Leihbibliothet f deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur on 6 Cdnard Oilmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreig. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Ta 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenmmen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hicterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ————„ auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 W. 5 Pf 2 r.— „„. 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ ünd Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ S 6. Schadenersatz. 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Seine aufgeregte Gemüthsſtimmung hatte ihm zu Hauſe keine Ruhe ge⸗ laſſen. Er mußte unter Menſchen. Auf dem Keller traf er Langſchädeln, der ſeit der Duellgeſchichte ſicht⸗ bar abmagerte. Wie war das auch anders möglich? Der Lieutnant, welcher ſich auf Piſtolen geſchlagen, durfte Niemandem von dieſer Heldenthat erzählen. Der Hofcommiſſair hielt ihn förmlich beim Genick. Auch aufſchneiden durfte er in des gefürchteten Man⸗ nes Gegenwart nicht mehr. Hauptſächlich aber war es dem Bramarbas außerm Spaße, daß ihn der Hof⸗ commiſſair nie mehr Lieutnant titulirte. Er nannte ihn ſchlechtweg Langſchädel, und ſobald beſagter Lang⸗ ſchädel ſich's beikommen ließ, das große Pferd zu be⸗ ſteigen, benamſete ihn der Hofcommiſſair nie anders als Brückenzollgeldereinnehmer, auf welche Benennung er jedesmal einen beſondern Nachdruck legte. Sobald Langſchädel dieſen Namen hörte, wußte er, wieviel es geſchlagen und er ward beſcheiden und einſylbig. Stolle, ſämmtl. Schriften. VII. 4 Indeß je größer die Furcht und das Anſehen war, in welches ſich Eccarius beim Lieutnant geſetzt hatte, deſto höhere Verehrung genoß Langſchädel von Seiten Kappler's. Der Lieutnant war dem Sportelſchreiber faſt eine heilige Perſon, aus keinem andern Grunde, als weil er der Onkel der Nichte war, in welcher Kappler einen Engel des Himmels verehrte. Wenn daher Langſchädel Kapplern allein auftrei⸗ ben konnte, ſo war dies ein wahres Labſal für ihn; gegen den frommen Anbeter ſeiner Nichte konnte er aufſchneiden nach Herzensluſt; er fand ſtets einen Gläubigen und Bewunderer ſeiner außerordentlichen Hiſtorien. Die Verehrung des Sportelſchreibers für Fräulein Agnes war übrigens ſo zarter Natur, daß weder das Mädchen noch Langſchädel eine Ahnung davon hatten. So wie der Lieutnant Kapplern erſchaute, nahm er ihn ſogleich in Beſchlag. „Wiſſen Sie es ſchon?“ frug er. „Kein Wort, hochgeehrteſter Herr Lieutnant,“ er⸗ wiederte der Gefragte. „Es iſt eine wahre Qual, ein hübſches Mädchen zu bevatern,“ fuhr Langſchädel fort. Der Sportel⸗ ſchreiber wurde bei dieſen Worten ganz Ohr und ſein Herz ſchlug erwartungsvoll. Er wiederholte daher: „Kein Wort, hochgeehrteſter Herr Lieutnant.“ „Sie kennen doch meine Nichte?“ ſprach der andre. „Durch Ihre Güte, hochverehrteſter Herr Lieut⸗ nänt,“ gab Kappler zur Antwort,„iſt mir das hohe Glück zu Theil geworden, dero Fräulein Nichte von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen.“ „Nun in Betreff dieſes Mädchens weiß ich mich vor Heirathsanträgen nicht zu retten.“ Wiewohl Kappler dies ganz in der Ordnung fand, begann er doch am ganzen Leibe zu zitterv 3 „Erſt geſtern hab' ich ein ganzes Schubfach ſol⸗ cher verliebter Anhalteſchreiben in's Feuer geworfen,“ erzählte Langſchädel weiter;„heut erſcheint ſchon wie⸗ der ein Baron mit nicht weniger denn ſieben Ritter⸗ gütern. Was ſagen Sie, Kappler?“ Dem Sportelſchreiber ward ſchwarz vor den Augen. Wiewohl er ſelbſt nie die entfernteſte Abſicht gehabt, das Mädchen heimzuführen— eine ſo vermeſſene Idee hätte ihm für Sünde gegolten— ſo war ihm doch der Gedanke, die Angebetete an der Seite eines Andern zu wiſſen, niederſchmetternd. Gedachte er nun gar des Barons mit den ſieben Rittergütern, ſo ſchwand ihm vollends alle Hoffnung; denn dieſen Antrag warf der Lieutnant gewiß nicht in's Feuer; eine brillan⸗ tere Partie konnte es für Agnes ja gar nicht geben. „Aber können Sie ſich denken,“ fuhr Langſchädel fort,„daß ich die Sache dem Baron bereits abge⸗ ſchrieben habe?“ Kappler vermochte ſich dies ſchlechterdings nicht zu denken. „Ja,“ meinte der Großſprecher,„ſehen Sie, Freund, unſereins hat auch ſeine Marotten, ſeinen Stolz. So ein adeliger Schlucker glaubt, nur anklopfen zu dür⸗ fen, und Thür und Angeln würden wie beſeſſen auf⸗ ſpringen; ja proſit, wir ſind auch nicht von geſtern; nein, ſo lange ich Etwas zu ſagen habe, ſoll meine Nichte keinen Adeligen heirathen und ſäß' er im Golde bis über die Ohren.“ Kappler athmete bei dieſen Worten neue Lebens⸗ luft. Der Lieutnant fuhr leidenſchaftlich fort: „Ja, Gott ſtraf mich, eh' ich ſo eine adelige Ma⸗ riage zugebe, ſoll meine Agnes eher Frau Sportel⸗ ſchreiberin werden. Sie kennen mich nicht, Kappler. Ich bin da ein närriſcher Kauz.“ 1 „ Der Sportelſchreiber ward über und über roth und vermochte auf dieſe Rede, die ihm wie ein ſeli⸗ ges Evangelium erklang, kein Wort zu erwiedern. „Ich glaube auch,“ fuhr Langſchädel nach einer Pauſe fort,„Sie würden keine Frau unglücklich ma⸗ chen, Kappler; Sie ſind von verträglichem Charakter, ſanftem Gemüth und reinen Sitten.“ „Oh, ach,“ ſtammelte der von dieſen Worten be⸗ rauſchte Sportelſchreiber. „Mit meiner Nichte zum Beiſpiel,“ ſprach der Lieutnant ruhig weiter,„würden Sie ſich recht gut vertragen; was meinen Sie? Agnes iſt ebenfalls verträglich und ganz geſchaffen, einem Manne das Leben zu erheitern.“ Der Sportelſchreiber hätte mögen zur Erde fallen und Langſchädeln anbeten. „Freilich,“ meinte der andre trocken und achſel⸗ zuckend,„Ihre Stellung iſt nicht der Art, eine Frau anſtändig zu ernähren; Sie müſſen nach Vermögen gehen und meine Nichte iſt arm.“ „Aber reich, unermeßlich reich,“ platzte jetzt der Sportelſchreiber heraus,„an Vorzügen des Geiſtes wie des Herzens.“ „Davon wird man heut zu Tage nicht ſatt, mein lieber Kappler,“ erwiederte welterfahren der Lieutnant. Kappler geſtand dies nicht ohne Seufzer zu; den⸗ noch hatten die Worte Langſchädel's in ſeinem Herzen einen gewaltigen Aufſtand zu Wege gebracht.„Ich glaube, Sie würden ſich recht gut vertragen!“ dieſe Phraſe klang noch immer wie Orgelton und Glocken⸗ klang in ſeinem Innern. Der Lieutnant erſchien ihm als Gott, weil er die Nichte dem Baron mit den ſieben Rittergütern nicht zugeſtehen wollte. „Ach,“ dachte er bei ſich,„wenn ich nur Eins, 2 5 nur ein halbes, ein Viertelchen von ſo einem Ritter⸗ gute beſäß, wer weiß, was geſchähe. Der Herr Lieut⸗ nant ſcheinen mir nicht abgeneigt. „Aber nein, Sportelſchreiber,“ fuhr er nach einer Pauſe für ſich fort,„ſei nicht hoffärtig; welch über⸗ müthige Gedanken durchkreuzen dein Gehirn; Demuth hat Gott lieb. Laß dich nicht verlocken. Du malſt an einem Glück, das hienieden nicht zu erreichen. Laß dich nicht verblenden durch trügeriſche Hoffnung. Wer hoch ſteigt, fällt tief. Kappler, ſchlag dir ſolche Gedanken aus dem Sinne und wandle beſcheiden die Wege wie zeither. Der Name des Herrn ſei geprie⸗ ſen von Anfang bis an's Ende. Hallelujah! Amen!“ Langſchädel, nachdem er in Kappler's Herzen einen wahren Sturm zu Wege gebracht, war im Begriff, dem leichtgläubigen Manne eine neue groteske Lüge aufzuheften. Es hatte ihm ſchon lange das Herz ab⸗ gedrückt, daß er von ſeinem Piſtolenduelle gegen Je⸗ dermann ſchweigen mußte, weil er die Rache des Hof⸗ commiſſairs fürchtete. Er fühlte es täglich mehr, daß er ſich innerlich aufreiben würde, wenn er ſich Nie⸗ mandem entdecken dürfe. Ein ſolches Geheimniß län⸗ ger für ſich zu behalten, erſchien ihm eine Marter der Hölle. Kappler war der einzige Menſch, von wel⸗ chem er wußte, daß er ihn, ohne Gefahr verrathen zu werden, in's Vertrauen ziehen konnte. Die Ge⸗ legenheit zeigte ſich heute gleichfalls günſtig. Er be⸗ fand ſich mit dem Sportelſchreiber faſt ganz allein. Während alſo Kappler's Gedanken hinſichtlich Lang⸗ ſchädel's Nichte noch in überirdiſchen Regionen ſchweb⸗ ten, faßte der Lieutnant den Sportelſchreiber krampf⸗ haft am Arme und zog den etwas Erſchrockenen in die Vertiefung eines Fenſters. „Kappler,“ ſprach er mit gedämpfter Stimme, ———— „heben Sie die Hand auf, ſtrecken Sie drei Finger in die Höhe und ſchwören Sie.“ Der Sportelſchreiber, welcher im erſten Schreck nicht anders glaubte, als der Schwur betreffe Lang⸗ ſchädel's Nichte, war ſchon im Begriffe, den Arm nach den Wolken zu heben, als ſein religiöſes Gefühl ſiegte und er mit den Worten:„Euere Rede ſei Ja, Ja, Nein, Nein, was darüber iſt, iſt vom Uebel,“ die Rechte wieder ſinken ließ. „Kappler,“ fuhr Langſchädel leidenſchaftlich fort, „bei Ihrer unſterblichen Seele, ſchwören Sie.“ „Da ſoll mich der Himmel bewahren,“ proteſtirte ſchaudernd der Gottesfürchtige. „Es wird Sie nicht gereuen,“ ſprach der Lieut⸗ nant eindringlich. „Was ſoll ich denn beſchwören?“ frug Kappler. „Mich nicht zu verrathen, ich habe Ihnen eins der außerordentlichſten Geheimniſſe zu entdecken.“ „Ich Sie verrathen?“ Ifrug der Sportelſchreiber im Ton gekränkter Freundſchaft,„wo denken Sie hin, verehrter Herr Lieutnant.“ „Alſo kann ich auf Sie bauen?“ „Ein Wort wie tauſend,“ betheuerte Kappler. „Wohlan,“ begann nun Langſchädel mit geheim⸗ nißvoller Stimme,„ſo wiſſen Sie denn— aber Kappler, wenn Sie eine Sylbe—“ Der Sportelſchreiber legte die Hand auf's Herz und war äußerſt erwartungsvoll. Der Lieutnant räus⸗ perte ſich und war im Begriff, ſeinem gepreßten Her⸗ zen Luft zu machen, als ſein Unſtern den Hofcom⸗ miſſair in's Zimmer führte. „Pſt,“ flüſterte Langſchädel erſchrocken und legte Kapplern die Hand auf den Mund,„jetzt kein Wort darüber.“ 7 Der Sportelſchreiber war ſo klug wie zuvor und überdies auf die Folter der Neugier geſpannt. Er begriff nicht, warum Langſchädel nicht mit der Sprache heraus wolle, da er wegen ſeines kurzen Geſichts den eingetretenen Eccarius nicht bemerkte. Der Lieutnant ging dem Hofcommiſſair zuvor⸗ kommend entgegen. So wie letzterer Kapplern er⸗ ſchaute, erkundigte er ſich ſogleich, wie es mit der Notenabſchreiberei auf Ehrenberg abgelaufen ſei, denn er hatte bereits erfahren, daß der Sportelſchreiber auf genanntem Schloſſe geweſen ſei. Kappler wollte ſich in weitläufigen Entſchuldigun⸗ gen ergehen, dem Rathe des Hofcommiſſairs nicht nachgekommen und nach Ehrenberg gegangen zu ſein. Er ward aber von Eccarius unterbrochen. „Was waren es denn für Noten?“ Kappler, dem es ſehr ſchwer ankam, eine Un⸗ wahrheit zu ſagen, erwiederte ſtockend: „Ich glaube, Sonaten.“ „So, Sonaten?“ fuhr Ecearius fort,„und der Compoſiteur?“ Der Sportelſchreiber ward ob dieſes unerwarteten Examens immer beſtürzter.. „Der geachtete Compoſiteur fällt mir nicht gleich bei,“ erwiederte er ſtockend. Der Hofcommiſſair, welcher Kapplern genau kannte, war ſogleich im Klaren, daß es mit der Notenſchrei⸗ berei ſich anders verhalte, als der des Lügens unge⸗ wohnte Sportelſchreiber berichtete; doch ſetzte er, um Kapplern größere Verlegenheit zu erſparen, das Exa⸗ men nicht fort. Der Sportelſchreiber war ſehr er⸗ freut darüber und Eccarius frug:„Ob man heut Abend nicht ein Spielchen machen wolle?“ Der Lieutnant wie Kappler waren erbötig. Es 8 fehlte nur an Sonnenſchmidten. Der Zufall wollte, daß in demſelben Augenblicke die Gigantengeſtalt des Inſpectors in die Stube trat. Der Hofcommiſſair befahl jetzt Röschen, den So⸗ lotiſch zurecht zu machen. Er erkundigte ſich zugleich bei Sonnenſchmidt nach deſſen Neffen Carl Willer.“ „Danke für gütige Nachfrage,“ erwiederte der In⸗ ſpector,„ſo viel ich weiß, gedenkt er in einigen Mo⸗ naten das Examen zu machen.“ „Das gewiß brav ausfallen wird,“ ſprach Eccarius. Wollen's hoffen,“ meinte Sonnenſchmidt, ſich die Pfeife in Brand ſteckend;„wenigſtens hat der Junge Geld genug gekoſtet.“ Als man den Inſpector zum Spiele einlud, de⸗ precirte er wider alles Erwarten. „Ich habe mir vorgenommen,“ ſprach er ſich ent⸗ ſchuldigend,„eine Zeit lang das Spiel zu quittiren.“ „Dummes Zeug,“ zankte der Hofcommiſſair,„ma⸗ chen Sie heut eine Ausnahme.“* „Geht wirklich nicht,“ erwiederte Sonnenſchmidt, „es iſt mein feſter Vorſatz.“ „Den haben wahrhaftig die Pfaffen total um⸗ garnt,“ ſprach Eccarius für ſich,„da iſt Zeit, daß vorgebeugt wird, ſonſt verpuppt ſich der ehemalige Freigeiſt in einen Myſtiker, auf beſtem Wege iſt er.“ Der Hofcommiſſair frug daher ziemlich ſpitzig: „Sie waren wohl heut zur Beichte?“ Der Inſpector verneinte. „Sagen Sie einmal,“ fuhr Eccarius fort,„wie vielmal beichten Sie ietzt des Jahrs? Iſt Ihr der⸗ maliger Lebenswandel ſo gottlos, daß Sie ſo oft Ihre Sünden abzuſchütteln gezwungen ſind?“ „Gute Vorſätze,“ gab der Inſpector zur Antwort, „kann man nicht häufig genng faſſen.“ 9 „Ah ſo,“ verſetzte der Hofcommiſſair;„was Sie früher zu wenig thaten, ſuchen Sie jetzt einzubringen.“ „Mag's nicht leugnen,“ geſtand Sonnenſchmidt, „man kommt in die Jahre; wird nachdenklicher.“ „Richtig,“ fuhr Eccarius fort,„Weisheit kommt mit den Jahren, iſt ein altes Sprichwort. Wie lange werden denn Ihre Spielferien noch dauern?“ „Iſt unbeſtimmt,“ meinte der Inſpector,„das Spiel gewährt mir in der That wenig Vergnügen mehr.“ „Allerdings,“ erwiederte der Hofcvmmiſſair,„Sie ſehnen ſich nach geiſtiger und geiſtlicher Nahrung. Wohlan, wir wollen an Ihnen nicht zu Verführern werden; frommen Wandel ſoll man nicht ſtören.“ Hierauf arrangirte Eeccarius das Solo zu dreien; Sonnenſchmidt ſtellte ſich mit der dampfenden Pfeife hinter Langſchädel und ſchaute dem Spiele zu. Der Hof⸗ commiſſair, welcher ſich über den fromm gewordenen Freigeiſt ärgerte, ließ nicht ab, ihn beſtändig zu necken. „Das Spiel iſt doch,“ begann er,„bei Licht be⸗ ſehen, ein wahres Laſter; ein Meuchelmord an Geiſt und Zeit, das in einem gebildeten, und was mehr ſagen will, in einem chriſtlichen Staate eigentlich nicht geduldet werden ſollte. Der Inſpector hat vollkom⸗ men Recht, wenn er ſich von dieſer Sünde frei erhält. Ja, will man ſtreng gehen, ſo würde ich nicht ein⸗ mal erlauben, dem Spiele zuzuſehen. Iſt es nicht eben ſo ſtrafbar, wenn man einem Diebſtahle ruhig zuſchaut, in Gedanken Theil daran nimmt, als ob man ihn ſelber verübte? Und iſt das Spiel nicht ein Diebſtahl und zwar ein um ſo verdammlicher, da er an einem Dinge begangen wird, das man ſich mit allem Golde der Welt nicht wiederkaufen kann, ich meine die Zeit?“ Der Hofcommiſſar ging noch weiter. Er bewies, 10 daß das Zuſehen beim Spiele ein noch weit größeres Verbrechen ſei als das Spiel ſelbſt. Es gehöre unter die ſogenannten geheimen und ſcheinheiligen Sünden. Er entwarf ein grauenhaftes, greuelvolles Bild ſolcher ſcheinheiligen Sünden, deren hohe Inmoralität er nicht ermangelte, in ihrer ganzen Verworfenheit hinzuſtellen. Während Eccarius auf dieſe Weiſe dveirte, ver⸗ zog er nicht eine Miene und behielt ſeine ruhige ernſthafte Haltung in dem Grade bei, daß der Un⸗ eingeweihte in der That glauben mußte, der Mann ſpreche aus vollſter Ueberzeugung. Sonnenſchmidt, der Dialectik des Hofcommiſſairs keineswegs gewachſen, ward endlich mit Schrecken ge⸗ wahr, welcher Miſſethat er ſich ſchuldig mache, wenn er dem Solo länger zuſchaue. Er klopfte leiſe ſeine Pfeife aus und entfernte ſich ſo unbemerkt wie möglich. Dies hatte Eccarius nur gewünſcht. Es machte ihm großes Vergnügen, den ehemaligen Freigeiſt ein wenig gezüchtigt und in die Flucht getrieben zu haben. Während aber der Hofcommiſſair ſich's hatte Mühe koſten laſſen, den Inſpector von der hohen Inmora⸗ lität des Spiels zu überzeugen, war er gar nicht gewahr worden, wie auch der gottesfürchtige Kappler, auf den es gar nicht abgeſehen, in hohem Grade ſtutzig geworden war. Die Worte des Hofcommiſſairs waren ihm ſo ein⸗ leuchtend erſchienen, daß er mehrere Male im Begriff ſtand, das letzte Spiel anzuſagen. „Sie haben mir aus der Seele geſprochen, hoch⸗ geehrter Herr Hofkammercommiſſair,“ begann er, nach⸗ dem Eccarius mit ſeinen Beweisgründen zu Ende,„man mag ſagen, was man will, das Spiel iſt und bleibt ein Laſter. Ich werde fortan auch daſſelbe, ſo viel in meinen Kräften ſteht, gleichfalls zu umgehen ſuchen.“ Der Hofcommiſſair konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren.„Auf dich, ehrliche Einfalt,“ dachte er bei ſich,„war's nicht abgeſehen;“ und zum Lieut⸗ nant gewendet, frug er: „Wie denken Sie denn über's Spiel, Langſchädel?“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte dieſer,„aus einem ſo⸗ liden Spielchen mache ich mir kein Gewiſſen. Es liegt dies Unſereinem im Blute. Einem alten Kriegs⸗ manne darf man ſo Etwas nicht ſo hoch anrechnen.“ Der Hofcommiſſair, den es ärgerte, daß Langſchä⸗ del immer auf ſein nicht eben ſo glorreiches Land⸗ wehrthum zurückkam, erwiederte: „Da haben Sie vollkommen Recht, der ganze Krieg iſt ja nichts weiter als ein großes Hazardſpiel. Dahin gehört auch der Zweikampf, das Duell, Herr Brückenzollgeldereinnehmer.“ Langſchädel ſchrak bei dieſen Worten zuſammen und hütete ſich wohl, auf ſeine Kriegscarriere zurück⸗ zukommen. Das Spiel währte bis gegen zehn Uhr, wo man aus einander ging. Der Lieutnant mußte für dies⸗ mal ſein großes Geheimniß auf dem Herzen behalten. Zweites Rapitel. Kappler erhält mehrfachen Beſuch. ₰ Kayyler Nß am nächſten Morgen im tiefſten Negli⸗ gée beim Frühſtück, welches aus ein paar Taſſen Ei⸗ chorienkaffee und einigen gedörrten Brodrinden be⸗ ſtand, und ahnte nicht, welch neues Mißgeſchick ihm 12 — von höherer Hand bereitet werde, als es an die Thür klopfte und der Lieutnant Langſchädel hereintrat. Der Sportelſchreiber, auf ſo frühen Beſuch durch⸗ aus nicht vorbereitet, war außer ſich vor Schreck und Beſtürzung, daß man ihn in ſolchem nonchalanten Zuſtande vorfinde. Er wußte im erſten Augenblicke nicht, wonach er zuerſt greifen ſollte, ob nach ſeinen herabhangenden Unausſprechlichen, oder nach dem durchlöcherten Schlafrocke, oder nach einem Stuhle für den Lieutnant. „Entſchuldigen Sie, Kappler,“ begann Langſchä⸗ del,„wenn ich bei ſo frühem Tageslichte erſcheine, und laſſen Sie ſich im Geringſten nicht ſtören. Ich kann aber das Geheimniß, ſo ich Ihnen geſtern an⸗ vertrauen wollte, nicht länger bei mir behalten. Es drückt mir das Herz ab; ich habe die vergangene Nacht nicht ſchlafen können.“ Der Sportelſchreiber, noch immer mit Aufräumen beſchäftigt, vernahm wenig von den Eingangsworten des Lieutnants. Er hatte bei ſeiner übergroßen Eilfertig⸗ keit den Kaffeetopf umgeworfen, welcher Unfall ihn von Neuem in Verwirrung brachte. Langſchädel fuhr fort: „Sie verſprechen mir, mich nicht zu verrathen? hören Sie wohl, Kappler, mich nicht zu verrathen!“ „Um alle Schätze der Welt nicht,“ gelobte der Sportelſchreiber, welcher mit Betriebſamkeit bemüht war, die braune Cichorienfluth aufzutrocknen. „Wohlan, ſo vernehmen Sie denn,“ ſprach der Lieutnant in langſamem, feierlichem Tone. Kappler ſcheuerte ununterbrochen weiter. „Ich habe das gekränkte Bürgerthum,“ begann Langſchädel,„auf eine eelatante Weiſe am Adel ge⸗ rächt; auf eine Weiſe, wie wohl ſelten dageweſen und wie ſie ſo leicht nicht wiederkommen wird.“ 13 Der Sportelſchreiber, mit Aufräumen noch immer nicht zu Ende— er ſuchte ſo eben nach dem andern Stiefel, um das Paar in ſymmetriſcher Ordnung an die Wand zu ſtellen— erwiederte blos die Worte: „Was Sie ſagen!“ Der Rächer des Bürgerthums war mit dieſer kur⸗ zen Phraſe keineswegs zufrieden. Er hatte gehofft, Kappler werde bei dieſer Nachricht voll Bewunderung erſtarren. Er wiederholte daher mit erhobener Stimme ſeine vorige Rede, daß er das Bürgerthum auf ecla⸗ tante Weiſe gerächt habe. ⸗ Der Sportelſchreiber, nachdem er mit der noth⸗ dürftigſten Ordnung zu Stande war, ward durch den erhöhten Ton aufmerkſam gemacht und zugänglicher. Er faßte vor dem ſitzenden Helden demüthigſt Poſto und frug:„Alſo am ehrſamen Bürgerſtande haben Sie außerordentliche Rache genommen? Sehen Sie einmal!“ Kappler wußte wirklich nicht, was er ſprach. Der Lieutnant ward zornig. „Kramen Sie zum Teufel ein ander Mal,“ rief er,„und hören Sie auf meine Rede.“ „Ich Pbin ganz Ohr, hochverehrter Herr Lieut⸗ nant,“ ſprach Kappler. „Es war einmal Zeit,“ fuhr Langſchädel fort, „daß wir das Rauche herauskehrten und dem Adel die Zähne wieſen. Wir wären außerdem völlig unter⸗ drückt worden.“ „Wirklich?“ frug Kappler verwundert. „Nicht anders,“ ſprach der Lieutenant,„es galt einen kühnen Entſchluß, eine große That. Niemand gab ſich her; ich that's.“ Des Sportelſchreibers Mund floß über von Lob und Bewunderung ob ſolcher Heldenthat, obſchon er noch nicht wußte, worin dieſelbe beſtand. 14 „Ich habe mich mit drei Huſarenoffizieren über das Schnupftuch geſchoſſen,“ fuhr der Großſprecher fort;„zwei blieben auf der Stelle, der Dritte liegt hart darnieder.“ Kappler ſchlug die Hände über dem Kopfe zu⸗ ſammen. „Aber,“ rief er erſchrocken,„das Duell iſt ja bei harter Strafe verboten!“ „Allerdings,“ geſtand Langſchädel,„aber, wer fragt darnach, wenn's die Ehre gilt. Sie hätten die Schüſſe ſehen ſollen. Meiſterſchüſſe waren es; die beiden erſten Kugeln fuhren den Huſaren mitten durch's Herz. Die beiden Gegner waren auf der Stelle todt und rührten ſich nicht.“ Kappler ſchauderte. Der Lieutnant fuhr fort: „Nachdem meine Wuth an den erſten beiden ge⸗ kühlt war, nahm ich's mit dem Dritten nicht genau; als ich den Arm zerſchmettert herabſinken ſah, gab ich mich zufrieden. Was ſagen Sie, Kappler?“ „Ich kann noch gar nicht zu mir kommen.“ „Es wird Trauer geben in den erſten Familien des Landes,“ ſprach Langſchädel. „Aber ich bitte Sie um aller Heiligen willen,“ rief der Sportelſchreiber,„wenn nun der furchtbare Zweikampf herauskommt?“ „Dann allerdings,“ meinte der Lieutnant achſel⸗ zuckend,„bleibt mir nichts, als lebenslängliche Feſtung. Sie ſind außer dem Secundanten der Einzige, Kappler, der um die Sache weiß. Sie werden hoffentlich mein Vertrauen nicht hintergehen und mich verrathen?“ „Soll mich Gott in alle Ewigkeit behüten,“ be⸗ theuerte der Sportelſchreiber,„daß ich mich ſolcher Miſſethat ſchuldig machte; nicht ein Sterbenswort wird über meine Lippen kommen, ſo lange ich lebe auf Erden.“ 15 „Das iſt mir lieb,“ verſetzte Langſchädel,„offen geſtanden, mir war etwas bange um Sie. Aber wie da, Kappler, wenn man ſich bemüht, Sie durch Gold zum Reden zu bringen? Es iſt leicht möglich, daß man einen großen Preis auf meine Entdeckung ſetzt.“ „Und wenn man alle Reiche der Welt darauf ſetzt, erwiederte eifrig der Kappler,„ich ſchweige, wie das Grab.“ Langſchädel reichte dem Sportelſchrelbes die Hand und ſprach in gerührtem Tone:„Kappler, ich werde Ihnen das nie vergeſſen.“ „Aber ſagen Sie mir,“ fuhr Kappler voll Beſorgniß fort,„wie ſind Sie nur zu dem unglückſeligen Duelle gekommen? Womit hat man Sie beleidigt?“ „Mich? beleidigt?“ lachte S„mich hat Niemand beleidigt.“ „Aber wie konnte denn das Duell ent⸗ ſtehen, in welchem Sie ſo meiſterhaft geſchoſſen haben?“ „Auf die einfachſte Weiſe von der Welt,“ erklärte der Lieutenant;„einer der Huſarenoffiziere ſprach ſich auf dem letzten Harmonieballe etwas ungünſtig über den Bürgerſtand aus. Ich hörte es. Da war der Tanz fertig. Man darf nie etwas auf ſeinem Stande ſitzen laſſen, merken Sie ſich das.“ „Aber konnte denn die Sache,“ erwiederte Kappler, „nicht auf friedlichem Wege abgemacht werden? Das kann doch dem lieben Gott unmöglich angenehm ſein, wenn ſeine Kinder im tiefſten Frieden auf einander ſchießen.“ „Kappler, das verſtehen Sie nicht, ohne Blut konnte es diesmal nicht abgehen. Der Adel mußte einen Denkzettel erhalten. Er wird ihn ſo bald nicht wieder vergeſſen.“ „Aber wie leicht konnten Sie auch todtgeſchoſſen 16 werden,“ gab der Sportelſchreiber zu bedenken, und gedachte dabei der verlaſſenen Nichte. „Das mußt' ich mir gefallen laſſen,“ verſetzte Langſchädel;„iſt doch das geſammte Bürgerthum durch mein kräftiges Einſchreiten glänzend gerächt. Glauben Sie wohl, Kappler, daß ſich ein anderer Bürgerlicher zu dem verzweifelten Kampfe hergegeben haben würde?“ Der Gefragte überſann in Gedanken alle ſtreit⸗ bare Helden der bürgerlichen Honoratioren und blieb die Antwort eine Zeit lang ſchuldig. Der Lieutnant ward ungeduldig und ſagte: „Was iſt da lange zu überlegen, ich geb' Ihnen mein Wort, es würde ſich kein Bürgerlicher geſtellt haben. War ich nicht, blieb die Schmach ſitzen.“ „Sie haben da ein großes und ſchweres Opfer ge⸗ bracht,“ verſetzte der Sportelſchreiber. „Das will ich meinen.“ „Es iſt beklagenswerth, daß Ihr Muth nicht be⸗ kannt werden darf.“ „Es wäre mein Untergang; darum, Kappler— reinen Mund gehalten; mein Leben ſteht in Ihrer Hand.“ Der Sportelſchreiber raffte alle Betheuerungen zu⸗ ſammen, die er aufzutreiben vermochte. „Ich trage das Bewußtſein erfüllter Pflicht in mir,“ ſprach Langſchädel;„ein Anderer würde ſolche That nicht auf dem Herzen behalten, die halbe Welt müßte es wiſſen, ihn bewundern, und wär's ſein Un⸗ glück; der Menſch iſt eitel, ich bin es nicht und trage mein Verdienſt im Stillen.“ „Als wahrer Held,“ lobte Kappler. Der Lieutnant erwiederte auf dieſes Lob nichts, ſeine Beſcheidenheit verbot ihm das. ———— — ———— „Sind denn die Huſaren ſchon begraben?“ erkun⸗ digte ſich ſchüchtern der Sportelſchreiber. „Stehen bereits wohl einbalſamirt in ihren diver⸗ ſen Erbbegräbniſſen.“ „Die armen Angehörigen!“ fuhr Kappler fort, „die Herren Huſaren ſtanden unſtreitig in der Blüthe der Jahre. Welcher Schmerz der Aeltern und Ge⸗ ſchwiſter.“ „Die beiden Bräute der von meiner Hand Ge⸗ fallenen ſind bereits wahnſinnig geworden,“ erzählte Langſchädel mit eiſerner Schlachtenruhe. „Heiliger Himmel,“ ſchanderte der friedliche Spor⸗ telſchreiber,„welche Verantwortung haben Sie auf Ihr Haupt geladen, Herr Lieutnant.“ „Das iſt bei Männerehre nicht anders,“ erwie⸗ derte Langſchädel;„die Jugend meiner Gegner ſchmerzte mich allerdings; aber ich gedachte, daß ich für das geſammte Bürgerthum in den Schranken ſtünde; da traten alle kleinlichen Rückſichten von Selbſterhaltung und Nächſtenliebe in den Hintergrund.“ Der Sportelſchreiber konnte ſich trotz aller Apo⸗ logieen von Seiten des Lieutnants mit dem mörde⸗ riſchen Zweikampfe nicht befreunden. Er ſtellte die Behauptung auf, daß das Duell göttlichen und menſch⸗ lichen Geſetzen zuwiderlaufe. „Wir können darüber nicht ſtreiten, lieber Kapp⸗ ler,“ erwiederte Langſchädel,„weil Euch Civiliſten in der Regel das, was man pointe d'honneur nennt, abgeht. Um ſo mehr Anerkennung aber, hoffe ich, muß es finden, wenn ſich im Civilſtande noch Männer finden, welche zu ſolchen Opfern, wie ich gebracht habe, bereitwillig ſind.“ Da Kappler in ſeiner Unſchuld hierauf nichts zu erwiedern wußte, trat Langſchädel, ein Liedchen pfei⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. VII. 2 2 fend, mit großer Selbſtzufriedenheit an das Fenſter und ſchaute nach der Straße.. Der große Held ſtellte aber alsbald ſein Pfeifen ein und gerieth in einige Unruhe, denn er erkannte den Hofeommiſſair, welcher die Häuſerreihe daher ge⸗ rade auf Kappler's Wohnung zuſchritt. „Da kommt Eccarius,“ ſprach er eilfertig,„ich wette, der hat Ihnen einen Beſuch zugedacht. Der darf mich hier nicht treffen. Wie leicht könnte er Verdacht ſchöpfen.“ Mit dieſen Worten verließ er ſchleunigſt das Zim⸗ mer und war wie der Wind die Treppe hinab. Um dem gefürchteten Hofcommiſſair nicht zu nahe zu kom⸗ men, enteilte er durch die Hinterthür im Hofe. Kappler aber war durch den neuangemeldeten Be⸗ ſuch wieder in große Beſtürzung gerathen. Er be⸗ gann zum zweiten Male im Zimmer aufzuräumen und ſeine Toilette nach Kräften zu vervollſtändigen. Langſchädel hatte nicht unrecht prophezeit. Nach wenigen Minuten trat der Hofcommiſſair in's Zimmer. „Kappler,“ ſprach der Eingetretene, nachdem er ohne weitere Complimente Platz genommen hatte, „ſchenken Sie mir reinen Wein ein; wie verhielt ſich's mit der Notenſchreiberei? ich glaube nicht daran und wette, man hat Sie nach dem Ehrenberge gelockt, um dort ſeinen Witz mit Ihnen zu treiben.“ „Ei, mein hochverehrteſter Herr Hofkammercom⸗ miſſair,“ proteſtirte der Sportelſchreiber,„im Gering⸗ ſten nicht hat man ſeinen Witz mit mir getrieben; im Gegentheil, ich bin ſehr freundlich aufgenommen wor⸗ den. Noten gab es allerdings nicht abzuſchreiben.“ „Dacht' ich's doch,“ brummte Eccarius,„der junge Victor von Löwenſtern befindet ſich zu Beſuch auf Eh⸗ 19 renberg und erlaubt ſich gern Späschen mit gutmü⸗ thigen Tröpfen „Alſo Noteſgabs nicht abzuſchreiben?“ fuhr er, zu Kapplern gewendet, fort und begann wieder zu examiniren. Der Sportelſchreiber verſtand nicht die Kunſt, ſich zu verſtellen. So ward es dem Examinator nicht ſchwer, bald hinter das Geheimniß zu kommen. Als Kappler geſtanden, daß man ihn abconterfeit habe, um ſein Bildniß in einer Gallerie auſzuſtellen, konnte ſich Eccarius eines Lächelns nicht erwehren. „Es iſt entſchieden,“ ſprach er für ſich,„der junge Löwenſtern hat mit der originellen Perſönlichkeit einen Scherz vor. Ich begreife allerdings das Wie noch nicht. Indeß weiß ich vor der Hand genug und werde meine Vorkehrungen treffen. So viel iſt gewiß, als Harlekin ſoll man die ehrliche Seele nicht mißbrauchen.“ Nachdem er dem Sportelſchreiber wiederholt an's Herz gelegt, wegen des Ehrenberger Abenteuers gegen Jedermann zu ſchweigen, entfernte er ſich: Kapplern ward Muſe, über den unverhofften doppelten Beſuch ſeine Betrachtungen anzuſtellen. ——— Drittes Rapitel. Der Adel von Neukirchen veranſtaltet eine ſolenne Schlit⸗ tenfahrt— Kappler als Doppelgänger. Der naßkalte, unfreundliche Spätherbſt war in einen ſchneereichen Winter übergegangen. Das graue Gewölk hatte ſich verzogen und klar und rein beſchien die Win⸗ 2* 20 terſonne die ſilberne Landſchaft. Obſchon die Kälte nicht hoch geſtiegen war, trieb doch die Werla ziem⸗ liche Eisſchollen und überall vernahm man das muntre Schellengeläute der pfeilſchnell dahin eilenden Schlitten. Auch der hohe Adel von Neukirchen glaubte die treffliche Bahn benutzen zu müſſen und hatte alle An⸗ ſtalten zu einer höchſt ſolennen Schlittenfahrt getrof⸗ fen. Seit acht Tagen war in Neukirchen und deſſen nächſter Ungebung von nichts anderm die Rede; denn die Neukirchner intereſſirten ſich lebhaft für Alles, was von ihrem hohen Adel ausging. An der Spitze des großartigen Unternehmens ſtand diesmal der Baron von Löwenſtern und ſein zum Be⸗ ſuch anweſender Neffe Viector, welcher letztrer ſich hauptſächlich das Arrangement der Fahrt hatte ange⸗ legen ſein laſſen. Auf dem Ehrenberge ſollten ſich die zahlreichen und glänzenden Schlitten der hohen Nobleſſe verſammeln und von hier aus der Zug ſeinen Anfang nehmen. Laut Programm bewegte ſich dieſer von Ehrenberg nach der Stadt, umfuhr dieſe längs der Promenade und endete in den drei Stunden von Neukirchen ge⸗ legenen Städtchen Rohrbach, wo im daſigen Gaſthauſe zum weißen Adler alle Anſtalten für ein ſplendides Diner getroffen waren. Nach eingebrochener Dunkel⸗ heit verfügen ſich die hohen Herrſchaften unter Fackel⸗ glanz nach Ehrenberg zurück, wo der frohe Tag mit einem brillanten Balle in dem ſchönen Saale des Schloſſes beendet ward. Der Menſch denkt— Gott lenkt. Die Familie von Löwenſtern hatte Alles aufge⸗ boten, die projectirte Schlittenfahrt ſo ſolenn und zahl⸗ reich wie möglich zu machen und deshalb an den ge⸗ ſammten benachbarten Adel Einladekarten geſchickt, welche auch ſämmtlich angenommen worden waren. Es hatten ſogar eine Anzahl der geladenen jungen Da⸗ men und Herren neue Quadrillen für den Ball ein⸗ geübt; auch häufige Proben zu einem kleinen Gele⸗ genheitsſtücke zu Ehren des Gaſtgebers wurden gehal⸗ ten. Was aber der ganzen Sache die Krone aufſetzen ſollte, das waren einige maskirte Schlitten, wozu ſich der junge Victor mit mehren adligen Univerſitäts⸗ freunden vereinigt hatte. Die drolligſten Charaktere aus Opern und Luſtſpielen ſollten en costume darge⸗ ſtellt werden. Als ſich das Gerücht hiervon in der Stadt ver⸗ breitete, erreichte die Neugier der Neukirchner den höchſten Grad, denn eine ſolche öffentliche Maskerade war noch nicht dageweſen; und mit Sehnſucht erwar⸗ tete man den ſiebenzehnten Januar, auf welchen Tag die große Schlittenfahrt feſtgeſetzt war. Auch der Hofevmmiſſair Eccarius wünſchte den ge⸗ nannten Tag nicht ohne gewiſſes Intereſſe herbei, je⸗ doch aus ganz anderm Grunde, als das Neukirchner Publikum. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß in dem Maskenzuge auch ſein guter Kappler figuriren ſollte, auf die Gefahr hin der Lächerlichkeit Preis ge⸗ geben zu werden; dies war ihm genug, den hohen Herrſchaften die ganze Schlittenfahrt zu Nichte zu machen. Der junge Victor von Löwenſtern hatte den Spor⸗ telſchreiber aus keinem andern Grunde abconterfeit, als um ſich nach der Zeichnung eine täuſchend ähn⸗ liche Wachsmaske anfertigen zu laſſen und ſo die in ganz Neukirchen bekannte Perſönlichkeit bis auf die Kleidung getren zu copiren. Victor wollte anfäng⸗ lich auf einem projectirten Maskenballe als Sportel⸗ ſchreiber Kappler erſcheinen; da der Ball aber nicht — 22 zu Stande kam, war der Witz der ſolennen Schlit⸗ tenfahrt vorbehalten. Endlich erſchien der berühmte ſiebenzehnte Januar. Prachtvoll ſtieg die Sonne am Horizonte empor, die ſchönſte Winterlandſchaft roſig beleuchtend. Das Ther⸗ mometer zeigte kaum drei Grad Kälte und die Bahn von Neukirchen nach Rohrbach konnte nicht ſchöner ſein. Bereits in der eilften Stunde des Vormittags begann es in der Nähe und Ferne zu klingeln und zu knallen. Von all' den umliegenden Rittergütern kamen die gebetenen Gäſte in eleganten Schlitten mit muthigen Rennern angefahren und ſchlugen ihren Weg nach dem benachbarten Ehrenberg ein. Die Neukirchner konnten ſich nicht ſatt ſchauen an den ſchön lackirten und hier und da vergoldeten Schlitten; an den prächtigen Schabracken und male⸗ riſchen Federſtutzen der geſchmückten Roſſe, ſo wie an der mannigfach bunten Livree der zahlreichen be⸗ treßten Dienerſchaft. Einer ſo glänzenden Schlitten⸗ fahrt wußten ſich die älteſten Bewohner der Stadt nicht zu erinnern. Jeder geputzte Schlitten, wenn er durch die Gaſſen fuhr, wurde von der zahlreich verſammelten Schulju⸗ gend unter lautem Jubel begrüßt und eine Strecke lang begleitet; und aller Orts wuchſen neugierige Köpfe aus Fenſtern und Thüren. Es war manch⸗ mal ein Geknalle, als halte der wilde Jäger ſeinen Einzug. Nach dem ungefähr ein Stündchen von Neukirchen hochgelegenen Ehrenberg, führte indeß nur ein Fahr⸗ weg und zwar eine geraume Strecke durch eine ziem⸗ lich tiefe Schlucht. Dieſer Hohlweg war aber bei dem anhaltenden Schneewetter durchaus nicht zu paſ⸗ ſiren, da die Höhlung Häuſer hoch erweht war. Jeg⸗ 23 liches Fuhrwerk, das nach Ehrenberg wollte, ſah ſich genöthigt, auf freiem Felde am Rande der Schlucht entlang zu fahren. So auch diesmal. Sämmtliche Schlitten ſchlugen dieſen Weg ein. Laut Programm war die Abfahrt der Schlitten von Ehrenberg Punkt zwölf Uhr feſtgeſetzt, halb zwölf mußten ſämmtliche Geſpanne im großen Schloß⸗ hofe verſammelt ſein. Mehre Feſtordner hatten für die Reihenfolge der Schlitten Sorge zu tragen. Das ſchöne Wetter und das zu erwartende unge⸗ wohnte Schauſpiel war Urſache geweſen, daß ſich ſchon bei guter Zeit eine ziemliche Anzahl der Bewohner Neukirchens auf den Weg nach Ehrenberg gemacht hatte. Mehre Gruppen waren bis an das Hofthor des Schloſſes vorgedrungen und ſchauten neugierigen Blicks in den Schloßhof, welcher ein höchſt maleriſches Gewühl der zahlreich angelangten Schlitten darbot. Schlag halb zwölf Uhr war der letzte Schlitten durch's Hofthor gefahren und Schlag halb zwölf Uhr erſchien der Hofcommiſſair Eccarius in Begleitung von funfzehn Zimmerleuten und Schanzgräbern und zwei Polizeidienern auf der Stelle, wo die obener⸗ wähnte ſchneeverſtopfte Schlucht ihren Anfang nahm. Die Ehrenberger Herrſchaft, ſo wie ſämmtliche Bewohner des Dorfes gleiches Namens, anſtatt den verwehten Hohlweg fahrbar zu machen, was für zwanzig Mann eine Arbeit von drei bis vier Stunden geweſen wäre, fanden es ſtets bequemer, den Weg über die Felder einzuſchlagen, ohne dem Beſitzer eine Anfrage zu ver⸗ gönnen, und die Strecke längſt der weithin laufenden Höhlung zu einer förmlichen Fahrſtraße umzuſchaffen. Der Beſitzer des betreffenden Feldes aber war Nie⸗ mand anders, als der Hofcommiſſair Eccarius, wel⸗ cher daher ein abſonderliches Intereſſe an der bevor⸗ ſtehenden großen Schlittenfahrt zu nehmen ſchien. Eccarius hatte dem Baron von Löwenſtern bereits im vorigen wie auch im diesjährigen Winter wieder⸗ holt bedeuten laſſen, daß er einen Fahrweg über ſein Beſitzthum nicht länger dulden könne. Er würde viel⸗ leicht weniger dagegen einzuwenden gehabt haben, wenn man, wie ſich's gehört hätte, ihn wenigſtens eine Anfrage vergönnt hätte; dies war nicht geſchehen und ſo hatte er die Paſſage, deren man ſich ange⸗ maßt, unterſagt. Der ſtolze Löwenſtern hielt es nicht der Mühe werth, auf die Reclamationen des Mannes, dem er ohnehin nicht zugethan war, im Geringſten zu achten und fuhr, wie auch all' ſeine Unterthanen, nach wie vor über die Felder des Hofcommiſſairs. Dieſer ſchwieg ſtill und lauerte auf eine Gelegenheit, dem Herrn Baron mit einem weit energiſchern und um ſo empfind⸗ lichern Veto in den Weg zu treten. Eine ſchönere Gelegenheit, als die ſolenne Schlittenfahrt, konnte es aber gar nicht geben. Alſo zu derſelben Zeit, wo im geräumigen Schloßhofe von Ehrenberg die großar⸗ tige adelige Schlittenburg ſich ordnete, befahl Eccarius ſeinen Sappeurs, ſchleunigſt Hand anzulegen und die Fahrt über ſein Gebiet zu ſperren. Während im Schloßhofe Feſtordner und Schlittenlenker alle Hände voll zu thun hatten wegen der bevorſtehenden Abfahrt, war bei der Hofcommiſſairiſchen Armee daſſelbe der Fall. Binnen einer kleinen Viertelſtunde zog ſich quer über das befahrbare Feld eine ſo energiſche Barri⸗ eade, als gälte es, einen achträderigen Dampfwagen im ſchnellſten Laufe aufzuhalten. Mit einem Schlitten hier durchzukommen, das war ein Gedanke, den der kühnſte Lebensverächter nicht würde gewagt haben. Die Paſſage war gänzlich geſperrt und Schloß Ehren⸗ berg, was den Fahrweg anlangte, von der übrigen civiliſirten Welt rein abgeſchnitten. 25 Nicht ohne Wohlgefallen betrachtete der Hofcom⸗ miſſair ſein ſchnell in die Höhe gewachſenes Werk. Er befahl den Werkleuten, die Barricade um keinen Preis vor Abend zu verlaſſen und gegen jeden etwaigen An⸗ griff männiglich zu ſchützen. Um ſeinem Baue zugleich ein officielles Anſehen zu geben, ließ er auch die bei⸗ den Polizeidiener zurück. „Nicht eine Maus ſoll hier durchkommen,“ ſchwuren die Bauleute und freuten ſich kampfluſtig im Voraus auf das Rencontre mit der adeligen Caravane. Voll Zufriedenheit kehrte der Hofcommiſſair nach der Stadt zurück und ſtattete Kapplern einen Beſuch ab. Dieſer benutzte eben ein freies Stündchen, um für den Abgott ſeiner Liebe Noten zu malen; denn der Sportelſchreiber ging bei dieſem Geſchäft mit ſo viel Kunſt zu Werke, daß man es nicht Noten ſchrei⸗ ben nennen konnte. Der fromme Kappler, in ſei⸗ nem Liebeswerke ganz vertieft, ahnete nicht, daß er zur allgemeinen Beluſtigung noch einmal in der Welt exiſtire und ſo eben Schlitten gefahren werden ſollte. Der ängſtliche Mann erſchrak ob des unver⸗ hofften Beſuchs wieder dermaßen, daß es wenig fehlte und die Galoppade für Langſchädel's Nichte wäre zum vierten Male zum Guckuck gegangen. „Ehrliche Seele,“ dachte Eecarius, als er Platz genommen hatte,„während Du einſam und fleißig auf Deinem Stübchen ſitzeſt und keinen Menſchen be⸗ leidigſt, iſt man gewiſſenlos genug, Dich dem öffent⸗ lichen Spotte und Gelächter Preis zu geben. Aber daß man ſich nur nicht verrechnet hat und ſelbſt dem Spotte anheimfällt.“ Der Hofcommiſſair unterhielt ſich ſo freundlich und wohlwollend mit Kapplern, daß dieſer außerordentlich gerührt davon wurde und ihm wie gewöhnlich das 26 Herz auf die Zunge trat. Als daher das Geſpräch auf die höchſt ſauber geſchriebenen Noten kam, ſo ge⸗ ſtand der Sportelſchreiber offen, daß ſie der liebens⸗ würdigen Agnes beſtimmt wären. Eccarius lächelte. „Sportelſchreiber, Sportelſchreiber,“ drohte er mit aufgehobenem Finger,„treuloſer Mann, was wird Madame Runkel ſagen!“ Der verſchämte Kappler ward roth bis über die Ohren und vermochte kein Wort zu erwiedern. „Nun,“ fuhr der Hofcommiſſair beruhigend fort, „ich verdenk's Euch nicht; dieſe liebenswürdige Nichte wäre mir auch lieber, als die beleibte Garnhändlerin.“ Zur größten Beruhigung des Sportelſchreibers ging Eccarius auf das Kapitel mit der Nichte nicht weiter ein. Er erkundigte ſich nach einigen ſtadtge⸗ richtlichen Angelegenheiten, wo ſich Kappler mit gro⸗ ßer Bereitwilligkeit beeilte, die gewünſchte Auskunft zu geben. Während die Beiden in des Sportelſchreibers be⸗ ſcheidener Wohnung im Geſpräch beiſammen ſaßen, hatte ſich der Schlittenzug im Schloßhofe von Ehren⸗ berg geordnet und begann unter allgemeinem Peitſchen⸗ geknall und Hurrahruf der jungen Cavaliere ſeine Aus⸗ fahrt. Voran ging ein großer vierſpänniger, fantaſtiſch ausgeſchmückter Schlitten mit einem Muſikcorps. Die Muſiker waren als Bergleute verkleidet und nahmen ſich recht ſtattlich aus. Die Pauken ſchlug ein Mohr in afrikaniſchem Coſtüm. Dem Muſikantenwagen folg⸗ ten ſechs Einſpänner mit höchſter Nobleſſe; dieſen ein Vierſpänner en costume. Er enthielt den Kaiſer des himmliſchen Reichs nebſt Gefolge und zeichnete ſich durch bizarren Luxus aus. Der Majeſtät folgten mehre Zweiſpänner mit hohen Herrſchaften; dann ein r 27 großer Schlitten mit lauter Pierrots, welche allerhand Poſſen trieben; dann abermals Zweiſpänner, in deren letzten der Feſtgeber Baron von Löwenſtern und Herr von Fellenberg ſaßen. Den Schluß des Zuges bildete ein vierter coſtumirter Schlitten mit lauter bekannten luſtigen Perſonen aus beliebten Opern und Sing⸗ ſpielen. Mitten unter der bunten Geſellſchaft aber ſaß hoch erhaben im langen, hechtgrauen Rocke, gelb⸗ licher Weſte und weißem Halstuche, die Deckelmütze auf dem Kopfe, der Neukirchner Sportelſchreiber Kapp⸗ ler, dem Original täuſchend ähnlich. Der junge Victor von Löwenſtern hatte ſich's nicht nehmen laſſen, den Sportelſchreiber darzuſtellen, und erregte durch ſeine Maske allgemeine Heiterkeit, obſchon der unzeitige und verletzende Scherz von Mehren keineswegs gebilligt ward. Als der Muſikantenſchlitten durch das Ehrenberger Schloßthor fuhr, erhob ſich allgemeiner Jubel der vor dem Thore verſammelten Volksmenge. Namentlich war es der paukenſchlagende Mohr, der allgemeines Intereſſe erregte. Das Freudengeſchrei vermehrte ſich aber um Vieles, als die chineſiſche Majeſtät mit ihrem Hofſtaate anlangte, und erreichte den höchſten Gipfel mit dem letzten Schlitten, wo man ſogleich den Spor⸗ telſchreiber herausfand. Unter dem fortwährenden Geſchrei:„Kappler! Kappler! das iſt Kappler!“ wälzte ſich der Volkshaufe im ſchnellſten Laufe nach, um das ergötzliche Schau⸗ ſpiel ſo lange wie möglich zu genießen. Die Barricade auf dem Felde des Hofeommiſſairs war mit ſolcher Schnelligkeit aus der Erde gewachſen, daß die hohen Herrſchaften keine Ahnung von dem Baue und dem über ſie hereinbrechenden Mißgeſchicke hatten. Die Schlittenburg knallte und klingelte fröh⸗ 28 lich im ſchnellen Trabe den Ehrenberg hinab. Erſt als man ungefähr eine Viertelſtunde von dem Unglücks⸗ platze entfernt war, ſtanden mehre Knaben am Wege, welche laut verkündeten, daß die Straße geſperrt ſei. Niemand achtete auf das Geſchrei dieſer Kinder. Der Vorreiter, welcher dem Muſikantenſchlitten funfzig Schritte vorantrabte, bog jetzt um die Anhöhe, welche die Schlucht und die Barricade den Daherkom⸗ menden verborgen hatte. Er bemerkte in einiger Ent⸗ fernung einen ziemlichen Haufen Menſchen, die mitten auf der Straße ſtanden. Den funfzehn Erdarbeitern und Zimmerleuten hatte ſich noch allerlei Volk zuge⸗ ſellt, das ſich nicht wenig auf den Augenblick freute, wo die Schlittenfahrt der hohen Nobleſſe ihr Ende er⸗ reicht haben würde. Der Vorreiter, in der Meinung, der Haufen be⸗ ſtehe aus neugierigen Gaffern und Bewunderern, trabte mit großer Selbſtgefälligkeit weiter. Bald war er ganz nahe, der Haufen theilte ſich nach beiden Seiten und die Barricade ſtand keine zwölf Schritte vor dem Reiter. Dieſer hielt ſein Pferd an, riß die Augen auf, ſo weit er konnte, rieb dieſelben wiederholt, denn er glaubte, nicht recht zu ſehen, und vermochte im erſten Augenblicke kein Wort hervorzubringen. Das allgemeine Gelächter brachte ihn in etwas zu ſich und verſetzte ihn in Wuth. „Welcher Frevel! ſchrie er,„augenblicklich macht die Straße frei!“ Abermaliges Gelächter und ein alter Zimmermann erwiederte: „Das laſſen wir wohl bleiben; auch kann hier von keiner Straße die Rede ſein, da der hieſige Grund und Boden dem Herrn Hofeommiſſair gehört.“ 29 „Geſchwätz!“ donnerte der Vorreiter,„im Namen meines gnädigen Herrn, des Baron von Löwenſtern, befehle ich, die Bahn ſofort frei zu machen.“ „Der Herr Baron,“ entgegnete mit vieler Ruhe der Zimmermann,„haben hier gar nichts zu befehlen.“ Der Vorreiter wollte verzweifeln. Vergebens ſchweiften ſeine Blicke nach irgend einer Lücke und einem Durchgange; Alles war wohl verſchanzt. Er erkannte die Unmöglichkeit, hier mit Gewalt durchzu⸗ kommen, und begann nachzugeben, indem er höflicher wurde und die Arbeiter erſuchte, das Hinderniß aus dem Wege zu räumen. „Incommodiren Sie ſich nicht,“ gab der phleg⸗ matiſche Zimmermann zur Antwort.„Ein Wort wie tauſend, hier paſſirt Niemand.“ Während der Vorreiter noch parlamentirte, langte unter Paukenſchlag und Kling und Klang der Mufi⸗ kantenſchlitten wohlbehalten an. Der Mohr erregte bei dem Barricadenpublikum ebenfalls allgemeine Be⸗ wunderung. Doch die Verwunderung der blaſenden Muſiker war noch größer, als das Fuhrwerk plötzlich ſtill ſtand und man mit Schrecken den großartigen Damm erblickte. Der Vorreiter, nachdem er ſeine Ueberredungsgabe erſchöpft hatte, galoppirte den Schlit⸗ tenzug, der von Augenblick zu Augenblick mehr in's Stocken gerieth, entlang, um ſeinen Gebieter von dem außerordentlichen Ereigniß in Kenntniß zu ſetzen. Löwenſtern, ob der unverhofften Stockung, deren Urſache er noch nicht kannte, unmuthig, fuhr den Be⸗ richterſtatter hart an. „Er iſt toll,“ rief er,„das iſt ja unmöglich!“ Der Vorreiter beharrte bei ſeiner Ausſage. Jetzt ſprangen Löwenſtern und Fellenberg aus ihren Schlitten, um ſich perſönlich von dem Unglaub⸗ 30 lichen zu überzeugen. Der Baron ward bald roth, bald blaß; er knirſchte mit den Zähnen, als er die Ausſage ſeines Dieners beſtätigt fand. „Wer hat dieſe Ruchloſigkeit befohlen?“ brauſte er die Handwerksleute an. „Um Himmelswillen,“ raunte ihm Fellenberg in's Ohr,„mäßige Dich, mit Gewalt ſetzen wir hier nichts durch.“ „Mit Verlaub,“ erwiederte der alte Zimmermann, „das iſt keine Ruchloſigkeit, ſondern ein ehrlicher Ver⸗ hau, von ehrlichen Händen aufgeworfen, auf ausdrück⸗ lichen Befehl des Herrn Hofcommiſſairs.“ „Das iſt mehr als teufliſch,“ fuhr Löwenſtern fort, der ſich nicht zu beherrſchen vermochte,„auf der Stelle werdet Ihr die Paſſage frei machen.“ „Das werden wir wohl bleiben laſſen,“ gab der Zimmermann trocken zur Antwort. „Verſucht's im Guten,“ beſchwor Fellenberg leiſe von Neuem,„es iſt das einzige Rettungsmittel;“ und zu den Arbeitsleuten gewendet, ſprach er: „Oeffnet getroſt die Bahn, ihr Leute, der Herr Baron und ich werden es bei dem Herrn Hofcommiſſair verantworten.“ „Ohne ſeinen ausdrücklichen Befehl,“ verſetzte der alte Zimmermann,„können wir keine Hand anlegen und dürfen wir Niemanden hindurchlaſſen.“ Unterdeß hatte ein großer Theil der Cavaliere ihre Schlitten verlaſſen und waren der Barricade zugeeilt; ſämmtliche Pierrots, die kaiſerliche Majeſtät nebſt Ge⸗ folge, ſelbſt Kappler und das luſtige Opernperſonal fanden ſich anweſend. Es gab offene, allgemeine Empörung; Alles lärmte und fluchte durch einander. Fellenberg war der Einzige, der zur Ruhe ermahnte aber vergebens. 31 „Laßt unſre Diener abſitzen und das Lumpengeſindel zu allen Teufeln jagen,“ ſchrie es hier und da. Auch Löwenſtern, der ſich in beiſpielloſer Aufregung befand, hatte große Luſt, Gewalt anzuwenden und wirklich ließen mehre Pierrots eine Anzahl Dienerſchaft von den Pferden ſteigen, mit welcher ſie zum Sturme her⸗ anrückten. Als die Damen gewahrten, daß es zu Feindſeligkeiten kommen ſollte, begannen mehre laut aufzuſchreien; die Zimmerleute und Schanzarbeiter aber ſtellten ſich wie auf Commando mit Aexten und Hacken in kampfbereite Poſitur. Zugleich traten die beiden Polizeidiener hervor und unterſagten im Namen des Stadtmagiſtrats jedwede Gewaltthätigkeit, indem ſie die Herren Cavaliere für jeden daraus hervorge⸗ henden Unglücksfall verantwortlich machten. Weniger die Worte der Polizei, als die blitzen⸗ den Aexte und die trotzige Haltung der Handwerks⸗ leute brachten die ſturmluſtigen Cavaliere zur Be⸗ ſinnung und flößten ihnen Ehrfurcht vor dem Ge⸗ ſetze ein. Löwenſtern, in Verzweiflung, gerieth jetzt auf den Einfall, den Hohlweg ausſchaufeln zu laſſen; aber dies erwies ſich eben ſo unausführbar, wie die Erſtürmung der Barricade; denn bei angeſtrengter Arbeit bedurfte dieſes Werk wenigſtens drei bis vier Stunden. Unter ſoichen zu Nichts führenden Berathſchlagun⸗ gen war wieder über eine Viertelſtunde vergangen; der Wind ſtrich auf der Anhöhe, wo die Schlittenca⸗ ravane hielt, gerade am ſchneidendſten, ſo daß die Damen genöthigt wurden, ſich immer tiefer in ihr Pelzwerk zu verhüllen. In dieſer höchſt troſtloſen, verzweiflungsvollen Lage faßte Fellenberg den Baron Löwenſtern, der vor Wuth, Aerger und Schaam mehr todt als lebendig war, am Arm. 32 „Die einzige Rettung,“ ſprach er,„beſteht darin, daß ich nach der Stadt jage und den hofcommiſſairi⸗ ſchen Satan zu bewegen ſuche, daß er den Durchgang geſtattet und den Verhau niederreißen läßt.“ „Nimmermehr,“ ſchrie Löwenſtern,„wir ſollen dieſer Canaille noch gute Worte geben für den Schimpf, den ſie uns angethan hat! Nein, das wäre Ernied⸗ rigung, Entehrung. Aber todt ſchlage ich die Beſtie, wo ich ſie finde.“ „Aber bedenke doch,“ fuhr Fellenberg eindringlich fort,„wenn aus unſerer mit ſolchem Bombaſt vor⸗ bereiteten Fahrt nichts wird; wenn wir in den April geſchickt worden ſind, wir können uns, ſtraf mich Gott, nirgends mehr ſehen laſſen. Wir ſind der Spott des ganzen Landes.“ Löwenſtern ſchlug ſich verzweifelt vor die Stirn. Nach einigem Nachdenken ſprach er: „Aber dieſe Beſtie, wird ſie nicht einen neuen Triumph darin ſuchen, uns unſer Geſuch abzuſchla⸗ gen; und wir ſind doppelt verhöhnt.“ „Wie ich den Eccarius kenne,“ meinte Fellenberg, „ſo glaube ich nicht, daß er ſeine Bosheit auf's Aeußerſte treibt und einem freundlichen Worte unzu⸗ gänglich iſt. Ich ſtehe unter uns Allen noch am beſten mit ihm und werde daher den Verſuch wagen. Binnen einer kleinen Stunde kann Alles in Ordnung ſein. Noth lehrt beten und kennt kein Gebot. Alſo laß vor der Hand die Schlitten nach dem Schloſſe zurückfahren. Ich eile zu Pferde nach der Stadt und kehre ſo Gott will mit froher Botſchaft zurück.“ „Die Schlitten zurückfahren?!“ lachte Löwenſtern ingrimmig,„fürwahr ein anmuthiges Geſchäft für mich.“ Indeß verblieb kein anderer Ausweg und die Ca⸗ 33 valiere begaben ſich, Ingrimm im Herzen, zu ihren ängſtlich harrenden Damen. Man bemühte ſich, die innere Wuth unter einer heitern Maske zu verſtecken und machte einen Scherz aus der ſonderbaren Rück⸗ fahrt. Auch die kaiſerliche Majeſtät nebſt Gefolge, die Pierrots, Kappler und das Opernperſonale ſtiegen wieder ein, während Fellenberg auf einem flotten Ren⸗ ner nach der Stadt jagte. Als der Reiter in die Nähe der Stadt kam, zo⸗ gen ihm zahlreiche Gruppen entgegen, welche alle die Richtung nach Ehrenberg einſchlugen, um die großar⸗ tige Schlittenfahrt in Augenſchein zu nehmen. „Es iſt doch ein in der Hölle erdachter Streich von dieſem Eccarius,“ ſprach er für ſich;„aber gewiſſenlos bleibt es von Löwenſtern, daß er keine Vorkehrungen traf, da ihm des Hofcommiſſairs Charakter bekannt war und er dieſen Fall durch ſeine übermüthige Si⸗ cherheit ordentlich provozirt zu haben ſcheint.“ So wie Fellenberg die Stadt erreicht hatte, begab er ſich ſogleich nach der Wohnung des Hofcommiſſairs, den er aber nicht zu Hauſe fand. „Der Böſewicht wird ſich hoffentlich nicht verleug⸗ nen laſſen,“ ſprach Fellenberg zu ſich,„doch wie ich ihn kenne, iſt er nicht der Mann, der einer Explica⸗ tion ausweicht.“ Er eilte auf den Rathskeller, in der Hoffnung, den Geſuchten hier zu finden. Auch dieſer Gang war vergebens und Niemand konnte ihn berichten, wo Eecca⸗ rius ſich befinde. Fellenberg ſtand wie auf Kohlen. Das Geſchick der ganzen Schlittenfahrt hing von ihm ab und jeder Augenblick war koſtbar. Verzweiflungs⸗ voll begab er ſich an mehre Orte, wo er den Hof⸗ commiſſair anzutreffen hoffte. Nach mehrfachen ver⸗ geblichen Fragen, Hin⸗ und Widerlaufen bekam er Stolle, ſimmtl. Schriften. VII. 3 3 ¹ heraus, daß Eccarius zuletzt auf der Brückengaſſe ge⸗ ſehen worden ſei. Auch dahin eilte der von der Zeit Gedrängte. Hier erhielt er die Nachricht, daß ſich Eeccarius bei dem Sportelſchreiber aufhalte. Fellen⸗ berg zögerte keinen Augenblick, Kapplern, über deſſen Conterfei er heute, ehe noch Jemand das große Miß⸗ geſchick ahnte, viel gelacht hatte, einen Beſuch abzu⸗ ſtatten. Der hochadlige Herr ſah ſich genöthigt, die enge, finſtre Treppe in dem Hauſe des Seilers Heiſe emporzuklimmen, was er ſich wohl nie hätte träu⸗ men laſſen, denn der Sportelſchreiber bewohnte den Dachſtuhl. Als Fellenberg in das beſcheidene Stübchen trat, ſaß der Hofcommiſſair in dem einen Fenſter und ſtu⸗ dirte in der neuen Chronik von Neukirchen, welche Kappler mit großem Fleiße und außerordentlicher Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und Genauigkeit führte. Ueber das Geſicht des Letztern legte ſich, wie er des unerwarte⸗ ten Beſuchs anſichtig wurde, ein zufriedenes Lächeln; Kappler aber, ſobald er den hohen Adeligen erkannte, gerieth außer ſich vor Schreck und Beſtürzung. Er wäre faſt zur Erde gefallen vor Devotion. Fellenberg, ohne auf des Sportelſchreibers deſpe⸗ rate Bücklinge im Geringſten zu achten, trat ſogleich mit äußerſt humaner Begrüßung vor Eccarius. „Böſer Mann,“ begann er ſcherzend und frohe Laune heuchelnd,„Ihre Hand oder vielmehr Ihre Barricade liegt ſchwer auf unſrer Schlittenpartie. Wir haben alleſammt die Unüberſteigbarkeit Ihres Baues anerkannt und ſind gezwungen, Sie als unſern Be⸗ zähmer fortan zu betrachten. Doch die Zeit iſt koſt⸗ bar und namentlich in den kurzen Wintertagen; da⸗ her iſt es der einſtimmige Wunſch, daß es Ihnen ge⸗ nüge, uns Ihre Macht kennen gelehrt zu haben und 35 daß ein Wink von Ihnen das wirklich eine Schlitten⸗ fahrt wahrhaft ſtörende Hinderniß eben ſo ſchnell ver⸗ ſchwinden mache, als es in die Höhe gewachſen iſt.“ „Mein Herr von Fellenberg,“ erwiederte der Hof⸗ commiſſair mit großer Gemüthsruhe,„es thut mir wahrhaft leid, daß die Erfüllung Ihres ausgeſproch⸗ nen Wunſches nicht von mir abhängt; wie überhaupt die ganze Sperrung des Fahrwegs, welchen ſich die Familie Löwenſtern über meinen Grund und Boden an⸗ gemaßt hat, durchaus nicht in meinem Intereſſe ge⸗ ſchah. Sie hatte keinen andern Zweck, als einen ehrlichen Mann vor dem Spotte des Pöbels zu ſichern.“ Fellenberg erkannte ſogleich, daß hier Kappler ge⸗ meint ſei. Er begriff nicht, welches Intereſſe der Hofcommiſſair an dem unbedeutenden Manne nehmen konnte und erwiederte: „Wir fanden in dem originellen Scherze durchaus nichts Verletzendes für eine gewiſſe Perſönlichkeit.“ „Das kann man Ihnen allerdings nicht verweh⸗ ren;“ meinte Eccarius,„aber wir fanden ſie. Doch dem ſei wie ihm wolle; genug, das Schickſal Ihrer Schlittenfahrt ruht nicht in meiner Hand.“ Fellenberg, welcher den Hofcommiſſair nicht ver⸗ ſtand, ſah ihn fragend an. „Wollen Sie jedoch,“ fuhr Eccarius fort,„bei dem Herrn Stadtſportelſchreiber Kappler einkommen, ob er die Paſſage frei geben will, habe ich nichts dawider. Er iſt die betheiligte Perſon, nicht ich.“ Der Geſandte des Adels biß ſich in die Lippen. Wiewohl er auf einige Stachelreden von Seiten des Hofeommiſſairs gefaßt geweſen war, hatte er doch eine ſolche Demüthigung nicht erwartet. „Sie belieben zu ſcherzen, Herr Hofcommiſſair,“ ſprach er mit verbiſſenem Ingrimm. 3 N 36 „Ganz und gar nicht,“ erwiederte Eeccarius,„ich finde auch durchaus nichts Unbilliges dabei; im Ge⸗ gentheil, wenn Sie die Sache unparteiiſch überlegen, werden Sie finden, daß nur Gerechtigkeit zum Grunde liegt.“ Zu welcher Nachgiebigkeit auch Fellenberg in Be⸗ treff des Hofcommiſſairs entſchloſſen war, ſo ging es doch über ſeine Kräfte, einen ſo tiefſtehenden Mann, wie der Sportelſchreiber, um die Erlaubniß zur Schlit⸗ tenfahrt für eine hohe Ariſtocratie zu bitten. „Mag es werden wie es will,“ dachte er,„ich habe das Mögliche verſucht, aber erniedrigen ſoll mich dieſer bürgerliche Uebermuth nicht.“ Er wollte ſich entfernen. Der Hofcommiſſair, welcher recht gut einſah, daß ſich Fellenberg zu ſolcher Demüthigung nicht verſtehen könne, hatte jetzt ſeinen Zweck, dem Adel ſeinen hatten Kopf fühlen zu laſſen, erreicht. Er zog daher eine gelindere Saite auf, in⸗ dem er ſich zu Kapplern wandte. „Nicht wahr, Herr Sportelſchreiber,“ frug er, „Sie haben nichts dawider, wenn die adelige Schlit⸗ tenpartie ihren Weg über meine Felder nimmt?“ Kappler, der vor ängſtlichem Erſtaunen ob der ſonderbaren Scene nicht zu Verſtande kommen konnte, betheuerte aus Leibeskräften, daß er nichts dagegen einzuwenden habe. „Nun da hören Sie es,“ ſprach Eccarius zu Fellenberg,„der Schwergekränkte legt kein Hinderniß in den Weg; das nenne ich chriſtlich. Ich habe da⸗ her gleichfalls nichts dagegen; ſo mögen die Bar⸗ rièren fallen.“ Der ariſtocratiſche Chargs d'Affaires athmete von Neuem auf. Er bedachte, was es gelte, und mußte zum böſen Spiele gute Miene machen. 37 „Ich ſtelle dabei nur eine Bedingung,“ fuhr der Hofcommiſſair fort. „Sie haben zu befehlen,“ ſprach Fellenberg. „Daß der bewußte Doppelgänger in Wegfall ge⸗ bracht wird. Sie werden das ſelbſt in der Ordnung finden, gnädiger Herr.“ „Ich gebe mein Wort darauf.“ „Aber ich bin einmal ein eigenſinniger Mann,“ fuhr der Hofcommiſſair fort,„dürfte ich Sie um et⸗ was Schriftliches darüber bitten, zwei Zeilen.“ „Ich gab Ihnen mein Wort.“ „Ganz ſchön,“ nickte Eccarius,„aber ich liebe das Schwarz auf Weiß. Der Menſch hat ſeine Grillen.“ Als Fellenberg zögerte, fuhr der Protector Kapp⸗ ler's fort:„ſo wie ich Ihre ſchriftliche Zuſage in den Händen habe, erhalten Sie meine gleichfalls ſchrift⸗ liche Autoriſation zur ſofortigen Hinwegräumung der Barricade.“ Da kämpfte einen Augenblick der Stolz des ade⸗ ligen Herrn mit der eiſernen Nothwendigkeit. Es blieb keine Wahl und er trat an den Tiſch und warf mit einem leiſen Fluche die ſchriftliche Verſicherung auf's Papier, daß das Conterfei des Sportelſchreibers an der Schlittenfahrt keinen Theil haben werde. „Ich danke Ihnen,“ ſprach der Hofcommiſſair, in⸗ dem er dieſe Schrift in Empfang nahm und die ſei⸗ nige überreichte.„Jetzt wünſche ich alles Glück zu der brillanten Fahrt.“ Fellenberg eilte davon. Kappler, der kein Wort von der ganzen Scene begriff, wußte noch immer nicht, wo ihm der Kopf ſtand. Eccarius nahm ſich mit großer Zufriedenheit eine Priſe. Ungefähr eine Stunde nach der Unterhandlung, der wir ſo eben beiwohnten, brauſte die adelige Schlit⸗ 38 tencaravane in aller Pracht und Herrlichkeit gegen die Stadt. Halb Neukirchen war auf den Beinen und ſchaute dem ſeltenen Schauſpiele zu. Es hatte ſich ſeit dem erſten Auszuge das Gerücht verbreitet, der Sportelſchreiber ſitze zwiſchen zwei Hans⸗ würſten in einem Schlitten. Alle Welt freute ſich darauf und ſuchte nach Kapplern, indeß vergebens. Kappler war gerettet. Daß ſich aber der Hofeommiſ⸗ ſair, trotz ſeiner ſpätern Erlaubniß, bei der hohen Nobleſſe zu Neukirchen keine Stufe in den Himmel gebaut hatte, bedarf wohl keiner Erwähnung. Viertes Rapitel. Fräulein Clara von Löwenſtern und ihre Gouvernante. Der Frühling war gekommen. Auf Bergen und in Thälern ſprangen die Knospen. Linden und Birken ſtanden in friſchem Grün; die Kirſch⸗ und Birnen⸗ bäume begannen zu blühen; die Wieſen überzogen ſich mit grünem Sammet. Aus den Tiefen der Wälder ver⸗ nahm man die Stimme des Guckucks; in den heitern ſtillen Lüften ſangen die Lerchen, und wie ein ſanft⸗ blaues Band zog ſich die Werla durch die Landſchaft. Auf dem Balkone ihres Stammſchloſſes zu Ehren⸗ berg, der nach dem Werlathale herausführte, ſaß die ſiebzehniährige Clara von Löwenſtern, welche die ver⸗ gangene Oſtern aus der Penſionsanſtalt in das älter⸗ liche Haus zurückgekehrt war. Das ſchöne Mädchen 39 trug ein himmelblaues Kleid mit golddurchwirktem Gürtel. Glorienhaft rollten reiche blonde Locken auf die ſchneeweißen Schultern, um welche ſich ein blaß⸗ rothes Flortüchlein ungezwungen ſchlang. Ganz in Anſchauung der ſchönen Landſchaft ver⸗ ſunken, über welcher der Frühling immer goldener hervorbrach, hatte das Fräulein nicht bemerkt, daß eine ältere Frauengeſtalt aus der Glasthür getreten war, welche die Blondgelockte nicht eben mit freund⸗ lichen Blicken muſterte. „Aber mein Gott, gnädiges Fräulein,“ hob die Aeltere an,„noch immer in demſelben Kleide? Der Beſuch wird in einer Stunde ankommen, und noch keine Toilette?“ „Gute Madame Chignon,“ erwiederte unmuthig Clara,„wie viel Mal ſoll ich mich denn des Tages umziehen? Iſt denn das blaue Kleid nicht gut? Es gehörte ja zu meinen beſten in der Penſion, und ich liebe dieſe Farbe.“ „Ouel horreur!“ ſchauderte die Gouvernante,„be⸗ denken Sie, gnädiges Fräulein, daß Sie nicht mehr in der Penſion, ſondern in die Welt getreten ſind. Sie würden ſich in dieſem Kleide, welches der Mode keineswegs entſpricht, muthwilligerweiſe dem Geſpötte preisgeben. Sie wiſſen, daß beide Fräuleins von Ponikau geſtrenge Richterinnen ſind.“ „Ich kann die Ponikau's gar nicht leiden,“ ge⸗ ſtand Clara offenherzig;„ſie thun immer ſo wunder⸗ ſam freundlich, und ich ſehe doch, daß es ihnen nicht ſo um's Herz iſt.“ „In Geſellſchaft,“ belehrte Madame Chignon, „ſoll man der Stimme des Herzens gar kein Gehör geben, weil man ſich in der Regel lächerlich macht; hier entſcheidet der Anſtand, die Etikette; man muß 40 ſtets auf ſich Acht haben, damit man ſeiner Geburt, ſeiner Stellung nichts vergibt, und darf ſich daher um Alles in der Welt nicht gehen laſſen, ſei es auch in der edelſten Neigung des Herzens.“ „Das wird bei mir recht ſchwer halten,“ ſeufzte das Mädchen. „Aller Anfang iſt ſchwer,“ tröſtete die Gouver⸗ nante,„jede Kunſt will erlernt ſein. Bei einigem Aufmerken auf ſich ſelbſt thut hier ein Jahr viel. Erinnern Sie ſich nur ſtets, mein gnädiges Fräulein, daß das Blut der edelſten Geſchlechter in Ihren Adern fließt; dieſer Gedanke wird Ihnen Zuverſicht, Selbſt⸗ vertrauen und einen glücklichen Takt verleihen; Sie werden endlich, trotz aller Etikette, ſich leicht und ſicher zu bewegen verſtehen.“ Clara ſchüttelte etwas ungläubig die blonden Locken. Nach einer Pauſe ſprach ſie: „Ponikau's Beſuch kommt mir recht ungelegen; ich wäre ſo gern mit Ihnen, gute Madame Chignon, in die grünen Berge gegangen. Der Frühling iſt ſo ſchön; man ſollte jetzt alle Tage in's Freie laufen.“ „Keine Sache darf übertrieben werden,“ verſetzte die Gouvernante,„wäre ſie an ſich noch ſo unſchul⸗ dig. Für heute werden wir auf das Spazierenge⸗ hen verzichten, da wir nicht wiſſen können, wie lange Ponikau's ihren Beſuch ausdehnen. Aber eilen Sie, Fräulein, Sie haben keine Zeit zu verlieren.“ „Was ſoll ich denn für ein Kleid anziehen?“ frug Clara. „Sie haben vor der Hand noch wenig Auswahl,“ erwiederte Madame Chignon,„Meiſter Mohnike hat uns unverantwortlicher Weiſe im Stiche gelaſſen; es bleibt Ihnen nur das blaßgrüne.“ „Wie,“ rief das Fräulein mit Averſion,„das 41 blaßgrüne mit dem Fiſchbeingeſtelle und den entſetz⸗ lichen Aermeln?“ „Daſſelbe,“ verſetzte die Gouvernante mit Ruhe; „es iſt in Ihrer Garderobe für jetzt das einzige, das Sie in anſtändiger Geſellſchaft tragen können.“ „Aber ich muß mich darin wie eine Gliederpuppe ausnehmen,“ fuhr Clara mit Eifer fort,„und dieſe Aermel, nein dieſe Aermel, bedenken Sie doch, gute Madame Chignon, dieſe Aermel!“ Die Gouvernante zuckte die Achſeln. „Die Mode verlangt es!“ „Aber das iſt ja eine höchſt geſchmaffloſe Mode,“ ſtellte das Mädchen vor. „Wir werden das nicht ändern,“ meinte die Gou⸗ vernante,„das iſt immer ſo geweſen und wird im⸗ mer ſo ſein.“ Während des Geſprächs, dem wir ſo eben bei⸗ wohnten, war ein Bote von Neukirchen auf Ehren⸗ berg angelangt, welcher die Nachricht brachte, daß die Familie von Ponikau es unendlich bedaure, für heute nicht erſcheinen zu können, da Fräulein Luitgard plötz⸗ lich von einem Unwohlſein befallen worden ſei. Der Grund der Abſage aber war kein anderer, als weil die Putzmacherin des Fräuleins mit dem neuen Atlas⸗ hute nicht fertig geworden war.. Nachdem der Bote die Condolenz der Löwenſtern⸗ ſchen Familie in Empfang genommen und den Eh⸗ renberg wieder verlaſſen hatte, ſprach Clara zur Gou⸗ vernante: „Aber, gute Madame Chignon, nun ſteht einem kleinen Spaziergange Nichts im Wege; wir gehen bis zum Geſundbrunnen, das iſt nicht weit; o bitte, ich liebe dieſes Plätzchen vor Allem.“ „Wenn nur die Wege von dem Gewitterregen heut Morgen trocken ſind,“ gab die Franzöſin zu bedenken. 12 „Sie ſind gewiß trocken,“ verſetzte Clara,„zudem hat das Gewitter Alles ſo erfriſcht; es muß ſich herr⸗ lich promeniren.“ Madame Chignon gab endlich ihre Bedenklichkei⸗ ten auf; ſie vermochte den Bitten ihres Pfleglings nicht zu widerſtehen und bald nachher ſah man die beiden Damen das Schloß verlaſſen und nach dem grünen Werlaufer hinabwandeln. Clara, als ſie die ſammetne Wieſe betrat, ſprang wie ein frohes Kind in dem Graſe und zwiſchen den Blumen umher und nahm erſt nach wiederholten Er⸗ mahnungen von Seiten der Gouvernante eine geſetz⸗ tere Poſitur an. „Sie müſſen ſtets daran denken,“ ſprach Madame Chignon, als die Pflegbefohlene folgſam neben ihr ſchritt,„daß Sie das gnädige Fräulein vom Schloſſe ſind; was ſollen Ihre Unterthanen denken, wenn man Sie wie ein gewöhnliches Mädchen nonchalanter Weiſe im Graſe umherhüpfen ſieht?“ „Ich finde nichts Unrechtes darin,“ entgegnete das Fräulein. „Wenn Sie das auch nicht finden, liebe Clara, ſo finden es andre Leute,“ ſprach die Gouvernante. Die Beiden bogen nach der Werlabrücke ein, wel⸗ che nach den am genſeitigen Ufer befindlichen Wald⸗ bergen führte, in welchen es die anmuthigſten Spa⸗ ziergänge gab. 43 Fünftes Rapitel. Der relegirte Student. * Auf einem Felſenvorſprunge, der ſich hart am rechten Ufer der Werla kühn in die Höhe ſtreckte und von deſſen moosbewachſener, waldumrauſchter Stirn man eine entzückende Ausſicht über das Thal genoß, ſaß auf einem umgeſtürzten Baumſtamme, den Kopf düſter auf den Arm geſtützt, Karl Willer, der Neffe, Pathe und Mündel des Inſpectors Sonnenſchmidt zu Neu⸗ kirchen. Der ſchöne Jüngling hatte in letzterer Zeit kei⸗ neswegs Urſache gehabt, mit ſeinem Schickſal zufrie⸗ den zu ſein, im Gegentheil war er mit demſelben ziemlich unſanft aneinandergerathen. Es wird dem Leſer erinnerlich ſein, daß Karl we⸗ gen ſeines angebornen Freimuths, der freilich von Zeit zu Zeit etwas jugendlich überſchäumte, mit den academiſchen Behörden nicht auf befreundetem Fuße ſtand. Die Spannung war in der letztern Zeit in einen vollkommenen Bruch übergegangen, welcher die Relegation des genialen Studenten zu Folge gehabt hatte. Der Hergang dieſes für Willern ſo verhäng⸗ nißvollen Vorfalls war folgender. Eine der landesherrlichen Familie durch weitläu⸗ fige Verwandtſchaft allerdings befreundete, aber ſonſt weder durch Herzens- noch Geiſtesadel, ja nicht ein⸗ mal durch körperliche Schönheit, ausgezeichnete aus⸗ ländiſche Prinzeſſin war auf ihrer Rückreiſe in's Va⸗ terland durch die Univerſitätsſtadt, wo Willer ſtu⸗ dirte, gekommen. Der academiſche Senat, ſtets von dem Wunſche 44 beſeelt, ſeine Ergebenheit gegen ſeine fürſtliche Familie an den Tag zu legen und jede Gelegenheit hierzu mit Eifer ergreifend, bot Alles auf, um der Prin⸗ zeſſin zu Ehren unter den Studirenden einen Fackel⸗ zug zu Stande zu bringen. Nun weiß aber ein Je⸗ der, der mit dem Leben und Treiben auf deutſchen Univerſitäten einigermaßen vertraut iſt, daß dergleichen öffentliche Feierlichkeiten erſt dann eine gewiſſe Hal⸗ tung, Energie und Charakter erhalten, ſobald die ver⸗ ſchiedenen Corps der Landsmannſchaften und ihre Dis⸗ ciplin daran Theil nehmen, weil außerdem wenig Ord⸗ nung in die Sache kommt. Die academiſchen Be⸗ hörden entboten daher die Chargirten der verſchiedenen Verbindungen zu ſich und gaben ihren Wunſch in Betreff des Fackelzuges zu erkennen. Carl Willer als Senior der bedeutenden Saxonia war von Seiten der Corps zum Sprecher ernannt worden. Er erklärte Seiner Magnificenz, dem Rector der Univerſität, rund heraus, daß die Studirenden bedauerten, dem Wunſche des academiſchen Senats keine Folge leiſten zu kön⸗ en, worauf er auch die Gründe aus einander ſetzte. Die fremde Prinzeſſin, hieß es, möge eine ganz achtungswerthe Dame ſein, aber um der Ehre eines Fackelzuges von Seiten einer deutſchen Univerſität theilhaftig zu werden, bedürfe es doch anderer Ver⸗ dienſte; hohe Geburt könne hier allein nicht entſchei⸗ den. Noch vor wenigen Tagen habe der größte Theil der Studirenden wohl kaum den Namen der betref⸗ fenden hohen Dame gekannt. Es erfolgten nach der Willer'ſchen Erklärß noch einige Debatten, die zu keinem Reſultate führten, da die Abgeſandten bei ihrer ausgeſprochenen Meinung beharrten. Sie wurden von Seiten des Rector Mag⸗ nifieus in höchſter Ungnade entlaſſen. 7 45 Der academiſche Senat befand ſich jetzt in nicht geringer Verlegenheit. Das Gerücht von dem pro⸗ jectirten Fackelzuge war in der Stadt bekannt gewor⸗ den und ſelbſt zu den Ohren der Prinzeſſin gelangt. Nachdem man bei den Corps der Verbindungen ver⸗ gebens angeklopft hatte, lud man die ſogenannten „Finken,“ das ſind ſolche Studirende, die keinem landsmannſchaftlichen Vereine angehören, vermittelſt lateiniſchen Anſchlags am ſchwarzen Brete zur Theil⸗ nahme am Fackelzuge ein. In einer in Folge dieſes Anſchlags erfolgten Verſammlung einer anſehnlichen Anzahl Finken erſchien abermals der Senior der Saxo⸗ nia, Carl Willer, und gab die Gründe an, wes⸗ halb die Verbindungen auf die Theilnahme an der beabſichtigten Feier verzichtet hätten. Er überlaſſe es jetzt dem eigenen Ermeſſen der geehrten Comilitonen, ob ſie unter den obwaltenden Umſtänden den Wün⸗ ſchen Seiner Magnificenz nachkommen oder ſich ihren academiſchen Brüdern anſchließen wollten. Der Erfolg von Willer's Rede war, daß auch die verſammelten Finken einſtimmig erklärten, an dem Fackelzuge auf keine Weiſe Theil zu nehmen. So ward aus der ganzen aus übertriebener Devotion her⸗ vorgegangenen Feierlichkeit nichts. Die Prinzeſſin, welche glücklicherweiſe Kunde von der fehlgeſchlagenen Unternehmung erhielt, ließ ſchleunigſt packen und reiſte kluger Weiſe noch denſelben Nachmittag ab. Der aca⸗ demiſche Senat aber ſpie Feuer und Flammen. Gleich den nächſten Tag wurde Willer vor das Concil ge⸗ fordert, für einen Aufrührer und Rebellen gegen ſeine hohe Obrigkeit erklärt, ſofort relegirt und drei Tage ſpäter ſaß er, wie wir bereits geſehen haben, auf dem moosbewachſenen und waldumrauſchten Felſen⸗ vorſprung am Werlaufer. 46 Je länger er über ſeine Lage nachſann, in deſto unfreundlicherem Lichte erſchien ſie ihm. Was ſollte er anfangen? Eine andere Univerſität zu beziehen, dazu reichten ſeine Mittel nicht aus; zudem war die Jurisprudenz keineswegs ſein Lieblingsſtudium und er hatte derſelben in der letztern Zeit nur deshalb mit Fleiß obgelegen, um dem Wunſche ſeines Oheims nachzukommen. Irgendwo wiſſenſchaftlichen Unterricht zu ertheilen, denn er war in ſehr vielen Fächern wohlbewandert, dazu fehlte ihm die erforderliche Ruhe und Geduld; Soldat mochte er auch nicht werden; ſo blieb ihm nach ſeiner Meinung nur noch eine Aus⸗ ſicht, ein Gedanke, welchem er ſchon früher in einſa⸗ men Stunden mit vieler Vorliebe nachgehangen hatte, nämlich der, nach Amerika auszuwandern und dort in der ſchönen, noch unentweihten Natur Landbauer zu werden. Er war hinſichtlich dieſer Neigung nicht der großen Mehrzahl der europäiſchen Auswanderer beizu⸗ zählen, welche lediglich durch Noth, Speculativn, my⸗ ſtiſcher Schwärmerei oder politiſcher Anrüchigkeit nach jenem Lande getrieben werden, bei ihm lag ein edle⸗ res Motiv zum Grunde. Er konnte ſich nämlich bei ſeinem geraden, offenen Sinne, bei ſeinem unverdor⸗ benen Gemüthe, bei dem ſtrengen Rechtlichkeitsgefühle, bei ſeinem von Zeit zu Zeit aufbrauſenden Jugend⸗ übermuthe nie mit den zahlloſen rückſichtsvollen Con⸗ venienzen befreunden, wie ſie unſere oft hypercultivir⸗ ten, politiſchen und geſellſchaftlichen Verhältniſſe und Zuſtände mit ſich bringen. Er verſenkte ſich gern in die Idee eines reinen unverdorbenen Naturlebens, unter guten, frohen Menſchen, befreit von den luxu⸗ riöſen Bedürfniſſen der höheren geſellſchaftlichen Cote⸗ rieen, inmitten einer blüthen- und ſegenvollen Natur. „Wenn ich nur den Onkel dahin vermögen könnte,“ 47 ſprach der relegirte Student auf ſeinem Baumſtamme, „daß er meine academiſchen Schulden bezahlte; es ſollte mir ſehr ſchwer werden, die alte Welt als in⸗ ſolvent verlaſſen zu müſſen, wie es bei vielen Tauge⸗ nichtſen der Fall ſein mag. Auch zur Reiſe bis Hamburg oder Bremen brauche ich einiges Geld. Die Ueberfahrt wollte ich mir ſchlimmſten Falls durch Schiffsarbeit verdienen. Ich habe rüſtige Arme, bin gewandt und unverdroſſen. Aber ſchwer wird es hal⸗ ten, vom Herrn Pathen Etwas herauszubekommen, zumal wenn ich ihm die erbauliche Nachricht von mei⸗ ner Relegation bringe. Da ſteht ein ſchöner Tanz bevor. Wenn er die Geſchichte mit der Prinzeſſin erfährt, ich glaube, er klagt mich bei den Gerichten aus freien Stücken als Hochverräther an; der gute Pathe dauert mich, er iſt zwar ein graſſer Philiſter, aber ich bin ihm doch vielen Dank ſchuldig, und es thut mir wahrhaftig leid, daß ich ihm keine Freude machen kann; doch unſre Wege laufen zu weit aus einander. Er hatte es gut mit mir vor; ich ſollte nach zurückgelegtem Examen als Volonteur im hiefi⸗ gen Amte eintreten. Er hat das Alles mit dem Amt⸗ manne ſchon in Richtigkeit gebracht; in ſeinem letzten Briefe ſchreibt er davon. Aus mir einen tüchtigen praktiſchen Actenmenſchen zu machen, iſt ſein höchſter Wunſch; ich glaube, und wenn mich die Nordameri⸗ kaner dereinſt zu ihrem Präſidenten erwählten, es wäre ihm nicht ſo lieb, als wenn ich Viceſupernume⸗ raractuar im Amte Neukirchen geworden mit hundert⸗ undzwanzig Thalern Gehalt. „Auch der Hofcommiſſair wird Augen machen,“ fuhr Willer in ſeinem Selbſtgeſpräche fort,„wenn ich mich als Relegatus präſentire; doch iſt er ein Mann voll Einſicht, der mich nicht verdammen wird wie die Philiſter.“ 48 Die Gedanken des jungen Mannes wurden plötz⸗ lich wieder ſehr trübe. Seine Blicke weilten düſter auf den Wellen der Werla, die in der Tiefe geräuſch⸗ los dahinfloſſen. Unheimliche Blitze zuckten durch ſein umnachtetes Gemüth. „Ein Sprung von dieſer Klippe, ein Augenblick,“ ſprach er,„und ich wäre aller Sorge überhoben; der dunkle Traum wäre ausgeträumt und das bunte, wirre Lebensſpiel ausgeſpielt. Was verliert man an der Spanne Leben! Ein paar Jahre mehr oder weni⸗ ger, was thut's?“ Der vom Schickſal Geprüfte gab ſich eine geraume Zeit düſterer Todesphiloſophie hin. Endlich ſiegte ſein beſſeres Selbſt. Er ſprang auf und ſchaute mo⸗ raliſch erkräftigt um ſich. „Nein,“ ſprach er,„das wäre Feigheit, kein Sol⸗ dat ſoll den Poſten verlaſſen, auf welchen ihn die Weisheit des Feldherrn geſtellt hat, wäre er auch noch ſo gefahrvoll; und Schande dem, der ſich ſchwächlich nach dem Grabe ſehnt, bevor er ſich ein Recht dar⸗ auf erworben hat! Ein Tod ohne Bedeutung iſt das Traurigſte, was einen Mann treffen kann.“ Nie iſt der Menſch größer und Gott ähnlicher, als wenn er von der Sittlichkeit erhoben dem Schick⸗ ſal kühn die Stirn bietet. So ließ anch Willer ſeine Blicke jetzt freier und erhabener über die prachtvolle Schöpfung ſchweifen; ein höheres Roth entblühte ſei⸗ ner Wange; er ſtand wie ein Sieger auf der Felſen⸗ ſtirn inmitten der Blumen des Frühlings, und in dem Rauſchen der Wälder, das zeither ſein verdüſter⸗ tes Gemüth unbeachtet gelaſſen hatte, erkannte er wie⸗ der den Odem Gottes. Er ſchaute noch eine Zeit lang mit ſtummem Ent⸗ zücken nach dem blühenden Thale, dann wandelte er 49 wunderbar geſtärkt die Felſenſtirn entlang, wo er abermals ſtehen blieb und ſein trunkenes Auge auf der reizenden Landſchaft ruhen ließ. Noch in bewun⸗ dernder Anſchauung verſunken, rauſchte plötzlich das Laub zu ſeiner Linken, und als er aufſchaute, erblickte er ein engelſchönes Mädchen wenig Schritte vor ſich, das gleichfalls an der herrlichen Ausſicht ſich zu er⸗ götzen ſchien. Der Jüngling ſtand wie in den Boden gewur⸗ zelt; noch nie war ihm ein himmliſcheres Bild erſchie⸗ nen. Er wagte kaum Athem zu ſchöpfen, um die wunderähnliche Erſcheinung nicht zu verſcheuchen; da⸗ für klopfte ſein Herz um ſo vernehmbarer. Mit einem Male aber wandte Clara von Löwenſtern, denn Nie⸗ mand anders war die Jungfrau, das ſüße Haupt und erblickte den jungen Mann. Eine hohe Röthe überſtrömte das holdſelige Antlitz, und verſchüchtert wie ein geſcheuchtes Reh eilte ſie in das Gebüſch zurück. Willer, von Seligkeit trunken, ſchaute lange, lange nach der Stelle, wo Clara hinter den grünen Zwei⸗ gen verſchwunden war; plötzlich ſprang er hoch auf, ſein alter ungezähmter Jugendmuth brach mit erneuer⸗ ter Kraft hervor und mit den kühnen Worten eines ungemeſſenen Selbſtgefühls:„Die muß ich mir er⸗ ringen, oder ich will nicht das Leben haben!“ eilte er der ſchönen Erſcheinung nach. Stolle, ſämmtl. Schriften. VII. 4 50 Sechstes Rapitel. Großes und gefahrvolles Abenteuer des Sportelſchreibers Kappler's in den Waldbergen. 3 derſelben Zeit, als Willer ſeiner unbekannten Schönen nacheilte, ſaß ungefähr tauſend Schritte tie⸗ fer im Walde auf ſeinem Lieblingsplätzchen, unter einer ehrwürdigen Linde der Neukirchner Sportelſchrei⸗ ber Kappler, nach gewohnter Art ſein Vesperbrot mit den Waldvögeleing theilend, welche, durch die täg⸗ liche Spende kirr gemacht, in große Nähe herbeiflogen und die hingeworfenen Brodkrumen fleißig aufpickten. Bei dieſer Fütterung lieferte der Sportelſchreiber das Beiſpiel großer Gerechtigkeitsliebe. Er kannte ſeine Gäſte ziemlich genau und hatte mehren derſelben, welche bei dem täglichen Mahle nie fehlten, eigene Namen gegeben. Da gab es einen„Mohrenkopf“, einen„Amtmann“, ein„Krönchen“, einen„Referen⸗ dar“, einen„Topfgucker“, ein„Chriſtinchen“ und wie ſie alle hießen. Kappler ſah nun ſtets mit Sorgfalt darauf, daß einige Hauptfreſſer, worunter namentlich der Mohrenkopf und der Amtmann gehörten, nicht Alles hinwegſchnappten, ſondern daß die Beſcheideneren, welche ſich nicht weit herangetrauten, auch ihr beſcheiden Theil erhielten. Man hätte nur dem Sportelſchreiber zuſehen ſollen, wie er ſich zuweilen ereiferte und dem Amtmanne ob ſeiner Unbeſcheidenheit und übergroßen Freßbegier tüchtig und derb den Text las; während er Chriſtinchen und Krönchen, die nur von Zeit zu Zeit herankamen und ſich ſchüchtern ein Krümchen holten, gebührend belobte. 5¹ „Es iſt unterm Vieh wie unter den Menſchen,“ ſprach Kappler, der ſich zuweilen philoſophiſchen Be⸗ trachtungen hingab;„der Charakter und das Tempera⸗ ment ſind verſchieden; alle Leidenſchaften der Menſch⸗ heit kann man in dieſer kleinen gefiederten Welt wie⸗ derfinden: Neid, Habſucht, Eigennutz, Unmäßigkeit; vor allen liefert der Amtmann und der Mohrenkopf den ſprechenden Beweis, während Chriſtinchen die Be⸗ ſcheidenheit ſelbſt iſt. „Dafür ſollſt du auch belohnt werden,“ fuhr der idylliſche Speiſewirth fort und warf einem kleinen grauen Vögelein, das ſich nur aus der Ferne heran getraute, Broſamen zu. Des Sportelſchreibers Leben war in den letzten Monaten ziemlich ſtill dahingefloſſen. Nie hatte er ſich glücklicher gefühlt. Seine Liebe zur liebenswür⸗ digen Agnes hielt ſeine fromme Bruſt ununterbrochen ſanft erwärmt. Es war die reinſte, edelſte Flamme, die je eines Sterblichen Herz beſeligte. Kappler ver⸗ ehrte die Nichte Langſchädel's wie eine Heilige. Kein Verlangen nach dem irdiſchen Beſitze des Mädchens, kein ſinnlicher, kein unlauterer Gedanke entweihte dieſes ſchöne Verhältniß. Der Sportelſchreiber fühlte ſich beglückt, wenn er des Tags ein⸗ oder zweimal unter den Fenſtern der Geliebten vorüber wandeln konnte. Wollte es zuweilen das Glück, daß Agnes zufällig nach der Straße hinausſah, den vorüberſchrei⸗ tenden Anbeter erkannte und ihm einen freundlichen Gruß zurief, ſo war der Beſcheidene wochenlang beſeligt. Zu dem glücklichſten Tage im laufenden Jahre, ja im ganzen Leben rechnete Kappler aber den eilften Februar. Es war ein heiterer Winternachmittag; der Sportelſchreiber wandelte wie gewöhnlich an dem 52 Brückenhauſe vorüber; da that ſich plötzlich das ge⸗ frorne Fenſter auf, Agneſens Lockenkopf ward ſichtbar und dankte dem erſchrockenen Kappler für die ſchönen Noten. Dem Sportelſchreiber war es nämlich gelun⸗ gen, endlich das Lieblingswerk für ſeine Herzenskö⸗ nigin zu vollenden. Er hatte die äußerſt ſauber ge⸗ ſchriebenen Walzer dem Lieutnant Langſchädel zur Be⸗ förderung übergeben. Als nun Kappler am eilften Februar zur gewohnten Stunde an dem gebenedeiten Hauſe vorüberwanderte, ward ihm das beneidenswerthe Glück, von der angebeteten Nichte angeredet zu wer⸗ den. Nachdem ſie ihren Dank abgeſtattet, machte ſie dem Kalligraphen zugleich Vorwürfe, daß er ihren Onkel ſeit dem Mittagseſſen nicht wieder beſucht habe. Gewiß müſſe es ihm nicht gefallen haben. Kappler, durch den Dank des Mädchens verklärt, hub betheuernd beide Arme zum Winterhimmel em⸗ por, daß er noch nie glücklicher geweſen ſei, als bei jenem Haſendiner; doch habe er ſtets in der gerech⸗ ten Angſt geſchwebt, ſein Beſuch könne dem Herrn Lieutnant, ſo wie hochdeſſen Nichte beſchwerlich fallen. Nachdem Agnes gerade das Gegentheil verſichert, wußte der Sportelſchreiber vor lauter Entzücken nicht, wo ihm der Kopf ſtand. Er ſtammelte ſelig beſtürzt einige Worte, die das Mädchen zwar nicht verſtand, aber daraus die große Verlegenheit des ſchüchternen Mannes erkannte. Sie war vom Herzen viel zu gut, als daß ſie ſich an der Aengſtlichkeit des beglückten Sportelſchreibers hätte weiden ſollen. Sie kürzte da⸗ her die Conferenz ab, indem ſie ſich nochmals bedankte und dem Sportelſchreiber zu einem baldigen Beſuche ermunterte. Das gefrorne Fenſter that ſich zu; und Kappler ſauſ'te wie ein ſeliger Gott in die glänzende Winterlandſchaft hinaus. Himmel und Erde, alles 53 Lebendige und Todte, hätte er an ſein Herz drücken können; Alles ſollte glücklich, ſelig ſein, ſo wie er es war. Als er nach dieſem Herzensſabbath zu Hauſe ankam, holte er ſofort ſein rothes Dintenfaß und malte drei rothe Querbalken im Kalender unter den eilften Februar. Zugleich gelobte er feierlichſt und mit vielen Ceremonien, dieſen Tag alljährlich zu feiern wie ein hohes Feſt mit Wein und Kuchen, zum ewigen Angedenken. Kappler, ein guter Chriſt, un⸗ terließ nie, an jedem der drei hohen Feſte, ſo wie an ſeinem Geburtstage ein Glas Wein zu trinken und zwei Stück Kuchen zu eſſen, eine Depenſe, die er ſich außerdem nie erlaubte. Nun war noch ein fünfter hoher Feſttag in ſeinem Kalender einregiſtrirt worden. „Celebrire ich vier hohe Feſte,“ ſprach er, ſich gleichſam entſchuldigend,„ſo kommt's auf das fünfte auch nicht an. Das fünfte Glas Wein und die zwei Stücklein Kuchen ruiniren mich nicht, wenn ich ſonſt das Meine zu Rathe halte.“ Trotz dem aber, daß Langſchädel's Nichte den Sportelſchreiber zu Wiederholung ſeines Beſuchs auf⸗ gefordert hatte, wagte es der Beſcheidene nicht, ohne ſpecielle Einladung von Seiten des Lieutnants ein⸗ zuſprechen. Er war zufrieden, wenn er ſeine täg⸗ liche Promenade vor der Wohnung der Geliebten hal⸗ ten konnte. Da fügte ſich's denn oft, daß er einen Gruß anbringen konnte und einen Gegengruß erhielt, der ihn ſtets ſelig ſtimmte. Daß die Liebe kühn macht, davon lieferte der Sportelſchreiber einen thatſächlichen Beweis. Nie⸗ mand hätte ihn früher bewegen können, auf der Straße eine Brille zu tragen. Er hielt dies reſpeets⸗ widrig in Betreff ſeines hohen Chefs, des Stadtrich⸗ ters Kleinſimon, der ſtets brillbewaffnet einherging. Die Liebe zu Agnes hatte Kapplern aber mit der Zeit ſo verwegen gemacht, daß er es wagte, gleich⸗ falls eine Brille aufzuſetzen. Dies war Niemandem weniger zu verargen, als unſerm Sportelſchreiber; denn er bediente ſich der Brille wahrlich nicht aus Eitelkeit oder der Mode halber. Er war wirklich ſo kurzſichtig, daß er in der Entfernung von wenigen Schritten kaum das Geſchlecht der Entgegenkommen⸗ den zu unterſcheiden vermochte. Daher war nicht ſelten der Fall vorgekommen, daß Kappler eine ſchwer⸗ bepackte Bauersfrau für einen dickleibigen Rathsherrn gehalten und mit einem entſprechenden Bücklinge be⸗ grüßt hatte. Der Sportelſchreiber ſah das Ungereimte, das hierin lag, ſchon lange ein; gleichwohl konnte er ſich in Betracht des Stadtrichters für eine Brille nicht entſchließen. Da triumphirte die Liebe über dieſe kleinliche Bedenklichkeit. Kappler konnte es nicht län⸗ ger über ſich gewinnen, bei dem Hauſe des Lieutnants Langſchädel vorbei zu ſchreiten, ohne zu wiſſen, ob ſein ehrerbietiges Compliment, welches er bei dem Fenſter, wo Agnes zu ſitzen pflegte, nie verabſäumte, auch an den Mann gelange und erwiedert werde. Dieſe Ungewißheit hatte ihm oft den ganzen Spazier⸗ gang verbittert; namentlich wenn die Fenſter gefroren waren und der Kurzſichtige in vollkommener Unge⸗ wißheit einhertappte. Dieſen ungewiſſen Zuſtand ver⸗ mochte Kappler nicht länger zu ertragen, er hielt mit ſich an einem Sonntagvormittag nach reiflicher Vorbereitung eine lange Conferenz, wo Mancherlei für und wider die Sache verhandelt wurde; endlich ſiegte dié allmächtige Liebe, ſie ſchlug die Brille des Stadt⸗ richters aus dem Felde und bereits am Nachmittage ſchritt Kappler mit einer concaven Hornbrille bewaffnet, ein Sperber an Blick, bei Langſchädel's Fenſter vorüber. —— 55 Der Sportelſchreiber konnte ſich nicht ſatt ſehen an der klaren Welt, die jetzt ſeinen Augen aufge⸗ gangen war. Schon von Weitem vermochte er Mas⸗ kulinum und Femininum genau zu unterſcheiden und beim Brückenhauſe konnte er ſelbſt zwiſchen den Blu⸗ menſtöcken hindurch erkennen, ob Agnes am gewohn⸗ ten Platze ſitze oder nicht. Diesmal zum Beiſpiel brauchte er ſich nicht mit einem Complimente zu in⸗ commodiren; denn der Stuhl der Geliebten war un⸗ beſetzt und Letztere nicht zu erblicken. Kappler ſah jetzt ein, wie ihn ſeine Brille ſogar vor der Lächer⸗ lichkeit ſchützte, denn ohne ſie würde er, wie unfehl⸗ bar oft der Fall geweſen war, ehrerbietigſt das leere Fenſter begrüßt haben. Er ſteuerte von jetzt an weit ſicherer in die Welt hinein und lebte der ſüßen Hoff⸗ nung, daß ſein bebrillter hoher Chef keine Notiz von des Subaltern Nachfolge nehmen werde. Als der Frühling kam, lernte Kappler den Werth ſeiner Brille noch mehr ſchätzen; denn da traf es ſich oft, daß Agnes am offenen Fenſter ſaß und ihm der Anblick der Geliebten im vollen Maße zu Theil wurde. Kappler war nie glücklicher, als wenn er nach genoſſener Anſicht und beglückendem Gruß und Gegen⸗ gruß hinaus in die Berge wallfahren konnte. Da ſprang er wie ein Böcklein vergnügt im Graſe und pries Gott für die hohe Gnade, Langſchädel's Richte am offenen Fenſter getroffen zu haben. Seine Haupt⸗ beſchäftigung beſtand dann darin, mit der Emſigkeit eines Botanikers nach jungen Frühlingsblüthen zu ſuchen und ſie in niedliche Sträußchen zu binden. Kehrte er mit einbrechender Dunkelheit nach der Stadt zurück, ſo ſchritt er hart an der Steinbank bei Lang⸗ ſchädel's Wohnung vorüber und ließ ſo unbemerkt wie möglich die blühende Liebesgabe auf die ſteinerne Platte fallen. 56 Leider ward der Zweck, den Kappler mit den Sträusleins beabſichtigte, nicht erreicht. Er glaubte in ſeiner Einfalt, dieſe Blumen könnten in gar keine andern Hände kommen, als in die, für welche ſein Herz ſie beſtimmt hatte; dies war aber nie der Fall. Dieſe Blumen wurden in der Regel am nächſten Mor⸗ gen von Gaſſenkindern gefunden und in Beſchlag ge⸗ nommen. Während Kappler dem pvetiſchen Traume nachhing, daß ſeine blauen, rothen und gelben Wald⸗ blümleins in einem Glaſe auf ihrem Nähtiſchchen lieb⸗ lich dufteten, waren die zarten Frühlingskinder längſt zerrupft und in den Staub getreten. Wenn der Sportelſchreiber nicht ein viel zu ſchüch⸗ terner Verehrer der hübſchen Nichte geweſen wäre, würde er ſeine Blumenſpende getroſt ſelbſt durch's offene Fenſter überreicht haben und ſicher hätte Agnes die liebliche Gabe freundlich aufgenommen. Eine ſolche Demonſtration hätte aber den Unſchuldsvollen für ein Verbrechen gegolten; er würde nicht anders geglaubt haben, als ſich an der Jungfräulichkeit ſeiner Angebeteten zu verſündigen, wenn er es hätte wagen wollen, ihr durch's offene Fenſter vor aller Welt einen Strauß zu überreichen. Nein, das Mädchen ſollte gar nicht ahnen, wie theuer ſie ihm ſei. Er fürch⸗ tete ſchon eine Sünde zu begehen, daß er täglich in ihrer heiligen Nähe vorüberging. Nur Freude machen wollte er ihr. Darum legte er die Blumen auch ver⸗ ſtohlen auf die Steinbank. Sie ſollte nicht einmal den Geber errathen, ſondern ſich nur der Blumen er⸗ freuen. Nie hat es eine reinere und entſagendere Liebe gegeben, als die des Sportelſchreibers zu ſchädel's Nichte. Dieſes Verhältniß war zu ätheriſch, als daß es leicht hätte getrübt werden können. Der beſchei⸗ dene Kappler war beglückt, wenn er bei dem Hauſe 57 des Brückenzollgeldereinnehmers vorübergehen konnte und ſchwamm im dritten Himmel, ſobald Agnes durch's Fenſter ſeine Begrüßung freundlich erwiedert hatte. Der Sportelſchreiber war weit entfernt, Gegenliebe zu verlangen, ja er wünſchte nicht einmal, daß die Nichte das Geringſte von der Flamme bemerken ſollte, welche in ſeinem Innern brannte. Der Lieutnant ängſtete zwar von Zeit zu Zeit den guten Kappler mit glänzenden Partieen, die ſei⸗ ner Niece bevorſtünden, doch tröſtete er zugleich, in⸗ dem er vorgab, daß er den Rechten für Agnes noch nicht gefunden habe. Die heutige junge Männerwelt tauge nichts und wäre eines Mädchens wie ſeine Nichte gar nicht werth. Kappler pflichtete dieſer Mei⸗ nung vollkommen bei. Mit dem Hofcommiſſair ſtand der Sportelſchreiber nach wie vor auf höchſt freundſchaftlichem Fuße. Er ahnete nicht, welchen Dank er demſelben ſchuldig war, daß jener ihm vor dem öffentlichen Scandal bewahrt hatte. Wenn die Ideen des jungen Löwenſtern zur Ausführung gekommen und Kappler's Ebenbild durch die Stadt gefahren wäre, würde den ächten Sportel⸗ ſchreiber unfehlbar der Schlag getroffen haben, ſobald er die Geſchichte erfahren, denn er war in gewiſſen Punkten der Ehre außerordentlich empfindlich. Dem Hofcommiſſair allein hatte er es zu danken, daß für ihn Alles ſo glücklich abgelaufen war. Denn ob⸗ ſchon bei der Ausfahrt von Ehrenberg ein Theil der verſammelten Zuſchauer die Figur des Sportelſchrei⸗ bers erkannt haben wollten, ſo glaubten ſie ſpäter, als die bewußte Maske durch die Vermittlung des Hofcommiſſairs in Wegfall gebracht wurde, ſich den⸗ noch getäuſcht zu haben. Auch hatte die verhängniß⸗ volle Barrikade, der Aufenthalt, die Empörung des 58 Adels, ſo wie die tragikomiſche Heimkehr nach Ehren⸗ berg das Intereſſe für die momentane Erſcheinung Kappler's gänzlich verwiſcht. Der Sportelſchreiber ſelbſt erfuhr nie Etwas von der Sache. Die unverholene Theilnahme, welche Eccarius in Betreff Kappler's an den Tag gelegt hatte, war dem Adel aufgefallen, und der Groll, den man gegen den Hofcommiſſair hegte, ging unwillkürlich mit auf deſ⸗ ſen unſchuldigen Schützling über. Der Stadtrichter Kleinſimon, Kappler's Chef, der mit mehren der ade⸗ ligen Herrſchaften entfernt befreundet war, ſollte bald ebenfalls angeſteckt werden. So zog ſich über dem Haupte unſers Kappler ein neues Ungewitter zuſam⸗ men, wovon der unſchuldige Mann, als er unter dem alten Lindenbaume ſein Vesperbrot gaſtfreundlich mit den Waldvögeleins theilte, keine Ahnung hatte. Der Hofcommiſſair, welcher Kappler's Geſchick vorausſah, traf ſeine Vorkehrungen und ermahnte die⸗ ſen wiederholt, ſich durchaus keine Chikane gefallen und ihn ſofort wiſſen zu laſſen, ſobald er glaube, daß ihm zu viel geſchähe. Während Kappler in Seelenfrieden mit ſeinen kleinen gefiederten Gäſten ſich unterhielt, bald dieſen ausſchalt, bald den andern ermahnte und den dritten lobte, begann es plötzlich rückwärts im Gebüſch zu rauſchen und als der Sportelſchreiber erſchreckt zurück⸗ blickte, ſtand ein ſchönes Mädchen vor ihm, welches mit aufgehobenen Armen flehte, daß er ihr eiligſt den Weg nach dem Schloſſe Ehrenberg zeigen möchte. Kappler, durch dieſe Erſcheinung noch weit mehr in Schrecken verſetzt als die Jungfrau ſelbſt, beſchrieb, ſongut es gehen wollte, ohne ſich von ſeinem Platze zu rühren und ohne daran zu denken, daß es doch viel ſchicklicher ſei, eine ſo reizende junge Dame ſelbſt 59 durch den Wald und auf den Weg zu geleiten, von wo man ohne Gefahr, ſich von Neuem zu verlaufen, nach dem Schloſſe gelangen könne. Nach Kappler's höchſt ſchwankender Zurechtweiſung konnte ſich das Fräulein zehnmal im Walde verirren. Nachdem Clara, denn Niemand anders war die junge Dame, einen halb zweifelhaften, halb ängſtli⸗ chen Blick auf die etwas ſeltſame Figur des Sportel⸗ ſchreibers geworfen hatte, eilte ſie den beſchriebenen Pfad entlang und verſchwand in einiger Entfernung im Gebüſch. Kappler guckte wie angedonnert nach der Stelle, wo die reizende Erſcheinung verſchwunden war; dann erſt begann er über das außerordentliche Abenteuer Betrachtungen anzuſtellen. Das Herz wollte ihm vor die Füße fallen, als er des rührenden Tons gedachte, mit welchem das engelhafte Weſen ihn beſchwor, ihr den Weg zu zei⸗ gen; ein Ton, der noch immer in ſeinem Innern wiederklang. Zugleich fiel ihm ein, wie erzgrob er ſich gegen die arme Verirrte benommen, daß er nicht einmal ſeinen Platz verlaſſen und das Mädchen bis auf den ſichern Ehrenberger Weg geleitet habe. „Kappler,“ fuhr er ſich erboſt an,„ du biſt und bleibſt ein unverantwortlicher Eſel, konnteſt du nicht ſchnell reſolvirt dem ſchönen Kinde erwiedern: Sehr geehrtes fürtreffliches Fräulein, wollten Sie wohl die hohe Gewogenheit mir angedeihen zu laſſen die Güte haben, daß ich der hohen Ehre könne theilhaftig wer⸗ den, Sie bis zu dem Wege geleiten zu dürfen, der directement nach dem Ehrenberge führt?“ Während der Sportelſchreiber über ſeine Unbehülf⸗ lichkeit ſich die größten Vorwürfe machte, kam ihm plötzlich der Gedanke, ob es nicht gerathen ſei, dem 60 Fräulein nachzulaufen und das Verſäumte nachzuho⸗ len. Er ſtand im Begriffe, dieſen Vorſatz in's Werk zu führen, als neue Zweifel in ihm aufſtiegen. „Es ſieht nur ſonderbar,“ ſprach er für ſich,„ja verdächtig aus, wenn du ihr nachläufſt. Wie leicht kann ſie Argwohn ſchöpfen, ſo du urplötzlich nachga⸗ loppirſt, du habeſt Uebles mit ihr im Sinne. Das arme Fräulein war ohnedies in großer Angſt; man ſah's ihm an. Ich glaube, ſie zitterte. Der Himmel wird ſich des verirrten Menſchenkindes gnädig annehmen und es auch ohne dich, Kappler, zur befreundeten Hei⸗ math geleiten. Warſt du ein Mann, ſo thateſt du frü⸗ her das Maul auf, wo es Zeit war, jetzt iſt's zu ſpät.“ Der mit ſeinem Thun und Laſſen äußerſt unzu⸗ friedene Kappler, der jetzt alle Muſe zur Fütterung der Vögel verloren hatte, war eben im Begriff, miß⸗ muthig und kopfſchüttelnd den Heimweg anzutreten, als es von Neuem in dem Buſchwerk rauſchte. „Was iſt denn ſchon wieder?“ frug Kappler, „ſollte das Fräulein— doch nein, die iſt ja nach der entgegengeſetzten Seite entflohen.“ Das Gepraſſel in den Zweigen ward immer ener⸗ giſcher und kam immer näher; dem Sportelſchreiber ward unheimlich, er nahm die Rockſchöße zuſammen und machte ſich auf die ſchleunigſte Flucht gefaßt. „Das muß ein verzweifelter Menſch ſein,“ ſprach er,„der in den Sträuchen haſelirt; der ſcheint Alles kurz und klein machen zu wollen. Kappler, ſieh dich vor; begieb dich nicht in Gefahr; es iſt heute nicht geheuer im Walde. Erſt das verſtörte Fräulein, jetzt das desperate Gepraſſel. Oder ſollte das der Ver⸗ folger ſein? Die Sache wird mir immer bedenklicher. Ich wünſcht' ich wäre fort von hier.“ Der Sportelſchreiber, nachdem er noch einen ſcheuen, 61 ängſtlichen Blick nach der Gegend des Waldes gewor⸗ fen hatte, von wo das Geräuſch eines ſich mit gro⸗ ßer Haſt durch das Gebüſch Brechenden daher ſcholl, war eben im Begriff, den Weg nach der entgegenge⸗ ſetzten Seite einzuſchlagen, als plötzlich Carl Willer in etwas zerfetzter Kleidung zum Vorſchein kam. „Beim Himmel,“ dachte Kappler mit Grauſen, „das iſt der Verfolger; hier gilt's eine Entführung; Jungfernraub, vielleicht Mord und Todtſchlag, man hat Exempel.“ Er ſah jetzt vermittelſt ſeiner Brille mit empor⸗ geſträubtem Haare, wie der fremde Menſch direct auf ihn zukam: Gutes konnte dieſer unmöglich vorhaben. Den Sportelſchreiber vermochte daher kein Gott län⸗ ger zu halten; er machte ſchleunigſt rechtsum und jagte in halsbrechenden Sätzen der entgegengeſetzten Seite des Waldes zu. Seine langen Beine kamen ihm hierbei trefflich zu ſtatten. „Halt, oder ich ſchieße dich nieder,“ rief Willer drohend, der in dem Flüchtlinge ſogleich das Haſen⸗ herz erkannte. Erſt nach einem wiederholten Zurufe gelang es, den Sportelſchreiber zum Stehen zu bringen. Der Geängſtete zitterte am ganzen Leibe und ver⸗ mochte kein Glied ſtille zu halten. Er ſtand kerzen⸗ gerade, hielt die Hände gefaltet wie ein armer Sün⸗ der, der den Todesſtreich erwartet und wagte weder ſeit⸗ noch rückwärts zu blicken. Willer kam jetzt eiligſt herbeigeſprungen. Als er die ſeltſame Geſtalt des Sportelſchreibers näher be⸗ trachtete, konnte er ſich eines Lächelns nicht erwehren; doch war ihm jetzt vor Allem daran gelegen, über das reizende Weſen, das einen ſo wunderähnlichen Eindruck auf ihn hervorgebracht hatte, Näheres zu erfahren. Er frug daher Kapplern, ob er ihm keine Auskunft geben könne. 62 Der Sportelſchreiber, der anſtatt eine Kugel in den Leib zu bekommen, wie er alles Ernſtes gefürch⸗ tet hatte, ſich ſo vernünftig angeredet hörte, ſchöpfte friſchen Athem. Zugleich bedachte er, daß der Fremde, der ſich ſo angelegentlich nach dem ſchönen Fräulein erkundigte, unfehlbar Böſes mit demſelben vorhabe. Es entſtand daher ein ſchwerer Kampf in ſeinem In⸗ nern. Furcht und Rechtsgefühl rangen wüthend mit einander. „Regiſtrator,“ ſprach er für ſich,„nur dies ein⸗ zige Mal ein Mann, werde nicht Verräther an der Unſchuld.“ Wenn ſich Kappler Regiſtrator titulirte, ſo war dies das höchſte Aufgebot an ſeine moraliſche Kraft. Er raffte dann alle ſeine Kräfte zuſammen, um der Verſuchung ſiegreich zu wiederſtehen. „Alſo Sie haben keine junge Dame hier vorüber⸗ eilen ſehen?“ frug Willer wiederholt. „Junge Dame, das ich nicht wüßte,“ ſtammelte Kappler. „Schenken Sie reinen Wein ein,“ fuhr der Stu⸗ dent dringlich fort,„es ſoll Ihr Schade nicht ſein.“ „Regiſtratör, Muth!“ munterte ſich Kappler auf, „laß dich nicht verlocken vom Satanas,“ und erwie⸗ derte wie zuvor:„Junge Dame, das ich nicht wüßte. Ich ſtreute Broſamen den Vögleinz und habe Nie⸗ mand geſehen.“ „Aber zum Teufel,“ rief Willer leidenſchaftlich, „es iſt ja nicht anders möglich; das Fräulein muß hier vörübergekommen ſein!“ Als Kappler den Fremden ſo in Leidenſchaft ge⸗ rathen ſah, ward ihm von Neuem bange und er be⸗ gann zu zittern. Willer witterte Verdacht. Er arg⸗ wöhnte, daß ihm der eben ſo ſeltſame wie furchtſame 63 Kauz die Wahrheit verheimliche. Um auf dem kür⸗ zeſten Wege in's Klare zu kommen, machte er wenig Federleſen, zog ein Piſtol hervor, ſpannte den Hahn, und die Mündung dem entſetzt zurückprallenden Kapp⸗ ler vor die Bruſt haltend, donnerte er:„Wirſt Du be⸗ kennen, daß das Fräulein hier vorübergekommen und welchen Weg daſſelbe genommen hat?“ Jetzt war's mit des Sportelſchreibers moraliſchem Muthe zu Ende; jetzt half ſelbſt der„Regiſtrator“ nichts mehr. Kappler fiel auf die Knie und hob die Arme empor: „Um aller Barmherzigkeit, Gnade,“ rief er in kläglichem Tone,„thun Sie das Piſtol weg, ich will Alles geſtehen.“ Der Sportelſchreiber geberdete ſich ſo gefährlich, daß Willer nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnte. Er zog das Piſtol zurück. „Alſo Sie haben das Fräulein geſehen?“ „Ja wohl,“ berichtete Kappler,„ſie lief bei mir vorüber und frug nach dem Wege.“ „Kannten Sie die junge Dame?“ „Nein, ich habe ſie im Leben nicht geſehen. Sie kann gar nicht von hier ſein.“ Der Student, welchem dieſe Antwort nicht ganz glaublich ſchien, brachte das Piſtol wieder etwas in die Nähe. „Sie wird Ihnen ſchon bekannt ſein,“ ſprach er, „befinnen Sie ſich. Wie heißt ſie?“ „Nein, bei allen Heiligen,“ ſchwur Kappler in Todesverzweiflung,„ich weiß nicht, wer ſie iſt. Sie erkundigte ſich nach dem Weg zum Schloſſe.“ „Nach welchem Schloſſe?“ „Nach dem Ehrenberger.“ „Wem gehört dies?“ 6⁴ „Der Familie von Löwenſtern.“ „Leben junge Damen daſelbſt?“ „Das weiß ich nicht.“ „Werden Sie gleich bekennen!“ „Ich will nicht ſelig werden, wenn ich davon weiß.“ „Wo führt der Weg nach dem Schloſſe?“ „Da, rechts die Waldwand entlang, dann links gehalten nach der Grundmühle.“ „Stehen Sie auf und führen Sie mich.“ Der Sportelſchreiber erhob ſich und geleitete den furchtbaren Fremdling zagend den beſchriebenen Weg. Nachdem ſie daſelbſt angelangt waren, frug Willer: „Alſo dieſer Fahrweg führt direct nach Ehrenberg?“ „Man kann gar nicht fehlen.“ „Und dieſen iſt auch das Fräulein gewandelt?“ „Unbezweifelt, wenn ſie ihn gefunden hat.“ Willer blieb bei dieſen Worten ſinn ſtehen, dann ſprach er:„das Mädchen kann gar ßen Vorſprung haben; ich war ihr fortwähren den Ferſen. Man kann von hier die Straße weit überſehen.“ Er blickte finſter und mißtrauiſch auf Kapplern, und that einen verdächtigen Griff nach der Piſtole. „Wenn Sie mich zum Narren haben!“ donnerte er. Der Sportelſchreiber ſprang zwei Schritte zurück und kreuzte, Sonne, Mond und alle Planeten zu Zeu⸗ gen anrufend, ſeine Hände betheuernd über der Bruſt. „Wohlan,“ fuhr der Student in ruhigerem Tone fort,„dann muß ſich das Fräulein noch hier in der Nähe im Walde befinden. Allons, helfen Sie ſuchen; aber ſobald Sie entwiſchen, fürchten Sie meine Rache und dieſe iſt grauſam.“ Kappler ſchauderte. „Durchſuchen Sie die hier zunächſtliegende Partie 65 des Waldes,“ fuhr Willer im Gebietertone fort,„wäh⸗ rend ich weiter oben inſpicire. Sobald Sie eine Spur der Geſuchten ausfindig machen, ſo künden Sie mir dies frohe Ereigniß durch einen gellenden Pfiff an. Sie können doch pfeifen?“ „Ich ſehe mich leider zu dem betrübenden Ge⸗ ſhtiß genöthigt, bemerkte Kappler nicht ohne Za⸗ gen,„ daß mir die ſchätzbare Virtuvſität des Pfeifens in Ermangelung zweier dazu faſt unentbehrlicher Zähne gänzlich abgeht.“ „Wohlan, ſo ſchreien Sie,“ verſetzte Willer lachend und verſchwand im Walde. Dem Sportelſchreiber fiel eine Felſenlaſt vom Her⸗ zen, als er ſich wieder allein ſah und überdies ganz⸗ beinig und undurchſchoſſen. Er blickte ſich ſcheu nach allen Seiten um. „Das muß ein außerordentlicher Räuber ſein,“ ſprach er,„ſo eine Art Rinaldo Rinaldini, wie ſie heutzutage immer ſeltner werden, ein Jungfernräuber, ein Bandit, Corſar. Man ſieht dem jungen und ſchö⸗ nen Geſicht die Bosheit gar nicht an. Ich kann Gott danken, daß ich lebendigen Leibes davon gekommen bin. Und dieſem Teufelsbraten ſoll ich gar beiſtehen, das ſchöne Fräulein zu kapern? Mein Himmel! ein Neukirchner Sportelſchreiber in Gemeinſchaft mit Räu⸗ bern und Mördern! Regiſtrator, auf welchen Wegen wandelſt du? Zwar ſeinem Befehle gehorchen muß ich, ihm helfen, den Wald durchſüchen; ſagte er nicht, ſeine Rache wäre grauſam? Er hat ſicher noch Spießge⸗ ſellen im Hintergrunde. Gott gebe nur, daß ich das Fräulein nicht finde; ich muß dann ſchreien, ſonſt riskire ich, daß er auf mich ſchießt oder nit erdroſſelt oder an den erſten beſten Baum hängt. O, Kappler, in welche Satansſchlingen biſt du gerathen! des Schick⸗ 5 Stolle, ſämmtl. Schriften. VII. 66 ſals Wege ſind wunderbar. Wie hätt ich mir dies heute Morgen, wo die liebe Sonne ſo freundlich auf⸗ ging und ich mit ſo frommen Geſinnungen und mit den beſten Vorſätzen mein Tagewerk begann, wie hätte ich mir da träumen laſſen, daß ich noch ſelbigen Tags in Gemeinſchaft mit einem Schobri Jungfrauenraub treiben würde. Verräther an dem holden Fräulein bin ich ſchon geworden; und wenn ſie durch meine Bemühung gefangen wird, trage ich vielleicht gar an ihrem Tode Schuld. Wehe über mich Verbrecher! Wie hoch heute morgen, wie tief jetzt. Ja, es iſt ein wahres Sprüchwort, Niemand ſoll den Tag vor dem Abende loben. „Wenn ich die Sache recht geſcheut anfinge,“ fuhr Kappler nach einer Pauſe fort, indem er voller Nach⸗ denken durch das hohe Haidekraut watete,„könnt' ich vielleicht dem Verbrechen noch entfliehen. Ich darf mich ja unter dem Vorwande, die ſchöne Dame auf⸗ zuſuchen, nur ganz allmälig rechts wenden, da komme ich in die Nähe des Hegereiters, wo immer Leute an⸗ zutreffen ſind. Ich kann keine halbe Stunde von dem Hauſe entfernt ſein. Vom Hegereiter iſt ein Katzen⸗ ſprung bis zu den Amtshäuſern; bei ihnen wär' ich aus aller Gefahr; ich könnte Lärm ſchlagen, daß man auf den verwegenen Piraten Jagd macht und ihm ſeine Beute abjagt. Die Familie von Löwenſtern müßte mir großen Dank wiſſen, abgeſehen davon, daß ich meine Pflicht als rechtſchaffener Chriſt erfülle.“ Der Sportelſchreiber ward von dieſem Plane end⸗ lich ganz entzückt. Er ſah ſich ſchon als Befreier der ſchönen Jungfrau hochgeehrt, ſelbſt von ſeinem hohen Chef, dem Stadtrichter, belobt und von Sonnenſchmidt und Langſchädel beneidet. Er wandte daher ſeine Schritte fort und fort zur Rechten, in der Abſicht, 67 der Wohnung des Hegereiters ſo nahe als möglich zu kommen. Bei dieſer wohldurchdachten und wohlüberlegten Eypedition ſtiegen indeß in Kapplern neue Zweifel auf. „Ich werde meinem traurigen Geſchick doch nicht entgehen,“ ſeufzte er,„wer weiß, wo der Räuber⸗ hauptmann ſeine Helfershelfer verſteckt hat. Eh' ich mir's verſehe, wird einer oder der andre hervortreten und mir den Weg der Rettung und des Ruhms ver⸗ treten. Dieſer Belial würde mich ſonſt wohl kaum ſo mutterſeelenallein entlaſſen haben.“ Der Sportelſchreiber ſchritt daher mit äußerſter Vorſicht weiter. Er nahte jetzt einem ſehr romantiſch gelegenen Plätzchen, welches den Namen des„Geſund⸗ brunnen“ führte. Uralte, himmelhohe Buchen um⸗ ſchatteten eine klare Quelle, die aus moosbewachſenen Felſen ſprang und zwiſchen Vergißmeinnichtufern da⸗ hin rieſelte. Weiche Raſenbänke luden zur Ruhe ein. Kappler, der bei dieſem anmuthigen Ort nie vor⸗ beiging, ohne daſelbſt ein wenig auszuruhen und ſich durch einen friſchen Trunk zu laben, fühlte diesmal weder Müdigkeit noch Durſt. Sein Herz lechzte nach Freiheit, nach Ruhme, das ſchöne Fräulein zu be⸗ freien und ſich dadurch eine Stufe in den Himmel zu bauen. Er wollte ſo eben den Geſundbrunnen zur Linken liegen laſſen und ſeinen Weg rechts fortſetzen, als er plötzlich, wie vom Donner gerührt, ſtehen blieb. Keine zehn Schritte vor ihm, auf einer der Bänke des Geſundbrunnen glänzte ein farbiges Kleid. Der Sportelſchreiber begann am ganzen Leibe zu zittern. Er zog ſeine Brille hervor. Richtig, da lag das ſchöne Fräulein maleriſch auf Mvos geſtreckt, das Haupt auf den Arm gelehnt. Sie ſchien zu ſchlummern. 3 68 „Jetzt, Kappler, gilt's Energie, Courage; jetzt, Kappler, zeige, daß du Chriſt, Mann und Held biſt.“ Dieſe Gedanken durchkreuzten des Sportelſchreibers Gehirn. Er ſtand eine Minute lang unſchlüſſig, ohne zu wiſſen, was er beginnen ſollte. Endlich ſiegte ſein beſſeres Selbſt. Er beſchloß, das Fräulein zu wecken, ſie von der drohenden Gefahr zu benachrichtigen und mit hr zu entfliehen, es koſte, was es wolle. Die Hegereiterei konnte nicht weit ſein. Hatte man dieſe erreicht, ſo war die Rettung aus des Räubers Klauen ſo gut wie gewiß. „Freilich,“ dachte er wieder, und böſe Zweifel um⸗ krallten ſein Inneres,„wenn Schobri, der ebenfalls nicht weit von hier iſt, uns auf der Flucht attrapirt, bin ich am längſten Sportelſchreiber und Menſch ge⸗ weſen. Dann heißt's blute und ſtirb.“ Kappler holte bei dieſen Worten tief Athem und einen Augenblick ſtand er ſelbſt im Begriff, das ſchlum⸗ mernde Fräulein ruhig fortſchlummern zu laſſen und vor allen Dingen ſeine eigene Perſon in Sicherheit zu bringen. „Schlummre mit Gott, du ſchönes, gnädiges Fräu⸗ lein,“ ſprach er,„vielleicht, daß dich Schobri nicht fin⸗ det, unterdeß ſchicke ich Retter, welche dich beſchirmen. „Doch nein,“ replicirte ſein beſſeres Ich,„Kappler, ſei Chriſt, ſei Menſch, laß die Unglückliche, die Hülf⸗ loſe nicht in Teufelskrallen. Eh' die Hülfe anlangt, iſt vielleicht Alles zu ſpät. Der Pirat, wenn er keine Rettung ſieht, ſticht das herrliche Kind todt, blos aus Rache, und ſich ſpäter. Es iſt ja ein gutes Werk, das du unternimmſt, und der liebe Gott wird ſeinen Segen ſchenken und die Rettung gelingen laſſen.“ Der Sportelſchreiber, nachdem er ſich hinreichend ermuthigt hatte, ſchlich an die Schläferin heran. Da 69 erwachte aber ein neuer Feind, an den er bisher gar nicht gedacht hatte; nämlich ſeine übergroße Blödig⸗ keit einer jungen und ſchönen Dame gegenüber. „Was hilft das Alles,“ ermunterte er ſich endlich; „wo es Freiheit und Leben gilt, kommt es auf glatte Worte und ſchöne Redensarten nicht an. Wenn ich ihr auch grob und täppiſch vorkomme, ſo wird der große Dienſt, den ich ihr leiſte, alles Ungehobelte glatt machen.“ Der Sportelſchreiber trat jetzt der Schläferin auf drei Schritte nahe, ſtreckte den Kopf vor und rief ſo leiſe als möglich:„Allerfürtrefflichſtes Fräulein, wol⸗ len Sie wohl die ausnehmende Gnade haben, ſich aus Ihrem höchſt ſchätzenswerthen Schlummer in etwas zu ermuntern?“ Trotz dieſer Apoſtrophe dachte die Schlafende an kein Aufwachen. Der Sportelſchreiber ſah ſich daher genöthigt, ſeine Anrede zu wiederholen und zwar mit etwas verſtärkterer Stimme. Alles vergebens. Das Mur⸗ meln der Quelle hatte die Schläferin feſt eingewiegt. „Das gnädige Fräulein,“ dachte Kappler,„erfreut ſich wirklich eines höchſt ſchätzenswerthen, geſunden Schlafs.“ Er recapitulirte alſo ſein Sprüchlein zum dritten Male und diesmal ziemlich vernehmbar. Wie⸗ der vergebens. Der Sportelſchreiber begann zu verzweifeln. Er befand ſich in kritiſcher, gefahrvoller Lage. „Schreien darf ich nicht,“ ſprach er,„wie leicht könnte der Schobri zur Hand ſein, und gleichwohl liegt das Fräulein wie in einem Zauberſchlafe. Sie beſitzt hierin außerordentliche Aehnlichkeit mit dem Friedrich auf dem Keller, welcher in der Geiſternacht gleichfalls nicht zu ermuntern war.“ Kappler wußte wirklich nicht, was er beginnen ſollte. Er ſtand auf Kohlen; denn die Augenblicke wa⸗ 70 ren koſtbar. Das Fräulein mit der Hand zu rütteln, eine ſolche Vertraulichkeit würde er ſich, ſelbſt in der halsbrechendſten Lage, nicht erlaubt haben. Es verblieb alſo bei den Apoſtrophen, die er immer lauter wieder⸗ holte:„Allerfürtrefflichſtes Fräulein, wollen Sie wohl die ausnehmende Gnade haben, ſich aus Ihrem höchſt ſchätzenswerthen Schlummer in etwas zu ermuntern?“ Die Schläferin lag wie im Todtenſchlafe und war nicht zu erwecken. Kappler trocknete ſich den Angſt⸗ ſchweiß von der Stirn und wußte ſeinem Leibe keinen Rath. Plötzlich durchzuckte ihn ob dieſes eiſenfeſten Schlafes ein ſchrecklicher Gedanke. „Wie,“ dachte er,„wenn das Fräulein todt wäre? Sie iſt ſterblich wie jeder Menſch; aus Schreck kann ſie der Schlag gerührt haben. Man hat Beiſpiele, daß der Schreck den Menſchen tödtet.“ Dieſe Idee faßte ihn ſo gewaltig, daß er im Begriff ſtand, ſchleunigſt die Flucht zu ergreifen. Er warf einen ängſtlichen Blick auf die Schläferin. Sie rührte ſich nicht. „Sie iſt wahrhaftig todt,“ ſprach er,„es iſt jetzt Pflicht, daß ich ſo ſchnell wie möglich Neukirchen er⸗ reiche und Anzeige erſtatte, damit die gerichtliche Auf⸗ hebung erfolgen kann, Vielleicht iſt auch noch Ret⸗ tung. Ein Aderlaß, Eeröpftipſe.“ Er wollte eben davon, als die Dame mit der linken Hand im Schlafe eine Bewegung machte. Kappler ward hierdurch wieder ſehr zweifelhaft. „Und ſie ſchläft doch wohl nur,“ dachte er bei ſich. Er wiederholte daher ſehr laut ſeine wohlgeſetzte höfliche Anrede. Die Schlafende kümmerte ſich auch diesmal nicht darum. Jetzt faßte der Sportelſchreiber einen höchſt wei⸗ ſen Entſchluß, das Fräulein wieder in wachen Zuſtand zu verſetzen. „ „Noth kennt kein Gebot,“ ſprach er,„ich nehme zum letzten Mittel meine Zuflucht. Das Fräulein wird mir vergeben, ſobald ſie die Dringlichkeit ihrer Lage in Erwägung gezogen hat.“ Er brach ſich einen langen Halm aus dem rings⸗ umher hoch aufgeſchoſſenen ſchilfartigen Graſe und be⸗ rührte leis wie mit einer Wünſchelruthe die Schläferin. Da dieſelbe mit Handſchuhen bekleidet war und mit dem Geſicht auf dem rechten Arm gelehnt lag, ſo Fibt⸗ der Sportelſchreiber eine Zeit lang vergeblich nach einem nackten Fleckchen, an welchem er mit dem Gras⸗ halme ſeine zarten Belebungsverſuche anzuſtellen ver⸗ möchte. Die Dame hatte den italieniſchen Strohhut abgelegt, ein zierliches Spitzenhäubchen hielt die Locken umſchloſſen, ſo verblieb Kapplern nur der untere Theil des Ohrs. Nach dieſem wichtigen Organe lenkte er jetzt die Spitze ſeines Halmes und berührte das ſogenannte Ohrläppchen ſo leiſe als möglich. Der Gefühlsſinn ſchien bei der Schläferin für äußere Eindrücke empfindlicher zu ſein, als der des Gehörs. Des Sportelſchreibers Belebungsverſuche wa⸗ ren von dem erwünſchteſten Erfolge. Die Dame fuhr wie beſeſſen empor. Aber wer malt das Erſtaunen und den Schreck des kühnen Todtenerwecke s im plötzlich ein al⸗ tes, abgezehrtes Geſicht ſeen und wuthfun⸗ kelnde Blicke ihn zu durchbohren drohten. „Ha, Verwegener,“ kreiſchte die bejahrte Dame, „was will Er, wer iſt Er? hinweg oder ich ſchreie.“ Mit dieſen Worten ſchrie ſie auch ſchon:„Zu Hülfe! Mörder, Diebe, Feuer!“ Dem zum Tode erſchrockenen Kappler war vor Entſetzen die Zauberruthe aus der Hand gefallen. 72 Er wollte ſich ſammeln, war bemüht, der Erzürnten ihren Irrthum aus einander zu ſetzen, ſie aufzuklä⸗ ren, daß er weder Mörder noch Dieb, ſondern wohl⸗ beſtallter Sportelſchreiber auf dem Neukirchner Stadt⸗ gerichte ſei; aber die durch den Grashalm Erwachte ließ ihn nicht zu Worte kommen, ſondern ſchrie in Einem fort:„Hinweg, Elender, ich ertrage ſeinen An⸗ blick nicht.“ Zu gleicher Zeit ſchweiften ihre Blicke ſuchend und erſchreckt umher. „Himmel,“ fuhr Madame Chignon, denn dies war die Dame, bei welcher Kappler mit ſeinen Belebungs⸗ verſuchen ſo übel angekommen war, kreiſchend fort, „Clara, Fräulein Clara, wo ſind Sie?“ Dem Sportelſchreiber ſchmerzte es tief, für ſeinen guten Willen ſich ſo verkannt und mit Titulaturen überhäuft zu ſehen, die keineswegs ſchmeichelhaft wa⸗ ren. Gleichwohl, ſtets von chriſtlichem Sinne beſeelt und voller Nächſtenliebe, entſchuldigte er die Erſchreckte und Erzürnte. „Es iſt ein raſend Weib,“ ſprach er für ſich, „die weiß nicht, was ſie ſpricht, iſt unzurechnungs⸗ fähig und kann mich, juriſtiſch betrachtet, nicht be⸗ leidigen.“ Madame Chignon fuhr indeß fort, eifrigſt hin und wieder zu laufen und ängſtlich nach ihrer Pfleg⸗ befohlnen, dem Fräulein Elara, zu rufen. Plötzlich kam ſie auf Kapplern. „Wo iſt das Fräulein?“ ſchrie ſie,„Fräulein Clara von Löwenſtern, ſie ſaß, eh' ich einſchlief, an meiner Seite, Er muß es wiſſen. Wo iſt ſie hinge⸗ gangen? So Er nicht geſteht, wird Ihn der gnäd'ge Herx in den Thurm werfen laſſen.“ Dieſe Rede war ſelbſt dem ſanften Kappler außerm Spaße. Im Bewußtſein ſeiner Unſchuld wollte er ſo⸗ 73 gar anzüglich und ſpitzig werden. Krümmt ſich der Wurm, wenn er getreten wird. Anzügliche und ſpitzige Reden waren indeß ſeiner gutmüthigen Natur ſo zu⸗ wider, daß die Stachelworte nicht über ſeine Zunge wollten. Ihm ward jetzt ſo viel klar, daß das Fräu⸗ lein, welches die geſtrenge Dame vermißte, kein an⸗ deres ſein könne, als das von dem Räuber verfolgte. Die Gefahr und die Angſt des armen Kindes traten wieder lebhaft vor ſeine Seele. Er vergaß daher ſei⸗ nen Groll gegen Madame Chignon und erwiederte dringlich:„Allerdings, hochgeachtete Madame, hab' ich das fürtreffliche Fräulein geſehen; es wird von einem Räuber verfolgt. Möge der Himmel verhüten, daß es nicht ſchon in ſeinen Klauen iſt. Bitten wir Gott, daß er das herrliche Fräulein den Weg nach dem Schloſſe hat finden laſſen.“ „Was ſchwatzt Er, Einfaltspinſel?“ fuhr die Auf⸗ geregte unmuthig heraus,„Räuber, wo ſollen hier Räuber herkommen?“ „Hab' ich den Piraten doch mit eignen Augen geſehen, hochgeachtete Madame,“ wagte Kappler mit vieler Zuverſicht zu behaupten. „Er iſt verrückt,“ verſetzte Madame Chignon, ſchien den Sportelſchreiber weiter nicht zu berückſich⸗ tigen uud fuhr fort, den Namen Clara in den Wald zu rufen. „Nun, wenn ſie es nicht glauben will,“ dachte Kappler,„kann ich nichts dafür. Sie ſollte übrigens nicht ſo gewaltſam rufen, das unverſtändige Schreien wird den Räuber herbeirufen und der wird wenig Federleſens mit dieſem Schreihalſe machen. Ein Dolch⸗ ſtoß und kalt iſt ſie. Wie höchlich ſie mich injurirt hat, verlangt es doch meine Menſchenpflicht, daß ich ſie warne.“ Er wagte ſich daher einige Schritte nä⸗ 7⁴ her und ſprach:„Hochachtbare, ſehr geſchätzte Ma⸗ dame, wollten Sie nicht gefälligſt in Ihrem durch⸗ dringenden Schreien ſich ein wenig zu moderiren die Güte haben? Der Räuber kann gar nicht weit von hier ſein. Sie ſetzen ſich außerdem der höchſten Ge⸗ fahr aus.“ Madame Chignon, welche auch dieſe wohlgemeinte Rede für albernes Geſchwätz hielt, achtete ihrer nicht. Da jedoch auf ihr wiederholtes Rufen die Pflegbe⸗ fohlene nicht erſchien und auch nicht antwortete, ward ſie immer ängſtlicher. Sie wandte ſich daher wieder zu Kapplern: „Alſo Er hat das Fräulein geſehen?“ Der Sportelſchreiber, durch dieſe Anrede, welche weniger rauh klang, als die vorigen, vollkommen be⸗ ſiegt, war wieder ganz der Alte, höflich, demüthig und geblendet durch die Ehre, von einer ſo hochge⸗ ſtellten Perſon angeredet zu werden. Er erwiederte daher ſogleich äußerſt zuvorkommend: „Ja wohl, hochachtbare, werthgeſchätzte Madame, ich war ſo glücklich, mit eignen Augen das herrliche gnädige Fräulein vorübereilen zu ſehen. Ich kann es auf Verlangen beſchwören vor dem Amtmann und Gott.“ „Wann und wo ſah Er ſie?“ „Vor keiner halben Stunde,“ begann nun der Gefragte redſelig,„ich ſaß unter der Guckuckslinde, welche dieſen allerdings ſeltſamen Namen nicht ſowohl von dem Vogel, den man Kuckuck benennt, ableitet, ſondern von dem ehemaligen Förſter Guckuck, der ſich um die Cultur dieſes ehrwürdigen Baumes namhafte Verdienſte erworben, indem er nicht nur die Krone mit Sorgfalt und Kunſt ausäſten, ſo daß ſie an voll⸗ kommener Rundung gewann, ſondern auch zierliche 75 Raſenbänke rings um den Stamm anlegen ließ, ſo daß die dankbare Nachwelt nicht umhin konnte—“ „Zur Sache,“ unterbrach ungeduldig Madame Chignon,„alſo da kam das Fräulein an Ihm vor⸗ über?“ „Allerdings, hochachtbare und verehrte Madame, da kam das herrliche Fräulein, hold und liebenswür⸗ dig anzuſchauen. Sie kam aus dem Walde in hal⸗ bem Galopp, etwas enragirt und derangirt, mit flie⸗ gendem Haare und ſah ordentlich erhitzt aus.“ „Um Himmelswillen,“ rief Madame Chignon er⸗ ſchrocken,„was iſt mit Clara! Sprecht Ihr die Wahr⸗ heit, Mann?“ „Lauter wie Gold; wie geſagt, vor dem Amtmann und Gott beſchwör' ich's; unumſtößliche Wahrheit.“ „Und wohin nahm das gnädige Fräulein ihren Weg?“ „Nach dem Ehrenberge, werthgeſchätzte Madame, ich hab' ihr den Weg ſelbſt beſchrieben.“ „Ihr habt mit ihr geſprochen?“ „Ei, ja wohl, das gnäd'ge Fräulein hatte die hohe Gnade, ſich bei mir nach der Richtung zu er⸗ kundigen, die ſie einzuſchlagen, um nach dem Schloſſe zu gelangen.“ Madame Chignon, als ſie erfuhr, daß Clara nach Hauſe zurückgekehrt ſei, ward etwas ruhiger. Sie erklärte ſich das Verſchwinden ihres Pfleglings na⸗ türlich. Die Gouvernante, von der Lieblichkeit des ſchattigen Plätzchens verlockt, hatte der Verſuchung nicht widerſtehen können, auf der weichen Moosbank unter dem ſanften Gemurmel der Quelle ein wenig einzunicken. Clara benutzte dieſen Schlummer zu einer kleinen Excurſion in den anmuthigen Wald; ſie ver⸗ lief ſich, konnte den Geſundbrunnen nicht wiederfin⸗ 76 den, gerieth darüber in Angſt und Beſtürzung und hatte daher nichts Angelegentlicheres zu thun, als ſich bei dem Erſten Beſten, den ſie antraf, nach dem Wege zum Schloſſe zu erkundigen. Dies fand Madame Chignon Alles in der Ordnung; darum ſchien ihr auch Kappler's Ausſage ſehr wahrſcheinlich. Sie be⸗ reute, ſich dem Schlafe überlaſſen zu haben, und war im Begriff, gleichfalls nach dem Ehrenberge zurückzu⸗ kehren, mit dem Vorſatze, dem unfolgſamen Fräulein tüchtig den Text zu leſen; als der Sportelſchreiber ſeine fromme und wohlgemeinte Phraſe wiederholte: „Gebe nur der Himmel, daß das gnädige Fräulein den Ehrenberg glücklich erreicht hat und von dem Räu⸗ ber nicht attrapirt worden iſt.“ Dieſe Worte ließen die Gouvernante wieder an Kappler's Verſtande irre werden. „Mit dieſem Menſchen ſcheint es nicht richtig,“ ſprach ſie,„ich will mich beeilen, aus ſeiner Nähe zu kommen.“ Der Sportelſchreiber, als Madame Chignon ſei⸗ nen Worten keine Antwort würdigte, glaubte, ſie ſetze Zweifel in Betracht des Räubers und hielt es für angelegentliche Pflicht, ſich hinſichtlich Clara's Ver⸗ folger deutlicher zu expectoriren. „Wenn ich den Piraten,“ ſprach er,„nicht ſelbſt geſehen und geſprochen, wenn er mir nicht mit höchſt⸗ eigner Hand ein ſcharfgeladenes Piſtol vor die Bruſt gehalten, damit ich den Pfad verriethe, welchen das gnädige Fräulein eingeſchlagen; wenn er mich nicht ſelbſt hierher geſchickt hätte, beſagtes gnädiges Fräulein aufzuſuchen, wollt' ich gar nichts geſagt haben. Ich hielt Sie anfangs ſelbſt, hochgeachtete Madame, für beſagtes Fräulein, Sie ſchlummerten ſanft, ich hielt es daher für Chriſtenpflicht, Sie zu wecken und von der großen Gefahr zu benachrichtigen.“ 57 Dieſe letztere Auseinanderſetzung des Sportelſchrei⸗ bers ſchien auf Madame Chignon weit größern Ein⸗ druck hervorzubringen, als alle früheren Reden Kapp⸗ ler's. Sie forſchte ängſtlich weiter, der Sportelſchrei⸗ ber ward ausführlicher, erbot ſich nochmals, jedes ſeiner Worte vor Gott und dem Amtmann mit kör⸗ verlichem Eide zu erhärten. Endlich unterlag es keinem Zweifel, daß die Pflegbefohlene wirklich von einem Böſewicht verfolgt worden ſei. Dieſer Gedanke brachte ſie zur Verzweiflung. Sie ward zugleich ge⸗ gen Kapplern demüthig und freundlich; dankte ihm, daß er ſie geweckt und auf die große Gefahr, in wel⸗ cher ſich das gnädige Fräulein befinde, aufmerkſam gemacht habe; nannte ihn erſt„lieber Mann,“ zuletzt „guter Freund,“ und beſchwor ihn, ſie ſchleunigſt und auf dem nächſten Wege nach dem Schloſſe Ehrenberg zu geleiten. Der Sportelſchreiber, ob ſolcher Herablaſſung bis zu Thränen gerührt, gelobte der Geängſteten bis an's Ende der Welt zu folgen, und eilte dienſtbefliſſen ne⸗ ben der ſchnell Dahineilenden her. Er mußte ihr nochmals das ganze unerhörte Aben⸗ teuer wiederholen. Madame Chignon, welcher Cla⸗ ra's Gefahr fortwährend in den düſterſten Bildern vor Augen ſchwebte, vermochte vor Angſt und Schrecken kein Wort hervorzubringen. Kappler hingegen fürchtete wieder aller Augenblicke hinter irgend einem Buſche den Räuber mit geſpann⸗ tem Piſtol hervortreten und ihn zur Rechenſchaft for⸗ dern zu ſehen. Er dankte dem lieben Gotte, als nach nicht allzulanger Wanderung die Wohnung des Hege⸗ reiters durch die Zweige blickte. Die Beiden eilten unaufhaltſam weiter, um ſo bald als möglich das Ende des Waldes zu erreichen. Dies gelang ihnen 78 binnen kurzer Friſt; das Buſchwerk ward lichter und ſie gelangten in's Freie, wo wenige Schritte vor ih⸗ nen die Werla durch's Thal floß. Ganz nahe zur Rechten ſtiegen die Zinnen des Schloſſes Ehrenberg zum Himmel und in der Ferne zur Rechten waren die Thurmſpitzen von Neukirchen zu erkennen. Der Sportelſchreiber holte tief Athem, als er ſich wieder in menſchenbelebter Gegend befand. Er ſehnte ſich herzlich nach den Zinnen und Feuereſſen ſeines Heimathsſtädtchens, hinter welchen er ſich gegen alle Jungfrauenräuber der Welt geſichert hielt. „Ich hoffe,“ ſprach er zu ſeiner Begleiterin,„daß die himmliſchen Heerſchaaren ſich des gnädigen Fräu⸗ leins menſchenfreundlich angenommen und Hochdieſelbe gnädiglich hinter Schloß und Riegel des felſenfeſten Ehrenbergs gebracht haben, wohin zu dringen dem furchtbaren Räuber wohl vergehen dürfte.“ „Aber wenn ſie noch nicht heimgekehrt wäre,“ gab die beſorgte Madame Chignon zu bedenken,„was dann, lieber Freund?“ Das ebenſo wehmüthig wie huldvoll ausgeſprochene „lieber Freund“ ging dem ſanften Kappler wieder durch und durch. „Was dann beginnen?“ wiederholte die Gouver⸗ nante. Der Sportelſchreiber ſann hin und her; er ſchraubte ſein Denkvermögen auf die äußerſte Spitze. „Nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten,“ ſprach er endlich,„muß dann das ganze Land weit und breit durch die Sturmglocke aufgefordert wer⸗ den, um des Jungfernräubers habhaft zu werden, damit er mit ſeiner hoffnungsvollen Beute nicht eſchappirt.“ „Wo denken Sie hin!“ erwiederte raſch einfallend 29 Madame Chignon,„das gäbe ein Eclat, welches dem Rufe des Fräuleins ſchädlich werden könnte. Nein, vor der Hand darf noch keine Seele von dem unglück⸗ ſeligen Vorfalle wiſſen.“ „Das Beſte iſt,“ fuhr ſie nach kurzem Bedenken fort,„ich eile nach dem Schloſſe und frage, ob das Fräulein zurückgekehrt iſt. Sollte dies nicht der Fall ſein, ſo bleibt in der Welt nichts übrig, als daß wir in den Wald zurückkehren und nicht eher ruhen, bis wir die Vermißte gefunden.“ „Wieder in den Wald zurück?“ frug Kappler und ihm ward nicht wohl zu Muthe. „Allerdings,“ fuhr die geängſtigte Gouvernante fort;„ich habe in Ihnen einen ſo redlichen Freund, einen ſo getreuen Helfer in der Noth kennen gelernt, daß Sie mir den großen Liebesdienſt, mich nochmals zu begleiten, um den ich Sie dringend bitte, gewiß nicht verſagen werden.“ „Aber bedenken Sie, inſonderheit hochgeſchätzte Madam——“ „Die Frauen, das ſchwächere Geſchlecht, zu ſchützen, gehört zu den edelſten Pflichten des Mannes.“ „Allerdings,“ ſtammelte Kappler, dem bei dieſer neuen Propoſitivn übel zu Muthe ward;„indeß er⸗ wägen Sie, urtheilen und ſtellen Sie in gnädige Be⸗ trachtung, hochgeſtellte Madame, daß es ein Haupt⸗ räuber iſt, der nach Blut und Beute lechzt.“ „Ich hoffe noch immer,“ tröſtete Madame Chig⸗ non,„daß es mit dieſem Räuber, wie Sie den aller⸗ dings ſonderbaren Fremdling zu benamen pflegen, keine weitere Gefahr auf ſich hat. Es iſt gewiß nur ein muthwilliger Mädchenjäger aus der Stadt, dem es Vergnügen macht, einer jungen Dame Furcht und Schrecken einzujagen. Zudem ſind wir zwei, an wel⸗ 80 chen er ſich in dieſer belebten Gegend nicht vergrei⸗ fen wird.“ „Aber der Grauſame hat Piſtolen,“ gab der Sportelſchreiber von Neuem zu bedenken, dem ſchon der Gedanke, nochmals in den Wald zurückzukehren, die Haare zu Berge trieb. „Wenn Sie mich begleiten, fürchte ich nichts,“ ver⸗ ſetzte die Gouvernante, welcher nur daran gelegen war, ſo unbemerkt wie möglich ihres Pfleglings hab⸗ haft zu werden.„Und daß Sie mich nicht verlaſſen werden, dafür bürgt mir Ihre Menſchenfreundlichkeit, Ihre Pflicht als Mann, Chriſt und Bürger. Leben Sie wohl, in Kurzem bin ich wieder bei Ihnen.“ Mit dieſen Worten eilte Madame Chignon der nahgelegenen Werlabrücke zu, welche unmittelbar nach dem Ehrenberge führte, und ließ den Sportelſchreiber in einer Stimmung zurück, die ſchwer zu beſchrei⸗ ben iſt. „Das Beſte wäre allerdings,“ ſprach er, nachdem er mit Schaudern die Gefahren der bevorſtehenden Erpedition überdacht hatte, wobei ſeine aufgeregte Phantaſie nicht ermangelte, ſie ſo ſchauerlich wie mög⸗ lich auszumalen,„wenn ich den günſtigen Zeitpunkt benutzte und auf und davon liefe. Was geht mich die alte Dame an, ſammt ihrem durchgegangenen Fräulein; ich kenne ſie nicht, ſie mich nicht. Es wäre in der That der kürzeſte Weg, mich aus dieſer eben ſo bedenklichen wie auch höchſt gefahrvollen Lage zu ziehen. Hätte ich vorausgeſehen, wie Alles gekommen, würde ich mich wohl bedankt haben, die alte Dame mit ſolcher Beharrlichkeit aus dem Schlafe zu erwecken. Mein guter Genius wollte mir wohl, jetzt ſehe ich es ein, als er die Alte wie im Zauberſchlafe gefeſſelt hielt. Wenn ich ein Schlagtodt, kriegserfahren, blut⸗ 80 gierig und bewaffnet wäre, ſollte mir der Feldzug ge⸗ gen den Räuber ein Spaß ſein; ſo aber bin ich der friedlichſte Mann von Neukirchen. Ich für meine Per⸗ ſon kann das Fräulein nicht aus den Klauen des Geiers retten, wenn er es einmal umklammert hat. Das iſt eine vollkommen ausgemachte Sache. Ich bin viel zu beſcheiden, meine Kräfte zu überſchätzen. O wär' ich weit von hier.“ Während Kappler mit ſich kämpfte, ob er davon laufen, oder ſeine Pflicht als Mann, Chriſt und Bür⸗. ger, wie ſich Madame Chignon ausgedrückt hatte, er⸗ füllen ſollte, kam letztere eilenden Schritts wieder zurück. „Wie ich gefürchtet,“ rief ſie angſterfüllt,„das Fräulein iſt noch nicht zurück und hat ſich unfehlbar im Walde verlaufen. Ich hoffe jetzt, geehrter Freund, daß Sie Ihre Pflicht als Menſch, Chriſt und Bür⸗ ger erfüllen und mir Ihren ſo ſchätzbaren Beiſtand nicht verſagen werden. Das Fräulein iſt gewiß gar nicht weit von hier; ſo daß wir nicht lange Zeit nach ihr ſuchen werden.“ „Ja, wenn er ſie aber ſchon hat,“ gab der Spor⸗ telſchreiber voller Angſt zu bedenken;„ſeien Sie ver⸗ ſichert, er gibt ſie nicht heraus, wenigſtens uns bei⸗ den nicht, das iſt ſo gewiß, wie Sonne, Mond und Sterne; und wir ſtürzen uns unnöthigerweiſe in Tod und Gefahren. „Sie haben das ſchauderöſe Piſtol nicht geſehen, hochgeſchätzte Madame, ich bin überzeugt, Sie würden anders ſprechen.“ „O ſäumen Sie nicht,“ bat die Gouvernante in flehendem Tone,„Sie haben gewiß auch Kinder, liebe, gute Kinder, wie Fräulein Clara eins iſt; bei dieſen ihren guten, lieben Kindern beſchwöre ich Sie.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. VII. 6 S „8 82 Kappler ward trotz ſeiner Angſt bei dieſer völlig unerwarteten Vaterſchaft, die ſein jungfräuliches Zart⸗ gefühl auf das Tiefſte alterirte, über und über roth. Zeit und Ort waren leider nicht geeignet, Ma⸗ dame Chignon über dieſen zarten Punkt aufzuklären. Der Sportelſchreiber vermochte daher kein Wort zu erwiedern. Die Gouvernante, welche dieſes Schweigen für ein gutes Zeichen auslegte und bei Kapplern den rechten Fleck getroffen zu haben vermeinte, konnte von der Nachkommenſchaft des Sportelſchreibers gar nicht los⸗ kommen. „Beneidenswerther, glücklicher Vater,“ fuhr ſie begeiſtert fort,„der Himmel wird es an Ihrer theu⸗ ren Familie nicht unbelohnt laſſen, was Sie einer ar⸗ men Verirrten gethan. Für eine gute That bleibt der Segen von Oben nie aus, und ſolchen hat ein Familienhaupt immer vonnöthen.“* Kappler war der Verzweiflung nahe. Er wollte ſich auf die mit aller Gewalt aufgedrungene Vater⸗ ſchaft ſchlechterdings nicht einlaſſen und ſprach fort⸗ während von Sturmlauten und allgemeinem Aufgebot. „Nein, nein,“ entſchied Madame Chignon,„das iſt durchaus nicht nöthig; wir werden das Fräulein auch ohne Sturmlauten auffinden.“ Sie mußte jedoch, ehe ſich der Sportelſchreiber zu dem großen Wagſtück, in den Wald zurückzukehren, entſchloß, noch alle Beredtſamkeit und alle Beſchwö⸗ rungen aufbieten, die ihr zu Gebote ſtanden. Endlich konnte er nicht länger widerſtehen. Er dachte:„mag's werden, wie es will; unſer Heiland iſt in den Tod gegangen aus Liebe für ſeine Mitmen⸗ ſchen, warum ſoll ſich ein karg beſoldeter Sportel⸗ ſchreiber, der kaum das liebe Leben hat, ſperren und 83 ſträuben? Was will der vor einem Meſſias voraus haben? Lebendig komme ich freilich nicht wieder. Ich fühl's. Das ränberiſche Ungeheuer ſchießt mich über den Haufen, wie einen Sechszehnender. Adieu, Welt. Der Kelch iſt bitter. Ich ſterbe kinderlos. O, wenn mein jungfräulicher Mund reden dürfte! Die hohe Dame ſchwebt in einem fürchterlichen Irrthume hinſichtlich meiner häuslichen Verhältniſſe. Wenn ſie wüßte, daß ich ſpurlos aus der Welt verſchwinde, würde ſie dies Uhr nicht verlangen. O Agnes, lebe wohl, mein dunkles Schickſal reißt mich fort.“ Unter ſolchen und ähnlichen trübgefärbten Monv⸗ logen trabte der ganz wider Willen zum Familien⸗ vater avancirte Sportelſchreiber neben der faſt laufen⸗ den Madame Chignon her. Als man dem Walde näher kam, ſtiegen neue Bedenklichkeiten in Kappler auf. „Es wäre doch wohl nicht unrathſam,“ ſprach er, „ja ich finde es ſogar höchſt wünſchenswerth, wenn Sie, hochwohlgeborne Madame, die Gewogenheit ge⸗ habt hätten, einige der Löwenſtern ſchen Dienerſchaft von der offenkundigen Gefahr gefälligſt in Kenntniß zu ſetzen, damit ſie uns nicht aus den Augen laſſe, und von ferne folge, dann wären wir doch nicht ganz ohne Rückenhalt dem Böſewichte Preis gegeben. Nach meinem Dafürhalten wäre ſelbſt jetzt noch Zeit hierzu, wir ſind vom Schloſſe noch nicht allzuweit entfernt.“ „Nein, nein,“ entgegnete die Gouvernante,„ich habe mit Willen gegen Jedermann geſchwiegen. Wie leicht hätte der gnädige Herr davon erfahren können. Das iſt ein ſehr geſtrenger Vater, und Fräulein Clara würde ihren Ungehorſam zu hart zu büßen haben.“ „Aber wenn wir umkommen, meine Gnädige, kräht nicht ein einziger Hahn darum.“ 6 34 „Auch verdient wohl die ganze Angelegenheit kein ſo großes Aufhebens.“ „Nun, ich dächte denn doch,“ meinte kopfſchüt⸗ telnd der Sportelſchreiber,„wo einem geſpannte Pi⸗ ſtolen auf die Bruſt gehalten werden, das liegt außer dem Bereiche aller Spaßhaftigkeit.“ „Ich glaube noch immer,“ ſprach beruhigend Ma⸗ dame Chignon,„der fremde Mann hat ſich blos einen Scherz mit Fräulein Clara, ſo wie auch mit Ihnen erlaubt. Räuber und Mörder giebt's heutzutage we⸗ nigſtens in hieſiger Gegend nicht mehr.“ „Nulla regula sine exceptione,“ zu Deutſch, „keine Regel ohne Ausnahme,“ erwiederte Kappler, der ſelbſt in der bedrängteſten Lage nicht umhin konnte, dieſes Sprichwort, das ſeinen ganzen lateiniſchen Sprachſchatz umfaßte und worauf er ſich nicht wenig zu Gute that, nebſt beigefügter deutſcher Ueberſetzung anzubringen.„Es kann ſich,“ fuhr er fort,„ſelbſt in unſer conſtitutionelles Gouvernement ein Bandit, Strelitze und dergleichen verlaufen. Wenn aber die Piſtolengeſchichte alleiniger Scherz geweſen, ſo danke der Guckuck und ſein Küſter dieſem entſetzlichen Spaß⸗ vogel; ich mußte riskiren, daß mich der Schlag auf der Stelle rührte. Daß es dem gnädigen Fräulein gleichfalls außer allem Spaße war, bezeugte hochdero⸗ ſelben erhitzte air, die flatterhaften Haare und ähn⸗ liche untrügliche Merkmale des gefahrvollſten Zu⸗ ſtandes.“ Dieſe letztern Worte des Sportelſchreibers, welche Fräulein Clara betrafen, machten Madame Chignon wieder ſehr beſorgt. Sie eilte voran, ſo daß ſie ſich mit Kapplern bald wieder im Dunkel des Wal⸗ des befand. Hier erhob ſie ihre Stimme und ließ den Ruf:„Gnädiges Fräulein!“ laut durch die Stille. des Forſtes erſchallen. „Um Himmelswillen,“ beſchwor der Sportelſchrei⸗ ber,„wozu dies außergewöhnliche Geſchrei? Wollen Sie wohl die Gewogenheit haben, zu bedenken, daß dieſen ſchmetternden Ruf der Räuber eben ſo gut wie das gnädige Fräulein vernehmen kann?“ Madame Chignon ließ ſich durch Kappler's Er⸗ mahnungen nicht abhalten, indem ſie tiefer in den Wald drang, den Ruf häufig zu wiederholen. Der Sportelſchreiber zitterte jedesmal am ganzen Leibe; angſtvoll ſchweiften ſeine bewaffneten Augen, denn er hatte aus Vorſicht die Brille aufgeſetzt, um⸗ her; überall fürchtete er den Jungfrauenräuber mit geſpanntem Piſtol hervortreten zu ſehen. Man gelangte wieder zur Wohnung des Hegerei⸗ ters, ohne daß Clara auf die häufigen Anrufe ge⸗ antwortet hätte, oder daß ſonſt eine Spur von ihr zu entdecken geweſen wäre. „Sie ſehen jetzt, wohlehrbare Madame,“ begann Kappler, der nur mit Mühe bis zum Hegereiter ge⸗ folgt war, indem er ſtehen blieb,„daß nicht ſowohl unſer Wiſſen Stückwerk iſt, ſondern daß auch unſer Suchen und Rufen, unſere Beſtrebungen, das gnädige Fräulein ausfindig zu machen, ganz vergeblich ſind. Unbeſtritten hat ſie der Räuber längſt gefangen ge⸗ nommen und transportirt ſie bereits über die Grenze. Ich glaube, wenn vorhin mein Rath wegen allgemei⸗ nen Sturmlautens und Aufgebots wäre befolgt wor⸗ den, konnte das Fräulein gerettet werden. Jetzt bleibt uns in der Welt nichts übrig, als das hart⸗ geprüfte holde Kind dem Schutze unſers allmächtigen Vaters anzuempfehlen, daß er ſich deſſelben erbarme, es tröſte und erleuchte. Weiteres Vordringen in den Wald aber und ferneres Nachforſchen führt zu nichts, wie wir bereits geſehen haben.“ 36 „Ei, wo denken Sie hin, mein Freund,“ erwie⸗ derte Madame Chignon,„jetzt erſt will ich Ihre treuen Dienſte in Anſpruch nehmen. Bis zur Jäger⸗ wohnung hätte ich mich allenfalls ohne Sie gefun⸗ den, jetzt aber bedarf ich Ihrer. Die Durchſuchung des Waldes ſoll nun erſt ihren Anfang nehmen. Um aber dieſe mit Erfolg in's Werk zu ſetzen, müſſen wir uns theilen.“ „Wie ſo theilen?“ frug Kappler. „Sie wenden ſich zur Rechten,“ erklärte Madame Chignon,„ich gehe zur Linken. Von Zeit zu Zeit rufen wir uns Halloh! zu, damit wir nicht gar zu weit von einander gerathen; ich glaube, wir gelan⸗ gen auf dieſe Weiſe bald zu unſerm Ziele.“ Der Sportelſchreiber erklärte ſich entſchieden gegen dieſes Theilungsproject. Er hatte ſich wohl in ſei⸗ nem Leben noch nicht ſo unumwunden ausgeſprochen, am allerwenigſten gegen eine Dame. Die Furcht vor dem fremden Marodeur, wie er den Studenten nannte, ließen ihn ganz aus ſeinem Charakter herausgehen. Alle Aufforderungen, die Madame Chignon an ihn ergehen ließ und worin von Chriſtenpflicht, Seelen⸗ adel, Ehrenhaftigkeit, Männerwürde und dergleichen die Rede war, wollten bei dem ſonſt ſo empfänglichen Kappler nicht anſchlagen. „Wohlan,“ ſprach die Gouvernante,„da Sie ſich zu der vorgeſchlagenen Theilung nicht entſchließen, ſo begleiten Sie mich wenigſtens eine Strecke, damit ich am Ende nicht ſelbſt mich verlaufe. Sie ſind hierorts bekannt und wiſſen ſich zu finden.“ „Aber, hochwohlgeborne Madame,“ rief Kappler, mit emporgehobenen Armen,„ich beſchwöre Sie im Namen Himmels und der Erde, wie weit gedenken Sie noch vorzudringen in dieſe unwirthbare Wildniß? 87 Wir entfernen uns immer mehr von aller menſchlichen Hülfe; ſchon liegt die Hegereiterei eine anſehnliche Strecke hinter uns.“ „Nur ein paar hundert Schritte noch,“ beruhigte Madame Chignon, welcher allmälig ebenfalls unheim⸗ lich zu Muthe ward und die nur aus Angſt für Clara vorwärts getrieben ward;„wenn wir dann das Fräu⸗ lein nicht auffinden, kehren wir zurück und ich kann das unſelige Ereigniß dem gnädigen Herrn nicht län⸗ ger verſchweigen. Es müſſen dann außerordentliche Maßregeln getroffen werden.“ Der Sportelſchreiber begann jetzt im Geheimen die Schritte zu zählen, um Madame Chignon wegen der„einigen hundert“ Schritte beſſer controlliren zu können. Als man zweihundert Schritte zurückgelegt hatte und die Gouvernante demungeachtet vorwärts ſchritt, glaubte es Kappler ſeinem eignen Heile er⸗ ſprießlich zu finden, ſeine Begleiterin an ihre Aus⸗ ſage zu erinnern. „Wir wandern bereits im dritten Hundert,“ ſprach er,„in welchem wir ſelbſt ſchon tief drinnen fitzen.“ Madame Chignon that, als ob ſie Nichts gehört und ließ ſich in ihrer Wanderung nicht ſtören. Kapp⸗ ler zählte unterdeſſen mit großer Gewiſſenhaftigkeit weiter. „Dreihundert,“ ſprach er ſtehen bleibend, als dieſe Zahl voll war und ſah Madame Chignon be⸗ deutſam an. „Nur noch ein ganz klein Stück!“ bat dieſe. Der Sportelſchreiber begann wieder ſein Eins, Zwei, Drei, das er jetzt ziemlich vernehmbar ausſprach und nicht mehr verſchluckte, wie er früher gethan, damit Ma⸗ dame Chignon auch wiſſe, wie weit ſie vorwärts ſei. „Vierhundert,“ markirte Kappler wo möglich 88 noch lauter, als das vorhergehende, und machte aber⸗ mals Halt. Auch Madame Chignon blieb jetzt er⸗ mattet ſtehen. Düſter ſchweiften ihre Blicke in der Waldgegend umher. Die arme Dame war ganz an⸗ gegriffen von der innern Angſt und der angeſtrengten ungewohnten Wanderung. Kappler trat, von Mitleid ergriffen näher und begann zu tröſten; aber auf eine Art, daß ſich die geängſtete Frau unmöglich geſtärkt finden konnte. Er ſprach im Anfang von der Hinfälligkeit und Vergäng⸗ lichkeit alles Irdiſchen, ferner, daß alles Mißgeſchick und alle Trübſal von Gott kämen, wofür ein chriſt⸗ liches Gemüth nicht genug dankbar ſein könne, denn jedes Leiden ſtärke, beſſere, erleuchte und bekehre, mache die Menſchen zum Himmel reifer und ſchließe die Ewigkeit auf. Er ſchloß ſeine Troſt⸗ und Er⸗ bauungsrede mit den Worten:„Laß fahren dahin, es bringt dir keinen Gewinn, verloren iſt verloren; der Herr hat's gnädige Fräulein gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn ſei gelobt und geprieſen von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!“ Während der Sportelſchreiber wunder glaubte, welchen Eindruck er mit ſeiner Rede hervorgebracht und wie er mit ſeinen himmliſchen Troſtſprüchen das Herz der Madame Chignon gelabt und geſtärkt habe, wendete dieſe unmuthsvoll ihr Haupt abwärts und ſammelte Kräfte, um zum letzten Male ihren Ruf nach dem verloren gegangnen Pflegling ertönen zu laſſen. Rings herrſchte tiefe Stille; nur ganz leiſe ſpielte der Abendwind in den Kronen der majeſtäti⸗ ſchen Buchen, als plötzlich Schritte vernehmbar wur⸗ den, die ſich eiligſt zu nähern ſchienen. Mit banger Erwartung und klopfendem Herzen ſchaute Madame Chignon nach der⸗Gegend hin, von' woher das Ge⸗ 89 räuſch ertönte. Kappler, dem noch weit zaghafter zu Muthe war, als ſeiner Gefährtin, lauſchte mit zu⸗ rückgehaltenem Athem und geſpitzten Ohren; zugleich ſchaute er ſorgfältig in der nächſten Umgebung um⸗ her, damit er für alle Fälle einen paſſenden Aus⸗ weg habe. Die Schritte kamen näher. Zugleich wurden Stimmen vernehmbar. Eine frohe Ahnung durch⸗ zuckte das Herz der Madame Chignon; mit Einem Male that ſie einen lauten Schrei, eilte vorwärts und nach wenig Augenblicken ruhte die ſchmerzlich vermißte Clara an ihrem Halſe. Die Gouvernante wollte ſchelten; aber ſie vermochte es nicht.„Sie böſes, böſes Kind, was hab' ich Ihretwegen gelit⸗ ten!“ Dies waren die einzigen Worte, die ſie zu ſtammeln vermochte. „Nicht böſe ſein,“ bat das holde Mädchen im weichen Tone;„ich benutzte Ihr Schläfchen, mich ein wenig im Walde umherzutummeln, ich gelangte auf einen unfern gelegenen Felſenvorſprung, von wo man die herrlichſte Ausſicht über das Werlathal genießt. Hier erſchreckte mich das plötzliche Erſcheinen eines jungen Herrn. Ich wollte zu Ihnen zurückeilen, aber verirrte mich. Angſtvoll eilte ich hin und wieder. Trotzdem, daß ich mich bei einem Manne, der unter einem großen Baume ſaß, nach dem Ehrenberger Wege erkundigte, verfehlte ich den Heimweg und ge⸗ rieth nur tiefer in den Wald. Mein Glück wollte, daß ich wieder mit dem jungen Herrn zuſammentraf, vor dem ich bei dem Felſenvorſprunge ſo erſchrocken war. Er hatte die Güte, mich zurechtzuweiſen und wieder auf den rechten Pfad zu bringen. Wir ſind ihm beide großen Dank ſchuldig, denn ohne ſeinen Bei⸗ ſtand, wer weiß, wie tief ich im Walde ſtäke.“ 90 Die Gouvernante machte bei Erwähnung des jun⸗ gen Herrn ein ziemlich bedenkliches Geſicht. Sie ſchaute auf und ihr Blick ruhte nicht ohne Wohlge⸗ fallen auf dem ſchönen Karl Willer, der zu gleicher Zeit mit dem Fräulein aus dem dichten Laubwerk her⸗ vorgetreten und bei der Umarmungsſcene beſcheiden im Hintergrunde ſtehen geblieben war. Sie erwiederte ſich verneigend die Begrüßung des jungen Mannes und ſtand eben im Begriff, ihm für den Dienſt, ſo er dem Fräulein geleiſtet, ihren freudigen Dank auszu⸗ ſprechen, als in nächſter Nähe ein Zetermordio los⸗ brach. Sie wandte ſich erſchrocken und gewahrte, wie der Sportelſchreiber, als werde er vom Sturm ge⸗ peitſcht, durch Dick und Dünn die raſendſte Flucht ergriff. Kappler nämlich, als er die zärtliche Umarmung zwi⸗ ſchen Madame Chignon und dem Fräulein gewahrte, glaubte letzteres allein zurückgekehrt und hielt alle Ge⸗ fahr für überſtanden. Er ſprach ſich Muth ein und kam näher, um an der hohen Freude gleichfalls ge⸗ bührend Theil zu nehmen. Er hielt ſich bei all ſei⸗ ner Beſcheidenheit diesmal für wahrhaft dazu berufen; er gedachte der mannigfachen Gefahren, die er des gnädigen Fräuleins halber zu beſtehen gehabt. Seine Mitfreude war aber von kurzer Dauer. Als er auf⸗ ſchaute, erblickte er den gefürchteten Piraten keine zehn Schritte vor ſich. Ein Zetermordio ausſtoßend und die ſtürmiſchſte Flucht ergreifen, war das Werk eines Augenblicks. Keine Macht der Erde hätte ihn zu halten vermocht. Die Reiſe ging mit der Schnellig⸗ keit eines afrikaniſchen Straußes durch Buſch und Hecken, durch Schilf und Rohr. Clara und Willer blickten unter lautem Lachen dem davoneilenden ſonderbaren Kauze nach. Der 9¹ Student hatte dem Fräulein bereits ſein ſpaßhaftes Zuſammentreffen mit dem Sportelſchreiber erzählt. Auch Madame Chignon konnte nicht umhin, über ih⸗ ren tapfern Begleiter zu lächeln. Sie ſah jetzt auch mit großer Beruhigung, daß der junge ſchöne Mann durchaus keinem Räuberhauptmann glich, wofür ihn Kappler gehalten hatte. Willer bat um die Erlaubniß, die Damen bis zum Ausgange des Waldes geleiten zu dürfen, was gern zugeſtanden ward. Auf dieſem Rückwege lernte die Gouvernante in dem Begleiter einen eben ſo gebildeten wie intereſſanten jungen Mann kennen, bei dem kör⸗ verliche Schönheit mit geiſtigen Vorzügen in reizender Wahlverwandtſchaft ſtand. Sie erkannte wohl, daß ein ſolcher Jüngling für das unbewachte Herz ihrer Pflegbefohlenen für die Länge nicht ohne Gefahr ſein könne, und ſie war froh, als man dem Ende des Waldes näher kam. Was aber die gute Madame Chignon von der Länge der Zeit für Clara befürchtet hatte, war ſchon in Erfüllung gegangen. Der Anblick des jungen, ſchönen Mannes, das ſpätere Zuſammentreffen mit demſelben, die bezaubernde Irrfahrt im Walde, hatte einen himmliſchen Funken in die Bruſt der Jungfrau geworfen, der bald zur beſeligenden Flamme empor⸗ ſchlagen ſollte. Bei dem Studenten war daſſelbe der Fall. Er kam ſich wie verklärt vor und zählte den heutigen Taa zu den ſchönſten ſeines Lebens. Auf dem Heimwege erzählte Madame Chignon die Abenteuer, die ſie mit Kapplern zu beſtehen gehabt, bei welcher humoriſtiſchen Mittheilung Clara und Willer oft laut auflachen mußten. So hatte man faſt das Ende des Waldes erreicht, * 92 als plötzlich zur Linken Hundegebell, Geſchrei und ein lautes Huſſa! Huſſa erſcholl; Madame Chignon glaubte die Stimme des Sportelſchreibers wiederzuerkennen. Wirklich brach auch gleich darauf ein mächtiger Jagdhund aus dem Buſchwerk, dem ſein Herr, der Hegereiter, folgte. Zu gleicher Zeit arbeiteten ſich zwei rieſige, mit Aexten bewaffnete Holzhauer durch das Geſträuch. Alle Drei machten, etwas verdutzt, Halt, als ſie die drei friedlichen Spaziergänger, den Studenten mit den beiden Damen, des Wegs daher kommen ſahen, während die Stimme des noch unſichtbaren Sportel⸗ ſchreibers im Hintergrunde fortwährend ihr Huſſa, ſa, ſa, ſa, Hector! ſchrie. Endlich ſteckte er behutſam den Kopf aus dem Gebüſch, und als er den Studenten erblickte, rief er: „Das iſt der große Räuber, der Jungferndieb, der Schobri, packt ihn, Ihr Leute, das dankbare Vater⸗ land wird Euch dieſen Dienſt nimmer vergeſſen.“ „Der Kerl muß verrückt ſein,“ ſprach der Hege⸗ reiter zu den Holzhauern, indem er ehrerbietig ſeine Mütze vor den Vorübergehenden zog, worunter er das Fräulein ſeiner gnädigen Herrſchaft nebſt ihrer Gon⸗ vernante erkannte,„oder er hat uns zum Narren ge⸗ habt.“ „Was,“ riefen die Axtbewaffneten aus einem Munde,„der Kerl uns zum Narren gehabt? Ei da ſoll ihn das Donnerwetter dreiunddreißig Millionen Meilen in den Erdboden ſchlagen; wir hängen ihn bei den Beinen an den erſten beſten Baum.“ Der Sportelſchreiber, welcher mit Entſetzen den fürchterlichen Fluch vernahm, wartete das haarſträu⸗ bende Vorhaben nicht ab, ſondern benutzte ſeine be⸗ drohten Beine vor allen Dingen dazu, ſo ſchleunig 93 als möglich aus der Nähe dieſer deſperaten Menſchen zu kommen. Hector, ſo wie die Holzhauer hatten große Luſt, dem Flüchtling nachzuſetzen, aber der Hegereiter hielt ſie zurück. „Laßt den Narren laufen,“ ſprach er,„wir tragen ſelbſt die Schuld, daß wir in den April geſchickt wor⸗ den ſind, warum glaubten wir ſeiner Anzeige; ich dächte, ſie wäre abgeſchmackt genug geweſen.“ Unterdeß war Willer mit den Frauen in's Freie gelangt. Es that Madame Chignon faſt wehe, der Geſellſchaft des höchſt angenehmen Begleiters entſagen zu müſſen. Unter den vielen jungen Männern, die ſie auf ihrem Lebenswege Gelegenheit hatte kennen zu lernen, war keiner dem Ideale der Männlichkeit, welches ſie ſich gebildet hatte, ſo nahe gekommen, als dieſer Fremdling. Hier war keine Spur von jener Härte zu finden, die Frauen ſo leicht verletzt und in welcher ſich häufig die gebildetſten Jünglinge gefallen; aber auf der andern Seite vermißte man auch jene Weichlichkeit und Süßlichkeit, die die jungen Mode⸗ herren und Elegants ſo übel kleidet. Madame Chignon hatte ſich vergeblich den Kopf zerbrochen, wer der liebenswürdige junge Mann wohl ſein möge. Im Laufe des Geſprächs war ihr be⸗ kannt worden, daß er nicht von hier ſei und nur vor mehren Jahren auf kurze Zeit dieſe Gegend beſucht habe. Nach ſeiner kraftvollen, edlen Haltung, der ſaubern, obſchon etwas ſtudentiſchen Kleidung konnte er, nach Madame Chignon's Meinung, nur von ſehr guter Familie, wo nicht gar von Adel ſein. Letzteres wünſchte ſie ſogar, denn dann war leicht die Möglich⸗ keit vorhanden, daß er auch auf dem Ehrenberge er⸗ ſcheinen und einen Beſuch abſtatten werde. 9⁴ Auf die Frage der Madame Chignon, ob er Ver⸗ wandte in hieſiger Gegend beſitze, war die Antwort geweſen, daß ihm ein Oheim in Neukirchen lebe, dem er für das mannigfache Gute, ſo er ihm erzeigt, zu vielem Danke verpflichtet ſei; außerdem kenne er nur noch einen Mann in dieſer Stadt genauer. Madame Chignon durchlief alle adeligen Oheims von Neukirchen, welche ſich eines ſo ausgezeichneten Neffen zu erfreuen haben könnten, ohne auf ein be⸗ friedigendes Reſultat zu ſtoßen. Alle diejenigen di⸗ verſen Herren Neveus, die ihr bekannt waren, konn⸗ ten, was namentlich den Geiſt betraf, einen Vergleich mit dem intereſſanten Begleiter im Entfernteſten nicht aushalten. Fräulein Clara ging in ihrer Beurtheilung des Studenten weit einfacher zu Werke, als ihre Gouver⸗ nante. Sie kümmerte ſich wenig um Herkunft, Fa⸗ milie und Stand deſſelben. Ihr Herz, dem mit Ver⸗ nunft nicht beizukommen war, erklärte laut und un⸗ verholen: Dieſen oder Keinen könnteſt du lieben. Endlich gelangte das Kleeblatt zu dem Wege, der direct nach dem Ehrenberge führte. Der Student be⸗ urlaubte ſich, um ſeine Wanderung längs dem Werla⸗ ufer nach der Stadt fortzuſetzen. Madame Chignon übernahm es, ihm auf das Ver⸗ bindlichſte für die Dienſte, ſo er dem Fräulein geleiſtet, zu danken und ſich nebſt Clara freundlichſt zu empfehlen. Bei dieſem feierlichen Acte aber konnte es die weib⸗ liche Neugier der ältern Dame doch nicht über ſich gewinnen, ſchließlich um den Namen ihres Begleiters zu bitten. „Ich heiße Carl! Willer,“ ſprach, ſich höflichſt verneigend, der-Student, und trat ſeinen Weg nach der Stadt an. Aber je weiter er ſich von den bei⸗ 95 den Frauen entfernte, die, eine jede in ihre Gedanken vertieft, langſam dem Schloſſe zuſchritten, deſto lauter ſchlug ſein Herz, deſto mehr erfüllte ſich dieſer heilige Raum mit Clara's Bilde. Wiederholt blieb er ſtehen und ſchaute der Engelgeſtalt im himmelblauen Kleide nach. Er konnte noch deutlich erkennen, wie ſie mit der Gouvernante über die Werlabrücke ging; dann verſchwand ſie hinter einem Wäldchen von ſchattendem Flieder. Rings ſtanden die Wieſen, durch welche Willer's Pfad führte, in ſtiller Blumenpracht, aus den Waldbergen zur Linken tönte der Vögel Geſang, zur Rechten rollten die blauen Wellen der Werla, die Luft war geſchwängert von dem Aroma zahlloſer Blüthen, rings athmete tiefer Frieden; über den Him⸗ mel zogen die rothen Abendwolken und darunter wan⸗ delte ein Jüngling, in deſſen Bruſt die Liebe ihre erſten, heiligen Funken geworfen hatte. Sie oder Keine! das war der einzige Gedanke, der ſein ganzes Weſen mit namenloſer Wonne erfüllte.— Freund Kapplern war es endlich gleichfalls gelun⸗ gen, ſich aus dem Walde herauszufinden und das freie Feld zu erreichen, obſchon er aus Furcht vor den ent⸗ menſchten Holzhauern, wie weiland Robinſon Cruſoe, als er die Todtengebeine erblickte, mehrmals im Kreiſe umhergerannt, ſo daß er lange Zeit den Ausgang des Waldes nicht zu entdecken vermochte und faſt auf den Verdacht gerieth, wahrhaft behext zu ſein. Endlich ſchimmerte die grüne Landſchaft durch die alten Bu⸗ chen und der Sportelſchreiber, von der Parforcejagd zu Tode gehetzt, warf ſich voller Desperation in das erſte beſte Kleefeld, woſelbſt er etwas zu Athem ge⸗ langte. Kappler's Zuſtand war keineswegs beneidenswerth. Er war phyſiſch und moraliſch in gleichem Grade zu 96 Boden gedrückt. Er hatte abermals die im Leben ſo traurige Erfahrung gemacht, wie das Laſter trium⸗ phire, während die Tugend verfolgt wird.„Unange⸗ fochten,“ ſagte der Sportelſchreiber zu ſich,„konnte dieſer verbrecheriſche Räuberhäuptling ſeinen Weg fort⸗ ſetzen und noch dazu in höchſt angenehmer und an⸗ ſtändiger Geſellſchaft, in Begleitung des ſchönen Fräu⸗ leins, auf welches er es unbeſtritten abgeſehen hat, während ich unſchuldiges Weſen an den Beinen auf⸗ gehangen werden ſollte und wie ein angeſchoſſener Eber durch Dick und Dünn gehetzt wurde. Was hatte ich mir's für Mühe koſten laſſen, welche Beredtſamkeit hatte ich aufbieten müſſen, um den Hegereiter und die phlegmatiſchen Holzhauer zu bewegen, daß ſie mir folgten, um den Jungfernräuber gefangen zu nehmen. Was war der Lohn? Hätte mir Gott nicht ſo aus⸗ gezeichnete lange und behende Beine verliehen, gleich einem Sumpfvogel, ſo fehlte nicht viel, und das dem Verbrecher gebührende Mißgeſchick brach über mich her⸗ ein. Der Himmel ſchütze das gnädige Fräulein, ich kann jetzt in der Welt nichts mehr für ſie thun. Denn geſetzt auch, ich zeigte den Vorfall dem Amt⸗ manne Löffler an, ſo bezweifle ich ſehr, daß der un⸗ gläubige Mann meinen Worten Glauben beimeſſen würde; ich würde ſchwören ſollen, und davor ſoll mich der Himmel gnädiglichſt bewahren; eure Rede ſei Ja, Ja, Nein, Nein; was darüber, iſt vom Uebel. Wir ſtehen Alle in der Hand des Herrn, ſomit auch das gnädige Fräulein; der liebe Gott iſt mächtiger als ich armer Sportelſchreiber. Er wird ſich ihrer hülf⸗ reich annehmen. Ferner geht der Krug ſo lange zum Waſſer, bis er den Henkel verliert; ich müßte mich ſehr irren, wenn das nicht über kurz oder lang mit dem Räuberhauptmann der Fall ſein wollte. Eh' er 9 ſich's verſieht, wird er in die Hände der irdiſchen Ge⸗ rechtigkeit gefallen ſein; Niemand entgeht ſeinem ver⸗ dienten Geſchick.“ Nachdem der Sportelſchreiber auf dieſe Art ſich getröſtet und hinlänglich entſchuldigt zu haben glaubte, daß er beim beſten Willen für Fräulein Clara nichts mehr thun könne und die Räuberangelegenheit auf ſich beruhen laſſen müſſe, ſtand er von ſeinem Kleelager auf und wanderte, ſehr mißverſtimmt, der Stadt zu. In ſeiner Wohnung angekommen, hatte er nichts Angelegentlicheres zu thun, als die unerhörten Aben⸗ teuer, Gefahren und Drangſale des heutigen Tages ſorgfältig in ſein Tagebuch, das er mit großer Sorg⸗ falt führte, einzutragen.— Siehentes Rapitel. Willer's Beſuch beim Hofcommiſſair. . Der Hofcommiſſair Eccarius war in ſeinem Blumen⸗ garten beſchäftigt, um die von einem Gewitterſturm losgeriſſenen Nelken an ihre Stäbe zu binden, als ſich der relegirte Carl Willer bei ihm melden ließ. „Heureka!“ rief Eccarius freudig, den in den Garten Tretenden treuherzig die Hand ſchüttelnd, „willkommen in Neukirchen! Nun, der Examen bril⸗ lant abgelaufen? Erſte Cenſur, gratulire. Der On⸗ kel wird fidel ſein; ſchon bei ihm geweſen?“ „Noch nicht,“ erwiederte Willer,„auch bedaure ich, Ihre Gratulation nicht annehmen zu können.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. VII. 5 98 „Wie ſo,“ erkundigte ſich der Hofcommiſſair und ſchaute fragend auf;„doch vor allen Dingen,“ fuhr er, ohne den Studenten zu Worte kommen zu laſſen, fort,„Platz genommen, ſich's bequem gemacht. Hier in der Jelängerjelieberlaube iſt ein freundlich Oert⸗ chen, man ſitzt bequem und hat eine angenehme Aus⸗ ſicht. He, Johann, Roſine, ein Fläſchchen von Num⸗ mer Siebzehn, Pfeifen und Cigarren!“ Nachdem Willer Platz genommen, theilte er un⸗ verholen und der Wahrheit getren ſein Mißgeſchick mit. Er erzählte ſeine mannigfachen Renconter mit den academiſchen Behörden, den zu Waſſer gewordenen Fackelzug und ſeine hierauf erfolgte Relegation. Eccarius hatte der Erzählung mit der ungetheil⸗ teſten Aufmerkſamkeit und dem ſichtbarſten Intereſſe zugehört. Wie Willer zu Ende war, eilte er auf ihn zu und umarmte den Studenten mit einer Heftigkeit, die man ſeinem geſetzten Charakter gar nicht zuge⸗ traut hätte. „Die Prinzeſſingeſchichte iſt zu ſchön!“ rief er; „wie dieſem academiſchen Senate, ſollte es allen krie⸗ chenden Schwanzwedlern ergehen, an welchen unſer gutes Vaterland leider ſo reich iſt. Fürwahr, es wäre kein Wunder, wenn die Großen dieſer Erde an einer edlern Menſchheit irre würden und alle Untergebenen wie Sclaven behandelten, da letztere es ſo häufig ſich angelegen ſein laſſen, in wahrhaft hündiſcher Demuth den Gewaltigen die Füße zu lecken. Mich wundert, daß ſich der academiſche Senat nicht lieber vor den Wagen der Prinzeſſin kuppelweiſe einſpannte, wie weiland die Göttinger Studenten vor die Equipage der Demoiſelle Sonntag. Nein, mein verehrter jun⸗ ger Freund, da haben Sie vollkommen Recht gehan⸗ delt. Dieſe Relegation kann Ihnen nur zur Ehre 90 gereichen. Doch auf welcher Univerſität gedenken Sie Ihre Studien fortzuſetzen und zu beendigen?“ Willer zuckte die Achſeln. „Eigentlich war ich Willens, das Jus ganz an den Nagel zu hängen, nach Amerika auszuwandern, und daſelbſt Anſiedler zu werden. Die alte Welt will mir nicht mehr behagen.“ „Da geht es Ihnen wie mir,“ antwortete Ecca⸗ rius;„aber ich fürchte nur, da unter uns ſteht es kein Haar beſſer, als hier oben. Es ſind ebenfalls Menſchen, die ihr leidenſchaftsvolles Leben und Trei⸗ ben führen. Dies hat mich in Europa zurückgehal⸗ ten. Ich kann daher Ihr Vorhaben, das Jus aufzu⸗ geben, ſo wie Ihre Auswanderungsideen ſchlechterdings nicht billigen. Sie müſſen durchaus Ihr Examen machen und Advoeat werden. Das fehlte noch, daß die Rechtſchaffenen auswandern und die zahlreichen ge⸗ wiſſenloſen Leute zurückbleiben. Nein, junger Freund, daraus kann nichts werden; das gebe ich nimmermehr zu. Ein rechtſchaffener Mann, der in der jetzigen egviſtiſchen Zeit Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat, iſt nicht mit Golde zu bezahlen.“ „Aber mein Oheim,“ gab der Student zu beden⸗ ken,„wird ſich unter bewandten Umſtänden ſicher zu keiner weitern Unterſtützung verſtehen.“ „Poſſen,“ lachte der Hofcommiſſair,„wenn der Alte nichts herausrückt, ſind wir auch noch da. Sein Sie außer Sorge. Ich ſchieße Ihnen vorerſt die er⸗ forderliche Summe zur Abſolvirung Ihrer Studien vor. Sie brauchen ſich wegen der Rückzahlung kein graues Haar wachſen zu laſſen, da ich dieſelbige erſt dann verlange, ſobald Sie Ihr Auskommen haben. Wenn Ihr Onkel ſieht, daß es Ihnen mit der Ju⸗ riſterei Ernſt und das Examen glücklich beſtanden iſt, 4 7 100 wird er für die zwei bis drei dürren Jährchen ſeine milde Hand nicht verſchließen; da kenne ich den Alten. Uebrigens rathe ich Ihnen keines Falls, Ihre prak⸗ tiſche Lehrzeit im hieſigen Amte zu verbringen. Der Horizont hier iſt zu eng begrenzt und bietet durchaus kein Terrain für einen künftigen tüchtigen Advvcaten. Nein, Sie müſſen nach der Reſidenz; ich werde dafür ſorgen, daß Sie dort in die Erpedition des erſten Advvcaten des Landes, dem ich befreundet bin, gelan⸗ gen. Da kommen Sachen und Fälle vor, die ſich hören laſſen, das iſt eine Ihnen würdige Schule. So⸗ bald Ihre Specimina approbirt, habilitiren Sie ſich in Neukirchen. Für Praxis laſſen Sie mich ſorgen. Binnen Kurzem müſſen Sie alle Hände voll zu thun haben. Ich habe zu Ihnen ein Vertrauen, wie zu keinem unſerer hieſigen Rechtsanwalte. Nur nicht ver⸗ zagt. Aller Anfang iſt ſchwer.“ „Edler Mann,“ ſprach Willer, dem eine Thräne nahe war, indem er dem Hofcommiſſair die Hand reichte,„es iſt zu viel, was Sie mir da bieten; ich kann das nicht annehmen, für ſolche Großmuth kennen Sie mich zu wenig.“ „Ich kenne Sie allerdings nur inſofern,“ erwie⸗ derte Eccarius,„als daß ich Sie für dies Anerbieten, das ich Ihnen mache, vollkommen würdig halte.“ „Wohlan,“ verſetzte der junge Mann nach einer Pauſe mit Feuer,„ich mache von Ihrer Güte Ge⸗ brauch und beim Himmel, Sie ſollen ſich in mir nicht getäuſcht haben. Mein Loos iſt entſchieden; ich athme wieder frei und der kleine Sturm beim Onkel wird zu überſtehen ſein.“ „Nach meinem Dafürhalten,“ meinte der Hofcom⸗ miſſair,„iſt es das Beſte, wir laſſen den Inſpector von wegen der Relegation gänzlich in Unkenntniß. 101 Wenn der Alte die Prinzeſſingeſchichte erfährt, ich glaube, er reiſt mit umgehender Poſt Ihrer Durch⸗ laucht nach und bittet Hochdieſelbe fußfällig, daß man die hohe Ungnade, ſo ſein ungerathener Neffe und Pathe ſich habe zu Schulden kommen laſſen, nicht auf ihn übertrage. Nach ſeinen Anſichten ſind Sie in Be⸗ treff Ihres Verhaltens, das die Relegation nach ſich gezogen hat, der größte Verbrecher auf dem Erdboden. Er iſt im Stande, Sie auf der Stelle zu enterben. Nein, warum ihm und Ihnen unnöthigerweiſe ſolche Unannehmlichkeit bereiten?“ Willer erkundigte ſich jetzt eines Nähern nach ſei⸗ nem Onkel. „Wenn mich nicht Alles trügt,“ ſagte er,„ſo muß ſeit einiger Zeit eine ſeltſame Veränderung ſeines Cha⸗ rakters vor ſich gegangen ſein. Seine letztern Briefe waren bei weitem milder als die frühern. Er muß ſogar fromm geworden ſein, denn er hat mich wieder⸗ holt aufgefordert, ſtets Gott vor Augen zu haben und auch den Kirchenbeſuch nicht zu vernachläſſigen. So viel ich mich aber entſinne, gehörte der kirchliche Sinn früher nicht zu ſeinen Leidenſchaften. Eeccarius lächelte. „Das hat ſeine eigene Bewandtniß,“ verſetzte er, „Ihr Oheim war noch vor nicht langer Zeit auf recht ſchlimmen Wegen. Er ſtand ſogar in Gefahr, ganz den Schlingen eines liſtigen und koketten Frauenzim⸗ mers zu erliegen. Ja, kaum ſollte man's glauben, hatte es dieſe Perſon doch ſchon dahin gebracht, daß der ſchwache Alte im Begriffe ſtand, Sie gänzlich zu enterben und die verſchmitzte Heuchlerin zu alleiniger Univerſalerbin einzuſetzen. Es war hohe Zeit, daß ſowohl zu ſeinem wie zu Ihrem Heile etwas geſchah. Ich unternahm es, vermittelſt eines unſchuldigen Be⸗ 102 trugs, dem Alten in's Gewiſſen zu reden und ihn auf beſſere Wege zu bringen.“ Der Hofcommiſſair erzählte jetzt dem mit großem Intereſſe zuhörenden jungen Manne die Geſchichte mit der Todtenfrau, dem Todtengräber und dem verhäng⸗ nißvollen Billet, welche drei Dinge einen ſo großen Eindruck auf den ehemaligen Freigeiſt hervorgebracht hatten. „Die erſte gute Folge hiervon war,“ fuhr Eeca⸗ rius in ſeiner Erzählung fort,„daß Sonnenſchmidt genauere Nachforſchungen über das bewußte Frauen⸗ zimmer anſtellte, ſich allmälig überzeugte, weß Geiſtes Kind ſie ſei, ſich von ihr zurückzog und das bereits aufgeſetzte Teſtament vernichtete.“ „Wie ſoll ich Ihnen danken!“ ſprach Willer, dem Hofcommiſſair wiederholt die Hand drückend;„Sie haben ſich des Verblendeten ſo menſchenfreundlich an⸗ genommen!“ „Doch wie ſich die Extreme im Leben oft berüh⸗ ren,“ erzählte Eccarius weiter,„ſo auch bei Ihrem Onkel. Der niedergedonnerte Freigeiſt ging in ſich, ward gottesfürchtig und näherte ſich wieder der Geiſt⸗ lichkeit, mit welcher er nie auf befreundetem Fuße ge⸗ ſtanden hatte. Dieſe glaubte ſich des wiedergefundenen Schafes mit Feuereifer annehmen und den armen Sün⸗ der tüchtig packen zu müſſen, damit er nicht wieder eſchappire, und heizten der geängſteten Seele dermaßen ein, daß ſie vor Entſetzen über den flammenden Höllen⸗ pfuhl hätte aus der Haut fahren mögen. Kurz, Ihr Herr Onkel, der große Freigeiſt von Neukirchen, der noch vor wenigen Monden bei einem Kruge gut ab⸗ gegohrenen Lagerbieres Himmel und Hölle für durch⸗ aus fabelhafte Lvealitäten erklärte, iſt bereits ein reuig Sündenlamm und tüchtiger Betbruder geworden. Wenn 103 unſere orthodoxe Cleriſei ſo fortfährt, den ſchwachen Mann für's Himmelreich zuzureiten, kann er auf Er⸗ den noch die ſchönſten Dummheiten begehen. Geden⸗ ken Sie des Spruchs von Göthe:„„Die Kirche hat einen guten Magen.““ Doch für dieſen Fall bin ich auch noch da und werde nicht unterlaſſen, ein nach⸗ drücklich Wort dazwiſchen zu rufen. Aber dann iſt es auch Ihrerſeits, mein junger Freund, höchſt nöthig, daß Sie ſobald wie möglich Ihr Ziel zu erreichen ſu⸗ chen. Sind Sie einmal als geachteter Advveat in loco, wird der Alte Sie allen Andern vorziehen.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort,“ erwiederte Willer mit Wärme,„und ich hoffe, Sie ſollen mit mir zu⸗ frieden ſein.“ Von dem Inſpector kam die Rede auf die ander⸗ weitigen Neukirchner Zuſtände, namentlich was die Ge⸗ ſelligkeit und das Verhältniß zwiſchen Adel und dem Bürgerthume betraf. Hier nun war der Hofcommiſſair ordentlich froh, einmal eine gleichgeſinnte Seele gefun⸗ den zu haben, welche ihn verſtand und gegen die er ſich unverholen ausſprechen konnte. Wiederholt ſchlug Willer die Hände über dem Kopfe zuſammen, als Eccarius von dem obwaltenden Kaſtengeiſt, dem übermäßigen adeligen Hochmuthe und der bürgerlichen Demuth referirte. Willer, direct von einer Univerſität kommend, wo der Adel nicht im Geringſten bevorzugt, ja faſt ganz ignorirt wurde, überdies von Natur jeder privilegirten Bevorzugung abhold, würde der Mittheilung ſeines Gönners und Freundes ſchlechterdings keinen Glauben beigemeſſen haben, wenn ſie nicht aus zu wahrheits⸗ liebendem Munde gekommen wäre. „Ja, ja,“ lächelte Ecgarius, nachdem er mehre Anecdötchen aus der neueſten Neukirchner geſellſchaft⸗ 104⁴ lichen Chronik mitgetheilt hatte,„das wird Ihnen Alles unerhört erſcheinen und doch iſt's ſo. Damit Sie aber ſehen, daß ich Ihnen wirklich keine Märchen vorerzählt habe, ſo ſeien Sie morgen mein Gaſt auf unſerm Harmonieballe. Ihr Herr Onkel iſt bereits ſo fromm geworden, daß er auf Bälle und ähnliche lär⸗ mende Luſtbarkeiten ſeit einiger Zeit verzichtet, daher kommen Sie mit mir. Sie werden da wiederholt Ge⸗ legenheit haben, ſich von der Wahrheit meiner Erzäh⸗ lung zu überzeugen.“ Gern nahm Willer die Einladung des Sofeom⸗ miſſairs an und freute ſich nicht wenig, die Abnormi⸗ täten dieſes kleinſtädtiſchen Kaſtengeiſtes con amore beobachten zu können. Der duftende Scharlachberger, der aus den grünen Römern lieblich über die Zunge rieſelte, ſo wie die wohlthuende Bonhommie des Hofcommiſſairs ſchloß dem Studenten das Herz immer mehr auf. Er er⸗ zählte mit Begeiſterung ſein geſtriges Abenteuer im Walde und ſein romantiſches Zuſammentreffen mit der reizenden Clara von Löwenſtern. „Alle Wetter, ſo hoch hinaus?“ lachte der Hof⸗ commiſſair;„indeß hier, mein Freund, laſſen Sie ſich die Hoffnung zu einer nähern Bekanntſchaft vergehen. Die Löwenſtern's gehören zu den Stolzeſten des hie⸗ ſigen Adels; wer da nicht ſeine ſechzehn Ahnen auf dem Rücken, iſt kaum zutrittsfähig.“ „Was da, Ahnen,“ rief Willer in ſeliger Rück⸗ erinnerung,„Sie oder Keine heirathe ich.“ „Hoh, hoh,“ meinte Eeearius in Einem fortla⸗ chend,„wollen Sie nicht gleich lieber die Königin von England freien?“ „Was iſt eine Victoria gegen dieſe vom Himmel gefallene Blume,“ führ der junge Mann leidenſchaft⸗ 105 lich fort.„Ich wiederhole es nochmals, wenn ich Die nicht zur Gattin bekomme, bleibe ich ledig zeit⸗ lebens.“ Wie ſehr dem Hofcommiſſair dieſe hochſtrebende Art und Weiſe gefiel, ſo lag doch die Hoffnungsloſig⸗ keit dieſer Liebe zu ſehr vor Augen, als daß er die ganze Sache anders als für einen Scherz hätte nehmen ſollen. Anſtatt alſo ſolche unfruchtbare Flamme zu nähren, fuhr er in launigem Tone fort: „Was Sie für ein Glückskind ſind, da trifft ſich's ja gerade, daß Sie morgen Ihre Prinzeſſin Turan⸗ dot werden zu ſehen bekommen.“ „Wie ſo?“ frug freudig erregt der Jüngling. „Unfehlbar erſcheint ſie auf dem Balle,“ erwiederte Eccarius. „Das iſt herrlich, da kann ich mit ihr ſprechen, ja ſogar tanzen!“ „Beides dürfte ſeine eignen Schwierigkeiten haben,“ meinte der Hofcommiſſair. „Warum? So ich mich noch von geſtern her er⸗ innere, ſpricht der Engel ganz allerliebſt und tanzen wird er gewiß auch wie eine Sylphide.“ „Ich bezweifle beides nicht,“ fuhr Eeccarius fort, „nur kann ich mich nie eines Falls entſinnen, daß auf einem unſerer Harmoniebälle ein Bürgerlicher mit un⸗ ſerm ſogenannten hohen Adel geſprochen oder gar ge⸗ tanzt hätte.“ „Iſt es in den Statuten verboten?“ frug Willer. „Das nicht,“ erwiederte der Hofcommiſſair,„im Gegentheil genießen alle Mitglieder, ſo wie die mit⸗ gebrachten Gäſte gleiche Rechte.“ „Wohlan,“ ſprach der Student,„was nicht ver⸗ boten, iſt erlaubt, ſo werde ich mit der höhern Nobleſſe tanzen, verſteht ſich, hübſch muß ſie ſein.“ 106 „Freund, Engel,“ rief der Hofcommiſſair aufſprin⸗ gend und Willern ſtürmiſch umarmend,„Sie hat ein Gott geſendet. Wenn Sie als Bürgerlicher es wagen wollten, eine ſolche hochnäſige Neukirchner Prinzeſſin zum Tanze aufzufordern, blos um dieſer übermüthigen Ariſtokratie zu zeigen, daß es noch Leute in der Welt gibt, die den Muth haben, unſer gottverlaſſenes bür⸗ gerliches Publikum zu verblüffen, zu Oelgötzen und Bildſäulen zu verwandeln; ich laſſe Sie in Gold und Rahmen faſſen.“ „Sie belieben zu ſcherzen, Herr Hofcommiſſair,“ lachte Willer,„was wäre das für eine Heldenthat, mit ſolch' einem adeligen Fräulein zu tanzen?“ „Eben weil es keine Heldenthat iſt,“ erwiederte eifrig Eccarius,„kann mich's ärgern, daß nicht Einer von unſern jungen Bürgerlichen ſo viel Conrage be⸗ ſitzt, das außerordentliche Wagniß über ſich zu gewin⸗ nen. Dieſe verblüffte Blödigkeit des Bürgerſtandes, dieſe koloſſale Demuth iſt die alleinige Stufe, auf wel⸗ cher der Adel die ſcheinbar ſchwindelnde Höhe erſtiegen hat. Beim Himmel, ſtünde ich nicht bereits in ſo vor⸗ gerückten Jahren, daß mir der Kopf grau geworden, es ſollte mir zum Seelengaudium gereichen, wie toll. mit dieſer adeligen Sippſchaft einher zu ſpringen und ſollt' ich mir die Seele aus dem Leibe tanzen; nicht aus Vorliebe für den Tanz, dieſer war mir ſchon in der Jugend eine Plage, ſondern lediglich meinem Prin⸗ eipe zu Gefallen.“ „Ich muß geſtehen,“ ſprach der Student,„es iſt weit gekommen in dieſem Neukirchen; indeß da ich ein Fremder bin, wird mir es weniger angerechnet werden, wenn ich gegen die hier üblichen Sitten und Gewohnheiten verſtoße. 4 „Ich ſage Ihnen,“ fuhr E erart freudig fort, 1407 „wenn Sie morgen ein adeliges Fräulein zum Tanze auffordern, alle unſere Chronikenſchreiber malen dieſes außerordentliche Ereigniß mit Fracturbuchſtaben in ihre Folianten.“ „Da kann man hier auf ſehr leichtem Wege zur unſterblichkeit gelangen.“ „Allerdings,“ verſetzte der Hofcommiſſair,„nur daß dieſe Unſterblichkeit von keinem großen Belang iſt. Doch, verehrter Freund, daß wir nicht eins in's andere reden. Da Ihr Oheim von der Prinzeſſingeſ ſchichte und der Relegativn nichts wiſſen ſoll, ſo müſſen wir uns auf eine Nothlüge beſinnen, um Ihre Anweſenheit in Neu⸗ kirchen zu rechtfertigen.“ „Ich habe ſchon hin und her geſonnen,“ erwiederte Willer,„der Ohm wird nicht kleine Augen machen, wenn er mich hier ſieht.“ „Das Beſte und Glanbhafteſte wird ſein,“ fuhr der Hofcommiſſair fort,„wir machen ihm weiß, daß ich Ihnen ein Stipendium verſchafft habe, deſſen Er⸗ hebung Ihre perſönliche Anweſenheit erheiſcht. Der Inſpector weiß, daß ich über Stipendien zu verfügen habe, wird ſich freuen und die Sache ganz in der Ord⸗ nung finden.“ „Ich bin hiermit vollkommen einverſtundei, ſprach der Student,„und es bliebe nur eine Frage zu be⸗ antworten, die Wahl einer andern Univerſität.“ „Gehen Sie auf die kurze Zeit, die Sie noch be⸗ dürfen, nach M.,“ rieth Eccarius.„Mir leben mehre angeſehene Freunde daſelbſt, welche Ihnen von man⸗ chem Nutzen ſein können.“ Willer nahm auch dieſen Vorſchlag mit großem Danke an. Aber was ſoll der Onkel von dem Beſuche einer * andern Univerſität denken?“ frug er.„Es iſt dies 108 nächſt unſrer Landesuniverſität bereits die dritte Hoch⸗ ſchule, die ich beſuche.“ „Wir ſagen,“ erwiederte Eccarius,„das Stipen⸗ dium verlange es ſo; und da dieſes, wie wir vorge⸗ ben, ſehr bedeutend iſt, ſo iſt er viel zu ökonomiſch, als daß er den Wechſel des Studiumortes nicht billi⸗ gen ſollte, zumal wenn ſein Beutel dabei nicht in An⸗ ſpruch genommen wird.“ Bei der Erzählung Willer's von ſeinem geſtrigen Zuſammentreffen im Walde mit dem Fräulein von Löwenſtern hatte er auch mehrmals des ſonderbaren Kauzes erwähnt, der unter dem alten Lindenbaume geſeſſen hatte. Der Hofcommiſſair erkundigte ſich ei⸗ nes Nähern und erkannte ſogleich, daß fragliche Perſon Niemand andres, als der Sportelſchreiber geweſen ſei. Er mußte laut auflachen, als Willer ſein Aben⸗ tener mit Kapplern ausführlich vortrug; doch bald nahm er wieder eine ſcheinbar ſehr ernſte Miene an und ſprach: „Aber wiſſen Sie auch, Verehrter, daß Sie da einem meiner intimſten Freunde gar übel mitgeſpielt haben?“ Der Student blickte den Sprecher mit ungläubi⸗ gem Lächeln an. Der Hofcommiſſair fuhr fort:„Es iſt nicht anders, jener menſchenfreundliche Mann war der Neukirchner Stadtſportelſchreiber Kappler, der un⸗ ter meinem ſpeciellen Schutze ſteht und den nur ein Fremdling, wie Sie, ungeſtraft verletzen darf.“ Er theilte nun Kappler's Charakteriſtik mit, welche Willer durch das Benehmen des ſonderbaren Kauzes vollkommen gerechtfertigt fand. „Dieſer Kappler iſt von Kopf bis Zehe Original,“ fuhr Eccarius fort;„aber ein Original, das man trotz ſeiner Sonderbarkeiten achten und lieben muß. 109 Es iſt unſtreitig der beſte Menſch von ganz Neukir⸗ chen. In ihm iſt nicht ein falſcher Blutstropfen. Gleichwohl würde dieſer im Leben höchſt unbehülf⸗ liche Mann der ſpottſüchtigen Welt eine ergötzliche Beute geworden ſein, wenn ich mich nicht des Armen, ohne daß er eine Ahnung davon hat, ſchon ſeit ge⸗ raumer Zeit angenommen hätte. Man weiß das und hütet ſich, der getreuen Seele zu nahe zu treten.“ „Ich freue mich, ſeine Bekanntſchaft zu machen,“ geſtand Willer,„und hoffe, ihm dann mildere Gedan⸗ ken über meine werthe Perſon beizubringen.“ „Ich werde die Sache ſchon einrichten,“ verſprach der Hofcommiſſair,„daß Sie hier bei mir mit ihm zuſammentreffen. Dann ſollen Sie aber die Augen ſehen, wenn er den Haupträuber als meinen Freund wiederfindet.“ Die Beiden verblieben noch geraume Zeit bei einan⸗ der; dann verabſchiedete ſich Willer, um ſeinem Oheim Sonnenſchmidt einen Beſuch abzuſtatten. achtes Rupitel. Außerordentliches Ereigniß, das ſich auf einem Neukirchner Harmonieballe zuträgt. Es war ein naßkalter Frühlingsabend; wieder ſtand der feſtlich geſchmückte Saal des Neukirchner Rath⸗ hauſes in feſtlicher Erleuchtung. Die Harmoniegeſell⸗ ſchaft beſchloß, wie dies alle Jahre zu geſchehen pflegte, ihre Winterſaiſon mit einem glänzenden Balle. Vie⸗ 11⁰ der kam der Adel der Stadt und Umgegend angefah⸗ ren in eignen und geliehenen Equipagen, während die bürgerlichen Herren und Damen beſcheiden zu Fuße nach dem Rathhauſe eilten. Der Hofcommiſſair mit ſeinem Gaſte, dem Stu⸗ denten Willer, hatte ſich ziemlich früh eingefunden, um das Leben und Treiben des Balls gleich vom An⸗ fange an beobachten zu können. Sonnenſchmidt war trotz den Bitten ſeines Neffen nicht zu bewegen ge⸗ weſen, dem Balle beizuwohnen. Der Saal füllte ſich immer mehr. So wie die Damen zu der Hauptthüre herein waren, wendeten ſich die adeligen ſogleich zur Rechten, während die bürgerliche Flora links abſchwenkte. Dies hatte Zeit und Gewohnheit ſo mit ſich gebracht. Wieder Er⸗ warten befanden ſich heute eine ziemliche Anzahl von jungen männlichen Gäſten auf dem Balle, größten⸗ theils dem Adel angehörig. Willer, welcher ſich mit dem Hofkommiſſair, um beſſer beobachten zu können, faſt ganz in den Hintergrund zurückgezogen hatte, ward daher im Anfange weniger bemerkt, als es außer⸗ dem der Fall geweſen ſein würde. Gleichwohl floh mancher Blick aus ſchönen adeligen wie bürgerlichen Augen von Zeit zu Zeit verſtohlen nach der dunklen Saalecke, wo Willer und Eccarius poſtirt ſtanden, und unruhiger pochte manches Herz bei der verſtoh⸗ lenen Frage:„Wer mag der wunderſchöne junge Mann ſein?“ Da ſich Willer faſt einzig nur mit dem Hofevm⸗ miſſair unterhielt, ſo ſchloß die adelige Welt und insbeſondere die tanzluſtigen adeligen Damen, und zwar letztere mit hohem Verdruß, daß der intereſſante Jüngling unmöglich zu den Ihrigen gehören könne⸗ Die bürgerlichen. Mädchen hingegen bemerkten mit 144 geheimer Freude die Vertraulichkeit des ſchönen Fremd⸗ lings mit dem Hofcommiſſair.„Der tanzt ſicher mit keiner Adeligen,“ ſagten ſie zu ſich,„und nur mit uns, und tanzen muß er wie ein Engel.“ Hier und da hatte es die weibliche Neugier nicht über ſich gewinnen können, bei den beiden Geſell⸗ ſchaftsvorſtehern nach Namen und Stand des jungen Unbekannten zu fragen, aber dieſe wußten ebenſo we⸗ nig, wie die Anfragenden. Sie zuckten mit den Achſeln und wieberteüt „Er ſcheint Geß des Hofcommiſſairs, und dieſer hat ihn uns noch nicht vorgeſtellt.“ „Nun, das muß ich geſtehen,“ meinte die dicke Oberlandreviſorin, welche vor Neugier brannte, denn ſie beſaß zwei heirathsfähige Töchter,„was ſich der Eccarius ſereeninntz es iſt unverantwortlich. Muß nicht jedes Mitglied ſeinen Gaſt dem Vorſteher vorſtellen?“ „Allerdings,“ antwortete der gefragte Vorſtand, „wenigſtens ſteht's ſo in den Statuten der Geſell⸗ ſchaft.“ „Nun da haben wir's,“ fuhr die Oberlandrevi⸗ ſorin mit Eifer fort,„erinnern Sie doch den Hof⸗ commiſſair an die Geſetze; man weiß ja ſonſt in der That nicht, in welcher Geſellſchaft man ſich hier befindet.“ „Sie können ruhig ſein, meine Gute,“ verſetzte der Vorſtand lächelnd,„der Eecarius führt ſicher Nie⸗ manden ein, deſſen ſich die Geſellſchaft zu ſchämen hätte.“ „Ei was,“ ſprach die dicke Madame;„man will doch wie und wo; das iſt ja ganz natürlich, Doctor! ſehen Sie ja zu, daß ſie es herausbekom⸗ men und theilen Sie mir dann den Namen insge⸗ 142 heim mit; Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ich ihn Niemandem verrathe.“ „Ei du alte Hexe,“ dachte der Vorſteher bei ſich, „bei dir wäre ein Geheimniß aufgehoben.“ Indeß war er durch die wiederholten Anfragen ſelbſt neugierig geworden. Er ging daher wiederholt in der Nähe des Hofcommiſſairs vorüber, in der Hoffnung, dieſer werde ſeinen Gaſt präſentiren; aber Ecearius ſchien den neugierigen Doctor gar nicht zu bemerken. Er war mit Willern zu ſehr in's Geſpräch vertieft, wozu das bunte Ballpublikum hinlänglichen Stoff darbot. Der Student, welcher die kaum glaubbare Abſon⸗ derung des Adels von dem Bürger hier mit eignen Augen ſah, gerieth in die höchſte Verwunderung. „Nein,“ ſprach er,„ſo arg hab' ich mir's wahr⸗ haftig nicht vorgeſtellt; ich glaubte bis jetzt immer, Sie, verehrter Freund, hätten in zu grellen Farben aufgetragen, als ſie mir geſtern von dem hieſigen Kaſtengeiſte erzählten, aber jetzt ſehe ich wohl, daß Sie nur zu treu geſchildert haben; ich bin nur begie⸗ rig, wie das bei dem Tanzen werden ſoll; dort ſitzt der Adel, hier das Bürgerthum. Jeder Stand muß da für ſich tanzen, ſonſt begreife ich nicht, wie ſie es anfangen wollen, um nicht durch einander geſchüttelt zu werden.“ „Sehen Sie nur,“ bemerkte der Hofeommiſſair mit geheimem Gaudium,„wie ſich Alle die Köpfe zer⸗ brechen, wer Sie wohl ſein mögen. Selbſt der hohe Adel ſcheint ſich lebhaft zu intereſſiren. Die armen Vorſteher möchten des Teufels werden ob der zahlrei⸗ chen Nachfragen.“ „Es iſt hier wohl Gebrauch,“ frug Willer,„daß ein Gaſt den Vorſtehern genannt wird?“ 113 „Allerdings,“ erwiederte Eccarius,„aber das neu⸗ gierige Volk kann immer noch ein Weilchen warten. Mich ergötzt dieſe unbefriedigte Neugier ungemein. Sehen Sie nur, da unkreiſt uns der Doctor Sachſe mit Sperberblicken; er ſcheint ſpeciell auf Kundſchaft ausgeſchickt. „Es iſt übrigens ſchade,“ fuhr der Hofeommiſſair fort,„daß Sie gerade mein Gaſt ſind; Sie würden außerdem in weit größerem Maaße die Aufmerkſamkeit des Adels auf ſich ziehen. So aber iſt über Sie ſchon der Stab gebrochen, ich nehme einige unſchuldige junge adelige Damen aus. Meine Perſon kann bei dieſer Coterie Ihnen unmöglich zu Credit gereichen.“ Der Vorſteher, Doctor Sachſe, konnte jetzt ſeine Neugierde nicht länger bezähmen. Da Eccarius auch gar keine Anſtalt machte, ſeinen mitgebrachten Gaſt herkömmlicher Weiſe zu produciren, trat er endlich mit höflicher Verbeugung zu dem Hofcommiſſair heran und wollte denſelben in ein Geſpräch verwickeln. Dieſer ging aber darauf faſt gar nicht ein und wandte ſich immer wieder zu Willer, ihn bald auf dieſes, bald auf jenes im Saale aufmerkſam machend. Dem Doctor wollte es das Herz abdrücken. Er mußte wiſſen, wer der Fremde ſei; es koſte was es wolle. Er wandte ſich daher wie von ungefähr wie⸗ der zu dem Hofcommiſſair und frug ſo leiſe wie möglich: „Der fremde Herr iſt Ihr Gaſt, nicht wahr?“ „Allerdings!“ lautete die eintönige Antwort. Jetzt wußte der Doctor ſo viel wie zuvor. Er kannte den Charakter von Eccarius zu gut, als daß er es hätte wagen ſollen, mit der Thür in's Haus zu fallen und gerade Wegs nach Namen und Stand des Unbekannten zu fragen. Er ſuchte daher auf Umwegen ſein Ziel zu erreichen.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. VII. 8 114⁴ „Ein höchſt intereſſanter junger Mann,“ flüſterte er dem Hofcommiſſair von Neuem in's Ohr. Dieſer nickte bejahend, ohne ſich durch die Be⸗ merkung im Geringſten in ſeiner Unterhaltung mit Willern ſtören zu laſſen. „Weit her von hier?“ fuhr Sachſe in ſeinem Examen fort. „Sehr weit,“ erwiederte Eccarius. „Wohl gar ein Verwandter von Ihnen?“ „Nein!“ „Auf der Durchreiſe begriffen, oder auf längern Beſuch hier?“ Jetzt ward der Hofcommiſſair des Fragens über⸗ drüſſig. Er wandte ſich unmuthig zum Doctor. „Sie werden ſpäter, wo ich meinen Gaſt Ihnen vorſtellen werde, das Nähere erfahren, und zwar ganz ausführlich; jetzt aber bitte ich, mich nicht fortwährend zu unterbrechen.“ Der Doetor trabte ab, ſo klug wie zuvor. Er hatte nur ſo viel erkundſchaftet, daß der Fremde weit von hier zu Hauſe und mit dem groben Hofcommiſſair nicht verwandt ſei. Das war allerdings nur eine dürftige Beute, die er gemacht hatte. Kaum war er einige Schritte dahin, als er ſich vor Fragen nicht zu laſſen wußte. „Wie lange iſt es wohl her,“ frug Eccarius den Studenten,„daß Sie das letzte Mal hier waren?“ „Noch nicht vier Jahre,“ antwortete Willer. „Da müſſen Sie ſich außerordentlich verändert haben,“ fuhr der Hofcommiſſair fort,„denn es kennt Sie wirklich keine Seele mehr.“ „Die Urſache mag wohl darin liegen,“ meinte der junge Mann,„daß ich während meines nur ganz kurzen hieſigen Aufenthalts mich nie im Publico ge⸗ zeigt habe.“ 1415 „Hätte ich Sie doch ſelbſt kaum wieder erkannt,“ ſprach Eccarius,„obſchon wir vor noch nicht zwei Jahren mehre frohe Tage in Ihrer zeitherigen Uni⸗ verſitätsſtadt verlebten.“ Während die Zwei noch mit einander ſprachen und von der Neugier aus der Ferne nicht wenig be⸗ obachtet wurden, ſprangen plötzlich beide Flügel der Hauptthüre auf und die Familie von Löwenſtern auf Ehrenberg hielt ihren Einzug. Fräulein Clara in einem Kleide von roſa Atlas ſchwebte wie der junge Morgen neben ihrer geſtrengen Frau Mutter. Ihnen folgte Madame Chignon, neben welcher ein Herr von Brandenſtein ging, ein entfernter Verwandter Löwen⸗ ſtern's, der zum Beſuche auf Ehrenberg eingetroffen war. Er zeigte, ſo viel man bei dem erſten Anblicke bemerken konnte, von vieler Selbſtgefälligkeit. Ganz zuletzt erſchien Herr von Löwenſtern, der Vater der ſchönen Clara. „Nun jetzt werden Sie doch zufrieden ſein,“ frug Eecarius lächelnd, auf die dahin wandelnde Familie zeigend,„aber ich kann Ihren Geſchmack nur loben; Sie haben Recht, das Fräulein iſt eine bezaubernde Erſcheinung.“ Willer vermochte kein Auge von der Geliebten zu verwenden, die ihm heute im glänzenden Ballkleide, unter Kerzenbeleuchtung noch feenhafter vorkam, als ehegeſtern im Walde. Löwenſtern's kam die ganze Eréme der Neukirch⸗ ner Nobleſſe den halben Saal entgegen. Clara ward von den Schweſtern Bianca und Luitgard von Poni⸗ kau ſogleich in Beſchlag genommen und mußte ſich zwiſchen Beide ſetzen. Das Mädchen, welches heute zum erſten Male einem öffentlichen Balle beiwohnte, ließ ſchüchtern die 8* 4116 Blicke über die zahlreiche und glänzende Geſellſchaft ſchweifen; da traf ſie ganz am äußerſten Ende des Saales auf Willer's großes, flammendes Auge, das begeiſtert auf ſie gerichtet war. Sie ſchrak zuſammen und fuhr unwillkürlich mit dem Händchen nach der Gegend des Herzens, als habe ſie einen plötzlichen Schmerz empfunden. Die Ankunft Löwenſtern's gab das Zeichen zu Eröffnung des Tanzes; der hohe Adel war jetzt voll⸗ kommen beiſammen und auf die vielleicht hier und da noch fehlenden Bürgerlichen konnte nicht gewartet werden. Eine prachtvolle Polvnaiſe brauſte vom Orcheſter. Die Paare ordneten und ſetzten ſich in Bewegung. Der Reigen ward eröffnet von dem penſionirten Ge⸗ neral Kirchner und Frau von Ponikau. Dieſem Paare folgte erſt der hohe, dann der niedere Adel; ganz zu⸗ letzt erſt, nachdem der Adel bereits zwei Mal den Saal durchſchritten hatte, wagten es einige Bürgerliche, mit ihren Tänzerinnen ſich ſchüchtern anzuſchließen. Fräu⸗ lein Clara wandelte, ein leuchtender Engel, neben Herrn von Fellenberg, der als Nachbar auf Ehrenberg ſich dieſen Tanz erbeten hatte. „Nun iſt's aber doch wohl Zeit,“ mahnte der junge Willer,„daß Sie mich, geſchätzter Herr Hofcommiſſair, den Vorſtehern präſentiren, denn ich habe, ſobald die Polonaiſe vorüber iſt, große Luſt, an dem Tanze Theil zu nehmen.“. „Ganz nach Ihrem Belieben, werther Freund,“ erwiederte Eccarius, und die Beiden verließen ihren Hinterhalt, um ſich nach einem der Vorſteher umzu⸗ ſehen. Da brauchten ſie nicht lange zu ſuchen. Doe⸗ tor Sachſe war ſogleich bei der Hand.. „Herr Carl Willer,“ ſprach der Hofeommiſſair, 147 ſeinen Begleiter vorſtellend,„Student der Rechte und Neffe eines unſrer Harmoniemitglieder, des Herrn In⸗ ſpectors Sonnenſchmidt.“ Der Vorſteher war wie aus den Wolken gefallen. Er hatte nicht anders geglaubt, als der Fremde müſſe, ſeinem ſtattlichen Aeußern nach, irgend ein vornehmer Ausländer ſein, ein engliſcher Lord oder polniſcher Staroſt oder franzöſiſcher Graf oder dergleichen. In⸗ deß war er dennoch froh, über den räthſelhaften Frem⸗ den den vielen Fragern nun hinreichende Auskunft ge⸗ ben zu können. Er verbeugte ſich mit dem Wunſche, daß ſich Herr Willer recht amüſiren möge, und enteilte unter dem Vorwande, daß dringende Geſchäfte ſeiner harrten. Binnen keinen zehn Minuten war die Nachricht über des unbekannten Gaſtes Namen und Stand dem ſämmtlichen Ballpublikum bekannt und brachte den verſchiedenartigſten Eindruck hervor. Der Adel ärgerte ſich, an ſolch einem höchſt unbedeutenden Subjecte, wie ein deutſcher bürgerlicher Student iſt, ſo regen Antheil genommen, während die bürgerliche Flora er⸗ freut war, einen gewiß flotten Tänzer gewonnen zu haben. Wie ſehr auch Willer gewünſcht hatte, bald auf dem Tanzſaale erſcheinen zu können, ſo war doch wäh⸗ rend der erſten Tänze hieran nicht zu denken. Ein Schwarm von bürgerlichen Philiſtern hielt ihn um⸗ lagert; da er ein Neffe des allbekannten Sonnenſchmidt war, ſo glaubte man weiter keine großen Umſtände mit dem jungen Manne machen zu dürfen und voller gutmüthiger Zudringlichkeit behelligte man ihn mit einer ſolchen Maſſe von ſpießbürgerlichen Fragen, daß Willer endlich verzweifelt aufſprang und nach dem Hofcommiſſair ſuchte. Dieſer, nachdem er ſeinen Gaſt 148 von den Philiſtern umlagert ſah, hatte ſich ganz ſtill in eins der Nebenzimmer gedrückt, wo er mit geheimer Freude ein Glas Punſch verzehrte. Es erquickte näm⸗ lich ſeine humoriſtiſche Natur ungemein, den genialen Jüngling unter einer Menge ängſtlicher Seelen und eingeengter Herzen voller altmodiſcher Anſichten und Gefühle zu erblicken. „Ich bin begierig,“ ſprach er zu ſich,„wie lange es mein guter Studio unter dieſen Thebanern aus⸗ halten wird?“ Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als auch Willer bereits in's Zimmer trat und ſogleich neben ihm Platz nahm. „Hofcommiſſair, werthgeſchätzter Freund,“ rief er, leiſe,„ich bitte Sie um aller Heiligen willen, was iſt das für eine Nation; aus welchem Jahrhundert ſind die übriggeblieben?“ Eccarius mußte bei dieſen Worten dermaßen la⸗ chen, daß ihm, da er gerade trank, einige Tropfen in die Luftröhre geriethen, wovon er den Huſten bekam. Als ſich der Huſten gelegt hatte, fuhr Willer in ſeiner Relation über die Philiſter fort, theilte mehre Fragen mit, die man an ihn gerichtet hatte, wobei ſich der Hofcommiſſair vor Lachen wiederholt die Thrä⸗ nen aus den Augen trocknen mußte. „Nun, werden Sie doch endlich,“ frug er,„einen Begriff haben, was es mit einem Neukirchner Phi⸗ liſter zu ſagen hat?“ „Allerdings,“ erwiederte Willer,„das iſt ja ein höchſt merkwürdiges Geſchlecht.“ „Und Sie werden es jetzt auch in der Ordnung finden, wenn mir viel daran liegt, daß Sie ſich ein⸗ mal hier habilitiren. Dann ſtehe ich wenigſtens nicht ganz allein dieſem Volke gegenüber.“ 1419 „Angenehm,“ verſetzte der junge Mann,„kann ich mir das Leben hier unter obwaltenden Verhältniſſen unmöglich denken.“ „Doch, doch,“ meinte der Hofcommiſſair,„der Menſch gewöhnt ſich an Alles; es lebt ſich mit der Zeit ganz behaglich. Man kann nach und nach jedem Verhältniſſe eine freundliche Seite abgewinnen. Frei⸗ lich bedarf es hierzu einiger Philoſophie.“ Im Saale ward indeß, hauptſächlich was den Adel betraf, flott getanzt. Die als Gäſte mitgebrach⸗ ten jungen Cavaliere, meiſtentheils Söhne von ade⸗ ligen Rittergutsbeſitzern der umgegend, thaten ihr Möglichſtes, während die bürgerliche Flvra ziemlich verlaſſen ſaß. Nur Wenige gelangten zum Tanze. Sehnſüchtige Blicke wurden nach der Thüre geworfen, hinter welcher der Student Willer verſchwunden war. Auf ihn war von Seiten des tanzluſtigen weiblichen bürgerlichen Publikums ſo große Hoffnung geſetzt wor⸗ den; jetzt ſchien auch dieſe in den Brunnen gefallen zu ſein. Ein böſes Geſchick wollte es einmal, daß die bürgerlichen Mädchen auf den Harmoniebällen und Soircen nicht tanzen ſollten. Vergebens war wieder die ſchöne Toilette, womit man ſo viel Glück zu machen gehofft hatte. „Es verlohnt ſich wirklich nicht der Mühe,“ tönte es hier und da von ſchönem Munde,„daß man nur die Harmonie noch beſucht. Es iſt diesmal gewiß das letzte Mal, daß ich hergekommen bin. Ich werde Vater und Mutter bitten, daß wir ganz heraus⸗ treten.“ Dies waren die gewöhnlichen Reden an jedem Harmonieabende. Man gelobte jedesmal hoch und theuer, die ennuyante Geſellſchaft nicht wieder zu be⸗ ſuchen; und kaum war ein neues Einladeſchreiben von 120 Seiten des Directoriums durch die Stadt gegangen, ſo konnten diejenigen, die ſich das letzte Mal am meiſten gelangweilt und geärgert und ſich am bitter⸗ ſten gegen die Harmoniegeſellſchaft ausgeſprochen hat⸗ ten, am wenigſten die neue Soirée erwarten und die Toilette wurde ſorgfältiger denn je überlegt. So iſt der Menſch, und wenn ihm etwas zehn Mal mißlingt, ſo hofft er, daß es das eilfte Mal gelingen werde. Auf den jungen Willer war man alſo äußerſt übel zu ſprechen, weil er ſich nicht wieder blicken ließ. Man hielt es ſogar für unartig, daß er als ſo naher Verwandter eines bürgerlichen Harmoniemitgliedes den Töchtern Neukirchens ſo gar wenig Aufmerkſamkeit widme. Die guten Kinder ahneten nicht, daß der arme junge Mann zwiſchen ihren eigenen ehrwürdigen Vätern und Oheimen eingekeilt ſaß und nicht los⸗ kommen konnte. Eccarius und Willer ſaßen noch eine geraume Zeit beiſammen, da wurde vom Orcheſter ein neuer Galopp annoncirt. „Wohlan,“ ſprach aufſtehend Willer,„von dem hieſigen Bürgerthume hab' ich einen Vorgeſchmack be⸗ kommen; ich will nun mein Glück bei dem Adel ver⸗ ſuchen.“ Eccarius munterte ihn hierzu aus Leibeskräf⸗ ten auf. „Ich habe gerade Luſt zu tanzen,“ fuhr der Stu⸗ dent fort,„und werde mir ein gnäd'ges Fräulein ausſuchen. Welche ſind denn die Capriciöſeſten, die ihren Abſcheu vor dem Bürgerthume am wenigſten zu verbergen vermögen?“ „Kommen Sie, theurer Freund,“ ſprach dienſt⸗ fertig der Hofcommiſſair;„ich werde Ihnen aus der Ferne die Matadorinnen bezeichnen. Vorſtellen kön⸗ 121 nen Sie ſich dann von einem der Vorſteher laſſen; ich würde dieſes Geſchäft gern ſelbſt übernehmen, aber ich ſtehe mit dieſen Leuten in zu geſpannten Verhältniſſen, daß ich Ihnen nicht unnöthiger Weiſe ſchaden mag.“ Die Beiden nahmen jetzt wieder ihr voriges Plätz⸗ chen ein, von wo man den Saal gut überſchauen konnte. Kaum hatten ſie Poſto gefaßt, als ſie wie⸗ der die Blicke namentlich der nichttanzenden bürger⸗ lichen Damen, auf ſich zogen. „Ach, er iſt doch wunderhübſch,“ flüſterte ein lieb⸗ liches Lockenköpfchen dem andern zu.„Ach, welche Seligkeit,“ ſeufzte es hier und da,„wenn er dich erlöſen und mit dir tanzen wollte.“—„Der abſcheu⸗ liche Hofcommiſſair,“ dachten andere,„er iſt allein Schuld, daß der Student nicht auf den Saal her⸗ auskommt, er läßt ihn ja gar nicht von ſich. Wes⸗ halb hat er ihn denn mitgebracht, wenn er nicht tan⸗ zen ſoll?“ „Sie ſehen hier die ganze Garnitur unſrer jun⸗ gen höchſten Nobleſſe,“ belehrte jetzt Eccarius ſeinen zuhorchenden Gaſt.„Da vor allen die ſtolzgebaute Dame im vrangefarbenen Kleide mit dem modiſchen Kopfputz iſt die Primadonna unſerer hoffärtigen Ari⸗ ſtokratie, ſie bekommt Krämpfe, ſobald eine bürger⸗ liche Hand es wagen wollte, ihren gebenedeiten Leich⸗ nam im Tanze zu berühren; es iſt Fräulein Bianca von Ponikau; ſie übertrifft an Hochmuth und Adelsſtolz ſelbſt ihre Mama, welche kleine, etwas leb⸗ hafte Frau dort mit dem alten General Kirchner ſich unterhält.“ „Die fordere ich zum nächſten Tanze auf,“ ſprach Willer raſch entſchloſſen. „Die Alte?! Warum nicht gar,“ lachte der Hof⸗ commiſſair. 122 „Nein, die junge, die Bianca.“ „Recht ſo,“ ſprach Eccarius,„verſuchen Sie Ihr Glück. Ich geſtehe, ich freue mich königlich auf die Geſchichte.“ Er rieb ſich dabei mit geheimem Entzücken die Hände. „Dann tanze ich mit EClara,“ fuhr Willer fort, „ich hoffe, die wird mir keinen Korb geben.“ „Wenn ſie ihrem Herzen folgen darf, gewiß nicht,“ erwiederte der Hofcommiſſair,„aber ſo ſitzt das arme Kind in der hochadeligen Clique mitten drinnen. Ich glaube ſchwerlich, daß man ihr einen Tanz mit Ih⸗ nen erlauben wird.“ „Nous verrons! wenigſtens verſuch ich's!“ meinte Willer.. „Verſteht ſich,“ ſprach Eccarius,„Sie haben ſich den Guckuck um den hieſigen Adel zu bekümmern.“ Er fuhr jetzt in der Beſchreibung der jungen hoch⸗ adeligen Damen fort:„Bianken zur Rechten,“ ſprach er,„die lange, ſchmächtige Dame im dunkelfarbigen Kleide iſt ihre Buſenfreundin, welche den Namen Adele von Liebenrode führt; ſie gilt hier zu Lande für eine Nichte des General Kirchner. Da ſie von der Natur weniger begünſtigt worden, als Bianca, ſo iſt ſie dafür um ſo moquanter. Neben ihr ſitzt im blaßblauen Kleide Fräulein Luitgard von Ponikau, Bianken's Schweſter, gleichfalls weniger hübſch als Bianca. Sie bildet die Dritte in dem liebenswürdigen Kleeblatte. Dieſe drei Damen geben den Ton an in der jüngern adeligen Welt; nur die Moden, die ſie tragen, ſind nobel, nur der Kreis, wo ſie erſcheinen, iſt wahrhaft vornehm. Bianca, obſchon von Herzen beſſer, als ihre beiden Alliirten⸗ iſt gleichwohl vollet Launen. Sie herrſcht in ihrem 123 Gebiete wie eine Königin, und wehe dem, der ſich ihrem herviſchen Scepter nicht blindlings unterwerfen wollte.“ „Ich werde mich dieſer gefürchteten Dame unver⸗ züglich vorſtellen laſſen und ſie um einen Tanz bit⸗ ten,“ verſetzte Willer. Der Hofcommiſſair ſchwamm im dritten Himmel. Das war immer der ſehnlichſte Wunſch ſeines Her⸗ zens geweſen, daß einmal ein junger, nicht adeliger, unerſchrockener Mann kommen möchte, um der hoch⸗ fahrenden adeligen Sippe zu zeigen, daß es unter dem gebildeten Bürgerſtande auch noch Leute gibt, welche ſich wenig um die hochſeligen Ahnen kümmer⸗ ten. Wie oft auch der Hofcommiſſair intriguirt hatte, damit ſich ein bürgerlicher Tänzer an das oben be⸗ ſchriebene Kleeblatt wage, es war ihm nie gelungen; keiner wollte den Anfang machen; jeder ſchützte Rück⸗ ſichten und unüberſteigliche Hinderniſſe vor. Da führte ihm das Ungefähr den Willer zu. Dieſer ſchien ihm auch ganz der Mann zu ſein, den Neukirchner Prin⸗ zeſſinnen mit Anſtand die Spitze bieten zu können. Er hatte Kopf und Herz auf dem rechten Flecke, ließ ſich von keinem Könige, viel weniger von ein paar hochfahrenden adeligen Fräuleins einſchüchtern. Mit entſchiedener Charakterfeſtigkeit und einem energiſchen Willen verband er einen Ernſt und eine Würde, wie man ſie ſeinen Jahren kaum zugetraut hätte. Trotz dem waren ſeine Manieren fein, faſt chevaleresk, ſo daß er ſich ohne Zwang und mit Leichtigkeit und An⸗ ſtand in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft zu be⸗ wegen verſtand. Während Willer nach dem Vorſteher ſuchte, der ihn vorſtellen ſollte, lehnte der Hofcommiſſair mit großer Behaglichkeit in ſeiner Saalecke und erwartete die Dinge, die da kommen ſollten. 12⁴ Der Student hatte endlich den Doctor Sachſe aufgefunden und eröffnete ihm ſeinen Wunſch, dem Fräulein Bianca von Ponikau vorgeſtellt zu werden. Als der Doctor dieſen Namen hörte, erſchrak er und gerieth nicht wenig in Verlegenheit. „Dem gnädigen Fräulein von Ponikau,“ frug er, als wenn er die Worte Willer's nicht gehörig ver⸗ ſtanden hätte,„wünſchen Sie vorgeſtellt zu werden?“ „Dem Fräulein Bianca von Ponikau, ſo iſt's,“ erwiederte Willer mit beſcheidener Feſtigkeit. „Hm,“ ſprach der Doctor, deſſen Verlegenheit im⸗ mer ſichtbarer wurde, indem er ſich beklommen die Hände rieb,„leider muß ich Ihnen, ſehr geehrter Herr, offenherzig bekennen, daß ich nicht die Ehre habe, mit dem genannten gnäd'gen Fräulein in ſo weit bekannt zu ſein, daß ich es wagen könnte, ohne zudringlich zu erſcheinen, ihr Jemanden vorzuſtellen.“ „Aber Sie ſind ja Vorſteher,“ gegenredete Willer, dem dieſe übertriebene Aengſtlichkeit ärgerte. „Allerdings,“ verſetzte der Doctor,„man nimmt es jedoch in dieſen Angelegenheiten, namentlich was die gnäd'gen Fräuleins anbelangt, in unſerer Geſell⸗ ſchaft ſo ungemein ſtreng, daß ich mich, zumal ich das erſte Mal das Glück habe, als Vorſteher der Harmonie gewählt zu ſein, eines großen Verſtoßes würde zu Schulden kommen laſſen, ſo ich Ihren, allerdings höchſt billigen Wunſch, geehrteſter Herr, erfüllen wollte. „Wir leben einmal,“ ſetzte er achſelzuckend, in halb lautem Tone hinzu,„in ſo beengten Verhältniſſen, daß es oft wirklich kein angenehmes Geſchäft iſt, hier Vor⸗ ſteher zu ſein. Sie werden alſo gütigſt entſchuldigen, wenn ich wahrhaft bedauern muß, Ihrem Wunſche nicht entſprechen zu können. Wollen Sie jedoch mei⸗ nem ältern Mitvorſtande, dem Herrn von Goldberg, 125 Ihren Wunſch zu erkennen geben, ſo bezweifle ich nicht, daß Ihnen ein Hinderniß in den Weg gelegt werden dürfte. Herr von Goldberg iſt von gutem Adel und ſteht mit dem Hauſe von Ponikau auf ziemlich vertrautem Fuße.“ „Das geht in der That löblich auf dieſem Neu⸗ kirchner Balle zu,“ dachte Willer; dann erkundigte er ſich bei dem zaghaften Vorſteher, wo ſein adeliger Herr College zu finden ſei. „Wenn Sie wünſchen,“ erwiederte der Doctor,„ſo will ich Sie recht gern zu ihm führen; Herr von Gold⸗ berg befindet ſich in einem der Nebengemächer.“ „Sie würden mich verbinden,“ ſprach der Student, und wandelte an der Seite des Doctors, der von ſei⸗ nem Erſtaunen, ein ſolcher Fall war ihm in ſeiner Prapis noch nicht vorgekommen, ſich gar nicht zu er⸗ holen vermochte, dahin. „Mit dieſem Menſchen kann's wirklich nicht voll⸗ kommen richtig ſein“ überlegte er unterwegs.„Was? ein Neffe des rohen Sonnenſchmidt, ein ſimpler Stu⸗ dent, will ſich dem Fräulein Bianca vorſtellen laſſen, wohl gar mit ihr tanzen, nun das gibt einen Sean⸗ dal, wogegen ſich die unterbrochene Schlittenfahrt im vorigen Winter verſtecken muß.“ Der Hofcommiſſair, welcher, ohne das Geſpräch Willer's mit dem Doctor verſtanden zu haben, bald erkannte, wie die Sachen ſtanden, lachte ſich in's Fäuſt⸗ chen. Er bemerkte Sachſen's Verlegenheit und freute ſich ausnehmend, daß ſich der Student nicht hatte werfen laſſen. Der Doctor langte jetzt mit Willern in dem Zim⸗ mer an, wo ſein adeliger Mitvorſteher, Herr von Gold⸗ berg, in die Lectüre von Zeitungen vertieft, bei einer Taſſe Thee ſaß. 126 Nachdem der Doctor den Studenten vorgeſtellt, trug dieſer mit aller Ehrerbietigkeit ſein Anliegen vor. Herr von Goldberg ſah Willern mit einem lan⸗ gen, ernſten Blicke an, in welchem deutlich die Worte zu leſen waren:„Junger Mann, was nehmen Sie ſich heraus?“ Dann frug er, als habe er ebenfalls den ausgeſprochenen Wunſch nicht recht verſtanden, nach einer Pauſe:„Dem Fräulein Bianca von Po⸗ nikau wünſchen Sie vorgeſtellt zu werden?“ „Es iſt mein Wunſch und meine Bitte,“ erwie⸗ derte der Student, und fügte, ſich entſchuldigend, hin⸗ zu:„Ich würde nicht gewagt haben, Sie, mein gnä⸗ diger Herr, zu incommodiren; aber leider bin ich fremd hier und kenne Niemand auf dem Balle, welchem ich mein Anliegen vortragen könnte. Selbſt der Herr Harmonievorſteher, Doctor Sachſe, an welchen ich mich wandte, hatte die Güte, mir zu ſagen, daß ich meine Bitte bei Ihnen anbringen möchte.“ Ein langer, ſtrafender Blick von Seiten des Herrn von Goldberg traf den armen Doctor. Dann wandte ſich der adelige Vorſteher mit vornehmem Anſtande wieder zu Willer. „Könnte ich vielleicht ausrichten,“ frug er,„was Sie dem gnäd'gen Fräulein mitzutheilen haben?“ Der Student, welchem dieſe Worte nicht wenig verdroſſen, erwiederte daher mit ablehnender Höflichkeit: „Mit Verlaub, mein gnädiger Herr, ich habe um eine verſönliche Vorſtellung bei dem Fräulein ge⸗ beten.“ Herr von Goldberg wußte in den erſten Augen⸗ blicken nicht, ob er der kühnen Bitte des Studenten willfahren ſolle oder nicht. Wenn auf der einen Seite das vermeſſene Verlangen Willer's, denn für ein ſol⸗ ches hielt er's, ſeinen adeligen Hochmuth auf das Em⸗ 127 pfindlichſte beleidigte, ſo erkannte er doch auf der an⸗ dern Seite, daß er keinen ſogenannten Strohrenom⸗ miſten, ſondern einen gebildeten, ernſten, jungen Mann, der nicht das Ausſehen habe, mit ſich ſpaßen zu laſ⸗ ſen, vor ſich habe und bei welchem es auf keinen Fall angenehme Folgen haben könne, falls er die ſo höflich vorgebrachte Bitte, die bei Lichte betrachtet auch höchſt unſchuldig war, abſchlagen wollte. Zu⸗ mal als Vorſteher konnte er dies gleich gar nicht, ohne einer großen Unhöflichkeit ſich zu Schulden kom⸗ men zu laſſen. Nachdem er alles dies überlegt hatte, frug er in einem Tone, dem man's freilich bedeutend anhörte, wie unangenehm dem Vorſteher die ganze Sache ſei: „Wann wünſchen Sie, Herr Willer, dem gnädigen Fräulein vorgeſtellt zu werden?“ „Mein gnäd'ger Herr,“ erwiederte der Student, welcher die Verſtimmung Goldberg's durchaus nicht zu bemerken ſchien, ſo höflich wie möglich,„das bleibt ganz Ihrer hohen Güte anheimgeſtellt.“ „Wohlan, ſo folgen Sie mir,“ ſprach der adelige Vorſteher, und ſchlug, von Willern begleitet, den Weg nach dem Saale ein. Es war gerade eine Tanzpauſe, als der Student an Goldberg's Seite eintrat. Ein allgemeines Stau⸗ nen, von leiſem Geflüſter begleitet, bemächtigte ſich des ſämmtlichen bürgerlichen Publikums, während der Adel durch Blick und Miene ſeine unverkennbare In⸗ dignation an den Tag legte. Aber Staunen und In⸗ dignation erreichten einen auf einem Neukirchner Har⸗ monieballe nie erhörten Grad, als die beiden Wan⸗ derer ihren Weg direct nach der Gegend einſchlugen, wo der höchſte Adel thronte, und endlich gar vor Bianca von Ponikau ſtehen blieben. 128 „Mein gnädiges Fräulein,“ ſprach Goldberg, ſei⸗ nen Begleiter präſentirend, in einem Tone, der deut⸗ lich anzeigte, wie wenig ihm an der Protectorſchaft des Vorzuſtellenden gelegen war,„der Herr Student Willer hat mich als derzeitigen Vorſteher erſucht, daß ich ihn Ihnen vorſtelle, welches hiermit geſchieht.“ Mit dieſen Worten ließ er den jungen Mann ſtehen und kehrte unverzüglich nach dem Leſezimmer zurück. Ohne die ehrerbietige Verbeugung des Studenten im Geringſten zu erwiedern, warf Bianca einen Blick auf ihn, in welchem ſich eine ſo indignirende Verach⸗ tung malte, daß jeder Andere davor zurückgebebt ſein würde. Hierauf wendete ſie das Geſicht abwärts und that, als wenn gar Niemand vor ihr ſtände. Willer, der ſich hierdurch nicht im Geringſten aus der Faſſung bringen ließ, blieb ſanft und artig und ſprach: „Entſchuldigung, mein gnädiges Fräulein, ich wollte ergebenſt anfragen, ob ich das Glück haben könnte, die nächſte Galoppade mit Ihnen zu tanzen?“ Eine ſolche Unverſchämtheit, wofür ſie dieſe An⸗ frage hielt, war Fräulein Bianca im Leben noch nicht vorgekommen. Ihr ſtolzes Inneres empörte ſich. Gleichwohl behauptete ſie die Faſſung, und ohne den Frager eines Blicks zu würdigen, warf ſie in einem wahrhaft unnachahmlich wegwerfenden kurzen Tone die Worte hin:„Ich tanze dieſen Tanz nicht.“ „Es ſchmerzt mich dies unendlich,“ fuhr Willer mit großer Ruhe fort,„oder wäre dem gnädigen Fräulein vielleicht ein ſpäterer Tanz gefällig?“ Das war zu viel. „Ich tanze nicht,“ wiederholte ſie nochmals mit wahrhaftem Abſcheu vor der bürgerlichen Zudringlich⸗ 129 keit; ſpraug auf und eilte nach dem Orte zu, wo ihre Mutter in Geſellſchaft mehrer älterer hochadeliger Damen ſaß, um hier vor dem frechen Studenten gleichſam Schutz zu ſuchen. Es bildete ſich ſogleich ein Kreis älterer und jün⸗ gerer neugieriger Freundinnen um das in hoher Auf⸗ regung ſich befindende Ariſtokratenkind.„Was wollte er?“ hieß es hier und da.„Tanzen?! Unerhörte Unverſchämtheit! Wie können nur ſolche Subjecte überhaupt auf dem Balle zugelaſſen werden? Aber Fräulein, das muß man Ihnen laſſen, Sie haben den gemeinen Menſchen wahrhaft göttlich abgefertigt. Der wagt's nicht wieder, eine adelige Dame zu einem Tanz aufzufordern. Was ſich der Pöbel heutzutage heraus⸗ nimmt! Es iſt wahrhaft lächerlich, ſolche Anmaßung! Er war auch wie vom Donner gerührt, als Sie gnä⸗ diges Fräulein, ihn ſo zerknirſcht ſtehen ließen. Ihr Benehmen war wirklich unvergleichlich. Er ſchlich davon wie ein gemeiner Miſſethäter.“ „Es iſt auch gut für ihn,“ ſprach Herr von Brandenſtein, welcher im Verein einiger andern jun⸗ gen, adeligen Herren Fräulein Bianca tröſtend und belobend umſtanden,„daß der Unverſchämte ſchleunigſt den Saal geräumt hat, ich würde ſonſt dem Burſchen bewieſen haben, daß er wo anders hin, als auf einen Tanzſaal gehört.“ Zugleich erſuchte er bei dieſer Gelegenheit Fräulein Bianca um die Ehre des nächſten Tanzes. „Recht gern,“ erwiederte dieſe und freute ſich, eine Gelegenheit zu haben, wo ſie zeigen konnte, daß es ihr keineswegs an Tanzluſt gemangelt habe, als ſie dem frechen Studenten den Korb gegeben. Unter den adeligen Ballgäſten befanden ſich nur zwei Perſonen, welche den Studenten nicht ver⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. vll. 9 130 dammten, und welche das Benehmen Bianca's nicht gut hießen. Das war erſtens Elara von Löwenſtern, die in ihrer Unſchuld nicht begreifen konnte, worin das Verbrechen liegen ſollte, wenn ein anſtändiger, am Balle theilnehmender, junger, bürgerlicher Herr ein adeliges Fräulein zum Tanze auffordere. Der vis zur gröblichſten Unart geſteigerte Hochmuth des ältern Fräuleins von Ponikau verdroß ſie außerordent⸗ lich; zugleich bedauerte ſie von Herzen ihren Liebling, den armen Willer. „Hoffentlich hat er ſich aus dem groben Korbe nicht viel gemacht,“ ſprach ſie tröſtend zu ſich,„we⸗ nigſtens ſah er mir nicht darnach aus. Ich weiß nicht, was die wollen. Darnach wäre er wie ein Ver⸗ brecher davon geſchlichen. Davon hab' ich nichts ge⸗ merkt; im Gegentheil ſchien er ganz unbefangen, und als ob nichts vorgefallen, den Saal zu verlaſſen. Aber es geſchah ihm ſchon recht,“ fuhr die kleine Eiferſucht nach einer Weile fort,„warum forderte er auch gerade die ſtolze, hoffärtige Bianca auf; ſie iſt allerdings ſchön; aber ich bin doch auch nicht häßlich, und er war ja ehegeſtern ſo freundlich mit mir; warum kam er nicht zu mir; ich würde ihm den Ga⸗ lopp gewiß nicht abgeſchlagen haben, wenn auch Mut⸗ ter, Madame Chignon, Ponikau's und Fellenberg's finſtere Geſichter gemacht hätten, die ich ob meines Thun und Laſſens ſchon gewohnt bin.“ Der andere adelige Ballgaſt, welcher das Betragen des Fräulein Bianca von Ponikau entſchieden miß⸗ billigte, war der alte würdige General Kirchner. Er ſaß gerade am LHombretiſche, als man ihm die außerordentliche Hiſtorie hinterbrachte. Der alte Krieger war ordentlich aufgebracht über ſolche adelige Imperti⸗ nenz. Wenn ihm aber Etwas zu arg wurde, nahm er ſich kein Blatt vor dem Mund. 13¹ „Die beiden Ponikau's und meine Manſell Nichte dazu,“ polterte er,„werden am Ende vom lieben Gott und von dem Herrn Heiland nichts mehr wiſſen wol⸗ len, weil dieſe Leute nicht von Adel find. Die hof⸗ färtigen Dinger mögen ſich in Acht nehmen, daß ſie mit ihrem unſinnigen Hochmuthe nicht einmal an den unrechten Mann kommen. Na, ich ſollte der Herr Studente nicht ſein.“ „Der Alte wird wirklich ſchwach,“ flüſterten ſich achſelzuckend ein adeliger Herr dem andern in's Ohr. „Er kann in der beſten Geſellſchaft den alten Huſaren nicht verläugnen.“ Der desperate Korb, welchen Willer davon getra⸗ gen, hatte unter dem bürgerlichen Ballpublikum nicht geringere Senſation hervorgebracht als unter dem Adel. Der weibliche Theil freute ſich faſt durchgängig, daß der Student alſo heimgeſchickt worden war; warum hatte ihn der Hochmuth in dem Maße verführt, daß er Seinesgleichen vernachläſſigend, nach dem höchſten Adel trachtete. Was Willern ſelbſt betraf, ſo war er ſehr gefaßt geblieben. Er verließ mit aller Ruhe, ja mit einem gewiſſen zufriedenen Lächeln den Saal und kehrte zu dem Hofeommiſſair zurück, dem er ſein Mißgeſchick mittheilte. Dieſer drückte ihm theilnehmend die Hand. „Sie haben unternommen,“ belobte er,„wozu ſich bis jetzt noch kein bürgerlicher Neukirchner hat ent⸗ ſchließen können; ſchon das verdient alle Anerkennung. Laſſen Sie ſich übrigens ob der ſchnöden Zurückwei⸗ ſung kein graues Haar wachſen. Dieſer Erfolg war vorauszuſehen. Ich habe freilich mit den Zähnen ge⸗ knirſcht ob dieſer empörenden Impertinenz; aber hyf⸗ fentlich findet ſich einmal Gelegenheit, wo man die⸗ 9 X 132 ſem adeligen Pöbel ſeinen unſinnigen Hochmuth wird fühlen laſſen können.“ „Mein Gott,“ erwiederte Willer mit großem Gleichmuthe,„die ganze Sache verdient ja das Auf⸗ heben gar nicht, das man davon macht. Wenn das Fräulein ſchlechterdings nicht tanzen will, kann ſie nicht dazu gezwungen werden; allerdings war ihr Be⸗ nehmen nicht das artigſte, das man von einer gebil⸗ deten Dame am wenigſten hätte erwarten ſollen; in⸗ deß, was thut's; ich werde hoffentlich auch ohne Fräulein Bianca eine Tänzerin finden.“ „Das iſt brav, mein Freund,“ munterte Eccarius auf,„tanzen Sie nun um ſo flotter; wenn's auch keine Adelige iſt, da ſitzen hübſche bürgerliche Damen in Menge, ganz allerliebſte Mädchen; tanzen Sie, als ob nichts vorgefallen wäre, und beweiſen Sie durch die That, daß Sie ſich den Teufel um die grobe adelige Hexe ſcheren.“ Während der Hofcommiſſair ſo ſprach, blickte Willer unverwandt und etwas lauernd nach dem Tanz⸗ raume, wo die Paare ſo eben zu einem neuen Tanze antraten. Da bemerkte er plötzlich, wie Herr von Brandenſtein ſeine Tänzerin, Fräulein Bianca von Ponikau, mit vieler Selbſtgefälligkeit geführt brachte und ſich dem Tanzreigen anſchloß. Ein Freudenſtrahl zuckte bei dieſer Wahrnehmung über ſein Geſicht. „Aha,“ ſprach er kaum hörbar,„iſt es ſo ge⸗ meint? Da haben wir auch ein Wörtchen drein zu ſprechen.“ „Jetzt paſſen Sie auf,“ rannte er dem Hofcom⸗ miſſair in's Ohr, und verließ ſchleunigſt ſeinen zeit⸗ herigen Standpunkt. Eccarius wußte nicht, was Willer damit ſagen wollte, und verfolgte aufmerkſam mit der Lorgnette 133 ſeinen jungen Gaſt, der bald wieder mitten auf dem Saale erſchien, wo er ſich einigen älteren Herren an⸗ ſchloß, die von ihrem mittlern Standpunkte aus die tanzenden Paare bequemer überſehen konnten. Der Tanz begann, es war der reizende Guitana⸗ galopp von Lanner, deſſen befeuerndes Tempo die Tän⸗ zer in beflügelter Eile dahinriß. Das erſte Paar be⸗ ſtand aus einem Herrn von Eckſtein und dem Fräu⸗ lein Luitgard von Ponikau. Das ſechste Paar waren Herr von Brandenſtein und Bianca. Letztere ſchaute mit ſtolzer Genugthuung um ſich, ohne den kaum zehn Schritte von ihr ſtehenden Willer eines Blickes zu würdigen und triumphirend floh die übermüthige Ariſtokratin alsbald an der Seite ihres adeligen Tän⸗ zers durch den Saal. Der Uebermuth und die Rück⸗ ſichtsloſigkeit dieſer Dame gingen ſo weit, daß ſie allen Geſetzen der Tanzordnung, die, um Unordnung zu ver⸗ hüten, an mehren Saalwänden mit ſehr leſerlichen Buchſtaben angeſchrieben ſtanden, zum Trotz, nie da⸗ hin zu bringen war, bei den ſogenannten runden Tänzen, nach dem gewohnten zwei⸗ oder dreimaligen Herumtanzen, wie die Regel gebeut, welche auch die übrigen Paare befolgten, ſich an das letzte Paar des Reigens wieder anzuſchließen. Fräulein Bianca glaubte ſich über dieſe ſpießbürgerliche Sitte erhaben. Es war ihr unerträglich, hinter einem oder mehren Paaren zu⸗ rückſtehen zu müſſen, wie leicht konnte ſich eine bür⸗ gerliche Creatur darunter befinden. Sie zog es daher vor, nach eignem Gutdünken zu tanzen, und Halt zu machen, wenn und wo es ihr beliebte. Es kam ihr dieſe Tanzweiſe um ſo vornehmer vor, da ſie eine ähnliche einmal auf dem Hofball geſehen. Wie allemal, ſo auch diesmal; nachdem ſie mit ihrem Herrn dreimal durch den Saal auf und nieder 134⁴ galoppirt war, ſtellte ſich das Paar, von dem übrigen Tanzreigen ganz iſolirt, am obern Ende des Saals auf, wo die hochadelige Mutterſchaft ſaß. Jetzt ereignete ſich die außerordentlichſte Scene, die, ſo lange auf dem Neukirchner Rathskellerſaale getanzt worden, nicht vorgekommen war. Der Stu⸗ dent Karl Willer, ſobald er wahrgenommen, daß Bianca von Ponikau Poſto gefaßt, ſchritt gerade auf ſie zu. Der ſämmtliche Adel, wie das geſammte Bür⸗ gerthum glaubte mehr zu träumen, denn zu wachen, als ſie dieſe unerhörte Wanderung gewahrten. Dem Pickelflötiſten auf dem Orcheſter blieb der Athem aus. „Gnäd'ges Fräulein,“ ſprach Willer mit ruhigem, aber entſchiedenem Ernſte,„Sie werden nicht weiter tanzen.“ „Dieſer Mann iſt wahnfinnig,“ rief Bianca außer ſich und klammerte ſich ängſtlich an den Arm ihres Tänzers. „Fürchten Sie nichts von meinem Wahnſinne,“ lächelte Willer,„ich bediene mich als beleidigter Theil blos eines guten Rechts; ſo Sie mit Ballſitte bekannt ſind, werden Sie es in der Ordnung finden, daß Sie nicht weiter tanzen dürfen.“ „Ich erſticke, zu Hülfe!“ ſchrie Bianca und ſank einigen herbeiſtürzenden Damen ohnmächtig in die Arme. Herr von Brandenſtein, dem bei der höchſt uner⸗ warteten Scene ganz unheimlich geworden war, er⸗ mannte ſich endlich und rief: „Herr, wie können Sie ſich erfrechen?!“ „Mein Herr,“ erwiederte Willer mit furchtbarem Ernſte,„keine Beleidigung!“ „Sie werden mir Rede ſtehen!“ „Sehr gern.“ 135 „Wohlan, folgen Sie mir!“ Die Beiden eilten ſchnell davon; auf dem Saale entſtand die unerhörteſte Aufregung; die adeligen Tänzer und Tänzerinnen verließen den Reigen, und eilten der ohnmächtigen Bianca zu Hülfe; die ganze Galoppade ging aus einander; die Muſiker kamen aus dem Takte, ein Theil der Inſtrumente verſtummte, während Andre in der Verwirrung ganz falſch griffen und pfiffen. Der Pickelflötiſt, der ſich wieder in Etwas erholt hatte, glaubte das Verſäumte einbringen zu müſſen und ſchmetterte ohrenzerreißende Töne; nur der halbblinde Contrabaſſiſt ließ ſich nicht aus der Contenance bringen und ſtrich ruhig hin und wieder. Es war eine haarſträubende Muſik, bis man endlich vom Saale herauf, wo das ungeheure Charivari nicht mehr auszuhalten war, allgemein nach Ruhe rief. Der enragirte Pickelflötiſt, welcher ſehr ſchwer hörte, wollte ſich gar nicht bedeuten laſſen und pfiff noch eine geraume Zeit Solo, bis ihn der erzürnte Muſik⸗ director mit ſeiner Geige auf den Kopf ſchlug und zur Ruhe brachte. Der Adel war außer ſich; namentlich konnte ſich der weibliche Theil nicht zufrieden geben. Er ſtand dicht gedrängt um die Ohnmächtige, über welche alle aufzutreibenden Riechfläſchchen und Eſſenzen ausge⸗ goſſen wurden. Es war eine Aufregung und Ge⸗ ſpanntheit, als ſollte eine Königin von einem Kron⸗ erben entbunden werden. Das bürgerliche Publikum nahm nicht geringern Antheil an dem außerordentlichen Vorfalle. Ein großer Theil deſſelben war heuchleriſch genug, ſeinen Schmerz und ſein Beileid über das Schickſal des Fräulein Bianca auszudrücken, während man im In⸗ nern frohlockte. Man ging ſelbſt ſo weit, Willer's 136 Verfahren gegen adelige Damen, die jetzt in der Zeit der Noth die Etiquette nicht berückſichtigend, mit bürgerlichen ſprachen, höchlichſt zu mißbilligen. Nur äußerſt Wenige waren ehrlich genug, offen zu er⸗ klären, daß das Fräulein ſeine Strafe vollkommen ver⸗ dient habe. Nachdem alle Flacvns über den Leichnam der ſchönen Bianca geleert, die weichen Glieder ſattſam frottirt und die Schläfe mit Hoffmann'ſchem Geiſte reichlich gewaſchen worden waren, ſchlug zu allgemei⸗ nem Troſte die Ohnmächtige ihr dunkles Auge wieder auf. Nun ging's an ein Bedauern und an ein Tröſten, das gar kein Ende nehmen wollte. Trotz der allgemeinen Beileidsbezeugungen wollte es indeß dem Fräulein Bianca keineswegs länger auf dem Balle gefallen. Der Schreck war ihr in die Füße gefahren, daß ſie an kein Tanzen weiter dachte. Sie bat die Mutter, den Wagen vorfahren zu laſſen, wozu Frau von Ponikau auch ſogleich den Befehl er⸗ theilte. Jetzt begann neues Wehklagen über den Verluſt der Familie Ponikau. „Sie werden es gerechtfertigt finden, meine Da⸗ men,“ ſprach Frau von Ponikau beim Abſchiede, „daß ich nicht länger in einer Geſellſchaft verweilen und auch künftig nicht in derſelben erſcheinen kann, wo meine Töchter den brutalſten Mißhandlungen aus⸗ geſetzt ſind.“ „Ich werde gleichfalls anſpannen laſſen,“ erklärte raſch reſolvirt die Nichte des General Kirchner, Fräu⸗ lein Adele von Liebenrode und Buſenfreundin Bianca's. „Es könnte,“ ſetzte ſie ſpöttiſch hinzu,„dem tanz⸗ luſtigen Herrn gleichfalls iw den Sinn kommen, mir die Ehre des Tanzes zu erweiſen.“ „Der pöbelhafte Menſch wird hoffentlich aus der Geſellſchaft entfernt ſein,“ tröſteten mehre Damen. 137 „Um Gottes Willen,“ ſchauderten andere,„wenn das Ungeheuer nochmals erſchiene!“ „Der Herr von Brandenſtein,“ ſagten wieder andre, „ſchaffte ihn hinweg. Er wird das Scheuſal gewiß unſchädlich gemacht „Eins iſt beſſer als das Andre,“ meinte Fräulein Adele,„ich laſſe anſpannen.“ Während ſich Ponikau's zum Auföruche fertig machten, gab's in dem vom Tanzſaale abgelegenen Zimmer, wohin Herr von Brandenſtein Willern geführt hatte, damit er ſein Betragen gegen das Fräulein von Ponikau rechtfertige, ſtürmiſche Debatten. Faſt ſämmtliche Herren von Adel waren den Zweien ge⸗ folgt, während von den bürgerlichen Harmoniemit⸗ gliedern einzig der Hofcommiſſair ſeinem Gaſte zu Hülfe eilte. So wie Eccarius Willern anſchaute, fiel er ihm wonnetrunken um den Hals. „Sie ſind ein Gott,“ rief er,„es iſt der ſchönſte Tag meines Lebens.“ Zugleich nahm er entſchieden Partei für den von allen Seiten Angegriffenen. Willer ſelbſt behauptete eine bewundernswürdige Faſſung und Ruhe. Er hatte den Vorfall der Wahr⸗ heit getreu mitgetheilt und berief ſich auf die in jeder gebildeten Geſellſchaft gültigen Anſtandsregeln und VBallgeſetze. Dies wollte ein, großer Theil der jungen Adeligen nicht gelten laſſen. Willer erklärte, daß er noch die gelindeſte Art und Weiſe hervorgeſucht habe, dem Fräulein ihre Unart fühlbar zu machen. Das war Oel in's Feuer. Die Gemüther der Adelspartei erhitzten ſich. Einige verlangten, Willer ſolle die Geſellſchaft verlaſſen. Im Innern des Studenten kochte es bei dieſer 138 beleidigenden Zumuthung; indeß mit Rückſicht für den Hofcommiſſair, deſſen Gaſt er war, bezwang er ſich auch diesmal und erwiederte: „Recht gern werde ich dieſe Räume verlaſſen, ſo⸗ bald mir der Vorſteher aus den Statuten der Har⸗ monie nachweiſ't, daß ich mich durch mein Betragen der Anweſenheit in dieſer Geſellſchaft unwürdig ge⸗ macht habe.“ Man ſuchte jetzt aller Orten nach den Vorſtehern, welche den Studenten kraft ihres Amts vom Balle entfernen ſollten. Der ängſtliche, rückſichtsvolle Doctor Sachſe, als er den Sturm ſich erheben ſah, war förmlich geflüchtet. Er ſah ein, daß es hier leicht zu einem Schiedsgerichte kommen könne, und da er, wollte er gerecht ſein, Willern nicht Unrecht geben konnte, wünſchte er auf der andern Seite dem zahl⸗ reich verſammelten Adel nicht zu nahe zu treten. Er hielt alſo für am gerathenſten, ſich auf einige Zeit total unſichtbar zu machen und die bedenkliche Ent⸗ ſcheidung ſeinem ältern Collegen, dem Herrn von Goldberg, zu überlaſſen. Dieſen hatten auch mehre adelige Herren endlich gefunden und transportirten ihn unter fortwährenden Ermahnungen, daß er den Studenten aus der Geſell⸗ ſchaft entfernen müſſe, nach dem abgelegenen Gemache, wo es ſehr tumultuariſch herging. Willer theilte, ohne ſich von den häufigen leiden⸗ ſchaftlichen Unterbrechungen der Adeligen im Gering⸗ ſten ſtören zu laſſen, nochmals den ganzen Hergang der Sache mit. Goldberg hörte der Erzählung mit ſichtbarem Miß⸗ muthe zu, dann führte er Willern abſeit. „Sie ſehen, mein Herr,“ ſprach er zu dem jun⸗ gen Manne,„die hohe Aufgeregtheit von faſt ſämmt⸗ 139 lichen Geſellſchaftsmitgliedern; ſelbſt meinem Anſehen als Vorſteher dürfte es kaum gelingen, die Gemüther zu beruhigen; Ihre Anweſenheit iſt einmal der all⸗ gemeine Stein des Anſtoßes; alſo handeln Sie klug und vermeiden Sie noch einen größern Scandal, für deſſen Ausgang ich nicht ſtehen und deſſen Folgen für Sie nur höchſt unangenehm ſein können; entfernen Sie ſich. Das iſt meiner Anſicht nach das Beſte, das ich Ihnen anrathen kann.“ Willer's Lippen zitterten vor Zorn bei dieſer ent⸗ ehrenden Zumuthung; er war einen Augenblick zwei⸗ felhaft, ob er dem adeligen Vorſtande auf diejenige Art antworten ſollte, wie deſſen Rede es verdiente, wodurch allerdings der Tumult den äußerſten Grad erreicht haben würde, indem ſämmtliche Adelige un⸗ bedingt für ihren Vorſteher Partei ergriffen hätten. Die Vernunft behielt zum Glück für Willern auch in dieſer ſchweren Periode die Oberhand. Er erwie⸗ derte dem Herrn von Goldberg nur die Worte: „Mein Herr Vorſteher der Neukirchner Harmo⸗ niegeſellſchaft, ich habe nicht an Ihre Weisheit, ſon⸗ dern an Ihr Rechtsgefühl appellirt, ich verlange nicht nach Ihrem ſogenannten guten Rathe, ſondern nach Ihrer Entſcheidung als Vorſteher, und ich frage Sie daher als einen Mann von Ehre, ob mir eine rechts⸗ widrige oder auch nur eine ſchicklichkeitswidrige Hand⸗ lung zu Laſt gelegt werden kann?“ Der Vorſteher zuckte mit den Achſeln. „Wenigſtens iſt bei uns nicht Sitte,“ gegenre⸗ dete er,„daß man einer hochachtbaren Dame, ſelbſt wenn dieſe von einer kleinen Uebereilung nicht ganz frei zu ſprechen ſein dürfte, ihre Handlungsweiſe auf ſolche Art entgelten läßt, wie Sie gethan haben.“ Ich bedaure hier,“ verſetzte Willer,„andrer „Ich 14⁰ Meinung zu ſein. Was Sie da als kleine Ueberei⸗ lung bezeichnen, halte ich nach meinem geſunden Men⸗ ſchenverſtande für abſichtliche Impertinenz.“— „Mein Herr,“ unterbrach hier der Vorſteher,„ich muß Sie bitten, ſich hinſichtlich Ihrer Ausdrücke—“ „Deutſcher Worte zu bedienen, nicht wahr?“ fuhr Willer mit erhobener Stimme fort,„alſo ab⸗ ſichtliche Unverſchämtheit, wie Sie wollen. Se⸗ hen Sie, mein geehrteſter Herr von Goldberg, wenn man ſolche bei einem ganz gemeinen Weibe findet, wird man vielleicht weniger Notiz davon nehmen, weil ſich da nicht viel Beſſres erwarten läßt; macht ſich aber eine ſogenannte gebildete Dame einer Unver⸗ ſchämtheit ſchuldig, ſo iſt es jeder Gebildete ſchon der Ehre ſeines Standes ſchuldig, dieſe falſche Primadonna zu entlarven und ihr den bloße Gemeinheit verhüllen⸗ den heuchleriſchen Schleier abzuziehen.“ Durch dieſe Worte Willers, welche er dem ade⸗ ligen Harmonievorſteher zur Antwort gab und die er mit ſehr vernehmbarer Stimme ſprach, ſo daß ſie von den im Zimmer anweſenden größtentheils jungen Ade⸗ ligen deutlich verſtanden werden konnten, wurde der Zorn der letztern gegen den bürgerlichen Studenten noch mehr aufgeregt. Die Leidenſchaft übertänbte, wie dies in ſolchen Fällen in der Regel ſtattfindet, immermehr das Gefühl für Recht und Sitte. Nicht eben cavaliergemäße Drohworte wurden gegen Willern vernehmbar. Man ſprach geradezu von gewaltſamer Entfernung des Verhaßten. Vergebens gab ſich der Hofcommiſſair alle Mühe, den jungen Hitzköpfen zur Vernunft zu reden. Seine Stellung zu dem Adel war aber leider von der Art, daß ſeine Gegenwart zur Beruhigung der Gemüther weit mehr von Nach⸗ theil denn von Nutzen war. Auch gegen ihn fielen 144 die unzweideutigſten Drohworte. Da Eccarius end⸗ lich einſah, daß hier auf parlamentariſchem Wege Nichts auszurichten ſei, und daß die beleidigenden Reden bald zu ernſten Thätlichkeiten übergehen würden, wo dann die beiden Bürgerlichen der Uebermacht des Adels nothwendigerweiſe erliegen mußten, ſo eilte er nach den vordern Gemächern zurück, wo der größte Theil der bürgerlichen Herren mit ſüßem Schauer von fern den ſtreitenden Stimmen, die von Zeit zu Zeit, namentlich wenn die hintere Thüre auf⸗ und zuge⸗ macht wurde, dahertönten, zuhörten. Mehre beſorgte Familienväter hatten es ſogar unmittelbar nach Be⸗ ginn des Streites für rathſam erachtet, lieber den Ball zu verlaſſen, als ſich der Gefahr auszuſetzen, in un⸗ verſchuldete Mißhelligkeiten zu gerathen. Beſſer ſei bewahrt als beklagt, hatten ſie mit bedenklichem An⸗ geſicht geäußert und waren zu nicht geringer Entrü⸗ ſtung ihrer tanzluſtigen weiblichen Cortège mit ange⸗ zündeter Laterne der ſichern Heimath zugepilgert. Der Hofcommiſſair predigte wie ein zweiter Peter von Amiens zum Kreuzzuge gegen den Adel. Er donnerte wie Demoſthenes. Bei jedem andern Pu⸗ blico hätten ſeine flammenden Worte außerordentliche Wirkung hervorbringen müſſen. Er beſchwor die bür⸗ gerlichen Harmoniemitglieder, nur dies einzige Mal ſich mannhaft zu zeigen, zuſammenzuhalten und der ariſtokratiſchen Aroganz die Spitze zu bieten. Sie befänden ſich in ihrem größten Rechte, es gelte die Ehre ihres Standes, die von dem Adel ſo himmel⸗ ſchreiend verletzt worden ſei; wenn ſie heute nicht auf⸗ träten, hätte die übermüthige Nobleſſe in der Har⸗ monie ein für allemal gewonnenes Spiel. Das war Alles taubeu Ohren gepredigt. Die bür⸗ gerlichen Mitglieder ſahen ſich, eins das andre, kopf⸗ ſchüttelnd an. 142 „Ich menge mich nicht in die Sache; ich auch nicht,“ hieß es hier und da;„bei dergleichen Streitig⸗ keiten iſt keine Ehre kinzulegen. Was der Willer eingebrockt, kann er auch aufeſſen, wie kämen wir dazu; zudem iſt es ein Fremder, der ſich gar nicht ſo viel hätte herausnehmen ſollen.“ Wie groß auch der Einfluß war, den der Hof⸗ commiſſair über ſehr viele der bürgerlichen Harmonie⸗ mitglieder ausübte, ſo vermochte er doch hier, obſchon nicht einmal der Schatten einer Gefahr ſich zeigte, trotz ſeiner befeuernden Beredtſamkeit nicht das Geringſte auszurichten. Von den ſämmtlichen anweſenden Bür⸗ gerlichen fand ſich nur ein Einziger vor, der Tuch⸗ händler Breitkopf, welcher durch des Hofcommiſſairs Worte alarmirt, Anfangs entſchloſſen war, dem Eecarius gegen den Adel zu folgen. Unglücklicher Weiſe beſann er ſich aber noch zu rechter Zeit, daß Herr von Fellenberg ſein Tuch bei ihm kaufe. Wie leicht konnte er dieſen Kunden verlieren, ſo es be⸗ kannt wurde, daß er unter Anführung des Hofcom⸗ miſſairs gegen den Adel zu Felde gezogen ſei. Er trat alſo zurück unter dem Vorwande, daß er nicht der Einzige ſein wolle, welcher die Kaſtanien aus dem Feuer hole. Wenn ſich Niemand weiter entſchließe, dem Aufgebote des Herrn Hofcommiſſairs zu folgen, nähme auch er ſein Wort zurück. Sie Drei, der Hofcommiſſair, der Student und Er, könnten allein dieſe Sache nicht ausmachen. „Wohlan,“ ſprach endlich Eccarius zu den Bür⸗ gerlichen,„ich verlange ja gar nicht, daß Sie mir in Perſon folgen ſollen, um an dem Streite in der That Theil zu nehmen, erlauben Sie mir nur, daß ich, da der bürgerliche Vorſteher nicht aufzufinden, in Ihrem Namen ſprechen darf' und daß mir ſpäter Niemand 1⁴¹3 von dem zurücktritt, was ich in ſeinem Namen ver⸗ handelt habe. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß mir blos darum zu thun iſt, die Rechte der Geſell⸗ ſchaft zu wahren.“ Da auch hierin Seitens der engherzigen Bourgeviſie kein Entſchluß zu Stande kam und Eccarius bemerkte, daß die zu hinterſt Stehenden bei ſeinem Antrage ſo unbemerkt wie möglich davon ſchlichen, konnte er ſich nicht enthalten, der philiſterhaften Schaar einige nicht eben feine Wahrheiten in's Geſicht zu ſagen, worauf er wieder nach dem hintern Zimmer eilte, um we⸗ nigſtens für ſeine Perſon dem Studenten nach Kräf⸗ ten beizuſtehen. Willer hatte ſich während des Hofcommiſſairs Ab⸗ weſenheit mit wahrer Heldenruhe gegen die mannig⸗ fachen adeligen Inſinuationen gehalten. Die ſowohl durch dieſen Gleichmuth, wie durch genoſſene geiſtige Getränke immer mehr in Harniſch gerathenen Cava⸗ liere, drängten jetzt dem Einzelſtehenden näher und da wiederholte Aeußerungen nicht undeutlich vermu⸗ then ließen, als wolle man die ausgeſtoßenen Drohun⸗ gen in Ausführung bringen und ſich thätlich an dem Wehrloſen vergreifen, nahm Willer eine wahrhaft athletiſche Poſitivn an und ſeine Stimme ward furchtbar. „Meine Herren,“ donnerte er,„der erſte, der mich anrührt, iſt ein Kind des Todes; ich erwürge ihn mit meinen Händen. Verlangen Sie Genugthuung nach den Geſetzen der Ehre; ich ſtehe Jedem bereit. Für jetzt aber hab' ich weiter nichts mit Ihnen zu ſchaffen.“ „Poſſen,“ rief eine Stimme,„wer ſich ſo un⸗ ritterlich gegen eine Dame beträgt, iſt nicht ſatis⸗ factionsfähig.“ „Ja wohl,“ beſtätigten andere im Uebermuthe 144⁴ des Weinrauſches und voller Händelſucht,„hinaus! hinaus!“ Es würde bei dieſer Aufregung der Gemüther auch unfehlbar zu Thätlichkeiten gekommen ſein, wenn nicht in demſelben Augenblicke, als auf die Perſon des Studenten ein Angriff geſchehen ſollte, beide Thür⸗ flügel aufgeſprungen und der würdige General Kirch⸗ ner, eine Zornesflamme auf dem ehrwürdigen Geſichte, in's Gemach trat. „Was geht hier vor,“ donnerte er in ehemaligem Commandotone,„iſt das eine Aufführung, wie ſie ſich für gebildete Männer und in einer gebildeten Ge⸗ ſellſchaft ziemt?“ „Und was muß ich erleben,“ fuhr er fort; und ſeine Stimme ward entſetzlich; ſein flammendes Auge ſchweifte zornglühend über die Schaar der durch des alten Kriegers unverhofftes Erſcheinen ſehr betretenen Edelleute, worunter ſich mehre ſeiner Vettern befan⸗ den;„was muß ich erleben, funfzehn bis zwanzig ge⸗ gen einen Einzigen; iſt das ritterlich?“ Herr von Brandenſtein war jetzt bemüht, das Be⸗ nehmen ſeiner Partei in Schutz zu nehmen, indem er den Beweggrund des Streites näher aus einan⸗ der ſetzte. „Schweigen Sie,“ herrſchte der General,„ich weiß Alles.“ Mit dieſen Worten ſchritt er auf Willern zu und reichte dieſem die Hand. „Sie haben,“ fuhr er, die erfaßte Rechte wieder⸗ holt ſchüttelnd, fort,„vollkommen Recht gehandelt, mein Herr Student, an Ihrer Stelle hätt ich's ebenſo, wenn nicht ſchlimmer gemacht. Wenn die Herren Bürgerlichen alle ſo dächten wie Sie, würden unſre Mamſells die Naſen nicht ſo hoch tragen. Durch —— ſe— 145 übertriebene Demuth von der einen und unſinnigen Hochmuth von der andern ſind die Sachen eben ſo verteufelt ſchlimm geworden. Ich bin ein alter Knax, ich habe genug geeifert gegen den Heidengreuel, aber es hat Nichts geholfen, endlich bin ich der Sache überdrüſſig geworden; aber ich freue mich allemal, wenn ich einen tüchtigen Menſchen antreffe, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat und der wenig Federleſens macht mit abgeſchmacktem Uebermuthe, ſondern den geraden Weg geht, wie ſich's gebührt. Es ſoll mich freuen, mein Herr Student, Ihre nä⸗ here Bekanntſchaft zu machen.“ Während der Gene⸗ ral mit Willern ſprach, erſchien ein Diener, welcher dem alten Kirchner meldete, daß der Wagen vorge⸗ fahren ſei. Kirchner ſah den betreßten Burſchen mürriſch an. „Was fällt dem Eſel, dem Johann ein,“ ſprach er,„ich will ja noch gar nicht fort.“ „Das gnädige Fräulein haben befohlen,“ erwie⸗ derte der Diener. „Meine Nichte? Was fällt der ein?“ „Das gnädige Fräulein,“ fuhr der Betreßte fort, „gibt Ew. Excellenz zu bedenken, daß Frau von Po⸗ nikau nebſt Fräulein Töchtern bereits den Ball ver⸗ laſſen haben.“ „Aha, ich merke,“ nickte der alte General;„ſag' Er jetzt einmal dem Johann, daß er wieder nach Hauſe fahren und ausſpannen ſolle; und meiner Fräulein Nichte ſage Er, ſie möge ſich's immer noch ein Weil⸗ chen gefallen laſſen.“ „Allons, meine Herren,“ wandte er ſich wieder zu den adeligen Herren,„was wollen Sie noch hier? Hinaus auf den Tanzſaal, dort, wo die tanzluſtigen Damen Ihrer harren, iſt Ihr Terrain.“ Stolle, Sämmtl. Schriften. vll. 10 146 Keiner wagte, dem alten Krieger zu widerſprechen, der zuweilen, wenn man's an ihn brachte, ein gar ſtrenges Regiment führte. Sein Anſehen unter dem Adel von Neukirchen war außerordentlich, und letzterer mußte ſich, zumal wenn der Alte übler Laune war, viel gefallen laſſen. Erſtens zählte der General nicht weniger denn vierundſechzig Ahnen, worauf freilich er ſelbſt am wenigſten gab; dann gehörte er zu den ſpe⸗ ciellen Freunden des Landesfürſten; ferner behauptete er hinſichtlich ſeines Ranges unter der Neukirchner Ariſtokratie den erſten Platz und endlich befanden ſich auch ſeine Mittel in ſo glänzenden Umſtänden, daß ſich kein Adeliger in der Nähe und Ferne mit ihm zu meſſen vermochte. Da faſt die halbe Ritterſchaft von Stadt und Umgegend in ſeinen Büchern ſtand, ſo konnte er ſich auch Manches gegen dieſe adeligen Herren herausnehmen. Man zuckte in ſolchen Fällen die Achſeln, nannte die Excellenz unter ſich einen „alten Huſaren,“ der mit der feinern Geſittung nicht fortgeſchritten ſei und dem man daher Manches zu Gute halten müſſe. Der General war vom Landesfürſten, der den alten Degen wahrhaft kindlich verehrte, wiederholt eingeladen worden, ſeinen Wohnſitz in der Reſidenz aufzuſchlagen, damit ſie ſich öftrer ſehen und ſprechen könnten; aber Kirchner hatte ſeinem fürſtlichen Freunde, wie dies ſeine Art war, offen heraus erklärt, daß er das Hofleben und die davon unzertrennliche Etiquette nicht leiden könne. Er lebte daher bereits ſeit einer geraumen Reihe von Jahren in Neukirchen, deſſen Gegend ihn ungemein anzog. In den erſtern Jahren hatte er ſich's viel Mühe koſten laſſen, zwiſchen Adel und Bürgerthum ein geſelligeres und freundlicheres Verhältniß herzuſtellen; aber weder bei erſterm noch 147 bei letzterm war er mit ſeinen menſchenfreundlichen Ideen durchgedrungen. Mit den Männern wären ihm ſeine Reformpläne vielleicht gelungen, aber bei dem weiblichen Theile der Geſellſchaft, dem adeligen wie dem bürgerlichen, war Hopfen und Malz verloren. Endlich, als er alle ſeine Mühe vergeblich ſah, war er wild geworden und hatte mit den Worten: „Hol' Euch Alle der Teufel!“ ſeinen wohlgemeinten, aber unausführbaren Plan aufgegeben. Er war von dieſer Zeit ganz indifferent hinſichtlich der geſelligen Angelegenheiten geworden. Der Adel benutzte dies, zog ſich ſchroffer von dem Bürgerthume zurück und erhob ſtolzer denn je ſein Haupt. Nur bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten, wie im vorliegenden Falle, erwachte in dem General der alte Geiſt und da donnerte er, wie es ihm um's Herz war, ohne vor dem anweſenden Publikum die geringſte Rückſicht zu nehmen. Der General Kirchner wäre vielleicht der einzige Adelige in Neukirchen und Umgegend geweſen, mit welchem ſich der Hofcommiſſair verſtanden haben würde, hätte es das Unglück nicht gewollt, daß die Beiden ſeit vielen Jahren in einem eben ſo verwickelten, in⸗ triguenvollen, wie koſtſpieligen Prozeß mit einander lagen. Der Grund hiervon war folgender: Der General hatte ſich gleich nach ſeiner Nieder⸗ laſſung in Neukirchen ein am grünen Werlaufer rei⸗ zend gelegenes Gartengrundſtück gekauft und auf die Verſchönerung deſſelben außerordentliche Summen ver⸗ wandt. Es konnte nichts Anmuthigeres geben, als dieſen Kirchner'ſchen Garten und Park. Leider aber laſtete auf dieſem Grundſtück eine höchſt beſchwerliche Servitut, von welcher ihr Herr allerdings ſeit einer Reihe von Jahren keinen Gebrauch gemacht hatte, ſo 10* 1⁴8 daß der General die Unannehmlichkeit derſelben nicht gewahr worden war. Der Beſitzer einer in der Nähe des Kirchner'ſchen Gartengrundſtücks gelegenen bedeu⸗ tenden Tuchfabrik beſaß nämlich ſeit urdenklichen Zei⸗ ten für ſich und ſeine Fabrikarbeiter das Recht, ver⸗ möge eines von dem Beſitzer des Gartengrundſtücks beſonders zu unterhaltenden Weges mitten durch den Kirchner'ſchen Garten gehen und ſelbſt mit kleinen Karren hindurchfahren zu dürfen. So lange der vor⸗ malige Fabrikbeſitzer, welcher mit dem General auf befreundetem Fuße ſtand, lebte, war an eine Be⸗ nutzung der gedachten Servitut nicht zu denken; plötz⸗ lich aber ſtarb er und die Fabrik gelangte auf dem Wege der Subhaſtation in den Beſitz des Hofcom⸗ miſſairs, welcher ſich vor ganz kurzer Zeit erſt in Neu⸗ kirchen niedergelaſſen hatte. Es verging wieder einige Zeit: der neue Beſitzer der Fabrik ließ viel bauen; als ihm mit einem Male die Idee kam, ob es nicht bequemer und gerathener ſei, die Baumaterialien auf dem weit kürzern Wege durch den Kirchner'ſchen Gar⸗ ten herbeizuſchaffen? Der Hofcommiſſair war übrigens keineswegs un⸗ billig. Er bedachte, daß, da die Servitut lange nicht in Ausübung gekommen, dem General eine ſo uner⸗ wartete Paſſage nur höchſt unangenehm ſein könne. Alſo wäre der Vortheil nicht zu überwiegend, ſo wollte er ſeiner Meinung nach von ſeinem Rechte keinen Gebrauch machen. Gleichwohl mußte er ſich die Sache in Augenſchein nehmen. Nichts war natürlicher. Bei der Uebergabe der Fabrik hatte der Hofcom⸗ miſſair zugleich auch den Schlüſſel zu der Thüre em⸗ pfangen, welche in den Garten des Generals und zu dem Wege führte, deſſen Benutzung ihm gllein recht⸗ mäßig zuſtand. Er ſuchte alſo eines Tages dieſen 149 Schlüſſel hervor und machte ſich Kach der Beſitzung Seiner Excellenz auf den Weg. Es koſtete ihm nicht wenige Mühe, die Thüre in der Gartenmauer, welche ſo viele Jahre nicht war benutzt worden, zu öffnen. Schloß und Angel waren mit der Länge der Zeit ganz verroſtet. Endlich gelang es dem Hofeommiſſair dennoch, ſich den Eingang zu öffnen. Er gelangte in den Garten; aber wie groß war ſein Erſtaunen, als ſich auch keine Spur von einem Wege, welchen der Gartenbeſitzer in fahrbarem Stande zu erhalten hatte, vorfand. Die Spaliere zu beiden Seiten waren niedergeriſſen und der Fahrweg in fruchtbares Garten⸗ land umgeſchaffen. Während ſich Eccarius noch der gerechten Ver⸗ wunderung über dieſe unverhoffte Metamorphoſe über⸗ ließ, wandelte der General in einiger Entfernung in ziemlich übler Laune eine Lindenallee auf und ab. In gleichem Grade aber wie der Hofcommiſſair über den in Hinwegfall gekommenen Weg, verwun⸗ derte ſich die Epcellenz über die urplötzliche Erſchei⸗ nung des Eccarius, den er perſönlich kennen zu ler⸗ nen noch keine Gelegenheit gehabt hatte. „Wo iſt denn der Kerl mit einem Mal herge⸗ kommen?“ frug er ſich. Seine Verwunderung und üble Laune aber erreichten einen noch weit höhern Grad, als er gewahrte, wie der Hofcommiſſair mit ſeinem Spazierſtocke eine Art. Vermeſſung anſtellte. Er rief daher dem in ſeiner Nähe beſchäftigten Gar⸗ tenarbeiter ſehr laut, ſo daß ſie der Hofcommiſſair deutlich verſtehen konnte, die Worte zu: „Pieper! frag' Er doch einmal, was der Kerl da wolle! Und was das überhaupt für Manieren wären, ſich mir nichts dir nichts in fremdes Eigenthum ein⸗ zudrängen?“ 150 Der Gartenarbeiter Pieper, welcher den Hofcom⸗ miſſair gleichfalls noch nicht von Perſon kannte, und ſeiner Natur nach nicht der höflichſten Race angehörte, brachte die Fragen des Generals auf ſo grobe Art an den Mann, daß ihn Eecarius gar keiner Antwort würdigte. Pieper glaubte ſichsnun berufen, den Examen aus eigenen Mitteln fortzuſetzen, und ward daher wo mög⸗ lich noch gröber, wobei er der Perſon des Hofcom⸗ miſſairs ziemlich nahe kam. „Wenn Er, infamer Schlingel,“ erwiederte end⸗ lich Eccarius, als ihm die Pieper ſchen Redensarten zu bunt wurden,„nicht augenblicklich Ruhe hält und ſich davon packt, ſo werde ich Ihm mit meinem Stocke einen Denkzettel aufzählen, den Er nicht vergeſſen ſoll.“ Da Eccarins es liebte, auf das Wort die That ſchnell folgen zu laſſen, ſo kam er auch ſofort mit geſchwungenem ſpaniſchen Rohre auf den Gartenar⸗ beiter zu. Dieſer, ebenſo haſenhaft als grob, war⸗ tete die Sache von wegen des Denkzettels nicht ab, ſondern galoppirte unverzüglich zur Excellenz zurück, welcher er über den bösartigen Fremden Rapport ab⸗ ſtattete. „Der Kerl muß verrückt ſein,“ rief der General und ging nun ſelbſt nach dem Orte, wo ſich Eccarius befand. „Mein Herr, wer ſind Sie?“ frug Kirchner in ſtrengem Tone,„und was haben Sie hier zu ſuchen?“ Ohne auf dieſe Fragen etwas zu erwiedern, ver⸗ ſetzte der Hofeommiſſair in ziemlich rügendem Tone: „Ich muß mich ſehr verwundern, Ew. Excellenz, daß ſich Hochdieſelben ohne meine Erlaubniß unbefugter Weiſe meines Eigenthums angemaßt haben.“ 154 5 Der alte Krieger, welcher an die Servitut ſeit langen Jahren mit keiner Sylbe gedacht und das auf ſeinem Grundſtück laſtende Recht des Fabrikbe⸗ ſitzers total vergeſſen hatte, glaubte jetzt in der That, es rapple mit dem Unbekannten. Er betrachtet ſich denſelben genauer, um vielleicht aus deſſen ſonderba⸗ ren Geberden oder ſtarrem Blicke die Gewißheit ſeiner Vermuthung beſtätigt zu finden. Er wußte 3 was er auf die irrfinnige Rede erwiedern ſollte, als der Hofcommiſſair fortfuhr: „Es ſcheint ei Ihnen, Herr General, ganz in Vergeſſenheit gerathen zu ſein, daß Sie dem Beſitzer der Neumühle einen Fahrweg durch Ihren Garten unterhalten müſſen; und dieſe pvetiſchen Blumenbeete hier ſehen nicht wie eine proſaiſche Straße aus.“ „ Der General glaubte noch immer mit einem Ver⸗ 5 rückten zu thun zu haben, als ihm der Hofcommiſſair die Sache faßlicher aus einander ſetzte. Jetzt erſt begann es in ſeinem Innern ein wenig zu tagen. Er beſann ſich auch, wiewohl nur ganz dunkel, einmal von einer Servitut haben erzählen zu hören. Hatte er indeß damals ſchon dieſes Recht für eine an ſich höchſt unbedeutende Sache gehalten, ſo erſchien es ihm jetzt wo möglich noch unbedeutender, ja wahrhaft lächerlich. Wenn der General, der allerdings, was die edle Rechtsgelahrtheit anlangte, als kein großes Licht gel⸗ ten konnte, das gute Recht des Hofcommiſſairs nicht ſo gar en bagatelle behandelt hätte, ſo würde ſich Letzterer vielleicht zu einer billigen Ablöſungsſumme der Servitut haben bereitwillig finden laſſen. Auf 4 die Art und Weiſe aber, wie der General ſich aus⸗ ſprach, durfte man dem Eccarius nicht kommen. Je ſpaßhafter der alten Exeellenz der Gedanke er⸗ 152 ſchien, daß der Hofcommiſſair von einem Fahrwege fabelte, der mitten durch ſeine ſchönen Roſengehege, deren Anlage ihm ſo horrente Summen gekoſtet, füh⸗ ren ſollte, um ſo ernſtlicher nahm Eccarius die Sache. Der alte General, der ſich's nicht im Traume bei⸗ kommen ließ, daß er von Obrigkeits wegen könne ge⸗ zwungen werden, einen ſolchen Fahrweg nicht nur zu dulden, ſondern ſogar für ſein eigenes Geld fix und fertig herzuſtellen, gab endlich dem Hofcommiſſair den guten Rath, er ſollte endlich ſchweigen und ſich nicht auslachen laſſen. Natürlich ward Eccarius auf dieſe Weiſe nur erbitterter und nahm eine noch entſchie⸗ denere Sprache an. Er verlangte jetzt allen Ernſtes, daß binnen acht Tagen der Fahrweg wieder herge⸗ ſtellt ſei, oder er würde klagbar werden. Das war zu viel für den alten General. Die Galle lief über. Es zuckte ihm in allen Gliedern, dieſen höchſt unver⸗ ſchämten Menſchen, den er nicht einmal kannte, ent⸗ weder ſelbſt durchzuprügeln, oder ihn durchprügeln zu laſſen. Die alte Huſarennatur, welche wenig Rück⸗ ſichten zu nehmen pflegte, kam zum Vorſchein. Er nannte den Hofeommiſſair jetzt geradezu Er, und rieth demſelben, ſo ſchleunigſt wie möglich ſich zu entfernen, außerdem würde er ihn mit Hunden aus ſeinem Be⸗ ſitzthume, in das er ſich wie ein Dieb geſchlichen habe, hetzen laſſen. Wie vorhin Pieper, wartete auch Ecearius, der wohl erkannte, daß es dem Generale mit der Drohung vollkommener Ernſt ſei, die Hitze nicht ab, ſondern zog ſich klüglich durch die⸗ Gartenthür, durch welche er gekommen, wieder zurück; aber mit dem feſten Vor⸗ ſatze, dem alten Degenknopfe ob ſeines rauhen Be⸗ nehmens diesmal die ganze Schwere der Geſetze fühlen zu laſſen. Den Fahrweg durch die Kirchner'ſche Be⸗ ———— — 4 e e 153 ſitzung mußte er jetzt haben, das ſtand feſt, und wenn man ihm eine Entſchädigungsſumme bieten wolle, ſo groß wie die engliſche Staatsſchuld. Der General konnte ſich von dem gehabten Aer⸗ ger eine Zeit lang gar nicht erholen. „Ein ſolcher Bengel,“ ſprach er,„iſt mir auf die⸗ ſem Lebenswege noch gar nicht vorgekommen! Was? einen Fahrweg durch meinen Garten?! Ich glaube noch immer, es war nicht ganz richtig mit ihm.“ „Aber wo der Kerl nur hergekommen war?“ fuhr er nach einer Weile fort,„und wo er hin ſein muß? Durch das Hausthor kann er nicht gegangen ſein. Sollte er ſich etwa gar noch verſteckt halten? Wart. ich will dir die Wege zeigen, du Himmelelementer!“ Kirchner ſtellte jetzt Unterſuchungen an. Er be⸗ gab ſich nach dem Orte, wo Eccarius hinter einer Taxushecke verſchwunden war, und gelangte auf dieſe Weiſe an die alte Gartenthür. „Sollte das Spitzbubengeſicht etwa gar hier her⸗ eingekommen ſein?“ frug er ſich. Er forſchte genauer nach und fand an dem nie⸗ dergetretenen Graſe, daß wirklich Jemand durch die Thür gegangen ſein müſſe. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ fuhr er aufge⸗ regt fort,„der Gauner iſt vermittelſt eines Diebes⸗ ſchlüſſels durch dieſen Eingang in meine Beſitzung gedrungen. Daß dir der Teufel die Laterne gehalten hätte! Pieper! Pieper!“ Der Gerufene kam mit einem ungeheuren Baum⸗ pfahle herbeigerannt, um unvbrhergeſehener Fälle we⸗ gen nicht ganz ohne Waffe zu ſein. „Pieper,“ befahl der General,„ſchaff Er mir ſogleich ein paar Maurer, die dieſes Mauſeloch zu⸗ machen.“ 154⁴ Binnen wenigen Stunden war der Befehl in Aus⸗ führung gebracht, und die Thüre, wozu der Hofcom⸗ miſſair den rechtmäßigen Schlüſſel beſaß, von unten bis oben wohl vermauert und verkalkt. Eccarius, ſo wie er zu Hauſe angelangt, traf ſo⸗ gleich Anſtalten, die ſtädtiſche Behörde von des Ge⸗ nerals Eingriffe in ſeine Gerechtſame in Kenntniß zu ſetzen und ihren Schutz in Anſpruch zu nehmen. Der Stadtrichter, welcher gegen die Excellenz, vor welcher er allen möglichen Reſpeet hatte, nicht ſogleich officiell einſchreiten wollte, begab ſich zuvor perſönlich zu dem Hofcommiſſair, um denſelben zu vermögen, daß er ſich auf privatlichem und gütlichem Wege mit dem General hinſichtlich der läſtigen Servitut verglei⸗ chen möge. Da jedoch Eccarius hiervon ſchlechter⸗ dings nichts wiſſen wollte, ſo blieb dem Stadtrichter nichts übrig, als Beklagten die Ausfertigung zuſtellen zu laſſen, wonach er unter Vermeidung von fünf Reichsthalern Strafe gehalten war, binnen den näch⸗ ſten zwei Wochen, vom Tage der Inſinuation an ge⸗ rechnet, den betreffenden Weg zum Beſten des Stein⸗ mann'ſchen Fabrikgeſchäfts wieder in fahrbaren Stand zu ſetzen. Der General, welcher dieſer obrigkeitlichen Ermah⸗ nung nicht den geringſten Werth beimaß, warf die Zufertigung zerriſſen und zuſammengeballt in ſeinen Maculaturkorb und dachte im Entfernteſten nicht dar⸗ an, dieſe Verordnung, welche, ſeiner Meinung nach, dem geſunden Menſchenverſtande total zuwiderlief, zu berückſichtigen. Die zwei Wochen waren daher verſtrichen, ohne daß ſich eine Hand gerührt hätte, den Fahrweg her⸗ 9 8 zuſtellen. Jetzt reichte der Hofcommiſſair die zweite Klage ein, worin er auf funfzig Thaler Vergütung † 18 155 für den Schaden antrug, den er durch die Nichtwie⸗ derherſtellung des bewußten Weges bereits erlitten zu haben vorgab. „Funfzig Stockprügel,“ ſchrie der General, als ihm die neue Klage zur Kenntniß kam,„ſoll man ihm aufzählen und nicht funfzig Thaler. Es liegt ja auf der Hand, daß mich dieſer Böſewicht nur chika⸗ niren will. Wo iſt denn je dem vormaligen Beſitzer der Steinmann'ſchen Fabrik, Gott hab' dieſen braven Mann ſelig, in den Sinn gekommen, einen Durch⸗ gang durch mein Befitzthum zu verlangen oder gar von Entſchädigung zu ſprechen. Alſo iſt Alles Er⸗ findung, Bosheit, auf welche ſich ein hochweiſes Stadt⸗ gericht gar nicht einlaſſen ſollte.“ Nachdem der General ſich weder auf die eine noch andere, noch dritte Ausfertigung, in welcher letztern bereits von fünfundzwanzig Thalern Strafe die Rede war, im Geringſten rührte, fand ſich eines Tags der Stadtrichter Kleinſimon perſönlich ein, und eröffnete dem Erzürnten auf möglichſt ſchonende Weiſe, daß Seine Excellenz die Sache doch etwas zu leicht zu nehmen ſcheine. Nach ſeinem Dafürhalten ſei unſtrei⸗ tig das Beſte, wenn ſich der Herr General vielleicht auf gütlichem Wege durch Leiſtung einer annehmbaren Ablöſungsſumme mit Klägern abfinden wolle. „Was,“ rief der alte Kriegsmann zornentbrannt, „ich ſoll dieſem Spitzbuben noch Geld herausgeben, und blos deswegen, damit er mich in Ruhe läßt? Giebt es keine Gerechtigkeit mehr gegen ſolche Miſſe⸗ thäter? Leben wir in der Türkei, im Mohrenlande, in Tombuctu, wo Chikane und rohe Gewalt ent⸗ ſcheidet?“ „Leider befindet ſich in vorliegendem Falle das unzweideutigſte Recht auf Seiten des Hofcommiſſairs,“ 156 bemerkte Kleinſimon.„Als rechtskräftigen Eigenthümer der Steinmann'ſchen Fabrik ſteht ihm die Ausübung der, ich geſtehe es, allerdings höchſt läſtigen Servitut unwiderruflich zu.“ „Ach, was Servitut,“ polterte der General,„die Canaille iſt ja längſt todt, längſt erloſchen.“ „Wenn Ew. Excellenz dies zu beweiſen vermögen,“ erwiederte der Stadtrichter,„dann haben Hochdieſelben allerdings gewonnen. Indeß nach meinen Rechtsan⸗ ſichten und wie ich die Sachlage überblicke, dürfte ein ſolcher Beweis an die Unmöglichkeit grenzen.“ „Wie ſo?“ frug der General,„hat mir der ver⸗ ſtorbene Beſitzer Mühlberg, Gott hab' ihn ſelig, nicht hinſichtlich dieſer vertrackten Fahrſtraße plein pouvoir gegeben? Würde ich denn außerdem ein Narr geweſen ſein, ſolche Summen auf die Verſchönerung meines Gartens zu verwenden?“ Der Stadtrichter zuckte die Achſeln und erwiederte: „Die Erlaubniß, welche der verſtorbene Mühlberg Ew. Excellenz hinſichtlich dieſes Fahrwegs gegeben, war wohl für ſeine Perſon verbindlich, aber keineswegs für ſeinen Nachfolger. Will dieſer, wie hier der Fall eben vorliegt, von ſeinem Rechte Gebrauch machen, ſo kann ihm das Niemand verwehren. Es bleibt beim Himmel nichts übrig, als gütlicher Vergleich mit dem Hofcommiſſair oder— Herſtellung des Fahrwegs.“ Der alte Kriegsmann tobte wie ein angeſchoſſener Löwe. Er ſchwur hoch und theuer, daß er lieber Tau⸗ ſende verprozeſſiren wolle, eh'er jenem Böſewicht einen Heller auszahle; an die Herſtellung des Fahrwegs ſei bei ſeinen Lebzeiten gleich gar nicht zu denken. Er beſchloß ſofort den pfiffigſten und verſchmitzteſten Ad⸗ vocaten aus der ganzen Umgegend anzunehmen und den Prozeß anzufangen. Seine Wahl hinſichtlich des 157 Rechtsanwaltes fiel auf den Dr. juris Bock. Dies war ein Mann, der weit und breit durch die eminente Geſchicklichkeit berühmt oder vielmehr berüchtigt war, die einfachſten und unbedeutendſten Sachen, nament⸗ lich wenn er vorausſah, daß ſie nicht zu gewinnen waren, durch zahlloſe Exceptionen und geſchickt ein⸗ geſtreute Verwickelungen auf wahrhaft beiſpielloſe Weiſe in die Länge zu ziehen. Als ihm die Sache wegen des Fahrwegs, welchen der Hofcommiſſair beanſpruchte, übertragen wurde, ſah er ſogleich ein, daß dieſer Prozeß zu gewinnen eine abſolute Unmöglichkeit ſei, ſo klar lag das Recht des neuen Fabrikbeſitzers auf der einen und das Un⸗ recht des Generals auf der andern Seite. Gleichwohl überlegte der Doctor Bock, daß, da ſich Kirchner für die Sache leidenſchaftlich intereſſire, derſelbe auch die Louisd'vre nicht anſehen werde, und ſo beſchloß er, ein wahres Meiſterſtück in ſeiner Art, Prozeſſe zu führen, zu liefern. Dies gelang ihm auch wirk⸗ lich auf außerordentliche Art. Der Prozeß währte nicht weniger denn neun ganzer Jahre und koſtete dem General, die zahlloſen Entſchädigungsgelder für den Hofcommiſſair eingerechnet, bereits die Summe von fünftauſend Thalern. Den Aerger, den der Ge⸗ neral außerdem wegen dieſer Sache zu erdulden hatte, war gar nicht zu berechnen. Wenn man ſagen wollte, daß Seine Excellenz während der neun Jahre den Hofcommiſſair einige hunderttauſend Mal in den tief unterſten Höllenpfuhl verwünſcht habe, ſo wäre dies keine Uebertreibung. Unzählige Mal hatte der alte Krieger erklärt, daß dieſer haarſträubende Prozeß der Nagel zu ſeinem Sarge ſei. In der neueſten Zeit mußte aber Doctor Bock, der die neun Jahre daher immer fidel geweſen war 158 und dem General frohen Muth eingeſprochen hatte, ſich denn doch geſtehen, daß ſein rabuliſtiſches Arſe⸗ nal erſchöpft ſei. Das letzte Urtheil der höchſten In⸗ ſtanz, gegen welche keine weitere Appellation denkbar, war vor Kurzem erſchienen. Es verurtheilte den Ge⸗ neral zu ſofortiger Wiederherſtellung des ſtreitigen Fahrwegs, zur Erlegung einer anderweitigen höchſt bedeutenden Entſchädigungsſumme für den Hofcom⸗ miſſair, ſo wie zu Bezahlung ſämmtlicher Koſten. Drei Tage lang hatte ſich der Doctor Bock nach Em⸗ pfang dieſes Urthels in ſein Zimmer eingeſchloſſen, wie ein Kolikgeplagter auf dem Sopha umhergewälzt und ſein Gehirn in allen vier Kammern nach Mög⸗ lichkeit durchgearbeitet, um wo möglich noch eine Spitz⸗ findigkeit ausfindig zu machen, welche der letzten In⸗ ſtanz entgegengehalten werden könne. Es war Alles vergebens. Bock's Weisheit war zu Ende. Der rän⸗ kevolle Advocat mußte ſich an das ſaure Werk machen, dem General von des großen Prozeſſes endlichem Aus⸗ gange, den er ſchon vor neun Jahren vorausgeſehen, in Kenntniß zu ſetzen. Perſönlich wagte er dem al— ten Kriegsmanne die unheilvolle Botſchaft nicht zu überbringen, denn er fürchtete, den General werde auf der Stelle der Schlag rühren; oder wenn dieſes auch nicht der Fall ſei, könne er bei ſeiner bekannten Heftigkeit leicht den Stock ergreifen und den Doector zum Hauſe hinaus prügeln. Bock ſuchte alſo die Pille in einem eben ſo ehrerbietigen wie ſchmerzheu⸗ chelnden Schreiben möglichſt zu verzuckern. Der Zu⸗ fall wollte, daß ſie dem General Kirchner gerade den Tag nach dem letzten Harmonieballe, wo er des jun⸗ gen Willers ſich ſo wacker angenommen hatte, über⸗ reicht werden ſollte. Es bedarf wohl nach Erwähnung dieſes ärger⸗ vollen Prozeſſes nicht der Bemerkung, daß das geſell⸗ ſchaftliche Verhältniß zwiſchen dem Hofcommiſſair und dem General ebenfalls kein freundſchaftliches war. Die Beiden wichen ſich ſchon von weitem aus. Die ade⸗ lige Coterie benutzte die Spannung mit dem General nach Kräften. Sie war bemüht, den Eccarius bei dem alten Kriegsmanne ſo ſchwarz als möglich anzu⸗ malen, ſo daß Kirchner oft hoch und theuer ſchwur, er hielte in unſrer aufgeklärten Zeit zwar nichts mehr vom Hängen, aber wenn er dieſen nichtswürdigen Hofcommiſſair könnte hängen ſehen, wolle er auf der Stelle funfzig Louisd'or für den erſten Zuſchauer⸗ platz erlegen, um der Geſchichte ſo nahe wie möglich zu ſein. Doch wir kehren nach dieſem Abſchweife auf den Neukirchner Harmonieball zurück. Nachdem der General Kirchner die jungen Adeli⸗ gen nach dem Tanzſaal zurückgetrieben hatte, wandte er ſich wieder zu Willern. „Kommen Sie, mein Herr Student,“ ſprach er, mit vielem Wohlwollen,„laſſen Sie ſich deshalb, daß Ihnen ein einfältiges Mädchen einen Korb gegeben, vom Tanze, wenn Sie ſolchen lieben, nicht abhalten. Kommen Sie, ich ſelbſt will Ihnen ein hübſches Däm⸗ chen ausſuchen helfen, daß Ihnen, wenn ich Sie vor⸗ ſtelle, gewiß keinen Korb geben wird.“ Willer über die unerwartete Wendung, welche durch die Intervention des wackern Generals die Dinge ge⸗ nommen hatten, eben ſo überraſcht wie erfreut, wan⸗ delte ſehr heitern Sinnes an Kirchner's Seite nach dem Saale. Der hohe Adel, welchtt unmittelbar nach dem Hinweggange der Frau von Ponikau mit ihren Töch⸗ tern gleichfalls die Abſicht gehabt, den Ball zu ver⸗ 160 laſſen, hatte ſich dennoch eines Beſſern beſonnen, nach⸗ dem man vernommen, daß die alte Excellenz vom Nachhauſefahren nichts habe wiſſen wollen. Wie ſehr man ſich auch in vielen Dingen nach der Familie von Ponikau zu richten pflegte, ſo hatte doch ein bedeu⸗ tender Theil des Neukirchner Adels aus oben ange⸗ deuteten Gründen alle Urſache, es mit dem General nicht zu verderben; ſie waren ihm die zarteſten Rück⸗ ſichten ſchuldig. Zudem war Fräulein von Lieben⸗ rode, nachdem ſie mit ihrem dietatoriſchen Befehle nach Hauſe zu fahren ſo übel angekommen, überall umhergegangen und hatte die befreundeten Familien beſchworen, ſie nicht zu verlaſſen; ſie beweinte und bejammerte den tyranniſchen Sinn ihres Onkels; aber fort durfte ſie demungeachtet nicht und wenn ſie aus einer Ohnmacht in die andere gefallen wäre. Das Inohnmachtfallen, welches ſie früher ſehr liebte, hatte ſie ſich darum nach und nach ganz abgewöhnt. Welche ultraariſtokratiſche Geſinnung dieſe hoch⸗ müthige Dame auf der einen Seite an den Tag legte, namentlich wenn ſie mit Ponikau's in Geſellſchaft war, einen eben ſo verhältnißmäßigen Reſpect hatte ſie auf der andern Seite vor ihren Oheim. Wenn der General Etwas befahl oder wünſchte, ſo galt der unbedingteſte Gehorſam; bei der geringſten Miene von Widerſetzlichkeit und Ungehorſam begann ein Donner⸗ wetter, daß Himmel und Erde zitterten. Daher wagte Fräulein Adele auch am Ballabende im Geringſten nicht, ſich der Ordre des Generals zu widerſetzen und war zum Dableiben gezwungen. Ihre Geduld ſollte indeß auf noch härtere Proben geſtellt werden, als ſie ihren Onkel im freundſchaftlichſten Ge⸗ ſpräch mit dem Student Willer gerade auf ſich zu⸗ kommen ſah. 164 Einem in's Meer Gefallenen, beim Anblicke eines Haifiſches mit geöffnetem Rachen kann unmöglich ſchlim⸗ mer zu Muthe ſein, als dem Fräulein Adele von Lie⸗ benrode beim Anblicke des Studenten an der Seite ihres Onkels. Während ſie ſich die ganze Zeit der geheimen Hoffnu. z und Freude hingegeben, daß die adeligen Herren den frechen Bürgerlichen ohne weitere Um⸗ ſtände längſt die Rathhaustreppe hinabgeſtürzt, damit ihm die Luſt, mit hochadeligen Damen zu tanzen, ein für allemal vergehe, kam der Halbtodtgeglaubte an ihres eignen Onkels Seite und, wie es ſchien, im freundſchaftlichſten Geſpräche daher. „Wenn das Ungeheuer,“ dachte ſie bei ſich,„mit mir tanzen will, bin ich des Todes, und gleichwohl darf ich einen Tanz nicht abſchlagen, wenn mir der Onkel dieſen Menſchen vorſtellt. Wie in aller Welt ſind dieſe Beiden zuſammen gekommen? Der General iſt ja von ſeiner Vorliebe für den bürgerlichen Pöbel längſt geheilt. O wär' ich nur dies Einzigemal zu Hauſe geblieben. Aber mag's werden wie es will, ich tanze nicht. Ich könnte mich im Leben nicht wieder vor Ponikau's blicken laſſen. Sobald er mir die Hand reichen will, falle ich um und bekomme Krämpfe. Krämpfe ſind noch das einzige Mittel, das auf Onkel Bär einigen Eindruck macht. Die kann er nicht mit anſehen und läuft davon.“ Während Fräulein Adele ſolche herviſche Ent⸗ ſchlüſſe faßte und in Erwartung des Schlimmſten ängſt⸗ lich und verſtockt daſaß, zog die Gewitterwolke gnä⸗ dig vorüber. Der General führte nämlich Willern direct zu Clara von Löwenſtern, welches ſchöne Mäd⸗ chen er ſeinen Liebling nannte. Er präſentirte ihr den Studenten mit den Worten:„Ich bin überzeugt, Stolle, ſämmtl. Schriften. vII. 11 liebe Clara, daß Sie meinem jungen Freunde hier keinen Korb geben werden. Sie ſehen mir dazu viel zu ſchön, zu gut und zu verſtändig aus.“ Clara ward über und über roth und wußte in den erſten Augenblicken nicht, was ſie erwiedern ſollte. Obſchon ihr Herz Willern wegen ſeines Verfahrens gegen Bianca völlig frei ſprach, ſo hatte ſie doch zu viel Verwünſchungen über den Studenten ausſprechen hören, als daß ſie bei des jungen Mannes Erſcheinen nicht hätte erſchrecken ſollen. Sie warf daher einige ängſtlich fragende Blicke nach Madame Chignon, die unfern ſaß; dieſe ſchien aber noch weit mehr erſchrok⸗ ken zu ſein, als Clara ſelbſt, und blickte ſtarren Au⸗ ges den General an. „Nicht wahr,“ wiederholte der alte Krieger, ſo laut, daß es die Umſitzenden deutlich vernehmen konn⸗ ten,„Sie ſind viel zu gut und zu verſtändig, als daß Sie meinem jungen Freunde einen Tanz abſchla⸗ gen ſollten?“ Clara bedauerte, daß ſie bereits engagirt ſei. Der General ſtutzte und ſeine Stirn zog ſich in Falten. Er fürchtete, daß dem Mädchen von der hochadeligen Sippe gleichfalls Averſion gegen das Bür⸗ gerthum eingeimpft ſein möchte. Er frug daher etwas pikirt:„Auch für den nächſt⸗ folgenden ſchon engagirt?“ „Bedaure, ebenfalls,“ war die Antwort. Kirchner ward immer finſterer:„Wie ſteht's denn aber,“ fuhr er examinirend fort,„mit dem nächſten Tanze nach dem Nächſtfolgenden, auch ſchon beſetzt?“ „Nein,“ erwiederte Clara. Jetzt ward der General wieder freundlich und ſprach zu Willer:„Nun, mein Herr Student, da langen Sie zu.“ Willer ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen. Er engagirte ſich mit dem Fräulein von Löwenſtern auf die zweite Francaiſe und erkundigte ſich bei dieſer Gelegenheit zugleich, wie ihr die romantiſche Wald⸗ partie von ehegeſtern bekommen ſei? Ein Wort gab das andere; die Zwei befanden ſich alsbald zum Entſetzen des hohen Adels in tiefem Geſpräch. Der General, als er die beiden Leutchen ſo char⸗ mant discuriren ſah, ging, ſich vergnügt die Hände reibend, den Saal wiederholt auf und ab; und war ob der beiſpiellos langen Geſichter der hohen Ariſto⸗ kratie ausnehmend erfreut. Frau von Fellenberg war mehr todt als leben⸗ dig. Sie hätte vor's Leben gern ihre Tochter zurück⸗ gerufen; aber gerade die Familie von Löwenſtern hatte am meiſten Urſache, den alten General bei guter Laune zu erhalten. Die gnädige Frau, wie ſchwer es ihr wurde, mußte diesmal in das Unver⸗ meidliche ſich fügen. „Man muß geſtehen,“ hieß es hier und da unter dem Adel, indem man ſeinen Grimm nur ſchlecht zu verhehlen vermochte,„Seine Excellenz ſind heut' aus⸗ nehmend liebenswürdig.“—„Der Mann wird in der That täglich ſchwächer,“ flüſterte ein bejahrter Adeliger ſeiner Nachbarin zu.„Ich fürchte mit der Zeit wirklich für ſeinen Verſtand,“ tönte es als Ant⸗ wort,„mich ſollte für dieſen Fall die Familie wahr⸗ haft dauern.“ Von dem bürgerlichen Ballpublikum war ein großer Theil der feſten Ueberzengung, daß nach ſol⸗ chen Erlebniſſen der jüngſte Tag gar nicht mehr fern ſein könne. Ein neuer Tanz begann, Clara ward von ihrem 11* 16⁴ adeligen Tänzer abgeholt, während Willer zu ſeinem hohen Protektor und ſpäterhin zum Hofcommiſſair zurückkehrte. Dieſer ſaß mit unendlichem Wohlbehagen in einem Nebenzimmer“und als er Willern erſchaute, ließ er ſogleich Champagner bringen. „Es iſt der ſchönſte Tag meines Lebens,“ ſprach er mit dem Studenten anſtoßend;„aber jetzt bitt' ich nur eins, ſo bald wir das Fläſchchen ausgeſtochen ha⸗ ben, kehren Sie nach dem Tanzſaale zurück, tanzen nach Belieben oder widmen ſich Ihrem edeln Be⸗ ſchützer; nur, das bitte ich angelegentlich, bekümmern Sie ſich um mich nicht, hören Sie wohl, thuen Sie gar nicht, als ob ich zugegen ſei; ich werde Ihnen das„warum“ Morgen aus einander ſetzen.“ Willer, der aus dieſen Worten nicht recht klug ward, bat um nähern Aufſchluß; Eeccarius vertröſtete ihn aber fortwährend auf Morgen, ſo daß ſich der Student in des Hofcommiſſairs Willen zu ergeben verſprach. Nachdem man die Flaſche geleert, kehrte Willer nach dem Saale zurück, während der Hofcommiſſair aus der Ferne den Beobachter machte. Endlich erſchien der große i in der Neukirchner Har⸗ moniegeſellſ ſchaft noch nie dugeweſene Moment, wo ein bürgerlicher Student mit einem Fräulein vom höchſten Adel zum Tanze antrat. Es hat wohl nie ein ſchöneres Paar gegeben, dies mußte ſelbſt der erbitterte Adel und der neidiſche Bürgerſtand zugeſte⸗ hen, und nie ſah man die Frangaiſe anmuthvoller tanzen als diesmal. Der alte General Kirchner ſelbſt, der ſonſt nicht viel auf den Tanz gab, verwandte kein Auge von beiden Lieblingen und applaudirte, als die Touren zu Ende waren. Willer tanzte den nächſten Tanz mit einem hüb— ſchen bürgerlichen Mädchen, dann wieder mit adeligen Damen, von welchen ihm jetzt keine einen Korb zu geben wagte; ja man fand ſogar, daß dieſer Student wirklich kein ſo übler Mann ſei: ſein Benehmen ſei ſo gebildet und zart, ſeine Rede ſo wohlklingend und geiſtreich und ſein Tanz wirklich engelhaft; man be⸗ dauerte zuletzt faſt allgemein, daß er ſo niederer Her⸗ kunft war. Mit unverkennbarer Freude bemerkte der Hofcom⸗ miſſair aus der Ferne die Triumphe ſeines Gaſtes. Nachdem ſich Willer ziemlich müde getanzt, nahm er im Converſationszimmer wieder Platz an der Seite des alten Generals. Dieſer war ein außerordentlicher Freund von Anecdoten. Kaum hatte dies der Stu⸗ dent in Erfahrung gebracht, als er ſein Anecdoten⸗ Füllhorn aufthat und den alten Mann dermaßen mit luſtigen und witzigen Sächelchen überſchüttete, daß ihm vor Lachen wiederholt die Thränen in die Au⸗ gen traten. Er mußte ſich gleich dem Hofcommiſſair geſtehen, daß er lange keinen ſo vergnügten Abend verbracht habe. Der wackre Alte ahnete in ſeiner fröhlichen Stimmung nicht, welch' ein harter Schlag ihn Mor⸗ gen durch Ueberſendung des Endurtheils der letzten Inſtanz bevorſtand. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß der General Kirchner während des ganzen Abends nicht erfuhr, Willer ſei ein Gaſt von Eccarius, er würde außerdem unfehlbar das Benehmen des Studenten nur für rohen, vom Hofcommiſſair eingegebenen Oppofitionsgeiſt ge⸗ halten haben und ſeine Sympathie für den jungen Mann würde dann gewiß nicht erwacht ſein. Die Beiden ſaßen noch bis tief in die Nacht bei einander, ſelbſt nachdem der Tanz ſein Ende erreicht — und der größte Theil der adeligen wie bürgerlichen Ballgäſte ſich entfernt hatte. Auch Fräulein Adele von Liebenrode war nach erhaltener Erlaubniß von Seiten des Onkels ſchon geraume Zeit nach Hauſe gefahren. Sie hatte wenigſtens den Triumph davon getragen, daß der bürgerliche Student nicht mit ihr getanzt hatte. Gleichfalls war der Hofcommiſſair, ohne von Willern, damit dieſer in ſeiner Unterhal⸗ tung mit dem General nicht geſtört werde, Abſchied genommen zu haben, nach Hauſe gegangen. Nachdem der Student dem Generale mit Hand und Wort noch hatte geloben müſſen, ihn den näch⸗ ſten Tag zu beſuchen, fuhr der alte Mann nach Hauſe, während Willer von der Erlebniß dieſes Abends ge⸗ waltſam bewegt und von der Liebe für ſeine Fran⸗ gaiſentänzerin, die reizende Clara, beſeligt den dun⸗ keln Heimweg antrat. So endete dieſer in den Annalen von Neukirchen außerordentliche Ball, deſſen Folgen, wie wir ſpäter ſehen werden, gleichfalls außerordentlich genannt wer⸗ den müſſen. Ende des zweiten Theils. 578 g1 Senqae