— Ferdinand Stolles ausgewählle Schriflen. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. Achter Band. Leipzig, ſ i 1853. Prntschr Pirtickirr. Komiſcher Nom von Ferdinand Stoſle. Dritter Theil. Leipzig, rn ſt e 1853. Erſtes Rupitel. Nächſte Folgen des Balles. Bein General Kirchner, welcher die vergangene Nacht ſpät vom Balle nach Hauſe gekommen, dauerte dies⸗ mal der Morgenſchlaf länger als gewöhnlich. Die Sonne ſtand hoch am Himmel, als er erwachte, ſich ankleidete und ſeinen Kaffee verzehrte. Er war un⸗ gemein bei Laune, ſteckte ſein Morgenpfeifchen in Brand und legte ſich mit vieler Behaglichkeit in das Fenſter, welches nach dem duftenden Garten hinaus⸗ ging. Die vergangene Ballnacht zog wie im freund⸗ lichen Lichte vorüber. Er gedachte mit beſonderer Vorliebe des jungen Willer, dem er einige wahrhaft vergnügte Stunden verdankte; da brachte ſein Kam⸗ merdiener Beifuß ein Paquet nebſt Brief, welches beides ſo eben ein Schreiber des Doctor Bock abge⸗ geben hatte. „Der verfluchte Prozeß,“ brummte der General, als er den Namen des Doctor Bock hörte,„da werd' ich wieder wenig Erfreuliches hören. „Zwar hat mir Bock vor Kurzem hoch und theuer geſchworen,“ fuhr er fort, indem er das widerſpenſtige Siegel zu erbrechen bemüht war,„daß nun bald das 6 Endurtheil erſcheinen und wenn es noch eine Gerech⸗ tigkeit auf Erden gäbe, ich aus dieſem heilloſen Streite als Sieger hervorgehen müſſe; aber ich habe nach gerade das Vertrauen zu dieſen Betheuerungen ver⸗ loren. Wie unzählige Mal hat mir dieſer Menſch während dieſen unſeligen neun Jahren bei ſeiner ewigen Seligkeit geſchworen, daß ich gewinnen und der vertrackte Hofeommiſſair zu Schanden werden müſſe, ſobald ich nur den Muth nicht verlieren wolle. Nun, Gott iſt mein Zeuge, daß ich weder den Muth ver⸗ loren, noch Geld geſcheut habe, obſchon ich nicht ſel— ten vor Wuth des Teufels geworden bin. Indeß fühl' ich denn doch, daß, wenn die Sache nicht bald zu Ende kommt, ich dem Aerger erliegen werde. Bis Johannis will ich den Prozeß noch anſehen, dann ſind es gerade zehn Jahr, daß er begonnen hat, hab' ich da nicht geſiegt, mag es werden wie es will; ich wende blos noch ſo viel dran, als es koſtet, meinen Advveaten durchprügeln zu laſſen, denn es wird mir immer klarer, daß ich dieſem Schlingel allein die Lang⸗ wierigkeit dieſes koſtſpieligen Streites zu verdanken habe.“ Unter dieſen Gedanken war es dem Generale ge⸗ lungen, das Siegel zu erbrechen und den Brief zu eröffnen. Er mühte ſich ſelbigen zu leſen, aber ver⸗ möge ſeines ſchwachen Geſichts konnte er ſich in den Schriftzügen nicht ſogleich zurecht finden. „Beifuß,“ ſprach er,„lies mir einmal den Wiſch, Du haſt beſſere Augen. Gewiß neue Vertröſtungen und anmuthige Liquidationen.“ Der Kammerdiener machte ſich ſofort an die Lec⸗ türe, während die Excellenz gemächlich auf dem Sopha Platz nahm und ſich eine neue Pfeife ſtopfte. Der Advorat Doctor Bock, wenn er dem General auch nur über die geringfügigſten Dinge ſchrieb, un⸗ terließ nie, im Context die ſämmtlichen Titel ſeines Clienten, ſo wie mehre, aus eigenem Gutachten hin⸗ zugefügten, mit diverſen et ceteris einfließen zu laſ⸗ ſen⸗ weil dadurch die Copialgebühren, an welchen er Theil hatte, bedeutend vermehrt wurden. Der Gene⸗ ral, welcher ein Feind aller Weitſchweifigkeiten war, ärgerte ſich ſtets über dieſes Titulaturweſen, zumal hinter demjenigen des Doctor Bock in der Regel nie viel Erfreuliches zu folgen pflegte. Als daher Beifuß zu leſen begann:„Hoch⸗ und Wohlgeborener, Inſon⸗ derheit enen—“ unterbrach ihn Kirch⸗ ner mit den Worten:„Zur Sache, Beifuß, eine halbe Seite tiefer!“ Der Kammerdiener, welcher den General nicht verſtand, glaubte, er habe nicht recht geleſen, und be⸗ gann abermals und zwar weit lauter:„Hoch⸗ und Wohlgeborener, Inſonderheit Hochzuvenerirender, wie auch nicht minder höchſt Reſpectabler—“ „Du ſollſt die Titel weglaſſen und blos den Brief leſen,“ wiederholte Kirchner. Beifuß, dem von je nichts wichtiger erſchienen, als gerade die Titel, weil alle Welt darauf ſo viel gab, glaubte, Seine Excellenz ſpaße. Er lächelte daher auf höchſt ſchlaue Weiſe und ließ ſich in den Titulaturen im Geringſten nicht ſtören, ſondern trug ſie jetzt mit einer wahrhaft diplomatiſchen Genauig⸗ keit vor. Der General verzweifelte „Der Menſch bringt mich um,“ rief er, als die Titel gar kein Ende nehmen wollten und Beifuß noch immer nicht zum eigentlichen Texte gelangte. Endlich war er fertig. „Gott ſei Dank,“ ſeufzte die Excellenz,„nun werden wir hören.“ 8 Der Doctar Bock ging natürlich mit der Sprache nicht ſogleich heraus. Er ſprach im Anfang über dies und das, ließ einige moraliſche und philoſophiſche Floskeln einfließen, ſprach von der ſittlichen Würde des Menſchen, welche die Macht beſitze, dem größten Mißgeſchick kühn die Stirn zu bieten. Der General rutſchte in ſeiner Ungeduld auf dem Sopha wiederholt auf und nieder. „Ich glaube, dieſer Satan iſt übergeſchnappt,“ ſprach er endlich, als die moraliſche Einleitung, zu⸗ mal Beifuß, wie ſeine Gewohnheit war, ziemlich langſam buchſtabirte, gar kein Ende nehmen wollte, „ſeit wann iſt denn der Doctor Bock eine moraliſche Perſon geworden? Davon hab' ich nie etwas gewußt.“ Jedesmal, wenn der General ſeinem Aerger Luft machte, hielt Beifuß ehrerbietig mit Leſen inne, und fuhr, den Finger auf die Stelle, wo er ſtehen ge⸗ blieben war, haltend, erſt dann wieder fort, wenn er ausdrücklichen Befehl dazu erhielt. „Weiter!“ ſchrie die Excellenz, über Beifußen's fortwährende Pauſen, wie über die ſalbungsreiche Einleitung im gleichen Grade erbittert. Der Kammerdiener gehorchte. Nachdem der Doe⸗ tor Bock dem General hinlänglich ſittliche Kraft an⸗ empfohlen, ward er religiös und kam auf das Chriſtenthum. „Der Kerl raſ't,“ rief Kirchner, der jetzt zu wüthen begann;„Beifuß, elender Kammerdiener, ſteht denn wirklich Alles ſchwarz und weiß im Briefe, was Du da vvorlieſt?“ „Strich vor Strich, Excellenz,“ rapportirte Beifuß. „Ich glaube, der Brief iſt gar nicht an mich!“ „Soll ich Ew. Epcellenz die Titel wiederholen?“ „Ich laß Dich hängen, wenn Du Dich unterſtehſt!“ „Das Chriſtenthum,“ fuhr Beifuß fort,„das ächte, wahrhafte Chriſtenthum iſt die Lehre, die uns erſtarket und nicht zu Schanden werden läßt, wenn des Lebens mannigfache Ungewitter über unſerm ſün⸗ denvollen Haupte dahindonnern; welche uns erhebt über alles Trübſal und alles Ungemach der Erde. Trachtet nicht nach Schätzen, an welchen die Motten nagen und welche der Roſt frißt.“ „Der Heidenhund,“ unterbrach hier laut auf⸗ ſchreiend die Excellenz,„mir das zu ſchreiben; dieſer Satan hält mich, bei meiner Seele! zum Narren; was? ich ſoll nicht nach Güter trachten, an welchen der Roſt nagt; wenn ich noch ein paar ſolche Pro⸗ zeſſe zu führen und noch ein paar ſolche nichtswürdige Advocaten zu mäſten hätte, würden bald weder die Motten noch der Roſt bei mir etwas zu nagen und zu freſſen haben.“ Beifuß gelangte endlich zu dem eigentlichen Zwecke des Schreibens, nämlich den General mit dem un⸗ glücklichen Ausgange des Prozeſſes bekannt zu machen und ihm zugleich das offene Bedauern an den Tag zu legen, daß es beim beſten Willen dem Sachwalter nicht möglich geweſen ſei, ein anderweitiges Rechts⸗ mittel gegen das allerdings höchſt grauſame Urtheil zu ergreifen. Der General, welcher trotz dieſer klaren Ausein⸗ anderſetzung noch immer nicht das Schlimmſte⸗ahnete, denn er war mit der Länge der Zeit gegen die un⸗ günſtigen Urtheile der verſchiedenen Inſtanzen nach⸗ gerade indolent geworden, ſo wie er auch diesmal glaubte, es handle ſich nur um eine abermalige Ent⸗ ſchädigung des Hofcommiſſairs, wie er ſchon gewohnt war, frug daher ziemlich gefaßt:„Nun, wie lautet denn dieſes, nach dem Ausſpruche des Doctor Bock 10 höchſt grauſame Urtheil? Ich dächte denn doch, alle zeitherigen wären ſchon grauſam genug geweſen, daß ſie gar nicht ſchlimmer kommen könuen!“ Beifuß mußte jetzt das beiliegende Urtheil der letzten Inſtanz öffnen und vorleſen. Aber je weiter er las, deſtv dunkelfarbiger ward das Geſicht des Gene⸗ rals, deſto ſichtbarer trat die Zornader auf ſeiner Stirn hervor; convulſiviſch ballte ſich ſeine Hand; als aber der Vorleſer zu der Sentenz kam, daß Beklag⸗ ter ſofort den Fahrweg durch ſein Grundſtück wieder⸗ herzuſtellen habe, knickte der General wie eine alte Eiche zuſammen. Der erſchrockene Beifuß, welcher nicht anders glaubte, als ſeine Excellenz habe der Schlag gerührt, ſprang eiligſt hinzu und hielt dem General ein Riech⸗ fläſchchen, das er ſtets bei ſich zu tragen pflegte, unter die Naſe. „Es iſt kein Wunder,“ ſprach der mit der Wie⸗ derbelebung ſeines Herrn beſchäftigte Kammerdiener, „daß er einen Knax bekam; dieſes Urtheil wirft ein Vieh um.“ Nach ungefähr zwei Minuten, in welchen es Bei⸗ fuß an Rütteln, Aufknöpfen und Reiben nicht hatte fehlen laſſen, kam die Excellenz wieder zu ſich, aber nur um ihrer Wuth um ſo freiern Lauf zu laſſen. So wild hatte der Kammerdiener ſeinen Herrn im Leben nicht geſehen. Er begann ordentlich ſich zu fürchten. Der General ſchwur in der erſten Hitze hoch und theuer, erſt den Doctor Bock höchſteigen⸗ händig todt zu ſchlagen, dann den Urthelsverfaſſer umzubringen, ſeinen Garten zu verwüſten, zum Lan⸗ desfürſten zu reiſen, damit dieſer das verbrecheriſche Urtheil durch einen Gewaltſtreich vernichte. Er nahm ſich gleich ſo vielerlei Dinge mit einander vor, daß —— er gar nicht wußte, wo er anfangen ſollte. Er war vom Sopha aufgeſprungen und lief tobend in der Stube auf und ab. Dabei focht er barbariſch mit einem Stocke in der Luft, daß Beifuß, der ganz un⸗ verſchuldeter Weiſe ſchon einige Hiebe erhalten hatte, entſetzt aus einer Ecke in die andere ſprang. Der Hocherzürnte ſah nicht, wo er hinſchlug. paßte daher einen glücklichen Moment ab, um ſo ſchleunigſt wie möglich durch die Thür zu entkommen, ohne d daß der General bei ſeiner Aufregung die Flucht bemerkt hätte. Die Excellenz fuhr noch eine geraume Zeit fort, auf Tiſche und Stühle zu ſchlagen, daß Gläſer und Taſſen zitterten und klirrten. Endlich ſank er auf's Sopha. Nach reiflicher s beſchränkte er ſeinen Stte Racheplan vor der Hand in ſo weit, daß er blos den Doctor Bock mit dem Leben beſtrafen oder ihm Arme und Beine rechtskräftig zerbrechen laſſen wolle; den Urthelsverfaſſer behielt er ſich für eine ſpätere Zeit vor; und die Reiſe zum Landesfürſten, damit dieſer durch einen Gewaltſtreich das Urtheil caſſire, ſchlug er ſich bald ganz aus dem Sinne. Er gedachte, wie ſchlimm es ihm in einem ähnlichen Falle in demſelben eſe ſchon ergangen ſei. Nachdem er ausgetobt hatte, lag er auf dem So⸗ pha und ächzte und ſtöhnte und fluchte. Bald klagte er die irdiſche Gerech chtigkeitspflege als größte Ver⸗ brecherin beim Himmel an, bald verwünſchte er ſie in den tiefunterſten Höllenpfuhl. Der geflüchtete Beifuß ſteckte von Zeit zu Zeit den Kopf durch die Thür, um über den Zuſtand ſei⸗ nes desperaten Herrn Erkundigungen einzuziehen. Als er gewahrte, daß ſich der Hauptraptus gelegt habe, ſchlich er leiſe wieder in's Zimmer. 12 Auf das Knarren, welches die⸗Thür verurſachte, wandte der General den Kopf und da er des Kam⸗ merdieners anſichtig wurde, frug er: „Beifuß, Er hat wohl auch ſein Theil erhalten?“ „Allerdings,“ erwiederte der Gefragte, indem er mit den Händen ſeinen Rücken viſitirte,„es iſt mir ſo.“ „Er kommt da,“ tröſtete der General,„für ſein Theil golden weg; wie muß ich thun? ich liege auf der Folter.“ „Verzeihen Ew. Excellenz⸗ ich bin in ſolchen Din⸗ gen beſcheiden.“ „Beifuß!“ rief nach einer Pauſe der alte Kriegs⸗ mann. „Ew. Excellenz!“ „Laß Er mal in das Wochenblatt und in den politiſchen Kinderfreund die Anzeige ſetzen, daß ich mein Haus und Garten verkaufe.“ „Ew. Excellenz belieben zu ſcherzen.“ „Beifuß, thu Er, wie ich Ihm geheißen.“ „Das iſt ja nicht möglich! Das herrliche Grund⸗ ſtück, worauf Ew. Excellenz—“ „So außerordentliche Summen verwandt,“ fuhr der General fort,„allerdings, leider.“ „Welches Ew. Excellenz,“ ſprach der Kammerdie⸗ ner,„ſo lieben, daß Hochdieſelben oft geſchworen ha⸗ ben, hier und nirgend anders ſolle Ihk Grab ſein.“ „Muß ich denn nicht befürchten, guter Beifuß, daß es dem Herrn Hofcommiſſair morgen einfällt, eine neue Servitut hervorzuſuchen, welche mir ſogar das eigene Begräbniß unterſagt, oder daß er eine Heer⸗ und Militairſtraße über mein Grab führt? Du ſiehſt ja, daß es keine Gerechtigkeit in dieſem Lande gibt. Nein, Beifuß, eh' ich eine Fahrſtraße mitten durch meine Roſen- und Jelängerjelieberlauben dulde, 13 eher verkaufe ich Garten und Haus an den Erſten Beſten und ſuche mir auf irgend einem ſtillen Win⸗ kelchen der Erde ein kleines ſervitutenfreies Plätzchen, wo ich vor dem Hofcommiſſair Ruhe habe.“ „Vielleicht würde der Herr Eccarius,“ gab Bei⸗ fuß zu bedenken,„ſich doch vielleicht gegen eine an⸗ ſehnliche Ablöſungsſumme bereitwillig finden, auf ſein Recht zu verzichten; er ſoll in vielen Dingen ein recht billigdenkender Mann ſein.“ „Auf ſein Recht verzichten? Beifuß, wie ſpricht Er wieder! Ich frage Ihn bei Seinem geſunden Menſchenverſtande, wo hier vom Recht die Rede ſein kann, wenn ich durch einen mir ganz fremden, wohl⸗ angelegten und wohlummauerten Garten einen Fahr⸗ weg beanſpruche; wenn das nicht der bodenloſeſte Un⸗ ſinn und das himmelſchreiendſte Unrecht zugleich iſt, ſo weiß ich nicht, was man heut zu Tage unter Menſchenverſtand und Recht eigentlich verſteht.“ Beifuß mochte ſich in keine Discuſſionen und De⸗ finitionen über die Begriffe von Menſchenverſtand und Unrecht einlaſſen, weil er wußte, daß er bei ſolchen Streitfragen gegen ſeinen Herrn nie auskam. Der alte General liebte keine langen parlamentariſchen Debatten, darum waren ihm auch die Landtage ſo zuwider, ſondern er zerhieb, wie einſt Alexander, die ſchwer zu löſenden Knoten mit dem Schwerte; das hieß bei ihm aber ſo viel wie„Beifuß, halt' Dein Maul, oder ich werfe Dich zur Thür hinaus.“ Da⸗ her ging die Excellenz gegen ihren Kammerdiener ſtets als Sieger aus allen philoſophiſchen Disputationen, die ſich oft bis zur Metaphyſik erhoben, hervor. Beifuß kam daher auf ſeinen guten Rath zurück, daß Seine Excellenz ſich möge mit dem Hofcommiſ⸗ ſair durch eine Ablöſungsſumme abfinden. 1¹ „Was ſchwatzeſt Du?“ erwiederte der General, „war es nicht ſeit geraumer Zeit mein ſehnlichſter Wunſch, mich mit dem Hofcommiſſair auszugleichen, aber ließ es denn der Bock, für welchen ich die tiefun⸗ terſte Hölle noch viel zu gut halte, dazukommen? Ich ließ ſogar einmal, ohne Vorwiſſen meines Advvcaten⸗ durch die dritte Hand meinem Gegner einen Vergleich anbieten, ich darf die Summe gar nicht nennen, die ich bot; aber dieſer Böſewicht erklärte geradezu, daß es ihm nicht um mein Geld, ſondern um ſein Recht zu thun ſei.“ „Gewiß,“ verſetzte Beifuß,„hat der Doctor Bock den Herrn Hofcommiſſair erſt recht erbittert, weil dieſer von keinem Vergleiche wiſſen will.“ „Es iſt wohl ein Satan ſo ſchlimm wie der an⸗ dere,“ erwiederte mürriſch der General;„doch nein, da thu' ich dem Hofcommiſſair doch zu viel; es kann ein Menſch ſchon ſehr verworfen ſein, aber dem Bock reicht ſo leicht Keiner das Waſſer.— Doch, Beifuß, daß wir nicht Eins in's Andere reden, vergiß meinen Auftrag nicht und laß Haus und Garten ausbieten, ſo bald als möglich, gleich in einer der nächſten Nummern.“ Der Kammerdiener wollte ſeinem Herrn den Ver⸗ kauf ausreden, aber der General blieb unbeweglich. „Nein, Beifuß,“ ſprach er,„ſpar' Deine Worte; ich dächte, Du ſollteſt ſo viel Einſehen haben, daß ich dieſes rohe Fabrikvolk, ihren edlen Hofcommiſſair an der Spitze, in Triumph und unter Sang und Klang und Paukenſchlag nicht durch die ſtilien Räume meines Gartens kann zichen laſſen. Denke nur, welch' ein Hoſiannah dieſe verderbte Menſchheit anſtimmen wird, daß ich endlich nach zehnjährigem, beiſpielloſem Prozeſſe und Geldverluſte dennoch unterlegen bin. Ich glaube, der Hofcommiſſair iſt im Stande, zur 15 Einweihung des Fahrweges einen eigenen Triumph⸗ marſch componiren zu laſſen; eine ſolche Malice ſieht ihm ähnlich. Nein, das wäre mehr, als ein armer Sterblicher ertragen kann. Ich habe ehedem manche Batterie erſtürmt; ich fürchte mich vor Hölle und Teufel nicht, was die Courage anbelangt; aber hier in Sachen dieſes Prozeſſes muß ich meine Schwach⸗ heit bekennen. Das ertrage ich nicht. Darum fort mit der ganzen Beſitzung, fort, je eher je lieber. Meine Feinde ſollen wenigſtens nicht die Freude ha⸗ ben, ſagen zu können, daß, ſo lange ich den Garten beſeſſen habe, der Fahrweg geſtattet geweſen ſei.“ Während die Beiden auf dieſe und ähnliche Weiſe converſirten, ward der Student Karl Willer angemel⸗ det, welcher, ſeinem geſtrigen Verſprechen gemäß, dem General einen Beſuch abzuſtatten kam. „Er kommt wie gerufen,“ ſprach der General, dem bei dem Namen des Angemeldeten wieder freier und froher zu Muthe ward,„Beifuß, führe ihn un⸗ verzugs nach der blauen Stube, ich werde ſogleich erſcheinen.“ Als der Kammerdiener ſich entfernt hatke, fuhr Kirchner, ſeine Toilette etwas in Ordnung bringend, fort: „Ich hatte ob der ſchändlichen Prozeßgeſchichte den verſprochenen Beſuch ganz vergeſſen. Der brave Willer konnte zu gar keiner gelegenern Zeit kommen. Das iſt doch noch ein Menſch, mit dem ſich ein verſtändi⸗ ges Wort reden läßt. Ich bin begierig, was Der zu dem Prozeſſe überhaupt und namentlich zu dem tragiſchen Ausgange ſagen wird. Ich bin überzeugt, daß er gleichfalls Feuer und Flammen ſpeit, ſchon ie zu Liebe, denn er ſcheint mich nicht ungern zu haben.“* 16 Mit dieſen Gedanken machte ſich Kirchner nach dem Empfangzimmer auf den Weg. Als er den Stu⸗ denten erſchaute, rief er ſogleich, ihm die Hand herz⸗ lich ſchüttelnd: „Sie hat ein guter Genins geſandt. Denken Sie nur, wie mir's armem Manne auf meine alten Tage ergeht! Wahrhaft gotteserbärmlich ſpringt man mit mir um. Es iſt ſchlechterdings um aus der Haut zu fahren.“ Der General theilte fofort dem aufmerkſam zu⸗ hörenden Studenten, der neben ihm auf dem Sopha Platz genommen hatte, die grofartige Prozeßgeſchichte mit. Da er ziemlich eurſoriſch dabei zu Werke ging, war er bald damit zu Ende. „Und was iſt das Ende vom Liede?“ frug er ſchließlich. Da Willer hier die Antwort ſchuldig blieb, fuhr der alte Krieger leidenſchaftlich fort:„Was iſt das Ende vom Liede?— daß ich nach zehnjährigem, bei⸗ ſpielloſem Aerger, nach enormen, wahrhaft zum Fen⸗ ſter hinausgeworfenen Geldſummen den vermaledeiten Fahrweg wiederherſtellen und in baulichem Stande erhalten ſoll. Was ſagen Sie?!“ Der Student lächelte, und dem erzürnten alten Manne die Hand hinreichend, erwiederte er:„Nein, das ſollen Ew. Exeellenz nicht!“ „Nicht wahr,“ frug der General,„lieber das ganze Neſt verkauft und auf und davon gezogen; das iſt auch mein unwiderruflicher Entſchluß.“ „Nein,“ fuhr Willer ruhig fort,„auch das ſollen Ew. Excellenz nicht, weder das anmuthige Grundſtück verkaufen, noch auf und davon ziehen.“ Kirchner ſah den Studenten fragend an. „Etwa den Prozeß nochmals aufnehmen,“ meinte —, * 17 er,„und Waſſer im Siebe forttragen; ich kann mich dazu nicht verſtehen.“ „Ew. Excellenz hätten den Prozeß gar nicht beginnen und nicht ſo bös werden laſſen ſollen,“ ſprach Willer. „Geſcheut,“ entgegnete der General,„das hab' ich bereits vor Jahren eingeſehen; jetzt kommt aber dieſe Weisheit zu ſpät. Schlimm genug, daß ſich dieſe ſo häufig dann erſt findet, wenn unſre Dummheit und Halsſtarrigkeit bereits Alles verdorben hat. Aber was wollten Sie vorhin damit ſagen, mein junger Freund, daß ich den Fahrweg nicht bauen und auch mein Grundſtück nicht verkaufen ſoll? Bedenken Sie, daß ich ſo eben das letzte Urthel erhalten habe, gegen wel⸗ ches keine weitere Appellation möglich iſt.“ „Doch, doch,“ beharrte lächelnd der Student. „Zum Henker, ſo ſprechen Sie!“ rief ungeduldig der General,„was halten Sie länger hinterm Berge. — Aber ich ſehe ſchon, es wird auch nicht viel Er⸗ freuliches zum Vorſchein kommen.“ „Wohlan,“ verſetzte Willer, und zog ein Papier aus der Bruſttaſche,„hiermit habe ich die Ehre, Ew. Excellenz die gerichtlich autorifirte Verzichtleiſtung auf Ausübung der auf Ihrem Grund und Boden laſten⸗ den Servitut, ſo lange Sie nämlich für Ihre Per⸗ ſon im Beſitze des Gartens ſind, im Namen meines Freundes, des Herrn Hofcommiſſairs Eeccarius, zu überreichen. Zugleich verzichtet derſelbe auf jedwede Entſchädigung, welche Ew. Excellenz durch das letzte Urthel der höchſten Inſtanz auferlegt worden iſt, ſo wie er alle ihm im Laufe des langwierigen Prozeſſes gezahlten Conventionalſtrafen zu Ihrer Dispoſition zu⸗ rückſtellt. Der Herr Hofcommiſſair verbindet hiermit die Erklärung, daß er den Prozeß keineswegs deshalb ge⸗ führt habe, um ſich zu bereichern, ſondern lediglich, Stolle, ſämmtl. Schriften. v1iII. 2 2 18 um ein Recht geltend zu machen, das man ihm ſo hartnäckig habe verweigern wollen; er erklärt, daß er in Betracht der ſchweren Opfer, welche dieſer Prozeß Ew. Exeellenz bereits gekoſtet, längſt die Friedenshand geboten haben würde, ſo ihm dies nicht durch die eben ſo häufigen als gehäſſigen Infinuationen des Doctor Bock wäre verleidet worden. Der Herr Hof⸗ commiſſair empfiehlt ſich ſchließlich mit der ergebenſten Bitte, daß Ew. Excellenz ſein Anerbieten mit derſel⸗ ben Geſinnung, als es von ſeiner Seite gebracht wird, anzunehmen die Güte haben wollen. Er verhofft dies um ſo mehr, da er meine Perſon zum Ueberbringer auserwählt hat, welche geſtern Abend ſo ſchöne Ge⸗ legenheit gehabt, den vortrefflichen Charakter Ew. Excellenz kennen zu lernen.“ Der General wußte die erſten Augenblicke, nach⸗ dem Willer geendigt, wirklich nicht, ob er recht ge⸗ hört hatte, ſo völlig unerwartet kam ihm das groß⸗ müthige Anerbieten des zeither ſo gehaßten Gegners. Er langte mechaniſch nach dem Schreiben des Hofcom⸗ miſſairs, welches der Student hinhielt, und faltete es aus einander. Theils litt der bejahrte Mann an Kurzſichtigkeit, theils ſchwammen ihm, er mochte das Schreiben bald nah, bald entfernter halten, die Buchſtaben ſo confuß durch einander, daß er keine Sylbe herauszubringen vermochte. Willer, der den Grund hiervon ſogleich errieth, frug mit vieler Beſcheidenheit, ob Seine Excellenz vielleicht erlauben wollten, wenn er den Brief vorläſe. „Thun Sie das, Freund,“ erwiederte der General mit ſeltſam bewegter Stimme. Der Student machte nun von der erhaltenen Er⸗ laubniß Gebrauch und trug das Schreiben vor. Die⸗ 19 ſes war aber mit ſo viel Zartheit, Humanität und Liebenswürdigkeit abgefaßt, der Hofcommiſſair wußte der ganzen Sache ein ſo nobles Anſehen zu geben, daß es den Anſchein gewann, als habe er weit mehr als Seine Excellenz zu gewinnen, wenn letztere die Gnade haben wollte, das in der That großmüthige Anerbie⸗ ten anzunehmen. Der alte Mann war auf's Tiefſte ergriffen. Als Willer mit dem Briefe zu Ende, erwiederte er kein Wort, ſondern klingelte und befahl dem eintretenden Kammerdiener, den Wagen vorfahren zu laſſen. Der Student wußte im erſten Augenblicke nicht, was er hiervon denken ſolle. Er frug daher:„Ew. Excellenz wollen ausfahren?“ „Ja wohl, mein Sohn,“ war die Antwort des Generals,„und Du ſollſt mich begleiten. Ich muß die nähere Bekanntſchaft eines Mannes machen, den man mir Jahre lang als boshaften Menſchen ver⸗ ſchrieen, dem ich in meiner Leidenſchaftlichkeit viel Weh zugefügt und den ich leider ſo ſpät erſt als einen braven, edelherzigen Mann kennen lerne. O, man traue nur gehäſſigen Einflüſterungen und ſogenannten guten Freunden!“ Bereits nach Verlauf einer Viertelſtunde fuhren die Beiden nach der Wohnung des Hofcommiſſairs. 20 Zweites Rapitel. Langſchädel träumt höchſt wunderbar und entdeckt ſich deshalb dem Inſpector Sonnenſchmidt. Der Brückenzollgelder⸗Einnehmer Langſchädel, welcher nie die Kunſt verſtand, gut zu wirthſchaften, war mit der Zeit in ziemlich mißliche Vermögensumſtände ge⸗ rathen. Seine Ausgaben ſtanden mit ſeiner Einnahme in keinem Verhältniſſe. Er war ſchwach genug, kein Vergnügen, das ſich ihm darbot, ausſchlagen zu kön⸗ nen, und was das Schlimmſte bei der Sache, er hatte ſich, nachdem durch des Inſpectors Sonnenſchmidt Frömmigkeit die oft erwähnte Solopartie geſtört wor⸗ den war, dem Hazardſpiele zugewandt, wo er hoch und unglücklich ſpielte. Zwar wußte er für ſeine Lebensweiſe, wenn ihm der fromme Sonnenſchmidt oder der ſtrenge Eccarius ernſtliche Vorwürfe machten, eine Menge Entſchuldigungsgründe. Beim Hofcom⸗ miſſair ſchützte er die Beſchwerlichkeiten ſeines Amtes vor, welche eine Erholung unumgänglich nothwendig machten; bei dem Inſpector meinte er, mit einem alten gedienten Krieger, welcher den Napolevn zu Boden geworfen und dem großen deutſchen Vaterlande ſeine Selbſtſtändigkeit und Freiheit wiedergegeben habe, dürfe man das nicht ſo genau nehmen. Langſchädel würde, was den Inſpector anlangte, dergleichen Entſchuldigung gar nicht für nöthig erach⸗ tet, ſondern dem frommen Manne, wenm er ſich's hätte in den Sinn kommen laſſen, an des Herrn Lieut⸗ nants Lebensweiſe zu corrigiren, unfehlbar ſehr gröb⸗ lich, wie es ſeine Art war, geantwortet haben, wenn es nicht ſeine eigene Bewandtniß dabei gehabt hätte. 21 Der Herr Lieutnant befand ſich nämlich fortwäh⸗ rend in Geldverlegenheit und da waren es dann im⸗ mer die zwei ſo eben erwähnten Männer, zu welchen er ſeine Zuflucht nahm. Der Hofcommiſſair, welcher Langſchädel's bedrängte Lage ſehr bald durchſchaut hatte, machte ihm die ernſt⸗ lichſten Vorſtellungen. „Wenn Sie ſich nicht einſchränken,“ ſprach er, „und namentlich von Ihrem verwünſchten Spiele nicht laſſen, erlebe ich's, daß Sie um Amt und Brot kom⸗ men. Gehen Sie in ſich, Sie ſind kein Kind. Ich will Ihnen diesmal noch aushelfen; aber ſobald ich erfahre, daß Sie wieder bei Rehfeld's geſpielt haben, erhalten Sie keinen Pfennig wieder. Schämen Sie ſich denn nicht? eim Angeſtellter, dem überdies öffent⸗ liche Gelder anvertraut ſind, und treiben ſich unter Gaunern umher.“ Wenn Langſchädel bei dem Hofcommiſſair um ei⸗ nen kleinen Vorſchuß einkam, ſo ſagte ihm dieſer ſtets unverholen ſeine Meinung, aber kurz und bündig, ohne viel Worte zu machen, und gab das Verlangte. Bei Sonnenſchmidt war dies ganz anders. Dieſer lamentirte erſt eine halbe Stunde über ſchlechte Zei⸗ ten, klagte wie die Gelder ſchlecht eingingen, welche bedeutende Ausgaben er in jüngſter Zeit gehabt; wie viel ihm ſein Neffe koſte, der Studioſus juris; dann hielt er dem Lieutnant wieder eine halbſtündige Buß⸗ und Straf⸗ und Ermahnungspredigt wegen ſeines Haus⸗ halts, ſetzte ihm weit und breit auseinander, wie das zu keinem guten Ende führen könne, wozu er wieder eine halbe Stunde brauchte; und wenn der verzweif⸗ lungsvolle Langſchädel, von ſeinen Gläubigern auf's Blut gepeinigt, mit Bitten nicht nachließ, und Son⸗ nenſchmidten endlich bei ſeinem frommen, chriſtlichen 22 Sinn und Wandel beſchwor, wandelte die hohe Ge⸗ ſtalt des Inſpectors in der dritten halben Stunde nach dem nußbaumenen Wandſchranke, aus welchem er einen vergilbten Beutel mit ſchlechtem Gelde her⸗ vorlangte. Nun begannen die Debatten über die Größe des Darlehns und über die Länge der Zeit. Die ver⸗ langte Summe ſelbſt bekam Langſchädel niez der fromme Sonnenſchmidt reducirte ſie in der Regel auf die Hälfte, wo nicht gar auf das Drittel; mit den Ter⸗ minen hinſichtlich der Rückzahlung war es ebenſo. War man mit dieſen Vorarbeiten zu Stande, ſo holte der Inſpector einen Stempelbogen; die landes⸗ üblichen Zinſen, vielleicht auch einige Procente mehr, da der großherzige Debitor hoch ünd heilig bethenerte, das Geld ſelbſt außerordentlich hoch verzinſen zu müſ⸗ ſen, ſo wie der Stempelbogen wurden ſogleich in Ab⸗ rechnung gebracht und Langſchädel mußte den von Sonnenſchmidten ſehr gewiſſenhaft ausgeſtellten Schuld⸗ ſchein unterſchreiben. Dies geſchah regelmäßig in der vierten halben Stunde, von dem Zeitpunkte an gerech⸗ net, wo der Lieutnant beim Inſpector um ein Darlehn eingekommen war. Langſchädel, obſchon er vor dem Hofeommiſſair einen außerordentlichen Reſpect hegte, während er Sonnenſchmidten über die Achſeln anſah, wandte ſich in Geldangelegenheit gleichwohl weit lieber an erſteren, welcher ihm zwar nicht ſo fromme und chriſtliche Er⸗ mahnungsreden hielt wie letzterer, aber dafür mit dem Gelde weit ſchneller bei der Hand war, auch die verlangte Summe rein zahlte, und weder Intereſſen noch Schuldverſchreibung verlangte. Um von dem Inſpector ein paar Thaler ſchlecht Geld gegen hohe Zinſen auf möglichſt kurze Zeit zu erhalten, bedurfte er allemal eines ganzen Vormittags. Daher wandte ſich Langſchädel auch nur im äußerſten Nothfalle an Sonnenſchmidten. Der Inſpector war, wie erwähnt, ſeit den geſpen⸗ ſtiſchen Erſcheinungen im vorigen Spätherbſte von ſei⸗ ner Freigeiſterei zurückgekommen und äußerſt fromm geworden. Dieſe Frömmigkeit erſtreckte ſich indeß le⸗ diglich darauf, daß er die Kirche beſuchte, ſich von den rauſchenden Vergnügungen zurückzog und häufig mit der Geiſtlichkeit verkehrte; auf den innern Men⸗ ſchen war dieſe Umwandlung von durchaus keinem Be⸗ lang geweſen, ja ſie hatte ſogar den nachtheiligen Einfluß, daß der Inſpector aus einem ſparſamen ein geiziger Mann geworden war, der ſich ſelbſt nicht ſcheute, wucheriſche Zinſen zu nehmen. Er betrach⸗ tete, wie man dies ſo häufig findet, ſein Kirchengehen, ſeinen Morgen- und Abendſegen als eine bequeme Eſelsbrücke, in den Himmel zu gelangen, und befand ſich ganz behaglich dabei. Wenn er ſeinen Geſang⸗ buchvers geleſen, ſo glaubte er ſich des lieben Gotts und des Himmels vollkommen verſichert und folgte nun ſeines Herzens irdiſchen Gelüſten weit ſchlimmer, als früher. Da ſeit jener Schreckensnacht auf dem Rathskeller die Geiſter nichts wieder hatten von ſich vernehmen laſſen, ſo lebte er der beruhigenden Ueber⸗ zeugung, daß ſie mit ſeinem Thun und Laſſen voll⸗ kommen zufrieden wären. Oft mußte er daher, wenn er mit Wohlgefallen in ſeinen Zinsbüchern blätterte, lächeln. „Hätt' ich mir doch nicht träumen laſſen,“ ſprach er,„daß das Frommſein eine ſo ganz charmante und überdies höchſt bequeme Sache iſt. Bei meiner ehema⸗ ligen Freigeiſterei befand ich mich lange nicht ſo wohl, wie gegenwärtig. Was gibt das zum Beiſpiel für 21 ein Anſehen, wenn ich mit dem Herrn Superindenten in gelahrtem und erbaulichem Geſpräche langſam die Promenaden auf- und abwandle. Wie fliegen aller— orts die Deckel ehrerbietig von den Köpfen. Man dankt mit gnädigem Kopfnicken. Ehedem feixte Unſer⸗ einen der grobe Janhagel an, ohne ſich zu rühren. Es war eine Sünd' und Schande. Das iſt jetzt, wo ich gleichſam als Stück geiſtliche Perſon einherſchreite, ganz anders. Auch der himmliſche Segen bleibt nicht aus. Seit ich den Klingelbeutel und Kirchenſtock reichlicher bedenke, mache ich mir ſchon kein Gewiſſen mehr, von meinen Schuldnern ein paar Procentchen mehr zu verlangen. Was thut's denn? ueber kurz oder lang kommt es dem lieben Gott und den Armen doch wieder zu gute. Ja, es geht doch nichts über einen gottesfürchtigen Lebenswandel. Ich hätte mir das ehedem, als ich noch in meiner freigeiſtiſchen Be⸗ ſchränktheit mit ſtolzem, hoffärtigem Sinne einherſtol⸗ zirte, gar nicht träumen laſſen. O, die Demuth iſt zu allen Dingen nütze. „Auch daß ich mich,“ fuhr Sonnenſchmidt in ſei⸗ nem höchſt erbaulichen Selbſtgeſpräche fort,„von den rauſchenden Vergnügungen zurückgezogen, hat ſein Gu⸗ tes. Man zeigt der eitlen Welt, daß man ihre Eitel⸗ keiten entheſen kann, und erſpart ſich Ausgaben.“ Der Inſpector hatte wirklich durch ſein ſcheinhei⸗ liges Weſen iſt neuerer Zeit bei vielen Leuten an An⸗ ſehen gewonnen; nur der Hofcommiſſair ließ ſich nicht verblüffen. Er durchſchaute den neugebackenen Him⸗ ärgerte ſich über deſſen Heuchelei und chikanirte ihn, wo er nur konnte. Unlängſt hatte er ihn ſogar vor einer ziemlichen Anzahl Leute einen „grauen Sünder“ genannt. Sonnenſchmidt ging da⸗ her ſeinem Widerſacher aus dem Wege, wo er konnte. Ein ganz gleiches Verfahren beobachtete er hin⸗ ſichtlich des Brückenzollgelder-Einnehmers, nnr aus anderm Grunde. Dieſen floh er, damit er ihn nicht anpumpe. Er ſah im Geiſte, wie es in Kurzem mit Langſchädeln ein ſchlimmes Ende nehmen müſſe. Er hatte zwar in der Länge der Zeit ſehr ſchöne In⸗ tereſſen von ihm erhalten, gleichwohl berechnete er zu ſeinem großen Jammer, daß er noch immer einbüße, wenn der Lieutnant in Kurzem fallire. Zugleich that er einen raſenden Schwur bei allen Göttern der Ober⸗ und Unterwelt, dem leichtſinnigen Menſchen nicht den rothen Heller mehr zu leihen, und wenn er auf dem Kopfe tanze. „Das Geld iſt zum Fenſter hinausgeworfen,“ ſprach er,„wovon will mich dieſer gewiſſenloſe Schul⸗ denmacher je wiederbezahlen? Ich war zu ſchwach und zu gut, daß ich ihm immer wieder vorſtreckte; er kannte mein unbewachtes Herz und machte ſich dies zu Nutze. Aber von jetzt iſt die Gnadenthür verrammelt und verriegelt und wär's um eines einzigen Gulden willen; und wenn er's Geld zum trocknen Brote brauchte, von mir erhält er nichts; ich büße genug ein. Ich habe als Chriſt an dem Menſchen gehandelt; aber es hat Alles ſein Ziel.“ Während Sonnenſchmidt ſolche fromme Vorſätze faßte, trat ſeine Haushälterin in's Zimmer und mel⸗ dete, daß der Herr Lieutnant den Herrn Inſpector dringend zu ſprechen wünſche. Sonnenſchmidt, welcher nicht anders glaubte, als Langſchädel befinde ſich wieder in Geldverlegenheit, war nicht in der Stimmung, dem Lieutnant einen freundlichen Empfang zu gewähren. Er ließ daher dem Harrenden kurz und bündig vermelden, daß er nicht zu Hauſe ſei. Die Haushälterin entfernte ſich, kehrte 26 aber gleich darauf mit der Nachricht zurück, der Herr Lieutnant wolle ſich nicht abweiſen laſſen; er wiſſe, daß der Herr Inſpector zu Hauſe ſei. Sonnenſchmidt gerieth durch dieſe Zudringlichkeit noch mehr in Harniſch. „Was weiß dieſer Leichtfuß,“ rief er,„nichts weiß er; ich bin einmal nicht zu Hauſe; ich muß das doch ſelber am beſten wiſſen.“ Die Haushälterin entfernte ſich und kehrte aber⸗ mals zurück. „Der Herr Lieutnant,“ referirte ſie,„beſteht dar⸗ auf, vorgelaſſen zu werden; er habe dem Herrn In⸗ ſpector eine Sache von außerordentlicher Wichtigkeit mitzutheilen.“ Wenn man dem Inſpector auch gerade keine große Neugier zum Vorwurf machen konnte, ſo war er doch von einer mäßigen Wißbegier nicht frei zu ſprechen. „Eine Sache von außerordentlicher Wichtigkeit,“ dachte er bei ſich,„was könnte das ſein; und wie ſollte Langſchädel dazu kommen? Wenn er blos pum⸗ pen wollte, würde er nicht den Muth haben, mit ſol⸗ cher Beharrlichkeit auf einer Unterredung zu beſtehen. Er würde fortgegangen und zu einer gelegnern Zeit wiedergekommen ſein. Es muß etwas dahinterſtecken, wie unglaublich es ſcheint; aber bei Gott iſt kein Ding unmöglich!“ Nach dieſen und ähnlichen Reflexionen beſchloß der Inſpector, Langſchädeln vorzulaſſen. Bevor wir aber zu dieſer merkwürdigen Unterre⸗ dung kommen, die zwiſchen dem Inſpector und dem Lieutnant ſtattfand, müſſen wir über letztern noch einige Worte vorausſchicken: Langſchädel, wie bereits erwähnt, befand ſich ſtets in finanziellen Beängſtigungen. Er zerbrach ſich ſchon 2 0 1 ſeit langer Zeit den Kopf, ein Mittel ausfindig zu machen, aus der ſchlimmen Lage herauszukommen. Dieſer Gedanke beſchäftigte ihn Tag und Nacht. Mit der Lotterie war's nichts. Er hatte unzählige Mal ſein Glück verſucht; ſtets nur waren Nieten zum Vorſchein gekommen. Da wollte es der Zufall, daß ihm eines Tags ein Buch in die Hände gerieth, deſſen Verfaſſer die Kunſt entdeckt hatte, diejenigen Orte ausfindig zu machen, wo Schätze vergraben lägen. Jedem Unbe⸗ fangenen mußte einleuchten, daß das ganze Machwerk nur, wie ſo häufig vorkommt, aus buchhändleriſcher Speculativn und in der Abſicht gedruckt worden, dunch den verführeriſchen Titel Käufer anzulocken. Der Autor, um ſeinen leicht zu täuſchenden Leſern ſo glaub⸗ bar wie möglich zu erſcheinen, hatte die ernſteſte Miene angenommen, und trug ſeine Thorheiten und Hirnge⸗ ſpinnſte in faſt wiſſenſchaftlichem Style vor. Er ſprach 6 ein Langes und Breites von dem Einfluß der Me⸗ talle auf das vegetabiliſche und animale Leben, und welche Wirkungen nicht allzutief vergrabene Gold- und Silbermaſſen auf die darüber grünende und blühende Pflanzenwelt hervorbrächten, die allerdings nur von Demjenigen zu erkennen wären, der mit Einſicht und Verſtand vorliegendes Buch ſtudire. Für Langſchädeln, der, was wiſſenſchaftliche Bil⸗ dung anbelangte, auf ſehr niederer Stufe ſtand, konnte es, namentlich wenn man ſeine ſteten Geldverlegen⸗ heiten in Erwägung zog, keine hnreißendere Lectüre geben, als dieſes Schatzgräberbuch. Er betrachtete das zufällige Auffinden deſſelben für einen Wink des Him⸗ mels, denn für ſeine häuslichen Umſtände ſchien die⸗ ſes vortreffliche Buch eigends geſchaffen. Der Lieutnant ſtudirte mit einer Wißbegier das neue Evangelium, als wolle er Buchſtaben für Buch⸗ 28 ſtaben auswendig lernen. Er machte häufig Excur⸗ ſivnen in die Umgegend, um diejenigen Orte auszu⸗ kundſchaften, wo Schätze vergraben lägen. Obſchon er zeither noch zu keinem günſtigen Reſultate gelangt und ſtets ohne Beute nach Hauſe zurückgekehrt war, ſo ließ er gleichwohl die Hoffnung nicht ſinken. Der Gegenſtand war ihm von zu hohem Intereſſe, als daß er ihm nicht hätte ſein ganzes Sinnen und Trach⸗ ten widmen ſollen. Das Schatzgraben ging mit ihm zu Bette und ſtand mit ihm auf. Kein Wunder, daß ihm dieſe hochwichtige Angelegenheit auch im Schlafe keine Ruhe ließ. Leider war aber Langſchädel's Traum⸗ gott ein höchſt ſonderbarer und eigenſinniger Kauz. Er ſchüttete zwar dem glücklichen Schläfer alle Nächte große Gold- und Silberhaufen auf, aber bezeichnete nie den Ort, wo ſelbige zu finden ſeien. Langſchädel ſtieg ſtets mit dem eifrigſten Wunſche zu Bette, daß ihm Freund Morpheus doch den Gefallen erweiſen und ein Licht über anberegten Gegenſtand aufſtecken möge; aber, wie geſagt, des Lieutnants nächtlicher Genius hatte ſeine Launen. Indeß verzweifle Nie⸗ mand; auch Langſchädeln ſollte endlich der Wunſch ſeines Herzens erfüllt werden; der Traumgott hatte ſich erbitten laſſen und zeigte eines Nachts Ort und Stelle, wo ein reſpectabler Schatz zu finden ſei. Die⸗ ſer Ort war aber kein anderer, als die Ruinen des ehemaligen Benediectinerkloſters, ein halbes Stündchen von Neukirchen, oberhalb der Werla gelegen. Die nächtliche Viſion war diesmal ſo gefällig, dem ſchlum⸗ mernden Langſchädel auf's Genaueſte mit den Locali⸗ täten bekannt zu machen, ſo daß er gar nicht fehlen konnte. Als er daher aufwachte, ſprang er wie be⸗ hext aus dem Bette. Der verhängnißvolle Traum ſtand klar und deutlich vor ihm. Der Lieutnant war entzückt, endlich das Ziel ſei⸗ ner Wünſche erreicht zu ſehen; er beſchloß daher, ſo ſchleunig wie möglich des unterirdiſchen Schatzes ſich zu verſichern. Aber hier ſtiegen große Serupel auf, die reiflich bedacht ſein wollten. Erſtens ſollte er den Schatz bei Tage oder während der Nacht erheben? Im Traume, darauf beſann er ſich deutlich, hatte er eine Laterne gehabt; denn es war ſehr finſter um ihn her geweſen. Dies ſchien ihm ein Wink zu ſein, daß er auch in der Wirklichkeit den Schatz in der Nacht erheben müſſe. Dieſer Wink des wohlthätigen Traum⸗ gotts hatte nach Langſchädel's Anſicht auch ſeinen gu⸗ ten Grund; denn bei Tage war die Sache zu ge⸗ wagt. Wie leicht konnte der Schatzgräber von dem im Kloſtergute und in deſſen Nähe zahlreich beſchäf⸗ tigten Hofgeſinde bemerkt werden. So viel ſtand feſt: die geheimnißvolle Unternehmung mußte nächtlicher Weile in's Werk geſetzt werden. Nun war die zweite Hauptfrage, welche Langſchä⸗ deln viel Sorge und Nachdenken machte, nämlich wen er zum Begleiter, als Schutz und Schirm bei der Schatzerhebung mitnehmen ſollte; denn mutterſeelallein des Nachts nach den Ruinen des Benedictinerkloſters zu wallfahrten, dazu würde man ihn nicht vermocht haben, und wenn alle Schätze Peru's in den alten Mauern verſteckt gelegen hätten. Er hatte zwar den Napoleon beſiegt, Deutſchland befreit und nach ſeinen eigenen Ausſagen ſich heldenkühn geſchlagen; aber das war Alles bei Tage vor ſich gegangen in der ſchön⸗ ſten Sonnenbeleuchtung. Bei Nacht, das geſtand er ſelbſt, leiſte er wenig. Er müſſe ſeinen Feind ſehen. Mit unſichtbaren Mächten könne er ſich nicht einlaſſen. Da wiſſe man ja nicht einmal, wo man hintreffe. Aber wen von den viertauſendfünfhundert Be⸗ 30 wohnern Neukirchens in das Traumgeheimniß ein⸗ weihen?! Wo den eben ſo muthigen wie disereten Mann finden, mit dem das Abenteuer zu beſtehen? Das waren Fragen, deren Beantwortung dem Lieut⸗ nant außerordentlich im Kopfe herumgingen. Er ſann hin und wieder. „Dem Erſten Beſten kannſt du dich unmöglich anvertrauen,“ ſprach Langſchädel zu ſich;„wie leicht könnte ein ſolcher die Sache allein ſich zu Nutze ma⸗ chen, den Schatz heben und in ſeinem Nutzen ver⸗ wenden und du hätteſt umſonſt geträumt. Es muß daher ein gewiſſenhafter, wo möglich ein religiöſer Mann ſein; wenn du ihm auch für den zu leiſtenden Beiſtand einige Procente vom Schatze abtreten mußt. Umſonſt iſt der Tod; und ich glaube, der Traumgott wird ſich nicht malhonnet zeigen, ſo daß für Beide Erkleckliches abfällt.“ Nach halbſtündigem angeſtrengten Nachdenken, in welchem der Lieutnant ſeine ganze Beurtheilungs⸗ und Combinationsgabe aufbot, kam er ſo weit, in dem Inſpector Sonnenſchmidt ſo ziemlich alle gewünſchten Eigenſchaften zur Schatzerhebung vereinigt zu finden. „Sonnenſchmidt,“ überlegte er,„iſt unternehmend, gewiſſenhaft und in neueſter Zeit kann man ihn den Frommen beizählen. Zudem hat er bei der Schatz⸗ erhebung doppeltes Intereſſe; außer ſeinen Procenten wird er wahrſcheinlich ſogleich ſein Guthaben anzie⸗ hen, was mir, bei Lichte beſehen, ziemlich einerlei iſt, denn der Inſpector iſt wahrhaftig nicht der ange⸗ nehmſte Gläubiger.“ Langſchädel hatte alſo ſo Unrecht nicht, als er ſich an der Thür Sonnenſchiidt's nicht ſogleich wollte abweiſen laſſen. Er hatte auch nicht gelogen wegen der„Sache von außerordentlicher Wichtigkeit.“ 31 Nachdem er vorgelaſſen worden, theilte er ſofort die wunderbare Geſchichte dem aufhorchenden Inſpee⸗ tor mit. Dieſer ehemalige Freigeiſt dachte jetzt, nach⸗ dem er fromm geworden, ganz anders über dergleichen überirdiſche Angelegenheiten. Er war ganz Ohr und ſein Intereſſe nahm von Minute zu Minute zu. Als nun Langſchädel endlich erklärte, daß ein außer⸗ ordentlicher Drang ihn vermocht habe, ſich ſeinem Freunde, dem Inſpector, als einem gottesfürchtigen Manne zu entdecken und um ſeinen Rath und Bei⸗ ſtand zu bitten, wofür er gern einige Procente vom Schatze miſſen wollte, ward Sonnenſchmidt gerührt. „Lieutnant,“ ſprach er, dem Schatzgräber die Hand reichend,„Ihr habt Euch keinem Undankbaren mitgetheilt. Wir theilen brüderlich, Ihr ſollt um keinen Krenzer übervortheilt werden.“ Dieſes brüderliche Halbpart wollte Langſchädeln gar nicht behagen. Er kratzte ſich hinter den Ohren und erwiederte:„Ein Achtelchen, Inſpector, nicht wahr? Ihr müßt bedenken, daß der Schatz eigentlich mir beſtimmt iſt.“ „Um Himmelswillen,“ beſchwor Sonnenſchmidt, „ſeid in ſolchen Dingen kein Knicker; entſchlagt Euch aller weltlichen, geizigen Gedanken, ſonſt erzürnt Ihr die himmliſchen Geber. Bedenkt, daß die Hälfte in gottesfürchtige Hände kommt. Bedenkt, daß genug da ſein wird für uns Beide. Wenn die Geiſter ſich ein⸗ mal ſplendid zeigen, kommt's ihnen auf ein Tauſend mehr oder weniger nicht an.“ Langſchädel, in Geldgeſchäften ſtets leichtſinnig und ohne Kopf handelnd, ließ ſich durch die beredte Dia⸗ lectik des practiſchen Sonnenſchmidt endlich dahinbrin⸗ gen, daß er dem Inſpector nicht nur die ungeſchmä⸗ lerte Hälfte des Schatzes abtrat, ſondern ſich auch an⸗ heiſchig machte, ſofort die noch ſchuldige Summe nebſt reichlichen Intereſſen zu bezahlen. Dafür verſprach ihm auch Sonnenſchmidt ſeinen unermüdlichen Beiſtand. „Lieutnant, die Sache iſt abgemacht,“ ſprach der Inſpector, mit ſeiner Rechten in die Langſchädel's ein⸗ ſchlagend;„aber jetzt müßt Ihr mir noch Eins heilig und theuer geloben.“ Der Lieutnant gelobte heilig und theuer, ohne zu wiſſen, was er eigentlich geloben ſollte. „Daß Ihr,“ ſprach Sonnenſchmidt,„von der gan⸗ zen Sache gegen keinen Sterblichen ein Wort verlau⸗ ten laßt. Ihr wißt, was es mit der Rache der un⸗ ſichtbaren Mächte auf ſich hat; dieſe ſind wahrhaft unausſtehlich, ſo man ihre Geheimniſſe ausplaudert. Nicht nur, daß wir Beide um den Schatz kommen, auch unſer Leben geriethe in große Gefahr. Wie geſagt, die Geiſter ſind da unerbittlich.“ Ein ſo frommer Mann, wie Sonnenſchmidt, der mit der hocherleuchteten Geiſtlichkeit auf ſo vertrau⸗ tem Fuße ſtand, mußte das wiſſen. Langſchädel ſchwur wie raſend, nichts zu verrathen. Er hätte ſich lieber die Zunge ausreißen mögen, um den Inſpector von der Wahrhaftigkeit ſeines Schwurs zu überzeugen. Die Beiden beſchloſſen ſofort alle Anſtalten zu treffen, das geheimnißvolle Abenteuer in der nächſten Nacht in Ausführung zu bringen. 33 Yrittes Rapitel. Kappler geräth in eine ebenſo verwickelte wie gefähr⸗ liche Lage. N — ie Wolken über dem Haupte unſers guten Kappler zogen ſich immer bedenklicher zuſammen. Der Hof⸗ commiſſair hatte gegen das Neukirchner Stadtgericht einen Prozeß anhängig gemacht und lebte deshalb mit dem Stadtrichter Kleinſimon auf geſpanntem Fuße. Dieſer hatte das freundliche Verhältniß ſeines Spor⸗ telſchreibers mit dem Hoftommiſſair ſchon lange mit unfreundlichen Blicken betrachtet; er unterſagte daher jetzt geradezu ſeinem Subalternen den Umgang mit dem verhaßten Gegner. „Ich muß mir Ihre ſpecielle Freundſchaft mit dem Hofcommiſſair ſchlechterdings verbitten, falls Ihnen an Ihrer Stellung ferner gelegen iſt,“ hatte der Stadt⸗ richter zu dem Sportelſchreiber geſagt;„Sie wiſſen, daß Ihr Collegium mit Eecarius im Prozeſſe liegt. Es kann mir daher als Chef dieſes Collegii kei⸗ neswegs angenehm ſein, wenn meine Untergebenen mit dieſem Manne in vertrauter Verbindung ſtehen. Mein Amt verlangt es, daß ich Ihnen dieſe Mitthei⸗ lung mache und Sie gebührend verwarne.“ Kappler erſchrak auf das Heftigſte ob dieſer Rede. Sein Reſpect vor dem Hofcommiſſair war faſt eben ſo groß, als vor Kleinfimon. „Zugleich verhoffe ich von Ihnen,“ fuhr der Stadt⸗ richter fort,„daß Sie Ihr Benehmen ſo einrichten werden, daß es nicht den Anſchein gewinnt, als habe ich Sie vor dem fernern Umgange mit dem Hofcom⸗ miſſair gewarnt. Stolle, ſämmtl. Schriften. vIII. 3 34 Kappler, deſſen ſanftes Gemüth nie die Kunſt verſtanden hatte, ſich zu verſtellen, gerieth durch dieſe politiſche Zumuthung Kleinſimon's nur noch mehr in Beſtürzung. Er vermochte kein Wort zu erwiedern, ſondern machte eine demüthig unterthänige Verbeugung und ſetzte ſich an ſein Pult. Hier nun gaben ihm die Worte des Stadtrichters vollauf Stoff zum betrübendſten Nachdenken. Der Gedanke, daß ſeine Stellung als Sportelſchreiber in Gefahr ſei, ſchlug ihn total zu Boden. Er wünſchte ſich im erſten Schrecken einen Beinbruch oder ſonſt einen Schaden, der ihn hinlänglich legitimire, wenn er dem Hofcommiſſair keinen Beſuch mehr abſtatte, wie er alle Wochen gewohnt war, wo er regelmäßig bei Eccarius ein gutes Abendbrot einnahm. Er be⸗ griff ſchlechterdings nicht, wie das werden ſolle. Daß der Hofcommiſſair ſogleich Verdacht ſchöpfen werde, wenn er nur eine Woche ausſetze, ſah er voraus. Nun ſollte er ſich gleichwohl, in Folge der anbefoh⸗ lenen Politik, nicht merken laſſen, daß Kleinſimon hinter der Sache ſtecke. Durch welchen Grund ſollte er ſein Außenbleiben entſchuldigen; und befolgte er nicht den Willen ſeines Chefs, ſo drohte ihm Ent⸗ laſſung. Grauſige Ausſicht! Kappler kam daher wieder einmal ſehr gebeugt nach Hauſe. Kein Biſſen des ſpärlichen Vesperbrots wollte ihm ſchmecken, obſchon ſeine Wirthin die in⸗ tereſſanteſten Stadtneuigkeiten und die anmuthigſten Hiſtorien aus ihrem thatenreichen Leben vortrug. Aus des Sportelſchreibers zerſtreuten Antworten erkannte die Erzählerin, daß ihrem Miethsmanne und Koſtgänger etwas Außergewöhnliches zugeſtoßen ſein müſſe. Sie befürchtete, die Liebe zur Madame Runkel rumore dem Sportelſchreiber wieder im Herzen und begann daher aus Leibeskräften gegen dieſe in ihren Augen höchſt verwerfliche Leidenſchaft zu exorciſiren. Kappler wollte verzweifeln. Die gehabte Audienz beim Stadtrichter, welche ſein ganzes Weſen beſchäf⸗ tigte, ſo wie ſeine höchſt niedergeſchlagene Stimmung machten ihm die eifernde Rede ſeiner Wirthin vol⸗ lends unerträglich. Er erwiederte kein Wort, ſondern erhob ſich mit einem Seufzer, in welchem er ſeinem gepreßten Her⸗ zen Luft machte. Die Wirthin, welche das Schweigen des Sportel⸗ ſchreibers für ein ſtummes Zugeſtändniß und den gro⸗ ßen Seufzer für ein Bekenntniß ſeiner Schuld aus⸗ legte, glaubte ſich hinſichtlich ihrer Predigt auf einem dankbaren Gebiete; ihr apoſtoliſcher Eifer erreichte daher den höchſten Grad, um den zerknirſchten Sünder vollends mürbe zu machen und ihm die ſündige Liebe zu ihrer Feindin total aus dem Herzen zu reißen. Kappler lief verzweiflungsvoll das Stübchen auf und ab. Er ſchnupfte heute wider Gewohnheit in weit kürzeren Pauſen und holte immer tiefer Athem. „Indeſſen,“ pflegt ein Sprichwort zu ſagen, „ſchöpft man einen Brunnen aus.“ So gelang es auch der Beharrlichkeit des weiblichen Apoſtels, die bodenloſe Sanftmuth und Geduld des Sportelſchreibers zu erſchöpfen. Das unaufhörliche Gekeife der Wirthin machte ihn endlich rackrig. „Ach, ſchweige Sie, Frau,“ platzte er endlich her⸗ aus und nahm ſich dabei eine ungeheure, eine wahr⸗ hafte Verzweiflungspriſe. Der Apoſtel glaubte, dieſe hoffärtige Rede Kapp⸗ lers ſei der letzte Stoßſeufzer der niedergedonnerten Sünde, und um den Sieg, welchen ſie ſchon in den 3 ½ 36 Händen zu haben vermeinte, nicht entſchlüpfen zu laſſen, beſchloß ſie das ſtörrige Sündenlamm mit den gewaltigſten ihrer Beſchwörungen anzugreifen. Sie eitirte daher den„bleichen Schatten“ von Kappler's ſeliger Mutter, welcher die„knöchernen Arme ringe ob des verwahrloſten Sohnes.“ Jetzt konnte es der Sportelſchreiber nicht länger aushalten. Wiewohl er ſich Anfangs feſt vorgenom⸗ men, einige Wochen den Kranken zu ſpielen und nicht aus dem Hauſe zu kommen, ſo trieb ihn die Donner⸗ rede der für ſeine arme Seele beſorgten Wirthin wider Willen in's Freie. Ohne ein Wort zu erwiedern, griff der gequälte Kappler krampfhaft nach ſeiner Mütze und jagte davon. Als die beredte Seelſorgerin ihr Lamm davon⸗ ſpringen und ihre Mühe vergeblich ſah, gerieth ſie in frommen Zorn. „Lauf, lauf, du Zöllner und Phariſäer!“ rief ſie; „lauf! der verdiente Lohn wird nicht ausbleiben, der holt dich doch ein, wie ſehr du auch läufſt. Du wäreſt der Erſte, der ſeinem Gewiſſen zu entkommen verſucht hätte. Ha, wie ihn der Teufel ſchon beim Kragen hat. Wenn man's nicht ſähe. Lauf, lauf, ich waſche meine Hände, ich habe geeifert nach Chriſtenpflicht, gewarnt und beſchworen. Lauf! aber wenn der hölli⸗ ſche Pfuhl über dir zuſammenſchlägt, wenn die Teufel anſchüren nach Herzensluſt mit immer friſchem Holze, da wirſt du unter Heulen und Zähneklappen an mich gedenken und bereuen, mir nicht gefolgt zu ſein. Aber dann iſt die Reue zu ſpät. Wer die Zeit der Buße und Beſſerung auf Erden verſäumt, der iſt verloren in Zeit und Ewigkeit. Fahr' hin, fahr' hin, es wird dir bringen keinen Gewinn! Amen!“ Der Sportelſchreiber hatte von der Verdammungs⸗ 37 rede nur den Anfang vernommen; ehe die Fromm⸗ erzürnte damit zu Ende, war er ſchon ein Stück in der Straße dahin. „Es iſt zwar eine kreuzbrave Frau, meine Wir⸗ thin,“ ſprach Kappler, indem er noch immer Luft ſchnappend dem Thore zueilte;„aber ſie macht mir den Kopf zuweilen recht warm. Wenn ihre Rede des erforderlichen Grundes nicht ermangelt hätte, wollte ich noch nichts ſagen; aber ſo konnte ich mich dadurch im Geringſten nicht getroffen fühlen. Ihre Beſchwö⸗ rungen waren vollkommen am unrechten Orte. Sie befindet ſich immer noch in dem irrigen Wahne, als wohne Madame Runkel in meinem Herzen. Dem iſt nicht ſo. Ich kann an die Garnhändlerin denken, ohne unruhig zu werden, welches Letztere ehedem der Fall war. Ja, ich will's nicht läugnen, die Frau war mir ehedem viel, ſehr viel; aber das menſchliche Herz bleibt ein Räthſel, das behaupten alle Gelehrten.“ Kappler war unter ſolchen Selbſtgeſprächen in's Freie gelangt und wandelte das freundliche Werlaufer entlang. In die Waldberge nach ſeinem Lieblings⸗ plätzchen getraute er ſich ſeit dem großen Räuberaben⸗ teuer nicht mehr.* „Was nur aus dem Schobri geworden iſt,“ ſprach er für ſich,„ob er das gnäd'ge Fräulein noch geraubt hat oder nicht. Ich bezweifle Letzteres, ſonſt würde man von dem Jungfrauenraube etwas vernommen haben, namentlich, da er ein ſo hochgeſtelltes Fräulein betraf. „Was man heut zu Tage erleben muß!“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſolche aufgeklärte, freiſin⸗ nige Zeiten und ein ſchnöder Mädchenraub.“ Kappler gelangte an einen Ort, wo Fiſcher angel⸗ ten. Er blieb ſtehen und ſchaute lange dem einför⸗ 38 migen Geſchäfte zu. Endlich ward ihm doch die Zeit zu lang und er wollte ſich auch eine kleine, unſchul⸗ dige Unterhaltung verſchaffen. Das Stücklein Vesper⸗ brot, welches er ſonſt mit den Vöglein zu theilen pflegte, ſollte jetzt den muntern Fiſchen zu Gute kom⸗ men. Er warf Broſamen in die Wellen und es machte ihm ungemeines Vergnügen, wenn ein Fiſch⸗ lein die Stückchen Brot hinwegſchnappte. Der gute Kappler ſollte aber in ſeinem mildthä⸗ tigen Werke auf ſehr unſanfte Weiſe geſtört werden. Der unfern ſitzende Angler, der befürchtete, Kappler entziehe ihm durch ſeine Fütterung die Beute, fuhr ihn hart an. „Pack Er ſich mit ſeiner verfluchten Fipfaxerei,“ rief der grobe Mann,„oder ich werde Ihm die Wege weiſen.“ Der Sportelſchreiber erſchrak. Er begriff in ſei⸗ ner Unſchuld nicht, wodurch er den Angler erzürnt haben könne. Anfangs glaubte er, der Fiſcher ſpaße, und ließ ſich in ſeiner Spendevertheilung nicht ſtören. Ob ſolcher Widerſpenſtigkeit gerieth der Angler in höchſten Zorn. Er ſprang auf, ergriff eine ziemlich ſtarke Weidengerte und kam auf Kapplern zu. Dieſer erkannte jetzt voller Beſtürzung, daß den Angler un⸗ möglich friedfertige Geſinnungen beſeelen könnten. Er wich alſo vorſichtig einige Schritte zurück. Der Fiſcher, in der gerechten Beſorgniß, der Sportelſchreiber wolle ihm entlaufen und ſich der verdienten Strafe entzie⸗ heu, verdoppelte ſeine Schritte. Kappler desgleichen. Bald war die vollkommene Jagd fertig. Dem Spor⸗ telſchreiber kamen ſeine langen Beine wieder trefflich zu Statten. Es gelang ihm, bald einen ſo anſehn⸗ lichen Vorſprung zu gewinnen, daß der Verfolger die Hoffnung aufgab, den ſchnellfüßigen Flüchtling einzu⸗ 39 holen. Er begnügte ſich, Kapplern, der in einem fort lief, die nachdrücklichſten Drohworte nachzuſchicken. Erſt, nachdem ihn ein bedeutender Zwiſchenraum von dem Fiſcher trennte, verlangſamte er ſeine Schritte und blieb endlich keuchend ſtehen, um über die Menſch⸗ heit wieder die niederſchlagendſten Betrachtungen an⸗ zuſtellen. „Der Neid,“ ſprach er,„iſt doch ein wahres Laſter; der unfreundliche Mann gönnte den armen Thierchen die paar Broſamen nicht, während er ſich kein Gewiſſen daraus machte, den munteren Fiſchlein zu Dutzenden den Tod zu bereiten.“ Der Sportelſchreiber war durch die Feindſeligkeit mit dem Angler in eine ſchlimme Lage gerathen. Er ward mit Schrecken inne, daß ihm jetzt, wollte er nicht die Waldberge paſſiren, der Rückweg nach der Stadt abgeſchnitten ſei. „Der Angler,“ ſprach er für ſich,„denkt ſo bald an kein Aufhören. Dieſe Menſchen ſind unermüdlich. Wie willſt du zurück?“ Er beſchloß, den Fluß immer aufwärts zu pilgern bis zu den Ruinen des Benedictinerkloſters, wo es eine Fähre über die Werla gab. Der Sportelſchreiber ſchlug daher einen ſchnellern Schritt ein, um ſo bald als möglich den Uebergangs⸗ punkt zu erreichen. Während er das Ufer entlang wandelte, kamen ihm in der Ferne zwei Geſtalten entgegen. Kappler putzte die Gläſer ſeiner Brille, um ſchär⸗ fer ſehen zu können. Er mühte ſich eine Zeit lang vergebens, wer die Entgegenkommenden ſein möchten. Nach und nach brachte er heraus, daß es ein paar Hono⸗ ratioren wären, aber die Perſönlichkeit vermochte er nicht zu errathen. Die beiden Wanderer kamen im⸗ 40 mer näher. Der Sportelſchreiber blieb wiederholt ſtehen, als ob er ſich die Werla betrachte. Dabei ſchielte er zur Linken. Plötzlich erſchrak er über alle Maßen. Wenn ihn ſeine Augen nicht täuſchten, ſo war der eine der Da⸗ herkommenden Niemand anders als der Hofcommiſſair. Er ſchaute abermals. Richtig, es konnte gar Niemand anders ſein. Das war ſein Gang, ſein Strohhut, ſeine Geſtikulativnen. Die Worte des Stadtrichters traten mit Flammenlettern vor Kappler's Geſicht. Was ſollte er beginnen? Kehrte er um, ſo fiel er ſeinem Feinde, dem prügelluſtigen Fiſcher, in die Hände. Zudem würde es auch ſehr auffällig geweſen ſein, ſo urplötzlich umzukehren. Unfehlbar hatte ihn der Hof⸗ commiſſair ſchon erkannt.* „Das iſt ein wahrer Unglückstag,“ ſeufzte der Sportelſchreiber,„ich komme aus dem Mißgeſchick nicht heraus.“ Was war zu thun? Kappler konnte einem Zuſam⸗ mentreffen mit Eccarius gar nicht mehr ausweichen. „Vielleicht,“ hoffte er,„läßt mich der Hofeom⸗ miſſair bald vorüber. Die Gegend iſt einſam, Nie⸗ mand ſieht uns, und der Stadtrichter, mein verehrter Chef, erfährt kein Sterbenswort, daß ich mit ſeinem prozeſſualiſchen Gegner geſprochen.“ Eecarius war mit ſeinem Begleiter ganz nahe her⸗ angekommen. „Sieh' da, ſieh' da,“ rief er ſehr heiter gelaunt, als er kaum funfzehn Schritte von Kapplern entfernt war,„unſer Herr Regiſtrator, ein Freund der ſchönen Natur und des ſchönen Geſchlechts!“ Kappler erröthete bei den letzten Worten. Er ſtand vor dem Hofcommiſſair, den er allein im Auge hatte, und machte ſein gewohntes tief unterthänigſtes Com⸗ pliment. 41 „Hier, mein Freund,“ ſprach der Hofcommiſſair, den Sportelſchreiber ſeinem Begleiter präſentirend, „hab' ich die Ehre, Ihnen den Herrn Regiſtrator vom Neukirchner Stadtgerichte vorzuſtellen; Menſch und Flötenſpieler, der mir nur die einzige Sorge macht, daß er nicht heirathen will.“ Der jungfräuliche Kappler ward über und über roth und warf jetzt einen ſchüchternen Blick nach dem Freunde des Hofcommiſſairs, dem er vorgeſtellt worden war. Aber plötzlich erfaßte ihn Entſetzen, ſein Haupt⸗ haar ſtieg kerzengerad in die Höhe, die Augen ſtarr⸗ ten— der vor ihm Stehende war der Haupträuber aus den Waldbergen. Kappler würde trotz ſeines Reſpects vor dem Hof⸗ commiſſair die ſchleunigſte Flucht allem Andern vor⸗ gezogen haben, wenn ihn nicht Eccarius am Arme gehalten hätte. „Was ſicht Sie an“ frug lachend der Hofcom⸗ miſſair,„kennen Sie dieſen Herrn?“ „Nein— ja— wenn ich nicht irre— ich ſollte wohl— nach meinem Dafürhalten— doch kann man ſich irren— ich bitte um tauſend Entſchuldi⸗ gung— ſo mir recht iſt— o bitte ganz gehorſamſt— Jetzt platzte auch Willer mit Lachen heraus, wo⸗ durch der arme Kappler noch mehr in Angſt und Ver⸗ wirrung verſetzt wurde. Indeſſen hatten aber Eccarius wie der Student bald Mitleid mit dem geängſteten Manne. Erſterer ſetzte nun klar und freundlich aus einander, daß Herr Willer keineswegs ein Jungfrauenräuber ſei. „Nicht? ſo, was Sie ſagen!“ fuhr Kapplern un⸗ willkürlich heraus,„ich bitte tauſendmal umVerzeihung! Irrung, Irrung, iſt menſchlich, rein menſchlich—“ Als endlich auch Willer freundlich zu dem Er⸗ ſchrockenen ſprach, begann der Sportelſchreiber etwas freier zu athmen. Endlich gelang es, ihn vollkommen von ſeiner Furcht zu befreien; aber nun machte ſich der gewiſſenhafte Mann wieder Vorwürfe, den inti⸗ men Freund des Hofcommiſſairs in ſo ſchwarzem Ver⸗ dachte gehabt zu haben. Er begann in endloſen Perioden, bei welchen er nicht ſelten aus der Conſtruetion fiel, ſeine Entſchul⸗ digung hervorzuſtammeln, bis Eccarius ihn aus ſeiner Verlegenheit befreien wollte, indem er ihn zum Souper auf heute Abend einlud. 8 „Kommen Sie,“ ſprach Eccarius,„und kehren Sie mit uns um. Es wird ſpät. Wir wandern ſelban⸗ der nach dem Keller; die Kliemann hat deliciöſen Aal; der ſoll vortrefflich munden.“ Kappler gerieth durch dieſe Einladung in um ſo größere Beſtürzung.„Wie,“ dachte er bei ſich,„da ſollſt du gar auf dem Keller mit ſpeiſen, vor allen Leuten? Das muß ja dem Herrn Stadtrichter, ſo er davon erfährt, wie offene Rebellion und Empörung erſcheinen. Erſt dieſen Nachmittag hat er mich ge⸗ warnt und den Abend ſchon handle ich ſeinem Gebote ſchnurſtracks zuwider.“ Schon daß er mit dem Huf⸗ commiſſair und Willern nach der Stadt zurückkehren ſollte, erfüllte ihn mit gerechtem Bangen. Er verſuchte daher alles Mögliche, um von dem Souper auf dem Keller(ohne die heutige Verwarnung des Stadtrichters würde es ihm zur höchſten Ehre ge⸗ reicht haben) und von der ſofortigen Rückkehr nach der Stadt loszukommen. Er rief den„wunderſchönen Gold geſäumten Abend“ zu Hülfe und entſchuldigte ſich mit geſchwächtem Magen und beiſpiellos ſchlechtem Appetit. Da half Alles nichts. Kappler, obſchon in halber 43 Verzweiflung und Angſtſchweiß auf dem bleichen Antlitze, mußte dem Hofcommiſſair und Willern. nach der Stadt folgen. Viertes Rapitel. Langſchädel und Sonnenſchmidt wollen während der Nacht einen Schatz heben. „ Tiefe Dunkelheit war auf Stadt und Land herab⸗ geſunken, als der Inſpector und Langſchädel noch beim leckerbereiteten Mahle ſaßen. Sonnenſchmidt hatte ſich ordentlich angegriffen und ein höchſt ſchmackhaftes Abendeſſen vom Keller nach Hauſe bringen laſſen, da⸗ mit man ſich für die bevorſtehende nächtliche Expe⸗ dition gehörig ſtärke; auch ſprach man der Flaſche herzhaft zu, um ſich die unentbehrliche Courage zu trinken. „Langen Sie zu, Lieutnant,“ munterte Sonnen⸗ ſchmidt auf, der heute äußerſt ſplendid war, indem er ſich ein friſches Cotelette aus der Schüſſel holte,„die Nachtluft iſt kühl und zehrt, da iſt es nöthig, daß man etwas Solides in den Magen bekommt.“ Langſchädel ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er folgte dem Beiſpiel des Inſpectors und langte gleich⸗ falls in die Schüſſel. Sonnenſchmidt ſchenkte die Gläſer voll. „Wie finden Sie den Wein, Lieutnant?“ Der Lieutnant ſchlürfte mit Kennerblicke. „Ein feines Weinchen,“ ſprach er. „Die Flaſche kommt mich im Einkaufspreiſe neun Groſchen.“ 44 „Was Sie ſagen!“ „Die Kliemann gibt ihn unter einem Thaler nicht.“ „Das glaub' ich.“ „Er ſtärkt das Herz,“ fuhr Sonnenſchmidt belo⸗ bend fort,„ein wahrer Wunderbalſam. Aber für heute iſt er nicht zu gut.“ „Es bringt's wieder ein,“ meinte Langſchädel. „Das hoff ich,“ erwiederte Sonnenſchmidt. Die Beiden zechten noch eine gute Weile und wurden immer evuragöſer und ſprachſeliger. In dem Lieutnant ſiegte der alte Bramarbas. „Hol' mich der Henker!“ fluchte er,„wenn ſich der Traumgott nicht reſpectabel aufführt, hat er es mit mir zu thun.“ „Pſt,“ mahnte erſchrocken Sonnenſchmidt,„nicht fluchen, Lieutnant, das können die unſichtbaren Mächte nicht leiden.“ „Was da,“ lärmte Langſchädel,„entweder was Ordentliches oder gar nichts. Umſonſt ſetzt ſich ein ehrlicher Mann nicht der kalten Nachtluft aus. Unter zehntauſend Thalerchen thu ich's nicht.“ „Wir wollen doch den wohlthätigen Mächten,“ erwiederte der Inſpector,„keine Vorſchriften machen, lieber Langſchädel.“ „Unter Zehntauſend thu' ich's nicht,“ beharrte der Lieutnant im Uebermuthe des Weinrauſches.„ Ich weiß, was da iſt.“ „So, Ihr ſaht wirklich?“ frug mit uſäglicher Zufriedenheit Sonnenſchmidt, und ſchenkte die Gläſer wieder voll.„Trinkt doch, lieber Lieutnant.“ „Was ich ſo oberflächlich überſah,“ log Langſchä⸗ del,„waren leicht an die vier Millionen in Gold.“ „Vier Millionen?!—“ rief Sonnenſchmidt, und 45 das Wort erſtarrte ihm im Munde,„Langſchädel— Freund— vier Millionen?!“ „Lauter Doppellouisd'vr.“ „Edler Freund,“ ſprach der Inſpector mit weicher Stimme,„laſſen Sie ſich umarmen; da wäre ja uns Beiden geholfen!“ „Hoff s,“ verſetzte der Lieutnant,„hab' mir's auch nicht geringe Mühe koſten laſſen, eh' mir's gelang, den Traumgott in ſo weit zu perſuadiren, daß er mir was Reſpectables zeigte.“ „Glaub' es, glaub' es,“ erwiederte Sonnenſchmidt, „aber Euer Gebet iſt erhört und Ihr ſeid wahrhaft königlich belohnt worden.“ „Doch jetzt müßt Ihr mir etwas verſprechen,“ fuhr Sonnenſchmidt nach einer Pauſe fort,„Lieut⸗ nant, Eure Hand.“ „So Euer Verlangen nicht meiner Ehre zuwider,“ verſetzte Langſchädel mit einer gewiſſen Vornehmheit, „hier iſt ſie.“ Der Inſpector ergriff die dargebotene Rechte und drückte ſie väterlich. „Lieutnant,“ ſprach er beſchwörend,„Ihr ſeid nun ein wohlhabender, ein reicher Mann— ſpielt nicht mehr. Der gute Genius, welcher Euch den herr⸗ lichen Schatz zeigte, will gewiß nicht, daß Ihr das ſchöne Geld wieder verſpielen ſollt.“ „Höchſtens ein Solo,“ verſprach Langſchädel. „Das iſt brav gedacht, mein Freund,“ lobte Son⸗ nenſchmidt„da bin ich ſelbſt dabei. Aber jetzt laßt uns vor allen Dingen mit Ernſt bedenken, wie wir den Segen, der nach Euerm Traumgeſichte ſo reichlich ſein ſoll, nach der Stadt bringen.“ „Mit einem Male ſind wir das nicht im Stande,“ meinte der Lieutnant. 16 „Nicht?“ frug Sonnenſchmidt;„ich glaube das ſelbſt, vier Millionen wollen was.“ „Einen Sack hab' ich bei mir.“ „Schön,“ erwiederte der Inſpector,„ich werde auch einen ſolchen mitnehmen. Ein Schiebekarren wäre freilich beſſer. Ein ſolcher faßt viel und iſt bequemer fortzubringen.“ „Würde zu ſehr auffallen,“ ſprach Langſchädel. „Ihr habt Recht,“ erwiederte Sonnenſchmidt; „aber ich befürchte nur, daß wir den Schatz mit einem Male nicht fortſchaffen.“ Was thut dies,“ verſetzte Langſchädel,„wir laden auf, ſo viel wir zu ſchleppen vermögen, der Reſt bleibt für ein anderes Mal.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ ſprach der In⸗ ſpector;„aber jetzt Lieutnant, ſchwört mir redliche Theilung; und falls wir heut nicht den ganzen Schatz erheben, daß Ihr nicht hinter meinem Rücken und ohne mein Vorwiſſen das Uebrige grabt und mir veruntreut.“ Langſchädel ſchwur und verlangte von Sonnen⸗ ſchmidten ein Gleiches. „Ihr wißt ja,“ erwiederte dieſer,„ich halte es, ſeit ich meine böſe Freigeiſterei an den Nagel gehängt, mit dem frommen Bibelſpruche:„„Eure Rede ſei Ja Ja, Nein Nein, was darüber iſt, iſt vom Uebel.““ Zwingt mich nicht, gegen mein Gewiſſen zu handeln, und ſeid verſichert, daß ich als Chriſtenmenſch an Euch handeln werde. Der Pfennig ſollte mich in der Seele brennen, den ich mehr nähme; ich verlange keinen Deut mehr, als was mir rechtmäßig zukommt, die richtige Hälfte und mein Guthaben; wie geſagt, keinen Deut mehr, Lieber und Guter.“ Der Lieutnant fand ſich durch die chriſtlichen Be⸗ — 17 theuerungen des Inſpectors beruhigt; ſtürzte ein fri⸗ ſches Glas Wein hinunter und frug unternehmungs⸗ luſtig, wann die Reiſe vor ſich gehen ſollte?“ „Ein kleines Viertelſtündchen Geduld noch, Lieber,“ verſetzte Sonnenſchmidt in ſanftem Tone, eilte ge⸗ ſchäftig nach einer Ecke des Zimmers und brachte ein altes, dickes Geſangbuch hervor; zugleich ergriff er eine alterthümliche, an der Wand hängende Violine. Langſchädel, durch den genoſſenen Wein in eine höchſt leichtfertige und frivole Laune verſetzt, gab ſich das Anſehn eines alten, profanen Huſaren, der über alle Gottesverehrung erhaben ſtehe. „Was Teufel,“ polterte er,„Inſpector, was fällt Euch ein?“ „Pſt,“ ſtrafte der Inſpector, indem er ernſthaft ſeine Violine ſtimmte und in dem Geſangbuche ein Lied aufſchlug,„ein ſo hochwichtiger Actus, wie wir vorzunehmen im Begriffe ſtehen, da bedarf's, ſo er gelingen ſoll, frommer Geſinnungen. Stimmt an, Lieutnant, Nummer dreihundertvierundſechzig, ich werde mit der Violine den Ton angeben und die Melodie dazu ſpielen.“ „Dummes Zeug,“ läſterte der profane Langſchä⸗ del,„ſeid keine Betſchweſter, Inſpector!“ „Bedenkt, daß wir es mit unſichtbaren Mächten zu thun haben,“ verwarnte Sonnenſchmidt,„die lieben ſo etwas.“ „Hier bedarf's in der Welt nichts weiter als Muth!“ rief Langſchädel großſprecheriſch, das Wein⸗ glas auf den Tiſch ſtampfend, daß es faſt in Stücke zerſprungen wäre,„Muth und weiter nichts, und den hab' ich.“ „Wißt Ihr auch,“ fuhr Sonnenſchmidt in ſtrafen⸗ dem Tone fort,„daß durch ſolche läſterliche Reden 48 der Schatz um tauſend Ellen in die Erde ſinken kann? O, man erzählt davon haarſträubende Geſchichten, wie gottserbärmlich es den frevelnden Schatzgräbern er⸗ gangen iſt; anſtatt des Schatzes wurden ſie mit un⸗ ſichtbaren Schlägen tractirt, daß ſie vier Wochen lang kreuzlahm lagen, wenn ſie überhaupt mit dem Leben davon kamen. Ich hab's Euch ſchon wiederholt ge⸗ ſagt, die erzürnten Geiſter ſpaßen nicht. Ich könnte Euch aus meinem eigenen Leben Beiſpiele erzählen, daß Euch die Haare kerzengerade in die Höhe ſteigen ſollten.“ Der Gedanke von dem Tieferſinken des Schatzes, ſo wie die unſichtbaren Prügel, von welchen der In⸗ ſpector mit ſo viel Zuverſicht erzählte, verfehlten ih⸗ ren Eindruck auf den abergläubiſchen Langſchädel nicht. Er ward nachdenklicher und gab zuvörderſt die gottes⸗ läſterliche Huſarenrolle auf. Sonnenſchmidt fuhr in der Bekehrung des Lieutnants fort. „Ein frommes Lied,“ ſprach er,„iſt zu allen Dingen nütze. Ich thue es nie anders, wenn ich ein einträgliches Geſchäft vorhabe; ich habe den Segen ſtets verſpürt. Alſo laßt keine läſterliche Redensart mehr vernehmen, Lieutnant, und fingt; ich werde mit der Violine ſecundiren.“ Langſchädel, obſchon in religiöſen Dingen ein un⸗ gläubiger Heide, dachte gleichwohl:„der Inſpector hat Erfahrung, iſt bewandert in geiſtlichen Dingen und wird als alter Praktikus nicht ſo in den Wind reden, wenn nichts dahinter iſt. Alſo wenn's auch nichts hilft, ſo ſchadet's nichts.“ Damit begann er ſich zu räuspern, und ſeine Stimme in Stand zu ſetzen. Leider aber befand ſich das Geſangsorgan des Lieutnants in ſo verwahrloſtem Zuſtande, daß er keine drei Töne hervorzubringen vermochte. An ein mufi⸗ ——— 49 kaliſches Gehör war bei ihm nicht zu denken. Son⸗ nenſchmidt ſtrich wohl zehn Mal hinter einander den Ton„c“ an, Langſchädel traf ihn nicht ein einzi⸗ ges Mal. „Das geht ſo nicht,“ ſprach endlich der Inſper⸗ tor, über den ungelehrigen Schüler etwas verdrießlich. „Ich werde mitſingen.“ Jetzt begann ein höchſt merkwürdiges Duv. Son⸗ nenſchmidt geigte und ließ zugleich ſeine tiefe Bier⸗ baßſtimme ertönen. Langſchädel ſtimmte ein, ohne Tact und Melodie. Es war ein herzzerreißender Geſang. Das Lied hatte ſieben Verſe. Der Inſpector war unermüdlich und ließ nicht ab, bis man zu Ende. „So,“ ſprach er, nachdem der ſiebente Vers durch⸗ gebrummt und durchgekrächzt war,„hoffe ich, daß die unſichtbaren Mächte nicht unfreundlich auf uns zu ſprechen ſind; aber hütet Euch, Lieutnant, vor Euern abſcheulichen Läſterungen. Wenn wir den Schatz voll⸗ ſtändig erheben, habt Ihr's allein meinem gottesfürch⸗ tigen Sinne zu danken. Wenn Ihr billig dächtet, wäret Ihr nicht undankbar und knickerig und trätet mir noch einen Antheil von Eurer Hälfte ab.“ Als ſich hierzu der Lieutnant nicht ſogleich ver⸗ ſtehen wollte, ſprach Sonnenſchmidt:„Wohlan, ich will Euch nicht zwingen, aber verdient hätt' ich's.“ Damit hing er die Violine wieder an den Nagel und legte das Geſangbuch an ſeinen gewohnten Platz. Langſchädel war indeß an das Fenſter getreter und ſchaute nicht ohne Beſorgniß hinaus. „Es iſt eine barbariſche Finſterniß,“ ſprach er, „man ſieht die Hand vor den Augen nicht. Wir werden müſſen recht zuſammenhalten, damit wir nicht von einander kommen.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. VlII. 4 „Wir wandern Arm in Arm,“ tröſtete Sonnen⸗ ſchmidt,„wie Brüder, und den Weg kenn' ich wie mich ſelbſt.“ „Eine Herzſtärkung würde ich doch mitzunehmen rathen,“ meinte der Lieutnant. „Allerdings,“ erwiederte der Inſpector,„das kann uns ſchwachen Sterblichen keine himmliſche Heerſchaar verargen, wenn wir den alten gebrechlichen Corporem pum pum, ſo er eaput wird, durch einen urkräftigen Schluck aufrütteln. Ich habe ein Fläſchchen mit äch⸗ tem Madeira anfüllen laſſen und habe dabei kein Geld angeſehen. Er koſtet einen ſchweren Gulden. Was thät' ich Euch nicht zu Liebe; dafür ſoll es auch treffliche Dienſte leiſten. Wollt Ihr nicht daſ⸗ ſelbe zu Euch ſtecken?“ Der Lieutnant erklärte ſich ſehr bereitwillig dazu. „Die Laterne nebſt Feuerzeug will ich in meine Bruſttaſche verſenken,“ fuhr Sonnenſchmidt fort,„den Sack trage ich um den Leib. Weiter brauchen wir wohl nichts?“ „Eine Schaufel,“ meinte Langſchädel. „Wie,“ frug Sonnenſchmidt,„ſollte der Schatz ſehr tief liegen?“ „Eins iſt beſſer, als das Andere,“ ſprach der Lieutnant. „Wohlan,“ verſetzte der Inſpector,„ſo wollen wir uns noch mit meinem kleinen Gartengrabſcheit ver⸗ Nehen; man kann damit zugleich ſondiren.“ Der Lieutnant, eh' es fortgehen ſollte, ſprach noch wacker der Flaſche zu. Erttich machte man ſich leiblich und geiſtig geſtärkt auf den Weg. Die Nacht gehörte keineswegs zu den freundlichen. Mit naſſen, ſchwarzen Wolken war der Himmel ver⸗ hangen, nirgends ein Sternlein zu erblicken. Dabei wehte der Wind unheimlich von den Bergen. „ 5¹ * „Anmuthig iſt das Wetter nicht,“ ſprach Sonnen⸗ ſchmidt;„aber für uns kann es nicht günſtiger ſein. iſt eine wahre Nacht zum Schatzgraben.“ „Wenn es nur nicht gar zu finſter wäre,“ erwie⸗ derte Langſchädel;„wir werden uns in den Ruinen nicht zurecht finden.“ „Vermöge meiner Diebslaterne,“ tröſtete der In⸗ ſpector,„entdecken wir ſchon den Ort. Wenn wir nur erſt aus der Stadt ſind; ich trau' dem Nacht⸗ wächter nicht; der hält uns am Ende für Holzgänger und macht den Flurſchütz rebelliſch. Es iſt ſchon ſpät,“ „Es wär' ein verteufelter Fall,“ verſetzte der Lieut⸗ nant,„ſo wir belauſcht und verfolgt würden.“ „Ich hoffe nicht,“ meinte Sonnenſchmidt, und ſchritt rüſtig vorwärts. bengſchib folgte. So gelangten die Beiden, ohne daß ſie Jemandem begegnet wären, durch das Kloſterthor in's Freie. Auf dem Thurme der Frauenkirche ſchlug die Glocke. „Wieviel ſchlägt das?“ erkundigte ſich der Lieutnant. „Dreiviertel auf Eilf,“ gab Sonnenſchmidt zur Antwort. „Eine grauſige Nacht,“ fuhr Langſchädel fort, „wie das in den Erlen rauſcht. Inſpector, es ge⸗ hört etwas mehr als alltäglicher Muth dazu, ſich den mannigfachen Gefahren der Nacht preiszugeben. Ich entſinne mich ſeit meinen Kriegsjahren keiner ſo un⸗ durchdringlichen Finſterniß. Wenn uns nur nichts paſſirt!“ „Poſſen, was ſoll paſſiren,“ erwiederte Sonnen⸗ ſchmidt,„haben wir uns nicht geiſtlich geſtärkt? Aber Ihr ſingt einen entſetzlichen Stiefel, Lieutnant, ſo eine Stimme iſt mir noch gar nicht vorgekommen; habt Ihr denn nie Unterricht gehabt?“ „Alles verſchwitzt,“ meinte der Gefragte. „Nun,“ tröſtete der Inſpector,„wenn Ihr nur mit Andacht geſungen oder gegrölt habt, denn Singen war's nicht zu nennen, ſo iſt's einerlei. Gott, der Herzen und Nieren prüft, verſteht's doch.“ Mit der Andacht des Lieutnants mochte es indeß nicht weit her ſein, denn geiſtlich fühlte er ſich im Geringſten nicht geſtärkt. Er viſirte daher leiſe nach dem Fläſchchen Madeira, ſo ihm in der linken Rock⸗ taſche ſtak, um ſich leiblich ein wenig zu ſtärken. Er benutzte die Finſterniß, und ohne Sonnenſchmidten im Geringſten von ſeinem Vorhaben in Kenntniß zu ſetzen, that er einen herzhaften Schluck. Es iſt aber ein alt Sprichwort, daß nichts ſo un⸗ bemerkt geſponnen wird, das nicht an die Sonne käme, ſo auch diesmal. Langſchädeln, welcher ungeſehen po⸗ eulirte, kam eine Quantität Madeira in die unrechte Kehle. Es bemächtigte ſich daher des heimlichen Sün⸗ ders ein außergewöhnlicher Huſten. Sonnenſchmidt, argwöhniſch von Natur, ſchöpfte Verdacht. „Lieutnant, Sie haben doch nicht genippt?“ frug er. Langſchädel betheuerte, in einem fort huſtend, ſeine Unſchuld. Es müſſe ihm, vertheidigte er ſich, ein nächtliches Inſect in die Kehle geflogen ſein. „Was laſſen Sie auch Ihren Mund,“ rügte der Inſpector,„allezeit ſperrangelweit offen ſtehen?“ „Ich muß doch Athem holen,“ entſchuldigte ſich Langſchädel. „Das können Sie vermittelſt der Naſe.“ „Ich leide am Schnupfen.“ „Das iſt was Anderes,“ ſprach Sonnenſchmidt. Indeß traute der Inſpector, trotz der Vertheidi⸗ gung, ſeinem Begleiter nicht. Er mußte Gewißheit haben, ob Langſchädel dem theuren Madeira zugeſpro⸗ chen hatte oder nicht. Gleichwohl wünſchte er nicht, mit der Thür in's Haus zu fallen. „Lieutnant,“ fuhr er nach einer Weile fort, „brennt Eure Cigarre noch?“ „Sie iſt ausgegangen,“ tönte es zur Antwort. Das war ſehr verdächtig, denn Langſchädel ließ nur bei außerordentlichen Gelegenheiten die Eigarre ausgehen. Sonnenſchmidt ſtöberte daher das Feuer in ſeiner Pfeife auf, welche er im Munde behielt, und ſuchte dem Geſichte des Lieutnant ſo nahe als mög⸗ lich zu kommen; er ſtreckte ſeine impoſante Naſe wie einen Rüſſel vor, um aus dem Geruche herauszube⸗ kommen, ob Langſchädel der Flaſche zugeſprochen habe oder nicht. „Hier iſt Feuer,“ ſprach Sonnenſchmidt, mit vor⸗ geſtrecktem Kopfe ſeine Pfeife hinhaltend. Er zwang ordentlich Langſchädeln, daß er anzünde. Dieſem blieb nichts übrig. Er kam alſo mit ſeiner Cigarre der Naſe Sonnenſchmidt's in große Nähe. „Lieutnant,“ ſprach der Inſpector,„wenn mich nicht Alles trügt, haben Sie dem Madeira zugeſpro⸗ chen. Ich finde das höchſt unpaſſend. Bedenken Sie, daß dieſer Cabinetswein uns beim Schatzgraben ſtär⸗ ken ſoll.“ Langſchädel ſchwur hoch und theuer, daß es ihm nicht in den Sinn gekommen ſei, zu trinken. Dem Inſpector aber ging das läſterliche Schwören durch und durch. „Um des Himmels Willen,“ mahnte er,„wo den⸗ ken Sie hin; Sie ſchwören ja wie ein Korporal, der Reeruten exercirt. Wo ſoll das hinaus! Wir wollen auf frommen Wegen wandeln. Unſre Rede ſei Ja Ja, Nein Nein. Der ganze Schatz kann ob Ihrer gott⸗ ungefälligen Reden zu Grunde gehen.“ 54 Sonnenſchmidt ließ es nach dieſen Worten dahin⸗ geſtellt ſein, ob Langſchädel der Flaſche zugeſprochen habe oder nicht. Ihm war es zunächſt um die vier Millionen zu thun. Die beiden Wanderer hatten den Erlengang er⸗ reicht, der längs dem Werlaufer nach dem Benedieti⸗ nerkloſter führte. Der Weg war ziemlich dunkel und regenfeucht. Sonnenſchmidt ſchritt rüſtig voran. Nicht ganz ohne Bangen folgte der Lieutnant. Er geſtand offen, daß ihm eine ſo desperat finſtere Nacht noch nicht vorgekommen ſei. „Dieſe Dunkelheit kommt uns gerade recht,“ trö⸗ ſtete der Inſpector.„Wir können unſer heiliges Werk um ſo ungeſtörter vollbringen.“ Langſchädel, welcher dicht hinter Sonnenſchmidten ging, fand ſich durch dieſen Troſt wenig geſtärkt. „Ich wünſchte, die Sache wäre vorbei,“ ſeufzte er, „es iſt ein alt Sprichwort, daß die Nacht keines Men⸗ ſchen Freund.“ „Auf dem Gute iſt gewiß Jedermann längſt zur Ruhe,“ fuhr der Inſpector fort,„wir haben die beſte Zeit gewählt; die Menſchen liegen im erſten Schlafe.“ „Es iſt eine ordentlich ſchneidende Luft,“ verſetzte Langſchädel, der dicht hinter Sonnenſchmidten ſchritt. „Ja,“ erwiederte letzterer,„aber laßt Euch dadurch nicht verleiten, von Neuem nach der Flaſche zu greifen. Ihr werdet mir ſonſt benebelt. Binnen einem hal⸗ ben Stündchen find wir am Ziele.“ Der Lieutnant gelobte Nüchternheit und warf von Zeit zu Zeit einen ſcheuen Blick zur Rechten und Lin⸗ ken, wo es ihm immer höchſt verdächtig in den Erlen rauſchte. „Sollte dieſes ſonderbare Rauſchen allein vom Winde herrühren?“ frug er. 55 „Von nichts weiter,“ beruhigte Sonnenſchmidt. „Es däncht mich doch, als ob es von Menſchen⸗ händen herrühre, oder vielleicht von wilden Thieren.“ „Phantome Eurer von ſpirituöſen Getränken auf⸗ gereizten Phantaſie.“ „Der Erlengang will auch gar kein Ende nehmen,“ ſprach nach ziemlicher Pauſe Langſchädel, welchem das Schweigen Sonnenſchmidt's unerträglich wurde. Dieſer, welcher im Geiſte mit dem Schatze be⸗ ſchäftigt war und bereits überlegte, wie und wo er die ſchönen Capitalien anlegen wolle, verſetzte:„Das deucht Euch ſo. Er iſt nicht länger als bei Tage; aber bei Nacht wird jeder Weg länger.“ Hundegebell ward jetzt vom Kloſtergute her ver⸗ nehmbar. Die Beſorgniß des Lieutnants wuchs um ein Anſehnliches. „Wenn wir nur bei dem Gute vorbei wären,“ meinte er,„ich traue den Beſten nicht. Wenn wir von ihnen gepackt werden, ſind wir verloren.“ „Hector und Harras ſind mir perſönlich befreun⸗ det,“ ſprach der Inſpector,„wenn ſie auch außerhalb des Guts umherrennen, haben wir nichts von ihnen zu befürchten.“ „Aber ich,“ verſetzte Langſchädel,„bin keineswegs ſo glücklich, mich ihrer Freundſchaft rühmen zu kön⸗ nen; im Gegentheil, die Canaillen ſcheinen es auf mich abgeſehen zu haben. Wenn ich nur wenigſtens eine Waffe zu mir geſteckt hätte.“ Sonnenſchmidt blieb ſtehen: „Wenn Ihnen mit dem Grabſcheite gedient iſt, hier haben Sie es,“ ſprach er. Langſchädel bewaff⸗ nete ſich, während das Gebell der Hunde auf dem Gute immer vernehmbarer wurde. „Fatal iſt mir dieſer Spectakel gleichfalls,“ meinte 56 der Inſpector,„ich glaube, dieſe Vierbeine ſetzen das ganze Oeconomieperſonal in Allarm. Es wäre das Klügſte, wenn wir hart am Ufer hinter dem Gute hinwegzuſchleichen verſuchten.“ „Der Weg daſelbſt iſt aber gefährlich,“ gab Lang⸗ ſchädel zu bedenken. „Poſſen,“erwiederte Sonnenſchmidt,„ich kenne ihn.“ „Er führt hart am abſchüſſigen Ufer vorbei,“ fuhr der Lieutnant fort,„wie leicht kann man bei dieſer Finſterniß einen Fehltritt thun. Dies iſt zu bedenken, Inſpector.“ „Ich begreife nicht, was die Hunde vorhaben,“ brummte Sonnenſchmidt;„wir können wirklich nicht wagen, vorn beim Gute vorbeizugehen; wenn wir nicht entdeckt werden wollen.“ „Aber wenn wir den Uferweg einſchlagen,“ gegen⸗ redete der Lieutenant,„riskiren wir zu ertrinken. Ich bin bei Tage faſt in die Tiefe hinabgerollt; bei Nacht iſt gar kein Fortkommen; zudem iſt der Boden ſchlüpfrig.“ „Das wäre das erſte Mal nicht, daß ich den Ufer⸗ weg ginge,“ meinte der Inſpector,„bei Tag und bei Nacht; ſo Ihr Euch hart hinter mir haltet, könnt Ihr gar nicht zu Schaden kommen; rutſcht Ihr ja ein wenig aus, ſo faßt nur nach meinem Rocke.“ „Wir wollen lieber ein Viertelſtündchen verziehen,“ ſchlug Langſchädel vor,„vielleicht beruhigen ſich die Beeſter. Wir benutzen den Aufenthalt, einen Stär⸗ kungstrank zu uns zu nehmen.“ „Wenn Ihr nur poculiren könnet,“ rügte Son⸗ nenſchmidt,„da iſt jede Gelegenheit recht. Ich ſtimme aber keineswegs für längern Aufenthalt. Ich kenne Harras und Hector; wenn dieſe einmal etwas vor der Naſe haben, denken ſie ſo bald an kein Aufhören. 57 Ich glaube, Sie haben uns ſchon auf dem Korne, und es bleibt fürwahr nichts übrig, als der Uferweg.“ Der Lieutnant machte noch verſchiedene Einwen⸗ dungen, mußte ſich aber dem Willen des Inſpectors bequemen. Die Beiden verließen den Erlengang, der direct nach dem Kloſtergute führte, wandten ſich zur Linken und ſuchten das Werlaufer zu erreichen. Der Weg führte über eine ziemlich ſumpfige Wieſe. „Ich werde von dieſer verdammten Näſſe einen tüchtigen Schnupfen davontragen,“ ſprach Langſchädel. „Ein Schnupfen, wenn man ſich hält, hat ſein Gutes,“ tröſtete Sonnenſchmidt voranwatend,„er rei⸗ nigt den Körper.“ „Man hat auch Beiſpiele,“ erwiederte der Lieut⸗ nant,„wo er den Tod nach ſich zog.“ Bei dem Gedanken an Langſchädel's Tod ſtiegen neue Speculationen in Sonnenſchmidt's Kopfe auf. „Hört mal, Lieutnant,“ ſprach er,„ſterbet mir nicht etwa ohne Teſtament. Wenn der Himmel recht bald Euer letztes Stündlein beſchloſſen, ſo hoffe ich von Eurer chriſtlichen Geſinnung, daß Ihr mich im letzten Willen nicht vergeſſet. Beherziget, daß ohne meinen thatkräftigen Beiſtand der Schatz nicht gehv⸗ ben worden wäre. Ein Dienſt iſt des andern werth. Zudem habt Ihr außer Eurer Nichte Niemanden zu verſorgen. Es ſteht Euch in der That Niemand ſo nahe, wie ich; überlegt das wohl.“ Der Gedanke an Langſchädel's baldiges Ableben erfüllte ihn dermaßen, daß er nicht umhin konnte, ſich nach der ungefähren Größe des Legats zu erkun⸗ digen, welches ihm in des Lieutnants Teſtamente ausgeſetzt werden ſollte. Langſchädeln, dem nichts ſchrecklicher war, als der 58 Tod, zumal jetzt, wo er im Begriffe ſtand, ein reicher Mann zu werden, konnte gar nichts unangenehmer berühren, als des Inſpectors indiscrete Frage. „Ich ſollte meinen,“ fuhr der in ſeinen Gegen⸗ ſtand ganz vertiefte Sonnenſchmidt fort, indem er den Lieutnant in der dritten Perſon anredete,„zweitau⸗ ſend Thälerchen wär' eine Bagatelle; Sie ſehen, ich bin beſcheiden; oder wie, hätte Ihr chriſtlich Gemüth mir vielleicht ein bedeutenderes Sümmchen zugedacht? Sie Schalk, nur mit der Sprache heraus! Ich hab's immer geſagt, der Lieutnant hat ein dankbar Ge⸗ müth und wird dich nicht vergeſſen. Reden Sie of⸗ fen und frei, Freund, Sie ſehen, ich bin nicht ſo. Ich mache Ihnen keine Vorſchriften, durchaus keine; alſo nicht wahr, zweitauſend Thälerchen, Lieutnantchen, drunter auf keinen Fall, vollwichtige Lonisd'vre! Was meinen Sie?“ „Das wird ſich finden,“ erwiederte der Lieutnant unmuthig. „Nein, das wird ſich nicht finden,“ verſetzte eif⸗ rig Sonnenſchmidt,„in ſolchen Sachen liebe ich Ord⸗ nung; Freundchen, Ihre Hand, zwei Tauſend, drunter kann ich's nicht thun; beim Himmel, ich handle als Bruder an Ihnen; Ihre Hand, die Sache iſt abge⸗ macht. Wir trinken eins drauf.“ Die Worte:„Wir trinken eins drauf“ verfehlten nicht, einen wohlthätigen Eindruck auf den Lieutnant hervorzubringen. Gleichwohl wollte er ſich nicht in der dunkeln, unwirthbaren Nacht Verſprechungen ab⸗ locken laſſen, die der habſüchtige Inſpector ſpäter hätte geltend machen können. Langſchädel machte da⸗ her gleichfalls Halt, indem er die Flaſche hervorſuchte. Er that ſogleich einen herzhaften Zug und erwiederte: „Wir ſprechen ſpäter darüber.“ 59 Der Inſpector ließ ſich durch dieſe ausweichende Antwort nicht abſchrecken. Er fuhr fort, ſeinem Be⸗ gleiter von wegen der zweitauſend Thälerchen zuzu⸗ ſetzen. Es ſei wegen Lebens und Sterbens. Er liebe Ordnung und Pünktlichkeit. Nachdem Langſchädel zu wiederholten Malen der Flaſche zugeſprochen, erwiederte er:„Inſpector, Sie ſollen bedacht werden!“ Dies war Sonnenſchmidten nicht hinreichend. Er drang darauf, daß der Lieutnant ſogleich die Summe feſtſetze. „Ein ſolcher Knicker, wie Sie,“ ſprach der In⸗ ſpector,„iſt mir noch gar nicht vorgekommen; erhält unermeßliche Reichthümer im Schlafe und iſt ſo zach gegen ſeinen treueſten Freund. „Sein Sie doch kein ſolcher Mammonsknecht,“ fuhr er fort,„bedenken Sie, daß irdiſche Güter nicht glücklich machen.“ Nach mehren Debatten, die Langſchädel mit Ab⸗ ſicht zu verlängern bemüht war, um deſto fleißiger der Flaſche zuzuſprechen, kam man endlich über die zweitauſend Thaler überein. „Aber jetzt laſſen Sie mich auch einmal einen Zug thun,“ ſprach Sonnenſchmidt, nachdem man das Erb⸗ ſchaftsgeſchäft in Ordnung gebracht hatte und ließ ſich von Langſchädeln die Flaſche reichen. Er wog die Bouteille prüfend in der Hand und gewahrte mit gerechter Betrübniß, daß ſie ziemlich leicht geworden. „Sie müſſen diaboliſch geſoffen haben,“ verſetzte er rügend. „Ein paar Fingerhüte,“ erwiederte der Lieutnant. „Schöne Fingerhüte,“ zankte Sonnenſchmidt,„wie ich mich nur als angeſtellter Mann ſo der Unmäßig⸗ keit hingeben könnte.“ 60 Langſchädel ſchwur hoch und theuer, blos genippt zu haben. „Ihr verwünſchtes Schwören,“ fuhr der Inſpector fort,„bedenken Sie doch, was auf dem Spiele ſteht.“ Mit dieſen Worten verſenkte er zu Langſchädel's unausſprechlichem Verdruſſe die Madeiraflaſche in ſei⸗ nem Rockſchoße. Letzterer that, als habe er das Ver⸗ ſchwinden der Flaſche gar nicht bemerkt und ſtreckte die Hand mit den Worten gegen Sonnenſchmidten aus:„Ich will ſie wieder einſtecken!“ „Wart' ein Bischen,“ dachte dieſer und erwie⸗ derte laut:„Sie könnten fallen und das Glas zer⸗ brechen; ich gehe ſicherer.“ Unter dieſen und ähnlichen erbaulichen Geſprächen hatte man das Werlaufer erreicht. „Ich ſtehe wie im Waſſer,“ lamentirte Lang⸗ ſchädel,„die Wieſe war bodenlos.“ „Ein fetter Graswuchs,“ geſtand Sonnenſchmidt. „Sie haben gut reden in Ihren Waſſerſtiefeln!“ „Wir wollen jetzt das Ufer entlang wandeln,“ ſprach Sonnenſchmidt,„ſchließen Sie ſich dicht hinter mich an.“ „Bevor ich einen Fuß vorwärts thue,“ erwiederte Langſchädel,„erfordert's meine Geſundheit, daß ich etwas Wärmendes zu mir nehme. Wollten Sie wohl erlauben—“ „Jetzt nicht, entgegnete der Inſpector,„Sie trin⸗ ken ſich ſonſt um den Verſtand, kommen vom Wege und können Schaden nehmen. Ich muß für Ihr Wohl bedacht ſein. Allons, vorwärts!“ „Nur einen Schluck, ich erſtarre.“ „Einbildung, Sie haben übergenug.“ „Wollen Sie mich morgen als Leiche ſehen? Was helfen mir dann alle Schätze der Welt. Bei Ihrer chriſtlichen Geſinnung beſchwöre ich Sie, Inſpector, ſeien Sie ein Menſch.“ 6¹ Sonnenſchmidt blieb unerbittlich. „Ich mag das nicht auf mein Gewiſſen nehmen,“ ſprach er,„Sie ſind toll und voll. Wenn Sie ſich noch mehr antrinken, iſt's um den Schatz geſchehen.“ „Sonnenſchmidt, Sie ſind ein Barbar!“ „Morgen werden Sie mir es danken, daß ich Ihren ſinnlichen Gelüſten mannhaften Widerſtand ge leiſtet.“ „Gewiß nicht!“ „Dann ſind Sie ein Undankbarer!“ „Ach, hol Sie der—“ „Lieutnant, keine Ausſchweifung, Sanftmuth.“ „Zum Teufel mit der Sanftmuth,“ platzte Lang⸗ ſchädel heraus,„machen Sie mich nicht raſend.“ „Sie würden es, wenn ich Ihnen nochmals die Flaſche reichte.“ „Nein, ſo wahr ich lebe, nicht,“ ſchwur der Lieut⸗ nant,„ich folge Ihnen alsdann wie ein Kind.“ „Unhaltbare Verſprechungen,“ erwiederte unerbitt⸗ lich der Inſpeetor und ſchritt voran.„Kommen Sie, damit wir bald zum Ziele kommen.“ Langſchädel begann jetzt wie ein Lanzknecht zu fluchen, daß Sonnenſchmidten angſt und bange ward. Aus Furcht vor den Geiſtern und um den Läſter⸗ mund zu ſtopfen, langte er die Flaſche hervor. „Hier,“ ſprach er,„aber nur einen Schluck.“ Langſchädel wollte ſich der Flaſche wieder bemäch⸗ tigen; aber der Inſpector hielt ſie mit beiden Händen umklammert und gab ſie nicht her.. „So, nun iſt es genug,“ ſprach letzterer,„Ihr Durſt iſt gar nicht zu ſtillen.“ „Ich habe ja noch gar nichts bekommen,“ ſprach der Lieutnant,„Sie müſſen die Flaſche ſchiefer halten.“ Sonnenſchmidt zog aber das Gefäß zurück, ohne 62 daß Langſchädeln auch nur die Lippen feucht geworden wären. Er hatte mit Abſicht die Flaſche ſo ſchräg wie möglich gehalten. Langſchädel, der nur begieriger nach einem Schluck geworden war, wollte verzweifeln. Er ſchwur und fluchte wieder aus Leibeskräften. Mit Fluchen und Schwören kam er bei dem pie⸗ tiſtiſchen Sonnenſchmidt noch am weiteſten. Der In⸗ ſpector gab der Flaſche eine andere Richtung, ſo daß dem Dürſtenden das geiſtreiche Naß wirklich zu Gute kam. Langſchädel ſog mit Luſt und Liebe, wie ein Kind an Mutterbruſt. Nachdem er ſich geſtärkt hatte, ging die Reiſe weiter. Sonnenſchmidt ſchritt voran und der Lieut⸗ nant folgte. Der mehrtägige Regen hatte den Weg in der That etwas gefährlich gemacht. Er war äußerſt ſchlüpfrig und überdies ſehr ſchmal. Einige Fuß in der dun⸗ keln Tiefe rauſchte die Werla. „Für den Fall Sie ausrutſchen ſollten,“ ſprach Sonnenſchmidt zu Langſchädeln,„halten Sie ſich an mich.“ Man war nicht lange gegangen, als der Lieut⸗ nant auch wirklich ausglitt und in Gefahr kam, den Abhang hinabzugleiten. Er befolgte Sonnenſchmidt's Rath und krallte mit Todesverzweiflung an den In⸗ ſpector. Letzterer durch den urplötzlichen energiſchen Angriff erſchreckt und aus dem Gleichgewicht gebracht, begann gleichfalls zu ſchwanken. „Um Himmelswillen,“ rief er,„Lieutnant, laſ⸗ ſen Sie los!“ „Dann roll' ich in die Tiefe,“ tönte es zur Antwort. „Und ich mit, ich ſchwanke ſchon. Laſſen Sie los!“ 63 „Ich bin aber rettungslos verloren, das Waſſer iſt hier tief.“ „Rollen Sie in Gottes Namen allein hinab, gu⸗ ter Lieutnant, ich fiſche Sie heraus; aber bei Ihrer Seligkeit laſſen Sie los, ſonſt gehen wir Beide zu Grunde.“ Langſchädel wollte aber durchaus nicht von ſeinem Vordermanne ablaſſen. Er hing wie eine Klette an dem Inſpector und hoffte noch immer, dieſer werde ihn halten können. „Laſſen Sie los, Unglückſeliger,“ ſchrie jetzt Son⸗ nenſchmidt in Todesangſt, deſſen Schwankungen immer bedenklicher wurden. „Ich verlaſſe Sie nicht in der Noth,“ erwiederte der Lieutnant mit ſeltener Anhänglichkeit. Unter bewandten Umſtänden war für beide Schatz⸗ gräber wenig zu hoffen. Die Reiſe ging in Gemein⸗ ſchaft nach der Tiefe, jedoch mit aller Gemächlichkeit, denn der Abhang war nicht ſteil, ſondern ſchräg. Langſchädel, welcher vorankollexte, fiel in's Waſ⸗ ſer, welches zum Glück hier ſehr ſeicht war; Sonnen⸗ ſchmidt blieb mit halbem Leibe auf dem Lande liegen und nur die Füße wurden naß. Der Lieutnant, welcher nicht anders glaubte, als ſein letztes Stündlein ſei gekommen, geberdete ſich wie ein Verzweifelter und haſchte, als nach einem letzten Rettungsanker, nach Sonnenſchmidt's Beinen. Dieſer, welcher fürchtete, Langſchädel werde ihn vollends hinabziehen in das feuchte Grab, proteſtirte bei des Lieutnants„ewiger Seligkeit und unſterbli⸗ cher Seele“ gegen die Beſchlagnahme ſeiner Beine, klagte ſeinen Hintermann des Mords an und ſchlug ſeine Finger wie ein paar Enterhaken in das Erdreich. Langſchädel, mit dem Tode kämpfend, berückſich⸗ 64 tigte nicht im Geringſten Sonnenſchmidt's Proteſta⸗ tivn.„Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte,“ dachte er, und ſo gelang es ihm auch, wieder zum Stehen zu kommen. Sobald er nur feſten Grund unter ſich fühlte, wuchs ſein Muth. Das Waſſer ging ihm kaum bis an die Knie. Jedes Malheur hat in der Regel auch ſein Gutes. Langſchädel hatte bei dem Umklammern des Sonnenſchmidt'ſchen Corpus den Ort ausfindig gemacht, wo der Inſpector die Ma⸗ deiraflaſche verſenkt hatte. Eine günſtigere Gelegenheit, dieſes Kleinod wieder in ſeine Gewalt zu bringen, konnte es gar nicht geben. Sonnenſchmidt's Hände lagen in das Erdreich eingekrallt und die ganze hin⸗ tere Körperſeite des Inſpectors war dem Lieutnant preisgegeben. Er konnte darüber nach Belieben ſchal⸗ ten und walten. Er blieb daher auch nicht lange unſchlüſſig und bemächtigte ſich ziemlich ungenirt des Weinbehälters. Sonnenſchmidt war von der Gefahr, in welcher er zu ſchweben glaubte, noch zu betäubt, als daß er von den verdächtigen Griffen Langſchädel's nach ſei⸗ ner Rocktaſche und von der böslichen Entwendung der Madeiraflaſche etwas gemerkt hätte. Erſt als der Lieutnant wollüſtig zu ſchlürfen begann, vernahm er das Geräuſch, das er jedoch einer ganz andern Ur⸗ ſache zuſchrieb. Er bildete ſich ein, Langſchädel, der jetzt von ſeinen Beinen abgelaſſen habe, ſei vollends untergeſunken und ſchlucke Waſſer. Dies Schlürfen klang ihm daher höchſt erwünſcht; es klang eben ſo lieblich, wie dem Lieutnant der Madeira mundete, denn jetzt gedachte er, den Schatz allein zu heben. „Ich glaube,“ ſprach er für ſich,„er liegt ſchon in den letzten Zügen; ich ſchließe das aus dem tiefen Röcheln. Das hat er von ſeinem Fluchen und Schwö⸗ 65 ren. Kein Gottloſer nimmt ein glücklich Ende. Es konnte gar nicht anders kommen. Es iſt nur gut, daß er meine Beine losgelaſſen hat. Ein guter Ge⸗ nius hat über mich gewacht. Ein ſolcher wird mich auch den Schatz finden laſſen. „Ich werde noch ein Weilchen ſo hängen müſſen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„denn wenn ich mich bewege, riskire ich, der Halbtodte ſchnappt nach mei⸗ nen Füßen und zieht mich hinab. Hoffentlich wird er bald ausgelitten haben. Beim Ertrinken hab' ich mir immer ſagen laſſen, dauert die Sache nicht lange. Ein Bischen Starrkrampf, und alle iſt's.“ Während dieſer chriſtlichen Betrachtungen Sonnen⸗ ſchmidt's ließ ſich's der Todtgeglaubte trefflich ſchmecken. Langſchädel betrachtete den Madeira jetzt als Mediein gegen die Näſſe und Erkältung und war wirklich un⸗ erſättlich. Sonnenſchmidt, der ſich ob des Schlürfens Lang⸗ ſchädel's, das gar kein Ende nehmen wollte und wel⸗ ches er für Todesröcheln hielt, nicht genug verwun⸗ derte, ward endlich ungeduldig und von chriſtlichem Mitleid ergriffen. „Wenn Sie nicht erſterben können,“ gab er den guten Rath,„ſo ſtecken Sie doch den Kopf vollends unter's Waſſer. Da iſt's bald alle. Ich würde Ih⸗ nen als Menſch und Chriſt beiſpringen; aber ich hänge ſelbſt zwiſchen Tod und Leben. Nicht wahr, der Schatz liegt im zweiten Kellergewölbe, links vom Eingange?“ Langſchädel, welcher ſo eben einen langen Zug aus der Flaſche gethan hatte, ſprach tief Athem ho⸗ lend:„Ach!“ Sonnenſchmidt, welcher dieſes„Ach!“ für einen Todesſeufzer hielt, fuhr rathgebend fort: Stolle, ſämmtl. Schriften. Vl1I. 5 66 „Sie haben gewiß den Kopf noch über dem Waſ⸗ ſer, das iſt ein Fehler; Sie erſchweren ſich muth⸗ willig das letzte Stündlein; ſein Sie Mann! raſch reſolvirt und untergetaucht! Nicht wahr, zwei Schritte links vom Eingange im zweiten Keller?“ „Ganz recht,“ erwiederte Langſchädel, der jetzt be⸗ müht war, das Ufer emporzuklettern. „Was Guckuck,“ rief Sonnenſchmidt, durch dieſe geiſtesklare Antwort unangenehm überraſcht,„ich denke, Sie ringen mit dem Tode?“ „Diesmal noch nicht,“ verſicherte der Lieutnant, welcher wieder auf trockenem Lande ſtand, ziemlich wohlgelaunt; denn der genoſſene Wein hatte ihn trotz der Näſſe heiter geſtimmt. „Da helfen Sie mir wenigſtens auf,“ fuhr Son⸗ nenſchmidt fort,„ich kann doch nicht bis zum jüngſten Tage in dieſer ſchmachvollen Stellung liegen.“ Der Lieutnant hielt dem am Boden Liegenden den Griff des Grabſcheits hin, mit deſſen Hülfe ſich der Inſpector endlich, wiewohl nach mühevoller An⸗ ſtrengung, emporarbeitete. „Alſo leben Sie noch,“ ſprach verwundert Son⸗ nenſchmidt,„ſehen Sie einmal, das nenn ich Gliück. Ihrem Röcheln nach zu ſchließen, glaubte ich Sie auf Erden nicht wieder zu ſehen.“ „Ich bin mit durchnäßten Kleidern diesmal da⸗ von gekommen,“ erwiederte Langſchädel. „Wie tief ſtaken Sie denn im Waſſer?“ „Bis an die Schläfe,“ log der Gefragte. „Bis an die Schläfe,“ dachte Sonnenſchmidt miß⸗ muthig bei ſich,„es iſt doch ein alt Sprichwort, daß Unkraut ſehr ſchwer auszurotten.“ „Nur meine Geiſtesgegenwart rettete mich,“ fuhr Langſchädel fort. 67 „Ach, gehen Sie,“ verſetzte der Inſpector,„mei⸗ nen Beinen haben Sie Ihr Daſein zu verdanken. Sie klammerten ſich ja daran mit einer Vehemenz, daß ich die Schmerzen davon noch fühle.“ „Ich ließ ſie ja los aus Menſchenfreundlichkeit,“ meinte Langſchädel,„als Sie wie ein Geſpießter ſchrieen.“ „Zum Guckuck,“ ſprach Sonnenſchmidt,„es war auch die höchſte Zeit, Sie konnten einen Mord be⸗ gehen, bedenken Sie wohl, einen Mord!“ „Sie wären nicht erſoffen,“ entgegnete der Lieut⸗ nant,„auch wenn Ihr Corpus vollends hinabgerollt wäre; er iſt fett, ich glaube, das Waſſer trägt Sie.“ „Ich will's auf keinen Verſuch ankommen laſſen,“ ſprach Sonnenſchmidt;„doch aus unſerm höchſt un⸗ fruchtbaren Geſpräche kommt nichts heraus. Ich dächte, wir machten uns nach dem Kloſter; es iſt nicht weit mehr.“ Langſchädel ſprang und tanzte, theils, weil ihm der Wein zu Kopf geſtiegen, theils um ſich zu er⸗ wärmen. „Sie ſollten gar nicht ſo obendrauf ſein,“ rügte der Inſpector,„wer eben dem Tode entlaufen, dem geziemt eine dankbare und geſetzte Poſitur.“ Der Lieutnant aber ließ ſich in ſeiner Laune nicht ſtören, nannte Sonnenſchmidten einen ſcheinheiligen Duckmäuſer, einen Pfaffenknecht, und ſang fortwährend: „Ich hab' mein Sach' auf nichts geſtellt, Juchheh! Drum iſt ſo wohl mir in der Welt, Juchheh!“ „Sie ſind doch der laſterhafteſte Menſch,“ ſchalt Sonnenſchmidt,„der mir je vorgekommen. Sie haben es wahrlich nicht verdient, daß Ihnen ein ſo reicher Schatz beſcheert worden iſt. Ich glaube darum auch 5* 68 nicht, daß Ihnen der Mammon viel Segen bringen wird.“ „Das laſſen Sie meine Sorge ſein, alter Geiz⸗ hammel und Sündenbock,“ replicirte Langſchädel. „Der Menſch kann gar nicht bei ſich ſein,“ dachte Sonnenſchmidt,„er ſetzt ja alle Ehrfurcht gegen dich aus den Augen und ſchimpft wie ein Rohrſperling. Entweder hat ihn die Errettung aus der Todesgefahr oder der bald zu erhebende Schatz in ſo exaltirte Stim⸗ mung verſetzt.“ An die Madeiraflaſche dachte Sonnenſchmidt nicht. Man kam den alten Ruinen des Kloſters immer näher. „Es iſt nur gut, daß ich mein Feuerzeug ſo trocken wie möglich bewahrt habe,“ ſprach der Inſpector, „ohne Licht würden wir uns in dieſer undurchdring⸗ lichen Finſterniß kaum zurechtfinden.“ Langſchädeln, bei welchem der Weingeiſt allmälig verfloh, begann, als die unheimlichen Steinmaſſen in ſchwarzen, unbeſtimmten Umriſſen aufſtiegen, ziemlich ſchauerlich zu werden. Er that ſo leiſe wie möglich, damit Sonnenſchmidt nichts gewahr werde, wieder⸗ holte Züge aus der ſtärkenden Flaſche; aber der Ma⸗ deira vermochte diesmal Grauen und Furcht nicht ganz zu beſiegen. „Ach, wäre es doch Tag,“ dachte er bei ſich,„die Nacht iſt keines Menſchen Freund, man ſieht kaum die Hand vor ſich.“ Sonnenſchmidt, man mußte es geſtehen, zeigte ſich weit couragöſer als ſein Begleiter. Er ſchritt ſichern Schrittes voran, während Langſchädel zagend folgte. Seine gute Laune war gänzlich dahin. Endlich ſtand man bei der nicht hohen Mauer, welche die Ruinen nebſt einer Obſtplantage umſchloß. ————— 69 „Hier müſſen wir darüber,“ ſprach Sonnenſchmidt. Langſchädel konnte ſeiner Furcht nicht mehr Mei⸗ ſter werden. „Ach,“ ſeufzte er,„wollen wir denn das rieſen⸗ hafte und gefährliche Abenteuer wirklich noch beſtehen?“ Der Inſpector, der von nichts als blanken Dop⸗ pellouisd'vren träumte, erwiederte: „Das verſteht ſich; wir werden doch nicht zum Narren herausgelaufen ſein. Helfen Sie mir über die Mauer, Langſchädel!“ Ehe der Lieutnant Hand anlegte, frug er: „Wär' es denn nicht beſſer, wenn wir die Sache bei Tage vornähmen; vielleicht bei frichem Morgen? Man ſieht die Hand vor den Augen nicht.“ „Dieſe Finſterniß,“ erwiederte Sonnenſchmidt, „kommt uns gerade zu ſtatten. Schieben Sie, Lang⸗ ſchädel, die Mauer iſt nicht hoch, mit einem Fuße bin ich ſchon darüber.“ Der Lieutnant half, aber zagenden Herzens; der Inſpector befand ſich im Kloſterhofe und watete durch Kartoffelkraut den alten Ruinen zu. Langſchädel ſtand zitternd noch immer an der äußern Mauerſeite und wagte nicht, dem verwegenen Inſpector zu folgen. Dieſer blieb nach einer Weile ſtehen. „Allons, wo ſtecken Sie?“ frug er mit gedämpf⸗ ter Stimme. „Hier!“ antwortete Langſchädel. „So ſteigen Sie doch über, ich warte nicht länger!“ „Wö ſeecken Sie denn?“ forſchte der außerhalb Stehende,„ich ſehe gar nichts.“ „Ich auch nicht,“ ſprach Sonnenſchmidt,„Sie müſſen ſich nach der Stimme richten!“ „Wär' es denn wirklich nicht gerathen,“ gab Lang⸗ ſchädel von Neuem zu bedenken,„wenn wir wenig⸗ ſtens die Dämmerung abwarteten?“ 70 „Nichts da,“ entſchied der habgierige Inſpector, „wenn es Ihnen zu finſter iſt, heb' ich den Schatz für mich.“ Wie Langſchädel Sonnenſchmidten kannte, ſo war von deſſen Geldſucht das Aergſte zu befürchten. Er bereute, dieſen Geizhals zum Vertrauten gemacht zu haben; und war jetzt mit wahrhafter Todesverzweif⸗ lung bemüht, ſeine Furcht niederzukämpfen. Wenn er nicht ſchleunigſt dazuthat, ſo entwendete der Inſpector den Schatz, welchen ein gütiger Traumgott doch ihm allein nur beſtimmt hatte. Der Langſchädel leiſtete wirklich das Außerordentlichſte, kletterte über die Mauer und griff ſich zitternd nach der Gegend hin, von wo⸗ her des Inſpectors Stimme tönte. „Wo ſtehen Sie denn?“ frug Langſchädel zähne⸗ klappernd, in der Dunkelheit wie ein Blinder umher⸗ taſtend. „Da bin ich,“ antwortete Sonnenſchmidt, und gleich darauf hielt der Lieutnant die Rieſengeſtalt ſeines Begleiters umklammert. Als er dieſe ſolide Maſſe fühlte, athmete er ein wenig freier.„Das kann gar keine natürliche Fin⸗ ſterniß ſein,“ meinte Langſchädel,„ich glaube nicht, daß es hier mit rechten Dingen zugeht.“ „Wenn Gottesfurcht und Frömmigkeit in Ihrem verdüſterten Gemüthe wohnte,“ antwortete Sonnen⸗ ſchmidt,„würden Sie nichts Uebernatürliches an die⸗ ſer Finſterniß finden. Sie iſt allerdings reſpectabel, aber wer ſie mit frommen Augen anſieht, findet ſie durchaus nicht ſo ſchwarz. Es iſt auch kein Wun⸗ der, wenn Sie bei Ihrem ewigen Fluchen und Schwö⸗ ren einmal vom Himmel mit Blindheit geſtraft werden. „Wohlan,“ fuhr er fort,„ſo wollen wir denn zum gottgefälligen Werke ſchreiten und die himmliſche —— 74 Manna mit Demuth und Dankbarkeit ungezählt in Empfang nehmen, welche uns von ſeligen Geiſtern beſchieden worden iſt.“ „Ja, das wollen wir,“ ſprach Langſchädel bebend, „wenn es nicht zu finſter iſt.“ „Poſſen, wir zünden Licht an,“ meinte Sonnen⸗ ſchmidt.„Halten Sie ſich nur dicht hinter mir.“ Der Lieutnant ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen und klammerte ſich wieder dermaßen an den Inſper⸗ tor, daß dieſer nicht umhin konnte, ſeine unverholene Mißbilligung zu erkennen zu geben. „Greifen Sie zu und der—(Teufel, wollte er ſagen, beſann ſich aber ſchnell und verſchluckte das ge⸗ fährliche Wort)“ ſprach Sonnenſchmidt,„ich werde nicht davonlaufen.“ Sonnenſchmidt, von Langſchädeln gefolgt, tappte jetzt nach dem Eingange eines halb verfallenen Gan⸗ ges, welcher nach den Kellergewölben führte, in deren einem nach des Lieutnants Ausſage die Doppellouis⸗ d'ore vergraben lagen. „Nur ſacht,“ ſprach der Inſpector, vorſichtig vor⸗ wärts ſchreitend,„daß wir nicht über die vielen im Wege liegenden Steine ſtolpern. Sie haben doch das Grabſcheit noch, Langſchädel?“ „Ich habe es.“ Der Inſpector ſtand endlich vor dem Hollunder⸗ ſtrauche, der den Eingang verdeckte. Er bog die Aeſte aus einander und verſuchte mit ſeinem Leichnam hin⸗ durch zu kriechen. Das war bei des Mannes Cor⸗ pulenz nicht ohne Schwierigkeit. „Es wird ein wenig praſſeln,“ ſprach Sonnen⸗ ſchmidt,„aber das ſchadet nichts; wer ſoll es hören, zudem iſt es windig; wenn jedoch der Schäferhund uns aufſpüren ſollte, ſo geben Sie der Beſtie eins mit dem Grabſcheite. Ob ſo ein Vieh mehr oder weniger in der Welt herumläuft, darauf kommt nichts an.“ Mit dieſen Worten brach Sonnenſchmidt vollends durch. Mehr todt als lebendig folgte Langſchädel. Ein geſpenſtiſcher Nachtvogel war ob des unverhoff⸗ ten Beſuchs von ſeinem Lager aufgeflogen und hatte den Erſchrockenen faſt mit ſeinen Flügeln berührt. Dieſes Ereigniß war hinreichend, ſeinen Muth vol⸗ lends zu Boden zu ſchlagen. „Jetzt aber iſt es Zeit,“ meinte Sonnenſchmidt, „daß wir die Laterne anzünden, ſonſt ſtoßen wir uns in dieſem unwirthbaren Gewölbe die Köpfe ein.“ „Allerdings!“ geſtand Langſchädel,„Licht iſt eine der nützlichſten und erhabendſten Erfindungen in der Natur.“ Der Inſpector zog Stahl und Stein hervor und begann zu picken. Bei jedem Funken, der das ſchauer⸗ liche Gewölbe momentan erhellte, zuckte Langſchädel unwillkürlich zuſammen. „Was huſcht nur ſo unheimlich hin und wieder,“ frug er zagend;„es iſt wahrhaftig nicht geheuer hier. Ich wünſchte, ich wäre wieder im Freien.“ „Was wird's ſein,“ erwiederte gleichmüthig Son⸗ nenſchmidt, der mit Beharrlichkeit fortfuhr, Feuer an⸗ zuſchlagen und deſſen etwas feuchtgewordener Schwamm nicht ſogleich fangen wollte,„Fledermäuſe!“ Bei dem Worte Fledermäuſe, zog Langſchädel vor⸗ ſichtig ſeine Mütze tiefer über die Ohren, und den Kopf ſo viel als möglich zwiſchen die Schultern. Sonnenſchmidten war es endlich gelungen, den Schwamm in Brand zu ſetzen und die Laterne an⸗ zuzünden. Jetzt erſt konnte der Lieutnant mit Schaudern das Grauſige des unheimlichen Aufent⸗ halts erkennen. Das nächtliche Geflügel ward ob des blendenden Lichtſchimmers immer unbändiger und ſauſte Sonnen⸗ ſchmidten, der wirklich einen ausdauernden Muth wäh⸗ rend der ganzen Expedition an den Tag legte, fort⸗ während um den Kopf. Vergebens ſchlug er mit dem Taſchentuche zürnend um ſich herum. Langſchädel mochte von der ganzen Welt nichts mehr wiſſen und verwünſchte im Stillen die Schatzgräberei. Endlich gelangte man in das zweite Kellergewölbe, woſelbſt der Schatz ruhen ſollte. Sonnenſchmidt machte Halt. „Alſo hier?!“ ſprach er.„Nicht wahr, Lieutnant?“ „Ja wohl, ja wohl,“ erwiederte der Gefragte, ohne aufzublicken. „Sie müſſen ſich auch vrientiren,“ ſprach der In⸗ ſpector,„ſtimmt denn dieſe Localität mit Ihrem Traume überein?“ Langſchädel warf einen ſcheuen Blick umher und erwiederte:„Vollkommen.“ Sonnenſchmidt ſtellte nun nähers Unterſuchungen an, die jedoch keineswegs einem erwünſchten Reſul⸗ tate entſprachen. „Ich ſpüre hier nichts von einem Schatze,“ ſprach er, nachdem er mit ſeinem Stocke überall umher vi⸗ ſitirt hatte;„wir werden unfehlbar einſchlagen müſ⸗ ſen. Lieutnant, ſcheuen Sie doch nicht ſo gewaltig die Fledermäuſe; dieſes Geflügel iſt ganz unſchädlich, wenn auch etwas läſtig, und vergegenwärtigen Sie ſich lieber ihren Traum recht deutlich, damit wir den rechten Fleck treffen.“ Mit dieſen Worten ſtampfte er an verſchiedenen Orten mit dem Fuße auf, ob es nicht hohl klänge. Langſchädel ſchaute ein wenig umher. „Hier muß es ſein,“ ſprach er endlich, und be⸗ zeichnete ſchaudernd eine Stelle in der einen Ecke. Der Inſpector ſtampfte wieder mit dem Fuße. „Es klingt etwas hohl,“ meinte er,„das Grab⸗ ſcheit her.“ Der Lieutnant reichte es dar und Sonnenſchmidt begann wie ein Schanzarbeiter zu ſchaufeln, während Langſchädel mit noch immer herabgezogener Mütze und eingezognem Kopfe, die Hände in beiden Hoſentaſchen, vor Furcht und Kälte ſchlotternd, eine wahre Jam⸗ mergeſtalt darbot. „Wenn wir eine Wünſchelruthe hätten,“ ſprach der Inſpector, der mit unermüdlicher Beharrlichkeit fortarbeitete,„wüßten wir woran wir wären.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Ich komme wahrhaftig auf etwas Hartes. Da ſchmeckt ein Trunk drauf.“ Er ſtieß etwas ermattet das Grabſcheit in den Boden und in die Taſche. „Bomben und Blitz,“ rief er unmuthig,„Lieut⸗ nant, ich habe die Flaſche verloren. Sie muß mir bei der Waſſerpartie aus der Taſche gefallen ſein.“ Langſchädel ließ den Inſpector in ſeinem Irrthume hinſichtlich der Flaſche, beſchuldigte ihn der größten Nachläſſigkeit und jammerte ob des verloren gegan⸗ genen Labetrunks. „Nun beruhigen Sie ſich,“ ſprach Sonnenſchmidt, „was nicht zu ändern iſt, iſt nicht zu ändern, leuch⸗ ten Sie lieber, daß wir des Schatzes bald habhaft werden“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſeine Schaufelei mit Beharrlichkeit fort, wobei Langſchädel die Laterne hielt. „Wenn es eine Gerechtigkeit auf Erden gibt,“ fuhr der unermüdliche Schatzgräber fort,„und wenn in Ihnen ein Funken von Rechtsgefühl vorhanden, ſo müßten Sie mir jetzt zwei Dritttheile vom Schatze abtre⸗ 75 ten; ich habe mich im Leben nicht ſo geplackt, wie diesmal, der Schweiß tritt mir hervor, während Sie blos mit der federleichten Laterne zu leuchten brauchen.“ „Ich dächte, ich hätt' das Meinige gethan,“ er⸗ wiederte Langſchädel vor Kälte klappernd,„habe ich nicht in Lebensgefahr mit den Wellen gekämpft?“ „Poſſen,“ meinte Sonnenſchmidt abſprechend, „das kann ein Jeder. Dabei iſt kein Verdienſt.“ Nach großer Anſtrengung förderte endlich Sonnen⸗ ſchmidt einen ziemlich umfangreichen Sandſtein zu Tage. „Das ſieht nicht wie ein Schatz,“ ſprach er, den Stein nach allen Seiten betaſtend. „Mir auch nicht,“ bemerkte der Lieutnant. „Alſo vollwichtige Doppellouisd'vre waren es, die Ihnen der Traumgott zeigte?“ „Es können auch ein paar holländiſche Ducaten darunter geweſen ſein,“ geſtand Langſchädel,„ich kann mich nicht mehr ganz deutlich beſinnen.“ „Das iſt eine recht bedauerliche Unſicherheit,“ ver⸗ ſetzte der Inſpector.„Ging denn der Schatz zu Tage aus?“ fuhr er fort. „Tief lag er nicht,“ erwiederte der Lieutnant. „Da wird wohl eintreffen, was ich geſagt habe,“ ſprach zürnend der fromme Sonnenſchmidt,„durch Ihr unverantwortliches Fluchen und Schwören iſt er unfehlbar tiefer geſunken; wer weiß, wo er bereits ſteckt. Sie ſind doch der gewiſſenloſeſte Menſch, der mir je vorgekommen. Es iſt zum Verzweifeln, wie lange ſoll ich ſchaufeln; ich habe keinen trocknen Faden.“ Langſchädel bereute jetzt in der That, ſich nicht mehr beherrſcht und wie ein Lanzknecht geflucht zu haben. Er ließ die Strafreden des Inſpectors ge⸗ duldig über ſich ergehen, ohne etwas zu erwiedern. Sonnenſchmidt ſchaufelte aus Leibeskräften, fort⸗ während brummend, daß ſeine Mühe ſo erfolglos bliebe; Langſchädel leuchtete ſchweigend. „Hier kann er unmöplich liegen,“ begann der Inſpector nach einer Pauſe und ſtützte ſich erſchöpft auf den Heft des Grabſcheites;„Lieutnant, wenn Sie mich zu Narren geführt, Sie kommen nicht wie⸗ der lebendig heraus; ſo ich nichts finde, ſo ich ver⸗ gebens herausgerannt, drehe ich Ihnen eigenhändig den Hals um.“ Langſchädeln ward Angſt, er beſchwor ſeinen Be⸗ gleiter, die Hoffnung nicht aufzugeben. „Lieutnant, ſie haben am längſten gelebt,“ fuhr Sonnenſchmidt drohend fort,„wenn keine Louisd'ors kommen. Ich will nicht umſonſt ſolche Strapaze und ſolche Unkoſten gehabt haben. Die Madeiraflaſche iſt auch zum Guckuck, das Glas allein war unter Brüdern ſeinen Zwanziger werth.“ Langſchädel befand ſich in höchſt bedenklicher Lage; auf der einen Seite ſchüttelte ihn der Froſt; auf der andern die Furcht vor dem desperaten Inſpector, deſ⸗ ſen Wuth gar nicht zu berechnen war, ſo er nichts fand. Sonnenſchmidt's Reden wurden immer unheimlicher und Gefahr drohender. Endlich, als ſein Schaufeln durchaus fruchtlos blieb und ſich kein Schatz zeigte, erhielt ſogar ſeine Frömmigkeit einen harten Stoß und er begann zu fluchen. Langſchädel bemerkte mit Grauen den wachſenden Grimm des Inſpectors. Um den Ausbruch deſſelben, der vor allen Dingen ſeine eigne Perſon bedrohte, zu beſchwören, bemühte er ſich, den Inſpector mit deſſen eignen Waffen zu ſchlagen. „Aber, verehrter Inſpector,“ gab er zu bedenken, „wenn Sie auch zornig werden und zu fluchen an⸗ fangen, da finkt nach Ihrer eignen Anſicht der Schatz ja immer tiefer.“ „Mag er zum Teufel fahren,“ ſchrie Sonnen⸗ ſchmidt, deſſen Geduld zu Ende war;„ich mag hin⸗ ſtechen wo ich will, überall Nichts; ei da ſoll doch ein Kreuz Himmel—“ „Pſt, pſt,“ beſänftigte angſterfüllt Langſchädel, „wir wollen doch an einem andern Orte einſchlagen.“ „Schweigen Sie, Sie Leutebetrüger,“ donnerte der getäuſchte Sonnenſchmidt,„einſchlagen, den Kopf will ich Ihnen einſchlagen.“ Er hob mit dieſen Worten erboſt das Grabſcheit mit beiden Händen empor, daß der Lieutnant entſetzt zurückſprang. Sonnenſchmidt, der gar keine Vernunft annahm, wollte folgen, da ließ plötzlich ein gellender Pfiff ihn wie angedonnert ſtehen. „Pfiff das nicht?“ frug der Ergrimmte und ver⸗ gaß ſeinen Zorn auf einen Augenblick. „Allerdings,“ erwiederte Langſchädel, der vor dem wüthenden Sonnenſchmidt in die Ecke geflüchtet war, kreideweiß. Beide lauſchten mit angehaltenem Athem. „Das fehlte, daß wir belauſcht würden,“ brummte der Inſpector.„Mein Renommé wäre dahin. O Sie—“ Seine Wuth gegen Langſchädeln erreichte wieder einen hohen Grad. Er ſchaute den Erbleichten mit grimmigen Augen an und würde ſich gewiß an ihm vergriffen haben, hätte ſich nicht ein abermaliges Pfeifen vernehmen laſſen. „Es pfeift wahrhaftig,“ ſprach Sonnenſchmidt, und ward friedlicher gegen ſeinen Gefährten geſinnt; „haben Sie es auch gehört?“ „Freilich,“ zähneklapperte der Gefragte. „Es iſt vielleicht der Wind geweſen,“ meinte der Inſpector, ſich ſelbſt beruhigend. 78 Langſchädel beſtand auf dem Pfeifen, das ihn vor der Hand wenigſtens vor der Rache des furiöſen Schatzgräbers ſchützte. „Um Gottes Willen, Lieutnant,“ mahnte Son⸗ nenſchmidt mit gedämpfter Stimme;„geben Sie keinen Laut von ſich.“ „Ich ſage nichts,“ verſprach Langſchädel leiſe. „Beim nächſten verdächtigen Geräuſch löſchen Sie die Laterne aus.“ Der Lieutnant gelobte dies und blies auch ent⸗ ſetzt gleich im nächſten Augenblicke das Licht aus; denn Schritte und Stimmen tönten vom Eingange her. „Werft ſie in das zweite Gewölbe!“ gebot eine Baßſtimme,„da entdeckt ſie Niemand.“ Sonnenſchmidten wie Langſchädeln ſtanden bei die⸗ ſen Worten die Haare mit einem Male zu Berge. Sie näherten ſich inſtinktmäßig und umarmten ſich brüderlich, einer ſchien ſich hinter dem andern verſtecken zu wollen. „Sie haben Einen kalt gemacht,“ flüſterte der Inſpector dem Lieutnant in's Ohr;„Langſchädel, wenn Sie muckſen—“ Langſchädel gelobte Todtenſchweigen. „Wir wollen uns leiſe in eine Ecke zurückziehen,“ fuhr Sonnenſchmidt fort, und ſie nahmen geräuſchlos in einem Winkel Platz, wo ſie am Boden niederkauerten. Die Baßſtimme ward wieder vernehmbar. „Immer in das zweite Gewölbe; Ihr kennt die Thür, Licht brauchen wir nicht.“ Mehrere Männertritte ſtolperten dem Gewölbe zu, wo die beiden Schatzgräber todtenähnlich am Boden kauerten. „Die Thür haben wir,“ erwiederte eine andere Stimme. — 79 „Wohlan, nur hineingeworfen,“ befahl die erſtere. Drei bis vier todte Körper fielen jetzt in den be⸗ zeichneten Raum. Der eine kam Langſchädeln gerade auf den Leib zu liegen. Der todte, blutende Kopf fiel ihm auf die Bruſt. Der Lieutnant in Todes⸗ pein konnte ſich nicht enthalten, einen tiefen Seufzer auszuſtoßen. „Was war das?“ frug die Baßſtimme, welche den Seufzer vernommen,„Kameraden, das klang verdäch⸗ tig. Ich will nicht hoffen, daß ſich hier Jemand ver⸗ borgen hat, uns zu belauſchen. Wehe ſolchem Ver⸗ räther, er ſoll nicht lebendig davon; Kameraden, ſchlagt Licht an!“ Fünftes Rapitel. Große Revolution unter dem Adel von Reukirchen. D Vie Wolken drohenden Thürme, die prachtvollen Paläſte, die feierlichen Tempel, der große Erdball ſelbſt, ja Alles, was Irdiſch iſt, wird vergehen! Was wollte die Neukirchner hohe Ariſtokratie vor dieſer heiligen Wahrheit, die als Grabſchrift auf Shakſpeare's Monument in der Weſtminſterabtei eingegraben ſteht, vorauhaben? Ja, auch dieſes ſtolze Gebäu, welches der Neukirchner hohe Adel ſeit einer Reihe von Jah⸗ ren mit Beharrlichkeit und Kunſt aufgebauet hatte, ſollte Erſchütterungen erleiden, ſollte zuſammenbrechen und wenn auch nicht die halbe Welt unter ſeinen Trümmern begraben, doch in der Chronik der Neu⸗ 80 kirchner geſellſchaftlichen Zuſtände einen völlig neuen Zeitabſchnitt herbeiführen. Jener verhängnißvolle Harmonieball, wo der bür⸗ gerliche Student Carl Willer die Vermeſſenheit gehabt, das Fräulein Bianca von Ponikau zum Tanze auf⸗ zufordern, war der Markſtein zwiſchen der alten und neuen Zeit. War es doch, als habe ſeit jenem Abende der Blitz in die hochadelige Coterie geſchlagen, deren kunſtvoller Dom plötzlich wie eine Bombe aus einan⸗ der geſprungen. Die erſte Erſchütterung, welche die Neukirchner Ariſtokratie in ihren Grundveſten wankend machte, that ſich in einer Spaltung, in einem großen Schisma kund, wodurch der betreffende Adel in zwei Parteien getheilt wurde. An der Spitze der einen ſtand die Frau von Ponikau mit ihren Töchtern, die andre ward durch die Perſon des General Kirchner vertre⸗ ten. Die anfängliche bloße Spannung hatte Reibun⸗ gen zu Folge, die in offenbare Bitterkeiten und Be⸗ leidigungen ausarteten und endlich einen förmlichen Bruch herbeiführten. Um ihr Glaubensbekenntniß hinſichtlich des Ge⸗ nerals offenkundig an den Tag zu legen, veranſtaltete Frau von Ponikau in ihrem Hauſe eine glänzende Soirée, wozu der ſämmtliche hohe Adel Neukirchens eingeladen war, nur Seine Excellenz blieb ausgeſchloſ⸗ ſen. Dem bejahrten Manne ihren Grimm wahrhaft kund und zu wiſſen zu thun, hatte Frau von Poni⸗ kau ſelbſt das Fräulein Adele von Liebenrode gebeten, welche, natürlich zu ihrem Leidweſen, von der Einla⸗ dung keinen Gebrauch machen konnte. Der größte Theil des zu der Svirée gebetenen Adels kam in nicht geringe Verlegenheit, als er die Abweſenheit des Generals bemerkte und zugleich den s1 Grund, aus welchem Frau von Ponikau kein Ge⸗ heimniß machte, erfuhr. Man war dem General in ſo wichtigen Dingen für die Vergangenheit ſowohl verpflichtet, als man ſeiner für die Zukunft bedurfte, daß man gern Alles vermied, wodurch ſeine Unluſt rege gemacht werden konnte. Viele der auf der Soirée befindlichen Adeligen fürchteten daher, Seine Excellenz könne es übel vermerken, ſobald er ihre An⸗ weſenheit bei Frau von Ponikau erführe; und ſie verfehlten nicht, gleich in den nächſten Tagen ihre Aufwartung zu machen, um ſich der Gewogenheit des Generals zu verſichern. Nur eine kleine Anzahl der Neukirchner Ariſto⸗ kratie ging in die Ideen der hochmüthigen Frau von Ponikau ein und brach allen Umgang mit dem Kirch⸗ ner'ſchen Hauſe ab. Dem Generale gewährte dieſes feindliche Verhält⸗ niß viel Vergnügen und Unterhaltung. Er genoß es in Gemeinſchaft mit dem Hofcommiſſair, mit welchem er faſt täglich zuſammenkam und den er überhaupt ſeit deſſen edelmüthigem Benehmen hinſichtlich des Prozeſſes wahrhaft kennen gelernt und in's Herz ge⸗ ſchloſſen hatte. Die Beiden waren nach und nach ein Herz und eine Seele geworden und der General fand ſich durch die nähere Bekanntſchaft des Hofcommiſſairs für den Verluſt einiger adeligen Herren vollkommen entſchädigt.* Kirchner wie Eeccarius ließen keine Gelegenheit unbenutzt vorüber, die ultrasariſtokratiſche Partei, deren Haupt Frau von Ponikau war, auf alle mög⸗ liche Weiſe zu ennuyiren. Der Hofcommiſſair war hierin unerſchöpflich. Fortwährend gab er ſeinem ho⸗ hen Freunde Mittel an die Hand, den Uebermuth der Familie Ponikau und Genoſſen zu demüthigen. 6 Stolle, ſämmtl. Schriften. ViII. 82 Der Kampf der beiden Parteien war indeß zu ungleich, als daß er hätte von langer Dauer ſein können. Die Ultra's waren der Kirchner'ſchen Demo⸗ cratie nicht gewachſen. Das Häuflein der Frau von Ponikau ward immer dünner. Aus triftigen Grün⸗ den ſahen ſich die Meiſten genöthigt, unter die Fah⸗ nen des Generals zurückzukehren, ſo daß die in ihrer Eigenliebe und in ihrem Hochmuthe ſchwer verletzte Frau ſehr verlaſſen da ſtand. Unter bewandten Umſtänden war ihres Bleibens in dem verhaßten Neukirchen nicht länger. Sie zog mit ihren beiden Töchtern nach der Reſidenz, wo ſie eher hoffen konnte, Gleichgeſinnte und wahrhaft Eben⸗ bürtige aufzufinden. Mit dem Abzuge der Frau von Ponikau war der hochmüthigen Neukirchner Ariſtokratie der Hals ge⸗ brochen. Die Ultrapartei hatte mit ihr das Haupt verloren. Der Abzug dieſer ebenſo ſtolzen, herrſchſüchtigen und intriguenvollen Frau war das Signal zu einer freiern, lebensfriſchen Geſtaltung der Neukirchner ge⸗ ſelligen Verhältniſſe. Selbſt der weibliche Adel, wel⸗ cher der Dictatur dieſer Frau unterworfen geweſen, war froh, ſeine Selbſtſtändigkeit wieder erhalten zu haben. Die unüberſteiglichen Schranken, die zwiſchen Adel und Bürgerthum geſtanden, und für deren Un⸗ verletztheit Frau von Ponikau mit Eifer gewacht hatte, wurden zugänglicher gemacht und es fand(der General Kirchner ging hier mit einem höchſt lobens⸗ werthen Beiſpiele voran) größere Annäherung zwiſchen den beiden Ständen ſtatt. Man begriff endlich gar nicht, wie man ſich ſo lange habe den Pynikau'ſchen Despotismus gefallen laſſen können. Obſchon Anfangs groß Gerede geweſen, daß ein — 83 großer Theil des Neukirchner Adels der Frau von Ponikau folgen und Neukirchen verlaſſen würde, ſo daß mehre Hausbeſitzer ob des Verluſtes ihrer adeligen Miethbewohner ſchon in Angſt geriethen, ſo blieb doch, als der liebe Gott den Schaden beſah, Alles beim Alten. Vergebens ſchrieb Frau von Ponikau wieder⸗ holt aus der Reſidenz, wie herrlich ſich es daſelbſt lebe, im Vergleich zu dem krähwinkeligen Neukirchen; ſie bot Alles auf, um dem General Kirchner und den Neukirchnern zum Aerger, einige der bedeutenden Fa⸗ milien nach ſich zu ziehen; aber vergebens, gerade diejenigen des Neukirchner Adels, welche der Frau von Ponikau und ihren Töchtern heilig und theuer verſi⸗ chert, daß ohne ſie ein ferneres Leben in der klein⸗ bürgerlichen Stadt nicht denkbar, und daß ſie über kurz oder lang folgen würden, waren über Ponikau's Auswanderung im Innern am meiſten erfreut. Unter den hohen Adeligen, welchen es am ſchwer⸗ ſten ankam, ſich dem General zu unterwerfen, ſtand die Familie von Löwenſtern, verſteht ſich mit Aus⸗ nahme Clara's, oben an. Wenn nicht der ſtolze Baron mit zu bedeutenden Schuldſummen in den Büchern Seiner Epxcellenz geſtanden, würde es unfehlbar zwi⸗ ſchen ihm und dem General zum Bruche gekommen ſein; aber ſo war die Exiſtenz der Familie auf Eh⸗ renberg faſt ganz in die Gewalt Kirchner' gegeben. Sobald letztrer ſeine Hand abzog, war der Beſitzer von Ehrenberg verloren, der Concurs unwiderruflich. Ein böſer Prozeß, welchen der Baron ſeit einer Reihe von Jahren wegen einer höchſt bedeutenden Geldſache mit einem deutſchen Fürſtenhauſe führte, ſo wie ſeine nicht eben ökonomiſche Lebensweiſe hatten ſeine Fi⸗ nanzen außerordentlich zerrüttet, und er würde mit ſeinen zahlreichen Gläubigern längſt haben accordiren 6 84⁴ müſſen, wenn nicht der reiche General Kirchner ſich ſeiner auf das Uneigennützigſte angenommen hätte. Auch für Clara's und Willer's junge Liebe war jener Ballabend, wo die beiden jungen Leute mit ein⸗ ander getanzt und geſprochen hatten, von großer Wich⸗ tigkeit. Das ſchöne Mädchen fühlte es klar im in⸗ nerſten Herzen, daß unter allen den jungen Männern, deren Bekanntſchaft ſie gemacht hatte, nur Ihn ſie lieben könne. Bei dem Studenten war hinſichtlich der Tochter des ſtolzen Löwenſtern's ganz daſſelbe der Fall. Auch er hatte in Clara das Ideal ſeiner Träume verwirklicht gefunden. Gleichwohl erkannte er, daß bei ſeiner Lage dieſe Liebe eine völlig hoffnungsloſe ſei. Er beſchloß daher, um der allmächtigen Leiden⸗ ſchaft nicht gänzlich zu erliegen, ſobald als möglich Neukirchen zu verlaſſen, und reiſte, trotz der Bitten des alten Generals und des Hofcommiſſairs, die ſeine Geſellſchaft noch für längere Zeit wünſchten, bereits nach wenigen Tagen nach der Univerſität ab, welche ihm Eccarius anempfohlen hatte. Sechstes Rapitel. Fortſetzung des ſchauerlichen Abenteuers in den Ruinen des Benedictinerkloſters und welche traurige Folgen daſſelbe für Sonnenſchmidt und Langſchädeln nach ſich zog. Wi kehren nach den Ruinen des alten Benedicti⸗ nerkloſters zurück, in deren einem Gewölbe Sonnen⸗ ſchmidt und Langſchädel am Boden gekauert mit klo⸗ — — 85 pfendem Herzen des letzten Stündleins entgegen ſahen. Der Lieutnant war bereits halb todt, aber der In⸗ ſpector hatte noch ſo viel Geiſtesgegenwart, ſeinem Unglücksgefährten eine Propoſition zu ſtellen. „Kriechen Sie hervor,“ raunte er ihm leiſe zu, „und geben Sie ſich allein an; was kann Ihnen geſchehen? im ſchlimmſten Falle ſorge ich für Ihre Nichte.“ Langſchädeln, welchem der todte Körper, den man auf ihn geworfen, allen Athem genommen hatte, ver⸗ mochte kein Wort zu erwiedern. Sonnenſchmidt ſchloß aus dieſem Stummſein, daß der Lieutnant ſeinen Vorſchlag nicht unannehmbar finde und fuhr in gedämpfter Beſchwörung fort: „Ihr unverantwortliches Seufzen iſt an unſerm Unglücke allein Schuld; büßen Sie daher, was Sie eingebrockt haben; es wäre himmelſchreiend, wenn ich Unſchuldiger darunter leiden ſollte. Kriechen Sie vor; für Ihre Nichte iſt geſorgt; Sie können deshalb ru⸗ hig ſterben.“ Langſchädel in ſeiner Todesangſt achtete nicht im Geringſten auf die Zumuthungen des Inſpectors. Er wendete ſeine Zeit dazu an, ſich unter dem todten Körper, in welchem er nach und nach keinen menſch⸗ lichen Leichnam, ſondern ein todtes Reh erkannte, vollends zu vergraben, um ſich ſo unſichtbar wie mög⸗ lich zu machen. Den fremden Männern, welche einer Bande Wild⸗ ſchützen angehörten, war es gelungen, Licht anzuzün⸗ den. Der vorderſte, eine wildausſehende Geſtalt, ei⸗ nen blanken Hirſchfänger in der Hand, leuchtete vor⸗ ſichtig in dem zweiten Gewölbe umher und entdeckte zuerſt Sonnenſchmidten, der vermöge ſeiner coloſſalen Leibesgeſtalt nicht ſo glicklich wie Langſchädel, wel⸗ 86 cher wie ein Igel zuſammengerollt unter dem Reh⸗ bocke ſtak, ſo lang wie er war auf dem Bauche aus⸗ geſtreckt lag. „Hollah,“ rief der Wildſchütz, auf den am Boden Ausgeſtreckten zutretend,„wer iſt Er?“ Der Inſpector hielt es für gerathen, ſich mauſe⸗ todt zu ſtellen, ungefähr wie der Wandrer in der Wüſte, wenn ihm ein Löwe begegnet. Er gab daher auf die Anfrage des Wildſchützen keinen Laut von ſich. „Ich will Ihm reden lehren,“ verſetzte der Un⸗ heimliche, und ſtach mit dem Hirſchfänger Sonnen⸗ ſchmidten in die Wade. Der Verwundete ſchrie laut auf, ſprang wie behext auf und fiel vor dem Wild⸗ ſchützen auf die Knie. „Barmherzigkeit, im Namen unſers allſeitigen Er⸗ löſers,“ rief er,„ſchont mein Leben; ich will mich auslöſen, beſtimmt die Summe; und wenn ſie noch ſo groß, ſie ſoll Euch werden.“ „Was Teufel,“ brummte der Mann mit dem Hirſch⸗ fänger, als er den Knieenden näher beleuchtete,„das iſt ja Inſpector Sonnenſchmidt.“ „Ja wohl,“ zähneklapperte es zur Antwort,„der Inſpector Sonnenſchmdt, und Ihr ſeid der Spittel⸗ wirth Feurich, ich kenne Euch gar wohl; hab' man⸗ chen Groſchen bei Euch verzehrt; Ihr könnet das nicht vergeſſen haben.“ „Wie kommt Ihr hier her,“ examinirte der Wild⸗ ſchütze im ſtrengen Tone,„was ſucht Ihr hier?“ „Der Langſchädel verleitete mich;“ erwiederte Son⸗ nenſchmidt,„er machte mir weiß, hier läge ein Schatz vergraben, aber wir haben nicht den rothen Heller gefunden.“ „Ausflüchte,“ verſetzte der Spittelwirth,„Ihr habt uns belauſchen und verrathen wollen.“ 87 Sonnenſchmidt rief leidenſchaftlich Himmel und Erde, den lieben Gott und alle Heiligen zu Zeugen auf, daß ihm dies nicht entfernt in den Sinn gekom⸗ men ſei. Er hatte jetzt erkannt, warum es ſich hier handle, und ſprach: 2 „Ich Euch verrathen? theuerſter Feurich, ich wußte ja längſt, daß Ihr von Zeit zu Zeit Euer Rehböck⸗ chen ſchießt nächtlicher Weile, das unſchuldigſte Ver⸗ gnügen von der Welt, hab' Euch ja ſelbſt in Nahrung geſetzt vorigen Herbſt, als ich meine kleine Freſſerei gab.“ „Aber wer bürgt mir, daß Ihr uns diesmal nicht verrathet, nachdem Ihr unſern einzigen Schlupfwinkel ausſpionirt habt?“ Sonnenſchmidt hob von Neuem die Hände be⸗ theuernd empor. „Spracht Ihr nicht von Langſchädeln?“ frug der Wildſchütz weiter. „Er muß auch hier herum liegen,“ erwiederte der Inſpector. Der Spittelwirth leuchtete jetzt nach der Seite, wo der Lieutnant Todesſchweiß vergießend unter dem Rehbocke lag. „Ich ſehe Niemand,“ ſprach er,„doch halt, hier ſcheint es nicht richtig.“ Er zog mit dieſen Worten das Wild, unter wel⸗ chem ſich Langſchädel verborgen hatte, hinweg, und er⸗ fannte den Brückenzollgeldereinnehmer. Dieſer fiel gleichfalls auf die Kniee und flehte um ſein Leben. „Was helfen Eure beiderſeitigen Betheuerungen,“ ſprach der Wildſchütz,„wenn ich auch dem Inſpector trauen wollte, dem Lieutnant nimmermehr, er kann nicht reinen Mund halten.“ „Ja, das iſt wahr,“ beſtätigte Sonnenſchmidt, welcher mit Aufopferung des Lieutnants loszukommen hoffte,„eine Waſchfrau iſt nichts dagegen.“ — S 88 Jetzt war die Reihe an dem unglücklichen Brücken⸗ zollgeldereinnehmer, ſeine Schweigſamkeit in Unzwei⸗ felhaftigkeit zu ſetzen. „Glaubt ihm nicht,“ verſetzte der verrätheriſche Sonnenſchmidt,„er weiß nicht, was er ſpricht; ſobald er aus der Klemme, vergißt er Schwur und Alles; er hat keine Gottesfurcht.“ Dieſe Denunciation Sonnenſchmidt's, der, um ſich zu retten, ſeinen Gefährten in's Unglück bringen wollte, empörte ſogar den Wildſchützen. „Nun mit Deiner Gottesfurcht,“ verſetzte er,„mag's auch verteufelt ſtehen; wer ſeinen Freund verräth, dem iſt ſelbſt am wenigſten zu trauen.“ „Es iſt gar nicht mein Freund,“ ſprach der In⸗ ſpector, der ob der Rede des Spittelwirths von Neuem in Angſt gerieth,„wir lebten ſeit jeher geſpannt.“ Langſchädel hoffte ſich ſeinerſeits zu retten, daß er die Ausſage des Inſpectors in Zweifel ſtellte. „Das iſt nicht wahr,“ ſprach er,„wir lebten ſtets als Brüder, ein Herz und eine Seele, nur jetzt in der Noth will er mich verleugnen, wie Petrus den Herrn.“ „Ich ſehe wohl,“ verſetzte der Wildſchütz,„daß an Euch Beiden nicht viel verloren iſt.“ Er wandte ſich zu ſeinen Begleitern, die ſämmt⸗ lich bewaffnet im Hintergrunde ſtanden und frug: „Was meint Ihr, ſollen wir den Schelmen trauen oder ſie kalt machen?“ „Was todt iſt, beißt nicht,“ erwiederte ein alter Wilvſchütz„ich hab' das immer ſo gehalten.“ „Ja wohl, meinten die andern,„ſie müſſen Beide dran; wir wären ſonſt keine Stunde ſicher, verrathen zu werden. Fangt mit dem Dicken an.“ „Wohlan,“ ſprach der Spittelwirth,„Herr In⸗ —— 89 ſpeetor, machen Sie ſich fertig, Ihr letztes Stündlein hat geſchlagen; es thut mir leid, in Ihnen einen Stammgaſt zu verlieren: aber Sie ſehen ſelbſt, Noth kennt kein Gebot. Alſo machen Sie die Sache kurz, ein bündiges Stoßgebet, und ich ſtoße zu.“ Mit dieſen Worten richtete er die Spitze des Hirſchfängers nach Sonnenſchmidt's Bruſt. „Ach du allbarmherziger Gott,“ krächzte der Be⸗ drohte mit kreideweißem Geſicht und emporgeſträub⸗ tem Haar,„Gnade, ich bin auf den Tod noch gar nicht vorbereitet.“ „Ein ſo frommer Mann,“ ſpottete der Wildſchütz, „muß das immer ſein; alſo nicht lange gefackelt, wir haben keine Zeit.“ Große Schweißtropfen perlten über das Todten⸗ geſicht des Inſpectors. Er verſuchte zu beten; aber es wollte nicht gehen. Er rieb verzweifelt die Hände und begann die Lippen zu bewegen. Der Wildſchütz, welchem die Sache zu lange dauerte, war eben im Begriff, den Inſpector kalt zu machen, als einer von der Bande, welcher als Wache am Eingange zurückgeblieben, in das Gewölbe ſtürzte. „Wir ſind verrathen,“ rief er,„die Forſtjäger kommen.“ In demſelben Augenblicke fiel ein Schuß. Der Spittelwirth ließ ſofort von Sonnenſchmidt ab und befahl die Laterne auszulöſchen. Der als Schildwacht ausgeſtellt geweſene Wildſchütz mußte rap⸗ portiren.“ „Der ganze Kloſterhof,“ berichtete dieſer,„ſteckt voll Soldaten, ſie ſuchen bereits nach dem Kellerein⸗ gange. Wenn ſie dieſen finden, ſind wir verloren.“ „Wie viel ſind unſerer?“ frug Feurich. „Sieben Mann im Ganzen,“ war die Antwort. 90 „Alle bewaffnet?“ „Vollkommen!“ „Wohlan,“ fuhr der Spittelwirth fort,„da ſchla⸗ gen wir uns durch. Frenzel, mache Du unterdeß Sonnenſchmidten und Langſchädeln unſchädlich.“ Frenzel, der Knecht von Feurich, zog ſein Waid⸗ meſſer und tappte im Dunkeln nach dem dicken In⸗ ſpector und dem magern Lieutnant, um beide abzu⸗ ſchlachten, während die andern dem Ausgange zueilten. Die Wildſchützen hatte aber diesmal ihr Schick⸗ ſal erreicht. Das ganze Militaircommando, welches zum Forſtſchutze in der Gegend ſtationirt war, befand ſich im Kloſterhofe, welcher durch Fackeln und Later⸗ nen erleuchtet war, und ſtand im Begriff, unter An⸗ führung eines Oberförſters in die Gewölbe einzudringen. Der Spittelwirth, welcher ſogleich erkannte, daß hier nur Entſchloſſenheit und Tapferkeit retten könne, warf ſich mit verzweifeltem Muthe auf die Angreifer, verwundete mehre Soldaten, und ſuchte zu entkommen, ward aber durch einen Bajonetſtich zu Boden geſtreckt. So wie die Bande ihren Anführer fallen und in feindliche Gewalt gerathen ſah, ergab ſie ſich nach kur⸗ zer Gegenwehr und wurde gebunden. Das Militair drang jetzt in die Kellergewölbe. Hier war Frenzel noch unermüdlich beſchäftigt, des Inſpectors und Lang⸗ ſchädels habhaft zu werden, um ſeines Herrn Befehle in Ausübung zu bringen. Beiden war es zeither in der Dunkelheit gelungen, dem gefährlichen Rachſteller zu entkommen, indem ſie ſich leiſe die Wände entlang ſchlichen. Es war ein förmliches Blindekuhſpiel. Frenzel fluchte über alle Maßen. Er ſchwur dem Inſpector ſowohl wie dem Lieutnant den qualvollſten aller Tode, wenn ſie ſich nicht ſofort erwiſchen ließen. Dabei ſtolperte er fortwährend über das Steinwerk, 91 das am Boden lag. Auch war er bereits wiederholt in die Grube gefallen, welche der Inſpector nach dem Schatze gegraben. „Sonnenſchmidt,“ drohte endlich der mordluſtige Knecht in höchſter Wuth,„wenn Er ſich nicht ſofort ſtellt, hänge ich Ihn, ſoll mich der Teufel, bei den Beinen an den erſten leſen Baum und ſchlitze Ihm den Corpus lebendig von unten auf. Sein Echappiren hilft Ihm nichts; wenn das der Eſel bedenken wollte. Er macht ſeinen Tod nur qualvoller. Sobald Er ſich als vernünftiger Menſch fangen läßt, ſo verſpreche ich die Sache kurz und ſchmerzlos zu i Nicht zwei Minuten ſoll Er zappeln, mein Meſſer iſt ſcharf, iſt heut erſt geſchliffen, geht durch Dick und Dünn, durch Knochen und Flechſen. Wie geſagt, in zwei Minuten iſt's alle. Alſo gehe Er in ſich, da Er doch einmal ſterben muß, und gebe Er wenigſtens einen Laut von ſich, damit ich Ihn finden kann.“ Der Inſpector, leiſe die Wand entlang kriechend, vernahm mit Schaudern, was der Mordknecht von ſeinem ſcharfen Meſſer erzählte; doch verſpürte er, trotzdem ihm der Tod ſo kurz und ſo ſanft geſchildert wurde, keineswegs Luſt, ſich ſelbſt zu denunciren, um ſeinen vollkommen geſunden und lebensluſtigen Kör⸗ per dem Meſſer auszuliefern. Auch Langſchädel befolgte dieſe Politik und drückte ſich ſo leiſe wie möglich an der Wand hin. Plötzlich ſtießen die beiden dem Tode Geweihten in der Fin⸗ ſterniß auf einander. Ein jeder glaubte, Frenzel packe ihn, ſie erhoben ein Zedermordio und prallten aus einander, nach entgegengeſetzten Richtungen kriechend. Der Mordknecht benutzte ſogleich dieſes Geſchrei und tappte darauf zu; aber Sonnenſchmidt wie Lang⸗ ſchädel befanden ſich ſchon wieder auf andern Orten. Endlich ward Licht, die Soldaten drangen mit Fackeln in die Höhle. Beim erſten ſchwachen Schim⸗ mer erkannte ſogleich Frenzel des Inſpectors coloſſale Figur in der fernſten Ecke. Er griff nach ſeinem Meſ⸗ ſer und mit den Worten:„Wart, Du ſollſt mich am längſten genarrt haben,“ wollte er auf ſein Schlacht⸗ opfer losſtürzen, ward aber in demſelben Augenblicke von den eindringenden Soldaten ergriffen, entwaffnet und gebunden. Sonnenſchmidt und Langſchädel, von dem unge⸗ wohnten Lichte ganz geblendet, dachten im erſten Schrecken, die Wildſchützen kehrten zurück, und erſterer war eben im Begriff, Tauſend Thaler für ſein Le⸗ ben zu bieten, als ſie gleichfalls ergriffen und gebun⸗ den wurden. Langſchädel, der jetzt in allem Ernſte vermeinte, er ſolle maſacrirt werden, wollte ſich anfangs, von der Todesverzweiflung ergriffen, ſchlechterdings nicht ergeben; aber ſeine Bemühungen waren umſonſt; er mußte der Uebermacht erliegen. Sonnenſchmidt war geduldiger. Er erkannte, daß es der neue Feind we⸗ nigſtens nicht auf's Leben abgeſehen habe und daß es mit der Macht der Wildſchützen zu Ende ſei. Er hoffte, unter dem Militair und dem Jagdperſonale ei⸗ nen Bekannten anzutreffen, dem er ſich entdecken könne; aber bis jetzt waren es lauter fremde Geſichter. Bald befanden ſich Langſchädel und Sonnenſchmidt mit auf den Rücken gebundenen Händen in Geſell⸗ ſchaft der übrigen gefangenen Wildſchützen. Dem Lieutnant, da er ſich noch immer unter den Lebendi⸗ gen befand, ging endlich gleichfalls ein Licht auf; er ſah nach und nach den Zuſammenhang der Dinge ein und ein großer Stein fiel ihm von Herzen. Er ath⸗ mete wieder freier. 93 „Es muß ſich doch über kurz oder lang ausweiſen,“ dachte er bei ſich,„daß wir nicht zu den Wildſchützen gehören. Was kann uns weiter geſchehen?“ An das Gerede morgen in der Stadt durfte er freilich nicht denken. Er war für den Augenblick nur froh, das Leben davon getragen zu haben. Sonnenſchmidt be⸗ ſchäftigte ſich mit denſelben Gedanken. Die Gefangenen, die beiden Schatzgräber inbegrif⸗ fen, wurden einſtweilen in eine alte Scheune geſperrt, deren Eingang man mit hinreichender Wache verſah. Siehentes Rapitel. Neue Verlegenheiten Kappler's, welche ſich jedoch mit einer Reiſe nach Leipzig enden. Des Verhältniß zwiſchen Kappler und dem Stadt⸗ richter Kleinſimon war mit der Zeit immer geſpann⸗ ter geworden. Wie ſehr ſich erſterer auch angelegen ſein ließ, Alles zu thun, alle Kräfte aufzubieten, um das Wohlwollen ſeines Chefs wieder zu erlangen, ſo konnte dieſer ſeinem Sportelſchreiber das Souper mit Eccarius und dem Studenten auf dem Keller nicht vergeſſen. Der geneigte Leſer wird ſich entſinnen, wie Kappler ganz unerwarteter Weiſe dazu kam, wie er vom Hofeommiſſair faſt gezwungen wurde, mit ihm zu ſpeiſen. Wie deliciös dieſes Abendeſſen auch von Madame Kliemann zubereitet worden, ſo hatte doch nie eine Mahlzeit dem Sportelſchreiber weniger ge⸗ ſchmeckt. Bei jedem Biſſen, den er zum Munde führte, 9⁴ fürchtete er den Stadtrichter eintreten zu ſehen, das Entlaſſungsſchreiben in der Hand. Der Hofcommiſſair, welchem des Sportelſchreibers ängſtliches Weſen nicht entging, errieth den eigentlichen Grund nicht. Er glaubte, Kappler ſcheue ſich vor dem Studenten, den er vor wenigen Tagen für einen Mädchenräuber gehalten. Als den Morgen darauf der Sportelſchreiber nicht ohne Zagen auf das Stadtgericht gekommen, hatte Kleinſimon ein Geſicht geſchnitten, welchem es Kappler ſogleich angeſehen, daß der Stadtrichter von dem Souper Kunde habe. Der unglückliche Schützling des Hof⸗ commiſſairs, von einem böſen Gewiſſen geplagt, wußte ſeinem Leibe keinen Rath. Er überlegte, was zu thun ſei, und hielt es endlich für das Rathſamſte, wenn er ſeinem hohen Chef demüthigſt aus einander ſetze, wie die Sache ſich verhalten und wie er bei dem beſten Willen nicht umhin gekonnt, die Einladung anzuneh⸗ men. Er bat zugleich den zornigen Stadtrichter um gütigſte Verzeihung, mit der Betheuerung, daß er nie wieder bei dem Herrn Hofcommiſſair weder di⸗ niren noch ſoupiren wolle. Nur dieſes Einzigemal ſolle er Gnade für Recht ergehen laſſen und ihm vergeben. „Halten Sie das, wie Sie wollen,“ hatte Klein⸗ ſimon geantwortet,„aber ſobald ich erfahre, daß Sie fernerhin mit jenem intriguenvollen Manne Umgang pflegen, ſind Sie am längſten Sportelſchreiber geweſen.“ Dieſe Drohung war hinreichend, Kapplern zum vollkommnen Einſiedler umzuſchaffen. Seine Stellung (er ſchauderte, wenn er an deren Verluſt nur entfernt dachte) ging ihm ſelbſt über die Freundſchaft des ge⸗ fürchteten Hofeommiſſairs. Der Sportelſchreiber that Alles, um den Stadt⸗ richter zu verſöhnen. Er kam eine Stunde früher auf die Expedition und arbeitete Abends eine Stunde länger. 95 Trotz alledem konnte ſich der argwöhniſche Klein⸗ ſimon des Verdachtes noch immer nicht erwehren, daß Kappler mit Eccarius in geheimer Verbindung ſtehe. Er hatte, wie gewiſſenhaft und unermüdlich der Spor⸗ telſchreiber auch ſeinem Amte vorſtand, bald dies, bald jenes an Kappler's Arbeiten zu tadeln. Er ſuchte mit Fleiß die unſchuldigſten Gegenſtände heraus, um dem geplagten Subalternen ſeine üble Laune empfin⸗ den zu laſſen. Den Hofcommiſſair floh der loyale Sportelſchrei⸗ ber wie die Peſt und die Einladung zu den gewöhn⸗ lichen Abendmahlzeiten ſchlug er in einem beiſpiellos höflichen Briefe unter dem Vorwande aus, daß der Arzt ihm dieſe ſplendiden Soupers als ſeiner Geſund⸗ heit nachtheilig unterſagt habe. Eccarius erkannte ſogleich, daß Kappler nicht aus freiem Willen ſich ſo zurückgezogen habe, und daß Jemand dahinter ſtecken müſſe. Er ſchöpfte Verdacht gegen den Stadtrichter und fand bald, daß er ſich nicht getäuſcht habe. Er beſchloß ſogleich, den Herrn Klein⸗ ſimon für die Vexation ſeines unſchuldigen Subalter⸗ nen zu beſtrafen. Eines Morgens, als Kappler eben im Begriff ſtand, auf das Stadtgericht zu gehen, trat zu ſeinem nicht geringen Schreck der Hofcommiſſair in's Zimmer. „Ein Wort, Kappler,“ ſprach er, nachläſſig auf einem der hölzernen Stühle Platz nehmend;„warum beſuchen Sie mich nicht mehr, warum fliehen Sie mich, habe ich Sie beleidigt?“ „Oh, mein hochverehrteſter Herr Hofkammercom⸗ miſſair,“ ſtammelte der Sportelſchreiber in höchſter Verwirrung,„wie können Hochdieſelben ſo—“ Er fiel in ſeiner antwortenden Periode nicht weniger denn — 96 drei Mal aus der Conſtruction, ſo daß er zuletzt gar nicht mehr wußte, was er ſprach. Eccarius lächelte. „Alſo beleidigt habe ich Sie nicht?“ ſprach er, „nun, das beruhigt mich ſehr, ich wüßte auch nicht, wodurch ich mir Ihre Feindſchaft zugezogen haben ſollte. Mein Gewiſſen ſpricht mich frei. Alſo, her⸗ aus, Sportelſchreiber, der Stadtrichter hat Ihnen den Umgang mit mir verboten, nicht wahr?“ Der Sportelſchreiber ward durch dieſe Frage in eine höchſt bedenkliche Lage verſetzt. Sollte er lügen oder die Wahrheit ſagen? Leugnete er den Einfluß ſeines Chefs, ſo mußte er zugleich Red' und Antwort ſtehen, warum er den Hofcommiſſair in letztrer Zeit ſo hintenangeſetzt: und dann war er zugleich gewär⸗ tig, daß er von Eecarius aufgefordert würde, das Verſäumte nachzuholen, wodurch er in ein neues La⸗ byrinth von Verlegenheiten gerieth; ſagte er die Wahr⸗ heit, ſo kam er wieder in Gefahr, daß der Hofcom⸗ miſſair nach gewohnter Art Lärm ſchlug und dann konnte er um die Sportelſchreiber-Stelle ſein, wie man die Hand umwendet. Kappler hielt es daher für das Gerathenſte, den Mittelweg einzuſchlagen. Er geſtand nicht ein, daß ihn der Stadtrichter den Um⸗ gang unbedingt bei Verluſt ſeiner Stelle unterſagt habe, ſondern gab nur zu verſtehen, daß es jenem nicht ganz angenehm ſei, wenn er mit dem Hofcom⸗ miſſair eine freundſchaftliche Verbindung unterhalte. Wie zart und diseret und indirect ſich auch Kapp⸗ ler ausgeſprochen hatte, wußte Eccarius gleichwohl genug. Als daher der Sportelſchreiber mit ſeinem langwie⸗ rigen und kunſtreichen Periodenbau zu Stande war, frug der Hofcommiſſair, der ſcheinbar ziemlich theil⸗ 97* nahmlos zugehört hatte, mit großer Ruhe, wie hoch ſich Kappler's Einkommen als Sportelſchreiber belaufe? Kappler, der ſehr froh war, daß der Hofcom⸗ miſſair von ſeinem vorigen verfänglichen Thema ab⸗ gekommen, erwiederte ſchnell: „Achtzig Thaler, mein hochverehrteſter Herr Hof⸗ commiſſair, achtzig Thaler in Bauſch und Bogen.“ „Wie?“ rief Eccarius ſcheinbar verwundert,„acht⸗ zig Thaler? das iſt ein Sündengeld für Ihren Plack; was denkt denn dieſer Herr Stadtrichter?“ „Bin zufrieden, bin zufrieden,“ verſicherte Kappler mit Wärme. „Aber Mann,“ fuhr der Hofcommiſſair fort,„wie iſt es möglich, mit dieſem Pappenſtiele auszulangen ein ganzes langes Jahr? Sie müſſen außerdem noch hübſche Einkünfte haben. Ihre Subſubcollectivn zum Beiſpiel; die Hagelagentur!“ „O ja,“ geſtand der Beſcheidene,„ wenn's gut geht, werfen dieſe Nebengeſchäftlein immer auch ihr artig Sümmchen ab.“ „Nun, ungefähr?“ frug Eccarius. „Je nun, ein zwanzig, ja ein fünfundzwanzig Thälerchen fallen immer ab. Vor zwei Jahren, wo der fünfhundert Thaler Gewinn in meine Collecte fiel, bracht' ich's ſogar im Ganzen auf hundert und acht Thaler.“ 4 „Und damit kommen Sie aus?“ „O vollkommen, vollkommen, hochverehrteſter Herr Hofcommiſſair, man ſtreckt ſich nach der Decke, und der liebe Gott hilft immer durch.“ „Hören Sie, Kappler,“ fuhr Eccarius nach einer Pauſe fort,„Sie müſſen bei'm Stadtrichter um Ge⸗ haltzulage einkommen; für ſo ein Sündengeld von Stolle ſämmtl. Schriften. VIII. 7 achtzig Thalern können Sie nicht länger ein ſo be⸗ ſchwerliches Amt verwalten.“ Kapplern blieb ob dieſer unerhörten Zumuthung der Mund offen ſtehen. Er gedachte des Stadtrich⸗ ters dermaligen Stimmung; nun ſollte er gar um Ge⸗ haltzulage einkommen. „Ich bin zufrieden, mein hochverehrteſter Herr Hofkammercommiſſair,“ erwiederte er endlich,„es iſt ſicher Brot, was Gewiſſes, das wiegt viel auf.“ „Ein ſchönes gewiſſes Brot,“ meinte Eccarius, „wenn Sie der Stadtrichter entlaſſen kann, ſo es ihm beliebt.“ „Ach,“ verſetzte Kappler nicht ohne Wehmuth, „das wird mein hochverehrter Chef gewiß nicht thun. Ich thue ja Alles, was in meinen Kräften ſteht, und was ich ihm an den Augen abſehen kann.“ „Eben weil Sie ein ſo unverdroſſener, pünktlicher und gewiſſenhafter Arbeiter ſind, müſſen Sie anſtän⸗ diger honorirt werden,“ ſprach Eccarius;„alſo reichen Sie getroſt eine Schrift um Gehaltzulage ein.“ Kappler ſchüttelte nachdenklich den Kopf, und ſchien mit dem Rathe des Hofcommiſſairs keineswegs einverſtanden. „Der Herr Stadtrichter,“ verſetzte er nach einer Pauſe,„ſind in der letzten Zeit immer ein wenig üb⸗ ler Laune, da würde ich mit einer Bitte um Gehalts⸗ zulage gewiß zu einer unrechten Stunde kommen.“ „Wohlan, ſo werde ich dafür Sorge tragen,“ ſprach der Hofcommiſſair,„vom künftigen Monate an muß er Ihnen jährlich hundert und zwanzig Tha⸗ ler zahlen, oder ich will nicht Eccarius heißen.“ Freude und Beſtürzung bemächtigten ſich bei dieſen Worten des Sportelſchreibers; doch war letztere über⸗ wiegend. 90 „Aber, wenn er mich nun,“ frug er kleinlaut, „ganz entläßt? Eine ſolche ungeheure Summe, wie Sie da, hochverehrteſter Herr Hofkammercommiſſair, zu erwähnen die Güte haben, wird der Herr Stadt⸗ richter gewiß keinem Sportelſchreiber bezahlen.“ „Unbekümmert,“ ſprach Eccarius,„er wird Sie nicht entlaſſen, das laſſen Sie meine Sorge ſein. Es wäre mir aber lieb, wenn Sie ſelbſt um Gehaltzu⸗ lage ſchriftlich bei ihm einkommen wollten.“ „Ach, mein hochverehrteſter Herr Hofkammercomiſ⸗ ſair,“ erwiederte mit wahrer Seelenangſt der Sportel⸗ ſchreiber,„das kann ich unmöglich wagen.“ „Wenn ich Ihnen aber verſichere, Kappler, daß Sie nicht das Geringſte dabei riskiren und nur dabei gewinnen?“ Kappler ſchüttelte abermals nachdenklich ſeufzend den Kopf. Welch' hohen Reſpect er auch vor der Einſicht, der Macht und dem guten Rathe des Hof⸗ commiſſairs hatte, die Propoſition um Einkommen wegen Gehaltzulage beim Stadtrichter ging über ſeinen Horizont. „Wohlan,“ ſprach endlich Eecarius, nachdem er eingeſehen, daß der Sportelſchreiber nicht zu bewegen ſein würde, auf den gegebenen Rath einzugehen,„ſo haben wir geſpaßt, und es mag bei den zeitherigen achtzig Thalern ſein Bewenden haben.“ Kappler athmete neu auf, und dankte hocherfreut dem Hofcommiſſair, daß er das zeitherige Verhältniß zwiſchen ihm(Kapplern) und dem Stadtrichter nicht ſtören wolle. „Doch habe ich eine andere Bitte an Sie,“ fuhr Eecarius nach einer Pauſe fort,„die Sie mir nicht abſchlagen dürfen; ich habe mir gefallen laſſen, daß Sie meinen wohlgemeinten Rath wegen der Gehalt⸗ 7— 100 erhöhung verwarfen; um ſo mehr verhoffe ich, daß Sie meiner zweiten Bitte nicht entgegen ſein werden.“ „Gewiß nicht, gewiß nicht, mein hochverehrteſter Herr Hofkammercommiſſair, ſo Hochdieſelben nur die Güte haben wollen, ſie mir mitzutheilen.“ „Sie ſollen auf acht, höchſtens auf zwölf Tage bei Ihrem Stadtrichter um Urlaub einkommen.“ Auf acht, höchſtens zwölf Tage um Urlaub ein⸗ kommen als Sportelſchreiber beim eigenſinnigen Stadt⸗ richter?! Das war wieder eine Zumuthung, die der Bitte um Gehaltzulage ſo ähnlich ſah, wie ein Ei dem andern. Kappler wußte gar nicht, wie er dem Hofeom⸗ miſſair es einleuchtend machen ſollte, daß ein ſolches Verlangen, zumal unter den jetzigen Verhältniſſen, eine reine Unmöglichkeit ſei. „Sie ſind in Ihrem Leben nicht aus Neukirchen herausgekommen,“ fuhr Eecarius fort,„es iſt einmal Zeit, daß Sie ſich etwas in der Welt umſehen. Ich reiſe dieſe Tage nach Leipzig, Sie werden mich beglei⸗ ten; die ganze Reiſe ſoll Ihnen keinen Pfennig koſten.“ Der Sportelſchreiber wußte in der That nicht, wo ihm der Kopf ſtand, ſo wahrhaft betäubend wirkte die Rede des Hofcommiſſairs. „Kommen Sie heute noch um Urlaub ein,“ ſprach Eccarius,„Ihre Geſchäfte ſind jetzt nicht überhäuft, die nothwendigſten Arbeiten kann auf die kurze Zeit der Actuarius übernehmen.“ „Es wird ſich wirklich nicht thun laſſen,“ erwie⸗ derte der Sportelſchreiber mit gepreßter Stimme, „meine Gegenwart iſt unentbehrlich; deshalb wird der Herr Stadtrichter beim beſten Willen nicht umhin können, meine Bitte zu verneinen, und überdies werde ich meinen verehrten Chef in hohe Unfreundlichkeit verſetzen.“ — ——— 101 „Poſſen,“ ſprach der Hofcommiſſair,„eine Frage ſteht Jedem frei.“ „Wohl wahr, mein hochverehrteſter Herr Hofkammer⸗ commiſſair, aber unter obwaltenden Conjuncturen—“ „Thun Sie mir den Gefallen und kommen Sie beim Stadtrichter ein, ich gebe Ihnen mein Wort, es wird dieſes Geſuch keinen Nachtheil für Sie haben.“ Kappler befand ſich in einer wahrhaft verzweifel⸗ ten Lage; auf der einen Seite der gefürchtete Hof⸗ commiſſair, auf der andern der übelgelaunte Stadt⸗ richter, in deſſen Händen ſein Geſchick ruhte. Eccarius bot ſeine ganze Beredtſamkeit auf; der geängſtete Sportelſchreiber aber konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, dem Wunſche des hohen Gönners nachzu⸗ kommen. Das Wagſtück erſchien ihm zu unermeßlich. Der Hofcommiſſair gab indeß nicht nach. Er ließ alle denkbaren Minen ſpringen. Er behauptete ſogar, daß Demviſelle Langſchädel, die nach ſeiner Ausſage lebhaft ſich für Kapplern intereſſire und die er geſtern geſprochen zu haben vorgab, gleichfalls wünſche, daß der Sportelſchreiber einmal eine kleine Erholungs⸗ reiſe ſich vergönnen und ein wenig in der Welt um⸗ herſchauen möchte; nichts ſei ihr unleidlicher, als ein ewiger Mauerhocker, der in ſeinem Leben nicht über das Weichbild ſeiner Geburtsſtadt hinauskomme. Ein gereiſter Mann gelte viel bei ihr. Wie zentnerſchwer dieſe Worte Kapplern auf's Herz fielen, war's ihm gleichwohl nicht möglich, ſich dem Willen des Hofcommiſſairs zu fügen. Der arme Mann litt wie ein Gekreuzigter. Endlich ging dem Hofeommiſſair die Geduld aus. Er ſtand auf und machte ſich reiſefertig. „Wohlan,“ ſprach er,„ich ſehe wohl, daß ich Ihren Trotzkopf nicht beuge; und gleichwohl will ich Ihr Beſtes; ich werde daher ſelbſt den Stadtrichter in Ihrem Namen um zwölf Tage Urlaub bitten.“ Das hatte Kapplern noch gefehlt, auf dieſen Schlag war er nicht vorbereitet; das Herz fiel ihm vor die Füße. Er beſchwor den Hofeommiſſair, von dieſem Vorhaben, das ihm zu ſehr zum Nachtheile gereichen würde, abzuſtehen. Ecearius blieb unerbittlich.„Ent⸗ weder Sie oder ich,“ ſprach er;„Sie haben die Wahl.“ Kappler ſeufzte tief. Er überlegte, daß es am Ende doch wohl gerathener ſei, wenn er ſelbſt, trotz daß er eines übeln Empfanges zu gewärtigen, um Urlaub einkomme, als wenn ſich der Hofeommiſſair, auf welchen der Stadtrichter ſo übel zu ſprechen, in die Sache miſche. Nachdem er nochmals verſucht, ſeinen Peiniger von dem unglücklichen Vorſatze zurückzubringen, dieſer aber ſich's nicht nehmen ließ, der Wohlthäter des Sportelſchreibers zu werden, erklärte er endlich, ſich dem Willen des Herrn Hofkammercommiſſairs zu fügen, und ſelbſt den Stadtrichter um Urlaub anzugehen. Dies hatte Eccarius nur gewollt. „Das iſt mir lieber,“ verſetzte er,„Sie wiſſen, daß ich in neuerer Zeit nicht zum Beſten mit Klein⸗ ſimon ſtehe.“ Kappler dachte mit Schaudern daran. „Wohlan,“ fuhr der Hofcommiſſair fort,„ſobald Sie die Einwilligung des Stadtrichters erlangt haben, machen Sie ſich reiſefertig. Ich ſelbſt will jetzt die Poſt beſtellen.“ Er reichte dem Sportelſchreiber die Hand, und ent⸗ fernte ſich. „Nun möcht' ich in aller Welt wiſſen,“ ſprach Kappler, nachdem er dem Eccarius das Geleit gegeben, „was dem Hofcommiſſair in den Kopf gefahren iſt, . — 103 mit mir auf Reiſen zu gehen. Ich begreife nicht, wie das werden ſoll. Wenn mich der Herr Stadt⸗ richter mit meinem Urlaubgeſuch nicht die Rathhaus⸗ treppe hinabwirft, hab' ich von Glück zu ſagen. Das iſt ja noch gar nicht dageweſen, ſo lange das Rath⸗ haus ſteht, daß ein Sportelſchreiber um acht⸗ oder gar zwölftägigen Urlaub eingekommen wäre. Ich fürchte, der Herr Stadtrichter kommt auf den Gedanken, es rapple mit mir. „Und gleichwohl,“ fuhr der geängſtete Kappler nach einer Pauſe in Nachdenken verſunken fort,„muß ich das Geſuch anbringen; ſonſt bin ich gewärtig, der Hofkammercommiſſair mengt ſich darein, und ich ge⸗ rathe vollends in des Teufels Küche.“ Wieder nach einer Pauſe ſprach er: „Was dieſer Eecarius für Einfälle hat, der Ver⸗ ſtand ſteht Unſereinem ſtille. Erſt Gehaltzulage, dann wieder Urlaub. Wenn es nicht ein ſo rechtſchaffener Mann wäre, der mir manches Gute erzeugt hat, müßte ich ihn für einen hölliſchen Verſucher, für ei⸗ nen böſen Feind halten. Nun, meinetwegen mag's werden, wie's will; umbringen kann mich der Stadt⸗ richter doch nicht, wenn er mich auch ein wenig für verrückt hält. Ich komme um Urlaub ein.“ Da die Expeditionsſtunde geſchlagen hatte, ſo machte ſich der Sportelſchreiber mit höchſt ſorgenvollem Kopfe und ſchwerem Herzen nach dem Rathhauſe auf den Weg. Mit welchen Worten er dem Stadtrichter ſein An⸗ liegen vortragen ſollte, war ihm derzeit noch ein Räthſel. „Was hilft dein Studiren wegen einer kunſtreichen Anrede,“ dachte er bei ſich,„er läßt dich doch nicht ausreden. Ich befehle meine Seele dem Herrn.“ Als Kappler auf dem Stadtgerichte anlangte, war „ 104 Herr Kleinſimon noch nicht zugegen. Der Sportel⸗ ſchreiber verfügte ſich ſofort an ſeinen Arbeitstiſch; er nahm dies und jenes vor; aber nichts wollte ihm flecken. Endlich erſchien der Actuarius. „Sie können ſich auf ein artiges Donnerwetter vom Stadtrichter gefaßt machen, Kappler,“ ſprach die⸗ ſer;„er hat geſtern ſich halb todt nach dem Actenfas⸗ eikel über den Verkauf der Grundmühle geſucht, wel⸗ ches Sie verlegt haben.“ Ein ſchlimmerer Morgengruß konnte dem armen Sportelſchreiber nicht werden. Er fühlte ſich diesmal nicht ohne alle Schuld; das bewußte Actenſtück ſtak in einem Fache ſeines Schreibtiſches. Er wußte, daß dem Kleinſimon nichts verhaßter war, als wenn er vergeblich nach einer Sache ſuchen mußte. Kappler gedachte ſeines Urlaubgeſuchs und gerieth in Verzweiflung. Endlich erſchien der Stadtrichter. So wie er des Sportelſchreibers anſichtig wurde, ent⸗ lud ſich die Wolke ſeines Zornes. „Es wird mit Ihnen von Tage zu Tage ſchlim⸗ mer,“ polterte er,„ich begreife nicht, wie das wer⸗ den ſoll. Ein ſo nachläſſiger Menſch, wie Sie, iſt mir noch gar nicht vorgekommen.“ Der Chef des Stadtgerichts eiferte noch lange in dieſem Tone. Grimmig ging er endlich nach ſeinem Cabinet. Kappler duldete wie Hiob. Er wagte nicht, ſich zu verantworten; obſchon er wegen des bewußten Ae⸗ tenſtücks mehre Entſchuldigungsgründe hätte vorbrin⸗ gen können. Als das Gewitter ausgetobt hatte, überlegte der Sportelſchreiber, wie es mit dem Urlaubsgeſuch wer⸗ den ſolle.. „Eigentlich,“ dachte er,„wär', bei Lichte beſehen, * ——— ———— 105 jetzt die beſte Zeit. Viel Groll kann in dem ſtadt⸗ richterlichen Buſen nach dieſem Donnerwetter nicht vorhanden ſein; es ſchöpft ſich ein Brunnen aus. Unfehlbar komme ich mit einem gelinden Wetterleuch⸗ ten davon. Der bittere Kelch muß einmal getrunken werden, das Meſſer ſteht an der Kehle, ſonſt fährt der Hofkammercommiſſair dazwiſchen und der letzte Verdruß iſt ſchlimmer als der erſte.“ Der Sportelſchreiber ſtreifte nach dieſer Ueberle⸗ gung die Schreibärmel ab, betete ein Vaterunſer und bewegte ſich zagend und leiſe, auf den Zehen einher⸗ ſchreitend, nach dem Cabinete des Stadtrichters, das in der Nebenſtube befindlich war. Als das bleiche Geſicht Kappler's an dem verhäng⸗ nißvollen Gitter erſchien, hinter welchem die Feder Kleinſimon's ohrenzerreißend knarrte, warf der Stadt⸗ richter den noch immer gewitterſchwülen Blick nach ſeinem Sportelſchreiber. In der Meinung, dieſer wolle nachträglich um Verzeihung wegen des Actenſtücks einkommen, ſprach Kleinſimon kurz und rauh:„Ich bitte mir aus, daß dergleichen nicht wieder vorfällt.“ Kappler blieb unbeweglich. „Es mag für diesmal hingehen,“ fuhr der Stadt⸗ richter fort,„aber man verſuche meine Nachſicht künf⸗ tig nicht wieder.“ Er wandte ſich zu ſeiner Schreiberei. Kappler ſtand noch immer wie angedonnert. Er that den Mund auf, aber das Wort erſtarb auf der Lippe. „Was gibt's noch?“ frug Kleinſimon, als er nach einer Weile aufblickte und der Sporteſſchreiber noch kerzengerade an der Cabinetsthür ſtand. Jetzt half's nichts; Kappler mußte mit der Sprache heraus. 106 Der unglückliche Supplicant huſtete erſt ein Lan⸗ ges und ein Breites. Dann begann er in einem fabelhaft demüthigen und verwickelten Periodenbau ſein Geſuch vorzubringen. Kleinfimon vermochte gar nicht klug zu werden; als ihm aber der eigentliche Inhalt der Kapplerſſchen Perioden klar wurde, begann er zu raſen. Ohne den neuen Vulkanausbruch völlig abzuwarten, hielt es der Sportelſchreiber für das Gerathenſte, un⸗ verzüglich die Flucht zu ergreifen. Während der Stadt⸗ richter in ſeinem Käfig noch im eifrigſten Fulminiren begriffen war, ſaß Kappler, am ganzen Leibe zitternd, bereits wieder an ſeinem Pulte und lauſchte, ob es im Nebenzimmer nicht wieder ruhig werden wollte. Kleinſimon wollte ſich aber ob der unerhörten Zumuthung nicht beruhigen. Er kam endlich aus ſeinem Cabinet hervor und theilte dem erſtaunten Aec⸗ tuarius den widernatürlichen Fall mit, wobei er nicht unterließ, die anzüglichſten Redensarten gegen den vernichteten Kappler einfließen zu laſſen. Es war ein Glück für Kapplern, daß mehre Par⸗ teien erſchienen und Kleinſimon einige Beklagte zu vernehmen hatte. „Nun hab' ich doch dem Hofkammercommiſſair den Willen gethan,“ dachte er bei ſich,„dieſer Mann bringt mich noch um Amt und Brot. Es iſt ent⸗ ſetzlich. So böſe hab' ich den Herrn Stadtrichter im Leben nicht geſehen.“ Als die Verhöre vorüber, konnte ſich Kleinſimon noch immer nicht beruhigen und er kam von Neuem auf Kappler's Urlaubsgeſuch zurück; das er geradezu als ein Attentat gegen Kirche und Staat bezeichnete. Je länger er darüber nachdachte, deſto ſchwärzer und revolutionairer erſchien ihm dieſe Petitivn. Ja im —— loyalen Antseifer war er nicht übel gewillt, gegen ſeinen eignen Sportelſchreiber eine Unterſuchung ob Demagogie und Hochverrath zu inſtruiren. „Ich weiß,“ ſprach er,„es ſpukt wieder in den Köpfen; böſe Reden, die ich nicht wiederholen will, werden im Volke vernommen; ſelbſt unter den löbli⸗ chen Stadtverordneten gibt's böswillige Neuerer, doch will ich nichts geſagt haben. Es wird Zeit, daß die Regierung ernſtlich einſchreitet. Wenn ſich Dinge in meinem eignen Departement zutragen, wie wir heute erlebt haben, ſo erfordert's das Staatswohl, daß man ein wachſames, ein polizeiliches Auge auf betref⸗ fende Subjecte richtet. „Aber ich weiß ſchon,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wo die Wurzel des Uebels zu ſuchen iſt(Klein⸗ ſimon gab hier auf verblümte Weiſe zu verſtehen, daß er Niemand anders als den Hofcommiſſair meine); ich weiß auch, daß in unſerm guten Neukirchen nicht eher Ruhe und Sicherheit einkehrt, bevor nicht dieſe böſe Wurzel ausgerottet iſt.“ Der Sportelſchreiber, der dieſe anzüglichen Re⸗ den alle mit anhören mußte, kam ſich vor, als wenn er auf einem glühenden Roſte läge. Hatte er auch ſeinem Urlaubsgeſuche eine ſehr üble Aufnahme pro⸗ phezeit, ſo war ihm doch im Traume nicht eingefal⸗ len, dadurch in den Geruch eines Demagogen und Hochverräthers zu kommen. Er begriff gar nicht, wie der Hofkammercommiſſair, der doch ſonſt ein ſo men⸗ ſchenfreundlicher Mann war, ihn ſo muthwilliger Weiſe habe in's Unglück ſtürzen können. Endlich ſchlug die heißerſehnte Befreiungsſtunde. Es war Mittags zwölf Uhr. Der Stadtrichter ergriff Hut und Stock und entfernte ſich mit den verhängniß⸗ vollen Worten:„Er werde ſeine Maaßregeln nehmen!“ 108 Kaum hatte Kleinſimon die Expeditivn verlaſſen, als der Actuarius zu Kappler's Pulte trat, um dem Hartgeprüften gleichfalls einen nachdrücklichen Sermon zu halten. „Sagen Sie mir, Kappler,“ begann er weisheits⸗ voll,„Sie muß wirklich der leibhaftige Satan geplagt haben, oder es kann nicht ganz richtig mit Ihnen ſein, jetzt beim Stadtrichter, wo dieſer überhaupt ſo übler Laune iſt, mit einem ſo höchſt unſinnigen Pe⸗ titum einzukommen; wo Sie doch vorausſehen und ſich an allen zehn Fingern abzählen konnten, wie böſe die Reſolution ausfallen würde.“ Kappler war ſo zerknirſcht, daß er auf die ganze Rede des Actuar mit keiner Sylbe antwortete. Der Actuar, welcher aus dieſem Schweigen des Sportelſchreibers ſchloß, er habe ſich nicht deutlich und vorwurfsvoll genug ausgeſprochen, begann gleichfalls eine energiſche Strafpredigt, daß Kappler ſchier aus der Haut zu fahren vermeinte. Er ward, als der Strafprediger gar kein Ende finden konnte, endlich ganz wuthig, ſprang auf und rannte mit den Worten: „Ich konnte nicht anders, Gott helfe mir, Amen!“ davon. Der Actuar ſah dem Davoneilenden erſchrocken und verwundert nach und verließ in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß es mit dem Sportelſchreiber nicht gans richtig ſei, das Stadtgericht. Als Kappler zu Hauſe angelangt war, warf er ſich wie zerſchlagen in ſeinen Sorgenſtuhl. So ſchlimm, wie heute, war es ihm im Leben noch nicht ergan⸗ gen. Ihm, dem loyalſten Manne, den es in Europa gab, wurden hochverrätheriſche Gedanken zugeſchrieben. Es war weit gekommen. Je länger er über die unſeligen Vorfälle dieſes — — 109 Vormittags nachdachte, in deſto dunklerem Lichte er⸗ ſchienen ſie ihm. „Wenn mich der Stadtrichter,“ ſprach er zu ſich, „zu den Verdächtigen zählt, ſo iſt gar nicht denkbar, daß ich länger Angeſtellter bleiben kann! Wer ſoll Vertrauen zu einem Demagogen faſſen, und wäre letz⸗ terer noch ſo unſchuldig. Kommt man einmal in's Gerede, ſo iſt der gute Ruf dahin, man mag machen, was man will. Es gibt Beiſpiele.“ Der gute Sportelſchreiber verirrte ſich immer mehr in das Labyrinth einer verzweiflungsvollen Contem⸗ plative. „Wenn ich nur erſt herausbekommen ſollte,“ fuhr er fort,„was der Herr Stadtrichter mit den Worten: „Ich werde meine Maßregeln nehmen“ die er beim Abgange verlautbar werden ließ, hat ſagen wollen. „War es denn wirklich ein ſo großes Verbrechen, daß ich um Urlaub bat? Ich gebe zu, es war un⸗ paſſend, unſchicklich, rückſichtslos, unbeſcheiden, ja an⸗ maßend— aber verbrecheriſch?— wo ſoll denn hier eigentlich das große Verbrechen herkommen, aus wel⸗ F der Herr Stadtrichter Hochverrath conſtruiren will?“ Aber auch der Unglückliche und vom Schickſal Hartgeprüfte iſt nie ganz ohne Troſt. So auch Kappler. Es iſt nur gut,“ ſprach er,„daß ich nicht um Gehaltszulage eingekommen bin, wie der Hofkammer⸗ commiſſair wollte; ich glaube, da dürfte ich dem Herrn Stadtrichter nicht mehr unter die Angen kommen. Mein guter Engel hat mich bewahrt, dem ich wirklich nicht genug danken kann.“ Während ſich der Sportelſchreiber auf dieſe Weiſe Troſt zuſprach, trug ſeine Wirthin das kärgliche Mit⸗ tagsbrot auf. Es beſtand aus einem dünnen Süpp⸗ 110 lein, einer kleinen Schüſſel Kartoffeln und einem hal⸗ ben Häringe. Mit Wehmuth betrachtete Kappler dieſe Gaben Gottes. Er betete und dankte dem Herrn brünſtig⸗ lich dafür. „Wie lange wird's dauern,“ ſprach er ſeufzend, „und mit ſolchen Herrlichkeiten, mit ſolchen Leckereien iſt's zu Ende. Wenn ich das Unglück haben ſollte, die Sportelſchreiberei zu verlieren, dann heißt's, Kapp⸗ ler ſchränke dich ein, Hochmuth kommt vor dem Fall, hinweg mit dem Luxus, dem würzigen Süpplein und dem feiſten Häringe; Kartoffel dir leb' ich, Kartoffel dir ſterb' ich, Kartoffel dein bin ich, todt und le⸗ bendig, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Der Name des Herrn ſei gelobt.“ Nachdem der Sportelſchreiber mit ſeiner Mahlzeit zu Ende, nahm er wieder auf dem Sorgenſtuhle Platz und machte ſich's ſo bequem wie möglich. „Ach,“ ſeufzte er, indem er die Augen ſchloß, „wenn ich doch ein Wenig einnicken könnte, damit ich die böſen Gedanken los würde. Ach, wer doch ſchon im Grabe läge, der wäre der ganzen irdiſchen Trübſal überhoben. Möchte dann meinetwegen Spor⸗ telſchreiber ſein wer da wollte, mich ſollt' es nicht kümmern.“ „Ich wünſchte der Herr Stadtrichter hielte eben⸗ falls ein Mittagſchläfchen, ein recht ſanftes, damit er ſeinen Zorn verſchliefe und ſanfter würde. Wenn der Spectakel den Nachmittag von Neuem losgeht, weiß ich nicht, wie das werden ſoll.. Wirklich ſollte Kappler's beſcheidener Wunſch nach ein wenig Schlaf erfüllt werden. Von der mannigfachen Aufregung während des Vormittags abgeſpannt, ſank ſein ſorgenſchweres Haupt auf die Bruſt und entſchlummerte. „————— 114 Das erquickende Mittagsſchläfchen war ſo ſanft, daß es auf dem Rathhauſe bereits zwei Uhr ſchlug, ohne daß der Sportelſchreiber an ein Aufhören dachte. Die alte Wirthin, welcher dieſe ungewohnte Schlaf⸗ ſucht auffiel, trat endlich leiſe in's Zimmer. „Sportelſchreiber,“ ſprach ſie, den Schläfer rüt⸗ telnd;„es hat ſchon zwei geſchlagen.“ „Um Himmelswillen, Frau,“ rief Kappler er⸗ ſchrocken,„warum läßt Sie mich in den Tag hinein⸗ ſchlafen, ich ſollte längſt auf dem Stadtgerichte ſein.“ „Auch iſt hier ein Brief abgegeben worden,“ fuhr die Wirthin fort, indem ſie ihrem Hausgenoſſen ein Billet überreichte und wieder das Zimmer verließ. „An mich ein Brief?“ frug der Sportelſchreiber ängſtlich, den jeder ungewohnte Vorfall in Schrecken ſetzte. Er ſchaute die Aufſchrift, erkannte die Hand des Stadtrichters, die Knie knickten ihm zuſammen, es ward ſchwarz vor ſeinen Augen; er ſank vernichtet auf den Stuhl zurück. Lange blieb er ſo liegen. Endlich erholte er ſich in Etwas. „Alſo wirklich den Abſchied,“ ſprach er mit matter, erſterbender Stimme,„guter Vater im Himmel, wo⸗ mit hab ich das verdient? Böſer Hofkammercommiſſair, ſo hat er mich denn doch noch unglücklich gemacht. „Alſo nicht mehr wohlbeſtallter Sportelſchreiber zu Neukirchen!“ fuhr er fort und di' Thränen träufelten dem Armen auf den noch unerbrochenen Brief;„ach wie theuer klingt mir jetzt erſt dieſer Name, jetzt wo ich es nicht mehr bin.“ Nach Verlauf einer Viertelſtunde, die unter lautem Jammern verſtrichen, hatte ſich Kappler, der zu ſeiner Stärkung ſein ganzes Chriſtenthum zu Hülfe rief, in ſo weit erholt, daß er das Schreiben des Stadtrich⸗ 112 ters zu öffnen wagte, um ſich von ſeiner Todesbot⸗ ſchaft mit eigenen Augen zu überzeugen. Wenn Kappler ſonſt einen Brief empfing, ſo brach er nie das Siegel, wie das die meiſten Leute zu thun pflegen, aus einander, ſondern er ſchnitt, um den Ab⸗ druck nicht zu verletzen, ſorgfältig mit der Papier⸗ ſcheere die Couvertflügel auf. Seine Ehrfurcht vor dem Stadtrichter, obſchon dieſer wie ein Barbar an ihm gehandelt, war gleichwohl noch ſo groß, daß er auch diesmal die Oblate nicht verſehrte, ſondern wie gewöhnlich die Scheere zu Hülfe nahm. Endlich begann er mit Zittern und Zagen die verhängnißvolle Lectüre. Da ſtanden gleich groß und leſerlich über dem Texte die Worte:„Mein lieber Herr Sportelſchreiber.“ „Mein lieber Herr Sportelſchreiber!“ wiederholte ſich Kappler mit großer Verwunderung. Seine Ge⸗ ſichtszüge wurden aber länger und ſeine Verwunderung größer, als er las wie folgt: „Warum konnten Sie mir denn nicht gleich heute Morgen den Grund eröffnen, weshalb Sie einen zehn⸗ bis zwölftägigen Urlaub wünſchten; ich würde dann durchaus nichts dawider gehabt, ja mir es zum Vergnügen angerechnet haben, dadurch auch Seiner Excellenz dem Herrn General von Kirchner einen Ge⸗ fallen zu erzeigen. Wollen Sie von der Gelegenheit des Herrn Hofcommiſſairs Gebrauch machen, ſo kann ich Ihnen nur dazu rathen. Auch Seine Execellenz ſcheinen es wegen der Koſten wünſchenswerth zu fin⸗ den. Zugleich erſuche ich Sie, wegen meiner heutigen Heftigkeit nicht ungehalten zu ſein. Sie wiſſen ſelbſt, man hat zuweilen den Kopf voll, wo man in der Regel nicht jedes Wort auf die Goldwaage legt. Die nothwendigſten Sachen, wo periculum in mora vor⸗ 113 liegt, mag der Actuarius während Ihrer Abweſenheit beſorgen. Sie waren noch nie in Leipzig; Sie wer⸗ den ſich freuen; ich ſtudirte daſelbſt. Wenn nur das ſchöne Wetter aushält; doch hoffe ich das Beſte; mein Barometer iſt fortwährend im Steigen. Genehmigen Sie die Verſicherung der ſchuldigen Achtung Ihres Ihnen wohlwollenden Joh. Gottfr. Kleinſimon, Stadtrichter. Der Sportelſchreiber las vorſtehendes Schreiben nicht weniger denn ſieben Mal von Anfang bis Ende; ging dann in die Kammer, ſteckte den Kopf in das Waſſer gefüllte Waſchbecken, zog ihn wieder heraus, trocknete und rieb denſelben aus Leibeskräften, denn Alles war ihm zu fabelhaft, als daß er nicht an einen ſeligen Traum hätte glauben ſollen; worauf er ſich unverzüglich zum achten Male an die Lectüre des groß⸗ artigen Himmelsbriefes machte. Es war nicht anders. Das blieben die Schrift⸗ züge des Stadtrichters, die er nur zu gut kannte, das war ſeine Unterſchrift. Wie jedoch die ganze Sache zuſammenhing, war ihm ein unauflösliches Räthſel. Und nun gar Seine Excellenz der Herr General, wie kam der in den Brief? Was intereſſirte ſich die⸗ ſer große Mann, den man nur den König von Neu⸗ kirchen nannte, für einen armſeligen Sportelſchreiber? Ja, wenn Kappler an den General dachte, da trieb's ihn von Neuem zum Waſchbecken; da zweifelte er an ſeinen Augen und an ſeinem Verſtande. Indeß, der General ſtand im Briefe, das war nicht zu ändern, Kappler mochte ſich Augen und Kopf reiben, ſo viel er wollte. Jetzt aber entſtand die große Frage, was unter obwaltenden Umſtänden vor allen Dingen zu thun ſei. Anfangs wollte der Sportelſchreiber ſpornſtreichs Stolle, ſammtl. Schriften. VIHM. 8 zum Stadtrichter laufen, und ihn fußfällig um Ver⸗ zeihung bitten, daß er ihn in ſo ſchwerem Verdachte wegen der Abſetzung gehabt; dann wollte er den Hof⸗ commiſſair aufſuchen, und dieſen um Aufklärung bit⸗ ten, denn der Hofcommiſſair mußte um den Zuſam⸗ menhang wiſſen, er kam ja ſelbſt im Briefe vor. Es ging ihm mit einem Male ſo Vielerlei durch den Kopf, daß er eine Zeit lang ganz rathlos daſtand. „Ja,“ rief er einmal über das andre aus,„das iſt der merkwürdigſte Tag meines Lebens.“ Er ver⸗ mochte die Ehre und die Freude, die ihm durch den Brief widerfahren, gar nicht zu faſſen. Endlich be⸗ ſchloß er, ſchleunigſt auf das Stadtgericht zu gehen, woſelbſt er ſeinen hochverehrten Chef anzutreffen hoffte. Eben im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, trat die wachſame Chriſtine herein. Die Alte war nämlich eben ſo beſorgt, wie Kappler, daß er die Expeditions⸗ zeit nicht verſäume. „Aber Chriſtens, Sportelſchreiber,“ begann ſie, „es wird gleich halb drei ſchlagen, wo denkt Ihr hin; ſoll denn heute das Stadtgericht zu Euch kommen? „Ja, die liebe Jugend,“ fuhr ſie ſeufzend fort, „denkt nicht an Gott und Obrigkeit; Herrendienſt geht vor Gottesdienſt; wo ſoll das hinaus mit Euch, Sportelſchreiber; habt Ihr denn gehört, ſchon halb drei hat es geſchlagen!“ Der glückſelige Kappler fiel in ſeiner Herzensfreude ganz aus ſeiner geſetzten Rolle, die er gegen die Alte ſtets zu beobachten pflegte. „Herzens⸗Chriſtine, herrlichſte der Frauen,“ rief er in Extaſe, die alte Wäſcherin umarmend,„laſſe Sie es doch in Gottes Namen ſieben und ſiebzig ge⸗ ſchlagen haben, was thut's, ich bin ein glücklicher Menſch; der Herr Stadtrichter hat an mich geſchrie⸗ 115 ben. Es geht auf Reiſen, weit in die Welt, der Herr General, Seine Excellenz, will's auch. Hier, hier ſteht's ſchwarz auf weiß, wenn Sie leſen könnte.“ „Kappler, Weltkind,“ rief abwehrend die Alte, und gedachte dabei ihres Seidlitzers, den ſie unter Friedrich dem Großen geliebt, und ſeit welcher Zeit ſie Niemand wieder umarmt hatte. „Sportelſchreiber,“ fuhr ſie beſchwörend fort, als der freudetrunkene Kappler noch immer ſie in den Armen hielt,„weicht nicht vom Pfade der Tugend, der Sünde Pfad iſt verlockend, ſchont die Unſchuld, ehrt das Alter.“ „Ja, das will ich,“ rief der Sportelſchreiber, ſich ermannend, und wieder eine geſetztere Poſitur an⸗ nehmend;„aber jetzt muß ich vor allen Dingen auf's Stadtgericht.“ „Wie iſt mir doch,“ frug die Alte,„ſpracht Ihr nicht von Verreiſen? Wie, in die weite Welt wollt Ihr, Kappler! mich verlaſſen? Nein, Kappler, das geb ich nicht zu!“ „Ich komme ja wieder,“ tröſtete der Sportel⸗ ſchreiber. „Kappler,“ fuhr Chriſtine beſchwörend fort,„bleibt im Lande und nährt Euch redlich, in der Welt draußen liegen Satansſtricke, da ſtolpert der Chriſt, er mag wollen oder nicht. Kappler, nein, Ihr dürft mir nicht fort.“ „Aber der General will's ja,“ erwiederte Kappler mit bedeutſamer Stimme. „Was da General,“ ſprach die Alte,„da draußen, das iſt nichts für Euch, Ihr ſeid zu unerfahren, die Lüſte der Welt ſind bethörend, Kappler, bethörend, ich ſag's Euch. Der Verſucher geht umher wie ein brül⸗ lender Löwe und ſucht, welchen er verſchlinge.“ 8* 116 „Aber mein Gott,“ entgegnete der Sportelſchrei⸗ ber,„Sie hört ja, Seine Excellenz—“ „Was da Excellenz,“ fuhr die Alte in frommem Eifer fort,„das muß ich beſſer wiſſen. Ihr taugt nicht für die Welt.“ „Die Reiſe iſt blos auf acht, höchſtens zwölf Tage berechnet.“ „O Zeit genug,“ ſprach Chriſtine,„um an Leib und Seele zum Krüppel zu werden. Kappler, Ihr bleibt mir daheim.“ „Ach, Sie redet, wie Sie es verſteht,“ verſetzte Kappler ärgerlich. „Seht doch an,“ nickte die Alte,„gleich hoffärtig und oben hinaus. Nun, meinetwegen, wer nicht hört, mag fühlen; tragt Leib und Seele zum Verkauf, hab ſo lange Jahre die Hände über Euch gehalten, nun geht mit einem Male Alles zu Grunde.“ „Ich will mich ſchon halten,“ verſprach der Spor⸗ telſchreiber. „Ja halten,“ erwiederte die Alte,„man müßte nicht wiſſen, wie's draußen hergeht; meinetwegen fahr! hin, fahr' hin in Nacht und Graus, Rabenkind, hab' wie eine Mutter gehandelt.“ Die Stimme Chriſtinens ward bei den letzten Worten immer weicher, Kappler tröſtete und pochte auf ſeine feſten Grundſätze. Die Alte wollte ſich nicht beruhigen. „Weiß Gott,“ ſchluchzte ſie, die Schürze vors Geſicht haltend,„eine Mutter kann nicht mehr thun. Aber das iſt immer ſo geweſen. Undank iſt der Welt Lohn. O Du Abſolon!“ Dem ſanftmüthigen Sportelſchreiber ward weich um's Herz. „Nun beruhige Sie ſich nur, Mutter Chriſtine, was nicht zu ändern, iſt nicht zu ändern, und dies⸗ mal ziehen zehn Pferde kein Haar, ganz gewiß, zehn Pferde kein Haar.“ Die Alte ward trotz aller Wehmuth jetzt neugierig. „Was iſt denn das für eine gottesläſterliche Reiſe, ſo erzählt doch,“ frug ſie, ſich fortwährend die Thrãä⸗ nen trocknend. Bei dieſer Mahnung beſann ſich der Sportelſchrei⸗ ber, daß er auf's Stadtgericht müſſe. „Das iſt eine höchſt verwickelte Geſchichte,“ erwie⸗ derte er,„aber jetzt hab' ich keine Zeit. Ich muß auf die Expedition.“ Frau Chriſtine ward hierdurch nur neugieriger. „Nichts da,“ rief ſie,„das muß ich wiſſen, wohin ſolls gehen? Des Satans Wege ſind breit, aber führen zur Hölle.“ Kappler ſtand auf Kohlen. „Später erzähl' ich's,“ ſprach er,„jetzt iſt peri- culum in mora, wie der Herr Stadtrichter zu ſagen pflegt. Pack Sie unterdeß ein, Chriſtine, morgen geht's fort.“ „Werd' ich doch nicht,“ erwiederte die Alte, ſich eine Priſe nehmend.„Ich rühr' nichts an. Wo der Satan ſein Spiel hat, meng' ich mich nicht darein.“ „Die Frau,“ ſprach Kappler,„iſt doch in ſtarrem Aberglauben verſunken, die glaubt noch an den leib⸗ haftigen Teufel, obſchon über dieſen alle Aufgeklärten längſt im Klaren ſind. Ich werde meine Noth haben, eh' ſie mich reiſen läßt; aber wenn ich meinen Kvpf aufſetze, richten zehn Chriſtinen nichts aus.“ 8 Ohne ſich auf weitere Erörterungen einzulaſſen, ließ er ſich nicht länger halten, ſondern eilte davon. Die Alte ſchrie Ach und Weh über den verlornen Sohn, wie ſie ihn nannte. . 1418 Der Sportelſchreiber begab ſich ſtracks nach dem Rathhauſe. Wie es aber dem Menſchen zu gehen pflegt, ein unverhofftes großes Glück glaubt er nicht, und wenn er die vollgültigſten Beweiſe in den Hän⸗ den hat; ſo erging's Kapplern. Trotz des offenkun⸗ digen Doeuments ſtiegen unterwegs allerhand Zweifel in ſeinem Kopfe empor. O Zweifel, unglückſeligma⸗ chende, böſe Genien der armen Menſchheit, warum hat euch eine gütige Vorſehung geſchaffen? Der Spor⸗ telſchreiber zerarbeitete ſein Gehirn mit allen denk⸗ baren Möglichkeiten, daß die Sache ſich doch anders verhalten könne, als ſie der Brief des Stadtrichters beſage. „Wer weiß,“ dachte er bei ſich,„Handſchriften ſind nachzuahmen, ganz täuſchend, wie leicht kann ſich Jemand einen Spaß mit mir gemacht haben. Der Stadtrichter weiß am Ende gar nichts; iſt noch immer der zornige Mann von heute Morgen, und bringt mich am Ende in demagogiſche Unterſuchung.“ Dieſer Gedanke war ſchrecklich für den Sportel⸗ ſchreiber, und erfüllte ſein leicht erregbares Gemüth mit Zagen. Nicht ohne leiſes Zittern ſtieg er die Rathhaus⸗ treppe empor, und trat mit beengtem Athem in die Expeditivn. Hier trat ihm aber die alle Zweifel verſcheuchende Sonne in der höchſt eignen Perſon des Stadtrichters entgegen. „Nichts für ungut, lieber Kappler,“ tönte es wie Harfenklang und Engelgeſang an das Ohr des Spor⸗ telſchreibers,„ich war heute Morgen etwas heftig. Sie haben doch meinen Brief erhalten?“ „Ei ja wohl, mein hochverehrteſter Herr Stadt⸗ richter,“ erwiederte Kappler verklärt. 119 „Das iſt Recht,“ fuhr Kleinſimon fort,„daß Sie einmal an die Luft kommen; ein kleiner Aus⸗ flug erfriſcht Herz und Gemüth. Ich wünſcht', ich könnte mit.“ Ach wie gern hätte der gute Sportelſchreiber den hochverehrten Chef mitgenommen, wenn es einiger⸗ maßen in ſeinen Kräften geſtanden. „Sind Sie im Beſitze eines Mantelſacks?“ erkun⸗ digte ſich theilnehmend Kleinſimon. Kappler mußte geſtehen, daß er dieſes ſo noth⸗ wendigen Reiſerequiſits leider entbehre. „Gut,“ erwiederte der Stadtrichter,„ſo können Sie ſich des meinigen bedienen. Er iſt noch ziemlich neu; Sie brauchen ſich ſeiner nicht zu ſchämen.“ „Oh, oh!“ ſtammelte Kappler, von ſolcher Ehre ganz berauſcht. Nachdem der humane Chef des Stadtgerichts als gereiſter Mann ſeinem unerfahrenen Sportelſchreiber noch mehrere gute Regeln in Betreff der bevorſtehen⸗ den Weltfahrt ertheilt, jagte er ihn ordentlich nach Hauſe, damit er die nöthigen Vorbereitungen zur Fahrt auf Morgen vorbereiten könne. Der glückſelige Sportelſchreiber ſprang über Hals und Kopf, um dem Wunſche ſeines hohen Vorgeſetz⸗ ten ſo pünktlich wie möglich nachzukommen. Achtes Rapitel. Sonnenſchmidt's und Langſchädel's Trübſale in Folge der Schatzgräberei wollen noch immer nicht enden. Puige hat nächſt der adeligen Schlittenfahrt und des letzten Harmonieballes in dem Städtchen Neukirchen 120 ein Ereigniß nicht ſo großes Aufſehen erregt, als die Nachricht von der Gefangennehmung des Inſpectors Sonnenſchmidt und des Brückenzollgeldereinnehmers Langſchädel durch das fürſtliche Militair wegen Wild⸗ diebſtahls. Madame Kliemann, die Kellerpachterin, hatte durch ihre Milchlieferantinnen aus der Gegend des Kloſters bereits am frühen Morgen Kunde von der wunderba— ren Hiſtorie und ließ ſich's zum angelegentlichſten Geſchäfte ſein, jedem der Frühſtücksgäſte, einen nach dem andern, auf die Seite zu nehmen, und unter dem Siegel der tiefſten Verſchwiegenheit die wichtige Ent⸗ deckung mitzutheilen. „Aber laſſen Sie ſich ja nichts verlauten,“ war ihre Rede,„ich mag nichts geſagt haben.“ Obſchon in Neukirchen allwöchentlich ein Lvealblatt die Bewohner von allen wichtigen Ereigniſſen in Kennt⸗ niß ſetzte, ſo war es doch, um irgend einen Vorfall unter die Leute zu bringen, weit zweckmäßiger, Ma⸗ dame Kliemann in's Vertrauen zu ziehen und als Organ zu gebrauchen. Dann konnte man verſichert ſein, daß das Geheimniß mit möglichſter Schnelle herum kam. So war es denn auch mit der Gefangennehmung Sonnenſchmidt's und Langſchädel's. Je unglaublicher die Sache ſchien, deſto größeres Intereſſe erregte ſie, deſto ſchneller ward ſie verbreitet. „Wie?“ hieß es,„Sonnenſchmidt, der gottesfürch⸗ tige Mann; es iſt nicht glaubbar; ſollte er uns ge⸗ täuſcht haben und ſeine Frömmigkeit nur Maske ge⸗ weſen ſein? Oder ſollte er einen ſcheinheiligen Mantel blos deshalb umgehangen haben, um darunter um ſo ungeſtörter ſeine böſen Gelüſte ausführen zu können?“ Die Sache ward von Vielen in Zweifel gezogen; 121 denn man erinnerte ſich, daß Sonnenſchmidt nie ein guter Schütze geweſen, noch die edle Waidmannskunſt geliebt oder getrieben habe. Wie ſollte er mit einem Male unter die Wildſchützen gerathen ſein? Bei Langſchädeln lagen weniger Bedenken vor. Erſtens kannte man deſſen Vorliebe für die Jagd; alsdann traute man auch weniger ſeiner Moralität und hielt ihn bei ſeiner mißlichen finanziellen Lage eher fähig, die Geſetze zu übertreten. Bereits in den frühen Vormittagsſtunden zog eine Anzahl Neugieriger zum Kloſterthore hinaus, um Nähe⸗ res über die märchenhafte Geſchichte zu erfahren. Man war noch nicht allzuweit von der Stadt, als der Amtsbote Fiſcher vom Kloſtergute im ſchnellſten Laufe daher kam. Fiſcher ward trotz ſeiner Eile von mehreren be⸗ kannten Neukirchnern in Beſchlag genommen, und mußte Rede ſtehen. Die Andern geſellten ſich den Fragern bei. Es entſtand ein allgemeiner Zuſammen⸗ lauf, deſſen Mittelpunkt der Amtsbote war. Fiſcher war diesmal die Centralſonne, um die ſich Alles ſchaarte und von der Belehrung und Erleuchtung aus⸗ ging. Man beſtürmte Fiſchern mit Fragen. „Iſt's denn wahr,“ rief man von allen Seiten, „heraus mit der Sprache, redet, Fiſcher!“ Der Amtsbote nahm ſich mit wichtiger, geheim⸗ nißvoller Miene eine Priſe. „'s iſt nicht anders,“ ſprach er,„ſie haben ſie, alle Beide; der Herr Amtmann iſt hingus.“ 8 „Auch den Inſpector?“ „Sonnenſchmidt und Langſchädeln, alle Beide,“ autwortete Fiſcher,„gebunden und geſchnürt liegen ſie im alten Kloſter.“ Dieſe Nachricht aus ſo officiellem Munde verfehlte ſeine Wirkung nicht; die Zuſchauer blieben einige Se⸗ cunden ſtumm vor Erſtaunen. „Welche Strafe wird ihnen wohl werden?“ frug endlich eine Stimme. Fiſcher zuckte mit den Achſeln. „Zehn Jahre Zuchthaus,“ meinte er,„drunter kaum.“ Einer der ſtädtiſchen Zuhörer wollte ſich noch im⸗ mer nicht überzeugen und frug, ob der Inſpector und Langſchädel auch wirklich wegen Wilddiebſtahls gefäng⸗ lich eingezogen worden ſeien. „Man hat die Rehe gefunden,“ erwiederte der Amtsfrohn und ſchlug hiermit allen etwaigen Zweifel zu Boden. „Es iſt entſetzlich,“ hieß es nun von verſchiedenen Seiten,„ſolche Männer, wer hätte das geglaubt; der Superintendent, der wird Augen machen, da haben wir den frommen Mann, ein alter Sünder war's bei aller Heiligkeit; da läßt ſich bei Tage gut fromm ſein, wenn man des Nachts Wildpret ſtiehlt.“ „Sonnenſchmidt,“ hieß es,„wird wohl das Zucht⸗ haus bezahlen, er hat's; aber mit Langſchädeln ſieht's bös aus.“ „Das iſt eigentlich eine rechte Ungerechtigkeit in unſerm guten Lande,“ verſetzte ein Anderer,„daß bei uns mit Geld Alles zu machen iſt. Das ſollte nicht ſein.“ Mehrere pflichteten mehr aus Schadenfreude, denn aus Rechtsgefühl dieſer Anſicht bei. „Wilddiebſtahl kann nicht bezahlt werden,“ erklärte der rechtskundige Amtsfrohn. „So?“ erwiederte man;„es iſt nur gut, daß Sonnenſchmidt keine Familie hat; mich ſollte Frau und Kind dauern.“ ———— ——— —— ——— „Der kann brummen,“ ſprach ein Dritter, bitter lachend,„er hat Zeit dazu.“ „Pfui,“ ſtrafte ein Vierter,„wer wird ſo ſprechen.“ „Der Albrecht wird ſich freuen,“ verſetzte ein Fünf⸗ ter,„er hat ſeit Jahren nach der Brückenſteuer ge⸗ lechzt.“ „Mamſell Agnes kann nur auch ſehen wo ſie bleibt,“ meinte eine Nachbarin des Brückenzollgelder⸗ einnehmers;„potz tauſend, der neue Hut mit dem rothen Bande wird ſich ſtattlich ausnehmen, wenn ſie den Herrn Onkel im Zuchthauſe beſucht.“ Dieſe Worte brachten faſt einſtimmig Mißbilligung hervor. Man nahm ſich des geſitteten, anſpruchloſen Mädchens mit vieler Wärme an. Während der neugierige Haufe ſich auf dieſe und ähnliche Weiſe über das Schickſal von Sonnenſchmid⸗ ten und Langſchädeln unterhielten, woraus hervorging, daß ſich die Genannten keineswegs der hohen Liebe der Neukirchner zu erfreuen hatten, befanden ſich un⸗ ſere beiden unglücklichen Schatzgräber in der mißlich⸗ ſten Lage. Der Inſpector und Lieutnant, welche die Nacht auf die miſerabelſte Weiſe von der Welt in der kal⸗ ten Scheune und in unerfreulicher Geſellſchaft der ge⸗ fangenen Wildſchützen zugebracht hatten, führten ein höchſt unerquickliches und unerbauliches Zwiegeſpräch. Sie hatten ſich mit beginnendem Tageslichte aus Schaam in den äußerſten Winkel des baufälligen Ge⸗ bäudes zurückgezogen, wo ſie unbelauſcht mit einander conſervirten; während die übrigen Gefangenen zer⸗ ſtreut auf dem Boden lagen und unbekümmert um ihr Schickſal in dumpfer Reſignativn. Der größte Theil ſchlief, wie aus dem energiſchen Schnarchen her⸗ vorging. 12 4½ Was Sonnenſchmidten und Langſchädeln anbe⸗ langte, ſo hatte keiner von beiden die Nacht ein Auge zugethan. Jeder war viel zu ſehr mit ſeinem ſchauer⸗ lichen Geſchick beſchäftigt, als daß er an Schlaf hätte denken ſollen. Der Inſpector, ſobald er ſich unbelauſcht glaubte, ergriff auf's Nachdricklichſte die Gelegenheit, den Lieut⸗ nant, welchem er die ganze Schuld der dermaligen Lage beimaß, mit Vorwürfen zu überhäufen, und ihn für allen bereits entſtandenen und noch entſtehenden Schaden verantwortlich zu machen. „Sagen Sie mir nur,“ frug er mit ſtiller Wuth, „was Sie eigentlich geträumt haben? Ich glaube, der Teufel iſt Ihnen in Perſon erſchienen, und hat ſich einen Spaß mit Ihnen gemacht; anders kann es nicht ſein. Aber wie komme ich Beklagenswerther da⸗ zu, daß ich wegen Ihrer höchſt einfältigen Traumge⸗ bilde ſo leiden ſoll? Wenn es der Traumgott ehr⸗ lich mit Ihnen gemeint hätte, müßten wir doch den Schatz gefunden haben. Dafür ſind wir in's Ungliück geſtürzt worden. Ihre ganze Viſion war Teufels⸗ blendwerk und ſataniſcher Betrug. Wird ſich auch ein anſtändiger Genius mit Ihnen die Mühe nehmen; er müßte nichts Beſſeres zu thun haben.“ Langſchädel war dermaßen moraliſch und phyſiſch niedergebeugt, daß er auf dieſe ſo beleidigende Rede des Inſpectors nur mit einem Seufzer antwortete. „Was hilft Ihr Geſeufze,“ fuhr Sonnenſchmidt fort,„damit iſt uns wenig geholfen, denken Sie lie⸗ ber darüber nach, wie wir uns herausreden, wenn wir vor Gericht kommen.“ Langſchädel ſchauderte, als er an Verhör und Ge⸗ richtsſtube dachte; er ein fürſtlicher Angeſtellter, wohl⸗ beſtallter Brückenzollgeldereinnehmer zu Neukirchen; —— —— 125 ſeine ganze Stellung konnte durch dieſen Prozeß ge⸗ fährdet werden, ſelbſt wenn er ſo unſchuldig wie ein neugeboren Kindlein aus der Unterſuchung hervorging. Schon der Scandal, im Verdachte wegen Wilddieb⸗ ſtahl zu ſtehen, wie nachtheilig mußte es auf ſeine amtliche Würde wirken. Er ſtimmte, wenn er dies Alles überdachte, ebenfalls Sonnenſchmidt's Anſicht hinſichtlich einer teufliſchen Einmiſchung bei, hütete ſich jedoch, dem Inſpector dieſen Verdacht mitzutheilen, weil er befürchtete, ſeinen Unglücksgenoſſen noch mehr in Harniſch zu bringen. „Sie haben uns in's Verderben geſtürzt,“ fuhr der Inſpector fort,„es iſt Ihre Pflicht und Schul⸗ digkeit, uns heraus zu helfen. Strengen Sie Ihren Geiſt an und erdenken Sie eine möglichſt ſcheinbare Ausflucht, die wir zu Protveoll geben, damit wir nicht mit den Wildſchützen in eine Kategorie gewor⸗ fen werden. Mein Kopf iſt ſchwer und wüſt, und Simuliren war nie meine Sache.“ Leider war letzteres beim Lieutnant daſſelbe der Fall. Mit ſeiner Phantaſie und Erfindungsgabe war es nicht weit her. Indeß glaubte er, ſeinem eignen Wohle zu Liebe, des Inſpectors Wunſch erfüllen zu müſſen, und überließ ſich eine Zeit lang dem angeſtrengteſten Nachdenken. „Nun,“ erkundigte ſich Sonnenſchmidt nach eini⸗ ger Zeit,„wie ſteht's, haben Sie was gefunden? Die erſte Frage, die wir beantworten müſſen, iſt die, wie wir nächtlicher Weile in das Kloſtergewölbe gekom⸗ men ſind?“ Ein Blitz leuchtete durch Langſchädel's Gehirn. Er hatte einen Ausweg gefunden und athmete freier. „Wir brauchen nur zu ſagen,“ rieth er,„der Re⸗ gen habe uns in das Gewölbe getrieben.“ „Was das für Redensarten find,“ rügte ärgerlich Sonnenſchmidt,„Sie ſind doch ein Menſch ohne allen Kopf, Langſchädel, wirklich ohne allen Kopf, wo hat es denn geregnet? Und da es nicht geregnet hat⸗ wie kann uns der Regen um Mitternacht in das ver⸗ trackte Kloſter treiben? Lieutnant, wenn Sie nichts Vernünftigeres erſinnen, thun Sie beſſer, Sie ſchwei⸗ gen. Durch ſolche confuſe, wahrheitwidrige Ausſa⸗ gen machen wir uns nur verdächtiger und die Sache ſchlimmer.“ Langſchädel ſah ein, daß Sonnenſchmidt ſo Un⸗ recht nicht habe; er ertrug daher deſſen mißbilligende Rede, ohne ein Wort zu erwiedern; war aber wegen eines zu gebenden guten Rathes kopfſchen geworden. Der Inſpector, als er einſah, daß ſein Gefährte höchſt unfruchtbar in glücklichen Einfällen ſei, legte ſich ebenfalls auf's Nachdenken. Da er jedoch nicht erfinderiſcher war als Langſchädel, ſtieß ihn der fröm⸗ melnde Bock. „Wenn man in einer Sache,“ ſprach er, ſeine eigene Unfruchtbarkeit entſchuldigend,„kein gut Ge⸗ wiſſen hat, wird auch ein an ſich heller Geiſt gedrückt, und die Gedanken wollen nicht fließen.“ „Ja wohl,“ pflichtete der Lieutnant bei,„es iſt dies eine recht beklagenswerthe Einrichtung der Natur.“ „Es geht den gelehrteſten Leuten ſo,“ fuhr Son⸗ nenſchmidt fort. „Und mir abſonderlich,“ geſtand Langſchädel. Der Inſpector, welchen es verdroß, daß ſich der Lieutnant ſeine Worte gleichfalls zu Nutzen machen wollte, erwiederte daher piquirt: „Ja, aber deshalb würde ich Ihnen dennoch nicht rathen, ſich unter die gelehrten und klugen Leute zu zählen.“ — 127 Langſchädel duldete wie Hiob die mannigfachen gehäſſigen Inſinuationen Sonnenſchmidt's. Er er⸗ wiederte auch auf dieſe letzte frappante Bemerkung keine Sylbe. „Fällt Ihnen denn gar nichts ein?“ frug Son⸗ nenſchmidt nach abermaliger Pauſe, nachdem er ſelbſt das Meer ſeiner Gedanken und Ideen wiederholt und vergebens durchſchifft hatte. Er war zugleich aufrich⸗ tig genug, einzugeſtehen, daß er keinen Rath wüßte. Durch die Unfruchtbarkeit des Sonnenſchmidt'ſchen Geiſtes von Neuem ermuthigt, ſetzte Langſchädel ſeine Nachforſchungen fort, und ſchlug endlich vor, daß man vorgeben ſolle, von den Wildſchützen auf offener Land⸗ ſtraße überfallen, und nach dem bewußten Gewölbe geſchleppt worden zu ſein. „Hm,“ erwiederte der Inſpector,„das ließe ſich hören, aber wenn nun die Kerle ſelbſt gefragt wer⸗ den, und die Wahrheit geſtehen, wie da? Iſt wohl zu bedenken.“ „Wenn ſie die Wahrheit geſtehen,“ meinte Lang⸗ ſchädel pfiffig und logiſch,„dann werden ſie auch ge⸗ ſtehen, daß wir nicht zu ihnen gehören.“ „Das iſt wahr,“ gab Sonnenſchmidt zu,„es wird überhaupt das Beſte ſein, wenn wir dem Unterſu⸗ chungsrichter gleichfalls reinen Wein einſchenken, und ihm geſtehen, wie die ganze Sache zuſammenhängt. Ich fürchte faſt, wir verirren uns in unſern eigenen Ausſagen.“ Langſchädel war, um mit einem Male aller Weit⸗ ſchweifigkeiten überhoben zu ſein, mit dieſem Vor⸗ ſchlage gar nicht unzufrieden, und eben im Begriff, ſeine unbedingte Zuſtimmung zu geben, als in dem Inſpector neue Bedenklichkeiten auſſtiegen. „Aber,“ frug er,„was ſoll eine hohe Geiſtlichkeit, 128 was die Welt von meiner Gottesfurcht denken, wenn ich, wie das Thier auf Raub, während der Nacht nach ſchnödem Mammon ausgehe. Nein, Langſchädel, wir müſſen ſehen, daß wir die Sache des Schatzgra⸗ bens vertuſchen.“ „Iſt faſt unmöglich,“ geſtand dieſer,„bedenken Sie, daß das Loch, welches Sie gegraben, zu unſerm Verräther wird.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte Sonnenſchmidt er⸗ ſchrocken,„das verwünſchte Loch, an welchem ich wie ein Schanzgräber gearbeitet, iſt gar nicht hinweg zu leugnen. Langſchädel, das war in der That ein gu⸗ ter Gedanke, den Sie da hatten, ich muß Sie loben; das verdammte Loch wär' mir nicht eingefallen.“ Der Lieutnant fand ſich durch das Lob des In⸗ ſpectors ſehr geſchmeichelt; es war dies eine Rarität. Er erwiederte daher beſcheiden: „Der Gedanke an das Loch war bei mir nur ein ſimpler Einfall; indeß zeigt er uns den Weg, den wir einzuſchlagen haben. Es bleibt uns jetzt nichts übrig, als den ganzen Hergang der Wahrheit gemäß zu geſtehen; ohne weiteres Kopfzerbrechen.“ Seufzend fügte ſich Sonnenſchmidt in das Unver⸗ meidliche, auf die Gefahr hin, ſeinen guten Ruf hin⸗ ſichtlich ſeiner Frömmigkeit zu evmpromittiren. Nächſt den beiden Schatzgräbern hatte auch der Anführer der Wildſchützen, der bereits oben erwähnte Spittelwirth Feurich, nicht geſchlafen, ſondern war lediglich fortwährend damit beſchäftigt geweſen, aus ſeiner ſchlimmen Lage ſo viel Nutzen wie möglich zu ziehen. Aus der Gefangennehmung Sonnenſchmidt's und Langſchädel's ſchloß er, daß die Beiden unfehl⸗ bar gleichfalls nicht auf guten Wegen gewandelt. Er kroch daher, ſobald es heller geworden, zu den in der 129 äußerſten Ecke am Boden Liegenden hin, und that einige menſchenfreundliche Vorſchläge, die namentlich Sonnenſchmidten wieder in recht ſchlimme Lage brachten. „Inſpector,“ raunte er leiſe,„was zahlt Ihr, wenn ich Euch nicht verrathe?“ Der Angeredete erſchrak, als er den gefürchteten Wildſchützen in ſo großer Nähe erblickte, und erwie⸗ derte ſo mild wie möglich:„Verrathen, lieber Feurich, was wollt Ihr denn verrathen?“ „Nun, daß Ihr ſammt dem Lieutnant zu den Unſern gehört.“ Sonnenſchmidt bekümmerte ſich in der Noth nie um ſeinen nächtlichen Genoſſen und ſprach:„Ich zu den Euren? wie kommt Ihr darauf, lieber Feurich, und wer ſoll Euch das glauben?“ „Glauben?“ lächelte der Spittelwirth,„ſind nicht die Beweiſe in Händen?“ „Welche Beweiſe, lieber Feurich?“ „Nun, ſeid Ihr nicht mit uns zugleich attrapirt und gefahet worden? Mitgefangen, mitgehangen. Ihr kennt das Sprichwort.“ „Allerdings,“ gegenredete Sonnenſchmidt,„ſind wir durch den ſonderbarſten Zufall von der Welt in dem einen Kloſterkeller angetroffen worden; aber das hat ſeine eigene Bewandtniß, lieber Feurich, die ich dem Herrn Amtmann ſpäter aus einander ſetzen werde“ „Schöne Bewandtniß,“grinzte der verſchmitzte Wild⸗ ſchütz,„habt Ihr denn den vortheilhaften Lieferungs⸗ contract ſo ſchnell vergeſſen?“ „Was denn für einen vortheilhaften Lieferungs⸗ contract?“ frug Sonnenſchmidt zagend, der ſchon ahnte, daß hier nichts Gutes herauskommen würde, „Ihr ſprecht wirklich in Räthſeln, lieber Feurich.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. VIII. 9 130„ „Wie ſich die liebe Unſchuld verſtellen kann,“ fuhr der Spittelwirth mit großer Ruhe fort.„Alſo iſt es Euch ſo rein aus dem Gedächtniſſe entſchwunden, daß Ihr die Lieferung von zwölf Stück Rehen aus dem fürſtlichen Reviere durch mich übernommen habt? Wes⸗ halb wäret Ihr denn ſonſt zur beſtimmten Stunde am beſtimmten Orte ſo pünktlich eingetroffen?“ „Ihr ſeid ein recht launiger Mann,“ verſetzte der Inſpector, dem immer ſchlimmer zu Muthe ward, mit möglichſter Unbefangenheit,„ſo hab' ich Euch noch gar nicht gekannt, lieber Feurich, wie Ihr die Worte hübſch zu ſetzen verſteht, daß man glauben ſollte, Ihr ſprächet die Wahrheit.“ „Nun,“ frug Feurich im Tone der Verwunderung, „ich ſpreche wohl nicht die Wahrheit, Inſpector? Ich hoffe nicht, daß Ihr mich, Euren treuſten Freund, verläugnen werdet. Haben wir nicht manch' Wildpret⸗ geſchäftchen mit einander gemacht? Habt Ihr nicht lediglich deshalb, wie ich aus Eurem eigenen Munde weiß, die Maske der Frömmigkeit nur darum ange⸗ nommen, damit Ihr um ſo unverdächtiger erſcheinet, und mein Roth⸗ und Schwarz⸗Wildpret um ſo ſiche⸗ rer über die Grenze expediren könnet? Habt Ihr nicht lediglich deshalb den Brückenzollgeldereinnehmer mitgebracht, damit er ſein Decem empfange, und die Beute undurchſucht und unverſteuert das Brückenthor paſſiren laſſe? Und ſeid Ihr nicht Beide mit uns in Gemeinſchaft in unſerer gewöhnlichen Vorrathskam⸗ mer angetroffen und aufgegriffen worden?“ „Ihr Spaßvogel,“ zähneklapperte Sonnenſchmidt, „es iſt mir nicht zum Lachen; aber bei Euren luſti⸗ gen Hiſtorien möchte man platzen.“ „Da iſt ja auch der Lieutnant,“ fuhr der Wild⸗ ſchütz fort,„der wird's gleichfalls bezeugen, daß ich 13¹ nichts als die Wahrheit geſprochen. Nicht wahr, Lieutnant?“ Langſchädel, welcher ganz in der Nähe von Son⸗ nenſchmidt lag, hatte im Anfang mit wachſendem Er⸗ ſtaunen die ſonderbare Rede des Spittelwirths ver⸗ nommen, doch war er, ſo lange ſie blos den Inſpee⸗ tor betraf, wohlweislich ganz ruhig geblieben; als er aber am Schluſſe ſelbſt an die Reihe kam und auf eine Art ſeiner gedacht wurde, die ſein Gewiſſen als Brückenzollgeldereinnehmer nicht wenig alterirte, ward er gleichfalls lebendig. Jetzt ſollte er nun gar Zeug⸗ niß wider ſich ſelbſt ablegen, ſo Etwas war ihm auf ſeinem Lebenswege noch nicht vorgekommen. Er wollte ſich einige ſchüchterne Gegenbemerkungen erlauben; aber der Mund blieb ihm geradezu offen ſtehen, er vermochte kein Wort hervorzubringen. Der Inſpector fuhr daher in ſanftem wohlwollenden Tone fort: „Lieber Herr Feurich, es iſt Euch ſicher noch er⸗ innerlich, daß Ihr mich friedlichen Mann, der kein Waſſer trübt, vorige Nacht ſelbſt für einen Lauſcher und Verräther hieltet; Ihr ſelbſt habt nicht verſchmäht, mich mit höchſteigner werther Hand und höchſteigenem Hirſchfänger an der Wade zu kitzeln und mir außer⸗ dem nicht wenig warm zu machen; gedenkt freundlichſt zurück, lieber Herr Feurich, Ihr erfreut Euch, Eurer kräftigen Conſtitutivn nach, unfehlbar eines ſchätzba⸗ ren Gedächtniſſes, und werdet wohl finden, daß ich nur lautre, heilige Wahrheit berichte.“ „Und,“ frug gleichmüthig der Wildſchütz,„der langen Rede kurzer Sinn, der iſt?“ „Nun,“ verſetzte Sonnenſchmidt kleinmüthig und ſtockend,„daß ich nicht das Glück habe, mit Euch in Handelsverbindung zu ſtehen, wie Ihr vorhin ſcher⸗ zend äußertet.“ 132 „Wie Ihr ſchwatzt,“ erwiederte ſcheinbar gereizt der Spittelwirth,„ich ſehe ſo gut wie Ihr, daß Euch unangenehm iſt, mit mir gefänglich eingezogen zu ſein. Ich will ja auch gar nicht zum Vermittler werden. Ich will Stein und Bein ſchwören, Euch nie geſehen, nie von Euch gehört zu haben. Will unſre Freund⸗ ſchaft im Meere verſenken, wo es am Tiefſten.“ „Wenn Ihr das könntet, edler Mann,“ ſprach Sonnenſchmidt. „Von Können iſt keine Rede;“ erwiederte Feu⸗ rich,„die Frage iſt, ob ich will, und das hängt von Euch ab.“ „Ei ſo wollt doch, in Gottes Namen,“ verſetzte der Inſpector angelegentlich,„ich kann ja gar nichts dawiderhaben; Ihr ſeid ein vollkommen freier Mann.“ „Allerdings,“ meinte der Wildſchütz,„aber um⸗ ſonſt iſt der Tod, ich komme auf zehn Jahre auf's Zuchthaus, da werdet Ihr es nicht unbillig finden, wenn ich zuweilen nach einer kleinen Recreation Ver⸗ langen trage; ſchwere Arbeit, geringe Koſt, Ihr be⸗ greift, Inſpector.“ Wirklich ging Sonnenſchmidten jetzt ein Licht auf, wo der Wildſchütz hinaus wollte. Er ſah, daß er in einen ſauern Apfel werde beißen müſſen. Er gab ſeinem Herzen einen Stoß und ſprach: „Lieber Feurich, wenn Euch für den Anfang mit einem Thälerchen gedient iſt; Ihr wißt, ich bin nicht ſo; gern thät' ich mehr, aber beim Himmel, die Zei⸗ ten ſind darnach, Ihr glaubt nicht, lieber Feurich, ich weiß oft nicht, wie ich auskommen und was noch werden ſoll. Wie geſagt, ein Thälerchen, alle Weih⸗ nachten einen Gulden; ich ſollte meinen, das wäre eine recht hübſche Zubuße; Ihr dürft ja ſo im Zucht⸗ hauſe nicht depenſiren.“ — —— 133 „Hm, ein Thälerchen für den Anfang, und alle Weihnacht einen Gulden,“ verſetzte der Wildſchütz in trockenem Tone,„aller Ehren werth, ich erkenne Eu⸗ ren menſchenfreundlichen Sinn; aber ich dächte, wir blieben da lieber Freunde, lieber unzertrennliche Freunde; kommt mit auf's Zuchthaus, Herzensin⸗ ſpector.“ 33 Der Inſpector merkte aus dieſen Worten, die ihm zu ironiſch klangen, daß er dem Wildſchützen nicht genug geboten und daß dieſer ihn noch in Ver⸗ legenheit zu bringen trachte. Er beſchloß daher, dem Spittelwirth vollends den Mund zu ſtopfen, indem er erwiederte: „Ich thue das Möglichſte, lieber Feurich, alle Jahrmarkt einen Häring und ſechs Loth feinen Schnupf⸗ tabak, denn rauchen iſt im Zuchthauſe verboten, äch⸗ ten St. Omer, das Pfund koſtet unter Brüdern acht Groſchen; wie geſagt, ein Vater kann nicht mehr thun.“ „J nun, einen Häring und ſechs Loth feinen St. Omer alle Jahrmarkte,“ meinte der Spittelwirth, „das ließe ſich hören, Ihr handelt da wirklich wie ein Vater. Aber ein dankbarer Sohn ſoll ſich von ſeinem Vater nicht trennen; darum kommt nur mit auf's Zuchthaus, wenn ich auch Jahrmarkts nichts zu ſchnupfen habe.“ „Ihr ſeid ein rechter Nimmerſatt,“ ſprach der In⸗ ſpector, dem es abermals klar wurde, daß Herr Feu⸗ rich noch immer nicht zufrieden geſtellt ſei; Ihr müßt doch bedenken, daß ich dieſe Opfer lediglich aus gutem Herzen bringe.“ „Freilich,“ geſtand der Wildſchütz,„Euer gutes Herz will bedacht ſein; aber ich ſollte meinen, es ge⸗ reichte meinem Herzen ebenfalls zu großer Zier, wenn „ 13⁴ es ſich von Euch nicht trennen will; zumal unſre Ver⸗ einigung ſo leicht zu bewerkſtelligen iſt. Es koſtet mich ein Wort und alle meine Leute ſchwören das Blaue vom Himmel herunter, daß Ihr unſer Hehler ſeid, die ſchwerſten Verdachtgründe find gegen Euch, zudem weiß die ganze Stadt, daß Ihr meine Schank⸗ wirthſchaft häufig beſu thabt. Vier Jahre müßt Ihr mir wenigſtens väterliche Geſellſchaft leiſten.“ Sonnenſchmidt erkannte mit Grauſen, in wie großer Gefahr er ſchwebe. Alle Umſtände hatten ſich der⸗ maßen ungünſtig wider ihn vereinigt, ſein Einver⸗ ſtändniß mit den Wildſchützen lag durch die Schatz⸗ gräbergeſchichte ſo unumſtößlich am Tage, daß er ſich ſelbſt durch einen Eid von einer Verurtheilung nicht befreien konnte, ſobald ſämmtliche gefangene Wild⸗ ſchützen ebenfalls eidlich ſeine Mitwirkung am Wild⸗ diebſtahl conſtatirten. Denn ſelbſt wenn er und Lang⸗ ſchädel ſich auf die Schatzgräberei berufen wollten, ſo klang eine ſolche, die auf einem bloßen Traume des Brückenzollgeldereinnehmers beruhte, weit märchen⸗ hafter, als die verbrecheriſche Gemeinſchaft mit den Wildſchützen. Da Sonnenſchmidt keinen andern Weg ſah, mit dem intriguanten Spittelwirth aus einander zu kom⸗ men, als den der Güte, ſo frug er: „Nun was verlangt Ihr denn, ſo Ihr mir keine weitern Unannehmlichkeiten in den Weg legt?“ „Unter fünfhundert Thalern kann ich's nicht thun,“ erwiederte Feurich mit großer Ruhe. „Ei, ſeid Ihr heut ein Spaßvogel,“ ſprach der Inſpector, welcher in der That glaubte, der Spittel⸗ wirth ſcherze. „Und wenn ein Pfennig daran fehlt, bring' ich Euch in's Zuchthaus,“ fuhr Feurich gelaſſen fort. 135 „Ach, ſpaßt doch nicht,“ meinte verdrießlich Son⸗ nenſchmidt,„es geht ja um mein und dein.“ „Wer ſagt denn, daß ich ſpaße?“ frug der Wild⸗ ſchütz,„wenn binnen hier und vierundzwanzig Stun⸗ den die fünfhundert Thaler nicht in den Händen mei⸗ ner Frau ſind, und ich die Quittung habe, marſchirt Ihr auf's Zuchthaus. Das iſt mein letztes Wort in dieſer Sache. Ihr könnt wählen.“ Der Inſpector, nachdem er einſah, daß es dem Spittelwirth mit ſeiner horrenten Forderung wirklich Ernſt ſei, begann zu raſen; als er aber ſah, daß ſein Raptus nichts half, und der Wildſchütz in ſeiner un⸗ erſchütterlichen Ruhe und auf die fünfhundert Thaler beharrte, gab er klein zu, und machte Feurichen Vor⸗ ſtellungen. Da dieſe gleichfalls zu nichts führten, legte er ſich auf Bitten, und endlich auf's Beſchwö⸗ ren. Er fragte, ob der Spittelwirth ſeine ungerechte Forderung dereinſt vor dem ewigen Richter verant⸗ worten könne? „Das iſt meine Sache,“ gab Feurich zur Antwort. „Dieſer ungerechte Mammon,“ fuhr der Inſpector fort, der noch immer durch Beſchwören ſein Heil ver⸗ hoffte,„wird Euch die ewige Seligkeit verbittern,“ „Das iſt wieder meine Sache,“ meinte der Spit⸗ telwirth,„vor allen Dingen hab' ich's mit dem Zucht⸗ hauſe zu thun, und dieſes ſollen mir die Fünfhundert nicht verbittern; darauf verlaßt Euch.“ „Bedenkt Eure letzte Stunde,“ ſprach der Inſpee⸗ tor in feierlichem Tone,„ein ruhig Gewiſſen iſt ein ſanftes Sterbekiſſen. Wenn Ihr nicht erſterben könn⸗ tet, lieber Feurich, es wäre entſetzlich.“ „Allerdings,“ antwortete der Wildſchütz,„aber das geht auch zunächſt nur mich an; ich bitte, mengt Euch doch nicht in meine Angelegenheiten.“ 136 „Aber ich kann Euch nicht in's Verderben rennen ſehen;“ fuhr Sonnenſchmidt eifrig fort,„das verlangt meine Chriſtenpflicht; wenn ich Euch auch die Fünf⸗ hundert zahle, ſie gedeihen nicht, bringen keinen Se⸗ gen, im Gegentheil, Heulen und Zähneklappern iſt von ungerechtem Gut unzertrennlich; ich muß Euch warnen; mein Herz ſagt mir, daß Ihr nur Unſegen, nur Schmerz und Herzeleid von dem Gelde haben werdet.“ „Wie doch die Herzen ſo verſchieden ſprechen kön⸗ nen,“ entgegnete der Wildſchütz,„mein Herz ſagt mir gerade das Gegentheil; es ſagt, daß mir die fünf⸗ hundert Thaler recht wohl bekommen würden. Welches hat nun Recht?“ „Unbeſtritten das meinige, lieber Feurich,“ fiel der Inſpector lebhaft ein;„unbeſtritten das meinige!“ „Hm,“ brummte der Spittelwirth,„das wäre zu beweiſen. Doch ich glaube kaum, daß wir mit un⸗ ſeren Herzen auf's Reine kommen; ein jeder wird im⸗ mer bei der Behauptung ſtehen bleiben, das ſeine ſpreche die Wahrheit. Wir wollen daher die Sache auf ſich beruhen laſſen. Entſchließt Euch lieber von wegen den fünfhundert Thalern, oder dem Zuchthauſe. Zahlt Ihr die genannte Summe, will ich noch ein Uebriges thun, und Euch beide aus aller Fatalität helfen. Ich will nicht unterſuchen, wie Ihr in das Kloſtergewölbe gekommen ſeid, und was Ihr darin habt vornehmen wollen. Wir ſagen dann einſtimmig aus, wir hätten Euch Zwei zufällig auf der Straße getroffen, und Euch mit Gewalt an den Ort geſchleppt, wo man uns gefunden. Wir hätten Euch da einen Eid abnehmen wollen, damit wir vor Eurem Verrathe ſicher wären, Ihr aber, den Geſetzen treu ergeben, hättet mit aufopferndem Muthe Alles aufgeboten, uns von unſerem Verbrechen zurückzubringen, Ihr hättet wie 137 Paſtoren geſprochen und geeifert gegen unſere Frevel⸗ thaten. Es ſei Euch auch wirklich beinahe gelungen geweſen, Euren lobenswerthen Zweck zu erreichen, da ſeien die Soldaten gekommen, und Eure ſegensreiche Beredtſamkeit ſei auf bedauerliche Weiſe unterbrochen worden. „Seht,“ fuhr der erfinderiſche Wildſchütz zu Son⸗ nenſchmidten, dem, wie auch Langſchädeln, dieſes neue Evangelium wie Honig klang, gewendet fort,„ſo ſteigt Ihr aus aller Trübſal mit einem wahren Glorien⸗ ſcheine empor; aus dem Zuchthauſe zu den Sternen, werdet aus verabſcheuungswürdigen Wilddieben ver⸗ ehrungswürdige Wohlthäter des Vaterlandes— und dies Alles um lumpige fünfhundert Thaler; wer kann mehr verlangen? Ich weiß, ich handle ohne Kopf, ein anderer wäre mit ſo viel Tauſenden nicht zufrie⸗ den, aber ich bin einmal ein gutmüthiges Thier, und weil Ihr's ſeid, Sonnenſchmidt, mag's darum ſein.“ Der Inſpector war von der Ausſicht, künftig als Wohlthäter des Vaterlandes, wie ſich der Wildſchüt ausgedrückt hatte, einherzuſchreiten, wahrhaft ergriffen. Die Wahl wurde ihm diesmal ſehr erleichtert; auf der einen Zuchthaus, auf der andern Ruhm. Was war da lange zu beſinnen? Er beſchloß mit Feurich in Unterhandlung zu treten. Vor allen Dingen wollte⸗ er von der Hauptſumme ein Erkleckliches abhandeln. Fünfhundert Thaler, das war ja entſetzlich, ſtach ge⸗ waltig gegen den Jahrmarkt⸗Häring und den St. Omer ab. Darum ſpeculirte er folgendermaßen: „Fünfhundert Thaler,“ rechnete er für ſich,„eine wahre ſündhafte Summe, daran muß Feurich we⸗ nigſtens dreihundert nachlaſſen, verbleiben zweihundert: kommt auf den Mann hundert; ich werde mich wohl hüten, für Langſchädeln, der mich in's Unglück ge⸗ pracht hat, zu bezahlen und ihn mit meinem guten Gelde zu den Sternen zu verhelfen. Mögen die Wildſchützen mit ihm machen, was ſie wollen, mich kümmert's nicht.“ Sonnenſchmidt brachte vorerſt ſein Anliegen we⸗ gen Ermäßigung der Summe von Fünf⸗ auf Zwei⸗ hundert bei Feurich vor. Dieſer aber ſtellte ſich ganz empört ob ſolcher Zumuthung, und drohte die ganze Unterhandlung abzubrechen. Der Inſpector erſchrak ordentlich und klopfte nun leiſe an, ob der gute Herr Feurich wohl mit dreihundert ſich begnügen wolle; es wäre ein ſchönes Geld. Da der Spittelwirth auf dieſe neue Propoſition categoriſch erklärte, daß er die Summe ſofort um hundert Thaler erhöhen werde, wenn Sonnenſchmidt nochmals wage, um die geringſte Ermäßigung einzukommen, ſo hatte es endlich bei den fünfhundert Thalern ſein Bewenden. Die ganze De⸗ batte war für den Inſpector ohne den geringſten Er⸗ folg. Nicht einen Pfennig hatte er abzuhandeln ver⸗ mocht. Mit einem ungeheuern Seufzer ergab er ſich in das Unvermeidliche und rückte mit ſeinem zweiten Calcül vor, von wegen der Theilung in Betreff Langſchädel's. Sonnenſchmidt ſprach ſich hier, um ſeinen Antrag zu motiviren, wieder läſterlich über ſeinen Leidensge⸗ fährten aus, welchen er gänzlich Preis gab. Dem armen Lieutnant, der ſich gleichfalls im Geiſte als „Wohlthäter des Vaterlandes“ ſah und ſchon freute, ſo wohlfeilen Kaufs aus Noth und Trübſal und zu nicht gewöhnlichem Ruhme zu gelangen, ward bei dem anderweitigen Antrage Sonnenſchmidt's, welcher ſeine eigene werthe Perſon betraf, nicht wohl zu Muthe. Namentlich ſchlugen ihn die Worte des Inſpectors: „Wenn der auch ein paar Jahre brummen muß, das 139 hat er an mir verdient,“ gänzlich darnieder. Der Spittelwirth, welcher in gewiſſen Dingen ein Mann von feinem Gefühl war, ärgerte ſich über den gewiſ⸗ ſenloſen Inſpector, welcher ſeinen Schickſalsbruder, ohne das Geringſte für ihn zu thun, in das Verder⸗ ben ſtürzen wollte. Er beſchloß, den Geizhals dafür zu züchtigen. „Mein lieber Inſpector,“ begann er,„da bringt Ihr mich auf ein Kapitel, das ich faſt ganz vergeſ⸗ ſen hätte.“ „Nicht wahr?“ frug Sonnenſchmidt,„es war gut, daß ich die Sache zur Sprache brachte? Langſchädel hätte ſich nicht gerührt und wäre meiner Seel' mit durchgeſchlüpft.“ „Ich muß geſtehen,“ fuhr der Wildſchütz fort, „daß ich in meiner vorigen Berechnung an den Lieut⸗ nant nicht im Geringſten gedacht habe.“ „Ich danke dem Himmel, der mir den guten Ge⸗ danken eingab,“ verſetzte Sonnenſchmidt erleichterten Herzens, welcher ſeine Speculation für gelungen hielt. „Ich hatte blos Euch im Sinne,“ ſprach Feurich weiter. „Ja, ja,“ meinte der Inſpector,„wenn's an Ge⸗ ben geht, da denkt man immer an mich zuerſt. Es iſt in Neukirchen auch ſo.“ „Den Langſchädel kann und darf ich ſo nicht durchlaſſen, was würden meine Leute ſagen? Auch er muß ſich auslöſen.“ „Verſteht ſich,“ nickte Sonnenſchmidt,„und blecht er nicht, dann brumme er!“ „Aber in Betreff ſeiner finanziellen Umſtände, die bekannt ſind,“ fuhr der Wildſchütz fort,„dürfen wir es nicht ſo genau mit ihm nehmen.“ Der Inſpector, welcher ſchon fürchtete, die fünf⸗ 140 hundert Thaler würden nicht in gleiche Theile gehen, und auf ſeinen Theil die größere Hälfte kommen, verſetzte daher ſchnell:„Nichts da! Was Einem recht iſt, iſt dem Andern billig.“ „Ich dächte,“ ſprach mitleidig der Spittelwirth, „fünfzig Thälerchen, es wäre hinreichend.“ „Was?“ rief Sonnenſchmidt eifervoll,„funfzig Thaler? Wo denkt Ihr hin, das iſt ja nicht der Rede werth; ich dringe auf die reine Hälfte.“ „Nun wie wär's denn mit hundert,“ fuhr der Wildſchütz fort,„ich ſollte meinen—“ „Nichts da!“ beharrte Sonnenſchmidt,„die reine ungeſchmälerte Hälfte; ich beſtehe darauf, ich habe hier auch Etwas darein zu reden.“ „Alſo die Hälfte von Fünfhundert, nicht wahr?“ frug Feurich. „So iſt's,“ bejahte der Inſpector. „Oder ſollen wir ihm etwa dreihundert auferle⸗ gen? Was meint Ihr, Sonnenſchmidt?“ Für den Inſpector konnte es gar keine angeneh⸗ mere Frage geben, als vorſtehende. Er erwiederte daher ſchnell: „Ei, je mehr, je lieber, mir iſt's recht.“ „Oder dreihundertfunfzig, Inſpector, was ſagt Ihr?“ „Immer zu!“ munterte dieſer auf, dem ſich mit jeder neuen Frage eine Centnerlaſt vom Herzen wälzte, denn er lebte fortwährend in der Idee, er ſolle mit Langſchädeln in Gemeinſchaft die fünfhundert Thaler aufbringen. Je mehr nun Feurich dem Lieutnant aufbürdete, um ſo mehr glaubte ſich Sonnenſchmidt erleichtert. „Nun, wenn Ihr denkt, Inſpector,“ fuhr der Wild⸗ ſchütz fort,„ſo dächt ich, ſagten wir vierhundert.“ 444 „Da bleiben für dich nur hundert,“ dachte Son⸗ nenſchmidt und erwiederte daher ganz gerührt:„Ach, Ihr ſeid zu gütig, lieber Herr Feurich; Ihr han⸗ delt diesmal wirklich als Freund und auch gerecht, denn ich will nur offen geſtehen, verdient hat es Langſchädel, daß er vierhundert trägt; ich ſage da nicht zu viel.“ „Könnt Ihr das beſchwören?“ frug der Wildſchütz. Sonnenſchmidt ſtreckte betheuernd die drei Finger der rechten Hand in die Höhe. „Wir thun ihm alſo nicht zu viel, wenn wir ihn etwas hart mitnehmen?“ „Im Gegentheil,“ eiferte der Inſpector,„er kann noch von Glück ſagen, daß er nicht die geſammten fünfhundert zu tragen hat.“ „Nun, uns kann's nur lieb ſein,“ meinte Feurich, „wenn Ihr glaubt, daß es nicht zu viel iſt, mag er fünfhundert Thaler bezablen.“ Wer war glücklicher als Sonnenſchmidt! „Diesmal wär' ich glücklich aus der großen Ge⸗ fahr heraus,“ ſprach er zu ſich,„Langſchädel mag ſe⸗ hen, wie er fährt; ich bedaure ihn nicht, warum träumt er ſo unvernünftig. Indeß, damit er ſieht, daß ich nicht ſo bin, will ich fünf Thaler beiſteuern.“ Sonnenſchmidt erklärte jetzt laut ſein Liebeswerk, daß er bereit ſei, fünf Thaler zu den Langſchädel'⸗ ſchen fünfhundert beizuſteuern. „Ich thue hier mein Möglichſtes,“ ſprach er,„Nie⸗ mand wirft mir nichts dir nichts fünf Thaler zum Fenſter hinaus.“ „Eure Großmuth ſucht ihres Gleichen,“ lobte der Wildſchütz,„zumal Ihr ſelbſt für Euch noch zu zah⸗ len habt.“ „Wie ſo für mich?“ frug Sonnenſchmidt. 4 142 „Nun Eure fünfhundert Thaler,“ erwiederte gleich⸗ müthig der Spittelwirth. „Meine fünfhundert“— das Wort„Thaler“ blieb dem Inſpector auf der Zunge ſitzen;„fangt Ihr ſchon wieder zu ſpaßen an, loſer Mann?“ „Ach, hol Euch der Satan mit Eurem ewigen Geſpaße,“ donnerte Feurich,„wie viel Mal ſoll ich's noch ſagen, daß ich nicht ſcherze, und am wenigſten mit Euch.“ „Aber, Verehrteſter—“ „Ruhe!“ gebot der Wildſchütz in zornigem Tone, „ich will weiter nichts hören. Die Sache iſt abge⸗ macht. Ihr zahlt verſprochener Maßen Eure fünf⸗ hundert Thaler und fünf anderweitige Thaler für Langſchädeln.“ Der Sprecher wandte ſich jetzt zum Lieutnant. „Wie ſteht's aber mit Euch?“ frug er,„auf Ver⸗ anlaſſung und Aufmunterung des Inſpectors hab' ich Euch auch mit fünfhundert Thalern belegt, werdet Ihr ſie binnen vierundzwanzig Stunden ſchaffen können?“ „Nicht in vierundzwanzig Jahren,“ lamentirte Langſchädel,„wo ſoll ich fünfhundert Thaler herbe⸗ kommen?“ „Das iſt freilich eine ſchlimme Sache,“ meinte der Wildſchütz;„aber, Sonnenſchmidt, warum konntet Ihr mich dermaßen encouragiren, daß ich den Lieutnant ſo hoch brandſchatzte; nun iſt's aber einmal beſchloſſen und ich nehme mein Wort nicht zurück.“ Der Inſpector konnte vor Schreck über die un⸗ glückliche Wendung, welche die Angelegenheiten ge⸗ nommen hatten, noch gar nicht zu ſich ſelbſt kommen. Er ſaß ſtarr und ſteif da und vermochte kein Wort zu erwiedern. „Ich glaubte,“ ſtotterte er endlich auf Feurich's 143 wiederholte Frage,„wir zwei ſollten die Summe in Gemeinſchaft aufbringen.“ „Warum nicht gar?“ lachte der Spittelwirth, „wie ich bereits geſagt, mit Euren Fünfhundert hat's ſein Bewenden; aber jetzt rathet, wie es mit der Zahlung Langſchädel's werden ſoll. Ihr habt mir erſt keine Ruhe gelaſſen, damit ich ihn ſo hoch wie möglich beſteure, nun werdet Ihr hoffentlich auch Sorge tragen, daß ich die Summe, je eher je lieber, erhalte.“ Feurich wandte ſich wieder zum Lieutnant. „Langſchädel,“ frug er,„iſt's Euch denn wirklich nicht möglich, dieſe Summe aufzubringen? Sprecht offen und frei.“ „Nicht fünfhundert Heller,“ geſtand der Gefragte im kläglichen Tone. „Bedenkt wohl,“ fuhr Feurich fort,„daß es keine Kleinigkeit iſt, wovon Ihr Euch loskauft. Ihr ſeid lebenslänglich ruinirt, wenn ich Euch als Wilddieb denunecire. Als öffentlicher Beamter wird das Gericht um ſo ſtrenger mit Euch verfahren, uud wovon wollt Ihr leben nach überſtandener Zuchthausſtrafe; an eine anderweitige Anſtellung iſt nicht zu gedenken.“ Der unglückliche Langſchädel beharrte bei ſeiner Ausſage, daß dermalen nicht fünfhundert Heller zu ſeiner Dispoſition ſtünden. „Wohlan, ſo fragt doch bei Eurem Freunde Son⸗ nenſchmidt an,“ meinte der Wildſchütz,„er iſt ein edler Mann, er wird Euch nicht in's Unglück ſtürzen und gern die Summe ohne Zinſen leihen.“ „Wie ſteht's, Inſpector,“ wandte ſich Feurich an denſelben,„nicht wahr, Ihr ſchießt dem Lieutnant die fünfhundert Thaler als unverzinsbares Kapital vor?“ „Ich?!“ rief Sonnenſchmidt in einem Tone, der 144 ziemlich den verzweifelten Zuſtand ſeines Innern ver⸗ rieth,„nun da wäre ich doch nicht werth, daß mir ein Mühlſtein an den Hals gehängt und ich erſäuft würde im Meere, wo es am Tiefſten. Nicht zehn Kreuzer leihe ich dem Menſchen. Er hat ſo viel Schulden wie Haare auf dem Kopfe, und ich büße unfehlbar ſo an ihm ein.“ „Aber Ihr konntet ihn ja vorhin,“ entgegnete der Wildſchütz,„nicht hoch genug beſteuern?“ „Ach!“ knirſchte der getäuſchte Sonnenſchmidt, „das hatte ſeine Gründe.“ „Ja, da begreife ich aber nicht,“ meinte Feurich, „wie das werden ſoll. Wenn Langſchädel nicht Zah⸗ lung leiſten kann, muß ich ihn als Wilddieb denun⸗ ciren, er verliert Amt und Brod, Würde und Repu⸗ tation, wird zur Verzweiflung gebracht und iſt dann im Stande, Euch, Sonnenſchmidt, als Mitgenoſſe an⸗ zugeben; dann habt Ihr Eure fünfhundert Thaler vergebens weggeworfen. In der Verzweiflung weiß der Menſch nicht, was er thut. Nicht wahr, Lang⸗ ſchädel, dann ſeid Ihr zu Allem fähig?“ „Wenn ich auf's Zuchthaus muß,“ erwiederte der Lieutnant in dumpfem Tone,„dann zeige ich den In⸗ ſpector als größten Hehler und Partirer, als Wild⸗ dieb und Sclavenhändler an; dann muß er mit in den Abgrund, er hat zu ſchändlich an mir gehandelt. Mir iſt dann Alles egal.“ „Nun, da hört Ihr's,“ ſprach Feurich zu Son⸗ nenſchmidten,„dann iſt ihm Alles egal, Ihr habt's gehört. Er will Euch ſogar als Selavenhändler an⸗ geben, und Seclavenhandel iſt meines Wiſſens eines der größten Verbrechen unter der Sonne und wird mit beiſpielloſer Härte beſtraft, weit ſchlimmer als ſimpler Wilddiebſtahl. Alſo bringt Langſchädeln nicht zur Verzweiflung, ich rathe es Euch zu Eurem eige⸗ nen Wohle. Entſchlagt Euch aller weitern Ausflüchte und zahlt die tauſend Thaler Preußiſch; eine nur mäßige Summe für Eure Vermögensumſtände.“ Als der Inſpector von tauſend Thalern hörte, ward es ihm Nacht vor den Augen und er gerieth zu Feurich's Verdruſſe ebenfalls in eine Art von reſig⸗ nirender Wuth. „Meinetwegen ſperrt mich in's Zuchthaus,“ rief er erboſt,„aber tauſend Thaler zahle ich nicht. Darauf verlaßt Euch. Ich war ſchon ein Eſel, daß ich mich zu fünfhundert verſtand.“ Der Wildſchütz ſah jetzt ein, daß er bei Sonnen⸗ ſchmidt's Geize und Deſperation nicht weiter gehen dürfe. Mit der Langſchädel'ſchen Auslöſung war es ihm auch gar nicht Ernſt geweſen. Er wußte, daß der arme Teufel nichts beſaß und wollte blos Son⸗ nenſchmidten für ſeine Hartherzigkeit beſtrafen. Letz⸗ teres war ihm gelungen. Er lenkte daher ein und ſprach: „Wohlan, in Betracht der Zahlungsunfähigkeit des Lieutnants und damit nicht ſeine Deſperation Sonnenſchmidten noch zu Schaden gereicht, will ich ein Auge zudrücken und mit des Inſpectors fünfhun⸗ dert Thalern für Beide zufrieden ſein. Demnach er⸗ kläre ich hiermit Beide für Märtyrer einer guten Sache und werde mit all' meinen Leuten die Sache vor Ge⸗ richt beſchwören, ſobald, wie geſagt, die bewußte Summe binnen vierundzwanzig Stunden ſich in den Händen meiner Frau befindet. Sonnenſchmidt mag daher un⸗ verzüglich Sorge tragen, daß die Zahlung erfolgt, denn außerdem ſeid Ihr Beide meine Mitſchuldigen und meine Gefährten im Zuchthaus. Darauf mein heiliger Schwur. Ich habe bei der Sache nichts zu wagen und zu verlieren, und kann nur gewinnen.“ Stolle ſämmtl. Schriften. VIII. 10 146 „So ſoll ich doch noch für dieſen Menſchen, der nur zu meinem Schaden in der Welt herumläuft, be⸗ zahlen,“ ſprach Sonnenſchmidt höchſt mißverſtimmt. „Und ohne daß es ihm einen Pfennig koſtet,“ fuhr er nach einer Pauſe ingrimmig fort,„kommt er durch mein gutes Geld aus aller Trübſal, die er ſelbſt herbeigeführt hat, und zu hohen Ehren. Iſt denn alle Gerechtigkeit von der Erde geſchwunden? Es iſt gräulich, ich will lieber gar nicht daran denken.“ Obſchon ſich der Inſpector alle Mühe gab, die fatale Geſchichte aus ſeinem Gedächtniſſe zu verdrän⸗ gen, ſo eoncentrirten ſich demungeachtet ſeine Gedan⸗ ken fortwährend auf den Gegenſtand ſeines Aergers. „Fünfhundert Thaler,“ fuhr er mit ſich ſprechend fort,„es iſt zum Raſendwerden. Dieſe Schatzgräberei iſt ein Nagel zu meinem Sarge. Erſt in's Waſſer gefallen, dann die Madeiraflaſche verloren, dann ver⸗ gebens nach dem verfluchten Schatze geſchaufelt, wer weiß, wo der liegt; dann ein Stich in die Wade, die Wunde thut mir noch weh, dann in Gefahr, leben⸗ digen Leibes abgeſchlachtet zu werden. Dann wieder in Gefahr, ein paar Jahre auf's Zuchthaus zu ſpa⸗ zieren; endlich gar fünfhundert Thaler, um nur als ehrlicher Mann aus allen dieſen beiſpielloſen Malheurs hervorzugehen. Und dieſer Langſchädel, dieſer elende Menſch, der mir ſeit Jahren ſchuldet, der mich erſt verlockt hat durch ſeinen ſcheußlichen, gottesläſterlichen Traum, der kommt davon, ohne Stich und ohne daß es ihm einen Heller koſtet, und verdient ſich auf meine Koſten, für mein ſchönes, gutes Geld noch Glorien⸗ ſchein als Wohlthäter des Vaterlandes. Es iſt wirk⸗ lich gottserbärmlich. Wenn ich allein die Ehre davon trüge, wollt ich noch nichts ſagen, ich habe ſie be⸗ zahlt mit fünfhundert Thalern, aber daß ich ſie mit —— 147 dieſem Schlingel, mit dieſem erbärmlichen Kerl, deſſen Renommée ſchon längſt dahin iſt, theilen ſoll, das bringt mich um.“ Je länger Sonnenſchmidt über ſein Mißgeſchick und über die zu leiſtenden fünfhundert Thaler nach⸗ dachte, deſto ergrimmiger ward er. Nächſt Langſchä⸗ deln traf ſeine Wuth zunächſt den Genius, der dem Lieutnant den ominöſen Traum eingegeben hatte. „Langſchädel!“ rief er nach einer Pauſe. „Inſpector?“ ſcholl es zur Antwort aus des Lieut⸗ nants Munde. „Ich erkläre,“ fuhr Sonnenſchmidt fort,„Ihren Genius, oder wer es ſonſt geweſen iſt, der Ihnen den Schatz vorgemalt hat, für einen Schuft.“ „Wo denken Sie hin, Inſpector,“ rügte der Lieutnant. „Unbedingt für einen Schuft,“ platzte Sonnen⸗ ſchmidt leidenſchaftlich heraus,„er kann es hören, der Urian, ich ſcher' mich den Teufel d'rum. Ein ſolcher Kerl kann mir geſtohlen werden.“ „Sie freveln, Inſpector!“ ſtrafte Langſchädel. „Was?“ rief Sonnenſchmidt erboſt,„für meine fünfhundert Thaler Preußiſch, um die mich Ihr nichts⸗ nutziger Gnome, oder wie er ſich ſonſt benamſet, bringt, ſoll ich mich nicht einmal ereifern dürfen? Das fehlte. Kurz und gut, er iſt ein Schuft, und wenn er Ihnen noch einmal erſcheint, ſo ſagen Sie ihm das; ſagen Sie nur, ich hätt' es geſagt; es wäre meine unumſtöß⸗ liche Meinung. Uebrigens heiße ich Sonnenſchmidt und wohne zu Neukirchen, im Friedbergiſchen Hauſe, eine Treppe hoch, vorn heraus.“ „Ei, wo denken Sie hin,“ verſetzte Langſchädel, „ich glaube, wenn ich Ihre Läſterungen rapportirte, er drehte mir den Kopf um. 10* 148 „Mag er drehen, mir gleich,“ verſetzte der In⸗ ſpector. „Aber mir nicht,“ erwiederte Langſchädel,„nein, da ſoll mich der Himmel bewahren, zu meinem Elend noch die Rache eines zürnenden Geiſtes auf mich zu laden.“ „Elend?“ frug Sonnenſchmidt,„wenn Sie doch nicht von Elend reden wollten. Blicken Sie auf mich, und ſchweigen Sie.“ Während der Inſpector und der Lieutnant dieſen erbaulichen Dialog mit einander führten, war der Spittelwirth und nahm mit ſei⸗ nen gefangenen Genbſſen Rückſprache. Er prägte je⸗ dem ſeine Ausſage ein, die er in Betreff der beiden Schatzgräber vor Gericht vorzubringen habe, und ver⸗ ſprach eine gute Belohnung. Unterdeß war es immer lichter geworden. Son⸗ nenſchmidt ſtand und ſchaute durch eine kleine Mauer⸗ öffnung nach dem grünen Kiefernwalde. „Nun fehlt nur,“ ſprach der Inſpector, in welchem noch immer der innere Grimm tobte,„daß wir vom Amtsfrohne zum allgemeinen Scandal nach der Stadt transportirt werden.“ „Das wolle der Himmel nicht,“ ſeufzte Langſchä⸗ del, der ſich gleichfalls erhoben hatte,„ich ertrüg' es nicht. „Mein Gott!“ fuhr er gleich darauf klagend fort, „da fällt mir ein, daß heute Markttag iſt, da ſollt' ich längſt an meinem Bräckenfenſter ſitzen.“ „Ich weiß gar nicht,“ fuhr Sonnenſchmidt den klagenden Gefährten an,„was Sie fortwährend la⸗ mentiren. Sie ſind doch ein wahres altes Weib. Wie müßte ich thun? Fünfhundert Thaler! Gerech⸗ ter Himmel! Ihre lumpigen Brickendreier, laſſen Sie ſich doch nicht auslachen!“ —.— 149 „Sie wiſſen nicht,“ verſetzte der Lieutnant,„was es mit einem wohlbeſtallten Geldereinnehmer auf ſich hat. Die geringſte Pflichtverletzung— Sie haben gut reden, ſind ein freier Mann.“ „Nun, das haben Sie Alles Ihrem liebenswür⸗ digen Traumapoſtel zu danken,“ ſprach Sonnen⸗ ſchmidt,„o dieſer Belial!“ Der Spittelwirth trat jetzt wieder zum Inſpector. „Unſere Sache,“ ſprach er,„iſt in Ordnung; ich habe meine Leute für alle Fälle inſtruirt. Jetzt hal⸗ tet Wort und ſorgt für das bewußte Geld, ſonſt dreh' ich den Spieß um, und Ihr möchtet Eure Knickerei zu ſpät bereuen.“ F „Knickerei!“ rügte Sonnenſchmidt,„was das für Redensarten ſind, fünfhundert Thaler, da hat ſich etwas zu knickern.“ „Der Herr Amtmann kommt,“ rief eine Stimme von Außen. Ein Wagen fuhr vor. Gewehre klirr⸗ ten; das Thor ward haſtig geöffnet und der Herr Amtmann Löffler von Neukirchen trat in Begleitung ſeines erſten Actuars und des Amtsfrohns unter die Gefangenen. Reuntes Rupitel. Kappler's Heimkehr und was ſich ſonſt noch Wunderbares ereignet. Der Sportelſchreiber Kappler war von ſeiner großen Weltfahrt mit dem Hofcommiſſair glücklich und wohl⸗ 150 behalten in Neukirchen wieder eingetroffen. Er hatte, wie der edle Odyſſeus, viele Städte geſehen und vie⸗ ler Menſchen Sitte erkundet, und that ſich als gerei⸗ ſter Mann nicht wenig zu Gute, wenn er von allen den außerordentlichen Dingen, ſo er gehört und ge⸗ ſehen, und von den vielen Abenteuern, ſo er beſtan⸗ den, ſeiner Haushälterin, der alten Chriſtine, in trau⸗ licher Abendſtunde erzählte. „Glaube Sie mir, gute Chriſtine,“ pflegte er zu ſagen,„hinter unſern Bergen iſt die Welt lange nicht alle; im Gegentheil, da geht ſie erſt recht an, wie ich aus eigner Anſchauung in Erfahrung gebracht habe.“ Den meiſten Genuß auf dieſer Reiſe hatte aber unſtreitig der Hofcommiſſair gehabt, dem fortwährend Gelegenheit ward, den ſchüchternen, noch nicht aus dem Weichbilde ſeines Geburtsſtädtchens herausgekom⸗ menen Sportelſchreiber in der fremden Welt zu beob⸗ achten. Keine Stunde verging, wo nicht komiſche Auftritte mit Kapplern vorfielen; wo nicht Eeccarius Etwas zu lachen bekam. Dies war auch wohl allein der Grund, warum der Hofcommiſſair ſich den Spor⸗ telſchreiber zum Begleiter auserwählt hatte. Um Kapplern Urlaub auszuwirken, mußte ſich der General Kirchner in's Mittel ſchlagen, welchen der Hofeommiſſair deshalb angegangen war. Ein leiſer Wunſch Seiner Excellenz galt aber dem Stadtrichter, welcher demſelben ebenfalls verpflichtet war, indem ihm Kirchner die erforderliche Caution zur Stadtrich⸗ terei gegen äußerſt billige Zinſen vorgeſtreckt hatte, für Befehl. Hieraus erklärt ſich denn die ſchnelle Willensveränderung Kleinſimon's in Betreff des Kapp⸗ ler'ſchen Urlaubsgeſuchs. Es würde hier zu weit führen, die mancherlei Fata und Abenteuer mitzutheilen, welche der weltun⸗ S ——-————— eei 151 kundige Sportelſchreiber während ſeiner zwölftägigen Abweſenheit von Neukirchen zu beſtehen hatte. Der Hofcommiſſair geſtand nach ſeiner Rückkehr dem Ge⸗ neral offenherzig, daß er in dem ganzen Jahre nicht ſo viel gelacht habe, als in den zwölf Tagen über ſeinen Reiſegefährten, und er ſeĩ überzeugt, daß ihm dieſer kurze Zeitraum für ſeine Geſundheit zuträg⸗ licher geweſen, als der längſte Aufenthalt in irgend einem Bade. Nur eins der Kappler'ſchen Reiſeabenteuer möge ſeiner Originalität halber hier einen Platz finden. Der Sportelſchreiber und der Hofcommiſſair wa⸗ ren glücklich in der berühmten Handelsſtadt Leipzig angekommen, und auf der Petersſtraße im Hotel de Baviere abgeſtiegen. Sie bewohnten zuſammen das Zimmer Nummer einunddreißig. Kappler, von der Reiſe und den mannigfachen Abenteuern des vorigen Tages ganz abgemattet und zum Tode ermüdet, ſchlief den folgenden Morgen ſo zu ſagen in den Tag hin⸗ ein. Der Hofcommiſſair war längſt aufgeſtanden, und hatte ſich angekleidet, als der Sportelſchreiber noch immer nicht aufwachte. Der am vorigen Abende ge⸗ noſſene Wein, welchen Kappler nicht gewohnt war, mochte auch das Seine zu dieſer Schlafſucht beige⸗ tragen haben. Es that dem Hofeommiſſair leid, den ſo ſanft Schlummernden aufzuwecken. Er dachte bei ſich, die gute Haut, ſie hat ſich dieſe Tage her genug abgeäſchert, mag ſie ausſchlafen, ſo lange es ihr ge⸗ fällt. Ich will ſie nicht ſtören, und gehen, und ein paar Beſuche abſtatten. Wenn ich zurückkomme, wird er wohl aufgewacht ſein. Eccarius entfernte ſich da⸗ her ſo leiſe wie möglich. Ein höchſt vrigineller Zufall wollte es aber, daß in dem Zimmer Nummer neununddreißig ebenfalls ein 152 Fremder einlogirt war, welcher bettlägrig war. Der⸗ ſelbe litt an Obſtructionen, und ſein Arzt hatte ihm ein kräftiges Lavement verordnet. Der Famulus des Arztes, welcher die heilbringende Operation zu ver⸗ richten hatte, erſchien und erkundigte ſich bei einem der Kellner nach dem Zimmer des hülfsbedürftigen Fremden. Der Gefragte nennt Nummer neunund⸗ dreißig, der Aeseulap aber verſteht unglücklicher Weiſe Nummer einunddreißig. Er ſteigt daher die Stiegen aufwärts, und klopft leiſe an Kappler's Zimmer, über deſſen Thüre die Nummer einunddreißig in unver⸗ kennbarer Deutlichkeit prangt. Da auf ſein Klopfen kein Herein erfolgt, denn der Sportelſchreiber lag fortwährend im Todtenſchlafe, öffnet endlich der Aes⸗ culap leiſe die Thür und ſchaut in's Gemach. „Du kannſt nicht irren,“ denkt er, nachdem er ſich ein wenig orientirt hat,„ein geſunder Menſch legt ſich nicht Vormittags neun Uhr an einem ſo ſchönen Tage in's Bette.“ Er tritt alſo vollends in's Zimmer, und bemerkt, daß ſein Patient zwar ſchläft, aber zufällig eine Po⸗ ſition eingenommen hat, die ſeiner vorzunehmenden Operation durchaus kein Hinderniß in den Weg legt. Der Schläfer nämlich, den der ungewohnte Chälean la rose ſehr warm gemacht, hat das Deckbett hinweg⸗ geſtrampelt, und bietet mit demjenigen Theile ſeines Körpers, der für ein Lavement von unerläßlicher Wich⸗ tigkeit iſt, allem bevorſtehenden Ungemach kühn die Stirn. Der Famulus ſpricht für ſich:„was ſollſt du ihn erſt wecken, er kann wachend nicht bequemer lie⸗ gen; es iſt ein alt Sprüchwort, wem der Himmel wohl will, dem giebt er's im Schlafe.“ Nach dieſer menſchenfreundlichen Bemerkung bringt 453 er ſeine Präparate in Ordnung, und langt die ver⸗ hängnißvolle Spritze hervor. Er läßt ſie von dem wohlthätigen Fluidum ſich vollſaugen, und alſo be⸗ waffnet nähert er ſich mit möglichſter Vorſicht, um den Schläfer nicht aufzuwecken, dem Lager des Sportel⸗ ſchreibers. Dieſer träumt ſo eben unfehlbar einen höchſt beglückenden Traum, er lächelt ſüß. Wahr⸗ ſcheinlich ſchwebt Langſchädel's Nichte in verklärter Lichtgeſtalt dem entzückten Geiſte vorüber. Der un⸗ glückliche Kappler ahnt nicht, wie nahe ihm bereits die gefährliche Schlange, die ſeinem roſenfarbenen Traume einen ſo niederträchtigen Untergang bereiten ſoll. Der Famulus, ganz erfüllt von dem Bewußtſein ſeines ſegensreichen Berufs, iſt endlich an dem Orte angelangt, wo er ſein wohlthätiges Inſtrument in Wirkſamkeit ſetzen kann, nur das Gewand hat er ein wenig zu lüften; nichts ſteht ſeinem Unternehmen mehr im Wege. Er avancirt mit Kennerblick, ſetzt ganz leiſe an und drückt los. Das Inſtrument entladet ſich vollkräftig, und der Sportelſchreiber fährt mit einem Zetermordio aus ſeinem Traume empor. So etwas iſt ihm im Leben noch nicht widerfah⸗ ren. Solch ein wunderſames Gefühl hat er noch nie empfunden. Die Operation iſt ihm durch und durch gegangen. Sein ganzer Magen iſt davon in Alarm geſetzt. Kappler hält im erſten Schrecken den Famu⸗ lus für einen Mörder, und fleht in herzzerreißenden Tönen um ſein Leben. „Verhalten Sie ſich nur ganz ruhig,“ tröſtete der Aesculap,„Sie werden alsbald Linderung verſpüren. Oder ſoll ich noch einmal anſetzen?“ „Um Gottes Willen,“ ſchreit der entſetzte Spor⸗ telſchreiber mit emporgeſträubtem Haar, und iſt vor allen Dingen bemüht, das bedrohte Glied vor der ver⸗ 154 zweifelten Spritze in Sicherheit zu bringen, indem er es gegen die Wand kehrt. Vergebens ſuchen ſeine Blicke nach dem Hofcommiſſair. Er ſieht ſich mutter⸗ ſeelenallein in die Gewalt des unheimlichen Menſchen gegeben. Der Famulus, der die außerordentliche Averſivn Kappler's vor ſeiner Spritze ſich gar nicht zu enträth⸗ ſeln vermag, erwiedert nun im ernſten Tone, daß ein Lavement für den gnädigen Herren, und auf Verord⸗ nung des Arztes, er nennt hiermit den Namen eines in Leipzig bekannten Doctors, erfolgt ſei. Dieſe Worte bringen den noch am ganzen Leibe zitternden Kappler vollends in Verwirrung. Er er⸗ klärt, daß er der Sportelſchreiber aus Neukirchen ſei, wobei er ſich auf das Zeugniß des Herrn Hofcom⸗ miſſairs Eecarius beruft. „Sie litten an Obſtructionen?“ verſetzt der Fa⸗ mulus. Nicht ohne Schamgefühl bekämpft der Sportel⸗ ſchreiber dieſe eben ſo unäſthetiſche wie irrige Anſicht. Gleichwohl bleibt der Aeseulap bei ſeiner Behaup⸗ tung, daß er von ſeinem Doctor expreß hierher ge⸗ ſchickt worden, um eine Handlung zu vertichten, wo⸗ von Kappler bereits eine leiſe Wirkung verſpürt. Während die Beiden über anberegten Gegenſtand noch mit vieler Höflichkeit und Humanität ihre ent⸗ gegengeſetzten Anſichten zu behaupten bemüht ſind, tritt der Hofeommiſſair, von ſeinen Beſuchen zurück⸗ kehrend, in's Zimmer. Er glaubt nicht ſeinen Augen zu trauen, als er den Famulus mit der Khyſtierſpritze in der Gegend des Kappler'ſchen Bettes erblickt, und wie der Sportelſchreiber, noch immer mit dem Rücken gegen die Wand gekehrt, zwiſchen den Bettlacken her⸗ vorproteſtirt. ßer Gedanke in Kapplern aufgedämmert. 155 Anfänglich befürchtet er wirklich, Kappler ſei un⸗ wohl geworden, als er aber bald den wahren Grund und Hergang der Sache erfährt, und ihm der Arzt die nähern Details über die vorgenommene Operation mit⸗ theilt, vermag er nicht länger ſtehen zu bleiben; er muß ſich auf's Sopha legen, denn der S den er zu beſtehen hat, iſt furchtbar.— Wir kehren nach Mittheilung dieſes Kappler ſchen Reiſeabentenuers wieder zu den Neukirchner Zuſtänden zurück. Mutter Chriſtine, wie ſehr ſie Anfangs gegen des Sportelſchreibers Reiſeſucht geeifert, und während Kappler's Abweſenheit, die ihr eine Ewigkeit dünkte, viel geſeufzt, und mit ſchweren Sorgen zu Bette ge⸗ gangen in der beſtändigen Furcht, ihrem Pfleglinge könne irgend ein Uebel zuſtoßen, oder er in Satans Stricke, wie ſie ſich ausdrückte, fallen, war über alle Maßen erfreut, als ſie ihn ganzbeinig wiedererblickte, und ſöhnte ſich mit ſeiner Weltfahrt vollkommen aus, da er mit wichtiger Miene ſein Ränzlein auspackte, und zu Chriſtinens freudigem Schreck nicht nur zwei Paar wollene Strümpfe mit rothen Kanten und Zwi⸗ ckeln, ſondern auch eine großblumige Schürze hervor⸗ zog; welche Herrlichkeiten er ſeiner Wirthin als Prä⸗ ſent überreichte. Anfangs wollte er ihr einen Gürtel mit einer bronzirten Schnalle kaufen, und er ſtand deshalb mit einem marktſchreieriſchen Tabuletkrämer bereits in Unterhandlung, welcher ihm den Gürtel als ein äußerſt zartes und empfehlungswerthes Frauen⸗ geſchenk anpries; als der Hofcommiſſair ihn bedeutete, daß ein Gürtel nur eine Gabe für Mädchen ſei und nicht für alte Frauen, wie ſeine Wirthin. So ver⸗ blieb es bei den Strümpfen und der Schürze. Bei dieſen Einkäufen für Chriſtinen war ein gro⸗ 156 „Wie wär's,“ dachte er,„wenn du auch für De⸗ moiſelle Agnes Etwas einkaufteſt; aber das müßte was ganz Zartes und Feines ſein.“ Er ſann hin und wieder. Den Hofcommiſſair wagte er natürlich nicht, in dieſer Angelegenheit zu Rathe zu ziehen. Die Auswahl unter den vielen kleinen Luxusar⸗ tikeln ward ihm ausnehmend ſchwer; von den meiſten ſah er nicht einmal den Zweck und Nutzen ein, und er war viel zu ſchüchtern und zu beſcheiden, als daß er es gewagt hätte, um nähere Auskunft zu bitten. Sein Auge war geblendet von den reichen Bazars. Auch erſchienen ihm dieſe eleganten Sächelchen alle ſo glänzend, daß er ſie gar nicht bezahlen zu können glaubte, obſchon er wegen Agnes ein großes Opfer nicht geſcheut haben würde. „Es ſoll nicht ſein,“ ſprach er für ſich, als ſeine zweifelvollen Blicke rathlos in den Sellier'ſchen Reich⸗ thümern am Leipziger Markte verſtohlen hin und wie⸗ der irrten.„Auch iſt es, bei Lichte beſehen, doch zu vermeſſen, vielleicht ſelbſt unſittlich, wenn ein Jung⸗ geſelle einer Jungfrau Geſchenke von der Reiſe mit⸗ bringt; die Welt denkt gleich Arges; zudem, wie wollte ich ihr die Gabe zuſtellen?“ Alle dieſe Bedenklichkeiten erhielten aber einen harten Stoß, als Eccarius auf der Heimreiſe zufällig Kapplern fragte:„Nun, Regiſtrator, was haben Sie denn Ihrer Herzallerliebſten, Demviſelle Langſchädel, zum Andenken mitgebracht?“ Der Hofcommiſſair nahm dieſen Einkauf als eine ſo ausgemachte Sache an, daß der Sportelſchreiber ordentlich in Verlegenheit gerieth. Er glaubte ſich entſchuldigen zu müſſen und führte eine große Anzahl von Bedenklichkeiten auf, die ihm von dem Einkaufe abgehalten hätten. 157 Eccarius gab jedoch auf alle die angeführten Ent⸗ ſchuldigungsgründe Nichts.„Sie ſind ein Geizham⸗ mel,“ ſprach er,„Sie werden auf ſolche Weiſe es in Ihrer Liebe nicht weit bringen. Wiſſen Sie nicht, daß man ohne Geſchenke ſo leicht kein Mädchenherz erobert?“ Das war wieder etwas ganz Neues für Kapplern und ſchlug ihn ſehr darnieder, obſchon er an die Er⸗ oberung des Herzens von Agnes im Entfernteſten nicht gedacht hatte. Außerdem war es ihm auch höchſt ſchmerzlich, daß ihn Eccarius einen Geizhammel ge⸗ nannt hatte, wiewohl es mit dieſer Benennung dem Hofcommiſſair keineswegs Ernſt war. Kappler hatte alſo nichts Angelegentlicheres zu thun, als ſeinem hoch⸗ geſtellten Gönner und Freunde in aller Ehrfurcht den Beweis ſo einleuchtend wie möglich aus einander zu ſetzen, daß er von dem Laſter, ſo man Geiz nenne, frei zu ſprechen ſein dürfe. Dergleichen ſeltſame Inſinuationen des Hofcom⸗ miſſairs hatte der Sportelſchreiber während der Reiſe überhaupt ſehr viele zu bekämpfen. Bald ſollte er mit ſtaatsgefährlichen Ideen ſchwanger gehen, bald wieder zog Eccarius ſein Chriſtenthum in Zweifel, bald ſollte er zu verliebt in's ſchöne Geſchlecht ſein und bald wieder die Heiligkeit des Eheſtandes ange⸗ taſtet haben. Der Hofcommiſſair, ein geiſtreicher und gewandter Dialectiker, ſtellte in der Regel ſchlagende Beweiſe für ſeine Behauptungen auf, daß Kappler oft ordentlich über Verbrechen erſchrak, die ihm wirk⸗ lich vorkamen, als habe er ſie begangen, und an wel⸗ chen er ſo unſchuldig war, wie ein neugebornes Kind— Der Hofcommiſſair liebte es, ſeinen Schützling durch verfängliche Fragen in die Enge zu treiben, und erſt wenn der gequälte Kappler weder aus noch ein wußte und ſtille Verzweiflung über ihn kam, reichte Eccarius lächelnd die Hand und brachte Geiſt und Gemüth wieder zur Rube, indem er ſelbſt die gefährlichen Sophismen vernunftgemäß aus einander legte und ihre Nichtigkeit darthat. Nach allen dieſen überſtandenen Leiden, Abenteuern und Aengſten ſaß Kappler wieder wohlgemuth an ſeinem Pulte und war im Begriffe, einige Reſte auf⸗ zuarbeiten, die ſich während ſeiner Abweſenheit ange⸗ häuft hatten, als ganz unvermuthet ein neues Ereig⸗ niß hereinbrach, das den friedlichen Mann mehr als alle anderen zeitherigen Mißgeſchicke erſchütterte und ihn aus aller Faſſung brachte. Das Stadtgericht erhielt den Auftrag, eine bei dem Brückenzollgeldereinnehmer Langſchädel ausge⸗ klagte Schuld executoriſch beizutreiben. Die Summe belief ſich netto auf ſiebenundfunfzig Thaler achtzehn Groſchen. Die Geſtundungstermine waren erfolglos verſtrichen und der Gläubiger drang auf ſofortige Aus⸗ pfändung. Die pecuniären Beängſtigungen des Lieutnants hatten ſich von Woche zu Woche verſchlimmert; ſeine Mittel und ſein Credit waren erſchöpft und darum vermochte er auch nicht, den drohenden Sturm, der ſelbſt ſeine amtliche Stellung nicht wenig in Gefahr zu bringen drohte, zu beſchwören. Obſchon Lang⸗ ſchädel durch ſeinen tapfern Widerſtand gegen die Wildſchützen(letztere hatten nämlich, von den fünf⸗ hundert Thalern Sonnenſchmidt's beſtochen, wirklich vor Gericht die Befehle Feurich's befolgt, ſo daß Son⸗ nenſchmidt wie auch Langſchädel als Märtyrer aus dem Schatzgräberabenteuer hervorgegangen waren) man⸗ ches Lob eingeerntet, ſo kehrten ſich doch ſeine uner⸗ bittlichen Gläubiger darum wenig und bedrängten ihn von Tage zu Tage hartnäckiger. Mit Sonnenſchmidten war er in Folge des unglücklichen Schatzgrabens total zerfallen; er durfte dieſem nicht mehr unter die Au⸗ gen kommen. Der Inſpector, der die fünfhundert Thaler durchaus nicht verſchmerzen konnte, hatte Stein und Bein geſchworen, dem Langſchädel alle Knochen zu zertrümmern, ſo er ſich's wieder gelüſten laſſe, über ſeine Schwelle zu kommen. Demnach war auch dieſe Geldquelle, wie äußerſt ſpärlich ſie gefloſſen, verſiegt. Mit dem Hofcommiſſair war daſſelbe der Fall. Nach⸗ dem Eccarius erkannt hatte, daß der Lieutnant trotz aller Warnungen von ſeiner leichtſinnigen Lebensweiſe nicht ablaſſe, und daß ihm bei dem beſten Willen nicht zu helfen und das Geld nur weggeworfen ſei, eröffnete er ihm bei dem letzten Darlehn ſeine Meinung auf eine Art, daß Langſchädel wohl einſah, hier dürfe er nicht wieder anklopfen. Ueberdies hatte der Lieutnant den Hofcommiſſair wahrhaft gebrandſchatzet, ſo daß die Summe, welche er ihm ſchuldete, eine ſehr bedeutende Höhe erreicht hatte, deren Wiederbezahlung ganz außer⸗ halb ſeiner Kräfte lag. Daß bei dieſen zerrütteten Vermögensumſtänden des Lieutnants ſeine Nichte den ſchwerſten Stand hatte, bedarf kaum einer Erwähnung. Das kleine Capitäl⸗ chen, welches ſie von ihren Eltern ererbt, hatte der gewiſſenloſe Oheim längſt herauszulocken gewußt und verthan. Auf gleiche Weiſe waren die paar Thaler, die ſie ſich durch mühſamen Fleiß erworben, aufge⸗ gangen. Um den kleinen Hausſtand nur dürftig zu unterhalten, war das arme Mädchen gezwungen, vom früheſten Tageslichte bis in die ſpäte Nacht für fremde Leute kunſtreiche weibliche Arbzit zu fertigen, worin ſie große Geſchicklichkeit beſaß. Von einem Wirth⸗ ſchaftsgelde, wie ſie wohl ehedem erhalten, war ſchon lange keine Rede mehr. S 16⁰ Trotz all dieſem häuslichen Ungemach, denn ſie war in der letztern Zeit der ſtets üblen Laune des Onkels mehr denn je ausgeſetzt, hatte ſie ihre heitere Laune immer zu bewahren gewußt. Nur die Nach⸗ richt von der bald bevorſtehenden Auspfändung ſchlug ihren lang bewahrten Muth darnieder. Vergebens bot ſie ihren ganzen Scharfſinn auf, um ein Mittel ausfindig zu machen, der drohenden Gefahr, welche ſie als das ſchrecklichſte Ereigniß ihres Lebens betrach⸗ tete, vorzubeugen; aber ſie mochte ſinnen, wie ſie wollte, es bot ſich keins dar. Es war ihr zwar wiederholt gelungen, wie ſchwer ihr ein ſolcher Schritt ankam, bei dem hartherzigen Gläubiger Geſtundung auszu⸗ wirken; doch die Geduld des Letztern, da er kein Geld erhielt, war endlich erſchöpft, und Agnes wagte nicht, den rauhen Mann nochmals um Nachſicht anzuflehen. Schon das letzte Mal, als ſie die rührendſten Bitten an ſein Herz legte, hatte ſie eine Behandlung erdul⸗ den müſſen, die ihr Zartgefühl blutend verletzte. Langſchädel ſelbſt kümmerte ſich wenig um die an⸗ geſagte Execution; er war allmälig durch das unun⸗ terbrochene Mahnen und Drängen ſeiner Gläubiger ſo abgeſtumpft und indvlent geworden, daß ihm die Zukunft und ſein einſtiges Schickſal ziemlich gleich⸗ gültig ließ. Tauchte ja von Zeit zu Zeit ein mah⸗ nender Gedanke auf, ſo ſuchte er ihn durch ſpirituöſe Getränke zu verſcheuchen. Der verhängnißvolle Tag der Auspfändung rückte indeß immer näher. Täglich lag die angſterfüllte Agnes in heißem Gebete auf den Knieen und flehte zum Allerbarmer, daß er nur dieſen Kelch von ihr nehmen möge; nichts war ihr entſetzlicher, als ſolch' öffentliches Einſchreiten der Gerichte. Hier in ihrem kleinen ſtillen Heiligthume, in ihrem freundlichen, ob⸗ 161 wohl dürftigen Stübchen nach den Werlabergen hin⸗ aus, ſollten in wenig Tagen die rauhen Hände der Gerichtsdiener ihr unheiliges Weſen treiben. Hier dieſes kleine Nußbaumtiſchchen am Fenſter, das ihr ſo lieb geworden, und an welchem ſie oft ihren ſtillen Träumen nachgehangen, ſollte eine Beute der uner⸗ bittlichen Gläubiger werden. Tiefe Schwermuth hatte das hübſche Geſicht des ſonſt ſo freundlichen Mädchen umzogen und angſtvoll klopfte ihr Herz, wenn ſie der verhängnißvollen Stunde gedachte, die in Kurzem bevorſtand. Ach, die Prüfung der Dulderin war hart; wie ſehr ſie auch zu Gott flehte, er half nicht, keine Ret⸗ tung wollte erſcheinen. Langſchädel, dem es allmälig, je näher die Execution heranrückte, ebenfalls unheim⸗ lich zwiſchen ſeinen vier Wänden wurde, verließ hän⸗ fig ſchon in den Vormittagsſtunden das Haus, und trieb ſich bis in die ſpäte Nacht in den Schänken und Wirthshäuſern umher, während die unaufſchieblichſten Geſchäfte ſeinem Schreiber oblagen. So war der Vorabend des Executionstages her⸗ beigekommen und noch immer keine Hülfe erſchienen. Die morgende Auspfändung ſtand unwiderruflich be⸗ vor. Langſchädel war wie gewöhnlich ſchon am Vor⸗ mittage davon gerannt. Ein wunderſchöner Sommer— abend lag duftend über Berg und Thal; die letzten Strahlen der Sonne ſchienen mit beſonderer Liebe die reizende Landſchaft zu vergolden. Kein Lüftchen regte ſich, und weit hinaus über Stadt und Land erklangen die frommen Töne des Chorals von den Zinnen der alten Kloſterkirche, welche einem alten ſchönen Gebrauch nach in den Frühlings⸗ und Som⸗ mermonaten die ſcheidende Sonne zur Ruhe brachten. Aber die Stille und der Frieden, welcher über Stolle, ſämmtl. Schriften. vIII. 41 162 der ganzen Natur ausgebreitet war, wohnte nicht in der Bruſt der unglücklichen Agnes. Vergebens klang ihr Lieblingschoral:„Wer nur den lieben Gott läßt walten!“ vom Thurme; die ſchöne Abendlandſchaft, von der ſie ehedem ſo erfreut wurde, lächelte ver⸗ gebens. Angſt und Unruhe zitterten in ihrem Her⸗ zen, und als die Schatten des Abends tiefer herab⸗ geſunken, ſetzte ſie ſich in einem dunkeln Winkel der Stube, welche nach der Straße hinaus ging und weinte bitterlich. Unter Thränen hatte ſie ſchon ihre Balſaminen und Levkoien und Reſeda begoſſen, die freundlich vor ihrem offenen Fenſter blühten, an welchem ſie zu ſitzen pflegte, und die dankbar mit ihren Düften die weinende Pflegerin zu tröſten ſuchten. Es ward immer dunkler. Noch immer ſaß die Verlaſſene in ihrer Ecke, die Hände krampfhaft zum Gebet gefaltet. „Gott!“ weinte ſie leiſe,„wie wird es Morgen um dieſe Zeit hier ausſehen und was ſoll aus uns werden?“ Sie weinte heftiger; Verzweiflung nagte in ihrem Innern. Dann rief ſie im tiefſten Schmerze:„Mein Gott, warum haſt du mich verlaſſen!“ Kaum waren dieſe Worte ihren Lippen entbebt, als durch das offene Fenſter über die Levkvien und Balſaminen ein dunkler Gegenſtand geflogen kam und mit einigem Geräuſch in die Stube fiel. Agnes erſchrak und ſprang auf. Sie wußte ſich die ſeltſame Erſcheinung nicht zu erklären; es ward ihr unheimlich in dem immer dunkler werdenden Zimmer. Sie eilte in die Kammer, um Licht anzu⸗ zünden. Nicht ohne Bangen kehrte ſie mit dem Lichte zurück. Sie beſorgte, es ſei eine Fledermaus 163 geweſen, die ſich in das Zimmer verirrt habe. Vor⸗ ſichtig leuchtete ſie umher; da lag zu ihrer nicht ge⸗ ringen Verwunderung ein großes Papierpacket in der Stube. Mit einer verzeihlichen Neugier beleuchtete Agnes das Packet von allen Seiten; aber es währte eine Zeit lang, ehe ſie es anzurühren wagte. End⸗ lich ſiegte dennoch die weibliche Neugier; aber wer beſchreibt ihre Verwunderung, als ſie auf der Adreſſe die Worte las: Ihro Hochedelgeboren, der wohlehrbaren Demoiſelle Agnes Langſchädel. Das erſtaunte Mädchen blieb lange unentſchloſſen, ob ſie das Packet, welches von einiger Schwere war, erbrechen ſollte oder nicht. Sie ſtudirte unzählige Male die Adreſſe. Dieſe war allerdings an Niemand anders als an ſie gerichtet, gleichwohl kam der Em⸗ pfang dem Mädchen ſo ſonderbar und unheimlich vor, daß ſie wiederholt die Hand vom Erbrechen der Oblate zurückzog. Sie legte die geheimnißvolle De⸗ veſche auf den Tiſch und wollte erwarten, bis der Onkel nach Hauſe käme. Sie ſchaute verſtohlen durch's Fenſter, durch welches der Brief gekommen war; aber auf der Straße war Alles ſtill und Niemand zu erblicken. Agnes wartete eine geraume Zeit, immer von Neuem betrachtete ſie das Packet von allen Seiten, bemühte ſich die Oblate zu ſtudiren, ob darauf nicht ein Schriftzeichen zu entdecken ſei; vergebens, ſie ſchien blos mit der Hand aufgedrückt. Wieder verging eine Zeit; der Onkel wollte noch immer nicht kommen, da faßte ſich das Mädchen ein Herz und machte ſich an das Oeffnen des Briefes. 11* 164 „Es iſt kein Verbrechen,“ meinte ſie, ſich ſelbſt Muth einſprechend,„wenn ich einen an mich adreſ⸗ ſirten Brief erbreche, obſchon derſelbe nicht auf die übliche Art und Weiſe mir übergeben worden iſt. Wahrſcheinlich enthält er ein Muſter und einen Auf⸗ trag von einem meiner Kunden, und der Ueberbringer hat ſich einen Scherz gemacht und mich erſchrecken wollen. Die beſtellte Arbeit iſt vielleicht dringend und darum wäre es Unrecht, wenn ich zögern wollte, das Schreiben zu eröffnen und zu leſen., Nach ſolchen und ähnlichen Reflexionen war es dem Mädchen gelungen, das Siegel zu löſen; aber — neues Erſtaunen, das in Entzücken und Himmels⸗ freude überging, bemächtigte ſich ihrer, als ſie freude⸗ zitternd die Worte las, welche auf einem Papier ſtan⸗ den, das oben auf lag: „Die beiliegenden ſieben und funfzig Thaler, achtzehn Broſchen Convention überſchickt Ihnen, hoch⸗ achtbare Demviſelle, ein reicher Mann und ein Freund der Tugend, damit Sie die ausgeklagte Schuld tilgen. Wenn der Gläubiger dieſe Summe morgen in der Frühe erhält und ein wohllöbliches Stadtgericht von der Tilgung der Schuld in Kenntniß geſetzt wird, ſo iſt ein executoriſches Einſchreiten nicht denkbar. Möge dieſer Brief glücklich in Ihre Hände gelangen, hochacht⸗ bare Demvoiſelle. Dies bittet zu Gott der ſich mit größter Hochachtung unterzeichnende reiche Mann und Freund der Tugend.“ Dieſes Schreiben war begleitet von einem funf⸗ zigthälerigen, dreiprocentigen ſächſiſchen Kammer⸗Cre⸗ ditkaſſenſcheine, von drei vergilbten ſächſiſchen ein⸗ thälerigen Kaſſenanweiſungen, ferner einem alten 165 Kronthaler mit der Jahreszahl 1643, einem dito ganz alten Species, mehren alterthümlichen Gulden⸗ ſtücken, und der Reſt beſtand aus Conventionszwei⸗ groſchenſtücken, worunter ſich zwei gehenkelte befanden. Sämmtliche Geldſtücke, obſchon von ſehr altem Gepräge, waren gleichwohl äußerſt reinlich gehalten, und es ſchien faſt, als wenn ſie vorher eigends mit Putzpulver abgerieben worden ſeien. Wer vermochte den Zuſtand des glücklichen Mäd⸗ chens zu beſchreiben! Sie fiel auf die Knie und betete lang unter heißen Dankeszähren. Dann aber zerarbeitete ſie vergeblich ihr Denkvermögen nach Er⸗ forſchung des ſegenvollen Gebers. Ihr frommer Glaube ließ ſie faſt vermuthen, daß ein Engel dieſes Geſchenk ihr übermacht habe; wenigſtens war der Empfang wunderbar genug. „Ach!“ ſprach ſie wonnetrunken,„wenn es auch kein Engel vom Himmel war, ſo muß es ein Engel von hienieden geweſen ſein. „So gäbe es doch menſchliche Engel,“ fuhr ſie nach einer Pauſe im Nachſinnen verſunken und ſtiller Erhebung fort;„v wie gut, daß ich mich in dieſem ſchönen Glauben nie irre machen ließ. Ja, es giebt noch Engel hienieden und ein ſolcher lebt ganz in meiner Nähe. O du mein guter Vater im Himmel, hilf mir, daß ich ihn kennen lerne, daß ich ihm den Dank meines Herzens bringen kann.“ „Und dieſer Engel iſt zugleich ein reicher Mann?“ frug ſie,„und ein Freund der Tugend; wie ſeltſam findet man doch Reichthum und Tugend nicht immer beiſammen.“ Es war ihr indeß lieb, daß ihr Retter reich war, wie er ſelbſt bekannte, ſie konnte da ja die Gabe mit leichterm Herzen in Empfang nehmen; hätte er von „ 166 ſeinem Reichthume in dem Briefe nichts verlauten laſſen, ſo blieb ſie immer in Ungewißheit, ob die Liebesgabe nicht zugleich ein ſchweres Opfer von der andern Seite ſei, und dies würde ſie außerordentlich geſchmerzt und beunruhigt haben. Ihre Gedanken fielen nur auf eine Perſon der Neukirchener Bewohner, nämlich auf den reichen General Kirchner. Das war allerdings der Mann, der eine ſo bedeutende Summe, wie ſie eben erhalten, eher als jeder andere verſchmerzen konnte, und zu⸗ gleich war er ein edler Mann, dem die Leute nur Gutes nachſagten. Aber wie kam dieſer hochgeſtellte Herr zu ſo genauer Kenntniß ihrer häuslichen Ver⸗ hältniſſe? Was ſie in ihrem Glauben, Seine Exeellenz könne der ſegensreiche Geber nicht ſein, noch mehr beſtärkte, war der Gedanke, daß ihr Onkel nie ſehr freundlich auf den General zu ſprechen war, und alſo zu ihm in keinem guten Verhältniſſe ſtand. Wer war alſo dieſer reiche und edle Mann von Neukirchen, der zu ihrer und ihres Onkels Rettung die ſo bedeutende Summe von faſt achtundfunfzig Thalern opferte? Wenn ſie nicht Alles trog, ſo waren die Schrift⸗ zuge in dem Brief mit verſtellter Hand geſchrieben; ein Beweis, daß der Geber auf jede Weiſe unerkannt bleiben wollte. Für letzteres ſprach überhaupt auch die ſonderbare Art, wie ſie den Brief erhalten hatte. War er nicht gleichſam vom Himmel über die Blu⸗ men, im Dunkel und in der Stille des Abends in das Zimmer geflogen? Die Worte in dem Briefe:„Wenn der Gläu⸗ biger dieſe Summe morgen in der Frühe erhält, ſo iſt ein executoriſches Einſchreiten nicht denkbar,“ lie⸗ 167 ßen Agnes aber auch keine Ruhe mehr. Sie fürch⸗ tete ſchon, morgen früh könne es zu ſpät ſein, und ſie beſchloß, noch heute den Gläubiger zu befriedigen, damit ihre Wohnung um ſo gewiſſer von der Exe⸗ cution verſchont bleibe. „Gott vergelte Dir's, Du Edelſter,“ ſprach ſie wie im Gebet, indem ſie die Summe zu ſich ſteckte, „ja, Du mußt ein Engel ſein, o daß ich Dich be⸗ lohnen könnte, wie es mein Herz verlangt!“ Mit dieſen Worten ſetzte ſie eilfertig ihren Hut auf, warf ein Tuch um, und war bald in der Dun⸗ kelheit verſchwunden. Während wir aber dem kleinen Himmelsfeſte im Innern der Brückenzollgeldereinnahme beiwohnten, trug ſich außerhalb eine andere Scene vor, die wir gleichfalls der Kenntniß unſerer Leſer nicht vorent⸗ halten dürfen. Zu derſelben Zeit nämlich, als Agnes noch in tiefſter Betrübniß in ihrer Ecke ſaß, und ſich von Gott verlaſſen glaubte, ging der Hofcommiſſair Ee⸗ carius, welcher von den Waldbergen heimkehrte, über die Brücke. Er bemerkte in der Dunkelheit, wie eine kleine Geſtalt auf etwas verdächtige Weiſe um das Brückenhaus ſchlich. Dies fiel ihm auf, und um beſſer beobachten zu können, drückte er ſich in eine Vertiefung der Brückenmauer. Da gewahrte er, wie die Geſtalt ſich den Fenſtern des Zollhauſes be⸗ hutſam näherte, plötzlich etwas über die Blumenſtöcke in die Stube warf, und eiligſt davon lief. „Hier hat ſich unbeſtritten ein Muthwilliger ei⸗ nen Schabernak erlaubt,“ ſprach Eecarius für ſich, „der ihm nicht ungeſtraft hingehen ſoll.“ Er eilte alſo in ſchnellen Schritten der Geſtalt nach, die er auch bald eingeholt hatte, denn ſo wie ——— — ———— — — 1 3 168 ſie die Promenade erreicht, verlangſamte ſie die Schritte. Eccarius erkannte jetzt, daß es ein Knabe ſei. „Guten Abend, mein Söhnchen,“ redete der Hof⸗ commiſſair den Kleinen an,„wie heißt Du denn?“ Der Knabe, etwas ſtutzig gemacht ob der uner⸗ warteten Frage, die überdies von einem Herrn kam, in welchem er den allgefürchteten Hofcommiſſair ent⸗ deckte, erwiederte ſchüchtern: „Ich heiße Beier.“ „Wer iſt denn Dein Vater?“ frug Eccarius theilnehmend weiter. „Ein Schuhmacher.“ „Wo wohnt Ihr denn?“ „Auf der Hintergaſſe bei Siebdrath's.“ „So,“ fuhr der Hofcommiſſair fort,„was hat⸗ teſt Du denn bei dem Brückeneinnehmer zu ſchaffen, Du warfſt ja etwas durch das Fenſter in die Stube.“ „Ich?!“ frug erſchrocken, ſich verrathen zu ſehen, der Knabe,„ich bin's nicht geweſen.. „Du mußt nicht lügen, mein Sohn,“ rügte E Fera⸗ rius,„ich hab' es geſehen; was haſt Du denn bei Langſchädel's in die Stube geworfen?“ „Ich habe nicht geworfen,“ tönte es immer ängſtlicher. „Wenn Du es nicht geſtehſt,“ meinte der Hof⸗ commiſſair ruhig,„ſo muß ich Dich einſtecken laſſen. Alſo verſchlimmere Deine Sache nicht, und erzähle die Wahrheit. Gewiß haſt Du wollen dem Herrn Lieutnant einen Poſſen ſpielen.“ „O nein, nein!“ ſtammelte der Knabe, welchen große Angſt befiel, als er von Einſtecken hörte. „Alſo was haſt Du in das Zimmer geworfen?“ frug Eeccarius in ſtrengem Tone. 169 „Einen Brief.“ „Einen Brief? Wer hat Dir denn den Brief gegeben?“ Hier ſtockte der Kleine, unfehlbar war ihm vom Briefſchreiber unverbrüchliches Schweigen auferlegt. „Fürchte Dich nicht,“ munterte der Hofeommiſſair auf,„von wem war der Brief?“ „Vym Herrn—“ „Nun, immer heraus, ich werde nichts verrathen.“ Durch dieſe Verheißung ermuthigt, erwiederte der kleine Briefträger:„Aber nicht wahr, Sie verrathen den guten Herrn nicht?“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, mein Sohn, daß ich das nicht thun werde. Wer iſt aber dieſer gute Herr?“ „Der Herr— Sportelſchreiber.“ Eeccarius ſtutzte.„Iſt's möglich,“ ſprach er für ſich,„mein Kappler, die Unſchuld, ſchreibt heimlich Briefe, und läßt ſie in abendlichem Dunkel durch's Fenſter in die Stube der Brückeneinnahme werfen? Das iſt ja etwas ganz Neues.“ Ohne ſich ſein Erſtaunen im Geringſten merken zu laſſen, fuhr er fragend fort:„Kennſt Du denn den Herrn Sportelſchreiber?“ „Ob ich ihn kenne?“ erwiederte eifrig der Knabe, „ei, den guten Herrn Sportelſchreiber kenne ich gar wohl, er giebt mir ja wöchentlich dreimal Schreibſtunde.“ „Bezahlt ihn denn Dein Vater für ſeine Mühe?“ „Nein, der gute Herr Sportelſchreiber nimmt nichts, weil wir ſo arm find. Mein Vater hatte ihm ein paar Schuhe ſchenken wollen, aber die hat er gleich bezahlt.“ „Sieh mal an!“ „O Sie glauben gar nicht, wie gut der Herr Sportelſchreiber iſt,“ fuhr der Kleine vertrauender 170 fort,„wenn ich recht gut geſchrieben habe, ſchenkt er mir manchmal einen Pfennig, oder auch Kirſchen; und für meine kranke Schweſter hat er im vergange⸗ nen Frühjahr ſogar die Apothekerrechnung bezahlt, ohne daß wir etwas darum wußten.“ „Gute Seele,“ dachte der Hofeommiſſair,„hat ſelber kaum das liebe Leben, und theilt das Wenige im Stillen gern mit Andern. O wie beſchämt dieſer Arme ſo manchen, der als großer Tugendheld glänzt.“ Laut fuhr Eeccarius fort: „Das iſt ja recht ſchön von dem guten Herrn Kappler, daß er ſo viel für Dich thut, ſei Du aber auch recht dankbar dafür.“ „O gewiß,“ betheuerte der Knabe,„wir laufen Alle durch's Feuer für ihn.“ „Aber um wieder auf den Brief zu kommen, den Du durch's Fenſter warfſt,“ ſprach der Hofcommiſſair weiter,„kannſt Du mir wohl ſagen, an wen er ge⸗ richtet war?“ „Ei ja wohl,“ antwortete der Schreibſchüler Kappler's, der jetzt weniger zurückhaltend war,„an die Mamſell Langſchädel.“ „Alſo doch,“ ſprach Eecarius für ſich. „Aber was in dem Briefe geſtanden,“ fuhr er fort,„weißt Du gewiß nicht?“ „Warum denn nicht?“ erwiederte der Knabe,„ich habe ja ſelbſt zuweilen einige Worte mit hineinſchrei⸗ ben müſſen, damit die Mamſell nicht errathen ſollte, von wem das Geld komme.“ Der Hofcommiſſair ward bei dieſen letzten Worten immer verwunderter. „War denn Geld in dem Briefe?“ „Ei freilich,“ erwiederte der Knabe mit Wichtig⸗ keit,„und wie viel! Siebenundfunfzig Thaler achtzehn Groſchen ſächſiſch.“ Das Erſtaunen des Hofeommiſſairs erreichte den höchſten Grad. „Tauſend, das iſt ja eine recht große Summe,“ ſprach er,„und das Alles bekam Demviſelle Lang⸗ ſchädel?“ „Ja wohl,“ fuhr der Kleine fort,„damit der gu⸗ ten Mamſell morgen nicht die Hülfe angethan wird. Nun kann ſie die böſe Schuld bezahlen.“ Die Sache kam Eccarius zu unwahrſcheinlich vor. Er frug daher weiter:„Da muß aber Herr Kappler ſich in ſehr guten Unſtänden befinden, wenn er ſo viel Geld ſchicken kann?“ „Ach nein,“ verſetzte wehmüthig der Knabe,„glau⸗ ben Sie das nicht. Was der Herr Sportelſchreiber der Manſell ſchickte, war ſein ganzes Erſpartes von vielen Jahren. Sie hätten nur ſehen ſollen, wie ihm die Thränen herabrollten, als er das Geld einpackte. „Nun geht mit einem Male Alles fort, Karl,“ ſagte er zu mir,„wer hätte das gedacht!“ Ich mußte auch weinen, als ich den guten Herrn Sportelſchreiber ſo traurig ſah. Er tröſtete mich aber und ſprach:„Wozu hätte mir denn der liebe Gott den Segen gegeben, wenn ich ihn nicht anwenden wollte, um einen ſeiner Engel damit zu retten.“ Unter dem Engel verſtand er wahrſcheinlich die Demviſelle Langſchädel.“ „Gewiß,“ verſetzte der Hofcommiſſair, dem jetzt gleichfalls unwillkürlich eine Thräne in die Augen trat. „Und dann ſchrieb er den Brief?“ frug er weiter. „Ja,“ erwiederte der Kleine,„und mit ganz ver⸗ ſtellter Hand, damit es nicht an den Tag käme, als habe er ihn geſchrieben.“ „Da hat er alſo auch ſeinen Namen nicht darunter geſetzt?“ „Ei bewahre,“ meinte der kleine Briefträger,„ſonſt K* würde ja die Mamſell gleich gewußt haben, von wem das Geld komme.“ „Hat er denn gar keine Unterſchrift beigefügt?“ „O ja, er hat ſich unterſchrieben: Der reiche Mann und Freund der Tugend.“ „Der reiche Mann?“ „Ja, auch im Brief giebt er ſich für einen reichen Mann aus, damit die Mamſell kein Bedenken trägt, das Geld anzunehmen. Denn wenn ſie wüßte, daß es vom Sportelſchreiber käme, und daß dieſer ſelbſt ſo arm wäre, würde ſie es nicht annehmen, ſagte mir Herr Kappler.“ „Ja, Du Edler,“ ſprach der Hofcommiſſair mit tiefer Rührung für ſich,„Du ſagſt keine Lüge, wenn Du Dich einen Freund der Tugend nennſt. Niemand hat gerechtern Anſpruch auf dieſen ſchönen Titel, als Du; doch es iſt Zeit, daß Dir geholfen werde, und Deinem Lebenshorizonte ein freundlicherer Stern aufgehe.“ Karl erzählte jetzt noch, wie ihn der Sportelſchrei⸗ ber inſtruirt,„den Geldbrief in die Langſchädel ſche Wohnung zu bringen. Anfangs habe er ſelbſt die Beſorgung übernehmen wollen; aber bald ſeien Be⸗ denklichkeiten in ihm aufgeſtiegen, wie leicht konnte er verrathen werden, ſo er in Perſon erſchiene. „Nach langem Hin⸗ und Herſinnen,“ fuhr Karl fort,„hielt er für's Beſte, wenn ich den Brief im Dunkeln ſo unbemerkt wie möglich durch das Fenſter in das Wohnzimmer würfe. Auch mußte ich theuer geloben, gegen Jedermann von dem Briefe ſowohl, wie von dem Gelde zu ſchweigen. Da Sie aber ein⸗ mal mich entdeckten, und mir verſprochen haben, den guten Herrn Sportelſchreiber nicht zu verrathen, ſo glaubte ich, es wäre beſſer, wenn ich gleich die ganze Wahrheit ſagte.“ 173 „Du haſt Recht, mein Sohn, aber jetzt mußt Du auch mir verſprechen, Niemandem von der ganzen Sache zu erzählen, ſelbſt Herrn Kapplern nicht, daß Du mit mir geſprochen haſt, hörſt Du wohl, es könnte Euch ſonſt Beiden zu großem Nachtheile gereichen. Ich werde Dich genau beobachten laſſen; wenn Du hingegen ganz kurze Zeit ſchweigen kannſt, ſollſt Du und die Deinigen eine ſehr ſchöne Belohnung erhal⸗ ten. Alſo verſprich mir ja, gegen Jedermann, er ſei wer er wolle, und wenn es Deine Mutter oder Dein Vater wäre, reinen Mund zu halten.“ Der Knabe gelobte das unverbrüchlichſte Schwei⸗ gen gegen Jedermann. „Zugleich, mein Sohn,“ fuhr der Hofevmmiſſair fort,„muß ich Dich auf eine unverzeihliche Unvor⸗ ſichtigkeit aufmerkſam machen. Du haſt den werth⸗ vollen Brief in die Stube geworfen; wenn er nun, man weiß oft nicht, wie das Schickſal ſpielt, in un⸗ rechte Hände kommt? Dann wäre das ganze große Opfer, welches der Herr Sportelſchreiber gebracht hat, umſonſt.“ Karl erſchrak auf's Heftigſte. An eine ſolche Mög⸗ lichkeit hatte er gar nicht gedacht. „Es iſt daher höchſt nothwendig, daß wir ſo ſchleunig wie möglich, ehe es vielleicht zu ſpät iſt, nach dem Brückenhauſe zurückkehren. Ich werde dann ſelbſt dafür ſorgen, daß das Schreiben an Demviſelle Langſchädel gelangt.“ „O wie gut ſind Sie!“ rief freudig der Knabe. Die Beiden wanderten ſchnellen Schrittes nach Langſchädel's Wohnung zurück. In der Stube, in welche Karl den Brief geworfen, brannte Licht. Ee⸗ earius ſchlich ſich ganz dicht unter den Fenſtern vor⸗ über und konnte Alles genau wahrnehmen, was in „ 17¹ dem Zimmer vorging. Er hatte gerade den Augen⸗ blick getroffen, wo Agnes den Brief eröffnet und in freudiger Verwunderung die alten Münzen betrachtete. Schnell kehrte der Hofcommiſſair von ſeiner Re⸗ cognoscirung zurück.„Sie hat ihn gefunden,“ ſprach er zu Karln,„jetzt komme und melde dies dem Herrn Sportelſchreiber. Aber wie geſagt, daß Du ihm vor der Hand ja verſchweigſt, mit mir geſprochen zu ha⸗ ben; es würde ihm große Unruhe machen, wenn er er⸗ führe, daß außer Dir noch Jemand um ſein Geheim⸗ niß wüßte.“ „Ich werde mich wohl hüten,“ erwiederte der Knabe,„dem Herrn Sportelſchreiber Etwas mitzu⸗ theilen, das ihm Unruhe machen könnte.“ „Weißt Du denn, wer ich bin?“ frug ſchließlich Eecarius. „O ja, der Herr Hofcommiſſair,“ ſprach Karl. „Nun gut, da beſuche mich Morgen Nachmittag,“ fuhr Eccarius fort,„mein Haus wird Dir bekannt ſein“ Der Knabe verſprach dies frendig, empfahl ſich und eilte in die Stadt zurück, um Kapplern die frohe Kunde zu bringen, daß ſich Brief und Geld glücklich in den Händen der Demoiſelle Langſchädel befänden, während der Hofcommiſſair noch ganz aufgeregt von dem ſeltenen Edelſinne des Sportelſchreibers, ſeinen Spaziergang längs der Promenade fortſetzte. Auf den ſchönen Sonnenuntergang folgte der pracht⸗ vollſte Sternenhimmel. Kappler ſchaute zagenden Her⸗ zens aus dem Fenſter und begriff gar nicht, wo ſein getreuer Pamphylio, Karl Beier, bleibe, welchen er mit ſeinem ganzen Vermögen nach dem Brückenhauſe geſandt hatte. Tauſend unheilvolle Gedanken durchkreuzten des Sportelſchreibers Innere.„Gott weiß, in welches Fenſter Beier den Schatz geſchleudert hat,“ ſprach er für ſich,„es iſt dunkel, jeder Menſch kann irren. Karl, nachdem er ſeinen Irrthum eingeſehen, traut ſich nun nicht wieder zurück; denn wo ſollte er außerdem ſo lange bleiben? Wär' ich nur ſelbſt gegangen! Wenn ſie das Geld nicht erhält, dann bin ich der unglück⸗ lichſte Menſch, der auf dieſer Erde lebt. Wer weiß, in welchen unheiligen Händen ſich bereits mein liebes Scheinchen, das ich immer wie meinen Augapfel ge⸗ hütet habe, und die ehrwürdige Krone und der herr⸗ liche Species, die einzigen Andenken an meine guten ſeligen Eltern, befinden, „Mein Gott! wär' ich nur ſelbſt gegangen,“ fuhr er nach einer Pauſe, in dem Stübchen unruhig auf⸗ und niederſchreitend, fort;„ſelber iſt der Mann, das iſt ein altes Sprichwort; am Ende haben ſie Beiern gefangen. Er wird examinirt; Alles kommt zu Protokoll. Es wär' mein Letztes.“ Vergebens leuchteten die Sterne, die Kappler ſonſt mit ſo inniger Freude betrachtete, heute in ganz beſonderem Scheine; der Sportelſchreiber war in Gedanken viel zu ſehr mit ſeinem kleinen Miſ⸗ ſionär beſchäftigt, als daß er zur Aſtronomie aufgelegt geweſen wäre. Er trat wieder an's Fenſter. „Eine herrliche Nacht,“ ſprach er,„ich habe den Himmelswagen lange nicht ſo in reinem Glanze ſchimmern geſehen; aber kann man der himmliſchen Herrlichkeiten froh werden, wenn Beier nicht kommt?“ Der Sportelſchreiber lag noch geraume Zeit auf der Folter der ängſtlichſten Erwartung. Endlich pol⸗ terte es auf der Treppe. „Das iſt er,“ rief Kappler und eilte ſeinem klei⸗ nen Poſtboten entgegen. 176 „Nun?“ frug er mit ängſtlicher Haſt. „Sie hat ihn!“ keuchte Beier noch ganz erſchöpft vom ſchnellen Treppenſteigen. „Wirklich? Den Brief?“ „Mit ſammt dem Gelde. Die machte einmal Augen, Herr Sportelſchreiber, die hätten Sie ſehen ſollen.“ „Haſt Du ſie denn geſehen?“ „Freilich, die Mamſell zündete ſpäter Licht an; ich guckte durch's Fenſter und konnte Alles ſehen.“ Obſchon Kappler ſolche Neugier nicht billigen konnte, mußte Karl gleichwohl Alles ausführlich er⸗ zählen, was er geſehen hatte. Nachdem der Sportelſchreiber die Gewißheit er⸗ halten, daß ſich ſein Brief in ihren Händen befinde, trat er in ſtiller Dankbarkeit zu Gott an's Fenſter. Ha! wie wundervoll leuchteten jetzt die Sterne. „Wie dank' ich dir, v mein Vater!“ ſprach er mit gefalteten Händen, zum Dome der Nacht empor⸗ ſchauend,„daß du mein Werk gelingen ließeſt. O⸗ ich will dir auch ſtets recht dankbaß dafür ſein.“ Hierauf wandte er ſich zu ſeinem Chargé d'Af⸗ faires: „Beier, willſt Du einmal Braunbier trinken? Du wirſt auch ſchachmatt ſein; ich habe mir in der Angſt über Dein langes Ausbleiben ein Töpfchen voll vom Keller holen laſſen; es iſt delicat.“ Der durſtige Knabe ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen. Er trank und entſchuldigte dann ſein langes Außenbleiben damit, daß er doch hätte wiſſen müſſen, ob der Brief auch in die Hände der Mamſell gekom⸗ men ſei. „Wenn ich nicht noch eine Zeit lang im Dun⸗ keln geſtanden und gewartet hätte, wüßten Sie ja 177 noch immer nicht, woran Sie wären.“ Von der Un⸗ terredung mit dem Hofcommiſſair ſchwieg er weislich. „Du haſt Recht,“ erwiederte Kappler,„ich ſäße noch immer in der Ungewißheit, die mir große Un⸗ ruhe bereiten würde. Aber jetzt, Beier, mach' daß Du fortkommſt, ſonſt zankt Dein Vater, es wird ſpät; willſt Du noch einmal trinken? fall' mir auf der Stiege nicht, halte Dich feſt an den Stricken zur Rechten; vor allen Dingen ſchweige gegen Jedermann von der Geldſendung. Ich war das Geld Lang⸗ ſchädel's ſchon ſeit lange her ſchuldig und mag es nicht gerne Jemand wiſſen laſſen, daß ich ſo drinnen ſtak; verſtehſt Du? Nun, grüß' mir Deinen Vater und Deine Mutter und fall' mir ja nicht, Du biſt etwas fahrig; und morgen ſtell Dich hübſch pünktlich zur Schreibſtunde ein. Wir kommen zur kleinen Fractur, ich habe die Federn ſchon geſchnitten.“ Carl wünſchte gute Nacht und polterte die Stiege hinab. Kappler hätte gern geleuchtet, aber er hatte weder Licht noch Oel zu Hauſe. „Sp ein Junge,“ ſprach er, als er wieder allein war,„iſt doch etwas Schönes auf der Welt. Er läuft überall hin, wohin man es haben will, und iſt mir ſehr nützlich. Wenn ich ihn heut nicht gehabt hätte, ſtand es in der That ſchlimm.“ Der Sportelſchreiber legte ſich noch ein Weilchen in's Fenſter und erfreute ſich des ſchönen Sternen⸗ himmels. Dann betete er ſeinen Abendſegen, welchen er auswendig konnte, und ſuchte im Finſtern ſein dürftiges Lager. Unter fortwährendem Dankgefühle zu Gott ſchlief er ein. Er war zwar nun wieder ganz arm; aber der Gedanke, Ihr eine frohe Stunde bereitet zu ha⸗ ben, machte ihn unausſprechlich glücklich. Stolle, ſämmtl. Schriften. VIII. 12 178 Was vermag nicht die Liebe! Unglücklicher Kappler, du ſchlummerſt ſo ſanft und ahneſt nicht, welch' ein neues Ungewitter, ſchwe⸗ rer als alle zeitherigen, über deinem Haupte ſich zu⸗ ſammenzieht. Elftes Rapitel. Die Verſuchung. P Sportelſchreiber ſaß bei ſeinem frugalen Mit⸗ tagsmahle, das aus einem Gerichte Linſen und einem mäßigen Stücklein Wurſt beſtand, als nach einem des⸗ peraten Gepolter auf der Treppe die Thüre aufſprang, und der Lieutnant mit ziemlich verſtörtem Geſicht in's Zimmer trat. Kappler erſtaunte ob des unerwarteten Beſuchs, und erſchrak, als er die Phyſiognomie des Eingetre⸗ tenen näher beſichtigte. „Sportelſchreiber,“ begann Langſchädel, indem er ſich verzweifelt auf einen Stuhl warf,„wiſſen Sie es ſchon?“ „Kein Wort, mein verehrter Herr Lieutnant,“ ge⸗ ſtand Kappler. „Ich bin verloren!“ tönte es dumpf. „Heiliger Himmel,“ rief zitternd der Sportel⸗ ſchreiber,„warum denn verloren?“ „Verloren,“ fuhr der Brückenzollgeldereinnehmer fort,„wenn Sie mich nicht retten!“ „Ich?“ frug Kappler zagend, und es ward ihm ganz unheimlich, daß von ihm die Rettung Langſchä⸗ del's abhängen ſollte. „Sie müſſen mir heute noch achtzig Thaler ſchaf⸗ fen,“ ſprach der Lieutnant,„oder ich komme um Amt und Brod und ſpringe in's Waſſer.“ „Allmächtiger Gott, achtzig Thaler!“ jammerte der Sportelſchreiber,„wo ſoll ich dieſe ungeheure Summe hernehmen?“ „Es iſt eine bloße Gefälligkeit von Ihnen, die ich als Freund von Ihnen verlangen kann.“ „Bloße Gefälligkeit—!“ ſtammelte Kappler. „Nichts weiter,“ fuhr Langſchädel fort,„Sie brauchen das Geld nur aus Ihrer Sportelkaſſe zu nehmen. Bis morgen Mittag haben Sie es von Heller zu Pfennig wieder; der Kreisinſpector iſt an⸗ gekommen und wird bei mir Kaſſenreviſion halten. Es fehlen mir eirea achtzig Thaler; wenn ich dieſe nicht auf ein paar Stunden auftreiben kann, werde ich abgeſetzt und laufe in's Waſſer. Sie ſehen, wie die Sachen ſtehen, und daß hier nicht zu ſpaßen iſt. Alſo werden Sie mir den kleinen Freundſchaftsdienſt nicht verweigern.“ Für den gewiſſenhaften Kappler gab es in dieſer Welt kein größeres Verbrechen, als ſich an vertrautem Gute zu vergreifen. Der Gedanke, daß dem Lieut⸗ nant in ſeiner Brückengeldkaſſe achtzig Thaler fehlten, erregte ihm ein wahrhaftes Grauſen, und er begriff gar nicht, warum Langſchädel unter ſolchen Umſtän⸗ den ſich nicht bereits erſäuft habe. Jetzt nun muthete ihm dieſer daſſelbe Verbrechen zu, ihm, dem gewiſſen⸗ hafteſten und redlichſten Manne unter der Sonne. „Wie geſagt, ein bloßer Fkeundſchaftsdienſt,“ ſprach der Lieutnant leichtſinnig,„den jeder Kaſſenbeamte dem andern gern erweiſt; ſolche Fälle kommen täglich 2 180 vor. Ich helfe Ihnen auch wieder, wenn an Ihrer Sportelkaſſe einmal etwas fehlen ſollte.“ „Daß mich Gott, der Allerbarmer, vor ſolchem Unglück gnädiglichſt bewahre,“ rief Kappler mit ge⸗ falteten Händen.„Es wäre mein gewiſſer Tod.“ „Einfalt, man darf nicht gleich den Kopf verlie⸗ ren,“ meinte der Brückenzollgeldereinnehmer,„ſo lange man noch auf gute Freunde rechnen kann, iſt nichts verloren. Ich lege mein Geſchick, mein Leben in Ihre Hände, achtzig Thaler nur auf vier und zwanzig, nur auf zwölf Stunden.“ Der Sportelſchreiber, in deſſen Händen nach Lang⸗ ſchädel's eigener Ausſage deſſen Geſchick und Leben liegen ſollte, gerieth darüber in eine unbeſchreibliche Angſt. Er bereute jetzt, geſtern ſein ganzes Vermö⸗ gen an des Lientnants Nichte geſchickt zu haben; vielleicht wäre Langſchädel heute damit zu retten ge⸗ weſen. Auspfändung war nach ſeiner Anſicht lange nicht ſo ſchlimm als ſchimpfliche Abſetzung und Ver⸗ zweiflungstod in den Wellen. Aber die ihm anver⸗ traute Kaſſe anzugreifen, nimmermehr! „Aber, verehrteſter Herr Lieutnant,“ rief Kappler mit über dem Kopfe zuſammengeſchlagenen Händen, „was kann ich Unglückſeliger für Sie thun, wenn die Sachen ſchon ſo böſe ſtehen?“ „Nichts iſt verloren, wenn Sie Ihre Hand nicht abziehen,“ ſprach der Brückenzollgeldereinnehmer. „Aber ich kann Ihnen nicht helfen, und wenn ich mein Blut laſſen wollte.“ „Nach Ihrem Blute verlang' ich nicht,“ verſetzte der Lieutnant,„Sie ſollen mir nur auf wenige Stun⸗ den achtzig Thaler vorſchießen.“ „Aber wenn ich Ihnen nun hoch und theuer ge⸗ lobe, hochgeehrter Herr Lieutnant, daß ich dermalen ————— 184 nicht über zwei Thaler Preußiſch zu gebieten habe; eine unvorhergeſehene Ausgabe—“ „Von Ihrem Gelde will ich ja gar nichts; ich weiß, daß Sie in bedrängten Verhältniſſen leben, es wäre dies ein Verlangen, das ich mir nie verzeihen könnte; nein, nur die Gefälligkeit ſollen Sie mir er⸗ zeigen und die bewußte Summe aus Ihrer Sportel⸗ kaſſe vorſtrecken.“ „Aber anvertraute Gelder, hochgeehrter Herr Lieutnant, ich bitte Sie im Namen Himmels und der Erde!“ „Aber, Kappler, ſo begreifen Sie doch. Iſt es denn ein ſo großes Verbrechen, ob die achtzig Thaler ein paar Stunden in Ihrer Sportelkaſſe oder in mei⸗ nem Pulte liegen? He! zumal wenn es ſich um die Reputation und das Leben eines Mannes handelt, deſſen Verdienſte um das Vaterland während des Frei⸗ heitskriegs gar nicht in Abrede zu ſtellen ſind?“ „Aber, geehrteſter Herr Lieutnant, Sie könnten ja doch von einem Andern, der nicht ſo heilige Rück⸗ ſichten zu nehmen—“ „Allerdings,“ verſetzte Langſchädel,„es bedürfte eines Wortes beim Hofcommiſſair oder bei Sonnen⸗ ſchmidten, eines Wortes, wie geſagt, und das Geld läg' aufgezählt da; aber die Sache iſt zu delicat, ich kann mich nicht Jedem bloßſtellen. Hier bedarf's ei⸗ nes disereten, eines höchſt verſchwiegenen Mannes, und Sie wiſſen ſelbſt, weder Eccarius noch Sonnenſchmidt haben das Schweigen gelernt. Zu Ihnen, lieber Kapp⸗ ler, hab' ich ein unbegrenztes Vertrauen; Gott ſtraf' mich, Ihnen könnte ich die geheimſte Falte meines Herzens öffnen.“ „Mir höchſt ſchätzbar,“ entgegnete der Sportel⸗ 182 ſchreiber, indem er ſich den Angſtſchweiß von der Stirn trocknete,„höchſt ſchmeichelhaft, aber—“ „Oder,“ fuhr Langſchädel, der ſelbſt in der be⸗ drängteſten Lage das Lügen und Aufſchneiden nicht laſſen konnte, fort,„denken Sie vielleicht, ich hätte nicht über andere bedeutende Gönner zu verfügen, die ſich's zum höchſten Vergnügen machen würden, mir die lumpigen achtzig Thaler vorzuſtrecken?“ „Wer wollte dies bezweifeln,“ verſetzte Kappler. „Und Gönner, hochmögende Gönner,“ ſprach der Aufſchneider weiter,„die mich wie gute Genien fort⸗ während umſchweben. Da kann ich gleich von geſtern ein Beiſpiel erzählen, wobei Sie Mund und Raſe aufſperren werden. Ihr hochlöbliches Stadtgericht hatte mir gedroht, mich auspfänden zu laſſen wegen einer Bagatellſchuld, ich glaube, es waren an die neunzig Thaler; ich lachte und ſah dem Tage der Execution ruhig entgegen, weil ich ſchon voraus wußte, daß mich ein unſichtbarer Gönner nicht würde ſitzen laſſen. Wie gedacht, ſo geſchehen, kaum dunkelt der Abend, kommt eine Rolle mit hundert Louisd'vren in meine Stube geflogen; was ſagen Sie?“— „Hundert Louisd'vre,“ dachte Kappler nicht ohne Wehmuth,„lieber Gott, da muß ſich dein Kammer⸗ kreditkaſſenſcheinchen und die Krone und der Species freilich verſtecken. Der Herr Lieutnant haben doch außerordentliches Glück, bei ihm kommt Alles durch's Fenſter geflogen. Freilich, wo ſolche unſichtbare Gön⸗ ner wachen, hätte es meiner Hülfe nicht bedurft.“ „Ein ſchönes Sümmchen,“ ſprach er laut. „Und wie delicat, wie fein, wie nobel,“ fuhr der Lieutnant fort,„das Geld durch's Fenſter in's Zim⸗ mer zu werfen während meiner Abweſenheit. Aller⸗ dings, man kennt mein Zartgefühl und weiß, daß 183 man mich nur beleidigen würde, ſo man mir das Geld geradezu einhändigte.“ Der Sportelſchreiber erlaubte ſich jetzt die ſchüch⸗ terne Bemerkung, ob der Herr Lieutnant nicht einen Theil der Louisd'ore dazu verwenden wollte, die be⸗ wußten achtzig Thaler zu decken? „Wo denken Sie hin,“ ſtellte Langſchädel vor, „die hundert Louisd'ore langten gerade, meine fälligen Einzahlungen bei der engliſchen Nordbahn zu beſtrei⸗ ten. Sie glauben nicht, was ſo vierzig Stück Actien für Geld freſſen. Freilich hätt' ich ahnen können, daß der Teufel den Kreisinſpector ſo unverhofft nach Neukirchen führen würde, mochten meinetwegen ein halb Dutzend Aetien zum Guckuck gehen.“ „Es iſt doch ein höchſt ſonderbarer Mann, dieſer Herr Lieutnant,“ dachte Kappler,„ſpeculirt enorm in Actien und läßt es wegen ſieben und funfzig Thalern und achtzehn Groſchen auf die Auspfändung ankommen.“ „Sie ſehen hieraus,“ fuhr der Lientnant fort, „daß es mit meinen Finanzen keineswegs ſo übel ſteht, wie der hieſige Pöbel meint. Wenn ich die Schuld, wegen welcher ich exequirt werden ſollte, nicht ſchon längſt abtrug, ſo geſchah dies aus keinem an⸗ dern Grunde, als um meinen geldgierigen Gläubiger zu ärgern. Etwas Anderes iſt es mit dem Kaſſen⸗ deficit, dieſes würde mich in der That compromittiren und den Leuten viel zu reden geben. Sie wiſſen, wie es in ſolchen Dingen in unſerm guten Neukirchen hergeht. Darum, lieber Kappler, verſchaffen Sie mir nur bis heute Abend das Geld, welches morgen um dieſe Zeit wieder in Ihren Händen iſt.“ Kappler begann von Neuem zu ſchwitzen. Der Gedanke, an der ihm anvertrauten Kaſſe ſich zu ver⸗ greifen, widerſtrebte ſo ſeinem ganzen Weſen, daß er —————— 184⁴ als Antwort die Worte hervorpreßte:„Beim beſten Willen, mein hochgeehrteſter Herr Lieutnant, iſt es mir unmöglich.“ „Wie?“ frug Langſchädel mit ziemlich tragiſcher Betonung,„Alſo Sie wollen meinen Untergang— Tod?“— Der Sportelſchreiber ſchauderte. „Ei mein hochverehrteſter Herr Lieutnant, das ſei fern von mir, daß ich Ihren Untergang oder gar Ihr werthes Ableben herbeiwünſchen ſollte. Ein ſolch' ſündhafter Wunſch wird nie in meinem Innern auf⸗ kommen.“ „Aber wie ſoll ich mir Ihre Ungefälligkeit anders erklären?“ „Bedenken Sie, meine Pflicht.“ „Was da, Pflicht, ſo es das Wohl und das Le⸗ ben eines Mitmenſchen gilt, kann dieſer engbegrenzte Begriff nicht ausreichen.“ „Ich bin auf Handgelöbniß verpflichtet.“ „Ganz recht, Nichts zu veruntreuen. Aber, frag' ich Sie, veruntreuen Sie denn einen Pfennig, wenn das Geld binnen wenigen Sire wieder an Ort und Stelle liegt?“ Der pflichtgetreue Kappler ſchüttelte noch immer unentſchieden das Haupt. Langſchädel war unermüd⸗ lich, ihn vom rechten Wege zu locken. „Bedenken Sie denn nicht,“ ſprach er,„welch' eine furchtbare Verantwortung Sie auf ſich laden, wenn ich Ihretwegen untergehe. Durch eine kleine Gefälligkeit können Sie mich retten. Jeder Andere würde nicht den geringſten Anſtand nehmen, ſich kei⸗ nen Angenblick bedenken und mir den kléinen Freund⸗ ſchaftsdienſt erweiſen.“ Bei dem Sportelſchreiber geriethen durch dieſe 185 Rede Herz und Pflichtgefühl in Conflict. Gleichwohl ſiegte das letztere und er wiederholte mit gepreßter Stimme:„Gott iſt mein Zeuge, es geht nicht.“ Der Lientnant, welcher bemerkte, daß ſeine vori⸗ gen Worte ihren Eindruck auf den ſanften Kappler nicht verfehlt hatten, glaubte ſtärkere Belagerungs⸗ werkzeuge hervorſuchen zu müſſen. „Und wenn mein entſtellter Leichnam,“ ſprach er, „nach drei Tagen von den Wellen an's Ufer gewor⸗ fen wird, werden Sie nicht ſchaudern, Kappler?“ „Allerdings,“ geſtand offenherzig der Sportel⸗ ſchreiber,„dieſe Nachricht würde mir durch und durch gehen.“ „Dann ſagen Sie zu ſich ſelbſt,“ fuhr der Lieut⸗ nant im Grabestone fort:„Regiſtrator, das iſt dein Werk.“ Kappler, obſchon mit höchſter Anſtrengung, wider⸗ ſtand auch dieſem Sturme. „Ja,“ ſeufzte er herzbrechend,„ſo werde ich ſpre⸗ chen müſſen.“ „Und wenn mein Leichnam gerichtlich aufgehoben,“ ſprach Langſchädel weiter,„und nach der Stadt ge⸗ bracht wird, und Sie ſehen mich, der ich jetzt geſund und lebensfriſch vor Ihnen ſtehe, als lebloſe Maſſe vor ſich.“ „Gott möge mich ſtärken, dieſen ſcheußlichen An⸗ blick zu ertragen,“ erwiederte der Sportelſchreiber, „aber ich hoffe, man wird Sie an Ort und Stelle beerdigen.“ „Gehen Sie, Sie ſind ein Unmenſch, ein Barbar,“ rief der Lieutnant, erboſt, daß der Sportelſchreiber, trotz der tragiſchen Redensarten, ſeiner Pflicht nicht abwendig zu machen war,„in Ihrer Bruſt ſchlägt kein Herz, in Ihren Adern rollt kein Blut.“ —— —— 186 Kappler ließ dieſe harten Beſchuldigungen ſchwei⸗ gend über ſich ergehen. Er litt unausſprechlich. Der Brückenzollgeldereinnehmer feuerte jetzt ſein letztes Belagerungsgeſchütz auf den Sportelſchreiber ab. „Wohlan,“ ſprach er,„wenn auch meine Ehre, mein Leben Ihnen nichts gilt, ſo bedenken Sie we⸗ nigſtens meine Nichte. Dieſes eben ſo unſchuldige wie unglückliche Mädchen verliert in mir ihren einzi⸗ gen Schutz und Schirm, ihren Ernährer. Mein Un⸗ glück reißt auch ſie in den Abgrund. Sie wird meine Schande und meinen Tod nicht überleben und mir in die Wellen folgen. Das bejammernswerthe Kind, das immer ſo liebevoll von Ihnen ſprach und ſtets ſo große Stücke auf Sie hielt. Durch eine unbedeu⸗ tende Gefälligkeit konnten Sie uns retten. Sie ha⸗ ben es nicht gewollt. Wohlan, unſer Blut über Sie, Herzloſer!“ Das war zu viel. Der Sportelſchreiber ſank ver⸗ nichtet auf einen Stuhl und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. „ Zwölftes Rapitel. Der verhängnißvollſte Tag im Leben des Sportelſchreibers Kappler. Der Sportelſchreiber war endlich der Verſuchung unterlegen und hatte, wie ſehr ſich auch ſein Gewiſ⸗ ſen dagegen ſträubte, die achtzig Thaler aus der ihm anvertrauten Kaſſe entnommen und ſie Langſchädeln 187 überantwortet. Doch kaum war dieſes Geld aus ſei⸗ nen Händen, als ihn eine Angſt ergriff, wie er ſolche noch nie in ſeinem Leben empfunden hatte. Ruhlos⸗ und in halber Verzweiflung rannte er noch in ſpäter Abendſtunde in's Freie, um den böſen Gedanken, die ihn unabläſſig verfolgten, zu entfliehen. Wiederholt ſtand er im Begriff, zu Langſchädeln zu eilen und denſelben bei der Barmherzigkeit des Himmels zu be⸗ ſchwören, die Geldſumme wieder herauszugeben, weil ſein Gewiſſen ihm keine Ruhe laſſe. Einmal war er wirklich nach dem Brückenhauſe unterwegs und ſchon in die Nähe deſſelben gekommen, als der Zufall wollte, daß ihm Langſchädel, welcher unterdeß die achtzig Tha⸗ ler nach Hauſe getragen und nur einen Theil der Summe zu ſich geſteckt hatte, um gewiſſenlos genug mit dem fremden Gelde ſein Glück auf der Spiel⸗ bank von Neuem zu verſuchen, entgegen kam. Die Zwei rannten, da es bereits dunkel war, an einan⸗ der, denn Beide hatten den Kopf voll und große Eile, Kappler, um das Brückenhaus, und Langſchädel, um die Spielbank ſo ſchnell wie möglich zu erreichen. So wie der Sportelſchreiber den Lientnänt er⸗ kannte, begann er ſogleich mit Beſchwörungen Him⸗ mels und der Erde, daß Langſchädel ihm nur die einzige Gnade erzeige und das Geld wiedergebe. „Es läßt mir nirgends Ruhe,“ betheuerte Kapp⸗ ler voller Angſt,„es iſt mir zu Muthe, als habe ich einen Todtſchlag begangen.“ „Einbildungen,“ erwiederte der Lieutnant,„Phan⸗ taſieblaſen; das kommt vom Magen, Sie ſitzen zu viel, machen ſich zu wenig Bewegung; trinken Sie ein Glas Waſſer, da wird Ihnen beſſer werden.“ „Vier Meßkannen, geehrter Herr Lieutnant, hab' ich ſchon hinunter,“ verſicherte der Sportelſchreiber, „aber es hilft nichts.“ —————— ——ů —— 188 „Sie müſſen einmal zur Ader laſſen,“ rieth Lang⸗ ſchädel und wollte fort, Kappler aber faßte ihn krampf⸗ haft am Arme. „Das ſoll Alles geſchehen,“ rief er,„ſpäter; aber geben Sie mir das Geld her.“ „Seien Sie kein Thor, Kappler,“ erwiederte un⸗ gehalten der Lieutnant,„Sie haben es mir kaum vor einer Stunde geliehen. Morgen um dieſe Zeit ſoll die ganze Summe in Ihren Händen ſein.“ Den Sportelſchreiber faßte Verzweiflung; er klam⸗ merte ſich noch feſter an den Lieutnant. „Das Geld muß ich haben,“ wiederholte er in höchſter Angſt,„ich ſtehe ſonſt nicht dafür, daß ich mir ein Leids thue.“ „Ach, laſſen Sie mich, zum Satan,“ rief der Lieutnant wild, riß ſich los und war in der Dunkel⸗ heit verſchwunden. Der unglückliche Kappler ward von dem energiſchen Rucke Langſchädel's einige Schritte in die Straße geſchleudert. Als er wieder zum Ste⸗ hen kam, war keine Spur von dem Lieutnant zu ent⸗ decken. Der Sportelſchreiber ſchwankte, Verzweiflung im Herzen, durch einige Gaſſen, dann trat er den Heim⸗ weg an. Die Nacht, welche dieſem Abende folgte, war die ſchrecklichſte im Leben unſers Kappler. Kein Schlaf fam in ſeine Augen; von den heftigſten Gewiſſens⸗ biſſen gepeinigt, wälzte er ſich ruhlos auf dem Lager. Ein ſolches Verbrechen hatte ſich der gewiſſenhafte Mann im Leben nicht zu Schulden kommen laſſen. Er begriff gar nicht, wie er ſich durch den Lieutnant, iu dem er jetzt ſeinen wahren böſen Feind erkannte, zu der unerhörten That, die ihm anvertraute Kaſſe anzugreifen, habe können verleiten laſſen. Sein gu⸗ 189 ter Engel mußte ganz von ihm gewichen ſein, als er die allerdings zitternde Hand nach den Geldrollen der Sportelkaſſe ausſtreckte. Er begriff nicht, wie er den nächſten Morgen dem Herrn Stadtrichter unter die Augen treten wollte, ohne von dem böſen Gewiſſen ſogleich verrathen zu werden. Ihm ahnete für den künftigen Tag das entſetzlichſte Unglück, was nur einen Menſchen treffen könne. Nach endlos qualvollen Stunden brach der ver⸗ hängnißvolle Tag an. Der Sportelſchreiber war wie zerſchlagen, als er ſich von ſeinem ſchmerzvollen Lager erhob; ſein Geſicht glich dem eines Todten. Er hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan. Selten ward wohl ein Beamteter wegen übertretener Pflicht durch das eigene Bewußtſein in ſolchem Grade beſtraft. Als die Stunde erſchien, wo er auf's Stadtgericht gehen ſollte, getraute er ſich kaum über die Straße. Sein böſes Gewiſſen flüſterte ihm zu, daß um ſein Verbrechen bereits die ganze Stadt wiſſe. Er wagte zu keinem der Begegnenden aufzublicken⸗ Unter der Rathhausthür ſtand Kellerröschen. „Mein Gott, Herr Kappler,“ rief Röschen, als ſie des Sportelſchreibers anſichtig wurde,„wie ſehen Sie denn aus, bleich wie der Tod; iſt Ihnen nicht wohl?“ Wie Donnerſchläge des ewigen Gerichts tönten dieſe Worte an Kappler's Ohr. Er raffte ſich mit Gewalt zuſammen, um ſo unbefangen wie möglich zu erſcheinen. „Mir iſt ganz vortrefflich zu Muthe, mein liebes Röschen,“ ſtotterte er,„ein bischen Erkältung, leich⸗ tes Fröſteln mit etwas Herzklopfen, ſonſt thut mir kein Finger weh.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ertheilte Röschen den —ů ————— 190 guten Rath,„es iſt jetzt ungeſund Wetter, es liegen viele Leute.“ „Will mich ſchon halten,“ tröſtete der Sportel⸗ ſchreiber und ſtieg halbtodt die Rathhaustreppe empor nach dem Stadtgericht. Als er die Expedition betrat, war Kapplern, wie er ſpäter geſtand, accurat zu Muthe, als ſolle er ge⸗ köpft werden. Er nahm unter Fieberfroſt ſeinen ge⸗ wohnten Platz und wagte kaum einen Blick nach dem Actuarius zu werfen, welcher bereits ſchreibend am Pulte ſaß. Endlich erſchien der Stadtrichter; er ging ge⸗ wohnter Weiſe mit einem kurzen Gruße beim Spor⸗ telſchreiber vorüber. Kappler fuhr grüßend von ſei⸗ nem Stuhle empor. Kleinſimon fand in der despera⸗ ten Devotion des Sportelſchreibers nichts Ungewöhn⸗ liches; er bemerkte daher auch deſſen aufgeregten Zu⸗ ſtand nicht. Eine tödtliche Stunde verſtrich. Obſchon ſonſt der Actuar wie der Stadtrichter oft bei Kapplern bald nach dieſem, bald nach jenem ſich zu erkundigen pflegten, ſo fiel doch diesmal zufällig nichts vor, was einer Anfrage bedurft hätte. Der Sportelſchreiber, welcher dies für ein höchſt böſes Zeichen hielt, glaubte ſich ſchon verrathen. Zugleich pries er jedoch auch ſein Glück, daß er mit Nachfragen verſchont blieb; denn dem Frager mußte ſein fieberhafter Zuſtand ſo⸗ gleich klar werden. Es erſchienen einige Parteien, welche bald die Thätigkeit Kleinſimon's, bald die des Actuars in An⸗ ſpruch nahmen. Kappler wünſchte, ganz Neukirchen läge heut mit einander in Prozeß und verhandle ſeine Sache auf dem Stadtgericht. So war der verhängnißvolle Vormittag bis auf 194 anderthalb Stunden verſtrichen. Sobald auch dieſe überſtanden waren, hoffte der Sportelſchreiber, daß er gerettet ſei. Denn ſogleich nach Tiſche brachte Lang⸗ ſchädel die achtzig Thaler und Kappler konnte ſie un⸗ bemerkt der Sportelkaſſe wieder einverleiben. Schon athmete Kappler etwas leichter, da eine Viertelſtunde nach der andern verſtrich und ihn der Erlöſung näher brachte. Auf dem Rathhausthurme ſchlug es bereits eilf Uhr; wenn die Verhandlungen mit den Parteien nur noch ein Stündchen währten, war er gerettet. Noch nie in ſeinem Leben hatte der Sportelſchreiber ſo oft nach ſeiner Taſchenuhr geſehen wie heute, und noch nie war ihm der Zeiger ſo lang⸗ ſam vorgerückt wie diesmal. Er ſtand wie angena⸗ gelt, ſo daß Kappler wiederholt die Uhr an's Ohr hielt, um ſich zu überzengen, ob ſie noch gehe. Er war eben im Begriff, ſeinen corpulenten Zeit⸗ meſſer in das ihm beſtimmte. Futteral zu verſenker als der Stadtrichter erſchien und aus ſeinem Munde folgende verhängnißvolle Worte vernehmbar wurden: „Bald hätt ich's vergeſſen, Kappler, der Steuer⸗ einnebmer hat mir geſchrieben, er braucht dieſen Vor⸗ mittag noch zweihundertfunfzig Thaler; ſäumen Sie nicht, dieſe Summe ſogleich zurecht zu machen.“ Kleinſimon eilte nach dieſer Rede zu den Parteien zurück. Kappler aber ſaß eine Zeit lang wie vom Schlage gerührt. So war denn ſein Unglück für dieſe Welt ent⸗ ſchieden. Trotz dem, daß er durch ſeine beängſtigen⸗ den Ahnungen auf dieſen Himmelseinſturz gefaßt ge⸗ weſen, ſo war doch die Gewißheit, die nicht die ge⸗ ringſte Hoffnung mehr zuließ, fürchterlicher denn Alles. Zweihundertfunfzig Thaler! Wie wollte er dieſe Summe bei den fehlenden achtig Thalern, die er Langſchädeln — 192 überantwortet hatte, zuſammenbringen? Die ganze Sportelkaſſe betrug keine dreihundert Thaler. Wenn doch nur der Steuereinnehmer wenigſtens bis Nach⸗ mittags gewartet hätte. Da hatte Langſchädel be⸗ zahlt, und Alles war in Ordnung. So mußte aber alles Unglück über dem Haupte des unglücklichen Spor⸗ telſchreibers zuſammenbrechen. „Allgerechter,“ ſtammelte er, vernichtet auf ſeinen Seſſel zurückſinkend,„du ſtrafſt den Miſſethäter ge⸗ recht, aber hart.“ Der Unglückliche war ſo ergriffen, daß er kaum ein Glied zu rühren vermochte. Kein Ausweg, kein Rettungsſtrahl zeigte ſich in dem un⸗ beſchreiblichen Unglück. So ſaß der Sportelſchreiber, einem Steinbilde nicht unähnlich, eine geraume Zeit ſtarr und unbeweglich, als, um das Maaß ſeiner Leiden vollzumachen, der Steuereinnehmer erſchien, unfehlbar, um die zwei⸗ hundertfunfzig Thaler in Empfang zu nehmen. Doch, wenn die Noth am größten, iſt Gottes Hülfe am nächſten, ein eben ſo altes als wahres Sprichwort. Der Steuereinnehmer erklärte, daß er die bewußte Summe erſt heute Nachmittag durch ſei⸗ nen Expedienten werde abholen laſſen. Zugleich bat er, wenn es möglich wäre, um gute Münzſorten. Kappler war gerettet. So nahe am Abgrunde hatte ihn eine gütige Vorſehung zurückgezogen. Als ſich der Steuereinnehmer, nachdem er dem Sportelſchrei⸗ ber wegen deſſen bleichen Ausſehens noch einige diä⸗ tetiſche Regeln ertheilt, wieder entfernt hatte, rollten ob der unverhofften Rettung ſtille Thränen über Kappler's Wangen. Er dankte Gott inbrünſtiglich für die Prüfung, war ſie auch noch ſo herbe geweſen. Er hielt ſie für die gerechte Strafe ſeiner Pflichtver⸗ letzung. Sie ſollte ihm zugleich eine Warnung ſein, 193 daß er von Gottes Wegen künftig nicht einen Finger breit abweiche. Der gute Sportelſchreiber eilte, als die Rathhaus⸗ uhr die Stunde der Befreiung geſchlagen, wie ein junger Gott nach Hauſe, flehte zum Himmel, daß er ihn, wie alle Menſchen, vor einer ähnlichen Prüfung bewahren möge, und verzehrte ſein frugales Mittags⸗ brod unter dankenden Gebeten. Indeß ſollte trotzdem die Prüfung des guten Kappler noch nicht ihr Ende erreicht haben, er ſollte wegen ſeiner Unvorſichtigkeit, dem Lieutnant eine bedeutende Summe geliehen zu haben, noch härter beſtraft werden. Der Sportelſchreiber hatte abgetafelt und hoffte von Minute zu Minute, Langſchädeln mit den acht⸗ zig Thalern in's Zimmer treten zu ſehen. Wer aber nicht erſchien, war der Herr Lieutnant. Kappler, nachdem faſt eine halbe Stunde über den Termin der Rückzahlung verſtrichen, ward unruhig; er wartete noch eine halbe Stunde, und als auch da der Brücken⸗ zollgeldereinnehmer nicht erſchien, ward der Sportel⸗ ſchreiber ſehr ärgerlich. „Dieſe Nachläſſigkeit des Herrn Lieutnants,“ ſprach er,„grenzt faſt an Gewiſſenloſigkeit. Punkt halb Eins ſollte ich das Geld wieder haben, und jetzt hat es halb zwei geſchlagen und ich warte noch immer. Das hat man davon, wenn man gefällig iſt. Wenn das Geld mein wäre, wollte ich nichts ſagen, ſo aber iſt es anvertrautes Gut. Der Herr Lieutnant ſollte doch wiſſen, was es damit auf ſich hat.“ Als der Herr Lientnant trotz dieſer ſehr richtigen Bemerkungen nichts von ſich hören ließ, gerieth der Sportelſchreiber in immer größere Unruhe und Beſorgniß. „Es iſt wahrhaftig nicht auszuhalten,“ ſprach er, „wo ſteckt nur Langſchädel? Binnen einer kleinen Stolte, ſämmtl. Schriften. ViI. 13 —ů— 194 Stunde muß ich auf's Stadtgericht und brauche das Geld.“ Endlich ſchlug es drei Viertel auf zwei. Jetzt blieb dem geplagten Sportelſchreiber nichts übrig, als ſelbſt ſich zu Langſchädeln zu begeben und das Dar⸗ lehn zu holen. Voller Angſt machte er ſich auf den Weg nach der Brückenzollgeldereinnahme. In einer weniger ängſtlichen Angelegenheit würde ihm dieſer Gang ſehr ſüß vorgekommen ſein, denn er führte ihn ja in die größte Nähe der angebeteten Nichte. Heute ward ihm aber dieſer Roſenpfad verbittert. Kappler war nicht allzuweit von dem Ziele ſeiner Wanderung, als ihm in großer Haſt Langſchädel in den Weg lief. „Gott ſei Dank,“ ſprach Kappler, ſich den Angſt⸗ ſchweiß von der Stirn trocknend,„daß ich Sie end⸗ lich treffe; wie auf Kohlen habe ich geſeſſen. Sie wollen gewiß zu mir?“ „Mein charmanter Freund,“ erwiederte Langſchä⸗ del mit unſicherer Stimme,„ich muß Ihnen ein of⸗ fenherziges Geſtändniß thun— „Nun, nun,“ drängte der Sportelſchreiber,„hat Ihre Kaſſe bei der Reviſion nicht vollkommen ge⸗ ſtimmt? Ja, das iſt eine böſe Sache, die einem ſchwer im Kopfe herumgeht, oft wegen weniger Groſchen.“. „Ach, mit meiner Kaſſe möchte es ſein,“ erwie⸗ derte der Lieutnant,„die Unterſuchungsbehörde iſt be⸗ reits wieder abgereiſt, ohne nachgefragt zu haben, aber ich kann Ihnen Ihre achtzig Thaler für den Augenblick nicht wiedergeben.“ Kappler glaubte nicht recht gehört zu haben und frug blos:„Wie meinen Sie?“ „Ich ließ mich vom Teufel blenden,“ fuhr der gewiſſenloſe Langſchädel fort,„und wollte mein Glück im Pharao verſuchen, da ging das Geld bis auf we⸗ 195 nige Thaler verloren, ſo daß ich für den Augenblick total außer Stande bin, es Ihnen zurückzuzahlen; indeß ſollen Sie nicht zu lange zu warten brauchen; ich hoffe auf Summen aus dem Süden.“ Der Sportelſchreiber ward todtenbleich, ſeine Knie begannen zu wanken und er mußte ſich an dem neben ihm befindlichen Zaune anhalten, um nicht umzuſin⸗ ken. Er war im erſten Augenblicke nicht vermögend, ein Wort hervorzubringen. „Was ſind achtzig Thaler in Ihrer Kaſſe,“ trö⸗ ſtete der Lieutnant,„die werden ſo bald nicht vermißt.“ „Aber ich brauche ſie heut' Nachmittag,“ ſtam⸗ melte der unglückſelige Kaſſenverwalter. „So müſſen Sie ſich auf irgend eine Ausflucht beſinnen,“ erwiederte Langſchädel,„ein kleines Deficit kommt oft vor, ſo etwas fällt nicht auf.“ „Kleines Deficit—“ ſprach Kappler erſterbend. „Noth macht erfinderiſch,“ fuhr der Lieutnant fort,„Sie werden ſchon etwas ausſinnen. Ich habe noch fünf Thaler von dem Gelde, damit will ich ſo eben noch einmal mein Glück verſuchen; wenn mir letzteres wohl will, kann ich in Kurzem die achtzig Thaler wiedergewinnen und noch ein paar Mal achtzig dazu. Aber ich muß eilen, ſonſt finde ich keinen gu⸗ ten Platz am Pharavtiſche.“ Mit dieſen Worten eilte er ſo ſchnell, als ihn ſeine Füße tragen wollten, davon, und ließ den Spor⸗ telſchreiber in einem Zuſtande zurück, der kaum zu beſchreiben iſt. Daß die Schlechtigkeit und Gewiſſenloſigkeit bei den Menſchen einen ſo hohen Grad erreichen könnten, wie er ſie jetzt am Lieutnant kennen gelernt, davon hatte der unſchuldige Kappler freilich nie eine Ahnung gehabt. Das größte Unglück, gepaart mit Verzweif⸗ 13* ————— 1 —————— — —— —— — —— 496 lung an der Menſchheit, brach dermaßen über den armen Mann herein, daß er am ganzen Körper wie gelähmt war und nur mit Mühe Schritt für Schritt ſich langſam vorwärts zu bewegen vermochte. Er ſchlich den Tod im Herzen ein Stück die Promenade entlang, aber war ſo ſchwach, daß er ſich endlich auf eine Bank ſetzen mußte. Er redete ſich ein, ge⸗ träumt zu haben, und daß die Erſcheinung Langſchä⸗ del's ein Trugbild der Hölle geweſen, aber dieſer Selbſtbetrug hielt nicht lange wieder. Der Gedanke, als Kaſſendefraudant in Unterſuchung zu kommen und vor Gericht geſtellt zu werden, ſeine Ehre, ſein Amt, ſein Brod mit einem Schlage zu verlieren, trat im⸗ mer lebhafter vor ſein erſchüttertes, verzweifeltes Ge⸗ müth, und war mehr, als der ängſtliche, gewiſſenhafte Mann zu ertragen vermochte. Obſchon einige Ge⸗ wiſſensſerupel in ſeinem frommen, chriſtlichen Ge⸗ müthe aufſtiegen, ſo war und blieb der Tod in den Wellen der Werla ſein einziger Retter und Befreier von ſeinen namenloſen Leiden. Ja, der unglückliche Kappler, wie ſehr er früher gegen den Selbſtmord mit unantaſtbaren Gründen und vieler Würde geeifert, fühlte in ſich nicht die erfor⸗ derliche moraliſche Kraft, ſo außerordentlichem Un⸗ glück kühn die Spitze zu bieten. Der Selbſtmord blieb bei ihm feſt beſchloſſen. Auf den Thürmen der Stadt hatte es bereits die zweite Stunde des Nachmittags geſchlagen, welche ihn auf die Expedition rief; aber an das Stadtgericht dachte er mit Entſetzen. „Gott möge mir vergeben,“ ſprach der Unglückliche, „wenn ich vielleicht ein paar Jahre früher komme, als mir beſchieden; aber als ehrloſer Mann kann ich nicht länger leben. Das wird mir auch keine chriſt⸗ liche Seele verdenken. Es iſt ein bitterer Kelch; 197 aber er kommt von Gott, auch mein Heiland hat ihn trinken müſſen; er ſei mein Troſt, und der Name des Herren ſei gelobt.“ Der Sportelſchreiber fand ſich durch dieſe religiö⸗ ſen Gedanken in ſo weit geſtärkt, daß er wenigſtens wieder auf ſeinen eigenen Füßen ſtehen konnte. Er ſtand wirklich im Begriff, ſeinen Weg nach den Ufern der Werla einzuſchlagen, um ſeinem Leben, das jetzt keinen Werth mehr für ihn hatte, ein Ende zu machen, als der Hofeommiſſair unter den ſchattigen Linden die Promenade ziemlich eilfertig daher kam. Kappler, mit Todesgedanken beſchäftigt, hatte eine wahre Menſchenſcheu bekommen. Er ſah den Hofeommiſſair zwar daher kommen, erkannte ihn jedoch nicht, und um der Menſchengeſtalt nicht in den Weg zu gerathen, wollte er einen Fußpfad einſchla⸗ gen, der von der Lindenallee abwärts nach dem Werla⸗ ufer führte, als er mit Entſetzen die Stimme des Hofcommiſſairs hörte, die ihm ſchon von ferne zurief, ſtehen zu bleiben. „Das wird wohl deine letzte Prüfung hienieden ſein, Kappler,“ ſprach der Sportelſchreiber ſeufzend zu ſich ſelber,„wär'ſt du nur ſchon todt.“ Er war ſtehen geblieben und harrte geduldig, was das Leben in der Perſon des Hofcommiſſairs noch von ihm wolle. Seine Stimmung, durch das allzugroße Unglück niedergebeugt, war ſchon reſignirend geworden. Eccarius kam ſchnellen Schrittes auf den Spor⸗ telſchreiber zu, und nahm ihn, ohne daß er deſſen verzweifelten Zuſtand bemerkt hätte, vertraulich un⸗ ter'm Arm. „Es iſt gut, daß ich Sie treffe,“ ſprach er ange⸗ legentlich,„ich würde Sie ſonſt in Ihrem Quartier aufgeſucht haben; ſagen Sie mir vor allen Dingen, Kappler, haben Sie nicht Luſt zu heirathen?“ 198 „Heirathen!“ ſeufzte der Sportelſchreiber, und glaubte nicht recht gehört zu haben. „Es iſt mein voller Ernſt,“ fuhr Eccarius, dem die Sache ſehr am Herzen zu liegen ſchien, fort,„ich wüßte eine ſcharmante Partie; was meinen Sie, Kappler?“ Der Sportelſchreiber ſeufzte abermals. Wenn man im Begriffe ſteht, in's Waſſer zu gehen, hat man ge⸗ wiß nicht die entfernteſte Neigung zu heirathen. Der Hofcommiſſair war unermüdlich, Kapplern die Annehmlichkeiten des ehelichen Lebens, ſo wie die Vorzüge des Mädchens aus einander zu ſetzen, welche er ihm zur Lebensgefährtin beſtimmt hatte. Als der Sportelſchreiber, welcher mit der Welt ſchon abgeſchloſſen hatte, und ganz in Todesgedanken vertieft war, auf des Hofcommiſſairs Heirathsinſi⸗ nuationen nur mit dumpfen Seufzern antwortete, ſo fiel dieſe an Kapplern völlig ungewohnte Weiſe dem Eccarius endlich auf; er betrachtete ſich den Sportel⸗ ſchreiber genauer und erſchrak wahrhaft ob deſſen bleichen Ausſehens. „Kappler, was iſt Ihnen,“ frug er nicht ohne Beſorgniß,„iſt Ihnen nicht wohl?“ Der Sportelſchreiber wandte ſein Geſicht ab und ſtieß einen herzergreifenden Seufzer aus. „Heraus mit der Sprache,“ drängte Eccarius, „Ihnen muß etwas Außergewöhnliches paſſirt ſein.“ „Laſſen Sie mich, hochgeehrter Herr Hofcommiſ⸗ ſair,“ erwiederte Kappler mit gepreßter Stimme,„ich habe auf dieſer Welt nichts mehr zu ſuchen.“ „Hoh hoh!“ meinte Eecarius,„ich habe für Sie das liebenswürdigſte Mädchen zur Gattin ausgeſucht, nun wollen Sie von der Welt nichts mehr wiſſen.“ Der Sportelſchreiber verharrte in ſeiner grabes⸗ düſtern Stimmung. Eccarius ward immer begieriger, welches wohl der —.—— 199 Grund zu Kappler's Todesgedanken ſein möchte. Er ließ nicht nach; und wie ſchwer es auch dem Spor⸗ telſchreiber ankam, ſo ſah er ſich endlich gezwungen, die ganze unſelige Geſchichte mit Langſchädel dem Hofcyommiſſair mitzutheilen. Als er zu Ende war, blieb letzterer ſt nahm eine ſehr ernſte Haltung an. „Wie?“ frug er in ſtrengem, rügeßit „iſt das ein Benehmen eines religiöſen Männes, wie Sie ſein wollen? hat Ihnen Ihre Relislon ſo wenig Vertrauen zu Gott und ſo wenig Kraft verliehen, daß Sie ob eines irdiſchen Mißgeſchicks, einer irdi⸗ ſchen Prüfung ſogleich verzweifeln, und ein Vergehen durch ein Verbrechen ſühnen wollen? Hatten Sie ſo wenig Vertrauen zu den Menſchen und namentlich zu mir, daß Sie ſich in Ihrer Noth nicht zu ent⸗ decken wagten? Ei ei, mein guter Kappler, auf welch' ſchlimmen Wegen wandeln Sie? Der wahre Chriſt, der tren am Glauben auf Gottes Liebe und Barm⸗ herzigkeit hält, wird nicht gleich in dem Grade ver⸗ zweifeln, daß er den Kopf verliert. Da können Sie ſehen, wie der beſte Menſch in Gefahr läuft zu ſtraucheln, ſobald das Mißgeſchick einigermaßen ſchwer über ihn hereinbricht. Kommen Sie mit zu mir; ich werde Ihnen die achtzig Thaler ſo lange vor⸗ ſchießen, bis Ihnen Langſchädel dieſe Summe zurück⸗ zahlt. Sie verdienten, daß ich Ihnen noch tüchtig und derb den Text läſe, weniger weil Sie ſo ſchwach waren, dem Lientnant von anvertrauten Geldern zu leihen, ſondern weil Sie ſo wenig Vertrquen zu mir hatten, gleich den Kopf verloren und gar im Begriff ſtanden, ein Verbrechen zu begehen, das auf Erden nicht wieder gut zu machen iſt. Zugleich erſehen Sie daraus, indem ich Ihnen gerade jetzt begegnete, wie nachſichtig die Vorſehung mit ihren Kindern umgeht, 200 und Alles gern zu unſerer Rettung thut, wenn wir derſelben einigermaßen werth ſind.“ Auf dieſe Weiſe hatte Kappler den Hofevmmiſſair nie mit ſich reden hören. Er war von dem über⸗ raſchenden Schickſalswechſel ſo angegriffen, daß er ſich wieder auf die Bank ſetzen mußte. Eccarius nahm neben ihm Platz und ſprach, den Zuſtand Kappler's berückſichtigend, ſanft und liebreich zu ihm. Der Sportelſchreiber ſah endlich ſein Unrecht ein, und weinte wie ein Kind. Er gelobte heilig und theuer Beſſerung und umarmte in höchſter Bewegung ſeinen Retter einmal über das andere. Nachdem er ſich in ſo weit erholt hatte, um wie⸗ der gehen zu können, folgte er dem Hofcommiſſair nach ſeiner Wohnung, wo er unter ſtrömenden Thrä⸗ nen die achtzig Thaler in Empfang nahm. „Ich erkläre nochmals,“ verſetzte Eccarius,„daß ich das Geld nicht eher zurückverlange, bis Sie von Langſchädeln die geliehene Summe zurückerſtattet er⸗ halten. Alſo machen Sie ſich wegen der Rückzah⸗ lung nicht die geringſte Sorge, und nach der Expe⸗ ditionszeit, boſuchen Sie mich auf ein frugales Abend⸗ brod, ich hi ichtige Dinge mit Ihnen zu ſprechen.“ Der glückſelige Sportel ſchreiber eilte nach dem Stadtgerichte. Dreizehntes Rapitel. Post nuhila Phoebus. Der Sportelſchreiber fand ſich nach abgelaufener Expeditionszeit pünktlich beim Hofkommiſſair, in dem er jetzt ſeinen guten Engel verehrte, ein. Man nahm an dem ſauber gedeckten Tiſchchen 201 Platz, Eecarius ſchenkte die Gläſer voll und brachte das Geſpräch wieder auf's Heirathen. „Kappler,“ ſprach er,„es iſt nicht gut, wenn der Menſch allein iſt, das müſſen Sie als Bibelken⸗ ner wiſſen, warum thun Sie nicht dazu und heirathen nicht? Sie werden nicht jünger, kommen in die Jahre, wo weibliche Pflege Noth thut, bedenken Sie das.“ „Ich habe über die vorzüglichen Eigenſchaften des Heirathens,“ wagte der Sportelſchreiber zu erwiedern, „reiflich nachgedacht, und die Wahrheit derſelben in aller Hinſicht beſtätigt gefunden.“ „Alſo, was zaudern Sie?“ frug der Hofcommiſſair, „Sie ſehen die Vorzüge des ehelichen Lebens ein.“ „Allerdings, mein hochverehrteſter Herr Hofkam⸗ mercommiſſair, jedoch in Erwägung—“ „Was iſt da zu erwägen, friſch geheirathet!“ „In Erwägung meiner nur für meine Perſon hinreichenden Einkünfte,“ gab Kappler zu bedenken. „Da kommen wir auf mein früheres Kapitel,“ ſprach der Hofcommiſſair,„warum halten Sie nicht um Gehaltzulage an?“ „Das möchte ſich denn doch wohl nicht gut in Ausführung bringen laſſen.“ „Wohlan,“ fuhr Eeccarius fort,„ſo legen Sie die Sportelei nieder, geben Sie Ihre Stelle beim Stadt⸗ gericht auf, ein Mann wie Sie kommt überall fort.“ Kappler entſetzte ſich ob dieſer Zumuthung; außer⸗ halb der Sportelſchreiberei kam ihm Alles öde und grau vor. „Getrauten Sie ſich wohl,“ frug der Hyfeommiſſair, „bei einer jährlichen fixen Einnahme von vierhundert Thalern mit einer höchſt wirthſchaftlichen Frau aus⸗ zukommen?“ „Schätze ſammeln, Schätze ſammeln, geehrteſter Herr Hofeommiſſair!“ rief der Sportelſchreiber. 202 „Wenn auch dieſe nicht,“ lächelte Eccarius,„aber ich glaube auch, daß Sie bei guter Wirthſchaft und erwähnter Einnahme in Neukirchen nicht Noth zu lei⸗ den brauchen. Nun ſehen Sie, ich wüßte eine ſolche Stelle für Sie; der zeitherige Rechnungsführer in meiner Fabrik tritt in Staatsdienſt. Unter der Bedin⸗ gung, daß Sie heirathen, ſollen Sie dieſe Stelle haben.“ Kappler glaubte vom Stuhle zu fallen; aber zu⸗ gleich bedachte er auch, daß der Hofcommiſſair nur ſpaße. „Es iſt mein vollkommener Ernſt,“ fuhr Eccarius ruhig fort,„aber, wie geſagt,— heirathen, das iſt die Hauptbedingung.“ „Ja, wenn mich nun aber keine mag,“ ſtammelte endlich der Sportelſchreiber kleinmüthig. „Es wird Sie ſchon eine mögen,“ verſetzte der Hofeommiſſair.„In der Hoffnung, daß Sie nichts dawider haben, bin ich ſo frei geweſen, in Ihrem Namen bei einem wahrhaft liebenswürdigen Mädchen um Derv Hand zu bitten und habe keine— abſchläg⸗ liche Antwort erbalten.“ 2 Dem Sportelſchreiber ward es jetzt außerm Spaße; er faltete die Hände und ſprach Gott ergeben:„Mein Leben ſteht in Ihrer Hand, hochverehrteſter Herr Hof⸗ kammercommiſſair.“ „Wohlan,“ fuhr Eccarius ernſt fort,„ich will Sie, lieber Kappler, nicht länger auf die Folter der Neugier ſpannen. Ziehen Sie morgen Ihr ſonntäg⸗ lich Kleid an und halten Sie in Perſon um die lie⸗ benswürdige Agnes Langſchädel an. Ich gebe Ihnen mein Wort als Ehrenmann, Sie werden keinen Korb erhalten. Ich habe bereits Alles in Ordnung gebracht, das Mädchen war Ihnen von jeher nicht ungewogen, durch Ihre ſo wahrhaft edelherzige Handlung aber, indem Sie unbekannter Weiſe Ihre ſämmtlichen ſauer erſparten paar Thaler zum Opfer brachten, haben Sie 203 des Mädchens Herz gänzlich gewonnen. Sie haben hier, Kappler, ich ſage es Ihnen ohne Schmeichelei, eine That vollbracht, um die Sie jeder Edelherzige nur beneiden, und die Ihnen nie ganz belohnt wer⸗ den kann. Zudem bedarf Agnes eines Verſorgers, denn Freund Langſchädel iſt ſicher am längſten Brücken⸗ zollgeldereinnehmer geweſen.“ Wer vermöchte Kappler's Zuſtand nach dieſen Wor⸗ ten des Hofcommiſſairs zu beſchreiben. Er dachte im erſten Augenblicke, es ſei entweder mit ihm oder mit dem Hofcommiſſair nicht richtig. Eccarius mußte erſt ganz umſtändlich werden, ſeine Einmiſchung in die Heirathsangelegenheit mit der angebeteten Agnes ganz ausführlich auseinander ſetzen und motiviren, ehe der Sportelſchreiber dahin gebracht werden konnte, dieſe unerhörte Himmelfahrt nur oberflächlich zu faſſen. Der Hofcommiſſair ſprach noch ein Langes und Breites und ſo war's und blieb's nicht anders. Kappler war ſo gut wie Bräutigam dek liebenswürdigen Agnes und Rechnungsführer mit vierhundert Thalern fixen Gehalt. Wie der Sportelſchreiber dieſe Nacht nach Hauſe gekommen, wußte er nicht; fortwährend aber klangen ihm die letzten Worte von Eccarius in den Ohren: „Die Hochzeit werde ich ausrichten!“ Der Hofcommiſſair hielt in Allem, was er ver⸗ ſprochen, redlich Wort. Kappler mußte ſeinen Ab⸗ ſchied als Stadtſportelſchreiber einreichen und ward Rechnungsführer in der Fabrik von Eccarius. Des⸗ gleichen mußte er perſönlich um die Hand von Lang⸗ ſchädel's Nichte anhalten, ein Unternehmen, das für ihn mit den außerordentlichſten Schwierigkeiten ver⸗ bunden war und wozu er ſich nimmermehr verſtanden haben würde, wenn ihm nicht der Hofevmmiſſair that⸗ kräftig zur Seite geſtanden. 204 Agnes war durch das ſeltene Opfer, das Kappler, um die Auspfändung zu verhindern, ihr gebracht, der— maßen in des Sportelſchreibers engelgutes Herz ver⸗ liebt, daß ſie ſeine übrigen kleinbürgerlichen Seltſam⸗ keiten gern überſah. Sie war überzeugt, daß ſie mit ſolch einer edlen Seele nicht unglücklich werden könne. Zudem erhielt ſie ihr gutes Auskommen, und auf eine anderweite Partie konnte ſie bei ihrer Mittelloſigkeit nicht rechnen; auch ſtand ſie bereits in den Jahren, wo die Mädchen weniger eigenſinnig zu werden pflegen in der Wahl eines Lebensgefährten. Der überſelige Kappler ward alſo erhört. Was er ſich nie hätte träumen laſſen, war in Erfüllung gegangen. Vierhundert Thaler Gehalt und den Ab⸗ gott ſeiner Seele zur Frau. So belohnt oft der Himmel gute Thaten ſchon hienieden. Die Hochzeit, welche acht Wochen ſpäter der Hof⸗ commiſſair ausrichtete, war äußerſt ſplendid. Selbſt Seine Epxcellenz der General Kirchner, der fortwäh⸗ rende Freund von Eccarius, beehrte ſie mit ſeiner Gegenwart und hatte ſeine wahre Freude an dem ehrlichen Kappler, den glücklichſten Bräutigam, den es wohl je gegeben hat. Die Jungfer Braut machte ſich ganz allerliebſt und verſprach, die liebenswürdigſte Frau zu werden. Auch für Langſchädel war der Hochzeittag ſeiner Nichte ein Tag des Segens. Der General und Eeearius hatten zuſammengelegt, ſeine Schulden be⸗ zahlt und ihn vom Untergange diesmal gerettet, je⸗ doch unter der unwiderruflichen Bedingung, daß, ſo⸗ bald man wieder von einem Hazardſpiele höre, dem er ſich hingegeben, er ſofort abgeſetzt und in's Land⸗ arbeitshaus gebracht werden ſollte. Sein Schickſal lag gänzlich in den Händen der beiden genannten Männer; denn ſie allein hatten Kenntniß, daß der anvertraute Kaſſe angegriffen hatte. Obgleich der Inſpector Sonnenſchmidt die dem Wildſchützen Feurich gezahlten fünfhundert Thaler noch lange nicht verſchmerzt und wiederholt geſchwo⸗ ren, mit Langſchädeln nie wieder in Geſellſchaft zu kommen, ſo hatte er doch die Einladung des gefürch⸗ teten Hofcommiſſairs nicht ausgeſchlagen und war zu Kappler's Hochzeit erſchienen. Der gute Wein übte bald ſeine wohlthätige Macht; der Inſpector vergaß auf kurze Zeit den erlittenen Verluſt und tanzte zu nicht geringer Ergötzlichkeit des Hochzeitausrichters nicht nur die Polonaiſe, ſondern trotz ſeiner ſchwer⸗ fälligen Corpulenz ſogar einige Walzer. Den Hofcommiſſair ſelbſt aber hat man lange nicht ſo vergnügt geſehen, als bei dieſem Hochzeitfeſte des ehrlichen Kappler. Pierzehntes Rapitel. Was aus den vier Pickwickiern endlich geworden. Mehrere Jahre waren dahingegangen. Carl Willer war nach glänzend beſtandenem Univerſitäts⸗ und Staatsexamen als Advocat in's bürgerliche Leben ge⸗ treten und hatte ſich durch mehre glücklich geführte Prozeſſe, ſo wie durch einige ſehr geiſtreich geſchriebene Diſſertativnen über ſtreitige Rechtsfälle bereits einen ſolchen Namen erworben, daß ſelbſt das Juſtizmini⸗ ſterium auf den jungen Mann aufmerkſam geworden und ihm von mehren Seiten ehrenvolle Anträge ge⸗ ſchahen, um den geiſtreichen Juriſten für den Staats⸗ dienſt zu gewinnen. Willer liebte indeß, ſeinen alten Grundſätzen getreu, viel zu ſehr die Unabhängigkeit, als daß er ſich hätte entſchließen können, von dieſen Anträgen Gebrauch zu machen. gewiſſenloſe Brückenzollgeldereinnehmer die eigene ihm 20 ß Der Hofcommiſſair Eecarius in Neukirchen, ſo wie der General Kirchner daſelbſt, freuten ſich nicht wenig, daß ihr junger Freund in der Reſidenz ſeine Laufbahn ſo glänzend und vielverſprechend begonnen. Erſterer kam daher auch von ſeiner frühern Lieblings⸗ idee, daß ſich Willer in Neukirchen niederlaſſen möchte, zurück, wie ſchmerzlich er deſſen liebenswürdigen Um⸗ gang vermißte. Er erkannte wohl, daß das Städt⸗ chen Neukirchen für einen ſo ausgezeichneten Kopf, wie Willer, kein günſtiges Terrain darbiete. Der Inſpector Sonnenſchmidt fühlte ſich ſeinerſeits hoch⸗ geehrt durch die beneidenswerthe Stellung ſeines Nef⸗ fen in der Reſidenz; er vergab ihm ſogar, daß er ſeinen Acceß beim Amtmanne Löffler zu machen ver⸗ abſäumt hatte. Trotz dem, daß mehre Jahre vergangen und Willer dieſe Zeit, größtentheils von Geſchäften überhäuft, in der geräuſchvollen und Zerſtreuung aller Artd arbieten⸗ den Reſidenz verbracht hatte, war das Bild der hold⸗ ſeligen Clara von Löwenſtern nicht in ſeinem Innern erloſchen. Wie in den erſten Tagen der Bekannt⸗ ſchaft mit dem Fräulein, ruhte es wie eine heilige Fata morgana, wie ein ſtiller Segen in ſeiner Bruſt, ſo daß die Frauen und Mädchen der Reſidenz faſt unbeachtet an ſeinen Blicken vorübergingen. Wiederholt hatte er während des mehrjährigen Zeitraums theils auf Neukirchner Harmoniebällen, theils in Soiréen beim General Kirchner Gelegenheit gehabt, Elara zu ſehen und zu ſprechen⸗ Er war nach einem jedes⸗ maligen Zuſammentreffen mit dem Lieblinge ſeiner Seele ſtets für lange Zeit beſeligt. Bei Clara war daſſelbe der Fall; ſie liebte den jungen ſchönen Mann mit aller Macht ihres Herzens, verſchloß jedoch dieſe Liebe mit ſolcher Sorgſamkeit in tiefinnerſter Bruſt, daß außer Madame Chignon, 207 welche noch im Löwenſtern'ſchen Hauſe lebte, Niemand eine Ahnung davon hatte. Dieſer Liebe zu Gefallen hatte Clara bereits mehre ſtandesgemäße und nicht unvortheilhafte Heirathsanträge von der Hand gewie⸗ ſen. Wie viele junge adelige Herren das Mädchen in den paar Jahren daher Gelegenheit gehabt kennen zu lernen, ſo war Keiner im Stande geweſen, das Bild des bürgerlichen Geliebten im Geringſten zu verdunkeln und ihr Herz abwendig zu machen. Ob⸗ ſchon Willer in neuerer Zeit recht gut im Stande geweſen, einer Gattin ein höchſt anſtändiges Aus⸗ kommen zu bieten, ſo war der Abſtand zwiſchen einem Fräulein von Löwenſtern und einem bürgerlichen Ad⸗ vocaten, nach den Anſichten, wie ſie auf Ehrenberg herrſchten, zu abgrundtief, als daß Willer und Clara nicht hätten den entfernteſten Gedanken an eine der⸗ einſtige Verbindung aufgeben ſollen. Eine Schwer⸗ muth, deren Grund man ſich vergebens zu enträth⸗ ſeln bemüht war, hielt daher bereits ſeit längerer Zeit die ſchöne Stirn des ſonſt ſo heitern Mädchens umzogen. Der Entſchluß, keinem Manne ihre Hand zu bieten, da ſie dieſelbe demjenigen nicht reichen durfte, welchem ihr ganzes Herz gehörte, ſtand in ihr un⸗ widerruflich feſt; ja ſie gefiel ſich ſogar zuweilen in dem ſchwärmeriſchen Gedanken, ihre künftige Lebenszeit in der Abgeſchiedenheit eines Kloſters zu verbringen. So ſtanden die Sachen, als der bereits oben er⸗ wähnte Prozeß, welchen die Familie von Löwenſtern mit einem deutſchen Fürſtenhauſe führte, ſich ſeinem Ende nahte; deſſen Ausgang jedoch keineswegs zu Gunſten der genannten Familie auszufallen ſchien. Mit dem Verkuſte dieſes eben ſo langwierigen als koſtſpieligen Rechtsſtreites war aber der Concurs des Barons entſchieden, denn alsdann vermochte ſelbſt der 208 reiche General Kirchner dieſe traurige Kataſtrophe nicht mehr abwendig zu machen. Bereits waren die Endurtheile zweier Inſtanzen zum entſchiedenen Nachtheile der Löwenſtern'ſchen Par⸗ tei ausgefallen, und ſchon zweifelte man nicht mehr, daß auch das entſcheidende letzte Urtheil gegen ſie ausfallen werde, womit der Ruin Löwenſtern's entſchieden war. Voller Verzweiflung theilte der Baron dem Ge⸗ neral Kirchner dieſe traurigen Ausſichten mit. Die⸗ ſer vermochte jetzt auch nicht mehr zu helfen. „Der einzige Rath, den ich Ihnen noch zu er⸗ theilen vermag,“ ſprach Seine Excellenz zu Löwen⸗ ſtern,„beſteht darin, daß Sie den jungen Willer zu Ihrem Advocaten annehmen; iſt ein Anwalt vermö⸗ gend, Ihre Sache zu einem glücklichen Ende zu füh⸗ ren, ſo iſt es dieſer geniale Kopf.“ Löwenſtern ſchüttelte trüb' und zweifelsvoll den Kopf; ſein Vertrauen zu den Advocaten überhaupt war in Folge ſeines langwierigen Prozeſſes ſehr geſunken. „Wohlan,“ erwiederte er endlich nach langem Schweigen,„greift ja der Ertrinkende nach einem Stroh⸗ halm; Ihr Rath ſoll befolgt werden.“ Bereits nach wenigen Tagen ſaß Carl Willer im Archive des Schloſſes zu Ehrenberg, ganz vergraben unter Acten des Jahre langen Rechtsſtreites. Noch keinen Prozeß hatte der junge Advocat mit ſolcher Liebe übernommen, mit ſolchem Eifer und ſol⸗ cher Energie angegriffen, als den der Löwenſtern'ſchen Familie. Den Beweggrund hierzu wird ſich der Leſer erklären. Tag und Racht arbeitete Willer mit wahr⸗ haft rieſenhafter Beharrlichkeit. Er bot die ganze Schärfe ſeines Geiſtes, den ganzen Schatz ſeiner juriſtiſchen Wiſſenſchaft auf, um ein glückliches Reſultat zu erzielen. Nach Verlauf zweier Wochen war der Unermüd⸗ liche bereits ſo weit, dem Baron von Löwenſtern er⸗ 209 klären zu können, daß er ſich getraue, binnen Jahres⸗ friſt den— Prozeß zu gewinnen. Der Baron, welcher bereits alle Hoffnung auf⸗ gegeben hatte und in der letztern Zeit in einen wahr⸗ haften Trübſinn verfallen war, wollte dieſen Worten wenig Glauben beimeſſen. Willer ſetzte ſein begonnenes Werk mit eiſernem Fleiße und bewundernswürdiger Geſchicklichkeit fort. Die Führung des Prozeſſes brachte es mit ſich, daß er oft längere Zeit in den Archiven von Ehrenberg zu arbeiten hatte. Bei ſeinem jedesmaligen Aufent⸗ halte auf dem Schloſſe ward er ſtets zur Mittags⸗ und Abendtafel gezogen, und keine noch ſo kleine Fa⸗ milienfeſtlichkeit gab es, wo er nicht zugegen war. Seine Liebenswürdigkeit im geſelligen Umgange fand man eben ſo intereſſant und angenehm, wie man ſeine Thätigkeit und Unſicht als Rechtsanwalt be⸗ wundern mußte. Trotz der ſchwierigſten Arbeiten, die ihm im Ar⸗ chive oblagen und die Körper wie Geiſt in gleichem Grade abmatteten, ſo zählte er doch dieſe Tage auf Ehrenberg zu den ſeligſten ſeines Lebens. Täglich erquickte ihn das holdſelige Antlitz und der himmel⸗ volle Umgang der Geliebten. Er würde der außer⸗ ordentlichen Anſtrengung unterlegen haben, hätte ihm nicht der Gedanke, daß er zugleich für Clara arbeite, wunderbare Kraft gegeben. Bereits nach zwei Monaten zeigten ſich die erſten glüͤcklichen Ergebniſſe der Villerſchen Thätigkeit. Es erfolgte in einer Nebenpartie des Prozeſſes von Seiten des Obergerichts eine ſo günſtige Entſcheidung, daß die Hoffnung zu einem glücklichen Hauptausgange der ſtreitigen Angelegenheit immer feſtern Fuß gewann. Selbſt der Baron begann neu aufzuathmen. Stolle, ſämmtl. Schriften. VIIl. 14⁴ 210 In der Familie Löwenſtern ward Willer als ein guter Genius verehrt. Während der junge Advvrat auf Ehrenberg arbei⸗ tete, lief von Seiten der Landesregierung ſeine Er⸗ nennung zum fürſtlichen Rathe ein. Willer hatte im Auftrage des Juſtizminiſters eine Sache mit ſo viel Geſchick und Glück geführt, daß ihm der Miniſter durch dieſe Ernennung ſeine hohe Zufriedenheit an den Tag legte. Dieſes freudige Ereigniß gab in der Familie Lö⸗ wenſtern Veranlaſſung zu einem kleinen Familienfeſte, zu welchem der General Kirchner und ſelbſt, was man ſich noch vor Kurzem gewiß nicht hätte träumen laſſen, der— Hofeommiſſair Eccarius, als intimer Freund des Generals und ehemaliger Wohlthäter Willer's, geladen war. Der Lauf des Prozeſſes gewann allmälig eine immer günſtigere Wendung und je näher man dem erſehnten Ziele kam, deſto höher ſtieg die Achtung und Liebe für den thätigen Anwalt auf dem Schloſſe zu Ehrenberg. Noch war kein Jahr dahin, als Willer's wahr⸗ haft beiſpielloſe phyſiſche und geiſtige Anſtrengung, welche zugleich von hohem Glick begünſtigt ward, durch den entſchiedenſten Erfolg gekrönt werden ſollte. Faſt zu derſelben Zeit, als der junge Mann vor einem Jahre den ſchon faſt verlorenen Prozeß übernommen, traf das Endurtheil der höchſten Inſtanz auf Ehren⸗ berg ein, wodurch der große Rechtsſtreit auf das Glänzendſte für die Löwenſtern'ſche Familie gewonnen ward, ſo daß letztere in den Beſitz von einer halben Million Gulden gelangte. Wer beſchreibt den Jubel auf dem Schloſſe. Der Baron umarmte, Thränen in den Augen, den glück⸗ lichen Anwalt, und das Feſt, welches Letzterm zu Ehren gegeben ward⸗ übertraf alle frühern an Glanz 241 und Fröhlichkeit. Clara ſelbſt mußte dem frendezit⸗ ternden Willer den Kranz des Verdienſtes auf die ſchönen Locken drücken. Als aber der erſte Freudenrauſch vorüber und der junge Rath vom Schloſſe ſcheiden wollte und Löwen⸗ ſtern in ihn drang, die Honorarſumme zu nennen, erwiederte Willer mit dem ihm angeborenen Freimuthe, daß er dieſen Prozeß nicht für Geld geführt habe; er verlange entweder einen himmliſchen Lohn, oder keinen. Zugleich erklärte er offen ſeine Jahre lang gehegte Liebe zu Fräulein. Clara, und daß er ſich ſchmeichle, ſeine Neigung nicht unerwiedert zu finden; worauf er geraden Wegs um die Hand der Geliebten bat. Dies hatte Löwenſtern allerdings nicht erwartet. Der alte Stolz ſiegte über die wahrhafte Zuneigung, die er für den jungen Mann in ſeinem Herzen fühlte, und er antwortete daher ziemlich kühl, daß, wenn er von dieſem Preiſe eine Ahnung gehabt, er auf den rechtlichen Beiſtand des Herrn Raths allerdings hätte verzichten müſſen. Ein eben ſo ſonderbarer, wie für Willern glück⸗ licher Zufall wollte es, daß während dieſer verhäng⸗ nißvollen Unterredung der General Kirchner in's Ge⸗ mach trat. Als mehrmaliger Retter der Familie Löwenſtern, wie als vertrauteſter Freund deſſelben, fonnte ihm der Grund der Mißſtimmung, die er bei ſeinen beiderſeitigen Freunden wahrnahm, nicht lange verborgen bleiben. Er fand die Bitte Willer's gar nicht ſo außer der Ordnung, wie es bei dem Baron der Fall war, und durch ſein Anſehen, wie ſeine kräftige Vermittelung, brachte er es wenigſtens dahin, daß Löwenſtern den Heirathsantrag nicht geradezu abwies, ſondern ſich wenigſtens Bedenkzeit und Rück⸗ ſprache mit ſeiner Familie vorbehielt. So verließ derN 14* 212 t glückliche Advocat doch nicht ohne alle Hoffnung das Schloß Ehrenberg. Willer ſah recht wohl ein, daß der adelſtolze Löwenſtern niemals würde zu bewegen ſein, ſeine Tochter einem bloßen Advocaten zu geben. Er be⸗ ſchloß daher, ſeiner Liebe auch das Opfer einer größern Unabhängigkeit zu bringen, nahm das Erbieten des Miniſters an und trat in den Staatsdienſt. Hier ward ihm Gelegenheit, mit dem regierenden Fürſten wiederholt perſönlich zuſammenzutreffen; der Einfluß des General Kirchner hatte hauptſächlich dieſes Zu⸗ ſammentreffen zu bewirken gewußt. Der Fürſt fand bald Gefallen an dem jungen geiſt⸗ und gemüthrei⸗ chen Manne. Nach Verlauf weniger Monate erhielt Willer das eben ſo wichtige wie ehrenvolle Amt eines Erziehers des Erbprinzen, welches zeither noch nie einem Bürgerlichen war übertragen worden. So füllte ſich die Kluft des Standesunterſchiedes zwiſchen dem liebenden Paare immer mehr. Der alte General betrieb außerdem die Sache ſeines Lieblings mit einem Eifer und einer Ausdauer, als wenn es den Sturm einer feindlichen Feſtung gelte. Dieſer Beharrlichkeit, ſo wie den glücklichen Succeſſen des jungen Willer's in der Reſidenz, gelang es endlich, die noch obwal⸗ tenden Bedenklichkeiten in der Familie Löwenſtern niederzuſchlagen. Willer erhielt nach Verlauf einiger Monate zur Feier von Clara's Geburtstage ein äußerſt ſchmeichelhaftes Einladeſchreiben von dem Herrn Baron und deſſen Gemahlin. Man kann ſich denken, daß der glückliche Willer keinen Augenblick zögerte, davon Gebrauch zu machen, und ſich pünktlich einzufinden. Clara's ein und zwanzigſter Geburtstag wurde feſtlich begangen. Als aber Alles beim fröhlichen Mahle beiſammenſaß, erhob ſich plötzlich der Herr Baron von Löwenſtern und brachte ein Hoch auf den 213 fürſtlichen Rath Herrn Willer und ſeine Tochter EClara, welche er zugleich als Verlobte erklärte. Unter Paukenwirbel, unter Schmettern der Trom⸗ peten und Donner der im Schloßparke aufgeſtellten Böller empfing das glückliche Brautpaar die Glückwün⸗ ſche der zahlreich verſammelten Gäſte und vor Allen des alten Generals Kirchner und des Hofcommiſſair Eccarius. Die Hochzeit ward auf den glücklichen Tag an⸗ geſetzt, an welchem vor einem Jahre die Nachricht von dem gewonnenen Prozeſſe eingelaufen war. So ſah denn Willer den kühnſten ſeiner Erden⸗ wünſche erfüllt und lieferte zugleich den Beweis, wie heutzutage das Talent ſein Glück machen kann, phne durch hohe Geburt begünſtigt zu ſein, und ohne ſei⸗ nen Freimuth verleugnen zu dürfen. Der glückliche Gatte lebte ſeit ſeiner Vermählung wieder in der Reſidenz an der Seite ſeines angebe⸗ teten Weibes, in treuer Erfüllung ſeines eben ſo ehrenvollen wie ſegensreichen Berufes ziemlich ent⸗ fernt vom Geräuſche der großen Welt, ſeine wahre Zufriedenheit nur in ſtiller Häuslichkeit und im Vereine weniger gleichgeſtimmter Freunde ſuchend und findend. Die Familie Löwenſtern, um der geliebten, einzigen Tochter ſo nahe wie möglich zu ſein, hat ſich ſpäter gleichfalls nach der Hauptſtadt übergeſiedelt. Ungefähr ein Jahr nach Willer's Vermählung ſtarb zum Bedauern Aller, die ihn kannten, ſein treuer Freund, der alte, wackere General Kirchner, welchem das Glück des jungen Paares ſeine letzten Lebensjahre wahrhaft erfreut hatte. Er ward eines Morgens ſanft entſchlafen in ſeinem Bette gefunden. Der Hofeommiſſair, welcher die Hoffnung längſt aufgegeben hatte, Willer'n als Advocaten in Neukir⸗ chen prakticiren zu ſehen, und dem es namentlich nach des Generals Tode wahrhaft einſam in dem Werla⸗ L5 ſtädtchen geworden, gab endlich den vielfachen Bitten und Beſchwörungen Willer's nach, und zog gleichfalls nach der Reſidenz, wo er noch jetzt in höchſt ange⸗ nehmen Verhältniſſen und namentlich mit Willer's auf innig befreundetem Fuße lebt. Ehe er Neukirchen verließ, ſorgte er noch auf's Wohlwollendſte für ſeinen getreuen Kappler. Da er die Fabrik, wo ihm der ehemalige Sportelſchreiber als Rechnungsführer auf das Gewiſſenhafteſte gedient, verkaufte, ſo wollte er die Zukunft ſeines alten Freun⸗ des für immer ſicherſtellen und verſchaffte ihm daher vermittelſt ſeiner einflußreichen Verbindung die ein⸗ trägliche Stelle eines Rendanten im fürſtlichen Steuer⸗ amte zu Neukirchen, welche zugleich mit Penſion ver⸗ bunden war. Wer zählt die Dankesthränen des guten Kappler's, als ihm dieſe neue Wohlthat des Hofcom miſſairs er öffnet wurde. Nun war auch ſein höchſter Erdenwunſch in Erfüllung gegangen. Er konnte heiter und ſorgen⸗ frei der Zukunft entgegen ſchauen. Was eine gute und kluge Frau über einen Mann vermag, davon lieferte unſer ehemaliger Sportelſchrei⸗ ber einen ſprechenden Beweis. Es war der liebens⸗ würdigen Agnes gelungen, in dem äußern Menſchen Kappler's eine merkwürdige Veränderung hervorzu⸗ bringen. Nicht nur, daß er ſich weniger ſonderbar kleidet, hat auch ſeine übergroße Schüchternheit ſicht⸗ bar nachgelaſſen und er ſich der Geſellſchaft und Ge⸗ ſelligkeit mehr acclimatiſirt. Obſchon er immer noch der ſeelengute, gottesfürchtige, freundliche, höfliche, dienſtbefliſſene und zuvorkommende Mann iſt, ſo weiß er ſich doch einigermaßen freier und gelenker zu benehmen. In ſeiner Häuslichkeit kann Kappler als das Muſter eines liebevollen Ehemanns und zärtlichen Vaters gel⸗ ten. Nichts iſt rührender anzuſehen, als wenn er 215 mit ſeinem dreijährigen Traugott, einem höchſt drolli⸗ gen Jungen, ſpielt, oder ihm gute Lehren ertheilt. In neueſter Zeit iſt Kappler ſelbſt zu dem in Neukirchen beſtehenden Kegelvereine getreten, denn Kegel ſchiebt er ſchon ſeiner Geſundheit wegen für's Leben gern. Da kann ihn der Leſer in den ſchönen Frühlings⸗ und Sommernachmittagen wöchentlich mehr⸗ mals nach beendeter Expeditionszeit auf der Amalien⸗ höhe, ein Vergnügungsort ganz nahe bei Neukirchen gelegen, erblicken, wie er, in der einen Ecke des Ke⸗ gelhäuschens ſtehend, den Spielern weiſe, durch lange Erfahrung geprüfte Lehren über das Auflegen der Kugel, über Kantiren, den Schnitt und dergleichen ertheilt. Daß ihn jedoch trotz ſeiner Verheirathung und trotz des wohlthätigen Einfluſſes ſeiner Frau noch nicht alle Sonderbarkeiten verlaſſen haben, davon giebt die höchſt verwickelte Rechnung, welche bereits geraume Zeit ſeinen angeſtrengten Fleiß in Anſpruch nimmt, einen Beleg; nämlich die Berechnung aller denkbaren Arten, wie die Kegel fallen können, und wo die Kugel antreffen und welche Kegel ſie berühren muß, wenn ſie alle neun oder acht um den König umwerfen ſoll. Der möglichen Chancen hierbei ſind ſo viele, daß der gute Kappler gar nicht begreift, wie das ein Ende nehmen ſoll. Die beigefügten ſehr ſauber ausgeführten Zeichnungen, welche die Rechnung veranſchaulichen, belaufen ſich allein auf etliche achtzig. Sinkt der Abend nieder, dann erſcheint nicht ſelten die gute Madame Kappler, Traugottchen an der Hand, und holt ihren Mann von der Kegelbahn ab. Dann wandelt das glückliche Paar noch eine Strecke in dem ſchönen Thale dahin und kehrt mit einbrechender Dun⸗ kelheit zu dem unfriedeten Herde. Nichts ſtort den Seelenfrieden dieſer Glücklichen; ſie ſind vielleicht die Einzigen in ganz Neukirchen, 246 die in ihrer großen Beſcheidenheit keinen Feind haben; und ſo wird ihnen die ſo ſeltene Gabe des Himmels zu Theil, daß ſie den Lohn ihrer Tugend bereits hie⸗ nieden genießen. Weniger Erfreuliches iſt vom Inſpector Sonnen⸗ ſchmidt zu vermelden. Durch die glänzende Laufbahn ſeines Neffen, die er lediglich ſeinem Einfluſſe zu⸗ ſchrieb, hatte er nach und nach einen ſolchen Hoch⸗ muth erlangt, daß faſt kein Auskommen mehr mit ihm war. In gleichem Grade mit dieſem Hochmuthe ſtieg auch ſein Geiz, ſo daß er eines Tages bei der Nach⸗ richt von dem Fallimente einer Fabrik, bei der er mit einigen tauſend Thalern betheiligt war, vom Schlage getroffen wurde und auf der Stelle todt niederfiel. Willer gelangte hierdurch als Univerſalerbe in den Beſitz eines höchſt beträchtlichen Vermögens. Auch an dem Brückenzollgeldereinnehmer Langſchädel erlebte die Welt wenig Freude. Vergebens hatten weder Eccarius noch der General Geld und Mühe geſcheut, ihn vom Untergange zu retten. Das böſe Prinzip hatte zu ſehr die Oberhand bei ihm gewonnen. Er konnte ſeine Stellung nicht behaupten und ſtarb einige Jahre nach ſeiner Entlaſſung in einer Verſorgungsanſtalt. Dies iſt die Geſchichte der vier Männer, von denen ſich im deutſchen Leben manche Aehnlichkeit vorfinden dürfte. Auch ſind die Neukirchner geſellſchaftlichen Zu⸗ ſtände zum großen Theile dem Leben nacherzählt. Die Farben ſind hier und da etwas ſtark aufgetragen, doch kommen ſie der Wahrheit immer näher als der Dichtung. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. * 1