm in einem Meere voll Glückſeligkeit. Sie hatte noch keinen Tanz ausgeſetzt und war von den adeligen Cavalieren mit zuvorkommender Artigkeit behandelt worden. In einer ähnlichen Lage befand ſich Normand, welcher in Finanzgeſpräche vertieft mit ein paar alten Marquis ſehr ſelbſtgefällig auf⸗ und abwandelte. Dem eitlen Manne ſchmeichelte es über alle Maßen, ſich von der legitimiſtiſchen Nobleſſe mit ſolcher Bon⸗ hommie behandelt zu ſehen. Er konnte ſich noch gut auf die Zeit beſinnen, wo der reichſte Banquier in Frankreich von jedem ſimpeln Ludwigsritter zur Ca⸗ naille gerechnet wurde. Wie hatten ſich die Zeiten geändert; wandelte er jetzt mit den beiden Marquis, deren Stammbäume bis zu Karl dem Großen hinauf⸗ rankten, nicht wie mit guten Freunden auf und ab? 44 Nur Eugen, der mit Carnot gekommen war, be⸗ fand ſich in dieſer mit Intriguen aller Art geſchwän⸗ gerten Salon⸗Atmoſphäre nicht ſehr wohl. Er gedachte bei dieſem unerhörten Luxus, der ſich hier überall kund gab, bei dieſem wohlbehaglichen und ſcheinbar höchſt ſorgloſen und vergnügungsſüchtigen Leben, des unglücklichen Vaterlandes, das bereits aus tauſend Wunden blutete, und an deſſen Grenzen Hunderttau⸗ ſende von rachgierigen Feinden bereit ſtanden, um ſich beim erſten Winke auf daſſelbe zu ſtürzen. Dieſer Contraſt machte einen ſehr widerwärtigen Eindruck auf ihn, und er wanderte daher ziemlich verſtimmt und theilnahmlos durch die mannigfachen Grup⸗ pen. Mancher Blick der umherſitzenden Schönen weilte mit Wohlgefallen auf dem ſchönen blühenden Jüng⸗ ling, deſſen ſtattlicher Wuchs durch die prächtige, knappanliegende glänzende Uniform noch gehoben ward. Aber Eugen verſtand keinen dieſer Blicke; ſeit er Clär⸗ chen kennen gelernt, war er an den ſiegreichſten Schönheiten kalt und theilnahmlos vorübergegangen. Eugen ſchritt die ganze endloſe Reihe der pracht⸗ vollen Zimmer entlang, als er plötzlich in ſeiner Nähe eine Stimme vernahm, deren Ton ſein Blut auf das Heftigſte in Wallung brachte. Es war der Miniſterial⸗Secretair Laroſe, der, mit dem Rücken gegen Eugen gewandt, zu einem kaiſerlichen Obriſten ſprach. „Ich finde es mehr als indiseret,“ waren ſeine Worte,„daß man hier in Gegenwart ſo vieler kai⸗ ſerlichen Militairs und Beamten ſo rückſichtslos mit den Bildniſſen einer Familie coquettirt, welche von Frankreich geächtet worden. Der Obriſt zuckte die Achſeln. „Chacun à son goüt,“ meinte er trocken,„derglei⸗ chen royaliſtiſche Blähungen ſchaden dem Kaiſer Nichts. Nach der erſten gewonnenen Schlacht zerſtäubt dieſes Geſindet wie Spreu.“ Eugen bemühte ſich jetzt des Secretairs Geſicht anſichtig zu werden. Aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als es ihn wie Fieber ſchüttelte. Es war Laroſe und kein Anderer, welcher dem feind⸗ lichen Emiſſair die Etats des Kriegsminiſteriums überliefert hatte. Eugen nahm ſich jetzt feſt vor, nächſten Morgen dem Herzog von Rovigo eine ver⸗ trauliche Mittheilung über ſein erlebtes Abenteuer auf dem Kirchhofe des Pére la Chaise zu machen und ihm ſeinen Verdacht hinſichtlich des Secretairs mit⸗ zutheilen. Sagte ihm zeither ſchon die Luft in dieſem Sa⸗ lon nicht zu, ſo war ſie ihm jetzt ganz unerträglich geworden. Er wollte ſo eben Carnot aufſuchen, ſich bei ihm verabſchieden und den Cirkel verlaſſen, als er ſich mit Haſt am Arme gefaßt fühlte. Es war Onkel Normand. „Deine Anweſenheit hierſelbſt,“ raunte ihm dieſer zu,„iſt mit Wohlgefallen bemerkt worden. Du haſt ſehr vernünftig gehandelt, daß Du noch gekommen biſt. Du biſt ein Glückskind, benutze die Gelegen⸗ heit, der Terrain iſt günſtig.“ „So?“ frug mit ſehr ruhigem Tene der Neffe. „Man muß geſtehen,“ fuhr der Banguier, ſich ver⸗ gnügt die Hände reibend, fort,„Adel bleibt Adel; man befindet ſich nirgends wohler. Die Rohheit der Revolution, die Soldateska des Kaiſerreichs hätten uns die guten echtfranzöſiſchen Sitten ganz vergeſſen gemacht, wenn ſie nicht von dem alten Adel treu bewahrt worden wären. Mein einſeitiges Vorurtheil gegen die Bourbonen ſchwindet immer mehr. Du mußt die 46 trefflichen Männer kennen lernen, mit denen ich mich geraume Zeit auf das Angenehmſte unterhalten habe. Da lernſt Du den Franzoſen kennen, wie er ſein ſoll. Komm, Eugen, ich werde Dich den Herren vorſtellen.“ „Ich bin nicht dazu aufgelegt,“ erwiederte der Aufgeforderte,„zumal ich eben im Begriff ſtehe, die Geſellſchaft zu verlaſſen.“ „Biſt Du von Sinnen?“ frug Normand erſtaunt und ärgerlich.„Dein Glück blüht ſo wunderſchön, und Du wollteſt aus thörichtem Eigenſinne keinen Gebrauch davon machen? Die Herzogin von Blvis hat ſich zweimal mit wahrhaftem Intereſſe nach Dir erkundigt. Es iſt die einflußreichſte Dame in ganz Paris. Du kannſt beim Himmel binnen Jahr und Tag Obriſtenepauletten tragen, wenn Du es einiger⸗ maßen geſcheidt anfängſt.“ Eugen, den nichts mehr empörte als Geſinnungen, wie ſich in dieſen Worten des Banquiers ausſprachen, erwiederte ſehr kurz, daß er für die Epauletten der Frau Herzogin danke. Hiermit wünſchte er dem Onkel eine gute Nacht und entfernte ſich. Er war eben im Begriff eins der vorletzten Zim⸗ mer zu durchſchreiten, als ihn eine wunderſeltſame Erſcheinung plötzlich wie angefeſſelt ſtehen bleiben hieß. Er rieb ſich die Augen und ſtarrte wie gei⸗ ſtesabweſend eine geraume Zeit nach der Stelle in dem einen Zimmer, wo auf einer Ottomane eine junge Dame in himmelblauem Kleide ſaß. Er wußte nicht, ob er wache oder träume, ob er im Himmel oder auf Erden weile, die Dame im himmelblauen Kleide war Clärchen, wie ſie leibte und lebte. Daſſelbe ſanfte himmelvolle Antlitz, dieſelben blonden Locken und reizenden Vergißmeinnichtaugen, ja daſſelbe Coſtüme, das ſie ſo liebte. Mit der Dame ſprach ein junger Mann, in wel⸗ chem Eugen den Käufer der bourboniſtiſchen Carri⸗ caturen von heut' Vormittag erkannte. Aber er ach⸗ tete ſeiner weiter nicht; ſeine Blicke hafteten einzig an der lieblichen Geſtalt, welche das treue Abbild der Innigſtgeliebten, der Vielbeweinten vergegenwär⸗ tigte. Und je länger er an den theuern Zügen hing, deſto mehr zeigte ſich auch in der ganzen Art und Weiſe des Benehmens der jungen Dame die täuſchendſte Aehnlichkeit. Dieſelbe heitere Unbefangenheit, dieſelbe Naivetät. Eugen konnte ſich nicht länger enthalten, näher zu treten, an einem der Marmortiſchchen in der Nähe Platz zu nehmen und mit ſtillem ſeligen Entzücken das wunderbare Spiel der Natur zu bevbachten. Der jungen Dame ſchien das Intereſſe, das der ſchöne Officier ziemlich offen an den Tag legte, nicht entgangen zu ſein. Ein Blick des Wohlwollens aus ihrem ſchönen Auge fiel zündend auf den Jüngling. Dieſem war es, als lächle Elärchen verklärt ihm zu, und keine Macht der Erde hätte ihn jetzt abgehalten, nicht die nähere Bekanntſchaft der reizenden Unbe⸗ kannten zu machen. Er trat mit bebendem Herzen aber raſchen Schritten auf ſie zu und bat um die nächſte Francaiſe. Der junge Mann, welcher das Mädchen ordentlich belagert hielt, warf einen grimmigen Blick auf Eugen und ſprach ziemlich vorlaut und abweiſend:„dieſer Tanz iſt ſchon vergeben.“ „Ich will nicht mit Ihnen tanzen, mein Herr,“ ſprach der Ordonnanzofficier, den Unhöflichen zurecht weiſend,„ſondern mit dem Fräulein, an welche allein ich meine Frage und Bitte gerichtet habe.“ Der Eiferſüchtige biß ſich in die Lippen; Eugen's 48 Augen aber ruhten fragend und voller Liebe auf dem Engelbilde. Zitternd wie eine erſchrockene Roſe, bedauerte das Mädchen, den erbetenen Tanz bereits verſagt zu ha⸗ ben, ſetzte jedoch zugleich mit bezauberndem Lächeln hinzu, daß ſie für den nächſtfolgenden frei ſei. „Und darf ich darum bitten?“ frug der überſelige Jüngling. „Recht gern,“ ſprach ſie mit himmliſcher Güte und ſchante freundlich zu ihm auf. Zu des jungen Mannes nicht rei Verdruſſe entſpann ſich nun ein Geſpräch zwiſchen der jungen Dame und Eugen, worin ſich die Beiden bald ſo vertieften, und das ſie mit ſolcher Unbefangenheit führten, als wären ſie ſeit Jahren mit einander be⸗ kannt. Der Francaiſetänzer ſtand auf glühenden Kohlen und warf wüthende Blicke auf den Officier. Zu ſeinem Glücke markirte das Orcheſter bald den Tanz. Sogleich wandte er ſich zu ſeiner Tänzerin. „Die Paare ordnen ſich,“ ſprach er nicht ohne Ge⸗ „wenn wir nicht die Letzten ſein wollen⸗ muß ich bitten, Valerie.“ Mit dieſem Worte erfaßte er die linke Hand des Mädchens und führte ſie eiligſt nach dem Tanzſaal. „Alſo der nächſte Tanz,“ verhieß Valerie, noch einmal nach Eugen zurückblickend, mit bezaubernder Stimme, und bald war das Paar in dem Gewühl, das ſich nach dem Saale drängte, verſchwunden. Eugen war in ſeliger Verzückung auf den Platz zurücgeſunken, wo Valerie geſeſſen hatte. Eine ſolche außerordentliche Aehnlichkeit war ihm noch nie vorge⸗ kommen. In manchen Augenblicken hätte er ſchwören wollen, daß er neben Clärchen ſitze, und wie in jenen 49 ſeligen Zeiten zu Dresden mit ihr ſchwatze. Die räthſelhafte Natur hatte das holde Weſen bis auf die Sprache der geſtorbenen Geliebten treu nach⸗ gebildet. Lange ſaß der Jüngling in ſeliger Erinnerung. Noch immer glaubte er geträumt zu haben. Dann machte er ſich wieder Vorwürfe, daß er der Verſtorbenen in ſo kurzer Zeit untreu geworden ſei, indem eine völlig fremde Dame ſein ganzes Intereſſe in Anſpruch genommen habe. Aber war's denn nicht Clärchen allein, die er in dieſer Unbekannten liebte? Wodurch anders hatte dieſe ſein Herz für ſich eingenommen, als indem ſie dieſelben reizenden Formen, daſſelbe innige liebenswürdige und bezaubernde Gemüth ent⸗ faltete? „Könnt' ich je ein weibliches Weſen wieder lie⸗ ben,“ ſprach er für ſich,„ſo iſt es Valerie.“ Aber wie ein erkältender Eistropfen fiel ihm der Gedanke aufs Herz, daß das Mädchen ſchon einem Andern angehören könne. Der Frangaiſetänzer ſchien auf ge⸗ wiſſe Anſprüche fußen zu dürfen. Wenigſtens glaubte Eugen, dies bemerkt zu haben. Zugleich hatte er aber auch die erfreuliche Entdeckung gemacht, daß Valerie keine große Zuneigung für den jungen Mann an den Tag gelegt habe. Er mußte darüber Auf⸗ ſchluß haben und das auf der Stelle. Er war aufgeſtanden, einige ſeiner Bekannten auf⸗ zuſuchen, bei denen er ſich Raths erholen konnte, als Valerie und ihr Tänzer aus dem Saale zurück⸗ kehrten. Sie hüpfte wie eine Sylphide daher. „Wollen wir nicht in dem Orangezimmer Platz nehmen, wo die Eltern ſitzen?“ frug Valerien's Tän⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. Xill. 4 50 zer, als er zu ſeinem Verdruſſe Eugen wieder an⸗ ſichtig wurde. „Warum?“ frug unbefangen Valerie,„es iſt hier kühler;“ dann zu den Ordonnanzofficier:„Mir ge⸗ fällt es ganz außerordentlich heute Abend, nur Eins verbittert mir die Freude.“ „Und dieſes Eine?“ frug beſorgt Eugen, der wieder an des Mädchens linker Seite Platz genommen hatte. Sie warf einen etwas mißtrauiſchen Vlick auf den Officier, doch gleich wieder in unſchuldsvolle Freund⸗ lichkeit übergehend, ſprach ſie: „Sie ſind ja kaiſerlicher Ordonnanzofficier und meinen es gewiß gut und treu mit dem Kaiſer, Ihnen mag ich darum wohl vertrauen.“ Und mit leiſerer trauriger Stimme:„Mir ſcheint es, als ob recht viele der hieſigen Gäſte es nicht redlich mit Napolevn meinten. Wenigſtens iſt es mir ſo vorgekommen. Gott verzeihe mir, wenn ich ihnen Unrecht thue, aber ich habe wunderliche Reden anhören müſſen.“ „Wie wahr, mein Engel,“ ſprach Eugen innig gerührt; der Nebenmann ſtrafte aber in rügendem Tone:„Wie ſprechen Sie wieder, Valerie, Sie wiſ⸗ ſen, daß Ihnen der Vater dergleichen Bemerkungen ſtreng verboten hat.“ Eugen, den dieſe Hofmeiſterei verdroß, erwiederte: „Ich hoffe nicht, mein Herr, daß Jemand Etwas dawider haben wird, wenn man ſich in Frankreich zu Gunſten des Kaiſers ausſpricht. Das Fräulein hat vollkommen Recht; man ſpricht ſehr übel in dieſem Salon von Seiner Maieſtät; ich habe es ſelbſt ge⸗ hört.“ „Um Gott,“ bat das Mädchen über ihre Offen⸗ herzigkeit erſchrocken,„verrathen Sie mich nicht beim Vater. Verſchaffen Sie mir aber ein Glas Limo⸗ nade,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe lächelnd hinzu. Eugen ſprang wie beſeſſen auf, das Verlangte herbei zu holen. Valerie hielt ihn zurück.„Dieſer Herr iſt mein Cavalier,“ ſprach ſie,„ihm liegt die Pflicht ob, für mich zu ſorgen.“ Der Ordonnanzofficier machte ein ziemlich trüb⸗ iges Geſicht, während ſich der andere triumphirend tfernte. „Blos Cavalier?“ frug ſeufzend der Ordonnanz⸗ officier. „Und Quaſi⸗Bräutigam,“ frug Valerie fort. Eugen war aus allen Himmel gefallen; er ſtand vernichtet. Eine Thräne trat ihm unwillkürlich in die Augen. Volerie blickte theilnebmend zu dem ſchö⸗ nen Jünglinge auf. Dann ſprach ſie voller Unſchuld „Aber ich will Ihnen noch Etwas ſagen.“ Eugen neigte ſich bekümmerten Herzens zu ihr. „Ich werde demungeachtet nie ſeine Braut,“ fuhr ſie mit geheimnißvoller Offenheit fort. „Sie ſprechen in Räthſeln, mein Fräulein,“ ſprach Eugen, und in ſeinem Herzen begann es wie⸗ der frühlingsgrün zu werden. „Ich habe ihn ja nur meinen Quaſi⸗Bräutigam genannt,“ meinte Valerie, und mit liebenswürdiger Naivetät fügte ſie hinzu,„das heißt, er hat wohl Luſt, mein Bräutigam zu werden, aber ich kann ihn nicht leiden. Er iſt ein Feind des Kaiſers, und wer den nicht liebt, den kann ich auch nicht lieben.“ Eugen war entzückt über das reizende Geſtänd⸗ niß.„Ja,“ ſprach er für ſich,„ſo auch war Clär⸗ chen. Dieſer verklärte Engel hat ſeine Zwillings⸗ ſchweſter vom Himmel geſandt, damit ich in der Leben⸗ den die Geſchiedene nur um ſo inniger lieben kann.“ 4* ſel en Der Quaſi⸗Bräutigam kehrte mit einem Glaſe Limonade zurück, das er mit vieler Selbſtgefälligkeit Valerien präſentirte. Eugen mußte jetzt wiſſen, wer eigentlich ſein wiedergefundenes Clärchen ſei. Er be⸗ urlaubte ſich auf kurze Zeit und verlor ſich unter den zerſtreuten Gruppen. Er durchwanderte mehre Zimmer. Da trat ihm Henriette ſehr gelegen in den Weg. „Herzens⸗Eugen,“ rief das Mädchen,„ich bin überglücklich, die Soireé iſt überirdiſch ſchön. Wie amüſirſt Du Dich! Ich habe Dich noch nicht tanzen ſehen.“ „Dieſes Vergnügen,“ war die Antwort,„kannſt Du beim nächſten Tanz haben.“ „Wer iſt denn die Glückliche?“ frug die Cuuſine. „Ja, das will ich eben von Dir wiſſen,“ erwie⸗ derte Eugen,„es iſt eine junge blonde Dame in himmelblauem Kleide; ſie ſitzt im dritten Zimmer von hier.“ „Die mußt Du mir zeigen,“ drängte Henriette neugierig,„vielleicht kenne ich ſie, und kann Dir Auskunft geben.“ Die Beiden wandelten die Zimmerreihe entlang und als ſie in der Ferne bei der Ottomane vorüber⸗ gingen, wo Valerie im Geſpräch mit dem erwähnten jungen Manne ſaß, ſprach Eugen: „Siehſt Du dort die Himmelblaue mit dem gol⸗ denen Gürtel?“ „Ich kann Deinen Geſchmack nur loben,“ ſprach die Coufine, nachdem ſie Valerie flüchtig betrachtet hatte,„das iſt ja ein wahrer Engel.“ „Kennſt Du ſie denn?“ frug Eugen ungeduldig. „Nein, ich bedaure Dich nicht zufrieden ſtellen zu können,“ antwortete die Couſine;„aber der Herr, der neben Deiner Dame ſitzt, ſcheint mir nicht unbe⸗ kannt.“ 53 „Nun?“ drängte Eugen. „Wenn ich nicht irre,“ ſprach Henriette,„iſt es ein Herr von Montmorency, der erſt vor Kurzem als Emigrant nach Frankreich zurückgekehrt iſt.“ Dem Couſin war die Nachricht nicht angenehm. „Dieſe Emigranten,“ ſprach er für ſich,„ſind ein begehrliches Volk, kaum zurückgekehrt in das ſchöne Vaterland, das ſie Jahrzehnte lang bekriegt haben, wollen ſie die ſchönſten Blumen für ſich; da haben wir anderen Franzoſen allem Naturrechte nach ein näheres Anrecht.“ Unterdeß erklang vom Orcheſter die Introduction zum neuen Tanze. Eugen führte ſchleunigſt die Cou⸗ ſine nach ihrem Platze zurück. Ihr Tänzer, ein jun⸗ ger Mann mit vornehmer und ariſtokratiſcher Miene, kam ihr den halben Weg entgegen und nahm ſie in Empfang. Der Couſin eilte nach Valerien und führte himmelglücklich das liebliche Mädchen nach dem Tanz⸗ ſaale. Abſeit der geränſchvollen Menge, in einem der hinterſten Zimmer ſtanden in einer Fenſtervertiefung der Ritter Leon und der Italiener Franzesco. Sie ſprachen ſchon geraume Zeit angelegentlich und heim⸗ lich mit einander. „Habt Ihr,“ frug nach einer Pauſe Leon,„den Geſprächen der Deputirten vom geſetzgebenden Corps mit zugehört?“ „Allerdings,“ antwortete Franzesco,„dieſe Leute ſind nicht mit Golde zu bezahlen; es wird ein char⸗ mantes Rencontre geben, wenn ſie mit dem Corſen zuſammen treffen. Sie können uns nützlicher werden, als das Frankfurter Manifeſt.“ „Apropos,“ fiel der Ritter ein,„habt Ihr die Exemplare der Frankfurter Erklärung, wovon ich Euch 5 4 zwanzigtauſend Exemplare überſchickt, gehörig ver⸗ wendet?“ „Unbeſorgt,“ war die Antwort,„dieſer Brand⸗ brief iſt ſchon vor acht Tagen in alle Provinzen ge⸗ wandert. Wie viele Mühe ſich auch Savary mit der Confiscation gegeben, ich habe ſeine deshalb gegebe⸗ nen Befehle unſchädlich gemacht. In Bordeaux, Lvon und Marſeille arbeiten wahrſcheinlich in dieſem Au⸗ genblick die geheimen Preſſen an der Vervielfachung des Doeuments. Binnen acht Tagen muß der ganze Süden damit überſchwemmt ſein.“ „Was pat Talleyrand heute Abend verlauten laſ⸗ ſen?“ fuhr Leon fragend fort. „Nicht das Geringſte,“ antwortete Franzesev, „ſeit ſeinem letzten Rencontre mit dem Corſen hat er ſich wie eine Schnecke in ſein Haus zurückgezogen. Er temporiſirt und iſt äußerſt vorſichtig. Es iſt in gegenwärtigem Zeitpunkte auch Niemandem mehr Vor⸗ ſicht anzuempfehlen, als gerade ihm. Caulaincourt liegt Bonaparte täglich in den Ohren, daß er den Fürſten proviſoriſch nach Vincennes ſperren ſoll; und dieſe Tage iſt es auch nahe daran geweſen. Die Satelliten des Uſurpators wittern nachgerade den ge⸗ fährlichen Feind, und dieſer iſt in der That für die Bonapartes noch gefährlicher als er ihnen erſcheint. Talleyrand iſt übrigens dieſe Tage ſo klug geweſen, alle compromittirende Schriften zu verbrennen. Wir haben daher Nichts zu befürchten, ſelbſt für den Fall, daß der Fürſt verhaftet und ſeine Papiere mit Be⸗ ſchlag belegt würden.“ „Ich traue dem alten Fuchſe nicht,“ ſprach der Ritter. „Es iſt ihm auch nicht zu trauen,“ antwortete Franzesco,„er würde uns eben ſo gut verrathen, wie er ſo viele Parteien verrathen hat, wenn er ſähe, daß unſre Sache eine verlorne wäre. Er ſitzt am Sterbebette jeder Regierung und fühlt ihr als kun⸗ diger Arzt an den Puls. Er weiß die Todesſtunde länger voraus als die Uebrigen und entfernt ſich von dem Leichnam, welchen die andre kurzſichtige Welt noch für lebend hält und ihm eine Zeit lang fortdient. Talleyrand iſt nichtsdeſtoweniger für uns von un⸗ ſchätzbarem Vortheil; er auf unſrer Seite, iſt das untrüglichſte Zeichen unſres baldigen Sieges.“ „Er hat ſich heut' Abend,“ erzählte Leon,„weder mit den liberalen Deputirten noch mit den Freunden der Lilien Etwas zu ſchaffen gemacht.“ „Und mit Recht,“ ſprach der Italiener,„wollte er ſich namentlich mit den räſonnirenden Deputirten einlaſſen, ſo wäre dies der nächſte Weg nach Vin⸗ cennes.“ „Carnot,“ meinte Leon,„war weniger difficil, der ſaß mitten unter ihnen. Ich begreife übrigens nicht, wie man dieſen Königsmörder hat einladen können.“ „Allerdings,“ geſtand Franzesco,„ich ſehe nicht einmal einen Nutzen davon; denn wenn man denkt, dieſen Menſchen deshalb, weil er fortwährend dem Kaiſerthume opponirte, für die Bourbonen zu gewin⸗ nen, ſo irrt man. Er iſt in Betracht unſrer Beſtre⸗ bungen mehr zu fürchten als ſelbſt der Corſe. Unſer wahrer Feind wird er erſt werden, wenn jener ge⸗ ſtürzt iſt.“ Ein Deputirter des geſetzgebenden Corps trat jetzt in ziemlich weinfröhlicher Stimmung zu den Beiden. „Das iſt wahr,“ ſprach er,„zu leben verſteht Ihr in Paris und tragt Sorge, daß uns armen Pro⸗ vinzialen die Zeit nicht gar zu lang wird. Ich treibe mich nun bereits ganzer drei Wochen in der Haupt⸗ ſtadt herum, laufe aus einem Kaffeehauſe in das an⸗ dere und würde verzweifeln, wenn es keine Soiréen gäbe. Ja, ganzer drei Wochen ſchon,“ fuhr er fort, „führt uns der Kaiſer an der Naſe herum; die Er⸗ öffnung unſrer Sitzungen iſt von Tag zu Tage ver⸗ ſchoben worden. Wofür hält uns der Mann, glaubt er die Repräſentanten der Nation commandiren zu können, wie ſeine Soldaten? Aber das geſetzgebende Corps wird ſich revangiren. Wir ſind faſt Alle ein⸗ verſtanden; Dinge ſollen dem kleinen Corporal geſagt werden, wie man ſie ſeit der Nativnalverſammlung nicht gehört hat. Es iſt Zeit, daß es mit der Mi⸗ litairherrſchaft ein Ende nimmt. Frieden und libe⸗ rale Inſtitutionen, iſt unſer Feldgeſchrei. Lainé aus Bordeaux und der Rainvuard haben eben wie Götter geſprochen. Wenn ſie ſich in der Sitzung auf gleiche Weiſe zeigen, iſt es mit der Dietatur des Kaiſers zu Ende. Ich weiß nicht, was dem ſpleenigen Carnot, der doch als Patriot gelten will, einfiel, den beiden freiſinnigen Sprechern mit ſolcher Heftigkeit zu op⸗ poniren.“ „Carnot war nicht derſelben Meinung, wie Herr Lainé?“ frug Franzesco. „Bewahre der Himmel,“ antwortete der Deputirte, „dem alten Republikaner ſteckt der General zu ſehr im Leibe. Der ſieht nur Koſaken und Preußen und möchte ganz Frankreich gegen ſie aufwiegeln, und das nennt der verkehrte Mann Patriotismus. Dabei ſpricht er gar zu deſpectirlich von den Bourbonen, die wenn auch nicht auf die Liebe, wenigſtens als Un⸗ glückliche auf das Mitleid der Franzoſen Anſpruch haben. Ihre Väter waren die Könige unſrer Väter. Das kann ein guter Franzoſe, wie er politiſch geſinnt ſein mag, nicht vergeſſen.“ 57 „Ein Königsmörder iſt unverbeſſerlich,“ grollte der Ritter. „Das glaub' ich auch,“ meinte der Deputirte; „und ich habe ſtets eine Antipathie gegen dieſe blu⸗ tigen Conventmänner gehabt; im Grunde betrachtet, ſind ſie allein an allem Unglücke Frankreichs Schuld. Hätten ſie nicht den unſchuldigen Ludwig geopfert, würden wir uns jetzt nicht über einen unerträglichen Militairdespotismus zu beklagen haben.“ „Solche Geſinnungen,“ ſprach Franzesco belobend, „können einem guten Franzoſen nur zum Ruhme ge⸗ reichen.“ Er erkundigte ſich hierauf angelegentlich nach dem nähern Verlauf des Geſprächs an dem Tiſche, wo Carnot geſeſſen. Der Deputirte wußte ihm ein Lan⸗ ges und Breites darüber mitzutheilen, welchem Fran⸗ zesco mit vieler Geduld und großer Aufmerkſamkeit zuhörte. Unterdeß hatte Eugen ſeinen Tanz mit Valerien beendet und ſie zu ihrem Platze zurückgeführt. Aus dem Geſpräche mit ihr hatte er erfahren, daß Cou⸗ ſine Henriette in Betracht des jungen Montmorency nicht Unrecht gehabt. Derſelbe war erſt vor Kurzem aus dem Hoflager des Prinzen von der Provenge in Paris eingetroffen und galt für einen eifrigen Roya⸗ liſten. In der Familie Valerien's unmittelbar nach ſeiner Ankunft eingeführt, war er faſt ein täglicher Gaſt in derſelben, und bewarb ſich mit unermüdlicher Beharrlichkeit um die Gunſt des ſchönen Mädchens, obſchon daſſelbe des jungen Mannes Bewerbungen die größtmöglichſte Gleichgültigkeit entgegenſetzte. Eugen hatte indeß noch immer nicht erfahren kön⸗ nen, wer eigentlich Valerie ſei. Daß ihre Eltern in der Geſellſchaft anweſend waren, hatte ſie ihm geſagt; aber wer ſie waren, wußte er nicht. 58 Mittlerweile war das Benehmen des jungen Mont⸗ moreney immer feindſeliger gegen den Ordonnanzof⸗ ficier geworden, je mehr er bemerkte, daß dieſer einen mehr als vorübergehenden Eindruck auf das Mädchen gemacht habe. Eugen, um nicht unnöthiger Weiſe mit dem Eiferſüchtigen in Händel zu gerathen, ſtand daher auf, um auf neue Entdeckungen wegen des ge⸗ liebten Weſens auszugehen. Valerie erkannte ſogleich die eigentliche Urſache von Eugen's Entfernung, und ſie ſprach ſich gegen Montmorency ziemlich empfindlich aus. „Sie ſprechen immer,“ begann ſie,„von den gu⸗ ten Sitten, welche nur bei dem royaliſtiſchen Frank⸗ reich zu finden ſeien, heute hab' ich davon das Ge— gentheil kennen gelernt. Der junge Officier hat weit mehr Takt und feine Sitte als Sie, und fall's Sie ſich durch dergleichen eiferſüchtige Launen bei mir zu inſinuiren hoffen, ſind Sie in einem Irrthume be⸗ griffen.“ „Wenn Valerie wüßte,“ entſchuldigte ſich der junge Mann,„daß meine leidenſchaftliche Aufwallung nur der Ausdruck meiner innigſten Verehrung und Liebe iſt, würde ſie mich weniger ſtreng verurtheilen.“ „Ich geſtehe Ihnen aber,“ entgegnete das Mäd⸗ chen frei nüthig,„daß ich Ihnen dergleichen für mich höchſt läſtige Verehrung und Liebe recht gern er⸗ laſſe.“ „Es iſt weit gekommen,“ grollte halblaut und ingrimmig Montmorency,„daß ſich ein Sprößling aus einer der edelſten und älteſten Familien wegen eines Proletariers alſo begegnen laſſen muß von einer Tochter von Frankreich!“ „Was murmeln Sie?“ frug Valerie mißmuthig, welche die Rede nur zur Hälfte verſtanden hatte. 59 Montmoreney wiederholte ſeine Worte in noch ge⸗ reizterem Tone. „Was verſtehen Sie denn unter einem Proleta⸗ rier, wie Sie den jungen Mann zu nennen belieben?“ fuhr das Mädchen fragend fort,„was Gutes iſt es ſicher nicht, da wollt' ich wetten.“ „Ein Proletarier,“ belehrte der Royaliſt trocken, „iſt ein Menſch der nichts iſt, nichts hat, und nichts ſein wird.“ „Nun,“ lachte Valerie,„der junge Mann iſt doch bereits kaiſerlicher Ordonnanzofficier?“ „Dieſe Herrlichkeit,“ ſprach Montmorency,„wird hoffentlich nicht lange mehr von Beſtand ſein. So⸗ bald der Corſe geſtürzt, iſt es auch mit ſeiner über⸗ müthigen Soldateska zu Ende.“ „Sie ſollen den Kaiſer Napoleon nicht den Cor⸗ ſen nennen,“ ſprach gereizt das Mädchen,„oder ich ſpreche kein Wort mehr mit Ihnen.“ „Iſt er denn ein Franzoſe?“ frug der Royaliſt. „Er iſt aber der Kaiſer der Franzoſen,“ erwie⸗ derte das Mädchen, indem ſie nicht ohne Stolz den Kopf erhob,„und die Franzoſen haben ihn ſelbſt da⸗ zu erwählt, und ſie haben es nicht zu bereuen, denn er hat ihnen Ruhm gebracht für ewige Zeiten.“ „Wenn ich Ihnen aber gerade das Gegentheil be⸗ weiſe?“ frug Montmorency. „Ich ſtreite mich hierüber nicht mit Ihnen, Sie wiſſen es,“ ſprach abweiſend und ärgerlich Valerie; ihr Blick aber erheiterte ſich ſichtbar, denn ſo eben trat Eugen wieder heran. Dieſer hatte ſich wiederholt nach Valerien erkun⸗ digt, aber vergebens, und des Fragens überdrüſſig, war er zu der Geliebten zurückgekehrt. „Was kümmert mich,“ ſprach er für ſich,„wer 60 ſie iſt und wie ſie heißt. Sie iſt ein Engel und Clärchen's anderes Ich, was brauch' ich mehr zu wiſſen.“ Montmoreney von Valerien zurechtgewieſen, be⸗ nahm ſich jetzt mit weniger Rückſichtsloſigkeit gegen Engen; doch behauptete er während des Geſprächs der Beiden fortwährend ein finſteres Stillſchweigen. Valerie erkundigte ſich bei Eugen nach dem bevor⸗ ſtehenden Feldzuge. „Die Feindſeligkeiten,“ antwortete dieſer,„kön⸗ nen täglich ſogar auf Frankreichs Boden beginnen. Es hängt nur von den Verbündeten ab, wann ſie den Rhein überſchreiten wollen.“ „Aber Sie bleiben in Paris, nicht wahr?“ frug das liebliche Kind, mit einem Tone, als unterliege die Frage gar keinem Zweifel. „Wohl kaum,“ lächelte Eugen,„da wir Ordon⸗ nanzofficiere uns fortwährend in nächſter Nähe des Kaiſers befinden, und da dieſer den Feldzug nicht von Paris aus dirigiren wird, ſo müſſen wir uns täglich auf den Abmarſch gefaßt halten.“ „Ach,“ ſeufzte Valerie aufrichtigen Herzens,„wenn nur bald Frieden würde!“ „Wir wollen es hoffen,“ tröſtete Eugen,„ſind die Verbündeten nur bei ihrem erſten Angriff auf unſer Vaterland kräftig zurückgeworfen, werden wir ſie gewiß zum Frieden geneigt finden.“ „Da kommt mein guter Vater,“ rief, plötzlich von ihrem Sitze auffliegend, Valerie, und ohne auf weitere Etiquette Riückſicht zu nehmen, eilte ſie mit kindlicher Freude einem Herrn von mittleren Jahren entgegen, den ſie voller Innigkeit in ihre Arme preßte. 61 Eugen blickte auf. Das Blut erſtarrte in ſeinen Adern. Valerien's Vater war der Miniſterial⸗Secre⸗ tair Laroſe. Fünftes Rapitel. Es war Sonntags, am 19. December 1813, Mit⸗ tags Ein Uhr, als Napoleon in großem Zuge die Tuilerien verließ, um ſich in den geſetzgebenden Kör⸗ per zu begeben. Artillerieſalven verkündeten ſeine Ankunft. Der Präſident des geſetzgebenden Körpers, in Begleitung von fünfundzwanzig Deputirten, em⸗ yfingen den Kaiſer an der Pforte des Palaſtes Vor deſſen Ankunft im Sitzungsſaale hatten der Senat auf der rechten, der Staatsrath auf der linken Seite Platz genommen. Die Kaiſerin Marie Louiſe befand ſich auf ihrer Tribune, dem Throne des Kaiſers gegen⸗ über. Sie war begleitet von der und den Officieren ihres Hauſes. Das diplomatiſche Corps ſaß auf der Tribune zur rechten Hand, wäh⸗ rend die Prinzen, Großwürdenträger und Miniſter zunächſt dem Throne ſtanden. Als Napoleon in den Saal trat, erhob ſich die ganze Verſammlung. Der Kaiſer beſtieg den Thron; eine lautloſe Stille erfolgte. Napoleon ſprach fol⸗ gende Worte: „Senatoren, Staatsräthe, Deputirte der Depar⸗ tements beim geſetzgebenden Körper! Ausgezeichnete Siege haben die franzöſiſchen Waffen in dieſem Feld⸗ 62 zuge verherrlicht; beiſpielloſe Abtrünnigkeit haben dieſe Siege unnütz gemacht. Alles hat ſich gegen uns ge⸗ wendet. Frankreich ſelbſt würde ohne die Energie und Einigkeit der Franzoſen in Gefahr ſein. Unter dieſen großen Umſtänden war mein erſter Gedanke, Sie um mich zu verſammeln. Mein Herz bedarf Ihrer Zuneigung und der Liebe meines Volks. Das Glück hat mich nie verführt, das Unglück wird mich ſeinen Angriffen gewachſen finden. Mehrmals gab ich den Nationen, wenn ſie Alles verloren, den Frieden. Aus einem Theile meiner Eroberungen habe ich Throne errichtet für Könige, die mich verlaſſen haben. Ich hatte große Pläne für das Glück und das Wohl der Welt. Als Monarch und Vater fühle ich, daß der Friede die Sicherheit der Throne wie die der Familien vergrößert. Ich habe mit den verbündeten Mächten Unterhandlun⸗ gen angeknüpft und die vorgeſchlagenen Prälimina⸗ rien angenommen. Ich hatte daher die Hoffnung, daß der Congreß von Mannheim vor Eröffnung die⸗ ſer Sitzung verſammelt ſein würde. Allein neue Ver⸗ zögerungen, die Frankreich nicht zur Laſt fallen, ha⸗ ben den Augenblick noch verſchoben, nach welchem ſich die Welt ſehnt. Von meiner Seite ſteht dem Frie⸗ den nichts mehr entgegen. Ich kenne die Wünſche der Franzoſen und theile ſie. Ich ſage den Franzoſen, weil ich weiß, daß keiner unter ihnen einen andern als ehrenvollen Frieden will. Es thut mir leid, von dieſem edlen Volke neue Opfer verlangen zu müſſen. Allein die theuerſten Intereſſen deſſelben fordern ſie ge⸗ bieteriſch. Ich habe meine Armeen durch zahlreiche Aushebungen verſtärken müſſen. Nationen können nur dann mit Sicherheit unterhandeln, wenn ſie die ganze Stärke ihrer Macht entfalten. Auch wird eine Ver⸗ mehrung der Ausgabe unumgänglich nothwendig ſein. 63 Dasjenige, was Ihnen mein Finanzminiſter in die⸗ ſer Beziehung vorſchlagen wird, iſt dem von mir ein⸗ geführten Finanzſyſteme völlig angemeſſen. Wir wer⸗ den überall mit unſern Ausgaben ausreichen, ohne die Zukunft durch Anleihen unſicher zu machen und ohne Papiergeld einzuführen, welches der größte Feind der geſelligen Ordnung iſt. Mit den Geſinnungen, welche mir meine italieniſchen Völker unter den ge⸗ genwärtigen Umſtänden bezeugt haben, bin ich voll⸗ kommen zufrieden. Dänemark und Neapel ſind ihrer Alliance mit mir noch allein treu geblieben. Die Republik der vereinigten Staaten fährt fort, mit Eng⸗ land einen glücklichen Krieg zu führen. Die Neutra⸗ lität der ſiebzehn Schweizerkantone habe ich aner⸗ kannt. „Senatoren, Staatsräthe, Deputirte des Departe⸗ ments beim geſetzgebenden Körper! Ste ſind das natürliche Organ des Thrones; Ihnen kommt es zu, jetzt das Beiſpiel von Energie zu geben, einer Eggrgie, welche die gegenwärtige Generation den künftigen em⸗ pfehlen ſoll. Man ſoll von uns nicht ſagen, wir hätten die wichtigſten Staatsintereſſen zum Opfer ge⸗ bracht; wir hätten die Geſetze anerkannt, womit ſich England ſeit vier Jahrhunderten bemüht, Frankreich in Feſſeln zu ſchlagen. Nie werden meine Völker zu befürchten haben; daß die Politik ihres Kaiſers an ihrem Nativnalruhme zum Verräther wird. Dagegen erwarte ich aber auch und habe das volle Vertrauen, daß die Franzoſen unerſchütterlich ihrer ſelbſt und meiner würdig erſcheinen werden.“ Allgemeiner, rauſchender Beifall folgte dieſen Wor⸗ ten des Kaiſers. Wieder donnerten die Kanonen und Napoleon kehrte nach den Tuilerien zurück. 64 Nach einigen Tagen nahete ſich ihm eine Depu⸗ tation des Senats, welche in Erwiederung auf die Thronrede folgendermaßen zum Kaiſer ſprach: „Der Senat kommt, um Euer Kaiſerlich König⸗ lichen Majeſtät die Huldigung ſeiner ehrfurchtvollſten Ergebenheit und des Dankes für die letzten durch das Organ ſeiner Commiſſion erhaltenen Mittheilungen darzubringen. Ew. Majeſtät willigen in die Vor⸗ ſchläge ſelbſt Ihrer Feinde, die Ihnen durch einen Ihrer Miniſter in Deutſchland zugeſandt worden ſind. Welches ſtärkere Pfand Ihrer aufrichtigen Wünſche für den Frieden könnten Sie geben! Ohne Zweifel glauben Sie, Sir, daß die Macht ſich durch Ein⸗ ſchränkung befeſtigt, und daß die Kunſt, das Glück der Völker zu ſchonen, die erſte Pflicht der Könige iſt. Der Senat dankt Ihnen dafür im Namen des franzöſiſchen Volkes. Auch danken wir Ihnen im Na⸗ men deſſelben Volkes für alle rechtmäßige Vertheidi⸗ gungsmittel, welche Ew. Majeſtät Weisheit zu Siche⸗ rung des Friedens ergreifen wird. Der Feind will unſer Gebiet erobern, er will bis in den Mittelpunkt unſrer Provinzen dringen. Die Franzoſen, durch Herz und Intereſſe unter einem Oberhaupte wie Sie vereint, werden ihre Energie nicht ſinken laſſen. Die Reiche wie die Menſchen haben ihre Tage der Trauer und des Wohlergehens. In ſchwierigen Umſtänden erkennt man die große Nation. Nein, der Feind wird dieſes ſchöne und edle Frankreich, das ſich ſeit vierzehn Jahrhunderten mitten unter vielen Verände⸗ rungen des Glückes mit Ruhm erhält, und das ſelbſt zum Nutzen ſeiner Nachbarvölker ſtets ein beträcht⸗ liches Gewicht in Europa's Waagſchale zu legen weiß, nicht zerreißen. Ihre heldenmüthige Standhaftigkeit und die Nativnalehre ſind uns Bürge dafür. Wir werden für unſer theures Vaterland zwiſchen den Gräbern unſrer Väter und den Wiegen unſrer Kinder kämpfen. Sire, bewirken Sie den Frieden durch eine letzte, Ihrer und der Franzoſen würdige Anſtrengung, und Ihre ſo oft ſiegreiche Hand laſſe die Waffen fallen, nachdem ſie die Ruhe der Welt unterzeichnet hat. Dies, Sire, iſt der Wunſch des Senats, dies der Wunſch Frankreichs, dies der Wunſch und das Bedürfniß der Menſchheit.“ Napoleon erwiederte: „Senatoren! Sie haben aus den Actenſtücken, die ich Ihnen mittheilen ließ, erſehen, was ich für den Frieden gethan. Ich werde die Opfer, welche die vom Feinde mir vorgeſchlagenen und von mir ange⸗ nommenen Präliminarien fordern, ohne Bedauern bringen. Mein Leben hat keinen Zweck als das Glück der Franzoſen. Indeſſen ſtehen die Feinde in Bearn, im Elſaß, in der Franche⸗Comté und in Brabant. Das Geſchrei dieſes Theiles meiner Familie zerreißt mein Herz. Ich rufe die Franzoſen zum Beiſtande ihrer Brüder auf. Ich rufe die Franzoſen von Paris, aus der Bretagne, aus der Normandie, aus der Champagne, aus der Bourgogne und aus den übrigen Departements zum Beiſtand ihrer Brüder auf. Wol⸗ len wir ſie in ihrem Unglücke verlaſſen? Friede und Befreiung unſers Gebietes ſei das Feldgeſchrei. Beim Anblicke dieſes ganzen unter den Waffen ſtehenden Volkes wird der Fremdling fliehen und den Frieden auf den von ihm ſelbſt vorgeſchlagenen Grundlagen unterzeichnen. Es iſt nicht mehr die Rede von Wie⸗ dererlangung der von uns gemachten Eroberungen.“ Wenn aber der Senat in gewohnter Devotion den Wünſchen des Kaiſers zuvorkam, ſo gab ſich in den Sitzungen des geſetzgebenden Körpers eine um ſo Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 5 66 — ſchroffere Oppoſition kund. Beſonders war es hier Herr Raynouard, der ſich ziemlich unumwunden ge⸗ gen das kaiſerliche Syſtem ausſprach. „Wir haben,“ ſprach er,„mit gewiſſenhafter Ge⸗ nauigkeit die officiellen Schriften, welche der Kaiſer uns vorlegen zu laſſen geruht hat, unterſucht. Wir betrachteten uns dabei als Repräſentanten der Nation. Mit Offenheit zu einem Vater ſprechend, der uns gütig anhört; durchdrungen von dieſem Gefühle, das ſo geeignet iſt, unſre Gemüther zu erheben und von jeder perſönkichen Rückſicht zu befreien, wagten wir es, die Wahrheit zu den Füßen des Thrones zu bringen. Unſer erlauchter Souverain wird keine andre Sprache anhören wollen.“ Nach einer kurzen Ueberſicht der Kriegsereigniſſe, fuhr der Sprecher fort: „Frankreich ſah endlich ganz Europa gegen ſich aufſtehen. Europa, ſelbſt in Flammen, ſuchte dieſe auch über Frankreich zu verbreiten. In der Schilde⸗ rung ſo vieler Unglücksfälle haben wir auch kein ein⸗ zig tröſtendes Bild Ihnen darzuſtellen. Eine zahl⸗ reiche Armee, welche das nordiſche Klima aufgerieben hatte, ward durch eine zweite erſetzt, deren Soldaten, dem Ackerbaue, den Künſten und dem Handel ent⸗ riſſen wurden. Dieſe düngte mit ihrem Blute die verhängnißvollen Ebenen von Leipzig, und die Flu⸗ then der Weichſel verſchlangen Bataillone unſrer Mit⸗ bürger. Hier, meine Herren, wir müſſen es geſtehen. bot der Feind, durch den Sieg bis an die Ufer des Rheins geführt, unſerm erlauchten Monarchen einen Frieden an, den ein an ſoviele Siege gewöhnter Held wohl befremdend finden konnte. Aber wenn auch ein edles heldenmüthiges Gefühl ihm eine verweigernde Antwort eingab, ehe man Frankreichs bedauernswürdigen Zu⸗ 67 ſtand überſah, ſo kann doch dieſe Weigerung nicht ohne Unklugheit wiederholt werden, nachdem der Feind ſchon die Grenzen unſeres rechtmäßigen Gebiets über⸗ ſchritten hat. Wäre die Rede davon, hier ſchimpf⸗ liche Bedingungen zu berathſchlagen, ſo hätten Seine Majeſtät keine Antwort gegeben, ſondern die Forde⸗ rungen des Auslandes ihren Völkern bekannt gemacht. Allein man wollte uns nicht demüthigen, ſondern uns nur in unſre Grenzen einſchränken, und den Aus⸗ brüchen einer ehrgeizigen Thätigkeit, die ſeit zwanzig Jahren von allen Völkern Europa's ſo ſchwer em⸗ pfunden wird, einen Damm entgegenſetzen. Derglei⸗ chen Vorſchläge ſcheinen uns ehrenvoll für die Nation, weil ſie beweiſen, daß das Ausland uns fürchtet und achtet. Es iſt nicht dieſes Ausland, was unſrer Macht Schranken ſetzt, ſondern die erſchrockene Welt, welche das gemeinſame Recht aller Völker anruft. Die Pyrenäen, Alpen und der Rhein umſchließen ein weites Gebiet, von welchem mehre Provinzen nicht zum Reiche der Lilien gehörten, und doch glänzte die franzöſiſche Königskrone voll Ruhm und Majeſtät un⸗ ter allen Diademen.“ „Was Sie da ſagen,“ unterbrach hier der Prä⸗ ſident, der Herzog von Maſſa, den Redner,„iſt con⸗ ſtitutionswidrig!“ „Hier iſt Nichts conſtitutionswidrig als Ihre Ge⸗ genwart, Herwiederte Raynouard ruhig und fuhr fort: „Ueberdies hört das Protectorat des Rheinbundes auf, ein Ehrentitel der Krone zu ſein, ſobald die Völker dieſes Bundes eine ſolche Protection nicht mehr wünſchen. Es iſt daher auch der Würde Seiner Ma⸗ jeſtät angemeſſner, die Völker ſich ſelbſt zu überlaſſen, die ſo eilig wieder unter Oeſtreichs Oberhand ſich ſchmiegen wollen. Was Holland betrifft, ſo dünkt * 2 uns, da die Verbündeten die Grundlagen des Lüne⸗ viller Friedens vorgeſchlagen, Frankreich könnte ohne eigentliche Aufopferung Provinzen fahren laſſen, de⸗ ren Erhaltung ohnehin ſo ſchwierig iſt, wo der eng⸗ liſche Geiſt ausſchließlich vorherrſcht, und für welche der Handel mit England ſo unentbehrlich iſt, daß jene Gegenden ſchmachteten und verarmten, ſo lange unſre Oberherrſchaft gedauert hat. Sahen wir nicht die patriziſchen Familien aus Holland ſich entfernen, als ob Gräuel der Verwüſtung ſie verfolgten, um in fremde Länder die Reichthümer und den Kunſt- und Gewerbfleiß ihres Vaterlandes zu verſetzen? Es be⸗ darf zwar keines muthvollen Entſchluſſes, um Wahr⸗ heit zum Herzen unſres Monarchen zu reden. Allein auch ſelbſt, wenn wir allen Gefahren uns Preis ge⸗ ben ſollten, ſo iſt es beſſer, ſich ſeiner Ungnade aus⸗ Buſetzen, als ſein Vertrauen zu verrathen. Beſſer das Leben ſelbſt wagen, als die Wohlfahrt der Nation, die wir repräſentiren, auf's Spiel ſetzen. Verhehlen wir Nichts! Unſer Unglück iſt auf's Höchſte geſtiegen. Auf allen Grenzen des Vaterlandes find wir bedroht. Vernichtet iſt unſer Handel, ſchmachtend liegt der Ackerbau und der Gewerbfleiß ſtirbt. Es giebt kei⸗ nen Franzoſen mehr, der nicht an ſeinem Vermögen oder in ſeiner Familie eine ſchmerzliche Wunde zu beilen hätte. Laſſen Sie uns dieſe Thatſachen nicht weiter erörtern. Der Landmann hat ſeit fünf Jahren keine Lebensfreude; kaum noch, daß er zu leben ver⸗ mag. Die Früchte ſeiner Arbeit ſollen nur den Staatsſchatz vermehren, der alljährlich durch die un⸗ ermeſſnen Forderungen der zerſtörten und verhunger⸗ ten Armeen erſchöpft wird. Die Conſeription iſt für Frankreich eine unerträgliche Geißel geworden, weil dieſe Maßregel in ihrer Ausführung immer bis aufs 69 Aeußerſte getrieben ward. Seit zwei Jahren mäht man unſre Jugend wie das Getreide, dreimal jähr⸗ lich. Ein grauſamer und zweckloſer Krieg verſchlingt in abgemeſſenen Zeitpunkten unſre, der Erziehung, dem Ackerbau, dem Handel und den Künſten entriſſene Jugend. Sind denn die Thränen der Mütter und der Schweiß der Völker das Erbgut der Könige? Es iſt Zeit, daß Völker wieder frei athmen; Zeit, daß die Mächte aufhören, einander zu bekämpfen, und ſich ſelbſt aufzureiben; Zeit endlich, daß die Throne feſt werden, und daß der Vorwurf gegen Frankreich ſchweige, als wolle es fortwährend die ganze Welt in Brand ſtecken! Unſer erhabner Monarch, welcher den Eifer theilt, der uns belebt, und der von dem Wun⸗ ſche beſeelt iſt, das Glück der Völker zu ſichern, iſt einzig würdig, dieſes große Werk zu vollenden. Die Liebe zu militairiſcher Ehre und Eroberungen kann kaum ein großes Gemüth verblenden; allein das Ge⸗ nie eines wirklich großen Helden, der einen Ruhm, erkauft mit dem Blute und der Ruhe des Volkes, verachtet, wird ſeine wahre Größe in dem öffentlichen Glücke finden, das er als ſein Werk betrachten kann. Die Monarchen Frankreichs haben ſich immer gerühmt, ihre Krone komme von Gott, vom Volke und von ihren Waffen, weil der Friede, die Moralität, die Kraft und die Freiheit die kräftigſten Stützen des Staates ſind.“ In demſelben Sinne ſprach ſich Herr Lainés, der Berichterſtatter der von dem geſetzgebenden Corps er⸗ wählten Deputation aus. Er gedachte ſehr ehrenvoll der Frankfurter Erklärung und äußerte zugleich, daß dieſelbe in Beziehung der darin ausgeſprochenen Grund⸗ ſätze für das franzöſiſche Volk äußerſt beruhigend ſei. Daß das Volk in allen Departements den Frieden wünſche, daß aber die verbündeten Mächte den Kai⸗ ſer beſchuldigten, ein zu großes Gebiet behalten zu wollen, deſſen Uebergewicht man zu fürchten ſcheine; daß es unter dieſen Umſtänden wahrhaft groß, und Seiner Majeſtät des Kaiſers würdig ſei, jene Mächte durch eine feierliche Erklärung eines Beſſern zu be⸗ lehren; daß man dann erſt von den Franzoſen neue Opfer verlangen könne, wenn man ihnen die Ueber⸗ zeugung gäbe, daß man ſie nur zur Vertheidigung der Nationalgrenzen Frankreichs verlange. „Vermöge der Geſetze,“ ſchloß er ſeine Rede, „ſteht es der Regierung zu, die Mittel vorzuſchlagen, die ſie für die ſicherſten und ſchleunigſten hält, den Feind zurückzutreiben und den Frieden auf ſichere Grundlagen zu ſtützen. Dieſe Mittel werden aber nur dann von Wirkung ſein, wenn die Franzoſen die Ueberzeugung haben, daß ihr Blut nur zur Verthei⸗ digung des Vaterlandes und ſchützender Geſetze ver⸗ goſſen wird. Dieſe tröſtlichen Worte von Frieden und Vaterland werden umſonſt erſchallen, wenn man nicht jene Staatseinrichtungen verbürgt, von denen das Wohl des Einen wie des Andern abhängt. Es ſcheint unumgänglich nöthig, daß man, während die Regierung die ſchleunigſten Maßregeln zur Sicherheit des Staates vorſchlägt, Seine Majeſtät erſuche, die gänzliche und beſtändige Vollziehung der Geſetze zu handhaben, die den Franzoſen die Rechte der Freiheit und die Sicherheit des Eigenthums der Nation, die freie Ausübung ihrer politiſchen Rechte verbürgen. Dieſe Verbürgung ſcheint das nachdrücklichſte Mittel, den Franzoſen die zu ihrer eigenen Vertheidigung nö⸗ thige Thatkraft zu geben. Dieſe Idee iſt nur aus dem Wunſche und dem Bedürfniſſe geſchöpft, den Thron und die Nation auf das Engſte zu verbinden. 71 um ihre Anſtrengungen gegen die Anarchie, gegen die Willkür und gegen die Feinde unſers Vaterlandes zu vereinigen.— Der erſte Gedanke Seiner Majeſtät war es, in dieſen großen Zeitumſtänden die Abgeſandten der Nation um den Thron zu verſammeln; iſt es nun nicht die erſte Pflicht derſelben, auf dieſe Zuſammen⸗ berufung würdig zu antworten, indem ſie dem Mo⸗ narchen die Wahrheit und des Volks Verlangen nach Frieden darlegen?“ Als der Redner geendet, erhob ſich der vom Kai⸗ ſer erwählte Präſident des geſetzgebenden Corps, der Herzog von Maſſa. „Ihre Rede, Deputirter,“ rief er,„iſt aufrüh⸗ reriſch, ich erkläre Sie außerhalb des Schutzes der Geſetze!“ „Es iſt an mir,“ erwiederte heſtig Herr Lainé, „Sie ſelbſt des Schutzes der Geſetze für beraubt zu erklären, da Sie es wagen, ſich an der Repräſentation des Volkes zu vergreifen.“ Hierauf ward trotz des Widerſprechens der Druck des opponirenden Deputationsberichtes mit einer Ma⸗ jorität von zweihundert fünfundzwanzig gegen ein und dreißig Stimmen beſchloſſen. Der Kaiſer ließ ſich unverweilt das Manuſcript des Berichts durch ſeinen Polizeiminiſter bringen. Er verbot ſogleich den Druck und unterzeichnete das De⸗ cret, wodurch der geſetzgebende Körper vertagt wurde. Als am erſten Januar alle Auctoritäten im Thron⸗ ſaale der Tuilerien verſammelt waren, trat Napoleon ruhig und ernſt aus ſeinen Gemächern; auf ſeiner Stirn aber ſchwebten Sturm verkündende Schatten. Sein Adlerauge rollte umher und haftete auf den De⸗ putirten des geſetzgebenden Corps, gebildet aus Män⸗ nern, deren Privatintereſſen an die ſeinigen geknüpft 72 waren, die ſich zur Rettung Frankreichs mit ihm hät⸗ ten vereinigen ſollen, ſtatt deſſen die Verlegenheit der Regierung benutzten, ſie zur Aenderung der Verfaſſung und zu freiſinnigen Conceſſionen zu zwingen. „Ich habe den Druck Eurer Adreſſe verboten.“ begann er endlich mit einer Stimme, die dem Mur⸗ meln des Donners glich, in kurzen abgebrochenen Sätzen,„ſie war aufrühreriſch. Eilf Zwölftheile des geſetzgebenden Körpers beſtehen aus guten Bürgern, ich kenne ſie und achte ſie. Das letzte Zwölftheil um⸗ faßt Aufwiegler oder ſchlechte Bürger. Eure Com⸗ miſſion befindet ſich darunter. Lainé iſt ein Verrä⸗ ther. Er correſpondirt durch Deſeze's Vermittelung mit dem Prinzregenten, ich weiß es; ich habe die Beweiſe in Händen. Dieſes Zwölftheil beſteht aus Leuten, welche Anarchie wollen und den Girondiſten ähnlich ſind. Wohin hat ein ſolches Betragen Ver⸗ niaud und die andern Chefs gebracht? Auf's Schaf⸗ fot! Euer Bericht hat mir außerordentlich geſchadet. Lieber wollte ich zwei Schlachten verloren haben. Was bezweckt er? Die Anmaßung des Feindes zu ver⸗ ſtärken. Iſt jetzt Zeit, wo der Feind in Frankreich eingebrochen, Veränderungen in der Conſtitution zu treffen? Warum ahmt Ihr nicht das Beiſpiel des Elſaß, der Franche⸗Comté, der Vogeſen nach? Dort bitten mich die Einwohner um Waffen, den Feind zu vertreiben. Ich hatte Euch verſammelt, um Troſt von Euch zu erhalten. Statt deſſen habt Ihr mir Schaden gebracht. Ihr ſucht den Souverain von der Nation zu trennen. Ich bin der alleinige Repräſen⸗ tant des Volks; wer von Euch vermöchte, dieſe Laſt auf ſich zu nehmen? Ja ich, ich allein bin der wahre Repräſentant des Volks, Ihr nur die Deputirten der Departements. Wenn ich Euch folgte, müßte ich dem Feinde mehr einräumen, als er verlangt. Wenn er die Champagne verlangte, müßte ich noch la Brie geben. Geziemt es Euch, mir im Angeſichte der Feinde Vorwürfe zu machen? Mich zu erniedrigen war Euer Ziel. Man kann mich tödten, aber ent⸗ ehren ſoll man mich nicht. Ich bin nicht unter Kö⸗ nigen geboren. Ich hänge nicht am Throne. Was iſt übrigens ein Thron? Ein Stück Holz mit Sam⸗ met überzogen.— In drei Monaten ſollt Ihr Frie⸗ den haben, oder ich liege im Grabe. Jetzt aber braucht's Energie. Ich werde den Feind aufſuchen und ihn ſchlagen. Der Augenblick, wo man Hüningen bom⸗ bardirt und Befort angreift, iſt der geeignet, die Verfaſſung des Reichs anzuklagen? Will Frankreich eine andere Conſtitution, ſo ſuche es ſich einen andern Souverain. Die Feinde ſind gegen mich mehr, als gegen Frankreich erbittert. Kann ich daher erlauben, daß man das Reich zerſtückelt? Opfre ich nicht mei⸗ nen Stolz, meinen hohen Sinn, um Frieden zu er⸗ halten? Ja, ich bin ſtolz, weil ich Muth habe, ich bin ſtolz, weil ich Großes für Frankreich gethan habe. Euer Bericht iſt meiner und des geſetzgebenden Kör⸗ pers unwürdig. Ich werde ihn ſeiner Zeit bekannt machen. Kehrt zu Eurem Herde zurück. Selbſt wenn ich Unrecht hätte, ſollet Ihr mir nicht ſo öffentlich Vorwürfe machen. Man wäſcht ſeine ſchmutzige Wäſche nicht vor aller Welt. Uebrigens bedarf mich Frank⸗ reich mehr, als ich ſeiner.“ Der Kaiſer winkte, und mit einem Todtenſchwei⸗ gen entfernte ſich die Verſammlung. Sechſtes Rapitel. ging in halber Verzweiflung im Zimmer auf und ab. Sollte er von der Verrätherei des Miniſte⸗ rialſecretairs der Polizei Anzeige machen, den Schul⸗ digen in den Tod und die unſchuldige Familie in Schande und namenloſes Unglück ſtürzen? Und wenn er ſich dennoch getäuſcht hätte, ſprach nicht ſelbſt die wunderbare Aehnlichkeit Valerien's mit Clara da⸗ für? Konnte es unter den achthunderttauſend Be⸗ wohnern der Hauptſtadt nicht einen Menſchen geben, der mit Laroſe von ſprechender Aehnlichkeit war? Hatte er aber die Polizei einmal von dem Vorfalle auf dem Pöre la Chaise und von ſeinem Verdachte hinſichtlich des Secretairs unterrichtet, ſo kam dieſer in die ſtrengſte Unterſuchung. Wenn die Polizei Verdacht finden will, wie viel Mittel ſtehen ihr zu Gebote; und konnte Laroſe, ſelbſt wenn er ganz unſchuldig war, vielleicht durch irgend kleine Nachläſſigkeiten, die ſo häufig vorkommen, ſich nicht des ſchwerſten Ver⸗ dachtes ausſetzen und in die unglücklichſte Lage kom⸗ men? Auf der andern Seite bedachte der Jüngling das Unglück, welches durch eine Verrätherei, wie er in dem Grabgewölbe entdeckt, dem ganzen Vaterlande erwachſen könnte. Machte er ſich nicht ſelbſt des Ver⸗ raths ſchuldig, wenn er hier ſchwieg und das Verderben ungeſtört ſeinen Fortgang nehmen ließ? Nach langem Sinnen faßte er den Entſchluß, de Herzog von Rovigo zwar von ſeinem Abenteuer auf 75 dem Kirchhofe zu unterrichten, aber des Laroſe keine Erwähnung zu thun. So war die Polizei aufmerk⸗ ſam gemacht; ſie konnte künftigem Verrathe vorbeu⸗ gen, ohne daß ſich Eugen den Vorwurf zu machen brauchte, einen vielleicht Unſchuldigen in's Unglück ge⸗ ſtürzt zu haben. Er war eben im Begriff, dieſen Entſchluß auszu⸗ führen und ſich auf das Polizeiminiſterium zu bege⸗ ben, als Normand herein trat. „Die Tyrannei,“ begann dieſer,„wird immer großartiger. So eben geht die Nachricht, daß der Kaiſer das ganze geſetzgebende Corps im vollſten Sinne des Worts nach Hauſe gejagt hat, nachdem er ihm zuvor auf eine Art den Text geleſen, die man nicht die feinſte nennen kann.“ „Ich habe davon gehört,“ ſprach Eugen,„und kann dieſes Verfahren nicht billigen. Er hat ſich von ſeiner Hitze zu weit hinreißen laſſen.“ „Ich wundre mich nur,“ fuhr der Banquier, hef⸗ tig im Zimmer auf⸗ und ablaufend, fort,„daß er nicht die geſammte Nationalrepräſentation hat füſili⸗ ren laſſen. Es ſieht ihm ähnlich.“* „Die Herren Deputirten,“ meinte Eugen,„konn⸗ ten ſich aber auch kaum unpolitiſcher und ungeſchick⸗ ter benehmen.“ „Wie ſo?“ frug Normand gereizt,„ich finde we⸗ der etwas Unpolitiſches noch Ungeſchicktes darin, daß ſie ſich einmal der Tyrannei opponirten und dem Des⸗ poten den Text laſen. Es war Pflicht, Patrio⸗ tismus.“ „Wir haben hier verſchiedene Anſichten,“ ſprach Eugen ablenkend,„und wollen uns nicht unnützer⸗ weiſe ereifern. Indeß glaube ich ſo viel behaupten zu können, daß der Kaiſer in ſeiner Entlaſſungsrede, 76 obſchon ſie der diplomatiſchen Glätte entbehrte, doch vollkommen Recht gehabt hat. Wenn der Feind im Lande ſteht, iſt es nicht an der Zeit, die Regierung mit Vorwürfen zu überhäufen, oder gar an der Staatsverfaſſung zu rütteln. Um dies einzuſehen, braucht's eben keiner großen politiſchen Weisheit.“ „Dieſes despotiſche Verfahren mit den Deputir⸗ ten,“ fuhr Normand fort,„bricht dem Kaiſer vol⸗ lends den Hals. Mit ſeiner Hand voll Soldaten wird er Europa nicht von Paris abhalten; Frieden macht er nicht, alſo ſehe ich keinen andern Ausweg, als daß er abdankt und die friedlichen Bourbonen an des Eroberers Stelle treten. Dies iſt die Anſicht in allen Salons und man müßte ſehr ſein eignes Beſte verkennen, wenn man ſich hier nicht ein Wenig vor⸗ ſehen wollte. Ein Pariſer Banquier darf es mit der Partei, die vielleicht in Kurzem an der Spitze der Regierung ſteht, gleich gar nicht verderben. Ich habe daher für mehre der angeſehenſten royaliſtiſchen Fa⸗ milien eine Soirée veranſtaltet. Um nicht ſelbſt in den Verdacht zu gerathen, für einen öffentlichen Roya⸗ liſten zu gelten, ſind auch mehre kaiſerliche Beamte und Militairs geladen. Wenn Du erſcheinen willſt, ſoll mir's recht angenehm ſein.“ Eugen wollte eben die Einladung ausſchlagen, als Normand fortfuhr: „Auch den Miniſterialſecretair Laroſe nebſt Fami⸗ lie wirſt Du vorfinden. Hüte Dich indeß, Valerien allzuſehr den Hof zu machen, wie neulich bei der Gräfin Saint Amand. Das Mädchen iſt bereits ver⸗ ſagt und Du könnteſt mit ihrem Bräutigam, dem jungen Montmoreney, Händel bekommen.“ „Ohne Sorge,“ verſicherte Eugen,„wenn Valerie wirklich Braut iſt, werde ich die Rückſichten zu wür⸗ digen wiſſen, die man einer ſolchen ſchuldig iſt.“ —— 77 Normand kam wieder auf die Politik. „Der Jubel in Deutſchland,“ ſprach er,„daß ſie uns Weltbeſieger über den Rhein getrieben haben, ſoll über alle Maßen ſein. Es iſt ſeit Jahrhunderten nicht ſo luſtig in dieſem Lande hergegangen. Die Caſſeler ſind Decken hoch geſprungen, als ſie ihren Kur⸗ fürſten wieder hatten. In Holland geht's nicht min⸗ der heiter zu. Dieſes liegt für uns ſo gut wie im Monde. Es iſt in vollem Aufſtande; alle unſre Be⸗ hörden ſind vertrieben. Der Prinz von Oranien re⸗ ſidirt bereits in Amſterdam. Als er ſeinen Einzug hielt, wollte ihm die entzückte Bürgerſchaft die Pferde ausſpannen; dies verurſachte indeß zu viel Umſtände; darum reſolvirte man ſich ſchnell und zog den Wagen mit ſammt den Pferden in die Stadt. Alles ſpricht dafür, daß unſre Herrſchaft nichts weniger als lie⸗ benswürdig von den Deutſchen und Holländern ge⸗ funden wurde, trotz der Phraſen des Moniteur, die von der Begeiſterung der Völker für unſere Regie⸗ rung nicht genug Rühmens machen konnten. Aber nicht blos in unſern eroberten Provinzen iſt der Teu⸗ fel los, in Frankreich ſelbſt iſt offene Rebellion ge⸗ gen die Regierung ausgebrochen. Die ganze Bre⸗ tagne ſteht in Flammen. Man iſt es überdrüſſig, dem Mexicaniſchen Kriegsgotte abermals ſeine Kin⸗ der zum Opfer zu bringen. Man hat ſich der Con⸗ ſeriptivn in Betreff der dreimalhunderttauſend Mann thät⸗ lich widerſetzt. Wenn ich alſo das Facit aller dieſer Neuigkeiten ziehe, ſo geht unleugbar hervor, daß es mit dem Regimente Napoleon's zu Ende iſt.“ „Noch gebe ich die Sache des Kaiſers nicht ver⸗ loren,“ antwortete Eugen;„wenn er einen erniedrigen⸗ den Frieden eingehen wollte, wäre ſeine Dynaſtie auf alle Fälle geſichert. Aber er denkt zu hochherzig, um 78 einen ſolchen Frieden zu unterzeichnen; lieber verſucht er noch einmal das Glück der Schlachten.“ „Das iſt eben ſein Verderben,“ meinte der Ban⸗ quier;„wie ein verzweifelter Spieler ſeinen letzten Satz wagt, deſſen Verluſt ihn zum armen Manne macht, ſo auch der Kaiſer. Ohne ein großer Kriegs⸗ kundiger zu ſein, ſieht man doch ein, daß es wahre Verwegenheit iſt, mit ſeinem Häuflein Krieger halb Europa in den Weg zu treten.“ „Er wird nicht abwarten,“ entgegnete Eugen, „bis halb Europa ſich vereinigt hat, ſondern nach ſeinem alten Syſtem ſeine Feinde einzeln aufſuchen und ſchlagen.“ „Da begreife ich aber nicht,“ ſprach Normand, „warum er da ewig hier in Paris ſitzt, während die Feinde alle Grenzen überſchwemmen.“ „Er wird den rechten Augenblick ſicher nicht ver⸗ abſäumen,“ meinte Eugen. „Was mir bei der Kriegsführung der Alliirten,“ fuhr der Banquier fort,„abſonderlich aufgefallen, iſt, daß ſie manche Dinge dem Napoleon trefflich abge⸗ lernt haben. Seine frühere Verhöhnung aller Ver⸗ träge, ſeine Kränkungen des Völkerrechts haben ſich wunderbar gerächt. Die von Seiten Schwarzenberg's verworfene Kapitulation von Dresden, und die neuer⸗ dings nicht reſpectirte Neutralität der Schweiz ſind ſprechende Beweiſe.“ „Ob ſie indeß,“ ſprach Eugen,„zur Vermehrung des Ruhms der hohen Verbündeten beitragen, möchte ich bezweifeln.“ „Was da,“ entgegnete Normand,„die Alliirten revangiren ſich nur, es ſind nur Repreſſalien für die frühere Unbill, die ihnen Napoleon angethan.“ Der Jüngling ward es überdrüſſig, mit dem 3 * 3 S6 Onkel über Dinge zu ſtreiten, wo ſie doch nie einer⸗ lei Meinung wurden. Er verabſchiedete ſich und ver⸗ ſprach, ſich zur morgenden Soirée einzuſtellen. Nachdem er mehre Straßen durchwandelt war, ſcholl ihm von fern ein hundertſtimmiges Vive l'em- pereur! entgegen. Das Geſchrei kam näher und bald erblickte er den Kaiſer, der, von einem einzigen Adjutanten begleitet, in ganz langſamem Schritte da⸗ her geritten kam. Er war wie gewöhnlich einfach gekleidet und trug wegen der rauhen Witterung ſeinen grauen Ueberrock. Ein unermeßlicher Volkshaufe be⸗ gleitete ihn unter enthuſfiaſtiſchem Zurufe. Auf des Kaiſers Geſicht ruhte ein ſorgenvoller Ernſt, doch ſchienen ihm dieſe ungeheuchelten Ausbrüche der Volks⸗ liebe wohl zu thun. Das Volks⸗Gedräng“ ward oft ſo groß, daß der Kaiſer wiederholt ſein Pferd anhalten mußte. „Sire,“ frug treuherzig ein Arbeiter aus der Vor⸗ ſtadt St. Antvine,„iſt es wahr, daß die Sachen ſchlecht gehen?“ „Ich kann nicht ſagen,“ antwortete lächelnd Na⸗ polevn,„daß ſie eben gut gingen.“ „Aber wie wird das nur noch werden?“ fragte ein Zweiter. „Meiner Treu, Gott mag es wiſſen,“ ſprach der Kaiſer. „Sollten die Feinde wirklich bis nach Paris kommen?“ „Das kann wohl geſchehen,“ war die Antwort, „wenn man mir nicht hilft. Ich habe nicht eine Million Arme, kann nicht Alles allein thun.“ „Aber wir wollen Ihnen beiſtehen!“ ſchrie es von allen Seiten. 80 „Dann werde ich,“ ſprach Napoleon,„den Feind ſchlagen und unſern Ruhm bewahren.“ „Aber was ſollen wir denn thun?“ erſcholl es von Neuem. „Soldaten werden und kämpfen.“ „Das wollen wir wohl,“ antwortete ein kräftiger Bierbrauer,„aber mit einigen Bedingungen.“ „Welche ſind das?“ frug der Kaiſer,„laßt ſie hören.“ „Wir wollen nicht über die Grenze marſchiren.“ „Das ſollt Ihr auch nicht.“ „Wir wollen zur Garde gehören.“ „Wohlan,“ ſprach Napolevn,„auch zur Garde.“ Neuer Jubel, ein donnerndes Vive Fempereur folgte, daß die Fenſter der Nachbarſchaft zu klirren begannen. Der Kaiſer ritt weiter. Er war nicht weit gekommen, als ihm eine Obſthändlerin zurief: „Sire, machen Sie doch bald Frieden.“ „Meine Gute,“ erwiederte lächelnd Napoleon, „verkaufe Du Deine Gemüſe, und überlaſſe es mir, die Sachen zu betreiben. Jeder bleibe bei ſeinem Handwerk.“ Allgemeines Gelächter erfolgte. „Sie naſeweiſes Weib,“ ſprach ein alter Inva⸗ lid,„das überlaſſe ſie dem Kaiſer, der wird ſchon Friede machen, was verſteht ſie davon. Vive lem- pereur!“ „Wo haſt Du denn Deinen linken Arm gelaſſen, mein Braver?“ frug Napoleon, der den Invaliden bemerkte und ihm wohlgefällig zunickte. „Sire, der liegt bei Wagram.“ „Da haben wir die Oeſtreicher tüchtig heimge⸗ ſchickt, nicht wahr?“ „Es war eine Luſt, Sire, wie die Weißröcke Aus⸗ reiß nahmen, aber ſie machten uns auch warm.“ 81 „Ich werde bald mit dieſen Weißröcken Friede machen,“ ſprach der Kaiſer. „Das thut er blos ſeiner Frau zu Gefallen,“ be⸗ lehrte halblaut der Invalid die Umſtehenden,„die liegt ihm Tag und Nacht in den Ohren.“ Napoleon, der es dennoch verſtanden, ritt lächelnd weiter. Eugen, um von dem dichtgedrängten Volkshaufen nicht mit fortgeriſſen zu werden, war in eine nahge⸗ legene Reſtauration getreten. Hier ſtanden die anwe⸗ ſenden Gäſte um einen großen Tiſch, auf welchem eine Karte von Frankreich ausgebreitet war. Ein Zeitungsredacteur beſchrieb die Operationen der Ver⸗ bündeten nach den neueſten Berichten. „Die ſogenannte große Armee,“ begann er,„welche zwiſchen Rheinfeld und Baſel den Rhein paſſirt hat, ſteht unter Oberbefehl des Fürſten von Schwarzen⸗ berg. Sie beſteht aus Oeſtreichern, Baiern, Wür⸗ tembergern und den ruſſiſchen Garden. Die Generale Barklay de Tolly, Witgenſtein, Wrede, der Prinz von Würtemberg, der Prinz von Heſſen⸗Homburg, die Generale Guilay, Colloredo, Lichtenſtein befeh⸗ ligen die einzelnen Armeecorps. Bubna führt die Avantgarde. Der Kaiſer von Rußland und Oeſtreich ſo wie der König von Preußen folgen in Perſon den Bewegungen dieſer großen Armee. Dieſe Heeresmacht iſt bereits in den Elſaß und die Franche⸗Comté ein⸗ gedrungen. „Die zweite Armee,“ fuhr der Berichterſtatter fort,„ſteht unter Befehl des General Blücher. Es iſt die ſogenannte ſchleſiſche Armee. Ruſſiſche und ſächſiſche Diviſivnen ſind ihr beigegeben. Dieſe Trup⸗ pen, welche in der Gegend von Frankfurt cantonnir⸗ ten, ſind bei der Nachricht von Schwarzenberg's Vor⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XIII. 6 rücken bei Mannheim über den Rhein gegangen und baben ſich gegen Lothringen gewendet. Unter Blücher befehligen die Generale Saint Prieſt, Langeron, York, Sacken und Kleiſt. „Die dritte Armee unter Bernadotte's Befehlen, aus Schweden beſtehend, im Verein mit dem Corps von Winzigerode und Bülow iſt in Belgien eingedrun⸗ gen um mit dem empörten Holland und den daſelbſt vefindlichen Engländern gemeinſchaftliche Sache zu machen. Ueberdies ſteht im Süden Wellington jeden Augenblick bereit, über die Pyrenäen zu ſteigen. So erſchallt an allen Grenzen Frankreichs von Bayonne bis Amſterdam ein allgemeines Hurrah der Feinde Frankreichs, und ihr einſtimmiges Feldgeſchrei iſt „Paris.“ Dieſe bedenklichen Mittheitangen des Redacteurs, woraus die Gefahr des Vaterlands in ihrer ganzen Größe erſichtlich ward, brachten auf die ſonſt ſo kriegs⸗ luſtigen Franzoſen einen ſehr niederſchlagenden Ein⸗ druck hervor. Man ſprach von nichts als Frieden, von Frieden um jeden Preis. Vergebens bemühte ſich Eugen, die Gemüther zu befeuern. Die Hoff⸗ nungsloſigkeit hatte zu ſehr überband genommen. Verſtimmt, daß ſeine patriotiſchen Worte ſo wenig Anklang fanden, verließ der Jüngling die Reſtau⸗ ration. „Nur dreierlei kann Frankreich noch retten,“ ſprach er für ſich,„die Jugend, die Armee und das Genie des Kaiſers.“ —— 83 Siehentes Rapitel. 6 Die Soirée bei Normand war, wenn auch nicht ſo prachtvoll und luxusreich wie bei der Gräfin Saint Amand, doch im Ganzen ſehr glänzend. Der reiche Banquier gehörte mit zu den Repräſentanten der Geld⸗ ariſtocratie von Paris. Eugen hatte ſich bereits zei⸗ tig eingefunden; doch vergebens ſuchten ſeine Blicke nach dem Gegenſtande ſeines Hierſeins. Er erkundigte ſich ſehr angelegentlich bei Henrietten, ob Laroſe nebſt Familie auch wirklich geladen ſei und ob man die Einladung angenommen hätte. „Beruhige Dich, mein Freund,“ lächelte Henriette, „Valerie wird nicht ausbleiben; leider aber,“ fügte ſie hinzu,„auch Montmorency nicht.“ „Was treibt nur eigentlich dieſer Menſch hier,“ frug ſich der Jüngling,„warum ſteht er nicht im La⸗ ger unſrer Feinde? Er hat lange Jahre von Frank⸗ reich nichts wiſſen wollen, warum iſt er jetzt gekom⸗ men, wo es im Unglück iſt? Will er das Vaterland mit vertheidigen helfen gegen die Ausländer? Dazu ſcheint er keine Luſt zu haben. Wenn ich wüßte, daß er in einer gewiſſen Eigenſchaft ſich in Paris um⸗ hertriebe, würde ich wenig Federleſen mit dem Men⸗ ſchen machen.“ Eugen gedachte jetzt ſeines Geſprächs mit dem Polizeiminiſter, den er von ſeinem Abenteuer auf dem pere la Chaise in Kenntniß geſetzt, jedoch ohne ſei⸗ nes Verdachts hinſichtlich Laroſe's Erwähnung zu thun. Er hatte dabei keinen andern Zweck gehabt, als daß man in den Bureanx der Miniſterien mit 6* 3 „ 8 4 größerer Wachſamkeit zu Werke gehe und verhindre, daß mit den wichtigen Aetenſtücken und Documenten verderblicher Mißbrauch getrieben werde. Der Polizeiminiſter, der ſich dem Jünglinge für die wichtige Entdeckung äußerſt verpflichtet fühlte, hatte ibn zugleich ein Wenig in das verrätheriſche Netz blicken laſſen, das die Royaliſten bemüht waren über Frankreich und namentlich über Paris zu ziehen. Als Beiſpiel erzählte er ihm folgende Thatſache. Ma⸗ dame L. war der Polizei als eine der thätigſten Agen⸗ tinnen der Coterie des Faubourg Saint Germain be⸗ zeichnet. Kühn und unternehmend war ſie vom Co⸗ mité⸗Director erwählt worden, um dem Auslande Nachrichten zu überbringen, die demſelben nur nütz⸗ lich ſein konuten. Die Wahl des Boten war mit vortrefflicher Umſicht getroffen. Madame L., noch jung, ſehr hübſch, voller Geiſt und Feinheit, beſaß alle Verführungsmittel— und ihre Exaltativn ließ erwarten, daß ſie vor keinen Folgen ihrer Sendung zurückſchrecken werde. Der weibliche Geſandte reiſte alſo, verſehen mit einem ganz geregelten Paſſe in einer mit Mantelſäcken, Kleidern und Hutſchachteln überladenen Caleſche von Paris nach Mainz ab. Dies war ein wahrhaft diplomatiſches Gepäck; denn wer hätte von dieſer jungen, mit Putzgram umgebenen Dame Uebles denken ſollen? Die Reiſe hatte das un⸗ ſchuldigſte Ausſehen von der Welt. In Begleitung eines vertrauten Bedienten fuhr Madame L. in voll⸗ kommener Sicherheit auf der Straße nach Mainz da⸗ hin, ſich in Träumen von Vergnügungen, Feſten, Reichthümern und hohen Eroberungen wiegend. Die nordiſchen Köpfe fangen ja ſo leicht Feuer. Die glücklichen Träume waren indeß von kurzer Dauer. Die Intriguantin fällt plötzlich aus allen Himmeln 85 und ſieht ſich von unwürdigen Gensd'armen umgeben. Die Polizei öffnet barſch den Kutſchenſchlag und ge⸗ bietet der Dame auszuſteigen. Ihr Weinen und Schreien wird nicht beachtet; ſie muß gehorchen, den Agenten Platz machen, und dieſe durchſuchen umſtänd⸗ lich das Innere der Caleſche. Die Durchſuchung währt lange. Man ſollte daſelbſt etwas finden und fand doch nichts. Die Dame mitten auf der Land⸗ ſtraße der rauhen Witterung Preis gegeben, beginnt, als ſie die Nachforſchungen fruchtlos ſieht, ſich zu er⸗ holen. Sie beſchwert ſich laut über die Verletzung der perſönlichen Freiheit; ihr Paß ſei in der Ord⸗ nung; es ſei alſo die Schreckensherrſchaft wiederge⸗ kommen, da man ungeſtraft gegen eine arme, harm⸗ loſe Frau ſolche Gewaltthätigkeiten ſich erlauben dürfe. Sie hört nicht auf zu klagen, bis es den Gensd'ar⸗ men gelingt, eine ſehr geſchickt im Wagen verborgene Caſſette zu entdecken. Dieſelbe enthält Brieftaſchen, ein Portefeuille voll Wechſel auf Frankfurt und funf⸗ zehnhundert Franken in Gold. Die Schmähungen der Dame machen nun plötzlich Thränen und Bitten Platz. Sie bietet den Polizeiofficianten Gold an. Vergeb⸗ lich, die Dame muß ſich entſchließen, nach Paris zu⸗ rückzukehren und zwar an der Seite dreier Eiſenfreſſer, die ohne weitere Galanterie im Wagen mit Platz nehmen. Die alſo eskortirte Caleſche langte wohlbe⸗ halten im Hotel des Polizeiminiſteriums an. Der Koffer wurde heraufgeholt, ſein Inhalt in Gegenwart der Dame aufgezeichnet, und dieſelbe, nachdem ſie zuvor, ſo wie ihr Diener, ein Verhör beſtanden, in Sicherheit gebracht. Der Inhalt der Papiere war von höchſter Wichtigkeit und bewies, daß, wie groß die Wachſamkeit der Polizei ſei, man ſie doch mit Leichtigkeit unging. Man fand verſchiedene, in Steaur 9 * „ 86 auf einer heimlichen und in den Kellern des Schloſſes des Herrn Lamy befindlichen Preſſe gedruckte Procla⸗ mationen. Dann entdeckte man mit großer Unſicht verfaßte und der Wahrheit ganz entſprechende Nach⸗ weiſungen über den wirklichen Zuſtand unſrer Lage. Man ſtattete Bericht ab von dem Eindrucke, welchen die neue Aushebung der dreimalhunderttauſend Mann auf die Bevölkerung hervorgebracht habe; man ſprach von der Dürftigkeit der Arbeiter, von der Noth auf dem Lande und der Stockung des Handels. Beſon⸗ ders hob man die Abneigung hervor, die man öffent⸗ lich gegen den Kaiſer hege und ſprach von der Miß⸗ achtung, in die er ſeit ſeinen Unfällen gekommen ſei. Die Folge wäre, daß alle Franzoſen die Verbünde⸗ ten als ihre Befreier erwarteten und ſie mit heißen Wünſchen herbei riefen. Eugen, indem er alle dieſe Mittheilungen über⸗ dachte, ging ſchweigend und verſtimmt die ſchönen Zimmer auf und nieder; er traf da zufällig auf einen alten Herrn mit ſchneeweißem Kopfe, der in der Nähe des Kamins behaglich ſeine Taſſe Thee ſchlürfte. Eu⸗ gen erkannte ihn ſogleich, es war der alte Graf Mo⸗ rand, auf deſſen ſchönem Gute der Jüngling manche frohe Stunde ſeiner Kindheit verlebt hatte. Erſt ſpäter, als er älter geworden und in dem Grafen den alten unverbeſſerlichen Legitimiſten erkannt hatte, war er weniger mit ihm in Berührung gekommen. Trotz der Verſchiedenheit der politiſchen Anſichten aber, liebte Eugen den alten Mann von ganzem Herzen. Morand war einer von jenen Royaliſten, die die Liebe und Verchrung für das alte Herrſcherhaus gleichſam mit der Muttermilch eingeſogen und ſie bis an das Greiſenalter treu bewahrt hatten. Der Graf, früher emigrirt, hatte zwar von der Erlaubniß, in ſein ge⸗ un 87 liebtes Frankreich zurückzukehren, Gebrauch gemacht, aber die kaiſerliche Regierung darum nie anerkannt, ſie ſtets für eine Uſurpation gehalten und ſein alltäg⸗ liches, inbrünſtiges Gebet war geweſen, daß der Him⸗ mel dem Lande ſeinen rechtmäßigen Herrſcher wieder⸗ ſchenken möge. Morand war daher nie in den Tui⸗ lerien erſchienen, hatte nie um eine kaiſerliche Gunſt⸗ bezeigung nachgeſucht oder eine ſolche angenommen. Als er den Jüngling erſchaute, glänzten ſeine Au⸗ gen vor Freude. „Ach, mein lieber Eugen,“ rief er,„welch' ein Glück, Sie wieder zu ſehen! Wie ſind Sie allen Schreckniſſen entgangen? Man hat mir geſagt, es ſei faſt nicht Einer von Ihnen zurückgekehrt. Was brin⸗ gen Sie für Nachrichten?“ „Leider keine erfreulichen,“ antwortete Eugen, ſich an des alten Mannes Seite niederlaſſend. „Aha,“ fuhr der Graf fort,„ich ahne es, Euer Zauberer hat ſeine Ruthe verloren, und die kächerli⸗ chen Verwandlungen, die ſie hervorbrachte, ſind zu Waſſer geworden. Von allen den Stegreifkönigen iſt nur ein Schatten von Kaiſer übrig geblieben; aber ich kenne Jemand, der geſchworen hat, uns auch von dieſem zu befreien.“ „Sprechen Sie nicht alſo,“ lächelte wehmüthig Eugen,„Sie wiſſen, wie wehe Sie mir thun.“ „Ei ſieh, mein liebes Kind, ſind Sie immer noch bezaubert? Haben Sie noch nicht genug an der kai⸗ ſerlichen Taſchenſpielerei? Sprechen wir ernſthaft, mein lieber Freund, Sie wiſſen alſo gar nicht, was vor⸗ geht?“ Eugen bat um nähere Aufklärung. „Nun ſo erfahren Sie denn,“ fuhr der redſelige Alte fort,„daß das Kaiſerreich, wie Sie es nennen⸗ 88 von allen Seiten zuſammenbricht, daß alle europäi⸗ ſchen Mächte einen Vertrag abgeſchloſſen, um—“ „Um?“ unterbrach Eugen. „Um die Waffen nicht eher niederzulegen, bis ſie dieſen großen Königsräuber, der ſeit vierzehn Jahren mit allen europäiſchen Thronen Schach ſpielt, von der Liſte der Könige geſtrichen haben. Ein ſehr liſtiger Jemand, den ich nicht zu nennen brauche, deſſen fei⸗ ner und ſcharfer Verſtand ſich nicht unvorbereitet faſſen läßt, iſt denn in dieſer Beziehung den Mächten ent⸗ gegengekommen und hat ſich mit ihnen auf alle mög⸗ lichen Fälle hin genau verſtändigt. Wenn ich nicht befürchtete, man möchte mich übler Nachrede bezüchti⸗ gen, ſo würde ich hinzuſetzen, daß man verſichert, er habe das Bärenfell für ganz hübſche baare Pfennige verkauft. Viele andre ſind ſeinem Beiſpiele gefolgt; thätige Unterhandlungen ſind im Gange, um den Frieden mit dem abzuſchließen, der dazu ein Recht bat. Die Revolution ſteht in Kurzem bevor. Noch ein wenig Geduld und es wird nur noch einen Mann weniger in Frankreich geben, und die Ruhe in Eu⸗ ropa wieder hergeſtellt ſein. Iſt das verſtändlich?“ „Aber,“ fiel Eugen ein,„glauben Sie, daß, weil einige Elende ſich zum Sturze des Kaiſers verſchwö⸗ ren, dieſer ſchon eine ausgemachte Sache ſei? Die ihrem Helden ergebene Armee iſt unbeſtechlich; in den Maſſen lebt für Napoleon die lebendigſte Sympathie und in den höhern Claſſen ſind ſo viele Leute in ſei⸗ ner Sache bloßgeſtellt, ſo viele Andre ſehen ihr Glück an das ſeinige geknüpft, daß ihre Intereſſen mit den ſeinigen dieſelben ſind. Die Einen werden aus Ehr⸗ gefühl, die Andern, hoff ich, aus Zuneigung, ihn, der ſie aus ihrem Nichts emporgehoben, unterſtützen, und ihre Bemühungen werden die ſchändlichen Um⸗ — 89 triebe, die nur die Auslieferung Frankreichs an das Ausland zur Folge hätten, zu nichte machen.“ „Aber wo kommen Sie denn her, liebes Kind,“ frug kopfſchüttelnd der alte Mann, indem er behag⸗ lich ein Bisquit in ſeine Taſſe tauchte,„Sie ſind wahrhaftig von einer wunderbaren Rechtlichkeit, welche halb Paris zu lautem Lachen bringen könnte. Sym⸗ vathie und Treue! Die Revolution, ſehen Sie, hat all' dieſe loyalen Thorheiten bei uns rein ausgekehrt. Sonſt ſetzte man die Ehre in religiöſe Beobachtung des Eides, in die Erfüllung einer Pflicht, in Erge⸗ benheit gegen den Herrſcher. Je unglücklicher er war, jemehr Rechte genoß er auf Liebe und Opfer. Die guten Zeiten der ſchlechten Tage Heinrich's lv. ſind längſt vorüber und kommen nie wieder. Wer küm⸗ mert ſich heutzutage um einen unglücklichen König! Wir ſind ſo weit vorgeſchritten, daß wir bald recht verächtlich ſein werden.“ „Heutzutage, mein lieber Eugen,“ fuhr der Alte fort,„ſetzt man die Ehre darein, ſeine Stellung zu behaupten und ſein Vermögen zu ſichern, es koſte was es wolle, und ſollte man, um dieſen Zweck du erreichen, über die Leiche deſſen, dem man ſein Glück verdankt, wegſteigen. Unter uns, es iſt eine abſcheu⸗ liche Welt.“ Es lag in den Worten des alten Grafen ſo viel Wahrheit, daß Eugen nichts zu erwiedern wußte und ſich in düſtre Gedanken verlor. „Mit einem Worte, mein lieber Freund,“ ſchloß der Alte,„Ihr Held iſt von ſeinem Piedeſtal herab⸗ geſtiegen. Er iſt beſiegt worden, und das iſt ein Verbrechen, welches die Welt nie verzeiht. Sie fön⸗ nen zwanzig Salons beſuchen und werden ſein Ver⸗ dammungsurtheit auf allen Geſichtern leſen. Aus 90 jedem Munde hören Sie ihn bekritteln und verurthei⸗ len. Die unter uns, welche Gunſtbezeigungen von ihm empfangen haben, zeichnen ſich am meiſten durch heftige Beſchuldigungen und durch die Bitterkeit ihrer Bemerkungen aus. O Schmach! Man möchte wahr⸗ haftig ſagen, der arme Mann ſei Schuld an den Kriechereien, die dieſe Leute begingen, um in ſeine Dienſte zu gelangen. Dann kommen die nen Gea⸗ delten, die Senatoren mit hunderttauſend Franken Dotation, die Herzoginnen, Gräfinnen, Baroninnen, was weiß ich! Dumme Weiber, die ſich einbilden, ſie würden für ewig hohe und mächtige Damen bleiben, und die den Gedanken nicht zu ertragen vermögen, wieder das zu werden, was ſie früher waren. Der Gedanke an eine ſolche Umgeſtaltung bringt ſie der Ohnmacht nahe. Was ſpreche ich Ihnen von einer Maſſe Menſchen, die jetzt laut gegen Napolevn den Ehrgeizigen ſchreien, weil er ihre Stellung und Wür⸗ den dem Glücke der Schlachten untergeordnet hat. Ich verſichere Sie, daß alle dieſe undankbaren Schurken mir Ekel verurſachen. Es iſt mir, als hörte ich die Domeſtiken im Vorzimmer über ihre Herrſchaft ſchim⸗ pfen; und was immer Ihnen, junger Freund, den ich ſo liebe, widerfahren möge, ſo ſehe ich doch mit wahrer Freude, daß Sie in die Claſſe der Getäuſch⸗ ten, und nicht in die der Niederträchtigen gehören.“ Die Unterredung mit dem alten Grafen hatte den Jüngling immer mehr verſtimmt, und ſelbſt als ſich die Zimmer füllten, als Muſik erklang, das Geſumm der Stimmen lauter wurde, vermochte Nichts, i aus ſeinen düſtern Gedanken aufzuwecken. Erſt als ſich die Flügelthüren von Neuem ſint⸗ ten und Valerie wie ein Engel ſchönerer Welt her⸗ einſchwebte, ward ihm wohler. Er ſuchte bald Ge⸗ —.——————— 92 legenheit, ſich dem reizenden Weſen zu nähern. So wie ſie den Jüngling erſchaute, malte eine höhere Röthe ihr ſchönes Antlitz und eine holde Freude leuchtete aus den binmelblauen Augen. Die Beiden waren bald wieder in's Geſpräch ver— tieft und Eugen bemerkte gar nicht, wie Montmorency aus einiger Entfernung ihn mit feindſeligen Blicken muſterte. Die Mutter Valerien's, die trotz ihrer vorgerück⸗ ten Jahre noch immer für eine ſchöne Frau gelten konnte, hatte in dem Kreiſe der ältern Damen Platz genommen; der Miniſterialſeeretair war unter den vie⸗ len männlichen Gruppen verſchwunden; und da Va⸗ lerie unter den Anweſenden zufällig keine junge Freun⸗ din beſaß, deren Geſellſchaft ihr hätte angenehm ſein können, ſo zog ſie es vor, ſich lieber mit dem jun— gen liebenswürdigen Ordonnanzofficier zu unterhalten, deſſen Bild, das mußte ſie ſich geſtehen, in ihrem Herzen immer tiefer ſich einprägte. Die beiden Glücklichen, in angelegentlichem Ge— ſpräch vertieft, gewahrten nicht, mit welch' ſeltſamen Blicken ſie von den häufig Vorübergehenden beobach⸗ tet wurden. In verzehrendem Feuer der Eiferſucht ging im Nebenzimmer Montmoreney auf und ab und warf von Zeit zu Zeit glühende ſtechende Blicke nach dem liebenden Paare. „Aber Sie ſind heute,“ frug Valerie mit liebli⸗ cher Beſorgniß,„nicht ſo heiter wie jüngſt bei der Gräfin Saint Amand. Was fehlt Ihnen?“ „Ach,“ ſprach Eugen,„wenn ich bei Valerie ſitze, was könnte mir da fehlen; aber außerdem ſind die Zeiten ernſt und trübe; wenn das Vaterland blutet, weſſen Herz ſollte da nicht betrübt ſein?“ „Ja wohl,“ ſeufzte das Mädchen,„und die Feinde 92 kommen immer näher. Man ſollte wirklich nicht ſo vielen Luſtbarkeiten nachgehen. Und gleichwohl,“ fügte ſie im reizenden Geſtändniß hinzu,„hab' ich mich lange nicht auf ein Feſt ſo gefreut, als auf das heutige.“ Dabei blickte ſie dem Jüngling ſo wunderfreund⸗ lich in die Augen, daß ſein Herz groß und ſeli ig ward und er die ſüße Sprecherin entzückt bätte in die Arme preſſen mögen. Er konnte es ſich nicht verſagen, die kleine weiße Hand an ſeine Lippen zu drücken. Valerie zog die⸗ ſelbe aber ſchnell zurück. „Wir ſind beobachtet,“ ſprach ſie,„Montmoreney geht dort wie mein ſchwarzer Genius auf und nieder. Ach Gott, wenn mich der Mann nur in Frieden ließe, ich kann ihn einmal nicht lieben!“ Eugen betrachtete mit ſtummem Entzücken die hold⸗ ſelige Geſtalt. Sie ging wieder ganz einfach aber reizend gekleidet. Auf dem ſchneeweißen Halſe blitzte ein prächtiger Halsſchmuck. Des Jünglings Augen hafteten einige Secunden auf den funkelnden in Gold gefaßten Steinen. „Gefällt Ihnen der Halsſchmuck?“ frug ſie, treu⸗ herzig zu ihm aufblickend,„ſchmeicheln Sie aber nicht, und ſeien Sie ganz aufrichtig. Ich möchte gern wiſſen, ob er nach Ihrem Geſchmacke iſt.“ „Eine koſtbare, vortreffliche Arbeit,“ antwortete der Jüngling,„gewiß ein Neujahrs⸗ oder Geburts⸗ tagsgeſchenk?“ Das letztere iſt es,“ erzählte Valerie,„ich be⸗ kam den Schmuck voriges Jahr an meinem ſiebzehn⸗ ten Geburtstage.“ „Und darf ich fragen,“ lächelte„wer der glückliche Geber iſt?“ . 93 „Ei wozu hier das Fragen,“ antwortete faſt un⸗ willig das Mädchen,„wer anders war der Geber als mein guter, guter Vater, der mir Frende macht, wo er nur immer kann.“ Bei dieſen Worten fiel es wie ein Eistropfen dem Jünglinge auf's Herz. Er mußte mit Gewalt käm⸗ pfen, um den Sturm ſeiner Gefühle unter einer ruhi⸗ gen, heitern Außenſeite zu verbergen. Der unſchuldige, kindliche Sinn des Mädchens ahnete nichts hiervon und ſie fuhr fort:„wo ſich nur irgend die Gelegenheit beut, ſucht er mich zu erfreuen; ach, wenn er könnte, wie eine Prinzeſſin würde er mich herausputzen; leider,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„kann's mit der Prinzeſſin nichts werden, denn wir ſind nicht reich und nur auf des Vaters Dienſt⸗ einkommen beſchränkt, was, wie die gute Mutter ſpricht, für eine pariſer Haushaltung recht eingetheilt ſein will.“ Das Mädchen ward hier plötzlich traurig und eine Thräne trat ihr unbewußt in das Auge. „Um Gott, Valerie, was iſt Ihnen?“ frug be⸗ ſorgt Eugen. „Ach,“ ſeufzte das Mädchen,„da muß ich oft gewahren, wie der gute Vater ganze Nächte ſich des Schlafs beraubt und auf ſeinem Zimmer arbeitet, um das ſchwer Erworbene vielleicht für ein koſtbares Toi⸗ lettengeſchenk für mich dahinzugeben. O, glauben Sie, das hat mir ſchon viele Thränen gekoſtet. Erſt dieſe Tage habe ich wieder dieſe nächtliche Thätigkeit des Vaters bemerkt. Er thut ſehr geheim, damit wir nichts ahnen und uns nicht kränken ſollen; aber der Mutter und mir iſt es nicht entgangen. Unſere Bitten helfen da in der Regel nicht viel.“ Das Mädchen war zu ſehr mit dieſer ihrer An⸗ 91 gelegenheit beſchäftigt, ſonſt würde ſie an dem erblei⸗ chenden Antlitze Eugen's bemerkt haben, daß in ſei⸗ nem Innern etwas Außerordentliches vorgegangen ſei. Es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe er ſich zu faſſen vermochte. Valerie, die nichts bemerkt hatte, fuhr in ihrer kindlichen Unbefangenheit fort: „Da haben es reiche Leute doch recht gut, wie Ihr Onkel zum Beiſpiel; der Tauſend, was mag eine einzige ſolche Soirée koſten. Da lebten wir gewiß einen Monat davon.“ „Ach, theure Valerie,“ ſprach der Jüngling und ſein Blick ruhte voll inniger Liebe, aber auch voll Trauer auf dem holden Geſchöpfe,„nicht Reichthum macht glücklich; das Geld iſt die Saat des Böſen, denn wie oft verlockt die Begier nach dieſem Metall die Menſchen zu den ſchwärzeſten Verbrechen.“ Montmordncy konnte es jetzt nicht länger ertragen⸗ die Beiden ſo ungeſtört ſich unterhalten zu ſehen. Die Leidenſchaft riß ihn hin, und ohne Eugen eines Grußes oder Blickes zu würdigen, trat er zu Va⸗ lerien. „Mein Fräulein,“ ſprach er giftig und rückſichts⸗ los,„ich weiß nicht, ob es ſich mit den geſellſchaft⸗ lichen Sitten vereinbaren läßt, wenn ein junges Mäd⸗ chen zu lange ſich von den Ihrigen oder ihrem Ge⸗ ſchlechte iſolirt. Es hat bereis an Gloſſen der Vor⸗ übergehenden nicht gefehlt. Erlauben Sie daher, daß ich Sie nach dem Sitze Ihrer Frau Mutter begleite.“ Valerie erblaßte und wußte im erſten Augenblicke kein Wort zu erwiedern. Eugen aber, den Montmo⸗ rency's Benehmen alles Blut in Wallung brachte, mußte ſich mit Gewalt mäßigen, um den Unverſchäm⸗ ten nicht auf das Nachdrücklichſte zurechtzuweiſen. Er ſprach daher ſo ruhig als möglich:„Das Mädchen 1 95 iſt ſo glücklich, eines Hofmeiſters entbehren zu kön⸗ nen, wenigſtens eines ſolchen⸗ von dem ſie unmöglich Artigkeit erlernen könnte.“ Montmoreney warf einen vernichtenden Blick auf Engen. „Sie werden mir für Ihre Worte Rede ſtehen!“ „Recht gern,“ antwortete dieſer ſo gleichgültig als möglich, und ohne Montmorency's Gegenwart im Ge⸗ ringſten zu berückſichtigen, wandte er ſich wieder zu Valerien. Dieſe hatte ſich in ſo weit gefaßt, daß ſie Mont⸗ morency in wenigen Worten verabſchiedete. „Wenn ich Ihren Unterricht in den guten Sit⸗ ten,“ ſprach ſie,„wünſchenswerth finden ſollte, werde ich Sie rufen laſſen; bis dahin bitte ich, ſich nicht zu bemühen.“ ,— „Wie Sie kefehlen,“ erwiedektet grimmigen Blicken ſich verbeugend der Royaliſt und entfernte ſich. „Das iſt ein unerträglicher Menſch,“ ſprach Va⸗ lerie, leichter aufathmend,„aber wir haben wirklich zu lange geplaudert, und es iſt Zeit, daß ich mich unter den Schutz der Mutter flüchte.“ Damit ſtand ſie auf und Eugen begleitete ſie nach dem Zimmer, wo Frau Laroſe im Kreiſe mehrer Da⸗ men ſaß. Als er zurückkehrte, trat ihm Montmorency in den Weg. „Ich verlange Genugthuung,“ ſprach er,„für die beleidigende Aeußerung von vorhin.“ „Dieſes Verlangen,“ bemerkte Eugen,„käme eigentlich mir zu, doch ſtehe ich gern zu Befehl.“ „Wir wechſeln morgen Kugeln in dem Boulogner Gehölz,“ fuhr Montmorency fort,„nur Einer darf lebend vom Platze.“ „Ich nehme die Ausforderung an,“ gab der Or⸗ 96 donnanzofficier zur Antwort,„nur verlange ich das Stelldichein hinausgeſchoben. Ich werde nie mein Leben dem Zweikampfe Preis geben, ſo lange das Vaterland größern Anſpruch darauf hat. Sobald Frankreichs Gebiet vom Feinde geſäubert iſt, was hoffentlich nicht lange Zeit erfordern wird, werden Sie mich bereit finden.“ „Sie ſtellen ſich alſo morgen nicht?“ frug Mont⸗ morency. „Nein,“ war die entſchiedene Antwort,„ich habe den Grund angegeben, welchen jedes Ehrengericht re⸗ ſpectiren wird.“ Ohne ein Wort der Erwiederung, kehrte ihm Montmorency mit einem verächtlichen Blicke den Rücken. Dem Ordonnanzofficier rollte das Blut, ob die⸗ ſer ſchnöden Behandlung, wild durch die Adern. „Was ſlß ſran ertragen,“ ſprach er;„aber es wird die Zeit kommen, wo ich Genugthuung fordern werde von dieſem hochmüthigen Volke.“ Er ging auf's höchſte verſtimmt, die Säle auf und ab, als ihm plötzlich Onkel Normand convuſſi⸗ viſch am Arme erfaßte. Eugen erſchrak, als er das Todtengeſicht des Banquiers erblickte. „Was iſt mit Euch?“ frug er beſorgt. Dieſer konnte vor Entſetzen im Anfang kein Wort hervorbringen. Er trocknete ſich den Angſtſchweiß fort⸗ während von der Stirn. „Ich geſchlagener Mann,“ begann er endlich,„mein Haus wird ſo eben von Gensd'armen umringt, ein Diener hat mir's verrathen. Noch weiß es Niemand von den Gäſten.“ Eine Ahnung durchzuckte Eugen's Bruſt. Er wagte den Gedanken nicht zu denken. Er tröſtete indeß den Onkel ſo gut es gehen wollte. „Ich will ſelbſt hinab,“ ſprach er,„mich zu über⸗ zeugen: hoffentlich daß die Sache nichts weiter auf ſich hat.“. „O Eugen,“ beſtürmte ihn himmelhoch bittend der Banquier,„ſuche wenigſtens abzuwenden, daß es keine Scene gibt. Ich wär' des Todes, wenn meine Gäſte durch Gensd'armen auseinander geſprengt würden.“ Der Jüngling verſprach ſein Möglichſtes. Er eilte hinaus, aber kaum bei der erſten Treppe angelangt, trat ibm Herr Vitrelle, ein Vertrauter des Polizei⸗ miniſters, entgegen. Zum Glück kannte ihn Eugen. „Um alle Welt, mein Herr,“ frug der Jüngling, „Sie kommen doch nicht in böſer Abſicht?“ „Leider,“ war die Antwort,„der Auftrag iſt mir höchſt unangenehm; aber die Miſſion iſt zu wichtig, als daß ich des Miniſters Bitten hätte widerſtehen können.“ „Ich beſchwöre Sie, wen betrifft es,“ drängte Eugen in ſteigender Angſt,„und wozu dieſe Beglei⸗ tung?“ Er deutete auf ein paar Gensd'armen, welche bereits die Treppe beſetzt hielten. „Vielleicht,“ antwortete Vitrelle,„daß ſich das unangenehme Geſchäft ohne alles Aufſehen und ohne die geringſten Störungen des geſelligen Vereins, der bei Ihrem Onkel verſammelt iſt, abthun läßt, falls Sie mir einigermaßen wollten dazu förderlich ſein.“ „Ich?“ frug Eugen,„erklären Sie ſich deut⸗ licher.“ „Die Sache iſt ſehr einfach,“ ſprach der Polizei⸗ officiant, der ganz bürgerlich und ohne alle Abzeichen gekleidet ging,„ich trete in Ihrer Begleitung in die Geſellſchaft, und ſage einem der anweſenden Herren ein leiſes Wörtchen; er wird mir folgen und die Stolle, ſämmtl. Schriften. XIII. 5 98 Sache iſt abgemacht; keine Seele ſoll etwas gewahr werden.“ Eugen, als er ſich überzeugte, daß dies das ein⸗ zige Mittel ſei, einem allgemeinen Scandal vorzu⸗ beugen, führte Herrn Vitrelle nach einer von den Thüren, wo ſie am Unbemerkteſten in die Geſell⸗ ſchaftszimmer gelangen konnten. Vitrelle hatte ſeinen Ueberziehrock abgelegt und erſchien im eleganteſten Coſtüm, als ſei er einer von den Gäſten. Kaum war er eingetreten, als er ſo unbefangen wie möglich mit Eugen converſirte. Dabei flogen von Zeit zu Zeit ſeine Falkenblicke durch die Säle. Es ſchien auch bald, als habe er ſein Wild entdeckt. Doch ließ er ſich Nichts merken, und da die Anweſenheit ſolcher hochgeſtellten Polizeibeamten in den damaligen Pariſer Salons nichts Ungewöhnliches war, ſo fiel das Erſcheinen Vitrelle's nicht im Geringſten auf. Er gerieth mit mehren Herren in's Geſpräch, und erſt nach Verlauf einer geraumen Zeit, nachdem er ſich eines Langen und Breiten mit dem Miniſterialſeere⸗ tair Laroſe unterhalten hatte, ſprach er zu dieſem: „Ich habe auch eine geheime Mittheilung für Sie, die ich Ihnen nicht gern hier vor den Leuten machen möchte. Dürfte ich Sie um ein paar Augenblicke un⸗ ter vier Augen bitten?“ „Ich ſtehe zu Befehl,“ erwiederte ufſteheſ der Nichts ahnende Seecretair, und die Beiden traten in ein anſtoßendes Seitencabinet. Hier zog Vitrelle einen Verhaftsbefehl des Poli⸗ zeiminiſters aus der Taſche und ihn dem erbleichen⸗ den Laroſe vorzeigend, ſprach er: „Ich befinde mich in der traurigen Verlegenheit, Ihnen, mein Herr, Ihre Verhaftung ankündigen zu müſſen. Ich hoffe zugleich, daß Sie Ihrem Wirthe, 99 Herrn Normand, jeden etwaigen Auftritt, der die geſelligen Verhältniſſe ſtören, und Ihnen zu Nichts nützen könnte, erſparen, und mir auf der Stelle fol⸗ gen werden.“ Normand, der mit hochklopfendem Herzen die Bei⸗ den hatte in das Cabinet treten ſehen und die Ur⸗ ſache leicht ahnen konnte, wagte jetzt, um wo möglich einem Scandal vorzubeugen, die Thüre leiſe zu öff⸗ nen und den Kopf in das Gemach zu ſtecken. „Sie kommen wie gerufen,“ ſprach Vitrelle,„Sie werden die Güte haben und die Familie des Laroſe auf das Schonendſte von dem Vorfalle in Kenntniß ſetzen.“ „Sagen Sie meiner Frau,“ rief zähneklappernd der Miniſterialſecretair,„daß ich auf Befehl des Kriegsminiſters ſchleunigſt habe verreiſen müſſen.“ Normand verſprach alles Mögliche, nur um jedes Aufſehen zu vermeiden. Laroſe verließ hierauf, faſt keines Wortes mäch⸗ tig, in Begleitung des Polizeibeamten das Gemach, und bald nachher hörte man einen Wagen die Straße entlang rollen. Das plötzliche Verſchwinden des Miniſterialſecre⸗ tairs war indeß doch Einigen aus der Geſellſchaft aufgefallen. Zugleich war durch einige vorlaute Dienſt⸗ boten die Nachricht von den Gensd'armen und von der Abführung eines Gefangenen in den Salon ge⸗ drungen und hatte ſich wie der Blitz verbreitet. Ueberall ſah man, wie ſich die Köpfe bedenklich zuſammenſteck⸗ ten. Die laute Converſation ward allmälig zu einem geheimnißvollen Flüſtern und ein Jeder dachte insge⸗ heim an baldigen Aufbruch. Die Furcht vor der kai⸗ ſerlichen Polizei ging damals ſo weit, daß man ſich ſchon für gefährdet hielt, wenn man mit einem der —* . —m—— 400 Polizei Verdächtigen auch nur in geſelliger Berührung geſtanden. Die meiſten der bei Normand anweſenden Gäſte hatten, als Royaliſten zumal, alle Urſache, ſich vor der heiligen Hermandad in Acht zu nehmen. Das heitere Leben und Treiben der Soirse war daher in wenig Minuten wie erloſchen. Selbſt die Damen wurden einſilbiger und ſtiller und die der Frau La⸗ roſe und ihrer Tochter Zunächſtſitzenden ergriffen, eine nach der andern, die Gelegenheit, die Plätze zu wech⸗ ſeln, ſo daß Mutter und Tochter bald ganz verein⸗ ſamt da ſaßen und von den Andern theils mit ſcheuen, theils mit mitleidigen Blicken beobachtet wurden. Normand lief in halber Verzweiflung auf und ab und ſuchte Leben und Heiterkeit in ſeinen Salon von Neuem anzufachen. Er ſtellte die Verhaftung, nach⸗ dem ſie nicht mehr zu leugnen war, als Bagatelle dar, als Mißverſtändniß, das ſich in wenig Stunden auflöſen werde. Aber ſeine Reden wollten keinen Anklang finden. Das vorige animirte Leben war verſchwunden. Am Meiſten unter Allen litt Eugen, der den Grund der Verhaftung nur zu leicht erkannte und zugleich die Lage des Verhafteten in ihrer ganzen Ge⸗ fahr durchſchaute. Er machte ſich jetzt Vorwürfe, daß er durch ſeine Mittheilung an den Polizeiminiſter den Secretair und ſeine unſchuldige Familie in's Unglück geſtürzt habe. Und gleichwohl ſprach ihn auf der an⸗ dern Seite das Bewußtſein, nur recht gehandelt zu haben, von aller Schuld frei. Der Jüngling ſaß, innerlich blutend, in einem der letzten Zimmer auf einer Ottomane, als Nor⸗ mand, der ihn überall geſucht hatte, haſtig auf ihn zutrat. „Der Satan muß nich geblendet haben,“ ſprach 101 er,„daß ich dieſen Laroſe habe einladen können; aber wer mochte ahnen, daß er der Polizei verdächtig war? Galt er nicht immer für einen eifrigen Napolevniſten, und eben dieſes war der Grund, daß ich ihm für heute eine Karte ſchickte, weil ich die politiſchen Ele⸗ mente verſchmelzen wollte. Nun liegt mir noch das liebliche Geſchäft ob, ſeine Frau und Tochter, von der ſich ſchon alle Welt wie vor der Peſt zurückzieht, mit der Hiobsbotſchaft bekannt zu machen.“ Eugen verharrte in dumpfem Schweigen. Nach einer Pauſe fuhr der Banquier fort:„höre, Eugen, Du könnteſt mich des verdrießlichen Geſchäfts überheben; Du biſt vertrauter mit dieſen Leuten, we⸗ nigſtens mit der Tochter, und wirſt die Sache beſſer einzuleiten wiſſen, als es mir gelingen dürfte. Suche nur zugleich dahin zu wirken, daß die beiden Perſo⸗ nen, ſo bald als möglich, die Geſellſchaft verlaſſen.“ „Ihr ſeid ſehr vorſichtig,“ ſprach in bitterem Tone der Jüngling,„und ſehr artig gegen Eure Gäſte.“ „Was da,“ polterte Normand,„wo die Polizei ihr Spiel treibt, hat die Artigkeit ein Ende. Ich hätte Urſache, unhöflich gegen dieſe Familie zu ſein, die allein die Schuld trägt, daß meine brillante Soirée ſo gänzlich ruinirt iſt; es iſt zum Verzweifeln; der Abend koſtet mich baare funfzehntauſend Franken.“ „Ich werde Euren Wunſch erfüllen,“ ſprach Eugen aufſtehend,„und die unglückliche Familie in Kennt⸗ niß ſetzen.“ „Nun, das iſt einmal ſehr klug von Dir,“ ver⸗ ſetzte Normand, leichter aufathmend,„wie geſagt, operire nur, daß wir ſie bald los werden.“ Eugen würdigte den Liebloſen keiner Antwort und ging ſchweren Herzens nach dem Zimmer, wo Valerie und ihre Mutter ſaßen. 102 Die Beiden waren wirklich ganz verlaſſen und wußten nicht, wie ſie dieſe Erſcheinung ſich erklären ſollten. Noch ahneten ſie das Schreckliche nicht. Als Eugen hereintrat, blühte Valerien's Auge wie ein erquicktes Veilchen auf. „Wie ſchön,“ ſprach ſie, als er bei den Frauen Platz genommen,„daß Sie kommen; alle Welt hat uns verlaſſen.“ Eugen hatte mit aller Macht zu kämpfen, um ſo heiter und unbefangen als möglich zu erſcheinen. Er unterhielt die zwei Damen ſo gut es gehen wollte und theilte ihnen ſcheinbar ganz gelegentlich mit, daß Herr Laroſe plötzlich in einem dringlichen Geſchäfte ſeines Miniſteriums habe verreiſen müſſen. Es ſei Gefahr im Verzuge geweſen, darum ſei er augen⸗ blicklich aufgebrochen. Um ſich allen weitern Abſchied zu erſparen, habe er die Abſchiedsgrüße ihm auf⸗ getragen. Sie ſollten ob ſeiner Abweſenheit ſich nicht ängſtigen. Er werde in Kurzem wieder bei ih⸗ nen ſein. Mit bedenklichem Schweigen vernahmen Mutter und Tochter dieſe Reden. Erſtere ſchüttelte nachden⸗ kend das Haupt und Valerie hielt die Hände wie betend gefaltet. Eugen wußte indeß die ganze Sache in ſo unverdächtigem Lichte darzuſtellen, daß ſich die zwei Frauen allmälig beruhigten; aber für ein län⸗ geres Hierſein ſo ganz allein hatten ſie alle Luſt ver⸗ loren. Die Mutter erkundigte ſich nach Montmoreney, in deſſen Geſellſchaft ſie gekommen waren. Eugen, wie unangenehm ihm die Sache war, ſprang doch auf, den Gewünſchten herbeizuholen. Er mußte lange ſuchen. Endlich fand er ihn im Ge⸗ ſpräche mit mehren jungen Damen. 103 Eugen erſah ſich eine ſchickliche Gelegenheit, ihn auf die Seite zu rufen. Mit einem kurzen und mißmuthigen:„Was be⸗ liebt?“ folgte der Gerufene dem Ordonnanzofficier in eine Ecke. Hier theilte ihm Eugen die Verlegen⸗ heit der Familie Laroſe mit und zugleich das Ver⸗ langen, welches Frau Laroſe hinſichtlich ſeiner ausge⸗ ſprochen hatte. „Sagen Sie den Damen,“ gab der Erbärmliche zur Antwort,„daß ein Montmoreney auf die Ehre verzichten müſſe, mit Leuten ferner Umgang zu pfle⸗ gen, welche unter polizeiliche Aufſicht geſtellt wären.“ Eugen traute ſeinen Ohren kaum; ſprachlos ſtarrte er den Royaliſten an, der ſich gleichmüthig abwandte und ſein früheres Geſpräch mit den Damen fortſetzte; dann ſtürzte er wie betäubt zu den verlaſſenen Frauen zurück. „Der Geſuchte iſt nirgends zu finden,“ ſprach er, „wenn Sie erlauben, werde ich die Ehre haben, Sie nach Hauſe zu begleiten.“ Ein dankender Blick aus Valerien's Auge belohnte den Jüngling für ſein Erbieten; Frau Laroſe nahm es dankbar an“ und bald fuhren die Drei nach dem Hotel des Kriegsminiſteriums, wo die Familie wohnte. Als Eugen in den Salon ſeines Onkels zurück⸗ kehrte, kam ihm dieſer mit ziemlich unfreundlichem Geſichte entgegen. „Biſt Du von Sinnen?“ zankte er,„dieſe ſu⸗ ſpecte Familie in höchſteigner Perſon nach Hauſe zu begleiten? Wenn ich Dir verpflichtet war, daß Du ſie ſo ſchnell aus dem Hauſe geſchafft haſt, ſo weiß ich Dir für die Begleitung, die Dir kein Menſch ge⸗ heißen hat, wahrhaftig keinen S Eugen war zu ſehr von innerem Harme ergriffen, 10½ als daß er aufgelegt geweſen wäre, dem Onkel Rede zu ſtehen. Er ließ dieſen daher zanken, ſo viel er wollte, und benutzte die erſte Gelegenheit, den Salon zu verlaſſen. Mit ſchwerem, ſchwerem Herzen begab er ſich diesmal zur Ruhe. Der verfloſſene Abend war einer der ſchmerzlichſten ſeines Lebens. Achtes Rapitel. E⸗ iſt tief in der Nacht; Napoleon ſitzt noch immer in ſeinem Cabinet und überfliegt mit Unermüdlichkeit die Ereigniſſe, die ſich rings immer drohender ent⸗ wickeln. Von verſchiedenen Punkten der Grenze ſind die beunruhigendſten Nachrichten angelangt. Der Fürſt Schwarzenberg iſt Herr der Ausgänge von der Schweiz. Während ſich ſein rechter Flügel im Thale des Elſaß ausbreitet, hat der linke die Richtung mitten durch die Schweiz nach Genf genommen. Dieſe Stadt war eins von den Thoren Frankreichs und es waren mäch⸗ tige Verſtärkungen von Grenoble aus unterwegs. Aber im erſten Augenblicke der Gefahr wird der Befehls⸗ haber der Garniſon vom Schlage getroffen, daß er todt niederfällt. Der Präfect ergreift die Flucht, und die Genfer, nun Herren ihrer Handlungen, laſſen ſo⸗ gleich ihre Zugbrücken vor der öſtreichiſchen Avant⸗ garde nieder. General Bubna hat Genf in Beſitz genommen. Die letzten Depeſchen bringen die Nach⸗ richt, daß Fürſt Schwarzenberg die Colonnen ſeines Centrum auf Epinal, Veſoul und Beſancon vorrücken —— e — — ———— läßt. Der Herzog von Bellunv iſt zwar mit zehn⸗ tauſend Mann von Straßburg herbeigeeilt, hat ſich aber vergebens bemüht, die Oeſtreicher in den Eng⸗ päſſen der Vogeſen zurückzuhalten. Marſchall Blücher ſeinerſeits hat den Rhein an drei verſchiedenen Punkten überſchritten. Marſchall Marmont, der dieſer überlegenen Heeresmacht nur die Trümmer einer ehemaligen Armee entgegen zu ſtellen vermochte, hat ſich auf die feſten Plätze an der Saar und Moſel zurückgezogen. Alle franzöſiſchen Truppen befinden ſich demnach in vollem Rückzuge. „Ich hatte mir nicht geſchmeichelt,“ ſpricht Na⸗ poleon, nachdem er ſich von dieſem Stande der Dinge unterrichtet, zu dem anweſenden Herzoge von Baſſano, „die Alliirten lange Zeit an der Grenze aufzuhalten. Ich habe dieſen Rückzug unſrer Truppen vorausgeſe⸗ hen; aber es iſt jetzt nöthig, Zuſammenhang in dieſe rückgängige Bewegung zu bringen und die Truppen zur Deckung von Paris zu conzentriren.“ „Schreiben Sie,“ fährt er, den Blick auf die Karte gewendet, fort,„dem Herzoge von Belluno, daß er die Uebergänge über die Vogeſen Fuß für Fuß ſtreitig mache. Der Herzog von Treviſo ſoll mit einer Diviſion der Garde zu ſeiner Unterſtützung gegen Langres vorrücken. Der Herzog von Raguſa muß ſich ſo lange als möglich auf dem Glacis der zahl⸗ reichen Feſtungen in Lothringen halten. Endlich ſoll der Herzog von Tarent, der auf der Seite von Lüt⸗ tich beſchäftigt iſt, durch die Pforte der Ardennen in das alte Frankreich zurückkehren.“ Eine gemeinſchaftliche Inſtruction ſchreibt allen Marſchällen vor, in welchem Maaße ſie ſich zurückzie⸗ hen ſollen. Die Maroden und die von den Neuaus⸗ 106 gehobenen, welche noch nicht gekleidet ſind, müſſen in die Feſtungen geworfen werden. Alle Truppen erhalten Befehl, ihren Rückzug auf die Champagne zu nehmen. Selbſt die, welche aus dem ſüdlichen Frankreich kommen, werden dahin beordert. „Es fehlen mir zwei Monate zur Vollendung mei⸗ ner Rüſtungen,“ hebt der Kaiſer wieder an;„hätte ich die, ſollte kein Ausländer den Boden Frankreichs unbeſtraft betreten. Ich muß vor Ende Januars in's Feld rücken und kann auf keine Hunderttauſend ſtreit⸗ bare Männer rechnen, während der Feind in einem Kreiſe umher mehr denn Sechsmalhunderttauſend ent⸗ wickelt. Man kündigt ſogar das Doppelte an. „Dieſer Rieſe,“ fuhr er fort,„imponirt mir üb⸗ rigens nicht, ich erkenne in ſeiner ungeheuern Statur der verwundbaren Theile genug, welche unſern An⸗ griffen zum Ziele dienen werden. Wie ich die Sa⸗ chen auf der Karte hier überſchaue, bewegen ſich die Heere der Kyalition ſtaffelweiſe auf drei Hauptcom⸗ municationslinien, welche von Berlin, Warſchau und Wien nach dem Rheine laufen. Nur nach und nach fönnen rieſe im Marſche begriffenen Colonnen anlan⸗ gen, um in der Waagſchale der Ereigniſſe mit zu wir⸗ ten. Uebrigens ſind nicht alle dieſe Kräfte frei. Ein großer Theil derſelben wird auf dem Wege durch Hinderniſſe oder Operationen gehemmt, die nicht mit Einemmale beſeitigt werden können. Ich rechne, daß der Feind, der in drei Monaten fünfhunderttauſend Mann in der Mitte Frankreichs haben wird, die Ove⸗ rationen dieſes Feldzugs nur mit dritthalbhunderttau⸗ ſend Mann höchſtens hat beginnen können. Ueber⸗ dies werden dieſe Kräfte durch zahlreiche Blokaden vermindert und befinden ſich auf verſchiedenen Wegen zerſtreut. Ich bin überzeugt, daß, wenn wir im 1 107 Mittelpunkt ihrer Märſche mit Behendigkeit manövri⸗ ren, wir die feindlichen Armeecorps einzeln antreffen werden. Ich gedenke daher, meine Truppen in den Ebenen von Chalons zu vereinigen, bevor noch die Colonnen des Feindes zuſammenſtoßen. Auf dieſe Art iſt es uns allein möglich, dem großen Mißver⸗ hältniſſe der Zahl abzuhelfen. Wir müſſen irgend eine geiſtige Gelegenheit erſpähen, den Sieg ſo ent⸗ ſcheidend als möglich zu machen, je tiefer der Feind in unſre Provinzen eingedrungen iſt. Dies ſind meine Pläne für den Anfang des Feldzugs.“— Die Lichter im Cabinette Napoleon's waren her⸗ abgebrannt und gewährten eine düſtre Beleuchtung. Der Herzog von Baſſano hatte ſich ſchon längſt ent⸗ fernt; Alles war ſtill und unheimlich. Des Kaiſers Haupt, den übermenſchlichen Anſtrengungen erliegend, war ermattet auf die Bruſt herabgeſunken. Der ſo lang entbehrte Schlaf ſchien mit Gewalt ſein Recht geltend zu machen. Da kniſterte die Thüre. Der Kaiſer fuhr empor und ſchaute wie träumend auf Ruſtan, der zur Thüre hereingetreten war. „Was gibt's?“ frug Napoleon. „Sire, ein Brief, den Herr Montaro dieſen Au⸗ genblick von Neapel überbracht hat.“ „Her damit,“ gebot der Kaiſer ſchnell und von Neuem ermuntert. Ruſtan putzte die Lichter und Na⸗ polevn machte ſich unverzüglich an die Lectüre. Aber je weiter er kam, deſto mehr furchte ſich ſeine Stirn. Das Schreiben begann in ſeiner Hand zu zittern, bis es zuſammen geballt in einen Winkel flog. „Ruf' mir den Prinzen von Neuſchatel und den Herzog von Baſſanv,“ gebot er und ſchritt in höch⸗ ſter Aufregung im Gemache auf und ab. 108 Das Schreiben aber, welches den König von Nea⸗ pel zum Verfaſſer hatte, lautete wie folgt: „Sire! „Ich habe ſo eben einen Vertrag mit Oeſterreich abgeſchloſſen... Derjenige, welcher ſo lange Zeit neben Ihnen gekämpft hat.... Ihr Schwager... Ihr Freund.. hat einen Vertrag unterzeichnet, eine Acte, welche ihm eine feindliche Stellung gegen Sie anzuweiſen ſcheint. Das iſt für Sie genug geſagt. Ew. Majeſtät können darnach die Nothwendigkeit er⸗ wägen, der ich weichen muß, ſo wie die Qualen, die ich empfinde. Es würde unnütz ſein, das Geſchehene nochmals darzuſtellen. Ew. Majeſtät haben alle meine Briefe vor Augen; beſonders die vom 23. November und 25. December. Ich war damals feſt überzeugt, daß, wurde in dem Sinne gehandelt, den ich ange⸗ geben habe, man die Unabhängigkeit von einem gro⸗ ßen Theile von Italien hätte ſichern können! In der Hoffnung einer entſcheidenden, fortwährend erwarteten Antwort hatte ich meine Truppen marſchiren laſſen, und handelte bereits dem vorbereiteten Syſteme ge⸗ mäß; aber Ew. Majeſtät haben zwei ganzer Monate hindurch geſchwiegen, oder es hat doch das, was Sie mir ſchrieben, mich weder beruhigen, noch mir eine beſtimmte Richtung zu geben vermocht. Indeſſen dräng⸗ ten die Begebenheiten und ich fand als Reſultat mei⸗ ner Bewegungen ſelbſt den öſterreichiſchen Heeren mich gegenüber. Es war nicht mehr zu überlegen, ich mußte mich ſchlagen, oder den Frieden mit den Bedingungen annehmen, welche man ſtellte. Im erſten Falle hatte ich einen Feind zu bekämpfen, deſſen überlegene Kräfte ſich jeden Tag verſtärken konnten, der über alle Hülfs⸗ mittel in den von ſeinen Armeen beſetzten Ländern gebot. „Zu meiner größten Unruhe hatte ich überdies alle 109 Küſten meines Reichs unbedeckt gelaſſen. Ich konnte mich daher plötzlich von Feinden umringt und von Allem abgeſchieden ſehen, was mir am Theuerſten auf der Welt war, und was ich in Neapel verlaſſen hatte! Endlich baten alle meine Unterthanen mich laut um Frieden, und meine Armee würde Diejenigen, die uns dieſen ſo heißerſehnten Frieden anboten, nur un⸗ gern und ſchwach bekämpft haben. So wäre dieſe gewagte Waffenunternehmung verderblich für mich ſelbſt, für Frankreich ohne allen Nutzen geweſen, weil ich für meinen Theil den Zuſtand der Dinge nicht allein zu ändern vermochte.— Ich mußte dem Herzen Ew. Majeſtät nur Kummer bereiten, indem ich Ihnen das Schauſpiel Ihres zerſtörten Werkes in meiner Perſon mit vorgeführt und dazu beigetragen hätte, die Schwie⸗ rigkeiten, einen allgemeinen Frieden zu erlangen, durch mein Unglück noch verwickelter gemacht zu haben. „Daher mußte ich mich entſchließen zu unterhan⸗ deln und faſt wider Willen die Einwilligung zu mei⸗ ner Erhaltung ſo wie zur Erhaltung meiner Familie und meiner Krone geben! Indeſſen trug ich trotz der einleuchtenden Wahrheit aller dieſer Betrachtungen noch immer Bedenken, als ich den Bericht der Centralcom⸗ miſſion und die Antwort Ew. Majeſtät auf die Adreſſe des Senats erhielt. Ich erſah daraus, daß der Frie⸗ den der allgemeine Wunſch Frankreichs und der Ew. Majeſtät ſei; daß, um ihn der Welt zu geben, Sie auf jede Eroberung verzichten. Italien war daher für Ew. Majeſtät verloren. Dieſe Andeutung, welche Sie mir ohne Zweifel mit allem Vorbedachte gaben, wurde verſtanden. Ich fühlte, daß kein Augenblick zu ver⸗ lieren ſei. „Ich mußte alſo mit denen, die noch immer Ihre Feinde ſind, einen Vertrag abſchließen! Mitten in 14⁰ dieſem ſichtbaren Wechſel iſt mein Herz noch immer daſſelbe. Nein, ich werde nicht gegen Frankreich und nicht gegen Sie kämpfen. Das Kampfgefilde dieſes unglücklichen Krieges iſt groß, daß man hoffen kann, ſich nicht zu treffen; und dieſer allgemeine Frieden, worüber ihre Mäßigung ſelbſt die Bürgſchaft giebt, wird in Kurzem demjenigen, welchen ich beſonders abgeſchloſſen, alles das Bittere benehmen, was er ge⸗ gen Sie gehabt haben kann. „Entweder täuſche ich mich, oder das Reſultat die⸗ ſes beſonderen Friedens kann nicht ohne ein gewiſſes Intereſſe für Ew. Majeſtät ſein. Mitten unter den Prätentionen, den Vorurtheilen aller dieſer alten Herr⸗ ſcherdynaſtien, habe ich wie gleich zu gleich mit den⸗ ſelben unterhandelt. Ich verſtand unter Trümmern, welche Europa bedecken, meinen Rang zu behaupten. Ihr Zögling, Ihr Schwager, hat die Krone erhalten, die Sie ihm gegeben hatten, und nach kurzem Sturme, der uns trennt, werden Sie mit Vergnügen den wie⸗ derfinden, der Ihnen ewig zugethan bleibt. „Nicht beſchreiben kann ich Ihnen, wie ſehr dieſer Gedanke, der mich zu Ihnen ſelbſt hinträgt, der mich noch immer an Eure Majeſtät feſſelt, dann ſelbſt, wenn ich weiter von Ihnen entfernt ſcheine, den Kummer, den ich empfinde, zu mildern vermag. Gern denke ich mir auch, daß er in Ihrem Herzen die erſte Be⸗ wegung zerſtören wird, die ſich gegen mich erheben könnte. „So in eine ruhigere Stimmung verſetzt, werden Sie, Sire, niemals dazu geneigt ſein, mich wie Ihren perſönlichen Feind zu betrachten und behandeln zu laſſen. „Könnten Freundſchafts⸗ und Familienverbindungen zwiſchen mir und Ew. Majeſtät unterbrochen werden, weil es die der Politik für den Angenblick ſein mö⸗ 111 gen? Es iſt mir bisweilen Bedürfniß, zu erfahren, daß Sie mich noch immer lieben, weil ich Sie ewig lieben werde. Wenn dieſe Wolken ſich zerſtreut ha⸗ ben, verlangt mein Herz, daß ich Sie wie einen Freund nach langer Trennung wiederſehen kann. Ueberhaupt darf wegen dieſer erzwungenen Scheidung ſich Nichts er⸗ eignen, was traurige Erinnerungen zurücklaſſen könnte.“ Berthier und Maret waren in das Kabinet ge⸗ treten. Napoleon ging lange ſchweigend auf und ab; dann ſprach er ruhig:„Murat hat uns den Krieg erklärt.“ Die beiden Fürſten ſchienen ob dieſer Nachricht in kein großes Erſtaunen zu gerathen. „Es war,“ ſprach der Herzog von Baſſano,„bei der wenigen Charakterfeſtigkeit dieſes Fürſten voraus⸗ zuſehen, daß er den Lockungen Oeſterreichs nicht würde widerſtehen können.“ „An Murat liegt mir nichts,“ fuhr Napoleon fort, „aber mein Sohn Eugen kommt durch den Abfall in doppeltes Feuer. Er wird ſich nicht halten können. „Ha, dieſer Treuloſe,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„er iſt nicht ſehr geiſtreich, aber er müßte blind ſein, wenn er nicht einſehen wollte, daß er ſich nicht halten kann, ſobald ich nicht mehr ſein werde, oder endlich als Sieger hervorgehe. Sein Abfall muß uns aber den Frieden noch wünſchenswerther machen, und uns anſpornen, mit verdoppelter Thätigkeit an unſe⸗ ren Vertheidigungsmitteln zu arbeiten.“ Er dictirte auf der Stelle dem Herzog von Baſ⸗ ſano eine Menge Befehle und conferirte mit den bei⸗ den Fürſten noch eine lange Zeit, ſo daß der Morgen bereits zu dämmern begann, als er ſie verabſchiedete. Reuntes Rapitel. Unheimlich tobte der Januarſturm, Schneegeſtöber vor ſich hertreibend, durch die Straßen von Paris. Es war ſchon tiefe Nacht; noch ſaßen Valerie und ihre Mutter beim einſamen Lampenlicht auf ihrem Zimmer. Beider Augen waren verweint. Von Zeit zu Zeit neigte Valerie lauſchend das Köpfchen, ob ſich nicht bekannte Fußtritte vernehmen ließen; ein Hoffnungs⸗ ſtrahl zuckte dann jedesmal über das Antlitz der Dul⸗ derin; aber die Fußtritte gingen vorüber und die vorige Trauer kehrte wieder. „Gieb Acht,“ unterbrach endlich die Mutter die lautloſe Stille,„auch er wird uns verlaſſen.“ „O nein, nein!“ ſprach Valerie und ihre ſchönen Augen leuchteten Gewißheit verkündend.„Er verläßt uns nicht. Noch iſt es nicht zu ſpät, er wird Wort halten und uns Troſt bringen.“ Sie hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als neue Fußtritte erklangen und die Hausſchelle mit Haſt ge⸗ zogen ward. „Das iſt Eugen“, rief Valerie mit Haſt auf⸗ ſpringend, und bald darauf trat der Genannte in's Zimmer. Sein Geſicht war aber ſehr ernſt, daß Va⸗ lerie, die ihm entgegeneilte, erſchrocken zurückbebte. „Eugen,“ rief das Mädchen in Thränen ausbre⸗ chend,„der Vater iſt verloren?“ Der Jüngling hauchte einen Kuß auf Valerien's Stirn. „Noch wollen wir,“ ſprach er,„nicht alle Hoff⸗ nung aufgeben. Sein Proceß allerdings iſt verloren. 113 Man beſchuldigt ihn, mit dem Feinde correſpondirt zu haben, und in dieſen Dingen gehen die Behörden heutzutage mit unnachſichtlicher Strenge zu Werke. Noch giebt's aber ein Mittel ihn zu retten.“ Die Mutter war halb bewußtlos in den Lehnſtuhl zurückgeſunken. Valerien's Auge hing bebend an Eu⸗ gen's Lippen. Dieſer fuhr fort: „Noch dieſe Nacht muß ich mit Depeſchen zur Armee. Das Geſpann ſteht ſchon bereit.“ Der Jüngling ging nach dieſen Worten einige Mal ſchweigend auf und ab, gleichſam als ſcheue er ſich, das Weitere zu berichten. Tod und Leben hing an ſeiner Rede. Endlich fuhr er fort: „Was ſoll ich's Euch verhehlen, wiſſen müßt Ihr es einmal; ich nehme den Vater mit. Alle Anſtalten ſind getroffen, die Gefängnißwärter beſtochen, die Uni⸗ form eines kaiſerlichen Gardechaſſeur liegt bereit. In dieſer entführ' ich den bereits Verurtheilten. Haben wir einmal Paris im Rücken, iſt er gerettet; er muß dann auf dem kürzeſten Wege die Truppen der Al⸗ liirten zu erreichen ſuchen. Nur bei ihnen findet er Sicherheit, denn in dem Frankreich, in welchem der Kaiſer gebietet, iſt er verloren.“ „Ich konnte Euch dieſe Mittheilungen nicht er⸗ ſparen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„weil mor⸗ gen unſtreitig Hausſuchung gehalten werden wird. Seid deshalb vorbereitet und beruhigt. Der Vater iſt gerettet, ich bürge dafür.“ Die Frauen hatten ſchweigend und mit bebenden Herzen Eugen's Worte vernommen. Valerie ſank im Uebermaße ihres Gefühles dem Jünglinge in die Arme. Sie weinte laut an ſeiner Bruſt. Eugen hielt die Geliebte innig umſchloſſen. „Der Himmel wird uns geleiten,“ ſprach er ſanft, Stolle, ſämmtl. Schriften. XIII. 8 8 — 11⁴ 4 „und wir werden uns einſt froh wiederſehen. Wie ſich auch die Dinge geſtalten mögen, die Wolken, die gewitterhaft über dem Vaterlande lagern, werden ſich zertheilen und Gott wird uns ſeinen blauen Himmel wieder ſchenken.“ 7 Der Jüngling ertheilte der Mutter und Tochter noch mehre Rathſchläge, wie fie ſich in der nächſten Zeit verhalten ſollten, und ſprach ihnen Troſt ein, obſchon er deſſen ſelbſt ſehr bedürftig war. Indeſſen war die Nacht immer wilder geworden. Ununterbrochen rüttelte der Sturm an den hohen Häuſergiebeln und hier und da ſtürzten abgeriſſene Dachziegel in die Straßen. Dabei fiel der Schnee in großen Maſſen vom Himmel. Eugen war an's Fenſter getreten und warf einen Blick hinaus. In ſeinem Innern ſah es nicht freundlicher aus. Wenn er das Wagſtück bedachte, das er zu unternehmen im Begriff ſtand, das bei der Wachſamkeit der Polizei ſo leicht mißlingen, dem Vater Valerien's den Tod und ihm ſelbſt die Epauletten und die Freiheit koſten konnte, ſo war es die Liebe allein, die ihm Muth gab; ſie war der alleinige Anker, der ihn aufrecht erhielt auf dem ſturmbewegten Meere. Die Glocken von Paris verkündeten die Mitter⸗ nachtsſtunde und mahnten zur Trennung. Eugen ſchloß die Geliebte nochmals in ſeine Arme. Sie hielten ſich lange umſchlungen in ſprachloſem Schmerze und Entzücken. „Nun gehſt Du fort,“ weinte das Mädchen,„und wir haben Niemand mehr.“ „Gott iſt bei Euch,“ tröſtete der Jüngling,„in ſeine Hände wollen wir uns befehlen: er wird uns ſeine Wege führen, und ihnen können wir vertrauen.“ 115 „Ach, Du biſt beſſer als ich, mein Eugen,“ ſprach Valerie. „So lebe wohl, mein Engel,“ erwiederte der Jüng⸗ ling und drückte den Abſchiedskuß auf die bleiche Wange, küßte die Mutter, um deren Segen er bat, und bald wandelte er, tief in ſeinen Mantel gehüllt, durch die ſtürmiſche Nacht. Nur eine Stunde war ihm noch Zeit vergönnt, das Rettungswerk zu vollbringen. Das Toben des Sturmes, das dichte Schneegeſtöber begünſtigten das gewagte Unternehmen. Laroſe war befreit und ſaß bald als kaiſerlicher Gardechaſſeur auf dem Kutſcher⸗ ſitze von Eugen's Wagen. Im Fluge ging die Reiſe durch die endloſen Stra⸗ ßen von Paris. Die Davoneilenden wurden von Nie⸗ mandem angehalten oder angerufen. Alle Schildwa⸗ chen hatten ſich vor dem Unwetter in die ſchirmenden Schilderhäuſer zurückgezogen. Selbſt die äußern Bar⸗ rieren der Stadt paſſirten ſie ohne alle Schwierigkeit. Eugen's Rang als kaiſerlicher Ordonnanzoffizier öff⸗ nete ihm ohne Verzug alle Pforten. Das Unwetter tobte fort. Immer weiter wich Paris hinter den Flüchtlingen zurück. Bereits gegen Morgen hatten ſie Meaux erreicht. Hier wurden die Pferde gewechſelt und fort brauſte das Fuhrwerk auf der Straße von Montmirail. Zehntes Rapitel. E war am vier und zwanzigſten Januar 1814, in den Vormittagsſtunden, als der ſogenannte Saal der 8* 146 Marſchälle in den Tuilerien von glänzenden Unifor⸗ men ganz erfüllt war. Es befanden ſich hier die ge⸗ ſammten Offiziere der neu organiſirten Pariſer Natio⸗ nalgarde, welche der Kaiſer zu einer Abſchiedsaudienz berufen hatte. Sie bildeten ein prachtvolles Corps, welches die edelſte Bürgerſchaft der Hauptſtadt in ſich vereinte. Nur leiſe flüſterten die Offiziere, jeden Au⸗ genblick der Ankunft des Kaiſers gewärtig. Plötzlich erfolgte eine lautloſe Stille; die ſich gegenüber be⸗ findlichen Flügelthüren öffneten ſich; aus der einen trat der Kaiſer Napolevn in Begleitung ſeiner Ge⸗ mahlin Marie Louiſe, aus der andern die Frau von Montesquivu, den König von Rom auf den Armen tragend. Der Kaiſer ließ ſein Kind niederſetzen, nahm es bei der einen Hand, indeß ſeine Mutter es bei der andern erfaßte, und ſo nahten ſich die Ael⸗ tern mit dem Pfande ihrer Liebe der Mitte des Krei⸗ ſes, welchen die Offiziere der Nationalgarde bildeten. Vielen der Letzteren traten die Thränen in die Augen bei dieſem ergreifenden Anblicke. Eine tiefe Stille erfolgte. „Meine Herren Offiziere der Pariſer National⸗ garde,“ begann der Kaiſer nicht ohne tiefe Rührung, „ich ſehe Sie mit Vergnügen um mich verſammelt. Ich werde nächſte Nacht abreiſen, um mich an die Spitze unſerer Armee zu ſtellen. Indem ich die Haupt⸗ ſtadt verlaſſe, übergebe ich Ihnen mit Vertrauen meine Gattin und mein Kind, auf dem ſo viele Hoffnungen ruhen. Ich bin dieſen Beweis von Vertrauen Ihnen Allen ſchuldig. Ich werde mit ſorgenfreiem Gemüthe abreiſen, wenn ich dasjenige, das mir nächſt Frank⸗ reich das Theuerſte auf Erden, unter Ihrem Schutze weiß.— „Es kann geſchehen,“ fuhr er nach einer Pauſe 117 fort,„daß durch die Manöver, die ich zu thun ge⸗ zwungen werde, der Feind Zeit gewinnt, vor Ihren Mauern zu erſcheinen. Wenn dies geſchehen ſollte, ſo bedenken Sie, daß dies nur für einige Tage ge⸗ ſchehen kann, und daß ich bald zu Ihrer Hülfe her⸗ beieilen werde. Ich empfehle Ihnen vor Allem Ei⸗ nigkeit. Widerſtehen Sie Anmuthungen, die nur dahin ſtreben, Sie zu entzweien. Man wird viel⸗ leicht nicht unverſucht laſſen, Ihre Treue gegen Ihre Pflichten zu erſchüttern; aber ich rechne auf die Na⸗ tionalgarde von Paris, daß ſie ſolchen Einflüſterun⸗ gen kein Gehör geben wird.“ Der Kaiſer konnte ſeine tiefe Bewegung, als er dieſe Worte zu der Verſammlung ſprach, nicht unter⸗ drücken. Als er ſeine Rede geendet, nahm er ſeinen Sohn, den dreijährigen blühenden Lockenkopf, auf ſei⸗ nen Arm, und wandelte mit ihm die Reihen der Of⸗ fiziere entlang. Hier aber konnte der bisher aus Etiquette nur mühſam zurückgehaltene Enthuſiasmus der Pariſer Bürger nicht länger widerſtehen. Vielen ſtürzten die Thränen aus den Augen; Andere knieten begeiſtert nieder, dem Kaiſer Ergebenheit bis in den Tod ſchwö⸗ rend und der Palaſt dröhnte wieder von dem unauf⸗ hörlichen Rufe:„Es lebe der Kaiſer, die Kaiſerin und der König von Rom!“ Die Begeiſterung theilt ſich bald ganz Paris mit. Derſelbe Ruf erſchallt von einem Ende der Rieſen⸗ ſtadt zur andern. Lange ſah man die Pariſer nicht in dieſem Grade enthuſiasmirt für ihren großen Kaiſer. Während aber die Hauptſtadt noch wiederhallt von Lebehochs, unterzeichnet Napoleon im einſamen Cabinet die Patente, welche der Kaiſerin die Regent⸗ 118 ſchaft und dem Prinzen Joſeph das Amt eines Ge⸗ neral⸗Lieutenants des Reichs übertragen. In der Nacht darauf verbrennt er ſeine geheimſten Papiere und umarmt ſeine Gemahlin und ſeinen Sohn; jenen Sohn, den er über alles liebt und der bei ſeiner Geburt beſtimmt war, dereinſt zwanzig Kronen zu tragen, zum letzten Male. Die Glocken der Tuilerien verkünden die dritte Stunde des Morgens am fünf und zwanzigſten Ja⸗ nuar 1814. Kalt ſtreicht der Nordwind über die Dächer von Paris, die noch brennenden Straßenla⸗ ternen unheimlich hin und her bewegend. Da thut ſich das große Thor der Tuilerien auf, und in ra⸗ ſchem Trabe fahren fünf vierſpännige Poſtwagen her⸗ vor, die, ſobald ſie die Stadt im Rücken, raſch die Straße von Chälons an der Marne einſchlagen. Napoleon eröffnet den kühnſten Feldzug ſeines Lebens. . ———— Der Rampf in der Champagne. Motto: Jetzt kämpf' ich für mein Haupt und für mein Leben. (Wallenſtein v. Schiller.) Erſtes Rapitel. S war ſo eben mit ihrer Morgentoilette be⸗ ſchäftigt, als Normand mit ſehr heiterem Geſichte in's Zimmer trat. „Ich bringe Dir hoffentlich eine recht angenehme 2 Nachricht,“ ſprach er lächelnd,„rathe einmal.“ „Eugen hat geſchrieben?“ frug ſchnell das Mädchen. „Ja, da können wir lange warten, eh' dieſer an's Schreiben denkt,“ antwortete der Vater,„nein, falſch gerathen.“ Henriette legte die Hand ſinnend an die ſchöne Stirn. „Dann errathe ich es nicht,“ ſprach ſie nach ei⸗ nigem Nachdenken. „Nun,“ fuhr der Banquier fort,„der Graf von Brienne hat ſich zum Frühſtück anſagen laſſen.“ Henriette that ſo gleichgültig als möglich bei die⸗ ſer Nachricht; aber ihr Herz hüpfte vor Freuden. „Es ſcheint dem Grafen bei uns nicht zu miß⸗ fallen,“ ſprach Normand nicht ohne Selbſtgefälligkeit. „Mir iſt das nicht unangenehm, er iſt einer der Häup⸗ ter der royaliſtiſchen Partei und gilt Alles bei Sei⸗ ner Majeſtät Ludwig dem Achtzehnten.“ Das Mädchen horchte bei dem letzten Namen hoch auf. „So iſt es mit dem Kaiſerreiche alſo wirklich zu Ende?“ frug ſie. . 122* „es iſt der Todeskampf, den er gegenwärtig in der Champagne beginnt. Nicht vierzehn Tage dauert es noch mit ſeiner Herrlichkeit.“ „Ach, unſer armer Eugen,“ ſeufzte Henriette. „Geſchieht dem Jungen Recht,“ fuhr Normand auf,„ich bin nicht wenig erbittert auf ihn. Hatte die ſchönſte Gelegenheit, ſeine Carriére zu machen; hat ſein Glück wahrhaft mit Füßen getreten. Dafür begeht er eine Dummheit nach der andern. Mit dem jungen Montmorency hat er Händel angefangen, und bei der berüchtigten Familie des verhafteten Miniſte⸗ rialſecretairs, welcher mir meine glänzende Svirée ſo ſchmählich verdarb, hat er in der letzten Zeit gar den Hausfreund geſpielt.“ „Die junge Valerie ſcheint ihn ſehr zu intereſſi⸗ ren,“ meinte Henriette. „Einfalt, für eine Familie, nach welcher die Po⸗ lizei harpunirt, intereſſirt man ſich nicht, und wenn es himmliſche Engel wären; das iſt die erſte Lebens⸗ regel. Kein Wort mehr über die ärgerliche Sache; ſpude Dich lieber mit der Toilette; der Graf wird in Kurzem hier ſein.“ Henriette ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen. Der junge, ſchöne und vornehme Graf von Brienne war es ja geweſen, der ſie in der Soirée bei der Gräfin Saint Amand, ſelbſt vor den adeligen Damen aus⸗ gezeichnet und ihr vollkommen den Hof gemacht hatte. Ihr Herz war dem Grafen nicht abgeneigt, und den Banquier erhob der Gedanke, ſeine Tochter einmal als Gräfin von Brienne zu erblicken, in den dritten Himmel. Normand wollte ſo eben das Zimmer verlaſſen, um Vorbereitungen für das Dejenner zu treffen, „So gut wie zu Ende,“ erwiederte der 123 die Thüre aufging und Onkel Camille mit dem Stelz⸗ fuße hereinhinkte. „Da biſt Du auch einmal?“ frug der Banquier im Tone der Verwunderung. „Ja, da bin ich auch einmal, Du Reguladetrige⸗ ſicht,“ antwortete der Obriſt,„was gibt's für Nach⸗ richten von der Armee?“ „Was weiß ich,“ meinte Normand,„hab' andre Dinge im Kopfe.“ „Andre Dinge?“ brauſte der Stelzfuß auf,„andre Dinge? Deine neuen royaliſtiſchen Bekanntſchaften laſſen Dir wohl keine Zeit?“ „Und wenn es wäre,“ antwortete kurz der Ban⸗ quier,„ſo wirſt Du hoffentlich Nichts dawider haben.“ „Oho,“ grollte der Invalid,„uoch weht die Tri⸗ colore auf Notredame, noch iſt der Kaiſer Napolevn Kaiſer der Franzoſen, und wer es mit den Bourbo⸗ nen hält, iſt ein Vaterlandsverräther!“ Normand würdigte den alten Obriſt keiner Ant⸗ wort und wollte das Zimmer verlaſſen. Camille aber ſtampfte mit dem Krückenſtocke ſo kräftig auf den Bo⸗ den und gebot ein ſo energiſches:„Halt,“ daß der Banquier wie gefeſſelt ſtehen blieb. „Ich bin gekommen, ein Wort im Ernſte mit Dir zu reden,“ fuhr der Obriſt fort.„Es mancherlei zu Ohren gekommen, daß Du die erbärm⸗ liche Coterie, welche des Vaterlandes Schande und Verderben beabſichtigt, umſchwänzelſt; das mag ſein, an Euch Reguladetrigeſichtern verliert die gute Sache ohnehin Nichts; aber dieſes gute Kind hier, die Hen⸗ riette, eine Tochter Frankreichs, die unter der Re⸗ publik geboren, dieſe ſollſt Du mir nicht verführen und dem Vaterlande abtrünnig machen!“ „Wir wollen ununterſucht laſſen,“ gab Normand 124 zurück,„wer dem Vaterlande und dem wahren Wohle des Vaterlandes mehr zugethan iſt, ob jene Franzo⸗ ſen, die man Royaliſten nennt, oder jene Ehrgeizi⸗ gen, die blindlings den Fahnen des Eroberers fol⸗ gen, welcher Frankreich an den Rand des Verderbens gebracht hat.“ „Einfältige Phraſen!“ rief der Obriſt, mit dem Stocke ſtampfend,„über dieſe Dinge läßt ſich mit einem Ziffermenſchen, wie Du, nicht reden; ich mag's auch nicht, weil ich mich nicht ärgern will; aber das ſag' ich Dir, wenn Du das Mädchen jenem Volke zuführſt, jenem Volke, das es weder mit Gott noch Menſchen gut meint, bekommſt Du es mit mir zu thun.“ „Ich werde als Vater,“ antwortete trocken der Banquier,„hoffentlich am Beſten wiſſen, was meiner Tochter frommt oder nicht.“ „Schlimm genug,“ fuhr der Obriſt in ſeiner Strafpredigt fort,„daß Du das eben nicht weißt. Du magſt in Deinem Soll und Haben zu Hauſe ſein; hinſichtlich Deines jüngſten Benehmens, rückſichtlich der Royaliſten, biſt Du mit Blindheit geſchlagen. Glaubſt Du denn, daß einer dieſer Fliegenpilze, wenn ſie dereinſt, was der Himmel verhüten wolle, wieder obenan ſchwimmen ſollten, es Dir Dank wiſſen wird, daß Du ſie jetzt nach Herzensluſt umſchwänzelſt? Wenn ſie Dich nicht mehr brauchen, gehörſt Du ſo gut zur Canaille wie vor der Revolution.“ Ein eintretender Diener meldete den Grafen von Brienne. „Wer?“ frug Camille laut, daß es faſt für Schreien gelten konnte. „Ich bitte Dich um Himmelswillen,“ beſchwor der Banquier,„mach' nir keinen Scandal. Der Graf, dem ich noch von England her wegen Han⸗ ——————————— 125 delsangelegenheiten große Verbindlichkeiten ſchuldig bin, hat ſich zum Frühſtück anſagen laſſen; er kann mir auch jetzt noch wegen ſeiner weitverzweigten Ver⸗ bindungen von unzuberechbarem Nutzen ſein, daß ich es auf keine Weiſe mit ihm verderben darf.“ „Verbindlichkeiten?“ frug Camille;„dem Feind des Vaterlandes, der dieſes zu verrathen jeden Au⸗ genblick bereit ſteht, iſt man keine Verbindlichkeiten ſchuldig; mit ihm es zu verderben iſt die Pflicht eines jeden guten Franzoſen.“ „Aber ich beſchwöre Dich,“ flehte der Banguier, „nimm nur dies einzige Mal Vernunft an und mäßige Dich.“ „Wohlan,“ entſchied kurz und trocken der Obriſt, „ich will auch mit frühſtücken.“ „Und Du verſprichſt mir,“ fuhr Normand ängſt⸗ lichſtbeſorgt fort,„die Humanität der Gaſtfreundſchaft zu reſpectiren.“ „Zum Teufel auch,“ murrte der alte Krieger, „willſt Du mir gute Sitte lehren?“ Mit dieſen Worten hinkte er nach dem Nebenzim⸗ mer, wo das Frühſtück bereit ſtand, und wo auch bald der Graf Brienne, von Normand geführt, hereintrat. Der Banquier war in außerordentlicher Angſt, als er die beiden Widerſacher in einem und demſelben Zimmer beiſammen erblickte. Er winkte wiederholt ſeinem Bruder, daß er ſeines Verſprechens wegen der Beobachtung der ſchuldigen Convenienz eingedenk bleibe, doch ſchien dieſer die Warnungsblicke nicht ſonderlich zu beachten. K Nach den gewöhnlichen, conventionellen Begrüßun⸗ gen, die von Seiten des Obriſten ziemlich kurz und trocken ausfielen, ſetzte man ſich zu Tiſche. „Wie freut es mich,“ begann der Graf mit ein⸗ ſchmeichelnder Höflichkeit zu Camille,„die nähere Be⸗ kanntſchaft eines Mannes zu machen, von deſſen aus⸗ gezeichneter Tapferkeit ich ſchon ſo viel Rühmenswer⸗ thes vernommen habe.“ „Haben Sie das in Paris gehört?“ frug trocken Camille, indem er ruhig ſeine Taſſe Bouillon ſchlürfte. „Allerdings, Herr Obriſt,“ erwiederte der Graf, „alle Salons ſind voll davon.“ „So!“ dehnte der alte Krieger,„ich dachte Sie wüßten's von den Ruſſen oder Engländern.“ Der Banquier rutſchte auf ſeinem Stuhle unge⸗ duldig hin und her. „Mein guter Bruder,“ ſprach er, dem Geſpräche eine andere Wendung gebend,„hat ſich binnen Jah⸗ resfriſt, wo ihm Ruhe ward, wahrhaft verjüngt. Die vieljährigen Campagnen hatten ſeine Geſundheit außer⸗ ordentlich angegriffen; jetzt, Gott ſei Dank, hat er ſich bei ſeiner vortrefflichen Conſtitution vollkommen erholt.“ „Wie ſehr iſt Ihnen die Ruhe zu gönnen,“ fiel der Graf ein;„ach,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„dem ganzen Vaterlande wäre ſie zu gönnen.“ „Vaterland?“ frug der Obriſt verwundert,„ha⸗ ben Sie denn ein Vaterland?“ „Ich glaube wir haben ein und daſſelbe,“ lächelte der Graf;„in dem ſchönen Thale der Lvire bin ich geboren und verlebte da die ſchönſten Tage meiner Kindheit.“ „Sehen Sie einmal,“ ſprach Camille brummend, „ich glaubte Sie hätten Ihre Heimath ganz vergeſſen, weil Sie dieſelbe ſo viele Jahre beiſeit liegen ließen.“ „Mein Herz war immer daſelbſt,“ verſicherte Brienne. „Mein guter Bruder,“ ſprach in ſanftem und ſcherzendem Tone der Bangquier, der ſchon wieder 127 fürchtete, das Geſpräch möchte eine unangenehme Wen⸗ dung nehmen,„von Dir kann man faſt daſſelbe ſa⸗ gen, wie von dem Herrn Grafen, auch Du biſt bei den fortwährenden Feldzügen nur wenig in die Hei⸗ math gekommen.“ „Und wie viele,“ ſeufzte der Graf,„find aus der mörderiſchen Campagne gar nicht wiedergekehrt.“ „Sind glücklicher als wir,“ fuhr der Obriſt brum⸗ mend fort,„wünſcht', ich läge auch draußen, hätt' ich die Schmach nicht erlebt, die Koſaken in Frankreich zu wiſſen.“ „Dafür ſind wir auch dem Frieden um ſo nä⸗ her,“ tröſtete der Banquier. „Der Satan hole einen Frieden,“ fuhr Camille auf,„den der Ausländer dietirt!“ Henriette, welche die gute und ſchöne Wirthin machte, ſchwebte wie eine Hebe auf und nieder. Der Graf fixirte ſie mit glühenden Blicken; auch der Obriſt blickte mit großem Wohlgefallen zu dem reizenden Mädchen auf. „Sag mir nur, Henriette,“ begann er in gutmü⸗ thigem Tone,„warum Du Dich eigentlich haſt Hen⸗ riette taufen laſſen. Ich ſtack damals in Welſchland, ſonſt hätt' ich's nicht zugegeben; da mußteſt Du Na⸗ polevne heißen. Das iſt ein Name für ein hübſches franzöſiſches Kind, und nicht das alberne Henriette, das mich allemal an jenen Heinrich Nummer Vier er⸗ innert, dem Urahn der löblichen Bourbonen.“ „Aber mein Bruder,“ gegenredete der Banquier, „der Name Heinrich der Vierte hat einen ſo guten Klang in Friſltreich⸗ daß ihn jeder Franzoſe nur mit Liebe und Verehrung nennt.“ „Ja doch,“ ſprach ärgerlich der alte Krieger,„aber ⸗ 128 die ſpätere Sippe hat mir den Urpapa verhaßt gemacht. Apropos, hat der Eugen geſchrieben?“ „Noch nicht, guter Onkel,“ erwiederte Henriette, „wir ſehen täglich einem Brief entgegen.“ „Wenn ich dieſen Jungen nicht hätte,“ ſprach Camille halblaut,„möcht' ich vom ganzen nichtsnutzigen Leben nichts wiſſen. Das iſt noch Blut vom ächten Schlage, ein Franzoſe wie er ſein muß. Zehntauſend ſolcher Jungen, das bischen alte Garde und den Na⸗ poleon davor, es käme kein Fremder ganzbeinig über den Rhein zurück.“ „Wir wollen nur den Himmel bitten,“ meinte der Graf,„daß der treffliche Jüngling in dieſem letzten verzweifelten Kampfe erhalten wird.“ „Nun, wenn er fällt,“ grollte Camille,„ſo iſt er für die Vertheidigung des Vaterlandes und auf deſſen heiliger Erde gefahen. Ich kenne nichts Schö⸗ neres; und es iſt tauſend Mal ehrenvoller, als ſich in Paris auf der faulen Bärenhaut zu wälzen.“ 3 Der Banquier, welcher aus Rückſicht für den Gra⸗ fen die letzten Worte ganz zu überhören ſchien, fuhr in beſorgtem Tone fort: „Mir iſt ſehr bange um Eugen, die Pflicht des Ordonnanzofficiers führt ihn auf die gefährlichſten Punkte.“ „Auf die ehrenvollſten, willſt Du ſagen,“ fiel der Obriſt ein. „Ich möchte wiſſen,“ ſprach der Graf,„wie viele herrliche Jünglinge Frankreich in den fortwährenden Kriegen eigentlich verloren hat. Wenn man,“ fuhr er fort,„den Krieg aus dieſem Geſichtspunkte betrach⸗ tet, fällt allerdings, man mag ſagen, was man will, eine große Verantwortlichkeit auf Bonaparte.“ Der Banquier erblaßte. 129 „Wie nannten Sie den Kaiſer Napoleon?“ frug Camille und begann an allen Gliedern zu zittern. „Du mußt wiſſen, mein guter Bruder,“ fiel Normand ſchnell ein,„daß der Herr Graf Seine Majeſtät den Kaiſer gern als General Bonaparte ſich denkt, wo er in Italien wie ein Gott ſiegend ein⸗ hertrat und die Bewunderung Europa's auf ſich zog.“ „Ich habe mich an den Namen Napoleon nie gewöhnen können,“ ſprach der Graf. „Da ſind Sie wohl ein Stück Republikaner, ein Ideologe?“ frug ſpitz der Obriſt. „Wohl kaum,“ verneinte der Gefragte lächelnd. „Laſſen wir das Politifiren,“ ſprach der Banquier freundlich,„man weiß in der That nicht, wo einem heutzutage der Kopf ſteht vor lauter Politik. Hen⸗ riette, ſpiel' uns ein paar Arien aus dem Tankred. Der Roſſini iſt auch eine Art Gott mit ſeinen be⸗ zaubernden Melodien.“ „O mein Fräulein,“ ſprach der Graf aufſtehend und das erröthende Mädchen galant zum Flügel führend,„auch ich vereinige meine Bitte mit der Ihres Herrn Vaters; ich bitte, erfüllen Sie dieſelbe.“ Henriette ſträubte ſich anfangs; als aber Brienne nicht nachließ, ſie mit ſüßen Schmeichelworten zu be⸗ ſchwören und auch die Noten ſchon aufgeſchlagen hatte, ſetzte ſie ſich an das Pianoforte und ließ die kleine weiße Hand lieblich über die Taſten gleiten. „Was da, Singſang,“ brummte der Obriſt, der ſich ebenfalls mit ſeinem Stelzfuße erhoben hatte, „einen Marſch ſpiele; den von Spontini aus dem Cortez, da iſt Kraft darin, wir ſind oft darnach marſchirt.“ Henritte, welche die Worte des Onkels überhört Stolle, ſämmtl. Schriften. XI. 9 430 hatte, begann das Präludium zu der Arie:„Ti tanti palpiti“ und trug die Piege mit vieler Anmuth vor. Normand ging, ſich vergnügt die Hände reibend, leiſe auf und ab. Er war doppelt froh. Erſtens hatte er die beiden politiſchen Gegner auf ein fried⸗ licheres Feld verlockt, und dann war es ihm ſehr angenehm, daß ſeiner Tochter Gelegenheit ward, ſich dem Grafen als fertige Pianiſtin und anmuthige Sängerin zu zeigen. Camille hatte die Augen zugedrückt und leiſe mit dem Kopfe nickend, ſchien ihm der Geſang ganz wohl zu behagen, während der Graf kein Auge von der reizenden Sängerin verwandte. „Ueberirdiſch ſchön,“ betheuerte Brienne, als das Mädchen geendet, und drückte ehrfurchtsvoll eine ih⸗ rer Hände an ſeine Lippen. „Nicht übel,“ brummte der Obriſt;„aber jetzt ſpiel' einen Marſch; den aus dem Cortez von Spon⸗ tini.“ Der Graf blätterte in dem Muſikalienſtoße nach dieſem Muſikſtück. „Du kannſt ihn wohl auswendig,“ meinte Nor⸗ mand. „Ich will es verſuchen,“ ſprach die Pianiſtin, zog Forte und gab das brillante Tonſtück mit vielem Feuer zum Beſten. Camille ſtampfte wohlgefällig den Takt mit ſeinem Krückenſtocke, was eben keine harmoniſche Begleitung abgab. Henriette war noch nicht zu Ende, als die Fenſter zu klirren begannen, und ein Regiment Kaiſergarde, das eben in's Feld zog, mit ihren raſſelnden Tamhours in die Gaſſe einbog. Alles eilte an's Fenſter und ſchaute hinaus. 134 Die vorübermarſchirenden Grenadiere erkannten alsbald ihren alten Führer. „Guten Tag, Colonel!“ riefen die erſten Glieder, „guten Tag, Colonel!“ dröhnte es alsbald die ganze Straße entlang. Ein Sergeant-Major pflanzt zum Zeichen des Grußes die Bärmütze auf das Bayonnet, die andern folgten und bald ſchwebten aller Mützen auf den Bayonnetten. Dem bejahrten Camille liefen ununterbrochen die Thränen ob dieſer Huldigung über die Wangen. Er ward nicht fertig mit freundlichem Danken. „Ihr Glücklichen,“ ſeufzte er,„wer mit Euch könnte.“ „Pflege ohne Sorgen Deine Wunden, braver Colonel,“ rief ein alter Grenadier von Marengo, „die Koſacken ſollen Dich nicht ſtören! Wir laſſen ſie nicht nach Paris.“ „Das gebe der Himmel,“ ſprach der Banguier, der neben dem Obriſten ſtehend, ſich ſelbſt nicht wenig geſchmeichelt fand und für den Angenblick ganz kai⸗ ſerlich dachte. Ein alter Republikaner, der als Capitain finſter neben ſeiner Compagnie dahin ſchritt, erkannte zu⸗ fällig den Grafen Brienne, der aus einem zweiten Fenſter hinabſchaute. „A bas les royalistes!“ ſchrie der Capitain mit Stentorſtimme.„A bas les royalistes!“ antworteten im Donnertone die geſammten Grenadiere. Der Banquier, welcher im erſten Schrecken glaubte, es gelte ihm, fuhr wie der Blitz vom Fenſter zurück. Der Graf, der aus mehren empordrohenden Armen bald erkannte, daß das Gebrüll ihm gelte, verän⸗ derte etwas die Farbe; doch verließ er ſeine Stellung nicht. * Camille ſchrie aus Leibeskräften ein begeiſtertes „Vive l'empereur“ hinab, welches alsbald alle andere Rufe übertäubte. Die letzten Colonnen zogen vorüber. Alle kehr⸗ ten von den Fenſtern zurück. Camille war noch in großer Aufregung. „Ein ſchönes Regiment,“ ſprach er,„ich kenne es, wir dienten mit einander in Aegypten. Der Kaiſer hält viel darauf. In der Pyramidenſchlacht machte es reine Wirthſchaft unter den Mameluken. Aber die Royaliſten,“ ſetzte er lachend hinzu⸗„kann es doch nicht leiden. Ja, ich kenne dieſe Bärmützen. Wem das unbändige Pereat nur gelten mochte?“ Er warf dabei einen ſchadenfrohen Blick nach dem Grafen. Dieſer ſchien ihn nicht bemerken zu wollen, und früg ſo unbefangen wie möglich nach der Nummer und dem Obriſten des Regiments. „Es iſt das zweite der Gardegrenadiere,“ ant⸗ wortete Camille,„der Obriſt heißt Dupont, war ſonſt eifriger Conventsmann, und iſt jetzt dem Kaiſer mit Leib und Seele ergeben.“. „Die alten unbeugſamen Republikaner,“ bemerkte Brienne etwas ſpöttiſch,„haben ſich auch in Zeit und Umſtände zu ſchicken gewußt.“ „Wie recht und billig,“ fiel der Obriſt ein,„ſie haben ihre idevlogiſche Einſeitigkeit eingeſehen. Sie ſind mir immerhin lieber als die verrätheriſchen Per⸗ rückenſtöcke der Bourbons.“ „Mein Gott,“ ſeufzte der Banquier ärgerlich und unruhig,„jetzt geht der Tanz von Neuem los. Der Satan mußte dieſes alte Einbein gerade heute zu mir führen.“ Zu ſeinem großen Glück brachte ein Diener einen Brief an Camille. Da das Schreiben mit„preſſant“ 133 bezeichnet war, hatte man es unmittelbar nach ſeiner Ankunft dem Obriſten nachgeſendet. „Aha,“ rief dieſer freudig,„von meinem wackern Fain; hat doch Wort gehalten,“ und er machte ſich ſogleich an die Lectürs. Da das Schreiben Nachrichten von der Armee enthielt und zwar aus authentiſcher Quelle, indem der Cabinetsſecretair des Kaiſers, ein alter Freund des Obriſten, der Verfaſſer war, ſo bat der Banquier ſeinen Bruder inſtändig, das Wichtigſte aus dem Briefe mitzutheilen. „Ja, wer ſeine Brille nicht vergeſſen hätte,“ ſprach dieſer ärgerlich, alle Taſchen vergeblich durch⸗ ſuchend; endlich ungeduldig, reichte er das Schrei⸗ ben an Normand, damit er es vorleſe. Dieſer ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen und begann: 2„Troyes, den 4. Febr. 4814. „Mein theurer Freund! „Die erſten freien Augenblicke benutzend, theile ich Dir meinem Verſprechen gemäß, das Wichtigſte mit, was ſich ſeit unſrer Ankunft bei der Armee zu⸗ getragen. Der Kaiſer kam noch an demſelben Tage ſeiner Abreiſe von Paris Abends in Chalons an der Marne an. Die Annäherung des Feindes hatte auf unſerm Wege eine Art Betäubung erregt, die Napv⸗ leon's Ankunft ſogleich zerſtreute. Es iſt dies die gewöhnliche Folge, wo er in Perſon ſich zeigt. Bei jedem Pferdewechſel umringten Volkshaufen unſre Wagen. Die Männer, namentlich die Winzer aus Dormans, Chateau⸗Thierry, Epernay, zeigten ſich zum Theil als Nationalgarden bewaffnet. Tauſendfach er⸗ ſcholl der Ruf„es lebe der Kaiſer“; überall ſchien Vertrauen und Muth wiedergekehrt zu ſein. Doch 134⁴ entſinne ich mich auch von Einzelſt gehört zu haben:„Hinweg mit „Der Kaiſer nahm ſein O dem Präfecten. So wie ließ er Berthier und die Reggio, den Wäre und a fen. Zwanzig Jahre früht von Valmy ſich ſeinen Herzog Ebene wo unſre Bat Preußen kämpfen ſollen. Der kennt das Land vollkommen.. von hier gebürtig. Napolevn trih die ganze mit Einſammeln von Nachrichten zu, die ihm nöthig ſcheinen. Er erfährt, daß die große öſtreichiſche Armee unter Schwarzenberg, welche die Vogeſen herabgekom⸗ men iſt, mit ihrer Hauptmacht gegen Troyes vor⸗ 8 dringt. Sie treibt das Corps der alten Garde un⸗ ter dem Herzoge von Treviſo vor ſich her. Dieſer vertheidigt Fuß für Fuß das Terrain. Gleichwohl ſchwebt Troyes in dringender Gefahr. „Von preußiſcher Seite iſt Blücher durch Lothrin⸗ gen gedrungen. Er hat Saint-Dizier eingenommen und rückt gegen die Aube vor. „Der Herzog von Viecenza hat mitten unter den großen Truppenbewegungen mit ſeinen Friedensvor⸗ ſchlägen zum Hauptquartier der Alliirten nicht gelan⸗ gen können. Er hat vierzehn Tage bei den Vorpo⸗ ſten verweilen müſſen. Endlich hat er Briefe von Metternich erhalten, welcher ihm Chatillon als Ort der dipl omatiſchen Conferenzen bezeichnet. „Unſere ganze Armee war um Ftetene conz trirt. Unſere Vorpoſten ſtanden zu Vitry. Schon erſchienen die Flüchtlinge, welche Blücher vor 135 hertrieb auf den Straßen von Chalons. Sie treffen mit den Truppen, welche von Paris kommen, zuſam⸗ men. Alle die vereinzelten Corps, welche den Rhein von Hüninge is Cöln vertheidigt, finden ſich nach . zwanzig em Rückzuge auf den verſchiedenſten We⸗ gen auf ein und derſelben Ebene zuſammen, und i mee unter Napöleon. Sogleich ge Bewegung auf und Ordnung zurück. chließt, zuerſt ſich auf den Feind verfen, der ihm am Nächſten ſteht. Die ganze muß gegen Vitry vorrücken. Kellermann bleibt Chalons, um die Nachzügler zu vereinigen. Der Sieger von Valmy ſoll noch einmal die Engpäſſe theidigen. das Hauptquartier zu Vitry. Napoleon, ungeduldig, über die Bewegungen rings umher Kunde zu erhal⸗ ten, ſchickt auf allen Seiten nach Nachrichten aus. Kaum in Vitry angelangt, befragt er den Unterprä⸗ fecten, den Maire, Friedensrichter, den Ingenieur, die vornehmſten Perſonen der Stadt. Er läßt alle Landleute vor ſich, die nach der Stadt kommen, und befragt ſie. Obriſt d'Albe und Athalin müſſen auf Caſſini's Karte von Frankreich mit Nadeln all die verſchiedenen Punkte bezeichnen, wo ſich am Hori⸗ zonte feindliche Patrouillen haben blicken laſſen. „Die ganze Nacht ſind unſre Truppen marſchirt; Morgen, den ſiebenundzwanzigſten Januar, ſtößt n zum erſten Mal auf den Feind. Es iſt das Corps ruſſiſchen General Lanskvi, zur Blücher ſchen Ar⸗ nee gehörig. des Argonner Waldes und den Weg nach Paris ver⸗ „Den ſechsundzwanzigſten Januar befindet ſich zwanz „Der Feind verläßt Saint⸗Dizier; die Franzo⸗* 136 ſen ziehen wieder ein. Die Einwohner erholen ſich von ihrem Schrecken als ſie Napoleon in ihrer Stadt erblicken. Sie fallen wie anbetend vor ihm nieder. Die Menge trägt ihn bis in das Haus des Maire, das zu ſeiner Wohnung beſtimmt iſt. Der Enthu⸗ ſiasmus verbreitet ſich von Dorf zu Dorf. Ueberall graben die Bauern ihre Waffen aus, helfen den Feind aufſuchen, machen auf eigne Hand Gefangene, die ſie vor den Kaiſer bringen. „Zugleich erfährt Napoleon, daß ſich Blücher mit der Hauptarmee nach Brienne zu gewendet hat, um nach Troyes zu marſchiren und daſelbſt den Oeſtrei⸗ chern unter Schwarzenberg die Hand zu reichen. Die Arrieregarde ſei aber noch zurück. So hat des Kai⸗ ſers erſter, unerwarteter Marſch die eine feindliche Armee in zwei Theile geſchnitten. „Der Kaiſer faßt ſogleich den Entſchluß zur Ver⸗ folgung Blücher's. Die Armee iſt friſch und muthig, die Artillerie gut beſpannt und die Witterung ver⸗ ſpricht Froſt. Man erreicht nach einem ziemlich be⸗ ſchwerlichen Marſche durch die Wälder Merv. Das Hauptquartier wird bei dem alten General⸗Lieutenant Vincent eingerichtet, der ſeit mehren Jahren hierſelbſt zurückgezogen lebt.“ „Mein alter Freund Vincent,“ unterbrach Ca⸗ mille,„auch ein Aegyptier, wird ſich gefreut haben über die hohe Einquartirung. Weiter!“ „Der Kaiſer bringt die Nacht damit zu, die Ein⸗ wohner der Umgegend zu empfangen, die ihm Nach⸗ richten vom Feinde bringen. Sie langen aus allen Richtungen an.“ „Aber mein Gott,“ fiel Henriette in die Rede, „da heißt es immer, daß der Kaiſer des Nachts Er⸗ kundigungen einziehe. Wann ſchläft er denn?“ — 137 „Hat keine Zeit dazu,“ verſetzte, ob der Unter⸗ brechung unwillig, der Obriſt;„nur weiter, hoffent⸗ lich packt er die Preußen.“ „Aus den Berichten ergibt ſich,“ fährt der Vorle⸗ ſer fort,„daß ſich Blücher's Arrieregarde nur andert⸗ halb Meilen von ihm befindet. Mit Tagesanbruch wird aufgebrochen. Beim Gehölz von Maizieres tref⸗ fen Milhaud's Küraſſiere auf den Feind. Er wird vertrieben. Der Pfarrer des Dorfes eilt Napoleon entgegen. Es iſt einer ſeiner ehemaligen Quartier⸗ meiſter aus der Kriegsſchule von Brienne; Napo⸗ levn nimmt ihn ſogleich zum Wegweiſer. Ruſtan muß abſteigen und ſein Pferd dem Pfarrer abtreten. „Wie ſehr wir indeß geeilt, war es Blücher doch gelungen, mit Schwarzenberg über Bar⸗ſür⸗Aube in Verbindung zu treten. Brienne wird von den Preu⸗ ßen ſtreitig gemacht, es kommt zu hitzigem Gefecht, welches erſt die Nacht beendet. „Die Finſterniß iſt undurchdringlich. Die Bivouaks der Franzoſen befinden ſich in den Ebenen von Brienne. Napoleon, nachdem er ſeine letzten Befehle ertheilt, reitet die große Allee, ihm aus ſeiner Ju⸗ gendzeit noch wohlbekannt, entlang. Er war nur wenige Schritte vor ſeinen Adjutanten. Der Obriſt Gourgaud kommt ihm entgegen und erſtattet Bericht über die Linie der feindlichen Vorpoſten. Die Ge⸗ nerale von des Kaiſers Haustruppen, in ihre Män⸗ tel gehüllt, halten in einiger Entfernung. Nur der Schein einiger Fackeln beleuchtet in unbeſtimmten Um⸗ riſſen die ganze Gruppe. Da bricht plötzlich in näch⸗ ſter Nähe ein furchtbares Hurrah los. Der General Dejean wird durch einen Lanzenſtoß verwundet. Er zieht ſeinen Säbel, ſtürzt auf ſeine Angreifer los und ruft„Koſacken!“ Der Ruſſe läßt von ihm ab und — 138 ſprengt auf einen Reiter von mittler Statur, der in einen grauen Ueberrock gekleidet, ſo eben den Degen zu ſeiner Vertheidigung zieht. Im Augenblicke wirft ſich Corbineau dazwiſchen, Gourgaud desgleichen, in⸗ dem er den verwegenen Aſiaten mit einem Piſtolen⸗ ſchuſſe zu Napoleon's Füßen niederſtreckt. Die Be⸗ deckung eilt herbei und die Koſacken zerſtieben wie Nachtgeſpenſter nach allen Seiten. „Am andern Tage haben Blücher und Schwarzen⸗ berg ihre Vereinigung zu Stande gebracht, und am einunddreißigſten Januar rücken die beiden combinir⸗ ten Hauptarmeen vor, und bieten in der Ebene von Brienne und Bar⸗ſür-Aube die Schlacht an. Unſre funfzigtauſend Mann haben wenigſtens hunderttauſend Mann zu bekämpfen. „Die Schlacht wurde am erſten Februar geſchla⸗ gen. Die junge Kaiſergarde befand ſich im Centrum beim Dorfe la Rothiere. Ihr gegenüber ſtanden die auserleſenſten Truppen von Blücher und Schwarzen⸗ berg, mit ſammt den ruſſiſchen Garden. Hier com⸗ mandirt Napoleon und hier wird am Erbittertſten ge⸗ fochten. „Die Nacht endet das Gefecht; unſre Armee be— findet ſich faſt in derſelben Stellung, die ſie am Morgen inne gehabt hat, doch den Sieg haben wir nicht davon tragen können. Der Feind hatte eine entſchiedene Ueberlegenheit. Der Kaiſer befiehlt den Rückzug nach Troyes.“ „Den Rückzug?“ frug Camille ärgerlich mit dem Fuße ſtampfend. „Allerdings,“ ſprach der Banquier,„die Angelegen⸗ heiten ſtehen demnach nicht eben günſtig; mit einer gewonnenen Schlacht ſollte der Kaiſer den Feldzug er⸗ öffnen; die quaſi verlorne Schlacht wird böſes Blut machen.“ Auf des Grafen Geſicht erglänzte bei dem letzten Theil des Briefs unverholne Freude. „Lies weiter,“ befahl der Obriſt mürriſch. „Das Schreiben iſt ziemlich zu Ende,“ bemerkte der Banquier,„und enthält nichts Politiſches mehr.“ „Wirſt Du weiter leſen!“ rief Camille zornig. „Ein ſeltſames Spiel des Schickſals,“ fuhr jener leſend fort,„war es, daß Napoleon an demſelben Orte, wo er ſeine erſten kriegswiſſenſchaftlichen Studien ge⸗ macht, das Vaterland gegen halb Europa vertheidigen mußte. Trotz dem, daß er mit Geſchäften überhäuft war, ſahen wir ihn mehre Mal in dem Parke der ehe⸗ maligen Militairſchule einſam auf⸗ und abgehen. Er gedachte der Vergangenheit, wie er hier als Knabe, in Träumen verloren, unter dieſen Bäumen gewandelt. Welch glänzendes Stück Weltgeſchichte lag dazwiſchen. Er entſann ſich noch genau aller Localitäten von Brienne. Die Zerſtörung rings umher betrübt ihn auf das Tiefſte. Am Abend, als er allein auf ſeinem Zimmer iſt, entwirft er Pläne zur Verſchönerung der Stadt. Sie ſoll ein kaiſerlicher Reſidenzort werden. An die unglücklichen Bewohner ertheilt er große Summen aus ſeiner Privatſchatulle.“ Der Vorleſer machte hier eine Pauſe. Der Obriſt ſaß noch horchend da. „Iſt's zu Ende?“ frug er. „Nur über Eugen ſchreibt Barvn Fain noch“ fuhr der Banquier fort,„daß ſich derſelbe überall rühm⸗ lichſt ausgezeichnet und der beſondern Gunſt des Kai⸗ ſers ſich zu erfreuen habe. Nun aber iſt's rein aus. Der Briefſchreiber wiederholt ſein Verſprechen, bal⸗ digſt über die Begebenbeiten wieder Nachricht zu ge⸗ 1d— ben und wünſcht Dir alles Glück und allen Se⸗ gen.“ Der Obriſt ſaß lange in Gedanken bertieft und auf ſeinen Stock geſtützt. „Es möchte Alles ſein,“ ſprach er endlich ſeuf⸗ zend,„aber der Rückzug, der Rückzug!“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und empfahl ſich ohne große Complimente. Denn er hatte jetzt nichts Eiligeres zu thun, als die erhaltenen Depeſchen eini⸗ gen gleichgeſinnten Freunden mitzutheilen. „Gott lob, daß er geht!“ ſprach der Banguier, und zum Grafen Brienne gewendet:„Sie ſehen, mein verehrter Herr Graf, an dieſem alten Haudegen, was die Revolutivn und das Kaiſerreich für beſondere ODriginale hervorgebracht hat. Erkennt man da die alten Franzoſen wieder, die ehedem an gutem Ton und feiner Sitte ganz Europa zum Muſter dienten?“ „Allerdings,“ geſtand der Graf zu,„und es wird Zeit, daß wir wieder zurückkehren. Doch kann dies nur unter unſern angeſtammten Königen geſchehen.“ „Nun,“ bemerkte lächeld Normand,„die Nachrichten haben uns dieſem Ziele um Vielesen her gebracht.“ „Wir wollen es hoffen,“ ſprach der Graf nachſin⸗ nend,„doch kann dieſer erſte Sieg der Verbühdeten der guten Sache auch ſehr ſchädlich werden.“ Der Banquier blickte fragend auf. Brienne fuhr fort: „Nach meinen neueſten Nachrichten,“ ſprach er, „iſt ein abermaliger Friedenscongreß in Chatillon zu⸗ ſammengetreten. Der friedliebende und bei Rußland ſehr beliebte Caulaincvurt befindet ſich daſelbſt von Seiten Bonaparte's als Abgeordneter. Wenn die Sachen für den Corſen ſchlecht gehen, iſt es leicht 444 möglich, daß er nachgiebt, um nur ſeine Krone zu retten. Dem muß vorgebeugt werden. Noch dieſe Stunde muß ein neuer Agent an die in Chatillon befindlichen Diplomaten der Alliirten abgehen. Mit dem Corſen darf nicht Frieden geſchloſſen werden, um keinen Preis; es würde unſre Plane auf Jahre lang zu nichte machen. Entſchuldigen Sie daher, mein Herr, wenn mich jetzt höhere Pflichten zwingen, Ab⸗ ſchied zu nehmen. Es iſt kein Augenblick zu ver⸗ lieren.“ Mit dieſen Worten beurlaubte ſich der Royaliſt und indem er die erröthende Henriette nochmals mit einem Blumenregen von Galanterien überſchüttete, ver⸗ . ſprach er baldige Wiederkehr. Der Banquier gab mit äußerſter Devotion dem Davoneilenden das Geleit bis zur Hausthür. Als er zu Henrietten zurückkehrte, ſprach er: „Wenn der nicht Miniſter wird unter Ludwig dem Achtzehnten, will ich nicht Normand heißen; das iſt ein Franzoſe, wie er ſein muß.“ „Gewiß,“ geſtand Henriette zu,„der Graf iſt ſehr liebenswürdig.“ „Es freut mich, meine Tochter,“ fuhr der Vater fort,„daß Du das auch findeſt; und wenn mich nicht Alles trügt,“ ſetzte er mit ſchlauem Lächeln hinzu, „ſcheint er auch Dich nicht unliebenswürdig zu finden.“ Das Mädchen wandte ſich erröthend ab. Der Banguier aber, ſeine Tochter im Geiſte ſchon als die Frau des Miniſters erblickend, eilte auf ſie zu, drückte einen vielſagenden Kuß auf die ſchöne Stirn und ver⸗ ließ, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, das Zimmer. Zweites Rapitel. DB General Carnot, der beſtallte Befehlshaber des wichtigen Punktes von Antwerpen, ſtand im Begriff von Paris abzureiſen. Die Häupter der republicani⸗ ſchen Partei waren zum Abſchied bei ihm verſammelt und baten um Verhaltungsregeln für die nächſte Zu⸗ kunft. 8 „Was ich Euch oft wiederholt habe,“ ſprach Car⸗ not,„Patriotismus und geſunde Politik verlangen unwiderruflich, daß ſich jeder brave Franzoſe, welche politiſche Geſinnungen er haben mag, eng an den Kaiſer ſchließt und ihn in gegenwärtigem Kampfe nach Kräften unterſtützt. Iſt ein Mann in Frank⸗ reich, der das Vaterland gegen den Fremdling zu retten vermag, ſo iſt es Napolevn. Dieſer Mann iſt ietzt kein Eroberer, ſondern ein hochherziger Verthei⸗ diger unſrer politiſchen Unabhängigkeit. Nicht er iſt jetzt unſer Feind, ſondern die royaliſtiſche Propaganda, welche fortwährend bemüht iſt, Frankreich an das Ausland und die Bourbonen zu verrathen. Ihre Pläne und Machinationen nach Möglichkeit zu zerſtö⸗ ren, ſei Eure angelegentlichſte Pflicht. Uebrigens ſeid einträchtig, und wie ſich die Verhältniſſe geſtalten mögen, compromittirt Euch nicht durch zu frühzeiti⸗ ges und unüberlegtes Handeln. Ich gehe jetzt, ein wichtiges Thor von Frankreich zu vertheidigen. Ich hoffe, das Vertrauen des Kaiſers, das er mir durch Uebergabe dieſes wichtigen Poſtens bewies, zu recht⸗ fertigen. Unterhaltet mich regelmäßig über Alles in Kenntniß, was hier vorgeht. Bin ich auch fern von Paris, werde ich im Geiſte unter Euch ſein. 14⁴3 „Ich weiß es,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „ſelbſt Lafayette iſt ſo verblendet, lieber ſeinen libe⸗ ralen Ideen nachzuhangen, als an das einzige Wahre, was Noth thut, die Befreiung des vaterländiſchen Bodens von dem Ausländer zu denken. Ahmt ihm nicht nach, ſondern unterſtützt den Kaiſer mit allen Kräften, und am Allerwenigſten intriguirt jetzt gegen ihn. Napoleon ſoll nicht ſagen, daß, während er heldenhaft das Vaterland vertheidigt, die Republika⸗ ner ihn verrathen hätten. Lebt wohl, Gott befohlen!“ Er reichte jedem der Anweſenden die Hand und entfernte ſich. Die Republikaner bleiben noch eine Zeit lang beiſammen. 3 „Carnot hat Recht,“ begann nach einigem Still⸗ ſchweigen der alte Margot, ein unerſchütterlicher Re⸗ publikaner;„den Royaliſten müſſen wir ein Bein ſtellen, wo wir können. Es iſt grauſenerregend, wie dieſes Volk wieder ungeſcheut die Köpfe emporſtreckt. Wenn das ſo fort geht, erlebe ich's, daß die verru⸗ fene Zeit des funfzehnten Ludwig's wiederkehrt. Der alte Adel, mit ſeiner feudaliſtiſchen Arroganz, ſchießt bereits wie Pilze in die Höhe und auch die Pfaffen haben neuen Muth bekommen und ſchleichen ungeſcheut als Wölfe in Schafskleidern umher. Wenn Napoleon ſeinem Schickſale anheimfällt und untergeht, ſollen doch wenigſtens die dicken Bourbonen nicht an ſeine Stelle kommen.“ „Mir ſind ſchon Fälle bekannt,“ fiel ein Zweiter ein,„daß es die ſaubern aus der Emigration heim⸗ gekehrten Cavaliere da anfangen, wo ſie es vor der Revolution gelaſſen haben. Anſtatt ſich dem Vater⸗ lande, das ſie wieder in ſeinem Schvoße aufgenom⸗ men hat, dankbar zu erweiſen, vertreiben ſie ſich die Zeit, die jungen Frauen und Mädchen der Haupt⸗ 14⁴ ſtadt zu verführen. Die Pfaffen ihrer Seits bleiben auch nicht urück und bearbeiten die Gewiſſen, je nachdem es für ihren Kram paßt. Seit Napoleon gezwungen ward, den Papſt frei zu laſſen, iſt ihr Be⸗ nehmen anmaßender und frecher denn je.“ „Nein,“ rief ein Dritter,„wenn auch der Napo⸗ leon, der ſich an unſrer Freiheit verſündigte, verdien⸗ termaßen zu Grunde geht: nur keine Bourbonen. Dann wäre das ſeit einem Vierteljahrhundert ver⸗ floſſene Blut und die Ströme von Thränen vergebens gefloſſen.“ „Nur keine Bourbonen,“ riefen einſtimmig die Verſammelten und man ging mit dem feſten Vorſatze auseinander, daß Jeder das Seine beitrage, den Plänen der royaliſtiſchen Partei mit allen Kräften entgegen zu arbeiten. Drittes Rapitel. Der Graf Brienne, ſo wie er den Banquier verlaſ⸗ ſen hatte, begab ſich unverweilt zu dem Italiener Franzescv. Dieſer war eben beſchäftigt, eine kleine Sammlung ſchöner weiblicher Portraits zu ordnen. „Ah, mein Graf,“ rief er dem Eintretenden ent⸗ gegen,„wie weit ſind die Belagerungsarbeiten vorge⸗ rückt bei der ſchönen Henriette? Ich muß geſtehen, Ihr verrathet einen Geſchmack, der Heinrich dem Vier⸗ ten zur Ehre gereichen würde. Doch welcher Lohn wird mir, wenn ich Euch auf eine noch reizendere Blume der hieſigen Bourgeviſie aufmerkſam mache? 14¹5 Ein Kind zum Küſſen, zwar gegenwärtig ein wenig blaß, aber es bedarf nur eines ſo edeln Ritters wie der Graf von Brienne, um die Roſen der Wangen wieder blühend zu machen.“ „Ich komme ig wichtigeren Angelegenheiten,“ er⸗ wiederte ernſt der Graf.„Bonaparte hat eine Schlacht verloren und der Congreß von Chatillon iſt zuſam⸗ mengetreten.“ „Und was weiter?“ frug der Italiener in gleich⸗ müthigem Tone. „Was weiter?“ ſprach der Graf empfindlich,„ich ſollte meinen, dieſe Nachricht wäre von der Art, unſre ungetheilte Aufmerkſamkeit und Wachſamkeit in An⸗ ſpruch zu nehmen.“ „Allerdings,“ replieirte Franzescv,„iſt dies auch geſchehen. Wir brauchen vor der Hand ohne Sorge zu ſein. Der Fürſt von Benevent hat geſtern die beruhigendſten Nachrichten darüber von Armand Po⸗ lignac erhalten. Die Friedensbedingungen, welche die Commiſſarien der Verbündeten ſtellen werden, ſind der Art, daß ſie Bonaparte nimmermehr unterzeichnet. Man hat ſie noch kürzer gefaßt als zu Frankfurt. Dort war noch von den ſogenannten natürlichen Grenzen Frankreichs, den Alpen, Pyrenäen und dem Rheine die Rede. In Chatillon iſt man von dieſer thörichten Großmuth zurückgekommen. Man verlangt Antwerpen, Belgien und überhaupt, daß Frankreich in ſeine alten Grenzen unter den Königen zurückkehre. Nun müßte man nicht den Corſen kennen; ehe der ſich zu ſolchen Abtretungen verſteht, kämpft er lieber bis auf den letzten Mann.“ „Die unermeßlichen Armeen der Verbüendeten,“ meinte der Graf,„haben ihm das Meſſer nur zu ſehr an die Kehle geſetzt. Um ſeine eigne Haut zu ret⸗ Stolle, ſämmtl. Schtiften. XIII. 10 46 ten, was kümmert ihn ein ſo großes Stück von Frank⸗ reich.“ „Es kam dies Alles,“ erwiederte der Italiener, „geſtern bei Talleyrand zur Sprache. Der Fürſt aber lächelte und blieb ruhig. Drum können wir es auch ſein; der alte Fuchs muß dieſe Aügelegenheiten beſſer verſtehen, als wir.“ Der Graf betrachtete jetzt die weiblichen Portraits genauer. „Eine höchſt liebenswürdige Gallerie,“ ſprach er mit vielem Wohlgefallen. „Und größtentheils Griſetten,“ bemerkte Fran⸗ zescv,„ſollte man glauben, daß unter der Canaille ſolch' hübſche Blumen blühen!“ Der Graf war ganz im Anſchauen der Bilder verſunken. Er betrachtete eins nach dem andern. Der Italiener ſtand auf und trat an ſein Bu⸗ reau, aus dem er ein Mahagonikäſtchen hervorzog. „Ihr nennt dieſe Kinder liebenswürdig,“ ſprach er,„und mit Recht, aber was ſagt Ihr hierzu?“ Mit dieſen Worten hielt er dem Grafen einen en miniature gezeichneten Mädchenkopf vor, den er mit vieler Sorgfalt aus dem Mahagonikäſtchen genommen hatte. „Welch ein Engel!“ rief der Graf begeiſtert; „Franzesco, wo lebt das Original?“ „Nicht weit von hier,“ antwortete der Italiener mit ſchlauem Blick. „Wer iſt ſie?“ fuhr jener aufgeregt fort. „Personne,“ zuckte der Gefragte mit den Achſeln; „zur Eroberung dieſer Helene wird es nicht zehn Jahre bedürfen.“ „Ihr kennt ſie?“ frug der Graf feurig;„Fran⸗ cescv, Ihr müßt mich mit dem Mädchen bekannt machen.“ „Das dürfte nicht ſchwer halten,“ meinte der Italiener,„obgleich die Familie wie eine Schnecke in ihrem Hauſe zurückgezogen lebt. Der Papa iſt dermalen abſens, vielleicht ſchon in die Ewigkeit ſpe⸗ dirt. Es iſt blos eine Mutter da, die ihr ſchüchter⸗ nes Küchlein mit vieler Sorgfalt vor der böſen Welt verborgen hält. Doch gibt es Mittel, ſie aus ihrem Verſtecke hervorzutreiben.“ Der Graf erkundigte ſich genauer und Franzesco erzählte: „Es iſt die Tochter des entwiſchten Miniſterial⸗ ſecretairs Laroſe, heißt Valerie und zählt achtzehn Frühlinge. Das Portrait iſt täuſchend ähnlich; ein guter Freund zeichnete es in der Soirée der Gräfin St. Amand, wo das Kind gegenwärtig war.“ „Ihr müßt mich einführen,“ entſchied ſchnell der Graf. „Warum nicht?“ meinte dieſer,„Ihr werdet in Paris wenig bei dem Mädchen reuſſiren. Der junge Eugen Normand hat ſich ebenfalls in das hübſche Ding vergafft; der kann alle Tage da ſein, iſt im Stande, die Griſette zu heirathen und Euch Hals und Beine zu brechen.“ „Ich entführe ſie nach meinem Schloſſe an der Lvire;“ rief der Graf ſchnell entſchloſſen. „Das ließe ſich hören,“ meinte der Italiener; „Eure Beſitzung iſt für ſolche romantiſch⸗chevalereske Abenteuer wie geſchaffen.“ „Aber wie das Mädchen von hier wegbringen?“ frug der Graf. „Dafür laßt mich ſorgen,“ erwiederte Franzescv. „Zwar hat die Sache einige Bedenklichkeiten; aber ich hoffe, es ſoll gelingen. Ich werde die Polizei als Popanz vorſ ſchützen und der Mutter und Tochter 10* 148 tüchtig einheizen. Ihr ſpielt alsdann den edlen Men⸗ ſchenfreund und bietet den Bedrängten ein ſichres Aſyl auf Euern Gütern an.“ „Der Tochter recht gern,“ ſprach der Graf,„aber die Frau Mama, was ſoll dieſe?“ „Ja,“ meinte achſelzuckend der Italiener,„ohne dieſes allerdings beſchwerliche Appendix wird es nicht abgehen. Indeß,“ fügte er tröſtend hinzu,„iſt Frau Laroſe die ſchöne Mutter einer ſchönen Tochter.“ Der Graf war wieder in Anſchauung von Vale⸗ rien's Portrait verſunken. „Es bleibt dabei,“ rief er,„Franzescv, Ihr ver⸗ ſchafft mir das reizende Kind, und ich bleibe Euch ewig verpflichtet.“ „Vor allen Dingen muß uns daran gelegen ſein,“ ſprach der Italiener,„die Sache ſo geheim als mög⸗ lich zu betreiben. Abſonderlich darf Niemand den neuen Aufenthalt ahnen. Auch der junge Montmo⸗ rency gehört unter die Anbeter Valerien's und könnte beſchwerlich werden.“ „Dieſer wird als Agent an den Hof Ludwig's geſchickt,“ entſchied ſchnell der Graf. „Ganz gut,“ ſprach Franzesco,„dann iſt an ei⸗ nem glücklichen Ausgange des Unternehmens nicht zu zweifeln.“ „Herrlich, herrlich,“ rief Brienne, entzückt auf⸗ und abſchreitend,„die Zeiten des großen Ludwig's kehren wieder, wo dergleichen Abenteuer zu unſern Privilegien gehörten.“ „Für das Mädchen wird ſich mit der Zeit ein nachſichtiger Bräutigam finden,“ meinte der Italiener. „Parole d'honneur,“ ſprach der Graf,„ich werde honnet an der Dirne handeln. Sie ſoll ſich nicht zu beklagen haben. Doch ſtill, man kommt.“ 119 Die Thür that ſich haſtig auf und der Ritter Leon trat mit verſtörtem Geſichte herein. „Beim Himmel, Herr Ritter,“ frug der Graf, „was iſt Euch?“ „Das Schlimmſte,“ entgegnete dieſer, ſich ver⸗ zweifelnd in einen Seſſel werfend,„ſo eben iſt die Nachricht gekommen, daß der Frieden unterzeichnet iſt.“ „Ha,“ rief der Graf in ſprachloſem Erſtarren. „Blinder Lärm,“ lächelte Franzesco ungläubig. „Talleyrand,“ fuhr der Ritter fort,„ſoll in Ver⸗ zweiflung ſein, und im Begriff ſtehen, Frankreich zu verlaſſen.“ .„Für dieſen Fall,“ rief der Graf in großer Auf⸗ regung,„können wir alleſammt die Koffer packen; wir ſind bereits zu ſehr compromittirt und Alle ver⸗ loren, wenn der Corſe am Ruder bleibt.“ Franzesco erkundigte ſich nach dem Näheren. „Die Sache iſt ſehr einfach,“ erzählte dieſer,„die unglückſelige Schlacht von Brienne iſt an Allem ſchuld. Bonaparte hat ſeinem Unterhändler, dem Caulaincourt, Charte blanche geſchickt mit den Worten: „Bringen Sie die Unterhandlungen zu einem befriedigenden Ende, damit Paris gerettet und eine Schlacht vermieden wird, auf welcher meine letzten Hoffnungen be⸗ ruhen. „Caulaincourt,“ fuhr der Ritter fort,„hat nicht gezögert, von ſeiner Vollmacht Gebrauch zu machen. Vorgeſtern ſind die Präliminarien unterzeichnet wor⸗ den. Frankreich hat alle ſeit zwanzig Jahren ge⸗ machte Eroberungen und wir alle unſere Hoffnungen verloren. Der Tyrann iſt geblieben und unſre Köpfe ſchweben ſtündlich in Gefahr.“ O, meine ſchönen Träume,“ rief ſchmerzlich der 150 Graf,„wie ſchnell ſeid ihr verflogen! Iſt es denn wirklich Wahrheit, was Ihr geſprochen, Ritter?“ „Noch kann ich's nicht glauben,“ ſprach der Ita⸗ liener, eilig einen Mantel umwerfend;„ſollte ſich dieſer Talleyrand, dieſes geprüfte politiſche Wetterglas, ſo gänzlich getäuſcht haben? Binnen einer Stunde habe ich Gewißheit; ich eile zu Savary; noch hält er mich für einen ſeiner Satelliten. Dieſer muß Kunde haben.“ „Sorgt nur ſogleich für Päſſe,“ rieth Leon,„wir werden ſie nöthig haben. Beim Himmel, es iſt ent⸗ ſetzlich, die halbe Faubvurg Saint Germain muß die Flucht ergreifen! Sie trieb es die letzte Zeit auch zu bunt, ich hab es immer geſagt und der Corſe wird ein fürchterliches Gericht ergehen laſſen.“ Franzesev ergriff ſeinen Hut und entfernte ſich eiligſt. Die beiden royaliſtiſchen Chefs gingen noch geraume Zeit in Verzweiflung auf und ab, und be⸗ ſprachen die zu treffenden Rettungsmaßregeln. Die Gewitter hatten indeß nur gedroht und nicht gezündet. 3 Piertes Rapitel. Der Abend beginnt hereinzubrechen. In langen, dunkeln Colonnen zieht ſich die franzöſiſche Armee, nachdem ſie das Schlachfeld bei Brienne nicht zu be⸗ haupten vermochte, von Troyes auf der Straße nach; Paris zurück. Ein düſtres Schweigen herrſcht i 4. . dieſen ſonſt ſo ſieggewohnten Bataillonen. Bei der rauhen Januarluft tief in ihre Mäntel gehüllt, reiten die Marſchälle und Generäle ſtumm des Wegs dahin. Die Schlacht von Brienne, wo funfzigtauſend Fran⸗ zoſen mit altem Heldenmuthe gegen über einmalhun⸗ derttauſend Feinde vergebens kämpften; der darauf er⸗ folgte Rückzug hat ſehr niederſchlagend auf den Geiſt der Truppen gewirkt. Wo wird das enden? Wo werden wir anhalten? Dieſe dumpfen Fragen ver⸗ nimmt man ſogar von den Lippen ergrauter Grena⸗ diere. Eine ziemliche Strecke ſeinem Generalſtabe voraus, ganz für ſich allein, reitet mit ſorgenvoller Stirn der Kaiſer Napolevn. Seine getreue Falbe geht den ge⸗ wöhnlichen Schritt. Mehr wie irgend einer ſeiner Krieger, hat Er Urſache mit ſeinem Mißgeſchicke un⸗ zufrieden zu ſein. Er erkennt mehr wie irgend einer das unheildrohende Gewölk, das ſich ringsum zuſam⸗ menzieht, und weiß allein die Gefahr in ihrer ganzen Größe zu würdigen. F Die ankommenden Couriere bringen fortwährend die ungünſtigſten Nachrichten. Im Norden hat der Feind, unmittelbar nach dem Abmarſche des Herzogs von Tarent, Aachen und Lüttich beſetzt. Eine eng⸗ 6 liſch⸗preußiſche Armee blokirt Antwerpen. Indeß iſt Carnot noch zu rechter Zeit eingetroffen und hat das Commandy übernommen. Ein ruſſiſch⸗preußiſches Corps rückt in Flandern vor. Daſſelbe hat bereits Brüſſel beſetzt. Somit iſt Belgien verlpren. Die Briefe sus Paris und die Adjutanten des Herzogs von Tarent verkünden eine noch drohendere Gefahr. Blücher, der ſich bereits von Schwarzenberg wieder getrennt, rückt auf der großen Straße von Cha⸗ lons mit gewohntem Ungeſtüme auf Paris vvr. Be⸗ 152 reits hat er Chalons beſetzt und treibt Macdonald vor ſich her. Der Abend wird immer dunkler. Napoleon er⸗ reicht das kleine Dorf les Grés, wo er dieſe Nacht zu bleiben beſchließt. Das Hauptquartier wird auf⸗ geſchlagen. Der Kaiſer zieht ſich in ein einſames Gemach zurück, breitet die Charte der Champagne vor ſich aus, und ſtrengt alle Kraft ſeines Genies an, neue Operationen zu erſinnen, um ſeine rieſenhaften Feinde zurückzuſchlagen. In dieſem Augenblicke langen Depeſchen von Cha⸗ tillon an. Wie der Kaiſer befürchtet, die Verbündeten, auf die Schlacht von Brienne bauend, haben ihre Anfor⸗ derungen erhöht. Die Grundlagen der Frankfurter Friedensvorſchläge ſind zurückgenommen. Um Frieden zu erhalten, ſoll Napolevn auf Belgien und die Rhein⸗ provinzen verzichten, und Frankreich in ſeine Grenzen unter den Königen zurückkehren. Als der Kaiſer die Depeſchen geleſen, verfällt er in das düſterſte Stillſchweigen. Es nahen der Fürſt von Neufchatel und der Herzog von Baſſanv. Er reicht ihnen das Schreiben, welches Caulaincourt von Chatillon geſchickt hat. Als die Fürſten geleſen, erfolgt neues Stillſchwei⸗ 8 gen. Indeſſen hat Napoleon's Bevollmächtigter um ſchleunige Antwort gebeten. Die Verbündeten ver⸗ langen ſie kategoriſch und prompt. Der Courier war⸗ tet. Der Kaiſer geht lange in dem dürftigen Gemache auf und ab. „Ich gebe keine Antwort,“ entſcheidet er endlich, „dieſe Forderungen grenzen an Frechheit.“* Mit ängſtlichen Blicken folgen die beiden Fürſten dem auf⸗ und abſchreitenden Gebieter. Endlich wagt 153 es Berthier, den Kaiſer inſtändig zu bitten, der eiſer⸗ nen Nothwendigkeit nachzugeben. Maret thut daſſelbe. Mit thränenden Augen beſchwört ihn letzterer, die Bedingungen der Alliirten anzunehmen. Napoleon iſt endlich genöthigt, ſich zu erklären. „Wie,“ ruft er mit Heftigkeit,„Sie können mir rathen, einen ſolchen Vertrag zu unterzeichnen? Soll ich meinen Eid, die Integrität des Gebiets der Re⸗ publik zu behaupten, mit Füßen treten? Unerhörte Unglücksfälle haben mir das Verſprechen entreißen kön⸗ nen, auf die von mir gemachten Eroberungen zu ver⸗ zichten; aber auch die hinzugeben, die vor mir ge⸗ macht wurden, das Unterpfand zu verletzen, das mir mit ſo vielem Vertrauen übergeben worden iſt; zum Lohn für ſo viele Anſtrengungen, ſo vieles Blut und ſo viele Siege, Frankreich kleiner zu hinterlaſſen, als ich es gefunden habe? Nimmermehr! Könnte ich es ohne Verrath oder Feigheit? Sie ſind in Furcht vor der Fortſetzung des Kriegs und ich bin es vor gewiſſen Gefahren, die Sie nicht ſehen. Wenn ich auf die Rheingrenze verzichte, weicht Frankreich nicht blos zurück, ſondern Oeſtreich und Preußen rücken vor. Frankreich bedarf des Friedens, aber der, wel⸗ chen man ihm auferlegen will, iſt ſchlimmer und wird mehr Unglück bringen als der erbittertſte Krieg! Den⸗ ken Sie daran. Was werde ich für die Franzoſen ſein, wenn ich ihre Demüthigung unterzeichnet habe? Was werde ich den Republikanern im Senate ant⸗ worten können, wenn ſie ihre Barrieren am Rhein von mir zurückverlangen? Der Himmel bewahre mich vor ſolchem Schimpfe! Antworten Sie Caulaincvurt, weil Sie es wollen; aber ſagen Sie ihm, daß ich die⸗ ſen Traktat verwerfe. Lieber will ich mich den här⸗ teſten Zufällen des Kriegs ausſetzen!“ * 15⁴ Nach dieſer heftigen Bewegung wirft ſich Napo⸗ leon auf ſein Feldbett. Der Herzog von Baſſano bleibt bei ihm und bringt einen Theil der Nacht an ſeinem Bett zu. Er benutzt einen ruhigen Augen⸗ blick und erhält endlich die Erlaubniß, an den Herzog von Vicenza ſchreiben zu dürfen, daß ihm erlaubt ſei, die Unterhandlungen fortzuſetzen. uebrigens befiehlt Napolevn, daß man die Bedin⸗ gungen des Feindes nach Paris ſchicke; alle Mitglie⸗ der des geheimen Raths ſollen ſich verſammeln, damit jeder mit Gründen ſeine Stimme abgebe. In dem darüber aufgenommenen Protveolle ſollen ſorgfältig alle Meinungen geſammelt werden. Kaum hat ſich der Kaiſer einige Augenblicke Schlaf gegönnt, als neue Couriere von Paris anlangen. Die ganze Hauptſtadt iſt von Schrecken ergriffen. Blücher dringt unaufhaltſam gegen Paris vor. Mit fpreirten Märſchen kommt der kühne Feldherr von Chalons da⸗ her. Seine Avantgarde iſt bereits in Montmirail. Der Herzog von Tarent hat ſich mit ſeinem ſchwa⸗ chen Corps bis Laferté zurückgezogen. Ganz Meaur iſt ſchon mit franzöſiſchen Flüchtlingen erfüllt. Als der Herzog von Baſſano dieſe verhängnißvolle Depeſche geleſen, ſpringt Napoleon ſchnell vom Lager auf. Er läßt ſich die Charte bringen, überläuft ſie mit dem Zirkel in der Hand. Seine Stirn wird hei⸗ terer, ſeine Stimme volltönender. „Dieſer preußiſche Huſar,“ ruft er,„ſoll mir ſeine Verwegenheit theuer bezahlen. Herr Herzog von Baſſano, unſre Angelegenheiten ſtehen jetzt um hundert Prozent beſſer. Schreiben Sie Caulaincvurt, daß ich ſo eben beſchäftigt bin, Blüchern mit den Augen zu ſchlagen. Die Armee muß auf der Stelle aufbrechen; ich werde die Preußen morgen, ich werde ſie über⸗ morgen ſchlagen. Der Stand der Dinge hat ſich gänzlich geändert. Wir werden ſehen.“ Napoleon beſchloß, den Preußen in die Flanke zu fallen und unternahm das kühnſte Manöver in der ganzen Kriegsgeſchichte. Es gab keine Pvoſtſtraße für die Communication zwiſchen der großen Straße von Troyes, wo ſich die franzöſiſche Armee befand, und der Straße von Cha⸗ lons, auf welcher Blücher gegen Paris vordrang. Die weiten unwegſamen Ebenen der Brie trennen dieſe beiden großen Heerſtraßen von einander. Man rech⸗ nete von Nogent, wo das franzöſiſche Heer bivoua⸗ quirte bis zur Chaloner Straße ſechs ſtarke Meilen, eine Strecke, welche namentlich im Frühjahr ſelbſt für den Landmann nur mit größter Beſchwerlichkeit zu paſſiren iſt. Navoleon erkannte dieſe Unwegſamkeit für kein Hinderniß, ſeinen großen Plan auszuführen. Er befiehlt dem Herzog von Reggivo, die Bricke bei . Bray⸗ſür⸗Seine gegen die Oeſtreicher zu vertheidigen und ſie ſo lange als möglich von einem Uebergange über die Seine abzuhalten. Zugleich verbirgt er ſich mit dem Kerne der Armee hinter ſeiner Arrieregarde und wendet ſich mit Sturmeseile gegen die preußiſche Armee. Sein Heer hat auf dieſem, noch nie von einem disciplinirten Kriegsheer betretenen, außerordentlich unwegſamen Terrain mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Man iſt noch nicht lange marſchirt, als plötzlich die Avantgarde Halt macht. Die herbeiei⸗ lenden Adjutanten berichten, daß der Marſchall von Raguſa, welcher die Vorhut befehligt, mWeiternr⸗ ſchiren für unmöglich erklärt. „Impossible c'est un mot d'un fou,“ antwortet Napolevn ärgerlich und befiehlt vorzurücken. Der 156 Moraſt iſt undurchdringlich. Nach allen Seiten wer⸗ den Boten entſendet, um Pferde zu requiriren. Fünf⸗ hundert derſelben braucht man allein zum Fortſchaffen der Kanonen. Die Beſpannung wird verdoppelt und verdreifacht. So ſetzt ſich die Rieſenmaſchine wieder in Bewegung. Mit eiſerner Beharrlichkeit vollbringt endlich Na⸗ poleon dieſes außerordentliche Manöver, welches zu ſeinen größten Meiſterſtücken gehört. Am zehnten Februar iſt ihm die Flanke der ſchleſiſchen Armee völ⸗ lig Preis gegeben. Preußen und Ruſſen, ohne die geringſte Ahnung eines Angriffs, kommen des Wegs daher. Sacken führt den Vortrab, der ruſſiſche Ge⸗ neral Olſuffief folgt und Blücher ſchließt mit dem Hauptcorps. Alles iſt nur darauf bedacht, ſo ſchnell als möglich Paris zu erreichen. Man marſchirt mit ſorgloſer Eile und hat ſo große Zwiſchenräume zwi⸗ ſchen den verſchiedenen Heeresabtheilungen gelaſſen, daß ſie einzeln angegriffen werden können. Bei dem Dorfe Champaubert trifft die franzöſiſche' Armee auf die mittlere, vom General Olſuffief ge⸗ führte, Colonne. Napoleon befiehlt ſogleich den An⸗ griff. Die franzöſiſchen Bataillone ſtürzen ſich mit Wuth, die Scharte von Brienne auszuwetzen, auf die erſchrockenen ruſſiſchen Colonnen. Dieſelben ſind um⸗ zingelt, geſchlagen und vernichtet. Man erbeutet die geſammte Artillerie, macht zweitauſend Gefangene. Was von der Diviſion übrig bleibt, flieht in die Wälder und ſucht einzeln zu entkommen. So ſtand der Kaiſer mit ſeiner ganzen Macht zwiſchen Szgten und Blücher. Indeß es Abend geworden. Napoleon, der Champaubert in Beſitz hat, quartirt ſich in eine Hütte ein. Hier bringt man ihm die feindlichen Generale, 157 welche ſo eben zu Gefangenen gemacht worden ſind. Er ladet ſie zum Eſſen ein. Nach dem Diner ruft er nach dem Herzoge von Baſſano: „Herr Herzog,“ ſpricht er,„ſchreiben Sie auf der Stelle an Caulainevurt, daß der Bevollmächtigte Frankreichs auf dem Congreſſe eine weniger demüthige Stellung einnehme.“ Am andern Morgen wird der Herzog von Raguſa zurückgelaſſen, um Blücher in Schach zu halten, wäh⸗ rend Napoleon gegen die Generale York und Sacken aufbricht, die zwiſchen ihm und der Hanptſtadt ſtehen. Unter den Preußen herrſcht der größte Eifer, zuerſt in Paris zu ſein. Schon ſteigen die Thürme von Meaux, dieſer Art Vorſtadt, am Horizonte empor. Der General Sacken iſt zu Laferté; zwei Tagemärſche noch und die preußiſchen Fahnen flattern am Fuße des Montmartre. Da entſteht plötzlich ein Halt. Mit Blitzesſchnelle iſt die Nachricht von der Vernich⸗ tung Oſſuffief's zu der kecken Avantgarde gelangt. Die preußiſch⸗ruſſiſchen Colonnen kehren dem erſehn⸗ ten Paris ſchleunigſt den Rücken, marſchiren zurück, um entweder Olſuffief zu Hülfe zu eilen oder ſich mit Blücher zu vereinigen. Am eilften Februar treffen ſie bei Montmirail auf die franzöſiſche Armee. Es kommt ſogleich zur Schlacht. So wie der Herzog von Treviſo mit der alten Garde angelangt iſt, befiehlt Napoleon einen allgemeinen Angriff. Die Preußen und Ruſſen, nachdem ſie ein Viertheil ihrer Armee verloren, geben den Gedanken auf, das franzöſiſche Heer zu durchbrechen und ziehen ſich über Chateau⸗ Thiery zurück, um die Communication mik Blücher längs dem Ufer der Marne zu gewinnen. Napoleon ſchlief dieſe Nacht in dem Pachthauſe Grenaux. Be⸗ 158 vor das kaiſerliche Hauptquartier in zwei kleinen Zimmern aufgeſchlagen werden konnte, mußten die Todten und Verwundeten hinweggeſchafft werden. Den andern Tag wurde der Feind eifrig verfolgt. Sein projectirter Rückzug nach Chalons war abge⸗ ſchnitten. Er war gezwungen, ſeine Retirade gegen Soiſons zu nehmen. Napoleon, nachdem er ſich dieſes zweiten Theils der ſchleſiſchen Armee entledigt, kehrte am andern Tage zurück, um das letzte Drittel aufzuſuchen, das er zwiſchen Chalons und Champaubert zurückgelaſſen hatte, und das unter Blücher's eignem Befehle ſtand. Er gab dem Herzoge von Treviſo, welcher die flüch⸗ tigen Corps von Sacken und York in der Richtung von Sviſons verfolgte, die letzten Befehle, und be⸗ bewaffnete die Nationalgarde von Lavallé mit den preußiſchen Flinten, welche die Straße bedeckten. Um Mitternacht ſtieg er zu Pferde, um ſeine Garde ein⸗ zuholen, und ſich mit dem Herzoge von Raguſa zu vereinigen, der ſich, von Blücher gedrängt, von Cham⸗ paubert zurückzog. Am vierzehnten Februar war Blücher im Begriff, in Montmirail einzurücken, als der Herzog von Raguſa plötzlich Halt machte, hinter welchem die ganze franzöſiſche Armee in Schlachtord⸗ nung aufgeſtellt ſteht. Um acht Uhr des Morgens verkündet der Jubel der Soldaten die Ankunft des Kaiſers und die Schlacht beginnt. Blücher hätte Anfangs eine ſolche gern abgelehnt;: aber es ſtand nicht mehr in ſeiner Gewalt. Er deckte ſeinen Rückzug durch geſchickte Infanteriemanöver; allein die franzöſiſche Cavalerie übertritt die entge⸗ gengeſtellken Quarrés, und nach außerordentlich tapfe⸗ rem Widerſtande von Seiten der Preußen, löſte ſich der Rückzug faſt in völlige Flucht auf. Mehre Male — Die Einwohner ſchaffen Wagen herbei, auf welchen 159 im Laufe des Abends mußte ſich Blücher, von ſeinem Generalſtabe umgeben, mit dem Säbel in der Hand Luft machen und verdankte ſein Entkommen nur der Dunkelheit, welche ihn den verfolgenden Franzoſen unkenntlich machte. Napoleon kehrte vom Schlacht⸗ felde von Vauchamps zurück und brachte die Nacht im Schloſſe von Montmirail zu. Während der ſechs Tage aber, in welchen der große Feldherr die ſchleſiſche Armee zum Theil ver⸗ nichtet hat, war Schwarzenberg wieder lebendig ge⸗ worden und marſchirte mit ſeiner ganzen Macht im Thale der Seine auf Paris. Schon war er in Monterau angekommen und Koſaken durchſtreiften den Wald von Fontaineblau. Wieder jagten Couriere von Paris herbei, die Gefahr und den Schrecken der Hauptſtadt zu melden. Die Anweſenheit Napoleon's iſt unerläßlich, um die Oeſtreicher zurückzuwerfen. Der Kaiſer überträgt die Verfolgung der Preußen den Herzögen von Tre⸗ viſo und Ragufa und bricht mit den nicht zu ermü⸗ denden Garden und dem Corps des⸗Herzogs von Tarent gegen die Oeſtreicher auf. Eilboten jagen voran, den Herzögen von Reggio und Belluno, welche ſich vor den Oeſtreichern zurückziehen, zu melden, daß der Kaiſer den nächſten Tag in ihrem Rücken de⸗ bouchiren werde. Das kaiſerliche Hauptquartier langt am Abende des Funfzehnten in Meaux an. Noch in derſelben Nacht gehen Bulletins nach Paris, welche die Erfolge dieſer glänzenden Woche den Pariſern berichten und bald ziehen achttauſend ruſſiſche und preußiſche Kriegs⸗ gefangene über die Boulevards der Hauptſtadt. Am andern Morgen verläßt der Kaiſer Meaux. 16 die Soldaten den doppelten Weg zurücklegen. Bald vernimmt man Kanonendonner. Da erhält die Ar⸗ tillerie Befehl, in verdoppeltem Trabe den bedrohten Punkten zu Hülfe zu eilen. Die Herzöge von Reggio und Belluno kämpfen bereits ſeit Mittag mit Löwen⸗ muthe gegen die Oeſtreicher, um die Straße zu be⸗ haupten, welche Napoleon daher zu kommen verſpro⸗ chen hatte. Mit der Stunde, die er verkündet, langt der Kai⸗ ſer an der Spitze ſeiner Garde auf dem Schlachtfelde an. Seine Ankunft giebt der Armee ihr volles Ver⸗ trauen wieder. Endloſer Jubel erfüllt die Lüfte. Wieder jagen Couriere nach der Hauptſtadt, die Pa⸗ riſer wegen der Gefahr eines feindlichen Angriffs zu beruhigen. Dieſe Eilboten wurden von Haufen von Neugierigen empfangen, die ſich zu Charenton um die Wagen des großen Parks ängſtlich verſammelt hatten. Denn das ſchwere Fuhrwerk der Herzöge von Bellunv und Reggio war bis ganz in die Nähe von Paris zurückgegangen. Noch graut der Morgen, als auf der Straße von Paris her ſchnelles und dumpfes Pferdegeſtampf ver⸗ nehmbar wird. Es ſind Treillard's ſiegergraute Dra⸗ goner, eine erleſene Heldenſchaar, welche von der ſpa⸗ niſchen Armee detaſchirt worden iſt. Sie ſind gerade zum günſtigen Augenblicke ange⸗ langt. Sobald es hell geworden, verläßt die ganze Armee ihre Bivouaks und greift die feindlichen Linien an. An der Lebhaftigkeit der Angriffe erkennen die Verbündeten ſogleich, daß Napoleon commandire. Man weicht zurück. Die Infanterie des General Gerard, die Artillerie von Drouot und die Cavalerie der ſpa⸗ niſchen Armee thun Wunder der Tapferkeit. Die Colonnen Schwarzenberg's, ſolchen verzweifelten An⸗ 161 griffen nicht gewachſen, werden eine nach der andern geworfen und ihre Niederlage bedeckt weit und breit die ganze Gegend mit Todten und Trümmern. Ue⸗ berall folgen die ſiegreichen Franzoſen den Zurück⸗ weichenden auf dem Fuße. Napoleon übernachtet auf dem Schloſſe zu Nan⸗ gis. Es iſt ſchon ziemlich ſpät, da meldet Berthier, daß ein öſtreichiſcher Officier bei den Vorpoſten er⸗ ſchienen ſei, welcher im Namen des Fürſten von Schwarzenberg um Einſtellung der Feindſeligkeiten bitte. Napoleon, der Intriguen der diplomatiſchen Unterhändler überdrüſſig, benutzt die Gelegenheit, di⸗ rect an ſeinen Schwiegervater zu ſchreiben. Er äußert in dieſem Briefe lebhaftes Verlangen, ſich zu verglei⸗ chen; nur wünſcht er jetzt nach Erringung ſo großer Vortheile, die Verbündeten mäßiger in ihren Frie⸗ densbedingungen zu finden.. Der geheime Rath, den der Kaiſer in Paris über die Forderungen der Alliirten befragt hatte, war mit Ausnahme einer einzigen Stimme, für Unterwerfung geweſen. Jetzt glaubte Napoleon, es ſei nicht mehr an der Zeit, auf ſolche demüthigende Bedingungen ein⸗ zugehen. „Schreiben Sie Caulaincourt,“ ſpricht er zum Her⸗ zog von Baſſano,„daß ich die Charte blanche, die ich ihm gegeben, wieder zurücknehme. Er ſollte die Un⸗ terhandlungen zu einem befriedigenden Ende bringen, um die Hauptſtadt zu retten und eine Schlacht zu vermeiden, auf welcher die Hoffnungen der Nation be⸗ ruhten. Die Hauptſtadt iſt gerettet, die Schlacht iſt gewonnen, außerordentliche Vollmacht iſt nicht mehr nöthig. Die Verhandlungen können von jetzt wieder ihren gewöhnlichen Gang gehen.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XII. 11 Fünftes Rapitel. S Kopf auf die Hand geſtützt, ſaß Valerie in tie⸗ fer Bekümmerniß auf ihrem Zimmer. Die Mutter ging ſchweigend auf und ab. Endlich ſprach ſie: „Aber meine gute Tochter, ich ſehe nicht ein, warum wir von dem großmüthigen Erbieten des Grafen kei⸗ nen Gebrauch machen ſollen. Wir ſind hier keine Stunde ſicher, aufgehoben und unſrer Freiheit beraubt zu werden. Die Polizei verfolgt jetzt den Vater in uns.“ Valerie hob das thränendunkle Auge empor. „Ich kann es Dir nicht ſagen, Mutter,“ ſprach ſie,„woher dieſe Abneigung gegen den Grafen in mir kommt; aber eine innere Stimme ruft, daß er es nicht redlich mit uns meine. Alsdann dieſer Zwiſchenhänd⸗ ler, dieſer Italiener; in ſeinem ſcheinheiligen Geſichte ſteht es ja offenbar, daß er Nichts der Barmherzig⸗ keit wegen thut.“ „Ich muß Dir aufrichtig geſtehen, Valerie,“ fuhr die Mutter nach einer Pauſe fort,„daß mir ein ſol⸗ ches Aſyl, wie das, auf dem gräflichen Schloſſe uns angebotene, ordentlich der Wunſch meines Herzens iſt. Seit des Vaters Unglück iſt mir die Luft hier ver⸗ peſtet, nicht, daß ich die Gefahr ſcheute, in der wir ſchweben, ſondern weil uns Unſchuldige die verächt⸗ liche Welt wie Verbrecher, wie Peſtkranke flieht. Darum fort von hier, ſo weit als möglich. Erſt außerhalb Paris werde ich wieder frei athmen.“ „O gern, meine Mutter,“ antwortete Valerie, „will auch ich dieſe Stadt meiden, wo nur Leiden und Kränkungen aller Art uns werden. Aber warum 163 gerade in dieſes vornehme Grafenſchloß, wo wir Bür⸗ gerliche gewiß nicht wohl aufgehoben find; laß uns nach der Normandie flüchten, zu meiner guten Tante Griſſi. Dort ſind wir gewiß ſicherer geborgen.“ „Meine Valerie,“ ſprach mit wehmüthigem Lächeln die Mutter,„Du kennſt die Menſchen nicht; Du weißt nicht, was es heißt, von der Gnade ſeiner Verwand⸗ ten leben. Wir würden nach und nach mehr Krän⸗ kungen zu erfahren haben, als hier in Paris.“ „Bewahre der Himmel,“ rief das Mädchen,„wir wollen auch nicht von ihrer Gnade leben. Sieh, gute Mutter, ich werde fleißig ſein vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend und gewiß ſo viel erwerben, um unſern Lebensunterhalt zu beſtreiten.“ „Du vergißt meine Tochter,“ meinte Frau Laroſe, „daß wir gleichſam als Geächtete eine Zufluchtsſtätte ſuchen. Glaube nicht, daß unſre Verwandten, wie ſehr ſie unſer Unglück aufrichtig bedauern und für wie unſchuldig ſie uns halten, deshalb weniger Furcht vor uns haben, als die andern Leute hier. Wir würden ſie durch unſre Ankunft nur in Angſt und Schrecken ſetzen. Könnte es aber für uns einen qualvolleren Zuſtand geben, als der immerwährende Gedanke, den Unſrigen eine ſchreckenerregende Laſt zu ſein?“ Valerie hielt ängſtlich die Hände gefaltet und wußt kein Wort zu erwiedern. Die Mutter fuhr fort:e „Ein Sprichwort ſagt, daß man die wahrhaften Freunde in der Noth kennen lernt. Dies ſtimmt mich eben günſtig für des Grafen Anerbieten. Wir ſind im Unglück; Alles zieht ſich vor uns zurück; hier kann nur ein Edeldenkender die Hand zur Unterſtützung bieten. Uebrigens glaube ich den wahren Grund zu erkennen. Der Graf gehört der royaliſtiſchen Partei 11* 164⁴ an. Wahrſcheinlich, daß der Vater dieſer Partei ei⸗ nige Dienſte geleiſtet hat, welche ihn und uns eben in's Unglück geſtürzt haben. Nun hält ſich der Graf vielleicht für verpflichtet, wenigſtens uns das unverſchul⸗ dete Mißgeſchick ſo viel als möglich zu erleichtern.“ Die Mutter wußte noch Mancherlei zu Gunſten des Grafen Brienne, welcher der Familie ein ſorgen⸗ freies Aſyl auf ſeinen Gütern angeboten hatte, zu er⸗ zählen, daß Valerie endlich mit Gewalt ihre geheime Abneigung gegen den Grafen bezwingen mußte. In dieſem Geſpräche ſaßen ſie geraume Zeit, als es an der Thür pochte und Franzesco hereintrat. Valerie überlief ein Schauer bei dem Anblicke dieſes Mannes. Der Italiener erkundigte ſich mit ſcheinbar inniger Theilnahme, ob keine Nachrichten von Herrn Laroſe eingegangen ſeien. „Leider nicht,“ erwiederte die Mutter,„wir ſchwe⸗ ben deshalb in größter Angſt.“ „Ich bin jetzt feſt überzeugt,“ beruhigte Franzesco, „daß er das Lager der Alliirten, wo er ſichern Schutz gegen die kaiſerliche Tyrannei findet, erreicht hat.“ „Der Himmel gebe es,“ ſprach Frau Laroſe;„und er wird es,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„denn das ſchwarze Verbrechen, deſſen man ihn beſchuldigt, hat ſich mein Mann gewiß nicht zu Schulden kommen laſſen.“ „Der Unſchuldigſte,“ meinte Franzescv,„wird in der jetzigen Zeit zum Verbrecher geſtempelt. Es iſt entſetzlich; das Giftkraut, dieſe geheime Polizei, durch⸗ wuchert alle Familien. Es giebt kein Vertrauen, keine Aufopferung, keine Tugend mehr. Die Demoraliſation greift furchtbarer um ſich denn je, und ich ſehe keine Rettung, bis dieſe kaiſerliche Tyrannei gebrochen iſt. Sie allein iſt die Wurzel alles Uebels.“ 165 Die Mutter gab dem Italiener recht. Valerie blickte ſtumm und trauernd auf ihre Stickerei nieder. „Einen neuen Beweis,“ fuhr Franzesco fort,„wie die Unſchuld verfolgt wird, geben Sie ja ſelbſt. Ich komme ſo eben aus dem Polizeiminiſterium. Der Be⸗ fehl zu Ihrer Verhaftung liegt bereits im Cabinete des Miniſters. Man glaubt, Sie wüßten um den Aufenthalt Ihres Gemahls und hofft durch Beraubung der Freiheit Sie zum Geſtändniß zu zwingen. Ich bin deshalb unverweilt hieher geeilt, Sie von der Gefahr zu benachrichtigen, und Ihnen zugleich von Seiten des Herrn Grafen das Anerbieten zu wieder⸗ holen.“ „O meine gute Mutter,“ ſprach Valerie,„wenn wir auch in das Gefängniß wandern müſſen, die Un⸗ ſchuld begleitet uns; was kann man uns anhaben. Flüchten wir aber, werden wir uns erſt verdächtig machen und der übelſten Nachrede ausſetzen. Darum will ich lieber das Gefängniß mit Dir theilen, unſre Unſchuld muß doch an den Tag kommen, und— le⸗ ben wir nicht hier ſchon ſo wie in Gefangenſchaft?“ „Es iſt nur der Unterſchied,“ bemerkte der Ita⸗ liener,„daß Sie hier mit einander beiſammen woh⸗ nen, ſich täglich ſehen, ſprechen und ihre Leiden thei⸗ len können. Glauben Sie denn, daß die Humanität der Polizei ſo weit geht, Ihnen eine gleiche Wohl⸗ that im Gefängniß angedeihen zu laſſen?“ Franzesco hatte ſeine Rede wohl berechnet. Valerie erblaßte. Der Italiener fuhr fort: „Darin beſteht ja eben die Folter der Gefangen⸗ ſchaft, daß man das, was ſich am Meiſten liebt und alle Kerkerleiden vergeſſen macht, grauſam trennt. Keines weiß von dem Geſchick des Andern. Keine Unterredung, kein Briefwechſel kann ſtatt finden. Na⸗ 166 mentlich, was Ihre Angelegenheiten betrifft, würde man nicht ohne Strenge zu Werke gehen und um kei⸗ nen Preis geſtatten, daß Mutter und Tochter, die ihre Ausſagen verabreden könnten, ein und daſſelbe Gemach bewohnen.“ Der verſchmitzte Italiener nahm Gelegenheit, ein abſchreckendes Bild der Kerkerleiden zu entwerfen, Alles in ſo düſtere Beleuchtung zu ſtellen, daß die armen Frauen, auf's Aeußerſte gebracht, das Aner⸗ bieten des Grafen Brienne annahmen. Franzescv, ſowie er ſeinen Zweck erreicht hatte, verſprach augenblicklich Anſtalten zur Abreiſe zu treffen. „Meine Damen,“ rief er,„beim Himmel, es iſt kein Augenblick zu verlieren!“ Mit dieſen Worten und im Innern frohlockend, daß ſein Plan ſo bald gelungen, entfernte ſich der e Kaum waren die Frauen allein, als Valerie ihrer Mutter um den Hals fiel und bitterlich weinte. „Dieſe Reiſe,“ ſprach ſie endlich,„führt uns zu nichts Gutem. Mir ſagt's eine innere Stimme und das iſt die Stimme meines Engels.“ Die Mutter ſuchte das Mädchen zu beruhigen; aber von dieſem wohlte die Schwermuth und die dun⸗ keln Ahnungen nicht weichen. „Es iſt mir,“ fuhr Valerie fort,„als habe die⸗ ſer ſogenannte Freund des Grafen uns mit ſeinen Netzen umſponnen, von denen wieder los zu machen unſre Kräfte nicht ausreichen. Wer weiß, ob es wahr iſt, daß wir in's Gefängniß ſollen. Was haben wir denn verbrochen? Der Italiener hat uns dieſes Schreckensbild nur vorgehalten, um ſeinem Anerbieten Eingang zu verſchaffen.“ „Meine Tochter,“ ſprach tröſtend die Mutter,„wir 167 wollen dem Himmel vertrauen. Ich hoffe zu Gott, daß er uns nicht verlaſſen wird; hoffentlich täuſcheſt Du Dich; Ahnungen führen oft irre und gewiß thuſt Du unſern Beſchützern und Wohlthätern Unrecht.“ „Ach, Gott wolle es,“ rief das Mädchen,„auf den Knieen wollt' ich den Verkannten mein Unrecht abbitten.“ Die Frauen ſprachen noch lange über dieſe An⸗ gelegenheit; Valerien's Bruſt war voll ſchwerer Ahnun⸗ gen und Bekümmerniſſe. Da pochte es abermals und der Poſtbote brachte einen Brief von Eugen. Mit Zittern erbrach Frau Laroſe das Siegel. Aber kaum hatte ſie einen Blick in das Schreiben gewor⸗ fen, als ihr die hellen Thränen über die Wangen rollten. „Der Vater iſt gerettet!“ rief ſie, und war vor Freude nicht im Stande weiter zu leſen. Valerie las den Brief zu Ende. Dem Miniſterialſecretair war es durch Eugen's Bemühungen gelungen, die Truppen der Alliirten zu erreichen. Hier befand er ſich außer aller Gefahr. Eugen entwarf übrigens ein höchſt düſteres Bild von dem Kriegsſchauplatze und ſprach ſich mehr denn je für den Frieden aus. Die Soldaten unſrer wie der feindlichen Armeen, ſchrieb er, durch die ſchnellen Märſche auf mit tiefem Schnee bedeckten Straßen in Verzweiflung gebracht, ſchwärmen von ihren Colonnen nach allen Richtungen ab und verüben jede Art von Gewaltthat an den unglücklichen Einwohnern. Die Landleute fliehen mit Weib und Kind in Höhlen, Steinbrüche und Wälder, wo viele bei der Strenge der Jahreszeit und aus Mangel an Lebensmitteln da⸗ hin ſterben. Andre der Bewohner ſammeln ſich in kleine Horden und vermehren die Schrecken des Kriegs 168 noch dadurch, daß ſie die Zufuhren beider Armeen plündern, kleine Züge überfallen und Kranke, Ver⸗ wundete und Marodeurs ermorden. Das wiederholte Vorrücken und Zurückgehen der verſchiedenen Armeen verſchlimmert dieſe Uebel. Was den Händen der Baſch⸗ kiren, Kirgiſen und Kroaten von der Wolga, der kas⸗ viſchen und türkiſchen Grenze entgangen, wird von unſern halb nackten und halb verhungerten Recruten geraubt, welche durch Mangel und Ungemach aller Art, eben ſo wie der Feind, gegen die Leiden der Bewoh⸗ ner abgeſtumpft ſind. Diejenigen Städte und Dör⸗ fer, welche zum Schauplatz wirklicher Kämpfe wurden, ſind meiſtentheils niedergebrannt; und dies iſt nicht blos in Folge bedeutender Treffen, ſondern in Folge unzähliger Scharmützel, die, auf verſchiedenen Punk⸗ ten geliefert, zwar keinen Einfluß auf die Entſchei⸗ dung des Feldzugs haben, den Jammer des Landes aber unbeſchreiblich vermehren, indem ſie die Schrecken des Kriegs, und in ihrem Gefolge Brand, Hunger und Mord in die entlegenſten Diſtrikte tragen. Die Wälder bieten keinen Zufluchtsort, die Kirchen keine Freiſtätte mehr. Die Dörfer liegen faſt überall in Aſche, die Meierhöfe ſind zerſtört und geplündert; die Wohnſitze der Menſchen und Alles was der Betrieb⸗ ſamkeit des Friedens und der häuslichen Bequemlich⸗ keit angehört, iſt verheert und verödet. Wölfe und andere wilde Thiere haben in den grauſam verwüſte⸗ ten Gegenden ihren Wohnſitz aufgeſchlagen. „Ach Gott,“ ſprach Valerie,„die armen, armen Menſchen! Wenn der Kaiſer nur dies einzige Mal Frieden machte, aber,“ ſetzte ſie mit großer Beküm⸗ merniß hinzu,„was ſoll dann aus unſerm Vater werden?“ „Mein Kind,“ erwiederte die Mutter,„wir wollen 169 jetzt Gott danken, daß er den Vater aus augenſchein⸗ licher Lebensgefahr gerettet; ihm wollen wir auch künf⸗ tig vertrauen, er wird uns nicht verlaſſen.“ Valerie las jetzt mit ſeligem Entzücken, aber ganz für ſich, die Stelle, wo Engen ihrer mit liebender Innigkeit gedachte. Sie drückte, ohne daß es die Mutter gewahrte, das Schreiben wiederholt an ihre Lippen. „Eugen,“ hub Frau Laroſe nach einer Pauſe an, „iſt unſer wahrer Freund in der. Noth. Wie tief ſind wir dem herrlichen Jüngling verpflichtet, der uns mit Gefahr ſeiner eigenen Exiſtenz den Vater rettete.“ Valerie ſtimmte dieſen Worten aus vollem Her⸗ zen bei. „Ich denke eben darüber nach,“ fuhr die Mutter fort,„ob wir ihn mit dem Anerbieten des Grafen Brienne und unſerm neuen Aufenthalte bekannt ma⸗ chen.“ „O thue dies, gute Mutter,“ fiel Valerie ſchnell ein. „Zwar habe ich dem Italiener zu unſrer eignen Sicherheit das Verſprechen geben müſſen, keinen ein⸗ zigen Menſchen von unſerm Aſyl in Kenntniß zu ſetzen.“ „Ich bin aber überzeugt,“ ſprach das Mädchen, „daß es für unſre wahre Sicherheit unerläßlich iſt, wenn ein Freund wie Eugen, der uns ſo große Be⸗ weiſe ſeiner Treue gegeben hat, wenigſtens weiß, wo wir zu finden.“ „Du haſt nicht ganz Unrecht,“ ſprach nach einigem Nachſinnen die Mutter,„ich werde ihm vertrauen und unſre Abreiſe und den neuen Aufenthalt wiſſen laſ⸗ ſen; und dies auf der Stelle.“ Erfreut eilte Valerie und brachte die nöthigen Schreibmaterialien, und Frau Laroſe ſchrieb einen 170 Brief an Eugen, worin ſie dem Jüngling in ihrem und ihrer Tochter Namen für den großen Liebesdienſt wegen Errettung des Vaters dankte, und ihn zugleich von dem neuen Verhältniſſe zu dem Grafen und dem Italiener in Kenntniß ſetzte. Sechſtes Rapitel. E⸗ war ein herrlicher Februartag; rein und glänzend ſtrahlte die Sonne am ſaphirnen Himmel, halb Paris war auf den Füßen und bedeckte die Quais des Louvre, den Carouſelplatz und die rue de Tivoli. Die Luft hallte wieder von dem ununterbrochenen Vive rempereur! Durch die vollgedrängten Gaſſen aber zog ſich in großer Ordnung ein militairiſcher Triumph⸗ zug. Die in den jüngſten Schlachten erbeuteten Fah⸗ nen wurden mit vielem Pompe durch Paris getragen. Voran zog ein zahlreiches Chor Militairmufik. Dann erſchien der General Hullin mit ſeinem glänzenden Generalſtabe; hierauf der Generalſtab der Pariſer Gensd'armerie und Nationalgarde; endlich die zehn Fahnen, von zwei Officieren der kaiſerlichen Garde, vier Officieren der Linie und von vieren der Nativ⸗ nalgarde getragen. Den Fahnen folgte der Krirgs⸗ miniſter mit ſeinen Adjutanten. Kaiſerliche Garde und Linientruppen ſchloſſen den Zug, welcher ſich durch den Triumphbogen des Carouſelplatzes nach dem Hofe der Tuilerien bewegte. Hier angekommen wirbelten alle Trommeln, die zahlreich verſammelten Nationalgarden präſentirten und noch einmal zitterten die Mauern des Kaiſer⸗ ſchloſſes von dem begeiſterten Vive l'empereur. Der Kriegsminiſter trat in den Saal des Staats⸗ rathes, wo ihn der Ceremonienmeiſter empfing, der ihn in den Friedensſaal führte. Von hier begab man ſich in den Thronſaal, wo ſich die Kaiſerin befand, umgeben von ihrem gewöhnlichen und außerordentlichen Hofſtaate, den Prinzen, Großwürdenträgern, Miniſtern, Groß⸗ officieren und dem ganzen Pompe des Kaiſerreichs. Als die Fahnen zu den Füßen der Kaiſerin nie⸗ dergelegt worden waren, ſprach der Kriegsminiſter, Herzog von Feltre: „Madame! „Neue Befehle des Kaiſers führen mich zu den Füßen Ew. Majeſtät, um daſelbſt die neuen Tro⸗ phäen niederzulegen, welche Frankreich ſeinen Feinden entwunden hat. „In den Zeiten, wo die Sarazenen durch Karl Martel in den Ebenen von Tours und Poitiers ge⸗ ſchlagen wurden, ſchmückte ſich die Hauptſtadt Frank⸗ reichs nur mit den Siegeszeichen einer einzigen Na⸗ tion. Jetzt, wo nicht minder große Gefahren als damals, größere und ſchwerer zu erkämpfende Siege herbeiführten, huldigt Ihr erhabener Gemahl Ihnen durch die Fahnen, die er von den drei größten Mäch⸗ ten Europa's erobert hat. „Da ein blinder Haß ſo viele Nationen gegen uns zu den Waffen getrieben hat, ſelbſt ſolche, welche Frankreich unabhängig gemacht hat, und für die es ſo viele Opfer brachte, kann man ſagen, daß dieſe Fahnen gauz Europa abgewonnen worden ſind. „Von der Elite der gegen uns verbündeten Trup⸗ pen wurden dieſe Fahnen in den Schlachten von Montmirail, Vauchamps und Monterau erobert. 172 „Dieſe Pfänder der franzöſiſchen Tapferkeit ſind für uns die Verkünder neuer und größerer Siege, wenn die Hartnäckigkeit des Feindes den Krieg ver⸗ längert. Von dieſer edeln Hoffnung ſind die Her⸗ zen aller Franzoſen erfüllt. Sie theilen dieſe Hoff⸗ nung, Madame, Sie, die ſtets dem Talente Ihres erhabenen Gemahls, den Anſtrengungen und der Liebe der Nation vertrauten; Sie, die während dieſes Kriegs eine Seelenſtärke und eine Tugend bewahrten, welche der Bewunderung Europa's und der Nachweltwürdig ſind.“ Die Kaiſerin antwortete: „Herr Kriegsminiſter! Ich ſehe mit lebhafter Rührung dieſe Trophäen, welche Sie mir auf Befehl meines erhabenen Gemahls überreichen. Sie ſind in meinen Augen ein Pfand für das Heil des Vater⸗ landes. Bei ihrem Anblicke mögen alle Franzoſen zu den Waffen eilen und ſich um ihren Herrſcher, ih⸗ ren Vater ſammeln! Ihr Muth, durch ſein Genie geführt, wird bald die Befreiung unſers Vaterlandes vollendet haben.“ Dieſe Fahnen, unter welchen ſich nur eine von den Oeſtreichern, vier preußiſche und fünf ruſſiſche befanden, wurden nach der Feierlichkeit nach dem Invalidenhauſe gebracht. Eugen, welcher in Begleitung des Barons von Mortemart dieſe Trophäen nach Paris gebracht, hatte in finſtrer Betrachtung der Feierlichkeit beigewohnt. „Dieſer ganze Actus,“ ſprach er zu Mortemart, ſeinem Waffengefährten und Freunde, der gleichfalls Ordonnanzofficier war,„hat viel zu viel Comödien⸗ haftes, als daß er mich ergreifen könnte“ „Allerdings,“ gab Mortemart zurück,„man müßte mit Blindheit geſchlagen ſein, wenn man nicht ein⸗ ſähe, wie alle dieſe Phraſen von beiden Seiten nur 173 eingelernt ſind. Ich bin überzeugt, daß derſelbe Kriegsminiſter, wenn ſich die Umſtände ändern, mor⸗ gen mit demſelben Pathos eine Lobrede auf Kaiſer Alexander hält. Man lerne mich unſre Großen, na⸗ mentlich den vom Kaiſer aus dem Staube gezogenen Pöbel nicht kennen. Es iſt eine ſchändliche Welt. Ganz Paris iſt mir verhaßt. Ueberall nichts als Intrigue, Verrath und Erbärmlichkeit; ich will mich den feindlichen Batterien gegenüber wohler befinden, als auf glattgebohnten Pariſer Parkets, wo die Nie⸗ derträchtigkeit ihr Hauptquartier aufgeſchlagen hat.“ „Habt Ihr das lange Geſicht des Talleyrand be⸗ obachtet?“ frug Eugen. „Allerdings,“ war die Antwort,„der gute Mann ſteckt in bedenklicher Lage. Der Congreß von Cha⸗ tillon ſitzt ihm wie eine Kolik im Leibe. Schlöſſe zum Satan der Kaiſer nur Frieden, meinethalben mit den ſchmerzlichſten Opfern, blos um dieſem Schlangengezüchte alsdann mit Muße den Kopf ein⸗ treten zu können.“ Die beiden Freunde hatten die Tuilerien verlaſ⸗ ſen und wandelten im Geſpräch die Straße entlang. „Wenn der Kaiſer nicht ein Dutzend dieſer Ver⸗ räther erſchießen läßt,“ ſprach Eugen,„geht das Va⸗ terland unrettbar an die Fremden verloren, und Frankreich hat als Lohn für ein blut- und thränen⸗ reiches Vierteljahrhundert die dicken Bourbonen auf dem Throne.“ Mortemart bemerkte mit bitterm Lächeln:„es fehlt nur noch Fouché, der zu ſeinem großen Leidwe⸗ ſen in Italien ſteckt, und der senatus frequens der Verräther wäre beiſammen. Ich begreife unter dieſen Umſtänden wirklich nicht, warum der Kaiſer nicht Frieden macht.“ 17⁴ „Nach den jüngſten Vortheilen,“ antwortete Eu⸗ gen,„wird er ſich ſchwerlich zu den äußerſt harten Bedingungen der Alliirten verſtehen.“ „Wohlan,“ ſprach reſignirt der Andere,„ſo heißt es aut, aut; entweder er jagt die Feinde über den Rhein oder verliert Krone und Reich. Ich bin auf Alles gefaßt. Fällt er, ſo falle ich mit ihm; und überlebe ich's, zerbreche ich meinen Degen und wandre aus. Unter bourboniſcher Herrſchaft will ich gern auf mein Heimathland verzichten.“ „Dies iſt auch meine Anſicht,“ meinte Engen und reichte dem Freunde die Hand zum Abſchied. „Auf Wiederſehen,“ ſprach er,„morgen reiſen wir zu unſerm Heldenhäuflein zurück. Die paar freien Stunden will ich benutzen, einige Bekannte aufzuſuchen.“ „Ich habe Gleiches im Willen,“ antwortete Mor⸗ temart, und die Beiden trennten ſich. Eugen eilte ſogleich durch die wohlbekannten Gaſſen nach einem wohlbekannten Hauſe. Er trat mit klopfendem Herzen in den Hausflur, ſtieg nicht ohne Haſt die ſteinernen Stufen empor und zog im dritten Stockwerke den Glockenring. Hörbar erklang die alte Schelle. Er mußte eine geraume Zeit warten. Endlich that ſich die Thüre auf und eine mürriſche Alte frug nach ſeinem Be⸗ gehr. „Ich wünſchte Frau Laroſe zu ſprechen,“ ſprach der Jüngling. „Wen?“ frug die bejahrte Pförtnerin, und that, als ob ſie ihn nicht verſtanden hätte. „Frau Laroſe,“ wiederholte Eugen in vernehm⸗ lichem Tone,„die Gattin des Miniſterialſecretairs.“ 175 „Die ich nicht kenne,“ war die eintönige Ant⸗ wort. Eugen glaubte ſeinen Ohren nicht zu trauen. Doch hoffte er noch immer, von der Alten nicht ver⸗ ſtanden worden zu ſein. Er ſprach daher in noch verſtändlicherem Tone: „Frau Laroſe, welche nebſt ihrer Tochter noch vor Kurzem dieſes Logis bewohnte.“ „Ach, die Frau des durchgegangenen Spions,“ antwortete jetzt die Dame in verächtlichem Tone. Des Jünglings Herz empörte ſich bei dieſer lieb⸗ loſen Antwort; doch frug er haſtig: „Wohnt dieſe Familie nicht mehr hier?“ „Wo denkt man hin,“ erwiederte naſerümpfend die Alte,„hier wohnen nur rechtſchaffene Leute.“ Eugen mußte diesmal zum böſen Spiel gute Miene machen. „Und könnt Ihr mir nicht ſagen, meine Gute,“ frug er,„wo dieſe Leute hingezogen ſind?“ „Ja, hingezogen,“ ſpottete die Frau,„wo wird man hingezogen ſein! Die Polizei hat die ganze Sippe geholt, ſchon volle vierzehn Tage. In der Conciergerie fragt nach und nicht bei ehrlichen Leuten.“ Mit dieſen Worten ſchlug ſie die Thüre zu, und man hörte wie ſie einen Riegel vor das Schloß ſchob. Der Jüngling ſtand wie vom Donner gerührt. Dahin waren mit einem Male ſeine ſüßen Hoffnun⸗ gen, die Geliebte, wenn auch nur auf Augenblicke, wiederzuſehen. Er hatte ſich ſo lange nach dieſem Augenblicke geſehnt; jetzt war Alles dahin; denn die Unglücklichen im Gefängniſſe zu ſprechen, war ſicher nicht möglich, und gelang es ihm ja, in welchen Ver⸗ hältniſſen fand er die Geliebte wieder! 176 Wie gelähmt ſchlich er die Stufen hinab und erſt, nachdem er mehre Straßen durchwandert, fand er ſeinen alten Muth wieder. Sein Entſchluß war gefaßt. Er eilte direct zu Herrn Vitrolle, welcher den Miniſterialſecretair verhaftet hatte, wo er Nähe⸗ res über die Verhaftung der zwei Frauen zu erfah⸗ ren und vielleicht Etwas zur Verbeſſerung ihrer Lage beizutragen hoffte. Zugleich aber nahm er ſich vor, mit der äußerſten Vorſicht zu Werke zu gehen, damit die Polizei ihren Verdacht wegen der Flucht des Se⸗ eretairs nicht auch auf ihn ausdehne. Der Jüngling befand ſich alsbald in dem Cabi⸗ nette Vitrolle's und brachte nach langem Geſpräche über die neueſten militairiſchen und politiſchen Ange⸗ legenheiten wie zufällig die Rede auf die Familie Laroſe. „Mit dieſen Leuten,“ erwiderte der Polizeibeamte, „iſt es uns, wir müſſen es zu unſrer Schande geſte⸗ hen, ſehr ſonderbar gegangen. Erſtens entwiſcht uns der Hauptverbrecher, ohne daß wir eine Spur ſeiner Flucht ausfindig machen können, und plötzlich ſind auch ſeine Frau und Tochter, obſchon ſie unter ſtrengſte polizeiliche Aufſicht geſtellt waren, ſpurlos verſchwun⸗ den. Eines Morgens finden wir zu unſerm nicht geringen Erſtaunen das Neſt leer und, aller Nachfor⸗ ſchungen ungeachtet, weiß keine Seele, wo dieſe Frauen hingekommen ſind. Es hat Naſen geregnet; aber was half Alles, das Wild war entwiſcht und alle Bemü⸗ hungen, ſeiner habhaft zu werden, oder nur ſeine Fährte zu entdecken, waren vergebens.“ Eugen glaubte im Anfang, Vitrolle wolle ihm ein Märchen aufbinden, bis ihm dieſer die Details mittheilte und ſeinen Verdruß unverholen an den Tag legte. Dem Jünglinge fiel bei dem Gedanken, 127 daß ſich die Geliebte nicht in den Händen der Poli⸗ zei befand, ein großer Stein vom Herzen; aber, was aus den beiden hülfloſen Frauen überhaupt gewor⸗ den ſei: dies ward eine neue Quelle ſeiner Beküm⸗ merniß. „Seien Sie überzeugt,“ verſicherte Herr Vitrolle, „die Polizei iſt ſeit den royaliſtiſchen Umtrieben und Intriguen durchaus nicht mehr Herrin von Paris, wie dies ehedem der Fall war. Wir wiſſen oft nicht, was zehn Schritte weit von uns vorgeht. Unſre Leute reichen nicht mehr aus, dieſe Armee der Roya⸗ liſten zu beobachten. Es iſt bereits ſo ſchlimm, daß man unſrer ehedem ſo gefürchteten Macht ſpottet, und unter unſern Augen Verſchwörungen anzettelt, deren Ausbruch wir für den Augenblick wohl verhindern, aber das Uebel nicht bis in ſeine Wurzeln verfolgen und vernichten können. Die jüngſten Siege des Kai⸗ ſers haben uns wieder etwas gehoben; aber laſſen Sie den ſo leicht möglichen Fall eintreten, daß ein Koſak wieder in dem Walde von Fontainebleau ſich blicken läßt, ſo ſtrecken die Verſchwörer ihre Köpfe frecher denn je empor.“ Eugen hatte wenig von den Klagen des Polizei⸗ chefs vernommen. Seine bekümmerten Gedanken wa⸗ ren bei jemand Anderem. Er hatte jetzt keine Ruhe mehr und ſuchte nach der erſten Gelegenheit, ſich bei Vitrolle zu verabſchieden. Dieſer reichte ihm beim Fortgehen die Hand. „So wie wir einige Kunde von der verſchwun⸗ denen Familie Laroſe einziehen,“ verhieß er, ſollen auch Sie Nachricht erhalten. Ich verdenke es Ihnen nicht,“ ſetzte er mit ſchlauem Lächeln hinzu,„wenn Sie an dem Schickſale der reizenden Valerie menſchen⸗ freundlichen Antheil nehmen. Wenn mich meine Be⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. XlII. 12 178 rufsgeſchäfte nur einigermaßen zur Beſinnung kom⸗ men ließen, ſtünde ich ſelbſt für mich nicht. Ich fürchte nur, wir haben, was dieſes Kapitel anbelangt, mächtige Leute, welche mit uns ſympathiſiren. Dies iſt auch der einzige Grund, der mir das Verſchwin⸗ den der beiden Frauen weniger räthſelhaft macht. Vor allen Dingen aber, junger Freund, jagen Sie die Koſaken zum Teufel.“ Dem Jünglinge waren die Andeutungen, welche in den letzten Worten des Polizeichefs hinſichtlich des plötzlichen Verſchwindens Valerien's und ihrer Mutter lagen, ſchwer auf's Herz gefallen. Er zerarbeitete ſich den Kopf über das Schickſal der Geliebten, und in trübem Gemüthszuſtande langte er bei dem Hauſe ſeines Onkels an. Alle Treppen waren hier erleuchtet und zahlreiche in Livree gekleidete Dienerſchaft wandelte auf und ab. Eugen war unſchlüſſig, ob er dem Onkel einen Abſchiedsbeſuch machen oder ſeine Abreiſe blos ſchrift⸗ lich wiſſen laſſen ſolle. Der Gedanke an Henriette, die er wie eine Schweſter liebte, ſprach für erſteres, und ſo befand er ſich bald in den prachtvoll erleuch⸗ teten Zimmern. Er gewahrte hier ſogleich aus meh⸗ ren Phyſiognomien, die ihm begegneten, daß Onkel Normand den Royaliſten wieder eine Soirée veranſtal⸗ tet habe. Seine Anweſenheit als kaiſerlicher Ordon⸗ nanzofficier, der die erbeuteten Fahnen überbracht hatte, konnte daher in dieſem Zirkel nicht mit gün⸗ ſtigem Auge betrachtet werden, obſchon ſeine liebens⸗ würdige Perſönlichkeit den Damen eine willkommene Erſcheinung war. Der Jüngling, das Herz voll Gram und Sorge, ſchritt theilnahmlos die glänzenden Säle und die 179 reizenden Damenguirlanden entlang. Er ſuchte nach Henrietten, die er aber nirgend vorfand. Mißmuthig ſetzte er ſich auf eine Ottomane, die ſich ganz im Hintergrunde eines der letzten Zimmer befand. Dieſes Zimmer war nur ſchwach beleuchtet. Dem Jünglinge that dieſe Dämmerung, welche mit ſeinem Innern ſo harmonirte, ſehr wohl. Er drückte ſich in eine Ecke der Ottomane und überließ ſich ſei⸗ nen Träumen. Oft wandelten Gäſte durch das Zim⸗ mer, ohne ihn zu bemerken. So ſaß er eine geraume Zeit. Plötzlich trat Henriette eilenden Schrittes herein. Kurz darauf der Graf Brienne, der das Mädchen zu verfolgen ſchien. Der Graf warf einen Blick im Zimmer um⸗ her, und da er ſich unbelauſcht glaubte, umfaßte er die Fliehende und drückte einen Kuß auf ihre Stirne. Hierauf folgten die heiligſten Liebesbetheuerungen. Henriette lauſchte ſchweigend den ſüßen Schmei⸗ chelworten. Dann unfaßte ſie in liebender Hinge⸗ bung den ſchönen Mann und gab ihm den Kuß zurück. Der Graf drückte die hold Erröthende glühend an ſeine Bruſt. „Süßes, engelhaftes Weſen,“ beſchwor er die an ſeinem Herzen Ruhende,„v vertraue mir; bei Allem was heilig iſt, vertraue mir; nur Du, Einziggeliebte, biſt der Stern meines Lebens, der Anker meiner Se⸗ ligkeit;: was wäte mir eine Zukunft ohne Dich! Nimmer wird Dein ſüßes Bild mich verlaſſen; o ſprich, mein theures Leben, darf ich Dir vertrauen, könnteſt Du mich je vergeſſen?“ „Nimmer, nimmer, mein Alphons,“ weinte in ſtiller Seligkeit das Mädchen, ihr Geſicht an ſeiner 12* 180 Bruſt verbergend.„Aber wirſt auch Du mir treu verbleiben?“ Der Graf hob ſchwörend ſeine Hand empor. „Nur Du wirſt meine Gattin,“ ſprach er,„oder keine; ſo wahr ich Dich hier an mein liebendes Herz drücke; bei der Ehre meiner Ahnen; und mit dieſem Kuſſe beſiegle ich für ewig unſern Bund.“ Er küßte wiederholt den reizenden Mund, welcher jetzt ohne Sträuben die ſüße Gabe zurückgab. Sich nähernde Schritte verſcheuchten das Paar. Die Liebesſcene hatte Eugen wunderbar ergriffen. „Wenn es der Graf redlich meint,“ ſprach er für ſich,„ſoll mich's wahrhaft freuen; will er aber als adeliger Herr, wie es vor der Revolution gebräuch⸗ lich war, das bürgerliche Mädchen nur zum Spielzeng ſeiner Luſt brauchen, ſo breche ich Seiner hochgräfli⸗ chen Gnaden ohne Umſtände den Hals.“ Zwei ſchwarzgekleidete Herren traten jetzt in das Zimmer. Sie flüſterten leis und angelegentlich mit einander. Der Eine zog ein Papier aus dem Buſen, das er mit gedämpfter Stimme dem Andern vorlas. Es war die Proclamation Ludwig des Achtzehnten an das franzöſiſche Volk, welche die Bourbonen im Lande zu verbreiten ſuchten. „Vortrefflich,“ ſprach der Eine, als der Vorleſer zu Ende war,„mir aus der Seele geſchrieben!“ Ein Dritter trat zu dem Paare. Es war der Italiener Franzesco. „Nicht wahr,“ meinte dieſer,„das iſt ein andrer Styl als die mordbrenneriſchen Bulletins des Corſen?“ „Iſt denn auch für die Verbreitung dieſes un⸗ ſchätzbaren Dokuments Alles gethan?“ frug der eine Schwarzgekleidete. „Hunderttauſend Exemplare,“ antwortete Franzesco, 184 „ſind für Paris gedruckt, und noch dieſe Nacht wer⸗ den in alle Straßen ganze Packete zerſtreut.“ Das Kleeblatt verhandelte noch geraume Zeit bourboniſtiſche Intereſſen. Bald geſellten ſich noch mehre der Gäſte hinzu. Das Geſpräch ward immer lauter und rickſichtsloſer. Man ſprach ſich unverholen zu Gunſten der Bourbonen aus. Eugen hatte die ganze Zeit mit ſtillem Ingrimme zugehört, doch immer geſchwiegen; als die Royaliſten aber die gemeinſten Schmähungen gegen den Kaiſer ausſtießen, den Mann des Jahrhunderts mit empö⸗ renden Schimpfworten belegten, ihm die ſchändlichſten Verbrechen zur Laſt legten, konnte er nicht länger an ſich balten. Er war eben im Begriff, aufzuſtehen und die Verläumder nachdrücklich zurecht zu weiſen, als die Geſellſchaft durch ein neues Mitglied vermehrt wurde, das mit großer Haſt in das Zimmer trat. „Sehr gute Nachrichten aus Bordeaux,“ ſprach der Neueingetretene,„die ganze Stadt iſt unſer. Man hat dem Herzog von Wellington zu wiſſen ge⸗ than, daß er nur mit ein paar Bataillonen vor der Stadt zu erſcheinen brauche; die Thore würden ſich willig aufthun und die Bevölkerung die Engländer als Befreier von dem Joche des Tyrannen begrüßen. Der Graf Lynr ſelbſt, der Maire von Bordeaux, ſteht an der Spitze der Unſrigen.“ Eine Flammenröthe überzog bei dieſen Worten Eugen's Geſicht. Er ſtand auf, und zu der politi⸗ ſirenden Geſellſchaft tretend, frug er in ſo ruhigem Tone als möglich „Iſt das derſelbe Graf Lynr, welcher im Novem⸗ ber vorigen Jahres nach den Tuilerien eilte und auf's Heiligſte ſeine Treue und Anhänglichkeit ge⸗ lobte? Welcher ausrief: Napoleon hat Alles für die 182 Franzoſen gethan; dieſe werden Alles für ihn thun! Iſt das derſelbe Graf Lynx,“ fuhr er fort,„welcher, als er der Nationalgarde von Bordeaux die Fahnen einhändigte, nur von den Pflichten gegen ſeinen er⸗ habenen Souverain ſprach, welcher keinen andern Zweck hätte, als einen ehrenvollen Frieden zu ſchlie⸗ ßen? Derſelbe Graf Lynx, welcher die in unſer Ge⸗ biet eingefallenen Verbündeten als Verwegene bezeich⸗ nete, und wenn Bordeaux in Gefahr geriethe, ge⸗ ſchworen hat, das Beiſpiel gänzlicher Ergebenheit zu geben?“ Die Anweſenden ſtutzten nicht wenig, als ſie un⸗ erwartet eine kaiſerliche Uniform unter ſich erblickten. Franzesco, welcher den Jüngling und deſſen Anhäng⸗ lichkeit an den Kaiſer kannte, wollte einer unange⸗ nehmen Scene vorbeugen und eine ausweichende Ant⸗ wort geben, als einer der Royaliſten, Eugen für einen Gleichgeſinnten haltend, voreilig herausplatzte: „Allerdings, mein Herr, iſt es derſelbe Graf von Lynx, er hat ſich in die Umſtände zu ſchicken gewußt, und iſt ſo unſrer guten Sache von außerordentlichem Nutzen geworden.“ „Dann iſt dieſer Graf,“ ſprach Eugen kalt,„ein eben ſo großer Schuft wie Ihr alleſammt Verräther des Vaterlandes ſeid!“ Mit dieſen Worten kehrte der Jüngling der Gruppe verächtlich den Rücken und entfernte ſich, um Hen⸗ rietten aufzuſuchen, bei welcher er ſich verabſchieden wollte. Die Royaliſten waren verſteinert. Keiner wagte ein Wort der Erwiederung; nur Franzesco, welchem dieſer Ausgang nicht ganz unerwartet kam, ſuchte die Freunde zu beruhigen. „Laſſen wir den eigenſinnigen Tollkopf,“ ſprach er,„wenn er auch unſer Geſpräch belauſcht hat, ha⸗ ben wir nichts von ihm zu befürchten. Er denkt trotz ſeiner äffiſchen Anhänglichkeit an den Tyrannen, zu edel, als daß er uns verrathen ſollte.“ Nach dieſer von dem Italiener oft wiederholten Verſicherung erholte man ſich endlich, doch war man vorſichtig geworden und ließ ſich dieſen Abend nicht wieder in ſolche rickſichtsloſe und gefährliche Unterhal⸗ tung ein. Siehentes Rapitel. Es war noch früh am Morgen des andern Tages, als Eugen in Begleitung ſeines Freundes Mortemart Paris verließ. Von Monterau an führte ihr Weg über lauter Schlachtfelder. Weit und breit erblickte man auf den Ebenen die Spuren des blutigſten Kampfes. Erſt in Troyes gelangten die beiden jun⸗ gen Männer zum Hauptquartier. Napoleon mit vier⸗ zigtauſend Mann hunderttauſend Verbündete vor ſich hertreibend, war bis zu dieſer Stadt gelangt. Eugen traf gerade in dem Augenblicke zu Troyes ein, als eine blutige Execution an einem der roya⸗ liſtiſchen Rädelsführer vollſtreckt ward. Sein Name war Gvouants, welcher, die Anweſenheit der Alliirten benutzend, im Verein einiger Gleichgeſinnten, die weiße Cocarde auf den Hut, das Ludwigskreuz in's Knopf⸗ loch geheftet, die Bewohner von Troyes gegen den Kaiſer aufgewiegelt und ſich öffentlich für Ludwig den Achtzehnten erklärt hatte. 184⁴ Napolevn war Nichts mehr zuwider als Hinrich⸗ tungen. Auch diesmal würde der Royaliſt mit dem Leben davon gekommen ſein, wenn ſich ſeine Familie zeitig genug an den Kaiſer gewandt hätte. Als man um Gnade einkam, war es bereits zu ſpät und die Sentenz vollſtreckt. In Troyes erreichte übrigens die Begeiſterung der Einwohner für den Kaiſer den höchſten Grad. Bei⸗ ſpielloſer Jubel empfing den großen Sohn der Revo⸗ lution bei ſeinem Eintritt in die Stadt. Man ſtritt ſich um die Berührung ſeiner Kleider, um einen Kuß ſeiner Hände. Laut klagte man ihm die Verräthe⸗ reien der Royaliſten. Im Hauptquartiere ſelbſt erblickte Eugen lauter vergnügte Geſichter; Alles ſchmeichelte ſich mit einem baldigen Frieden. Der Fürſt Lichtenſtein war aus dem öſtreichiſchen Lager angelangt. Er überbrachte eine Antwort auf das Schreiben Napoleon's an ſei⸗ nen Schwiegervater und geſtand die Wucht der Schläge ein, welche der franzöſiſche Kaiſer den Alliirten bei⸗ gebracht hatte. Man verhandelte über einen abzu⸗ ſchließenden Waffenſtillſtand. Napoleon wünſchte als Lohn für ſeine glänzenden Siege Antwerpen und die Küſten Belgiens Frankreich zu erhalten. Der Cabinetsſeeretair Baron Fain trat ſo eben aus dem Kabinet des Kaiſers, als er Eugen erblickte, welcher im Salon de service auf⸗ und abſchritt. Der Baron eilte auf den Jüngling zu und umarmte ihn herzlich. „Was macht mein braver Camille?“ frug er ſo⸗ gleich,„wird dem Alten die Zeit nicht lang in Paris, während ſeine alten Cameraden alle Hände voll zu thun haben und ſich mit unſterblichen Lorbeeren be⸗ decken?“ 185 „Allerdings,“ antwortete Eugen,„tagtäglich ver⸗ wünſchte er die Kanonenkugel von Krasnve, welche ihn um ein Bein ärmer machte. Als die Kanonen von Monteräu in Paris gehört wurden, ſoll gar kein Auskommen mit ihm geweſen ſein. Er läßt Euch herzlich grüßen und für die trefflichen Mittheilungen den wärmſten Dank abſtatten.“ „Ich wünſchte,“ ſprach der Baron,„ich könnt' ihm bald den definitiven Frieden berichten.“ „Wie ſteht es damit?“ frug Eugen begierig,„Ihr ſitzt an der Quelle und müßt dergleichen Angelegen⸗ heiten am Beſten wiſſen.“ Der Cabinetsſeeretair zuckte die Achſeln. „Ich fürchte, ich fürchte,“ ſprach er in bedenkli⸗ chem Tone,„daß die Conferenzen in Chatillon daſ⸗ ſelbe Ende nehmen werden, wie die zu Prag und zu Frankfurt. Der Kaiſer hat einmal Antwerpen an's Herz geſchloſſen. Wenn er dieſes nicht bekommt, ſchließt er nach den neueſten Siegen keinen Frieden. Das iſt gewiß. Und Antwerpen wieder geſteht ihm England aus leichtbegreiflichen Gründen nicht zu. An dieſem Steine des Anſtoßes wird wahrſcheinlich der ganze Congreß ſcheitern, ſobald nicht das Kriegsglück ein Veto einlegt.“ „Aber im Hauptquartiere,“ entgegnete Eugen,„iſt Jedermann vom Frieden faſt völlig überzeugt. Und ſpricht nicht auch der bevorſtehende Waffenſtillſtand dafür?“ „Dieſer Waffenſtillſtand,“ belehrte der Cabinets⸗ ſecretair,„iſt von Schwarzenberg nur in Anregung gebracht, um ſich von ſeinen Unfällen ungeſtörter zu erholen. Auch ſcheint dies der Kaifer recht wohl zu wiſſen und die eifrige Verfolgung der Oeſtreicher hat daher keine Stunde nachgelaſſen. Ohne ſchleunigen 186 Waffenſtillſtand müſſen die Verbündeten bis an den Rhein zurück und ihre Lage wird höchſt kritiſch, wenn Augereau von Lyon her die befohlene Diverſion aus⸗ führt.“ „Was hat es denn,“ frug Eugen,„mit dem Ren⸗ contre auf ſich, das der Kaiſer mit dem Herzog von Belluno bei Monterau gehabt und wovon man ſich ſo viel erzählt?“ „Der Marſchall,“ antwortete der Baron,„hatte den Befehl, die Brücken von Monterau ſchnell zu neh⸗ men. Er that dies nicht zu rechter Zeit und die Würtemberger, welche vernichtet worden wären, kamen mit blauem Auge davon. Napoleon war aufßer ſich. Er überſchickte ſofort dem Herzog die Erlaubniß, ſich nach Hauſe zu begeben, und übergab ſein Commando dem General Gerard. Victor reclamirt mit Thränen in den Augen gegen dieſen Befehl. Napoleon, als er ihn gewahrt, läßt ſeinem Unmuthe freien Lauf. Er überhäuft den Marſchall mit Vorwürfen. Er be⸗ ſchuldigt ihn, mit Widerwillen zu dienen, ja eine ge⸗ heime Oppoſition im Lager zu unterhalten. Verge⸗ bens bemüht ſich Victor, Etwas zu ſeiner Entſchul⸗ digung vorzubringen. Der Kaiſer läßt ihn nicht zu Worte kommen. Endlich gelingt es dem ſo hart Be⸗ ſchuldigten. Er erinnert Napoleon, daß er ſein älteſter Waffengefährte, und daß er nicht mit Ehren die Ar⸗ mee auf ſolche Art verlaſſen könne. Er ruft die Er⸗ innerungen an Italien hervor. Napoleon's Zorn legt ſich allmälig. Doch ſpricht er nicht ohne Bitterkeit nur von Ruhe, die der Marſchall nöthig zu haben ſcheint. Seine vielen Wunden und ſeine Leiden, die Folgen ſo vieler Feldzüge, erlaubten ihm wahrſchein⸗ lich nicht mehr, die Entbehrungen der Bivouaks zu ertragen und nöthigten ihn da Quartier zu machen, 187 wo ſich das beſte Bette befinde. Indeß beharrte der Marſchall bei ſeinem Entſchluſſe, zu bleiben. Napo⸗ levn wird immer milder.„Sire,“ ruft endlich der Herzog,„ich will eine Flinte nehmen, noch hab' ich mein altes Handwerk nicht vergeſſen. Victor wird als Gemeiner unter die Garde treten.“ Dieſe letzten Worte beſiegen Napoleon's Zorn vollkommen.„Wohlan, Virtor,“ ſpricht er, dem Marſchall die Hand reichend, „bleiben Sie bei mir. Ihr Armee⸗Corps kann ich Ihnen nicht wieder geben, da es Gerard bereits er⸗ halten hat; aber ich gebe Ihnen zwei Diviſionen mei⸗ ner Garde, übernehmen Sie den Oberbefehl derſelben und das Vergangene iſt vergeſſen.“ „Ich habe dieſe Scene,“ ſprach Eugen,„in der Hauptſtadt ganz anders erzählen hören. Der Kaiſer ward da als vollkommener Wütherich geſchildert.“ „Wie ich ſie Euch erzählt.“ meinte der Cabinets⸗ ſecretair,„hat ſie ſich in Wahrheit zugetragen.„Ich war ſelbſt gegenwärtig. Allerdings befand ſich der Raiſer in großer Aufregung. Mehre Generale hat⸗ ten ſich die unverantwortlichſten Verſehen zu Schulden kommen laſſen. Der General Guyot hatte ſich aus bloßer Nachläſſigkeit mehre Kanonen nehmen laſſen. Na⸗ poleon machte dieſem ſonſt braven General vor ſeinen Truppen die lebhafteſten Vorwürfe. Den General Digeon wollte er gar vor ein Kriegsgericht ſtellen laſſen, weil er nicht für erforderliche Munition für die Batterien Sorge getragen. Er zerriß aber den Befehl mit eigner Hand wieder. „Noch eine Scene aus der Schlacht von Monte⸗ rau,“ fuhr der Baron fort,„muß ich Euch erzählen. Der Kaiſer vergaß im fürchterlichſten Kanonenfeuer, daß er Kaiſer ſei. Er gedachte ſeines alten Hand⸗ werks und ward gemeiner Artilleriſt. Er richtete die 188 Kanonen ſelbſt und commandirte das Abfeuern. Der Feind ſtrengte alle Kräfte an, unſere Batterien zu demontiren. Die Kugeln flogen hageldick rings um⸗ her, bis endlich die Soldaten ihn laut beſchworen, ſich dieſem mörderiſchen Feuer nicht länger auszu⸗ ſetzen. Seid ruhig, meine Freunde, antwortete Na⸗ poleon lächelnd,„die Kugel, die für mich beſtimmt, iſt noch nicht gegoſſen.“ „Un officier d'Ordonnance!“ rief plötzlich die Stimme des Kaiſers im Cabinet. Eugen, der den Dienſt hatte, trat ſogleich ein. „Reiten Sie ſogleich nach Mery,“ ſpricht Napo⸗ leon, der vor einer Karte ſteht,„und ſehen Sie nach, was das für ein Feind iſt, der ſich da zeigt.“ Eugen entfernte ſich augenblicklich, ſchwang ſich auf ſein Roß und ſprengte mit verhängtem Zügel davon. Napoleon ſtand noch immer in Gedanken verloren vor der Karte. „Ich werde nicht klug daraus,“ ſprach er,„wäh⸗ rend die ganze Schwarzenberg ſche Armee vor mir über Hals und Kopf zurück weicht, zeigen ſich zu unſrer Linken Truppen, welche an der allgemeinen Rückzugs⸗ bewegung nicht theilnehmen und hartnäckigen Wider⸗ ſtand entgegen ſetzen. Es muß Wittgenſtein ſein.“ Nach einer Pauſe fährt er fort: „Wenn Augereau die befohlne Diverſion pünkt⸗ lich ausführt, iſt Schwarzenberg verloren. Ich fürchte nur, es fehlt dem alten Haudegen an der erforder⸗ lichen Energie. Er ſcheint wie Viele den Krieg nicht mehr zu lieben. Es muß Alles geſchehen, den Mar⸗ ſchall anzufeuern, daß er das wichtige Manöver mit Pünktlichkeit ausführt. Das Schickſal Frankreichs liegt faſt in ſeinen Händen.“„ à 189 Nach dieſen Worten ſetzt ſich der Kaiſer an ſein Bureau und ſchreibt eigenhändig einen Brief an die Kaiſerin. Marie Louiſe ſoll der jungen Gemahlin des Herzogs von Caſtiglivne einen Beſuch machen, und dieſelbe all' ihren Einfluß auf ihren Gemahl aufbieten, daß er dem Vertrauen, das der Kaiſer bei dieſer ſo wichtigen Expedition auf ihn geſetzt hat, würdig entſpreche. Der dienſthabende Adjutant meldet den Baron von Saint⸗Aignan, welcher ſo eben von Paris ange⸗ langt iſt. Dieſer Staatsmann kommt in dem Auftrage, dem Kaiſer eine wahre Schilderung von dem Zuſtande der Hauptſtadt vorzulegen. „Sire,“ ſpricht er unter Andern,„die Siege bei Montmirail und Vauchamps haben die Pariſer nicht beruhigt; ſelbſt die von Nangis und Monterau nicht. Man fürchtet neue Unfälle und neues Glück; letzteres, weil man dann den Frieden noch lange hinausgeſcho⸗ ben glaubt. Dabei erhebt die royaliſtiſche Propa⸗ ganda frecher denn je das Haupt. Alle Salons ſind von den Netzen der Royaliſten und ſchlechten Bürger überſponnen. Alle, die es treu und ergeben mit Eurer Majeſtät meinen, ſind von der Nothwendigkeit über⸗ zeugt, daß diesmal die größten Opfer zu Erlangung des Friedens nicht geſcheut werden dürfen.“ Der Baron ſprach noch lange in dieſem Sinne. Er erſchöpfte ſeine ganze Beredtſamkeit, den Kaiſer für ſeine Anſicht geneigt zu ſtimmen. „Sire,“ rief er endlich mit erhöhter Stimme,„der ſchleunigſte Friede wird der beſte ſein.“ Napoleon hatte dem Sprecher mit finſtrem Schwei⸗ gen angehört; bei den letzten Worten runzelte ſich ſeine Stirn. ₰ 190 „Er wird ſchleunig genug ſein,“ ſpricht er kalt, „wenn er entehrend iſt.“ Mit dieſen Worten kehrt er nicht ohne Verachtung dem Baron den Rücken. Saint⸗Aignan iſt entlaſſen. Es langen Couriere an, welche berichten, daß ſich die Commiſſarien, welche zu Luſigny mit Abſchließung des Waffenſtillſtands beſchäftigt ſind, ſich über die De⸗ marcationslinie nicht vereinigen können. Die Abge⸗ ordneten der Verbündeten wären bei ihren Macht⸗ habern deshalb um neue Verhaltungsbefehle einge⸗ kommen, was großen Aufenthalt verurſache. „Es iſt entſchieden,“ rief Napoleon, als er dieſe Depeſchen geleſen,„Schwarzenberg will nur Zeit ge⸗ winnen, ſich von ſeinen Unfällen zu erholen. Ich kenne dieſe Maxime von Prag. Nichts da, die Feind⸗ ſeligkeiten ſollen nicht eingeſtellt werden! Wir dürfen die Feinde nicht zu Athem kommen laſſen!“ Der Kaiſer zog ſich nach dieſen Worten in ſein Kartenkabinet zurück und entwarf die Marſchrouten zur eifrigſten Verfolgung der Schwarzenberg ſchen Armee. Am Abend deſſelben Tages kehrte Eugen auf ſchaumbedecktem Pferde von ſeiner Miſſion zurück. Er ließ ſich beim Kaiſer melden und ward ſogleich vor⸗ gelaſſen. „Nun,“ frug Napoleon,„wer iſt dieſer hartnäckige Feind zu Mery?“ „Sire,“ gab Eugen die verhängnißvolle Antwort, „es iſt die Avantgarde der großen preußiſchen Armee.“ Des Kaiſers Stirn verfinſterte ſich. „Sprechen Sie nicht ungereimt.“ Eugen, welcher die Heftigkeit Napoleon's kannte, ließ ſich nicht einſchüchtern. „Sire,“ fuhr er in ehrerbietigem Tone fort,„es 194 iſt dies die Ueberzeugung aller in Mery commandi⸗ renden Generale. Blücher ſelbſt hat in Perſon dort befehligt und iſt bei der Brücke von Mery verwundet worden.“ „Erzählen Sie, was Sie vernommen,“ ſprach Napoleon, noch immer unwillig, und hatte dabei ſeine Blicke fortwährend auf die Karte gerichtet. „Nach einſtimmiger Ausſage aller Kriegsgefan⸗ genen,“ lautete Eugen's Bericht,„hatte ſich Blücher über Rheims mit Sacken und York, welche ſich über⸗ dies durch die aus den Niederlanden heraufgekommenen Corps von Bülow und Winzigerode verſtärkt hatten, wieder vereinigt. Desgleichen war das Corps unter Langeron zu ihm geſtoßen. Er fühlte ſich jetzt wieder ſtark genug, dem Schwarzenberg zu Hülfe zu eilen, und hoffte eine Vereinigung vor Troyes zu Stande zu bringen.“ „Wie war der Widerſtand der Preußen zu Mery?“ frug Napoleon ſchnell. „Im Anfange ſehr hartnäckig,“ antwortete Engen, „ſpäter weniger; auch hat ſich Blücher wieder zurück⸗ gezogen.“ „Zurückgezogen?“ frug Napoleon raſch und ward ſehr nachdenkend. „Blücher iſt nicht der Mann,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„der ſich vor ein paar Diviſionen zurück⸗ zieht. Da ſteckt ein Plan dahinter.“ Neu ankommende Depeſchen beſtätigten jetzt nicht nur Eugen's Ausſagen, ſondern enthielten auch fernere Berichte über die Bewegungen der preußiſchen Armee. „Es iſt entſchieden,“ rief Napoleon, nachdem er geleſen, in großer Aufregung,„Blücher beabſichtigt längs der Marne einen neuen Marſch auf Paris. Bei 192 Gott, der Mann iſt kühn; wir aber wollen noch küh⸗ ner ſein.“ Noch in derſelben Nacht wird Befehl zum Ab⸗ marſch gegeben, und den andern Morgen bricht die Armee in Eilmärſchen gegen Blücher auf. Der Her⸗ zog von Reggio und General Gerard werden zurück⸗ gelaſſen, Schwarzenberg in Schach zu halten und vor Allem des Kaiſers Bewegungen gegen Blücher zu mas⸗ kiren. In dieſer Abſicht laſſen die beiden zurückblei⸗ benden Feldherren in ihren Corps den berühmten Zu⸗ ruf verbreiten, welcher die Ankunft des Kaiſers ver⸗ kündet; und während ſich Napoleon eilends von Troyes entfernt, glauben die Verbündeten, er ſei eben ange⸗ langt. Am Abend bivouakirt die Armee bereits bei Her⸗ biſſe, einem kleinen Dorfe unweit Arcis. Napoleon tritt bei dem Pfarrer ab, wo er die Nacht zubringt. Die Pfarrei beſtand in einem einzigen Zimmer und einer Kammer. Napoleon ſchließt ſich in ein Zimmer ein und ſtudirt den größten Theil der Nacht ſeine Karten. Die Marſchälle, General⸗Adjutanten, Ordonnanzofficiere und andere Hausofficiere füllen ſo⸗ gleich die Kammer. Der Pfarrer will die Honneurs in ſeinem Hauſe machen; mitten in der Verwirrung aber geräth er mit dem Marſchall Lefebvre in einen Streit über Latein. Die Officiere gruppiren ſich um die hübſche Nichte des Pfarrers, welche nicht übel zum Clavier ſingt. Das Maulthier mit dem Flaſchenkorbe langt an; man legt ſogleich eine Thür auf die Tonne, einige Breter werden zu Bänken eingerichtet. Die Vornehmſten ſetzen ſich; die andern eſſen ſtehend. Der Pfarrer nimmt an der Seite des Oberhofmarſchalls Platz. Das Geſpräch kommt auf das Departement, in dem man ſich befindet. Der geiſtliche Herr kann 193 nicht begreifen, wie dieſe Herren vom Militair alle Localitäten ſo genau kennen. Er iſt überzeugt, daß der ganze Generalſtab aus der Champagne gebürtig ſei. Ihn eines Beſſern zu belehren, zeigt man ihm die Charten von Caſſini, die jeder in der Taſche trägt. Er findet darauf die Namen aller benachbarten Dör⸗ fer, und ſein Erſtaunen iſt außerordentlich, daß ſich die Geographie mit ſolchen Einzelheiten beſchäftige. Nach der heiteren Mahlzeit zerſtreut man ſich in die benachbarten Scheunen, nur die dienſtthuenden Officiere bleiben in der Nähe der Thüre zu dem Zimmer, wo ſich Napoleon befindet. Jeder erhält ſein Bund Stroh, und da der Pfarrer nicht in ſeinem Bette ſchlafen kann, räumt man ihm den Ehrenplatz auf dem Feldbette ein. Am nächſten Morgen bricht das Hauptquartier ſehr früh auf. Napoleon ſitzt ſchon zu Pferde, als der Pfarrer noch ſchläft. Um ihn zu tröſten, daß er nicht Lebewohl von ihm nehmen können, hat der Kaiſer eine volle Börſe zurückgelaſſen. Die Armee dringt mit raſtloſem Eifer gegen Blücher vor. Man ſtößt alsbald auf die leichten Truppen Tettenborn's. Zugleich erfährt man, daß die beiden Marſchälle Marmont und Mortier, welche Blücher im Zaume halten ſollten, vor der Uebermacht bis Meaux zurückgewichen ſind. Es iſt kein Augenblick zu ver⸗ lieren, um Paris zu retten. Die Armee langt beim Schloſſe von Eſtrenay an. Hier treffen ſehr böſe Nachrichten von Troyes ein. Schwarzenberg hatte, ſo wie er Napolevn's Abmarſch erfahren, ſogleich die Offenſive wieder ergriffen und in einem äußerſt blutigen Treffen den höchſten Muth bewährt. Wittgenſtein wie Schwarzenberg befinden ſich unter den Verwundeten. Die franzöſiſchen Gene⸗ rale ſind zum Rückzuge genöthigt worden. Stolle ſämmtl. Schriften. XlI. 13 194½ Schwarzenberg erkannte nur zu bald, daß er es blos mit einer ſchwachen Macht zu thun hatte, welche anderweitige Operationen maskiren ſollte. Er ent⸗ ſandte daher einen Theil ſeiner Armee gegen Augereau, den Herzog von Eaſtiglione, der ihm im Rücken ſtand. So rückten die Oeſtreicher abermals vor. Augereau war verhindert, ſeine projectirte Diverſion zu machen, und Paris war mehr denn je von Blücher bedroht, der wieder vor den Thoren von Meaux ſtand. Napoleon entwickelte in dieſer gefährlichen Lage eine Thätigkeit, die ohne Beiſpiel iſt. Sein erſtes Augenmerk war, ſich Blücher's zu entledigen. Am erſten März, ganz in der Frühe, langte die franzöſiſche Armee zu Ferts⸗Gaucher an. Die Nach⸗ richten, die man hier erhielt, waren ermuthigend. Die beiden Marſchälle Marmont und Mortier befan⸗ den ſich noch immer zu Meaux und hielten Blücher von Paris ab. Letzterer, ſo wie er Napoleon's Heran⸗ zug erfahren, war ſogleich über die Marne gegangen und hatte die Brücken hinter ſich abgebrochen. Als die franzöſiſche Armee auf den Höhen von La Ferts anlangte, ſah ſie die Stadt zu ihren Füßen, die Windungen des Thals, und auf der andern Seite der Marne die preußiſche Armee, welche ſich nicht in der beſten Ordnung nach Soiſons zurückzog. Der Kaiſer befahl, auf der Stelle die Brücken wieder herzuſtellen, er ſelbſt leitete die Arbeiten. Von allen Seiten brachten Landleute die Nachricht, daß ſich der Feind bei den moraſtigen Wegen in höchſt kläg⸗ lichem Zuſtande zurückziehe. Napoleon ſandte ſogleich Eilboten nach Paris und Chatillon, den Rückzug der Preußen zu melden, zugleich befahl er den Marſchällen Marmont und Mortier, in nördlicher Richtung vorzu⸗ rücken und die linke Hälfte eines Kreiſes zu bilden, 195 in welchen Blücher eingeſchloſſen werden ſollte. Es war wieder eines von den Manövern, welches dem Genie Napoleon's zum höchſten Glanze gereicht. Oft ſchaute zu dieſer Zeit der Kaiſer nach dem wolkenbedeckten Himmel und ließ ſich den Stand der Barometer melden. „Wenn die gelinde Witterung,“ ſprach er,„noch ei⸗ nige Tage anhält, iſt Blücher verloren.“ Indeß klärte ſich der Horizont bald und eine ſchärfere Luſt begann zu wehen. Die moraſtigen Wege, welche den Rückzug der Preußen ſo verzögert hatten, wurden feſter. Dennoch legte der Lauf der Aisne den Retirirenden große Hinderniſſe in den Weg. Napolevn, ſeinen großen Plan unermüdlich verfol⸗ gend, debouchirte über die neue Brücke von Laferté, machte alsdann eine ſchnelle Bewegung auf der Straße von Chalons bis Chateau⸗Thiery, ſchwenkte mit der Armee links in der Richtung von Sviſons, ſo daß er plötzlich den Preußen in der Flanke ſtand. Während der rechte Flügel auf dieſe Art den Feind umging, wurde dieſer auf dem linken durch die Herzöge von Raguſa und Treviſo gedrängt. Der Kaiſer erreichte Bezu Saint Germain, wo⸗ ſelbſt er übernachtete. Er ließ ſich die Charte bringen. Seine meiſter⸗ hafte Combination war vollkommen gelungen. „Schreiben Sie Caulaincourt,“ ſprach der Kaiſer zu dem Herzoge von Baſſano,„daß ich im Begriff ſtehe, die ſchleſiſche Armee gefangen zu nehmen; noch nie war ihre Vernichtung ſo gewiß als gegenwärtig. Vor den alten Thürmen von Soiſons, welches ſieb⸗ zehnhundert tapfere Polen vertheidigen, muß Blücher 3 196 ſeinen Säbel niederlegen. Ich bin jetzt München nä⸗ her als die Verbündeten Paris.“ Er verlangte nach einem Ordonnanzofficier. Eugen, der wieder den Dienſt hatte, trat in's Cabinet. Der Kaiſer weilte einige Augenblicke mit Wohl⸗ gefallen auf dem ſtattlichen Jünglinge. Doch gleich darauf umwölkte ſich ſeine Stirn. „Ihr Oheim,“ ſprach er,„läßt ſich's ſehr ange⸗ legen ſein, meinen Feinden ſich gefällig zu zeigen. Er gibt der verrätheriſchen Faubourg Saint Germain ein Feſt nach dem andern.“ Eugen ſchwieg, aber ſein Auge zeigte, wie ſchmerz⸗ lich ihn dieſe Worte berührten. „Sie ſelbſt,“ fuhr der Kaiſer fort,„wohnten wiederholt ſolchen royaliſtiſchen Soiréen bei?“ „Ich wage dies nicht zu leugnen,“ erwiederte der Jüngling in aufrichtigem Tone. „Ich verhoffe von meinem Ordonnanzofficier,“ ſprach Napoleon weiter,„daß er ſich mit ſolchen ver⸗ rätheriſchen Intriguen nicht befaſſen wird.“ Eugen legte betheuernd die Hand auf's Herz. „Schon gut,“ fuhr der Kaiſer lächelnd fort,„ich glaube es auch und ſetze Vertrauen in Sie. Zum Beweis reiten Sie auf der Stelle nach Paris und benachrichtigen die Kaiſerin mündlich von dem hiefi⸗ gen Stand der Dinge. Ihren Oheim laſſen Sie ge⸗ legentlich wiſſen, daß er ſich mit ſeinen Sviréen nicht übereilen ſoll. Man kann nicht wiſſen, wie die Dinge kommen. Wenn ich Frieden gemacht habe und mit meinen Garden nach Paris heimkehre, ſoll er mir, da er ſo großes Vergnügen an Schmauſereien findet, zwei Bataillone brav bewirthen. Sagen Sie ihm das.“ 197 Mit dieſen Worten winkte er, und Eugen ent⸗ fernte ſich, um augenblicklich, wie der Kaiſer befohlen, nach der Hauptſtadt zu eilen. Am folgenden Tage ſetzte Napoleon ſeinen Marſch fort. In Folge der meiſterhaften Combination des Kaiſers befand ſich Blücher, der mit ſeiner Armee nach Soiſons zu marſchirte, in der bedenklichſten Lage. Er war vollkommen umzingelt; ſein Heer ſo gut wie vernichtet. Düſter ritt der preußiſche Feldmarſchall ſeinen zurückweichenden Schaaren voran. Er kannte ſeine Lage. Ihm blieb nichts übrig, als eine Durchbrech⸗ ung der franzöſiſchen Linien, welche ihn auf beiden Seiten überflügelt hatten, und ein ehrlicher Tod mit dem Säbel in der Hand. Endlich nach höchſt beſchwerlichem Marſche ſtiegen die Zinnen von Soiſons am Horizonte empor. Die Armee bivouakirte auf freiem Felde. Blücher ſchritt an ſeinem Wachfeuer mit wolkenvoller Stirn auf und ab. „Gneiſenau,“ ſprach er endlich,„wagen wir einen Sturm auf Soiſons?“ „Ich bezweifle, mein General,“ war die Antwort, „daß ein ſolcher Etwas helfen wird. Der Platz iſt zu ſtark, die Beſatzung beſteht aus Polen; ſie kann nicht durch einen Handſtreich genommen werden.“ „Aber ich habe keine Luſt,“ fuhr der preußiſche Feldmarſchall nicht ohne Heftigkeit heraus,„mit mei⸗ ner Armee die Waffen zu ſtrecken.“ „Hoffentlich,“ ſprach Gneiſenau,„daß uns Win⸗ zigerode und Bülow Luft machen; nach meiner Be⸗ rechnung können ſie nicht weit ſein.“ Blücher ſchüttelte ungläubig das Haupt und ver⸗ ſank in ſein früheres Schweigen. „ 198 Da jagte plötzlich ein Adjutant in geſtrecktem C Car⸗ riere von den Vorpoſten daher. „Mein General,“ rief er athemlos,„die Ruſſen ſind in Soiſons.“ Blücher glaubte ſeinen Ohren nicht zu trauen. Der Adjutant betheuerte ſeine Ausſage. Im Augen⸗ blicke ſaß der ganze preußiſche Generalſtab zu Pferde. Man ritt bis an die Linie der äußerſten Vedetten. Blücher richtete ſein Fernglas nach der verhängniß⸗ vollen Feſte. „Gott iſt mit uns, meine Kinder!“ rief der greiſe Feldherr und eine Thräne trat unwillkürlich aus ſei⸗ nem Auge,„Rußlands Fahnen wehen auf den Thür⸗ men von Soiſons.“ Er hatte ſich nicht geirrt. Dieſer Platz war durch die beiſpielloſe Feigheit ſeines Gouverneurs be⸗ reits an das aus den Niederlanden gekommene Corps unter Bülow und Winzigerode übergeben worden. Als die preußiſche Armee vor der Feſte anlangte, ſenkten ſich die Zugbrücken, die Thore öffneten ſich und Blücher mit ſeinem Heere war gerettet. Die Uebergabe von Soiſons gehört zu den größ⸗ ten Glücksfällen, welche die Preußen, und zu dem größten Mißgeſchicke, welches Napolevn in dieſem Feld⸗ zuge betroffen hat⸗ Als Letzterer die unſelige Nachricht erhielt, beob⸗ achtete er lange ein tiefes verhängnißvolles Schwei⸗ gen. Dann brach er in die Worte aus: „Jetzt ſehe ich, daß dieſer Krieg ein bodenloſer Abgrund iſt, der uns alle verſchlingen wird.“ 199 Achtes Rapitel. hatte ſeine Miſſion bei der Kaiſerin Marie Louiſe beendet. Er ſtieg die breite Haupttreppe der Tuilerien herab und benutzte die wenigen freien Stun⸗ den, neue Erkundigungen über das räthſelhafte Ver⸗ ſchwinden Valerien's und ihrer Mutter einzuziehen. Wieder war es Herr Vitrolle, an welchen er ſich wandte. Dieſer unternehmende Polizeichef konnte ihm aber auch diesmal nur Vermuthungen und keine Ge⸗ wißheit mittheilen. „Aller Wahrſcheinlichkeit nach,“ ſprach er,„hat ſich irgend ein royaliſtiſcher Häuptling der verlaſſenen Familie angenommen und ſie in Sicherheit gebracht. Ob dies nun aus politiſchem Intereſſe geſchehen iſt oder aus anderweitigem, mag ich nicht entſcheiden. Vielleicht daß Politik und Zärtlichkeit Hand in Hand gehen.“ Eugen verzweifelte jetzt, Valerien wiederzufinden; denn wenn ihm die mit hundert Augen begabte Pa⸗ riſer Polizei keine Auskunft zu geben vermochte, wer ſollte ihm dieſe geben? Er verſank einige Augen⸗ blicke in düſtres Schweigen. Der Polizeibeamte, nachdem er ſich nach dem neue⸗ ſten Stande der Kriegsoperationen erkundigt hatte, nahm Gelegenheit, den Jüngling auf das rückſichtsloſe Benehmen des Onkels Normand hinſichtlich der Roya⸗ liſten aufmerkſam zu machen. „Wir haben,“ ſprach er,„zeither außerordentliche Nachſicht mit ihm gehabt, in der Hoffnung, daß er von ſeiner Verblendung zurückkommen werde; aber der 200 Erfolg lehrt, daß wir uns getäuſcht haben. Er gibt ſein Haus ſelbſt zu geheimen Verſammlungen her; wir wiſſen es, wir hätten ſchon lange einſchreiten können; er ſoll aber unſre Geduld nicht länger auf die Probe ſtellen. Der kurzſichtige Mann lebt in dem Wahne, eine Verbindung ſeiner Tochter mit dem Grafen von Brienne zu Stande zu bringen, ein Be⸗ weis, wie wenig er den alten Adel kennt.“ Eugen gedachte hier der Scene zwiſchen Henriet⸗ ten und dem Grafen, welcher er vor Kurzem in der Soirée ſeines Onkels beigewohnt. „Ich hoffe,“ ſprach er,„der Graf Alphons von Brienne iſt ein Ehrenmann.“ „Nach den Anſichten des alten Adels,“ antwortete Vitrolle,„ein vollkommener. Einem ſchönen Mädchen bürgerlicher Herkunft den Hof zu machen, hat ſchon unter dem vierzehnten Ludwig für nichts Unehrenhaf⸗ tes gegolten.“ „Der Graf ſcheint ernſtere Abſichten zu haben,“ ſprach Eugen. „Wenn Sie unter ernſten Abſichten,“ meinte Vi⸗ trolle,„eine eheliche Verbindung verſtehen, ſo würde eine ſolche in der altadeligen Coterie eben für etwas Unehrenhaftes betrachtet werden und ſich daher mit der Ehrenhaftigkeit des Grafen nicht vereinbaren.“ Der Jüngling glühte. Er vermochte den Gedan⸗ ten, ſeine Couſine von dem Grafen betrogen zu ſe⸗ hen, nicht zu ertragen. „Brechen wir ab,“ ſprach er,„noch hat ſich der Graf des Verbrechens, welches Sie andeuten, nicht ſchuldig gemacht. Wehe ihm, wenn er es wagen ſollte.“ „Mein junger Freund,“ erwiederte Vitrolle,„dieſe Leute, wenn ſie wieder am Ruder ſtehen, werden noch 201 andre Dinge wagen, als ein unſchuldiges Mädchen zu hintergehen.“ Er reichte dem Jüngling die Hand und dieſer verließ, von den widerwärtigſten Gefühlen beſtürmt, das Hotel des Polizeiminiſteriums. Es war ihm unmöglich, wie er anfangs Willens war, in dieſer Stimmung ſeinem Onkel, dem Ban⸗ quier, einen Beſuch zu machen. Er begab ſich zuvor zu Camille. „Herzensjunge,“ rief dieſer, ſeine Arme ausbrei⸗ tend und den Jüngling an ſein Herz drückend,„wo kommſt Du hergeſchneit?“ „Direct von der Armee,“ antwortete Eugen. „Nun wie ſteht's,“ frug der Onkel mit großer Begier. „Hoffentlich iſt in dieſem Augenblicke die ſchleſi⸗ ſche Armee vernichtet.“ „Herzensjunge,“ rief der alte Krieger und ſeine Augen glühten vor Freude,„Du biſt nicht mit Golde zu bezahlen. Setz' Dich, zum Teufel, und erzähle, wie das Alles zugegangen. Da ſteht St. Julien, ſchenk Dir ein.““ Eugen ließ ſich dies nicht zweimal ſagen. Er ſchenkte ſich den Römer voll, nahm an des Oheims Seite Platz und erzählte den neueſten Stand der Kriegsbegebenheiten. Der alte Obriſt war ganz Ohr, und als die Rede auf die letzte meiſterhafte Operation Napoleon's gegen Blücher kam, wär' er gern vor Freude aufgeſprungen, wenn ihn ſein hölzernes Bein nicht verhindert hätte. „Da geſchieht dem alten preußiſchen Huſaren ein⸗ mal Recht,“ rief er,„er hat es lange um uns ver⸗ dient. Aber was willſt Du eigentlich in Paris?“ . „Ich bin auf Miſſion, bei der Kaiſerin, Eugen. „A la bonheur!“ ſchmunzelte Camille⸗„Ihre Ma⸗ jeſtät ſchon geſprochen?“ „Dieſen Vormittag,“ erwiederte der Jüngling und erzählte das Ausführliche über die gehabte Andienz, aber in ziemlich kühlem Tone. „Du ſcheinſt eben nicht ſehr begeiſtert von der Kaiſerin der Franzoſen,“ bemerkte der Onkel. „Wie kann ich das?“ frug der Jüngling,„ich ſehe täglich den Helden des Jahrhunderts, und zwar in einem Kampfe, wie keinen zweiten die Geſchichte aufzuweiſen hat; kein Tag, ja keine Stunde vergeht, wo ſein Genie, ſein Heldenſinn, ſein großes Herz nicht in meteorengleicher Schönheit aufleuchtet, und wenn ich nun bedenke, die Gattin dieſes Mannes, welch' ein Weib muß das ſein. Ich hatte mir ein Bild entworfen; es blieb aber nur ein Spiel der Phantaſie, die Wirklichkeit hat es zertrummert. Eine Maria Thereſia, ja, das wäre eine Gattin für ihn; mein guter Onkel, glaubt mir, dieſe Maria Louiſe iſt keine Maria Thereſia. Wenn eine ſolche in den Tuilerien lebte, was hätte der Kaiſer für ſeine Haupt⸗ ſtadt zu fürchten und wenn Hunderttauſende von Feinden vor den Thoren ſtünden?“ Der Obriſt reichte dem Jüngling die Hand. „Wir verſtehen uns,“ ſprach er mit unterdrücktem Seufzer,„und alle Franzoſen von Herz denken hierin gleich.“ Eine Pauſe erfolgte. Nach einiger Zeit frug Camille: „Wie lange bleibſt Du bei uns?“ „Dieſe Nacht reiſe ich,“ ſprach Eugen;„meine Angenblicke ſind gemeſſen, und ich will die wenigen ſprach 203 benutzen, dem Onkel Banquier wegen ſeiner royaliſti⸗ ſchen Umtriebe zum Gewiſſen zu ſprechen.“ „Ja, das thut auch höchſte Noth,“ antwortete der Obriſt;„ich für meine Perſon habe die Hoffnung aufgegeben, ihn auf beſſere Wege zu bringen. Seit der Dings da, wie heißt er, der Brienne der Hen⸗ riette den Hof macht, hat der Alte vollends den Kopf verloren. Er träumt ſich ſchon als Hofbanquier bei Ludwig dem Achtzehnten.“ „Mich dauert nur die Coufine,“ ſprach Eugen, „falls es der Graf nicht redlich meinen ſollte.“ „Als ob ein Menſch,“ murrte der Alte,„der ſei ſeiner Jugend gegen ſein eignes Vaterland intriguir und die Waffen trägt, es je ehrlich meinen könnte!“ Die Beiden converfirten noch lange über die Kapitel. Endlich empfahl ſich Eugen und machte ſich zu ſeinem andern Onkel auf den Weg. Dieſer verabſchiedete ſo eben ein paar ehemalige Emigranten, welche in pecuniärer Verlegenheit ihre Zuflucht zu ſeiner Caſſe genommen hatten. Als Eugen eintrat, Fn der Empfang von Sei⸗ ten des Onkels nicht der freundlichſte. „Mein junger Freund,“ waren ſeine erſten Worte, „wenn man künftig meine Soiréen beſucht, ſo beflei⸗ ßige man ſich auch der erforderlichen Artigkeit und desjenigen Reſpects, den man meinen Gäſten ſchul⸗ dig iſt.“ Eugen erkannte ſogleich, was Normand damit meine; der hofmeiſternde Ton aber, in welchen dieſer zu ihm ſprach, ärgerte ihn. „Mein Herr Oheim,“ erwiederte der Jüngling, „jene Verräther, die ſich über meine allerdings wenig zuvorkommende Artigkeit zu beſchweren haben, mögen dem Himmel danken, daß ich nicht ihre verbrecheri⸗ 204⁴ ſchen Reden, wie ſich's gebührt hätte, den Behörden angezeigt habe. Sagen Sie das Allen, denen mein Betragen nicht behagt hat. Nehmen Sie die Verſi⸗ cherung, daß ich Ihren Soiréen nicht mehr beſchwerlich fallen werde; auch jetzt würde ich Sie durch meinen Beſuch nicht beläſtigt haben, wenn es nicht auf Befehl Seiner Majeſtät des Kaiſers Napolevn ge⸗ ſchähe.“ Der Banquier erblaßte. „Wie, des Kaiſers?“ frug er ſtotternd. „Er läßt Sie bedeuten, daß Sie ſich mit Ihren Soiréen nicht übereilen ſollen; außerdem möchte er ach abgeſchloſſenem Frieden Ihnen zwei Bataillone Garden zuſchicken, die Sie dann brav bewirthen wer⸗ enn Der Kaiſer hat von Ihrer Vorliebe zu bril⸗ nten Gaſtereien Kunde erhalten.“ 1„Beim Himmel,“ rief Normand erſchrocken,„der Tyrann iſt im Stande, mich unglücklichen Mann zu ruiniren. Es ſieht ihn ähnlich. Se Sohn mei⸗ ner Schweſter, Du giltſt etwas bei ihm, ich weiß es, wende dieſes Unglück von mir ab. Bring dem Kai⸗ ſer freundlichere Geſinnungen über mich bei. Stell' ihm vor, daß meine zeitherige Annäherung an einige vormalige Emigranten nur eine Folge meiner Han⸗ delspolitik ſei. Ich werde mich auch von heute an mehr von dieſen Leuten zurückziehen. Wenn ich zeit⸗ her den Royaliſten ſo entgegenkommend Thor und Thüre öffnete, geſchah es großen Theils aus Rückſicht für den Grafen von Brienne. „Es wird Dir hoffentlich kein Geheimniß ſein,“ fuhr er nach einer Pauſe in ſelbſtgefälligem Tone fort,„daß meine Tochter mit dem Grafen ſo gut wie verſprochen iſt.“ 205 „Allerdings habe ich davon gehört,“ war Eugen's Antwort,„hat ſich der Graf offen erklärt?“ „Das noch nicht,“ meinte Normand,„aber die Sache iſt ſo gut wie abgemacht. Eine brillantere Par⸗ tie hätt' ich mir nicht träumen können.“ Eugen blickte ſchweigend vor ſich hin, und auf des Oheims Frage, was er für Bedenklichkeiten habe, theilte ihm der Jüngling unverholen ſein Mißtrauen zu dieſer gräflichen Allianz mit. Normand mochte von ſolchen Bedenklichkeiten Nichts wiſſen und hätte Eugen's Worte faſt übel genommen. Als der Letztere gewahrte, daß alle Vorſichtsan⸗ mahnungen vergeblich waren, brach er das Geſpräch ab und erkundigte ſich nach Henrietten. Der Onkel führte ihn nach dem Zimmer ſeiner Tochter. Zuvor mußte Eugen geloben, die nächſte Gelegenheit zu be⸗ nutzen, den Kaiſer wegen der royaliſtiſchen Umtriebe des Banquiers zu beruhigen.. Reuntes Rapitel. Nachdem das preußiſche Heer durch die feige Ueber⸗ gabe von Soiſons gerettet war und mit dem dreißig⸗ tauſend Mann ſtarken Corps unter Bülow und Win⸗ zigerode ſich vereinigt hatte, lieferte ihm Napoleon die blutige Schlacht von Craonne. Er ſiegte. Die einzigen Trophäen aber waren nur die Haufen der feindlichen Todten, welche weit und breit das Schlacht⸗ feld bedeckten. Unmittelbar nach dieſer Schlacht, noch umringt von Gefahren, von Verwundeten und Ster⸗ 206 benden, befand ſich der Kaiſer in einer Gemüthsſtim⸗ mung, wo er mehr denn je für den Frieden geneigt war. Da langte Herr von Rumigny mit Depeſchen von Chatillon an. Der Ton der Verbündeten war gebieteriſch. Man drohte, daß wenn Frankreich nicht auf der Stelle in ſeine alten Grenzen zurückweiche, alle Conferenzen abgebrochen werden ſollten. Napoleon war auf große Opfer gefaßt; aber die⸗ ſer Ton war mehr, als er zu ertragen vermochte. „Wenn ich Ruthenſchläge empfangen ſoll,“ ſprach er, „ſo kann man mir wenigſtens nicht zumuthen, daß ich mich ſelbſt dazu anbiete. Man muß ſie mir mit Gewalt aufzwingen.“ Rumigny erhielt daher keinen directen Auftrag. „Sagen Sie Caulaincvurt,“ befahl Napoleon, „daß er die Erörterungen ſo lange als möglich hin⸗ ausſchiebe. Er ſoll die Abſichten der Verbündeten ausforſchen in Betreff der Opfer, die wir zu bringen haben. Er ſoll ſich vor einer Uebereilung hüten, bei der wir, um ſchneller zu Ende zu kommen, die Höhe der Opfer, die der Feind verlangt, überſteigen könnten.“ Der Abgeſandte ſteigt zu Pferde und Napoleon ſtellt ſich an die Spitze ſeiner Colonnen. Eine neue entſcheidende Schlacht ſcheint bevorzu⸗ ſtehen, als zwei demontirte, noch ganz vom Pulver⸗ dampf geſchwärzte Dragoner ſich bei dem Kaiſer melden. „Sire,“ iſt ihre Ausſage,„nur durch ein Wun⸗ der ſind wir dem Hurrah des Feindes, welcher dieſe Nacht das Bivouak des Herzogs von Raguſa über⸗ fallen hat, entgangen. Das Corps dieſes Marſchalls iſt gänzlich vernichtet, er ſelbſt getödtet.“ Dieſes Ereigniß machte das Maaß der Unfälle, 207 welche den Kaiſer die ganze Zeit daher betroffen hat⸗ ten, voll. Er muß jetzt auf den Rückzug bedacht ſein. Der Herzog von Treviſo bleibt zurück, Blücher im Zaume zu halten und Napoleon wendet ſich wie⸗ der gegen Schwarzenberg, der von Neuem auf Paris vordringt. Da reitet ein abermaliger Unglücksbote in's Lager. Der ruſſiſche General St. Prieſt hat mit funfzehn⸗ tauſend Mann Rheims genommen und ſo die Com⸗ municationslinien zwiſchen Blücher und Schwarzenberg wiederhergeſtellt. Sogleich ändert der Kaiſer ſeinen Plan und bricht nach dieſer Stadt auf. Man ſchlägt ſich daſelbſt den ganzen Tag und einen Theil der Nacht. Die Fran⸗ zoſen ziehen ſiegend in Rheims ein. Der todtgeglaubte Herzog von Raguſa, welcher ſich mit ſeinem Corps hatte überrumpeln laſſen, ſtößt mit den Trümmern ſeines Corps wieder zur Armee. Er erſcheint vor Napoleon, von ſeinem Unglücke Rechenſchaft abzulegen. So wie der Kaiſer ihn er⸗ ſchaut, bricht er in heftige Vorwürfe aus. Doch be⸗ ſänftigt er ſich, und die Scene endet damit, daß er den Marſchall zur Tafel behält. Der durch rieſenhafte Kämpfe und Strapazen aller Art erſchöpften Armee werden zu Rheims drei Ruhe⸗ tage vergönnt. Nur Napoleon weiß nichts von Ruhe. Er benutzt dieſe Zeit zum Letztenmale, die Arbeiten ſeiner Mi⸗ niſter zu unterzeichnen und alle Angelegenheiten des Reichs im Gange zu erhalten. So groß auch die Beſchwerlichkeiten des Krieges, und ſo ſchwierig die Umſtände waren, ſo hatte er bisber doch immer die innere Verwaltung von Frankreich geleitet. Er durch⸗ ſah Alles, ſorgte für Alles. 208 Die wenigen Ruheſtunden in Rheims gewährten ihm Muße, den Zuſtand ſeiner Angelegenheiten nach allen Richtungen hin zu überſchauen. Im Norden war es dem General Maiſon zeither noch immer gelungen, den Feind in Schach zu hal⸗ ten. Desgleichen behauptete Carnot Antwerpen mit bewunderungswürdiger Tapferkeit. Der Süden aber war ſehr trube. Augereau hatte den Erwartungen, die der Kaiſer in ihn geſetzt hatte, nicht entſprochen, indem er in einem kleinen Kriege mit dem General Bubna bei Genf koſtbare Zeit verloren, anſtatt kühn im Rücken der Verbündeten vorzurücken. Somit hatte dieſer Marſchall aufgehört, bei den großen Ereigniſſen des Feldzugs von irgend einem Nutzen zu ſein. Die über die Pyrenäen zurückgedrängte ſpaniſche Armee hatte ſich auf Toulvuſe zurückgezogen. So ward den Engländern die Straße nach Bordeaux geöffnet. Der Herzog von Angvulème ward täglich in Frankreich er⸗ wartet. Desgleichen hatte ſich ein andrer Bourbon, der Graf Artois in der Franche⸗Comté und Burgund gezeigt. Der Kaiſer, als er die Fortſchritte ſeiner Feinde auf allen Seiten überſchaut hatte, verſank in langes, düſteres Schweigen. Endlich ſtand er auf und ging mehremale im Cabinete auf und ab. Der treue Her⸗ zog von Baſſano betrachtete mit ſtummem Schmerze ſeinen kaiſerlichen Herrn, der in dieſem Augenblicke mehr litt, als je ein Sterblicher gelitten hat. Nie war Napolevn größer und bewunderungswürdiger als in den Zeiten, wo das Unglück über ſeinem Haupte zuſammenbrach und wo ſeine eiſerne Stirn und ſein wunderbares Genie vergebens gegen das Schickſal ankämpfte. „Maret,“ ſprach er endlich,„ich ſehe ein, es muß 209 ein entſcheidender Schlag geſchehen. Es gilt Alles gegen Alles.“ Wieder wagte der Miniſter in bittendem Tone die Friedensvorſchläge der Verbündeten in Erinnerung zu bringen und den Kaiſer zu beſchwören, den Traktat zu unterzeichnen. Der Kaiſer ſchien anfangs die Worte des Her⸗ zogs nicht vernommen zu haben. Erſt nach langer Pauſe ſprach er: „Nach dieſem angebotenen Frieden könnte ich nicht fünf Jahre Kaiſer von Frankreich bleiben; ich ſehe weiter als Alle, die ſo eiſrig nach Unterwerfung ſchreien. Die Nachwelt wird mir Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen. Nach langen Jahren erſt wird man einſehen, daß ich in dem gegenwärtigen Kampfe nicht anders handeln konnte, wenn ich nicht Frieden ſchloß.“ Er verſank in ſein früheres Schweigen. Dabei waren ſeine Blicke fortwährend auf die Karte gerich⸗ tet. Endlich ſprang er von einem kühnen Gedanken erleuchtet auf. „Vor allen Dingen muß Paris gerettet werden,“ rief er;„Schwarzenberg kann den zwanzigſten bei Montmartre ſtehen. Meine handvoll Tapfrer iſt zu ſchwach, ihn in der Fronte anzugreifen. Wohlan, ſo werfe ich mich ihm in den Rücken, vernichte ſeine Arrieregarde, unterbreche ſeine Communicativn mit dem Rhein und zerſtöre ſeinen Operationsplan. Im Herzen Frankreichs ſollen dieſe übermüthigen Fremd⸗ linge ihr Grab finden. Im ſchlimmſten Falle ziehe ich mich auf die Rheinfeſtungen zurück und vereinige ihre zahlreichen Beſatzungen mit meiner Armee. Es iſt ein kühner Plan, aber er kann uns mit einem Schlage vom Verderben retten.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: Stolle ſämmtl. Schriften. Xill. 14 240 „Dieſes außerordentliche Manöver ſtellt für einen Augenblick Paris bloß; ſchreiben Sie daher, Herr Herzog, an den Prinzen Joſeph, daß er beim gering⸗ ſten Anſchein von Gefahr, die Kaiſerin und den Kö⸗ nig von Rom hinter die Loire in Sicherheit bringe.“ Am andern Morgen brach die Armee auf, den großen Plan Napoleon's in Ausführung zu bringen. Das Corps des Herzogs von Raguſa blieb mit dem gemeſſenen Befehle in Rheims zurück, in Verein mit dem Herzoge von Treviſo den Preußen, Ruſſen und Schweden die Straße von Paris Fuß für Fuß ſtrei⸗ tig zu machen. Napoleon langte mit ſeiner Armee zu Epernay an. Hier erhielt er die Nachricht von dem Einzuge des Herzogs von Angoulème in Bordeaux. Der Maire dieſer Stadt war dem Bourbon in eigner Perſon mit den ſtädtiſchen Autvritäten entgegen gezogen. 2 Der Kaiſer ertrug dieſe große Verrätherei mit Ruhe. Er ſollte auf ſchmerzlichere Prüfungen ſich gefaßt machen. Die gaſtfreundlichen Bewohner von Epernay öff⸗ neten ihre Keller und bewirtheten die Soldaten Na⸗ poleon's mit Champagner. So wurden auf einige Stunden alle Mühen und Beſchwerden des verderben⸗ vollen Krieges vergeſſen. Aber wie ein Wetterſtrahl trifft die Nachricht von Napoleon's Heranrücken die gegen Paris vordringende große öſtreichiſche Armee und lähmt augenblicklich alle ihre Bewegungen. Schwarzenberg hat die Nie⸗ derlage St. Prieſt's bei Rheims erfahren; er ſieht ſeine Verbindung mit Blücher abgeſchnitten und den Napoleon mit ſeiner ganzen Heeresmacht gegen ſeine Flanken heranrücken. Des Kaiſers großer Plan, die Verbündeten vom Rheine abzuſchneiden, wird erkannt 211 und erfüllt die erfahrenſten Generale mit gerechten Bedenklichkeiten. Um Mitternacht iſt großer Kriegsrath. Man ſieht ſeinen Untergang vor Augen, wenn Napoleon kühnes Manöver gelingt. Schwarzenberg und faſt ſämmtliche öſterreichiſche Heerführer ſtimmen für ſchleunigen Rückzug nach dem Rheine. Der Kaiſer Alexander, gleichfalls die ſo höchſt gefährliche Lage erkennend, geht in halber Verzweiflung auf und nie⸗ der. Die triftigen Gründe der öſterreichiſchen Gene⸗ ralität erhalten das Uebergewicht. Der allgemeine Rückzug iſt ſo gut wie entſchieden. Da erhebt ſich Caſtlereagh, welcher als Abgeord⸗ neter Englands dem Kriegsrathe beiwohnte. „Für den Fall eines Rückzuges,“ ſpricht er in ziemlich trockenem Tone,„bin ich von Seiten Seiner brittiſchen Majeſtät, meines allergnädigſten Herrn, be⸗ auftragt, von dieſer Stunde an die Zahlung ſämmt⸗ licher engliſchen Subſidien zu ſiſtiren.“ Zornige Blicke fallen bei dieſen Worten von allen Seiten auf den ſtolzen Britten. Indeß kommt bei dem wichtigen Punkte, den er in Erwägung gebracht hat, die bereits entſchiedene Frage nochmals zur leb⸗ hafteſten Erörterung. Abermals bietet Schwarzenberg ſeine ganze Be⸗ redtſamkeit auf, die Tollkühnheit eines weitern Vor⸗ rückens augenſcheinlich darzuthun. „Der Feind,“ ruft er,„wenn er einmal zwiſchen uns und dem Rheine ſteht, wird nicht ermangeln, die ohnehin uns feindlich gefinnte Bevölkerung in vollen Aufruhr zu bringen. Man wird die Brücken abbrechen, die Straßen verderben. Wir befinden uns dann ab⸗ geſchnitten von unſern Reſerven, unſrer Zufuhr, im Herzen eines feindlichen Volkes, das, durch unſre 14* 212 ſchlimme Lage ermuthigt, ſich leicht in Maſſe erheben und den Krieg zu einem Nativnalkriege machen kann. Die Spuren davon haben ſich bereits im Elſaß ge⸗ nugſam gezeigt. Während unter ſolchen Umſtänden unſre Bataillone täglich decimirt werden, ohne daß wir ſie ergänzen können, kann Napoleon die Beſatzung ſeiner Rheinfeſtungen zuſammen ziehen, was ihm eine ſtärkere Heeresmacht in die Hände giebt als er je zeither beſeſſen. Die Folgen, die hieraus entſtehen können, bitte die hochverehrten Herren wohl zu be⸗ herzigen.“ Nach dieſen Worten erhob ſich der Kaiſer Alexan⸗ der, der die ganze Zeit über mit ſichtbarer Unruhe auf und abgegangen war. „Der Fürſt Schwarzenberg,“ ſprach er,„hat auch meine Anſicht ausgeſprochen. Sind wir einmal vom Rheine abgeſchnitten, kann das ganze Land für uns zu einer kaiſerlichen Vendée werden.“ Der Repräſentant Englands hatte die ganze Ver⸗ handlung mit der größten Ruhe mit angehört, und in demſelben gleichmüthigen Tone wie früher, ſprach er: „Ich wiederhole den Ausſpruch meines Monarchen; in derſelben Stunde, wo die verbündeten Heere nach dem Rheine zurückgehen, wird England die Zahlung der Subſidien einſtellen.“ Dieſe trockene Alternative Caſtlereagh's brachte ein allgemeines Murren hervor. Aller Anſichten ſpra⸗ chen ſich faſt einſtimmig dahin aus, daß man ſich dem brittiſchen Cabinette zu Gefallen nicht in den augen⸗ ſcheinlichſten Untergang ſtürzen werde. Demnach wurde der Rückzug definitiv beſchloſſen. Es iſt bereits vier Uhr des Morgens. Mit großer Beſorgniß ſieht Alexander dieſe aufkeimende Zwietracht der Cvalitivn mit England, ihrem mächtigſten Bundes⸗ — ——— 2 genoſſen. Er ſchlägt daher als Auskunftsmittel vor, auf der Stelle einen Courier nach Chatillon abzu⸗ fertigen und die daſigen Geſandten der Verbündeten zu bevollmächtigen, den von Caulaincvurt eingereichten und von Napoleon bereits acceptirten Gegenplan ei⸗ nes Friedens zu genehmigen und den Frieden defini⸗ tiv abzuſchließen. Kaum hat der Kaiſer von Rußland dieſen Vor⸗ ſchlag, der die allgemeinſte Billigung findet, ausge⸗ ſprochen, als er aus der Verſammlung abgerufen wird. Die Herren von Polignac, geheime Emiſſaire der royaliſtiſchen Partei in Paris, ſind ſo eben im Haupt⸗ quartiere angelangt. Sie zeigen eigenhändige Briefe von Talleyrand, dem kaiſerlichen Vicegroßwähler vor, worin die Verbündeten beſchworen werden, nur vor den Thoren der Hauptſtadt zu erſcheinen und des ſicherſten Erfolges gewiß zu ſein. Man habe bereits Sorge getragen, heißt es, daß Paris faſt ohne alle Vertheidigungsmittel ſei. Ueber⸗ dies wären die Bewohner demoraliſirt und keine Trup⸗ pen vorhanden. Die Alliirten könnten ſich mit einem Handſtreiche der Stadt bemeiſtern. Talleyrand, von Napoleon zum Fürſten von Benevent erhoben, welcher an der Spitze aller royaliſtiſchen Umtriebe ſteht, ver⸗ bürgt ſelbſt den glücklichen Erfolg, für den Fall eines ſchleunigen Marſches auf Paris. Kaum hat ſich Alexander von der Richtigkeit aller dieſer Ausſagen und Doeumente überzeugt, als er eilenden Schrittes in den Kriegsrath zurückkehrt. Seine Stirn iſt wolkenfrei, ſein Auge blitzt feurig. „Nach Paris,“ ruft er,„meine Herren, nach Pa⸗ ris! Kein Augenblick iſt zu verlieren.“ Schwarzenberg und die übrigen Generäle, als ſie die royaliſtiſchen Mittheilungen in Erfahrung gebracht, 21⁴ rufen jetzt gleichfalls wie mit einem Munde:„Nach Paris! Nach Paris!“ Sogleich ſetzte ſich die große Armee in Bewegung. Man ſchlug jedoch nicht den directen Weg nach der Hauptſtadt ein, ſondern wandte ſich mehr nordwärts, um Blücher die Hand zu reichen und ſo mit verein⸗ ten furchtbaren Streitmaſſen die dünnen Bataillone Napoleon's, wenn ſie ſich in den Weg ſtellen ſollten, zu zermalmen. Bei Arcis ſür Aube ſtößt die achtzigtauſend Mann ſtarke Armee auf die dreißigtauſend Mann Napoleon's. Es kommt ſogleich zur Schlacht. Während man auf allen Punkten handgemein iſt, durchbricht eine ſechs⸗ tauſend Mann ſtarke ruſſiſche Cavaleriediviſion, von Koſaken geführt, nachdem ſie die ſchwachen franzöſi⸗ ſchen Schwadronen geworfen, Napoleon's Schlacht⸗ linie. Der Kaiſer, deſſen Adlerblick das Schlachtfeld überfliegt, gewahrt plötzlich vor ſich eine undurchdring⸗ liche Staubwolke, die jeden Augenblick näher kommt und größer wird. Sogleich gibt Napoleon ſeinem Pferde die Sporen und ſprengt ihr entgegen. Mehre Dragoner kommen in geſtrecktem Laufe daher gejagt. Sie ſind verwundet und ſcheinen verſprengt. Einen Augenblick darauf umringt ein Schwarm Flüchtlinge den Kaiſer. „Was iſt das? Wo wollt Ihr hin, Dragoner?“ ruft Napoleon. „Die Koſaken haben unſre Linie durchbrochen,“ antwortet heranſprengend ein Officier ohne Helm und mit Blut bedeckt,„eine ſtarke Cavaleriediviſivn folgt ihnen auf dem Fuße.“ Der Tumult iſt fürchterlich. Die Erde bebt un⸗ ter dem unermeßlichen Hurrah und dem Roßgeſtampfe der heranbrauſenden ruſſiſchen Schwadronen. Die Niederlage iſt hereindrohend. „Dragoner ſammelt Euch!“ ruft der Kaiſer mit Donnerſtimme;„Ihr flieht und ich bin da? Schließt Eure Reihen, Dragoner, vorwärts!“ Mit dieſen Worten zieht er den Degen und ſprengt der Koſakenwolke entgegen. Sein Generalſtab folgt. Es folgen ſeine Dienſtescadrons. Die Flüchtigen ſam⸗ meln ſich und werfen ſich unter donnerähnlichem Vive 'empereur! von Neuem auf den Feind. Bald iſt Alles in einer undurchdringlichen Staub⸗und Dampfwolke verſchwunden. Furchtbar ſind die Angriffe der Ruſſen. Marſchälle und Generale haben die Degen gezogen. Den fechtenden Kaiſer an der Spitze, kämpft man Mann gegen Mann. Ein Koſak wirft ſich mit ſeiner Lanze auf Napoleon. Doch wird der Stoß vom Ad⸗ jutanten Girardin abgewendet, welcher den Aſiaten mit einem Piſtolenſchuß zu Boden ſtreckt. Ruſtan kämpft tapfer an des Kaiſers Seite. Mehrmals kön⸗ nen Napoleon's Escorten nicht zu ihm gelangen, weil ſie ſelber in den Wirbel der Reiterangriffe verwickelt werden. Da fällt eine Granate zu des Kaiſers Füßen nieder. Staub und Dampf machen ihn für einen Augenblick unſichtbar. Schreckensrufe ſchallen von allen Seiten. Man glaubt den Kaiſer verloren. Dieſer erhebt ſich aber wieder, wirft ſich auf ein andres Roß und führt die Seinen von Neuem gegen den Feind. Die Gegenwart Napoleon's, die Gefahr, die er theilt, electriſiren ſeine Schwadronen. So werden die ſechstauſend Ruſſen von tauſend Franzoſen ge⸗ worfen, aus den Linien gejagt und auf das Aeußerſte verfolgt. Ruhig ſteckt der Kaiſer ſeinen Degen wieder in 216 die Scheide, reitet nach der Mitte des Schlachtfeldes und fährt fort, die Schlacht zu leiten. Sie währt bis Mitternacht. Napolevn hat mit dreißigtauſend Mann den achtzigtauſend Feinden die Spitze geboten. Obgleich es dichte Finſterniß, kreuzen ſich noch die Kugeln in allen Richtungen auf die kleine Stadt Arcis, wohin ſich die Franzoſen zurückgezogen. Das Schloß des Herrn von Briffe, wo ſich das kai⸗ ſerliche Hauptqartier befindet, iſt faſt in Trümmer geſchoſſen. Die Vorſtädte ſtehen in vollen Flammen. Obſchon dieſe Nacht die Corps von Oudinot, Ge⸗ rard und Macdonald ſich mit dem Kaiſer vereinigen, ſo hält er es doch für unmöglich, für den nächſten Tag die Schlacht gegen ſo überlegne feindliche Streit⸗ maſſen zu erneuern. Er entſchließt ſich zum Rückzuge. Da er aber überzeugt iſt, die große Schwarzenbergi⸗ ſche Armee mit ſeiner geringen Macht auf ihrem Marſche gegen die Hauptſtadt nicht aufhalten zu kön⸗ nen, ſo wendet er ſich, ſeinem frühern Plane gemäß, öſtlich nach Lothringen, in der richtigen Vorausſetzung, daß ihm Schwarzenberg folgen werde. Dieſer Feldherr aber ſuchte vorerſt ſeine Vereini⸗ gung mit Blücher zu bewerkſtelligen. Dies gelang am drei und zwanzigſten März. Mit vereinter Macht beſchloß man nun, durch die Royaliſten von dem Zu⸗ ſtande der Hauptſtadt unterrichtet, das langerſehnte allgemeine Hurrah auf Paris, als das plötzliche Ver⸗ ſchwinden Napoleon's, der ſich nach Lothringen ge⸗ wandt, ein allgemeines Stocken in die große Bewe⸗ gung brachte. Wo befand ſich Napoleon? Was be⸗ zweckte er mit ſeinem plötzlichen Unſichtbarwerden? Dieſe Fragen ſetzen die Generale in nicht geringe Beſorgniß und hemmen jedes Vorwärtsſchreiten. Na⸗ polevn hatte ſich durch die Kühnheit ſeiner Manöver, 8 2 durch die Schnelligkeit ſeiner Bewegungen, durch das Ungeſtüme ſeiner Angriffe und den Schrecken ſeines Namens ſeinem Feinde ſo furchtbar gemacht, daß jetzt eine Armee, welche der ſeinigen zehnfach überlegen war, großes Bedenken trug, nur einen Schritt vor⸗ wärts zu thun, bevor man nicht über den Aufenthalt und die etwaigen Pläne und Manöver des Gefürch⸗ teten Gewißheit hatte. Da wollte es Napoleon's Unſtern, daß einer ſeiner Couriere, den er mit Depeſchen nach Paris geſchickt und worin ſeine Pläne und die Richtung ſeines Mar⸗ ſches klar ausgeſprochen waren, den Verbündeten in die Hände fiel. Ein Schreiben des Kaiſers an ſeine Gemahlin, das von Blücher's Soldaten aufgefangen ward, gab die volle Gewißheit. Der preußiſche Feld⸗ marſchall ſchickte das verhängnißvolle Document mit einem ehrerbietigen Schreiben an Marie Louiſe. Jetzt erſt entſchloſſen ſich die Alliirten, auf ihrem großen Plane, einem Hurrah auf Paris, zu beharren. Bevor man ſich jedoch in Marſch ſetzte, wurde ein Corps von zehntauſend Mann Cavalerie mit fünfzig Kanonen, die kühnen Generale Winzigerode und Czer⸗ nicheff an der Spitze, entſandt, Napoleon's Marſch zu beunruhigen, ihm ſeine Communication mit dem Lande, das er verlaſſen, abzuſchneiden, von Paris kommende Couriere aufzuheben und ſo alle Nachrichten über die Bewegungen der großen Armee der Verbündeten zu verhindern, ihm überdies überall ſo entgegen zu tre⸗ ten, daß er glauben mußte, dieſe Cavaleriemaſſen ſeien die Avantgarde von Schwarzenberg's ganzer Armee. So rollte das Rad des Sieges, welches Napoleon zeither mit außerordentlicher Mühe und furchtloſer Be⸗ harrlichkeit die ſteile Höhe hinaufgewälzt und oft am 218 Rande des Abgrunds durch ſeine eigne, alleinige Kraft und Geſchicklichkeit zum Stehen gebracht hatte, ſich ſelbſt überlaſſen mit donnerndem Gepolter bergab zu den Thoren der Hauptſtadt. Zehntes Rapitel. Vurch ganz Paris wirbelten die Trommeln. Die Nationalgarde trat unter die Waffen. Alle freien Plätze und namentlich die Barrieren von St. Denis und Vincennes waren mit Menſchen bedeckt. Die Marſchälle Marmont und Mortier waren mit ihren zuſammengeſchmolzenen Corps unter heldenmüthigem Widerſtande bis unter die Mauern von Paris zurick⸗ gewichen. Marmont befehligte den rechten, Mortier den linken Flügel der Vertheidigungsarmee. Am Tage zuvor bereits hatte die Kaiſerin Marie Louiſe mit ihrem Sohne, gefolgt von dem Regent⸗ ſchaftsrathe und den Miniſtern unter ſtarker Bedeckung Paris verlaſſen, um ſich hinter die Loire zurückzu⸗ ziehen. Nur Joſeph, der Bruder Napoleon's, welcher den Oberbefehl führte, Savary der Polizeiminiſter, und Talleyrand, der Fürſt von Benevent, waren ge⸗ blieben. Mit dumpfem Murren hatte ſich das Volk auf dem Carvuſſelplatze um die Wagen verſammelt, welche die Kaiſerin entführen ſollten. Der dreijährige König von Rom ſetzte den lebhafteſten Widerſtand entgegen, als man ihn aus den Tuilerien führen wollte.„Nein, nein, nicht fort von hier, das iſt mein Haus!“ ſchrie 2 6 9 das Kind und hielt mit ſeinen kleinen Händen die Vorhänge ſeines Zimmers aus allen Kräften umklam⸗ mert. Madame Montesquion, ſeine Erzieherin, mußte all ihr Anſehen gebrauchen, um den Kleinen zu be⸗ wegen, daß er ſich zu ſeiner Mutter tragen ließ. „Warum verläßt uns die Kaiſerin, jetzt in der Noth?“ frug das Volk.„Sie bleibe bei uns. Wir wollen ſie ſchützen!“ „Schneidet die Stränge durch,“ riefen mehre Stimmen;„die Kaiſerin darf nicht fort. So lange ſie in Paris iſt, mag halb Europa an die Thore po⸗ chen, wir laſſen es nicht herein.“ „Ja, ſpannt die Pferde aus,“ wiederholten andre, „fahrt den Wagen in die Tuilerien zurück. Eine Enkelin von Maria Thereſia darf nicht die Flucht er⸗ greifen!“ Schon nahten ſich mehre Männer dem kaiſerli⸗ chen Wagen, ihre Worte in Ausführung zu bringen, als zahlreiche Gens darmen dazwiſchen traten. „Seid klug, ihr Leute,“ ſprach ihr Auführer,„es iſt der Wille des Kaiſers ſelbſt, daß Ihro Majeſtät Paris auf kurze Zeit verlaſſe.“ „So, das iſt etwas anderes,“ tönte es zur Ant⸗ wort,„aber wo iſt der Kaiſer?“ „Er eilt mit ſeiner ſiegreichen Armee auf Stur⸗ mesflügeln Paris zu Hülfe, um dieſes freche Streif⸗ corps, welches ſo tollkühn geweſen, ſich Paris zu nä⸗ hern, in ſeinem gerechten Zorne zu zermalmen.“ „Wir helfen mit, gebt uns Waffen,“ riefen mehre Stimmen. „Ja Waffen, Waffen!“ ſchrie der ganze Volks⸗ haufen wie mit einer Stimme.„Gibt es keine Waffen mehr in Paris? Wir wollen unſern Herd vertheidigen!“ — 220 Unterdeß ſetzten ſich die kaiſerlichen Wagen in Bewegung. Es war ein endloſer Zug. Viele hoch⸗ geſtellte Perſonen benutzten die Gelegenheit, die be⸗ drohte Hauptſtadt zu verlaſſen. Als der Wagen, worin ſich die Kaiſerin befand, vorüber fuhr, riefen mehre Stimmen:„Marie Louiſe, ſo verläßt Du Deine Kinder?“ Ein Peruquier mit liſtiger Phyſiognomie, welcher dem dahinrollenden Wagen nachſchaute, ſchüttelte auf ſonderbare Weiſe den Kopf. „Na, die kommt nicht wieder,“ ſprach er und war im Begriff, ſich eine Priſe zu nehmen. „Was ſagſt Du, Schuft?“ rief ein breitſchultri⸗ ger Schreinergeſell, indem er den Friſeur mit der ge⸗ wichtigen Fauſt ſo nachdrücklich auf die Schulter ſchlug, daß die dünne Geſtalt zuſammen knickte,„die Kaiſerin nicht wiederkommen? So kann nur ein Verräther ſprechen!“ „Nieder mit dem Verräther,“ ſchrie das Volk, „es lebe der Kaiſer!“ Nur mit Mühe gelang es den Gens'darmen, die Ruhe wieder herzuſtellen. Bevor der Kaiſer Alexander, deſſen Hauptquartier ſich zu Bondy, einem Dorfe drei Stunden von Paris, befand, das Zeichen zum Angriff auf die Haupſtadt gab, ſchickte er mehre Parlamentaire an die Marſchälle, die Stadt zur Uebergabe aufzufordern. Dieſe Abge⸗ ſandten wurden nicht vorgelaſſen. Sogleich rückte der ruſſiſche General Rajewski, ohne die Ankunft der Preußen, die von St. Denis heranſtürmten, abzuwarten, unter einem erderſchüttern⸗ den Hurrah und dem Wirbeln aller Trommeln, im Sturmmarſche gegen die Höhe von Romainville vor. Einzelne Musketenſchüſſe knatterten durch die Luft. „ — 221 Sie glichen dem Anſchlagen von Regentropfen, welche in den Tropenländern dem Sturme voranzugehen pflegen. Das Werk der Zerſtörung hatte begonnen. Kaum aber waren die dunkelgrünen ruſſiſchen Bataillone am Fuße der Höhe angelangt, als mit Einem Wetterſchlage ſich ſämmtliche franzöſiſche Bat⸗ terien demaskirten und Tod und Verderben unter die Angreifenden ſchleuderten. Dieſe wurden geworfen. Den Marſchall Marmont an der Spitze drangen die Franzoſen kühn hervor, trieben die Ruſſen bis über das Dorf Pantin hinaus, das ſie in Beſitz nahmen. Da wirbelten abermals die Trommeln. Neues Hurrah ertönte. Friſce ruſſiſche Colonnen wälzten ſich mit gefälltem Bayonnette heran. Die Franzoſen vertheidigten ſich mit außerordentlicher Tapferkeit, bis ſie von der Uebermacht überwältigt in ihre früheren Poſitionen zurückwichen. Jetzt begann wieder das furchtbarſte Artillerie⸗ feuer. Die franzöſiſchen Batterien glichen feuerſpeien⸗ den Vulkanen. Die Zöglinge der polytechniſchen Schule, Knaben von zwölf bis ſechszehn Jahren, kämpften mit beiſpielloſem Muthe gegen die ruſſiſchen Veteranen. Die franzöſiſche Infanterie drang zu wiederholten Malen in Colonnen von den Höhen herab und warf jedes Mal die Angreifenden eine bedeutende Strecke zurück, aber die Ruſſen führten immer neue Maſſen in's Feuer. Jeder Angriff ward zum furchtbarſten Blutbade, indeß von den Luſthainen, Weinbergen, Gärten und zahlreichen Landhäuſern durch die Scharf⸗ ſchützen ein fortwährender vereinzelter Kampf unter⸗ halten wurde. Der ruſſiſche Generaliſſimus, der Graf Barklay de Tolly, erkannte jetzt, daß, welch' ungeheure Streit⸗ kräfte ihm auch zu Gebote ſtanden, ihm doch unmög⸗ lich ſei, dieſe Höhen zu foreiren. Er zog daher die ganze ruſſiſche Fronte zurück, um die Ankunft Blü⸗ cher's und der ſchleſiſchen Armee, ſo wie die des Kronprinzen von Würtemberg, welcher ebenfalls noch zurück war und den äußerſten rechten franzöſiſchen Flügel bei Charenton angreifen ſollte, abzuwarten, um dann mit vereinter unermeßlicher Macht den Sturm von Neuem und zwar auf allen Punkten zu beginnen. Während dieſer Zeit war ein Officier der Pariſer Nationalgarde Namens Peyre von den Koſaken ge⸗ fangen worden. Sobald der Kaiſer Alexander davon Nachricht erhielt, ließ er den Officier vor ſich berufen und unterhielt ſich über eine halbe Stunde mit ihm. Am Schluſſe der Unterredung trug er ihm auf, zu den commandirenden franzöſiſchen Marſchällen zurück⸗ zukehren und denſelben im Namen des Kaiſers zu erklären, daß er die Uebergabe der Hauptſtadt ver⸗ lange, worauf alles Blutvergießen ſogleich aufhören ſolle. „Sagen Sie Ihren Befehlshabern,“ ſprach der Kaiſer,„daß ich mit meiner ganzen Armee vor den Mauern ſtehe; daß ich nicht mit Frankreich und nur mit Napoleon kämpfe. Ich bin überzengt, daß ſich Paris, ſeines großen Helden beraubt, nicht halten kann. Der Himmel hat mir Macht und Sieg verlie⸗ hen. Ich werde ihn anwenden, der Welt den Frieden wiederzugeben. Wenn ich dieſen Frie⸗ den ohne ferneres Blutvergießen erhalten kann, ſoll mir es ſehr lieb ſein; wo nicht, wohlan, ſo kämpfen wir fort; gutwillig oder nicht, mit den Ba⸗ yonnetten einrückend oder im Parademarſche; auf Trüm⸗ mern oder in Prachtgemächern; heute noch muß Eu⸗ ropa in Paris ſein Nachtlager halten.“ Der Nationalgardenofficier kehrte durch die dop⸗ pelte Vorpoſtenkette nach Paris zurück. Er ward ſogleich zum Prinzen Joſeph geführt, welcher einen Vertheidigungsrath auf der Höhe von Montmartre verſammelt hatte. Hier befanden ſich der Kriegsminiſter, die beiden Marſchälle Marmont und Mortier, der Commandant von Paris und mehre Generäle. Joſeph beobachtete durch ein Taſchenperſpectiv fortwährend die Stellung der feindlichen Angriffsco⸗ lonnen, welche einen Theil der Ebene gegen Bondy hin bedeckten. Mit finſterm Ernſte überſchaute Mar⸗ ſchall Mortier die geringen Anſtalten, welche man zur Vertheidigung des Montmartre getroffen hatte. We⸗ der Stückbettung noch Wälle waren aufgeführt, die Kanonen in Batterien zu ſtellen. „Ich mag zählen, wie ich will,“ ſprach Mortier finſter zu dem Kriegsminiſter,„ſo zähle ich hier nur drei Stück Kanonen, während zweihundert auf dem Marsfelde ſtehen.“ „Es fehlen die nöthigen Pferde zu ihrer Hierher⸗ ſchaffung,“ entſchuldigte der Gefragte. „So muß man Kutſchpferde vorſpannen,“ fuhr Mortier fort,„und im ſchlimmſten Falle Menſchen. In Paris gibt's der rüſtigen Arme Tauſende, welche mit Freuden Hand anlegen.“ Joſeph wandte ſich jetzt zu den verſammelten Ge⸗ nerälen. „Der Angriff,“ ſprach er,„hat nichts auf ſich. Es iſt in der That nur ein Streifcorps, ſonſt würde man nicht blos auf einem Punkte angegriffen und ſo⸗ bald nachgelaſſen haben.“ 22 4 Marſchall Marmont ſchüttelte den Kopf. „Für ein Streifcorps,“ ſprach er,„war der An⸗ griff zu gewaltig.“ Da ward der vom Kaiſer Alexander abgeſandte Nationalgardenofficier vorgeführt. Er richtete ſeinen Auftrag aus und überreichte dem Prinzen zugleich die Proelamation des Fürſten von Schwarzenberg an die Stadt Paris. Sie lautete alſo: „Einwohner von Paris! „Die verbündeten Armeen befinden ſich vor Euern Thoren. Der Zweck ihres Marſches gegen die Haupt⸗ ſtadt gründet ſich auf die Hoffnung, mit dem franzö⸗ ſiſchen Reiche einen wohlgemeinten und zuverläſſigen Frieden abzuſchließen. Zwanzig Jahre lang hat Eu⸗ ropa Blut und Thränen vergoſſen. Alle Verſuche, dieſem Unglücke ein Ende zu machen, waren vergeb⸗ lich, da die Euch unterdrückende Regierung ſelbſt ein unbezwingbares Hinderniß gegen den Frieden war. Wer unter Euch iſt nicht von dieſer Wahrheit über⸗ zeugt? Die verbündeten Monarchen wünſchen in Frankreich die wohlthätige Macht zu finden, durch welche ihr Bund mit allen Völkern und Regierungen befeſtigt werden kann; und daher kommt es bei den gegenwärtigen Umſtänden Paris zu, den allgemeinen Frieden zu beſchleunigen. Wir erwarten Eure Mei⸗ nung mit Ungeduld, welche durch die unermeßlichen von Euerm Beſchluſſe abhängigen Folgen eingeflößt wird. Offenbart denſelben, und er wird ſogleich in den vor Euern Mauern ſtehenden Armeen Vertheidi⸗ ger finden. Pariſer! Die Lage Eures Vaterlandes, das Benehmen der Bewohner von Bordeaux, die freundſchaftliche Beſetzung von Lyon, das Elend Frankreichs und die wahre Geſinnung Eurer Mit⸗ 225 bürger— Alles dies iſt Euch bekannt. In dieſen Beiſpielen findet Jh das Ende des Krieges und der innern Unruhen. Wo ſollte man es ſonſt ſuchen? Die Erhaltung Eurer Stadt und die Ordnung in derſelben werden den Gegenſtand der Sorge und Be⸗ mühungen ausmachen, welche die Verbündeten im Vereine mit denjenigen Eurer Autoritäten anwenden werden, die des allgemeinen Vertrauens genießen. Die Hauptſtadt wird keine militäriſche Beſatzung er⸗ leiden. Mit dieſen Gefühlen wendet ſich das vor Euern Mauern verſammelte Europa an Euch. Eilet, dem Vertrauen zu entſprechen, welches die Verbünde⸗ ten zu Eurer Vaterlandsliebe und zu Eurer Klugheit hegen!“ Die Proclamation, welche laut vorgeleſen wurde, brachte bei den Meiſten der Anweſenden eine allge⸗ meine Entrüſtung hervor. „Dieſe Schrift,“ ſprach Joſeph,„iſt eben ſo lüg⸗ neriſch wie ſie aufrühreriſch iſt. In ein paar ruſſi⸗ ſchen Brigaden erkennen wir noch keineswegs das be⸗ waffnete Europa.“ „Ew. Kaiſerliche Hoheit erlauben,“ erwiedert Herr Peyre,„es iſt zuverläſſig die große Schwarzenbergi⸗ ſche Armee, und nicht blos ein Armeecorps; das Hauptquartier Alexander's befindet ſich in Bondy und mmtliche öſtreichiſche und ruſſiſche Garden lagern um daſſelbe.“ „Bah, bah,“ lachte Joſeph,„und wenn auch Schwarzenberg da iſt, gegen den halten wir uns ſchon. Unterdeß kommt der Kaiſer zu Hülfe. Nichts da von Unterhandeln, von Uebergabe; meine Herren Marſchälle an Ihre Poſten!“ Da tönte plötzlich Kanonendonner aus der Ge⸗ gend von St. Denis her und alsbald bedeckten fran⸗ 15 Stolle, ſämmtl. Schriften. KIII. 226 — zöſiſche Bataillone die Straße von Clychi, welche vor dem herandrängenden Feinde ſich zurückzogen. Adju⸗ tanten jagten herbei. „Es iſt Blücher,“ berichteten ſie,„welcher mit der ganzen ſchleſiſchen Armee von St. Denis herandrängt.“ Da veränderte der Bruder Napoleon's die Farbe. Nur die beiden Marſchälle, nachdem ſie ſich von der furchtbaren Heeresmacht, welche wie ein dunkles Ge⸗ witter am Horizonte der Weltſtadt heraufzog, über⸗ zeugt, blieben ruhig und kaltblütig. Sie ritten zu ihren Corps zurück, zur äußerſten Vertheidigung ent⸗ ſchloſſen. Es war Mittag zwölf Uhr. Furchtbarer denn je donnerten die Kanonen. Ueberall ſetzten die Fran⸗ zoſen den heldenmüthigſten Widerſtand entgegen. Ob⸗ ſchon den Untergang vor Augen, tönt ununterbrochen ein todesfreudiges vive Empereur! Es war die Abendröthe des untergehenden Kaiſerreichs. Bereits um ein Uhr erſchienen die erſten Colyn⸗ nen des Kronprinzen von Würtemberg, welche Paris auf der Seite von Charenton angriffen. So war der furchtbare Eirkel geſchloſſen, welcher Tod und Ver⸗ derben gegen die Stadt und ihre heldenhaften Ver⸗ theidiger ſchleuderte. Vom Bonlogner Gehölz bis Vincennes, in ungeheurem Halbkreis rauſchte das flam⸗ menſpeiende Europa heran, um für die zwanzigjährige Schmach Rache zu nehmen. Unzählige Stürme er⸗ folgten gegen alle Höhen und Batterien, und wurden abgeſchlagen; zu Tauſenden ſtürzten die Söhne vom Ural und Kaukaſus, von den Ufern der Donau und der Spree im Angeſicht der Thürme von Paris mit ihrem Herzblute die fremde Erde tränkend. Vier Stunden lang hielten ſich die Franzoſen mit beiſpielloſer Tapferkeit in allen ihren Stellungen; end⸗ lich wurde ihr rechter Flügel durch die Uebermacht er⸗ drückt und geworfen. Die Dörfer Belleville, Menil⸗ montant, nebſt der ſchönen Artillerie, welche dieſe Linie vertheidigte, fielen in die Hände der Stürmen⸗ † den. Die leichte Reiterei derſelben begann bereits bis gegen die Barrieren von Paris vorzubrechen. Die Kugeln der Artillerie der Verbündeten ſchlugen bereits in die Flanke des franzöſiſchen Centrums. Nichtsdeſtoweniger hielt ſich dieſes, auf das Dorf Vilette und den Kanal geſtützt, mit bewunderungs⸗ würdigem Heldenmuthe. Der Marſchall Marmont und alle ſeine Generäle hatten die Degen gezogen und führten ihre nicht zu ermüdenden Truppen zu immer neuen Kämpfen. Es lag ein Kriegsgewitter über der Stadt, wie dieſe es nimmer erlebt hatte. Da ſammelten ſich im Hintergrunde des Dorfes Vilette lange, dunkle Maſſen. Der Augenblick war getommen, mit Einem gewaltigen Schlage den Reſt der an Zahl ſo ſchwachen Vaterlandsvertheidiger nie⸗ derzuſchmettern. Die Elite der ruſſiſchen und preußi⸗ ſchen Garde hatte ſich zuſammengezogen und hartte, wie eine drohende Gewitterwolke des Zeichens zum Sturme. Es bedurfte nur eines Winkes, eines zün⸗ denden Funkens, und das Gewitter entlud ſich unter verheerenden Schlägen. Dieſer verhängnißvolle Augenblick erſchien. Unter erderſchütterndem Hurrah ſetzten ſich die furchtbaren Maſſen in Bewegung. Wieder wurden die franzöſi⸗ ſchen Batterien zu feuerſpeienden Vulkanen. Wieder ſtürzten die Angreifenden gliederweiſe zu Boden; aber der Bataillone im Hintergrunde waren zu unzählige; Lücken füllten ſich augenblicklich mit neuen Strei⸗ tern. Vergebens würgte der Kugelregen; vergebens waren die rieſenhaften Anſtrengungen der Vertheidiger. v ½ 228 Wie die donnernde Lawine Alles, was ſich in den Weg ſtellt, fortreißt, ſo wurden auch die gelichteten franzöſiſchen Bataillone von der Uebermacht zurück⸗ gedrängt und das Centrum gegen die Mauern der Stadt geworfen. In der Stadt ſelbſt hörten die erſchreckten Be⸗ wohner den Donner der Kanonen immer näher kom⸗ men. Zu Hunderten durchzogen Ouvriers die Straßen und ſchrien laut nach Waffen, um den Feind zurück⸗ zuſchlagen. Nur ſechstauſend Flinten waren erſt ganz ſpät unter die Nationalgarde vertheilt worden, wäh⸗ rend in den Zeughäuſern dieſelben zu Hunderttau⸗ ſenden aufgeſpeichert lagen. Man ſchrie über Verrath und beſchuldigte den Kriegsminiſter laut des Roya⸗ lismus. Die Haufen wurden immer zahlreicher und nahmen einen äußerſt beunruhigenden Charakter an. Im Anfange hatte man einige Zeit mit betäubender Beſtürzung den entfernten Donner der Schlacht ver⸗ nommen; man hatte Verwundete und Flüchtlinge in die Barrieren einziehen ſehen und die ſchleunigen Truppenmärſche beobachtet, die zur Verſtärkung der Linie nach dem Kampfplatze eilten. Allmälig aber erlangten die zahlreichen Haufen, die auf den Bou⸗ levards und hauptſächlich in den Straßen und in der Nähe des Palais Royal verſammelt waren, größere Thätigkeit. Es begann aus den Vorſtädten und ver⸗ ſteckten Gaſſen jenes halbwilde Geſindel hervorzukom⸗ men, deſſen ſelaviſche Arbeit nur mit roher Schwel⸗ gerei abwechſelt. Es iſt größtentheils der gebildeten Klaſſe unſichtbar, und nur Perioden öffentlichen Un⸗ glücks und öffentlicher Bewegung bringt es zum Vor⸗ ſchein; wo es in der Regel die allgemeine Verwir⸗ rung und Beſtürzung vermehrt. Es ſammelt ſich zu Zeiten großer öffentlicher Gefahr, wie die Sturm⸗ vögel bei Herannahen eines tropiſchen Orkans. 229 Reiter ſprengten durch die Haufen. „Aux armes citoyens!“ rief es von vielen Seiten. Es ging die Rachricht, daß Napoleon die Verbünde⸗ ten bereits im Rücken angreife. Der König von Preu⸗ ßen, hieß es, ſei mit einem Heere von zehntauſend Mann gefangen genommen worden. Andre Gerüchte verkündeten, die Feinde ſeien ſchon in die Vorſtädte gedrungen und ermordeten Alles, was ihnen in den Weg käme, ohne Unterſchied des Alters und Geſchlechts. Placate wurden an die Häuſer geheftet, worin die Einwohner aufgefordert wurden, ihre Läden zu ſchlie⸗ ßen und ſich auf die Vertheidigung ihrer Hänſer vor⸗ zubereiten. In den niedern Volksclaſſen zeigten ſich Symptome von paniſchem Schrecken, Wuth und Ver⸗ zweiflung. Man brüllte wie wahnſinnig nach Waffen, ohne ſolche erhalten zu können. Wäre in dieſen Augenblicken Napolevn unter dieſe tumultuariſchen Haufen getreten, ſo würden die Heere der Verbündeten in den Straßen der Hauptſtadt ihr Grab gefunden und Paris wahrſcheinlich das Schickſal von Moskau oder Saragoſſa erlitten haben. Es war Nachmittags vier Uhr. Noch immer floß das Blut in Strömen. Der Prinz Joſeph hielt an der Spitze ſeines Generalſtabes. Heranjagende Ad⸗ jutanten meldeten, daß die franzöſiſchen Linien ihre neuen Stellungen mit unerſchütterlicher Standhaftig⸗ keit behaupteten. Immer neue Bataillone ſchickten die Verbündeten zum Sturme gegen die Hauptſtadt. Plötzlich umhüllen graue Dampfwolken die Höhen des Montmartre und zu gleicher Zeit rauſchen in furchtbarer Anzahl Bomben und Kugeln über den Köpfen Joſeph's und ſeines Generalſtabes. Die Preu⸗ ßen und Ruſſen haben den Montmartre, die letzte Stütze der franzöſiſchen Linie angegriffen und rücken 230 im Sturme heran. Der Kronprinz von Würtemberg, nachdem er Charenton mit der Brücke über die Seine genommen, dringt auf der Landſtraße gegen Paris vor; ſeine Vorpoſten plänkeln bereits an den Bar⸗ rieren„le Tröne“ und ein Koſaken-Corps brauſt ge⸗ gen die Vorſtadt St. Antoine. Paris iſt nur durch eine gewöhnliche Mauer vor der Plünderung geſchützt. Die Barrieren ſind nicht viel ſtärker als gewöhnliche Schlagbaumthore und das Pfahlwerk, womit ſie ver⸗ rammelt, iſt durch die Aexte der Sappeurs leicht hin⸗ weg zu räumen. Schon fallen Bomben und Granaten in die zunächſtliegenden Faubvurgs, bis auf die Chauſ⸗ ſee d'Antin. Der tapfere Commandant der Pariſer Nativnalgarde, der Marſchall Moncey, trifft bereits Anſtalt zur äußerſten Vertheidigung der bedrohten Barrieren; nur Prinz Joſeph, der Bruder Napoleon's, von den über ſeinem Kopfe dahinfliegenden Granaten außer Faſſung gebracht, verliert den Muth, indem er die Hoffnung aufgibt, die Hauptſtadt länger zu hal⸗ ten. Er ſchreibt folgende Zeilen an den Marſchall Marmont: „Wenn der Herr Marſchall. Herzog von Treviſo und der Herr Marſchall, Herzog von Raguſa, ihre Stellungen nicht länger behaupten können, ſind ſie ermächtiget, mit dem Fürſten von Schwarzenberg und dem Kaiſer von Rußland, die ihnen gegenüberſtehen, in Unterhandlung zu treten. Sie ſollen ſich mit ihren Truppen nach der Loire zurückziehen.“ Noch donnern die Kanonen, ganz Paris iſt in der außerordentlichſten Aufregung, in allen Stadtvierteln raſſeln die Trommeln, als zwei Reiter im geſtreckten Trabe auf ſchaumbedeckten Roſſen durch die Barriere von Fontainebleau herein ſprengen. Es iſt General Dejean und Eugen, welche direct vom Kaiſer kom⸗ 231 — men. Sie gönnen ſich kaum einen Augenblick Ruhe und eilen nach dem Montmartre, wo ſie den Prinz Joſeph zu treffen hoffen. Dieſer, nachdem er den Brief an Marmont geſchrieben, hat ſo eben mit ſeiner Suite den Montmartre verlaſſen. Die beiden kaiſer⸗ lichen Abgeordneten folgen der Spur und treffen ihn im Boulogner Walde. Der Prinz ſteht eben im Be⸗ griff, Paris ſeinem Schickſale zu überlaſſen, als Ge⸗ neral Dejean und Eugen heran ſprengen. „Was bringen Sie?“ fragt Joſeph, ungehalten über den Aufenthalt. „Eurer kaiſerlichen Hoheit den Befehl,“ ruft De⸗ jean„die Hauptſtadt bis auf's Aeußerſte zu verthei⸗ digen. In zweimal vierundzwanzig Stunden iſt der Kaiſer hier an der Spitze von ſiebenzigtauſend Mann.“ Der Prinz zuckt die Achſeln. „Es iſt zu ſpät“ ſpricht er,„ich habe den Mar⸗ ſchällen bereits Vollmacht zum Unterhandeln gegeben.“ Der General tritt einen Schritt zurück. Eine Zornesglut überflammt ſein benarbtes Geſicht. „Ew. Kaiſerliche Hoheit,“ ruft er,„haben dem Kaiſer geſchworen, ſich unter den Trümmern von Pa⸗ ris zu begraben.“ Der Prinz überhört dieſe Worte, doch wird er ſichtbar nachdenklich. „Eilen Sie, General,“ ruft er nach kurzem Be⸗ ſinnen,„und theilen Sie den Marſchällen Ihre De⸗ peſchen mit. Vielleicht, daß wenigſtens Zeit gewon⸗ nen wird.“ Nach dieſen Worten ſetzt ſich der Prinz Joſeph in ſeinen Wagen und fährt ſeiner Schwägerin der Kaiſerin Marie Luuiſe nach. „Das Heil des Vaterlandes hängt an einem Au⸗ genblicke,“ ruft Dejean„der Himmel gebe, daß wir * 232 nicht zu ſpät kommen! Normand, eilen ſie zu dem Herzog von Treviſo, welcher den linken Flügel cvm⸗ mandirt, ich will Marmont aufſuchen.“ Die Beiden ſchwingen ſich wieder auf ihre Roſſe und jagen davon. 3wölftes Rapitel. De Armee Napoleon's befand ſich in St. Dizier. Noch immer glaubte der Kaiſer, daß die große Armee unter Schwarzenberg ihm folge. Da langte Caulain⸗ cvurt im Hauptquartiere an. Die Unterhandlungen in Chatillon waren abgebrochen. Der Cuurier, wel⸗ chen Napoleon an ſeinen Miniſter mit der Vollmacht abgeſchickt, den Frieden auf jeden Fall abzuſchließen, war durch die feindlichen Heere auf ſeinem Wege an⸗ gehalten worden und vierundzwanzig Stunden zu ſpät in der Congreßſtadt eingetroffen. Die Commiſſarien hatten die Friedensverhandlungen bereits für geſchloſ⸗ ſen erklärt. Napoleon war ziemlich guter Laune, als ſein Be⸗ vollmächtigter in das Cabinet trat. „Wiſſen Sie,“ frug er unter andern,„daß ich beinahe den Schwiegervater gefangen genommen hätte? Das wäre ein artiger Fang geweſen! Wahrhaftig, es fehlte nicht viel. Ich manövrirte dieſe Zeit beſtändig, um das Hauptquartier der Verbündeten auf dieſe Art zu fangen. Das würde unſern Verhandlungen in Chatillon vortrefflich Vorſchub geleiſtet haben. Was meinen Sie, Caulaincvurt?“ 233 Wirklich hatte ſich auch der Kaiſer von Oeſtreich, der in der jüngſten Zeit von ſeinen Alliirten getrennt war, in Begleitung eines einzigen Cavaliers und eines Bedienten in einer Droſchke nach Dijon flüchten müſſen. Der Herzog von Vicenza geſtand zu, daß die Ge⸗ fangennehmung eines ſolchen gekrönten Hauptes beſſer als alle Zugeſtändniſſe auf die Friedensverhandlungen gewirkt haben würde. Bald aber umwölkte ſich die Stirn des Kaiſers von Neuem. „Man bedrängt mich von allen Seiten,“ ſpricht er.„Ich muß Paris decken. Paris decken? Ich weiß dies; es iſt weſentlich nöthig. Aber ich verfehle auf dieſe Weiſe all' meine Operationen. Kann ich die Hauptſtadt ihrer eignen Vertheidigung überlaſſen, bin ich Herr meiner Bewegungen. Nichts hindert mich dann, an den Rhein zu marſchiren; die Garniſon der daſigen Feſtungen und die von der Moſel an mich zu ziehen, die Landſtraßen zu ſperren, die Communi⸗ cativnen der im Herzen von Frankreich befindlichen Feinde abzuſchneiden und den Aufſtand in Maſſe zu organiſiren. Seit der Eröffnung dieſes Feldzugs habe ich mich mit dieſem Plane vertraut gemacht; ich habe ihn reiflich ausgearbeitet und entwickelt. Mein Plan ſteht feſt.“ „Sire,“ antwortet der Herzog von Viecenza,„dieſer Plan ſcheint mir allerdings vortrefflich; aber um ihn in Ausführung zu bringen—“ „Muß ich Paris verlaſſen,“ unterbrach ihn leb⸗ haft der Kaiſer.„Was wird Joſeph thun? Wird er mit Energie Widerſtand leiſten? Da liegt die ganze Frage. Ich habe den Kopf voll tauſend Ent⸗ würfen. Ungewißheit frommt nicht; und in dieſem Kriege, dem kein andrer gleicht, lebe ich nur von 234 einem Tage zum andern. Die Nachrichten, die ich von Paris erhalte, ſind ſehr beunruhigend. Ich weiß nicht, wozu ich mich entſchließen ſoll.“ Ein hereintretender Adjutant meldet, daß man ſpeben eine bedeutende Anzahl Kriegsgefangener ein⸗ gebracht hat, die größtentheils aus Preußen beſtünden. „Preußen?“ fragt Napoleon und wird ſehr auf⸗ merkſam,„wo kommen dieſe her?“ Sogleich ſchickt er Obſervationsdetaſchements nach allen Richtungen aus. Er befiehlt, den Feind auf allen Straßen anzugreifen, um Gewißheit zu erhalten, mit welcher Armee er es zunächſt zu thun hat. Da bringen Landleute die Proclamativnen und Bulletins der Verbündeten. Man forſcht die Gefan⸗ genen aus. Es iſt kein Zweifel mehr, Schwarzenberg und Blücher haben ſich vereinigt und befinden ſich im vollen Marſche auf Parie. „Sie haben mich getäuſcht,“ ruft Napoleon, der im Augenblicke die unermeßliche Wichtigkeit dieſer Nachricht überſchaut. Darauf zieht er ſich in ſein Cabinet zurück und bringt eine lange Zeit über ſei⸗ nen Charten brütend zu. Den Alliirten nachzueilen, ſie womöglich noch ein⸗ zuholen, bevor die Kanvnen des Montmartre verſtum⸗ men, iſt der Hauptgedanke, der ſich dem an hohe und verzweifelte Gefahren gewöhnten Geiſte Napoleon's aufdringt. Aber der directe Weg nach Paris iſt durch die Märſche und Gegenmärſche ſo großer Armeen gänzlich an Lebensmitteln erſchöpft. Es iſt daher unumgänglich nöthig, einen Umweg über Troyes zu machen und ſich zu dieſem Ende bis auf Doulevent zurückzuziehen. An dieſem Orte erhält der Kaiſer ein kleines in Chiffren geſchriebenes Billet vom Oberpoſtmeiſter La⸗ * —— 3 235 valette, ſeit zehn Tagen die erſte offizielle Mittheilung aus der Hauptſtadt.„Die Anhänger der Fremden,“ heißt es,„werden lebendig und ſind von geheimen Intriguen unterſtützt. Die Gegenwart Napoleon's iſt unerläßlich, wenn ſeine Hauptſtadt nicht dem Feinde übergeben werden ſoll. Kein Augenblick iſt zu ver⸗ lieren.“ An der Brücke von Daulaincvurt langen aber⸗ malige Depeſchen an.„Stündlich,“ ſchreibt man,„ſteht ein Angriff auf Paris zu erwarten.“ Napoleon fertigt einen Adjutanten nach Paris ab. „Reiten Sie im Fluge n Paris,“ ruft er, „melden Sie meine ſchleunige Ankunft. Nur zwei Tage ſoll man ſich halten!“ Alles nimmt jetzt die furchtbarſte Eile an. Wie im Sturme dringt die Armee gegen die bedrohte Hauptſtadt vor. Die Garde macht in Einem Tage fünfzehn Stunden. Napoleon's Bekümmerniß um das Schickſal von Paris iſt außerordentlich. Nach wenigen Stunden Ruhe bricht er am dreißig⸗ ſten März früh von Troyes auf. Er hat während der Nacht die Dispoſitionen ſo getroffen, daß die Armee am zweiten April unter den Mauern von Paris vereinigt iſt. Seine Thätigkeit iſt beiſpiellos. Von Troyes aus beſteigt er mit Berthier und Caulain⸗ evurt eine Poſtcaleſche. Man fliegt der Armee voraus. Napoleon ſelbſt treibt die Poſtillone zur raſenden Eile an. In fortwährendem Galopp geht die Fahrt auf der Straße von Paris dahin. Die Axen glühen und das Steinpflaſter raucht unter den Rädern. Man legt den zehn Stunden langen Weg von Troyes nach Monterau in zweien zurück. Beim Pferdewechſel erhält der Kaiſer die Nach⸗ 236 richt, daß man ſich unter den Mauern von Paris ſchlage. Sogleich ſchickt er abermals einen Adjutanten ab. Die Hauptſtadt ſoll ſich um jeden Preis halten; er eile mit der Armee zur nahen Rettung herbei. Die Nacht iſt bereits eingebrochen als Napoleon in Fontainebleau anlangt. Von hier beſteigt er einen kaiſerlichen Wagen und eilt auf der Straße von Paris weiter. In dem Gaſthauſe zum Cour de Frange, wo abermals die Pferde gewechſelt werden, ſchlägt es zehn Uhr. Da zeigt ſich in der Dunkelheit eine Co⸗ lonne Infanterie, welche die Straße daher kommt. „Was ſind das für Truppen?“ fragt der Kaiſer. Der Herzog von Vicenza ruft die Colonne an. „Wir kommen von Paris,“ antwortet ein Ser⸗ geant,„das wir in Folge der Kapitulation geräumt.“ Die Leute ſind toll,“ ruft Napoleon und ſpringt aus dem Wagen,„wo iſt Euer Officier?“ Da trabt an der Spitze ſeiner Schwadronen der General Belliard heran. Dieſer erkennt ſogleich den Kaiſer und ſpringt vom Pferde. So wie Napoleon den General erblickt, geht er in der heftigſten Ge⸗ müthsbewegung auf ihn zu und zieht ihn auf die Seite.— „Was ſoll das,“ ruft er mit gepreßter Stimme, „warum Sie hier mit Ihrer Cavalerie, Belliard? Und wo ſind die Feinde?“ „Vor den Thoren von Paris! „Und die Armee?“ „Sie folgt mir.“ „Wo iſt mein Weib, mein Kind?“ ruft Napolevn in dringendem, herzbrechendem Tone.„Wo Marmont, wo Mortier?“ „Die Kaiſerin iſt nach Rambonillet und von da nach — 5—„ Orleans,“ lautete die Antwort des Generals.„Die Marſchälle ſind beſchäftigt, ihre Sachen in Paris in Ordnung zu bringen.“ Große Schweißtropfen bedecken Napoleon's Stirn. Sein Mund iſt krampfhaft zuſammengezogen. Eine ſichtbare Bläſſe überzieht ſein Geſicht. „Haben Sie es gehört?“ ſpricht er endlich mit ton⸗ loſer Stimme und ſein Blick heftet ſich ſtier auf Caulaincourt. Darauf befiehlt er, daß die Corps der beiden Mar⸗ ſchälle, die ſeine Befehle bereits in Troyes erhalten haben, ihm nach Paris folgen. Die Garde ſoll in der Nacht des Einunddreißigſten eintreffen. Er will auf die Boulevards in demſelben Angenblicke einbrechen, wo die Alliirten einziehen. „Die Nationalgarde und die Bevölkerung“ ruft er,„werden mich unterſtützen! Bin ich einmal in den Mauern von Paris, ſo wird dieſe Stadt mein Grab oder ich zerſchmettre die Feinde Frankreichs!“ Nach und nach langen Ehrengarden, die Corps⸗ führer und Generäle an, welche Paris vertheidigen halfen und unter Marmont's Befehlen geſtanden ha⸗ ben. Immer ſich aufrecht erhaltend, läßt der Kaiſer ſich alle Vorgänge erzählen. Sie brechen ſein Herz. „Ich hatte blos,“ ſpricht er,„von ihnen verlangt, daß ſie ſich vierundzwanzig Stunden halten ſollten. Die Elenden! Marmont! Marmont! Er hat mir ge⸗ ſchworen, vor den Mauern von Paris unterzugehen, ehe er capitulirte! Und Joſeph, mein Bruder, auf der Flucht! Meine Hauptſtadt, dem Feinde überliefert! Die Elenden! Sie hatten meine Befehle, ſie wußten, daß ich den zweiten April an der Spitze von ſieben⸗ zigtauſend Mann da ſein würde! Meine braven Kriegs⸗ ſchüler, meine Nativnalgarde, die mir meinen Sohn zu vertheidigen verſprachen! Alle Männer von Herz 238 hätten ſich erhoben, an meiner Seite zu fechten! Die Elenden haben kapitulirt! Sie haben ihre Brüder, ihr Land, ihren Kaiſer verrathen, Frankreich in den Augen Eurvopa's geſchändet. Belliard, folgen Sie mir mit Ihrer Cavalerie! Wir marſchiren auf Paris!“ Darauf befahl er, daß ſein Wagen vorfahre. „Sire,“ antwortet Belliard,„Ew. Majeſtät ſetzen Ihre Hauptſtadt der Plünderung und dem Unter⸗ gange aus. Mehr denn zwanzigtauſend Feinde ſind im Beſitze der Höhen. Was mich betrifft, ſo habe ich die Stadt in Folge einer Convention verlaſſen und darf nicht zurückkehren.“ „Convention?! Ich kenne keine. Auf, noch iſt es Zeit, Paris noch nicht im Beſitz der Koſaken!“ Berthier und Caulaincourt vereinigen ihre Bitten, den Kaiſer von ſeinem Vorſatze, auf Paris zu mar⸗ ſchiren, abzubringen. Er verlangt fortwährend nach ſeinem Wagen. Caulaincourt gibt Befehl, aber der Wagen will nicht kommen. Napoleon geht mit Un⸗ ruhe auf und nieder und thut fortwährend Fragen über die großen verhängnißvollen Ereigniſſe. „Daß Ihr Euch nicht eine Spanne länger gehal⸗ ten, nicht meine Ankunft erwartet habt!“ fährt er in abgebrochenen Sätzen fort.„Ihr mußtet Paris in Aufſtand bringen, die geſammte Nationalgarde in Be⸗ wegung ſetzen. Ihre Geſinnung iſt gut!“ „Ich wiederhole, Sire,“ erwiederte Belliard,„daß es unmöglich war, länger Widerſtand zu leiſten. Die 1 achtzehntauſend Mann ſtarke Armee that Wunder der ₰ Tapferkeit. Sie hat gegen Hunderttauſend mit bei⸗ ſpielloſem Muthe gefochten, immer in der Hoffnung, daß Eure Majeſtät erſcheinen würden. Es ging auch die Sage davon in der Stadt. Die Truppen erfuh⸗ ren es und verdoppelten ihre Anſtrengungen. Die Nationalgarden hielten ſich außerordentlich gut, des⸗ . 5 Ze⸗ 239 gleichen die Scharfſchützen, welche die armſeligen Re⸗ douten der Barrieren vertheidigten.“ „Wie viel Cavalerie hatten Sie?“ „Achtzehnhundert Pferde, Sire, die Brigade von Dautenevurt eingeſchloſſen.“ „Es iſt erſtaunlich; aber Monmartre, wohl be⸗ feſtigt und mit ſchweren Kanonen beſetzt, hätte un⸗ überwindlich ſein ſollen!“ „Derſelben Meinung war auch der Feind,“ er⸗ wiederte Belliard.„Er näherte ſich nur mit großer Vor⸗ ſicht. Aberkeine Vertheidigungsanſtalten waren getroffen; auf Montmartre ſtanden nur einige Sechspfünder.“ „Wie?“ rief Napoleon mit Entrüſtung,„was hat man mit meiner Artillerie angefangen? Ich hatte für mehr denn zweihundert Kanonen geſorgt und für Mu⸗ nition auf einen ganzen Monat!“ „Wir hatten, Sire,“ antwortete der General,„nur Feldartillerie. Bereits um zwei Uhr mußten wir mit Feuern einhalten, weil es an Munition gebrach.“ Der Kaiſer wandte ſich nach dieſen Worten zu Caulaincourt: „Eilen Sie ventre a terre nach Paris, ſehen Sie, ob es noch möglich, an dem Vertrage Theil zu neh⸗ men. Ich bin verrathen und verkauft. Dennoch aber eilen Sie. Reiſen Sie augenblicklich. Sie haben gänz⸗ liche Vollmacht. Ich erwarte Sie hier.— Die Ent⸗ fernung iſt nicht groß,“ ſetzt er tief ſeufzend hinzu; „eilen Sie!“ In dieſen verhängnißvollen Augenblicken war der Kaiſer nur durch die Seine von den feindlichen Vor⸗ poſten, welche ſich in der Ebene von Villeneuve St. Gorges ausbreiteten, getrennt. Die Feuer ihrer Bi⸗ vouaks rötheten die Höhen des rechten Ufers, wäh⸗ rend auf dem linken Napoleon mit zwei Poſtkutſchen und wenig Getreuen im tiefſten Dunkel harrte. 240 Es war eine dunkle ſternenloſe Nacht. Unheimlich pfiff der Wind über die Ebene von Villeneuve her⸗ über. Der Kaiſer hatte ſich tief in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt. Die getreuen Diener gingen wachſam auf und nieder. Ein tiefes Schweigen herrſchte. An jedem Augenblicke hing das Geſchick einer Welt. Morgens vier Uhr kehrte Caulaincourt zurück. Es war Alles verloren. Die Kapitulation bereits vor zwei Stunden unterzeichnet. Die Verbündeten ſollten den nächſten Morgen in Paris einziehen. Krampfhaft erfaßte bei dieſer erſchütternden Nach⸗ richt Napoleon die Hand des Herzogs. „Caulaincourt,“ ſprach er,„kehren Sie wieder zurück. Suchen Sie um jeden Preis Alexander zu ſprechen. Eilen Sie, Caulaincvurt, fort, fort!“ „Sire,“ erwiedert der Herzog,„ich war vergebens bemüht, den Kaiſer von Rußland zu ſprechen. Man mißtraute mir. Die Herrſcher waren mit Vorberei⸗ tungen zu ihrem Einzuge nach Paris beſchäftigt. Dieſe Gründe wenigſtens führte man an, um der Weigerung, mich vor den Kaiſer zu laſſen, einen Schein von Grund zu geben.“ „Kehren Sie um— ich ſetze nur noch auf Sie eine Hoffnung!“ „Wohlan! Ich gehe, Sir,“ rief der Herzog von Vicenza.„Todt oder lebendig dringe ich in Paris ein und ſpreche mit Alexander.“ Im Angenblicke ſprengte Caulaincourt wieder da⸗ von, daß die Funken ſtoben. Lange blickte Napoleon ſeinem dahinfliegenden Lieblinge nach. Dann kehrte er langſam und ſchweigend nach Fontainebleau zurück. Ende des erſten Bandes. Druck von Alexander Wiede in Leipzig.