eitſnchet Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. Leih und Teſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf Pezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenom 3. Cauti⸗ Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Bu he deſſelben entſprechende Summe hinterleg eiche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat:— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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E⸗ war in den letzten Tagen des Mai, als Ruffus unter der blühenden Kaſtanienallee nach dem Bade, einem in Dresden bekannten öffentlichen Vergnügungs⸗ orte wanderte. Unfern der Badebrücke ſtand ein freund⸗ liches, faſt ganz von den Zweigen alter Kaſtanien⸗ bäume umſchattetes Landhaus. Der junge Mann mußte wiederholte Male die Klingel ziehen, bevor auf⸗ gethan ward. „Der Herr Muſikdirector zu Hauſe?“ Die Thürſchließerin, ein geſchäftiges Mütterchen, nickte freundlich, führte den Ankömmling durch die Hausflur und zeigte nach dem Garten. Ruffus ſchritt die blühenden Gänge entlang und gelangte zu einer Art Gartenhäuschen, das von duftendem Jelängerje⸗ lieber und violetten Fliederblumen ganz verhüllt war. Die Töne eines Piano's belehrten ihn, daß er am rechten Orte ſei. Er trat, ohne anzuklopfen, ein. Da ſaß Hoffmann an dem tafelförmigen Inſtrument, ganz in ſeine Phantaſien vertieft.. Der Dichter und Componiſt konnte nicht anmu⸗ thiger wohnen. Von den Fenſtern des ziemlich ge⸗ räumigen und freundlich meublirten Gartenſalons ge⸗ noß man die ſchönſte Ausſicht über das Elbthal. Im Oſten die maleriſche Weinbergkette von Loſchwitz mit 8 unzähligen Villa's und freundlichen Weinbergshäuſern geſchmückt. Am Fuße der Weinberge zog der blaue Elbſtrom vorüber. Weiter rechts ſtiegen ferne Wol⸗ kenbilder, die Felſen der ſächſiſchen Schweiz empor. An dieſe reiheten ſich die ſanft ablaufenden böhmiſchen Gebirge. Zur Rechten thronte das ſchöne Dresden wie eine Meerkönigin über den Wellen. Hoffman beſchloß ſeine Phantaſien mit einer bril⸗ lanten Cadenz, dann ſprang er auf und umarmte den Freund. „Es ſieht etwas unordentlich bei mir aus,“ ſprach er,„aber bei unordentlichen Geiſtern, wie unſer eins, wird Dich das nicht Wunder nehmen. Iſt ein Glas Rum gefällig?“ Ruffus dankte. „Etwas Beſſeres kann ich nicht vorſetzen,“ ent⸗ ſchuldigte ſich der Dichter der Phantaſieſtücke;„doch halt,“ ſiel er ſich beſinnend ein,„der brave Morlacchi hat mir geſtern ein paar Bocksbeutel aus ſeinem Kel⸗ ler geſchickt, die müſſen bei der Wirthin ſtehen.“ Er eilte, trotz Ruffus' Abmahnung, nach dem Vor⸗ derhauſe, und der Gaſt hatte Muße, ſich in der Woh⸗ nung des genialen Mannes ein wenig unzuſchauen. Hoffmann hatte Recht, es lag ziemlich bunt Alles durcheinander. Leſſing's Laocvon auf einem feinen Batiſtvorhemdchen; darüber eine ſtizzirte Kreidezeich⸗ nung, Blücher's Portrait darſtellend; Gvethe's Fauſt auf einer Schüſſel voll Erdbeeren. Andere Bücher, größtentheils der Schmidt'ſchen Leihbibliothek entlehnt, Pianofortenoten, Singſtimmen, Kupferſtiche, Manu⸗ ſeripte, Schreibmaterialien, Halsbinden, Gilets, Alles in ziemlicher Verwirrung unter einander; auf dem Notenpulte war Don Juan aufgeſchlagen. Hoffmann kehrte mit ein paar Weinflaſchen und zwei ſauber geſchliffenen Gläſern zurück. „Nun, quid novi?“ frug er fröhlich,„ich lebe hier wie ein Einſiedler unter meinen Blumen, und freue mich, wenn einmal ein Menſchenkind aus der gottlo⸗ ſen Welt ſich her verirrt. Dieſe ganze Woche gab es weder Vorſtellung noch Proben; das kam mir ge⸗ rade recht. Ich habe wieder ein hübſch Novellenbild unter der Feder; aber kein Teufel wird's drucken; in der jetzigen Zeit kann man alltäglich die impoſanteſten Romane erleben; da halten's die Leute der Mühe nicht werth, welche zu leſen, und die Buchhändler welche zu drucken.“ „Ich bin eigentlich gekommen,“ ſprach Ruffus,„mich nach Deinem Pflegebefohlenen zu erkundigen.“ „Nach dem Reinhold?“ frug der Muſikdirector; „der befindet ſich ſo ſo, zwar vollkommen heil, aber ſonſt ein ſonderbarer Kautz.“ „Wie ſo?“ war des Freundes Frage. „Der hat merkwürdige Ideen im Kopfe, über Staat, Freiheit, Volkswohl und dergleichen Geſchich⸗ ten,“ ſprach Hoffmann.„Ich gehöre nicht zu den ſogenannten Servilen, aber mit ſeinen Freiheitstheo⸗ rien wird er ſchwerlich durchkommen.“ Ruffus, dem der politiſche Glaube ſeines jungen Freundes hinlänglich bekannt war, erfuhr hier nichts Neues und erkundigte ſich nach der ſonſtigen Lebens⸗ weiſe des bei Hoffmann Einquartierten. „Er kommt ſelten nach Hauſe,“ ſprach der Muſik⸗ direckor,„trotz meiner Vermahnung zur Vorſicht. Iſt er da, rennt er verſtört im Garten auf und ab und allnächtlich frequentirt er die geheime Geſellſchaft.“ Ruffus' Stirn verfinſterte ſich. „Es ſcheint ührigens nicht politiſche Alteration 10 allein zu ſein,“ fuhr Hoffmann fort,„die ihn herum⸗ reißt; es muß einen andern Haken haben. Ich weiß nicht, wo er die Kunde her hat; aber daß die Ein⸗ quartierung, die beiden Pariſer, bei Euch wohl ge⸗ litten ſind, namentlich bei den Damen, das weiß er oder will es wiſſen, und darum glaube ich, iſt's die liebe Eiferſucht wegen Fräulein Anna, die ihn plagt.“ Der Muſikdirector hatte kaum dieſe Worte ge⸗ ſprochen, als Reinhold athemlos den Gartengang da⸗ her eilte. Es ſchien ihm ſehr lieb zu ſein, Ruffus zu treffen. „Wißt Ihr es ſchon?“ rief er mit freudeſtrahlen⸗ den Blicken,„der Tyrann hat endlich in der Lauſitz ſeiner Thaten Lohn gefunden; eine einzige ruſſiſche oder preußiſche Kugel hat all' unſern Leiden ein Ende gemacht. Ein Zwölfpfünder hat ihm die Bruſt zer⸗ ſchmettert. Der Tod wird noch geheim gehalten; aber die Leiche befindet ſich bereits ſeit zwei Tagen im kö⸗ niglichen Schloſſe. Allnächtlich kann man die Lichter ſehen, welche in dem Leichenzimmer brennen.“ Hoffmann horchte mit großem Intereſſe auf, die Nachricht machte auf ſeine Phantaſie den lebhafteſten Eindruck. Ruffus lächelte ungläubig. „Ich habe ja Napoleon,“ ſprach er,„mit meinen eignen Augen in ſeinem Wagen von Bautzen daher fahren ſehen und Tauſende mit mir.“ „Alles Lug und Trug,“ belehrte Reinhold,„er war es nicht ſelbſt, ſondern nur ſein bewegliches Wachs⸗ bild. Uebrigens, wenn Ihr mir nicht glauben wollt, die ganze Stadt iſt voll davon.“ „Ein abgeſchmacktes Märchen,“— behauptete Rufſus. „Aber ein ſehr intereſſantes Märchen,“ meinte Hoff⸗ mann,„das Stoffzu einem hübſchen Phantaſieſtücke gäbe.“ „Wir wollen Gott bitten,“ ſprach begeiſtert Rein⸗ hold,„daß es kein bloßes Märchen iſt.“ — 14 Ruffus erwiederte nichts und erkundigte ſich, ob die Wunden des Freundes, die er bei Lützen erhalten, geheilt wären? „Vollkommen,“ war die Antwort,„es könnte mor⸗ gen wieder gegen den Feind gehen, wenn der ein⸗ fältige Waffenſtillſtand nicht dazwiſchen gekommen wäre.“ „Hoffentlich, daß der Friede daraus hervorgeht,“ ſprach Ruffus. „Hoffentlich?“ rügte Reinhold,„ſo kann nur ein Vaterlandsfeind, oder ein ſolch' indifferent Gemüth ſprechen wie Du. Was nützen uns Friedensſchlüſſe und Verträge mit einem Bundbrüchigen, bevor er nicht von unſerm guten Schwerte dermaßen zu Boden ge⸗ ſchmettert iſt, daß ihm das Aufſtehen für immer ver⸗ geht. Auch muß das heilige Blut, das bei Lützen und Bautzen gefloſſen, reichlich gebüßt werden an die⸗ ſen fränkiſchen Horden.“ Ruffus war es überdrüßig, ſeinem Freunde in Dingen zu widerſprechen, wo er wußte, daß kein Re⸗ den mit ihm war. Er ermahnte aber freundſchaft⸗ lichſt und nachdrücklich, künftig größere Vorſicht bei ſeinen Excurſionen in der Stadt zu beobachten, da er der franzöſiſchen Polizei als eifriger Tugendbünd⸗ ler dringend verdächtig ſei. Zugleich machte er ihm bekannt, daß die beiden jungen Franzoſen, denen er ſeine Rettung aus den Mörderhänden der Marodeurs verdanke, bei ſeiner Familie in Quartier lägen. Reinhold's Zornader auf der Stirn ſchwoll ſicht⸗ bar an. „Der Teufel dank' es ihnen,“ ſprach er halblaut und grimmig, doch unterdrückte er den Redeſatz, der ihm auf der Zunge ſchwebte. Ruffus, den ſolche ſchnöde Undankbarkeit verdroß, ſprach ſich ſehr ernſtlich und rügend darüber aus. Jener glaubte, der Freund habe bei ſeiner Straf⸗ rede keinen andern Zweck, als ſeine Schützlinge, die beiden Pariſer, zu bevorworten und gerieth darüber noch mehr in Zorn und Eiferſucht; denn Hoffmann hatte ganz recht gemuthmaßt, die Abneigung Rein⸗ hold's gegen die franzöſiſche Einquartierung bei Ge⸗ heimraths hatte einen doppelten Grund, Nationalhaß und glühende Eiferſucht; letztere nämlich ſeit der Nach⸗ richt, daß die beiden Fremdlinge wie Familienglieder behandelt würden. „Weißt Du auch,“ fuhr er ziemlich drohend ge⸗ gen Ruffus heraus,„daß Du in unſerm Club ſehr ſchlimmer Gefinnungen angeklagt biſt? Man hält Dich für einen erklärten Anhänger Frankreichs, und falls Du nicht bald Dein Syſtem änderſt, wenigſtens vorſichtiger wirſt und Dich von den Franzoſen zu⸗ rückziehſt, wird man auch Dich für einen Feind er⸗ kennen und ſeine Maßregeln darnach nehmen.“ Dieſe Rede war Ruffus zu arg. Er wollte erſt wegen ihrer Abgeſchmacktheit kein Wort erwiedern; aber die ausgeſprochene Drohung brachte ſein Blut in Wallung. „Wie?“ frug er,„Ihr, die Ihr die liebe Frei⸗ heit gleichſam in Perſon repräſentiren wollt, könnt es wagen, einen freien Mann, der eben deshalb frei iſt, weil er ſich nicht mit Euren waghalſigen, unüber⸗ legten und unverſtändigen Epxcentricitäten vermengt; weil er ſo unbefangen und human iſt, auch dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, weil er ſich nicht blos einſeitigen, unreifen Thevrien hingiebt, ſondern praktiſch dahinlebt, wie es ihm ſein hausbackner Mut⸗ terwitz und ſein geſundes Herz vorſchreibt— einem ſolchen wahrhaft Freien wollt Ihr ſogenannten Libera⸗ len Vorſchriften machen, wollt ihm drohen? Die Sache 13 iſt zu lächerlich, ſonſt würd' ich mich darüber ärgern und dann wollt' ich Euch einen Begriff beibringen von dem, was wahrhafte Freiheit heißt. Bekümmert Euch nicht um Himmels willen, ſondern um der ge⸗ ſunden Vernunft willen, um Euch ſelbſt, bevor Ihr Andern die Moral leſet. Werdet nur das einzige Mal geſcheidt, dumm ſeid Ihr lange genug geweſen. Bekümmert Euch darum nicht um mich, wie ich mich nicht um Euch bekümmere.»An mir iſt nach Euern Begriffen einmal Hopfen und Malz verloren. Laßt mich, zum Teufel, verloren ſein. Was geht's Euch an, welchen Schaden habt Ihr davon? Ich bin ein⸗ mal kein Patriot und mag keiner ſein, wer will mich zwingen? Ich liebe die Franzoſen, den Kaiſer Napo⸗ leon, was kann ich dafür? Jeder hat ſeine Paſſionen.“ „So vermeide wenigſtens den zu öffentlichen Um⸗ gang mit den Vaterlandsfeinden,“ ſprach Reinhold in gemäßigterm Tone;„es kommt heraus, als ſpotteteſt Du dadurch unſerer Beſtrebungen.“ „Wenn es ſcheint, daß ich Eurer Beſtrebungen ſpotte,“ erwiederte Ruffus,„giebt dies einen neuen Beweis Eurer Einſeitigkeit und Befannſ Be⸗ fangenen und einſeitigen Leuten zu gefallen, kann ich unmöglich mein Benehmen umändern. Ich werde mich künftig verhalten, wie mir's am zweckmäßigſten er⸗ ſcheint.“ „Es bedarf wohl eben keiner Befangenheit und Einſeitigkeit,“ bemerkte Reinhold nicht ohne Gereizt⸗ heit,„den ſchroffen Unterſchied zu erkennen, mit wel⸗ cher Zuvorkommenheit ſteinfremde Tyrannenknechte von der Familie Günther, und mit welcher ſie bei andern patriotiſchen Einwohnern aufgenommen werden.“ Jetzt ward es Ruffus ebenfalls klar, daß Eifer⸗ ſucht und Patriotismus bei Reinhold Hand in Hand 14⁴ gingen. Er mußte lächeln und klopfte dem jungen Patrioten auf die Schulter. „Ohne Sorge,“ beruhigte er,„weder Anna's Pa⸗ trivtismus, noch ihr Herz ſcheint durch die neue Ein⸗ quartierung im Geringſten berührt zu ſein.“ „Uebrigens,“ fügte er zu Reinhold's Troſt hinzu, „ſcheinen wir die lieben Leutchen am längſten beher⸗ bergt zu haben. Man ſpricht allgemein, daß die junge Garde während des Waffenſtillſtands in die umlie⸗ gende Gegend verlegt werden ſoll, was mir wahrhaft leid thun ſollte.“ „Die beiden Pariſer ſcheinen ausnehmend in Dei⸗ ner Gunſt zu ſtehen,“ bemerkte Reinhold. „Das leugne ich nicht,“ geſtand Ruffus offenher⸗ zig,„und ſie verdienen es. Ich habe die Franzoſen wegen ihrer wohlgefälligen Umgangsform immer gern gehabt, aber ſo wahrhaft in's Herz geſchloſſen wie Eugen und namentlich Jerome habe ich noch keinen von dieſem Volke. Wahrhaftig, Jerome verdiente ein Deutſcher zu ſein. Apropos,“ frug er nach einer Pauſe,„weiß denn Frau von Sternburg von Deinem Hierſein?“ „Allerdings,“ war die Antwort,„ſie hat mir ſelbſt Wohnung angeboten, falls ich mich in meinem Ver⸗ ſteck nicht hinlänglich ſicher glaubte. Sie iſt glühen⸗ der denn je für des Vaterlands Unabhängigkeit begeiſtert und Muſter eines ſich aufopfernden Patriv⸗ tismus.“ „Faule Fiſche,“ brummte Ruffus.. Nach einer Pauſe ſprach er: „Gieb mir die Hand, Reinhold.“ Dieſer reichte ihm fragend die Rechte. „Schreib' noch heut ein Billet an die Sternburg und melde ihr, daß Du Gelegenheit gefunden, Dich zu Deinem Armeecorps zu begeben; auch hier biſt Du noch nicht ſicher. Ich weiß ein allerliebſtes Neſtchen für Dich auf den Loſchwitzer Weinbergen. Hoffmann und ich beſuchen Dich ſo oft als möglich.— Der Frühling iſt ſchön, und die Waffenruhe wird ſo lange nicht dauern. Schreib' auch den Clubiſten, daß Du wieder zur Armee gegangen ſeiſt, und beſuche die Ver⸗ ſammlung nicht mehr, die täglich in Gefahr ſchwebt, aufgehoben, todtgeſchoſſen, oder, wenn's gut geht, nach Frankreich transportirt zu werden. Gieb mir die Hand darauf, Reinhold, daß Du meine Bitte erfül⸗ len willſt.“ „Nimmermehr!“ rief dieſer, ſeine Hand zurück⸗ ziehend.„Wenn unſrer Verbrüderung Gefahr droht, wär ich ein erbärmlicher Feigling, ſo ich dieſe nicht theilen wollte. Uebrigens ſeh' ich gar keine Gefahr. Nur Du ſiehſt überall Geſpenſter, das macht Dein ſteter Ungang mit polizeidreſſirten Franzoſen, unter welchen es allerdings an Verräthern nicht fehlen mag. Komm nur einmal mit in unſern Convent, damit Du ſiehſt, wie ächte Deutſche, denen es mit der Frei⸗ heit Ernſt iſt, zuſammenſitzen. Da ſollſt Du mir ein Verräthergeſicht ausfindig machen. Und wenn wir auch verrathen würden, ſoll's den fremden Tyrannen keine Roſen bringen, denn lebendig bekommen ſie uns nicht in die Hände.“ Vergebens ſtrengte Ruffus all' ſeine Ueberredungs⸗ gabe an. Auch Hoffmann, dem die Gefahr einleuch⸗ tete, in welcher jener Verein bei der liſtigen Wach⸗ ſamkeit der franzöſiſchen Polizei ſchwebte, ſtimmte Ruffus bei. Reinhold blieb bei ſeinem thörichten Satze, daß ſobald man einen Verſuch gegen ſeine Frei⸗ heit wagen ſollte, er bis zum letzten Hauche Gewalt mit Gewalt vertreiben würde. 16 Als Ruffus ſah, daß alles Reden zu nichts half, bat er den Freund, wenigſtens hinſichtlich der Frau von Sternburg mit mehr Vorſicht zu handeln und ihr namentlich nichts über den in Dresden beſtehenden Club des Tugendbundes zu vertrauen. „Wem ſoll man noch vertrauen,“ fiel hier Rein⸗ hold exaltirt in die Rede,„wenn man einem Engel nicht trauen ſoll, dem der Himmel den Creditbrief auf das ſchöne, offene Antlitz geſchrieben? Du, ſelbſt befangen, argwöhniſch, mißtrauiſch gegen Jedermann, mit Ausnahme der Franzoſen, willſt mir jetzt noch den Glauben an das Heilige rauben, willſt mich wan⸗ kend machen im Vertrauen auf Alles, was edel und göttlich hienieden; aber es ſoll Dir nicht gelingen.“ Ruffus erkannte, daß weit eher ein Blödfinniger zur Vernunft gebracht werden kann, als ein Exaltir⸗ ter. Er ſtand daher von ſeinem fruchtloſen Bemühen ab und ſagte ärgerlich: „Ich wünſchte, ich wär' commandirender General, da ließ ich Dich zu Deinem höchſt eignen Beſten, bis der Teufel wieder losgeht, auf eine Feſtung ſperren. Uebrigens hab' ich das Meine gethan; ich habe ge⸗ beten, gewarnt, beſchworen. Du willſt keinen Rath annehmen. Wenn Unglück hereinbricht und Du in der Gefahr umkommſt, ſoll es mir zwar leid thun, aber zu bedauern biſt Du nicht.“ Die Freunde ſtritten ſich noch geraume Zeit, bis Ruffus ganz ärgerlich über Reinhold's Unvernunft nach der Stadt zurückrannte. Als er nach Hauſe kam, ſaß Jerome in einer Laube des blühenden Gartens, der unmittelbar an ſein Quartier grenzte und las eine von den kleinen an⸗ muthigen Erzählungen des trefflichen Zſchokke, die ihm Ruffus als leicht verſtändliche deutſche Lectüre S— 17 empfohlen hatte; da ſtürmte Eugen, mehre Briefe in der Hand, den Gartengang daher. „Von zu Hauſe!“ rief er freudeglühend,„ auch Georg und Victorine haben geſchrieben. Sie ſind Beide wohlbehalten und glücklich in Baltimore ange⸗ kommen, haben ſich auch bereits in einem reizenden Thale angekauft und beſtellen ihre Aecker, wie in ei⸗ ner Florian'ſchen Idylle. Victorine, obſchon das Weib eines Republikaners, iſt noch immer für unſern Kaiſer begeiſtert. Wir find alleſammt eingeladen nach dem ſchönen Lande, und ſobald die Ruſſen über die Weichſel geiagt, bin ich auch nicht abgeneigt, den Lieben einen Beſuch abzuſtatten.“ „Und die Pariſer?“ frug Jerome. „Alles wohlauf,“ berichtete Eugen.„Meine Mut⸗ ter hat ſich darein ergeben, daß ich dem Kaiſer ge⸗ folgt bin, und zürnt nicht im Geringſten mehr. Onkel Normand, Cyuſine Henriette, die Deinigen— Alle befinden ſich wohl und ſind ſtols auf unſere Siege. Normand's find gerade von einer Landpartie aus Saint⸗Clond zurückgekehrt, als ihnen alle Glocken von Paris unſern Sieg bei Bautzen verkündet. Onkel Stelzfuß, der ſich herrlich pflegt in ſeinem ſchönen Garten von Auteuil, und mit Ausnahme des zum Kuckuck gegangenen Beins, vollkommen erholt hat von der ruſſiſchen Campagne, ſchickt uns einen Empfeh⸗ lungsbrief an einen alten Kriegskameraden, der bei der alten Garde in der Legio Fulminatrix ſteht. Nach des Onkels Briefe iſt das ein zweiter Latour d'Auvergne, noch ein alter Aegyptier und ſpecieller Liebling des Kaiſers. Hätte können längſt Obriſt und Gott weiß was ſein, aber er zieht es vor, erſter Grenadier der Fulminatrix zu bleiben.“ Jerome erkundigte ſich nach dem Namen. Stolle, ſämmtl. Schriften. XII. 2 18 „Michel Barbanegre,“ ſprach Eugen,„ich entſinne mich auch, von ihm gehört zu haben.“ „Ich auch!“ rief Jerome frendig;„es iſt ein aus⸗ gezeichneter Mann, das wahre Normalbild eines äch⸗ ten, alten kaiſerlich Napoleoniſchen Gardiſten. Dein Onkel hat da in ſeinem Auteuil einen vortrefflicen Gedanken gehabt. Wir wären ſonſt im Leben nicht mit dem alten Aegyptier bekannt geworden. Es ſoll ſehr ſchwer halten, bei dem alten Löwen anzu⸗ kommen, namentlich ſo junges Volk wie wir, das überhaupt von der alten Garde über die Achſel an⸗ geſehen wird.“ „Das iſt wahr“ ſprach Eugen,„die alten Bärte behandeln uns recht en hagatelle, und wir verſtehen doch auch zu fechten: bei Lützen haben ſie uns zwar gelobt. Höre, Jerome, daß wir in Bautzen nicht dabei waren, iſt doch ärgerlich.“ „Ich ſollte meinen,“ lächelte Jerome,„Du hätteſt Dich am wenigſten darüber zu beklagen. Während der Kaiſer halb Schleſien eroberte, ſcheinſt Du auch im Erobern nicht zurück geblieben zu ſein. Wenigſtens iſt aller Wahrſcheinlichkeit nach Clärchen Dir ſehr ge⸗ wogen.“ „Ach Gott,“ ſeufzte der junge Gardiſt,„ich wage dieſes Glück nicht zu denken. Ein ſolches himmliſches Kind iſt mir auf Erden noch gar nicht vorgekommen.“ Der Freund, welcher Eugen's einſeitige Antipa⸗ thie gegen alles Nichtfranzöſiſche nur zu gut kannte, und deshalb oft mit ihm in Streit gerieth, konnte ſich bei den Worten des Verliebten eines Lächelns nicht enthalten. „Aber eine Deutſche, Eugen, bedenke doch,“ 19 ſprach der Freund in einem Tone, der wie patrioti⸗ ſcher Vorwurf klang. „Ei was,“ erklärte der junge Franzos ziemlich naiv,„ſie gehört ja zum Rheinbunde, ſie iſt unſere Verbündete, der König von Sachſen iſt des Kaiſers beſter Freund. Da ſeh ich nichts Unpatriotiſches.“ Nach einer Pauſe ſetzte er hinzu:„Bei einer Preußin allerdings wär's etwas Anderes.“ Jetzt konnte ſich Jerome des lauten Lachens nicht enthalten. Eugen, der ſich darüber ärgerte und in dem Wahne ſtand, der Freund glaubte nicht an ſeine Liebe, ſagte: „Immer lache; wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Sobald Frieden iſt, komm' ich wieder und hole mein Clärchen.“ „Frieden, wie?“ frug erſtaunt lächelnd Jerome, „muß ich dieſes Wort aus Deinem Munde hören?“ „Verſteht ſich,“ fügte Eugen ſchnell hinzu,„eher nicht, bis die Ruſſen mit Eclat über die Weichſel ge⸗ worfen find, und das wird ſo lange nicht dauern. In Breslau ſtehen wir ſchon. Von da iſt es nicht weit.“ „Nun, Freund Eugen,“ ſprach Jerome,„daß Du mit einem Mal ſo friedliebender Natur geworden biſt, freut mich wahrhaftig. Da harmoniren wir in einem Punkte mehr. Du weißt, ich, wie alle ver⸗ nünftigen Leute, ſind für den Frieden.“ „Ja, aber nur unter der Bedingung,“ gab Eugen zu,„daß die Ruſſen bis hinter die Weichſel ſind, außerdem kann keine Rede davon ſein.“ Ruffus kam jetzt den Gang daher. Eugen eilte ihm entgegen und erzählte von den guten Nachrichten aus Paris und Amerika. Die drei jungen Männer waren mit einander ſo vertraut geworden, daß ſie ſich 2 ſelbſt Familiennachrichten mittheilten. So hatte auch Ruffus des Nordamerikaner Georg's, ſo wie der mu⸗ thigen Victorine Schickſal erfahren. Auch des alten Gardiſten Michel Barbanegre geſchah jetzt Erwähnung. „Das trifft ſich herrlich,“ rief Ruffus erfreut,„da kann er bei uns wohnen. Wie ich geſtern erfuhr, tommt die Fulminatrix ganz in unſere Nähe, da in Friedrichſtadt, wo der Kaiſer wohnt, die geſammte alte Garde nicht Raum hat. Auch ich habe mehr⸗ mals von dem alten Helden ſprechen hören. Der muß erzählen können! Er hat nicht nur faſt allen Schlach⸗ ten des Kaiſerreichs und des Conſulats beigewohnt, er hat ſchon bei Valmy, bei Jemappes als Republi⸗ kaner gefochten. Uebrigens bin ich gekommen, die Herren zur Mittagstafel einzuladen.“ Die Drei begaben ſich in das Speiſezimmer, wo Clärchen die gute und ſchöne Wirthin machte. Die beiden Franzoſen waren durch ihr beſcheidenes, an⸗ ſpruchsloſes und höchſt liebenswürdiges Weſen der Fa⸗ milie des Geheimraths ſo befreundet geworden, daß man ſie ſehr häufig zu Tiſche bat. Hauptſächlich war es Jerome, der durch ſeine allſeitige Bildung der Un⸗ terhaltung ſtets Intereſſe zu verleihen wußte, während Eugen nur für Clärchen lebte, die er mit aller Macht ſeines jungen, feurigen Herzens anbetete. Anna ſelbſt ſtand jetzt weniger ſchroff den beiden Jünglingen gegenüber, obſchon ſie Clärchen's ſichtbare Hinneigung zu Eugen entſchieden mißbilligte. Das arme Kind hatte deshalb viel zu dulden. Eugen war unerſchöpflich in kleinen reizenden Aufmerkſamkeiten. Es verging kein Motgen, daß er nicht ein ſchönes Roſenbvuquet oder ndere blühende Kinder Flora's überſchickte. Auf den ſeidenen Bändern und Schlei⸗ fen, womit er die Sträuschen zuſammen band, ſtan⸗ . den gewöhnlich artige Motti und Deviſen aus fran⸗ zöſiſchen Dichtern. Wenn Clärchen die Serviette von ihrem Teller nahm, lag gewiß ein Pariſer Bonbon mit zierlichem Bildchen und Deviſe darunter. Eugen, voll angeborner Galanterie, hatte ſich anfänglich auch gegen Anna ähnliche anmuthige Scherze erlaubt, war aber von der patrivtiſchen Schönen dermaßen zurück⸗ gewieſen worden, daß er die Blumen- und Bonbon⸗ ſpenden einſtellte. Clärchen, die nicht begriff, warum ſie ſich derglei⸗ chen anmuthige Aufmerkſamkeiten verbitten ſollte, hatte deshalb einen harten Stand bei der Schweſter. Nach der Mittagstafel begab man ſich in den Gar⸗ ten, wo Jerome die kleine Geſellſchaft durch Beſchrei⸗ bung ſeines ſchönen Vaterlandes auf das Angenehmſte unterhielt. Z3weites Rapitel. — In einem Gartenpavillon des Marcoliniſchen Palaſtes zu Friedrichſtadt⸗Dresden ging Napoleon mit Berthier und Marſchall Soult im Geſpräch auf und nieder. Der öſterreichiſche Graf Bubna, welchem der Kaiſer Andienz ertheilt hatte, war ſo eben abgetreten. „Was meinen Sie, Berthier,“ ſprach der Kaiſer, „wir hätten keinen Waffenſtillſtand eingehen ſollen? Oeſterreich wird ihn benutzen, ſeine Rüſtungen vollen⸗ den und gegen uns auftreten. Ich würde den Ver⸗ bündeten eine dritte Schlacht an der Oder geliefert 22 haben. Dann ſtänden wir dem Frieden näher, auch ohne Oeſterreichs Vermittelung.“ „Sire,“ erwiederte der Fürſt von Neufchatel,„un⸗ ſere junge Armee bedurfte nach den außerordentlichen Strapazen der Ruhe. Während der Waffenruhe wird ſie ihre Organiſation vollenden, unſere Verſtärkungen, namentlich die Reiterſchwadronen, deren wir ſo be⸗ dürftig, treffen ein. Auch war es rathſam, unſere Communicationslinie nicht zu weit auszudehnen.“ „Pah, pah, Communicationslinie!“ lachte der Kaiſer,„das alte Lied, das Euch Allen ſeit Rußland in den Ohren ſummt. Jeder Schritt, der weiter von Frantreich entfernt, erfüllt die Phantaſie mit Bildern des Schreckens. Ich ſehe ſchon, meine Herren, daß Sie den Krieg nicht lieben. Berthier möchte gern zu Groß⸗Bois jagen und Suult ſein ſchönes Haus zu Paris bewohnen.“ „Allerdings, Sire,“ geſtand der Marſchall von Dalmatien freimüthig,„ich kenne die Freuden der Hauptſtadt nur wenig.“ „Nun, Ihr ſollt den Frieden haben,“ erwiederte Napoleon,„die Welt bedarf ihn. Ich werde große Opfer nicht ſcheuen, ihn zu erlangen. Aber meinen Friedensworten Eingang zu verſchaffen, bedarf's der Rüſtung. Auch wir wollen die Waffenruhe ſo viel als möglich benutzen.“ Er ging nach ſeinem Cabinet. Soult und Berthier folgten. Zu den Landkarten von Sachſen und Schleſien ward jetzt noch die große Karte Böhmens von Müller gelegt. Napoleon unterſucht alle Ausgänge dieſes Landes auf die Ebene von Dresden und nach Thü⸗ ringen; alle Straßen, welche von Berlin nach Breslau und von Breslau nach Prag führen. Er durchläuft, den Zirkel in der Hand, alle⸗Strahlen, welche von Dresden ausgehen und in militairiſcher Hinſicht von Intereſſe ſind. Er berechnet ſie mit der größten Auf⸗ merkſamkeit und immer kehrt ſein Blick auf die Um⸗ gebungen der ſächſiſchen Reſidenz zurück. „Dieſe Stadt,“ ſpricht er,„dürfte der erſte Richt⸗ punkt der feindlichen Operationen werden. Sie muß in Stand geſetzt werden, den Stoß auszuhalten.“ Die Elbe fließt bei ihrem Austritt aus Böhmen in die Gefilde Sachſens durch ungeheuere Felsmaſſen, welche das Flußbett verengen und ihren Lauf beherr⸗ ſchen. Die Gipfel derſelben ragen weit über das Thal hervor. Auf dem rechten Ufer ſteht der Lilienſtein, auf dem linken der Königſtein. „Das ſind zwei vorgeſchobene Schildwachen von Dresden,“ erklärt Napolevn,„der Fuß des Lilien⸗ ſteins muß mit Geſchütz beſetzt werden. Unter dem Schutze dieſer zwei furchtbaren Felsmaſſen werden Brücken geſchlagen, welche nicht nur eine unmittelbare Communication zwiſchen beiden ufern, ſondern auch zwiſchen der Armee von Schleſien und derjenigen er⸗ öffnen, die gegen Böhmen aufzuſtellen ſein wird.“ Der Kaiſer beſchränkt ſich aber nicht auf die Be⸗ feſtigung von Dresden und der Umgegend, er will die franzöſiſche Armee längs der ganzen Elblinie auf⸗ ſtellen. Die äußerſten Enden dieſer Poſition ſind Dresden und Hamburg, inmitten die Feſtungen Tor⸗ gau, Wittenberg, Magdeburg, alle in franzöſiſcher Gewatt. Der Kaiſer ertheilt Befehl, dieſe Veſten ſchleunigſt in den beſtmöglichſten Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Sein Blick fällt wieder auf Hamburg. Dieſer Punkt nimmt ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Er verlangt nach einem Plane dieſer' Stadt. 24⁴ Sogleich erhebt ſich der Director des topographi⸗ ſchen Bureaus, welcher in der einen Ecke des Cabi⸗ nets arbeitet, und legt einen Grundriß von Ham⸗ burg vor. Napoleon lehnte ſich eine Zeit lang mit halbem Leibe auf den Kartentiſch; ſeine Augen fortwährend auf den Grundriß und die Umgebung der großen Hanſeſtadt gerichtet, dictirt er folgenden Brief an Davouſt, Fürſten von Eckmühl und Commandanten von Hamburg: „Mein Vetter! „Ich ſchicke Ihnen einen Ordonnanzoffizier, der Offizier des Genieweſens iſt. Er ſoll Hamburg, die Inſeln, Haarburg, Lüneburg, Lübeck, das Fort Curhaven in Detail einſehen und mir über Alles und wie die Arbeiten vor ſich gehen, Bericht er⸗ ſtatten. „Eine Stadt wie Hamburg kann nur durch eine Beſatzung von fünfundzwanzigtauſend Mann und ein unermeßliches Material vertheidigt werden, und um nicht Gefahr zu laufen, eine Beſatzung von fünfundzwanzigtauſend Mann und ein großes Ma⸗ terial zu verlieren, wäre ein Platz nöthig, der ſich nach eröffneten Laufgräben wenigſtens zwei Monate lang vertheidigen könnte. Um aber dem Hambur⸗ ger Wall eine ſolche Widerſtandskraft zu ertheilen, brauchte man einen Aufwand von dreißig bis vier⸗ zig Millionen. Nun möchte ich aber Hamburg nicht nur gegen die Einwohner, gegen die Linientruppen, ſondern ſelbſt gegen eine Belagerungsequipage hal— ten. Ich will, daß Hamburg, wenn fünfzigtauſend Mann vor der Stadt erſcheinen ſollten, nicht nur gegen einen raſchen Angriff geſichert ſei, ſondern ſich auch vertheidigen könne, den Feind zur Eröff⸗ 25 nung der Laufgräben zwinge und fünfzehn bis zwanzig Tage aushalte. Dieſe Reſultate will ich in dieſem Jahre mit einer Ausgabe von zwei bis drei Millionen, einem Material von hundert bis hundertfunfzig Kanonen und einer Beſatzung von ſechstauſend Mann erzielen. Ich will, daß bei die⸗ ſer Vorausſetzung, falls die Stadt nach einer fünf⸗ zehn⸗ bis zwanzigtägigen Belagerung nach eröffne⸗ ten Laufgräben genommen würde, ich nichts, weder an Kanonen noch an Mannſchaft verliere, und daß ſich die Beſatzung in eine Citadelle flüchte und nach Eröffnung der Laufgräben, je nach dem Grade der Vollkommenheit des Baues dieſer Citadelle, einen oder zwei Monate halte. Die bloße Darlegung dieſes Syſtems dient auch zur Erläuterung. An der Vollziehung muß, ohne einen Augenblick zu verlieren, gearbeitet werden. Vierundzwanzig Stun⸗ den nach Ankunft meines Ordonnanzoffiziers müſſen zehntauſend Arbeiter beſchäftigt ſein. Sie müſſen ) ohne Barmherzigkeit alle auf dem Walle ſtehen⸗ den Häuſer niederreißen, jedoch nach vorläufiger Schätzung der Entſchädigung, welche durch die Stadt bezahlt werden ſoll. 2) Sollen alle Häuſer, die auf dem Glacis ſtehen, 3) alle Häuſer, die auf der Citadelle ſtehen, niedergeriſſen werden. 4) Zu⸗ gleich werden alle Parapets durch Ziehung tieferer Gräben erhöht. 5) Zugbrücken an allen Thoren angebracht. 6) Halbmonde vor allen Thoren er⸗ richtet. 7) Die Gräben ſo weit als möglich mit Waſſer gefüllt. 8) Sie werden Ihre Anordnungen treffen, Gegenden, wo dies möglich iſt, unter Waſ⸗ ſer zu ſetzen. 9) Die wichtigſten und größten Ba⸗ ſtionen find mit einer mit Schießſcharten verſehenen Mauer zu verſchließen, die minder wichtigen gut 26 zu verpalliſadiren. 10) Sie ſollen ferner an einem bedeckten Wege und an einem Glacis arbeiten und die bedeckten Wege palliſadiren laſſen. 14) Auf jeder Baſtion find wenigſtens vier Kanonen aufzu⸗ ſtellen, wovon zwei aus Zwölfpfündern oder noch ſtärkerem und zwei aus geringerem Kaliber beſtehen. 42) Mörſer müſſen in den beiden größten Baſtio⸗ nen, und beſonders in der Baſtivn und dem Theil der Mauer, welcher zwiſchen den beiden Seen liegt und der leicht iſolirt und als Citadelle betrachtet werden kann, aufgepflanzt werden, um ſie gegen die Stadt richten zu können. 13) Sind die Ver⸗ ſchanzungen wieder herzuſtellen, welche die große Vorſtadt decken; dieſe gut zu palliſadiren und ei⸗ nige Blockhäuſer daſelbſt zu errichten. 14) Alle Inſeln ſind durch ein Syſtem von Redouten und Dämmen zu durchſchneiden und ſogar Brücken auf Pfeilern über die kleinen Arme zu errichten; auf jedem Arme zwei große Fähren anlegen zu laſſen, wie ich ſie zu Antwerpen, die eine für die Ebbe, die andere für die Fluth habe bauen laſſen, ſo daß hundert Reiter und fünfhundert Fußgänger auf einmal überſetzen können. Dann muß Haarburg neu befeſtigt, ausgerüſtet und palliſadirt werden. Nehmen Sie alle dieſe Werke als fertig an, was in wenig Monaten möglich iſt, ſo iſt klar, daß vier Compagnien Artillerie und fünftauſend fünfhundert Mann Infanterie Meiſter von Hamburg ſein wer⸗ den. Zur Vollendung dieſes Syſtems muß eine Citadelle zwiſchen dem Fluß und der Stadt errich⸗ tet werden, ſo daß die Citadelle, die Inſeln und Haarburg nur Ein Syſtem ausmachen. Dieſe Ci⸗ tadelle kann im Anfang von Erde ſein, mit gefüll⸗ ten Waſſergräben, guten Palliſaden und hölzernem Blendwerk für die Artilleriemagazine, für die Pulver⸗ magazine und für die Beſatzung. Sie ſehen daraus, daß wenn die Stadt nach einer regelmäßigen Be⸗ lagerung genommen würde, die Beſatzung ſich in die Citadelle, auf die Inſeln und nach Haarburg flüchten könnte. Alles dies kann in dieſem Jahre geſchehen. In dem folgenden Jahre werde ich die Citadelle mauern und ihr alle mögliche Stärke erthei⸗ len laſſen. Dieſes Vertheidigungsſyſtem habe ich für Hamburg beſchloſſen. Ich befehle dem General Haxo, es zu überlegen, zu zeichnen und zu voll⸗ ziehen. Es iſt aber von der höchſten Wichtigkeit, daß Sie den erſten Augenblick benützen, um alle Häuſer zu ſchleifen, welche der Anlegung der Ci⸗ tadelle, von der ich oben ſprach, im Wege ſein könnten. Ich weiß, daß General Haxo die Ab⸗ ſicht hatte, die Citadelle auf der Seite von Altona anzulegen. Dies iſt unmöglich, es würde die Dä⸗ nen in Schrecken ſetzen. Ueberdies ſoll meiner Ab⸗ ſicht nach die Citadelle einen Brückenkopf über das rechte Elbufer, Haarburg einen Brückenkopf über das linke Ufer abgeben; die Inſeln dienen zur Commu⸗ nicativn. Sie wiſſen, daß ich Hamburg nicht ge⸗ ſehen, daß man den Geiſt des gegebenen Befehls, nicht den Buchſtaben ſtudiren muß, ſo daß man kein Bedenken tragen darf, am fünfzehnten Juli ſechstauſend Mann iſolirt in Hamburg zu laſſen und ihre Communication mit dem linken ufer ge⸗ gen alle beunruhigende Ereigniſſe geſichert iſt. „Außerdem bitte ich Gott, mein Vetter, Sie in ſeinen heiligen und würdigen Schutz zu nehmen.“ Napoleon hat, während er dieſe Worte ſprach, faſt keinen Blick von dem Grundriſſe verwendet. Er rich⸗ 28 tet ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf die Karte von Deutſchland. „Unſere Communicationslinie mit Frankreich,“ ſpricht er,„ſtützt ſich auf Erfurt. Dieſe Stadt, wo ſich die Hauptniederlage unſerer Vorräthe befindet, wird von Tag zu Tag wichtiger. Auch ihre Cita⸗ dellen müſſen in completten Vertheidigungsſtand geſetzt werden.“ Der Kaiſer enthüllte immer mehr den Plan, ſeine Macht an der Elbe zu concentriren und ſich hier in Abwartung der Ereigniſſe zu halten. Marſchall Soult ſtand etwas ſeitwärts vom Kar⸗ tentiſche und war bei den letztern Expectorationen Na⸗ polevn's ſichtbar düſterer geworden. Auch Berthier beobachtete ein beharrliches Stillſchweigen, welches weit mehr auf Mißbilligung der Pläne des Kaiſers als auf Beifall deutete. Napoleon blickte forſchend die beiden Fürſten an. „Sie ſcheinen nicht meiner Meinung?“ frug er. „Herr Marſchall von Dalmatien, was haben Sie da⸗ gegen einzuwenden?“ „Sire,“ antwortete Soult mit beſcheidener Feſtig⸗ keit,„die Stellung an der Elbe erſcheint mir etwas gewagt. Falls Oeſterreich den Verbündeten die Aus⸗ gänge von Böhmen öffnet, kann unſere Armee ſehr leicht umgangen und im Rücken genommen werden.“ „Wie?“ fuhr Napoleon etwas unmuthig auf, „Sie beſorgen, ich möchte mich im Herzen von Deutſch⸗ land zu ſehr bloßſtellen? War ich bei Marengo, Au⸗ ſterliz, Wagram nicht in viel gewagterer Stellung? Von Arcole bis zum heutigen Tage waren alle meine Schritte auf dieſer Laufbahn Kühnheiten dieſer Art und ich habe hierin nur die ausgezeichnetſten Muſter befolgt. Beſchäftigten ſich Alexander, Hannibal, Cä⸗. 29 ſar mit ihren Rückzugslinien in dem Augenblicke, da ſie um die Weltherrſchaft kämpften? Wenn nun Alex⸗ ander am Indus geſchlagen worden wäre? Wenn Han⸗ nibal bei Cannä beſiegt worden wäre? Wenn Cäſar in den galliſchen Wäldern, am Vorgebirge von Dyr⸗ rachium oder in den Engpäſſen von Pharſalus ge⸗ ſchlagen worden wäre? Wenn? Wenn?! 1803 war ganz Preußen im Begriff, über mich herzufallen, ich lag. tief in Mähren im Kampfe; mein Rückzug durch Deutſchland war unmöglich, aber ich ſiegte bei Auſter⸗ litz. 1806, in dem Augenblicke, wo ich in die Schluch⸗ ten von Thüringen zog, wollte mir Oeſterreich in den Rücken fallen und Spanien über die Pyrenäen her⸗ einbrechen!— aber ich ſiegte bei Jena! 1809, als ich an den Grenzen von Ungarn gegen die Donau kämpfte, als ganz Tyrol im Aufſtand war, die Eng⸗ länder ſchon gegen Antwerpen vordrangen, mußte ich Rußlands Abfall fürchten; meine Verlegenheit ſtieg, wenn ich einen Blick auf Preußen warf!— aber ich ſiegte bei Wagram. Sollte mich der Feind je von Böhmen aus umgehen wollen, ſo kann dies von ſei⸗ ner Seite nur in der Hoffnung geſchehen, die rück⸗ gängige Bewegung zu machen, die Sie mir jetzt rathen. „Dresden iſt der Wendepunkt, auf dem ich ma⸗ növriren will,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„um allen Angriffen die Spitze zu bieten. Der Feind ent⸗ wickelt ſich von Berlin bis Prag in einer Kreislinie, deren Mittelpunkt ich einnehme. Die geringſten Com⸗ municationen verlängern ſich für ihn wegen der zu befolgenden Umwege, und für mich ſind einige Märſche hinreichend, überall dahin zu gelangen, wo meine Ge⸗ genwart und meine Reſerven nöthig ſein werden. Meine Feldherren aber müſſen verſtehen, auf den Punk⸗ 30 ten, wo ich nicht bin, mich zu erwarten, ohne etwas dem Zufalle zu überlaſſen.“ Napoleon hatte auf die letztern Worte einen be⸗ ſondern Nachdruck gelegt. Er ging mehre Male ſchweigend im Cabinet auf und ab. Nach einiger Zeit fährt er fort: „Der Feind wird Abtheilungen zwiſchen die Elbe und den Rhein werfen. Ich erwarte dies und habe dafür geſorgt. Außer den ſtarken Beſatzungen von Mainz, Weſel, Erfurt und Würzburg, ſammelt Au⸗ gereau ein Beobachtungscorps am Main. Wenn ſich die Verbündeten zwiſchen meine befeſtigten Linien an der Elbe und am Rhein wagen, wenn ſie ſo kühn ſind, ch bien, ſo ziehe ich nach Böhmen und falle ihnen in den Rücken. „Die Koſaken werden vielleicht einige Departe⸗ ments unſrer Rheinprovinzen mit Streifzügen heim⸗ ſuchen, möglich; wenn aber der Krieg mit aller Ue⸗ berſchwemmung nach Mainz käme, wäre das Unglück weit ernſthafter. „In den Ebenen von Sachſen muß unſer Schick⸗ ſal entſchieden werden. „Ich habe Alles berechnet, dem Geſchick bleibt das Weitere überlaſſen: ſo gut meine Gründe ſind, weiß ich doch, daß man mich nach dem Erfolge beurtheilen wird; das iſt das ſtrenge Geſetz der Geſchichte, dem man ſich unterwerfen muß.“ Napolevn wandte ſich zum General Rogniat, dem Commandanten des Genieweſens, der ſeit einiger Zeit eingetreten und ſich ungefragt mißbilligend über die Stellung an der Elbe ausgeſprochen hatte. „Der Commandant des Genieweſens,“ ſprach der Kaiſer in nachdrücklichem Tone,„iſt nicht der Be⸗ fehlshaber der Armee. Ich verlange keinen Feldzug⸗ 31 plan von Ihnen, machen Sie auch keinen. Begnü⸗ gen Sie ſich damit, in meine Gedanken einzugehen und die Sie betreffenden Befehle zu vollziehen. Blei⸗ ben Sie bei Ihrem Geſchäft, wühlen Sie die Erde um, hauen Sie Bäume nieder, machen Sie mir Grä⸗ ben, Palliſaden, und unterſtützen Sie mit Ihrer Kunſt unſere Märſche.“ Rogniat nahm mit ehrfurchtsvollem Stillſchweigen, aber innerem Grimme dieſe Lection hin*). Unterdeſſen waren Depeſchen aus Spanien, Ita⸗ lien, Holland, aus Paris und Wien angelangt. Der Kaiſer verabſchiedete die Anweſenden, bis auf den Director des topographiſchen Bureaus und die beiden Cabinetsſecretaire Fain und Mounier. Drittes Rapitel. Eine düſtere Stille herrſchte in der Verſammlung der Mitglieder des Tugendbundes, welche ſich tief um Mit⸗ ternacht in einem äußerſten Verſtecke der Wilsdruffer Vorſtadt zuſammengefunden hatten. Die Lichter wa— ren tief herabgebrannt, von den Thürmen von Dres⸗ *) Der General ſcheint ſeinen Aerger nach Jahren nicht verſchmerzt zu baben. Als Napolevn bereits auf Helenn war, gib jener ein Buch über den Feldzug 1813 heraus, wo die Gehäſſigkeit gegen ſeinen ebemaligen Gebieter deutlich hervorleuchtet und zu welchem der Kiſer ſelbſt Anmerkun⸗ gen dictirte. 32 den erklangen die Glocken der Mitternacht. Unfreund⸗ lich rüttelte der Nachtwind an den Fenſterladen; kein Stern ſchaute vom wolkenvollen Himmel. „Wo bleibt nur Reinhold,“ frug nach langer Pauſe eine Stimme,„es wird ihm doch kein Unfall begegnet ſein?“ „Er iſt noch heut ſpät am Abend zur Sternburg gegangen,“ gab ein Anderer zur Antwort,„um uns Gewißheit zu verſchaffen.“ „Ich kann es noch immer nicht glauben,“ meinte düſter ein Dritter,„daß Alfred's Nachricht gegründet ſein ſollte.“ „Lehre mich den Fürſten Metternich nicht kennen,“ erwiederte dieſer,„ſo gewiß wir hier beiſammen ſitzen, iſt er heute zum Pirnaiſchen Thore hereingefahren.“ „Ich verzweifle an Allem, was gut und heilig iſt,“ rief Conſtantin, einer jener Jünglinge, in wel⸗ chen die Begeiſterung für die Vaterlands⸗Freiheit am glühendſten flammte,„wenn das Wiener Cabinet die Stimme ſeiner Völker, den Weheruf des ganzen ge⸗ knechteten Europa's dermaßen mißkennen ſollte, daß es mit dem Tyrannen gemeinſchaftliche Sache machte.“ „Wenn es nur ſtrenge Neutralität beobachtet,“ meinte Alfred,„ſind wir dem Feinde gewachſen.“ „Nein,“ rief aufgeregt Conſtantin,„in der Ge⸗ genwart heißt es mit oder gegen uns; der Deutſche, der es geduldig anſehen kann, wie dieſe Fremdlinge das Vaterland mit Füßen treten, iſt nichts werth. Oeſterreich hat jetzt keine Rückſicht mehr zu nehmen. Es ſoll ſich erklären; es iſt mit Blindheit geſchlagen, wenn es den Augenblick nicht ergreift.“ Einer von der gemäßigtern Partei, Namens Edu⸗ ard, ſprach jetzt den Wunſch aus, daß aus dem Waf⸗ 33 fenſtillſtand ein ehrenvoller Friede hervorgehen möchte. Er fand heftige Widerſacher. „Friede?“ rief Conſtantin gereizt,„wie kann in des Deutſchen Bruſt, die ob der langjährigen Schmach vor Wuth kocht, nur ein Gedanke an den Frieden auftkommen? Schon dieſer Waffenſtillſtand iſt dem wah⸗ ren Vaterlandsfreunde verhaßt. Nichts von Verträ⸗ gen und Conceſſionen mit dem Bluthunde, bis un⸗ ſere Banner ſiegreich auf der Verbrecher Stadt an der Seine wehen, dann meinetwegen mag von Frie⸗ den die Rede ſein.“ „Wenn ich ſchon jetzt von Frieden ſpreche,“ er⸗ wiederte ruhig Eduard,„ſo beherzige ich nur zunächſt das Unglück unſers armen Sachſens, das ſich nach der kurzen Kriegszeit kaum mehr ähnlich ſieht. Es iſt ein Jammer, wenn man ſieht, wie der Wohlſtand ganzer Familien in wenig Stunden ruinirt wird. Seufzen die Städtebewohner ſchon unter den drückend⸗ ſten Kriegslaſten, ſo ergeht es dem Landmann, deſſen Fluren verwüſtet, Scheuern und Gehöfe niedergebrannt werden, noch ſchlimmer. In Dresden ſind nicht we⸗ niger denn dreißigtauſend Mann einquartiert. Die Miethsleute ſind zur Aufnahme und Verpflegung der Einquartierung verpflichtet. Wenn dieſer Zuſtand nicht bald endet, muß der weit größere Theil der Be⸗ wohner verarmen. Was die Noth vergrößert, iſt das Nervenfieber, das immer mehr um ſich greift, und durch die Anhäufung von Verwundeten und Kranken in zehn Spitälern und einer großen Anzahl Bürger⸗ wohnungen einen ſo gefährlichen Charakter annimmt. Nicht minder thut ſich der nachtheilige Einfluß des Kriegs auf den ſittlichen Zuſtand der Völker kund. Die Sittenloſigkeit der fremden Krieger wirkt eben ſo anſteckend wie das Seuchengift. Die Jugend der nie⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. RiI. 3 34 dern Volksklaſſe zeigt ſich bereits weit roher, und hat in ſo kurzer Zeit eine überraſchende Bekanntſchaft mit der Liederlichkeit gemacht. Es iſt jetzt das wahre gol⸗ dene Zeitalter der Freudendirnen und Kupplerinnen. Die Arbeitsſcheu in der gemeinen Volksklaſſe nimmt täglich mehr überhand. Die Leichtigkeit, ſich durch Feldkrämerei Unterhalt zu verſchaffen, verleitet eine Unzahl Menſchen zu dem bequemen Erwerbe. Man fängt ſchon an, das Arbeiten für's Tagelohn zu ver⸗ ſchmähen. Wahrſcheinlich nimmt dieſer beklagenswerthe Zuſtand aller Orts überhand, wo die Kriegsfackel hin⸗ leuchtet, und der Wunſch nach einer baldigen Verän⸗ derung und Beſſerung iſt nur ein höchſt menſchen⸗ freundlicher zu nennen.“ „Dieſes ganze Elend wäre vermieden worden,“ ſprach Conſtantin,„wenn Deutſchland früher ſeine Intereſſen gegen den Eroberer gewahrt hätte. Was haben denn die Friedensſchlüſſe zu Preßburg, Tilſit und Wien genützt? Waren es nicht blos Waffenſtill⸗ ſtände, weil Bonaparte, ſo lange er mächtig, nimmer Frieden hält? Nur jetzt nicht Friede, nachdem man durch großes Unglück endlich zu der Einſicht gekom⸗ men, daß kräftiges Zuſammenhalten das einzige Mit⸗ tel iſt, den Tyrannen zurſckzuwerfen. Ein Friede unmittelbar nach dem jetzigen Waffenſtillſtande kann uns weder für die ſechsjährige Schmach entſchädigen, noch für künftige ſchützen. Unſer Feind iſt noch zu mächtig, als daß er ſich zu Sicherheit gewährenden Garantien verſtehen wird. Nein, kein Friede; wer von Frieden ſpricht, ſo lange der Feind im Herzen des Vaterlandes ſteht, der kann's nimmer gut meinen mit Freiheit und Vaterland.“ „Da meine Geſinnungen bekannt ſind,“ ſprach Eduard zu Conſtantin, ohne ſich durch die letzten, in 5 35 Uebereilung geſprochenen Worte verletzt zu finden, „erſpare ich mir die Entgegnung.“ Conſtantin, noch immer in Aufregung, konnte ſich über den Frieden nicht beruhigen, als die leiſe Schelle ertönte, das Zeichen, daß ein Vertrauter Einlaß be⸗ gehre. „Endlich kommt er,“ ſprach Alfred,„und Ihr werdet erfahren, daß ich in Betreff Metternich's Wahr⸗ heit geſprochen habe.“ Wirklich trat auch der erwartete Reinhold in's Zimmer, aber ſein Geſicht war bleich und verſtört; er ſchien nicht Worte finden zu können für den Zu⸗ ſtand ſeines Innern. „Gott, was iſt Dir, Bruder?“ frugen mehre Stimmen,„Dir muß Außerordentliches widerfahren ſein.“ „Allerdings iſt mir Außerordentliches widerfahren,“ begann endlich Reinhold, und die Anweſenden ſtan⸗ den in geſpannter Erwartung. „Was ich erlebt habe, iſt empörend,“ fuhr er fort, „kaum wage ich das Entſetzliche über die Lippen zu bringen. So wißt denn, unſer einſtiger Freund, auf dem ſo felſenfeſt unſer Vertrauen ruhte, für den ich noch geſtern mein Leben hingegeben hätte— Ruffus Günther iſt ein— franzöſiſcher Spion!“ Die ganze Verſammlung gerieth bei dieſen Wor⸗ ten in Aufruhr. Die fürchterlichſten Verwünſchungen brachen über den Angeklagten herein. Man beſchloß furchtbare Rache. „Er fällt von meiner Hand binnen drei Tagen,“ rief Conſtantin mit rollenden Augen.„Ich ſchwör's bei Gott und ſeinen Heiligen!“ „Verdächtig iſt er ſchon lange,“ ſprach ein An⸗ derer aus der Geſellſchaft, Namens Benno;„warum 3* 36 mied er unſere Verſammlung, warum pflog er faſt immer Umgang mit dem Feinde?“ „Lange ſchon,“ erzählte Reinhold,„war auch in meiner Bruſt der Verdacht aufgeſtiegen, aber ich wagte das Entſetzliche nicht zu denken. Ich legte ſein zwei⸗ deutiges Betragen ſtets der bekannten Indifferenz und Indolenz ſeines Charakters zur Laſt; erſt heut Abend, bei Frau von Sternburg, iſt mir Ueberzeugung und Gewißheit geworden. Dieſes hochherzige Weib, das der heiligen Sache mit Begeiſterung ergeben, hat mir den Verräther entlarvt. Noch immer konnte ich das Entſetzliche nicht glauben, war's nicht ein Weib, wel⸗ ches mir den Freund verdächtigte, als die Sternburg einen Brief von Ruffus an den Chef der hier orga⸗ niſirten franzöſiſchen Polizei vorzeigte, worin der Schändliche ſogar den in Dresden befindlichen Tu⸗ gendbund erwähnt. Ich würde ſelbſt von dieſem Briefe nichts erfahren haben, wäre er mir nicht durch beſon⸗ dern Zufall in die Hände gefallen. Schon früher hatte ich der hochherzigen Freundin unſere Beſtrebun⸗ gen mitgetheilt und ihr ſelbſt die Namen von meh⸗ rern der Unſern nicht verheimlicht. Dieſe Namen nun vermißte ich auf der Liſte, welche der Verräther ſei⸗ nem Schreiben an den Polizeichef beigefügt. Sie be⸗ ſchuldigte mich des Mißtrauens, als habe ich ſie hin⸗ tergangen. Als Beweis kam Ruffus Brief in meine Hände. Ich überſchaute die Liſte, fand aber lauter fremde Namen; aus welchem Grunde der Verräther das gethan, begreif' ich nicht; aber Vertrauen ver⸗ dient Vertrauen, und ich habe der Sternburg nichts mehr verſchwiegen, was unſere Angelegenheiten be⸗ trifft, und unſer Verſteck und die Stunde der Zuſam⸗ menkunft nicht verhehlt.“ „Das iſt ſehr unvorſichtig,“ bemerkte Eduard, 37 „Du haſt da offenbar gegen unſere Statuten ge⸗ ſündigt.“ „Wenn dem Chef der geheimen Polizei unſer Schlupfwinkel kein Geheimniß mehr iſt,“ entſchuldigte ſich Reinhold,„ſo ſehe ich nicht ein, warum ich ihn einer Freundin verſchweigen ſoll, die unſerer Sache mit ganzem Herzen ergeben. „Aber nicht nur unſern Bund hat der Böſewicht verrathen,“ fuhr der Sprecher mit glühenden Wangen fort,„auch an meinem Herzen, an dem Heiligthum meiner Bruſt, iſt er zum Verräther geworden. Er bemüht ſich, die einzige Geliebte meinem Herzen ab⸗ wendig zu machen und ſie einem Feinde des Vater⸗ landes zuzuführen, wie heftig ſich Anna dagegen ſträubt. Ein ſolches Beginnen iſt mehr als ſchänd⸗ lich, es iſt teufliſch und verdient den zehnfachen Tod.“ Die gerechte Entrüſtung Reinhold's theilte ſich faſt allen Anweſenden mit, und der Tod des Ruffus ward, mit Ausnahme Eduard's, der auf anderweitige Beweiſe des angeſchuldigten Verbrechens drang, ein⸗ ſtimmig beſchloſſen. Conſtantin erkundigte ſich jetzt, ob die Ankunft Metternich's im franzöſiſchen Hauptquartier gegrün⸗ det ſei. „Allerdings,“ beſtätigte Reinhold,„doch hofft man, daß der öſterreichiſche Miniſter ſolche Friedensbedingun⸗ gen vorlegen wird, daß an einen Frieden nicht zu denken iſt. Das Wiener Cabinet tritt dann unfehl⸗ bar auf die Seite der Verbündeten.“ „Das gebe Gott,“ ſprachen mehre Stimmen, als abermals die Signalglocke ertönte. „Wer kann das ſein?“ frug man ſich unter ein⸗ ander,„wir ſind Alle beiſammen,“ und der mit dem 38 Amte des Pförtners Beauftragte erhielt die Anwei⸗ ſung, mit größter Vorſicht zu Werke zu gehen. „Es iſt das Beſte, wir löſchen die Lichter, und geſtatten Niemand den Eintritt mehr.“ „Es muß einer der Unſern ſein,“ ſprach Alfred, „es war der verabredete Klingelzug. Vielleicht iſt einer unſerer Commiſſaire aus Leipzig oder Bautzen zurück.“ Und zum zweiten Male läutete das Glöckchen. Der Pförtner, von Benno und Conſtantin gelei⸗ tet, machte jetzt auf, um nachzuſehen, wer ſo ſpät noch Einlaß begehre. Die Verſammlung verharrte in lautloſem Schweigen. Bald kehrten die Hinausgegangenen zurück und eine hohe Geſtalt, tief im Mantel gehüllt, trat herein. „Gotthardt,“ rief außer ſich vor Freuden Rein⸗ hold, und ſtürzte dem Eingetretenen in die Arme. „Gotthardt!“ tönte es von allen Seiten, und Alles gerieth in die freudigſte Bewegung. „Guten Abend, meine Freunde und Brüder,“ ſprach der ältere Steinberg, Allen die Hand ſchüttelnd. „Hattet mich wohl ſo ſchnell nicht erwartet.“ „Bei Gott, nein!“ rief Reinhold,„wir glaubten Dich in Schleſien.“ „Hab' mich durch Böhmen über das Erzgebirge durchgeſchlichen,“ erzählte Gotthardt, nachdem er im Kreiſe der Freunde Platz genommen;„brauchte acht Tage auf dem verfluchten Wege, aber der Himmel war mein Geleiter, bin ohne Fährte durchgekommen.“ „Und unſere Helden in Schleſien, wie geht es ihnen?“ frug Conſtantin. „Entbieten deutſchen Gruß und Kuß; laſſen zum baldigen Aufbruch mahnen. Die Waffenruhe läuft in 39 Kurzem zu Ende und wir brauchen begeiſterte Herzen und rüſtige Arme.“ „Alſo an Frieden nicht zu denken?“ rief freudig Conſtantin. „Im preußiſchen Lager wenigſtens denkt Niemand daran,“ antwortete Gotthardt,„und die Ruſſen wer⸗ den ſicher nichts dawider haben.“ Der Pförtner hatte jetzt für Wein geſorgt, um die Ankunft des unerwarteten Freundes durch einige Toaſte zu feiern. Die Gläſer klangen an einander, mancher begei⸗ ſternde Trinkſpruch wurde ausgebracht. Als aber Gotthardt mit Conſtantin anſtieß, ſprang des letztern Glas mitten entzwei und ein gellend ſchmerzhafter Ton durchzog das Gemach. „Du biſt und bleibſt Bruder Ungeſtüm,“ zankte Eduard, der zunächſt ſtand und vom Wein ganz über⸗ ſchüttet wurde; da begann die verhängnißvolle Schelle zum dritten Male zu läuten. „Schon wieder?“ riefen Mehre,„vielleicht ein zweiter Freund aus Schleſien,“ und abermals machte ſich der Pförtner auf den Weg, von Alfred und Eduard begleitet. Sie blieben ziemlich lange aus. „Sollte die Luft nicht rein ſein?“ frug Reinhold, „wir wollen doch nachſehen.“ In demſelben Augenblicke trat Eduard herein. „Es iſt Ruffus,“ berichtigte er,„der um Gottes willen bittet, eingelaſſen zu werden. Wir ſollen ver⸗ rathen ſein und uns ſchleunigſt retten.“ „Ha, der Verräther!“ ſprach Reinhold zornglühend. „Laßt ihn herein!“ rief Conſtantin,„er ſoll le⸗ bendig den Ausgang nicht wieder finden.“ „Halt!“ donnerte Gotthardt aufſpringend,„Recht⸗ 40 fertigung ſteht ſelbſt dem Mörder frei. Wir dürfen ihn nicht ungehört verdammen. Meines Bruders Be⸗ ſchuldigung hat mich noch nicht überzeugt. Laß ihn herein.“ Das Anſehen, in welchem Gotthardt bei den Ge⸗ noſſen ſtand, war hinreichend, ſeinen Worten Gehor⸗ ſam u verſchaffen. In wenig Augenblicken trat Ruffus haſtig in die Verſammlung. „Freunde!“ rief er mit furchtbarem S„bei Allem was heilig iſt, rettet Euch, Ihr ſeid verrathen; kein Augenblick iſt zu verlieren. Für den äußerſten Fall ſind hier einige Waffen.“ Er legte mehre Dolche, Piſtolen und Degen auf den Tiſch. „Ruffus,“ ſprach der ältere Steinberg, ihn frſt mit den Augen fixirend,„Du ſelbſt biſt des Verraths angeklagt durch meinen Bruder Reinhold.“ „Elender!“ rief Conſtantin,„was willſt Du zur Rechtfertigung ſagen, da Dein Verrath offen vorliegt?“ „Rettet Euch erſt,“ bat Ruffus flehend,„dann will ich Rede ſtehen. Die Sternburg hat Euch ver⸗ rathen.“ „Wage nicht eine Heilige zu läſtern!“ ſchrie Rein⸗ hold und wollte zornglühend auf ihn einſtürzen. „Zurück?“ gebot Gotthardt,„noch iſt er mein Freund, das Verbrechen nicht erwieſen; ein Hunds⸗ fott, wer ihn anrührt.“ „Gotthardt! Freund! Bruder!“ beſchwor Ruffus, „ein Augenblick Verzögerung und Eure Freiheit, ja Euer Leben iſt verloren. Die Gensd'armen folgen mir auf dem Fuße.“ „Der Verräther hat ihnen wahrſcheinlich den Weg gezeigt,“ grollte Conſtantin. 44 „Schmähet wie Ihr wollt,“ ſprach Ruffus,„flieht nur; wo möglich durch den Garten.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ein heftiges Klopfen an die Hausthür erfolgte. „Gott, ſo bin ich zu ſpät gekommen!“ ſchrie Ruffus verzweifelt,„flieht durch den Garten, ich decke Euch den Rücken.“ „Ruffus, ich glaube Dir!“ rief Gotthardt;„auf, Freunde, durch den Garten in's Freie.“ Die Hausthür brach jetzt unter Kolbenſchlägen zu⸗ ſammen. In dem Gange klirrten Waffen. Ein Theil der Anweſenden hatte ſich durch die Küche in den Garten geflüchtet. Ruffus, Gotthardt, Conſtantin und Reinhold waren die Letzten; aber ſchon war ihnen eine Abtheilung franzöſiſcher Gensd'armen durch den Hauptgang zuvorgekommen und ſperrte den Eingang in den Garten. Hier hilft kein Beſinnen,“ ſchrie Ruffus,„mir nach!“ und wie ein Löwe ſtürzte er ſich mit geſchwun⸗ genem Säbel auf die Gensd'armen, ſtreckte zwei zu Boden und brach ſich glücklich Bahn. Gotthardt, Conſtantin und Reinhold, gleichfalls bewaffnet, folg⸗ ten. Schon hatten ſie die Terraſſe erreicht, von wo man mit Leichtigkeit über die Mauer kommen konnte, als eine Carabinerſalve erfolgte und die Kugeln den Flüchtlingen um die Köpfe pfiffen. Ruffus ward am rechten Arm geſtreift, die Gebrüder Steinberg blieben unverletzt; aber Conſtantin, der eben auf der Mauer ſtand, erhielt einen Schuß in den Nacken, daß er rücklings auf die Terraſſe zurückſtürzte. „Er iſt nicht zu retten,“ drängte Ruffus,„vor⸗ wärts! vorwärts!“ Die Drei ſprangen über die Mauer und gelangten glücklich in's Freie. In einiger Entfernung trafen ſie mit den Uebri⸗ gen zuſammen. Man vergönnte ſich einen Augenblick Ruhe. „Außer Conſtantin,“ ſprach Gotthardt,„müſſen noch Mehre fehlen.“ „Eduard, Alfred und Benno ſind noch nicht da,“ ſprach der junge Arno. „So haben ſie ſich, mit der Oertlichkeit weniger bekannt, auf dem Wege nach dem Hofraum verirrt,“ rief Gotthardt;„in der Stube war Niemand mehr.“ „Und ſind gefangen!“ ſchrie Reinhold;„Brüder, Freunde, wollen wir die Unſern im Stiche laſſen?“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als eine zweite Salve, wohl an die zwanzig Kugeln, über ih⸗ ren Köpfen dahinrauſchte. „Nein, Kinder,“ ſprach Gotthardt,„das wäre Wahnſinn; unſerer ſind kaum ein Dutzend und nur ein Paar nothdürftig bewaffnet; wir würden die Freunde nicht retten und uns gleichfalls in's Verder⸗ ben ſtürzen.“ „Folgt mir,“ commandirte Ruffus,„ich bin hier bekannt. Wir müſſen ſuchen das Elbufer und dann die Dresdener Haide zu erreichen.“ Die Flüchtlinge wagten jetzt keinen Widerſpruch mehr. Die aufopfernde Tapferkeit für die Freunde hatte den Verdacht gegen den Angeklagten gänzlich niedergeſchlagen, ſo daß man ohne Mißtrauen dem Führer folgte. Nur Reinhold, von den Intriguen der Frau von Sternburg zu ſehr umgarnt, konnte ſich von des Freun⸗ des Unſchuld nicht überzeugen und ging ſtumm und grollend nebenher. Das Häuflein, von den Gensd'armen in der Ferne verfolgt, gelangte jetzt an die Weiſeritz. „Rechts aufwärts!“ gebot Ruffus. 43 Hier führte ein ganz ſchmaler Steg über das Flüßchen. Nur einer nach dem Andern konnte dar⸗ über. Als der Letzte über den Steg war, brach Ruf⸗ fus mit Rieſenkraft das Bret ab und zog es an's Ufer. „So iſt wenigſtens für den Augenblick der Rück⸗ zug geſichert,“ ſprach er,„der Fluß iſt gewachſen und kein Gensd'arme kommt ſo leicht herüber.“ Wieder ging's ſchweigend durch die Nacht. Man kam in die Nähe des Pulvermagazins vor dem Löb⸗ dauer Schlage. „Qui vive?“ rief plötzlich eine Stimme und ein Hahn knackte. Beauharnais et Barodino,“ antwortete Ruffus und die Schaar paſſirte ungefährdet die franzöſiſche Schild⸗ wacht. Daß Günther die Parole d regte in Einigen abermals Ve ſich jedoch denſelben laut werden zu laſſen, da man in der ſtockfinſtern Nacht, auf unbekannten Wegen, gänzlich in der Gewalt des Führers war. Endlich gelangte die Schaar zum Elbufer. „Hundert Schritte ſtromabwärts,“ Er ſprang ganz nahe an das Ufer. „Wir ſind gerettet!“ rief er,„ich ſehe den Kahn.“ Er winkte zum Einſteigen und ergriff das Ruder. Bald befand ſich das Schifflein mitten auf dem Strome. „Alle Wetter!“ rief er plötzlich und griff kräfti⸗ ger das Ruder an;„das müſſen auserleſene Spür⸗ hunde ſein. Bückt Euch, Freunde, es könnte noch eine bleierne Salve folgen.“ Wirklich zeigten ſich an dem Ufer, von wo ſie ab⸗ geſtoßen waren, dunkle Geſtalten. s Tages wußte, er⸗ dacht. Man hütete e r gebot Ruffus. 44 „Immer ſucht nach dem Kahne,“ lachte Ruffus, „hättet müſſen ein wenig früher kommen.“ Da fiel ein Schuß, eine prachtvolle Leuchtkugel ſtieg über die Elbfläche auf, daß die ganze Gegend wie am Tage lag. „Bückt Euch, zum Teufel!“ gebot Ruffus, und im ſelbigen Augenblicke pfiffen Kugeln durch die Nacht. „Sie werden mit ihren verfluchten Schlüſſelbüch⸗ ſen das ganze Elbthal rebelliſch machen,“ ſprach Gün⸗ ther;„Niemand verwundet?“ Es war es Keiner. „So haben's die Schurken allein auf mich abge⸗ ſehen,“ fuhr der unermüdete Ruderer fort,„als ob ich meinen ehrlichen Rock geſtohlen hätte; ſchon das zweite Loch, das ſie mir hineinſchießen.“ Mit dieſen Worten ſtieß er den Kahn an's Land. Gotthardt umarmte den Freund. „Doch ſonſt nicht verwundet?“ frug er theil⸗ nehmend. „Ein bischen Haut,“ erwiederte Ruffus, ſich das herabträufelnde Blut mit dem Taſchentuche trocknend. Auch Reinhold umarmte jetzt den Blutenden. „Ein Räthſel iſt mir Alles!“ rief er,„nur das nicht, daß Du unſer alter edler Freund biſt. Kannſt Du vergeben?“ „Hab' nichts zu vergeben,“ antwortete Ruffus kurz und ſuchte ſich in der Gegend zu orientiren. Das Schloß Uebigau, hart am Elbufer gelegen, zeigte ſich in dunklen, unbeſtimmten Umriſſen. „Wir müſſen uns links wenden nach den Wein⸗ bergen,“ ſprach Ruffus,„ganz Uebigau ſteckt voll pol⸗ niſcher Lanziers auf verflucht flinken Pferden.“ Von der Stadt her tönte jetzt Glockenton. „Es ſchlägt zwei Uhr,“ fuhr Ruffus fort,„da — 45 haben wir ſpottwenig Zeit, die Haide zu erreichen. Es iſt verwünſcht, wir haben die längſten Tage, für das trübe Wetter können wir dem Himmel nicht ge⸗ nug danken.“ Und wieder ging die Wanderung vorwärts, bald rechts, bald links, durch Felder, Gärten, Weinberge und Berggaſſen. In einzelnen Weinbergsgehöften krähten bereits die Hähne. „Wir könnten eigentlich bei Freund Rätzſch ein⸗ ſprechen,“ meinte Ruffus.„In ſeinem geräumigen Weinkeller haben wir vollauf Platz bis zum Abend und allenfails auch zu trinken.“ Er blieb einen Augenblick nachdenkend ſtehen. „Nein,“ ſprach er,„beſſer iſt beſſer, und nach einer halben Stunde befanden ſich die Flüchtlinge mit⸗ ten in der Dresdner Haide. Viertes Rapitel. Nan arbeitet faſt die meiſte Zeit während des Waffenſtillſtandes in ſeinem Cabinete. Er erhält jeden Tag die Staffette von Paris, die in weniger als hun⸗ dert Stunden anlangt. Darin findet er regelmäßig einen Brief der Kaiſerin, einen Brief des Reichs⸗Erz⸗ kanzlers Cambacdres, den Bericht der Polizei, eigen⸗ händig vom Miniſter Savary geſchrieben, den Bericht des Gouverneurs von Paris, die Darſtellung der Lage der Truppen, der Beſatzung, der Depots der kaiſerli⸗ 46 chen Garde, das Bulletin der Polizeipräfectur, den täglichen Auszug des beim Kriegsminiſter eingegange⸗ nen Briefwechſels, das Verzeichniß der im Marſch be⸗ findlichen Truppen, das Bulletin der Ein⸗ und Ausfahrt in den Seehäfen, das Bulletin der Börſe von Paris, das der Börſe von Anſterdam und den täglichen Zu⸗ ſtand der Amortiſationscaſſe. Die Staffette bringt zugleich Alles, was durch die Poſt an den Kaiſer eingegangen iſt, ſelbſt die ein⸗ fachſten Privatbriefe. Auch in literariſcher und artiſti⸗ ſcher Hinſicht ſtehen ausgezeichnete Männer mit dem Kaiſer in fortwährendem Briefwechſel. Sein Biblio⸗ thekar ſchickt alles Neugedruckte. Napoleon erhält auf dieſe ſchnelle Art nicht nur die Briefe von Paris, ſondern auch die von allen Sei⸗ ten des Reichs an ihn gerichteten Schreiben. Der Prinz Erzſchatzmeiſter Lebrun ſchreibt ihm täglich von Amſterdam, wo er die höchſte Staatsſtelle bekleidet. Der Prinz Borgheſe, der unter dem Titel eines Gou⸗ verneurs der Provinzen jenſeits der Alpen zu Turin reſidirt, ſchickt gleichfalls täglich einen Bericht und das Bulletin aus jener Gegend. Die Briefe der Geſandten von München, Würz⸗ burg, Stuttgart, Frankfurt, Kaſſel, Karlsruhe, Darm⸗ ſtadt, Weimar, Kopenhagen und Deſſau treffen mit derſelben Regelmäßigkeit unmittelbar beim Kaiſer ein. Endlich zeigt ein Bulletin ihm Alles an, was auf den Rheinbrücken, ſowohl nach Frankreich als nach Deutſchland unterwegs iſt. Dadurch erfährt der Kai⸗ ſer das Verhältniß der Straßen und Communicationen in den kleinſten Details, die für ihn von großem In⸗ tereſſe ſind; ſie dienen ihm als die einfachſte Controle aller Berichte; Artilleriezüge, Transporte von Lebens⸗ mitteln, Offiziere auf Sendung begriffen, auf dem 47 Marſche befindliche Truppen, ſogar Reiſende, Nichts entgeht ihm. Sein Auge folgt Allem, was zwiſchen halb Europa und ſeinem Hauptquartiere circulirt. Ordonnanzoffiziere jagen unaufhörlich nach allen Seiten. Ihre Thätigkeit iſt dem Kaiſer von großem Nutzen. Er bedient ſich ihrer, um den Chefs des Dienſtes keinen Augenblick Ruhe zu laſſen. Sie be⸗ ſuchen bis auf die entfernteſten Punkte die Arbeiten des Genies, die Ausrüſtungen der Feſtungen, die Ar⸗ tillerie⸗Parks, die Arbeiter in den Arſenalen; man trifft ſie überall, wo neue Truppen organiſirt werden, über⸗ all, wo wichtige Befehle von dem Generalſtabe an⸗ gelangt ſind, um die Vollziehung derſelben zu beob⸗ achten. Zwiſchen Hamburg und Magdeburg ſoll ſich ein neuer Kriegsplatz erheben. Werben, das etwas tiefer als Havelberg liegt, beherrſcht die Mündung der Ha⸗ vel in die Elbe. Hier will der Kaiſer eine Feſtung anlegen. Der Kapitain Camenzon erhält den Auftrag, dieſe Arbeiten zu beſchleunigen. Er ſoll alle Hinder⸗ niſſe hinwegräumen und mit der Nachricht zurückkom⸗ men, an welchem Tage dieſer Platz die Kanonen werde aufnehmen können. Gegen Norden durchreiſt Kapitain Pretet die Quartiere der Armee von Lucka bis tief in die Lauſitz. Ein anderer Kapitain befindet ſich auf Recognoscirung an der böhmiſchen Grenze. Ein an⸗ derer erhält ähnliche Sendung auf der Seite von Eger. Dieſe jungen tapfern Leute ſchreiben dem Kai⸗ ſer täglich, was ſie gethan und geſehen haben. Der erſte Ordonnanzoffizier, Gourgeaud, iſt der gewöhnliche Vermittler ihres Briefwechſels. Bei ihrer Rückkunft nach Dresden haben ſie alle Taſchen voll Etats von Stellungen, Berichten, Zeichnungen von Werken und Plänen. Der Zirkel, die Reißfeder, die Schreibfeder, 48 ſind ihnen ſo vertraut wie der Degen, und der Kaiſer iſt durch ſie an zwanzig verſchiedenen Orten zugleich gegenwärtig. Vorzüglich iſt Napoleon auf die beſtändige Com⸗ munication zwiſchen den Depots der Regimenter und ihren Kriegsbataillonen aufmerkſam. Wenn dieſe Maſ⸗ ſen hin⸗ und herwandelnder Menſchen auf dem uner⸗ meßlichen Raume, welcher die Armee von ihren Depots trennt, ſich überlaſſen blieben, würden ſie ſich verirren, und dem Umherſchweifen und Plündern ſich überlaſſen. Zur Verhütung dieſer Uebelſtände hat der Kaiſer ein temporaires Organiſationsſyſtem erſchaffen, wodurch die auf dem Marſche befindlichen Truppen die Stärke und Ordnung einer vollendeten Organiſation erhalten. Jeder Conſcribirte, ſo wie er bekleidet und be⸗ waffnet iſt, wird im Depot als verfügbar betrachtet, und in dem Augenhlicke, wo jedes Depot hundert Conſeribirte zählt, eine Marſcheompagnie gebildet. Sie beginnt den Marſch unter Leitung eines Kapitains. Die Soldaten vollenden ihren Unterricht während des Marſches. Jede Compagnie wird ſo beordert, daß ſie auf der erſten Hälfte des Weges eine zweite Compagnie trifft, die zu derſelben Armeediviſion zieht. Sobald dieſe Compagnien vereinigt ſind, bilden ſie ein Marſchbataillon. Die zu demſelben Armeecorps be⸗ ſtimmten Bataillone vereinigen ſich zu einem Marſch⸗ regimente. Diejenigen Marſchcompagnien oder Bataillone, welche kein Kriegsbataillon bei der Armee haben, bil⸗ den ein anderes Organiſationsſyſtem. Es ſind dies die proviſoriſchen Regimenter. Ehe die Truppen Frankreich verlaſſen, vereinigen ſie ſich zu Marſchcolonnen. Der älteſte Marſchall von 49 X Frankreich, der Herzog von Valmy, ordnet ihren Ab⸗ marſch. Unterwegs leiſten ſich dieſe ſtaffelweiſe ver⸗ theilten Truppen gegenſeitig kräftige Unterſtützung. Sie marſchiren mit Artillerie, die Generale ziehen an ihrer Spitze. So wie die Marſcheolonnen zu Dresden ange⸗ langt ſind, trennen ſie ſich, und jedes Regiment ſchlägt ſeine Richtung nach dem Armeecorps ein, zu dem es ge⸗ hört; das Marſchregiment wird, ſobald es den Ort ſeiner Beſtimmung erreicht hat, aufgelöſt. Die Ba⸗ taillone vertheilen ſich alsdann unter die Diviſionen der Armee, und die Compagnien ſtoßen zu den Regi⸗ mentern, die ſie verſtärken ſollen. Der Kaiſer allein hält den Faden aller dieſer Bewegungen in ſeiner Hand. Er weiß Tag für Tag, welche Truppen auf jeder Straße befindlich, welche an jedem Etappenorte anlangen, wo⸗ her dieſe Truppen kommen, wohin ſie beſtimmt und wie ſie zuſammengeſetzt ſind, was ſie getrieben, wer ihnen vorgeht und wer ihnen folgt; und immer ſteht es in ſeiner Hand, nach dem Befinden der Unſtände ihren Marſch anzuhalten oder eine andere Richtung anzuweiſen. Allezeit weiß er es beſſer, als ſe ne Ge⸗ nerale ſelbſt, welche Verſtärkungen und in welchen Fri⸗ ſten ſie ankommen. Man findet in dieſen Details den Kaiſer eben ſo thätig und vorausſehend, wie bei den wichtigſten Cabinetsgeſchäften. So hat ſich die Zahl von kaum viertehalbhun⸗ dert Kanonen, mit welchen der Feldzug eröffnet wurde, in wenig Wochen auf dreizehnhundert vermehrt, welche auf der ganzen Linie, von Hamburg bis Böhmen, auf⸗ geſtellt ſind. Zu allen dieſen ungehenern Arbeiten bedarf man aber auch unermeßliche Summen. Der furchtbare Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 4 50 Krieg verſchlingt Millionen. Der Kaiſer iſt zugleich der erſte Caſſirer ſeiner Armee, wie er ihr Intendant iſt. Ueberall, wo Geld nöthig iſt, kommt es an. Napoleon hat den Schlüſſel zu ſeinen Goldgruben im Pavillon Marſan nach Paris geſchickt. Die von den Tributen des Siegs bei Auſterlitz, Jena und Wagram zurückgelegten Summen find der Nerv der gegenwärti⸗ gen Vertheidigung. Alle ſächſiſche Comptvirs ſtrotzen von franzöſiſchem Golde. Die Lichter in Napoleon's Cabinet ſind tief her⸗ abgebrannt; ſie zeigen, daß der Kaiſer den größten Theil der Nacht an ſeinem Schreibtiſche zugebracht hat. Bereits lauſcht der junge Tag durch die verhangenen Fenſter. Düſtere Wolken haben ſich auf der Stirn Napoleon's gelagert. Aus Spanien und Portugak ſind trübe Nachrichten eingelaufen. Die franzöſiſchen Armeen von Portugal und dem Süden, nur noch hun⸗ dertfunfzigtauſend Mann ſtark, haben ſich unter Gene⸗ ral Clauzel bis an den Ebro zuruckgezogen. Napoleon dictirt einen Befehl an den Herzog von Dalmatien, den Marſchall Soult, ſich bereit zu halten, nächſte Nacht mit ſeinem geſammten General⸗ ſtabe nach Spanien abzureiſen, das Obercommando zu übernehmen, den Wellington und die ſpaniſchen In⸗ ſurgenten in die Tiefen Spaniens zurückzuwerfen und überhaupt allen Ereigniſſen die Spitze zu bieten. Da tritt Maret, der Herzog von Baſſano und Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, in's Zim⸗ mer, und meldet Se. Excellenz den Grafen von Met⸗ ternich, welcher um gnädige Audienz bei Sr. Majeſtät bittet. „Metternich?“ fragt Napoleon, und die ſpaniſchen Angelegenheiten verlieren ihre Wichtigkeit.„Wie weit ſind Sie in Ihren Conferenzen mit dem Grafen, Herr Herzog von Baſſano?“ c 51 „Das Reſultat,“ erwiederte der Miniſter,„läßt ſich auf die Lieblingsphraſe des Wiener Cabinets re⸗ duciren: Es ſei weit entfernt, die Allianz Oeſterreichs mit Frankreich als unerreichbar mit der Vermittelung zu betrachten. Indeſſen gibt der Graf von Metter⸗ nich doch zu verſtehen, daß theilweiſe Vorbehalte nicht hinreichend ſein dürften, daß die vermittelnde Macht nicht unabhängig ſein könnte, und verlangt endlich, man ſolle Oeſterreich in Bezug des Allianztraktats vollkommen freie Hand laſſen; auf dieſe Art erklärt der Herr von Metternich die Allianz nicht für gebro⸗ chen, ſondern nur für ſuspendirt.“ Napoleon's Stirn runzelte ſich ſichtbar. „Ich kann mich auf ſolche Spiegelfechterei nicht einlaſſen,“ polterte er im höchſten Grade des Unmuths; „ich ſoll dieſe Vorſchläge nicht als eine Verzichtleiſtung der Allianz anſehen, und wie kann ich anders?“ Der Kaiſer ging mehre Male im Zimmer auf und ab. Er ſchien mit einem Entſchluſſe zu kämpfen. Der Herzog von Baſſano wagt kein Wort der Erwie⸗ derung. Nach einer Pauſe ſprach Napoleon: „Ich will Oeſterreich mit meiner Allianz nicht zur Laſt fallen. Ich mache keine Schwierigkeit, auf den Vertrag Verzicht zu leiſten.“ Mit dieſen Worten winkte er, und gleich darauf trat der Graf von Metternich in's Zimmer. Napoleon erwiederte mit finſterm Schweigen die conventionellen Begrüßungen des Meiſters der öſter⸗ reichiſchen Diplomatie, welcher, ſich ſeiner hohen Miſ⸗ ſion vollkommen bewußt, die Glätte des Hofmanns mit aller geiſtigen Würde eines großen Staatsmannes vereinte. Der Miniſter hatte ſeine kurze Anrede vollendet und trat ehrfurchtsvoll, aber mit majeſtätiſcher Ruhe 4* 52 einen Schritt zurück Das Auge des Kaiſers rubte eine geraume Zeit mit finſterm Blicke auf dem wenig Schritte vor ihm ſtebenden, gefürchteten Manne. Eine lange tiefe Pauſe erfolgte. Endlich begann Napoleon in kurz abgebrochenen Sätzen: „Sie ſind nun hier, Metternich! Sein Sie will⸗ kommen. Wenn Sie aber den Frieden wollen, warum kommen Sie ſo ſpät? Wir haben einen Monat verlo⸗ ren und Ihre Vermittelung wird beinahe feindſelig, weil ſie mit Gewalt unthätig iſt. Es ſcheint, Sie finden es nicht mehr nöthig, die Integrität des fran⸗ zöſiſchen Reiches zu garantiren. Gut! Aber warum haben Sie das nicht früher erklärt? Warum ließen Sie mir das nicht bei meiner Rückkehr aus Rußland durch Bubna und noch neuerlich durch Schwarzenberg ſagen? Vielleicht hätte ich dann noch Zeit gehabt, meine Pläne zu modificiren. Vielleicht hätte ich den Feldzug nicht unternommen.“ Wieder eine Pauſe; um den Mund des Miniſters zuckte eine Antwort.— Napoleon fuhr fort: „Sie laſſen mich die größten Anſtrengungen ma⸗ chen und rechneten ohne Zweifel auf keine ſo ſchnellen Freigniſſe. Der Sieg hat meine kühnen Anſtrengun⸗ gen gekrönt; ich gewinne zwei Schlachten. Meine ge⸗ ſchwächten Feinde ſtehen auf dem Punkte, von ihren Täuſchungen zurückzukommen; auf einmal ſchlüpfen Sie zwiſchen uns hinein. Mir ſprechen Sie von Waffen⸗ ſtillſtand und Vermittlung, jenen von Allianz, und Al⸗ les geräth in Verwicklung. Ohne Ihre unſelige Ver⸗ mittlung wäre jetzt der Frieden zwiſchen mir und den Verbündeten geſchloſſen.“ Eine abermalige Pauſe. Der Kaiſer ſpricht: „Welche Reſultate hat dieſer Waffenſtillſtund bis jetzt gehabt? Ich weiß von keinen, als den beiden 53 Verträgen, welche England mit Preußen und Rußland zu Reichenbach geſchloſſen. Man ſpricht auch von dem Vertrage mit einer dritten Macht. Sie haben ja den Herrn von Stadion an Ort und Stelle, und müſſen in dieſer Beziehung beſſer unterrichtet ſein als ich; ge⸗ ſtehen Sie es nur zu. Seit Oeſterreich den Titel eines Vermittlers angenommen, iſt es nicht mehr auf meiner Seite. Es iſt mehr als unparteiiſch, es iſt feindlich! Sie waren im Begriff ſich zu erklären, da ſiegte ich bei Lützen, und Sie fanden rathſam, Ihre Macht zu vermehren. Dazu brauchten Sie Zeit— darum der Waffenſtillſtand. Jetzt ſtehen Ihre dreihunderttauſend Mann bereit. Schwarzenberg befehligt ſie; er ver⸗ einigt ſie in dieſem Augenblicke, hier in der Nähe, hinter dem Vorhange der böhmiſchen Gebirge. Und nun, wo Sie glauben, mir befehlen zu können, ſuchen Sie mich auf? Befehlen! Und warum wollen Sie mir allein nur befehlen? Bin ich nicht derſelbe, den Sie geſtern noch vertheidigten? Wenn Sie Vermittler ſind, warum halten Sie nicht gleiche Waage?“. Neue Pauſe. Der Kaiſer ging wiederholt im Zimmer auf und nieder.„Ich habe Sie errathen, Metternich,“ fuhr er fort.„Ihr Cabinet will aus meiner Verlegenheit Nutzen ziehen, um das, was es verloren, entweder zum Theil oder ganz wieder zu ge⸗ winnen. Ihre Frage geht einzig dahin. zu wiſſen, ob Sie das Löſegeld von mir, ohne ſich zu ſchlagen, erhaltten können, oder ob Sie ſich entſchieden in die Reihe meiner Feinde ſtellen ſollen. Sie wiſſen noch nicht, welche Partei am zuträglichſten ſei, und viel⸗ leicht ſind Sie blos deshalb zu mir gereiſt um dar⸗ über in's Klare zu kommen. Nun gut! Wir wollen ſehen, wir wollen unterhandeln, ich gebe meine Ein⸗ willigung. Was verlangen Sie?“ 5⁴ Der öſterreichiſche Miniſter hatte die häufigen Infinuationen des Kaiſers mit würdevoller Ruhe ent⸗ gegen genommen. „Der einzige Wunſch,“ erwiederte er mit beſchei⸗ dener Feſtigkeit,„welchen der Kaiſer, mein Gebieter, mit Eifer zu erſtreben ſucht, iſt allein der Einfluß. welcher den Cabinetten Europa's den Geiſt der Mä⸗ ſigung und die Achtung für Rechte und Befttzthum der unabhängigen Staaten einflößt, von welchem er ſelbſt beſeelt iſt. Oeſterreich wünſcht nur einen Zu⸗ ſtand der Dinge, welche, vermöge einer weiſen Ver⸗ theilung der Macht, die Garantie des Friedens unter die Aegide einer Verbindung unabhängiger Staaten ſetzt.“ „Sprechen Sie deutlicher,“ unterbrach der Kaiſer, „und gehen wir zum Ziele. Aber vergeſſen Sie nicht, daß ich ein alter Soldat bin, der lieber abbricht, als ſich unter das Joch beugt Ich habe Ihnen Illyrien angeboten, damit Sie neutral bleiben, iſt Ihnen dies anſtändig? Meine Armee reicht vollkommen hin, Ruß⸗ land und Preußen zur Vernunft zurückzuführen— ich verlange blos Ihre Neutralität“ „Sire,“ antwortete Herr von Metternich nicht ohne Lebhaftigkeit,„warum wollen Ew. Majeſtät in dieſem Kampfe allein ſtehen? Warum wollen Sie Ihre Macht nicht verdoppeln? Sie können dies, Sire, es ſteht bei Ihnen, über unſere ganze Macht zu verfügen — nur Neutralität verlangen Ew. Majeſtät nicht.— Wie jetzt die Verhältniſſe ſtehen, kann Oeſterreich nur für oder— gegen Sie ſein.“ Bei dieſen Worten wurde die Unterredung ſtiller, der Kaiſer führt den öſterreichiſchen Diplomaten in das Chartenkabinet.— Die Tapetenthür ſchließt ſich — eine Todtenſtille herrſcht im ganzen Palaſt. Nach langer Zwiſchenzeit erhebt ſich von Neuem die Stimme Napoleon's, aber leidenſchaftlicher— rück⸗ ſichtsloſer denn je. „Wie?“ ruft der Kaiſer,„nicht nur Illyrien, ſondern die Hälfte Italiens, die Wiedereinſetzung des Papſtes! und Polen! und die Räumung Spaniens! und Holland! und den Rheinbund und die Schweiz! — das iſt alſo der Geiſt der Mäßignng, der Sie be⸗ ſeelt! Sie denken nur darauf, aus allen Wechſelfällen Nutzen zu ziehen, Sie ſind nur damit beſchäftigt, Ihre Allianz aus dem einen Lager in das andere zu tragen, immer nur da zu ſein, wo es etwas zu theilen gibt, und Sie wollen mir von Ihrer Achtung für die Rechte unabhängiger Staaten ſprechen?“— Die beiden Männer waren in das größere Zim⸗ mer zurückgekehrt und ſchritten neben einander auf und ab. Napoleon war in höchſter Aufregung. Er fuhr fort: „Im Ganzen will Oeſterreich Italien, Rußland will Polen, Preußen will Sachſen, England die Nie⸗ derlande, Schweden Norwegen. Mit einem Worte, der Frieden iſt nur Vorwand, ſie wollen alleſammt nichts Anderes als die Zerſtückelung des franzöfiſchen Reichs!— Und zum Triumphe eines ſolchen Unter⸗ nehmens glaubt Oeſterreich ſich blos erklären zu dür⸗ fen! Sie verlangen, daß die Wälle von Danzig, Kü⸗ ſtrin, Glogau, Magdeburg, Weſel, Mainz, Antwer⸗ pen, Alexandria, Mantua, die ſtärkſten Feſtungen Eu⸗ ropa's, deren Schlüſſel ich nur durch Siege erhalten konnte, ſollen durch einen Federſtrich von Ihnen fal⸗ len! Und ich für meinen Theil ſollte, ganz gehorſamſt gegen Ihre Politik, Europa räumen, das ich zur Hälfte beſetzt halte, meine Legionen mit aufgerichteten Flin⸗ tenkolben hinter den Rhein, die Alven und die Pyre⸗ näen zurückführen und durch Unterſchreibung eines Vertrags, der nur eine ungeheure Kapitulation wäre, 56 mich wie ein Narr meinen Feinden überliefern, und auch in Rückſicht auf eine zweifelhafte Zukunft mich auf die Großmuth gerade Derjenigen verlaſſen, deren Beſieger ich heute bin! Und dies geſchieht zu einer Zeit, wo meine Fahnen noch an den Mündungen der Weichſel und an den Ufern der Oder wehen; wo meine triumphirenden Armeen vor den Thoren von Berlin und Breslau ſtehen; wo ich für meine Perſon hier an der Spitze von dreimalhunderttauſend Mann ſtehe— zu einer ſolchen Zeit ſchmeichelt ſich Oeſterreich, ohne ei⸗ nen Schuß, ohne nur den Degen zu ziehen, mich zur Unterſchrift ſolcher Bedingungen zu bewegen? Ohne Schwertſtreich! Eine ſolche Forderung iſt eine Be⸗ ſchimpfung. Bin ich denn wirklich ſo tief geſunken, daß man es wagt, uach zwei großen Siegen Zuge⸗ ſtändniſſe von mir zu verlangen, die ich erſt nach zehn verlorenen Schlachten bewilligen kann? Wie, ich ſoll Staaten verlaſſen, die man noch nicht einmal bedrohen kann? Und der dieſen Entwurf billigt, iſt mein Schwie⸗ gervater! Er ſchickt Sie! In welche Stellung will er mich dem franzöſiſchen Volke gegenüber bringen? Er irrt gewaltig, wenn er glaubt, ein verſtümmelter Thron könne in Frankreich eine Freiſtätte für ſeine Tochter und für ſeinen Enkel ſein!— Metternich! Was hat Ihnen England geboten, daß Sie dieſe Rolle gegen mich ſpielen?“— Bei dieſen Worten veränderte der öſterreichiſche Miniſter die Farbe. Er tritt einen Schritt zurück— ſein Schweigen iſt die einzige Antwort auf die große Beleidigung. Dem Kaiſer fällt der Hut aus der Hand— der Miniſter hebt ihn nicht auf. Es erfolgt eine lange tiefe Stille. Von beiden Seiten bedarf man einiger Zeit, die nöthige Faſſung wieder zu erhalten. 57 Napoleon beginnt endlich die Unterhaltung wie⸗ der. Er iſt ruhiger und erklärt, daß er noch nicht an dem Frieden verzweifle, wenn Oeſterreich ſeinen wahren Intereſſen Gehör geben wollte. Er ſchlägt den Zuſammentritt eines Congreſſes vor und wünſcht, daß ſelbſt für den Fall des Wiederausbruchs der Feind⸗ ſeligkeiten die Unterhandlungen nicht abgebrochen wer⸗ den, damit wenigſtens dieſes Thor zur Verſöhnung der Völker offen bliebe. Herr von Metternich kann nicht umhin, die Bil⸗ ligkeit dieſer Wünſche anzuerkennen und ihnen beizu⸗ pflichten. Die Audienz iſt zu Ende. Der Miniſter beurlaubt ſich. „Gehen Sie, Herr Graf,“ ſprach Napoleon,„und geben Sie Seiner Majeſtät dem Kaiſer von Oeſterreich zu erwägen, daß die Abtretung Illyriens nicht mein letztes Wort ſei.“ Fünftes Rapitel. — Jerome ſaß auf ſeinem Zimmer am Piano und trug mit Fertigkeit und Geſchmack eine Mozart'ſche Senate vor, als Ruffus hereintrat. Der Spieler wandte den Kopf und als er den Freund erblickte, ſprang er eiligſt auf und umarmte ihn herzlichſt. „Gott ſei Dank!“ rief er,„daß wir Euch wie⸗ der haben; aber wie iſt die Expedition abgelaufen? Sind die jungen Leute gerettet?“ 58 „Bis auf Drei, ja,“ antwortete Ruffus, auf dem Sopha Platz nehmend.„Geſtern Abend erreichten wir die böhmiſche Grenze. Ich danke dem Himmel, daß das junge unvorſichtige Volk aus dem Lande iſt. Aber vor Allem Euch, Freund, den herzlichſten Dank für den wahren Freundſchaftsdienſt bei Durosnel.“ Er ſchüttelte dem jungen Franzoſen mit Innig⸗ keit die Hand. „Das war ja meine Pflicht,“ ſprach dieſer,„daß ich Euch von der großen Gefahr unterrichtete, in wel⸗ cher die jungen Männer ſchwebten. Uebrigens würde ſelbſt dies nichts geholfen haben, hättet Ihr nicht, unſerm Rathe zu Folge, den Polizeichef durch Euer Schreiben irre geführt. Die Verhaftung würde be⸗ reits vor einigen Tagen erfolgt ſein.“ „Der Reinhold aber verdiente hundert Stockſchläge für ſeine Dummheit,“ zankte Ruffus,„der iſt allein Schuld, und der Sternburg, dieſer Schlange, zertrete ich nächſtens den Kopf. Es fehlte nicht viel, ſo hät⸗ ten mich die eigenen Freunde über den Haufen ge⸗ ſtoßen, dem vernünftigen Gotthardt allein verdanke ich mein Leben.“ Ruffus erzählte nun ausführlicher den ganzen Her⸗ gang, wie er die Tugendbundgeſellſchaft von der Ge⸗ fahr in Kenntniß geſetzt und gerettet habe. „Es iſt mir jetzt noch unbegreiflich,“ fuhr er fort, „daß wir ſo glücklich durchgekommen ſind. Wir durch⸗ wanderten mehrmals die franzöſiſche Cantonnirungs⸗ linie und manches„qui vive!“ ſetzte uns nicht wenig in Schrecken. Den ſchlimmſten Stand jedoch beka⸗ men wir unfern der böhmiſchen Grenze, wo ein fran⸗ zöſiſches Piquet Feuer gab und uns bis zur Grenz⸗ ſäule verfolgte. Dieſe kaum im Rücken, glänzten auf einmal Bajonnette vor uns. Wir machten uns ſchon 59 auf einen ehrlichen Tod gefaßt, als uns ein deutſches „Wer da?“ entgegenſcholl. Es war ein öſterreichiſcher Landwehrpoſten, der uns mit Freuden aufnahm, und die Verfolger mußten mit langer Naſe abziehen. Aus dieſer faſt feindlichen Stellung, die das öſterreichiſche Militair zu den Franzoſen annahm, iſt mir übrigens hinlänglich klar geworden, daß es mit der franzöſiſch⸗ öſterreichiſchen Allianz zu Ende iſt. Hat man nichts Näheres über die Sendung Metternich's vernommen?“ „Wie mir Mounier erzählte,“ ſprach Jerome,„iſt zwiſchen Oeſterreich und Frankreich eine Convention in Betreff der öſterreichiſchen Vermittelung abgeſchloſ⸗ ſen und der Waffenſtillſtand bis Mitte Auguſt verlän⸗ gert worden. Die Bevollmächtigten der ſtreitenden Mächte werden ſich zu Prag verſammeln. Die fran⸗ zöſiſchen Geſandten und die der Verbündeten communi⸗ eiren nicht unmittelbar mit einander, Alles geht durch Metternich. Uebrigens ſoll es bei der Audienz dieſes Miniſters mit Napoleon ſehr ſtürmiſch hergegangen ſein.“ „Es unterliegt gar keinem Zweifel mehr,“ erwie⸗ derte Ruffus,„daß Oeſterreich zu den Verbündeten übertritt, und ich verdenk's ihm nicht. Es iſt klug von ihm, wenn es den Augenblick ergreift, denn wie lieb ihr mir ſeid, aber hinaus müßt Ihr aus Deutſch⸗ land mit ſammt Euerm kleinen Korporal: als ver⸗ nünftige Leute werdet Ihr das auch in der Ordnung finden. Auf Oeſterreich kommt jetzt Alles an und es wäre unverantwortlich, wenn es den günſtigen Zeit⸗ punkt nicht benutzen wollte. Baiern kann dann nicht zurückbleiben und Ihr bekommt mit dem größten Theile von Deutſchland zu thun. Ihr werdet erken⸗ nen, daß das vereinte deutſche Volk ein Volk iſt, das ſich nicht braucht Geſetze vom Auslande vorſchrei⸗ ben zu laſſen.“ 60 „Es bleibt immer noch die Frage,“ entgegnete Jerome,„ob ſelbſt Oeſterreichs Beitritt zur Cvalition unſern Kaiſer aus Deutſchland zu vertreiben vermag. Erobert er übrigens Preußen zum zweiten Male, hat das Haus Hohenzollern aufgehört zu regieren, und Frankreich grenzt unmittelbar an Polen, ſeinen natür⸗ lichen Verbündeten. Dann iſt die Univerſalmonarchie fertig und Napoleon iſt dann eher der Mann, eine Einheit Deutſchlands zu proclamiren als die theorien⸗ reichen deutſchen Demagogen.“ „Ganz ſchön,“ ſprach Ruffus;„wenn es dem kor⸗ ſiſchen Löwen gelingt, daß er ſeine Feinde auch dies⸗ mal, nachdem ſie doch in der Schule der Erfahrung erſprießliche Studien gemacht haben, zu Boden wirft und eine Univerſalmonarchie gründet, ohne jedoch Deutſchland franzöſiſiren zu wollen, bin ich der Erſte, der ihm huldigt; aber ſeit dem ruſſiſchen kalten Fie⸗ ber und dem ſpaniſchen Krebsſchaden iſt an eine Uni⸗ verſalmonarchie wenigſtens ſobald nicht zu denken. Der große Mann, den ich wahrhaft verehre und mich an den Blitzen ſeines gewaltigen Genies ergötze, ſoll Frankreich glücklich machen. Wer ſeine Adler nach Moskau, Liſſabon, Rom und Cairo getragen, hat meines Erachtens für den Kriegsruhm genug gethan.“ „Seid überzeugt,“ entgegnete Jerome,„daß Nie⸗ mand den Frieden inniger wünſcht, als unſer Kaiſer; aber Niemand wird es dieſem verargen, wenn er es verſchmäht, einen unehrenvollen Frieden einzugehen.“ „Ein unehrenvoller Friede,“ meinte Ruffus,„iſt namentlich im Betreff Napoleon's ein ſehr relativer Begriff. Napoleon wird ihn ſchon für unehrenvoll halten, wenn er von ſeinen vielfachen Eroberungen etwas herausgeben ſoll.“ „Das glaubt nicht!“ ſprach Jerome,„der Kaiſer iſt ſelbſt zu ſchweren Opfern bereit.“ 64 „Dem ſei, wie ihm wolle,“ ſprach Ruffus,„aber ſo viel iſt gewiß, daß die Welt nach zwanzigjährigen Kämpfen der Ruhe bedarf, und da iſt die erſte Be⸗ dingniß, daß Ihr hinaus müßt, und geht Ihr nicht gutwillig, ſo muß das deutſche Schwert Euch den Weg zeigen. Was übrigens der lebe Krieg, dieſer Beweger des Menſchengeſchlechts, für ein wahres Scheuſal iſt, und welche höchſt unangenehmen Gäſte die Franzoſen als Soldaten hauptſächlich für den Landmann find, davon hab' ich auf der kleinen Rück⸗ reiſe von Böhmen einen neuen Beweis erhalten. Mei⸗ lenweit ſieht man keine Vermachung, keinen Baum⸗ pfahl, keine Fenſterläden; Gärten und Felder ſind muthwilliger Weiſe verwüſtet. Ihr Franzoſen ſeid ſo reichlich mit öffentlicher und geheimer Polizei geſeg⸗ net, warum giebt es keine Polizei, die den Land⸗ mann vor rohen Verwüſtungen ſchützt? Es iſt ſogar höchſt unpolitiſch, daß Ihr dafür nicht geſorgt habt, da man nicht ermeſſen kann, wie lange der Krieg noch dauert. Sollten die Kräfte unſeres geſegneten Sachſens wahrhaft benutzt werden, ſo war eine wei⸗ ſere Oekonomie einzuführen. Man konnte während des Waffenſtillſtandes das Militair ſelbſt benutzen, um die Ereigniſſe der Ernte wenigſtens ordentlich zu ſam⸗ meln und ſorgfältig zu vertheilen, anſtatt dieſelben auf die unwürdigſte und unverſtändigſte Art zu ver⸗ ſchwenden. Es iſt ungeheuer und gar nicht zu be⸗ rechnen, was das arme Land in dieſem vernichtenden Feldzuge geleiſtet und verloren hat, deswegen nicht zu berechnen, weil faſt noch einmal ſo viel verwüſtet als verbraucht worden iſt; und Ihr habt Euch als unſere Freunde und Beſchützer angekündigt, wie mögt Ihr es in Feindes Land treiben!“ „Es thut mir als Franzoſen wahrhaft wehe,“ ge⸗ 62 ſtand Jerome zu,„Euch nicht Unrecht geben zu kön⸗ nen. Auch ich habe die Gräuel des Kriegs zum Ue⸗ berfluſſe kennen gelernt, und wünſche den Frieden aus vollem Herzen, wie jeder Vernünftige und Menſchen⸗ freund. Nur eine verknöcherte Soldatenbruſt kann an der fortwährenden Zerſtörung Wohlgefallen finden.“ „Apropos!“ fiel Ruffus ein,„iſt denn der alte Aegyptier, der erſte Grenadier der Fulminatrix, ein⸗ gezogen?“ „Geſtern bereits,“ bejahte Jerome;„das iſt das wahre Muſterexemplar jener alten kaiſerlich Napolev⸗ niſchen Gardiſten, die ſich jetzt ſchon ein golden Blatt in der Weltgeſchichte erobert haben. Die alte Haut ſitzt ſoeben in der Gartenlaube und erzählt dem Eu⸗ gen, welcher gar nicht mehr von ihm wegkommt, von ſeinen Schlachten.“ „Da muß ich ſeine Bekanntſchaft machen,“ ſprach Ruffus,„kommt, Jerome, ſtellt mich vor.“ „Recht gern,“ erwiederte dieſer,„aber ich bitte Euch, fangt da nicht etwa von Frieden an, oder Ihr habt neunundneunzig Millionen Donnerwetter auf dem Halſe.“ Als die Zwei in den Garten traten und ſich der Laube näherten, vernahmen ſie bereits die Stimme Barbanegre's. „Wir konnten den Staub von der Zunge blaſen,“ erzählte er dem aufhorchenden Eugen,„nichts als Son⸗ nenbrand und Sand, ſo weit das Auge reichte; am Horizont ſtiegen die einſamen Pyramiden zu den Wol⸗ ken. Im glühenden Sande watend, keuchte ich neben dem kleinen Korporal; es mocht' ihm anch nicht kühl zu Muthe ſein, der Schirm, der ihn vor der Sonne ſchützen ſollte, half wenig.„Nur Muth, meine Freunde,“ ſprach er zu den todtenſtill dahinziehenden 63 Soldaten,„über Jahr und Tag führen wir Krieg im grünen Deutſchland.“ O, dieſe Worte labten wie eine quellenreiche Haſe.„Wir verlaſſen Dich nicht, Papa!“ riefen wir einſtimmig. Da hielt er ſein Pferd an und zeigte nach dem Horizonte. Wir blieben auch ſtehen und guckten dahin. Es ſtieg in der Ferne eine Wolke auf, die jeden Augenblick größer wurde.„Da ſind ſie ja,“ ſprach der kleine Korporal,„allons, Gre⸗ nadiere!“ Er tummelte ſich auf ſeinem kleinen Röß⸗ lein und im Augenblicke hatte ſich die Wolke entladen. Die giftſcharfen Damascener der Mamelucken blitzten und pfiffen um unſere Ohren, daß es eine Luſt war. Prächtige Ausgreifer, ächte arabiſche Roſſe, nun ging's piff, paff— es war luſtig anzuſehen— wir ver⸗ gaßen, daß die afrikaniſche Sonne auf unſere Scheitel brannte und bald war das prächtige Lumpengeſindel zerſtoben. Aber damit war noch nicht Feierabend. Wir wateten bis zu den Pyramiden vor. Hier ſtan⸗ den die Halunken hageldick. Das Zeitherige war nur ein Cavallerieanprall geweſen. Bei den Pyramiden gab's auch Kanonen. Wir ſchloſſen uns dichter an einander. Da war der kleine Korporal wieder bei der Hand. Er galoppirte unſere Front entlang.„Son- gez, rief er,„que du haut de ces pyramides qua- rante siecles vous contemplent.“ Er hatte prächtige Einfälle, der kleine Korporal. Es packen Einen ſeine Worte, ich weiß ſelbſt nicht wie, und nun ging's d'rauf. Die Sonne ging unter in Pulverdampf. Zur Seite die einfältig ungeſchlachten ſpitzen Steinkoloſſe, die miſanthropiſchen Grillen grauer Könige, vor und zur Seite nichts als Mamelucken und blitzende Damas⸗ cener. Es waren ein paar heiße Stunden. Der kleine Korporal fuhr wie ein Blitz umher. Man ſah ihn überall und bald war's mit der ägyptiſchen Herr— 64 lichkeit vorbei. Die edlen Moslems konnten ſo gut ausreißen, wie die Preußen bei Jena. Das bleibt ſich gleich in ſolchen Angelegenheiten. Es war ein flottes Leben in Aegypten, ſchöne Weiber, ſchöne Pferde— aber die Hitze, die Hitze. Als der kleine Korporal durchgebrannt war, und ſie auch den Kleber todtgeſtochen hatten, ging Alles den Krebsgang.“ Jerome trat jetzt mit Ruffus in die Laube und ſtellte den Freund vor. Der alte Gardiſt blitzte unmuthig ob der Unter⸗ brechung zu Ruffus auf. „Wie kommt's, frug er,„daß man nicht bei der Katzbach bivouaquirt; hat der deutſche Schwindel den jungen Herrn nicht angeſteckt?“ „Unſer Freund,“ ſprach Jerome,„iſt ein zu großer Verehrer unſers Kaiſers, als daß er gegen Frankreich kämpfen ſollte.“ „Auch gut,“ brummte der Alte,„es ſollte mir leid thun, mein gut Rohr auf ihn abbrennen zu müſſen.“ Ruffus hatte jetzt Muße, den Gardiſten näher zu betrachten. Es war ein kräftiger, hochgebauter Mann in den mitteln Funfzigen: ſein langer Bart floß reich über die Bruſt herab. Der mächtige Schnurrbart be⸗ deckte martialiſch die ganzen Mundpartien. Das Ge⸗ ſicht, von der italieniſchen, afrikaniſchen und ſpaniſchen Sonne dunkelbraun gefärbt, verrieth eiſerne Energie und Kernhaftigkeit. Im Knopfloche der feinen blauen Uniform flammte das dunkelrothe Band, und die ro⸗ then Streifen der Dienſtjahre bedeckten faſt den gan⸗ zen linken Arm. Auf dem Rücken hing ein energiſcher Haarzopf.“ „Bei Borodino,“ frug Eugen, der der Schlachten nicht genug bekommen konnte,„hattet Ihr wohl nicht über Sonnenbrand zu klagen?“ 65 „Schweig von dieſer Affaire,“ brummte Barba⸗ negre unmuthig,„der kleine Korporal kann's in jener Welt, wenn's eine giebt, nicht verantworten, daß wir nicht vorrückten.“ „Er hat Euch ſchonen wollen,“ entſchuldigte Jerome. „Den Teufel ſoll er ſchonen, aber uns nicht,“ brauſte der alte Gardiſt auf,„haben die miſerabelſte Rolle geſpielt, die Gardiſten kochten vor Wuth und Ungeduld, dem Kutuſow den Garaus zu machen. Standen da wie die Narren. Gewehr beim Fuß! So eine brillante Affaire und ohne Garde. Zum Tollwerden. Antichambrirte eben das Gewehr im⸗ Arm vor ſeinem Zelte, kommt der Neapelkönig ge⸗ rannt, naß von Schweiß und Blut, aber erleuchtet von Geiſt, bittet, beſchwört, daß er uns d'rauf wer⸗ fen ſoll, es wär' geſchehen um Ruſſia, und hatte Recht, vollkommen Recht; aber wenn die Blindheit über den Menſchen kommt, bleibt er geſchlagen und wär's ein Gott. So war's und nicht anders. Die Garde blieb ſtehen, der Ruſſius bei Verſtand und zündet das Neſt an. Nun war der Krebs fertig.“ Barbanegre war ſo in Zorn gerathen, daß er auf die Worte der beiden jungen Waffengefährten eine lange Zeit gar nicht achtete und nicht zu beruhigen war, daß Napolcon in der Schlacht bei der Moskwa die Garde nicht habe vorrücken laſſen. Eugen war ſo unvorſichtig, zu bemerken, daß es eine weit größere Ehre für die Armee geweſen ſei, die Schlacht ohne Hülfe der Garden zu gewinnen. Hier gerieth der Alte vollends in's Feuer. „Wie Du's verſtehſt, red'ſt Du,“ fuhr er heraus. „Der Ruſſe ward gar nicht geſchlagen; wie konnt' er das ohne uns?“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XII. 8 66 „Wie, nicht geſchlagen?“ frug Eugen, der die hundert Siegsberichte jener Schlacht ſo ziemlich ſtu⸗ dirt hatte, mit einem Tone, als vernähm' er ein neues Evangelium. „Zog ſich zwar zurück,“ fuhr der Alte fort,„aber war nicht geſchlagen. Keine Kanone bracht er nach Moskau, durften wir d'ran.“ „Aber mein Gott,“ ſprach kopfſchüttelnd Eugen, „hab' über die gänzliche Niederlage ſo viel ge⸗ leſen—“ „Geleſen,“ ſpottete Barbanegre,—„biſt Du da⸗ bei geweſen?“ „Das nicht— aber—“ „Schweig!“ commandirte der Alte.„Willſt Du mir ein Licht aufſtecken— dem's vor der Naſe vor⸗ ging, die Geſchichte?“ Ruffus und Jerome konnten ſich hier eines Lä⸗ chelns nicht erwehren. Sie ſahen wohl, daß der alte Haudegen dermaßen für den Ruhm ſeiner Truppe alarmirt war, daß er unbedenklich Sonne, Mond und Sterne abgeleugnet hätte, wenn er es für das Renommée der alten Garde nöthig gehalten. Der⸗ gleichen eingefleiſchte Einſeitigkeit und Eigenliebe läßt ſich auch durch keine Vernunftgründe und ausgemach⸗ ten Thatſachen beikommen, und darum hielt es Je⸗ rome fürs Beſte, dem Alten nicht zu widerſprechen und er gab ihm daher vollkommen Recht: daß die Ruſſen bei der Moskwa nicht ſo eigentlich geſchlagen, daß ſie aber vernichtet worden wären, hätte die Garde angreifen dürfen. „Da hörſt Du's,“ wandte ſich Barbanegre zu Eugen,„wirſt Du reden?“ Der arme Eugen wußte in ſeiner Unſchuld wirk⸗ lich nicht, woran er war, und erſt durch das Zu⸗ winken von Ruffus begriff er den Zuſammenhang. 67 A bas la Russie et vive Italie!“ rief Jerome, den Alten auf andere Gedanken zu bringen. „Das laſſ' ich mir g'fallen,“ ſprach kopfnickend Barbanegre,„Italien, das iſt ein Land, à la bon- heur!“ Darauf ſang er: „Bella Italia, amate sponde, Pur vi torno h riveder. Prema in petto e si confonde Lalma oppressa dal piacer.“ „Es war eine ſchöne Zeit, als wir mit ge⸗ frornen Bärten und zerriſſenen Sohlen die Gletſcher herabrutſchten in den ſchönen Himmelsſaal Italia, in das Land der Banditen und Orangen, der Stilets und Madonnen, der Faulheit und der Melodien, und der kleine Korporal voran, auf dem Hute die drei⸗ farbigen Federn— Lodi— Arcvle. Was wollen die maſſiven Oeſterreicher in dem claſſiſchen Lande? Fort mit ihnen. Reine Arbeit. So geſchah's in wenig Ta⸗ gen. Stolze Venetia— zu Boden mit dem dolch⸗ ſchwangern Ariſtokratenneſt. Löwe von Sanct Mar⸗ kus— der kleine Korporal pfiff und die Beſtie duckte ſich wedelnd wie ein begoſſener Hund. Wiſſen's ja, ſind dabei geweſen.“ „Aber in Spanien,“ bemerkte Jerome,„da will's doch nicht flecken.“ „Kann er überall ſein, der kleine Korporal?“ fuhr der Alte leidenſchaftlich auf.„Wär' er dort, läg' der rothe Marquis längſt im Meere. War ſchon einmal verfahren die Geſchichte, ging Alles drrunter und drüber, Rebellion, Mord, Brand, Gift, Dolch durch's ganze Land, ſtellt er ſich an die Spitze. En avant! und fort ging es wie ein Gewitterſturm von Bayonne * 5 68 bis Lisbva. Alles war in Ordnung, fängt der Oeſterreicher wieder an. Saſſa nach Deutſchland! „Bei Wagram war's heiß,“ fuhr der alte Krieger fort,„die deutſche Juliſonne hat auch ihre Mucken. Aber da hatten wir doch noch den Lannes, den Mon⸗ tebello, unſern Roland, ſo einen kriegen wir nicht wieder, s iſt mir wie heut“ als er bei der Donau die Batterie ſtürmte; war der Erſte mitten unter den öſterreichiſchen Artilleriſten, fuhr wie ein Löwe unter ihnen umher; Alles ſtüͤrzte und ſtob aus einander; die Stücke waren geladen, aber die Oeſterreicher hatten keine Muße ſie abzubrennen. Lannes, kurz reſolvirt, packt den nächſten Zwölfpfünder, macht Rechtsumkehrt und die eigene Ladung zahlt den Ausreißern das Fer⸗ ſengeld. Der kleine Korporal holte ſich bei Wagram wohl eine hübſche Frau, aber der Marſchall ging zum Guckuck.“ Auf dieſe Weiſe erzählte der alte Barbanegre noch manches Geſchichtchen aus ſeinem thatenvollen Krie⸗ gerleben. Sechſtes Rapitel. Der zehnte Auguſt, die Feier von Napoleon's Geburts⸗ tag, war erſchienen. In zwei unabſehbar langen Linien ſtand die geſammte alte und junge kaiſerliche Garde auf der ſchönen, an der Elbe gelegenen Oſt⸗ rawieſe in Schlachtordnung. Selten hat wohl eine Truppe einen maleriſcheren und impoſanteren Anblick dargeboten, als dieſe erleſenen Colonnen, die hier im 69 glänzendſten Waffenſchmucke aufmarſchirt waren. Da ſtanden jene Granitbataillone von Marengo und Au⸗ ſterlitz, da ſtanden bärbemützt, mit eiſerner Entſchloſ⸗ ſenheit jene Grenadiere, von welchen der Dichter ſingt: —— daß ſie ein Bild vom Frieden Aus Knabenzeit nur durch die Schlachten trugen, Als Jünglinge ſich bei den Pyramiden, Als Veteranen bei der Moskwa ſchlugen. Da ſtand die goldne Jugend Frankreichs in den unüberſehbaren Bataillonen der jungen Garde, alle in das feinſte dunkelblaue Tuch gekleidet mit rothen Aufſchlägen und weißen Bandelieren. Hoch funkelten die Adler im Sonnenglanze. Faſt noch prächtiger nahmen ſich die zahlreichen Reiterſchwadronen in ihrem mannichfachen Waffen⸗ ſchmucke aus. Weithin glänzten die goldenen Helme und Brnuſtharniſche der Cuiraſſiere und Carabiniers; dunkle Mähnen umwehten die Häupter der Chaſſeurs und Dragoner. Zunächſt dieſen blitzte das Lanzenmeer der ſtattlichen polniſchen Lanziers, und neben dieſen hielten die vrientaliſchen Schwadronen der Tartaren und Mamelucken in phantaſtiſcher, gold- und filber⸗ reicher Waffenpracht. Es war ein heiterer, wolkenloſer Sommervormit⸗ tag. Hälb Dresden war zu Fuß und zu Wagen hinausgewallfahrtet, um die großartige Parade anzu⸗ ſehen. Auch der Geheimrath, Ruffus und Clärchen befanden ſich unter den Zuſchauern und ihr Zwei⸗ he hatte einen ſo guten Standpunkt gewählt, daß ſie das prachtvolle Schauſpiel in ſeinem ganzen ihfune überſchauen konnten. Auf den Thürmen Dresdens ertntWi⸗ zehnte Stunde des Morgens.— Die Trompeten ſchmetter⸗ 70 ten, die Trommeln wirbelten, die Adler ſenkten ſich, und der Kaiſer Napoleon in der blauen reich mit Gold geſtickten Uniform ſeiner Garde kam auf ſchnee⸗ weißem Zelter daher geſprengt. Ihm zunächſt ritt der König von Sachſen, in der rothen Uniform ſei⸗ ner Garde. Ein donnerndes„Vive l'empereur!“ ſcholl zu dem blauen Auguſthimmel empor. Eine zahlloſe Suite von Fürſten, Prinzen, Marſchällen und Generalen folgte dem Kaiſer. „Heut' haben wir ſie faſt Alle beiſammen,“ ſprach Ruffus;„die Matadore dort an der Spitze hab' ich durch Jerome und Eugen faſt alle kennen gelernt.“ „O ſieh den hohen, prachtvollen Offizier dort ne⸗ ben unſerm König!“ rief Clärchen. „Das iſt Murat, der König von Neapel,“ er⸗ klärte der Bruder,„dieſe Tage erſt aus ſeinem ſchö⸗ nen Königreiche angelangt, der beſte Reitergeneral der ganzen Armee; tapfer wie ein Achill, keine per⸗ ſönliche Gefahr ſcheuend, wirft er an der Spitze ſei⸗ ner Reiter Alles nieder, was ſich ihm in den Weg ſtellt.“ Wirklich vergegenwärtigte die ſchöne kriegeriſche Geſtalt Murat's, der ſichere feſte Sitz auf dem kräf⸗ tigen Araber, das Bild eines Helden der Vorzeit. Sein Geſicht, aus dem zwei dunklé, glühende Augen blitzten, war mit Schnurr⸗ und Backenbärten üppig verbrämt; reiche dunkle Locken wallten über den him⸗ melblauen Kragen einer Kurtka, eines auf polniſche Art zugeſchnittenen, vorne herab zugeknöpften Pique⸗ ſchenrockes. Der Kragen war mit reicher goldener Stickerei bedeckt. Am goldenen Gürtel ſchwebte das leichte, gerade und ſchmale Schwert von altrömiſcher Form. Der Griff, mit Edelſteinen beſetzt, befand 74 ſich hoch oben an der Hüfte; die weiten Pantalons wa⸗ ren purpurfarben mit goldenen Nähten beſetzt, die Halbſtiefeln von gelbem Leder oder Nanking. Ein großer dreieckiger Hut, verkehrt geſetzt, vollendete die theatraliſche Tracht. Derſelbe war mit weißen Straus⸗ federn inwendig belegt, mit einer goldenen Bogen⸗ treſſe eingefaßt und mit einem Federbuſch geſchmückt, der aus vier weißen nach allen Himmelsgegenden ge⸗ ſenkten Strausfedern beſtand, aus deren Mitte wieder ein hoher koſtbarer Reiherſtutz emporragte. Das Pfer⸗ dezeug war in halb ungariſchem, halb türkiſchem Ge⸗ ſchmacke gearbeitet. Eine himmelblaue, reich mit Gold geſtickte Schabracke überdeckte ſein Roß. „Ich muß geſtehen,“ ſprach Ruffus,„daß bei die⸗ ſer polniſch⸗, ſchwediſch⸗, kaſtilianiſch⸗, römiſch⸗, tür⸗ kiſch⸗neapolitaniſchen Zuſammenſetzung, trotz alles Glanzes, kein ächter, wohlthuender Geſchmack vor⸗ herrſcht und daß dieſes modern⸗antike Koſtüm ſchwer⸗ lich, ſelbſt auf dem Theater, je nachgeahmt werden dürfte. Uebrigens trägt der König bei kalter Witte⸗ rung einen prächtigen, dunkelgrünen Sammetpelz mit Zobel aufgeſchlagen. Die Farbe ſeines Hofſtaats, der Stallmeiſter, Pagen und Bedienten iſt ebenfalls pur⸗ purroth und himmelblau. Er ſcheint das ausgezeich⸗ net Blendende ſeines azurnen, italiſchen Himmels al⸗ len übrigen Farben vorzuziehen. Dieſe auffallende Tracht dient aber auch nicht ſelten ſeinen Feinden zur Zielſcheibe. Der Kaiſer ſcheint auf Murat's militai⸗ riſchen Scharfblick viel Werth zu legen. Er unterhält ſich oft ſehr vertraulich mit ſeinem Schwager. Das freie entſchloſſene Betragen dieſes Fürſten, die unzer⸗ ſtörbare Heiterkeit, welche oft zur Sorgloſigkeit wird, der Eifer und die Pünktlichkeit, womit er alle Auf⸗ träge erfüllt, gefallen dem Kaiſer, wie er wirklich 72 Vergnügen in ſeinem Umgange zu finden ſcheint. Murat iſt ſtets froher Laune und weiß immer im Laufe ernſthafter Geſchäfte etwas Aufheiterndes vor⸗ zubringen; ſcheint aber blos in militairiſcher Hinſicht um den Kaiſer zu ſein. Sobald die Politik in's Spiel tritt und Napoleon mit ſeinen Diplomaten, dem Herzoge von Baſſano oder Caulaincourt verkehrt, zieht er ſich aus Beſcheidenheit oder aus wirklicher Abneigung zurück.“ „Welches muß wohl Berthier ſein?“ frug der Geheimrath. „Der iſt ſehr deutlich zu erkennen,“ erwiederte Ruffus.„Seht dort den kleinen Mann von Napo⸗ levn's Geſtalt, ein ähnliches einfaches Hütchen auf dem Kopfe, worin er ſeinem großen Meiſter nachahmt, unmittelbar hinter Murat reitend. Das iſt Berthier, der Prinz von Neufchatel, welchem nächſt dem Kaiſer die größten Vorrechte und Ehrenbezeugungen zugeſtan⸗ den werden. Jedermann gedenkt ſeiner mit Achtung. Seine Thätigkeit und Lebhaftigkeit iſt trotz des vorgerück⸗ ten Alters außerordentlich, nur ſcheint es, als beſitze ſein Generalſtab in dieſem Feldzuge nicht ſo viel erfah⸗ rene und kenntnißreiche Offiziere wie vordem, obſchon der Chef deſſelben, der General Monthion, in rühm⸗ lichem Anſehen ſteht. Ueberhaupt iſt das Ganze der Armee in dieſem Feldzuge zu verwickelt und zu un⸗ vollendet, als daß man es gut zuſammenhalten könnte. Die neuen Anſtellungen, Bildungen, Herbeiſchaffun⸗ gen und Veränderungen haben ewige Schwierigkeiten angehäuft, die Napoleon's Machtgebot nicht immer beſeitigen kann. Berthier thut das Seine, um Ord⸗ nung zu erhalten, ſcheint aber nicht groß unterſtützt zu werden. Für das Hausweſen des Prinzen wird allemal ein beſonderes Quartier gewählt, wenn auch 73 er für ſeine Perſon beim Kaiſer wohnt. Die Zahl ſeiner Offiziere, unter denen ſich viele Polen befinden, iſt ſtärker als die der Adjutanten des Kaiſers, doch immer größtentheils verſendet. Als beſonderes Vor⸗ echt hat ihm Napoleon eine eigene Wache von Ein⸗ geborenen des Fürſtenthums Neufchatel zugeſtanden, die ſich durch ihren ſchlechten Geſchmack in der Klei⸗ dung auszeichnen. Die Infanterie trägt krebsbutter⸗ farbene Jacken mit rothen Aufſchlägen. Ueberhaupt ſcheint der alte Herr das Sonderbare und Auffallende im Aeußern zu lieben. Seine Offiziere tragen zur geſchmackloſen Auszeichnung fortwährend ſcharlachrothe Unterkleider. Berthier wird wegen ſeiner Aehnlichkeit mit der Geſtalt Napoleon's, beſonders im Wagen, oft für den Kaiſer gehalten. Raſch in Allem, reitet er auch lebhaft, hat gute Pferde und iſt ein leidenſchaft⸗ licher Liebhaber der Jagd, ſo daß er, wenn zuwei⸗ len eine alte Krähe über ihm wegfliegt, ſelbſt im Galvpp die Zügel fallen läßt und ſich geberdet, als wolle er ſie herunterſchießen. Trotz ſeines Eifers und lebendigen Ernſtes, mit welchem Berthier zu ſeinen Untergebenen ſpricht, und den Dienſt betreibt, iſt er doch niemals unhöflich oder roh, wie viele andere franzöſiſche Große, den Kaiſer nicht ausgenommen. Sein Ton gegen Letzteren nähert ſich einer gewiſſen Zutraulichkeit, obſchon Berthier, wenn er zu Napo⸗ leon gerufen wird, ſich ſehr ehrfurchtsvoll zeigt, und wenn ihm der Kaiſer Befehle ertheilt, oft ganze Strecken weit entblößten Hauptes nebenher reitet. Uebrigens iſt er im Wagen, bei Tafel, bei Ritten und in Schlachten ſein unzertrennlicher Begleiter. „Der dort neben dem ſächſiſchen Prinzen Fried⸗ rich reitende junge Fürſt, iſt Napoleon's Bruder, Hie⸗ ronymus Bonaparte, König von Weſtphalen, auf 7 ½ N welchen der Kaiſer ſelbſt nicht den geringſten Werth legt. Er figurirt blos als Hofmann in der Suite des Kaiſers, da er weder militairiſche noch politiſche Talente beſitzt. In Rußland beging er als Führer eines Corps gleich beim Beginn des Feldöuges ſolche Fehler, daß ihm der Kaiſer ſchrieb:„Wenn Ew. Majeſtät Alles ſchlecht verſtehen, iſt es kein Wunder, daß Alles ſchlecht geht,“ worauf er ihn nach Weſt⸗ phalen zurückſchickte. „Der ſchöne, ſtattliche Mann,“ erklärte Ruffus nach einiger Zeit weiter,„dort neben Caulaincourt, welchen Ihr kennt, auf der Rehfalbe, iſt Maret, der Herzog von Baſſanv und der Miniſter der auswärti⸗ gen Angelegenheiten. Er iſt die erſte und faſt ein⸗ zige Civilautorität, die den Kaiſer in dieſem Feld⸗ zuge begleitet. Man gewahrt ihn oft zu Pferde im Gefolge Napoleon's. Er iſt ein gewandter Hof⸗ und Staatsmann, der mit den feinſten Kunſtgriffen der Politik die Geſchmeidigkeit und Anmuth der alten Franzoſen vereinigt. Sein angenehmes und würde⸗ volles Aeußere trägt hierzu viel bei. „Die lange unheimliche Figur unmittelbar hinter Baſſano iſt Fouché, der Herzog von Otranto. In der Revolution Terroriſt, ſtimmte er, ein Genoſſe Robespierre's, im Nativnalconvente für den Tod Lud⸗ wig des Sechszehnten, war eine Zeit lang Polizeimi⸗ niſter, ſpäter Geſandter in Dresden, und iſt jetzt zum Gouverneur von Illyrien ernannt. Ein Mann voller Intriguen, den der Kaiſer mit Willen fern von Paris hält. Der Charakter Fouché's wird am beſten durch ſeine bekannte Phraſe bezeichnet, die er wegen des Todes des Herzogs von Enghien ausſprach: dieſe Hinrichtung ſei mehr als ein Verbrechen, ſie ſei ein Fehler.“ 75 „Wer ſind denn die wunderſchönen jungen Of⸗ fiziere,“ erkundigte ſich Clärchen,„in den himmelblauen Uniformen mit reicher Silberſtickerei und den ſchwar⸗ zen Federhüten?“ „Das ſind die kaiſerlichen Ordonnanzoffiziere,“ ant⸗ wortete der Bruder,„meiſtentheils Söhne von Ge⸗ ſandten, Generalen, Senatoren; ſie zeichnen ſich ſämmtlich durch Bildung, Erziehung und ein ange⸗ nehmes Aeußere aus. Sie ſind die tüchtigſten Reiter und reiten in der Regel die ſchönſten Pferde. Ihr Dienſt iſt eben ſo beſchwerlich als ehrenvoll. Ge⸗ wöhnlich haben nur zwei den Dienſt, bei Gefechten aber ſind ſie alle zugegen. Un oflcier d'ordonnance! ruft Napoleon oft, und der, an welchem die Reihe, eilt nun mit ſeinen Aufträgen an irgend einen Mar⸗ ſchall oder General, währenddem der Folgende ſich dem Kaiſer möglichſt nähert oder ſich auf's Pferd ſchwingt, um beim„nächſten Rufe davon zu eilen. Oft werden ſie auf längere Zeit mit Befehlen an ei⸗ nen Corpscommandanten als Couriere geſchickt und bleiben ſo lange daſelbſt, bis ein entſcheidendes Tref⸗ fen vorgefallen iſt, worauf ſie zu Napoleon zurück⸗ kehren und mündlich oder ſchriftlich Rapport abſtatten. Oft werden ſie auch bei Recognoscirungen oder Auf⸗ nahmen von Gegenden gebraucht. Die meiſten ſind aus dem Artillerie⸗ und Geniecorps gewählt. Wer ſich vorzüglich brauchbar von ihnen zeigt, hat Aus⸗ ſicht, ſchon als Ordonnanzoffizier den Rang eines Chef d'Escadron zu erlangen und alsdann gleich Oberſter oder Adjutant des Kaiſers zu werden. Ihre Anzahl iſt eigentlich auf zwölf beſtimmt; allein ſie ſind nicht ganz vollſtändig. Ein Sohn von Lauri⸗ ſton und ein Neffe von Deſaix befinden ſich unter ih⸗ nen. Der erſte Ordonnanzoffizier heißt Gourgeaud, 76 wegen ſeiner ausgezeichneten Fähigkeiten ein beſonde⸗ rer Liebling des Kaiſers. „Dort ſieht man auch,“ fuhr Ruffus nach eini⸗ ger Zeit fort,„faſt ſämmtliche Adjutanten des Kai⸗ ſers, lauter erfahrene Generale. Jener ſchöne Mann, der neben Durosnel reitet, iſt Flahaut, welchen Na⸗ polevn im Frühiahr an unſern König ſchickte. Gleich dahinter reitet der wackre Drouot; er wird als Ar⸗ tilleriſt bei den Gefechten immer zu den wichtigſten Aufſtellungen des Geſchützes gebraucht. Eine höchſt ſeltſame Erſcheinung bei dieſem General iſt, daß er ſeine Lieblingslectüre, die Bibel, ſtets mit ſich führt und daraus gar kein Geheimniß macht. Vielleicht iſt es ein kleiner Hang zur Frömmelei und zum Aberglauben; denn da ihn der Kaiſer, vermöge ſei⸗ nes Berufs, immer auf die wärmſten Stellen ſendet, ſo zieht der General bei Gefechten allemal ſeine alte Artillerieuniform an, in die er großes Vertrauen ſetzt, weil ihm darin nie ein Unglück begegnet iſt. Er ſteigt bei den Batterien jedesmal ab, und hat wirk⸗ lich das Glück gehabt, daß weder er, noch ſeine Pferde im Geringſten verletzt worden ſind. Uebrigens iſt er eben ſo beſcheiden als unterrichtet. „Unſern guten Durosnel kennt Ihr,“ ſprach Ruf⸗ fus weiter,„ſein menſchenfreundliches Betragen hat ihm die Liebe aller Sachſen erworben. Weniger iſt dies der Fall mit dem Grafen von Lobau, gleichfalls Adjutant, dem man Stolz und Hoffart gleich an⸗ ſieht. Seht, wie er neben Oberſt Bernard, welcher als tüchtiger Ingenieur die Befeſtigung Dresdens geleitet hat, übermüthig auf ſeinem Rappen ſitzt⸗ Seit Soult nach Spanien, iſt er General⸗Cymman⸗ dant der Garden geworden. Unmittelbar dahinter reitet der finſtre Corbineau. Auch zwei polniſche Generale 77 befinden ſich als Adjutanten in der Suite des Kaiſers. „Von dieſen Adjutanten haben täglich zwei den Dienſt. Dieſe müſſen Tag und Nacht im Vorzim⸗ mer Napoleon's ſein. Sie melden jeden, der zum Kaiſer gerufen wird oder Zutritt begehrt— wenn er nicht vermöge ſeines Ranges im Hauptquartier das Recht hat einzutreten— durch dreimaliges Klopfen an die Thür des Cabinets und Nennung des Namens durch die halbgeöffnete Thür.“ Die ganze vierzigtauſend Mann ſtarke, glänzend ausgerüſtete Armee begann jetzt unter kriegeriſcher Marſchmuſik in ſtarken Colonnen bei Napoleon vor⸗ über zu defiliren. Drei Stunden lang währte der Zug. Nach der Parade begaben ſich alle franzöſiſchen und verbündeten Generale ſammt den kaiſerlichen Hof⸗ beamten, den Fürſten von Neufchatel an der Spitze, zu Fuß nach der katholiſchen Hofkirche, wo unter Glockenläuten und Kanonendonner ein Te deum ge⸗ ſungen ward. Auch der König von Sachſen nebſt ſeiner Familie wohnte der Feier bei. Die alte Garde zog unter klingendem Spiele nach der Neuſtadt, wo unter den langen Lindenreihen der Hauptſtraße Tiſche und Sitze für ſie gedeckt ſtanden. In der Mitte der Tafelreihe befanden ſich Plätze für die Offiziere beider Garden unter überſpannten Segel⸗ tüchern. Auf dem Tiſche, an welchem die Generale und Stabsoffiziere ſaßen, prangte Napoleon's Büſte, bekränzt mit Lorbeerzweigen und umgeben mit Zier⸗ pflanzen. Ober⸗ und unterhalb der Tafelreihen brau⸗ ſten die prächtigſten Symphonien zweier Muſikchöre zum blauen Auguſthimmel. Alle Offiziere und Ge⸗ meine hatten heut' doppelten Sold, jeder Soldat dop⸗ pelten Fleiſchantheil erhalten, und vom Könige von Sachſen waren hundert Eimer Wein geſpendet worden. 78 Aehnliche Gaſtereien fanden an vielen andern Or⸗ ten ſtatt; überall tönte Jubel, und ſelbſt die von der Kriegslaſt hart bedrängten Einwohner ſchienen ihre Drangſale für den Augenblick zu vergeſſen. Unter fortwährendem Kanonendonner wurden dem Helden des Tages von den begeiſterten Kriegern unzählige Lebehochs gerufen; dieſer ſelbſt aber ſaß bereits lange wieder im einſamen Cabinet, alle Mittel und Wege überſinnend, ob mit dem gefürchteten Oeſterreich keine Ausſöhnung zu bewirken ſei, und für den Fall des wahrſcheinlichen Uebertritts dieſer Macht zu den Ver⸗ bündeten die erforderlichen Vertheidigungsmaßregeln zu treffen. Erſt Abends acht Uhr, als die Dunkelheit her⸗ eingebrochen war, fuhr Napoleon zu einem feſtlichen Mahle in's königliche Schloß. Gegen neun Uhr er⸗ hob ſich von Neuem der Donner der Geſchütze, als die Geſundheit des Kaiſers, der Kaiſerin und des Königs von Rom getrunken wurde und zugleich rauſch⸗ ten hunderte von Raketen empor, das prachtvolle Feuerwerk eröffnend, das dem königlichen Schloſſe ge⸗ genüber auf der Elbwieſe abgebrannt wurde. Napo⸗ leon war an Friedrich Auguſt's Seite auf den Balkon des Schloſſes getreten; immer üppiger gquollen die Brillantkugeln über die Zinnen der Königsſtadt em⸗ por, und zahlloſe Schwärmerbouquets rauſchten und knatterten wie goldne Bienenſchwärme durch die Nacht. Der ganze Elbſtrom zur Rechten und Linken war mit Leuchtkugeln, welche von mehreren, an den Ufern poſtirten Regimentern der jungen Garde aus Flinten geſchoſſen wurden, gleichſam überſät. Weiter unter⸗ halb unterhielten andere Regimenter ein lebhaftes Heckenfeuer und in tiefen gewaltigen Baßtönen don⸗ nerten die Kanonen vom Zwingerwalle gleichſam den 79 Takt zu dem prachtvollen Schauſpiele. Ein milder Abendhimmel erhöhte die zauberhafte Wirkung. Da trat mit einem Male in weißem Brillant⸗ feuer ein gigantiſches N aus der Nacht hervor; ein tauſend⸗ und abertauſendſtimmiges Vive'Empereur!“ übertönte den Donner der Kanonen, und wie ein Vulkanausbruch rauſchten zehntauſend Raketen zu den Sternen, das ganze Elbthal verklärend. Aber das hohe Kaiſerbild dort auf dem Schloßbalkone, dem dieſes Vergötterungsſchauſpiel galt, ſchaute mit dem⸗ ſelben finſtern Ernſte, welcher ſchon den ganzen Tag über auf dem Marmorgeſicht zu leſen war, auf die jubelnde Menge. Noch am ſpäten Abend durchwandelte Ruffus mit Eugen und Jerome die tageshellen Straßen. Ueber⸗ all flammten die goldnen Perlenſchnuren der Illu⸗ mination. „Die Lampenherrlichkeit,“ ſprach Ruffus,„iſt mir nachgerade zuwider geworden. Wir armen Deutſchen haben ſeit ſechs Jahren ſo viel illuminirt, und es iſt immer nicht beſſer geworden. Was kann auch aus dieſen anbefohlenen Freudenfeuern Gutes heraus⸗ kommen!“ Vor dem Palais des franzöſiſchen Geſandten, des Grafen Serra, war großes Gedränge. Die ganze Fagade glich einem Feenſchloſſe aus tauſend und einer Nacht. Inmitten ſtrahlten die Worte:„Incolumem servate! Instant majora peractis.“ „Das iſt ſehr relativ,“ meinte Ruffus,„das kann eben ſo gut auf Eure Vertreibung aus Deutſch⸗ land wie auf Napoleon's Weltherrſchaft deuten.“ „Vielleicht daß dieſe Worte den Frieden bedeu⸗ ten,“ tröſtete Jerome.„Noch ſind ja nicht alle Un⸗ terhandlungen abgebrochen.“ 80 „Wenn es den Herren Geſandten in Prag mit dem Frieden Ernſt wäre,“ erwiederte Ruffus,„wür⸗ den ſie nicht vier Wochen mit bloßen Formen verlv⸗ ren haben; ich glaube an keinen Frieden.“ „Ich auch nicht,“ geſtand Eugen.„Noch eine Schlacht, und die Leute werden zur Vernunft kommen.“ Die Drei kehrten nach Hauſe zurück, wo man dem Barbanegre, der morgen mit der alten Garde nach Bautzen aufbrechen ſollte, eine kleine Abſchieds⸗ fete gab. Am andern Tage gewann die Stadt ein ganz an⸗ deres Ausſehen. Die Trommel ſchlägt Lärm, die Poſtchaiſen fahren auf der Straße nach Mainz zu⸗ rück, die Fourgons eilen in die Hauptauartiere, die jungen Offiziere erſcheinen zu Pferde. Jeder iſt wie⸗ der in das kriegeriſche Gewand gekleidet; der Mili⸗ tairluxus wird in die Felleiſen gepackt. Man erblickt nur noch den Glanz der Lanzen und Bayonnette. Die Truppen defiliren, die Lager werden öde und Alles wälzt ſich auf der Straße nach Bautzen dahin. Es war am 15. Auguſt, Nachmittags zwei Uhr; bereits hat Napoleon ſeine Reitpferde und Relais vor⸗ ausgeſchickt; ſein Reiſewagen iſt vor dem Thore des Marcoliniſchen Palaſtes vorgefahren. Alles iſt zum Aufbruch bereit. Noch lebt in der Bruſt des Kaiſers ein Hoffnungsſchimmer zur friedlichen Ausgleichung. Er geht mit großen Schritten, vom Könige von Nea⸗ pel begleitet, in dem Hauptgange des Marcoliniſchen Gartens auf und ab. Da meldet der dienſtthuende Adjutant den Grafen Narbonne, welcher ſo eben von Prag angelangt ſei. „Ou'il vienne!“ ruft Napoleon, und in wenig Minuten erſcheint der zeitherige Botſchafter am Wie⸗ — 81 ner Hofe. Der König von Neapel verliert ſich in die entlegnern Parthien des Gartens, der Miniſter Maret wird gerufen. „Nun, Narbonne,“ fragt Napoleon,„was brin⸗ gen Sie?“ „Sire, den Krieg mit Heſterreich!“ iſt die inhaltsſchwere Antwort. „Und meine letzte Willensmeinung durch Bubna, worin ich alle Forderungen Oeſterreichs bewillige?“ fährt der Kaiſer fort. „Herr von Metternich geſteht zu,“ erwiedert der General,„daß die Zugeſtändniſſe Ew. Majeſtät am zehnten noch den Frieden hätten herbeiführen können. Jetzt ſei es zu ſpät. Man habe ſich von Neuem an den Kaiſer Alexander zu wenden, der ſtündlich zu Prag erwartet werde.“ „Wie?“ ruft Napoleon,„ſo war alſo der Verzug weniger Stunden in einer ſo wichtigen Kriſe hin⸗ reichend, eine Urſache zum Kriege, zum allgemeinen Brande in die Hand zu geben? Und gerade Dieje⸗ nigen, welche am lauteſten von ihrem Wunſche nach Frieden geſprochen haben, welche ihren Eifer ſo weit trieben, ſich als Vermittler aufzuwerfen, ſind es, welche ſich mit einem ſolchen Grunde waffnen! Kann man die Pünktlichkeit weiter treiben?“ Er ging eine Zeit lang ſchweigend auf und nie⸗ der. Nach einer Pauſe ſprach er:„Es iſt kein Zweifel mehr, der Waffenſtillſtand ward nur aus der Abſicht geſchloſſen, Oeſterreich Zeit zu verſchaffen, ſeine Rüſtungen zu vollenden. Die Formen einer Unter⸗ handlung wurden blos gewählt, den Uebergang aus dem Verhältniſſe eines Alliirten in das des erklärten Feindes beſſer zu verſchleiern.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XII. 6 —— 82 Wieder erfolgt eine Pauſe, wo der Kaiſer in Ge⸗ danken auf und nieder geht. „Oeſterreich in der vermittelnden Rolle,“ fährt er fort,„machte jede Ausſicht zum Frieden unmöglich: Oeſterreich aber den Krieg erklärend, ſetzt uns in eine wahrhaftere und einfachere Stellung. Europa ſteht jetzt dem Frieden näher, es iſt eine Verwickelung weniger. Wohlan! wenn die Verbündeten ſo große Hoffnung auf das Glück der Schlachten ſetzen, brau⸗ chen deshalb die Unterhandlungen nicht abgebrochen zu werden. Baſſano, ſchreiben Sie Metternich, von heute an ſoll ein Congreß in einer Grenzſtadt eröff⸗ net werden, die man für neutral erklären wird. A voiture!“ Mit dieſen Worten geht Napoleon ſchnell ſeinem Wagen zu. Im Augenblicke brauſen die Roſſe mit dem Kaiſer von Frankreich die Brückenſtraße entlang. Von den Thürmen Dresdens erklingt die fünfte Stunde des Nachmittags.— Das blutige Spiel um den Erd⸗ ball ſoll von Neuem beginnen. Preußiſches Feldlager. Friſch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen- Theodor Körner. Erſtes Rapitel. — In dem ſchönen Schloßparke des Herrn von Stei⸗ nau in Niederſchleſien gab es ein munteres, geſelliges Leben. Während dort in der geräumigen Laube ein Profeſſor der Berliner Academie ſeine durch den Krieg unterbrochene Interpretativn der Odyſſee vor einem kleinen Kreiſe auch im Felde treugebliebener Commi⸗ litonen fortſetzte, ließen andere Jünglinge auf dem grünen Raſenplatze die Schläger luſtig zuſammenklir⸗ ren. Nur ein kleiner Theil der einquartierten preußi⸗ ſchen Muſenſöhne vertrieb ſich die Zeit der Waffen⸗ ruhe durch zeittödtendes Kartenſpiel. Tiefer im Parke, wo die Stille der uralten Eichen nur durch das Rauſchen eines kleinen natürlichen Waſſerfalls unterbrochen ward, wandelte einſam ein Jüngling in den erſten zwanziger Jahren; kaum floß ein leichter Flaum um das jugendliche Kinn. In der Hand hielt er ein kleines Portefeuille, deſſen Einband mit himmelblauem Moire überzogen war. Von tunſtreicher Hand erblickte man darauf deutungsvolle Blumen geſtickt, zwiſchen welchen ſich der Name Tony hindurch ſchlang. 86 Wiederholt küßte der Jüngling die zarte Sticke⸗ rei; dann ſchrieb er auf eins der weißen Pergament⸗ blätter folgende Verſe: „Was uns bleibt, wenn Deutſchlands Säulen brechen, Wenn der Götter Stimme trügt, „Wenn der Menſcheit Wunden ſich nicht rächen, Wenn das heiligſte Vertrauen lügt; Wenn umſonſt die aufgeblitzte Jugend Um des Vaterlandes Kerker ſtürmt, Und des Volkes ſpartergleiche Tugend Fruchtlos Leichen über Leichen thürmt? Was uns bleibt, wenn wir trotz unſerm Rechte Knirſchend vor dem falſchen Glücke ſtehn, Und des Wüthrichs feile Henkersknechte Mordend durch der Freiheit Tempel gehn? Was uns bleibt, wenn unſer Blut vergebens Auf des Vaterlandes Grabe raucht, Und der Freiheit Stern, der Stern des Lebens An dem deutſchen Himmel niedertaucht?— Was uns bleibt rühmt nicht des Wiſſens Bronnen, Nicht der Künſte ſegensreichen Strand; Für die Knechte giebt es keine Sonnen, Und die Kunſt verlangt ein Vaterland. Aller Götter Stimmen ſind verklungen Vor dem Jammerton der Sclaverei; Und Homer, er hätte nie geſungen: Doch ſein Griechenland war frei!— Was uns bleibt?— Ein chriſtliches Ertragen, Wo des Dulders feige Thräne thaut?— Soll ich ſelbſt den Altar mir zerſchlagen, Den ich mir im Herzen aufgebaut? Soll ich das für Gottes Finger halten, Wo der Menſchheit Engel Rache ſchrein? Wo die Teufel teufliſch walten, Das kann nur die Hölle ſein! Bleibt uns nichts?— Flieh'n alle gute Engel Mit verwandtem Angeſicht? Brechen aller Hoffnung Blüthenſtengel, Weil des Sieges Palme bricht? Kann den Arm kein rettend Kreuz umklammern In der höchſten letzten Noth? Müſſen wir verzweifeln und verjammern, Giebt es keine Freiheit als den Tod?“—— Der Jüngling war dichtend und ſchreibend immer vorwärts gegangen. Tiefe Wildniß umgab ihn; Hecken und Dornen verſperrten den Weg. Er drang muthig vorwärts und erreichte das äußerſte Ende des Parks, welches eine Felſenplatte bildete, von wo aus man eine entzückende Ausſicht über das Oderthal genoß. Aus weiter Ferne herauf rauchten die Bivonaks, blitz⸗ ten die Schwerter und Bayonnette der preußiſchen Jugend⸗ und Männerwelt. Die ganze Gegend glich einem unermeßlichen Kriegslager. Da glühten die Blicke des Jünglings in ſeliger Begeiſterung, eine Thräne trat aus dem treuen Auge. „Gäb es keine Freiheit als den Tod?“— frug er wiederholt, ſchüttelte mit ſeligem Lächeln das Haupt und ſchrieb weiter: „Seh'n wir's nicht im Aufſchwung unſ'rer Jugend, In des ganzen Volkes Heldengeiſt, Ja es giebt noch eine deutſche Tugend, Die allmächtig einſt die Kette reißt. Wenn auch jetzt noch in bezwung'nen Hallen Tyrannei der Freiheit Temvel bricht;— Deutſches Volk, du konnteſt fallen, Aber ſinken kannſt du nicht! Und noch lebt der Hoffnung Himmelsfunken! Muthig vorwärts durch das falſche Glück! s war ein Stern! und iſt er auch geſunken, Bringt ihn uns der Morgen einſt zurück. 88 's war ein Stern!— die Sterne bleiben; 's war der Freiheit gold'ner Stern! Laß die blut'gen Wolken treiben; Der iſt in der Huth des Herrn! Mag die Hölle drohen, wüthen, ſchnauben; Der Tyrann reicht nicht hinauf, Kann dem Himmel keine Sterne rauben; Unſer Stern geht auf! Ob die Nacht die freud'ge Jugend tödte, Für den Willen giebtes keinen Tod; Und des Blutes deutſche Heldenröthe Jubelt von der Freiheit Morgenroth!“ Während der Dichter dieſer Strophen noch auf der Steinbank der Felſenplatte ſaß und mit ſtiller Begeiſterung auf das herrliche, waffenlaute Oderthal herabſchaute, ſprengte Gotthardt Steinberg, der Ad⸗ jutant des Herrn von Steinau, welcher Letztere meh⸗ re Escadrons freiwilliger Jäger commandirte, in den Schloßhof. So wie er vom Pferde geſtiegen, eilte er nach den Gemächern ſeines Chefs, und bald kamen die Zwei in den Park herab, wo ſich alsbald eine Gruppe junger Krieger um ſie bildete. „Bruders Gruß und Kuß,“ ſprach Gotthardt, „von allen preußiſchen Männern und Jünglingen. Es iſt entſchieden, Friedrich Wilhelm wird das Schwert nicht niederlegen, bevor nicht der letzte fränkiſche Scherge Deutſchlands Boden verlaſſen hat. Entweder wir ſiegen oder wir gehen unter!“ „Sieg oder Tod“ fiel die begeiſterte Schaar ein, „es lebe die Freiheit, König und Vaterland!“ „Ich habe auf meiner Reiſe durch alle preußiſche Lande und Heerlager,“ fuhr Gotthardt fort,„in Städten, auf dem Lande, in Paläſten, in Hütten, in des Künſtlers und Handwerkers Werkſtätte, in den ——— 89 Hörſälen der Wiſſenſchaft wie in der armſeligen Hütte des Tagelöhners nur Einen Gedanken, nur Ein Ziel gefunden— ſie heißen Gott, König und Vaterland!“ „Gott, König und Vaterland!“ tönte es von Neuem aus Aller Herzen und Munde. „Sieg oder Tod!“ rief Gotthardt mit erhöhter Stimme,„ein Drittes iſt nicht denkbar. Friedrich Wilhelm mit allen Waffenfähigen ſeines Hauſes ſteht an unſrer Spitze. Unſer Ziel iſt groß— göttlich; aber es bedarf auch der außerordentlichſten Mittel. Wir müſſen die Schiffe verbrennen wie Cortez. Vor⸗ wärts! heißt der Wahlſpruch unſers Feldmarſchalls, er iſt die Parole in dieſem heiligen Kriege. Das ganze preußiſche Volk wird ſich erheben und am Kampfe Theil nehmen. Der allgemeine Aufſtand ver⸗ breitet ſich von Dorfzu Dorf. Ueberall iſt er bereits or⸗ ganiſirt. Jeder Bürger iſt verpflichtet, mit irgend einer Waffe ſich dem Einfalle des Feindes entgegen zu ſtel⸗ llen. Alle Orte find für vertheidigungsfähig erklärt. Der Aufſtand in Maſſe verſammelt ſich bei Annähe⸗ rung des Feindes; der Aufſtand in Maſſe beſteht aus Allem, was nicht zur Linie oder Landwehr gehört. Er unterſtützt die Armee, wenn ſie widerſteht, und handelt im Rücken, falls ſie ſich zurückzieht. Der Volksaufſtand wird bis zu der Verzweiflung kämpfen. Alle Mittel ſind ihm gegen den Feind erlaubt. Er ſoll denſelben aus Hinterhalten überfallen und die Lebensmittel abſchneiden. Der Aufſtand in Maſſe hat keine Uniform, weil man ihn erkennen würde. Er hat Offiziere, die er ſelbſt wählt. Er bewaffnet ſich mit Flinten, Säbeln, Piquen und Heugabeln. Bei Annäherung des Feindes räumen die Einwohner die Dörfer und ziehen ſich in die Wälder zurück, nehmen das Mehl mit, zerſtören die Vorräthe, die ſie nicht 90 hinwegbringen können, verbrennen die Mühlen und Fahrzeuge, verſchütten die Brunnen und brechen die Brücken ab. Es koſtet weniger, ein Dorf wieder zu erbauen, als den Feind zu nähren. In Städten, die vom Feinde beſetzt ſind, dürfen keine Bälle ſtattfinden, ſelbſt die Heirathen ſind verboten; hauptſächlich aber darf kein Dienſt der Bürgergarden verrichtet werden. Die Ausſchweifungen des Pöbels ſchaden weniger als eine Bürgerwacht, die vom Feinde verwendet werden könnte.“ Gotthardt hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als Reinhold den Hauptgang daher eilte. Sein Geſicht war bleich und verſtört. „Auf, zu den Waffen, zur Rache!“ rief er außer ſich, einen offenen Brief emporhaltend. Vergebens frug man nach der Urſache ſeiner Auf⸗ geregtheit. Er vermochte nichts als die Worte her⸗ vorzubringen:„Da, leſet!“ womit er den vffenen Brief hinhielt und erſchöpft auf eine Raſenbank nie⸗ derſank. Einer der Zunächſtſtehenden ergriff das Papier und las laut folgende Worte: Dresden, Anguſt 1813. „Die Tyrannei der fränkiſchen Despoten hat bei uns den höchſten Grad erreicht. Conſtan⸗ tin, welcher an ſeinen bei der Flucht erhaltenen Wunden zeither ſchwer darniedergelegen, iſt geſtern von einem franzöſiſchen Kriegsgericht als Rebell verurtheilt und heute Morgen in aller Frühe vor dem Pirnaiſchen Schlage erſchoſſen worden. Der herrliche Jüngling ging mit wahrer Begeiſterung in den Tod. Er ließ ſich weder die Augen ver⸗ binden, noch knieete er auf den Sandhügel. Be⸗ —— 91 vor der Peloton auf ihn anſchlug, rief er:„Trefft gut, Grenadiere!“ „Nayen pus peur,“ antwortete ein alter Grau⸗ bart, den das junge Blut dauern mochte,„les grenadiers frangais tirent bien.“ Mit dem Ausrufe:„Es lebe die Freiheit, es lebe Deutſchland!“ brach das Schlachtopfer zuſam⸗ men. Der edle Durosnel hatte Alles aufgeboten, den Unglücklichen zu retten, aber der Rettungsplan wurde durch die Intriguen der berüchtigten Stern⸗ burg entdeckt und verrathen. Die geheime Poli⸗ zei bemächtigte ſich des Opfers, und keine menſch⸗ liche Macht vermochte es zu retten.“ „Ha!“ rief Reinhold, der bei dem Namen Stern⸗ burg wie aus einem Traume auffuhr,„lebt kein Gott im Himmel?“ Er rannte wie wahnſinnig von dannen. Der vorgeleſene Brief hatte auf Alle den außer⸗ ordentlichſten Eindruck hervorgebracht. Alle ſchwuren mit emporgeſtreckten Armen, das neue Opfer fremder Tyrannei zu rächen. Der Jüngling aus dem Parke aber, der ſchon Gotthardt's Worten von fern mit der größten Theilnahme gelauſcht hatte, trat jetzt haſtig in den Kreis der Waffenbrüder. Seine Blicke leuchteten in überirdiſchem Feuer und mit propheten⸗ artiger Begeiſterung rief er: „Auf, auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen, Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht, Du ſollſt den Stahl in Feindes Herzen tauchen, Friſch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen; Die Saat iſt reif, Ihr Schnitter, zaudert nicht! Das böchſte Heil, das letzte, liegt im Schwerte, Drück' Dir den Speer in's treue Herz hinein, Der Freiheit eine Gaſſe!— Waſch' die Erde, Du deutſches Land, mit Deinem Blute rein! 92 Es iſt kein Krieg, von dem die Kronen wiſſen; Es iſt ein Kreuzzug, 8 iſt ein beil'ger Krieg! Recht, Sitte, Tugend, Glauben und Gewiſſen Hat der Tyrann aus unſrrer Bruſt geriſſen; Errette ſie mit Deiner Freibeit Sieg! Das Winſeln Deiner Greiſe ruft:„Erwache!“ Der Hütte Schutt verflucht die Räuberbrut, Die Schande Deiner Töchter ſchreit um Rache, Der Meuchelmord der Söhne ſchreit nach Blut. Zerbrich die Pflugſchaar, laß den Meiſel fallen, Die Leyer ſtill, den Webſtubl ruhig ſteh'n! Verlaſſe Deine Höfe, Deine Hallen— Vor deſſen Antlitz Deine Fahnen wallen, Er will ſein Volk in Waffenrüſtung ſeh'n. Denn einen großen Altar ſollſt Du bauen In ſeiner Freiheit ew'gem Morgenroth; Mit Deinem Schwert ſollſt Du die Steine hauen— Der Tempel gründe ſich auf Heldentod. Was weint Ihr, Mädchen, warum klagt Ihr, Weiber, Für die der Herr die Schwerter nicht geſtählt, Wenn wir entzückt die jugendlichen Leiber Hinwerfen in die Schaaren Eu'rer Räuber, Daß Euch des Kampfes kühne Wolluſt fehlt?— Ihr könnt ja frob zu Gottes Altar treten! Für Wunden gab er zarte Sorgſamkeit, Gab Euch in Euren herzlichen Gebeten Den ſchönen reinen Sieg der Frömmigkeit. So betet, daß die alte Kraft erwache, Daß wir daſteh'n, das alte Volk des Siegs! Die Märtyrer der heil gen deutſchen Sache,— O, ruft ſie an als Genien der Rache, Als gute Engel des gerechten Kriegs! Louiſe, ſchwebe ſegnend um den Gatten; Geiſt unſers Ferdinand, voran dem Zug! Und all' ihr deutſchen freien Heldenſchatten, Mit uns, mit uns, und unſ'rer Fahnen Flug! Der Himmel hilft, die Hölle muß uns weichen! Drrauf, wack res Volk, drauf, ruft die Freiheit, d'rauf! 93 Hoch ſchlägt Dein Herz, hoch wachſen Deine Eichen, Was kümmern Dich die Hügel Deiner Leichen? Hoch pflanze da die Freiheitsfahne auf!— Doch ſteh'ſt Du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke, In Deiner Vorzeit heilgem Siegerglanz: Vergiß der treuen Todten nicht, und ſchmücke Auch unſ're Urne mit dem Eichenkranz!“ Die begeiſterten Dichterworte verfehlten ihre Wir⸗ kung nicht. Man umarmte den trefflichen Jüngling. „Unſer Tyrtäus lebe, Theodor Körner!“ tönte es von allen Seiten. Da ſprengten abermals ein paar Reiter in den Schloßhof. „Beim Himmel!“ rief Herr von Steinau,„der Feldmarſchall.“ Alle eilten dem gefeierten Feldherrn entgegen. Blücher war mit ſeinem Adjutanten abgeſtiegen. Er ward mit Enthuſiasmus empfangen. Der väterliche Greis überſchaute nicht ohne Wohlgefallen die blü⸗ hende Jugend und das kräftige Männerchor rings⸗ umher. „Nun, haltet Euch hübſch bereit, meine Kinder,“ ſprach er,„in ein paar Tagen werden wir alle Hände voll zu thun haben. Wir dürfen uns bei Leibe Schleſien nicht wieder nehmen laſſen, und darauf ſcheint's abzeſehen.“ Er überflog nochmals die Verſammlung und als er Körner erblickte, trat er auf ihn zu. „Da iſt ja unſer braver Sachſe,“ ſprach er, dem jungen Dichter treuherzig die Hand ſchüttelnd.„Ich alter Huſar hab' ſonſt auf die Poeten nicht viel ge⸗ halten, aber weiß Gott, Ihre Verſe haben mir das Herz im Leibe umgewandt, man ſieht's gleich, daß ſie ſo recht aus dem Herzen hervorkommen, wie bei dem wackern Schiller; und was mir abſonderlich von 9⁴ Ihnen gefällt, fuhr er fort,„daß Sie ſelber mit der Klinge bei der Hand ſind, daß die That hinter dem Worte nicht zurückbleibt. So laß ich mir den Poe⸗ ten gefallen.“ Körner ſtand ganz beſchämt von dem Lobe des Feldherrn, als Herr von Steinau frug, ob Seiner Excellenz nicht gefällig ſei, in's Schloß zu treten?“ „Hab' keine Zeit, meine Freunde,“ ſprach Blü⸗ cher,„wollen noch ein paar Cantonnirungen der Um⸗ gegend beſuchen und müſſen heut' in's Hauptquartier zurück; wir ſind jetzt keine Stunde ſicher, daß der Tanz losgebt.“ „Nun, meine Freunde,“ wandte er ſich zu den Um⸗ ſtehenden,„vertrauen wir auf Gott, unſere gerechte Sache und unſer Schwert, ſo werden wir auch ſie⸗ gen. So Gott will, hilft uns diesmal der Oeſter⸗ reicher mit. Lebt wohl, meine deutſchen Freunde.“ Mit dieſen Worten ſchwang ſich Blücher wieder auf ſeinen Schimmel, und von dem begeiſternden Zu⸗ rufe der Freiwilligen begleitet, ſprengte er durch das Schloßthor. . zweites Rapitel. e In völliger Waffenrüſtung ging Reinhold am andern Morgen im Parke des Herrn von Steinau auf und ab. Er hielt abermals einen Brief in der Hand und die Spuren eines heftigen innern Kampfes waren auf dem Antlitz des Jünglings deutlich zu leſen. 95 „So iſt denn Alles verloren,“ ſprach er nach ei⸗ ner Weile dumpf für ſich,„die Geliebte des Herzens und mein Vertrauen auf die Menſchheit. Mir ver⸗ bleibt hienieden nur noch ein Geſchäft, das der— Rache, und beim Himmel, ich will es vollführen bis zum letzten Athemzuge meines Lebens.“ Gotthardt kam den Gang daher und erſchrak über das Ausſehen des Bruders. „Ich muß Euch verlaſſen,“ ſprach Reinhold mit ernſter Entſchloſſenheit,„ich trete unter die Fahnen der Hauptarmee, welche gegen Dresden vorrückt.“ „Wie?“ frug Gotthardt verwundert,„aus un⸗ ſerm heiligen Bunde willſt Du ſcheiden, der jetzt in Leid und Freud ſo treu zuſammengehalten?“ „Ich bleibe ihm treu,“ erwiederte Reinhold,„ich kämpfe unter Kleiſt für dieſelbe Sache, für die Ihr unter Blücher kämpft, aber mich ruft eine höhere Miſſion vor Dresden.“ Der Bruder blickte ihn verwundert an. „Gegen unſere eigene Vaterſtadt,“ ſprach er,„wo unſere Lieben, wo die Braut Deines Herzens weilt, willſt Du die Todeskugel ſenden?“ „Ich liebe nichts mehr auf dieſer Welt,“ entgeg⸗ nete der Jüngling und ſeine Stimme brach in gewal⸗ tigem Schmerze. Er reichte dem Bruder den Brief und ſchlich, die Hände vor dem Geſichte, nach der Laube.* Gotthardt las. Der Schluß des Schreibens lautete: „Es iſt nur zu gewiß, daß es dem Fremdling gelungen iſt, Anna's Herz zu erobern. Man er⸗ zählt ſich bereits von einer Verlobung zwiſchen Bei⸗ den, die durch den eigenen Bruder beſchleunigt wor⸗ 96 den ſein ſoll. Die Verrätherin, die ſo argliſtig mit ihrer Liebe zum Vaterlande und zu Dir ko⸗ quettirte, verdient zweifach den Tod. Ich biete Dir, Du ſchändlich Betrogener, die Hand zur Rache. Dein Friedrich.“ Gotthardt's Stirn, als er dieſe Zeilen geleſen, verfinſterte ſich ſichtbar. Er eilte dem Bruder nach. „Und auf die Denunciation dieſes Feiglings,“ frug er,„willſt Du Anna ungehört verdammen? Weißt Du nicht, daß Friedrich früher ſelbſt Dein Nebenbuhler war, aber von der patriotiſchen Anna, wegen ſeines feigen und zweideutigen Benehmens in Betreff des großen Kampfes, mit entſchiedener Ver⸗ achtung zurückgewieſen wurde? Es iſt Hundert gegen Eins zu wetten, daß nur Neid und heimtückiſche Rach⸗ ſucht dieſem Erbärmlichen die Feder geführt hat.“ „Darum will ich ſelbſt hin,“ fuhr Reinhold auf, „und mich überzeugen; ich will die Treuloſe nicht un⸗ gehört verdammen; aber das ſchwöre ich bei allen Himmeln, tritt mir der Fremdling, der es wagte, ſein Auge zu einem deutſchen Mädchen zu erheben— und daß er es wagte, hab' ich der Beweiſe in Dres⸗ den zu wiederholten Malen erhalten— tritt er mir entgegen, es ſei wo es wolle, ſo fällt dieſer Räuber meines Eigenthums von meiner Hand.“ Vergebens war alles Zureden des beſonnenen Gott⸗ hardt; der leidenſchaftliche Bruder ließ ſich von ſei⸗ nem übereilten Vorhaben nicht abbringen. „Ich hab' es geſchworen!“ rief er entſchloſſen, „und dabei bleibt es.“ Er umarmte ſtürmiſch den Bruder und weinte lange an deſſen Bruſt. 9 „Leb' wohl, Bruderherz,“ waren ſeine letzten Worte,„der Commandant hat meinen Uebertritt zu Kleiſt bereits bewilligt, grüße die Freunde; ſo wahr mir Gott helfe, ich kann nicht anders— ich muß nach Dresden.“ Er riß ſich los und ſtürmte dem Schloſſe zu. „Reinhold, Reinhold!“ rief Gotthardt dem Da⸗ voneilenden nach,„ein einziges Wort“— ober be⸗ reits hatte der leidenſchaftliche Jüngling ſein Roß, das geſattelt im Schloßhofe ſtand, erreicht, ſchwang ſich hinauf und ſprengte fort auf der Straße nach Böhmen. Unterdeß ſchmetterten die Trompeten zum Auf⸗ bruch. Die auf dem Gute des Herrn von Steinau in Quartier gelegenen Freiwilligen verſammelten ſich auf dem Schloßhofe. Angeführt von dem Comman⸗ danten, trat man Paar für Paar den Zug nach dem am Fuße des Schloßberges freundlich gelegenen Dorfe an, wo die Kirche, zur feierlichen Einſegnung der Freiſchaar, einfach, aber würdig ausgeſchmückt war. Es war ein wunderſchöner, klarer Auguſtmorgen. Mit gottgeweihtem Herzen betrat die heilige Schaar den ſtillen Tempel des Herrn; die Orgel ertönte und nach der Melodie:„Ich will nach meiner Miſſethat ꝛc.“ wurde nachſtehendes, für dieſe erhebende Feier von Theodor Körner beſonders gedichtete Lied geſungen: „Wir treten hier in Gottes Haus Mit frohem Muth zuſammen. Uns ruft die Pflicht zum Kampf hinaus, Und alle Herzen flammen Denn was uns mahnt zu Sieg und Schlacht, Hat Gott ja ſelber angefacht. Dem Herrn allein die Ehre! Stolle, ſämmtl. Schriften. Kll. — 98 Der Herr iſt unſ're Zuverſicht Wie ſchwer der Kampf auch werde; Wir ſtreiten ja für Recht und Pflicht Und für die heil'ge Erde. D'rum, retten wir das Vaterland, So that's der Herr durch unſ're Hand. Dem Herrn allein die Ehre! Es vricht der freche Uebermuth Der Tyrannei zuſammen, Es ſoll der Freiheit heil'ge Gluth In allen Herzen flammen. D'rum friſch in Kampfes Ungeſtüm! Gott iſt mit uns und wir mit ihm! Dem Herrn allein die Ehre! Er weckt uns jetzt mit Siegerluſt Für die gerechte Sache; Er ruft es ſelbſt in unſ're Bruſt: Auf, deutſches Volk, erwache! Und führt uns, wär's auch durch den Tod, Zu ſeiner Freiheit Morgenroth. Dem Herrn allein die Ehre!“ Nach dem Geſange dieſer Verſe trat der würdige Prediger des Orts, Peters mit Namen, vor den Al⸗ tar und ſprach zu den Männern und Jünglingen, die ſich der Befreiung des Vaterlands geweiht hatten, in herzergreifenden, todesfreudigen Worten. Kein Auge blieb thränenleer. Wie ein Heiliger der Vorzeit ſtand der Verkünder des göttlichen Wortes vor der erleſe⸗ nen Heldenſchaar. „Mancher von Euch,“ ſprach er,„wird mit ſei⸗ nem Herzblute die heilige Vatererde tränken, aber die daraus hervorbrechende Saat zu einem freien vater⸗ ländiſchen Himmel emporblicken. Wir haben einen bittern Kelch zu leeren, Mancher wird ſich den Tod trinken; aber mit Gott, meine Freunde, wir trinken 99 nur auf die Geſundheit eines großen herrlichen Vol⸗ kes. Unſer Schmerz, daß das Vaterland zum Tode getroffen niederſank, iſt eben ſo gerecht als groß. Trauert doch der Landmann, wenn Spätfroſt oder Schloßenregen die grünen Halme ſeiner Ernte vernich⸗ ten; doch ſo gewiß der Thau vom Himmel träuft, welcher das Saatkorn getränkt, ſo gewiß die Sonne ihre Strahlen ſchickt, welche es hervorgerufen an's Licht,— ſo gewiß werden neue Saaten grünen, ſo gewiß werden wir unſere Freiheit wieder erkämpfen, da die Stunde gekommen iſt— denn ein Volk, das nicht verdient zu ſterben, ſtirbt nicht. „Laßt uns, meine Freunde, nicht thöricht jam⸗ mern, als ob all' das Blut, was bereits im Kampfe für Freiheit und Unabhängigkeit gefloſſen iſt, verge⸗ bens gefloſſen ſei. Kein Schwertſchlag iſt vergebens gefallen— und keine Kette wird vergebens geſchmie⸗ det, auf daß ſie nicht dereinſt in die Wagſchaale ge⸗ worfen werde am Tage des Gerichts— und Ketten wiegen ſchwer. „Die Freiheit, obgleich im Unglück, iſt nie mäch⸗ tiger geweſen als gegenwärtig. Sie iſt heute reicher als geſtern, denn täglich werden tauſend junge Frei⸗ heitskämpfer mündig. Gott lebt noch, meine Freunde, und wir werden ſiegen. Schwört mir jetzt für die Sache der Menſchheit, des Vaterlandes, der Religion weder Blut noch Gut zu ſchonen, und zu ſiegen oder zu ſterben für die gerechte Sache.“ „Wir ſchwören!“ tönte es aus Einem Munde. Da warf ſich der Prediger vor dem Altar auf die Knie und flehte Gott um Segen für ſeine Käm⸗ pfer an. Es war ein Augenblick, wo Allen die Todesweihe 100 flammend durch die Bruſt zuckte, wo alle Herzen hel⸗ denmüthig ſchlugen. Der feierlich vorgeſagte und von Allen nachgeſpro⸗ chene Kriegereid, auf die Schwerter der Offiziere ge⸗ ſchworen, und das Lutherlied:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott“ beſchloß die großherzige und erhebende Feier. Schon hatte man ſich zum Aufbruch erhoben, da ſprang Gotthardt auf eine der Kirchbänke und ſchwang wie ein Kriegsgott den funkelnden Degen. „Meine Brüder!“ rief er,„es lebe Deutſch⸗ lands Freiheit!“ In dem Augenblicke flammten alle Schwerter über den Häuptern der begeiſterten Schaar, und durch die dunkeln Räume des Gotteshauſes rollte ein donnern⸗ des Vivat für die deutſche Freiheit. Die geweihten Kämpfer zogen zurück auf's Schloß. Zum letzten Male verſammelten ſie ſich in dem gro⸗ ßen und ſchönen Saale, wo ſie oft während der Waf⸗ fenruhe zu ernſter und heiterer Unterhaltung zuſam⸗ mengekommen waren, und tranken aus einem großen alterthümlichen, mit uraltem Rheinweine gefüllten Po⸗ kale der Reihe nach auf glücklichen Ausgang des hei⸗ ligen Kampfs. Zu gleicher Zeit traten die beiden reizenden Töchter des Herrn von Steinau mit Körb⸗ chen voll halb aufgebrochener Roſen in den Saal und vertheilten die blühende Spende mit vieler Anmuth unter die Streiter für Freiheit und Vaterland. Alſo, wie in den alten Zeiten, von ſchöner Frauen⸗ hand ritterlich beſchenkt, ſchwang ſich die begeiſterte Schaar auf die im Schloßhofe bereitgehaltenen Roſſe; die Trompeten ſchmetterten, und bald war das dahin brauſende Geſchwader auf der Straße gen Breslau verſchwunden. 104 Drittes Rapitel. D Die Bivouakfeuer waren niedergebrannt. Im Ange⸗ ſicht des preußiſchen Heeres entwickelte ſich die fran⸗ zöſiſche Armee rings auf Höhen und in der Ebene. Ein blutiger Tag ſtand bevor. Steinau hielt mit ſeiner Schwadron am äußerſten rechten Flügel. Die muthige Schaar konnte kaum den Augenblick erwarten, loszubrechen. Bereits begann das Geplänkel der Ti⸗ railleure. Auf einer gegenüberliegenden Anhöhe wur⸗ den feindliche Batterien aufgefahren. Die Schwadronen erhielten Befehl abzuſitzen. In verhängnißvollem Schweigen, mit hochklopfendem Her⸗ zen ſtanden die Männer und Jünglinge in ernſten Gruppen beiſammen. Es war ein kalter, unfreund⸗ licher Morgen. Da trat Theodor Körner unter ſie. Seine Blicke leuchteten vor Begeiſterung und Kampfluſt. Er war dichtend und ſchreibend auf- und abgegangen. „Und iſt's mein letztes Lied,“ rief er,„ſo ſollt Ihr es wenigſtens noch hören, meine Freunde.“ Man ſchloß einen Kreis und der Dichter be⸗ gann: „Ahnungsgrauend, todesmuthig,„ Bricht der große Morgen an; Und die Sonne kalt und blutig Leuchtet unſrrer blut'gen Bahn. In der nächſten Stunde Schooße Liegt das Schickſal einer Welt Und es zittern ſchon die Lovoſe, Und der ehr'ne Würfel fällt. 102 Brüder, Euch mahne die donnernde Stunde, Mahne Euch ernſt zu dem heiligſten Bunde, Treu, ſo zum Tod, als zum Leben geſellt! „ Hinter uns, im Grau'n der Nächte, Liegt die Schande, liegt die Schmach, 8 Liegt der Frevel fremder Knechte, Der die deutſche Eiche brach. Unſ're Sprache ward geſchändet, Unſ're Tempel ſtürzten ein, Unſ're Ehre ward verpfändet, Deutſche Brüder, löſtt ſie ein! Brüder, die Rache flammt! Reicht Euch die Hände, Daß ſich der Fluch der himmliſchen wende! Löſ't das verlor'ne Pilladium ein. Vor uns liegt ein glücklich Hoffen, Liegt der Zukunft gold'ne Zeit, Steht ein ganzer Himmel offen, Blüht der Freiheit Seligkeit. Deutſce Kunſt und deutſche Lieder, Frauenhuld und Liebesglück, Alles Große kommt uns wieder, Alles Schöne kehrt zurück. Aber noch gilt es ein gräßliches Wagen, Leben und Blut in die Schanze zu ſchlagen; Nur in dem Opfertod reift uns das Glück. Nun mit Gott! wir wollen's wagen, Feſt vereint dem Schickſal ſteh'n, Unſer Herz zum Altar tragen Und den Tod entgegen geh'n. Vaterland! dir woll'n wir ſterben, Wie dein großes Wort gebeut! Unſ're Lieben mögen's erben, Was wir mit den Blut befreit. Wachſe, du Freiheit der deutſchen Eichen, Wachſe empor über unſ're Leichen! Vaterland, höre den heiligen Eid. Und nun wendet Eure Blicke Noch einmal der Liebe nach, Scheidet von dem Blüthenglücke, Das der gift'ge Süden brach 103 Wird Euch auch das Auge trüber— Keine Thräne bringt Euch Spott. Werft den letzten Kuß hinüber, Dann befehlt ſie Eurem Gott. Alle die Lippen, die für uns beten, ℳ Alle die Herzen, die wir zertreten, Tröſte und ſchütze ſie, ewiger Gott! Und nun friſch zur Schlacht gewendet, Aug' und Herz zum Licht hinauf! Alles Ird'ſche iſt vollendet, Und das Himmliſche geht auf. Faßt Euch an, Ihr deutſchen Brüder! Jede Nerve ſei ein Held! Treue Herzen ſeh'n ſich wieder; Lebewohl für dieſe Welt. Hört Ihrs? ſchon jauchzt es uns donnernd entgegen! Brüder, hinein in den blitzenden Regen! Wiederſehn in der beſſern Welt!“ Kaum hatte der Dichter dieſe Worte geſprochen, als ſich über die gegenüberliegende Anhöhe ein weiß⸗ grauer Dampf legte, und eine Batterie von dreißig franzöſiſchen Zwölfpfündern ein erderſchütterndes Ge⸗ witter begann. In demſelben Augenblicke brauſ'te Gotthardt in geſtreckter Carriere daher. „Zu Roß! zu Roß!⸗ rief er,„die Batterie muß Fhen Die Trompeter von acht Schwadronen ſchmetterten zum Auffitzen und Angreifen. Unter allgemeinem be⸗ geiſterten Hurrah ſchwangen ſich die Reiter raſſelnd auf die Roſſe; ein Klingenwald flog flammend aus den Scheiden. „Kinder, Wiederſehen in beſſerer Welt!“ rief Herr von Steinau, und gab das Zeichen zum Angriff.. 104 „Wiederſehen in beſſerer Welt!“ antwortete die Schwadron, noch von Körner's Worten begeiſtert, und wie eine Wetterwolke rauſchte die dunkle Rache⸗ ſchaar gegen die feindliche Batterie, bis ſie in einer undurchdringlichen Staub- und Dampfwolke ver⸗ ſchwand. — — S — = v 8 — —. S Jacta est alea! Erſtes Rapitel. E⸗ war am zweiundzwanzigſten Auguſt in den Vor⸗ mittagsſtunden, als Ruffus auf der Elbbrücke von der Neuſtadt daher kam und ihm Hoffmann, ein Packet Noten unterm Arme, in den Weg lief. „Der Teufel mag Mußikdirector ſein in dieſen Heidenzeiten,“ ſprach eilfertig und ärgerlich der Dich⸗ ter,„heute ſoll die Iphigenia auf Tauris gegeben werden, ich komme ſo eben aus der Probe; aber kommt man zu Verſtande in dieſem Kriegslärme? So eben erfahr' ich, daß von heut' die Thore ge⸗ ſperrt werden, nun muß ich hereinziehen über Hals und Kopf.“ „Schon ein Logis?“ frug Ruffus. „Ja wohl, bei Stein's auf der Moritzſtraße,“ war die Antwort.„Man iſt ſeines Lebens keine Stunde ſicher. Heut Morgen ſind ſelbſt polniſche Offiziere, die vor dem Freiberger Schlage Billard ſpielten, von den Koſaken überfallen und niedergeſäbelt worden. Ruſſen und Preußen ſtehen uns wieder vor der Naſe, und wenn die Oeſterreicher dazu kommen, kann's der Stadt miſerabel ergehen.“ 408 Kanonen und Pulverwagen kamen jetzt in vollem Trabe aus der Neuſtadt herüber, und aus der Ferne ward Kanonendonner vernehmbar. „Wo ſchießen ſie nur?“ frug Ruffus. „Komm hinaus aufs Bad,“ ſprach Hoffmann, „da ſieht man in der Gegend gen Pirna die franzö⸗ ſiſchen und feindlichen Batterien deutlich arbeiten.“ „Ich helfe Dir beim Auszuge,“ verſetzte Ruffus ſchnell entſchloſſen, und kehrte mit dem Muſikdirector nach der Neuſtadt zurück.„Was gibt es ſonſt für po⸗ litiſche, literariſche, artiſtiſche und militairiſche Neuig⸗ keiten?“ „Ich habe eine Erzählung„der Magnetiſeur“ vol⸗ lendet,“ ſprach Hoffmann,„das Ding wird Dir ge⸗ fallen, es entwickelt eine noch unberührte Seite des Magnetismus. Ich will Dir, ſobald wir zu Hauſe, die Erzählung vorleſen.“ „Theuerſter,“ entſchuldigte Ruffus,„jetzt ver⸗ ſchone mich mit Vorleſungen. Ich habe wirklich keine Andacht für das ſtille Reich der Phantaſie, wo mich die Tagesbegebenheiten ſo aufregen.“ „Ja,“ ſeufzte Hoffmann,„wenn der Napoleon nur einmal zum Teufel wäre, eher kommen wir Poe⸗ ten, Literaten und Mufiker auf keinen grünen Zweig; übrigens wird ihm in dieſen Tagen das Brot ge⸗ backen. Während er ſich draußen in Schleſien mit Blücher herumpaukt, ſteigt die Hauptarmee in aller Stille über die Berge aus Böhmen. Gouvion Saint Cyr mit ſeinen fünfzehntauſend Mann wird ſie nicht aufhalten. Die Alliirten erobern Dresden und Seine franzöſiſche Majeſtät iſt von Frankreich rein abge⸗ ſchnitten. Der alte Rival Moreau iſt aus Amerika im feindlichen Hauptquartier angekommen. Der diri⸗ girt nebſt Schwarzenberg die ganze Geſchichte, und die Beide haben Haare auf den Zähnen.“ 109 „Ich habe auch ſchon von dem Gerüchte in Be⸗ treff Moreau's gehört,“ ſprach Ruffus,„aber immer nicht für möglich gehalten, daß ein Franzoſe gezen ſeine eigenen Landsleute commandiren könne.“ „Er hat es auch wohl nur auf ſeinen alten Feind und Verfolger Bonaparte abgeſehen,“ meinte der Mu⸗ ſikdirektor.. „Bleibt immer nicht zu entſchuldigen,“ ſprach Ruffus,„denn Bonaparte commandirt Franzoſen.“ „Es iſt ſonderbar,“ erwiederte der Muſiker lä⸗ chelnd,„daß wir Deutſchen es gar nicht entſchuldigen wollen, wenn ein Franzoſe gegen Franzoſen kämpft, da faſt in allen Kriegen zeither ſo oft Deutſche gegen Deutſche ſtritten und wir es ganz in der Ordnung fanden.“ „Leider,“ antwortete Ruffus,„und ein Zeichen wie tief Deutſchland geſunken iſt. Erzählt man doch von einem kleinen deutſchen Staat, deſſen Infanterie auf Seiten der Alliirten, die Cavallerie auf Seiten der Franzoſen mit gleicher Bravvur gegen einander gefochten hat. Eben dieſes hochtragiſche Philiſter⸗ thum hat mich dermaßen gegen Deutſchland erbittert, daß ich kein rechtes Herz für die Sache habe. Iſt es denn ein Wunder, wenn uns die Franzoſen als Sclaven behandeln? Sie wiſſen ja gar nicht wie ſie mit uns daran find. Nur bei Sachſen ſtehen zu blei⸗ ben. Vor wenigen Jahren zogen wir mit den Preu⸗ ßen gegen die Franzoſen. Wenig Monde darnach mit den Franzoſen gegen die Preußen. Hierauf wieder mit den Franzoſen und Preußen gegen die Ruſſen, und jetzt wieder gegen die Preußen. Wie lange wird es dauern, geht's mit den Preußen gegen die Fran⸗ zoſen. Letztere begreifen gar nicht, wie die Deut⸗ ſchen überhaupt mit ſo vieler Tapferkeit fechten kön⸗ 110 nen, da dieſe doch gar nicht wiſſen, wofür, weshalb, warum ſie fechten. Darum rief Vandamme einmal, als die Würtemberger mit vieler Tapferkeit auf Sei⸗ ten der Franzoſen fochten, voller Verwunderung:„ces bougres se battent comme nous.“ Ruhig ſah Nord⸗ deutſchland zu, als Süddeutſchland zum Tode ver⸗ wundet dahin ſank; ruhig ſah Süddeutſchland zu, als der Norden unter fremde Botmäßigkeit gerieth. Weſtdeutſchland half mit ſeinem guten Schwerte bald den Süden, bald den Norden des Vaterlanded unter⸗ jochen.“ „Jetzt ſcheinen ſie doch die Philiſterhaut in Etwas abgeſtreift zu haben,“ meinte Hoffmann;„die jahre⸗ langen Drangſale haben ſie weiſer gemacht.“ „Der Deutſche bleibt auch im Unglück Philiſter,“ eiferte Ruffus,„und eine Partie Michelthum wird gewiß allemal mit ſelig. Du haſt den Reinhold und andere ſächſiſche Tugendbündler radotiren hören; blei⸗ ben ſie nicht ſelbſt in ihrem aufflammenden Patriv⸗ tismus Philiſter? Laß einmal die Franzoſen zum Lande hinaus ſein, was dieſe vaterländiſchen Idev⸗ logen für eclatante Dummheiten begehen werden. Es ſpukt ſchon jetzt vor. Sie ſprechen von einer Ra⸗ tionaltracht, erglühen in patriotiſchem Grimme, wenn man Deutſchland nicht mit dem„T“ ſchreibt, und was der Narrenspoſſen mehr ſind. Ich kann mich mit dem engherzigen Begriffe Patriotismus überhaupt nicht befreunden, weil er im Ganzen nichts weiter als ein deſtillirter Egoismus iſt. Preußen iſt die einzige Daſe, die mich erquickt, es iſt auch mehr Preußiſch als Deutſch, was bei Oeſterreich ſchon weniger der Fall iſt. Der ſechsjährige Prüfungs⸗ eurſus hat trefflich angeſchlagen, und werden die Fran⸗ zoſen wirklich hinaus gejagt, haben wir's allein den Preußen zu danken.“ 144 Die Beiden waren unterdeß in Hoffmann's Woh⸗ nung angelangt. Der Muſikdirector packte ſeine we⸗ nigen Habſeligkeiten zuſammen. Ein Tagelöhner mußte ſie in die Stadt ſchaffen. Mit den tragbaren Ueber⸗ bleibſeln beluden ſich die zwei Freunde und kehrten nach der Stadt zurück. Auf der Moritzſtraße begegneten ſie franzöſiſchen Soldaten, die verwundet und blutend aus dem Vor⸗ poſtengefecht, das ſich unfern der Stadt entſponnen hatte, zurückkehrten. Hoffmann blieb ſtehen. „Haſt Du Courage?“ frug er plötzlich Ruffus. „Wozu?“ „Ein Gefecht in der Nähe anzuſehen?“ „Warum nicht!“ „So wollen wir vor's Pirnaiſche Thor gehen,“ fuhr Hoffmann fort,„die Ruſſen ſtehen bereits in der Nähe des großen Gartens.“ Ruffus war gern bereit und die Freunde wan⸗ derten die äußere Pirnaiſche Gaſſe entlang und traten vor den Pirnaiſchen Schlag. „Hier ſehen wir nicht viel,“ meinte Ruffus,„dort bei Räcknitz ſollten wir ſein, da wechſelt man Kano⸗ nenkugeln.“ „Attention,“ ſprach der Muſikdirektor,„jetzt geht's hier los.“ Zwei Compagnien franzöſiſcher Füſeliere, die zeit⸗ her Gewehr beim Fuß funfzig Schritte vor Hoffmann und Ruffus geſtanden, entwickelten ſich plötzlich und begannen zu tirailliren. Dreihundert Schritte weiter ritten Koſaken ganz ruhig und ſchienen gar keine Notiz von den Plänklern zu nehmen. Einer ſtieg gelaſſen ab und ſchnallte den Gurt ſeines Pferdes feſter. 112 Mit einem Male brachen ruſſiſche Scharfſchützen aus dem großen Garten hervor und das Plänkern wurde immer hitziger. Viele Franzoſen fielen todt nieder, andere kamen verwundet zurück. Muthig ſchaute Ruffus dem Gefechte zu. „Der Franzos,“ ſprach er,„bleibt doch geborner Soldat; ſieh nur, mit welchem wahrhaft theatraliſchen Anſtande die Evolutionen ausgeführt werden. Der gemeinſte Soldat bewegt ſich mit einer Grazie, als ging er zum Balle.“ Zwei franzöſiſche Bataillone rückten vor, und vier Kanonen wurden aufgefahren, die ſogleich zu feuern begannen. „Alle Wetter,“ ſchrie der Muſikdirektor und ſprang erſchrocken mehre Schritte ſeitwärts,„was war denn das?“ Eine Kanonenkugel hatte ganz in der Nähe in den Boden geſchlagen, daß die Erde weit umherſprang. „Nur ein ehrlicher Vierpfünder,“ lachte Ruffus, den das Erſchrecken des Dichters nicht wenig beluſtigte. „Aber wo kam er her?“ frug Hoffmann,„man ſieht ja keine ruſſiſche Batterie.“ In demſelben Augenblick fuhr eine zweite Stück⸗ kugel unmittelbar vor den Beiden in die Erde. Hoff⸗ mann ergriff ſogleich die Flucht nach dem Thore. Ruf⸗ fus folgte lachend. Erſt bei dem Wachhauſe holte er den Vorausgeeilten ein. „Ihr Dichter,“ ſprach er,„ſeid auch nicht die beherzteſten Leute. Ich glaube, wenn's zum Treffen käme, würfe Freund Hoffmann ſo gut ſeinen Schild hinweg, wie weiland Lauriger Horatius. Da lob' ich mir den Theodor Körner, der ſich dermalen in Schle⸗ ſien mit dem Napoleon herumpaukt.“ „Es wäre die größte Unvernunft,“ entſchuldigte 1413 der Muſiker,„ſich hier vor dem Pirnaiſchen Schlage den Kopf abſchießen zu laſſen.“ „Es würde dann in den deutſchen Zeitungen hei⸗ ßen,“ ſprach Ruffus,„auch unſer großer Humoriſt und Romantiker F. T. W. Hoffmann ſtarb den Heldentod für Deutſchlands Freiheit.“ „Von dieſem poſtnumerando gezahlten Zeitungs⸗ lobe,“ meinte Hoffmann,„wächſt mein Kopf nicht wieder.“ Unterdeß war es dunkel geworden. Ruffus lud den Freund für heut Abend in ſeine Familie ein. „Du findeſt freilich zwei junge Franzoſen,“ ſprach er,„aber Dein Patrivtismus iſt hoffentlich nicht ſo einſeitig, die Sache mit der Perſon zu verwechſeln. Es ſind beides liebe charmante Leute, wahrhaft gebil⸗ det, der ältere hat ſogar Deine Phantaſieſtücke gele⸗ ſen und wünſcht ſehr, Deine Bekanntſchaft zu machen.“ Hoffmann nahm bie Einladung gern an, und die Beiden befanden ſich bald in der Familie des Geheim⸗ raths. Die beiden Mädchen waren in großer Angſt wegen der beunruhigenden Gerüchte, die wegen der herannahenden großen Armee der Verbündeten durch die Stadt liefen. „Es iſt auf alle Fälle nur ein Streifeorps,“ trö⸗ ſtete Ruffus,„übrigens kann Vorſicht nichts ſchaden. Gefäße mit Waſſer müſſen auf die Böden geſchafft werden, für den Fall ein paar feindliche Kugeln der Stadt zugedacht wären.“ Den Muſikdirector, ſo wie er das Pianoforte er⸗ ſchaute, zuckte es durch alle Glieder. Er ſetzte ſich davor und war bald in ſeinen melodiſchen Phantaſien vertieft. Wie gern man zu jeder andern Zeit dem Künſt⸗ ler ein aufmerkſames Ohr geſchenkt hätte, ſo war heute Stolle, ſimmtl. Schriften. Xll. 8 1414⁴ nicht daran zu denken. Namentlich befand ſich das ſonſt ſo muthige und unerſchrockene Clärchen in auffallender Unruhe. Eugen, der ſich faſt den ganzen Tag über mit den Ruſſen herumgeſchoſſen hatte, war noch nicht zurückgekehrt. Mit einem Male donnerte ein Kanonenſchlag in ſo furchtbarer Nähe, daß alle Fenſter und die Porzel⸗ lantaſſen in der Etagère zu klirren begannen und Hoff⸗ mann erſchrocken von dem Pianoforte aufſprang. „Um Gotteswillen!“ rief Clärchen, die Ruſſen ſind gewiß ſchon in der Stadt.“ „Nun, nahe genug war's,“ ſprach der Muſiker, „mir iſt der Schrecken in alle Glieder geſchlagen.“ Ein zweiter und dritter Donner folgte mit der⸗ ſelben Stärke. Clärchen wollte das Fenſter öffnen und hinausſehen, ward aber von Anna zurückgehalten Da trat Jerome in's Zimmer heiter und wohlgelaunt. „Für dieſe Nacht,“ ſprach er,„mögen ſich die Dresdner ruhig ſchlafen legen; wir haben Ruſſen und Preußen ein gut Stück zurückgeworfen; unſere Vor⸗ poſten ſtehen bereits wieder jenſeits des großen Gar⸗ tens und in der Gegend von Räcknitz ünd Plauen.“ „Aber dieſes unverſchämte Schießen, Verehrteſter?“ frug Ruffus. „Sind franzöſiſche Kanonen,“ antwortete der junge Krieger.„Sie feiern den Sieg, den der Kaiſer bei Löwenberg in Schleſien erfochten hat.“ „Das iſt etwas Anderes,“ ſprach Hoffmann er⸗ leichtert. „Mit dieſem Siege kann's unmöglich weit her ſein,“ lächelte Ruffus,„ich las vor einer halben Stunde das Bulletin, welches weiter nichts zu berich⸗ ten wußte, als daß die Cavallerie einige glänzende Angriffe gemacht habe.“ 115 „Dieſe glänzenden Cavallerieangriffe bei Löwen⸗ berg in Schleſien,“ bemerkte Hoffmann,„nützen nur uns armen Dresdnern nicht viel.“ „Es iſt gewiß nur ein Streifeorps,“ verſicherte Jerome,„die Verbündeten würden die Abweſenheit des Kaiſers benutzend, ihren Angriffen unfehlbar mehr Nach⸗ druck gegeben und ſich nicht haben von der an ſich ſchwachen Beſatzung zurückwerfen laſſen.“ „Wo ſteckt denn Eugen?“ frug Ruffus. „Er wird ſogleich erſcheinen,“ antwortete der Ge⸗ fragte,„eine Flintenkugel hat ihn leicht am linken Arm geſreift; er wollte ſich nur ein wenig verbinden laſſen.“ Bei der Nachricht von Eugen's Verwundung ver⸗ änderte Clärchen die Farbe. Jerome, der das bemerkte, verſicherte daher wie⸗ derholt, daß die Sache nicht das geringſte Bedeuten habe. Ruffus erhielt jetzt erſt Muße, den Muſikdirector mit Jerome bekannt zu machen. Letzterer ſagte dem deutſchen Dichter viel Verbindliches über ſeine Poeſien. „Ich gebe Ihnen mein Wort,“ ſprach er,„daß Ihre Dichtungen mit der Zeit in Frankreich wahrhaf⸗ tes Furore machen werden.“ Das Geſpräch ward jetzt literariſch, ſo daß Hoff⸗ mann von den reellen Kenntniſſen, dem Geiſte und gebildeten Geſchmacke des jungen Pariſers allen Re⸗ ſpekt bekam. Die Mädchen hatten ſich entfernt, die erforderlichen Vorbereitungen zur Abendtafel zu treffen. Nach einiger Zeit trat der Geheimrath herein. „Mit dem Streifcorps iſt es nichts,“ ſprach er mit bedenklicher Miene,„ich habe aus unſerm Dachfenſter die Höhen von Räcknitz recognoseirt; da flammen mei⸗ lenweit zahlloſe Wachtfeuer. Es iſt unbeſtritten die 8* 1416 Hauptmacht unter Schwarzenberg, die von Böhmen hervordringt.“ Jerome wollte ſich immer noch nicht überzeugen und alle Vier ſtiegen nach dem Boden hinauf. Clär⸗ chen war wieder in's Zimmer zurückgekehrt und zün⸗ dete die beiden Wachskerzen auf dem Pfeilertiſchchen an. Da trat Eugen herein. „Clärchen, Clärchen!“ rief er leiſe. Das liebliche Lockenköpfchen blickte ſich um, und als es den Geliebten erſchaute, flog es auf ihn zu. „Du biſt verwundet?“ frug ſie im Tone der weichſten Zärtlichkeit. „Bagatelle,“ ſprach Eugen, umſchlang das ſüße Kind und hauchte einen leiſen Kuß auf die reizende Stirn,„ich mußte doch Deine Vaterſtadt vertheidigen vor den raubluſtigen Koſaken und Baſchkiren.“ „Gott, wenn Anna—!“ rief ſie ſchnell, ſich los⸗ machend; aber ſchon ſtand die königlich ſächſiſche Pa⸗ triotin in der Thür und maß mit richtendem Blicke das aufgeſcheuchte Pärchen. Clara war im Nu ver⸗ ſchwunden, Eugen ärgerlich und verlegen, als das Vierblatt vom Oberboden zurückkehrte. „Es iſt richtig,“ ſprach Hoffmann,„nach dieſem Feuermeere iſt es die große Schwarzenbergiſche Armee.“ „Ah, da iſt ja unſer wackerer Vertheidiger!“ rief Ruffus, Eugen die Hand reichend;„wir Dresdner ſind Euch alleſammt großen Dank ſchuldig, daß Ihr die Ruſſen und Preußen nicht hereingelaſſen habt. Die Verwundung doch nicht gefährlich?“ „Nicht im Geringſten,“ lachte Eugen.„Wäre es nur nicht ſo ſchnell finſter geworden,“ fuhr er fort, „wir hätten den Feind über alle Berge gejagt; es war eine Luſt, das Koſakenvölkchen vor uns her tra⸗ ben zu ſehen.“ 147 „Aber, verehrteſter Herr,“ meinte Hoffmann, „diesmal heißt's nicht ſowohl hinter dem Berge, als auf dem Berge wohnen auch Leute; der ganze Schwarzenberg ſteht kaum anderthalb Stunden von hier.“ „Nun, was iſt da weiter?“ frug Eugen unbe⸗ fangen. „Zweimalhunderttauſend Oeſterreicher mehr oder weniger gibt doch einen erklecklichen Unterſchied,“ fuhr der Muſikdirector fort;„die Ruſſen und Preu⸗ ßen ſind gleich gar nicht zu zählen. Was vermag gegen dieſe Rieſenmacht unſere Hand voll Franzoſen?“ „Hand voll?“ ſprach Eugen, verwundert den Kopf emporhebend,„wir ſind Fünfzehntauſend unter Marſchall Gouvion Saint Cyr.“ „Was ſind die gegen jene Hunderttauſende!“ ſtellte Hoffmann vor. „Fünfzehntauſend Franzoſen,“ warf der junge Krieger hin,„wiſſen nichts von Furcht.“ „Das kann man ihnen freilich nicht wehren,“ er⸗ wiederte der Muſiker,„aber wir armen Stadtbewohner denken anders. Wenn uns die Herren Alliirten die Häuſer über den Köpfen zuſammenſchießen, werden Sie es ſchwerlich hindern; die ganze herrliche König⸗ ſtadt, das deutſche Florenz, kann zu Grunde gehen; die Feinde haben ſo eine ſpecielle Malice auf die Stadt, weil der König an Napoleon hängt.“ Eugen, ohne ein Wort zu verlieren, führte den Novelliſten an ein Fenſter, welches er öffnete. „Hören Sie das Geraſſel?“ frug er. „Allerdings,“ war die Antwort. „Lauter ſchwer Geſchütz,“ belehrte Eugen,„das vom rechten Elbufer herüber kommt.“ „Das bezweifle ich nicht.“ 418 „Wohl an die fünfzig Piecen.“ „Und was iſt mit dieſen fünfzig Piecen?“ „Kommt Alles auf die Wälle,“ fuhr der junge Franzos fort,„zum Schutze von Dresden. Haben Sie noch Furcht?“ „Allen Reſpekt vor fünfzig Stück Kanonen,“ ent⸗ gegnete Hoffmann,„aber bedenken Sie auch, daß die Alliirten an die fünfhundert dagegen führen.“ „Pah, pah,“ lachte Eugen mit ächt ſoldatiſchem Uebermuthe,„wir halten uns ſchon. Unterdeß kommt der Kaiſer. Was hat's da für Noth.“ „Haben Sie's denn nicht gehört vorhin,“ ſprach der Muſiker,„der Kaiſer ſteckt bei Löwenberg in Schleſien, wo, wie die Bulletins berichten, ſeine Ca⸗ vallerie glänzende Angriffe gemacht hat.“ Die Damen kehrten in's Zimmer zurück und lu⸗ den zum Abendtiſche, der unterdeß in der Nebenſtube bereitet worden war. „Aber, Ihr Kinder,“ rief Ruffus,„nun muß ich Euch recht ſehr bitten, einmal den Krieg Krieg ſein zu laſſen und die Politik an den Nagel zu hängen. Wir wollen uns einmal auch über friedliche Angele⸗ genheiten unterhalten. Wer weiß, ob wir in den ſturmvollen Zeiten noch lange beiſammen find. Thun wir heut, als wäre tiefer Frieden. Freund Hoffmann wird uns nach Tiſche einige muſikaliſche Divertiſſe⸗ ments zum Beſten geben und Freund Jerome ein paar franzöſiſche Chanſons vortragen.“ Man fand dieſen Vorſchlag ſehr plauſibel, und die Zeit während der Abendmahlzeit verfloß auf das Angenehmſte. Hoffmann, ſobald er ein paar Gläſer Wein ge⸗ trunken hatte, war unerſchöpflich in Erzählungen von Aneedoten, die allgemeine Heiterkeit erweckten. 149 „Da hab' ich dieſer Tage einen alten Knaſterbart kennen gelernt,“ ſprach er unter Anderm,„einen wahren zweiten Münchhauſen, ſobald er auf ſeine Kriegsthaten zu ſprechen kommt. Er iſt bei allen Schlachten der neuern Zeit geweſen und hat zum Siege ſtets weſentlich beigetragen. „Bei Jena, erzählte er dieſer Tage, cvmmandirte er ein Piket von zwanzig Preußen. Sie hielten ſich mit ſolch martialiſcher Bravvur, daß Napoleon end⸗ lich gezwungen war, ein Bataillon alter Garde vor⸗ rücken zu laſſen. Welcher Teufel commandirt denn dieſes Piket? hat er den Kaiſer zu wiederholten Ma⸗ len deutlich ausrufen hören. „Auf dem Rückzuge von Rußland flog eine ruſ⸗ ſiſche Kartätſchenbüchſe gerade auf ſeinen General zu, der nicht weit von ihm hielt. Dieſer wäre verloren geweſen, wenn nicht Cremor Tartari, ſo heißt mein Kriegsheld, ſchnell reſolvirt ſeinen Pelz ausgezogen, ihn nach der Patrone geworfen, ſie darein verwickelt und ſo den General gerettet hätte. „Bei Wagram hieben drei öſterreichiſche Dragoner wahrhaft raſend auf ihn ein. Half aber nichts, er wehrte ſich ſo verzweifelt, daß die Dragoner ihm nichts anhaben konnten. So dauerte der Tanz eine gute Weile. Da rief ein Dragoneroffizier, der voller Aer⸗ ger dem Kampfe eine Zeit lang zugeſchaut hatte, ſei⸗ nen Leuten zu: So laßt doch in drei Teufelsnamen den böſen Kerl ſtehen und reitet weiter!“ Alle mußten lachen. Die Tafel ward aufgehoben und Hoffmann ſetzte ſich wieder an's Piano. Jerome trug mit ſeiner ſchönen, ausgebildeten Baritonſtimme mehre franzöſiſche und italieniſche Lieder vor. Anna ward aufgefordert, ihn in dem Duett aus Don Juan: là ci darem la manno zu begleiten, ſie entſchuldigte 120 ſich aber mit Heiſerkeit. Man war dergleichen Aus⸗ flüchte bei dem eigenſinnigen Kinde gewohnt und die Entſchuldigung fiel weiter nicht auf. Nur Jerome ſchmerzte ſie tief, da er den Grund in der Abneigung Anna's gegen ihn erkannte. Doch ließ er ſein inne⸗ res Weh nicht durchblicken, und blieb heiter und freund⸗ lich wie zuvor. Die Muſik Hoffmann's und Ruffus Humor, ſo wie Eugen's und Clärchen's Naivität und Jerome's liebenswürdige Perſönlichkeit verbreiteten eine ſo wohl⸗ thuende Gemüthlichkeit über den kleinen Kreis, daß man eine Zeit lang die dunkeln Zeiten der Gegen⸗ wart ganz vergaß und Hoffmann beim Abſchiede dem Ruffus ſchwörend verſicherte, lange keinen ſo wahr⸗ haft ſchönen Abend verlebt zu haben. 3weites Rapitel. Nayoleon hatte die ſchleſiſche Armee unter Blücher hinter die Katzbach zurückgeworfen, als die Nachrich⸗ ten von Dresden immer bedenklicher wurden. Von Stunde zu Stunde langen Ordonnanzoffiziere an. Die Königſtadt ſchwebt in drohender Gefahr. Der Kaiſer wendet ſich zu Macdonald. „Der Plan der Verbündeten iſt offenbar,“ ſpricht er,„ſie wollen mir die Rückzugslinie abſchneiden. Ich eile nach Dresden und werfe Schwarzenberg in die Gebirge zurück; Sie halten unterdeß mit achtzig⸗ tauſend Mann Blücher im Zaume.“ 1 124 Kaum ſind dieſe Worte geſprochen, als das be⸗ kannte à voiture und à chevale ertönte und in wenig Minuten brauſ't das kaiſerliche Hauptquartier auf der Straße nach Dresden dahin. Caulaincourt, der ne⸗ ben dem Wagen Napoleon's reitet, reicht plötzlich dem Kaiſer ein Zeitungsblatt durch das offenſtehende Wagenfenſter. Kaum hat dieſer einen Blick auf das Papier geworfen, als ſich ſeine Stirn verfinſtert und das Blatt zuſammengeballt wieder zum Schlage hin⸗ ausfliegt. Es enthält die vfficielle Nachricht, daß General Moreau im Hauptquartiere der Verbündeten angelangt iſt.. Alle auf den Wegen nach den Lauſitzen und nach Schleſien befindlichen Truppen erhalten Befehl umzu⸗ kehren. Die geſammte Kaiſerliche Garde rückt in Eil⸗ märſchen gegen Dresden vor. Alle Wege ſind mit eilig dahinziehenden Truppen bedeckt. Das voranei⸗ lende Hauptquartier ſtößt aller Augenblicke auf Ba⸗ taillone, Schwadronen und Artillerieparke. Ununter⸗ brochen fliegen die Ordonnanzoffiziere nach allen Him⸗ melsgegenden, ununterbrochen langen andere an. Plötzlich erhält Caulaincourt die Kunde, daß durch Gefangennehmung eines Offiziers der Schlüſſel zur Chiffreſprache mit dem Herzog von Treviſo in die Hände des Feindes gefallen iſt. Sogleich wird Halt gemacht. Die vier Chaſſeurs ſprengen hervor und formiren das gewohnte Viereck. Napoleon ſteigt mit Berthier aus. Die Kanzlei des Kriegsweſens wird auf der Stelle in einem Wäldchen auf freier Erde errichtet. Der Kaiſer dictirt auf⸗ und abgehend, Cau⸗ laincourt ſitzt auf der Erde und ſchreibt. In Allem berrſcht die unermüdetſte Thätigkeit. Am fünfundzwanzigſten Auguſt langt man zu Stol⸗ pen an. Kaum iſt Napoleon abgeſtiegen, als der erſte 122 Ordonnanzoffizier, Gourgeaud, auf ſchaumbedecktem Roſſe von Dresden anlangt, der Kaiſer tritt ihm ha⸗ ſtig entgegen: „Wie ſteht's in Dresden?“ „Sire,“ lautet der Bericht des Offiziers,„die einzige Hoffnung auf die Rettung dieſer Hauptſtadt beruht auf der Ankunft Ew. Majeſtät. Die ganze feindliche Armee iſt in der Ebene ausgebreitet. Be⸗ reits hat ſie mit Kanonen auf unſere Vorpoſten ge⸗ feuert. Dieſen Nachmittag wurden mehre Angriffe auf unſere Werke verſucht. Ich ſah, wie die Ver⸗ bündeten Anſtalt machen, in vier Kolonnen vorzurü⸗ cken. Wäre dieſer Angriff mit Ernſt betrieben wor⸗ den, würde man die Stadt genommen haben. Ihre Kolonnen wurden nur mit größter Anſtrengung auf⸗ gehalten, aber ihre Linien drängen die unſeren in großer Nähe. Wittgenſtein bivouaquirt hinter dem großen Garten, Kleiſt ſteht zu Strehla, Colloredo zu Räcknitz, Chaſteler auf der Seite von Plauen. Das Hauptquartier befindet ſich eine Stunde rückwärts in dem Dorfe Nöthnitz. Die ruſſiſchen und preußiſchen Garden und alle Reſervecorps lagern um daſſelbe. „Zu Plauen hört der belagernde Kreis auf. Man vermuthet, Schwarzenberg warte nur auf Klenau's Armee, um ſeine Linien bis an die niedere Elbe aus⸗ zudehnen; einem Zurückbleiben dieſes Corps ſchreibt man die Unentſchloſſenheit im Angriffe zu. Bereits aber iſt die Ankunft der Klenau'ſchen Avantgarde auf der Straße von Freiberg ſignaliſirt. Sobald dieſes Corps eintritt, iſt unfehlbar das Schickſal der Stadt entſchieden.“ Napolevn hat mit großer Aufmerkſamkeit dem Be⸗ richte ſeines Ordonnanzoffiziers zugehört. Er verfinkt eine Zeit lang in tiefes Schweigen. Enblich fragt er: 123 „Was ſpricht der Herzog von Baſſano?“ „Sire,“ antwortete der Berichterſtatter,„der Her⸗ zog von Baſſano iſt der Meinung, daß man ſich keine vierundzwanzig Stunden halten könne.“ „Und Sie, Gourgeaud?“ „Auch ich bin der feſten Ueberzeugung, daß Dres⸗ den morgen genommen wird, wenn Eure Majeſtät nicht dort ſind.“ Wieder erfolgte eine tiefe Pauſe. Der Kaiſer fährt fort: „Kann ich mich auf das, was Sie mir ſagen, verlaſſen?“ „Sire,“ erwiederte Gourgeaud,„ich bürge mit meinem Kopfe dafür.“— Da hat Napoleon ſeinen Entſchluß gefaßt. Er läßt den General Haxo rufen, den geſchickteſten In⸗ genieur der Armee. Auf dem Tiſche iſt die Karte des Elbthals ausgebreitet. „Hier,“ ſpricht der Kaiſer, mit dem Finger auf die Karte zeigend,„rückt der General Vandamme bei Pirna über die Elbe. Er wird dem Feinde, der Dresden nehmen will, im Rücken ſtehen. Mein Plan war, dieſe Bewegung mit der ganzen Armee zu un⸗ terſtützen. Es war vielleicht das Mittel, meine Feinde mit Einem Schlage zu vernichten. Aber Dresden will ich nicht opfern. In wenig Stunden werd' ich dort ſein. Ich verzichte ſehr ungern auf meinen Plan. Indeß hat Vandamme hinreichende Macht, dieſe all⸗ gemeine Bewegung zu erſetzen und dem Feinde zum Verderben zu werden. Er ſoll von Pirna nach Gies⸗ hübel marſchiren, die Höhen von Peterswalde zu er⸗ reichen ſuchen. Dort muß er ſich halten, alle Schluch⸗ ten beſetzen und auf dieſem uneinnehmbaren Punkte den Ausgang der Ereigniſſe unter den Mauern von 124 Dresden erwarten. Ihm iſt es vorbehalten, den De⸗ gen der Ueberwundenen in Empfang zu nehmen. Aber es gehört Kaltblütigkeit dazu, und hauptſächlich darf er ſich nicht durch die Menge der Flüchtlinge imponi⸗ ren laſſen. Theilen Sie Vandamme meine Anſichten mit. Sagen Sie ihm Alles, was ich von ihm er⸗ warte. Sagen Sie ihm, daß es keine ſchönere Gelegenheit gäbe, den Marſchallſtab zu er⸗ ringen.“ General Haxo ſchwingt ſich augenblicklich auf ſei⸗ nen Renner, der ihn von den Höhen von Stolpen in die Schluchten des Lilienſteins trägt. Der Kaiſer wendet ſich wieder zu Gourgeaud: „Nehmen Sie ein friſches Pferd,“ ruft er,„kehren Sie ſogleich nach Dresden zurück; richten Sie die Ge⸗ müther auf. Sagen Sie, man müſſe ſich halten; ich würde kommen. Die Diviſion Teſte wird Ihnen be⸗ gegnen. Sie ſoll augenblicklich nach Dresden zurück⸗ kehren. Sie werden auf Lefevre Desnuettes ſtoßen. Er ſoll ſeine Schwadronen auf meinem Wege bereit hälten. Meine alte Garde wird mit der Morgen⸗ dämmerung von hier aufbrechen. Ich ſelbſt werde bei guter Zeit in Dresden ſein. Richten Sie ſich ſo ein, daß Sie mich beim Eintritte in die Neuſtadt erwar⸗ ten.— Fort!“ Der Ordonnanzoffizier ſprengt ſogleich nach der bedrohten Königſtadt zurück. Napoleon kehrt in ſein Cabinet zurück und entwirft den Plan zur Schlacht bei Dresden. Drittes Rapitel. Rufns, einen erbrochenen Brief in der Hand hal⸗ tend, ging in höchſter Aufregung auf ſeinem Zimmer auf und ab. Die Intriguen und Machinationen der Frau von Sternburg lagen jetzt offen vor. Der Brief enthielt die unumſtößlichſten Beweiſe, daß ſie allein die Schuld an Conſtantin's Tod trage. Zugleich ward ihm die Gewißheit, daß dieſes Weib im Begriſſ ſtehe, ſämmtliche noch in Dresden befindliche Mitglieder des Tugendbundes der franzöſiſchen Polizei zu verrathen. Er blickte eine Zeit lang, mit einem Entſchluſſe kämpfend, vor ſich hin. „Das Beſte wäre freilich,“ ſprach er nach einer Pauſe,„man ſchlüge dieſer Natter den Kopf ein, daß ſie nicht ferner ſchade. Vorher will ich verſuchen, ob mich die Liſt nicht zu demſelben Ziele führt.“ Mit dieſen Worten machte er ſich nach der Woh⸗ nung der Frau von Sternburg auf den Weg. Aus der Ferne tönten bereits von verſchiedenen Seiten die Kanonen.— Es war am 26. Auguſt, Vormittags acht Uhr. Als Ruffus an ſeinem Ziele angelangt war, erhielt er von einem Diener der Sternburg die höchſt ver⸗ drießliche Antwort, daß ſeine Herrin bereits vor einer Stunde nach dem Weinberge des Herrn von der Bre⸗ ling gefahren ſei, um daſelbſt ihr Silberwerk und an⸗ dere Koſtbarkeiten, für den Fall, daß die Stadt von den Alliirten genommen würde, in Sicherheit zu brin⸗ gen. Man erwarte ſie erſt in den Nachmittagsſtun⸗ den zurück. 126 Höchſt verſtimmt wanderte Ruffus wieder ſeiner Wohnung zu. Wilder Waffenlärm brauſ'te in den Straßen. Ueberall hatte ſich Kriegsvolk gelagert. Alle Zugänge zu den Thoren waren mit Geſchütz beſetzt und aller Orten erblickte man jammernde Einwohner, welche die bedrohten Wohnungen in den Vorſtädten geräumt und ſich in die Altſtadt geflüchtet hatten. Endloſe Reihen von Wagen und Pulverkarren ver⸗ ſperrten die Straßen. Das Kanonenfeuer kam immer näher. So eben lief die Schreckensbotſchaft ein, daß die Franzoſen aus dem großen Garten vertrieben ſeien, und die Preußen gegen das äußere Pirnaiſche Thor ſtürmten. Auf der innern Pirnaiſchen Gaſſe gewahrte Ruffus Hoffmann, der ſich mit Mühe zwiſchen Pulverwagen und Flintenpyramiden durchzwängte. Er rief ihm zu. „Die Sache wird ſehr ernſt,“ antwortete heran⸗ keuchend der Muſikus.„Die Stadt kann ſich keine zwei Stunden halten. Ich würde den Deinigen ra⸗ then, ſich ſo ſchnell als möglich nach der Neuſtadt zu flüchten.“ „Ich weiß aus zuverläſſiger Quelle,“ tröſtete Ruffus,„daß der Kaiſer mit dem Kerne ſeines Heers jede Stunde eintreffen kann.“ „Mein Gott,“ erwiederte ärgerlich Hoffmann,„das iſt ja rein unmöglich. Noch ehevorgeſtern hat er ſich an der Bober in Schleſien mit Blücher herumgeſchla⸗ gen, und das iſt an die zwanzig Meilen. Wenn er auch Rechtsumkehrt gemacht und für ſeine Perſon ein⸗ trifft, ſo iſt der Stadt damit wenig geholfen. Die paar Regimenter Saint Cyr's ſind ein Frühſtück für die ungeheuern Armeen des Schwarzenberg und Witt⸗ genſtein. Wenn Du mich begleiten willſt, ich ſpringe nur einen Gang auf mein Logis, um meine ganze 127 Baarſchaft, ein paar Louisd'or, und einige Manu⸗ ſeripte zu mir zu ſtecken. Dann mag's werden wie es will. Omnia mecum porto.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als wenige Schritte vor ihnen eine Granate in das Pflaſter ſchlug.— Die Beiden eilten nach Hoffmann's Logis. Der Hausherr kam ihnen entgegen und erzählte, daß man vom Oberboden das ganze Schlachtfeld überſehen könne. Die Verbündeten müßten ſchon in den Vor⸗ ſtädten ſein. Der Muſiker, in ſeiner Stube angekommen, ſteckte ein paar leicht tragbare und unentbehrliche Habſelig⸗ keiten zu ſich. „Wir ſind bereits vier Treppen hoch,“ ſprach er zu Ruffus;„wollen wir die übrigen zwei nicht auch noch erſteigen und uns ein wenig umſchaun?“ Nur ungern folgte ſein Begleiter; denn bei dem immer näher ſchallenden Kanonendonner ward ihm bange für die Seinigen. Von dem einen Dachfenſter konnte man den größten Theil des Schlachtfeldes überſchauen. Saint Cyr hatte ſeine Vertheidigungslinie ganz in der Nähe der Vorſtädte concentrirt. Ueberall wa⸗ ren franzöſiſche Batterien aufgeſtellt, die mit den feindlichen auf das Heftigſte engagirt waren. Mit Hülfe eines guten Fernglaſes konnte man deutlich be⸗ merken, wie ſich ſtarke ruſſiſche und öſterreichiſche Co⸗ lonnen, letztere an der weißen Uniform kenntlich, von den Bergen herabbewegten. Eine Batterie nach der andern rückte näher. Die Franzoſen retirirten bis an die Schanzen. Vor dem äußern Pirnaiſchen Thore in der Gegend des großen Gartens, der von den Preußen genommen worden war, ging es wild her 128 Die preußiſchen Batterien donnerten in ſo furchtbarer Nähe, daß die Franzoſen das Feuer von den Stadt⸗ wällen erwiedern mußten. Bereits begann die Erde zu zittern von der Kanonade. „Allerdings,“ ſprach Ruffus, nachdem er die Hee⸗ resmaſſen, welche von halb Europa gegen die Stadt entſandt waren, überſchaut hatte,„wenn Napoleon nicht bald anlangt, iſt Dresden verloren. Jetzt aber muß ich zu den Meinigen. Die Pirnaiſche Vorſtadt iſt dem Feuer am meiſten ausgeſetzt.“ Hoffmann begleitete ihn. Der Weg war nicht ohne Gefahr. Hier und da fielen Granaten in die Dächer oder praſſelten auf das Steinpflaſter. Man mußte bei dem Hotel des Marſchalls St. Cyr vorbei. Vier gefüllte Pulverwagen ſtanden daſelbſt zur Ab⸗ fahrt bereit. Wenige Schritte von dieſen Höllenma⸗ ſchinen zerſprang eine Granate, ſo daß die Pferde hoch aufbäumten und fortbrauſten. Das ganze Stadt⸗ viertel konnte zu Grunde gehen, wenn die Kugel einen ſolchen Pulverkarren getroffen und entzündet hätte. So wurde glücklicherweiſe weder ein Menſch noch ein Pferd beſchädigt. Als Ruffus mit Hoffmann in das väterliche Haus trat, fand er die Seinigen und alle Hausgenoſſen,— Frauen, Männer, Kinder,— auf der gewölbten ſtei⸗ nernen Treppe des erſten Stockwerks verſammelt, welche außerhalb der Richtung der Fenſter lag. Nie⸗ mand wagte ſich von dieſer Stelle, wo man ſchon ſeit geraumer Zeit zuſammengeſchaart bivonaguirte. Bei jedem Praſſeln der Granaten, die in die benachbarten Dächer ſielen, entſtand Jammern und Wehklagen. Am Stillſten verhielt ſich Clärchen, aber ihr Herz bebte am meiſten. Eugen, der heut Morgen jubelnd hin⸗ ausgezogen und geſchworen hatte, frendig mit ſeinem 129 Blute die Vaterſtadt der Geliebten gegen Europa zu vertheidigen, kämpfte ja vor den Thoren, Hunderten von Todeskugeln ausgeſetzt. Ruffus und Hoffmann bewährten noch den mei⸗ ſten Muth. Sie ſtiegen in den Keller und ſchafften ein paar Flaſchen Wein herauf. Das Kelchglas ging fleißig die Runde, und unter dem Donner der Ka⸗ nonen und dem Praſſeln der Granaten ging Allen ein fröhlicher, guter Humor auf, der immer der Nach⸗ flang einer durch Gefahr exaltirten Stimmung iſt. Abſonderlich war der Muſiker ziemlich humoriſtiſch geſtimmt. Er war keck genug, an das eine Vorhaus⸗ fenſter zu treten und trotz der Abmahnungen der auf der Treppe Verſammelten hinaus zu ſchauen. Ruffus trat zu ihm, und ein Glas Wein in der Hand, be⸗ obachteten die Beiden mit vieler Ruhe die Exploſionen der fortwährend hereinfallenden Kugeln. Einem weſtphäliſchen Soldaten, der ſo eben am nahegelegenen Brunnen Waſſer pumpen wollte, ward der Kopf zerſchmettert und faſt in demſelben Augen⸗ blicke ſtürzte, von derſelben Granate getroffen, ein anſtändig gekleideter Bürger, der ſchnell über die Straße eilte, auf's Pflaſter. Er ſchien ſich aufraffen zu wollen, fiel aber ſogleich todt nieder. Ruffus ward lebhaft erſchüttert bei dem furcht⸗ baren Anblick; Hoffmann aber trank ſein Glas aus und rief:„Was iſt das Leben? Nicht das Bischen glühend Eiſen ertragen können? Schwach iſt die menſchliche Natur.“ Er kehrte zu dem Treppenpublikum zurück. Im⸗ mer toller tobte die Kanonade. Alle Fenſter im Hauſe zitterten. „Jetzt heißt es,“ ſprach der Mufiker, noch immer in humvoriſtiſcher Laune,„hilf, heiliger Napoleon; Stolle, ſämmtl. Schriften. XII. 9 130 wenn der nicht kommt, wie zu erwarten ſteht, ſind wir alleſammt binnen wenig Stunden entweder kö⸗ niglich Preußiſch, oder kaiſerlich Ruſſiſch oder Oeſter⸗ reichiſch.“ Ruffus war am Fenſter ſtehen geblieben. Da ſprengten zwei franzöſiſche Gardechaſſeurs vom innern Pirnaer Thore hen. Wild wehten die Mähnen der Helmbüſche um die dunkelgebräunten kriegeriſchen Ge⸗ ſichter. Sie achteten nicht der rings umher platzenden Granaten. Oft bäumten entſetzt ihre Roſſe, aber die Haltung der beiden Reiter blieb keck und ſtolz, und fortwährend tönte das ſiegesfreudige„Vive lempereur!“ aus ihrem Munde. Hundertſtimmig ſcholl der Ruf von den auf dem Pirnaer Platze verſammelten Truppen zurück. Zu⸗ gleich gab ſich eine außerordentliche Aufregung unter ihnen kund. Ein Bekannter von Ruffus und leiden⸗ ſchaftlicher Napolevniſt ſtürzte in demſelben Augen⸗ blicke unter den Fenſtern vorüber. „Er iſt da!“ rief er athemlos. Ruffus eilte mit dieſer Nachricht zu den Flücht⸗ lingen auf der Treppe zurück. „Credat Judaeus Apella!“ lachte Hoffmann; aber kein Menſch auf Erden vermochte jetzt Ruffus und den Muſiker zurückzuhalten. Sie eilten über den Pir⸗ naer Platz, den Neumarkt, auf die Brühl'ſche Terraſſe. Noch immer ward die Luft von ſauſenden Granaten durchzogen. Auf dem Platze vor der katholiſchen Kirche hielt die franzöſiſche Generalität. Alle Geſichter drückten Unglauben und die geſpannteſte Erwartung aus. Nicht ſelten praſſelte eine Granate in die Dächer des kö⸗ niglichen Schloſſes. Aller Blicke waren nach der Neu⸗ ſtadt gerichtet. Die Kreuzuhr verkündete die neunte 134 Stunde des Morgens. Da entſtand mit einem Male ein ſeltſames Leben und Treiben unter der an der Brücke verſammelten Volksmenge. Von Neuſtadt her⸗ über erſcholl ein fernes„vive l'empereur!“ und be⸗ gleitet von dem Fürſten von der Moskwa, den Mar⸗ ſchällen Marmont und Victor, und gefolgt von einem zahlreichen mit Gold und Staub bedeckten General⸗ ſtabe, kam der Kaiſer Napoleon auf ſeinem treuen Falben in ſchnellem Trabe die Elbbrücke daher. „Weiß Gott, da iſt er!“ rief Hoffmann im höch⸗ ſten Erſtaunen.„Es bleibt doch ein außerordentlicher Mann. Ehevorgeſtern weit draußen in Schleſien, heut munter an der Elbe. Nur Schade, daß ſeine Armee nicht ſo ſchnellfüßig iſt, denn er für ſeine Perſon wird die ſtürmenden Preußen nicht aufhalten. Doch hat ſeine Anweſenheit unſtreitig das Gute, daß er die Reſidenz ſeines getreuen Alliirten nicht nutzlos aufopfern wird. Wahrſcheinlich folgt eine ehrenvolle Capitulation.“ „Sieh einmal dort!“ rief plötzlich Ruffus, und zeigte nach der untern Schiffbrücke. „Alle Wetter,“ meinte Hoffmann,„iſt der Mann ein Hexenmeiſter? Das iſt ja eine unermeßliche Ca⸗ vallerie, die eiligſt über die Elbe geht.“ „Es ſind die Cuiraſſiere Latour-Maubourg's,“ erklärte Ruffus;„und guck einmal dort,“ fuhr er in aufgeregtem Tone fort, nach einer andern Seite deutend. Hoffmann glaubte ſeinen Augen nicht zu trauen. Auf der Höhe der Bautzner Straße glänzten die Bayon⸗ nette der alten Garde, die im Sturmſchritt mit weit⸗ hinblitzenden Adlern der bedrängten Stadt zu Hülfe eilte. Ein tauſendſtimmiges Vive Fempertur!“ in wel⸗ 9„ 132 ches ſelbſt Hoffmann, von dem blitzartigen Erſcheinen des großen Mannes hingeriſſen, mit einſtimmte, em⸗ pfing Napolevn auf dem Platze vor der katholiſchen Kirche. Der Kaiſer ſteigt vor dem Schloſſe auf ein paar Augenblicke ab, um die königliche Familie ob der drohenden Gefahr zu beruhigen. Bald erſcheint er wieder und reitet zum Pillnitzer Thore hinaus. Von hier geht er zu Fuß, nur von Caulaincvurt und einem Pagen begleitet, rings um die Stadt bis an den Freiberger Schlag. Er recognoscirt die feind⸗ lichen Linien. Eine Kugel trifft den ihn begleitenden Pagen; aber ſie iſt matt und verurſacht nur eine leichte Quetſchung. Der Kaiſer billigt alle Vertheidigungsmaßregeln, welche der Marſchall Saint Cyr getroffen hat, worauf er auf den Platz vor der katholiſchen Kirche zurück⸗ kehrt. Eine Schaar von Heerwächtern bildet einen weiten Kreis. Hier hält auf ſeinem weißen Schlacht⸗ roſſe der große Sohn der Revolution ſtill und unbe⸗ weglich. Fort und fort fliegen Adjutanten auf der Straße nach Bautzen voran, die herbeiſtrömenden Kriegsvölker zur größten Eile zu mahnen. In tiefen breiten Colonnen, in fortwährendem Sturmſchritte, rücken die zahlloſen Bataillone über die Elbbrücke. Auf den beiden Schiffbrücken ober- und unterhalb der Stadt rauſcht die ſchwere Cavallerie herüber. Napolevn zeigt jeder Diviſion das Thor an, hinter welchem ſie ſich aufzuſtellen hat und bereitet die Ausfälle vor, welche den Feind, falls er im Sturme vordränge, zurückwerfen ſollen. Bald ſind alle Straßen mit Truppen überfüllt. Der Herzog von Treviſo mit zwei Diviſionen junger Garde ſteht beim Dippoldiswalder Schlage, der Fürſt von der Moskwa mit gleicher Macht beim äußern Pirnaer 133 Thore. Die Cuiraſſe der ſchweren Cavallerie von Latour⸗Maubourg blitzen am Elbufer, jeden Augen⸗ blick bereit, durch den Pillnitzer- und Ziegelſchlag hinauszubrechen. Die ganze Stadt iſt ein Lager. Kanonen, Pulver⸗ und Gepäckwagen und Handpferde bedecken alle freien Plätze. Die ermatteten Soldaten, welche in zweimal vierundzwanzig Stunden den Weg von achtzehn Meilen zurückgelegt haben, liegen reihen⸗ weis auf dem Straßenpflaſter und ruhen bis zum Zeichen des Aufbruchs, das zugleich das Zeichen des Kampfes iſt. Ruffus und Hoffmann hatten ſich von dem Platze bei der Brücke noch immer nicht trennen können. Sie befanden ſich mitten unter den Bärmützen der alten Garde, unter welcher ſie Freund Barbanegre glück⸗ lich heraus gefunden hatten. Der ganze weite Platz war mit Garderegimentern angefüllt, welche Napolevn mit Wein traktirte. „Wie ſtark ſind die Alliirten?“ frug Barbanegre. „An die zweimalhunderttauſend Mann,“ belehrte Hoffmann mit bedenklicher Miene. „O,“ lachte der alte Gardiſt,„in zwei Stunden haben wir hunderttauſend Mann hier; binnen vier⸗ undzwanzig Stunden müſſen ſie in die böhmiſchen Gebirge zurück. Erſt haben wir den vorwitzigen Blücher gezüchtigt und hinter die Bober geworfen, nun kommt der Seſterreicher daran und der Verräther Moreau.“ Der Muſiker, als er die anlangenden Colonnen kein Ende nehmen, die Bautzner Straße bis auf die Höhe des Fintlater'ſchen Weinbergs von einem wahren Strom von Bayonnetten bedeckt ſah, und die unermeß⸗ liche Artillerie und die zahlloſen Reiterſchwadronen gewahrte, welche zu gleicher Zeit an drei Punkten 134⁴ über die Elbe gingen, fing an, Barbanegre's Worten Glauben beizumeſſen. „Daß wir für diesmal auf den Beſuch der Ko⸗ ſaken verzichten müſſen,“ ſprach er zu Ruffus,„ſcheint mir ausgemacht. So gewaltig wie heut iſt mir übri⸗ gens Napoleon noch nicht vorgekommen. Mit einem Wetterſchlage hunderttauſend Mann von der Oder an die Elbe zu verſetzen, das macht ihm der Teufel nicht nach. Ich träumte ſchon von Deutſchlands Freiheit und goldnem Frieden. Die ſchönen Seifenblaſen ſind alle zerplatzt. Wir werden den Napoleon ſobald nicht los— es iſt zum Tollwerden; aber ein außerordent⸗ licher Mann bleibt er nichtsdeſtoweniger.“ biertes Rapitel. Wet hinaus über die Stadt und das Elbthal tönte von allen Thürmen Dresdens die dritte Stunde des Nachmittags am ſechsundzwanzigſten Auguſt. Da don⸗ nerten in der Nähe von Nöthnitz, im Hauptquartiere der Verbündeten, drei Signalſchüſſe und gleich darauf zog drohend und mächtig, eine unabſehbare ſchwarze Wolke, die geſammte preußiſche, öſterreichiſche und ruſ⸗ ſiſche Armee, in ſechs Angriffscolonnen, einer jeden funfzig Kanonen voran, von den Anhöhen herab gegen die zitternde Königſtadt. Von Plauen bis zum gro⸗ ßen Garten in einem unermeßlichen Halbkreis demas⸗ kiren ſich im Augenblicke zahlloſe Batterien und ein Hagel von Kugeln und Granaten rauſcht gegen die 135 franzöſiſchen Verſchanzungen und die Häuſer der Vor⸗ ſtädte. Wie ein Orkan der Tropenländer Alles mit ſich fortreißt, werfen die heranſtürmenden furchtbaren Maſ⸗ ſen Alles nieder, was ſich in den Weg ſtellt und dringen mit glühender, unwiderſtehlicher Wuth bis zu den Palliſaden der Redouten. Sie bemeiſtern ſich des Zwiſchenraums der Forts, welche die einzelnen Räume der Fläche beherrſchen. Alsbald ſind ſämmtliche Reſerven des Marſchalls Gouviovn Saint Cyr im Gefechte. Der Angriff iſt furchtbar, der Widerſtand außerordentlich. Von beiden Seiten kämpft und ringt man mit Todesmuth, weit⸗ hin dampft und bebt die Erde. Der Kanonendonner wird bald ſo furchtbar, daß ſich die älteſten Schlachtkundigen eines ähnlichen nicht zu entſinnen vermögen. Unter dumpfem Trommelton und donnerähnlichem Sturmgebrüll werfen ſich Collo⸗ redo's und ungariſche Grenadiere mit gefälltem Bayon⸗ nette auf die Redoute Moszinski, weiter rechts ſtür⸗ men die Oeſterreicher die franzöſiſchen Batterien am Freiberger Schlage; die heldenmüthigen Preußen hat⸗ ten vor dem großen Garten her Alles niedergeworfen und kämpfen bereits in den Gaſſen der Pirnaer Vor⸗ ſtadt. Mit dumpfem Gekrach ſtürzt das Thor von Plauen ein, rings um die Stadt arbeiten an den Pal⸗ liſaden die Aexte der Sappeure, zahlloſe-Kugeln und Haubitzen durchkreuzen die Luft. Schornſteine und Mauerwände ſtürzen zermalmend in die Straßen. Hier und da ſteigt die Feuerſäule blutroth aus den friedli⸗ chen Wohnungen. Alles ſcheint verloren, der furcht⸗ varſte Schrecken verbreitet ſich in der Stadt. Die Bewohner ſind in Verzweiflung. Auf allen Straßen regnet der Tod. Alles hat ſich in die Keller geflüch⸗ 136 tet. Die Verwirrung, der Kampf, das Geſchrei an den Thoren wird von Secunde zu Secunde be⸗ täubender, die Kanonade wilder denn je. Der Bo⸗ den, die Häuſer zittern wie bei einem fortwährenden Erdbeben. Jetzt ſcheint die letzte Mauer des Widerſtandes gebrochen. Tauſendſtimmiges Siegesgeſchrei erheben die durch die Palliſaden hereingebrochenen Stürmen⸗ den.„Paris! Paris!“ ertönt es von allen Seiten. Das Geſchick der Stadt ſcheint entſchieden. Unterdeß hält noch immer der Mann im kleinen Hütchen auf ſeinem Schlachtroſſe auf dem Platze vor der katholiſchen Kirche. Noch immer ziehen die blauen Bataillone in unabſehbaren Zügen über die Brücken. Ununterbrochen jagen Adjutanten herbei, den Kaiſer von dem Stande der Schlacht zu benachrichtigen. Ihre Berichte werden immer unheilverkündender, immer dro⸗ hender die Gefahr der Stadt, Napoleon bleibt ganz ruhig. Er war zeither beſchäftigt, den anlangenden Diviſionen ihre Stellung für den Ausfall anzuweiſen. Jetzt hat er ſeine Vorkehrungen getroffen. Ein her⸗ anjagender Adjutant des Marſchalls Saint Cyr mel⸗ det, daß ſoeben das letzte Außenwerk genommen; da wendet der Kaiſer Napoleon ſein Roß. „En avant!“ ruft er und giebt mit einer leich⸗ ten Handbewegung das Zeichen zum Ausfall. Im Augenblicke jagen an die zehn Adjutanten und Ordon⸗ nanzoffiziere an alle Thore und Schläge und im Au⸗ genblicke wird Dresden ein feuerſpeiender Vulkan. Wie eine Geſellſchaft gereizter Löwen aus dem Hinterhalte hervorbricht und die zahlreichen Feinde rechts und links auseinander wirft, ſie vernichtet und in die Flucht treibt alſo brechen, wie mit einem Wet⸗ terſchlage, aus allen Thoren die mit Meiſterhand poſtir⸗ 137 ten franzöſiſchen Angriffscolonnen, überall von den Bataillonen der alten Garde angeführt. Beſtürzt ob eines ſo völlig unerwarteten mör⸗ deriſchen Ausfalls, weichen die Stürmenden vor dem Anblicke der Kaiſergarde wie vor dem Meduſenhaupte zurück. Ihre Kanonen werden ereilt, genommen und die Kanoniere auf den Lafetten getödtet. Unter don⸗ nerähnlichem„Vive l'empereur!“ wirft ſich die junge Garde auf die Redoute Moszinski. Sie erklettert die Verſchanzungen, ſchwingt ſich über die Gräben. Es entſteht eine fürchterliche Verwirrung, namenloſe Metze⸗ lei. Das Blut fließt in Strömen; aber die Redoute iſt genommen. Die anderen Schanzen haben ein glei⸗ ches Schickſal. Der Fürſt von der Moskwa wirft die Preußen aus der Pirnaer Vorſtadt und ſäubert die Ebene bei dem großen Garten, während die Cuiraſ⸗ ſiere von Latour⸗Maubourg wie Gewitternacht vom Elbufer heraufrauſchen und die Ruſſen bis Blaſewitz jagen. Auf allen Seiten dringen die Franzoſen ſiegreich vor. Die zurückweichen den Verbündeten werden in al⸗ len Richtungen, in den Flanken und im Rücken gefaßt, und jubelnd verkünden die aller Orten hervorbrechen⸗ den Kanonen Frankreichs, daß der Kaiſer Napoleon comandire. „Der Kaiſer iſt in Dresden!“ dieſer Schreckens⸗ ruf verbreitete ſich wie Unglück verheißend in den Rei⸗ hen der zurückgeſchlagenen Alliirten. Man hatte ihn in Schleſien vermuthet, als die Bärmützen der alten Garde und die furchtbaren Ausfälle das Gegentheil bewieſen. Der günſtige Augenblick der Erſtürmung der Königſtadt iſt vorüber. Man denkt doran, ſich zu ſammeln. Napoleon hielt noch immer auf dem Platze vor 138 der katholiſchen Kirche, von wo er, ohne das Schlacht⸗ feld im Angeſicht zu haben, blos durch die ab und zu ſprengenden Adjutanten alle Ausfälle und Manöver leitet.. So wie er vernommen, daß ſeine Truppen von allen Thoren aus ſiegreich vordringen, ſpricht er zu den umherſtehenden Einwohnern: „Seid beruhigt, meine Freunde, der Feind wird nicht wieder ſtürmen.“ Er ſprengt hierauf im Galopp mitten durch einen Regen von Kanonenkugeln und Haubitzen durch die Schloßgaſſe nach dem Seethor. Hier verweilt er einen Augenblick und eilt auf's Schlachtfeld. Ein Offizier von ſeinem Gefolge wird an ſeiner Seite getödtet und mehre ſeiner Adjutanten ſind verwundet. Napoleon ſtellt ſich in das Centrum der Bewegun⸗ gen. Inmmer weiter drängt er die Ruſſen und Preu⸗ ßen zurück. Die Ruſſen ſammeln ſich auf den Höhen von Räcknitz. Die Oeſterreicher reteriren in die Schluch⸗ ten von Plauen. Der Abend bricht herein, der Ka⸗ nonendonner ſchweigt. Die beiden Linien ſtehen nur auf Flintenſchußweite von einander. Der Kaiſer um⸗ reitet beim Schein der Wachtfeuer die Bivouaks des linken Flügels vom Elbufer bis zum Dohnaer Schlage. Die Flammen mehrerer auf der Ebene brennenden Häu⸗ ſer machen beide Linien erkennbar. Er recognoscirt die ganze Gegend und entwirft den Schlachtplan für morgen. Alles iſt ruhig Erſt um Mitternacht kehrt er in's Schloß zurück. Hier angelangt, vergönnte er ſich nicht einen Augenblick Ruhe. Er eilt in ſein Ca⸗ binet und läßt den Fürſten von Neufchatel rufen. „Schnell, Berthier!“ ruft er,„die Befehle auf morgen müſſen ausgefertigt werden“ Der Majorge⸗ neral ſetzt ſich an die Ecke des großen Tiſches, wo die Karten liegen, und Napoleon dietirt: 139 „Befehl an die geſammte Cavallerie, die der Garde ausgenommen, zurückzukehren, durch die Stadt zu zie⸗ hen und ſich in der Friedrichſtadt zu ſammeln. Der König von Neapel wird den Oberbefehl übernehmen. Er ſoll eine große Bewegung auf dem linken Flügel des Feindes ausführen, ihn zu umgehen und den Rück⸗ zug auf der Freiberger Straße abzuſchneiden ſuchen.“ „Befehl an den Marſchall Victor, Herzog von Belluno. Er ſoll ſich mit ſeinem Armeecorps vor dem Freiberger Schlage aufſtellen. Er wird die öſterreichi⸗ ſchen Linien mit ſeiner Infanterie in der Front an⸗ greifen, während ſie der König von Neapel zu über⸗ flügeln ſucht.“ „Befehl an den Marſchall Marmont, Herzog von Raguſa. Er ſtellt ſich mit ſeinem Corps im Centrum unſerer Vertheidigungslinien, an dem Fuße der Höhen von Räcknitz. Die Reſerve⸗Artillerie der Garde nimmt dieſelbe Stellung ein.“ „Befehl an den Marſchall Gouvion Saint Eyr: „Er concentrirt ſein Corps um den großen Garten.“ „Enblich rücken der Fürſt von der Moskwa und Mortier, Herzog von Treviſo, mit vier Diviſionen der jungen Garde auf der Straße nach Pirna vor. Der General Nanſouty wird mit der Gardecavallerie dieſe Bewegung unterſtützen. Sie ſollen heftig angreifen und daſſelbe Manöver ausführen, das der König von Neapel auf der entgegengeſetzten Seite vollziehen wird.“ „Unterdeß wird das Centrum den Kampf in dem Maße unterhalten, daß die Aufmerkſamkeit des Fein⸗ des vollkommen beſchäftigt iſt.“ Nachdem der Kaiſer dieſe Befehle dietirt hat, tritt er an ein Fenſter. Es iſt eine wilde Nacht; der Him⸗ mel mit Wolken düſter verhangen. Der im Anfang ſchwache Regen wird immer ſtärker; bald fließt er in „ — 140 Strömen. Von der Straße herauf tönt dumpfer Waf⸗ fenlärm. Noch immer ziehen dunkle Maſſen franzöſi⸗ ſcher Kriegsvölker über die Brücken. Der Kaiſer ſchaut mit umwölkter Stirn lange in die Nacht hinaus. Noch iſt er der gewaltige und gefürchtete Sohn der Revolu⸗ tion, obſchon halb Europa ihm gewaffnet gegenüber⸗ ſteht. Noch einmal ſoll ſein Glücksſtern in meteoren⸗ gleicher Schöne aufleuchten. Fünftes Rapitel. Muten im furchtbarſten Kanonendonner, Nachmittags in der fünften Stunde, hatte ſich Ruffus wiederum nach der Behauſung der Frau von Sternburg auf den Weg gemacht. Ueberall ziſchten und platzten die Granaten. Er beſchloß Alles anzuwenden, um die Briefe, welche Reinhold unvorſichtiger Weiſe an dieſe Frau geſchrieben hatte, und worin mehre ſeiner Freunde auf das Gefahrvollſte compromittirt waren, in ſeine Hände zu bekommen. „Wenn ich die Briefſchaften nicht gutwillig er⸗ halte,“ ſprach er für ſich,„brauche ich Gewalt; die Gelegenheit kann ſich nicht ſchöner finden.“ Als Ruf⸗ fus das Ziel ſeiner gefahrvollen Wanderung erreicht hatte, ſah er den Wagen der Frau von Sternburg vor der Hausthür halten. Er eilte ſchnell in's Haus, da kam ihm eben ſo unerwartet als ungelegen die geſuchte Dame in Begleitung ihres Kammermädchens entgegen. Er faßte ſich ſchnell und bat ohne große 6 141 Weitläufigkeiten mit feſter, kalter Höflichkeit um die Herausgabe der Briefe Reinhold's. „Mon dieu,“ erwiederte ärgerlich und eilfertig die Dame,„kommen Sie zu gelegener Zeit. Ich ver⸗ laſſe ſoeben dieſes Stadtviertel, wo man ſeines Le⸗ bens nicht ſicher iſt.“ „Die Zeit iſt mir gerade gelegen,“ fuhr Ruffus in unverhohlen feindlichem Tone fort,„ich komme im Auftrage meines Freundes, ſeine Briefe zurückzu⸗ fordern.“ „Die Correſpondenz Ihres Freundes,“ erwiederte Frau von Sternburg kurz abweiſend,„war von der Art, daß eine Aufbewahrung derſelben die Mühe kaum belohnt haben würde. Sie ſind längſt vernichtet.“ Mit dieſen Worten wollte ſie der Hausthür zu⸗ eilen. Ruffus aber, der ſich den Augenblick nicht ent⸗ ſchlüpfen laſſen wollte, ließ alle Rückſicht fallen, ver⸗ trat ihr den Weg und faßte ſie ziemlich unſanft am Arme. „Sie werden dieſes Haus nicht verlaſſen,“ ſprach er nachdrücklich,„bevor ſich das Gewünſchte in mei⸗ nen Händen befindet.“ Unverſchämter!“ rief das Weib vor Zorn und Schreck erbleichend und ſuchte ſich vergebens los zu machen;„zu Hülfe, zu Hülfe!“ „Noch einen Laut,“ ſprach Ruffus, ihr einen Dolch auf die Bruſt haltend,„und dieſer Stahl ſetzt Deinen Verbrechen ein Ziel! Folge mir auf Dein Zimmer.“ Beim Anblick des blitzenden Meſſers knickten der Elenden die Knie zuſammen. Sie ſank faſt bewußt⸗ los zu Boden. In demſelben Augenblicke vernahm Ruffus mehre Perſonen die oberen Treppen herabkommen. Er 142 ſtand eine Secunde lang unentſchloſſen, ob er dem Weibe den Stahl in die Bruſt drücken und dieſe Natter mit einem Male unſchädlich machen ſollte. Dieſe Gelegenheit war günſtig. Kein Auge gewahrte das dunkle Werk der Vergeltung. Dennoch ſiegte ſein beſſeres Selbſt. Er ließ den Arm der halb Ohn⸗ mächtigen los und entfernte ſich eiligſt. So wie ſich die Sternburg befreit ſah und Stim⸗ men auf der Treppe vernahm, rief ſie von Neuem um Hülfe. Ihr Diener eilte herbei. Sie ſprang nach dem Wagen, der im Augenblicke davon rollte. Ruffus war bereits hundert Schritte voraus und begann mit kühlerm Blute ſein unüberlegtes Attentat zu bereuen, als der Wagen der Sternburg raſch vor⸗ überfuhr. Da fühlte ſich der junge Mann plötzlich von einer unſichtbaren Gewalt an die Wand der Häu⸗ ſerreihe geworfen und mit Sand, Steinen und Holz⸗ ſplittern überdeckt. Als er wieder zu ſich kam, bot ſich ſeinen Blicken das gräßlichſte Schauſpiel dar, das er je erlebt hatte. Der Wagen der Sternburg lag in Trümmer, beide Roſſe waren getödtet und die Frau ſelbſt von einer hereingefallenen und angenblicklich geplatzten Granate im vollſten Sinne des Wortes zerriſſen. „Gottes Strafgericht!“ ſprach auf's Tieſſte er⸗ ſchüttert der junge Mann, und eilte, den ſchrecklichen Schauplatz zu verlaſſen. Erſt als er bei den Seinigen, die in großer Sorge um ihn geweſen, angelangt war, ward ihm wieder wohl. Gegen Abend kehrten ſiegesfreudig und ganz ge⸗ ſchwärzt von Pulverdampf Jerome und Eugen von dem Schlachtfelde hein. Ihnen folgte nach einiger Zeit der alte Barbanegre, mehrfach verbunden. Bär⸗ mütze und Uniform waren von Kugeln durchlöchert. 143 Als Eugen den alten Krieger erblickte, fiel er vor Ehrfurcht und Begeiſterung faſt vor ihm nieder. Er erzählte hierauf mit leuchtenden Blicken, wie die Be⸗ ſatzung in der Redoute vor dem Dohnaer Schlage durch die feindlichen Kugeln dermaßen beſtrichen wor⸗ den, daß die große Hälfte bereits im Blute gelegen und der Reſt Miene gemacht habe, die Schanze zu verlaſſen. Da habe der Fürſt von der Moskwa den Barbanegre nebſt ſechs andern alten Gardiſten rufen laſſen, und dieſe Helden wären im dickſten Kugel⸗ regen, wie auf Wachtpoſten, Gewehr im Arm ruhig auf und ab promenirt, blos um der noch übrig ge⸗ bliebenen Beſatzung Muth einzuflößen. „Iſt nicht der Rede werth,“ grämelte der alte Krieger, dem die Hererzählung ſeines Heldenmuths von den begeiſterten Lippen Eugen's nicht einmal zu behagen ſchien. Er entſchuldigte ſich hierauf, wegen Miüdigkeit der heutigen Abendmahlzeit nicht beiwohnen zu kön⸗ 6 nen, bat, eine Warmbierſuppe, ſein Lieblingsgericht, auf ſeinem Zimmer verzehren zu dürfen und kehrte auf daſſelbe zurück. Jervme und Eugen blieben noch bis ſpät in der Nacht in der Familie des Geheimraths. Sie wußten viel zu erzählen von der heutigen Schlacht. Jerome war nie liebenswürdiger. Trotz ſeines reichen, tiefen Gefühls, ſeiner außerordentlichen Menſchenfreundlich⸗ keit, ſtund er doch an Tapferkeit dem Bravſten ſeines Volkes nicht nach. Ununterbrochen rauſchte der Regen in den Straßen. Hunderttauſend auf dem Schlachtfelde waren der un⸗ freundlichen Witterung Preis gegeben und hatten mit Waſſer, Kälte, Sturm und Moraſt zu kämpfen. Jerome ſtellte eine Parallele auf zwiſchen dem 14⁴ freundlichen Leben hier in der befreundeten Familie und dem wüſten Bivouakleben vor dem Thore, die ſeiner poetiſchen Auffaſſung alle Ehre machte. Trotzdem aber, daß er eine ſehr lebhafte Conver⸗ ſation führte und die Anweſenden auf das Angenehmſte unterhielt, war doch eine gewiſſe Schwermuth, die ſein jugendlich ſchönes Geſicht nur intereſſanter machte, nicht zu verkennen. „Wenn ich den Frieden erlebe,“ ſprach er nach einer Pauſe,„und ich kann es einigermaßen möglich machen, beſuche ich Dresden wiedex. Ich bin hier trotz des Kriegslärms ſo heimiſch geworden, daß ich mich in Paris bei den Meinigen nicht wohler befin⸗ den könnte. Wie reizend muß der Aufenthalt im ſchö⸗ nen Elbflorenz zu Friedenszeiten ſein.“ „Das iſt auch mein Erſtes,“ betheuerte Eugen, „daß ich unmittelbar nach dem Frieden wiederkomme.“ Ruffus lächelte. „Was für gute Vorſätze faßt nicht der Menſch,“ ſprach er,„ſobald er ſeinem guten Herzen folgt; aber andere Zeiten, andere Verhältniſſe, und wie bald iſt die frühere Zeit vergeſſen. Wir erleben das ja täglich.“ „Allerdings,“ geſtand Jerome zu,„der Menſch iſt ein wahres Gewohnheitsthier. Wenn es uns an einem Orte wohl ergeht und die Stunde der Trennung ſchlägt, können wir uns gar nicht denken, daß wir je wieder glücklich werden könnten, aber wir werden es doch wieder und es wäre auch nicht gut. Mir er⸗ ging's bei meinem Abſchiede von Paris ſo. Wie ver⸗ ſprach ich da, alle Wochen zu ſchreiben. Ich bin be⸗ reits ein halbes Jahr abweſend und meine Lieben haben kaum drei oder vier Briefe erhalten.“— „Apropos,“ ſprach der Geheimrath,„damit wir nicht Eins über das Andre vergeſſen, Freund Jerome iſt uns noch einige Mittheilungen über Napoleon's Privatleben, namentlich während des Waffenſtillſtan⸗ des, ſchuldig, die er uns ſchon lange verſprochen hat, und da wir heute noch ſo traulich beiſammen ſitzen, find ich's nicht unzweckmäßig, wenn er nit der Sprache herausrücken wollte, zumal er ſo artig zu erzählen verſteht.“ Jerome bedankte ſich für das Compliment, und da die Uebrigen ihre Bitten mit der des Geheimraths vereinigten, begann er: „So viel ich aus Mounier's, des Cabinetsſeere⸗ tairs, der täglich in nächſter Nähe des Kaiſers ſich befindet, eignem Munde habe, lebte Napoleon in ſei⸗ nem Gartenpavillon zu Friedrichsſtadt ſo einfach wie ein Privatmann. Außer den Muſterungen, die er faſt täglich über die neuankommenden Truppen und einen Theil der Garden hielt, welche großen Wachtparaden glichen, und außer den Theatervergnügungen gab es keine auffallende Zerſtreuung. An manchen Tagen, welche vorzüglich den Arbeiten des Cabinets gewidmet waren, ging es ſo ſtill und einſam im Palais her, daß man kaum einen Privatmann hier geſucht haben würde, wenn nicht die beiden Garde⸗Chaſſeurs zu Pferde, welche vor dem Thore hielten, die Anweſen⸗ heit Napoleon's verrathen hätten. „Seine unentbehrlichſten Arbeiter umgaben ihn zu⸗ nächſt. Berthier, Caulaincvurt, ein Paar Seeretaire, der Oberſt d'Albe mit den Landkarten, hatten ihre Zimmer im Gartenpalais und der Kaiſer durfte nur winken und ſie waren da. Er ſelbſt wohnte und ar⸗ beitete im rechten Flügel, der linke war für Berthier und die Uebrigen. Der Salon und ein Paar Zim⸗ mer in der Mitte gehörten für den Stab und Alles was zur Cour ſich einſtellte. Stolle, ſämmtl. Schriften. XII. 10 „Bis früh acht Uhr blieb Alles ruhig und todt, wenn nicht unerwartet Adjutanten gerufen wurden oder Couriere eintrafen. Um neun Uhr war Lever, bei welchem Jeder, der Oberſtenrang hatte, erſcheinen konnte, doch durften auch die Ordonnanz⸗-Offiziere, die dem ſpaniſchen Kriege beigewohnt, auch wenn ſie nur den Rang eines Kapitains hatten, dieſem Lever bei⸗ wohnen. Man betrachtet dieſe Auszeichnung als ein beſondres Recht(droit du Lever) und ſie beweiſt, daß Napoleon einen ſehr großen Werth auf jene gefahr⸗ vollen Feldzüge legte. Auch die franzöſiſchen und an⸗ dere Civil⸗ und Militair⸗Behörden fanden ſich hier ein, und Napoleon's Geſicht ward als Barometer des politiſchen Himmels beſchaut und gedeutet. Auch die Brüder und Neffen des Königs von Sachſen, die Her⸗ zöge von Weimar und Anhalt⸗Deſſau erſchienen in der Regel. „Gewöhnlich frühſtückte hierauf der Kaiſer eine Viertelſtunde lang, ganz allein, oder verſchob das Frühſtück, wiewohl ſelten, nach der Parade. Das ſogenannte Oſtragehege war ſehr ſchön für dieſen mi⸗ litairiſchen Zeitvertreib gelegen. Napoleon brauchte nur einige hundert Schritte dahin zu reiten und konnte vermittelſt eines Ganges und eines Durchhauſes des gegenüberliegenden gräflich Wallwitziſchen Gartens, wo der Marſchall Soult wohnte, dahin gelangen. Nach ſeiner Ankunft ſtieg er vom Pferde, und die neu ein⸗ getroffenen Truppen zogen unter dem dreimaligen„Vive Empereur!“ an ihm vorüber. „Täglich langten Ergänzungstruppen aus dem In⸗ nern Frankreichs an. Ungeheure Traincolonnen, Vor⸗ rathswagen mit friſcher Beſpannung, Mannſchaft, Ge⸗ ſchirr und Bekleidung, neu formirte Abtheilungen von leichter und ſchwerer Reiterei, größtentheils noch in ſehr unvollkommenem Zuſtande, wenn auch an Aus⸗ rüſtung nichts geſpart worden war, neues Geſchütz und neu erſtandene Infanterieregimenter folgten ſich ununterbrochen. Bewundernswerth iſt, in wie kurzer Zeit die Bildung der Infanterie vollendet werden konnte. „Den Beſchluß jeder Parade machte der Vorüber⸗ zug mehrer Gattungen der Gardecavallerie, vom Ge⸗ neral Guyot, Commandant der kaiſerlichen Escorten, im Trabe oder Galopp angeführt. Auch mit dieſem Geſchäft konnte der Kaiſer gewöhnlich nicht ſchnell ge⸗ nug fertig werden. Statt das Annähern mancher Truppen zu erwarten, ritt er ihnen gewöhnlich ent⸗ gegen. Der Graf Lobau erhielt vom Kaiſer die Be⸗ fehle zu den Bewegungen der Truppen, und comman⸗ dirte ſie zu Pferde ſitzend. „Kaum daß die Cavallerie angefangen hatte, vor⸗ beizumarſchiren, ritt Napoleon gewöhnlich wieder heim, um zu arbeiten, oder um die Stadt, um die Befeſti⸗ gung derſelben und die Anlegung neuer Schanzen in der Umgebung zu beſichtigen. Nach der Heimkehr in's Palais blieb Alles wieder ſtill und todr bis gegen Abend, wo der Kaiſer, nachdem es ſeine Geſchäfte erlaubten, früher oder ſpäter ausfuhr und zum Diner zurückkehrte. Wenn nicht ein Glied der königlichen Familie ſein Gaſt war, ſpeiſ'te er in der Regel al⸗ lein. Nach zehn Uhr kehrte die Stille zurück. Faſt Jedermann überließ ſich nun der Ruhe, nur der Kai⸗ ſer arbeitete noch ein paar Stunden für ſich oder mit einem ſeiner Secretaire. „Man hatte ſich Anfangs im franzöſiſchen Haupt⸗ quartiere mehr Feſte verſprochen; aber es iſt nur bei den franzöſiſchen Schauſpielen geblieben, zu deren Auf⸗ führung unter Andern Herr Fleury und die Damen 106 Mars und Bourgving aus Paris eingetroffen waren. Man ſpielte auf einem kleinen Theater, welches man mit dem im Palais verbundenen Orangeriegebäude des Marcoliniſchen Gartens in der Eile aufgeſtellt hatte. Die Wirkung der Darſtellungen ſoll übrigens wegen der Beſchränktheit des Raumes nicht groß ge⸗ weſen ſein. Es konnten, wenn die Wärme nicht drü⸗ ckend werden ſollte, nur hundert Perſonen aus der Stadt geladen werden. Außer dieſen durfte nur das Gefolge des Kaiſers und der königlichen Familie er⸗ ſcheinen. Die Einladekarten wurden von dem Gra⸗ fen Turenne, einſtweiligem Directeur des Plaisirs, ver⸗ theilt. Die Zuſchauer beſtimmte Napolevn, dem die Liſte vorgelegt werden mußte. Zwiſchen den Acten wurden Erfriſchungen von der kaiſerlichen Office ge⸗ reicht. Ueberhaupt beſtand die ganze Verwaltung des kaiſerlichen Hauſes, ohne irgend eine Vermengung mit dem königlichen Wirthſchaftsweſen für ſich. Na⸗ poleon hatte nur den nothwendigſten Hofſtaat an ſäch⸗ ſiſchen Kammerherren, Kammerjunkern und Hoffourie⸗ ren angenommen, die unter einander abwechſelten. „Dieſe Schauſpiele, wie geſagt, waren die einzi⸗ gen Vergnügungen, die bei Napoleon Statt fanden. Es hieß Anfangs, er ſei geneigt große Spaziergänge zu Fuß zu machen. Von dieſer Idee ſchien der Kai⸗ ſer bei ſeiner Beleibtheit und den gehäuften Geſchäf⸗ ten abgekommen zu ſein. Man ſah ihn nur in dem an ſeine Zimmer ſtoßenden Garten auf⸗ und abgehen. „Seine weitern Ausflüge zu Wagen oder zu Pferde hatte er nach einer gewiſſen topographiſch⸗militairi⸗ ſchen Reihenfolge geordnet. Um die Gegend von Dresden kennen zu lernen, bewegte er ſich auf den Stadien der nach allen Richtungen auslaufenden Stra⸗ ßen, gemäß der Flugkraft und Unermüdlichkeit, die 1⁴9 ihn auszeichnete. Gewöhnlich erfolgten dieſe Ausflüge erſt Nachmittags, und ohne daß Jemand, außer dem Groß⸗Stallmeiſter, der die Relais beſorgte, wußte, wohin. Wenn er Geſchäfte hatte, ſo ward die Ab⸗ fahrt von Stunde zu Stunde verſchoben. So fuhr er einmal Abends halb ſechs Uhr aus ſeinem Garten ab und bis nach Königsbrück, ſtieg hinter dieſem Städtchen, das drei Meilen von hier, aus, orientirte ſich nach der Landkarte, fragte nach einigen Landſtra⸗ ßen, ließ den Wagen wieder umkehren und war um zehn Uhr zu Hauſe. In vier Stunden nach Meißen hin und her, mit Einſchluß des Ausſteigens und Um⸗ ſchauens— dies war ungefähr der Maßſtab ſeiner Eile und Weile. Da dieſe militairiſchen Spazier⸗ fahrten mit ziemlicher Schnelligkeit in Hitze und Staub zurückgelegt wurden, ſagten ſie ſeiner Bedeckung und dem Gefolge keineswegs zu. „Der gewöhnliche Zweck ſeiner Ausflüge war, wie geſagt, rein topographiſch⸗militairiſch. Sehr oft aber fragte er auch nach andern Gegenſtänden, die freilich auch Bezug auf ſeine Abſichten haben mochten. Z. B. wie viel Schiffe in Schandau, Pirna u. ſ. w. erbaut werden könnten? Zu welchem Preis? Ob und wenn die Elbe zufriere? Berthier begleitete ihn ſtets. Manchmal ſaßen in demſelben Wagen Soult und Can⸗ laincourt. „Bei dem Eifer die Gegend kennen zu lernen, und bei dem Eigenſinne, mit welchem er, vorzüglich zu Pferde, die Kreuz und die Quere fliegt, wurden manchmal die Relais übergangen oder man kam an ſchwierige Stellen, wo der Wagen nicht ſogleich um⸗ kehren konnte. Hier mußte Napoleon ſelbſt abſteigen, und waren die Handpferde nicht im Augenblick bei der Hand, blieb ihm nichts übrig, als das Pferd ei⸗ 150 nes Stallmeiſters zu beſteigen. Die Andern halfen ſich, wie ſie konnten. Caulaincourt war gewöhnlich mit dem Adjutanten vom Dienſte zu Pferde; bei gro⸗ ßen Kreuzzügen ſaß er mit im Wagen. So wurden noch vor einigen Tagen im ſchlechteſten Wege an ei⸗ nem Nachmittage über Stolpen, Hohenſtein, Lilien⸗ und Königſtein ziemlich ſiebzehn Stunden Wegs ge⸗ macht und unterwegs Alles Bemerkenswerthe beſehen. Bald war der Kaiſer zu Pferde, bald zu Wagen oder zu Fuß. „Als er vor Kurzem zum erſten Mal an die un⸗ tere Zugbrücke des Königſteins kam, überraſchte ihn das Impoſante des über ſeinem Haupte erhabenen, ſenkrechten Felſens, von deſſen Zinne die Beſatzung im verjüngten Maßſtabe herabſchaute. Ah!“ rief er lächelnd, nachdem er die Augen nach der ungeheuren Höhe erhob. Er mochte die Mühe des Erſteigens ſcheuen und wollte umkehren. Als ihm aber geſagt wurde, daß Se. Majeſtät eine ſehr merkwürdige Aus⸗ ſicht von der Feſtung haben würden, wenn ſie ſich nur ein paar hundert Schritte aufwärts bemühen wollten, ſo ermuthigte er ſich und beobachtete am Ziele mit dem größten Intereſſe, nach Anleitung ei⸗ nes Plans von der Gegend, die Umgebungen, vor⸗ züglich jenen Unglücksplatz, wo die ſächſiſche Armee im fiebenjährigen Kriege dem Hunger erlag. Nachdem der Kaiſer die vorzüglichſten Standpunkte der Feſtung beſucht, auch den Brunnen geſehen hatte, wollte man ihn auf einem Tragſeſſel herabtragen. Den ſchlug er aber lächelnd aus, nahm von dem Commandanten und den Offizieren höchſt liebreich Abſchied und geſtand der geſammten Garniſon auf der Stelle einen dreißig⸗ tägigen Gehalt als Geſchenk zu. „Größere Reiſen machte der Kaiſer mit ähnlicher ſein öffentliches.“ 451 Geſchwindigkeit und eben ſo unerwartet. So eilte er kürzlich von hier nach Luckau, wo er über Nacht blieb, den folgenden Tag das Oudinot ſche Corps muſterte, darauf nach Lübben ging, dort ebenfalls Muſterung hielt und noch an demſelben Tage über Hoyerswerda zurückkehrte. Ein andermal ging er über Torgau nach Wittenberg, vierzehn Meilen von Dres⸗ den. An beiden Orten beſah er die Feſtungswerke, die neu angefangenen Arbeiten und muſterte die Trup⸗ ven. Den folgenden Tag fuhr er über Deſſau nach Magdeburg, und kehrte erſt nach einigen Tagen über Leipzig nach Dresden zurück. „Auf dieſe Art ſetzte ſich der Kaiſer über die ganze Lage und alle Eigenheiten Sachſens und ſeine Vertheidigungspunkte perſönlich in Kenntniß. Er ordnete bei jedem Corps alle Veränderungen und Be⸗ förderungen an. „Zu den Sonderbarkeiten des Dresdner Aufent⸗ haltes aber gehörte unſtreitig, daß der Kaiſer alle Morgen einen Geiſtlichen in ſein Palais zu ſich ent⸗ bieten ließ, der ihm Meſſe leſen mußte. Dies geſchah wahrſcheinlich, um dem ſächſiſchen ſtreng reli⸗ giöſen Hofe als guter Katholik zu erſcheinen.“ „Dieſe Heuchelei iſt des großen Mannes nicht würdig,“ ſprach Ruffus.„Das überſchreitet die Rück⸗ ſichten, die er unſerm Könige ſchuldig iſt.“ „Uebrigens,“ fiel der Geheimratb ein,„ſind wir Ihnen, verehrter Freund, für die Mittheilung über das Privatleben des Kaiſers wahrhaft dankbar. Sie ſind recht eingeweiht und erzählen eben ſo anſchaulich als angenehm.“ „Wenigſtens der Wahrheit getreu,“ erwiederte Jerome beſcheiden;„das Privatleben eines großen Mannes iſt in der Regel nicht minder intereſſant, wie 1682 „O, erzählen Sie uns noch ein wenig von Na⸗ voleon,“ bat Clärchen,„nicht wie er wilde, garſtige Schlachten liefert, ſondern wie er's ſonſt treibt, ſo unterwegs, was er gern ißt und trinkt.“ Da die Uebrigen, ſelbſt Anna nicht ausgenom⸗ men, ihre Bitten mit denen Clärchen's vereinigten, ſo erklärte ſich Jerome bereit, nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen noch Einiges über Napoleon's Privat⸗ eigenthümlichkeiten und über ſeine nächſte Umgebung mitzutheilen. „Von Napoleon's Eſſen und Trinken, da einmal darüber Erklärung gewünſcht wird,“ ſprach er lächelnd, „kann leider nicht viel berichtet werden. Der Kaiſer lebt äußerſt mäßig. Während des ganzen Feldzugs ſpeiſte der Prinz von Wagram, Alexander Berthier, mit ihm allein; nur bei Unpäßlichkeit des Letztern ward der Großſtallmeiſter Caulaincourt oder ein Mar⸗ ſchall zur Tafel gezogen. Es werden zwar nach fran⸗ zöſiſcher Sitte vielleicht zwölf bis ſechzehn trefflich be⸗ reitete Speiſen aufgetragen, aber Napoleon ißt und trinkt wenig, obgleich ſehr haſtig und ſchnell. Ber⸗ thier ſchenkt ihm ein und ſpricht über Tafel wenig. Ruſtan oder ein anderer Kammerdiener wartet auf. Sehr oft werden während der Tafel Offiziers, die Depeſchen bringen oder andere Abgeordnete eingelaſ⸗ ſen und während er faſt heißhungrig ſpeiſ't, vernom⸗ men. In Paris ſoll er manchmal in dem Grade von Geſchäften zerſtreut und umher getrieben worden ſein, daß, als man ihn an die Tafel erinnerte, er zornig gefragt hat:„Nai je pas encore diné?“ „Während der Waffenruhe hatte er einmal die franzöſiſche Schauſpielerin, Demoiſelle Bourgoing, mit Berthier und Caulaincvurt zur Frühtafel eingeladen. Es ſoll eine ſeltene und intereſſante Erſcheinung ge⸗ 153 weſen ſein, im Vorzimmer des Kaiſers eine einzelne elegant gekleidete Pariſerin ſitzen zu ſehen. „Wenn ich vorhin die Ruhe und Regelmäßigkeit erwähnte, die während des Waffenſtillſtandes im Haupt⸗ quartiere herrſchte, ſo gewährt Letzteres im Felde ein ganz anderes Bild. Alles, was dann vorfällt, iſt überraſchend, und doch muß Jeder auf der Stelle zum Dienſte bereit ſein; ungewöhnliche Ruhezeiten und nicht erwarteter Aufbruch, Abänderung der beſtimmten Stunde und ſehr oft der Wege und Quartiere. Wenn auch der Großſtallmeiſter einen Wink erhält, ſo ge⸗ ſchiebt dies gemeinlich ſehr ſpät, und alle Uebrigen müſſen errathen, was etwa geſchehen wird. Wer ſich deshalb Rath bei Andern erholen will, erhält unter Achſelzucken ein leidiges„Je ne sais pas!“ zur Ant⸗ wort. Die Geſchäfte, die eingehenden Meldungen, die ankommenden Eilboten ſind die Uhr, nach welcher Napoleon ſeine Zeit eintheilt. Man hat ehedem ge⸗ glaubt, daß er gewiſſe Leute für ſich arbeiten laſſe. Im Gegentheil aber gehen die Hauptentwürfe zu allen Operationen von ihm ſelbſt aus. Berthier darf vielleicht nur Bemerkungen hinwerfen, hat aber die weitere Ausführung der Commandoſachen über ſich. „Sehr oft verzieht ſich während des Marſches der Aufbruch um mehre Stunden und halbe Tage, und an das letzte Wort, welches Napoleon dictirt, reiht ſich der trockene Befehl:„la voiture! à cheval!“— und wie durch einen elektriſchen Schlag ſetzt ſich nun Alles, was folgen muß, in Bewegung. In dieſem Augenblicke erfährt man erſt, welcher Weg genommen werden ſoll. „Der Gryßſtallmeiſter, oder, wenn dieſer abwe⸗ ſend, ein Stallmeiſter reitet zur Rechten des Wagens; der General Guyot, der Commandant der Escorten, 154 oder der ihm im Range zunächſt folgende Offizier zur Linken, die dienſthabenden Adjutanten, Stallmeiſter, Ordonnanzoffiziere, Pagen, ein paar Handpferde für Napoleon und Berthier, Ruſtan, der Chasseur du Porteteuille und noch ein Bereiter zu Caulaincvurt's Befehlen folgen unmittelbar hinter dem Wagen, und dieſem eine Bedeckung der Chaſſeurs von einem Offi⸗ zier und vierundzwanzig Mann. So iſt der feſtbe⸗ ſtimmte Zug, der mit der größten Strenge und Pünkt⸗ lichkeit jedesmal beobachtet wird. Was an Offiziers und Pferden noch folgen muß oder will, darf dem Befehle nach, nicht vor der Bedeckung reiten, und nur Generale von höherem Range ſchließen ſich zu⸗ weilen hart oder neben dem Wagen an. „So geht es, wie ein Ungewitter heranbrauſend, im ſtarken Trabe, bei Tag und bei Nacht, viele Mei⸗ len weit die unwegſamſten Strecken entlang; und wer bei Nacht in dieſem Strudel ſich mit fortwälzen muß, iſt wahrlich nicht zu beneiden. „Wo der Weg enger wird, drängt ſich Alles im Dienſteifer wild durch einander, und das beſte Lvos haben dann die beiden Ordonnanzoffiziere, die in ei⸗ niger Entfernung vor dem Wagen reiten, und die beiden Chaſſeurs, welche, noch vor dieſen reitend, die Boten führen. Alle Uebrigen ſetzen Hals und Beine auf's Spiel; denn die Dienerſchaft mit Napoleon's Handpferden hält ſich für das Haupt der Gemeine; die Chasseurs du Portefeuille ebenfalls— die Or⸗ donnanzoffiziere und Pagen ebenfalls— ſie ſind es in ihrer Art auch Alle in dem Augenblick, wenn der Kaiſer winkt; und ſo ſtürmt Alles neben einander her in Hitze und in Staub, bei Nacht und Nebel. „Sobald Napoleon anhält, ſtehen auch die Reit⸗ pferde da, und vier Chaſſeurs von der Spitze der 155 Bedeckung ſpringen ab, pflanzen die Bayonnetts auf die Carabiner, ſchultern und ſtellen ſich in's Viereck um ihn her. Daſſelbe geſchieht, wenn der Kaiſer anhält, um zu Fuß die Gegend oder den Feind zu beobachten. Dann wird das Viereck etwas größer gebildet und ſchiebt ſich nach Maßgabe ſeiner Bewe⸗ gungen, doch ungezwungen, mit ihm fort, damit er jedesmal vom freien Raum aus in allen Richtungen vor⸗ und ſeitwärts beobachten kann. Sind die Ge⸗ genſtände entfernt, ſo tritt der Page vom Dienſte herbei, welcher das große Fernrohr führt, und dieſer oder Caulaincourt leiht ſeine Schulter zum Geſtell. „Wenn die Umſtände Napoleon nöthigen, in Mor⸗ gen⸗ und Abendſtunden oder bei kühler Witterung längere Zeit im Freien zu ſein, ſo wird durch die Chaſſeurs ein Wachtfeuer für ihn bereitet. Dieſes iſt aber von ungewöhnlicher Größe. Die größten Stücken Holz, wo möglich ganze Balken, müſſen auf⸗ lodern, um gewiſſermaßen zum Signal für Napoleon's Aufenthalt zu dienen. „Wie bei Tafel, iſt auch hier nur Berthier ſein Geſellſchafter; ſelten Andere. Alles ſteht in einiger Entfernung ehrfurchtsvoll in einem Halbkreiſe und ſucht ſich gleichfalls eine Marſchallstafel und ein Mar⸗ ſchalls⸗Wachtfeuer anzuzünden. „In tiefem Nachdenken oder mit Berthier im Ge⸗ ſpräch geht dann Napolevn auf und nieder und horcht auf den fernen Donner des Geſchützes oder auf an⸗ dere Anzeichen ſeiner Generale. Wenn ihm die Zeit lang wird, ſchnupft er Tabak oder macht ſich wenig⸗ ſtens mit den Füßen etwas zu ſchaffen. Er ſchnellt die nächſten Kieſelſteine von ſich oder die Holzſpähne in's Feuer. Nie kann er unthätig ſein. „Es iſt außerordentlich, welche Beurtheilung in 156 Momenten einer gewiſſen Entſcheidung, vorzüglich durch Dampf und Kanonenfeuer ſich der Kaiſer zu eigen gemacht hat. Faſt immer wußte nur er allein, von woher eine Veränderung durch die Angriffe ſei⸗ ner Truppen erfolgen ſollte. Auch die Beurtheilung der Entfernung oder der Annäherung des feindlichen Feuers entgeht ihm nie. Jede Bewegung oder Stärke der feindlichen Artillerie, die angetretenen Rückzüge oder Seitenbewegungen bemerkt er ſchneller und ſchär⸗ fer als irgend einer ſeiner Generale. Ein Blick durch's Fernrohr, und er hat das Bild einer ganzen Armee mit unglaublicher Schnelligkeit gefaßt. So beurtheilt er von der Höhe ganze Corps von funfzig bis ſech⸗ zigtauſend Mann nach dem Raume und der Stellung. Hierbei beſitzt er noch das außerordentliche Ingenieur⸗ talent, ſich nach Winkeln, Triangeln und weit entle⸗ genen Punkten und Gegenſtänden ſchnell zu orienti⸗ ren, und das Bild aller Orten und Gegenden auf⸗ zufaſſen. Nur einmal vrientirt er ſich im Freien, nach der Karte und dann iſt ihm beim ferneren Vor⸗ rücken oder Vorſchieben Alles ſo genau dem erſt ge⸗ faßten Bilde nach, als ob er im Lande geboren wäre. Freilich beurtheilt er dann manche Bewegung nur im Großen; ohne auf die unbekannten Schwie⸗ rigkeiten zu achten, befiehlt er Unternehmungen, die durch die ſtrengpünktliche Ausführung ſeiner Generale große Opfer koſten.“ „Sie haben da wiederholt eines Chasseur du Por- tefeuille erwähnt,“ frug der Geheimrath,„was hat es mit ihm für eine Bewandtniß?“ „Solcher Chasseurs du Portefeuille giebt es zwei,“ erklärte Jerome,„ſie werden zur Fortſchaffung der unentbehrlichſten geographiſchen Hülfsmittel gebraucht und ſind aus der Chaſſeurgarde zu Pferde reerutirt. 157 Der wachhabende Offizier dieſer Truppengattung wählt ſie zu den Ehrenpoſten und der Aide de camp de service übergibt ihnen die ehrwürdige lederne Brief⸗ taſche. Sie folgen unmittelbar den Adjutanten oder den nächſten Umgebungen Napoleon's, er mag zu Wa⸗ gen oder zu Pferd ſein, und eingedenk ihrer hohen Beſtimmung, reiten ſie Alles nieder, was ſie nur einen Schritt von dem Punkte ihrer Beſtimmung ent⸗ fernen könnte. „Ueberhaupt iſt das Perſonal, welches der Per⸗ ſon des Kaiſers unmittelbar folgen muß, an die hartnäckigſte Behauptung ſeines Poſtens gewöhnt, wozu es die ſtrenge Aufmerkſamkeit des Großſtallmei⸗ ſters Caulaincvurt— die ſich in der ganzen Verwal⸗ tung des kaiſerlichen Hauſes offenbart— gebracht hat. Durch Caulaincvurt ergehen ſeit des Großmar⸗ ſchalls Duroc's Tode alle Befehle über Marſch und Aufenthaltsangelegenheiten, die Beſorgung des Stalls, der Relais, der Küche und Verwaltung, der Diener⸗ ſchaft und vorzüglich der Couriers und Eſtafetten. Zu den Felleiſen, welche die Couriers bringen, hat Caulaincvurt den Schlüſſel, öffnet ſie, übergibt dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt, es mag ſich derſelbe auf dem Marſche oder im Quartier befinden. Sitzt er im Wagen, ſo geht Alles im Trabe und Galvopp fort. Caulaicvurt ſpringt vom Pferde, nimmt den Eilboten bei Seite, öffnet das Felleiſen, jagt dem Wagen Napoleon's nach, übergibt ihm die Depeſchen und nun fliegen, kurz darauf, Schaaren von Couverts aus dem Wagenſchlage. „Ein ſolcher Papierregen trifft manchmal die zu⸗ nächſt dem Wagen folgenden Pferde; denn bei den Reiſen, welche Napoleon fahrend macht, werden die Schriften, zu deren Durchſicht er im Cabinete nicht 158 Muße genug hatte, in die Schubfächer des Wagens gepackt. Die durchläuft er nun, in's Freie kommend, vorzüglich wenn ihm die Gegend gleichgültig oder be⸗ kannt iſt. Was ſich von unbrauchbaren Rapports vor⸗ findet, fliegt zerſchnitten wie ein Bienenſchwarm zum Wagen hinaus und wird von den eilenden Rädern und ſtampfenden Roſſeshufen in Staub zermalmt. Wahrſcheinlich hat Berthier das Geſchäft des Zer⸗ ſchneidens, denn die gevpferten Gutachten ſcheinen mit Sorgfalt zerfleiſcht. Vielleicht macht ſich Napolevn auch ſelbſt dieſen Zeitvertreib, da er keinen Augen⸗ blick ruhen kann. Hat ihm Berthier und er dieſem nichts mehr zu ſagen, verliert ſelbſt das Spiel mit der Quaſte des Zugfenſters ſeinen Reiz, ſo entſchläft Napoleon. Um aber den Kaiſer vor langer Weile zu ſchützen, füllt man, wenn keine Rapports, Liſten und dergleichen eingegangen ſind, alle Seitentaſchen mit Pariſer Zeitungen und Tageblättern aus. Auch dieſe fliegen, wenn er ſie flüchtig durchlaufen, noch leichter als der Wind, der ſie trägt, in das nachſtre⸗ bende Gefolge und werden von den Neuigkeitsſüchti⸗ gen, wenn es ihnen der nachjagende Troß geſtattet, gehaſcht und aufgehoben. Selbſt mit einer kleinen Handbibliothek kann man ſich bereichern, wenn es Zeit und Umſtände geſtatten; denn giebt es keine Zeitun⸗ gen und Tageblätter mehr, ſo enthalten die Seiten⸗ taſchen neuere in Paris erſchienene Schriften, ſelbſt Romane, ziemlich beleibt aber blos geheftet, und dieſe genügen ſehr unvollſtändig dem nach geiſtigen Genuß ſtrebenden Sinne Napoleon's. Es werden alſo auch dieſe Unglücklichen, wenn ihm der Inhalt der erſten Seiten nicht zuſagt, über Bord geworfen. Aus Neu⸗ gierde nimmt ſich manchmal einer des Gefolges der Gefallenen an; außerdem werden ſie die Beute der 159 nachmarſchirenden Soldaten. So iſt unlängſt ein Werk von vier bis ſechs Bänden zum Wagenſchlage heraus⸗ geflogen, weil es einen ganz unſchuldigen engliſchen Roman in engliſcher Sprache geſchrieben enthielt. „Der Gryßſtallmeiſter ſorgt mit einem unbeſchreib⸗ lichen Eifer und der allergrößten Aufmerkſamkeit und Pünktlichkeit für die Bedürfniſſe Napoleon's. Eine ununterbrochene Thätigkeit iſt ohnedies der Hauptzug ſeines Charakters, aber man muß ſich wundern, daß er trotz der vielen politiſchen und andern Angelegen⸗ beiten, womit ihn der Kaiſer beauftragt, noch immer Zeit behält, die kleinſten Nebendinge des kaiſerlichen Hausweſens zu beobachten und zu beſorgen Er iſt manchmal wie eine Kinderfrau um ihren Kleinen be⸗ ſchäftigt und Napoleon hätte wohl keinen Diener von thätigerer und unwandelbarerer Ausdauer finden kön⸗ nen. Ein einziger Seeretair nur ſteht ihm bei, und wenn er vielleicht ganze Nächte bei Napoleon hat ar⸗ beiten müſſen, ſo iſt doch immer Caulaincvurt beim Aufbruch der Erſte und ſcheut keine Beſchwerlichkeiten, ſo erſchöpfend ſie ſein mögen. „Er iſt faſt immer zu Pferde und reitet gewöhn⸗ lich neben dem Wagenſchlage; wenn aber der Herzog andere Aufträge hat, ſo vertritt ſeine Stelle einer der beiden Stallmeiſter vom Dienſte. Es iſt unſtrei⸗ tig nur Caulaincourt's Werk, daß der Dienſt des kai⸗ ſerlichen Hauſes mit ſo vieler Ordnung und Ruhe gehandhabt wird. Seine Arbeiten haben ſich ſeit Durve's Tode bedeutend vermehrt. Uebrigens wie ſehr auch Napolevn die ungemeine Brauchbarkeit und Gewandtheit des Herzogs von Vicenza anerkennt, ſo ſoll doch der Ton des Kaiſers gegen Duroe offenber⸗ ziger und vertraulicher geweſen ſein. Caulaincvurt zeigt bei aller Ergebenheit immer eine gewiſſe Kälte 160 und ſteife Obſervanz in ſeinem Betragen, welche Duroc weniger beobachtet haben ſoll. „Auch huldigt Caulaincvurt, ob er ſchon auf der einen Seite offen mit Napoleon ſpricht und ihm nichts verheimlicht, was Andere aus Furcht vor der Ungnade unberührt laſſen, dem Kaiſer zur Ungebühr und auf eine verwöhnende Weiſe. Hierher gehören nament⸗ lich jene Winke und Anſtalten zum Empfange des Kaiſers, die z. B. bei Beleuchtungen unter dem Vor⸗ wande angeordnet werden, daß die des Nachts an⸗ kommenden Truppen Straßen und Quartier beſſer finden könnten. „Dagegen hat Caulaincourt wieder das große Gute, die Beſorgniß mancher Gefahr, welche des Kaiſers Unternehmen bedrohen, offen vor Napolevn auszu⸗ ſprechen, ihm die Unordnungen in der Armee, die Frevelthaten der Soldaten bekannt zu machen. So empfiehlt er auch die Hülfsbedürftigen, welche ſich an ihn wenden, wenn ihr Geſuch nicht ganz außer dem Kreiſe ſeiner Geſchäfte liegt, und wacht ſtreng über ökonomiſche Gegenſtände. Der Herzog iſt überhaupt ſehr ſtreng, zuweilen unbändig grob. Dieſe löbliche Sitte hat übrigens bei uns ehedem ſo galanten Fran⸗ zoſen gewaltig überhand genommen. Freilich geht hier Seine Majeſtät nicht mit dem beſten Beiſpiele voran. Als bei einem ſeiner letztern Ausflüge ein⸗ mal in der Nacht weder von den Bereitern noch von der Bedeckung ein Poſtknecht beſorgt und ein falſcher Weg eingeſchlagen worden war, hat er in der Hitze gedroht, dem Stallmeiſter vom Dienſt cent coups de baton“ aufzählen zu laſſen, und ein kaiſerlicher Stall⸗ meiſter genoß, nächſtdem, daß er Baron war, noch den Rang als Oberſt. „So würde auch der Ton, den zuweilen Offiziere 16¹ und gemeine Soldaten gegen den Kaiſer annehmen, bei andern Nationen ſehr auffallend ſein. Ein Offi⸗ zier, dem Napoleon vor einigen Tagen vielleicht un⸗ billiger Weiſe Vorwürfe wegen einer Vernachläſſigung machte, vertheidigte ſich vom Pferde herab, in Ge⸗ genwart von hundert Offizieren und Generalen bei der Parade mit einem Feuer und Geberdenſpiel, daß mir wahrhaft bange für ihn ward.— Napoleon ahn⸗ dete jedoch dieſe Keckheit nicht und ſchwieg. Den Generalen giebt der Kaiſer durch ſeine zügelloſe Hef⸗ tigkeit zuweilen Veranlaſſung zu derben Erwiederungen. So ſoll er vor nicht langer Zeit den General Seba⸗ ſtiani mit Vorwürfen überhäuft haben, indem er be⸗ hauptete, daß des Generals Reiterei weit weniger ge⸗ leiſtet, als die von Latvur⸗Maubourg, welche ſo und ſo viel Fahnen und Kanonen erbeutet und eine Menge Gefangene gemacht habe, und brach in die beleidigen⸗ den Worte aus:„Vous commandez des canailles et non päs des soldats!“—„Sire,“ hat Sebaſtiani mit Energie geantwortet, je ne commande pas des ca- naiſles!“ und ihm darauf trocken auseinander geſetzt, daß unter obgewalteten Umnſtänden ſeine Truppen nicht mehr hätten leiſten können. Macdonald, der Herzog von Tarent, ſtimmte ihm, dem Angegriffenen, bei, und die Beiden brachten endlich Napolevn— von welchem Caulaincourt alle Umſtehenden, des Aufſehens wegen, zu entfernen ſuchte— zum Schweigen. Der Kaiſer ließ nun ſeinen Unmuth gegen die vorbeimar⸗ ſchirenden Regiments⸗Commandanten der Diviſion Se⸗ baſtiani aus, und belobte die Thaten von Latvur⸗ Maubourg's Reiterei. „Seit der Kaiſer in den letzten Zeiten zu ſehr mit Kugeln begrüßt worden iſt, hat man jetzt eine Marſchordnung im Hauptquartiere bekannt gemacht, Stolle, ſämmtl. Schriften. KIM. 1¹ nach welcher im Felde Niemand hinter Napoleon rei⸗ ten darf als Berthier, Caulaincvurt, der Marſchall vom Dienſt, der General Guiyot, als Commandant der Escorten oder Guiden der Chaſſeur⸗Garde, zwei Adjutanten, zwei Ordonnanzoffiziere, zwei Offiziere als Dolmetſcher in ruſſiſcher und deutſcher Sprache, ein Page, ein Leib⸗Sattelknecht und Ruſtan. Die große kaiſerliche Suite hatte nämlich bei Recognoscirun⸗ gen dem Feinde oft als Zielpunkt der Geſchütze gedient. Alle übrigen Individuen des kaiſerlichen Hauſes müſ⸗ ſen nebſt der Bedeckung in einer Entfernung von dreihundert Toiſen zurückbleiben. Bei ſehr gefähr⸗ lichen Punkten hat Napolevn die Gewohnheit, ent⸗ weder ganz allein mit Caulaincourt oder Berthier und einem Pagen vorzureiten und abzuſteigen, und ſeine Pferde hinter dem Schutze einer Anhöhe oder eines Hauſes ſtehen zu laſſen, damit ſeine Anweſenheit we⸗ niger bemerkt werde. „Napoleon ſchläft ſehr wenig, iſt faſt ununterbro⸗ chen thätig und arbeitet mit einer unglaublichen Leich⸗ tigkeit und Ueberſicht. Seine Umgebungen ſprechen voll Bewunderung von dem gedankenreichen, ſyſtema⸗ tiſchen Gange derjenigen Abhandlungen, Vorſchriften und Aufſätze, die er ſeinen Secretairen und Adjutan⸗ ten oft im Zuſammenhange vieler Seiten dictirt. Sie müſſen auf alle Fragen und Aufgaben gefaßt ſein, namentlich die Secretaire in politiſchen wie in Mili⸗ tairangelegenheiten. Oft wenn Depeſchen eingehen, befragt Napoleon die ihm zunächſt ſtehenden Offiziere um die Lage der in den Depeſchen genannten Orte, ehe dieſe noch wiſſen können, ob dieſe Orte in Schle⸗ ſien, Spanien oder anderswo zu ſuchen. Erſt durch einen Blick auf die Unterſchrift des Senders können ſie enträthſeln, welchen Ort er meint, und den ver⸗ 163 langten Fingerzeig auf der Karte geben. Aeußerſt ſelten weiſ't er eine Arbeit von ſich, doch für den Augenblick geſchieht es bisweilen, daß er Dinge, die ihm nicht zuſagen, auf die nächſten Tage ausſetzt, und befiehlt, daß man ſie ihm wieder vortrage. Es ge⸗ ſchieht, wenn ihn ein Cvurier auf dem Marſche trifft, daß er anhalten läßt und entweder Caulaincourt oder Berthier ſich ſogleich auf den Boden ſetzen und die Befehle niederſchreiben müſſen, die er ihnen an die Corpscommandanten dietirt. Oft trifft ſich's, daß er alle Ordonnanzoffiziere verſendet hat. Ehe die er⸗ warteten Nachrichten von ſeinen Generalen, vielleicht vor einem wahrſcheinlichen Gefecht eingehen, befindet er ſich in quälender Unruhe, und läßt oft mitten in der Nacht einen oder mehre ſeiner Arbeiter wecken. „Appellez le prince de Neufchatel!“ ruft er dann, „allons! que tout le monde s'éveille!“ Dies pflegte zuweilen um ein oder zwei Uhr nach Mitternacht zu geſchehen; denn während des letzten Feldzugs legte er ſich ſehr zeitig, nach acht oder um neun Uhr, ſobald er geſpeiſt hatte, nieder. Sein Feldbett ward auf Mauleſeln mitgeführt, und an kleinen Orten, wo keine förmliche Einrichtung ſtattfindet, aufgeſchlagen, ſobald ſein Zimmer eingerichtet war. Aeußerſt ſelten ſchläft er am Tage eine Stunde. Am längſten in dieſem ganzen Feldzuge ſoll Napolevn unmittelbar nach Ab⸗ ſchluß des Waffenſtillſtandes in Görlitz geſchlafen ha⸗ ben, nicht weniger denn zehn ganzer Stunden, von Abends neun bis früh ſieben Uhr, ununterbrochen, ohne einen Einzigen ſeines Hauſes wecken zu laſſen. Es iſt faſt ein unerhörter Fall, aber auch zugleich ein Beweis, daß ihn jene Epoche mit einer augen⸗ blicklichen Sorgenfreiheit erfüllt hatte. Sehr oft mußte Caulaincvurt den größten Theil der Nacht bei ihm 11* 164⁴ arbeiten. Wenn er um zwei Uhr anfängt, auszufer⸗ tigen, dictirt er bis vier Uhr und legt ſich dans wie⸗ der nieder. Seine Secretaire haben nun das ermü⸗ dende Geſchäft, was ſie in Chiffern geſchrieben, aus⸗ zuarbeiten. Oft widmet er ganze Nächte der Arbeit. Ruſtan muß dann Kaffee bringen, und er ſpaziert in dem hell erleuchteten Cabinet, in einem weißen Nacht⸗ überrock, ein bundſeidenes Tuch gleich einem Turban um das Haupt gewunden, ſprechend und dictirend umher. Offiziere und Generale empfangen hier ihre Befehle, und iſt die Zeit der Ruhe verfloſſen, nimmt er nicht ſelten gegen Morgen ein Bad zur Stärkung. „Sein Reiſewagen iſt zum Schlafen eingerichtet, ſo daß er ſich auf Matratzen ausſtrecken kann. Zwi⸗ ſchen ſeinem und Berthier's Sitze iſt eine Art von Unterſchied gemacht. Ganz in ſeiner Uniform— während der Nacht mit dem bunten Tuche um den Kopf— kann Napoleon in ſeinem bequem gebauten Wagen eben ſo ſanft wie im Bette ruhen. Dieſer hat inwendig lauter verſchließbare Schubfächer, in welchen die Nachrichten aus Paris oder die nicht ge⸗ öffneten Rapporte liegen. Napoleon gegenüber hängt ein Verzeichniß der Orte, wo die Relais bereit ſte⸗ hen, und eine große Laterne, in der Mitte der hin⸗ tern Wand angebracht, erleuchtet das Innere des Wagens, ſo wie vier andere an den äußern Ecken des Wagens den Weg erhellen. Die Matratzen, die Ruſtan zurecht legt, ſind im Innern des Wagens ſelbſt geſchickt verpackt; und unter den Kaſten, da, wo das Magazin ſonſt angebracht iſt, einige Fackeln zum Vorrath niedergelegt. Ruſtan ſitzt gewöhnlich allein auf dem Kutſcherſitze, und ſechs ſtarke Limviſias, von zwei Reitern gelenkt, ziehen den prunkloſen, grü⸗ nen, zweiſitzigen, in den beſten Federn hängenden Scheibenwagen. 165 „Beritten iſt Napoleon keineswegs kaiſerlich. Zu ſeinem gewöhnlichen Gebrauche bat er ungefähr acht bis neun Pferde, deren edelſtes und beſtes eine Falbe von arabiſcher Abkunft mit ſchwarzem Schweif und Mähne iſt. Ich bin überzeugt, daß mancher unſerer Offiziere Anſtoß nehmen würde, eines der übrigen zu beſteigen; ſie ſind klein und unanſehnlich, aber bequem und ſicher. Zu ſeinen Lieblingen gehören außer der Falbe noch zwei Füchſe und zwei Schimmel, von de⸗ nen einer der Letztern ein Geſchenk des Königs von Sachſen iſt, als Napoleon durch Dresden nach Ruß⸗ land zog, und mit dem er von Moskau zurückkam. Ein Pferd, das aus Rußland heimgekehrt iſt, ſteht bei unſerer Armee in großem Anſehen. Das„c'est un cheval de Moscow“ iſt die größte Empfehlung, die man einem Pferde ertheilen kann, und ein ſol⸗ ches wird außerordentlich theuer bezahlt. „Napoleon ſelbſt iſt, wie man ſich täglich über⸗ zeugen kann, kein Reiter. Er läßt das Pferd in der Regel einen nachläſſigen Schritt oder kurzen Trab gehen, und hängt nachdenkend darauf. Sein Roß iſt gewöhnt, den beiden Ordonnanzoffizieren zu folgen, die jedesmal vorausreiten. Am liebſten lenkt er quer⸗ feldein, ohne daß Jemand weiß, wohin. Die Chaſ⸗ ſeurs der Garde haben ſich aber ſo mit ſeiner Weiſe bekannt gemacht, daß ſie bei der erſten Richtung, die Napolevn nimmt, immer den Ort zu beurtheilen wiſ⸗ ſen, den er erreichen will. Er reitet gern Nebenwege und Fußſteige, ſo daß er manchmal in Gebirgsgegenden und Gründen abſteigen muß. Bei übeln oder ſum⸗ pfigen Stellen reitet Caulaincourt ein paar Pferde⸗ längen voraus, den Weg zu unterſuchen. An ſolchen Orten, die ihm unangenehm oder verhaßt geworden, z. B. wo ſeine Armeen empfindlichen Verluſt erlitten 166 haben, eilt er im ſtarken Trabe vorüber. Er iſt da gewöhnlich ſehr verſtimmt. „Sehr oft erblickt man ihn aber auch heitern Ge⸗ ſichts, und unterwegs ſpricht oder ſingt er zuweilen italieniſche oder franzöſiſche Liedchen vor ſich hin. In ſehr heiterer Stimmung befand er ſich nach dem Abſchluſſe des Waffenſtillſtandes. Da ſang er fort⸗ während die beliebte Ariette: Ah page, mon beau page,“ und ſodann das italieniſche:„Andiam a ca- vallo!“ Wenn er gut gelaunt iſt, hat ſein Ton et⸗ was außerordentlich Gefälliges und Zutrauliches. Da ruft er ganz freundlich: Berthier, mon Berthier! oder grand Mortier! weil dieſer Marſchall getroſt als Flü⸗ gelmann jeder Garde auftreten kann. Einen ganz andern Ton nimmt er aber im Dienſte an. Da heißt es— le Prince de Neufchatel! le Duc de Treviso! „Seine Ausſprache iſt kurz, und wegen mancher verhallenden Worte oft unverſtändlich. Seine gewöhn⸗ liche Frage, die er faſt an jeden Soldaten thut, der ein Geſuch anbringt, oder ihm empfohlen worden, be⸗ ſteht in dem„combien de service?“ Wenn er ſich aber vielleicht in einer Gegend orientiren und die Größe und Wichtigkeit eines Orts bei ſeinen Unter⸗ nehmungen beurtheilen will, fragt er:„Combien d'ici à N.? Quelle population?“ „Er heftet ſeinen Blick ſtets auf den, mit wel⸗ chem er ſpricht, gleichſam als ob er ihn durchſchauen und ſeine Gedanken ergründen wollte. Er kann nicht ſchnell genug Antwort erhalten, darum es ihn ewig verdrießen muß, daß er ſich Alles, was nicht italie⸗ niſch oder franzöſiſch, verdolmetſchen laſſen muß. Viele Leute ſind der irrigen Meinung, daß er deutſch ver⸗ ſtehe, oder gar ſpreche, aber mein Vetter Durosnel, ſo wie der Cabinetsſecretair Mounier, die doch ſehr 167 viel in ſeiner Nähe waren, verſichern, daß dies nicht der Fall ſei. Bei den unbedeutendſten Antworten oder Ausſagen gemeiner Leute, denen Napoleon Fra⸗ gen vorlegt, unterbricht er häufig den Dolmetſcher mit einem halb rauhen, halb ſchneidenden:„qu'est ce qu'il dit?“ Doch läßt er ſich die Ueberſetzung ſehr häufig durch Caulaincvurt, der ziemlich deutſch ſpricht, noch eher gefallen, als wenn Jemand, der ſchlecht franzöſiſch ſpricht, ſo zu ſagen mit ihm radebrechen will. Gewöhnlich unterbricht er ihn und befiehlt deutſch zu reden. Sehr ſonderbar und oft komiſch ſoll ſeine Ausſprache deutſcher Ortſchaften klingen. Anſtatt Zeitz ziſcht oder poltert er Siſſ; anſtatt Weißenfels Wißnitz; anſtatt Töplitz Tilpſit; an⸗ ſtatt Hochkirch Ohghirſch; wie überhaupt faſt alle meine Landsleute ſich hierin gefährlicher anſtellen, als es oft nöthig wäre. „Wenn Napoleon in einer Stadt übernachtet, ſo liegt Berthier allemal in demſelben Hauſe und Cau⸗ laincourt zunächſt demſelben. Der Präfekt des Palais oder ein Hoffonrier geht voraus, Alles anzuordnen. Im Salon de Service wird, noch vor des Kaiſers Eintreffen, eine Quartierliſte aller zum Hofe gehöri⸗ gen Perſonen aufgehängt. Ein Commiſſair geht ge⸗ wöhnlich vvraus und beſorgt den Einkauf aller für das kaiſerliche Haus erforderlichen Lebensmittel, an Fleiſch, Flügelwerk, Eiern, Weinen, und überall, ſelbſt in Feindes Land, ſind die Bedürfniſſe für den Hof ſtets baar bezahlt worden, während mancher Marſchall, trotz ſeines Wohlſtandes, Alles requiriren läßt, wor⸗ über in der Armee oft ſehr mißbilligende Stimmen laut geworden ſind. Zu Transporten des kaiſerlichen Hauſes bedarf man nur vierzehn Wagen. Da dieſes Fahrweſen aber ſehr beſchränkt iſt und an vielen Or⸗ 168 ten oft nichts zu finden war, wurde zuweilen ſelbſt die Marſchallstafel der Offiziere mit dem im Orte aufgekauften ſchlechten Landwein, auch wohl nur mit Bier oder Waſſer bedient. Von den Schüſſeln ſuchte man zwar immer die Mehrzahl beizubehalten, aber die Speiſen wurden auf wenige Gerichte beſchränkt und wenn die edlen pommes de terre und das vi- naigrette(kaltes Rindfleiſch mit Eſſig und Oel) nicht geweſen wäre, würde ſelbſt das kaiſerliche Gefolge zu⸗ weilen drückenden Mangel empfunden haben. Denn das Brot war am ſeltenſten und für die Bedienung oft gar nicht zu haben. An Orten, wo noch etwas zu finden war, ſetzte man ſich in Vorrath, die Körbe der Mauleſel wurden von Neuem gefüllt, im Fall das Hoflager in einem Dorfe oder auf einem Bivonak aufgeſchlagen würde. „Im letztern Falle werden an dem Orte, den Napolevn gewöhnlich unnittelbar vorher beſtimmt, in der Nähe oder in der Mitte ſeiner Garden fünf Zelte von blau und weiß breitgeſtreifter Leinwand oder einer Art Zwilich aufgeſchlagen. Zwei, welche dem Kaiſer als Wohnung und Arbeits⸗Kabinet die⸗ nen, hangen zuſammen, im Dritten ſpeiſen und ſchla⸗ fen die Großvoffiziere, im Vierten die übrigen Offi⸗ ziere des kaiſerlichen Hauſes. Wer nicht Platz hat, bleibt beim Wachtfeuer. Das Fünfte gehört dem Prinzen von Neufchatel als Wohnung und Arbeits⸗ zimmer.“— Jerome beſchloß ſeine Mittheilungen über Napo⸗ levn mit einer lebendigen Beſchreibung des kaiſerli⸗ chen Hauptquartiers im Allgemeinen. „Denken Sie ſich,“ ſprach er,„einen großen Platz, der mit Lagern, Militairparks und Bivouaks umge⸗ ben iſt; mitten unter funfzehnhundert ſich durchkreu⸗ 169 zenden und ſich verwickelnden Wagen defiliren lang⸗ ſam Regimenter Infanterie, Cavallerie, Bedeckungen, Feldkaleſchen und Pulverwagen, Heerden von Ochſen, Marketenderinnen auf ihren zerbrechlichen Karren, die bei dem leiſeſten Anſtoße zertrümmern, ſich verwirren, die Paſſage verſperren. In den Zwiſchenräumen drängen ſich mit Mühe Landſtreicher durch, welche Pferdefutter bringen, Couriere, Ordonnanzen und Bauern, welche mit Gewalt die Wagen auseinander treiben. Man ſtößt, man flucht, man zankt, man verſtändigt ſich. Die Pferde ſchlagen aus und wie⸗ hern; die Soldaten trinken und ſingen, die Trommel wirbelt, die Trompete ſchmettert; die Muſik des Re⸗ giments übertönt kaum das Waffengeklirr und das Wogen der Maſſe. Alles iſt mit Schmutz und Staub bedeckt. Die Stadtbewohner zittern und ſchließen ſich ein; aber die Thüren werden eingeſchlagen, die Keller erbrochen, die Scheunen überfallen. „Hier ſetzen ſich Kriegscommiſſaire feſt, dort die Poſt, die Munitionaire, die Ambulancen. Das Rath⸗ haus bebt unter den Maſſen, die ſich hinein- und herausdrängen. Die Amtleute, die Municipalperſo⸗ nen, die Platzcommandanten weiſen ſo gut als mög⸗ lich ein Unterkommen an. Vierhundert Perſonen ver⸗ langen auf einmal eine Sache. Die Einen ſprechen deutſch, die Andern franzöſiſch, wieder Andere ita⸗ lieniſch, Niemand verſteht ſich. Alle Geſichter drücken Aerger und Mißvergnügen aus. Die Epaulettenträ⸗ ger fahren Diejenigen an, die ſich durch keinen Grad auszeichnen. Hier ſieht man Gold, dört Lumpen. Die geſtickten Uniformen befinden ſich in dem Vor⸗ zimmer oder vor der Thür des Fürſten, der ihnen Befehle ertheilt. Dieſer große Feldherr ſitzt ruhig und ſtill mitten unter dem Getöſe und überfinnt und 170 überſchaut alle politiſchen und militairiſchen Verhält⸗ niſſe, zeichnet auf der Charte den Marſch und die Operationen der Truppen, ertheilt Tag und Nacht Befehle und reiſ't ab, zu neuen Siegen.“—— Es hatte bereits Mitternacht geſchlagen, als die beiden jungen Krieger ihre Lagerſtätte ſuchten, um ſich für die Blutarbeit des nächſten Tages zu ſtärken. Fortwährend ſtrömte der Regen durch die Nacht. Kaum graut der Morgen, als der Kaiſer auf ſeinem Schlachtroſſe zum Freiberger Thore hinausreitet. Sein erſter Blick iſt nach den Höhen gerichtet, wo er be⸗ merkt, daß der große, für das Klenau'ſche Corps be⸗ ſtimmte Raum noch nicht beſetzt iſt. Sogleich ertheilt Napolevn dem Könige von Neapel und dem Herzog von Bellunv den Befehl, die vorgeſchriebenen Bewe⸗ gungen ſofort zu vollziehen. Murat bricht an der Spitze der geſammten franzöſiſchen Reiterei, unter welcher ſich das neu organiſirte ſächſiſche Regiment Zaſtrow⸗Küraſſiere beſonders auszeichnet, zum Wils⸗ druffer Thor hinaus. Während die unglücklichen Soldaten Klenau's, von Beſchwerden und Hunger erſchöpft, von Koth be⸗ deckt, von Regen durchnäßt, athemlos unter den ſie erwartenden Angriffen anlangen, beginnt die Kanv⸗ nade im Centrum. Der Kaiſer läßt daſelbſt ein großes Feuer an⸗ zünden, an welchem er mit Berthier auf- und ab⸗ gehend Befehle giebt und die Schlacht leitet. Die Garden ſtehen größtentheils neben und hinter ihm. Von den entgegengeſetzten Seiten eilen die Adjutan⸗ ten herbei, die Fortſchritte der beiden Hauptangriffe auf die beiden Flügel der Verbündeten verkündigend. Es iſt nun Uhr des Morgens. Die Cavallerie des Königs von Neapel hat ſich der Höhen, welche — . das Dorf Cotta beherrſchen, bemächtigt. Am Fuße der Hügel dringen die Diviſionen des Herzogs von Belluno mit dem Bayonnette vor. Auf dem linken Flügel treibt Gouvion Saint Cyr, von zwei Bataillonen alter Garde unterſtützt, welche Alles niederwerfen, was ſich vom Feinde in den Weg ſtellt, die Preußen bis Grüna zurück. Weiter gegen die Elbe zu vertreibt der Herzog von Treviſo und die Garde⸗Cavallerie die Ruſſen von einer Stellung zur andern. In dieſem Augenblicke läßt der Kaiſer das Feuer im Centrum verdoppeln. Die Linie der franzöſiſchen Batterien gewinnt Terrain und erſteigt die Höhen. Der fortwährende Donner der Geſchütze hat end⸗ lich die Himmelsdecke für Augenblicke zerriſſen. Ein paar Sonnenblicke fallen auf das rauchende Blutfeld. Auf der Höhe von Räcknitz bemerkt man viele Hand⸗ pferde. Es iſt dies ein Zeichen, daß ſich das Haupt⸗ quartier der Verbündeten noch auf jener Seite befin⸗ det. Die Souveraine ſind noch im Angeſichte der kämpfenden Linien. Der Kaiſer wandelt fortwährend bei ſeinem großen Bivouakfeuer auf und ab. Er erkundigte ſich wieder⸗ holt, ob man in der Gegend von Plauen nicht Ka⸗ nonendonner vernehme. Plötzlich bemerkt er in der Ebene vor ſich, wie eine Batterie der Garde nicht mehr mit der frühern Lebhaftigkeit feuert. Sogleich fliegt ein Adjutant nach dieſer Stelle und kehrt mit der Antwort zurück, daß dieſe Batterie durch die Fruchtloſigkeit ihres Feuers entmuthigt ſei. In der Tiefe aufgeſtellt, erwiedere ſie das Feuer der entge⸗ genſtehenden Batterie, die auf der Räcknitzer Höhe poſtirt ſei, mit zu großem Nachtheile, und alle ihre Kugeln gingen entweder über oder unter ihr Ziel. „Es liegt nichts daran,“ entgegnete Napoleon, „man muß die Aufmerkſamkeit des Feindes auf dieſe Seite lenken. Die Batterie ſoll von Neuem feuern.“ Nach wenig Augenblicken vernimmt man an der zunehmenden Kanonade, daß der Befehl des Kaiſers vollzogen iſt, und faſt zu derſelben Zeit bemerkt die⸗ ſer durch das Fernglas auf den Höhen von Räcknitz eine außerordentliche Bewegung. Eine Stückkugel war in einen Reiterhaufen geſchlagen und hatte den⸗ ſelben geſprengt. Irgend eine hohe Perſon von den Verbündeten muß getroffen ſein. Es iſt elf Uhr. Da verkünden die Kanonen des Königs von Neapel die Fortſchritte der franzöſiſchen Cavallerie auf dem rechten Flügel. Dies iſt der Au⸗ genblick, die Bewegungen des linken auf das Schnellſte zu betreiben. Der Kaiſer verläßt ſein Feuer und jagt im Galvpp über die Ebene des großen Gartens nach dem linken Flügel. Unterdeß muß das Centrum den Reſt der Schlacht aushalten. Unbeweglich im Gewehr beim Fuß ſtehen die franzöſiſchen Regimenter im furchtbarſten Kugelregen, womit ſie überſchüttet werden. Der Kaiſer begeiſtert durch ſeine Gegenwart die Diviſion der jungen Garde auf dem linken Flügel. Wie ein Gewitterſturm drängt dieſe gold'ne Jugend Frankreichs den rechten Flügel der Verbündeten vor ſich her, während der König von Neapel, Latvur⸗Maubourg und Belluno den linken Flügel zertrümmern. Als der Kaiſer wieder bei ſeinem Rieſenwacht⸗ feuer angelangt iſt, vernimmt er das Nähere über die entſcheidenden Vortheile. Murat hatte ſich der Höhen bemächtigt, Klenau's Avantgarde umgangen und abgeſchnitten. Der König von Neapel ſelbſt hatte ſich mit gezogenem Säbel, —— 173 ſeinen goldgeſtickten Mäntel über die Achſel geworfen, an der Spitze ſeiner Cuiraſſiere und Carabiniere auf die öſterreichiſche Infanterie geworfen. Nichts war im Stande geweſen, ihm zu widerſtehen. Die feind⸗ lichen Bataillone wurden durchbrochen, von den An⸗ höhen geworfen. Vergebens verſuchten die Verbün⸗ deten ihre Cavallerie entgegen zu ſtellen. Aber die Bergesabhänge waren von dem fortwährenden Regen ſo ſchlüpfrig geworden, daß ſie ſich nicht halten konnte. Um endlich alles Unheil auf die öſterreichi⸗ ſche Armee zu häufen, verſagten der Infanterie die ganz durchnäßten Gewehre. Sie waren blos auf die Bayonnette beſchränkt und mußten der wüthend ein⸗ hauenden franzöſiſchen Cavallerie bald weichen. Ueber⸗ all war der Boden mit Flinten, Säbeln, Hüten, Fe⸗ derbüſchen und Trümmern bedeckt. Die öſterreichiſchen Quarrés wurden durchbrochen, ganze Colonnen, Of⸗ fiziere und Soldaten gefangen. Der ganze linke Flü⸗ gel, ſechs Diviſionen ſtark, durch die Schluchten von Plauen von der Hauptarmee abgeſchnitten, wird ver⸗ nichtet. Der gefangene öſterreichiſche Feldmarſchall⸗Lieute⸗ nant Metzo und mehre andere Oberoffiziere, ſämmt⸗ lich verwundet, werden vor Napoleon gebracht. Er, läßt ſie niederſetzen und unterhält ſich auf das Freund⸗ ſchaftlichſte mit ihnen. Es iſt drei Uhr. Die Artillerie der Verbündeten feuert ſchwächer. Auf einmal hört ſie ganz auf. Schwarzenberg, bereits von mehreren Rückzugslinien abgeſchnitten und nach einem Verluſte von ſechzigtau⸗ ſend Menſchen, hat den Befehl zum Rückzuge nach Böhmen gegeben. In dieſem Augenblicke befand ſich der Kaiſer wie⸗ der eben ſo ruhig, als ob er eine Partie Schach ſpiele, an ſeinem Wachtfeuer. 174⁴ „Das iſt noch nichts,“ ſprach er zu den umſtehen⸗ den Offizieren,„Vendamme wird die Sache vol⸗ lenden.“ Er wandte ſich zu einem Ordonnanzoffizier. „Reiten Sie ohne Verzug nach Königſtein,“ ge⸗ bot er dieſem,„geben Sie Vendamme Kunde von unſerm Siege, er ſoll ihn vollenden, indem er die Straße nach Böhmen ſperrt.“ „Hier ſind wir fertig,“ fuhr er fort und ver⸗ langte nach ſeinem Schlachtroß. Der Regen floß aus den Aermeln und Schooße des grauen Ueberrocks. Die Krempe des Huts hing tief über den Nacken. Alſo durchnäßt kehrte der Held des Tages, der Schrecken Verbreitende, begleitet von ſeinem Generalſtabe, in ſeinem gewöhnlichen Trabe, in der fünften Stunde des Nachmittags nach der Stadt zurück. Dicht gedrängt ſtanden Regimenter und Volk auf allen Straßen. Ueberall begrüßte Bewunderung und Begeiſterung den heimkehrenden Sieger und Retter von Dresden. „Les Autrichiens sont battus!“ ruft er mehre Male dem umdrängenden Volke in froher Laune zu, und ſteigt beim Schloſſe ab, wo er von der geſamm⸗ ten königlichen Familie als rettender Engel empfan⸗ gen wird. Kaum hatte er ſich ein paar Augenblicke Ruhe vergönnt, als er den Herzog von Baſſano rufen läßt. Dieſer muß Nachrichten über diejenigen Familien ein⸗ ziehen, welche durch die letzten Ereigniſſe am meiſten gelitten haben. Ferner befiehlt Napoleon ein Ver⸗ zeichniß der verwundeten Einwohner aufzunehmen. Unterdeß werden zehn eroberte öſterreichiſche Fah⸗ nen von den Gardeſoldaten durch die Stadt getragen. Mit dumpfem Geraſſel folgt ein endloſer Zug erober⸗ ter Kanonen und an funfzehntauſend Gefangene. Das ſind die Reſultate der großen Schlacht bei Dresden. Sechſtes Rapitel. Gleicfuls ganz durchnäßt, aber nicht minder begei⸗ ſtert für den Helden des Tages, kehrte Ruffus nach ſeiner Wohnung zurück. Er war kaum in's Haus ge⸗ treten, als auch Eugen heimkehrte. Ruffus eilte ihm freudig entgegen, trat aber beim Anblick des Freundes entſetzt zurück. „Um Gotteswillen!“ rief er,„was iſt Euch?“ Der junge Franzos blickte mit geiſterbleichem Ant⸗ litz zu dem Erſchrockenen auf und antwortete nicht. „Wo iſt Jerome?“ fuhr Jener heftig fort, das Schrecklichſte ahnend. Eugen zeigte mit der Hand gen Himmel. Sein Schmerz ſchien ſo furchtbar, daß er ihn in Worten nicht auszudrücken vermochte. Ruffus hielt zitternd die Hände gefaltet; dann rollten ein paar große Thränen über ſeine Wangen. Die Beiden gingen ſchweigend faſt maſchinenmäßig und lautlos nach Eugen's Zimmer. Hier angekommen, ſchmetterte der junge Franzos ſein Gewehr auf den Boden, warf ſich in's Sopha und verharrte in lautloſem, furchtbarem Schweigen. Ruffus näherte ſich dem Unglücklichen. „Armer, armer Freund,“ ſprach er,„tröſte Dich Gott, ich vermag es nicht.“ Er wagte nicht, Eugen um das Nähere des ent⸗ ſetzlichen Ereigniſſes zu befragen. Noch immer ſaß dieſer thränenlos im Sopha. Da fielen ſeine Blicke auf die kleine Bücherſammlung, welche ſich Jerome während ſeines Dresdner Aufent⸗ halts angeſchafft hatte. Ein Thränenſtrom erleichterte die bedrängte Bruſt. Aber es verging noch eine lange Zeit, ehe er Worte fand, dem Freunde umſtändlich über den Tod des Waffenbruders zu berichten. „O Jerome!“ rief er endlich,„wärſt Du gefallen wie die Andern im ehrlichen Waffenkampfe— wir ha⸗ ben ja immer einem ſolchen freudig in's Auge geſchaut. Kein Soldat darf ſich über einen ehrlichen Tod auf dem Schlachtfelde beklagen. Aber ſo,— ſo— ge⸗ meuchelmordet!“ Eugen ſchlug ſich bei dieſen Worten wild vor die Stirn, ſprang auf und rannte wie wahnfinnig auf und nieder.— „Was ſagſt Du?“ rief Ruffus entſetzt. „Gemeuchelmordet für Deine Liebe,“ fuhr Eugen in grimmigem Schmerze fort,„iſt ſo etwas erhört worden?“. Ruffus getraute ſich nicht weiter zu fragen. Erſt nach wiederholten Ausbrüchen ſeines Schmer⸗ zes ward der junge Krieger mittheilender und erzählte: „Es war in den erſten Nachmittagsſtunden, als wir die Preußen ununterbrochen vor uns hertrieben. Je⸗ rome war ſtets an meiner Seite. In der Gegend von Sedlitz hielt ſich in einem Garten eine Abtheilung preußiſcher Freiwilliger mit wahrhaftem Spartanermu⸗ the. Die Meiſten ließen ſich lieber niederhauen, als daß ſie gewichen wären. Nur Wenige ergriffen die 177 Flucht. Eine Abtheilung junger Garde, wobei ich und Jerome, wurde abgeſchickt, den Feind aus dem Garten zu vertreiben. Wiederholt wurden wir zurückgeſchlagen, und nur nach großem Verluſte erreichten wir unſer Ziel. Der Poſten war erobert; faſt ſämmtliche preu⸗ ßiſche Beſatzung lag im Blute. Nux wenige Gefangene wurden gemacht. Der Kampf war beendet bis auf einen preußiſchen Jäger, der ſich wie ein Verzweifelter gegen die Uebermacht wehrte. Du kennſt dieſen Ver⸗ ruchten; ich mag ſeinen Namen nicht nennen. Auch Jerome erkannte ihn und rief ihm wiederholt zu, ſich zu ergeben. Aber wie ein gehetzter Keuler verthei⸗ digte ſich der Jäger.„So lebe um Anna's willen!“ rief Jerome dem Kämpfenden in deutſcher Sprache zu. Aber kaum hatte der Böſewicht dieſe Worte vernom⸗ men, als ſeine Wuth ſich verdoppelte. Mit übermenſch⸗ licher Macht durchbrach er die Zunächſtſtehenden und ſtürzte auf Jerome zu.—„Lebe für Anna; Dein Tod wird ſie tödten!“ flehte dieſer nochmals. Ach, es wa⸗ ren die letzten Worte des Edelſten. Für ſeinen liebe⸗ vollen Zuruf ward ihm der Meuchelmord. Dem Nichts⸗ ahnenden ſtieß der Mörder das Bayonnet in die Bruſt.“ Hier brach Eugen's Stimme in furchtbarem Schmerze. Ruffus bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Er erwiederte kein Wort. Nach einer Pauſe fuhr der Erzähler in dumpfem Tone fort:„Aber der Verbrecher überlebte ſeine ſchänd⸗ liche That nicht lange. Anna's Bräutigam liegt von meiner Hand erſchlagen.“ Wieder erfolgte ein langes, tiefes Schweigen. Eu⸗ gen ward ruhiger und ſprach endlich: „Morgen verlaſſe ich das Haus, das mir zur zwei⸗ ten Heimath geworden. Ein Schlag hat alle meine Himmel zertrümmert. Ich träumte die ſeligſten Träume. Stolie, ſämmtl. Schriften. XiI. 12 Jetzt iſt Alles anders geworden. Mit Entſetzen habe ich aus der Erbitterung, mit welcher ſich die Kinder Deutſchlands und Frankreichs morden, die furchtbare Kluft erkannt, die der Haß zwiſchen beide Völker ge⸗ ſtellt hat. Selbſt die Liebe würde hier vergebens hin⸗ überranken. Ich war ſo vermeſſen, dieſen ſchönen Traum zu träumen. Es ſollte nicht ſein. Jerome's und des Andern Tod tritt wie ein drohendes Geſpenſt zwiſchen mich und Deine Familie. Wir lebten mitten im Kampfe unſerer Völker friedlich mit einander. Iſt es vielleicht Strafe der Vorſehung, daß wir dem un⸗ erbittlichen Gebot des Weltgeiſtes, welcher den großen Todeskampf verlangt, zuwider handelten? Faſt möbte ich's glauben. Ich hatte ſchon die Deutſchen liebge⸗ wonnen, Euch zu Liebe; da wurde mein Freund im Vertrauen auf deutſche Biederkeit gemeuchelmordet. Jetzt bin ich wieder ganz Franzos und rufe aufrich⸗ tigern Herzens denn je: Krieg, Krieg dem deutſchen Volke!“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Morgen verlaſſe ich Dresden. So Gott will kehre ich nie wieder. Die Hand, die vor Kurzem noch Anna's Bräutigam erſchlug, und von des Verräthers Blut raucht, kann weder von Anna noch von ihrer Schweſter Abſchied nehmen. Sage den Mädchen, ich ſei geblieben. Die Kunde von meinem Tode wird nicht ſolche Wunden ſchlagen, als wenn ſie mein Geſchick vom heutigen Tage erfahren. Auch den Vater grüße und ſage ihm Jerome's und meinen Dank für die Gaſt⸗ freundſchaft. Sobald mir Zeit wird, danke ich ihm ſchriftlich. Leb' wohl, Ruffus!“ Damit ſtreckte er die Hand aus nach dem Freunde. Dieſer hatte fortwährend in dumpfem Schmerze dageſeſſen. Bei dem Worte Lebewohl ſprang er auf und eilte in Eugen's Arme. Die beiden Freunde hiel⸗ ten ſich lange umarmt und ihre Thränen floſſen reichlich. „Lebe wohl!“ wiederholte Eugen im weichſten, liebe⸗ vollſten Tone, der aus den Tiefen ſeines Herzens kam. „Lebe wohl, Eugen!“ war die Antwort des Freundes. Nochmals umarmten, küßten ſich und— ſchieden die Freunde. Siebentes Rapitel. P Sieg von Dresden war für Napoleon von unermeßlichen Folgen. Nie war in dieſem Feldzuge ſeine Lage hoffnungsreicher. Von allen Seiten langen Adjutanten mit Berichten über das Vordringen der franzöſiſchen Armee an, welche die Verbüundeten in die Schluchten von Böhmen zurückwirft. Mit jedem Schritte macht min Gefangene. Die Dörfer ſind damit ange⸗ füllt. Das öſterreichiſche, preußiſche und ruſſiſche Ge⸗ päck hat ſich auf der Straße von Freiberg verſtopft. Man erbeutet gegen tauſend Wagen Je tiefer die Alliirten in die Thäler Böhmens eingedrängt werden, um ſo größer wird ihre Verlegenheit. Die Wege ſind furchtbar. Die Dörfer ermangeln aller Lebensmittel. Ueberall eilen Flüchtlinge den zurückweichenden Colon⸗ nen voraus und erfüllen halb Böhmen mit Schrecken. Der Lärm kommt in Teplitz an und verbreitet ſich bis Prag. Umgeſtürzte Wagen, verheerte Straßen zeigen den nachſtürmenden franzöſiſchen Avantgarden den Weg an, den die Verbündeten genommen haben. Unter ih⸗ 12* 180 ren Anführern vernimmt man Streit, Ungewißheit und Vorwürfe. Die Oeſterreicher werfen den Ruſſen vor, bei Gießhübel zu früh angegriffen zu haben, zu eitig gegen Pirna gezogen und nach Dresden vorgerückt zu ſein, ohne Klenau's Ankunft abgewartet zu haben Die Ruſſen und Preußen machen Klenau wiederum den Vorwurf, in ſeinem Vorrücken zu langſam geweſen zu ſein, und dem Fürſten von Schwarzenberg, daß er einhundertundfünfzigtauſend Mann drei Tage lang vor Dresden gelaſſen und hartnäckig die unnütze Ankunft ſeines linken Flugels erwartet habe. In weniger als fünf Tagen ſehen die verbünde⸗ ten Souveraine, die an der Spitze von zweimalhun⸗ derttauſend Mann vorgedrungen waren, alle ihre Pläne vereitelt. Nach unermeßlichem Verluſte von den gro⸗ ßen Heerſtraßen zurückgedrängt, iſt auch ihr Rückzug in der kleinen Zahl der ihnen verbliebenen engen Thä⸗ ler auf das Aeußerſte bedroht. Napoleon überſieht das Ende einer ſeiner ſchön⸗ ſten Schlachten. Er iſt mit der Garde nach Pirna vorgerückt. In der Nähe dieſer Stadt ſteigt er vom Pferde und ſetzt ſich im freien Feld auf einen Stuhl, den man aus einer nahen Bauerhütte herbeigeholt hat. Die Diviſionen der jungen Garde defiliren bei ihm vorüber. Er iſt ſehr zufrieden und heiter. Mehre Landleute der Umgegend werden vor ihn gebracht. Er läßt ſich von ihnen über die Ereigniſſe erzählen, die ſich in dieſen Tagen in der Umgegend zugetragen ha⸗ ben. Er erfährt, daß, nachdem Vandamme noch die⸗ ſen Morgen mit den Ruſſen, unter dem Prinzen von Würtemberg handgemein geweſen, er dieſelben nach Böhmen zurückgeworfen und die große Straße nach Prag beſetzt halte. „So wäre das große Thor von Böhmen geſchloſ⸗ ——— — — —————— reich gewachſen zu ſein, ſo wie die Urkunden, welche 18¹ ſen!“ ruft der Kaiſer.„Vandamme muß heute Abend in Peterswalde ſein. Er wird einen Theil der Colon⸗ nen, die unſere Armee vor ſich hertreibt, unter ſeinen Kanpnen erwarten.“ Kaum hatte der Kaiſer dieſe Worte geſprochen, als eine auffallende Bläſſe ſein Geſicht bedeckt; ein kalter Schweiß tritt auf ſeine Stirn, und plötzlich überfällt ihn ein heftiges Fieber. Die größte Be⸗ ſtürzung verbreitet ſich unter ſeinem Gefolge. Das kaiſerliche Hauptquartier ſollte nach Pirna verlegt wer⸗ den. Alles erhält Gegenbefehl. Man beſchwört den Kaiſer, ſich in den Wagen zu ſetzen und nach Dres⸗ den zurückzukehren. Die Unpäßlichkeit iſt die Folge einer Erkältung, die er ſich durch ſeine während der Schlacht durchnäß⸗ ten Kleider zugezogen. Die Wärme des Bettes führt bald die Geneſung herbei; am 29. Anguſt findet ſich der Kaiſer bei ſeinem Erwachen faſt gänzlich hergeſtellt. Doch hält er ſich in ſeinem Cabinet verſchloſſen. Seit fünf Tagen beſtändig zu Pferde und immer durch die Wichtigkeit der großen, von ihm geleiteten Manövers hingeriſſen, hatte er ſeinem Briefwechſel keine fortlaufende Aufmerkſamkeit ſchenken können. Eine Menge Depeſchen waren auf ſeinem Schreibtiſche auf⸗ gehäuft. Er verwendet den 29. und 30. Auguſt da⸗ zu, ſie zu leſen und darauf zu antworten. Dem Gra⸗ fen Darn dictirt er die Bulletins, durch welche Frank⸗ reich die letzten Ereigniſſe erfahren ſoll. Er fertigt mit ihm die Arbeiten der Miniſter ab, die ſich ſeit dem 15. angehäuft hatten; bereitet mit dem Herzoge von Baſſano die Botſchaft vor, welche dem Senate die Urſachen des Bruchs von Prag vorlegen und die Maßregeln einleiten ſoll, dem neuen Kriege mit Oeſter⸗ 182 die öffentliche Meinung belehren können. Dabei ver⸗ liert er die Verfolgung des Feindes nicht aus den Au⸗ gen. Er unterbricht ſeine Arbeiten jeden Augenblick, fragt nach den eingelaufenen Berichten und dictirt Ber⸗ thier alle Befehle, welche ſo viel als möglich überall ſeine perſönliche Gegenwart erſetzen ſollen. Die Aufmerkſamkeit des Kaiſers beſchränkt ſich aber nicht blos auf die Vorgänge zwiſchen Dresden und Böhmen: ſie iſt eben ſo ſehr auf jene Punkte ge⸗ richtet, wo ſeine Feldherren in abgeſonderten Opera⸗ tionen agiren. „Iſt der Herzog von Reggiv in Berlin eingezogen? Iſt der Herzog von Tarent bis Breslau vorgedrun⸗ gen?“ Der Kaiſer iſt ſehr begierig auf Depeſchen die⸗ ſer beiden Marſchälle. Schon ſind die Reſultate auf der Charte gezeichnet. Da langt der erſte Unglücks⸗ bote— ein Adjutant des Herzogs von Reggio— auf ſchaumbedecktem Roſſe im Hauptquartiere an. Er überbringt die Nachricht von der Schlacht von Gryß⸗ beeren. Der Herzog von Reggio hatte ſich nicht ſo ſchnell, als man berechnet hatte, nach Berlin wenden können. Die Preußen hatten Zeit gewonnen, Bernadotte von dem heraufziehenden Ungewitter zu benachrichtigen. Dieſer verließ ſogleich Charlottenburg, verlegte ſein Hauptquartier nach Potsdam und beeilte ſich, ſeine Armee in der Ebene von Berlin, zwiſchen den beiden bedrohten Straßen zu concentriren. Auf dieſe Art ſah der Herzog von Reggiv bei ſeinem Anmarſch eine Linie von mehr als hunderttauſend Mann vor ſich entwickeln. Eine Schlacht war jetzt unvermeidlich, wollte man vorrücken. Oudinot entſchloß ſich dazu. Die Gewohnheit, ſiegreich vorzurücken, der Anblick der Thürme von 183 Berlin, im Fall des Erfolgs ein Sieg, deſſen Werth unermeßlich war; im Fall einer Schlappe ein Rückzug, der keine ernſthaften Folgen haben konnte; endlich der Wunſch, dem Kaiſer durch einen glänzenden Anfang zu gefallen; Alles trug dazu bei, den Marſchall für die Schlacht zu beſtimmen. Das vierte Corps, unter dem Befehle des Gene⸗ rals Bertrand, war den ganzen Tag über auf dem rechten Flügel mit der preußiſchen Armee des Generals Tauenzien handgemein geweſen. Im Mittelpunkte aber, im Dorfe Beeren, erfolgten die entſcheideuden Schläge. Dort ſchlug ſich das ſiebente Corps unter General Reynier gegen die preußiſche Armee von Bülow. Dem General Reynier war es am Morgen gelungen, die Gegner zurückzudrängen und Beeren zu ſtürmen. Nach⸗ mittags aber eroberte es Bülow von Neuem. Er ließ ſeinen mit der Bewegung eines ſchwediſchen Corps verbundenen Angriff mit einem kräftigen Artilleriefeuer beginnen. Die durch die Kanonade bereits erſchütter⸗ ten ſächſiſchen. Diviſionen ſahen ſich zwiſchen zwei Feuern, und gleich darauf auf allen Seiten von den ruſſiſchen und ſchwediſchen Bayonnetten angegriffen. Der Stoß war fürchterlich. Die Sachſen vermochten nicht, ihn auszuhalten, und ihre Reihen wurden durch⸗ brochen. Wie groß ührigens der Erfolg des Generals Bülow war, ſo iſt der Tag damit noch nicht beendigt. General Guilleminot, der auf dem linken Flügel, auf der Seite von Jüterbogk, als Bepbachter der Ruſſen unter Winzingerode ſteht, hört die Kanonade, welche das franzöſiſche Centrum zerſchmettert. Er befinnt ſich nicht lange, läßt die Ruſſen, die ſich nicht von der Stelle bewegen, beobachtet den Grundſatz entſchloſſener Taktiker und nimmt, in Ermangelung von Befehlen, ſeine Richtung nach dem Feuer. So wie er anlangt, 184⁴ entwickelt ſich ein neuer Kampf. Bülow iſt genöthigt, ſich zurückzuziehen. Es fanden ſonach drei Hauptactionen ſtatt. In der erſten war Reynier Sieger gegen Bülow. In der zweiten der zurückgekehrte Bülow Sieger gegen Rey⸗ nier. In der dritten blieb Guilleminot Meiſter des Schlachtfeldes. Das ſiebente Corps hatte aber einen ſo bedeutenden Verluſt erlitten, daß ſich der Herzog von Reggio zu einem allgemeinen Rückzuge entſchloſſen hat. Dieſer iſt übrigens nur langſam und in vollkommener Ordnung erfolgt. Nach fünf Tagen hat man ſich kaum zehn Stunden vom Schlachtfelde entfernt. Die bedenklichſte Folge des Treffens von Großbee⸗ ren iſt übrigens der Schlag, welcher dadurch auf die von Magdeburg ausgezogene Diviſton Gerard erfolgte. Dieſe Colonne traf auf die ruſſiſche Avantgarde bei Belzig. Die franzöſiſche Infanterie war im Anfange in Vortheil und ſchlug die Ruſſen zurück, wurde aber ſpäter von den Koſaken unter Czernitſcheff abgeſchnit⸗ ten und umringt. Es erfolgte eine große Verwirrung. General Gerard, ſchon bei Lützen verwundet, erhielt neue Wunden, und die Colonne konnte erſt nach mör⸗ deriſchem Kampfe und bedeutendem Verluſte Magdeburg erreichen. Dieſe Vorfälle machen auf den Kaiſer einen ſehr unangenehmen Eindruck. Er ſieht mit großem Miß⸗ muthe ſeinen Lieblingsplan gegen Berlin auf längere Zeit hinausgeſchoben. Da langen abermals Depeſchen an. Sie kommen aus Schleſien und ſind von ungleich größerer Wichtig⸗ keit. Mit Haſt überfliegt Napoleon die unheilvollen Berichte des Herzogs von Tarent. Seine Stirn ver⸗ finſtert ſich mehr und mehr. Am Morgen des ſechsundzwanzigſten, als am er⸗ 185 ſten Dresdner Schlachttage, hatte Maedonald ſeine Operationen begonnen. Das eilfte Corps, welches das Centrum bildete, war mit Anbruch des Tages über die Katzbach geſetzt und zog am rechten Ufer der wü⸗ thenden Neiße aufwärts gegen Jauer. Das noch zu⸗ rückgebliebene dritte Corps ſollte einen Umweg auf der Seite von Liegnitz machen, um auf dem linken Flügel anzukommen, während General Lauriſton, auf der an⸗ deren Seite der wüthenden Neiße mit den Colonnen des fünften Corps vorrückend, die Straße von Gold⸗ berg verfolgen ſollte. Weiterhin rückte General Pu⸗ theod in den Gebirgen durch die Straße von Schö⸗ nau gegen Jauer. An ſelbem Tage hatte ſich aber auch Blücher und zwar zu derſelben Stunde in Marſch geſetzt. Er war aus den Linien von Jauer gezogen und noch einmal gegen die Katzbach vorgerückt, um zwiſchen Liegnitz und Goldherg, ungefähr auf demſelben Punkte über dieſen Fluß zu ſetzen, wo der Hetzog von Tarent in der entgegengeſetzten Abſicht ſeinen Uehergang bewerk⸗ ſtelligt hatte. Die beiden Armeen waren demnach am ganzen Morgen des ſechsundzwanzigſten Auguſt gegen einan⸗ der vorgerückt. Der Regen rauſchte nieder Dichte Nebel verhüllten die gegenſeitigen Bewegungen. Nach⸗ mittags drei Uhr ſtieß man auf einander. Dieſes Zu⸗ ſammentreffen fand in den Ebenen zwiſchen Wahlſtadt und der Katzbach ſtatt. Blücher hatte ſeine Cavallerie voraus, die franzöſiſche war zurück. Die franzöſiſche Infanterie ruckte eiligſt in Schlachtordnung. Blücher warf ſeine Cavalleriemaſſen vor und ließ dem eilften Corps kaum Zeit, ſich zu entwickeln. Auf dieſes Corps erfolgte der erſte Angriff. Seinem rechten Flügel war es gelungen, ſich an die wüthende Neiße zu ſtützen. 186 Die linke Flanke war aber bloßgeſtellt, da das zu ih⸗ rem Schutze beorderte Corps nicht ankam. Die Blü⸗ cher'ſche Cavallerie benutzte dieſe ungünſtige Stellung und warf ſich mit aller Macht auf den linken franzö⸗ ſiſchen Flüget. Vergebens rief der Herzog von Tarent das dritte Corps und die Cavallerie Sebaſtiani's zu Hüife. Dieſe Verſtärkung kounte wegen eines unglücklichen Zufalls nicht anlangen. General Souham, der nach Ney's Abreiſe das fünfundzwanzigkanſend Mann ſtarke dritte Corps commandirte, dürch die erſten Kanonenſchüſſe zur Beſchleunigung ſeines Marſches aufgefordert, glaubte den kürzeſten Weg nehmen zu müſſen, und ſtatt den vorgeſchriebenen Umweg über Liegnitz einzuſchlagen, wodurch er dem linken Flügel zu Hülfe gekommen wäre, warf er ſich rechts, um deſto ſchneller in's Feuer zu kommen. Hier kam er den fünftauſend Rei⸗ tern Sebaſtiani's in den Weg, die mit derſelben Eile heranückten. Dieſe in einem engen Thale zuſammen⸗ treffenden Corps verſperrten ſich gegenſeitig den Weg und es entſtand die furchtbarſte Verwirrung. Wäß⸗ rend dieſer Zeit hatte das ſich ſelbſt überlaſſene eilfte Corps gegen die Armeen von Säacken und York ge⸗ kämpft. Einige Regimenter Eavallerie, welche ſich aus den Schluchten allmälig losgewunden hatten, kounten nur ſehr ſchwache Angriffe gegen die in der Ebene aufgeſtellten Cavalleriemaſſen wagen. Erſt gegen Abend langten einige Truppen des dritten Corps zum Schutze des Rückzugs an. Aber der franzöſiſche Verluſt blieb darum unermeßlich. Das eilfte Corps war ſo gut wie zertrummert. Die durch Schluchten von einander getrennten Colonnen, in Wegen vertieft, die zu Strö⸗ men geworden, hatten die größte Mühe, ſich wieder zu ſammeln. General Lauriſton, welcher den ganzen Tag gegen funfzigtauſend Ruſſen gekämpft hatte, mußte ſich in großer Unordnung nach Goldberg zuruckziehen. Der Kaiſer, nachdem er alle dieſe Unfälle in ih⸗ rem ganzen Umfange erwogen, geht lange in finſterm Nachdenken auf und ab. Endlich glättet ſich ſeine Stirn wieder. „Noch kann Alles gut werden,“ beginnt er;„dieſe Unfälle ſind zu verſchmerzen. Die Hauptfrage iſt un⸗ ter den Mauern Dresdens entſchieden worden. Das Uebrige iſt Nebenſache. Bei unſerer Ueberlegenheit im Centrum können überall hin Verſtärkungen Leicht ab⸗ gehen. Blücher wird bei der ſchlimmen Lage Schwar⸗ zenberg's ſich hüten, den Maecdonald über die Bober hinaus zu verfolgen. Was Größbeeren betrifft, hat ſich Oudinot noch glücklich aus der Verlegenheit gezo⸗ gen. Die um einige Tage verzögerte Unternehmung wird um ſo vollſtändiger ausgeführt werden. Der Er⸗ folg unſers Dresdner Sieges liegt nicht in Prag, ſon⸗ dern in Berlin. Dieſe Frucht werde ich ſelbſt pflücken. Der Verſuch des Herzogs von Reggio hat wenigſtens den Vortheil einer militairiſchen Recognoscirung. Er hat den Feind aus ſeinen Linien und Bernadotte ge⸗ gen Wittenberg getockt. Die directe Straße von hier nach Berlin iſt offen. Der Feind hat ſich hier eine Nachläſſigkeit zu Schulden kommen laſſen, die ihm ſehr verderblich werden kann. Davouſt ſteht zu Schwerin, und Magbeburg iſt reich an Hülfsquellen, daß man leicht Beiſtand daraus ziehen kann.“ Der Blick des Kaiſers ruht wieder auf der Karte. „Ich bin mehr denn je entſchloſſen,“ fährt der große Strateg fort,„eine große Bewegung gegen Berlin vorzunehmen, mir den Norden von Deutſchland zu er⸗ öffnen. Der Fürſt von Eckmühl wird in der Linie an der untern Oder eintreten, dadurch meine Beſatzungen 188 von Stettin und Küſtrin befreien, unſern linken Flü⸗ gel an die Ufer des baltiſchen Meeres ſtützen und die Verbündeten durch einen Einfall in Polen bedrohen.“ Der Kaiſer, von ſeinen Plänen ganz ergriffen, wendet ſich zu dem Prinzen von Neufchatel. „Schreiben Sie dem Herzoge von Treviſo,“ ſpricht er,„daß die erſten Colonnen der Garde über die Elbe zurückgehen und gegen Brandenburg vorrücken.“ Wiederum wendet er ſich zur Karte. „In dieſem Augenblicke,“ ſagt er,„müſſen Mar⸗ mont und Saint Eyr die öſterreichiſche Arrieregarde ge⸗ gen Teplitz werfen. Wir müſſen auch Nachricht von Vandamme erhalten und erfahren, welchen Vortheil er aus ſeiner ſchünen Stellung gezogen hat. Wenn mich nicht Alles trügt, hat ſich Kleiſt, um der Sperre, die ſeiner auf dem Wege der Ruſſen erwartet, zu entge⸗ ben, zu einer verzweifelten Bewegung links gegen Schönewalde entſchloſſen. Wenn er die große Straße von Prag einſchkägt, muß er Vandamme in die Hände fallem So werden wir auf dieſer Seite zu Ende kommen. Wir laſſen einige Beobachtungscorps zurück und ziehen das Uebrige an uns. Ich rechne, daß Schwarzenberg nach den Dresoner Verluſten wenig⸗ ſtens drei Wochen hraucht, ſich neu zu orgäniſiren, um für einen weitern Feldzug gerüſtet zu ſein. So lange brauche ich aber nicht, den Bernadotte zu verjagen und Berlin zu erobern.“ In dem Hauptquartier überließ man ſich ſangui⸗ niſchen Hoffnungen.“ Man träumte nur von Berlin und Wien. Da ſprengen, als die Abenddämmerung des drei⸗ ßigſten Auguſts hereinbricht, in höchſter Eile zwei blut⸗ und ſtaubbedeckte franzöſiſche Offiziere über den Neu⸗ markt. Halb athemlos ſteigen ſie beim königlichen 189 Schloſſe von den faſt zu Tode gehetzten Roſſen. Es iſt der General Corbineau und ſein Adjutant. Ohne die Kleider zu wechſeln, ſteigt erſterer die Schloßtreppe hinauf und läßt ſich beim Kaiſer melden. Dieſer läßt ihn ſogleich vor. „Was bringen Sie, General Corbinean?“ fragt er nicht ohne Haſt. „Sire,“ antwortete der noch mit preußiſchem Blute und einem preußiſchen Säbel bewaffnete Krieger,„den Untergang der Armee des General Vandamme.“ Napoleon tritt bei dieſen Worten einen Schritt zurück, doch ſagt er kein Wort. Er winkt nur und der General fährt fort: „Geſtern Morgen war der General Vandamme in Verfolgung ſeiner Vortheile vom porigen Abende. Er rückte mit ſeiner Avantgarde nach Kulm hinab und drang gegen Teplitz vor.“ „Schweigen Sie,“ fuhr hier der Kaiftr auf; und wandte ſich zu Berthier. „Sollten wir,“ frug er,„dem eninel Vandamme Etwas geſchriehen haben, was ihn zu dieſem Vorrücken hätte veranlaſſen können? Prinz. ſülagen Sie in Ih⸗ ren Urkunden nach.“ Der Major⸗General jchte ſogleich Buch, worin alle Befehle des Kaiſers verzeichnet ſtanden. Man blättert nach und findet Nichts. „Fain,“ ſpricht hierauf der Kaiſer zu dem erſten Cabinetsſecretair,„ſchlagen Sie gleichfalls nach.“ Dieſer zeigt ſeine Urſchriften vor. Man lieſt alle Briefe und findet nichts, was den General Vandamme hätte bevollmächtigen können, ſeine Stellung von Pe⸗ terswalde zu verlaſſen. „Napoleon wird ruhiger. Im mildern Tone ſpricht er zu dem Unglücksverkünder:„Fahren Sie fort, Ge⸗ neral Corbineau.“ 190 „Der General Vandamme,“ erzählte dieſer weiter, „wünſchte ſich der Stadt Teplitz zu bemächtigen. Der Ueberfall, glaubte er, müßte von unermeßlichen Vor⸗ theilen ſein. Einer Atmee von zweimalhunderttauſend Manu, in den engen Schluchten der Gebirge einge⸗ zwängt, war hiermit aller Rückzug abgeſchnitten, ihre Desorganiſation vollendet und die Thore Wiens ge⸗ öffnet.“ „Bah, bah,“ ünterbrach hier Näpoleon,„einer flie⸗ henden Armee muß man eine goldne Brücke bauen oder ihr eine ſtählerne Wand entgegen ſtellen; eine ſolche konnte Vandamme nicht ſein. Weiter.“ „Bereits war unſere Avantgarde.“ fuhr Corbineau fort,„nur nöch eine halbe Stunde vor der Stadt. Schon hatten die Depots des großen Hauptquartiers der Verbündeten, des diplomatiſchen Corps, der Ca⸗ binette die Flucht ergriffen, theils nach Dux, theils nach Laun, als der Feind plötzlich aufhört zurückzuwei⸗ chen und den entſchloſſenſten Widerſtand leiſtet. Der Graf Oſtermann mit ſeinen achttauſend erleſenen Garde⸗ Grenadieren ſtellt ſich quer übet die Straße. Er hat den Befehl, den General Vandamme, es koſte was es wolle, aufzuhalten. Die Armee der Verbündeten rückt auf allen Abhängen gegen Teplitz herunter. Oſtermann erkannte, was es hier gelte, und das Thal ward ſein Thermopylä. Der Kern der ruſſiſchen Garde ließ ſich auf der Behauptung dieſes Poſtens tödten. Oſter⸗ mann ſelbſt verlor einen Arm.“ „Faſſen Sie ſich kürzer,“ unterbrach der Kaiſer un⸗ muthig. „General Vandamme,“ fuhr Corbineau fort,„ver⸗ wickelte allmälig ſeine ganze Macht in den Kampf. Die Höhen von Peterswalde wurden entblößt. End⸗ lich befand ſich unſer ganzes Corps zwiſchen Kulm und 491 Teplitz am Fuße des Gelerber s. Es war zu ſpät. Oſtermann hatte die nöthige Zeit gewonnen. Schon war Barklai de Tolly mit der erhe herabgekommenen Colonne zu Hülfe geeilt. Schwarzenberg ſchickte un⸗ unterhrochen Verſtärkungen. Wir mußten uns geſtern Abends nach Kulm zurückziehen.“ Der Kaiſer, der theils auf⸗ und abgehend, theils or dem Kartentiſche ſtehend, dem Berichte aufmerkſam zugehört hatte, frug hier„Warum nicht bis Peterswalde?“ „Wir hatten faſt einſt „dem General Vandamme hi entſchloſſen, die genommene Stellung zu behaupten. Er entgegnete dem verſammelten Generalſtabe, der faſt ſämmtlich für die Rückkehr nach Fnreſe war, die feindliche Art mee, ſeit vier Tagen in den unwirthbaren Thälern des Erzgehirges verfolgt, könns nur in der größten Desorganiſation aus denſelben hervorkommen. Auch ſei als beſtimmt anzunehmen, daß die franzöſi⸗ ſchen Colonnen, ebenſo thätig wie die Beſiegten, ſchnell genug folgen, und die Verbündeten hindern würden, ſich gegen ihn zu ſammeln. „Heut morgen warf ſich nicht nur der Feind von geſtern Abend, ſondern alle Truppen Schwarzenberg's und Barklai de Polly's in guter Ordnung über uns her. Man hatte unſern linken Flügel umgangen, an⸗ dere Colonnen waren vorausgeeilt, um den Rückzug abzuſchneiden. Unſere funfzehntauſend Kameraden ſahen ſich von nicht mehr denn achtzigtauſend Mann umzingelt. Nicht einer ſchien entkommen zu können. Gleichwohl hält ſich General Vandamme den ganzen Morgen ge⸗ gen dieſe Wolke von Feinden. Wir räumen Kulm, ſchlagen uns durch und ſind im Begriff nach unſerer frühern Stellung bei Peterswalde hinaufzuſteigen, als 192 unerwartet ein neuer Feind auf den Höhen etſcheint; es iſt die preußiſche Armee von Kleiſt, welche, dem Marſchall Saint Cyr entgangen, durch die Wälder von Schönewalde zog und ſich glücklich pries, auf dieſe Art die Stellung von Peterswalde umgangen zu haben. Sie eilte in Maſſe auf der Straße nach Prag dahin mit allem Eifer eines Haufens, der unverhoffter Weiſe ſeinem Untergange entronnen iſt. „Wäre Vandamme zu Peterswalde geweſen, war Kleiſt mit allen ſeinen Preußen gefangen. Jetzt drohte uns dieſes Schickſal. Die Preußen ſtutzten einen Au⸗ genblick, als ſie uns gewahrten und hielten ſich für verloren. Uns aber blieb nichts übrig, als ein ver⸗ zweifeltes Durchſchlagen. Unſere Cavallerie, erkennend was es hier gelte, ſtürzt ſich voll Kühnheit und Ver⸗ zweiflung auf die preußiſche Avantgarde, jagt über de⸗ ren Leichen, Alles niederwerfend und mit ſich fortrei⸗ ßend, ſo daß es ihr gelang, die geſammten preußiſchen Kanonen zu erobern. Indeſſen aber hatten ſich die auf einander zurückgeworfenen Preußen geſammelt und es begann das furchtbarſte Handgemenge. Die Straße, auf welcher die feindlichen Maſſen auf einander ſtießen, iſt rings von Bergen eingeſchloſſen und läuft ziemlich bergauf. Unſere Cavallerie brauſ'te im geſtreckten Ga⸗ lopp den Berg hinauf, den bei jeder andern Gelegen⸗ heit wenige Pferde nur im ſanſten Trabe hätten er⸗ ſteigen können. Die Preußen drängen abwärts. Die Verwirrung und das Getümmel erreicht den höchſten Grad. Jeder kämpft Mann gegen Mann, aber nicht mehr um zu ſiegen, ſondern nur um durchzudringen. Man wirft ſich mehr über den Haufen, als daß man ſich tödtet. Generale, Offiziere, Soldaten, Feinde und Freunde ſind mitten unter einander. Alles in tollſter, verzweifeltſter Verwirrung. Mit wenigen Reitern ge⸗ — 193 lingt es mir, mich durchzuſchlagen. Durch einen Kol⸗ benſchlag ward mir der Arm gelähmt, daß ich den Säbel verlor. Ich erbeutete einen preußiſchen dafür, den ich noch bei mir führe. Die Generale Dumonceau und Philippon ſind gleichfalls gerettet, aber die Gene⸗ rale Vandamme, Guyot und Haxo ſämmtlich verwun⸗ det dem Feinde in die Hände gefallen.“ Der Kaiſer überſah im Augenblicke die Folgen die⸗ ſes großen Ereigniſſes. „Wohlan,“ ſagte er zum Herzog von Baſſano, „Sie haben es gehört! Das iſt der Krieg. Am Mor⸗ gen ſehr hoch, am Abend ſehr tief. Du triomphe à la chute n'est souvent qu'un pas.“ In tiefem Nachdenken richtet er von Neuem ſeinen Blick auf die Karte. Er nimmt einen Zirkel und in tiefem Hinbrüten hört man ihn die Verſe murmeln: Vai servi, commandé, vaincu quarante années; Du monde entre mes mains j'ai vu le destinées: Pt j'ai tonjours connu qu'en chaque événement Les destin des états dépendait du moment.*) *) Gedient, geherrſcht, geſiegt hab' ich die vierzig Jahr, Das Schickſal einer Welt in meinen Händen war; Doch immer fand ich nur, im Unglück oder Glück, Daß Staaten⸗Schickſal hängt an Einem Augenblick. Stolle, ſämmtl. Schriften. Xll. 13 Achtes Rapitel. E⸗ war ein kalter unfreundlicher Herbſtmorgen, als ein Piquet franzöſiſcher Linieninfanterie in aller Stille aus dem freundlichen Deſſau marſchirte. Inmitten des erſten Pelotons gingen drei Jünglinge, deren Bekannt⸗ ſchaft wir bereits in der Verſammlung der Tugend⸗ bündler zu Dresden gemacht haben. Es war Niemand anders als Benno, Ernſt und Alfred, die ſich bei der Flucht der Freunde verſpätigt und den franzöſiſchen Häſchern in die Hände gefallen waren. Da ſie waf⸗ fenlos ſich hatten den Gensd'armen ergeben müſſen, ſo war der Urtheilsſpruch der franzöſiſchen Kriegspolizei milder ausgefallen als gegen Conſtantin, den bereits die Todeskugel getroffen hatte. Sie waren beſtimmt geweſen in das Innere Frankreichs abgeführt zu wer⸗ den, ein Loos, welches manchem ehrenwerthen Deut⸗ ſchen in damaliger Zeit zu Theil wurde. Bereits waren ſie zu Deſſau angelangt, als dem daſigen franzöſiſchen Commandanten ein Briefwechſel in die Hände geräth, welchen die Gefangenen mit ih⸗ ren Freunden, die unter dem Banner der Verbünde⸗ ten ſiegreich kämpften, unterhalten. Die der Freiheit beraubten deutſchen Jünglinge hatten darin ihren ein⸗ ſtigen Waffenbrüdern die mißliche Lage, in welcher ſich die Franzoſen befanden, keineswegs verheimlicht und ſie zur thätigen Fortſetzung des erhabenen Kampfes, der nur zu einem wünſchenswerthen Ende führen könne, dringend aufgefordert. Ja, ſie hatten ſogar den Ent⸗ ſchluß gefaßt, die erſte Gelegenheit zur Flucht zu be⸗ 195 nutzen. Leider ward dieſe durch die Aufmerkſamkeit der franzöſiſchen Aufpaſſer verhindert und die Unglück⸗ lichen vor ein Kriegsgericht geſtellt, welches ſie nach kurzen Debatten zum Tode verurtheilte. Dieſer Todesmorgen war erſchienen und die drei Märtyrer der deutſchen Freiheit ſchritten ſo männlich und gefaßt zwiſchen den fremdländiſchen Schergen, daß ſie letztern ſelbſt eine Ehrfurcht abzwangen. Es war gewiß ein ſchmerzliches Gefüht, ſo nah an der erſehnten Freiheit des Vaterlandes die Bruſt den mörderiſchen Kugeln eines fremden Despotismus bieten zu müſſen; aber die Edeln gedachten der Tau⸗ ſende, die für dieſelbe Freiheit freudig in den Tod ge⸗ gangen, und darum ſchritten ſie ſo kecken Schrittes zwiſchen dem raſch dahin ſchreitenden Peloton und flehten nur zu Gott, daß ihr Blut das letzte ſein möge, was von fremder Tyrannei in dem geknechteten Deutſchland vergoſſen würde. Der Prediger, der neben den Todesopfern einher⸗ ging, bemühte ſich vergeblich, ſie vom Irdiſchen abzu⸗ ziehen und dem Himmliſchen zuzuwenden; denn die Ge⸗ danken der Jünglinge befanden ſich da, wo ihre Brü⸗ der kämpften für die Freiheit und Ehre des Vater⸗ landes. Schon war man eine ziemliche Strecke vor's Thor, als die Colonne Halt machte. Die Grenadiere formir⸗ ten ſich zur todgebenden Salve. Der Geiſtliche ſtrengte ſeine ganze Beredtſamkeit an, den theuern Landsleuten den ernſten Schritt, den ſie zu thun im Begriff ſtan⸗ den, ſo leicht als möglich zu machen. Schon brachte ein Unteroffizier weiße Tücher zum Verbinden der Au⸗ gen. Schon knieten die Märtyrer auf dem gelben Sande, die letzten Troſtesworte der Religion verneh⸗ mend. Schon nahte ſich dus erſte Peloton ſchußfertig 196 und der Geiſtliche begab ſich hinter die todbringenden Mündungen. Schon zog der cvmmandirende Offizier das Taſchentuch hervor zum Zeichen der mörderiſchen Salve— ſchon hatten die drei Unglücklichen ihre Seele dem Herrn über Leben und Tod empfohlen und der Freiheit des Vaterlandes ein ſiegesfreudiges Lebehoch ge⸗ bracht— als mit einem Male fröhlicher Hörnerklang im nahen Gebüſch vernehmbar ward. Schüſſe erfolg⸗ ten, und im nämlichen Augenblick ſprengte eine Ab⸗ theilung preußiſcher Jäger wie die Windsbraut daher, das franzöſiſche Piquet theils zuſammenhauend, theils nach allen Himmelsgegenden zerſtreuend. Die ganze Scene war das Werk weniger Augen⸗ blicke. Der Führer der preußiſchen Reiterei ſprang ſogleich vom Pferde. Es war Gotthardt. Welch' ein Wiederſehen! Im Triumph wurden die drei Schlachtopfer von den tapfern Errettern in ihre Mitte genommen. Alsbald brachten unzählige andere preußiſche Jäger aus dem Walde. Die Franzoſen, des plötzlichen Ueberfalls nicht gewärtig, hatten ſich nach der Stadt geflüchtet, kehrten aber ſogleich mit verſtärkter Macht zurück. Ea entſpann ſich ein hartnäckiges Gefecht. Die drei Geretteten hatten Waf⸗ fen erhalten und kämpften mit Löwengrimme gegen ihre zeitherigen Tyrannen. Sie ſtellten ſich an die Spitze der Stürmenden und trieben die Franzoſen bis hinter die Stadtmauern zurück. Sobald der Feind geſchlagen, überließ man ſich der Siegesfreude. Hier erſt erfuhren die drei Freunde, daß Gotthardt als Befehlshaber eines Streifkorps der Blücher'ſchen Armee, welche bei Wartenburg über die Elbe gegangen, den kühnen Zug gegen Deſſau unter⸗ nommen und durch ein glückliches Ungefähr die Freunde vom Lode errettet habe. 197 Die Freude der Geretteten wurde indeß durch die Nachricht von dem Tode Theodor Körner's, Reinhold's und Conſtantin's nicht wenig getrübt. Sie beſchloſſen einſtimmig, das Schwert nicht eher in die Scheide zu ſtecken, bis der letzte franzöſiſche Scherge vom deutſchen Boden vertrieben ſei. Bald langte auch der alte Blücher an. Er machte nicht viel Federleſens mit der Stadt, in welcher ſich die Franzoſen befanden. Bald war ſie in preußiſcher Gewalt, und das Jubelgeſchrei der Sieger erfüllte die Lüfte. Der alte Feldmarſchall berichtete zugleich ſei⸗ nen Waffenbrüdern, daß die Entſcheidungsſchlacht wahr⸗ ſcheinlich in der Ebene von Leipzig geliefert werden würde, und die geſammte preußiſche Jugend und Män⸗ nerwelt begrüßte dieſe Nachricht mit freudigem Hurrah. Niemand aber befand ſich wohl glücklicher, als die drei erretteten Tugendbündler. Ihnen ward zugleich die Kunde, mit welcher perſönlichen Aufopferung ſich Ruffus der Freunde angenommen habe und daß an einen Verrath von ſeiner Seite nicht zu denken ſei, wenn er auch nicht unmittelbar am Kampfe gegen den Tyrannen Theil nähme. In der eroberten Stadt fand man viel Mundvor⸗ rath und Lebensmittel, ſo daß man ſich für die zeit⸗ herigen Entbehrungen hinlänglich entſchadigte, und na⸗ mentlich waren es die patriotiſchen Bewohner, welche ihre deutſchen Mitbrüder weder an Speiſe noch an Trank darben ließen. So ward den Heimgegangenen, wie den Kämpfern der Gegenwart manch' begeiſtertes Lebehoch gebracht, und die Krieger ſtärkten ſich zu der neuen bevorſtehen⸗ den Blutarbeit. Das Vertranen auf einen geſegneten Ausgang des heiligen Kampfes war ſchon ſo hoch geſtiegen, daß man 198 in kameradſchaftlichem Kreiſe bereits auf die Eroberung von Paris und den gänzlichen Sturz des franzöſiſchen Kaiſerreichs anſtieß, ohne zu bedenken, daß es hierzu noch manches ehrliches deutſches Blut und Leben koſten würde. Reuntes Rapitel. Wier flammten dreißig Wachskerzen in dem Cabinet Napoleon's zu Dresden. Er ließ mehre Marſchälle und den Gouverneur Durosnel rufen. In denſelben Zimmer, wo der Gewaltige vor funfzehn Monaten die ungeheuerſten Pläne zur Bekämpfung Rußlands aus⸗ arbeitete, ward jetzt beſchloſſen, das rechte Elbufer auf⸗ zugeben. Vergebens waren die Anſtrengungen des Kaiſers geweſen, die Maſſen ſeiner zahlloſen Feinde einzeln zu ſchlagen. An dem Mißgeſchick ſeiner Feld⸗ herren ſcheiterten die klügſten und kühnſten Combina⸗ tionen. Der Sieg bei Dennewitz gegen den Fürſten von der Moskwa hatte den Muth der Verbündeten von Neuem befeuert. Wie ein von Jägern umgarnter Löwe hatte ſich Napoleon über einen Monat lang bald auf Blücher, bald auf Schwarzenberg geworfen: aber die Verbündeten handelten diesmal nach einem klug über⸗ dachten Plane. So wie Napoleon gegen Blücher nach Schleſien vordrang, zog ſich dieſer weislich zurück, ohne eine entſcheidende Schlacht anzunehmen. Unterdeß ſtieg die Hauptarmee unter Schwarzenberg aus dem Thal⸗ keſſel von Teplitz über die Gebirge nach Sachſen und 199 bedrobte die franzöſiſche Rückzugslinſe. Wie ein Blitz rauſchte ſogleich der Kaiſer aus Schleſien zurück und warf die Verbündeten nach Böhmen zurück. Kaum war er hiermit zu Stande, ſtürmte wieder Blücher vor⸗ wärts, und Napoleon war genöthigt, ſich gegen ihn zu wenden. In dem Syſtem der Allürten befolgte man den verhängnißvollen Ausſpruch Romanow's: „Man muß ihn abnützen,“ und wirklich hatten dieſe fortwährenden Märſche und Contremärſche in einem gänzlich verheerten und ausgeſogenen Lande einen ſo übeln Eindruck auf die franzöſiſchen Armeen, daß ſich Napolevn um Dresden concentrirte. Jetzt ſtieg endlich die große Armee unter Schwar⸗ zenberg in die Ebenen von Sachſen herab, während Blücher durch einen ſchnellen Seitenmarſch ſich mit dem Kronprinzen von Schweden in Verbindung ſetzte und in kürzeſter Linie der franzöſiſchen Armee in den Rücken fiel. „Der Augenblick, den ich erwartet habe, iſt ge⸗ kommen,“ ſpricht der Kaiſer zu den verſammelten Mar⸗ ſchällen und Generalen.„Der Feind zieht ein Netz um uns, das kann ihm theuer zu ſtehen kommen. Jetzt iſt die Reihe an uns, wieder thatkräftig aufzutreten. Mein Plan iſt gefaßt. Ich gebe die Elbe nicht auf. In wenig Tagen habe ich hundertundfunfzigtauſend Mann unter den Wällen Magdeburgs verſammelt. Sie, Marſchall Saint Cyr, bleiben in Dresden mit dreißig⸗ tauſend Mann. Hamburg bildet den linken Flügel. Ich marſchire auf Berlin, verlege den Krieg nach Nord⸗ deutſchland, deblokire die preußiſchen und polniſchen Feſtungen und ſprenge die Cvalition. Noch iſt Nichts verloren!“ Die ganze Nacht über arbeitet der Kaiſer in ſei⸗ nem Cabinet, nimmt ein Bad, und bereits früh ſechs 2 — 00 Uhr verläßt er Dresden. Der König von Sachſen folgt ihm in wenig Stunden. Der Kaiſer wendet ſich nach Eilenburg, wo er auf Blücher ſtößt, der erſchrocken hinter die Mulde zurück⸗ weicht, wo ihn Bernadotte erwartet. Berlin wird hier⸗ durch entblößt. General Reynier rückt in Eilmärſchen nach Wittenberg, hebt die Belagerung von Bülow auf, ſetzt über die Elbe, umgeht auf dem rechten Ufer die Werke, welche Bernadotte auf dem linken errichtet hatte, und bemächtigt ſich der beiden von den Ver⸗ bündeten geſchlagenen Elbbrücken. Eine andere fran⸗ zöſiſche Diviſion folgt auf dem linken Ufer der wohl⸗ berechneten Bewegung und vertreibt die Preußen aus Deſſau. General Bertrand bemeiſtert ſich der Brücken bei Wartenburg, wo Blücher über die Elbe gegangen. Man ſchneidet alle Communication des Letztern mit Bernadotte ab. Gepäck und Cuuriere fallen in die Hände der Franzoſen, und von den Ufern der Elbe erhebt ſich plötzlich ein Sturmwind von Unordnung und Entſetzen, der ſchnell über das ganze nördliche Deutſch⸗ land dahinrauſcht. Unterdeß verweilt der Kaiſer in dem kleinen von Waſſer umgebenen Schloſſe zu Düben, auf Nachrichten von der Elbe wartend. Er ſitzt faſt ganz geſchäftslos vor einem großen Tiſche, auf dem ein Bogen weißes Papier liegt, das er mit großen Fracturzügen anfüllt. Sein Geograph d'Albe und ſein Secretair ſitzen gleich⸗ falls unthätig in der Ecke und warten auf Befehle. Der Fürſt von der Moskwa und der Fürſt von Neuen⸗ burg gehen ab und zu. Ihre Blicke verrathen große Befangenheit. Der kühne Plan des Kaiſers auf Ber⸗ lin hat im Hauptquartiere allgemeine Niedergeſchlagen⸗ heit erregt. Man beſtürmt Napoleon, davon abzuſtehen und ſich nicht weiter von Frankreich zu entfernen, da 201 die Rückzugslinie bedroht ſei. Der Kaiſer ſcheint zwi⸗ ſchen zwei Entſchlüſſen zu kämpfen. Er zieht mehre Generale zu Rathe. Er erörtert und geht alle ſeine Berechnungen mit ihnen durch. Endlich nach langem Schwanken iſt ein Sandkorn binreichend, der Waagſchale den Ausſchlag zu geben. Berthier tritt eilig in's Zimmer. Er hält ein klei⸗ nes Billet aus München in ſeiner Hand. Der Abfall Baierns iſt entſchieden. Der König wurde ſchneller, als er glaubte, in denſelben hineingezogen. Dieſes Ereigniß gibt neuen Stoff zu Vorſtellungen an den Kaiſer. „In dem Augenblicke,“ ſagen mehre ſeiner bedeu⸗ tendſten Generale,„wo Ew. Majeſtät Ihre Concentra⸗ tionsplane auf Magdeburg beſchloſſen hatten, konnten wir vielleicht, ohne zu großen Nachtheil, noch einige Zeit von Frankreich entfernt bleiben. Seit Baierns Abfall hat ſich Alles geändert. Muß man jetzt nicht den Abfall Würtembergs, Badens, Heſſens ſtündlich erwarten? Die öſterreichiſche Armee am Inn befindet ſich ohne Zweifel bereits auf dem Marſche gegen den Rhein. Das baieriſche Heer braucht nur zu folgen. Sie werden Alles, was ſich ihnen entgegenſtellt, mit fortreißen, unſere Grenzen bedrohen und überſchreiten. Jetzt iſt es dringende Nothwendigkeit, daß wir uns denſelben nähern. Die Umſtände gebieten es.“ Der Kaiſer geht mit finſtrer Stirn im Zimmer auf und ab. „Der Abfall Baierns,“ ſpricht er endlich,„iſt kein Beweggrund. Ich habe ihn bereits bei meinen Com⸗ binationen auf Berlin erwogen.“ Es erfolgt eine lange, tiefe Pauſe. Von Seiten der Marſchälle werden abermals Zweifel und Bedenk⸗ lichkeiten laut. Der Kaiſer hat, mit einem Entſchluſſe 202 1 kämpfend, lange am Fenſter geſtanden und in die herbſtliche Landſchaft hinausgeſchaut. Jetzt wendet er ſich plötzlich. Ich ſehe wohl,“ ſpricht er nicht ohne Bitterkeit, „daß ich nicht mehr meine alten Feldherren um mich habe; daß die Männer, auf welche ich bei Vollziehung eines kühnen Plans am meiſten rechnen muß, zu Au⸗ ßerordentlichem keine Luſt mehr haben. Es wäre un⸗ klug, meine Herren, Sie auf die Probe zu ſtellen.“ Er winkte, der Kriegsrath entfernte ſich. Der Kaiſer bleibt lange in tiefen Gedanken vor der Karte ſtehen. „Ein herrlicher Plan!“ ruft er wiederholt;„ich hätte dieſe Menſchen nicht befragen ſollen.“ Da bringt der dienſthabende Adjutant Depeſchen der Generale Bertrand und Reynier. Bernadotte und Blücher ſind auf allen Seiten zurückgedrängt. Berlin iſt offen; die Generale bitten um Ordre, gegen dieſe Hauptſtadt vorzurücken. Noch einmal blitzt der kühne Plan im Haupte des Kaiſers auf. Ein Wort, und die franzöſiſchen Adler blitzen auf den Zinnen der Königſtadt. Welch' uner⸗ meßliche Folgenreihe knüpft ſich an dieſes große Er⸗ eigniß!— Da gedenkt der Kaiſer ſeiner Unterredung mit den Feldherren. Er wendet ſich zu Berthier: „Schreiben Sie Bertrand und Reynier,“ ſpricht er, „daß ſie umkehren und auf Leipzig marſchiren.“ Bereits am andern Tage, den funfzehnten Oetober, befindet ſich Napoleon in Leipzig. Er nimmt ſein Hauptquartier im Dorfe Reudnitz, vor den Thoren von Leipzig gelegen. Seine ganze Armee, hundertundfunf⸗ zigtauſend Mann, iſt um dieſe Stadt concentrirt. Der Kaiſer durchreitet die unermeßliche Linie. Beim Dorfe Markkleeberg trifft er auf die Bataillone Augereau's. Sie ſind ſo eben aus Frankreich angelangt und er⸗ ſcheinen zum erſten Male vor den Augen des Kaiſers. Noch ſind ihre Adler unenthüllt. Sogleich befiehlt er, daß die Truppen in der her⸗ kömmlichen Ordnung aufmarſchiren. Sie bilden drei Seiten eines ungeheuern Quarré's. Der Kaiſer mit ſeinem Gefolge nimmt die vierte ein. In ſeinem grauen Ueberrocke reitet er ganz allein bis in die Mitte des Vierecks; ſämmtliche Offiziere der jungen Truppen ſchließen einen Kreis um ihn. Der Prinz von Neuf⸗ chatel, als Viececonnetable ſteigt vom Pferde. Man enthüllt die bisher mit Futteral überzogenen Adler. Die daran gebefteten Fahnen wallen auseinander. Alle Tambours ſchlagen einen minutenlangen Wirbel. Ber⸗ thier ſtellt ſich mit den Fahnen in die Mitte, und der Kaiſer, mit der rechten Hand die Zügel ſeines Pferdes haltend und mit der linken auf den Adler zeigend, ſpricht in wohltönender, feierlicher, jedoch nicht allzu ſtarker Stimme: „Soldaten! Ich vertraue Euch den Adler Frank⸗ reichs an. Er wird Euch zum Sammelplatze dienen. Schwört mir, ihn nur ſterbend zu verlaſſen. Schwört mir, Frankreich nie beſchimpfen zu laſſen. Schwört mir, den Tod der Schande ſtets vorzuziehen. Werdet Ihr das beſchwören?“ Die letzten Worte ſprach er mit erhobener Stimme. Alle Offiziere aber, mit hochgeſchwungenen Degen, und alle Truppen antworten laut und enthuſiaſtiſch: „Wir ſchwören! Es lebe der Kaiſer!“ Berthier vertheilt nun die Adler an die Legionen, das Quarré loſt ſich auf und der Kaiſer reitet weiter. Er kommt an das Dorf Wachau, welches den Mit⸗ telpunkt der franzöſiſchen Schlachtlinie bildet. Victor, Herzog von Belluno, hält es mit ſeinem Corps be⸗ 20 4 ſetzt. Von hier reitet er nach Liebertwolkwitz, wo General Lauriſton befehligt. In dieſem Augenblick ge⸗ wahrt der Kaiſer die Dörfer Zuckelhauſen und Holz⸗ hauſen. Er bezeichnet dieſelben als Stützpunkt für den linken Flügel, und Macdonald, der Herzog von Tarent, erhält Befehl, ſie in Beſitz zu nehmen. Der Kaiſer kehrt hierauf in ſein Hauptquartier nach Reudnitz zurück. Am Abend erfährt er, daß der Feind auf allen nach Leipzig führenden Straßen anlangt. Gegen Süden rückt die große Armee Schwarzen⸗ berg's an der Pleiße und Elſter herunter. Ihre Wacht⸗ feuer begrenzen in unermeßlicher Linie den Horizont. Gegen den rechten Flügel manövrirt ſeit Sonnen⸗ untergang eine andere öſterreichiſche Armee zwiſchen Weißenfels und Leipzig, um die Straße von Frankreich abzuſchneiden. Gegen den linken Flügel ſtürmen die Armeen un⸗ ter Benningſen und Colloredo auf der Straße von Dresden. Endlich dringen im Rücken die Colonnen Blücher's und Bernadotte's in Eilmärſchen auf allen Straßen des Nordens heran. Die franzöſiſche Armee iſt ſonach von allen Sei⸗ ten bedroht. Die große Frage der franzöſiſchen Welt⸗ herrſchaft ſoll gelöſt werden. Die Gebieter des We⸗ ſtens und Oſtens ſollen beinahe im Mittelpunkte der eiviliſirten Wolt ihre Macht meſſen. Es handelt ſich hier nicht um ein Bisthum oder um eine Zuckerinſel, nicht um die Entſcheidung, ob die Meſſe künftig grie⸗ chiſch oder lateiniſch geleſen werden ſoll. Man will nicht blos zu Scharmützeln aus den Lagern hervor⸗ kommen. Man ſchlägt ſich nicht um Eroberungen, die nachher wieder verlaſſen werden ſollen.—— Einer 2 N 205 wird Meiſter des Schlachtfeldes bleiben und mit dem Schlachtfelde die Dietatur der Welt erhalten. Noch nie in der neuern Weltgeſchichte ſah man ſo viele Völker unter den Waffen. Eine halbe Million Menſchen und dreitauſend Kanonen werden die große Frage entſcheiden. Zehntes Rapitel. Rufts ſaß ſehr verſtimmt auf ſeinem Zimmer, als Hoffmann nicht weniger freundlich hereintrat.— „Unſere Lage wird immer intereſſanter,“ begann er;„ſeit Napoleon fort iſt, bekommen die Koſaken wieder Courage. Es hat das Ausſehen zu einer förm⸗ lichen Belagerung. Ich habe geſtern vom Thurme den Kreis ein wenig recognoscirt. Auf allen Bergen der umgegend reiten Oeſterreicher und Ruſſen auf und nie⸗ der Man ſagt auch, es wäre öſterreichiſches ſchweres Geſchütz von Thereſienſtadt unterwegs. Da wird's denn nächſtens heißen: Aut, aut!“ Entweder wir ver⸗ hungern, oder verbrennen, oder werden todtgeſchoſſen. Die Auswahl haben wir. In der Dresdner Haide wird's ebenfalls ruſſenlaut. So zieht man die Schlinge zu, um die dreißigtauſend Mann unter Saint Cyr wie ein Volk Staare zu fangen. Ich kann's den Ruſſen nicht verdenken, wenn wir nur nicht ſelbſt darinnen ſtäken, in dem verwünſchten Neſte. Schon darf man nicht mehr zu den Vorpoſten hinaus. Bald ſperrt man gar die Thore. Hoffentlich, daß wir uns nicht zehn 206 Jahre halten, wie die ſeligen Trojaner. Viele Leute haben jetzt ſchon weder zu brocken uoch zu beißen.“ „Es geht zu Ende mit der Fremdherrſchaft,“ ſprach Ruffus;„und ſeit mein guter Jerome gefallen, hab' ich ſelbſt Luſt, mit d'reinzuſchlagen, daß einmal Luft werde. Es iſt ein Jammer, dieſen Zuſtand mit an⸗ zuſehn. Die Franzoſen können in Feindeslanden nicht ſchlimmer hauſen als in und um Dresden. Das ganze linke und rechte Elbufer iſt verwüſtet. Ganze Dörfer ſtehen verödet. Die ländlichen Wohnungen ohne Dach, ohne Hausrath und Thüren. Die letzten Ueberreſte der Ernte ſind Beute einer hungernden und durch die Noth verwilderten Soldateska geworden. Ich ſah dieſe Tage, wie franzöſiſche Soldaten das rohe Kraut und die rohen Kartoffeln vom Felde weg verzehrten, ohne ſich die Mühe zu nehmen, dieſe Früchte zu kochen.“ „Zudem geht man jetzt,“ erzählte Hoffmann,„bei der Plünderung ordentlich ſyſtematiſch und mit wahrer Euergie zu Werke. Die plündernden Schaaren durch⸗ ſtreifen die Gegend, unter Anleitung der Landkarte, mit Kanonen und Cavallerie. Natürlich in der näch⸗ ſten Umgebung iſt nichts mehr zu finden. Es iſt kaum glaubbar; aber auf dem Neuſtädter Kirchhofe haben ſie nicht nur alle Kreuze verbrannt, ſie ſind in die Grüfte hinabgeſtiegen, haben die Leichen aus den Sär⸗ gen geworfen und dieſe zu Wachtfeuern verbraucht, erſteren die halbvermoderten Kleidungsſtücke ausgezogen und zum Verkauf ausgeboten. Den Franzoſen mag es übrigens doch klar werden, daß es mit ihrem Regi⸗ mente zu Ende geht. Es ſind nicht mehr die über⸗ müthigen Leute von Jena; nur zügelloſer ſind ſie ge⸗ worden, mögen von keiner Disciplin und Subordina⸗ tion viel wiſſen. Wenn dieſer Zuſtand noch längere Zeit fortdauert, wird dieſe ganze franzöſiſche Armee eine Bande Marodeurs. Alles Gefühl für Menſchlich⸗ keit, ſelbſt gegen ihre eignen Landsleute, ſcheint er⸗ loſchen. Geſtern wurden zahlreiche Kranke in offenen Schiffen hinabgeführt. Eins der Fahrzeuge ſtrandete, und mehre Unglückliche fanden den Tod in den Wel⸗ len. Viele Kranke, die zu ſchwach waren, den Weg bis an's Ufer zu machen, ließ man ſorglos auf den Straßen liegen. Vor einigen Tagen hatte ſich ein ruhrkranker Franzoſe in einem Düngerhaufen eingegra⸗ ben, um ſich zu erwärmen. Jammernd ſtreckte er die Arme nach vorübergehenden geſunden Waffenbrüdern aus. Ich ſagte zu Einigen:„So greift doch zu und tragt den Armen in das nahegelegene Lazareth!“— „Er gehört nicht zu uns!“ war die gleichgültige Ant⸗ wort. Nun forderte ich ein paar Gensd'armen auf. „Wir haben keinen Befehl dazu,“ meinten ſie trocken. Ein Offizier, der vorüberging und vernahm, wovon die Rede war, ſagte:„Wohl ihm, wenn er ſtirbt,“ und ging gelaſſen weiter. Uebrigens iſt's kein Wun⸗ der, wenn man bei den Franzoſen täglich ſolche Un⸗ menſchlichkeiten mit anſteht: die furchtbare Noth hat die Unglücklichen völlig abgeſtumpft, und ihr Prinzipal iſt nicht der Mann, ihnen, was Humanität anbelangt, mit gutem Beiſpiele voranzugehen. Vor Kurzem iſt er auf den Einfall gekommen, den Sonnenſtein in eine Feſtung umzuwandeln. Als man ihm vorſtellte, daß dieſes Schloß ein Anſtalt für Geiſteskranke ſei, hat er den reſoluten Beſcheid gegeben, daß man die Narren fortjage, qu'on chasse les fous; ja man möchte ſelbſt zum Narren werden in dieſer Heidenzeit; aber hoffent⸗ lich, daß die Noth bald ein Ende hat. Bei Leipzig ſteht halb Europa unter Waffen; die Baiern ſollen auch über ſein. Die Reihen der Franzoſen werden immer lichter; die Weſtphäler laufen täglich zu Hun⸗ 208 derten in die Reihen der Alliirten; jeder, der nur ein wenig deutſch ausſieht unter dem Kragen, benutzt die Gelegenheit, dem alten Löwen den Garaus zu ſpielen; zu freſſen hat er auch nicht viel— nun da muß er doch einmal zu Boden, und wenn er mit dem Teufel ſelbſt ein Pactum geſchloſſen hätte.“ „Die Elblinie ſcheint er noch immer nicht aufgeben zu wollen,“ bemerkte Ruffus. „Das iſt eben die fixe Idee, die ihn zu Grunde richtet,“ ſprach Hoffmann.„Was ſtecken hier, in Torgan, Wittenbern, Magdeburg und Hamburg für Soldaten. Wenn er die beiſammen hätte, wäre gar nicht mit ihm zu ſpaßen; aber ſo werden ihn die Herren Alliirten, Gott ſei Dank, bezwingen.“ „Den guten König,“ fuhr er fort,„hat er mit⸗ genommen nach Leipzig, wahrſcheinlich, damit der edle Monarch das Unglück, das über ſein Dresden herein⸗ bricht, nicht vor Augen hat; damit der Herr Marſchall recht nach Herzens Gelüſt in der armen Hauptſtadt ſchalten und walten kann. Wär' ich wie Friedrich Auguſt geweſen, würde ich mich bedankt haben; ich wäre auf den Königſtein gegangen und hätte die Sache, die nicht lange mehr dauern kann, dort oben abge⸗ wartet Freilich wäre es noch beſſer geweſen, wenn er gleich im Frühjabre gemeinſchaftliche Sache mit Ruſſen und Preußen gemacht bätte; denn daß er bis zuletzt bei Napoleon ausgehalten, wird man ihm ge⸗ wiß nachtragen, ſobald man die Franzoſen los iſt.“ „Abgeſchmackte Reden,“ fiel hier Ruffus eifrig in die Rede,„die ich dieſe Zeit daher oft habe laut wer⸗ den hören. Friedrich Auguſt, als ehrlicher Mann, als Politiker und als Vater ſeines Volkes, konnte gar nicht anders handeln, als er gehandelt hat, und we⸗ der Friedrich Wilhelm, noch Kaiſer Franz, noch jeder 209 andere Fürſt würde in ſeiner Lage anders haben han⸗ deln können. Oeſterreich, das doch ein weniger mäch⸗ tiger als Sachſen war, hütete ſich wohl, ſogleich gegen Naprleon aufzutreten, als er dieſes Frühjahr nach Dentſchland kam; es war vorſichtig genug, ohne hin⸗ längliche Vorbereitung den gewagten Schritt zu thun; und dem Friedrich Auguſt, der von Napoleon ſtets mit der größten Aufmerkſamkeit und Großmuth iſt behan⸗ delt worden? Konnte es dieſer Fürſt ſo ſchnell ver⸗ geſſen baben, daß 1806 Sachſen dem franzöſiſchen Kaiſer Preis gegeben war? War der gute und gerechte Friedrich Auguſt nach der Schlacht bei Lützen nicht gezwungen, in ſeine Hauptſtadt zurückzukehren und mit Napoleon gemeinſchaftliche Sache zu machen, wenn er ſein armes Land nicht, wie der Kaiſer von Frankreich gedroht hatte, als ein erobertes betrachtet ſehen wollte? Als Oeſterreich nach Ablauf des Waffenſtillſtandes Na⸗ poleon den Krieg erklärte, ſtand es wohlgerüſtet mit dreimalhunderttauſend Mann in Böhmen; kein franzö⸗ ſiſcher Soldat befand ſich auf öſterreichiſchem Gebiet, während das kleine Sachſen von dem franzöſiſchen Heere überſchwemmt und gänzlich in die Macht Napo⸗ leon's gegeben war. Nein, jeder Unbefangene wird es eingeſtehen, daß Friedrich Auguſt nicht anders handeln konnte, und wäre er der entſchiedenſte Feind Napoleon's geweſen.“ Hoffmann erkundigte ſich jetzt nach dem Befinden von Ruffus Familie. „Anna,“ antwortete dieſer düſter,„hat ſich ſo ziemlich von ihrem Schmerze über Reinhold's Tod er⸗ holt. Ich ſah das voraus; ſie war von je Phanta⸗ ſtin, die nur von dem Augenblick ergriffen wird.“ „Und Clärchen?“ frug der Muſikdirector weiter. „Clärchen?“ ſprach der Bruder leiſe, und ein ſelt⸗ Stolle ſämmtl. Schriften. Xn. 14 210 ſamer Schmerz zog ſich über ſein Geſicht.„Clärchen trägt wohl den Tod im Herzen. Daß Eugen ohne Abſchied von dannen ging, hat das Kind im Inner⸗ ſten verwundet. Sie liebte den Jüngling mit aller Macht ihres jungen Lebens. Sie glaubt ſich treulos verlaſſen, und ich ſah deutlich, wie ſie ſich im In⸗ nern verblutete. Nun iſt das böſe Nervenfieber dazu⸗ gekommen, und das Geſicht des Arztes wird mir täg⸗ lich bedenklicher.“ „Sie wird geneſeu,“ tröſtete Hoffmann;„es wer⸗ den beſſere Zeiten kommen. Wir werden Alle noch froh werden;“— und er entfaltete begeiſtert ein lä⸗ chelndes Bild von Frieden, Glück und Heiterkeit nach langer, blutiger Kerkernacht, ſobald nur der Napoleon am Boden liege. Ruffus hatte keine Aufmerkſamkeit für des Muſi⸗ kers Phantaſiebilder. Er ſtand im düſtern Schweigen. „Wenn mir das Mädchen ſterben ſollte—“ ſprach er nach einer Pauſe, und der unverholenſte Schmerz erſtickte ſeine Stimme. Hoffmann tröſtete. Vergebens, ein tiefer Seelen⸗ ſchmerz, wie man noch nie an ihm bemerkt, hatte ſich des jungen Mannes bemächtigt. Cilftes Rapitel. E⸗ iſt Morgens in der achten Stunde, am 16. Oe⸗ tober, als Näpoleon aus ſeinem Hauptquartiere zu Reudnitz, wo er faſt die ganze Nacht ununterbrochen gearbeitet und Befehle dictirt hat, nach Liebertwolk⸗ witz fährt. Auf einem Hügel in der Nähe dieſes Fleckens empfängt ihn der König von Neapel. Der Kaiſer iſt ausgeſtiegen und beobachtet mit einem klei⸗ nen Fernglaſe die Formirung der feindlichen Angriffs⸗ colonnen, auf welche ihn der König von Neapel auf⸗ merkſam macht. Sogleich werden die Pferde herbei⸗ geführt und der Kaiſer verläßt mit ſeinem Gefolge langſam die Höhe. In demſelben Augenblicke verkünden drei regelmä⸗ ßige Signalſchüſſe aus grobem Geſchütz die Eröffnung der Schlacht von Seiten der Verbündeten. Die Ku⸗ geln fliegen über die kaiſerliche Suite hinweg und ſchlagen in ein etwas rückwärts haltendes Cuiraſſier⸗ regiment und in die kaiſerliche Garde. Da beginnt mit einem Male die furchtbarſte Ka⸗ nonade und wird ununterbrochen fünf ganzer Stunden lang von beiden Seiten fortgeſetzt. Die Ruſſen und Oeſterreicher dringen mit außerordentlicher Tapferkeit vor. Sie ſtürmen die Dörfer Markkleeberg, Wachau und Liebertwolkwitz und bringen die ganze franzöſi⸗ ſche Linie zum Weichen. Napoleon, der von dem kleinen Hügel neben der Meusdorfer Ziegelei die Schlacht leitet, bleibt ganz ruhig. Er befiehlt den neben Liebertwolkwitz aufgeſtellten zahlreichen Batte⸗ rien zu feuern; neue franzöſiſche Angriffscolonnen dringen vor. Die genannten Dörfer des Centrum werden wieder genommen. Während im Mittelpunkte das Geſchütz wüthet, praſſelt unaufhörlich auf den Flanken das Rotten⸗ und Pelotonfeuer. Nachdem die Verbündeten von den furchtbaren An⸗ griffen ermüdet zurückweichen, ergreift Napoleon die Offenſive. Er befiehlt dem Herzoge von Tarent, wel⸗ cher mit der Cavallerie Sebaſtiani's den linken fran⸗ 14* 212 zöſiſchen Flügel bildet, über das Dorf Holzhauſen ſchnell in die Ebene vorzurücken. Zu gleicher Zeit erhält die geſammte junge Garde Befehl zum Auf⸗ bruch. Zwei Diviſionen derſelben ſchwenken links ab, zur Unterſtützung des linken Flügels, zwei andere eilen dem rechten zu Hülfe, eine dritte Colonne rückt im Centrum vor. Lauriſton und Treviſo brechen mit gefälltem Bayonnette aus Liebertwolkwitz hervor. Bel⸗ lunv und Reggio aus Wachau und einhundert und fünfzig Kanonen der Garde unterſtützen dieſe Angriffe. Es iſt Mittag. Die Kanonade iſt auf der Haupt⸗ linie fürchterlich. Plötzlich beginnt auch die Erde in der Gegend von Möckern und Lindenau zu beben. Der unermüdliche Blücher hat den Herzog von Ra⸗ guſa angegriffen, Bertrand iſt mit den Oeſterreichern zuſammengetroffen. Auf allen Orten wird gekämpft. Im Zwiſchenraume von einer Meile werden drei Schlachten zu gleicher Zeit geliefert. Das öſterreichiſche Centrum iſt faſt eine Stunde weit zurückgedrängt, der linke franzöſiſche Flügel un⸗ ter Macdonald bis an die ſogenannte Schwedenſchanze vorgedrungen. Der Kaiſer kommt mitten im Feuer hier angeſprengt. Ein leichtes Infanterieregiment ſteht am Fuße der Schwedenſchanze. „Welches Regiment?“ fragt ſogleich Napolevn. „Sire,“ antwortete der General Charpentier,„es iſt das zweiundzwanzigſte leichte.“ „Unmöglich!“ ruft der Kaiſer,„das zweiundzwan⸗ zigſte leichte würde nicht, Gewehr in Arm, ſich zu⸗ ſammenſchießen laſſen.“ Ein donnerndes„Vive l'empereur!“ iſt die Ant⸗ wort der Soldaten, und im Augenblicke ſtürmen die durch die Gegenwart des Kaiſers Begeiſterten die feindliche Redvute. 213 Zu gleicher Zeit ranſchen die Wolken von Seba⸗ ſtiani's Reiterei in die Ebene vor und fallen den Verbündeten in die Flanken. Napoleon, der auf die Anhöhe bei der Ziegelhütte zurückſprengt, iſt ſehr heiter. „Reiten Sie zum König von Sachſen,“ ruft er dem nächſten Adjutanten zu,„ſagen Sie ihm, daß Alles gut gehe, daß wir Anhöhen und Dörfer genom⸗ men hätten. In der Stadt und Umgegend ſoll man die Glocken läuten, der Armee unſern Sieg zu ver⸗ künden.“ Die Verbündeten ſind auf allen Punkten zurück⸗ gedrängt. Napoleon rüſtet ſich jetzt zu entſcheidenden Schlägen. Es gilt das feindliche Centrum zu durch⸗ brechen. Der König von Neapel erhält Befehl mit der Cavallerie hervorzuſtürmen. Latvur⸗Maubourg und Kellermann mit ihren Schwadronen wenden ſich rechts und links zur Umgehung der Linie der Verbündeten. In demſelben Augenblicke ſtürmt das franzöſiſche Cen⸗ trum vorwärts. Man erſtürmt die Schäferei Auen⸗ hain und das Dorf Goſſa und erobert ſechsundzwan⸗ zig Kanonen. Der Stoß iſt furchtbar, die franzöſiſche Cavallerie wirft Alles nieder. Schon beginnt das feindliche Centrum zu wanken, es iſt auf das Hef⸗ tigſte erſchüttert. Einen Augenblick noch, und es iſt durchbrochen, und die Schlacht für die Verbündeten entſchieden verloren— da ſprengt der Kaiſer Alexan⸗ der, die furchtbare Größe der Gefahr erkennend, per⸗ ſönlich herbei. Er giebt dem Gardekoſakenregiment, das ſeine Bedeckung bildet, den Befehl anzugreifen. Dieſer herzhafte Entſchluß rettet die Schlacht. Von der Gegenwart ihres Kaiſers begeiſtert, bricht dieſe erleſene Schaar vor und thut Wunder der Tapferkeit. 214½ Die franzöſiſche Infanterie wird geworfen und von den ſechsundzwanzig Kanonen vierundzwanzig wieder⸗ erobert. Bei dieſen mörderiſchen Angriffen wird dem ta⸗ pfern Latvur⸗Maubourg durch eine Kanonenkugel der Schenkel abgeriſſen. General Maiſon ſtürzt verwun⸗ det nieder. Die franzöſiſchen Truppen befinden ſich in der Unordnung eines theuer erkauften Vortheils. Napoleon ſelbſt iſt zu weit entfernt, um augenblicklich die zweckmäßigſten Anordnungen zu treffen. Die öſter⸗ reichiſche Cavalleriereſerve donnert heran, und die hart bedrängten Ruſſen werden befreit. Indeſſen dringen auch die franzöſiſchen Reſerven vor. Es gelingt den Franzoſen nochmals Goſſa zu ſtürmen, abermals neigt ſich die verhängnißvolle Waag⸗ ſchale des Siegs auf die Seite Napoleon's, als neue Ereigniſſe dazwiſchen treten. Der Kaiſer, ſeine Aufmerkſamkeit ausſchließlich auf das vordringende Centrum richtend, vernimmt plötzlich einen außerordentlichen Angriff, von furcht⸗ barem Geſchrei begleitet, gegen den rechten Flügel ſeiner Angriffscolonnen. Es iſt eine energiſche De⸗ monſtration der Oeſterreicher zu Gunſten der hart be⸗ drängten Ruſſen. Schwarzenberg verbirgt dahinter eine entſcheidende Operation. Er hat im Hintergrunde unermeßliche Schaaren zuſammen gehäuft. Sein Plan iſt, mit einem furchtbaren Schlage die franzöſiſche Linie zu durchbrechen, durch dieſen Riß gegen Leipzig vorzu⸗ dringen und ſo die franzöſiſchen Stellungen im Rücken zu nehmen. Schwarzenberg glaubt Napoleon's Auf⸗ merkſamkeit auf das Centrum gerichtet, er erblickt alle franzöſiſchen Reſerven im Kampfe. Der günſtige Au⸗ genblick iſt gekommen. General Meerfeld erhält Be⸗ 245 fehl, ſich, es koſte was es wolle, über die Pleiße zu werfen. Der Held Poniatowski, der mit ſeinen Polen den äußerſten rechten franzöſiſchen Flügel bildet, hat dieſen wüthenden Stoß auszuhalten. Er wird durch die Uebermacht aus ſeiner Poſition gedrängt. Schwar⸗ zenberg's Plan iſt dem Gelingen nahe, als die Jäger der alten Garde heranrücken und vereint mit den Polen die Oeſterreicher zurückwerfen. General Meer⸗ feld, der mitten unter ſeinen Bayonnetten vom Pferde geſtürzt iſt, muß ſeinen Degen an einen franzöſiſchen Capitain übergeben. Gleichwohl hat dieſe öſterreichiſche Diverſivn auf dem rechten franzöſiſchen Flügel Unentſchiedenheit im franzöſiſchen Centrum hervorgebracht. Die Verbün⸗ deten haben Goſſa von Neuem geſtürmt, und als der Abend auf das große Blutfeld herabſinkt, befinden ſich die Bivouakfeuer der beiden Linien faſt an den⸗ ſelben Stellen, wie in voriger Nacht. Die fünf Zelte Napoleon's werden in einem tie⸗ fen Viereck hinter Meusdorf aufgeſchlagen. Rings umher flammen die Bivouaks der kaiſerlichen Garde. Der Kaiſer verbringt den Abend, die verſchiede⸗ nen Berichte des Tages zu ſammeln. Er empfängt zuerſt die Adjutanten des Fürſten von der Moskwa. Die Schlacht wurde im Norden von Leipzig mit derſelben Erbitterung geſchlagen wie in den ſüdlichen Ebenen. Nur war der Unterſchied, daß hier fünf⸗ undzwanzigtauſend Franzoſen gegen ſiebenzigtauſend Alliirte kämpften. Erſtere hielten ſich ſo tapfer und nit ſolcher Ausdauer, daß die Armeen York und Lan⸗ geron, der zahlloſen Angriffe müde, die dritte Armee unter Sacken herbeirufen mußten. Der Herzog von Raguſa, welcher bei Schönefeld 216 mit ſeiner Armee fünf Stunden lang dem Feuer von hundert Kanonen ausgeſetzt war, hat die empfindlich⸗ ſten Verluſte erlitten. Der Kern der trefflichſten Ma⸗ rine⸗Regimenter hat hier ſeinen Untergang gefunden. Raguſa ſelbſt befindet ſich unter den Verwundeten. Nach der Anſicht des Kaiſers liegt das Unglück des Tages auf dieſer Seite in den beiden Diviſionen Souham, welche wegen Ungewißheit der Befehle den ganzen Tag über zwiſchen den beiden Schlachten ſchwebten, ohne bei der einen oder andern das Ge⸗ wicht von fünfzehntauſend Tapfern in die Waagſchale legen zu können. Auf die Berichte des Fürſten von der Moskwa folgen die des General Bertrand. Die Oeſterreicher beabſichtigten den Rückzug beim Dorfe Lindenau abzuſchneiden. Bereits waren die Elſterbrücken in ihrer Gewalt; da führte General Ber⸗ trand, erkennend, was es hier gelte, ſeine Bataillone zum Sturme heran, warf die Oeſterreicher zurück und eroberte dem franzöſiſchen Heere die Rückzugslinie. Ueberhaupt waren an dem blutigen Tage Generale und Soldaten von der heldenmüthigſten Hingebung beſeelt. Augereau, Ney, Victor, Marmont, Macdo⸗ nald, Lauriſton haben ſich ihres alten Rufs würdig gezeigt und Poniatowski erkämpfte ſich den Marſchalls⸗ ſtab. Der Kaiſer ließ ihm auf dem Schlachtfelde die Inſignien überreichen. Napoleon ſitzt in ſeinem Cabinet, die ihm ver⸗ bleibende Streitmacht mit den ſich ſtets vermehrenden feindlichen Maſſen berechnend. Die Zahl ſeiner Trup⸗ pen wird immer ſchwächer, dafür kommt ihm das Ter⸗ rain mehr als anderswo zu ſtatten. Die franzöſiſchen Flügel ſtützen ſich an zwei Flüſſe, die Pleiße und die Parthe, das Centrum hält die beherrſchenden Stel⸗ 24¹5 lungen der Ebene beſetzt, im Rücken eine große Stadt. Sollte es auch den Verbündeten gelingen, ſo gut un⸗ terſtützte Linien zu durchbrechen, ſo kann man ſich noch hinter den Mauern, Sümpfen ſo lange halten, bis wenigſtens die Maſſe der Armee auf der Straße von Lützen und Weißenfels ihren Rückzug zu Stande gebracht hat. Der Kaiſer überkegt und berechnet alle Verhält⸗ niſſe. Er fühlt ſich ſtark genug, den Sieg noch ein⸗ mal ſtreitig zu machen. Indeß je länger der Rieſenkampf dauert, deſto zahlreicher werden die Armeen der Verbündeten. Das franzöſiſche Lager erwartet nur noch das ſchwache Corps des Generals Reynier. Auf der feindlichen Seite ſoll die Zahl der Kämpfenden durch die An⸗ kunft von drei neuen Armeen beinahe verdoppelt wer⸗ den. Die Colonnen Bernadotte's, Colloredo's und Benningſen's rücken in Eilmärſchen auf drei verſchie— denen Seiten gegen Leipzig vor. Während Napoleon in tiefem Nachſinnen vor ſei⸗ nen Karten ſteht, wird der gefangene General Meer⸗ feld in's Zelt geführt. Dieſer Krieger iſt ein alter Bekannter. Er wär der Abgeſandte, welcher den berühmten Waffenſtill⸗ ſtand von Leoben geſchloſſen; er war es, der, als Un⸗ terhändler von Campo Formio, von Wien den Frie⸗ den zurückbrachte; er iſt es endlich, der in der Nacht von Auſterlitz das mit Bleiſtift geſchriebene Billet und die erſten Waffenſtillſtands-Anträge überbrachte, wor⸗ an vielleicht das Schickſal der beiden Kaiſer ge⸗ knüpft war. Ein ſonderbares Geſchick führt dieſen General gerade in einem Augenblicke zu Napoleon, wo dieſer Waffenſtillſtand und Frieden nöthiger denn je hat. Der 218 Kaiſer lächelt bei dieſem Glücksſpiel, das den Verbün⸗ deten alle Mittel an die Hand gibt, ihre ganze Wie⸗ dervergeltung, ſelbſt in Beziehung auf die Großmuth, an ihm zu nehmen. Napoleon ergreift dieſe Gelegenheit, und will noch einmal verſuchen, ob eine friedliche Ausſöhnung mög⸗ lich iſt. Dem General Meerfeld wird ſein Degen zurück⸗ gegeben. Er theilt mit den Generalen des kaiſerlichen Hauſes das ſparſame Mahl des Lagers. Der Kaiſer benachrichtigt ihn, daß er auf Ehrenwort zurückge⸗ ſchickt und mit Verſöhnungsvorſchlägen an den Kaiſer von Oeſterreich beauftragt werden ſolle. „Der Streit wird ſehr ernſthaft,“ ſpricht Napo⸗ tevn, als der General in das kaiſerliche Cabinet ge⸗ lreten iſt,„Sie ſehen, wie man mich angreift und wie ich mich wehre. Denkt Ihr Cabinet nicht daran, die Folgen einer ſolchen Verbitterung zu verhüten? Wenn es weiſe iſt, ſollte es daran denken. Es kann noch Allem abhelfen, ſelbſt dieſen Abend noch. Mor⸗ gen iſt es vielleicht zu ſpät, denn wer weiß die Er⸗ eigniſſe von Morgen? Unſere politiſche Allianz iſt zwar zerriſſen, aber zwiſchen Ihrem Gebieter und mir beſteht noch eine andere Allianz, und dieſe iſt unauf⸗ löslich. Dieſe rufe ich an. Denn ich werde immer in die verſönlichen Geſinnungen eines Schwiegervaters Vertrauen ſetzen. Suchen Sie ihn auf und ſagen Sie ihm, was ich ihm bereits durch Bubna habe er⸗ öffnen laſſen. Man täuſcht ſich über mich. Ich wünſche nichts ſehnlicher, als im Schatten des Friedens aus⸗ zuruhen, und nachdem ich Frankreichs Ruhm gegrün⸗ det, nur an ſein Glück zu denken. Und doch opfert Ihre Politik der Furcht, die ſie vor mir hat, nicht nur ihre natürlichſten Empfindungen, ſondern ſelbſt 219 ihre theuerſten Intereſſen auf. Sie fürchtet ſogar den Schlaf des Löwen. Sie gibt ſich nicht zufrieden, als bis ſie ihm die Klauen ausgeriſſen und die Mähne abgeſchnitten hat. Welches werden aber die Folgen ſein von dieſem traurigen Zuſtande, in welchem man mich verſetzt? Hat man ſchon daran gedacht? Von dem Verlangen beſeelt, mit einem Schlage das wieder zu gewinnen, was man durch zwanzigjähriges Miß⸗ geſchick verloren, hegt Ihr Cabinet nur dieſen Ge⸗ danken und bedenkt nicht, daß ſich ſeit zwanzig Jah⸗ ren Alles umgewandelt hat, daß ſich die Intereſſen Oeſterreichs ebenſo verändert haben, und daß in Zu⸗ kunft jeder Gewinn, den Oeſterreich auf Koſten Frank⸗ reichs macht, ein Verluſt für Erſtres iſt. General Meerfeld, es gehört vielleicht noch mehr als Oeſter⸗ reich, Frankreich und ſelbſt Preußen dazu, das Herein⸗ brechen des nordiſchen Koloſſes, der ſeinem Weſen nach erobernd iſt, gegen das weſtliche Europa zu ver⸗ hindern.— Uebrigens muß ich am Ende Opfer brin⸗ gen; ich weiß es, und bin dazu bereit.“ Der Kaiſer geht hierauf umſtändlich in die Erör⸗ terung der Bedingungen ein, die er zum Voraus unterſchreibt. Hier, wie zu Prag, verzichtet Napo⸗ leon auf Polen, Illyrien, den Rheinbund. Hinſicht⸗ lich Spaniens, Hollands und der Hanſeſtädte willigt er ein, ihnen Unabhängigkeit zu ertheilen: aber er wünſcht die Stipulation auf den Seefrieden verſcho⸗ ben, um ſich derſelben als Ausgleichungsmittel für England zu bedienen. In Betreff Italiens beſchränkt er ſich darauf, die Integrität dieſes Königreichs zu verlangen. Endlich erbietet er ſich für einen in den nächſten vierundzwanzig Stunden abzuſchließenden Waf⸗ fenſtillſtand, Deutſchland ſogleich zu räumen und ſich hinter den Rhein zurückzuziehen. 220 „Adieu, General,“ ſpricht er beim Abſchiede zu Meerfeld,„wenn Sie mit den beiden Kaiſern in mei⸗ nem Namen von Waffenſtillſtund ſprechen, ſo zweifle ich nicht, daß das Organ, durch welches ich ihn biete, in Betreff der Erinnerung von großer Beredt⸗ ſamkeit ſein dürfte.“ General Meerfeld wird ſogleich an die Vorpoſten geführt. Der Kaiſer zieht ſich in ſein Schlafgemach zurück, doch iſt er während des Schlafs ſehr unruhig. Nan⸗ ſouty und andere Generale werden an ſein Bett gerufen. Am folgenden Morgen, Sonntags den ſiebzehnten Oetober, iſt das Wetter regneriſch und düſter. Der Anbruch des Morgens unterbricht die dumpfe Stille nicht, welche in den Lagern der Franzoſen und Ver⸗ pündeten herrſcht. Napoleon erwartet neue Angriffe, aber Alles bleibt ruhig. Der König von Neapel kommt frich in das Lager Napoleon's. Die beiden Fürſten ſind ſehr ernſt und nachdenkend. Sie gehen auf den Dämmen der alten Teiche wohl eine halbe Stunde auf und nieder. Murat reitet endlich zu ſei⸗ nen Truppen und Napoleon kehrt in ſein Zelt zurück. Während die letzten Pulverwagen gefüllt werden, der Soldat ſeine Waffen reinigt und man ſich mit Ruhe und Eifer zu neuen Kämpfen rüſtet, verbringt der Kaiſer den Tag unter ſeinem Zelte und erläßt die Befehle zur neuen Schlachtordnung, in welcher er den Feind empfangen will. Der Kaiſer iſt allerdings noch ſtark genug, die Schlacht anzunehmen, aber würde zu viel Vortheile aufgeben, wenn er ſie anböte. Die Nacht kömmt heran, ohne daß eine Nachricht von Herrn von Meerfeld eingetroffen. Der Regen ergießt ſich in Strömen in die Bivouaks. Eine tiefe 221 Stille herrſcht im kaiſerlichen Hauptquartiere. Der Großſtallmeiſter fragt, wenn der Mond aufgehe. Endlich tritt dieſer aus zerriſſenen Wolkew hervor, das uner⸗ meßliche Schlachtfeld geiſterhaft beleuchtend. Equipagen und Pulverwagen ſchlagen bereits die Straße nach Frankreich ein. Hier und da werden leere Wagen, die man nicht mitnehmen kann, ver⸗ brannt. In vielen befinden ſich noch Pulvervorräthe. Die hieraus entſtehenden Epploſionen halten das ganze Lager wach. Es iſt Nachts ein Uhr. Da verläßt der Kaiſer ſein Bivouak und ſchlägt die Richtung gen Leipzig ein. Bei dem Punkte, wo ſich die beiden Straßen von Grimma und Borna vereinigen, recognoseirt er die Hochebene, welche das Centrum der neuen Stellung bilden ſoll. Aber die Dunkelheit macht faſt jede Umſicht unmöglich. Der Kaiſer läßt ſich hierauf in das Hauptquar⸗ tier des Fürſten von der Moskwa führen. Dieſer wird geweckt und erhält ſeine Befehle für den näch⸗ ſten Tag. Von hier aus ſetzt Napoleon ſeinen Weg fort nach Lindenau, wo er dem General Bertrand be⸗ fiehlt, ſich ohne Zeitverluſt der Schluchten der Saale zu bemeiſtern. Endlich acht Uhr des Morgens kommt der Kaiſer nach Stötteritz, wohin ſein Hauptquärtier während der Nacht verlegt worden iſt, zurück. Er iſt kaum abgeſtiegen, als die Kanonen Schwarzenberg's ihr Donnern beginnen. Sogleich ſchwingt er ſich wieder auf ſein Schlachtroß und reitet, von ſeinem ganzen Generalſtabe begleitet, nach der Anhöhe des Thon⸗ bergs, von wo aus er die beginnende Schlacht leitet. Von allen Seiten dringen die Verbündeten, durch die Ankunft neuer Armeen um ein Dritttheil verſtärkt, mit Allgewalt vor. Rechts im Thale der Pleiße ſtürmt die große öſterreichiſche Armee gegen den Marſchall Poniatowski. Seine ſiebentauſend Polen werden zurückgeworfen. Im Centrum dringen die Ruſſen und Preußen mit gefälltem Bayonnette gegen Probſtheida. Dieſes Dorf bildet einen hervorſpringenden Winkel in der franzöſiſchen Schlachtlinie. Zwei furchtbare auf den Flanken aufgefahrene Batterien vertheidigen den Zu⸗ gang. Gegen den linken Flügel rücken drei Armeen, eine öſterreichiſche, preußiſche und ruſſiſche in demſelben Zeitpunkte und mit gleichem Ungeſtüm. So wie die Colonnen der Verbündeten an die franzöſiſchen Linien ſtoßen, wird die Schlacht fürch⸗ terlich. Man drängt ſich mit Wuth gegen einander. Mit welcher Tapferkeit aber auch die Verbündeten an⸗ greifen, überall finden ſie den unüberwindlichſten Wi⸗ derſtand. Der Kaiſer eilt zuerſt mit zwei Diviſionen dem zurückgedrängten Marſchall Poniatowski zu Hülfe. Er ſprengt ſelbſt bis auf den Kampfplatz, und iſt Zeuge von den Wundern der Tapferkeit, welche die heldenmüthige Polenſchaar verrichtet. Doch in demſelben Augenblicke wird er wieder auf die Höhe von Probſtheida zurückgerufen. Er langt gerade in dem Augenblicke an, als die Verbündeten dieſes Dorf mit geſteigerter Gewalt angreifen. Der Kampf iſt fürchterlich. Das Getümmel der Kämpfen⸗ den übertäubt den Donner der Kanonen. Man kann ſich im Staub und Rauch kaum zurecht finden. Hand⸗ pferde, Verwundete ſtrömen ſchaarenweis zurück. Na⸗ poleon ſprengt mit ruhigem Blute mitten in das Ge⸗ wühl. Er vertheilt die Reſerven der alten Garde zur Ausfüllung der Lücken, und kehrt erſt, nachdem er den Kampf wieder geordnet, nach dem Thonberge zurück.„ Auf allen Seiten tobt die Schlacht mit unbe⸗ ſchreiblicher Wuth. Benningſen greift Stötteritz an. Wittgenſtein und Barklai de Tolly ſtürmen von Neuem gegen Probſtheida, dringen von Neuem ein, werden abermals geworfen, erobern es zum dritten Mal und werden zum dritten Mal daraus vertrieben. Belluno, Caſtiglione und Lauriſton haben geſchworen, ihre Stellung zu behaupten. Mit nicht geringerer Wuth, als auf der Südſeite, wird der Kampf im Norden geführt. Blücher kämpft gegen den Fürſten von der Moskwa. Der Bravſte der Braven vertheidigt den Uebergang über die Parthe mit dem gewohnten Heldenmuthe. Von allen Seiten ſtrömen die Verwundeten zu Tauſenden in die Stadt. Die Artillerie der Verbün⸗ deten würgt verheerend in den Reihen der Franzoſen. Zu Hunderten werden die franzöſiſchen Kanonen de⸗ montirt. Nach ſechs bis ſieben Stunden des unge⸗ heuerſten Feuers wird bereits der Mangel an u tion fühlbar. Zum erſten Male in ſeinem Le ben befiehlt Napoleon, ſie zu ſchonen. Da mit einem Male donnern neue Kanonen, in der Gegend von Reudnitz. Eine a Ugemeine Entrüſtung verbreitet ſich durch die geſammte franzöſiſche Linie. Es iſt Bernadotte, der Sohn Frankreichs, welcher mit ſeinen ſchwediſchen Regimentern in die Schlacht⸗ linie reitet. General Reynier mit der ſächſiſchen Armee rückt dem neuen Feinde entgegen. Die Kanonen donnern gegen einander. Plö tzlich ſchweigt das Feuer. Die Sachſen, den Befehlen mehrer ihrer hochgeſtellten Ge⸗ nerale Gehorſam leiſtend und zum Theil auch der 224⁴ übermüthigen, drückenden Fremdherrſchaft überdrüſſig, die Begeiſterung der geſammten deutſchen Nation für die Befreiung des Vaterlandes theilend, ſenken ihre Waffen und gehen, im Vereine mit zwei würtember⸗ giſchen Cavallerieregimentern, zu den Verbündeten über, wo ſie mit Jubel empfangen werden. Für jeden Andern als Napolevn war nach dieſer außerordentlichen Kriſis die Schlacht verloren. Für den großen Kriegsmeiſter iſt noch nichts entſchieden. Als ihn ein Adjutant Reynier's von dem unglück⸗ lichen Ereigniſſe benachrichtigt, verändert ſich ſeine Haltung nicht, er bleibt ruhig, ertheilt aber ſogleich Gardereſerven den Befehl, ihm zu folgen und ſprengt gegen die durch den Uebergang entſtandene Lücke. Bernadotte hat nur noch eine franzöſiſche Diviſion vor ſich. Seine Avantgarde rückt bereits in Reudnitz ein und befindet ſich eine Viertelſtunde von Leipzig. Die Geiſtesgegenwart und Schnelligkeit des Kai⸗ ſers, welcher mit den Gardereſerven zur rechten Zeit anlangt, hat die entſtandene Lücke ausgefüllt und die durchbrochene franzöſiſche Linie wieder hergeſtellt. Aber der unerſchrockene Held iſt jetzt in Unruhe über den Stand der Schlacht im Centrum. Er ſprengt dahin zurück, und findet die franzöſiſchen Linien ſämmtlich in ihren frühern Stellungen. So oft auch das Dorf Probſtheida von den Ver⸗ bündeten geſtürmt worden, ſo vft gelingt es dem Kö⸗ nig von Neapel, daſſelbe wieder zu erobern. Zu Stötteritz und Connewitz find die Alliirten nicht glück⸗ licher geweſen. Die außerordentliche Tapferkeit und Hartnäckigkeit, womit die Franzoſen ihre Stellungen vertheidigen, brachte die gegenüber commandirenden Feldherren zu dem Entſchluſſe, von dem Stürmen ab⸗ zuſtehen und ſich zurückzuziehen. 225 Die geſammte erſte Linie der Alliirten weicht auf einer unermeßlichen Strecke zurück. Man ſtellt jetzt Batterien gegen Batterien. Eine Stunde lang be⸗ ſchießen ſich die feindlichen Armeen. Die Kugeln rich⸗ ten ungeheuere Verheerungen in beiden Linien an, ohne ſie erſchüttern zu können. Ganz in der Nähe Napoleon's werden in kurzer Zeit zwölf Kanonen de⸗ montirt. Gleichwohl behaupten die franzöſiſchen Ba⸗ taillone eine bewunderungswürdige Unbeweglichkeit mitten im wildeſten Feuer. Erſt die Nacht macht dem unerhörten Blutvergießen ein Ende. Obſchon die Macht der Verbündeten die der Fran⸗ zoſen um das Dreifache überſtieg, hatten Letztere nicht einen Zoll breit Terrain verloren. Weder der Ueber⸗ tritt der ſächſiſchen Armee, noch der glühende und ausdauernde Muth der alliirten Truppen konnte es dahin bringen, dem Napolevn auch nur eins der Dör⸗ ſer zu entreißen, das er ſich vorgenommen hatte, als weſentlich für ſeine Stellung zu behaupten. Die Franzoſen eroberten in dieſer furchtbaren Schlacht ge⸗ gen mehr denn fünfundzwanzig Völker den hohen Ruhm, ſelbſt ihren Feinden einen großmüthigen Neid eingeflößt zu haben. Es war dunkel geworden. Der Kanonendonner verhallt. Nur einzelne Flintenſchüſſe fielen von Zeit zu Zeit. Erd' und Himmel erglänzten von den bren⸗ nenden Dörfern und den zahlloſen Wachtfeuern. Napoleon nähert ſich dem Feuer ſeines Bivouaks. Er dictirt Berthier die Befehle für die Nacht, als die Artilleriecommandanten Sorbier und Dulauloy her⸗ antreten und über den Verbrauch der Munition wäh⸗ rend der zwei Schlachttage berichten. Man hat wäh⸗ rend des heutigen Tages an die hunderttauſend Ar⸗ tilleriepatronen verſchoſſen; ſeit fünf Tagen beläuft Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 15 226 ſich ihre Zahl über zweihundertundzwanzigtauſend. Der Reſt der Munition beträgt kaum ſechzehntauſend Ladungen. Hiermit kann man das Feuer keine zwei Stunden unterhalten. Der große, durch die Bewe⸗ gung der Armee auf Leipzig getrennte Park hat ſich nach Torgau zurückgezogen. Unter ſolchen Umſtänden darf man nicht daran denken, das Schlachtfeld länger zu behaupten. Der Kaiſer entſchließt ſich zum Rückzuge. Er dietirt beim Scheine des Wachtfeuers dem Majorgeneral die hier⸗ zu erforderlichen Befehle. Man hat Napoleon einen hölzernen Schemel gebracht. Von den Anſtrengungen der letzten Tage erſchöpft, ſetzt er ſich nieder und finkt in Schlummer. Seine Hände ruhen, nachläſſig gefaltet, im Schvoße. Der Mann des Jahrhunderts gleicht in dieſem Augenblicke jedem andern, unter der Bürde des Mißgeſchicks erliegenden, Menſchenkinde. Die Marſchälle und Generale ſtehen verdüſtert und ver⸗ ſtummt um das Feuer, und in einiger Ferne rauſchen die zurückziehenden Truppen vorüber. Nach Verlauf einer Viertelſtunde erwacht der Kai⸗ ſer und wirft einen großen verwunderungsvollen Blick im Kreiſe umher; er ſcheint zu fragen:„Wach' ich, oder iſt's ein Traum?“ Es war ein großer verhängnißvoller Augenblick in dem Leben des außerordentlichen Mannes. Weiter zur Linken brannten noch die Wachtfeuer der jungen Garde. Düſter flammte die Glut durch die Nacht. Abſeits von ſeinem Feuer, das die Ka⸗ meraden umlagert hatten, ſtand ein junger Offizier mit verſchränkten Armen, und ſeine Blicke irrten am nächtlichen Horizonte nach der Gegend von Dresden. Es war Eugen, der bei ſeiner ausgezeichneten Tapfer⸗ keit bereits zum Unterlieutenant avancirt war. Da nahten ſich Schritte. Eine Geſtalt, in einen — — — 227 Mantel gehüllt, trat aus der Nacht. Jetzt wandte ſie ihr Geſicht gegen das Wachtfeuer. „Ruffus!“ rief Eugen außer ſich und flog dem Freunde in die Arme. Lange, lange hielten ſich die Beiden umſchloſſen. „Was macht ſie?“ frug endlich Eugen. „Ihr iſt wohl,“ ſprach der Freund in ſeltſamem Tone. Dem jungen Franzoſen erſtarrte das Blut in den Adern. Eine entſetzliche Ahnung durchzuckte ſein Innerſtes. „Was macht Clärchen?“ rief er mit erhöhter Stimme und faßte den Freund mit beiden Armen. „Vor drei Tagen haben wir ſie begraben,“ war die tonloſe Antwort.„Sie ward ein Opfer des in Dresden herrſchenden Nervenfiebers. In ihrem Auf⸗ trage bin ich hier. Das Souvenir, das ſie für Dei⸗ nen Geburtstag geſtickt hatte, mußte ich ihr noch wenig Tage vor ihrem Tode verſprechen, in Deine Hände abzuliefern. Sie hatte nach und nach alle die unſeligen Verhältniſſe erfahren, welche Dich aus un⸗ ſerm Hauſe trieben, und iſt mit dem ſchönen Be⸗ wußtſein hinübergegangen, von Dir nicht vergeſſen worden zu ſein. Ich habe mich durch die ruſſiſche Armee, welche Dresden belagert, wie ein Spion ge⸗ ſchlichen, um Dich noch in Sachſen zu treffen, denn wir dürften uns ſobald nicht wieder ſprechen. Mein Vater gilt zu ſehr als Franzoſenfreund, als daß er ſich in den Zeiten, die bevorſtehen, ſehr gefallen könnte. Seit mir Clärchen geſtorben, die ich liebte, wie meine Seele, iſt mir's auch gleich, wo ich mein Haupt hinlege. Für die deutſche Freiheit, die jetzt überall proclamirt wird, habe ich nie geſchwärmt. Ich habe nicht für ſie gefochten, und verzichte gern auf ihre Segnungen. Ich habe einmal einen andern 15* 228 Begriff von deutſcher Freiheit. Gott verzeihe mir, wenn ich ihnen Unrecht thue, aber in den Koſaken habe ich nie Freiheitbringer erblicken können. Die Anti⸗ pathie liegt mir im Blute. Ich kann nicht dafür. Mit nächſter Gelegenheit ſchiffen wir uns nach Amerika ein.“ Eugen hatte wie im Traume zugehört. Da wir⸗ belten die Trommeln; er mußte zu ſeinem Regimente. Noch einmal hielten ſich die Freunde umarmt, und der junge Franzos ſtürzte, Clärchen's Vermächtniß in der Hand, wie betäubt dem Bivouakfeuer zu.— um acht Uhr des Abends reitet der Kaiſer nach Leipzig zurück und ſteigt im Hotel de Pruſſe am Roßplatze ab. Die franzöſiſche Armee verläßt alle ihre Stellun⸗ gen und tritt den Rückzug an. Am Morgen des neunzehnten Oetobers erſcheint der Marſchall Poniatowski bei Napoleon, um ſich Be⸗ fehle zu holen. „Prinz,“ ſpricht der Kaiſer,„Sie werden die ſüdliche Vorſtadt vertheidigen.“ „Sire,“ erwiederte mit Beſcheidenheit der Held, „nur wenig Mannſchaft iſt mir verblieben.“ „Nun,“ verſetzt Napoleon,„ſo vertheidigen Sie ſich mit dem, was Sie haben.“ „Ach, Sire!“ ruft Poniatowski in ſchöner Be⸗ geiſterung,„wir bleiben Alle getreu, wir ſind Alle bereit für Ew. Majeſtät zu ſterben.“ Es waren die letzten Worte, welche der edle Pole zu ſeinem Kaiſer ſprach. Bei der Nachricht von dem Rückzuge der Fran⸗ zoſen erhebt ſich ein Freudengeſchrei im Lager der Verbündeten. Alle ihre Colonnen brechen auf und ſtürmen gegen die Thore von Leipzig. Aber hier und in den Vorſtädten beginnt der Kampf furchtbarer, wüthender denn je. Jeden Fuß breit Bodens vertheidigen die Franzoſen, jedes Haus 229 wird zur Feſtung, jedes Fenſter, jede Maueröffnung zur Schießſcharte. Um neun Uhr ſteigt der Kaiſer zu Pferde. Er reitet über den Roßplatz nach dem Markte, wo ſein treueſter Alliirter, der König von Sachſen, wohnt. Er ſteigt ab. Der ehrwürdige Friedrich Auguſt em⸗ pfängt ihn mit der gewöhnlichen Etiquette und führt ihn in das Zimmer, wo ſich die Königin befindet. Der Kaiſer, nachdem er die königliche Familie, ſo gut es die Umſtände erlauben, getröſtet und ſein leb⸗ hafteſtes Bedauern ausgedrückt hat, ihr nicht kräftiger beiſtehen zu können, ſtellt es dem greiſen Monarchen frei, ob er ihm folgen, oder mit ſeinen Feinden ei⸗ nen Frieden ſchließen wolle, ſo günſtig er ihn erhal⸗ ten könne. Als letzten Freundſchaftsbeweis verlangt er nur, daß man für die franzöſiſchen Verwundeten Sorge trage, die er in Sachſen zurücklaſſen müſſe. Der tiefgebeugte Fürſt erklärt, daß er, im Ver⸗ trauen auf die Großmuth der Sieger, unter ſeinem Volk ausharren und deſſen Schickſal theilen wolle. Unterdeß iſt das Schießen immer näher gekommen. Die königliche Familie wird unruhiger. Man beſchwört endlich den Kaiſer, auf ſeine eigne Rettungſzu denken und ſeine Perſon nicht der drohendſten Gefahr auszuſetzen. Napoleon iſt tief ergriffen. „Leben Sie wohl!“ ruft er endlich.„Was auch immer geſchehen mag: Frankreich wird die Schuld der Freundſchaft, die ich mit Ihnen geſchloſſen habe, nicht vergeſſen und ſie ſeiner Zeit abtragen.“ Friedrich Auguſt begleitet den Kaiſer bis an die Treppe. Hier umarmen ſich die beiden Fürſten zum letzten Male. Vor dem Hausthor ſteht ein Bataillon ſächſiſcher Fußgarde. Zum letzten, Mal präſentirtz dieſes ſchöne Truppe das Gewehr vor dem Kaiſer deriFranzoſen. 230 Er dankt ihr für die geleiſtete Treue und läßt ſie unter dem unmittelbaren Befehl des Königs zurück. Seit dem Abſchiede von der königlichen Familie iſt aber der ſichtbarſte Tiefſinn auf dem Geſichte Na⸗ poleon's bemerkbar. Gedankenvoll und düſter reitet er ſchräg über den Markt gegen das innere Ranſtäd⸗ ter Thor, und als er hier wegen des ungeheuren Ge⸗ dränges von Truppen, Kanonen und Wagen Alles verſtopft findet, kehrt er durch die Fleiſchergaſſe, Klv⸗ ſtergaſſe und Burgſtraße nach dem Petersthore zurück. Hier orientirt er ſich, muntert die daſelbſt befindlichen Soldaten auf, ſich tapfer zu wehren, und reitet die Promenade entlang bis in die Gegend der Bürgerſchule. Da knattern bereits ganz in der Nähe die Flin⸗ tenſchüſſe der Stürmenden und die Kugeln pfeifen zahlreich durch die Luft. Napoleon kehrt um, reitet am Petersthore vorbei nach dem Ranſtädter Stein⸗ wege. Kaum war aber hier der Kaiſer im Stande, wegen des unbeſchreiblichen Drängens aller Gattungen von Truppen, durchzukommen. Einzeln muß er und ſein ganzes Gefolge an der Seite dieſes Gewühles ſich fortwinden. Munitionswagen, Marketender, Gens⸗ d'armen, Kanvonen, Schlachtvieh, Weiber, Grenadiere, Chaiſen, Geſunde, Verwundete, Sterbende— Alles häuft, Alles drängt ſich in grauſem Gewirre ſo eng zuſammen, daß kaum an ein Fortkommen zu denken iſt. Napoleon folgt ganz gelaſſen dem Hauptſtrome ſeiner Truppen auf der Straße nach Lindenau. Der alte Barbanegre marſchirt mit der alten Garde an ſeiner Seite. Es iſt die einzige Truppe, welche noch mit hinreichender Munitivn verſehen iſt. Als ob nichts vorgefallen wäre, ſchreiten dieſe Graubärte mit der alten eiſernen Schlachtenruhe auf der Straße nach Frankreich dahin. Eugen iſt noch zurück. 234 Auf der Straße nach Lindenau hält der Kaiſer an. Düſter weilen ſeine Blicke auf der retirirenden Armee, die in den ſchönen Frühlingstagen mit ſieg⸗ funkelnden Adlern auf derſelben Straße daherſtürmte. Noch einmal ſchaut er zurück nach den Thürmen und Zinnen von Leipzig. Dann wendet er ſein Roß. Er ſah dieſe Stadt nicht wieder. Unterdeß wird der Kampf um die Vorſtädte im⸗ mer tobender. Marmont, Ney, Maedonald, Lauriſton und Poniatowski kämpfen wie die alten Götter gegen das ſtürmende Europa. Nur Schritt vor Schritt ziehen ſich die von allen Seiten gepackten Löwen zu⸗ rück. In Bächen ſtrömt das Blut, die Leichen der Stürmenden häufen ſich an allen Mauern. Bei der Fabrik Pfaffendorf findet das ganze ruſſiſche Regi⸗ ment Archangel ſeinen Untergang. Schon brechen die Schaaren Europa's und Aſiens zu allen äußern Thoren herein. Keine menſchliche Macht vermag ſie aufzuhalten. Eugen hält ſich mit ſeiner Voltigeurcompagnie noch immer auf dem Petersſteinwege. Die jungen Leute verrichten Wunder der Tapferkeit. Da brechen feindliche Colonnen aus einer Seitengaſſe hervor und fallen ihnen in den Rücken. Das Häuflein verſchwin⸗ det wie eine Welle im Meer. Der Fürſt von der Moskwa, welcher am Peters⸗ thore hält, gibt dieſe Braven verloren. Eugen ruft den Seinen zu:„Dort iſt Frankreich!“ und zeigt mit dem Degen nach der Gegend des Heimathlandes. Dieſer Ruf begeiſtert die jungen Franzoſen zur außer⸗ ordentlichſten Tapferkeit. Sie ſchlagen ſich glücklich durch und langen beim Marſchall mit dem Rufe an: „Ah, Fürſt, wir find alle Kinder von Paris!“ Da ſpringt Ney vom Pferde, umarmt Eugen, ——— nimmt das Band der Ehrenlegion von ſeiner Bruſt und heſtet es ihm an. Alſo decorirt, führt Eugen ſeine Schaar glücklich durch Leipzig und marſchirt ruhmbedeckt dahin auf der Straße nach Frankreich. Die zu frühzeitige Sprengung der Funkenburg⸗ brücke vollendet die Niederlage der Franzoſen. Nicht weniger den zwanzigtauſend Mann mit hundert Ka⸗ nonen ſind gezwungen, ſich zu ergeben. Tödtlich ver⸗ wundet findet der Fürſt Poniatowski ſeinen Tod in den Wellen der Elſter. Der Abend beginnt hereinzubrechen. Ruffus, nach⸗ dem er von Alfred, Benno und Eduard Abſchied ge⸗ nommen, die auf ihren raſchen Pferden zur Verfol⸗ gung der Franzoſen Leipzig bereits verlaſſen haben, iſt auf's Schlachtfeld geeilt und findet endlich, was er ſuchte. Es iſt Gotthardt, der, zum Tode verwundet, in der Nähe des Thonberges liegt. Schon ſchattet der Tod über ſein Antlitz, aber noch erkennt er den Freund. Er reicht ihm lächelnd die Hand. „Das Vaterland iſt gerettet, iſt frei,“ ſpricht er, „wit haben's erkauft mit unſerm beſten Blute.“ Es waren ſeine letzten Worte. Sein Haupt ſank auf die Bruſt. Er war nicht mehr. „Wohl Dir,“ ſprach Ruffus in düſterm Tone und drückt dem Freunde ſanft die Augen zu. Dann ſchaut er lange, wie träumend, über die Tauſende der Er⸗ ſchlagenen. Ferner und ferner klingen die Kanonen der reti⸗ rirenden Franzoſen. Alles iſt ſtill. Ueber das große Blut⸗ und Leichenfeld ſinken aber die geiſterweißen Nebel des Herbſtabends immer dichter hernieder. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. ——— — —