1 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oitmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . 1-. SLeih- und Teſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für ochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dene Dir, mein Leſer, ein anmuthiges Thal, in ländlicher Stille gelegen, rings im Unkreiſe einer Stunde von dunkelgrünen Waldbergen umgeben; die korn⸗ und obſtreiche Thalebene von einem blauen Flüßchen durchſchnitten, das gerade groß genug, ei⸗ nen Fiſcherkahn zu tragen und einige Mühlen zu trei⸗ ben, und deſſen Wellen ruhig zwiſchen ſchattigen Ufern dahinfließen. Faſt zu jeder Jahreszeit gewährt dies durch ſeine Lage von der übrigen Welt ziemlich abgeſchloſſene Thal ſeinen eigenthümlichen Reiz. Mit Entzücken ruht das Auge auf dem ſtillen Paradieſe, wenn die Frühlings⸗ ſonne die erſten Blüthen hervorruft, der Lerchenhim⸗ mel ſich erſchließt und die grünen Wieſen ihre Gold⸗ und Silberglöckchen aufſtecken; und welchem poetiſchen Gemüthe wäre nicht ein ſolcher Erlengang zu wün⸗ ſchen, wie er am Ufer des Fluſſes aufwärts nach den alterthümlichen Ruinen eines Benedictinerkloſters führt, namentlich in einer Frühlingsnacht, wenn der Mond in Sabbathſtille über den Bergen ſteht, die Linden⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. VI. 1 45 2 bäume duften, das Wehr in der Ferne rauſcht und die Nachtigall aus dem Buchenwald in langgezogenen Tönen herüberſchlägt. Segenſchwer wogt es während der Sommermonate im Thale, und wenn der Herbſt über die Berge zieht, ſinken die Aeſte ſchwerbelaſtet zur Erde. Im October geht dann das Laub in jene rothen und gelben Far⸗ ben über, die der Landſchaft ein eigenthümliches Co⸗ lorit verleihen. Blatt für Blatt wird allmälig durch die herbſtlichen Nebel von den Bäumen geknickt, bis die losgelaſſenen Novemberſtürme die letzten Locken des geſtorbenen Frühlings von den Aeſten reißen und zur Erde werfen. Zur heiligen Weihnachtzeit liegt dann das Thal in die weiße weiche Schneedecke gebettet und gewährt den Anblick der reinſten ſilberklaren Win⸗ terlandſchaft. Am Ausgange der beſchriebenen 2 dſchaft, da wo die einander ſo nahe kommen, daß die Werla (ſo heißt das Flüßchen, welches im hohen Gebirg ent⸗ ſpringt und ſeinen Namen von dem Hammerwerke Werla führt) den felſigen Fuß berührt, liegt das ge⸗ werbthätige Städtchen Neukirchen, zum Oberwieſenthal gehörig. Stattlich grüßt der erſt nach dem letzten Kriege in der Oberſtadt wieder aufgebaäute Thurm der Marienkirche in das Thal hinaus, wäh⸗ rend der unförmliche, geſchmackloſe und baufällige Thurm der Kloſterkirche kaum bemerkbar über die Wohnhäuſer hervorragt. Dafür iſt das Geläut auf letzterem um ſo wohlklingender; auch genießt er das Vorrecht, daß in den Sommermonaten allabendlich von ſeinen altergrauen Zinnen die untergehende Sonne mit einem Choral begrüßt wird. Das Städtchen Neukirchen zählt in fünfhundert Häuſern ungefähr viertauſend Einwohner, ein fleißi⸗ 2 ges, rühriges Völkchen, das ſich größtentheils von Woll⸗ und Leinweberei nährt. Auch gibt es wegen der Nähe des Waſſers und der bequem gelegenen Wie⸗ ſen zahlreiche Wachsbleichen. Die Lage der Stadt kann nicht angenehmer in die Augen fallen. Die ſüdliche Seite grenzt mit ihren Gärten faſt unmittelbar an die Werla, nur ein ſchma⸗ ler Wieſenrand trenüt von derſelben; während die nördliche Hälfte maleriſch am Fuße des Burgberges ſich hinziecht. Häuſer und Straßen ſind reinlich ge⸗ halten, und der größere Theil der Stadt gehört ſeit dem großen Brande im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts dem beſſern Geſchmacke an. Die Häuſer nicht hoch ſelten erblickt man eins von zwei Ge⸗ ſtocken— aber regelmäßig gebaut, gewähren einen freundlichen Anblick. Außer ſeinen fünfhundert Häuſern und den zwei Kirchen beſitzt das Städtchen ein Amtsgebäude, ein Rathhaus und eine erſt vor wenigen Jahren erbaute Stadtſchule Das Amthaus, auch das Schloß genannt, ſehr romantiſch an der Werla gelegen, hat vor mehren Jahrhunderten ſelbſt der landesfürſtlichen Familie eine Zeitlang zum Aufenthalte gedient, ein Umſtand, auf welchen ſich die guten Neukirchner noch heutzutage et⸗ was einbilden. Dermalen würde es dem Landesherrn wohl kaum in dieſem Schloſſe gefallen. Die ehemali⸗ gen fürſtlichen Gemächer ſind in Acten⸗ und Epxpedi⸗ tionszimmer, ja ſelbſt in Gefängniſſe umgeſchaffen und die noch wohnlichen Räume hat der Amtmann Löffler nebſt zwei Aetuarien und dem übrigen Amtsperſonale in Beſitz genommen. Das bei weitem ehrwürdigſte Gebäude von Neu⸗ n n li1 kirchen, theils wegen ſeines alterthümlichen Aeußern, 1 4 theils auch wegen ſeiner mannigfachen Inwohner iſt und bleibt aber das Rathhaus, welches ſich frei und unabhängig mitten auf dem ziemlich geräumigen Markt⸗ platze erhebt. Trotz der Flammen, die einſt ringsum wütheten, war es unverſehrt geblieben und blickt nun wie ein ehrwürdiger Greis auf ſeine zahlreiche Fa⸗ milie, die junge Stadt herab. Vor alten Zeiten ſoll dieſes Rathhaus mit einem ſtattlichen Thurme verziert geweſen ſein. Dermalen iſt leider nichts mehr davon zu erblicken. Die vor⸗ ſichtigen Neukirchner trugen ihn ab, als er alt und ſchwach geworden. Sie wollten lieber auf eine Zierde ihrer Stadt verzichten, als ſich dieſelbe unverſehens auf den Kopf fallen laſſen. Die Thurmuhr, welche etwas tiefer angebracht iſt, beſteht zwar heutiges Ta⸗ ges noch, entſpricht aber durchaus nicht den Anfor⸗ derungen, die man heutzutage an eine Thurmuhr zu machen berechtigt iſt. Erſtens iſt der Zeiger mit dem Schlagwerke trotz aller deshalb angeſtellten Bemühun⸗ gen der ſtädtiſchen Behörden nie in Einklang zu bringen. Sind die beiden nur eine Viertelſtunde aus einander, ſo können die Neukirchner von Glück erzählen. In der Regel ſchlägt dieſe höchſt ſonderbare Rathhaus⸗ uhr Dreiviertel, während der Zeiger unbekümmert auf Einviertel ſteht; und umgekehrt. Es haben dieſe Ab⸗ weichungen des Weiſers mit dem Schlagwerke ſchon zu den verwickeltſten Prozeſſen die Veranlaſſung ge⸗ geben, da die Rathhausuhr bekanntlich als officieller Zeitmeſſer in Neukirchen angenommen iſt. Das Schlag⸗ werk leidet außerdem an der Untugend, daß ihm ſchon ſeit langen Jahren ein Zahn abhanden gekommen iſt. Bis ſechs Uhr geht Alles gut. Weiter hinaus tritt jedoch eine ſchmerzliche Pauſe ein, weil gerade derje⸗ nige Zahn ſeit. dem ſiebenjährigen Kriege in Hinweg⸗ 5 fall gekommen der für den ſiebenten Glockenſchlag be⸗ ſtimmt war. So ſchlägt es auf dem Neukirchner Rathhauſe alle Morgen und Abende, die Gott werden läßt, zwei Stunden hinter einander ſechs Uhr, iſt es Acht, ſo ertönen abermals ſechs Schläge; dann folgt eine Pauſe, wo man ſich den ſiebenten Schlag hineindenken muß, und hierauf erſt erfolgt der achte Schlag. So lange die Neukirchner zu denken vermögen, die älteſten Leute nicht ausgenommen, kann Niemand ſich erinnern, es auf dem Neukirchner Rath⸗ hauſe je ſieben Uhr haben ſchlagen zu hören. Er⸗ fahrung und Gewohnheit thun indeß viel im Leben. Die Bewohner von Neukirchen wiſſen ſich recht gut in die Launen ihrer Rathhausuhr zu finden; ſie ſind damit aufgewachſen und groß geworden; ſie wiſſen trotz des ausgebrochenen Zahnes und der mangelhaf⸗ ten Schelle auf's Genaueſte, wie ſie in der Zeit le⸗ ben, ohne daß es dazu beſonderer Reductionstabellen bedürfte. Einige Chronikenſchreiber von Neukirchen behaup⸗ ten, mit dem Abtragen des Rathhausthurmes habe es eine andere Bewandtniß gehabt, als die oben er⸗ wähnte. Nicht die Baufälligkeit des Thurms ſei Schuld geweſen, ſondern die ehrſame Frau Beata Süßmilch, welche auf den Thurm geheirathet. Nach einer glücklich überſtandenen Krankheit ſoll die Thür⸗ merin ganz unverſehens außerordentlich ſtark gewor⸗ den und am Leibe zugenommen haben, ſo daß, als ſie eines Tages habe hinabſteigen wollen zu der men⸗ ſchenbelebten Stadt, um einige Einkäufe zu beſorgen, der Thurmſchlott plötzlich zu enge geweſen. Von die⸗ ſer Zeit an habe Frau Beata Süßmilch nicht weni⸗ ger denn zehn Jahre auf dem Thurme geſeſſen, in beſchaulicher Einſamkeit, hoch über dem Leben der 6 Menſchen. Schon oft war von den menſchenfreund⸗ lichen Bewohnern von Neukirchen der Wunſch ausge⸗ ſprochen worden, den Thurmſchlott zu erweitern und die Frau herabzuholen; aber die Operation war mit zu viel Gefahr für die architectoniſchen Stützen des Thurms verbunden, als daß der damalige Bürger⸗ meiſter George Kienmayer, ein gar geſtrenger Herr, ſeine Einwilligung hätte geben ſollen. Nun wurden Stimmen laut für gänzliche Abtragung des Thurmes; aber auch davon wollte Herr Kienmayer nichts wiſ⸗ ſen. Erſt nach ſeinem Tode drang der allgemeine Wunſch der Stadt wegen Befreiung der Frau Beata Süßmilch in der Rathsverſammlung durch und der ſtolze Thurm mußte ſein Haupt neigen als ehrend Zeugniß für die menſchenfreundlichen Geſinnungen der alten Neukirchner. Nächſt der beſprochenen Uhr beſitzt das alte Rath⸗ haus noch einen andern Zeitmeſſer, eine Sonnenuhr, die aber weit weniger ihrem Zwecke entſpricht, als ihre Collegin. Der Künſtler hat nämlich in dem Wahne geſtanden, der würdigſte Platz für ſeine Son⸗ nenuhr ſei kein anderer, als die Hauptfacade des Rath⸗ hauſes. Unglücklicherweiſe bildet dieſe Hauptfacade aber gerade die Mitternachtſeite, wohin das ganze Jahr keine Sonne kommt, außer in den längſten Tagen, nämlich vom ſiebzehnten bis fünfundzwanzigſten Juni, und auch da nur täglich eine halbe Stunde. Zu⸗ gleich hat der wackre Meiſter nicht bedacht, daß die Lindenbäumchen, welche man in einiger Entfernung um das Portal des Neukirchner Rathhauſes gepflanzt hatte, mit der Zeit groß werden und ſich mit ihren Aeſten ausbreiten würden. Die ganze vordere Rath⸗ hausfronte iſt in der Länge der Jahre dermaßen von den himmelhohen Linden bedeckt worden, daß von der — zu ihrer Zeit vielleicht berühmten Sonnenuhr keine Spur mehr zu entdecken iſt. Die uralten Linden gereichen dem ganzen Markte und insbeſondere dem Rathhauſe zu nicht geringer Zier. Sie bilden im Frühling und Sommer ein ſchattend dunkelgrünes Gewölbe, unter welchem in ſchwülen Tagen eine wohlthuende Kühle herrſcht und wo ein Glas echten Stadtbiers doppelt angenehm mundet. Obſchon die Neukirchner dieſen Linden ſeit urdenk⸗ lichen Zeiten ſehr zugethan geweſen und namentlich nach des Tages Laſt und Hitze gern darunter verweilen, ſind ſie in neuerer Zeit ſogar ſtolz darauf geworden, da ſelten ein Fremder die Stadt verläßt, ohne un⸗ ter den ehrwürdigen Bäumen geraſtet und ſich von der ſchmucken Kellnerin des Rathskellers, auf den wir bald näher zu ſprechen kommen, einen friſchen Trunk ha⸗ ben reichen zu laſſen. Wir kommen jetzt auf einen ungleich wichtigern und intereſſantern Theil des Neukirchner Rathhauſes, nämlich auf deſſen verſchiedene Inwohnerſchaft. Von dem Thürmer, Siegfried Sperrhaake, den man in Ermangelung des Thurmes ein Stübchen im oberſten Giebel eingeräumt hat, iſt im Grunde wenig zu berichten, als daß von ihm das Gerücht in der Stadt geht, es rapple zuweilen mit ihm. Namentlich tritt die geiſtige Beſchränktheit in den Sommermvna⸗ ten unverkennbar hervor, wo ihm die Sonne faſt über dem Kopfe ſteht und wo er in Anfällen von Schwer⸗ muth das Sprachrohr ergreift und in die Stadt hin⸗ abdutet. Am Sterbetage ſeiner ſeligen Frau, den ſechſten Juli, iſt dieſes Conzert kaum auszuhalten. Dann heult der einſame Sperrhaake von früh Mor⸗ gens bis in die Nacht ſeinen gerechten Schmerz in 8 melancholiſchen, langgezogenen Tönen hernieder. Wie⸗ wohl dem Thürmer wiederholt von Raths wegen iſt bedeutet worden, ſich in ſeinem Schmerz zu moderiren und den Verluſt ſeiner Frau als Mann zu tragen, ſo kann ſich Sperrhaake nicht helfen und dutet nach wie vor am jedesmaligen ſechſten Juli. Da er ſei⸗ nen erhabenen Poſten faſt gratis und mit Treue und Gewiſſenhaftigkeit verwaltet, ſo drückte der Rath ob der ſonderbaren Melancholie des Mannes ein Auge zu. Auch ſämmtliche Ehefrauen von Neukirchen be⸗ finden ſich auf Seiten des Thürmers. Er gilt ihnen als Muſter eines guten Wittwers und wird den re⸗ ſpectiven verehelichten Neukirchnern oft als Beiſpiel angeführt. Der ſeltenen Treue geſchieht faſt in jeder Gardinenpredigt Erwähnung und manche Neukirchnerin machte ihrem Ehegemahl zum Vorwurf, daß er ihren Tod nicht wie Sperrhaake jahrelang beduten werde. „Warte es nur ab, mein Kind,“ iſt in der Regel die beruhigende Antwort des Eheherrn,„auch Du ſollſt Dich über mich nach Deinem Ableben nicht zu bekla⸗ gen haben.“ Wir ſteigen etwas tiefer und kommen in das erſte Stockwerk des Rathhauſes zu Neukirchen. Hier herrſcht wie recht und billig in ſeiner amtswürdigen Autorität der Bürgermeiſter Hans Chriſtoph Nachtigall mit ſei⸗ nen zwei beſoldeten und drei gehaltloſen Senatoren. Gleich daneben befindet ſich das Stadtgericht, woſelbſt der Stadtrichter Kleinſimon mit einem Actuarius und einem Sportelſchreiber für das quid juris von Neu⸗ kirchen die erforderliche Sorgfalt trägt. Obſchon das Städtchen Neukirchen von der übri⸗ gen Welt ziemlich abgeſchieden liegt, iſt es doch von den politiſchen Wehen des bekannten Jahres 1830 nicht ganz verſchont geblieben. Wie in den meiſten —— —————————— 9 Städten des Landes, war auch über die nenkirchner ſtädtiſchen Behörden und namentlich über den Stadt⸗ rath der Sturm der Neuerungen hereingebrochen. Der alte Rath mußte wie ſo viele ſeiner Collegen im deut⸗ ſchen Lande ſein Haupt neigen und die ſogenannte li⸗ berale oder Volkspartei trat an ſeine Stelle. Einen Haupturheber dieſer politiſchen Umwälzung werden wir ſpäter kennen lernen, denn den neukirchner Bürgern wäre es wie den meiſten Deutſchen nicht in den Sinn gekommen, Revolution zu machen, wenn nicht bös⸗ willige und neuerungsſüchtige Leute an der Spitze geſtanden und die verführbaren Quiriten zu ordnungs⸗ widriger Widerſpenſtigkeit verleitet hätten. Steigen wir endlich die ziemlich breite Rathhaus⸗ treppe noch tiefer hinab, ſo gelangen wir in das Erd⸗ geſchoß, in die Räume des berühmten und beliebten und darum ſehr zahlreich beſuchten Rathskellers. Un⸗ ter Keller iſt hier nicht etwa ein unterirdiſches, dunk⸗ les Gewölbe zu verſtehen, wo Faß an Faß in ſtiller Nacht neben einander liegen oder in den Winkeln die geſegnete Kartoffel und andre Feldfrüchte hoch aufge⸗ ſpeichert ruhen; ſondern dieſer Ausdruck bezeichnet überhaupt eine Schankwirthſchaft, wie wir ſie in dem Erdgeſchoß manches deutſchen Rathhauſes vorfinden. Den Deutſchen, ſo weit die Geſchichte reicht, ein trink⸗ luſtiges Volk, gingen ihre Rathsherren nicht blos in der Weisheit, ſondern auch im Trinken mit gutem Beiſpiele voran. Daher wohl die bedeutſame Nähe des Rathskellers mit der Rathsſeſſionſtube. Was inſonderheit den Rathskeller von Nenkirchen betrifft, ſo ſucht dieſer ſeit einer Reihe von Jahren ſeines Gleichen in weiter Runde; an dieſem Umſtande iſt Niemand ſchuld, als die Rathskellerpachterin da⸗ ſelbſt, Dorothea Kliemann, eine rüſtige, rührige, nicht 40 große, aber wohlbeleibte Frau. Ihre Küche gilt für die beſte, ihr Weinlager kann man berühmt nennen; die Biere ſind friſch und klar und die Bedienung freundlich und prompt. Madame Kliemann genießt daher eines wohlver⸗ dienten Rufs und faſt kein Fremder beſucht Neukirchen, der nicht der Rathskellerpachterin ſeinen Beſuch ab⸗ ſtattete. Sie wird nach dem Tode ihres Mannes, der vor dem Kellerpachte das edle Handwerk der Horn⸗ drechslerei betrieb, in ihrer Wirthſchaft von zwei hüb⸗ ſchen, freundlichen Nichten hülfreichſt unterſtüßzt. Madame Kliemann hat ſich ſchon zur Zeit des letzten Kriegs, wo ſie die Verpflegung der feindlichen Einquartierung beſorgte, um Neukirchen höchlich ver⸗ dient gemacht; ihre Stimme galt ſogar in der Raths⸗ verſammlung, wenn dieſe um Rath verlegen war. Kurz, ſie kann mit Recht der Napoleon unter den Rathskellerpachterinnen unſrer Zeit genannt werden. Das Städtchen Neukirchen iſt wegen ſeiner höchſt angenehmen Lage unter allen Provinzialſtädten weit und breit bekannt. Man kann zu einem Thore hin⸗ ausgehen, zu welchem man will, überall treten an⸗ muthige Partieen entgegen. Paſſirt man das Klo⸗ ſterthor, ſo führt ein höchſt lieblicher Erlengang längſt der Werla aufwärts nach den bereits erwähnten Rui⸗ nen des Benedietinerkloſters. Vom Schloßthor aus geht der Weg über die geräumige Werlabrücke nach den gegenüber befindlichen Waldbergen, in welchen es romantiſche Spaziergänge die Menge gibt. Das Wie⸗ ſenthor führt den Fluß abwärts zwiſchen Bergen nach dem ſehr maleriſch gelegenen Schloſſe Ehrenberg, das der freiherrlichen Familie von Löwenſtern gehört und auf hoher umwaldeter Felſenſtirn ſich majeſtätiſch in den Wellen der Werla ſpiegelt. 14 Auch die Partieen in der nächſten Nähe der Stadt ſind in freundlichem Style angelegt. Rings um Neu⸗ kirchen zieht ſich eine ſchöne Lindenallee, die einen ſchattigen und angenehmen Spaziergang darbietet. Alle dieſe erwähnten Vorzüge des gewerbtreibenden Städtchens, ſo wie auch das wenig koſtſpielige Leben daſelbſt, ſind die Urſache, daß ſich mehrere achtbare aber wenig begüterte Familien, darunter die meiſten dem adeligen Stande angehörend, in Neukirchen an⸗ geſiedelt haben, wo denn allerdings die nächſte Folge war, daß ſich ein Kaſtengeiſt gebildet hat, der dem menſchlichen und insbeſondere dem deutſchen Charakter ſo eigenthümlich iſt. Es kann nicht Wunder nehmen, wenn ſich in den geſellſchaftlichen Verhältniſſen Neukirchens alle jene lä⸗ cherlichen Abnormitäten, welche das Kaſtenthum mit ſich bringt, in reichem Maaße vorfinden. Da gibt es außer dem gewerbtreibenden ehrwürdigen Bürgerſtande vor allen Dingen das durch ganz Deutſchland weit⸗ hin wohnende Geſchlecht der Honoratioren. Ver⸗ gebens haben ſich tiefſinnige Grübler das Gehirn zer⸗ arbeitet, um die feine Linie ausfindig zu machen, welche der eigenſinnige Weltgeiſt zwiſchen den Honvrativren und Nichthonoratioren gezogen hat. Der Uebergang, wo der Nichthonorativre aufhört und Honoratiore an⸗ fängt, iſt ſo ſubtil, daß er dem menſchlichen Auge faſt unſichtbar iſt. Schüttet man die Honvrativren einer Stadt in ein Sieb und ſchüttelt und rührt, ſo fallen die bür⸗ gerlichen Beſtandtheile allmälig wie Spreu hindurch und man erhält eine neue Claſſe der Geſellſchaft, den Adel, nur äußerſt dünn gemiſcht mit hochgeſtellten bür⸗ gerlichen Staatsbeamten. Wird dieſe Claſſe nochmals filtrirt, ſo erſcheint etwas ganz Feines, die ſogenannte Créme, nach welcher unmittelbar der liebe Gott ſelbſt rangirt. Wir haben deshalb ſo ausführlich über die ver⸗ ſchiedenen Beſtandtheile der Menſchheit geſprochen, weil wir ſie im Städtchen Neukirchen ſämmtlich repräſentirt finden. Die Créme von Neukirchen beſteht eigentlich nur aus drei Familien, der verwittweten Geheimräthin von Ponikau nebſt zwei Fräulein Töchtern, dem penſivnir⸗ ten General der Cavalerie von Kirchner nebſt Frau Gemahlin und Nichte, Adele von Liebenrode, und dem Rittergutsbeſitzer von Fellenberg ditv nebſt Frau Ge⸗ mahlin und Fräulein Tochter. Es würde hier zu weit führen, eine Charakteriſtik dieſer Hauptbeſtandtheile der Nenkirchner Ereme zu liefern. Nur ſo viel ſei erwähnt, daß Frau von Ponikau mit ihren Töchtern die Seele der Nobleſſe von Neukirchen, und daß ihr Haus vorzugsweiſe den guten Ton angibt. Desgleichen darf nicht vergeſſen werden, daß die Familie von Löwenſtern auf dem be⸗ nachbarten Ehrenberg gleichſam als detachirtes Corps der Neukirchner Créme zu betrachten iſt. Fragt man ſich, warum ſo hochgeſtellte Familien, wie die eben genannten, nicht lieber in der Reſidenz ihren Aufenthalt wählen, wo ſie doch weit mehr eben⸗ bürtige Geſellſchaft vorfinden, als im Städtchen Neu⸗ kirchen, ſo iſt der Grund der, weil jene Familien in der Hauptſtadt in Gegenwart des Hofes und höchſten Adels nur eine ſehr ſecundaire Rolle ſpielen würden. Sie gehen von der Anſicht des Julius Cäſar aus und wollen lieber in Neukirchen die Erſten als in der Reſidenz die Dritten oder Vierten ſein. Der übrige Adel von Neukirchen richtet ſich in allen Dingen ſtreng nach ſeinen hohen Oberhäuptern, 13 den drei Familien. Nur was von dieſen ausgeht, iſt preiswürdig und der Nachahmung werth. Der Neu⸗ kirchner Adel bildet ein ziemlich abgeſchloſſenes Ganze in Betreff der übrigen bürgerlichen Honvratioren; und nur einige der letztern gehören in Betracht ihrer Wohl⸗ habenheit zu den wenigen Glücklichen, die zuweilen in die ariſtocratiſchen Kreiſe gezogen werden. Nie⸗ mand fühlt ſich durch ſolche Auszeichnung mehr ge⸗ ſchmeichelt, als dieſe bürgerlichen Bevorrechteten; ſie blicken in der Regel mit weit größerer Suffiſance auf ihre bürgerlichen Standesgenoſſen herab, als der Adel ſelbſt. Ueberhaupt, wie fiel in Neukirchen von den höhe⸗ ren Bürgerlichen auf die Ariſtoeratie räſonnirt wird, findet ſich doch in der Regel der ärgſte ahnenloſe Rä⸗ ſonneur glücklich und in den ſiebenten Himmel Ma⸗ homeds erhoben, wenn ein gnädiger Herr oder eine gnädige Frau oder ein gnädiges Fräulein ſo gnädig ſind und freundlich zu ihm ſprechen. Er blickt mit bedentſamer Miene umher, ob der große Act der Gnade von den neidiſchen Standesgenoſſen auch ge⸗ hörig bemerkt worden ſei. Daß es in Folge der ſchroffen Rangunterſchieden⸗ heit in Neukirchen nicht verſchiedene geſchloſſene Ge⸗ ſellſchaften geben ſollte, unterliegt keinem Zweifel. Da gibt es vorerſt ein ſogenanntes Bürgerecaſinv. Hier dominirt, wie der Name nicht anders erwarten läßt, der wohlhabendere Bürgerſtand. Die zweite Geſellſchaft heißt die Harmonie und umfaßt das eigentliche Geſchlecht der Honoratioren. Zur Harmo⸗ nie gehört auch der geſammte Adel, fürſtliche und ſtädtiſche Beamte, Juriſten, Aerzte und Kaufleute. Die dritte Geſellſchaft führt den Namen Concordia und beſteht größtentheils aus dem Stande der Ge⸗ 1⁴ lehrten. Endlich beſteht noch ein adeliges Kränzchen, welches der Reihe nach in verſchiedenen Familien abgehalten wird, wo ſelten Bürgerliche Zutritt er⸗ halten. Die Verſammlungslocale dieſer verſchiedenen Ge⸗ ſellſchaften befinden ſich mit Ausnahme des adeligen Kränzchens ſämmtlich in der Belletage des bereits näher beſprochenen Rathhauſes. Für Bedienung, Speiſen und Getränke ſorgt die Rathskellerpachterin Dorothea Kliemann mit reger Gewiſſenhaftigkeit. Die Harmonie iſt unſtreitig diejenige Geſellſchaft, welche am meiſten das Intereſſe der gebildetern Be⸗ wohner Neukirchens in Anſpruch nimmt. Hier kann man die Abſonderungsſucht der verſchiedenen Stände am bequemſten in Augenſchein nehmen und ſelten hat eine Geſellſchaft ſo wenig ihrem Namen entſprochen, als dieſe Neukirchner Harmonie. Adel und Bürger⸗ ſtand werden ein jeder von ſeinen beſondern Vorſtehern vertreten. Indeß, wie angelegen ſich's dieſe letztern ſein laſſen, eine Harmonie in die Harmonie zu bringen, iſt Alles vergeblich. Wie Oel und Waſſer wollen ſich die verſchiedenartigen Elemente trotz alles Um⸗ rührens nicht vermiſchen. Wir werden ſpäter Gelegenheit haben, den Leſer auf einen Ball der Harmonie zu führen, wo er ſich überzeugen kann, daß hier nur die Wahrheit geſagt worden iſt. Auch erſparen wir uns deshalb eine weitere Auseinanderſetzung der geſelligen Zuſtände von Neukirchen, um die ohnehin zu lang gerathene Ein⸗ leitung nicht noch länger auszuſpinnen. Wir beeilen uns, den Leſer mit denjenigen Perſonen bekannt zu machen, die wir vorzugsweiſe mit dem Namen der deutſchen Pickwickier bezeichnen und deren Lebens⸗ weiſe und Abenteuer den hauptſächlichſten Inhalt dieſes Buches ausmachen werden. Vorher jedoch ſcheint es nicht unnützlich, in ein paar Worten desjenigen Publikums noch zu gedenken, das ſich allabendlich in dem Parterrelocale des Raths⸗ kellers zu verſammeln pflegt. Während in den Zimmern der Harmonie, im erſten Stockwerk, der Adel und diejenigen Honoratio—⸗ ren des Abends zuſammenkommen, die ſich der Ariſtv⸗ cratie anzuſchließen pflegen und theils durch Karten⸗ ſpiel, theils durch Geſpräch einige Stunden ver⸗ bringen, ſitzt in den untern Räumen des Kellers, welche Jedermänniglich offen ſtehen, die radicale, volksthümliche Oppoſition, ebenfalls ſpielend, rauchend und räſonnirend. Dieſe Oppoſition beſteht größten⸗ theils aus Harmoniemitgliedern, untermiſcht mit eini⸗ gen Bürgern; und der Groll gegen den Adel und deſſen bürgerliche Cortege bricht hier nicht ſelten in helle Flammen aus. Da gibt es Räſonneurs, die ſich aus irgend einem Grunde von der Nobleſſe ver⸗ nachläſſigt finden, und die ſich's zum angelegentlich⸗ ſten Geſchäft machen, die Aſche immer von Neuem anzublaſen; ſo daß es ihnen oft gelang, die duld⸗ ſamſten und friedfertigſten Neukirchner in Harniſch zu bringen. Es geht in dieſen untern Regionen in der Regel lauter und lärmender her, als in den geſchloſſenen Zimmern der Harmonie; auch iſt der Tabak und die Cigarren, welche hier geraucht werden, nicht durch⸗ gängig von ſo feinem Geruch, wie in den Oberſtuben. Mitten durch die Wolken des Tabaks erblickt man aber faſt allabendlich in der Ecke der Nebenſtube an einem Tiſche vier Geſtalten ſitzen, welche Solo ſpie⸗ 16 len, und ſich um das Stimmengeräuſch rings umher wenig oder gar nicht zu kümmern ſcheinen. Dies ſind die vier Männer, von welchen im fol⸗ genden Kapitel die Rede ſein wird. Zweites Rapitel. Nähere Bekanntſchaft mit den Pickwickiern. Es war ein dunkler, unfreundlicher Novemberabend; der Wind trieb die finſtern Wolken über den Himmel und vernehmlich hörte man den Regen auf das Stra⸗ ßenpflaſter niederſchlagen. In den beiden an einander grenzenden Parterreſtuben des Rathskellers zu Neu⸗ kirchen war es noch ziemlich leer von Gäſten; nur der Stadtrichter Kleinſimon ſpielte in dem einen Zim⸗ mer mit dem Apotheker Munkelt Billard. Das immer freundliche und geſchäftige Röschen rückte in der Ne⸗ benſtube die Spieltiſche an die gewohnten Plätze, ſtellte auf jeden zwei friſchaufgeſteckte, noch unange⸗ zündete Lichter, ſetzte Markenkäſtchen an die vier Ecken und legte zwei Spiele deutſche Schwertkarten in die Mitte. Auch der große länglichrunde ſogenannte Rä⸗ ſonnirtiſch ward zurechtgemacht, Stühle um denſelben geſtellt und die Sophapolſter in Ordnung gebracht. Da ſchlug die Rathhausuhr das zweitemal ſechs Uhr und bezeichnete hiermit die ſiebente Stunde des Abends. Es waren kaum einige Minuten vergangen, als ſich leiſe die Thür des Zimmers, welches an die 17 Billardſtube grenzte, aufthat und ein männliches We⸗ ſen mit einem ziemlich unſichern Bückling hereintrat. Erſt nachdem ſich der Ankömmling vermöge ſeiner blö⸗ den Augen überzeugt hatte, daß Niemand im Zimmer anweſend, erkannte er, wie er diesmal ſein devotes Compliment hätte erſparen können. Der Eingetretene war ein Mann in den mittlern vierziger Jahren, von nicht langer, aber ſchmächtiger Statur, hagerm und äußerſt freundlichem und wohlwollendem Geſicht. Seine ganze Haltung verrieth Unſicherheit und Schüchternhett. Er trug einen langen hechtgrauen Rock, gelbliche Weſte und weißes Halstuch. Sorgfältig hing er ſeine Mütze ganz in die Ecke an einen daſelbſt befindlichen Hut⸗ halter und ſtellte den Stock ſo geräuſchlos als möglich in den Winkel daneben. Nachdem er dies Geſchäft vollendet, nahte er ſich einige Schritte der halbgeöffneten Thür, welche nach dem Billardzimmer führte, und ſchaute aus einiger Entfernung mit vorgebeugtem Kopfe durch die Oeff⸗ nung nach dem billardſpielenden Stadtrichter und Apotheker, welche beide Honoratioren er jedoch bei ſeinem kurzen Geſicht nicht zu erkennen vermochte. Wenn ein Stammgaſt in das Zimmer das Raths⸗ kellers trat und nicht ſogleich Bedienung anweſend war, tobte und ſpectakelte er, von ſeiner durſtigen Seele getrieben, in der Regel ſo lange, bis ein dienſt⸗ barer Pamphilio erſchien und ſeine Wünſche befrie⸗ digte. Der Eingetretene, obſchon er gleichfalls zu den getreuſten Stammgäſten gehörte, liebte dieſe rauhe Sitte nicht, ſondern wartete mit Geduld und ſtiller Beſchei⸗ denheit, bis das Ungefähr einen Bier ſpendenden Engel in ſeine nächſte Nähe führen werde, wo er dann weit mehr bittend als befehlend ſeine beſcheidenen Wünſche an den Mann brachte. So auch diesmal. Eine ge⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. vI. 2 18 raume Zeit ſtand der Geduldige und ſchaute vorge⸗ beugten Hauptes durch die geöffnete Thüre, ſich ver⸗ geblich den Kopf zerbrechend, wer wohl die beiden Billardſpieler ſein möchten. Dann ſetzte er ſich ſtill auf einen Stuhl in einer Fenſtervertiefung und er⸗ wartete die Dinge, die da kommen ſollten. Endlich erſchien Röschen, welche ein Licht in der Hand trug und durch das Zimmer nach der Küche ging. Kaum hatte ſie den einſamen Gaſt erkannt, als ſie in die gemüthlichen Worte ausbrach:„Was der Tauſend, Herr Kappler, ſo früh ſchon, das iſt ja was recht Seltnes; nicht wahr, ein Gläschen Er⸗ langer, Friedrich hat eben ein friſches Faß angezapft.“ Der Angeredete verneigte ſich halben Leibes und erwiederte mit etwas heiſerer Stimme:„Das Wetter iſt gar zu bös, mein verehrtes Röschen, ich mußte heute beim beſten Willen meinen Spaziergang ein⸗ ſtellen.“ „Das haben Sie recht gemacht,“ lobte das Mäd⸗ chen,„wohl dem, der bei dieſem abſcheulichen Wetter nicht hinausbraucht.“ „Ja wohl, ja wohl,“ geſtand Kappler. Dann frug er leiſe:„Können Sie mich nicht berichten, mein verehrtes Röschen, wer die beiden Herren ſind, die in dem vordern Zimmer Billard ſpielen?“ „Der Herr Stadtrichter und der Herr Apothe⸗ ker,“ berichtete kie Kellnerin;„ich werde Ihnen ſo⸗ gleich ein ganz friſches Gläschen beſorgen.“ Bei dem Namen Stadtrichter zuckte der Frager ein wenig zuſammen und zog ſich leiſe in ſeinen Win⸗ kel zurück. Ja, Fürchtegott Amadeus Kappler hieß der Mann, der hier in Beſcheidenheit und Demuth in der Fen⸗ —— 19 ſtervertiefung hinter einem Glaſe ſogenannten Erlan⸗ ger Bieres ſaß. Fürchtegott Amadeus Kappler war von gottes⸗ fürchtigen Eltern, ehrlichen Leinwebern, noch im vori⸗ gen Jahrhunderte geboren. Er hatte ganz den recht⸗ ſchaffenen Sinn ſeiner Eltern geerbt, machte ſchon als Knabe ſeinen Lehrern durch Sittſamkeit und Fleiß Freude. Obſchon er in geiſtigen Anlagen von der Mutter Natur nicht eben verſchwenderiſch ausgeſtattet war, zeichnete er ſich durch ſeine nette Handſchrift, ſo wie durch ſein Rechnengenie ſchon unter ſeinen Mit⸗ ſchülern vortheilhaft aus. Nach einer trüben, in bittrer Armuth verlebten Jugend, nach freudeloſen Jünglings⸗ jahren, wo ſeine Zeit und ſein unermüdlicher Fleiß von einem hartherzigen Advokaten gewiſſenlos ausgebeu⸗ tet worden, war dem Glücklichen endlich der große Wurf gelungen, wohlbeſtallter Sportelſchreiber auf dem Neu⸗ kirchner Stadtgerichte zu werden, mit ſechzig Thaler fixen Gehalt. Lange iſt wohl dem lieben Gott von einem Sterblichen nicht ſo herzinniger Dank dargebracht wor⸗ den als von unſerm Kappler, da er die Ernennung zum Sportelſchreiber in ſeinen vor Freude zitternden Händen hielt. Der kühnſte Traum ſeines Lebens war in Erfüllung gegangen und als guter Sohn theilte er redlich ſein Einkommen mit ſeinen alten Eltern, als dieſe nichts mehr zu verdienen vermochten. Aber außer der Sportelſchreiberei verwaltete Kappler mit Gewiſſenhaftigkeit noch mehre kleine Aemtchen, die ihm allerdings nur ſehr wenig einbrachten. Er war Agent der Gothaiſchen Lebensverſicherungsgeſellſchaft, Caſſirer der ſtädtiſchen Armenbeiträge, Gotteskaſtenvorſteher, Subſubeollecteur der Landeslotterie, ſo wie auch Fvurier bei der in Neukirchen ſeit den Unruhen von 1830 2* 20 ins Leben getretenen Communalgarde. Was ihm nächſt ſeiner Sportelſchreiberei am meiſten eintrug, das war ſeine Fertigkeit im Notenſchreiben; hier gab es immer Etwas zu thun. Kappler verwaltete jedes ihm obliegende Amt mit wahrhaft ängſtlicher Pünktlichkeit und Gewiſſenhaftig⸗ keit; zugleich war er der loyalſte und friedfertigſte Bürger von Neukirchen. Gegen ſeine Vorgeſetzten hegte er eine unbegrenzte Ehrfurcht; darum zuckte er auch unwillkürlich zuſammen, als Röschen den Stadt⸗ richter ſeinen hohen Chef als Billardſpieler nannte. Kappler fürchtete ſchon, Herr Kleinſimon könnte es übel bemerken, daß ſein Sportelſchreiber ſo zeitig die Tabagie beſuche. Doch wie jeder Menſch ſeine Schwächen und Ei⸗ genheiten, ſo auch unſer Kappler. Er, die friedlie⸗ bendſte, liebevollſte, höflichſte Seele, konnte in Zorn gerathen, ſeiner frommen Zunge konnten Bitterkeiten entſchlüpfen, wenn man die Unvorſichtigkeit beging, die Geſundheit und Stärke ſeiner Bruſt im Geringſten in Zweifel zu ziehen. Wie die meiſten Menſchen, welche ſchmächtig ge⸗ baut und von Jugend auf hinter den Schreibtiſch gebannt ſind, an ſchwacher Bruſt leiden, ſo auch Kappler. Er war, ſo lange man ſich ſeiner zu er⸗ innern wußte, mit Engbrüſtigkeit, kurzem Athem und Hüſteln geplagt. Nichtsdeſtoweniger behauptete er, im Beſitze der kerngeſundeſten Bruſt und ausdauernd⸗ ſten Lungen von ganz Neukirchen zu ſein. Es ſei ihm, ſprach er vft aus, lange nicht eine ſo felſenfeſte Geſundheit vorgekommen, wie er ſich Gott ſei Dank in hohem Grade zu erfreuen habe. Machte nun Je⸗ mand bei dieſen Worten ein nachdenkliches, zweifel⸗ haftes Geſicht, ſo ging Kappler ganz aus ſeiner Na⸗ 24 tur heraus; man erkannte den ſanften friedfertigen Sportelſchreiber nicht mehr; und er ward ordentlich pikirt und warf mit Stachelreden um ſich. Um aber von ſeiner Behauptung in Betreff ſeiner dauerhaften Bruſt den thatſächlichſten Beweis zu geben, lief Kappler im Sommer und Winter alle Abende ſieben Uhr nach überſtandener Eppeditionszeit anderthalb Stunde ge⸗ gen den Wind. Im Sommer ging die Reiſe regel⸗ mäßig zum Kloſterthore hinaus bis an die Ruinen des Benedictinerkloſters; im Winter, wo es zeitig finſter ward, wagte er ſich nicht ſo weit, ſondern rannte fünfmal um die Stadt; worauf er ſich regelmäßig Punkt halb Neun auf dem Keller einfand, zuweilen noch keuchend und ganz erſchöpft. Lange wird es nicht wieder einen ſo zufriedenen Menſchen geben, als unſern Kappler. Er hatte in ſeinem Leben eigentlich nur zwei wahrhafte Herzens⸗ wünſche gehabt, wovon ihm der eine bereits in Er⸗ füllung gegangen; nämlich er war Sportelſchreiber geworden. Der andere Herzenswunſch beſtand darin, ein wenig corpulenter zu werden. Unſer Kappler war nicht neidiſch, das konnte ihm ſein Feind, wenn er einen ſolchen gehabt hätte, nicht nachſagen; aber wenn er den Senator Klopfleiſch, einen in ganz Neukirchen wegen ſeiner Wohlbeleibtheit bekannten Mann, über den Marktplatz mehr kollern als gehen ſah, ſo ent⸗ wandte ſich ein leiſer Seufzer ſeiner Bruſt und er dachte für ſich: Ach, könnte doch dieſer dir Etwas abgeben! Kappler hatte im Stillen die leiſe Hoffnung ge⸗ nährt, der liebe Gott, der ſo gnädig geweſen, ihm die Sportelſchreiberei zu verleihen, werde ihm auch am Leibe etwas zulegen, nach Analogie des alten Sprüchworts:„Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verſtand.“ Aber zu Kappler's inniger Betrüb⸗ niß war er als Sportelſchreiber wo möglich noch ma⸗ gerer geworden. Er hatte ſich ein beſondres Maaß angelegt, womit er an ſeiner höchſteignen Perſon Ul⸗ timo jeden Monats Meſſungen anſtellte. Die kleine Bibliothek des Sportelſchreibers beſtand nächſt einer alten defecten Ausgabe des Converſationslexikons und nächſt Gellert's Schriften faſt aus nichts als aus Rathgebern und unentbehrlichen Noth- und Hülfsbü⸗ chern über die Kunſt den menſchlichen Leib zu con⸗ ſerviren; worineſich die Kapitel über Magerkeit und Corpulenz eines beſondern eifrigen Studiums zu er⸗ freuen hatten. Aber trotz aller wiſſenſchaftlichen Forſchungen und angewandten Mittel blieb der Sportelſchreiber nach wie vor ein ſogenannter Specht, was ihm nicht wenig Kummer verurſachte, da er vermeinte, ein bei der Obrigkeit Angeſtellter müſſe auch in leiblicher Hinſicht in's Gewicht fallen. Ein Flederwiſch könne auf die unerläßliche Autorität keinen Anſpruch machen. Eine andre wohl verzeihlichere Schwäche Kappler's beſtand darin, daß er ſich vor's Leben gern Herr Regiſtrator nennen hörte. Niemand konnte ihm ein wohlthuenderes innerliches Vergnügen bereiten, als wenn er ihm dieſen Titel beilegte. Sein hageres BGeſicht verklärte ſich dann und er acceptirte mit ſchwei⸗ gendem Danke das ihm ſo ſchmeichelhafte Prädicat. Zur vollkommenen Charakteriſtik des Sportelſchrei⸗ bers muß hier erwähnt werden, daß er noch eine an⸗ dere recht lobenswerthe Eigenſchaft, ja faſt Leidenſchaft an ſich hatte. Den ſanften Kappler konnten nämlich nur zwei Gegenſtände in Harniſch bringen. Den er⸗ ſten haben wir erwähnt; der andere betraf die Thier⸗ guälerei. Es gab wohl keinen größern und wahrhaf⸗ 23 teren Freund des geſammten Thierreichs von der Mücke bis zum Elephanten, als unſern Sportelſchreiber. Er hatte nie ein Thier getödtet, mochte es ihn noch ſo moleſtirt haben, noch viel weniger ein ſolches gemar⸗ tert. Selbſt jene Blutſauger, Peiniger und Mörder der Ruhe in ſchwülen Sommernächten, jene Feinde der ſchlummernden Menſchheit, die uns ſchon auf Er⸗ den die Hölle und ewige Verdammniß vergegenwärti⸗ gen und welche jeder Staubgeborne mit Wolluſt in ein beſſeres Leben ſpedirt, ſobald er derſelben nur habhaft werden kann, die Wanzen, tödtete Kappler nicht. Hatte er eine Zeitlang wie Hiob gelitten, ſprang er endlich wie beſeſſen aus dem Bette, zündete Licht an und begann die Jagd. Wenn er ein Rudel ge⸗ fangen, ſperrte er ſie in eine wohlverwahrte Papier⸗ düte, von welchem Artikel wie in einem Kramladen ein ganzes Packet neben ſeinem Bette hing, und feuerte die Gefangenen durch's Fenſter hinab in den duften⸗ den Garten.„Da beißt ihr und der Teufel!“ waren die einzigen Worte, mit welchen er Rache nahm an dem Geziefer. Hierauf beroch er ſeine Hände, ſchau⸗ derte, und wuſch ſich wenigſtens eine Viertelſtunde lang, worauf er wieder ſein Lager ſuchte. Nichts ſtörte ihn bei ſeinen Arbeiten mehr, als das Geſumme einer Schmeißfliege. Er ließ ſofort Alles ſtehen und liegen, ſobald das verdächtige Ge⸗ räuſch an ſein wachſam Ohr ſchlug, und kam nicht eher zur Ruhe, bevor er nicht den Brummer in ſei⸗ ner Gewalt hatte. Derſelbe ward hierauf durch's Fenſter in's Freie entlaſſen. Wenn es zufällig reg⸗ nete, that es Kapplern ſchon weh und er entließ den Störefried mit den Worten und dem guten Rathe: „Armer Kerl, ſieh, daß du bald in's Trockne kommſt.“ Der gute Sportelſchreiber, ſo barmherzig gegen 2⁴ Menſchen und Vieh, war gleichwohl gegen Thierquä⸗ ler unerbittlich. Da kannte er keine Nachſicht und wir glauben, er hätte einen erbarmungsloſen Thier⸗ quäler mit ruhigem Blute können köpfen ſehen. So war er, der friedſame Mann, der Jeden ſeine Straße ziehen ließ, ſelbſt einmal zum Denuncianten gewor⸗ den, und zwar an einem Eſeltreiber, welcher ſeinem Eſel nach Kappler's Meinung zu viel zugemuthet und das arme Thier durch übermäßige Schläge maltraitirt hatte. Der Sportelſchreiber gerieth hierdurch mit dem Eſelstreiber in einen Injurienprozeß, der jedoch zu Gunſten Kappler's und des Eſels und zur Freude aller Freunde der Humanität entſchieden wurde. Während der Wintermonate genoß der Sportel⸗ ſchreiber faſt jeden Abend von halb neun bis zehn Uhr die Ehre, mit drei Honoratioren Solo zu ſpielen. Dieſe drei waren der ehemalige Vorwerkspachter Son⸗ nenſchmidt, in Neukirchen und Umgegend nur un⸗ ter dem Namen der Inſpector bekannt, eine wahre Athletengeſtalt, in den mittlern Funfzigen, der ſich ein hübſches Vermögen geſammelt und von ſeinen Ren⸗ ten ein gemächliches Leben führte. Sonnenſchmidt hatte eine etwas tiefe, polternde Sprache, pflegte ſeine Worte nicht eben auf die Goldwaage zu legen, hielt mit ſeinen Meinungen und Anſichten wenig hinter dem Berge, ſprach zuweilen ab und ſpielte gern den Criticus. Der zweite Soloſpieler war der Briückenzollgelder⸗ einnehmer Langſchädel, gewöhnlich Herr Lieut⸗ nant genannt, bis zu welcher Charge er ſich bei der ſeligen Landwehr im Befreiungskriege emporgeſchwun⸗ gen haben wollte; eine ziemlich lange, hagere Figur, mit einem vergilbten Bändchen im Knopfloch, von wel⸗ chem jedoch Niemand hat erfahren können, welchem 25 Orden es eigentlich angehörte. Der Herr Lieutnant galt für eine ſehr unbedeutende Perſon. Er hatte das Eigenthümliche, daß er gern von ſeinen Kriegs⸗ und Heldenthaten erzählte, ungeheuer log(wo Kappler aus angeborner Menſchenfreundlichkeit allemal den allei⸗ nigen Gläubigen abgab), ferner als ein leidenſchaft⸗ licher Jäger bekannt war, ohne jedoch das Glück zu haben, dem Wilde viel Schaden zu thun. Der dritte Soloſpieler hieß Eccarius, und war in Neukirchen ein weit mehr gefürchteter als beliebter Mann, von mittler unterſetzter Statur, mit einem liſtigen, verſchlagenen Geſichte, über welches nur von Zeit zu Zeit unwillkürlich ein Zug Gutmüthigkeit zuckte. Eccarius, welcher den Titel eines Hofeom⸗ miſſairs— bei welchem Hofe er accreditirt war, wußte man ſo eigentlich nicht— führte, hatte wäh⸗ rend des letzten Kriegs dem einträglichen Geſchäfte eines Armeelieferanten vorgeſtanden, ſich dabei ein ar⸗ tiges Sümmchen zurückgelegt und lebte bereits eine Reihe von Jahren in Neukirchen, wo er ſich vor dem Wieſenthore ein geſchmackvolles Haus gebaut, in Actien und Staatspapieren ſpeculirte und nicht unbedeutende Geſchäfte trieb. Dieſer Herr Hofcommiſſair war von Natur ſo außerordentlich zur Oppoſition geneigt, na⸗ mentlich was ſtädtiſche und geſellſchaftliche Angelegen⸗ heiten betraf, er führte eine ſo witzige und beißende Zunge und Feder, daß ihn Jedermann fürchtete und ſich wohl hütete, mit ihm feindlich zuſammenzutreffen. Er trug allein die Schuld, daß die Donner der Pa⸗ riſer großen Woche auch in dem friedlichen Neukirchen ihren Wiederhall fanden; er ſtellte ſich an die Spitze einiger unzufriedenen und neuerungsſüchtigen Bürger, encouragirte ſie zum energiſchen Widerſtande und führte ihre Sache ſo geiſtreich, geſchickt und gewandt gegen 26 den alten Stadtrath, daß dieſem keine weitere Wahl blieb, als abzudanken. Der neue Rath ward faſt un⸗ ter des Hofcommiſſairs alleinigem Einfluſſe gewählt; er ſtand eine Zeitlang unter deſſen ſpecieller Controle, bis er in neuerer Zeit ſich gleichfalls den Groll des gefürchteten Mannes zugezogen hatte. Eccarius warf ſich unaufgefordert zum Advocaten für Jeden auf, der gegen die ſtädtiſche Behörde etwas vorbringen wollte. Dies that er völlig uneigennüczig, mochte es ihm auch viel Mühe und Zeit koſten; und in der Regel führte er die Sache glücklicher durch, als man⸗ cher Advocat. Vor dem Jahre 1830, wo ſich der Hofcommiſſair an die Spitze der radicalen Volkspartei gegen den Stadtrath geſtellt, weil dieſer ihm zu ariſtveratiſch ſchien, hatte er mit dem Adel zu Neukirchen, wenn auch nicht auf freundſchaftlichem, doch auf ziemlich friedlichem Fuße gelebt. Dieſer Zuſtand änderte ſich mit dem Sturze des alten Stadtraths. Die hohe Neukirchner Nobleſſe konnte ſich unmöglich mit Prin⸗ cipien befreunden, für welche Eccarius in neueſter Zeit offen und thatkräftig Partei genommen. Es trat eine auffallende Kälte zwiſchen den beiden Großmächten ein, die jedoch bald in offene Feindſeligkeit überging. Die in den Privatſtand zurückgetretenen ſtädtiſchen Autoritäten ſchloſſen ſich in Betracht des Hofcom⸗ miſſairs dem Adel an. Es wurden ſogar Intriguen geſponnen, den gehaßten Mann von der Harmonie auszuſchließen. Dies mißlang und Eccarius trat nun um ſo entſchiedener dem ariſtoeratiſchen Theile der Ge⸗ ſellſchaft in aller Hinſicht entgegen. An den täglichen Zuſammenkünften der Harmonie, die nur aus Herren beſtanden und die, wie bereits erwähnt, in den oberen Stuben des Rathhauſes ſtatt⸗ 27 fanden, nahm er nie Theil. Nur wenn die ſogenann⸗ ten Damenſoireen ſtattfanden, ſtellte er ſich ein und machte den ſtillen Beobachter. Außerdem verbrachte er faſt täglich einige Abendſtunden in dem untern Locale, wo er mit Sonnenſchmidt, Langſchädel und Kappler Solo ſpielte. Dieſes Kleeblatt hatte er ſich eigends aus den Neukirchner Kellergäſten zuſammen⸗ geſucht. Er war allen dreien in geiſtiger Beziehung durchaus überlegen, aber das Kleeblatt kam ihm ſehr bequem, ſeinem trockenen Witze, wozu ihm häufig Ge⸗ legenheit ward, freien Lauf zu laſſen. Des Hofcom⸗ miſſairs Allmacht war es auch gelungen, daß den vier Soloſpielern allabendlich ein eigner bequemer Tiſch am Fenſter eingeräumt wurde; ein Privilegium, deſſen ſich keine andere Spielpartie zu erfreuen hatte. Der Sportelſchreiber Kappler fühlte ſich außeror⸗ dentlich geehrt, als privilegirter vierter Mann an dem Spiel der drei Honvratioren Theil nehmen zu kön⸗ nen. Sein Reſpect für den Hofeommiſſair grenzte an's Unglaubliche. Er nannte denſelben nie anders als„mein hochgeehrteſter Herr Hofkammercommiſſair,“ und oft ging ſeine Ehrfurcht ſo weit, daß er zu ſei⸗ nem eigenen und ſeines Mitſpielers Schaden dem ge⸗ fürchteten Manne, wenn er ſein Gegner war, in die Karte ſpielte, weshalb er von ſeinem Compagnon nicht wenig zu leiden hatte. Dagegen erfreute ſich Kappler aber auch einer be⸗ ſondern Gewogenheit von Seiten des Hofcommiſſairs. Wir hätten es Niemand rathen wollen, in Gegenwart von Eecarius dem Sportelſchreiber im Geringſten zu nahe zu treten. Der Hofcommiſſair fand wirklich Ge⸗ fallen an dem ängſtlichen Männchen und nahm ſich ſeiner thatkräftig an, obſchon Kappler auch wieder iel von ſeinem hohen Protector zu leiden hatte; denn 28 Letzterer ließ keine Gelegenheit vorüber, wo er ſeinen Schutzbefohlenen ein wenig necken konnte; bald daß er die Stärke und Tüchtigkeit ſeiner Bruſt in Zweifel zog, bald daß er dem unterthänigſten und loyalſten Manne von Europa aufrühreriſche Gedanken gegen die hohe Obrigkeit zuſchrieb, oder irgend ein haar⸗ ſträubendes Beiſpiel von Thierquälerei erzählte, das er vor Kurzem erlebt haben wollte. Kappler ſaß noch immer in der Fenſtervertiefung hinter ſeinem Krüglein Erlanger, als ſich das Zimmer allmälig mit Gäſten füllte. Bei jedem der Eingetre⸗ tenen, wenn er bei ihm vorüberging, erhob ſich der Sportelſchreiber und grüßte höflichſt. Endlich that ſich die Thür auf und die Athleten⸗ geſtalt des Inſpector Sonnenſchmidt trat herein. „Was Teufel, Kappler,“ hub der neue Ankömm⸗ ling an, als er des Sportelſchreibers anſichtig wurde, „es iſt ja noch nicht halb neun?“ „Das böſe Wetter, mein verehrter Herr Inſpee⸗ tor,“ entſchuldigte ſich der Angeredete, indem er von Neuem aufſtand. „Geſcheidt,“ fuhr Sonnenſchmidt fort,„Sie ſoll⸗ ten überhaupt im Winter Ihre Abendrennerei ein⸗ ſtellen. Sie rackern ſich ab.“ Mit dieſen Worten ſetzte der Inſpector ſeine Pfeife in Brand, die er aus der Taſche gezogen hatte. „Aber die Motion bekommt mir vortrefflich, mein werther Herr Inſpector.“ „Poſſen,“ polterte Sonnenſchmidt,„ſind der Mann nicht, anderthalb Stunden in der feuchten Nachtluft, das iſt Strapatze für Sie.“ Der Sportelſchreiber unterſtand ſich gehorſamſt, dieſer Anſicht nicht ganz beizupflichten. „Und in der Finſterniß,“ fuhr Sonnenſchmidt fort, 29 „bei Ihrem kurzen Geſicht. Sie haben geſtern auch mit im Stadtgraben gelegen.“ Kappler erſchrak nicht wenig, als er wahrnahm, daß Sonnenſchmidt von dem Unfall Kenntniß hatte, der ihm bei der geſtrigen Abendpromenade widerfah⸗ ren war. Ein Theil der Barriere, welche den Stadtgraben beim Schützenhauſe umgab, war ſeit einigen Tagen vom Sturme umgebrochen und aus Nachläſſigkeit der ſtädtiſchen Polizeibehörde noch nicht wieder her⸗ geſtellt worden. Es waren in der Finſterniß eine Menge Leute in den ſumpfigen Graben hinabgefallen. Darunter befand ſich auch unglücklicher Weiſe Kappler, welcher in der Tiefe auf einen ehrſamen Schuhmacher⸗ meiſter zu liegen gekommen. Dieſer hatte Zetermordio geſchrieen, als er den Sportelſchreiber über ſich gefühlt, welchen der abergläubiſche Mann im erſten Schrecken für einen böſen Geiſt gehalten. Nachdem ſich Kappler legiti⸗ mirt, hatte endlich der zu unterſt liegende Schuhmacher dem Sportelſchreiber fluchend den Rath gegeben, aufzu⸗ ſtehen, damit er ein Gleiches thun könne. Kappler aber, ſelbſt in der gefährlichſten Lage des Lebens noch im⸗ mer höflich, hatte gemeint, er wolle die Ehre des zu⸗ erſt Aufſtehens dem Herrn Meiſter überlaſſen und war, vor Schreck noch am ganzen Leibe zitternd, auf dem Leichnam des Schuhmachers liegen geblieben, bis die⸗ ſer, Feuer und Flammen ſpeiend, die allerdings nicht allzuſchwere Laſt energiſch abgeſchüttelt. Kappler, wel⸗ cher von ſeinem Hinabfallen in den Stadtgraben kei⸗ nem Sterblichen ein Wort vertraut, argwohnte ſo⸗ gleich, daß der Schuhmachermeiſter geplaudert, obſchon er denſelben beſchworen, von dem beiderſeitigen Miß⸗ geſchick der Welt keine Gelegenheit zum Spotte zu geben. Der Hauptgrund, warum aber Kappler von 30 der Sache nichts bekannt werden laſſen wollte, war der, damit er als ein auf dem wohllöblichen Stadt⸗ gerichte Angeſtellter nicht ſelbſt die Veranlaſſung zu einer Klage gegen eine ſtädtiſche Behörde würde. Es war ihm daher äußerſt fatal, daß der Inſpector, der über jede Sache in ſeiner gewohnten polternden Art abſprach, von dem Unfalle wußte. „Die Sache,“ verſetzte Kappler mit möglichſt gleich⸗ gültiger Miene,„hatte im Geringſten nichts auf ſich, ich rutſchte ein Wenig aus; wie geſagt, nicht der Rede werth.“ Zur Freude des Sportelſchreibers ging der In⸗ ſpector auf den Unfall nicht weiter ein. Er ſchien ſich's heute vorgenommen, ſeinem Freunde das Un⸗ politiſche der alltäglichen Abendpromenaden in helles Licht zu ſetzen. Darum fuhr er fort:„Und was ſoll Madame Runkel von den finſtern Spaziergängen hal⸗ ten? Das iſt auch zu bedenken, Kappler!“ Madame Runkel, welche der Inſpector dem Spor⸗ telſchreiber zu bedenken gab, war Niemand anders, als eine etwas beleibte Wittwe in den beſten Jahren, welche dem Rathhauſe ſchief über ein freundliches Häuschen beſaß, einem kleinen Garnhandel vorſtand, auch Strohhüte bleichte, Handſchuhe färbte und wuſch; und mit welcher der Junggeſelle Kappler oft geneckt wurde, weil er bei dieſer Dame ſeine Zwirneinkäufe für die zu heftenden Acten beſorgte. Der Sportelſchreiber, welchem es früher nicht in den Sinn gekommen, ſein Auge bis zu dieſer ſtolzen Palme zu erheben, war durch die fortwährenden Necke⸗ reien des Inſpectors und des Hofcommiſſairs endlich nachdenklich geworden, und ſein Herz klopfte bewegt, wenn er der nicht unbemittelten Wittwe mit dem 3¹ einträglichen Geſchäft und dem ſchuldenfreien Häus⸗ chen gedachte. Sonnenſchmidt und Eccarins hatten bei Sonne, Mond und Sternen geſchworen, daß ſich Madame Runkel für den zartſinnigen Sportelſchreiber intereſſire. Sie theilten die unzweideutigſten Aeußerungen der Dame über Kappler mit und ließen ſich's überhaupt außerordentlich angelegen ſein, ihrem dritten Solv⸗ ſpieler in der Meinung zu beſtärken, als habe ſich die Wittwe ſterblich und unſterblich in den Glücklichen verliebt. Obſchon der Inſpector und der Hofcommiſſair bei dem ganzen Handel nur ihren Spaß hatten, war doch Kappler viel zu unſchuldig, als daß er ihren Worten und Betheuerungen innerlich nicht hätte Glauben ſchen⸗ ken ſollen, obſchon er aus Beſcheidenheit that, als halte er das Gerede für Scherz. Der fromme got⸗ tesfürchtige Mann konnte ſich nicht denken, wie Je⸗ mand Schwüre und Betheuerungen ausſtoßen könne, ohne von der Wahrheit des Beſchwornen feſt über⸗ zeugt zu ſein. Es ſchmeichelte ihm nicht wenig, bei Madame Runkel in ſo beneidenswerthem Lichte zu ſtehen, und ſein ſanftes, für alle zärtlichen Eindrücke erregbares Herz empfand endlich jene ſchmerzlich ſüße Flamme, welche die Menſchen mit dem Namen Liebe bezeichnen. Ja, Kappler liebte; er liebte Madame Runkel und zwar mit aller Glut verſchwiegener Lei⸗ denſchaft; denn wie ſehr ihn auch Eccarius und Son⸗ nenſchmidt anfeuerten, mit der Sprache herauszugehen und ſein Glück bei der Wittib zu verſuchen, ſo be⸗ ſchränkten ſich ſeine Huldigungen blos darauf, des Tages vor Beginn der Expeditionsſtunden mehre Male beim Garnladen der Madame Runkel vorüberzugehen und beim Einkauf für ſeine Acten der Verkäuferin 32 einige ſchüchterne aber bedeutungsvolle Blicke zuzuwer⸗ fen. Wie oft er ſich auch vorgenommen hatte, die Königin ſeines Herzens in einem ſeiner Liebe ange⸗ meſſenen Style anzureden; wie oft er ſelbſt eine An⸗ rede eigends ſchriftlich aufgeſetzt und auswendig ge⸗ lernt, ſo war es doch, wenn er der Göttin ſeiner ſtillen Träume gegenüberſtand, als ſei ſeine Zunge mit eiſer⸗ nen Banden gefeſſelt und die memorirte Apoſtrophe war ſeinem Gedächtniß ausgelöſcht, wenn er ſie kurz zuvor noch herbeten konnte wie das Vaterunſer. Doch wie in der Regel einem jeden idealen Ver⸗ hältniſſe, ſich proſaiſche Hinderniſſe in den Weg ſtel⸗ len, ſo auch hier. Kappler hatte an einem höchſt ſtö⸗ renden Nebenbuhler zu leiden, der ihm viel Kummer und Verdruß machte. Es war dies Niemand anders, als der vierte Soloſpieler, der Lieutnant Langſchädel, gleichfalls Wittwer, aber ein unternehmender Freier, welcher mit Energie der Garnhändlerin den Hof machte. Er war gerade das Gegentheil vom ſanften und be⸗ ſcheidenen Kappler und ging mit ſtürmender Hand zu Werke. Mit wahrhaftem Schauder hatte der Sportelſchrei⸗ ber geſehen, wie der raſende Lieutnant ohne alle Um⸗ ſtände Madame Runkel in die Backen gekniffen, daß die arme Frau hätte aufſchreien mögen. Kappler ſtellte über dieſes ihn ſo niederbeugende Verhältniß die melancholiſchſten Betrachtungen an. Hat der Lieutnant, ſprach er für ſich, auch nur bei einem Landwehrbataillon geſtanden, das ſich durch keine großen kriegeriſchen Thaten ausgezeichnet, ſo kann er doch ein gewiſſes ſoldatiſches Plue nicht verleugnen; und was iſt dem civiliſtiſchen Bewerber bei den am Aeußern hangenden Frauen gefährlicher, als ſolch' ſol⸗ — 33 datiſche Grandezza, welcher das eitle, ſchwache Ge⸗ ſchlecht ſelten zu widerſtehen vermag. Der Sportelſchreiber, welcher ſich außerordentlich zuſammennahm, um den guten Eindruck nicht zu ver⸗ löſchen, welchen er, den Ausſprüchen und Betheuerun⸗ gen des Hofcommiſſairs und Inſpectors nach, bei Madame Runkel hervorgebracht hatte, gerieth daher in nicht geringe Beſtürzung, als ihm Sonnenſchmidt die verhängnißvolle Phraſe zu bedenken gab,„was ſoll Madame Runkel von den finſtern Spaziergängen denken?“ Obſchon ſich Kappler bewußt war, auch im Dun⸗ keln mit frommem Sinne nur den rechten Pfad zu wandeln, ſo war doch der böſe Leumund in Neukir⸗ chen groß; wie leicht konnte man ſeinen unſchuldigen Abendpromenaden, die er für ſeine Geſundheit ſo nothwendig erachtete, einen zweideutigen Zweck unter⸗ legen. Er gerieth in ein veinliches Dilemma; auf der einen Seite ſeine Geſundheit, deren Pflege ihm über Alles ging, auf der andern die entſetzliche Ausſicht, der Angebeteten ſeines Herzens als nächtlicher Wüſt⸗ ling zu erſcheinen. Wirklich faßte Kappler den Ent⸗ ſchluß, wenigſtens für die nächſte Zeit die Abendpro⸗ menaden dahin zu beſchränken, daß er ſie in ſeinem Stübchen abhielt. Er tröſtete ſich mit dem Gedan⸗ ken, daß ihm die Liebe, der ja nichts unmöglich, Kraft und Ausdauer verleihen werde, dieſe Revolution in ſeinem Privatleben und ſeiner Diätetik durchzuſetzen. Während Kappler ſolchen Revolutionsgedanken nachhing, erſchien der Hofcommiſſair und dies war das Zeichen, daß man nach gegenſeitigen Begrüßun⸗ gen an dem bereitſtehenden Spieltiſche Platz nahm, Stolle, ſämmtl. Schriften. VvlI. 3 3⁴ ohne auf den Lieutnant zu warten, welcher ſich in der Regel ſpäter einzufinden pflegte. Es war kein Wunder, wenn ſich heut der Spor⸗ telſchreiber, der noch immer mit der bevorſtehenden Revolution beſchäftigt, einige Nachläſſigkeiten und Zer⸗ ſtreuungsſünden im Spiele zu Schulden kommen ließ. Eccarius, welcher dies ſogleich bemerkte, verſetzte da⸗ her in ſeinem gewohnten trockenen Tone: „Sie ſcheinen ſich von Ihrem geſtrigen Unfall noch nicht erholt zu haben, Kappler; kein Wunder, hätten können Arm und Beine brechen; übrigens ſoll Ihnen Genugthuung werden; ich habe die Sache bereits an⸗ hängig gemacht gegen den Stadtrath; es iſt eine bei⸗ ſpielloſe Gewiſſenloſigkeit von Seiten der Polizeibe⸗ hörde; Sie werden als Hauptzeuge dienen.“ Der Sportelſchreiber erblaßte. Als Zeuge aufzutre⸗ ten gegen ſeine eigene hohe Obrigkeit, das war ihm einem Majeſtätsverbrechen gar nicht unähnlich. Wenn er wirklich Arme, Beine und Rippen gebrochen, er würde deshalb der ſtädtiſchen Polizeibehörde keinen Vorwurf gemacht, ſondern das Unglück ſeiner eignen Unvorſichtigkeit zugeſchrieben haben. So war er nur mit einer leichten Quetſchung, als er auf den Schuh⸗ macher gefallen, davon gekommen; die Sache hatte alſo im Geringſten nichts auf ſich. Der erſchrockene Kappler wußte im erſten Augen⸗ blicke des Schreckens kein Wort zu erwiedern, als der Hofcommiſſair mit Ruhe fortfuhr: „Es iſt einmal Zeit, daß man der nachläſſigen Behörde ihr Unrecht mit Energie fühlen läßt. Haben Sie an Leib und Kleidung Schaden genommen, Kapp⸗ ler? Bringen Sie Alles ſorgfältig zu Papier. Sie müſſen glänzende Entſchädigung erhalten.“ „Nein, verehrteſter Herr Hofkammercommiſſair,“ 35 erwiederte der Gefragte in halb ängſtlichem, halb bit⸗ tendem Tone,„es wäre mir außerordentlich angenehm, wenn meiner unbedeutenden Perſon in dieſer ſchwie⸗ rigen Sache durchaus nicht Erwähnung geſchehe.“ „Wo denken Sie hin, Kappler,“ verſetzte Ecca⸗ rius,„Ihrer eben bedarf ich bei der einzureichenden Klage; Sie ſind als glaubenswerther Mann bekannt; Ihr Zeugniß iſt unverwerflich. Ich muß ſogar ge⸗ ſtehen, daß es mir ordentlich lieb iſt, Sie unter den in den Stadtgraben Geſtolperten zu erblicken. Ihre übrigen Leidensgefährten beſtehen meiſtentheils aus nichtsnützigem Volke, auf deren Ausſage nicht viel zu geben iſt.“ „Aber ich kann Ihnen mit hochheiligem Eide ver⸗ ſichern,“ gab Kappler angſtvoll zu bedenken,„daß mir der Hinabfall nicht den geringſten Nachtheil verurſacht hat. Im Gegentheil glaube ich, daß ſo ein leichter Schreck der Verdauung recht zuträglich iſt. Mein Appetit war heute der wünſchenswertheſte, wie ich ſolchen lange nicht empfunden habe. Ferner war mein Hinabfallen in den Graben auch kein ſo eigentliches Fallen zu nennen, ſondern mehr ein ſanftes Hin⸗ abgleiten.“ „Bleibt ſich gleich,“ fuhr der Hofcommiſſair fort, „Sie konnten einen lebenslänglichen Knax davon tra⸗ gen. Ihre Bruſt iſt die beſte nicht.“ „Was meine Bruſt anbelangt,“ ſtellte der Spor⸗ telſchreiber mit aller Beſcheidenheit entgegen,„ſo hat dieſe wohl größern Strapazen ſiegreich widerſtanden. Ich kann daher nicht umhin, auf mein früheres erge⸗ benſtes Geſuch zurückzukommen, daß der Herr Hofkam⸗ mercommiſſair die Gnade haben möge, meinen Namen bei fraglicher Klageſchrift gütigſt nicht in Vortrag zu bringen.“ 3 36 „Ha, ha,“ lachte Sonnenſchmidt,„Kappler hat Furcht vor dem Bürgermeiſter, welcher vorgeſtern beim Stadtrichter Gevatter geſtanden.“ „O nein,“ erwiederte der Sportelſchreiber mit unſichrem Tone,„aber ich möchte in der That nicht gern, daß mein Name—“ „Mein guter Kappler,“ meinte Eccarius,„wo es das öffentliche Wohl betrifft, ſoll man den eignen Vater nicht ſchonen.“ Während dieſes Geſprächs, bei welchem ſich des Sportelſchreibers Bruſt immer mehr mit Beſorgniß füllte, denn er erkannte in ſeiner Menſchenunkenntniß nicht, daß es dem Hofcommiſſair gar nicht in Sinn kam, den ängſtlichen Subalternen als Zeugen zu ei⸗ tiren, und er ſich nur einen Scherz machte, war auch der vierte Soloſpieler, der ehemalige Landwehrlieut⸗ nant und jetzige Brückengeldereinnehmer Langſchädel angelangt, der erſt vor Kurzem von einer Jagdpartie zurückgekehrt war. „Nun, Marſchall,“ bewillkommnete der Hofcvm⸗ miſſair, welcher den Einnehmer oft ſo zu tituliren pflegte, „wie die Jagd abgelaufen?“ „Miſerabel,“ brummte der Lieutnant, ſich ſehr un⸗ zufrieden ſtellend,„zwei Rehböcke, ſieben Haſen, ein paar Dutzend Hühner, Bagatellen, nicht der Rede werth.“ „Nun, ich dächte denn doch,“ fuhr Eeccarius fort, „zwei Böcke, ſieben Haſen wären aller Ehren werth.“ „Er hat nicht ſieben Haſen geſehn, geſchweige geſchoſſen,“ verſetzte Sonnenſchmidt,„das Burgdorfer Revier iſt das armſeligſte in der ganzen Gegend. Seit der Schöpfung der Welt hat ſich da kein Reh⸗ bock blicken laſſen.“ „Gott ſtraf mich,“ ſchwur Langſchädel, der ſchon 37 gewohnt war, daß man ſeinen Worten nicht viel Glau⸗ ben ſchenkte und ſie durch außerordentliche Betheue⸗ rungen zu bekräftigen pflegte, beim Förſter März liegt die todte Rotte, es fehlt kein Stück. Ich will nicht lebendig hier ſitzen. Uebrigens iſt mir heute wieder ein außerordentlicher Fall begegnet.“ Eeccarius und Sonnenſchmidt munterten den Nimrod zum Erzählen auf; auch Kappler, wie ſchwer ihm das vorige Geſpräch mit dem Hofcommiſſair auf dem Her⸗ zen laſtete, gab durch aufmerkſame Miene zu verſtehen, daß er das außerordentliche Abenteuer zu hören wünſche; und der Marſchall referirte: „Ihr kennt meine coloſſalen Waſſerſtiefeln,“ ſprach er,„ich hatte ſie für die heutige Jagd angezogen, weil der Boden durch den mehrtägigen Regen ganz durchweicht iſt. Bald aber wurden ſie mir zu beſchwer⸗ lich; ich zog ſie aus und verſteckte ſie in ein kleines Geſtrüpp, worauf ich eine Execurſion durch ein Kie⸗ ferngehölz unternahm. Kaum bin ich nach dem freien Felde zurückgekehrt, als ich meinen beiden Angen nicht traue. Da laufen meine beiden Waſſerſtiefeln wie behert querfeldein. Ich reſolvire mich ſchnell, ergreife meine Doppelflinte und ſchicke den Flüchtigen eine Doublette nach. Piff, Paff, da lagen ſie alle beide. Aber wie groß iſt mein Erſtaunen, als ich näher komme und in jedem der Stiefeln einen wohl erlegte Haſen erblicke. Das Räthſel war jetzt gelöſt. In den Stie⸗ feln hatte ſich etwas Heu verhalten, dies wurde zur Lockſpeiſe für Lampen. Er hatte ſich mit dem Kopfe in den Stiefel hineingezwängt, konnte nicht wieder zurück und ergriff mitſammt dem Stiefel die Flucht. Ich muß geſtehen, daß mir ein ſolcher Fall in meiner Prapis noch nicht vorgekommen iſt.“ Der Inſpector lachte laut auf, Kappler machte 38 ein etwas bedenkliches Geſicht, ohne doch zu wagen, ſeinen Zweifel offen auszuſprechen. Eccarius blieb ganz ruhig und die Karten von Neuem miſchend, er⸗ wiederte er: „Das iſt gar nichts; da hat mein Vetter ein Jagd⸗ abenteuer erlebt, gegen welches ſich Ihre davonge⸗ laufenen Stiefeln verſtecken müſſen.“ „Ich bin begierig,“ erwiederte der Lieutnant, und Sonnenſchmidt munterte den Hofcommiſſair auf, das außerordentliche Jagdabenteuer mitzutheilen. „Mein Vetter,“ erzählte Eccarius,„kam vor ei⸗ nigen Jahren auf einer Vergnügungsreiſe nach Is⸗ land, und als leidenſchaftlicher Jäger begab er ſich ſogleich auf das Meer, um einige Möwen zu ſchießen. Er iſt kaum eine Stunde unterwegs, als hinter einem Schneegebirge ein majeſtätiſcher Eisbär hervorſchreitet, welcher brummend auf meinen Vetter zukommt. Die⸗ ſer, ein beherzter Burſche, iſt eben ſo ſchnell reſolvirt, wie Sie, Marſchall, auf der heutigen Jagd, legt an und im nächſten Augenblicke wälzt ſich das Unthier in ſeinem Blute. Mein Vetter iß im Begriff, ſeine Jagdbeute näher zu beſehen, als zu ſeinem nicht ge⸗ ringen Schrecken ein neues außerordentliches Brum⸗ men entſteht und eine ganze Eisbärenfamilie um das Schneegebirge 6 die ſich ſofort zu einem Angriff vorbereitet. Die wilden Beſtien, vom Inſtinete ge⸗ leitet, gehen ordentlich ſtrategiſch zu Werke und ſchnei⸗ den meinem armen Vetter den Rückzug ab. An ei⸗ nen Widerſtand iſt bei der Ueberzahl des Feindes nicht zu denken; eben ſo wenig an ein Entrinnen. Jetzt iſt guter Rath theuer. Was glauben Sie, meine Herren, was mein Vetter that?“ Weder Sonnenſchmidt, Langſchädel, noch vpr wußten, was der Vetter in dieſer vetzwelſ Lage ½ hätte thun ſollen. 39 „Sehen Sie,“ fuhr der Hofcommiſſair fort,„hier kann man ſehen, was Geiſtesgegenwart heißt. Mein Vettes beſinnt ſich keinen Augenblick, zieht raſch ſein Jagdmeſſer hervor, ſchneidet dem todten Bären den Bauch auf, nimmt Eingeweide, Lunge, Leber, kurz ſo viel heraus, daß er ſelbſt im Innern Platz für ſeine Perſon findet, näht den Bauchſchlitz ſchnell wie⸗ der zu und wandelt nun als Bär freudig brummend ſeinen herbeikommenden Collegen entgegen. Dieſe Bärenrolle war aber mein braver Vetter gezwungen, drei ganzer Monate fortzuführen, bis ſich eine günſtige Gelegenheit bot, wo er zu dem Geſchlechte der Men⸗ ſchen übergehen konnte.“ „Lügen Sie und der Teufel,“ verſetzte Langſchä⸗ del. Der Erzähler aber ſchaute Kapplern mit ernſt⸗ haftem und faſt ſtrafendem Blicke an und fragte:„Glau⸗ ben Sie, daß ich die Geſchichte erlogen, Kappler?“ „Das nicht,“ erwiederte dieſer zaghaft,„aber Sie werden entſchuldigen, mein Herr Hofkommiſſair, wenn ich ſo frei bin, mir zu erlauben—“ „Seid kein Narr, Kappler,“ ſprach der Inſpector. „Die Sache liegt auf der Hand, daß uns der Hof⸗ commiſſair eine Naſe aufgeheftet hat.“ „Ich frage Sie, Kappler,“ fuhr Eccarius zum Sportelſchreiber gewendet, mit unerſchütterlichem Ernſte fort,„ob Sie,die Wahrheit der Bärengeſchichte glauben oder nicht?“ „Nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten,“ be⸗ gann Kappler ſchüchtern,„möchte ich doch ſo frei ſein, mir die Bemerkung zu erlauben—“ „Ja oder Nein,“ fuhr Eccarius energiſch fort. „Nun— nein, mit Ihrer gütigen Erlaubniß,“ platzte der von Angſt gequälte Sportelſchreiber heraus, der nicht gern und am allerwenigſten dem Hofeom⸗ . 40 miſſair zu widerſprechen oder deſſen Worte in Zweifel zu ziehen wagte. „So? nun ich glaube ſie auch nicht,“ lachte jetzt der Erzähler, und Kapplern fiel bei dieſer Erklärung ein großer Stein vom Herzen. Langſchädel, der inne ward, daß der Hofcommiſſair die Bärengeſchichte blos zum Beſten gegeben, um das Abenteuer mit den laufenden Stiefeln in's Lächer⸗ liche zu ziehen und der ſich auch über den Inſpector geärgert, weil dieſer das Burgdorfer Revier, an wel⸗ chem er einen Antheil hatte, en bagatelle behandelte, beſchloß, an Beiden feine Rache zu nehmen, und lud Kapplern für nächſten Sonntag auf Haſenbraten zu Tiſche. Der Sportelſchreiber fühlte ſich außerordentlich ge⸗ ehrt, von einem Honoratioren zu Tiſche geladen zu werden; doch da keine Einladung Seitens des Lieut⸗ nants an Eecarius und Sonnenſchmidt erging, ſo ge⸗ rieth er in Verlegenheit, auf welche Art er die Ehre annehmen ſollte, ohne ſeine beiden Nachbarn zu krän⸗ ken oder zu beleidigen. Er begriff nicht, wie er allein zu der Ehre komme, und lauſchte ein Weilchen, in der Hoffnung, Langſchädel werde das Verſäumte nach⸗ holen. Dieſer aber blieb ſtumm wie ein Fiſch, und Eeccarius frug, ob den nächſten Sonntag etwa einer von den Stiefelhaſen verzehrt werden ſolle? „Ich bin in der That noch unſchlüſſig,“ erwie⸗ derte der Lieutnant,„meine Vorrathskammer iſt ſo über⸗ füllt mit Wildpret, daß mir die Wahl ſchwer wird.“ „Bei mir war vor wenigen Tagen daſſelbe der Fall,“ meinte trocken der Hofevmmiſſair,„als ich ge⸗ ſtern zu meiner eben nicht freudigen Verwunderung mein Speiſelocal vollkommen geleert finde.“ Kappler horchte ob dieſer Mähr erſtaunt auf. 44 „Und darf ich mir die ergebenſte Anfrage erlauben, wo ſo plötzlich die Reichthümer hingekommen ſind?“ frug er beſcheiden. „Die Mäuſe haben binnen einer Nacht reine Wirthſchaft gemacht,“ fuhr der Hofcommiſſair fort; „vier Rehe, ſechzehn Haſen, ein ganzes wildes Schwein, ſechs Kapaunen, drei Truthähne, was weiß ich Alles. Keine Faſer hatte das gefräßige Volk übrig gelaſſen.“ Kappler drückte ob ſo großen Verluſtes unverholen ſeinen Schmerz aus, obſchon ein ſolch raſender Mäuſe⸗ appetit ihm noch nicht vorgekommen und auch nicht recht einleuchten wollte. Der Inſpector zankte, daß durch den fortwährenden Discours das Spiel geſtört werde, und in Folge die⸗ ſer nicht unrichtigen Bemerkung trat unter den vier Spielern die übliche Stille ein, die bis zu Ende des Spiels währte. Kappler zählte dieſen Abend zu den verhängniß⸗ vollſten ſeines Lebens und ging, nachdem die gewohnte Stunde geſchlagen hatte, mit höchſt ſorgenvollem Kopfe nach Hauſe. Die Nacht, welche auf dieſen verhängnißvollen Abend folgte, gehörte nicht zu den angenehmſten un⸗ ſeres Kappler. Der Gedanke, als Zeuge gegen einen hochweiſen Rath auftreten zu müſſen, machte ihn ſchau⸗ dern und ließ den loyalen Mann kein Auge zuthun. Ferner ging ihm die Geſchichte mit Madame Runkel im Kopfe herum. Er war zwar zu dem großen Opfer ent⸗ ſchloſſen, ſeine Abendpromenaden auf ſein Stübchen zu beſchränken, um dem Neukirchner Publikum keine Veranlaſſung zu böſem Leumund zu geben; aber ob auch ſeine an freie Luft gewöhnte körperliche Conſti⸗ tution, auf welche er, namentlich ſeit er conſtitutio⸗ neller Staatsbürger geworden, große Stücke hielt, 42 ſich damit befreunden werde, machte ihm ſchwere Sorge. Die Einladung zum Haſenbraten bei dem Lieutnant Langſchädel ſchmeichelte ihn zwar außeror⸗ dentlich; eine ſolche Ehre war ihm bisher noch nie zu Theil geworden; aber da quälte ihn wieder der Gedanke, eine ſolche Bevorzugung, ein ſolches Glück könne Neider erregen. Auch war er voller Beſorg⸗ niß, wie er ſich bei einem ſolchen Mittagseſſen zu be⸗ nehmen habe, um nicht gegen die conventionellen For⸗ men zu verſtoßen. Mit wahrhafter Seelenangſt fiel ihm zu guter Letzt ein, daß Langſchädel, obſchon Wittwer, ein weibliches Weſen im Hauſe habe, und noch dazu ein junges, ſeine Nichte, welche ihm die Wirthſchaft führte. So viel er von Hörenſagen über beſagte Nichte in Erfahrung gebracht, war ſie ein recht hübſches Mädchen. Letzter Gedanke ſchlug ihn total zu Boden; denn ſelten konnte es einen blödern Menſchen einem Frauenzimmer gegenüber geben, und noch dazu einem jungen und hübſchen, als den Neu⸗ kirchner Sportelſchreiber. Seine nähere weibliche Be⸗ kanntſchaft beſchränkte ſich auf ſeine Wirthin, eine alte Wäſcherin, die unter Friedrich dem Großen ſchon geliebt, und zwar einen Seidlitzer, der ſie ſchmählichſt verlaſſen hatte. Es war dies eine traurige Geſchichte und Kappler kannte ſie auswendig, ſo oft hatte er ſie mit wahrer Lammsgeduld von der Alten anhören müſſen. Nach der alten Chriſtine, ſo hieß die Wirthin, kam in der weiblichen Bekanntſchaft Kappler's das freundliche Kellerröschen; aber dieſes Verhältniß war rein ideal. Der Sportelſchreiber betrachtete dieſe ſchmucke Kellnerin durchaus nicht als dienſtbaren Geiſt, dies hätte er für Sünde gehalten; darum, wenn er Speiſe und Trank wünſchte, geſchah es bittweiſe, wie wir oben geſehen haben. Liebend und verſtohlen 43 folgten ſeine Blicke dem hübſchen Geſicht, wenn es bei ihm vorübereilte; aber dieſe Liebe that Madame Runkel durchaus keinen Eintrag; es war blos die pve⸗ tiſche Verehrung jungfräulicher Schönheit. Dies waren die drei Frauen, welche den beſcheide⸗ nen Lebenshorizont unſeres Sporteleinnehmers erleuch⸗ teten und erwärmten. Von der übrigen weiblichen Welt in Neukirchen wußte er ſo viel wie nichts. Seine blöden Augen, er vermochte keine zehn Schritte weit die Geſichtszüge eines Menſchen zu erkennen, trugen hierzu viel bei. Alle Grazien des griechiſchen Him⸗ mels hätten vorüberziehen können, Kappler würde ſie nicht erkannt und darum die Ruhe des Herzens wohl bewahrt haben. Da drohte eine vierte weibliche Geſtalt in das Bereich von des Sportelſchreibers Sehweite zu treten, die Nichte des Lieutnants. Kappler ſah im Geiſte, wie ihre zarten Hände den Haſenbraten tranchirten; er ſah mit Schaudern, wie viele Ungeſchicklichkeiten er ſich bei dieſem Mittagsmahle würde zu Schulden kom⸗ men laſſen. „Ach,“ ſeufzte der mit dem höhern Weltton völ⸗ lig Unbekannte,„hätte mich Langſchädel doch lieber nicht eingeladen. Es iſt zwar eine außerordentliche Ehre, aber dieſe Mahlzeit kann mir nicht bekommen, das fühle ich klar. Einem ſchönen Kinde gegenüber vermag ich keinen Biſſen ohne Herzensangſt hinunter zu bringen; das hätte Langſchädel wiſſen und mich mit dem Haſenbraten verſchonen ſollen.“ Unter dieſen und ähnlichen Betrachtungen wälzte ſich der Sportelſchreiber ruhelos auf ſeinem Lager. Das Kopftiſſen, er mochte es aufſchütteln, ſo oft er wollte, blieb hart und ließ an keinen Schlaf denken. Erſt ganz gegen Morgen umhüllte ein leichter Schlum⸗ mer das ſorgenſchwere Haupt. 4 4 Es war bereits heller Tag, als der Schläfer er⸗ wachte. Erſchrocken, damit er die Expeditionszeit nicht verſäume, ſprang Kappler aus dem Bette. Es ver⸗ blieb ihm gerade ſo viel Zeit, den Brief, welchen er während der Nacht im Kopfe an den Hofcommiſſair aufgeſetzt, zu Papier zu bringen. Dieſer Brief war ziemlich voluminös. Auf nicht weniger denn drei und einem halben Bogen ſetzte der Verfaſſer alle die Gründe weitläufig auseinander, weshalb es ihm wahrhaft ſchmerzhaft ſei, wenn der Herr Hofkammer⸗ commiſſair ihn als Zeugen gegen einen hochedeln Stadtrath produciren wolle. Die Anzahl der Gründe belief ſich auf dreiundzwanzig. Den Schluß des Schreibens machte ein herzergreifendes Petitum und endete mit einer wahrhaften Beſchwörung an den Hof⸗ commiſſair. Nachdem Kappler dieſes Memorandum zu Papier gebracht, fiel ihm ein großer Stein vom Herzen. „Ich hoffe das Beſte von meiner Eingabe,“ ſprach er,„der Hofcommiſſair wird ein Einſehen haben und mich nicht böswilligerweiſe ruiniren. Er iſt ein Menſch und einer frommen Bitte nicht unzugänglich.“ Nachdem der Sportelſchreiber das Schreiben ſeiner Wirthin zur pünktlichen Beſtellung übergeben, begab er ſich auf die Expedition, ſein einförmiges Tagewerk von Neuem zu beginnen. Drittes Rapitel. Außerordentliches Abenteuer des Inſpectors Sonnenſchmidt und des Sportelſchreibers Kappler. D èer Inſpector Sonnenſchmidt, in ganz Neukirchen als Freigeiſt und Hauptraiſonneur gegen alle überir⸗ ——— 45 diſche Angelegenheiten bekannt, ſaß ſpeben beim lecker bereiteten Mahle und erfreute ſich ſeines unübertreff⸗ lichen Appetits, als ihm eine Geſchichte paſſirte die ſeiner Freidenkerei einen harten Stoß verſetzte. Es war ein fürchterliches Unwetter. Regen, mit Schnee vermiſcht, wurde von dem tobenden Sturm ge⸗ gen die mit Moos wohlverwahrten Fenſter getrieben, die Wetterfähnchen ſchrillten und das letzte welke und naſſe Novemberlaub kräuſelte auf die feuchte, graue Erde nieder. Schwarze Wolken flohen über den Him⸗ mel und verurſachten eine trübe Dämmerung, obſchon es Mittagszeit war. Der Rationaliſt Sonnenſchmidt, ein denkender Mann in Allem, was er vornahm, war daher heut nicht auf den Keller zu Tiſch gegangen, wie er die andern Tage gewohnt war, ſondern hatte ſich ſeine Mahlzeit nebſt einem vierkannigen Kruge Neukirchner unterjährigem Lagerbiere nach Hauſe bringen laſſen. Die Mahlzeit beſtand aus einer guten Sagoſuppe, Rindszunge mit Kohl und geſchmorten Kartoffeln, Klößen mit Hamburger Rauchfleiſch und deliciöſem Gänſebraten und Kartoffel⸗ und Sardellenſalat; lauter Leibgerichte des Inſpectors. Je ärger außen das Unwetter tobte, deſto ange⸗ nehmer war es in der wohlerwärmten Stube, mit deſto freudigerem Appetite ließ es ſich der Inſpector ſchmecken. Eine gute nahrhafte Mahlzeit und ein ſchäumender Krug Gerſtenſaft ging ihm über Alles. Ohne Gourmand zu ſein, konnte Sonnenſchmidt als Repräſentant eines wahrhaften Eſſers gelten. Wie er Alles, was er anfing, mit Ernſt und Energie betrieb, war dies hauptſächlich bei der Mahlzeit der Fall. Er war ſtets mit Leib und Seele dabei und ſorgte mit eben ſo großer Gewiſſenhaftigkeit, wie mit Luſt und 46 Liebe dafür, daß die Gerichte wohl zermalmt den Verdauungsorganen überliefert würden. Sein echt kau⸗ kaſiſches Gebiß kam ihm hierbei vortrefflich zu ſtatten. Die ſtärkſten Knochen knackte er und bemächtigte ſich mit Wolluſt des nahrhaften Markes. Dieſer Sinn für das Materielle mochte auch der Grund ſein, daß er eine ſogenannte Geiſterwelt nicht nur nicht leiden konnte, ſondern ſie geradezu für Fa⸗ bel, füe das Hirngeſpinnſt confuſer Gelehrten erklärte. Seelen, Pſychen mit Schmetterlingsflügeln, die hätten ihm gefehlt; das war ihm Alles zu luftig, zu windig und ein Himmel ohne Table d'höte bei Madame Kliemann, ohne gut abgegohrenes Lagerbier ganz un⸗ denkbar. Wegen dieſes Materialismus und der Freigeiſterei ſtand Sonnenſchmidt mit der Neukirchner Geiſtlichkeit nicht auf beſtem Fuße. In die Kirche kam er ſelten und zur Beichte ging er alle Schaltjahre. Was ihm die Schwarzröcke Neues lehren könnten, pflegte er läſterlich zu ſagen, das hätte er an den Schuhen ab⸗ gelaufen. Es konnte daher keinen abgeſagtern Feind des Todes geben, als unſern Inſpector. Der Gedanke an das Sterben erfüllte ihn mit Schrecken und Grau⸗ ſen; nicht daß er die ewigen Strafen zu fürchten ge⸗ habt, Sonnenſchmidt war trotz ſeiner Freigeiſterei ein rechtſchaffener Mann, der ſich keiner böſen oder ſchlech⸗ ten That bewußt, ſondern einzig und allein, weil er in jener Welt, deren Exiſtenz er indeß noch ſehr in Zweifel zog, ſeinen irdiſchen Appetit nicht mehr be⸗ friedigen und ſeinen irdiſchen Durſt nicht mehr löſchen ſollte. Alle himmliſche Heerſchaaren mit ihrem Nectar und Ambroſia konnten ihn den Neukirchner Mittags⸗ tiſch, wo er monatlich mit ſechs Thalern abonnirt war, 47 nicht erſetzen. Unter Nectar ſtellte er ſich einen über⸗ aus ſüßlichen Liqueur vor, den er ſchon hienieden nicht leiden konnte und den auch ſein Magen nicht vertrug, und unter Ambroſia eine Art Schweizerge⸗ backnes, welches ihm in gleichem Grade zuwider war. Den Kirchhof floh er wie die Peſt, und er wäre nicht zu bewegen geweſen, dem beſten Freund zu Grabe zu folgen. Wenn ihm zufällig der Leichen⸗ wagen begegnete, war er den ganzen Tag unwirſch und ſchlechter Laune. Sonnenſchmidt befand ſich in der behaglichſten Stimmung von der Welt. Es ſchmeckte ihm trotz des Unwetters ſo vortrefflich, daß er ſchon beim fünf⸗ ten Kloße ſtand, von der Größe einer kleinen Kegel⸗ kugel; ſchon war er genöthigt geweſen, die beiden unterſten Knöpfe ſeiner großblumigen Weſte zu lüften und noch ſtand der duftende Gänſebraten unverſehrt in der Röhre des Ofens. Sonnenſchmidt bedauerte Kapplern von Herzen. Derſelbe war ihm der un⸗ glückſeligſte Sterbliche; denn der Sportelſchreiber aß unbeſchreiblich wenig. Zwei Löffel Suppe, ein paar Kartoffeln und ein Heringskopf waren hinreichend, ſeinen Hunger zu ſtillen. Der Inſpector dachte alſo chriſtlich, obſchon er ſelten in die Kirche kam, und wünſchte Kapplern einen ebenſo geſegneten Appetit, wie er ſich erfreute; als es dreimal leiſe an die Thür klopfte. Auf Sonnenſchmidt's„Herein!“ trat die Ge⸗ ſtalt einer alten grau gekleideten Frau in's Zimmer. Der Inſpector wendete ſich mit dem Kopfe nach der Thür und die graue Alte für eine Bettlerin haltend, ſprach er nicht ohne Heftigkeit:„Hier wird Nichts gegeben!“ Die Geſtalt ſchwieg und blieb. 6 „Hier wird nichts gegeben!“ wiederholte Sonnen⸗ 48 ſchmidt,„überhaupt ſoll in den Häuſern nicht gebet⸗ telt werden, es iſt bei Strafe verboten; wozu iſt die Armenbehörde, die mich ſeit Michaelis wieder um acht gute Groſchen erhöht hat. Man möchte des Teufels werden vor Geben.“ Es muß hier bemerkt werden, daß Sonnenſchmidt überhaupt kein Freund vom Geben war, und nament⸗ lich Bettelei nicht leiden konnte. Nachdem er der Frau ſeine Meinung glaubte ge⸗ ſagt zu haben und von ihrer Gegenwart befreit zu werden hoffte, wandte er ſich nach ſeinem Teller und holte den ſechſten Kloß aus der Schüffel. Die Geſtalt erwiederte kein Wort und blieb. Der Inſpector, den dieſe Zudringlichkeit in Har⸗ niſch brachte, warf zum dritten Male den Kopf herum. „Ich frage, ob Sie ſich packen wird, was will Sie denn eigentlich?“ Da erwiederte die Alte im Grabestone:„Ich wollte Sie abwaſchen.“ „Was,“ frug Sonnenſchmidt,„mich abwaſchen? Wer iſt Sie denn?“ „Die Todtenfrau.“ Sonnenſchmidt ließ bei dieſen Worten den bereits angeſpießten Kloß auf den Teller zurückfallen. „Augenblicklich aus dem Hauſe, Ungethüm,“ ſchrie er halb entſetzt, halb zornig. „Nu, nu,“ erwiederte die Frau in vorigem Tone, „Sie entlaufen mir nicht,“ und verließ das Zimmer. „Das muß ich geſtehen,“ murmelte der Inſpector zähneklappernd,„dies iſt mir doch noch nicht vorge⸗ kommen. Was, mich abwaſchen will die Hexe? ich bin ja noch gar nicht todt.“ Obſchon der ſeltſame Beſuch eine geraume Zeit die Stube verlaſſen hatte, konnte Sonnenſchmidt ſeine 49 Ruhe und vorige gute Laune nicht wiederfinden. Auch der Appetit hatte ſich verloren. Vergebens duftete der gebräunte Gänſebraten in der Ofenröhre und lud zum Genuſſe ein. „Das Weib mußte verrückt ſein,“ ſprach er, auf⸗ geregt in der Stube auf⸗ und abgehend,„der Schre⸗ cken iſt mir ordentlich in den Magen gefahren.“ Sonnenſchmidt rief ſeinen ganzen Vorrath von Freigeiſterei zuſammen. „Bin ich nicht ein Thor,“ fuhr er ſich ſelbſt be⸗ ruhigend fort,„mir durch das abgeſchmackte Weib das Mittagsbrod verbittern zu laſſen. Ich werde die Sache anzeigen, damit die graue Unke abgeſtraft wird. Wozu erhalten wir eine koſtſpielige Polizei, wenn man in ſeinen eigenen vier Pfählen keine Ruhe hat?“ Dem freigeiſtigen Inſpector gelang es nach eini⸗ ger Zeit, ſich in ſoweit von dem erlebten Abenteuer zu erholen, dem noch unberührten Gänſebraten wieder Intereſſe zu ſchenken. Er that einen kräftigen Schluck aus dem coloſſa⸗ len zinnernen Kruge und ſchritt zum Ofen, aus wel⸗ chem er das lieblich duftende Gericht hervorlangte. „Die alberne Hexe,“ brummte er,„ich darf's gar Niemanden erzählen, daß ich mich von der alten Vet⸗ tel einen Augenblick habe aus der Contenance brin⸗ gen laſſen. Der Hofcommiſſarius machte mich todt, wenn er eine Ahnung hätte.“ Sonnenſchmidt, deſſen Appetit zurückgekehrt war, befand ſich wieder im beſten Schmauſen, als es von Neuem dreimal leiſe an die Thür klopfte. „Wenn das Ungethüm noch nicht fort iſt,“ rief er,„werde ich ihm mit dem Stocke die Wege zeigen.“ Er rief von Reuem:„Herein!“ und ſuchte nach ſeinem ſpaniſchen Rohre. Stolle, ſämmtl. Schriften. vl. 4 50 Diesmal erſchien abermals eine unheimliche Geſtalt, die ſich von der Todtenfrau nur dadurch unterſchied, daß ſie männlichen Geſchlechts war. „Was will Er, was gibt's?“ fuhr Sonnenſchmidt, ob des neuen Beſuchs in ſehr üble Laune verſetzt, den grauen Mann an. „Ich wollte melden,“ erwiederte gleichfalls in dum⸗ pfem Tone die Geſtalt,„daß das Grab fertig iſt.“ Als der Inſpector vom Grabe hörte, ſchüttelte es ihn wie Fieberfroſt. „Was denn für ein Grab?“ frug er und ſein Appetit war abermals dahin. Das Ihrige!“ Jetzt ward es dem Inſpector außerm Spaße. Er befühlte ſich Kopf und Bruſt, ob er wache oder träume. „Iſt Er auch verrückt,“ rief er zornig und mit Grauſen.„Wer iſt er denn, Einfaltspinſel?“ Ich bin der Todtengräber!“ Bei dieſer Antwort begann ſich Sonnenſchmidt's Haar zu ſträuben. „Will Er ſich auf der Stelle zum Teufel packen,“ ſchrie er entſetzt, denn der Todtengräber, wie die Leichenfrau waren Beides Perſonen, an die er ohne Schauder nicht zu denken vermochte. „Daß er ſich nicht wieder unterſteht,“ fuhr er drohend fort,„über meine Schwelle zu kommen. Hält er mich für einen Narren? Ich bin ja noch nicht todt; im Gegentheil, ich habe mich nie ſo wohl be⸗ funden, als jetzt. Mein Appetit kann nicht geſün⸗ der ſein. „Sie entgehen mir nicht,“ verſetzte der unheim⸗ liche Alte und war verſchwunden, ehe ſich's Sonnen⸗ ſchmidt verſah. 51 Was den Appetit des Inſpectors betraf, war die⸗ ſer durch dieſen zweiten ſchauerlichen Beſuch total zu Grunde gerichtet. Er vermochte keinen Biſſen mehr über die Lippen zu bringen, ſondern ſchritt, vom Fie⸗ ber geſchüttelt, in großer Aufregung, das Zimmer auf und ab. „Iſt ſo etwas erhört worden,“ hub er an,„ich be⸗ greife gar nicht, wie das zuſammenhängt? Sollte der graue Kerl ebenfalls verrückt ſein? Aber warum ſtat⸗ ten alle Wahnſinnige gerade mir ihren Beſuch ab; ich habe mich von der Leichenfrau wie vom Todten⸗ gräber ſtets ſo fern wie möglich gehalten. Sie dür⸗ fen mir nicht mal zu Neujahr in's Haus, wo ſie un⸗ verſchämt genug ſind, zu gratuliren.“ Der Inſpector ſtellte die ſeltſamſten Betrachtungen über das außerordentliche Abenteuer an. „Geträumt hab' ich nicht,“ ſprach er,„das weiß ich genau. Bloße Gebilde der Phantaſie waren es auch nicht; wenn ich weniger ein Freigeiſt, würde ich an Spuk und Viſionen glauben. Aber meine ge⸗ ſunden Augen haben die gräulichen Geſtalten leibhaft vor ſich geſehen; meine geſunden Ohren haben die hirnverrückten Reden deutlich vernommen. Die Sache iſt zum Raſendwerden. Ich darf die Geſchichte nicht einmal Jemandem laut werden laſſen; es glaubt ſie Keiner; und ich komme bei dem unaufgeklärten Volke in den Geruch eines Geiſterſehers, was mir als aner⸗ kanntem Freidenker doppelt fatal ſein muß.“ Obſchon Sonnenſchmidt ſich alle Mühe gab, das ſonderbare Abenteuer ſo natürlich wie möglich zu er⸗ klären, obſchon er ſeinen ganzen Rativnalismus zu⸗ ſammen nahm, konnte er ſich doch eines gewiſſen Grauen nicht erwehren. Ja er wagte nicht einmal, die Stube zu verlaſſen, um ſich zu überzeugen, ob 1* 6— die unheimlichen Gäſte noch im Vorzimmer befindlich wären. Er ſprach ſich Muth ein. „Inſpector,“ munterte er ſich auf,„ſei ein Mann, laß dich nicht in's Bockshorn jagen durch ein paar verrückte Vagabonden. Ergreife den gewichtigen Spa⸗ nier und ſäubere das Haus von dem Geſindel. Unter⸗ ſuche, wie die unerklärliche Sache zuſammenhängt. Sie wird ſich natürlich auflöſen und du trägſt einen neuen Sieg zum Beſten der Aufklärung davon. In⸗ ſpector, ermanne dich.“ Unter dieſen und ähnlichen Monologen wanderte Sonnenſchmidt eine geraume Zeit das Zimmer auf und ab, ohne zu dem heroiſchen Entſchluſſe zu gelan⸗ gen, das Vorhaus zu unterſuchen. Endlich ſiegte der Rationalismus; der Inſpector ergriff das ſpaniſche Rohr und verließ nicht ganz ohne Beſorgniß das Gemach. Im Vorhauſe war Alles leer. Er durchſpürte etwas muthvoller die dunkeln Winkel, in denen er mit dem Stocke überall umherviſitirte, noch immer befürchtend, hier und da könne er auf eine der unheimlichen Geſtalten ſtoßen. So gelangte er zur Vorhausthür. Dieſe war verſchloſſen und zwar von innen. Jetzt ward es dem Inſpector au⸗ ßerm Spaße. Er wollte ſoeben nach der Aufwarte⸗ frau rufen, welche ihm das Mittagseſſen gebracht und die ſich noch in der benachbarten Küche befinden mußte, als ſeine Augen etwas Weißes erblickten, das am Bo⸗ den lag. Kaum wagte Sonnenſchmidt, ſeine Hand darnach auszuſtrecken. Es war ein Blatt modriges Papier, worauf die Worte ſtanden: „Gehe in Dich und beſſere Dich, übe Gerechtig⸗ keit und laß Dich nicht von Deinen Leidenſchaften zu Dingen verleiten, die dem Himmel nicht angenehm ſind und die er ſtrafen muß; ſonſt dürfte Deine letzte Stunde bald geſchlagen haben und Dich Heulen und Zähneklappern erwarten ob einer gewiſſenloſen Hand⸗ lungen auf Erden.“ Was das Zähneklappern betraf, war daſſelbe be⸗ reits eine Wahrheit geworden. Sonnenſchmidt's Kinn⸗ backen wirbelten Generalmarſch. Er wollte nach der Wittwe Looſen rufen, ſo hieß die Aufwartefrau; aber die Stimme verſagte. Der Juſpector ſchlich zitternd und kreideweiß nach ſeinem Zimmer, um über dieſes neue überraſchende Abenteuer nachzudenken. Außen tobte das Unwetter. Wild heulte der Sturm durch die Straßen und zahlreiche Schneeflocken verdunkelten den Himmel. Der Rationalismus des Inſpectors Sonnenſchmidt hatte eine totale Niederlage erhalten. Der Freigeiſt ſtand zagend am Fenſter und ſehnte ſich nach Menſchen, die er im Fall der Noth zu Hülfe rufen könnte; ſeine Furcht vor Geiſtern war jetzt ſo groß, wie vor Räubern und Mördern. Daß die Aufwartefrau mit dem gewohnten Kaffee nicht er⸗ ſchien, den ſie in der Küche zu bereiten pflegte, war ihm abermals auffällig. Er war ſchon im Begriff, das Fenſter zu öffnen und nach Hülfe zu rufen; aber das Haus lag etwas einſam und da unten auf der Straße ließ ſich wegen des Unwetters kein Menſchen⸗ kind blicken. In das Vorhaus getraute er ſich trotz ſeiner Leibesſtärke nicht mehr. Die geiſterhaften Züge des unheimlichen Drohbriefs kamen ihm nicht aus dem Sinne, und wie war dies Papier in das Vorhaus gekommen, da die Thür von innen verſchloſſen war. Während dieſer für Sonnenſchmidt höchſt peinli⸗ chen Grübeleien that ſich langſam und leiſe die Thür auf. Der Inſpector erſchrak gewaltig; er glaubte, die Leichenfrau nebſt Todtengräber hielten abermals 54 ihren Einzug; diesmal jedoch war es die Aufwärterin mit dem Kaffee. Sonnenſchmidt athmete auf. „Gute Lvoſen,“ ſprach er in mildem Tone, wie ſonſt nicht ſeine Art war, denn er pflegte dienende Perſonen einigermaßen anzufahren, welche Gewohn⸗ heit er noch aus den Zeiten ſeiner Oeconomiepachterei an ſich hatte,„Sie bleibt heute recht lang mit dem Kaffee.“ „Muß um gnädige Verzeihung bitten,“ erwiederte die Frau,„war ein wenig eingenickt, hab in der vo⸗ rigen Nacht kein Auge zugethan wegen des Sturms; ich glaubte nicht anders, er wollte die Bodenkammer mit⸗ nehmen. Menſch bleibt Menſch und will ſeine Ruhe, wie das liebe Vieh.“ „Sehr wahr,“ fuhr Sonnenſchmidt ſort,„aber, gute Looſen, wenn hat Sie heut die Vorhausthür zu⸗ geſchloſſen?“ „Wie ich mit dem Eſſen herein war, Herr In⸗ ſpector,“ gab die Gefragte zur Antwort;„ich thue das nie anders wegen des Bettelvolkes, das die Men⸗ ſchen überläuft; es kann nirgends ſchlimmer hergehen. als in unſerm Neukirchen; auch meine Gevatterin, die Petzolden, legt ſich jetzt darauf, es iſt eine Sünde und Schande, die Frau ſteht in den beſten Jahren; ich habe es ihr geſagt, vor Bettelbrod bewahre mich lieber Herre Gott; nein, ſo lang ich einen Knochen rühren kann, ſoll mir's nicht in den Sinn kommen. Ich glaube, mein Mann ſel'ger drehte ſich im Grabe i Sonnenſchmidt erſchrak, als er vernahm, daß die Vorhausthür ſchon ſo zeitig verſchloſſen worden ſei. Ohne daher auf die Averſion ſeiner Aufwartefrau in Betreff der Bettelei einzugehen, fuhr er fort:„Aber 55 Sie iſt doch Ihrer Sache vollkommen gewiß von wegen des ſorgfältigen Verſchließens?“ Nichts konnte die Lvoſen mehr verletzen, als wenn man Zweifel in ihre Worte ſetzte. Sie fühlte ſich ordentlich gekränkt. „Nun, nehm' Sie es nicht übel,“ ſprach Sonnen⸗ ſchmidt begütigend,„es war nur eine Frage. Ich hätte ſchwören wollen, im Vorhauſe wären Schritte ge⸗ gangen.“ Von dem ſeltſamen Beſuche der Leichenfrau und des Todtengräbers ſchwieg der Inſpector, weil er wußte, daß Verſchwiegenheit nicht zu den Tugenden der Frau Lvoſen gehörte. In einer halben Stunde hätte die Stadt von dem Abenteuer Kunde gehabt. Die Schritte auf dem Vorſaale, die Sonnenſchmidt vernommen haben wollte, wußte die Wittwe auf die einfachſte und natürlichſte Art zu erklären. „Das iſt der Kater geweſen,“ rief ſie,„der trabt wie ein Menſch, beſonders in der Einſamkeit, hat mir manchen Schrecken eingejagt; iſt ein unvernünftig Vieh, aber trabt wie ein Menſch.“ Sonnenſchmidt konnte durch dieſe Einmiſchung des Katers unmöglich beruhigt werden. Er wußte, was er wußte, doch ſchwieg er. Die redſelige Alte fuhr fort: „Ich begreife nicht, was Sie an dem Kerl erfüt⸗ tern, er iſt träge und faul wie keiner. Die Mäuſe treiben Kinderſpott mit ihm; er läßt ſie gewähren, weil ſein Magen immer voll iſt und ſtraff. Das macht die gute Koſt. Da ſollten Sie Weithaaſens Kater kennen, dem entgeht nichts. Seit ihn der Seiler an⸗ geſchafft, ſind die Mäuſe weggeblaſen.“ Sonnenſchmidt ließ die Frau Looſen eine geraume Zeit über die Schattenſeiten ſeiner Tigerkatze ſich er⸗ 56 gehen. Sein Geiſt war mit anderen, höheren Angele⸗ genheiten beſchäftigt. Er überlegte, ob er Jemanden wegen ſeines außerordentlichen Abenteuers in's Ver⸗ trauen ziehen ſolle oder nicht. Es driückte ihm das Herz ab, das Erlebte ganz für ſich behalten zu müſſen. Er hätte jetzt was darum gegeben, mit dieſem und je⸗ nem der Neukirchner Geiſtlichkeit in beſſerm Vernehmen zu ſtehen, um über gewiſſe Dinge Aufſchluß zu erhal⸗ ten. Er ſann hin und her unter allen Bekannten, wem er ſich wohl, ohne Gefahr, verſpottet zu werden, entdecken könne. Da fiel er auf Kapplern. Ja, hier war er ſicher. Erſtens war der Sportelſchreiber diseret und verſchwiegen, zweitens nicht unbeleſen und drit⸗ tens voller Nachſicht und Wohlwollen gegen ſeine Mit⸗ menſchen. Kapplern beſchloß er daher in's Vertrauen zu ziehen. Nachdem der Inſpector dieſen Entſchluß gefaßt, litt es ihn nicht länger in ſeinen vier Wänden. Es ward ihm unheimlich in ſeiner eigenen Wohnung. Er mußte hinaus in's Freie, unter Menſchen. Er be⸗ dauerte, daß gerade Expeditionszeit war, welche den Sportelſchreiber an den Schreibtiſch feſſelte. Er wäre gern mit ihm trotz des böſen Wetters über Stock und Stein gerannt, um ſeinem Herzen Luft zu machen. Die Frau Lvoſen, nachdem ſie Sonnenſchmidt's Kater in das gehäſſigſte Licht geſetzt zu haben glaubte, wollte ſich verabſchieden, aber der Inſpector bat ſie, zu verziehen, er mochte nicht gern allein in ſeiner ſpukreichen Stube verbleiben. „Sie kann noch ein Viertelſtündchen hier bleiben, Looſen,“ ſprach er;„es könnte ſein, daß der Pachter Hennig nach mir fragte. Weiſe Sie ihn in die Apo⸗ theke, wohin ich jetzt gehe; verſchließe Sie ſorgfältig 57 die Thüren und trage Sie den Schlüſſel auf den Keller, wo ich ſpäter hinkomme.“ Nach dieſen Worten machte ſich Sonnenſchmidt, im Regenmantel, auf den Weg. Er ſchritt mit ge⸗ heimem Schauer über das dunkle Vorhaus und war froh, als er den freien Himmel über ſich hatte. Die Frau Looſen aber ſprach ſimulirend, als ſie allein war: „Ich hab's auf den Kater geſchoben, doch kann's auch Bettelvolk geweſen ſein. Ja, ja, ich entſinne mich, ich hatte ein Weilchen genickt, als mir's einfiel, die Vorhausthür nicht verſchloſſen zu haben.“ Wenn der Inſpector irgend eine Alteration ge⸗ habt, war ſein erſter Gang in die Apotheke, wo er einen Bittern trank, der ihm immer gute Dienſte geleiſtet hatte. Als er diesmal eintrat, kam ihm der Apotheker Munkelt reiſefertig entgegen, welcher von dem Gaſtwirthe in Buchholz zum Karpfenſchmauſe ge⸗ laden war. Munkelt, als er des Inſpectors anſichtig wurde, hatte nichts Angelegentlicheres zu thun, als ihn zu bereden, mit auf den Karpfenſchmaus zu gehen. Er zählte alle Neukirchner Freunde, Bekannte und fidele Brüder her, die hinauskämen; laber Sonnen⸗ ſchmidt, deſſen Geiſt und Gemüth viel zu ſehr mit überirdiſchen Angelegenheiten beſchäftigt war, wollte von derlei Ergötzlichkeiten nichts hören, obſchon er ein großer Freund von Schmauſereien war. Sein Herz ſehnte ſich nach dem Sportelſchreiber. Munkelt bot ver⸗ gebens ſeine Beredtſamkeit auf. Sonnenſchmidt trank zu des Proviſors Erſtaunen fünf Bittere und entſchuldigte ſeine Unmäßigkeit mit der naßkalten Witterung. Er gab vor, ſich erkältet zu haben. 58 Aus der Apotheke begab ſich Sonnenſchmidt nach dem Keller, wo er heute der erſte Stammgaſt war, denn es hatte kaum fünf Uhr geſchlagen. Hier an⸗ gekommen, gab er neue Veranlaſſung zur Verwun⸗ derung von Seiten Röschens. Der Inſpector trank zum erſten Male ſein Lagerbier, ohne den Krug ge⸗ gen das Licht zu halten und ohne ein Wort des Ta⸗ dels laut werden zu laſſen. Die Kellerwirthin kam aus der Küche und ſetzte ſich plaudernd zu ihm. „Wiſſen Sie's denn auch vom Löwenwirth?“ „Kein Wort,“ erwiederte Sonnenſchmidt,„was iſt mit ihm?“ Mit dem iſt's alle, der Schlag hat ihn gerührt, er iſt ſchon ſtarr und ſteif.“ „Der Jungnickel,“ rief Sonnenſchmidt erſchrocken und die Pfeife entſank Hand;„ich habe ihn geſtern geſprochen.“ „Es kommt ſchnell ü den Menſchen,“ ſprach die Kellerpachterin,„aber ch ſagt's immer. Jung⸗ nickel, ſagt' ich, gefällt mir nicht, er wird zu dick. Sie können auch die Ohren ſteif halten, Inſpector, bei der jetzigen Witterung iſt mit uns corpulenten Leuten nicht zu ſpaßen. Wie waren denn die Klöße heute?“ Der Inſpector konnte ſich von dem Schrecken gar nicht erholen, den dieſe plötzliche Todesbotſchaft in ihm hervorgebracht. „Der Jungnickel,“ rief er einmal über das andre, „nein, es iſt nicht möglich!“ Das Hamburger Rauchfleiſch geht mir auch zu Ende,“ fuhr Madame Kliemann fort,„Sie haben heute vom letzten bekommen. Es war eine Pracht. Die Frau von Ponickau hat mir das Haus eingelaufen; ³ 59 ich ſollt' ihr partout einige Pfund ablaſſen; aber es war nichts. Ueberhaupt, die Kliemann ſoll immer her⸗ halten, wenn's in den gnädigen Küchen nicht hin⸗ reicht. Nein, ſagt' ich, ich brauche mein Fleiſch für meine Gäſte.“ „Hat man denn keinen Arzt gerufen,“ fuhr Son⸗ nenſchmidt fort, der trotz der Kliemannſſchen Küchen⸗ angelegenheiten den todten Jungnickel nicht aus dem Sinne brachte,„vielleicht war noch Rettung?“ „Was hilft beim Schlage der Arzt, da hilft der Arzt nichts,“ verſetzte die Kellerpachterin,„der Löwen⸗ wirth iſt umgefallen wie ein Sack, das Blut hat gleich ſtill geſtanden. Die Commun bekommt eine neue Laſt. Was ſoll mit den vier Würmern werden? Schulden auf Schulden, die dritte Hypothek auf dem Hauſe, kein Ziegel gehört dem Volke. Ja, Großthun, Ma⸗ dame Jungnickel ſpielen, Alles mitmachen. Nun ha⸗ ben wir die Beſcheerung.“ „Es kann nicht ſo ſchlimm mit den Leuten ſtehen,“ meinte Sonnenſchmidt;„die paar Schulden ſind zu decken. Löwenwirths haben nicht in den Tag hinein gelebt. Wenn die Frau die Wirthſchaft fortführt, müſſen ſie ihr Auskommen haben.“ „Ich bitte Sie,“ eiferte die Kellerpachterin,„ler⸗ nen Sie mich die Frau nicht kennen. Ich weiß, was es heißt, eine Wirthſchaft führen, was ſein will, be⸗ ſonders in den jetzigen Zeiten.“ Man ſieht, daß die weitberühmte Madame Klie⸗ mann, obſchon eine kreuzbrave Frau, für ihre zahlreiche Familie eine treffliche Mutter, für ihre Gäſte eine ganze Wirthin, trotz aller dieſer Vorzüge vom Brod⸗ neide nicht freizuſprechen war. Nachdem ſie durch Röschen abgerufen worden, ſaß der Inſpector eine lange Zeit in dumpfem, düſterm Hin⸗ 60 brüten. Nie hatte eine Todesnachricht einen ſolchen Eindruck auf ihn hervorgebracht. Erſt geſtern hatte der Verſtorbene in der Fülle der Geſundheit vor ihm geſtanden. Nichts aber war ihm entſetzlicher, als ein ſo plötzlicher Uebergang vom vollen friſchen Leben zum Tode. Daher war ihm unter allen Maladieen, welche den Tod im Gefolge haben, keine ſo grauſenerregend, als der Schlagfluß. Er beneidete jetzt von ganzem Herzen Kapplers dürftige Figur, welche dem Schlagfluſſe weniger aus⸗ geſetzt war, als ſeine Rieſenſtatur. An den Nach⸗ hauſeweg heut Abend durfte er gar nicht denken. Es graute ihm vor ſeiner eignen Wohnung. Von fünf Minuten zu fünf Minuten zog er ſeine Taſchenuhr hervor und ſchaute nach, ob des Sportel⸗ ſchreibers Erholungsſtunde nicht bald würde geſchla⸗ gen haben; aber es war, als wollten die Zeiger nicht von der Stelle. Unterdeß faßte der Inſpector in ſeiner Einſamkeit fromme Vorſätze. Vor allen Dingen beſchloß er, den nächſten Sonntag in die Kirche zu gehen und künftig⸗ hin ſich nicht mehr ſo eigenfinnig der öffentlichen Got⸗ tesverehrung zu entziehen. „Es iſt wegen des Beiſpiels,“ ſprach er für ſich, „ich will wenigſtens den frommen Seelen kein Aerger⸗ niß geben. Ich gelte ſo zu ſagen für einen Heiden. Das will ich nicht länger.“ Nach und nach füllte ſich die Stube mit den ge⸗ wohnten Gäſten. Der ſchnelle Tod des Löwenwirths gab überall Stoff zum Geſpräch; desgleichen hatte ſich ein armer Leinweber auf der Hintergaſſe gehenkt. Wo nur Sonnenſchmidt hinhorchte, war vom Tode die Rede. Von mehren Seiten ward der Inſpector ſogar gewarnt, ſich bei ſeiner ſtarken Leibesconſtitutivn in 61 Acht zu nehmen, ſchnellen Wechſel der Temperatur zu vermeiden; er könne weg ſein, wie man ein Licht ausbläſt. Man kann denken, in welche höchſt unangenehme Lage Sonnenſchmidt durch ſolch Gerede verſetzt ward. Endlich erſchien Langſchädel, der Lieutnant und Brük⸗ kengeldereinnehmer. Er war wieder auf der Jagd ge⸗ weſen, aber miſerabler Laune. Langſchädel nahm ſo⸗ gleich neben dem Inſpector Platz und begann entſetzlich zu fluchen, ſo daß der mit todes⸗ und gottesfürchtigen Gedanken beſchäftigte Sonnenſchmidt ihn mit Milde bat, ſich zu moderiren. Aber der Lieutnant ließ ſich nicht ſtören. Er ſchwur hoch und theuer, er wolle le⸗ bendigen Leibes geſpießt ſein, wenn man ihm heute keinen Waidmann geſetzt habe. Ein Haſe ſei nicht zehn Schritte vor ihm aufgeſtiegen und er habe ihn gefehlt. Eines ſolchen Malheurs könne er ſich ſein Lebtag nicht entſinnen. Der Inſpector gab dem jagdluſtigen Freunde zu bedenken, daß die Sage von dem Waidmannſetzen wohl in das Reich der Fabel gehöre. Wenn Sonnenſchmidt heute nicht ſelbſt ſo ſeltſame Erfahrungen im Bereiche des Uebernatürlichen gemacht hätte, würde er in ſeiner bekannten freigeiſtigen Ma⸗ nier weit kürzer geantwortet und geſagt haben:„Lang⸗ ſchädel, ſeid kein Narr und laßt Euch nicht auslachen mit Eurem Waidmanne, der in die Spinnſtube gehört.“ Indeß wie mild der Inſpector dem ehemaligen Landwehrlieutnant widerſprochen hatte, gerieth letzte⸗ rer nichtsdeſtoweniger in Harniſch und vertheidigte die Exiſtenz des Waidmanns mit einem Feuer und einer Zuverſichtlichkeit; er wußte ſo viele außerordent⸗ liche Beiſpiele dem Inſpector zu Gemüth zu führen, daß dieſer wirklich ſtutzig ward und in der That nicht wußte, was er von der Sache halten ſollte. ———— 62 „Der Hofcommiſſair,“ fuhr Langſchädel fort, nach⸗ dem er ſich wegen des Waidmanns ſatt geflucht hatte, „wird heute nicht kommen. Wir ſollen nicht auf ihn warten, er iſt nach Kirchberg gereiſt und kommt erſt in ein paar Tagen zurück.“ Dem Inſpector war dieſe Nachricht nicht unlieb; er hatte befürchtet, Eccarius werde vermöge ſeines ſcharfen Blickes, ſeinen innern Zuſtand errathen und darüber Witz machen. 3 „Wo nur der Kappler bleibt?“ frug Sonnenſchmidt, der von Zeit zu Zeit nach der offenen Thüre geſchaut hatte, in der Hoffnung, den Erwarteten hereintreten zu ſehen,„es hat halb neun geſchlagen.“ „Wenn der Kerl in dieſem Unwetter ſpazieren läuft, muß es nicht richtig ſein,“ verſetzte der Land⸗ wehrlieutnant. „Wenn ich wüßte,“ fuhr er fort, indem ſeine Ge⸗ danken auf die heutige Jagd zurückkehrten,„daß ich im Spiele gleiches Unglück hätte, ſollte ich keine Karte anrühren. Der Menſch hat ſeine guten und böſen Tage.“ Die letzten Worte des Lientnants gaben dem In⸗ ſpector wieder ſattſame Gelegenheit, über transcenden⸗ tale Angelegenheiten nachzudenken. Da ſchlug's halb neun und nach wenigen Minuten erſchien der für den Inſpector erſehnte Kappler. Langſchädel fuhr den ſanften Mann ziemlich grob an, wo er bleibe und ob er wirklich gegen ſeine Geſund⸗ heit ſo gewiſſenlos gehandelt und in dieſem Hunde⸗ wetter um die Stadt gerannt ſei. „Nein, mein verehrter Herr Lieutnant,“ erwiederte der Sportelſchreiber,„ich habe mich heute auf meine Stube beſchränkt und bin darin auf⸗ und abgeſchrit⸗ ten, was gerade ſo viel Schritte beträgt, als wenn 63 ich meinen gewohnten Umgang halte. Indeß muß ich mir doch erlauben, zu bemerken, daß die Sache, bei Lichte beſehen, mit der Zeit etwas eintönig wird.“ „Das will ich glauben,“ lachte Langſchädel,„das macht Euch Niemand nach; aber ſagt, wie fangt Ihr es an, daß Ihr Euch nicht verzählt?“ „Es iſt dies nicht gut möglich,“ erklärte der Spor⸗ telſchreiber,„meine kleine Bibliothek zählt eine ziem⸗ liche Anzahl Bände und Bändchen. Ich nehme jedes⸗ mal ein Buch und trage es auf die entgegengeſetzte Seite der Stube. So befördere ich in Summa die Bibliothek verſchiedene Male hin und wieder und kann nicht leicht in Irrthum gerathen.“ Aber je leichtfertiger der Lieutnant mit dem guten Kappler verfuhr, um ſo rückſichtsvoller und wohlwol⸗ lender behandelte ihn Sonnenſchmidt. Der Sportel⸗ ſchreiber fühlte ſich beglückt, denn gerade bei dem In⸗ ſpector war er an Aufmerkſamkeiten und zarte Be⸗ handlung nicht gewöhnt. Man beſchloß, da der vierte Mann fehlte, Piquet zu Dreien zu ſpielen. Wenn Langſchädel behauptet hatte, daß der Menſch ſeine guten und böſen Tage habe, ſo traf dies beim Inſpector auf's Haar. Erſtens bekam er immer ſchlechte Karte und dann ſpielte er mit ſolcher Zerſtreutheit und Unaufmerkſamkeit, daß ſelbſt Kappler genöthigt war, einige Male verwunderungsvoll mit dem Kopfe zu ſchütteln. Beim Lieutnant ſchien ſich das Unglück auf der Jagd erſchöpft zu haben. Er hatte lange Zeit im Piquet nicht ſo bedeutendes Fortune. Auch Kappler gewann, obſchon er ſo ſchonend wie möglich ſpielte und den Inſpector wegen ſeines auffallenden Unglücks von Herzen bedauerte. Sonnenſchmidt, da ihm das Glück ſchlechterdings 6⁴ nicht wohl wollte, meinte, dieſes unerhörte Malheur ſei ein Wink, daß er dieſes Spiel nicht mehr ſpielen ſolle. Ueberhaupt werde er ſich eine Zeit lang gänzlich vom Spiele, das Solo nicht ausgenommen, zurück⸗ ziehen; es ſei bei Lichte betrachtet eine geiſt⸗ und zeit⸗ tödtende Unterhaltung. Jetzt ward Langſchädel, der ſchon fürchtete, einen ſo getreuen Spielkumpan, wie Sonnenſchmidt war, zu verlieren, freigeiſtiſch und erklärte rund heraus, ſolche Winke des Schickſals gebe es nicht; Sonnen⸗ ſchmidt ſolle ſich nicht einſchüchtern laſſen; alle Tage könne man nicht gewinnen und was man heute ver⸗ liere, bringe der nächſte Tag wieder ein. Kappler gab diesmal unaufgefordert, was eine Seltenheit war, da der Beſcheidene nie ohne gefragt zu werden ſich ausſprach, ſeine Meinung dahin ab, daß er nicht ganz umhin könne, dem verehrten Herrn Inſpector beizupflichten, indem auch er das Spiel für geiſt⸗ und zeittödtend hielte und er daſſelbe gern für eine lehrreiche Unterhaltung vertauſchen würde. Bei dem Inſpector ſtieg der moraliſche Werth des Sportelſchreibers durch dieſe Worte um Vieles. Sein Entſchluß, denſelben zu ſeinem Vertrauten zu machen, ward unwiederruflich. „Der Regiſtrator hat vollkommen recht,“ ſprach er,„noch drei Spiele und wir führen ein vernünfti⸗ ges Geſpräch.“ Langſchädeln, welcher im hohen Glücke ſaß, konnte gar nichts fataler kommen, als dieſe plötzliche Moral, die ſich des Inſpectors bemächtigt hatte. Er wußte ſich die Sinnesänderung Sonnenſchmidt's, der mit der Karte aufgewachſen, nicht zu erklären, murmelte von „Einfalt“ und ſchlug vor, noch zwölf Partieen zu ſpielen. 65* Sonnenſchmidt, welchen es drängte, ſein Herz aus⸗ zuſchütten, gegen den gottesfürchtigen Kappler, beſtand auf dreien. „Sie ſind's doch zufrieden, Regiſtrator?“ frug er. Der Sportelſchreiber, deſſen Ohr lange nicht den ſüßen Klang„ Regiſtrator“ vernommen, war völlig beſiegt von der Liebenswürdigkeit des Inſpectors, freute ſich ſehr auf ein belehrendes Geſpräch mit dem erfahr⸗ nen Oeconomen und gab gern ſeine Einwilligung. Langſchädel, noch immer der Meinung, Sonnen⸗ ſchmidt beendige wegen ſeines Verluſts das Spiel, begann jetzt zu fluchen und meinte, da hätte er oft in ſeinem Leben die Geſellſchaft ſtören und aufhören müſſen. Ein wenig Malheur im Spiele dürfe einer Mann nicht gleich aus der Contenance bringen. It ſeinen Feldzügen gegen Napoleon habe er oft an einem Abend ſein ganzes Traktement im Pharao ver⸗ loren. Da Sonnenſchmidt feſt blieb und auf den drei Partieen, die noch geſpielt werden ſollten, beharrte und überdies dem Lieutnant Vorwürfe ob ſeines lau⸗ ten Fluchens machte, gerieth letzterer in Wuth, nannte den Inſpector eine Betſchweſter, warf die Karten hin und ging fluchend nach dem Billardzimmer, wo er an einer Quatretvur Theil nahm, die eben zuſam⸗ mentrat. „Gott ſei Dank,“ ſprach Sonnenſchmidt,„daß wir ihn los ſind, es mag ein ganz guter Mann ſein, aber das fortwährende Fluchen und Läſtern bekommt man nachgerade überdrüßig.“ „Ja,“ erwiederte Kappler,„obſchon man weiß, daß es der Herr Lieutnant nicht ſo bös meint, geht mir ſein Fluchen durch und durch. Ich muß geſtehen, ich liebe dergleichen gar nicht.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. vl. 5 66 Sonnenſchmidt gab jetzt einen eclatanten Beweis, daß es ihm bei dem Spiele nicht um ſchnöden Mammon zu thun geweſen, denn er beſtellte, nachdem ſich Lang⸗ ſchädel entfernt hatte, eine Flaſche Erbacher und zwei Gläſer. Dem Sportelſchreiber blieb ob ſolches unerhörten Luxus der Mund offen ſtehen. Er glaubte nicht recht gehört zu haben und ſah den Inſpector mit halb ängſt⸗ lichen, halb zweifelvollen Blicken an, ob es mit dem⸗ ſelben ganz richtig ſei, denn Sonnenſchmidt, obſchon er ſich nichts abgehen ließ, war keineswegs als ſpen⸗ dabler Mann bekannt. Der Inſpeetor blieb ganz ruhig, ſah den verdutz⸗ ten Sportelſchreiber mit vielem Wohlwollen an und ſprach:„Setzen Sie Ihr Erlanger in die Ecke, Re⸗ giſtrator, wir trinken ein Fläſchchen mit einander.“ Kappler wußte nicht, ob er wache oder träume, eine ſolche Auszeichnung war ihm faſt nie widerfahren, nicht einmal bei feierlichen Gelegenheiten, wo ſie ſich doch eher rechtfertigen ließ und heute ohne allen Grund und ohne die geringſte Veranlaſſung; wo überdies der ſplendide Geber außergewöhnlich im Spiel verloren hatte; kurz Kappler mochte ſimuliren wie er wollte, dieſe Sache blieb ihm ein Räthſel. Röschen brachte den Wein. „Hier, Herr Inſpector,“ rief das Mädchen,„ge⸗ wiß iſt heute Ihr Geburtstag?“ „Den feiere ich nie,“ erwiederte Sonnenſchmidt, „es iſt mir aber ſo viel Rühmens von Eurem Erba⸗ cher gemacht worden, daß ich ihn einmal koſten will.“ Mit dieſen Worten entkorkte er die Flaſche, ſchenkte als erfahrner Mann erſt ſich einige Tropfen ein, dann füllte er Kappler's Glas und dann das ſeine. „Es iſt doch eine herrliche Gottesgabe der Wein!“ 67 * meinte Sonnenſchmidt, nachdem er den Erbacher prü⸗ fend gekoſtet und ihn für gut befunden hatte. Da Kappler aus übergroßer Devotion noch immer zögerte, das goldene Getränk, wie appetitlich es in die Augen ſtach, an die Lippen zu bringen, fuhr der Inſpector fort: „Friſch getrunken, Regiſtrator, nicht blos genippt, kommt, ſtoßt mit mir an, auf unſere beiderſeitige Ge⸗ ſundheit.“ „Ich wünſche Ihnen, mein hochverehrteſter Herr Inſpector, die beſte, dauerhafteſte Geſundheit,“ ſprach der Sportelſchreiber aufrichtig und aus voller Seele, „und ein langes, langes Leben voller Glück und Zu⸗ friedenheit.“ „Gott gebe es,“ erwiederte Sonnenſchmidt mit halb unterdrücktem Seufzer;„indeß, mein guter Kappler, wir ſind alle ſterblich, und wer weiß, ob nicht in Kurzem der Himmel über mich beſchieden.“ „O,“ tröſtete der Sportelſchreiber,„bei Ihrer fürtrefflichen Geſundheit, mein hochgeehrter Herr In⸗ ſpector, haben Sie nichts zu befürchten. Ich bin überzeugt, daß Sie ein ſehr hohes Alter erreichen.“ „Kappler,“ fuhr Sonnenſchmidt ernſt fort,„der Menſch iſt ein gebrechliches Werkzeug in der Hand des Höchſten, denken Sie an Jungnickel; binnen einer Spanne Zeit geſund und todt.“ Allerdings geſtand Kappler:„Herrn Jungnickel's vlötzliches Ableben hat mich wahrhaft ergriffen.“ „Trinken Sie, Regiſtrator,“ ermunterte Sonnen⸗ ſchmidt und rückte mit dem Stuhle etwas näher. Nach einer Pauſe frug er in etwas gedämpftem Tone: „Kappler, glauben Sie an Ahnungen?“ Das Kapitel, welches mit dieſer Frage der In⸗ ſpector berührte, war gerade eins von denen, die ſich 5* 68 vor Allen des ungetheilten Intereſſes Seiten Kappler's zu erfreuen hatten. Der Sportelſchreiber horchte daher hoch auf und erwiederte mit geheimnißvoller Miene: „Ahnungen, mein hochverehrter Herr Inſpector, ei, wer wollte an dieſe untrüglichen Winke einer höhern Welt nicht glauben. Der Beiſpiele von ihnen gibt es zu viele, als daß ſich unſere Vernunft erkühnen dürfte, ſie hinweg zu läugnen. Nicht blos an Ah⸗ nungen glaube ich, auch an Geiſter, mein hochverehr⸗ ter Herr Inſpector, die irdiſche Geſtalt annehmen, um uns zu warnen; es ſind dies die ſogenannten Viſionen oder Erſcheinungen; auch an Anzeigen glaube ich, die bei Sterbefällen ſo häufig vorkommen.“ Sonnenſchmidt ſchüttelte ungläubig lächelnd den Kopf und gab ſich überhaupt das Anſehen, als ob er die Wahrheit der Kappler'ſchen Worte in Zweifel ziehe; der Sportelſchreiber aber, theils von der Exi⸗ ſtenz der Ahnungen, Anzeigen und Viſionen auf das Unerſchütterlichſte überzeugt, theils durch den genoſ⸗ ſenen Wein redſeliger gemacht, fing Feuer und ließ es ſich auf das Entſchiedenſte angelegen ſein, den un⸗ gläubigen Inſpector für ſeine Meinung zu gewinnen und zum Proſelyten zu machen. „Schon der große Shakeſpeare,“ begann er,„der großbritanniſche Dichter ſagt, daß es Vieles zwiſchen Himmel und Erde gäbe, worüber ſich unſere Philv⸗ ſophen vergebens die Köpfe zerbrächen. Ich habe ein Buch zu Hauſe(ich erſtand's in der Auction beim ſeligen Magiſter Haslinger), da ſteht es ſchwarz auf weiß, von Anbeginn der Welt bis auf unſre Tage, wie es geſpukt hat an allen Ecken und Enden, bei allen Völkern, den gottloſen wie den frommen.“ Da Kappler in dieſem Gebiete nicht unbeleſen 69 war, ſo konnte er dem Inſpector eine ſolche Maſſe haarſträubender Beiſpiele aufzählen, daß dem ehema⸗ ligen Freigeiſte angſt und bange ward. Letzterer hatte ſolche Kenntniß in dem ſtillen Kappler gar nicht ge⸗ ſucht. Ehe daher die Flaſche Erbacher zu Ende, war es der Beredtſamkeit des Sportelſchreibers gelungen, den Inſpector ganz für ſich zu gewinnen. Sonnen⸗ ſchmidt faßte, je länger Kappler erzählte, immer grö⸗ ßeres Vertrauen zu dieſem. Der angeregte Gegen⸗ ſtand war ihm überhaupt ſo wichtig und lag ihm ſo am Herzen, daß er durchaus kein Bedenken trug, noch eine zweite Flaſche kommen zu laſſen. Der Sportelſchreiber, von dem ungewohnten Weine begeiſtert, verſicherte mit freudeſtrahlenden Augen, daß ihm ein ſo ſchöner und erhebender Abend in ſeinem Leben nicht geworden. Er zog nach und nach den alten, ängſtlichen und verpuppten Actenmenſchen aus, die befreite Pſyche wiegte ſich ſelig in höheren, freieren Regionen und zeigte ſich in ihrer natürlichen Schöne, begeiſtert für das Gute und Edle und gläubig erge⸗ ben den Himmeln der Unſterblichkeit. Es war ein großes Glück für die Beiden, welche ſich ſo angelegentlich über die höchſten Angelegenheiten der Menſchheit unterhielten, daß der Karpfenſchmaus faſt ſämmtliche Kellergäſte nach dem unfern gelegenen Buchholz gelockt hatte. Außerdem würden ſie dem Spotte kaum entgangen ſein. So waren bereits um neun Uhr die beiden Kellerſtuben wie ausgeleert; ſelbſt Langſchädel, welcher Sinen Theil ſeines Gewinnſtes im Billardſpiele verloren hatte, war fluchend und ver⸗ drießlich, zeitiger als gewöhnlich nach Hauſe gegan⸗ gen. Nur Röschen, nachdem ſie die Gläſer geſpült und in Ordnung gebracht, befand ſich noch wach und ſaß an ihrem gewohuten Plätzchen neben der Thür beim 70 Strickſtrumpf und konnte ſich nicht genug über Kapp⸗ lern wundern, welchen ſie im Leben nicht ſo eifrig hatte disputiren hören. Auf dem Rathhausthurm ſchlug es eilf Uhr, da fuhr Kappler erſchrocken in die Höhe. „Eilf Uhr, rief er,“ und der alte Actenmenſch ſtreckte wieder ſeine langen Polypenarme nach ihm, „um Himmelswillen, was wird meine Wirthin ſagen.“ Sonnenſchmidt tröſtete und ſchenkte von Neuem ein. Der Sportelſchreiber hatte ſein ganzes Vertrauen gewonnen. Er war mehrmals im Begriff, demſelben ſeine übernatürlichen Abenteuer mitzutheilen und Kapp⸗ ler's Rath einzuholen, aber dieſer hatte ihn nie zu Worte kommen laſſen. Immer fielen ihm neue außer⸗ ordentliche und erſchütternde Anecdoten aus dem Gei⸗ ſterreiche ein. Sein Vorrath war unerſchöpflich. Endlich, nachdem die Beiden ganz allein waren, auch Röschen war zu Bette gegangen und der Haus⸗ knecht ſchnarchte auf dem Sopha, hielt es Sonnen⸗ ſchmidt an der Zeit, ſeinem Herzen Luft zu machen. „Kappler,“ ſprach er,„nehmen Sie Platz, trin⸗ ken Sie, wir kommen ſo jung nicht wieder zuſammen.“ Der Sportelſchreiber, die Wahrheit dieſer Worte erkennend, trank. „Kappler,“ fuhr Sonnenſchmidt in weichem Tone fort, indem er dem Sportelſchreiber die Hand hin⸗ reichte,„wir wollen Freunde ſein.“ „Bis in den Tod,“ ſchwur dieſer verklärt und es ſchmerzte ihn, nicht die ganze Welt an's Herz drücken zu können. „Aber Verſchwiegenheit,“ bat der Inſpector,„ich habe ihnen etwas zu entdecken.“ „Stumm wie das Grab,“ gelobte Kappler mit aufgehobener Schwurhand. 74 Nun theilte Sonnenſchmidt mit gedämpftem Tone ſein heutiges Erlebniß mit, erzählte von der Leichen⸗ frau, dem Todtengräber, von dem Zettel voll Moder⸗ geruch; und wie die Geſtalten durch die verſchloſſene Vorhausthür hereingekommen wären. „Was ſagen Sie, Kappler, Freund!“ frug der Erzähler, nachdem er mit der Schauergeſchichte zu Ende.„Ich ſollte meinen, das ſind Dinge, die im Stande wären, den aufgeklärteſten, freidenkendſten Mann zu erſchüttern und zum Nachdenken aufzu⸗ fordern.“ Dem Sportelſchreiber war es bei des Inſpectors Erzählung eiskalt durch die Glieder gerieſelt; ſeine Augen ſtarrten, ſein Haar ſträubte ſich. Wie grau⸗ ſenerregend die Auswahl ſeiner Geiſtergeſchichten ge⸗ weſen, ſo waren dies doch nur Erzählungen, die in Büchern geſtanden oder die er von Hörenſagen kannte; aus ſo authentiſcher Quelle, wie er ſie eben vernom⸗ men, war ihm noch keine vorgekommen. Kappler war faſt noch mehr ergriffen, als der Er⸗ zähler. Wenn ihm zeither über die Wahrheit derie⸗ nigen Beiſpiele, die er mitgetheilt, noch hätte ein lei⸗ ſer Zweifel beſchleichen wollen, des ehrenhaften und glaubenswerthen Inſpectors Sonnenſchmidt heut ge⸗ habte Viſion ſchlug alle Scepſis nieder. War Son⸗ nenſchmidt nicht in ganz Neukirchen und Umgegend als Freigeiſt bekannt? Wenn einem ſolchen Manne ſolche Dinge paſſirten, mußten ſie doppelte Geltung haben. „Was ſagen Sie, Kappler?“ wiederholte Sonnen⸗ ſchmidt,„nicht wahr, da möchte einem der Verſtand ſtill ſtehen?“ „Allerdings, total,“ geſtand Kappler zähneklap⸗ vernd,„ich zittere am ganzen Leibe.“ „Söllte es ein Wink der Vorſehung ſein?“ fuhr der Inſpector fort,„was meinen Sie, Kappler?“ „Allerdings, allerdings,“ erwiederte der Sportel⸗ ſchreiber, der ſich von dem Gehörten gar nicht zu er⸗ holen vermochte. „Wenn dem ſo wäre,“ ſprach Sonnenſchmidt be⸗ wegt und ergebungsvoll,„ſo werde ich mein Haus beſtellen, damit, wenn der Himmel über mich gebie⸗ ten ſollte, er mich nicht ganz unvorbereitet findet.“ „Um Gotteswillen, das thun Sie,“ beſchwor Kapp⸗ ler angſtvoll mit aufgehobenen Händen,„gehen Sie in die Kirche, zum heiligen Abendmahl, entdecken Sie ſich dem ehrwürdigen Herrn Superintendenten, flüch⸗ ten Sie ſich in den Schooß der heili igen Kirche, gehen Sie in ſich, beſſern Sie ſich; und um aller Heiligen willen enterben Sie Ihren Neffen nicht.“ „Der Leichtfuß hätte es verdient,“ hemerkte Son⸗ nenſchmidt brummend. „Aber Gott will nicht, daß wir uns an unſerm eigenen Blute verſündigen,“ fuhr der Sportelſchreiber mit dringlichem Eifer fort,„alle Welt ſagt's, daß Sie bitterliches Unrecht thun, wenn Sie den guten Jungen enterben; wen haben Sie auf der Welt? Ich gebe es zu, er iſt leicht, macht Ihnen Kummer und Sorge, koſtet Sie ſchönes Geld; aber Ingend hat nicht Tugend, ſein Herz iſt z wenn er ausgetobt hat, wird's der beſte Menſch, das will ich beſchwören. O mein verehrteſter Herr Inſpeetor, nur dieſes nicht. Ich glaube, Sie hätten im Gräbe keine Ruh, wenn Sie ſo hart wären. Nein, das thun Sie nicht, nicht wahr, Sie verſprechen es mir?“ „Ich werde darüber mit mir zu Rathe gehen,“ erwiederte Sonnenſchmidt nach einigem Nachdenken, „wiewohl die Roſine es weit mehr verdiente, daß ich ſie bedächte.“ 73 „Nimmermehr,“ verſetzte Kappler,„alle Welt iſt darüber einverſtanden, daß das Mäschen die Erb⸗ ſchleicherin ſpielt. Sie glauben nicht, beſter Herr In⸗ ſpector, was Sie ſich in der Meinung der Leute ſcha⸗ den, daß Sie dieſes Weſen ſo begünſtigen, das es beim Himmel nicht ehrlich mit Ihnen meint.“ „Sehen Sie, verehrter Herr Inſpector,“ fuhr der Sportelſchreiber fort,„ich habe es immer nicht ge⸗ wagt, Ihnen in dieſer Sache ein Licht aufzuſtecken und die reine Wahrheit heraus zu ſagen; aber heute ſitzt mir das Herz auf der Zunge, ich kann nicht anders.“ Da brummte es abermals vom Thurm; Kappler fuhr von Neuem erſchrocken empor. So liederlich war er im Leben nicht geweſen. Der Gedanke daran packte ihn mit Geiersklauen. „Was ſoll meine Wirthin denken,“ rief er einmal über das andre verzweifelt.„Sie glaubt am Ende, ich wandle auf böſen Wegen, ich komme in's Gerede, mein guter Ruf iſt dahin.“ Sonnenſchmidt tröſtete. Aber je näher die Gei⸗ ſterſtunde herbeirückte und ſo oft er an den Heimgang dachte, deſtv unheimlicher ward ihm. Er wollte ſich mit Gewalt betäuben und ſprach zum Sportelſchreiber: „Kappler, wir haben einmal über den Strang ge⸗ hauen! Wer weiß, wenn wir wieder ſo vertraut bei⸗ ſammen ſitzen. Wir trinken noch ein Fläſchchen!“ Kappler hob alle zehn Finger beſchwörend in die Höhe und betheuerte, daß er alle Gegenſtände dop⸗ velt ſähe. Sonnenſchmidt, der mehr vertragen konnte, als der des Weins ungewohnte Sportelſchreiber, ließ ſich nicht abreden, ſondern ſtand auf und rüttelte den ſchnarchenden Hausknecht. Dieſer erfreute ſich eines ſo geſunden Schlafs, daß alle Bemühungen des In⸗ ſpectors vergeblich waren. Kappler, welcher ſeinem Freunde bei dem Erwek⸗ kungswerke hülfreich zur Hand gehen wollte, erhob ſich, bemerkte aber zu nicht geringem Erſtaunen, daß ihm die Füße den Dienſt verſagten. Er ſank auf den Stuhl zurück und begann der Allmacht des Weins zu erliegen. Obſchon ihm ſeine Augen Richts deutlich er⸗ kennen ließen, blieb doch ſein Ohr wach, und dieſes vernahm, mit welcher Anſtrengung Sonnenſchmidt be⸗ müht war, den verſchlafenen Friedrich in's Bewußt⸗ ſein zu rufen. „Inſpector,“ mahnte Kappler mit bereits ſehr ſchwerer Zunge,„hochverehrter Inſpector, Sie ſehen, der Himmel will's nicht, daß wir mehr poculiren, ſonſt würde Friedrich erwachen.“ Sonnenſchmidt ließ ſich in ſeinem Vorhaben nicht ſtören, und ſo gelang es endlich, den Schlaftrunkenen zu ermuntern und zu bewegen, daß er noch eine Fla⸗ ſche Wein aus dem Keller hole und auf den Tiſch ſetze. Der Sportelſchreiber erlag immer mehr dem Ge⸗ nuſſe des Weins. Er ſaß mit gläſernen Augen auf ſeinem Stuhle und ſtarrte vor ſich hin, während ſeine Zunge zu lallen begann. Je weniger er aber im Stande war, von der neuen Flaſche zu trinken, deſto angelegentlicher ließ ſich's Sonnenſchmidt ſein, dem Weine zuzuſprechen. Er wollte ſich mit Gewalt Cou⸗ rage trinken, um den Geiſtern rüſtiger entgegenzutre⸗ ten, bis auch er des Guten zu viel gethan und ſich in gleichem Zuſtande mit Kapplern befand. Die Rathhausuhr verkündete die zwölfte Stunde. Die beiden Lichter waren herabgebrannt. Der Inſpec⸗ tor ſuchte ſich mit Gewalt zu ermannen und ſprach „Kappler, haben Sie's gehört, es ſchlug zwölf?“ — 8 75 „Sehr richtig, zwölf,“ lallte dieſer. „Da dächte ich doch, daß wir aufbrächen,“ fuhr Sonnenſchmidt fort. „Sehr richtig, aufbrächen—“ erwiederte der Sportelſchreiber. „Kappler, geſchätzter Freund,“ begann der andere nach einer Pauſe,„ein Wort im Vertrauen.“ „Ein Wort im Vertrauen,“ gab Kappler zurück. „Sie könnten dieſe Nacht bei mir ſchlafen, Kappler.“ „Schlafen“— nickte dieſer, und ſein weinſchwe⸗ res Haupt ſank auf die Bruſt. „Wir müſſen aufbrechen,“ gab Sonnenſchmidt zu bedenken „Aufbrechen,“ lallte der Sportelſchreiber. „Kommen Sie, Kappler,“ fuhr der Inſpector fort, „ich werde Sie führen, Sie ſcheinen mir etwas molum.“ „Molum,“ verſetzte Kappler im Echo, rührte ſich aber nicht von der Stelle. „Hier können wir nicht bleiben,“ ſtellte Sonnen⸗ ſchmidt vor. „Bleiben ſprach Kappler. Der Inſpector hatte ſich jetzt erhoben und war menſchenfreundlich bemüht, den Sportelſchreiber von ſeinem Stuhle emporzurichten. Dabei verlor er ſelbſt das Gleichgewicht und gerieth in's Schwanken. Er hatte mit der einen Hand Kappler's Arm erfaßt, mit der andern ſuchte er an dem Tiſche einen Stützpunkt. Dieſes ſchlug fehl. Durch das wiederholte Hin⸗ und Hertappen verlor Sonnenſchmidt ſeine Haltung. Er glich einem Thurme bei einem Erdbeben, der jeden Augenblick den Einſturz befürchten läßt. So geſchah es auch. Kein Gott konnte ihn retten. Die coloſ⸗ ſale Geſtalt ſank und zog den Sportelſchreiber, den 76 Tiſch, Flaſchen, Gläſer, Lichter mit ſich zur ſichern. ſoliden Erde. Der Bergſturz verurſachte ein ſolches Krachen. daß Friedrich, obſchon er wieder im tiefſten Schlafe lag, wie behext aufſprang und in allem Ernſte an ein Erdbeben glaubte. Er rieb ſich die Augen und wußte nicht, ob er wache oder träume, denn in der Stube war es ſtockfinſter geworden. Sonnenſchmidt hatte trotz des Sturzes in die Tiefe ſeine Menſchenfreundlichkeit nicht abgelegt. Er erkun⸗ digte ſich, da er ob der ausgelöſchten Lichter ebenfalls nichts ſah, nach Kapplern. „Regiſtrator,“ frug er,„wo liegen Sie?“ Der Regiſtrator, welcher unmittelbar neben ihm auf dem Bauche ausgeſtreckt war, gab ſtatt der Ant⸗ wort einen tiefen Seufzer von ſich. „Sie haben ſich doch nicht Schaden gethan,“ fuhr Sonnenſchmidt fort,„es war ein verwünſchter Fall. Friedrich, wo ſteckt die Creatur?“ Der Hausknecht, als er ſeinen Namen rufen hörte, eilte ſchlaftrunken, aber von Dienſteifer geſpornt, nach der Gegend, von wo die rufende Stimme erſcholl. Plötzlich ſtolperte er gleichfalls und ſiel auf den In⸗ ſpector. „Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“ fing dieſer zu beten an, denn er glanbte nicht anders, als die Geiſter wären im Begriffe, ihm das Genick ein⸗ zubrechen. Der Sportelſchreiber, welcher ob dieſer ernſten Worte etwas zu Verſtande kam, ſteckte den Kopf in die Höhe und ſchaute um ſich, worauf er entſetzlich zu wehklagen begann; da rings umher die tiefſte Finſterniß herrſchte, ſo glaubte er, er ſei blind geworden. Der Inſpector ſeinerſeits, Kappler's Schmer⸗ zenslaute für ein untrügliches Zeichen haltend, daß „— 5 er ebenfalls eine Beute der Geiſter geworden, forderte ihn auf, ſein Gebet mit dem ſeinigen zu vereinen. Friedrich konnte ſich im erſten Schrecken auf dem coloſſalen Leibe Sonnenſchmidt's in der Finſterniß nicht zurechtfinden und kroch auf demſelben wiederholt auf und ab. Dies hielt der Inſpector in der Tod⸗ tenangſt für einen neuen Beweis, daß die Geiſter nach ſeiner Kehle ſuchten. „Wenn's einmal nicht anders ſein ſoll,“ krächzte Sonnenſchmidt mit der Reſignation eines Sterbenden, „macht's kurz, gute Geiſter, nicht lange martern.“ Damit ſtreckte er ſich der Länge lang auf den Fußboden aus und hielt den Kopf ein wenig empor, damit die nächtlichen Heerſchaaren ſich ſeines Halſes um ſo leichter bemächtigen könnten; auch lüftete er die Halsbinde. Friedrich war in Folge des reſignirenden Streckens von Sonnenſchmidt's Körper abgeworfen worden und auf den Sportelſchreiber gefallen. Dieſer erhob ein Mordjo, daß die Wände zitterten und wollte ſich trotz ſeiner Blindheit nicht ergeben. Er ſtrampelte wie ein Verzweifelter mit Händen und Füßen und that alle mögliche Gelöbniſſe, wenn ihn die Geiſter⸗ ſchaar diesmal verſchonen wolle. Der Inſpector, als er Kapplern ſo beiſpiellos ſchreien hörte, dachte bei ſich:„jetzt machen ſie den Sportelſchreiber kalt. Es iſt immer ſo geweſen, daß die ſchweren Miſſethäter zuletzt daran kamen.“ Er war beſcheiden genng, ſich für den ſchweren Miſſethä⸗ ter zu halten. Indeß hoffte er noch ein gutes Werk zu thun und ſich bei den nächtlichen Unhrlden zu in⸗ finniren, wenn er Kapplern ermahnte, keinen unnützen Widerſtand zu leiſten und ſich geduldig in ſein trau⸗ riges Geſchick zu fügen. 78 „Ergeben Sie ſich, Regiſtrator,“ ſprach er,„und erſchweren Sie ſich Ihr letztes Stündlein nicht durch thörichte Widerſpenſtigkeit. Sie werden bei Ihrer ſchwächlichen Conſtitution bald ausgelitten haben.“ „Was, ſchwächliche Conſtitution,“ ſchrie der Spor⸗ telſchreiber, der vor Angſt wieder etwas nüchtern ge⸗ worden war,„meine Conſtitution iſt vortrefflich, noch für lange Jahre berechnet, ich wünſche keine beſſere. Drum mag ich jetzt noch nicht ſterben, das kann Got⸗ tes Wille nicht ſein. Ich ſtehe in der Blüthe der Jahre, will noch heirathen, mein Geſchlecht fortpflan⸗ zen. Ich bin beſtraft für das Ueble, ſo ich hienieden ohne Wiſſen und Willen gethan habe, ich bin ſtockblind und ſehe vom hellen lichten Tage nichts mehr. Kein Billigdenkender kann größere Buße und Opfer ver⸗ langen.“ Nach dieſen Worten ſtrampelte er wieder aus Lei⸗ beskräften und ſchlug um ſich mit einer Vehemenz, als habe er es mit engliſchen Boxern zu thun, wäh⸗ rend der ungebetene Gaſt wie ein Alp auf ihm lag und mit den Händen fortwährend auf Hals und Na⸗ cken(den Kopf hatte Kappler wohlweislich eingezogen) umhertappte. „Wie ſprechen Sie wieder, Regiſtrator,“ ſtrafte Sonnenſchmidt,„wo iſt die Gottesfurcht?“ „Sie haben gut reden,“ replicirte der Sportel⸗ ſchreiber, mit Händen und Füßen fortarbeitend,„Sie empfangen blos Ihren verdienten Lohn für Ihre Frei⸗ geiſterei, aber ich komme ganz unſchuldig dazu, weil man mich zufällig in Ihrer Geſellſchaft getroffen. Wegen mir hätte ſich kein Geiſt incommodirk. Nun haben wir unfehlbar die Leichenfrau und den Tod⸗ tengräber, die ſich beiderſeitig heute ſchon bei Ihnen angemeldet, in eigner hoher Perſon auf dem Leibe. Ich mag ſchütteln wie ich will, ich werde den Todten⸗ gräber nicht los.“ War durch das Geräuſch des umgeworfenen Tiſches die Kellerpachterin Madame Kliemann ſchon aus dem Schlafe geſtört worden, ſo hatte ſie das Zetergeſchrei des Sportelſchreibers vollends munter gemacht. Sie war aufgeſtanden, hatte Licht angezündet. Röschen und das geſammte weibliche Küchenperſonale wurden aufgeboten, und nachdem man in dem Schlafzimmer der Kliemann eine geſchloſſene Colonne gebildet, ſetzte ſich wohlbewaffnet die Executionsarmee, die große, ſtäm⸗ mige und tapfere Küchenmagd Hanne an der Spitze, nach dem Gaſtzimmer in Bewegung, von woher von Zeit zu Zeit die Stimmen des Inſpectors und des Sportelſchreibers vernehmbar wurden. Die Keller⸗ pachterin, welche den Oberbefehl führte, ſchritt in der Mitte. Kapplern war es nach mühevoller Anſtrengung ver⸗ mittelſt eines kühnen, verzweifelten Rucks gelungen, den Geiſt abzuſchütteln. Er meldete ſeinen Sieg Sonnenſchmidten und erkundigte ſich ob derſelbe noch lebe? Der Inſpector, welcher aus Beſorgniß, die Geiſter noch mehr in Harniſch zu bringen, nicht gewagt hatte, irgend eine Bewegung vorzunehmen, lag ausgeſtreckt, ſo lang er maß, auf dem Boden und erwartete mit lauſchendem Ohre der Dinge, die da kommen ſollten. Er konnte dem Sportelſchreiber ſeine gerechte Miß⸗ billigung nicht verhehlen, daß er ſich den Unternehmun⸗ gen der Geiſter mit ſolcher Halsſtarrigkeit widerſetzte. „Hier hilft Alles nichts, guter Kappler,“ ſprach er,„wenn es einmal beſchloſſen iſt, daß wir daran müſſen, mögen wir uns ſperren, ſo viel wir wollen, wir ſind der Katze. Frevelhafte Widerſpenſtigkeit iſt 80 hier durchaus nicht am Orte; ſie vermehrt die Mar⸗ tern und macht die Todesart qualvoller.“ Kappler, nachdem er die drückendſte Todesgefahr abgewälzt, gedachte wieder des kleinern Uebels, näm⸗ lich der Blindheit. Er überlegte mit Schaudern, wie das bei dem Mangel eines ſo wichtigen Organs, wie das Geſicht, mit der Sportelſchreiberei werden ſolle, und brach von Neuem in Wehklagen aus, daß ſich ein Stein hätte erbarmen mögen. Sonnenſchmidt tröſtete, obgleich er den eigentlichen Grund von Kapp⸗ ler's Wehmuth nicht kannte. Friedrich, welcher endlich vollkommen wach gewor⸗ den und ſich überzengt hatte, daß er auf Niemand andrem, als auf dem Inſpector und dem Sportelſchrei⸗ ber als Alp hanthieret, war, nachdem ihn Kappler in Todesverzweiflung abgeworfen, wieder ſtill und unbe⸗ merkt auf allen Vieren durch die Finſterniß nach dem äußerſten Sopha in die angrenzende Billardſtube ge⸗ krochen, wo er ſich ausſtreckte und ſchlafend ſtellte, als ob nichts vorgefallen ſei. Denn er muthmaßte mit vieler Umſicht, daß es ihm nicht zum Beſten ange⸗ rechnet werden dürfe, wenn ſeine Geiſterrolle, die er allerdings ganz wider Willen geſpielt, an den Tag käme. Auch hatte er ſehr richtig calculirt, daß die wachſame Kliemann in Folge des Donnergepolters und des außergewöhnlichen Geſchreis Kappler's eine ener⸗ giſche Diverſion veranſtalten und eine nachdrückliche Unterſuchung anſtellen werde. Alſo Friedrich ſchnarchte aus Leibeskräften, obſchon er völlig wach war, als ſich die Thür öffnete und das Küchenbataillon ſeinen Einzug hielt. So wie Kappler den Lichtſchimmer erblickte und die herzerfreuende Ent⸗ deckung machte, daß das Licht ſeiners Augen dermalen noch nicht erloſchen ſei, falteten ſich ſeine Hände in⸗ 8 . brünſtiglich und er begann laut das Vaterunſer zu beten. Sonnenſchmidt, von dem plötzlichen außerordent⸗ lichen Lichtglanze überraſcht und von dem andächti⸗ gen Beten Kappler's ſeltſam ergriffen, glaubte nicht anders, als die Geiſter hätten ihr Werk ſanft an ihm vollbracht und er ſei mit dem Sportelſchreiber wohlbehal⸗ ten im Paradieſe angelangt. Er faltete gleichfalls andäch⸗ tig die Hände und begann den erſten Vers des Ge⸗ ſangbuchliedes:„Nun ruhen alle Wälder,“ des ein⸗ zigen, deſſen er ſich aus der ſündigen Erdenwelt zu entſinnen wußte. ₰ Während des frommen Geſchäfts hatte der In⸗ ſpeetor nichts Angelegentlicheres zu thun, als ſich ver⸗ ſtohlen in dem neuen Himmelreiche, von welchem ihm auf Erden ſo viel war erzählt worden, ein wenig um⸗ zuſchauen. Zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen, wie zu ſeiner unſagbarſten Zufriedenheit, bemerkte ex ver⸗ mittelſt eines leiſen Seitenblicks, während ſein Mund noch immer an dem Geſangbuchverſe:„Nun ruhen alle Wälder,“ recitirte, in der einen Ecke des himm⸗ liſchen Landes eine ziemliche Anzahl thönerner Bier⸗ flaſchen, ganz wie ſie in Neukirchen gebräuchlich. „Nun haben doch die Gelehrten gefabelt über die⸗ ſes Land,“ dachte er mit großer Behaglichkeit;„hätte ich gewußt, daß es hier ſo hergeht, würde ich mich nicht mein Lebetag vor dem Tode ſo entſetzt haben. Dank Euch, gute Geiſter, die ihr mich ſanft und un⸗ bemerkt der langen Lebensfurcht entriſſen und einge⸗ führt habt in das Land der Gewißheit.“ Das Küchenbataillon, welches jetzt inne ward, von wem der Spuk und Spektakel ausgegangen, Kapplern und den Inſpector betrunken am Boden und den Tiſch Stolle, ſämmtl. Schriften. vl. 6* 82 umgeworfen fanden, brachen einſtimmig in ein unaus⸗ löſchliches Gelächter aus. „Und mit welcher Heiterkeit,“ dachte Sonnenſchmidt, „man von den himmliſchen Heerſchaaren empfangen wird. Da geht es ja gar nicht ſo ſteif her, wie ich mir habe ſagen laſſen.“ Als jedoch das Gelächter von Seiten des Küchen⸗ perſonals gar kein Ende nehmen wollte, die Stimme der Kliemann vernehmbar ward und ſich Sonnenſchmidt die hinnliſch weatitit näher beſichtigte, da kam ihm die Sache denn doch zu irdiſch vor und er ward all⸗ mälig inne, daß er ſich noch vollkommen geſund und wohl conſervirt im irdiſchen Jammerthale befinde, eine Wahrnehmung, die ihm im Grunde ebenfalls nicht un⸗ angenehm war. Kapplern war höchſt ſonderbar zu Muthe. Er hatte ſich zwar vom Erdboden aufgerafft, konnte je⸗ doch mit ſeinen Füßen nicht zurechtkommen, welche ihrem Herrn und Meiſter gänzlich den Gehorſam auf⸗ gekündigt hatten, daher der Sportelſchreiber gezwun⸗ gen war, alle Augenblicke eine andere Poſition anzu⸗ nehmen. Sein Rauſch war in Folge des unerhörten Geiſterſpuks ſo ziemlich verflogen. Alles Erlebte kam ihm wie ein Traum vor. Er wufßte nicht, wie er von ſeinem Sitze auf den Erdboden niedergefahren war, nur daß ein grauſamer Geiſt auf ſeinem höchſteigepen Leichname hölliſche Kurzweil getrieben, war ihm klar und deutlich. Er hätte ſich in ſeinem Leben nicht träumen laſſen, daß ein Geiſt ſo maſſiv auftreten könne, denn nach ſeiner Naturgeſchichte der Geiſter waren dieſe ein äußerſt luftiges Volk, die auf einer Flaumenfeder tanzten, ohne dieſelbe niederzubeugen. Nach ſeiner feſten Ueberzeugung mußte er auf denje⸗ nigen Partieen ſeines Körpers, auf welchen der Kobold 83 hauptſächlich ſein Unweſen getrieben, blitzblaue Flecke haben. „Ei, ei,“ begann jetzt die Rathskellerpachterin, ein Licht in der Hand haltend, und gefolgt von dem kichernden Küchenbataillon,„was haben Sie da für Wirthſchaft getrieben. Das ganze Haus hat kein Auge zuthun können, ſo haben Sie ſpectakelt; wer heißt Sie auch ſo tief in's Glas gucken, geſetzte Männer.“ „Wer wir?“ frug Sonnenſchmidt, noch immer auf der Erde liegend;„Geiſter waren es, die auf un⸗ ſeren eigenen Leichnamen auf⸗ und abſpazierten und uns wegen unſerer Sünden dermaßen abſtraften, daß wir zeitlebens daran denken werden.“ Ein ſchallendes Gelächter von Seiten des Dienſt⸗ perſonals folgte. Selbſt Madame Kliemann, wie un⸗ angenchin ihr der Vorfall war, konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. „Ich kann mit einem heiligen Eide geloben,“ ver⸗ ſicherte Kappler,„daß der Herr Inſpector die reine, lautere Wahrheit geſprochen, ein oder mehre Geiſter, ich vermochte ihre Anzahl wegen mangelnden Lichtes nicht zu erkennen, haben, nachdem ſie uns wahrſchein⸗ lich zu Boden geworfen, auf uns ihren Geiſtertanz aufgeführt, der ſehr myſteriös ſein ſoll; wenigſtens was meine Perſon anbelangt, kann ich das Factum eidlich erhärten.“ „Nun, auf mir ging's erſt zu,“ bekräftigte Son⸗ nenſchmidt,„Ihr Alle habt keinen Begriff von ſolcher Trampelei; ich glaube, daß ſie mir das ganze Fleiſch von den Knochen getreten haben.“ „Wir kennen ſchon dieſe Art Geiſter,“ erwiederte Madame Kliemann,„die Weingeiſter.“ „Ihr redet, wie Ihr es verſteht,“ fuhr der In⸗ ſpector ziemlich in alter grober Manier heraus;„ich ⸗ 6„ 84 werde doch fühlen, wenn Jemand auf meinem eigenen Leibe auf⸗ und niederrutſcht.“ „Geiſter kann man weder fühlen, noch ſehen,“ verſetzte die aufgeklärte Kellerpachterin. „Das war früher ebenfalls meine Meinung,“ ſprach der Inſpector,„jetzt bin ich mit Schrecken eines An⸗ dern belehrt worden.“ „Sie können ſich wirklich überzengt halten, geehrte Madame Kliemann,“ bemerkte Kappler, der noch immer nicht ganz mit ſeinen Füßen auf's Reine kommen konnte,„daß der geehrte Herr Inſpector nur Wahr⸗ heit ſpricht, kein Jota iſt erdichtet.“ „Aber zum Guckuck,“ zaukte Sonnenſchmidt, der ſich noch immer nicht vom Boden erhoben und dem ſeine Lage allmälig unbequem ward,„was ſteht Ihr da und gafft, helft mir auf die Beine.“ Auf dieſe Worte wollte der ſtets dienſtfertige Kapp⸗ ler zuſpringen, verlor aber ſelbſt das Gleichgewicht und befand ſich, ehe man es verſah, der Länge lang wieder in ſeiner früheren horizontalen Lage. Er raffte ſich indeß bald wieder auf; ſein Körper wog nicht ſchwer. Mit der Erhebung des Inſpectors gab es aber eine große Scene. Das geſammte anweſende weibliche Publikum mußte Hand anlegen. Es war ein Heben und Schieben, als wenn man einen ſteiner⸗ nen Obelisk in die Höhe richtet. Endlich ſtand Son⸗ nenſchmidt wieder aufrecht in ſeiner ganzen Größe und Majeſtät und ſchaute ſich verwundert um; denn wie Kapplern ſchien auch ihm Alles ein ſchwerer Traum geweſen zu ſein. Madame Kliemann befahl, den Tiſch wieder auf⸗ zurichten, die Scherben der zerbrochenen Flaſchen und Gläſer hinwegzuräumen und für die beiden nächtigen Gäſte ſchwarzen Kaffee zu kochen. 85 „Aber ſagen Sie mir,“ frug die Wirthin, nach⸗ dem der größte Theil des Küchenperſonals wieder zu Bette gegangen war und Sonnenſchmidt und Kappler auf ihren Stühlen Platz genommen hatten,„ſagen Sie mir, wie Sie den großen Tiſch umwerfen konnten?“ „Das iſt uns gar nicht in den Sinn gekommen,“ antwortete der Inſpector,„nicht wahr, Kappler? Alles haben die Geiſter gethan.“ „Ich bin ebenfalls feſt überzeugt,“ geſtand der Sportelſchreiber,„daß beim Umwerfen des ſehr anſehn⸗ lichen Tiſches eine höhere Geiſterhand im Spiele war und fühle mich gezwungen, der Anſicht des verehrten Herrn Inſpectors in dieſer Angelegenheit vollkommen beizupflichten.“ „Hören-Sie auf mit Ihren Geiſtern,“ ſprach är⸗ gerlich die Kliemann,„man läßt ſich einen Spaß ge⸗ fallen.“ „Kappler, da hören Sie's,“ rief Sonnenſchmidt, „ſie glaubt's nicht, ſollen wir vom Leder ziehen und die blauen Flecke zeigen?“ „Ich verlange Ihre blauen Flecke nicht zu ſehen,“ fuhr die Kellerwirthin fort,„ich denke mein Beſtes.“ „Sehr geehrter Herr Inſpector,“ gab hier der umſichtige Kappler zu bedenken,„ſollten die Flecken von Geiſterhand auch wirklich blau ausſehen; könnte den unſichtbaren Mächten, die auf uns weilten, nicht auch eine andere Farbe beliebt haben, vielleicht Orange oder Feuergelb?“ „Was wäre Geiſtern unmöglich,“ geſtand Son⸗ nenſchmidt;„übrigens Kappler, verehrter Freund, Sie müſſen dieſe Racht bei mir ſchlafen. Sie kön⸗ nen einmal nicht in Ihr Haus.“ Dem Sportelſchreiber trat jetzt ſeine heroiſche Aus⸗ ſchweifung, die er ſich dieſe Nacht hatte zu Schulden 86 kommen laſſen, mit Flammenlettern des ewigen Gerichts vor die Augen. Jetzt ſollte er gar beim Inſpector ſchlafen. Wie, in einem fremden Hauſe? Das wäre das erſte Mal in ſeinem Leben. Und in welchem Hauſe! Waren in demſelben nicht die Geiſter bei Tage frank und frei aus und eingegangen? Wie mochte es da bei Nacht hergehen? Kappler ſtellte ſich daher, als ob er die Worte Sonnenſchmidt's von wegen des Uebernachtens bei demſelben gar nicht verſtanden habe. Er wußte über⸗ haupt nicht, wie es dieſe Nacht werden ſollte. Nach Hauſe konnte er nicht, ſo viel war gewiß. Seine Wirthin war taub; er hätte eher die Todten aus den Gräbern klingeln und klopfen können, als die alte Chriſtine aus dem Schlafe. Hier war alle Hoffnung vergebens; und auf dem Keller zu bleiben, war gleich⸗ falls nicht rathſam. Wie leicht konnte der ſolide Mann in den Geruch eines außerordentlichen Trun⸗ kenbolds kommen? Mit dem Inſpector zu gehen, war aus den angeführten Gründen nicht ausführbar. Alſo wohin dieſe Nacht? Dieſer Gedanke war es, Hder dem Sportelſchreiber, nachdem der Weingeiſt verflogen, der Verzweiflung nahe brachte. „Kappler,“ wiederholte der Inſpector,„Sie ſind mein Freund, Sie werden mich dieſe Nacht nicht ver⸗ laſſen.“ „Ach wäre ich doch,“ ſeufzte der Sportelſchreiber, bei dem ſich allmälig jenes ſo höchſt unbehagliche phy⸗ ſiſche und moraliſche Unwohlſein einſtellte, das auf ein Trinkgelag zu folgen pflegt,„wär ich doch halb Zehn nach Hauſe gegangen und hätte mich friedfertig auf's Ohr gelegt, ſo wär' all' dies Unglück nicht über mich hereingebrochen.“ „Kappler, Regiſtrator,“ fuhr Sonnenſchmidt drin⸗ gend fort,„hier können wir nicht bleiben, das ſehen Sie, der Scandal Morgen in der Stadt; aber allein geh' ich nicht nach Hauſe.“ Der Sportelſchreiber wußte in der Angſt ſeines Herzens nicht, was er antworten ſollte. „Bleiben Sie da,“ rieth die Kellerwirthin,„die beiden Betten in der Gaſtſtube ſtehen leer; Mitter⸗ nacht iſt lange vorüber; das Wetter abſcheulich. Hören Sie, wie der Sturm die Läden rüttelt; man ſieht die Hand vor den Augen nicht. Sie finden ſich nicht nach Hauſe.“ Der Sportelſchreiber zog jetzt ſeine tombakne Ta⸗ ſchenuhr hervor. Er glaubte ſeinen Augen nicht zu trauen. Er hielt den Zeitmeſſer zweifelvoll an ſein Ohr, in der Hoffnung, derſelbe ſei am Nachmittag ſtehen geblieben. Aber die Uhr pickte ganz munter. „Heiliger Himmel, halb drei,“ rief er,„daß mir ordnungsliebendem Manne ſo Etwas arriviren muß!“ Der Inſpeetor hatte indeß die Rede der Madame Kliemann nicht ohne Zufriedenheit vernommen. „Wie wär's Kappler, wenn wir blieben, wo wir ſind?“ frug er. Der Sportelſchreiber ſchauderte. Eine ganze Nacht im Wirthshauſe zuzubringen, ſchien ihm als ange⸗ ſtellte Perſon ein Verbrechen, das unmittelbar nach dem Raubmorde rangirte. Noth macht erfinderiſch. So entſann ſich Kappler, daß mit den Morgenſtunden die Macht der Geiſter aufhöre, den Menſchen gefährlich zu werden. Er theilte dieſe Wahrheit aus ſeiner Geiſterkunde dem Inſpector mit und gab zugleich zu verſtehen, daß er deshalb nicht ganz abgeneigt wäre, bei Sonnenſchmidt zu über⸗ nachten. „Mir ganz recht,“ verſetzte dieſer,„nach Hauſe 88 muß ich doch einmal, mag daſelbſt geſchehen, was da will. Ich halte Sie beim Wort. Wir gehen ſelbander.“ „Indeſſen,“ fuhr er nach einigem Nachdenken fort, „ſcheinen ſich diejenigen Geiſter, welche es ſpeciell auf mich abgeſehen haben, an Ihre aufgeſtellte Geiſter⸗ regel nicht zu kehren, da ſie am hellerlichten Mittage bei mir einſprachen.“ Kappler erſchrak, als er dieſes Umſtands gedachte, und gleichwohl wollte er als halbe Gerichtsperſon ſein gegebenes Wort nicht zurücknehmen. „Wenn Sie einmal auf dem Nachhauſegehn be⸗ ſtehen.“ verſetzte die Wirthin,„ſo ſoll wenigſtens der Friedrich mit der Laterne vorangehen; allein laſſe ich Sie nicht fort.“ Dieſer Vorſchlag war dem Inſpector wie Kapp⸗ lern gleich angenehm. Friedrich ward geweckt. Das koſtete wieder er⸗ ſtaunliches Rufen und Rütteln. „Aber ſag' mir, Friedrich,“ frug der Inſpector, „Du mußt einen wahrhaft eiſernen Schlaf haben. Sag' mir um Alles, haſt Du auf Deinem Sopha nicht den fürchterlichen Spectakel gehört?“ Friedrich rieb ſchlaftrunken die Augen und verſi⸗ cherte, Nichts gehört zu haben. „Du wärſt mein Hausknecht,“ fuhr Sonnenſchmidt fort,„da konnten wir ja beide ermordet und gerädert werden, Du hätteſt ruhig fortgeſchnarcht. Ich glaube, Du würdeſt nicht aufwachen, wenn ſie das ganze Rath⸗ haus forttrügen und Dich mit.“ „Sollte auch hier nicht ein höherer Einfluß ob⸗ walten?“ gab Kappler zu bedenken,„damit die Gei⸗ ſter uns ungeſtört treten konnten, hielten ſie den guten Burſchen in Zauberſchlaf gebannt; ſie lieben 89 bei ihren nächtlichen Unternehmungen keine Geſell⸗ Da der Inſpector und der Sportelſchreiber immer wieder auf die Geiſter zurückkamen, ſo ward die Klie⸗ mann endlich ärgerlich. Sie gebot dem Friedrich, die Laterne anzuzünden und dem Herrn Inſpector nach Hauſe zu leuchten, worauf ſie ſich ſelbſt wieder zur Ruhe begab. Es ſchlug gerade drei Uhr des Morgens, als die nächtliche Geſellſchaft aufbrach. Da trat neues Malheur ein. Sonnenſchmidten fehlte der Hut und Kapplern die Sackmütze. Vergeblich war Suchen und Umher⸗ leuchten. Langſchädel, dem es geärgert, daß ihn der Inſpector am vorigen Abende nicht zum Weintracte⸗ mente eingeladen, hatte ſich mit der beiderſeitigen Kopf⸗ bedeckung einen Schabernack erlaubt, Sonnenſchmidt's Hut, ſo wie Kappler's Mütze heimlich wegpracticirt und dieſe beiden nützlichen Kleidungsſtücke ſo lange nach den blätterloſen Aeſten der Rathhauslinden ge⸗ ſchleudert, bis Hut und Mütze in der Höhe hängen geblieben waren; worauf er ruhig, als ſei nichts vor⸗ gefallen, den Heimweg angetreten hatte. Kappler war außer ſich, als ſeine Sackmütze, auf welche er große Stücke hielt, nicht vorzufinden war. Er jammerte und erzählte, wie er die Vermißte erſt vorigen Herbſt habe neu füttern und aufputzen laſſen. Es unterlag gar keinem Zweifel, daß bei ſo völlig räthſelhaftem Verſchwinden der beiderſeitigen Kopfbe⸗ deckung nicht die Geiſter ihre Hand im Spiele ha⸗ ben ſollten. Der Inſpector ertrug den Verluſt als Mann. „Es war zwar ein waſſerdichter Kaſtor,“ ſprach er,„aber es iſt mir immer lieber, daß ſich die un⸗ ſichtbaren Mächte an dem Hute vergriffen und nicht am Kopfe.“ 90 N „Aber entblößten Hauptes,“ meinte Kappler wei⸗ nerlich,„können wir doch unmöglich durch Sturm und feuchte Nacht bis nach Ihrer entlegenen Wohnung gehen? Ich erfreue mich zwar einer ſehr abgehärteten Natur, aber ſolche Strapaze möchte ich derſelben nicht zumuthen.“ Nachdem trotz aller Nachforſchung Hut und Sack⸗ mütze, ſie ſchaukelten ja beiderſeitig luſtig und luftig in den Aeſten des Lindenbaumes, nicht aufzufinden waren und ſich Sonnenſchmidt wie Kappler vergebens den Kopf zerbrachen, was jetzt anzufangen ſei, ſchaffte Friedrich Rath. „In der Salzkammer,“ berichtete er den beiden ſich gegenſeitig rathlos und kläglich anſehenden baar⸗ häuptigen Gäſten,„hängen ein paar alte dreieckige und breitkrämpige Nachtwächterhüte.“ „Her damit,“ gebot ſogleich der Inſpector,„ich vertret's beim Rathe, wenn wir uns derſelben bedie⸗ nen zur Zeit der Noth. In der Salzkammer ſind ſie ſo überflüſſiges Mobiliar.“ Es gewährte einen ſonderbaren Anblick, als ſich Sonnenſchmidt und Kappler mit den alterthümlichen Hüten decorirten. Erſterem ſtand der Nachtwächter⸗ hut ganz ſtattlich und majeſtätiſch; dem Sportelſchrei⸗ ber aber war die innere Oeffnung viel zu weit, ſein ſchmächtiger Kopf fuhr bis an die Schultern hinein. Kappler probirte den Hut nach allen zwei und drei⸗ ßig Gegenden der Windroſe, aber Alles vergebens, die Oeffnung blieb zu weit. „Was genirt das,“ tröſtete Sonnenſchmidt,„laſſen Sie das Hutgebäude getroſt bis auf die Achſel herab⸗ fallen, Ihr Kopf ſteckt um ſo wärmer.“ „Ja, aber erlauben Sie gütigſt,“ erwiederte der Sportelſchreiber,„dann ſehe ich durchaus nichts.“ 91 „Thut nichts,“ fuhr der Inſpector fort,„wir müſſen uns helfen, ſo gut wir können; Sie halten ſich an meinem Rocke an, ſo führe ich Sie ſicher durch Sturm und Nacht.“ Kappler fand den Vorſchlag eben ſo menſchenfreund⸗ lich als annehmbar. Jetzt ſetzte ſich die nächtliche Caravane in Bewe⸗ gung. Voran Friedrich mit der Laterne. Ein naßkal⸗ ter Nachtwind wehte den Wanderern entgegen. Sie ſchritten unter den alten Lindenbäumen dahin, ohne zu ahnen, daß ihre beiderſeitige Kopfbedeckung hoch über ihnen in der Luft ſchwankte. Der Sportelſchreiber hielt ſich immer einen Schritt dicht hinter dem Inſpector, deſſen Rock er mit beiden Händen gefaßt hatte. Er ſelbſt wandelte in tiefer Finſterniß, denn der Nacht⸗ wächterhut ſaß ihm auf beiden Schultern. Dafür konnte aber weder Sturm noch Regen ſeinem Himmelsglobus, wie Jean Paul den menſchlichen Kopf pvetiſch nennt, nichts anhaben. Mit den Füßen erging's aber Kapp⸗ lern um ſo miſerabler. Der Boden war naß und hier und da hatten ſich in Folge des mehrtägigen Regens und des unregelmäßigen Stadtpflaſters kleine Teiche ge⸗ bildet. Sonnenſchmidt in ſeinen großen Waſſerſtiefeln ließ ſich ob dieſer Terrainſchwierigkeit kein graues Haar wachſen. Er ging, ein zweiter Chriſtophorus, mitten durch's Waſſer und zog den hochaufſtrampelnden und ſeufzenden Sportelſchreiber, welcher der Gefahr nicht ausweichen konnte, mitten durch die Fluth. Vergebens erſuchte die durch die dicke Filzwand ſehr gedämpfte Stimme des Sportelſchreibers den vor⸗ anſchreitenden Waſſertreter, die Pfützen doch ſo viel als möglich zu berückſichtigen, weil nichts gefährlicher ſei, als eine Fußerkältung, welche oft von den ſchlimmſten Folgen begleitet ſei; aber Sonnenſchmidt, welcher fort⸗ 92 während die Laterne des voranleuchtenden Friedrich im Auge hatte, vernahm nichts von den Winſchen und Beſchwörungen ſeines Hintermanns. „Du kennſt doch mein Haus?“ erkundigte ſich der Inſpector bei dem Laternenträger, der ob der beſchwer⸗ lichen Commiſſion, ſo ihm geworden, verdrießlich und wortkarg ſeinen Weg verfolgte. „Es iſt das Friedberg'ſche am Thomasplatze?“ frug Friedrich. „Ganz recht,“ gab Sonnenſchmidt zur Antwort; und die Reiſe ging weiter. Bei Kapplern, welcher wie ein gebundener Verbre⸗ cher mitleidlos durch Dick und Dünn geſchleift wurde, erreichte endlich, da Bitten und Beſchwörungen frucht⸗ los verhallten, die Verzweiflung den höchſten Grad. Er that aus Leibeskräften einen energiſchen Ruck, um ſeinen Planeten, dem er als Mond folgen mußte, zum Stehen zu bringen. „Was gibt's?“ frug Sonnenſchmidt, ſtehen blei⸗ bend, welcher fürchtete, der Sportelſchreiber habe ihm einen Schvoß ſeines Kalmucks entwendet. Kappler ließ jetzt den Kalmuck fahren und war be⸗ müht, mit beiden Händen den Nachtwächterhut auf⸗ wärts zu ſchieben, um ſich verſtändlich zu machen. Nachdem er den Filz ſo weit emporgebracht, daß er den Mund frei hatte, ſprach er in klagendem Tone: „Keinen trockenen Faden hab' ich an den Füßen, verehrter Herr Inſpector; ich glaube, das wird ein Rhevma, an dem ich zeitlebens zu ſchleppen habe.“ Der Inſpector tröſtete, und zählte die zahlreichen wollenen Strümpfe auf, die Kapplern, ſobald ſie nach Hauſe kämen, zu Gebote ſtünden. „Iſt es denn noch weit?“ erkundigte ſich der Spor⸗ telſchreiber, welcher vor Kälte zitternd, vergebens in der Nacht ſich zu orientiren bemühte. 93 „Ein Katzenſprung,“ erwiederte Sonnenſchmidt; „faſſen Sie wieder an, Kappler.“ „Wo ſind wir denn eigentlich?“ frug Jener. „Auf der Webergaſſe,“ lautete die Antwort. „Daß Gott erbarm,“ ſeufzte der Sportelſchreiber, „da ſind wir ja kaum die Hälfte des Wegs und find doch ſchon ſo lange gegangen.“ „Ich begreife auch nicht, warum uns Friedrich in der Irre herumführt. Wenn wir durch das Sporer⸗ und Hintergäßchen gewandert, müßten wir längſt zu Hauſe ſein.“ Sonnenſchmidt hatte dieſe Worte ſo laut geſpro⸗ chen, daß ſie Friedrich vernommen. „Durch die Gäßchen iſt kein Fortkommen,“ ent⸗ ſchuldigte ſich letzterer,„man ſinkt bis an die Kein den Moraſt.“ „Ja, unſere Straßenpolizei iſt gottsjämmerlich,“ rügte der Inſpector,„ich werde in der nächſten Sitzung der Stadtverordneten einen Antrag ſtellen, der Hände und Füße hat.“ Kappler, obſchon er ſich am meiſten über den ſchlech⸗ ten Weg zu beklagen hatte, wagte doch nicht, trotz ſei⸗ nes zeitherigen Lamentirens, in den Tadel Sonnen⸗ ſchmidt's gegen die ſtädtiſche Behörde einzuſtimmen. Er hatte den Nachtwächterhut wieder auf die Schultern herabfallen laſſen, den Rock ſeines Vordermanns erfaßt und folgte, ein duldender Hiob, im Finſtern wandelnd, 46 aber ohne Klage, ohne Murren gegen den Stadtrath. 2 „Friedrich,“ ſprach der Inſpector, als man wieder eine Weile ſchweigend dahingeſchritten war,„ich dächte denn doch, wir ſchlügen jetzt den nächſten Weg ein und paſſirten das Kirchgäßchen. Wenn's auch etwas mora⸗ ſtig iſt, wir erſparen eine Strecke von fünf Minuten. „Mir kann's gleich ſein,“ erwiederte der Laternen⸗ 94 träger und bog nach dem bezeichneten Gäßchen, wohin Sonnenſchmidt mit Kapplern folgte. Aber je weiter man in den ſchlammigen Engpaß vordrang, deſto bodenloſer ward der Weg. Friedrich watete getroſt voran; Sonnenſchmidt, trotz der Waſſer⸗ ſtiefeln, konnte ſich aus alter Gewohnheit eines Fluchs nicht enthalten; aber nur leiſe, denn er hatte in Folge ſeines Zuſammentreffens mit den Geiſtern es zum feſten Vorſatze gemacht, gottesfürchtiger zu werden; Kappler hingegen, der vermöge des Kalmucks, an welchen er ſich aus Leibeskräften anklammerte, wider Willen in die bo⸗ denloſe Tiefe gezogen wurde, begann unter dem Hute laut zu ſchreien und um Hülfe zu rufen. Er glaubte im erſten Schreck, da er in tiefer Nacht einherwandelte, Sonnenſchmidt habe ſich ſammt dem Laternenträger in der Finſterniß verirrt und ſei in den berüchtigten„al⸗ ten Moor“ gerathen, welcher einen Theil der Stadt⸗ mauer begrenzte und der, wie die ſchauervolle Sage be⸗ richtete, einmal einen ganzen Frachtwagen mit Mann und Maus verſchlungen hatte. Er war einen Augen⸗ blick in Zweifel, ob er den Kalmuckſchvoß fahren laſſen, oder ſich in den Abgrund ſchleifen laſſen ſollte. Indeß behielt in dieſem kritiſchen Augenblicke ſeine Menſchen⸗ und Nächſtenliebe die Oberhand. „Unbeſtritten,“ dachte er,„iſt Friedrich bereits ein Kind des Todes geworden, und Sonnenſchmidt ſteht im Begriffe, ein gleiches Geſchick zu erleiden. Wenn du losläßt, iſt er verloren. Alſo ſtrenge deine letzten Kräfte an, Kappler, es gilt ein Chriſtenleben.“ Der Sportelſchreiber that wieder einen außerpr⸗ dentlichen Ruck, um Sonnenſchmidten zum Stehen zu bringen. Der Inſpector machte Halt und frug unwillig, was es ſchon wieder gebe? 95 „Um Gotteswillen, Herr Inſpector,“ ſchrie es tief im Nachtwächterhute,„wir ſind auf den alten Moor gerathen; nur ſchleunigſte Rückkehr kann uns von dem traurigſten aller Untergänge retten.“ „Poſſen,“ erwiederte Sonnenſchmidt, es iſt das Kirchgäßlein;„aber ſo gewiß ich hier mit Lebensge⸗ fahr wate, ſtelle ich im nächſten Convente den Antrag auf Wegverbeſſerung. Was wirft die Baucommiſſion für horrente Summen weg für völlig nutzloſe Dinge, während wir in den eigenen Straßen ertrinken.“ Nach dieſem Vorſatze watete er vorwärts, den Sportelſchreiber nicht ohne Anſtrengung nach ſich ziehend. Dieſem kam jetzt ein anderer grauſenerregender Ge⸗ danke.„Wenn die Geiſter,“ ſprach er für ſich,„Son⸗ nenſchmidt's Untergang dennoch beſchloſſen hätten und ihn ſo verblendeten, daß er ſammt Friedrich und deſſen Laterne den grauen Moor für das Kirchgäßlein an⸗ ſieht, und du, Kappler, mit in das Verderben gezv⸗ gen würdeſt!“ „Ach,“ ſeufzte er, nachdem er dieſen Gedanken in ſeinem ganzen Umfange erwogen hatte,„wärſt du nur das einzige Mal halb zehn nach Hauſe gegangen, wie ſich's für den guten Chriſten und ehrſamen Bürger ge⸗ ziemt.“ Sonnenſchmidt war jetzt, von dem fußhohen Mo⸗ raſte ermüdet, ſelbſt einen Angenblick ſtehen geblieben, um auszuruhen. Friedrich, der eine Strecke voraus war, hatte bereits das Ende des ſumpfreichen Gäßchens erreicht und hielt die Laterne in die Höhe, damit auch der Inſpector mit dem blinden Hintermanne glücklich nachkommen könne. „Courage, Regiſtrator,“ munterte Sonnenſchmidt den der Verzweiflung nahen Kappler auf,„noch zwan⸗ zig Schritte und wir ſind auf der gepflaſterten Lange⸗ gaſſe.“ 96 Damit ſchritt er vorwärts und Kappler mußte fol⸗ gen. Nach kurzem Zeitraum erreichte man endlich die Wohnung des Inſpectors. Nicht ohne Bangen ſtieg Sonnenſchmidt mit ſeinen Begleitern die Treppe empor. Kappler ſchien ſich diesmal in ſeiner Geiſterkenntniß nicht geirrt zu ha⸗ ben, es ließ ſich Verdächtiges weder hören noch ſehen. Der Sportelſchreiber war kaum unter Dach und Fach, als ihm die Sorge für ſeine Geſundheit über Alles ging. Er begann ſich ſogleich zu häuten, Halb⸗ ſtiefeln und Strümpfe auszuziehen, die Füße zu rei⸗ ben und zu frottiren und ſie mit ein paar Strüm⸗ pfen Sonnenſchmidt's, die ihm allerdings etwas um⸗ fangreich waren, zu bekleiden. „Wenn ich mit einem tüchtigen Schnupfen davon⸗ komme,“ meinte er,„kann ich von Glück ſagen.“ Der Inſpector wies nun Kapplern ſein Lager an. Er ward auf das Sopha gebettet. Sonnenſchmidt rückte ſein Bett, das in der angrenzenden Kammer ſtand, ganz nahe an die Thüre, welche offen ſtehen blieb. So ſchloſſen ſich für diesmal die mannigfachen Abenteuer, welche unſere Helden zu beſtehen hatten. Piertes Rapitel. Das ſchreckliche Erwachen. Setten wird das Erwachen eines Sterblichen nach durchſchwärmter Nacht von heftigeren Gewiſſensbiſſen vegleitet geweſen ſein, als das unſers Kappler's, als er ſich 92 vollkommen ernüchtert in der Wohnung des Inſpee⸗ tors Sonnenſchmidt wiederfand. Allmälig ward ihm mit Schrecken klar, welch einer beiſpielloſen Liederlich⸗ keit in voriger Nacht er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen. War er nicht von dem geſammten Küchen⸗ perſonale des Rathskellers neben dem Inſpector am Boden liegend gefunden worden? Wie er zu ſolch tiefer Erniedrigung gekommen, blieb ihm freilich ein Räthſel, er mochte nachdenken, ſo viel er wollte. Daß Geiſter ihre Hand im Spiele gehabt, war außer Zwei⸗ fel, denn er glaubte die Spuren an mehren Stellen ſeines Körpers noch zu fühlen. An die Folgen des unglückſeligen Ereigniſſes mochte er gleich gar nicht denken. Daß gerade ihm, deſſen Wandel und Ruf lange Jahre in ungetrübter Rein⸗ heit dageſtanden hatte, der zeither als Muſter eines ſoliden unverheiratheten Mannes gegolten, ſo Etwas widerfahren mußte! Wenn die Behörde, wenn ſein Chef erfuhr, daß der Sportelſchreiber die vorige Nacht auf dem Keller beſoffen unterm Tiſche gelegen! Wenn — ach, dies ſeufzte er mit wahrer Herzensangſt— wenn Madame Runkel davon Nachricht erhielt! „Fahre hin, ſchnöde Welt,“ ſprach er in dumpfer Verzweiflung,„ich weiß jetzt, wie Jemandem zu Muthe iſt, der eben im Begriff ſteht, ſich zu erhän⸗ gen oder zu erſäufen oder die Gurgel durchzuſchneiden. „Wenn ich nicht ein zu guter Chriſt wäre, dem das Entleiben bei harter Strafe verboten iſt, ich glaube, es geſchähe Etwas. Was nützt einem Spor⸗ telſchreiber das Leben, wenn ſein Ruf dahin iſt. „Huh,“ ſchauderte er, und fuhr, um aller der ſchrecklichen Gedanken los zu werden, verzweifelt mit dem Kopfe unter die Bettdecke; aber das böſe Ge⸗ wiſſen verfolgte ihn auch in dieſen Zufluchtsort. Er Stolle, ſämmtl. Schriften. VI. 7 98 gedachte plötzlich ſeiner Sackmitze, die nächſt des In⸗ ſpectors waſſerdichtem Filz auf eine räthſelhafte Art verſchwunden war. Er erinnerte ſich der nächtlichen Wanderung im Nachtwächterhute. Kurz alle dieſe Ge⸗ danken, welche ſein Inneres durchkreuzten, ließen ihm keine Ruhe. Er ſprang von ſeinem Lager und trat an das Fenſter. Der Tag begann zu grauen. Das Unwetter tobte fort. „Das Beſte iſt,“ ſprach er zu ſich,„daß ich mich ſo zeitig als möglich auf den Heimweg mache, be⸗ vor die ſpottſüchtige Stadt aus dem Schlafe erwacht.“ Hier gedachte er wieder ſeiner Mütze, die er noch nie ſo ſchmerzlich vermißt hatte, als dieſes Mal. Er konnte doch nicht am Tage im Nachtwächterhute durch die Stadt ſpazieren. Es hätte ein allgemeines Hurrah gegeben. Seufzend und betrübten Herzens kleidete ſich der Sportelſchreiber an. Doch wie leiſe und geräuſchlos er auch bei dieſem Geſchäft zu Werke ging, hörte ihn der in der Nähe ruhende Inſpector. „Regiſtrator, ſind Sie es?“ frug Sonnenſchmidt. Wie wohlthuend und angenehm dieſer Titel zu jeder andern Zeit an ſein Ohr ſchlug, vermochte er diesmal den dumpfen Trübſinn des Sportelſchreibers nicht zu verſcheuchen. „Ja, ich bin's,“ war die tonloſe Antwort. „Ich habe ſehr ſonderbare Träume gehabt,“ fuhr Sonnenſchmidt fort,„verſtehen Sie ſich auf Träume?“ Kappler, welcher im Geringſten nicht aufgelegt war, die ſonderbare Traumwelt des Inſpectors zu entziffern, und dem vor allen Dingen um eine Kopfbedeckung zu thun war, verlengnete geradezu ſein Talent im Traum⸗ deuten, auf welches er ſich ſonſt viel zu Gute that. „Ich dächte aber,“ ſprach Sonnenſchmidt,„ Sie hätten ſich ehedem damit abgegeben? Hören Sie ein⸗ 99 mal aufmerkſam zu, ich werde Ihnen das Geträumte mittheilen, vielleicht daß Sie daſſelbe enträthſeln.“ „Wenn ich nur,“ gab Kappler, ohne auf das Ver⸗ langen des Inſpectors einzugehen, zur Antwort,„ein Stück Mütze oder Hut, möchte beides von einer Be⸗ ſchaffenheit ſein, von welcher es wollte, erlangen könnte. Es wird Zeit, daß ich nach Hauſe eile.“ „Poſſen,“ erwiederte Sonnenſchmidt,„wir trin⸗ ken zuvor einen ſtärkenden Kaffee. Ich muß Ihnen auch den geiſterhaften Zettel zeigen, der durch und durch nach Moder riecht.“ „Ich kann wirklich nicht länger verweilen,“ drängte Kappler,„ich muß die Frühſtunden benutzen um kein Aufſehen zu erregen.“ „Was die Kopfbedeckung anbelangt,“ tröſtete der Inſpector,„ſo ſeien Sie außer Sorge, Sie ſollen meine Uhlanenmütze haben, welche ſich ſtattlich aus⸗ nimmt und den Kopf vor jedem Hiebe ſchützt, er mag mit noch ſo nerviger Fauſt geführt werden.“ Kappler war mit dieſem Antrage nicht ganz zu⸗ frieden. In einer Uhlanenmütze nach Hauſe zu wan⸗ dern, ſchien ihm nicht minder gefährlich als im Nacht⸗ wächterhut. Die Athletengeſtalt Sonnenſchmidt's trat jetzt im Hemde aus der Kammer. Der Sportelſchreiber wandte ſein Antlitz bei dieſem Anblick, er war äußerſt ſcham⸗ hafter Natur. „Ich wollte Sie nur bitten,“ begann der Inſpee⸗ tor,„ob Sie nicht meinen Rücken unterſuchen woll⸗ ten; ich muß von dem Zuſammentreffen mit den Geiſtern blaue Flecke bekommen haben.“ „Es iſt zu dunkel,“ entſchuldigte ſich Kappler, „auch habe ich meine Brille nicht bei mir.“ „Bedienen Sie ſich der meinigen,“ fuhr Sonnen⸗ p 100 ſchmidt fort,„und ſchauen Sie nach; Sie ſind mein Freund, da hab' ich mich nicht zu geniren.“ Der Sportelſchreiber konnte endlich nicht umhin, und mußte ſich in des Inſpectors Willen fügen. Er ging indeß äußerſt ſchüchtern und mädchenhaftblöde bei der Unterſuchung zu Werke. „Nun,“ frug Sonnenſchmidt,„nicht wahr, Alles blitzblau?“ Kappler hatte, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, mit Hand das Hemd des Inſpectors ein Wenig gelüftet, warf einen ſchaudernden Blick auf die nackte coloſſale Fleiſchmaſſe und erwiederte: „Es deucht mich ſo.“ „So war meine Befürchtung nicht ohne Grund,“ ſprach Sonnenſchmidt. „Kappler,“ fügte er nach einer Pauſe mit gepreß⸗ ter Stimme hinzu,„ich werde dieſe Nacht nie vergeſſen.“ „Ich ganz gewiß auch nicht,“ betheuerte der S Spor⸗ telſchreiber. „Jetzt will ich Ihnen den verhängnißvollen Zettel holen,“ fuhr der Inſpector fort. Kappler ſtand auf Kae denn außen ward es immer heller. Sonnenſchmidt kehrte mit der Geiſterſchrift aus der Nebenſtube zurück. „Hier riechen Sie,“ ſprach er,„und leſen Sie, mehr ſage ich nicht.“ Der Sportelſchreiber roch und ſchauderte. „Nicht wahr, wie purer Moder?“ „Allerdings, allerdings,“ erwiederte Kappler. „Nun leſen Sie,“ ſprach der Inſpector. Kappler las und ſchauderte abermals. „Ich werde dieſen Wink,“ verſicherte Sonnen⸗ ſchmidt,„ſicher zu Herzen nehmen. Ich glaube, es 3 401 wird die Geiſter nachſichtiger ſtimmen, wenn ich ih⸗ ren Anordnungen gehorſam nachkomme.“ „Unbezweifelt,“ erwiederte Kappler,„wenn Sie nicht pünktlichſt Gehorſam leiſten, ſtehe ich für Nichts.“ „Aber Kappler, wir werden einen harten Stand bekommen,“ gab Sonnenſchmidt zu bedenken,„we⸗ gen unſeres grauſigen Abenteuers auf dem Keller.“ „Das weiß Gott,“ ſeufzte der Sportelſchreiber aus tiefſtem Herzen. „Alle Welt wird denken, wir ſeien betrunken ge⸗ weſen. An Geiſter glaubt jetzt Niemand mehr. Ich befand mich ehedem in derſelben irrigen Meinung. Vor dem Hofeommiſſair iſt mir am meiſten bange. Seine Witze ſind beißend.“ „Ich kann um Amt und Brod kommen,“ jam⸗ merte Kappler. „Hoh hoh,“ tröſtete der Inſpector,„mein guter Kappler, das geht nicht ſo ſchnell; aber der Spott, der Spott, von unten herauf bis zum höchſten Adel. Wenn nur das Wetter nicht ſo bodenbös,“ fuhr er fort,„ich ginge auf ein paar Wochen zu meinem Vetter nach Ebersbach, bis das erſte Gerede vorüber wäre. Unſere Lage iſt in der That beklagenswerth, auf der einen Seite der Spott der Stadt, auf der andern rachſüchtige Geiſter.“ „Und ich komme noch dazu ganz unſchuldig in dieſe ſchreckliche Lage,“ ſprach der Sportelſchreiber in weinerlichem Tone;„ich begreife gar nicht, was ich jenen zürnenden Mächten in den Weg gelegt habe.“ „Bei mir iſt ja daſſelbe der Fall, mein guter Kapp⸗ ler,“ ſprach eifrig Sonnenſchmidt,„was habe ich ſo Uebles begangen, das ſo grauſame Strafe verdiente? Da haben wir ja weit ärgere Sünder in der Stadt, die müßten von unſichtbarer Hand längſt erdroſſelt ſein.“ 102 „Um Himmelswillen,“ beſchwor Kappler,„ziehen Sie nicht die Gerechtigkeitsliebe jener unſichtbaren Mächte in Zweifel, das können ſie durchaus nicht vertragen.“ Sonnenſchmidt wollte ſich noch eines Weitern in dieſer Angelegenheit ergehn; aber der Sportelſchreiber ließ ſich keinen Augenblick länger halten. Er hatte in der Verzweiflung ſein Taſchentuch um den Kopf 1 geſchlagen und eilte davon. Wiederholt rief Sonnenſchmidt nach und lud zum Kaffee. Der Sportelſchreiber aber, wie gefällig er ſonſt jeden Wunſch zu erfüllen ſich beeilte, hörte dies⸗ mal nicht, ſondern ſprang beflügelten Schritts die Straße entlang, ſich fortwährend an die Häuſerreihe haltend, um nicht erkannt zu werden. „Mich dauert Kappler,“ ſprach der Inſpector für ſich,„er kann bei ſeiner ſchwächlichen Geſundheit Et⸗ was davon tragen. Ich muß mich ſeiner annehmen.“ Nach dieſem wohlgemeinten Vorſatze machte ſich Sonnenſchmidt an ſeinen Kaffee, der unterdeß ange⸗ langt war. Fünftes Rapitel. Haſenbratendiner beim Lieutnant Langſchädel, wo Kappler die Bekanntſchaft von deſſen Nichte Agnes macht. De verhängnißvolle Sonntag, auf welchen der Spor⸗ telſchreiber vom Lieutnant Langſchädel zum Haſenbra⸗ ten eingeladen worden, war erſchienen. Schweißtri 103 fend ſtand Kappler bereits anderthalb Stunden vor dem Spiegel und würgte an ſeinem Halstuche. Ein Ungeweihter würde geglaubt haben, der Mann wolle ſich erdroſſeln, ſo bleich und lebensüberdrüſſig erſchien ſein Ausſehen, ſo unheimlich ſtier war ſein Blick. Niemand entgeht ſeinem Schickſal; der Sportelſchrei⸗ ber gab den Beweis; wie lange Jahre er ſich vor der Eitelkeit der Welt zu bewahren gewußt, ſein Stünd⸗ lein hatte geſchlagen; Kappler war von der Tarantel „Mode“ geſtochen worden, hatte ſich vor Kurzem in einer Auction drei Vatermörder erſtanden, womit er heute beim Haſenbraten zu debütiren gedachte, um der ſchönen Nichte des Lieutnants ſo fashionable wie möglich zu erſcheinen. Aber wie es dem Neulinge zu ergehen pflegt, die Praxis fehlt, es folgten Mißgriffe auf Mißgriffe. Er mochte probiren, ſo oft und ſo viel er wollte, nie gelang es ihm, daß der Vater⸗ mörder bei ihm eine Poſitur einnahm wie bei andern vernünftigen Menſchen. Sobald er verzweifelt ob des unerhörten Miß⸗ und Ungeſchicks das Tuch dermaßen um den Hals würgte, daß er dem Erſticken nahe war, daß die Augen wie bei dem Hummer aus den Höh⸗ len traten, bauſchte ſich der ungewöhnliche Luxusarti⸗ kel weit über beide Ohren hinauf; knüpfte er lockerer, dann wollten die Ecken des Vatermörders wieder keine Symmetrie beobachten und rutſchten nach eignem Gut⸗ dünken bald auf, bald ab. Bevor wir dem Sportelſchreiber in ſeiner Toilette weiter folgen, müſſen wir kürzlich gedenken, wie es ihm in Folge ſeines grauſigen Abenteuers mit dem Inſpector die Tage daher ergangen. Bereits am an⸗ dern Morgen zehn Uhr wußte die unerhörte Geſchichte die ganze Stadt. Man muß es indeß den Neukirch⸗ nern zum Ruhme nachſagen, daß der öffentliche Vor⸗ 104 wurf und Tadel weit mehr den Inſpector traf, als Kapplern, welchen man für den Verführten hielt und darum mehr bedauerte, als beſpöttelte. Man verge⸗ genwärtigte ſich die Gewiſſensbiſſe des armen Mannes und fand ihn für ſeinen Fehltritt beſtraft genug. Auch ſeine Mütze, welche während der Nacht vom Sturm herabgeſchlendert worden, hatte man ihm ohne weitere Bemerkungen durch Fürſorge der Madame Klie⸗ mann wieder zugeſtellt. Was aber Kapplern weſent⸗ lich zu Nutzen kam, das war der Eifer, womit ſich der Hofcommiſſair ſeiner annahm. Dieſer war or⸗ dentlich erbittert auf Sonnenſchmidten, welchen er als den alleinigen Grund von Kappler's Malheur betrach⸗ tete. Er drohte ſogar mit einer Klage; und Son⸗ nenſchmidt durfte ſich die erſten Tage gar nicht ſehen laſſen. Wo er hinkam, ward er mit Vorwürfen über⸗ ſchüttet. Seine Lage war nicht beneidenswerth. In der Einſamkeit litt es ihn nicht, weil er da die Gei⸗ ſter fürchtete, und ging er unter Menſchen, mußte er ſich aller Orten als Verführer des ehrſamen Sportel⸗ ſchreibers ſchelten hören. Er hätte gern eine Reiſe gemacht, aber das Wetter war zu bös, die Wege bo⸗ denlos. Auf den innern Menſchen übte jedoch Son⸗ nenſchmidt's Unglück den wohlthätigſten Einfluß. Er nahm ſich feſt vor, von nun an einen gottgefälligern Wandel zu führen und fürder den frommen Seelen kein Aergerniß zu geben. Eine ſeiner erſten lobens⸗ werthen Handlungen war, daß er die teſtamentariſche Verfügung zurücknahm, in Folge deren er ſein gan⸗ zes Vermögen einem jungen liſtigen Frauenzimmer vermacht hatte, welche auf geſchickte Art bei ihm die Erbſchleicherin ſpielte, und wodurch ſein rechtmäßiger Erbe, ſein Neffe Karl Willer, ein lebensluſtiger, aber herzensbraver Junge, auf unverantwortliche Art um das Erbe gebracht wurde. 105 Der Inſpector wurde in ſeinem frommen Wandel um ſo mehr geſtärkt, als er ſich einbildete, die Geiſter wären mit ſeinem neuen Lebenslaufe zufrieden, da ſich keiner wieder blicken ließ; auch die Leichenfrau, wie der Todtengräber waren nicht wieder erſchienen. Kappler, nachdem es ihm ſchlechterdings nicht ge⸗ lingen wollte, mit den Vatermördern zurechtzukommen, rief ſeine Wirthin, die alte Chriſtine, zu Hülfe. Dieſe ſchlug die Hände zuſammen über das Weltkind. „Chriſtens, iſt ſo etwas erlebt worden,“ rief die gottesfürchtige Alte,„Sportelſchreiber, auf welchen Wegen wandelt Ihr. Faßt dich der Teufel bei einem Haar, hat er dich bald ganz und gar. Ich dacht's gleich, nach der böſen Nacht im Schankhauſe kommt nichts Gutes.“ „Jene Nacht, gute Chriſtine,“ meinte Kappler mit Ruhe,„ſteht mit den Vatermördern in durchaus keiner Verbindung. Wenn dieſes allerdings ſeltſame Bekleidungsſtück, deſſen ſich jetzt der ſchlichte Bürgers⸗ mann an Sonn⸗ und Feſttagen bedient, nicht von Nutzen und Frommen wäre, würde der menſchliche Erfindungsgeiſt nicht darauf gekommen ſein. Ich will nicht allein zurückbleiben im vorſchreitenden Jahr⸗ hundert.“ Chriſtine aber ſchüttelte fortwährend den Kopf, ſeufzte über die Eitelkeit der Welt und bewies dem Sportelſchreiber, daß die Vatermörder Satans Werke ſeien, weil ſie außerdem weniger Widerſpenſtigkeit zei⸗ gen würden. „Aber, gute Chriſtine,“ gab Kappler zu bedenken, „ſoll ich denn das ſchöne Geld vergebens weggewor⸗ fen haben?“ „Laß fahren dahin, es bringt dir keinen Gewinn,“ fuhr die Alte in frommem Eifer fort. 106 „Auch ſtehe ich in den Jahren,“ fuhr der Spor⸗ telſchreiber zu ſeiner Vertheidigung fort,„wo ich den Einflüſſen der Mode mich nicht ganz entäußern kann, zu⸗ mal heute, wo ich zum Diner geladen bin bei dem Herrn Lieutnant und deſſen Demviſelle Niece? Be⸗ denke Sie das, Chriſtine!“ „Mag der Herr Lieutnant hinſehen, wo er will, die Mamſell dazu; Gott ſieht auf's Herz, das ſag' ich,“ gab die Wirthſchafterin mit Unerſchütterlichkeit zur Antwort. Während des apoſtoliſchen Eifers der Frau Chri⸗ ſtine gegen die Neuerungsſucht des Sportelſchreibers, hatten ſich die Vatermörder wieder auf unverantwort⸗ liche Weiſe verſchoben. Sie ſtanden vollkommen die Quer. Von zwei Seiten ſo energiſch angegriffen, ward endlich der Eitelkeitsteufel, der ſich Kappler's zu be⸗ mächtigen drohte, aus dem Felde geſchlagen. „Wohlan,“ ſprach er,„es ſoll nicht ſein, mich dauert nur das ſchöne Geld, was mich das Viertel⸗ dutzend koſtet.“ „Wird Euch zu Himmelsmanna gedeihen,“ tröſtete Chriſtine und dankte inbrünſtig dem Himmel, daß er ihren Pflegling wieder auf den Weg des Heils ge⸗ führt habe. Sie lobte den Sportelſchreiber aus vollem Herzen und verſprach ihm, den hoffärtigen Kleider⸗ ſchmuck zu beſtmöglichſtem Preiſe wieder an den Mann zu bringen. 4 Kappler benutzte die glückliche Stimmung, in welche er Frau Chriſtinen durch ſeine Reſignativn ge⸗ ſetzt hatte, um über eine Sache Aufſchluß zu erhal⸗ ten, die ihm außerordentlich am Herzen lag. Er lebte nämlich noch immer in peinlicher Ungewißheit und Unruhe, was wohl die Gedanken der Königin ſeines 107 Herzens, der Madame Runkel, über ſeine nächtliche Schwärmerei ſein möchten. Er hatte noch nicht ge⸗ wagt, vor den Augen der Angebeteten zu erſcheinen, und die Chriſtine nach dem benöthigten Actenzwirn abgeſandt. Er klopfte daher ganz leiſe bei der Alten an und ſuchte vermittelſt weiter Umwege auf Madame Runkel zu kommen. Frau Chriſtine war aber auf die Garn⸗ händlerin keineswegs gut zu ſprechen. „Nichts als Hoffart,“ verſetzte ſie in ihrer ge⸗ wohnten kurzen Manier,„Flitterſtaat und nichts dahinter. Niemand weiß, wo's herkommt, der Kram kann's nicht abwerfen; aller drei Wochen eine neue Haube. Der Krug geht ſo lange zum Waſſer, bis er bricht.“ „Ich' dächte denn doch,“ meinte Kappler, menſchen⸗ freundlich geſinnt,„das einträgliche Geſchäft— Ma⸗ dame Runkel iſt eine rührige Frau; wirft nichts weg.“ Bei den letzten Worten ſtemmte Jungfer Chriſtine eifervoll die Arme in die Seite. „Nichts wegwerfen,“ rief ſie,„wer das nicht beſſer wüßte; aller drei Wochen eine funkelnagelneue Haube und nichts wegwerfen. Das macht ihr eine Baronin nicht nach. Aber man weiß, wo der Segen herkommt; ich will nichts geſagt haben.“ Dieſe etwas geheimnißvolle Rede machte den Spor⸗ telſchreiber aufmerkſam. Der Gegenſtand intereſſirte ihn. Darum frug er: „Sie ſpricht in Räthſeln, gute Chriſtine.“ „Mag nichts geſagt haben,“ fuhr die Haushälterin fort,„aber ich weiß, was ich weiß.“ „Was weiß Sie denn?“ erkundigte ſich Kappler, der immer neugieriger und geſpannter wurde. „Man ſpricht nicht gern davon,“ murmelte Chri⸗ 108 ſtine in abgebrochenen Sätzen;„die Geſchenke, die Präſente, umſonſt iſt der Tod.“ „Was denn für Geſchenke?“ frug der Sportel⸗ ſchreiber, dem in ſeiner Unſchuld noch immer kein Licht aufgehen wollte. „Nun, von wem anders, als von dem Langſchä⸗ del,“ erwiederte die Alte. Als Kappler den Namen des Lieutnants hörte, ahnte er die Beziehung. Er erſchrak, doch ſein Ver⸗ trauen auf die Menſchheit und weibliche Tugend konnte durch das Geſchwätz Chriſtinens nicht erſchüt⸗ tert werden. „Böſe Verleumdung,“ ſprach er,„Madame Runkel iſt ein Muſter guter Sitte.“ Die Alte nahm ſich eine Priſe und nickte mit dem Kopfe. „Muſter guter Sitte,“ erwiederte ſie ſpottend,„wir wiſſen's, was es mit dieſer guten Sitte auf ſich hat.“ „Ich glaube ſelbſt,“ fuhr Kappler, um ſeinem Ziele näher zu kommen, fort,„daß gerade ſie am ſtärkſten über meine Wenigkeit Gericht geſeſſen, wenn ſie Nachricht von meiner durchwachten Nacht auf dem Keller erhalten hat.“ „Möchte nicht auf ihre Zunge kommen,“ meinte Chriſtine. „Da hat ſie ſich unſtreitig recht ſchonungslos über mich ausgelaſſen?“ frug der Sportelſchreiber. „Die Frau konnte ſich gar nicht ſchlimmer aus⸗ ſprechen,“ antwortete Chriſtine;„aber ſo iſt's in der Regel, wer ſelbſt das Meiſte am Rocken, treibt's am ſchlimmſten mit böſem Leumund; man ſieht den eigenen Balken nicht und den Splitter beim Rächſten.“ Kapplern war nicht wohl zu Muthe bei dieſer Nachricht. Er forſchte ängſtlich weiter, was wohl Madame Runkel geſagt haben möge. 109 „Ihr wäret ein Saufaus,“ berichtete die Wirth⸗ ſchafterin,„ja, ganz recht, ein Saufaus, mitſam Inſpector.“ „Ein Saufaus?“ frug der Sportelſchreiher ſtotternd. „Das war das Gelindeſte,“ fuhr die Alte fort, „ich mag die Schimpfworte nicht wiederholen, die folgten.“ Kappler war aus allen Himmeln gefallen. Er bereute jetzt, ſich ſo angelegentlich erkundigt zu haben. Nichts verletzt einen Liebenden mehr, als die Kunde, daß er in der Achtung der Geliebten geſunken iſt. Er beſchloß jetzt, dieſe Liebe aus ſeinem Herzen zu reißen. „Es ſoll nicht ſein,“ ſprach er zu ſich mit chriſt⸗ licher Ergebung,„vielleicht war es zu großer Hoch⸗ muth, das Auge bis zu ihr zu erheben; ſolche Mes⸗ alliance will der Himmel nicht. Ich werde mich in die Einſamkeit zurückziehen und künftig ein mehr be⸗ ſchauliches Daſein führen.“ Der reſignirte Liebhaber machte ſich wieder voller Seufzer an ſeine Toilette, wobei ihm Jungfer Chriſtine hülfreich zur Hand ging. Sie ermangelte nicht, bei dieſem Geſchäft noch einige höchſt abſprechende Urtheile über Madame Runkel einfließen zu laſſen, welche in⸗ deß keineswegs geeignet waren, das Ideal in Kappler's Seele zu verdunkeln. Es ſtand zu hoch über irdiſcher Verleumdung. Endlich war der Sportelſchreiber fix und fertig. Er trug heute ſein beſtes Kleid. Daſſelbe beſtand in einem langſchößigen Fracke von himmelblauer Farbe, erbsfarbenen Unausſprechlichen, Schuhen und einer großblumigen Plüſchweſte. „Wie ein Bräutigam,“ lobte die Haushälterin den Svportelſchreiber, welcher ſich nicht ohne Wohlge⸗ fallen im Spiegel betrachtete, mit Kennerblicken muſternd. * 140 abei hatte ſie hier und da etwas zu verbeſſern. ährend ſeiner Adoniſirung war Kappler zugleich beſchäftigt geweſen, über einige ſchöne Redensarten für Langſchädel's Nichte nachzudenken und ſie dem Ge⸗ dächtniſſe einzuprägen. Je näher aber die Stunde des Diners heranrückte, deſto fühlbarer klopfte ſein Herz und deſto ſchmerzlicher bemerkte er, wie ſein Ge⸗ dächtniß ihm ſo gänzlich untreu werde. All' die blu⸗ menreichen Apoſtrophen, die zierlichen und geſchmack⸗ vollen Wendungen, dahin waren ſie, rein vergeſſen. Seine wohlausgedachten und reiflich überlegten Anre⸗ den beſchränkten ſich auf die drei Worte:„Hochver⸗ ehrteſte, inſonderheit aimable Demoiſelle—“ hiermit war die Weisheit zu Ende. Der Sportelſchreiber be⸗ gann immer von Neuem und kam nicht weiter. End⸗ lich ſchlug er voll Verzweiflung in einem alten Com⸗ plimentirbuche nach. Hier fand er die Anredeworte: „Werthgeſchätzte, ehrſame Jungfer.“ Bei dem Worte Jungfer ſtiegen neue Serupel auf. Wie ſollte er die Langſchädel'ſche Nichte anreden: Jungfer oder Mademoiſelle? „Wenn ich mich recht entſinne,“ ſprach er für ſich, „ſo ſollen es heutzutage die ſtädtiſchen Mägdeleins nicht lieben, wenn man ſie„Jungfer“ titulirt; hat nicht noch neulich die Viſitatorfrau Wollrabe rund heraus erklärt, ihre Töchter wären keine Jungfern; ſie müſſe ſich ſolche Benennung ein für allemal verbitten? Und gleichwohl ſteht's hier ſchwarz auf weiß und mit Cen⸗ ſur gedruckt. Wer hat denn Recht, der Complimen⸗ tarius, der dieſes Buch ſchrieb, oder Frau Wollrabe?“ Während der Sportelſchreiber in dieſen Zweifeln ſich abquälte, ſchlug es drei Viertel auf Eins, und Jungfer Chriſtine drängte, da keine Zeit zu verlieren ſei „Wenn nicht der heilige Geiſt über mich kommt,“ 141 ſeufzte Kappler,„bin ich ein verlorener Menſch und ein geſchlagener Mann. Ach,“ fuhr er fort,„liefe doch der ſelige Haſe, den ich ſoll verzehren helfen, noch luſtig und guter Dinge in einem Walde umher. So viel iſt gewiß, daß mir dieſes Thier unmöglich bekommen kann, und wäre es noch ſo geſpickt, mürbe und wohl durchbraten. Während ich am Haſen kaue, werde ich der ſchönen Nidce gegenüber Böcke über Böcke ſchießen, zum Erbarmen, zum Greuel und Scheuel der Menſchheit. Langſchädel hat mit der Einladung, ſo ehrenvoll ſie iſt, mir wahrhaftig keinen Gefallen erzeigt.“ Indeß was halfen alle melancholiſchen Betrach⸗ tungen, der Sportelſchreiber war endlich genöthigt, ſich auf den Weg zu machen. Er wanderte zagenden Schrittes dem Orte ſeiner Beſtimmung zu. Unterwegs überlegte er, was er wohl die vergangene Nacht ge⸗ träumt habe, um daraus auf einen glücklichen oder unglücklichen Tag zu ſchließen, wie er dies oft zu thun pflegte. So viel er ſich zu entſinnen vermochte, hatte ihm der Traumgott recht freundliche Bilder vor⸗ gegaukelt. Dies ſtärkte ihn einigermaßen. Je näher er jedoch der Wohnung des Lieutnants kam, deſto mehr nahm beim Gedanken an die ſchöne Nichte ſeine Her⸗ zensangſt zu, und kein Gebilde des Traumgottes ver⸗ mochte ſie zu verſcheuchen. Langſchädel wohnte ſehr freundlich an der Werla⸗ brücke, und der Weg dahin von Kappler's Wohnung aus war ziemlich lang und ſchwierig. Die Neukirchner Straßenpflaſterung konnte nicht als Muſter dienen, und der Sportelſchreiber hatte daher ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit auf den Pfad unter ſich zu richten, damit ſeine blankgewichſten Schuhe nicht gar zu ſehr litten; zugleich hatte er aber auch wachſam umherzu⸗ 142 ſpähen, daß ihm nicht etwa ein Honoratiore in den Weg laufe und er die unerläßliche Begrüßung verab⸗ ſäume. Der Sportelſchreiber würde ſich eine Unter⸗ laſſungsſünde der Art nie haben verzeihen können. Selbſt die notabeln Bürger, die er ſämmtlich aus ſeinen Sportelbüchern wohl kannte, begrüßte er allemal zu⸗ erſt. Sein kurzes Geſicht ſpielte ihm hierbei üble Streiche; denn da Kappler, wenn er auf der Straße ging, jeden Holzhacker für einen Honoratioren hielt und jede Bettelfrau für eine hochgeſtellte Dame, brachte er in der Woche ſeine Mütze und Sonntags den Filz⸗ hut e dyft. Endlich war es dem Haſenbratengaſte doch gelungen, bis zur Wohnung des Brückenzollgeldereinnehmers vor⸗ zudringen. Er ſtand eine geraume Zeit zagend an der Thür und wagte nicht, die verhängnißvolle Haus⸗ ſchelle ertönen zu laſſen. Er hielt mit ſich Berathung, ob es nicht gerathener ſei, umzukehren, Haſenbraten Haſenbraten ſein zu laſſen, ſich in's Bett zu legen und todtkrank zu ſtellen. Wäre ihm dieſer Gedanke früher gekommen, ſo unterlag es keinem Zweifel, daß ihn Kappler in Ausführung gebracht hätte. Jetzt war es zu ſpät, denn wie leicht konnte ihn Jemand aus dem Hauſe bemerkt haben. Er ſtrich an die zwanzig Mal die Füße an dem eiſernen Abſtreicher hin und wieder, faßte endlich Muth und that den entſcheiden⸗ den Zug. Er wartete und lauſchte. Alles blieb ſtill. Kappler hatte nämlich zu zaghaft und leiſe am Glocken⸗ ringe gezogen, ſo daß die Schelle inwendig nicht er⸗ klungen war. Der Sportelſchreiber wartete mit za⸗ gender Geduld eine geraume Zeit. Als Niemand öffnete, keimte in ſeinem Herzen die frohe Hoffnung Langſchädel könne die Einladung ganz vergeſſen haben. „Einmal mußt du ſchon noch läuten,“ ſprach er * 113 für ſich;„wenn der Lieutnant nicht zu Hauſe, iſt's ja einerlei;“ und herzhafter zog er an der Schnut. Da tönte aber in Folge des kräftigern Zugs und zu Kappler's Schrecken die Glocke laut und vernehmlich im Hauſe. Es war ihm, als vernähme er die Poſaunen des ewigen Gerichts. Bald that ſich die Thür auf und ein ältliches Frauenzimmer, welches die Aufwartung im Hauſe be⸗ ſorgte, ward ſichtbar. So wie ſich Kappler überzeugt hatte, daß die Pförtnerin über die Blüthe der Jahre hinaus ſei, ward ihm etwas freier zu Muthe. Er hielt nämlich die Aufwärterin für die berühmte Nichte und machte tiefunterthänige Bücklinge. Das Frauenzimmer, welches in dem Ankömm⸗ linge ſogleich den geladenen Gaſt ſeiner Herrſchaft er⸗ kannte, bat denſelben, näher zu treten, und öffnete die Thür zu einem Zimmer im Erdgeſchoſſe. Hier trat dem erſchrockenen Sportelſchreiber ein neues weib⸗ liches Weſen entgegen und eine Glockenſtimme ſprach: „Der Onkel wird ſogleich erſcheinen, lieber Herr Re⸗ giſtrator, laſſen Sie ſich's unterdeß gefallen und neh⸗ men Sie Platz.“ Auf ſolche Art war unſer Sportelſchreiber auf die⸗ ſer Erde noch nicht angeredet worden, und noch dazu von einer Stimme, die dem lieblichen Klange nach dem ſchönſten Mädchen angehören mußte. Das Herz fiel Kapplern vor die Füße. Er wufßte nicht, ob er noch auf dieſer Welt lebe oder nicht, vermochte kein Wort zu erwiedern und fuhr ununterbrochen fort, Bücklinge zu machen. „Das iſt recht ſchön, daß Sie uns einmal beſu⸗ chen,“ ſprach Agnes, ſo hieß die Nichte des Lieutnants, unbefangen weiter;„der Onkel erzählt oft von Ih⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. VI. 8 14⁴ nen; Sie ſind ſein treuer Gefährte beim Solo, nicht wahr?“ „Ja, wenn Sie gütigſt erlauben,“ ſtammelte Kapp⸗ ler, der noch immer ſich verneigend unfern der Thüre ſtand und ſich nicht zu ſetzen wagte. „Aber Sie gefälligſt Platz,“ munterte die Nichte auf,„hier auf dem Sopha; oder wünſchen Sie lieber an's Fenſter? Man hat von da eine recht freund⸗ liche Ausſicht über das Werlathal.“ „Oh, ach!—“ das waren die einzigen Ausrufe, welche der von ſo viel Herablaſſung und Güte hin⸗ geriſſene Sportelſchreiber hervorzubringen vermochte. Damit kam er ſchüchtern etwas näher und wagte, die Augen zu der ſchönen Sprecherin aufzuſchlagen. Aber wie ward ihm, als er die ſchlanke Geſtalt nur wenige Schritte von ſich erblickte! In ſo nahe Berührung war er außer mit ſeiner alten Chriſtine und dem Kel⸗ lerröschen in ſeinem Leben mit keinem weiblichen We⸗ ſen gekommen. Aber was war Chriſtine, ja ſelbſt die corpulente Madame Runkel, ſelbſt das hübſt e Röschen gegen dieſe zarten, lieblichen Formen? Indeß je ängſtlicher und ſchüchterner ſich der gute Sportelſchreiber benahm, deſto unbefangener, freund⸗ licher und herzgewinnender bewegte ſich Agnes. Das Mädchen hatte gleich im erſten Augenblick erkannt, wen es vor ſich hatte, und ihr engelgutes Herz ſagte ihr, daß ſie den Gaſt ihres Onkels ſo wohlwollend und ermuthigend wie möglich behandeln müſſe, wenn ſie den armen Fremdling in Frauengeſellſchaft nicht noch ſchüchterner machen wollte. In Kappler's Augen ver⸗ lieh aber dieſes Benehmen dem Mädchen eine wahre Glorie. So wie dieſe Nichte mußten die Engel im Himmelslande ſein, dies ſtand beim Sportelſchrei⸗ ber feſt. Der ermunternden Zuvorkommenheit und plandern⸗ den Gemüthlichkeit von Seiten der Nichte gelang es endlich, daß auch der im ſiebenten Himmel Mahomed's ſchwebende Kappler die Sprache wiederfand. Er war anfangs wirklich in Zweifel, ob man dieſes überir⸗ diſche Weſen mit menſchlicher Zunge anreden könne. Allmälig wuchs ſein Muth, das Herz trat ihm auf die Zunge und die Converſation mit der liebens⸗ würdigen Nichte machte ſich charmant, ganz ohne Com— plimentirbuch. Kappler begriff nicht, woher ihm der heilige Geiſt gekommen, mit einem Engel ſo vortreff⸗ lich zu discuriren. Er erzählte, wie es das Geſpräch mit ſich brachte, mancherlei aus ſeinem Leben und von ſeiner Lebensweiſe, welche Mittheilungen das Mäd⸗ chen ſehr zu unterhalten ſchienen, denn ſie nahm leb— haften Antheil und ermunterte den Sportelſchreiber, wenn ihm der Faden ausging, durch Fragen zum Weitererzählen. So verfloß faſt halbe Stunde wie Augenblicke, als der Lieutnant in's Zimmer trat und ſeinen Gaſt in der gewohnten nicht eben feinen Manier bewill⸗ kommnete. Zugleich log er dem Sportelſchreiber vor, daß er früher erſchienen ſein würde, wenn er nicht Abhaltung gehabt. Ein durchreiſender Fürſt, dem er in der letzten Campagne mit eigner Todesgefahr das Leben gerettet, habe ihn dringend um eine Conferenz gebeten. Wahrſcheinlich werde er nächſtens verſetzt und eine angemeſſenere Stellung erhalten, denn der Fürſt ſei Niemand anders als ein Abgeſandter der Re⸗ gierung geweſen, welche ihm wohlwolle. Kappler, welcher in ſeiner Unſchuld den Worten des Lieutnants vollen Glauben beimaß, erhielt um ſo größern Reſpect vor ſeinem Gaſtgeber und gratu⸗ lirte unterthänigſt im Voraus zu der angemeſſeneren 8* * 116 Stellung, indem er jedoch im Innern betrauerte, daß alsdann auch ſein Engel, die Nichte, Neukirchen ver⸗ laſſen werde. Der Sportelſchreiber konnte ſich ſeine Gratulation ſo wie die Trauer um den Verluſt der Nichte erſpa⸗ ren, der betreffende italieniſche Fürſt war Niemand anders geweſen als ein Mailänder Citronenmann, wel⸗ cher ein Kiſtchen Apfelſinen in die Stadt gepaſcht hatte und bei dem Brückenzollgeldereinnehmer denuncirt worden war. „Aber Agnes,“ fuhr Langſchädel ſeine Nichte an, welche noch im Zimmer beſchäftigt war,„alle Don⸗ nerwetter, wie lange währt's mit dem Eſſen? Ich habe über der diplomatiſchen Verhandlung mit dem Fürſten mein Frühſtück verſäumt und hungre wie ein Wolf.“ „Sogleich, lieber Onkel,“ rief das Mädchen und eilte aus dem Zimmer. Der Sportelſchreiber bebte, als er vernahm, wie Langſchädel das überirdiſche Weſen mit„Du“ anre⸗ dete und dieſelbe wie einen Rekruten anſchrie. „Sie müſſen vorlieb nehmen, Kappler,“ ſprach der Lieutnant,„Sie finden ein höchſt frugales Mahl; ich hatte ein paar Fäßchen Auſtern verſchrieben, aber der Teufel hole die ſchlechten Wege in dieſer Jahres⸗ zeit; die Fäſſer ſind noch nicht angelangt.“ Der Sportelſchreiber gab in mehren gewählten Redensarten zu verſtehen, daß er auf Auſtern von Herzen gern verzichte, da dies Gericht keineswegs zu ſeinen Lieblingsſpeiſen gehöre. Er habe zwar in ſei⸗ nem Leben noch keine Auſter geſehen, vielweniger ge⸗ geſſen; aber was er darüber gehört, ſei keineswegs geeignet, ſeinen Appetit darnach lüſtern zu machen. „Wie das bei mir ganz anders iſt,“ erwiederte Lang⸗ ſchädel,„glauben Sie, daß ich ohne Auſternexiſtiren kann?“ 1417 Kappler glaubte das dem Lieutnant zu Gefallen nicht. „Was denken Sie wohl, daß mich allein die paar lumpigen Auſtern Jahr aus Jahr ein koſten?“. Der Sportelſchreiber rieth hin und her. „Zweihundert Thaler werden kaum reichen,“ ſprach Langſchädel. Kappler erſtarrte. „Zweihundert Thaler?“ rief er im Tone des höch⸗ ſten Erſtaunen. „Nicht anders,“ fuhr jener fort.„Doch das iſt noch nichts in Vergleich der andern Delicateſſen, an die ich gewöhnt bin. Die Faſanen, Schnepfen, in⸗ dianiſchen Vogelneſter, Forellen, Trüffelpaſteten, See⸗ krebſe, Nachtigallzungen koſten mich horrente Sum⸗ men. Sie müſſen wiſſen, Kappler, daß mein ſel'ger Vater eine fürſtliche Tafel führte; ich bin mit den erleſenſten Leckerbiſſen dreier Welttheile groß gefüttert worden.“ Der Sportelſchreiber konnte vor Erſtaunen kaum zu ſich kommen, als Agnes wieder erſchien und mel⸗ dete, daß angerichtet ſei. „So kommen Sie“ ſprach Langſchädel,„ich wollte erſt einige vom Adel bitten; aber es iſt nicht Ihre Geſellſchaft. Wir diniren entre nous.“ Kapplern kam dies höchſt erwünſcht, und er ge⸗ ſtand offen, daß ihm in ſo vornehmer und völlig un⸗ bekannter Geſellſchaft kein Biſſen ſchmecken würde. „Ich wußte das,“ erwiederte der Lieutnant und trat mit ſeinem Gaſte in das Eßzimmer, welches ſich gleichfalls im Erdgeſchoſſe befand. Agnes trug die Suppe auf, worauf unmittelbar der vielbeſprochene Haſe folgte, welcher keineswegs zu den auserleſenſten Exemplaren gehörte. 118 Kapplern war dies einerlei. Langſchädel hätte ihn können gebratene Eidechſen vorſetzen, er würde es nicht bemerkt haben. Der auf⸗ und niederſchwebende Engel war der alleinige Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit. Agnes machte die gute Wirthin mit aller Liebenswür⸗ digkeit, konnte es aber gleichwohl dem eigenſinnigen Onkel nie recht machen. Langſchädel ſpielte den Haus⸗ tyrannen auf wahrhaft unverantwortliche Weiſe. Er benahm ſich wie ein ungeberdiger Huſarenwachtmeiſter im feindlichen Quartier. Er glaubte ſich dadurch ein martialiſches Anſehen zu geben und in Ehrfurcht und Reſpeet zu ſetzen. Dem ſanften Kappler ging dieſe unzarte Behandlung des vollendeten Engels durch und durch. Sein weiches für alle Eindrücke empfängliches Herz zerfloß in Liebe und Wehmuth. Seine Ruhe war dahin. Die Taubenſanftmuth und die unverſieg⸗ bare Heiterkeit, womit Agnes die Schwächen des On⸗ kels ertrug, ſetzte ihr in Kappler's Augen die Krone auf. Er hatte nie geahnt, daß es auf Erden ſolch ein himmliſches Weſen geben könne. Der Sportelſchreiber dankte dem Himmel und allen Heiligen, als Langſchädel unmittelbar nach dem Deſſert, welches nicht frugaler ſein konnte und aus Butterbrod und Ziegenkäſe beſtand, ſein Haupt neigte und durch ſein vernehmliches Schnarchen zu erkennen gab, daß er ſanft und ſelig entſchlafen ſei. „Iſt Ihnen nicht ein Täßchen Kaffee in der an⸗ dern Stube gefällig?“ frug die Nichte. Kappler konnte wieder keine Worte finden, um ſeine ungetheilte Zuſtimmung zu dieſem Vorſchlage zu geben. „Mit dem unermeßlichſten Vergnügen,“ ſtotterte er endlich. Agnes lächelte und bat zu folgen. Der über⸗ 119 glückliche Sportelſchreiber ſprang wie behext vom Stuhle auf und gehorchte dem Mädchen. „Der Onkel iſt zuweilen ein wenig grillig,“ ſprach Agnes, als ſie mit Kapplern in der andern Stube allein war, den Haustyrannen entſchuldigend,„man darf das einem ehemaligen Kriegsmanne nicht ſo übel nehmen; auch iſt ſein Poſten mit mancherlei Ver⸗ drießlichkeiten verknüpft, die ihn mißmuthig ſtimmen.“ „Ja wohl, ja wohl,“ geſtand der Sportelſchrei⸗ ber,„ein beſchwerlicher Poſten, ein höchſt beſchwerli⸗ cher Poſten.“ Agnes ergriff wieder das Geſpräch und leitete es auf ſo anmuthvolle Weiſe, daß Kappler gar nicht begriff, wie er mit einem Male ein ſolcher Weltmann habe werden können, um mit einer jungen Dame ſich ſo angenehm zu unterhalten. Wieder war eine Stunde wie Augenblicke verflo⸗ gen, als die fluchende Stimme des Lieutnants wieder vernehmbar ward. „Der Onkel iſt wach,“ ſprach Agnes und eilte aus dem Zimmer, der Sportelſchreiber aber, als er allein war, faltete unwillkürlich die Hände und ſprach: „Gütiger Himmel, womit habe ich elender, ſünd⸗ hafter Meuſch verdient, daß mir noch ein ſolches Heil hienieden zu Theil worden; jetzt laſſe deinen Knecht in Frieden fahren, er hat genug gelebt.“ Während Kappler mit ſo frommen und erhabenen Gedanken beſchäftigt war, polterte Langſchädel mit ei⸗ nem Kreuzbombenbataillon in's Zimmer. „Sie glauben nicht, Kappler,“ rief er,„was es heißt, eine Wirthſchaft in Ordnung halten; Sie ſind ein einzelnſtehender Menſch, Sie kennen das nicht. Da wollt ich mit Ihnen ein Fläſchchen Jacqueson et Fils, qualité supérieure ausſtechen; aber der ganze Vor⸗ 120 rath iſt geſprungen, an die dritthalb Dutzend Flaſchen; die laue Witterung, die Flaſche kommt mich im Ein⸗ kaufpreiſe anderthalb Thaler nettv.“ Der Sportelſchreiber erſchrak ob ſo großen Ver⸗ luſtes und ſprach ſein tiefgefühltes Beileid aus. „Sie müſſen wiſſen,“ fuhr der aufſchneideriſche Lieutnant fort,„daß ich ohne Champagner nicht leben kann; täglich eine Flaſche superieur qualité, anders thu' ich's nicht. Ich bin das aus dem väterlichen Hauſe und dann aus meinen Kriegszügen gewohnt. In der Campagne von 14. hab' ich mich einmal in Champagner gebadet.“ „Ein koſtbares Bad,“ erſtaunte Kappler. Langſchädel ſtopfte ſich eine Pfeife. „Sie rauchen nicht,“ ſprach er,„das iſt Schade, Sie ſollten meinen Türkiſchen koſten. Das Pfund koſtet zwei Ducaten. Er iſt unter Brüdern vier werth. Sind mir auch geboten worden; aber ich gebe ihn nicht. Rathen Sie Kappler, wo dieſer goldgelbe Knaſter her iſt, den ich ſo eben ſtopfe?“ Der Sportelſchreiber rieth abermals, ohne das Rechte zu treffen. „Direct aus dem Serail des Sultans,“ fuhr Langſchädel fort;„ein Grieche raubte mit Gefahr ſeines Lebens eine Favoritin. Dieſe wußte, wo die Taback⸗ ſäcke ſtanden. Der verwegne Grieche ſtopfte ſich die Taſchen voll und entfloh mit der Geliebten. Das Paar kam auf ſeiner Flucht durch Neukirchen. Das Geld war alle. Der Grieche war gezwungen, ſeinen Knaſter loszuſchlagen. Ich erhielt ihn für ein Bil⸗ liges.“ Kappler pries das vortheilhafte Geſchäft; der Lieutnant aber, welcher einmal im Zuge war und in den Sportelſchreiber einen geduldigen Gläubigen fand, log immer unverſchämter. Er kam auf ſeine Kriegs⸗ und Heldenthaten zu reden, erzählte, wie er der Schrecken des Kaiſers Napoleon geweſen und in einem einzigen Duelle in den Niederlanden ſiebenundzwanzig Mann erlegt habe. Kappler ſchauderte. „Ja, ſehen Sie, Kappler,“ fuhr der Großſprecher fort,„namentlich im Duell, da bin ich furchtbar. Man nannte mich bei der Armee nur den raſenden Roland. Es durfte mich Niemand ſcheel anſehen, er hatte eine Kugel und eine Degenſpitze zwiſchen den Rippen. Und ſo iſts heutzutage noch, obſchon ich älter geworden bin.“ „In Ihrer gegenwärtigen Stellung,“ meinte Kapp⸗ ler,„werden Sie gewiß Ihr koſtbares Leben einer ſolchen Gefahr nicht mehr ausſetzen.“ „Warum nicht,“ erwiederte Langſchädel,„wenn's die Ehre verlangt, drauf und dran, da darf ſich ein ehemaliger Kriegsheld keinen Augenblick befinnen. Das verſtehen Sie nicht, Kappler.“ „Aber die weiſen Geſetze des Landes!“ gab der Sportelſchreiber ſchüchtern zu bedenken. „In Ehrenſachen gelten dieſe nichts,“ belehrte der Bramarbas;„und wenn es heute einem der hieſigen Adeligen einfiel, mir zu nahe zu treten, würde ich mich dem Teufel um das Duellmandat bekümmern. „Allerdings von Adel müßte mein Beleidiger ſein,“ fuhr Langſchädel nach einer Pauſe fort,„denn ich ſchlage mich nur mit Adeligen, welche mit den Geſetzen der Ehre vertraut ſind.“ Kappler hatte mit gewohnter Geduld und Lang⸗ muth den Rodomondaten Langſchädel's zugehört, hatte geſtaunt und geſchaudert, je nachdem es die Gelegen⸗ heit mit ſich gebracht; aber im Innern war er fort⸗ 1 122 während mit der liebenswürdigen Nichte beſchäftigt, welche als nie geahnter Stern an ſeinem Lebenshori⸗ zonte aufgeſtiegen war und ſeine ganze Seele mit Se⸗ ligkeit erfüllte. Nachdem er mit ſeinen zwei Taſſen Kaffee zu Ende, wurde er von Langſchädeln zu einem Spaziergange nach der Amalienhöhe, einem in der Nähe der Stadt gelegnen Vergnügungsorte, aufgefor⸗ dert. Der Sportelſchreiber fühlte ſich hierdurch ſehr geehrt; Langſchädel nahm ihn aber blos deshalb mit, damit er ihm Nichts weiter vorzuſetzen brauchte und damit er Jemanden hatte, dem er, ohne auf Wider⸗ ſpruch zu ſtoßen ſeine Großſprechereien vorſchwatzen konnte. Sechstes Rapitel. Große Soirée in der Harmonie. Langſchädel bekommt Händel mit einem adeligen Huſarenoffizier, welche ein Piſtolenduell zu Folge haben. Die Anweſenheit mehrer junger Offiziere, welche ſich bei adeligen Familien auf Beſuch befanden, gab Ver⸗ anlaſſung, daß die Vorſteher der Neukirchner Harmo⸗ niegeſellſchaft eine außerordentliche Soirée veranſtaltet hatten. Ein paar flotte Tänzer mehr oder weniger war bei der Harmonie, die ſich eines ebenſo großen Ueberfluſſes an tanzluſtigen Frauen und Mädchen er⸗ freute, als ſie Mangel an tanzbaren Herren litt, ein Gegenſtand von Belang. 7 123 Eine ſolche Neukirchner Soirée ward in der Re⸗ gel mit einigen bekannten Ouvertüren, welche der Stadt⸗ muſikus des Städtchens, unterſtützt von ſeiner nicht eben ſehr geübten Kapelle, vortrug, eröffnet. Hierauf folgten ein oder zwei Suartetten, geſungen von ge⸗ ſangkundigen und ſtimmbegabten Mitgliedern der Ge⸗ ſellſchaft. Zuweilen gab es auch Vorleſungen über dieſen und jenen Gegenſtand. Soupiren konnte, wer Luſt und Geld dazu hatte. Von der diesmaligen Soirée verſprach man ſich Wunderdinge. Das Einladeprogramm war glänzend. Darin war die Rede von ganz neuen Symphonien und Lanner'ſchen Walzern; es ward geſungen, vorge⸗ leſen, ſogar declamirt. Die Vorſteher hatten das Mögliche gethan, um einen genußreichen Abend zu be⸗ reiten. Schon ſeit mehren Tagen waren die jungen adeligen und bürgerlichen Schönen mit ihrer Doilette beſchäftigt; namentlich nährte manche der letztern im Stillen die ſüße Hoffnung, von den intereſſanten frem⸗ den Uniformen, welche ſchon die ganze Zeit daher die Augen und das Intereſſe der Stadt in Anſpruch ge⸗ nommen, zu einem oder mehren Tänzen, je nachdem das Glück günſtig, aufgefordert zu werden. Madame Kliemann hatte gleichfalls das Ihrige gethan und den Rathhausſaal ſtattlich herausgeputzt, ſo wie für Speiſen und Getränke beſtens geſorgt. Endlich erſchien der vielbeſprochene Abend. Kaum hatte es auf dem Rathhausthurme das zweitemal Sechs geſchlagen(der geneigte Leſer wird ſich entſinnen, daß es auf dem Neukirchner Rathhauſe nie ſieben Uhr ſchlug), als der geſammte hohe und allerhöchſte Adel, die Familien Ponikau, Kirchner, Fellenberg, Löwen⸗ ſtern nebſt zahlreicher Cortège angefahren kamen. Die weibliche Nobleſſe, von ihren Cavalieren umſchwirrt, 124⁴ nahm ſogleich von den erſten Stuhlreihen in der Nähe des Orcheſters Beſitz, welche aus ächt deutſcher Blö⸗ digkeit und übertriebener Beſcheidenheit von den bür⸗ gerlichen Harmoniegliedern waren leer gelaſſen worden. Mit jener geſellſchaftlichen Sicherheit und nobeln Unbefangenheit unterhielt ſich der Adel unter einander ziemlich laut und ungenirt, während das im Hinter⸗ grund zuſammengeſchaarte Bürgerthum nur hier und da die Köpfe zuſammenſteckte und kaum zu flüſtern wagte. Es war in der That, als ob das Conzert blos für den Adel aufgeführt würde und die bürger⸗ lichen Hinterſaſſen nur geduldete Zuhörer wären. Der größte Theil der bürgerlichen Herren hatte ſich in die Rauchzimmer zurückgezogen; der Hofcommiſſair Eccarius war der Einzige, der frank und frei und völlig un⸗ genirt im Saale auf und niederſchritt, mit ſeiner Lorgnette die Damen, die adeligen wie die bürgerli⸗ chen muſternd, ſich einmal mitten durch das adelige Vordertreffen nach dem Orcheſter drängte und beim Stadtmuſikus über die aufzuführenden Muſikſtücke und deren Compoſiteure Erkundigungen einzog. Was die adelige und die bürgerliche Flora an⸗ belangte, ſo waren die reicheren und auch geſchmack⸗ volleren Tyiletten allerdings bei erſterer zu ſuchen, auch zeichnete ſie ſich durch ihre ſtolzere Haltung und Salontvurnüre augenfällig und nicht unvortheilhaft aus; was hingegen die hübſchen und blühendern Ge⸗ ſichter betraf, ſo behaupteten die bürgerlichen Mädchen den Vorzug. Der Umſtand, daß ſobald adeliges und bürgerliches Publikum in einer Geſellſchaft zuſammentrifft, erſteres, wenn es in großer Minorität iſt, letzterm ſich mit freundlicher Herablaſſung nähert und zu acclimatiſiren ſucht, ſo wie es jedoch ſich ſtark genug fühlt, ſogleich. * * 125 ⸗ inſtinctmäßig als Corps zuſammentritt und eine ab⸗ geſchloſſene und gemeſſenere Haltung gegen den Bür⸗ gerlichen annimmt, dies konnte man in der Neukirchner Harmoniegeſellſchaft in allen Nüancen mit Muſe be⸗ obachten. Da ſaß die Frau Oberfloßinſpectorin, die Frau Poſthalterin, die Frau Stadtcaſſirin, welche ſich ihres Umgangs mit dem Adel immer zu rühmen pflegten, verlaſſen und vernachläſſigt in beſcheidener Abgeſchie⸗ denheit von der Nobleſſe, und die ſüßen Worte der⸗ ſelben kamen diesmal nur Ebenbürtigen zu Gute. Das Conzert begann; Herr Kreidl, ſo hieß der Stadtmuſikus, leiſtete, von einigen Muſikern aus der Nachbarſchaft unterſtützt, das Mögliche. Die Muſik⸗ ſtücke gingen aber, hauptſächlich was die Damenwelt anbetraf, ziemlich ſpurlos vorüber. Wie in Conzerten in der Regel der Fall, achten die Schönen wenig auf die vorgetragenen Piecen. Ihre Augen ſind weit mehr mit Muſterung der Toiletten beſchäftigt. Auf die Inſtrumentalmuſik folgten mehre Geſang⸗ ſtücke, von Dilettanten aus der Geſellſchaft vorgetra⸗ gen. Hierauf kam die Vorleſung. Ein in Ruheſtand geſetzter und in Neukirchen lebender academiſcher Docent konnte ſeine einſtige Laufbahn nicht vergeſſen und ließ ſich's nicht nehmen, das Harmoniepublikum durch Vor⸗ träge über höchſt abſtracte Gegenſtände zu ennuyiren. Das Schlimmſte dabei war, daß er trotz alles ziem⸗ lich laut werdenden Mißmuths nie ein Ende in ſei⸗ nem Vortrage finden konnte. Nur unter der Bedin⸗ gung, daß er ſeine Mittheilung nicht über eine halbe Stunde ausdehnen wollte, war ihm in der heutigen Soirée von den Vorſtehern der Vortrag geſtattet wor⸗ den; aber Herr Sebaſtian, ſo hieß der Neukirchner Demoſthenes, konnte auch diesmal kein Ende finden: * er ſprach bereits länger denn eine Stunde über die verſchiedenen magnetiſchen Erdpole; und die Hypo⸗ theſen, die er darüber aufſtellte und erörterte, ließen ſobald kein Ende der Vorleſung erwarten. Wie wich⸗ tig und intereſſant der behandelte Gegenſtand war, ſo eignete er ſich doch keineswegs für ein ſo gemiſchtes Publikum, wie das der Harmonie war und welches überdies größtentheils aus Frauen beſtand. Allmälig ſchlich ſich daher einer nach dem andern von den Her⸗ ren, denen die Sache zu lang wurde, ſo leiſe wie möglich davon und zog ſich in die Rauchzimmer zu⸗ rück. Die fremden Offiziere, welche dem Vorleſer zu⸗ nächſt ſtanden und von Damen umringt waren, muß⸗ ten zwar tapfer aushalten aber zogen mit der Länge der Zeit entſetzliche Geſichter. Selbſt dem Hofcom⸗ miſſair, obſchon er mit vielem wiſſenſchaftlichen Geiſte begabt war, begannen die Hypotheſen des Doctor Sebaſtian endlich zu langweilen. Er kehrte gleichfalls nach den Tabagien zurück, jedoch ohne auf ſeiner Wanderung gar zu leiſe aufzutreten, weshalb ein mehrſeitiges Pſt! Pſt! vernehmbar ward, das ihn aber im Geringſten nicht ſtörte. In dem angrenzenden Zimmer hatte ſich Lang⸗ ſchädel, ſo lang er war, auf das Sopha geſtreckt, ſo daß ſeine ſchrecklich lang üße weit in der Stube hinlagen und wiederholt die Veranlaſſung wurden, daß einer oder der andere der Gäſte darüber hin⸗ ſtolperte, welches Stolpern allemal ein Donnerwetter von Seiten des Lieutnants zur Folge hatte. Der Edle war überhaupt miſerabler Laune und raiſonnirte und fluchte über Alles. Die Muſiker ſpielten ihm nicht präcis genug, dann währte die Vorleſung zu lang, obſchon ihm dies ganz gleichgültig ſein konnte, da er von ſeinem Sopha nicht hinweggekommen war. Seinen Hauptgroll hatten aber die fremden Huſaren⸗ offiziere auf ſich gezogen, welche die erwarteten Hon⸗ neurs nicht für nöthig befunden. Er ſprach ſehr an⸗ züglich von bartloſen Knaben, Wachtparadenhelden, die kein Pulver gerochen und den Krieg blos von Hörenſagen kennten, die nicht wüßten, welche Rück⸗ ſichten man einem gedienten Militair ſchuldig wäre u. ſ. w. Dabei ſtiegen ununterbrochen dicke Rauchſäu⸗ len ſeines Sultanknaſters aus der langen Pfeife em⸗ por, ſo daß Langſchädel wie der Donnergott hinter Wolken thronte. Dieſes entſetzliche Dampfen aber — Niemand vermochte ſich mit dem Geruche des be⸗ rühmten Sultanknaſters zu befreunden— ſo wie das unaufhörliche und unerträgliche Schwadroniren von Sei⸗ ten des Lieutnants, hatte nach und nach ſo ziemlich alle Gäſte aus ſeiner Nähe entfernt. Nur der Hof⸗ commiſſair, nachdem er gleichfalls über die Spazier⸗ hölzer des Lieutnants geſtolpert, trat zu demſelben heran und erkundigte ſich nach deſſen werthem Befinden. „Die Kriegsſtrapazen bringt man ſo leicht nicht aus dem Leibe,“ erwiederte Langſchädel,„ich habe mich von der letzten Campagne noch immer nicht er— holen können.“ „Nun,“ meinte Eccarius,„ſeit den glorreichen Zeiten, wo ſich unſre Landwehr mit ſo großem Ruhme bedeckte, iſt doch manches Jährchen vergangen.“ „Wird noch manches vergehen,“ verſicherte der Lieutnant,„bevor ich die Geſundheit wieder erlange, deren ich mich vor meinen Feldzügen zu erfreuen hatte. Die Strapazen waren darnach. Ich entſinne mich, einmal vierzehn Tage nicht aus dem Waſſer gekom⸗ ren zu ſein. Die Holländer hatten die Dämme durch⸗ bi ochen, wie ſie das in der Gewohnheit haben. Mein Ba taillon kämpfte oft bis an dem Nabel im Waſſer.“ N 128 „Das iſt noch gar nichts,“ gegenredete Eccarius, „ich kannte einen Matroſen in Hamburg, welcher im Waſſer ſo gut zu leben verſtand, wie auf dem Lande. Er ging auf dem Meeresgrunde zwiſchen Korallen und Muſchelbänken ſpazieren, und was das Merkwür⸗ digſte bei der Sache war, er rauchte ſeine Cigarre dabei, als ſäße er in der Tabagie.“ Der Hofcommiſſair, ſobald Langſchädel aufſchnitt, pflegte den Großſprecher zu überbieten. Eccarius that dies mit Ruhe und Gelaſſenheit. Er zog nie die Lü⸗ gen des Lieutnants in Zweifel, machte ſie aber ent⸗ weder lächerlich, oder benahm ihnen allen Effect, in⸗ dem er augenblicklich mit weit außerordentlichern Din⸗ gen zu Dienſten ſtand. Langſchädel ging dann gewöhnlich von ſeinem Ge⸗ genſtande ab und kam auf einen andern, wo er gleich⸗ falls das Lügen nicht unterlaſſen konnte. So auch diesmal. „Es war recht ſchade,“ ſprach er,„daß Sie am letzten Sonntage verreiſt waren; ich gab ein Diner. Die Geſellſchaft war nicht gerade zahlreich, aber ge⸗ wählt; Sie würden ſich amüſirt haben.“ N Eccarius, recht gut wiſſend, daß der Lieutnant— nur Kapplern auf einen dürren Haſen zu Tiſche ge⸗ habt, erwiederte ſogleich: „Unbezweifelt; doch kann ich mit dem Diner, dem ich beizuwohnen die Ehre hatte, gleichfalls zufrieden ſein. Ich war von Seiner Durchlaucht, dem Fürſten Auguſt, mit dem ich wegen einer bedeutenden Anleihe in Unterhandlung ſtehe, zu Tiſche geladen. Ich ſaß inmitten der beiden Prinzeſſinnen Töchter, ich ſage Ihnen, Lieutnant, die eine ſchöner und geiſtreicher,“ wie die andere. Das Eſſen war gut. An einem“ Kaiſerhofe kann's nicht nobler hergehen. Die Weiyne . 8 129 ſüperbe; ächter Johannisberger Ausbruch, welchen Seine Durchlaucht erſt vor wenigen Tagen aus dem Privatkeller des Fürſten Metternich zum Geſchenk er⸗ halten hatte. Ungar und Lacrymä floſſen in Strömen.“ „Lüge Du und der Teufel,“ dachte Langſchädel, hielt es jedoch für gerathen, von ſeinem Diner nicht weiter zu ſprechen. Die Nobleſſe im Saale hatte ſich unterdeß nach beendigter muſikaliſcher und declamatoriſcher Soirée er⸗ hoben und an den vorher belegten Tafeln in einem geräumigen Nebenzimmer Platz genommen. Von den bürgerlichen Honorativren ſpeiſten nur Wenige an ab⸗ geſonderten Tiſchen. Der größere Theil des männli⸗ chen Publikums trieb ſich in den angrenzenden Stuben umher, während die Frauen und Mädchen auf dem Saale zurückblieben und ob des ſehnlichſt erwarte⸗ ten Tanzes auf den Sitzen längs der Wände Platz nahmen. An den adeligen Tiſchen ging es laut und lebhaft her. Man hörte Champagnerpfropfe knallen. Die No⸗ bleſſe hatte faſt die ſämmtliche Dienerſchaft des Raths⸗ kellers in Beſchlag genommen, ſo daß Langſchädel be⸗ reits dreimal vergebens nach einem friſchen Kruge Bier gerufen hatte. Dieſes ungeſtillte Verlangen, ſo wie das lebhafte Geräuſch, welches von der adeligen Tiſchgeſellſchaft daherſcholl, gab dem Landwehr⸗Lieutnant hinlänglich Stoff, ſeinem Aerger Luft zu machen. „Dieſes adelige Volk,“ ſprach er,„lebt ewig in Saus und Braus; und wir andern Harmoniemitglie⸗ der werden darüber auf unverantwortliche Weiſe ver⸗ nachläſſigt. Wenn man doch lieber an ſeine Schul⸗ den dächte und nicht an Champagner.“ Der Hofcommiſſair, der neben ihm ſaß und Zei⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. VI. 9 130 tungen las, ermangelte nicht, hierin Langſchädeln voll⸗ kommen Recht zu geben. „Und der Kliemann,“ fuhr der letztere fort,„ſollte man keinen Groſchen zuwenden. Ob ſich Jemand von der Wirthſchaft blicken läßt? Es iſt himmelſchreiend.“ Was aber den Zorn des Lieutnants hauptſächlich erregte, waren die Cavaliere, die von Zeit zu Zeit durch das Zimmer eilten, um den ausgeſprochenen Wünſchen ihrer reſpectiven Damen nach Eis und Con⸗ fituren auf galante Weiſe perſönlich zu genügen, und in der Regel über Langſchädel's Füße ſtolperten. „Ich werde noch eine Laterne neben meine Stie⸗ feln ſtellen müſſen,“ zankte der Erzürnte,„damit dieſe hohe Ritterſchaft den Weg findet und meine Füße in Ruhe läßt.“ Eccarius lobte dieſen Entſchluß und encouragirte den Lieutnant aus Leibeskräften, den nächſten, der es wagen ſollte, über ſeine allerdings langen Beine zu ſtolpern, ernſtlich zur Rede zu ſtellen; denn für den Hofeommiſſair gab es kein größeres Gaudium, als wenn ein Bürgerlicher und Adeliger in Händek gerie⸗ then. Er nahm ſogleich Partei. „Ich dächte, Sie müßten es inne werden,“ ſprach er,„daß man Sie mit Abſicht und aus reinem Muth⸗ willen choquirt. Sie können das als gedienter Mann unmöglich länger mit anſehen. Ueberhaupt, wenn Sie nicht bald einmal energiſch gegen dieſe hochgeborne Ritterſchaft auftreten und ihr die Zähne weiſen, wird es bald dahin kommen, daß Sie, trotz Ihrer Bekäm⸗ pfung Napoleon's und Befreiung Deutſchlands, von dieſer übermüthigen Nobleſſe und milchbärtigen Sol⸗ dateska über die Achſel angeſehen werden.“ „Bewahre,“ ſprach Langſchädel im Bewußtſein ſei⸗ ner kriegeriſchen Verdienſte, die lediglich darin beſtan⸗ 13¹ den, eine Compagnie fürſtlicher Landwehr nach ge⸗ ſchloſſenem Frieden in die Heimath zurückgeführt zu haben,„das wagen ſie nicht.“ „Tritt man Sie aber nicht,“ gab Eccarius zu be⸗ denken,„ein Mal über das andre mit Füßen? Ich verwette meinen Kopf, es geſchieht mit Abſicht. Ge⸗ denken Sie Ihrer großen welthiſtoriſchen Vergangen⸗ heit und ſein Sie einmal ein Rächer des gekränkten Bürgerthums gegen ariſtveratiſchen Uebermuth. Ich bin überzeugt, ein einziges kräftiges Wort Ihrerſeits, und Sie werden mit vieler Genugthuung wahrneh⸗ men, wie der höflich gewordene Adel in reſpectvoller Entfernung um Ihre Füße herumgeht, anſtatt mit Geringſchätzung darüber hinzuſtolpern. Ich gäbe et⸗ was darum, wär' ich wie Sie Militair in Schlachten dunkler Zeit; mich ſollte ſo ein Wachtparadenheld nicht ſcheel anſehen.“ Durch ſolche Reden gelang es endlich dem ver⸗ ſchmitzten, ſtreit⸗ und händelſüchtigen Hofcommiſſair, den ſchlummernden Kriegsfunken in des Lieutnants Bu hellen Flammen anzublaſen. Langſchädel ſchwur, den Erſten, der es wagen würde, über ſeine Füße zu ſtolpern, und wäre es der Generaliſſimus der fürſtlichen Armee, den Kopf tüchtig zurechtzuſetzen. Um den angenſcheinlichen Beweis zu liefern, daß es ihm mit ſeinem Schwure Ernſt ſei, ſtreckte Lang⸗ ſchädel ſeine Füße wo möglich noch länger über die Stube hin, und es war ihm im erſten Kriegsfeuer ordentlich unlieb, daß nicht ſogleich ein Adeliger er⸗ ſcheinen und über ſeine Füße ſtolpern wollte. Eccarius rieb ſich mit heimlicher Freude die Hände, als er den ehemaligen Landwehrhelden ſo kriegeriſch fand. Er verſprach ſich ein außergewöhnliches Ver⸗ gnügen. Erſtlich gab's Händel zwiſchen Bürger und 6 132 Adel, die er vor Allem liebte, und dann wünſchte er auf der andern Seite wiederum, daß Langſchädel für ſein abgeſchmacktes und unerträgliches Bramarbaſiren einmal gezüchtigt werde. Er hoffte, ſobald es wegen Langſchädel's vorgeſtreckter Füße mit einem der Ade⸗ ligen auch nur zu einem leichten Wortwechſel kommen ſollte, die Sache ſo zu drehen, daß ein Duell zwi⸗ ſchen Langſchädeln und dem Stolperer unausweichbar werde. Da er des Landwehrlieutnants Haſenherzig⸗ keit kannte, freute er ſich im Voraus auf das Ren⸗ contre und hatte darum nichts Angelegentlicheres zu thun, als den Brückenzollgeldereinnehmer in ſeiner kriegeriſchen Stimmung zu erhalten und zu beſtärken. Dies war auch höchſt nöthig, denn Langſchädel je länger er ausgeſtreckt da lag und einem Stolperer auflauerte, ward nachdenklicher. Obſchon er grob und anmaßend gegen Jedermann war, wo er nichts zu be⸗ fürchten hatte, ſo vermied er doch ſehr, mit ſolchen anzubinden, bei welchen auch nur an eine entfernte Gefahr zu denken. Alſo der Hofcommiſſair bot ſeine ganze Beredtſamkeit auf, damit Langſchädel ſo ausge⸗ ſtreckt liegen bleibe und die Füße keinen Zoll breit zurückziehe, wie er ſchon Willens geweſen. Zu des Hofcommiſſairs großer Freude ſtürmte endlich ein junger Huſarenoffizier, Lieutnant von Steinau, ziemlich champagnerſelig in's Zimmer. Lang⸗ ſchädel, der auf einen friedlichen adeligen Civiliſten gerechnet hatte, wollte bei dieſem Anblicke ſeine Füße etwas zurückziehen, als Steinau mit einem lauten Donnerwetter bereits darüber hinſtolperte. „Was ſind das für verfluchte Krallen,“ murmelte Steinau, und wollte weiter, als der Hofcvmmiſſair ſei⸗ nen Nachbar auf das Energiſchſte in die Rippen ſtieß. „Wenn Sie ſolche Behandlung dulden,“ raunte er 133 Langſchädeln, der über Steinau's Donnerwetter ganz erſchrocken war, in's Ohr,„erklär' ich Sie öffentlich für das größte Haſenherz unter der Sonne.“ Des Landwehrlieutnants Lage ward jetzt kritiſch. Er bereute von Herzen, ſeine Füße wie Schlagbäume über den Durchgang gelegt und wie Fühlhörner aus⸗ geſtreckt zu haben. Auf der einen Seite den gefürch⸗ teten Hofcommiſſair mit ſeiner Spottſucht; auf der andern unvermeidliches Rencontre mit einem Offizier. Endlich hoffte er doch, mit dem Huſaren noch eher aus einander zu kommen, als mit Eecarius; er faßte daher ein Herz und rief dem Herrn von Steinau, der bereits an der andern Thüre angelangt war, ſo höflich als möglich die Worte nach: „Dürft' ich Sie bitten, mein gnädiger Herr!“ „Kürzer angebunden!“ raunte der Hofcommiſſair von Neuem dem Lieutnant in's Ohr;„einen rauhern Ton angenommen, Sie ſind ſonſt verloren.“ Herr von Steinau, welcher die Worte Langſchä⸗ del's vernommen, kehrte ſogleich um, trat dem Rufer ziemlich hart auf den Leib und frug mit barſcher Stimme:„Was beliebt?“ Solche Energie von Seiten des Huſaren hatte Langſchädel freilich nicht erwartet. Er war eben im Begriffe, den Offizier, anſtatt ihn zur Rede zu ſtellen, um Verzeihung zu bitten, als ihn Ecearius flüſternd beſchwor, nur dies einzige Mal ein Mann zu ſein. Gleichwohl richtete der Bramarbas ſeine Anrede ſo human als möglich ein. „Entſchuldigen Sie, mein ſehr geehrter Herr Lieut⸗ nant,“ begann er,„wenn ich Sie zurückrief; aber ich wollte Sie ergebenſt bitten, ſich künftig gütigſt ein wenig mehr vorzuſehen; ich kann ja nichts dafür, daß der Himmel mir ſo lange Beine beſcheert hat.“ S⸗ 134⁴ Der Huſarenlieutnant, ein Sanguiniker und äußerſt reizbar, war ganz aufgebracht ob ſolcher Worte, wie höflich ſie vorgetragen wurden. Wie? er ſollte ſich von einem kleinſtädtiſchen bürgerlichen Philiſter einen Verweis geben laſſen in einer Sache, wo er ganz unſchuldig war und wo es eigentlich ihm zukam, Re⸗ chenſchaft zu verlangen? Er erwiederte daher in zor⸗ nigem, wegwerfendem Tone: „Ein vernünftiger Menſch ſtreckt ſich in gebildeter Geſellſchaft nicht wie ein— aus; Sie ſind ein Tropf!“ Mit dieſen Worten ging er ſtolz davon. „Jetzt fordere ich den Unverſchämten in Ihrem Namen,“ rief aufſpringend Eccarius;„eine ſolche Be⸗ leidigung verlangt Blut.“ „Sind Sie bei Sinnen!“ mahnte, zum Tode er⸗ ſchrocken, Langſchädel, und bemühte ſich aus Leibes⸗ kräften, den Hofcommiſſair am Arme zurückzuhalten. „Bedenken Sie doch, ein angeſtellter Mann, ich bin Staatsdiener.“ „Das verlangt Blut,“ fuhr Eccarius fort, riß ſich los und eilte dem Huſarenoffizier nach. Langſchädel, der die Füße längſt eingezogen hatte, wußte im erſten Schrecken nicht, was er beginnen, ob er bleiben oder dem gänzlich unberufenen und zu⸗ dringlichen Cartellträger nacheilen ſollte. „So viel iſt gewiß,“ ſprach er für ſich,„ich ſchlage mich auf keinen Fall. Ich mag nicht zum Rebellen werden gegen eine hochweiſe conſtitutionelle Landesgeſetzgebung.“ Während er noch rathlos, in verzweifelter Stim⸗ mung daſaß, kehrte der Hofcommiſſair rnhien Schritts zurück. „Die Sache iſt abgemacht,“ ſprach er, ſich eine Priſe nehmend und dem erbleichenden Langſchädel die 135 Doſe hinhaltend,„ich habe den Mosje in Ihrem Namen auf zehn Schritt Barriere gefordert. Piſto⸗ len ſind unter bewandten Umſtänden die nobelſte Waffe. Ich ſelbſt werde Ihnen ſecundiren. Wir treffen den Gegner morgen früh acht Uhr in der Ruine des Benedictinerkloſters.“ „Aber ich ſchieße mich nicht,“ zähnklapperte Lang⸗ ſchädel. Eccarius, welcher dieſe Worte gänzlich zu über⸗ hören ſchien, fuhr ruhigen Tones fort:„wenn Ih⸗ nen meine Piſtolen gefällig ſind, ſtehen ſie zu Be⸗ fehl; ein paar ächte Kuchenreiter; bei Ihrer bekann⸗ ten Geſchicklichkeit können Sie gar nicht fehlen.“ „Aber ich ſage Ihnen, daß ich mich auf keinen Fall ſchieße,“ ſprach Langſchädel. Der Hofcommiſſair, welcher dieſe Worte gleichfalls überhörte, ſprach weiter: „Tödten würde ich den Huſaren an Ihrer Stelle nicht; dazu iſt er noch zu jung; aber einen tüchtigen Denkzettel anhängen. Schießen Sie ihn in's Bein; das ſind die ſchmerzlichſten und langwierigſten Bleſſuren.“ „Aber zum Satan, ſo hören Sie doch,“ rief nun der Landwehrlieutnant ärgerlich,„ich ſchieße mich nicht.“ „Sie Schelm,“ lachte der verſchmitzte Hofcommiſ⸗ ſair,„wie Sie ſich verſtellen können; es iſt Niemand erpichter auf ein Duell, wie Sie.“ „Nein, Gott ſtraf mich,“ ſchwur Langſchädel ernſt und feierlich,„das bin ich nicht.“ „Sie wollen nur, daß die Sache nicht bekannt wird,“ fuhr Eccarius verſtohlen fort,„ich verſtehe, Sie haben nicht Unrecht; aber bauen Sie auf meine Verſchwiegenheit; es ſoll außer den Secundanten und dem Arzte kein Sterblicher ein Wörtchen erfahren. Wir machen Alles in der Stille ab. Wir bedürfen 136 nicht einmal eines Wagens. Wir können die kleine Strecke zu Fuße zurücklegen.“ Langſchädel gerieth in Verzweiflung. Er reichte endlich dem Hofeommiſſair die Hand. „Ihre Hand,“ ſprach er. „Hier iſt ſie,“ erwiederte Eccarius, ſeine Hand darreichend. Langſchädel drückte ſie mit krampfhafter Innigkeit. „Ein Wort ſo viel, wie tauſend, ich ſchieße mich nicht. Aus der ganzen Sache kann nichts werden.“ Der Hofeommiſſair that, wie aus den Wolken gefallen und als ob er ſeinen Ohren nicht trauete. „Ganz unter uns,“ fuhr Langſchädel mit wichti⸗ ger Miene fort,„aber aus der Sache wird nichts.“ „Langſchädel— Lieutnant— hab' ich denn recht gehört?“ rief Eccarius,„nur keinen Scherz in ſo ernſter Angelegenheit.“ „Ich ſcherze bei Himmel, Mond und Sternen nicht,“ verſicherte Langſchädel,„aber weiß Gott, beim beſten Willen, ich kann, ich darf mich nicht ſchlagen.“ „Das iſt ja aber gar nicht mehr möglich,“ gab der Hofcommiſſair, der ſich von ſeinem Staunen noch immer nicht ſchien erholen zu können, zu bedenken; „ich habe in Ihrem Namen den Herrn von Steinau gefordert und er hat das Duell angenommen.“ „Der Teufel hat Ihnen das geheißen, ich nicht,“ fuhr Langſchädel auf,„im Gegentheil, ich habe Sie als loyaler Staatsbürger davon zurückhalten wollen.“ Der Hofcommiſſair, der ſich über dieſe Haſenher⸗ zigkeit, die er wirklich in ſo hohem Grade bei Lang⸗ ſchädeln nicht vermuthet hatte, ärgerte, dachte bei ſich: „Warte, Großmaul, du ſollſt mir büßen.“ Er ließ ſich indeß von ſeinem Aerger nicht das Geringſte merken, ſondern that nur verwundert, daß 137 Langſchädel, den er, wie er erzählte, für den größten Schläger bei der Landwehr gehalten, ſich nicht duelli⸗ ren wolle. „Das war ehedem,“ erklärte der Lieutnant;„aber andere Zeiten, andere Sitten.“ „Aber ich bitte Sie um Himmelswillen, warum wollen Sie ſich denn nicht ſchlagen nach ſo entſetz⸗ licher Beleidigung?“ frug Eccarius. „Ein ſo junger Mann kann mich nicht beleidigen.“ „Aber Sie müſſen doch einen Grund haben, war⸗ um Sie ſich nicht ſchießen wollen?“ „Allerdings,“ geſtand Langſchädel,„weil ich jetzt als aufgeklärter und loyaler Staatsbürger über den Zweikampf denke: dieſe rohe Sitte der Vorzeit iſt nicht nur von der Vernunft, ſondern auch durch weiſe Geſetzgebüng verboten. Ich aber will unſerm erleuch⸗ teten Jahrhundert Ehre machen und nicht einem blin⸗ den Wahne fröhnen, der ſelbſt dem Chriſtenthume gänzlich zuwiderläuft.“ „Allerdings, wenn Sie ſo denken,“ ſprach der Hofcommiſſair,„freilich dann—“ „Und hab' ich da nicht vollkommen Recht?“ frug Langſchädel neu aufathmend, als er ſah, daß Ecca⸗ rius ſeine aufgeſtellten Gründe anzunehmen ſchien; „jeder Vernünftige muß mir beipflichten.“ „Sie haben vollkommen Recht,“ geſtand Eccarius, „freilich, hätt' ich das gewußt, daß Sie als ehema⸗ liger tapferer Krieger ſo aufgeklärt über das Duell geſinnt wären—“ „Das hätten Sie wiſſen ſollen, Verehrteſter,“ ſprach Langſchädel mit ſanftem Vorwurf,„das hätten Sie wiſſen ſollen.“ „Hm,“ fuhr Eccarius fort,„eine fatale Geſchichte, wie wird ſie ſich nur redreſſiren laſſen?“ 138 „Iſt Ihre Sache,“ verſetzte Langſchädel,„ich be⸗ kümmere mich im Geringſten nicht darum. Wer heißt Sie ſich in meinem Namen auf's große Pferd ſetzen?“ Eccarius vernahm mit Ingrimm dieſe Worte des Großſprechers, doch bezwang er ſich und erwiederte: „Nun, ich werde das Möglichſte verſuchen. Sie laſſen alſo alle die beleidigenden Worte des Herrn von Steinau und namentlich den Tropf auf ſich ſitzen?“ „Mit dem größten Vergnügen,“ erklärte Lang⸗ ſchädel bereitwillig.„Ein gedienter Mann, welcher den Napleon bekämpft und Deutſchland befreit hat, ſteht erhaben über den Ausſprüchen eines ſo jugend⸗ lichen Mannes, wie der Herr von Steinau.“ „Gut,“ erwiederte Eccarius,„ich werde denſelben jetzt aufſuchen und die Sache auszugleichen verſuchen.“ „Thun Sie das,“ verſetzte Langſchädel,„wären Sie vorhin weniger voreilig geweſen, könnten Sie ſich jetzt die Mühe erſparen. Ich ſah Alles voraus, darum verſuchte ich, Sie zurückzuhalten, aber verge⸗ bens war mein weiſer Rath.“ Der Hofcommiſſair entfernte ſich; dem Lieut⸗ nant war eine Centnerlaſt von Herzen und bereits ſtellte ſich der alte Hochmuth wieder ein. „Ich werde mich doch hüten,“ ſprach er für ſich, „von ſo einem jungen Laffen wie der Steinau auf mich zielen zu laſſen. So ein leichtſinniger Menſch ſchießt in's Blaue hinein, ohne zu bedenken, daß ein Staatsbürger, ein fürſtlicher Angeſtellter und unent⸗ behrliches Mitglied der Staatsmaſchine vor ihm ſteht. Auf einen Huſarenlieutnant mehr oder weniger kommt's nicht an; dergleichen gibt's wie Sand am Meere, dieſelben gehen im Kriege dutzendweiſe drauf; aber ein fürſtlicher wohlbeſtallter Brückenzollgeldereinnehmer wie er ſein muß und wie ich einer bin, iſt nicht leicht 139 zu erſetzen. Das Amt iſt ſchwierig und will bedacht und wohlverwaltet ſein. Duell, Zweikampf, Narrens⸗ poſſen, darüber ſind wir längſt hinaus. Es war gut, daß ich mich vom Hofcommiſſair nicht einſchüchtern ließ; derſelbe mag ſehen, wie er zurecht kommt. Er wird ſich künftig hüten, ſich in andrer Leute Angelegen⸗ heiten zu miſchen und mich in Zwiſtigkeiten zu verwi⸗ ckeln. Er hat diesmal ſeinen Mann an mir gefunden.“ Während Langſchädel auf dieſe Weiſe mit ſich Un⸗ terhaltung pflog, kehrte Eccarius zurück und nahm wieder neben dem Lieutnant Platz. „Nun,“ frug dieſer,„haben Sie Alles in Rich⸗ tigkeit gebracht und wohl arrangirt? Es wird dem jungen Springinsfeld lieb geweſen ſein, wenn ich auf das Duell verzichte; dergleichen junge Leute hängen nur zu ſehr am Leben.“ „Leider,“ ewiederte der Hofcommiſſair mit ſehr ern⸗ ſtem Geſicht,„iſt mir meine Miſſion nicht gelungen.“ „Wie ſo,“ erkundigte ſich Langſchädel,„was ver⸗ langt denn dieſer Herr von Steinau? Iſt's denn nicht edelmüthig genug, wenn ich als Beleidigter die Forderung zurücknehme?“ „Gegen Zurücknahme Ihrer Forderung kann er al⸗ lerdings nichts haben,“ ſprach Eccarius. „Und damit iſt doch die Sache abgemacht,“ meinte Langſchädel. „Nicht ſo ganz,“ fuhr der Hofcommiſſair fort. „Ich verlange ja auch gar keine andere Satis⸗ factivn, ſie möge Namen haben, wie ſie wolle, we⸗ der auf mündliche noch ſchriftliche Ehrenerklärung, was könnte einer Ausgleichung im Wege ſtehen?“ „Herr von Steinau fordert nun Sie;“ ſprach der Cartellträger mit großer Kaltblütigkeit. „Pah, ich ſchlage mich nicht,“ erwiederte der Land⸗ 140 wehrheld,„es iſt gegen meine Grundſätze, gegen gött⸗ liche und menſchliche Rechte, was will er machen?“ „Wenn Sie ſich Morgen früh acht Uhr nicht mit ihm ſchießen, ſo erklärt er Sie für den erbärmlich⸗ ſten Feigling.“ „Das kann er thun,“ erwiederte Langſchädel nach einigem Nachdenken,„ich bleibe darum wer ich bin.“ „Dann erklärt Herr von Steinau ferner,“ fuhr der Hofcommiſſair fort. „Nun was gibt's denn noch zu erklären?“ „Daß Sie dreifache Prügel verdient hätten.“ „Dreifache? Warum nicht gar,“ verſetzte Lang⸗ ſchädel, dem wieder unheimlich zu Muthe ward. „Allerdings, dreifache Prügel,“ ſprach Eecarius mit Betonung. „Aber warum denn dreifache?“ frug Langſchädel mit Zagen. „Erſtens, weil Sie ſich als Flegel benommen, wie Sie die Füße ungebührlich ausſtreckten;“ erklärte der Berichterſtatter,„zweitens für Ihre Frechheit, den Herrn Lieutnant coramirt zu haben, und drittens für Ihre Feigheit, die Forderung zurückzunehmen.“ Langſchädel ward kalt und heiß bei dieſer uner⸗ warteten Wendung der Dinge. Er verwünſchte, heut' Abend in die Harmonie gegangen zu ſein. „Sie könnten jedoch dieſe dreifachen Prügel ab⸗ wendig machen,“ fuhr Ecearius im trocknen Tone fort. Der Lieutnant ſchöpfte friſchen Athem und erkun⸗ digte ſich angelegentlich, auf welche Weiſe dies mög⸗ lich ſei? „Wenn Sie ſich als Ehrenmann zeigen,“ ſprach Eccarius,„und Morgen früh zur beſprochenen Stunde Kugeln mit Herrn von Steinau wechſeln. Außer⸗ dem ſind Sie keinen Augenblick ſicher, daß Sie Ihr 144 Forderer aufſucht und Ihnen, wo er Sie findet, alle Knochen im Leibe ſyſtematiſch zerſchlägt.“ „Aber bedenken Sie, geehrteſter Freund,“ ſprach der Bramarbas, dem der Angſtſchweiß aus allen Poren brach und der an allen Gliedern zu zittern begann, „ich ein Angeſtellter, ein Staatsdiener kann doch nicht gegen die eigenen Landesgeſetze ſündigen?“ „Ich ſtellte dies Herrn von Steinau vor,“ er⸗ wiederte der Hofcommiſſair,„aber er meinte, wer den Offiziercharakter trüge, dürfe darnach nicht fragen, ſon⸗ dern müſſe ſeinem Stande gemäß handeln und dem⸗ ſelben vor allen Dingen keine Schande machen.“ Langſchädel, auf's Aeußerſte gebracht, geſtand jetzt, daß er eigentlich nie etatsmäßiger Landwehrlieutnant geweſen ſei, daß ihn nur ſein Hauptmann auf dem Rückmarſche in die Heimath aus guter Bekanntſchaft dazu ernannt und daß die Regierung nie darum ge⸗ wußt habe. „Hüten Sie ſich ja,“ antwortete Eccarius,„die⸗ ſen Umſtand bei Herrn von Steinau geltend zu ma⸗ chen, um vom Duelle loszukommen. Der Herr Huſa⸗ renlieutnant würde dann ſagen:„ſo hat ſich dieſer ſaubre Patron einen ehrenvollen Titel angemaßt, der ihm nicht gebührt und er verdient zum vierten Male Prügel.“ Als ſich Langſchädel auf dieſe Art immer mehr in die Enge getrieben ſah, rief er endlich: „Aber, geehrteſter Herr Hofcommiſſair, inſonder⸗ heit geſchätzter Freund und Gönner, wenn nun Seine Excellenz der Finanzminiſter, mein hoher Chef, er⸗ fährt, daß ſich ſein wohlbeſtallter Brückenzollgelder⸗ einnehmer zu Neukirchen duellirt hat?“ „Er wird ein Auge zudrücken, wenn er davon erfährt,“ tröſtete Eccarius,„denn Steinau, Ihr Geg⸗ ner, iſt ſein Neffe und Liebling.“ 142 Dieſe Nachricht ſchlug den Lieutnant vollends darnieder.„Wie?“ rief er, und glaubte nicht recht gehört zu haben,„Seine Excellenz iſt der Onkel des Herrn von Steinau?“ „Und das wußten Sie nicht?“ frug der Hofcom⸗ miſſair,„das iſt eine bekannte Sache. Ich dächte auch, man könnte es dem hochfahrenden Weſen des jungen Herrn anſehen, daß er ſich hoher Protection zu erfreuen hat.“ „Hätte ich das ahnen können!“ ſeufzte der ver⸗ nichtete Landwehrlieutnant. „Darum das Beſte,“ rieth der Hofcommiſſair, „Sie machen heut Ihr Teſtament, Vorſicht iſt in al⸗ len Dingen gut, und ſtellen ſich Morgen früh pünkt⸗ lich ein. Ich werde Sie begleiten. Laſſen Sie vor allen Dingen keine Furcht blicken. Das gibt dem Gegner Uebergewicht. Zielen Sie ruhig und ſicher, Sie können mit meinen Kuchenreitern nicht fehlen. Uebereilen Sie ſich nicht beim Abfeuern, beim Avan⸗ eiren aber zögern Sie auch nicht, damit Ihnen der Erſte Schuß nicht entgeht; wie ich mir habe ſagen laſſen, ſoll Steinau ein tüchtiger Schütze ſein, der ſchon oft das As aus der Karte geſchoſſen hat.“ Langſchädeln ward's grün und blau vor den Au⸗ gen. Er befand ſich in einer unbeſchreiblich böſen Lage. Entweder mußte er ſich duelliren, oder er ſetzte ſich den betrübendſten Inſulten von Seiten des hochfahrenden Huſarenlieutnants aus, der überdies Neffe und Liebling des Finanzminiſters war. Er ſah mit Grauſen, daß diesmal nicht nur ſeine bürgerliche und moraliſche, daß ſelbſt ſeine leibliche Exiſtenz ge⸗ fährdet war. An ein Duell dachte er ſein Lebelang nur mit Schrecken, denn Niemand liebte das Leben, dieſe freundliche Gewohnheit des Daſeins und Wir⸗ 143 kens, mehr wie Langſchädel. Vergebens zermarterte er ſein Denkvermögen nach einer Rettung aus dieſer ſchauervollen Lage. Er zog den Hofcommiſſair zu Rathe und er begriff nicht, wie dieſer ſo ruhig blei⸗ ben konnte, wo es ſich um ein Menſchenleben handle. Eccarius bemerkte mit ſtillem Gaudium die Zer⸗ knirſchung des Großſprechers. „Ich mag dieſe Angelegenheit von einer Seite betrachten, von welcher ich will,“ ſprach er,„das Duell bleibt das Annehmbarſte; denn ſetze ich den Fall, daß Sie als fürſtlicher wohlbeſtallter Brücken⸗ zollgeldereinnehmer nur doppelte Prügel bekommen, iſt Ihr Renommée für immer dahin, die Schuljugend weiſt mit Fingern auf Sie, in keiner anſtändigen Geſellſchaft dürfen Sie ſich blicken laſſen, und wenn der Miniſter von der Sache erfährt, was höchſt wahr⸗ ſcheinlich iſt, ſind Sie am längſten Brückenzollgelder⸗ einnehmer geweſen, denn ein geprügelter Brückenzoll⸗ geldereinnehmer iſt ein Unding.“ Der Hofcommiſſair gab ſich alle Mühe, Langſchä⸗ deln die Zukunft ſo ſchwarz und grauſig wie möglich vorzumalen, für den Fall nämlich, daß er ſich nicht ſchlüge. Auf der andern Seite ſetzte er die Vor⸗ theile des Duells in glänzende Beleuchtung. „Was kann Ihnen Schlimmeres begegnen,“ frug er,„als daß Sie todt geſchoſſen werden?“ „Nun ich dächte denn doch,“ zähnklapperte Lang⸗ ſchädel,„das wäre ſchlimm genug; ich kann mir gar nichts Schrecklicheres denken, als einen jähen Tod.“ „Einbildung,“ tröſtete Eccarius,„ein Puff und Sie ſind aller irdiſchen Qual entrückt, wohnen im ſchönern Lande, während wir Zurückbleibenden noch mit den Trübſalen des Lebens zu kämpfen haben.“ Langſchädel konnte hierin keinen Troſt finden. 14⁴ Er war beſcheiden genug, mit der irdiſchen Trübſal gern vorlieb zu nehmen und ſehnte ſich nicht nach einem ſchönern Lande. „Und welch ein Tod,“ fuhr der troſtſprechende Hof⸗ commiſſair fort,„auf dem Bette der Ehre, das will was ſagen, mein Lieber, nicht Jedem wird ſo wohl.“ Auch dieſer Troſt wollte Langſchädeln nicht ein⸗ leuchten. „Sie können auch mit einem zerſchmetterten Beine oder Arme davon kommen,“ ſprach Eeccarius weiter, „im ſchlimmſten Fall wird das durchſchoſſene Glied abgenommen.“ Langſchädel ſchauderte. „Wenn Sie jedoch Ihren Gegner tödten,“ meinte der Troſtſprecher,„kommen Sie im höchſten Falle zehn Jahre auf die Feſtung.“ „Eine ſchöne Ausſicht,“ dachte der Landwehrlieutnant. „Und verwunden Sie ihn blos,“ fuhr Eccarius fort,„kann die Sache ganz vertuſcht werden. Nun bedenken Sie aber, wenn Sie Beide unverletzt aus dem Kampfe hervorgehen. Ihr kriegeriſcher Ruhm, den man ſo oft neidiſcher Weiſe in Zweifel gezogen, iſt für die Ewigkeit geſichert, Ihr Triumph vollkom⸗ men. Sie ſind ein ganz anderer Menſch, bewundert und gefürchtet von Allen.“ „Das ließe ſich ſchon hören,“ meinte Langſchä⸗ del;„aber wenn Herr von Steinau das As aus der Karte ſchießt, wie Sie ſagten, dann iſt ja ganz un⸗ denkbar, daß man mit dem Leben oder ohne zer⸗ ſchoſſene Knochen davon kommt.“ „Der beſte Schütze fehlt oft beim Duell,“ ver⸗ ſicherte der Hofcommiſſair,„es iſt etwas Andres, nach einem Kartenblatte wie nach einem Ebenbilde Gottes zu zielen.“ 55 Nach einer Pauſefügte er, wie mit ſich ſprechend, hinzu: „Dann gibt's auch gewiſſe Mittelchen, die noch nie ihren Zweck verfehlt haben.“ Langſchädel horchte mit Spannung. „Die geſchickt angewendet,“ fuhr Eccarius fort, „bewirken, daß keinem der Duellanten ein Haar ge⸗ krümmt wird.“ Der Landwehrlieutnant ward ganz Ohr und ſchöpfte tief Athem. „Wirklich,“ frug er,„ſolche Mittelchen gäbe es?“ „Es kommt Alles auf die Secundanten an,“ er⸗ zählte Eccarius,„wenn die ſich geſchickt benehmen, kann nie Unglück entſtehen.“ „Das wäre!“ ſprach Langſchädel, und gab ein außerordentliches Verlangen zu erkennen, ein Näheres über dieſe probaten Hausmittelchen zu erfahren, die ſich ſeines ungetheilten Beifalls zu erfreuen hatten. „Nun,“ erwiederte der Hofcommiſſair,„auf der Welt iſt Alles zu machen, die Secundanten brauchen nur keine Kugeln in die Piſtolen zu laden. Es knallt prächtig. „Wahrhaftig,“ rief Langſchädel, neuen Muth faſ⸗ ſend,„das iſt eins der ſinn- und geiſtreichſten und bequemſten Mittel, die mir je vorgekommen ſind und das ſeinem menſchenfreundlichen Erfinder alle Ehre macht.“ „Ja,“ fuhr er nach einigem Nachdenken cvuragöſer fort,„wenn ich mich morgen auf dieſes vortreffliche Mit⸗ tel verlaſſen könnte, würde ich, ſelbſt bei meiner gerecht⸗ fertigten Averſivn vor Duellen, weiter kein Bedenken tragen, mich dem hochfahrenden Huſaren zu ſtellen.“ Hierher wollte Eccarius den Bramarbas haben. Sein ganzes Bemühen ging darauf, daß Langſchädel das Duell annehme. Er machte alſo eine höchſt ver⸗ ſprechende Miene und erwiederte: „Wenn ich mich auf Ihre Verſchwiegenheit ver⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. vI. 10 1¹6 laſſen könnte, Langſchädel, würde ich allerdings das Mittel in Anwendung bringen. Es koſtet mich ein vertrauliches Wörtchen mit Steinau's Secundanten, welcher Ihr Piſtol zu laden hat, und die Sache iſt abgemacht; ich habe dadurch ſchon viel Unglück bei Duellen, wo ich ſecundirte, verhütet; aber, wie geſagt, unverbrüchliches Schweigen; die Sache iſt delicat.“ Langſchädel hob alle zehn Finger zum fürchter⸗ lichſten Schwure ob ſeiner Verſchwiegenheit empor. „Engel in Menſchengeſtalt,“ rief er in Exſtaſe,„Sie ſind mein Retter, Sie geben mir das Leben wieder.“ Eccarius gelobte jetzt, mit Steinau's Secundan⸗ ten geheime Rückſprache zu nehmen. „Vor allen Dingen,“ ſprach er aufſtehend,„will ich jetzt den von Steinau benachrichtigen, daß Sie ſich morgen früh acht Uhr im Benrdictinerkloſter einfinden.“ „Wäre es nicht gerathener,“ frug Langſchädel voll Beſorgniß,„Sie nähmen vorher mit dem Secundanten Rückſprache? Es iſt eins beſſer wie das andre.“ „Ich muß doch erſt das Duell ſelbſt zu Stande bringen,“ lächelte der Hofevmmiſſair,„bevpr vom Se⸗ eundanten die Rede ſein kann. Ich weiß ja noch gar nicht, wen Steinau dazu erwählt.“ „Mein Gott,“ rief Langſchädel ängſtlich,„das wiſſen Sie noch nicht?“ „Sie ſind ein närriſcher Kauz, woher ſoll ich das wiſſen?“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Hofcommiſſair und ließ den Landwehrlieutnant in höchſt bänglicher Unruhe zurück. „Wenn nun,“ ſprach er für ſich,„Steinau's Se⸗ cundant von dem menſchenfreundlichen Mittel nichts wiſſen will und wirklich eine Kugel ladet?“ Bei dieſem Gedanken ward ihm ganz unwohl. Z 147 „Dann bin ich,“ fuhr er fort,„trotz aller Vor⸗ ſicht geliefert. „Hätte ich mich nur auf das verwünſchte Duell gar nicht eingelaſſen,“ ſeufzte er nach einer Pauſe, „es mochte werden, wie es wollte; ich will lieber alle irdiſche Trübſal erleiden, als mich todtſchießen laſſen.“ Während dieſer höchſt niederſchlagenden Betrach⸗ tungen kehrte der Hofcommiſſair zurück. „Es iſt Alles in Ordnung,“ ſprach er,„Sie ha⸗ ben nicht das Geringſte zu befürchten; der Herr von Felseck wird dem Lieutnant ſecundiren; ich ſtehe mit erſterm auf ziemlich befreundetem Fuße; die Sache wird ſich auf's Schönſte arrangiren laſſen.“ „Das gebe Gott,“ ſeufzte Langſchädel, friſchen Athem ſchöpfend,„da habe ich wohl auch nicht nöthig, teſtamentariſche Verfügungen zu treffen?“ „Sind völlig überflüſſig,“ beruhigte Eccarius. Während der Langſchädel'ſchen Duellangelegenhei⸗ ten hatte im Saale der Tanz ſeinen Anfang genom⸗ men. Er hatte unmittelbar begonnen, wie der Adel abgegeſſen. Da ſaß die Saalwände entlang in lan⸗ gen Reihen die geſammte Flora von Neukirchen die adelige wie die bürgerliche; aber beide von einander wohl geſchieden. Die tanzenden Herren gehörten faſt ſämmtlich dem Adel an, welche denn auch nur mit bekannten adeligen Damen tanzten, während die bür⸗ gerlichen Mädchen ſich umſonſt in Putz geworfen hat⸗ ten und ſich vergebens nach einem Tanze ſehnten. Die Hoffnung der letztern beruhte auf zwei Perſonen, einem jungen flotten Amtsviceactuar und einem dito Kaufmann, welche beide ſelten einen Tanz ausſetzten und daher auf den tänzerarmen Harmoniebällen eine höchſt willkommene Erſcheinung waren. Dieſe wieder wagten nie eine adelige Dame zum Tanze aufzufor⸗ 40 148 dern, weil der Fall wiederholt dageweſen war, daß die gnädigen Fräuleins die Ehre, mit einem bürger⸗ lichen Harmoniegliede zu tanzen, abgelehnt hatten, während ſie unmittelbar darauf am Arme eines adeli⸗ gen Tänzers dahin walzten. Wie ſehr auch über dieſe adelige Inſolenz in den bürgerlichen Kreiſen raiſonnirt wurde, ſo hatte es doch noch kein Bürger⸗ licher gewagt, derſelben öffentlich und auf der That entgegen zu treten. Dadurch aber, daß man bürger⸗ licherſeits den adeligen Fräuleins ſo viel nachſah, war der Hoch⸗ und Uebermuth der letztern geſteigert worden. Als Muſter von adeliger Prätenſion mußten die beiden Fräuleins Bianca und Luitgard von Po⸗ nikau, ſo wie die Nichte des penſionirten General von Kirchner, Adele von Liebenrode, betrachtet werden. Dieſe jungen Damen, obſchon ihr Adel keineswegs in hohe Jahrhunderte hinaufreicht, auch ihre irdiſchen Glücksgüter nicht eben von großem Belang waren, empfanden gleichwohl eine wahre Averſion gegen Alles, was bürgerlich hieß, und ließen dieſen Adelſtolz haupt⸗ ſächlich dem gebildeten weiblichen Publikum von Neu⸗ kirchen entgelten. Vergebens hatte der erwähnte flotte Tänzer, der Amtsviceactuar Wolfram, ſo wie ſein tanzluſtiger College, der Kaufmann Weinlich, alle Beredtſamkeit aufgeboten, noch einige junge bürgerliche Harmonie⸗ mitglieder für den Tanz zu animiren. Die Anzahl des Adels war heute zu überwiegend, als daß außer den beiden Genannten ſich ein Bürgerlicher auf den Tanzſaal herausgetraut hätte. Allmälig ward aber auch dem Actuar und dem Kaufmanne die adelige Atmoſphäre zu drückend; ſie kamen ſich gar zu ver⸗ einſamt vor und überließen zum Schrecken der bür⸗ gerlichen Flora dem Adel unbeſchränktes Terrain. Da 149 ſaßen nun völlig verlaſſen die armen bürgerlichen Mädchen und hatten das Zuſehen, wie die Nobleſſe im fröhlichen Reigen an ihnen vorüberrauſchte. Nur eine einzige Ausnahme fand Statt, welche zugleich ein neues Beiſpiel von dem an Ungezogenheit grenzenden Hochmuthe der oben erwähnten adeligen Fräuleins abgab. Es ſollte zur Francaiſe angetreten werden; für das dritte Quarré fehlte eine Dame; da eilte zur allgemeinen Indignation des Adels, ſo wie zum höchſten Erſtaunen des anweſenden Bürgerſtandes der Lieutnant von Sternberg zu der ſchönen Emilie, der Tochter des Advocaten Eberhardt, und wählte ſie zu ſeiner Tänzerin für den bevorſtehenden Tanz. Zufälligerweiſe befand ſich in dieſem dritten Quarré die ſtolze Bianca von Ponikau und kam gerade der Advveatentochter gegenüber zu ſtehen. Ein zermal⸗ mender Blick ihrer ſchönen Augen fiel auf Herrn von Sternberg; und ſie ſtand wirklich im Begriff, abzu⸗ treten, als die Muſik einfiel und der Tanz begann. Jetzt hätte man aber ſehen ſollen, mit welchem auf⸗ fallenden und ausgeſuchten Raffinement Bianca tanzte, um ihren Abſcheu gegen die bürgerliche Mittänzerin hinlänglich an den Tag zu legen. An ein Pas ihrer⸗ ſeits war nicht zu denken, und wo es die Tour mit ſich brachte, daß ſie der Advvcatentochter die Hand zu reichen hatte, zog ſie letztere mit auffälliger Abſicht zurück. Sie würdigte das bürgerliche Mädchen keines Blicks und gab ihr Mißbehagen über Emilien's An⸗ weſenheit überhaupt ſo deutlich zu erkennen, daß dem tief gekränkten Kinde die Thränen nahe waren, welche nach beendigtem Tanze unaufhaltſam hervorbrachen. Dieſer Vorfall, welcher bald unter den Bürger⸗ lichen bekannt wurde, erregte große Senſativn. Man raiſonnirte wieder fürchterlich; es wurden heroiſche 150 Entſchlüſſe gefaßt. Man wollte in Maſſe aus der Harmonie treten, eine neue Geſellſchaft bilden und ſämmtlichen Adel für unzutrittsfähig erklären. Als der Himmel den Schaden beſah, blieb Alles beim Alten. Indeß ſollte die höchſte Nobleſſe, die Créme von Neukirchen und insbeſondere Fräulein Bianca auf eine andere Art gedemüthigt werden, wie aus dem zweiten Bande dieſes lehrreichen Buchs zu erſehen iſt. Ein Hauptraiſonneur in ſolchen geſelligen Ange⸗ legenheiten war Langſchädel. Mit dem Munde war er ſtets bei der Hand. Heute jedoch lag ihm die Duellgeſchichte zu ſehr im Sinne, als daß ihm Muße geblieben, ſich mit anderen Dingen zu beſchäftigen. Er getraute ſich kaum, das Rauchzimmer zu verlaſſen, in der Beſorgniß, mit Herrn von Steinau zuſammen⸗ zutreffen. Er guckte nur einmal ganz verſtohlen durch die Saalthüre nach den tanzenden Paaren. Hier be⸗ merkte er nicht ohne leiſes Fröſteln, wie ſein Gegner tanzend dahinwogte. „Es iſt mir unbegreiflich,“ ſprach er für ſich,„wie man am Rande des Grabes ſo flott tanzen kann. Ein unverantwortlicher Leichtſinn, den ich mir nie habe zu Schulden kommen laſſen. Oder verläßt er ſich am Ende auch auf das vortreffliche Mittel, von dem der Hofcommiſſair ſprach? Ich glaube faſt, denn außer⸗ dem würde er ſich nicht dermaßen in den Strudel von Vergnügungen ſtürzen, ſondern ſich in die Einſamkeit zurückziehen und über Unſterblichkeit nachdenken. Er kann ſich aber auch betäuben wollen.“ Während Langſchädel über des Herrn von Steinau Tanzluſt Betrachtungen anſtellte, packten ihn plötzlich zwei Arme convulſiviſch an den Schultern. Der Lieut⸗ nant wandte ſich erſchrocken um und ſchaute in das zornrothe Geſicht des Kaufmanns Abendroth. 154 „Wiſſen Sie denn ſchon von der neuen Imper⸗ tinenz,“ frug er heftig,„die ſich Ponikau⸗Bianka ge⸗ gegen Eberhardt⸗Mariechen erlaubt hat?“ Langſchädel, der aus der Rauchſtube nicht heraus⸗ gekommen war, wußte von nichts. Nun theilte der andere die Geſchichte von der Francaiſe mit, in der Hoffnung, Langſchädel werde in ſeiner bekannten Art zu raſen beginnen. Wider Erwarten blieb der Lieutnant ganz ruhig. Er zuckte blos ein wenig mit den Achſeln. „Wie?“ fuhr Abendroth fort,„Lieutnant, was ſa⸗ gen Sie, das können wir uns nicht gefallen laſſen.“ Langſchädel zuckte wieder blos mit den Achſeln und erwiederte kein Wort. Da ward der Kaufmann wild, ſchalt den Land⸗ wehrlieutnant ein ſeelenloſes Amphibium und rannte von dannen, um bei anderen befreundeten bürgerlichen Harmoniemitgliedern Aufruhr zu predigen. „Ich habe fürwahr jetzt keine Zeit,“ ſprach Lang⸗ ſchädel für ſich,„mich um dergleichen Bagatellen zu kümmern.“ Er kehrte in das Rauchzimmer zurück und ſpähte ängſtlich nach dem Hofcommiſſair, in deſſen Händen ſein ganzes Geſchick ruhte. Dieſer war zufällig nicht anweſend und Langſchädel bekam ſchon Angſt, daß er den Ball verlaſſen haben möge. Er ſchritt unruhig auf und nieder. Endlich erſchien Eeccarius und ward vom Landwehrlieutnant ſogleich in Beſchlag genommen. Erſt nachdem ihm dieſer wiederholt verſichert, daß er wegen des Duells durchaus nichts zu befürchten habe, ward er ruhig. Der Hofcommiſſair verſprach, ſich den nächſten Morgen punkt halb acht Uhr mit den Kuchenreitern und mit Pulver und Blei einzufinden. wieder eine Centnerlaſt auf die Bruſt. er„warum wollen Sie ſich damit belaſten? Sie wiſſen ja— die Verabredung.“ und wollte gute Nacht ſagen. Langſchädel aber ließ es ſich nicht nehmen, den Hofeommiſſair nach Hauſe zu begleiten. nochmals angelegen ſein ließ, den haſenherzigen Lieut⸗ nant hinſichtlich des Duells zu beruhigen, ſo gehörte doch die darauf folgende Nacht zu den unruhvollſten, die Langſchädel je erlebt hatte. Seine aufgeregte Phantaſie malte ihm den bevorſtehenden Zweikampf mit den ſchwärzeſten, blutigſten Farben. Er dachte ſich ausgeſtreckt am Boden liegend, die Bruſt von nicht weniger denn drei Kugeln durchlöchert. Erſt gegen Morgen fiel er in einen unerquicklichen, fieberhaften Halbſchlummer. Hier quälten ihn wieder böſe Traum⸗ bilder. mit Herrn von Felseck, dem Secundanten Steinau's, die nöthige Rückſprache genommen, daß man den näch⸗ ſten Morgen keine Kugeln laden wolle. halb immer erreicht, ſobald die Duellanten ſelbſt nichts von dem Betruge wiſſen. Wir verhüten nur Unglück. Die Hauptſache beim Duell iſt, daß die beiden feindlichen Theile den Muth haben, ſich zu ſtel⸗ len und auf ſich ſchießen zu laſſen. Ihre beiderſei⸗ tige Ehre iſt gerettet, wenn auch keine mörderiſchen Kugeln in den Läufen ſtecken.“ 152 Bei dem Worte Blei wälzte ſich Langſchädeln „Wozu noch Blei? theuerſter Hofcommiſſair,“ frug „Nur der Form wegen,“ beruhigte ihn Eeccarius, Obwohl ſich's Eeccarius auf dieſem Nachhauſewege Der Hofcommiſſair hatte bereits am Ballabende „Der Zweck des Duells,“ ſprach er,„bleibt des⸗ Als ſich Felseck auf dieſe ſeltſame, aber keines⸗ wegs unrichtige und höchſt menſchenfreundliche Logik nicht einlaſſen wollte, erwiederte Eccarius mit Ruhe: „Wie Ihnen gefällig, ſind Sie grauſam, kann ich's auch ſein. Sie werden mir daher morgen unmittel⸗ bar vom Kampfplatze in das Gefängniß folgen. Ich beſitze einen Wechſel, der ehegeſtern fällig war.“ Der Baron erblaßte. „Sind Sie indeß weniger blutgierig,“ fuhr der Hofeommiſſair fort,„gebe ich ein halbes Jahr Ge⸗ ſtundung.“ Dem Baron, deſſen Finanzen ſich nie eines blü⸗ henden Zuſtandes zu erfreuen hatten, klang dieſer Vor⸗ ſchlag angenehm, ſo daß er ſich erweichen ließ und die menſchenfreundlichen Anſichten des Hofcommiſſairs in Betreff des Duells einleuchtend fand. Er verſprach, das Piſtöl blind zu laden. Der Morgen des großen Tages brach an. Lang⸗ ſchädel, welchem der trügeriſche Traumgott übel mit⸗ geſpielt hatte, fuhr erſchrocken von ſeinem Lager und athmete tief und ſchwer, unterſuchte und befühlte ſich am ganzen Leibe, denn ſeinen Träumen zufolge mußte er von Kugeln wie ein Sieb durchlöchert ſein. Punkt halb acht Uhr ſtellte ſich Eccarius ein. Er freute ſich über Langſchädel's bleiches und verſtörtes Ausſehen. Solche Strafe hatte er dieſem Bramarbas längſt gewünſcht. „Ach Gott,“ ſeufzte der Lieutnant,„ich habe dieſe Nacht entſetzlich geträumt; glauben Sie an Träume?“ „Dummes Zeug,“ lachte Eccarius,„Blaſen einer aufgeregten Phantaſie. Betrachten Sie einmal dieſe ſüperben Kuchenreiter. Sind das nicht Prachtſtücke?“ Er hielt mit dieſen Worten Langſchädeln die mit⸗ gebrachten Piſtolen vor's Geſicht. Langſchädel ſchauderte. 154⁴ „Sie ſind doch nicht geladen?“ frug er zagend. „Noch nicht,“ erwiederte der Hofcommiſſair. „Haben Sie ſchon Kaffee getrunken?“ erkundigte ſich theilnehmend der Lieutnant. „Sie wiſſen, daß ich dergleichen nie trinke,“ ver⸗ ſetzte der Gefragte.„Uebrigens haben wir keine Zeit zu verlieren. Bei einem Stelldichein iſt Pünktlichkeit eine Haupttugend.“ „Apropos,“ fuhr er fort,„haben Sie ſich ſchon einmal auf Barriere geſchoſſen?“ „Sie wiſſen,“ erwiederte Langſchädel ſtockend, „meine Grundſätze—“ „Ach ja,“ entſann ſich Eccarius;„wohlan, da muß ich Sie mit dieſer Kampfart bekannt machen. Doch kommen Sie, hora ruit. Das läßt ſich unter⸗ wegs erzählen.“ Der Lieutnant war endlich zum Aufbruche fertig und ſchritt zagenden Herzens neben dem Hofcommiſſair die noch ſtillen Straßen des Städtleins dahin. Es war ein trüber, nebeliger Morgen. Man gelangte vor's Thor und ſchlug den Weg längs der Werla nach der Benedictinerabtei ein. Eccarius ließ ſich's jetzt angelegen ſein, ſeinen Be⸗ gleiter mit der Art und Weiſe, welche beim Barrière⸗ ſchießen zu beobachten ſei, vertraut zu machen. Aber wie faßlich er vortrug, vernahm Langſchädel nicht viel davon. Sein Geiſt war zu ſehr mit der möglichen Gefahr beſchäftigt. „Hätte ich mir doch im Leben nicht träumen laſſen,“ ſprach er,„daß ich mich auf meine alten Tage würde ſchießen müſſen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß mich der Satan blendete, als ich geſtern in meinem Uebermuthe die Füße zu weit vorſtreckte.“ „J nun,“ tröſtete der Hofcommiſſair,„ein ſolches ————— 155 Duell, das auf ein Kinderſpiel hinausläuft, kann man ſich gefallen laſſen. Dann müſſen Sie auch bedenken, welchen Ruhm Sie dabei ernten, denn daß die Sache bei aller Geheimhaltung dennoch bekannt wird, unter⸗ liegt keinem Zweifel.“ „Glauben Sie?“ frug Langſchädel. „Unbedingt,“ erwiederte erſterer,„Sie ſind von heute an ein gemachter Mann, was den Ruhm an⸗ belangt.“ „Ach, beſter Hofcommiſſair,“ ſprach Langſchädel, „Sie glauben nicht, ein Mann, wie ich, der des Le⸗ bens Ernſt erfahren, iſt über die bunte Seifenblaſe des Ruhms hinweg.“ „Als ehemaliger Militair,“ meinte Eccarius,„iſt der Ruhm für Sie unentbehrlich.“ Unter ſolchen Geſprächen war man den Ruinen des alten Kloſters nahe gekommen. „Wird's denn ſehr knallen?“ frug Langſchädel; „laden Sie ja ſo wenig als möglich Pulver, daß wir die Gerichte nicht aufſtutzig machen.“ „Sein Sie unbeſorgt,“ tröſtete der Hofeommiſſair, „es iſt für dieſe Jahreszeit früh, ich glaube, daß das geſammte Gerichtsperſonal der Umgegend noch auf dem Ohre liegt.“ Unmittelbar an die alte Abtei grenzte ein dunkler Kiefernwald. Hier befand ſich fünfhundert Schritte abwärts eine ausgehauene Stelle, welche man zum Kampfplatze auserſehen hatte. „Langſchädel,“ ſprach ermuthigend der Hofcom⸗ miſſair, als er zwiſchen den hohen, ſtillen Kiefern da⸗ hinſchritt,„wie ſoll nach vollbrachter Ehrenſache das Frühſtück ſchmecken bei der Kloſterwirthin!“ Dem Land⸗ wehrlieutnant war gar nicht wie Eſſen zu Muthe. Er verſpürte nicht den entfernteſten Appetit. N 156 „Ich wünſchte, die Sache wäre vorüber,“ ſprach er;„alſp mit dem Baron von Felseck haben Sie die nöthige Rückſprache genommen?“ „Unbeſorgt,“ ſprach Eecarius,„laſſen Sie nur keine Furcht blicken. Wir werden ſogleich zur Stelle ſein.“ Langſchädel's Herz klopfte hörbar. Wirklich er⸗ reichte man nach wenig Schritten den freien Platz, wo Herr von Steinau nebſt ſeinem Secundanten und einem Wundarzte bereits auf und nieder ſchritten. „Verwünſcht,“ brummte der Hofcommiſſair,„daß wir auf uns haben warten laſſen. Sie waren aber nicht fortzubringen.“ Er nahm mit dem Baron von Felseck Rückſprache, man maß die Diſtanzen und ſteckte die Barrieren. Langſchädel, mit allen Duellgebräuchen gänzlich unbekannt, blieb ſtarr und ſteif auf ſeinem Platze und rührte ſich nicht von der Stelle. Als er jedoch den Hofcommiſſair mit dem feindlichen Secundanten ſich vertraut unterreden ſah, faßte er wieder Muth. „Wenn's auch ein wenig knallt,“ dachte er,„vom bloßen Knall iſt noch Niemand geſtorben oder beſchä⸗ digt worden. Es müßte denn durch den Pfropf ge⸗ ſchehen, was ich nicht hoffen will.“ Herr von Steinau, nachdem er die ſtumme Be⸗ grüßung des Hofeommiſſairs und Langſchädel's eben ſo ſtumm erwiedert hatte, ging, die Hände auf dem Rücken, in einiger Entfernung ſchweigend auf und ab und betrachtete mit vieler Ruhe die Vorkehrungen, welche zu dem Duell getroffen wurden. Zuweilen auch unterhielt er ſich mit dem anweſenden Chirurgen. Nachdem alle Vorkehrungen zu dem bevorſtehenden Kampfe getroffen worden, begannen die beiden Se⸗ eundanten die Piſtolen zu laden, welchem verhängniß⸗ 157 vollen Geſchäfte der Landwehrlieutnant mit ſehr ban⸗ gem Herzen zuſchaute. Nach den üblichen Ceremonien erhielt jeder der Duellanten ſeine Waffe und wurde auf ſeinen Platz geſtellt. Langſchädel wollte ſich ſo eben bei dem Hofcom⸗ miſſair erkundigen, ob wirklich keine Gefahr vorhan⸗ den ſei, als dieſer ihm in's Ohr raunte: „Es iſt mir wahrhaft fatal, daß meine wohlmei⸗ nende Abſicht fehl geſchlagen iſt.“ „Wie ſo?“ frug Langſchädel, der aus dieſen Wor⸗ ten nicht klug wurde. „Nun, wegen der ſcharfen Ladung,“ meinte Eeccarius,„hätt' ich ahnen können—“ „Um Gottes willen,“ begann der Landwehrlieut⸗ nant, und ſeine Stimme zitterte,„was wollen Sie damit ſagen?“ „Faſſen Sie ſich als Mann,“ fuhr der Hofcom⸗ miſſair fort,„es iſt jetzt nicht zu ändern; Herr von Felseck wollte von meinem menſchenfreundlichen Vor⸗ ſchlage nichts wiſſen und hat Kugeln geladen; es blieb mir daher nichts übrig, als ein Gleiches zu thun.“ Langſchädeln begann bei dieſen Worten die Erde unter den Füßen zu wanken und die Bäume hin und her zu tanzen. Er wollte geradezu die Flucht ergrei⸗ fen, als Eccarius zurückſprang und das Commando⸗ wort zur Eröffnung des Kampfes begann. Es waren die ſchrecklichſten Augenblicke im Leben des Landwehrlieutnants. Sein Geſicht glich dem ei⸗ nes Todten; ſeine Augen ſtarrten und die Haare ſtan⸗ den ihm ſammt und ſonders zu Berge. Als er ſei⸗ nen Gegner langſam auf ſich zukommen ſah, glaubte er, ſein letztes Stündlein habe geſchlagen; er wollte ſich eben bücken, um der Kugel auszuweichen, als Herr 158 von Steinau abdrückte. Mit dem knallenden Schuſſe fiel auch Langſchädel hin, ſo lang er war. Die Secun⸗ danten, wie der Chirurgus, ſprangen herbei und be⸗ ſchäftigten ſich mit dem zur Erde Gefallenen. Der Arzt unterſuchte Langſchädeln am ganzen Leibe, da er aber nicht die geringſte Verwundung entdeckte, hielt er dem Scheintodten ein Fläſchchen mit Spiritus unter die Naſe, worauf der Landwehr⸗ lieutnant zum Leben erwachte. „Haben Sie teſtirt?“ frug Eccarius. „Ach, daß Gott erbarme,“ ſeufzte Langſchädel mit ſchwacher Stimme,„iſt denn wirklich keine Rettung?“ „Sie ſind ja gar nicht verwundet,“ erwiederte der Chirurg, dem die Sache jetzt ebenfalls lächerlich vorkam. Dem Hofcommiſſair, als er den großſprecheriſchen Bramarbas in ſeiner tiefſten Erniedrigung erblickte, trat vor Lachen eine Thräne in die Augen. „Siehe,“ ſprach er für ſich,„das wollte ich haben, dich Großmaul für deine Prahlereien einmal gezüch⸗ tigt zu ſehen. Du konnteſt dir dein Hinfallen und die damit verbundene Blamage erſparen; weder Steinau's noch dein Piſtol war ſcharf geladen. Aber ich wußte, daß der bloße Knall dich Haſenherz umwerfen würde; und weiter wollte ich nichts.“ Nachdem der Wundarzt den noch immer am Bo⸗ den liegenden Langſchädel wiederholt unterſucht und verſichert hatte, daß er völlig unverſehrt ſei, richtete ſich letzterer halben Leibes empor. „Sprach der Hofcommiſſair nicht vom Teſtiren?“ frug er mit unſichrer Stimme, und fing an, ſich am ganzen Leibe zu betaſten. „Er fürchtete, Sie ſeien verwundet,“ verſetzte der Arzt,„weil Sie zu Boden fielen.“ „Das knallte fürchterlich,“ meinte Langſchädel, 159 „ich glaubte nicht anders, als die Kugel habe mir den Kopf weggeriſſen. Die Beſtie muß mir übrigens ganz nahe am Ohre vorbeigepfiffen ſein.“ Nachdem Steinau keine weitere Genugthuung ver⸗ langte, entfernte er ſich mit ſeinem Secundanten und dem Arzte eben ſo ſchweigſam, wie er gekommen. Langſchädel war jetzt mit dem Hofcommiſſair allein. „Das heißt ſich geſchoſſen,“ ſprach er, nachdem er wieder auf ſeinen beiden Füßen ſtand,„was meinen Sie, Hofcommiſſair?“ „Geben Sie mir Ihre Hand, Herr Brückenzoll⸗ geldereinnehmer,“ verſetzte dieſer. Langſchädel, ob dieſer ungewöhnlichen Titulatur verwundert, reichte ſeine Hand hin. „Sie verſprechen mir hiermit,“ begann jetzt Ee⸗ carius in beſtimmtem, faſt befehlendem Tone,„daß Sie hinſichtlich dieſer ſchauderöſen Duellgeſchichte ge⸗ gen Jedermann ſchweigen, wenn Ihnen ihr Renommée auch nur drei Pfennige werth iſt.“ Langſchädel gerieth immer mehr in Erſtaunen, während der Hofeommiſſair fortfuhr: „Sie haben ſich wie ein haſenherziger Poltron geſchlagen. So wiſſen Sie denn, daß Steinau's Piſtol nicht mit einem Schrotkorn, geſchweige mit einer Kugel geladen war. Ich habe doch manchem Duelle beigewohnt, aber ſo wahrhaft miſerabel iſt mir kein Duellant vorgekommen. Hinzufallen wie ein Kartoffelſack aus bloßer Furcht! Pfui, ſchämen Sie ſich, Brückenzollgeldereinnehmer.“ Langſchädel, nachdem die Gefahr vorüber, hatte nicht übel Luſt, ſich auf's große Pferd zu ſetzen, aber der ſchlaue Hofcommiſſair wußte ihn zu faſſen, daß er auf alle Inſinuationen kein Wort zu erwiedern wagte. Wollte er wohl oder übel, mußte er in einen 160 ſauern Apfel beißen. Im Innern war er nur froh, mit heiler Haut aus dieſem verwünſchten Duelle davongekommen zu ſein. Von jetzt an titulirte Eecarius Langſchädeln zu deſſen nicht geringem Verdruſſe nie anders als Herr „Brückenzollgeldereinnehmer,“ und letzterer konnte nichts dagegen haben, da er in der Angſt ſeines Herzens, um dem Duelle zu entgehen, ſelbſt geſtanden hatte, nie anerkannter Landwehrlieutnant geweſen zu ſein. Ein andrer Schmerz Langſchädel's beſtand darin, daß er von dem Duelle gegen Niemand Erwähnung thun durfte, weil alsdann Ecearius mit ſeiner ſchar⸗ fen Zunge ſogleich gegen ihn aufgetreten ſein und ihn in den Staub getreten haben würde. Er betrachtete dieſes zur Stummheit Verdammtſein als das größte Unglück ſeines Lebens; denn konnte es wohl eine ſchönere Gelegenheit geben, ſeinen Hervismus in ſtrah⸗ lende Beleuchtung zu ſtellen, als wenn er den Leuten hätte erzählen dürfen, daß er ſich auf Piſtolen mit einem Huſarenlieutnant geſchlagen? Ueberhaupt war Langſchädel durch dieſe Duell⸗ geſchichte nachdrücklich gedemüthigt worden. Eccarius ſaß ihm wie der böſe Feind im Nacken. Langſchädel mochte in einer Geſellſchaft ſich noch ſo ſehr von ſei⸗ nem Bramarbaſiren haben hinreißen laſſen, ſobald der Hofcommiſſair in's Zimmer trat, lenkte er ſogleich ein und war bemüht, dem Geſpräche eine andre Wendung zu geben. Der Hofcommiſſair hatte ſeinen Zweck erreicht und ſich Langſchädeln vollkommen unterthänig gemacht. — 164 Siehentes Rapitel. Charakteriſtik von Sonnenſchmidt's Neffen, dem Studenten Carl Willer. Einer der ſchönſten, genialſten und liebenswürdigſten Studenten auf der Univerfität war Carl Willer, der Neffe, Mündel und Pathe des Herrn Inſpectors Son⸗ nenſchmidt in Neukirchen. Von ſchlanker, ſtattlicher Figur beſaß er die prächtigſten Augen; reiche dunkle Locken umwogten das in Jugendluſt blühende Antlitz. Mit dem beſten Herzen verband er jedoch, wie das in der Regel der Fall, auch großen jugendlichen Leicht⸗ ſinn. Letzteres war die Urſache, daß Carl, welcher die ganze Welt hätte an's Herz drücken können und der auch allgemein wieder geliebt wurde, dennoch ſeine Widerſacher und Gegner hatte. Unter letzteren ſtand oben an der eigne Herr Onkel, Vormund und Pathe. Carl konnte ſich nie entſin⸗ nen, mit dem Inſpector Sonnenſchmidt je einerlet Meinung geweſen zu ſein. In der zweiten Claſſe der Widerſacher Carl's ran⸗ girte das academiſche Gerichtsperſonal. Das häufige feindliche Zuſammentreffen mit letzterm war die Ur⸗ ſache, daß eine gewiſſe Kälte zwiſchen beiden Mächten eingetreten war, denn Karl Willer als Senior der Saxonia bildete eine Macht auf der Univerſität. Die dritte Claſſe der Widerſacher war die zahl⸗ reichſte und mußte in dem Tiersparti der Stadtbe⸗ wohner, in dem Geſchlechte der weithin wohnenden Manichäer geſucht werden. Ein Hauptpunkt, worüber ſich Carl mit ſeinem Onkel nie einigen konnte, war der Geldpunkt. Wäh⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. VI. 11 rend Sonnenſchmidt in Neukirchen rechnete, wie viel ſein Neffe bei Ablaufe eines jeden Monats vom letz⸗ ten Wechſel übrig haben müſſe, war bereits in Carl's Ausgabebudget ein bedeutendes Deficit eingetreten. Nicht ein einziges Mal iſt der Fall vorgekommen, daß die beiderſeitigen Rechnungsabſchlüſſe geſtimmt hätten. Die Summe, welche dem YNeffen ausgeſetzt war, reichte allerdings hin, als Student anſtändig zu leben, auch war Carl keineswegs leichtſinniger Verſchwender; aber er hatte eine Menge Ausgaben, die man ſonſt bei Studenten nicht anzutreffen pflegt. So unterſtützte er, ohne ſich als Wohlthäter zu erkennen zu geben, mehre ſogenannte verſchämte Arme. Für den Jungen ſeines Aufwärters, einer armen ehrlichen Haut, be⸗ zahlte er das Schulgeld. Zur Weihnachtszeit gewährte es ihm ein Götterfeſt, aller Welt, namentlich Kindern, beſcheeren zu können, und kein Nothleidender ging ohne Hülfe von ihm. Bei den Geburtstagen des Neukirchner Onkels griff er ſich namentlich an. Da erfolgte in der Regel ein ſchöner Meerſchaumkopf mit ſilbernem Beſchläge oder eine ſauber gemalte und reich⸗ vergoldete Mundtaſſe oder ein geſchmackvolles Weſten⸗ zeug. Die Gabe war jedesmal von einem allerliebſten Gedichte begleitet; denn Carl war nicht ohne Talent in der edeln Pveſie. Aber als ob Onkel und Reffe in keiner Sache ſich hätten vereinigen können, gaben ſelbſt dieſe Geburts⸗ tagsgeſchenke und hübſchen Gedichte dem Inſpector Veranlaſſung, dem Abſender den Tert zu leſen. Er⸗ ſtens hieß es in dem deshalb abgeſendeten Briefe, ſolle ſich der Herr Neffe nicht unnützer Weiſe in Un⸗ koſten ſtecken und alsdann die edle Zeit nicht mit überflüſſigen Reimereien vergeuden. Ueberhaupt war Sonnenſchmidt als practiſcher Heconom ein abgeſagter —,— 163 Feind aller Poeſie; Verſemacherei kam ihm gleich nach Straßenbettelei und er hielt für das Studium einer Fachwiſſenſchaft nichts ſchädlicher, als ſolche poetiſche Allotria. Der andre Hauptgrund, weshalb der Inſpector mit dem Studenten in ſtetem Dispüt lag, war die Studienweiſe des letztern. Nach Sonnenſchmidt's Willen ſollte Willer auf der Academie durchaus nichts weiter treiben als Jurisprudenz, um ſo bald als möglich das Examen beſtehen zu können. Alle andere Wiſſenſchaften wären Larifari und dienten nur dazu, den Studenten der Rechte zu zerſtreuen und ihn von ſeinem Brodſtudium abzuleiten. Nun gehörte Willer aber gerade zu denjenigen wißbegierigen Jünglingen, die bemüht ſind, Alles zu durchdringen, und welche die verſchiedenartigſten Richtungen, in welchen ſich der menſchliche Forſchungsgeiſt offenbart, mit gleichem Intereſſe verfolgen. Die Naturwiſſenſchaften, Philoſo⸗ phie und Geſchichte waren es hauptſächlich, die ſein ungetheiltes Intereſſe in Anſpruch nahmen, während die abſtractere Jurisprudenz ihm weniger zuſagte. In der Geſchichte hatte Willer nicht Unbedeutendes ge⸗ leiſtet und mehren ſeiner hiſtoriſchen Abhandlungen war von der hiſtoriſchen Sveietät der Preis zuerkannt worden. Er ſchickte die gedruckten Brochuren an ſei⸗ nen Onkel nach Neukirchen, weil er den alten Oecv⸗ nomen damit eine Freude zu machen hoffte; dieſer aber warf die Schriften ungeleſen und mit Wider⸗ willen in einen Winkel und gab dem gekrönten Ver⸗ faſſer im nächſten Briefe zu erkennen, daß er beſſer thäte, ſich mit den Pandecten zu beſchäftigen, welche Amt und Brod brächten; mit ſeiner hiſtoriſchen Schrei⸗ berei locke er keinen Hund unterm Ofen vor. Er ſolle ſich lieber um die juriſtiſchen Preisaufgaben be⸗ 11* 164⁴ werben, da könne erkannt werden, ob Zeit und Geld zweckmäßig angewandt worden ſei. Trotz ſeinen wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen, denen er periodenweiſe mit ausnehmender Energie oblag, wo er oft Wochen lang nicht hinter den Büchern vor⸗ kam, verſäumte Willer doch auch die geſelligen Freuden des academiſchen Lebens nicht. Er war der beſte Fech⸗ ter und gewandteſte Turner. Jeder Studirende hütete ſich, ihm zu nahe zu treten, weil man wußte, daß Willer jede Beleidigung mit Blut zu rächen pflegte. Ein Duell war ihm Kinderſpiel. Er war aus jedem Zweikampfe als Sieger heimgekehrt. Ein Gleiches galt von den übrigen ritterlichen Künſten; kein Roß war ihm zu wild, das er nicht gezähmt, kein Fluß ſo reißend, in welchen er ſich nicht geſtürzt und deſſen Wellen er nicht bewältigt hätte. Obſchon ihm alle dieſe geiſtigen und körperlichen Vorzüge eine bedeutende Superivrität auf der Univer⸗ ſität ſicherten, war gleichwohl die Beſcheidenheit ſeine Freundin; er beſaß allerdings Stolz, aber jenen edeln Stolz, wo es galt, ariſtokratiſcher Anmaßung oder bürgerlichem Dünkel energiſch entgegen zu treten. Hier⸗ durch hatte er ſich in gewiſſen hohen Regionen man⸗ chen Feind zugezogen und er beſaß zu wenig Welt⸗ klugheit, um nicht einzuſehen, wie ihm dies einmal zu großem Nachtheil gereichen könne. Willer vertheidigte die academiſche Freiheit mit aller Macht ſeines Geiſtes und ſeiner Satyre. Dies war ein Hauptgrund, weshalb er mit der academiſchen Gerichtsbarkeit, ſo wie insbeſondere mit dem landesherr⸗ lichen Univerſitätsproeurator auf ſehr geſpanntem Fuße lebte. Deſſenungeachtet war er keineswegs ein Freund⸗ von zu großer ſtudentiſcher Ungebundenheit oder gar von Rohheit. Nichts war ihm verhaßter, als jenes 165 tölpelhafte Renommiren, das man in gewiſſen Univer⸗ ſitätsſtädten ſo häufig findet, jenes rüde Benehmen gegen die ſogenannten Philiſter, welches den Stempel geiſtiger Bornirtheit an der Stirne trägt und den Muſenſohn entwürdigt. Im Gegentheil hielt er ſehr auf noble Sitte, und hierin zeichnete ſich auch die Landsmannſchaft, welcher er als Senior vorſtand, vor allen übrigen ſtudentiſchen Verbindungen aus. Ihre Zuſammenkünfte hatten nicht Saufgelage allein zum Zweck, ſondern man beſchäftigte ſich auch mit ent⸗ ſprechenden geiſtigen Intereſſen. Wiewohl der ſchöne, geiſtreiche und intereſſante Muſenſohn unter der Frauen- und Mädchenwelt der Univerſitätsſtadt unbewußt manches Herz erobert hatte, ſo war doch das ſeine, trotz mancher Verſuchung, unberührt geblieben. Daß ihn die Frauen und Mäd⸗ chen freundlich anſchauten, war er von jeher gewohnt und fand es in der Ordnung. Noch keiner war es aber gelungen, einen bleibenden Eindruck auf ihn zurückzulaſſen. Carl Willer war der einzige Sohn wenig bemit⸗ telter Eltern, die frühzeitig geſtorben. Der Inſpector Sonnenſchmidt zu Neukirchen, der Bruder von Wil⸗ ler's Mutter, nahm ſich des unmündigen Knaben an und ward zum Vormund beſtellt. Nach ſeinem Dafür⸗ halten ſollte Carl Heconom werden, wozu indeß dieſer nicht die geringſte Neigung verſpürte. Dies, ſo wie der Ausſpruch des würdigen Lehrers, welcher die gei⸗ ſtigen Anlagen Carl's erkannte, beſtimmte den Vor⸗ mund, nachzugeben und ſein Mündel dem gelehrten Stande zu widmen. Carl war die Freude ſeiner Lehrer, obſchon er ſich durch geniale Jugendſtreiche auch manche Strafe zuzog. Neukirchen hatte er während ſeiner Schul⸗ und 166 Univerſitätszeit nur einige Mal beſucht. Das geſellige Leben daſelbſt wollte ihm nicht zuſagen. Er hatte außer ſeinem Onkel nur einen Freund daſelbſt. Das war der Hofcommiſſair, deſſen Bekanntſchaft er bei ſeinem letzten Beſuche gemacht hatte. Beide intereſſir⸗ ten ſich außerordentlich für einander und ſtanden in ununterbrochenem Briefwechſel. So waren zwei Jahre von Willers Univerſitäts⸗ zeit verſtrichen, ohne daß ſich der Jüngling, trotz aller Neukirchner Ermahnungen, viel um die edle Rechts⸗ doctrin bekümmert hätte. Während Onkel Sonnen⸗ ſchmidt bereits mit dem Amtmanne in Neukirchen Rück⸗ ſprache genommen, wegen des juriſtiſchen Acceß für ſeinen Neffen, ſtudirte dieſer ununterbrochen Chemie, Staatswiſſenſchaften und Geſchichte. Endlich erkannte Willer denn doch, daß es Zeit ſei, die Inſtitutionen und Pandecten vorzunehmen. Er warf ſich mit aller Kraft ſeines Willens und mit eiſernem Fleiße auf dieſes Studium, zog ſich wie ein Einſiedler zurück und lag Tag und Nacht über den juriſtiſchen Heften, ſo daß er bei ſeinem hellen Kopfe und trefflichen Gedächtniſſe bereits nach wenig Mo⸗ naten glänzend disputiren konnte und nach Verlauf eines Jahres das Examen zu beſtehen hoffte, als ein völlig unerwartetes Ereigniß ſeinem Lebensplane eine ganz andre Richtung gab, wie wir im zweiten Bande ſehen werden. ₰ ₰ 167 Achtes Rapitel. Räthſelhaftes Abenteuer des. Sportelſchreiber Kappler auf dem Schloſſe Ehrenberg. Nn entgeht ſeinem Schickſal. Auch der Sportel⸗ ſchreiber Kappler, der lange Jahre in unfriedeter Einſamkeit gelebt hatte, ſollte auf mannigfache Weiſe aus ſeiner Ruhe aufgeſchreckt werden. Erſtens war es die Liebe, welche ihm gewaltſam mitſpielte, nicht die Liebe zur Bandhändlerin Runkel, welche Dame bei Kappler in jüngſter Zeit ſehr in den Hintergrund getreten war, ſondern die Liebe zur Demoiſelle Lang⸗ ſchädel, die ſich noch von dem Haſenbratenſchmauſe herſchrieb. Der Sportelſchreiber wußte wirklich nicht, wo ihm Kopf und Herz ſtand; er ſchwärmte wie ein achtzehn⸗ jähriger Gymnafiaſt, der zum erſten Male Werther's Leiden geleſen hat. Den Namen Agnes malte er, in ſüße Träume verſunken, des Tages unzählige Mal mit kalligraphiſcher Genauigkeit auf's Papier. Seine täglichen Promenaden, die er, ſeit ihm Madame Runkel nicht mehr Alles war, wieder im Freien und zwar Mittags hielt, führten ihn jetzt bei Langſchä⸗ del's Wohnung an der Werlabricke vorbei. Stets grüßte er voller Ehrfurcht und Liebe nach dem Fen⸗ ſter, wo Agnes zu ſitzen pflegte, und oft ertönten zum Gegengruß die Worte:„Ihre Dienerin, Herr Re⸗ giſtrator!“ O dieſe Silberklänge legten ſich beſeligend an ſein liebendes Herz und erquickten für lange Zeit. Kappler hatte indeß das Gute vor vielen ſeiner lie⸗ benden Collegen voraus, daß er ſo beſcheiden war und auf keine Gegenliebe Anſpruch machte und auch 168 der Geliebten ſonſt auf keine Weiſe beſchwerlich fiel. Der Beſcheidene war beglückt genug, wenn er an dem lieben Häuschen vorübergehen und dabei einen Blick nach dem Fenſter werfen konnte. Kappler hatte ſeit der verhängnißvollen Haſen⸗ mahlzeit es nicht wieder gewagt, bei Langſchädeln einen Beſuch zu machen, obſchon letzterer beim Ab⸗ ſchiede geſagt, daß er bald wiederkommen möge und dies ſogar der gute Ton in Neukirchen verlangte. Der Sportelſchreiber war hierzu viel zu ſchüchtern und zu beſcheiden und mit den conventionellen Sitten zu wenig bekannt. Er glaubte, wenigſtens einen Vorwand haben zu müſſen, wenn er das Haus des Lieutnants wieder betreten wolle. Er ſann hin und her. Die Liebe iſt erfinderiſch. Kappler erinnerte ſich, daß Demvoiſelle Agnes Klavier ſpiele und ihren Wunſch nach ein paar in damaliger Zeit ſehr belieb⸗ ten Walzern ausgeſprochen hatte. Sofort ließ der Sportelſchreiber alle Minen ſpringen, ſich die bewuß⸗ ten Mufikſtücke zu verſchaffen. Daß er als geſchickter Notenſchreiber etwas leiſtete, dieſes war wohl das einzige Selbſtbewußtſein, das er beſaß; ja er war ſelbſt etwas eitel darauf. Hier nun beſchloß er ſeine ganze Kunſtfertigkeit zuſammen zu raffen, um Aus⸗ gezeichnetes zu Stande zu bringen. Aber je eigen⸗ ſinniger er bei dieſem Liebesopfer zu Werke ging, deſto größre Schwierigkeiten ſtellten ſich ihm in den Weg. Bald war ihm das Papier nicht ſchön, bald die Dinte nicht ſchwarz genug; bald wieder taugten die Federn nichts. So verging ein Tag nach dem andern und das Meiſterwerk wollte nicht zu Stande kommen. Was die Geliebte Kappler's anbelangte, ſo war Agnes Langſchädel keineswegs die überirdiſche Schön⸗ — — 5 ——— . —— 169 heit, wie ſie dem kurzſichtigen Sportelſchreiber vorge⸗ kommen; ſie konnte vor Jahren Anſpruch auf Hübſch⸗ heit gehabt haben; jetzt war, außer einer angeneh⸗ men Geſtalt und eines wohlklingenden Organs, wenig mehr davon zu erblicken. Die äußeren Reize dieſes nicht mehr jungen Mädchens wurden aber durch ihre innern Vorzüge reichlich aufgewogen. Sie beſaß das beſte Herz, einen lebhaften und nicht ungebildeten Geiſt und eine unverſiegbare Heiterkeit, die ſie trotz der ſtörriſchen Launen ihres oft tyranniſchen und poltern⸗ den Onkels zu bewahren wußte. Gleich im erſten Augenblicke hatte Agnes in Kapp⸗ lern den Fremdling in Welt und Leben erkannt; aber anſtatt denſelben durch ein geſetztes und zurückhalten⸗ des Betragen noch mehr einzuſchüchtern, war ſie ihm mit wohlwollender und faſt treuherziger Freundlichkeit entgegen gekommen und dadurch eben ſeinem Herzen, zu welchem nie ein ſolcher Ton geklungen war, unbe⸗ ſchreiblich lieb und theuer geworden. Anſtatt des Spor⸗ telſchreibers große Schüchternheit lächerlich zu finden und ſich Scherz und Spott damit zu erlauben, that ihr im Gegentheil der arme Mann Leid und ſie be⸗ mühte ſich, ihn ſeine gedrückte Lage ſo wenig als mög⸗ lich fühlbar zu machen. Kappler war eben im Begriff, den zweiten Wal⸗ zer für Agnes von Neuem abzuſchreiben, es hatte ſich zu ſeinem nicht geringen Verdruß abermals ein Feh⸗ ler eingeſchlichen, als es ziemlich vernehmbar an die Thür klopfte und gleich darauf der betreßte Bediente des Herrn von Löwenſtern auf Ehrenberg in das be⸗ ſcheidene Zimmer trat. Der Sportelſchreiber, welcher bei ſeinem kurzen Geſicht und ob der ſchimmernden Treſſen den Ein⸗ getretenen im erſten Schrecken für einen Offizier hielt, 17⁰ ſprang wie behext von ſeinem Sitze auf und machte die ehrerbietigſte Verbeugung. „Der Herr von Löwenſtern,“ begann der Diener in ziemlich hoffärtigem Tone,„läßt Ihnen ſagen, Sie möchten, wo möglich heut noch, nach Ehrenberg kom⸗ men; es gäbe daſelbſt Noten abzuſchreiben. Aber vergeſſen Sie es nicht.“ Bevor ſich noch Kappler auf eine Erwiederung beſonnen hatte, war der Betreßte verſchwunden. Der Sportelſchreiber glaubte nicht recht gehört zu haben; er war aus den Wolken gefallen, und fuhr noch eine Zeit lang mechaniſch fort Bücklinge zu machen. „Herr von Löwenſtern— Ehrenberg— Schloß— höchſte Nobleſſe!“ ſprach er für ſich in abgebrochenen Sätzen. Eine ſo hohe Ehre war ihm auf dieſer Erde noch nicht zu Theil worden. Dieſe unerwartete Scene hatte ihn ſo aus aller Faſſung gebracht, daß er nicht im Stande war, eine Note weiter zu ſchreiben. „Herr von Löwenſtern,“ fuhr er im Zimmer auf und ab laufend fort,„das iſt ja einer der höchſten Adeligen von Neukirchen und der ganzen Umgegend. Das iſt ja ein großmächtiger Herr, vor welchem ſelbſt mein hochverehrter Chef, der Stadtrichter, den aller⸗ höchſten Reſpect hat.“ Während den Sportelſchreiber dieſe Angelegenheit noch außerordentlich beſchäftigte, klopfte es abermals an die Thür und der Hofcommiſſair trat herein. Die⸗ ſer erkannte ſogleich an Kappler's Aufregung, daß et⸗ was Außergewöhnliches vorgefallen war. Er erkun⸗ digte ſich und der in großen Allarm geſetzte Sportel⸗ ſchreiber hielt nicht hinter dem Berge, ſondern theilte den erhaltenen Auftrag mit. Eccarius blieb ſehr ruhig. Er ſah ſogleich, daß es hier nicht auf No⸗ tenſchreiberei abgeſehen ſei, ſondern daß man ſich 3 — ℳ — 3₰ 174 mit der originellen Perſon Kappler's einen Scherz oder ſonſt Etwas erlauben wolle. „Und Sie werden doch nicht hinauslaufen nach Ehrenberg?“ frug er. Der Sportelſchreiber ward ganz verblüfft ob dieſer Frage. „Aber warum nicht, mein verehrter Herr Hof⸗ kammercommiſſair, bedenken Sie—“ „Hier iſt nichts zu bedenken,“ erwiederte trocken Eccarius,„Sie werden doch dem adeligen Volke nicht nachlaufen? Wenn Herr von Löwenſtern Noten ab⸗ geſchrieben haben will, kann er ſie Ihnen in's Haus ſchicken.“ „Sie ſind vielleicht aus einer Partitur herauszu⸗ ſchreiben, die der gnädige Herr nicht aus den Hän⸗ den laſſen will,“ gab Kappler zu bedenken. „Poſſen,“ lachte der Hofcommiſſair,„Partitur, ſein Sie kein Thor, laufen Sie nicht nach Ehren⸗ berg. Das Wetter iſt nicht zum Fortkommen und Ihre Bruſt iſt nicht die durabelſte. Sie können ſich zu Tode erkälten.“ „Was meine Bruſt anbelangt,“ entgegnete der Sportelſchreiber,„ſo hätt ich durchaus nichts zu be⸗ fürchten. Im Gegentheil—“ „Kurz und gut,“ fiel ihm Eccarius in's Wort, „thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie zu Hauſe. Sie werden es mir Dank wiſſen.“ Hierauf zahlte er für mehrere mittelloſe Familien⸗ väter die gefälligen Raten an die Lebensverſicherungs⸗ bank, deren Agent der Sportelſchreiber in Neukirchen war; wie Eccarius im Stillen überhaupt an Hülfs⸗ bedürftigen viel Gutes that. Nachdem der Hofcommiſſair Kapplern verlaſſen hatte, befand ſich dieſer in nicht geringer Verlegen⸗ heit. Sollte er einen ſo hohen Adeligen vor den 172 Kopf ſtoßen, vor dem ſelbſt der Stadtrichter Klein⸗ ſimon den allerhöchſten Reſpect hatte? Je länger Kappler darüber nachſann, deſto unausführbarer er⸗ ſchien ihm des Hofevmmiſſairs Rath. Anfangs wollte er Seiner Hochwohlgeboren dem Herrn von Löwen⸗ ſtern in einem ausführlichen Schreiben all' die Gründe aus einander ſetzen, weshalb es ihm unmöglich ſei, auf Ehrenberg zu erſcheinen; bald aber kam ihm auch dies höchſt unrathſam vor. „Was kann es nur dem Hofcommiſſair verſchla⸗ gen,“ frug er ſich,„wenn ich nach Ehrenberg gehe und mir Arbeit und Verdienſt hole? Herr von Lö⸗ wenſtern iſt gewiß ein prompter Bezahler. Was er von meiner ſchwachen Bruſt fabelt, iſt abſolute Ein⸗ bildung. Ich laufe den Weg zehn Mal hin und her, ohne daß meine Bruſt im Geringſten leidet. Aber ich weiß ſchon, der Herr Hofcommiſſair hat einmal eine Antipathie gegen den hohen Adel.“ Nachdem der Sportelſchreiber Alles reiflich in Ue⸗ berlegung gezogen hatte, faßte er den Entſchluß, trotz des Abrathens von Seiten des Eccarius, ſich in Glanz zu werfen und noch dieſen Nachmittag nach Ehren⸗ berg zu wandern. „Der Hofeommiſſair,“ tröſtete er ſich,„braucht ja nichts von der Reiſe zu erfahren. Ich bin bald hin und wieder zurück.“ Gedacht, gethan. Nach einer mühvollen Toilette ſtand der Sportelſchreiber wieder im ſchönſten Sonn⸗ tagsſchmucke und machte ſich auf den Weg nach Eh⸗ renberg. Das Wetter war nicht das Freundlichſte. Kalt ſtrich der mit Regen und Schnee geſchwängerte Wind über die Berge. Der Weg nach dem Schloſſe führte längs des Werla⸗Ufers. Die in ſchöner Jahreszeit — 173 ſo freundlich blauen Wellen des Fluſſes floſſen trübe durch das Thal. Unterwegs hatte Kappler große Noth. Er hatte noch nie einem ſo hohen Herrn gegenüber geſtanden und wußte deshalb nicht, wie er denſelben tituliren oder anreden ſollte. „Ich werde Ew. Excellenz ſprechen,“ meinte er für ſich.„Wenn Herrn von Löwenſtern auch dieſer Titel nicht gehört, ſo kann es nichts ſchaden, wenn man etwas dazu thut, es iſt immer beſſer, als wenn man etwas abkneipt.“ „Ew. Excellenz,“ werd' ich ſprechen,„haben die hohe Gnade gehabt, Ihren unterthänigſten, treuge⸗ horſamſten Knecht der hohen Gnade für würdig zu erachten.“ „Aber,“ fuhr er nach einigem Nachdenken fort, „da kommen die Worte„hohe Gnade“ zweimal in einem und demſelben Satze vor; das iſt eine ſtyliſti⸗ ſche Unvollkommenheit und kann nicht paſſiren. Alſo: Ew. Excellenz haben die hohe Gnade gehabt, auf Ih⸗ ren unterthänigſten, treugehorſamſten Knecht den huld⸗ vollſten Ihrer Blicke zu werfen und ſelbigen für wür⸗ dig erachtet—“ Hier hielt Kappler abermals inne. „Selbigen,“ ſprach er,„das kann man ebenſo gut auf den Blick, wie auf den Knecht beziehen; ſolche Zweideutigkeiten müſſen vermieden werden; was ſollte Herr von Löwenſtein von meiner Styliſtik denken?“ Ehe der Sportelſchreiber mit Abfaſſung ſeiner An⸗ rede zu Ende war, war er dem Schloſſe Ehrenberg immer näher gekommen. Er verlangſamte daher trotz der übeln Witterung ſeinen Schritt und ſann und ſann; aber ſeine ſtyliſtiſchen Bemühungen wollten durchaus kein entſprechendes Reſultat liefern. Endlich ward er ungeduldig. 174⁴ „Ich bringe nichts zu Stande,“ ſprach er,„ich bin einmal ein verlorner Menſch, der ſich in höheren Regionen nicht zu bewegen weiß. Ich werde mich ſtatt des Simulirens dem heiligen Geiſte überlaſſen, er möge mich erleuchten in der Stunde der Gefahr. Bei Langſchädel's Haſenbraten war' accurat ſo. Was hatt' ich da ſtudirt und memorirt. Als ich vor der himmliſchen Agnes ſtand, waren die ſchönſten Redens⸗ arten total verwiſcht und ich habe mich gleichwohl mit dem Engelsbilde ſcharmant unterhalten. Ich ſprach einige Male wie ein Buch. Agnes war freilich auch ein Engel voller Nachſicht und Milde.“ Als Kappler nicht ohne Bangen in den ſtattlichen Schloßhof trat, erſcholl ein mörderiſches Hundegebell und zwei rieſenhafte Doggen, welchen die allerdings etwas auffällige Geſtalt des Sportelſchreibers ſonder⸗ bar vorkommen mochte, kamen im vollen Galopp da⸗ hergerannt und vertraten den Weg, indem ſie einen wahrhaft diaboliſchen Lärm vollführten. Kappler, welcher nicht anders glaubte, als leben⸗ digen Leibes aufgefreſſen zu werden, begann zu reti⸗ riren, während er kläglich nach Hülfe ſchrie. Aber je lauter er ſchrie und je weiter er ſich zurückzog, deſto herzhafter und lärmender folgten die Doggen, welche dem Sportelſchreiber weiter kein Leid zufügten und die ſonderbare Geſtalt fortwährend nur mit ihren Naſen beſchnuffelten. Auf Kappler's Geſchrei erfolgte durchaus keine Hülfe. So ward der Geängſtete immer mehr gegen das Schloßthor zurückgedrängt. Ein paar nichtsnu⸗ tige Bediente, welche unter dem Portale des Schloſſes ſtanden und dem merkwürdigen Schauſpiele zuſchauten, wollten platzen vor Lachen und thaten nicht das Ge⸗ ringſte, die Beſtien zurückzurufen. —— — 175 Der Sportelſchreiber marſchirte indeß immer rück⸗ wärts wie ein Krebs, während die bellenden Hunde unabläſſig folgten. Endlich, nachdem die Seene eine ziemliche Weile gewährt hatte, that ſich ein Fenſter im Schloſſe auf; ein gellender Pfiff erſcholl, worauf die Doggen von Kapplern abließen und mit den Schwänzen wedelnd nach dem Herrnhauſe zurückeilten. Kappler ſtand jetzt wieder vor dem äußerſten Hof⸗ thore, ſo weit war er retirirt, und wagte nicht, trotz⸗ dem die Beſtien von ihm abgelaſſen hatten, den Schloß⸗ hof wieder zu betreten. „Ach,“ ſeufzte er, tief Athem ſchöpfend und ſich den Angſtſchweiß von der Stirn trocknend,„hätte ich doch des Hofcommiſſairs Rath befolgt und wäre zu Hauſe geblieben, anſtatt in dieſe Cerberushöhle ein⸗ zudringen. Wenn ich jetzt unverrichteter Sache heim⸗ kehre, ſo wird mir dies unter obwaltenden Umſtänden ſelbſt Herr von Löwenſtern nicht verargen. Obſchon ich nur ein tiefgeſtellter Sportelſchreiber bin, kann man mir doch nicht zumuthen, daß ich mich hier von den coloſſalen Wolfs⸗ und Bluthunden zerfleiſchen laſſe.“ Wirklich faßte auch der Sportelſchreiber den herz⸗ haften Entſchluß, umzukehren und den Heimweg an⸗ zutreten, als einer von Löwenſtern's Dienern im ſchnellen Laufe vom Schloſſe daherkam. „Sind Sie der Sportelſchreiber Kappler?“ „Ja, wenn Sie gütigſt erlauben,“ erwiederte höf⸗ lich und ſchüchtern der Gefragte. „Wohlan,“ fuhr der Diener fort,„kommen Sie, ich ſoll Sie auf's Schloß bringen. „Ich wollte mir ſchon die Freiheit nehmen,“ ge⸗ ſtand der Sportelſchreiber mit Befangenheit,„aber Hochdero Hündlein ſtellten meinem Vorhaben ein un⸗ überſteigliches Hinderniß in den Weg.“ „Es ſind fromme Thiere, ſie beißen nicht; Bellen iſt ihr Alles.“ „Ja, das iſt wahr,“ geſtand Kappler,„ich müßte ein gewiſſenloſer Lügner ſein, wenn ich denſelben nachſagen wollte, daß ſie mich unſanft berührt hätten; aber ſie müſſen ſich höchſt ſchätzbarer und geſunder Lungen zu erfreuen haben; auch iſt ihr Organ hell⸗ tönend und voll.“ Der Diener führte jetzt den Sportelſchreiber über den Schloßhof nach dem Herrnhauſe. Kappler konnte nicht genug die prachtvolle Bauart des Ehrenberg be⸗ wundern. Er hatte in ſeinem Leben noch nicht ſolche hohe Säulenhallen, Corridors und großartige Treppen geſehen. Ihm ward bei dieſer Pracht immer unheim⸗ licher, denn er fürchtete alle Augenblicke, vor den Herrn dieſes Prachtpalaſtes geführt zu werden. Endlich that ſich eine Thüre auf und der zeit⸗ herige Führer ſchob den angſterfüllten Kappler in ein nicht ſehr großes, nur von einem einzigen Fenſter er⸗ helltes Gemach, deſſen Ausſicht nach der Werla hinaus ging. Ein Sopha, ein Stuhl und ein runder, mit einem Teppiche belegter Tiſch bildeten das ganze Meublement. „Nehmen Sie hier Platz und gedulden Sie ſich ein wenig,“ ſprach der Diener,„ich werde den jun⸗ gen gnädigen Herrn ſogleich rufen.“ Der Sportelſchreiber machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und Jener entfernte ſich. Als Kappler allein war, ſprach er: „Was hat denn das für eine Bewandtniß mit dem jungen gnädigen Herrn? ſo viel ich mich er⸗ innere, hat Herr von Löwenſtern gar keinen Sohn.“ 177 „Unfehlbar,“ fuhr er nach einigem Simuliren fort,„iſt es ein muſikaliſcher Herr Neven, der Muſik treibt und componirt.“ Während ſich Kappler über den jungen gnädi⸗ gen Herrn den Kopf zerbrach und in dem höchſt ein⸗ fach meublirten Zimmer umſchaute, wurden Schritte und Gelächter auf dem Gange vernehmbar.“ „Alſo wirklich, Georges,“ rief eine Stimme,„D haſt ihn glücklich eingefangen?“ u „Zu Befehl, gnädiger Herr, ich erwiſchte ihn“ vor dem Schloßthore. Er befindet ſich wohlvery noch hier im angrenzenden Gemach, welches ich verſch vahrt habe, damit er nicht von Neuem echappire. yloſſen Bei dieſen Worten, welche der Diener zu wort gab und die Kappler ſehr deutlich vernr Ant⸗ konnte, ſpitzte Letzterer außergewöhnlich die Ohrelehmen ward bemerkbar unruhig. nund „Vortrefflich,“ fuhr die Stimme fort;„aber C ges, es iſt doch der Rechte?“ eor⸗ „Unbezweifelt,“ erwiederte Georges,„das ſeltſam Gewächs nennt ſich Kappler und iſt Sportelſchreiber“ in Neukirchen, wie ich aus ſeinem eigenen Munde weiß.“ „Das trifft ſich allerliebſt,“ ſprach der gnädige Herr,„ich hätte nicht geglaubt, daß der Einfaltspin⸗ ſel ſo leicht in die Falle gehen würde. Um ſo beſſer, die Herrſchaft iſt verreiſt, wir ſind ungeſtört und ich kann mein Werk vollbringen, ohne daß ein Menſch ein Sterbenswörtchen davon erfährt.“ Dem eingeſperrten Kappler, dem kein Wort ent⸗ ging, ward jetzt ſein Untergang klar. Er glaubte nicht anders, als man wolle ihn ſchlachten und mit ſeinem Blute ſchaudererregende Dinge treiben. Alle Blut⸗ und Mordgeſchichten, die er geleſen, traten vor Stolle, ſaͤmmtl. Schriften. VI. 412 178 ſeine aufgeregte Phantaſie. In der Verzweiflung ſprang er an's Fenſter, um durch dieſes die Flucht zu ergreifen; dber neuer Schreck; ſein Blick fiel in einen Abgrund; in weiter Tiefe floß die Werla da iten. „Georges,“ rief jetzt die Stimme von Neuem, ing mir mein Handwerkszeug, damit ich mit dem rn Kappler bald zu Ende komme. Du ſollſt ſe⸗ der Kerl ſoll mir nicht viel Mühe koſten. Ein Striche, mit ſicherer Hand geführt, und die p iſt abgemacht. Der Kopf iſt die Hauptſache, S h den erſt, findet ſich das Uebrige bald.“ ha m Sportelſchreiber ſtiegen bei dieſen Worten che Haare, ſo viel er von dieſem Artikel be⸗ ſäm zengerade, wie beim Igel, empor. Er fuhr ſaß viſch nach dem Kopfe, auf welchen es haupt⸗ cn abgeſehen ſchien. etzt drehte ſich der Schlüſſel im Schloſſe, die ür that ſich auf und ein junger ſchlanker Mann, it einer Mappe unter dem Arme trat in's Gemach. Kappler fiel auf die Knie und ſtreckte die Arme empor. Wenn Sie ein Menſch find,“ rief er verzweifelt, „und an Jeſum Chriſtum glauben, unſern Herrn und Heiland, ſo haben Sie nur das einzige Mal Erbar⸗ men mit einem armen ſündhaften Erdenſohne. Ich will Alles thun, was Ew. Hoheit befehlen, nur ſcho⸗ nen Ew. Hoheit mein armes Leben!“ „Was fällt dem närriſchen Kauze ein,“ lachte der junge Cavalier,„ſetzen Sie ſich ruhig hierher, Sie ſollen der Marter bald überhoben ſein.“ „Aber ich mag mich nicht martern laſſen,“ wen⸗ dete der entſetzte Sportelſchreiber ein. „Da weichen Sie von der Hauptfrage ab,“ er⸗ . f 179 6 3 wiederte der Herr, lachend, indem er die Bekantſte franzöſiſche Fabel voodirte. „Machen Sie keine umſtändeß guter Mand,“ fuhr der Cavalier fort,„es iſt um gin paar Sp zu thun.“ k⸗ „Um ein paar Striche,“ dachte Kapßler,„das kann gar nicht gefährlicher klingen.“ „Wollen Sie endlich Platz nehmen,“ ſprach der junge Cavalier in ziemlich befehlendem Tone,„wir verlangen es ja nicht umſonſt.“ „Was da umſonſt,“ überlegte der Sportelſchrei⸗ ber,„wenn man mich noch ſo gut bezahlt für's Still⸗ halten; ich habg ja⸗ keinen Gewinn vom Stillhalten, wenn ich tydt Kn.“ „Ich verſpreche Ihnen,“ ſprach der fremde junge Mann, als Kappler noch immer keine Anſtalten traf, ſich auf dem Stuhle niederzulaſſen,„es ſoll Ihnen ja nichts geſchehen; ich will Ihnen ſogar drei Schritte vom Leibe bleiben.“ Kappler ſchöpfte bei dieſen Worten friſchen Athem, doch verließ ihn Nicht' alle Beſorgniß. „Wenn Seine Hoheit dir drei Schritte vom Leibe bleibt,“ ſprach er⸗für ſich,„könnteſt du dich wohl auf den Stuhl ſetzen. Es müßte mit teufliſchen Dingen zugehen, wenn ep dir in ſolcher Entfernung an Hals und Gurgel wollte.“ „Ich bitte, nehmen Sie Platz,“ bat der junge gnädige Herr,„es iſt um wenige Minuten zu thun, und Sie leben doppelt in der Welt.“ Für den Sportelſchreiber ſprach der Unbekannte ſchlechterdings in Räthſeln. Er begriff zwar, daß es der junge Mann nicht auf ſein Leben abgeſehen habe, aber was er mit ihm vorhatte, wollte ihm durchaus 12* 180 N nicht in den 4 Auf wiederholteß Bitten nahm endlich Kappler auf dem Polſterſtuhle Platz. „Sohen Sie mihh gefälligſt an,“ ſprach der Ca⸗ valier. D Sportelſhhliber riß die Augen ſo weit auf, als möglich, um dieſem billigen Wunſche des jungen Mannes nachzukommen. „Machen Sie Ihr ganz gewöhnliches Geſicht,“ fuhr der junge Cavalier fort,„und geben Sie ſich, wie Sie ſind.“ Kappler ſchaute, dieſem Befehle zufolge, ſchlecht und recht vor ſich hin. Der junge Mann langte ein⸗weißes Blatt Papier hervor nebſt einem Zeichnenſtifte, R ehe ſich's der Sportelſchreiber verſah, war er doppelt auf der Welt. Wie er leibte und lebte, ſtand er auf dem Papiere des geſchickten Zeichners. „Ich bedarf Ihrer jetzt tnichtmehr“ ſprach letzterer, nachdem er noch einige Striche Hdei wöhlgotroffenen Conterfei Kappler's beigefügt tte und beitete es mit vieler Zufriedenheit. Der Sportelſchreiber, da J 8, daß ih weiter kein Leid widerfuhr, bereute jetzt ſcher vyrige Fürcht; er ſtand von ſeinem Stuhle ahf und erbund digte ſich nach den abzuſchreibenden Notep. „Was da Noten,“ lachte d der Caba liec mir war's allein um Ihre werthe Phyſiognomie zu khun. Sehen Sie, hier ſind Sie wie aus den Augen geſchnitten.“ Der Sportelſchreiber fand ſich nicht wenig geſchmei⸗ chelt, von ſolch einer hochadeligen Hand evpirt worden zu ſein. Nur begriff er durchaus nicht, wie er zu der Ehre komme. „Wenn Ew. Hochgeboren gütigſt erlauben,“ ſprach er ſchmunzelnd,„ſo wage ich allerdings einige Aehn⸗ 484 lichkeit mit meiner Unbedeutendheit nicht in Abrede zu ſtellen.“ „Wie, blos einige fuhr der ver⸗ letzte Künſtler auf;„ein Ei kann dem andern nicht ähnlicher ſehen. Hier iſt auch etwas für Ihre Be⸗ mühuüg.“ Mit dieſen Worten wollte der Maler Kapplern einen preußiſchen Thaler in die Hand drücken. Letz⸗ terer aber ſtellte ſich beleidigt und proteſtirte aus Lei⸗ beskräften gegen die ſplendide Gabe. „Aber Sie werden in dieſem Wetter doch nicht umſonſt herausgelaufen ſein?“ frug der Cavalier. „Wenn mir die Ehre zu Theil wird, ſo hohen Herrſchaften einen Dienſt zu erweiſen,“ verſetzte Kapp⸗ ler,„ſo geſchieht es mit dem größten Vergnügen.“ „Sehr verbunden,“ lachte der Maler, indem er ſein Geldſtück wieder in die Taſche ſteckte. Der Sportelſchreiber gehörte aber zu den Leuten, welche immer von hoher Neugier geplagt werden. Es drängte ihn daher außerordentlich, zu wiſſen, was es mit ſeinem Portrait wohl für eine Bewandtniß haben möge. Er faßte ein Herz' und erkundigte ſich nach dem Zwecke des eben ſo ſonderbaren wie hochehrenden Abenteuers. „Sie ſollen in eine Gallerie aufgenommen wer⸗ den,“ erwiederte der hochgeborne Maler;„ſchweigen Sie aber gegen Jedermann von der Geſchichte, Sie könnten es ſonſt ſchwer zu bereuen haben.“ Der Sportelſchreiber, welcher durch die letzten Worte wieder in Beſorgniß gerieth, betheuerte hoch, Niemandem Etwas zu verrathen. Der Maler nickte beifällig mit dem Kopfe und gab Kapplern zu verſtehen, daß man ſeiner jetzt nicht mehr bedürfe und er entlaſſen ſei. 182 Der Sportelſchreiber, ſehr vergnügt, ſo heiler Haut dieſem außerordentlichen Abenteuer entkommen zu ſein, hatte bald den Ehrenberg im Rücken und eilte beflü⸗ gelten Schrittes det Stadt zu. Unterwegs zerbrach er ſich gewaltig demKopf, was wohl dieſe Malerei zu bedeuten habe. Wenn ès ihn auf der einen Seite ſchmeichelte, von hochadeliger Hand abconterfeit worden zu ſein, beſchlich ihn auf der an⸗ dern wieder der unheimliche Gedanke, jetzt doppelt in der Welt zu exiſtiren. Ein andrer drückender Ge⸗ danke war der, daß er gegen Niemanden von der Sache erzählen ſollte. Im zweiten Bande werden wir ſehen, was es mit dem Abzeichnen des Neukirchner Sportelſchreibers für eine Bewandtniß hatte. Ende des erſten Theiles.