Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 5. Eduard Oktmann in Gießen, ſ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. —— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen, 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe tinthen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für nchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Har ich doch nimmer geglaubt, daß mein Vetter eine ſo wichtige Perſon wäre. Ja, wer ſäh' es dem kleinen, freundlichen Manne an in der grauen Pikeſche, der verblichenen Weſte und dem ſchwarzen Sammet⸗ käppchen auf den grauen Locken. Aber ſeit ich geſtern in dem alten, grauen Thurme hinaufgeklettert nach ſeinem Adlerneſte und mit ihm durchlebt die lär⸗ menden Stunden des Tages und die ſtillen der Nacht, und herabgeſchaut durch ſeinen trefflichen Dollond in das Leben der Menſchen, iſt mir ſeine Macht klar geworden. Was iſt der König in ſeiner Ge⸗ walt und Herrlichkeit gegen ihn? Er mit ſeinem Hammer iſt der Herrſcher über unſere Freuden, unſere Leiden, der Gewaltige über Leben und Tod. Mit Ehrfurcht und Grauen hab' ich den verhängnißvollen Hammer geſchaut, mit welchem mein Vetter die wech⸗ ſelnden Stunden verkündet an der alten, dumpfen Glocke und den Takt ſchlägt in dem rollenden Rade der Zeit. Er iſt nicht groß und liegt auf dem kleinen Tiſchchen neben der Wanduhr. Wenn mein Vetter ſeine Memviren ſchreiben wollte über ſein Thürmerleben, könnte einem durch patrio⸗ tiſche Aufopferungen ruinirten Buchhändler wieder auf die Beine geholfen werden. Stunden lang hab' ich da oben in dem alten Großvaterſtuhle des Thurm⸗ ſtübchens geſeſſen und zugehört, wie der Vetter er⸗ 4* 1 zählte von dem Lerchenjubel, wenn er am blauen Früh⸗ lingsmorgen den alten Thurm umtönt; wie die erſten Schwalben ausruhen auf dem Wetterfähnchen da oben von der langen Reiſe, und die goldenen. ſanften Lüfte die letzten finſteren Winterträume aus den ſteinernen Falten des fünfhundertjährigen Greiſes koſen. Da ſollen— mein Vetter läßt ſich's nicht nehmen— ur⸗ alte Erinnerungen in dem Thurme wach werden, Er⸗ innerungen an die Lerchengeſänge vor fünfhundert Jahren; und was die thörigen Menſchen da unten für Thau halten, der an ſeinen Wänden hinabſickert, das ſind nur die Thränen, die der Urgreis der Er— innerung ſeiner Jugend weint. Geht's uns doch auch nicht beſſer, denken wir an ſie zurück, und meinem Vetter dazu. Er wird auch wieder mit jung und ſchwingt freudiger den Hammer, und die alte Glocke freut ſich mit und ſendet ihre Stimme noch einmal ſo rein und melodiſch hinaus über die Stadt und das duftende Land, den Menſchen dort unten den Früh⸗ ling zu verkünden. Aber weniger erbaulich iſt es anzuhören, wenn mein Vetter von der Juli⸗Sonne erzählt und dieſe auf das metallene Kreuz herabglüht, daß der Athem ſtockt vor erſtickender Hitze, und wenn dann des Nach⸗ mittags die Gewitterberge heraufziehen ſchwarz und nächtig. Lautlos und bangend liegt da unten die Stadt, Alles hat ſich geflüchtet, nur die Schwalben durchfahren zwitſchernd den ſtillen Luftkreis, aber ru⸗ hig und ernſt ſtreckt der Veteran ſein Haupt in die Wolkennacht. Iſt es doch nicht das erſte Gewitter, das um ſeinen grauen Scheitel tobt, nicht der erſte Sturm, der in ſeinen ſteinernen Locken wühlt. Aber geſchieht dann zuweilen ein Schlag, daß die Grund⸗ feſten der Erde erzittern und Alles zuſammenzuſtürzen 5 droht und der jüngſte Tag meinem Vetter klar vor Augen ſteht, dann greift der alte Mann nach der Bibel und ſchlägt ſie auf, recht oder verkehrt, es hat allemal geholfen, und das Gewitter zog gnädig vorüber.— Wie ſchön und golden bricht das Abendroth hinter den zerriſſenen Himmelsdecken hervor, die erquickte Ge⸗ gend himmliſch erleuchtend, wie wölbt ſich der Regen⸗ bogen über ſanftem Abendlauten, o dieſe Ausſicht vom Thurme!— Mein Vetter iſt kein Dichter, weiß den Teufel von Pvetik und Aeſthetik, kennt von Schiller nur den erſten Vers von„Freude ſchöner Götterfunken“ und von Göthe ebenfalls den erſten Vers vom„Lande, wo die Citronen blühen,“ aber die Thränen ſind mir hervorgetreten, als er erzählte von der Ausſicht vom Thurm nach dem Gewitter.— Wirbelt aber der Spätherbſt das Laub der Lindenbäume bis in die hei⸗ lige Höhe des Thurmſtübchens, werden die Abende länger, träumen die Mädchen da unten bereits von den Bällen und die Kinder vom nahenden heiligen Chriſt, da greift ſich nach dem Abendlauten der ehr⸗ ſame Calcante des Sprengels, den Meißner Kopf in der Taſche, die finſtere Thurmtreppe hinauf nach dem Himmelreiche meines Vetters; da buttelt alsbald das edle Braunbier milchſchäumend in dem mächtigen zin⸗ nernen Kruge, worin zur größten Delice des Cal⸗ canten ein paar gedörrte, Muscatnuß⸗geriebene Brod⸗ rinden ſchwimmen, da kräuſeln die blauen Wölkchen aus dem ariſtokratiſchen Meißener und aus meines Vetters thönernem Kopfe, da wirft die Lampe ihren vertraulich⸗ſtillen Schein und im Oefchen kniſtert ge⸗ müthlich das dürre Reißig, da fließt behaglich die Wechſelrede der beiden Alten, da rückt man ſich näher über das beliebte Thema der in der Ferne winkenden Neujahr⸗ und Gratulativn⸗Einnahme, da entdeckt man . 6 ſich die Hoffnungen, Befürchtungen und Berechnungen⸗ während deſſen der Novemberſturm immer ſchauerlicher draußen am Thurme rüttelt und die Wetterfahne un⸗ unterbrochen ihr einſames Lied ſchrillt. Dort unten tief in der Nacht liegt die Stadt, kaum daß das Licht⸗ lein einer einſamen Laterne zuweilen ſchwach heraufblickt. Romantiſches Futter. Ein Novelliſt könnte ſich hier ordentlich auf die Maſt legen, und ich rathe es Jedem, einmal ein paar Püffe nicht anzuſehen und dem Calcanten nachzufahren im Thurmſchlott. Es müßte eine Pracht⸗Novelle werden und der Almanach könnte ſich gratuliren, der ſie bekäme. Ich glaube, mein Vetter ſchaffte ſich ſelbſt ein Exemplar an und der Calcante desgleichen, denn es lieſt ſich gern Je⸗ dermann gedruckt. Eines Abends aber hat ſich Letzterer verſpätet und iſt ſpäter hinabgefahren nach der Unterwelt und mein Vetter hat es verſchlafen am andern Morgen, ſo daß, als er erwachte, der Winter gekommen war im weißen Kleide. Dann ſitzt der Thürmer mehre Monden wie der Matroſe im Maſtkorbe. Rings, ſo weit der Blick reicht, nichts als Himmel und Schnee. Doch ich will ja nicht die Biographie meines Vetters ſchrei⸗ ben, ſondern meine eigenen Beobachtungen, die ich auf dem Thurme in wenig Stunden gemacht, um meines Vetters Macht den Ungläubigen vor Augen zu führen. Die Dämmerung rang mit der Morgenröthe, als ich, meinem Verſprechen gemäß, aufwärts kletterte. Ein herzlicher guter Morgen, ein biederer Händedruck und ein würziger Kaffee erwartete und ſtärkte mich. Ruhig lag die Stadt zu unſeren Füßen.„Guck dort hin!“ ſprach mein Vetter, und ich richtete das Fernglas nach der bezeichneten Stelle. Das letzte 7 Flackern einer Lampe erleuchtete ſchwach das ſchauer⸗ liche Gefängniß und die wilden Züge des gefeſſelten Verbrechers. Böſe Träume ſchienen den Schlummern⸗ den zu beunruhigen, krampfhaft zuckte es zuweilen über das finſtere Antlitz. Allmälig aber ſenkte ſich Frieden auf ihn herab und die Mienen erheiterten ſich ſichtbar. Es iſt ſein letzter Schlaf,— ſprach mein Vetter in dumpfem Tone und griff zum Ham⸗ mer.—„O weck' ihn nicht!“ rief ich, aber der Thür⸗ mer ging hinaus und verkündete die fünfte Stunde des Morgens. Dumpf wie Grabesruf dröhnte die Glocke hinaus über die Stadt in fünf fürchterlichen Schlägen. Das Blut gerann in meinen Adern. Der letzte Schlag erreichte das Ohr des Gefangenen. Da⸗ hin war der Schlaf. Wild fuhr der Unglückliche vom Lager auf, die Ketten raſſelten, geiſterhaft ſtarr⸗ ten ſeine Augen, das Haar begann ſich zu ſträuben und herein trat der Geiſtliche, ihn zum Richtplatze zu begleiten. Vernichtet legte ich den Dollond hinweg, der Vetter kehrte zurück, aber nicht als der freundliche, liebe Mann,— er erſchien mir als Todesbote. Ich ſchaute in das keimende Morgenroth. Eine Thräne trat in meine Augen. O dieſe Morgenfriſche, dieſes erwachende Leben und— Tod— Tod— keine Ret⸗ tung! Die Stunde entfloh. „Guck dort hin!“ gebot wiederum mein Vetter, und ich gehorchte. Roſig ſtahl ſich das junge Morgenlicht durch die grünſeidenen Vorhänge und küßte das Engelgeſicht des ſüß träumenden ſiebzehnjährigen Kindes. In reizender Widerſpenſtigkeit hatten ſich üppige dunlle Locken aus der Haft des niedlichen Spitzenhäubchens befrei't und ringelten ſich träumeriſch am blendenden 8 Halſe herab. Das eine Händchen hatte die Bürde der Daunen von der ſanft athmenden Lilienbruſt ge⸗ drängt und auf dem andern ſchlummerte das ſüße Haupt dem holdeſten Erwachen entgegen. „Ich will ſie zu ihrem ſchönſten Tage erwecken!“ ſprach mein Vetter, ging hinaus und verkündete die ſechſte Stunde. Beim ſechſten Schlage erwachte die liebliche Schlä⸗ ferin. Zwei Veilchen blühten freundlich auf und ſie ſtrich ſich die ungehorſamen Locken aus dem Geſicht. Da trat die Mutter herein und ſetzte ſich zu ihr an's Bett. Weinend ſanken ſich die Liebenden in die Arme. Es war der Hochzeittag Paulinens. „Guck' dort hin!“ ſprach nach einer Stunde mein Vetter. Die Morgenſonne ſtand bereits eine Hand breit über den Bergen. Aus dem nahen Dorfe kam eine ganze Familie, Alt und Jung, Männer und Frauen. Es waren Landleute. Inmitten ſchritt ein junger ſchlanker Burſche, einen Wanderſtab in der Hand, ein Ränzlein auf dem Rücken und ſtellte ſich heiter und wohlgemuth; aber die Begleiter waren gar traurig und die Begleiterinnen weinten. Man gelangte zu dem einzeln ſtehenden Gaſthauſe unweit des Dorfes. Hier hielt der Zug und nahm Platz an dem Tiſche im Grünen. Die Aufwärter brachten Wein und Spei⸗ ſen. Es ward oft angeſtoßen, aber manche Thräne fiel in die Gläſer. Nach einer Weile ſprach mein Vetter:„was hilft das lange Bechern und Jammern, geſchieden muß ſein. Ohne Trennung kein Wieder⸗ ſehen.“ Er ging hinaus und ſchlug an die Glocke. Kaum klangen die ſieben Schläge hinaus— da brach die Geſellſchaft auf und der Jammer erreichte den höchſten Grad und die Thränen floſſen reichlicher. 9 Jetzt glänzten ſie auch in den Augen des jungen Re⸗ kruten. Es war ja das erſte Mal, daß er das Va⸗ terhaus, das liebe Dörfchen und die heimathlichen Fluren verlaſſen ſollte. Bald wanderte er einſam dem finſtern Stadtthore zu und die Aeltern und die Schweſtern und die Brüder und Vettern und Muh⸗ men kehrten de⸗ und wehmüthig zum Dorfe zurück. Die achte Stunde nahte.„Guck' dort hin!“ ſprach mein Vetter. Die feſtlich geſchmückte Schulſtube wimmelte von Knaben und Mädchen, alleſammt in Sonntagskleidung. Es war ein Geflüſter und die freudigſte Erwartung lag auf allen Geſichtern. Wie oft guckten die Klei⸗ nen herauf zum Thurm! Wollte es denn auch gar nicht acht Uhr ſchlagen, daß der Lehrer herabkäme und ſie hinausführte zu ſeinem Geburtstage in die blühende Schöpfung, auf's grüne Land, worauf ſie ſich gefreut das ganze Jahr? Wie bockend ſchien die herrliche Morgenſonne, welch' himmliſcher Feſttag ſtand bevor, weit, fern von der Stadt ſich herumtummeln zu dürfen bis an den Abend. Mein Vetter hatte ſeine Freude an der lieben Ungeduld.„Lieber Vetter,“ ſprach ich,„auf ein paar Minuten ab und zu kommt's ja nicht an, pauken Sie doch los, damit der Prä⸗ ceptor erſcheine.“— Aber mein Vetter iſt in ſeinem Berufe hart wie ſein Hammer. Er antwortete nicht, ging aber nach einer Weile unaufgefordert hinaus und verkündete die achte Stunde. O dieſer Inbel in der Kinderwelt bei dieſen himmliſchen Klängen, und wie der Lehrer hereintrat in ſeiner Feiertracht mit der feſtlichen und freundlichen Miene, und wie er überſchüttet ward mit Gedichten, Reden und Blu⸗ men. Aber bald ward das Zeichen zum Aufbruch ge⸗ geben und der Schwarm jubelte hinaus mit ſeinem fröhlichen Herzen. 10 „Da möchte ich ſchon mit,“ ſagte ich zu meinem Vetter und ſtellte das Fernrohr in eine Ecke. Dieſer aber hatte unterdeß ein gar nicht übles Frühſtück auf⸗ getafelt und ſich mir zu Ehren wirklich angegriffen. Mein Vetter geht nämlich von dem herrlichen Ge⸗ ſichtspunkte aus, daß ein Dichter ſo gut einen Magen hat und Appetit verſpürt wie ein anderer Menſch und vom Morgenroth und Mondſchein nicht ſatt wird. Darum war das Frühſtück kräftig und ſchmackhaft und ein Fläſchchen guter Medve war auch dabei, ſogar für Eigarren hatte er geſorgt; dazu die herrliche Aus⸗ ſicht und der ſchöne Morgen. Ich ließ mich nicht lange nöthigen und ſagte:„Vetterchen, es ſoll Sie nicht gereuen, es wird Alles gedruckt. Vivat, alle Thürmer ſollen leben, und alle Poeten von Hiob bis auf den Ritter A. von Tſchabuſchnigg, der unlängſt ſeine Gedichte bei Arnold herausgegeben hat. Aber Vetter, ſind Sie mit Ihrem Hammer ein gewaltiger, gebietender Mann; das geht ja da unten Alles da⸗ nach!“ Der Vetter meinte, was ich geſehen, wäre noch nichts, ich ſollte nur aushalten. Die neunte Stunde nahete. Eine Zorn⸗ und Flammenglut auf dem Geſichte, führte die dicke Bäckerin Frau Bretzel eine Wahnſinn⸗ ſcene aus einem noch ungedruckten Trauerſpiele auf ihrem eigenen Zimmer auf. Ich und mein Vetter bekamen die Vorſtellung gratis und hatten gut Zuſe⸗ hen. Wir waren auch das einzige zuſchauende Pu⸗ blikum; denn vor den ergreifenden Actionen und Dec⸗ lamationen der Bäckerin war Alles geflüchtet. Kein Dienſtmädchen getraute ſich mehr in's Zimmer. Be⸗ ſonders wenn der Blick der Actrice auf die Stutzuhr fiel, gab es tief gefühlte, ergreifende Momente. „Vetter, was rumort die Frau?“ fragte ich. 14 „Ich möchte er nicht ſein“— entgegnete gelaſſen der Vetter. „Wer?“ „Der Friſeur.“ „Wie ſo?“ Der Vetter erklärte:„' iſt eine Gevatterſchaft beim reichen Lachshändler. Die Bretzel will brilli⸗ ren, die Mitgevatterin vernichten, die Freßgevatterin⸗ nen oben drein. Nun holt der Teufel den Lafleur. Schon um acht Uhr ſollte er da ſein. Halb zehn iſt die Beſcheerung.“ Bereits war die ganze Bäckerwerkſtatt ausgeleert und fungirte als galoppirende Staffetten nach dem Haarkräusler. Der Cabinetbefehl lautete dietatvriſch: todt oder lebendig! Frau Bretzel im obern Geſtock, ein zweiter Philipp, auf⸗ und abſteigend, achtete kei⸗ nen Vertrag der Nationen mehr. Durch ſolche außer⸗ ordentliche Maßregeln war es auch endlich gelungen, des Lafleur habhaft zu werden. Zwei blaue Bäcker⸗ geſellen escortirten ihn ſo eben zum großherrlichen Palaſt. Der Friſeur wehrte ſich verzweifelt. Er mochte als freier Pariſer von einer Escorte durchaus nichts wiſſen und focht mit dem Brenneiſen meiſter⸗ haft gegen die mehlſtäubenden Blauärmel, um ſie in reſpectvoller Entfernung zu halten. Wie jedem ſchweren Gewitter eine drückende Stille vorhergeht, ſo auch dieſem.— In der Bretzel kochte es, aber ſie ſchwieg; Lafleur auch und brachte ſeine Präparate in Ordnung. Nach wenig Minuten war das Unwetter da. Lafleur ertrug es als Mann. Er arbeitete wie ein Faſchinenfechter mit kühlem Blute mitten im Feuer. Als das Toben nicht nachließ, ſo erkannte der Haarkräusler, daß der immer weiter rückende Zeiger der Stutzuhr, auf welchen die Blicke 12 der Bäckerin gerichtet waren, der eigentliche Zünd⸗ ſchwamm und Todtenwecker ſei, der die Meiſterin allar⸗ mire. Lafleur ſtellte ſich daher als Mond zwiſchen die Frau und den Stutz. So ward Ruhe und die Obeliske und Triumphbogen ſtiegen dans le dernier gont de Paris auf dem Himmelsglobus der Bäckerin empor. Auf meinen Vetter kam wieder erſtaunlich viel an, ſchlug er los, ſo war ein neuer Vulkanausbruch unvermeidlich und der ganze Babelthurm ſtürzte zu⸗ ſammen. Lafleur fürchtete dies auch. Er warf zu⸗ weilen einen Blick nach dem verhängnißvollen Zeiger, gewahrte mit Schaudern, wie die Kataſtrophe immer näher rückte und ſengte und brennte mit Todesverach⸗ tung in den Flechten und Zöpfen. Jetzt fehlten nur noch zwei Minuten an neun Uhr. Mir ward bange um Lafleur. Der ſanguini⸗ ſchen Meiſterin war Alles zuzutrauen. Außer dem Zuſammenſturze des Babelthurms war auch der linke Backen des Friſeurs durch die unbeſchäftigte kampflu⸗ ſtige Rechte der Bäckerin bedeutend bedroht. Lafleur, der meine Gedanken theilen mochte, ergriff daher ſeine Vorkehrungen. Er ließ ſich von dem anweſen⸗ den Kammermädchen zwei der längſten goldenen Haar⸗ nadeln und ein neues glühendes Brenneiſen reichen, womit er die gefährliche Rechte ſeiner Gegnerin in Schach hielt; der Linken gab er eine Flechte zu hal⸗ ten und machte ſie ſo kampfunfähig. Zugleich eom⸗ mandirte er das Mädchen mit einem Spiegel vor, wo ſich die Bäckerin die erſtandenen Schanzkörbe und Be⸗ lagerungswerkzeuge ſelbſt inſpieiren konnte und ergoß ſich nun in eine bis jetzt ſorgfältig aufgeſparte Apo⸗ theoſe des vortrefflichen Lockenhauptes der Frau Mei⸗ ſterin, wobei er nicht unterließ, höchſt abſprechende 13 Urtheile über die Haartvuren befreundeter Nachbarin⸗ nen einfließen zu laſſen. Nach ſolch wohlberechnetem Manöver erwartete er ruhig den Stundenſchlag. Mein Vetter ſchlug los— die Kataſtrophe ging glücklich vorüber. Nur ein klei⸗ ner Ruck erfolgte und die ſcheltende Klappermühle des Mundes gerieth eine Zeit lang in Bewegung. „Der Lafleur iſt ein Tauſendſaſa!“ ſprach ich; der Vetter aber machte mich nach einer Stunde auf ein kleines dürftiges Stübchen in einer Gaſſe der Vorſtadt aufmerkſam, das mit Blumen und Laubguirlanden reichlich geſchmückt war. Ich richtete den Dollond nach dem vom Vetter angedeuteten Stübchen. Mehre Knaben und Mädchen liefen in froher, haſtiger Erwartung durch einander und guckten fortwährend mit freudeſtrahlenden und ſehnenden Blicken herauf zum Thurm; bald eilten ſie wieder zur Mutter, die mit gefalteten Händen, wie betend, auf einem Seſſel ſaß, und herzten und küß⸗ ten dieſelbe. „Aber, beſtes Vetterchen, was iſt denn das für ein kleines Himmelsfe eſ da unten? Die guten Kinder⸗ chen lauern wohl auf die Zehn?“ Der Vetter nickte und ſprach:„Mit dem zehnten Glockenſchlage erhalten die Waiſen ihren Vater und die Wittwe ihren Gatten wieder, der drei Monate lang unverſchuldeter Weiſe im Gefängniß ſchmachtete. Geſtern ward er auf das Ehrenvollſte vom Gericht freigeſprochen und ſobald ich losſchlage, öffnet ſich die Kerkerthür und wir feiern ein kleines Auferſtehungs⸗ feſt.“— Bei dieſen Worten faßte ich convulſiviſch den Hammer und wollte hinaus.— Der Vetter aber hielt mich kräftig am Arme und ſchalt und ſtellte ſich ſo erboſt als möglich. Ich wäre ein leichtſinniger Bur⸗ 14⁴ ſche, ich würde ihn noch um den Dienſt bringen,— wenn es nach mir ginge, fiele die ganze Zeit zuſam⸗ men,— ob ich nicht ſähe, daß noch ganze ſechs und eine halbe Minute fehlten am Stutz? Ich ließ mich belehren und replizirte nichts, zog aber mein weißes Taſchentuch hervor und wedelte zum Thurmfenſter hinaus, den Guten dort unten meinen Mitjubel zu verkünden. Dieſe Wedelei war dem Vetter wieder nicht recht. Das liefe gegen die Thurmordnung, meinte er. Ich würde es doch wohl erwarten können.— Ich zankte auf die Thurmordnung und legte mich nun auf's Bit⸗ ten.„Vetter, himmliſches Vetterchen, ſo ſchließt doch in's Teufels Namen den Himmel auf für die Engel dort unten in der Quergaſſe. Jeden Augenblick kann ja mich oder Euch der Schlag rühren und da verpaßt man die ganze Herrlichkeit.“ Der gute Alte lächelte und ging hinaus. Noch einen Augenblick Ruhe. Die Pulſe ſtockten mir— Himmel, da erklangen die Freiheitglocken aus himmli⸗ ſcher Höhe— die ganze Familie dort unten aber ſank auf ihre Kniee, laut betend und weinend. Ich ſchaute verklärt in das Auferſtehungsfeſt.— Der Thürmer aber war neben mich getreten, hielt fromm ſein Käppchen in der gefalteten Hand und konnte ſich nicht ſatt ſehen an der Freude, die er diesmal angerichtet.— Die eilfte Stunde nahte.—„Guck dort hin!“ ſprach mein Vetter. Mit ſchlotterndem Knie, zähnklappernd, ſchwarz gekleidet, in ſeidenen Strümpfen, ſtieg ein junger Mann die breite ſteinerne Treppe hinauf, die zum Audienzgemache des Cult⸗Miniſters führte. Es war der arme Candidat der Theologie, der ſeit zehn lan⸗ gen Jahren nach einer dürftigen Unterpfarrſtelle ge⸗ lechzt, aber ſtets von Glücklicheren überflügelt worden war. Es war die treuſte Seele, in der Dogmen⸗ und Kirchengeſchichte, in der Exegeſe ganz ſattelfeſt, ein guter Prediger, ſein Herz voll Liebe aber fremd in der Welt und ihrem ſchnöden Treiben, und der Fluch der allzu großen Schüchternheit und Unbehülf⸗ lichkeit ruhte auf ihm. Darum waren minder Ver⸗ diente, die aber ihr Licht nicht aus allzu großer Be⸗ ſcheidenheit unter den Scheffel ſtellten, immer vorge⸗ zogen worden. Endlich, durch allzu große Noth ge⸗ trieben, hatte er ſich ein Herz gefaßt und in einem rührenden Promemoria ſein Leben und ſeine Leiden dem Cult⸗Miniſter an's Herz gelegt. Heute war der große Tag, die eilfte Stunde die verhängnißvolle, die über Leben und Tod, Sein oder Nichtſein des Can⸗ didaten entſcheiden ſollte.— Der Vorſaal des Au⸗ dienz⸗Zimmers war angefüllt mit Supplikanten. Wie ein Schmiedehammer arbeitete das Herz unter dem Fracke des Armen. Er ſah Alles doppelt. Eine Todtenſtille herrſchte. Zuweilen vernahm man die ſtrenge, rügende Stimme des Miniſters.„Seine Ex⸗ eellenz ſcheinen heut' nicht bei Laune,“ flüſterte der ne⸗ ben Friedlein poſtirte Supplikant einem Dritten in's Ohr.— Nicht bei Laune! keine vernichtenderen Worte hätten den Candidaten treffen können. Nicht bei Laune und mein Promemoria! Jetzt ſchien Alles um ihn her zu rauchen und— nur wenig Minuten fehl⸗ ten an der Eilf. „Vetter,“ rief ich in der Angſt meines Herzens „wenn Ihr nicht ſogleich losſchlagt, ſtehe ich nicht für Friedlein.“ „Es kann dem Narren nichts ſchaden!“ meinte der Vetter,„er iſt danach.“ 16 „O wär ich doch,“ jammerte Friedlein,„weit von hier; ſäß' ich in meinem Stübchen hinter den ehrwürdigen Kirchenvätern oder draußen im Walde, mein Frühſtückbrodchen auf gewohnte Weiſe mit den lieben Vöglein theilend.“— Zugleich ſuchte er ſich Troſt einzureden.„Stranguliren kann er dich doch nicht in unſeren aufgeklärten Zeiten, oder des Hoch⸗ verraths anklagen beim Geſammt⸗Miniſterio wegen des unſchuldigen Promemoria?“— Da ſchlug mein Vetter los. Es waren für Friedlein die Poſaunen⸗ ſtöße des ewigen Gerichts, und kaum verhallte der letzte Schlag, da rief eine Stimme:„Herr Candidat Fürch⸗ tegott Friedlein!“ So viel konnte ich noch gewah⸗ ren, wie ſich die ſchwarze Geſtalt des Candidaten in Bewegung ſetzte und auch glücklich die Thür, die ſich ſogleich wieder hinter ihm ſchloß, erreichte. Ob ſein Promemoria gefruchtet oder nicht, hab'ich leider nicht erfahren können. Indeſſen wollen wir das Beſte hoffen. Die Sonne rückte dem Meridian immer nä⸗ her, immer glühender brannten ihre Strahlen. Die zwölfte Stunde nahte.„Guck' dort hin!“ ſprach mein Vetter. Es war eine gedrängt volle Schulklaſſe. Eine drückende Schwüle lag über der Verſammlung. Der Conrector exponirte Ovid's Metamorphoſen und war über die Hitze wie über die ſchlechte Präparation gleich aufgebracht. Bereits waren funfzig Verſe— eine Seltenheit— überſetzt, und der Conrector dachte an kein Aufhören. Neben dem gegenwärtigen Ueber⸗ ſetzer aber ſaß ein armes, bleiches Sündergeſicht. Man ſah's ihm an, daß er ſoweit an keine Präparation gedacht. Kam er daran, ſo war er geliefert, und die miſerabelſte Cenſur zur bevorſtehenden Prüfung 17 ntging ihm nicht. Er war kein Held in den alten Claſſikern und der Conrector ihm in specie nicht grün. Seine Zähne wirbelten Generalmarſch. Es war Alles zu fürchten— es ſtand Alles auf dem Spiele. Jetzt las der Vordermann bis zum nächſten Punktum. Der folgende Satz war ihm beſchieden. Er ſuchte ſich zu faſſen, ſich vorzubereiten, aber die Buchſtaben liefen wie Ameiſen durch einander. Da⸗ zu ward der Conrector immer wilder. Der unglück⸗ liche Expectant ſah aller Augenblicke verſtohlen nach ſeiner Taſchenuhr. Es konnte gar nicht viel fehlen am Schlage, aber obgleich Alles um ihn herumtanzte, der Zeiger ſeiner Uhr nicht, der ſtand wie angenagelt. Jetzt ſtand ſein Vordermann beim letzten Verſe. Nur eine etwas verwickelte Conſtruction machte noch zu ſchaffen. Jetzt ſchien ſich auch dieſe zu löſen. Wehe, ſie kam zu Stande. Schon ſetzte ſich der Nachbar, ſchon faßte das arme Sündergeſicht convulſiviſch nach dem Ovid, ſchon ſetzten ſich ſeine Kniemuskeln in Be⸗ wegung zum Aufſtehen, ſchon öffnete ſich die zitternde Lippe zum Leſen— himmliſcher Vetter, da paukteſt Du los und eine Centnerlaſt wälzte ſich von des Ar⸗ men Bruſt.—„Das nächſte Mal weiter!“ decretirte der Conrector und ſchlug den Ovid zu. Der befreite Tertianer aber holte tief, tief Athem, dankte dem Himmel und allen Heiligen und vor Allem meinem Vetter, und lärmend polterte die Conrectur⸗loſe Klaſſe über Tiſche und Bänke. Ich aber wünſchte meinem Vetter eine geſegnete Mahlzeit und polterte ebenfalls die Thurmtreppe hin⸗ ab mit dem heiligen Verſprechen, mich vor fünf Uhr pünktlich wieder einzuſtellen. Es gäbe noch Man⸗ ches, meinte der Thürmer. Ich aber war noch ganz betäubt von alle dem Geſchauten und rief ein über Stolle, ſämmtl. Schriften. X. 2 18 das andere Mal:„Welch mächtiger Mann iſt mein Vetter!“— Es war gerade zwölf Stunden ſpäter als heute Morgen, als ich mich im Thurnſchlott wieder hin⸗ aufgriff, um die Macht meines Vetters auch in den Abendſtunden kennen zu lernen, wie ich ſie in denen des Morgens kennen gelernt hatte. Es war ein hei⸗ terer ſtiller Nachmittag, die Sonne lag mit ruhender Liebe auf den Fluren. Fröhliche Gruppen wandelten hinaus vor's Thor in die duftende Landſchaft. Mein Vetter brauete Kaffee. Ich putzte an den Gläſern des Dollond. Die fünfte Stunde nahte.„Guck' dort hin!“ ſprach mein Vetter. Der Examinand trat in's Examenzimmer. In fünf Minuten ſollten die Examinatoren hereintreten und der Teufel losgehen. Da ſaß er denn, ein le⸗ bendiges Corpus juris, mit klopfendem Herzen, des Augenblickes gewärtig, wo die Examinatoren ihm nachſchlügen. Aber wo? Das war die Frage. Wo hineinfahren, daran hing Tod und Leben. Es gab viele leere und unleſerliche Stellen. Das wußte der Examinand in ſeiner Angſt nur zu wohl. Da keilte mein Vetter los. Eiſig rieſelte es dem Candidat durch Mark und Bein— die Thüre öffnete ſich und ſchwarz, mit ernſten feierlichen Geſichtern traten die Fakulti⸗ ſten in's Zimmer.— Meinem Vetter war die Schwu⸗ lität des Examinanden nicht recht begreiflich. Da war ich an meinem Platze und ertheilte ihm ein klei⸗ nes Privatiſſimum über die edle juris prudentia, wie die Leute nach römiſchem, longobardiſchem, kanoni⸗ ſchem, feudaliſtiſchem, germaniſchem Rechte ſich heira⸗ theten, daß ihm alsbald der Kopf zu wirbeln begann und er geſtand, nicht in der Haut des armen Exa⸗ minanden ſtecken zu mögen. 19 „Was kommt nun Merkwürdiges?“ fragte ich, als es ſtark auf ſechs Uhr ging. Der Vetter erwiederte, daß mir diesmal der Dollond nichts helfen könne, daß ich mich blos auf meine Phantaſie verlaſſen müſſe, da die Scene in einer Loge des Theaters ſpiele. Er wollte mir nur bemerklich machen, daß um ſechs Uhr die Ouverture zur neuen Oper beginne, welche heut als das erſte Opus meines Freundes Eberhard zur Aufführung komme. Ich ſchlug mich vor die Stirne und ärgerte mich, das Theater verpaßt zu haben, konnte mir aber die Lage meines Freundes wohl ver⸗ gegenwärtigen und beſchrieb ſie meinem Vetter fol⸗ gendermaßen: „Es iſt dreiviertel vorüber, Parterre und Logen ſind gedrängt voll. Kein Apfel kann zur Erde. Die Lampen flammen, die Muſiker beginnen die Inſtru⸗ mente zu ſtimmen. In der dunkelſten Ecke der Loge Nr. 9 ſitzt Freund Eberhard. Sein Herz pulſirt im⸗ mer erwartungsvoller. Er verwendet keinen Blick vom Orcheſter. Er ſieht, wie die Stimmen, die er in Himmelsbegeiſterung niedergeſchrieben, vertheilt werden. Hier und da hört er ſeinen Namen flüſtern. Er drückt ſich tiefer in die Ecke— da— da, lieber Vetter, ſchlägſt Du los.(Ich war ſo in meine De⸗ clamation vertieft, daß ich nicht vernommen, wie ſich mein Vetter davon geſchlichen und jetzt wirklich los⸗ ſchlug.) Da tritt der Kapellmeiſter herein, nimmt Platz auf ſeinem erhöhten Sitze vor dem Pianoforte. Eine Todtenſtille ruht über dem Publikum. Er er⸗ greift den papiernen Commandoſtab, überblickt noch ein Mal ſein kampfbereites Heer und losbricht die prachtvolle Ouverture in donnernden gewaltigen Ae⸗ corden. Mein Vetter, der jetzt zurückkehrte, meinte, er glaube, daß es wohl ſo hergegangen ſein möge, 2* 20 deshalb verſäumt habe.“ des ſchwitzenden Juriſten. in der Oper, wie ich ihm vordeelamirt. Ich aber er⸗ griff Gelegenheit, ihm bemerkbar zu machen, wie in⸗ nig mich ſein Thürmerleben intereſſire, da ich ſogar die erſte Aufführung von meines Freundes erſter Oper Die ſiebente Stunde nahte. „Guck' dort hin!“ ſprach mein Vetter. Vor einer hellerleuchteten Buchhandlung rannte ein junger Mann auf und nieder. Es war Niemand anders als der Dichter des dickleibigen Manuſeripts, das drinnen im Cabinet des reichen Buchhändlers lag und noch kei⸗ nes Blickes von dieſem gewürdigt worden war. Adel⸗ mar, der pſeudonyme Verfaſſer, der draußen auf⸗ und abrannte, ahnte freilich nichts von dem troſtloſen Schickſale ſeines Romans. Punkt ſieben war er heut zur Reſolution beſtellt worden, die er vom Buchhänd⸗ ler hinſichtlich des Manuſeripts erhalten ſollte. beſchreibt die Unruhe des jungen Autors?! Die ſie⸗ bente Stunde war es, die verhängnißvolle, die über ſeinen Dichterruhm, über ſein Glück, über ſein Un⸗ glück entſcheiden ſollte.„Vetter,“ſagte ich,„das iſt auch ein kritiſcher Moment, ich bin dabei geweſen. Schlagt doch los, damit der Arme aus ſeiner Ungewißheit kommt.“ Der Vetter wartete noch ein Weilchen, dann ging er hinaus und verkündete die ſiebente Stunde, ach, und zugleich die Unglücksſtunde des jungen Au⸗ tors! denn ich gewahrte noch deutlich, wie der Buch⸗ händler ihm das Manuſcript mit kalter Höflichkeit zurückgab und der Verfaſſer, ſein Opus unterm Arm, verzweiflungsvoll in die Nacht hinausſtürzte. Acht Uhr kam;„wir wollen doch ſehen,“ meinte der Vetter,„wie es mit dem Examinanden ſteht,“ und ich wandte den Dollond wieder nach der Marterkammer Die alten Hähne, die Examinatoren hatten ſich in den drei Stunden das lebendige Corpus wie einen Butterbaum an unzähli⸗ gen Stellen angebohrt und angezapft, um zu ſehen, ob die edle, in dem Triennio einfiltrirte Doectrina fließe auf die rechte Weiſe. Es war wohl manchmal eine kleine eingetreten, aber die Hähne wa⸗ ren Menſchen und hatten eher nachgeholfen als ver⸗ ſtopft. Da kam noch der alte Feudaliſt Muk⸗ ker daran, der Capidſchi⸗Baſchi aller Examinanden, der es alle Mal ſchnurſtracks auf den Nickfang abge⸗ ſehen hatte. Er fuhr wie ein böſer Geiſt, wie ein diaboliſcher Kater, der ein Stück brennenden Schwamm unterm Schwanze verſpürt, in haarſträubenden Sätzen im ganzen Jus herum und pflegte nicht ſelten den gehetzten Candidatus als todt abzuliefern an das cen⸗ ſurſprechende Collegium.— Wenn er nur nicht in die successio feudalis ſpringt, dachte der Examinand und trocknete ſich den Angſtſchweiß von der Stirne, da ſieht's miſerabel, troſtlos, öde aus, da bin ich ge⸗ liefert. Mukker beſaß indeß die Clairvoyance, die Gedanken ſeiner vis à vis aus deren Mienen zu leſen. Ein markerſchütterndes Lächeln zuckte über ſein gelbes Bocksgeſicht, die Augen funkelten vor heimli⸗ cher Wolluſt und er fuhr mit einem Satze richtig in die Lehnerbfolge, in die Lineal-, Gradual- und ge⸗ miſchte Erbfolge. Die diaboliſche Strategorie Muk⸗ ker's ließ keinen Zweifel, der Examinand war in ganz kurzer Zeit vernichtet. Er ſah ſchon nichts mehr. Seine Augen ſtarrten geiſterhaft, ſeine Antworten wurden immer bornirter und ließen an ſeinem geſun⸗ den Menſchenverſtande irre werden.„Vetter,“ rief ich in Todesangſt,„wenn Ihr diesmal nicht auf der Stelle lospaukt, iſt der Teufel um einen Braten reicher.“ Mukker ſchaute jetzt nach ſeiner Uhr; es ſchien gerade noch Zeit genug, ſein diaboliſches Lächeln verrieth es, um den Examinanden als ausgemachten stupidns, wenn nicht als Furiosus dem Cenſurcollegio zu über⸗ liefern.— Aber dem Himmel ſei Dank, diesmal machte mein Vetter einen Strich durch die Rechnung. Wiewohl faſt noch fünf Minuten fehlten, paukte er los und der Unglückliche war gerettet. Wie ein Blitz aus heiterer Luft traf der dumpfe Gbockenton das Ohr des Examinators. Wie Kolikpein durchzuckte es alle ſeine Muskeln; er mußte den im hölliſchen Feuer gebratenen Candidaten fahren laſſen und grimmig murmelte er: suffciat! Der Examinand kam mit einem blauen Ange und leidlicher Cenſur davon.— Mukker hat ſpäter meinen Vetter gerichtlich belangt wegen des zu frühen Anſchlages, aber mein Vetter iſt in derlei Angelegenheiten nicht auf den Kopf gefallen und ſtellt ſeinen Mann. Der böſe Juriſt konnte mit all' ſeinen Kniffen und Argumenten nichts ausrichten gegen meinen braven Vetter. Die neunte Stunde nahte.„Guck' dort hin!“ ſprach mein Vetter. Am Ende der Pappel⸗Allee, auf einer Bank ſaß ein verliebtes Pärchen. Sie ſchwuren ſich Treue und ewige Liebe und ſeufzten und ſchmachteten und riefen die Sterne zu Zeugen ihres ewigen Bundes. Es war der Oberkanonier und das Kammerkätzchen einer gnädigen, aber geſtrengen Herrſchaft. Beider Urlaub war bereits halb neun Uhr um, aber ſie hatten als ſelige Geiſter in überirdiſchen Sphären ſchwebend, die proſaiſche kleine Seigerſchelle des Rathhauſes nicht vernommen. Jetzt flehte der Oberkanonier noch um einen Kuß, ſchamhaft zögerte die Geliebte.—„Zier⸗ affe!“ brummte mein Vetter und ſchlug an die Glocke. Erſchrocken fuhr das Pärchen auf. Der Kuß ward 23 jetzt nicht länger verweigert und die Glücklichen flo⸗ gen aus einander. Immer ſtiller ward es auf den Straßen. Mein Vetter kochte Thee und fragte, ob ich ſchläfrig ſei? Gut, ſprach er, als ich verneinte, bis Mitternacht müßte ausgehalten werden. Dann ginge er auch zu Reſte und der Vicar käme daran. Es ging ſtark auf zehn Uhr. Vor einem klei⸗ nen Gärtchen, an welches ein Wohnhaus grenste, ging ſchon ſeit geraumer Zeit eine Geſtalt, tief in den Mantel gehüllt, ungeduldig auf und ab. Schon wieder etwas Verliebtes, ſprach ich— ja es darf nur finſter werden, geht der Teufel los. Ich machte es nicht anders, meinte der Vetter. Ich wollte mich verantworten, aber die dunkle Geſtalt zog meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Es war mir, als könnte ich ihre Worte vernehmen durch die ſtille Nacht: Und ſo lebe ich wirklich und denke? Und es iſt Wahrheit? Und will kommen, wirklich kommen, der Gedanke meiner Tage, meiner Nächte?— Rein, es iſt kein Traum, Sterne, Sterne, es iſt kein Traum, das ſind die lieben, theueren Züge.— Er drückte ein Briefchen mit Inbrunſt an ſeine Bruſt. Harre meiner mit dem zehnten Schlage der Geno⸗ veva⸗Glocke.— Das war ja niemand anders als die große Trommel meines Vetters. Der Grauman⸗ tel ſtreckte ſeine Arme nach uns herauf. Er wollte wahrſcheinlich meinen Vetter beſchwören, loszuorgeln. Und als dieſer nicht ſogleich Anſtalt traf, war mir es wieder, als vernähme ich die Stimme des Ver⸗ liebten: O, daß der Erdball in meiner Hand ruhte und ich den Lauf der trägen Stunden beflügeln könnte. Rollendes Zeitrad, daß ich in deine Speichen greifen und dich beeilen könnte zum erſehnten Ziel!—„Das wäre mir!“ brummte mein Vetter, der dieſe Worte, welche ich laut nachſprach, vernommen. Indeß griff er zum Hammer. Immer ſehnſüchtiger ſchaute der Graumantel nach dem Hauſe am Garten. Da ſchlug es laut durch die Nacht zehn gewaltige Schläge, dem Verliebten die ſchönſte Stunde ſeines Lebens verkün⸗ dend. Es war ſein erſtes Rendezvvus. Und kaum war der letzte Schlag verklungen, da kniſterte leiſ die Thüre des Hauſes und heraus ſchlüpfte eine weib⸗ liche Geſtalt. Ich wollte noch weiter obſerviren, aber der Vet⸗ ter zog am Rockſchoße.„Verliebte ſoll man nicht be⸗ lauſchen; komm' zum Thee!“— Der Thee war vor⸗ trefflich, ich ſchonte weder des Arrak noch der Sahne: Mein Vetter hatte für beides geſorgt. Unten im Städtchen war es ſtill geworden und immer mehr er— loſchen die einzelnen Lichtlein in den Häuſern. Nacht⸗ eulen flogen um den Thurm und ſchlugen von Zeit zu Zeit an die Fenſter.„So hoch hab' ich auch noch nicht Thee getrunken,“ ſprach ich,„ Vetter, Ihr ſeid wirklich ein Geſegneter des Herrn. Seinem Himmel ſo nahe und erhaben über die Sünden⸗ge⸗ ſchwängerte Atmoſphäre, in blauen, reinen Lüften, in heiliger Höhe gleicht Euer Leben dem reinen Klange Euerer Glocke. „Wo aber jetzt hin?“ fuhr ich nach einer Pauſe fort, als die eilfte Stunde nahete.—„Es iſt Alles todt und finſter rings umher!“— Der Vetter be⸗ zeichnete mir eine Richtung, und bald entdeckte ich in einem ſehr verſteckten Hintergebäude ein erleuchtetes Fenſter. Ich konnte die Perſonen im Zimmer deut⸗ lich erkennen. Es befand ſich eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft daſelbſt, die theils ſitzend, theils ſtehend um eine grüne Tafel gruppirt war, worauf ein großer Gold⸗ und Silberhaufen lag.—„Der ſchöne blaſſe Mann dort am Ende des grünen Tiſches,“ begann mein Vetter, der ebenfalls mit ſeinem Fernrohr ne⸗ ben mich getreten war,„iſt ein Huſaren⸗Rittmei⸗ ſter, welcher ſich, von falſchen Freunden verlockt, der Furie des Spiels hingegeben. Bereits iſt ſeine Baar⸗ ſchaft von der Bank verſchlungen und der Unglückliche hat die ihm anvertrauten Compagnie⸗Gelder ange⸗ griffen. Nur bis eilf Uhr erlaubt ihm die Ordre zu verweilen, dann muß er zu ſeinem Regimente, das einige Meilen von hier im Cantonnement liegt. Hat er bis dahin die Summe des ihm anvertrauten Gel⸗ des nicht wieder gewonnen, ſo iſt er verloren.“ Ich betrachtete mir die Geſtalt jetzt genauer. Es war ein kräftiger, ſchlankgebauter Mann in den dreißiger Jahren. Majeſtätiſch ruhte der ſchöne Kopf auf dem energiſchen Halſe, aber um die Ruhe des ſchönen Ge⸗ ſichts rang die Verzweiflung mit der kalten Etikette. Ein fieberhaftes Lächeln zitterte um die Mundwinkel bei jedem abſchlagenden Satze. Nur ein Drittel des anvertrauten Gutes war noch ſein. Jetzt galt es Tod und Leben und zwar ſchleunigſt, denn immer nä⸗ her rückte der Stundenweiſer der verhängnißvollen Eilf. Aber noch immer wollte die treuloſe Fortuna nicht lächeln und immer geringer ward der ihm ver⸗ bleibende Reſt. Jetzt waren nur noch funfzig Louis⸗ d'or geblieben.— Nur zwei Minuten fehlten, eine neue Taille begann— da entwich der letzte Bluts⸗ tropfen aus dem Geſicht des Rittmeiſters, eonvuſſi⸗ viſch zuckte ſeine Hand nach der letzten Rolle.— Er hatte ja ſein Lebelang ſo viel Glück bei den Da⸗ men gehabt— ſollten ſie ihn jetzt in dem fürchter⸗ lichſten Augenblicke ſeines Lebens untreu werden?— Er ſetzte den letzten Reſt auf die Cveur⸗Dame. Das ſchreckliche eintönige„Tout va!“ begann von Neuem. 26 Tod und Leben ſtand auf dem Spiele,— vor jedem Abzuge der Verluſtkarte ſtockten ſeine Pulſe, vor je⸗ der Gewinnkarte pochte das Herz in ängſtlicher Er⸗ wartung. So dauerte die Höllenfolter faſt die halbe Taille. Die Dame wollte nicht erſcheinen. „Ich kann darauf nicht warten!“ ſprach mein Vet⸗ ter und griff zum Hammer.— Dunpf tönten die eilf Schläge in die Nacht hinaus. Grabesfroſt ſchlug durch die Gebeine des Rittmeiſters. Er mußte fort binnen wenig Minuten. Gewann die Dame und das gedrückte six et le va, ſo war er gerettet. Der König und die Neun,— fuhr der Sprecher über Le⸗ ben und Tod fort— die Sechs und das As— die Zwei und der Bube— das As und die Drei— die Dame— und die Neun! Ruhig harkte der Croupier die 50 Louisd'or zur Bank— der Rittmei⸗ ſter aber legte ſein Buch ſtill auf die Tafel und räumte dem neben ihm ſtehenden Spieler ſeinen bequemeren Platz. Gedankenlos ſchaute er noch einigen Abzügen zu, dann trat er an's Fenſter, um freie Luft zu ſchöpfen— ſtürzte aber im Augenblicke mit zerſchmet⸗ tertem Kopfe zu Boden.. Vor Entſetzen hätt' ich bald das Fernrohr zum Thurmfenſter hinausfallen laſſen. Ich war außer mir. Mein Vetter aber trat wie ein heiliger Greis vor mich und meinte, nicht vergebens habe er mich auf die ſchreckliche Scene aufmerkſam gemacht; er hätte vor⸗ hergeſehen, daß es ſo kommen würde. Ich mußte ihm noch zu ſelbiger Stunde einen feierlichen Schwur in ſeine Hand legen, nie mich dem Hazardſpiele hin⸗ zugeben. Kaum daß ich wagte, noch einen Blick nach dem fluchwürdigen Tempel der ſchändlichſten al⸗ ler Leidenſchaften zu werfen— aber da war bereits Alles todt und finſter. Die Geiſterſtunde nahete. Noch immer ſtand der Rittmeiſter mit dem zerſchmetterten Kopfe vor mir. „Gott ſei ſeiner Seele gnädig!“ ſprach ich erſchüttert. „Aber es iſt doch die größte Miſſethat, die ſchöne Him⸗ melskugel der Seele ſo ſchändlich zu zertrümmern.“ „Laß uns nicht mit Todten rechten,“ ſprach ſanft der Vetter,„Gott iſt ſein Richter. Die letzte Stunde hab' ich zu verkünden, darum banne die blutige Scene. Komm, der Himmel winkt wieder.“ Mechaniſch ergriff ich zum letzten Mal den Dol⸗ lond. Matt erleuchtete Lampenſchimmer ein dürftiges Stübchen. Ein Mädchen lag auf den Knieen im heißen, innigen Gebet, die Händchen über der mit Verzweiflung kämpfenden Bruſt gefaltet. Denn dort in der dunkeln Ecke des Zimmers, wo ein Bett ſtand, lag der arme kranke Vater auf den Tod. Jeden Au⸗ genblick konnte er verlöſchen, jeden Augenblick das treue, liebende Auge für ewig brechen. Wenn Ihr Vater den zwölften Glockenſchlag erlebt, iſt er gerettet! Mit dieſen Worten hatte ſich der Arzt heute Abend entfernt, und Maria war nun allein und verlaſſen. Nur der kranke Vater und Gott wa⸗ ren bei ihr. Zu ihm aber, dem Allbarmherzigen, flehte das verlaſſene Kind mit aller Inbrunſt ſeines frommen kindlichen Herzens. Fieberiſch zitterten die thränenbenetzten gefalteten Händchen, wenn die wirre Phantaſie des Kranken das Schlimmerwerden der Krankheit verkündete und heißer ward das Gebet des weinenden Kindes. O wer zählt die unzähligen Male, wo Maria in beflügelter Angſt zur Wanduhr ſchaute und wieder betete zu Gott, nur dies Mal, nur dies einzige Mal die zwölfte Stunde geſegnet vorüberge⸗ hen zu laſſen. Bereits war es dreiviertel, aber im⸗ mer unruhiger ward der Kranke, immer krampfhafter 28 ſeine Bewegungen, immer ſchwerer, immer leiſer der Athem; noch ein Seufzer und— Todtenſtille.— „Gott, Gott, mein Vater im Himmel, ſchütze mich!“ rief außer ſich Maria,„Er iſt nicht mehr!“ Sie ſank faſt bewußtlos zuſammen— doch ihre Lip⸗ ven bewegten ſich, ſie betete fort, ſie ließ nicht von Gott. Während des Gebetes aber rückte der Zeiger leiſe vorwärts. Da tönten vom Thurme die Glocken der Mitternacht;— der kranke Vater aber fragte ver⸗ nehmbar:„Maria, ſchlug das zwölf Uhr?“— Die Kriſis war vorüber, die Krankheit gebrochen und En⸗ gel führten Marien in die Arme ihres geneſenden Vaters.—„Gott verläßt ja die Seinen nimmer!“— Ich aber umarmte weinend meinen Vetter. O es war ein ſeliger Augenblick meines Lebens! Die Sterne flammten in heiliger Mitternacht— da un⸗ ten die tauſend ſchlummernden Herzen. Mariens Verklärung und durch die große, heilige Nacht Got⸗ tes ewige Liebe.„Vetter, es giebt eine Unſterblichkeit, o, daß ich dieſe Gewißheit, wie ſie in dieſem Augen⸗ blicke in meinem Herzen flammt, in jede Menſchen⸗ bruſt graben könnte. Es giebt eine Unſterblichkeit, ja! Gott iſt die Liebe!“ Thränen traten dem al⸗ ten Manne in die Augen. Er weinte ſelten. Er ſah mich lange wie verwundert an. Dann drückte er mich heftig an ſeine Bruſt und küßte mich.„Hör' einmal,“ begann er,„Du biſt ein herrlicher Junge, daß mir's ordentlich leid thut, Dich morgen wieder hinab⸗ fahren zu ſehen. Aber, Hand her, daß mir der alte Vetter auf dem Thurme nicht ganz vergeſſen bleibt — ſo unterhandsweilen ein Stündchen, he?“ Der gute Vetter hätte mein Leben verlangen kön⸗ nen, ich hätt' es gegeben. Ich wußte in der Schnelle nicht gleich, wie ich ihm ſo recht bündig verſichern 29 ſollte, daß er an meiner baldigſten Wiederkehr nicht zu zweifeln habe.„Vetterchen,“ ſprach ich,„das gött⸗ liche Thurmneſt will ich nicht umſonſt ausſpeculirt haben, das brauch' ich wenigſtens alle Wochen einmal ganz nothwendig für meine ſchriftſtelleriſchen Leiden und Freuden, und wenn Ihr mir einmal den Schlott verſtopft, führ' ich Klage beim wohllöblichen Rathe. Gewiß, ſo reich iſt mir noch kein Tag geworden wie der heutige, wo ich Eure Macht habe kennen lernen, Vetter.“ „Nicht die meine,“ erwiederte ernſt und mild der Greis,„ſondern die eines Andern.“— Er zeigte nach den Sternen.—„Der Name des Herrn ſei ge⸗ lobt!“— Da ſtieg der Mond herauf, ſtill und klar und beleuchtete weithin die nächtliche Gegend. Mein Vetter betete ſeinen Abendſegen. Ich ſchaute in das Silberlicht des Mondes. Eine ſelige Ruhe floß in unſere Herzen. Da polterte der Vicar die Thurm⸗ treppe herauf; uns aber nahm nach vollbrachtem Tag⸗ werk die weiche, wohlige Lagerſtätte auf— und bald ſanken die Wolken des Schlafes guf uns Glückliche hernieder S 6 — Der Sophienducaten. Erzählung. A Auf dem Golde ruht Segen und Fruch; doch wohl dem Sterblichen, der dem verlocken⸗ den Glanze zu widerſtehen vermag. Herars; der Beamtete aus einer kleinen deutſchen Stadt, war auf einer Berufsreiſe nach dem ſchön ge⸗ legenen und zahlreich beſuchten Badeort N... gekom⸗ men. Er hatte daſelbſt im Auftrage ſeines Chefs die Summe von Fünfhundert Thalern zu erheben. Wi⸗ der Erwarten wurde ihm das Geld ſogleich ausge⸗ zahlt und er beſchloß, die paar Tage, welche ihm noch vergönnt waren, als kleine Ferienzeit zu be⸗ nutzen und ſich das bunte Badeleben in aller Muße in Augenſchein zu nehmen. Man kann ſich wohl den⸗ ken, daß Herward die Zeit in N... nicht lang wurde. Dieſes bunte Menſchengewühl, aus allen Gegenden Europa's zuſammengeſtrömt, dieſe glänzenden Equi⸗ pagen und Livreen, dieſe reichen Toiletten des Luxus und der Faſhion mußten für den mäßig Beſoldeten, der in ſeinem Leben nicht zehn Meilen über den Grenzſtein ſeiner Vaterſtadt hinausgekommen war, von beſonderem Intereſſe ſein. Herward, welcher ſich ein ganzes halbes Jahr auf dieſe Reiſe gefreut hatte, verſäumte daher nicht, an alle den weniger koſtſpieligen Ergötzlichkeiten Theil zu nehmen, welche das Badeleben darbot. Noch nie hatte er ein ſo trefflich zuſammengeſpieltes Orcheſter gehört, noch nie eine ſo vollendete Schauſpielertruppe Stolle, ſämmtl. Schriften. IX. 3 3⁴ geſehen, gegen welche die ambulanten Hiſtrionen, welche alljährlich nach dem Kartoffelmarkte ſeine Va⸗ terſtadt auf ein paar Wochen heimſuchten, allerdings nicht in Vergleich kommen konnten. Freilich geſtand ſich Herward oft, wenn er in dem prachtvollen, ker⸗ zenerhellten Salon beſcheiden in eine Ecke gedrückt ſaß, daß ihm alle dargebotenen Vergnügungen erſt dann den wahren Genuß bereiten würden, ſo er ſie mit ſeinem geliebten Weibe und ſeinem holdaufblü⸗ henden Töchterlein Marie theilen könne. Bei ihnen, den Geliebten in der Heimath, waren ſeine Gedan⸗ ken, ſo oft er des Abends einſam durch die blühen⸗ den und mit bunten Lampen erhellten Lindenalleen des Kurgartens ſchritt und die Sterne der Heimath über ſeinem Haupte leuchteten. Ohne Aufwand zu machen, lebte doch Herward in Vergleich mit zu Hauſe auf großem Fuße; er ſah einen Groſchen weniger an, als es wohl ſonſt der Fall war; denn er ging von dem nicht unrichtigen Grundſatze aus, daß man ſich eine Erholungsreiſe, wozu ſich die Gelegenheit vielleicht nie wieder ſo bot, nicht durch allzuängſtliche Oeconomie verbittern dürfe. Um dies ausführen zu können, hatte er bereits ſeit einem halben Jahre durch Extraverdienſt ein paar Thaler zurückgelegt; auch hatte ihm beim Abſchiede ſeine Emilie mit einem Kuſſe einen erſparten Louis⸗ d'or in die Hand gedrückt. Feſt ſtand es aber bei Herward, dieſe Gabe der treuen Liebe nicht anzu⸗ greifen; im Gegentheil ſann er hin und her, was er wohl aus den reichen Bazars der Galanterieläden ſei⸗ ner Gattin und Tochter mitbringen ſolle. Bei der Maſſe der glänzenden Artikel war die Auswahl ſehr ſchwer. Herward, nachdem er alle freundlich gelegenen Ort⸗ 35 ſchaften der Umgegend beſucht und all die geſchmack⸗ vollen Kunſtanlagen in Augenſchein genommen hatte, wurde an einem trüben Regentage, wo er nicht in's Freie konnte, theils aus Langeweile, theils aus Neu⸗ gier nach der berüchtigten und privilegirten Raubhöhle des Badeortes dem— Spielſalon geführt. Wie ſich im Leben die Gegenſätze oft berühren, ſo auch in den Spielhäuſern in Bädern. Hier, wo alle Anſtalten getroffen ſind, für das Wohl des Kör⸗ pers zu ſorgen, die zerrüttete phyſiſche Geſundheit wieder herzuſtellen, erlaubt man, die Geſundheit der Seele zu untergraben; neben dem Heiltranke, welchen ſprudelnd eine gütige Natur ſpendet, wird von erbar⸗ mungsloſen Menſchen Gift gereicht. Mit unwillkürlichem Schauer trat Herward in die unheiligen Hallen, wo ſich um die grünen Tiſche ein gewinnſüchtiges Publikum gruppirt hatte. Trotz der zahlreichen Verſammlung herrſchte ein Todtenſchweigen und man vernahm nur das Klirren des Goldes, das theils von den Bankhaltern eingeſtrichen, theils aus⸗ gezahlt wurde, und das einförmige dumpfe Anſagen der Verluſt⸗ und Gewinnkarten. Mit verhaltenem Athem, geiſterbleichem Antlitz, ſaß hier und da ein Pointeur, der ſeine ſämmtliche Baarſchaft bereits ver⸗ loren, und ſein letztes Geld auf eine Karte geſetzt hatte. Convulſiviſch waren die Hände geballt und der Blick ſtarr auf den Abzug des Bankiers gerichtet, an deſſen Abzug Tod und Leben hing. Der große Goldhaufen, der inmitten der vvalförmigen Tafel lag, war die Centralſonne, welche die Goldſtücke der Spie⸗ ler mit magnetiſcher Kraft nach und nach anzog. Wie mancher der Letztern verließ als ruinirter Mann die⸗ ſen Tempel des Fluchs. Herward ſah, wie der vor ihm ſitzende Pointeur 36 nach und nach eine große Geldrolle verlor, ohne daß der Verluſt den Spieler ſehr zu bekümmern ſchien. „Ach,“ dachte er,„wie glücklich wärſt du, nur zwei oder drei ſolcher Goldſtücke zu beſitzen, die hier zu hunderten in die Bank ſtrömen, welche außerordent⸗ liche Freude könnteſt du Emilien und Marien dadurch bereiten.“ Nachdem Herward noch eine Zeit lang dem Spiele zugeſchaut, verließ er den unheimlichen Ort und eilte wieder in's Freie. Der Himmel hatte ſich aufgeklärt und die vom Regen erfriſchte Landſchaft lag in pracht⸗ voiler Beleuchtung der Abendſonne. Welch ein Con⸗ traſt, dieſe reine Luft, dieſes Arom der Blumen⸗ und Pflanzenwelt, dieſer Frieden und dieſe Liebe der Na⸗ tur gegen die ſchwüle fluch- und ſeufzergeſchwängerte Atmoſphäre des Spielzimmers. „Welch ſchreckliche Leidenſchaft,“ ſprach Herward für ſich, während er in dem blüthenreichen Thale da⸗ hinwandelte;„nein, nimmer ſoll es einem böſen Ge⸗ nius gelingen, mich zum Hazardſpiele zu verlocken. Warnend für mein ganzes Leben werden jene bleichen, verzerrten Geſichtszüge vor mir ſtehen, welche ich beute im Spielhauſe erblickte. Der Goldhaufen in der Mitte, auf welchen die Blicke lüſtern und mit Gier gerichtet waren, ſchien eine wahre magnetiſche, ja eine infernaliſche Gewalt auszuüben. Sollte denn das Gold wirklich eine ſolche unwiderſtehliche Anziehungs⸗ kraft beſitzen?“ Herward hatte die letztere Frage etwas laut ge⸗ ſprochen. „Warum nicht?“ antwortete eine Stimme,„be⸗ trachten Sie zum Beiſpiel dieſe zierlich gearbeitete Damenuhr, die Sie mir gewiß abkaufen werden.“ Der dieſe Worte ſprach, war ein Tabulettenkrä⸗ 37 mer, der plötzlich hinter einem blühenden Flieder⸗ ſtrauch hervortrat und dem erſchrockenen Herward eine herrlich funkelnde goldene Damenuhr hinhielt. 6. Die Blicke unſeres Freundes hafteten einen Au⸗ genblick auf der Uhr, welche ſo augenblendend blitzte, daß ſie ihn bis in's Herz hineinleuchtete. „Nicht mehr als fünf Louisd'or,“ fuhr der Ver⸗ käufer fort, indem er das goldene Deckblatt zurück⸗ ſchlug und eine reizende Emaillearbeit ſehen ließ,„ein Lumpengeld.“ „Fünf Louisd'vr,“ dachte Herward,„das iſt eine Summe, die meine Kräfte bei weitem überſteigt, wie⸗ wohl ich mir keine größere Seligkeit denken könnte, als dieſes Prachtſtück meiner Emilie mitzubringen. War eine ſo niedlich gearbeitete Uhr nicht lange ſchon der Wunſch ihres Herzens? Aber fünf Louisd'or? Nein, Herward, ſchlag' dir dieſen Gedanken aus dem Sinne.“ „Fünf Louisd'or,“ wiederholte der Tabulettenkrä⸗ mer,„ein Pappenſtiel, den ſie mit einem einzigen preußiſchen Thaler im Pharav wieder gewinnen können.“ Herward warf noch einen verlangenden Blick nach der Uhr, dann aber enteilte er mit einem:„Ich danke, mein Freund, ich kaufe nicht!“ dem Verſucher. In⸗ deß, je weiter er das Thal entlang ſchritt, deſto ver⸗ lockender malte ihm ſeine Phantaſie die geſchaute Uhr und deſto vernehmlicher klangen in ſeinem Innern die Worte wieder:„Ein Pappenſtiel, den Sie mit einem einzigen preußiſchen Thaler im Pha⸗ rav wieder gewinnen können!“ „Allerdings,“ ſprach Herward für ſich,„ein preu⸗ ßiſcher Thaler mehr oder weniger würde mich nicht zu Grunde richten, und die Hoffnung allein, Emilien eine hohe Freude zu bereiten, wäre billig genug erkauft.“ 38 Eine andere Stimme in ihm rief wieder:„Laß dich nicht verlocken; es iſt ein altes Sprichwort: Hat dich der Teufel bei einem Haar, ſo hat er dich bald ganz und gar. Haſt du nicht geſehen die geiſterblei⸗ chen Geſichter im Spielhaus? Sie haben gewiß auch nur im Kleinen begonnen. „Aber wenn ich zum Beiſpiel,“ fuhr Herward in ſeinem Selbſtgeſpräche fort,„heute und morgen nicht in die Komödie und in das Concert ginge, wäre da nicht der Thaler wieder eingebracht, und bin ich nicht Emilien dieſes kleine Opfer ſchuldig?“ So kämpfte er lange mit ſich. Die Sonne ſank prachtvoll hinter die fernen Gebirge, die ganze Abend⸗ landſchaft war himmliſch erleuchtet; unter ſtillem Glo⸗ ckenlauten thaute der duftende Abend hernieder; ein⸗ ſame Sterne traten hervor, im nahen Buchenhaine ſchlug eine Nachtigall— Herward vernahm von alle⸗ dem Nichts, der Gedanke an die goldne Uhr, und die Begierde, ſie zu beſitzen, hatten ſich ſeines gan⸗ zen Weſens bemächtigt. Er vergegenwärtigte ſich im Geiſte die ſelige Scene, wenn er dies werthvolle Ge⸗ ſchenk Emilien überreichen würde; und all dies Glück, das er ſich ſo reizend ausmalte, konnte er in der Wirklichkeit genießen, wenn er ein oder höchſtens zwei Thaler daran wagte. Herward war von ſeiner Promenade nach dem Badeort zurückgekehrt; wieder wandelte er die mit bunten Lampen erhellten Lindenalleen des Kurgartens auf und ab, fortwährend mit ſich ſelbſt kämpfend, ob er das Spiel verſuchen ſolle oder nicht; da trat plötz⸗ lich der Tabulettenkrämer aus einer dunklen Laube und die goldene Uhr, welche von einem in der Nähe befindlichen Gascandelabre zauberhaft beleuchtet wurde, Herwarden hinhaltend, ſprach er wieder:„Fünf Louis⸗ d'or, ein Pappenſtiel.“ „ 39 „Hinweg, Verſucher!“ rief Herward, dem die Geſtalt des Tabulettenkrämers immer umheimlicher vorkam, und eilte nach den belebtern Salons, wo er ſich durch ein Glas Punſch auf andere Gedanken zu bringen und die Verſuchung zu unterdrücken hoffte. Er genoß ein, zwei, drei Glas; aber dieſer Trank wirkte nicht beruhigend, im Gegentheil verurſachte er, daß endlich nach langem harten Kampfe die Leiden⸗ ſchaft den Sieg davon trug und Herward mit den Worten:„Es geſchieht ja nur einzig Dir zu Liebe, meine theure Emilie; Dir eine unſchuldige Freude zu machen, kann ja gewiß nichts Unrechtes ſein,“ mit klopfendem Herzen nach dem Spielzimmer ſchlich. Herward ſtand lange klopfenden Herzens hinter dem einen der Pointeure, bevor er einen Satz wagte. Da er nicht den Muth hatte, ein Livret zu verlan⸗ gen, ſo bat er endlich ſeinen Vordermann, ob er ihm wohl erlauben wolle, einen Thaler auf ſeine Karte mit zu ſetzen. Der Pointeur hatte nichts dawider und Herward ſchob mit etwas zitternder Hand ſein Geldſtück auf die Karte. Gleich beim nächſten Ab⸗ zug ſchlug dieſe Karte für den Bankier. Herward er⸗ blaßte. „Das iſt ein gutes Zeichen,“ flüſterte der Neben⸗ mann Herward in's Ohr,„wenn man gleich das erſte Mal verliert; ſetzen Sie eine neue Karte, ich wette, Sie haben Glück, aber Sie müſſen auf ſelbſt gezogene Blätter ſetzen; darf ich Ihnen mein Buch anbieten? Ich ſpiele nicht mehr.“ Mit dieſen Worten ſchob er dem Neulinge im Pharao, der ſich über ſeinen urplötzlichen Verluſt noch immer nicht zu tröſten vermochte, die dreizehn Karten in die Hand. Herward ließ ſich endlich verleiten, zog ſelbſt eine 40 Karte und wagte einen zweiten Thaler. Diesmal wollte ihm das Glück wohler; der Piquekönig, wel⸗ chen er beſetzt hatte, gewann. „Laſſen Sie ſich den Gewinn nicht auszahlen,“ flüſterte der Nebenmann von Neuem,„drücken Sie ein Ohr, dann erhalten Sie den Satz dreifach aus⸗ gezahlt.“ Herward hätte vor's Leben gern den zurückge⸗ wonnenen Thaler eingeſtrichen, und nur mit Wider⸗ ſtreben befolgte er den Rath des Nebenmannes. Die Karte gewann abermals. „Immer fortgebogen,“ flüſterte der Verſucher,„die Coeur⸗Zehn muß noch einmal für Sie ſchlagen.“ Der Prophet hatte wahr geſprochen. Noch war die Taille nicht zu Ende, Herward hatte ſechs Tha⸗ ler gewonnen. Wer war glücklicher. Dieſelbe Karte aber, die ihm den ſechsfachen Satz eingetragen, hatte unmittelbar zuvor den vor ihm ſitzenden Pointeur den letzten Louisd'or geraubt. Mit einem leiſen Fluche erhob ſich dieſer und verließ das Spielzimmer. Her⸗ ward, von ſeinem Nebenmanne gedrängt, nahm den leergewordenen Stuhl ein. Er ſpielte jetzt ſchon mit größerer Zuverſicht; die ihm zeither unbekannte Lei⸗ denſchaft des Spiels umkrallte ihn leiſe und leiſer — nach Verlauf einer Stunde, die ihm wie ein paar Minuten entflohen, hatte er bereits mehrere Louisd'or gewonnen. Er wollte mehre Male aufhören und ſich mit dem für ihn außerordentlichen Gewinne hinweg⸗ begeben; aber immer ſtand der unbekannte Rathgeber hinter ihm, der es verhinderte. „Sie ſind im Glück,“ flüſterte er unaufhörlich, „es wäre unklug, aufhören zu wollen; Sie können die bedeutendſten Summen gewinnen.“ Herward ſpielte weiter, gewann, verlor, verlor 4¹ abermals, ward hitziger, dem Verluſte beizukommen, ſeine Augen begannen endlich zu ſtarren, ſeine Züge verzerrten ſich.— Gegen Mitternacht erhob ſich der Unglückliche geiſterbleich; er hatte nicht nur ſeinen ſämmtlichen Gewinn, ſondern auch ſeine ganze Baar⸗ ſchaft und ſelbſt den Louisd'or, den er von ſeiner Gattin erhalten und den er ſtets bei ſich trug, ver⸗ loren. Als er aufſtand und ſich umblickte, war der unbekannte Rathgeber, der ihn in's Verderben ge⸗ lockt, verſchwunden. Wer vermöchte Herward's Zuſtand zu beſchreiben! Halb bewußtlos ſchwankte er aus dem Spielzimmer, wie von Furien gepeitſcht eilte er nach Hauſe, wo er ſich in höchſter Verzweiflung auf's Sopha warf. Von ſeinem ganzen Reiſegelde war ihm kaum ein Louisd'or verblieben, der zur Bezahlung der Zimmer⸗ miethe nicht einmal ausreichte. Wüſte Fieberphan⸗ taſien durchzuckten ſein Gehirn; böſe, unheimliche Ge⸗ danken umſchwirrten wie Geſpenſter ſein glühendes Haupt. Einen ſolchen höllenvollen Zuſtand hatte er nie gekannt. Plötzlich ſprang er auf, griff wie wahn⸗ ſinnig nach ſeinen letzten paar Thalern und rannte damit nach dem Spielhauſe. In wenig Minuten war auch dieſe letzte kleine Summe von der gold⸗ dürſtigen Bank verſchlungen, und Herward hatte Alles verloren.— Wir erſparen uns, dem Leſer die Tortur auszu⸗ malen, auf welche der unglückſelige Herward von ſei⸗ nem Gewiſſen geſpannt wurde: wir erwähnen nur, wie er durch die dunkle, ſtürmiſche, regenſchwangere Nacht von böſen Geiſtern gepeitſcht wurde; wie er erſt gegen Morgen ſeine Wohnung wieder erreichte, wo er vernichtet niederſank und in einen dumpfen, ſchlafähnlichen Zuſtand verfiel. 42 Welch' ein Erwachen, als die Morgenſonne nach der ſturmreichen Nacht freundlich durch die Fenſter leuchtete. Es war der ſchrecklichſte Tag in Herward's Leben; als aber der Abend nahte, da zog es ihn wieder mit tauſend Armen zur Spielbank. Hatte er nicht über fünfhundert Thaler zu gebieten? Konnte er durch einige glückliche Sätze nicht ſeinem ganzen Verluſte wieder beikommen? Aber anvertraute Gel⸗ der angreifen! Herward ſchauderte bei dem Gedanken. Es entſtand ein neuer furchtbarer Kampf ſeines guten und ſeines böſen Engels. Gewinne nur ſo viel, flüſterte letztrer, um die Wirthshausrechnung zu be⸗ zahlen und nothdürftig die Heimath erreichen zu kön⸗ nen; wie willſt du von hier fortkommen? Das böſe Princip behielt die Oberhand— kaum hatte das Spiel begonnen, ſaß auch Herward vor den unglückſeligen Karten. Aber das einmal treulos ge⸗ wordene Glück wollte nicht wiederkehren und je lei⸗ denſchaftlicher der Unglückliche pointirte, deſto ſcha⸗ denfroher zog ſich die launenhafte Fortuna zurück. Mehrmals mußte Herward nach Hauſe, um neues Spielgeld von den fünfhundert Thalern zu holen. Der bis zum geſtrigen Tage auf dem Wege der Pflicht und Tugend wandelnde Mann, deſſen Ruf und Recht⸗ ſchaffenheit zeither makellos dageſtanden, war gänzlich den Mächten der Unterwelt anheimgefallen. Herward ſpielte die ganze Nacht, verlor ununter⸗ brochen, und pvintirte immer leidenſchaftlicher. Als der Morgen kam— war von den fünfhundert Thalern kein Groſchen mehr ſein! Wir finden den unglücklichen Spieler auf ſeinem Zimmer wieder, wo er kaum mehr kenntlich auf dem Sopha liegt. Er kann ſein Unglück, ſeine Schande nicht ertragen— der Selbſtmord iſt bei ihm feſt be⸗ 43 ſchloſſen. Er kämpft mit ſich uur darüber, ob er ſeine Gattin mit der Urſache ſeines Unterganges bekannt machen ſolle oder nicht. Eine geraume Zeit währt dieſer todtenähnliche Zu⸗ ſtand, während alle Furien der Hölle ſein Innerſtes durchwüthen— da klopft es an die Thür. Herward iſt nicht im Stande, Herein zu rufen— die Thüre öffnet ſich, ein Briefträger erſcheint und bringt einen Brief von Emilien. Die liebende Gattin ſchreibt in den zärtlichſten Ausdrücken, ſie wünſcht dem Gatten die froheſten Tage, doch verhehlt ſie auch nicht, mit welcher Sehnſucht er in der Heimath erwartet werde. Doch ſoll er ſich deshalb nicht beeilen, ſo es ihm im Bade gefalle. In dem Briefe der Mutter iſt noch ein zweites Brieflein Mariens eingeſchloſſen, worin die gute Tochter dem Vater einen— Sophiendu⸗ caten mit der Bitte ſchenkt, ſich damit ein paar vergnügte Stunden im Badeorte zu verſchaffen. Sie wüßte wohl, ſchreibt das Mädchen mit kindlicher Naive⸗ tät, daß Reiſen viel Geld koſte und daß ſich der gute Vater ja nichts abgehen laſſen ſolle. Zwei volle Monden hatte Marie mit kunſtreicher Hand für fremde Leute gearbeitet, um dieſen Schatz zu erringen. End⸗ lich war es ihr gelungen und mit himmliſcher Freude bot ſie dem Vater die Liebesgabe. War Herward's Zuſtand zeither ſchon ein ver⸗ zweiflungsvoller geweſen, ſo füllten die beiden Briefe der Liebe den Giftbecher zum Ueberlaufen. Mit Haſt riß er Mariens Brief auf, da entgleitete ihm der Sophienducaten und rollte das Zimmer entlang. Her⸗ ward ſprang auf, um denſelben zu ſuchen; aber ſeine ſtieren Blicke vermochten das Goldſtück nicht wieder zu entdecken; wie ſehr er ſich auch anſtrengte und ſorgſam alle Winkel durchſuchte— der Ducaten war und blieb verſchwunden. 44 Herward erkannte jetzt, daß er zum Untergange vom Schickſale auserkoren ſei, da mit dieſem Duca⸗ ten auch der letzte Hoffnungsſchimmer verblichen war. Nochmals warf er ſich auf die Erde und kroch auf Händen und Füßen nach dem Goldſtücke umher; aber⸗ mals vergebens— da klopfte es zum zweiten Male an die Thür, und der Tabulettenkrämer trat in's Zimmer, die goldene Damenuhr in der Hand. „Wie ſteht's, lieber Herr?“ frug er,„noch keine Luſt zum Handel? Fünf Louisd'vr, ein Pappenſtiel.“— Herward war aufgeſprungen. Sein geiſterhafter Blick ſtarrte den Händler, der an ihm zum Verſucher geworden war, unheimlich an. „Zurück!“ ſchrie der verzweifelte Spieler,„oder ich erdroßle Dich, Verruchter!“ „Hoh, hoh,“ ſprach der Tabulettenkrämer, welcher Herward's Wort für Scherz hielt,„warum ſo unge⸗ halten, wenn das Gold auf der Erde umher liegt?“ „Wo, wo?!“ rief Herward außer ſich. „Nun, da blinkt's ja, am Löwenfuße des Bureaus,“ antwortete der Händler,„wahrſcheinlich ein vollwich⸗ tiger Cremnitzer.“ Herward ſtürzte nach der bezeichneten Stelle und hielt bald das ſchöne Goldſtück, das bekanntlich die fromme Aufſchrift trägt:„Wohl dem, der Freude an ſeinen Kindern erlebt!“ krampfhaft in ſei⸗ ner Hand. Der Tabulettenkrämer, welcher bald erkannte, daß hier ſchwerlich ein Geſchäft zu machen ſei, entfernte ſich mit einem kurzen:„Wünſche wohl zu leben,“ während Herward ſeine Blicke von der glänzenden Liebesgabe ſeines Kindes nicht loszureißen vermochte. Aber je länger er auf das Goldſtück ſchaute, deſtv größrer Frieden ſank in ſein zerrüttetes Gemüth; es ———— 15 war als wenn ein ſtiller Segen auf dem Sophien⸗ ducaten ruhte; neue Hoffnung keimte in der Bruſt des Unglücklichen und tief ergriffen brach er in die Worte aus: „Wohl dem, der Freude an ſeinen Kindern erlebt!“ Als der Abend dämmerte, ſah man Herward, die Bruſt voll freudiger Ahnung, abermals nach dem Spiel⸗ hauſe ſchleichen. Als es Mitternacht ſchlug, ſtarrten ſeine Taſchen von Golde. Er ſtand auf, ging nach Hauſe und kniete betend nieder. Am andern Morgen zählte er die fünfhundert Thaler ab, ferner den Louisd'or ſeiner Gattin, und die nicht bedeutende Summe, die er von ſeinem Ei⸗ genthume verloren hatte; es verblieb ihm nach die⸗ ſem Abzuge noch ein höchſt anſehnlicher Gewinn. Dieſen füllte er in einen Beutel, ſteckte dieſen zu ſich und ging nach dem Barmherzigkeitsſtifte für Noth⸗ leidende. Unterwegs begegnete ihm der Tabuletten⸗ krämer, welcher wieder die verhängnißvolle goldne Uhr zum Kaufe darbot; Herward ging aber lächelnd vorüber. Als er in dem Barmherzigkeitsſtifte angelangt war, ließ er die gewonnenen Goldſtücke ſo unbemerkt als möglich in den eiſernen Almoſenſtock gleiten. „Mögen die Leiden,“ ſprach er für ſich,„die ihr in dieſem Hauſe zu ſtillen beſtimmt ſeid, mir bei dem himmliſchen Vater Verzeihung für das ſchwere Ver⸗ gehen erwirken, das ich mir euretwegen zu Schulden kommen ließ.“ Still, wie er gekommen, entfernte er ſich wieder; dem Inſpector der Anſtalt aber war die Erſcheinung des ſchlicht gekleideten Mannes gleichwohl aufgefallen. Er ward neugierig und ließ den Almoſenſtock öffnen. Aber wie erſtaunte er ob der reichen Gabe, die er 46 darin vorfand. Er ließ ſich nach Herward erkundigen und glaubte eine heilige Pflicht zu erfüllen, wenn er den Chef dieſes Beamten von dem außerordentli⸗ chen Wohlthätigkeitsſinne ſeines Untergebenen in Kennt⸗ niß ſetze. Bereits nach wenigen Tagen befand ſich Herward wieder im Schooße ſeiner Familie; wer ſchildert die Freude des Wiederſehens dieſer glücklichen Menſchen! Doch wie erſchrak Herward, als ihn ſein Vorgeſetzter, der Rechnungsrath, plötzlich nach der Urſache fragte, warum er ſich in dem Bade N... ſo wohlthätig erwieſen? Herward wußte in dem erſten Augenblicke nicht, was er antworten und ob er den wahren Grund ein⸗ geſtehen ſollte. Er zögerte. „Wohlan,“ ſprach der humane Obere,„ich dringe nicht weiter in Sie; Sie haben ſich barmherzig er⸗ wieſen, das iſt mir genug; ich kann Ihr Thun, der Grund ſei, welcher er wolle, nur edelmüthig und lo⸗ benswerth finden.“ Auf dieſe Worte konnte Herward nicht länger ſchweigen. Er kannte ſeinen Chef als einen men⸗ ſchenfreundlichen, liebreichen Mann; und der Gedanke, daß dieſer nur einen Schatten von Mißtrauen gegen ihn hegen könnte, war ihm unerträglich. So erzählte er denn offen und wahrheitsgetreu ſein ganzes furcht⸗ bares Abenteuer von Anfang bis zum Ende, ſeine Qualen, ſeine Verzweiflung, ſein Vergehen und wie ſich Gott endlich wieder ſeiner angenommen durch die Liebe ſeines Kindes. Der Rath hatte die erſchütternden Mittheilungen ſchweigend mit angehört. Dann trat er auf den Er⸗ zähler zu und erfaßte mit ernſter Würde, doch auch nicht ohne Milde, Herward's beide Hände. 47 „Sie waren auf böſen, ſehr böſen Wegen,“ ſprach er,„doch Gott reichte Ihnen noch ſeine Hand, bevor Sie in den Abgrund ſtürzten; beten Sie, Herward, beten Sie täglich zu ihm, daß er ähnliche Verſu⸗ chungen von Ihnen gnädig abwende. Sie haben ſchwer gefehlt und ſchwer gebüßt. Daß Sie das gewonnene Geld freiwillig wieder hingaben, iſt mir ein troſtrei⸗ cher Beweis für Ihre wahrhafte Reue und wahrhafte Beſſerung. Was Sie mir erzählt haben, haben Sie mir, wohl verſtanden, nicht als amtlich Untergebe⸗ ner, das haben Sie mir als Privatmann, als— Freund erzählt, und als ſolcher werde ich Ihre Mit⸗ theilung zu würdigen wiſſen.“ Obſchon Herward weder Frau noch Tochter ein Geſchenk aus dem Bade mitgebracht hatte, ſo blieb doch der Segen nicht aus. Denn als man nach längerer Zeit ſeinen Geburtstag im ſtillen Familienkreiſe feierte, erſchien plötzlich und unverhofft der Rechnungsrath und erfreute den Geburtstägler mit einer Beſoldungs⸗ zulage, Emilien mit einer zierlichen goldnen Uhr und Marien mit Stoff zu einem neuen Kleide, welches letztere ſchon längſt der Wunſch ihres Herzens ge⸗ weſen war. Den Sophienducaten hatte Herward henkeln laſſen und bewahrte ihn als heiliges Palladium; ſo oft aber ſein Blick auf der ſchönen Münze ruhte, ge⸗ dachte er der großen Wahrheit: „Auf dem Golde ruht Segen und Fluch; doch glücklich der Sterbliche, der dem ver⸗ lockenden Glanze zu widerſtehen vermag.“ Der Todtenwalzer. Phantaſieſtück. Stolle, ſämmtl. Schriften.[X. 4 1. Fe glänzende Ball im Hotel de Pologne, ſeit vier Wochen das A und das O aller tanzluſtigen Mäd⸗ chen von L., war glücklich zu Stande gekommen. Hell leuchteten die hohen Saalfenſter in die kalte Februar⸗ nacht hinaus, und deutlich vernahm man das ſüße Wogen der Mädchen⸗verklärenden Ballmelodien eines Strauß und Lanner. Selbſt das alte Inventarium des Hotels, der emeritirte Hausknecht hatte, wiewohl es bereits ſehr ſpät war, ſein Lager noch nicht fin⸗ den können und hörte, nachdem er die große Lampe der Hausflur nochmals mit Oel verſorgt, in ſeinen polniſchen Pelz gehüllt, an die Wand gelehnt, nicht ohne Behaglichkeit den bezaubernden Beigenſtrichen zu. Er mochte eine gute Weile ſo dageſtanden haben, als ſich leiſe das Hausthor öffnete und eine ſchwarze Ge⸗ ſtalt, wie auf den Zehen, kaum hörbar daher geſchrit⸗ ten kam. Heinrich, ſo hieß das Inventarium, drehte ſeinen Kopf und begann ſich den ſpäten Gaſt genauer zu betrachten. Es war ein langer ſchmächtiger Herr in ſauberſter Ballkleidung, worüber ein prachtvoller Carbonaro geworfen. Das Geſicht konnte Heinrich nicht zu ſchauen bekommen, da es vom Hute ganz be⸗ ſchattet ward. Der Schwarze ſchritt bis zu der Stelle der Hausflur, von wo man die erleuchteten Ballfen⸗ ſter überſehen konnte. Er zog eine goldene Uhr her⸗ vor und ließ ſie repetiren. Es ſchlug halb ein Uhr. 52 Da endlich gelang es Heinrich, des Geſichts anſichtig zu werden. Doch kaum hatte er hingeſehen, als es ihn wie das kalte Fieber ſchüttelte und er mit einem leiſen Fluche nach der Kümmelflaſche griff, um den Schreck und Fieberanfall zugleich hinunter zu ſpülen. Denn das Geſicht des Schwarzen war wie das eines Todten und weiß wie die Wäſche, die er unter dem Fracke trug. Zwei Haupteigenſchaften in Heinrich's Charakter waren Furcht und Neugier. Beide gaben ihm den Rath, mit dem Schwarzen wo möglich ein vertrau⸗ liches Geſpräch anzuknüpfen. Er that alſo einen herzhaften Zug aus der Flaſche und begann: „Iſt ſchon lange angegangen der Ball.“ Keine Antwort. Heinrich that einen neuen Schluck und ſprach: „Sie haben ſich gewiß verſpätet?“ Keine Antwort. Lange Pauſe. Bei Heinrich be⸗ gann ſich allmälig das Haar zu ſträuben. Er ſetzte verzweiflungsvoll die Flaſche zum dritten Male an und fragte ſtotternd: „Sie warten gewiß auf Jemanden?“ „Auf meine Braut,“ tönte es wie Grabesſtimme. Das war Heinrichen ſchon Recht. Ihm fiel bei dieſer Antwort ein großer Stein vom Herzen. Er wußte wenigſtens ſo viel, daß der Schwarze nicht taubſtumm ſei, und der Kümmel machte ihn ſogar ver⸗ wegen. Er fragte zutraulich:. „Die ſpringt wohl auch oben mit herum?“ Wiewohl auf dieſe Frage abermals keine Ant⸗ wort erfolgte, ſo ließ ſich das Heinrich weiter nicht anfechten. Er war einmal im Zuge und begann ſeine Philoſophie zu entfalten: „Aber, lieber Herr! das wäre nun nicht meine Paſſion, meine Braut ſo mutterſeel allein dort oben herumgaloppiren zu taſſen unter den jungen Gelb⸗ ſchnäbeln, und derweilen hier unten zu ſtehen in der Kälte und zu klappern. Man weiß manchmal nicht, wenn Unglück ſein ſoll und der Teufel ſein Spiel treibt. Man hat Exempel. Wie wär's,“ fuhr er zu⸗ traulich fort,„wenn Sie ſelbſt ein wenig hinaufſtie⸗ gen und ein paar Mal mit herum machten.“ Als der Schwarze auch hierauf im Schweigen ver⸗ harrte, hielt's endlich Heinrich für Beleidigung. Erſt ſchimpfte er ganz leiſe vor ſich hin, und als der Schwarze nichts erwiederte, allmälig lauter, endlich ganz laut. Der Kümmel that das Seine und unter Schelten und Toben ſuchte Heinrich ſein Lager; denn er traute dem Schwarzen nicht über den Weg. 2. Noch eine geraume Zeit lauſchte der unheimliche Gaſt der herabtönenden Ballmuſik. Aber das Tempo ſchien ihm viel zu langſam.„Preſto, Preſto!“ rief er leiſe, und markirte mit dem Fuße den Tact. Da kam die hellerleuchtete Treppe ein Muſiker herab, der dem Chore angehörte, welches ſo eben durch ein an⸗ deres abgelöſt worden war. Er ſtieg ſogleich auf den Schwarzen zu und rief ſchon von Weitem: „Beſter Herr Capellmeiſter, ein Glück, daß ich Sie finde, habe Sie ſchon auf allen Ecken und En⸗ den geſucht. Alles brennt oben auf den verſproche⸗ nen Wiener, und ein kleines Pröbchen im hintern Zimmer müſſen wir doch erſt halten.““ „Hier iſt er,“ ſprach der Schwarzrock und über⸗ reichte ein ſchwarz geſchriebenes Notenblatt. „Ah, brillante Muſik!“ ſchmunzelte der Mufikus, einen Blick in das Blatt werfend. „Was ſind für Tänze geſpielt worden?“ frug der Capellmeiſter. „Wie Hochdieſelben zu befehlen geruhten. Die verwünſchten Tanzvorſteher ſtellten uns zwar immer ein Bein. Der Tact war ihnen ſtets zu raſch. Aber wir haben uns nicht daran gekehrt. Was da, Leben muß ſein auf dem Balle! Und kommt nur unſer Chor wieder d'ran; das ſind Teufelskerle. Wir wol⸗ len ihnen die Seele aus dem Leibe geigen. Die Vorſteher ſind dann fort bis auf den tauben Läm⸗ mermeier, der ſchon drei Stunden beim Whiſttiſche ſitzt. Die alten Paſteten ſind auch fort. Blos jun⸗ ges unverwüſtliches Volk. Muß aber Alles todtge⸗ macht werden heute.“ Ein beifälliges Lächeln floh bei dieſen Worten über das Todtengeſicht des Capellmeiſters.„Ich werde ſehen wie Ihr Euere Sache macht. Hier iſt etwas für Euern Eifer.“ Er drückte dem Ueberſeligen ein Goldſtück in die Hand. „Oh, oh, oh!“ lallte dieſer,„großmüthigſter Herr Capellmeiſter—“ „Was macht Angeline?“ fiel der Schwarze unter⸗ brechend ein. „Ja, werthgeſchätzter Herr Capellmeiſter, unter uns, das Mädchen dauert mich ordentlich, es iſt ein gar zu liebes Ding; aber die holt ſich heute den Knax, ſo wahr ich Jacob Lambert heiße. Natürlich, iſt kaum vom Lande herein, war ihr Lebelang auf keinem Balle. Der junge Graf Victor, man ſagt ihr Bräutigam, ein Teufelstänzer, läßt ſie nicht zu Verſtande; und die Extratvuren, na, die Extratouren. Apropos, der Herr Graf abſonderlich freut ſich auf 55 Ihren Walzer; ich hab ihm viel vorgeſchwatzt davon. Aber es wird Zeit, daß wir daran gehen.“ Unter nochmaligem Danke empfahl ſich der glückliche Muſi⸗ ker und taumelte überſelig die Treppe wieder hinauf. Nach einiger Zeit folgte der Schwarze leiſe auf dem⸗ ſelben Wege. 3. Die Kronleuchter flammten. Tauſendfach warfen die kryſtallenen Spiegelwände das Lichtmeer zurück. Die Tonwellen rauſchten und ſelig wogten Tänzer und Tänzerinnen in den langen unabſehbaren Guir⸗ landen des Cotillon; angeführt von dem jungen und ſchönen Grafen Victor und der Königin des Balles, der wunderſchönen Angeline. Was nur Jugend, Schönheit, Anmuth und Grazie aufzubieten vermag, war auf wundervolle Weiſe wie ein Blumenregen, über dieſes beneidenswerthe Paar ausgegoſſen. So wogten ſie dahin in ſeliger harmoniſcher Luſt. Aber bald genügte dem feurigen Victor der bisherige ſchöne, gemäßigte Dreivierteltact nicht mehr. Er winkte zum Orcheſter und die Melodie ward feuriger, das Tempo ſchneller und ging endlich in rauſchenden Zweivierteltact über. Da flohen die Paare dahin in wahnfinniger Eile, da perlten die kryſtallenen Tropfen, da wogten die Buſen, und die Lungen pulſirten in tödtlicher Haſt; da floh ſcheu die Göttin der Anmuth und Grazie den bacchantiſchen Wirbel; dichter füllte der Staub die glühende Atmoſphäre, düſterer brann⸗ ten die Kerzen, aber immer wilder wirbelten die Paare in vernichtender, unſeliger Luſt, und zu einem kleinen Fenſter in der Thür des Nebengemachs ſchaute das Todtengeſicht des Capellmeiſters. 56 Mehr todt, als lebendig ſanken endlich die Tan⸗ zenden auf die ſammtnen Ruhekiſſen, mit Tüchern und Fächern ſich Kühlung zuwehend. Bald eilten die Herren zum Büffet und kehrten mit ſüßem Eis und Limonade zurück zu den glühenden Schönen. Auch Victor präſentirte Angelinen das tödtliche Glas. Doch kaum hatte das Mädchen die Limonade an die Pur⸗ vurlippe gebracht, als ſie bleich, ſprachlos und zitternd das Glas zurückgab und dem Umfinken nahe, winkte, den Saal zu verlaſſen. Beſtürzt führte ſie der Graf in ein Seitengemach. Alle geiſterweckenden Mittel wurden angewandt, und als Angeline wieder zur Be⸗ ſinnung gebracht und ſie nach dem Unfalle näher be⸗ fragt wurde, ſo erzählte ſie, daß, wie ſie das Limv⸗ nadenglas an den Mund geſetzt, habe durch die Ne⸗ benthür ein bleiches, weißes Geſicht mit ſchrecklichem Lächeln ſie angeblickt; und wie ein Eisſtrom ſei es ihr dabei durch alle Glieder gerieſelt. Man ſah ſich überall nach dem Todtengeſichte um, und da man nirgends eins erblickte und die Viſion keine ernſthaf⸗ ten Folgen gehabt, ſo ward ein Scherz aus der gan⸗ zen Sache gemacht; und der Graf forderte ſeine Braut zum letzten Walzer auf. Vergebens bat und ſträubte ſich Angeline vor dieſem Tanze. Victor ließ nicht ab. Er bat mit ſo ſüßen Schmeichelworten, er flehte, er ſank auf ein Knie— und das Opferlamm folgte in den Ballſaal. Nach einer kurzen brillanten Cadenz begann der letzte Walzer. Ein himmelvolles Allegro halb zitternd, halb wogend mit einer wunderſeligen Melodie elektri⸗ ſirte auch den Todmüdeſten und rief Alles zum letzten Male auf den Tanzplatz. Der Graf, von Angelinen befragt, frug zum Orcheſter hinauf:„Wie heißt der Walzer?“ — 57 „Der Todtenwalzer,“ tönte es herab. „Der Name thut nichts zur Sache,“ lachte Victor und eröffnete mit ſeiner Braut den Reigen. Aber das gemäßigte Allegro ging allmälig kaum bemerkbar in Allegro Molto über und ſchwoll endlich immer hö⸗ her zum wildeſten Preſto. Gleichwohl ließ die himm⸗ liſche Melodie und der befeuernde Hebetact die Tän⸗ zer an kein Aufhören denken. Und immer ſchneller ward das Tempo. Wieder perlten die kryſtallenen Tropfen, wieder wogten die Buſen und die Lungen pulſirten in tödtlicher Haſt; wieder verdunkelte Staub die glühende Atmoſphäre und immer düſterer brann⸗ ten die Kerzen; da fiel das Orcheſter Preſtiſſimo eiu. Schon konnten einzelne Inſtrumente nicht mehr fort, nur einzelne Poſauenſtöße und die ſchneidende Pickel⸗ flöte markirte noch die fürchterliche Schnelle. Hier und da ſanken die Paare athemlos und glühend auf die Ruhebänke. Immer kleiner ward das Häuflein. Victor und Angeline immer voran. „Wir machen ſie Alle todt,“ flüſterte Erſterer, und abermals floh man den Saal hinunter. Jetzt konnte ſelbſt die Poſaune nicht mehr fort und der Pickelflö⸗ tiſt ſchnappte nach Luft. Jetzt walzten nur noch drei Paar. Aber zwei ſanken bald dahin und dem letz⸗ ten Paare Victor und Angelinen blieb der Sieg. Noch einmal flohen ſie triumphirend durch den wei⸗ ten Saal und folgten dann dem Beiſpiel der übrigen. Der letzte Ton verſtummte. Mehrere Kerzen wa⸗ ren erloſchen, die übrigen brannten düſter. Immer dunkler ward es im Saale. Tänzer und Tänzerin⸗ nen ruhten halbentſeelt rings umher zerſtreut. Tod⸗ tenſtille. Nur das tiefe Athemholen und das Luft⸗ fächeln vernahm man.— Da ſprang mit einem Male ein Fenſterflügel auf. Ein ſchneidender Luftzug pfiff 58 mit Grabeskälte durch den Saal— und durch eine Thür trat der Capellmeiſter. Langſam, die Hände auf dem Rücken, wandelte er den Saal entlang und überblickte mit Wohlgefallen die zerſtreuten Gruppen; worauf er durch die hintere Saalthür wieder ver⸗ ſchwand. Ein kaltes Grauſen überkam das Ballpu⸗ blicum und die Kellner flogen, den aufgeſprungenen Fenſterflügel zu ſchließen. 4. Angelinens Tante war aus ihrem Thee- und Klatſchelub in den Tanzſaal zurückgekehrt und mahnte zum Aufbruch. Der Wagen war vorgefahren und Victor begleitete die Damen die Treppe hinab. Aber plötzlich wandelte ein zweiter Begleiter an Angelinens anderer Seite. Es war der Capellmeiſter. Victor warf dem ungebetenen Begleiter nicht die freundlich⸗ ſten Blicke zu; aber dieſer ſchien ſich nicht daran zu kehren. Zitternd preßte ſich Angeline, die ihren Ne⸗ benmann gar nicht zu bemerken ſchien, an den Arm der Tante. So gelangten ſie auf die Hausflur. Zwei Kellner leuchteten voran. Der Capellmeiſter war im⸗ mer an des Mädchens Seite; Victor ebenfalls zit⸗ ternd, aber vor Wuth und Eiferſucht, an der Seite der Tante. Und immer näher kamen ſie dem Haus⸗ thor. Da mit einem Male erhob der Capellmeiſter die Hand. Wie vom Sturme gebrochen flogen die Hausthorflügel auseinander. Eiſige Februarnacht, mit Schnee vermiſcht, ſchlug herein. Die Lichter der Kell⸗ ner erloſchen. Klirrend flog die große Glaslampe, vom Sturme abgeriſſen, herab. Es war völlige Nacht. „Herr Jeſus!“ riefen Angeline und die Tante aus einem Munde und Erſtere begann zu wanken. Victor, der es zu ahnen ſchien, wollte hinzuſpringen, aber bereits war das Mädchen in die Arme des Ca⸗ vellmeiſters geſunken, der ſie zum Wagen mehr trug als führte und— ſelbſt mit hineinſtieg. Victor, mehr todt als lebendig, half nun der Tante einſtei⸗ gen. Kaum daß er ſich mit ein paar Worten nach Angelinen erkundigen konnte. Vergebens irrten ſeine Blicke in der Finſterniß des Wagens nach dem zu⸗ dringlichen Nebenbuhler. Er überredete ſich, ſich ge⸗ täuſcht zu haben. Der Kutſchenſchlag ward zugeſchla⸗ gen und der Wagen rollte dahin. Victor forſchte ängſtlich überall nach dem Schwarzen. Er war nir⸗ gends zu erblicken. Da packte ihn wieder mit Rie⸗ ſengewalt die Furie der Eiferſucht. Wüthend ſtürzte er die Treppe hinauf nach der Garderobe, warf ſei⸗ nen Mantel um und ſtürzte in toller Haſt dem Wa⸗ gen nach. Bald vernahm er deſſen dumpfes Rollen auf dem hartgefrorenen Boden und erreichte ihn un⸗ fern von Angelinens Wohnung. Leiſe ſchlich er ſich an den kalten Häuſerreihen dahin, um die Ausſtei⸗ genden genau beobachten zu können. Der Wagen bielt, der Schlag ward geöffnet, die Tante ſtieg aus.. Hierauf der Schwarze, der Angelinen heraushob. In der erſten Wuth wollte Vietor hervorſpringen und den nächtlichen Brauträuber packen; aber es hielt ihn wie mit unſichtbaren Feſſeln zurück. Jetzt öffnete ſich die Hausthür. Die drei Gäſte traten ein. Die Thüre ward geſchloſſen und der Wagen rollte dumpf die Straße entlang. Da ſtand der unglückliche Bräutigam wie vernich⸗ tet an die Mauer gelehnt, knirſchend vor Eiferſucht und Ingrimm, klappernd vor Kälte in der ſchaurigen Februarnacht; Himmel und Hölle und Angelinen ver⸗ wünſchend. Noch nie befand ſich ein Liebhaber in 60 peinlicherer Lage. Indeß ſchneiete es fort und Vie⸗ tor mußte endlich den troſtloſen Heimweg antreten. Noch einmal warf er einen Blick nach der verhäng⸗ nißvollen Hausthür, die ſein Glück wie ſein Unglück verſchloß, als ſich dieſe öffnete, und der Capellmeiſter leiſe heraustrat und die Straße hinabwandelte. Da erwachte aller Ingrimm von Neuem in Vietor's Bruſt, er eilte der Geſtalt ſchnellen Fußes nach. Doch wie ſchnell er dahin ſchritt und welch' gewöhnlichen Schritt der Schwarze wandelte, ſo konnte er dieſen nicht ein⸗ holen. Endlich, nachdem ſie mehrere Straßen durch⸗ wandert und bereits vor's Thor gelangt waren, er⸗ reichte ihn Victor an einem Gartenthore. Er packte ihn ſogleich und verlangte Genugthuung für das Be⸗ tragen gegen Angelinen. „Wer iſt Angeline?“ frug ruhig die Geſtalt. „Meine Braut, Bube!“ donnerte Victor. „Du irrſt, Freund,“ entgegnete der Capellmeiſter im vorigen Tone.„Es iſt meine Braut, Du nur mein Brautführer.“ Dieſe frechen höhnenden Worte ließen den Gra⸗ fen alle Rückſicht vergeſſen. Er ſtürmte auf die Ge⸗ ſtalt ein, und war im Begriff, ſie gegen die Mauer zu ſchleudern, als er nur den langen weiten Mantel in der Hand behielt und ein Todtengerippe vor ihm ſtand. Voller Entſetzen taumelte Victor zurück. „Kennſt Du mich nun? Kennſt Du dieſe Mauer?“ lachte das Geſpenſt und wandelte langſam gegen das Kirchhofthor, welches ſich öffnete. Hier blieb es noch⸗ mals ſtehen und ſprach:„Nicht die erſte Braut war es, die Du mir zugeführt, es iſt nicht die letzte. Darum lebe. Noch hab' ich keinen Theil an Dir. Lebe und gedenke des Todtenwalzers.“ Klirrend 6¹ ſchlugen die Thorflügel hinter dem Gerippe zuſam⸗ men. Sturm brauſ'tte daher und in der Ferne ver⸗ kündete die Thurmuhr der Hoſpitalkirche die Stunde des Morgens. Victor war beſinnungslos zu Boden geſunken. Ein Nachtwächter, den ſein Weg an der Kirchhof⸗ mauer vorbei führt, fand den Erſtarrten und brachte ihn auf die nächſte Thorwacht. So wie er zum Be⸗ wußtſein gelangte, bezeichnete er ſeine Wohnung, in welche er noch dieſelbe Nacht gebracht wurde. 5. Es waren noch keine vierundzwanzig Stunden ver⸗ gangen, da ſtand vor der Vorhausthür zu Angelinens Wohnung ein Tiſchchen, worauf ein weißer Bogen Papier lag, mit dieſer Inſchrift: „Unſere innigſt geliebte Nichte, Fräulein Ange⸗ line v. P. iſt in Folge einer heftigen Erkältung und eines darauf erfolgten Lungenſchlags dieſen Morgen ſchmerzlos und ſanft verſchieden. Die trauernde Familie v. Z.“ Ein heraustretender Mann in Bediententracht, der die zahlreich eingelaufenen Condolenzkarten zuſammen⸗ las, ſchluchzte heftig und ſprach:„das verfluchte Rut⸗ ſchen— ich ſag's immer— nun haben wir die Be⸗ ſcheerung— o Linchen, Linchen, wärſt du doch auf deinem Lande geblieben.“ Der Todtenwalzer hat ſeit Angelinens Tode zwar einen anderen, freundlicheren und wohlklingenderen Namen erhalten: der Walzer ſelbſt aber iſt geblieben. Er hat eine lange Zeit bei dem tanzliebenden Publi⸗ 62 cum das außerordentlichſte Glück gemacht, dem Com⸗ poſiteur aber unſtreitig das ſüßeſte Honorar eingetra⸗ gen, indem er manche reizende Braut in ſeine Arme geführt. Wie die Sage geht, ſoll, trotz der Lection an der Kirchhofmauer, trotz eines dreiwöchentlichen hitzigen Fiebers der unverwüſtliche Graf Vietor ſein Möglichſtes dazu beigetragen haben. 1 Engelherta. * — — — — Erzählung eines Der Autor nachfolgender, durch ihre wunderbaren Begebenheiten an das Romanhafte grenzenden Ge⸗ ſchichte, ein geachteter, vor Kurzem verſtorbener Arzt, erzählte dieſe an einem ſtürmiſchen Novemberabende des Jahres 1832, als mehre junge Freunde bei ihm zum Beſuch waren, die, von den damaligen politi⸗ ſchen Wirren ſehr aufgeregt, mit der Gegenwart ſich durchaus nicht befreunden wollten. Der Erzähler hatte dabei die wohlmeinende Abſicht, durch Aufſtellung eines düſtern Bildes der Vergangenheit, der Gegen⸗ wart ein freundlicheres Licht zu verleihen. Seine Jugendzeit fiel in jene Periode, die wir unrechter Weiſe genug mit dem Namen der„guten alten Zeit“ bezeichnen, und vermöge ſeines Berufs fand er oft Gelegenheit, die damaligen Abnormitäten adeligen Kaſtenthums in ihrer größten Schroffheit kennen zu lernen. Aus mehren Begebniſſen ſeines Lebens wob er nachfolgendes Gemälde, von dem jeder aufgeklärte und menſchenfreundliche Leſer nur wünſchen kann, daß es mehr dem Reiche der Dichtung als der Wahr⸗ heit angehören möchte. Es war an einem warmen aber trüben Frühlings⸗ nachmittage, als ich nach glücklich beſtandenem Bacca⸗ laureatsexamen auf der Wanderung durch mein ſchönes Vaterland in ein Thal herabſtieg, das ſich durch ſeine Stolle, ſämmtl. Schriften. IX. 5 66 reizende Lage vor all' den zeither durchwanderten aus⸗ zeichnete. Baum⸗ und waſſerreich, fleißig bebaut, im Schmucke des Frühlings, glich es einem irdiſchen Pa⸗ radieſe. Die einzelnen blüthenumflorten Dörfer la⸗ gen wie anmuthige Idyllen rings umher zerſtreut, und am Ausgange des Thals, wo das Reich der ſe⸗ gensvollen Demeter in ernſtre Waldung überging, thronte auf gigantiſchem Felſenvorſprung ein Schloß in ſo bezaubernder Schöne, wie es ſich die Phantaſie des Romanſchreibers nicht reizender zu malen vermag. Aber je weiter ich vorwärts ſchritt, deſtv mehr mußte mir die ſeltſame Stille auffallen, welche rings über das blühende Eden ausgebreitet war. Obſchon der Kalender von einem Sonn— oder Feiertage nichts wußte, vermißte ich doch gänzlich jenes rührige Leben und Treiben des Landmanns auf Fluren und Fel⸗ dern. Alles war ſtill, erſtorben, und ſo weit meine Blicke reichten, kein menſchliches Weſen zu erblicken. Die ganze Natur athmete eine unbeſchreibbare Be⸗ klommenheit. Gleichſam als ſei es ihm verboten, pinkte nur ganz leiſe der Finke im tiefen Gebüſch, und der Ton einer Lerche, der aus weiter Ferne daher klang, ſchien aus einem Himmel zu kommen, der nicht der Himmel dieſes Thals war. Dieſe lautloſe Ruhe war nicht die Stille der ſanft athmenden Zufrieden⸗ heit, nicht die heilige Stille, wie ſie auf Gräbern ruht; es war die Stille eines Gerichtsſaals, wo der Athem ſtockt und der Stab gebrochen wird über Le⸗ ben und Tod. Endlich gelangte ich an ein einzeln ſtehendes Haus. Der Kranz über der Thür deutete an, daß es ein Wirthshaus ſei. Ich trat in die Gaſtſtube. Da ſaßen in der Ecke ein paar Landleute bei einem Kruge Dünnbier. Der Wirth, gar nicht von dem Schlage 67 der behaglichen, beleibten dentſchen Wirthe, war eine lange hagere Geſtalt mit eingefallenem Geſicht und ſcheuem unſtäten Blicke. Ich beſtellte einen Schoppen Wein; aber ſo wie ich mich ſetzte, bemerkte ich, daß die zwei Gäſte ihre Krüge mit ſichtbarer Haſt leerten, und durch eine Hinterthüre, welche nach dem Garten hinausging, leiſe davon ſchlichen. „Iſt denn bei Euch ein Feiertag?“ war meine erſte Frage, als der Wirth den verlangten Schoppen vor mich hingeſtellt hatte. „Bewahre, lieber Herr,“ war die ziemlich tonloſe Antwort. „Aber zum Kuckuck, Eure Fluren und Aecker ſind ja wie ausgeſtorben!“ Der Wirth warf einen mißtrauiſchen Blick auf mich, und erwiederte eintönig:„der Herr wird ja doch wohl wiſſen?“ „Was ſoll ich wiſſen, ich komme aus weiter Ferne.“ Der ſonderbare Gaſtgeber räumte die beiden ge⸗ leerten Krüge der Landleute hinweg und ſprach nach einer Pauſe:„Nun, die junge Gräfin der gnädigen Herrſchaft iſt urplötzlich geſtorben und da haben wir Trauer auf acht Tage.“ „Wie hängt aber dieſe Trauer mit der Arbeit des Landmanns zuſammen?, „Nur zu ſehr, die Trauerzeit muß begangen wer⸗ den wie der Charfreitag.“ „Aber Mann,“ rief ich,„jetzt wo das Land der arbeitſamen Hände ſo bedürftig, es iſt nicht möglich.“ Der Wirth blickte wieder ſcheu auf mich. Da er aber in meinem Blicke ein wahrhaft zürnendes Er⸗ ſtaunen las, ward er etwas vertrauender. „Leider iſt es ſo,“ hub er mit gedämpfter Stimme 5„ 68 an,„die Gemeinden ſind flehentlichſt eingekommen, die Trauerzeit nur um ein paar Tage zu kürzen wegen der unaufſchiebbarſten Geſchäfte, aber es iſ nicht ge⸗ ſtattet worden.“ „Nun, das muß ich geſtehen, lebt unter Tür⸗ ken oder Chriſten?“ Dem armen Manne mocht' es wohlthun, ſich einmal ausſprechen zu dürfen, wie ihm um's Herz war, und ſo erhielt ich ein ſo ſchandererregendes Bild von dem Feudalismus, den dieſe gräfliche Familie über die Landbewohnerſchaft ausübte, daß ich einmal über das andere ausrief:„Und das ertragt Ihr geduldig? Gibt es keine Gerechtigkeit hier zu Lande?“ Bei einem jedesmaligen zornigen Ausrufe meiner⸗ ſeits blickte der Erzähler ſchen um ſich, damit Niemand die gefährlichen Worte vernehme. Mir aber fielen dabei die beiden Landleute ein, nach deren plötzlicher Entfernung ich mich erkundigte. „Es gibt ſo viele böſe Aufpaſſer hierorts,“ erklärte der Gefragte,„die Alles dem Gerichtsverwalter hinter⸗ bringen. An den Wochentagen iſt das Wirthshaus⸗ gehen ſtreng verboten. Man kannte Sie nicht und traute nicht. Auch gingen die Leute nicht durch die Vorderthür, ſondern durch den Garten, um allen Ver⸗ dacht zu vermeiden, als ſeien ſie bei mir geweſen.“ Endlich ward meine ärztliche Neugier rege und ich erkundigte mich, woran die junge Gräfin ſo ſchnelt verſtorben ſei? „Das iſt eine ſeltſame Geſchichte,“ erwiederte der hagere Mann,„man gibt ihren Tod einer armen Bauern⸗ dirne Schuld, die auch bereits hart und feſt ſitzt im Criminale.“ Ich horchte verwundert, und der Erzähler fuhr fort: „Der Vater jener Dirne ſitzt wegen ſchuldiger —————— 69 Gefälle bereits ſechs Wochen im Thurme; die zahl⸗ reiche Familie iſt dem Hungertode nahe. Da wagte die älteſte Tochter, ein ſanftes, liebes Kind, die Ver⸗ zweiflung gab ihr den Muth, einen Fußfall vor der jungen Gräfin, als dieſe gerade von der Jagd heim⸗ kehrte, die ſie leidenſchaftlich liebte. Das Mädchen fiel auf offener Landſtraße vor dem ſtolzen Fräulein nieder, erfaßte die gnädige Hand, die ſie mit Küſſen und Thränen bedeckte, und flehte um die Losgebung ihres Vaters. Weiß der Himmel, war es der Schrecken über die unerwartete Scene, oder, was ich bei dem Adelſtolze und reizbaren Temperamente des Fräuleins eher glaube, die Averſion, von einer Bauerndirne an⸗ gefaßt und geküßt worden zu ſein, kurz ſie ſchwankt zum Schloſſe und ſtirbt am ſelbigen Tage.“ „War denn kein Arzt zur Hand?“ „Allerdings, entgegnete der Wirth,„Herr von Blumauer ward ſogleich gerufen; aber er erklärte, daß alle Hülfe vergebens.“ „Iſt denn der Arzt von Adel?“ „Das will ich meinen; in der nächſten Umgebung der gnädigen Herrſchaft darf kein bürgerlicher Athem wehen; auch die Kammerfräulein ſind zwar arm, aber alle von gutem Adel.“ Trauerglocken, die durch die ſtille Frühlingsluft vom Schloſſe daher tönten, unterbrachen unſer Geſpräch. „Die Geſtorbene wird jetzt ausgeſtellt in der Todtenhalle,“ erklärte der Wirth,„worauf die Beiſetzung in die Familiengruft erfolgt.“ „Kann man ſich denn die Sache mit anſehen?“ Der Gefragte zuckte die Achſeln,„unſer einem,“ ſprach er,„wollt' ich nicht tate nur den Schloßhof zu betreten.“ „Erbärmliches Kaſtenthum! Fürſten und Könige 70 hab' ich auf dem Paradebette geſehen; ich will doch ſehen, ob es nicht erlaubt iſt, ein todtes armſeliges Grafenfräulein in Augenſchein zu nehmen.“ Meine Toilette war ſchnell gemacht; der Wirth zeigte mir den Weg und bald befand ich mich am Thore des Schloßhofes. Mehre Trauer⸗Equipagen mit adeligen Wappen waren vorgefahren. Schwarz⸗ gekleidete Herren und Damen, von Dienerſchaft um⸗ geben, ſtiegen aus und gingen den Vorhof entlang. Unfern des einen Thors wandelte eine ſchwarze Ge⸗ ſtalt, eine florumwundene Hellebarde tragend, ſchwei⸗ gend auf und ab. „Der ſchwarze Kerl,“ ſprach ich zu mir,„wird dir wahrſcheinlich ein Bein ſtellen,“ aber ich riskirte es und trat in den ariſtokratiſchen Vorhof. Richtig, die vor mir wandelnde Nobleſſe ließ der ſchwarze Moloch ruhig paſſiren, in mir erkannte er ſogleich den illegitimen Eindringling und kam ſo haſtig, als es ſeine Gravität zuließ, auf mich zu. „Sollte hier nächſt der Menſchenwürde auch das Metall ſeinen Werth verloren haben?“ fragte ich mich, und drückte dem Ankömmling ein Geldſtück in die Hand, worauf er ſich abwendete, als ob er nichts geſehen habe. So gelangte ich in die ſogenannte Todtenhalle. Es war dies ein gewölbter, ziemlich geräumiger Saal, überall mit ſchwarzem Tuch aus⸗ geſchlagen. Die dicht umhangenen Fenſter ließen nicht das geringſte Tageslicht herein, dagegen brannten zahl⸗ reiche weiße Wachskerzen. Inmitten aber von Blu⸗ men, in einem glorienhaften Lichtmeer ſchlief Engel⸗ berta. Doch wo nehm' ich Worte her, einen En⸗ gel zu beſchreiben? wo Bilder, ein Meiſterſtück der Schöpfung würdig zu ſchildern? Ich hatte ſchon manche ſchöne Blumenleiche geſehen, aber ſolch' überirdiſche 71 Schönheit war mir noch nicht vorgekommen. Wun⸗ derbar ergriffen faltete ich unwillkürlich die Hände und eine Thräne trat mir unwillkürlich in die Augen. „Sie haben Recht,“ ſprach ich zu mir im erſten ppetiſchen Schmerze,„daß ſie weit und breit Trauer anlegen acht Tage lang, und wie wenig iſt dies, es tönnen Jahrzehnte dahingehen, ehe ſolch' ein Engel wieder die Erde betritt.“ Eine Todtenſtille herrſchte im Gewölbe; kein Laut, kein leiſes Flüſtern war vernehmbar in der ganzen zahlreichen Verſammlung. Sie alle ſchienen zu beten am Sarge dieſer Himmelsgebornen. Da that ſich leiskniſternd eine Tapetenthür auf. Eine ältliche Dame in tiefer Trauer trat heraus, un⸗ terſtützt von einem gleichfalls bejahrten, in Trauer gekleideten Herrn. Ein ſilbergeſtickter Stern blitzte auf ſeiner Bruſt. Lange und thränenlos weilten die Blicke der erſteren auf der Geſtorbenen. Das fühl⸗ bare Zurückpreſſen des Mutterſchmerzes in den ge⸗ meſſenen Zwang der Etiquette war deutlich auf dem bleichen Antlitz zu leſen. Der Begleiter trocknete ſich kaum bemerkbar eine herabrollende Thräne. Er ſchien die Gräfin faſt zu halten und ſeine Blicke waren be⸗ ſorgt auf ſie gerichtet. Noch lange blickte die Mutter unverwandt nach ihrem todten Kinde; endlich zogen ſich die Beiden ſtill und leis, wie ſie gekommen, zu⸗ rück. Ein Sänſeln ob dieſer ſtummen ergreifenden Scene wehte wie Geiſterhauch über die Verſammlung. Es währte nicht lange, als ſich die am weiteſten voranſtehenden Adeligen ebenfalls durch einen Seiten⸗ gang kaum hörbar entfernten. Eines nach dem andern folgte und bald befand ich mich nur mit wenigen Männern, die theils dem bürgerlichen Gerichtsperſo⸗ nale, theils dem Leichencondnet angehörten, allein. 72 Die Zeit der Ausſtellung war abgelaufen; aber noch immer konnt' ich mich von dem engelhaften We⸗ ſen im Sarge nicht losreißen. Wie feſtgebannt ruhten voll heiliger Wehmuth meine Blicke auf dem ſüßen Gliederbau, auf den dunkeln Locken, die träumeriſch zu Seiten des himmelvollen Antlitzes herabfloſſen;— da nahten zwei Männer mit dem ſchweren koſtbaren Sargdeckel. Dieſes Wunderbild ſollte für ewig von dem holden Lichte ſcheiden, und in jene ernſte Nacht herabfinken, aus der noch Niemand wiedergekehrt iſt. Schon ſchwebte der furchtbare Deckel über Engelberta, als mein Innerſtes eine nie gefühlte Angſt ergriff. Mein ärztliches Gewiſſen erwachte, die Worte ei⸗ nes weiſen Lehrers,„nie zugegeben, daß Jemand be⸗ graben werde, ohne von deſſen Tode überzeugt zu ſein,“ brannten in Flammenlettern vor mir; und ſo riß ich einen kleinen Hohlſpiegel, den ich zur Auf⸗ nahme von Landſchaften immer bei mir trug, aus der Taſche, und ohne die Etiquette im Geringſten zu be⸗ achten, rief ich den beiden Männern ein kräftiges Halt zu, trat ganz nahe an die Leiche, und hielt das Kryſtall über die geſchloſſenen Lippen. Alle Anweſenden erſtarrten über ſolche in dieſem Schloſſe nie erhörte Frechheit und wußten im erſten Schrecken nicht, was ſie beginnen ſollten. Ich hielt unterdeß ununterbrochen den Spiegel über das Antlitz der Verſtorbenen. Ein leiſes Murmeln verkündete den herannahen⸗ den Sturm; da zog ich behutſam das Glas hinweg und hielt es gegen die flammenden Kerzen. O un⸗ vergeßlicher Augenblick! wie ein ferner, ferner Mor⸗ gennebel hatte ſich ein kaum ſichtbarer Thau über das Kryſtall gelegt, der bei der Wärme der Kerzen jedoch ſogleich verflog. Meine Hand zitterte, Thränen bra⸗ chen mir hervor;„zurück!“ rief ich den ſchwarzen — 73 Grabgeſtalten zu, die noch immer mit dem Sargdeckel dicht neben mir ſtanden,„die Gräfin iſt nicht todt, ſie liegt nur im Starrkrampf, man rufe den Arzt und bringe ſie zu Bett.“ Ich mußte dieſe Worte doch mit zu feſter Ueber⸗ zeugung geſprochen haben, denn mehre der Anweſen⸗ den ſtürzten ſogleich davon; die Uebrigen umſtanden mich in wortloſem Erſtaunen. Ich allein war der Selige und begriff nicht, daß nicht Alles in Jubel ausbrach; aber die unerwartete Freudenbotſchaft hatte ſie gelähmt und ein bejahrter Mann trat auf mich zu mit den Worten:„Mein Herr, was ſoll das? Wiſſen Sie, welcher Verantwortung Sie ſich ausſetzen durch ſolch' thörichtes Beginnen?“ „Das Leben eines Menſchen zu retten, werd' ich ſtets verantworten, doch was ſag' ich eines Menſchen, eines Engels!“ Bei dieſen Worten ſahen mich die Unſtehenden mit ſeltſamen Blicken an. Die Gefühlloſen wollten ſich noch immer nicht freuen. Unbeſtritten hielten ſie meine Worte für Irrſinn. Unterdeß erſchollen eilende Tritte in dem Seiten⸗ gange. Ein Herr von höflichem Aeußern, aber ſchlecht⸗ verhehltem Verdruß auf dem Geſichte, trat in die Halle, ſchritt zum Sarge, warf einen Blick auf En⸗ gelberta, und fragte zu mir gewendet:„Sind Sie wahnſinnig? Ueberhaupt wer ſind Sie? Wie kommen Sie hierher?“ Ich erkannte in dem ſaubern Patron ſogleich den hochwohlgebornen Hausarzt, ärgerte mich über ſolche Impertinenzen und replicirte mit möglichſter Ruhe:„Solche Fragen ſind jetzt überflüſſig; ſorgen Sie, mein Herr, für die Wiederbelebung dieſer Scheinleiche.“ 7⁴ Der Arzt würdigte dieſen Worten keiner weitern Beachtung, winkte dem Gerichtsperſonale, wahrſchein⸗ lich meine Transportativn betreffend und befahl den zwei Männern, den Sarg zu ſchließen. Jetzt er⸗ grimmte ich im Innerſten, und rief dem Elenden zu: „Sie erfüllen Ihre Pflicht als Hausarzt oder ich klage Sie des Mordes an, den ich beweiſen werde.“ Der Mann erblaßte, denn ſo eben trat der Graf in die Halle. Alles machte ehrfurchtsvoll Platz. Der Alte mit dem Sterne kam auf mich zu und fragte ebenfalls:„Wer ſind Sie?“ „Gnädiger Herr,“ entgegnete ich,„augenblicklich ſteh' ich Rede, aber zuvor beſchwöre ich Sie, daß die Todtgeglaubte zu Bett gebracht werde, und man Belebungs⸗Verſuche anſtelle, bevor es zu ſpät wird. So wahr Gott im Himmel lebt, das Fräulein iſt keine Leiche, noch iſt Leben in ihr.“ Der Graf ſchien ergriffen und winkte, daß man meinen Worten Folge leiſte. Jetzt legte der Arzt und faſt alle Anweſenden Hand an, den Sarg von dem Trauergerüſte herabzuheben. Ich wollte gleichfalls mit Beiſtand leiſten; der Graf aber winkte mir:„Laſſen Sie,“ ſprach er,„Herr v. Blumauer wird das Nö⸗ thige beſorgen.“ Man ſchaffte den Sarg mit dem köſtlichen Inhalte mit möglichſter Vorſicht aus der Todtenhalle. Der Graf ſprach noch ein paar Worte zu einem der ihm zunächſt Stehenden, machte eine gnädige Handbewegung gegen mich, und folgte dem ſeltſamen Leichenzuge. Der Herr aber, zu dem er die Worte geſprochen, trat zu mir und erſuchte mich, ihm zu folgen. Die Wanderung ging durch lange Gänge und wir erreichten endlich eine einfache, aber nicht un⸗ freundlich möblirte Eckſtube in dem einen Flügel des 75 Schloſſes. Auf einem Tiſche am Fenſter befand ſich Schreibzeug und Papier. Mein ſehr einſilbiger Be⸗ gleiter erſuchte mich jetzt, meinen Namen, Herkunft, Heimath, nebſt dem Zwecke meines Hierſeins aufzu⸗ ſchreiben, und entfernte ſich mit der Bemerkung, bald zurückzukehren, und das Begehrte in Empfang zu nehmen. Ich war von dem Erlebten noch zu ſehr ergriffen, als daß ich auf dieſe ziemlich ſeltſame Inquiſition ſonderlich hätte achten ſollen. Das Verlangte ſtand bald mit wenigen Worten auf dem Papier, worauf ich mich an ein Fenſter ſtellte, welches eine prachtvolle Ausſicht über das große reizende Thal gewährte: „Freut euch, ihr guten Landbewohner,“ rief ich, „morgen könnt ihr euch wieder fleißig tummeln auf euren geſegneten Auen.“ Der wortkarge Cicerone ſtellte ſich wieder ein und nahm das beſchriebene Blatt in Empfang.„Wie geht es mit dem Fräulein?“ fragte ich ſogleich. „Der Herr v. Blumauer,“ war die Antwort,„hat in Gegenwart des hohen Elternpaars Belebungs⸗Ver⸗ ſuche angeſtellt, die kein ungünſtiges Reſultat zu ver⸗ ſprechen ſcheinen.“ „Natürlich, aber welchem gewiſſenloſen Arzte ver⸗ traut Euer Graf ſich und die Seinen an?“ „Der Herr von Blumauer iſt von gutem Adel.“ „Zum Henker, was hilft hier der Adel! Wo ſoll aber die Reiſe jetzt hingehen?“ „Dahin, wo wir herkamen.“ Sofort ward ich von dem unheimlichen Menſchen wieder bis zu dem äußern Schloßthore gebracht.„Der gnädige Graf,“ ſprach er hier,„wird Ihnen den Lohn für geleiſtete Dienſte im Gaſthauſe zuſtellen laſſen.“ „Wozu? Verſichern Sie dem gnädigen Grafen, 76 daß ich ſeines Lohnes nicht bedarf.“ Nun verneigte ſich der Schwarzrock und kehrte zum Schloſſe zurück. „O Adelſtolz, o Kaſtenthum!“ murmelte ich in⸗ grimmig,„das die heiligſten Herzensregungen in den Zaum erbärmlicher Etiquette zwängt.“ Wiewohl En⸗ gelberta's Bild wie ein ſtiller Segen in mir ruhte, ſo hatte doch die Art, wie man mit mir verfuhr, ſehr widerwärtig auf mich gewirkt, und ziemlich mißver⸗ ſtimmt kehrte ich zum Gaſthauſe zurück. Der ehrliche Wirth kam eine gute Strecke entge⸗ gen und ſchlug freudig die Hände über den Kopf. „O Sie Gluckskind,“ rief er, und führte mich mit wichtiger, geheimnißvoller Miene auf mein Zimmer; hier ſtand ein zierlich gedecktes Tiſchchen und darauf ein Stück Torte und eine Flaſche Wein. „Was ſoll das?“ fragte ich verwundert.„Es iſt noch zu früh zum Abendeſſen.“ „Vom gnädigen Herrn Grafen ſelbſt,“ erklärte der Wirth,„eine Auszeichnung, wie ich mich nie ent⸗ ſinne, daß ſie einen Durchreiſenden zu Theil gewor⸗ den wäre. Und ſollte dem Herrn Doctor etwas aus der gräflichen Küche belieben—“ „Sehr obligirt, will mich der Graf traktiren, ſo könnte ich dieſe Ehre, falls ich ſie nicht zurückwieſe, nur auf ſeinem Schloſſe annehmen. Schickt daher dieſe Koſtbarkeiten mit meinem gerührteſten Danke zurück.“ „Um's Himmels willen“, rief erſchrocken der Wirth, „wo denken Sie hin, eine ſolche Verantwortung— Man könnte glauben, ich habe—“ „So traktirt einen andern damit, ntſchied ich. „Uebrigens hole der Kuckuck Eure hohe Herrſchaft, mit Ausnahme Engelberta's; ich bin belohnt genug, die⸗ ſen Engel gerettet zu haben. Uebrigens könnt Ihr Euch freuen, morgen iſt wieder Arbeitstag.“ Kaum war ich am andern Morgen aufgeſtanden, als mir ein Diener vom Schloſſe ein Billet über⸗ brachte. Der gräfliche Haushofmeiſter dankte mir darin für die Geneſung der Gräfin Engelberta. Da⸗ bei lag ein Kremnitzer Paſſir⸗Ducaten. Empört über ſolche Behandlung packte ich ſofort das Goldſtück in einen Papierfetzen, den ich unmittelbar an den Gra⸗ fen addreſſirte und worin ich dieſen Nabob für ſeine zarten Aufmerkſamkeiten ziemlich grob bediente. Meine Habſeligkeiten befanden ſich bald im Torniſter, und ich beeilte mich, eine Gegend zu verlaſſen, welche, vom Himmel ſo geſegnet, durch den ſtarrſten Feuda⸗ lismus zu einem Kirchhofe ward. Ich war nicht lange gegangen, als mir die ſett⸗ ſame Stille rings umher von Neuem auffiel. Es war ſo öd und unheimlich wie geſtern.„Nun, das muß ich geſtehen, das Fräulein lebt, und die unglück⸗ lichen Unterthanen dürfen ſich noch immer nicht re⸗ gen.“ Ein des Wegs daher kommender Landmann belehrte mich. Auf mein Befragen erfuhr ich, daß zur Feier der Geneſung des gnädigen Fräuleins Engel⸗ berta auf fünf Tage alle Arbeiten ſtreng unterſagt wären. Jetzt begann ich zu galoppiren, um ſo bald als möglich aus dieſer Luft zu kommen. Unfern vom Schloſſe drang aus dem Hofraum eines großen finſtern Gebäudes ein markdurchdringendes Wehgeſchrei. Un⸗ willkürlich ergriffen blieb ich ſtehen. Die Wehklage ward immer kreiſchender, bis ſie nach einigen Minuten plötzlich verſtummte. Ein Mann, der in einer Ent⸗ fernung ſchen und verſtohlen den Jammertönen zu⸗ hörte, ging, ſo wie er ſich bemerkt ſah, ſogleich de⸗ müthig grüßend an mir vorüber. Von ihm erhielt ich die Auskunft: daß ſo eben das junge Mädchen, 78 welches dem gnädigen Fräulein auf der Straße ent⸗ gegen getreten und daſſelbe zum Tode erſchreckt, ihre Strafe, den doppelten Staupenſchlag, erhalten habe. Die Execution ſei deshalb ſo ſchnell vollzogen worden, weil Engelberta unmittelbar nach ihrem Erwachen auf ſchleunige exemplariſche Beſtrafung der Bauerndirne gedrungen habe. Da packte mich's wie Furien, und erſt, als mir das unglückſelige Thal ein großes Stück im Rücken lag, athmete ich freier. Es mochte ungefähr zwei Jahre ſpäter ſein, als mich eine Geſchäftsreiſe abermals durch das bewußte Thal führte. Der Wirth, bei dem ich wieder ein⸗ ſprach, war noch vieles magrer und menſchenfeindlicher geworden.„Ach, lieber Herr Doctor,“ ſeufzte er, mir beim Abſchied krampfhaft die Hand drückend, „hätten Sie doch vor zwei Jahren das gnäd'ge Fräu⸗ lein in Gottes Namen ſchlafen laſſen für alle Ewig⸗ keit, wir armen Leute würden es Ihnen nur Dank wiſſen. Engelberta iſt ſeit ihrem Wiedererwachen zehn⸗ mal ſchlimmer geworden als vorher, und hauſt in unſerm Thale ärger als ihre Ahnen. Und der Him⸗ mel bewahre uns gnädiglich, wenn der alte Graf ein⸗ mal die Augen zuthut und das Fräulein unbeſchränkte Beſitzerin wird. Ich tröſtete, ſo gut es gehen wollte, und befand mich bald wieder unterwegs. Während mein⸗Wagen ein Stück vorausfuhr, wan⸗ derte ich zu Fuß durch die reizende Gegend. So eben kam ich an einer kleinen höchſt freundlichen Maierei vorüber. Ich konnte mich nicht ſatt ſehen, wie hier auf dem Feld und in dem allerliebſten Gärtchen alles 79 ſo trefflich bebaut ward und fruchtbar gedieh. Aus jedem Ackerſtücke, aus jedem Gartenbeete ſprach der unermüdliche und kunſtreiche Fleiß des Bebauers. Wie glücklich können dieſe Leute leben, waren meine Gedanken, wenn ihnen der Fleiß ihrer Hände wirklich zu Gute käme; aber ſo erliegen die Armen unter Steuern und Abgaben, welche eine gnäd'ge Guts⸗ herrſchaft unſinnigerweiſe verſchwendet. So bleibt den Unglücklichen kaum das dürftige Leben. Meine Gedanken wurden plötzlich durch eine höchſt reizende Erſcheinung unterbrochen. So eben ſprengte auf milchweißem Zelter eine grazienſchlanke Frauen⸗ geſtalt aus dem Walde hervor. Ja ſie war es, es war Engelberta, das reizende Engelbild. Eine Ru⸗ del klaffender Doggen umſprang freudig die ſchöne Jägerin. Aber bald ward mein Wohlgefallen durch eine Scene verdrängt, wie ſie wohl nur zu oft in dieſer beklagenswerthen Landſchaft vorkommen mochte. Engelberta, deren grüner Schleier maleriſch in den blauen Lüften wehte, hielt mit Einemmale ihr Roß an und blickte nach dem Walde zurück, aus dem ein junger ſchöner Mann hervorſprengte. „Nachzügler!“ rief eine Glockenſtimme,„auf, fpl. gen Sie mir!“ Und mitten durch das Aehrenfeld ſprengte das Grafenkind, gefolgt von den Hunden. Der Begleiter beſann ſich nicht lange, dieſelbe Bahn einzuſchlagen. Die verheerende Cavalcade nahm ihre Richtung grade nach dem freundlichen Gärtchen, das mich durch ſeine Lieblichkeit und durch die ſorgfältige und mühe⸗ volle Bebauung ſo angeſprochen hatte. „Was gilt's, Herr Ritter,“ rief Engelberta, die immer ein Stück voraus war,„der Zaun iſt nicht hoch—“ 8 „Um Gotteswillen, Gräfin!“ beſchwor dieſer, durch das hohe Korn heranſprengend,„Sie werden nicht—“ Aber ſchon hatte die verwegene Reiterin die Gerte geſchwungen und ſetzte über die bedeutend hohe Ver⸗ machung in den Garten. Drinnen angelangt, tum⸗ melte ſie ihr Roß inmitten der Blumenbeete und wollte ſich todt lachen, als der Begleiter mit ziem⸗ lich bedenklicher Miene ſich die Zaunſtelle ausſuchte, über welche er der Tollkühnen folgen ſollte. Endlich war auch ihm der Beireiterſprung gelungen und die hohe Nobleſſe befand ſich im Garten, während die Hunde unter lautem Geheul von außen an der Um⸗ zäunung in die Höhe ſtrebten. „Aber wo hinaus? das iſt die Frage,“ ſcherzte Engelberta, auf und nieder reitend und die entgegen⸗ geſetzte Vermachung recognoscirend. „Ich dächte, es wäre der Halsbrechereien genug, Gräfin,“ bemerkte der Cavalier. Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Engelberta auch ſchon glück⸗ lich und wohlbehalten über dem zweiten Zaun hin⸗ aus war. „Teufel!“ brummte der Zurückgebliebene, nahm den Reſt ſeines Muths zuſammen und folgte der Grä⸗ fin auf dem gefährlichen Wege. Von nun an ging's in geſtrecktem Galopp querfeldein und im gradeſten Wege dem Schloſſe zu. „Ei, daß ihr den Hals gebrochen,“ rief ich er⸗ grimmt den Dahinfliegenden nach und aus einem Gartenhäuschen traten die armen Gärtnersleute und umſtanden mit gerungenen Händen und thränenden Augen die Verwüſtung. Ich hörte da unter andern auch einen gewiſſen Doctor verwünſchen, welcher vor zwei Jahren das Fräulein vom Tode auferweckt habe; 8¹ und ich ward nach dem ſo eben Erlebten immer un⸗ gewiſſer, ob es nicht beſſer geweſen wäre, ich hätte den Sargdeckel ungeſtört über das Engelbild herab⸗ finken laſſen. Manches Jahr war dahin gegangen, in Frankreich hatte bereits die Revolutionsglocke allen vom Feuda⸗ lismus Bedrückten die Stunde der Erlöſung verkün⸗ det, als mich mein Weg zum dritten Male durch das bekannte Thal führte. Das ehemals Erlebte ſtand wie ein dunkler Traum vor mir. Ob ſie wohl noch lebt, die ſchöne, ſtolze Engel⸗ berta, die ich im Tode lieben, im Leben haſſen lernte; ob ſie ſich durch jenes Hochgericht, das in Frankreich über den Adel gehalten wird, in ihren feudaliſtiſchen Grillen ein wenig hat einſchüchtern laſſen und barm⸗ herziger geworden iſt gegen ihre Unterthanen? Dieſe Gedanken beſchäftigten mich, als der Schwager, der an der letzten Station das Commandvo der Extrapoſt übernommen, und in hieſiger Gegend ziemlich bekannt ſchien, ganz unaufgefordert alſo zu erzählen begann: „Die Herrſchaft, in die wir ſo eben einfahren, iſt faſt die gottserbärmlichſte im ganzen Lande, und daran iſt Niemand anders als eine Frau Schuld, welche wie ein Kobold, wie ein böſer Geiſt über die⸗ ſes fruchtbare und ehedem ſo blühende Land gebietet. Dieſe Frau war zwar von Kindesbeinen an ein leib⸗ haftiger Teufel; aber ſeit vor Kurzem die Pariſer Einige von ihrer Sippe geköpft, iſt vollends kein Aus⸗ kommen. Sie iſt ſeit der Zeit ordentlich wahnſinnig und ihre Unterthanen ſollen aufeſſen, was der Herr Robespierre einbrockt. Ihr Haß gegen jedes Geſchöpf, wenn's nicht„von“ iſt, grenzt an Wuth, und in je⸗ dem Bürgers⸗ und Bauers⸗Mann ſieht ſie einen Scharf⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. IX. 6 82 richter, der ihr an die Kehle will. Wenn doch der liebe Gott oder vielmehr der liebe Schwarze das böſe Weib recht bald abholen wollte; denn geht ihr Regi⸗ ment noch lange fort, ſo werden bei der unfinnigen Verſchwendung alle hieſigen Bewohner zu Bettelleuten. Weiß der Satan, die Frau iſt ſchon einmal mauſe⸗ todt geweſen und hat ſollen zu allgemeiner Erbauung begraben werden; ja proſit! Unkraut verdirbt nicht, kommt da ein Teufelskerl, ein Schwarzkünſtler mit einem Hexenbrennglaſe und macht ſie zum Schrecken aller Leute wieder lebendig.“ Man kann denken, welche Empfindungen bei die⸗ ſer Relation in mir rege wurden. Ich ſchwieg gern gegen den ehrlichen Schwager und der Wagen rollte in das Thal hinab. Aber bald bemerkte ich hier, wie die einſtige Fruchtbarkeit von dieſen Fluren ge⸗ wichen war. Dünn und dürftig ſchwankten die leichten, ſproſſenden Halme, vom Frühlingswinde leis hin und her bewegt; mancher Acker lag ganz wüſte und auch die einſt ſo zahlreichen Obſtbäume hatten ſich ſichtbar vermindert. „Ja,“ fuhr der redſelige Wagenlenker fort,„zu Lebzeiten des ſeligen Grafen ſah's freilich hier anders aus. Das war wohl auch ein ſtrenger, ſtolzer Herr; aber nicht auf ſo methodiſchen Ruin des Landes be⸗ dacht, wie die Kobold⸗Tochter. Mancher, der ſich unter dem Grafen noch recht leidlich befunden, iſt in der letzten Zeit verdorben und geſtorben; Andere ſind gar ausgewandert. Ich verdenke es den Leuten nicht, Menſch bleibt Menſch.“ Das gräfliche Schloß ward jetzt im Hintergrunde der Landſchaft ſichtbar. Es nahm ſich noch immer ſtolz und ſtattlich aus. Nur etwas altergrauer war es geworden. 83 Der Schwager wußte noch viel von den Leiden und Drangſalen der hieſigen Bewohner zu erzählen, als mit Einemmale auf der gegenüber liegenden An⸗ höhe, über welche die Straße führte, eine vierſpän⸗ nige Caroſſe erſchien und im geſtreckten Galopp in's Thal herabbrauſte. „Da ſehen Sie das wilde Weſen,“ ſprach mein Cicerone, mit der Peitſche auf das herandonnernde Viergeſpann zeigend.„Iſt das eine Art, auf dieſem Mordwege? Ich verſtehe meinen Trapp wie Einer, aber das heißt Gott verſuchen. Freilich,“ fuhr er fort,„die bricht den Hals nicht und wirft auch nicht um, denn das hätte ſchon tauſend Mal geſchehen müſſen, wenn's mit rechten Dingen zuginge.“ Unterdeß kam die gräfliche Equipage näher; ſchon ſignaliſirte der Vorreiter dem Schwager, daß er aus⸗ weiche:„Nun, nun,“ brummte Dieſer,„Ihr werdet's erwarten können;“ mir aber ward ob dieſer dritten Begegnung Engelberta's wunderlich zu Muthe. Ich bedauerte wirklich, daß ſie ſo ſchnell daher flog; denn ich geſtehe es, gern hätt' ich meinen ehe⸗ maligen Engel einmal mit Muße in der Nähe be⸗ trachtet. Der gräfliche Wagen hatte jetzt eine kleine Brücke zu paſſiren, die über einen von abſchüſſigen Uferwänden umgebenen Bach führte, als mit Einem⸗ male die Vorderpferde hoch aufbäumten und rechts ſchwenkten. Vergebens riß der darauf ſitzende Stall⸗ knecht das wildgewordene Geſpann zurück; der Wagen gerieth aus dem Gleiſe, rannte mit gewaltiger Kraft an eine Brückenmauer, brach unter Gekrach zuſammen und ſtürzte in die Tiefe. „Nun, wenn ſie diesmal nicht genug hat,“ ſprach mit großer Ruhe der Schwager,„ſo muß Seine Herr⸗ lichkeit der Herr Satan ſelbſt mit drinnen ſitzen im 84 Kaſten; ich aber ſprang aus dem Wagen und eilte nach dem Unglücksplatze. Zum Glück war von der Dienerſchaft Niemand verletzt; wie es jedoch mit der Gräfin ſtand, welche allein im Wagen geſeſſen hatte, mochte Gott wiſſen. Ich legte ſogleich Hand an den übel zugerichteten Wagen um die Unglückliche heraus⸗ zuheben. War es aber der Schrecken, welcher der Dienerſchaft in die Glieder gefahren, oder Liebloſig⸗ keit, ſie zeigte ſich ziemlich theilnahmlos, und erſt auf meinen wiederholten Zuruf leiſteten Einige Bei⸗ ſtand. Engelberta lag in tiefer Ohnmacht und trug am Kopfe bedeutende Verletzung. Ach, ſie war noch im⸗ mer das reizendſte Weib, das ich je geſehen. Die ſylphenhafte Jungfrau hatte ſich zur üppigen Schön⸗ heit entfaltet. Ich erkannte die Gefahr, in welcher ſich die Ohnmächtige befand. Nur ſchleuniger Ader⸗ laß konnte retten. Auf meinen Befehl trug man die reizende Bürde in ein nahe gelegenes Bauernhaus. So wie ich mit der Lanzette den aderöffnenden Schnitt in den Alabaſter-Arm gethan, erwachte die Gräfin aus ihrer Ohnmacht. Sie riß den Arm, aus dem ein Purpurquell ſprang, entſetzt zurück und ſchrie nach Hülfe. Ich bat und beſchwor, ſo ihr das Le⸗ ben lieb, ſich ruhig zu verhalten. Aber alle Bitten und Beſchwörungen waren vergebens. Das Weib, außer ſich, in einer Bauernſtube zu athmen und von einem Unbekannten, in dem ihr Inſtinet ſogleich den Bürgerlichen erkannte, ſich ärztlich behandelt zu ſehen, ſtieß die gemeinſten Schmähworte aus und verlangte nach ihrem Leibarzte. Eine neue Ohnmacht machte ihrem Wüthen ein Ende. Ich benutzte den günſtigen Angenblick, den Verband umzulegen, denn ein größe⸗ rer Blutverluſt konnte todtbringend werden. Aber kaum hatte ich das Geſchäft vollendet, als die Ohn⸗ 85 mächtige wieder zum Leben und zur Beſinnung ge⸗ langte. Sie riß die Armwunde auf; auch den Ver⸗ band vom Kopfe riß ſie zornig herab und warf ihn mit Abſcheu von ſich.„Hinweg, infame Kreatur!“ kreiſchte ſie und ſtieß mit dem Fuße nach mir, und zu der Dienerſchaft gewendet:„bei eurer Seligkeit, dieſer Menſch ſoll mich nicht mehr anrühren!“ Mit Einemmale aber ward die Stimme leiſer. Aus allen Wunden ſtrömte das Blut. Nochmals verſuchte ich, meinen Beruf als Arzt zu erfüllen; aber die Diener⸗ ſchaft hielt mich mit Gewalt zurück. Da empörte ſich mein Innerſtes gegen dieſe adelſtolze Frevlerin, die ſelbſt am Grabesrande mit ſtolzer Seele dem Uebermuthe ihrer Kaſte fröhnte, und ich ſprach mit giftiger Reſignativn:„So fließe denn, du ade⸗ liges Blut!“ Und es floß, reichlich, unaufgehalten, und das himmelſchöne Antlitz ward bleich und bleicher; ſchon ſtellten ſich jene bedenklichen Zuckungen ein, mit wel⸗ chen der Tod nach ſeiner Beute harkt; ſchon ſanken ſchwarze Schleier über die einſt ſo blühenden Augen — da riß ich mich mit Gewalt los und wollte ret⸗ ten. Die Gräfin, über welche der Tod immer dunk⸗ lere Schatten geworfen hatte, bemerkte es dennoch. Zum Letztenmale malte ſich ihr Abſcheu vor dem Bür⸗ gerthum auf dem ſterbenden Antlitz; mit letzter Kraft preßte ſie ein verächtliches„Hinweg!“ hervor.— Zwei tiefe Athemzüge— das Haupt ſank auf die Bruſt— Engelberta war nicht mehr. Mit jener ariſtveratiſchen Energie, von welcher ſie im Leben ſo oft Beweiſe gegeben, war ſie auch geſtorben. Sie blieb ſich gleich im Leben wie im Tode; wie ihr gan⸗ zes Daſein hienieden, war ihr letzter Sterbeſeufzer eine— Proteſtation gegen das Bürgerthum. 36 Da die Gräfin Engelberta unverehelicht geſtorben, fiel die Beſitzung an einen entfernten Seitenverwand⸗ ten, der, von Schulden gedrückt, nichts Angelegent⸗ licheres zu thun hatte, als die ſehr herabgekommene Herrſchaft für den beſtmöglichſten Preis loszuſchlagen. Ein reicher Privatmann und Freund von mir kaufte ſie unter billigen Bedingungen. So kam das alte Schloß, welches mehre Jahrhunderte der Stammſitz einer der adelſtolzeſten Familien geweſen war— in bürgerliche Hände. Der neue Beſitzer, ein Mann von trefflichen Geiſtes⸗ und Herzens⸗Gaben, that alles Mögliche, den verarmten Landleuten ihre langjähri⸗ gen Leiden vergeſſen zu machen, und der Himmel ſegnete ſein Bemühen. Bereits nach wenigen Jahren blühte das Ländchen wieder wie ein kleines Para⸗ dies; und wo ehedem Furcht, Mißtrauen, Mißmuth und Verzweiflung geherrſcht, da wohnten jetzt Glück, Zufriedenheit und Freude. Mehrmals ward mir das Glück, meinen würdigen Freund, der wie ein Vater über ſeiner blühenden Schöpfung waltete, zu beſuchen. Ich verlebte meine froheſten Tage daſelbſt, und oft mußten meine ſelt⸗ ſamen Begebniſſe mit der Gräfin Engelberta, deren wohlgetroffenes Bildniß den altergrauen Ahnenſaal des Schloſſes ſchmückte, den Stoff zum Geſpräch geben. Eines Tages, als ich mich gleichfalls auf Beſuch befand, traf ich bei einer Wanderung durch den Schloß⸗ garten auf ein paar Maurer, welche beſchäftigt wa⸗ ren, den Eingang zu einem unterirdiſchen Gewölbe zu vermauern. Es war das ehemalige gräfliche Erb⸗ begräbniß. Ich zündete eine Leuchte an und ſtieg hinab in das Reich der Todten. Da ruhte in langen Reihen von Särgen das ganze einſt ſo mäch⸗ tige und ſtolze Grafengeſchlecht. In dem letzten 87 Sarge der letzten Sargreihe ſchlief— Engelberta. Die Seene ihres Todes trat mir lebhaft vor die Au⸗ gen und ich mußte geſtehen, daß ſie als die Letzte ihres Geſchlechts dieſem würdig und als ächte Reprä⸗ ſentantin jener blutdunkeln Tage geſtorben war, die wir oft thörichter Weiſe mit dem Namen„der guten alten Zeit“ bezeichnen. „Bleibe auf ewig verſargt, du gute alte Zeit, und kehre nie wieder,“ rief ich heraufſteigend aus der dumpfen dunkeln Todesgruft und wartete, bis der letzte Stein eingekalkt war, der gleichſam auf immer die finſtere Vergangenheit von der lichtvollen freundlichen Gegenwart ſchied. Man hat ſich ſpäter noch oft Mühe gegeben und giebt ſich dieſelbe heutigen Tags noch, jene vermo⸗ derte und vermauerte Zeit wieder herauf zu beſchwö⸗ ren; aber wie mächtige Herren dabei auch im Spiele waren und es noch ſind, es iſt nicht gelungen und wird nicht gelingen. Der liebe Gott ſelbſt hat zu getreue Wächter an die Gruft geſtellt: ſie heißen Licht, Vernunft, Gerechtigkeit und Humani⸗ tät. Dies ſind die vier Evangeliſten und Zions⸗ wächter der neuen Zeit, und ſo wird Engelberta, wenn auch nicht die Letzte, doch gewiß eine der Letzten ih⸗ res Geſchlechts geweſen ſein. Der Mohr von Venedig. Ein Scherz. nge taugen nichts! Die Wahrheit dieſer Worte hatte ſich Herrn Sebaſtian Corvinus, Bürger⸗ meiſter von Zuckelhauſen, einer kleinen deutſchen Stadt, während einer fünfundzwanzigjährigen Praxis ſo un⸗ abweisbar herausgeſtellt, daß er ſie zum Lebensmotto gewählt hatte. Was helfen indeß die ſolideſten Grund⸗ ſätze, Menſch bleibt Menſch, und hat ſeine ſchwachen Stunden. Demnach war es in einer der letzteren der Zuckelhauſener liberalen Propaganda gelungen, dem ehrenfeſten Sebaſtian eine Conceſſivn der Neuzeit ab⸗ zuringen, die dem guten Manne, wie wir ſehen wer⸗ den, ſehr ſchlimme Früchte bringen ſollte. Seit mehren Jahren ſchon hatte die Propaganda intriguirt und gebohrt, um in Zuckelhauſen die in größeren Städten übliche Sitte einzuführen, ſich dem Neujahrstage nicht durch zeitraubende Viſiten, ſondern durch Karten zu begratuliren; aber Sebaſtian war dieſer afterdeutſchen Mode zeither determinirt auf den Kopf getreten. Wie ein Fels hatte er die revolutio⸗ nären Wogen und Wallungen über ſein Haupt dahin gehen laſſen, ohne ein Haar nachzugeben. So lange er Bürgermeiſter von Zuckelhauſen, waren ſeine Worte geweſen, ſolle dieſe Pariſer Neuerung nicht Wurzel faſſen. Mit Paris ſtand er überhaupt auf geſpann⸗ 92 tem Fuße; und unſer Sebaſtian war weit entfernt, der Julidynaſtie diejenigen Zugeſtändniſſe zukommen zu laſſen, welche Louis Philipp von den Großmächten zu erwarten berechtigt iſt. Eine Hauptmacht, welche dem Bürgermeiſter bei ſeinem Kampfe gegen die Neujahrkarten zur Seite ſtand, war die Preſſe, dieſe Pallas Athene der öffent⸗ lichen Meinung. Man wird den Kopf ſchütteln, und gleichwohl war es nicht anders. Sebaſtian beherrſchte dieſelbe, und zwar mit einer Energie, gegen welche ſich die Cenſuredicte Napoleon's verſtecken mußten; und was das Kopſſchütteln des geneigten Leſers be⸗ deutend vermehren wird, dies geſchah trotz einer un⸗ beſchränkten— Preßfreiheit. Ja, vernehmt es, ſechsunddreißig Millionen Deutſche, trotz Bundestag, Karlsbader Beſchlüſſen und allen deutſchen Codexen zum Hohne, genoß das kleine Zuckelhauſen— Preß⸗ freiheit. Die Sache ging einfach zu. Das einzige Organ der Preſſe für die genannte kleine Stadt war das alle Sonnabende erſcheinende Wochenblatt, das allerdings unter Cenſuroberherrlichkeit des Herrn Bür⸗ germeiſters ſtand. Letzterer war zugleich Herausgeber und Verleger; da er aber kein Freund der weitver⸗ breiteten Sitte war, die Spalten eines Lokalblattes mit fremden Federn zu ſchmücken, brachte er lauter Originalartikel, die keuſch, wie ſie aus der Hand ih⸗ res Schöpfers hervorgegangen, abgedruckt wurden, ohne vorher anderswo unter dem Preßbengel geſeufzt zu haben. Die Mitarbeiter zu honoriren, hielt Sebaſtian für eine unverzeihliche Zumuthung; daher dachte er⸗ ſelber iſt der Mann, und darum ſchrieb er ſein Wo⸗ chenblatt ſelber und ließ die Artikel ohne Impri⸗ matur drucken; wodurch ſich das Räthſel von wegen der Zuckelhauſener freien Preſſe löſt. 93 In ſeinem kleinen Moniteur kämpfte Sebaſtian ritterlich gegen die Revolution, und da der Propa⸗ ganda kein anderweites Journal zu Gebote ſtand, be⸗ hielt er ſtets das letzte Wort; was den Redacteur mit vielem Selbſtgefühl erfüllte. Indeß der Weltgeiſt geht ſeinen Gang, und hat er ſich einen Plan erſonnen, führt er ihn aus, trotz Preßzwang und Preßfreiheit. Sebaſtian ſollte die Wahrheit an ſich verſpüren wie Karl der Zehnte, auf den er Stücke hielt.— Ein junger Baron, welcher ein in der Nähe von Zuckelhauſen gelegenes Rittergut käuflich an ſich ge⸗ bracht hatte, feierte ſeinen Einzugsſchmaus, wozu er die Notabilitäten von Zuckelhauſen, den Bürgermei⸗ ſter an der Spitze, eingeladen hatte, und zwar durch ſauber geſtochene— Karten. Sebaſtian wollte An⸗ fangs, ſeinem Principe getreu, und um am eigenen Wochenblatte nicht zum Renegaten zu werden, die in Kupfer geſtochene Einladung ausſchlagen, ward aber von dem nach den Fleiſchtöpfen Aegyptens lungernden Rathscollegiv, welches einen Tag vor dem Schmauſe ſich ſelbſt zu einem außerordentlichen Faſten verur⸗ theilt hatte, in ſeinem Entſchluſſe wankend gemacht. — Sämmtliche Senatoren waren zu Bauchrednern geworden, denn ſie ſprachen mehr zu Gunſten ihres Bauches als ihrer Ueberzeugung zum Bürgermeiſter. Dergleichen Naturſtimmen vermag ſelten ein Menſch für die Dauer zu widerſtehen; ſo ward auch unſer Sebaſtian, nachdem er lange mit Römermuthe pro aris et focis gekämpft, in den Strudel der Revolu⸗ tion hinabgezogen. Die Propaganda in Zuckelhauſen jubelte auf, als der beſiegte Sebaſtian mit ſeinem leerbäuchigen Collegium hinaus zog zum Baron. Hier zeigte ſich's 94 aber bald, wie reißend ſchnell die Sünde den ganzen Menſchen ergreift, ſobald er ihr einen Finger ge⸗ reicht hat. Sebaſtian in ſeinem antigalliſchen Rigorismus hätte ſich nie träumen laſſen, daß man in Folge eines ſo kleinen Papierſtreifs, den er mit wahrer Berſerker⸗ wuth bekämpft hatte, ſo viel zu eſſen und zu trinken bekomme. Bei der erſten Flaſche hatte ſich ſein Groll noch nicht ganz verloren; die zweite ſpülte ihn voll⸗ kommen hinunter; bei der dritten ward er beredt, bei der vierten zum Enthuſiaſten für die Viſitenkarten. Sein Senat, der vollkommen frequens war, und bei jedem Gange mehr anſchwoll, wie die Rieſenſchlange, ſo daß er ſpäterhin zu Hauſe gefahren werden mußte, ſtimmte mit ſeltener Einhelligkeit bei. Kurz, die Kartenfrage war entſchieden. Die Propaganda trium⸗ phirte, die Kartenwuth griff mit einer Vehemenz um ſich, daß man ſich ſelbſt Karten ſchickte bei den un⸗ paſſendſten Gelegenheiten. Sebaſtian's conſervatives Syſtem war geſtürzt. Der böſe Geiſt der Neuerun⸗ gen hatte in dem Jahrhunderte lang unfriedeten Zuckelhauſen die tricolore Flagge aufgezogen;— aber die Strafe für den Bürgermeiſter, den Verräther an dem ſo lange gehegten und gepflegten Stabilitäts⸗ principe ſollte nicht ausbleiben. Es war am Neujahrstage in den Vormittagsſtun⸗ den, als Herr Sehaſtian Corvinus in hoher Behag⸗ lichkeit in ſeinem Lehnſtuhle ſaß und, die lange Pfeife dampfend, ſich die Zeit vertrieb, die zahlloſen Gra⸗ tulationskarten zu leſen und zu ordnen, welche von den Honvratioren und der Bürgerſchaft ihm ununter⸗ brochen zugeſchickt wurden. Von Zeit zu Zeit ſchüttete Safian, der Rathsfrohn, der Sonn- und Feſttagsbe⸗ dientenſtelle beim Bürgermeiſter vertrat, ganze Hände 95 voll friſcher Ankömmlinge dem gefräßigen Herrn auf. Letzterer hatte die löbliche Vorſicht gehabt, um das häufige Klingeln zu vermeiden, nach Art der Buch⸗ händler eine Art Zettelkaſten an ſeiner Hausthür an⸗ zubringen, welcher die Aufſchrift führte:„Behältniß für ſolche Neujahrskarten, die dem Herrn Bürger⸗ meiſter beſtimmt ſind.“ Safian hatte nun in ge⸗ wiſſen Zeiträumen die Obliegenheit, das Zettelneſt auszunehmen, und die von Stadt und Bürgerſchaft gelegten Eier ſeinem Gebieter in der Schürze hinauf⸗ zutragen. Der Verleger einer zwanzigbändigen Encyelopädie kann die desfalſigen Verlangzettel nicht mit größerm Wohlwollen und größrer Behäbigkeit inſpieiren und rubriciren, als dies Herr Sebaſtian mit den Zuckel⸗ hauſener Neujahrskarten that. So iſt der Menſch. Die einſtige Antipathie war in wahre Affenliebe über⸗ gegangen. Da, wie überall, der Luxus auch hinſicht⸗ lich der Karten große Fortſchritte gemacht hatte, ſo ſtudirte Sebaſtian in den verſchiedenen Schriftarten und Schnörkeln die Fortſchritte der Lithographie und Kupferſtecherkunſt. Die goldgeränderten, ſo weit war der Luxus in Zuckelhauſen bereits vorgedrungen, hat⸗ ten ſich beſonders der Zuneigung des geſtrengen Herrn Bürgermeiſters zu erfreuen; dann kamen die kupfer⸗ geſtochenen, dann die lithographirten, endlich die ge⸗ ſchriebenen. Ein Golddruck„die Familie Leutſch⸗ knautſch,“ reiche Thonpfeifenfabrikanten, lag oben an, und Herr Sebaſtian konnte ſich an dem Kunſtwerke nicht ſatt ſehen.— Eben kam Safian wieder vom Neſte und ſtreute den Kartenſegen vor dem geſtrengen Herrn Bürger⸗ meiſter auf; meiſt geſchriebenes, unorthographiſches, unappetitliches Zeug aus der Kuckucksgaſſe, Gevatter 96 Grobſchmidt und Comp. Der Sattler Hackenaſt hatte ſich's auch gar zu bequem gemacht, und Blätter aus der deutſchen Solokarte, mit welcher den ganzen Win⸗ ter geſpielt worden war, weiß angeſtrichen und ſei⸗ nen unmelodiſchen Namen darauf verewigt. Unglück⸗ licherweiſe war die weiße Farbe oberhalb etwas ver⸗ wiſcht, ſo daß der Kopf des eichelnen Dauſes dem geſtrengen Herrn Bürgermeiſter zutraulich zunickte. Mißmuthig bergwerkte Sebaſtian unter dem Hau⸗ fen Grobzeuge nach etwas Ariſtokratie, ſie verſchwand aber gänzlich unter Beutlern, Kammmachern, Lein⸗ webern und ähnlichen volksſouveränen Gewerken. Was konnte auch von der Kuckucksgaſſe Gutes kom⸗ men? Der ariſtokratiſche Markt, ſo wie Ritter⸗ und Paulsſtraße hatten bereits bei früher Tageszeit ihr kartenbeſchwertes dienendes Perſonal als Stafetten umhergeſandt. Plötzlich that der Bürgermeiſter einen ungeahnten Fund. Zwiſchen dem pöbelhaften Geſchmier des Jo⸗ hann George Punzel, Korbflechters, und dem wiſch⸗ artigen Stück Papier des Chriſtian Hirſemeyer, Kirſch⸗ pachters, das eher ſich zu jedem andern Zwecke, als zu einer Viſitenkarte am Neujahrsmorgen, eignete, lag ein höchſt ſauber gepreßtes und mit Goldſchrift bedrucktes Kärtchen, das durch ſeine geſchmackvolle Eleganz ſelbſt die goldgeränderten Karten der Zuckel⸗ hauſener Ariſtokratie in den Schatten ſtellte. Kaum getraute ſich Sebaſtian, das liebenswürdige Blättchen in die Hand zu nehmen. Doch wer beſchreibt die zu Stein erſtarrenden Geſichtszüge dieſes Mannes, als ſeine Augen in ſauberem Golddruck die Worte laſen: „Der Mohr von Venedig.“ 97 Es erfolgte eine Pauſe, die groß zu nennen war. An den Verſtand des Bürgermeiſters von Zuckelhau⸗ ſen war nie eine ſo eminente Zumuthung geſtellt wor⸗ den, das Räthſelhafte einer ſolch koſtbaren Viſiten⸗ karte zu entziffern. Als er ſich in Etwas gefaßt, hielt er die Karte dem Rathsfrohne vor, der in ſtei⸗ fer Devotion in einiger Entfernung neben ihm ſtand, und welchem die unverkennbare Gemüthsbewegung ſei⸗ nes Herrn ſeinerſeits ein Räthſel war. „Safian,“ hub Corvinus in einem Tone an, in welchem der Frohn den geſtrengen Gebieter von Zuckel⸗ hauſen kaum wieder erkannte,„wie lieſeſt Du dieſe Schrift?“ Safian beugte ſich etwas vorwärts und buchſta⸗ birte:„D—er M—ohr— v—on— Ve— ne— dig—“ Dieſe Antwort war dem Bürgermeiſter nicht unlieb: er erkannte daraus, daß ſein Auge noch richtig con⸗ ſtruirt ſei, was er einige Zeit bezweifelt hatte. Es entſpann ſich jetzt zwiſchen Sebaſtian und ſei⸗ nem Diener ein Geſpräch, das wir dem Leſer nicht vorenthalten wollen. Vorher erkundigte ſich der erſtere nochmals, ob Safian auch richtig geleſen, und als dieſer bei ſeiner Ausſage beharrte und zum Beweis die vier Worte der Viſitenkarte nochmals ausführlich herbuchſtabirte, frug er: „Was denkſt Du, Safian?“ „Nichts,“ entgegnete dieſer. „Da geht Dir's wie mir; aber was vermutheſt Du?“ „Nichts!“ „Da befindeſt Du Dich in demſelben Zuſtande, in dem ich mich befinde. Haſt Du je von einem Mohren von Venedig gehört?“ Stolle, ſämmtl. Schriften. K. 7 98 „In meinem Leben nicht.“ „Wenn mich nicht Alles trügt, hat dieſer ſchwarze Satan ſeine leibliche Frau erdroſſelt.“ „Da wollen wir ihn doch einfangen und krumm ſchließen.“ „Wenigſtens munkelten die Comödianten, die vor'm Jahre auf dem Kellerſaale ſpielten, wenn ich mich recht entſinne, von der Geſchichte.“ „Welche Frechheit, unter ſolchen Umſtänden Neu⸗ jahrskarten zu ſchicken.“ „Es iſt dies ein Fall, der mir als Bürgermeiſter noch nicht vorgekommen iſt.“ „Mir auch nicht.“ „Vor allen Dingen dürfen wir nicht unterlaſſen, nachzuſpüren, wo ſich der Schwarze befindet. In der Stadt muß er ſtecken, wo käme die Karte her.“ „Geſtrenger Herr Bürgermeiſter, ich will doch in den gehörnten Ochſen laufen, wo die geſtrengen Her⸗ ren und Potentaten abzuſteigen pflegen.“ „Thu' das, Safian. Du ſiehſt, die Sache iſt von Wichtigkeit. Faſt möcht' ich den Senat zuſammen rufen. Die Sache iſt neu.“ „Ja, etwas ganz Neues zum neuen Jahr.“ „Biete Deine ganze Spürkraft auf, Safian, Du kannſt nöthigen Falls Kirmſen, den Bettelvogt, re⸗ quiriren, und erſtatte mir ſofort Bericht über den Schwarzen. Eine ſolche Gelegenheit, Deinen Kund⸗ ſchafterſinn in vollem Glanze zu zeigen, bietet ſich ſo leicht nicht wieder. Laufe vor allen Dingen in den gehörnten Ochſen und ſieh nach, ob er da iſt. Vergreife Dich indeß nicht ſogleich an ihn in Deiner gewohnten Hitze. Ein ſolcher Menſch hat ſeine Ver⸗ bindungen. Wir könnten in Verwickelungen gerathen mit auswärtigen Höfen. Findeſt Du ihn jedoch im 99 gehörnten Ochſen nicht, ſo eile in die Thore und ci⸗ tire die Thorwärter hierher. Die müſſen Auskunft wiſſen.“ Safian ſetzte ſich dienſtbefliſſen in Trab, während der Bürgermeiſter mit ſorgenvoller Stirn in ſeinem Gemache auf⸗ und abſchritt. „Das muß wahr ſein,“ begann er nach einiger Zeit ſein Selbſtgeſpräch,„der geplagteſte Mann in der Stadt iſt der Bürgermeiſter. Heute haben wir das liebe Neujahr, und kaum iſt die Sonne aufge⸗ gangen, geht Noth und Sorge an, ereignen ſich Fälle, welche das angeſtrengteſte Nachdenken zur Verzweiflung bringen.“ Fortwährend hielt er dabei die Karte des Mohren in der Hand, den Blick darauf gerichtet. „Ich begreife nicht, wo das hinaus will,“ fuhr er fort,„ich weiß nicht, was ich denken ſoll. Gra⸗ tulirt mir der Mohr von Venedig zum Neujahr. Ich möchte wiſſen, ob ſo etwas einem deutſchen Bürger⸗ meiſter ſchon widerfahren iſt?“ Nachdem Sebaſtian eine geraume Zeit mit den ſonderbarſten Hypotheſen ob des Mohren von Venedig ſich abgeplagt und ſeinen eigenen Gedanken eine außer⸗ ordentlich umfängliche Conferenz ertheilt hatte, deren Reſultate freilich nicht ſehr ergiebig waren, begann ein gewaltiges Stampfen im Vorgemach. Es waren die vier Thorwächter Meiſelbach, Gallenbeck, Brand⸗ ſtrupp und Geottlob, die, Schnee abſtäubend, der Sa⸗ fian'ſchen Citation Folge leiſteten. Auf erfolgtes Gebot marſchirten ſie in Colonne vor ihrem Gebieter auf, und das Examen begann. „Meiſelbach,“ erkundigte ſich Sebaſtian,„wer iſt ſeit geſtern zum Schützenthore einpaſſirt?“ Der Gefragte nannte mehre Perſonen, deren 100 Signalement keineswegs mit einem Mohren von Ve⸗ nedig zu vereinbaren war. Verſtimmt wandte ſich das Oberhaupt der Bürger⸗ ſchaft zu Gallenbeck. Es erfolgte ein gleiches unbe⸗ friedigendes Reſultat. Sebaſtian ward immer unwirſcher. Die Reihe kam an Brandſtrupp. Auch dieſer wollte von einem Mohren von Venedig nichts geſehen und gehört haben. Der Bürgermeiſter von Zuckelhauſen hielt jetzt eine Donnerrede an die Thorwärter. Er beſchuldigte ſie der Unaufmerkſamkeit und Nachläſſigkeit in ihrem wichtigen Amte, er drohte mit Abſetzung. Das Wort Abſetzung klang dem Gottlob, dem vierten Wärter, welcher keineswegs in dem Renommée eines Genies ſtand, zu graulich. Er faßte ſich daher ein Herz und ſprach:„Ich hab' ihn geſehen!“ Sebaſtian, welcher in ſeinem Eifer den vierten Norweger ganz überſehen hatte, frug daher raſch: „Wie, den Mohren?“ „Ja, den Mohren,“ erwiederte Gottlob herzhaft. „Wann traf er ein, gewiß zur Nachtzeit?“ „Ne, am hellerlichten Tage.“ „Unbegreiflich. War er zu Fuß oder zu Pferde?“ „Zu Wagen.“ Der Bürgermeiſter warf hier den andern drei Thorwärtern einen Blick zu, welcher beſagte: da ſeht, ihr nichtsnutzigen Kerle, wie der wegen ſeiner Dumm⸗ heit verſchrieene Gottlob aufpaßt. „Nur weiter, Gottlob,“ munterte er auf:„ſah der Kerl wirklich ſchwarz aus im Geſicht wie ein Eſſenkehrer.“ „Bewahre Gott,“ ſchüttelte Gottlob. „Was?— wie war denn die Fratze?“ „Ein Bischen gilblich.“ 401 „Ein Bischen gilblich blos? Kerl, Du weißt nicht, was Du ſprichſt. Hat man im Leben einen gilbli⸗ chen Mohren geſehen?— Was trug er denn auf dem Kopfe? Unbeſtritten etwas Türkiſches, einen Turban?“ „Bewahre Gott!“ „Was denn?“ „Eine Haube!“ Jetzt ward's dem geſtrengen Herrn Bürgermeiſter außerm Spaße. „Eſel,“ ſchrie er,„es war doch wenigſtens ein Mann?“ „Bewahre Gott!“ „Electoralſtier, wer denn?“ „Die Munſcheln, die Hebamme die aus der Prießnitzer Pfarre zurückfuhr, wo ſie ein paar Zwil⸗ linge gebracht hatte.“ Sebaſtian's Grimm kannte jetzt keine Grenze. Der entrüſtete Bürgermeiſter ſuchte in allen Ecken nach ſeinem ſpaniſchen Rohre. Meißelbach, Gallenbeck und Brandſtrupp, welche die Entdeckungsfahrten ihres Ge⸗ bieters mit den Augen verfolgten, ahnten, nach wel⸗ chem Inſtrumente er umherfahre. Sie hielten es da⸗ her nicht für rathſam, den Moment des Findens ab⸗ zuwarten, ſondern traten nach einer tiefen Verbeugung den Rückzug an, welchem ſich Gottlob inſtinetmäßig anſchloß. Da Sebaſtian den Spanier trotz alles Suchens nicht fand, und dadurch ſeine Hitze einen um ſo höhern Grad erreichte, ergriff er endlich den großen Folianten, worin die Zuckelhauſener Strafgelder und Steuerre⸗ ſtanten aufgezeichnet ſtanden, und bedrohte die ſich zurückziehende Colonne mit den Worten:„ Mir aus den Augen, nichtsnutziges Volk!“ mit einem directen Bombardement. 102 Der Bürgermeiſter war auf ſeine Thorwärter, und namentlich auf Gottlob ſo aufgebracht, wie die Po⸗ lizei des Feſtlandes auf Koſſuth und Mazzini. Da⸗ her das ſchleunige Bombardement. Der Foliant mit den Strafgeldern fiel auch unmittelbar hinter Gott⸗ loben zur Erde. Es war ſein Glück, daß er mit ſeinem Rücken das Gegentheil eines Katzenbuckels machte und das Rückgrat einzog, ſonſt würde die Schuldenlaſt der Zuckelhauſener Steuerreſtanten direct auf ihn gefallen ſein. „Iſt ſolche Stupidität erhört worden,“ grollte Sebaſtian für ſich, indem er den Folianten wieder in das Repoſitorium ſchob,„die Zuckelhauſener Hebamme für den Mohren von Venedig anzuſehen!“ Die Thorwächter hatten kaum das gefährliche Ge⸗ mach des Bürgermeiſters verlaſſen, als Safian wieder ſichtbar wurde. „Im gehörnten Ochſen,“ berichtete dieſer,„können die Mäuſe Kirchweih halten, ſo leer iſt's von Paſſa⸗ gieren. Seit dem Lüneburger Stockfiſchmann hat ſich keine Seele blicken laſſen. Der Strichelius lamen⸗ tirte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Er kommt nicht auf den Pacht. Als er von dem Mohre von Venedig hörte, lief ihm das Waſſer im Munde zuſammen. Er meinte, ſolch' ſchwarzes Viehzeng ſähe die Ducaten weniger an, als die getauften Weißlinge. Auch würde er ſich als chriſtlicher Gaſtgeber durchaus kein Gewiſſen machen, einem ſolchen ſchwarzen Hallun⸗ ken das Fell über die Ohren zu ziehen.“ „Zur Sache,“ unterbrach Sebaſtian,„alſo im ge⸗ hörnten Ochſen war der Mohr nicht eingekehrt?“ „Mit keinem Schritte,“ betheuerte der Frohn. „Dann war ich auch,“ fuhr er fort,„in der bittern Pomeranze beim Gaſtwirth Hempel, wo zuweilen eben⸗ 103 falls Honoratioren einkehren, wenn ſie incognito rei⸗ ſen, das heißt, wenn ſie nicht viel aufgehen laſſen.“ „Auch da fand ſich der Mohr nicht?“ „Auch da nicht.“ „Die Sache wird immer räthſelhafter,“ geſtand der Bürgermeiſter. „Mir auch,“ verſetzte Safian. „Die Thorwärter wußten von keinem Mohren,“ ſprach Sebaſtian. „Nicht?!“ „Kein Wort!“ „Dann hat er ſich höchſt wahrſcheinlich weiß an⸗ geſtrichen,“ rieth der Rathsfrohn,„um ſich unkennt⸗ lich zu machen.“ „Nicht unwahrſcheinlich.“ „Und hat ein Privatlogis gemiethet, da er weder im gehörnten Ochſen, noch in der bittern Pomeranze aufzufinden.“ „Ohne Aufenthaltskarte wäre das doppelt ſtraf⸗ bar,“ rügte Sebaſtian. „Was wäre heutzutage nicht ſtrafbar,“ moquirte ſich der Frohn;„ſie können am jüngſten Gericht nicht mehr ſtrafen als wir; fahre ich nicht wie der Engel Gabriel mit dem feurigen Schwerte umher; aber was hilft's, gehn die Strafgelder ein? Kein Menſch bezahlt.“ „Wenn wirſt Du Dir Deine Abſchweifungen ab⸗ gewöhnen, Safian, eine Untugend, die ich ſchon ſo oft gerügt habe. Verwende Deine Zeit lieber, des räth⸗ ſelhaften Mohren von Venedig habhaft zu werden.“ Safian verſprach, ſich augenblicklich wieder auf die Beine zu machen und nicht eher zu ruhen, als bis er den Kerl kreuzweis geſchloſſen vor den geſtren⸗ gen Herrn Bürgermeiſter gebracht hätte. „Ich habe Dir geſagt, Du ſollſt Dich hinſichtlich 104 dieſer räthſelhaften Perſon vor der Hand in Deinen Dienſteifer etwas moderiren.“ „Aber wenn der Kerl ſeine eigene Frau hat, wie der geſtrenge Herr Bürgermeiſter vorhin be⸗ merkten.“ „Nur Vermuthung, noch keine Gewißheit. Ve⸗ nedig iſt ein großer Ort, kann es da nicht mehrere Mohren geben?“ „Allerdings,“ geſtand Safian zu,„ich glaube, wo ſich dieſes Unkraut einmal angeſiedelt, giebt es deſſel⸗ ben wie Sand am Meere. Die Mohren vermehren ſich ſchnell, wie ich mir habe ſagen laſſen. Aber welche Polizeibehörde vermag da den Frauenwürger heraus⸗ zufinden, wenn es ſchlechtweg heißt: der Mohr von Venedig?“ „Darum Vorſicht, Safian,“ wiederholte der Bür⸗ germeiſter.„Iſt es der Rechte, ſoll er uns nichtentgehen.“ „Gewiß nicht,“ betheuerte Safian;„ich will ihn ſchon faſſen; wenn der Türkenhund nicht geſteht, wer⸗ den Daumſchrauben angelegt. Gegen Heiden iſt die Folter noch erlaubt, wie ich mir habe ſagen laſſen.“ „Da haſt Du Dir wieder einmal etwas ſehr Fal⸗ ſches ſagen laſſen,“ belehrte Sebaſtian,„nach der heu⸗ tigen Gerichtsordnung ſind Daumſchrauben in keinem Falle erlaubt.“ „Wie ſoll man aber der Wahrheit ohne Däum⸗ linge auf die Spur kommen,“ ſeufzte Safian.„Die ſind gewiß auch von den Herren Landſtänden hinweg⸗ disputirt worden. Geprügelt ſoll auch nicht mehr werden. Ein Jammer!“ „Du gefällſt Dich wieder in Deinen beliebten Ab⸗ ſchweifungen, anſtatt daß Du längſt 1 dem Moh⸗ ren unterwegs ſein ſollteſt. Safian erkannte die Richtigkeit dieſer Worte und 3 105 gelobte doppelten Eifer. Er verſprach eine Hausſu⸗ chung, gegen die ſich die jüngſte, wegen des Schwei⸗ nediebſtahls verſtecken ſollte.— Er war im Begriff, ſich zu entfernen, als es an die Thür klopfte und auf des Bürgermeiſters„Herein!“ eine lange, phantaſtiſch gekleidete Geſtalt mit kohlſchwarzem Geſicht in's Zim⸗ mer trat, in welcher Sebaſtian und der Frohn nicht ohne geheimes Grauen ſogleich den— Mohren von Venedig erkannten. Safian wollte ſich bei dieſer grauſigen Erſchei⸗ nung, die ihm das Blut erſtarren machte, durch eine Seitenthür entfernen; aber der Bürgermeiſter, dem ebenfalls nicht wohl zu Muthe wurde, ſprach:„Sa⸗ fian, Du bleibſt!“ „Es iſt nur wegen des Reſpects,“ entſchuldigte ſich dieſer. „Du bleibſt,“ entſchied Sebaſtian, und zog ſich hinter ſein Schreibpult zurück. „Ich wollte die Conferenz nicht ſtören,“ tönte es zaghaft aus Safian's Munde. „Keine Widerrede, Du bleibſt!“ Der Frohn mußte gehorchen; doch näherte er ſich ſo viel wie möglich der nach der Hausflur führenden Seitenthür, um nöthigen Falls mit einem Satze aus dem Bereiche des Mohren von Venedig zu ſein. Der Mohr von Venedig, nachdem er in's Zimmer getreten war, machte eine Verbeugung, wie ſie bei Leuten von hohem Anſtand wahrgenommen wird und flößte dadurch dem Bürgermeiſter etwas mehr Muth und Geiſtesgegenwart ein. „Hab' ich die Ehre,“ begann endlich der Schwarze in fremdländiſchem Dialecte,„den berühmten Staats⸗ mann und Bürgermeiſter von Zuckelhauſen— der Mohr ſprach„Sückelhoſe“ vor mir zu ſehen?“ 106 Dieſe Worte waren wieder mit einer plaſtiſchen Handbewegung begleitet, die nichts zu wünſchen übrig ließ. Sebaſtian, obſchon ihm die fremde Mundart und die ſchwarze Fratze imponirte, gewann ſo viel Courage, einzugeſtehen, daß er der berühmte Staats⸗ mann und Bürgermeiſter von Zuckelhauſen ſei. „Ich weiß genug,“ erwiederte der Mohr und machte abermals eine pantomimiſche Bewegung, die unfehlbar hohe Verehrung ausdrückte, dem Bürgermeiſter aber, wie auch Safianen etwas nach Türkenthum ſchmeckte. Da Sebaſtian an dem Schwarzen keine Waffe wahr⸗ nahm, hielt er ſich zu der ergebenſten Frage ermäch⸗ tigt, welchem glücklichen Sterne er den ſeltenen Be⸗ ſuch zu verdanken habe? Safianen aber blieb der Mund offen; ſo höflich hatte er den Bürgermeiſter im Leben nicht gefunden. „Kunſtſinn, bloßer Kunſtſinn,“ verſetzte der Mohr. „Ein ſchöner Sinn,“ geſtand Sebaſtian. „Den ich zum Raſendwerden liebe,“ platzte der Südländer mit aller Leidenſchaftlichkeit ſeiner Zone heraus, daß Sebaſtian gerathen fand, den Schritt, den er bereits vorwärts getban, wieder zurück zu thun. Auch Safian, deſſen Naſeweisheit ſich bereits ſo weit verirrt hatte, das ſchwarze Naturſpiel in der Nähe zu betrachten, ſprang erſchrocken zurück. Der Mohr begann jetzt mit ſolcher Exaltation ſich über die Kunſt zu eppectoriren, ließ eine ſolche Menge vrientaliſcher Hyperbeln einfließen, daß es weder der Bürgermeiſter noch ſein Diener für gerathen fanden, dieſen Redeſtrom zu unterbrechen oder zu dämmen. „Ich lobe mir ein ſolides deutſches Temperament,“ ſeufzte Sebaſtian, als der Schwarze mit ſeiner gött⸗ lichen Kunſt gar kein Ende finden wollte,„das artet nicht ſo aus.“ Sebaſtian benutzte die Pauſe, die der Mohr in ſeinem begeiſterten Vortrage eintreten ließ, zu der Frage:„was es wohl für eine geehrte Kunſt ſei, für die ſich der Herr Mohr von Venedig ſo in⸗ tereſſire, da es doch ſeines Wiſſens mehr als eine Kunſt gebe?“ Safian gab durch eine Pantomime zu verſtehen, daß er dieſe billige Wißbegier ſeines Herrn theile. Der Schwarze nahm jetzt eine wahrhaft imponi⸗ rende Stellung ein.„Die Kunſt,“ ſprach er mit er⸗ hobener Stimme,„der ich mein Leben ſeit dem erſten Athemzuge gewidmet habe, nennt ſich die„electro⸗ magnetiſche⸗centripetale-ſubjectivobjective⸗transcenden⸗ tale⸗hydrogasvxygene⸗ nach dem Mittelpunkt ſtrebende⸗ hyperboräiſchpyramidale⸗Expropriations⸗Kaleidopſie.“ „Das muß eine außerordentliche Kunſt ſein,“ ſprach der Bürgermeiſter. „Eine ſtupende Kunſt,“ geſtand Safian. „Das iſt ſie,“ fuhr der Mohr nicht ohne Selbſt⸗ gefühl fort,„habe Kaiſer und Könige damit entzückt.“ „Das will ich glauben,“ verſetzte Sebaſtian. „Wenn der Herr Bürgermeiſter erlauben,“ ſprach der Mohr,„bin ich nicht abgeneigt, einige Stücke dieſer göttlichen Kunſt auf der Stelle zu produciren.“ Sebaſtian war nicht gerade neugierig, aber kein Menſch wird ihm verargen, wenn er nach einigen Pro⸗ ductionen der„nach dem Mittelpunkte ſtrebenden hy⸗ verboräiſch⸗pyramidalen Expropriations-Kaleidopſie“ Verlangen trug, zumal die Sache nichts koſtete. Safian, von gleichem Wiſſenstrieb beſeelt, mun⸗ terte den Mohren ordentlich auf:„Das iſt ſchön! Laſſen Sie was los,“ ſprach er. „Wohlan!“ begann der Schwarze, indem er ein blankes Meſſer zückte, deſſen Anweſenheit weder der Bürgermeiſter als hellſehender Chef der Zuckelhauſener 108 Polizeibehörde noch der wachſame Safian geahnet,„ſo werde ich eins der unbedeutendſten Epperimente der Expropriations-Kaleidopſie zu produciren die Ehre haben; das Stücklein iſt nicht ohne Anmuth.“ „Bin begierig,“ verſicherte Sebaſtian erwartungs⸗ voll, obſchon ihn das funkelnde Meſſer ein wenig fröſteln machte, doch konnte das Fröſteln auch von der geſpannten Gemüthsſtimmung des Bürgermeiſters herrühren. „Sie ſehen das blitzende Meſſer, Herr Bürger⸗ meiſter?“ Der Mohr that damit einige Schnitte durch die Luft, die dem Bürgermeiſter durch und durch gingen. „Siehſt Du's auch, Giaur?“ wandte ſich der Schwarze zu Safian. „Und ob!“ meinte dieſer. „Eh bien, mit dieſem ſcharfgeſchliffenen Meſſer werde ich dieſem Manne da“— er zeigte auf den Frohn—„ſofort das Haupt vom Rumpfe trennen, daſſelbe durch das Fenſter auf die Straße werfen, nach einiger Zeit heraufholen und an die vorige Stelle ſetzen und durch zwei Backenſtreiche den Enthaupteten wieder in's Leben und zum Bewußtſein bringen. Allons, vor, Giaur! „Spalla walla Orient Factum kakla Compliment Safian hatte ob dieſer entſetzlichen Rede ſeinen bedrohten Kopf bereits nach Möglichkeit in Sicher⸗ heit gebracht, ihn wie eine Schnecke eingezogen und mit ſolcher Vehemenz zwiſchen die emporgeſchobenen Schultern gepreßt, daß er von letztern faſt überragt ward und nur der emporgeſträubte Haarwuchs von dem Daſein des verſunkenen Himmelsglobus Kunde gab. Wenn der Mohr nicht einen Rieſenkorkzieher 1. 109 beſaß, war keine Ausſicht vorhanden, den Kopf des Frohn in diejenige Lage zu bringen, die ihn für das projectirte Experiment tauglich machte. „Allons vor, Giaur,“ wiederholte der Schwarze und wetzte ſein Meſſer an dem Stiefel. „Da müßt ich Dinte oxhoftweiſe geſoffen haben,“ replicirte der Frohn. „Du mußt wiſſen, Safian,“ belehrte der Bürger⸗ meiſter,„daß das Ganze auf einer optiſchen Täuſchung beruht. In Wirklichkeit wird Dir Dein Kopf nicht abgeſchnitten. Das iſt ja eben die Kunſt der„Ex⸗ propriations⸗Kaleidopſie,“ daß es blos den Anſchein hat, als würdeſt Du decollirt, während Dir im Grunde nichts geſchieht.“ „Der Teufel auch,“ brummte Safian. „Allerdings,“ wendete ſich der Bürgermeiſter zum Mohren von Venedig, welcher unabläſſig wetzte,„für den Kopf auf die Gaſſe werfen, wär' ich auch nicht. Die Sache macht zu viel Aufſehen und bei uns gibt es des unverſtändigen Volks genug, welches der er⸗ forderlichen wiſſenſchaftlichen Einſicht entbehrt und Ze⸗ termordio ſchreien würde.“ „Ja wohl,“ beſtärkte der Frohn,„mein Kopf, nämlich ohne den dazu erforderlichen Corporempumpus, würde außerordentliches Aufſehen machen und könnte die ſchlimmſten Folgen für die Stadt nach ſich ziehen.“ „Ein abermaliger trauriger Beweis,“ radotirte der Mohr,„wie die göttliche Kunſt der nach dem Mittel⸗ punkt ſtrebenden hyperboräiſch⸗pyramidalen Expropria⸗ tions-Kaleidopfie wegen Pöbelſatzung ihre ſchönſten Blüthen nicht zu entfalten vermag.“ „Ja, man iſt bei uns leider noch weit zurück,“ geſtand der Bürgermeiſter. „Sehr weit,“ bekräftigte Safian. 110 „Wohlan!“ fuhr der Mohr von Venedig nach ei⸗ nigem Nachſinnen fort, während Safian's Kopf ge⸗ mächlich aus den Schultern hervorwuchs,„ſo möge ein anderweites nicht minder geniales Experiment die Großartigkeit der Expropriations⸗Kaleidopſie außer allen Zweifel ſetzen.“ Da Sebaſtian gegen ein anderweites Kunſtſtück des ſchwarzen Künſtlers, wobei kein Menſchenkopf durch das Fenſter auf die Straße geworfen wurde, nichts einzuwenden hatte, wandte ſich der Mohr von Neuem zu Safian, und winkte ihm, näher zu treten. „Was ſoll's denn ſchon wieder?“ frug dieſer, der dem Mohren nicht über den Weg traute. „Ich werde jetzt eine ganz geräuſchloſe Kunſtlei⸗ ſtung produciren.“ „Das ſoll mir lieb ſein,“ ſprach der Bürgermeiſter. „Mir auch,“ meinte Safian. „Alſo näher, Giaur!“ „Ja,“ zögerte dieſer,„da möcht' ich doch zu⸗ vor bitten, was Ew. Hochwohlgeboren unter dem„ge⸗ räuſchloſen“ Kunſtſtück verſtehen?“ „Das wirſt Du ſehen.“ „Das glaub' ich— aber— „Kein Wort, entblöße die Bruſt!“ „Wollten Sie aber da zuvor das Meſſer wegthun.“ „Dummkopf, das brauch' ich.“ „So? gehorſamer Diener!“ „Knöpfe getroſt auf, Safian,“ ſprach mit Salbung Sebaſtian,„was kann Dir unter den Augen Deines Chefs und Gönners Uebles widerfahren?“ „Es iſt nur, geſtrenger Herr Bürgermeiſter,“ ent⸗ ſchuldigte ſich Safian,„der Marattenkönig ſticht zu, wenn ich geduldig hinhalte. Alle Mohren ſind blut⸗ . 111 gierig, das iſt eine bekannte Sache. Und bin ich weg, geht's über Sie her.“ Der Bürgermeiſter, welcher durch dieſe Worte einigermaßen nachdenklich geworden, erkundigte ſich jetzt gleichfalls eines Nähern nach dem„geräuſchloſen“ Kunſtſtücke. „Iſt ſehr einfach,“ erwiederte der Mohr von Ve⸗ nedig,„ich ſchneide dieſem Giaur die Bruſt auf, löſe das Herz ab, präſentire es dem verehrten Herrn Bürgermeiſter auf dem Knöchel meines linken Dau⸗ men, balancire es ſodann auf der Naſenſpitze und ſpiele ſpäter ein wenig Fangball damit.“ „Und das nennt er ein geräuſchloſes Kunſt⸗ ſtück?“ ſchauderte Safian,„er begreift nicht, daß ich wie ein Stier brüllen würde.“ „Nicht nucken würdeſt Du,“ verſicherte der Künſtler. „Alſo gleich todt?! Gehorſamer Diener.“ „Ein Schnitt und die Sache iſt abgemacht.“ „Wit einem Schnitte kann allerdings viel abge⸗ macht werden; ich mag mich aber nicht ſchneiden laſſen.“ „Mein Gott,“ belehrte der Bürgermeiſter,„be⸗ greifſt Du denn gar nicht, daß es bei dieſem vorien⸗ taliſchen Kunſtſtücke weder auf Dein Herz, noch auf Dein Leben abgeſehen iſt; würde ich ſonſt, als Chef der Polizeibehörde, ein ſolches Attentat geduldig zu⸗ laſſen? Es iſt Alles ja nur Schein.“ „Schein trügt.“ ſprach Safian,„man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen.“ „Alſo,“ fuhr der Magier fort,„der Giaur will ſein Herz nicht hergeben?“ „Und wenn Sie mir ſonſt was böten.“ „Wohlan! ſo leihe Er Seinen Bauch her zu einer 112 andern nicht minder beachtenswerthen Production, die ich bis jetzt noch vor Niemandem gezeigt habe.“ Die Neugier des Bürgermeiſters wuchs von Neuem. „Diesmal, guter Safian,“ ſprach er,„würde ich mich nicht länger weigern, dem Wunſche des Künſtlers nach⸗ zukommen. Du ſiehſt, wie ſeine Anmuthungen immer billiger werden. Der Bauch iſt ein Organ von weit geringerer Empfindlichkeit als Kopf und Herz.“ „Was ſoll denn mit meinem Bauche vorgenom⸗ men werden?“ frug Safian nach einigem Beſinnen ziemlich unwirſch. „Ich will den Wanſt aufſchneiden—“ „Schon wieder ſchneiden—?“ „Nur zum Schein, guter Safian, nur zum Schein,“ erinnerte der Bürgermeiſter. „Einige Gedärme abtrennen,“ fuhr der Mohr fort,„dieſelben reinigen, mit etwas aromatiſchem Gemengſel füllen und ſie dem geſtrengen Herrn Bür⸗ germeiſter als ſchmackhafte Würſte zum Frühſtück prä⸗ ſentiren. „Eine ſchöne Ehre für meine Därme,“ meinte der Frohn. „Es wäre ein Meiſterſtück,“ rief der Bürgermei⸗ ſter in einem Anfall von enthuſiaſtiſcher Wallung. „Ja,“ ſprach Safian für ſich,„weil's was zu freſſen giebt; ich mag ihn aber nicht mit meinem Leibe füttern.“ „Es iſt eine der ſeltenſten Productionen meiner Kunſt,“ meinte der Mohr von Venedig,„und noch von keinem Künſtler gezeigt worden.“ „Gewiß,“ geſtand der Bürgermeiſter,„auch ich habe noch nie von ſolch außerordentlichem Kunſtſtücke gehört.“ „Es wäre mir lieb, wenn ich es produciren 1413 könnte;“ fuhr der Schwarze fort,„um den geſtrengen Herrn Bürgermeiſter einen Begriff meiner ſchwachen Kunſt zu veranſchaulichen.“ „Mir auch,“ ſprach Herr Sebaſtian. „Zumal da ſich das Kunſtſtück des Wurſtmachens,“ fuhr der Künſtler fort,„mehr für einen kleinern ge⸗ wähltern Zirkel eignet.“ „Ja wohl,“ geſtand der Bürgermeiſter,„wir ſind hier ganz entre nous; Safian, Du brauchſt Dich nicht im Geringſten zu geniren. Schamhaftigkeit wäre hier am ganz unpaſſenden Orte. Ich kann mir un⸗ gefähr denken, wie Dein Bauch ausſieht; und vor dem Herrn Mohren von Venedig brauchſt Du Dich gleich gar nicht zu geniren. Der drückt gern ein Auge zu, wenn es zu Verherrlichung der Expropriations⸗ Kaleidopſie geſchieht.“ Aber Safian hielt ſeinen Bauch mit beiden Hän⸗ den umklammert. „Und wenn mich der geſtrenge Herr Bürgermei⸗ ſter vier Wochen lang bei Waſſer und Brot in den Thurm ſperren, an meinen Bauch laß ich mit dem ſcharfen Meſſer nicht kommen. Wie leicht kann bei den orientaliſchen mohrentaliſchen Faxen das Ding ab⸗ rutſchen, und der Schaden iſt da.“ „Freilich,“ höhnte der Mohr von Venedig,„wenn der Giaur aus Haſenherzigkeit das ausgezeichnete Ex⸗ veriment, welches ſich der Zufriedenheit des Herrn Bürgermeiſters gewiß erfreuen würde(hier nickte Sebaſtian beiſtimmend mit dem Kopfe), an ſeinem Wanſte nicht will vornehmen laſſen, kann ich nicht dafür.“ Safian, der ſich wegen der Haſenherzigkeit in ſei⸗ ner Würde als Rathsfrohn beleidigt fand, wurde jetzt grob. Stolle, ſämmtl. Schriften. IX. SO 14⁴ „Schneid' Er doch Seinen eigenen Leib auf,“ rief er,„und mach' Er ſich Würſte d'raus, ſo viel Er Luſt hat; ich begreife nicht, warum Er blos an mir herumſchneiden will.“ Der Magier lächelte mitleidig ob dieſer Zumu⸗ thung. Er gab dem Bürgermeiſter durch Pantomime zu verſtehen, daß Safian ſpreche, wie er's verſtehe. Der Bürgermeiſter nickte verſtändnißinnig und ſprach zu Safian:„Du mußt wiſſen, daß man Ex⸗ perimente der Expropriations⸗Kaleidopſie nicht an ſich ſelbſt vornehmen kann.“ Er wandte ſich wieder zum Schwarzen.„Da ſich der mißtrauiſche Safian,“ ſprach er,„zu nichts verſtehen will, könnten Sie nicht ein anderes Kunſtſtück produeiren, wobei er entbehrlich wäre?“ Der Mohr von Venedig ſann einen Angenblick nach. „Ich hätte noch ein poſſirlich Stücklein.“ „Rücken Sie heraus damit,“ munterte der neu⸗ gierige Sebaſtian auf. „Wenn mir der geſtrenge Herr Bürgermeiſter ſei⸗ nen erlauchten Kopf dazu erlauben wollten.“ „Meinen Kopf? Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Ohne unſere Köpfe,“ meinte Safian,„ſcheint er gar nichts bewerkſtelligen zu können.“ „Wenn mir der geſtrenge Herr Bürgermeiſter das anmuthige Stücklein geſtatten, ſo ſollen binnen we⸗ nig Stunden zwei ſtattliche, weitausgreifende Ochſen⸗ hörner aus dem erlauchten Haupte emporwachſen.“ „Zwei Ochſenhörner? das wäre der Teufel!“ rief Sebaſtian und griff ſich unwillkürlich nach dem Kopfe, um zu ſehen, ob etwa das Gehörn ſchon anſetze. „Ein poſſirlich Stücklein,“ geſtand Safian,„der geſtrenge Herr Bürgermeiſter müßten ſich majeſtätiſch ausnehmen zum neuen Jahr.“ ————— 145 In Sebaſtian kämpfte eine Zeit lang die Furcht, ſeine bürgermeiſterliche Würde zu compromittiren, mit der Neugier, auf welche Weiſe das plötzliche Hörner⸗ wachſen wohl vor ſich gehen möchte. Er frug daher:„Den Schäker kann ich doch ab⸗ ſchütteln, ſobald ich es für nöthig erachte?“ „Leider,“ bedauerte der Mohr von Venedig,„iſt es eine Schattenſeite dieſes Experiments, daß die Hörner nicht ſo ſchnell wieder zu entfernen find. Sechs Stunden bedarf ich wenigſtens, um das gekrönte Haupt von ſeinem Schmucke zu befreien.“ „Sechs Stunden?“ ſeufzte Sebaſtian,„da werd' ich wohl auf das allerdings recht artige Kunſtſtück ver⸗ zichten müſſen. Ich habe heut' den Herrn Superin⸗ tendenten zu Tiſche und Sie begreifen—“ „Ei du meine Güte,“ lachte Safian,„würde der Augen machen. Er hielte den geſtrengen Herrn Bür⸗ germeiſter für den leiblichen Gottſeibeiuns und be⸗ käme eine handgreifliche Idee, wie der Beelzebub aus⸗ ſähe.“ Ein ernſter Blick des Bürgermeiſters ſtrafte den Vorlauten und verwies ihn zur Ruhe. „Seine Ehrwürden,“ ſprach er,„würden trotz des Geweihs den Bürgermeiſter in mir erkennen und eh⸗ ren. Aber die Sache würde zu reden geben, was ich vermeiden muß. Wie ſteht's aber mit Dir, Sa⸗ ſian, Du haſt lange nicht die Rückſichten zu neh⸗ men, die mir, dem Stadtoberhaupte, auferliegen; wie wär's, wenn Du Dich auf die paar Stunden hörnen ließeſt?“ „Ich darf es gleich gar nicht wagen,“ proteſtirte Safian,„meine Frau geht im dritten Monat, ſie könnte ſich verſehen und mir einen kleinen Ochſenkopf 8* 116 in die Welt ſetzen oder ſich ſonſt ein böſ' Exempel an den Hörnern nehmen.—“ „Ich kann die Gründe nur ehren,“ verſetzte der Magier,„welche den geſtrengen Herrn Bürgermeiſter abhalten, ſich hörnen zu laſſen; ich bedaure aber, daß ich auf dieſe Weiſe außer Stande bin, eine Probe meiner Kunſtfertigkeit abzulegen, und Letzteres hätt' ich gern gethan, da ich aus keiner andern Abſicht ge⸗ kommen bin, als den Herrn Bürgermeiſter um die Er⸗ laubniß zu bitten, heute Abend eine außerordentliche Vorſtellung meiner Kunſt auf dem Rathskellerſaale veranſtalten zu dürfen; wobei ich zugleich ſo frei bin, zwei Freibillets dem Herrn Bürgermeiſter ergebenſt anzubieten, in der Hoffnung, daß Hochdieſelben, als Staatsmann und Kunſtkenner rühmlichſt bekannt, Ihre erhabene Gegenwart meinen ſchwachen Leiſtungen nicht entziehen werden.“ Der geſchmeichelte Sebaſtian nahm die Freibillets mit freundlicher Gravität entgegen. „Obſchon ich es,“ erwiederte er,„mit Seiltän⸗ zern, Comödianten, Bärenführern und Kameeltreibern ſehr ſtreng nehme, da dieſes Volk den Leuten das Geld unnützerweiſe aus der Taſche ſtiehlt, welches dann ſtets nachtheilig auf die Abführung der Gewerb⸗, Malz⸗, Mahl⸗, Fleiſch⸗, Kopf⸗, Fiſch⸗, Froſch⸗, Fuchs⸗, Vogelſteuer wirkt, wie Sie ſich aus dieſen dickleibigen Folianten überzeugen können, ſo will ich doch in Be⸗ tracht Ihrer wirklich großartigen Expropriations⸗Ka⸗ leidopſie diesmal eine Ausnahme geſtatten.“ „Küß' die Hand,“ dankte der Mohr von Venedig, „ich werde mich beſtreben, der hohen Gnade mich würdig zu beweiſen. Doch hab' ich alsdann noch eine anderweite Bitte an den Herrn Bür⸗ germeiſter.“ 117 „Sprechen Sie,“ ſagte Sebaſtian. „Daß meine Vorſtellungen nur für Perſonen männlichen Geſchlechts beſtimmt ſind.“ „Ach, Sie fürchten,“ lachte der Bürgermeiſter, „daß unſere Zuckelhäuſerinnen bei der Kopfabſchnei⸗ derei in Ohnmacht fallen werden. Seien Sie unbe⸗ ſorgt, die hieſige Damenwelt hat ſtarke Nerven und fällt nicht ſo leicht in Ohnmacht.“ „Dies fürchte ich auch weniger; aber ich muß dem Herrn Bürgermeiſter noch ein Geſtändniß offen⸗ baren.“ Da Sebaſtian nichts lieber vernahm als Geſtänd⸗ niſſe, war er ganz Ohr. „Sobald mich nämlich,“ offenbarte der Mohr von Venedig,„ein Frauenzimmer ſprechen hört, iſt es verliebt in mich, und will mich ſchlechterdings heirathen.“ „Das wäre der Teufel,“ ſprach der Bürgermeiſter. „Das ſage ich auch,“ meinte Safian. „Ein wahrer Fluch, der auf mir ruht,“ fuhr der Mohr von Venedig fort,„Gräfinnen und Herzogin⸗ nen ſind mir nachgereiſtt; ich habe mich wenigſtens achthundert Mal mit eiferſüchtigen Ehemännern duel⸗ liren müſſen.“ Der Bürgermeiſter konnte vor Erſtaunen über dieſe neue außerordentliche Eigenſchaft kaum zu ſich kommen. Safian ſuchte ſich die Sache auf natür⸗ lichem Wege zu erklären:„'s ein Mohr,“ ſagte er, „und als ſolcher was Apartes und das lieben die Weiber.“ „Wie unglaublich mir Ihre Mittheilung,“ ſprach der Bürgermeiſter,„ſo werde ich doch die geeigneten Maßregeln treffen, daß Sie nur ein männliches Pu⸗ blikum vorfinden. Ich ſelbſt werde meine Tochter 118 Friederike verhindern, der Vorſtellung beizuwohnen, wie gern ich ihr den Spaß geſtattet hätte.“ „Thun Sie das, geſtrenger Herr Bürgermeiſter, zumal wenn Demoiſelle Tochter noch unverlobt ſein ſollte. Ueber eine Verlobte habe ich ſo gut wie keine Gewalt.“ „Der ihr beſtimmte Bräutigam trifft erſt den hohen Neujahrstag ein, wo die Verlobung gefeiert werden ſoll,“ ſprach Sebaſtian. „Dann wahren Sie Ihr Kind,“ beſchwor der Mohr,„blutige Thränen würd' ich weinen, ſollte ſie durch mich unglücklich werden.“ „Wäre denn das Unglück wirklich ſo groß?“ fragte der beſorgte Vater. „Unermeßlich,“ betheuerte der Mohr,„denn da ich aus Pflichtgefühl die Liebe der armen Kinder nicht erwiedern darf, verfallen ſie entweder in Wahnſinn oder legen frevelhafte Hand an das eigene Leben.“ Der Bürgermeiſter ſchauderte und Safian rief er⸗ griffen:„O Weiber, Weiber, räthſelhaftes, unerforſch⸗ liches Geſchlecht! Ich ſeh' es an meiner Alten.“ „Um großem Unglück möglichſt vorzubeugen,“ fuhr der Mohr fort,„und alles Aufſehen zu vermeiden, reiſe ich daher incognitv, trage eine lichte Maske und ſteige in den unanſehnlichſten und entlegenſten Gaſt⸗ höfen ab. So hab' ich auch vermieden, in hieſiger Stadt zu übernachten, ich logire im„blechernen Löf⸗ fel“ vor dem Thore.“ Dem Bürgermeiſter wie Safian ging jetzt ein Licht auf, warum man des Schwarzen in der Stadt nicht hatte habhaft werden können. Sebaſtian lobte des Mohren Klugheit und erkun⸗ digte ſich zugleich, wie die Viſitenkarte in ſeinen Ka⸗ ſten gelangt ſei? 119 „Ich ließ ſie durch den Hausknecht im„blecher⸗ nen Löffel“ befördern.“ Dem Bürgermeiſter war jetzt manches Räthſel ge⸗ löſt; indeß wünſchte er auch über die außerordent⸗ lichen Kunſtleiſtungen, z. B. über das Kopfabſchnei⸗ den, Hörnerwachſen einigen Aufſchluß. „Dies,“ erwiederte achſelzuckend der Mohr von Venedig,„muß vor der Hand allerdings mein Ge⸗ heimniß bleiben. Der geſtrenge Herr Bürgermeiſter würde ſich alle Illuſion zerſtören, wenn er das Wie und Warum vorher erführe. Doch ſtehe ich gern bereit, nach meiner heutigen Vorſtellung alle mögliche Auskunft zu ertheilen.“ Sebaſtian mußte ſich hiermit beruhigen und der Mohr von Venedig empfahl ſich zu geneigteſtem Wohl⸗ wollen. „Nun, Safian,“ begann der Bürgermeiſter, als ſich der Schwarze entfernt hatte,„was ſagſt Du?“ „Ein Teufelskerl!“ „Das ſag' ich auch. Uebrigens möcht' ich wiſſen, ob es jener Mohr von Venedig iſt, von dem die Comödianten vor'm Jahre munkelten, daß er ſeine Frau erdroſſelt habe.“ „Ja, das möcht' ich auch wiſſen,“ geſtand Safian. „Die Sache intereſſirt mich.“ „Mich auch.“ „So lauf' ihm raſch nach,“ gebot der Bürger⸗ meiſter,„er kann das Haus noch nicht verlaſſen ha⸗ ben, und lad' ihn ein, ſich noch einmal herauf zu bemühen.“ Mit einem„ſogleich“ eilte Safian davon. „Ich bin nun fünfundzwanzig Jahre Bürgermei⸗ ſter von Zuckelhauſen,“ begann Sebaſtian in der Stellung Napoleon's, die Hände auf dem Rücken im 120 Zimmer auf⸗ und abſchreitend,„aber ein ſolch außer⸗ ordentlicher Beſuch wie der heutige iſt mir noch nicht zu Theil worden; ich glaube, der kommt auch einem deutſchen Bürgermeiſter ſelten vor. Der gewaltige Eindruck, den er auf die Weiber macht, iſt mir nicht unwahrſcheinlich, denn manche Menſchen im Oriente ſollen die Gabe beſitzen, Frauen und durch das bloße Anſchauen zu bezaubern. Das ſchwache Weibervolk iſt leicht eonſternirt und geiſtt wie die kleinen Thiere durch die Augen der Brillenſchlange. 4. Während ſich der Bürgermeiſter in dieſen und ähnlichen Betrachtungen gefiel, ſtürzte Safian athem⸗ los in's Zimmer und lief unter den excentriſchen Aus⸗ rufungen:„Ach daß Gott! o du lieber Herr Gott! ach, daß ſich Gott erbarm!“ halb närriſch die Stube auf und nieder. Sebaſtian erkundigte ſich erſchrocken nach der Ur⸗ ſache von Safian's Verzweiflung; aber es bedurfte geraume Zeit, ehe Jener ſich von ſeinem Schmerze ſoweit erholte, daß er die Sprache wieder bekam. „Bei Deiner Amtspflicht, Carl Heinrich Safian, rede!“ beſchwor Sebaſtian in einem fort, den auf⸗ und ablaufenden Händeringer Schritt vor Schritt ver⸗ folgend. „Mamſell Riekchen,“ heulte endlich der Frohn, „tanzt auf der Hausflur mit dem Mohren von Ve⸗ nedig.“ Sebaſtian ward zur Salzſäule, während Safian i wie toll auf und nieder zu raſen. „Sie tanzt mit ihm?“ hauchte der Bürgermeiſter erſterbend. „Sie tanzt,“ gab Safian dumpf zur Antwort, ohne ſich in ſeinem Wettlaufe und im Händeringen ſtören zu laſſen. „Aber—“ ſtammelte nach einer Pauſe Sebaſtian, „warum haſt Du ſie denn nicht auseinander geriſſen?“ „Alles verhext— Alles verhext,“ meinte Safian, „der Mohr iſt der größte Zauberer auf Gottes Erd⸗ boden, es iſt mir ſelber in die Beine gefahren, Sie ſehen, wie ich mich echauffire.“ Mit dieſen Worten ſtieg er wo möglich noch ſchneller die Stube auf und ab. „O Jammer und Herzeleid, das mich zum neuen Jahre treffen muß,“ lamentirte Sebaſtian,„ſieh doch nach, guter Safian, ob ſie noch tanzen; ſpring' da⸗ zwiſchen mit Händ' und Füßen als offizieller Raths⸗ bote; vielleicht bringſt Du ſie auseinander, und ich will Dein gnädiger Bürgermeiſter ſein Zeitlebens.“ Safian ſtürzte wieder nach der Thüre, als dieſe ſich aufthat und die ſchöne Friederike, des Bürger⸗ meiſters neunzehnjähriges Töchterlein, ziemlich exaltirt hereineilte und ihrem Vater an den Hals flog. „Väterchen,“ rief ſie mit entſchiedener Stimme, „ich heirathe den Mohren von Venedig.“ „Da haben wir die Beſcheerung,“ meinte Safian. „Aber meine Tochter,“ ermahnte der Vater. „Ich heirathe den Mohren,“ beharrte Friederike mit ſeltener Feſtigkeit,„oder es wird nicht gut.“ „Aber ſo bedenken Sie die Nachkommenſchaft, lie⸗ bes Mamſellchen, wenn der Herr Bürgermeiſter einen kleinen Mohren auf den Knieen ſchaukeln ſollte.“ „Es wäre mein Letztes,“ ſchauderte Sebaſtian. Selbſt Safian's eben angeführter triftiger Grund ſchien auf das bezauberte Mädchen keinen Einfluß zu üben. Sie blieb dabei:„Ich heirathe den Mohren.“ „Aber wie hat ſich nur das Unglück zugetragen?“ jammerte der Bürgermeiſter. „Ganz zufällig,“ war die Antwort der Tochter, 122 „ich kam die Stiege herab, als der Mohr über die Hausflur ging. Da trieb mich's mit unwiderſtehlicher Gewalt, ihm an den Hals zu fliegen. Ich weiß ſelbſt nicht wie mir geſchehen. Kurz, wir tanzten mit einander!“ „Unglückſelig Kind,“ rief der Bürgermeiſter. „Welche Verirrung der Natur!“ rief Saſian. „Daß doch dieſer Mohr in ſeinem Venedig ge⸗ blieben und Zuckelhauſen nimmer betreten hätte,“ ſeufzte der unglickliche Vater. „Ich will gleich nach Hauſe ſpringen und meine Frau proviſoriſch in den Keller ſperren,“ meinte Safian. „Sollte denn der Mohr, der ſo zu Hauſe in Ho⸗ kuspokusmacherei, kein Mittel haben, den Zauber zu löſen?“ ſprach der Bürgermeiſter. „Eine Frage ſtünde frei,“ meinte der Rathsdiener. „Wohlan, guter Safian, ſo lauf' ihm nach, ſo ſchnell Dich Deine Füße zu tragen vermögen, und fleh' ihn in meinem und der Menſchheit Namen um ein Mittel; und ſoll mich's 100 Thaler koſten.“ Safian galoppirte dem Mohren von Venedig nach, welcher wieder zu dem„blechernen Löffel“ zurückgekehrt war, während die bezauberte Friederike fortwährend die Worte ausſtieß:„Ich heirathe den Mohren! Va⸗ ter, laß mich den Mohren heirathen,“ daß dem Bür⸗ germeiſter angſt und bange um den Verſtand ſeiner Tochter wurde und ihm der Angſtſchweiß in großen Tropfen auf die Stirn trat. Nach Verlauf einer Viertelſtunde kehrte der Bote Sebaſtian's aus dem„blechernen Löffel“ mit einem Billet zurück, worauf von des Mohren Hand folgende Worte geſchrieben ſtanden: ——— — ———— 123 „Das einzige Mittel, Dero Fräulein Tochter zu retten, beſteht darin, daß Sie dieſelbe noch heu⸗ tigen Tages mit ihrem künftigen Gatten verlo⸗ ben. Daß ich ſo ganz unverſchuldeter Weiſe ſolche Betrübniß in Hochdero Familie gebracht habe, hat mich dermaßen ergriffen, daß ich außer Stande bin, die angekündigte außerordentliche Vorſtellung der Eppropriations⸗Kaleidopſie auf dem Rathhaus⸗ ſaale zu geben. Ich ſtehe eben im Begriff, Zuckel⸗ hauſen und Umgegend für immer zu verlaſſen. Leben Sie wohl und beklagen Sie Ihren ganz ergebenſten Mohren von Venedig.“ „Das einzige Mittel,“ ſprach kopfſchüttelnd der Bürgermeiſter, nachdem er geleſen,„meine Tochter vor dem bezaubernden Eindruck des Mohren zu be⸗ wahren, beſteht darin, daß ich ſie noch heute verlobe.“ „Ich glaube auch, das Mittel iſt probat,“ meinte Safian. „Zu einer Verlobung gehört aber vor allen Din⸗ gen ein Bräutigam.“ „Nun, Herr Tobias Pumphänel, der reiche Lachs⸗ händler,“ bemerkte der Diener. „Leider Gottes kehrt der erſt Groß⸗Neujahr zu⸗ rück, ſonſt wären wir aus aller Verlegenheit. Ja, wenn der zugegen wäre, ſollte auf der Stelle Ver⸗ lobung ſein.“ „Aber Mamſell Riekchen ſcheint dem Lachshänd⸗ ler nicht gewogen,“ ſprach Safian. „Das bliebe ſich gleich,“ erwiederte der Bürger⸗ meiſter.„Pumphänel iſt ein gemachter Mann, wiegt ſeine Dreißigtauſend, da kann keine Averſion in Be⸗ tracht kommen. Ach, daß er hier wäre, der Edle!“ 124⁴ „Den reichen Lachshändler müſſen ſich der ge⸗ ſtrenge Herr Bürgermeiſter ſchon aus dem Sinne ſchla⸗ gen. Bis zu Groß⸗Neujahr wartet der Mohr nicht.“ Sebaſtian war in Verzweiflung. Friederike wurde citirt und über einen anderweitigen Freier verhandelt. Der Papa brachte mehrere angeſehene alte Jungge⸗ ſellen, die ſich bereits vor Jahren zahlloſe Körbe ge⸗ holt, in Vorſchlag. Aber jedes Mal gab das Mäd⸗ chen ihre Averſion durch die Worte:„Ich heirathe den Mohren,“ unverhohlen zu erkennen. Als Sebaſtian mit ſeinen Freiervorſchlägen auch gar keinen Anklang finden wollte, ward er endlich deſperat. „Wohlan, ſo ſuch' Dir ſelber einen, aber nur ſchnell, damit wir des Mohren ledig werden.“ Friederiken ward hiermit das ſchätzbare Privile⸗ gium der Königin Viectoria zu Theil, ſich ſelbſt den Bräutigam wählen zu dürfen. Sie zögerte auch nicht, davon Gebrauch zu machen, und wählte den Kauf⸗ mann Lindhardt, wobei ſich ihr Geſchmack freilich in beſſerm Lichte zeigte, als der ihres Herrn Vaters. Lindhardt war der liebenswürdigſte junge Mann, dem überdies Kopf und Herz auf dem rechten Flecke ſaßen, nur daß er mit Vermögen in weit geringerm Grade bedacht war, als der Lachshändler Tobias Pumphänel. Der Bürgermeiſter wollte aus der Haut fahren, als er Lindhardt's Namen hörte. „Wie?“ rief er,„dieſen armen Schlucker, dieſen Habenichts?“ „Dieſen oder den Mohren,“ entſchied Friederike mit männlicher Beſtimmtheit. Das war allerdings eine höchſt traurige Alterna⸗ tive für den nach zeitlichem Gute gelüſtenden Bür⸗ —— — — 125 germeiſter. Wie ein Peter von Amiens predigte er gegen die gottloſe Wahl, wie er ſie nannte. Man hat nie den Bürgermeiſter von Zuckelhauſen, weder vorher, noch ſpäter, in ſolchem demoſtheniſchen Feuer geſehen. Himmel und Erde bot er auf, den Ent⸗ ſchluß der Tochter wanken zu machen— halb aber Alles nichts—„Lindhardt oder der Mohr!“ war und blieb Friederikens Parole. Endlich unterlag Sebaſtian. Seine einzige Hoff⸗ nung beſtand nur noch darin, daß Lindhardt auf die ihm angetragene Friederike aus freien Stücken ver⸗ zichten werde; aber zu eben ſo großer Verwunderung als Entrüſtung des Bürgermeiſters ward das Mädchen mit heißem Danke acceptirt. Jetzt blieb nichts übrig, es mußte zur Verlobung geſchritten werden, die auch ſelbigen Tages erfolgte und durch den noch vom Diner anweſenden Herrn Superintendenten mit Salbung voll⸗ zogen ward. Der Mohr von Venedig war ſpurlos verſchwunden. Nach zwei Tagen erhielt derſelbe nachſtehende Zeilen von bekannter Hand: „Theuerſter Theodor! „Du haſt Deine Rolle vortrefflich geſpielt.“ Unſere lang im Stillen genährte Liebe hat durch Deine Vermittelung alle Schwierigkeiten beſiegt. Friederike iſt meine Braut und der reiche Papa ſöhnt ſich täglich mehr mit mir aus, indem er, meine beſchränkten Vermögensverhältniſſe überſe⸗ hend, den Menſchen in mir achten und lieben lernt. Auch meine glückliche Braut legt den ſchönſten Dank Dir zu Füßen. Ich bin ihr doch lieber als Tobias Pumphänel, obſchon dies weiter keine Schmeichelei für mich ſein ſoll. Unſere Hochzeit iſt auf Pfing⸗ 126 ſten feſtgeſetzt, wozu Du vorläufig ſchon hiermit eingeladen biſt von Deinem Dir zu ewigem Danke verpflichteten Moritz Lindhardt.“ Trotz aller Nachforſchungen von Seiten des Bür⸗ germeiſters und Safians hat man weder in Zuckel⸗ hauſen noch Umgegend je wieder etwas von einem— Mohren von Venedig vernommen. —,—„ Druck von Alexander Wiede in Leipzig. 3 — OS