beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 25 von— 6dnard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.„ 4. Abonn⸗ment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Der Abend nahte; in den Kaufläden, Gewölben und Reſtaurationen ward es lichthell; aber von dem ſonſt üblichen regen und geräuſchvol⸗ len Leben und Treiben auf Straßen und Boulevards war wegen des ungewohnten hohen Kältegrades wenig zu vernehmen. Indeß war es auch im Hauſe des Kaufherrn Nor⸗ mand auf der Rivoliſtraße, im zweiten Stockwerk, licht geworden. Die achtzehnjährige Henriette, eine feingebaute Pariſerin, mit einnehmendem, lieblich klu⸗ gem Geſicht und reizendem Lockenkopfe hatte heute früher als gewöhnlich die Aſtrallampe auf dem gro⸗ ßen Tiſche angezündet. Ein neuangekommenes Packet Modenkupfer nahm ihre Aufmerkſamkeit vollkommen in Anſpruch. An demſelben Tiſche, ihr gegenüber, ſtand der junge Eugen, ihr Cvuſin, vor ſich eine mächtige Karte vom europäiſchen Rußland, auf welcher er, voll Feuer und Flammen, die Operationen der großen Armee verfolgte und ſich nicht wenig ereiferte, daß die ſchöne 8 Couſine ſo wenig Sinn für ſeine ſtrategiſchen und politiſchen Notizen an den Tag legte. „Hier liegt Kaluga,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„und hier Moskau, und hier Malojarosla⸗ wez, wo ſich mein Namensvetter, der große Eugen, unſterblichen Ruhm erwarb; mit ſeinem Corps allein ſchlug er die geſammte ruſſiſche Armee. Der Kaiſer ſelbſt hat gerufen:„Eugen, das iſt Ihr ſchönſter Tag!“ „Sioh doch dieſes allerliebſte Spitzenhäubchen à la Marie Louiſe,“ unterbrach die Couſine und ſchob ein zierliches Modenbild dem jungen Docenten hin;„iſt das nicht reizend,“ frug ſie begeiſtert. „Du bleibſt doch ein verwahrloſ'tes Geſchöpf!“ brach jetzt der patriotiſche Couſin los:„in den jetzi⸗ gen weltgeſchichtlichen Zeiten, wo jedes ächte Fran⸗ zoſenherz nur von einem Gefühle belebt wird, wo alle unſere Wünſche und Hoffnungen nur in den nor⸗ diſchen Eisgefilden wohnen, für die Erbärmlichkeiten der Mode Intereſſe zu haben; es iſt entſetzlich— und Du willſt eine Tochter von Paris ſein?“ Henriette lächelte, nahm das Modenbild zurück und betrachtete es nochmals mit innigem Wohlgefallen. Dann aber ſtützte ſie den Lockenkopf auf den Arm und blickte nach der Karte.„Nur weiter, Schatz,“ ſprach ſie,„ich höre jetzt andächtig zu.“ Unmuthig fuhr der Coufin fort:„Hier liegt das Dorf Borodinv an der Moskwa, wo ſeit der Er⸗ findung des Pulvers die größte Schlacht geſchlagen wurde. Hier ward der ruſſiſche Eisbär von unſern Adlern zu Boden geſchmettert und die alte Czaren⸗ hauptſtadt Moskau erobert. Nie kämpften unſre Legio⸗ nen und unſre Marſchälle heldenhafter. Den Preis des blutigen Tages aber erhielt Marſchall Ney. Der 9 Kaiſer umarmte ihn auf dem noch rauchenden Blutfelde und nannte ihn den Bravſten der Braven. Denke Dir, wenn das Napoleon ſelbſt ſagt.“ „Marſchall Ney?“ frug die Cvuſine,„war das nicht der ſchöne freundliche Offizier, der uns einſt auf der Straße von Neuilly begegnete?“ „Ganz recht,“ erwiederte Eugen,„unſer Retter in der Noth, als wir die Axe zerbrochen hatten.“ „O, et ſteht noch vor mir,“ rief Henriette,„der ſtattliche, liebreiche Mann in ſeinem einfachen blauen Ueberrocke, nur das nelkenrothe Band im Knopfloche! Er fuhr uns im eignen Wagen zur Tante. Wie ge⸗ fällig und artig!“. „Und in der Schlacht erſt, mein Kind,“ ſprach der Coufin wärmer,„da ſollteſt Du ihn ſehen, im⸗ mer mitten im Feuer, ein wahrer Roland von Frank⸗ reich.“ „Ich ſah ihn ſpäter noch einige Male unter un⸗ ſern Fenſtern vorüberreiten,“ e tzähl te.„in prachtvoller Uniform, auf königlichem) appen, umringt von gold⸗ und ſilberbedeckten Offizieren.“ „Ja, das ſteckt nun Alles draußen,“ meinte der Coufin,„im nordiſchen Eiſe; aber mir iſt nicht bange, ſie werden ſich ſchon durchſchlagen.“ „Wo liegt denn Borosk?“ frug das Mädchen. „Du meinſt Borowsk, von wo der Onkel das letzte Mal geſchrieben?“ Henriette bejahte. „Ja, ich ſuche den Ort vergebens,“ erwiederte der Jüngling,„er muß auf der Straße von Moskau nach Kaluga liegen. Hier ſteht zwar ein Brokows, aber das iſt es wohl kaum.“ „Und Moskau?“ frug die gelehrige Couſine weiter. . 40 „Nun, das ſiehſt Du hier groß und breit; ſiehe hier, mit großen Buchſtaben geſchrieben; mitten im Herzen des verwünſchten Eislandes, die einzige Oaſe in der unabſehbaren Wüſte.“ Henriette gewann immer mehr Intereſſe für den geographiſchen Unterricht. Sie verwandte keinen Blick von der Karte.„Und wo ſteht denn Paris?“ frug ſie in aller Unſchuld. „Mon dieu!“ lachte der Geograph,„das iſt ja nur eine Karte von Rußland; da denke Dir erſt das Großherzogthum Warſchau, dann Preußen, dann den Rheinbund, dann Frankreich und dann erſt Paris. Da müßte ich eine Landkarte haben von hier bis dort an's Pfeilertiſchchen.“ „Und ſo weit ſind ſie hinausmarſchirt?“ rief halb verwundert, halb erſchrocken das Mädchen. „Verſteht ſich, mein Kind,“ erwiederte Eugen; „aber Du haſt noch immer keinen Begriff von dem unermeßlichen Marſche. In Epernay biſt Du gewe⸗ ſen, nicht wahr?“ „Es iſt meine weiteſte Tour,“ meinte ſie. „Nun denke Dir die Strecke von Paris bis Eper⸗ nay etwa hundert Mal zuſammengeſetzt in einer Linie, ſo wirſt Du ungefähr Moskau erreichen.“ Henriette ſchlug die Hände über dem Köpfchen zuſammen. „Das möchte aber Alles ſein,“ fuhr der beleh⸗ rende Vetter fort,„Aegypten war nicht näher; aber der Winter, der Winter in jener Eiswüſte! Wir können es hier im freundlichen Paris kaum aushalten vor Kälte, wie mag es dort draußen erſt hergehen? Wahrſcheinlich iſt die ganze Armee verſchneit in ih⸗ ren Winterquartieren, denn der Poſtenlauf iſt ſeit einiger Zeit gänzlich unterbrochen.“ 11 „Warum marſchirt aber auch der Kaiſer nach dem en Lande?“ frug Henriette ungehalten. „Wie Du wieder ſprichſt!“ erwiederte Eugen zu rechtweiſend.„Hat Rußland nicht den Frieden ſelbſt gebrochen und ſich mit den Engländern verbunden? Blieb denn unſerm Kaiſer Anderes übrig als der Krieg? Und da die Ruſſen ſich wohl hüten werden, herauszukommen nach Frankreich, ſo mußten unſre Heere ſelbſt hinmarſchiren, die Bundbrüchigen zu züchtigen. Auch iſt Alles gut gegangen bis auf Mos⸗ kau, das die Barbaren gegen alles Völkerrecht nieder⸗ gebrannt haben.“ „Es gehört indeß immer Cvurage dazu,“ bemerkte das Mädchen,„die eigne Hauptſtadt zu opfern; wir Pariſer würd en uns beſinnen, unſer ſchönes Paris zu verbrennen.“ „Wir würden Paris vertheidigen bis auf den letzten Mann,“ rief eifrig der Couſin,„aber nicht die Brandfackel in die eignen Wohnungen ſchleudern; übri⸗ gens kann Paris gar nicht in den Fall kommen, daß die Feinde vor ſeinen Thoren erſcheinen.“ Eugen ſprach die letzten Worte mit dem den Fran⸗ zoſen eigenthümlichen Selbſtgefühle und die Couſine fand ſich ſehr beruhigt dadurch. Nach einer Pauſe ließ er wieder Ingrimm gegen Rußland los. „Aber ſie werden es büßen, das Brandopfer,“ rief er, „noch nie ließ ſic Frankreich ungerächt reizen! Wer weiß, wie es jetzt ſteht; ob der Kaiſer nicht ſeinen frühern Plan verfolgt hat und unſre ſiegreichen Adler bereits gen Petersburg flattern. Was der Kaiſer will, vollbringt er. Das Wort„unmöglich“ ſteht nicht in ſeinem Wörterbuche. Sein Sprichwort iſt:„Impos- sible, c'est un mot d'un fou.“ Auf, nach Peters⸗ burg, wer da könnte dabei ſein!“ „Danke doch Gott,“ ſprach unmuthig die Cvu⸗ ſine,„daß Du in der warmen Stube ſitzen kannſt. Der Kaiſer wird ſchon ohne Dich mit den Ruſſen fertig werden.“ „Danke doch Gott,“ ſpottete gereizt der Kriegs⸗ luſtige,„möchte wiſſen, wofür? So ein Feldzug kommt in hundert Jahren nicht wieder. Aber hoffent⸗ lich iſt mit 1812 noch nicht Feierabend, und nächſten Frühling will ich ſehen, wer mich halten ſoll; und wenn Ihr mir abermals Hinderniſſe in den Weg legt, ſchreib' ich direct an den Kaiſer; ganz gewiß, ich ſchreibe an den Kaiſer.“ „Und Deine arme Mutter, die einen Gatten und drei Söhne bereits geopfert hat,“ frug im ſtrafenden Tone Henriette,„gilt Dir alſo Nichts?“ „Wer ſagt das?“ erwiederte der Jüngling nicht ohne Heftigkeit,„lieb' ich die Mutter nicht von gan⸗ zem Herzen? Aber das Vaterland iſt auch eine Mut⸗ ter, und wenn das ruft, muß ein guter Franzoſe ge⸗ horchen.“ 8 „Bis jetzt hat's Dich aber noch nicht gerufen,“ ſprach die Couſine. „Wird ſchon die Zeit kommen,“ tröſtete ſich Eu⸗ gen,„Soldaten werden immer gebraucht.“ Henriette war an's Fenſter getreten und ſchaute in die Nacht hinaus. Es war ein tolles Unwetter; der Sturm tobte ununterbrochen, die Wetterfähnchen ſchrillten und von Zeit zu Zeit hörte man Ziegel von den hohen Dächern herabfallen. Eugen, fortwährend Kriegsgedanken im Kopfe, ſprach: „In ſolcher Nacht Schildwacht zu ſtehen auf dem äußerſten Poſten, am einſamen Waldesrande, ganz nahe den feindlichen Pikets, Henriette, vive l'empereur!“ 13 „Im warmen Zimmer,“ meinte dieſe,„läßt ſich amüſant darüber philoſophiren.“ „Ihr traut mir immer Nichts zu,“ rief der junge Franzos gekränkt und erröthend;„aber beim Himmel! ihr ſollt mich kennen lernen!“ Henriette warf einen wohlgefälligen Blick auf den ſchönen, kriegsluſtigen Eouſin, ſie hüpfte auf ihn zu und ergriff ſeine Hand:„Nichts für ungut,“ bat ſie; 5 „Du biſt ein wackerer Junge; aber willſt Du Dich im liebenswürdigſten Lichte zeigen, ſo bleibſt Du hübſch bei uns.— Wir Frauen bedürfen ja doch auch der Beſchützer.“— Da that ſich die Thür auf und herein trat eine kräftige, ſchöngebaute Jünglingsgeſtalt, aus deren ein⸗ nehmenden Zügen Milde und männlicher Ernſt ſpra⸗ chen. Der junge Mann grüßte ehrerbietig, aber mit einer in Paris ungewohnten Einfachheit und Unge⸗ zwungenheit. „Ah, Georg,“ rief ſogleich Eugen, dem Eingetre⸗ tenen entgegeneilend,„nichts Neues von Rußland?“ Der Befragte wandte ſich aber zu Henrietten: „Euer Herr Vater,“ ſprach er,„Mademviſelle, läßt ſich entſchuldigen, wenn er heute etwas ſpäter als gewöhnlich zum Eſſen kommen ſollte. Briefe von Wichtigkeit machen ſeine Anweſenheit im Comptvir nothwendig.“ „Briefe von Wichtigkeit?“ frug Eugen von Neuem und geſpannter,„heraus mit der Sprache, Georg, was macht der Kaiſer, die Armee? Ihr Kaufleute habt gewöhnlich beſſern Wind als die Journaliſten.“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Georg,„ob die Briefe des Principals über die ruſſiſche Campagne berichten; aber nach den Gerüchten, die in dieſen Au⸗ genblicken durch die Stadt laufen, hat die Armee ſchwe⸗ „ res Unglück betroffen.“ 14 „Eine Schlacht verloren?!“ frug haſtig der junge Franzos und die geſpannteſte Erwartung malte ſich auf ſeinem ſchönen jugendlichen Geſicht. „Die wäre zu verſchmerzen,“ erwiederte jener; „aber den Ruſſen iſt ihr furchtbarſter Alliirter zu Hülfe gekommen, der— nordiſche Winter; die große Armee ſoll ſo gut wie vernichtet ſein.“ „Um Gottes willen,“ rief Henriette erſchrocken, „unſer armer Onkel!“ Eugen, ebenfalls heftig erſchrocken, faßte ſich doch gleich wieder.„Es iſt nicht möglich, es iſt ein Mär⸗ chen,“ lächelte er ungläubig.„Das Genie des Kai⸗ ſers wird gewiß für gute Winterquartiere geſorgt haben.“ „Unbezweifelt,“ erwiederte Georg;„aber wenn, wie die Sage geht, der Feind die Rückzugslinie ab⸗ geſchnitten und nach dem Beiſpiele Moskaus auf der ganzen Straße von der Hauptſtadt bis Wilna Städte und Ortſchaften in Aſche liegen, ſo möchte gegen ſolch unerhörtes Mißgeſchick ſelbſt das Genie eines Napoleon vergeblich ankämpfen.“ „Alſo abgeſchnitten unſre Braven, unſre Adler, unſer großer Kaiſer!“ rief Eugen in ſchöner Begei⸗ ſterung,„wohlan, ſo muß ſich ganz Frankreich erheben und zu Hülfe eilen. Aber ich kann's nicht glauben,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu,„es iſt nicht mög⸗ lich, es iſt ein Märchen, erſonnen von den Royaliſten, von den Malletiſten und andern Verräthern.“ „Wohl mögen die Gerüchte übertrieben ſein,“ meinte Georg;„aber das Außenbleiben aller officiel⸗ len Berichte deutet auf nichts Gutes. Seit dem acht⸗ undzwanzigſten Bulletin wiſſen wir ſo viel als nichts, und wie lange iſt das her!“ „Aber jetzt halt' ich's hier nicht länger aus,“ rief Eugen, ungeduldig auf⸗ und abgehend.„Georg, wir diniren bei Benvit; dort treffen wir die Redacteure des Moniteur, die müſſen Nachricht haben!“ Gern, Freund Eugen,“ erwiederte jener,„meine Geſchäfte ſind für heute beendet;“ und die Beiden beurlaubten ſich. „Ihr habt mir bang gemacht, Herr Buchhalter,“ ſprach das Mädchen,„ſorgt nun auch für freundliche Nachrichten. Ihr habt Euch ſo zu revanchiren,“ ſetzte ſie mit ſchlauem Lächeln hinzu,„für meine frohe Bot⸗ ſchaft von geſtern.“ Der Buchhalter erröthete. „Nehmt Euren Republikanismus zuſammen,“ fuhr ſie fort,„in längſtens acht Tagen trifft Victorine ein und die iſt ganz kaiſerlich.“ „Was kümmert uns die kleine Elſaſſerin?“ drängte Eugen,„kommen Sie, Georg, mich duldet's nicht län⸗ ger. Die Armee vernichtet? Wie, die herrlichſte Ar⸗ mee der Welt, den Kaiſer an der Spitze? Es iſt nicht möglich!“ Mit dieſen Worten zog er den Buch⸗ halter mit ſich fort. Henriette blickte den Davoneilenden eine Zeit lang nach.„Er iſt gar nicht übel,“ ſprach ſie endlich, „dieſes nordamerikaniſche Blut; aber mein Mann wär's doch nicht. Dieſe republikaniſche Einförmigkeit, Schroff⸗ heit, ſo zu ſagen Ungelenkigkeit wird nie Glück ma⸗ chen in Frankreich und am wenigſten bei meinem Ge⸗ ſchlechte.“ Unterdeſſen waren die beiden Freunde in die Re⸗ ſtauration von Michel Benoit getreten. Es war be⸗ reits ziemlich voll. Ueberall ſtanden Clubs und die unheilvollen Nachrichten aus Rußland waren der Ge⸗ genſtand aller Geſpräche. Einer wußte ſchlimmere Nachrichten als der Andere. Vergebens bemühten ſich 16 mehre anweſende kaiſerliche Beamten, die übertrieben⸗ ſten Gerüchte, daß die Ruſſen bereits in Deutſchland eingerückt und mit Preußen und Oeſtreich gemein⸗ ſchaftliche Sache gemacht hätten, zu widerlegen und in's Lächerliche zu ziehen. Ununterbrochen erkundigte man ſich nach den Redacteuren des Moniteur. Es war noch keiner erſchienen. Da that ſich plötzlich die Thüre auf, ein junger Mann, ganz in den Mantel gehüllt und über und über beſchneit, trat haſtig herein. Er ſchien ſo außer ſich, daß er lange keine Worte finden konnte. Endlich warf er den Hut und Mantel von ſich, ſein Geſicht war entſtellt.„Meine Herren,“ rief er halb athem⸗ los,„ſo eben geht das Gerücht, der Kaiſer ſei ge⸗ fangen!“ Eine augenblickliche Stille folgte dieſer entſetz⸗ lichen Nachricht; doch im nächſten Augenblicke brach der Tumult los. Man beſtürmte den jungen Mann um Näheres. Da erhob ſich ein langer, feingekleideter⸗ Mann, der die ganze Zeit über ſcheinbar theilnahmlos in einer Ecke bei einer Taſſe Kaffee geſeſſen hatte. Er trat haſtig auf den Schreckensbotſchafter zu, welcher den vielen an ihn gerichteten Fragen kaum Genüge leiſten konnte, und ſchien ihn mit ſeinen Falkenblicken durchbohren zu wollen. „Sie ſind verhaftet, mein Herr!“ rief er mit er⸗ hobener Stimme;„Sie find ein Verſchworner des General Mallet; nur ein Verräther kann Gerüchte wie das Ihrige ausſprengen. Sie werden ſich auf der Polizeipräfectur legitimiren.“ Er winkte, und mehrere Polizeigensd'armen, von denen man ſelbſt nicht wußte, wo ſie ſo ſchnell hergekommen, bemäch⸗ tigten ſich des jungen Mannes, der, vor Schrecken bleich, keines Wortes mächtig war. 17 Eine plötzliche unheimliche Stille folgte auf dieſe Scene. Man bemerkte, wie mancher Anweſende ſtill und ſchleunig ſeine Zeche bezahlte und die Reſtaura⸗ tion verließ. Niemand wagte mehr von der Gefan⸗ genſchaft des Kaiſers zu ſprechen. Ruhig, als ſei nichts vorgefallen, wandte ſich der Polizeibeamte an einige der Zunächſtſtehenden. „Ohne Sorge, meine Herren,“ ſprach er freund⸗ lich und wohlwollend;„nach den neueſten officiellen Berichten befinden ſich Seine Majeſtät wohlbehalten an der Spitze unſrer tapfern Armee, die allerdings durch die Winterkälte ſchwere Verluſte erlitten hat.“ Er kehrte nach dem Tiſchchen zurück und ſchlürfte ſeinen Kaffee ruhig zu Ende. „Nun, das muß ich geſtehen,“ raunte Georg ſei⸗ nem jungen Freunde zu, mit dem er in einem klei⸗ nen Nebengemache der brillanten Reſtauration ſaß, „einer ſolch aufmerkſamen Polizei, die alle Kaffeehäu⸗ ſer in Belagerungszuſtand erklärt, entbehren wir aller⸗ dings bei uns in Amerika. Auch ſteigt mir der Zwei⸗ fel auf, ob ſich unſre Gentlemens ſo geduldig wür⸗ den harpuniren laſſen vom erſten beſten Kaffeegaſte, dem man ſeine hohe Miſſion gar nicht anſieht.“ „Die Zeiten ſind darnach,“ entſchuldigte Eugen, „bedenk', daß durch ſolche verrätheriſche Gerüchte es dem General Mallet allein möglich ward, ſeine Ver⸗ ſchwörung anzuzetteln und das Reich der größten Ge⸗ fahr auszuſetzen.“ „Schlimm genug,“ ſprach der Nordamerikaner, „wenn die Ruhe und das Heil eines Staates durch ein bloßes Gerücht wankend gemacht werden kann; ich glaube immer, daß ein ſolches Regiment von lan⸗ ger Dauer nicht ſein kann.“ „Hah, hah,“ lachte der junge Franzos,„die erſte Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 2 ——— 18 Nation der Welt, von nicht langem Beſtand! Der Gedanke iſt luſtig.“ „Ich ſpreche nicht von der Nation,“ bemerkte der Buchhalter,„ſondern von der Regierung.“ „Die kaiſerliche?“ frug Eugen und glaubte nicht recht gehört zu haben,„nun, da möcht' ich ſehen, wer die ſtürzen wollte.“ „Nun Ihr habt ſo eben den Mann genannt,“ er⸗ wiederte Georg,„der es nicht allein gewagt hat, ſ dern dem es beinahe gelungen wäre.“ „Die Unentſchloſſenheit und Feigheit des Präfecten war allein Schuld,“ ſprach Eugen hitzig,„d vaß das wahnſinnige Unternehmen auch nur eine Stunde lang getrieben werden konnte. Frankreich würde nie mit dieſer neugebackenen proviſoriſchen Regierung ſympa⸗ thiſirt haben.“ „Proviſoriſche Regierung!“ meinte nachdenklich Georg,„für die, wenn ich nicht irre, der Herr Seine⸗ Präfect bereits die Stühle hatte zurecht rücken laſſen. Das iſt's eben, was mir im Kopfe umhergeht und ſeltſame Scrupel erweckt. Proviſoriſche Re⸗ gierung! Gab's denn keinen König von Rom, wenn der Kaiſer ja todt war!“ „Die ganze Revolutivn Mallet's war nur ein Poſſenſpiel, die Ausgeburt einiger hirnverrückten Köpfe,“ erwiederte Eugen. Das war ſie allerdings,“ ſprach Georg,„da ſie verung lückte; aber die ganze Geſchichte, wie unbedeu⸗ tend in ihren Folgen, bleibt immer ein böſes Omen für das kaiſerliche ien ſie zeigt unwiderlegbar, auf wie ſchwachen Füßen die ganze Napolevniſche Herr⸗ ſchaft ſteht, falls einmal der Kaiſer mit Tode abgeht; denn wenn auch ſein Name unſterblich bleibt, ſeine Perſon iſt über kurz oder dem Looſe alles Ir⸗ diſchen unterworfen.“ 19 „Frankreich wird die ſelbſterwählte Dynaſtie nicht ſinken laſſen!“ rief der junge Franzos,„und was den Kaiſer betrifft, verbürgt ſeine Conſtitution ein langes Leben. Er wird es anwenden, den Thron ſeiner Fa⸗ milie immer feſter zu begründen und ſobald er ſeine Feinde vernichtet hat, auch Zeit zu gewinnen, ein ſe⸗ gensreicher Vater ſeiner Völker zu werden. Er hat Frankreich groß gemacht, er wird es auch glücklich machen. Hat er nicht bereits die beſten Beweiſe ge⸗ geben? Hat er in den wenigen Friedensmonaten, die ihm ſeine Feinde vergönnten, für das Land nicht mehr gethan, als die Bourbonen in Jahrhunderten? Spre⸗ chen die unermeßlichen Bauten, die Heerſtraßen, Brücken und Canäle, die Beförderung der Manufacturen und Fabriken, des Handels und aller Gewerbe, der Wiſ⸗ ſenſchaften und Künſte, ſprechen dieſe für ſein Genie als weiſer Landesvater weniger, als ſeine Siege für den größten Feldherrn ſeer Beiti Georg lächelte:„Ihr ſeid ein wackerer Sohn Frankreichs,“ ſprach er,„und ein treuer Repräſentant der heutigen franzöſiſchen Jugend; aber ich wette, ſchrieben wir heute 1792 anſtatt 1812, Ihr würdet mit demſelben Eifer die Principien der Republik ver⸗ fechten, um die Euch, Ihr mögt ſagen, was Ihr wollt, Euer großer Kaiſer ſchmählichſt betrogen hat.“ „Betrogen, wie ſo?“ frug Eugen gereizt;„ein Volk, wie das franzöſiſche, läßt ſich nicht betrügen. Iſt der Kaiſer nicht durch den faſt einſtimmigen Wil⸗ len der Nation auf den Thron berufen? Die Zeiten erheiſchten es, daß ein kräftiger Wille an die Spitze Frankreichs trat, die Könige Eurvopa's, die uns die Revolution heute noch nicht vergeben haben, ſtanden gewaffnet vor den Thoren, England ging goldſtreuend in allen Cabineten, allen Kriegslagern umher; Frank⸗ 2* 20 reich war in Gefahr— in Zeiten der Gefahr aber bedarf es eines Dictators— und konnten wir einen beſſern wählen, als den Napoleon Bonaparte?“ „Ganz ſchön,“ erwiederte Georg;„aber bedurfte es eines Kaiſers? Ein Conſul auf Lebenszeit, ein Präſident, hätte der nicht daſſelbe verrichtet? Wozu eines neuen Fürſten, den ſeine Collegen doch nimmer als einen der Ihren anerkennen werden, wie ſehr er ſich auch angelegen ſein läßt, ihnen verſchwägert zu wer⸗ den und ihre Sitten und Gebräuche nachzuahmen?“ „Nicht anerkennen?“ rief der junge Franzoſe halb ſtolz, halb verächtlich;„ich will doch ſehen, wer den nicht als Herrſcher anerkennen ſoll, den ſich Frank⸗ reich ſelbſt zum Könige erwählt hat. Aber was ſoll ich Worte verlieren; der Fürſtencongreß zu Dresden im verfloſſenen Frühjahre ſpricht hoffentlich klarer als meine Worte, ob die Könige Europa's den Napoleon anerkennen oder nicht.“ Der Buchhalter wollte einige neue Einwendungen machen, als in der Nebenſtube ein tumultartiger Lärm entſtand. Ein Redacteur vom Moniteur war einge⸗ treten; in der einen Hand hielt er einen noch feuch⸗ ten Zeitungsbogen. Es war die Correctur des auf morgen erſcheinenden Moniteurs. Das Geſicht des Mannes war verſtört; er winkte vergebens zur Ruhe; man beſtürmte ihn mit Fragen. Endlich gelang es ihm, ſich Gehör zu verſchaffen. Rings umher im dich⸗ ten Kreiſe ſtanden die Anweſenden. Auf allen Ge⸗ ſichtern war die außerordentlichſte Erwartung zu leſen. Man rief von allen Seiten zur Ruhe; eine lautloſe Stille erfolgte; der Redacteur entfaltete ſein Journal und begann zu leſen, mit einer Stimme, welche dem verhängnißvollen Inhalte des Artikels vollkommen ent⸗ ſprach— dieſer Artikel aber war das in den Annalen der Weltgeſchichte denkwürdige neunundzwanzigſte Bulletin der großen Armee, und lautete im We⸗ ſentlichſten wie folgt: Molodetzno, den 3ten Dec. 1812. „Bis zum ſechſten November war das Wetter ſehr ſchön, und die Bewegungen der Armee wurden mit dem beſten Erfolge vollzogen. Am ſiebenten ſtieg die Kälte. Von jetzt an verloren wir in jeder Nacht Hunderte von Pferden. Bereits in Smolensk war unſer Verluſt an Cavallerie⸗ und Artilleriepferden ſehr beträchtlich. Die ruſſiſche Armee von Volhynien ſtand unſerm rechten Flügel gegenüber. Dieſer verließ die Operationslinie von Minsk und zog ſich auf Warſchau zurück. Der Kaiſer erhielt davon Nachricht zu Smo⸗ lensk am 9ten November. Wie ſchwer es ihm auch ward, in der furchtbaren Jahreszeit den Marſch fort⸗ zuſetzen, machte ihn doch die Lage der Dinge unab⸗ wendbar. Er hoffte dem Feinde zu Minsk oder we⸗ nigſtens an der Bereſina zuvorzukommen. Er brach am 13ten von Smolensk auf und übernachtete am I6ten zu Krasnvi. Die Kälte ſtieg plötzlich bis auf 16 und 18 Grad. Die Wege waren mit Glatteis bedeckt. In jeder Nacht fielen die Cavallerie⸗, Ar⸗ tillerie⸗ und Zugpferde nicht zu Hunderten, ſondern zu Tauſenden, namentlich die Pferde aus Deutſchland und Frankreich. Mehr als dreißigtauſend Pferde gin⸗ gen in wenigen Tagen zu Grunde. Unſere Cavallerie ging zu Fuß! Artillerie und Fuhrweſen blieben ohne Geſpann. Ein anſehnlicher Theil unſerer Kanonen, unſeres Kriegs⸗ und Mundvorraths mußte zurückge⸗ laſſen und vernichtet werden. Die am 6ten noch ſo ſchöne Armee ſah ſich am lüten kaum mehr ähnlich; faſt ſämmtliche Cavallerie, Artillerie und faſt alles Fuhrwerk war verloren. Ohne Reiterei konnten wir 22 nicht eine Viertelſtunde weit recognoseiren, ohne Ar⸗ tillerie keine Schlacht wagen oder den Feind feſten Fußes erwarten. Wir mußten marſchiren, um nicht zu einer Schlacht gezwungen zu werden, die wegen Mangel an Munition zu vermeiden war. Wir hatten ein beträchtliches Terrain zu behaupten, um nicht überflügelt zu werden, und dies ohne Cavallerie, welche recognoscirt und die Colonnen verbindet. Dieſe Hin⸗ derniſſe, mit einer plötzlichen außerordentlichen Kälte, verſetzten uns in die traurigſte Lage. Menſchen, von der Natur nicht abgehärtet genug, ſich über Schickſals⸗ und Glückswechſel zu erheben, waren erſchüttert, ver⸗ loren ihre Standhaftigkeit und träumten nur von noch größer bevorſtehendem Unglück und von Untergang; andere, kräftig geſtählt, trotzten allem Mißgeſchick, be⸗ hielten ihren unbefangenen Sinn und erblickten in den zu bekämpfenden Hinderniſſen nur Gelegenheit zu neuem Ruhme. „Dex Feind, die Spuren unſeres Unglücks bald erkennend, ſuchte dieſes nach Kräften zu benutzen. Er umringte unſere Colonnen mit Schwärmen von Ko⸗ ſaken, welche, wie die Araber in der Wüſte, verirrte Trains und Wagen überfielen. Dieſe verächtliche Ca⸗ vallerie, die nur Lärm ſchlägt und nicht im Stande iſt, eine Voltigeurcompagnie zu durchbrechen, machte ſich, durch die Umſtände begünſtigt, furchtbar. „Der Kaiſer marſchirte fortwährend in der Mitte ſeiner Garden, deren Cavallerie von dem Marſchalle Herzog von Iſtrien, die Infanterie von dem Herzog von Danzig commandirt wurde. Seine Majeſtät waren mit dem Geiſte, der die Garde beſeelte, zufrieden. Sie war ſtets bereit, ſich dahin zu begeben, wo es die Umſtände erforderten. „Der Fürſt von Neufchatel, der Großmarſchall, der Großſtallmeiſter und alle Adjutanten und Officiere des kaiſerlichen Hauſes waren Seiner Majeſtät ſtets zu Stite „Der Verluſt unſerer Cavallerie an Pferden war ſo groß, daß man vier Compagnien aus lauter Offi⸗ eieren bildete, jede zu einhundert fünfzig Mann. Die Generale verſahen den Dienſt der Capitains, die Oberſten den der niedern Officiere. Dieſe heilige Schaar, commandirt vom General Grouchy und un⸗ ter dem Befehle des Königs von Neapel, verlor den Kaiſer nie aus den Augen.“ Der Vorleſer war zu Ende. Die Wirkung, welche dieſes außerordentliche Actenſtück auf die Verſammlung hervorbrachte, war unbeſchreiblich. Im Anfang währte das todtenſtille Schweigen noch einige Augenblicke, nur eine Stimme rief die inhaltſchweren Worte: 1 „C'est la confession!“ Wie unheilvoll auch die Ge⸗ rüchte geweſen, welche bereits am Tage die Unglücks⸗ fälle der Armee verkündet, hier erhielten ſi mit ei⸗ nem Male die vollſte Beſtätigung, denn der Kaiſer hatte nichts verſchwiegen und dem ſtaunenden Europa ftei und unverholen ſein ungeheures Mißgeſchick mit einem Male verkündet. Mehrere der Anweſenden bra⸗ chen in laute Klagen aus, ſie ſahen den Krieg bereits über die Fluren des ſchönen Frankreichs hereinbrechen, die Horden des Orients vor den Thoren von Paris erſcheinen. Die jüngern erholten ſich indeß bald von ihrem Schrecken. Ihrer Meinung nach müſſe ſich Frank⸗ reich in Maſſe erheben, wie in den Zeiten der Re⸗ volution, und die Niederlagen durch neue glänzende Siege rächen. Die Ruhigern ſuchten Troſt in dem Genie des Kaiſers. Sie meinten, er würde nicht ſo energiſch und unverholen geſprochen haben, wenn er nicht die Kraft fühle, alle dieſe Scharten des Win⸗ 2⁴ terfeldzugs bald wieder auszuwetzen. Auch darin fand man große Beruhigung, daß nicht der Feind, ſondern einzig und allein der Winter die Schuld an allem Unglück trug. Eugen war einer der Eifrigſten, der für die Er⸗ hebung in Maſſe ſprach. Er war auf einen Stuhl geſprungen und ſprach mit glühender Begeiſterung für den Ruhm Frankreichs und ſeines Kaiſers; er erin⸗ nerte an die großen Tage der jüngſten Vergangen⸗ heit, an die Pyramidenſchlacht, Marengo, Auſterlitz, er zeigte auf die verſchneieten Legionen und Adler in der ruſſiſchen Eiswüſte, ſo daß ſelbſt Georg, der als ſtrenger Republikaner ſehr verſchieden über Napoleon dachte, nicht ohne Wohlgefallen zu dem ſchönen Jüng⸗ linge, der wie ein blühender Kriegsgott Blitze gegen den Feind ſchleuderte, emporblickte. „Rom war nie größer, als im Unglück,“ ſchloß Eugen ſeine Rede;„Frankreich mit ſeinem Kaiſer wird hinter Rom nicht zurückbleiben.„Aux armes, aux armes, Citoyens!“ „Aux armes!“ fielen an die zwanzig Stimmen ein und ſchrieen tumultuariſch durcheinander. Es war, als ſollte direct von der Reſtaurativn hinaus nach dem Niemen gezogen werden. Schon lange hatte man es dem kleinen dicken Be⸗ noit angeſehen, wie unangenehm ihm dergleichen tu⸗ multartige Auftritte ſein mochten. Er verſchaffte ſich endlich Gehör und rief in halb kläglichem, halb bit⸗ tendem Tone: „Meine hochverehrteſten Herren! Ich muß ganz ergebenſt bitten, ſich einigermaßen in Ihrem wahrhaft ſchätzbaren Enthuſiasmus zu mooeriren. Ich ehre von Herzen Ihren Heldeneifer, aber bei den dermaligen Zeitumſtänden— ich bin nicht frei von Neidern— man verleiht Ihrem herzerhebenden Patriotismus ein falſches Relief— darum nochmals die ergebenſte Bitte, compromittiren Sie nicht, hochverehrteſte Herren, mein Etabliſſement durch Fö'che ergreifende Ausbrüche Ihres warmen Eifers für unſern großen Kaiſer.“— Die ganze Adrede ſprach er unter fortwährenden Bücklingen. „Wer will es wehren,“ riefen mehre Stimmen, „unſere Geſinnungen für Frankreich und den Kaiſer auszuſprechen?“ Und wieder erhob ſich der bürgerlich gekleidete Polizeibeamte von ſeinem Eckſitze und ſprach verſöh⸗ nend zu den jungen Enthuſiaſten:„Ihren ſchönen Gefinnungen und warmem Eifer, meine Herren,“ wa⸗ ren ſeine Worte,„können Seine Majeſtät nur Dank wiſſen; leider lehrt aber die Erfahrung, daß in un⸗ ſern verrathluſtigen Zeiten die Feinde des Kaiſers nur zu gern die Maske eines ähnlichen, aber ſcheinheili⸗ gen Patriotismus vorbinden, um ungeſtörter ihren verbrecheriſchen Plänen zu dienen. Ich muß Sie, meine Herren, daher recht ſehr erſuchen, dergleichen tumultähnliche Ausbrüche Ihres höchſt anerken⸗ nenswerthen Patriotismus möglichſt zu vermeiden, weil Sie ſich außerdem großen Unannehmlichkeiten ausſetzen würden.“ Die Bonhommie, mit welcher dieſe Worte geſpro⸗ chen wurden, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die meiſt aus jungen Leuten beſtehenden Gäſte wurden ruhiger. Ein Theil von ihnen entfernte ſich, die andern be⸗ ſchäftigten ſich noch mit dem neunundzwanzigſter Bulletin, doch auf eine Art, welche die Grenzen einer animirten Converſation nicht überſchritt. Nur Georg konnte nicht umhin, einige ſarkaſtiſche Bemerkungen über dergleichen polizeiliche Einſchrei⸗ tungen, von denen er dieſen Abend wiederholt Zeuge geweſen, gegen Eugen laut werden zu laſſen. 26 „Eine große Nation mögt Ihr ſein,“ fuhr er auf dem Heimwege zu dem Freunde gewendet fort; „aber daß dieſe große Nation in ihrer eignen Haupt⸗ ſtadt ſich nicht einmal zu Gunſten ihres großen Kai⸗ ſers frei expectoriren darf, ohne von der Polizei zu⸗ rechtgewieſen zu werden, iſt eine wunderbare Sache.“ „Du haſt ja die Gründe gehört,“ entſchuldigte Eugen,„welche dergleichen Maßregeln rechtfertigen, und die Humanität, mit welcher jener Beamte ſich ſeiner ihm gewiß unangenehmen Pflicht unterzog, ver⸗ dient alle Anerkennung.“ „Allerdings,“ lachte der Buchhalter,„eine Artig⸗ keit iſt der andern werth, und ich muß geſtehen, ihr jungen Feuerköpfe habt hierin heute Abend meine voll⸗ kommene Bewunderung erworben. Im Augenblicke bereit, den ganzen Orient zu ſtürmen, da tritt ein kluger Arzt auf und reicht ein niederſchlagendes Pül⸗ verchen, und die geſammte jeune Frange wird zum geduldigen Patienten.“ „Wenn man vernünftig zu uns ſpricht,“ entgeg⸗ nete Eugen,„iſt es vernünftiger Leute Pflicht, den Weg der Vernunft anzuerkennen.“ „Nicht mehr als billig,“ gab Georg zu;„wenn dieſe vernünftigen Sittenpredigten nur nicht gerade von der Polizei ausgingen, gegen welche letztere ich einmal eine angeborene Antipathie habe.“ „Aber ein eciviliſirter Staat kann einmal ohne Polizei nicht beſtehen,“ ſprach Erſterer. „Gut,“ erwiederte der Amerikaner,„ich geſtehe das in einer Hinſicht zu; ob aber die Kaffeehaus⸗ und anderweitige Polizei gerade zu den Requiſiten eines wohleiviliſirten Staates gehöre, will ich unun⸗ terſucht laſſen.“ Auf dieſe Weiſe converſirten die Beiden noch ge⸗ —— 10 — raume Zeit mit einander, während ſie mitten im Schneegeſtöber die endloſen Straßen dahin ſchritten. Eugen war dermaßen für die kaiſerlichen Inſtitutionen eingenommen, daß er nicht nur die damalige höchſt drückende Organiſation der öffentlichen Polizei ver⸗ theidigte, ſondern ſelbſt die alles moraliſche Gefühl empörende geheime Polizei und Spionage in Schutz nahm. Da riß dem Buchhalter ſeine amerikaniſche Ge⸗ duld.„Wie?“ rief er, indem er in der Hitze des Geſprächs ſtehen blieb und Eugen am Arm faßte; „Ihr Franzoſen wollt es wagen, andern Völkern Ge⸗ ſetze vorzuſchreiben, Ihr, die Ihr Sklaven im eigenen Lande ſeid? Es iſt noch nicht zwanzig Jahre her, da ſchlugt Ihr jedem ehrlichen Manne den Kopf ab, der nur den Namen König ausſprach, und jetzt liegt Ihr einem Könige zu Füßen und bittet ihn um Gottes⸗ willen, daß er Euch, ſeinem Ehrgeize zum Opfer, hunderttauſendweiſe zur Schlachtbank ſchleppe! Ja, Ihr ſeid durch ſeine Despotenlaunen ſchon ſo demo⸗ raliſirt, daß Ihr, die Ihr noch vor Kurzem ſo eifer⸗ ſüchtig auf Eure Freiheit waret, die Sklavenfeſſeln nicht einmal mehrFühlet. Und warum dies Alles? Weil er es verſtand, Eurer Eitelkeit zu ſchmeicheln, weil er Euch die große Nation nannte; zum Satan mit der großen Nation, wenn ſie nicht zugleich eine freie Nation iſt! Aber Ihr verdient nicht einmal frei zu ſein, ein ſo eitles, leichtſinniges, wankelmü⸗ thiges Volk verdient nicht frei zu ſein, und Ihr wer⸗ det es auch ſobald nicht; Eure ganze Freiheit beſchränkt ſich auf einen liberalen Paroxismus, der von Zeit zu Zeit wiederkehrt, dann aber ſteht Ihr wieder Jahrzehnte lang unter polizeilicher Aufſicht, werdet wie ein Kranker bewacht und befindet Euch ganz wohlunter ſolcher Pflege.“ *1 „ Der junge Franzoſe, der ſich an ſeiner empfind⸗ lichſten Seite durch ſolche Worte verletzt fühlte, wollte heftig auffahren, als eine Geſtalt, tief in den Man⸗ tel gehüllt, die den Beiden gleich von der Reſtaura⸗ tion aus in einiger Entfernung gefolgt war, hart an dem Buchhalter vorüberſtrich, und den Laternenſchein benutzend, ihm ziemlich ſcharf in's Geſicht ſchaute. Da ſiegte die Sorge um den Freund doch über die Gereiztheit in Eugen's Bruſt. Er faßte ſchnell des Buchhalters Arm und, in ein dunkles Seitengäßchen einbiegend, raunte er leiſe:„Seid Ihr bei Sinnen, Eure verrätheriſchen Reden herauszuſchreien, als ob ganz Paris ſie hören ſollte? Schnell, wir ſind be⸗ obachtet, Euer Benehmen bei Benvit war ſchon der Art, Verdacht zu erwecken.“ „Nun,“ frug der Buchhalter,„hab' ich etwa zu viel geſagt, erhalten meine Worte nicht hierdurch ei⸗ nen neuen thatſächlichen Beweis? Wenn man ſein Ge⸗ ſicht nicht fortwährend in polizeigemäße Falten legt, kann man im freien Paris keine zehn Schritte gehen, ohne von den Spürhunden verfolgt zu werden.“ „Still!“ gebot Eugen zornig,„Eure ungebühr⸗ lichen Reden von vorhin würden im freieſten Lande der gerechten Ahndung nicht entgehen.“ „Und mit Recht,“ erwiederte Georg,„wenn es Lügen und Verläumdungen wären.“ Eugen war ſo zornig, daß er die Antwort ſchul⸗ dig blieb. Sein richtiger Inſtinkt belehrte ihn aber, vor allen Dingen eine Rencontre mit der Polizei zu vermeiden. So wanderten die Beiden ſchnellen Schrittes mehre Kreuz⸗ und Quergaſſen ſtumm neben einander, bis ſie in der Gegend der Notre⸗Dame⸗Kirche im Schneegeſtöber verſchwanden. 29 Zweites Rapitel. (— In einem ziemlich entlegenen Quartier von Paris ſaß bereits am frühen Morgen des andern Tages der Ritter Leon an ſeinem Schreibbureau. Die herabge⸗ brannten Lichter zeigten, daß er am vorigen Abend bis tief in die Nacht gearbeitet hatte; auch ſprach ein Haufe von Briefen, die faſt alle Viertelſtunden um einen neuen vermehrt wurden, von ſeiner außerordent⸗ lichen Thätigkeit. Bereits wurde es lebhaft auf den Straßen. Der Ritter ſchrieb unermüdlich weiter. Da that ſich leiſe die Thüre auf und eine liſtige Italienerphyſiognomie trat in's Zimmer. Leon wandte ſich, ſtand auf, und ging dem Eintretenden haſtig entgegen.„Nun, Franzesco,“ frug er geſpannt,„wie iſt der Zuſtand der Stadt?“ „Wie ſich erwarten ließ,“ war die Antwort;„das junge Volk will je eher je lieber über den Rhein; dem Kleinbürger iſt um ſeine Pfefferdüten bange, er ſieht im Geiſte ſchon tatariſche Einquartierung, die Beamtenwelt wagt nicht, ſich zu expectoriren, der neu⸗ gebackne Adel ſitzt auf dem hohen Pferde, indeß ſind die Conſtellativnen günſtiger denn je, wenn nur—“ „Nun, nun!“ drängte der Ritter. „Wenn wir nur,“ fuhr Erſterer fort,„nicht in Kurzem den Corſen ſelber auf dem Halſe haben.“ Leon lachte.„Fragt in einem Jahre nach,“ ſprach er,„Bonaparte iſt nicht der Mann, der vom Heim⸗ weh geplagt wird. Ohne ſeine Gegenwart wäre die Armee verloren.“ „Vorausgeſetzt, daß an ihr noch viel zu verlieren iſt,“ bemerkte Franzesco;„was kommt es dieſem Lieutnant auf eine Armee mehr oder weniger an wenn er nur in den Tuilerien ſitzt.“ 30 Der Ritter war nachdenklicher geworden. Er ging mehre Male im Zimmer auf und nieder.„Es iſt nicht möglich, nicht denkbar,“ ſprach er endlich, ſich ſelbſt beruhigend.„Wir haben wenigſtens dieſen Winter freies Terrain, das wir benutzen wollen. Habt Ihr Senatoren geſprochen?“ „Allerdings,“ war die einſilbige Antwort. „Und ſie ſondirt?“ „Schweigt mir von dieſem Unkraute, Herr Rit⸗ ter,“ brach jetzt Franzescv ingrimmig los,„ſo wenig wie Bonaparte können wir auf dieſes Corps von Er⸗ bärmlichkeiten zählen, und ſobald Frankreichs ange⸗ ſtammter König auf den Thron ſeiner Väter zurück⸗ kehrt, möge ſeine erſte Sorge ſein, dieſen Senat zu allen Teufeln zu jagen. Ich habe Beweiſe, wie die große Majorität dieſer knechtiſchſten aller Satelliten der Uſurpation in ganz kurzer Zeit den Glauber drei⸗ mal verändert hat. Gegenwärtig ſchwankor ſie wie⸗ der zu uns herüber; aber laßt den Corſen nach Pa⸗ ris zurückgekehrt ſein, und Ihr werdet die ſchmachvolle Adreſſe leſen, die ſie ihm zu Füßen legen.“ „Und die Lafayettiſten?“ frug der unermüdliche Examinator weiter. „Verhehlen ihre Geſinnungen jetzt weniger,“ lau⸗ tete die Antwort;„aber ſie wagen nichts, laſſen Gott einen frommen Mann ſein und können erſt nach der erſten gewonnenen Schlacht in Betracht kommen. Um den Napolevn in ſeinen Tuilerien anzugreifen, brau⸗ chen wir Leute, die da wiſſen, was ſie wollen.“ dieſe finden wir?“ Der Gefragte blieb einige Augenblicke die Ant⸗ wort ſchuldig, gleichſam als wage er nicht, ſie auszu⸗ ſprechen. „Und dieſe finden wir?“ u der Ritter wie⸗ derholt. 3¹ „Einzig und allein bei den Republikanern,“ ſprach der Botſchafter dumpf vor ſich hin. „Wie?“ frug Leon, halb verwundert, halb erzürnt einen Schritt zurücktretend.„Und das könnt Ihr mir rathen?“ „Warum nicht?“ erwiederte Franzescvo trocken,„ſie ſind nächſt uns in Frankreich die einzige reine Farbe und dermalen unſre natürlichen Alliirten, ſie betrach⸗ ten wie wir den Napoleon als Uſurpator, der geſtürzt werden muß, ſobald ſich die Gelegenheit bietet. Iſt der erſte Schlag gelungen, desavouiren wir ſie; aber zum Losſchlagen ſind ſie unentbehrlich.“ „Aber zum Losſchlagen bedarf's der« die Republik beſitzt keine.“ „Dafür beſitzt ſie Männer,“ erwiederte der Bot⸗ ſchafter mit Nachdruck,„Männer mit kräftigem Her⸗ zen und beſchränktem Verſtande. Hätte ſich Mallet ihnen offen in die Arme geworfen, würde er nicht nöthig gehabt haben, ſich als Rebell erſchießen zu laſſen. Zum Unſturz iſt die Republik vortrefflich. Das Aufbauen iſt unſere Sache.“ Ich kann mich nicht überzeugen, daß die repu⸗ — blikaniſche Partei noch eine Macht bilden ſollte,“ ſprach Levn. „Ihr ſeid da wenig bekannt im eignen Vater⸗ lande,“ bemerkte Franzescv,„nach meinen neueſten ſtatiſtiſchen Notizen ſtellt Paris allein fünftauſend ent⸗ ſchloſſene Kerntruppen; auch ſtehen ſie nicht iſolirt, wie man glauben ſollte. Die Jahrzahl 93 ſchmiedet ſie wie ein eiſernes Band an einander. Sie verlv⸗ ren die Schlacht am 9. Thermidor, und haben ſich ſeit jenem Tage grollend zurückgezogen; nur wie ein fernes Gewitter lagern ſie am Horizonte Frankreichs; es bedarf eines einzigen Sturms und ſie donnern * 32 herauf, um ihre erſten Blitze nach der Vendömeſäule zu ſchleudern. Die Republikaner ſtehen jetzt nicht auf der Lauer; aber ſie find ſtets bereit, gegen einen Des⸗ potismus loszuſchlagen, gegen den ſie ſeit dem 18. Brumaire proteſtiren.“ „Wie will ich aber bei Seiner königlichen Hoheit die Verbindung mit einer Rotte Königsmörder ver⸗ antworten?“ rief der Ritter. „Was kümmern uns die Mittel, wenn nur der Zweck erreicht wird.“ „Aber eine Rotte Tiger loslaſſen, kann unſrer heiligen Sache unmöglich Segen bringen.“ „Laßt ſie getroſt los, ſie werden ſich alsbald un⸗ ter einander ſelbſt zerfleiſchen.“ „Aber wir compromittiren die Bourbonen,“ warf Leon von Neuem ein,„wir rauben ihnen alle Hoff⸗ nung auf die Unterſtützung Europa's.“ „Ha, ha!“ lachte Franzescv,„wurden die Bour⸗ bonen denn je von Europa nachdrücklich unterſtützt? Haben die Mächte nicht die Republik und das Kai⸗ ſerreich uniſono anerkannt?“ „Wenigſtens müßte ich zuvor Verhaltungsbefehle einholen. Ich mag die republikaniſche Allianz nicht allein verantworten.“ „Das mögt Ihr immerhin thun; aber der Angen⸗ blick iſt günſtig; die Ueberraſchung und Beſtürzung, welche das neunundzwanzigſte Bulletin hervorgebracht hat, dürfen nicht unbenutzt bleiben. Lernt unterdeß Eure künftigen Bundesgenoſſen ein wenig kennen. Ich werde Euch als einen Freund Billaud Varennes heute Abend einigen alten Cordeliers vorſtellen.“ Kopfſchüttelnd ging der Ritter einige Male im Zimmer auf und nieder. Dann blieb er vor Fran⸗ 33 zescv ſtehen.„Euer Ehrenwort, daß ich auf keine Weiſe Gefahr laufe, mich zu compromittiren.“ „Hier iſt es,“ erwiederte der Italiener, die Hand hinreichend.„Würde ich ſonſt zu dieſem Schritte rathen? Wann ſoll ich Euch abholen?“ „Ich bin von ſ Uhr zu Hauſe.“ „Gut,“ ſprach Jener,„Ihr werdet ſeltſame Prin⸗ zipien hören; aber laßt Euch nicht irre machen, be⸗ denkt, daß es nur die Katzen ſind, die uns die Ka⸗ ſtanien aus dem Feuer holen.“ Er wollte ſich beurlauben.„Noch Eins,“ ſprach er umkehrend,„verbietet Euren Agenten, daß ſie ſich des Gerüchts vom Tode oder von der Gefangenſchaft des Kaiſers bedienen; das Mittel iſt nicht nur verbraucht, ſondern auch verdächtig. Noch geſtern Abend ward ein vorlauter einfältiger junger Mann, der von einer Gefangenſchaft ſchwatzte, vor meinen Angen von Spür⸗ hunden gepackt. Ich mußte lachen, Sir Richard, mein theurer Freund, der überall Engländer und Höllen⸗ maſchinen ſpürnaſ't, war in Perſon zugegen. Er glaubte, einen Fang gethan zu haben, ich ſah's ihm an, aber es war nichts. Der junge Laffe wußte ſelbſt nicht, warum er ſchrie.“ „Wo fiel das vor?“ frug Leon. „Bei Benvit,“ erwiederte der Italiener.„Auch glaube ich da eine Acquiſitivn gemacht zu haben; we⸗ nigſtens war's nicht ganz geheuer. Ein verdächtiger Zug ſpielte um Sir Richard's unſterbliche Spürnaſe. Sonſt hätt' er nicht ſo lange ausgehalten. Wenn mich nicht Alles trog, galt's dem jungen Nordameri⸗ kaner, Georg Falkland, Buchhalter bei Normand. Der junge Mann ſcheint mir zu dem Schlage von Men⸗ ſchen zu gehören, die kettenfeſt anhangen, wenn ſie Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 3 34⁴ tie Schach Revanche von ihm. Wiederſehen.“ Franzesco entfernte ſich. perator. Hauſe ſtanden. der wüthendſten Cordeliers.“ einmal gewonnen ſind. Ich erhalte morgen eine Par⸗ Alſo heute Abend auf Leon verſank in tiefes Nachdenken.„Eine Allianz mit Cordeliers,“ er,„das kann zu nichts Gutem führen, Franzesco noch ſo ſehr von dem Gelingen ſeiner Idee überzeugt iſt.“ Er couvertirte hierauf ſeine Brief⸗ ſchaften, die er ſämmtlich zur Beſorgung an einen Secretair des Fürſten von Benevent adreſſirte. Als es Abend geworden war, den bourboniſchen Emiſſaire, tief in Mäntel gehüllt, ihren Weg nach dem Faubvurg St. Antoine einſchla⸗ gen. Sie kamen über den Vendömeplatz. auf der trajaniſchen Säule ſtand der allmächtige Im⸗ ſah man die bei⸗ Franzesco warf im Vorübergehen einen Blick hin⸗ auf nach dem Kaiſerbilde, das nur in dunkeln Um⸗ riſſen herabſchaute.„Sein Sturz iſt nicht ſo leicht,“ bemerkte er zu Leon,„er ſteht auf Kanonenerze.“ „Noch nie iſt das Regiment einer Kanonenmacht von Dauer geweſen,“ gab dieſer zurück. Nach einer ziemlich langen Wanderung erreichten die Beiden die Vorſtadt St. Antoine. des Weges kundig, führte den Ritter durch einige Seitengaſſen, bis ſie vor einem etwas alterthümlichen „Betrachtet Euch dieſen Eingang,“ ſprach der Ita⸗ liener,„aus ihm iſt oft der Haufe toller Maratiſten und Guillotinenfurien hervorgeſtürzt. bäude wurden die wildeſten Frepel der Revolution ausgebrütet. Es gehörte einem Freunde Heberts, und in den Bluttagen waren hier täglich Verſammlungen In dieſem Ge⸗ 35 Leon ſchauderte und betrat mit ſeinem Begleiter die dunkle Hausflur. Sie ſchritten über den Hof, gingen einen langen Gang entlang, der nur düſter von einer trüben Laterne erleuchtet war, und ſtanden endlich vor einer mit Eiſenblech beſchlagenen Thür. Sie glich dem Eingange zu einem Keller. Franzesco klopfte. Ein kleiner blecherner Schieber zur Rechten der Thüre öffnete ſich und ein altes Weibergeſicht kam zum Vorſchein. „Was ſoll's?“ rief die heiſere Stimme der Alten. „Iſt Bürger Timoleon zu ſprechen?“ frug Fran⸗ zescv. Die Alte ſchob das Blech wieder vor, und bald hörte man ſie an dem alten Thürſchloſſe handthieren, deſſen Eröffnen ihr viel Mühe zu koſten ſchien. End⸗ lich that ſich die Thür auf. Die Schließerin hielt eine Lampe in der Hand und begrüßte die Eintretenden nicht ohne Artigkeit. „Guten Abend, Bürgerin!“ ſprach Franzesco, ſei⸗ nen Begleiter vorſtellend;„da bring' ich einen neuen Bundesgenoſſen.— Dieſe wackere Frau,“ wandte er ſich zu Leon,„war eine der Erſten, welche ihre Schwe⸗ ſtern von Paris nach Verſailles führte, und den Bä⸗ cker, die Bäckerin und den kleinen Bäckerjungen nach den Tuilerien escortirte.“ „Das waren andere Zeiten,“ ſeufzte die Alte. „Werden wiederkommen,“ tröſtete Franzescv.„Iſt Bürger Timoleon allein zu ſprechen?“ „Nur ein Paar Sections⸗Chefs ſind zugegen,“ ant⸗ wortete ſie und leuchtete voran. Wieder ging es ei⸗ nen langen Gang entlang, Treppen auf, Treppen ab, es war wie in einem Labyrinthe. „Iſt es nicht ſchändlich,“ ſprach unterwegs Fran⸗ zesco,„daß die Republik, die noch vor zwei Decen⸗ 8 „ 36 nien über Europa gebot, jetzt wie eine todeswürdige Verbrecherin ſich verbergen muß?“ „Noth macht klug,“ ſprach die Alte;„der Ge⸗ brannte ſcheut das Feuer. Savary's Doggen wittern eine Jacobinermütze durch zehn Thüren. Aber hier ſind wir ſicher. Bei Timoleon könnte der ganze Berg Sitzung halten, donnern und blitzen— und keine Maus in Paris ſoll etwas gewahr werden.“ Sie ſtanden jetzt vor einer Art Flügelthür, die jedoch alles ariſtokratiſchen Schmucks entbehrte. Leon, dem das auffiel, ſprach leiſe auf Italieniſch: „Wir kommen doch nicht zu Sanseculotten? ſonſt möch⸗ ten wir mit unſrer Toilette, wie republikaniſch ſie iſt, nicht reuſſiren.“ „Still,“ raunte Franzesco ihm zu, und ſie traten in einen geräumigen Saal, dem man es beim erſten Blicke anſah, daß er für parlamentariſche Sitzungen eingerichtet war. Der Schwertfeger und Waffenſchmied Etienne, den Republikanern nur unter dem Namen Timoleon be⸗ kannt, ein kräftiger unterſetzter Mann in den vierzi⸗ ger Jahren, mit eiſernen Geſichtszügen, aber einem Blicke, aus welchem alle Glut und Energie eines po⸗ litiſchen Fanatismus ſprach, trat den Ankömmlingen entgegen. Die Empfangſcene war einfach, aber nicht ohne gewiſſe Würde. „Was macht Billaud Varennes,“ wandte ſich Ti⸗ moleon nach den erſten Begrüßungen an den Ritter, „wie geht's ihm, iſt er noch nicht zur Erkenntniß ſeiner Gascognade vom neunten Thermidor gekom⸗ men?“ „Er iſt es,“ ſprach Leon;„ſein ganzes Leben iſt ein Akt der Reue und der Buße. Als ich ihn das 37 letzte Mal beſuchte in ſeiner Einſamkeit, fand ich ihn nicht mehr in den Hütten der Indianer und der we⸗ nigen Anſiedler. Eine weite Strecke davon, auf dem Gipfel eines ſchönen freien Berges, von wo aus die Welt meilenweit unter uns liegt, hatte er ſeinen Wig⸗ wam erbauen und ſich dahin tragen laſſen; denn er war ſchon ſehr ſchwach und fühlte ſich nah ſeinem Ende. Hier oben, rief er mit der alten Begeiſte⸗ rung, hier oben in der freien Bergluft will ich mein Leben dem großen Geiſte wiedergeben. Vergebens war meine Mühe, ihn zu einer Heimkehr in's Vater⸗ land zu bereden. Was nützt Euch ein todter Löwe? lächelte er; und er hatte Recht, der Rieſenleib iſt den Rieſenkämpfen unterlegen. Und ſo ſitzt er dort oben auf ſeinem Bergesgipfel, verſunken in alte freiheit⸗ blutige Erinnerungen, von den wenigen Indianern und Weißen wie ein alter Berggott der Vorzeit ver⸗ ehrt. Als ich Abſchied nahm, drückte er mir krampf⸗ haft die Hand. Wenn Du nach Frankreich kommſt, ſprach er, ſo ſage nur, es war doch ein dummer Streich, der Neunte Thermidor, ſage nur, der alte Billaud Varennes, der ihn mitgemacht, habe es ſelbſt erklärt auf ſeinem Berge.“ „Ja, der war's,“ fiel Timoleon zornglühend ein, „und Maximilian wird Recht behalten, ſo lange die Welt ſteht.“ Die übrigen Anweſenden hatten ſich jetzt dem Ritter, deſſen Erzählung ſie mit großem Intereſſe ver⸗ nommen, genähert und reichten ihm die Hand. Sie gehörten ſämmtlich nicht mehr der jüngern Generation an, ſondern ſtanden im kräftigſten Mannesalter. Ihre Jünglingszeit fiel in die blutigen Zeiten des Terro⸗ rismus; mit ihren eignen Ohren hatten ſie noch die begeiſterten Worte Saint Juſt's vernommen, die con⸗ 38 ſequente Dialektik Robespierre's und den überzengenden Donner der Rede Danton's. Die Ideen von 93 wur⸗ zelten felſenfeſt in ihrem Herzen, und der Despotis⸗ mus des Kaiſerreichs war nicht geeignet, ſie mit der Gegenwart nur entfernt zu befreunden. So kochte der alte blutige Groll jahrelang in dieſen Ruinen eines zuſammengebrochenen Tempels. Nur in nächt⸗ licher Stille, hinter zehnfachem Schloß und Riegel war es ihnen vergönnt, ihrem Haſſe und ihren frei⸗ heitglühenden Ideen Luft zu machen. Die meiſten der damaligen Republikaner gehörten dem Handwerks⸗ ſtande an, aus den höhern Ständen war nur eine kleine Anzahl treu geblieben, und faſt die ſämmtliche Jugend Frankreichs zu den welterobernden Fahnen Napoleon's übergegangen. „Wir haben wieder ſehr bittere Erfahrungen ge⸗ macht,“ ſprach Timoleon, als man ſich niedergelaſſen hatte;„wie mir Curtius aus Lyon ſchreibt, hat die halbe ſechszehnte Section der Rothkreuzvorſtadt der knechtiſche Schwindel ergriffen und ſie iſt unter die Legion der Freiwilligen getreten, die Verluſte der gro⸗ ßen Armee zu erſetzen. Sie haben dieſen Uebertritt zwar durch eine Declaration im liberalen Style zu rechtfertigen geſucht; ſie erklären darin, daß ſie nicht für den Tyrannen, ſondern für das Vaterland aus⸗ zögen; aber wir kennen dieſe Phraſen. Wo iſt Ge⸗ fahr für das Vaterland? die ſitzt allein in den Tui⸗ lerien, allein in dem Tyrannen und ſeinen Satelliten. Die göttliche Vorſehung hat ein gerechtes Strafge⸗ richt über dieſe Banden gehalten und wir wollten aus unſern eignen Cohorten dieſe von Gott für ihre Ver⸗ rätherei, Treuloſigkeit und Verblendung gezeichneten Banden unterſtützen! Da möchte doch der Himmel einſtürzen bei ſolchem Wahnſinn.“ 39 Leon und Franzesco vernahmen mit geheimem Gaudium die Eppectorationen dieſes eiſernen Napo⸗ leonsfeindes. Sie ſtimmten ihm aus ganzem Herzen bei. Nur konnte ſich Leon noch immer nicht von ei⸗ ner wahrhaft in Betracht kommenden Macht der Re⸗ publikaner überzeugen. Er lenkte nach einigen Um⸗ ſchweifen das Geſpräch auf dieſen Punkt. Timoleon winkte. Einer der Anweſenden brachte einen ziemlich dickleibigen Folianten herbei. „Das iſt Alles,“ ſprach der Waffenſchmied mit bitterm Lächeln,„was uns von dreißig Millionen übrig geblieben. Hätten die Triumvirn noch eine halbe Million Verrätherköpfe heruntergeſchlagen, wie ſie Willens waren, würden die Uebrigen wenigſtens Reſpect bekommen, und die Fröſche des Sumpfs ihr Quaken eingeſtellt haben.“ Er ſchlug ingrimmig ein Blatt nach dem andern um. Ueberall waren lange Colonnen Namen zu leſen.„Wer weiß in dieſem Augenblicke, ob nicht auch hierunter Verräther und Feiglinge ſtecken? Ich bürge höchſtens für die erſten zehn Seiten. Das iſt ächter Ausbruch von 93, die haben alle unter Henriot gefochten und würden ſich lieber köpfen laſſen, als den Corſen anerkennen. Sie wohnen meiſt in Paris, ſind gut bewaffnet, und geht der Teufel los, ſind ſie wohl im Stande, die corſiſche Garniſon zum Kuckuck zu jagen, nota bene wenn die Zeit gekommen iſt, denn wir haben uns ſo oft mit unſerm Vorwitze die Naſe verbrannt, daß wir doch mit der Zeit ein wenig verſtändiger geworden ſind.“ „Nun dieſe Zeit dürfte gekommen ſein,“ brach hier Leon los,„die Armee des Tyrannen iſt durch des Himmels Zorn vernichtet und er ſelbſt ſteckt tau⸗ ſend Meilen fern von Paris im nordiſchen Eiſe.“ „Tauſend Meilen?“ frug Timoleon,„iſt möglich; 40 aber was ſind ſie ihm, der eine Revolution zu Bo⸗ den warf? Bleibt er draußen, nur vierzehn Tage von heute an, wollen wir ein Stückchen aufgeigen, gegen das ſich Mallet verſtecken ſoll; aber ſo lange brauchen wir, um die rothe Fahne an der Seine, in Lyon und Bordeaux an Einem Tage außzuſtecken; kehrt er früher zurück, ſo behert dieſer Mephiſtopheles der Freiheit Jung und Alt, wir haben ganz Frank⸗ reich gegen uns, richten nichts aus und ziehen mit blutiger und langer Naſe ab.“ „So läge die Tyrannei Frankreichs,“ frug Fran⸗ zesco,„alſo wirklich nur in der Perſon eines Ein⸗ zigen?“ „Wo anders?“ murrte Timoleon,„in ſeiner Per⸗ ſon allein, in ſeiner Schlauheit, in ſeinem Genie, wie's das Volk nennt; es hat Recht, die Teufel ſind in der Regel Genies.“ „Nun dieſe einzige Perſon,“ fuhr der Italiener lauernd fort,„dieſe einzelne Perſon, welche das Un⸗ glück und die Sclaverei von halb Europa nach ſich ſchleppt, wird hoffentlich nicht unſterblich ſein.“ „Unbeſtritten,“ erwiederte der Republikaner,„aber ihre Conſtitution iſt vortrefflich. Der Tyrann kann noch zwanzig, dreißig Jahre auf dem Throne ſitzen; aber dann iſt die Freiheit auf ein Jahrhundert zu Grabe getragen. Die heranwachſende Ingend wird durch den Napolevniſchen Katechismus vergiftet und was noch von Tugend in Frankreich übrig iſt, wird durch Gold und Ehrenſtellen erſtickt.“ „So ließen ſich wohl Mittel ausfindig machen,“ platzte Franzesco giftig heraus,„dieſer vortrefflichen Conſtitution zum Beſten der Freiheit einige Hinder⸗ niſſe in den Weg zu legen?“ Timoleon blitzte unter ſeinen buſchigen Aggen⸗ brauen nicht zum Freundlichſten zu dem Sprecher em⸗ por;„das klingt wie Meuchelmord,“ ſprach er trocken; „damit befaßt ſich ein ehrlicher Republikaner nicht. Eröffnet die Schranken des Gerichts über den Napo⸗ levn Bonaparte, ich will der Erſte ſein, der die ſchwarze Kugel in die Urne wirft; er hat den Tod hundert⸗ tauſendfach mehr verſchuldet als Ludwig Capet; aber Meuchelmord ſchändet die Sache, zu deren Beſten er verübt wird.“ „Nun ich dächte doch,“ fuhr der Italiener halb ſcherzend fort,„Eure Fouquiers Tinvilles, Eure Car⸗ riers, Eure Septembriſeurs hätten ſich ſo gewiſſen⸗ haften humanen Serupeln nicht hingegeben.“ „In Revolutionen,“ brauſte hier der Republika⸗ ner auf,„iſt die alltägliche Humanität allerdings in Belagerungszuſtand erklärt. Schurkenſtreiche, unter dem Deckmantel des öffentlichen Wohles verübt, kön⸗ nen da weniger controlirt werden; aber es bleiben drum Schurkenſtreiche und das republikaniſche Prin⸗ zip wird ſolche in keinem Falle billigen, noch viel weniger ſich ihrer bedienen.— Ich weiß es,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Ihr Welſche habt hier eigne Principien, ich würde Euch ſonſt anders antworten — aber darum werdet Ihr auch erſt nach hundert Jahren für die Freiheit reif werden.“ Franzescv wollte etwas erwiedern, beſann ſich aber und ſchwieg. Timoleon, noch immer in Aufregung, fuhr fort:„Ich weiß auch,“ rief er,„daß bei unſrer Revolution von Exaltirten und Schuften Lehren des Meuchelmords häufig gepredigt werden; Marat iſt für ſeine eigne Doctrin am folgerichtigſten geſtraft worden; aber der wahre Repnblikaner wird den Meuchelmord un⸗ ter allen Deckmänteln verabſcheuen. Die Republik wird einen Tyrannen richten, aber nie meuchelmorden.“ *. „Nun da werden wir uns allsſammt ein wenig in Geduld zu üben haben,“ meinte Franzescv,„denn bevor Frankreich über ſeinen gegenwärtigen Tyrannen Gerichtstag hält, möcht' es doch ein wenig zu ſpät, wenigſtens für uns Beide werden.“ „Das iſt die Frage,“ erwiederte Timoleon;„der politiſche Paroxismus der Franzoſen ſchlägt um, wie man die Hand wendet; das gegenwärtige Strohfeuer für den Corſen, von dem hauptſächlich die Jugend angeſteckt iſt, kann unmöglich bei dem ernſter Den⸗ kenden die niedergetretene Freiheit vergeſſen machen. Ueber kurz oder lang muß ſich die verhöhnte Göttin erheben und ihrem Mörder die goldnen Blitze auf's Haupt ſchleudern. Jenſeits des Rheins gährt's wie in der Tiefe des Meeres; Völker und Fürſten, mit gleicher Tyrannei in den Staub getreten, lechzen nach Gelegenheit, die Ketten zu brechen und ſich unter das Panier der Freiheit zu ſtellen. Im hohen Norden haben alle Elemente für die Freiheit gekämpft; die Knechte des Tyrannen, in Moskau ſind ſie verbrannt, auf dem Heimweg erfroren, in der Bereſina erſoffen! und in Spanien, brauſt's da nicht wie Frühlings⸗ ſturm? O, eine beleidigte Mutter, die eine Natter an ihrem Buſen groß zog, weiß ſich königlich zu rä⸗ chen. Wie, und wir alten Republikaner, wenn die Freuden⸗ und Rachefeuer der erſtandenen Freiheit von den Ufern des Quadalquivir durch Europa bis nach Aſien hinüberleuchten, wir alten Baſtillenſtürmer, die wir zuerſt die Rechte des Menſchen und Bürgers dem freudezitternden Europa verkündeten, ſollten da nicht an unſerm Poſten. ſtehen? Nicht vergebens habe ich ſeit dem unglücklichen Neunten Thermidor gute Klin⸗ gen geſchmiedet; Tag und Nacht hab' ich gearbeitet; zu Tauſenden liegen ſie aufgeſpeichert in meinen Kel⸗ —½ lern; aber mein Arm ſoll aus dem Grabe wachſen, wenn ich eine der Tyrannei verſchachere; ſie ſollen Frankreich die Freiheit wiedererobern, oder ich will ſie mit Eſſig tränken, daß ſie verroſten für immer.“ Die Rede des begeiſterten Republikaners hatte ſelbſt den Italiener ergriffen. Er reichte Timolevn die Hand.„Möge recht bald die Stunde erſcheinen,“ ſprach er,„wo wir von Euern guten Klingen Ge⸗ brauch machen.“ Auch Leon und die anweſenden Sec⸗ tionschefs ſchlugen mit ein. Timoleon aber, einmal auf ſein Lieblingsthema gebracht, gerieth immer mehr in's Feuer. Er ſprang auf, ſeine Augen ſtarrten wild, geiſterhaft.„Wenn aber an jenem Tage,“ ſchrie er,„die rothe Fahne auf Notre Dame weht, und meine guten Klingen in den Straßen mähen nach Herzensluſt und wir die erſte Schlacht gewonnen haben, ſo ſchwöre ich Euch, daß ich den Sieg benutzen will. Zwanzigjährige Erfah⸗ rung hat mich endlich belehrt, daß die Zeit noch nicht gekommen, wo die Franzoſen durch die Tugend zu re⸗ gieren ſind: drum ſoll ein Schrecken herrſchen, daß Jeglichem, der nicht reines Herzens iſt, das Blut aus der Wange entweichen und in den Adern gerinnen ſoll, und wenn Hunderttauſende, wenn Millionen dar⸗ über zu Grunde gehen. Das Wort der Gnade ſoll verflucht ſein auf Decennien, und ich will einen Ab⸗ grund graben zwiſchen der Republik und der Sipp⸗ ſchaft Bonaparte und Capet, daß jedem die Hand er⸗ ſtarren ſoll, die er ausſtreckt nach dem Diademe Frank⸗ reichs.“ Die anweſenden Republikaner geriethen ebenfalls in Feuer. Einer übertraf den andern an Schreckens⸗ maßregeln. Die Geiſter des alten Pariſer Gemeinde⸗ raths, des Wohlfahrtsausſchuſſes ſchienen aus dem „ 6. Grabe zu erwachen. Man glaubte ſich um zwanzig Jahre zurück verſetzt in die wüthenden Verſammlun⸗ gen der Jakobiner und Cordeliers, daß ſelbſt Leon, der nicht ſo leicht zu erſchüttern war, ſich eines Schauers nicht zu erwehren vermochte. Er erkannte, daß mit dieſen fanatiſchen Geſellen kein Vertrag zu ſchließen ſei; doch hoffte er, ſie auf indirectem Wege für ſeine Zwecke und zum Nutzen des royaliſtiſchen Rsgime zu verwenden. Als er nach einiger Zeit mit ſeinem Begleiter aufbrechen wollte, machte ihn Timo⸗ leon zuvor mit ſeiner unterirdiſchen Lvealität bekannt und der Ritter gewann jetzt Zeit, dieſe Höhlen des Fanatismus mit Muße betrachten zu können. Das mittlere Gewölbe, das Sitzungslokal für Verſamm⸗ lungen war von anſehnlichem Umfange und faßte wohl an vierhundert Perſonen. Decken und Wände waren mit Emblemen der Schreckenszeit reichlich bedeckt. Aus verblichenen Rahmen blickten da die alten blutigen Apoſtel der Volksfreiheit und des Terrorismus dro⸗ hend herab. Faſt ſämmtliche Notabilitäten des Ber⸗ ges fand man hier vereinigt. Im Hintergrunde aber thronten, mit Bürgerkronen geſchmückt, die Statuen des furchtbaren Triumvirats Robespierre's, Couthon's und St. Juſt's. Die prophetenartige Begeiſterung in den Zügen des Letztern hatte der Künſtler treu wie⸗ dergegeben. Auch an Scenen aus der Revolution fehlte es nicht; der Baſtillenſturm, die Octobernacht in Verſailles, der zehnte Anguſt, die Hinrichtung Lud⸗ wig's, der Sturz der Gironde, Danton's Tod u.ſ.w. waren mit vieler Kunſt bildlich wiedergegeben. In einem Nebenzimmer befand ſich die Bibliothek. Von Sieyes:„Was iſt der dritte Stand?“ bis zur letzten Rede Maximilian Robespierre's war hier Alles vereinigt, was die begeiſterte, excentriſche, fanatiſche 15 3 und blutdürſtige Preſſe jener Zeit zu Tage gefördert. In einem einzigen mächtigen Bande thronte hier als Blutevangelium der Revolution, der Moniteur von 93. Daneben ſtand Marat's giftgeſchwollener ami du peuple. Nicht minder intereſſant war die ſogenannte Re⸗ liquienkammer. Jene ſo berühmt gewordenen Piquen der Nationalgarde Henriot's fanden ſich in Menge vor. Meublestrümmer aus dem Verſailler Schloſſe und den Tuilerien, der Schlüſſel zum Jacobinerſaale, Marat's Hinterlaſſenſchaft, beſtehend in anderthalb Franken Silbergelde und einigen Sous; Lindenzweige, gebro⸗ chen von Camille Desmoulins im Palais Royal beim erſten Volksaufſtande; und viele andere Gegenſtände, welche die blutige Herrſchaft jener Zeiten vergegen⸗ wärtigten und hier mit republikaniſcher Gewiſſenhaf⸗ tigkeit aufgeſtellt waren. Der Commentar, welchen Timoleon als Cicerone zu dieſen Antiquitäten lieferte, klang den beiden Emiſ⸗ ſären nicht eben angenehm; er überzeugte ſie nur mehr, wie von der Faction, welche der Schwertfeger reprä⸗ ſentirte, für die Bourbonen im Leben nichts zu hoffen ſei. In dieſen Fanatikern waren die Ideen der Blut⸗ zeiten ſo eingeroſtet, daß an eine Aenderung ihres po⸗ litiſchen Glaubensbekenntniſſes, an eine Milderung ihrer Anſichten nicht zu denken war. Republik und Schreckensherrſchaft war ihr Glaube, ihr Blut und Leben. Hierin allein glaubten ſie das Wohl der Menſchheit zu begründen; denn ihrem blutigen Eifer lag durchaus kein Egvismus zu Grunde; ſie wollten das Gute, die Tugend mit aller Kraft ihres Herzens; ſie waren deshalb zu fürchten, wie man einen Irr⸗ ſinnigen fürchtet und meidet; aber außerdem hatten ſie auf die Achtung jedes Rechtſchaffenen gerechten Anſpruch. 46 Man war mit der Beſichtigung der revolutionären Religuien zu Ende, als Timolevn noch zu einer Mauerblende trat, die mit einem rothen Vorhange be⸗ deckt war. „Die Krone unſres Cabinets,“ ſprach er,„befin⸗ det ſich hier; das Herz ſoll Euch jubeln beim An⸗ blicke dieſes Schatzes.“ Er ſchlug den Vorhang zu⸗ rück und langte ein zum Theil noch blitzendes, zum Theil mit Roſtſtellen, die vom Blute herzurühren ſchienen, beflecktes Guillotinenbeil hervor.„Betrach⸗ tet es genau,“ ſprach er mit ſchrecklichem Lächeln, „nicht wahr, wo das über die Schultern gefahren, da wächſt kein Haar wieder, geſchweige ein Kopf? Dieſes einfache, unſcheinbare Eiſen hat in das eurv⸗ päiſche Königthum einen ſo urkräftigen Schnitt ge⸗ than, daß ſich die Doctoren künftiger Jahrhunderte zu Tode curiren können, eh' ſie die Wunde unge⸗ ſchehen machen.— Dieſes energiſche, unſcheinbare Ei⸗ ſen,“ rief er mit erhobener Stimme,„befreite Frank⸗ reich von dem letzten Capetinger. Seht, ſeht, guckt genau her, dieſes brave Eiſen hat nur einmal fungirt, wir hatten es nagelneu beſtellt, und ſo wie es herab⸗ geziſcht war, mußte es der Samſon herausnehmen; auch durfte er das Beil nicht abtrocknen; da, man kann's noch ſehen, es iſt zu Roſt geworden— hah⸗ hah, ein paar Roſtflecken am Guillotinenbeil die ein⸗ zigen Ueberbleibſel jenes allmächtigen Tyrannenge⸗ ſchlechts, das ſeit Jahrtäuſenden die Völker mit Füßen trat. Ich frage jetzt, gibts eine Nemeſis oder nicht?!“ Bei dem Anblicke dieſes fürchterlichen Beils rann den beiden Royaliſten, die ſich von ergreifenden Er⸗ ſcheinungen nicht ſogleich hinreißen ließen, doch ein kalter Schauer über den Leib. Es ward ihnen im⸗ mer unheimlicher zu Muthe und nur, um ihrem fin⸗ 47 girten Republikanismus keine Blöße zu geben, nahm Franzesco mit innerm Entſetzen das verhängnißvolle, mit Königsblut befleckte Eiſen in die Hand.„Ich wollte,“ ſprach er, als er es zurückgegeben,„es ſäße Jemandem im Nacken, der den Tod noch mehr ver⸗ ſchuldet hat, als Ludwig Capet.“ „Kommt Zeit, kommt Rath,“ tröſtete Timoleon, „wir Republikaner ſind immer gerüſtet; aber nie“— hier hob er das Beil empor—„nie ohne dieſes Ra⸗ dicalmittelchen.“ Leon drängte zum Aufbruche und die beiden Emiſ⸗ ſaire entfernten ſich, nachdem ſie von Timoleon zur Verſammlung auf den nächſten Decadentag eingeladen worden waren.„Da ſollt Ihr,“ verhieß er,„brave Bürger kennen lernen und Reden hören, deren ſich unſer Sanctus Juſtus nicht ſchämen würde.“ Wieder mußten ſie durch lange Gänge wandern, Trepp auf, Trepp ab; Timoleon geleitete ſie. Von oben her erklang das Hämmern, Klirren und Raſſeln aus der berühmten Werkſtätte des Schwertfegers, der auf der Oberwelt den Namen Etienne führte. „Aber zum Henker,“ rief Leon, indem er an der Seite Franzescv's dahinſchritt,„auf dieſem Wege ſind wir ja nicht herein gekommen?“ „Kann wohl ſein,“ lachte der voranleuchtende Hausherr,„aber ſeit die Republik vom Stadthauſe hinweg in die Keller verbannt iſt, hat man es für zweckmäßig gefunden, dieſe Keller mit mehr denn ei⸗ nem Auswege zu verſehen. Die Republikaner ſind zwar noch immer die braven und ehrlichen Leute von einſtens; aber ein Bischen geſcheuter ſind ſie gewor⸗ den. Ein vaar Lectionen von Fouché, dieſem Schufte, haben gut angeſchlagen. Auch das Hämmern da oben hat ſein Gutes. Wir können hier unten die Car⸗ magnole, die in der Oberwelt ein Verbrechen iſt, ge⸗ troſt aus Herzensgrunde ſingen und den Maximilian hundertſtimmig hoch leben laſſen, das Gehraus mei⸗ ner Werkſtatt verſchlingt Alles; denn kommen hier die freien Männer zuſammen, müſſen meine Sclaven mit doppeltem Eifer handthieren.“ Mit Einemmale blies der Führer das Licht aus. Es war ſtocknacht. Einige Augenblicke ſtanden Leon und Franzesco zweifelhaft; da knarrte ein Riegel, eine kleine Seitenthür that ſich auf, durch die ein ſchwacher Lichtſtrahl hereinfiel. „Nun gehabt Euch wohl,“ ſprach Timoleon, je⸗ dem die Hand ſchüttelnd;„dieſen Gang entlang und Ihr werdet den Ausgang finden.“ Damit ſchlug er die Thür zu und man hörte den Riegel wieder vor⸗ ſchieben.. Noch eine ziemliche Weile tappten fluchend die beiden Emiſſaire in dem nur äußerſt ſchwach erleuch⸗ teten Gange. Sie durchſchritten einen Hof und ge⸗ langten auf die Straße. „Dem Himmel ſei Dank,“ rief Leon ſich ſchüt⸗ telnd,„daß wir mit lebendigem Leibe dieſer Mordhöhle entronnen ſind.“ Zugleich ſchaute er umher und ge⸗ wahrte, daß ſie ſich auf einer ganz andern als auf der Straße befanden, von wo ſie vorhin in das Haus hineingegangen waren. „Ein meiſterhafter Hamſterbau,“ ſprach Franzescv. „Und von dem ſollte Savary keine Kenntniß ha⸗ ben?“ frug der Andere. „Dieſem iſt es jetzt mehr um uns zu thun,“ war die Antwort;„auch habt Ihr's allein meiner Pro⸗ tection zu danken, daß man Euch ſogleich in's Aller⸗ heiligſte führte. Die Republikaner ſind in der Regel bornirt; aber ſo dumm ſind ſie doch nicht, daß ſie 49 jedem ſogleich ihren Herzensſchrein aufſchließen. Mich hat's jahrelange Mühe, Beharrlichkeit und Verſtellungs⸗ kunſt gekoſtet, bevor ich ihr volles Vertrauen erworben.“ „Ich würde es noch immer nicht geglaubt haben,“ geſtand der Ritter zu,„daß nach zwanzigjähriger Re⸗ action ſolche Exemplare noch gefunden würden, wie dieſer Timoleon, wenn ich mich mit Schaudern nicht ſelbſt überzeugt hätte.“ „Die Kellerluft ſcheint der Republik zu bekom⸗ men,“ lachte Franzescv,„ſie hat ſich ziemlich friſch erhalten. Lernt aber erſt die übrige Rotte Korah kennen, wenn ſie Decadenverſammlung hält, wenn senatus frequens iſt, und Ihr werdet geſtehen, daß mit dieſen tollen Hunden wohl etwas anzufangen iſt, wenn nämlich die rechte Zeit gekommen.“ „Wenn aber die Beſtien Unrath wittern,“ meinte Leon,„ſind wir die erſten, die von ihnen gepackt werden.“ „Das iſt allerdings unſre Sache, und Vorſicht iſt hier mehr denn irgend nothwendig,“ entgegnete Fran⸗ zesco;„aber über Alles dies läßt ſich ſcharmanter bei einem Glaſe Glühwein in warmer Stube verhandeln, als in der verdammt ſchneidenden Decemberluft auf offener Straße.“ Er rief einem vorüberfahrenden Miethkutſcher. Die Beiden ſtiegen ein und ſaßen bald mitten in Paris, mitten im Kaiſerthume, an einer zahlreich beſetzten Tafel einer brillanten Reſtau⸗ ration, daß ihnen der Beſuch bei Timolevn wie ein dunkler Traum vorkam. Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 3 50 Drittes Rapitel. E⸗ war am 18. December, Abends in der zehnten Stunde, als ein zweiſpänniger Reiſewagen, dicht ver⸗ ſchloſſen, in raſchem Trabe durch die Barrieren bei Montmartre nach Paris hereinfuhr. Zwanzig Schritte davor ſprengte ein polniſcher Lanzier. Der Zwei⸗ ſpänner nahm ſogleich ſeine Richtung nach den Tuile⸗ rien und hielt im Vorhoſe. Beim Fackelſchein an⸗ weſender Diener ſah man zwei Männer, tief in Män⸗ tel gehüllt, herausſpringen und ſchnelles Schrittes die Palaſttreppen hinaufſteigen, wo ſie verſchwanden. Am andern Morgen, kaum graute der Tag, be⸗ deckte eine unermeßliche Volksmenge den großen Platz vor den Tuilerien und ein unaufhörliches ive l'em- pereur!“ drang durch die Lüfte. Als es vollkommen hell geworden, ſah man von Zeit zu Zeit das Mar⸗ morgeſicht des neuen Cäſars am Fenſter erſcheinen, und dann erreichte die Begeiſterung der Menge, den Kaiſer wieder in ihrer Mitte zu ſehen, den höchſten Grad. Aber trotz dieſer lärmenden, unzweideutigen Huldigung der Pariſer war das Geſicht Napoleon's nicht heiter; kaum daß ein leichtes Lächeln um ſeine Lippen ſpielte, wenn die Ausbrüche des Volksjubels zu ihm herauftönten. Düſter ruhte ſein Auge auf der Menge, und Wolken hatten ſeine Stirn umzogen. So ſtand das hohe Kaiſerbild wieder in ſeinem Schloſſe, inmitten ſeiner Hauptſtadt, im Herzen ſeines Welt⸗ reichs. Umgekehrt, wie der Blitz dem Donner, war er dem neunundzwanzigſten Bulletin gefolgt, alle Schrecken, Befürchtungen und Hoffnungen der ver⸗ ſchiedenen Parteien durch ſein urplötzliches Erſcheinen niederſchlagend. In unerhörter Schnelle hatte er, 5¹ Tag und Nacht fahrend, zweihundert und dreißig deutſche Meilen in dreizehn Tagen zurückgelegt. Bei dem armſeligen Dorfe Molodetzno, nachdem er offen und unverholen Europa ſeine Verluſte verkündet, nach⸗ dem er im Rathe ſeiner Marſchälle den Oberbefehl über die Trümmer der großen Armee dem König von Neapel übertragen hatte, ſetzte er ſich in den armſe⸗ ligen ruſſiſchen Schlitten“) und ruhte, raſtete nicht, bis am Portale der Tuilerien die Reiſe ihr Ziel fand. Caulaincourt, der Herzog von Vicenza, den die un⸗ parteiiſche Geſchichte nicht beſſer bezeichnet, als wenn ſie ihn Napoleon's Feind im Glück und Freund im Unglück nennt— war ſein einziger Begleiter. In Warſchau hatte der Kaiſer eine kurze Unterredung mit ²) Dies geſchah Freitags am k. December. Am ſelbi⸗ gen Tage hatte ſchon eine in Zyzenisk cantonnirte Abtheilung des ſiebenten polniſchen Lancierregiments Befehl zum Marſche erhalten. Die Pferde mußten eiligſt mit Hülfe einer Feld⸗ ſchmiede mit Rollen(à crampons) beſchlagen werden. Am 5. ſollte ſie gegen Abend vor dem Poſthauſe von Smerznin eintreffen. Es dunkelte ſchon, als ſie Befehl erhielt, einen mit ſechs polniſchen Pferden, je drei neben einander, beſpann⸗ ten Schlitten bis auf das Poſthaus von Rowno⸗Polno zu escortiren. Jedermann glaubte, der Fürſt von Neufchatel ſäße in dem Schlitten; es war, wie man ſpäter erfuhr, der Kaiſer ſelbſt. Die Nacht war eine der kälteſten, der Wind ſo ſchneidend, daß er den Athem gefrieren, und das in zacki⸗ gen Stücken herabfallende Glatteis den Weg äußerſt gefähr⸗ lich machte. Zwei Dritttheile der ungefähr fünfundvierzig Mann ſtarken Escorte erreichten Rowno⸗Polno nicht, und wahrſcheinlich iſt Roß und Mann geſtürzt, verunglückt, er⸗ froren. Das Geſicht der in Rowno⸗Polno Angekommenen war von dem Glatteiſe wie zerſchnitten, hatte geblutet, und das Blut war zu einer eiſigen Kruſte gefroren. Mehre Stun⸗ den hindurch waren die angeſchwollenen Lippen nicht vermö⸗ etwas Anderes als unverſtändliche Laute von ſich zu geben. 4 ſeinem daſigen Geſandten, dem Abbé de Pradt, worüber dieſer Ritter von der traurigen Geſtalt ſpäter, als Napoleon's Stern erblichen war, der Welt viel Unge⸗ reimtes ſchwatzte. Der faſt zertrümmerte Schlitten von Molodetzno ward mit einem neuen vertauſcht. In Dresden beſuchte den Kaiſer ſein treueſter Alliir⸗ ter, Friedrich Auguſt der Gerechte. Niemand im weſt⸗ lichen Europa hatte in dem über die Schneegefilde hinfliegenden Schlitten den Beherrſcher der Welt ge⸗ ahnet, und erſt als der Gewaltige in ſeinen Tuilerien ſtand, ſchien in Manchem der Gedanke aufzug was man hätte thun können. Georg, der ſich unter der Volksmaſſe vor dem Schloſſe befand, ohne jedoch in den enthuſiaſtiſchen Jubelruf einzuſtimmen, fühlte ſich plötzlich am Arme erfaßt. Es war Eugen, der ihn haſtig und mit vor Begeiſterung leuchtenden Blicken frug, ob er den Kai⸗ ſer geſehen? „Schon mehre Male,“ antwortete der Gefragte. Da brach der junge Enthuſiaſt in leidenſchaftliche Verwünſchungen aus, daß der Buchhalter ganz be⸗ ſorgt nach der Urſache frug. Dieſe war keine andere, als daß Eugen noch nicht ſo glücklich geweſen als der Freund. Er hatte unbegreiflicher Weiſe erſt vor einer. Stunde die Ankunft Napoleon's erfahren, war halb außer ſich nach den Tuilerien geeilt, aber der Kaiſer ſchien ſich zurückgezogen zu haben und war nicht mehr zu erblicken. Nun ſollte Georg erzählen. „Er ſah nicht zum Freundlichſten aus,“ meinte dieſer. „Aber doch ſonſt geſund, wie?“ „Wer mag das erkennen?“ erwiederte jener,„ſein Geſicht war italieniſch gelb, wie immer.“ „Dieſer krankhafte Teint ſchreibt ſich von Toulon 53 her,“ erzählte Eugen,„ſonſt war er blühend; aber bei der Belagerung jener Stadt bediente er eines Ta⸗ ges verſönlich ein Geſchütz, weil die ganze Mann⸗ ſchaft gefallen war. Einige derſelben waren mit ei⸗ nem Hautausſchlage behaftet geweſen, ſo erbte er dieſes Uebel, das ſpäter in eine gefährliche Krank⸗ heit überging. Er hat ſeit dieſer Zeit ſeine ehema⸗ lige kernhafte Geſundheit nie wieder erlangt, und da⸗ her rührt noch heute der gelbe Teint.“ „Ja ſelbſt der ruſſiſche Winter hat ihn nicht zu bleichen vermocht,“ ſprach der Buchhalter. „Aber wie war ſonſt ſein Erſcheinen?“ frug Eu⸗ gen begierig weiter. „Wie immer,“ berichtete Georg,„er trat einige Male minutenlang an das Fenſter, blickte ruhig, faſt finſter herab auf die Menge, und ihr Jubel ſchien ihn gar nicht zu berühren.“ „Natürlich, er mag den Kopf voll haben, dazu die unerhörten Strapazen,“ entſchuldigte Eugen, und verwandte kein Auge von dem bezeichneten Fenſter. „Ich glaube nicht, daß er wieder erſcheint,“ meinte Georg,„er hat ſich wahrſcheinlich zurückgezogen. Ich dächte, Freund, wir folgten dem Beiſpiele des großen Mannes, dieſe Morgenluft iſt nicht die angenehmſte, und ich ſchildre bereits ſeit einer Stunde auf meinem Poſten.“ „O, er zeigt ſich gewiß noch einmal,“ tröſtete Eugen; dann umarmte er plötzlich den Buchhalter mit Haſt und Freude:„Wißt Ihr,“ frug er,„was der Kaiſer geſagt hat, als er dem Könige von Neapel den Oberbefehl übergab und noch eine Rede an die Marſchälle und Generäte gehalten? Ich verlaſſe Sie, meine Herren, hat er geſagt, aber blos darum, um mir dreimalhunderttauſend Soldaten herbei zu holen.“ 5⁴ „Nun, was iſt dabei ſo außerordentlich Freudi⸗ ges?“ frug ziemlich kühl der Buchhalter. Eugen warf ihm einen bitterböſen Blick zu und antwortete nicht ohne Stolz:„Weil ich die Ehre habe, auch mit unter die Dreimalhunderttauſend zu gehören.“ Der Buchhalter erwiederte gar nichts; auch Eugen ſchwieg, und die Beiden ſtanden, in ihre Mäntel ge⸗ hüllt, eine Zeit lang ſchweigend neben einander. Endlich ſprach Erſterer in einem ruhigen, aber nicht vorwurfsfreien Tone:„Wenn es gilt, Vaterland und Heimath vor fremden Eindringlingen zu ſchir⸗ men, wenn es gilt, das heilige Palladium der Un⸗ abhängigkeit mit Gut und Blut zu vertheidigen, iſt jeder Kampffähige, der ſich dieſer erſten Pflicht ent⸗ zieht, ein erbärmlicher Wicht; wer aber hinauszieht, den Launen eines Despoten gehorſam, nächſt dem Schwerte die Ketten in der Hand, fremde Völker nicht nur zu beſiegen, ſondern zu unterjochen, alſo in einer Sache, die jedem ächten Vaterlandsfreunde ein Gräuel iſt, wer da hinauszieht und überdies auf die Gefahr hin, das Herz der eigenen Mutter zu brechen, der kann, gelind geſagt, nur in dem maßloſen Leichtſinne der Jugend einige Entſchuldigung finden. Aber zu bedauern iſt immer, daß Herz und Vernunft ſo we⸗ nig über ihn vermögen, da er ſich leidenſchaftlich von einem bloßen Phantome blenden läßt.“ „Gilt Euch,“ frug hier der junge Enthuſiaſt,„die Ehre Frankreichs, meines Vaterlandes, als ein bloßes Phantom?“ „Die Ehre des Vaterlandes?“ meinte der Nord⸗ amerikaner mit ſonderbarem Kopfſchütteln.„Ich will Euch meine Herzensantwort hierauf für eine andre Zeit ſchuldig bleiben und nur erwähnen, daß ſich der Ruhm und die Ehre der franzöſiſchen Waffen nie glänzender gezeigt hat, als in der ruſſiſchen Cam⸗ pagne. Nicht Rußland, es hat ja nicht Eine Schlacht gewonnen, hat die Franzoſen beſiegt, ſie haben einzig den Elementen unterlegen, und ihren alten Kriegs⸗ ruhm in dieſem doppelten Kampfe gegen Götter und Menſchen nie heldenbafter behauptet. Alſo, was die Ehre der franzöſiſchen Waffen betrifft, und dieſe habt Ihr auch wohl nur gemeint, ſeid getröſtet, dieſe ſte⸗ hen reiner und fleckenloſer denn je, obſchon die Armee vernichtet ward.“ „Und dieſe unglücklichen Ueberbleibſel, unſre Brü⸗ der und Freunde,“ rief Eugen mit ſchönem Feuer, „die ſich ſo unſterblich durchgeſchlagen durch Schnee und Eis, Hunger und Kälte, Flammen und feindliche Klingen, gegen die jetzt der halbe Orient heranzieht, die von unſichern Bundesvölkern umringt ſind, dieſes Heldenhäuflein, wie, dieſes ſollten wirſchimpflichim Stiche laſſen? wir ſoüten ruhig zuſehen, die Hände im Schvoß, wie es von der Uebermacht der Barbaren überwäl⸗ tigt, gemordet und in Ketten nach Sibirien geſchleppt wird?“ „Ihr gefallt Euch in Extremen, junger Freund,“ bemerkte Georg, aber nicht in unfreundlichem Tone, „einmal achtet Ihr die Verluſte der Armee für nichts, für ein Bagatell, das andremal erblickt Eure Phan⸗ taſie nur ein Häuflein erfrorner, halbverhungerter, waffenloſer Soldaten, die kaum im Stande ſind, ein paar Bataillonen ruſſiſcher Grenadiere zu widerſtehen. Bedenkt, daß die Macht des Kaiſers an der Oder nicht unbeträchtlich iſt, und wenn ſich die franzöſiſchen Streitkräfte, was ſie auch gewiß nicht unterlaſſen wer⸗ den, concentriren, eine Armee kampffähiger Truppen beiſammen ſteht, die gewiß nicht Gefahr läuft, capi⸗ tuliren zu müſſen.“ 56 „Aber das begreift Ihr doch,“ rief Eugen unge⸗ duldig,„daß der Kaiſer neue Soldaten bedarf, um nicht noch mehr zu verlieren, als er ſchon verloren hat?“ „Allerdings,“ entgegnete der Buchhalter,„und Frankreich wird auch nicht anſtehen, ſie zu liefern, nur ſehe ich kein Ende bei dieſem heilloſen Kampfe. Siegen die Ruſſen, was ich nicht glaube, ſo wird Napoleon immer neue Armeen aus Frankreich heraus⸗ hauen, wie man aus einem Steine Funken ſchlägt; bleibt aber er Sieger, ſo iſt's noch ſchlimmer und ſein durch die unglickliche Wintercampagne gereizter Ehrgeiz wird furchtbarer denn je erwachen, und die⸗ ſem ſoll das Blut Frankreichs und meines jungen Freundes geopfert werden?“ Georg ſprach die letzten Worte in einem Tone, der ſeinen innern Schmerz nicht verhehlte. Eugen reichte ihm deshalb nicht ohne Rührung die Hände: „Nicht alle Kugeln treffen,“ lächelte er. „Ihr ſeid ein ächt franzöſiſches Blut,“ ſprach Georg,„und ich mag Euch darum nicht ſchelten; gebt mir nur wenigſtens das Verſprechen, nicht eher Soldat zu werden, bis Euer Vaterland wirklich bedroht wird; dann ſollt Ihr auch mich als einen der erſten ſehen, der mit den Waffen in der Hand den gaſtfreundlichen Herd vertheidigt. Nach meinen Begriffen adelt nur der Zweck den Kampf und verleiht die wahrhafte mo⸗ raliſche Stärke.“ „Bedroht?“ frug Eugen,„iſt es Frankreich nicht ſchon? Stehen die Ruſſen nicht mit gewaffneter Hand vor den Thoren Polens? Kann es Frankreich dul⸗ den, wenn unſere treueſten Vundesgenoſſen, unſere Blutsverwandten im edelſten Sinne des Worts, daß ſie ihr Blut in hundert Schlachten für uns vergoſ⸗ ſen haben, in Feindes Hand fallen? Frankreich iſt hier nicht nur bedroht, es iſt angegriffen.“ 57 „Polen?“ ſprach Georg;„nach meinen neueſten geographiſchen Erkundigungen weiß ich von keinem Polen— nur von einem Herzogthume Warſchau, zu deſſen Gebieter man einen fremden Fürſten gemacht hat. Allerdings,“ fuhr er nach einer Pauſe in einem halb ironiſchen Tone fort,„hier wäre ja eine poli⸗ tiſche Ungerechtigkeit der Könige gut zu machen ge⸗ weſen, wie konnte man ſo etwas von dem erwarten, deſſen halbes Leben eine politiſche Ungerechtigkeit iſt, dem die Unabhängigkeit und Freiheit eines Volkes noch verhaßter ſind, als Koſaken und Engländer.“ „O ſchmäht meinen Helden nicht!“ rief Eugen faſt bittend,„wer vermöchte ſeine höhern Pläne zu durchſchauen? Ich bin überzeugt, daß er noch Alles zum Beſten wendet. Einen großen Schöpfer kann man erſt nach Vollendung ſeines Werkes unparteiiſch würdigen.“ Ein donnerndes vive l'empereur!“ unterbrach den Sprecher. Der Kaiſer war wieder an das Fenſter getreten. Ein alter Invalid, der ſich mit ſeinem Stelzfuße mitten durch das Gewühl drängte und dabei rechts und links mit den Ellenbogen kräftigſt arbeitete, um dem Schloſſe ſo nahe wie möglich zu kommen, ſchrie am lauteſten und rief einmal über das andere:„Nicht wahr, kleiner Korporal, in den warmen Tuilerien iſt's doch beſſer, als in dem verfluchten Koſakenlande? 's iſt nur gut, daß wir Dich wieder haben. Nun ſollen ſie nur kommen, die Kaffern, die Sadducäer.“ Engen war ganz außer ſich beim Anblicke des Kaiſers. Er hielt die Hände wie betend gefaltet. Georg aber hatte ſeinen Spaß mit dem alten Inva⸗ liden. Als er ſich einmal nach ihm umwandte, be⸗ merkte er eine lange in einen Mantel gehüllte Ge⸗ 58 ſtalt, die ihn ſchon geraume Zeit beobachtet und ſich ſo nahe als möglich gedrängt hatte. Nichts war die⸗ ſem geraden, offenen Menſchen mehr zuwider, als was nur entfernt einer Spionage ähnlich ſah. Er warf daher einen ziemlich herausfordernden Blick auf den Vermummten, und als dieſer unbeweglich in ſeiner Stellung verharrte, wandte er ſich verächtlich ab und zu Eugen, der ſich von dem Anſchauen des Kaiſers noch immer nicht loszureißen vermochte. „Ich bin nun des Hierſtehens herzlich müde,“ ſprach er,„zudem ruft die Comptoirſtunde. Allons, Eugen, Ihr werdet den kleinen Korporal noch oft ge⸗ nug zu ſehen bekommen, kommt, wir haben Einen Weg.“ „Nur einen Augenblick,“ bat dieſer, ſchwang den Hut und ſchrie ein begeiſtertes Lebehoch, worein ſo⸗ gleich Hunderte von Umſtehenden einfielen und das von Tauſenden wiederholt ward. Napoleon verneigte ſich und trat zurück. Nun erfaßte Georg ſogleich ſei⸗ nes jungen Freundes Arm und die Beiden bahnten ſich mit vieler Mühe einen Weg durch das Menſchenmeer. Der Buchhalter blickte mehrmals rückwärts. Eurem vermaledeiten Paris,“ ſprach er,„iſt man wie verrathen und verkauft. Ich gebe keinen Sou, ich ſtehe bereits in Savary's ſchwarzem Buche, Fleder⸗ mäuſe umſchwirren mich. Mit dem Kerl von vorhin war's nicht richtig, das ſagt mir ein angeborner In⸗ ſtinkt. Hab' ich mich vielleicht über Euren Bonaparte zu vernehmlich expectorirt?“ „Napoleon heißt der Kaiſer,“ verbeſſerte Eugen. „Oder Napolevn,“ lachte Georg,„mir einerlei; ob die Fledermaus von unſerm Geſpräch etwas ver⸗ ſtanden hat?“„ „Schwerlich,“ meinte der junge Franzoſe,„das iſt wahrſcheinlich noch von neulich Abend, und da habt Ihr übrigens eine Lection verdient; aber ohne Sorge, mein Onkel hilft Euch heraus.“ „Zum Satan, ich mag mit Euren heimlichen Spitz⸗ buben nichts zu ſchaffen haben,“ rief der Buchhalter ungehalten;„ich bin ein ehrlicher Mann, ein freier Nordamerikaner.“ „So werdet vorſichtiger,“ rief Eugen. „Vorſichtiger, wenn ich die Wahrheit ſage?“ frug Georg, der immer heftiger wurde.„Ihr habt Recht, Ihr Franzoſen, Euer Bonaparte oder Napoleon iſt wahrhaftig ein großer Mann, ich ſehe es immer mehr ein, er hat Euch tollen Republikaner in wenigen Jah⸗ ren ſogar vorſichtig gemacht; eine Tugend, von der Ihr nie habt viel wiſſen wollen. Da konnte er al⸗ lerdings kein beſſeres Inſtitut erfinden, als dieſe trefflich organiſirte heimliche Hermandad. Nun, mich ſollen aber dieſe Beſtien in Frieden laſſen, ich habe auf dieſe humane Geſellſchaft eine ſo ſpecielle Malice, daß mich leicht alle Vorſicht verlaſſen möchte, falls ich die Ehre hätte, ihre nähere Bekanntſchaft zu machen.“ Eugen mußte lachen, denn er wußte, daß ſeinen Freund, ſobald er auf die Polizei und namentlich auf die geheime Polizei zu ſprechen kam, aller nord⸗ amerikaniſche Gleichmuth verließ. Um ihn aber nicht noch mehr zu reizen, ließ er ihn ruhig räſonniten, widerſprach nicht und brachte wie zufällig das Ge⸗ ſpräch auf ſeine junge Verwandte in Straßburg, von der er wußte, daß ſie bei ihrer letzten Anweſenheit im vorigen Sommer einen mehr als blos vorüberge⸗ henden Eindruck auf Georg zurückgelaſſen hatte und die nächſten Tage abermals zum Beſuche erwartet wurde. Victorine, kaum achtzehn Jahre alt, war eines jener liebenswürdigen Weſen, die es bei aller weib⸗ lichen Anmuth und Lieblichkeit und trotz aller Hul⸗ 60 digungen, welche ihren Reizen dargebracht werden, doch ärgert, daß ſie außerdem blos auf ihren Strick⸗ ſtrumpf und Nährahmen beſchränkt bleiben ſollen, die an den Zeitintereſſen mit klarem Verſtande und un⸗ parteiiſchem Herzen regen Antheil nehmen, deshalb nicht ſelten mit der egoiſtiſchen und befangenen Politik der Männer in Conflict gerathen und vor Allem von in⸗ niger Vaterlandsliebe und begeiſtertem Patriotismus beſeelt ſind. Im vorigen Sommer war das Mädchen ſtrenge Republikanerin, wie ſo viele ihrer Landsleute; nach ihren jüngern Briefen aber war auch ſie zum Kaiſerreiche übergegangen. Der ſtille, beſcheidene Georg, der ſich namentlich in Geſellſchaft junger Da⸗ men beengt fühlte und einer gewiſſen Schüchternheit, die dem jungen ſchönen Manne gar nicht übel ſtand, nicht erwehren konnte, hatte ſich immer am wohlſten in Vietorinen's Nähe befunden, mit deren politiſchen Anſichten er harmonirte und deren unbefangenes ge⸗ müthliches Weſen ihn überdies innig anſprach. Eugen erzählte daher dem Aufhorchenden, daß die kleine Straßburgerin unfehlbar in den nächſten Tagen eintreffen würde. Georg, der ſich den Anſchein geben wollte, als laſſe ihn dieſe Neuigkeit ſehr gleichgültig, erwiederte, daß ihm Henriette davon erzählt habe, er glaube aber nicht daran, weil Victorine ſchon oftmals ihre An⸗ kunft gemeldet und doch nicht gekommen ſei. „Diesmal kommt ſie gewiß,“ ſprach Eugen,„und Ihr werdet einen harten Stand haben. Sie hat die republikaniſchen Fahnen verlaſſen und iſt ganz kaiſer⸗ lich geworden, wie der ganze Elſaß, der ſelbſt das alte Frankreich in Begeiſterung für Napoleon faſt übertrifft. Macht Euch immer ſattelfeſt, es iſt ſchon ſchlimm, eine mächtige Bundesgenoſſin verloren zu 61 haben, aber wenn dieſe die Waffen ſogar gegen uns kehrt, hat die Macht des Feindes doppelt gewonnen.“ Georg lächelte.„Victorine liebt die Unabhän⸗ gigkeit zu ſehr,“ meinte er,„als daß ſie einem Des⸗ poten huldigen könnte, da kenne ich ſie beſſer. Zwar iſt das Gemüth der Weiber wandelbar,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu,„aber es gibt doch Ausnahmen.“ „Victorine, das kluge Kind, hat endlich ihre re⸗ publikaniſche Einſeitigkeit eingeſehen,“ ſprach Eugen. „Die Erhabenheit des Kaiſerthums iſt ſo hinreißend, daß mit der Zeit der ſtarrſte Republikaner davor das Knie beugen wird.“ Georg gab dies natürlich nicht zu, und die Beiden disputirten noch lange mit einander, bis ſie ſich beim Comptoir des Herrn Normann trennten. Piertes Rapitel. De Rückkehr Napoleon's war ſo unerwartet erfolgt, daß ſelbſt die Kaiſerin keine Ahnung davon gehabt. Er hatte mehrere Mal geſchrieben, ohne jedoch ſeine Rückkehr mit einer Sylbe zu erwähnen. Marie Louiſe, ſeit einiger Zeit düſter und leidend, hatte ſich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. Die dienſtthuende Kam⸗ merfrau, die in dem benachbarten Zimmer ſchlief, war eben beſchäftigt, alle Thüren zu verſchließen, als ſie in dem vordern Zimmer mehrere Stimmen vernimmt. In demſelben Augenblicke öffnet ſich die Thür und ſie ſieht zwei in große Pelzmäntel verhüllte Männer eintreten. Sie eilt ſogleich nach der Thür, welche zum Zimmer der Kaiſerin führt, um dieſe zu ver⸗ 62 ſchließen, als der eine der Eingetretenen den Mantel abwirft und ſie den Kaiſer erkennt. Ihr freudiger Schreckruf erweckt Marie Louiſen, die alsbald in die Arme ihres Gemahls eilt. Aber nur wenige Stunden kann Napoleon ſeiner Familie widmen. Seine Rückkehr hat die Miniſter aus dem Schlafe geweckt. Ein elektriſcher Pulsſchlag theilt ſich ſeiner ganzen Umgebung und bald dem gan⸗ zen unermeßlichen Reiche mit. Bereits am folgenden Morgen hält der Kaiſer ſein Lever. Alle Miniſter und Officiere ſeines Hauſes umgeben ihn. Er ſpricht unverhohlen von ſeinen großen Verluſten. „Moskau,“ ruft er,„war in unſerer Gewalt. Wir hatten alle Hinderniſſe beſiegt. Selbſt der Brand än⸗ derte in der glücklichen Lage unſerer Angelegenheiten nichts; aber die Strenge des Winters hat meine Ar⸗ meen mit furchtbarem Drucke heimgeſucht. In weni⸗ gen Nächten ſah ich Alles verändert. Wir haben große Verluſte erlitten. Mein Geiſt würde erlegen ſein, wenn er unter ſolchen Umſtänden andern Ge⸗ fühlen, als dem Intereſſe meiner Völker hätte zu⸗ gänglich ſein dürfen.“ Dieſe Worte hallten alsbald im ganzen Reiche wieder. Von Rom bis Amſterdam, von Hamburg bis Bayonne laufen die zahlreichſten Glückwünſchungs⸗ Adreſſen ein. Der Moniteur füllt allein fünfzig Sei⸗ ten damit. Mailand ſpricht zu Napoleon: „Die Völker Italiens erklären im Angeſichte der ganzen Welt, es giebt kein Opfer, das ſie nicht dar⸗ zubringen entſchloſſen wären, damit Eure Majeſtät das große Ihnen von der Vorſehung anvertraute Werk vollenden. Bei außerordentlichen Umſtänden bedarf es außerordentlicher Mittel, und unſere Anſtrengungen werden hierin keine Grenzen kennen. Man braucht 63 Waffen, Armeen, Treue, Standhaftigkeit; Alles, Sire! bieten wir Ihnen an. Dies iſt nicht etwa der Rath der Behörde, es iſt Ueberzeugung, es iſt dies Gefühl der allgemeine Ruf, auf das Bedürfniß unſers Daſeins gegründet.“ Doch trotz dieſer unverhohlenen Huldigung von mehr denn vierzig Millionen iſt das Gemüth Napo⸗ leon's umdüſtert. Der Gedanke an Mallet's Ver⸗ ſchwörung iſt der ſchwarze Genius, der ihn umſchleicht. Dieſes tollkühne Unternehmen, obſchon geſcheitert, hat ein für Napoleon unglückſeliges Geheimniß enthüllt — die Schwäche ſeiner Dynaſtie. Ein Abenteurer hatte blos durch das ſelbſt ausgeſprengte Gerücht von dem Tode des Kaiſers eine Revolution bewirkt, be⸗ reits den Polizeiminiſter und Polizeipräfecten von Paris außer Wirkſamkeit geſetzt, Truppen mobil ge⸗ macht und das Volk in Bewegung gebracht. Wenn ſchon das bloße Gerücht ſeines Todes eine ſolche Unternehmung unterſtützen konnte, mit welchen Gefahren iſt die neue Dynaſtie bei ſeinem wirklichen Tode bedroht! Und doch iſt ſein Leben noch auf lange Zeit dem Donner der Schlachten ausgeſetzt. Indeß langen von Stunde zu Stunde Couriere in den Tuilerien an und rufen die Aufmerkſamkeit des Kaiſers auf den großen europäiſchen Schauplatz. Die Conſeils dauern ganze Tage und er beruft nur die geprüfteſten Männer dazu. Zahllos ſind die Wagen, welche ſich an dem kaiſerlichen Säulengange tagtäglich einander ablöſen. Vom Morgen bis Mitternacht zeigt ſich derſelbe Zudrang von Miniſtern und Staatsräthen. Und wenn endlich alle Lichter in den hohen Sälen und Gemächern erlöſchen und nur noch einige Kerzen auf der Seite nach dem Garten einſam in die ſtille Nacht ſchimmern, ſo ſind es die im Kabinette Napoleon's, welche ſeine Nachtwachen verrathen. 64 Das Vordringen der Moskowiter, der Sturm in Spanien, die zweifelhaften Geſinnungen der deutſchen Bundesgenoſſen ſind die Hauptgegenſtände ſeines an⸗ geſtrengteſten Nachdenkens. Die allgemeine Lage der Verhältniſſe beginnt ſich vor ſeinen Blicken zu entwirren. Der König von Neapel hat dem in ihn geſetzten Vertrauen ſchlecht entſprochen. Der Kaiſer war mit der Hoffnung von der Armee abgereiſt, Mürat würde dieſelbe zu Wilna ſammeln. Nach den neueſten De⸗ peſchen blieb das Hauptquartier nur ſo lange in die⸗ ſer Stadt, als Zeit nöthig war, ſie zu durchziehen. Man hatte die Fortſetzung des Rückzugs ſo übereilt, daß von all' den unermeßlichen Vorräthen, die in dieſer Stadt aufgehäuft waren, und die den verhun⸗ gerten Truppen von ſo unſchätzbarem Werthe hätten ſein können, weder etwas gerettet noch vernichtet wer⸗ den konnte. Alle Magazine fielen unverſehrt dem Feinde in die Hände. Indeſſen hatte man doch endlich am Niemen Halt gemacht. Maecdonald ſteht mit den Preußen bei Til⸗ ſit. Von Danzig iſt Verſtärkerung angelangt. Schwar⸗ zenberg befindet ſich mit den Oeſtreichern bei Bialy⸗ ſtock und deckt Warſchau. Hinter dieſer Linie faßt das Hauptquartier in Königsberg Poſtv. Poniatowski hat von ſeinem Corps dreißig Ka⸗ nonen mit nach Warſchau gebracht. Er ruft das erſte und zweite Aufgebot der Polen unter die Waffen. Die franzöſiſche Armee befindet ſich ſonach außer⸗ halb der Wüſte. Sie findet in Preußen wieder die Hülfsquellen der Civiliſation. Gold und Silber, die ſeit drei Monaten ein unnützes Metall waren, treten wieder in ihren Werth ein. Ueberfluß folgt dem Man⸗ gel; Ruhe auf die unerhörteſten Anſtrengungen. Ein ſchnelles Thauwetter hat das Thermometer um fünfund⸗ ——— 65 zwanzig Grad in die Höhe getrieben. Man befindet ſich wieder in einem europäiſchen Klima. Zudem hat des Kaiſers Kabinetsminiſter, der Herzog von Baſſano, auf ſeiner Reiſe durch Berlin von den preußiſchen Miniſtern und dem Könige ſelbſt die ſtärkſten Verſicherungen über das Verharren Preu⸗ ßens bei der Allianz mit Frankreich erhalten. Alles vereinigt ſich, den Kaiſer über die Angele⸗ genheiten des Nordens zu beruhigen. Er blickt jetzt nach Spanien. Hier findet er ſeinen Bruder Joſeph, der in Folge der verlornen Schlacht zu Salamanca Madrid verlaſ⸗ ſen hatte, in dieſe Hauptſtadt zurückgekehrt und den Wellington nach Portugal zurückgeworfen. Die fran⸗ zöſiſchen Heere in Spanien zählen zweihundert ſiebzig⸗ tauſend Mann, worunter zwanzigtauſend Mann Ca⸗ vallerie und dreihundert Kanonen. Der ſpaniſche Krieg bedarf keiner Verſtärkungen. Die daſige Macht kann ſogar Unterſtützung zu Wieder⸗ herſtellung der nordiſchen Angelegenheiten hergeben. In Frankreich ſelbſt ſtehen die hundert Cohorten, die der Kaiſer bei ſeiner Abreiſe nach Rußland zur Bewachung der Feſtungen und Küſten des Reichs or⸗ ganiſirt hatte, bewaffnet und ſind an den Militair⸗ dienſt gewöhnt. Die Conſcribirten von 18¹3, die er im Voraus hatte ausheben laſſen, als er in das Herz von Ruß⸗ land eindrang, trifft er in ihren Depots angelangt, bewaffnet und bereit, den Kriegsbataillonen einverleibt zu werden. Alle dieſe Truppen, die zur Aushülfe bei möglichem Glückswechſel für fernere Unternehmungen ausgerüſtet worden, ſind reif zu ihrer Beſtimmung. Dieſen jungen Bataillonen die fehlende Reife zu ertheilen, bedarf es Veteranen, welche die krieggewohn⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 5 66 ten ſpaniſchen Regimenter liefern. Anderthalbhundert Cadres von Bataillonen, aus alten Officieren und Unterofficieren zuſammengeſetzt, werden aus Spanien zurückgerufen. Gleichen Befehl erhält das ſiebente polniſche Cheveauxlegers⸗Regiment. Es dürfen keine Polen in Spanien fechten, wenn Ruſſen in Polen ſind. Das Vaterland ruft ſie unter die Fahnen Po⸗ niatowski's. Die Marine bietet eine ganze Armee von Vete⸗ ranen der Artillerie dar. Die Conſcription für das Seeweſen deckt die Bedürfniſſe der Schiffsequipagen in Ueberfluß. Vierzigtauſend alte Kanoniere ſollen an's Land geſetzt werden. Die Infanterie der Armee wird ſie mit Stolz in ihre Reihen aufnehmen. Am ſchwerſten iſt der Verluſt der Cavallerie zu erſetzen. Rußland koſtet allein hundertfünfzigtauſend Roſſe. In Berlin wird daher der General Bourcier alle Hülfsmittel vereinigen, die das nördliche Deutſch⸗ land für die Remonten darbietet. Latour⸗Maubourg und Sebaſtiani begeben ſich an die Elbe, um die Cavallerie in Schwadronen zu ordnen und die neue Organiſation zu vollenden. In Frankreich giebt es zwei große Depots, zu Metz und Mainz. Alle Pferde, die aufzutreiben ſind, werden dahin gebracht. Alle Conſcribirten für die Cavallerie werden nach den beiden Punkten beordert. Die Gensd'armerie liefert dreihundert Officiere und Unterofficiere zum Commando der neuen Schwadronen. In Italien ſorgt der Kriegsminiſter für eine Di⸗ viſivn von Tauſend Pferden. Alle dieſe Hülfsquellen liefern dreimalhunderttau⸗ ſend Mann. Während man Kanonen gießt, Lafetten baut, Pferde anſchafft, die ankommenden Mannſchaften unter das † 67 Maaß ſtellt, kleidet, bewaffnet, wird Alles, was im Depot ſchon alt iſt, in Marſch geſetzt und voraus geſchickt. Die erſten Bataillone aus den Depots des Nor⸗ dens begeben ſich nach Magdeburg, wo ſie General Lauriſton zu einem Armeecorps vereinigen wird. In den erſten Wochen des Februars mußten ſie einge⸗ troffen ſein. Die Bataillone der öſtlichen Provinzen rücken nach Mainz, wo General Souham zwei Armeecorps aus ihnen bilden wird. Der ſpaniſche Krieg und der Krieg im Norden werden neben einander geführt. Im Laufe des Februar wird ſich eine Reſerve von dreimalhunderttauſend Mann, an der Oder, der Elbe, am Rhein und Main gebildet, mit der großen Armee vereinigen und der nächſte Feldzug mit einer doppelt ſo großen Macht eröffnet werden, als die war, welche ſich im letztverfloſſenen geſchlagen hat. Zu⸗ gleich ſoll die ſpaniſche Armee dreimalhunderttauſend Mann ſtark bleiben. Dreißigtauſend Conſeribirte ſind zu ihrer Verſtärkung unterwegs. Marſchall Soult wird nach Andaluſien zurückkehren, und wenn ſich die engliſche Armee ſchwächt, ſoll Portugal beſetzt werden. Dies ſind die erſten Verfügungen Napolevns, un⸗ mittelbar nach ſeiner Rückkehr in die Tuilerien. Aber wie groß der Eifer, mit welchem er ſich zum Kriege rüſtete und wie unermeßlich ſeine Hülfsquel⸗ len, den Kampf mit aller Energie ſortzuſetzen, iſt er doch nie mehr zum Unterhandeln bereit als gegen⸗ wärtig. Sein Blick fällt auf ſeinen Schwiegervater, den Kaiſer Franz. Vielleicht läßt ſich durch deſſen Vermittelung eine Unterhandlung mit Rußland an⸗ knüpfen. Der Kaiſer Alexander hatte geſchworen, von 68 keinem Frieden etwas wiſſen zu wollen, ſo lange ein feindlicher Soldat auf ruſſiſchem Boden ſtände. Die⸗ ſer Beweggrund iſt jetzt hinweggefallen. Oeſterreich wird deshalb ſondirt. Aber bei der erſten Kunde der ruſſiſchen Unfälle war Lord Wal⸗ pole in Wien erſchienen und die gegen Frankreich feindlich geſinnte Partei ſuchte das öſterreichiſche Ka⸗ binet mit allen Mitteln der Intrigne und Beſtechung zu umgarnen. Man machte Oeſterreich die glänzend⸗ ſten Anerbietungen; nicht nur die Abtretung der illy⸗ riſchen Beſitzungen, die Suprematie über Deutſchland, ganz Italien und zehn Millivnen Subſidien. Man verſpricht Alles. Man giebt zu bedenken, Deutſch⸗ land ſei im Begriff, gegen Frankreich aufzuſtehen, Frankreich befinde ſich ſelbſt am Vorabend einer Re⸗ volution. Die öſterreichiſche Politik fühlte ſich bei ſolchen Vorſchlägen geſchmeichelt und leiht ein gefälliges Ohr. Napoleon erſtaunt nicht, daß die erſte Nachricht ſeines Unglücks dieſe ephemere Zuckung am alten Wie⸗ ner Hofe hervorgebracht hat. Aber ſein Vertrauen ruht auf den perſönlichen Gefühlen ſeines Schwieger⸗ vaters. Er ſieht dieſe Hoffnung durch neue Depe⸗ ſchen beſtätigt. Die nicht freundſchaftlichen Aeuße⸗ rungen gegen ihn verſtummen allmälig. Die Vor⸗ ſicht ſiegt. Man hatte Napoleon noch in Wilna ein⸗ geſchloſſen und in einem Winkel am Niemen vermu⸗ thet. Sein plötzliches Erſcheinen in Paris hat Alles geändert. Die Hülfsquellen, die ein Mann wie er aus einer Macht wie Frankreich ziehen kann, erſchei⸗ nen noch unermeßlich. Man fürchtet, zu weit mit der Sprache gegangen zu ſein. General Bubna, Na⸗ polevn durch ſeine Redlichkeit und Aufrichtigkeit per⸗ ſönlich angenehm, erſcheint in Paris und bringt 69 die freundſchaftlichſten Geſinnungen des Wiener Ka⸗ binets. „Oeſterreich,“ ſagte er,„wird unerſchütterlich bei ſeinem Syſtem verharren. Die Allianz iſt auf die natürlichſten, dauerndſten und durchaus ihrem Weſen nach nützlichſten Intereſſen gegründet. Sie muß von ewiger Dauer ſein, wie die Beweggründe, welche ſie geſchaffen baben. Hat nicht Oeſterreich ſelbſt ſie ge⸗ ſucht? Wäre ſie von Neuem zu ſchließen, wir wür⸗ den ſie ſo, wie wir ſie wünſchen, ſchließen. Wir fürchten nicht Frankreich, wir fürchten Rußland, und ſollten die Ruſſen gemäßigte Vorſchläge ausſchlagen, ſo würden wir nicht unſer bedingtes Allianzcontin⸗ gent, ſondern die Macht der ganzen Monarchie gegen ſie aufbieten. Wir verpflichten uns ganz ſo zu han⸗ deln, wie es dem Kaiſer Napolevn zweckmäßig er⸗ ſcheint und keinen Schritt ohne ſein Vorwiſſen zu thun.“ Zugleich verſpricht Metternich, den Kaiſer Alexan⸗ der zu ſondiren, ſo wie ebenfalls einen Vermittlungs⸗ agenten nach England zu ſchicken. Napoleon glaubt gern dieſen Worten. Er geht zur Kaiſerin hinab und theilt ihr die Verkündigungen des Geſandten ihres Vaters mit, kehrt dann ſogleich wieder nach ſeinem Kabinet zurück und dictirt fol⸗ gende Bekanntmachung: „Oeſterreich und Frankreich ſind unzertrennlich. Der engliſche Miniſter befindet ſich nicht mehr in Wien. Man hat ihm kein Gehör gegeben. Keine Macht des Continents wird ſich von Frankreich entfernen; alle ſind taub gegen die Intriguen Englands. Uebrigens wiſſen vierzig Millionen Franzoſen nichts von Furcht.“ So wäre durch die Vermittelung Oeſterreichs eine Unterhandlung angeknüpft. Sie beginnt mit dem Jahre 1813. Die große Armee hatte ihr Winterquartier zwi⸗ ſchen dem Niemen und der Weichſel bezogen. Alles ſchien auf ein Aufhören des Kriegs hinzudeuten, als ein Ereigniß am Niemen eintrat, daß alle zeitherigen Combinationen des Kaiſers von Grund aus über den Haufen warf. Es war in der Nacht vom 9. zum 10. Januar, als die Nachricht vom Abfalle des General York, der das preußiſche Hülfscorps unter Macdonald commandirte und mit dem ruſſiſchen General Die⸗ bitſch eine Convention abgeſchloſſen hatte, in den Tui⸗ lerien anlangte. Zugleich erfährt Napoleon die vor⸗ eiligen Maßregeln des Königs von Neapel bei dieſem außerordentlichen Vorfalle. Dieſer Fürſt hatte ſich mit gewohnter Eile zurückgezogen und ſo alle franzö⸗ ſiſchen Armeecorps mit Fleiß in die Unordnung eines Rückzugs verwickelt, der kein Ziel mehr kennt. Alles wirft ſich hinter die Weichſel, während die ausgehun⸗ gerten Ruſſen auf die verlaſſenen Quartiere ſtürzen und die Hülfsmittel aller Art benutzen, welche dieſer reiche Theil von Deutſchland darbietet. Jetzt erſt kann Napoleon ſeine Unfälle ihrem gan⸗ zen Umfange nach erwägen. Jetzt werden außeror⸗ dentliche Maßregeln nothwendig. „Was geſtern noch hinreichte,“ ruft er,„ reicht heute nicht mehr. Unvorhergeſehene Ereigniſſe ver⸗ langen die größten Opfer.“ Er wendet ſich an den Patriotismus der Nation und verlangt eine außer⸗ ordentliche Aushebung von dreihundertfünfzigtauſend Mann. Mit den bereits in Marſch befindlichen Mann⸗ ſchaften wird hierdurch die Armee um eine halbe Mil⸗ livn Streiter vermehrt. Der Senat votirt die verlangten Aushebungen und außerdem beeifern ſich alle Städte des Reichs, frei⸗ willige Anerbietungen an Mannſchaften und Pferden zu machen. Paris und Lyon ſind es beſonders, die ſich hierin auszeichnen. Jetzt wendet Napoleon ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf das preußiſche Kabinet. Er erfährt bald, daß der König von Preußen über den Abfall ſeiner Trup⸗ ven höchlich entrüſtet iſt. Zugleich erſcheint als Ab⸗ geſandter dieſes Monarchen der Fürſt Hatzfeld in Pa⸗ ris. Dieſer erklärt, daß Preußen zu aller Genug⸗ thuung bereit und mehr denn je der Allianz zugethan ſei; die dem Feinde zugeführten Truppen ſollen er⸗ ſetzt, das Contingent auf dreißigtauſend Mann erhöht werden. Er geht noch weiter, er läßt den Gedanken äußern, die politiſche Allianz durch ein Familienband feſter zu knüpfen. Dieſe Sprache vermindert die Beſorgniſſe, welche York's Abfall erweckt hatte. Wenn zwanzigtauſend Preußen die Armee verſtärken, werden die Ruſſen die Weichſel nicht überſchreiten. Ueberdies ſteht Augereau mit dem eilften Corps ganz friſcher Truppen in Ber⸗ lin. Grenier kommt mit Verſtärkungen aus Italien. Broucier gebietet über beträchtliche Cavalleriedepots. Alle dieſe Truppen, welche die große Armee ver⸗ ſtärken, werden die Angelegenheiten wieder in Ord⸗ nung bringen. Napoleon hofft ſonach, daß die Ruſſen die Weich⸗ ſel nicht überſchreiten werden und daß ihnen im ſchlimm⸗ ſten Falle die Thore Deutſchlands wenigſtens an der Oder geſchloſſen find. Mitten unter dieſen ſich drängenden Ereigniſſen und gährenden Unruhen hält der Kaiſer die Ausglei⸗ chung der Streitigkeiten mit dem Papſte für eine der wichtigſten Angelegenheiten; denn er erblickt in letz⸗ 72 tern den Keim zu Zwiſten, die ihm in der gegenwär⸗ tigen Lage der Dinge ſehr gefährlich werden können, weil zu fürchten iſt, daß ihr ungünſtiger Eindruck bis tief nach Spanien und Italien hinein ſich fortpflan⸗ zen werde. Bei einer Jagdpartie nach Grosbois ſondert ſich der Kaiſer plötzlich von ſeinem Gefolge und ſprengt mit verhängtem Zügel nach Melün und von da nach Fontainebleau. Seine unerwartete Ankunft überraſcht den Papſt. Er empfängt den Kaiſer mit Achtung, nicht ohne Aeußerungen von Freude. Die Unterre⸗ dung wird italieniſch geführt. Napoleon entfaltet al⸗ len Zauber ſeiner Unterhaltung, Vier Tage lang be⸗ darf er, um ſich mit dem Oberhaupte der Chriſtenheit über die einzelnen Artikel des Concordats zu vereini⸗ gen. Endlich iſt's ihm gelungen. Mitten im glänzendſten Zirkel von Prälaten, Mi⸗ litairs, Kammerherren wird dieſes wichtige Document unterzeichnet. Aber während der große Mann ſich mit den An⸗ gelegenheiten der Kirche beſchäftigt, langen ununter⸗ brochen Depeſchen aus Deutſchland an, die ſeine Auf⸗ merkſamkeit mehr denn je in Anſpruch nehmen. Von den Konferenzen mit dem heiligen Vater kehrt er in ſein Kabinet zurück. Sein Geiſt fliegt über Spanien, Italien, Deutſchland bis zu dem ufer der Weichſel. Die neueſten Berichte von der großen Armee liefern nichts als eine Reihe von Fehlern und Unfällen. Der ſich ſelbſt überlaſſene König von Nea⸗ pel dachte nur an eiligen Rückzug. In kurzem Zeit⸗ raum iſt das Hauptquartier von Königsberg bis Po⸗ ſen iäcen⸗ Immer mehr verfinſtert ſich die Stirn Napoleon's, da langt ein Schreiben des Major⸗ aus Po⸗ ſen an. Es lautet: 2 eb— 73 „Sire! Ein Adjutant des Königs von Neapel bringt mir dieſen Mittag einen Brief Seiner Majeſtät, worin dieſer den Oberbefehl der Armee niederlegt. Ich habe den König aufgefordert, das Commando beizubehal⸗ ten; aber er antwortete, daß es ſein feſter Wille ſei. Auch trotz der inſtändigſten Bitten des Vicekönigs beharrte Seine Majeſtät auf Niederlegen des Ober⸗ befehls. Der Vicekönig wollte denſelben nicht anneh⸗ men, als aber endlich die Wagen des Königs bereit waren, vermochte ich Seine kaiſerliche Hoheit zu pro⸗ viſoriſcher Uebernahme. Ich gab ihm die Verſicherung meines Eifers, ſo ſehr auch meine Geſundheit leide. Ew. Majeſtät werden einſehen, wie wichtig es iſt, Ihre große Armee zu organiſiren und einen Beſchluß wegen eines Generallieutnants zu faſſen. Ich erlaube mir keine Betrachtung über das Betragen des Königs und ſtelle mich unter die Befehle Seiner kaiſerlichen Hoheit, des Vicekönigs. Ich bringe Ew. Majeſtät die Huldigung meiner tiefſten Hochachtung. Der Prinz von Neufchatel, Major⸗General, Alexander.“ Napoleon gerieth nach Durchleſung dieſer Zeilen ſo in Zorn, daß er ſogleich an ſeinen Schwager, den König Mürat, folgende Worte auf's Papier warf: „Sire! Ich ſpreche Ihnen nicht von meinemſMißfallen über Ihr Betragen ſeit meiner Abreiſe von der Ar⸗ mee; dies rührt von der Schwäche Ihres Charakters her. Sie ſind ein guter Soldat auf dem Schlacht⸗ felde; aber außerdem haben Sie weder Charakter noch Stärke. Ich hoffe, Sie ſind keiner von denen, welche 7 4½ glauben, der Löwe ſei geſtorben. Wenn Sie ſo rech⸗ neten, würden Sie falſch rechnen.“ In gleicher Stimmung ſchrieb er an ſeine Schwe⸗ ſter Karoline, Mürat's Gemahlin: „Der König hat die Armee verlaſſen. Ihr Ge⸗ mahl iſt auf dem Schlachtfelde ein tapferer Mann. Er iſt aber ſchwächer als ein Weib oder ein Mönch, wenn er den Feind nicht ſieht. Er hat keinen gei⸗ ſtigen Muth.“ Der Zuſtand der Armee iſt hauptſächlich ver⸗ ſchlimmert worden, daß Mürat kurz vor Niederle⸗ gung des Oberbefehls die Hauptmacht um vierund⸗ fünfzigtauſend Mann geſchwächt hat, die er in pol⸗ niſche und oſtpreußiſche Feſtungen geworfen. So kann ſich der Ueberreſt nicht länger halten und zieht, von den Ruſſen fortwährend verfolgt, an die Oder zurück. Der Zug des Armeegepäcks iſt bereits in Berlin an⸗ gelangt. Napoleon eilt nach Paris zurück. Hier vernimmt er die Abreiſe des Königs von Preußen nach Breslau. Der franzöſiſche Geſandte iſt aufgefordert, dahin zu folgen. Unter dem Vorwande, das verſprochene neue Kriegscontingent zu liefern, ſammeln ſich preußiſche Truppen in der Gegend von Colberg und Stettin. Die feindliche Stimmung des preußiſchen Volkes gegen Frankreich tritt immer unverkennbarer hervor. In Neu⸗ ſtettin haben die Damen dem ruſſiſchen General Czer⸗ nitſcheff einen Ball gegeben. Zwei Tage darauf öff⸗ nen die preußiſchen Cantonnirungen den leichten Trup⸗ pen der Ruſſen den Durchgang und die Koſaken ſetzen über die Oder. Warſchan befindet ſich in ruſſiſcher Gewalt. Schwar⸗ zenberg zieht ſich mit den Oeſterreichern und Polen nach Krakau, Reynier mit den Sachſen nach Kaliſch zurück. Alle dieſe Vorfälle geſtatteten Eugen keinen län⸗ gern Aufenthalt in Poſen, wo er ſich mit bewunde⸗ rungswürdiger Ausdauer faſt einen Monat gehalten hat. Er weicht erſt nach Frankfurt, alsdann nach Berlin zurück. Die ganze große ruſſiſche Armee geht über die Oder. Belin muß geräumt werden. Eugen zieht ſich gegen die Elbe zurück. Hier endlich erreicht der Rückzug aus Rußland ſein Ende, denn hier ſind bereits Verſtärkungen aus Frankreich angelangt. An ihrer Spitze ſtehen die Marſchälle Davouſt, Victor und die Generäle Lauri⸗ ſton und Reynier. Fünftes Rapitel. Ein Wagen rollte die Rivoliſtraße daher und hielt vor Nummer 63. Ein ältlicher Herr ſtieg heraus und gleich darauf eine tief in einen Reiſepelz verhüllte junge Dame. Das liebliche Geſichtchen warf einen Blick nach dem zweiten Stockwerk und verſchwand ſchnellen Schrittes in der Hausflur. Hier kam Herr Normand ſeinen lieben Gäſten aus Straßburg mit offenen Armen entgegen. Auch Henriette flog die Treppe hinab. Es war ein Umarmen und Küſſen, das ſobald kein Ende erreicht haben würde, hätte nicht die durch das Hausthor hereinpfeifende kalte Zugluft die Geſellſchaft gemahnt, ihre Expectorationen in wär⸗ mern und freundlichern Zonen fortzuſetzen. 76 Bald ſaß man um den heimathlichen Kamin, und nach den erſten Aphorismen der Bewillkommnungsre⸗ den und abgebrochenen Zwiſchenreden kam mehr Ord⸗ nung in das Geſpräch. Normand forſchte ſogleich nach den politiſchen Begebenheiten, inſofern ſie auf ſein Banquierhaus Bezug hatten, während die beiden Mädchen ſich alsbald in die Detailintereſſen vertief⸗ ten, worüber ſich die geiſtreichſten Frauen Stunden, ja Tage lang mit ſolcher Vertieftheit unterhalten kön⸗ nen, daß man glauben möchte, ſie wären mit der Auflöſung irgend eines mathematiſchen Problems be⸗ ſchäftigt. . Die Pariſerin überſchüttete ihre junge Freundin mit einem wahren Blumenregen von Toilettenneuig⸗ keiten, daß letztere vor lauter Erſtaunen, Bewunde⸗ rung, Freude, Entzücken, im vollſten Sinne des Wor⸗ tes nicht zu Verſtande kommen konnte. Sie umarmte wiederholt die intereſſante Referentin und rief ein⸗ mal über das andere:„Ihr glücklichen Kinder von Paris!“ Henriette, um für ihr Referat den thatſächlichen Beweis zu liefern, wollte ſo eben Victorinen nach ihrem Boudvir führen, um die mannigfachen, noch ganz neuen Neujahrsgeſchenke einer gemeinſchaftlichen Muſterung zu unterwerfen, als Eugen haſtig in's Zimmer trat. Dieſer kam direct von Benoit, wo ein Rittmeiſter, der dieſer Tage aus dem Hauptquartier der großen Armee nach Paris gekommen war, die Heldenthaten des Fürſten von der Moskwa ausführ⸗ lich erzählt hatte. Der junge Franzoſe war noch ganz außer ſich von der Erzählung, daß er die Straßbur⸗ ger Ankömmlinge faſt gar nicht bemerkte. Erſt als Victorinen's Vater auf ihn zueilte und ihn in ſeine Arme ſchloß, kam er zu ſich, und ſeine erſte Frage 77 war, ob der Elſaß wirklich ſich in Maſſe erhebe, wie das Gerücht gehe? Herr Hugo mußte lächeln und erwiederte, daß auf den Elſaß der Kaiſer ſicher vertrauen könne. Als Eugen Victorinen erſchaute, rief er:„Herr⸗ lich, Couſinchen, daß Sie endlich Wort gehalten ha⸗ ben, wir ſchließen nun Allianz gegen den Buchhalter, der iſt als Republikaner wirklich unverbeſſerlich. Ich habe tagtäglich meinen Aerger mit ihm. Nun kommt er in doppeltes Feuer. Apropos, Sie ſind doch noch kaiſerlich?“ „Gewiß,“ verſicherte Victorine. Eugen wollte eben ihr politiſches Glaubensbe⸗ kenntniß ein wenig ſondiren, als Henriette die Cou⸗ ſine am Arme nahm.„Wir haben jetzt keine Zeit, Theuerſter,“ entſchuldigte ſie, und zog die Freundin mit ſich fort. „Ein ander Mal,“ rief Letztere freundlich bittend und die Mädchen hüpften davon. Die Neugier, die reizenden Neujahrsgeſchenke der Freundin zu beſich⸗ tigen, ſiegte ſelbſt über Victorinen's Intereſſe an Politik. Eugen wandte ſich unmuthig wieder zu den bei⸗ den Oheimen, die in Finanzgeſprächen, Staatspapie⸗ ren, Courſen und Renten vertieft, für ſeinen kriegeri⸗ ſchen Enthuſiasmus in wenig entſprechender Stim⸗ mung waren. Martin Hugo, kaiſerlicher Procurator beim Rech⸗ nungshofe in Straßburg, ein. practiſcher Geſchäfts⸗ mann, hatte ſich in ulle Regierungs⸗Formen, die in ſchnellem Wechſel in Frankreich einander gefolgt wa⸗ ren, ſo ziemlich zu ſchicken gewußt. Unter dem Kai⸗ ſerreiche befand er ſich am Wohlſten, darum war er auch entſchieden kaiſerlich, ohne daß ihn ein höheres 78 moraliſches Intereſſe zur Perſon Napoleon's hingezo⸗ gen hätte. Letzteres trat faſt allein nur bei dem Militairſtande und der Jugend unzweideutig hervor. Der Soldat erkannte in dem Kaiſer ſeinen Abgott; der Weg bis zum General, zum Marſchall ſtand Je⸗ dem offen. Dem Soldaten ward am meiſten geſchmei⸗ chelt, er hielt ſich für den Beſieger Europa's, für den Gründer der großen Nation und den Schöpfer des Ruhms Frankreichs. Das kameradſchaftliche Verhält⸗ niß, in welchem Napoleon im Felde unter ſeinen Krie⸗ gern lebte, die Gefahren und Strapazen, die er mit ihnen theilte, ſchuf jene innige, begeiſterte Anhäng⸗ lichkeit an die Perſon des großen Feldherrn.— Die heranwachſende Jugend, berauſcht von dem Waffen⸗ lärm und den Siegen, die ihre Väter, Brüder, Ver⸗ wandte und Freunde erkämpften, empfänglich für Ehre und Ruhm, konnte es kaum erwarten, den welterobern⸗ den Legionen einverleibt zu werden. Die Intereſſen für Unabhängigkeit, freies Bürgerthum wurden über⸗ täubt von der allgewaltigen Gloire, die den Namen Frankreich hochſtellte über alle Nationen und ihn furcht⸗ bar machte allen Völkern, das mächtigſte nicht aus⸗ genommen. Weit ruhiger dachte der Beamtenſtand, der Kauf⸗ mann und Gewerbtreibende, obſchon auch er ſich, ver⸗ möge der Nationaleitelkeit, geſchmeichelt fand, der gro⸗ ßen Nation anzugehören. Die faſt despotiſche Ord⸗ nung und Pünktlichkeit in der Verwaltung, die poli⸗ zeigemäße Ruhe und Sicherheit nach der gräuelvollen Verwirrung der Republik ließ die Vorzüge der letz tern gleichfalls Manchen vergeſſen und machte den moraliſchen Druck der Napoleoniſchen Herrſchaft we⸗ niger fühlbar. Die Anzahl derer, welche das conſti⸗ tutionelle Regiment nicht verſchwerzen konnten, und 39 als deren Repräſentant Lafayette anzuſehen, der, Aem⸗ tern und Würden entſagend, als Landbauer auf ſei⸗ nem Gute Lagrange lebte, war nicht unbedeutend, aber unterdrückt durch die Militairherrſchaft und überſpon⸗ nen von dem Gewebe des kaiſerlichen Polizeiſyſtems. Normand, in ſeiner Jugend ein eifriger Republi⸗ kaner, fand es in ſpätern Jahren ſeinem eignen Wohle angemeſſener, ſich in Zeit und Umſtände zu ſchicken. Er war reich dabei geworden, und fand jetzt noch weniger Beweggründe, ſein Syſtem zu ändern. Er galt als ein eifriger Napoleoniſt, obſchon er dies we⸗ niger aus Neigung als aus Grundſatz war. Bei manchen Machtſprüchen des Kaiſers, oder im Kreiſe der Vertrauten, wenn eine Flaſche Bordeaux das Band der Zunge loſer geknüpft, zeigte es ſich, daß manche confiscirte Idee aus den neunziger Jahren im rothen Jacobinermützchen zum Vorſchein kam, was ſich bei dem reichen und angeſehenen Banquier ziemlich ſeltſam ausnahm. Die beiden Freunde, durch Schwägerſchaft über⸗ dies näher gerückt, hatten ſich faſt ſeit zwei Jahren nicht geſprochen. Beide kannten ſich und hatten kein Geheimniß vor einander. Nachdem die ihnen zunächſt liegenden Intereſſen beſprochen, ging man auf die Ta⸗ gesgeſchichte über. Normand wollte aus Briefen deutſcher Geſchäfts⸗ freunde wiſſen, daß, durch die unglückliche ruſſiſche Campagne begünſtigt, ſich in Deutſchland eine Kriſe vorbereite. „Nicht blos die Preußen,“ ſprach er,„auch die meiſten Rheinbundvölker ſind unſrer Weltbeſieger von Herzen überdrüſſig und warten auf die erſte günſtige Gelegenheit, die ungebetenen Gäſte zum Lande hin⸗ auszuwerfen.“ 80 „Was man ihnen, unter uns geſagt, nicht ver⸗ denken kann,“ meinte Hugv.„Und wir ſollten aber⸗ mals unſere Söhne hinüberſchicken, um mit ihrem Blute den fremden Leuten Reſpect für Napoleon zu lehren? „Aber ſind unſre lieben Söhne,“ fuhr er fort, „nicht rein toll, wollen ſie nicht mit Gewalt zur Schlachtbank geführt ſein? Ich habe auf meiner Reiſe der Beiſpiele zu Hunderten geſehen. Die Begeiſte⸗ rung für den Kaiſer kann in ganz Frankreich nicht glühender ſein, als im Elſaß. Da iſt keine Stadt, kein Dorf, wo ſich nicht das junge Volk in großen Haufen verſammelt und ordentlich mit Heißhunger nach Waffen verlangt, um, wie ſie ſagen, die ruſſiſche Schmach zu rächen.“ „Meinetwegen möchten ſich die jungen Laffen blu⸗ tige Köpfe holen,“ ſprach Normand,„ich wäre viel⸗ leicht ſonſt auch mitgezogen; aber diesmal hab' ich perſönliches Intereſſe und Du desgleichen. Unſer Vet⸗ ter Eugen, der bereits vor'm Jahre mit vieler Mühe und Noth von der Wuth, Europa zu beſiegen, zu⸗ rückgehalten werden konnte, iſt jetzt von Neuem vom Kriegseifer ergriffen. Es iſt in der That kein Aus⸗ kommen mit ihm. Ich hätte auch gar nichts dawi⸗ der, möchte er mit laufen, hier lernt er ſo nichts, und der Soldat, wenn er nicht todtgeſchoſſen wird, macht jetzt ſein Glück; aber ſeine Mutter überlebt es nicht. Du weißt, was ſie bereits geopfert hat. Der Junge ſelbſt nimmt keine Vernunft an. Täglich läuft er in den Reſtaurationen umher, findet überall gleichgeſtimmte Feuerbrüder, und beſtärkt ſich immer mehr in ſeinen fixren Ideen. Nun, Du haſt ihn vor⸗ hin geſehen.“ „Sollte nicht Georg, auf den er ſo große 8¹ Stücke hält, über ihn etwas vermögen?“ frug der Procurator. „In dieſem Punkte leider nicht,“ war Normand's Antwort,„der Buchhalter verſchwendet täglich ſeine Beredtſamkeit. Wenn es nur ein Mittel gäbe, ihn von Paris zu entfernen. Denn hier, ſehe ich ſchon, iſt keine Möglichkeit, ihn auf andre Wege zu brin⸗ gen, zumal ſeit der Kaiſer zurück iſt, und er täglich Gelegenheit findet, mit alten Haudegen zuſammen zu treffen.“ „Und das Geſetz zwingt ihn nicht?“ frug jener. „Spricht ihn völlig frei vom Dienſt, das iſt's ja, was mich ärgert,“ rief der Banquier;„tauſend An⸗ dere würden ſich glücklich preiſen, zu Hauſe bleiben zu dürfen, und dieſer kann's nicht erwarten, todtge⸗ ſchoſſen zu werden und die arme Mutter in's Grab zu ſtürzen.“ „Und die Mutter ſelbſt vermag nichts über ihn?“ „Um ihren Klagen und Beſchwörungen zu entge⸗ hen,“ antwortete Normand,„kommt er gar nicht mehr zu ihr. Er wohnt, ſeit er Collegia beſucht, beim Profeſſor Laroche; auch mein Haus würde er meiden, wenn ihn Georg nicht herzöge.“ Der Banquier hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Eugen wieder hereintrat, einen mächtigen Atlas in den Armen. „Jetzt erlaubt, mein lieber Straßburger Onkel,“ ſprach er geſchäftig, indem er in dem Folianten blät⸗ terte,„daß ich Euch mit Euren eignen Augen über⸗ zeuge, wie weit die Barbaren vorgedrungen ſind, da⸗ mit Ihr einſeht, wie nöthig es iſt, wenn Frankreich ſich waffnet. Seht hier, da fließt der Niemen, der König von Neapel hätte ſich gern hier gehalten und Winterquartier gemacht; aber Kutuſow und nament⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 6 lich die Koſaken drängten ſo unverſchämt nach, daß er ſich genöthigt ſah, bis zur Weichſel, die fließt hier, zurückzugehen. Jetzt langten allerdings Verſtärkungen aus Deutſchland an. So ging's über Tilſit, Gum⸗ binnen nach Königsberg. Von Danzig kam Hendelet mit ſchöner Artillerie zu Hülfe, und von Riga her rückten Oudinot und Victor, die vereint dem Wittgen⸗ ſtein heldenhaften Widerſtand geleiſtet. Aber alle dieſe Kräfte ſind nicht hinreichend, die einmal entfeſſelten Tartaren und Moskowiten, die zu Hunderttauſenden aus den Wäldern brechen, zumal es, wie man mun⸗ kelt, mit Preußen nicht richtig ſteht, zurückzuhalten; alſo iſt es jedes Franzoſen Pflicht, ſeinen bedrängten Brüdern zu Hülfe zu eilen.“ Vergebens ſtrengte der Procurator ſeine Ueberre⸗ dungsgabe an, dem kriegsluſtigen Vetter das Gegen⸗ theil zu beweiſen. „Napoleon,“ ſprach er,„bedarf nicht dreimalhun⸗ derttauſend neuer Krieger, um einen ehrenvollen Frie⸗ den zu ſchließen, wenn er ſonſt den guten Willen da⸗ zu hat; und ſollten ja die Ruſſen zu übermüthig ſein und die Deutſchen ſo treulos, daß ſie unſer Land angreifen, dann iſt's Nativnalangelegenheit, und dann allerdings jedes braven Franzoſen Pflicht, die Waffen zu ergreifen zum Schutze des Vaterlandes und hei⸗ mathlichen Herdes. Dann ſelbſt würde ich Dirs, Eugen, nicht verargen, wenn Du das Schwert nimmſt, obſchon Dich nicht minder heilige Pflichten, als ſelbſt das Vaterland, zurückhalten. Gegenwärtig aber hin⸗ auszuziehen, die heiligſten Gefühle und Rückſichten mit Füßen tretend, da würde ſelbſt der Kaiſer miß⸗ billigend den Kopf ſchütteln, wie ſehr er kriegeriſchen Muth ehrt und Soldaten bedarf. Glaubſt Du denn, Eugen, daß dem Vaterlande an einem Kämpfer ge⸗ 83 legen iſt, der, um ihm vermeintlicher Weiſe zu die⸗ nen, Bande der Natur zerreißt und ſomit die hei⸗ ligſten Pflichten verletzt? Muß dann nicht dieſes Vaterland beſorgen, Du werdeſt es einmal eben ſo treulos verlaſſen, wie Du die eigne Mutter verlaſſen haſt?“ Der Jüngling klappte ſeinen Atlas zu und ſchwieg eine lange Zeit.„Ich mag mich mit Euch,“ ſprach er endlich in halb ärgerlichem, halb weinerlichem Tone, „nicht ſtreiten über dies Kapitel. Ihr mögt Recht haben nach Euren Anſichten; aber ich“— hier legte er die Hand auf's Herz—„ich habe bei Gott nicht Unrecht.“ „Nur Einer kann Recht haben, Eugen,“ bemerkte Hugo,„nur Einer; darum frage Jeden, der Gefühl hat, ja der nur unparteiiſch iſt, trag' ihm die Sache ruhig und der Wahrheit gemäß vor, und laß ihn entſcheiden.“ Eugen ſtand einige Augenblicke in Gedanken.„Gut denn,“ rief er,„damit keiner Partei zu viel geſchehe, der Onkel ſoll entſcheiden.“ „Ich?“ rief frendig überraſcht der Banquier. „Nein,“ lächelte der Jüngling,„der draußen, der Capitain.“ „Daß Gott,“ ſeufzte Normand,„wer weiß, wo deſſen Gebeine im Schnee bleichen. Seit Borowsk haben wir keine Nachricht.“ „O,“ rief Eugen,„der iſt gewiß noch wohl auf. Bei Benvit cireulirt eine Liſte aller gebliebenen kai⸗ ſerlichen Gardeofficiere, da ſteht er nicht mit darauf.“ Hugo, der von ſeines Schwagers Tod und Ge⸗ fangenſchaft ſo ziemlich überzeugt war, benutzte ſchnell die gute Gelegenheit, den Vetter zu fangen. „Alſo Dein Ehrenwort, Eugen,“ ſprach er,„ daß 6* 8⁴½ Du nur unter ausdrücklicher Bewilligung von Deiner Mutter Bruder Soldat wirſt.“ „Topp!“ rief der Jüngling, die dargebotene Rechte des Oheims ergreifend:„aber nun laßt mir auch Ruhe und quält mich nicht fortwährend mit den kind⸗ lichen Pflichten; ich bin gewiß ein guter Sohn, und keiner kann ſeine Mutter mehr lieben; ich ließe ja gleich das Leben für ſie; aber ich bin auch Franzoſe, und der hat nächſt der erſten Mutter noch eine an⸗ dere, ſie heißt Vaterland. Adien, Onkels, will mir jetzt die nagelneuen Kanonen beſehen, die der Kaiſer hat gießen laſſen und die vor den Tuilerien aufge⸗ fahren ſind.“ Er eilte davon. Die beiden Männer blickten dem ſchönen, an Leib und Seele kräftigen, ſchlank gewach⸗ ſenen Jünglinge nicht ohne Wohlgefallen nach. „Es iſt kein Wunder,“ ſprach endlich der Proeu⸗ rator,„daß mit ſolcher Adlerbiut der Kaiſer Europa erobern konnte. Denn ſolche Exemplare gibt's nicht zu Hunderten, die gibt's zu Tauſenden im Lande.“ „Ich bin nur froh,“ rief Normand mit erleichter⸗ tem Herzen,„daß Freund Eugen nicht mit dem erſten Bataillon hinüber nach Deutſchland zieht, und danke Dir herzlich für Deinen Beiſtand.“ „Begreife indeß nicht,“ meinte Hugo,„wie er ſo leicht auf die Bedingung eingehen und ſein Ehrenwort geben konnte.“ „Wie er immer vorher handelt und dann denkt,“ erwiederte der Banquier.„Ich wette, morgen ſchon bereut er ſein Ehrenwort; dafür ſind wir jedoch ſicher, daß er's nicht bricht.“ „Denn was unſern Capitain betrifft,“ fuhr der Procurator fort,„bab' ich die Hoffnung des Wieder⸗ ſehens aufgegeben.“ 85 „Große Hoffnung hab' ich auch nicht,“ ſprach Normand,„indeß iſt die Garde dasjenige Corps, das noch am glücklichſten davon gekommen iſt.“ Die beiden Couſinen waren jetzt von ihrer Toi⸗ lettenſchau zurückgekehrt. Victorine flog ſogleich ihrem Vater an den Hals. „Väterchen,“ rief ſie begeiſtert,„die wunderſchö⸗ nen Neujahrsgeſchenke Henrietten's ſollteſt Du ſehen!“ „Die Couſine,“ erwiederte dieſer lächelnd,„hat wahrſcheinlich auch das Jahr über ſchön gefolgt, was bei Dir nicht immer der Fall geweſen iſt.“ „Ei, ei, Couſinchen,“ drohte Normand,„was muß ich hören; gewiß den jungen hübſchen Straßburgern die Herzen erobert und die Köpfe verdreßt.“ „Nein,“ ſprach der Procurator,„von Eroberungs⸗ ſucht will ich ſie frei ſprechen, obſchon ſie den größten Eroberer des Jahrhunderts zu ihrem Abgott gewählt hat; aber ſie politiſirt mir zu viel, mengt ſich in Angelegenheiten, die ein Mädchen nichts angehen; ſag' ſelbſt, Pormand, würdeſt Du es bei Henrietten billi⸗ gen, wenn ſie den Moniteur dem Courier des Modes vorziehen wollte?“ „Nun, ich mag meine Tochter auch nicht ganz freiſprechen,“ erwiederte der Banquier,„aber ich ent⸗ ſchuldige es durch die gegenwärtigen großen und verhängnißvollen Zeiten, in denen unſer Vaterland die wichtigſte Rolle ſpielt, und die wohl geeignet ſind, in dem indifferenteſten Gemüthe Intereſſe zu erwecken.“ „Ganz wohl,“ meinte Hugo,„aber Alles hat ſein Maaß, und dieſes eben findet Victorine nicht. Die Zeiten ſind Gott ſei Dank vorbei, wo die Frauen im Nativnalconvente ſaßen. Sie ſollen ſich nicht in Dinge miſchen, die ſie nicht verſtehen.“. 86 Vietorine erröthete, weniger aus Verlegenheit, in Gegenwart Normand's und Henrietten's ſo rügende Worte vom Vater vernehmen zu müſſen, als vielmehr aus Unmuth, daß ihr ganzes Geſchlecht dadurch ange⸗ griffen ward. Henriette nahm die Partei ihrer Freundin und vertheidigte dieſelbe nach beſten Kräften. Victorine ſelbſt blieb ſichtbar verſtimmt. Der Proeurator, der nichts zu bemerken ſchien, fuhr fort:„Ich laſſe mir eine gerechte Bewunderung des großen Mannes, der über Frankreich gebietet, recht gern gefallen. Niemand verdient ſie mehr; aber ſie ſoll nicht in abgöttiſche Verehrung ausarten, wie das namentlich im Elſaß häufig der Fall iſt. Der⸗ gleichen abgöttiſche Verehrung iſt übrigens nicht ein⸗ mal ſo ernſtlich gemeint, weit mehr Strohfeuer, und deshalb um ſo nachdrücklicher zu rügen.“ „Aber, wie iſt mir denn,“ fiel hier Normand ein, „im vorigen Sommer ging der Nichte ja nichts über die Republik, und jetzt kaiſerlich?“ Victorine blieb die Antwort ſchuldig. „Ein Beweis mehr,“ ſprach der Procurator,„von der Veränderlichkeit der Frauen; heut ſo, morgen ſo, übermorgen wieder anders.“ „Als ob es die Männer beſſer gemacht,“ bemerkte halb laut die Straßburgerin. „Ja wohl,“ rief Henriette eifrig,„habt Ihr es denn anders gemacht? Papa und Onkel waren vor⸗ dem Republikaner. Die Republik war das A und das O, und jetzt, was ſind wir jetzt?“ „Siehſt Du,“ ſprach der Banquier,„jetzt fängt die meine auch an.“ „Und was werden wir worgen ſein,“ fügte Vie⸗ torine nicht ohne Bitterkeit hinzu,„falls das Unglück 87 über den großen Mann hereinbricht; werden wir treu an ihm hangen im Unglück wie im Gliück?“ „Wer zweifelt daran?“ ſprach der kaiſerliche Pro⸗ curator ſchnell. Und der Pariſer Bangquier frug in demſelben Tone:„Wer zweifelt daran?“ „Ich,“ erwiederte im ruhigſten Tone der Welt das Mädchen aus Straßburg. „Höre, Victorine,“ erwiederte nach einer Pauſe mit unterdrückter Hitze der Vater,„ich liebe derglei⸗ chen Geſpräche überhaupt nicht, aber ſie werden mir verhaßt, ſobald ſie in Unartigkeiten ausarten.“ „Unartig?“ frug Victorine ruhig und unbefangen, „wenn ich meine Ueberzeugung ausſpreche?“ „Ich unterſage Dir,“ fuhr nun der Vater her⸗ aus,„einmal für allemal dergleichen Geſpräche. Hätte mir übrigens nicht träumen laſſen,“ ſetzte er hinzu, „daß ich in Paris würde genöthigt ſein, einer er⸗ wachſenen Tochter Collegia über die Schicklichkeit zu halten.“ Victorine blickte den Onkel und Henrietten ver⸗ wundert fragend an. „Es bleibt dabei,“ entſchied ſtreng der Procura⸗ tor,„oder Du begleiteſt mich übermorgen nach Straß⸗ burg.“ „Um Himmelswillen,“ rief Henriette und machte einen Scherz aus der Sache,„das wäre eine theure Politik. Nein, mein Herz,“ fuhr ſie, die Freundin umarmend, fort,„der Papa ſoll nichts wieder davon erfahren, wir politiſiren künftig unter uns, und da werden Sie hoffentlich nichts dagegen haben, Herr Onkel?“ Dieſer war noch ziemlich ungehalten, daß ſeine eigne Tochter an ſeiner Treue für die gegenwärtige Dynaſtie zweifelte. Er wandte ſich an Normand und 88 gab dem Geſpräch eine andere Richtung, als Georg in's Zimmer trat. „Daß Gott!“ rief Henriette,„jetzt kommt der wahre Verſucher. Comment suspendu, Herr Onkel, ſonſt geht die Reiſe wahrhaftig nach Straßburg.“ Der Buchhalter ward von dem Prveurator wie ein alter Freund empfangen. Durch mehre Gefällig⸗ keiten, die Georg Letzterm vermittelſt brieflicher Corre⸗ ſpondenz erwieſen, fand ſich Hugo doppelt verpflichtet, und ſtattete ſeinen Dank mit aller der Artigkeit und ſchmeichelnden Zungengeläufigkeit ab, die dem Fran⸗ hoſen eigenthümlich iſt. Georg, der weniger Worte zu machen verſtand, gerieth in Verlegenheit, die ſich noch vermehrte, als auch die reizende Vietorine mit ihrem Danke für die Ueberſendung der neueſten nordamerikaniſchen Litera⸗ tur, um welche ſie den Buchhalter durch Henrietten hatte erſuchen laſſen, nicht zurückblieb. Zum Glück beſann er ſich auf ein Voltaire'ſches Bonmot. „Ich werde erſtickt,“ rief er endlich,„aber mit Roſen.“ „Die Roſen ſind für Dich,“ flüſterte Henriette der Freundin in's Ohr. Als man ſich niedergelaſſen hatte, fand es Georg der Ordnung und Artigkeit gemäß, auch ſeinem inter⸗ eſſanten vis à vis, der liebenswürdigen Straßburgerin, ein paar Worte zukommen zu laſſen. Hier war er nicht lange in Verlegenheit. Er erinnerte ſich nur zu gut ſeiner intereſſanten Zweigeſpräche vom vorigen Som⸗ mer und glaubte, da er doch unmöglich mit dem Wet⸗ ter beginnen konnte, keinen beſſern Geſprächsübergang finden zu können, als wenn er unmittelbar n jene zurückkehre. „Wie iſt mir denn,“ frug er endlich, als er ſich S vom Prreuratvr frei gemacht hatte, nicht ohne Errö⸗ then zu dem Mädchen gewendet,„Sie haben die re⸗ publikaniſchen Fahnen verlaſſen?“ „Um Gotteswillen!“ rief Henriette mit komiſchem Entſetzen,„welch' eine gefährliche Frage ſtellen Sie? Das arme Kind muß ja auf der Stelle nach Straß⸗ vurg, wenn Sie ſo fragen.“ Georg erſchrak nicht wenig, er glaubte ganz gewiß eine Unſchicklichkeit begangen zu haben, als ihn das Lachen der beiden Väter noch mehr in Verlegenheit brachte. Zum Glück löſte ſich das Räthſel bald und ein großer Stein fiel ihm vom Herzen. Victorine erſchien ihm aber jeßt noch einmal ſo reizend wie früher. Das arme Mädchen, das ſich jetzt nicht zu ver⸗ theidigen wagte, weil ſie fürchten mußte, vom Vater. der in gewiſſen Dingen keinen Spaß verſtand, rück⸗ ſichtslos zur Ruhe verwieſen zu werden⸗ flüſterte ent⸗ ſchuldigend dem Buchhalter die Worte zu:„Wir ſpre⸗ chen uns ſchon.“ Dabei blickten die ſchönen Augen ſo vertrauend zu ihm herüber, daß dem jungen Republi⸗ kaner ganz wunderbar um's Herz wurde. In den vier leis hingehauchten Worten:„Wir ſprechen uns ſchon,“ lag für ihn ein ſolch unendlicher Zauber, daß von jetzt an das Geſpräch des Banquiers und Procurators ſpurlos an ſeinen Ohren vorüber⸗ ging. Von dem Gebiete der Politik verwieſen, unter⸗ hielt er, von Henrietten aufgefordert, die beiden Damen von den Urwäldern, den Strömen, Palmen und Pla⸗ tanen ſeines großen, ſchönen Vaterlandes. Dabei richtete er ſeine Worte faſt nur an Victorinen, die ihm auch mit ſolcher Aufmerkſamkeit zuhörte, als verkünde er das Evangelium von der ewigen Glück⸗ ſeligkeit. 90 Henrietten, deren feiner Beobachtungsgabe Georg's Zuſtand gleich vom Anfang her nicht entgangen war, ärgerte dieſe Vernachläſſigung ein wenig. „Herr Buchhalter,“ frug ſie,„der entſchiedenſte Republikaner kann wohl leicht in Gefangenſchaft ge⸗ rathen, wo er ſeine Freiheit abſchwört?“ Der Angeredete, der in der pittoresken Beſchrei⸗ bung ſeines Vaterlandes ſo eben beim Waſſerfalle des Niagara ſtand, und fortwährend ſein reizendes Gegen⸗ über in den Augen hatte, überhörte die Frage ganz, ſo daß ſie von Henrietten wiederholt werden mußte und zwar in etwas markirterem Tone. Georg fuhr erſchrocken auf.„In Gefangenſchaft gerathen?“ frug er,„das iſt allerdings nicht unmög⸗ lich; aber ſeine Freiheit abſchwören, wie, wo denken Sie hin, ein Republikaner ſeine Freiheit?“ Henriette lächelte.„Nun wenn auch gerade die Freiheit nicht, doch die alltägliche Artigkeit, die man den Damen ſchuldig iſt?“ Georg verſtand ſie wirklich nicht. Er blickte fra⸗ gend nach Victorinen. Dieſe erkannte ſogleich den Sinn der Frage. Sie machte ſich jetzt ſelbſt Vorwürfe, durch ihr aufmerk⸗ ſames Zuhören an Georg's Vernachläſſigung und Ver⸗ letzung Henrietten's Schuld geweſen zu ſein. Sie wandte ſich daher mit aller ſchweſterlichen Herzlichkeit zur Freundin, die ſie auch bald wieder in gute Laune verſetzte. Aber der Buchhalter mußte jetzt büßen. Die beiden Mädchen verſenkten ſich ſo tief in's Ge⸗ ſpräch mit einander, daß Georg mehrmals vergebens anſetzte, die Fortſetzung ſeiner maleriſchen Geographie zu liefern. Man hatte keinen Blick, kein Wort und keine Andacht mehr für ihn. Er konnte auch den ganzen Abend nicht wieder zu einem vernünftigen Ge⸗ ———— —————————— 9¹ ſpräch mit den Mädchen gelangen. Die Straßburger⸗ von der Reiſe ermüdet, begaben ſich zeitig zur Ruhe. Man ging für Georg viel zu zeitig auseinander; doch trotz aller dieſer Fehlſchlagungen mußte er ſich ge⸗ ſtehen, daß der heutige Abend einer der ſchönſten ſei⸗ nes Lebens war. Sechſtes Rapitel. An andern Tage ſaßen die beiden Couſinen allein beiſammen im Familienzimmer, als die Thür aufging und Georg's Kopf ſichtbar wurde, der jedoch ſogleich wieder verſchwand, ſobald er gewahrte, daß ſich die beiden Damen allein im Zimmer befanden. „Nur näher, mein Herr,“ rief Henriette,„Papa wird ſogleich hier ſein, und vor uns brauchen Sie ſich nicht zu fürchten.“ Durch ſolche Worte ermuthigt, trat der Buchhal⸗ ter vollends herein, entſchuldigte ſich, wenn er ſtöre, und frug in beſcheidenem Tone, ob Herr Normand noch lange außenbleiben werde? „Ich ſagte Ihnen ja,“ erwiederte Henriette,„daß er ſogleich wieder hier ſein würde, er iſt nur mit dem Onkel über die Straße gegangen. Sie ſcheinen ja meine Fragen gar nicht mehr verſtehen zu wollen, Herr Buchhalter; ſchon geſtern Abend ward mir Gele⸗ genheit dies zu bemerken.“ Georg, in Vietorinen's Anblick verſunken, wußte nicht gleich, was er antworten ſollte. „Was meinſt Du,“ wandte ſich Henriette leiſe zur Freundin,„ob wir ihn wieder zu Gnaden an⸗ nehmen; ich dächte, er hätte geſtern Abend genug ge⸗ büßt?“ Viectorine that ſo gleichgiltig als möglich. „Nicht wahr, Du biſt's zufrieden?“ fuhr Erſtere fort;„nun, nehmen Sie gefälligſt Platz, Herr Buch⸗ halter, unterhalten Sie uns, aber nicht ſo wie geſtern Abend; Victorine vergiebt es Ihnen, wenn Sie bei Ihren Relationen auch mich zuweilen ein wenig an⸗ ſchauen.“ „Biſt Du bei Sinnen!“ ſchalt dieſe leiſe, und neigte ihr erröthendes Geſicht tief auf die Stickerei. „Politiſiren ſoll die kleine Straßburgerin freilich nicht,“ meinte Henriette,„das iſt ihr ſtreng unter⸗ ſagt: aber immer fangen Sie an, Herr Georg, ich verrathe es nicht.“ Georg hatte endlich Platz genommen, aber zu ei⸗ ner vernünftigen Unterhaltung wollte es nicht kom— men. Der junge, muthvolle Mann, der keinen An— ſtand genommen haben würde, Kaiſern und Königen die Wahrheit zu ſagen, war durch die kleinen Anzüg⸗ lichkeiten, die er in Gegenwart Vietorinen's hatte an⸗ hören müſſen, ſo aus dem Context gebracht, daß er nur ein paar unzuſammenhängende Phraſen zuſam⸗ men zu ſtoppeln vermochte. Henriette weidete ſich an ſeiner Verlegenheit, ſie fand ſich jetzt vollkommen für die geſtrige Vernach⸗ läſſigung gerächt. Doch einen kleinen Coup mußte ſie noch ausführen. Sie ſprang plötzlich auf, lief aus dem Zimmer und ließ die beiden Verliebten allein. Vietorine wußte im erſten Augenblicke nicht, ſollte ſie der Freundin nacheilen; aber das wäre zu lächer⸗ lich und für Georg beleidigend erſchienen. Sie blieb alſo bei ihrer Stickerei und lauſchte ängſtlich, ob der Republikaner nicht das Wort ergreifen werde. —————— 93 Dieſer befand ſich in verzweifelter Lage. Er fühlte die Unſchicklichkeit, wie ein Oelgötze ſtumm dazuſitzen, gleichwohl konnte er ſich durchaus auf keinen paſſenden Anfang beſinnen; Alles, was er ſagen wollte, erſchien ihm ſo einfältig, hölzern, gemein und proſaiſch. Vie⸗ torinen's Benehmen am vorigen Abende, an welchem ſie plötzlich von ſeinem nordamerikaniſchen Geſpräche nichts mehr hören wollte, hatte ihn vollends ſchüch⸗ tern und verlegen gemacht. Und je länger er ſtumm dem ſchönen Kinde, das ihm mit jeder Minute rei⸗ zender erſchien, gegenüber ſaß, deſto ſchlimmer ward's, deſto größer dehnte ſich die Kluft zu einem paſſenden Anſatz. Um einigermaßen ein dieſes Engels würdiges Geſpräch anzuknüpfen, hätte er müſſen direct von der Unſterblichkeit anfangen und ſo gradatim fortgehen bis zur Analyſe des Unendlichen. Das ging doch auch nicht. So ſaßen die Beiden, die ſich ſo unend⸗ lich Viel zu ſagen hatten, als ſeien ſie des Sprach⸗ organs gänzlich beraubt, einander ſtumm und in hal⸗ ber Verzweiflung gegenüber. Beide verwünſchten Henrietten, welche wenigſtens in der Converſation als verſöhnendes Medium zwiſchen ihnen geſtanden, und ſie mit einem Male ſchmählich verlaſſen hatte. Sie ließ ſich auch gar nicht wieder blicken. Endlich faßte ſich Victorine ein Herz und frug, ohne von der Stickerei aufzublicken: „Sie ſcheinen heute etwas verſtimmt, Herr Buch⸗ halter?“ Jetzt konnte den Gefragten kein Gott erlöſen, er mußte antworten. Nun war aber die Frage, ſollte er die Verſtimmung zugeſtehen, oder ſollte er ſie läug⸗ nen? Geſtand er ſie zu, war es ſchicklich, zugleich den Grund davon anzugeben. Läugnete er, mußte ſein Schweigen in noch ſonderbarerem Lichte erſchei⸗ nen. Er blieb alſo der Wahrheit getreu. 9 ½ „Ach, Mademoiſelle,“ begann er in ſanfter, herz⸗ gewinnender Rede,„verſtimmt wohl bin ich nicht, aber betreten, recht ſehr betreten und in gerechter Beſorgniß.“ „Und warum?“ frug Victorine theilnehmend, bei der Frage einmal vom Stickrahmen aufblickend. „Soll ich wohl nicht,“ fuhr Georg wärmer fort, „da ich in Sorge ſein muß, Sie geſtern Abend durch mein einfältig Geſchwätz beleidigt zu haben? aber,“ fügte er mit Innigkeit hinzu, und die Hand auf's Herz legend,„es hat mir wahrhaftig recht leid ge⸗ than.“ Victorinen's Blicke weilten, während er ſprach, einen Augenblick auf ſeinem ſchönen, von Trauer um⸗ wölkten Antlitz.— „Wie Sie auch ſprechen,“ erwiederte ſie wieder zur Stickerei gewendet,„mich beleidigt? Gewiß nicht!“ „Aber Sie wandten ſich ja geſtern ſo urplötzlich ab,“ fuhr jener fort,„und würdigten mich keines Wortes mehr.“ „Mein Gott,“ begann ſtockend Victorine und neigte erröthend das Antlitz auf ihre Arbeit—„Sie muß⸗ ten ja einſehen—“ „Wohl iſt mir durch Mademoiſelle Henriette klar geworden,“ fuhr der Buchhalter fort,„welches eigent⸗ lich mein Vergehen; aber ich bin ein Menſch, der, vor Kurzem aus den Wäldern gekommen, ſich in den Formen der europäiſchen Geſellſchaft nur ſchwerfällig zu bewegen weiß. Bei uns zu Hauſe ſpricht man, wie man's meint. Das kann ich noch immer nicht vergeſſen, zumal wenn mir das Herz ſo voll wie geſtern Abend.“ Victorine lauſchte mit ſtillem Entzücken dieſer Rede. Sie enthielt ja die ſchönſte Huldigung für ſie. „Und nicht wahr, Mademviſelle,“ er in halb 95 bittendem, halb treuherzigem Tone fort,„Sie ſind mir nicht bös darum, wenn mir ſo das Herz zuwei⸗ len über die Zunge läuft? Sie waren ja ſonſt ſo gut und ſind jetzt gewiß noch beſſer geworden.“ „Ei, woher wiſſen Sie denn das?“ frug das Mäd⸗ chen lächelnd und doppelt erfreut, daß das Geſpräch eine andere Wendung genommen hatte. „Ja, das kann ich freilich nicht ſagen,“ meinte Georg,„aber es iſt mir ſo; gewiß, ich könnte mein Leben darauf verwetten.“ „Wer wird ſo leichtſinnig wetten,“ ſprach ſie ver⸗ weiſend. „Ja, beim Himmel, mein Leben,“ rief der junge Mann mit Feuer,„und wiſſen Sie noch etwas, Ma⸗ demviſelle?“ „Nun?“ „Wiſſen Sie noch etwas?“ ſprach er leiſe und ver⸗ traulich,„man ſagt, Sie wären kaiſerlich geworden; aber immerhin, mögen Sie es ſein, meinetwegen auch bourboniſch— bin ich auch ſtrenger Republikaner— Ihnen kann ich darum nicht zürnen.“ Victorine fühlte ſich jetzt auf einer Seite berührt, die ihr das Blut raſcher wallen machte. Ohne der reizenden Mädchenhaftigkeit eine Linie zu vergeben, glühte ſie höher auf. In dem ſchönen Auge keimte jener begeiſterte Funke, der ſtets Bürge iſt, daß unſre Bruſt von Hohem, Göttlichem erwärmt iſt. „Auch ich bin Republikanerin,“ ſprach ſie mit edler, klangvoller Stimme. „Alſo nicht dem Tyrannen ergeben?“ frug Georg freudig überraſcht.„ „Tyrann? Wie mögen Sie den Helden der neuen Zeit einen Tyrannen ſchelten?“ erwiederte ſie nicht ohne ſanften Vorwurf. 96 „Sie kennen ja meine Anſichten über Napoleon von früher,“ verſetzte Georg,„es ſind dieſelben.“ „Auch ich theile ſie,“ ſprach Victorine,„jetzt aber ich unparteiiſcher zu urtheilen.“ Der Buchhalter lächelte. „Sie lachen mich aus,“ ſprach ſie gekränkt,„und halten meine Meinungsänderung für mädchenhaften Leichtſinn. Dann iſt ſie wahrhaftig nicht ſo.“ „Aber wie iſt dieſe Sinnesänderung ſo ſchnell vor ſich gegangen?“ „Wollen Sie die Gründe hören?“ frug ſie lieblich. „Ich bin ganz Ohr,“ ſprach erwartungsvoll der Republikaner. „Aber es belauſcht uns doch Niemand?“ frug Victorine, ſich ängſtlich umblickend. „Ohne Furcht,“ tröſtete Georg,„wir ſind allein.“ „Und auch nur Ihnen vertrau' ich's,“ ſraß ſ ſie mit ſchüchterner Offenheit. Der junge Mann ſaß im dritten Himmel. „Ich muß allerdings weit ausholen,“ begann ſie, „aber ich will mich ſo kurz wie möglich faſſen. Un⸗ fern unſerm Landgute bei Straßburg lebt ſo lange, als ich mich zu entſinnen weiß, ein alter Mann mit ſchneeweißem Haar. Er wohnt wie ein Einſiedler in einem ziemlich abgelegenen freundlichen Thale. Die ganze Gegend verehrt in ihm einen Weiſen, und wer da Troſt und Rath bedarf, kommt zu ſeiner Hütte und geht nicht ohne Troſt und Stärkung von dan⸗ nen. Ich beſuchte ihn oft ſchon als Kind in Früh⸗ lings⸗ und Sommerzeiten, wenn wir auf dem Gute wohnten. Er hatte innige Liebe zu mir, lehrte mich die Namen der Sterne kennen und die der Blumen und der Kräuter und der Länder auf Erden und die Namen der größten Flüſſe und höchſten Berge. Als 95 ich herangewachſen war, hörte ich eines Tages meinen Vater heftig auf die Preußen ſchelten, mit welchen wir damals Krieg führten. Ich merkte mir das, und als ich bald darauf meinem alten Lehrer einen Be⸗ ſuch machte, fing ich ebenfalls an, auf die Preußen zu ſchelten, wie ich ſo oft vom Vater gehört hatte. Da aber zu meinem großen Schrecken gewahrte ich, wie ſich das ſonſt immer ſo freundliche Geſicht des alten Mannes ſehr verfinſterte. Im ernſten, ſtrengen Tone, wie ich ihn von ihm faſt nie vernommen hatte, verwies er mir meine Rede und ſagte, ein Mäd⸗ chen dürfe ſich nicht um ſolche Dinge bekümmern. Ich wagte es nicht wieder zu politiſiren. Abermals gingen Jahre dahin. Faſt täglich erſchienen in un⸗ ſerm Hauſe Herren, die, ſobald ſie beiſammen waren, ſich von nichts weiter unterhielten, als von der Art und Weiſe, wie ein Volk am Beſten zu regieren und welches die zweckmäßigſte Staatsverfaſſung ſei. Ich ſann auch darüber nach, aber die Meinungsverſchie⸗ denheiten, die ich faſt täglich hörte, ließen mich nie auf's Reine kommen. Der Frühling erſchien, wir zo⸗ gen wieder auf's Gut, und hier konnt ich meine po⸗ litiſchen Serupel und Zweifel meinem alten Freunde mit den Silberlocken nicht länger verbergen, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß er wieder bös werde. Auch verfinſterte ſich ſeine Stirn abermals; da ich jedoch nicht abließ, ihn zu bitten, und er ſah, daß es wirk⸗ lich Ernſt bei mir war, ward er mild und freundlich. Er lehrte mich die Geſchichte der neuern Völker und namentlich Frankreichs. Da kamen gute Fürſten vor, aber auch böſe, hinterliſtige, blutdürſtige. Da ward Krieg geführt, blos weil es dieſem oder jenem Könige ſo gefiel, da gab's Blutvergießen wegen der Religion — da ward der Bürgersmann blutig unterdrückt, dem Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 5 98 Landmanne ſeine mühevoll bebauten Aecker verwüſtet; da gab's keine Gerechtigkeit; Alles ging nach den Launen der Vornehmen und Adeligen; der Arme mußte unverſchuldet leiden, der Reiche lebte in Ueberfluß und Ungerechtigkeit. Alles dies erklärte mir der Greis ſo klar und lebhaft, daß mir es war, als lebte ich mitten darinnen in den alten böſen Zeiten. Dieſer Geſchichtsunterricht währte den ganzen Frühling und Sommer. Als ich thränenden Abſchied nahm, ſagte mein Lehrer: Für jetzt weißt Du genug, merk' Dir Alles, und wenn ich über's Jahr noch lebe, ſollſt Du auch erfahren, welches die beſte Art und Weiſe iſt, ein Volk zu regieren und glücklich zu machen. Er hielt Wort, denn er lebte noch, und ſo entzündete und nährte er in mir glühende Liebe für die republi⸗ kaniſche Verfaſſung, als der einzigen, durch welche das wahrhafte und dauernde Glück eines Volks begründet werden könne, weil Gerechtigkeit und Tugend die ein⸗ zigen Pfeiler einer wahrhaften Republik wären. Noch ſei die Zeit für einen ſolchen Freiſtaat nicht gekom⸗ men, aber wie die Geſchichte lehre, ſchreite das Ge⸗ ſchick der Nationen einer ſolchen allgemeinen Frei⸗ heit, Gerechtigkeit und Tugend unaufhaltſam entgegen. „Ich war alſo von Grund der Seele republikaniſch, wie Sie mich im vorigen Sommer kennen lernten, und bin es noch. Als wir von unſrer Pariſer Reiſe zurückkehrten, wünſchten die Aeltern die letzten Tage der ſchönen Jahreszeit auf dem Gute zu verleben, zumal wir durch des Vaters Krankheit im Jahre zu⸗ vor genöthigt waren, den Frühling und Sommer in der Stadt zu verbringen. So ſah ich nach zwei Jah⸗ ren meinen alten Freund wieder. Die Zeit ſchien ſpurlos an ihm vorübergegangen zu ſein, er war noch immer der rüſtige Greis mit dem ſchneeweißen Haupte „ 99 und dem jugendlichen Herzen. Was hatte ich ihm nicht Alles zu erzählen! Mein Erſtes war, daß ich mich unverhohlen und bitter gegen die Gewaltherr⸗ ſchaft Napoleon's ausſprach. Mein längſt genährter Widerwille, den ich nur irgend laut werden laſſen durfte, war durch die Unterhaltung mit Ihnen, mein Freund, nur vermehrt worden. Bei dem Eremiten glaubte ich frei vom Herzen reden zu dürfen. Aber wie einſt, als ich auf die Preußen ſchalt, verfinſterte ſich das Geſicht des Greiſes. Wie! rief er, den Na⸗ poleon ſchmähen? ihn einen Mörder der Freiheit nen⸗ nen? O, die Freiheit war lange todt, als der erſte Held der Weltgeſchichte ſich mit kühner, kräftiger Hand des Ruders bemächtigte, damit das Schiff nicht ſtran⸗ dete und erbärmlich zu Grunde ging. Ich ſah es deutlich in den Büchern der Vorſehung geſchrieben, es mußte ein außerordentlicher Abgeſandter kommen, der die Welt wieder in ihre Axe ſchob und die Göt⸗ ter ſchickten einen aus ihrer Mitte einen— Napo⸗ leon; und über einen ſolchen Mann, der kaum aller Jahrtauſende geboren wird, dürfen wir jetzt, wo ſein Werk noch nicht vollendet, nicht zu Gericht ſitzen. Mit einem ſolchen dürfen wir auch nicht rechten über eine Kanne Blut mehr oder weniger, die er, nach unſern Begriffen, für ſeinen Ehrgeiz vergoſſen hat. Napo⸗ leon ehrgeizig, ja ſo ſcheint es der Menge, aber wer, wie er, die Menſchen als Zahlen verachtet, kann kaum ehrgeizig ſein, und beſitzt er ja Ehrgeiz, ſo dient ihm dieſer nur als Mittel zu ſeinem großen Zwecke, und der beſteht darin, die träge Menſchheit um Jahrhun⸗ derte mit ſich vorwärts zu reißen. Man nennt ihn Mörder der Freiheit, immerhin: ein Volk von dreißig Millionen, das ſich die Freiheit nehmen läßt, verdient noch keine; er blies das flackernde Freiheitslämpchen 7— 100 aus, weil es mehr blendete als erleuchtete; er unter⸗ drückte die Preſſe, weil er bei ſeinem Baue keine ba⸗ byloniſche Sprachverwirrung wollte; er brauchte keine geſetzgebende Deputirten, weil er keine Zeit hatte, ſich mit ihnen in phraſenreiche Diseuſſionen über Volks⸗ freiheit und Volksſouverainetät einzulaſſen; kurz, nennt ihn wie ihr wollt, einen Uſurpator, Despoten, Ty⸗ rannen, alle dieſe Anklagen zerſtäuben wie Spreu, zer⸗ fließen wie Nebel vor der Sonne, die er anzündete. Mit einem Worte, er emancipirte die geſunde Ver⸗ nunft und hat ſomit mehr für die Freiheit gethan, als irgend ein Sterblicher in der Weltgeſchichte; denn die Völker müſſen erſt vernünftig werden, bevor ſie die Freiheit verdienen; Vernunft aber ihnen beizu⸗ bringen, wenn die Sache nicht zu lange dauern ſoll, dazu bedarf's nächſt der Belehrung nicht ſelten eiſer⸗ ner Ruthen. Daß der Kaiſer der Franzoſen zum Heile der Völker erſchienen iſt, zeigt ſchon die inſtinktmäßige Liebe und Verehrung derſelben für ihn. Denn nicht unter den Reichen und Vornehmen ſoll der Kaiſer ſeine Freunde ſuchen, hier herrſcht der Egvismus, hier hat man weder Erkenntniß noch Liebe für Gro⸗ ßes und Herrliches, ſondern im ganz gemeinen Volke, das ſeinen Meſſias in ihm erkennt, und daher gern und freudig für ihn blutet, ſo oft er's verlangt. Die Verehrung und Zuneigung der Völker für Napoleon, obſchon er despotiſch verfährt und despotiſch verfah⸗ ren muß, um ſeine hohe Miſſion zu vollenden, liegt nicht im Sclavenſinne, ſondern in der unwillkürlichen Hochachtung, die das unverdorbene menſchliche Gemüth für jede große Erſcheinung empfindet. Vor einem großen Genie hat ſelbſt das größte Nichtgenie einen inſtinktmäßigen Reſpect. Der vernünftige Republi⸗ kaner wird den Napoleon gern und freudig anerken⸗ 101 nen, ſelbſt wenn es dem großen Manne gelingen ſollte, eine Univerſalmonarchie zu gründen; er vergibt des⸗ halb ſeinem republikaniſchen Glaubensbekenntniſſe nichts. Die einſtige Republik bleibt darum unver⸗ loren, ſie wird nur näher gerückt. In gewiſſen Zei⸗ ten bedarf's des Dictators, der mit eiſernem Pfluge den Boden urbar macht, wo künftig die goldene Saat der Freiheit gedeihen ſoll.—“ Victorine ſchwieg. Georg's Blicke hatten mit ſicht⸗ barem Wohlgefallen auf dem Geſicht der reizenden Sprecherin geruht. Ihre Wangen waren röther ge⸗ worden; der Ton ihrer Stimme war reiner und klang⸗ voller. Es war unverkennbar, daß ſie zugleich ihre eigene Ueberzengung ausgeſprochen. Nach einer Pauſe fuhr ſie fort: „So gelang es nach und nach meinem alten Leh⸗ rer, mich mit der Gegenwart zu verſöhnen. Ich be⸗ trachte ſeit dieſer Zeit die Handlungsweiſe des Kai⸗ ſers aus unparteiiſchem Geſichtspunkte und finde, daß mein alter Freund ſo unrecht nicht hat; ja ich bin endlich überzeugt worden. Alſo im Herzen noch im⸗ mer republikaniſch, aber ſo lange der große Mann lebt,— für und mit Napoleyn!“ Sie blickte hier zu Georg mit Innigkeit und frug: „Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht? Es iſt ja meine volle Ueberzeugung.“ „Wenn könnte ich Ihmen zürnen!“ rief der junge Mann mit Feuer,„ich ehre Ihre Anſicht aus voller Bruſt, wenn ich ſie auch nicht theile.“ „Aber warum nicht?“ frug ſie traurig. Jetzt trat Henriette in's Zimmer und ward von Victorinen mit Vorwürfen ob ihrer langen Abweſen⸗ heit empfangen. „Da ſehe man die kleine Schelmin,“ rief dieſe, 102 „als ob ich vermißt worden wäre. Du haſt ja ge⸗ ſprochen wie ein Profeſſor der Rhetorik.“ „Alſo gelauſcht?“ frug Victorine in ſtrafendem Tone. „Bitte ſehr, Herz,“ entgegnete Henriette;„die Thür ſtand halb offen, ich war im Nebenzimmer und gab den Canarien ihr Deputat.“ Der Buchhalter war durch Henrietten's Erſcheinen wieder in Verlegenheit gerathen. Er wußte nicht, auf welche ſchickliche Art er die gekränkte Eitelkeit des Mädchens verſöhnen ſollte. Eine lügenhafte Schmeichelei zu ſagen, war ihm unmöglich. Er ver⸗ ſank in ſein früheres Schweigen, und es konnte ihm Niemand erwünſchter kommen, als Eugen, der ſveben in's Zimmer ſtürmte, den neueſten Moniteur in der Hand. „Hab' ich's nicht geſagt,“ rief der Napoleonide, „daß er kaiſerlich belohnt wird?“ „Wer?“ frug Henriette, und die Andern wurden aufmerkſam. „Nun, wer anders,“ entgegnete Eugen,„Mar⸗ ſchall Ney. Für ſeine treue Anhänglichkeit an den Kaiſer, für ſeine Heldenthaten und für ſeine uner⸗ meßlichen Verdienſte um das Vaterland iſt er auf ewige Zeiten mit allen ſeinen Nachkommen zum Für⸗ ſten von der Moskwa erhoben. Da, leſet, hier ſteht es groß und breit.“ Damit phchte er den Moniteur hin. „Fürſt von der Moskwa, nicht wahr, das klingt ſchön?“ fuhr er nach einer Weile fort;„aber wie hat der Marſchall auch gekämpft. Die ganze Welt⸗ geſchichte hat kein Beiſpiel der Art. Denkt nur, der Kaiſer kommt auf ſeinem ewig glorreichen Rückzuge mit der Hauptarmee in Krasnoi an. Einen Tage⸗ marſch hinter ihm marſchirt der Vicekönig mit ſeinem 103 etwa noch fünftauſend Mann ſtarken Corps. Wieder einen Tagemarſch hinter dieſem befindet ſich Davouſt mit gleicher Macht, und hinter dieſem wieder, weit draußen in Nebel, Schnee und Eis bildet Ney mit ſechstauſend halb verhungerten und halb erfrornen, ſchlechtgekleideten Soldaten die äußerſte Spitze der Arrieregarde. Unſrer Armee zur Rechten marſchirt die große ruſſiſche, achtzigtauſend Mann ſtarke Haupt⸗ armee unter Kutuſow. Zeither hat es dieſer bewen⸗ den laſſen, die Unſern mit Koſakenſchwärmen zu über⸗ ſchütten. Bei Krasnoi denkt er aber an einen Hauptfang. Miloradowitſch, der Mürat der Koſaken, ſchiebt ſeine Maſſen zwiſchen den Kaiſer und den Vicekönig. Er ſelbſt liegt im Hinterhalt und lauert auf die Truppen, welche ſich zeigen werden. Gegen drei Uhr Nachmittags wird er die erſten Haufen ver⸗ einzelter Mannſchaften, welche vor dem Vicekönig her⸗ ziehen, gewahr. Sogleich ſtürmen die Ruſſen hervor und verrennen den Paß, während ſich ihre Colonnen zugleich ſeitwärts ausbreiten, und uns von der Ebene abſchneiden. Mitten unter dem Haufen der Unſrigen befinden ſich Generale und Officiere jedes Ranges. Man ſchlägt vor, dem Angriffe mit Kraft zu begeg⸗ nen. Die Colonnen formiren ſich und ſtürzen auf den Feind. Seine erſte Linie witd geworfen. Da rücken die ruſſiſchen Reſerven vor. Der Vicekönig eilt herbei. Die Generale Guilleminot, Philippon, Brouſſier, Ornano, Pino; ſeine Generaladjutanten Taſcher, Bataille, Labedoyere und viele Andere, deren Namen mir entfallen ſind, umgeben ihn. Er ertheilt ſeine Befehle und erneuert durch kunſtgerechte Ma⸗ növers den Angriff. In dieſem Augenblicke zeigt ſich ein ruſſiſcher Parlamentair. Er fordert den Sohn Napoleon's auf, die Waffen zu ſtrecken. Alle entbren⸗ * 10¹ nen in gerechtem Zorne. Er wird zurückgeſchickt. Die Generale Brouſſier und Philippon haben auf beiden Seiten furchtbare Quarré's gebildet, innerhalb deren ſich alle vereinzelte Mannſchaften zuſammen⸗ drängen. So rücken unſre ſechstauſend Tapfern un⸗ erſchrocken gegen die zwanzigtauſend Mann ſtarke ruſſiſche Linie. Aber aller Heldenmuth bricht an den furchtbaren Batterien des Feindes. Eugen ſieht die Unmöglichkeit ein, ſich hier durchzuſchlagen. Gleich⸗ wohl iſt er weit entfernt, alle Hoffnung zu verlieren. Mittels eines geſchickten Manövers nimmt er den Schein an, als wollte er auf der linken Seite den Kampf verlängern, und zieht die Aufmerkſamkeit des Feindes auf dieſen Punkt, während Alles, was an dem Gefechte nicht Theil nimmt, den Weg über die entgegengeſetzte Ebene einſchlägt. Die italieniſche Garde marſchirt vvran. Die Nacht bricht herein und macht dem Kampfe ein Ende. Durch eine Liſt ge⸗ lingt es den Unſern, die Poſten der ruſſiſchen Linie zu umgehen. In weniger als zwei Stunden hat ſich der Vicekönig mit dem Kaiſer, der mit der Haupt⸗ armee noch in Krasnvi ſteht, vereinigt. „Miloradowitſch, aufgebracht, daß ihm Eugen ent⸗ gangen, trifft nun Anſtalten, ſeinen Grimm an Da⸗ vouſt und Ney, die noch zurück ſind, auszulaſſen. Kutuſow iſt damit einverſtanden, und ſo zieht ſich die geſammte ruſſiſche Streitmacht quer über die Straße, um die in den Eiswüſten Zurückgebliebenen auf immer vom ſchönen Frankreich abzuſchneiden. „Da erfährt der Kaiſer, der ſich noch in Krasnvi befindet, woſelbſt er einen ganzen Tag auf Ney und Davvuſt vergeblich gewartet hat, von dieſer verderb⸗ lichen Operation des Feindes. Am 47. November früh mit Tagesgrauen zieht er den Degen. Ich bin 105 lange genug Kaiſer geweſen,“ ruft er,„jetzt will ich wieder General ſein!“ Und er ſtellt ſich zu Fuß an die Spitze ſeiner noch ſechstauſend Mann ſtarken alten Garde und führt ſie zurück in das Herz von Rußland. Achtzigtauſend Mann ſtark iſt der Feind, gegen welchen er ſich wendet, auf welchen er einſtürmt, um ſeine ganze Kraft gegen ſich zu locken, ſie von Davouſt und Ney abzulenken und dieſe beiden Marſchälle ſo dem Schooße Rußlands zu entreißen. Der eben anbrechende Tag beleuchtet die ruſſiſchen Bataillone und Batterien, welche auf drei Seiten, vorn, rechts, zur Linken den Geſichtskreis einfaſſen; auf der andern Seite den Kaiſer Napoleon mit ge⸗ zogenem Degen an der Spitz ſeiner ſechstauſend Gar⸗ diſten, wie er mit feſtem Schritte heranrückt und in dieſe furchtbare Ringmauer eintritt. Mortier entfal⸗ tet zu gleicher Zeit vor ſeinem Kaiſer, im Angeſichte der geſammten ruſſiſchen Armee die fünftauſend Mann, die ihm noch übrig geblieben. Man ſtürmt gegen die feindlichen Linien, und was man beabſichtigt, gelingt. Der plötzliche Angriff vereitelt alle vom Feinde ge⸗ troffenen Maßregeln. Letzterer glaubt den Kaiſer ſchon weit voraus und zieht ſich von der Straße zu⸗ rück. So gelingt es dem Fürſten von Eckmühl, Kras⸗ nvi zu erreichen. „Aber neuer Schrecken. Davouſt iſt wohl einge⸗ troffen, aber der Bravſte der Braven iſt nicht mit ihm. Marſchall Ney hat Smolensk erſt am ſiebzehn⸗ ten verlaſſen und befindet ſich einen vollen Marſch zurück. Der Kaiſer befiehlt Eckmühl, ſich wo mög⸗ lich bis zu Ney's Ankunft in Krasnoi zu halten. Aber bald wird Davouſt von der ruſſiſchen Uebermacht aus der Stadt gedrängt. Mit genauer Noth be⸗ freit er ſeine letzten Pelotons aus den Händen der Koſaken. 106 „Marſchall Ney iſt unrettbar verloren. Kutuſow ſchon aufgebracht, daß der Vicekönig entkommen, iſt in noch größern Zorn gerathen, als Davouſt ſich glück⸗ lich mit der Hauptarmee vereinigt hat. Die Wuth des Tartaren kehrt ſich jetzt gegen den Herzog von Elchingen. Dieſen mit Mann und Maus zu fangen hat er geſchworen, und ſo zieht er ſeine achtzigtauſend Mann und zweihundert Kanonen als eherne Mauer zwiſchen den Marſchall und Frankreich. „Dieſer langt endlich mit ſeinen fünftauſend, halb erfrornen und halb verhungerten, ſchlechtbeklei⸗ deten Leuten und zwölf Kanonen im tollſten Schnee⸗ geſtöber an. Vierzig mit Kartätſchen geladene Feuer⸗ ſchlünde, die ſeiner am Hohlwege erwarten, donnern mit Einem Male auf ihn ein. Ihre Blitze beleuch⸗ ten weithin die unüberſehbaren ruſſiſchen Linien. Es iſt daſſelbe Schlachtfeld, wo der Vicekönig ſo helden⸗ müthig kämpfte. Berge von todten Waffengefährten bezeichnen die furchtbare Stätte. Man erkennt an den Knöpfen, welche Regimenter hier gekämpft haben. Dieſer furchtbare Anblick, anſtatt die Nachkommenden muthlos zu machen, entflammt die Helden nur zu größerm Muthe. Den Waffengefährten eines Ney iſt die Furcht ein unbekanntes Wort. Drei Regimenter, die Oberſten Ricard, Dufour, Barbanegre an ihrer Spitze, werfen zu drei wiederholten Malen die erſten Linien des Miloradowitſch über den Haufen. Muth ohne Beiſpiel! Ihre herviſche Beharrlichkeit führt ſie unaufhörlich zum Sturme zurück. Bereits liegen zwei Compagnien Sappeurs und Mineurs von Kugeln zer⸗ ſchmettert am Boden. Da erſcheinen abermals ruſſiſche Parlamentaire, welche die Unmöglichkeit zeigen, hier durchzudringen, und zur Uebergabe auffordern. „Marſchall Ney erglüht bei ſolcher Anmuthung. 4107 1 Soll er aber ſein Häuflein nutzlos dem Tode in den Rachen werfen? Er ſinnt und ſinnt. Wohlan, ruft er endlich, von einer Idee ergriffen, deren Kühnheit ewig in den Büchern der Geſchichte mit goldnen Let⸗ tern glänzen wird, wenn man uns auf dieſem Ufer des Dnieper nicht durchläßt, müſſen wir's auf dem andern verſuchen. Dieſer Fluß kann nicht ſehr ent⸗ fernt ſein. Demzufolge vertheidigt er ſich heldenkühn mit fünftauſend Mann gegen achtzigtauſend und mit zwölf Kanonen gegen zweihundert bis zur hereinbre⸗ chenden Nacht. Hierauf dringt er mit ſeinen Ge⸗ treuen mitten durch Wald, Schnee und Eis nach der Gegend hin, wo man den Fluß vermuthet. Aber es iſt dichte Finſterniß. Man verirrt ſich in dieſer nächt⸗ lichen Wildniß. Bald weiß Niemand, wo Nord oder Süd iſt. Kein Stern blickt tröſtend nieder; mit ei⸗ ſigen Schneewolken iſt der Himmel verhangen⸗ Man⸗ cher macht ſich gefaßt, daß dieſe Nacht ſeine letzte ſei, und dieſe undurchdringliche Wildniß das Grab Aller ſein werde. Nur Marſchall Ney verzagt nicht. Man kommt mitten in der Nacht an eine Schlucht. Sollte in ihrem Grunde vielleicht ein Bach fließen? Der Marſchall läßt den Schnee hinwegräumen. Man kommt glücklich auf Eis. Aber wird das Waſſer nicht bis auf den Grund gefroren ſein? Neues Bangen. Man haut den eiſigen Panzer auf— ſiehe, da leuchtet der erſte freundliche Hoffnungsſtrahl aus der Tiefe. Kry⸗ ſtallhell blinkt es herauf. Jetzt weiß man wieder, wohin ſich zu wenden. Der Bach muß dem Dnieper zufließen. Dieſelbe Richtung iſt gleichfalls zu nehmen. So erreicht man glücklich das Ufer des erſehnten Fluſſes. Dieſer geht indeß ſtark mit Eis und iſt nur mit äußerſter Gefahr zu paſſiren. Dennoch ge⸗ lingt es dem Genie und der übermenſchlichen Thätig⸗ 108 keit des Marſchalls, die Seinigen hinüber zu bringen. Mancher Brave wird von den Eisſchollen fortgeriſſen und findet ſeinen Tod in den dunkeln Fluthen. „Als ſich am folgenden Morgen der Ruſſe Ku⸗ tuſow nach denjenigen umſieht, die er bereits als ſeine Gefangenen betrachtet, marſchirt Marſchall Ney jenſeit des Dnieper ſeinem Kaiſer nach. Dieſer war indeß mit der Hauptarmee in Baranowie angekommen. Noch immer iſt keine Nachricht von Ney angelangt. Man hält ihn ſchon für verloren. Tiefer Schmerz hat ſich Aller bemächtigt. Es gilt ja dem Bravſten der Braven. Der Kaiſer ſitzt mit Berthier und Le⸗ fobre bei Tiſch, Marſchall Ney iſt ihr Geſpräch und ihr Kummer. Da kommt Oberſt Gourgeaud auf ſchaumbedecktem Pferde von Orzka angeſprengt.„Der Fürſt von Elchingen hat ſich durchgeſchlagen,“ ruft er,„und ſteht nur wenige Stunden weit von uns.“ Der Kaiſer ſpringt vom Stuhle auf und faßt den Freudenboten an beiden Armen:„Iſt's wahr, iſt's möglich?!“ ruft er, auf das Freudigſte ergriffen. „Gourgeaud erzählt nun, daß Ney einige polniſche Offiziere vvrausgeſchickt habe, die in Orzka eingetroffen wären und um Sucecurs für den Marſchall gebeten hätten. Der Vicekönig habe ſogleich viertauſend Mann zu Hülfe geſchickt. Dieſe ſeien kaum einige Meilen auf dem Marſche geweſen, als man in der Ferne Signalſchüſſe vernommen. Dieſe Schüſſe hätten aber nur in Rottenfeuer beſtanden, denn die Heldenſchaar habe keine einzige Kanone mehr gehabt. „Jetzt zweifelt Napoleon nicht mehr an der Wahr⸗ heit. Ich habe zweihundert Millionen in den Kellern der Tuilerien,“ ruft er,„ich würde ſie für den Marſchall gegeben haben. „Und ſeht,“ ſchloß Eugen ſeinen Zee Por 109 trag,„der Kaiſer hat jetzt den Helden belohnt. Er wird künftig der Fürſt von der Moskwa heißen.“ „Ein herrlicher Mann!“ rief Henriette von der Erzählung ergriffen. „Ein Gott!“ fiel Victorine enthufiaſtiſch ein. „Unter dem diene ich und unter keinem Andern!“ rief Eugen. „Freund Eugen,“ ſprach der Buchhalter lächelnd, „Ihr habt doch Euer Ehrenwort nicht vergeſſen?“ „Ach, erinnert mich nicht daran,“ erwiederte der Jüngling mißmuthig,„ich war ein Narr, als ich's gab. Hab' aber ſchon an den Onkel geſchrieben.“ „Der wird erzählen können,“ meinte Henriette, „wenn er heimkehrt.“ „Ja, ſobald aber kommt er nicht,“ ſprach der Couſfin,„die große Armee hat ſich ſchon wieder an der Oder geſammelt. Mein Namensvetter Eugen evmmandirt ſie jetzt. Nächſtes Frühjahr geht's tüch⸗ tig los mit den Ruſſen. Ob ich nur werde dabei ſein?“ „Es wird ſchon ohne Dich gehen,“ beruhigte Hen⸗ riette. „Höre, Coufſine,“ rief gekränkt Eugen,„glaube nur nicht, daß Du mir durch ſolche Reden den Auf⸗ enthalt in Paris angenehm machſt. Beim Himmel, Ihr ſollt Alle anders reden, wenn ich nur einmal draußen bin.“ „Nun, nicht böſe,“ ſprach ſie begütigend die Hand reichend. „Ihr denkt,“ fuhr Eugen fort,„ich würde nicht tüchtig drauf gehen. Wenn ich nicht todtgeſchoſſen werde, wollen wir über's Jahr um dieſe Zeit wieder davon ſprechen. Vielleicht, daß Ihr dann anderer Anſicht ſeid.“ 14⁰ Victorinen's Blick ruhte mit Wohlgefallen auf dem ſchönen, blühenden und kampfluſtigen Geſichte des Couſins, welcher in Hinſicht auf Leichtſinn, Enthu⸗ ſiasmus und Kriegsluſt als ziemlich trener Repräſen⸗ tant der damaligen franzöſiſchen Jugend betrachtet werden mußte. „Ich will mir heute noch Gewißheit verſchaffen,“ ſprach er,„ob es bald fortgeht oder nicht. Es klingt zwar ein wenig abergläubiſch, aber es hat mir immer eingetroffen. Ich will ein Orakel befragen.“ „Ein Orakel!“ riefen die beiden Mädchen neugie⸗ rig,„und was für eins?“ „Ich laſſe mir die Karte legen,“ erklärte Eugen, „und von einer Frau, die es ſo gut verſteht, wie die Normand, unſere Namenstante.“ „Da hätt' ich ſelbſt nicht übel Luſt,“ meinte Henriette,„ich glaube zwar nicht daran, aber es amu⸗ ſirt ſehr.“ Ich bin auch dabei!“ rief Viectorine ſchnell,„v, Eugen, verſchaff' uns die Frau! oder muß man zu ihr gehen?“ „Allerdings,“ ſprach dieſer,„die Zauberin will mit ihrer Weisheit aufgeſucht ſein. Ich will Euch aber geleiten und vielleicht iſt Georg auch von der Partie?“ „Ihr wißt,“ entſchuldigte ſich dieſer,„wie ich über dergleichen Dinge denke. Man ſoll das Schickſal nicht in Verſuchung führen. Solche Spielereien arten zu leicht in bittern Ernſt aus.“ „Wie heißen doch gleich die ſchönen Worte jenes bekannten, ſo liebenswürdigen deutſchen Dichters?“ frug Victorine ſinnend. Georg ſprach in ernſtem, faſt düſterm Tone: 141 „Der Menſch verſuche die Götter nicht, Und begehre nimmer und nimmer zu ſchauen, Was ſie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“ Victorine wandte ſich mit einem freundlich dan⸗ kenden Blicke zu Georg.„Heißt nicht das Gedicht, wo dieſe Verſe vorkommen, der Taucher?“ frug ſie. „Allerdings,“ antwortete der Gefragte,„und der Dichter heißt Friedrich Schiller.“ „Aber ich bitte Euch,“ fiel Henriette ungeduldig ein,„kramt Eure deutſche Literatur ein andermal aus. Wie iſt's von wegen des Kartenſchlagens? Ich fürchte mich im Geringſten nicht.“ Victorine, ſeit ſie Georg's Abneigung bemerkt, ſchien ſich auch nichts daraus zu machen. Henriette, die den Grund ſogleich erkannte, ward darüber noch ärgerlicher.„Machen Sie mir doch Vie⸗ torinen nicht abſpenſtig mit ihren hypochondriſchen Grillen!“ rief ſie,„das Kind ließ ſich vor's Leben gern die Karte ſchlagen. Ich weiß es.“ Das arme Mädchen ward fenerroth. Georg ſtam⸗ melte verlegen einige Worte. Henriette benutzte ſchlau die Gelegenheit und frug determinirt:„Nicht wahr, Herr Buchhalter, Sie er⸗ zeigen Victorinen und mir die kleine Gefälligkeit und begleiten uns zu der Zauberin?“ Dieſer wagte nicht mehr zu widerſprechen.— So ward der Gang zur Kartenſchlägerin auf den nächſten Abend feſtgeſetzt. 112 Siehentes Rapitel. E⸗ war bereits ſpät in der Nacht, als im Kabinet des Fürſten von Benevent zwei Männer im Geſpräche vertieft ſaßen. Der eine war ein hochgebauter Mann mit gebräuntem Geſichte; und obſchon er kein mili⸗ tairiſches Abzeichen trug, ließ doch die ganze Haltung den Soldaten erkennen. Düſtere Wolken hatten ſich auf ſeiner Stirn gelagert. Die ſchwächliche Figur des Andern, die vornehm geglättete Nachläſſigkeit, die li⸗ ſtigen, ſcharf markirten Geſichtszüge, von einem un⸗ ſterblichen Lächeln umſpielt, verriethen den Hofmann und Diplomaten. Mit einer gewiſſen vornehm cor⸗ dialen Nachläſſigkeit in die Sophaecke geſtreckt, vernahm er nicht ohne innere Behaglichkeit die Unmuthsaus⸗ brüche ſeines Nachbars, zu welchen ſich dieſer in Folge des Geſprächs nicht ſelten veranlaßt fand, und die, mit ſoldatiſcher Heftigkeit ausgeſtoßen, mit der bou⸗ doirmäßigen Localität ſeltſam im Widerſpruch ſtanden. „Ich ſehe gar kein Ende in dieſem heilloſen Kriege,“ brach er wieder los.„Wir ſtehen, wo wir 1806 ſtanden.“ Der Diplomat lächelte.„1806, Herr Herzog?“ frug er ruhig, und ſpielte eine Weile mit ſeiner Doſe, die er durch die Hand gleiten ließ und wieder auffing. „Sagen ſie 1796 und noch früher.“ Der Herzog blickte mit ziemlich ungläubigem Ge⸗ ſichte fragend auf. Die marmornen Züge des Diplomaten blieben un⸗ veränderlich.„Sagen Sie 1796 und noch früher,“ wiederholte er in demſelben ruhigen Tone. „Aber ein Blick auf die Karte“— frug jener in zweifelhaftem Tone. 113 „Die Karte,“ meinte das dürre Männchen,„iſt ein Stück bemaltes Papier, das Barometer Ihrer Schlachten. Wenn das Spiritusbarometer hoch ſteigt, zeigt es auf Sturm und fällt dann in der Regel um ſo ſchneller.“. „Sie fürchten, daß Oeſterreich übertreten wird?“ frug der Herzog. „Fürchten?“ meinte der Diplomat,„wie kann man etwas fürchten, was ſeit Jahren Gewißheit iſt?“ „Aber warum macht der Kaiſer nicht Friede?“ rief der Kriegsmann.„Frankreich ſteht groß und herrlich da wie kein Land, er kann ſich begnügen und wir Alle haben für unſern Ruhm genug gethan.“ „Ja, ich kann nicht dafür, wenn man mit ihm nicht Frieden macht,“ bemerkte jener, fortwährend mit ſeiner Doſe beſchäftigt. „So viel ich mich entſinne,“ entgegnete der Herzog nicht ohne einige Anwandlung militairiſchen Stolzes, „kam das beſiegte Europa ſtets zuerſt mit Friedens⸗ vorſchlägen in unſere Lager.“ „Sehr richtig,“ geſtand der Diplomat,„und der Sieger dictirte; mir iſt indeß in meiner diplomatiſchen Laufbahn noch kein Friedensſchluß bekannt geworden, den der Beſiegte für etwas andres, als für einen Waffenſtillſtand gehalten hätte.“ Der Herzog war bei dieſen Worten etwas nach⸗ denklich geworden.„Aber einmal müſſen wir doch zur Ruhe kommen?“ frug er nach eines Pauſe.. „Je n'en vois pas la nécessité,“ lächelte gleich⸗ müthig der Andre. Hier verließ den Kriegsmann die Geduld.„So mögt Ihr ſprechen, Prinz,“ rief er voller Unmuth, „Ihr in Eurem warmen Paris, das Ihr höchſtens verlaßt, um in Groisbois eine Jagdpartie abzuhalten, Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 8 114⁴ Wir Marſchälle, die wir ſeit zwanzig Jahren im La⸗ ger liegen und durch die unerhörteſten Strapazen und durch die feindlichen Kugeln in jedem Feldzuge deci⸗ mirt werden, ſind anderer Meinung.“ Wie angenehm dieſe Worte im Innern des klei⸗ nen Mannes widerklangen, verrieth ſein Aeußeres keine Spur davon. „Nur recht und billig,“ ſprach er trocken. „Ich glaube doch,“ warf nach einer Weile der Marſchall hin,„Europa wird ſich zufrieden geben, wenn es dem Kaiſer nur einigermaßen mit dem Frie⸗ den Ernſt iſt.“ „Es iſt ihm Ernſt,“ bemerkte der Diplomat. „Was verlangen denn die Kabinette?“ frug jener mißmuthig. „So viel als möglich,“ war die Antwort. „Sie können doch nicht nach jenen Provinzen Ge⸗ lüſte tragen, die wir ihnen mit unſerm Blute theuer genug abgekauft haben?“ Das Marmorgeſicht des Diplomaten wandte ſich hier ruhig nach dem Frager.„Wollt Ihr es ihnen verwehren, Herr Herzog?“ Dieſer verſank in finſtres Sinnen.„Falls die nächſten Schlachten verloren gingen,“ frug er nach einiger Zeit,„und wir gezwungen würden, Deutſch⸗ land, ja ſelbſt Italien, Spanien und die Niederlande zu räumen, würde ſich der Kaiſer mit den Grenzen von 92 begnügen können?“ „Warum nicht,“ erwiederte der Gefragte. „Allerdings,“ bemerkte düſter der Marſchall,„wür⸗ den wir nach zehn verlornen Schlachten Ruhe haben, bis dem Löwen die verkürzten Klauen wieder gewachſen. Dann ginge die Schlächterei von Neuem los.“ Der kleine Mann zuckte die Achſeln. 115 „Uebrigens,“ ſprach er nach einer Pauſe,„bemerke ich, daß Ihr einen Punkt gänzlich unberührt laßt.“ „Der wäre?“ frug der Marſchall. „Ihr ſcheint anzunehmen,“ fuhr jener fort,„daß, falls es einer neuen Coalition gelingen ſollte, den Kaiſer bis auf die Grenzen des alten Frankreichs zu⸗ rückzudrängen, jene die Hand zum Frieden bieten werde?“ „Die Kanonen von Valmy,“ erwiederte der Her⸗ zog,„dürften hier doch auch eine Stimme haben.“ O,“ lächelte der Diplomat,„glaubt Ihr, daß es nur den einzigen Weg nach Paris gibt, den über Valnh?4 „Gut, nehmen wir den undenkbaren Fall an,“ frug jener weiter,„daß die Cvalition Paris erobert, wird ſie Frankreich zerſtückeln?“ „Das wird ſie bleiben laſſen,“ replicirte der kleine Mann. „Aber ſie muß dann doch Frieden machen?“ „O ja, warum nicht?“ „Und der Kaiſer wird all ſeine, ſeit fünfzehn Jahren gemachten Eroberungen hingeben?“ „Das wird er, aber als Friedenspreis genügt es nicht.. „Ihr ſprecht in Räthſeln, Fürſt; Frankreich wird Eurer Meinung nach nicht zerſtückelt, und gleichwohl ſoll die Abtretung aller Eroberungen für den Frieden nicht zureichen?“ Das Marmorgeſicht ſchwieg eine Zeit lang.„Ich merke ſchon,“ begann er endlich,„Ihr ſeid ein großer Feldherr, Herr Marſchall, dem Feinde ein gefürchteter Name, und tragt den Ruhm der Kaiſerzeit auf Euren Schultern; aber die Politik habt Ihr im Gewühl der Schlachten und im Lärm des Lagers rein vergeſſen, 8 116 ſonſt würde ich Euch nicht in Räthſeln ſprechen. Ihr werdet ein eurioſes Geſicht ziehen, wenn ich Euch die große Wahrheit des Tages, das Spinngewebe der Politik des Continents in ein paar dürren Worten herſage.“ Hier hielt er inne und ſchien ſich an der Erwar⸗ tung des Kriegsmannes zu weiden.„Nun,“ ſprach er endlich,„dieſe Wahrheit iſt einfach die, daß die Könige Europa's mit der Perſon des Nappleon Bonaparte als Beherrſcher Frankreichs nie Frieden machen, ſie mögen nun ſiegen odersbeſiegt. wer „Wie?“ rief der Marſchall mit Heſftigkeitz ſollten esswagen, den Kaiſer vom Throne zlhſtü „Ihr geht gerade zu,“ erwiederte ruhig“ des plomat,„die Phraſe„vom Throne ſtürzen“ ſo mckt nach 93. So wird die Cvalition nicht ſprechen. Sie „ Hätt ein ach und gefällig, recht gern mit dem fran⸗ öſiſchen Volke, aber nicht mit dem Napoleon zu un⸗ tehande Das Uebrige findet ſich.“ Aber Frankreich, Frankreich,“ rief großer Aufregung,„was wird dieſes ſage Das müde Frankreich,“ meinte das A 5 ſicht,„wird über den Anblick der Koſaken Boulevards etwas ärgerlich werden, aber zu der An⸗ ſicht gelangen, daß es für den Ruhm genug gethan und die Zeit gekommen iſt, einmal an ſich ſelbſt zu denken.“. „Herr Prinz von Benevent,“ ſprach nach einer Weile der Marſchall lächelnd,„allen Reſpect vor Eurer weltberühmten diplomatiſchen Einſicht, aber die Zeit, von der ſo eben die Rede war, dürften wir Beide ſchwerlich erleben.“ „Leicht möglich, mein Herr Herzog von Raguſa,“ gab Talleyrand ruhig zurück,„Ihr geht dieſer Tage auf den 147 zur Armee; da kann die erſte ruſſiſche Kanonenkugel Eurer Rede eine eben ſo unerwartete als beklagens⸗ werthe Wahrheit verleihen.“ Marſchall Marmont war aufgeſtanden und ging in Aufregung im Kabinet auf und nieder. Der Gedanke an eine Entthronung Napoleon's hatte ihn tief er⸗ ſchüttert. „Es iſt nicht möglich, nicht denkbar!“ rief er einmal über das andere, während der große Diplomat ruhig in ſeinem Sophawinkel verharrte und Alles der⸗ geſtalt in der Ordnung zu finden ſchien, daß ſich nicht ein Zug ſeines Geſichts veränderte. Der Marſchall blieb jetzt vor Talleyrand ſtehen: „und welchen Erſatz,“ frug er,„ſoll Frankreich für den Napoleon erhalten?“ „Nun,“ lächelte der Diplomat mit ſchlauer Ironie, „hättet Ihr, Herr Herzog von Raguſa, nicht ſelbſt ein Gelüſt nach dem Diademe von Frankreich?“ Marmont ſtellte ſich ob dieſer Worte aufgebrachter, als er war. Der Diplomat ſchlug jetzt den Fürſten von der Moskwa vor. „Aber gibt's denn nicht einen König von Rom?“ frug der Herzog, als Talleyrand noch mehrere Mar⸗ ſchälle in Vorſchlag gebracht hatte, von denen er wußte, daß Marmont ihre Wahl nicht billigen würde. „Wenn es einmal zum Treffen kommt,“ belehrte der Prinz,„gilt's der Dynaſtie Napoleon und nicht dieſem allein; ſonſt würde ich den Vicekönig vorgeſchla⸗ gen haben.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Mit den Marſchällen iſt's alſo nichts, ſoll's Frankreich nicht erge⸗ hen, wie Macedonien nach dem Tode Alexanders; aber mit der Republik iſt es gleichfalls nichts, da kommen wir erſtens unter uns nicht, und dann mit Europa nicht auf s Reine. Rathet alſo, Herr Herzog von Raguſa.“ 118 Dieſer ſtand in düſtern Gedanken.„So halte ich für's Beſte,“ ſprach er endlich,„daß wir den Kaiſer behalten.“ Ueber das Geſicht des Fürſten von Benevent flog ein augenblicklicher Schatten. Mit großer Seelenruhe ſprach er aber: „Ich kann mir's gefallen laſſen, habe mein ein⸗ trägliches Auskommen, bin für meine Politik nicht verantwortlich, was will der Menſch mehr? Bleibt's im Innern ruhig, was ich wenigſtens vor der Hand hoffe, kümmert mich der Kriegslärm hinter Rhein und Pyrenäen wenig.“ „Das glaub' ich,“ grollte der alte Waffenbruder Napoleon's;„aber ich hab' Euch erklärt, daß ich nach zwanzigjährigem Plack, Trommel- und Kanonenlärm des Kriegs höchlichſt überdrüſſig bin. Mein ſchönes Landgut hab' ich ſeit vier Jahren nicht geſehen, mein Haus in Paris ſteht leer und verlaſſen, wie ein ver⸗ wünſchtes Schloß. Kaum bin ich aus Spanien zurück, geht's nach Deutſchland. Ich wundere mich jeden Morgen beim Aufwachen, daß ich überhaupt noch am Leben bin. Meine ſämmtliche frühere Kameradſchaft liegt verſcharrt im Nilſchlamme, jenſeit der Alpen und Pyrenäen, hinter dem Rheine, der Weichſel und dem Niemen. Uebrigens denken die Meiſten wie ich,“ „Und aus alle dem folgt?“— frug Talleyrand im gleichgiltigſten Tone. „Daß der Kaiſer endlich Frieden machen muß,“ brauſ'te der Marſchall auf,„ſelbſt wenn es ſchmerzliche Opfer koſten ſollte.“ „Aber mein Gott,“ bemerkte der Diplomat unge⸗ duldig,„ich habe Euch ja erklärt, daß die Könige — mit Napoleon nimmer Frieden ſchließen. Aut! aut! entweder gelingt dem Kaiſer die Univerſalmonarchie, oder er reſignirt. Ein dritter Fall exiſtirt nicht.“ 1¹9 Der Marſchall war an das Fenſter getreten und ſtarrte in die Nacht hinaus. „Unſere ſchönen Bataillone,“ fuhr Talleyrand fort, „und ihre tapfern Führer dürften allerdings noch ge⸗ raume Zeit den Koſaken den Anblick des Rheins ver⸗ leiden, aber bedenkt, daß Oeſterreich mit aller Sehn⸗ ſucht eines liebenden Herzens nach dem Augenblicke ſeufzt, ſeine dreimalhunderttauſend Bayonnette mit denen von Preußen und Rußland zu vereinigen. Die Rhein⸗ bundfürſten können alsdann nicht zurückbleiben, zumal ihre Völker nichts ſehnlicher wünſchen, als der großen Nation ein Bein zu ſtellen. Das gibt dann ein Ar⸗ meelein von beiläufig einer Million.“ „Es wäre nicht das Erſtemal,“ bemerkte Marmont, „daß Frankreich das verbündete Europa zur Vernunft gebracht hätte.“ „Das iſt ja eben der Caſus,“ lachte Talleyrand, „daß dieſes Europa jetzt zu vernünftig geworden iſt. und anſtatt wie früher gegen ſich ſelbſt zu intriguiren und zu marſchiren, durch fortwährende Schläge klug gemacht, ſeine Geſammtkraft gegen den Kaiſer der Franzoſen wendet, weil man in ihm die alleinige Wurzel alles Uebels erkennt. Auch in andrer Hinſicht hat ſich das Blättlein gewendet und die ſich neuge⸗ ſtaltende Coalition iſt mit der von 92 nicht gut in Vergleich zu bringen. Damals zogen unſere jungen republikaniſchen Bataillone mit dem Geſange gegen den Feind, wie heißt doch das obſcöne Lied: Allons enfans de la patrie, Contre nous de la tyrannie Letendart Sanglant est dlevé. und das mußte allerdings reuſſiren hinſichtlich des reichszöpfiſchen Puderſtaubes. Jetzt ſind, leider Got⸗ tes! die Zöpfe hinterm Rhein etwas rarer geworden. 120 Die guten Deutſchen haben Studien gemacht. Sie haben ſogar unſre Freiheitsphraſen adoptirt und ani⸗ miren ſich damit; ihr Tugendbund verſteht das Con⸗ ſpiriren ſo gut wie einer. Die Worte Vaterland, Freiheit, Einheit, Verbrüderung, Tyrannei, Volksauf⸗ ſtand, Vertilgungskampf ſind um hundert Prozent ge⸗ ſtiegen— kurz, Herr Herzog, Ihr habt es im näch⸗ ſten Feldzuge nicht mit den Kabinetten von Rußland, Preußen, Oeſterreich, nicht mit den Soldaten der Reichsarmee oder von Jena— Ihr habt es mit deut⸗ ſchen Jakobinern zu thun.“ Der Herr von Talleyrand ſchien ſo Unrecht nicht zu haben. Dem Marſchall ward dies immer klarer, je mehr er die neueſten Zeitereigniſſe mit den Worten des Diplomaten in Verbindung brachte. Endlich frug er:„Sonach haltet Ihr, mein Fürſt, die Sache Na⸗ poleon's für eine verlorne?“ „Kann ich anders?“ frug dieſer. „Und ſo wär' all das Blut,“ rief nicht ohne ſchmerzliche Bewegung der Marſchall,„das wir ver⸗ goſſen in zahlloſen Schlachten, vergebens gefloſſen; der ganze zwanzigjährige Rieſenkampf, alle Wunderthaten des Heldenmuths, alle Siege und Trophäen vergeblich geweſen?“ „Keineswegs,“ erwiederte Talleyrand;„der Geiſt der Revolution mußte ſich ausleben, das vollblütige Frankreich mußte ſich abbluten, um zum klaren Bewußt⸗ ſein ſeiner ſelbſt zu gelangen, welches Letztere vor Allem unentbehrlich iſt für eine zeit- und vernunft⸗ gemäße Verfaſſung.“ „Verfaſſung?“ frug der Marſchall,„da ſtehen wir an einem neuen Abgrunde. Die Dynaſtie Napo⸗ leon's ſoll aufhören, die Republik taugt nicht, was bleibt da?“ 124 „Etwas ſehr Zeitgemäßes und darum Vernünfti⸗ ges,“ ſprach der Diplomat,„die— conſtitutivnelle Monarchie?“ „Sehr ſchön,“ erwiederte Marmont,„aber der Monarch?“ Hier blickte Talleyrand lange, wie verwundert auf den Marſchall; im Innerſten lauerte aber die geſpann⸗ teſte Erwartung.„Nun,“ frug er unbefangen,„hat nicht Frankreich ſeinen König?“ Der General des Kaiſers ſchaute verwundert und fragend auf den Fürſten von Benevent. „So beſinnt Euch nur,“ fuhr dieſer wie im Scherze fort,„nennt ſich nicht der brave Prinz von der Provence ſeit achtzehn Jahren König von Frank⸗ reich?“ Der Herzog lächelte, denn er hielt die Worte Talleyrand's wirklich für Scherz. „Und in der That, lieber Marſchall,“ fuhr der Diplomat in leicht hingeworfenem Tone fort, gleich⸗ ſam als ſpreche er nur eine momentane Privatanſicht aus, auf die er keinen weitern Werth lege,„ganz unter uns, könnten wir für ein conſtitutionelles Frank⸗ reich einen paſſendern Monarchen finden? Unter ihm, den wir jetzt nicht durch Gottes Gnaden, ſondern durch unſre eigne Gnade erhielten, der geprüft in der Schule der Leiden und Erfahrung, würde Frank⸗ reich erſt die edeln Früchte ſeiner Revolution in Ruhe genießen. Wie geſagt, es iſt ſo eine zufällige Idee von mir.“ Der Herzog von Raguſa konnte ſich von den ver⸗ hängnißvollen Worten des Fürſten von Benevent, eines Mannes, in deſſen Händen ſeit länger denn zwanzig Jahren das Schickſal Frankreichs mit ruhte, lange nicht erholen. 122 „Aber ein Bourbon, Prinz!“ rief er. „Nun, iſt dieſer ſo etwas Entſetzliches?“ frug Talleyrand;„die Bourhonen hatten auf dem Throne Frankreichs nicht gut gethan, darum ſchickten wir ſie in's Exil. Wir machen nun einen Verſuch, ob ſie ſich gebeſſert haben. Sind ſie die Alten geblieben, wohlan, ſo mögen ſie abermals gehen, wo ſie herge⸗ kommen ſind. Der Hauptgrund übrigens, der mich auf dieſe Idee gebracht hat, iſt kein andrer, als weil ich in einer Reſtauration des altfranzöſiſchen Königs⸗ hauſes die alleinige Garantie erblicke, mit Eurvpa auf einen aufrichtigen und dauerhaften Friedensfuß zu kom⸗ men. Wir beweiſen den Königen, indem wir ihren verſtoßenen Vetter zu Gnaden annehmen, daß wir un⸗ ſere Revolution beendigt; denn wir ſind dann, durch Terrorismus und Kaiſerthum geprüft und geläutert, zu unſerer Conſtitutivn von 91 zurückgekehrt, deren Früchte wir nun in Ruhe verzehren wollen. Wir ha⸗ ben unſern Curſus vollendet.“ „Das klingt ſehr ſchön,“ ſprach Raguſa nicht ohne Bitterkeit,„und Ihr, Fürſt, werdet Euch hoffentlich recht wohl dabei befinden; nur Schade, daß die Mar⸗ ſchälle des Uſurpators Napolevn an einem bourboni⸗ ſchen Hofe eine ſonderbare Rolle ſpielen dürften, und auf jenes Wohlbefinden verzichten werden.“ Talleyrand war jetzt aufgeſtanden, er hinkte einige Schritte auf das Pfeilertiſchchen zu, an welchem der Marſchall lehnte und reichte dieſem die Hand.„Mann der Schlachten,“ ſprach er,„ein Marſchall Napoleon's wird am Hofe Ludwig's des Achtzehnten, der ſtets be⸗ denken muß, daß nach allem Naturrechte ein ſolcher Haudegen weit größeren Anſpruch auf den Thron Frankreichs hat, als er ſelbſt— hoffentlich eine ſelbſt⸗ ſtändigere und angemeſſenere Stellung einnehmen, als 123 gegenwärtig in den Tuilerien oder im Kriegszelte des Kaiſers. Uebrigens,“ fuhr er lachend fort,„ſind das vor der Hand utopiſche Träume und Schäume; phan⸗ taſtiſche Grillen eines alten Diplomaten, einem Ver⸗ trauten vorphantaſirt im innerſten Kabinet; als ſolche, lieber Marſchall, werdet Ihr ſie betrachten. Der Mann über deſſen politiſches Schickſal wir ſo ſchnell fertig wurden, gebietet über vierzig Millionen Unter⸗ thanen und über eine gleich große Anzahl Alliirter, ſtehet an der Spitze einer halben Millivn Bayonnette und möchte gegen meine geheimen Kabinets⸗Projecte diverſe Einwendungen zu machen haben.“ „Das glaub' ich auch,“ ſprach Marſchall Marmont, „übrigens find wohl auch die Gerüchte über den Ab⸗ fall Preußens übertrieben.“ Talleyrand hinkte an ſein Bureau und ſuchte eine Zeit lang unter den Papieren.„Hier habt Ihr,“ ſprach er, mit einem Schreiben zurückkehrend,„ein treues Referat über den Zuſtand in Preußen. Ich hätte in den Deutſchen gar keine ſolchen Enthuſfiaſten geſucht.“ Marmont warf einen Blick auf das Papier, aber je weiter er las, deſto düſterer ward ſeine Stirn. „Das iſt ja eine zweite Vendée!“ ſchrie der Mar⸗ ſchall, das Schreiben zornig auf den Tiſch werfend. „Allerdings,“ bemerkte Talleyrand,„nur ein bis⸗ chen weitläufiger als die Bocage.“ „Bin ich denn verdammt, immer nur empörte Völker zu bändigen?“ fuhr Marmont fort.„Kaum danke ich dem Himmel, die Pyrenäen im Rücken zu haben, da ſeh' ich, daß es in Deutſchland nicht beſſer ſteht.“ „Freilich,“ ſprach der Diplomat,„die Preußen von Jena findet Ihr nicht mehr. Wie geſagt, ich 124 hätte dieſen Philoſophen ſolche Energie nicht zuge⸗ traut.“ WMarmont ſtand noch eine Zeit lang in düſteres Nachſinnen verloren, dann reichte er dem Fürſten die Hand zum Abſchied. „Faſt will mich's ſelbſt bedünken,“ ſprach er dumpf, „als gehe es zu Ende; aber wenn er fällt, fällt er nicht unverſchuldet und ſei es auch nur wegen der blutgetränkten pyrenäiſchen Halbinſel.“ Er ſtürmte in großer Aufregung davon. Talley⸗ rand gab ihm das Geleit bis zur Treppe. „Den hätten wir,“ ſprach der Diplomat zurück⸗ kehrend, mit vieler Behaglichkeit ſich die Hände rei⸗ bend. Dann trat er an's Bureau, und warf in raſchen Federzügen noch einige Correſpondenzen aufs Papier. Achtes Rapitel. Der Abend, wo man die Wahrſagerin beſuchen wollte, war gekommen. Nur ungern hatte Georg an der Partie Theil genommen. Indeß fand er ſich durch die Gegenwart Victorinen's, deren Bild ſich täglich tiefer in ſein Herz prägte, ſehr entſchädigt. Eugen, der den Weg kannte, ſignalifirte den Kutſcher und ſo gelangte man wohlbehalten an Ort und Stelle. Die Pythia hatte es an mehrfacher myſtiſcher De⸗ cvration nicht fehlen laſſen. Sowie die Orakelbefrager eingetreten waren, wallte in der Mitte des ſaalähnli⸗ chen Zimmers ein großer dunkler, wolkenreicher Vor⸗ hang herab. Eine einzige von der Decke herabhän⸗ gende, mit leichtem Flor umzogene Aſtrallampe gewährte eine magiſche Beleuchtung. Nach einigem Harren erſchien eine Art Lakei, der, wahrſcheinlich eingeweiht in die Myſterien ſeiner Her⸗ rin, zugleich das Amt eines Unterprieſters bekleidete. Wenigſtens ſprach dafür ſein ziemlich phantaſtiſcher Anzug, der an die Tempeldiener des Morgenlandes erinnerte. Mit dem ſeinem Amte gebührenden Ernſte nahte er Henrietten und lud ſie ein, ihm zu folgen. Dieſe aber, in Viectorinen's Arm geklammert, ſträubte ſich, zuerſt und allein hinter den verhängnißvollen Vor⸗ hang zu treten. „Sei kein Kind,“ flüſterte danebenſtehend Eugen. „Geh Du doch,“ gab Henriette zurück; dann frug ſie den Tempeldiener:„können wir nicht alle vier zu gleicher Zeit eintreten?“ „Dem reineren und ſchönern Geſchlechte,“ erwie⸗ derte dieſer mit unerſchütterlichem Ernſte,„gebührt der Vortritt in das Heilige.“ „Bedank' Dich für das Compliment und mach', daß Du fortkommſt,“ drängte der Couſin. „Die Herren folgen auf dem Fuße,“ tröſtete der Tempeldiener, als er bemerkte, wie Henriette noch immer zögerte. Dieſe ſchob jetzt Victorinen voran, der Vorhang zog ſich ein wenig zurück und die bei⸗ den Mädchen traten in das Heiligthum, Victorine ziemlich ſtandhaft, aber Henriette nicht ohne Schauer. Als ſie das Füßchen hinter den Vorhang ſetzte, guckte ſie noch einmal zurück, ob Eugen nicht folge. „Da bin ich ſchon,“ ſprach dieſer, der ſich ob der furchtſamen Cvuſine des Lachens kaum enthalten konnte. 126 Georg, den die etwas ſchauſpielerartigen Decora⸗ tionen und Ceremonien ziemlich finſter ſ war zuletzt hinter den Vorhang getreten. „Mundus vult decipi,“ murmelte er unillig⸗ Die Atmoſphäre hinter dem Vorhange war von der äußern ſehr verſchieden. Eine weihrauchartige Luft umhüllte die Eingetretenen. Die Decoration des Heiligthums war übrigens ſehr einfach und kei⸗ neswegs geſchmacklos. Man vermißte die ägyptiſchen Hieroglyphen, Todtenköpfe und übrigen myſtiſchen gewöhnlich in's Lächerliche ausartenden Embleme, wo⸗ mit ſich dergleichen Seherinnen zu umgeben pflegen. Mehrere Wandleuchter mit Wachskerzen verbreite⸗ ten eine anſtändige Helle; in der Mitte ſtand ein Tiſch von weißem Marmor, auf welchem ein Spiel franzöſiſcher Karten lag. Decke und Wände entbehr⸗ ten alles Schmucks, und die Stühle, worauf ſich das Vierblatt niedergelaſſen hatte, gehörten dem modernen Geſchmacke an. „Ich hatte mir's weit ſchauerlicher gedacht,“ flü⸗ ſterte Henriette,„ich dachte an nichts, als Thiergerippe und Todtenbein.“ „Die Menſchheit iſt, Gott ſei Dank, ſo vernünftig geworden,“ bemerkte Georg,„daß ſie ſich nicht mehr auf ſo plumpe Art betrügen läßt. Der Gaukler ſelbſt muß mit dem Zeitgeiſte fortſchreiten.“ „Uebrigens befinden wir uns hier,“ belehrte Eu⸗ gen,„ bei keiner Zauberin, nur bei einer Wahrſa⸗ gerin.“ „Ach ſo,“ lächelte Georg und blickte auf Victori⸗ nen, die bei Eugen's Belehrung ſich gleichfalls des Lächelns nicht enthalten konnte. „Still,“ mahnte Henriette,„es rauſcht gleich da ſein.“. wird 127 Dieſe Worte waren kaum geflüſtert, als die neue Pythia wie aus einer Niſche hervortrat. Es war eine Frau von mittlern Jahren, ſchlanker Statur und gemeſſener Haltung. Die Kleidung, we⸗ niger phantaſtiſch als die des Tempeldieners, ſchien auf das Publikum berechnet. Sie verneigte ſich; der etwas ſtiere Blick überflog flüchtig die Anweſenden, worauf ſie an den Marmortiſch trat und ohne weitere Ceremonien das Spiel Karten miſchte. „Wenn es Ihnen gefällig iſt, Mademviſelle,“ ſprach ſie jetzt mit einnehmender Artigkeit zu der voranſitzen⸗ den Vietorine und deutete auf die Karten, zum Cou⸗ piren einladend. „Willſt Du nicht?“ wandte ſich die Aufgeforderte zu Henrietten. „Nein, nein,“ ſprach dieſe,„beginne Du.“ Victorine trat jetzt zum Tiſche und coupirte mit der kleinen weißen Hand lächelnd die Karten. Die Kartenſchlägerin dankte und begann nun in ſeltſamer Reihenfolge, aus deren Anordnung Nie⸗ mand klug ward, das Spiel auf der Marmorplatte auszubreiten. Victorine hatte ſich wieder geſetzt und flüſterte, ſcheinbar theilnahmlos über die Enthüllung ihres Schick⸗ ſals, ununterbrochen mit Henrietten, welche, weit mehr Intereſſe an der Sache nehmend, kein Auge von dem Marmortiſche verwandte.. Auch Eugen's Blicke folgten aufmerkſam den ſelt⸗ ſamen Schickſalsblättchen, obſchon ihm Alles Räthſel blieb. Georg intereſſirte ſich nur in ſo fern, als die Kartenoperation Victorinen's Schickſal galt. Er warf von Zeit zu Zeit einen Blick nach dem intereſſanten Geſicht. Victorinen war die Aufmerkſamkeit Georg's im Geringſten nicht unangenehm, obſchon ſie ſich den 128 Anſchein gab, als bemerkte ſie gar nichts davon. Na⸗ mentlich in Henrietten's Anweſenheit war des Mäd⸗ chens Verhalten zum Buchhalter äußerſt zurückhaltend⸗ weil ſie zu ſehr von den Neckereien der Freundin zu leiden hatte. Die Pythia war endlich mit ihrer Ausſtellung fertig. Alle zweiundfünfzig Blätter lagen wohlge⸗ ordnet in einem großen Quadrat. Das Buch des Schickſals war geöffnet, es bedurfte blos des kundi⸗ gen Dolmetſchers, die ſeltſamen Conſtellationen zu entziffern. Aller Blicke richteten ſich jetzt auf die Seherin, welche die Hand am Kinn mit großer Aufmerkſamkeit in den Karten zu leſen ſchien. Beiden Mädchen, ob⸗ ſchon ſie zu den aufgeklärten gehörten und längſt al⸗ len Glauben an Wahrſagerei und Zauberei in die Rumpelkammer geworfen haben wollten, ſchlug doch unwillkürlich das Herz. Man bemühte ſich aus den Geſichtszügen der weiſſagenden Dame Glück oder Un⸗ glück zu leſen. Nur Georg erwartete in ziemlich küh⸗ ler Stimmung die Worte der Prophetin. „Ihre nächſte Zukunft,“ begann dieſe endlich zu Victorinen gewendet, in ziemlich tonloſer Rede,„iſt keineswegs heiter. Sie leiden mehr für Andere als für ſich. Freundſchaft und Liebe wird Ihnen zur rei⸗ chen Schmerzensquelle.“ Bleich wie ein Marmorbild vernahm die arme Victorine dieſe Worte. Sie warf einen ſcheuen Blick nach Georg, auf deſſen ſchöner Stirn die Zornesader ſichtbar hervortrat. Henriette hielt angſtvoll die Hände gefaltet und Eugen wollte ſo eben die ganze Prophe⸗ tenrede für einfältiges Geſchwätz erklären und ins Lächerliche ziehen, als die Wahrſagerin fortfuhr: „Mitten im Jammer treffen Sie auf eine ſehr — 129 hochgeſtellte Perſon, die vermöge ihrer Allgewalt alle Wolken zerreut, welche ſich über Ihr Glück gelagert haben. Dieſe hohe Perſon iſt hier der Carreaukönig; auch erſcheint gleich darauf der Coeurbube. Von nun an wird Ihr Leben faſt durch nichts mehr getrübt, ausgenommen, daß Sie einmal recht viel Abſchieds⸗ thränen zu weinen haben, doch hat das Herz wenig damit zu ſchaffen. Iſt dieſer kurze allerdings etwas ſchattenreiche Zeitraum vorüber, kehrt Liebe und Glück in erhöhtem Maße zurück.“ In Folge des zweiten Theils der Prophezeihung hatte Victorine wieder Athem geſchöpft. Henriette umarmte ſie mit Herzlichkeit. „Schatz,“ rief ſie,„weißt Du was, wir glauben blos an die hohe Perſon, den Carreaukönig, an den Coeurbuben und an das viele Glück, das Dir brvor⸗ ſteht, das Andere iſt dummes Zeug.“ „Ja wohl,“ lachte Eugen,„da muß man Philo⸗ ſoph ſein, ich glaube nur an das, was mir gefällt, das Schlimme iſt bald vergeſſen.“ Henriette zerbrach ſich bereits den Kopf nach dem Carreaukönig, der Victorinen's Glück machen ſollte. „Mit dem Cveurbuben,“ meinte ſie,„bin ich im Klaren, da brauchen wir nicht zu vrakeln; aber der Carreaukönig— der Carreaukönig—“ „Allons,“ drängte Eugen,„nun biſt Du an der Reihe, Henriette.“ „Um's Himmelswillen,“ proteſtirte dieſe, ich mag nichts wiſſen.“ „Das wäre ſchön,“ rief Victorine,„hab' ich's überſtehen müſſen, darfſt Du nicht zurückbleiben.“ „Du glaubſt nur das Gute, wie ich,“ tröſtete Eugen,„das Andere iſt dummes Zeug.“ „Alſo nur unter dieſer Bedingung,“ ſprach ſie ein⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 9 130 willigend, und coupirte zitternd die von Neuem ge⸗ miſchten Karten. P Die Pythia begann ihr voriges Spiel; Henriette war geſpannter denn je; während Victorine nicht ohne Bangen über die dunklen Zeiten nachſann, die ihr, der Kartenſchlägerin zu Folge, in Kurzem bevorſtehen ſollten. Abermals erhob jetzt Letztere die verhängnißvolle Rede „Mit Ausnahme mehrer Unannehmlichkeiten,“ be⸗ gann ſie,„die mit leichtem Sinne ertragen werden, ftießt Ihr Leben ungetrübt dahin wie zeither. Es nahen große, verhängnißvolle Zeiten, ohne jedoch Ihre Perſönlichkeit ſchmerzhaft zu berühren. Bald darauf erſcheint der Cveurbube. Dieſer iſt aber kein Fran⸗ zos, ſondern weither aus fernem Norden, wenn mich nicht Alles trügt, ein Offizier ſeiner Majeſtät des Kaiſers aller Reußen. Dieſer junge Herr gewinnt großen Einfluß auf Ihr Schickſal, bis es ihm endlich gelingt, das Ihre mit dem ſeinen zu vereinen.“ „Was,“ rief Eugen auffahrend,„einen Ruſſen? Henriette, ich will nicht hoffen.“ Das arme Kind war feuerroth geworden, doch wußte ſie ſich ſchnell zu faſſen. „Es iſt ja ausgemacht,“ ſprach ſie,„was uns bei der Wahrſagung nicht gefällt, iſt dummes Zeug.“ „Der Cveurbube wird Dir ſchon gefallen,“ flü⸗ ſterte neckend Victorine. „Die Liebe, wie alles Hohe und Edle,“ bemerkte Georg halblaut für ſich,„kümmert ſich nicht um Po⸗ litik und Sectengeklätſch der Erde.“ „Es iſt auch gar nicht denkbar,“ ſprach Eugen ſimulixend,„ein ruſſiſcher Offizier, wo ſollte der nach Paris kommen? Bevor nicht Frieden iſt, haben wir 134 nicht einmal eine ruſſiſche Geſandtſchaft, und an Frie⸗ den, iſt Gott Lob! ſobald nicht zu denken. Uebri⸗ gens hoff' ich zu Gott, daß es keiner Pariſerin in den Sinn kommen wird, ſich in einen Ruſſen zu ver⸗ lieben. Dieſe Barbaren haben durch ihre maßloſe, allem Menſchen- und Völkerrechte zuwiderlaufende Kriegsführung die herrlichſte Armee der Welt zu Grunde gerichtet. Seit dem letzten Feldzuge iſt eine ewige Scheidewand gezogen zwiſchen ihnen und den Kindern von Paris.“ Georg lächelte.„Ich dächte doch,“ meinte er, „der ſchöne und intereſſante Czernitſcheff, dieſer nor⸗ diſche Barbar, hätte im vorigen Winter nicht blos Glück, ſondern ſelbſt Furore gemacht bei den Kindern von Paris.“ „Allerdings,“ ſprach Eugen etwas ärgerlich,„aber nur durch ſeine Sitten, die er nicht mitgebracht, ſon⸗ dern erſt in Paris gelernt hat. Er iſt zwar in Ruß⸗ land geboren, aber ſeine Erziehung und Bildung, durch die er Glück machte, verdankt er Paris.“ „Nun,“ erwiederte ſchalkhaft und halblaut Georg, „der Coeurbube könnte ja auch ſo eine Art Czernit⸗ ſcheff ſein.“ „Wenn auch,“ verſetzte Engen entſchieden,„nach dem barbariſchen Feldzuge darf ſelbſt von einem Ado⸗ nis, ſo er ein Ruſſe iſt, die Rede nicht ſein; oder ich ſage mich los von der Vetterſchaft.“ Georg brummte in den Bart:„Da möchte doch der Vetter gegen den Coeurbuben den Kürzern zie⸗ hen und man lieber auf die Vetterſchaft, als auf Letz⸗ teren verzichten, ſelbſt wenn er in Suſ ren wäre.“ Vietorine flüſterte der Freundin mit naiven In⸗ nigkeit in's Ohr:„Immer verlieb Dich in den ſchö⸗ 132 nen ruſſiſchen Offizier, das Herz kümmert ſich nicht um Politik.“ „Sprichſt ja recht erfahrungsvoll, Herzchen,“ lä⸗ chelte Henriette, und zu den beiden Herren gewendet: „Nun, an wem iſt jetzt die Reihe?“ „Georg, wollt Ihr coupiren?“ frug Eugen. Der Buchhalter ſchüttelte. „Meinetwegen, ſo mag's über mich hergehen,“ ſprach der Vetter. Wieder trat die erwartungsvolle Pauſe ein, wo die Wahrſagerin die Karte legte. ch will weiter nichts wiſſen,“ meinte Eugen, „als ob ich beim Feldzuge 1813 dabei ſein werde oder nicht.“ Die Wahrſagerin begann:„In nächſter Zukunft mancherlei Unangenehmes.“ „Wie die ganze Zeit daher,“ brummte Eugen, und ſah dabei vorwurfsvoll auf Henrietten. „Hierauf eine große Ueberraſchung, der große Freude folgt,“ fuhr das Orakel fort,„dann wird eine Reiſe unternommen.“ „Eine Reiſe?“ rief Eugen freudig,„wirklich, ſteht eine Reiſe da? Natürlich, bevor ich auf den Kriegs⸗ ſchauplatz komme, muß ich dahin reiſen oder marſchi⸗ ren, was gleichbedeutend iſt.“ „Hinderniſſe und Gefahren thürmen ſich auf,“ lau⸗ tete die Prophezeihung weiter,„da erſcheint die Cveur⸗ dame.“ Hier horchten die Mädchen hoch auf. „Doch nicht ein ſchönes Ruſſenkind?“ frug Hen⸗ riette raſch,„ſonſt ſag' ich mich los von der Couſi⸗ nenſchaft.“ Victorine und Georg mußten lachen. „Unbeſorgt, mein Kind,“ ſprach der Perfiflirte, „ich bin, Gott ſei Dank, ein Franzoſe.“ 133 Ja, Freund,“ lächelte Georg nicht ohne Bedeut⸗ ſamkeit,„das wiſſen wir und wüßten wir es nicht, hätte es Deine letzte Phraſe verrathen.“ „Nur weiter,“ bat Henriette,„alſo eine Tochter der Newa iſt's nicht.“ „Nein,“ war die Antwort,„doch auch keine Tock⸗ ter Frankreichs.“ „Ha, der Treuloſe,“ riefen die beiden Damen mit komiſchem Entſetzen,„alſo eine barbariſche Fremde zieht er den gebildeten, kunſt- und geſchmackſinnigen, wohlerzogenen Mädchen Frankreichs vor? Iſt ſo et⸗ was erhört worden von einem Kinde von Paris? O Schmach über den Entarteten!“ „Wer ſagt Euch denn,“ vertheidigte ſich Eugen, „daß die Fremde barbariſch iſt? In Deutſchland zum Beiſpiel giebt's Mädchen, die an Artigkeit und Geſittung den Pariſern nicht nachſtehen. Unſere vor⸗ treffliche Wienerin Marie Louiſe, macht die etwa Frankreich Schande? Dieſe erkämpfte ſich der Kaiſer bei Wagram. Ich will mir auch eine ſolche Helena holen.“ Das Orakel fuhr fort:„Nun folgen lange, dunkle, blutige Zeiten— aber der Glücksſtern leuchtet ſchir⸗ mend zur Seite. Sonnenglanz wechſelt mit Mitter⸗ nacht. Es wird wieder Morgen— Wolken ziehen von Neuem empor. ⸗ „Ach,“ ſcherzte Henriette,„Mitternacht, Wolken, Gefahr, das iſt Alles dummes Zeug, ich glanbe nur an die Cveurdame.“ Eugen war ſichtbar ernſter geworden, doch erhielt er ſeine gute Laune bald wieder. „Mir iſt nur lieb, daß es bald fortgeht“ ſprach er,„wiewohl das Wie ein Räthſel iſt, da ich auf Onkels Brief noch ein hübſch Weilchen zu warten habe; der ſteckt, Gott weiß wie weit, draußen in Preußen.“ 134⁴ Nun ſollte ſich Georg die Karten legen laſſen. Er widerſtrebte lange, gab aber endlich den vereinten Bitten nach. Die Züge der Kartenſchlägerin, als ſie die Orakel⸗ blätter in Reih und Glied gelegt hatte, verfinſterten ſich ſichtbar. Sie ſchien Bedenken zu tragen, das Ent⸗ ſetzliche, das in den Karten ausgeſprochen war, mit⸗ zutheilen. Den Anweſenden entging dieſer Zuſtand nicht. Eine Todtenſtille herrſchte; Victorine legte un⸗ willkürlich die Hand an das klopfende Herz. Endlich ſprach Georg unbefangen und lächelnd:„Nur heraus mit der Sprache, Madame, Sie kennen ja unſere Li⸗ peralität; was nicht anſpricht, wird nicht geglaubt.“ „O ſcherzt nicht,“ erwiederte die Angeredete in ernſtem Tone und durchirrte nochmals die Kartenbilder. „Da ſich das Schickſal freundlicher entwirrt, als ich anfangs glaubte,“ fuhr ſie fort,„könnt Ihr Alles vernehmen.“ Sie fiel in ihren gewöhnlichen Wahrſagerton:„So wißt denn, in Kurzem ſteht Euch großes Unheil be⸗ vor. Euer Leben hängt an einem Faden. Seht, hier liegen unglücklicher Weiſe Piquebube und Piquekönig hart an einander, und unmittelbar darauf Treff⸗As. Es iſt Euer Heil, daß die feindliche Macht des Treff⸗ königs durch die nahe Coeurdame gebrochen wird. Sie bringt die größten Opfer, die nur treue Liebe zu bringen vermag; dafür bürgt das daneben lie⸗ gende Coeur⸗As. Euer eigentlicher Retter iſt jedoch der Carreaukönig. Von jetzt wird der Pfad lichter. Auch hier liegen wieder drei Dreien neben einander. Die deuten auf eine weite Reiſe, worauf ungetrübtes Glück folgt.“ Alle dieſe Orakelworte ſprach die Prophetin mit ſo innerer Ueberzeugung, daß Georg's Scherze dar⸗ 135 über, namentlich bei den Damen, keinen rechten An⸗ klang finden wollten. Eugen, der gewöhnlich nur für den Augenblick von Etwas ergriffen wurde, ließ ſich weiter kein graues Haar wachſen. „Nun hat jedes ſein Theil,“ lachte er.„Georg iſt freilich am Schlimmſten davon gekommen; aber ich weiß warum. Wenn ich nur meine Coeurdame hätte,“ fuhr er fort,„gewiß eine reizende Sachſin. Wie ich neulich in der Revue las, wachſen da nach einem deutſchen Sprichworte die hübſcheſten Mädchen von ganz Deutſchland.“ Henriette fand ebenfalls bald ihre Heiterkeit wie⸗ der. Nur Victorinen's Antlitz blieb vom Ernſt über⸗ ſchattet. Die Prophetenworte über Georg's Schickſal waren tief in ihr Inneres gedrungen. Jetzt erſt ward ſie ſich's lebhaft bewußt, daß ſie dem Nordamerikaner mit unendlicher Liebe ergeben ſei. „Apropos,“ frug Eugen die Wahrſagerin,„kann man ſich auch über abweſende Perſonen, oder über den Ausgang irgend einer Unternehmung die Karte ſchlagen laſſen?“ Die Gefragte bejahte die Frage. „Das iſt herrlich,“ fuhr der Couſin fort,„da brauchen wir nicht einmal in Angſt zu gerathen. Wir wollen jetzt das Orakel befragen, ob der bevorſtehende Feldzug glücklich ablaufen wird oder nicht? Aber wer coupirt?“ „Eine Perſon,“ antwortete die Kartenſchlägerin, „für die die Frage das wenigſte Intereſſe hat.“ „Nun, da cvupir' ich nicht,“ meinte Eugen,„ich hab' unſtreitig das größte Intereſſe. Und Henriette,“ lachte er,„darf die Karte auch nicht berühren, die denkt dabei an die Ruſſen und wünſcht ihnen den Sieg, des bewußten Cveurbuben wegen. Victorine iſt 136 zu kaiſerlich geſinnt— alſo bleibt Niemand als Georg; er iſt weder Franzoſe, noch hält er's mit den Ruſſen, wie gewiſſe Pariſer Damen.“ „Ich kann nicht coupiren,“ entſchuldigte ſich dieſer, „weil ich von Herzen der gerechten Sache den Sieg wünſche.“ „Der gerechten Sache?“ frug Eugen,„nun ganz recht, der unſern. Ich hätte nicht geglaubt,“ fügte er belobend hinzu,„daß Ihr ſolch' warmen Antheil nähmet. Freilich, da dürft Ihr nicht abheben.“ Beorg ließ den jungen Freund in ſeinem Irr⸗ thume. „So wollen wir das Orakel nicht muthwillig pro⸗ voeiren,“ ſprach er,„der Ausgang läßt ſich ja mit ziemlicher Gewißheit vorausſehen.“ „Der glückliche Ausgang?“ frug Eugen,„aber, nein, nein, wir ſtehen einmal am Brunnen der Er⸗ kenntniß. Schwarz auf weiß oder vielmehr roth auf weiß will ich's haben. Aber wer conpirt?“ Die Kartenſchlägerin klingelte. Der Tempeldie⸗ ner erſchien und mußte abheben. Zum fünften Male wurden die verhängnißvollen Karten ausgebreitet. Das Orakel lautete: „Glück beim Beginn, das Ende voller Unglück.“ „Nun da haben wir es,“ rief Eugen, daß Alles dummes Zeug iſt. Der Kaiſer wird wohl gar be⸗ ſiegt?“ frug er halb in Spott. „Er wird es,“ war die Antwort. „Und um Thron und Reich gebracht, nicht wahr?“ lachte er. „Nicht anders,“ tönte es hohl, und der Blick der Prophetin fiel zermalmend auf den Spötter. „So tröſtet Euch, die Ihr mühſelig und beladen ſeid,“ declamirte in halb ärgerlichem, halb ſpottendem 137 Tone Eugen,„und macht Euch wegen des Karten⸗ vrakels keine ſchlimme Nacht. Der Kaiſer Napoleon um Thron und Reich gebracht,“ lachte er laut,„Ihr nehmt mir's nicht übel, Madame, aber es klingt zu poſſirlich.“ „Nicht meine Weisheit iſt's,“ ſprach die Prophe⸗ tin ernſt,„ſo ſteht es im Buche des Schickſals ge⸗ ſchrieben.“* Georg mahnte zum Aufbruch, und alsbald ſaß die Geſellſchaft wieder im Wagen. „Wißt Ihr denn,“ frug hier Eugen,„warum die Hokuspokusmacherin unſerm guten Georg ſo übel mit⸗ ſpielte? Aus keinem andern Grunde, als weil er ſich aus dem ganzen Orakelthum wenig zu machen ſchien. Hätte er mit ſolcher Andacht zugehört, wie wir Andern, würde nicht von ſchwerem Unheil, Le⸗ bensgefahr und dergleichen die Rede geweſen ſein, wodurch übrigens unſere unſchuldige Coufine Victorine weit mehr allarmirt worden, als der ſchuldige Theil. Aber Couſinchen, ohne Sorge,“ ſetzte er lachend hin⸗ zu,„erſt muß unſer Kaiſer um Thron und Reich kom⸗ men, bevor die Wahrſagung Autorität bekommt, und da werdet Ihr ſelbſt zugeſtehen, daß es bis dahin noch ein Weilchen Zeit hat.“ Das Geſpräch kam auf andere Gegenſtände. Die Prophetenworte der Kartenſchlägerin waren bald ver⸗ geſſen und nur Victorine ſchien ihre gewohnte Heiter⸗ keit nicht ſogleich wiederfinden zu können. 138 Reuntes Rapitel. Eine unermeßliche Volksmenge hatte⸗ ſich auf dem Marsfeld verſammelt. In unabſehbaren Linien wa⸗ ren die neuen Legionen, welche das Genie Napoleon's wie mit einem Zauberſtabe aus der Erde gerufen hatte, in Schlachtordnung aufmarſchirt. Tauſendfach ſpie⸗ gelte ſich die Sonne in den blitzenden Helmen und Schwertern der glänzenden Cavalleriebrigaden, in dem funkelnden Meere der Bayonnette ind den metallnen Feuerſchlünden der Artillerie⸗Parks. Auf dem rechten Flügel hielten die prachtvollen Reitergeſchwader der goldnen Jugend von Paris und Verſailles. Dies waren alles Söhne aus den ange⸗ ſehenſten Familien Frankreichs, die freiwillig ihre alten Schlöſſer verlaffen, die leichte Jagdkleidung mit der goldbedeckten Uniform vertauſcht und ſich kampf⸗ bereit unter die Befehle des großen Imperators ge⸗ ſtellt hatten. Weiter in der Mitte beſch hien die Sonne lauter tiefgebräunte Geſichter. Dunkeltrotzig und verwegen blickten ſie unter den glänzenden Helmen und Tſchako's hervor. Das waren die alten claſſiſchen Legionen, welche ſo eben ruhmbebeckt aus den Tiefen Spaniens heimgekehrt und im Begriff ſtanden, nach dem Oſten und Norden Europa's die ſiegreichen Waffen zu tra⸗ gen. Viele alte Waffengefährten aus Aegypten be⸗ fanden ſich darunter. Es währte nicht lange, ſo verkündete ein entfern⸗ tes„Vive l'empereur!“ das von Secunde zu Secunde donnerartig heranbrauſ'te, die Ankunft des Kaiſers. Bald kam dieſer ſelbſt an der Spitze ſeiner Marſchälle und Generale die Fronte entlang geritten. Sein Ge⸗ ſicht heiterte ſich ſichtbar auf, als er dieſe ſchönen trefflich ausgerüſteten und vom beſten Geiſte beſeelten Schaaren überſchaute. Wohlgefällig klopfte er mit ſeiner kleinen weißen Hand den Schwanenhals ſeines treuen Schlachtroſſes. Dann ſtieg er ab und durch⸗ ſchritt zu Fuß die Reihen. Hier und da blieb er ſtehen und ſprach ein paar Worte, gewöhnlich mit alten Graubärten, welche die Zeichen vieler Dienſt⸗ jahre am linken Arm trugen. Ehrenkreuze vertheilte er vielfach. Als er bei den alten ſpaniſchen Legionen ankam, erreichte der Enthuſiasmus dieſer bejahrten Waffen⸗ gefährten den höchſten Grad. Lange Jahre hatten ſie ihren Kaiſer nicht in ihrer Mitte geſehen. Der Ju⸗ bel theilte ſich unwillkürlich auch den übrigen Regi⸗ mentern und den verſammelten Zuſchauern mit. Es war wie das Brauſen eines Weltmeers. Mit finſterm Schweigen hatte eine geraume Zeit der Ritter Levn dieſen Ausbrüchen des Volksjubels, der ſich für die Perſon Napoleon's ſo unzweideutig ausſprach, zugeſchaut, Da fühlte er ſich am Arme gefaßt, und Franzese ſtand neben ihm. „Warum ſo niedergeſchlagen, Herr Ritter?“ frug dieſer frohgelaunt.„Es iſt die Pflicht eines guten Franzoſen, daß ſein Geſicht ein Feiertagskleid anzieht, wenn Seine Majeſtät der Kaiſer und König Heer⸗ ſchau über ſeine getreuen Kinder hält.“ Leon blickte mißmuthig zu ihm auf. „Ich begreife Eure unzeitige Laune nicht,“ ſprach er;„nach dem Schauſpiel, das ſich unſern Blicken darbietet, haben wir Urſache, noch für geraume Zeit Trauerkleider anzulegen.“ „Ei, ſo gönnt doch dem kleinen Corporal ſein lachte der Italiener,„wer weiß, wie „ lange er es noch hat. Kommt, Herr Rit r, wir revanchiren uns bei der kleinen liebenswürdigen Mar⸗ quiſe.“ Leon ward immer ungehaltener. „Laßt mich in Ruhe mit Eurem wahrhaft unver⸗ antwortlichen Leichtſinne,“ rief er,„ſorgt lieber, daß wir nicht Savary's Spürhunden in den Wurf kom⸗ men. Ich habe ſeit ein paar Tagen alle Urſache, zu glauben, daß man uns auf der Fährte iſt Franzesco, deſſen Laune unverwüſtlich war, konnte ſich des lauten Auflachens nicht enthalten. Leon warf ihm einen zornigen Blick zu und wollte ſich entfer⸗ nen; aber der Italiener hielt ihn am Arme. „Halt, Herr Ritter,“ rief er in halb komiſchem, halb gebieteriſchem Tone,„nicht von der Stelle, oder Sie ſind mein Arreſtant; wiſſen Sie, wen Sie vor ſich haben?“ „Das weiß ich,“ erwiederte Leon faſt aufgebracht, und wollte ſich losmachen. „Nein, Herr Ritter,“ ſprach der Italiener in ei⸗ nem Tone, von dem man nicht wußte, ob er Ernſt oder Scherz war,„das wiſſen Sie nicht. Ich heiße nicht mehr Franzesco,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „ich heiße jetzt Creseini, als wohlbeſtallter Agent Sei⸗ ner Durchlaucht des Herzogs von Rovigo.“ Der Ritter blickte ihn eine Zeit lang betroffen an, dann ſprach er:„Ich bitt' Euch, Freund, laßt jetzt den Scherz, die Zeiten ſind nicht danach.“ „Wer ſagt denn, daß ich ſcherze?“ frug jener, „das Drollige liegt nur in meiner Beſtallung als Kaiſerlich Königlicher geheimer Polizeiſpion.“ Leon wußte nicht, ob er ſeinen Ohren trauen ſollte. Franzesco ward endlich ernſter und erzählte den kaum glaublichen Hergang der S Durch 141 Intriguc aller Art war es dem ſchlauen Italiener nicht nur gelungen, ſeine wahre Miſſion als royaliſti⸗ ſcher Agent der Pariſer geheimen Polizei zu verber⸗ gen, ſondern ſelbſt das vom Polizeiminiſter ausge⸗ ſtellte Patent als polizeilicher Agent zu erhalten. „Uns blieb nichts übrig,“ ſchloß er die ſeltſame Geſchichte,„als den Pariſer Spürnaſen, die uns nahe huf den Ferſen waren, das Prävenire zu ſpie⸗ len. Sie wollten uns überliſten. Nun haben wir ſie überliſtet.“ Leon konnte ſich von ſeiner Bewunderung über die Intriguen und Machinationen des Italieners nicht genug verwundern. „Aber in ſo kurzer Zeit!“ rief er einmal über das andere. „Nicht gar ſo kurz,“ erwiederte der neugebackene Polizeiſpion,„ich hatte die Fäden ſchon ſeit andert⸗ halb Jahren geſponnen. Die kleine Marquiſe hat mir dabei wahrhaft unbezahlbare Dienſte geleiſtet. Uebrigens koſtet mich das Vertrauen Savary's immer⸗ hin einen anſehnlichen Preis.“ „Und dieſer iſt?“ frug der Ritter. „Nichts weniger als die geſammte Republik,“ war die Antwort.„Ich habe den unterirdiſchen Convent mit ſämmtlichen Sectionschefs in den Kauf gegeben.“ „Wie? den Timoleon und Conſorten?“ „Niemanden anders,“ ſprach der Italiener gleich⸗ müthig.„Sie ſind unrettbar verloren, wir erwarten nur den nächſten Sectionstag, wo das Neſt hübſch voll iſt, um einen Sturm auf die unterwettliche Veſte zu unternehmen.“ Der Ritter ſchien dieſen Verrath nicht zu billigen. Der Italiener fuhr, ihn entſchuldigend, fort:„Was konnten uns die wüſten Geſellen nützen? Unſere Rv⸗ ſen blühen jetzt nicht mehr in den Kellern der Repu⸗ blik. Mit der iſt's vorbei. Nach Breslau und Stock⸗ holm, vielleicht auch bald nach Wien müſſen wir die Blicke richten. In den geheimen Schubfächern des Fürſten von Benevent, im Salon des Grafen Armand, in den Boudvirs der Herzogin von Saint⸗Denis und unſerer unvergleichlich liebenswürdigen kleinen Mar⸗ quiſe— Ihr wißt, wen ich meine— da grünt es hoffnungsvoll. „Laßt darum,“ fügte er lachend hinzu,„den klei⸗ nen dicken Corſen ſeine Wachtparaden halten; wir ſtehen gleichfalls auf der Wacht— zumal ich nun die Ehre habe, einer ſeiner Polizeiſpione zu ſein.“ Die achtzig Tambours ſchlugen jetzt einen minu⸗ tenlangen Wirbel, als ſollte das Himmelsgewölbe zu⸗ ſammenbrechen. Hierauf prachtvolle Marſchmuſik; die Colonnen ſetzten ſich in Bewegung und defilirten bei Napoleon, der in ſeiner einfachen grünen Chaſſeur⸗ uniform an der Spitze ſeines mit Gold und Diaman⸗ ten bedeckten Generalſtabes hielt, unter jubelndem Zuruf vorüber. Als die Parade vorbei war, fuhren die beiden Emiſſaire nach dem Faubourg Saint⸗Germain, wo ſie bei einem palaſtartigen Hauſe ausſtiegen. Sie ſchienen hier ziemlich bekannt zu ſein. Der Thür⸗ hüter trat ſogleich in ehrfurchtsvolle Stellung und ließ ſie ohne Anfrage vorüber. Sie eilten eine große Treppe hinauf und befanden ſich in einem höchſt ge⸗ ſchmackvollen, nicht allzu großen Saale, der reich mit Portraits geſchmückt war. Letztere zeugten insgeſammt von der legitimiſtiſchen Geſinnung des Beſitzers; ſie ſtellten faſt nur Perſonen aus dem Hauſe Bourbon dar. Die Bildniſſe Ludwig's des Sechzehnten und ſeiner Familie waren mit Flor verhangen. 4 einem 143 Portrait der jetzigen Machthaber und Helden ſuchte man vergeblich. Eine Seitenthür that ſich auf; ein in die Farben des Grafen d'Artvis gekleideter Kammerdiener trat heraus und winkte den beiden Emiſſairen. Wieder ging die Wanderung durch mehre geſchmackvoll meu⸗ blirte Zimmer und endete in einem höchſt anmuthigen Boudoir. Hier ſaß eine Dame, ſchön wie Hebe, im Divan, in die Lectüre eines Briefes vertieft. Sie ſchien die Ankömmlinge, welche ſehr leis eingetreten waren, gar nicht zu bemerken, denn ſie war zu ſehr mit dem Inhalte des Schreibens beſchäftigt. Endlich blickte ſie auf, ſprang vom Sopha, ihr reizendes Ant⸗ litz ſtrahlte von Entzücken. „Leſt!“ rief ſie dem Italiener entgegen und hielt das Papier hin,„leſ't und verehrt mich als Prophetin.“ Franzesco begann zu leſen, aber je weiter er kam, deſto ſichtbarer erheiterten ſich ſeine Züge. „Dieſe Nachricht iſt nicht mit Gold und Juwelen zu bezahlen!“ rief er,„hier, Herr Ritter, leſet.“ Der Inhalt des Briefs lautete: „Meine liebe kleine Marquiſe! Geſtern Abend war der Herzog von Baſſano beim Fürſten Schwarzenberg. Er ſollte dieſen in Betreff der Wiener Alliance ſondiren. Der Fürſt war ziem⸗ lich verſchloſſen; er wich allen gelegten Fallen mit Geſchick aus. Baſſano war nach zweiſtündiger Con⸗ ferenz über die Geſinnung des Wiener Cabinets ſo klug wie zuvor. Endlich verließ ihn die Geduld. Er gab nicht undeutlich zu verſtehen, Oeſtreich könne ſich nach dem einmal geſchloſſenen Familienbunde von Frankreich nicht wieder trennen. Immer von Neuem kam er auf dieſen Punkt zurück. Anfangs ſchwieg 144⁴ Schwarzenberg; als aber Maret immer wieder auf die Verſchwägerung zurückkam und ſie als ſichere Garan⸗ tie betrachtete, entfuhren dem öſtreichiſchen Feldmar⸗ ſchall halb im Unmuthe, halb aus Uebereilung die verhängnißvollen Worte: Dieſe Ehe iſt von der Politik geſchloſſen und kann durch die Po⸗ litik wieder gelöſtt werden.— Der Satellit des uſurpators erbleichte; er hatte einen Blick in das geheimſte Innere des alliirten Cabinets gethan, und ein tiefes Schweigen erfolgte. Schwarzenberg, erkennend, daß er zu übereilt geſprochen, wollte die Sache gut machen und ſprach viel von Frieden und Freundſchaft, aber der Schleier war zerriſſen, und Maret zauderte nicht, obige verhängnißvolle Phraſe ſeinem Herrn und Gebieter zu überbringen. Dies ſind die wichtigſten und neueſten Nachrichten aus den Tuilerien. Du wirſt ſie, meine kleine Mar⸗ quiſe, zu benutzen wiſſen. Sei übrigens vorſichtig, damit die Londoner Preſſe wenigſtens vor der Hand nichts davon erfährt. Die Sache iſt delicat, und wir müſſen Alles vermeiden, daß ſich Wien nicht zu früh⸗ zeitig compromittirt. Lebe wohl, mein Herz, und behalte lieb Deine Adelaide.“ „Nachſchrift. unſere Juliette Armand, dieſe übermüthige Lie⸗ benswürdigkeit, hat in der geſtrigen Svirée ihre Er⸗ oberungen unter den Marſchällen fortgeſetzt. Der Corſe wird überall geſchlagen, in Rußland von den Koſaken, in den Kabinetten von den Diplomaten und auf den Pariſer Ballſälen von den Grazien. Aber anzuziehen verſteht ſich das Kind darum nicht. Sie ging geſchmacklos wie keine. A. 1⁴¹5 „Nun, Chevalier,“ frug die Marquiſe nicht ohne Triumph,„waren meine Ausſprüche über Oeſtreich utopiſche Träume?“ „Ich beuge meine Kniee vor Aphroditen und Pal⸗ las Athenen,“ erwiederte der Ritter galant,„die ich hier in Einer Perſon vereinigt finde.“ „Noch eins,“ unterbrach die Marquiſe, die im Verfolgen ihrer legitimiſtiſchen Pläne und Intriguen einen unermüdlichen Eifer an den Tag legte,„auch Fouché hat ſich uns genähert.“ Der Ritter runzelte die Stirn. „Ein Königsmörder,“ ſprach er ernſt,„kann un⸗ ſrer heiligen Sache nur ſchaden, ſelbſt wenn dieſem Fouché zu trauen wäre.“ „Warum ſchaden?“ frug die unternehmende Frau, „wir brauchen ihn als Meſſer, das wir wegwerfen, wenn es nicht mehr nützt.“ „Es iſt nur bei dem Herzog von Otranto zu be⸗ herzigen,“ bemerkte Franzesco,„daß ſich dieſes Meſſer nicht wird wegwerfen laſſen, ohne uns zuvor einen gefährlichen Stich zu verſetzen. Wenigſtens iſt hier die höchſte Vorſicht nöthig.“ Die Marquiſe theilte jetzt den Agenten noch mehre Briefe mit, die ſich ſämmtlich auf royaliſtiſche Con⸗ ſpirativnen bezogen. Man erſah daraus, daß die Partei des vertriebenen Königshauſes ſchon damals nicht unbedeutend war, und nur durch des Kaiſers Allgewalt zu Boden gehalten wurde. Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 10 — 146 Zehntes Rapitel. Eigen war am Kamin und las den beiden Cvufinen eine von jenen kleinen anmuthigen Idyllen, in wel⸗ cher Dichtungsart ſich mehre franzöſiſche Dichter mit ſo vielem Glücke verſucht haben. Draußen ſchüttelte der harte Winter mit unermüdlicher Beharrlichkeit ſein weißes Haupt. Ununterbrochen wehte der Schnee an die hohen, wohlverwahrten Fenſter. Um ſo angeneh⸗ mer hörte ſich's in dem warmen Zimmer der liebli⸗ chen Phantaſie des Dichters zu, der ſeine Leſer mit⸗ ten unter den blühenden, warmen Himmel der glück⸗ lichen Provence verſetzte, in jene reizenden Thäler voller Blumen, und von Silberbächen durchſchnitten. Hier und da blickte gaſtlich eine altergraue Hütte durch blühende Zweige, und darin wohnten frohe glickliche Menſchen, reich in ihrer Armuth, unberührt von dem. wüſten, wilden und herzloſen Treiben einer fernen, großen Welt. Eugen, der mit regem Intereſſe vorlas, und die beiden aufmerkſamen Zuhörerinnen lebten eben recht darinnen, in dem reizenden Idyll, als Herr Normand unerwartet mit ziemlich verſtörtem Geſicht in's Zim⸗ mer trat. Der Vorleſer hielt inne. „Onkel, was iſt Ihnen?“ frug er, beſorgt auf⸗ ſpringend. „Um Gott, Vater, was iſt geſchehen?“ rief Hen⸗ riette erſchrocken. Herr Normand ſchien mit ſich in Zweifel, ob er den Anweſenden den unangenehmen Vorfall, der ihn betroffen, der Wahrheit getren mittheilen ſollte. „Ich hoffe,“ ſprach er nach einer Pauſe, in wel⸗ cher er unentſchloſſen auf⸗ und abgegangen war,„daß die Sache von keinen ſchlimmen Folgen iſt; ſo eben iſt Georg verhaftet und nach der Polizeipräfectur ab⸗ geführt worden.“ Todtenbleich mußte ſich Victorine auf einen Stuhl niederſetzen. Henriette vermochte vor Erſtaunen und Schreck kein Wort hervor zu bringen, nur Eugen ſchien gefaßter, als wenn ihm die Nachricht nicht ganz unerwartet käme. „Der Vorfall iſt mir beſonders deshalb peinlich,“ fuhr der Bangquier fort,„daß ſich Georg durch ſei⸗ nen bekannten Haß gegen unſer Polizeiſyſtem hinrei⸗ ßen ließ, und der Verhaftung perſönlichen Widerſtand leiſtete. Wenn der Verdacht gegen ihn, wie ich über⸗ zeugt bin, noch ſo grundlos iſt, hat er durch ſeine thörichte Widerſetzlichkeit die Sache wahrhaft ſchlimm gemacht.“ „So iſt eingetroffen,“ ſprach Eugen,„was ich immer gefürchtet. Ich habe es an Warnungen nicht fehlen laſſen. Georg hat ſich mehrmals an öffentli⸗ chen Orten, wenn das Geſpräch darauf kam, ſo rück⸗ ſichtslos über die Regierung ausgeſprochen, daß ich erſchrocken bin. Schon ſeit längerer Zeit iſt er des⸗ halb der Polizei verdächtig. Ich begreife nicht, wie er, der ſonſt ſo ruhige und unſichtige Mann, in die⸗ ſem Punkte gar keine Vernunft annimmt. Uebrigens iſt dies auch Alles, und die Sache kann nicht ſchlimm werden; hoffentlich, daß er künftig klüger wird.“ „Schlimm genug,“ murrte Normand,„daß heut⸗ zutage ein unvorſichtiges Wort hinreicht, einen ehr⸗ lichen Mann zum Verbrecher zu ſtempeln.“ „Und was werden Sie für ihn thun?“ frug Vie⸗ torine, die ſich mit Gewalt zuſammenraffte, mit leiſer Stimme. 10 148 „Was läßt ſich da thun, Kind?“ frug achſelzuckend der Banquier,„mit politiſchen Unterſuchungen iſt es eine kitzliche Sache. Wir müſſen in Geduld den Ver⸗ lauf abwarten. Ich hoffe, daß ſich Alles zum Beſten wenden werde.“ „Wenn Sie unverweilt Bürgſchaft leiſteten,“ ſprach beherzter Victorine,„würde Georg, da er kein Ver⸗ brechen begangen hat, gewiß ſeine Freiheit auf der Stelle erhalten.“ „Das glaube ich auch,“ meinte Eugen,„es iſt wahrhaftig kein anderer Grund zu der Verhaftung vorhanden, als der, welchen ich erwähnte: ein vaar kecke unvorſichtige Aeußerungen.“ „O bitte, Vater,“ rief Henriette,„leiſte Bürg⸗ ſchaft. Der arme Georg, ich kann mirs nicht denken, ihn im Gefängniſſe zu wiſſen, da wird er gewiß noch aufgebrachter gegen die Regierung als früher und dem Kaiſer noch feindlicher geſinnt.“ Der Banquier ging einige Mal in Gedanken auf und ab. „Nein, es geht nicht,“ ſprach er endlich;„in ſol⸗ chen Fällen iſt jeder ſich ſelbſt der Nächſte. Trotz Eugen's Verſicherung kann ein andrer Grund der Ver⸗ haftung vorliegen. In unſern Zeiten bedarf's der äußerſten Vorſicht, da muß auch der Schein einer Theil⸗ nahme an einem politiſch Verdächtigen vermieden werden. Bin ich nicht ſchon als Principal cvmpro⸗ mittirt genug? Mein eigner Buchhalter wird in mei⸗ nem Hauſe verhaftet.“. Victorine blickte verwundert und ernſt den Spre⸗ chenden an und vermochte kein Wort zu erwiedern. „Aber wir können unſern armen Freund doch nicht im Stiche laſſen?“ bemerkte Eugen. „Ja, aber dieſer Freund kann nicht verlangen,“ 449 erwiederte Normand,„daß wir ſeinetwegen uns in Gefahr bringen. Ihr habt keine Ahnung,“ fuhr er fort,„wie ſtreng man in dieſen Dingen jetzt iſt. Iſt mir's doch als einem Manne, der mit der Regierung auf gutem Fuße ſteht, ſelbſt verargt worden, daß ich einen Nordamerikaner mit ſolchen antinapoleoniſchen Ideen in meinem Comptoir habe. Uebrigens gehe ich jetzt zum Polizeipräfect, wo ich das Nähere zu erfahren hoffe, und rathe Euch insgeſammt, nicht durch eine unzeitige Theilnahme für Georg mich und Euch ſelbſt in Verdacht zu bringen und Unannehmlichkeiten auszuſetzen.“ Er entfernte ſich. Victorine ſah ihm nach, ohne ſein Lebewohl zu erwiedern. „Ein wenig zu ängſtlich iſt der Onkel,“ ſprach Eugen,„ich hätte das nicht geglaubt, er ſpricht doch manchmal ſo liberal. In dergleichen Polizeigeſchichten bin ich zwar auch vorſichtig, aber das ſoll mich nicht abhalten, für den Freund zu wirken. Ich werde mich daher gleichfalls aufmachen und über die verwünſchte Geſchichte Erkundigungen einziehen. Der arme Georg! iſt er doch noch der heiligen Hermandad in die Hände gerathen. Leb' wohl, meine kleine Straßburgerin,“ ſprach er tröſtend zu Victorinen, dem bleichen Mäd⸗ chen die Wange ſtreichelnd,„ängſtige Dich nicht, die Sache wird ſo ſchlimm nicht werden. Wenn ſich auch Georg der Polizei gegenüber, die er vor dem Tode nicht leiden kann, etwas ungeberdig ſtellt, kann ihm doch nichts geſchehen; er iſt unſchuldig, ich weiß es, und jetzt wird man wegen einer Kleinigkeit verhaftet.“ Er ging. Victorine ſaß fortwährend ſchweigend da. Henriette ſetzte ſich zu ihr und ergriff ihre Hand. „Die ganze Sache hat gewiß nichts auf ſich,“ tröſtete ſie ſanft und liebevoll. 150* Viectvrine blickte ſie lange mit ſeltſamer Wehmuth an, dann warf ſie ſich im Uebermaße ihres Gefühls an die Bruſt der Freundin und brach in lautes Wei⸗ nen aus. „Um Gott, Liebchen, was iſt Dir?“ frug er⸗ ſchrocken Henriette. „Sei kein Kind,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, „was kann ihm geſchehen? Mancher von unſern Be⸗ kannten iſt ſchon verhaftet geweſen, das koſtet den Kopf nicht.“ „Nein, nein,“ ſchluchzte Vietorine in Thränen aufgelöſ't,„er iſt verloren!“ Doch zu gleicher Zeit ſprang ſie auf: „Henriette,“ rief ſie,„wir müſſen ihn retten!“ „Aber Herz,“ frug dieſe ängſtlich und rathlos, „wie können wir das?“ „Wir müſſen ihn retten!“ fuhr Victorine in hef⸗ tiger Aufregung fort.„Er ſelbſt wird ſich heraus⸗ reden, aber ſeine Papiere müſſen wir vernichten.“ „So wollen wir wenigſtens Eugen's Zurückkunft erwarten,“ rieth Henriette. „Kein Augenblick iſt zu verlieren,“ rief Vietorine, „ſchnell folge mir nach ſeiner Wohnung.“ Dieſe befand ſich im Seitengebäude des Normand'⸗ ſchen Hauſes; man konnte aber vermittelſt eines Gan⸗ ges aus dem Hauptgebäude dahin gelangen. Hen⸗ riette zögerte noch immer, aber Vietorine bat ſo fle⸗ hentlich, daß die Freundin nachgab. Die beiden Mädchen eilten nach dem Quartier des Buchhalters. Victorine hatte außer dem Haupt⸗ ſchlüſſel, der die Vorhausthür ſchloß, noch alle Schlüſſel mitgenommen, deren ſie in der Eile habhaft werden konnte. So gelangten ſie in Georg's Zimmer. Victorine probirte mit wunderbarer Behendigkeit 154 alle mitgebrachten Schlüſſel. Einer ſchloß das Bureau. Sie raffte alle Papiere, die Briefſchaften ähnlich ſahen, zuſammen und belegte die leer gewordenen Stellen mit andern Papierheften, ſo daß eine Entwendung nicht zu bemerken war. Henriette ſtand bei allem dieſen raſchen Handeln der Freundin zitternd und rathlos, in fortwährender Engſt. Sie fürchtete, ihre Anweſenheit auf des jungen Mannes Zimmer könne bemerkt werden. In wenigen Minuten waren Bureau und Stuben⸗ thür wieder verſchloſſen. Viectorine trug die Brief⸗ ſchaften in ihrem ſchwarzen Taffetſchürzchen und ging mit Henrietten zu Rathe, wo ſie am ſicherſten zu ver⸗ bergen ſeien. „Wollen wir ſie nicht gleich verbrennen?“ rieth dieſe,„da ſind wir aus aller Angſt und Sorge.“ „Nein, das wäre zu voreilig,“ meinte Victorine und ſchlüpfte auf ihr Zimmer. Bald war ſie wieder da. „Jetzt,“ ſprach ſie heiterer,„ſoll mir Jemand die Briefe finden, ſelbſt Du nicht, Liebchen, und wenn Du drei Tage lang ſuchſt.“ Sie fiel der Freundin in die Arme:„Er iſt gerettet!“ rief ſie, in ausſtrö⸗ mendem Entzücken. „Aber ſollte wirklich Gefährliches in den Briefen geſtanden haben?“ frug Henriette. „Ich glaube nicht,“ erwiederte Victorine,„aber die unſchuldigſte Zuſchrift, irgend eine vertrauliche Aeußerung, ein hingeworfenes unvorſichtiges Wort, wie doch oft in Briefen vorkommt, kann die größte Gefahr bringen. Ein guter Freund des Vaters kam durch einen einzigen unter ſeinen Papieren aufgefun⸗ denen Brief auf die Guillotine, und der Mann war ganz unſchuldig. So weiß ich viele Beiſpiele. Darum iſt's allemal das Beſte, ſobald ein Verdacht der Be⸗ 152 hörde ſich kund giebt, ſtets, wo möglich, alles Brief⸗ liche zu entfernen. Das geſprochene Wort verhallt, aber der Buchſtabe bleibt und tödtet, oft noch nach langen Jahren.“ „Nun und ich muß geſtehen,“ erwiederte Hen⸗ riette, die ihre Laune wieder erhalten hatte,„Du haſt bei Georg's Verhaftung dieſe weiſe Lehre mit ſolchem Eifer in Ausführung gebracht, daß die Kunde davon dem Verhafteten den ſchönſten Erſatz für ſein Kerker⸗ leiden gewähren wird.“ „Sag' mir nur,“ fuhr ſie in drolligem Tone fort, „welch' reſoluter Geiſt mit einem Male über Dich ge⸗ kommen war; ich bin doch auch nicht auf den Kopf gefallen, aber ich ſtand wie die liebe Einfalt neben Deinen entſchloſſenen und keck ausgeführten Unter⸗ nehmungen. Ich wußte weder ein noch aus vor Angſt, während Du für Alles Sorge trugſt, Nichts vergaßeſt, und dabei mit ſo wunderſamer Schnelligkeit, daß ich kaum ſo ſchnell zu denken vermochte.“ „Wenn es die Rettung eines Menſchen gilt,“ ſprach dieſe. „Ja, und was für eines, nicht wahr?“ frug die Freundin lächelnd, und ſtrich ſpielend die ſchönen Locken aus der Stirn des holden, liebenden Kindes. „Victorine,“ fuhr ſie nach einer Pauſe, halb zärt⸗ lich, halb vorwurfsvoll, aber mit vieler Innigkeit fort: „ſieh mich einmal an.“ Die Straßburgerin ſchlug nicht ohne holdes Er⸗ röthen die Augen nieder. „Und Du wollteſt jetzt noch,“ frug Henriette in ſanftem, ſtrafendem Tone,„der Freundin mißtrauend, Dein eignes Herz verläugnen?“ Victorine blickte noch eine Zeit lang ſchweigend zur Erde. Dann erhob ſie ſchüchtern das ſchöne, liebe⸗ 153 volle Auge, blickte mit ſprachloſer Innigkeit auf zur Freundin und ſank bekenntnißvoll an ihre Bruſt. „Und Du läugneſt nicht mehr, was ich längſt wußte?“ frug dieſe ſanftbewegt und hauchte einen liebenden Kuß auf die reizende Stirn. „Wie könnte ich?“ ſprach Victvrine leiſe, und preßte die Freundin inniger an's Herz. Die beiden Mädchen ſaßen lange in ſüßem Schwei⸗ gen neben einander. Henrietten trat endlich das Herz wieder auf die Zunge. „Ein Vertrauen iſt des andern werth,“ ſprach ſie, „hier meine Hand, Victorine, mein unzeitiger Scherz ſoll Euch Beide nie wieder ſtören. Ich habe mir darüber oft Vorwürfe gemacht, aber warum warſt Du nicht vertrauender und ärgerteſt dadurch die Freun⸗ din. Und ein Paar müßt Ihr Beide werden,“ fuhr ſie determinirt fort,„oder ich will nicht Henriette heißen! Ich ſehe auch gar keine Schwierigkeiten, was mir in einer Art gar nicht lieb iſt, denn mein Genie kann ſich da nicht zu Eurem Beſten zeigen. Du liebſt ihn, er liebt Dich, Du biſt nicht arm und aus ſo⸗ lidem Hauſe, er ſogar reich und gleichfalls von guter Familie, alſo Alles ſo ſchön in der Ordnung, daß man die Liaiſon faſt proſaiſch nennen könnte, weil ſie aller romantiſchen Hinderniſſe entbehrt.“ In Victorinen's Bruſt hallten die Worte der Freundin wie Glockentöne wider. Sie erhob aber zweifelnd das Haupt. „Mir ahnet großes Unglück,“ ſprach ſie,„Gott gebe, daß meine Ahnungen und böſen Träume nicht in Erfüllung gehen.“ „Poſſen, Liebchen,“ lächelte Henriette,„die glück⸗ lichſten Liebenden werden am Meiſten von trüben Ahnungen heimgeſucht. Zwar hat die ungalante und 154⁴ unliebenswürdige Polizei den Georg auf ein Augen⸗ blickchen in Haft genommen, was jetzt manchem ehr⸗ lichen Manne paſſirt, aber ſein Mädchen hat ja be⸗ reits Sorge getragen, daß er nicht weiter compromit⸗ tirt wird. Ich glaube, Eugen hat ganz Recht, Georg hat zu unvorſichtig raiſonnirt und da wird man ihm zu erkennen geben, ſich in politiſchem Diseurſe künf⸗ tig einer größern Rickſichtsnahme zu befleißigen.“ „Wie gut biſt Du,“ ſprach Victorine liebreich, „ich danke Dir, und der Himmel gebe, daß Du Recht habeſt.“ „Das hab' ich ja immer,“ ſcherzte die Freundin, „nur daß man mir nicht glauben will.“ Sie hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Sophie, das Kammermädchen, in's Zimmer trat. „Das ganze Haus,“ berichtete ſie ängſtlich,„wim⸗ melt voll Gensd'armerie, ſie find bereits oben in den Stuben des Herrn Buchhalters, wo ſie alle Kiſten und Kaſten durchſuchen.“ „Um Gottes willen,“ platzte Henriette übereilt heraus,„wenn Du nur kein Schubfach vergeſſen haſt.“ Vietorine, welcher das Kammermädchen als Schwätze⸗ rin bekannt, faßte ſich ſchnell: „Du haſt Recht,“ ſprach ſie,„da wir Provinz⸗ leute bei der Pariſer Polizei nicht zum Beſten an⸗ geſchrieben ſtehen und am Ende mir gleichfalls ein polizeilicher Beſuch zugedacht ſein könnte, will ich mein Bureau nochmals unterſuchen. Ich wär' des Todes, wenn die zärtlichen Briefe des Coufins in Gensd'armenhände fielen.“ Henriette verſtand die Freundin. Sie befahl der Dienerin, Acht zu geben und über Alles, was im Hauſe vorgehe, Bericht zu erſtatten. Dieſe entfernte ſich. „Sieh, wie gut unſre Vorſicht war,“ ſprach Vie⸗ 155 torine,„nun können ſie in Gottes Namen ſuchen. Ich wußte ſchon, ſolche Nachſuchung würde nicht aus⸗ bleiben.“ Jetzt trat Eugen in's Zimmer athemlos und tod⸗ tenbleich. „Sind ſie ſchon oben,“ frug er mit bebender Stimme,„in Georg's Zimmer?“ „Ja wohl,“ erwiederte Henriette;„aber um Gott!“ rief ſie von Neuem erſchrocken,„wie ſiehſt Du aus?“ „So eben erhalte ich ein Billet,“ berichtete die⸗ ſer,„welches Georg im Augenblicke ſeiner Verhaftung in engliſcher Sprache niederſchrieb und an mich adreſſirte; bei ſeiner Abführung hat er es unbemerkt einem Comptoirdiener zugeworfen. Die wenigen Worte heißen:„Rette meine Briefe, ſonſt bin ich verloren.“ Der Diener ſuchte mich aller Orten. Erſt jetzt er⸗ halte ich die Kunde, aber finde bereits das Haus voller Gensd'armen.“ Henriette eilte Victorinen in die Arme.„Getroſt, Engen,“ rief ſie,„die Briefe ſind gerettet.“ „Unmöglich,“ rief er,„wer wußte darum?“ „Victorine, die Ausſuchung befürchtend,“ erzählte Henriette,„hat ſie gerettet.“ „O Du Engel!“ rief freudig begeiſtert der Jüng⸗ ling und drückte einen dankenden Kuß auf die Stirn der ſchönen Cvuſine.„Ihr Kinder, nun kann noch Alles gut werden.“ Die Mädchen drangen jetzt in Eugen um Näheres. „Wie ich vorhergeſehen,“ erzählte dieſer,„Georg's rückſichtsloſes Raiſonnement hat Verdacht erweckt. Be⸗ reits ſeit einiger Zeit befindet er ſich auf Rovigo's Liſte der Verdächtigen und hat unbewußt ſchon ſeit geraumer Zeit unter polizeilicher Aufſicht geſtanden. Die Verhaftung iſt übrigens allein die Folge ſeiner thörichten Widerſpenſtigkeit. Man hatte ihn dieſer Tage im vertrauten Geſpräch mit einem des Royalis⸗ mus verdächtigen Italiener geſehen. Heut erſcheint daher ein Polizeioffiziant auf dem Comptoir und bittet den Buchhalter ſo höflich als möglich, ihm auf ein halb Stündchen zu dem Herrn Präfecten der Polizei zu folgen. Georg, bei ſeiner wahrhaft über⸗ triebenen Antipathie gegen die Pariſer Polizei, giebt ziemlich grob zur Antwort, er werde kommen, ſobald es ſeine Geſchäfte erlaubten, übrigens wiſſe er den Weg zur Präfectur allein zu finden. Der Beamte läßt ſich natürlich hierdurch nicht abweiſen. Er wird dringlicher, Georg hitziger, vergißt ſich endlich ſo weit, daß er dem Pvolizeideputirten die Thür weiſſt. Nun erſcheinen allerdings Gensd'armen und man verhaftet den Widerſpenſtigen ſolenniter. Wahrſcheinlich hat dieſe Widerſetzlichkeit allein, welche den Verdacht ge⸗ gen ihn verſtärken mußte, die Beſchlagnahme ſeiner Papiere zur Folge gehabt. Der Unkluge hat übrigens mehr Glück als Verſtand; denn wenn dieſe Briefſchaf⸗ ten den Behörden in die Hände gefallen wären, würde er ſich bedeutend compromittirt haben und ſeine Lage konnte gefährlich werden. Ich weiß allein, daß ſich mehre Zuſchriften von des Kaiſers großem Feinde, dem General Moreau, darunter befinden, die für unſre Regierung nicht im erbaulichſten Style geſchrie— ben ſind.“ Jetzt trat Victorinen's Vater, der Procurator am Rechnungshofe zu Straßburg, in's Zimmer. Aus allen ſeinen Bewegungen ſprachen Aengſtlichkeit und Be⸗ ſorgniß. Er berückſichtigte Henrietten und Eugen faſt gar nicht und wandte ſich ſogleich an ſeine Tochter, die ihm auf ſein Zimmer folgen mußte. „„Verwünſcht ſei unſre Reiſe,“ brach er hier los, 157 „daß wir gerade zu dieſer Fatalität in dieſes Haus gekommen ſind. Mach Dich ſogleich reiſefertig, Vie⸗ torine, wir reiſen morgen nach Straßburg.“ Das Mädchen ſchrak ſichtlich zuſammen, doch faßte ſie ſich ſchnell und frug wie verwundert:„Aber warum ſo urplötzlich? Sollte ich nicht bis zum Frühjahre Henrietten Geſellſchaft leiſten?“ „Was iſt da zu verwundern,“ eiferte der Pro⸗ curator;„Du begreifſt hoffentlich, daß weder ein kai⸗ ſerlicher Beamter, noch deſſen Tochter, ohne ſich auf das Höchſte zu compromittiren, länger in einem Hauſe verweilen dürfen, welches die Polizei gleichſam in Be⸗ lagerungszuſtand erklärt hat.“ „Aber Normand's,“ entgegnete Vietorine,„wie übel werden dieſe die urplötzliche Abreiſe empfinden, ſie ſind unſre Verwandte, Freunde.“ „Bei ſolchem Polizeimalbeur,“ belehrte der Alte, „hört Verwandtſchaft und Freundſchaft auf. Kein Vernünftiger, mein Kind, wird mir das als kaiſerli⸗ chem Diener verargen. Alſo keine Einwendungen, die zu nichts führen. Die Diligence fährt morgen früh Punkt eilf Uhr ab. Halte Dich bereit. Meine Ge⸗ ſchäfte ſind überdies zu Ende, die Einkäufe beſorgt.“ „Aber dem Onkel gilt ja dieſe polizeiliche Ein⸗ ſchreitung gar nicht,“ ſetzte Victorine von Neuem ent⸗ gegen,„nur dem Buchhalter.“ „Iſt Alles gleich,“ ſprach der Procurator,„wenn man den Buchhalter arretirt, kann es mit dem Prin⸗ zipal nicht richtig ſtehen. Und Normand, iſt er nicht ein halber Jacobiner, ſobald er ein Glas über den Durſt getrunken? Ich bin geradezu erſtarrt vor ein vaar Tagen; ich ſage Dir, erſtarrt über die verbre⸗ cheriſchen Ideen, die er auskramte. Man läßt ſich etwas gefallen. Bin auch liberal, aber darum dem 158 Kaiſer ergeben mit Leib und Seele. Ich werde mich nie zu einem andern Regimente bekennen.“ „Der Onkel erklärte aber heute, daß er ſich vom Buchhalter ganz losſagen würde,“ ſprach Viectorine. „So ſpricht er jetzt,“ erwiederte der Vater,„o ich kenn' ihn. Hat Einer Reſpect vor Savary und Conſorten, iſt's Normand, trotz ſeiner republikaniſchen Phraſen. Aber von ſehr gravirendem Verdachte kann er ſich gar nicht losreden. Ich hab' es ihm geſagt, von wegen ſeines verdächtigen republikaniſchen Buch⸗ halters. Hat er denn gehört? Allerdings, es war nicht bitter, kommt da ſo ein nordamerikaniſches Blut, erbietet ſich ohne Salair, blos um, wie er vorgiebt, im Geſchäfte ſich zu vervollkommnen und Pariſer Ar⸗ tigkeit zu lernen, das ſchwierige Buchhaltergeſchäft zu führen mehre Jahre lang. Ich habe es Normand geſagt, dahinter ſteckt etwas. Er hat es nicht ge⸗ glaubt, wahrſcheinlich nicht glauben wollen. Nun iſt das Unglück da. Ohne allen Zweifel wird dieſer Menſch als engliſcher Spion erſchoſſen.“ „Georg, ein Spion?“ rief das Mädchen in tief⸗ ſter Seele empört. Sie wollte herausbrechen in ſchö⸗ nem Zorne und ihrem Herzen Luft machen, doch be⸗ zwang ſie ſich und ſprach ruhiger:„Vor Kurzem äußertet Ihr Euch ganz anders.“ „Allerdings,“ geſtand der Procurator,„ich lobte ihn, weil er die Buchhaltung aus dem Fundamente verſteht, ich konnte auch nicht ahnen, daß die Sachen ſo gefährlich ſtünden. Die heutige Verhaftung hat mir ſchreckliches Licht gegeben und meine Ahnung zur Gewißheit gemacht. Der Verhaftete iſt ein Feind des Kaiſers und folglich auch mein Feind, und ein Haus, das ſolchen beherbergt, muß ein getreuer kaiſerlicher Beamter ſorgfältig meiden, das iſt Pflicht, weil er 159 ſonſt ſelbſt in Gefahr läuft. Der Himmel mag wiſ⸗ ſen,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„wie nachtheilig uns ſelbſt dieſer kurze Beſuch bei Normand's ausgelegt wird.“ Victorine, fremd dem Egoismus und aller aus ihm entſpringenden Aengſtlichkeit und ſo zu ſagen Erbärmlichkeit, ein Mädchen, das in dieſer Hinſicht gerade das ſchroffe Gegentheil ihres Vaters war, und deren kindliche Liebe darum oft harte Proben zu be⸗ ſtehen hatte; Victorine, die ſich überdies durch das Raiſonnement des Procurators im heiligſten Bilde ihres Herzens verletzt fand, konnte bei den letzten Worten des Vaters ſich nicht enthalten, in etwas ſpottendem aber ruhigem Tone zu erwiedern:„Wahr⸗ ſcheinlich wird uns der Beſuch bei den Verwandten auf die Guillotine bringen.“ Der Procurator biß ſich in die Lippen. Er mu⸗ ſterte ingrimmig Victorinen, die ruhig und gelaſſen daſtand. Nach einer Pauſe ſprach er giftig: „Es iſt auch in anderer Hinſicht heilſam, daß wir morgen abreiſen; wie ich die Freude habe zu bemer⸗ ken, macht man hier ſo außerordentliche Fortſchritte in Impertinenzen aller Art, daß eine Luftveränderung vor allen Dingen anzurathen iſt.“ Er verließ ſtürmiſch das Zimmer. „Ich konnte mir bei Gott nicht helfen,“ ſprach Vietorine für ſich.„Armer Vater,“ fuhr ſie nach ei⸗ ner Weile fort,„wie biſt Du zu beklagen. Wie biſt Du ſo bettelarm. Alle Blumen des Herzens ſind Dir vertrocknet und Du ritzeſt Dich nur mit den Dornen. Du ſprichſt von Freiheit und kennſt keine, und von Vaterland und haſt keins. In Deinen Zif⸗ fern vergraben, in dem Staube der Geſchäfte unter⸗ gegangen, weißt Du von keinem Frühling und keinem 6 160 Lerchenruf. Das gnädige Kopfnicken Deines Chefs iſt Dein Himmelreich, an dem Zucken ſeiner Augen⸗ wimper hängt Dein Glück. Ihm würdeſt Du alle Schätze der Bruſt: Freundſchaft, Liebe, Menſchen⸗ würde, Glauben und Vertrauen zum Opfer bringen, weil Du ihren Werth, da er nicht nach Courſen und Prozenten gemeſſen wird, nicht kennſt. O, iſt's denn möglich, kann fortwährende Angſt, Furcht und Ban⸗ gigkeit den Menſchen wirklich ſo ausdorren und ver⸗ knöchern? Ewige Seelenqual und warum? Daß die⸗ ſer oder jener Präfect, ein Menſch, der vielleicht nichts werth iſt, ein mißfälliges Geſicht ziehen könnte. Du rechneſt Dich zu den treueſten Dienern des Kaiſers, und haſt dem Directorium, dem Conſulate, der Re⸗ publik ein Gleiches geſchworen. Wenn der Kaiſer keine treuern Freunde hat, wie ſchlimm iſt er bera⸗ then; Du würdeſt nicht den Kaiſer allein, Du wür⸗ deſt das Vaterland hingeben für eine beſſere Pfründe, die Dir der Feind böte. Armer, armer Vater!“ Henriette ſteckte den Kopf zur Thür herein, und als ſie Victorinen allein fand, kam ſie ganz in's Zimmer. „Was hat nur der Onkel,“ frug ſie nengierig, „er ſah unſereins ja kaum an und that ſo ängſtlich, als brenne der Boden unter ihm.“ „Du kennſt ihn,“ erwiederte die Gefragte,„die Polizeigeſchichte hat ihm Schrecken eingejagt; morgen geht's über Hals und Kopf nach Straßburg.“ „Wie?“ rief Henriette erbleichend,„aber Du bleibſt doch?“ „Seinem ausdrücklichen Befehl zu Folge, ſoll ich ihn begleiten,“ ſprach Victorine. Die Freundin ſchlug ſprachlos die Hände zuſammen. Victorine umarmte ſie. * 161 „Sei ruhig,“ lächelte ſie,„dieſe Nacht werd' ich ſterbenskrank, unterdeß wird Rath werden.“ Henriette athmete neu auf. „Verſtellung wird mir ſehr ſchwer,“ ſprach Vie⸗ torine,„aber,“ fügte ſie mit Innigkeit hinzu,„wie könnte ich ſo bald Dich und, in gegenwärtiger Lage, Ihn verlaſſen.“ Henriette preßte die Freundin innig an's Herz, hauchte einen dankenden Kuß auf ihre Lippen, und die beiden Mädchen kehrten in das gemüthliche Fa⸗ milienzimmer zurück. Eilftes Rapitel. Wi geht es mit Georg?“ frug einige Tage ſpäter Henriette den eintretenden Eugen. Dieſer blickte finſter vor ſich hin:„Ich bin ſehr unzufrieden mit ihm,“ antwortete er;„anſtatt ſich als vernünftiger Menſch in das Unvermeidliche zu fügen, tobt er wie ein gefangener Löwe im Käfig, ſchimpft unverhohlen auf den Kaiſer, die Pariſer Po⸗ lizei, welche das moraliſche Gefühl des Bürgers ver⸗ gifteten. Daß er hierdurch ſeinen Zuſtand nicht ver⸗ beſſert, verſteht ſich, und ich ſehe gar nicht ab, wie er bei ſolch unſinnigem Benehmen ſobald auf freien Fuß kommen will, obſchon außer ſeinen rückſichtsloſen Aeußerungen Nichts gegen ihn vorliegt.“ „Erzähle nur Victorinen nichts davon,“ bat die Coufine,„ſie lebt der frohen Hoffnung, ihn nächſter Tage auf freiem Fuße zu ſehen.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 11 162 „Letzteres iſt gar nicht möglich,“ meinte Eugen, „durch ſeine maßloſen Expectorationen hat er allein vier Wochen Gefängniß verwirkt.“ Henriette erblaßte. „Iſt denn der loyale Herr Procurator wirklich ab⸗ gereiſt?“ frug der Coufin nach einer Pauſe. „Er ließ ſich durch Vietorinen's Unwohlſein nur einen Tag länger aufhalten,“ antwortete Henriette, „dann aber half kein Reden, obſchon die Krankheit immer bedenklicher wurde.“ „Ja, ſo iſt dieſes Beamtenvolk,“ lachte Eugen ingrimmig,„das ſervilſte Sclavengezücht, das es auf Erden geben kann. Wenn der Kaiſer nicht ſeine Soldaten hätte, auf die er rechnen könnte, dieſe er⸗ barmungswürdigen Menſchen, wie hündiſch ſie jetzt im Staube kriechen und ſich winden, ſind die Erſten, welche ihren Herrn verlaſſen, falls ihnen ein Andrer ein größeres Stück Brot vorhält.— Uebrigens,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu,„iſt Dein Papa nicht viel beſſer. Was habe ich gebeten, daß er Etwas für Georg thun ſoll. Alles vergebens. Der dankbare Mann hat ſich ſogar von ſeinem ſo ergebenen, ge⸗ treuen und geſchickten Gehülfen, der ihn ſeit faſt zwei Jahren auf ſo uneigennützige Weiſe unterſtützt, deſſen trefflicher Charakter und edles Herz rein wie Gold vor uns liegt, förmlich losgeſagt, bereits einen neuen Buchführer acquirirt, und, um ſeiner Loyalität die Krone aufzuſetzen, ſoll Georg, ſelbſt wenn er freige⸗ ſprochen, nie wieder den Fuß über dieſe Schwelle ſetzen. Als ich ihm meine Entrüſtung hierüber aus⸗ drückte, meinte der kluge Mann, das verſtände ich nicht, das ſei er der Regierung, das ſei er ſich ſelbſt ſchuldig. Nun aber weder der Regierung, noch ſich ſelbſt iſt er ſchuldig, Erbärmlichkeiten zu begehen. — = 163 Und dieſer Mann ſpielte vor Jahren den tugendhaf⸗ ten Republikaner. Es iſt kein Wunder, daß die Re⸗ publik zum Kuckuck ging, wenn ſie aus ſolchen tugend⸗ haften Republikanern zuſammengeſetzt war. Der Kaiſer hatte vollkommen Recht, ſie zum Teufel zu jagen.“ Henriette wußte nicht viel zur Entſchuldigung ih⸗ res Vaters zu ſagen, deſſen Benehmen in Bezug auf Georg ihr ſelbſt im Grunde der Seele zuwider war. „Man vertraue nur dieſem Zahlen⸗ und Krämer⸗ volke,“ fuhr Eugen zornig fort,„trotz ihrer polizei⸗ gemäßen Devotion, was iſt ihnen Vaterland, Freiheit, Ehre, wenn die Courſe darunter leiden. Wenn der allerdings nicht denkbare Fall einträte, daß die Fah⸗ nen und Spieße der Koſaken vor den Barrieren von Paris erſchienen, werden ſie, um ihre Geldfäſſer zu wahren, nicht die Erſten ſein, welche auf Schmach und Capitulation antragen, anſtatt ihr verfluchtes Metall zu Kugeln zu gießen, den Feind zurückzuwer⸗ fen und die Ehre der Hauptſtadt zu retten?“ Eugen eiferte noch lange in dieſem Tone, als plötzlich die Thür aufgeriſſen ward und Georg her⸗ einſtürzte. „Schnell, unkenntliche Kleidung!“ rief er,„ich komme nur auf einen Sprung, und muß im Augen⸗ blicke wieder fort.“ „Um Gotteswillen, Georg!“ rief Eugen erſchrocken und freudig,„iſt es Dein Geiſt?“ Henriette konnte vor Schrecken kein Wort hervor⸗ bringen. Mein Fleiſch und Blut,“ antwortete der Gefragte eilfertig.„Ich benutzte die Unachtſamfeit der Wäch⸗ ter, warf den einen mit dem Kopfe an die Wand, den andern kopflings die Treppe hinab, ſo bin ich hier; nur raſch ein paar alte Lumpen, daß ich uner⸗ 14* 164⁴ kannt Saint Antvine erreiche, dort bin ich vor der Hand geſichert. Gott wird weiter helfen.“ Victorine war jetzt in das Zimmer getreten. Sie erbleichte, als ſie den Geliebten erblickte; doch ſo wie ſie vernahm, wovon die Rede war, und die Rathlo⸗ ſigkeit Eugen's und Henrietten's gewahrte, trat ſie raſch hervor: „Männerkleidung,“ ſprach ſie ſchnell,„auch die dürftigſte, würde Euch verrathen; Ihr müßt als Weib durch die Gaſſen ſchlüpfen, als weiblicher Dienſtbote, ich bringe den Augenblick die Kleider.“ Sie entfloh durch die Thür. Dieſe Worte aus dem Munde der Geliebten wirk⸗ ten zauberhaft auf Georg. Er hielt wie betend die Hände gefaltet und ſeine Augen leuchteten verklärt. „Aber Georg,“ rief jetzt in höchſter Aufregung Eugen, den die Worte des Entflohenen faſt verſtei⸗ nert hatten,„wie konntet Ihr an die Wächter frevel⸗ hafte Hand legen? Ihr ſeid unrettbar verloren, wenn man Euch findet.“ Ich war es ohnedem,“ erwiederte der Amerika⸗ ner,„meine Correſpondenz, die ich unvorſichtigerweiſe nicht ſorgfältiger verborgen hatte, bricht mir den Stab in dieſem nichtswürdigen Paris, und wenn ich mich bei den kaiſerlich königlich löblichen Ingquiſitionstri⸗ bunalen noch ſo lammfromm geſtellt hätte. Da hab' ich denn Gelegenheit und Zeit benutzt und als freier Mann, der den Tod nicht ſcheut, den bleichen Tyran⸗ nenknechten die Wahrheit in's Geſicht gerufen, daß mir wahrhaft groß und frei um's Herz wurde. Da ſich indeß heute ſo ausgezeichnete Gelegenheit bot, der Raubhöhle zu entkommen, müßte ich das holde Sonnenlicht zu wenig lieben, wenn ich mich nicht ſchleunigſt auf⸗ und davon hätte machen ſollen. Es 165 kann vielleicht zwei Menſchenleben gekoſtet haben, aber auf alle Fälle war an ihnen nicht viel verloren.“ „Aber Menſch,“ unterbrach Eugen den Erzähler, „es konnte Euch ja gar nichts geſchehen, Eure Pa⸗ piere ſind gerettet.“ Georg ſah den Sprecher mit großen Augen an. „Es iſt nicht möglich,“ begann er endlich,„im Verhöre geſchahen deutliche Anſpielungen.“ „So hat man auf den Strauch geſchlagen,“ ver⸗ ſetzte Eugen,„kurz vor der Ausſuchung auf Eurem Zimmer hat Victorine das Bureau geöffnet und alle Briefſchaften bei Seite geſchafft.“ „Victorine?“ rief Georg außer ſich. „Ja, Herr Buchhalter,“ beſtätigte Henriette,„ich war ſelbſt dabei. Bei Victorine war es gleich der erſte Gedanke, als ſie von der Verhaftung erfuhr, die Briefſchaften zu verbergen.“ Die Beſprochene trat ſo eben mit einem Arm voll weiblicher Dienſtbotenkleidung in's Zimmer. Georg ſtürzte der Eintretenden entgegen, fiel vor ihr nieder und bedeckte ihre Hand mit glühenden Küſſen. Viectorine ſtand einen Augenblick in reizender Ver⸗ klärung, doch ſchnell beſann ſie ſich, zog die Hand zurück und beſchwor ihn, die Rettung zu beſchleunigen. „Nein, ich kann Dich, ich darf Dich nicht laſſen, Engel meines Lebens!“ rief er überſelig, und erſt als beide Mädchen und Eugen zugleich ihn beſtürmten, dachte er an ſein Entkommen. Die Metamorphoſe kam bald zu Stande. Die Kleidungsſtücke, der Garderobe einer hochgewachſenen Dienerin entnommen, paßten ſo ziemlich, und vorge⸗ bundene Locken machten den jungen Mann gänzlich unkenntlich. „ „ Die beiden Mädchen putzten mit Emſigkeit an dem weiblichen Anzuge; eine Scene, die, wenn ſie nicht durch ſo ernſte Umſtände herbeigeführt worden wäre, viel Lachen erregt haben würde. „Hätte ich doch nimmer geglaubt,“ lächelte Georg, „den Päriſer Carneval noch mitzumachen.“ „So,“ ſprach Henriette, die eine Haubenſchleife herausputzte,„nun will ich ſehen, wer in Euch den Georg erkennen ſoll.“ Eugen, der beklommen am Fenſter geſtanden und oft auf die Straße hinabgeblickt hatte, rief jetzt: „Beim Himmel! da find die Verſolger ſchon. Ein ganzes Rudel Polizeiagenten und Gerichtsdiener kom⸗ men eiligſt die Straße daher und gerade auf unſer Haus zu.“ „So dürfen ſie Georg nicht hier oben treffen,“ entſchied ſchnell Victorine,„ wie unkenntlich er iſt, könnte doch Verdacht entſtehen. Das Beſte iſt, wir gehen ihnen entgegen. Folgt mir jetzt getroſt, Georg, wir wollen Einkäufe machen.“ Sie wandte ſich zu Eugen und Henrietten:„Wenn die heilige Herman⸗ dad anklopft,“ ſprach ſie,„und förmliche Hausſuchung vornimmt, ſo ſtellt Euch ſo ängſtlich und beklommen als möglich, öffnet erſt nach wiederholter Aufforderung ein Zimmer nach dem andern. Kurz, gebt Grund zur Vermuthung, als könne ſich Georg hier verborgen halten. Dies wird die Aufmerkſamkeit der Behörden von uns abziehen und ſeine Flucht nach St. Antvine begünſtigen. Adieu!“ Der Buchhalter befolgte vünktlich alle Befehle Victorinen's. Er hatte einen Handkorb in den Arm genommen und folgte nach Art der Dienerinnen in einem Raume von wenigen Schritten ſeiner Herrin und Gebieterin. 167 Bereits auf der erſten Treppe ſtieg ihnen ein Po⸗ lizeibeamter entgegen. Als er die junge elegante Dame gewahrte, trat er artig auf die Seite, Viectorine und ihre Dienerin gingen ungeſtört vorüber. Je tiefer ſie herab kamen, deſto lebendiger ward es von Spähern und Aufpaſſern. Alle Gänge und Thüren hielt man beſetzt, doch unangefochten erreichte der verkleidete Flüchtling den geräumigen Hof, in welchen die Haupt⸗ treppe mündete. Jetzt gab es nur noch einen gefährlichen Paß, den Ausgang, welcher aus dem Hofraume in die Hausflur führte. Dieſer war doppelt und dreifach beſetzt, weil ihn ſämmtliche Hausbewohner zu paſſi⸗ ren hatten. Von Seiten der Polizei ſchien man es hier ſehr genau zu nehmen und jeden Hindurchge⸗ henden mit doppelter Aufmerkſamkeit zu inſpiciren. Victorine ſchritt keck voran. Man machte ihr Platz. Sie ließ einen Handſchuh fallen. Mehre der Thür⸗ hüter ſtürzten ſich ſogleich darauf und ſchienen um die Ehre zu wetteifern, den verlornen Handſchuh der reizenden Eigenthümerin zurück zu ſtellen. Sie ſtellte ſich überraſcht und dankte mit ſo bezaubernder Freund⸗ lichkeit, daß Georg, ohne berückſichtigt zu werden, vorüberging. So war man glücklich der größten Gefahr ent⸗ ronnen und eilte bereits der großen Hausthür zu, die faſt gar nicht bewacht war, als Normand herein⸗ ſtürzte. Er hatte Georg's Flucht und die Hausſuchung erfahren und war herbeigeeilt, ſeine Loyalität außer Zweifel zu ſetzen und der Polizei bei der Habhaft⸗ werdung des Flüchtlings behülflich zu ſein. „Hat der Mörder bei Euch Zuflucht geſucht?“ frug er haſtig Viectorinen. 168 Dieſe ſchrak ſichtbar zuſammen; doch verlor ſie die Geiſtesgegenwart nicht. „Eilt hinauf, Onkel!“ rief ſie,„Henriette iſt todtkrank vor Schreck, ich eile nach dem Doctor.“ „Alſo den Mörder nicht geſehen?“ ſchrie der Ban⸗ quier. Georg hielt es bei dieſen Worten für gerathener, unbemerkt den Vorſprung zu gewinnen. Er ging da⸗ her ſeitwärts an Victorinen vorbei und ohne dieſe abzuwarten, nach der Hausthür. Den am Hofeingange poſtirten Aufpaſſer, durch Normand's Fragen aufmerkſam gemacht, ward jetzt die hochgewachſene Servante doch verdächtig. Der Bri⸗ gadier rief ihr ein kräftiges Halt zu und kam ſchnel⸗ len Schritts daher. Victorine erkannte in der Angſt ihres Herzens, daß kein Augenblick zu verlieren ſei. Sie eilte auf den noch unter der Hausthür wartenden Georg zu: „Lauf Du jetzt zum Doctor, Chriſtine!“ rief ſie und warf den offen ſtehenden gewaltigen Thorflügel mit aller Gewalt in's Schloß. „Das war doch nicht Chriſtine!“ frug der Ban⸗ quier verdutzt. „He, hollah, Mord und Teufel!“ ſchrie der Bri⸗ gadier, und ſtürzte zur Hausthür. Er rüttelte wie ein Verzweifelter; doch vergebens, das Rieſenſchloß war zugeſchlagen. „Zum Satan, Aexte, Aexte!“ brüllte der Bri⸗ gadier. Seine Leute liefen verwirrt durcheinander. Als Normand von Aexten hörte, ward ihm trotz ſeiner Verwirrung um ſeine Hausthür bange. „Aber meine Herren,“ bat er,„es wird ſich doch noch ein Schlüſſel finden.“ 169 Der Brigadier würdigte ihn keiner Antwort. Er raſſelte ununterbrochen an der Thür, in der Hoffnung, daß ſie ſich öffnen würde. Endlich brachte man eine Axt. Nach abermaligem Zeitaufwande und großer Mühe gelang es, das Schloß zu ſprengen. Bevor der Brigadier mit ſeiner Rotte hinaus⸗ ſtürzte, befahl er den Zurückbleibenden die Verhaftung Victorinen's. „Mag es werden, wie es will,“ rief dieſe begei⸗ ſtert,„Er iſt gerettet!“ Zwölftes Rapitel. — In der Werkſtätte des Waffenſchmieds Saint⸗Etienne ging es heute laut und geräuſchvoll her. Klirrend ſchlugen die Hämmer auf die eiſernen Amboſe. Die Bälge blieſen, die Funken ſprühten und kniſterten. Es war wie in der Werkſtätte Vulkans. Die Ge⸗ ſellen und Lehrlinge arbeiteten mit verdoppeltem Eifer, denn der Meiſter hatte diesmal doppelten Lohn ver⸗ ſprochen. Er ſelber aber, der ſonſt wohl hier unter⸗ weiſend, dort ermunternd unter ſeinen Arbeitern auf⸗ und abging, war nirgends zu erblicken; er ſaß im tiefen, kirchenartigen Keller ſeines Hauſes im Präſi⸗ dentenſtuhle. Aber wie laut und brauſend es herging in der Oberwelt, eine um ſo unheimlichere Stille ruhte über der kleinen Anzahl Republikaner, die zu einer außer⸗ 170 ordentlichen Seſſion bei Timoleon verſammelt war. Sie ſaßen da in dumpfem, finſterm Schweigen. Kei⸗ ner ſchien von dem Andern Notiz zu nehmen oder das Wort ergreifen zu wollen. Die herabgebrannten Lich⸗ ter des Kronleuchters zeigten an, daß ſie ſchon eine geraume Zeit geleuchtet hatten. Timoleon ſah nach der Uhr und brach endlich das Schweigen. „Die feſtgeſetzte Stunde der Zuſammenkunft iſt längſt vorüber,“ begann er;„iſt die Zahl voll, die zu einem rechtsgültigen Beſchluſſe erforderlich iſt?“ Man zählte die Stimmen. Es fanden ſich acht⸗ zehn Votanten. So reicht es gerade,“ fuhr der Waffenſchmied fort,„wie Viele haben ſich entſchuldigen laſſen?“ Der fungirende Secretair legte einen Haufen Zet⸗ tel auf den Präſidententiſch. Timoleon unterſuchte mit finſterm Grollen die Papiere.„Drei und zwanzig,“ ſprach er,„da iſt meine Aufforderung von Dreien nicht berückſichtigt worden. Sind dieſen Dreien meine Worte tertulis überbracht worden?“ „Sie ſind es,“ war die Antwort des Serretzirs. „Was haben nach unſern Statuten Mitglieder ver⸗ dient, welche dem Rufe ihres Präſidenten nicht Ge⸗ horſam leiſten?“ frug Timoleon ruhig weiter. „Den Tod!“ gaben mehre der Anweſenden dumpf zur Antwort. „Sind die verſammelten Seectionschefs von Paris damit einverſtanden,“ fuhr der Präſident fort,„daß die Säumigen dem Tode verfallen?“ Eine dumpfe Stille erfolgte. „Ich wäre dafür,“ ſprach eines der Mitglieder, „unter gegenwärtigen Umſtänden eine Milderung des allerdings harten Paragraphen eintreten zu laſſen.“ 17¹ Timolevn blitzte den Sprecher mit unheimlichen Blicken an. „Auch ich trete der Meinung des Curtius bei,“ ſprach ein Zweiter,„die widernatürliche Strenge un⸗ ſerer Statuten trägt allein die Schuld, daß unſere Partei zu einem nichtsſagenden Häuflein zuſammenge⸗ ſchmolzen iſt.“ „Dies iſt auch unſere Meinung,“ tönte es von mehren Seiten, und endlich erhob ſich die ganze Ver⸗ ſammlung, mit Ausnahme von Dreien oder Vieren, in demſelben Sinne. Timoleon ſagte kein Wort. Er wandte ſich ſchwei⸗ gend zum Berichterſtatter und winkte zu reden. „Der Grund unſerer heutigen Zuſammenkunft,“ begann dieſer,„iſt ein höchſt betrübender. Von nicht weniger denn acht Sectionnairs iſt dem Ausſchuſſe die Zuſchrift geworden, daß ſie, trotz ihrer aufrichtigen Geſinnung, es bei dem gegenwärtigen Kriege, der das Vaterland bedroht, für Pflicht eines jeden Patrioten halten, den Fahnen des Uſurpators zu folgen, und bitten daher die Verſammlung, ſie ihrer Sections⸗ pflichten während der Dauer des gegenwärtigen Krie⸗ ges zu entbinden.“ „Was beſchließen die Sectionen?“ frug Timolevn. Der Buchdruckereibeſitzer Breton, mit dem repu⸗ blikaniſchen Namen Cincinnatus, erhob ſich: „Da gegenwärtiger Krieg,“ ſprach er,„von Frank⸗ reichs Tyrannen deshalb angefacht ward, um ſeine Tyrannei feſter zu begründen, ſo begreife ich nicht, wie der Patrivtismus Frankreichs dazu kommt, dem Uſurpator aus dem Sumpfe zu helfen. Für Frank⸗ reich kann es nur ein Glück genannt werden, wenn der Corſe in ſeinem ſelbſtverſchuldeten Unglücke um⸗ kommt. Sein Fall iſt die erſte Staffel zur Freiheit. 172 Uebrigens kann von einer Verletzung der Integrität Frankreichs und ſomit von einer Gefahr für das Va⸗ terland nicht die Rede ſein. Die Gefahr iſt nicht im Feinde, ſondern in Bonaparte zu ſuchen. Ich beantrage daher, jene acht Sectionairs nicht allein ihrer Pflicht zu entbinden, ſondern ſie für immer auszuſchließen, und fortan, wie das übrige verblen⸗ dete und verworfene Frankreich, als Feinde zu be⸗ trachten.“ Dieſer Anſicht traten nur Wenige bei. Der gemäßigte Sempronius bewies die Unpolitik⸗ durch ſolche ſchroffe Spaltungen die letzten Kräfte der Republik zu zerſplittern. „Könne man,“ meinte er,„den Beweggrund, wel⸗ cher die acht Sectivnairs zu den Waffen rufe, auch nicht billigen, bleibe er doch immer ein höchſt ach⸗ tungswerther, und deshalb dürfe man jene Männer nicht in die Acht erklären.“ Es wurde abgeſtimmt, und die acht zu den Fah⸗ nen Napoleon's übergegangenen Republikaner nicht ausgeſchloſſen. Eine dunkle Zornröthe flammte über Timoleon's Antlitz, doch bezwang er ſich und winkte dem Berichterſtatter fortzufahren. Dieſer begann von Neuem: „Der andre Grund unſres heutigen Convents be⸗ trifft ein Verbrechen, wie in den Annalen unſrer Ver⸗ brüderung kein zweites vorgekommen iſt; ein Verbre⸗ chen, deſſen ſich der feilſte Selave ſchämen würde und das von einem Menſchen begangen worden iſt, der ſich Republikaner nannte und den wir zu den unſern zählten.“ Die Verſammlung horchte hoch auf, der Sprecher fuhr fort: „Georg Falkland, aus Nordamerika, ein Mann 173 von den edelſten Grundſätzen, ein Republifaner im heiligſten Sinne des Worts, der da glaubt was er ſagt, und dem die Begeiſterung für Freiheit und Menſchenwohl Bedürfniſſe des Herzens ſind, lebt ſeit anderthalb Jahren zu Paris, um ſich, dem Willen ſei⸗ nes Vaters gemäß, in den Handelswiſſenſchaften zu vervollkommnen. Seit einiger Zeit kam er durch ein Ungefähr mit dem uns Allen nur zu bekannten Ti⸗ burtius in Verbindung. Pvolitiſche Geſpräche, Zu⸗ ſammentreffen der Ideen und Anſichten brachten die Beiden alsbald näher. Tiburtius ſuchte den Nord⸗ amerikaner für unſere Sectionen zu gewinnen. Er machte ihn nach und nach mit unſern Prinzipien ver⸗ traut. Georg geſtand offen, daß er in dieſen keines⸗ wegs den richtigen Pfad zum einſtigen Glücke Frank⸗ reichs erkenne, daß er aber unſre Geſinnungen achte und ehre und ſich freue, ſo kräftige republikaniſche Elemente inmitten der durch Despotismus vergifteten Hauptſtadt zu finden. Der junge Mann, freimüthig in ſeinen Aeußerungen, den Despotismus Bonaparte's ohne Scheu mißbilligend und beſonders empört über die moraliſche Vergiftungsanſtalt der gegenwärtigen öffentlichen und geheimen Polizei, mußte den Spionen alsbald verdächtig werden. Er ward verhaftet, be⸗ nutzte aber die Sorgloſigkeit ſeiner Wächter, überwäl⸗ tigte ſie und entrann glücklich dem Kerker. Aber er iſt fremd in Paris, hat Niemand, dem er ſich ent⸗ decken, bei dem er Zuflucht ſuchen kann. Nur der gleichgeſinnte Tiburtius verblieb ihm. Er flieht nach St. Antoine. Bald entdeckt indeß die Polizei die Fährte und klopft bei dem republikaniſchen Sections⸗ chef an. Dieſer, der zehnfach Gelegenheit hat, den Flüchtling zu verbergen oder zu andern Glaubensge⸗ noſſen zu befördern, wo er geſichert war;— o, daß 17⁴ ich den unerhörten Frevel eines der geweſenen Unſern ausſprechen muß— dieſes Scheuſal überliefert den Märtyrer den Klauen der Banditen. Dieſe erſticken den loyalen Bürger mit Lob, während ſie das Schlacht⸗ opfer hohnlachend in den Kerker ſchleppen, welchen der Unglückliche nur verlaſſen wird, um an einem der nächſten Morgen den Tod zu erleiden; denn Georg iſt überwieſen, frevelhafte Hand an die Diener des Geſetzes gelegt zu haben, worauf bekanntlich die Ku⸗ gel ſteht. O Schmach,“ ſchloß der Sprecher,„hundert⸗ fach Schmach und Verderben auf das Haupt des Ver⸗ ruchten, der es wagte, ſich einen Republikaner zu nennen!“ Die Worte des Berichterſtatters hatten unter den Anweſenden die allgemeinſte Entrüſtung hervorgebracht. Nur Timoleon war ganz ruhig geblieben. „Und was beſchließen die republikaniſchen Sectiv⸗ nen von Paris?“ frug er nach einer Pauſe. Es wurden verſchiedene Rachemaßregeln in Vor⸗ ſchlag gebracht. „Und Georg Falkland?“ frug der Präſident im vorigen Tone. Eine allgemeine Stille erfolgte. „Und Georg Falkland,“ fuhr Timoleon, deſſen re⸗ publikaniſches Herz convulſiviſch zu arbeiten begann, gelaſſen fort,„der, auf republikaniſche Tugend ver⸗ trauend, ſich einem der Unſern in die Arme warf und verrathen ward?“ Niemand antwortete. Die Augen des Waffenſchmieds funkelten immer unheimlicher. Er raffte ſich gewaltſam zuſammen.„Wie ſehr auch unſre Reihen gelichtet ſind,“ ſprach er,„ein paar Hundert, die noch an einen Gott, an eine Tu⸗ gend und Vergeltung glauben, finden wir. Meine Klingen ſind gut, das Executionspiket iſt leicht über⸗ wältigt. Wir retten Georg und die republikaniſche Ehre. Es iſt Principſache, daß ein Tugendhafter an der Republik nicht verzweifle und wenn wir Alle dar⸗ über zu Grunde gingen.“ Ein leiſes Murren lief durch die Verſammlung, doch wagte Niemand zu ſprechen. „Ich ſtelle den Antrag an die republikaniſchen Sectionen von Paris,“ rief Timoleon mit erhobener Stimme,„die Cohorten zu den Waffen zu rufen, weil der Augenblick gekommen, wo die Ehre und Tugend des republikaniſchen Princips bedroht iſt. Laut Arti⸗ kel Neun haben wir Alle geſchworen, dieſe beiden letz⸗ ten und einzigen Güter bis zum letzter Athemzuge zu vertheidigen.“ Wieder erhob ſich Sempronius und wollte die Zweckloſigkeit einer ſolchen Schilderhebung in's Licht ſtellen, als ihn Timoleon unterbrach: „Zwecklos,“ rief er,„wo es Ehre und Tugend gilt? Nichts pro und contra, ich dringe auf Abſtim⸗ mung.“ Der Antrag ward faſt einſtimmig abgeworfen. Der alte Republikaner ſtarrte eine Zeit lang wie bewußtlos vor ſich hin. Dann brach er wie eine, vom letzten entſcheidenden Axtſchlage getroffene Eiche zuſammen. Er war auf den Präſidentenſtuhl zurück⸗ geſunken, ſein Haupt, bereits von den erſten Silber⸗ locken des hereinbrechenden Alters gebleicht, ruhte auf der Bruſt. Lange verblieb er in dieſer Stellung, während die Verſammlung, ſelbſt erſchüttert, im laut⸗ loſen Schweigen verharrte. Endlich erholte er ſich in Etwas. Ein markerſchütternder Schmerz ſprach aus ſeiner ganzen Haltung. Er verließ den Prä⸗ ſidentenſtuhl und fiel vor der Verſammlung auf die Kniee, die Thränen brachen dem alten Manne aus den Augen. „Ihr Einzigen,“ rief er im ſeelenergreifenden Tone,„auf denen meine Hoffnung, das Glück mei⸗ nes Lebens geruht hat, raubt mir Alles, Alles: nur das Vertrauen nicht, das mir armen, alten Mann noch geblieben iſt. Ihr ſeid die letzten Ueberbleibſel aus der Zeit, wo die Tugend triumphirte und die Güter des Himmels mehr galten, als die Goldklum⸗ pen der Unterwelt. Ihr ſeid treu geblieben, ob Mil⸗ lionen abfielen wie mürber Zunder; ob die ſchmutzi⸗ gen Wellen des Laſters und des Verraths, der Knecht⸗ ſchaft und Tyrannei alle heilige Bilder überſpülten, weil Ihr im Herzen noch an eine Tugend glaubtet; o verlaßt ſie nicht in ihrer ſchrecklichen Stunde, wo ihr Todesruf gellend an Eure Ohren ſchlägt. Ein Tugendhafter hat ſich uns vertrauend in die Arme geworfen: mit Verrath iſt er belohnt worden. Schon liegt die Todeskugel bereit. Soll er hinübergehen, ohne einen Beweis mitzunehmen, daß es in Frank⸗ reich wenigſtens noch Eine Hand voll Tugendhafter gibt? „Wir müſſen ihn retten.“ fuhr er begeiſtert fort, „und wenn wir untergehen, wird unſer Tod der ſün⸗ denvollen Welt und allen Tyrannen und Tyrannen⸗ knechten beweiſen, daß Tugend, Ehre und Freiheit noch nicht aus der Welt geſchwunden, daß ſie nicht bloße Hirngeſpinnſte eines Thoren ſind, und unſer Tod wird ſchönere Früchte tragen als das thatenvollſte Leben.“ Timoleon war wieder aufgeſprungen.„Den Sta⸗ tuten zufolge,“ rief er,„erkläre ich als Präſident Euer voriges Votum für null und nichtig, und ſtelle den Antrag an die republikaniſchen Sectionen von 177 Paris: die Cohorten zu den Waffen zu rufen, weil der Augenblick gekommen, wo die Ehre und Tugend des republikaniſchen Princips bedroht ſind.“ Die Abſtimmung gab das vorige Reſultat. Wieder ſtarrte Timolevn geiſterhaft vor ſich hin, doch blieb er ruhiger. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er eine Erinnerung hinweg⸗ wiſchen. „So iſt denn aus der ſchöne Traum,“ ſprach er halb laut,„was träumſt Du noch, Timolevn? Die Sünde ſiegt, die Tugend geht zu Grabe, und ihre Getreuen dazu. Es gibt ja keine Republik mehr, es gab ſchon lange keine mehr. Der große Freiheits⸗ Märtyrer am neunten Thermidor hat doch wahr ge⸗ ſprochen.“ Seine Stimme brach in unendlichem Schmerze: „So blute denn, freier Mann,“ rief er,„von den Kugeln der Mörder gemeuchelmordet; es wird ſich keine Hand erheben zu Deiner Rettung; aber nimm den Glauben mit, daß es in Frankreich darum noch eine Tugend gibt, wohne ſie auch nur in der Bruſt eines Einzigen. Dein Blut, v es ſoll nicht das letzte ſein, womit die Tyrannei den Boden tränkt.“ Er kehrte auf den Präſidentenſtuhl zurück und ſprach zur Verſammlung: „In Bezug auf die Verletzung des neunten Ar⸗ tikels unſers Grundgeſetzes durch das jüngſte Votum, erkläre ich die Verfaſſung der letzten republikaniſchen Aſſpciation für gebrochen und letztere hiermit für auf⸗ gelöſt.“ Zugleich zerriß er die Papierrolle, auf welcher die Artikel der Conſtitution verzeichnet ſtanden, in zwei Stücke und warf ſie den Repräſentanten der letz⸗ ten Republikaner vor die Füße. Auch den Präſiden⸗ Stolte, ſämmtl. Schriten.. 12 178 tenſtab zerbrach er und ſchlenderte ihn mit einem Fluche zu Boden. „Aſſociirt Euch künftig,“ rief er,„ſo viel Ihr wollt, ich werde nicht dabei ſein. Auch dieſe Keller ſind Euch künftig geſchloſſen, ich will ſie lieber zu Boudvirs für Luſtdirnen einrichten, als daß ich ſie Republikanern gönnen ſollte, die ein ehrloſes Leben einem hochherzigen Tode vorziehen. Schleppt es nur hin das glorreiche Daſein,“ lachte er wild,„ſchleppt es hin wie einen ſtinkenden Darm, Ihr könnt alle⸗ ſammt mit der Zeit noch erträgliche Schufte werden. Mir bleibt jetzt nur noch ein Geſchäft, das ich nicht länger verſchieben darf.“ Mit dieſen Worten verließ er den Präſidenten⸗ ſtuhl, ohne die Verſammlung eines Blicks und Worts zu würdigen, und ging ſchnellen Schritts einer klei⸗ nen Seitenthür zu. „Laßt ihn nicht entrinnen,“ riefen jetzt mehrere Stimmen, die ſich durch Timoleon's Worte beſonders verletzt fühlten,„und züchtigt den Verwegenen.“ Einige waren im Begriff, ihm nachzueilen, als lautes Waffengeklirr vor der Hauptpforte vernehmbar ward. In gleichem Augenblicke tönte ein Hülferuf und ein dumpfer Fall. Timoleon war an der Nebenpforte aufmerkſam ſtehen geblieben, als die Saalthür aufſprang und un⸗ ter Fackelſchein ein Haufe Gensd'armen mit blitzenden Säbeln hereinſtürmten. „Da finden wir ja die ganze Sippe!“ rief der Brigadier;„meine Herren, im Namen des Geſetzes, Sie ſind meine Gefangenen.“ Timoleon hatte jetzt die Seitenpforte, durch welche er gegangen ſchnell hinter ſich zugeſchlagen und den Riegel vorgeſchoben. Zugleich ſah man ihn ober⸗ 179 halb durch eine kleine Oeffnung in den Saal herab⸗ ſchauen. „Wie?“ frug er verwundert,„hat Euch Republi⸗ kaner die Nemeſis für das Votum ſo ſchnell erreicht? Ich weiß zwar nicht, wie das Alles zugegangen, aber die Wege des Herrn ſind wunderbar.“ Unter den Republikanern war indeß der fürchter⸗ lichſte Tumult entſtanden. „Verrath!“ ſchrieen ſie von allen Seiten. Einige, die durch die Seitenpforte entfliehen wollten, wurden durch den von Timoleon vorgeſchobenen Riegel aufge⸗ halten. Die Uebrigen ſetzten ſich auf's Aeußerſte zur Wehr. Sie wußten, was es galt. „Timoleon, Waffen, Waffen, gib uns Waffen!“ rief man jetzt. Der Angerufene blickte mit ſchrecklichem Lächeln auf das Schlachtfeld hernieder. „Aha, Ihr tugendhaften Republikaner,“ ſprach er, „nicht wahr, jetzt wären Timoleon's Klingen gut. Aber für Euch ſind ſie nicht geſchmiedet. Für Scla⸗ ven gebühren ſich Ketten und keine Waffen.“ Und abermals tönte der mahnende Ruf um Waffen. Aber wie eine Statue von Erz ſchaute der Mann von 93 herab. So wurden die mit Stöcken bewaffneten Republikaner von der Uebermacht immer mehr zurück⸗ gedrängt. Sie warfen ſich jetzt mit aller Kraft auf die Seitenpforte, um einen Ausgang zu gewinnen. Schon wankte der einfache Riegel, als man plötzlich von Außen ober⸗ und unterhalb zwei Eiſenſtangen vorlegen hörte. Jetzt war an kein Entkommen mehr zu denken. Die Waffenloſen, wie verzweifelt ſie ſich wehrten, wurden überwältigt, und gebunden abgeführt. 12 180 Timoleon hatte dem Ringen und Kämpfen von oben herab ganz ruhig zugeſchaut. „Es gibt eine Vorſehung, eine Tugend,“ ſprach er, als es ſtiller geworden war; ſchlug das Fenſter zu und verſchwand. Dreizehntes Rapitel. D Die Dämmerung brach herein; Eugen ging in hal⸗ ber Verzweiflung auf und nieder. Henriette ſaß am Fenſter, hatte die Hände gefaltet und blickte ängſtlich nach dem Couſin. „Gibt es denn kein Mittel mehr,“ frug dieſe endlich,„ihn zu retten?“ „Keins,“ antwortete im dumpfen Schmerze der Jüngling,„er hat an Gerichtsperſonen freventlich Hand gelegt; das bringt ihm den Tod, zumal jetzt, wo in dergleichen Angelegenheiten keine Gnade gege⸗ ben wird.“ „Die arme Victorine!“ wehklagte Henriette. „Weiß ſie bereits die Gefangennehmung?“ frug Eugen. „Ja wohl, die Unvorſichtigkeit Sophien's hat Alles verrathen.“ „Sie war wohl außer ſich?“ „Das nicht,“ erwiederte das Mädchen,„im Gegen⸗ theil recht gefaßt, mich hatte die Nachricht weit mehr ergriffen; aber im Innern blutet die Arme gewiß um ſo ſchrecklicher.“ 181 „Gott, auch auf ſolche Weiſe zu enden!“ rief Eugen, ſich mit der Hand vor die Stirn ſchlagend; „es konnte Alles gut werden.“ „Victorine überlebt es nicht,“ jammerte Henriette, „wenn Georg verloren iſt. Sie liebt ihn mit der ganzen Kraft ihres Herzens. Als ſie die Nachricht erhielt, ging ſie ſchnell auf ihr Zimmer und ich hörte den Riegel vorſchieben. Doch das iſt ſchon geraume Zeit her.“ „Es wird ihr doch Nichts widerfahren ſein!“ rief ſie nach einer Pauſe, wie von einem Gedanken auf⸗ geſchreckt und eilte aus dem Zimmer. Eugen warf ſich in dumpfem Schmerz auf einen Lehnſtuhl. Nach wenigen Augenblicken kehrte Henriette blaß und zitternd zurück. „Victorine,“ rief ſie erſchrocken,„iſt nirgend zu finden. Um Gotteswillen, Eugen, hilf ſie ſuchen!“ Dieſer war aufgeſprungen, als ein ſeltſamer Lärm im Vorzimmer entſtand. Es ſchien, als wenn die Dienerſchaft Jemandem den Eintritt verwehren und dieſer mit Gewalt ſich Bahn machen wobte. „Zurück, ihr Faulpelze, nichtsnutzige Ofenhocker und Höllenelementer!“ rief eine Stimme,„Platz da, oder mein Stock wird Euch Schafsköpfe zurecht ſetzen, daß Ihr den grünen Donnerſtag noch blau ausſehen ſollt.“. Zugleich ſprang die Thür auf und eine hohe, in Lumpen gehüllte Geſtalt mit einem Stelzfuße und einem Krückenſtocke hinkte, gegen die Dienerſchaft fech⸗ tend, in's Zimmer. „Lumpengeſindel!“ rief die Geſtalt,„mir den Ein⸗ tritt verwehren, einem Colonel der alten Garde den Eintritt verwehren! Das nichtsnutzige Geſchmeiß fängt 182 bereits an mauſig zu thun, ſeit wir den Knacks be⸗ kommen da draußen. Reſpect, Ihr Galgengeſichter, oder ich ſchlag' Euch den Hirnkaſten ein! Wo iſt der Franz?“ Niemand verſtand ihn. Die Dienerſchaft blickte aus Stockesweite halb verwundert, halb fragend zu ihm auf. „Nun, Gähnaffen!“ rief er,„was iſt zu glotzen, bin ich ein Wunderthier? Wart't, Ihr ſollt Euch wun⸗ dern.“ Er ſchwang von Neuem den Stock.„Wo iſt der Franz,“ wiederholte er,„der Normand, der Banquier?“ Jetzt ſtürzten Johann und Peter mit einem Satze davon. „Mag mich allerdings ein wenig verändert haben,“ ſprach der Unbekannte,„da das Lumpengefindel Nichts von mir wiſſen will. Die Pyramidenaffaire iſt auch ein Weilchen her, und ſo lang' mag es ſein, daß die Glocken von Paris für mich vergebens läuten.“ „Wär's möglich, der Onkel!“ rief jetzt Eugen freudig verwundert näher tretend und für den Au⸗ genblick Georg's trauriges Schickſal vergeſſend. „Das iſt wohl der kleine.....„ ſprach der Stelz⸗ fuß gutmüthig,„wie heißt Er gleich? War ein Knirps, als es nach Aegypten ging.“ „Eugen, Euer Neffe,“ erwiederte der Jüngling, den Alten herzlich umarmend. „Seht da,“ ſprach der Onkel, ſich auf das Sopha niederlaſſend,„recht in die Höhe geſchoſſen, freut mich, freut mich; aber zum Henker, warum nicht Soldat?“ „Erlaubt Ihr mir's denn, theurer Onkel?“ frug freudig Eugen. „Erlauben, erlauben, dumme Rede,“ polterte der Alte;„bin caduc, das Bein iſt zum Kuckuck, liegt 183 im Schnee bei Krasnoe, Junge, ſollſt mich rächen. Nächſtens geht's wieder los. Zum Teufelholen, kann nicht dabei ſein.“ „Ich räche Euch, Onkel,“ rief Eugen begeiſtert. Jetzt war auch Henriette ſchüchtern näher getreten und reichte dem alten Kriegsmanne das Händchen zum herzlichen Willkommen. „Couſine Henriette,“ erklärte Eugen,„die Tochter von Onkel Normand.“ „Sieh da, ſieh da, ſchmuckes Kind,“ ſprach Camill, das reizende Mädchen mit ſichtbarem Wohlgefallen be⸗ trachtend.„Was das Alles in die Höh' ſchießt, ſeit wir uns da draußen herumpauken.“ Normand war jetzt herbei geeilt und hoch erfreut über den unerwarteten Beſuch.„Wir glaubten Euch noch am Niemen!“ rief er. „Zum Henker auch,“ erwiederte der Oberſt mür⸗ riſch,„hätte der Murat nicht Alles verpfuſcht, ſtänden wir geharniſcht in Wilna.“ „Wie ſtehen die Dinge da draußen?“ frug Eugen neugierig. „Schlecht, verteufelt ſchlecht,“ erzählte Camill,„der Vicekönig hat das Mögliche gethan, aber Preußens Abfall uns bis an die Elbe zurückgeworfen. Ich ver⸗ ließ das Hauptquartier in Berlin.“ „Preußens Abfall!“ riefen Normand und Eugen mit Einem Munde,„alſo wären die darüber verbrei⸗ teten Gerüchte nicht grundlos?“ „Der Krieg iſt ſo gut wie erklärt,“ erwiederte der Oberſt,„ſeit der Preußen⸗König ſeinem guten Freunde, dem Kaiſer Alexander, nach Breslau entgegengereiſt iſt, exiſtirt kein Zweifel mehr.“ „So iſt es alſo mit dem Frieden wieder nichts?“ frug der Banquier beſorgt. 18⁴ „Frieden?“ lachte der Oberſt,„dummes Wort, haben wir je Arbeit gehabt, bekommen wir ſie jetzt. Mit dem ganzen Rheinbunde ſteht's wackelig. Zum Teufelholen,“ fügte er zornig hinzu,„das verdammte Bein! Es müßte eine Wonne ſein, die blauen preu⸗ ßiſchen Ueberläufer zuſammen zu fuchteln.“ „Ich zieh' für Euch hinaus, Oberſt,“ jubelte Eugen. „Ich ſollte meinen,“ bemerkte der Banquier,„des Onkels Malheur müſſe Dich zur Vernunft bringen.“ „Was ſchwatzt das Rechnenexempel,“ polterte der alte Kriegsmann,„Malheur? Danke dem Himmel, daß ich ſo davon gekommen bin, daß ich nicht ver⸗ brannt, erſoffen oder erfroren bin. Der Tod war in allen Branchen zu haben in dem verfluchten Eisloche. Zur Vernunft bringen?“ fuhr er immer aufgebrachter fort,„ſind die Soldaten des Kaiſers unvernünftig? Ihr Federfuchſer in Paris ſeid es gar nicht werth, daß wir mit unſerm guten Blute die beuteluſtigen Horden Eurvpa's von Euern Geldſäcken abgehalten haben. Hinaus ſoll der Junge, Soldaten ſind jetzt mehr denn je nöthig, wollen wir nicht binnen Jahr und Tag die Koſaken und Baſchkiren auf den Boule⸗ vards promeniren ſehen.“ „Es iſt entſchieden,“ rief Eugen im Feuer der Begeiſterung und Kampfluſt,„auf nach Deutſchland!“ „Was ſoll denn hier aus ihm werden?“ rief der Oberſt;„auch ſo ein Reguladetrigeſicht? das fehlte noch, ſo ein tüchtiger Junge!“ „Nein, nein, Onkel,“ rief Eugen,„ich werde Sol⸗ dat! Beſorgt nur, Onkel, daß ich unter dem Fürſten von der Moskwa fechten kann.“ „Nein,“ erwiederte dieſer,„unter die junge Garde mußt Du, unter die Erben unſeres Ruhms. Wir 185 brauchen junge Kräfte, Adlerblut. Die Deutſchen werden uns die Arbeit 1813 ein Bischen ſchwerer machen als früher.“ Der Banquier hatte die Worte des Oberſten nicht ohne Mißmuth vernommen. „Nun haſt Du ihn vollends verdreht gemacht,“ ſprach er in ſtrafendem Tone,„wir hatten ihn be⸗ reits auf gutem Wege. Magſt Du es bei Deiner Schweſter verantworten, die in Eugen ihre letzte Freude verliert.“ „Einfältig Geſchwätz,“ brummte Camill,„was verliert ſie denn? Eine brave franzöſiſche Mutter kann nur ſtolz ſein, wenn ſie Söhne für den Ruhm Frankreichs geboren hat. Im ſchlimmſten Fall bleibt der Junge auf dem Felde der Ehre, und das iſt doch millionen Mal beſſer, als daheim auf der Bärenhaut zu verſchimmeln.“ Victorine war jetzt in's Zimmer getreten. Ihr ganzes Weſen zeugte von heftiger innerer Bewegung. „Da kommt noch eine Nichte,“ ſprach Normand, „die Tochter vom Straßburger Proenrator. Es iſt gut, daß die nicht Hoſen trägt, ſie wäre eine treff⸗ liche Acquiſition für den Kaiſer. Sie nimmt es mit Gott und aller Welt, ſelbſt mit der Polizei auf, wenn's gilt, einen guten Freund zu retten.“ „Bravo, meine Tochter,“ ſprach der alte Krieger und reichte freundlich die Hand dem ſchönen Kinde. Victorine ergriff ſie mit Lebhaftigkeit. „Ihr geltet gewiß bei dem Kaiſer, guter Onkel?“ frug das Mädchen ſchnell. Der Onkel ſtrich ſich wohlgefällig den Bart. „Nun,“ meinte er nicht ohne behagliches Selbſt⸗ gefühl,„wir ſtehen ſo ziemlich paſſabel mit einander. Haben manchmal das Wachtfener getheilt. Auf ſeine 186 alten Aegypter läßt er einmal nichts kommen. Der verfluchte Vierpfünder bei Krasnve der mir das Bein raſirte, konnte ihn eben ſo treffen; er ſtand nicht drei Schritte von mir. Er legte ſelbſt mit Hand an, daß ich aus dem Feuer kam. Willſt Du auch zur Armee, wie der Eugen?“ fügte er ſchmunzelnd hinzu und ſtreichelte die Wange des Mädchens.„Soll ich ein gut Wort einlegen beim kleinen Korporal?“ „O nicht für mich!“ rief jetzt das Mädchen, nur die drohende Gefahr des Geliebten vor Augen und nur der Sprache des angſtvollen Herzens folgend, „es gilt das Leben eines Edlen, eines Freundes, den man als einen Feind des Kaiſers bezeichnet und ihn darum ermorden will.“ „Ei, ei,“ ſprach der Oberſt, die ſchöne Bittende mit innigem Wohlgefallen betrachtend,„ein Freund⸗, das klingt bei einem hübſchen Mädchen, die ſich des Freundes ſo warm annimmt, verdächtig. Ich will nicht hoffen, daß ſich ein ſo muthiges Kind gar ver⸗ liebt hat.“ „Es iſt die thörichtſte Bitte von der Welt,“ fiel Normand ein,„der betreffende edle Freund iſt mein früherer Buchhalter, der als Spion der Polizei ver⸗ dächtig, von dieſer verhaftet ward. Sein böſes Ge⸗ wiſſen gab ihm den verzweifelten Rath, dem Gefäng⸗ niſſe zu entkommen. Er überwältigte die Wächter, ward von Neuem arretirt, wobei er ſich freventlich an der bewaffneten Macht vergriff. Mein Haus iſt durch dieſe Geſchichte und namentlich durch Vietori⸗ nen's Unbeſonnenheit bereits dermaßen compromittirt, daß jedes Fürwort nicht nur höchſt thöricht, ſelbſt verbrecheriſch wäre.“ „O, hört nicht auf ihn,“ flehte beſchwörend das Mädchen und die Angſt ſpräch aus ihren ſchönen Zü⸗ 187 gen;„der Buchhalter ward unſchuldigerweiſe einge⸗ kerkert. Wer wird nicht ſuchen einer ungerechten Haft zu entrinnen? Welcher freie Mann wird ſich nicht zur Wehr ſetzen, wenn man ihm die Freiheit rauben will? Weiter hat der Buchhalter nichts verbrochen. O, der Kaiſer wird das einſehen, wenn ein alter Waffenbruder ihm die Sache auseinanderſetzt. Onkel, der Himmel hat Euch zur glücklichen Stunde heimgeführt, beachtet ſeinen Wink, und duldet nicht, daß unver⸗ ſchuldeterweiſe Blut fließt, daß das edelſte Leben im Namen des Kaiſers, der nur dadurch geſchändet würde, meuchleriſch ermordet wird.“ Auch Eugen vereinigte ſeine Bitten mit denen Vietorinen's. Das Geſicht des Oberſten hatte ſich ſichtbar ver⸗ finſtert. „In dieſer Angelegenheit,“ entſchied er endlich, „kann ich nichts thun. Gern würde ich in jeder an⸗ dern Sache Euern Wunſch erfüllt haben; aber wo bereits die Polizei ihre Schlingen geworfen, wo Ver⸗ dacht der Spionage vorhanden iſt, da kann ſich ein kaiſerlicher Offizier nicht einmiſchen.“ Er ſprach dieſe Worte mit ſolcher Entſchiedenheit, daß Victorine erblaßte und kein Wort zu erwiedern wagte. Sie ſetzte ſich auf einen Stuhl. Eine düſtre Stille folgte. Der Oberſt bemerkte jetzt, wie heftig das Mäd⸗ chen im Innern blutete. „Stehen' denn die Sachen wirklich ſo ſchlimm?“ frug er in milderm Tone. „Können gar nicht ſchlimmer ſtehen,“ erwiederte der Banquier unfreundlich, und ohne im Geringſten Rückſicht auf Victorinen's Zuſtand zu nehmen, fügte er hinzu:„Ich habe oft gehört, daß die Leidenſchaft 188 die Leute blind macht, daß ſie aber ſelbſt die geſunde Vernunft zu verrücken droht, iſt mir noch nicht vor⸗ gekommen.“ Victorine verließ, ohne ein Wort zu ſprechen, das Zimmer. „Hör einmal,“ rügte der Oberſt,„Du thuſt nicht recht mit dem Mädchen. Das arme Kind verdient Schonung, und Du maltraitirſt ſie.“ „Möchte man nicht des Teufels werden,“ fuhr ietzt der Banquier heraus und erzählte Victorinen's Benehmen bei Georg's Flucht. „Ständ' ich nicht ſo gut bei dem Präfecten,“ ſchloß er,„die Frevlerin ſäße dieſe Stunde noch in verdienter Haft. So iſt ſie mit einem Verweiſe da⸗ von gekommen. Aber ſoll man nicht toll werden bei ſolchen Geſchichten!“ „Nun das Befreiungsſtückchen,“ meinte Camill, „iſt ſo übel nicht und macht dem liebenden Mädchen alle Ehre. Wahrhaftig, es thut mir leid, für ihren Herzallerliebſten nichts thun zu können. Aber, Hen⸗ riette,“ wandte er ſich zu dieſer,„die arme Kleine iſt in ihrer Angſt davon gegangen, laß ſie nicht ſo allein und tröſte ſie, ſo gut es gehen will. „Eine erzdumme Geſchichte,“ fuhr er nach einer Weile fort.„Wie geſagt, wenn nur die Polizei den Braten nicht ſchon umklammert hätte. Aber bier iſt Alles vergebens. Und wenn alle Marſchälle dem Kai⸗ ſer zu Füßen fielen; in Spionenangelegenheiten iſt er unerbittlich. Da wagt ſchon Niemand ein gut Wort einzulegen.“ „Mir iſt wahrhaft bange um Victorinen,“ geſtand jetzt Henriette, die im Begriff war, der Couſine zu folgen.„Als ich ſie vorhin ſuchte, war ſie nirgends zu finden. Sie muß an zwei Stunden außer dem 189 Hauſe geweſen ſein, ohne daß ſie etwas davon geſagt hätte, was ſie ſonſt nimmer thut.“ „Ich glaube, ſie läuft in ihrer Tollheit noch in die Seine,“ bemerkte lieblos der Banquier.„Das fehlte noch. Morgen wird ſie auf einen Wagen ge⸗ packt und nach Straßburg transportirt, damit ich ein⸗ mal Ruhe bekomme.“ Der Oberſt ſchüttelte bei dieſen Worten mißbilli⸗ gend das ergraute Haupt. „Auf Deine Courſe und Prozente, mein Freund,“ ſprach er,„magſt Du Dich verſtehen, aber mit dem Mädel da weißt Du nicht umzugehen.“ „Brechen wir dies Kapitel ab,“ ſprach Normand, „wir wollen uns Deine Ankunft nicht verbittern. Aber, alter Bayard,“ fuhr er lachend fort,„die Ei⸗ telkeit ſcheint die alte Garde in Rußland verloren zu haben, wenigſtens was die Garderobe betrifft.“ Er beſchaute ſich den, auf ziemlich plumpe Weiſe in ruſſiſchen Pelz eingenähten Camill, der eher einem Eskimo, als einem Oberſten der kaiſerlichen Garde glich. An ein militairiſches Merkmal oder Abzeichen war nicht zu denken und der herabfließende patriar⸗ chaliſche Bart gab der ganzen Geſtalt ein abſonder⸗ lich groteskes Ausſehn. „Ja, Ihr Bärenhäuter,“ brummte der Oberſt, „Ihr denkt wohl, wir haben da draußen in dem Eis⸗ loche Zeit und Muße gehabt, Toilettenſtudien zu ma⸗ chen? In der ganzen großen Armee hat es nur einen Einzigen gegeben; es war ein ſechzigjähriger Greis, der mitten im fürchterlichſten Winter, wo jeder Andere nur auf ſeine Rettung dachte, auf einem mit Schnee bedeckten Baumſtamme, ſobald der Tag kam, mit un⸗ beſiegbarer Conſequenz und ängſtlicher Sorgfalt ſeinen Anzug ordnete, als erwartete ihn eine Audienz in den 190 Appartements Ludwig's des Fünfzehnten. Mitten im Sturme ließ er ſeine Haare in zierliche und ſorgfäl⸗ tig gepuderte Locken kräuſeln; während zu Hunderten rings umher die wankenden Schatten zum ewigen Schlafe in den Tod ſanken. „Hätt' ich nicht das Glück gehabt,“ fuhr er fort, „mir dieſen ächtruſſiſchen Wamms einzuhandeln in Smolensk, wo ich meine geſammte Baarſchaft, zwan⸗ zig Napoleons, mit Freuden dafür hingab, ſäß' ich beim Himmel nicht hier bei Euch. Wie dicht auch dieſe moskowitiſche Schlangenhaut iſt, drohte mir doch manchmal das Blut in den Adern zu gefrieren.“ Er erzählte dieſe letzte Periode des Rückzugs nach dem Uebergange über die Bereſina. Seine Stimme ward aber immer dumpfer. „Alle überſtandene Drangſale,“ ſprach er,„konn⸗ ten nicht in Vergleich gebracht werden mit dem Un⸗ glücke, das unmittelbar nach des Kaiſers Abreiſe über uns hereinbrach. Es war gleichſam, als ſei der nor⸗ diſche Winter in fürchterlichſten Zorn gerathen, daß ihm die Perſon Napoleon's entgangen ſei und als falle er nun mit verdoppelter Wuth die unglückſeligen Ueberreſte der Armee an. „Bis Molodezno hatte wenigſtens ein Schatten von Ordnung und Disciplin beſtanden. Von da an löſ'te ſich alle Verbindung. Jeder dachte nur an ſeine Rettung und ſo ging faſt Alles zu Grunde. „Die Wuth des Winters überſtieg alle Begriffe. Die Luft gefror zu Eis und fiel in Stücken herab, die Vögel ſtürzten todt auf die Erde. Die Atmo⸗ ſphäre war unbeweglich und ſtumm. Alles Leben, alle Bewegung der Natur, ſelbſt der Wind ſchien er⸗ loſchen, gefeſſelt und im allgemeinen Tode erſtarrt. Da vernahm man kein Wort, kein Murren mehr. 191 Ueberall ein Todtenſchweigen. Die Verzweiflung trat in Thränen auf die Wange, welche ſogleich zu Eis gefroren. „Wie Geſpenſter einer Schattenwelt wandelten die Reihen durch die unabſehbaren Schneewüſten. Nur der dumpfe, eintönige Schall der Schritte verkündete, daß es lebende Weſen waren, und es war nächſt dem Knarren des Schnees und den Sterbeſeufzern der überall dahin Sinkenden der einzige Laut in der un⸗ ermeßlich düſtern Stille. Kein Ausruf des Zorns, kein Fluch und keine Verwünſchung ertönte mehr, Nichts zeigte, daß noch ein Funke von Wärme oder Leben vorhanden ſei. Die Meiſten ſanken nieder, ohne nur einen Sterbelaut von ſich zu geben. „Selbſt ſolche Soldaten, die bis jetzt mit einer an Bewunderung grenzenden Entſchloſſenheit dem Ver⸗ hängniß getrotzt hatten, fingen an die Kräfte zu ver⸗ lieren. Bald brach der Schnee unter ihren Füßen, noch öfters glitten ihre Schritte auf der ſpiegelglatten Fläche aus, und ſo ſchritten ſie von Fall zu Fall, bis die Kräfte erſchöpft waren und ſie nicht wieder aufſtanden. Es ſchien, als weigere ſich der feindliche Erdboden, ſie zu tragen. „Verweilten die Unglücklichen nur wenige Augen⸗ blicke, ſo ergriff ſie der Winter mit verdoppelter Macht, und ſie waren verloren. Vergebens ſuchten ſie dann im Vorgefühle des erſtarrenden Todes, ſich vom Bo⸗ den zu erheben; ſchon ſprachlos und ſtarr thaten ſie einige Schritte, gleich Automaten, das Blut ſtarrte in den Adern, wie das Waſſer in den Flüſſen; die Erſtarrung drang vom Herzen zum Kopfe; dieſe Ster⸗ benden taumelten wie Betrunkene, aus ihren durch den immerwährenden Schnee, durch Entbehrung des Schlafs und den Rauch der Bivouaks gerötheten und 492 entzündeten Augen floſſen blutrothe Thränen. Mit verſtörtem Blicke ſchauten ſie von der eiſigen Erde zum eiſigen Himmel, nirgend Hülfe, Rettung; überall Tod und Verderben. Da brachen ſie für immer zuſammen, Blut entſtrömte dem erſtarrten Munde und färbte den Schnee roth. Niemand ſah ſich um nach ihnen. Mit talten, todten Herzen zogen die Waffenbrüder, Ge⸗ fährten, Freunde, Verwandte vorüber. Niemand be⸗ klagte die Todten. Der Schnee rieſelte hernieder. Es entſtand ein kleiner Hügel— bald war auch er verſchwunden in dem unermeßlichen Eismeere. „So waren die letzten Tage der großen Armee. Ihre letzten Nächte waren noch furchtbarer. Diejeni⸗ gen, welche die Nacht fern von allem Obdach über⸗ raſchte, hielten am Rande der Wälder. Hier zünde⸗ ten ſie ihre Wachtfeuer an, vor denen ſie die ganze Nacht in aufrechter, unbeweglicher Stellung ſtanden, gleich Geſpenſtern. Sie konnten der Wärme nicht froh werden und kamen dem Feuer ſo nahe, daß ihre Kleider verbrannten und ihre erfrornen Glieder ſich auflöſten. Vom furchtbarſten Schmerze gefoltert, ſan⸗ ken ſie dann nieder und am Morgen mühten ſie ſich vergebens, aufzuſtehen. Viele ſtarben während der Nacht am Feuer. Die Rüſtigſten bereiteten ein Mahl. Dieſes beſtand aus geröſtetem Pferdefleiſch und etwas Roggenmehl, das in Schneewaſſer zur Suppe gekocht und in Ermangelung des Salzes mit Schießpulver beſtreut ward. Der Schein der Flammen lockte wäh⸗ rend der ganzen Nacht neue Unglücksgefährten herbei, welche von den zuerſt Angekommenen zurückgeſtoßen wurden. Dieſe Bejammernswürdigen irrten von Bi⸗ vouak zu Bivonak, bis ſie, von Kälte und Verzwei⸗ flung überwältigt, ihrem Schickſale ſich überlaſſend, hinter den Reihen ihrer glücklichern Gefährten auf den 193 Schnee ſanken und ſtarben. Andere, ohne Mittel und Kräfte, die hohen Tannen umzuhauen, verſuchten ver⸗ gebens, den Stamm anzuzünden. Bald überraſchte ſie der Tod, einen Jeden in der Stellung, die ſie um die Bäume her eingenommen hatten. „Grauſenhaft ging es in den einzelnen, noch ſte⸗ hen gebliebenen Wohnungen her. Soldaten und Of⸗ ficiere drängten ſich hinein wie wilde Thiere. Die Lebenden, welche die Todten nicht vom Platze weg⸗ ſchaffen konnten, ſetzten ſich auf dieſe, bis auch ſie ſterbend zuſammenſanken und neuen Opfern zu Ster⸗ belagern dienten. „Oft wurden dieſe Wohnungen von den empor⸗ lodernden Flammen ergriffen, wo die vor Kälte be⸗ reits halbtodten Soldaten, die ſich nicht von der Stelle zu rühren vermochten, ein Raub des Feuers wurden. „Zuweilen brannte man ganze Häuſer allein in der Abſicht an, um ſich an den Flammen zu erwär⸗ men. Die Gluth lockte Andere herbei, welche von Kälte, Hunger, Schmerzen und Verzweiflung zum Wahnſinn gebracht, wüthend herbeirannten und ſich mit Zähneknirſchen und furchtbarem, gellendem Hohn⸗ gelächter in das Flammengrab ſtürzten, wo ſie mit fürchterlichen Zuckungen endeten. Ja, die Entmenſcht⸗ heit war ſo groß— kaum wagt man den Gedanken zu denken, aber es iſt ſo— Einige zogen die gerö⸗ ſteten Leichname aus der Gluth und— führten dieſe empörende Nahrung zum Munde. „Unter dieſem namenloſen Elend und Gräuel hatte endlich der Haufen in Lumpen gehüllter Bettler, die Ueberreſte der großen Armee, zum Theil mit bloßen, blutenden Füßen, auf Fichtenäſte ſich ſtützend, Wilna rreicht. Wilna, ein Name voll zauberiſchen Klanges, Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 13 19⁴ Wilna, die erſte reiche, bevölkerte Stadt, voller Ma⸗ gazine, Depots aller Art. Es war am neunten De⸗ cember, als ihre Nebelthürme am Horizonte empor⸗ ſtiegen. Zu Tauſenden ſtürzte man ſich, von thieriſchem Triebe geſpornt, durch ihre Thore. Jeder kämpfte, zuerſt hinein zu kommen. Es entſtand ein Gedränge, das dem auf der Bereſina nichts nachgab. Der Ein⸗ gang verſtopfte ſich. Kein Commando ward gehört, die Verwirrung war fürchterlich. „Die Einwohner verſchloſſen erſchrocken die Thüren vor den hereinbrechenden wüthenden Horden. Man drohte, wehklagte, bat, fluchte, verzweifelte, ſprengte Thore und Thüren, und ward nit Gewalt zurückge⸗ worfen auf die eiſigen Straßen. Zu Hunderten ſtar⸗ ben ſie hier vor Hunger und Kälte, während die Magazine auf vierzig Tage mit Brot, Mehl und Fleiſch für hunderttauſend Mann gefüllt waren. „Endlich gelang es Eugen und Davvuſt, für Un⸗ terkommen und Nahrung zu ſorgen. Welch eine Him⸗ melsſpeiſe gewährte trockenes Hausbrot! Welches Ent⸗ zücken, in gewärmten Zimmern es ſitzend verzehren zu fönnen! Es ſchien, als wäre man von der äußer⸗ ſten Grenze der Erde zurückgekehrt, ſo war man durch unermeßliche Leiden allen Annehmlichkeiten des Lebens entriſſen worden. „Aber kaum hatte man wenige Augenblicke der Ruhe genoſſen, da donnerten auch die ruſſiſchen Ge⸗ ſchütze. Dieſes drohende Krachen, das Rufen der Officiere, das Wirbeln der Trommeln erfüllte Alles mit neuer Verwirrung. Es war die Avantgarde des Tartaren Kutuſow. Aber vergebens ſchlug der Ge⸗ neralmarſch in den Straßen. Selbſt die alte Garde, bis auf wenige Pelotons herabgekommen, blieb zer⸗ ſtreut. Nicht den Feind, nur Hunger und Kälte 195 fürchtete man. Anfangs verſuchte man Widerſtand; aber die ruſſiſche Hauptmacht zieht heran. Die Ku⸗ geln fielen immer dichter. Schwärme von Koſaken brachen aus den Wäldern. „Man hätte ſich noch kurze Zeit halten können; aber Murat hatte den Kopf verloren und ſprengte da⸗ von. So begann von Neuem die allgemeine Flucht, und der völlige Untergang der großen Armee.“ Der Oberſt ſchwieg. Mit geſpannteſtem Intereſſe hatte namentlich Eugen der Erzählung zugehört. „Unglückſeliges Ende,“ ſeufzte nach einer Pauſe der Banquier. „Allerdings,“ erwiederte Camill,„noch nie ſah wohl der Erdboden eine impoſantere Armee, als die über den Niemen ging in den Tagen des Juni 1812, und noch keine fand ein ſo bejammernswerthes Ende; und gleichwohl gab es nie einen heldenvolleren Feld⸗ zug. Ich habe ſeit den zwanzig Jahren, die ich in den Lagern lebe, manche großartige Waffenthat geſe⸗ hen, aber gegen den Rückzug aus Rußland verſchwin⸗ det Alles, was Schriftſteller alter und neuer Zeit an Heldenmuth aufgezeichnet haben.“ Man ſaß eine lange Zeit in tiefem Schweigen, bis endlich Normand und Eugen ihr Bitten erneuten, daß ſich's der Onkel bequem mache und ſich für heute zur Ruhe begebe. Der alte Kriegsmann lächelte. „In Paris hoff' ich doch endlich einmal Ruhe zu haben vor den Koſaken.“ „O, das werdet Ihr hier immer, Onkel,“ tröſtete muthig Eugen.„Nie wird es ein Barbar wagen, ſeinen Fuß auf den heiligen Boden Frankreichs zu ſetzen.“ „Wollen's hoffen, mein Sohn,“ ſprach der Oberſt. 18 196 „Unwahrſcheinlich iſt's allerdings. Wer mir übrigens beim Niemenübergange geſagt hätte, daß von den prächtigen viermalhunderttauſend Mann binnen weni⸗ gen Monaten kaum zwanzigtauſend zerlumpte Skelette heimkehren würden, dem würd' ich in's Geſicht ge⸗ lacht und einen Narren geſcholten haben. Mit dieſen Worten hinkte er, von Normand und Eugen unterſtützt, nach dem für ihn eingerichteten Zimmer. vierzehntes Rapitel. E iſt tiefe Mitternacht. Der Steinkoloß der Tuile⸗ rien ruhte in ſtillem, geheimnißvollem Dunkel; nur nach der Gartenſeite wirft das gewohnte Licht ſeinen einſamen Schimmer. Der Herzog von Baſſano hat dem Kaiſer ſo eben die letzte Note des Herrn von Hardenberg überreicht, welche die Kriegserklärung Preußens enthält. Napolevn hat ſie überflogen. Er geht eine Zeit lang, die Hände auf dem Rücken, ſchweigend im Kabinet auf und nieder. Aengſtlich folgen die Blicke des Mi⸗ niſters den Bewegungen des Allgewaltigen, einen hef⸗ tigen Zornausbruch befürchtend. Der Kaiſer bleibt ruhig. „Ein erklärter Feind,“ ſpricht er endlich,„iſt mir lieber, als ein zweifelhafter Alliirter.“ Wieder erfolgte eine Pauſe. „Ich hätte Tilſit beſſer benutzen ſollen,“ fährt er in abgebrochenen Sätzen fort.„Preußen war in mei⸗ ner Gewalt.— Ich mußte das Haus Hohenzollern vernichten. Das iſt nicht das erſte Mal, daß man mit Großmuth in der Politik übel beſtellt iſt.“ Der Miniſter wagte nicht zu widerſprechen. „Preußens Abfall,“ fährt Napoleon fort,„liefert dem Feinde hunderttauſend Mann. Meine Aushebung von 1813 reicht jetzt nicht hin. Sie ſollte den Un⸗ fällen von Rußland die Stirn bieten. Ich brauche jetzt die Conſeription von 14. Sie ſoll mit zwei⸗ malhunderttauſend Mann meine Linien verſtärken.“ Der Herzog von Baſſano konnte ſich hier eines traurigen, mißbilligenden Kopfſchüttelns nicht enthal⸗ ten. Napoleon bemerkte es: „Sie glauben, ich muthe Frankreich zu viel zu?“ rief er.„Wiſſen Sie, daß Frankreich ſeit 1800 un⸗ ter allen Mächten am wenigſten verloren hat?“ Maret blickte fragend auf. „Spanien,“ fuhr der Kaiſer eifrig fort,„das ſo viele Niederlagen erlitt, hat im Verhältniß weit mehr verloren. Was koſten ihm Arragonien und Saragoſſa. Die Aushebungen Oeſtreichs, die zu Marengo, Hohen⸗ linden den Untergang fanden, die Aushebungen, die bei Ulm und Auſterlitz zu Grunde gingen, die von 1809, welche zu Eckmühl und Wagram vernichtet wurden, ſind außer Verhältniß mit ſeiner Bevölke⸗ rung. Bei dieſen Feldzügen hatten die franzöſiſchen Heere bairiſche, würtembergiſche, ſächſiſche, italieniſche, ſchweizeriſche Bundesgenoſſen, welche die Hälfte der großen Armee ausmachten. Die andere Hälfte, die unter franzöſiſchen Adlern focht, beſtand zum Dritt⸗ theile aus Holländern, Belgiern, Rheinbewohnern, Piemonteſen, Genueſen, Römern und Toskanern.— Preußen verlor 1806 ſeine ganze Armee von drei⸗ malhunderttauſend Mann. Rußland verlor 1812 ſechs 1 198 Mal mehr als Frankreich in ſeinen alten Grenzen. England bezahlte den Handel beider Indien mit ſei⸗ nem theuerſten Blute in Flandern, Nordholland, Bue⸗ nos⸗Ayres, Sanct Domingo, Aegypten, Vlieſſingen und Amerika. Die Zunahme der Bevölkerung Frank⸗ reichs ſeit 1800 widerlegt alle aus Haß und Unwiſ⸗ ſenheit hervorgegangenen Declamationen. Meine Con⸗ ſeriptionen wurden niemals ganz geſtellt. Die ange⸗ gebenen Zahlen waren eine Kriegsliſt, dem Feinde zu imponiren. „Wenn wir jetzt Frieden machen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„würden wir ſelbſt die Hoffnung zu einem dereinſtigen Frieden verlieren. Auch Ber⸗ nadotte hat ſeinen Kauf abgeſchloſſen. Die Englän⸗ der werden eine Armee von fünfundzwanzigtauſend Preußen und dreißigtauſend Schweden in ihre Dienſte nehmen. Den Oberbefehl werden ſie dem Prinzen von Schweden geben. Dieſer verſpricht, ſich im nörd⸗ lichen Deutſchland für ſie zu ſchlagen und erhält als Preis für den Schaden, den er ſeinem Geburtslande zufügt, und als Preis für das franzöſiſche Blut, das er vergießt, Guadeloupe und Norwegen. Guadeloupe beſitzen die Engländer, da iſt keine Schwierigkeit: aber Norwegen, wie? Mit welchem Rechte kann Ruß⸗ land und England darüber verfügen? Was liegt daran? Das Land beliebt Bernadotte.— So erhebt die Cvalition zu Stockholm und Breslau mit Kühn⸗ heit ihr Haupt. In Wien liebt man weniger die Eile. Aber ich will wiſſen, wie ich mit Metternich daran bin. Narbonne ſoll nach Wien. Er wird ſie demas⸗ kiren. ueberdies ſoll der Herzog von Abrantes in Illyrien, Oeſtreich und Ungarn beobachten. Vierzig⸗ tauſend Italiener werden ſich an den Küſten des adria⸗ tiſchen Meeres verſammeln.“ 199 Er wandte ſich zu Maret: „Montalivet,“ frug er,„iſt er zugegen?“ „Er wartet auf die Befehle Ew. Majeſtät.“ Napoleon winkte und in der nächſten Minute trat der Miniſter des Innern, Graf Montalivet, in's Zimmer. „Wie?“ rief der Kaiſer dem Eingetretenen ent⸗ gegen,„unſere Bevölkerung, unſer Ackerbau, unſer Handel ſollte nicht zugenommen haben? Hab' ich nicht dreißig Millionen für die Brücken, funfzig für die Kanäle, dreihundert für die Straßen und hundert Millivnen für die Seehäfen verwandt? Ueberall gilt in Handelsſachen Ein Geſetz. Ueberall herrſcht glei⸗ ches Gewicht, gleiches Maaß, gleiche Münze, gleiche Freiheit, gleicher Schutz. Von Bayonne bis Ham⸗ burg, von Rom bis Breſt kreiſen die Frachtwagen auf das Bequemſte. Amſterdam und Marſeille cvm⸗ munieiren durch Kanäle.— Die Noth hat unſere mechaniſchen und chemiſchen Künſte vervollkommnet. Europa iſt nahe daran, fremde Welttheile zu entbeh⸗ ren. Schon liefert uns die Runkelrübe ſo viel Zucker, daß wir von einem Tribute von hundert Millionen an das Ausland befreit ſind.— Ueber hundert Mil⸗ lionen habe ich zur Verſchönerung von Paris ver⸗ wandt. Das Lvuvre und Verſailles ſind aus ihren Trümmern erſtanden. Für den Glanz meines Throns haben anderthalb Milliouen nicht ausgereicht, ohne daß dieſer Aufwand dem Staate einen Franken ge⸗ koſtet hat. Die beſondern Fonds der Krone waren hinreichend. „Unter ſolchen Umſtänden,“ fuhr der Kaiſer fort, „kann die Lage unſrer Finanzen nicht unbefriedigend ſein. Wie ſteht es mit ihr?“ Der Graf Mols, Miniſter der Finanzen, ward berufen und erſtattete Bericht. 200 „Die directe Auflage,“ referirte er,„liefert nahe an vierthalbhundert Millionen. Sie wird in Zwölf⸗ theilen und monatweiſe erhoben. Die größere und geringere Leichtigkeit, mit welcher die Deckungen er⸗ folgen, gibt der Regierung von den Veränderungen Kunde, welche bei den Ernten und den Fortſchritten des Ackerbaues eintreten. „Die indirecten Abgaben liefern ein Einkommen von nahe an ſechshundert Millivnen. Durch die Er⸗ folge dieſer Erhebung erfährt die Regierung, welcher Induſtriezweig der Einfuhr oder Ausfuhr gedeiht oder ſtockt; welche Bewegung, und in welchen Artikeln, die Handelsgeſchäfte haben. Vermehren ſich die Staats⸗ geſchäfte oder machen außerordentliche und unvorher⸗ geſehene Umſtände größere Hülfsmittel nöthig, ſo braucht man zur Deckung derſelben weder zu neuen Auflagen, noch zu der verheerenden Aushülfe der An⸗ leihen Zuflucht zu nehmen. Die Kaſſen des Schatzes ſind von allem Wucher der Geldmäkler frei gehalten. Es bedarf nur der Erhöhung einiger Tarife, welche am wenigſten zur Laſt fallen. „Die vereinten Abgaben des Kaiſerreichs betragen demnach jährlich auf tauſend Millionen.“ „Was die Ausgaben betrifft,“ unterbrach Napo⸗ levn den Sprecher,„verbleibt es bei der zeitherigen Art und Weiſe*).“ Er wandte ſich wieder zu dem Miniſter des Innern: *) Dieſe beſtand darin, daß der Kaiſer jedes Jahr den jährlichen Credit eines jeden Miniſteriums und der für jeden Dienſt zu machenden Ausgaben beſtimmte. Jeden Monat ward alsdann durch einen beſondern Beſchluß die theilweiſe Summe feſtgeſetzt, die jedes Miniſterium und jeder Dienſt während des Monats aus der Kaſſe ſchöpfen wird. So 201 „Den Unfällen des letzten Feldzugs,“ ſprach er, „müſſen die Erfolge unſerer innern Adminiſtration entgegengeſtellt werden. Sie werden hinreichen, die Schuld des Kriegsunglücks abzuwälzen. Die affectirte Furcht vor meiner Kriegsliebe wird verſchwinden beim Ueberblicke meiner Werke des Friedens. Ich mag nicht mit jenen vandaliſchen Eroberern des Alterthums verglichen werden. Sie werden dafür Sorge tragen, Herr Graf, daß die innere Lage des Reichs der civi⸗ lifirten Welt faßlich vor Augen geführt werde. Sie ſei das politiſche Teſtament meiner Adminiſtration.“ Der Kriegsminiſter und Marineminiſter traten in's Cabinet. Erſterer gab folgende Auskunft: „Unſre Landarmeen,“ ſprach er,„beſtehen für das Jahr 1813 aus zwanzig Garderegimentern, einhun⸗ dertzweiundfunfzig Regimentern der Linie, ſiebenund⸗ dreißig Regimentern Artillerie, dreißig Bataillonen überſah das Staatsoberhaupt zwölf Mal jährlich in einer Arbeit von einer Stunde, alle Ausgaben, beſtimmte die Summe für jeden Zweig des folgenden Monats und hielt die Waage zwiſchen der Ausgabe und Einnahme. Dabei ließ er eine Zahlung langſamer, die andere ſchneller folgen, vermehrte oder verminderte die Fonds der theilweiſen Kaſſen, je nach der Fülle der Zuſchüſſe, dem Drange der Bedürfniſſe oder den Veränderungen, welche durch die Tagesereigniſſe herbei⸗ geführt werden konnten. Endlich bezahlte der Miniſter des Schatzes, als Geueral⸗Controleur der Finanzen, die Ordon⸗ nanzen erſt dann, wenn der ordonnirende Miniſter ſich genau nach dem Jahresbudget und dem ihm eröffneten Monatsere⸗ dit gerichtet hatte.... Dies war der, die Einnahmen und Ausgaben regulirende Mechanismus, der, wie Graf Molé in ſeinem Berichte ſich ausdrückt, durch ſeine Einfachheit be⸗ wunderungswürdig, an ſich allein den Beweis trägt, welch ein Umfang von geſundem Sinne in dem Genie Napoleon's 202 zum Fuhrweſen, vier Schweizerregimentern, ſechs Re⸗ gimentern übergetretener Ausländer und den aus wi⸗ derſpenſtigen Conſeribirten gebildeten Colonialbataillo⸗ nen. Die geſammte Cavallerie umfaßt vierundachtzig Regimenter. Im Ganzen iſt für Sold und Unter⸗ halt von tauſend Bataillonen Infanterie, eine Streit⸗ macht von achtmalhunderttauſend Mann, und von vier⸗ hundert Schwadronen Cavallerie, für hundertachtzig⸗ tauſend Reiter zu ſorgen. Ausgenommen hiervon iſt noch der Bedarf der Artillerie, des Geniecorps, der Gensd'armerie, der Equipagen und der Veteranen, deren Cadres wenigſtens hunderttauſend Mann befaſſen. Dem⸗ nach würde ſich's um den Unterhalt von einer Million Soldaten handeln.“ Dem Herzoge von Feltre folgte der Marinemi⸗ niſter: „Die Conſeription,“ begann er,„lieferte für den Dienſt der Marine zeither zwanzigtauſend Mann jähr⸗ lich. Seit fünf Jahren haben achtzigtauſend junge Mannſchaften unſere Equipagen verſtärkt. Jährlich ließen wir fünfzehn bis zwanzig Kriegsſchiffe vom Stapel laufen. Wir beſitzen gegenwärtig fünfund⸗ ſechzig Linienſchiffe, vollſtändig bewaffnet, für ſechs Monat mit Proviant verſehen und jeden Augenblick zum Auslaufen bereit.“ „In wenig Jahren werden wir dreihundert be⸗ ſitzen,“ fiel Napolevn ſchnell ein,„eine Zukunft, vor der England zittert. Die Vervielfältigung, Wieder⸗ herſtellung und Befeſtigung aller unſerer Seehäfen,“ fuhr er fort,„muß trotz des Kriegs nicht unterlaſ⸗ ſen, die Thätigkeit auf den Werften der Schelde, zu Amſterdam, Rotterdam, Cherbourg, Lorient, Roche⸗ fort, Toulon, Genua, Venedig darf nicht unterbrochen werden.“ 203 Napoleon, der während der letzten Geſpräche auf einer Art Feldſtuhl geſeſſen, ſprang auf. „Wohlan,“ rief er,„ſo führen wir den Krieg zu Waſſer und zu Lande; erſtern mit hunderttauſend Matroſen, hundert Linienſchiffen, funfzig Fregatten, letztern mit einer Million Soldaten.“ Er wandte ſich zu den anweſenden Finanzmi⸗ niſtern, dem Herzoge von Gasta und dem Grafen Mollien. „Welche Hülfsmittel,“ frug er,„haben Sie zur Beſtreitung dieſes Kriegs?“ Die Angeredeten begannen ihr Referat. Dieſem zufolge erforderte die öffentliche Schuld nebſt den Penſionen ſechsundneunzig Millionen, die Juſtiz, das Innere und die Fingnzen dreihundert⸗ funfzig Millivnen. Für den Krieg und die Marine verblieben demnach ungefähr fünfhundertfunfzig Mil⸗ lionen. Die Unfälle des ruſſiſchen Feldzugs aber, ſo wie die Rüſtungen für den bevorſtehenden haben zu unermeßliche Summen verſchlungen. Die Miniſter verlangen einen außerordentlichen Zuſchuß von drei⸗ hundert Millionen und bringen eine Erhöhung der Steuern in Vorſchlag.“ „Nichts da,“ rief Napoleon unwillig, und ging eine Zeit lang nachdenkend auf und ab. Eine lange Pauſe folgte. Keiner der hohen Staatsbeamten wagte die Stille zu unterbrechen. „Wir müſſen,“ ſprach endlich der Kaiſer,„das Beiſpiel Levpold's von Toscana nachahmen. Die letzte Spur der todten Hand muß vertilgt werden.“ Die Miniſter horchten hoch auf. „Die liegenden Güter,“ fuhr Napoleon fort, „deren Einkünfte den Gemeinden gehören, ſind gegen 20⁴ Renten auf den Staat auszutauſchen; dieſe Güter müſſen verkauft und der Kreislauf des Eigenthums einheimiſch werden. Dieſe Operation wird demnächſt einen Ertrag von nahe an Vierhundert Millionen ab⸗ werfen.“ Die Anweſenden, von dem Genie Napoleon's hin⸗ geriſſen, erkannten dieſe große Maßregel einſtimmig mit dem größten Lobe an. „So hätten wir Soldaten und Geld,“ ſprach nicht ohne Anwandlung von Selbſtgefühl der Beherrſcher der Franzoſen,„um die Leute in Breslau und Stock⸗ holm zu züchtigen und die übrigen in Reſpect zu er⸗ halten, und zwar zu derſelben Zeit, wo ſie ſich von nichts als unſern Verluſten unterhalten. Der Krieg wird große Opfer koſten, aber das Wohl Frankreichs wird nicht darunter leiden.“ Er machte eine herablaſſende Handbewegung, die Miniſter entfernten ſich; es war ſchon ſehr ſpät. Na⸗ poleon befand ſich allein. Er ſtand lange in Gedanken verloren. Nach langer Pauſe ſprach er kopfſchüttelnd und wie mit ſich ſelbſt unzufrieden:„Ich hätte dem Manne nicht ſo viel Land laſſen ſollen.“ Da kniſterte die Tapetenthür. Ruſtan trat herein. „Ihre kaiſerliche Hoheit, die Fürſtin Borgheſe,“ meldete er flüſternd. „Pauline?“ frug halb verwundert, halb un⸗ willig der Kaiſer, der ſich ſo eben entkleiden laſſen wollte. Er hatte dies Wort kaum ausgeſprochen, als die reizende Schweſter hereintrat. „Endlich,“ ſprach ſie,„zwei ganze Stunden warte ich vergebens.“ Ruſtan entfernte ſich. „Fürſtin,“ erwiederte Napoleon mit finſterm Ge⸗ 205 ſicht und Tone,„die Audienzzeit iſt vorüber. Ruhen Sie wohl.“ Er wollte davon. Pauline aber, nach⸗ dem ſie ſich überzeugt, daß Niemand im Gemach, flog ihm an den Hals und drückte einen herzlichen Kuß auf ſeine Wange. „Napoleon,“ rief ſie in ſüßem, unwiderſtehlichem Schmeicheltone,„mein kleiner, ſüßer Nap, nur zehn Worte.“ „Schlafengehen, Schlafengehen, Fürſtin,“ ſprach der Kaiſer abwehrend, noch immer unfreundlich. „Ach, die Wienerin kann immer noch ein paar Minuten warten,“ ſcherzte die Schweprer. „Pauline,“ ſprach der Kaiſer ſtreng,„meine Nach⸗ ſicht hat Dich verwegen gemacht. Verſuche ſie nicht länger.“ „Brr! brr! mein Pferdchen,“ ſtreichelte die Für⸗ ſtin mit Taubenſanftmuth den Gewaltigen. Noch immer wollte dieſer Nichts hören; aber die Krone aller Holdſeligkeit und Liebenswürdigkeit, die den Bruder nur zu gut kannte, ließ ſich nicht in die Flucht ſchlagen. Sie war ſich ihrer Macht, die ſie als Liebling des Kaiſers ausübte, bewußt, und ſo gelang es auch diesmal ihrer Roſenlaune, daß der Mann, der noch vor wenigen Augenblicken das Schick⸗ ſal Europa's dictirt hatte, halb gezwungen, halb frei⸗ willig an der Seite des unwiderſtehlichen Weſens Platz nahm. Paulinen's Zauber verſetzte den Bruder endlich in ſo gute Laune, daß er anfing, ſie an den Locken und an den Ohrläppchen zu zupfen. „Nun, ſo ſchieße los,“ ſprach er gutmüthig,„klei⸗ ner Wehrwolf, was für Betiſen haſt Du wieder be⸗ gangen, die ich gut machen ſoll?“ Die Fürſtin erzählte jetzt Georg's Schickſal; ſeine 206 freiſinnigen Expectorationen, ſeine Gefangennehmung, Flucht, Wiederfeſtnahme und das dunkle Verhängniß, das ihm bevorſtehe. Sie ſtellte geſchickt Alles in ſol⸗ chem Lichte dar, daß ſich der Nordamerikaner keinen geſchicktern Anwalt hätte erwählen können, worauf ſie Gelegenheit nahm, an die Großmuth und perſönliche Milde ihres Bruders zu appelliren. Aber je länger ſie ſprach, deſto finſtrer ward die Stirn Napoleon's. Sie ließ ſich indeß nicht ſtören, fuhr von Zeit zu Zeit mit der kleinen weißen Hand über die Stirn Näpolevn's, gleichſam als wolle ſie deren Falten glätten, und begann immer eindringlicher, endlich im weichſten Flötentone zum Gemüthe des Kaiſers zu ſprechen. Dieſer hatte ſchweigend zugehört. Er erhob ſich plötzlich mit den Worten:„Ruhen Sie recht wohl, Fürſtin.“ Pauline zog ihn aber mit Gewalt zurück, und begann ihr Flehen zu verdoppeln. Er verſuchte noch⸗ mals zu entkommen; es war vergebens. Sie ver⸗ ſchwendete alle Schmeichelkünſte. Sie begann wieder zu ſcherzen, machte ihn zu lachen. „Du weißt von Joſephinen,“ ſprach er endlich verweiſend, doch nicht ohne Milde,„daß ich Weiber⸗ interventionen nicht leiden und den Gang der Ge⸗ rechtigkeit nicht hemmen kann.“ „Aber auch die Politik ſpricht für ihn,“ belehrte mit Wichtigkeit Pauline;„er iſt Nordamerikaner, und Amerika iſt Dein treueſter Alliirter gegen England⸗ Es dürfte da drüben gar böſes Blut machen, wenn ſo ein Republikaner in Paris todtgeſchoſſen würde.“ Der Kaiſer mußte lächeln, als die Schweſter auf die Politik gerieth. 207 „Mich ärgert nur,“ ſprach er ziemlich gut ge⸗ launt,„daß, wie Du ſagſt, eine Franzöſin ſich in den Schlingel verliebt hat.“ „Welche den Tod ihres Republikaners ſicher nicht überleben wird,“ verſicherte Pauline mit Lebhaftigkeit. „Und wie hübſch iſt das liebe Kind,“ fuhr ſie feurig fort,„wenn Du mir verſprichſt, Nap, Dich nicht in ſie zu verlieben, ſollſt Du ſie ſogleich hier haben.“ Sie eilte nach der Thür. „Nichts da,“ rief der Kaiſer von Neuem finſter, „keine Komödie, Pauline.“ Aber dieſe trat bereits mit der bebenden Victo⸗ rine in's Zimmer. Die Straßburgerin, ſo wie ſie des Kaiſers an⸗ ſichtig wurde, ging ein paar Schritte auf ihn zu und ſank ihm ſprachlos zu Füßen. Napoleon ward etwas überraſcht durch die überaus liebreizende Erſcheinung, die an Anmuth und Adel ſelbſt der Fürſtin Borgheſe nicht nachſtand. „Stehen Sie auf,“ ſprach er mild,„ſtehen Sie auf; Sie ſind von Paris gebürtig?“ „Mein Vater iſt Proeurator in Straßburg,“ ant⸗ wortete beſcheiden das Mädchen,„dort bin ich ge⸗ boren.“ Des Kaiſers Geſicht erheiterte ſich ſichtbar, um ſeinen Mund ſpielte jenes bezaubernde Lächeln, das ſo oft ſeine Widerſacher für ihn gewann. „Ah, eine Elſaſſerin,“ ſprach er,„ich bin dem Elſaß gut,“ ſetzte er mit gewinnender Gemüthlichkeit hinzu,„und er mir. Nicht wahr, ich kann auf ihn zählen?“ „O, gewiß, gewiß, Sire,“ rief Victorine und aus ihren ſchönen Augen leuchtete begeiſtert die Ueberzen⸗ gung ihrer Worte. 208 „Aber, ſchönes Kind,“ frug der Kaiſer,„die Elſaſſer ſind mir gut, wir ſtehen auf beſtem Fuße mit einander, wie kann eine Elſaſſerin meinen Feind lieben und überdies einen fiſchblutigen, ſpleenigen Amerifaner?“ Victvrine ſchlug erröthend die Augen nieder. „Quäle doch das arme Kind nicht,“ ſprach Pau⸗ line auf italieniſch,„und rette den Geliebten.“ Napoleon trat an ſeinen Schreibtiſch und warf ein paar Worte auf's Papier, das er Ruſtan zur Be⸗ ſorgung übergab. Er wandte ſich wieder zu Vietorinen: „Ihr Republikaner iſt frei,“ ſprach er,„aber in Frankreich darf er nicht bleiben. Binnen acht Tagen wird er nach Amerika zurückkehren. Sie werden ihn begleiten und ſich bemühen, ihm wie ſeinen Lands⸗ leuten eine freundlichere Geſinnung über den Kaiſer der Franzoſen beizubringen.“ Mit dieſen Worten verließ er ſchnell das Gemach, ohne die heißen Dankergießungen der verklärten Vie⸗ torine abzuwarten. Dieſe war betend auf die Kniee geſunken, unauf⸗ hörlich entſtrömten die Thränen den ſchönen Augen. Als die Ueberſelige in dem Wagen der Fürſtin Borgheſe die Tuilerien verließ, tönte vom Thurme der Notre⸗Dame die dritte Stunde des Morgens. 3 —,à— Funfzehntes Rapitel. „ Der Banquier Normand tobte wie beſeſſen im Zim⸗ mer auf und ab. Henriette, die am Fenſter ſaß und ihn zu beruhigen geſucht hatte, wagte kein Wort mehr zu ſprechen. „Und noch heute muß ſie fort,“ rief der zornige Vater;„iſt ſo etwas erhört worden, ein Mädchen aus beſter Familie bringt heimlicher Weiſe Nächte lang außer dem Hauſe zu, ohne daß ich, dem ſie anvertraut iſt, ein Sterbenswort darum weiß! Solche Geſchichten fehlen noch, mich vollends in Verruf zu bringen.“ Henriette warf einen bittenden Blick auf den Er⸗ zürnten. „Und der Junge, der Eugen,“ fuhr er fort,„ſoll mir nicht wieder vor die Augen kommen. Der muß um die nächtlichen Geſchichten wiſſen. In ſeiner Be⸗ gleitung hat Victorine geſtern Abend das Haus ver⸗ laſſen.“ Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Eugen, Freudenthränen in den Augen, hereinſtürzte und dem Banquier um den Hals fiel. „Biſt Du von Sinnen,“ rief dieſer abwehrend; aber Engen ließ ſich nicht ſtören und herzte und preßte den Onkel in ſprachloſem Entzücken. Dieſer glaubte in allem Ernſte, ſein Neffe habe den Verſtand verloren. Er machte ſich mit Gewalt los und trocknete den Angſtſchweiß von der Stirn. Eugen aber flog nun Henrietten an den Hals. „Um Gotteswillen,“ rief dieſe ängſtlich,„was iſt Dir?“ Eugen fand endlich die Sprache wieder. Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 14⁴ „Er iſt gerettet! er iſt frei!“ rief er, und die hellen Thränen entſtürzten ſeinen Angen. „Wie? was? wer?“ frugen Vater und Tochter aus einem Munde. „Georg, unſer Georg!“ rief der Jüngling voll Begeiſterung;„Viectorine, dieſe Himmliſche, dieſe Perle aller Mädchen, iſt ſelbſt beim Kaiſer geweſen.“ Der Banquier und Henriette konnten vor Ver⸗ wunderung kein Wort hervorbringen. Eugen fuhr fort: „Sie hatte ſich durch ihren alten Lehrer Perrin eine Empfehlung bei der Fürſtin Borgheſe zu ver⸗ ſchaffen gewußt. Mit Paulinen vereint, war es ihr gelungen, von Napolevn Gnade für den bereits zum Tode Verurtheilten zu erhalten.“ „Beim Himmel, ein heldenmüthiges Kind!“ rief nicht ohne Bewegung ſelbſt der kalte Zahlenmann; „aber warum handelte ſie ſo geheimnißvoll, daß wir böſen Verdacht ſchöpfen mußten, warum vertraute ſie uns nicht offen?“ „Weil ſie von Eurer ſelbſtſüchtigen Engherzigkeit überzeugt war,“ erwiederte Eugen,„daß Ihr einen ſo hochherzigen Plan nicht nur nicht billigen, ſondern ſelbſt hintertreiben würdet. Ich, als Georg's Freund, war der Einzige, zu dem ſie in der Angſt ihres Her⸗ zens Vertrauen faßte. Ich ſelbſt habe ſie zum Palaſt der Fürſtin begleitet.“ Da that ſich abermals die Thür auf und Georg trat herein. Eugen ſtürzte ihm mit lautem Jubel entgegen, und lange lagen die Freunde in ſprachloſer Umarmung. Normand und Henriette wußten noch immer nicht, ob ſie ihren Augen trauen ſollten. Endlich wandte ſich Georg zu Erſterm: „Ich komme, um Abſchied zu nehmen,“ ſprach er, — 214 „binnen vierundzwanzig Stunden muß ich Paris, und binnen acht Tagen Frankreich verlaſſen. Nehmet mei⸗ nen Dank für das Gute, ſo mir in Euerm Hauſe geworden. Ueber die jüngſte dunkle Zeit möge der Vorhang ewiger Vergeſſenheit herabfallen. Ich nehme keinen Groll mit in mein Heimathland. Lebt glück⸗ lich, immer recht glücklich.“ Er reichte mit inniger Bewegung dem ehemaligen Principal die Hand. Dieſer ſchlug nicht ohne Be⸗ ſchämung ein. „Die Macht der Verhältniſſe“— ſtammelte er. „Ja,“ ſprach Georg,„dieſe iſt wohl groß in Eurem Volke; aber ich mag ihm darum nicht zürnen; es giebt ſo hochherzige Ausnahmen, die allein hin⸗ reichen eine ganze Nation zu adeln.“ „Ja, wir kennen eine ſolche,“ fiel hier Eugen feurig ein;„und ſind ſtolz auf ſie.“ „Wie ein Glück ſelten allein kommt,“ ſprach der Amerikaner weiter,„ſo lernte ich dieſen Morgen noch eine zweite Ausnahme kennen.“ „Ah, der Kaiſer, der Kaiſer!“ rief Eugen,„oder ſeine anbetungswürdige Schweſter?“ Georg ſchüttelte den Kopf und erzählte: „Als mir vor einer Stunde die Freiheit verkün⸗ det worden war und ich aus dem Gefängniſſe über die erſte Gallerie dem Hofe zuſchritt, fand ich dieſen mit Polizeiſchergen und Gefängnißwärtern angefüllt. Es war ein fürchterlicher Tumult und ein Kampf, wie mir im Leben kein zwkiter vorgekommen iſt. In⸗ mitten der zahlreichen Bewaffneten befand ſich ein Mann von wildem, martialiſchem Ausſehen, ſanscü⸗ lottenmäßig bekleidet, eine rothe Jakobinermütze auf dem Kopfe und in beiden Händen rieſige Aexte, mit welchen er in verzweifelter Tollkühnheit der ganzen 14 212 wohlbewaffneten Uebermacht widerſtand und ſie in re⸗ ſpectvoller Entfernung hielt. Er blutete bereits an mehrern Stellen; aber unermüdlich ſchwirrten die blanken Aexte wie ein paar flammende, vernichtende Sonnen, und immer unwiderſtehlicher drang er nach der Gallerie vor, auf welcher ich daher kam. Da rief plötzlich eine Stimme:„So nehmt doch Vernunft an, Etienne, der Amerikaner iſt ja frei, da kommt er!“ Ich blieb bei dieſen Worten einen Augenblick verwundert ſtehen. Der verzweifelte Kämpfer warf einen Blick nach mir und ſchien mich zu erkennen. Ich hatte den alten eiſernen Republikaner bei mei⸗ nem verrätheriſchen Gaſtfreunde mehrmals geſprochen. „Georg Falkland,“ rief er, in ſeltſamer, weithin dröhnender Stimme,„ſeid Ihr frei?“ „Ich bin es,“ war meine Antwort. „Aber das Vertrauen zur Tugend der Republik,“ dröhnte es nochmals,„habt Ihr es verloren?“ „Nein, Timoleon,“ rief ich, von der Frage ſelt⸗ ſam ergriffen, mit feſter, feuriger Stimme,„das habe ich nicht verloren!“ Da flogen im Augenblicke die beiden Aexte raſ⸗ ſelnd auf den Boden, daß wie bei ſpringenden Gra⸗ naten die Steinſtücke weit umherflogen. „Hier habt Ihr mich,“ rief der alte Fanatiker, und hielt waffenlos den Schergen ſeine kräftigen Arme hin;„meine Miſſion iſt zu Ende.“ „Wie eine Heerde hungriger Wölfe ſtürzten jetzt die Gensd'armen auf ihr Opfer, das alsbald mit Ketten überladen daſtand. Ich konnte den Anblick nicht länger ertragen und entfernte mich. Auf dem Hierherwege ward mir die Kunde, daß ich allein die Schuld an jenem tollkühnen Kampfe war. Der alte Waffenſchmied war der Einzige, der den Gedanken 213 nicht zu ertragen vermochte, mich durch einen Repu⸗ blikaner verrathen zu wiſſen. Er hatte zu meiner gewaltſamen Befreiung die republikaniſchen Sectionen zu den Waffen gerufen, aber das tollkühne Wagſtück hatte keinen Anklang gefunden; nicht ein Einziger war zur Theilnahme bereit geweſen; darum glaubte der alte Fanatiker, dieſes ächte Ebenbild jener alten blutigen Apoſtel der Volksfreiheit von 93, daß ihm, um die Tugend der Republik zu retten, nichts übrig bleibe, als wenigſtens das Seinige zu meiner Be⸗ freiung beizutragen. Nachdem er daher meinem re⸗ publikaniſchen Gaſtfreunde ein Meſſer in die Bruſt geſtoßen, faßte er den wahnfinnigen Entſchluß, mich mit eigenen Kräften zu befreien. Bewaffnet mit ein paar Aexten, hatte er ſich in ſeiner verzweifelten Wuth bereits durch zwei Vorhöfe durchgeſchlagen, als mein Erſcheinen und die Verſicherung, daß ich frei ſei und an der Tugend der Republik nicht verzweifle, dem fürchterlichen Kampfe ein Ende machte.“ Georg ſchwieg. Man hatte mit Erſchütterung ſeine Rede vernommen. Henriette und Eugen drück⸗ ten einſtimmig ihr Bedauern über Timoleon's Schick⸗ ſal aus, nur der Banquier ſchwieg und ſchien im In⸗ nerſten froh, daß ein ſo waghalſiger Mann von 1793 in die Hände der Behörden gerathen ſei, als das Rollen eines Wagens, der vor dem Hauſe hielt, Hen⸗ rietten an's Fenſter rief. „Eine Equipage der Fürſtin Borgheſe,“ rief ſie eilfertig. „Die bringt uns Victvrinen,“ fiel Eugen haſtig ein. Georg ſprang zur Thür hinaus und kehrte bald darauf mit der reizenden Straßburgerin, ſeinem ret⸗ tenden Engel im Triumphe zurück. Es war ein Ent⸗ zücken, ein Wiederfinden nach drohenden Gefahren, 244 wie ſelten eines gefunden wird hienieden. Auch On⸗ kel Stelzfuß kam ſo ſchnell, als ihm ſein hölzern Bein erlaubte herbei, und fluchte über alle Maßen, daß es nicht raſcher mit ihm vorwärts wollte. Die letzten Stunden, welche Georg in Normand's Hauſe zubrachte, gehörten zu den ſchönſten ſeines Le⸗ bens. Die Familie blieb bis tief in die Nacht bei⸗ ſammen. Es läßt ſich denken, daß bei dieſem Ab⸗ ſchiedsfeſte dem Kaiſer Napoleon und der ſchönen Pauline manches Lebehoch aus vollem Herzen gebracht wurde. Kaum graute der Morgen, da ſaß Georg in der mit zwei rüſtigen Rappen beſpannten Extrapoſt und die Reiſe ging flott durch das endloſe, dunkle Häuſer⸗ labyrinth von Paris. Als man die Barriere erreicht hatte, war es etwas lichter geworden, aber der Morgen neblig und feucht. Georg, von den ſeltſamſten Gefühlen bewegt, bog ſich bei den letzten Häuſern zum Wagen heraus und blickte noch einmal nach dem immer weiter zurückweichenden Sitze der Weltherrſchaft. Aber Alles verſchwamm be⸗ reits im Nebel, und nur unförmige, dunkle Maſſen von Giebeln und Dächern verkündeten das Daſein der Rieſenſtadt. Unheimlich ſtrich der Wind von den Höhen des Montmartre herüber. Georg hüllte ſich tiefer in den Mantel und drückte ſich in die Wagen⸗ ecke. Die Erinnerung an die Stunden der vorigen Nacht zog wie eine holdſelige Fata Morgana vorüber; als plötzlich der Wagen anhielt und der Poſtillon den aus ſüßer Traumwelt Erweckten auf einen kleinen Menſchentrupp aufmerkſam machte, der ſich lantlos und geheimnißvoll auf der Ebene zur Rechten dahin bewegte. Vergebens bemühte ſich Georg, die einzel⸗ 215 nen Perſonen zu unterſcheiden, der Nebel ließ nichts erkennen. . Jetzt machte die dunkle Maſſe Halt. Noch einmal ſtrengte Georg ſeine Geſichtsnerven an, aber es blie⸗ ben geſpenſtiſche Nebelgeſtalten.— Da rief plötzlich durch die graue Morgenſtille ſiegesfreudig und begei⸗ ſtert eine bekannte Stimme:„Vive la République!““ — Eine dumpfe Flintenſalve erfolgte, und die alte Stille trat wieder ein. Eine jähe Ahnung durchzuckte Georg's Innerſtes. Eine Frage erſtarb auf ſeinen Lippen. Der Poſtillon kam ihm zuvor und erklärte: „Nun wird der alte Jacobiner wohl genug haben; er trieb's die letzt Zeit auch gar zu toll. Es war der alte Waffenſchmied St. Etienne, den ſie ſo eben erſchoſſen haben.“ Georg erwiederte nichts. Das Geſchick des alten, ehrlichen Timoleon, das mit dem ſeinigen ſo innig verbunden war, hatte ihn im Innerſten ergriffen, ob⸗ ſchon er zugeben mußte, daß der Tod einem Manne, der ſeine theuerſten Heiligthümer zertrümmert und ver⸗ höhnt ſah, nur willkommen ſein mußte. Er winkte mit der Hand zu größerer Eile, und raſch rollte der Wagen auf der Straße nach Straß⸗ 3 burg dahin. Erſt nach einer langen Pauſe ſprach Georg dumpf vor ſich hin: „Es war der letzte Republikaner!“ Ende des erſten Theiles. Druck von Alerander Wiede in Leivzig. „ 2