deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ e Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 1ehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Pücher: auf1 Monat: IW— 1N 2 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr fekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zeiſe verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Aeseiheeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ihbiblivthet —— — —— — — — Ferdinund Stolle's 5 ausgewählle Schriflen. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. Eilkter Band. Leipzig, Ernſt Keil. 1854. Hiſtoriſcher Roman Ferdinand Stolle. Zweiter Theil. Leipzig, E rn ſt ei. 185 ½. Lützen und Baußen. Frivit ut fulgur. Erſtes Rapitel. Es war an einem trüben Märznachmittage im Jahre 1813, als die Königsbrücker Straße bei Dresden, vom Bautzner Thore bis zu dem eine Viertelſtunde entfernten Walde, mit einer unzählbaren Menſchen⸗ menge bedeckt war. Die beiden an der Straße gele⸗ genen Gaſthäuſer, der Schönbrunnen und die grüne Tanne, waren überfüllt mit Beſuchern. Viele der Letztern ließen ſich Flaſchen mit Branntwein füllen, kauften auch wohl mit Butter geſtrichene Semmeln und Weißbrote, womit ſie ſich nach dem Walde auf den Weg machten. Das einige tauſend Schritt ent⸗ fernte graue und wenig anmuthige Kieferngehölz und Buſchwerk erregte heute die geſpannteſte Aufmerkſam⸗ keit. Faſt Aller Blicke waren mit halb ſchüchterner, halb freudiger Erwartung dahin gerichtet. Noch im⸗ mer wollte man ſich von der Wahrheit des Gerüchts nicht überzeugen, wonach die damals hochberühmten Koſaken, die Avantgarde der ruſſiſchen Armee, bereits im Dresdner Walde angelangt ſein ſollten. Die Dresdner, wie die meiſten deutſchen Stadt⸗ und Landbewohner damaliger Zeit, waren mit den übermüthigen franzöſiſchen Welteroberern nichts we⸗ niger als zufrieden, ſehnten ſich mit Ungeduld nach dem Zeitpunkte, wo ſie die ungebetenen Gäſte los 8 würden und begrüßten daher die Koſaken, obſchon dieſe als Feinde erſchienen, mit aufrichtiger Freude. Darum war es auf der Straße, die von Dresden nach Rußland führte, ſo menſchenbelebt. Die mit Branntwein und Broten beladenen Einwohner hatten ſich am weiteſten vorgewagt, in der Hoffnung, den fremden Ankömmlingen durch dargereichte Erquickung die günſtigen Geſinnungen der Dresdner im Voraus zu erkennen zu geben. Da entſtand plötzlich eine lebhafte Aufregung un⸗ ter der verſammelten Volksmenge. In der Gegend des ehemaligen Gaſthauſes„zum Hecht“, wo die Dresdner Haide durch die Weinberge der Lösnitz be⸗ grenzt wird, trabte plötzlich eine ſeltſame Geſtalt aus dem Kiefernholze hervor. In der Ferne konnte man nur ſo viel gewahren, daß ſie auf einem kleinen Po⸗ laken ſaß und auf dem Kopfe mit einer ſonderbar lang zugeſpitzten Mütze bekleidet war. In der Hand trug ſie eine Lanze von bedeutender Länge. Dieſes außereuropäiſche Weſen hielt, als es aus dem Walde heraus war, eine Zeit lang ſtill und ſchien ſich nicht ohne Verwunderung die ſchöne Haupt⸗ und Reſidenzſtadt des Königreichs Sachſen zu betrachten. Dann ritt es langſam am Waldesrande dahin und verſchwand in der Gegend der Königsbrücker Straße im Gebüſch. Die wunderbare Erſcheinung aber hatte auf das verſammelte Publikum den lebhafteſten Eindruck zu⸗ rückgelaſſen. Mancher Dresdner Familienvater hielt es jetzt, von den Bitten der ihn begleitenden Gattin beſtürmt, für gerathner, ſich in die Stadt und hinter die franzöſiſchen Adler und Kanonen zurückzuziehen, während die Herzhafteren dem unſichtbar gewordenen Koſaken ein lautes Hurrah nachriefen. 9 Die äußerſte Spitze der dem Feinde entgegenge⸗ zogenen Bevölkerung bildeten drei junge Männer. Sie waren dem Haupteorps eine anſehnliche Strecke voraus und wandelten in ziemlich lebhaftem Geſpräche allein die Straße dahin. Jetzt blieb der Jüngſte von ihnen, ein ſchlankge⸗ wachſener Jüngling mit herabwallendem, glänzend blondem Haar, ſanften, faſt mädchenhaft ſchönen Zü⸗ gen, aus denen jedoch kecke, kampfluſtige Augen leuch⸗ teten, ſtehen. „Ich wär' der Meinung,“ ſprach er feurig.„wenn unſere Bürgerſchaft, die günſtige Stimmung und die Ankunft der Ruſſen benutzend, eine energiſche Demon⸗ ſtrativn wagte, ſo wäre die ſchwache napoleoniſche Be⸗ ſatzung bald zu allen Teufeln gejagt.“ „Ich werde die Verantwortung, irgend Jemand hierzu aufzureizen,“ erwiederte ſein älterer Bruder Gotthard,„nie wieder auf mich laden. Wie unſicher und unheilvoll es iſt, auf das kräftige Einſchreiten der Bürgerſchaft zu bauen, haben wir bei der Brücken⸗ emeute geſehen.“ „Ja wohl,“ bemerkte der dritte junge Mann, Ruffus Günther mit Namen, eine ehrlich humoriſtiſche Natur;„viel Geſchrei und wenig Wolle, die Fett⸗ augen der großen Inſurrection ſind abgeſchöpft und ſitzen wohlverwahrt auf dem Königſteine, wo ſie Gott nicht genug danken können, daß ſie nicht lange ſchon todtgeſchoſſen ſind. Ihr Beiden habt bei der ärger⸗ lichen Affaire auch drei Mal mehr Glück als Verſtand gehabt; außerdem möchten wir nicht ſelbander den Koſaken entgegenpromeniren.“ „Es iſt zum Verzweifeln,“ ſprach Reinhold mit dem Fuße ſtampfend,„ich hätte geglaubt, an jenem Abend müſſe der Volksaufſtand zu einem allgemeinen werden.“ —,——— 10 „Ja, nur nicht mit Gevatter Schneider und Hand⸗ ſchuhmacher in Revolutionsangelegenheiten ſich einge⸗ laſſen,“ meinte Ruffus,„zumal wenn noch ein Piquet Infanterie in der Nähe ſteht. Es muß weit kommen, bevor der deutſche Philiſter ſich verſchwört und revo⸗ lutionirt. Er entſetzt ſich dann in der Regel vor ſeiner höchſteigenen Perſon.“ In dem neben der Straße gelegenen Gebüſch ent⸗ ſtand jetzt ein gewaltiges Praſſeln und gleich darauf guckte das behaarte Antlitz mit der langgeſpitzten Pelz⸗ mütze, das vorhin den Waldesrand entlang geritten war, aus dem Geſtrüppe. Die tiefliegenden liſtigen Augen ſchienen das Terrain zu recognosciren, und da ſie blos drei friedfertige Spaziergänger gewahrten, kam der fremdländiſche Kriegsmann vollends auf die Straße herausgeritten. „Nun, da haben wir ja einen Freund Aſiens ganz in der Nähe,“ ſprach Ruffus.„Ich will nicht geſund hier ſtehen, wenn dieſes Säugethier nicht direkt von der chineſiſchen Grenze kommt.“ Reinhold zog eine Runflaſche hervor und winkte damit dem Aſiaten. Dieſer ſchien den Wink zu ver⸗ ſtehen, ſenkte die Lanzenſpitze zur Erde und näherte ſich langſam und vorſichtig. „Mach' den Kerl nicht beſoffen,“ ſprach Günther, „ich trau' ihm nüchtern nicht, viel weniger inſpirirt.“ Die drei Freunde hatten jetzt Muße, den Fremd⸗ ling genauer zu betrachten. Es war ein hagerer Mann in den Vierzigen, aber von wildem, nomadenähnlichem Ausſehen. Der weißgraue Bart floß reich über die Bruſt herab. Die grauen ſtechenden Augen lagen tief, wie lauernd, in ihrem Hinterhalte. Die untern Ge⸗ ſichtspartien traten außergewöhnlich hervor, während die obern ſichtbar eingedrückt waren. Wenn man die 44 blauen, weiten, mit einem rothen Streifen beſetzten Pluderhoſen abrechnete, war der Mann unter ein uni⸗ formirtes Militair nicht zu rechnen. Die Waffen be⸗ ſtanden in einer Pike von außerordentlicher Länge, einem Schleppſäbel und einem Paar Piſtolen, die in einem grauen Leibgurt ſtaken. Auf der Bruſt hing eine Kette ſonderbarer Zierrathen, unſtreitig Talis⸗ mane und Beſchwörungsmittel gegen böſe Geiſter. „Wenn ich nur erſt heraus hätte,“ ſprach Ruffus, nachdem er ſich den Fremdling von oben bis unten in Augenſchein genommen,„ob der gute Mann ein Chriſt, oder ob er zu den Feueranbetern gehört. Das eurioſe Schnörkelwerk da will mir nicht gefallen, das ſchmeckt nach Vielgötterei.“ „Und wär's ein Atheiſt,“ ſprach Reinhold,„er iſt mir doch willkommen. An einen Satan glaubt er ſicherlich, ſonſt wär' er nicht gegen den Napoleon zu Felde gezogen.“ „Nun, dieſem braven Manne,“ meinte Ruffus, „hat der Kaiſer der Franzoſen und König von Ita⸗ lien ſicher nichts in den Weg gelegt. Er wäre gern daheim geblieben, wenn nicht der Kaiſer aller Reußen halb Aſien gegen das Abendland aufgeboten hätte.“ Mehre der Spaziergänger, als ſie die drei Freunde ſo friedlich und vertraut mit dem Aſfiaten geſtikuliren ſahen, hatten ſich jetzt genähert und erhoben ein lau⸗ tes Hurrah, welches von den weiter Zurückgebliebenen hundertfach wiederholt wurde. Der Koſak ſenkte zum Zeichen des Gegengrußes die Lanze, hielt es aber, da das Publikum immer zahlreicher wurde, für ge⸗ rathener, ſich zurückzuziehen. Er wollte mit einer dan⸗ kenden Bewegung das Fläſchchen zurückgeben, Gotthard aber gab ihm zu verſtehen, daß er es behalten könne, 1 2 worauf der Lanzenträger wieder im Gebüſch verſchwand. Ein lautes Hurrah folgte. „Ueber dieſes einfältige Gehurrahe,“ brummte Ruffus;„das Volk iſt ſo dumm, daß es mich dauert. Die ganze Stadt ſteckt voll Franzoſen. Wenn ſich dieſe an der ruſſiſchgeſinnten Stadt revanchiren, iſt es ihnen nicht zu verdenken, und die vorlauten Schrei⸗ hälſe haben es allein zu verantworten. Wir hätten uns außerdem mit der ſonderbaren Pelzmütze noch angenehm unterhalten können; das unvernünftige Ge⸗ brüll hat ſie davongejagt.“ „Du biſt ein ſeelenloſes Amphibium,“ erwiederte Reinhold in edlem Unwillen;„Du biſt nicht fähig, den Jubel zu faſſen, der unſere Bruſt beim Anblick dér erſten Freiheitsboten erfüllt.“ „Zanke wie Du willſt,“ ſprach Günther,„ich kann einmal in dieſen Baſchkiren und Tſcherwäken keine Freiheit erblicken. Die Knute, die dem guten Manne am Sattelknopfe baumelt, iſt ein Inſtrument, das mir alle Freiheitsideen ſo ziemlich verleidet.“ Ein Schuß, der jetzt im Gebüſche fiel, jagte der bis zum Walde vorgegangenen Menge einen ſolchen Schrecken ein, daß ſie ſich ſchnell zum Rückwege nach der Stadt veranlaßt fand. Man überpurzelte ſich faſt. „Iſt denn Jemand todtgeſchoſſen worden?“ frug Ruffus. „Nein doch.“ erwiederte Gotthard, welcher mit ziemlich ärgerlichem Blicke dem fliehenden Publikum nachſchaute,„ein blinder Lärm.“ „Da ſeh' man dieſe Thebaner,“ lachte Günther, „ich möchte den Commerz ſehen, wenn ſo ein vor⸗ lauter Philiſter wirklich angeſchoſſen wäre. Und die⸗ ſes Volk will gegen den Napoleon aufſtehen! Wenn ich jetzt die ſchwarze Thorwacht commandirte, ließ ich 13 das Loch zuſtopfen. Das müßte ein Gaudium wer— den; drinnen Franzoſen, hier die Ruſſen, und inmit⸗ ten die freiheitliebenden Familienväter. Die ſollten ihr voreiliges Traktement ſchön bereuen.“ „Iſt doch ſelbſt die berühmte alte Garde vor den Koſaken davongelaufen,“ entſchuldigte Reinhold,„wer wollte es dieſen friedlichen, waffenloſen Einwohnern zum Vorwurf machen.“ „Hör einmal, Schatz,“ erwiederte Ruffus ordent⸗ lich gereizt,„ſchone meine Lunge, ich bitte Dich; rä⸗ ſonnire auf die Franzoſen, ſo viel Du willſt, ſchlag' ſie todt meinetwegen, aber greif' ihre militairiſche Bra⸗ vour nicht an; Du weißt, ich kann dieſe neudeutſchen Rodomontaden nicht leiden.“ Reinhold berechnete jetzt, in welcher Zeit die Ver⸗ bündeten am Rheine ſtehen könnten.„Wir haben jetzt März,“ ſprach er,„die Ruſſen beſitzen vortreff⸗ liche Kavallerie, der Vicekönig kann ſich nicht halten; in vierzehn Tagen ſchwärmen die Koſaken vor den Thoren Frankreichs, und dann erhebt ſich ganz Deutſch⸗ land.“ „Ich muß mich ſehr wundern,“ fiel Ruffus mit gutmüthiger Satyre in die Rede,„daß Du Dich nicht patriotiſcher ausdrückſt und ſagſt:„dann erhebt ſich das ganze deutſche Vaterland.“ Aber mit Deinen ruſſiſchen Kavallerieplänen iſt's Nichts. Napoleon ſagt:„in den Ebenen von Leipzig will ich den Feld⸗ zug von 1813 eröffnen,“ und der muß es beſſer wiſ⸗ ſen als Du.“ „Dieſe Worte nehme ich für nichts, als eine prah⸗ leriſche Bulletinphraſe,“ ſprach Gotthard:„auch ich bin der Meinung, daß ſich der Vicekönig an der Elbe nicht halten kann.“ „Eugen ſich nicht halten?“ frug Günther,„nun 14⁴ da kennt Ihr ihn ſchlecht. Seine Corps ſind bereits ſo gewachſen, daß er ſicher nicht an ein weiteres Zu⸗ rückweichen denkt. Ceterum censeo, Napoleon ſagt, bei Leipzig treffe ich ſie, und da trifft er ſie, und wird fie treffen und wird ſie ſchlagen, und wenn Preu⸗ ßen nicht total den deutſchen Philiſter auszieht und als junger Löwe einherſteigt, werden wir den kleinen Korporal und ſeinen Korporalſtock ſo bald nicht los; denn die Ruſſen machen vdas Kraut allein nicht fett.“ „Ja,“ rief Reinhold begeiſtert,„wer doch in Preu⸗ ßen lebte!“ „Unſer Poſten hier,“ bemerkte Gotthard,„iſt nicht minder wichtig und ehrenwerth; wir haben genug zu ſchaffen und zu fördern, bis Alles reif iſt zu Einem großen Schlage.“ „Ja, aber nur nicht zu vorwitzig in derlei Sa⸗ chen,“ meinte Günther,„mir iſt nichts abſcheulicher als eine von der Pfanne gebrannte Emeute. Der Katzenjammer, der darauf folgt, iſt zu erbärmlich. Ich führe ſchlechterdings aus der Haut, wenn Ihr auf ſolche Weiſe zu Grunde ginget; nein, Ihr habt manche brillante Dummheit begangen, aber das hättet Ihr nicht verdient, nein, beim Himmel, das wäre zu ſchändlich.“ „Und wenn wir unterlägen,“ ſprach ſtolz und energiſch Reinhold,„ſo würden wir dem bleichen Ty⸗ rannen zeigen, wie freie Männer zu ſterben wiſſen.“ „Mein Gott, was fragt ein bleicher oder roth⸗ bäckiger Tyrann darnach,“ fuhr Ruffus eifrig fort; „Kinder, um Gotteswillen, Vorſicht, verſprecht mir, ſchwört; überhaupt, ſagt Euch von dieſer vehmenar⸗ tigen Conſpiration los; lieber will ich Euch in einem ruffiſchen oder preußiſchen Bataillone ſehen, den fran⸗ zöſiſchen Mündungen zwanzig Schritte vis à vis, als 15 hier, Verſchwörungen ausheckend; alle Stunden in Ge⸗ fahr, arretirt und den andern Morgen erſchoſſen zu werden. Bedenkt doch, Liebe und Getreue, in drei Teufels Namen, daß Ihr auf der einen Seite den Napoleon habt und ſeine Polizei, die beiderſeits kei⸗ nen Spaß verſtehen, und auf der andern deutſche Philiſter, die ſich wieder auf keine Verſchwörungen verſtehen, derlei Sachen perplex genug anfangen, und in der Regel, wenn der liebe Gott kommt und den Schaden beſieht, das Kind mit dem Bade verſchütten.“ „Wir haben es mit der deutſchen Jugend zu thun und mit keinen Philiſtern,“ belehrte Reinhold in et⸗ was empfindlichem Tone. „Mein Gott,“ eiferte Ruffus ärgerlich,„als ob die deutſche Jugend kein deutſcher Philiſter wäre; nur etwas jünger und darum weniger zurechnungsfähig iſt er. Aber kommt denn der Sohn Hochaſiens nicht wieder zum Vorſchein? Nein, er iſt verſchwunden und Alles ausgeſtorben.“ Nachdem Ruffus mit ſeinem ſcharfen Auge die Gegend durchſpäht, mahnte er zum Aufbruch. „Hier iſt vor der Hand Nichts zu erholen,“ ſprach er,„ich dächte, wir tränken ein Fläſchchen Reibers⸗ dorfer bei Lotzmann's, dann kehren wir zur Stadt zu⸗ rück. Die Koſaken werden wir noch Zeit genug und in Auswahl zu ſehen bekommen.“ Die Freunde willigten ein. Man ſpazierte die Königsbrücker Straße zurück. Auf Schönbrunnen war noch viel Leben. Große Haufen Neugieriger ſtanden vor der Hausthür und ſchauten nach dem Walde. In der Schenk⸗ und Billardſtube war es gedrängt voll, daß das Kleeblatt kaum an einem Tiſche in der Ecke Platz finden konnte. 16 Man beſtürmte jetzt die drei jungen Männer mit Fragen über ihre Unterhaltung mit dem Koſaken. „Parlirte franzöſiſch wie gedruckt,“ ſprach Günther trocken. „Was Sie nicht ſagen,“ erwiederte verwundert ein Altſtädter Schneidermeiſter, und die Verwunderung griff um ſich. „In der That, wie gedruckt,“ fuhr der Humoriſt in vorigem Tone fort;„ein gelehriges Volk dieſe Koſaken— aber blutgierig.“ „Wie ſo?“ frug der Schneidermeiſter und ſein Geſicht ward ſichtbar länger. „Nun,“ frug der Erzähler,„habt Ihr den Schuß gehört?“ „Allerdings, allerdings,“ tönte es von mehreren Seiten, und die Spannung erreichte den höchſten Grad. „Ein Bauer aus Klotzſcha hat aufgehört zu le⸗ ben,“ tönte es dumpf aus Günther's Munde. Entſetzen bemeiſterte ſich der Zuhörer, Viele eil⸗ ten nach Hut und Stock, ohne den weitern Hergang der tragiſchen Begebenheit abzuwarten; nur die Herz⸗ haftern hielten Stand und Ruffus fuhr fort: „Der Barbar wollte aus Dank für die erhaltene Schnapsflaſche ſeine Fertigkeit im Piſtolenſchießen zei⸗ gen. Zum Glück für uns guckte ein Bauernkopf aus dem Gebüſch, ſonſt hätt' er einen von uns auf's Korn genommen.“ „Alſo einen unſchuldigen Landmann?“ tönte es von mehreren Seiten in kläglichem Tone. „Unſchuldig?“ frug Ruffus,„wer heißt dem Eſel den Kopf hervorſtecken, warum blieb er in ſo gefähr⸗ licher Zeit nicht in ſeinem Klotzſcha. Die Koſaken ſchonen nicht, das mußt' er wiſſen.“ Der unerſchütterliche Ernſt, mit welchem der junge 417 Mann erzählte, ließ keinen Zweifel übrig; nur der alte Beſitzer von Schönbrunnen, Lotzmann, ein abge⸗ ſagter Franzoſenfeind, wollte die Gräuelthat nicht auf dem freiheitbringenden Koſaken ſitzen laſſen. Mehre Gäſte ſtimmten bei. Man ſtritt Pro und Contra. Endlich erhob ſich Ruffus: „Meine Herren!“ rief er,„wenn wir noch lange disputiren, könnten wir leicht einen handgreiflichen Beweis von der Humanität jener ſonderbaren Filz⸗ mützen erhalten. Wenn mich nicht Alles trog, deu⸗ teten die Worte jenes Buſchkleppers auf einen Ueber⸗ fall der nächſten Häuſer. Wir können, wie wir hier ſind, heute noch als Geißeln im ruſſiſchen Bivouak paradiren und uns gegen gutes Löſegeld ranzioniren.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als keine Macht der Erde die Anweſenden länger zu halten ver⸗ mochte. Einer überbot den Andern an ſchlimmen Nachrichten und Befürchtungen. Man ließ die halb ausgetrunkenen Bierkrüge ſtehen, und in wenigen Mi⸗ nuten war das Billardzimmer bis auf Gotthard, Rein⸗ hold und Ruffus geleert. „So,“ rief Letzterer lachend,„nun iſt Luft; wir haben Platz, ſind die Philiſter los, können ſogar eine Partie Billard ſpielen.— Das wollt' ich nur haben. Aber Freund Gotthard ſchaut ordentlich finſter darein, daß ich die Philiſter in die Flucht geſchlagen.“ „Du weißt,“ ſprach dieſer,„daß ich das Leute⸗ foppen nicht leiden kann.“ „Mein Himmel,“ eiferte Ruffus,„verdient denn dieſes Volk etwas Beſſeres? Warum find ſie ſo vor⸗ witzig, nengierig und dabei ſo haſenhaft. Wenn es ſo ſchwer iſt, satyram non sctibere, ſo iſt mir's eben ſo unmöglich, ſolchen Leuten eine Naſe nicht aufzu⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 2 18 heften, zumal wenn ich dabei die erlabende Ausſicht habe, ihrer Geſellſchaft los und ledig zu werden.“ „Wirſt Du denn heut einmal dem Convente bei⸗ wohnen?“ frug Gotthard ablenkend, in ernſtem, halb vorwurfsvollem Tone. „Freund,“ erwiederte Ruffus,„verſchone mich. Dieſes Conſpiriren, Aſſociiren liegt mir nicht im Blute. Ich würde Euch nur zur Aergerniß gerei⸗ chen, weil ich Alles mit zu viel Fiſchblut betrachte. Daß ich, wenn's gilt, mit Blut und Leben Euer bin, wißt Ihr; ich bin Euer Freund, aber kein Parteimann. Ich will mein eigener, folglich ein freier Herr ſein. Ihr habt mein Herz, was wollt Ihr mehr?“ Gotthard reichte ihm die Hand.„Ich und Rein⸗ hold trauen Dir,“ ſprach er,„aber in der jetzigen Zeit muß man auch den Schein vermeiden. Entſage dem Umgang mit den franzöſiſchen Offizieren, ich bitte Dich.“ „Mein Gott,“ erwiederte Ruffus faſt ärgerlich, „ſeid Ihr, ſogenannte Patrivten, einſeitige Leute. Weil dieſe wackern Krieger ihre Pflicht thun, für ih⸗ ren Monarchen fechten; weil ſie ſich für eine Zeit lang durch Talent, Tapferkeit und durch unſere eigne Ohnmacht zu unſern Herrn aufgeſchwungen haben, ſoll ich, als den Welthändeln ganz fremd, auch den Privatverkehr mit ihnen aufgeben? Nein, da verlangt Ihr Unbilliges, das ich nicht bewilligen kann und mag. Ich befinde mich wohl in der Geſellſchaft mei⸗ ner franzöſiſchen Bekanntſchaft; es ſind gebildete, hu⸗ mane Leute, was geht mich die Uniform an, die ſie auf dem Leibe tragen?“ „Der Wahlſpruch der Gegenwart,“ bemerkte Gott⸗ hard finſter,„heißt: Entweder Für oder Wider!“ 19 „Ganz recht, draußen in der Schlacht,“ antwor⸗ tete Ruffus;„aber jetzt ſehe ich keinen Grund, mich unnützerweiſe wie ein Igel zuſammenzurollen, unnah⸗ bar Allem, was unter der ſchönen Sonne Frankreichs geboren iſt. Wie lange wird es dauern, und die Katzbalgerei beginnt von Neuem; ich bekomme meine lieben Bekannten vielleicht im Leben nicht wieder zu Geſicht. Warum ſoll ich ſie bereits jetzt für geſtor⸗ ben betrachten?“ „Es iſt immer ein Unterſchied zwiſchen Umgang und Umgang,“ belehrte Gotthard;„auch unſer Al⸗ bert, die treue deutſche Seele ſteht in Verbindung mit den Fremdlingen, aber es iſt nur eine Art Con⸗ venienz, die ſeinen Patriotismus nicht compromit⸗ tirt. Es wird ihm nie in den Sinn kommen, den Trinkgelagen der Fremden beizuwohnen, ihre Lieder zu ſingen und auf Deutſchlands Unterdrücker anzu⸗ ſtoßen.“ „Hör' einmal, Freund,“ ſprach Ruffus,„wenn Ihr Euern Patriotismus darnach meſſet, ob man in dieſem oder jenem Hotel ſoupirt, ſo weiß ich kaum, was ich davon halten ſoll. Was ſoll ich's leugnen, ein franzöſiſch Trinkgelag iſt mir lieber, als ein ächt germaniſches. Ich bin einmal über die academiſche Saufzeit hinaus; ich bin Gourmand, habe es gern, wenn auch bei der höchſten Heiterkeit die Grenzen des Anſtandes nicht aus den Augen verloren werden. Darum kann ich Eure ſogenannten patriotiſchen Ga⸗ ſtereien, wo es im Anfang ſo ſeriös hergeht, als ſäße der liebe Herrgott in Perſon mit am Tiſche, und ſpäter die halbe Geſellſchaft unterm Tiſche liegt und ſich erbricht, nicht leiden. Bei Franzoſen habe ich das nie gefunden. Und was die Toaſte anbelangt, ſo ſollte mich der Teufel holen, Deutſchlands Unter⸗ 0* 20 drücker hochleben zu laſſen; aber keine Macht der Erde ſoll mich verhindern, auf das franzöſiſche Volk, auf Napoleon, das größte Genie der Weltgeſchichte, und auf dergleichen hübſche Sachen anzuſtoßen.“ „Ich begreife aber nicht,“ meinte Gotthard ſchmerz⸗ lich,„wie man überhaupt jetzt, wo das zertretene Vaterland an tauſend Wunden blutet, dergleichen Zer⸗ ſtreuungen nachgehen kann.“ „Ich gehe ihnen nicht nach,“ war Günther's Ant⸗ wort,„aber ich nehme ſie mit, wo ſie ſich finden, und wäre ein Thor, wenn ich's nicht thäte. Carpe diem— dic eur hic? ſagt der Lateiner. Wird's etwa beſſer, wenn ich mich als Betbruder in eine Zelle ſperre oder in die Wüſte wallfahrte und Heuſchrecken verzehre? Daß die Franzoſen über kurz oder lang zum Lande hinaus müſſen, davon bin ich ſo gut über⸗ zeugt, wie der beſte Patriot; das ſehen die Ver⸗ ſtändigen unter ihnen ſelbſt ein und finden die Sache in der Ordnung. Alſo in der Hauptſache ſind wir einig, Nebendinge kommen nicht in Betracht. Das iſt meine Philoſophie und ich befinde mich wohl dabei.“ Es begann Abend zu werden und die Freunde ſchickten ſich an, zur Stadt zurückzukehren. Als Ruf⸗ fus aus der Hausthür trat, warf er noch einen Blick nach dem Walde. „Schlaft wohl, meine guten Koſaken,“ ſprach er, „Ihr mögt ein recht gutes Völkchen ſein, aber Euer wackrer Kaiſer, der Herrſcher aller Reußen ſelbſt, mag mir's verzeihen, wenn ich in Euch keine Freiheits⸗ apoſtel erblicken kann.“ Schweigend gingen die Freunde dem Thore zu. Sie paſſirten das Schwarze Thor, durchſchritten die Neuſtädter Allee und gelangten auf die Elbbrücke. 21 Hier arbeitete man noch an den Vorbereitungen zur Sprengung des einen Brückenpfeilers. Mit ſtillem Ingrimm gingen Gotthard und Reinhold vorüber; Ruffus blieb ein Weilchen ſtehen und betrachtete die Operationen aus wiſſenſchaftlichem Geſichtspunkte. Als er die vorausgegangenen Freunde eingeholt hatte, ſprach er: „Das muß man den Franzoſen laſſen, als Inge⸗ nieure ſtellen ſie ihren Mann. Ich glaube nicht, daß, wenn's noch zur Sprengung kommt, die benachbarten Pfeiler verletzt werden. Monſieur Belmont, der die Arbeiten leitet, bot mir geſtern eine Wette an, daß nicht einmal die Laternen der nächſten Pfeiler zer⸗ ſpringen ſollten. Das wär' allerdings ein Meiſter ſtück.“ „Schweig von dieſem Schandmal fremder Tyran⸗ nei,“ brach Gotthard los.„Es iſt militairiſch er⸗ wieſen, daß dieſe ſchändliche Zerſtörung eines der ſchönſten deutſchen Bauwerke nicht einmal etwas nützt. Blos barbariſche Zerſtörungswuth iſt es.“ Ruffus wollte das nicht unbedingt zugeben. Man erreichte den Altmarkt. Noch einmal wandte ſich hier Gotthard an den Freund. „Ich gehe jetzt in unſere Verſammlung,“ ſprach er,„wie ſoll ich es entſchuldigen, daß Du nie er⸗ ſcheinſt?“ „Wie Du willſt,“ erwiederte der Gefragte,„Du kennſt mich, meine Anſichten und Gründe.“ „Auch mich, Bruder, bitte ich, heute zu entſchuldi⸗ gen,“ ſprach Reinhold,„grüße die Freunde; ich bin zu Günther's geladen auf heut Abend.“ „Verläßt mich denn Alles?“ frug mit trübem Lä⸗ cheln Gotthard, reichte den Beiden die Hand und wandelte allein die Wilsdruffer Gaſſe entlang. N 0 0 — 1 „Freund,“ begann Ruffus, als ſie allein waren, „Du findeſt heute einen tüchtigen Thee- und Klatſch⸗ klubb bei uns. Da gilt's vorher, ſich zu ſtärken. Ein Glas Punſch bei Freund Conradi kann meines Erachtens nichts ſchaden in der feuchten Märzluft. Wir finden da zugleich Journale und Politiker.“ Reinhold ließ ſich zureden, und bald ſaßen die Beiden in der beliebten Reſtauration auf der Seegaſſe. Es befanden ſich bereits mehre Gäſte daſelbſt, auch einige franzöſiſche Offiziere. Ruffus holte ſogleich ein Paquet Zeitungen, die er vor ſich ausbreitete. „Nichts Neues von Bedeutung,“ ſprach er nach oberflächlicher Durchſicht,„der Napoleon iſt und bleibt ein Halbgott, wenn das Alles wahr iſt, was hier ſteht. Bereits hat er eine neue Armee aus der Erde gerufen, eine wo möglich noch impoſantere als die vorjährige. Das ſoll ein Andrer nachmachen. Wie's nur in Preußen ſtehen mag? davon erfährt man nichts; den franzöſiſchen offiziellen Berichten iſt nicht zu trauen.“ Er blätterte weiter. Reinhold, in Gedanken verſunken, hatte wenig von den politiſchen Referaten des Freundes vernom⸗ men. Sein Geiſt ſchien mit etwas ganz Anderm be⸗ ſchäftigt. Eine Frage ſchien ihm mehre Male auf den Lippen zu ſchweben. Endlich neigte er ſich et⸗ was verlegen zu dem leſenden Freunde. „Wie geht es der Schweſter Anna?“ frug er nicht ohne leiſes Erröthen. „Wie es einem Mädchen ergeht,“ war die Ant⸗ wort,„das ſich zu viel um Politik bekümmert. Sie härmt ſich als gute Patriotin über den Fall des Va⸗ terlandes; phantaſirt von niedergetretner Freiheit, von feſtem Zuſammenhalten, Opferungen und was derglei⸗ chen poetiſche Dinge mehr ſind.“ Reinhold nahm ſich der Angegriffenen mit Feuer an. „Sprich, was Du willſt,“ fuhr Ruffus ruhig fort, „ich laſſe mir's nicht nehmen, es iſt mehr Einbildung. Als ſie dieſe Dinge von unſerm großen und ſchönen Vaterlande deklamirte, ſtellte ich einen kleinen pro⸗ ſaiſch-geographiſchen Examen über dieſes große und ſchöne Vaterland an, da bin ich mit Schrecken gewahr geworden, wie es mit ihrer Kenntniß des hochtheuern Landes beſchaffen iſt.“ Die Kreuzuhr ſchlug die ſechſte Stunde des Abends. „Wenn wir nicht in Ungnade fallen wollen,“ ſprach Ruffus aufſtehend,„müſſen wir jetzt aufbre⸗ chen. Ein ſolches Zuſpätkommen ſteht bei einer Theegeſellſchaft noch über dem Verbrechen am Vater⸗ lande.“ Die Beiden entfernten ſich und wanderten nach der Pirnaiſchen Vorſtadt, wo Günther's Familie wohnte. Zweites Rapitel. Als Ruffus mit ſeinem Freunde in das väterliche Haus trat, fanden ſie bereits Treppen und Vorſäle erleuchtet. Sie ſtiegen in das erſte Stock hinauf. Hier trat ihnen wie zufällig aus der erſten Flügel⸗ thür ein reizendes weibliches Weſen in ſchwarzſeide⸗ nem Kleide entgegen. Etwas phantaſtiſch ringelte das reiche Lockenhaar um das blendendſchöne Antlitz und fiel dunkelſchattend auf die königlich gebaute Schulter 2¹ herab. Es war Anna. Ihr ganzes Weſen verrieth etwas freudig Geſpanntes; die ganze Haltung und Bewegung zeigte von einer gewiſſen Haſt. Das rei⸗ zende Antlitz ſtrahlte von Freude. Ohne Reinhold im Geringſten zu beachten, eilte ſie auf den Bruder zu, umſchlang und küßte ihn. Dieſer blickte ganz verwundert umher und konnte ſich im erſten Augenblicke das ſeltſame, wunderbar freudige Benehmen der Schweſter, mit welcher er über⸗ haupt ſelten harmonirte, gar nicht erklären, als dieſe ihm in's Ohr flüſterte: „Die Nachricht iſt da, Preußen hat Frankreich den Krieg erklärt. Das ganze Land greift zu den Waffen. Oberſt Brenner hat die Kunde direct von Breslau gebracht.“ „Dacht' ich ſonſt was,“ ſprach der in ſeiner Er⸗ wartung getäuſchte Bruder und machte das indiffe⸗ renteſte Geſicht von der Welt.„Was iſt da Außer⸗ ordentliches?“ fuhr er fort,„hab' ich das nicht gleich nach York's Abfall prophezeiht und täglich erwartet? Uebrigens begreif ich nicht, worin das gewaltige Freu⸗ dige ſteckt, wenn ſich ein paar Völker den Kampf auf Tod und Leben ankündigen, zumal für ein weib⸗ liches Gemüth, das eher davor erſchrecken ſollte.“ Eine hohe Röthe der Schaam und des Unmuths überflog Anna's ſchöne Stirn. Sie fühlte, daß ſie in der erſten Aufwallung ihres patriotiſchen Herzens die Grenzen der Weiblichkeit überſchritten hatte; und nun die kühle Zurechtweiſung durch den philoſophiſchen Bruder in Gegenwart eines dritten jungen Mannes, der, wenn er ihr auch bekannt, doch ziemlich fremd war— Alles mußte verletzend auf ſie wirken. Einen Augenblick ſtand ſie in reizender Verlegenheit; doch ermannte ſie ſich ſchnell, und ohne ein Wort zu er⸗ wiedern, ohne ſich zu verneigen, eilte ſie den Gang entlang und verſchwand in den hintern Zimmern. „Nun wird ſie gar unartig und läuft ſpornſtreichs davon,“ ſprach Ruffus ziemlich ärgerlich.„Hab' ich nicht Recht, es kommt nichts Geſcheidtes heraus, wenn ein Mädchen zu viel politiſirt.“ Reinhold, in deſſen Herzen ſich die Erſcheinung von Neuem mit unauslöſchlichen Zügen geprägt hatte, ergriff das Wort der Vertheidigung. „Es war nicht zart von Dir,“ ſprach er,„das arme Kind ſeiner Himmelsfreude ſo ſchmählich zu be⸗ rauben durch trockene Worte und verletzende Hofmei⸗ ſterei. Enthuſiasmus iſt eine Himmelsflamme, und Sünde iſt es, auf ſo muthwillige und kränkende Weiſe ſie zu löſchen.“ „Was da,“ entgegnete Ruffus,„ich kenne meine Schweſter. Ihr Patriotismus und Enthuſiasmus iſt eine Angelegenheit der Mode. Mir ſind mehre der⸗ gleichen patriotiſche Exemplare bekannt. Gern neige ich mein Haupt vor der Vaterlandsbegeiſterung einer Polin, Spanierin, Brittin, ja wie jetzt die Sachen ſtehen, ſelbſt vor den Frauen und Töchtern des wackern Preußenvolks— aber wenn ein Mädchen, das im Leben noch nicht aus dem Meißner Kreiſe herausgekommen iſt, das den phyſiſchen und morali— ſchen Druck der Fremdherrſchaft kaum von Hörenſa⸗ gen kennt, denn unſere Familie iſt ziemlich napolev⸗ niſch geſinnt, wenn das mit einem Male, blos weil es anfängt Mode zu werden, die Patriotin ſpielt, vom deutſchen Vaterland, Römergröße, Tugend und Aufopferung faſelt— das iſt unweiblich, Unnatur, und Nichts bringt mich mehr in Harniſch, als der⸗ gleichen.— Da lob' ich mir Clärchen, es ſchickt ſich das Lob zwar nicht für den Bruder, aber das iſt 26 wirklich ein ausgezeichnetes, liebes Kind; ſo eine ächt mädchenhafte Natur, wie ſie ſein ſoll. Sie kümmert ſich den Kuckuck um diplomatiſche Verhandlungen und iſt zehnmal geſcheidter als die patriotiſche Schweſter. Seit der deutſche Patriotismus in den Dresdner Fa⸗ milien um ſich greift, hat das arme Kind manches harte Wort von der Anna zu hören, denn ſie iſt dem Kaiſer Napoleon, von dem ſie ſo viel Großthaten hat erzählen hören, mit ganzer Seele ergeben.“ Reinhold hatte von dem Lobe Clärchen's wenig vernommen; noch immer ſtand die reizende Anna mit den dunkeln Locken vor ſeiner aufgeregten Phantaſie und dasjenige, was dem Mädchen der Bruder zum Vorwurf machte, verlieh ihr in Reinhold's Augen um ſo höhern Werth. Als ſich die Beiden in dem Kreiſe der theetrin⸗ kenden Damen niedergelaſſen hatten, kam das Geſpräch bald auf die neuen morgenländiſchen Gäſte, die ſich dieſen Nachmittag vor Dresden hatten blicken laſſen. Die anweſenden Frauen und Mädchen waren erſtaun⸗ lich neugierig, und Ruffus trug den Rencontre mit der Koſakenvedette mit vieler Laune zu allgemeiner Ergötzlichkeit vor. Die Damengeſellſchaft beſtand faſt aus lauter Dresdnerinnen, welchen ein Koſak damals noch eine ganz außergewöhnliche Erſcheinung war. Während Ruffus im beſten Erzählen war, und die Abenteuer des Nachmittags ſchönſtens ausſchmückte, trat der Hausherr, der in Ruheſtand verſetzte Geheim⸗ rath Günther, in's Zimmer. „Meine Damen,“ ſprach er,„falls Ihnen noch nicht der Anblick eines ruſſiſchen Wachtfeuers, von denen wir ſo viel in den Zeitungen geleſen haben, geworden iſt, würde ich Sie ergebenſt bitten, ſich noch ein Stockwerk höher zu bemühen, von wo man die ganze flammende Linie auf den Höhen der Dresdner Haide überſchauen kann.“ Der Vorſchlag fand allgemeinen Beifall und Alles brach auf. Man ſtieg in das zweite Stockwerk des geräumigen und hochgelegenen Hauſes. Hier war die Ausſicht freier. Auf der Mitternachtsſeite leuchtete eine ziemliche Linie von Wachtfeuern, welche weit in die dunkle Märznacht hinausleuchtete. Dieſe mitternächtliche Röthe hatte aber etwas Unheimliches. Mehre der Damen konnten ſich eines Schauers nicht erwehren. „So ſind denn dieſe berühmten Feuerleins von Moskau bis Dresden marſchirt,“ ſprach Ruffus,„was man erleben muß!“ „Und werden bald durch ganz Deutſchland leuch⸗ ten,“ fügte Reinhold hinzu. „Vorausgeſetzt,“ bemerkte Ruffus, der des Freun⸗ des Wort vernommen,„daß ſie der kleine Nap nicht ausputzt oder hinter die Weichſel zurückjagt.“ Eine weibliche Stimme ſprach halblaut:„Sie ſind die nächtliche Aurvra, welche dem großen Freiheits⸗ morgen vorhergeht.“ Clärchen, die neben Ruffus zum Fenſter hinaus⸗ ſah, mußte laut lachen. „War's nicht Anna?“ frug Letzterer die jüngere Schweſter. Dieſe nickte. Ruffus aber ſprach laut: „Ich habe eine etwas proſaiſchere Anſicht über dieſe Feuer. Sie kommen mir vor wie Irrlichter oder, auf gut Dresdneriſch, wie Irtwiſche, und ich ſehe nichts Erfreuliches daran.“ Der Geheimrath berechnete jetzt nach dem Um⸗ fange der nächtlichen Bivouaks die ungefähre Stärke der feindlichen Streitmacht. „Es ſcheinen blos einige Koſakenpulks,“ ſprach 28 er,„vielleicht nur ein Streiftorps der großen ruſſi⸗ ſchen Armee.“ „Nur Geduld,“ erwiederte Ruffus,„die Kanonen und Grenadiermützen werden nicht ausbleiben. Das kann ein artiges Rencontre geben wegen des Elbüber⸗ ganges; die Franzoſen hier ſcheinen keine große Luſt zu haben, Dresden zu verlaſſen, und werden ſich zu wehren wiſſen.“ „Um Gotteswillen, machen Sie uns nicht bange,“ baten mehre Damen. „Die Neuſtadt und der neue Anbau wird ſich freilich nicht halten können. Der wird in den näch⸗ ſten Tagen koſakiſch, aber wir Altſtädter bleiben gut napolevoniſch.“ Eine franzöſiſche Patrouille zog jetzt unter den Fenſtern vorüber. „Hören Sie die feſten, ſichern Tritte dieſer Krie⸗ ger?“ tröſtete Ruffus;„es liegt ſo eine ſiegesgewiſſe Haltung in dem Franzoſen, die dem Verzagteſten Muth einflößt. Ueberdies wird Davvuſt mit zwölf⸗ tauſend Mann von Meißen her erwartet. Mit ih⸗ nen hält er den Orient in Schach, bis der Kaiſer kommt.“ Die kalte Nachtluft wehte zu unfreundlich durch die Straße und trieb die Geſellſchaft in das untere Stockwerk zurück. Reinholden ward jetzt Muße, auch die jüngere Tochter des Geheimraths, das von Ruffus belobte Clärchen, die erſt vor Kurzem aus der Penſion in das väterliche Haus zurückgekehrt war, zu beobachten. Es war ein blondes, liebliches Geſichtchen von kaum ſiebzehn Jahren, mit blühendſchönen, aber etwas muth⸗ willigen Augen. 20 Ruffus, der es bemerkte, wie der Freund die jün⸗ gere Schweſter fixirte, lächelte. „Wie findeſt Du meinen Liebling?“ frug er. „Allerliebſt,“ war die Antwort,„ein kleiner En⸗ gel.“ In ſeinem Herzen aber hatte bereits die an⸗ derthalb Jahre ältere Anna Platz genommen. „Weißt Du auch,“ frug Jener weiter,„weshalb Clärchen von Anna ſo beneidet wird?“ „Was könnte die vollendet ſchöne Anna noch zu wünſchen haben?“ erwiederte der Gefragte. „Die blonden Locken,“ erzählte der Bruder; „Anna hat ſchwarzes Haar; aber dieſe Farbe dünkt ihr dermalen nicht patriotiſch genug. Sie wünſcht ſich blonde Locken à la Thusnelde.“ Das Geſpräch in dem Damenkreiſe kam jetzt auf die Sprengung der Elbbrücke. Ruffus war der Ein⸗ zige, der dieſe Maßregel in Schutz nahm. Reinhold erklärte ſich auf eine Art dagegen, die ſein voliti⸗ ſches Glaubensbekenntniß ziemlich deutlich an den Tag legte. Frau von Sternburg, eine junge, etwas coquette Wittwe, ſprach ſich über die mit vieler Wärme ge⸗ ſprochenen Worte des jungen Mannes ſehr anerken⸗ nend und belobend aus. Sie begleitete ihr geſpen⸗ detes Lob mit einem Blicke, der einen andern als Reinhold, in deſſen Bruſt nur Anna's Bild lebte, in den dritten Himmel gehoben haben würde. Anna ward jetzt ebenfalls aufmerkſam auf den Freund des Bruders. Sie war zeither ziemlich theil⸗ nahmlos an ihm vorübergegangen, obſchon er in den Augen der Damen als ein höchſt liebenswürdiger jun⸗ ger Mann erſcheinen mußte. Die Patriotin zeigte dieſe Theilnahmloſigkeit, ja Nachläſſigkeit gegen alle junge Männer ihrer Bekanntſchaft. Theils waren ſie 30 ihr zu franzöſiſch geſinnt, theils wollte ſie ſich das Anſehen geben, als zieme es einer ächten Vaterlands⸗ freundin in der jetzigen verhängnißvollen Zeit nicht, ſich in Herzensangelegenheiten einzulaſſen. Bei Rein⸗ hold, der ſich ſo offen und energiſch gegen die Fremd⸗ herrſchaft ausgeſprochen hatte, ſchien ſie nicht abge⸗ neigt, eine Ausnahme eintreten zu laſſen. Als ſie ihm daher die Porzellanſchale mit dem Bisquit prä⸗ ſentirte, ſprach ſie mit vieler Anmuth:„Sie haben recht ſchön geſprochen; ach,“ ſetzte ſie mit einem un⸗ terdrückten Seufzer halb flüſternd hinzu:„wenn ſie alle ſo dächten!“ Der glückliche Reinhold ſchwamm in einem Meere der Glückſeligkeit. Er wagte einen ſcheuen Blick in die ſchönen Augen. „O, mein Fräulein,“ ſprach er mit ſchöner Wär⸗ me,„ſo denken Tauſende und Beſſere als ich.“ „Dann wird die heilige Sache ſiegen,“ verhieß Anna mit Gewißheit verkündenden Augen. „Das wird ſie, beim Himmel!“ betheuerte Rein⸗ hold,„oder es müßte keinen Gott der Gerechtigkeit geben.“ Ruffus, der in Geſellſchaft von Damen gern in eine harmloſe und launige Oppoſition trat, behaup⸗ tete, Napoleon dürfe, um ſeinem Ruhme nichts zu vergeben, nicht eher Frieden ſchließen, als bis er die Ruſſen über den Niemen zurückgejagt habe. Er für ſeine Perſon überhaupt würde an des Kaiſers Stelle nicht eher das Schwert in die Scheide ſtecken, als bis er Alleinherrſcher von Europa wäre. Nur dann ſei ein wahrer Friede denkbar. Ein Kaiſer von Europa könne alsdann weit ſegensreicher wirken, als alle der⸗ maligen Kaiſer, Könige und Fürſten zuſammengenom⸗ men. Italien, die Türkei, Deutſchland, Schweden, 31 England u. ſ. w. ſeien dann nur Provinzen Eines großen Reichs, und unter dieſen könne alsdann kein Krieg mehr ausbrechen. Dann gäbe es nur Ein Maß und Gewicht, Einen Münzfuß, Eine Admi⸗ niſtrativn, und die franzöſiſche Sprache wäre das ge⸗ fälligſte Bindemittel der civiliſirten Welt. Obſchon dieſe Worte nur auf Scherz hinauslie⸗ fen, war doch Reinhold unklug genug, ſie für Ernſt zu nehmen. Er glaubte das beſte Mittel gefunden zu haben, ſich bei Anna zu inſinuiren, und eben ſo erwärmt von dem Gegenſtande, als im Bewußtſein, daß das geliebte Weſen ſeine Anſichten theile, ſprach er ſich ſo unverholen und ſo rückſichtslos gegen das Napoleoniſche Syſtem aus, ließ ſo viele Andeutungen über den in Sachſen und namentlich in Dresden ver⸗ zweigten Tugendbund hindurchblicken, that ſo viel höchſt unkluge und bei den damaligen Zeitumſtänden gefährliche, ja verbrecheriſche Aeußerungen, daß die Anweſenden, nachdem er ſeine Philippika geendet, an⸗ ſtatt Beifall zu zollen, ein faſt unheimliches Schwei— gen beobachteten. Wiewohl der junge Patriot Meh⸗ ren aus der Seele geſprochen hatte, ſo war doch da⸗ mals die Zeit noch nicht gekommen, ſo rückſichtslos die Meinung ſeines Innern auszuſprechen. Selbſt Ruf⸗ fus, den Nichts leicht aus ſeiner humoriſtiſchen Ruhe zu bringen vermochte, rückte ungeduldig auf ſeinem Stuhle hin und her. Er ward plötzlich in ein Ne— benzimmer gerufen. Hier ſtand ſein Vater, der Ge— heimrath. „Welch' unbeſonnenen Menſchen,“ frug dieſer, „haſt Du mir in's Haus gebracht? Unſere Soirée beſteht faſt nur aus Damen, und dieſe gerade ver⸗ mögen am Wenigſten reinen Mund zu halten. Ich kann auf das Abſcheulichſte compromittirt werden. 32 Die franzöſiſchen Behörden ſind mir, obſchon ganz unnöthiger Weiſe, ohnedies nicht gewogen; wenn nun ſolche handgreifliche Gravamina in meinem eigenen Hauſe vorfallen, ſetze ich mich der größten Unannehm⸗ lichkeit aus. In den gegenwärtig geſpannten Zeit⸗ verhältniſſen erweckt der unbedeutendſte Schein Ver⸗ dacht und bringt Gefahr.“ Ruffus ſuchte den Freund beſtmöglichſt zu ent⸗ ſchuldigen und behauptete, daß Reinhold allerdings höchſt unvorſichtige Aeußerungen gethan habe, bei den heut' Verſammelten aber wohl keine Gefahr zu be⸗ fürchten ſei. Das einzige bedenkliche Geſicht wäre Frau von Sternburg, um ſo mehr, als ſie ſich für den Freund zu intereſſiren ſcheine. Als Ruffus in das Damenzimmer zurückgekehrt war, fand er auch wirklich genannte Dame mit dem Freunde im Geſpräche vertieft. Sie ließ es ſich an⸗ gelegen ſein, den jungen Mann mit dem ſilbernen Netze ihrer Liebenswürdigkeit zu umſpinnen, doch war es bei Reinhold mehr das politiſche Intereſſe, das ihn zu ſeiner Nachbarin hinzog, als der Zauber der ſchönen Frau. Dem jungen Günther, der das aufrichtige und unvorſichtige Temperament des Freundes kannte, war dieſer angelegentliche Discurs höchſt unangenehm. „Entweder,“ ſprach er für ſich,„iſt die Frau in ihn verliebt, oder ſie birgt einen böſen Plan.“ Er ſuchte daher ſo zu manövriren, daß er bald an der andern Seite der Frau von Sternburg zu ſitzen kam. Er beobachtete eine Zeit lang unbemerkt das Geſpräch; es drehte ſich allerdings um politiſche Intereſſen, aber auf eine Art, daß Reinhold weniger Gefahr laufen konnte. Plötzlich aber, und ſcheinbar zufällig, kam die Rede auf den in Dresden verzweigten Tugend⸗ 33 bund. Ruffus warf dem Freunde einen warnenden Blick zu. Reinhold ſchien ihn nicht zu beachten. Die patriotiſche Wärme, mit welcher ſich Frau von Stern⸗ burg expectorirte, ſo wie die ſchlau angelegten künſt⸗ lichen Wendungen des Geſprächs, drohten dem jun⸗ gen Manne manches in der Bruſt ſorgfältig bewahrte Geheimniß zu entreißen. Jetzt dünkte es Ruffus Zeit, eine entſcheidende Diverſivn zu machen. Er wandte ſich an Frau von Sternburg mit der Bitte, ein Geſellſchaftsſpiel zu arrangiren. Obſchon dieſer Auftrag ihr etwas un⸗ angenehm kam, war ſie doch weit entfernt, ſich das Geringſte merken zu laſſen; ſie proteſtirte nur mit lachendem Munde gegen das ihr angemuthete Arran⸗ gement. Indeſſen wurde ſie von Reinhold, Ruffus und den Damen dermaßen beſtürmt, daß ſie ein recht geiſtreiches Pfänderſpiel angab. Die gewandte Frau leitete die angenehme Unterhaltung mit der ihr eigen⸗ thümlichen Anmuth und Grazie, und als die verfalle⸗ nen Pfänder ausgelöſ't werden ſollten, wußte ſie die drolligſten Aufgaben und Auslöſungen. So mußte Anna ein bombaſtiſches Lobgedicht auf Napoleon re— eitiren, worüber ſich ihr Patriotismus nicht wenig empörte. Als die Reihe an Reinhold kam, welcher ſeine goldene Uhr nebſt Kette als Pfand gegeben hatte, woran der Pfandſchuldner leicht zu erkennen war, that Frau von Sternburg, als wenn der Fond ihrer ſinnigen Aufgaben erſchöpft wäre. Sie legte nachdenkend die Hand an die ſchöne und geiſtreiche Stirn. Zum zweiten Male frug die Dame, welche die verfallenen Pfänder beherbergte;„Was ſoll das Pfand thun, das ich in meiner Hand habe?“ „Ich weiß nichts mehr,“ ſprach endlich Frau von Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 3 34 Sternburg, und gleich darauf leicht hingeworfen und lachend:„Es ſoll mir morgen eine Viſite machen.“ „Das fehlte noch,“ brummte Ruffus für ſich. Reinhold aber ſchien mit dieſer Pfandauslöſung gar nicht unzufrieden. Die Zeit war während dieſes unterhaltenden Spiels bedeutend vorgerückt, ſo daß, als es zu Ende, ein ziemlich allgemeiner Aufbruch erfolgte. Reinhold kehrte, die Bruſt voll der ſeligſten Gefühle, nach ſei⸗ ner Wohnung zurück. Drittes Rapitel. Reinpold überſann ſo eben ſeine Toilette, um ſo geſchmackvoll als möglich bei Frau von Sternburg zu erſcheinen, als Ruffus hereintrat. Dieſer hielt nicht lange hinterm Berge und theilte dem Freunde unver⸗ hohlen ſeine Anſichten und Befürchtungen in Betreff der genannten Dame mit. Zugleich las er ihm we⸗ gen ſeines unvorſichtigen Benehmens am verfloſſenen Abend tüchtig und derb den Text. „Wenn Du ſo fortfährſt, das Herz auf der Zunge zu haben,“ ſprach er,„iſt Euer Tugendbund binnen drei Mal vierundzwanzig Stunden aufgehoben, arre⸗ tirt, deportirt, vielleicht gar füſelirt. Du denkſt, weil wir geſtern die Ehre hatten, dem erſten Koſaken un⸗ ſere Aufwartung zu machen, ſei es mit der Fremd⸗ herrſchaft in Sachſen zu Ende und man könne den 35 Franzoſen den Daumen auf's Auge drücken? Wir wollen in einem Vierteljahre, wenn Du bis dahin als Rebell nicht todtgeſchoſſen biſt, weiter über das Kapitel ſprechen. Daß Ihr Freiheitsleute trotz aller Belehrung ſo wenig Vernunft annehmt. Es ſtünde beim Himmel mit der ganzen ſogenannten Freiheit nicht ſo miſerabel, wenn ihre Bekenner einigermaßen geſcheidter zu Werke gingen und nicht ſo oft das Kind mit dem Bade verſchütteten. Das iſt ja eben der Jammer mit den Liberalen. Sie wiſſen in der Re⸗ gel nicht, was ſie wollen, und wenn ſie ſich's klar bewußt ſind, ſo hat jeder Einzelne wieder ſeine Se⸗ paratanſichten. Der unbeſchränkten Monarchie ſind ſie aus Princip Feind, ſie wollen republikaniſche Inſti⸗ tutionen. Darum heißt's: Viel Köpfe, viel Sinne. Deshalb kommt nichts Kluges zum Vorſchein. Nehmt Euch zum Henker ein Beiſpiel an Euern Gegnern. Seht, die wiſſen, was ſie wollen, die gehen ſicher und wohleoncentrirt auf ihr Ziel, und reuſſiren darum weit öfter. Jetzt mag's noch gehen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„da iſt die nächſte Angelegenheit, die Franzoſen über den Rhein zu jagen. Hierin ſind die Liberalen einmal alle einverſtanden und conſenti⸗ ren mit Fürſten und Völkern. Darum wird das Un⸗ ternehmen auch gelingen. Aber wie es werden ſoll im deutſchen Lande, wenn die Franzoſen wirklich hin⸗ aus find, was alsdann die Freiheitsfreunde für ſon⸗ derbare Sachen angeben werden, das wird ein Stück entweder zum Todtlachen oder zum Todtweinen. Doch bis dahin hat es noch Zeit. Mir ziemlich einerlei. Am Herzen liegt mir nur, daß Du in der Gegenwart ein wenig geſcheidter zu Werke gehſt.“ Reinhold in ſeiner jugendlichen Unbefangenheit, bei ſeiner geringen Menſchenkenntniß und dem Ver⸗ 36 trauen, das er noch für die Menſchen in ſeiner Bruſt bewahrte, konnte gar nicht begreifen, wo die Gefahr in ſeinen geſtrigen Reden liegen ſollte; und was Ruffus über die Frau von Sternburg äußerte, hätte er faſt übel genommen. „Es iſt nicht möglich,“ rief er einmal über das andere im Zimmer auf⸗ und ablaufend aus,„nicht möglich, Du haſt nicht in ihr Herz geblickt, wie ich; hätteſt Du die innige Theilnahme erkannt, womit ſie für die heilige Sache glüht, würdeſt Du anders ſpre⸗ chen. Vorſicht iſt allerdings höchſt nöthig in der jetzi⸗ gen Zeit, aber wo ſich der Himmel ſo überzeugend offenbart, ſoll man da kleinlicher Furcht, Rückſichten und wie die bruſtbeengenden Rathſchläge alle heißen, Gehör geben?“ „Der Gebrannte ſcheut das Feuer,“ antwortete Ruffus trocken;„nicht Alles, was glänzt, iſt Gold; trau, ſchau, wem; Du ſiehſt, ich werde noch zum Sancho Panſa; aber daß die Sache mit Vorſicht be⸗ handelt werden muß, dafür zeugen die Menge Sprich⸗ wörter.“ Es klopfte, ein Bedienter trat herein und brachte eine Einladungskarte zum Souper auf morgen Abend bei Herrn von Ferrier. „An mich?“ frug Reinhold verwundert ſich die Stirn reibend,„hab' ich doch kaum einige Mal den Namen des Herrn von Ferrier nennen gehört. Mei⸗ nen Empfehl,“ ſprach er zu dem Diener gewendet und dieſer entfernte ſich.„Alſo wirklich an mich?“ frug er wiederholt. „Falls Du Reinhold Steinberg getauft und be⸗ namt biſt,“ verſetzte Ruffus, nachdem er die Karte geleſen,„wird's wohl nicht anders ſein. Ferrier iſt 37 Intimus des franzöſiſchen Geſandten und liirt mit Frau von Sternburg. Da haſt Du den ganzen Zu⸗ ſammenhang. Wenn Du weniger eigenſinnig über die deutſchen Freiheitsangelegenheiten dächteſt, würde ich Dir unmaßgeblich die franzöſiſch diplomatiſche Carriere anrathen. Du haſt mehr Glück als Verſtand. Auf dieſem neuen Terrain kannſt Du mehr wagen. Eine hübſche intriguante Frau und den Freund eines künftigen Miniſters auf der Seite, mit dieſen Streit⸗ kräften iſt etwas zu machen.“ Reinhold, der unentſchloſſen im Zimmer auf⸗ und abgegangen war und auf des Freundes Rede wenig gehört hatte, blieb jetzt ſtehen. „Aber ich kann doch,“ frug er,„bei einem er⸗ klärten Feinde und Unterdrücker meines Vaterlandes unmöglich zu Abend eſſen?“ „Zu Abend oder zu Mittag oder zum Frühſtück, das iſt einerlei,“ meinte Ruffus,„und ich frage, warum nicht?“ „Aber mein Bruder, unſere Freunde, was ſollen die denken?“ „Mögen ſie denken,“ lachte Ruffus,„ſie denken ſo nicht viel.“ „Freund, laß den Scherz,“ bat Reinhold,„räthſt Du mir die Einladung anzunehmen, da ich außer der politiſchen Antipathie keinen Grund habe, ſie auszu⸗ ſchlagen, und privatim Herrn von Ferrier, mag er mit der Ladung eine Abſicht verbinden, welche er will, was die conventionellen Formen der Artigkeit betrifft, nicht verletzen möchte.“ „Nun,“ ſprach Ruffus,„wenn Du einigermaßen den Kopf zuſammennimmſt und nicht zu tief in die franzöſiſchen Gläſer guckſt, könnteſt Du vielleicht Dei⸗ nen geſtrigen Schwabenſtreich wieder gut machen. Aus⸗ 38 ſchlagen kannſt Du die Einladung gleich gar nicht, das würde Deine Napoleoniſchen Antipathien vollends offenbar machen und die Gefahr nur vergrößern.“ „Da kommt Gotthard die Straße herauf,“ ſprach Reinhold, der am Fenſter ſtand.„Sein Gang iſt haſtiger als gewöhnlich, er muß Wichtiges mitzuthei⸗ len haben.“ Nicht lange darauf trat der Genannte in's Zim⸗ mer. Sein Blick flammte von ungewöhnlichem Feuer. „Wiſſ't Ihr's ſchon,“ frug er, die Beiden an den Armen faſſend und ſchüttelnd,„ganz Schleſien, Bran⸗ denburg, Pommern, ſämmtliche Oſtprovinzen haben ſich bei dem Aufrufe des Königs mit einem Wetter⸗ ſchlage erhoben. Das preußiſche Heer, vor wenig Wochen kaum vierzigtauſend Mann, zählt nahe an zweihunderttauſend. Oeſterreich rüſtet mit Macht, in Süddeutſchland bedarf's nur des zündenden Funken und Alles ſteht in Flammen. Freunde, umarmt mich, es ſcheint doch, als wolle es Morgen werden. Ihr hättet geſtern bei unſerm Convente ſein ſollen. Da erzählte ein junger Schleſier, welcher direct aus dem preußiſchen Hauptquartier angelangt iſt. Das Herz jubelt in der Bruſt, es klingt märchenhaft jene Sage von dem großartigen, donnerähnlichen Aufſtande des geſammten preußiſchen Volks. Seit den Römerzeiten ſah Deutſchland nichts Aehnliches.“ „Nun, und der Krieg iſt officiell erklärt?“ frug Reinhold. „Allerdings;“ erwiederte freudig der Bruder,„der franzöſiſche Geſandte in Breslau hat bereits ſeine Päſſe erhalten.“ „Herrlich, herrlich,“ jubelte Reinhold,„die Preu⸗ ßen ſind ein göttliches Volk.“ „Ja, ich wünſchte, ich gehörte auch dazu,“ meinet 39 Ruffus.„Da wüßte man doch, was man eigentlich wär'. Wir wiſſen's aber nicht.“ „Wir ſind Deutſche,“ ſprach Gotthard mit Ernſt und auf das letzte Wort beſondern Nachdruck legend. „Ja ſo,“ brummte Ruffus fort. „Die Franzoſen,“ fuhr der ältere Steinberg fort, „können ſich nicht acht Tage mehr in Dresden halten. Sie werden unfehlbar die Brücke ſprengen; aber hof⸗ fentlich iſt dies die letzte Schandthat, die ſie Muße haben in Sachſen zu vollbringen.“ K— „Nicht acht Tage?“ frug Gürther.„Run Schatz,“ fuhr er zu Reinhold gewendet fort, da nimm das Souper noch mit.“ Gotthard erblickte jetzt die Einl adungskarte. „Wie?“ rief er,„bei Ferrier, dieſem Spion?“ „Spion?“ frug Ruffus,„ſchon wieder Spion? Wie viel Spione creirt Ihr alle Tage. Es kommt noch dahin, daß Ihr ſcharfſichtigen Leute in jedem franzöſiſchen Soldaten einen Spion ſeht.“ „Vpn dieſem Ferrier haben wir aber die Beweiſe in Händen, heftig Gotthard;„ich gebe es nimmer zu, daß Du die Einladung annimmſt. Ab⸗ geſehen von der perſönlichen Gefahr, in die Du Dich begiebſt, wäre auch das Brandmal, das Dir aufge⸗ drückt würde, ſchwer wieder abzuwaſchen;„ wenigſtens würden die Unſrigen gerechten Anſtoß nehmen, je wieder in Gemeinſchaft mit Dir zu treten.“ „Seltſame Begriffe von Ehre und Brandmal habt Ihr, das muß ich geſtehen,“ ſprach Ruffus.„Ihr mögt die bravſten Leute von der Welt ſein, aber zu⸗ gleich die einſeitigſten.. „Aber wie entſchuldige ich mich?“ frug Reinhold, „unartig mag ich nicht erſcheinen.“ „Auf die einfachſte und würdigſte Art,“ verſetzte 40 Gotthard;„Du dankſt, weil es Deinem Gewiſſen zuwider wäre, mit dem Feinde Deines Vaterlandes an Einem Tiſche zu ſpeiſen.“ „Mein Gott,“ zankte Ruffus,„könnt Ihr es denn gar nicht erwarten, arretirt zu ſein? Was hat denn das Vaterland und die Liebe zum Vaterland mit ei⸗ nem friedlichen Abendeſſen zu ſchaffen, wozu man von einem artigen Wirthe eingeladen iſt. Soll denn die heilloſe Politik bis auf die Kochtöpfe herab ihr feind⸗ liches Weſen treiben? Hat der König von Preußen nicht noch vor wenig Wochen franzöſiſche Feldherren. die in den nächſten Tagen gegen ſein Reich und ſei⸗ nen Thron das Schwert ziehen werden, an ſeiner Tafel geſehen! Oft ſind Todfeinde gezwungen, mit einander an einem Tiſche zu eſſen. Sie müſſen ſich zutrinken und möchten ſich vergiften. Höflichkeit ſind wir dem Teufel ſchuldig, wenn er höflich gegen uns iſt, und ein wenig Politik und Unſicht iſt in allen Dingen nütze. Uebrigens will ich Dir keineswegs zureden, die Ferrier'ſche Einladung anzunehmen, wenn Gott⸗ hard überzeugt iſt, daß Deutſchlands Ehre darunter leidet; aber einen ſchicklichen Entſchuldigungsgrund halte ich hier mehr denn irgendwo an ſeinem Platze.“ „Ich glaube unter gegenwärtigen Umſtänden,“ ſprach Gotthard,„daß wir nicht mehr nöthig haben ſo außerordentliche Rückſichten gegen unſere Feinde zu nehmen. Die Zeit iſt meines Erachtens gekommen, daß wir uns demaskiren. Die Politik des ſächſiſchen Cabinets muß ſich in wenig Tagen entſcheiden. Sachſen kann ſich der Allianz mit Rußland und Preu⸗ ßen nicht entziehen. Es iſt von den Verbündeten ſo gut wie erobert. Sein Uebertritt wird auch Oeſter⸗ reich dazu vermögen, ſo wie die andern Rheinbund⸗ fürſten. Es iſt ja Ein großes, gewichtiges und ge⸗ 41 meinſames Intereſſe, was dieſe entſchiedene Politik erfordert. Daß Napolevn mit Macht rüſtet, will ich glauben, obſchon den übertriebenen Berichten von ſeiner neugeſchaffenen Macht nicht aufs Wort zu trauen iſt. Es wird allerdings noch manch harten Strauß geben, aber hält Deutſchland zuſammen, kann der Sieg der guten Sache nicht entgehen. Ich will doch ſehen, wenn ein Volk, wie das deutſche, fremde Knechtſchaft nicht länger ertragen will, welche irdiſche Macht es verhindern wollte, frei zu werden. Wie jetzt die Sachen ſtehen, können wir nicht mehr zurück; der Würfel iſt gefallen, entweder wir werden frei oder Knechte von Paris.“ „Du haſt Recht, Bruder,“ rief Reinhold und die Vaterlandsbegeiſterung ſchlug wieder mächtig in ihm empor,„in dem bevorſtehenden Kampfe auf Tod und Leben ſind die ſeidenen Bänder, die heuchleriſchen Zierrathen der Convenienz und Etiquette zerriſſen. Warum der längere unerträgliche Zwang, dieſe demo⸗ raliſirende Demuth, wo das Herz ergrimmt iſt? Mag er denken, was ihm beliebt, ich gehe nicht zu Ferrier.“ „Nun, wie beliebt,“ meinte Ruffus,„wo die Ver⸗ nunft aufhört, fängt der Wahnſinn an. Wer nicht hört, mag fühlen. Ich habe das Meine gethan und kommt Dummes zum Vorſchein, trag ich die Schuld nicht.“ Er reichte nicht ohne gewiſſen Schmerz den beiden Brüdern die Hand und wollte gehen; aber Gott⸗ hard umarmte ihn und hielt ihn zurück. „Alte, treue Seele,“ ſprach er mit liebenswürdiger Gutmüthigkeit,„wir wiſſen ja, daß Du es brav und gut meinſt; aber wir ſind einmal aus anderm Teige geknetet als Du. Unſere Begeiſterung läßt Dich kühl, darum werden wir uns in den jetzigen begeiſternden Zeiten nie verſtehen. Deine Ideen, die von Vater⸗ land und Freiheit nicht viel wiſſen wollen, paſſen jetzt nicht, Du magſt zu einer andern Zeit Recht haben, aber gegenwärtig wahrlich nicht.“ „Das geb' ich zu,“ erwiederte Ruffus,„wo man mit dem Kopfe gegen die Wand will, werd' ich im⸗ mer Unrecht haben. Apropos,“ wandte er ſich nach einer Pauſe zu Reinhold,„mit der Viſite bei Frau von Sternburg wird es nun wohl auch nichts?“ „Sternburg,“ fiel hier Gotthard haſtig ein,„wie? kennt Ihr dieſe?“ „Warum nicht,“ antwortete Ruffus,„meine Fa⸗ milie iſt mit dieſer Dame ſogar entfernt verwandt.“ „Dieſes himmliſche Weib,“ fuhr Gotthard begei⸗ ſtert fort,„dieſes reizende Weſen, ſchön wie ein En⸗ gel und glühend für des Vaterlands Rettung aus Ketten und Schmach.“ „So?“ ſprach Ruffus trocken. „Unſer Freund iſt in Betreff dieſer Dame nicht ganz Deiner Meinung,“ bemerkte Reinhold. „Schon wieder,“ rief Gotthard,„er hat einmal den Spleen. Aber ich darf mich deshalb nicht mit ihm überwerfen. Er muß mich mit ihr bekannt machen.“ „Du würdeſt ſie doch nicht kennen lernen,“ ſprach Ruffus. „Wie ſo, warum nicht?“ frug Gotthard. „Weil ſie nicht iſt, was ſie ſcheint,“ war die Antwort. „Da müßte ſie ein Genie ſein an Verſtellung,“ entgegnete der ältere Steinberg,„und ein Teufel zu⸗ gleich; Beides undenkbar. Ich ſah ſie vor ungefähr acht Tagen bei einem Diner auf dem Linke ſchen Bade. Sie war die perſonificirte Liebenswürdigkeit und die einzige Dame, welche es wagte, ſich über die gedrück⸗ 43 ten Zeitverhältniſſe freimüthig auszuſprechen, trotz der Anweſenheit mehrer königlicher Beamten, denen man anſah, in welch' unbehaglicher Lage ſie ſich befanden. Als der Champagner cireulirte, brachte ſie den deut⸗ ſchen Kriegern den Toaſt: den nächſten Jahrwuchs des Champagners an der Quelle zu trinken.“ „Wenn Du nach ihrer nähern Bekanntſchaft lech⸗ zeſt, ſprach Ruffus,„ſo aſſociire Dich nur mit Rein⸗ hold, welcher geſtern Abend ihr Herz complet erobert hat, und dieſen Vormittag zur Viſite geladen iſt.“ „Wirklich, Glücklicher!“ rief Gotthard,„da hätt' ich faſt große Luſt, Dein Begleiter zu ſein. Ob ſie dies übel aufnehmen würde?“ „Kann ihr im Gegentheil nur angenehm ſein,“ gab Ruffus zur Antwort,„zwei Fliegen zu treffen, iſt immer beſſer als eine.“ „Höre, Freund,“ ſprach der ältere Steinberg nach einer Pauſe etwas gereizt,„Deine Laune ſcheint heute nicht die beſte. Wenn ich blos darunter leide, ver⸗ gebe ich Dir gern; aber nicht ſchön finde ich's, ein Weſen, das ich hochachte, muthwilliger Weiſe in ein ſchlechtes Licht zu ſetzen.“ „Deutſche Geduld, verlaß mich nicht,“ platzte Ruffus heraus;„ſo vernehmt denn, Ihr Vaterlands⸗ befreier, die Ihr im Begriff ſteht, einer ſchlauen Ko⸗ kette in's Netz zu laufen; dieſe hochbelobte Frau von Sternburg iſt nach meiner moraliſchen Ueberzeugung nichts Anderes, als eine Intriguantin im Dienſte der franzöſiſchen Regierung. Sie ſpielt ihre Rolle ſo vortrefflich, daß ihr geheimes Spiel nur von äußerſt Wenigen geargwöhnt, aber ich glaube, von Niemand durchſchaut wird. Selbſt die Meinigen ſind über dieſe kluge Frau im Irrthum, und vergeblich war mein Bemühen, ſie von der geſtrigen Soirée auszuſchließen. Bei ihrem deutſchen Patriotismus riskirt ſie nichts; er gehört zu ihrer Rolle. Die politiſche Stimmung in den Dresdner hochgeſtellten Familien zu recognos⸗ eiren und zu ſondiren, das iſt ihr Amt; wenn eine andere Dame ſich über die Franzoſenherrſchaft ſo frei⸗ müthig expectoriren wollte, wie es die Sternburg ſehr oft thut, ſelbſt in Gegenwart franzöſiſcher Beamten und Militairs, man würde ihr längſt den Mund ver⸗ ſtopft haben. Aber daß es mit dieſem fingirten und forcirten Patriotismus nicht weit her, daß er blos Maske iſt, begreifen die weiſen Dresdner nicht, oder wollen es nicht begreifen, und laſſen ſich wiſſentlich und unwiſſentlich dupiren nach Herzensluſt.“ „Es iſt nicht möglich,“ rief Gotthard in halb ſchmerzlichem Tone,„man kann ſich nicht ſo täuſchen!“ „Theurer Freund,“ lächelte Ruffus,„Niemand läßt ſich leichter täuſchen als ein Freund der Tugend und der Freiheit; Ihr Beide ſeid ſolche, und werdet darum noch oft getäuſcht werden.“ „Noch kann ich's nicht glauben,“ fuhr Gotthard zu Ruffus gewendet fort,„es iſt leicht möglich, ja wahrſcheinlich, gewiß, daß Du Dich in Betreff der Sternburg geirrt haſt; auch hoffe ich's von ganzer Seele; aber wäre es dennoch, und ſie wahrhaft die Schlange, dann, ſchwöre ich Euch, daß ich der Erſte bin, der ihr den Kopf zertritt.“ „Das wäre ſo unverdienſtlich nicht,“ ſprach Ruffus, „bevor Du aber im Klaren biſt, und das Vergel⸗ tungsſchwert gezogen haſt, wird ſie weislich ihren Kopf in Sicherheit gebracht haben. Die Sünde iſt leider immer ſchnellfüßiger als die rächende Vergeltung.“ „Wirſt Du mir beiſtehen,“ frug Gotthard,„den Character dieſes Weibes ausfindig zu machen, und mich im Falle der Noth unterſtützen?“ — Ge „Ich verſpreche Nichts,“ erwiederte Ruffus,„ich habe Dich gewarnt, was willſt Du mehr? Du haſt geſunde Ohren und Augen, läßt Du Dich umgarnen, kann ich nichts dafür. Zudem hat mir Frau von Sternburg nie etwas in den Weg gelegt oder zu Leid gethan.“ „Reinhold,“ ſprach Gotthard,„ich begleite Dich unwiderruflich; es iſt jetzt Pflicht, dieſer Frau uns zu nähern, um über ihren Character in's Klare zu kommen.“ „Ich habe Euch bei dieſer Expedition nichts dring⸗ licher anzurathen,“ ſprach Ruffus,„als die außeror⸗ dentlichſte Vorſicht. Die Sternburg iſt ſchlauer als Ihr Beide zuſammengenommen. Ihr nehmt mir das nicht übel, aber es iſt ſo.“ Reinhold kleidete ſich beſuchsmäßig an. Gotthard ſprang in gleicher Abſicht nach ſeiner Wohnung, die nur einige Häuſer weit entfernt war. „Wenn ſie in Dich verliebt ſein ſollte,“ ſprach Ruffus zu Reinhold,„ſo benutze dieſe Paſſion, ſie kann Dir mehr nützen, als alle Klugheit des Ver⸗ ſtandes.“ Binnen einer Viertelſtunde war Gotthard zurück, ebenfalls elegant herausgeputzt. „Ihr ſeid ein paar recht hübſche Menſchen,“ ſprach Ruffus, ſich das Brüderpaar nicht ohne Wohlgefallen betrachtend;„zum Erobern geſchaffen. Wie ſtattlich wird Euch die Uniform ſtehen, die franzoſenverjagende, freiheiterobernde ſchmucke Jägeruniform.“ Als ſich Gotthard und Reinhold nicht ſogleich vom Spiegel trennen konnten, fuhr der Freund gut⸗ müthig fort: „Auch eine hübſche Portion Eitelkeit. Nun das gehört dazu. Wenn die Sternburg ſich nach meiner 16 Wenigkeit erkundigt, ſo ſchwört ihr zu, ich verdiente gehangen zu werden wegen meiner politiſchen Indiffe⸗ renz in den jetzigen weltgeſchichtlichen Zeiten. Rä⸗ ſonnirt auf mich nach Herzensluſt, nur lobt mich nicht. An dem Lobe eines Tugendbündlers iſt mir dermalen nichts gelegen. Ihr ſeid doch nichts weiter als eine Art Rebellen, mit denen ein ſo friedfertiger und loyaler Mann, wie ich, eigentlich gar keinen Um⸗ gang haben ſollte; und wenn Ihr nicht bald anfangt, von Tag zu Tage zuzunehmen an Weisheit und Ver⸗ ſtand, werde ich mich ganz unter die Kanonen der Loyalität zurückziehen.“ Das Brüderpaar war endlich zum Aufbruche be⸗ reit. Ruffus begleitete ſie eine Strecke bis zur Mo⸗ ritzſtraße, wünſchte viel Glück und Verſtand und kehrte, eine Ariette aus Don Juan trällernd, nach ſeiner Wohnung zurück. Viertes Rapitel. Rußis war kaum nach Hauſe gekommen, als Clär⸗ chen zitternd eine Bekanntmachung des Stadtraths in's Zimmer brachte, die ſo eben von einem Raths⸗ diener in den Häuſern vertheilt worden war. Sie lautete: „Auf Befehl des Prinzen von Eckmühl wird ſämmtlichen Einwohnern zur Nachachtung andurch be⸗ kannt gemacht, daß, ſobald heute Morgen drei Kano⸗ nenſchüſſe gehen, Jedermann ſich ſchleunigſt nach Hauſe begeben und nicht eher, als drei Stunden nach Ab⸗ lauf dieſer Kanonenſchüſſe, ſeine Wohnung zu ver⸗ laſſen hat. Dresden, den 19. März 1813. Der Rath zu Dresden.“ „Hab' ich's nicht geſagt?“ ſprach Ruffus, nachdem er geleſen,„Davouſt ſpaßt nicht, und macht ſich den Teufel draus, ob ein Brückenpfeiler der Dresdner Brücke in die Luft fliegt oder nicht. Alſo dreiſtün⸗ diger Hausarreſt einer ganzen Stadt; was man er⸗ leben muß. Der Stadtrath iſt in der Angſt ganz aus der Conſtruction gefallen; die Bekanntmachung iſt miſerabel ſtyliſirt. Die Leute, die in der Nähe der Brücke wohnen, ſollen noch beſonders die Fenſter öffnen, damit die Scheiben nicht ſpringen. Durch ſolche übertriebene Aengſtlichkeit wird das Publikum ganz unnöthiger Weiſe in Angſt und Schrecken ge⸗ jagt. Es iſt, als ſollte halb Dresden zu Grunde gehen.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als vom Zwingerwalle her ein dumpfer Kanvonenſchuß tönte. „Alle Wetter!“ rief Ruffus eilfertig,„daß ich die Geſchichte verſäume.“ Er griff ſchnell nach ſeinem Hute und wollte davon; aber Clärchen fiel ihm in den Arm, bittend und beſchwörend. „Sei kein Kind,“ ſprach der Bruder,„vertraue mir, die Sprengung iſt ganz gefahrlos. Ich eile auf die Brühl'ſche Terraſſe, da kann man herrlich Alles mit anſehen.“ Damit machte er ſich los und eilte davon. Auf den Straßen rannte Alles wie toll durch einander. Es war, als wenn ein Erdbeben bevorſtünde. Viele Bewohner verſchloſſen ſich, ängſtlich in ihre Wohnun⸗ gen; Andere, von Neugier getrieben, das außerordent⸗ liche Schauſpiel mit anzuſehen, eilten nach den Elbufern. Ruffus ſtand nicht lange nachher, als der dritte Signalſchuß gefallen war, wohl poſtirt auf der Brühl'⸗ ſchen Terraſſe, von wo er den ſchönſten Anblick der Elbbrücke genoß. Noch wölbte ſich dieſe kühn und unverletzt über die ſtill dahinfließende Stromfläche. An dem, dem Verderben geweihten Pfeiler und den zwei Bogen be⸗ merkte man nicht die geringſte Verletzung, nur das eiſerne Brückengeländer und das metallene Erucifir war herabgenommen. Von der Neuſtadt herüber donnerten in geſtreck⸗ tem Galopp mehre Batterien ſchweren Geſchützes, wel⸗ ches auf den Wällen der Neuſtadt geſtanden hatte. Pulverkarren, Bagagewagen, Infanterie und Caval⸗ lerie in Abtheilungen folgte, Alles in ſchnellem Trabe. Ruhig noch duldete der verhängnißvolle Pfeiler die⸗ ſen Uebergang; aber allmälig ward es ſtiller und die Brücke einſamer. Auch die Elbe war verlaſſen, kein Schiff, keinen Nachen erblickte man rings auf der weiten Waſſerfläche. Je näher der bedenkliche Augen⸗ blick der Sprengung herannahte, deſto unheimlicher ward Alles, ſelbſt das an beiden Elbufern zahlreich verſammelte Publikum beobachtete ein düſteres, er⸗ wartungsvolles Schweigen. Der Himmel war trüb und neblig; die ganze Gegend um die Brücke ſchien wie ausgeſtorben. Vom Neuſtädter Rathhauſe herüber ſchlug die Thurmuhr halb neun Uhr. Die Gbocke des Kreuz⸗ thurms folgte. Da ringelte ſich plötzlich eine Pulver⸗ ſchlange bis zu dem Orte, wo die gefüllten Leitungs⸗ ſchläuche aus den zugeworfenen Pfeileröffnungen her⸗ vorblickten. Alsbald bedeckte ein ſchwarzer Dampf die Brücke. Dann ſtieg ein weißer blendender Strahl empor, hierauf eine Feuerſäule; der Pfeiler ſchien ſich zu dehnen, Flammen fuhren aus den ſich öffnen⸗ den Fugen, die beiden anliegenden Bögen hoben ſich und im nächſten Augenblicke donnerten Pfeiler und Bögen in die entſetzt aufbrauſenden und ſchäumenden Fluthen der Elbe. Ein finſterer, undurchdringlicher Pulverdampf verhüllte eine Zeit lang die entſtandene Kluft. Die Erſchütterung war nur unbedeutend und ohne alle nachtheiligen Folgen für die übrigen Pfeiler der Brücke, da bei der vorſichtigen und wohlberechneten Füllung der Minen die Sprengungsſtoffe nach unten wirkten. „Das iſt alſo die Kluft,“ ſprach Ruffus für ſich, „welche für den Augenblick den Oſten und Weſten von Europa ſcheidet. Jenſeits Koſaken, hier Kinder von Paris.“ „Welche barbariſche Zerſtörungswuth,“ tönte eine Stimme aus einem Mauerverſteck, und ein Dresdner Bürgersmann trat zu Ruffus.„Der Davouſt iſt und bleibt ein Unmenſch; die ſchöne Brücke, unſer Stolz! Seine Majeſtät der König, ſo wie ſämmtliche hohe Herrſchaften hatten den Barbaxen dringend um Scho⸗ nung bitten laſſen.“ „Das iſt im Kriege nicht anders,“ gab Ruffus trocken zur Antwort,„und übrigens iſt die Brücke, ſo wie Frieden iſt, bald wieder hergeſtellt.“ „Ei, das glauben Sie nicht,“ belehrte der Bür⸗ gersmann,„eine ſolche Brücke bekommen wir nicht wieder. Wer ſollte die bauen? Da gehören andere Baumeiſter dazu, als die heutigen. Die Brücke iſt ruinirt für ewige Zeiten.“ Ruffus wollte ſich lächelnd entfernen, der Bürger hielt ihn aber am Arme feſt. „Da muß ich Ihnen noch einen patriotiſchen Mei⸗ 8 Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 4 50 ſterſtreich erzählen,“ ſprach er geheimnißvoll,„wiſſen Sie ihn ſchon?“ Ruffus verneinte. „Nun, da wird Ihnen das Herz vor Freude hüp⸗ fen,“ fuhr der Bürger fort.„Denken Sie, unſere Freiberger Bergleute, welche den Pfeiler und die Bö⸗ gen zu unterminiren hatten, haben den Crueifixpfeiler, der gleichfalls mit Pulver gefüllt war, vermauert, ſonſt wäre er auch mit in die Luft geflogen.“ „Was Sie ſagen,“ ſprach Ruffus. „Ja,“ ſchmunzelte der Bürgersmann,„ich ſag's gleich, die Freiberger machen was.“ „Man ſollt's nicht glauben,“ ſtellte ſich Ruffus verwundert. Der Pulverdampf hatte ſich verzogen, und die entſtandene Kluft war deutlich zu erkennen. Das Verſchwinden des gigantiſchen Pfeilers mit den bei⸗ den Bögen ſchien wahrhaftig räthſelhaft. Wo waren die Trümmer geblieben? Auf der Brücke ward es wieder lebhaft. Von der Alt- und Neuſtadt erſchie⸗ nen Perſonen; aber ſie konnten höchſtens durch lau⸗ ten Zuruf mit einander verkehren. Auf der Altſtäd⸗ ter Seite, unmittelbar an der Kluft ward ein kleines Bollwerk errichtet, hinter welchem eine Kanone ſtand, die die ganze Brücke und einen Theil der Neuſtädter Allee beſtrich. Ruffus eilte nach Hauſe, wo man ſeinetwegen in nicht geringer Angſt geweſen war. Hier ging's ſehr lebhaft her. Viel lieber Beſuch aus der Neuſtadt war angekommen. Die befreundete Familie Heumann hatte das Anerbieten des Geheimraths angenommen und war herübergezogen. Ruffus war ſehr erfreut darüber und erkundigte ſich ſogleich nach Roſalien, der älteſten Tochter, einem 51 allerliebſten ſchwarzbraunen Lockenkopf, der wegen ſei⸗ ner ſtets roſigen Laune in hoher Gunſt bei ihm ſtand. „Beruhige Dich,“ ſcherzte Clärchen,„es iſt Alles da,“ und gleich darauf trat Roſalie in's Zimmer. „Alſo glücklich den Koſaken entronnen?“ frug Ruffus. „Mit genauer Noth,“ war die Antwort,„wir ha⸗ ben uns ritterlich gehalten bis heut Morgen und ſind glücklich vor Thorſchluß angelangt. Aber unſere ſchöne Brücke!“ „Ei was,“ tröſtete Ruffus,„ſobald der Kaiſer da iſt, läßt er aus ruſſiſchen Kanonen eine neue gießen.“ „Nun, da mag er bald kommen,“ ſprach Roſalie, „in ein paar Tagen iſt die Neuſtadt koſakiſch, wie Heuſchreckenſchaaren ſchwärmen die Kaukaſier mit ih⸗ ren langen Spießen auf ihren kleinen Polacken vor dem ſchwarzen und weißen Thore herum. Ein ſäch⸗ ſiſcher Schütze hat geſtern einen ſchönen Koſakenhet⸗ man, der ſich zu weit vorgewggt, vom Pferde ge⸗ ſchoſſen. Das hat ſie vollends erbittert.“ „Ach, die armen Neuſtädter,“ ſprach Clärchen in weinerlichem Tone,„konnten ſie denn nicht flüchten?“ „Ich begreife übrigens nicht,“ fiel Roſalie be⸗ herzt ein,„warum die Franzoſen Dresden nicht kräf⸗ tiger vertheidigen und den Koſaken ſo leicht das Feld rumneu 7“ „Ja, wenn's bei den Koſaken bliebe,“ meinte Ruffus,„wäre ich auch der Meinung, aber die ruſſi⸗ ſchen Kanonen werden nicht lange warten laſſen, und iſt keine Feſtung.“ „Das ſeh' ich nicht ein,“ führ die Beherzte fort, Davouſt braucht ſich blos mit ſeinen Leuten 4 52 vor's ſchwarze und weiße Thor zu ſtellen und zu ſa⸗ gen: Hier paſſirt Niemand!“ „Das iſt ein guter Rath,“ lachte Ruffus,„es iſt Schade, daß die Franzoſen und Herr Davvuſt nicht ſchon beim Niemen zu den Baſchkiren ſagten:„O ne passe pas.“ Wenn Röschen zum vierjährigen Emil an der Thür der Speiſekammer, wo er die gebacke⸗ nen Pflaumen ſpürt, ſagt:„Hier geht's nicht herein,“ ſo bleibt Emil draußen; wenn ſie aber zu einem halbverhungerten, plündernden ruſſiſchen Gardecuiraſ⸗ ſier am Eingange zur Speiſekammer ſagen wollte: „Hier paſſirt Niemand,“ ſo glaube ich nicht, daß ihr das bei dem verhungerten Scythen etwas helfen würde:“ Der Rittergutsbeſitzer Heumann trat jetzt in's Zimmer. Er hielt einen noch feuchten Druckbogen in der Hand. „Schon wieder eine Bekanntmachung?“ frug Ruf⸗ fus. Er ſah nach der Unterſchrift;„ganz richtig, der Rath zu Dresden ſteht darunter. Der arme, ge⸗ plagte Rath. Was giebt's wieder?“ Er las: „Auf ausdrücklichen Befehl des dermaligen hieſi⸗ gen Herrn Interims⸗Commandanten en Chef, des Kaiſerlich Königlich Franzöſiſchen Herrn Diviſions⸗ General Durutte!“— „Wie,“ frug der Vorleſer,„commandirt denn Davouſt nicht mehr in Dresden?“ „Der Marſchall iſt gleich nach Sprengung der Brücke ſeinem Corps gefolgt,“ erzählte Heumann; „in Dresden ſtehen nur noch dreitauſend Franzoſen unter Durutte und ein paar Hundert Sachſen unter Lecoeg.“ „O weh,“ ſprach Ruffus,„da werden bald aſiatiſche Spürnaſen in unſere Kochtöpfe gucken. 53 Doch was will der Rath von Dresden?“ Er las weiter: „— Herrn Diviſions⸗General Durutte wird hier⸗ mit allen Einwohnern hieſiger Stadt und Vorſtadt öffentlich bekannt gemacht, daß in dem Falle, wenn die feindlichen Truppen ſich nähern und die dieſſeiti⸗ gen Poſten auf dem Elbufer bei hieſiger Stadt zu beunruhigen ſich beigehen laſſen würden, die ſämmt⸗ lichen hieſigen Einwohner ſich ruhig verhalten und friedlich in ihre Wohnungen zurückkehren ſollen.“ „Da hörſt Du es,“ ſprach Clärchen zu Ruffus, „Du bleibſt von nun an hübſch zu Hauſe.“ Der Bruder las weiter: „Diejenigen, welche ſich unterfangen würden, um die auf irgend einem Punkte vereinigten Truppen umherzuſchleichen, werden für Spione angeſehen wer⸗ den, und wenn ſich Mehre in Gruppen verſammel⸗ ten, die ſich nicht auf das erſte Signal wieder zer⸗ ſtreuten, ſind die Truppen bereits beordert, auf fie zu feuern, und ſie dadurch zur Entfernung zu nö⸗ thigen.“ „Das iſt ſchon recht vom Herrn Durutte,“ ſprach eifrig Clärchen,„daß er es den neugierigen Leuten einmal ernſtlich verbietet. In ſolch' gefährlichen Zei⸗ ten ſoll der friedliche Bürger zu Hauſe bleiben bei ſeiner Familie.“ Ruffus las lachend weiter: „Jeder Vernünftige wird die, durch die jetzigen Zeitumſtände herbeigeführte dringende Nothwendigkeit dieſer Anordnung ſelbſt fühlen; unſere durch neuerliche Erfahrung noch ängſtlicher gewordene ſtadtväterliche Vorſorge für unſere geliebten Einwohner aber läßt uns keinen Augenblick ſäumen, ihnen dieſe ernſtliche Maßregel bekannt zu machen, und ſie nochmals zu ge⸗ naueſter Befolgung zu ermahnen. 4 Se „Jeder Hauswirth hat Solches ſofort ſeinen Mieth⸗ bewohnern mitzutheilen.“ Ruffus wandte ſich zu Roſalien. „Im Namen des Stadtraths zu Dresden,“ ſprach er launig galant,„theile ich Ihnen dieſe Bekannt⸗ machung zur höchſteigenen Beherzigung mit. Sie iſt zwar wieder unter aller Kritik ſchlecht ſtyliſirt, aber man erfährt doch ſo viel, daß man leicht todtgeſchoſ— ſen werden kann.“ „Ich danke,“ erwiederte Roſalie,„für die Für⸗ ſorge; ich bin nicht ſo wißbegierig, daß die Gefahr, von der dieſer Zettel ſpricht, mich treffen könnte.“ Jetzt trat Anna in's Zimmer. Ihr ſchönes Ge⸗ ſicht war noch geröthet von dem patriotiſchen Zorne wegen der Brückenzerſtörung. „Aber die Rache iſt nah,“ ſprach ſie,„der Vater hat von dem Dachfenſter die Gegend vor dem ſchwar⸗ zen Thore recognoscirt. Ganze Flächen ſind mit ruſ⸗ fiſchen Reitergeſchwadern bedeckt. Es iſt Winzingerode mit ſeinem Corps. Unabſehbar ziehen die Schaaren die Trachenberge herab.“ „Hm,“ ſprach Ruffus,„Winzipgerode vor dem ſchwarzen Thore und Napoleon in den Tuilerien, da werden wir allerdings ruſſiſch, trotz der Brückenkluft. Meinetwegen. Ich habe mir geſtern bei Arnold ein ruſſiſches Dietionnaire gekauft, da könnt Ihr alleſammt Vocabeln lernen. Es ſtehen genug darin für eine ganze Hausgenoſſenſchaft. Aber dieſe Reitergeſchwader muß ich auch ſehen; ich glaube, in der Ferne ſind ſie liebenswürdiger, als in der Nähe.“ Mit dieſen Worten ſtieg er zu ſeinem Papa hin⸗ auf, wo die Beiden vermittelſt eines trefflichen Dol⸗ londs ſehr deutlich die ruſſiſche Macht vor der Dres⸗ dner Haide überſehen konnten. Bereits ſah man regulaire ruſſiſche Cavallerie die Waldberge herabreiten. „Wo ſteckt nur die Infanterie?“ frug Ruffus, „die Ruſſen ſcheinen an Reiterei keinen Mangel zu haben; und gerade in dieſem Artikel dürfte die neue napolevniſche Armee nicht zum Beſten beſtellt ſein.“ „Die franzöſiſche Reiterei hat nie viel getaugt,“ ſprach der Geheimrath.„Die Franzoſen ſind keine Reiter und wiſſen die Pferde nicht zu behandeln.“ „Bei jedem ächten Kriegsvolke,“ meinte Ruffus, „iſt die Reiterei Nebenſache; die Infanterie, die Li⸗ nie, Hauptſache. Bei den heutigen Franzoſen kom⸗ men noch die Kanonen hinzu. Solche Kanonenſchlach⸗ ten, wie heutzutage, gab es vordem nie. Die hat erſt Napoleon erfunden.“ Die Beiden ſchauten noch geraume Zeit nach den Waldbergen und gewahrten, wie ſich allmälig die ganze Fläche bei den Scheunenhöfen mit Cavallerie⸗ maſſen anfüllte. Fünftes Rapitel. E⸗ war Sonntags, am 21. März, Mittags zwölf Uhr, als ſich die Thore von Neuſtadt⸗Dresden öffne⸗ ten und die Vorhut der Heeresabtheilung Winzinge⸗ rode ſingend, aus Koſaken beſtehend, in Folge der abgeſchloſſenen Conventivn in Dresden einzogen. Ein Schwarm von Bäuerinnen, mit bepackten Körben be⸗ laden, marſchirte fröhlich voran. Die Thorwacht am ſchwarzen Thore, aus ſächſiſchen Truppen beſtehend, verließ ihren Poſten und zog ſich nebſt ſämmtlichem, noch in der Neuſtadt befindlichem franzöſiſchen Mili⸗ tair unter klingendem Spiele über die Elbe nach der Altſtadt. Die Straßen und freien Plätze der Neuſtadt ver⸗ wandelten ſich bald in Lagerſtätten. Ueberall ſah man die langen weißen Koſakenlanzen in Pyramiden zu⸗ ſammengeſtellt und daneben erblickte man einen Hau⸗ fen bärtiger Krieger auf ſpärlichem Strohlager der Ruhe pflegen. Längs der Häuſer, in langen Reihen, waren Krippen gezimmert für die Pferde, ſämmtlich klein von Natur. Es regte ſich wieder lautes Leben in der bisher ſo einſamen Stadt. Der Markt füllte ſich zur unge⸗ wöhnlichen Zeit mit Verkäuferinnen, und dem Man⸗ gel an manchen Lebensbedürfniſſen, der in den letzten Tagen ſehr fühlbar geworden war, folgte Ueberfluß, während in der Altſtadt der verminderte Zufluß die Preiſe mancher Bedürfniſſe zu einer drückenden Höhe ſteigerte. Die fremden Sitten und Gebräuche der halbaſia⸗ tiſchen Gäſte gewährten für den Anfang den Neu⸗ ſtädtern viel Unterhaltung, zumal ſich dieſe erſten Ko⸗ ſaken ſehr freundlich und gutmüthig betrugen und mit Wenigem zufriedengeſtellt werden konnten. Eine reich⸗ liche Gabe Branntwein, Brot, Häring und Zwiebeln war hinreichend, und ein geſottener Fiſch wurde als Leckerbiſſen betrachtet. Kinderliebe war ein hervorragender Zug bei den fremden Gäſten. Jung und Alt von ihnen ſah man oft unter kleinen Dresdner Spielgenoſſen, von wel— chen ſie ſich allerlei Scherze und Neckereien gefallen 57 ließen, und nicht ſelten wandelte ein graubärtiger Kriegsmann mit einem Kinde auf dem Arme, ohne daß ſich die Beiden verſtehen konnten, ſtundenlang liebkoſend auf und ab. Vor Sonnenuntergang traten dieſe Krieger ge⸗ wöhnlich in Haufen zuſammen, um Lieder. fromme Abendgeſänge oder auch Kriegslieder, oft in ſehr aus⸗ drucksvollen Melodien, fugenartig zu ſingen. Der geſchickteſte Sänger ſtellte ſich in die Mitte des Krei⸗ ſes und ſtimmte die Geſänge an. Andere unterhaltende fremdartige Scenen boten ſich den Schauluſtigen vor den Thüren, wo die Ge⸗ wandteſten nach den Tönen einer ſchlechten Geige ihre Nationaltänze aufführten. Die beiden Städte, Alt⸗ und Neudresden waren jetzt ſtreng geſchieden. In der Altſtadt ſtanden die Franzoſen, die Neuſtadt war von den Koſaken beſetzt. Am ſelbigen Tage, wo letztere einrückten, erhielt der ſächſiſche General Lecoecq von ſeinem Könige aus Plauen den Befehl, ſich mit den in Dresden befind⸗ lichen Sachſen nach Torgau zu wenden; die ſächſiſche Reiterei ward unter dem General von Liebenau zum Könige nach Plauen berufen, den ſie fortan begleitete. Bereits im Februar hatte ſich der König von Sachſen und die königliche Familie in genannte Stadt, den Hauptort des ſächſiſchen Voigtlandes, zurückgezo⸗ gen. Nur die Tante des Königs, die Prinzeſſin Eli⸗ ſabeth, war in Dresden verblieben. Die Verwaltung des Landes befand ſich in den Händen einer ſogenannten Immediatcommiſſion, aus dem Conferenzminiſter von Globig, dem Oberkammer⸗ herrn von Frieſen und den Geheimen Räthen von Manteuffel und von Zeſchwitz beſtehend. Bei Uebergabe der Neuſtadt war zugleich ein vier⸗ 58 undzwanzigſtündiger Waffenſtillſtand geſchloſſen worden. Der einſame Elbſtrom ward auf einige Stunden be⸗ lebt. Fahrzeuge gingen hinüber und herüber, und gegen eine Erlaubnißkarte des Platzcvmmandanten war jedem Stadtbewohner die Ueberfahrt geſtattet. Aber kaum lief die kurze Friſt der Waffenruhe zu Ende, als wieder eine ſtrenge Sperre zwiſchen den beiden Städten eintrat. Bald rückte auch die erſte leichte ruſſiſche Infan⸗ terie in die Neuſtadt, doch in nicht bedeutender An⸗ zahl. Gleichwohl ſchlugen die wenigen Tambours bei hereinbrechender Dunkelheit einen ſo fürchterlichen Lärm, als ſtünde die ruſſiſche Hauptarmee in Dresden. Noch denſelben Abend begann der Abzug der Fran⸗ zoſen aus der Altſtadt. Das von der Brücke und auf den Wällen zurückgelaſſene Geſchütz folgte mit den wenigen Wachtpoſten vor Tagesanbruch. Die Abziehenden wurden von Volkshaufen, die ihnen eine Strecke lang folgten, beſchimpft und nur die Abmah⸗ nungen einiger Offiziere der Dresdner Bürgergarde verhüteten ärgere Ausbrüche des Franzoſenhaſſes. Die Franzoſen nahmen ihren Weg über die Städtchen Wilsdruff und Noſſen. Kaum erſcholl in früher Morgenſtunde die Kunde von dem Abzuge der Altſtädter Beſatzung in der Neuſtadt, als Koſaken ver⸗ mittelſt befeſtigter Leitern über die Trümmer des ge⸗ ſprengten Brückenpfeilers kletterten. Eine Abtheilung leichter Infanterie folgte auf Kähnen. Ein neues munteres Leben entſtand jetzt auf der Elbe. Von allen Seiten ſchwammen Nachen herbei, welche die Schiffer und Fiſcher theils aus ſichern Ver⸗ ſtecken herbeigeholt, theils aus dem Grunde des Fluſſes, wo ſie verſenkt geweſen waren, heraufgeholt hatten. Freudig begrüßten ſich die wieder vereinten Bewohner beider Stadttheile. Es wurden ſogleich Anſtalten zur Verbindung der getrennten Ufer getroffen. Eine Floß⸗ brücke ſchlug man oberhalb der Stadt. Nach einigen Tagen ward eine gleiche unterhalb fertig. Mehr Mübe und Zeitaufwand verurſachte der Bau der hölzernen Hülfsbrücke, welche auf einem ſtarken Balkengerüſt über die Kluft der geſprengten Elbbögen geworfen wurde. Sobald die Floßbrücke vollendet war, ging das Corps von Winzingerode mit zahlreichem Geſchütz auf das linke Elbufer. Dem ruſſiſchen Heereszug folgte unmittelbar das preußiſche Bundesheer unter Blücher. In unüberſehbaren Zügen bewegten ſich die Heer⸗ colonnen der Verbündeten durch die Königſtadt und zogen dann weiter auf den Straßen gen Weſten. An einem Fenſter der Neuſtädter Allee lehnte Ruffus und ſchaute behaglich auf die bunten Maſſen aller Waffengattungen herab, die in Parade die breite Lindenallee entlang defilirten. Aus den Fenſtern da⸗ neben guckten einige liebliche Mädchengeſichter, welche ſeinen Schweſtern und Roſalien angehörten, und welche namentlich den vorüberziehenden jugendlichen Frei⸗ heitskämpfern eine höchſt angenehme Augenweide ge⸗ währten. Allemal, wenn die in die Stadt einziehenden Re⸗ gimenter das Wachthaus am ſchwarzen Thore erreich⸗ ten, wirbelten die Trommeln, daß die Fenſter der ganzen Nachbarſchaft klirrten, worauf die Muſik mit einem feurigen Parademarſch einfiel. Die Reiterre⸗ gimenter bekundeten ihre Ankunft durch weithinſchal⸗ lendes Trompetengeſchmetter. So eben zogen die oſtpreußiſchen Grenadiere un⸗ ter den Fenſtern vorüber. Eine herrliche Schaar, 60 trefflich gerüſtet. Man ſah es der ganzen Haltung an, welcher herrliche Geiſt ſie belebte, mit welch' männ⸗ licher Energie ſie in den Kampf zog. Faſt noch ſtattlicher nahmen ſich mehre Abthei⸗ lungen der preußiſchen Fußgarde aus, die unmittelbar folgten. Vom Thore her tönte wieder Trompetengeſchmet⸗ ter. Ruffus ſteckte den Kopf weit hinaus. „Ruſſiſche ſchwere Cavallerie,“ ſignaliſirte er,„lau⸗ ter Cuiraſſiere. Ungeheure Coloſſe, auf pechſchwarzen Rappen.“ Die ſchmetternden Trompeter mit ihren rothen Helmraupen ritten unter den Fenſtern vorüber. Ruffus hatte Recht, das ganze Regiment, wahre Rieſengeſtal⸗ ten, ritt lauter Rappen. „Prächtige Cavallerie,“ meinte der Hinabſchauende, „wird dem Napoleon zu ſchaffen machen. Wo die Kerle einhauen, wächſt kein Gras mehr.“ „Ueberhaupt treffliche Truppen,“ ſprach Herr Heumann,„was namentlich Preußen gethan in ſo kurzer Zeit, iſt bewunderungswürdig.“ „Das Herz lacht im Leibe, wenn ich an dieſes Volk denke,“ fiel Ruffus ein,„das hat den deutſchen Philiſter radical vom Leibe gezogen— vor ihm mag ſich Nap in Acht nehmen; das wird mir immer klarer.“ Wunderbarer, erfreuender Hörnerklang ſcholl vom Thore her. „Alle Wetter!“ rief Ruffus,„wer kommt da?“ Er ſteckte den Kopf hinaus; doch haſtig fuhr er zu⸗ rück:„Donner und Doria!“ commandirte er, Arlle an's Fenſter, die preußiſchen freiwilligen Gardejäger, die Elite der preußiſchen Nation. Ein Tuch, ein Tuch, die muß ich begrüßen.“ Wirklich erſchienen jetzt in raſchem, keckem Schritte 61 die erſten dunkelgrünen Colonnen der trefflich gerüſte⸗ ten preußiſchen Gardejäger, eines Corps, in welchem der damalige erhebende Aufſchwung des preußiſchen Volks am Herrlichſten leuchtete. „Anna!“ rief Ruffus mit ſeltener Aufregung, „willſt Du deutſche Patrioten ſehen, da marſchiren welche.“ Mit dieſen Worten wedelte er den Vorüberziehen⸗ den mit ſeinem weißen Tuche unaufhörlich zu. Die Schweſtern und Roſalie folgten ſeinem Beiſpiel. Die⸗ ſes Bewillkommnungszeichen fand Nachahmung. Bald flatterten längs der ganzen Häuſerfronte und gegen⸗ über aus allen Fenſtern weiße Tücher. Das Publikum auf der Straße ward hierdurch immer freudiger auf⸗ geregt. Bald rollte ein donnerndes Hoch die Haupt⸗ ſtraße entlang. Die herrliche preußiſche Jugend grüßte dankend. Es war ein erhebender, begeiſternder Au⸗ genblick. „Beim Himmel!“ rief Ruffus, und eine Thräne trat ihm unwillkürlich in's Auge,„wenn ich nicht an dem kleinen Nap den Narren gefreſſen hätte, ich zöge blos dieſen Schaaren zu Liebe dem Schlingel auf den Leib.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Aber aus iſt's mit ſeinem Regimente, wenigſtens im Preußenlande. Das iſt mir jetzt klar.“ Auf die preußiſchen Gardejäger folgte ruſſiſches ſchweres Geſchütz. Lauter Vierſpänner. Die Be⸗ ſpannung beſtand, wie bei der Cavallerie, aus Roſſen von gleicher Farbe. Vierzig Kanonen Zwölfpfünder mit lauter Schimmeln beſpannt. Es war ein unab⸗ ſehbarer Zug. Die vorderſten Stücke waren längſt bei der katholiſchen Hofkirche vorüber, während es noch immer weiß zum ſchwarzen Thore hereinkam. Dabei 62 gab es ein Donnern und Raſſeln auf dem Straßen⸗ pflaſter, als läge ein Gewitter über der Stadt. „Das wird ein fürchterlicher Zuſammenſtoß wer⸗ den,“ ſprach Ruffus,„wenn dieſe trefflich gerüſteten Armeen dem jungen Frankreich in den Weg treten.“ „Ich bin jetzt der Meinung,“ meinte der Ge⸗ heimrath,„daß wir die junge franzöſiſche Armee in Dresden nicht wieder zu Geſicht bekommen werden.“ „Unbezweifelt,“ gab Heumann zu,„Napoleon ſitzt noch in Paris. Seine neugeſchaffenen Heere ſind noch nicht kampffertig. Es iſt daher die Frage, ob die Entſcheidungsſchlacht, von der wir hoffen wollen, daß ſie ein früherer Frieden unnöthig macht, überhaupt diesſeits des Rheins geſchlagen werden wird.“ „Hoh, hoh,“ ſprach Ruffus,„da müßte Napoleon nicht Napoleon ſein. Er iſt gewiß da, ehe wir's uns verſehen.“ „Was hilft ſeine Perſon,“ frug Heumann,„ohne Armee?“ „Es kommt Alles Blau über den Rhein herüber,“ belehrte Ruffus.„Alle Zeitungen ſind voll davon.“ „Franzöſiſcher Wind,“ meinte Heumann,„wenn die Franzoſen auf baldige Unterſtützung hätten rech⸗ nen können, würden ſie Dresden und die Elbe kräf⸗ tiger vertheidigt haben.“ „Nun, die Erfahrung wird's lehren,“ entgegnete Erſterer;„aber hört denn das verwünſchte Geraſſel nicht auf?“ Er ſah zum Fenſter hinaus. „Es iſt wirklich zum Närriſchwerden,“ lachte er, „noch immer Schimmel; nichts als Schimmel und grüne Lavetten.“ Anna hatte ſich die Mühe genommen, die Kanonen zu zählen und ſtand eben bei Nummer Fünfunddreißig. ¹ 63 „Das muß nun bald zu Ende ſein,“ meinte Ruffus.„Die Ruſſen werden doch nicht ihre ganze Artillerie mit Schimmeln beſpannt haben?“ Er hatte Recht. Der Park beſtand gerade aus vierzig Kanonen. Auf die Artillerie folgte wieder Fußvolk; ſchwarz⸗ gekleidete Bataillone mit dunkelwehenden Helmbüſchen. „Das ſind preußiſche Freiwillige,“ erklärte Ruffus, „aus allen Provinzen des Reichs zuſammengeſtrömt, machen ſich zwar nicht ſo ſtattlich als die Gardejäger, aber es iſt friſches, gutes Blut. Viele Studenten ſind darunter.“* „Ach Gott!“ rief Roſalie,„ſeht einmal den klei⸗ nen Schwarzen da am Brunnen, er kann nicht vier⸗ zehn Jahre zählen; kaum, daß er Flinte und Gepäck zu tragen vermag.“ „Ueberhaupt,“ bemerkte der Geheimrath,„erblickt man viele noch dem Knabenalter angehörende junge Mannſchaft. Von ihnen wird mancher die Strapazen des Krieges nicht zu ertragen vermögen.“ „Wenn auch Einer oder der Andere daraufgeht,“ bemerkte Ruffus,„ſein Tod iſt ebenſo ehrenvoll, wie der auf dem Schlachtfelde. Bei einem begeiſterten Volksaufſtande kann nach den Jahren nicht gefragt werden. Wer das Schwert zu heben vermag, iſt be⸗ rufen zum Kampfe. Da erlebte ich geſtern ein rüh⸗ rendes Beiſpiel. Ein zehnjähriger Knabe aus meiner Nachbarſchaft flehte den im Quartier liegenden Offi⸗ zier mit Thränen in den Augen, unter die Freiwilli⸗ gen aufgenommen zu werden, wenn nicht für die Flinte, doch für die Trommel. Er ward mehrmals abgewie⸗ ſen, aber er ließ nicht nach mit Bitten und Flehen, bis der Offizier ihm verſprach, in einem halben Jahr ihn holen zu laſſen.“ 6⁴ „Es wird überhaupt in dem bevorſtehenden Kampfe viel junges Blut koſten,“ ſprach Heumann.„Auch Frankreich ſchickt kaum dem Knabenalter entwachſene Jünglinge.“ „Weiß man noch nicht,“ frug der Geheimrath, „was unſer Cabinet für eine Politik einſchlagen wird? Werden wir uns mit Preußen und Rußland vereini⸗ gen gegen Frankreich?“ „Das wäre allerdigs die geſündeſte Politik, mit der auch unſer Volk ziemlich zufrieden ſein würde,“ ſprach Ruffus;„aber unſerm Könige ſind die Hände gebunden. Zudem iſt er perſönlich Napoleon befreun⸗ det, und⸗ Sn ſchneller Parteienwechſel iſt ganz gegen ſeinen Charakter. Auch iſt der Kaiſer von Frankreich und König von Italien noch keineswegs beſiegt. Sei⸗ nem Befehle gehorchen eine halbe Million Bayonnette. Einen ſolchen Bundesgenoſſen, der zugleich der größte Kriegsmeiſter des Jahrhunderts iſt, ſtößt man nicht mir nichts dir nichts vor den Kopf. Wenn das ſäch⸗ ſiſche Cabinet mit den Verbündeten gemeinſchaftliche Sache macht, heißt es: aut-aut; entweder der Napo⸗ levn muß über den Rhein, oder— la Saxe n'existe plus. Apropos, da wurden mir, als ich vorhin in's Haus trat, von einem preußiſchen Colporteur ein paar Placate zugeſteckt, die ich beinahe vergeſſen hätte. Das eine iſt von Blücher, von Breslau datirt, und an E Bewohner Sachſens gerichtet.“ „O, lies, lies,“ tönte es von allen Seiten, und Ruffus begann. „An Sachſens Einwohner. „Sachſen! Wir Preußen betreten Euer Gebiet, Euch die brüderliche Hand reichend. Im Oſten von Europa hat der Herr der Heerſchaaren ein ſchreckli⸗ ches Gericht gehalten, und der Tod hat dreimalhun⸗ derttauſend jener Fremdlinge durch Schwert, Hunger und Kälte von der Erde vertilgt, welche ſie im Ueber⸗ muthe ihres Glücks unterjochen wollten. Wir ziehen, wohin der Finger der Vorſehung uns weiſet, um zu kämpfen für die Sicherheit der alten Throne und un⸗ ſere Nationalunabhängigkeit. Mit uns kommt ein tapferes Volk, das die Unterdrückung trotzig abgewie⸗ ſen hat, und im Hochgefühle ſeiner Siege den unter⸗ jochten Völkern Befreiung verheißt. Wir bringen Eüch die Morgenröthe eines neuen Tages. Die Zeit iſt endlich gekommen, ein verhaßtes Joch abzuſchütteln, das uns ſeit ſechs Jahren furchtbar drückt. „Sachſen! Ihr ſeid ein edles, aufgeklärtes Volk! Ihr wißt, daß ohne Unabhängigkeit alle Güter des Lebens für edelgeſinnte Gemüther keinen Werth ha⸗ ben, daß Unterjochung die höchſte Schmach ſei Ihr könnt und werdet die Sclaverei nicht länger tragen. Ihr werdet nicht länger dulden, daß eine argliſtige, gleisneriſche Politik für ihre ehrſüchtigen, raubgieri⸗ gen Entwürfe das Blut Eurer Söhne fordere, die Quellen Eures Handels austrockne, Euren Kunftfleiß lähme, Eure Preffreiheit vernichte, und Euer einſt ſo glückliches Land zum Schauplatz des Krieges mache. Schon hat der Vandalismus der Euch unterdrücken⸗ den Fremdlinge Euer ſchönſtes Monument der Bau⸗ kunſt, die Brücke zu Dresden, unnöthig und muth⸗ willig zerſtört.— Auf! vereinigt Euch mit uns, erhebt die Fahne des Aufſtandes gegen die fremden Unter⸗ drücker und ſeid frei. „Euer Landesherr iſt in fremder Gewalt. Die Freiheit des Entſchluſſes iſt ihm genommen. Die Schritte beklagend, die eine verrätheriſche Politik ihn zu thun nöthigte, wollen wir ſie eben ſo wenig ihm zurechnen, als ſie Euch entgelten laſſen. Nur für Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 5 66 Euren Herrn wollen wir die Provinzen Eures Lan⸗ des in Verwaltung nehmen, die das Glück, die Ue⸗ berlegenheit unſerer Waffen und die Tapferkeit un⸗ ſerer Truppen unſerer Gewalt unterwirft. Befriedigt die billigen Bedürfniſſe unſerer Krieger, und erwar⸗ tet dafür von uns die Handhabung der ſtrengſten Mannszucht. Der Zutritt zu mir, dem preußiſchen Feldherrn, iſt jedem Unterdrückten offen, jede Klage werde ich hören, jede Verletzung der Mannszucht ſtreng beſtrafen. „Jeder, auch der Geringſte, kann ſich mir ver⸗ trauungsvoll nähern, ich werde ihn liebreich auf⸗ nehmen. „Den Freund deutſcher Unabhängigkeit werden wir als unſern Bruder betrachten, den irregeleiteten Schwachſinnigen mit Milde auf die rechte Bahn lei⸗ ten, den ehrloſen, verworfenen Handlanger fremder Tyrannei aber, als einen Verräther am gemeinſamen Vaterlande, unerbittlich verfolgen. Blücher.“ „Das war Nummer 1,“ ſprach Ruffus,„mein Vorrath iſt noch nicht erſchöpft.“ Mit dieſen Worten zog er eine zweite Proelama⸗ tion aus der Taſche. „An das Volk der Sachſen, von ihren Freunden; wollt Ihr ſie hören?“ „Allerdings, allerdings,“ war die Antwort. Ruffus begann: „Brüder! Durch dreifache Bande des Bluts, der Sprache, der Unterdrückung an Euch gekettet, kommen wir zu Euch. Oeffnet uns Eure Herzen, wie Ihr uns Eure Thüren geöffnet habt. Die lange Nacht der Schmach hat uns vertraut gemacht, die Morgenröthe einer beſſern Zeit ſoll uns verbunden finden. 67 „Landsleute ſind wir, Brüder ſind wir, im feſten Vertrauen auf Euer Beharren bei der guten, bei der heiligen Sache Gottes und des Vaterlandes rühmen ſich Viele unter uns, Euch anzugehören, in Eurem Kreiſe geboren, in Eurer Sitte aufgezogen zu ſein. „Wie es nun Brüdern ziemt, wollen wir durch Eure Thäler wandern. Wem wäre denn die heimath⸗ liche Erde, dies eine große Vaterhaus aller deut⸗ ſchen Herzen heiliger, wem läge denn mehr an der Sicherheit, an dem Wohlſtande des Landes, für deſſen Freiheit wir freudig Blut und Leben zu opfern ge⸗ ſchworen haben! „Ja, für die Freiheit dieſes Landes wollen wir fechten und, ſo Gott will, ſiegen oder ſterben. Soll denn die fremde Tyrannei noch länger Euern heiligen Geſetzen, den ehrwürdigen Ueberlieferungen Eurer Vä⸗ ter ſpotten? Soll der fremde Gerichtshof ſich auf Eure Rathhäuſer drängen und die angeborne Sprache nicht mehr gelten, die Ihr ſeit Jahrtauſenden bewahrt habt?— Sollen Eure Speicher, Eure Keller noch länger die Henkersknechte füttern; Eure Weiber, Eure Töchter noch länger ihrem zügelloſen Frevel preisge⸗ geben ſein, Eure Söhne noch länger für die Raſerei eines ſchaamloſen Ehrgeizes geſchlachtet werden? Denkt an die Thaten Eurer Väter, denkt an die Sachſen⸗ kriege gegen den großen Karl, denkt an die goldnen Zeiten Eurer Altvordern unter der Ottonen glückli⸗ chem Scepter, denkt an die Helden Eures Volks, an Eure Heinriche, Euren Moritz, Euren Luther!— Die Zeit iſt gekommen, glänzende Namen aus Eurer Mitte zu verkündigen, Eure Väter bezahlten die hei⸗ lige Schuld. Laßt dieſe große Zeit nicht kleine Menſchen finden. „Seht nur auf Euch, was Ihr jetzt ſeid! Ein =„ 5 68 geopfert Volk, dem ruchloſen Willen eines einzigen Wütherichs verkauft. Euer Wohlſtand iſt vernichtet, Euer Handel iſt zerſtört, Eure Fabriken zu Grunde gerichtet, Eure Kinder laßt Ihr zu Tauſenden wür⸗ gen, laßt ſie in den fürchterlichen Qualen einer los⸗ gelaſſenen Hölle verbrennen, erfrieren, verhungern und verdurſten, verzweifeln!— Von all den Söhnen, die Euch der Wütherich vom Vaterherzen riß, kehren we⸗ nig Hunderte zurück! und dieſe bringen noch den Tod in das Herz Eures Landes, den Keim der Seuchen ſtreuen ſie in Eure geſunden Hütten, und pflanz⸗ ten die Qual und die Verzweiflung, die einzige Löh⸗ nung des blutigen Tyrannen, in ihre heimathlichen Fluren. „Und könnt Ihr denn auch Schonung, könnt Ihr Treue von denen verlangen, die ein fremdes, falſches Land gebar, die nicht Liebe und Recht, die Raubſucht und viehiſche Begierde zu Euch brachten? Iſt ihnen denn etwas heilig geweſen, haben ſie nicht Kirchen und Altäre geſchändet, Meineid geſchworen und meuchlings gemordet, haben ſie nicht aus frechem Ue⸗ bermuthe erſt jüngſt den Stolz Eurer Hauptſtadt zer trümmert? „Und Ihr ſolltet ruhig bleiben und den Gräuel unvergolten laſſen, und den Frevel ungebüßt und die Schande ungerächt?— Nein, nein, Du gutes, wacke⸗ res Volk! Nein, das ſollſt Du, das kannſt Du nicht! — Haſt Du den Moskowiten geſehen, wie er den Fackelbrand in ſeine Paläſte ſchleuderte? Siehſt Du den Preußen jetzt, Deinen Bruder und nächſten Bun⸗ desgenoſſen, wie er ſich rüſtet, Landwehr und Land⸗ ſturm, alle waffenfähige Männer, eins in dem be⸗ ſchworenen Entſchluſſe, zu ſterben oder frei zu ſein? — und Du wollteſt zaudern? Nein, Du zanderſt 69 nicht, auch Du wirſt aufſtehen und Deine Ketten ſchütteln, und die welke Raute wird herrlich aufblü⸗ hen zum Kranze der Freiheit! Sieh auf unſere mu⸗ thige Schaar!— Wir haben es im Gotteshaus be⸗ ſchworen, zu kämpfen, zu ſterben für unſre, für Eure Freiheit; der Segen der Kirche iſt mit uns, und die Wünſche und Gebete aller treuen, redlichen Herzen. „Sammle Dich zu uns, wehrbare Jugend des un⸗ terjochten Sachſenlandes; ſammelt Euch zu uns, tich⸗ tige Männer des tüchtigen Volks. Wer nicht mitzie⸗ hen kann, helfe der allgemeinen Sache mit Rüſtung und Zuſpruch: Eure Brüder in Weſtphalen erwarten uns, Preußens und Rußlands Adler kämpfen mit uns, und Gott hilft uns ſiegen. „Es iſt in unſerer Schaar kein Unterſchied der Geburt, des Standes, des Landes. Wir ſind alle freie Männer, trotzen der Hölle und ihren Bun⸗ desgenoſſen, und wollen ſie erſäufen, wär's auch mit unſerm Blute. „Nicht Söldner ſind wir; der Frieden, das Glück führt uns aus einander, wie uns Rache und Kampf zuſammenführt. Wenn der Feind darniederliegt, wenn die Feuerzeichen von den Bergen des Rheins herüber⸗ leuchten und das deutſche Banner im Hauche franzö⸗ ſiſcher Luft flattert, dann hängen wir das Schwert in den Eichenwäldern des befreiten Vaterlandes auf und ziehen heim in Frieden.. „Nun, ſo der Himmel will, es wird bald gethan ſein! Gott iſt ja mit uns und die gerechte Sache, und eine feſte Burg iſt unſer Gott! Amen.“ „Was mir bei dieſen Proclamationen nicht ge⸗ fällt,“ ſprach Ruffus, nachdem er zu Ende geleſen, „iſt, paß ſie nicht bei der Stange bleiben. Blücher will bios die Franzoſen zum Lande hinaus treiben. 7⁰ Der zweite Proclamator ſpricht ſchon von franzöſi⸗ ſcher Luft, in welcher das deutſche Banner flattern ſoll. Erſt dann will er das Schwert in den Eichen⸗ wäldern des befreiten Vaterlandes aufhängen.“ „Man darf wohl,“ bemerkte der Geheimrath,„in der jetzigen aufgeregten Zeit ein Wort nicht auf die Goldwaage legen. Uebrigens geben dieſe Proclama die jetzige öffentliche Stimme wieder. Ich finde ſie in der Ordnung; aber die erbärmlichen Schmähſchrif⸗ ten und Spottbilder auf Napoleon, mit denen man ſeit jüngſter Zeit Dresden überſchwemmt hat, ſind mir wahrhaft ekelerregend. Man kann es den Leuten nicht verdenken, wenn ſie ihren Zorn offenkundig ge⸗ gen den franzöſiſchen Kaiſer ausſprechen; aber ihn lächerlich machen, ihm alle Schändlichkeiten andichten, und wegen ſeines Unglücks in Rußland ihn für macht⸗ los, feig und dergleichen erklären, nachdem man ihn vor wenig Monden zum Himmel erhob, iſt abgeſchmackt und erbärmlich.“ „Das thut der Pöbel nicht anders,“ erwiederte Ruffus,„wer unglücklich und für den Augenblick machtlos iſt, wird mit Füßen getreten und mit Koth beworfen. Aber tres faciunt collegium, ich habe noch eine dritte Proclamation, eine ruſſiſche, vom General Wittgenſtein. Wir wollen vernehmen, wie ein Ruſſe über die Freiheit ſich expectorirt. Er las: „Brave Sachſen! Wie ſoll ich zu Euch reden? Als Euer Feind? Der bin ich nicht. Ihr ſeid ja bie⸗ dere Deutſche, und ich bin gekommen im Namen mei⸗ nes Kaiſers, um alle Deutſche von dem ſchimpflichen Joche zu befreien. So will ich denn als Euer Freund mit Euch reden; hört mich, denn ich meine es gut mit Euch.. „Es mag wohl ſein, daß Ihr ſtutzt bei dem An⸗ 71 blicke der Ruſſen und Preußen, die bewaffnet in Euer Land rücken; es mag wohl ſein, daß Ihr bekümmert ſeid und nicht wißt, was Ihr thun ſollt, da Enuer König Euch verlaſſen und Euch Ruhe geboten hat. Aber wenn ein Haus brennt, muß man nicht erſt den Eigenthümer um Erlaubniß fragen, ob man löſchen dürfe. Eures Königs Haus brennt ſchon lange. Er iſt ſelbſt in Noth und darf nicht ſprechen, wie es ihm gewiß um's deutſche Herz iſt. Denn bedenkt doch nur, er, ein deutſcher König, der ſchon ſo lange Euren Schweiß und Euer Blut den Franzoſen hat liefern müſſen, er ſollte Euch zur Ruhe ermahnen, in einem Augenblicke, wo Ruhe ein Verbrechen iſt? Es hat eine Stunde geſchlagen, die nicht zum zwei⸗ ten Male ſchlägt: die Stunde der Befreiung vom fremden Joche! Und er ſelbſt könnte verlangen, daß Ihr Eure Ohren verſtvpft? Seit fünfundvierzig Jah⸗ ren hat er Euer Glück und Eure Ehre gewollt, und ſollte nun Euer Unglück und Eure Schande wollen? Nimmermehr! Hat er Euch doch ſelbſt ermahnt, Ihr möchtet den alten Ruhm der Sachſen behaupten. Worin beſtand denn dieſer alte Ruhm? Leſet in Euren Chroniken, da werdet Ihr finden, es gab auch einmal einen herrſchſüchtigen Kaiſer der Franken, man nennt ihn Karl den Großen; der hat dreißig Jahre gegen Euch Krieg führen müſſen, um Euch zu unter⸗ jochen. Damals hattet Ihr auch einen König, der hieß Wittekind, der verließ Euch nicht in der Noth⸗ und rief Euch nicht zu, Ihr ſolltet ruhig ſein, ſon⸗ dern er führte Euch ſelbſt in den Kampf für Eure Freiheit. Seht Ihr, das iſt Euer alter Ruhm, an dem müßt Ihr halten! Tauſend Jahre ſind ſeitdem verfloſſen; ſeit tauſend Jahren hatte Gott Europa nicht mit einer ſolchen Geißel heimgeſucht; nun iſt 72 ſie wieder da, und Ihr wolltet nicht gegen ſie käm⸗ pfen wie damals? Ihr wollt den Rücken freiwillig entblößen? Hört und bedenkt, wie viel leichter jetzt Euch der Kampf gemacht wird, als Euren Vorfahren vor tauſend Jahren. Die ſtanden allein, die mußten allein gegen den mächtigen Karl ſich wehren. „Ihr aber ſteht nicht allein. Mein Kaiſer mit ſeiner ganzen Macht, der König von Preußen mit ſeiner ganzen Macht ſind zu Eurer Hülfe, zu Eurer Rettung aufgeſtanden; und wenn Ihr nur wollt, ſo wird der Kampf nicht dreißig Jahre dauern. Wir werden mit Gottes Hülfe in Einem Jahre die Ket⸗ ten abſchütteln, und dann wird Jeder mit Ehren ru⸗ hig ſein dürfen. Dann werden Eure zerſtörten Fa⸗ briken wieder aufblühen; Euer Handel wird die alten verſperrten Wege wieder finden; Euer Ackerbau wird gedeihen; Eure Söhne werden nicht mehr zur Schlacht⸗ vank geführt werden; kurz, dann iſt die ſchöne Zeit der Ruhe gekommen, für die Euer König ſelbſt Euch danken wird. Wer aber bis dahin ruhig bleiben wollte, den erkenne ich für keinen wahren Sachſen, für keinen Deutſchen. Wer nicht mit der Freiheit iſt, der iſt gegen ſie. Darum wählet, meinen brüder⸗ lichen Gruß oder mein Schwert! Vereint Euch mit mir, um Euch und Eurem König die Selbſtſtändig⸗ keit wieder zu erobern, und dann möge er Euch, ſo Gott will, noch fünfundvierzig Jahre in Frieden und Ueberfluß regieren. Denn glaubt nicht, ich wollte Euch von ihm abwendig machen. Ich will vielmehr die Bande zwiſchen Euch und ihm enger knüpfen, die von fremder Tyrannei zerriſſen worden. Ihr ſollt einen freien König haben und freie Sachſen genannt werden. Auf, auf, bewaffnet Euch, und wäre es auch nur mit Senſen und Keulen. Vertilgt die Fremd— 73 linge von Eurem Boden. Mich und meine Ruſſen und die tapfern Preußen ſollt Ihr überall finden, wo die Gefahr am größten iſt. Glaubt mir, wir werden ſiegen. Gottes Langmuth iſt erſchöpft. Wir werden ſiegen. So ſpreche ich nicht aus eitler Prahlerei, ſon⸗ dern im Vertrauen auf Gott und Euch und die hei⸗ lige, gerechte Sache. „Sachſen, ich betrat Euer Land, um Euch mit Krieg zu überziehen, oder mit Euch vereint um Eure Freiheit, für die Wiederherſtellung Eurer geſchändeten Ehre zu kämpfen. Wählet! Eure Wahl kann eine Krone in Gefahr bringen, kann einſt Eure Kinder bei dem Gedanken an ihre Väter erröthen machen. Sie hält Deutſchlands Befreiung nicht auf. „Seht, was um und neben Euch geſchieht. Werft einen Blick auf die edlen Preußen, Eure Nachbarn; die ganze Nation erhebt ſich in Maſſe. In ihren Reihen findet Ihr den Sohn des Fürſten neben dem des Pflügers. Aller Unterſchied der Stände iſt in den Begriffen: Freiheit und Ehre, König und Vater⸗ land zuſammengeſchmolzen. Es giebt keinen Unter⸗ ſchied mehr, als den des größern Talents, des feuri⸗ gern Eifers zum Kampfe für die große heilige Sache. Freiheit oder Tod! iſt das Loſungswort, welches Frie⸗ drich Wilhelm gegeben hat, und feierlich ſchwört ein ganzes hochherziges Volk, zu ſiegen, oder eines ſolchen Fürſten würdig zu fallen. „Sachſen! Deutſche! Unſere Stammbäume, unſere Geſchlechtsregiſter haben mit dem Jahre 1812 auf⸗ gehört. Die Thaten unſerer Ahnen ſind durch die Erniedrigung ihrer Enkel verwirkt. Nur die Erhebung Deutſchlands bringt wieder edle Geſchlechter hervor, und giebt denen, welche es waren, ihren Glanz zurück. Graf von Wittgenſtein. 74 Anna war ſehr begeiſtert durch die Proclamativ⸗ nen, welche der Bruder mit einigem Pathos vorge⸗ tragen hatte. „Nun wird Sachſen,“ ſprach ſie,„hoffentlich nicht länger anſtehen, der gemeinſamen Sache beizutreten?“ „Ja,“ erwiederte Ruffus,„es wird mir ſelbſt ganz kriegeriſch zu Muthe, und wenn's nicht direkt gegen den Napoleon ginge, wär ich gern dabei. Es muß ſich herrlich fechten nach dieſem neuen Evange⸗ lium. Die ruſſiſchen und preußiſchen Generale müſ⸗ ſen im franzöſiſchen Nationalconvente geſeſſen haben, ſo prächtig wiſſen ſie über die Freiheit zu ſprechen. Mich dauert nur der deutſche Adel, dem ergeht es miſerabel. Erſtens ſoll er nichts mehr gelten, und mit Nachbar Grobſchmied und Comp. in Reih und Glied für's Vaterland fechten. Es iſt weit ge⸗ kommen.“ Ein Mitglied des Dresdner Stadtraths und alter Bekannter von Heumann und dem Geheimrath trat jetzt in's Zimmer. Sein Geſicht drückte Unmuth und Beſorgniß aus. „Der Himmel mag wiſſen,“ ſprach der Eingetre⸗ tene nach den erſten Begrüßungen,„wo das hinaus ſoll. Die Stadt iſt nicht mehr im Stande, dieſe Kriegsvölker zu unterhalten. Bereits haben wir den Miethbewohnern Einquartierung zuweiſen müſſen; und wenn dieſe Durchzüge noch acht Tage anhalten, gera⸗ then wir in eine Schuldenlaſt, an der wir Jahre lang zu ſchleppen haben.“* „Wird denn keine Entſchädigung ſtattfinden von Seiten der preußiſchen und ruſſiſchen Behörden?“ frug Heumann. „Daran iſt vor der Hand nicht zu denken,“ er⸗ wiederte der Gefragte,„Ruſſen und Preußen ſind 75 dermalen nicht in Glücksumſtänden und brauchen ihr Geld nöthiger. Dazu kommt der Umſtand, daß wir Sachſen eigentlich als feindliches Land betrachtet wer⸗ den, ſo lange ſich das ſächſiſche Cabinet nicht für den Beitritt der Coalition erklärt. Blücher ſagt rund heraus, daß das, was Sachſen gegenwärtig zu leiſten habe, nichts gegen die Opfer ſei, die ſich Preußen habe müſſen gefallen laſſen. Die Immediat⸗Commiſ⸗ ſion hatte ihm die Unmöglichkeit ſeiner Forderung vorgeſtellt, da iſt dieſer General vollends in Harniſch gerathen. Morgen erſcheint ein Schreiben des Ge⸗ nannten an beſagte Commiſſion im Dresdner Anzei⸗ ger, das Hände und Füße hat. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als mir der Cenſurbogen ge⸗ ſchickt wurde. In einer Stelle ward unſerer ober⸗ ſten Regierungsbehörde förmlich der Text geleſen. Meinen Pflichten als Cenſor gemäß mußte ich die Stelle ſtreichen, Blücher aber hat eine preußiſche Schildwache an die Druckerpreſſe geſtellt, und morgen wird die Immediat⸗Commiſſion vor dem ganzen Pu⸗ blikum bloßgeſtellt.“ „Das freut mich übrigens von Blücher,“ ſprach Ruffus,„daß er ein ſocher Feind der Cenſur iſt; auch in ſeiner Proclamation ſpricht er von Preffreiheit. Iſt denn die cenſurwidrige Stelle ſo arg?“ „Der Curioſität halber,“ erwiederte der Raths⸗ herr,„hab' ich mir ſie notirt. Uebrigens wird ſie morgen die ganze Stadt leſen. Am Schluſſe heißt es: „Uebrigens bemerke ich(Blücher) noch, daß der ungeziemende Ton, der in Ihrer(der Immediat⸗ Commiſſion) geſtrigen Vorſtellung an mich herrſcht, einen Andern, der es mit unſern deutſchen Mitbür⸗ gern weniger redlich meint, wohl hätte erbittern kön⸗ nen, daß ich mich jedoch deſſenungeachtet beſtreben 76 werde, die Drangſale des Kriegs dem Lande ſo viel als möglich zu erleichtern und nicht den Geiſt der Erbitterung, den die Immediat⸗Commiſſion in ihre Verhandlungen mit mir zu legen angefangen hat, bei meinen Behörden zu geſtatten.“ „Da kennt man gleich den alten Blücher,“ meinte Ruffus,„und ich finde ſeine Redeweiſe gar nicht außer der Ordnung. Was iſt denn die Immediat⸗Commiſ⸗ ſion ſo unpolitiſch, ſich erbittert zu ſtellen?“ „Sie hat allerdings als oberſte Landesbehörde alle urſache zur Erbitterung,“ bemerkte der Rathsherr, „wiewohl ich es gleichfalls nicht für politiſch halte, dieſe Erbitterung in Gegenwart zweier feindlichen Ar⸗ meen offen auszuſprechen. Der General Blücher hat unſern Cottbuſſer Kreis, der in Folge des Tilſiter Friedens von Preußen an Sachſen abgetreten wurde, förmlich wieder im Namen des Königs von Preußen in Beſitz genommen.“ „Das habe ich immer geſagt,“ ſprach Heumann, „daß dieſe Napoleoniſchen Präſente wenig Segen brin⸗ gen. Wenn's nur bei dem Cottbuſſer Kreiſe verbleibt und Preußen nicht mehr zulangt. Wir Sachſen ha⸗ ben einmal kein Glück mit unſern Eroberungen. Die vor einem Jahre eroberte ruſſiſche Kanone, die nach Dresden gebracht wurde, hat auch keinen Segen ge⸗ tragen. Wer will's jetzt den Koſaken verwehren, wenn ſie das ganze Zeughaus ausräumen und ſich für den Verluſt hundertfach bezahlt machen?“ „Auch iſt der Enthuſiasmus unſerer Bevölkerung,“ fuhr der Rathsherr fort,„wenigſtens was die ruſſi⸗ ſchen ſogenannten Friedensbringer betrifft, ziemlich verraucht. Wie gut ſich die erſten Koſakenabtheilun⸗ gen betrugen, um ſo ſchlimmer treiben's die Soldaten vom Corps des General Miloradowitſch. Das ſind 77 verwilderte und verwahrloſ'te Geſellen, die lange Zeit in der Walachei geſtanden und von europäiſcher Ci⸗ viliſativn nichts wiſſen. Ungenügſam, unerſättlich, unreinlich, haben ſie keine Ahnung von einem An⸗ ſtandsgefühle; ſie vermögen ihre rohe Begierde ſo wenig zu zügeln, daß ſich Frauen und Mädchen ohne männlichen Schutz kaum mehr über die Straße ge⸗ trauen, ohne von dieſen Unholden auf empörende Art beläſtigt zu werden. Noch ſchlimmere Nachrichten ſind von den umliegenden Dörfern eingegangen. Dort haben junge Landmädchen in den Schornſteinen Zu⸗ flucht ſuchen müſſen, um Gewaltthätigkeiten zu ent⸗ gehen. In der Lauſitz ſollen ganze Dörfer leer und öde ſtehen, da bei den einrückenden Kriegsheeren die Bewohner mit ihren Kindern, Vieh und tragbarer Habe in die Wälder geflüchtet ſind.“ „Aber exiſtirt denn keine Disciplin im ruſſiſchen Heere?“ frug der Geheimrath. „O eine ſehr geſtrenge,“ war die Antwort.„Wenn ſolche Ausſchweifungen und Verbrechen zur Klage kom⸗ men und überwieſen ſind, werden ſie mit Kantſchuh und eiſernem Ladeſtock beſtraft. Es iſt greulich, noch geſtern fand eine ſolche Execution unter meinen Fen⸗ ſtern ſtatt. Das Blut floß dem Sträfling ſtromweiſe vom Rücken. Der Kerl verharrte in einer ſtoiſchen Indolenz. Als er ſeine Tracht Schläge, die einem deutſchen Körper den Garaus gemacht hätten, erhal⸗ ten hatte, bat er um eine Hand voll Kochſalz, womit er ſich den wunden Riücken einrieb. Heute iſt der Menſch vollkommen hergeſtellt und guter Dinge.“ „Schöne Naturen,“ bemerkte Ruffus. „Damit ich aber nicht Eins über's Andere ver⸗ geſſe,“ fuhr der Rathsherr fort,„ſo muß ich die ver⸗ ehrte Geſellſchaft mit dem eigentlichen Zwecke meines Beſuchs bekannt machen.“ 78 Alle horchten auf. „In einigen Tagen,“ ſprach er weiter,„werden Ihre Majeſtäten der Kaiſer von Rußland und der König von Preußen, welche ihren reſpectiven Armeen folgen, hier eintreffen. Es muß ganz Sachſen und Dresden insbeſondere daran liegen, daß dieſe hohen Monarchen einen freundlichen und friedlichen Sinn mitbringen, und hat daher der Rath beſchloſſen, den Einzug der hohen Häupter ſo feierlich als nßlich zu begehen. Eine Anzahl feſtlich gekleideter Jung⸗ frauen unſerer Stadt ſoll, Blumen ſtreuend, die hohen Sieger empfangen und es ergeht an die Familien Günther und Heumann von Seiten des Stadtraths und der Bürgerſchaft die ergebenſte Bitte, den re⸗ ſpectiven Töchtern eine gefällige Mitwirkung zu ge⸗ ſtatten.“ „Habt Ihr Luſt, Mädchen?“ frug der Geheimrath zu Anna und Clara gewendet,„ich für meine Perſon will der Sache nicht hinderlich ſein.“ Anna nahm begeiſtert die Aufforderung an, Elär⸗ chen ſah ſinnend vor ſich hin und ſchien keine rechte Luſt zu haben. „Da mir in dieſer Familiénſache als Bruder ein Wörtchen zuſteht,“ ſprach Ruffus,„ſo muß ich mich gegen derlei Empfangsfeierlichke iten entſchieden aus⸗ ſprechen; noch weniger kann ich zugeben, daß eine meiner Schweſtern daran Theil nimmt. Noch hat ſich unſer König nicht gegen Napoleon erklärt, er iſt Sachſens Bundesgenoſſe, und die Bürgerſchaft darf nicht dem Feinde ihres gewaltigen Alliirten mit Blu⸗ menkränzen entgegenkommen. Das wäre eine Maß⸗ regel, die Dresden ſehr zum Nachtheil gereichen könnte, falls Napoleon ſelbſt wieder in unſere Stadt einzöge. Die Franzoſen ſind auf uns ſo nicht ſonderlich zu 79 ſprechen, wie erſt, wenn wir ſie muthwilliger Weiſe durch dergleichen feindſelige Demonſtrativnen und Her⸗ zensergießungen herausfordern. Die Familien, deren Töchter den Monarchen Rußlands und Preußens Blu⸗ men geſtreut, könnten ihren vorzeitigen Patriotismus leicht ſchwer zu bereuen haben. Alexander wie Fried⸗ rich Wilhelm find ſo edeldenkende Männer, daß ſie einer Stadt nicht grollen werden, wenn man ſie auch ohne großes Gepränge empfängt, und der Empfang nur ein den Umſtänden angemeſſener iſt.“ „Mir ſcheint,“ erwiederte etwas ärgerlich der Raths⸗ herr,„daß Sie, verehrter junger Freund, nur die Be⸗ ſorgniß, der Napolevn werde wiederkommen, ſo ſpre⸗ chen läßt; aber ſeien Sie außer Furcht, den ſehen wir in dieſem Leben nicht wieder. Bevor jene grü⸗ nen und blauen Steinmauern und jene bepanzerten Cutraſſierreihen der verbündeten Armeen durchbrochen ſind, will's etwas; und wie großen Reſpect ich auch vor dem Genie des Kaiſers habe, ſo hat ſeine Macht in Rußland einen zu bedeutenden Stoß erhalten, als daß ſie ſich mit den ungeſchwächten Streitkräften Ruß⸗ lands und Preußens ſo bald wieder wird meſſen kön⸗ nen. Wenigſtens ſehen wir den Napoleon heuer nicht wieder und vielleicht, daß uns unter der Zeit Gott den Frieden ſchenkt.“ „Dem ſei, wie ihm wolle,“ verſetzte Ruffus mit Entſchiedenheit,„wir ſind unſerm verehrten Könige ſo viel Rückſichten ſchuldig, daß wir ſeine Gegner nicht mit Blumenguirlanden empfangen dürfen. Giebt der Vater den Schweſtern die Erlaubniß, ſich der Hul⸗ digungsſchaar anzuſchließen und bei den Empfangs⸗ feierlichkeiten zu paradiren, ſo habe ich wenigſtens das Meine gethan, wenn ich nach Kräften davon ab⸗ 3 6 gerathen habe und eine ſpätere Verantwortlichkeit kann mich nicht treffen.“ 80 „Der Bruder hat ganz Recht,“ meinte Clärchen, „der Kaiſer von Rußland und der König von Preu⸗ ßen mögen ſehr gute Herren ſein; aber Napoleon iſt mir doch lieber und nur mit Widerwillen würde ich ſeine Gegner huldigend bewillkommnen.“ „So erlaube mir es, guter Vater,“ bat Anna. „Ich erblicke in der Ankunft der Monarchen nur Glück und Heil für Sachſen und Deutſchland, und warum ſollt ich mich da nicht freuen aus Herzensgrunde?“ „Was meinſt denn Du, Röschen?“ frug Clärchen die Freundin. „Sollte mich Gott bewahren, in dieſer Dresdner Mädchengarde Parade zu ſtehen,“ proteſtirte dieſe; „ich kann ſolche offizielle Huldigungen überhaupt nicht leiden und bei der in Rede ſtehenden theile ich Ruffus' und Clärchen's Anſicht.“ „Ei, ei, meine Damen,“ ſprach der Rathsherr in halb ernſtem, halb ſcherzhaftem Tone,„Ihre deutſchen Schweſtern in Preußen würden ſich wenig freuen, Sie ſo unpatriotiſch ſprechen zu hören. Haben Sie nicht in den Zeitungen geleſen von den großen Opfern, welche Preußens Frauen und Mädchen auf den Altar des Vaterlandes niederlegen?“ „Wir leſen die Zeitungen nicht,“ ſprach Clärchen. „Nun aber doch davon gehört?“ frug Jener. „Allerdings,“ erwiederte Roſalie,„aber das iſt in Preußen etwas Anderes. Dort waren die Franzoſen eine Landplage und ihr Abzug mußte den Indifferen⸗ teſten mit Freude erfüllen. Wir haben uns dagegen nicht über ſie zu beklagen; im Gegentheil hab' ich ſie immer recht liebenswürdig gefunden. Ich würde mei⸗ nem eigenen Gefühl zuwiderhandeln, wollte ich gegen dieſe Nation feindſelige Geſinnungen hegen, und gerade heraus, es wäre bloße Heuchelei, wenn ich mich für eine ſogenannte deutſche Patriotin ausgäbe.“ 81 „Das iſt auch meine Meinung,“ ſprach Clärchen, und Ruffus konnte nicht umhin, ſeine lobende Zu⸗ ſtimmung zu geben. Nur der Rathsherr wollte ſich nicht werfen laſſen, und als er ſeiner Rede kein Ende finden konnte, ward's Roſalien ennuyant und ſie ſprach im determinirten Tone, der drollig klang, weil man wußte, daß kein Ernſt dahinter war:„Wiſſen Sie, Herr Stadtrath, daß Sie als ein Unterthan Sr. Majeſtät Friedrich Auguſt des Dritten von Sachſen die Töchter von Dresden nicht animiren ſollen, dem Feinde Blumen zu ſtrenen? Sie ſind ein Ruſſenfreund und ſobald der Kaiſer Napoleon wieder hier iſt, werd' ich Sie denunciren.“ Der Stadtrath wußte im erſten Augenblicke nicht recht, welches Geſicht er bei dieſen Worten machen ſollte, als aber Clärchen ſich des Lachens nicht ent⸗ halten konnte, erkannte er den Scherz. „Dieſe Denunciation,“ ſprach er,„kann ich mir gefallen laſſen, die werden Sie, da ſie an den Kaiſer Napoleon in Perſon ergehen ſoll, hoffentlich nicht an den Mann bringen. Wie ich ſchon geſagt, mit ſeiner Macht iſt's zu Ende. Er bringt nur die Schuljugend Frankreichs über den Rhein, ein Geſchlecht der Män⸗ ner giebt's bei den unaufhörlichen Kriegen in dieſem Lande nicht mehr. In vielen Ortſchaften ſoll man nur Weiber, Greiſe und Kinder erblicken.“ „Ueber dieſe männliche Entvölkerung habe ich ſeit Jahren viel ſprechen hören,“ bemerkte Ruffus,„aber ihr iſt wirklich nicht ſo. Ich habe ſo ziemlich ſichere Nachrichten hierüber mir zu verſchaffen gewußt. Die männliche Bevölkerung hat allerdings gelitten, aber gleichwohl iſt Frankreich in Vergleich zu dem Zeit⸗ alter unmittelbar vor der Revolution dermalen weit volkreicher.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. XI. 6 82 „Experientia docet,“ entſchied der Rathsherr, das Geſpräch abbrechend, und verſuchte noch einmal ſein Heil bei den beiden unpatriotiſchen Mädchen, aber vergebens. Indeß begann es dunkel zu werden, die Truppen⸗ züge hatten nachgelaſſen; dafür war es in den Häu⸗ ſern wegen der zahlreichen Einquartirung ſehr lebhaft geworden. Der Geheimrath mahnte zum Aufbruch. „Wenn wir nur die garſtige Neuſtadt im Rücken hätten,“ ſprach Clärchen,„da liegen lauter Ruſſen; ich lobe mir die Altſtadt.“ „Allerdings,“ äußerte Ruffus,„man hört da we⸗ nigſtens vaterländiſche Laute. Da ſind nur Preußen einquartirt, die in Stadt und Land wegen ihres mu⸗ ſterhaften Betragens, das gegen das ihrer Verbünde⸗ ten grell genug abſticht, allgemeine Liebe erworben haben. Uebrigens habt Ihr wegen der verwilderten Walachen Nichts zu befürchten. Der Wagen iſt be⸗ ſtellt, und ich fahre ſelbſt mit nach Hauſe.“ Als Günther's aufbrachen, mußten ſie das Ver⸗ ſprechen geben, beim Einzuge des Kaiſers von Ruß⸗ land und Königs von Preußen, der in einigen Tagen ſtattfinden ſollte, ihren Beſuch zu wiederholen. Auch der Rathsherr nahm freundlich Abſchied, ob⸗ gleich er ſeinen Zweck, zu Anna's großem Aerger, nicht erreicht hatte. gechſtes Rapitel. D Die Dresdner Mitglieder des Tugendbundes waren zahlreicher denn je verſammelt. Eine Anzahl der⸗ 83 ſelben war zu der Freiſchaar getreten, die der preu⸗ ßiſche Rittmeiſter, der Baron von Burstini, in Dresden organiſirte. Auch Gotthard und Reinhold befanden ſich darunter. Bereits trugen ſie die ſchmucke Jäger⸗ uniform und die Kampfluſt leuchtete aus den Augen der kräftigen, ſtattlichen Jünglinge. Man gab den zur Armee tretenden Freiwilligen ein kleines Abſchiedsfeſt. Viele preußiſche Offiziere waren als Gäſte geladen. Der ganze Akt hatte et⸗ was Feierliches, Erhebendes. Hier vernahm man keinen von den ſchalen Witzen, die damals in Unzahl auf Napolevn und die Franzoſen curfirten. Man machte die Zurückgewichenen nicht lächerlich. Alle wa⸗ ren von der Tendenz des Vereins zu ernſt geſtimmt. Man fühlte, daß der bevorſtehende Kampf ein Kampf auf Leben und Tod ſei, daß mancher der hier ver⸗ ſammelten Freunde und Waffenbrüder den einſtigen Sieg nicht erleben würde. Der eine Feſtordner erhob ſich; eine kiefe Stille erfolgte. „Ich glaube,“ ſprach er,„unſere heutige Verſamm⸗ lung nicht würdiger eröffnen zu können, als wenn ich die hochherzigen Worte wiederhole, die Friedrich Wil⸗ helm vor wenigen Wochen zu ſeinem Volke ſprach. Sie ſeien unſer Loſungswort im bevorſtehenden Kampfe, denn die Gerechtigkeit, ja die Heiligkeit unſerer Sache kann durch kein Aktenſtück wahrhafter und würdiger ausgeſprochen werden.“ Und mit ſchöner, begeiſterter Stimme, die dem großherzigen Inhalte würdig, las er: „An mein Volk! „So wenig für mein treues Volk, als für Deutſche bedarf es einer Rechenſchaft über die Urſachen des Kriegs, welcher jetzt beginnt. Klar liegen ſie dem 6 X 84½ verblendeten Europa vor Augen. Wir erlagen unter der Uebermacht Frankreichs. Der Friede, der die Hälfte meiner Unterthanen mir entriß, gab uns ſeine Segnungen nicht, denn er ſchlug uns tiefere Wunden, als ſelbſt der Krieg. Das Mark des Landes ward ausgeſogen. Die Hauptfeſtungen blieben vom Feinde beſetzt, der Ackerbau ward gelähmt, ſo wie der ſonſt ſo hochgebrachte Kunftfleiß unſerer Städte. Die Frei⸗ heit des Handels ward gehemmt und dadurch die Vuelle des Erwerbs und Wohlſtandes verſtvpft. Das Land ward ein Raub der Verarmung. Durch die ſtrengſte Erfüllung eingegangener Verbindlichkeiten hoffte ich meinem Volke Erleichterung zu bereiten, und den franzöſiſchen Kaiſer endlich zu überzeugen, daß es ſein eigener Vortheil ſei, Preußen ſeine Unabhängigkeit zu laſſen. Aber meine reinſten Abſichten wurden durch Uebermuth und Treuloſigkeit vereitelt, und nur zu deutlich ſahen wir, daß des Kaiſers Verträge mehr noch wie ſeine Kriege uns langſam verderben mußten. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo alle Täuſchung über unſern Zuſtand aufhört. Brandenburger, Preu⸗ ßen, Schleſier, Pommern, Litthauer! Ihr wißt, was Ihr ſeit ſieben Jahren erduldet habt, Ihr wißt, was Euer trauriges Loos iſt, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. Erinnert Euch an die Vorzeit, an den großen Kurfürſten, an den großen Friedrich. Bleibt eingedenk der Güter, die unter ih⸗ nen unſere Vorfahren blutig erkämpften, Gewiſſens⸗ freiheit, Ehre, Unabhängigkeit, Handel, Kunſtfleiß und Wiſſenſchaft. Gedenkt des großen Beiſpiels unſerer mächtigen Verbündeten, der Ruſſen, gedenkt der Spa⸗ nier und Portugieſen. Selbſt kleine Völker find für gleich große Güter gegen mächtige Feinde in den Kampf gezogen und haben den Sieg errungen. Er⸗ 85 innert Euch der Schweizer und Niederländer. Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden. Denn unſer Beginnen iſt groß, und nicht gering die Anzahl und Mittel unſerer Feinde. Ihr werdet jene lieber bringen für das Vaterland, für Euern ange⸗ bornen König, als für einen fremden Herrſcher, der, wie ſo viele Beiſpiele lehren, Eure Söhne und Eure letzten Kräfte Zwecken opfert, die Euch ganz fremd ſind. Vertrauen auf Gott, Ausdauer, Muth und der mächtige Beiſtand unſerer Bundesgenoſſen werden un⸗ ſern redlichen Anſtrengungen ſiegreichen Lohn gewähren. Aber welche Opfer auch von Einzelnen gefordert wer⸗ den mögen, ſie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für die wir ſie hingeben, für die wir ſtreiten und ſie⸗ gen müſſen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutſche zu ſein. Es iſt der letzte entſcheidende Kampf, den wir beſtehen für unſere Epiſtenz, unſere Unabhängigkeit, unſern Wohlſtand. Keinen andern Ausweg giebt es, als einen ehrenvollen Frieden oder ruhmvollen Untergang. Auch dieſem würdet Ihr ge⸗ troſt entgegengehen, um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und Deutſche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuverſicht vertrauen, Gott und unſer feſter Wille werde unſerer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen ſichern, glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklichern Zeit.“ Der Eindruck, welchen dieſer Aufruf des hochver⸗ ehrten Fürſten auf die Verſammelten hervorbrachte, war unbeſchreiblich. Selten ſah man die heilige Flamme für das Vaterland und für einen geliebten Fürſten ſchöner und reiner leuchten als hier. Ein preußiſcher Offizier, mit vielen Decprationen militai⸗ riſcher Bravour geſchmückt, erhob ſich. „Nicht minder ſchön,“ rief er,„hat unſer Fried⸗ 86 rich Wilhelm zu ſeinem Heere geſprochen; v, daß dieſe Worte in jedes deutſchen Kriegers Bruſt Widerklang finden möchten; und gewiß, das werden ſie, das müſ⸗ ſen ſie, denn nimmer hat wohl ein Fürſt ſo begei⸗ ſternd zu ſeinen Soldaten geſprochen.“ „Der Aufruf werde laut vorgeleſen!“ tönte es von mehrern Seiten. Gern entſprach der Offizier dieſem Wunſche und las: „An mein Kriegsheer! „Vielſeitig habt Ihr das Verlangen geäußert, die Freiheit und Selbſtſtändigkeit des Vaterlandes zu er⸗ kämpfen. Der Augenblick dazu iſt gekommen. Es iſt kein Glied des Volkes, von dem es nicht gefühlt würde. Freiwillig eilen von allen Seiten Jünglinge und Männer zu den Waffen. Was bei dieſen freier Wille, das iſt Beruf für Euch, die Ihr zum ſtehen⸗ den Heere gehört. Von Euch, geweiht, das Vater⸗ land zu vertheidigen, iſt es berechtigt zu fordern, wozu jene ſich anbieten. Seht, wie ſo Viele Alles verlaſſen, was ihnen das Theuerſte iſt, um ihr Leben mit Euch der Sache des Vaterlandes zu weihen. Fühlt alſo doppelt Eure heilige Pflicht! Seid Alle ihrer eingedenk am Tage der Schlacht. Des Einzel⸗ nen Ehrgeiz, er ſei der Höchſte oder der Geringſte im Heere, verſchwinde in dem Ganzen. Wer für das Vaterland fühlt, denkt nicht an ſich. Den Selbſtſüch⸗ tigen treffe Verachtung, wo nur dem allgemeinen Wohle es gilt. Dieſem weiche jetzt Alles. Der Sieg geht aus von Gott. Zeigt Euch ſeines hohen Schutzes würdig durch Gehorſam und Pflichterfüllung. Muth, Ausdauer, Treue und ſtrenge Ordnung ſei Euer Ruhm. Folgt dem Beiſpiel Eurer Vorfahren! Seid ihrer würdig und Eurer Nachkommen eingedenk! Gewiſſer Lohn wird treffen den, der ſich auszeichnet; tiefe Schande und ſtrenge Strafe den, der ſeine Pflicht ver⸗ gißt. Euer König bleibt ſtets mit Euch. Mit ihm der Kronprinz und die Prinzen ſeines Hauſes. Sie werden mit Euch kämpfen, und an unſrer Seite ein zu unſter und Deutſchlands Rettung gekommenes tapferes Volk, das durch hohe Thaten ſeine Unab⸗ hängigkeit errang. Es vertraute ſeinem Herrſcher, ſeinen Führern, ſeiner Sache, ſeiner Kraft und Gott war mit ihm! So auch Ihr! Denn auch wir kämpfen den großen Kampf um des Vaterlandes Unabhängigkeit. Vertrauen auf Gott, Muth und Ausdauer ſei unſte Loſung.“ Als der Vorleſer zu Ende war, der beſonders die letzten Worte ſehr hervorgehoben hatte, erhob ſich un⸗ willkürlich die ganze Geſellſchaft mit erhobenen Bechern, die klingend an einander ſtießen: „Vertrauen auf Gott, Muth und Ausbauer ſei unſere Loſung!“ „Wer iſt denn jener Herr dort neben dem Baron von Felseck?“ frug Gotthard ſeinen Nachbar,„er ſcheint nicht dem Militairſtande anzugehören; ſein Weſen hat aber etwas außerordentlich Anziehendes, Herzgewinnendes.“ „Das iſt der Profeſſor Arndt aus Greifswalde, unſer begeiſterter Volks⸗ und Freiheitsſänger,“ war die Antwort,„der Begleiter des Freiherrn von Stein. Er iſt durch die entflammende Rede ſeines Wortes der guten Sache ſo nützlich, wie ein Armeecorps. Noch dieſer Tage wieder iſt eine Schrift von ihm über Landſturm und Landwehr erſchienen, die gewiß recht ſegensreich wirken wird.“ Gotthard war freudig überraſcht, den trefflichen Mann ſo unerwarteter Weiſe kennen zu lernen, als der Vorſitzende wieder um's Wort bat. 88 „Herr Profeſſor Arndt,“ begann er,„ein Name voll guten Klangs im deutſchen Lande, hat den Bit⸗ ten vieler der geehrten Anweſenden nachgegeben, und wird ein deutſches Lied zum Beſten geben, das er erſt vor Kurzem gedichtet und das nur Wenigen be⸗ kannt iſt, aber bald im ganzen großen Vaterlande freudig widerhallen wird.“ Der Genannte erhob ſich, und las mit feſter, ener⸗ giſcher, aber zugleich höchſt wohllautender Stimme ein noch im Manuſeripte befindliches Lied, welches folgendermaßen lautete: Der Gott, der Eiſen wachſen ließ, Der wollte keine Knechte; Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß Dem Mann in ſeine Rechte; Drum gab er ihm den kühnen Muth, Den Zorn der freien Rede, Daß er beſtände bis auf's Blut, Bis in den Tod die Fehde. So wollen wir, was Gott gewollt, Mit rechten Treuen balten, Und nimmer um Tyrannenſold Die Menſchenſchädel ſpalten; Doch, wer für Tand und Schande ficht Den hauen wir in Scherben, Der ſoll im deutſchen Lande nicht Mit deutſchen Männern ſterben. O Deutſchland, heil'ges Vaterland! O deutſche Lieb' und Treue! Du hohes Land! du ſchönes Land! Wir ſchwören dir auf's Neue: Dem Buben und dem Knecht die Acht! Der nähre Kräh'n und Raben! So zieh'n wir aus zur Hermannsſchlacht Und wollen Rache haben. 89 Laßt brauſen, was nur brauſen kann, In hellen lichten Flammen! Ihr Deutſche, alle Mann für Mann, Zum heil'gen Krieg zuſammen! Und hebt die Herzen himmelan Und himmelan die Hände, Und rufet alle Mann für Mann: „Die Knechtſchaft hat ein Ende.“ Laßt klingen, was nur klingen kann, Trompeten, Trommeln, Flöten! Wir wollen alle Mann für Mann Mit Blut das Eiſen röthen, Mit Henker⸗ und mit Knechteblut— O ſüßer Tag der Rache! Das klinget allen Deutſchen gut, Das iſt die große Sache. Laßt wehen, was nur wehen kann, Standarten weh'n und Fahnen, Wir wollen heut' uns Mann für Mann Zum Heldentode mahnen. Auf! fliege hohes Siegspanier, Voran den kühnen Reihen! Wir ſiegen oder ſterben hier Den ſüßen Tod der Freien.“ Dieſes urkräftige Lied war von außerordentlicher Wirkung. Beſonders waren Gotthard und Reinhold davon begeiſtert. Erſterer brachte einen Toaſt auf den trefflichen Dichter. Es wurden noch mehre vaterländiſche Geſänge an⸗ geſtimmt und mit Begeiſterung geſungen. „Ruffus war alſo auch heute nicht zu bewegen,“ frug während einer Pauſe der ältere Steinberg ſei⸗ nen Bruder,„unſerm herzerfreuenden Vereine beizu⸗ wohnen?“ „Mein Zureden war, wie gewöhnlich, vergebens,“ 90 „ antwortete der Gefragte.„In der That, manchmal möchte man irre werden, zumal ſeit ſeinem jüngſten Benehmen gegen Anna, der er nicht einmal geſtatten wollte, die verbündeten Monarchen zu bewillkommnen.“ „Wirklich?“ frug Gotthard düſter,„mich nimmt's Wunder, daß er nicht mit den Franzoſen abgezogen und uns in den nächſten Tagen in der feindlichen Schlachtreihe entgegentritt.“ „Seine Indifferenz gegen unſre heilige Sache, die alle deutſche Herzen erwärmt, iſt faſt Liebloſig⸗ keit, ſprach der Bruder.„Mich hat ſie in letzter Zeit oft genug verletzt, und wenn mich Anna nicht intereſſirte, würde ich ſeltener mit ihm zuſammenge⸗ kommen ſein.“ „Auch mit ſeiner gerühmten Weisheit iſt's nicht richtig,“ ſprach Gotthard;„in der Sternburg hat er ſich wahrhaft getäuſcht.“ „Tauſend gegen Eins, allerdings,“ fiel Reinhold feurig ein,„das iſt ein herrliches Weib; ihr Weſen liegt ſo offen und rein da. Ich begreife nicht, was der Miſanthrop darunter ſuchte, uns von ihr zurück⸗ zuhalten.“ Das Feſt nahte ſeinem Ende. Nach Abſingung des trefflichen Liedes von Arndt: Was iſt des Deut⸗ ſchen Vaterland ꝛc. ging die Geſellſchaft, die bis zu⸗ letzt in den Grenzen einer ernſtheitern Geſelligkeit ge⸗ blieben war und alles Bacchanal ſtreng gemieden hatte, ohne großen geräuſchvollen Aufbruch auseinander. 91 Siehentes Rapitel. Rufus las ſo eben ſeinen beiden Schweſtern die neueſte Nummer der Leipziger politiſchen Zeitung vor, die vor wenig Wochen ganz Napolevniſch, jetzt mit Einemmale Koſakiſch geworden war und konnte ſich nicht enthalten, ſeine trocknen Bemerkungen darüber zu machen. „Die armen Leipziger,“ ſprach er,„ſind übel daran, ihre politiſche Zeitung wird ſie wieder ſtark in's Malheur bringen, wenn die Franzoſen dieſes Zeug da leſen, ſchwarz auf weiß, oder vielmehr ſchwarz auf grau, denn dieſes Journal iſt in Betreff ſeines Papiers ein Grauſchimmel, werden ſie, ſobald ſie von Lindenau hereindefilirt ſind, die armen Pleiß⸗ hanſeaten in neue Contribution ſetzen. Das Rai⸗ ſonniren auf Napoleon iſt einmal eine koſtſpielige Sache.“ „Wir wollen doch nicht hoffen, daß die Franzo⸗ ſen wieder nach Leipzig kommen?“ verſetzte Anna. „Ich hoffe es auch nicht,“ verſicherte der Bruder; „aber ſo unwahrſcheinlich iſt die Sache nicht.“ „Ja, ich wünſche es, daß ſie wiederkommen,“ ſprach eifrig Clärchen,„die garſtigen Kalmücken und Baſchkiren mit ihren kleinen häßlichen Angen, die alle Straßen und Plätze zu Pferdeſtällen umgewan⸗ delt haben, ſind mir höchlich zuwider.“ „Nun, das iſt gewiß,“ meinte Ruffus,„halb Aſien muß herein ſein. Ich ſpazierte geſtern vor dem ſchwarzen Thore, da kam ein wahrhaft hoch ſiatiſcher Völkerzug auf der Straße von Bautzen daher. Erſt 92 doniſche Koſaken, die mochten paſſiren. Dann ukrä⸗ niſche Koſaken in grauen Friesmänteln mit metallnen Kreuzen auf der Bruſt und Filzmützen von gleicher Farbe; die konnten auch allenfalls für europäiſche Reiterei gelten; aber die nun folgende ſogenannte ir⸗ reguläre Cavallerie, das waren merkwürdige Kerle; an Feuerwaffen war bei ihnen nicht zu gedenken: ihr Schießzeug beſtand in Pfeil und Bogen à 15 Wil⸗ helm Tell. Reguläre Reiter ritten gleichſam als Treiber zu beiden Seiten dieſer aſiatiſchen Elite, die von Ordnung und Disciplin keine Ahnung hat. Wie man mir erzählte, werden dieſen Leutchen die Säbel erſt unmittelbar vor dem Einhauen geſchliffen, weil ſie ſonſt mit ſcharfen Waffen nur Unfug unter ſich ſelbſt anrichten würden. Daß ſie ſogar kleine Kinder ſpießen und braten, glaub' ich nicht; aber ſehr un⸗ wahrſcheinlich iſt's nicht. Uebrigens treiben ein paar franzöſiſche Voltigeur⸗Compagnien dieſe ganze Reite⸗ rei zum Kuckuck, und ich begreife nicht, was dieſes Volk, das, wie Heuſchreckenſchwärme, die Gegenden nur arm frißt, der ruſſiſchen Armee nützen ſoll. Den Baſchkiren und Kalmücken folgte ein unabſehbarer Zug Rüſtwagen, deren Rutzen mir gleichfalls nicht klar iſt. Nebenher trabten große Hunde, deren Spitzköpfe und lange Schwänze die kamtſchatkaliſche Abkunft gar nicht verleugnen konnten. Kurz, der ganze endloſe Zug war eine wahrhaft aſiatiſche Völkerwanderung.“ Schmetternder Trompetenruf und freudiger Hör⸗ nerſchall tönten jetzt auf dem großen Platze vor dem Pirnaiſchen Thore, welcher von den Fenſtern des Ge⸗ heimraths vollkommen überſehen werden konnte. „Das ſind die Lützowſchen Jäger,“ ſprach Ruffus auf⸗ ſpringend, und trat mit den Schweſtern an's Fenſter. Aus allen umliegenden Straßen kamen jetzt ſtatt⸗ 93 liche Jünglinge geſprengt in einfachſchöner Jägeruni⸗ form mit wehenden dunkelgrünen Federbüſchen. „Ein ſtattliches Corps,“ lobte Ruffus,„ſolche Sol⸗ daten laß ich mir gefallen, die fürchten ſelbſt die alte Garde nicht. Die Steinberg's ſtecken auch mit darun⸗ ter, die herrlichen Jungen.“ Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als ein hoher, ſchlankgewachſener Jäger auf prächtigem Rap⸗ pen gegen das Haus geſprengt kam. „Beim Himmel,“ ſprach Ruffus,„das iſt der Reinhold, er wird Abſchied nehmen wollen.“ Anna war todtenbleich in den Stuhl zurückge⸗ ſunken. „Das iſt ſchön,“ rief Ruffus dem eintretenden e entgegen, und ihn herzlich umarmend, „daß Du uns bei Deinem Patriotismus nicht ganz vergißt und noch einmal heimſuchſt. Wann ſoll die Reiſe fortgehen?. „In einem Stündchen,“ war die Antwort,„Gott⸗ hard läßt herzlich grüßen, der iſt mit der Avantgarde bereits voraus auf der Straße nach Freiberg.“ Clärchen brachte dem jungen Kriegsmann einen Stuhl, Ruffus aber konnte ſich nicht ſatt ſehen an dem ſchmucken Jäger. „Weiß Gott,“ ſprach er,„Du machſt Dich aller⸗ liebſt, Du biſt ein geborner Soldat. Schaff' mir eine Armee von ſolchen Leuten, und ich treibe den Napoleon nach der erſten Schlacht über den Rhein.“ Reinhold hatte wenig Aufmerkſamkeit für das Lob des Freundes. Auf der bleichen innerlich zit⸗ ternden Anna, dem Ideale ſeines Lebens, ruhten ſeine Blicke. Er nahte ſich ihr mit aller Beſcheiden⸗ heit ſchüchterner Liebe und erbat ſich ihren Segen für den bevorſtehenden Kampf. 9⁴ Ruffus hatte unterdeß Wein gebracht und vier Gläſer. „Alſo auf frohes, glückliches Wiederſehen,“ ſprach er nicht ohne Bewegung,„ſtoß an, Freund, und Ihr Mädchen auch.“ Die Gläſer klangen wie Glocken an einander. „Das klingt ſchön,“ fuhr Erſterer fort, und ſuchte ſeine Rührung mit Gewalt niederzukämpfen.„Aber wir müſſen dem Abſchied auch eine romantiſche Seite abgewinnen. Anna, Du mußt unſerm Freunde ein Andenken geben, einfach und ſinnig, das er treu be⸗ wahrt und einſt wiederbringt, zum Zeichen, daß er ſeine Freunde in Dresden nicht vergeſſen hat.“ Das ſchöne Mädchen erröthete und gerieth in Ver⸗ legenheit. Sie wußte im erſten Augenblicke nicht, ob ſie den Wunſch des Bruders, der zugleich der ihres Herzens war, gewähren ſollte. Reinhold's Augen blickten flehend zu ihr auf. „Nur ein Band oder ſo Etwas,“ ſprach Ruffus, „Ihr Mädchen ſeid ja nicht arm an dergleichen lie⸗ benswürdigen Kleinigkeiten.“ Mechaniſch und halb bewußlos löſ'te jetzt Anna eine roſenrothe Schleife von ihrer Bruſt und reichte ſie zögernd dem glücklichen Reinhold. Mit heißen Küſſen bedeckte dieſer das reizende Vermächtniß. „Es ſei mein Talisman,“ rief er,„und freudi⸗ ger ziehe ich in Kampf und Tod. Da tönten abermals die Trompeten und mahnten zum Aufbruch. Reinhold war nicht länger zu halten. „Das Vaterland ruft,“ ſprach er, und nochmals umarmten und küßten ſich die Freunde; Thränen ſtan⸗ den in beider Augen. „Wenn Ihr deutſche Mädchen ſein wollt,“ ſprach Ruffus zu den Schweſtern,„ſo verweigert ihm den 95 Abſchiedskuß nicht, er verdient ihn, denn es iſt ein geweihter Kämpe, der für das Heiligthum ſeiner Bruſt in den Kampf zieht, und wer weiß,“ fügte er ernſter hinzu,„ob ihr ihn wiederſeht.“ Clärchen ſtand Reinhold gerade zur Hand, der ſich die Worte des Bruders nicht zwei Mal ſagen ließ, und dem lieblichen Kinde, das ſich auch weiter nicht ſträubte, einen Kuß auf die Wange drückte. Bei Anna erſchien ein Kuß Reinhold faſt ein Ver⸗ brechen. Er zögerte einen Augenblick, ob er bei die⸗ ſer Heiligen es wagen ſollte. Da tönte zum dritten Male der mahnende Trom⸗ petenruf, nur ein Augenblick noch war vergönnt und er benutzte ihn. Halb bewußtlos eilte er auf die Geliebte zu und ein langer, ſeelenvoller Kuß beſie⸗ gelte den Bund der beiden Herzen. Gleich darauf vernahm man die gewaltigen Huf⸗ ſchläge eines weit ausgreifenden Streitroſſes. Ein ſeltſam wehmüthiger Zug hatte ſich bei der Abſchiedsſcene der Schweſter Anna um den Mund des Bruders gelegt, und leiſe für ſich ſprach er die Worte: „Wer grübe ſich nicht ſelbſt ein Grab Und würfe froh des Lebens Bürd' hinab, Wenn holder Wahn nicht wäre.“ Doch gleich darauf wandte er ſich wieder zu Anna. „Nun bringt es die Ordnung mit ſich,“ ſprach er, „daß Du Dich aà la Ritterfränlein an's Fenſter ſetzeſt und eine Schärpe ſtickſt oder ſo Etwas, indeß ſich der arme Junge draußen herumpaukt und unſterbliche Lorbeeren erringt. Apropos, Clärchen, wie hat denn Dir der junge Vaterlandsvertheidiger gefallen?“ „Gar wohl,“ geſtand dieſe offenherzig,„wenn er nur nicht gegen den Nap zöge.“ „Ja, mir iſt auch bange,“ meinte der Bruder, 96 „mehr um Reinhold und Gotthard als um den Nap⸗ Letzterer iſt ſchon wiederholt dabei geweſen, und ihm direct gegen übermag nicht gut Hütten bauen ſein. Er iſt bereits zu Erfurt angelangt. Vier Regimenter alter Garde hat er mit der Poſt nach Deutſchland fahren laſſen. Ganz Thüringen ſteckt voll Franzoſen. Ney, Marmont, Oudinot, die Marſchälle der kaiſer⸗ lichen Garden kommen alle wieder mit. Die Armee ſoll trefflich organiſirt und von bewundernswürdigem Muthe beſeelt ſein. Ueberdies hat Napoleon, als er von Saint Cloud nach Deutſchland abfuhr, geſagt: „e ferai cette campagne comme le général Buona- parte, et non pas en Empereur!“ WMit der Caval⸗ lerie ſoll's übrigens ſehr ſchlecht ſtehen, die hat in Rußland ihren Todesſtoß erhalten; aber Napoleon weiß ſich zu helfen. Wir müſſen denken, hat er zu ſeinen Soldaten geſagt, wir wären in Aegypten. Da hatten die Franzoſen bekanntlich ebenfalls großen Man⸗ gel an Reiterei.“ Der Geheimrath trat jetzt in's Zimmer. „Der Kaiſer Alexander und König Friedrich Wil⸗ helm werden erwartet,“ ſprach er;„man hat eine Ehrenpforte am ſchwarzen Thore gebaut, und die Töchter aus den angeſehnſten Familien werden die Monarchen empfangen. Ich würde es daher jetzt nicht ungern ſehen, wenn Anna wenigſtens Theilnehmerin würde. Es wird täglich gewiſſer, daß Sachſen zur Allianz mit Rußland und Preußen tritt. Den neue⸗ ſten Nachrichten zu Folge iſt unſer König von Re⸗ gensburg nach Prag abgereiſ't. Oeſterreich intriguirt gegen Frankreich, und erwartet den günſtigen Augen⸗ blick, um als Feind hervorzutreten; kurz Alles deutet auf vollkommene Endſchaft der Franzoſenherrſchaft, und da erfordert's die Klugheit, in Zeiten ſich vor⸗ zuſehen.“ 97 Anna nahm die Worte des Vaters wie eine frohe Botſchaft auf und ſprach ſogleich ihre Bereitwillig⸗ keit aus. Clärchen blieb ſich conſequent und erklärte, nur gezwungen würde ſie den Feinden Napoleon's Blumen ſtreuen, außerdem nicht. Ruffus ſchüttelte mißbilli⸗ gend den Kopf. „Ich habe meine Erklärung gegeben,“ ſprach er, „und fürchte, daß wir unſere vorzeitige und unzei⸗ tige Huldigung bald zu bereuen haben dürften. Wenn es indeß der Vater für zweckmäßig und nützlich hält, will ich nicht entgegentreten; aber nochmals, ich fürchte, wir werden es bereuen.“ „Nun, ſchaden wird es nichts,“ ſprach Clärchen, „ſelbſt wenn der Kaiſer wiederkäme, es geſchieht doch nur zum Beſten der Stadt, damit ſie von den Sie⸗ gern mehr geſchont werde.“ „Das wäre ein ſehr einſeitiger Beweggrund,“ be⸗ merkte Anna. Clara wollte einen andern nicht gelten laſſen und ſie geriethen in Streit, den Ruffus am beſten dadurch endete, daß er ihnen einen Spaziergang in den ſchö⸗ nen Frühlingsmorgen vorſchlug, was von den beiden Widerſacherinnen mit gleicher Bereitwilligkeit ange⸗ nommen wurde. Achtes Rapitel. Die Glocken tönten von allen Thürmen Dresdens, als ſich von der Bautzner Straße her ein unabſeh⸗ barer Heereszug ruſſiſcher und preußiſcher Truppen Stolle, ſämmtl. Schriften. XI. 98 der Stadt nahte. Es war der Kern der alliirten Armee, die ſämmtlichen Garden der beiden nordiſchen Monarchen; nicht weniger denn fünfundzwanzig Ba⸗ taillone erleſener Mannſchaft, gefolgt von ſechszig Stück Geſchütz. Die ganze Umgebung vor dem ſchwarzen Thore war mit zahlreichen Volkshaufen bedeckt, Aller Blicke und Aufmerkſamkeit der Bautzner Straße zugewendet. Ueberall tönte kriegeriſche Muſik. Kaum hatte es auf dem Neuſtädter Rathhauſe Ein Uhr geſchlagen, als die knospenſchwellende Kaſtanienallee entlang in Begleitung eines zahlreichen und glänzenden General⸗ ſtabes ein hoher ſtattlicher Mann geſprengt kam. Es war der gewaltige Feind Napoleon's, der Beherrſcher des Nordens, Alexander der Erſte von Rußland. Ein donnerndes Hurrah der in Spalier geſtellten Garden, in welches das laute Vivat der Bevölkerung Dresdens einfiel, begrüßte den liebenswürdigen Mo⸗ narchen, deſſen freundlichen und ſanften Zügen man es nicht anſah, daß das Geſchick des Welttheils in ſeinen Händen lag. Alexander dankte freundlich mit der Hand, ſprang vom Pferde und ging eine Strecke zu Fuß. Es währte nicht lange, als der aufwirbelnde Staub eine neue heranſprengende Cavalcade verkündete. Von Neuem und faſt noch lauter ertönten die Hurrahs und Vivats, und gleich darauf gewahrte man den ritterlichen König von Preußen, wie er gleichfalls vom Pferde ſtieg und nach der Gegend hin eilte, wo ſich Alexander befand. Die beiden Monarchen umarmten ſich herzlich, worauf ſie hoch zu Roß, gefolgt von ihren Garden, unter dem Jubel der Bevölkerung und dem Donner der Kanonen und Gbockengeläute in die Königſtadt einzogen. 99 Am Thore waren zwei durch Blumengehänge ver⸗ bundene Säulen errichtet. Hier ſtanden die Mitglie⸗ der des Stadtraths und der geſammten Geiſtlichkeit aller Confeſſionen. Weißgekleidete Mädchen, Blumen⸗ körbchen tragend, bildeten eine reizende Doppelreihe, und als die Fürſten vorüber zogen, fiel ein Blumen⸗ regen vor ihnen nieder. Ruffus ſchaute wie jüngſt, als die verbündeten Truppen die Hanptſtraße defilirten, nebſt Clärchen, Roſalien, einigen Bekannten und Bekanntinnen bei Heumann's zum Fenſter hinaus. Anna hatte ihrem patriotiſchen Herzen nicht widerſtehen können und ſtreute mit Blumen. „Der Frühling blüht prächtig hervor,“ ſprach Ruffus,„ein vernünftiger Menſch ſollte ſich eigentlich verlieben; ich ſelbſt wär gern dabei, aber kann man bei dieſem ewigen Kriegslärm zur Ruhe kommen?“ Heumann klopfte ihm jetzt auf die Schultern. „Was ſoll's?“ ſprach Ruffus. „Theuerſter Freund,“ war die Antwort,„Sie müſſen mir ſpäter ein wenig helfen bei meiner De⸗ coration.“ „Was wollen Sie denn decoriren?“ frug Günther verwundert. „Eine Art Transparent für die heutige Illumi⸗ nation,“ war die Antwort. „Was ſoll denn transparirt werden?“ frug jener weiter. „Nur ein paar Worte,“ erzählte jener,„einfach, aber ſinnig, ich hoffe, ſie ſollen Glück machen. Seit Sachſens Anſchluß an Preußen und Rußland ſo gut wie entſchieden iſt, kann man was wagen.“ „Wie heißen denn dieſe Worte?“ „Es iſt eine Bitte aus dem Vaterunſer,“ ſprach 7½ 100 Heumann,„für die Gegenwart ganz paſſend. Ich habe nämlich auf das Transparent ſchreiben laſſen: Erlöſ' uns von dem Uebel! Iſt der Einfall nicht gut?“ „O vortrefflich,“ erwiederte Ruffus ärgerlich,„ha⸗ ben Sie wirklich nichts Geſcheidteres finden können?“ „Sie haben auch überall Bedenklichkeiten,“ ent⸗ gegnete Heumann, durch dieſe Kritik in ſeiner Eitel⸗ keit verletzt,„helfen Sie mir lieber beim Arrange⸗ ment, die Sache iſt einmal nicht zu ändern.“ „Da ſoll mich der Himmel bewahren,“ proteſtirte Ruffus,„an ſolcher verbrecheriſchen Illumination Theil zu nehmen.“ Heumann rief jetzt die Anweſenden gegen ſeinen Widerſacher zu Hülfe. Die liebenswürdige Perſön⸗ lichkeit der verbündeten Monarchen hatte faſt Alle, mit Ausnahme Clärchens, antinapolevniſch geſtimmt. Man ergriff allgemeine Partei gegen den Napolevniſten. „Es geſchieht nicht aus Zuneigung für Napolevn,“ vertheidigte ſich dieſer.„ich ärgere mich nur über die Unvorſichtigkeit.“ „Wo die Unvorſichtigkeit ſtecken ſoll, begreife ich eigentlich nicht,“ frug Roſalie. „Macht was Ihr wollt,“ entſchied endlich Ruffus; „komm, Clärchen, ſie mögen ſich vom Uebel erlöſen laſſen; das größere Uebel wird nicht ausbleiben.“ Heumann's und die Bekannten wußten nicht recht, ob ſie Ruffus Worte mehr für Scherz oder Ernſt nehmen ſollten. Nachdem er ſie nochmals ernſtlich abgemahnt, die bewußte Decoration nicht auszuſtellen, aber bei Heumann, der ſich in dieſe Idee einmal ver⸗ liebt, kein Gehör gefunden hatte, machte er wirklich Anſtalt zum Aufbruch und konnte nur durch Clara's Bitten zurückgehalten werden. 104 Anna war jetzt von ihrer Huldigungsfeier zurück⸗ gekehrt und noch begeiſtert von der Liebenswürdigkeit der beiden Monarchen. Mit ihr zugleich erſchien eine reizende Blondine, Pauline mit Namen, eine lebens⸗ luſtige Leipzigerin, die ſeit Kurzem mit ihren Eltern nach Dresden gezogen und mit Heumann's gut be⸗ freundet war. Ihre Bewegungen waren leichter und ungezwungener, als die der Dresdner Mädchen; ſie ſprach ſchneller, war ſeltner um eine Antwort verle⸗ gen, reſoluter; aber ihre Reden ohne tiefern Gehalt; ſie waren ein liebenswürdiges Geſchwätz, wo man ſich ſpäter allemal wundert, wie man daſſelbe ſo lange und ſo geduldig hat anbören können. Ruffus machte nichts mehr Vergnügen, als im Stillen den Habitus von jungen Damen aus ver⸗ ſchiedenen Städten mit einander zu vergleichen und Betrachtungen darüber anzuſtellen. Obſchon die Städte Dresden und Leipzig dem mäßiggroßen Königreiche Sachſen angehören, kaum dreizehn Meilen von ein⸗ ander entfernt liegen und in täglicher Berührung mit einander ſtehen, ſo iſt ihre beiderſeitige Phyſiognomie doch ſehr verſchiden. Hauptſächlich tritt dies bei den Damen hervor. Unter Dresdnerinnen wird man die Leipzigerin in der erſten Minute herausfinden, und umgekehrt. Die Leipzigerinnen wollen in Modean⸗ gelegenheiten eine gewiſſe Superiorität über die Re⸗ ſidenzſtädterinnen behaupten, wodurch ſich letztere häu⸗ fig gekränkt fühlen: Daß in Leipzig, vermöge der ſchnellen Communication, in welcher dieſe Stadt mit Paris und Wien ſteht, die Moden neuer ſind als in Dresden, verſteht ſich; aber in dieſer Modenneuheit liegt es nicht allein, die Leipzigerinnen kleiden ſich auch anders als die Elbflorentinerinnen. Man hat oft und viel geſtritten, worin dieſer Unterſchied liegt, und ob Leipzig oder Dresden, hinſichtlich der Klei⸗ dertracht, der Vorrang gebühre. Ruffus ſtritt ſich gern über ſolche Miniaturange⸗ legenheiten, und er benutzte die Anweſenheit der Leip⸗ zigerin, einige Parallelen zwiſchen den beiden Städten auf's Tapet zu bringen. „Wir wollen einmal die Politik,“ begann er, „Kaiſer und Könige auf die Seite ſtellen, und die wichtige Frage zur Tagesordnung bringen, wer ſich vortheilhafter anzukleiden verſteht, die ſchönen Leip⸗ zigerinnen, von denen wir heute ſo glücklich ſind, eine Repräſentantin zu beſitzen, oder unſere Lands⸗ männinnen in loco?“ Die Stimmen waren getheilt. Pauline verthei⸗ digte ihr Leipzig mit aller Energie. Roſalie und Anna Dresden. Clärchen ſaß nachdenklich da. Der Geheimrath und Heumann ſtimmten, wahrſcheinlich in Erinnerung einſtiger Burſchenzeit, unbedingt für Leipzig, ein anweſender Vetter von Heumann's zog, vielleicht aus Galanterie für Anna, den Dresdner Geſchmack vor, Ruffus leitete die Debatten. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ ſprach Heumann, „es ſitzt bei den Leipzigerinnen Alles beſſer, es iſt Alles gebügelter und gedrechſelter. Es iſt Alles ſo, ich weiß nicht wie; kurz, Ihr verſteht mich.“ „Ich muß geſtehen,“ erwiederte Roſalie,„in dem Gebügelten und Gedrechſelten ruht doch unmöglich der Geſchmack. Wo finden wir bei den Griechen, den Idealen weiblicher Schönheit und Tracht, dergleichen faltenloſes Zuſammenſchnüren und Preſſen?“ Da ſtehen wir Dresdnerinnen, die wir dieſes weniger lie⸗ ben, jenem Ideale unbeſtritten näher.“ „Ja, aber auch dem Alterthume,“ bemerkte Pauline. 103 „Aber Ihr werdet uns hoffentlich nicht allen Ge⸗ ſchmack abſprechen?“ frug Anna. „Ei bewahre,“ rief der Geheimrath,„die Dresd⸗ nerinnen kleiden ſich größtentheils geſchmackvoll; nichts⸗ deſtoweniger haben die Leipzigerinnen Etwas in der Kleidung, das ihnen allerliebſt ſteht und das man bei den Dresdnerinnen vermißt.“ „Nun, was iſt denn das?“ frug Ruffus. „Ja,“ entſchuldigte der Geheimerath,„es läßt ſich nicht beſchreiben, man muß es ſehen.“ „Doch ein Begriff muß bei dem Worte ſein,“ fuhr Ruffus, aus Fauſt declamirend fort,„was ſagt denn mein Clärchen über vorliegenden Caſus?“ Das geliebte Kind hatte ſcharf nachgedacht; ſie fuhr ſich noch einigemal ſinnend mit der kleinen weißen Hand über die Stirn; dann ſprang ſie auf. „Ich hab's, rief ſie,„und bitte um's Wort.“ „Silence!“ commandirte der Präſident. „Die Dresdnerinnen,“ docirte Clärchen,„ver⸗ ſtehen ſich geſchmackvoll anzuziehen; die Leipzigerin⸗ nen aber verſtehen es, ſich geſchmackvoll zu putzen.“ Eine augenblickliche Stille erfolgte. „Das iſt's auch,“ ertönte es beiſtimmend von mehren Seiten. „Unbeſtritten!“ rief Ruffus freudig,„das Blitz⸗ mädel hat's getroffen. Es iſt ganz richtig, das„ſich putzen“ verſtehen ſie hier nicht, da überladen ſie ſich gewöhnlich; aber die an der Pleiße beſitzen ein eigenes Raffinement. Die können einen halben Galanterie⸗ laden aufpacken, man wird immer ſagen müſſen: es kleidet ſie allerliebſt.“ „Ich gebe Clärchen Recht,“ geſtand Pauline lächelnd. „Die Debatte iſt geſchloſſen,“ decretirte Ruffus, „Clärchen hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Noch 104 möcht' ich eine andere Frage,“ fuhr er fort,„auf die Tagesordnung bringen, wenn ich nicht fürchten müßte, dem Zartgefühl der gegenwärtigen Damen zu nah' zu treten.“ „Nur immer heraus,“ munterte Heumann auf, „es wird ſo ſchlimm nicht ſein, und Sie werden die Pille ſchon zu verzuckern wiſſen.“ „Nämlich die Frage,“ ſprach Ruffus,„wo es mehr hübſche Mädchen giebt, in Dresden oder in Leipzig?“ „Wie kann uns die Frage verletzen?“ frug Clär⸗ chen gutmüthig,„wir halten uns ſämmtlich für hüb⸗ ſche Mädchen, und führen ſo den lebendigen Beweis, daß dergleichen in beiden Städten wachſen.“ „Sehr wohl, Verehrteſte,“ lächelte der Bruder, „aber wo iſt die Mehrzahl?“ „Nun, da verfahren wir ſtatiſtiſch,“ rieth Clär⸗ chen,„Dresden hat ein Fünftel mehr Bewohner, als Leipzig, folglich giebt's auch bei uns ein Fünftel hüb⸗ ſcher Mädchen mehr.“ „Ich will einmal hier ganz unparteiiſch richten,“ fiel Pauline ein,„und hoffe, beide Städte zufrieden zu ſtellen. Bei uns findet man der Anzahl nach al⸗ lerdings mehr hübſche Geſichter, aber an wahrhaften Schönheiten liefert Dresden die Mehrheit.“ „Wird dem Ausſpruch vom Fräulein Pauline bei⸗ geſtimmt?“ frug der Präſident. „Anna und ich ſind in Leipzig zu wenig bekannt,“ erwiederte Clärchen,„enthalten uns demnach eines Urtheils; doch in Betracht der trefflichen Beobachtungs⸗ gabe unſrer lieben Leipzigerin, ſtimme ich für meine Perſon vollkommen bei.“ „Wir desgleichen,“ bemerkten Anna und Ro⸗ ſalie. 105 „ „Clärchen kann ſich alle Tage,“ brummte Ruffus lächelnd,„in's engliſche Parlament wählen laſſen. Das Kind ſpricht wie gedruckt. Uebrigens ſind aller guten Dinge drei. Welcher Stadt, in wohnlicher Hin⸗ ſicht betrachtet, iſt der Vorzug zu geben?“ Hier waren die Stimmen wieder getheilt. „Für den Sommer in Dresden und den Winter in Leipzig,“ meinte der Vetter. „Nur die Meſſen in Leipzig,“ ſprach Roſalie. Man ſtritt ſich noch geraume Zeit, welcher von den beiden Städten der Vorzug zu geben. Ruffus endlich ſprach ſich energiſch gegen Leipzig aus. „Mir iſt nichts verhaßter,“ motivirte er ſeinen Ausſpruch,„als eine Krämerſtadt, wo des Lebens Wohl und Weh ſich nur um Courſe und Prozente dreht. Die vielen Krämerſeelen wirken demoraliſi⸗ rend auf die ganze Bevölkerung. Der warmblütigſte Menſch verknöchert allmälig in dieſer markaustrock⸗ nenden Atmoſphäre von Leipzig. Alles Gemüthsle⸗ ben wird von dem ſpeculirenden Calcul des Kauf⸗ manns verdrängt, nur das Intereſſe gilt, das todte Metall, und der Egoismus, dieſe Wurzel aller Miſe⸗ rabilitäten auf Erden, ſproßt nirgends üppiger. Das iſt nun nicht ſo in Dresden, dem ich übrigens wegen ſeiner oft großartigen Philiſtroſität deshalb keine Lob⸗ rede halten will. Aber der Menſch bleibt hier doch wenigſtens ein warmblütiges Geſchöpf, und wie bor⸗ nirt er auch zuweilen einherſchreitet, iſt er mir doch lieber, als ſo eine herzloſe Amphibie, wie Leipzig zu Hunderten aufzuweiſen hat.“— Pauline war ganz erbittert ob dieſer Kritik ihrer Vaterſtadt. Sie ließ ſich die Vertheidigung ſehr an⸗ gelegen ſein. Ruffus aber fuhr fort: 106 „Und liegt der Fluch nicht ſchon über der gan⸗ zen eintönigen, ſumpfigen Gegend? Es iſt etwas Troſtloſes, Unerquickliches, die endloſe Ebene. Nach Leipzig kommen die Völker blos, um zu ſchachern oder ſich todt zu ſchlagen, und es ſoll mich ſehr wundern, wenn die nächſte Schlächterei nicht gleich⸗ falls auf dieſer vortrefflichen Schlachtbank vorgenom⸗ men wird.“ „Ei, wo denken Sie hin!“ unterbrach Heumann, „bei Leipzig? Am Rheinufer, wenn nicht gar in Frankreich, kömmt's zur Schlacht. Napoleon ſoll zwar in Mainz ſein, aber ſeine improviſirte Armee kann unmöglich den Rhein überſchritten haben.“ „Wenn ich Sie verſichere,“ erwiederte Ruffus, „daß die Franzoſen bereits aus allen Schluchten des Thüringer Waldes hervorbrechen, ſo möchten die Ka⸗ nonen doch eher bei Leipzig, als am Rheine gehört werden.“ Der Abend war hereingebrochen, der Trommel⸗ lärm auf den Straßen verſtummt, und man gedachte wieder der Illuminativn. Die Decoration: Er⸗ löſe uns von dem Uebel, kam von Neuem zur Sprache. Ruffus widerſetzte ſich nicht mehr, aber er mahnte die Seinigen ſo ernſtlich zum Aufbruch, daß es Heumann's faſt übel genommen hätten. In⸗ deß ſtimmte auch der Geheimrath ſeinem Sohne bei, und bald darauf fuhr er mit den Seinigen in die Altſtadt zurück. 107 Reuntes Rapitel. E⸗ war in den Morgenſtunden des dritten Mai's, als in dem ſeit mehren Tagen ſo ſtillen Dresden ein unruhiges Hin⸗ und Herlaufen bemerkbar wurde. Zahlreiche Gruppen ſtanden an den Straßenecken, wo das Schreiben eines Offiziers vom Blücher ſchen Corps angeſchlagen ſtand, das von einer großen Schlacht in den Ebenen von Weißenfels und Leipzig erzählte, in welcher die Verbündeten den glorreichſten Sieg er⸗ kämpft hätten. Eine allgemeine Freude theilte ſich in Folge dieſer Nachricht der Bevölkerung mit. Man jubelte und ſang. Alle Reſtaurativnen und Gaſtſtu⸗ ben waren überfüllt. Aller Orten ward politiſirt und gekannegießert. Die übertriebenſten Nachrichten von einer totalen Niederlage der Franzoſen liefen von Mund zu Munde. Die halbe franzöſiſche Armee ſolle todt zwiſchen Leipzig und Weißenfels liegen, der Ue⸗ berreſt gefangen und in wilder Flucht zerſprengt ſein. Man verſtändigte ſich immer mehr, daß Napoleon doch nur ein höchſt mittelmäßiger General, ſeine Marſchälle nur talentloſe Emporkömmlinge ſeien, die den Gene⸗ ralen von Gottes Gnaden nicht das Waſſer zu reichen vermöchten. Von den Heldenthaten der Preußen war Alles erfüllt, doch geſtand man ein, daß auch ſie große Verluſte erlitten hätten. In einem Kaffeehauſe am Altmarkt ging's beſon⸗ ders lebhaft zu. Ein Schneidermeiſter, der ſchon bei mehren Gelegenheiten den deutſchen Patrioten geſpielt, führte hier das große Wort. Seine Suade war un⸗ erſchöpflich. Er bewies dem zuhörenden Publikum alle Fehler, die Bonaparte ſich habe zu Schulden kommen laſſen, haarklein, und daß man in einem großen Irr⸗ 108 thum ſich befunden habe, dieſen Despoten überhaupt für einen großen Mann zu halten. Ruffus ſaß ſtill in einer Ecke und ſtudirte kopf⸗ ſchüttelnd den Schlachtbericht des Offiziers vom Bliü⸗ cher ſchen Corps. Der Schneider, den es ärgerte, daß dieſer junge Mann, der ihm als ein Napoleoniſt be⸗ kannt war, von ſeiner Declamation ſo wenig Notiz nahm, begann anzüglich zu werden. Er radotirte von Afterdeutſchen, von Despotenknechten, und durch die Beſtimmung der Zuhörer ermuthigt, ging er ſo weit, daß er näher zu Ruffus herantrat, ihn faſt förm⸗ lich denuncirte und ob ſeiner Undeutſchheit zur Rede ſtellte. Ruffus legte ruhig das geleſene Blatt hin, ſtand auf und den Kleiderverfertiger lächelnd auf die Achſel klopfend, ſprach er:„Mein Freund, Ihre Kunden klagen bitter, daß, ſeitdem Sie Patriot geworden, die Meiſterwerke Ihrer Nadel nicht mehr ſitzen wollen.“ Ein allgemeines Gelächter der Umſtehenden folgte dieſen Worten. Das Geſicht des Schneiders aber ward kirſchbraun. „Herr!“ rief er,„lohnt Deutſchland ſo ſeine ge⸗ treuen Söhne! Wiſſen Sie, daß ich dergleichen Spott nicht ertrage!“ „So ſchütteln Sie ihn ab, wackerer Meiſter,“ rieth Ruffus, ihn huldreich auf die Schulter klopfend, und verließ das Kaffeehaus. „Wie?“ ſchrie der Schneider,„ſind wir Deutſche, daß man ſo zu uns redet, nachdem unſer ſiegreiches Schwert den franzöſiſchen Coloß zu Boden geſchmet⸗ tert hat? Wie? in der Hauptſtadt des befreiten Sachſens?“ „Wir hätten den Franzoſen hinauswerfen ſollen,“ ſprach einer der Anweſenden. 109 „Allerdings,“ fiel eifrig der Schneider ein,„das hätten wir thun ſollen, nicht ich allein, wir Alle, die wir deutſch denken, das ganze deutſche Vaterland iſt durch ſolche Reden gebrandmarkt. Ha! wenn ſich der Giftpilz wieder blicken läßt!“ Der Giftpilz trat wie gerufen nochmals herein. Er hatte ſein Taſchentuch vergeſſen. Der Schneider war über dieſe Frechheit im erſten Augenblicke etwas außer Faſſung gebracht, doch faßte er ſich und ver⸗ trat Ruffus, der, nachdem er ſein Tuch eingeſteckt, wieder fortgehen wollte, den Weg.„Herr!“ rief er, „dergleichen Anzüglichkeiten, wie Sie vorhin äußerten, duldet kein Dresdner Bürger.“ Ruffus, der ſein Publikum kannte, flüſterte dem Händelſuchenden in's Ohr:„Mein Freund, ereifern Sie ſich nicht, man hat Ihnen einen Haarzopf an⸗ geſteckt.“ „Wie?“ ſchrie außer ſich der Gefoppte,„wer hat es gewagt!“ Dabei fuhr er wie beſeſſen mit der Hand in den Nacken und viſitirte ſeinen Rücken. Seinem Taſtſinne nicht trauend, ſprang er vor den nächſten Spiegel, wo er die ſonderbarſten Poſitiv⸗ nen zum Beſten gab, um ſeines Rückens anſichtig zu werden. Die Anweſenden glaubten nicht anders, der Mann ſei verrückt geworden. „Was ſicht Sie an, Herr Löbel?“ frug der ge⸗ heime Finanzregiſtrator Stöckart. „Man hat mir einen Haarzopf angeſteckt,“ repli⸗ cirte es vom Spiegel her. „Kein Menſch hat daran gedacht⸗“ verſicherten mehre der Anweſenden. Jetzt erreichte des Schneidermeiſter Löbel's Zorn den höchſten Grad:„Wo iſt der Böſewicht, der Va⸗ 14⁰ terlandsverräther!“ ſchrie er, überall nach Ruffus um⸗ herſpähend; aber dieſer hatte längſt die Gaſtſtube ver⸗ laſſen und ſpazierte die Wilsdruffer Gaſſe entlang, um einen Freund in der Friedrichſtraße zu beſuchen. Als er unter den Kaſtanien der Oſtraallee dahin wan⸗ delte, kam ihm haſtig eine Droſchke entgegengefahren. Ruffus glaubte ſeinen Augen nicht zu trauen, als er ſeinen trefflichen Freund Hoffmann, den als Novelliſten bekannten Muſiker und Compoſiteur darin erblickte, der direct von Leipzig kam und als Muſikdirector bei der deutſchen Oper unter Seconda in Dresden engagirt worden war. „Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“ rief er höchlichſt erfreut;„Du ſelber oder Dein Geiſt?“ „Der desperate Geiſt im miſerablen Leibrocke,“ antwortete Hoffmann.„Die Muſen fliehen vor dem Lärmen des Lagers. Iſt denn bei Euch noch Ruhe?“ „Wie am Sabbath,“ erwiederte Ruffus,„Du kannſt novelliſiren nach Herzensluſt. Alſo direct von Leipzig, nun wie ſteht's? Die Franzoſen wirklich zum Kuckuck! kann's gar nicht glauben.“ „Ja, diesmal ging's noch ſchief!“ rief der Kapell⸗ meiſter,„es iſt ein Himmelſacrament der Napoleon. Mit wahren Kindern hat er geſchlagen. Aber die Preußen! die Preußen! ich ſage Dir, häuſerhoch lie⸗ gen ſie bei Lützen, die Gardejäger, die Freiwilligen; Jena iſt radical ausgebiſſen, eine Heldenſchlacht war's. Der liebe Gott muß ſeine Freude haben. Aber ſie ſind nicht durchgekommen. Die Engel möch⸗ ten weinen.“ „Das iſt ja Alles raſend ſchnell gegangen,“ meinte Ruffus,„wo ſind denn die Franzoſen hingeflohen?“ „Wer?“ frug Hoffmann, und ſchien nicht recht gehört zu haben. „Wo geht denn die Retirade zu?“ wiederholte Erſterer. 114 „Nun wo anders,“ erwiederte der Novelliſt,„dicht hinter mir; aber der Ruhm bleibt ihnen. Wie die Löwen haben ſie geſchlagen.“ „Ich verſtehe Dich gar nicht,“ frug Ruffus;„wen verſtehſt Du unter den Löwen?“ „Nun, mein Gott, die Preußen, die Gardejäger, die ſchwarzen Freiwilligen,“ erwiederte Hoffmann, „häuſerhoch liegen ſie bei Lützen; kamen nicht durch, aber unſterblichen Ruhm!“ „Napoleon iſt alſo nicht geſchlagen?“ „Wer ſagt das? Hätte er Cavallerie, wär' er morgen da.“ „So expectorir' Dich zum Henker klar und faß⸗ lich,“ frug immer ungeduldiger Ruffus. „Nun wer anders,“ war die Antwort,„der Na⸗ voleon, und was etwas ſagen will, mit ganz junger Brut, aber Adlerbrut.“ „Und die Retirade?“ Hoffmann ſah ſich um. „Nein, noch nicht,“ ſprach er,„aber bei Keſſels⸗ dorf war retirirendes Gepäck dicht hinter mir. In acht Tagen ſeid Ihr franzöſiſch, ſteckt den Patriotis⸗ mus proviſoriſch in die Taſche, die Franzoſen ſind unverſchämt ſtark und erſchienen mit jungen Lor⸗ besren.“ Ruffus ſtand einen Augenblick in Gedanken. Seine Stirn war ſehr ernſt. Er dachte an Reinhold und Gotthard. „Wär er doch geſchlagen worden, wie gern ich ihn habe,“ ſprach er für ſich,„ich will doch lieber vater⸗ ländiſches Philiſterthum ertragen, als übermüthige Fremdherrſchaft, wo der Edeln zu viele bluten müſſen und leiden. Doch es war ja voraus zu ſehen, daß es ſo kommen mußte.“ 112 „Freund, wo wirſt Du abſteigen?“ wandte er ſich zu Hoffmann.„Ich ſpringe blos einen Gang in die Friedrichſtadt und komme dann gleich zu Dir.“ „Seconda,“ war die Antwort,„hat mir ein freund⸗ lich Logis auf der Bautzner Straße gemiethet, wo ich das Badetheater in der Nähe habe. Alſo à revoir!“ rief Ruffus, dem Freunde die Hand ſchüttelnd. Der Wagen rollte dem Wilsdruffer Thore zu, und unſer Freund eilte, die Bruſt voll der ſeltſamſten Ge⸗ fühle, nach der Friedrichſtadt. Kaum war er bei der Weißeritzbrücke angelangt, als ein langer Zug preußiſcher Gepäckwagen den Weg verſperrte. „Alſo hätte Hoffmann wahr geſprochen,“ frug er ſich,„und die Verbündeten müßten retiriren?“ Er trat zu einem der Fuhrleute, der mit ziem⸗ lich niedergeſchlagener Miene neben ſeinem Gaule ein⸗ herſchritt. „Das iſt ja nicht der Weg nach Frankreich, deut⸗ ſcher Landsmann,“ ſprach Ruffus wie im Scherze. „Allerdings,“ war die Antwort,„uns armen Nach⸗ züglern wird vom gelobten Lande nur erzählt, zu ſe⸗ hen werden wir's nicht bekommen.“ Ruffus that mehre Fragen, um etwas Näheres über die vorgefallene Schlacht zu erfahren. „Ja, die Kanonen haben wir gehört,“ ſprach der Fuhrmann,„aber weiter nichts. Uebrigens haben die Franzoſen tüchtige Schläge bekommen, und wir und die Ruſſen haben geſiegt.“ „Aber warum kutſchirt Ihr denn zurück?“ „Der König und der Kaiſer hat's ſo befohlen,“ erwiederte der Vetturin.„In ihrer Menſchenfreund⸗ lichkeit wollen ſie nicht zugeben, daß auch wir noch. 14¹3 die man unnütze Waare nennt, die Gegend arm freſ⸗ ſen. Die ruſſiſchen und preußiſchen Grenadiere haben zu umfangreiche Bäuche, daß für uns nicht viel übrig bleiben würde.“ Dieſe Reden klangen Ruffus doch etwas ſeltſam. Er dachte ſich ſein Beſtes. Endlich gelang es ihm, durch die endloſe Wagenreihe hindurchzukommen. Als er einen Blick nach den Corbitzer Höhen warf, kam es wie eine Völkerwanderung in das Elbthal herab. „Dieſer ganze Wagenzug ſollte entbehrlich ſein?“ frug er ſich kopfſchüttelnd. Er traf den Freund nicht zu Hauſe und befand ſich daher bald wieder in der Stadt. Hier hatte der ſeltſame Wagenzug, der ſich ſo plötzlich von den Bergen herabwälzte, ebenfalls Auf⸗ merkſamkeit erregt, doch noch immer liefen glorreiche Siegesgerüchte zu Gunſten der Verbündeten im Volke umher. Nachmittags langten bereits die Gepäckwagen der preußiſchen Prinzen an, an welche ſich wieder lange Wagenreihen mit Verwundeten anſchloſſen. Jetzt geſtanden bereits die Zurückgekehrten, daß der Sieg mit ſchwerem Blute erkauft worden ſei. Die Stim⸗ mung der Bewohner Dresdens ward immer unruhiger. Mit einem Male hieß es, Seine Majeſtät der König von Preußen ſei angelangt. Die Franzoſenſpötter wurden nachdenklicher. Die Spottbilder auf Napo⸗ leon, zeither an allen Straßenecken zu haben, wurden ſeltner; bei den Bilderhändlern auf der Schloßgaſſe⸗ verſchwanden ſie ganz. Die Dunkelheit nahte, da fuhr im ſchnellen Trabe ein vierſpänniger Reiſewagen, von rothen Gardekoſa⸗ ken escortirt, zum Plauen'ſchen Schlage herein und hielt vor der Wohnung des Königs von Preußen. Ein hoher ſtattlicher Mann ſprang heraus. Es war Stolle, ſämmtl. Schriften. XI. 8 — 114 der Kaiſer von Rußland. Sein Geſicht war ſehr hei⸗ ter, freundlich, und munter grüßte er die den Wagen umdrängende Volksmenge. Es entſtand allgemeiner Jubel. Von Neuem verbreiteten ſich die Siegesge⸗ rüchte, die Patrioten erhielten neuen Muth und brach⸗ ten den ſiegreichen Monarchen um Mitternacht bei Fackelſchein eine Serenade. Am andern Tage nahmen die unruhigen Beſorg⸗ niſſe von Neuem überhand. Die Züge von Wagen mit Verwundeten und Gepäck, die alle auf das rechte Elbufer übergingen, wollten gar kein Ende nehmen. Zwar erhielt ſich noch das Gerücht, daß die Monar⸗ chen bereits vor der Schlacht den Befehl gegeben, daß alles überflüſſige Gepäck, das dem Heere nachge⸗ zogen, über die Elbe geſchafft werden ſollte, damit auf dem linken Elbufer nicht alle Vorräthe nutzlos aufgezehrt und das Heer in ſeinen Bewegungen ge⸗ hemmt werde. Am fünften Mai wurden einige Kanonen unfern der Elbbrücke aufgefahren. Neugierige verſammelten ſich alsbald. Düſtere Gerüchte begannen Wurzel zu faſſen. Doch ward die Menge durch die Verſicherung beruhigt, das Geſchütz ſei nur aufgefahren, den Sieg bei Lützen durch Freudenſchüſſe zu feiern. Auch wur⸗ den Eintrittskarten zur gottesdienſtlichen Siegesfeier in der ruſſiſchen Kapelle vertheilt; aber die Feier ſelbſt unterblieb und vergebens erwartete man eine amtliche Bekanntmachung der Kriegsereigniſſe. Die Spitäler füllten ſich, obgleich man nur ſchwer verwundete Krieger aufnahm und die leicht Verwun⸗ deten theils weiter geführt, theils in den Privatwoh⸗ nungen untergebracht wurden. Drei Tage lang ſah man faſt ununterbrochen dieſe unglücklichen Opfer vor⸗ überziehen. Der Kaiſer Alexander ritt mehre Male 115 an die Wagenreihe, welche mit Verwundeten beladen war, ſprach mit vielen derſelben, und war bemüht, ihre Leiden durch ſeine Theilnahme zu lindern. Am andern Tage trabte bereits die äußerſte ruſ⸗ ſiſche Avantgarde, aus Koſaken, Baſchkiren, und leich⸗ tem Fußvolk beſtehend, mit ein paar Kanonen durch Dresden. Ruffus, der mehre Tage ob ſeiner den Franzoſen günſtigen Siegesnachrichten von den Seinigen und ſei⸗ nen Freunden war ausgelacht worden, promenirte mit dem Muſikdirector vor dem Löbdauer Schlage, und ſah die ruſſiſch⸗preußiſche Retirade mit an. So eben raſſelte ſchweres ruſſiſches Geſchütz, von den Bergen kommend, nach Dresden herein. Zahlreiche Regimenter zu Fuß und zu Pferde folgten. „Nun, wenn ihnen jetzt nicht der Staar geſtochen iſt,“ ſprach Ruffus zu Hoffmann,„müſſen ſie mit Blindheit geſchlagen ſein.“ „Sieh' mal dieſe ſchweren Batterien,“ meinte der Muſikdirector und zeigte auf die vorüberdonnernden energiſchen Feuerſchlünde,„ſie find noch ganz geſchwärzt vom Pulverdampf. Die Ruſſen müſſen ſich unmittel⸗ bar nach dem Feuern auf- und davongemacht und nicht einmal Zeit gehabt haben, die metallenen Schei⸗ tel abzuputzen.“ „Uebrigens muß man geſtehen, daß die Retirade in ziemlich guter Ordnung vor ſich geht,“ bemerkte Ruffus,„den Kopf ſcheinen ſie trotz der Niederlage nicht verloren zu haben.“ „Alle Wetter!“ rief plötzlich der Muſikdirector, „guck mal dort nach dem Berge.“ Ruffus richtete ſein Opernglas nach der bezeich⸗ neten Stelle. 8* 116 „Beim Himmel!“ ſprach er in großer Aufregung, „da ſind ſie!“ „Hätt' ich mich nicht getäuſcht?“ frug Hoffmann. „Nein, nein!“ rief Ruffus,„es ſind franzöſiſche Tirailleurs; ſie plänkeln mit Koſaken der ruſſiſchen Nachhut. Donner und Doria! das nenn' ich reſo⸗ lut den Sieg verfolgen. Es bleibt doch der alte Napoleon.“ „Aber ſollte denn dies die ganze verbündete Ar⸗ mee ſein, die geſtern und heute durch Dresden ging?“ meinte der Muſikdirector. „Bewahre,“ antwortete Ruffus,„ein großer Theil derſelben iſt unter Blücher bei Meißen über die Elbe gegangen. Uebrigens ſcheint dies bereits die Arriere⸗ garde zu ſein, die ſo eben durch Dresden zieht.“ Entferntes Gewehrfeuer ward jetzt vernehmbar. Die beiden Freunde ſchauten mit großem Intereſſe, wie einzelne franzöſiſche Voltigeurs ganze Koſaken⸗ ſchwärme vor ſich her trieben. „Sieh nur, ſieh,“ rief Ruffus,„es ſind göttliche Kerle, als tüchtige Soldaten zum Auffreſſen liebens⸗ würdig, die Kinder von Paris ſcheinen guter Dinge; ſie ſteigen ſo keck in's Thal hernieder, als ging es zum Balle. Sie haben ihre Schnupftücher um den Leib gebunden, wie weiße Schärpen. Da ſtecken wahr⸗ ſcheinlich Patronen drinnen. Man macht ſich's be⸗ quem mit den Koſaken.“ Die ruſſiſche Armee ging unterdeß ununterbro⸗ chen vermittelſt der Dresdner Elbbrücke und der ober⸗ halb der Stadt geſchlagenen Hülfsbrücken auf das rechte Elbufer über. Vielen der Einwohner, die ſich durch ihre zu un⸗ verhohlene Ruſſenliebhaberei compromittirt glaubten, war bei dem Herannahen der ſiegreichen Franzoſen 1417 nicht wohl zu Muthe. Sorgfältig wurden alle Schmäh⸗ ſchriften, Spottgedichte und Carrikaturen auf Napo⸗ leon zuſammengeſucht und theils vernichtet, theils in die geheimſten Verſtecke verborgen. Denn es fehlte in der damaligen, durch Fremdherrſchaft demoraliſir⸗ ten Zeit nicht an elenden und feilen Seelen, welche, ihren Vortheil erſpähend, ſich gern zu Verräthern und Spionen an ihren eigenen Landsleuten her⸗ gaben. Am meiſten bereute Heumann ſeine voreilige Illu⸗ mination, und das Transparent:„Erlöſe uns von dem Uebel“ war bereits, als die ruſſiſch⸗preußiſche Retirade keinem Zweifel mehr unterlag, in den Ofen geſchoben worden. Auch dem Geheimrathe kam die Rückkehr der Franzoſen eben ſo unerwartet als uner⸗ wünſcht. Denn nichts war leichter, als daß die fran⸗ zöſiſchen Behörden von den Huldigungsfeierlichkeiten, mit welchen man die alliirten Monarchen empfangen, umſtändliche Kenntniß erhielten, und ihnen die Namen ſämmtlicher Theilnehmer und Theilnehmerinnen be⸗ kannt wurden. Ruffus galt jetzt für einen ſehr klugen und um⸗ ſichtigen Mann. Hatte er nicht Alles vorhergeſagt, und hatte er es etwa an Bitten und Warnungen fehlen laſſen, die man thöricht genug unbeachtet ge⸗ laſſen? Heumann, der ſich nie geträumt hatte, die Fran⸗ zoſen wieder in Dresden zu ſehen, war wegen ſeiner unglücklichen Illumination, die viel Aufſehen in der Stadt erregt hatte, ſo in Angſt gerathen, daß er An⸗ fangs entſchloſſen war, mit den Ruſſen auf und da⸗ von zu ziehen, und wär's bis Moskau; und nur auf die dringenden Vorſtellungen von Ruffus, der nach der neueſten Wendung der Dinge auch bei ihm in 148 großem Anſehen ſtand, hatte er dieſen voreiligen Ent⸗ ſchluß aufgegeben. Der Tugendbund zog wie eine Schnecke ſeine Fühlhörner ein, und hielt nur in einem ganz ver⸗ ſteckten Locale in der äußern Wilsdruffer Vorſtadt ſeine Sitzungen Das deutſch⸗patriotiſche Geſchlecht der Gevatter Schneider und Handſchuhmacher, die am meiſten ge⸗ lärmt und geſchimpft auf den Napoleon und ſeine Franzoſen, ſehr rebelliſche Reden geführt, von Tu⸗ gend, Vaterland, Bürgerſinn, Zuſammenhalten, Auf⸗ opferung, Blut und Tod ſpectakelt, ſaßen ſtumm wie die Fiſche in ihren Werkſtätten, waren wieder demü⸗ thig und beſcheiden, übten chriſtliche Liebe gegen ihre Nachbarn, entſagten aller Hoffart und erkannten den Kaiſer Napoleon, dem ſie vor wenigen Tagen kaum die Rheingrenze zugeſtehen wollten, unbedingt an als Kaiſer der Franzoſen, König von Italien, Beſchützer des Rheinbundes und Vermittler des Schwei⸗ zerbundes. „Ich kann mich nicht ſatt ſehen an dieſer ma⸗ leriſchen Treibjagd,“ ſprach Ruffus, fortwährend durch's Glas guckend,„der Franzoſe iſt wirklich als Soldat zugleich Schauſpieler. Kann auf dem Thea⸗ ter graziöſer agirt werden, als von dieſen Tirail⸗ leurs da?“ Ruffus hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als eine Piſtolenkugel kaum einen Fuß weit vor ſeinem Kopfe vorbeiflog. „Was war denn das?“ frug er zurückfahrend. „Eine Piſtolenkugel von jenem Koſaken, der dort am Feldſchlößchen hält,“ meinte Hoffmann trocken, „ein Fingerzeig, daß wir uns packen ſollen.“ „Der Kerl hätte mich aber mit ſeinem Finger⸗ 149 zeig in die ewige Welt ſpediren können,“ murrte Ruffus. „Wart, Hallunke,“ ſchrie er mit dem Stocke dro⸗ hend nach dem Koſaken hinüber,„elender Straßen⸗ räuber! Pack Dich, Kanaille, oder meine guten Pariſer ſchlagen Dir den heimtückiſchen Hirnſchädel ein!“ „Ich bitte Dich um Himmels willen,“ beſchwor Hoffmann,„biſt Du bei Sinnen; mach' keine De⸗ monſtrationen und laß die Beſtie in Frieden, ſonſt ſitzt uns ein Lanzenſtoß im Genick, an dem wir Zeit⸗ lebens zu laboriren haben.“ Ruffus konnte ſich aber nicht beruhigen. „So ein kaukaſiſcher Schuft,“ zankte er fort,„auf friedliche Spaziergänger zu ſchießen. Mich empört bei einem Soldaten nichts mehr als ſolche Beſtialität. Ich wünſchte, ich ſtünde als Tirailleur dort; es muß eine Wonne ſein, dieſe aſiatiſchen Horden zu allen Teufeln zu jagen. Napolevn muß ſchon deshalb ein Genius des Lichtes ſein, weil man Teufel und wilde Beſtien gegen ihn los läßt; o Du ruſſiſches——!“ „Alle Wetter!“ rief Hoffmann,„der Kerl ladet wieder; komm, Fomm, Ruffus, einer unvernünftigen Beſtie inuß man aus dem Wege gehen.“ Damit eilte der Novelliſt, die Rockſchöße zuſam⸗ mennehmend, ſpornſtreichs dem Löbdauer Schlage zu. „Soll denn ein Menſch vor einem thieriſchen Ko⸗ ſaken die Flucht ergreifen?“ frug ſich Ruffus,„das wäre ſchmachvoll.“ Hoffmann, der glücklich den Schlag erreicht hatte, rief jetzt und winkte aus Leibeskräften dem Freund, dieſer aber ſchlenderte nur langſamen Schritts dem Thore zu. Der Koſak, den die drohende Stockbewegung ver⸗ 120 droſſen haben mochte, feuerte noch einmal ſein Piſtol auf Ruffus; aber die Entfernung war ſchon zu be⸗ deutend, als daß die Kugel hätte Gefahr bringen können. Ruffus, der ob dieſes abermaligen Atten⸗ tats noch aufgebrachter wurde, blieb ſtehen, wiederholte ſeine drohende Stockbewegung und ſchimpfte über alle Maßen. Endlich langte er bei Hoffmann an, der ihm ob ſeiner Tollkühnheit nicht wenig den Text las. „Wir wollen dieſe Seitengaſſe einbiegen und bei Freund Keller einen Beſuch machen; er wohnt hier in der Nähe, und von ſeinen Fenſtern aus kann man die Koſakenjagd con amore mit anſchauen. Ich bin zu erbittert auf dieſe Kerle, als daß ich mir das Gaudium verſagen ſollte, zuzuſehen, wie die Uncultur von der Civiliſation zum Teufel gejagt wird.“ Hoffmann hatte nichts dawider, und alsbald be⸗ fanden ſich die Freunde in einem Zimmer der äußer⸗ ſten Vorſtadt, von wo man die ganze Gegend von Räcknitz bis Plauen überſchauen konnte. Da ein Pianoforte im Zimmer ſtand, ward der Mufikdirector ſofort zu ihm hingezogen und phanta⸗ ſirte in ſeiner genialen Art, während Ruffus keinen Blick vom Kriegsſchauplatze verwandte⸗ Es war ein wunderſchöner Frühlingstag; reich war das ſchöne Elbthal mit Knospen und Blüthen bedeckt. Auf den Berghöhen blitzten franzöſiſche Bayonnette, während die vorderſte Tirailleurreihe bereits in's Thal herabſtieg und die Koſaken bis an die Thore trieb. Die letzten Söhne des Urals wandten jetzt ihre kleinen Pferde, feuerten noch einmal die Piſtolen ge⸗ gen den heranrückenden Feind und ſprengten in ge⸗ ſtrecktem Carriere in die Stadt hinein. Zwei Voltigeurs ſchlichen jetzt leiſe und vorſichtig „ 124 heran; ſchauten überall umher, damit ſie nicht in ei⸗ nen Hinterhalt geriethen und kamen endlich keck und muthig zum Thore herein. Hier warteten ſie ein vaar Augenblicke, bald langten mehr Kameraden an. Man beſetzte ſogleich das Thor, und die äußerſte Tete, aus obigen zwei Mann beſtehend, drang muthig in die Stadt vor. Alle Straßen waren einſam und verlaſſen. Die Einwohner hatten ſich in banger Erwartung über das, was da kommen ſollte, ſcheu in die Häuſer verſchloſ⸗ ſen. Nur hier und da ſah man ein ſcheues Geſicht durch das halb geöffnete Fenſter gucken. Den Ruffus litt es jetzt nicht mehr. Er mahnte den in den Tönen wühlenden Hoffmann zum Auf⸗ bruch. Dieſer war ſo vertieft in ſeine Modulationen, daß er des Freundes Mahnung eine lange Weile nicht berückſichtigte. Endlich machten ſich die Beiden auf den Weg. An der Annenkirche ſtand bereits ein franzöſiſches Piket. „Vive la France!“ ſprach Ruffus zu den Franzo⸗ ſen herantretend. „Vive la Saxe!“ tönte es als Gegengruß. Ruffus, der franzöſiſchen Sprache vollkommen mächtig, unter⸗ hielt ſich auf's angenehmſte mit mehren der Krieger. Es befanden ſich zwei geborne Pariſer darunter, noch ſehr jung, aber gebildet und kriegsmuthig. „Es iſt doch ein liebenswürdiges Volk,“ ſprach Ruffus zu Hoffmann, nachdem ſich die Beiden von den Franzoſen verabſchiedet hatten,„wenn ich mir die ungeſchlachten Tartaren dagegen denke. Ich athme ordentlich leichter, ſeit die Civiliſation wieder einge⸗ zogen in Dresden. An Deutſchlands Freiheit hab' ich jetzt keine Zeit zu denken. Morgen haben wir 122 gewiß wieder den Nap. Das Klügſte, was wir aber gegenwärtig thun können, iſt, dem Schloßthürmer ei⸗ nen Beſuch abzuſtatten, von wo man das höchſt in⸗ tereſſante Zuſammentreffen des Weſtens und Oſtens mit aller Gemächlichkeit mit anſehen kann.“ „Wenn wir nur unterwegs ein Fläſchchen Schar⸗ lachberger auftreiben könnten,“ meinte Hoffmann,„es iſt warm dort oben, und ein Labetrunk erleichtert die Obſervationen.“ „Nichts iſt leichter,“ ſprach Ruffus,„komm, wir wollen einkaufen.“ Sie lenkten in die große Brüdergaſſe ein, wo ein beliebter Weinſchenke wohnte. Ruffus mußte lange pochen; die ſonſt ſo gaſtliche Weinſtube war feſt verſchloſſen und im ganzen Hauſe herrſchte eine Stille, als hätte die Peſt alles Leben getödtet. Nach langem Pochen that ſich ein kleines Fenſter⸗ chen, nach der Hausflur zu, auf. Der Kopf des al⸗ ten Kellners ward ſichtbar. „Zum Henker!“ rief Ruffus ungeduldig, der hier gut bekannt war,„altes Weinfaß, ein paar Flaſchen von Nr. 21, Du weißt ſchon.“ „Sind denn die Koſaken fort?“ frug neugierig und furchtſam das Weinfaß,„die Spitzbuben nehmen's vom Altare.“ „Das thun auch Nichtkoſaken,“ antwortete Ruffus, „übrigens ſei getroſt, die bekommen wir ſobald nicht wieder.“ „Gott Lob und Dank,“ brummte der Kellner; „aber wollen die Herren nicht ein wenig eintreten? Freilich finſter iſts. Die Laden machen wir nicht auf. Man weiß nicht was kommen kann.“ „Haben keine Zeit,“ trieb Ruffus,„ſchaff nur zwei Flaſchen.“ Der Kellner war mit dem Verlangten bald zurück. Ruffus und Hoffmann verſenkten jeder ein Fläſchchen in die Tiefen ihrer Rocktaſchen, und ſo beladen machte man ſich nach dem Schloſſe auf den Weg. Auf der Schloßgaſſe ſtak noch Alles voll Koſaken, und der Platz bei der katholiſchen Kirche bot das le⸗ bendigſte Gemälde. Feldkrämer mit ihren Wagen, die ſie mit Lebensmitteln und friſchen Branntwein⸗ vorräthen beluden, Baſchkiren mit Bogen und Pfei⸗ len, ganze Heerden von Ochſen trieben ſich hier in buntem Gemiſch durcheinander. Alles drängte nach der Brücke, deren proviſoriſcher hölzerner Hülfs⸗ pfeiler mit Pechkränzen umwunden war und jeden Au⸗ genblick in Flammen ſtehen konnte. Die Freunde, nachdem ſie mit Mühe den Eintritt in's Schloß erhalten, eilten über den Schloßhof und kletterten ſo eilig als möglich die enge Thurmtreppe empor. „Das dauert ja eine Ewigkeit,“ keuchte Hoffmann, als die Kletterei kein Ende nehmen wollte,„wir müſ⸗ ſen bald im ſiebenten Himmel Muhamed's angelangt ſein.“ Ruffus ſtieg ermuthigend vorwärts. Endlich erreichte man die Wohnung des Thürmers, den ſich Ruffus ſeit Jahren durch ein ſtets brillantes Neujahr⸗ douceur verpflichtet hatte, und die beiden Unterwelt⸗ ner fanden die freundlichſte Aufnahme. „Ah,“ rief Hoffmann überraſcht, als er auf die Gallerie heraustrat,„unſere beſchwerliche Kletterei iſt trefflich belohnt; ein wundervolles Panorama.“ Das ganze blühende Elbthal mit dem ſchönen Dresden lag zu ihren Füßen. Die Elbe zog wie ein reines, blaues Band durch die Landſchaft. „Der Standpunkt hier,“ ſprach Ruffus,„iſt nicht mit Golde zu bezahlen. Erſtens haben wir das treff⸗ 12⁴ lichſte Panorama und können zweitens gemächlich mit anſchauen, wie ſich der Oſten und Weſten von Eu⸗ ropa in die Haare geräth, ohne von einer feindlichen Kugel beläſtigt zu werden. Ein paar treffliche Fla⸗ ſchen haben wir auch, und gute Ferngucker. Was wollen wir mehr?“ Der Standpunkt auf dem Schloßthurme gewährte auch in der That die intereſſanteſte Augenweide. Während ſich die ruſſiſche Hauptarmee langſam und ſchwerfällig auf der Straße gen Bautzen dahin⸗ bewegte, ſtiegen die franzöſiſchen Regimenter von den Keſſelsdorfer Höhen in das Elbthal herab. Deutlich erglänzten die Läufe des ruſſiſchen ſchweren Geſchützes in der Kaſtanienallee, die ſich von Dresden nach Mor⸗ gen zieht, während die franzöſiſchen Adler von der Mittagsſeite daherfunkelten. Die Franzoſen hatten bereits einen Theil der ſüdweſtlichen Vorſtädte von Dresden im Beſitze, als ſich der ruſſiſche Knäuel vor der Elbbrücke noch im⸗ mer nicht entwirren wollte. Das war ein Fluchen und Spektakeln, ein Ge⸗ ſchrei und Gebrüll, als ſtände der jüngſte Tag bevor. In den zunächſt gelegenen Straßen ſah man Koſaken auf⸗ und abreiten. Es ſchlug eilf Uhr. Kaum waren dieſe verhäng⸗ nißvollen Schläge hinabgeklungen in die kriegeriſche Unterwelt, als Koſaken von allen Seiten geſprengt kamen, und mit Knutenhieben und Lanzenſtößen die noch auf dem dieſſeitigen Ufer befindlichen Reſtanten und ruſſiſchen Nachzügler zur Eile mahnten. Dieſe energiſche Demonſtration blieb nicht ohne Erfolg. Binnen zehn Minuten war der Brückenplatz vollkommen geleert. „Gott ſei Lob und Dank,“ ſprach Ruffus,„Aſien 125 wären wir vor der Hand los; möge es für immer auf das linke Elbufer zurückkehren.“* Von der Brücke herauf ſcholl Tumult. Die Ko⸗ ſaken machten Anſtalt, die hölzerne, mit Pechkränzen umwundene Hülfsbrücke in Brand zu ſtecken. Ein ſeltſames Pfeifen ward vernehmbar. Auf dieſes Sig⸗ nal jagten alle noch auf dem linken Ufer befind⸗ lichen ruſſiſchen Reiter der Brücke zu. Kaum hatte der letzte Packwagen das hölzerne Gerüſt im Rücken, als ein dicker ſchwarzer Dampf aufſtieg und gleich darauf die lichten Flammen aus allen Ecken hervor⸗ brachen. Schon überſchwamm die Glut die ganze Brücke, als in wahnſinnigem Carriere ein vereinzelter Koſak aus dem Schloßthor gejagt kam. Er ſtutzte einen Augenblick, als er das Feuermeer vor ſich er— blickte, aber hier galt kein Ueberlegen; den Oberleib platt auf den Hals ſeines Pferdes gedrückt, floh er mit Blitzesſchnelle in die Glut, verſchwand einen Augenblick und kam glücklich, obſchon verſengt, jen⸗ ſeits der Flammen wieder zum Vorſchein. Ein lau⸗ tes Hurrah ſeiner Kameraden begrüßte ihn, und gleich darauf brach unter furchtbarem Krachen das Balken⸗ gerüſt zuſammen und ſtürzte donnernd und brauſend in die Fluthen der Elbe. „Es iſt doch was Schönes,“ meinte Ruffus,„um ſo eine ruſſiſche Natur. Da muß ſich ein Salamander verſtecken.“ Die brennende Brücke verurſachte eine ſolche Glut, daß man ſie ſelbſt in der bedeutenden Thurmhöhe verſpürte. Die letzten mit Fleiſch und Branntwein beladenen Wagen wurden von den Flammen ergriffen und brannten hinter den bäumenden und flüchtigen Pferden in lichter Glut. Ein kuſtiges Gedränge bil⸗ dete ſich alsbald um dieſe brennenden Fuhrwerke. 126 Die verbrannten Fleiſchſtücke wurden herabgeworfen, die brennenden Wagentrümmer und die entzündeten Branntweinfäſſer in die Elbe geſtürzt, und als die übrigen Gefäße ihren Inhalt ergoſſen, eilten Koſaken herbei, die reichliche Labung aus den Spundlöchern zu ſchlürfen, oder aus der Brückenrinne, wo ſie in Strömen floß, mit der Hand zu ſchöpfen. Eine an⸗ dere Gruppe bildete ſich um einen verſpäteten Fracht⸗ wagen mit Tabaksblättern am Eingange der Brücke, und Jeder raffte ſich ein Bündelchen zuſammen, um es als Vorrath für einige Tage neben dem Heubün⸗ del auf dem Sattel zu befeſtigen. „Was iſt denn dort los?“ frug Hoffmann und zeigte nach der Gegend des Linke'ſchen Bades, wo ein pechſchwarzer Dampf zum ſchönen Maienhimmel emporſtieg. „Die Ruſſen haben die Schiffbrücke in Brand ge⸗ ſteckt, antwortete der Thürmer. „Ganz Recht,“ meinte Ruffus,„da kommen ſchon brennende Elbkähne geſchwommen. Die Ruſſen ver⸗ ſtehen das kriegshandwerksmäßige Zerſtören ſo gut wie die Franzoſen, und ſie haben ſich hierin beider⸗ ſeitig keine Vorwürfe zu machen.“ Dieſe in Trümmern daherſchwimmende und lich⸗ terloh brennende Schiffbrücke gewährte einen eigen⸗ thümlichen Anblick. Man hatte zu ihrer Erbauung die größten Elbſchiffe verwandt, und dieſe geſammte Flotille ſtand in Flammen. Dieſes Feuermeer ver⸗ einigte ſich endlich an den Brückenpfeilern der Elb⸗ brücke, die ſich den Brandern energiſch in den Weg ſtellten. Es gab ein entſetzliches Kniſtern, Praſſeln und Ziſchen, bevor das Feuer ſeine Beute verzehrt hatte, und die hierdurch entſtandene Glut war ſo N heftig, daß an mehren Stellen das eiſerne Brücken⸗ geländer zu glühen begann. „Die Dresdner haben von Glück zu ſagen,“ ſprach Ruffus,„daß die Ruſſen das linke Elbufer nicht beſ⸗ ſer vertheidigt haben. Sie hätten ſich in Dresden noch geraume Zeit halten können, und ein blutiges Zuſammentreffen mußte dann erfolgen.“ „Ich bin nur begierig,“ meinte Hoffmann,„oh man den Franzoſen beim Elbübergange nicht ein Bein ſtellen wird.“ Ruffus recognoscirte mit dem Fernglaſe die ganze Gegend des rechten Elbufers. „Die Hauptarmee ſcheint ſich nicht aufhalten zu wollen,“ ſprach er,„aber dort beim Dorfe Trachau ſteht unbeweglich ein unverſchämter Artilleriepark. Der hat nichts Gutes im Sinne. Auch leichte Truppen bivouakiren auf den umliegenden Feldern. Was ma⸗ chen aber meine guten Pariſer?“ Mit dieſen Worten wandte er ſich nach der ent⸗ gegengeſetzten Seite. „Da ſind ſie ja,“ ſprach Hoffmann, und zeigte auf mehre blaue Tirailleurs, die ſo eben um die katholiſche Kirche ſchlichen. Der Vorderſte, das Gewehr unterm Arm, ſchritt ganz vor zu der noch dampfenden Brückenkluft. Ruſ⸗ ſiſche Scharfſchützen, die am jenſeitigen Ufer poſtirt ſtanden, bemerkten ihn, und ihre wohlberechneten Ku⸗ geln pfiffen um ſeinen Kopf. Er ließ ſich indeß nicht ſtören, beantwortete nicht einmal die Schüſſe, und ſeine Aufmerkſamkeit nahm die Brückenkluft allein in Anſpruch. Er ſchien zu überlegen, auf welche Art die Communication am ſchnellſten wieder herzuſtellen ſei. In den Straßen Dresdens ward es allmälig le⸗ bendig. Die Bewohner ſchienen mehr den Abzug der 128 Ruſſen gefürchtet zu haben, als die Ankunft der Fran⸗ zoſen. Bei der Ecke des Finanzhauſes, neben dem Schloßthore, hatte ſich ein anſehnlicher Volkshaufen zuſammengefunden, welcher neugierig dem Plänklerfeuer zuſchaute, das ſich jetzt zwiſchen den franzöſiſchen Ti⸗ railleurs und den ruſſiſchen Scharfſchützen längs der Elbufer entſponnen hatte. Immer weiter und ver⸗ wegener drängte der Haufe hervor, als ein ſeltſames Pfeifen die Luft durchſchnitt, und im nächſten Augen⸗ blicke eine Granate gleich neben dem Schloßthore auf das Pflaſter praſſelte. In wenig Minuten folgte eine zweite, ſo daß das civiliſtiſche Beobachtungscorps im Nu verſchwunden war. Ruffus hielt jetzt noch einmal Rundſchau. „Donnerwetter!“ rief er,„der Nap bringt auch eine hübſche Partie Kanonen mit. Sieh' mal, von Plauen bis zum Freiberger Schlage ein Feuerſchlund hinter dem andern, und der Himmel mag wiſſen, was noch hinter dem Berge ſteckt.“ Hoffmann leerte ſeine Flaſche und mahnte zum Aufbruch. „Ich bin nicht auf Seiten der Franzoſen,“ ſprach er,„aber da ſie einmal die Altſtadt in Beſitz haben, wünſchte ich, daß ſie auch bald die Neuſtadt und den neuen Anbau erobern, damit ich wieder mein freund⸗ liches Logis beziehen kann. Meine Muſikſtücke nebſt ein paar begonnenen Erzählungen ſind dermalen ruſ⸗ ſiſch, während ich ſelbſt unter Napoleon's Adlern ſtehe.“ „Du wohnſt unterdeß bei uns,“ tröſtete Ruffus, „haben Platz genug, mag ſich die Einquartierung noch ſo breit machen. Alſo wieder Franzoſen da. Iſt mir in einer Art lieb, mag ſie gern haben; aber da ſie einmal hinüber müſſen über den Rhein, wär' mir's lieber geweſen, daß ſie gleich bei Lützen das Ferſen⸗ 129 geld erhalten hätten, anſtatt daß ſich die Kriegsfurie über das arme Sachſen wälzt. Die Beiden kletterten vom Schloßthurme herab und gingen die Schloßgaſſe entlang nach dem Alt⸗ markte. Hier lagerten bereits einige Bataillone fran⸗ zöſiſcher leichter Infanterie. Alle Soldaten beſchäftigt, ihre von der Schlacht und den foreirten Märſchen in Unordnung gerathene Garderobe herzuſtellen. Alles ward geputzt, gewichſt, als ging es zum Balle. Da⸗ bei war ein ſo reges, fröhliches Leben unter dieſen Truppen, kein Ausbruch roher Soldateska ward ver⸗ nommen, daß das ganze Bivouak einen eben ſo ma⸗ leriſchen als erfreulichen Anblick darbot. Ruffus warf jetzt einen Blick nach dem Altſtädter Rathhauſe. Da gewahrte er, wie mehre ihm be⸗ kannte Rathsherren mit höchſt verſtörten Geſichtern dem Rathhausthore zueilten. Mehre Wagen fuhren vor, man ſah den Bürgermeiſter, gefolgt von einigen ſchwarzgekleideten Herren, einſteigen und die Wils⸗ druffer Gaſſe entlang fahren. „Alle Wetter,“ rief Ruffus,„die wollen doch nicht den Napoleon bewillkommnen?“ „Gewiß,“ erwiederte Hoffmann,„wenigſtens hat es ganz das Ausſehen einer Deputation.“ „Nun, da muß ich dabei ſein,“ ſprach ſchnell ent⸗ ſchloſſen Ruffus,„das wird ein guter Empfang wer⸗ den von Seiten des Kaiſers. 0 tempora! 0 mores! Vor wenig Tagen ſtreuten ſie dem Alexander und Friedrich Wilhelm Blumen, und heute wallfahrten ſie dem Napoleon entgegen. Nun, der wird ihnen die Blumenſtreuerei gedenken.“ Da ſich Hoffmann mit Hunger und Müdigkeit entſchuldigte, eilte Ruffus dem Rathe nach. Kaum hatte er den Freiberger Schlag im Rücken, Stolle, ſämmtl. Schriften. XI. 9 130 da begann das Geläute aller Glocken von den Thür⸗ men und Kirchen Dresdens, denn von den Höhen ſah man den Kaiſer Napoleovn im Gefolge mehre Marſchälle und gefolgt von einem glänzenden Gene⸗ ralſtabe in das Elbthal herabreiten. Es war ein prachtvoller Anblick. Der Frühling entfaltete in dem ſchönen Elbthale alle ſeine Pracht. Von allen Sei⸗ ten ſtrahlte der Glanz der Bayonnette in dieſem Am⸗ phitheater. Ein paar dunkle Rauchſäulen, die aus dem Häuſermeer emporſtiegen und von den brennen⸗ den Brücken herrührten, verkündeten den Rückzug der Ruſſen. Die Deputation des Stadtraths hatte ſich beim erſten Chauſſeehauſe vor dem Freiberger Schlage auf⸗ geſtellt. Ruffus drängte ſich ſo nahe als möglich. Man ſah es den gezwungen heitern Mienen der Raths⸗ herren an, daß dieſe Heiterkeit nicht in ihrem In⸗ nern wohne. Da kam im ſchnellen Trabe Napoleon auf der Straße von Noſſen daher. Er trug die grüne Chaſ⸗ ſeuruniform und ritt einen wohlgeſtalteten Falben. Unmittelbar hinter ihm folgten Caulaincvurt, der Her⸗ zog von Vicenza, Berthier, Prinz von Neuenburg und die Marſchälle Marmont und Mortier. Rings wirbelte der Staub auf. In Todesſchweigen verharrte die Deputation von Dresden. So wie Napoleon bei ihr angelangt war, hielt er ſein Pferd an. „Wer ſind Sie?“ frug er in ziemlich rauhem Tone. „Die Magiſtraten von Dresden, Ew. Majeſtät,“ antwortete der Oberbürgermeiſter, der einen Schritt vorgetreten war, mit etwas unſicherer Stimme, und bat im Namen der Bewohner Dresdens um Schonung der Stadt. 131 „Haben Sie Brot?“ unterbrach der Kaiſer un⸗ geduldig. 5 Die Antwort hierauf konnte nach den erſchöpfen⸗ den Lieferungen, welche der Stadt zeither waren auf⸗ erlegt worden, nicht befriedigend ausfallen. Der Oberbürgermeiſter verwickelte ſich in einer Reihe von Entſchuldigungen. Napoleon's Stirn furchte ſich ſichtbar. „Ihr hättet verdient,“ donnerte er,„daß ich Euch als erobertes Land behandelte. Ich kenne Euer Be⸗ nehmen während der Beſetzung Eurer Stadt durch die Verbündeten. Ich beſitze das Verzeichniß der Frei⸗ willigen, die Ihr gekleidet, equipirt und mit einer Groß⸗ muth ausgerüſtet habt, die ſogar den Feind in Er⸗ ſtaunen geſetzt hat. Ich weiß, welchen Spott Ihr über Frankreich ausgegoſſen und wie viele Pasquille Ihr heut entweder zu verbergen oder zu verbrennen habt. Ich weiß, welches feindſelige Entzücken Ihr an den Tag legtet, als der Kaiſer Alexander und der König von Preußen in Eure Mauern einzogen. Eure Häuſer zeigen noch die Spuren der Guirlanden und auf Euren Straßen erblickt man noch die Ueberreſte der Blumen, welche Eure Töchter den Monarchen ge⸗ ſtreut haben. Ich will Euch verzeihen. Segnet da⸗ für Euren König. Ihm allein verdankt Ihr Eure Rettung. Sendet eine Deputation an ihn, daß er Euch wieder ſeine Gegenwart ſchenke. Ich ver⸗ zeihe Euch ihm zu Liebe. Auch ſeid Ihr ſchon be⸗ ſtraft. Ihr ſeid vom Baron von Stein im Namen Kutuſow's adminiſtrirt worden und wißt nun, was Ihr von den Gefinnungen der Verbündeten zu halten habt. Ich verlange für meine Soldaten blos das, was Ihr für die Preußen und Ruſſen gethan habt. Ich werde ſelbſt darüber wachen, daß Euch der Krieg 9— ſo wenig als möglich Unheil zuzieht und gebe Euch ein Unterpfand meiner Gnade. Der General Duros⸗ nel, mein Adjutant, iſt zu Eurem Gouverneur er⸗ nannt. Der König ſelbſt würde ihn für Euch ge⸗ wählt haben! Ihr ſeid entlaſſen.“ Die Deputation begiebt ſich mit ſchwerem Herzen zur Stadt zurück und verordnet eine Illumination für den Abend. Fortwährend läuten die Glocken; Napoleon aber, ſo wie er am Thore anlangt, erhält die Nachricht, daß Miloradowitſch ſich in der Neuſtadt zu halten wünſcht. Sogleich ſteigt er vom Pferde und begiebt ſich in Begleitung des Oberſtallmeiſters Caulaincvurt und eines Pagen, die Vorſtädte Dres⸗ dens umgehend, nach dem Orte, wo die Ruſſen ihre Schiffbrücke abgebrochen haben. Noch immer dampfen die Ueberreſte derſelben. In der Gegend des Pir⸗ naiſchen Thores kommen den drei Wandrern einige Offiziere entgegen. Es iſt Eugen, der Vicekönig von Italien. Vater und Sohn gehen ganz allein das Elbufer entlang, das jenſeitige vom Feinde be⸗ ſetzte Ufer beſichtigend. Mehre Kanonenſchüſſe don⸗ nerten herüber, aber die Kugeln ſchlugen in bedeu⸗ tender Entfernung von den beiden Fürſten in die Erde. Hätten die Ruſſen ahnen können, welche zwei hochwichtige Perſonen hier einſam am Ufer auf⸗ und abpromenirten, würde eine gefährlichere Kugelſaat ge⸗ folgt ſein. Napoleon überzeugte ſich, daß ein Uebergang hier unausführbar ſei. „Wir müſſen unterhalb über die Elbe,“ ſprach er und ſchnellen Schrittes kehrte er mit Eugen zu dem Gefolge zurück. Alle ſchwangen ſich auf die Roſſe und im Trabe ging es um die Vorſtädte, nach der Friedrichſtadt, bis an das Elbufer, wo die zweite 133 Floßbrücke geſtanden hatte. Napoleon gab ſogleich Befehl zur ſchleunigen Herbeiſchaffung von Arbeitern und Materialien. Truppen mußten herbei, die Ar⸗ beiten zu decken. Erſt Abends ſieben Uhr kam der Kaiſer nach Dresden und nahm ſeine Wohnung im königlichen Schloſſe. Mit einbrechender Dunkelheit zogen die alten Gar⸗ den von Marſchall Soult, Herzog von Dalmatien, geführt, unter donnerndem Vive l'Empereur in die Stadt. Kaum graute der Morgen des folgenden Tags, es war früh dei Uhr, als Napoleon, von einem ein⸗ zigen Adjutaten begleitet, den Zwingerwall beſtieg und die Stellung einiger Geſchütze ordnete, eine Maß⸗ regel, welche bereits gegen Mittag das gegenüber unterhaltene feindliche Feuer zum Schweigen brachte. Das Tirailliren von beiden Ufern währte den ganzen Tag. Mehre Einwohner wurden getödtet und ver⸗ wundet. Der Kaiſer begab ſich wieder an den Ort, wo der Elbübergang verſucht werden ſollte. Auf dem Wege dahin hat er die Wilsdruffer Thorwacht zu vaſſiren. Sie war noch von Dresdner Bürgermilitair beſetzt. Die Schildwacht, durch die unerwartete An⸗ kunft des Kaiſers überraſcht, vergißt„Wache her⸗ aus!“ zu rufen, präſentirt aber mit militairiſcher Haltung. Napoleon lächelt und hält ſein Pferd an. Er iſt guter Laune. „Das habt Ihr wohl nicht geglaubt,“ fragte er gemüthlich,„daß ich ſo ſchnell wieder da ſein würde?“ „Nein, Ew. Majeſtät,“ antwortet die Schildwacht. „Habt Ihr von der großen Schlacht gehört, die ich gewonnen habe?“ „Allerdings, Ew. Majeſtät.“ „Habt Ihr meine vielen Kanonen geſehen?“ 13⁴ „Ja, Eure Majeſtät.“ „Ihr waret wohl recht böſe, als die Franzoſen die Brücke ſprengten?“ Die Schildwacht zuckte die Achſeln. „Getroſt,“ ſprach der Kaiſer,„ich werde ſie wie⸗ der bauen.“ Mit dieſen Worten galoppirte er weiter. Den Ruſſen ſchien dieſer ſchnelle Uebergang, den die Franzoſen verſuchten, ſehr unerwartet zu kommen. Sie fuhren nach und nach ſechzig Kanonen längs dem Elbufer auf. Es begann eine Kanonade, daß die Fenſter von Dresden zitterten. Napoleon begab ſich in die Nähe eines ehemali⸗ gen Pulvermagazins, von wo aus er die Arbeiten des Uebergangs und die Vertreibung der Ruſſen leitete. Ehe noch Einer ſeines Gefolgs die wahre Stärke des Feindes erkannt hatte, traf er bereits zweckdienliche Vorſichtsmaßregeln. „Hundert Kanonen!“ donnerte er dem Generale Drouot zu, welcher dem anlangenden Geſchütz entge⸗ gen eilte und daſſelbe auf vortheilhaften Anhöhen auffahren ließ. Als dieſer General dem Kaiſer die vollzogenen Befehle rapportirte, war dieſer mit der Poſition der Kanonen nicht ganz zufrieden. Unmuthig zupfte er Drouot am Ohrläppchen. Dieſer entſchuldigte ſich beſcheiden und feſt, daß eine andere Aufſtellung nicht möglich geweſen. So⸗ gleich war Napoleon's Unmuth verraucht; er bereute ſeine Uebereilung und ſeine Miene verwandelte ſich in ein freundliches Lächeln. Er ſchien nur geſcherzt zu haben. Unterdeß ward die Kanonade immer furchtbarer. Das ruſſiſche Geſchütz beſtrich die ganzen Felder der 135 Friedrichſtadt. Mehre Kugeln und Granaten ſchlu⸗ gen neben dem Kaiſer nieder. Eine der letztern riß dicht neben ihm ein Stück von der Schalwand des Pulvermagazins ab und warf ihm einen Spahn an den Arm. „Wenn das den Leib getroffen hätte, war's vor⸗ bei,“ ſprach er ruhig, das Stück aufhebend und be⸗ trachtend. Einige Minuten nachher ſchlug eine Granate zwi⸗ ſchen ihm und ein italieniſches Bataillon, das zwan⸗ zig Schritte hinter ihm ſtand, in die Erde. Die Italiener rückten zuſammen und bückten ſich, um der Wirkung des Springens auszuweichen. Napoleon be⸗ merkte es und rief lachend in italieniſcher Sprache: „Das thut Euch nichts, Ihr Schelme!“ Nach zweitägiger Arbeit unterblieb die Schlagung der Brücke, weil der Strom zu reißend und tief war und es an Tauen, Ankern und andern Hülfsmitteln fehlte. Weit vortheilhafter erſchien die Wiederherſtel⸗ lung der Dresdner Elbbrücke. Napolevn betrieb dieſen Uebergang mit Feuer⸗ eifer. Er brachte einen Theil des Tags auf der Brücke zu, mit deren Wiederherſtellung er einen ſeiner Adjutanten beauftragte. Vermittelſt großer Feuer⸗ leitern mußte die leichte Infanterie an dem geſpreng⸗ ten Theile der Brücke hinab- und hinaufſteigen, um ſich der Neuſtadt und ihrer Umgebungen zu verſichern. Napolevn ſelbſt übernahm mit ſeinem ganzen Gene⸗ ralſtabe dieſe Kletterpartie, um ſich über den Zuſtand der Brücke zu unterrichten. Binnen zwanzig Stun⸗ den waren ſieben Joche von Holz dergeſtalt befeſtigt, daß bereits am andern Morgen die ganze Armee des Vicekönigs mitſammt ihrer Artillerie übergehen konnte. Auch auf Fähren wurden Kanonen übergeſetzt. Für 136 jede zahlte der Kaiſer einen Napoleonsd'or Fahr⸗ geld. Die ſchnelle Vollendung der Brücke erfüllte ihn mit vielem Wohlbehagen. Er verblieb faſt den gan⸗ zen Tag auf dem Pfeiler. Recht behaglich ſaß er auf der ſteinernen Bank und weidete ſich an den un⸗ zähligen Kanonen und den ſchönen blanken Regimen⸗ tern, die unter fortwährendem„Vive F'empereur“ ju⸗ belnd vorüberzogen. Zehntes Rapitel. Noch immer war keine Nachricht von den Gebrüdern Steinberg's eingegangen. Die Familie des Geheim⸗ raths ſchmeichelte ſich, daß ſie mit der preußiſchen Hauptarmee nach der Lauſitz marſchirt, als Ruffus eines Abends durch einen Landmann aus der Meiß⸗ ner Gegend ein verſiegeltes Billet erhielt. Sein kur⸗ zer Inhalt lautete: „Ich liege ſchwer verwundet auf einem Weinberg⸗ hauſe bei Meißen. Unter vierzehn Tagen iſt an ein Aufkommen nicht zu denken. Sorge in Dresden für ein Unterkommen, wo ich, der franzöſiſchen Polizei verborgen, meine völlige Wiederherſtellung abwarten kann. Wir Freiwilligen haben von der fremden Ty⸗ rannei am meiſten zu fürchten. Unſer Heer ward zum Rückzuge genöthigt, aber das Herz iſt friſch, und ein Feigling, wer an der Sache des Vaterlandes verzweifelt. Von Gotthard weiß ich nichts. Grüße Anna. Ihre Schleife iſt mit meinem Blute bethaut. Die Schlacht bei Lützen war eine blutige Frühlings⸗ ſaat. Die Ernte wird nicht ausbleiben. Dein Reinhold.“ Als Poſtſcript waren die Worte zu leſen: „Außer Anna und Frau von Sternburg laß Nie⸗ mand von dieſen Zeilen wiſſen.“ „Die Sternburg?“ frug Ruffus;„das iſt die Letzte, die davon erfahren ſoll. Anna braucht auch nichts zu wiſſen.“ Er ging eine Zeit lang ſinnend auf und ab. „Ich werde ihn zu Hoffmann ſperren,“ ſprach er, „der wohnt wie ein Eremit vor dem ſchwarzen Thore, wo ihn außer der lieben Sonne Niemand als die alte ehrliche Aufwärterin zu Geſicht bekommt.“ Er hatte dieſe Worte kaum für ſich geſprochen, als Heumann hereintrat mit ſichtbar verſtörtem Ge⸗ ſicht. „Ich bitte Sie um Gotteswillen,“ begann dieſer, „verwenden Sie ſich bei Durosnel; dem Stadtcom⸗ mandanten, mit dem Sie perſönlich befreundet ſind; man hat mir bereits dreißig Mann Einquartierung in's Haus gelegt und ſcheint es direct auf meinen Ruin abgeſehen zu haben. Meine Illumination muß verrathen worden ſein, das enorme Einquartierungs⸗ heer iſt mir auf ſpeeiellen Befehl des Neuſtädter Stadteommandanten über den Hals geſchickt worden.“ Wiewohl die Lage des unvorſichtigen Patrioten nicht zum Lachen war, konnte ſich doch Ruffus eines Lächelns nicht erwehren. „Jetzt heißt's in Wahrheit: Erlöſ' uns von dem Uebel,“ meinte der junge Mann. 138 „Erinnern Sie mich nicht an dieſe Eſelei,“ drängte Heumann,„und ſchaffen Sie Linderung. Sie ver⸗ mögen es, wenn Sie nur wollen.“ „Sehr obligirt,“ entgegnete Ruffus,„Sie ſchei⸗ nen der Meinung, als ſtünde die ganze große Armee unter meinem Befehl. Ich bin allerdings mit Du⸗ rosnel befreundet; aber dieſer Mann iſt dermalen mit Geſchäften ſo überhäuft, daß es unbillig wäre, ihn noch mit meinen Privatangelegenheiten zu behelligen.“ „Wenn ich dieſe Einquartierung nicht los werde,“ lärmte Heumann im Zimmer auf- und ablaufend, „laß ich Haus und Hof im Stiche und gehe nach Berlin.“ „Dort möchten Sie,“ meinte Ruffus,„vor den Franzoſen auch nicht lange ſicher bleiben und ſie vielleicht noch unangenehmer als hier in Dresden finden.“ „Schlimmer als bei mir,“ replieirte der Einquar⸗ tierung⸗Geplagte,„können ſie ſich nicht aufführen. Man muß dieſe Bande expreß für mich aus der gro⸗ ßen Armee herausgeſucht haben. Sie kehren das oberſt zu unterſt, und die gerühmte franzöſiſche Urbanität iſt ihnen eine unbekannte Größe. Sie tragen im Negligée lauter rothe Mützen. Es muß eine Art wilder Jaiobiner ſein. Theuerſter Freund, befreien Sie mich von dieſer Schwefelbande; ordentlich Kaiſer⸗ lich-Königliche Soldaten, in verhältnißmäßiger Anzahl wie meine Nachbarn will ich haben. Sagen Sie dem Herrn Commandanten, daß ich gut kaiſerlich gefinnt wäre; daß er auf mich zählen könnte; daß ich mich nur durch den allgemeinen Paroxismus hätte haben hinreißen laſſen und die Decoration ganz gegen mein Wiſſen und Willen illuminirt worden ſei.“ „Aber ich habe ja mit eignen Ohren gehört,“ 139 ſprach Ruffus,„wie Sie ſich durchaus nicht abreden ließen.“ „Ja, davon dürfen Sie freilich nichts ſagen und werden es nicht,“ fiel Heumann eifrig ein.„Wem konnte auch entfernt in den Sinn kommen, daß in acht Tagen nach der Illumination der Napoleon wie⸗ der da ſein würde; das hat ſelbſt unſer hochweiſer Rath, der doch zu denken verſteht, nicht gedacht, nicht einmal geträumt, ſonſt würde er die romantiſche Eh⸗ renpforte ſammt der patriotiſchen Mädchenarmee auch hochweislich unterlaſſen haben. Habeat sibi, er hat ſeine Naſe dahin.“ „Aber Ihr deutſcher Patriotismus,“ meinte Ruffus, „ſcheint durch die Executions⸗Einquartierung auch ei⸗ nen Leck bekommen zu haben.“ „Mein Gott,“ erwiederte Heumann verdrießlich, „wenn wir doch nicht Patrioten ſein wollten, es ſteht uns einmal nicht. Seit die unverſchämt ruſſiſche Ar⸗ tillerie, deren Raſſeln auf dem Pflaſter mir noch in den Ohren tönt, den Napoleon nicht hat aufhalten können, wer vermöchte ihm zu widerſtehen! Wenn ich die dreißig Spitzbuben los werde, habe ich nichts ge⸗ gen Seine Majeſtät den Kaiſer der Franzoſen und König von Italien.“ „Nun was in meinen ſchwachen Kräften ſteht, will ich gern thun,“ verhieß Ruffus;„aber ich fürchte, es hilft nichts. Verſprechen Sie ſich daher auch vor der Hand Nichts.“ „Sprechen Sie nur mit dem Gouverneur,“ ver⸗ ſetzte Heumann,„ich weiß es hilft, er iſt die Huma⸗ nität ſelbſt, und Sie gelten viel bei ihm. Aber, theuerſter Freund,“ fügte er preſſirt hinzu,„nur bald, ſonſt geht mir Alles zu Grunde. Die Kerle ſind im Stande, in meinen ſauber tapezierten Stuben Wacht⸗ feuer anzuzünden.“ 140 „Ich will mich ſogleich auf den Weg machen,“ verſicherte Ruffus. „Das iſt ſchön,“ lobte Heumann,„bin gern zu jedem Gegendienſt erbötig und werde dieſen Liebes⸗ dienſt im Leben nicht vergeſſen.“ Er empfahl ſich, um dem Geheimrath einen Be⸗ ſuch abzuſtatten und dieſen von ſeiner peinlichen Lage in Kenntniß zu ſetzen. Als Ruffus aus dem Hauſe trat, gewahrte er zwei ſchöne franzöſiſche Jünglinge, in der Uniform der jun⸗ gen Garde. Ihr ganzes Weſen verrieth mehr eine gewiſſe jugendliche Schüchternheit als ſoldatiſches Auf⸗ treten. Sie hielten Einquartierungsbillets in den Händen und ſchienen ſich in den Hausnummern nicht zurechtfinden zu können. Ruffus, den die beiden jungen Leute mit den offenen, freundlichen Geſichtern wahrhaft anſprachen und der überhaupt gern Jedermann gefällig war, trat freundlich mit franzöſiſchem Gruße auf ſie zu. „Wir ſind in Ungewißheit,“ verſetzte der eine ar⸗ tig und verbindlich,„über die Hausnummer. Unſer Billet weiſ't auf Nummer 35. Nun ſteht zwar hier über der Thür eine 35, aber eine zweite Zahl da⸗ neben; ſind wir nun recht oder nicht?“ „Dürft' ich bitten,“ ſprach Ruffus, ſich das Quar⸗ tierbillet zeigen laſſend. „Sie ſind am rechten Orte, meine Herren,“ ver⸗ ſicherte er lächelnd,„erlauben Sie mir, daß ich Sie ſelbſt einführe. Ich bin hier zu Hauſe.“ „Das iſt vortrefflich,“ ſprach erfreut der Eine, „ein freundlicherer Empfang konnte uns nicht wer⸗ den. Komm, Eugen, hier ſind wir gewiß gut auf⸗ gehoben.“ „Ich glaube auch, Jerome, erwiederte dieſer leiſe. 144 „Das Haus hat viel Aehnlichkeit mit dem unſern in Paris. Sieh' mal faſt dieſelbe Hausflur und Treppe.“ Ruffus ging voran, den beiden Gardiſten die für die erwartete Einquartierung Zimmer anzuweiſen. Da Günther's wegen ihrer äußerſt geſchmackvoll eingerichteten Wohnung faſt ſtets Offiziere und oft von hohem Range zur Einquartierung erhielten— der jetzige Gouverneur von Dresden hatte ſelbſt eine geraume Zeit daſelbſt im Quartier gelegen— ſo wunderte ſich Ruffus allerdings, diesmal mit ein Paar gemeinen Gardiſten vorlieb nehmen zu müſſen; die beiden Jünglinge ſchienen jedoch ſo gebildet und von ſo guter Familie, daß das Dresdner Quartier⸗ amt hierauf wohl Rückſicht genommen haben mußte. Als Ruffus mit ſeinen Gäſten die Treppe hinauf⸗ ſtieg, kam ihm Heumann, der den Geheimrath nicht zu Hauſe getroffen, in Haſt entgegen. „Aha,“ rief er,„hält das Heuſchreckenheer auch hier Einzug? Uebrigens ſcheinen das wenigſtens Menſchen,“ fuhr er, ſich die ſchönen Jünglinge nicht ohne Wohlgefallen betrachtend, fort;„aber meine brau⸗ nen Beſtien— „Aber mein Gott, Theuerſter,“ beſann er ſich, „ich denke Sie ſind längſt beim Gouverneur, wie Sie mir verſprochen haben; indeß ſteigen Sie mit Ihrer höchſt eigenen Einquartierung Trepp auf, Trepp ab.“ Ruffus ärgerte ſich über dieſe unerträgliche Un⸗ geduld, daß er that, als hörte er Heumann's Worte nicht. Jetzt ward dieſem angſt. „Sie haben doch um's Himmels Ihr Ver⸗ ſprechen nicht vergeſſen?“ rief er angſtvoll. „Sein Sie ruhig,“ antwortete Ruffus kurz und ärgerlich,„noch dieſen Vormittag ſpreche ich mit dem Gouverneur.“ „Sie haben gut reden von Ruhigſein, zwei Mann Einquartierung, was iſt das? und hoffentlich ver⸗ nünftige Leute; Sie ſollten meine Rotte Kora, Da⸗ tan und Abiram ſehen. Die Ruhe würde Ihnen ver⸗ gehen. Alſo ein Wort ein Mann. Ich verlaß mich darauf.“ „Ja doch!“ rief Ruffus ungeduldig und öffnete den beiden Franzoſen die geſchmackvoll meublirten Zimmer. Heumann war etwas beruhigt fortgeeilt; Jerome aber wandte ſich zu Ruffus und frug: „Der Herr ſchien unzufrieden mit ſeiner Einquar⸗ tierung: es ſind doch nicht Franzoſen?“ Der Angeredete ſtutzte und ſah den ſchönen Gar⸗ diſten verwundert an.„Ich kann es wirklich nicht ſagen,“ begann er endlich, und nach einer Pauſe frug er freundlich:„Sie ſcheinen meiner Mutterſprache kundig?“ „Ein wenig,“ war die beſcheidene Antwort. „Wohl aus dem Elſaß?“ „Paris iſt meine Vaterſtadt,“ ſprach Jerome; „aber die deutſche Sprache und Literatur gehören zu meinen Lieblingsſtudien.“ Jetzt hätte Ruffus ſeine Einguartierung für einen Marſchall nicht hingegeben. Er empfahl ſich auf kurze Zeit, um für Heumann ein gutes Wort beim Gon⸗ verneur einzulegen. In dem Vorſaale bei Lurbsnel wimmelte Pön Supplikanten. Ruffus erblickte mehre bekannte Ge⸗ ſichter. Da man wußte, daß er beim Gouverneur gut ſtehe, ſo umringte und beſtürmte man ihn um 143 ein Fürwort bei Durosnel. Es waren meiſtentheils Klagen und Reclamationen in Einquartierungsange⸗ legenheiten, welche die Supplikanten hierher getrieben hatten. Ruffus betheuerte, nichts für die Bittenden thun zu können, da er für ſeine eigne Perſon als Suppli⸗ kant erſcheine. Seine Blicke überſchweiften die zahlreiche Verſamm⸗ lung, welche bereits vor ihm erſchienen, und er machte ſich auf eine harte Geduldsprobe gefaßt, denn unter einer Stunde war an kein Vorkommen beim Gvuver⸗ neur zu denken: da gewahrte er den Schneidermeiſter Löbel, den deutſchen Patrioten, welcher mit einem wahren armen Sündergeſicht ſchüchtern in einer Ecke gedrückt ſtand und ſich vor Ruffus zu verſtecken ſchien. „Guten Tag, Herr Löbel, auch Sie hier?“ frug Ruffus, der ſich eines Lächelns nicht enthalten konnte, aber in freundlichem, theilnehmendem Tone. Der Schneider war zerknirſcht über dieſe huld⸗ volle Herablaſſung des jungen Mannes, dem er noch vor wenigen Tagen ſo feindlich gegenübergeſtanden. Ruffus erkundigte ſich nach dem Grunde von Lö⸗ bel's Hierſein. „Ach ich geſchlagener Mann,“ lamentirte der Schnei⸗ der,„der verfluchte Patriotismus hat mich in's Mal⸗ heur gebracht. Meine Frau hat ſich beim letzten Ko⸗ ſakenballe, dem wir aus purem unſinnigen Patriotismus beiwohnten, ſo total erkältet, daß ſie halb todt zu Bett liegt. Die Kinder ſchreien, die Arbeit ſtockt, die Geſellen, lauter Blücherianer, ſind als Schirm der deutſchen Freiheit mit nach Schleſien gezogen. Alles liegt auf mir. Nun ſind die Herren Franzoſen ein⸗ gerückt und haben mir Aermſten ſechs Tambours von den Grenadieren in's Haus gelegt. Die verſtehen 144 die Trommelei noch nicht recht, und üben ſich nun im Hof und Hauſe, von Sonnen-Aufgang bis Sonnen⸗ Untergang. Alle Thüren ſind ſchon windflüglig und die Ziegel auf dem Dache wackelig geworden. Der Kalk fällt von den Wänden und meine Frau wirft's im Bett hin und her. Sie weiß von Gott und Menſch⸗ heit nichts mehr, denkt unfehlbar an den Weltunter⸗ gang und phantaſirt nur von Koſaken. Wenn die Trommelei ſo fortgeht, wird ſie ſicher in die Ewig⸗ keit hinübergetrommelt. Die Herren Tambours neh⸗ men keine Raiſon an; ſo ein kleiner Bougre, der mit ſeiner Trommel das Haus vom Grunde bis zum Dach⸗ ſpahn durchſtöbert, hat geſtern ein Paar Schinken, die ein Schatzgräber mit der Wünſchelruthe nicht ausfin⸗ dig gemacht haben würde, nebſt einigen anzüglichen Freskomalereien auf die hohe Perſon Sr. Majeſtät des Kaiſers der Franzoſen und des Königs von Ita⸗ lien, die ich, um die hohen Gäſte nicht zu alteriren, ſchonend ihren Blicken entzogen hatte, zu Tage ge⸗ fördert, und ſeit der Zeit iſt die Trommelei gar keine menſchliche mehr. Nur ſo lange die Tambours die Schinken verzehrten, war Ruhe; aber das dauerte nicht lange, und das Gewitter brach von Neuem her⸗ ein, erſchütternder denn je. Natürlich die Schinken hatten neue Kraft gegeben; es waren Prachtſtücke, hochverehrteſter Herr Günther, Sie haben im Leben nichts Prächtigeres geſehen. Mein Schwager, der Fleiſcher Schmid, hat als Ehrenmann gehandelt. Alles dahin. Für böſe Zeiten hatt ich ſie verſargt. Wie ſie der kleine Tambour gefunden, bleibt mir ein Räth⸗ ſel hienieden. Aber wiſſen Sie, hochverehrteſter Herr Günther, wie es der kleine Tambvur anfing, wenn er ſpionirte? Er legte die Hände auf den Rücken, ſtreckte den Kopf vor, nicht zu viel, ſo, ſehen Sie, 145 wie ichs mache, hob die Naſenflügel ein klein wenig, und ſo ſchlich er umher, Treppe auf, Treppe ab im ganzen Hauſe, durch alle Stuben und Kammern. Ich denke der Schlag rührt mich lebendigen Leibes, als ich auf den Boden komme, wo die Schinken im dicken Sägeſpähnekaſten unter den Dielen verſargt lagen, und den kleinen Tambvur, ausgeſtreckt wie einen Aal, ſo lang wie er war, mit dem Bauche auf dem Fußboden ſehe. Dabei bewe egte er den Kopf wie eine Schlange nach allen Seiten, ſprang dann auf und ſagte zu mir: Bougre, und holte ein Beil. Ich dachte, jetzt gilt's entweder Dir oder den Schinken. Der Angſtſchweiß trat mir hervor. Die Kinder ſchrien, die andern fünf Tambours wirbelten einen wahrſchein⸗ lich war ihnen die Kunde von der Entdeckung der Schinken geworden. Ich war mehr todt als lebendig. Der kleine Tambour kehrte zurück mit einem funkeln⸗ den Beile, ſagte wieder zu mir: Bongre, und hieb in die ſchönen Dielen mit einer Vehemenz, als gelte es einem polniſchen Ochſen. Jeden Hieb fühlte ich in beiden Kniekehlen, und als die Dielen brachen, fiel auch ich zu Boden, als wäre ich ſelbſt getroffen. Der kleine Tambour ließ ſich nicht ſüren und för⸗ derte die Schinkenkiſte zu Tage. Ich that, als merkte ich nichts davon und ſtellte mich mauſetodt. Plötzlich erhielt ich eine ſolche wüthende Kopfnuß, wie ich ſie ſeit meiner Lehrzeit nicht erhalten, daß ich nicht an⸗ ders glauhte, als der kleine Tambour wolle mich ar⸗ men Mann erſchlagen. Ich ſprang daher ſo ſchnell als möglich auf. Da ſtand die ſchöne Schinkenkiſte wie ſie leibte und lebte, wie ſie Gevatter und Nach⸗ bar Bär, der Rathspolirer gefertigt. Der kleine Tam⸗ bour hatte wie ein Bergmann gearbeitet; er ſtand aber jetzt vor mir, und ſo viel ich im erſten Schrecken Stolle, ſämmtl. Schriften. Kl. 10 146 wegkriegen konnte, mit furchtbarem Blicke, und in der Hand hielt er die anzüglichen Freskogemälde auf Seine Majeſtät. Ich wußte bei dieſem entſetzlichen Anblick nicht, ob ich gleich noch einmal in Ohnmacht fallen, oder was ich thun ſollte. Der kleine Tambour aber ſagte wieder: Bougre, und beim jedesmaligen Bongre ſetzte es eine Kopfnuß, die ich auf den Kopf erhielt. Ich dachte, nun, er wird doch einmal ausgebougert haben; aber das ging in einem fort wie eine Klapp⸗ mühle. Ich konnte darauf nicht warten und zog mich Pas für Pas nach der Bodentreppe zurück, wobei ich allemal den vordern Fuß ganz unbemerkt zurückzog und ihn rückwärts in die dritte Poſition ſchob. So bewegte ich mich, eine lebendige Bildſäule, der Boden⸗ treppe zu. Der kleine Tambour folgte und ließ nicht nach in ſeinem Gebougre. Als ich die erſte Stufe hinab war, ſtand ich dem kleinen Tambvur gerade recht. Ich war jetzt mit ihm, da er noch ganz oben ſtand, von gleicher Größe. Nun ſagte er nicht mehr Bougre, ſondern Coquin, aber auf die Kopfnüſſe hatte die neue Lesart keinen Einfluß, die klappten wie vor. Es ging nun die Treppe vollends herab, ich ſtets eine Stufe tiefer, ſo liebte es der kleine Tambvur. Meine Leiden nahmen erſt ein Ende, als mir freier Spielraum zur Flucht ward, die ich auch ohne wei⸗ teres Bedenken ergriff. „Der Zorn der Welteroberer hinſichtlich der Fresko⸗ gemälde war aber trotz der unzähligen Kopfnüſſe nicht geſtillt. Ich ward zähnklappernd in meinen eignen Hof eskortirt. Hier zogen ſämmtliche ſechs Tambours die Säbel. Ich dachte, ſo biſt du armer Löbel alſo doch geliefert, und fiel flehend auf die Kniee. Aber ſie meinten es nicht ſo bös. Ich mußte nur knieend vor den Bildern Abbitte thun und ſie dann, eins 147 nach dem andern, verzehren. An Napoleon's Rückzug aus Rußland hatte ich am meiſten zu würgen— der wollte gar nicht hinunter. Seine Maieſtät ſaß da rückwärts auf einem ungeheuren Eſel, wie es eigent⸗ lich in der Natur gar keinen Eſel geben kann. Aber der Künſtler hatte ſeiner Phantaſie freien Raum ge⸗ laſſen. Das Zeug ſchmeckte verteufelt; aber endlich gelang mir's doch den Eſel zu überwältigen und ihn zu verſchlingen. Ich ward vollkommen ſatt und er⸗ ſparte die Mittagsmahlzeit.“ „Und Euer Anliegen hierſelbſt?“ frug Ruffus. „Daß ich die Tambours loswerde, die Raſſauner, hochverehrteſter Herr Günther,“ war die Antwort. „Meine Frau will himmeln und die Sechs ſchlagen. Alarm dabei, als ob ein General gefahren käme. Stille Menſchen will ich, meinetwegen noch einmal ſo viel, wenigſtens keine Tambvurs, das⸗ wird mir kein Menſch verdenken.“ Ruffus gab ihm vollkommen Recht, meinte aber, ob nicht der Gemeinderichter in dieſer Sache Rath ſchaffen könnte. „Bin überall herumgelaufen,“ entgegnete der Ge⸗ plagte;„aber Richter und Schöppen haben den Kopf verloren. Niemand greift mir unter die Arme, und wenn ich den Leuten erkläre, daß meine Frau, die ſich doch nur aus bloßem Patriotismus auf dem Ko⸗ ſakenballe ruinirt hat, nun vor den franzöſiſchen Tam⸗ bours nicht erſterben könne, lachen mich die Ochſen noch aus.“ Auch Ruffus war das Lachen näher als der Ernſt. Er tröſtete, ſo gut es gehen wollte, als ein dienſt⸗ thuender Adjutant, der ihn von früher kannte, heran⸗ trat.„Falls Sie Eile haben,“ ſprach er verbindlich, „will ich Sie ſogleich melden.“ 10* 148 „Jedem ſein Recht,“ lehnte Ruffus beſcheiden ab, „die Leutchen hier haben länger gewartet.“ Als der Schneider gewahrte, wie vertraulich Ruf⸗ fus mit dem ſtattlichen franzöſiſchen Offizier ſprach, welcher viele Orden und einen langen ſpitzen Degen trug, wollte er faſt erſterben in Demuth und Devotion. Ruffus dauerte die Jammergeſtalt. „Gehen Sie getroſt nach Haus, Herr Löbel,“ ſprach er gutmüthig,„ich werde mit dem Herrn Gou⸗ verneur ſprechen, daß Sie die Tambours los werden.“ „O Hochgebenedeieter,“ rief begeiſtert der Schnei⸗ der und geberdete ſich ſo komiſch, daß ſelbſt die zu⸗ rückſtehenden Supplikanten, obſchon ihnen nur zu ernſt zu Muthe war, ſich des Lachens nicht ent⸗ halten konnten. Als Ruffus nach einiger Zeit beim Gouverneur eintrat, kam ihm dieſer auf das Freundſchaftlichſte entgegen. Man kam alsbald auf die Einquartirung zu ſprechen, wo Ruffus Gelegenheit nahm, die Sache ſeiner beiden Clienten, Heumann's und Löbel's, mit dem ihm eigenen Humor vorzutragen. Der Gouver⸗ neur mußte mehrmals laut auflachen. „Uns iſt Nichts unbekannt,“ ſprach er,„in Bezug auf Heumann's Decoration, auch daß Fräulein Anna dem Kaiſer Alexander und Könige von Preußen Blu⸗ men geſtreut, weiß ich recht wohl— doch mag ich es nicht wiſſen.“ „Ich habe genng dagegen geeifert,“ verſicherte Ruffus,„aber tauben Leuten iſt ſchwer predigen.“ „Apropos,“ fiel hier der Gouverneur ein,„wie ſeid Ihr mit Eurer Einquartirung zufrieden?“ und eine beſondere Freundlichkeit überzog bei dieſen Wor⸗ ten ſein Geſicht. „Ich hoffe,“ erwiederte Ruffus,„daß ſie werden 1⁴9 zufrieden ſein; erſt dieſen Morgen ſtellte ſie ſich ein. Es ſind ein paar junge Leute, zwar Gemeine, aber ſie ſcheinen gebildet und von guter Familie.“ „Das will ich glauben,“ ſcherzte Durosnel,„hab' ich ſie doch aus der ganzen Garniſon für Euch aus⸗ geſucht.“ „Wirklich?“ frug Ruffus freudig erſtaunt,„Ew. Excellenz können wir nicht dankbar genug ſein.“ „Die beiden herrlichen Jungen ſtehen unter mei⸗ nem ſpeciellen väterlichen Schutze, darum wufßte ich kein paſſenderes Quartier für ſie. Der Eine heißt Eugen und iſt der Neffe des reichen Banquier Normand aus Paris, des andere, Jerome Lagrange, gleichfalls ein Pariſer, ein weitläufiger Vetter von mir.“ Ruffus war jetzt das Räthſel, daß ſeine Familie mit keinem Offizier höhern Ranges bedacht worden, gelöſt. Er trug nochmals die Sache ſeiner beiden Petenten vor. Der Gouverneur warf lachend ein paar Worte auf einen Papierſtreifen, den er der ein⸗ tretenden Ordonnanz übergab. „In einem Stündchen wird das Recept gewirkt haben und bei Herrn Heumann und Löbel eine wohl⸗ thätige Ausleerung erfolgt ſein.“ Da der Vorſaal noch immer von Supplikanten wimmelte, ſo wollte Ruffus nicht länger ſeinen Gönner der koſtbaren Zeit berauben, und er empfahl ſich mit beſtem Danke für die huldvolle Gewährung ſeiner Bitten. „Gern geſchehen,“ ſprach Durosnel, ihm die Hand reichend.„Hütet Euch nur künftig,“ warüte er freund⸗ lich,„vor unzeitigem Patriotismus. Unreife Früchte gedeihen nie. Sobald ich übrigens hier ein wenig Luft bekomme, werde ich die alten Wirthsleute heim⸗ 150 * ſuchen und meine beiden Schutzbefohlnen inſpiciren. Ich empfehle ſie Eurer beſonderen Fürſorge.“ „Sie können nicht beſſer aufgehoben ſein,“ ver⸗ ſicherte Ruffus. Er entfernte ſich, einem neuen Suppli⸗ kanten Platz machend. Eilftes Rapitel. 4 A Ruffus nach Hauſe zurückgekehrt war, fand er die beiden Franzoſen ziemlich eingerichtet. Das eine Zimmer ging nach dem im ſchönſten Frühlingsgrün prangenden Garten. Hier ſtanden ſie um einen Tiſch, eine treffliche Karte des Kriegsſchauplatzes vor ſich ausgebreitet. Jerome verlas aus einem Manuſeripte die Operationen der franzöſiſchen Armee ſeit Eröff⸗ nung des Feldzuges. Dem Ruffus kam das ſehr erwünſcht. Er hatte außer lückenhaften Zeitungsnachrichten und parteiiſchen Bulletins noch keinen wahrhaften und vollſtändigen Bericht über die berühmte Schlacht bei Lützen oder Groß⸗Görſchen geleſen. „Unſere Mittheilung hier,“ ſprach Jerome,„iſt allerdings aus der Feder des Siegers gefloſſen. Sie rührt unmittelbar aus dem Cabinet des Kaiſers her, und hat den Cabinets⸗Secretär Fain zum Verfaſſer: aber nach dem urtheile vieler unparteiiſchen Ober⸗ offiziere ſoll ſie mit der Wabrheit ziemlich überein⸗ ſtimmen.“ X 154 „Es wird zur beſſern Einſicht für unſern Gaſt⸗ freund ſein,“ ſprach Eugen freundlich,„wenn Du die Oyperationen gleich vom Beginn des Feldzugs noch einmal wiederholſt.“ „Von Herzen gern,“ ſprach Jerome, und Ruffus nahm das Anerbieten mit Dank an. „Unſere Armee,“ begann der junge Gardiſt,„hatte Thüringen durchzogen und enthüllte ihre Bewegungen gegen die Saale. Napoleon reiſt am 28. April von Erfurt ab und beginnt den Feldzug. Er nimmt den Weg über Weimar, wo er der regierenden Großher⸗ zogin einen Beſuch abſtattet. Zum zweiten Male er⸗ ſcheint er, von einer Armee umgeben, vor dieſer Für⸗ ſtin; im Jahre 1806, von dem Schlachtfelde von Jena zurückkommend, jetzt dahin zurickkehrend.“ „Das iſt ſeltſam,“ fiel hier Ruffus ein,„an dem⸗ ſelben Tage reiſte Kaiſer Alexander von hier nach Teplitz zu einem Beſuche der Erbgroßherzogin, ſeiner Schweſter.“ „Nach dieſem Beſuche,“ fährt der Vorleſer fort, „ſteigt der Kaiſer zu Pferde, und macht den erſten Militairzug an der Spitze der Dienſtſchwadronen der Garde. Er hatte Mühe, ſich mitten unter den Co⸗ lonnen aller Waffen, welche die Straße bedeckten, Platz zu verſchaffen. Unſere Conſcribirten drängten ſich um ihn; die Meiſten ſahen ihn zum erſten Male, und betrachteten ihn mit Bewunderung. Die erſten Vorſtände ſeines Hauſes und der Armee umgaben ihn. Man erblickte an ſeiner Seite den Fürſten von Neuf⸗ chatel, die Marſchälle der Garde, den Herzog von Friaul, Großmarſchall des Palaſtes; den Herzog von Vizenza, Oberſtallmeiſter; den Grafen Daru, Miniſter⸗ Staatsſecretair. Auf dieſe folgen ſeine Adjutanten, faſt lauter Generale, mit dem ee 152 ihres Grades geſchmückt, und die zwölf Ordonnanz⸗ offiziere in himmelblauen Uniformen. „Mehre Offiziere des kaiſerlichen Hauſes haben ſich dieſem militairiſchen Zuge angeſchloſſen, und der Generalſtab der Armee erhöht die glänzende Suite des Kaiſers. „Die Verluſte des ruſſiſchen Feldzuges ſind er⸗ ſetzt. Jeder hat ſich neu equipirt; Sattel und Zeug, Uniformen und Livreen, Alles iſt neu. Die Pferde friſch und feurig. Dieſer erſte Tag wird zur Re⸗ cognoscirung verwendet. Jeder nimmt ſeine Stelle, ſeinen Rang ein. Ueberall ſtellt ſich die Ordnung wieder her. Auf allen Geſichtern erblickt man den Frohſinn des Muthes und des Vertrauens. „Wie hat ſich in wenigen Stunden Alles verän⸗ dert. Der Friedenszuſtand iſt verſchwunden, und der unmittelbar bevorſtehende Krieg verkündet ſich durch den Ruf der Soldaten, die Wagenburgen, Artillerie⸗ parks, das Getös der Waffen, und vorzüglich durch den Glanz der Bivouakfeuer, welche die ganze Ebene beleuchteten. „Am 20. April waren die Armee des Fürſten von der Moskwa, die kaiſerliche Garde, die Armee des Marſchalls Marmont, auf der Straße von Camburg vorgerückt und durch den bekannten Engpaß bei Auer⸗ ſtädt in das Saalthal herabgeſtiegen. „Rechts in dieſem Thale, zwiſchen Camburg und Dornburg, ſtand däs vierte Corps, unter General Bertrand. Etwas weiter auf der Seite gen Saaffeld, bildete das zwölfte Corps unter Oudinot, Herzog von Reggiv, den äußerſten rechten Flügel. „Links zwiſchen Querfurt und Halle manövrirte die Armee des Prinzen Eugen, um ſich der Haupt⸗ armee zu nähern. Die Marſchälle Victor und Mac⸗ donald und General Lauriſton commandiren unter Eugen. 153 „So hat die große Armee die Saale von Saal⸗ feld bis an die Elbe beſetzt. „Man hört aus der Ferne Kanonendonner, von der Seite des General Lauriſton und Herzog von Tarent. Erſterer feuert auf die Preußen vor Halle. Der Marſchall Maecdonald hat auf der Brücke von Merſeburg daſſelbe Corps des General York wieder ge⸗ troffen, das ihn am Niemen verlaſſen hatte, und ſeine erſten Schläge treffen auf York. „Von der Seite, auf welcher ſich der Kaiſer be⸗ findet, läßt General Souham durch ſeine Avant⸗ garden die erſten ihm aufſtoßenden feindlichen Trup⸗ ven zurückwerfen, und dieſes erſte Gefecht findet gleichfalls beim Uebergang über die Saale ſtatt. „Man kommt nach Naumburg. Der Marſchall Ney treibt die Spitze ſeiner Colonnen auf der Straße von Weißenfels vor. „Der Kaiſer war kaum zu Pferde geſtiegen, als ſich ein Adjutant des Prinzen Eugen vorſtellt. Die⸗ ſer Offizier bringt die Nachricht, daß die Armee des Prinzen bei Merſeburg über die Saale geht. „Die Vereinigung der beiden Armeen iſt nun er⸗ folgt. Die Veteranen von Moskau reichen den jun⸗ gen Conſeribirten, welche das Vaterland ſendet, die Hand. Und von dieſem Augenblicke an hat Frank⸗ reich wieder die Offenſive ergriffen! 8 „Dies iſt das Reſultat unſeres erſten Marſches. „Jetzt ſind nur noch die Preußen unter Kleiſt, welche bei Halle ſtehen, die Preußen unter York zu Merſeburg und die Ruſſen unter Winzingerode bei Naumburg, nach Leipzig zurückzudrängen. „Am 20. April rückte die Armee nach Weißen⸗ fels vor. „Die Diviſion Souham bildet die Avantgarde. 154⁴ Bei ihrer Ankunft zu Weißenfels ſtößt ſie auf feind⸗ liche Cavallerie. Der General Souham ſelbſt iſt von aller Cavallerie entblößt. Doch ohne ſolche zu er⸗ warten, marſchirt er gegen den Feind. Die Ruſſen fahren zwölf Kanonen auf, die Franzoſen eine gleiche Zahl. Es beginnt eine heftige Kanvnade. Der Feind verſuchte wiederholte Angriffe, wird aber durch Pelotonfener unſerer Quarre's zurückgeworfen. Die Ruſſen entſchließen ſich zum Rückzuge, und unſere jungen Soldaten, ſtolz auf ihren erſten Sieg, ziehen unter dem Rufe:„Es lebe der Kaiſer!“ die Zſchacko's auf den Flinten, in Weißenfels ein. „Am 1. Mai erfährt der Kaiſer um drei Uhr Mor⸗ gens, die Vorpoſten hätten einen ſtarken feindlichen Nachtrab ſignaliſirt, der ſich auf den Höhen von Poſerna zu halten ſcheine. Er ſetzte ſich zu Pferde, von ſei⸗ nem ganzen Generalſtabe begleitet. „Die Straße über Weißenfels hinaus ſenkt ſich in das Thal von Grünbach, wo die Dörfer Rippach und Poſerna liegen; auf der entgegengeſetzten Seite ſteigt es wieder aufwärts und führt dann auf die große Ebene von Lützen und Pegau. „Dieſen Engpaß ſcheint der Feind vertheidigen zu wollen. Der General Winzingerode beſetzt die Höhen mit ſechs Kanonen und mit bedeutenden In⸗ fanterie⸗ und Cavalleriemaſſen. „Der Kaiſer giebt Befehl, dieſe Stellung zu neh⸗ men. Die Diviſion Souham bildet noch immer die Avantgarde. Unſre Veteranen betrachten mit Theil⸗ nahme die Manövres unſrer Conſeribirten. Die Armee hat keine Cavallerie, die Gardecavallerie iſt noch um ein paar Tagemärſche zurück. Wir betreten die großen Ebenen Sachſens; dort erwarten uns Schlachten, und junge Infanterie iſt unſere Stütze, ſie zu gewinnen. „Die Diviſion Souham bildet Quarré's. Da⸗ hin ſtellten ſich ein Huſarenregiment und die baden'⸗ ſchen Dragoner, die beiden einzigen Cavallerieregi⸗ menter der Linie. Hierauf kommen die Diviſionen Gerard und Marchand, gleichfalls in Quarré's formirt. „Das Gefecht beginnt, und gleich bei den erſten Schüſſen erfährt die Armee einen grauſamen Verluſt. „Marſchall Beſſieres, Herzog von Iſtrien und Obercommandeur der geſammten Gardecavallerie, auf die Rolle eines bloßen Zuſchauers beſchränkt, hatte ſich auf den linken Flügel zu den Tirailleurs ge⸗ ſellt. Der Feind zielt ſogleich auf dieſen Haufen von Reitern. Der erſte Schuß trifft und wirft den Brigadier der Begleitung zu Boden. Im Augenblick, wo der Marſchall befiehlt, dieſem Tapfern auf dem Felde ein Grab zu bereiten, wird er ſelbſt von einer zweiten Kugel getroffen. „Der Herzog von Iſtrien hatte ſeit den erſten Feldzügen von Italien, alſo ſeit ſechzehn Jahren, immer in verſchiedenen Graden die Garden Napo⸗ leon's befehligt, dem er in alle Feldzüge und alle Schlachten gefolgt war. Dieſer Marſchall, den man mit Recht tapfer und gerecht nennen konnte, zeichnete ſich eben ſowohl durch ſeinen militairiſchen Blick und durch ſeine große Erfahrung in der Waffe der Ca⸗ vallerie, als durch ſeine Tugenden als Bürger und ſeine Anhänglichkeit an den Kaiſer aus. „Indeß war das erſte Quarré im Sturmſchritt unter dem Rufe:„Es lebe der Kaiſer!“ durch den Engpaß gedrungen. Die drei andern vertrieben den Feind von der Höhe und verfolgten ihn auf der Straße nach Lützen. „Die nachrückende Diviſion Gerard nimmt ihre Richtung gegen Pegau. Der Feind aber erhält große 156 Verſtärkungen. Es entwickelt ſich eine zahlreiche Ca⸗ vallerie und ſeine Artillerie zählt über zwanzig Ka⸗ nonen. „Die Kanonade beginnt von Neuem. Endlich muß ſich der Feind zurückziehen. Die franzöſiſche Armee folgt auf der Straße von Lützen. „Das kaiſerliche Hauptquartier befindet ſich auf dem Amthauſe von Lützen. Grenadiere der alten Garde, welche den Winterfeldzug mitgemacht haben, find von der Armee des Prinzen Eugen angelangt. Sie beſetzen ſogleich die Ehrenpoſten beim kaiſerlichen Hauptquartier. „Die junge Garde bivouakirt vorwärts auf der Straße von Leipzig. Sie umgiebt die Pyramide Guſtav Adolph's. Man ſtellt Wachen aus, um die Bäume, welche das alte Denkmal beſchatten, vor dem Beile der Sappeurs zu ſchützen. „Marſchall Ney vertheilt ſeine Armee in den Dör⸗ fern zwiſchen Lützen und Pegau. Sie heißen Rahna, Kaya, Groß⸗ und Klein⸗Görſchen. Der Augenblick ihrer Zerſtörung iſt gekommen. „Am 2. Mai war die Armee aufgebrochen, um nach Leipzig zu gelangen. General Lauriſton iſt auf der Straße von Merſeburg vorangezogen. Er langt Morgens neun Uhr bei Lindenau an, wo er Wider⸗ ſtand findet und den Uebergang über die Elſter und Pleiße mit Kanonen vorbereitet. „Um zehn Uhr war die Straße von Weißenfels bis Lindenau mit der franzöſiſchen Armee bedeckt, welche eine lange Reihe von Truppen, Artillerie, Equipagen, mit einem Worte alle Verwirrung einer im Marſch begriffenen Armee darbietet. „Die rechte Flanke dieſer endloſen Colonne blieb auf der Höhe von Lützen durch die Armee des Für⸗ 157 ſten von der Moskwa gedeckt, welche die genannten vier Dörfer in Beſitz hatte. „Der Kaiſer war um neun Uhr zu Pferde. Er hörte die Kanvnen des General Lauriſton und beeilte ſeine Ankunft in Leipzig. Die zahlreiche Cavallerie des Feindes hatte uns alle Straßen verhüllt und ver⸗ barg die Bewegungen der entgegenſtehenden Armee. „Indeſſen glaubte der Kaiſer, die Maſſen des Feindes würden uns in den Ebenen von Leipzig er⸗ warten. Der Beſitz dieſer Stadt ſollte daher ſchnell unſrer Ungewißheit ein Ende machen. Napolevn hatte beſonders empfohlen, bei Ankunft daſelbſt ſich ſogleich der Briefe auf der Poſt zu bemächtigen, und alle Nachrichten einzuholen, welche in dieſer Hauptſtadt des deutſchen Handels in Maſſe vorhanden ſein muß⸗ ten. Er verlangte, ſeine Seeretaire und Dolmetſcher ſollten mit ihm zugleich daſelbſt ankommen. Seine ganze Umgebung war zu Pferde, um ihm ſchnell fol⸗ gen zu können. „Um fünf Uhr Vormittags war der Kaiſer beim Denkmal Guſtav Adolph's vorbeigeritten. Dort war er mit dem Prinzen Eugen zuſammengeſtoßen. Der Fürſt von der Moskwa befand ſich an ſeiner Seite, um ſeine Befehle für den übrigen Tag einzuholen. Man rückte immer vor und vernahm bereits die Flin⸗ tenſchüſſe der Avantgarde bei den erſten Häuſern vor Leipzig. „Der Kaiſer war ungeduldig. Er wollte wiſſen, ob der Widerſtand ernſthaft ſei. Er ſtieg vom Pferde und richtete ſein Fernrohr nach der Stadt. Da ſah er die Dächer mit Einwohnern hedeckt, welche dem Kampfe zuſchauten. „In dem Augenblicke, wo er bemerkt, doß ſſich keine feindliche Macht jenſeits der Stadt darbietet, 158 tönt furchtbarer Kanonendonner auf unſerm rechten Flügel, beinahe hinter uns, wo die Truppen des Fürſten von der Moskwa Poſto gefaßt haben. „Der Kaiſer wendet ſich nach dieſer Seite, und Marſchall Ney jagt mit verhängtem Zügel nach ſei⸗ nem Poſten. „Die Aufmerkſamkeit iſt fortwährend auf dieſen Punkt gerichtet. Bald entdeckt das Auge im Grunde der Fläche mehre dunkelſchwarze Colonnen. Der Kaiſer beobachtet die Richtung des Angriffs. Adju⸗ tanten fliegen herbei. Ihre Berichte ſind beunruhigend. Rauchſäulen ſteigen aus den Dörfern mitten auf der Ebene empor. Es iſt die ganze feindliche Armee, welche von Pegau herzieht und uns in die Flanken fällt. Der Kaiſer faßt ſogleich ſeinen Entſchluß⸗ „Wir haben keine Cavallerie,“ ſagte er,„was liegt varau? Das wird eine Schlacht von Aegypten. Ich vertraue der angebornen Tapferkeit unſerer jungen Conſeribirten.“ „Die Truppen des Herzogs von Tarent, die ſchon auf der Straße nach Leipzig voraus ſind, müſſen Halt machen, umkehren und den linken Flügel bil⸗ den. Der Vicekönig hat den Kaiſer verlaſſen, um ſich an ihre Spitze zu ſtellen. Sie brauchen aber drei Stunden zu dieſer Bewegung.“ „Wie,“ frug hier Ruffus ganz erſtaunt,„ſo ſcheint Napoleon weder an dieſem Tage noch in dieſer Stel⸗ lung den Angriff erwartet zu haben?“ „Allerdings hatte er ihn nicht erwartet,“ erwie⸗ derte Eugen,„und alle unſere Strategen und ſelbſt gefangene einſichtsvolle Offiziere geſtehen, daß dieſes reſolvirte Kehrt der ganzen im vollen Marſche befind⸗ lichen Armee zu den größten Meiſterſtücken Napoleon's gehöre.“ 159 Jerome fuhr fort:„Man ſchickt in aller Eile Ordonnanzoffiziere an den Herzog von Raguſa, wel⸗ cher hinter Lützen zurück iſt, ſeinen Marſch zu be⸗ ſchleunigen und querfeldein gegen den Feind zu rücken. Er ſoll den rechten Flügel bilden. „Mit derſelben Schnelligkeit wird General Ber⸗ trand, der noch weiter zurück, benachrichtigt, den Herzog von Raguſa zu unterſtützen. „Alle Truppen aber, welche in Colonnen auf der Straße von Leipzig ſind, machen zwiſchen Lützen und Markranſtädt Halt, ſchließen ſich aneinander, machen eine halbe Schwenkung rechts und entwickeln ſogleich ihre Linie in der Ebene. Die meiſtentheils aus jun⸗ gen Soldaten beſtehende Armee führt dieſes große Manöver mit bewunderungswürdiger Haltung aus. „Während ſo die Armee im Sturmſchritt dem Fürſten von der Moskwa zu Hülfe eilt, ſprengt der Kaiſer voran und begibt ſich verſonlich an die Stelle, wo der Kanonendonner ruft. „Daß die verbündete Armee ſo unerwartet uns in die Flanke fiel, erklärt ſich daraus: Während die geſammte franzöſiſche Streitmacht die Straße nach Leipzig eingeſchlagen hatte, waren die Verbündeten auf der geraden Straße von Dresden nach Jena über Altenburg vorgedrungen. Miloradowitſch war an der Spitze und befand ſich bereits zwiſchen Altenburg und Gera. Blücher mit ſeinen Preußen, den Garden und andern Kerntruppen zog in der Mitte, und Torma⸗ ſow bildete die Arrieregarde. „Die Verbündeten vermutheten Napoleon noch in Erfurt. Man glaubte noch zu gehöriger Zeit auf die Ebene von Jena vorrücken zu können, um die alte Schmach zu rächen. Das Treffen bei Weißenfels hatte ihnen aber bald den wahren Zuſtand 160 der Dinge enthüllt. Der Kaiſer Napolevn war be⸗ reits über die Colonnen hereingedrungen, hatte die Saale paſſirt, und ſeine Vereinigung mit Eugen be⸗ wirkt, und an ihrem rechten Flügel blos in der Ent⸗ fernung von wenigen Stunden vordringend, drohte er ſie an der Pleiße im Rücken zu nehmen und ihre Communication mit Dresden abzuſchneiden. Von nun an mußten ſie von ihrem Lieblingsplane, auf Jena zu marſchiren, abſtehen. „Man entſchloß ſich daher, den Augenblick zu er⸗ greifen, während die Franzoſen auf Leipzig marſchir⸗ ten, ihnen in die Flanke zu fallen und mit fünfund⸗ zwanzigtauſend Reitern die Verbindung mit der Saale abzuſchneiden. „Die ganze feindliche Armee hatte demnach die Nacht vom erſten zum zweiten Mai nicht weiter als drei Stunden von uns zugebracht und ſtand in Pa⸗ rallele mit unſerer Linie. „Am 2. Mai Morgens hatte der feindliche Ge⸗ neral bei dem Kanvnendonner von Lindenau und bei der Ueberzeugung, daß bereits der größte Theil der franzöſiſchen Armee ſich daſelbſt befinde, den An⸗ genblick für günſtig gehalten, ſeine Infanterie auf die Straße von Lützen zu werfen und die fünfund⸗ zwanzigtauſend Reiter auf Weißenfels vorrücken zu laſſen. „Blücher drang daher gegen die genannten vier Dörfer vor, wo der Fürſt von der Moskwa die rechte Flanke der franzöſiſchen Armee deckte. Der preußiſche Feldherr bringt nach und nach alle ſeine Truppen in's Feuer, und ruft, da er ſich noch nicht hinreichend ſtark fühlt, die Armee von York zu ſich. „Nachdem Wittgenſtein einmal im Kampfe war, dachte er nur darauf, den Angriff auszuhalten. Er 16¹ verwandte dazu einen Theil ſeiner Reſerve. Auf dem linken Flügel hat er über Tormaſow und ſeine Ca⸗ vallerie verfügt, um den rechten Flügel des Fürſten von der Moskwa zu umgehen. Der Kampf im Centrum iſt furchtbar. Der Feind will um jeden Preis auf Lützen vordringen. Es gelingt ihm, die vier Dörfer zu nehmen. „Nut die Gegenwart Napoleon's konnte das Vor⸗ dringen der Preußen aufhalten und dem Glück eine andere Richtung geben. Unſere jungen Conſeribirten wollten bei dem auf ſie eindringenden Sturm nicht fliehen, ſchweiften auf den Feldern umher unter dem fortwährenden Rufe:„Es lebe der Kaiſer!“ dieſer langt in Galopp an und ſein Anblick bringt die ge⸗ wohnte Begeiſterung hervor. Der Enthuſiasmus des Siegs zeigt ſich wieder auf allen zum Theil bluten⸗ den Geſichtern. Die Reihen bildeten ſich von Neuem, die Angriffscolonnen wurden dichter und der Kampf begann mit neuer Wuth.“ „Das iſt durchaus nicht übertrieben,“ rief hier Eugen, von der Erinnerung noch begeiſtert,„wir ſelbſt waren dabei. Die Sachen ſtanden wirklich miß⸗ lich, als die Ankunft Napoleon's Alles veränderte. Alle wurden wunderbar begeiſtert; Alle ſtürzen kampf⸗ glühend, blutend vorwärts. Ein endloſes„vive Empereur!“ drang jubelnd über den Kanonendonner hinaus. Selbſt die zum Tode Getroffenen ſtimmten mit dem letzten Hauche ein. Mit eigenen Ohren habe ich den Ruf dieſer halbtodten Begeiſterten gehört, und es waren faſt lauter junge Conſeribirte, welche noch nie im Feuer geſtanden hatten.“ Jerome fuhr fort: „Kurz darauf erſcheint die Garde. Napoleon läßt ſie ſtaffelweiſe in Quarrs⸗Bataillonen zwiſchen Lützen Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 11 und Kaya aufmarſchiren. Die beiden einzigen Ca⸗ vallerieregimenter, über die man verfügen kann, riücken auf dem rechten Flügel vor und täuſchen durch die Energie ihrer Angriffe über ihre kleine Anzahl. „Das Dorf Kaya iſt der Schlüſſel der Poſition. Das erkennt der Kaiſer und ihn muß er haben, es koſte was es wolle. Er überträgt ſeinem Adjutanten, dem Grafen von der Lobau, den Angriff. Die Con⸗ ſeribirten der Diviſion Ricard werden von dieſem Ve— teranen in's Feuer zurückgeführt. Man vernimmt das furchtbarſte Musketenfeuer. Bald aber folgt dem Ge⸗ ſchrei der Stürmenden eine augenblickliche Stille. Das Dorf iſt wieder genommen. „Faſt zu derſelben Zeit tritt auf unſerem rechten Flügel die Armee des Herzogs von Raguſa, der noch zurück war und von Napoleon zur Eile gemahnt wor⸗ den, in die Linie. Die Cavallerie- und Infanterie⸗ maſſen, welche der Feind nach Weißenfels werfen wollte, werden aufgehalten. „Eine Diviſion der Marine-Soldaten empfängt den erſten Stoß derſelben. Dieſe tapfere, von einer finſtern Wolke Cavallerie überſchwemmte Infanterie, ſchließt ſtaffelweiſe Quarré⸗Bataillons. Sie wird vom General Compans commandirt, bält ſieben der heftig⸗ ſten Angriffe aus, verſchafft dadurch dem übrigen rech⸗ ten Flügel Zeit, ſich vollends zu entwickeln. „Alle Macht aber, über welche Wittgenſtein zu verfügen hat, ſtürmt nun unaufhörlich gegen das Cen⸗ trum. Die Hauptanſtrengungen der geſammten feind⸗ lichen Infanterie⸗ und Artilleriemaſſen ſind auf Lützen gerichtet. „Marſchall Ney, der Fürſt von der Moskwa, iſt überall. Die Hauptmacht des Feindes bricht über ihn herein. Sein Chef des Generalſtabs wird an 163 ſeiner Seite getödtet. General Girard ſinkt, von meh⸗ ren Kugeln getroffen, will ſich aber nicht vom Schlacht⸗ felde entfernen und erklärt, im Commando ſterben zu wollen, weil jetzt der Augenblick gekommen, wo alle Franzoſen von Herz entweder ſiegen oder ſterben müß⸗ ten. General Brennier fällt verwundet. Desgleichen die Generale Cheminaux und Guillot. General Gru⸗ ner wird getödtet. Die Ordonnanzoffiziere Pretet und Beranger werden bei Ueberbringung von Befeh⸗ len des Kaiſers von Kugeln getroffen. „Aber Souham, Ricard und Marchand bleiben mitten im Feuer unverletzt. Man ſchlägt ſich ſeit länger als vier Stunden mit einer unerhörten Er⸗ bitterung. Die vier wichtigen Dörfer werden genom⸗ men und wieder verloren, und die Schlacht ſcheint all ihr Feuer erſchöpfen zu wollen, ohne daß eine der kämpfenden Parteien an den Rückzug denkt. Die Conſeribirten Frankreichs und die Jugend Preußens, die Blüthe der nordiſchen Univerſitäten, die Söhne der edelſten Familien von Berlin und Paris, käm⸗ pfen Mann gegen Mann auf den Trümmern unglück⸗ licher Dörfer. Von beiden Seiten iſt es der erſte Waffenverſuch, von beiden Seiten entſpricht die glän⸗ zende Jugend mit gleichem Eifer dem Kriegsruf. War⸗ um ſollten die Ufer der Seine tiefer bekümmert ſein, als die der Spree? Sollten ſich nicht vielmehr beide Nationen von gleichem Stolze beſeelt fühlen, ſolchen Söhnen das Daſein gegeben zu haben? Mehr als drei Viertheile des Verluſtes an dieſem Tage traf die preußiſche Armee. Die Garden und Berliner Frei⸗ willigen litten am meiſten. „Sie kämpften unter den Augen ihrer Souveräne. Der Kaiſer Alexander und der König von Preußen hielten auf einem Hügel hinter Groß-Görſchen, und ermuthigten durch ihren Anblick die vielfachen Angriffe ihrer Generale. „Ihnen gegenüber ſteht der Kaiſer Napoleon, in halber Kanonenſchußweite, und unterhält, trotz der kleinern Anzahl, den Kampf. Er iſt beſorgt, die er⸗ matteten Truppen immer durch friſche ablöſen zu laſ⸗ ſen, beeilt die Ankunft der Verſtärkung, ſammelt ſelbſt hinter der Fronte der erſten Linie die zurückgeführten Bataillone, ſo daß er mitten in dieſer großen Un⸗ ordnung immer neue Linien dem Feinde gegenüber zu ſtellen hat. „Da ſteigt in der Ferne Rauch auf. Man ver⸗ nimmt zur Rechten die Kanonen des zu Hülfe eilen⸗ den General Bertrand's. In denſelben Augenblicken donnert auf der linken Seite Eugen und Marſchall Maecdonald heran, das eilfte Corps hat ſeine Ma⸗ neuvers vollendet, tritt in die Linie und ſtürzt ſich auf die Dörfer, an welche der Feind ſeinen rechten Flügel ſtützt. „Die beiden franzöſiſchen Flügel verlängern ſich wie die Hörner eines großen Halbmondes, und dro⸗ hen die feindliche Macht, die ſich unaufhörlich im Cen⸗ trum angehäuft hat, zu umwickeln. „Der feindliche General en Chef erblickt die zu⸗ nehmende Gefahr, beſteht aber hartnäckig darauf, noch einen entſcheidenden Angriff auf Kaya zu unterneh⸗ men. Der preußiſche General Scharnhorſt und der Prinz von Mecklenburg⸗Strelitz ſind tödtlich verwundet. Prinz Leopold von Heſſen⸗Homburg findet ſeinen Tod. Blücher ſelbſt iſt verwundet. Mit Rieſengewalt drin⸗ gen die Preußen abermals vor und nehmen das Dorf. Unſer Centrum wankt, einige Bataillone löſen ſich auf. Da wirft ſich ihnen Napolevn nochmals in den Weg.„Conſeribirte!“ ruft er,„auf Euch hatte ich 165 meine Hoffnung geſetzt und Ihr flieht!“ Auf die⸗ ſen Ruf hält die tapfere Jugend ſtill und rückt wie⸗ der vor. „Der wichtige Augenblick, der über den Gewinn oder Verluſt einer Schlacht entſcheidet, iſt gekommen. Keine Minute iſt zu verlieren. Der Kaiſer befiehlt den ſechzehn Bataillonen junger Garde unter dem tapfern General Dumouſtier vorzurücken, und dem Herzog von Treviſo befiehlt er, Kaya zu nehmen, und Alles, was ſich dort vorfindet, zurückzuwerfen. „Dann läßt er ſechs Bataillone der alten Garde in zweiter Linie aufſtellen. „Um aber dieſen Angriff zu einem unwiderſtehli⸗ chen zu machen, befiehlt er eine Batterie von achtzig Kanonen aufzufahren, dieſe in ſchiefer Richtung auf⸗ zuſtellen und ſo das Dorf von der rechten Seite zu beſtreichen. Eine Bewegung von dieſer Wichtigkeit iſt die Sache eines Augenblicks. Der Kaiſer iſt mit⸗ ten unter den Kanonen, die der Feind mit Kartät⸗ ſchen bedeckt. Zu gleicher Zeit ſtürzt ſich die junge Garde auf Kaya. Der Herzog von Treviſo iſt an ihrer Spitze. Er verſchwindet im Handgemenge, ſein Pferd wird erſchoſſen. Neben ihm ſtürzt General Du⸗ mouſtier. Beide machen ſich aber unverletzt von ih⸗ ren Pferden los und führen die ſtürmenden Schaaren unaufhörlich vorwärts. Diesmal kämpften unſre Con⸗ ſeribirten gegen die Veteranen der ruſſiſchen Armee. Sie nehmen das Dorf, werfen den Feind und ver⸗ folgen ihn. „Endlich fängt die Maſſe von Feuer, Rauch und Staub, die ſo lange auf demſelben Punkte der Ebene unbeweglich geſtanden, an, ſich zu rühren, und drängt gegen die Dörfer, von denen ſie hergekommen, zurück. Der ſchwächer hallende Kanonendonner beweiſt, daß ſich der Feind auf allen Seiten zurückzieht. 166 „Napoleon ruft einen polniſchen General aus ſei⸗ ner Suite heran. „Reiſen Sie nach Krakau,“ ſagte er zu ihm, „und geben Sie Nachricht von meinem Siege.“ Dies war die einzige Abfertigung vom Schlachtfelde aus. „Die Dunkelheit brach herein, an drei Orten er⸗ hellten brennende Dörfer den Horizont, als plötzlich auf unſerer rechten Flanke eine Linie Cavallerie in dumpfem Geraſſel heranrauſchte, und dicht bis an die Quarrés vordrang, hinter welchen ſich der Kaiſer be⸗ fand. Der Angriff ward von Infanterie zurückgewie⸗ ſen und mit dieſer nächtlichen Scene endete der dies⸗ malige Rieſenkampf. Abends zehn Uhr dietirt Napo⸗ leon das Bulletin der Schlacht und Couriere eilen durch ganz Europa mit der Nachricht von einem neuen Siege Napoleon's.“— Ruffus war ſehr aufgeregt durch den Schlachtbe⸗ richt.„Das iſt eine wahrhafte Frühlingsſchlacht,“ ſprach er,„wenigſtens ward ſie meiſt von Jünglingen geſchlagen. Aber trotz der franzöſiſchen Bravvur muß man der preußiſchen Heldenjugend alle Ehre wider⸗ fahren laſſen.“ „Wer wollte das nicht?“ erwiederte eifrig Jerome, „Preußen hat an dieſem Tage die Zeiten von Jena mit reichem Blute abgewaſchen. Uebrigens, hätten wir nur mehr Cavallerie gehabt, der ganze Feldzug wäre vielleicht entſchieden.“ „Es wird ohne neue blutige Kämpfe kaum Frieden werden,“ meinte Ruffus,„ſo ſehr dieſer für das blu⸗ tende Europa zu wünſchen wäre; aber die Verbünde⸗ ten, wenn ſie auch den Verluſt der Schlacht nicht ab⸗ leugnen können, find doch weit entfernt, ſich für überwunden zu bekennen. Auch rühmten ſie es ſehr, daß Ihr nicht eine Kanone erobert habt.“ „Daß ſie es diesmal ſehr ernſt meinen,“ geſtand Eugen zu,„iſt unverkennbar. Auch Gefangene haben wir im Ganzen wenig gemacht. Namentlich die preu⸗ ßiſchen Freiwilligen kämpften lieber bis zum letzten Athemzuge, als daß ſie ſich ergeben hätten.“ „Darum halte ich es für's Beſte,“ meinte Ruf⸗ fus,„mit ſolchen deſperaten Leutchen, denen man ihre Deſperativn zumal nicht verargen kann, Frieden zu ſchließen. Der große Napolevn wird darum immer der größte Mann des Jahrhunderts bleiben, wenn er auch Preußen nicht zum zweiten Male erobert.“ „Niemand kann friedfertiger ſein als der Kaiſer,“ verſicherte Jerome eifrig;„mehr als einmal, ja ſogar recht oft hat er die Hand zur Verſöhnung geboten; aber will man denn Frieden, will Rußland Frieden? Als die Franzoſen noch draußen ſtanden in dem ver⸗ maledeiten Lande, ſchwut Alexander, von keinen Frie⸗ densvorſchlägen hören zu wollen, ſo lange ein Fran⸗ zoſe als Feind auf ſeinem Gebiete ſtehe. Nun jetzt ſteht keiner mehr da und ſchon lange nicht mehr; und gleichwohl mag Rußland von keinem Frieden wiſſen. Es will Deutſchland die Freiheit erkämpfen helfen, wie die Proclamationen beſagen; aber unter dem Worte Freiheit iſt hier Polen zu verſtehen, das will es erkämpfen, und zwar ganz allein für ſich. Was hätte Rußland von der deutſchen Freiheit! Man zwingt unſern Kaiſer zum Kriege. Jetzt ſpricht man ſchon von Frankreichs natürlichen Grenzen, daß der Rhein ein deutſcher Strom ſei, daß Napoleon ein Unterlieutnant geweſen, dem gar kein. Thron gebühre. Soll er den Großmüthigen ſpielen, die mit franzöſi⸗ ſchem Blute eroberten Provinzen freiwillig zurückge⸗ ben, Frankreich in ſeine Grenzen vor 91 einſchließen, viekleicht gar vom Throne ſteigen und einem legiti⸗ 168 men Sprößling der europäiſchen Fürſtenfamilien Platz machen? Ja, dann glaub' ich, würden die Cabinette nicht abgeneigt ſein, dem reuigen Sohne Gnade für Recht ergehen zu laſſen und ihm huldvollſt eine recht anſehnliche Penſion bewilligen.“ „Wir geben nichts heraus,“ decretirte Eugen mit Wärme;„was wir erworben haben, iſt bezahlt mit unſerm Biute.* „Das iſt ein ſeltſames Argument,“ lächelte Ruf⸗ fus;„wenn ſich Preußen und Oeſtreich ihre Provin⸗ zen wiedererobern, ſo werden ſie auch ſo ſprechen und haben mehr Recht dazu.“ „Ich bin überzeugt,“ ſprach Jerome,„daß Napo⸗ leon, obſchon er Sieger iſt, und an der Spitze einer der ſchönſten Armeen ſteht, von geprüften Feldherren umgeben, ſelbſt jetzt nicht abgeneigt ſein dürfte, ſich zu Opfern und Abtretungen zu verſtehen. Er fühlt zu politiſch und auch zu menſchlich, daß Frankreich des Friedens bedürftig iſt.“ Trommelton rief die beiden Franzoſen zur Pa⸗ rade. Bald ſtanden ſie da, im einfach ſchönen Waf⸗ fenſchmucke der jungen Garde. Ruffus gab ihnen das Geleite bis zum Sammelplatze. Zwölftes Rapitel. 6. — Im Familienrathe bei Geheimrath Günther's gab es lebhafte Debatten. Es lag die Frage vor, ob die 169 Einquaxtierung, wie früher der Fall geweſen, zur Fa⸗ milientafel gezogen werden ſollte. Anna, die ſeit der Schlacht bei Lützen immer ſchwarz gekleidet ging, ſtemmte ſich mit aller Macht dagegen. Sie meinte, gemeinen Musketiren könne unmöglich eine gleiche Aufmerkſamkeit erzeigt werden, wie hochgeſtellten Offizieren. Der eigentliche Grund ihrer Abneigung war übrigens nur, weil ſie als deut⸗ ſche Patriotin die fremden Eroberer nicht zu ertragen vermochte. Der Geheimrath war auch dagegen, die beiden Franzoſen in ſeiner Familie zu heimiſch werden zu laſſen; aber bei ihm lag ein anderes Motiv vor. Er wußte nicht, wie es in Hinſicht der Sittlichkeit mit den beiden jungen Kriegern beſchaffen war. Er wollte daher, wenigſtens ſo lange er ſich hierin nicht Gewiß⸗ heit verſchafft, ein näheres Zuſammentreffen derſelben mit ſeinen Töchtern vermeiden. Ruffus ärgerte ſich namentlich über Anna. Er wußte, warum ſie mit den beiden Pariſern nicht an einem Tiſche eſſen wollte, und ſagte es offen her⸗ aus. Uebrigens erklärte er die Ausſchließung für Un⸗ artigkeit und Beleidigung des Gouverneurs, von dem ſie als achtbarem Manne überzeugt ſein müßten, daß er keine rohen Soldaten ſo ausdrücklich würde em⸗ pfohlen haben. Clärchen in ihrer Unſchuld und Beſcheidenheit ent⸗ hieit ſich jedes Urtheils. Nach langem Streiten brachte es Ruffus dahin, das man die beiden Gardiſten wenigſtens für den nächſten Sonntag zu Tiſche lnd. Dieſer Sonntag erſchien, die beiden Geladenen fanden ſich ein. Anna hatte eine ſorgfältige, wenn auch etwas phantaſtiſche Toilette gewählt. Die hohe Jung⸗ frau im tief⸗dunkeln Kleide, aus dem der ſtolze, weiße Nacken blendend hervorſchimmerte, die ſchöne Stirn von leiſer, träumender Schwermuth überſchattet und umwogt von reichen, dunkeln Locken, gewährte ein reizendes Bild. Clärchen, unzerſtörbaren Froh⸗ ſinn um Stirn und Mund, ging im himmelblauen Kleide. Als die beiden ſtattlichen Jünglinge eintraten, fiel Eugen's Blick zuerſt auf Clärchen, deren liebreizende Erſcheinung ihn bald alles Andere vergeſſen machte, während Jerome vor der ſiegreichen Schönheit Anna's kaum die Augen aufzuſchlagen wagte. Nach langem, wüſtem Lagerleben und Kriegsge⸗ tümmel ſchienen die beiden Jünglinge mit Einemmale in ein Land des Friedens, wo die Engel wohnen, verſetzt worden zu ſein. Das Geſpräch ward im Anfang franzöſiſch ge⸗ führt. Clärchen ſprach ſo liebenswürdig die Mutter⸗ ſprache Eugen's, daß das Bild des Mädchens immer heimiſcher in ſeinem Herzen wurde. Anna verharrte in ernſtem Schweigen. Sie war der franzöſiſchen Con⸗ verſation zwar in gleichem Grade mächtig wie die Schweſter, aber ſelbſt dieſe nichtdeutſchen Klänge wa⸗ ren ihr verhaßt. Da faßte ſich Jerome ein Herz und redete ſie deutſch an. Als Clärchen aus dem Munde des ſchö⸗ nen Fremdlings die vaterländiſchen Töne hörte, klatſchte ſie, ſich vergeſſend, die Hände mit inniger Freude zu⸗ ſammen und das Wort:„Allerliebſt“ entſchlüpfte ih⸗ rem Munde. Ein ernſter, ſtrafender Blick Anna's wies ſie in die Grenzen der Etiquette zurück. Das Mädchen er⸗ ſchrak ein wenig, erhielt aber bald die Munterkeit wieder und frug Eugen etwas neugierig, aber unbe⸗ fangen und roſenlaunig:„Sprechen Sie auch deutſch?“ 17¹ Der arme Eugen, der jetzt alle Schätze der Welt um ein paar deutſche Redensarten gegeben hätte und ſeinen ſprachkundigen Freund aus vollem Herzen be⸗ neidete, ſah ſich gezwungen, wehmüthig die Achſeln zu zucken. Er ſchien wahrhaft betrübt über ſeine Un⸗ kenntniß, daß er Clärchen ordentlich dauerte. „Mag auch erſchrecklich ſchwer ſein unſere Sprache für den Franzoſen,“ ſprach gleichſam entſchuldigend und tröſtend das Mädchen. Anna behielt ihren Ernſt und ihre Zurückgezogen⸗ heit bei. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Die Unterhaltung ward belebter. Der Geheimrath fand in ſeinen Gäſten eben ſo gebildete, beſcheidene als liebenswürdige Leute. Sie erzählten viel von Paris, dem ſchönen Frank⸗ reich und den Marſchabenteuern. „Ihr Franzoſen,“ ſprach Ruffus,„ſeid ſo ein hu⸗ manes und liebenswürdiges Volk, warum laßt Ihr die Völker nur nicht in Frieden und überzieht alle Welt mit Krieg?“ „Wir haben doch den Krieg nicht angefangen,“ entgegnete Jerome,„war es nicht die deutſche Cva⸗ lition, die uns mit Feuer und Schwert überzog und unſere Hauptſtadt der Erde gleich zu machen drohte? Was übrigens unſere gerühmte Humanität anbelangt,“ ſetzte er ernſter hinzu,„ſo bin ich unparteiiſch ge⸗ nug, widerſprechen zu müſſen. „Wenigſtens was den Franzoſen im Kriege be⸗ trifft,“ fuhr er fort,„wüßte ich nicht, wo ſeine Hu⸗ manität zu ſuchen wäre. Er ſcheint ſich hier des ed⸗ leren Gefühls ganz entäußert zu haben und mit der nichtsſagenden Phraſe: c'est la guerre, habe ich oft wahrhafte Barbareien entſchuldigen hören, die ſich ein auf Civiliſation Anſpruch machendes Volk nie zu Schulden kommen laſſen ſollte. Ein Haus— ein Dorf aus Nachläſſigkeit in Brand zu ſtecken, wird für Nichts gehalten. Den Wohlſtand ganzer Familien, ganzer Gemeinden im Nu zerſtören, wo der ſchlecht oder leichtſinnig Denkende ſeinen Feuerbrand zehn Schritte weiter zu tragen brauchte— iſt Kleinigkeit. Ich habe weder Generale noch Offiziere geſehen, die irgend einem ſolchen Frevler den Prozeß gemacht oder die Sache gerügt und unterſucht hätten. Das c'est la guerre entſchuldigt Alles. Der lang genährte An⸗ blick ſo vielen menſchlichen Unglücks hat ſie abge⸗ ſtumpft. Noch kurz vor Dresden war ich Zeuge ei⸗ nes wahrhaft empörenden Anblicks. Mehre unſerer Tirailleurs hatten einen verwundeten preußiſchen Jä⸗ ger in der Gegend von Meißen eingeholt. Es war ein ſtattlicher Jüngling, aber von Wunden, Hitze und Strapatzen gleich hart angegriffen. Nichtsdeſtoweniger vertheidigte er ſich, an eine Weinbergmauer gelehnt, mit bewunderungswürdiger Tapferkeit. In der Hitze des Kampfes war ihm der ſchwarze Kragen ſeiner Uniform aufgeſprungen und eine rothe Bandſchleife, die er auf der Bruſt trug, ſichtbar geworden. Haſtig griff einer unſrer Tirailleure danach, in der Hoffnung, daß daran Goldeswerth befindlich ſei, und bemühte ſich, dem Verwundeten das Band zu entreißen. Aber Löwengrimm erfaßte den Jüngling; obſchon zum Tode ermattet, riß er die letzte Kraft zuſammen und ſtieß den Räuber ein paar Schritte zurück, worauf die größte Schwäche ſich ſeiner bemächtigte, ſo daß ſeine waffenloſen Arme ſchlaff zurückſanken. Da ſetzte der barbariſche Dränger gleichmüthig ſein Feuerrohr auf die Bruſt des Wehrloſen und drückte ab; aber die Vorſehung erbarmte ſich des Schlachtopfers; das Gewehr verſagte und im nächſten Augenblicke nahete ich und Eugen zur Rettung. Empört über die nie⸗ derträchtige That, warfen wir die Blutmenſchen zu⸗ rück und retteten den Unglücklichen. Die Dunkelheit brach herein, die Mordgeſellen, das Schändliche ihres Beginnens erkennend oder zu einem Streite nicht auf⸗ gelegt, entfernten ſich; ſo gelang es uns, den Halb⸗ ohnmächtigen in ein nahgelegenes Weinberghaus zu ſchaffen und den freundlichen, theilnehmenden Wirths⸗ leuten die ſorgſame Pflege des jungen Kriegers an⸗ zuempfehlen.“ „Gotteslohn,“ ſprach hier Ruffus, ſeltſam ergrif⸗ fen Jerome die Hand reichend;„Euer Schützling, mein Freund Reinhold, iſt gerettet und wird in we⸗ nig Tagen von ſeinen Wunden hergeſtellt ſein.“ „Wie, wär's möglich?“ rief Clärchen, und ihr lieb⸗ liches Geſicht ſtrahlte vor Wonne, während Anna vor innerer Bewegung kaum zu athmen wagte. Ruffus machte jetzt aus Reinhold's Briefe kein Geheimniß mehr. Durch dieſe wunderbare Fügung des Geſchicks waren die beiden Jünglinge der Familie des Geheim⸗ raths inniger befreundet worden, als es durch langen freundſchaftlichen Umgang hätte geſchehen können. Selbſt Anna ſtand jetzt weniger ſchroff den Fremd⸗ lingen gegenüber. Jerome entging es nicht, welchen Antheil das ſchöne Mädchen an dem Schickſale des von ihm Ge⸗ retteten nahm. Ein leichtes Gewölk trübte kaum be⸗ merkbar das ſonſt ſo heitere, ſorgloſe Auge, und leiſe Wehmuth umſchattete das intereſſante Geſicht. Doch währte dieſer Zuſtand nicht lange, und jene ſelige Ruhe und Heiterkeit kehrten wieder, welche ſtets das Abbild einer klaren, ſchönen Seele ſind. Jerome ge⸗ hörte zu jenen wenigen vom Himmel erwählten Sterb⸗ 174⁴ lichen, in deren Bruſt das edlere Selbſt ſo begeiſtert wirkt, daß ſie dadurch in allen Verhältniſſen ſiegend oben erhalten werden. So liebte der junge Krieger die reizende Anna mit aller Innigkeit eines reinen, unverdorbenen Gemüth; aber ſobald er gewahrte, daß die ſchöne Blume für einen Dritten glühte, empfand er wohl einen ſeltſam wehmütigen Schmerz, aber keine feindſelige Eiferſucht. Wie ſollte er Reinhold deshalb haſſen, daß er mit ihm harmonirte? Im Ge⸗ gentheile, er begann den Glücklichen zu lieben und pries ſich ſelig, ihn aus ſo drohender Todesgefahr geriſſen zu haben. Welch' ein himmliſches Bewußt⸗ ſein war es für ihn, das ſtille Entzücken des We⸗ ſens zu belauſchen, das tief in ſeinem Herzen wohnte, wie beſeligend war der Gedanke, daß er der Schöpfer der Himmelsfreude ſei. Hätte man die höchſten Opfer verlangt, ſeine ſchöne Seele würde ſie gern und freu⸗ dig den beiden Liebenden gebracht haben. Eugen war ſeinerſeits nicht weniger für Clärchen begeiſtert und befand ſich gleichfalls in ganz ſeliger Stimmung. Das liebliche Kind wußte in ſeiner Un⸗ ſchuld nicht, welchen Eindruck es in ſeiner holden Natürlichkeit auf den ſchönen Jüngling hervorgebracht hatte, und dachte nicht daran, wie gefährlich Letzterer für ihre eigene Ruhe werden könnte. Gewaltiges Trompetengeſchmetter rief plötzlich Alle an die Fenſter. Der ganze Platz vor dem innern Pirnaiſchen Thore war mit glänzenden Helmen und Harniſchen franzöſiſcher ſchwerer Cavallerie bedeckt. Die klare Frühlingsſonne ſpiegelte ſich vielfach in dem glänzenden Waffenſchmucke der prachtvoll ausgeſtatteten Cuiraſſiere. „Ach,“ rief Eugen begeiſtert, alle Herzensange⸗ legenheiten beim Anblicke dieſer impoſanten Reiter⸗ 175 maſſen vergeſſend,„nun wollen wir es den Koſaken ſagen; Latour⸗Maubourg iſt angelangt mit ſeinen Cui⸗ raſſieren. Das iſt lauter kaiſerliche ſchwere Cavallerie, die wir bei Lützen ſo vermißten.“ „Wenn ich nicht irre,“ ſprach Jerome,„ſo zieht dort in der Ferne auch italieniſche Cavallerie vorüber. Ich erkenne ſie an den Standarten.“ „Die befehligt General Freſia,“ belehrte Eugen, und konnte ſich nicht losreißen von dem bunten, be⸗ wegten Kriegermeere. „Es geht doch nichts,“ ſprach er,„über ſolche ſtatt⸗ liche Reitergeſchwader. Wo die einhauen, wächſt kein Gras wieder.“ Das Defiliren dieſer majeſtätiſchen Reiterei währte mehre Stunden und hielt das männliche und weib⸗ liche Perſonal des Geheimraths faſt in beſtändiger Aufmerkſamkeit. Die beiden Franzoſen verblieben den ganzen Nach⸗ mittag bei ihren Wirthsleuten und entfernten ſich erſt, als die unerbittliche Stunde des Dienſtes geſchlagen hatte. Dreizehntes Rapitel. E⸗ war an demſelben Tage. Das Waffengetöſe der zahlreichen Kriegsvölker in den Straßen Dresdens war verſtummt. Tiefe Dun⸗ 476 kelheit ruhte über der Stadt, nur in den Zimmern Napoleon's, welcher im königlichen Schloſſe wohnte, war es noch lichthell. Der Kaiſer ging in ziemlich raſchen Schritten, die Hände auf dem Rücken, auf und ab. Blos Maret, der Cabinetsminiſter, war anweſend. „Baſſano,“ frug er nach einer Pauſe in ziemlich wohlgefälligem Tone,„was ſagen Sie zu meinen Cui⸗ raſſieren?“ „Ew. Majeſtät,“ antwortete der Miniſter,„ſie werden den Erwartungen entſprechen, die man in ſie ſetzt.“ „Die Oder wird noch eine Schlacht koſten,“ fuhr der Kaiſer in abgebrochenen Sätzen fort,„ich werde ſie gewinnen. Ich bin ſtärker als bei Lützen. Das Mißverhältniß der Reiterei iſt ausgeglichen. Die Ruſſen müſſen aus Schleſien. Ich gehe nach Berlin. Aber zuvor will ich wiſſen, wie Oeſterreich denkt.“ „Herr von Bubna iſt mit den verſöhnendſten Ver⸗ heißungen abgereiſt,“ ſprach der Herzog von Baſſanv. „Ich kenne dieſe Wiener Verheißungen,“ fuhr Napoleon mißmuthig auf.„Warum erfüllt Oeſter⸗ reich nicht ſeine Verpflichtung? Warum ſtellt es nicht das alliancegemäße Contingent? Es war im Be⸗ griff, die freundſchaftliche Maske abzuwerfen, hätte nicht die Lützner Schlacht ſeine Diplomaten eines Beſſern belehrt. Ich weiß, was ſie wollen. Sie wollen Illyrien, cin Stück Polen, ein Stück Baiern, Anflöſung des Rheinbundes. Als Preis für den Continentalfrieden käme dies nicht in Betracht; aber als bloßer Kaufpreis für eine habſüchtige Neu⸗ tralität, die nur den Keim zu neuen Streitigkeiten enthalten würde, iſt es zu viel. Ich will den Frieden. Ich wünſche ihn! aber ich werde lieber mit ——— — 157 den Waffen in der Hand ſterben, als mir von einer habſüchtigen Politik Bedingungen vorſchreiben laſſen.“ Napoleon ging in heftiger Aufregung auf und ab. Allmälig ward er ruhiger. „Oeſterreichs drittes Wort iſt der Friede und die Vermittlung,“ ſprach er;„wohlan denn,ſchrei⸗ ben Sie Metternich, er ſoll eine Stadt beſtimmen für einen allgemeinen Congreß der kriegführenden Mächte. Ich werde mit Vergnügen Abgeordnete Englands und Amerika's daſelbſt ſehen. Und wenn es eine Möglichkeit, das britiſche Cabinet zum Frie⸗ den zu beſtimmen, ſoll auch ein Abgeordneter der ſpaniſchen Inſurgenten erſcheinen. Niemand kann den Frieden mehr wünſchen als ich. Er iſt das einzige Mittel, die Welt wahrhaft zu beruhigen.“ Während der Miniſter⸗Secretair bemüht iſt, die Befehle des Kaiſers zu Papier zu bringen, langen Depeſchen des Herzogs von Tarent an, welcher als Führer der Avantgarde die Verbündeten. auf den Straßen nach der Lauſitz verfolgt. Der Kaiſer riß das Siegel auf und überflog den Armeebericht. Die Alliirten hatten wirklich Poſto gefaßt bei Bautzen und an dreihundert Redouten aufgeworfen. La carle! la carte!“ rief er und eilte in das anſtoßende Zimmer, welches zu ſeinem Cabinette ein⸗ gerichtet war. Hier ſtand in der Mitte ein großer Tiſch, worauf die Petri'ſche Karte von Sachſen aus⸗ gebreitet lag; überall mit buntkuppigen Stecknadeln beſteckt und von dreißig Lichtern erleuchtet. An zweien der in den vier Ecken des Cabinets aufgeſtellten Tiſchchen ſaßen die beiden Secretaire Fain und Mounier. Appellez le colonel d Albe!“ rief er und ſeine Blicke irrten raſtlos auf der Karte. Stolle, ſämmtl. Schriften. Xl. 12 178 Der Gerufene trat nach wenig Minuten in's Ca⸗ binet. Dieſer Offizier, der wegen ſeiner großen geo⸗ graphiſchen Kenntniſſe und ſeines Fleißes zu zwei verſchiedenen Malen von Napoleon zum Director des topographiſchen Bureau's ernannt worden war, hatte durch eine Reihe von Jahren ſich das beſondere Ver⸗ trauen des Kaiſers erworben. Oefter und unerwar⸗ teter als irgend einer der Aides de Camp wurde er zu jeder Stunde des Tages und der Nacht gerufen. Durch ſein immerwährendes Studium war er dem Kaiſer faſt unentbehrlich geworden. Die Berichtigung der Karten, die Zuſammenfügung und Ergänzung der Materialien, die Beſtimmung weit ausſehender Märſche und Operationslinien lag ihm beſonders yb. Napo⸗ levn ſprach mit wenigen Worten; d'Albe verſtand und arbeitete bündig und ohne alles Ceremoniel die Auf⸗ gabe aus. Er war im Range und Dienſtzeit Genoſſe mehrer Marſchälle und Diviſions⸗Generale und doch nicht vorgerückt. Er war der Letzte, den der Kaiſer brauchte, ehe das Hauptquartier aufbrach, und der Erſte, ſobald Napolevn anlangte. Zu Gehülfen hatte er zwei Ingenieur⸗Offiziere beim topographiſchen Bureau. Dieſe drei Männer bildeten nebſt den vier gehei⸗ men Secretairs und dem erſten Ordonnanzoffiziere Gourgeaud, der die wichtigſten Depeſchen und Auf⸗ träge, hauptſächlich in Artillerie⸗Commandoſachen, be⸗ ſorgte, eine Art von geheimem Rath, ganz abgeſon⸗ dert von den übrigen Zweigen des kaiſerlichen Hau⸗ ſes; da ihre Geſchäfte, ganz eigenthümlich von der Perſon Napoleon's ausgehend, einen beſondern Gang nahmen, ſo war auch jedesmal zu Gunſten des un⸗ gezwungenen Verkehrs eine beſondere Tafel im Pa⸗ lais für ſie gedeckt. — 179 „Ich habe ſie!“ rief der Kaiſer dem eintretenden Obriſt entgegen, auf die Gegend von Bautzen zeigend, und in Bezug auf die ehemalige Schlacht der nicht unfern gelegenen Ortſchaften Liegnitz und Hochkirch deutend, ſetzte er hinzu: „Nous ferons d'anciennes connaissances près de Liegnitz!“ Neue Depeſchen langten an. Sie kamen vom Für⸗ ſten von der Moskwa, welcher mit ſeinem Corps bei Torgau über die Elbe gegangen und gegen Berlin vordrang. Napoleon's Geſicht heiterte ſich ſichtbar auf. Er zeigte auf die Karte. „Die Schlacht iſt gewonnen,“ ſprach er,„der Fürſt von der Moskwa ſoll es dem Herzoge von Bel⸗ lunv und der Cavallerie Sebaſtiani's überlaſſen, das Bülow'ſche Corps, welches Berlin deckt, zu beobach⸗ ten und der allgemeinen Bewegung gegen Bautzen ſich anſchließen. Auf unzähligen Parallelſtraßen defi⸗ lirt in ſchönſter Ordnung meine Armee nach dieſem Punkte. Les Prussiens et Russes feront des defauts, nous tomberons sur euxnous les ecraseront.“ Zugleich ertheilt er Befehl zum allgemeinen Auf⸗ bruch, und obſchon überzeugt vom Siege, dictirt er folgendes Schreiben an Caulaincourt, Herzog von Vicenza. „Herr Herzog! Da wir entſchloſſen ſind, alle Mittel in Bewegung zu ſetzen, entweder den all⸗ gemeinen oder Continentalfrieden herzuſtellen, ſo haben wir die Verſammlung eines Congreſſes, ent⸗ weder in Prag oder an irgend einem Orte zwiſchen dem Aufenthalte der kriegführenden Mächte vorge⸗ ſchlagen. Wir hoffen, dieſer Congreß werde zu einer ſchnellen Wiederherſtellung des Friedens füh⸗ 12* 180 ren, der für ſo viele Völker ein Bedürfniß iſt. Wir haben uns demnach entſchloſſen, einen Waffen⸗ ſtillſtand oder Waffenruhe mit der ruſſiſchen und preußiſchen Armee für die ganze Dauer des Con⸗ greſſes zu ſchließen. „Da wir gern die Schlacht vermeiden möch⸗ ten, welche durch die von dem Feinde eingenom⸗ mene Stellung unvermeidlich ſcheint, und der Menſchheit eine Vergießung unnützen Blutes er⸗ ſparen wollen, ſo iſt unſere Abſicht, daß Sie ſich auf die Vorpoſten begeben, wo Sie verlangen ſol⸗ len, zu dem Kaiſer Alexander geführt zu werden, um ihm dieſen Vorſchlag zu machen, und jede mi⸗ litairiſche Convention, welche eine Aufhebung der Feindſeligkeiten zum Zwecke haben könnte, zu un⸗ terhandeln, zu ſchließen und zu unterzeichnen. „Zu dieſem Ende ſchreiben wir Ihnen dieſen geheimen Brief, um denſelben, wenn er von Ihnen verlangt werden ſollte, als Vollmacht gebrauchen zu können. „Außerdem bitte ich Gott, er möge Sie in ſeinen gnädigen Schutz nehmen. Napoleon.“ In Verlauf weniger Stunden ritt der Kaiſer der Franzoſen, umgeben von ſeinen Marſchällen und Generalen, aus den Thoren von Dresden auf der Straße nach Bautzen. Der König von Sachſen gab ſeinem kaiſerlichen Gaſte das Geleit bis jenſeit des Linke'ſchen Bades. Der Tag war heiß und ein Staub zum Erſticken. Napoleon ritt eine lange Zeit nach⸗ denkend voraus. Dann rief er Caulaincourt an ſeine Seite und unterhielt ſich mit ihm faſt während des ganzen Marſches. ———— — ———— ——— — 181 Pierzehntes Rapitel. D —ie Nacht des 20. Mai iſt auf ein rauchendes Blut⸗ feld herabgeſunken. Aber noch iſt der Kampf unent⸗ ſchieden. Die Franzoſen haben nur den Uebergang über die Spree erzwungen. Noch ſteht die ganze Armee der Verbündeten in feſter, furchtbarer Stellung. Bereits um fünf Uhr des folgenden Tages beginnen die franzöſiſchen Batterien gegen die feindlichen Li⸗ nien zu ſpielen. Die Colonnen Kleiſt und York ſchließen ihre Reihen. Die preußiſchen Garden und Reſerven ſtehen in zweiter Linie. Auf franzöſiſcher Seite hat ſich die ganze kaiſer⸗ liche Garde hinter dem Centrum zuſammengedrängt. Ein Hügel verbirgt ſie den Blicken des Feindes. Sie erhält Befehl, ſich zum Angriffe bereit zu halten. Der Kaiſer, welcher die ganze Nacht Befehle ge⸗ geben, iſt ſo ermüdet, daß er mitten unter den Batte⸗ rien des Herzogs von Raguſa einſchläft. Zweihundert Kanonen feuerten ununterbrochen ge⸗ gen einander. Auf dem rechten Flügel, wo der Herzog von Reggio commandirt, iſt der Kampf am lebhafteſten. Die Verbündeten fürchten, Ondinot wolle durchbrechen und die Straße von Löbau abſchneiden. Ihre ganze Aufmerkſamkeit iſt auf dieſen Punkt gerichtet. Fort⸗ während marſchiren Verſtärkungen dahin ab. Der Kampf iſt äußerſt ernſthaft. Der Kaiſer ſchläft, auf ſeinem Feldſtuhle ſitzend, ruhig fort. Da erhebt ſich plötzlich unerwartet auf dem äußerſten linken Flügel der Franzoſen, faſt im Rücken der Verbündeten eine furchtbare Kanvnade. Aller Blicke wenden ſich fragend nach dieſem Punkte. 182 Selbſt im franzöſiſchen Hauptquartier wird man be⸗ ſorgt. Das Feuer jener unbekannten Batterien wird immer entſetzlicher. Noch immer ſchläft der Kaiſer. Da kann man nicht länger zaudern. Duroe weckt ihn. Napoleon ſchlägt die Augen auf. Man erzählt ihm von dem unerwarteten Ereigniß. Er zieht die Uhr heraus und wendet ſich zu einem Obriſt ſeines Gefolges: „Reiten Sie nach den Tuilerien,“ ruft er,„und melden Sie der Kaiſerin, daß die Franzoſen eine große Schlacht gewonnen haben.“ Und zu den Umſtehenden: „Meine Freunde, es ſind die Kanonen des Fürſten von der Moskwa. Der Sieg iſt unſer.“ Wirklich war die meiſterhafte, bereits in Dresden entworfene Diverſion gelungen. Marſchall Ney hatte ſich nicht nach Berlin gewandt, ſondern war, das Ob⸗ ſervationscorps der Verbündeten wie Spreu vor ſich hertreibend, plötzlich und unerwartet mit ſechzigtauſend Mann dem Feinde in die Flanke gefallen. Dieſer Augenblick iſt entſcheidend. Der Kaiſer benutzt ihn. „En avant!“ ruft er, und das ganze gewaltige Centrum, deſſen Kampfhitze bis jetzt zurückgehalten worden iſt, dringt in geſchloſſenen Colonnen und mit gefälltem Bayonnet vor. Die Marſchälle Marmont, Soult, Mortier, Macdonald und General Bertrand ſtellen ſich an die Spitzen ihrer Colonnen. Wie eine dunkle Gewitterwolke rauſchen die ſchweren Cuiraſſiere des Latour⸗Maubourg gegen die feindliche Linie, wäh⸗ rend die junge Kaiſer⸗Garde unmittelbar das feind⸗ liche Centrum zu ſprengen ſucht. Blücher, wie ein alter Löwe mit ſeinen Pranken um ſich ſchlagend, ſieht ſich plötzlich in der Front durch ——— — 183 Bertrand, im Rücken von Marmont und auf der Flanke vom Fürſten von der Moskwa angegriffen. Er ver⸗ langt Hülfe. Die preußiſchen Garden und Kleiſt wollen umkehren und ihm zu Hülfe eilen. Ney be⸗ nutzt dieſes Schwanken und dringt unaufhaltſam wie ein Strom vor. Blücher wird von ſeinen Höhen, wo er ſich für unüberwindlich gehalten, herabgeworfen. Die Bayon⸗ nette der Würtemberger glänzen triumphirend auf der Höhe. Der Kampf wurde bald auf der ganzen Linie all⸗ gemein. Napoleon auf einer Anhöhe von Nieder⸗ Kayna, auf einer Trommel ſeiner Garde ſitzend, di⸗ rigirt mit der Ruhe des Oberfeldherrn die ſiegreichen Evolutionen. Es war ein erſchütternder aber großartiger An⸗ blick, wie die zahlreichen Colonnen aller Waffengat⸗ tungen von den Höhen in's Thal herabſtiegen. Rings, ſo weit das Auge reicht, donnernde Batterien, flam⸗ mende Dörfer, funkelnde Helme, Schwerter und Bayonnette. Um ſechs Uhr war das große verſchanzte Lager von allen Seiten genommen und die Verbündeten aus allen ihren Poſitionen verdrängt. Sie treten den Riückzug an, aber in Ordnung und mit Sorgfalt. Vergebens ſucht ſie der Herzog von Tarent durch ei⸗ nen Flankenmarſch abzuſchneiden. Es fehlt ihm an Zeit und Cavallerie. Schon breitet die Nacht ihren Schleier über das Blutfeld. Alles ſinkt, von des Tages Laſt erſchöpft, in Schlummer. Nur Napoleon wacht in ſeinem Zelte und dictirt: „Ein Denkmal ſoll auf dem Mont Cenis errichtet werden; auf demſelben ſollen da, wo ſie am meiſten in die Augen fallen, folgende Worte ſtehen: 184⁴ „Der Kaiſer Napolevn hat, von dem Schlachfelde von Bautzen aus, die Errichtung dieſes Denkmals befohlen, als ein Zeugniß ſeiner Dankbarkeit gegen ſeine Völker von Frankreich und Italien. „Dieſes Denkmal ſoll das Andenken der großen Epoche auf alle Nachwelt übertragen, wo in drei Mo⸗ naten zwölfmalhunderttauſend Mann zu den Waffen geeilt ſind, um die Integritöt des Gebiets des fran⸗ zöſiſchen Reichs zu ſchützen.“ Am andern Tage erblickt man den Feind von Neuem auf den Höhen von Reichenbach aufgeſtellt. Der Kaiſer, welcher keinen Augenblick von der Avant⸗ garde weicht, befiehlt ſogleich den Angriff. Von Neuem beginnt die Kanonade, und nach einiger Zeit treten die Verbündeten mit derſelben Regelmäßigkeit ihren meiſterhaften Rückzug an, alle Vortheile des Terrains ſorgfältig benutzend. Napoleon iſt aufgebracht, daß ihm dieſe Arriere⸗ garde immer entwiſcht.„Wie,“ ruft er,„nach einer ſo großen Schlacht kein Reſultat, keine Gefangenen, keine Kanonen, keine Fahnen? Dieſe Menſchen wer⸗ den mir keinen Nagel zurücklaſſen.“ Kaum hat er dieſe Worte geſprochen, als eine Kanonenkugel in ſeine Suite fährt und einen Chaſſeur zu Pferde zu Boden wirft. Der Unglückliche ſtürzt faſt unter die Hufe von Napoleon's Pferd. „Durve,“ ſpricht der Kaiſer zu dem neben ihm reitenden Großmarſchall in ſehr ernſtem Tone,„heut' will das Schickſal an uns.“ „Es iſt der Tag von Wagram,“ antwortete nur leiſe eine unbekannte Stimme, die wie aus dem Ge⸗ folge zu kommen ſcheint. „Blieb da nicht Montbello, unſer Roland?“ frug Durve in ſeltſamem Tone. 185 Napolevn, der dergleichen Erinnerungen nicht liebte, blitzte den Frager finſter an, gab ſeinem Fal⸗ ben die Sporen und ſprengte in Galopp einem Hohl⸗ wege zu. Die Suite folgte im Trabe mitten in einer Staub⸗ wolke. Vier zu vier an einander gedrängt, ſo daß man kaum ſeinen Nachbar unterſcheiden konnte. Im erſten Zuge befanden ſich Caulaincvurt, Mortier, Duroc und der Geniegeneral Kirchner. Der Kaiſer verlangt nach ſeiner Ankunft auf der Ebene, welche die Schlucht beherrſcht, ſein Fernrohr, und bemerkt im Umkehren, daß nur Caulaincourt ihm gefolgt iſt. Der Herzog Carl von Piacenza eilt gleich darauf herbei. Er iſt blaß, verſtört und flüſtert dem Oberſtallmeiſter ein paar Worte in's Ohr. Der Kaiſer fragt, was es gebe? Piacenza kann kaum ſprechen. Endlich berichtet er, daß ſo eben der Großmarſchall getödtet worden ſei. „Duroc!“ ruft der Kaiſer auf's Heftigſte er⸗ ſchrocken,„das iſt nicht möglich, er war den Augen⸗ blick noch bei mir!“ Indeſſen bringt ein Page das Fernrohr; die Ad⸗ jutanten nähern ſich gleichfalls und beſtätigen die Nachricht. Tie Kugel war von einem Baume zurückgeprallt, hatte zuerſt den General Kirchner und dann den Herzog von Friaul getroffen. Kirchner ſtürzte augen⸗ blicklich todt nieder. Duroe lebt noch. Die Doctoren Larrey, Yvan und Alles, was von Geſundheitsbeamten in der Nähe iſt, eilt herbei. Aber alle Bemühungen der Kunſt find fruchtlos. Die Kugel hat den Leib zerriſſen. Man trägt den Sterbenden in eines der erſten Häuſer von Markersdorf. Der Kaiſer, der den Schmerz um den Verluſt ei⸗ 186 nes ſeiner Getreueſten nicht verbergen kann, reitet ſtumm und in ſich gekehrt ſeitwärts durch einen Bauernhof, ſteigt hinter dem hohen Korne ab und beobachtet noch eine lange Zeit den Punkt, von welchem aus ſein Liebling ihm geraubt worden iſt. Dann geht er mit⸗ telſt eines Umweges um die Gärten des Dorfes zurück auf die freie Höhe, wo die ganze Infanterie ſeiner Garde, die Elite ſeines Heeres, ein längliches Viereck gebildet hatte, in deſſen Mitte die fünf Zelte des kai⸗ ſerlichen Hauſes aufgeſchlagen ſtehen und wo ſpäterhin die Wachtfeuer aufloderten. Es war ein Abend, ein Moment, an welchen die Weltgeſchichte nicht überreich iſt. Man denke ſich Napoleon nach einer großen ge⸗ wonnenen Schlacht, aber ohne entſcheidendes Reſultat, an den dunkeln Pforten einer ſchwankenden folgenrei⸗ chen Periode; plötzlich beraubt des liebſten Vertrauten, der mit der Freimüthigkeit eines Jugendfreundes zu ihm ſprach, im einfachen grauen Ueberrocke auf einem Feldſtuhle ſitzend, mitten in dem ungeheuern Kreiſe ſeiner Bravſten, mit herabhängenden Armen und ge⸗ ſunkenem Haupte, abgeſondert von dem glänzenden Gefolge ſeines Hauſes, das ſich ehrfurchtsvoll in ein⸗ zelnen Gruppen zurückzieht, und kaum die Worte aus⸗ zuſprechen wagt, des Kaiſers Freund ſei im Verſchei⸗ den. Und neben dieſer dumpfen Stille in der Nähe des Kaiſers das Geräuſch, welches die Geſchäftigkeit der Garden, ihre Einrichtung zum Kochen und Lagern verurſacht, und zwei Chöre Muſik der Grenadiere und Jäger, welche auf den Endpunkten des Vierecks in elegiſchen Akkorden das Bild des Tages verſinnlichen, und durch eine ſeltene Auswahl ihrer Stücke vergebens den Gebieter zu zerſtreuen ſuchen. Unzählige Wacht⸗ feuer flackern durch die Gegend. In dunkeln Um⸗ „——— 187 riſſen ſteigt die Landeskrone am Horizonte empor, und die Flammen zweier brennenden Dörfer lodern gen Himmel zum milden Richter menſchlicher Thaten. Indeſſen werden Befehle für den künftigen Tag dringend nöthig. General Drouot wagt endlich die Frage:„Wo die Batterien der Garde außzuſtellen ſeien?“ „Alles Morgen!“ iſt die einzige Antwort Na⸗ poleon's, welche ſeinem gepreßten Herzen entſteigt, worauf er in das frühere dumpfe Schweigen zurückfällt. Die ganze Armee nimmt den innigſten Antheil an dem unverkennbaren Schmerze ihres Kaiſers. Mit Wehmuth blickt die Garde auf ihn. „Armer Mann,“ ſeufzen die alten Grenadiere, „er hat eins ſeiner liebſten Kinder verloren.“ Ende des zweiten Theiles. —————— Druct von Alexander Wiede in Leipzig. —,— Bei Ernſt Keil in Leipzig erſchien: Unterhaltungs-Zibliotheß für das Volk. Im Verein mit mehren Volksſchriftſtellern herausgegeben von Held. Mit Abbildung. broch. 15 Ngr. Inhalt: Bierſtube. Eine einleitende Erzählung von Held. Eine Weberfamilie. Schleſiſche Dorfgeſchichte von Otto Ruppius. Prieſter und Bauer. Thüringer Dorfgeſchichte. Der Hexerich. Schleſiſche Dorfgeſchichte. Schullehrertage. Eine einfache Geſchichte, wie ſie wohl hie und da paſſirt. Die Jeſuitenpeſt. Jeſuiten und Jeſuitismus ſeit 1814. Zweite Auflage. Preis ℳ Thlr. Im Verlage des Magazins für Literatur in Leip⸗ zig iſt erſchienen: Der Stern der Liehe. Herausgegeben von J. H. Rauſſe. broch. 1 ½ Thlr. Pas zwrite Gesicht. 6 1 Begebenheit aus dem Reich der Nacht von J. H. Rauſſe. br. 1 Thlr. Ephemeren. 3 6 Novellen und Erzählungen von Hugo Hagendorf. br. 1 Thlr. Mnsikulischr Rovellen und Silhouetten von Carl Yollmick.“ Mit einem Vorwort von Eduard Duller. br. Shlp Iſt eine mit Bewußtſein verbundene Fortdauer nach dem Tode denkbar? Auf dem einzig ſichern Wege der Naturforſchung ermittelt 3 durch 3 Dr. H. M. Meſſerſchmidt. 2te Auflage. broch. 10 Ngr. 14 Pr- , . e rt d LLkpr E —— — 6 S1 Sence