eihbibliother von 5 Ednard Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen., 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Büchern: 4 Bücher: 6 Bücher: 6—————— auf 1 Monat: 1 Wr.— Pf. 1 W 5 Pf. 2 W.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 1 w * Wer nie ſein Brot mit Thränen aß. Wer nie die kummervollen Nächte Auf ſeinem Bette weinend ſaß— Der kennt euch nicht, ihr himmliſchen Mächte. Goethe. E⸗ fehlten noch einige Minuten an Mitternacht, als der reiche Kauf⸗ und Handelsherr Peter Erasmus einſam und auf geheimißvolle Weiſe in ſeinem Zim⸗ mer auf⸗ und abging. Er blickte ſcheu in den dunklen Partieen des Gemachs umher, welches nur mäßig von einer Aſtrallampe erhellt war, und je näher der Zei⸗ ger der verhängnißvollen Zwölf rückte, deſto unruhiger ward der nächtliche Wandler. Draußen ruhte tiefe Nacht über Dächern und Straßen. Mit naſſen Wolkenvorhängen, durch welche kein Stern herniederblickte, war der Himmel umhan⸗ gen, und das momentane Geſchrill eines Wetterfähn⸗ chens das einzige Geränſch, das von Zeit zu Zeit die lautloſe Stille unterbrach. Die Glocke der Sanct Sebalduskirche ſchlug jetzt zwölf Uhr. Dumpf klangen die endloſen zwölf Schläge durch die Nacht. Auch die Pendüle im Zim⸗ mer des Banquiers hob aus und verkündete in ſchnel⸗ lern Schlägen die zwölfte Stunde. Erasmus hielt den Athem an, und als der letzte Ton verklungen war, ſchaute er ſich nochmals im Gemache rings um. „Katharina?!“ rief er leiſe mit etwas unſiche⸗ * 1* rer Stimme;—„Katharina?!“ wiederholte er etwas lauter;—„Katharina?!“ rief er zum dritten Male und beherzter.— Keine Antwort erfolgte. Da ging der Banquier Erasmus als geprüfter Geſchäftsmann zu ſeinem Bureau und ſchrieb mit ſicherer Hand: „Hat nicht geantwortet. Dreiundzwanzigſter Beweis, daß es keine Unſterblichkeit gibt.“ Hierauf zog er ſeine weiße Schlafmütze ſorgfältig über die Ohren, lest, ſich zu Bett und ſchlief ein. „Nummer inig ſprach Erasmus am andern Morgen, als er ausgeſchlafen hatte,„ſoll mir ein Philoſoph umwerfen. Meine Frau ſelig war ein Mann von Wort. Ich traf meine Vorkehrung bei ihren Lebzeiten und beſtellte einen Wink über das Wo und Wie. Es iſt um Lebens und Sterbens willen; etwas Gewiſſes bleibt was Schönes. Vo⸗ rige Nacht war der Termin um; ich bin ſo klug wie zuvor. 2 „Seit dreißig Jahren,“ fuhr er nach einer Pauſe, rauchend im Zimmer auf⸗ und abgehend, fort,„hab ich keine Zeit gehabt, mich um das Capitel zu be⸗ kümmern. Das Altex kommt, ich ſetze mich zur Ruhe und will Gewißheit. Es war das mein Princip ſeit immer; bin reich dabei geworden.— Geſtern trugen ſie Jatobſen hinaus; ein ſolides Haus, hatte Credit in allen fünf Welttheilen; vor acht Tagen noch ſaßen wir beiſammen beim Bordeaux; hatte große Dinge vor. Jetzt ſteckt er auch draußen. Und dieſe Schlepperei dauert an die ſechstauſend Jahre; es kommt Keiner wieder.— Gewißheit will ich,“ rief er, mit dem Fuße ſtampfend,„der Paſtor Primarius ſoll mir vom Leibe bleiben und der Profeſſor dazu. Ein reeller 5 Kaufmann kann ſich auf ſolche Imaginationen nicht einlaſſen. Ueberzeugung will ich, daß man ſeine Maßregeln nehmen kann.“ Eine neue Pauſe folgte. „Der Gedanke iſt gut,“ ſprach er,„Theologie und Philoſophie laſſen mich im Stich; ich klopfe beim geſunden Menſchenverſtande an, bei Kindern und Nar⸗ ren; die ſagen, wie ſie's meinen.“ Zu gelegener Zeit brachte Johann das Frühſtück. Erasmus ſetzte ſich in ſeinen Lehnſtuhl. „Johann,“ begann er milde,„komm einmal her.“ Der Diener ſtellte ſich kerzengerade hin. „Sei einmal ganz aufrichtig, Johann.“ Johann ſchwur Stein und „Nun ſag mir, glaubſt Du an ein Fortleben, wenn's hier alle iſt?“ Johann ſchnitt ein ſeltſames Geſicht.„Ja, hoch⸗ geehrteſter Herr Banquier,“ begann er,„das iſt eine närriſche Geſchichte. Sehen Sie, wenn ich ſo manch⸗ mal einen dummen Streich mache, fährt mir's durch die Glieder; der Kuckuck! denke ich, was werden ſie über den Wolken davon denken? Iſt's aber was Gu⸗ tes, oder geht ſo recht wohl, ſpricht's wieder, das ſollte dein Vater ſelig wiſſen, das würde ihn freuen, und da wird mir's ganz klar, daß ich ihn ein⸗ mal wiederſehe.“ Der Banquier rauchte ſinnend weiter und fragte nach einer Pauſe:„Alſo feſt überzengt biſt Du nicht?“ „Ja, wie geſagt, es iſt eine närriſche Ge⸗ ſchichte—“ „Ob Du überzeugt biſt?“ fragte Erasmus heftig. „Ueberzeugt? So daß man's mit Händen grei⸗ fen kann?“ „Ganz recht.“ 6 „So ungefähr wie zwei Mal zwei vier?“ „Das mein' ich.“ „Nein, ſo weit hab' ich's nicht gebracht.“ Erasmus trat an ſein Bureau und ſchrieb: „Vierundzwanzigſter Beweis. Johann ſchwankt— überzeugt iſt er nicht.“ Ein Geſchäftsfreund trat jetzt mit einem großen Foliobuche in's Zimmer. Der Diener ward entlaſſen. „Gut, daß Du kommſt!“ rief der Banquier dem Freunde entgegen.„Bevor wir abſchließen, ſage mir, ob's eine Unſterblichkeit gibt; ich hab' Dich immer ſchon fragen wollen.“ Der Freund blickte ihn verwundert an. „Eine Unſterblichkeit oder Fortleben nach dem Tode, was gleichbedeutend iſt,“ fuhr jener ruhig fort— „Aber, beſter Freund—“ „Ja oder Nein,“ drängte Erasmus. „Ein anderes Mal—“„ „Nichts da! ich habe die Sache einmal aufgenom⸗ men und bleibe nie auf halbem Wege ſtehen. Wie denkſt Du über das Capitel?“ Jetzt ward der College, von der Zeit gedrängt, ärgerlich.„Ich ſehe ſchon,“ ſprach er,„Du haſt heut Deinen tollen Tag.“ Er wollte ſich entfernen; Erasmus faßte ihn am Arme:„Antwort! Gibt's Unſterblichkeit oder nicht?“ „Wart's ab!“ rief aufgebracht der Freund, machte ſich los und ergeiff die Flucht. „Wart's ab?“ fragte Erasmus nachſehend;„da brauch ich den Narren nicht dazu.“ Er ging zum Bureau und ſchrieb: „Fünfundzwanzigſter Beweis: Siegward will mit der Sprache nicht heraus und verſteckt ſich hinter: „Wart's ab!“ ₰ 7 „ Die Unſterblichkeitsfrage war für Erasmus faſt zur fixen Idee geworden. Dieſer Mann gehörte zu jenem kaltblütigen Geſchlechte der Zahlenmenſchen, die, leidenſchaftlos, ihr Leben einem herz⸗ und phantaſie⸗ loſen Berufe gewidmet haben; nie von einem tiefen Schmerze verwundet, nie von einem Himmelsklange begrüßt worden ſind. Da Erasmus ſich nie in eine Speculation eingelaſſen hatte, von deren glücklichem Erfolg er nicht im voraus überzeugt geweſen wäre; da er ſtets ſicher ging und die Gewißheit vor Allem liebte, ſo gelang ihm auch faſt Alles, und er ward zum reichen Manne. Die Leute erzählten ihm viel von dem Segen des Himmels vor, der ſichtbar auf ſeiner Firma ruhe; der Banquier lächelte und glaubte, am beſten zu wiſſen, wem er dieſen Segen zu ver⸗ danken habe. Leiden und Thränen waren ihm un⸗ bekannte Größen; er hatte keine Idee von dem Zu⸗ ſtande,„wo die Noth beten lehrt.“ Die Folge war, daß er ſich bis zur Härte theilnahmlos gegen das Unglück zeigte, namentlich gegen das durch eigene Un⸗ vorſichtigkeit oder Leichtſinn verſchuldete. Sein ganzes Leben war ein perpetuirliches Rechen⸗ exempel und ſeine Hauptaufgabe beſtand darin, aus bekannten Größen ſich der unbekannten zu vergewiſ⸗ ſern. Die Unſterblichkeitsfrage, nachdem er einmal darauf gekommen, nahm daher ſein ungetheiltes In⸗ tereſſe in Anſpruch; doch geſchahen ſeine Forſchungen weder aus religiöſem noch philoſophiſchem Intereſſe, ſie waren reine Speculation. Er wollte Gewißheit. Gab es keine Unſterblichkeit, ſo war ſein feſter Ent⸗ ſchluß, die ihm noch übrigen Lebensjahre ſo angenehm wie möglich zu verbringen; gab es eine Fortdauer, wollte er die geeigneten Maßregeln treffen, ſich in je⸗ nem Leben beſtmöglichſt zu placiren. 8 Die möglichſte Wahrſcheinlichkeitsrechnung hatte ihn in ſeiner langen Praxis immer den beſten Weg geführt. Er nahm daher vor der Hand den Satz als wahrſcheinlich an, daß es keine Unſterblichteit gäbe, und ſo ward ſein ſonderbares Beweisregiſter von Tag zu Tag länger. Eben ſtand er wieder am Fenſter und ſchaute auf die Straße hinab, wo ein paar Holzhacker unermüd⸗ lich arbeiteten, ungeſchlachte Holzſtöcke zu durchſägen und klein zu machen. „Da plackt ſich dies Volk,“ ſprach er,„Jahr aus Jahr ein, vom frühen Morgen bis zum Abend, nur um das jämmerliche Leben hinzubringen; und gleich⸗ wohl ſcheinen dieſe Leute froh und wohlgemuth; warum? ſie leben ſämmtlich der Ueberzeugung, daß auf das Plackleben eine Ewigkeit voll Milch und Ho⸗ nig folge. Thörichte Leute, thörichte Menſchheit, die ſich einem Glauben hingibt, ohne irgend eine ſichere Bürg⸗ ſchaft in der Hand zu haben.“ „Mich ſoll man nicht düpiren,“ fuhr er nach ei⸗ ner Weile fort.„Ich habe mir da ein ſcharmantes Mittelchen erſonnen, der Sache auf den Grund zu kommen. Die Anzahl der Freier meiner Seraphine mehrt ſich ſichtbar; aber ſo wahr ich Peter Erasmus heiße, ſo wahr der Credit meiner Firma über allem Zweifel erhaben ſteht, ſoll ſie keiner bekommen, der nicht von einer Fortdauer überzeugt iſt und mir ge⸗ diegene Beweiſe vorlegt. Es hat doppelten Nutzen. Erſtens erhalte ich Gewißheit, und dann wird ein unſterblichkeitserfüllter Liebhaber das Mädchen nicht des Geldes und hübſchen Geſichts allein, ſondern auch wegen der unſterblichen Seele lieben. Daraus kann wahrſcheinlich nur eine glückliche Ehe hervor⸗ gehen. 9 Während Erasmus noch über dieſen Plan nach⸗ ſann, ſprang die Thür auf, und die ſiebzehnjährige Seraphine flog, eine Göttin der Anmuth, herein und dem Papa an den Hals. „Väterchen, beſtes Väterchen, das war wieder ein himmliſcher Ball; Du glaubſt nicht, wie viel ich ge⸗ tanzt habe, und ſchon bin ich wieber ſo munter wie ein Fiſch im Waſſer.“ „Mein Kind,“ ſprach der Vater,„es iſt aber ein⸗ mal an der Zeit, Deinen übergroßen Flatterſinn ab⸗ zulegen und etwas geſetzter zu werden.“ „Das wird ſchwer halten, liebes Väterchen.“ „Man muß ſich bezwingen; Du biſt in den Jah⸗ ren, wo man über ſein künftiges Wohl nachdenken ſoll.“ „Ich denke nicht gern.“ „Darum hab' ich's zeither für Dich gethan. Ich komme,“ fuhr er fort,„auf mein altes Capitel; meh⸗ rere untadelhafte Männer haben um Deine Hand ge⸗ worben.“ „Ich mag nicht heirathen.“ „Albernheit. Es iſt die Beſtimmung Deines Ge⸗ ſchlechts. Unter den Vielen wird Dir Einer gefal⸗ len. Ich laſſe Dir freie Wahl— und ſtelle nur Eine Bedingung.“ „Was denn für eine Bedingung?“ „Es muß ein religiöſer Mann ſein.“ „Religiös? Ganz recht; aber nur nicht gar zu fromm, Väterchen, nicht allzufromm, ich kann die from⸗ men Männer nicht leiden.“ „Er muß an eine Unſterblichkeit glauben,“ fuhr der Vater fort;„davon überzeugt ſein,“ fügte er mit Bedeutung hinzu. „Wirklich?!“ rief Seraphine und ſchlug die Händ⸗ 10 chen lachend zuſammen,„das iſt ſcharmant, da hab' ich ſchon einen.“ „Wie?“ fragte Erasmus. „Der junge Baron Alphons hat mir zugeſchwo⸗ ren, daß es eine Unſterblichkeit gibt.“ „Was ſagſt Du, zugeſchworen?“ „Ganz recht, es war vor acht Tagen in der Svirée bei Geheimeraths—“ „Weiter“— drängte der erwartungsvolle Papa. „Du ſpielteſt Whiſt im Nebenzimmer, ich ſaß im großen Saale, Alphons ſtand vor mir.“ „Weiter— weiter—“ „Er ſagte, er brauche nur in meine Augen zu ſehen, da ſtünd' es deutlich.“ „Was?!“ ⸗ „Nun, von wegen der Unſterblichkeit.“ „Dummes Zeug!“ rief ärgerlich der getäuſchte Alte. „Gewiß! Guck nur ſelbſt hinein.“ Das Mäd⸗ chen blickte treuherzig mit den beiden Himmelsblumen zu ihm auf. „Einbildung.“ Erasmus ging verdrießlich ein paarmal im Zim⸗ mer auf und ab; dann blieb er vör der ſchönen Toch⸗ ter ſtehen.„Apropos,“ fragte er,„glaubſt denn Du an eine andere Welt?“ Seraphine ſchlug verwundert die Hände überm Kopfe zuſammen:„Nun, das verſteht ſich doch.“ „So?!“ fragte der Vater in ſeltſamem Tone; doch gleich beſann er ſich:„Warum verſteht ſich denn das, mein Kind?“ „Je nun, weil alle Leute daran glauben.“ „Alle?!“ platzte er wieder ziemlich ſkeptiſch heraus. Er brach aber das Geſpräch ab und ſprach von an⸗ dern Dingen. 11 „Da hätt' ich bald vergeſſen, weshalb ich eigent⸗ lich gekommen,, begann Seraphine,„Onkel Friedrich hat geſchrieben, liebes Väterchen.“ „Schick den Wiſch zurück,“ entſchied Erasmus ſchnell und mürriſch. „Warum nicht gar! Die Botenfrau, die den Brief brachte, hat mir erzählt, daß der liebe Gott dem Onkel wieder ein niedliches Töchterchen ge⸗ ſchenkt hat.“ „Da haben wir's!“ rief noch zftii licher der Banquier,„eine Bettelei, gib her den Brief.“ „Das laſſ ich wohl bleiben,“ ſprach determinirt das Mädchen,„Du wärſt im Stande, den armen Leuten den Brief unerbrochen zurückzuſchicken.“ „Nach Recht und Pflicht,“ murrte der Alte. „Aber ſag' mir nur,“ begann Seraphine,„was der gute Onkel, der es ſo himmliſch gut mit allen Menſchen meint, eigentlich verbrochen hat, daß Du ſo unbarmherzig mit ihm verfährſt?“ „Ich mag von dem leichtſinnigen Menſchen nichts wiſſen.“ ige Weil er ſich durch ſein engelhaf⸗ tes Herz zu der unſeligen Bürgſchaft verleiten ließ und unverſchuldet in's Unglück gerieth?“ „Unverſchuldet?!“ rief Erasmus losbrechend,„ein Menſch, der mit ſeinen fünf Sinnen eine ſolche Bingſchuft leiſtet, unverſchuldet?!“ Väterchen, Du biſt recht garſtig. Wenn Du in ſeinen Verhältniſſen lebteſt, und er in den Deinen, wie anders würde er ſprechen.“ „Es iſt gut, daß es nicht ſo iſt.“ „Väterchen, Du erlaubſt es, ich erbreche den Brief?“ Da Erasmus, mürriſch im Zimmer auf⸗ und ab⸗ 12 gehend, keine Antwort gab, nahm's Seraphine für Bejahung und hüpfte fröhlich davon. „Nur dem Bettelvolke nichts geſchickt, bei mei⸗ nem Zorne!“ rief er der Davoneilenden nach,„der Pfennig wäre weggeworfen.“ Die Tochter vernahm nichts von dem liebreichen Nachrufe; Erasmus aber brummte für ſich:„Bürg⸗ ſchaft zu leiſten auf bloße Treue und Glauben, die Sprache hat kein Wort für ſolchen Wahnſinn.“ Es war nicht lange nachher, als eines Tages Herr Peter Erasmus mit der Feder einen langen Strich quer über das Papier zog.„Hundertſter Beweis,“ ſprach er, daß es keine Unſterblichkeit gibt. Die Methode mit den Freiern war ſo übel nicht und hat mich ein gut Stück vorwärts gebracht. Es ließ ſich's Mancher Mühe koſten; vergebens; unſer eins iſt nicht ſo leicht zu fangen. Doetor Leonhardt wollte mir ſogar ſein neueſtes Werk über die Analyſe des Unendlichen dediciren, damit ich ſammt ſeiner Scrip⸗ tur zur Unſterblichkeit gelange; ich bedankte mich. James Crok bot ſich zum Compagnon mit einer hal⸗ ben Million an, meiner Firma ebenfalls die Un⸗ ſterblichkeit zu ſichern. Was hilft mir eine un⸗ ſterbliche Firma, wenn ich ſelbſt zum Kuckuck gehe?“ Nach einer Pauſe ſprach er:„Hundert Beweiſe! Ein ſchönes Anhalten; bald hab' ich Gewißheit. Ich placke mich dann nicht länger für Andere. Seraphi⸗ nens Ausſteuer wird deponirt; was übrig bleibt, reicht hin, als Graf zu leben, und ich werd' es. War ich kein Narr, ſo bekümmerte ich mich bereits vor zehn Jahren um die Unſterblichkeit.“ 13 Er blickte lange ſinnend vor ſich hin.„Alſo wirklich aus? Rein aus, ſo bald der letzte Athem⸗ zug vorüber? Was zweifle ich? Hundert Prozent gegen Nichts— und gleichwohl lebt die Menſchheit in dem curioſen Traume. Es iſt gewiß, dieſe Lehre iſt von der Politik des Reichthums erfunden gegen die Armuth. Wäre die Maſſe des gemeinen Volkes nur halb ſo überzeugt, wie ich, es ſtünde übel um unſere Geldfäſſer. Auch Seraphinens Glaube ſcheint anbrüchig geworden; die unbefangene Natur iſt wahr⸗ ſcheinlich meinem Beiſpiele gefolgt und hat mit ihrem klaren Verſtande über die Sache nachgedacht.“ Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Sera⸗ phine in das Zimmer trat, in ihrem ganzen Weſen ſeltſam verändert; es war nicht mehr das fröhliche Mädchen. Sie ging auf den Vater zu und ſank, ohne ein Wort zu ſprechen, weinend in ſeine Arme. „Was iſt Dir, mein Kind,“ fragte dieſer, von der ungewohnten Erſcheinung unwillkürlich ergriffen, und führte das Mädchen zum Sopha. Sie ſchlug das Himmelsauge, aus dem ein wun⸗ derbares Feuer leuchtete, zu ihm empor; die Hände hielt ſie wie betend gefaltet. „Vater,“ ſprach das Mädchen in einem ſeelen⸗ vollen, gewißheitſeligen Tone,„es gibt eine Un⸗ ſterblichkeit.“ Dem Peter Erasmus ward immer wunderlicher zu Muthe; er forſchte ſchonend weiter. Sie blickte ihn aber unverwandt mit unendlicher Liebe an, um⸗ armte ihn wiederholt und ſchluchzte:„Ja, es gibt eine Unſterblichkeit.“ Endlich gelang es dem Vater, das Mädchen zum Erzählen zu bringen:„Ich fuhr dieſen Nachmittag,“ ſprach ſie,„wie Dir bekannt iſt, mit Siegwart's . 14 Paulinen nach unſerm Weinberge. Wir hatten kaum das Ende der Wallſtraße erreicht, als, ich weiß nicht wodurch, die Pferde ſcheu wurden, und in fürchter⸗ licher Schnelle dahin raſten. Johann ſtrebte verge⸗ bens, der unbändigen Thiere Herr zu werden. Wir ijagten in geſtreckter Carriere den Hirſchdamm entlang; der Wagen ſtieß an einen Haufen Pflaſterſteine; es war, als ſollte er in tauſend Stücke zerſpringen. Jo⸗ hann war vom Bocke geſprungen, die Zügel geriſſen. und wir zwei Mädchen der fürchterlichſten Todesangſt preis gegeben. Wir ſchrien um Hülfe, vergebens; ich ſah nur, wie alle Leute ſchon von fern den wü⸗ thenden Pferden aus dem Wege eilten. Da nahm das Geſpann ſeine Richtung nach dem engen Damme des Schwanenteichs. Von allen Seiten ſchrie man jetzt: Halt auf! Pauline lag wie todt im Wagen; der Waſſerſpiegel kam immer näher, mir begannen die Sinne zu ſchwinden; doch ſah ich noch, wie ein Menſch quer über die Straße eilte und den Pferden in die Zügel fiel; er ward ein großes Stück ge⸗ ſchleift; er ſchrie; es ſprang noch ein anderer Mann herbei, und man brachte die Pferde zum Stehen. Der Schlag ward aufgeriſſen, jetzt erſt verlor ich das Bewußtſein. ½ Der Vater athmete tief auf, drückte die Erzäh⸗ lerin ſtumm an ſich und küßte ſie auf die Stirn. „Ja, Du haſt mich wieder,“ ſprach Seraphine und umarmte den Vater mit inniger Liebe. „Und ich erfahre nichts von dem fürchterlichen Vorfalle?“ fragte dieſer.. „Der Buchhalter,“ ſprach Seraphine,„hatte Sorge getragen, daß Du nicht unnöthigerweiſe er⸗ ſchreckt würdeſt.“ „Aber wie ward es weiter?“ frug der Vater. 15 Die ſchönen Augen des Mädchens verklärten ſich von neuem— ſie ſtockte, erröthete— begann leiſe und erzählte endlich mit wachſender Begeiſterung. Wie ſie aufgewacht ſei, habe ein junger Mann, ihr Retter, wie ein Engel Gottes vor ihr gekniet und, als ſie ängſtlich nach dem Vater gefragt, im ſanften Tone ſie getröſtet; denn er ſelbſt hatte Sorge getra⸗ gen, daß dem Vater der Unfall verſchwiegen bleibe. Sie erzählte noch lange, konnte für das Lob ihres Erretters der Worte nicht genug finden, und ſank mit den Worten an den Hals des Vaters:„Gewiß, gewiß, es gibt eine Unſterblichkeit.“ Der Vater theilte keineswegs die Begeiſterung der Tochter, im Gegentheil furchte ſich ſeine Stirn immer bedeutſamer, und er fragte ziemlich kühl: „Wer iſt denn eigentlich dieſer Engel in Menſchenge⸗ ſtalt, dein Retter?“ „Ich habe es nicht erfahren können,“ ſprach Se⸗ raphine;„auch Johann kannte ihn nicht. Zu den reichen und vornehmen Leuten gehörte er nicht,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„dazu war er zu ſchlicht gekleidet.“ ₰ „So?!“ tönte es noch kühler von Seiten des Väters.„Nun, wir werden den muthigen jungen Mann ſchon kennen lernen. Er wird die Belohnung für ſeine ſchöne That nicht im Stiche laſſen und ſoll keinen Knauſer in mir finden.“ Seraphine blickte verwundert zum Vater auf: „Glaubſt Du denn, daß er um eine Belohnung bei Dir einkommen wird?“ „Warum nicht?“ fragte Erasmus gleichmüthig. Das Mädchen ſtand gekränkt auf:„Wie wenig kennſt Du den Edlen.“ Dem Vater ſchwebte eine energiſche Strafpredigt 16 auf der Zunge, doch er kannte den Charakter Sera⸗ phinens; er ſprach daher ſo mild als möglich:„Meine Tochter, lerne die Welt kennen, wie ich, und Du wirſt Dich hüten, Deinem guten Herzen zu leicht Gehör zu geben. Sei verſichert, wäre Dir das Un⸗ glück auf einem armſeligen Leiterwagen begegnet, an⸗ ſtatt in einer eleganten Earroſſe, es würde Dir Ar⸗ men ſelbſt Dein Engel nicht beigeſpungen ſein.“ „Ich bitte Dich, ſchweig, Vater!“ rief das Mäd⸗ chen mit unterdrückten Thränen. „Liebe Seraphne,“ fuhr erſterer im ruhige Tone fort,„Du befandeſt Dich in Folge des Schreckens in aufgeregtem Gemüthszuſtande; die plötzliche Er⸗ rettung aus drohender Lebensgefahr ließ Dir Alles in magiſchem Lichte erſcheinen. Der junge Menſch, der den Pferden in die Zügel fiel, that im Grunde nur ſeine Menſchenpflicht, und ſollteſt Du ihn in ruhigern Stunden wiederſehen, wirſt Du einen ge⸗ wöhnlichen Menſchen mit Schwächen und Mängeln und keinen Engel finden.“ Seraphine blickte eine Zeit lang wie ſinnend vor ſich hin, ſchüttelte dann ſtumm das Paupt und ver⸗ ließ eilends das Zimmer. „Das fehlte,“ murrte Erasmus,„daß aus dem Wagenmalheur noch eine Liaiſon hervorginge mit Gott⸗ weiß welchem Vagabonden. Das leidenſchaftliche, un⸗ erfahrene Kind iſt im Stande, mit ihrem ſelbſtfabri⸗ eirten Engel über alle Berge davonzulaufen, wie lieb ſie mich hat. Ich mag nicht daran denken,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„was geworden, wäre das Mädchen verunglückt; aber eine Pöbelliebſchaft kommt mir gleich nach der ewigen Verdammniß.“ ₰ —— — Alle Bemühungen, den Retter Seraphinens aus⸗ zukundſchaften, waren vergebens geblieben. Die Leute, in deren Wohnung das Mädchen aus ihrer Ohnmacht erwachte, hatten ihn nicht erkannt, und er ſelbſt war, trotz der öffentlichen Aufforderung des reichen Banquiers Erasmus, nicht ſichtbar geworden. Der Buchhalter wußte auch weiter nichts zu erzählen, als von einem jungen athemloſen Menſchen, der den Un⸗ fall berichtet und ihn zugleich beſchworen, dem Vater nicht unnöthige Sorge zu machen, da das Fräulein in kurzem ſelbſt wohlbehalten ankommen werde. Der alte Erasmus ſchüttelte nachdenklich das Haupt. Solche Fälle hatte er wohl in ſeiner Ju⸗ gend in Entſagungsromanen geleſen, in der Lebens⸗ praxis waren ſie ihm nicht vorgekommen. Uebrigens konnte dem ſtolzen Manne nichts erwünſchter kommen, als dieſes großmüthige Inkognito eines Proletarier, der auf Seraphinen mehr als einen blos vorüber⸗ gehenden Eindruck zurückgelaſſen hatte. Das Mäd⸗ chen war ſeit der verhängnißvollen Spazierfahrt ſicht⸗ bar ernſter und ſtiller geworden. Erasmus glaubte daher, daß es das Beſte wäre, wezn ſie ihren Ret⸗ ter gar nicht wieder zu Geſicht be omme; in ſeinen Gedanken wünſchte er ihn in's Pfefferland. Je reif⸗ licher er aber über den eurioſen Fall nachdachte, deſto klarer wurde es ihm, daß der Unbekannte ein Son⸗ derling, wenn nicht gar ein Narr ſei.— „Siehſt Du, Vater,“ ſprach eines Tages Sera⸗ phine,„wie unrecht Du von meinem Retter dachteſt, als Du glauben konnteſt, er werde ſeine ſchöne That bezahlt nehmen.“ „Nach meinem jetzigen Dafürhalten,“ erwiederte Erasmus,„glaub' ich ſicherlich, daß er unmittelbar Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 2 18 nach dem Vorfalle die Stadt verlaſſen hat; wahr⸗ ſcheinlich war er nur auf der Durchreiſe begriffen.“ „Wie,“ fragte Seraphine leiſe und ward ſichtbar bläſſer,„er ſollte ſich gar nicht mehr in der Stadt befinden?“ „Gewiß,“ antwortete der Vater,„er konnte ſonſt meinen Nachforſchungen mni entgehen.“ „Ich kann das nicht 632 en,“ ſprach noch leiſer das Mädchen. „Warum nicht,“ fuhr erſterer ruhig fort;„es thut mir zwar ſehr leid, ſein Schuldner bleiben zu müſſen; aber der brave junge Mang fühlt ſich durch das Bewußtſein ſeiner edlen That gewiß belohnt ge⸗ nug, wie weit ihn das Schickſal von uns entfernt.“ „Wäre er fort,“ ſprach nach einer Pauſe Sera⸗ phine in ſeltſamem Tone,„o, es wäre nicht gut. Der Vater ſtutzte und fragte:„Wie ſo, meine Tochter?“ Das Mädchen glich jetzt einer kleinen Heiligen.„ Sie blickte lange voll Liebe und Wehmuth zum Va⸗ ter auf, dann ſprach ſie mit einem Tone voll ſeliger Gewißheit:„Gibt es einen Sterblichen, der Dich überzeugen könnte von einer ſchönern Welt, von„ einem Engellande, einer Unſterblichkeit, ſo iſt Er es.“ 1 Erasmus lächelte und ſchwieg. „O, Vater,“ rief ſie und eilte, von ihrem Ge⸗ fühle überwältigt, in ſeine Arme,„banne Deine troſt⸗ loſen Zweifel und unſeligen Beweiſe; Du biſt un⸗ glücklich, ich weiß es; glaube mir,“ fuhr ſie begeiſtert fort,„ſo gewiß ich Dich hier in meinen Armen halte ſo gewiß ich Dich liebe, ſo gewiß ſehen wir uns einſt wieder, gewiß, gewiß, es lebt ein Gott, es gibt eiz Unſterblichkeit.“ ——. 8 19 Dem kalten Verſtandesmenſchen ſchien eine Rüh⸗ rung anwandeln zu wollen; doch bezwang er ſie. „Auch ich,“ ſprach Seraphine weiter,„durch Dein Beiſpiel verleitet, ſchwankte eine Zeit lang, weil ich meinem ſchwachen grübelnden Zweifelsſinne mehr Ge⸗ hör gab, als der lautern Stimme meines Herzens, die mich nie betrog. Ich war recht unglücklich, aber Gott erbarmte ſich mökſter; ich glaube wieder an ſei⸗ nen Himmel, ich bin überzeugt und glücklich.— Va⸗ ter,“ flehte ſie in unnennbar ſüßem Tone,„ſei es auch.“ „Wer ſagt Dir denn, daß ich es nicht bin?“ fragte dieſer mits.„Es war unüberlegt von mir, Dich mit meinen eurioſen Anſichten bekannt zu machen. Es bleibe Jeder bei ſeinem Glauben, den ihm Ver⸗ nunft und Herz vorſchreiben. Bleibe auch Du, meine Tochter, bei dem Deinen.“ „Was liegt an mir,“ ſprach traurig Seraphine, „auch Du, alle gute Menſchen ſollen ihn haben.“ „Das ſind fromme Wünſche, mein Kind, die auf Erden nie in Erfüllung gehen.“ „Aber ſie müſſen es doch einmal,“ behauptete überzeugt das Mädchen;„und iſt's hier nicht, iſt's dort;“ ſie zeigte zum Himmel. „Curivſe Logik,“ meinte Erasmus, und war nicht mehr überzeugt denn vorher. Auf ähnliche Weiſe debattirten noch manchmal Va⸗ ter und Tochter mit einander. Völlig unvorhergeſehene politiſche Ereigniſſe hat⸗ ten den Sturz mehrerer großen Handelshäuſer auf den erſten Handelsplätzen Europas zur Folge. Auch Peter Erasmus erlitt die bedeutendſten Verluſte. 2 Der Banquier vergaß darüber eine Zeit lang ſeine unſterblichkeitsverſuche und ſtürzte ſich mit jugend⸗ licher Kraft in den Strudel der Geſchäfte. Er be⸗ rechnete, daß er, blieb er ſeinem zeitherigen Syſteme treu, fünf bis ſechs Jahre nöthig hätte, die empfange⸗ nen Wunden zu heilen. Dies war ihm zu lange, er ſehnte ſich nach Ruhe, und ſo begab er ſich auf das lockende Gebiet der Börſenſpeculativn, wo ihm ein paar Wochen die großen Verluſte wieder einbringen konnten. Hier aber war ihm das Glück entſchieden abhold. Er begann im Anfange mit kleinen Sum⸗ men und verlor ſie. Er wollte dem Schaden beikom⸗ men, wagte größere und verlor. Die Leidenſchaft des Spiels, die er ſein Lebelang verflucht und in ſeinem Innern eiferſüchtig verſchloſſen hatte, erwachte mit verdoppelter Kraft und ſchien ſich gleichſam rächen zu wollen. Seine Lage ward mit der Zeit immer gefährlicher, die Geſchäftsfreunde zogen ſich vorſichtig von ihm zurück. Eines Tages kam der allgewaltige Bangquier, der vor Jahr und Tag noch über Hunderttauſende zu ge⸗ bieten gehabt, als armer Mann von der Börſe. Der Abend war hereingebrochen, noch immer ſaß Erasmus in ſtarrer Verzweiflung an ſeinem Bureau und zerknitterte bewußtlos die daſelbſt aufgehäuften Papiere. Johann brachte Licht, der Herr bemerkte es nicht; der Diener that einige Fragen, keine Ant⸗ wort erfolgte. So vergingen wieder mehre Stun⸗ den; draußen war es Nacht geworden, das Leben auf der Straße und im Hauſe erſtorben. Da fielen die ſtieren Blicke des Banquiers un⸗ willkürlich auf die Papptafel, auf welcher er die hun⸗ dert Beweiſe gegen die Unſterblichkeit ſorgfältig zu⸗ ſammengetragen hatte, und die oberhalb des Bureaus aufgehängt war. Ein verzweifelndes Lächeln zuckte über das verzerrte Geſicht. „Jenſeits nichts,“ knirſchte er,„hier unten Schmach— Armuth— Verzweiflung!“ Er fuhr mit den Händen wie wahnſinnig in die Haare; ein ver⸗ zweifelter Entſchluß hatte im Innern gezündet. Er ſprang auf, eilte ans Fenſter und ſtarrte bewußtlos in die Nacht hinaus. So wie er zum Bewußtſein gelangte, übermannte ihn der Gedanke an ſeine ent⸗ ſetzliche Lage. Er ſah keinen Ausweg, keine Rettung; und ſo trat er denn feſten Schrittes zur Wanduhr, hob die bleiernen Gewichte aus, barg die Laſt in ſeinen Rocktaſchen und verließ eilends das Zimmer. Bereits hatte er das Hausthor erreicht, als er, von einem Gedanken heftig ergriffen, ſchnell um⸗ kehrte. Er eilte auf ſein Zimmer, ergriff die noch brennende Aſtrallampe und durchwanderte leiſe und zitternd mehrere Gemächer. Jetzt ſtand er vor dem Lager, wo Seraphine ſanft wie ein Engelsbild, von holden Träumen umflort, einem frohen Erwachen entgegenlächelte. Ein unbändiger Schmerz bemächtigte ſich des un⸗ glücklichen Mannes. Er ſtarrte lange auf das holde Kind. Daß ſie nimmer erwache, raunte eine Stimme in ihm. Sein Blick ward immer unheimlicher, in ſeinem Hirn glühte es fieberiſch. Plötzlich entfernte er ſich, durchirrte die angrenzenden Gemächer und ſchien nach Etwas zu ſuchen. Er gelangte wieder auf ſein Wohnzimmer, taumelte nach einem Wandſchranke — da wehte Zugluft durch die offengebliebenen Thü⸗ ren und— die Lampe erloſch. Dichte Finſterniß umgab den Unglücklichen. Wie von Furien gepeitſcht, ſuchte er jetzt nach der Thür zum Vorſaale. Nach mehren vergeblichen Verſuchen gelang es. Er eilte die Treppe hinab nach der untern Hausflur und ge⸗ langte auf die Straße. Hier war Alles todt und erſtorben. Spärlich nur leuchteten die Lichtlein einſamer, vom Winde hin und her bewegter Laternen. Der Himmel war dunkel um⸗ hangen und zuweilen fielen einzelne Regentropfen. Erasmus eilte, ſo ſchnell es ſeine Kräfte verſtat⸗ teten, die Straße entlang. Der Wind wehte in ſei⸗ nem unbedeckten, ſparſamen Haupthaare. Das In⸗ nere des Mannes zu beſchreiben, würde vergebens eine Feder verſuchen. Kein menſchliches Weſen be⸗ gegnete ihm. Als er das Ende der Straße erreicht. hatte, wendete er ſich links durch einige Seitengaſſen und gelangte auf die große ſteinerne Brücke des Fluſ⸗ ſes, welcher die Stadt in zwei Theile theilt. Man vernahm das unheimliche Rauſchen der Wel⸗ 1 len in der Tiefe; über Stadt und Fluß lag tiefe Finſterniß; auf der Brücke brannten nur noch einige düſtere Laternen. Erasmus ſchritt haſtig die erſten Pfeiler entlang bis er an der Stelle war, wo das Waſſer ſich mit Gebraus durch die Brückenbogen zwängte und die Strömung des Fluſſes anzeigte. Krampfhaft umklammerte die eine Hand des Ver⸗ zweifelnden den eiſernen Halter der Laterne, deren Flämmchen bereits erloſchen war; wild brauſten da unten Tod und Verderben; da entſpann ſich in ſei⸗ ner Bruſt ein nur minutenlanger aber fürchterlicher Kampf. Eine Stimme, die während ſeines ganzen Lebens geſchwiegen, war plötzlich erwacht und rief unaufhörlich:„Es lebt ein Gott, es gibt eine Un⸗ ſterblichkeit, eine Vergeltung, welche die Miſſethat 23 rächt.“„Nein! nein!“ rief die Verzweiflung dazwi⸗ ſchen. Und immer lauter und überzeugender mahnte die erwachte Stimme, und immer gewaltiger rang die Verzweiflung dagegen. Dumpfer brauſten die Wellen, wilder tobte der Sturm; die Sinne ſchwanden— die Verzweiflung ſiegte;— weit bog ſich der Oberkör⸗ ver des Unglücklichen über das eiſerne Brückengelän⸗ der— und die Fi ließ los von dem Eiſenſtabe. Da fühlte ſich der Selbſtmörder von zwei Armen umſchlungen und zurückgezogen, und eine Stimme ſprach ſanft und voll Liebe:„Unglücklicher, Du ſollſt leben; Gott wollte Dich nur prüfen.“ „Laßt mich,“ ſchrie entſetzt Erasmus und wollte ſich losreißen, aber die Arme hielten ihn feſt um⸗ ſchlungen und die Stimme ſprach: „Nur dieſe Nacht noch lebe; ſie wird vergehen, es wird Tag werden, und auch Dir, mein armer Freund.“ „Nie! nie!“ rief Erasmus. „Gott iſt allmächtig und ſeine Liebe unendlich.“ „Es gibt keinen,“ tönte es krampfhaft. „O, Du biſt ſehr unglücklich, Du Armer; aber Niemand iſt ſo unglücklich, daß er nicht noch glück⸗ „lich werden könnte. Darum komm fort von hier; ein Wunder rettete Dich; es war ein Fingerzeig von oben, daß Du leben ſollſt, um noch hienieden Gottes Liebe zu erkennen.“ Erasmus ließ ſich halb bewußtlos die Brücke ent⸗ lang führen. Die Stimme fuhr fort in ſanften liebe⸗ vollen Troſtesworten: „Lebt auch nur eine Seele Dir, der Dein Tod Jammer gebracht hätte, wird ſie nicht Freudenthränen weinen, gerettet zu ſehen? Wenn Du ſie lieb hatteſt, freuſt Du Dich nicht mit ihr?“ „O, Seraphine!“ rief Erasmus händeringend, „armes, verlaſſenes Kind.“ „Sie iſt ja nicht mehr verlaſſen,“ tröſtete ſanft der nächtliche Begleiter,„Du biſt ihr wiedergegeben, wie Gott es gewollt.“ Die Beiden hatten jetzt das Ende der Brücke er⸗ reicht. Noch immer führte der Unbekannte den vom Tode Geretteten und ſprach zu ihm voll Liebe und Gottvertrauen. Seine Rede, die Anfangs ſpurlos in dem zerriſſenen Gemüthe des unglicklichen zu ver⸗ hallen ſchien, begann allmälig einen ſchwachen Ein⸗ druck zurückzulaſſen, der allmälig tiefer und wohl⸗ thuender wirkte, je inniger, wärmer und überzeugender die Worte des Himmels von den ſeelenvollen Lip⸗ ven des wunderbaren Erretters klangen. Dieſer hatte ſeinen Mantel um den Halberſtarr⸗ ten geworfen, und das entblößte Haupt des bejahr⸗ ten Mannes mit ſeinem Hute bedeckt. Jetzt ſprach er bittend und ſanft:„Mein Freund, die Nacht iſt rauh, Du biſt erkältet; bevor ich Dich nach Deiner Wohnung geleite, folge mir nach der Hütte meiner Lieben. Es iſt zwar ſpät, aber wir finden ſie ge⸗ wiß alle noch wach, da ſie mich erwarten.“ „Unter Menſchen?“ fragte zaghaft Erasmus. „Es ſind gute Menſchen,“ tröſtete der Fremd⸗ ling,„von ihnen fürchte nichts.“ „Ich folge Dir,“ ſprach wunderbar geſtärkt der Andere. Plötzlich blieb Erasmus ſtehen:„Gib mir Deine Hand,“ bat er. „Hier iſt ſie.“ Er drückte ſie mit krampfhafter Innigkeit und flehte:„Verlaß mich nicht wieder.“ „Ich verſpreche es Dir.“ —— Erasmus athmete tief auf und ſprach leiſe:„Ich fühle mich wieder reich.“ Sie waren der Fiſcherhütte näher gekommen, als frommer Geſang durch die Nacht daher tönte. „Die Meinen ſingen ihr Abendlied,“ ſprach der Unbekannte, und die Beiden ſchlichen leiſe näher und lauſchten. Der Sturm hatte ſich aber gelegt, klar ſtrahlte der Sternenhimmel in ſtiller Pracht, und wie von Engelſtimmen geſungen tönte das Lied daher: Auf Gott und nicht auf meinen Rath Will ich mein Glück erbauen, Und dem, der nich erſchaffen hat, Mit ganzer Seele trauen. Er, der die Welt Allmächtig hält, Wird mich in meinen Tagen Als Gott und Vater tragen. Was dem Erasmus noch nie begegnet war, eine Thräne trat ihm unwillkürlich in die Augen, und im Innerſten wunderbar ergriffen, trat er mit ſeinem neuen Freunde in die Hütte der Armuth. Eine neue Welt erſchloß ſich hier dem einſt ſo reichen Manne; die Seligkeit der Armuth hatte er nie gekannt; er hatte nie daran geglaubt, daß es ohne Geldfäſſer und ohne die höhern Annehmlichkeiten des Lebens Zufriedenheit und Glück geben könne und das zufriedene Glück der Armen nur für eine ſchöne Dichtung gehalten. Als er mit dem älteſten Sohne der Familie,— das war ſein Retter— in die armſelige Hütte trat, gab es ein wahrhaft kleines Auferſtehungsfeſt. Unter lautem Jubelgeſchrei ſtürzten die jüngern Geſchwiſter dem ältern Bruder Johannes, der mehrere Wochen abweſend war, entgegen, ihm Arme und Beine um⸗ 26 klammernd, herzend und küſſend. Er ſchalt und ſpek⸗ takelte mit Thränen in den Augen, daß man ihn los⸗ laſſen ſollte, und war nur beſorgt, daß ſein armer Gaſt ſogleich ein weiches und warmes Plätzchen hin⸗ ter dem Ofen erhalte. Alsbald praſſelte ein luſtiges Feuer im Oeſfchen, und der gewürzige Thee begann ſein ahnungſüßes Summen. Johannes aber machte ſich jetzt an die Vertheilung der Geſchenke, die er von ſeiner Reiſe mitgebracht. Er hatte Keines ſeiner Lieben vergeſſen; er hatte ſich's ſelbſt abgedarbt, um Jedem eine Freude zu machen. Ueber dieſen unverhofften heiligen Chriſt, beſtand er gleich aus den unbedeutendſten Kleinigkeiten, er⸗ hob ſich neuer Jubel unter den Geſchwiſtern. „O, du guter, lieber Bruder,“ tönte es von den Lippen der Glücklichen, und Erasmus blickte mit ge⸗ falteten Händen in das kleine Himmelreich, und ſeine Thränen floſſen ſanft. Als aber die Geſchwiſter vor dem Zubettegehen alle laut und fromm das Vater⸗ unſer beteten, betete es Erasmus mit, laut und in⸗ brünſtig, wie er nie gebetet in ſeinem Leben. Als Erasmus nach langem und geſundem Schlafe aus dreiwöchentlichem Fiebertraume zum Bewußtſein erwachte, kniete Seraphine an ſeinem Lager. Das Mädchen ſtieß einen Freudenruf aus und Thränen rannen aus den ſchönen Augen. Der Vater reichte ihr ſelig lächelnd die Hand, die ſie mit Küſſen bedeckte, und ſprach leiſe:„Es gibt eine Unſterblichkeit.“ „O, du guter, guter Vater!“ rief ſie überglücklich. „Aber, meine Tochter,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu und begann zu ſtocken; ſein Blick ſenkte ſich — wehmuthsvoll auf Seraphinen,„wir ſind nun arm, ganz arm,“ ſprach er kaum hörbar. „O, wir ſind reich, reich,“ jubelte das Mädchen und drückte liebevoll die väterliche Hand an ihre Bruſt, „Du haſt ja den Himmel wieder, mein Vater.“ „Gern will ich's ertragen,“ ſprach Gott ergeben der alte Mann,„aber Du, meine Tochter, die jetzt Armuth und Drangſale erwarten?“ „Gott wohnt auch unter den Armen,“ tröſtete fromm das Mädchen. „Ja, das ſind ſeine Lehren,“ ſprach Erasmus wunderbar„aber wo iſt Er? Wo bleibt Er? Warum verläßt Er mich?“ „Wer denn, mein guter Vater?“ fragte Seraphine beſorgt. „Mein— Engel,“ ſprach der Vater mit gefalte⸗ ten Händen. Tiefe Wehmuth ſenkte ſich über das Antlitz des Mädchens. Sie wähnte, der Geneſende rede wieder irre; und um ihn auf andere Gedanken zu bringen, ſprach ſie ſanft und liebevoll: „Siehſt Du, mein guter, lieber Vater, ſeit Du den Himmel wieder gefunden, zeigt er ſich auch ſchon gnädig gegen uns. Onkel Fritz hat auf ſeinem Güt⸗ chen eine allerliebſte kleine Wohnung eingerichtet; Alles fix und fertig, und ſobald Du geſund biſt, ziehen wir gleich zu ihm. Er und die Tante erkun⸗ e ſich täglich nach Dir, waren auch zwei Mal ſelbſt in der Stadt, aber das böſe Fieber ließ ſie Dich nicht erkennen. Die ganze Familie freut ſich innig auf unſere recht baldige Ankunft. „Mein Bruder,“ ſeufzte Erasmus,„den ich als reicher Mann ſo lieblos behandelte?“ „O, bitte, ſchweig,“ flehte Seraphine,„Du haſt es ja nicht böſe gemeint, das wiſſen wir alle.“ 28 „Wie ſoll ich ihnen vergelten, den Guten?“ ſprach der Vater; und nach einer Pauſe für ſich:„Es muß einen Gott geben, der das Gute vergilt.“ Seraphine erzählte ferner mit leiſem Erröthen: „Auch mein Retter, Väterchen, iſt wieder ſichtbar geworden. Gleich am erſten Tage Deiner Krankheit fragte er nach Dir. Du warſt aber ſchon zu krank, als daß Du ihn hätteſt ſprechen können. Seit jener Zeit kommt er alle Tage und erkundigt ſich nach Dei⸗ nem Befinden.“ „Ach,“ ſeufzte der Geneſende,„daß uns die ar⸗ men edlen Menſchen erſt heimſuchen, wenn wir ſelbſt unglücklich ſind.“ „Wir ſind ja glücklich, guter Vater.“ „Führ' ihn gleich zu mir, meine Tochter, ſobald er kommt. Ich habe zwar kein Geld mehr, ihn zu belohnen; aber mein inbrünſtig Gebet für ſein Wohl wird der Vater im Himmel nicht unerhört laſſen.“ Da ſtreckte der treue Diener den Kopf durch die Thür:„Herr Johannes,“ ſprach er leiſe. „Wer?“ rief Erasmus und fuhr ſeltſam bewegt empor. „Das iſt er ja, Väterchen,“ jubelte Seraphine und hüpfte nach der Thür. „Johannes— Dein Retter—2! ſtammelte Erasmus. „Nur näher!“ ſprach Seraphine an der Thür: „Vater kann Sie jetzt ſprechen.“ Und herein trat ein Jüngling von kräftiger, edler Geſtalt, mit ſanftem, herzgewinnendem Antlitze, in ein⸗ facher Schiffertracht. Er nahte ſich leiſe dem Bette. Als aber Eras⸗ mus die Züge ſchaute, die ihm ſo liebevoll gelächst 29 in der ſchwerſten Stunde ſeines Lebens, verklärte ſich ſein Geſicht; er ergriff die Hand des Jünglings und rief auf's Höchſte bewegt: „Engel meines Lebens, Retter meines Kindes, — Du ſprachſt wahr— es gibt eine Vorſehung— einen Gott— eine Unſterblichkeit. Noch nie war ich ſo überzeugt, als in dieſem Augenblicke, o daß es mein letzter wäre.“ Er ſank, von ſeinem Gefühle überwältigt, ohn⸗ mächtig auf ſein Kiſſen zurück. Es war wohl an die zehn Jahre ſpäter, an ei⸗ nem ſchönen Frühlingsnachmittage, als ein fremder Herr, ſchon ziemlich bejahrt, durch blühendes Geſträuch ſich mühſam Bahn brach, um den freien Bergesgipfel zu erreichen. Als es ihm gelungen, ruhten ſeine Blicke lange auf der herrlichen Landſchaft, die ſich ringsumher ausbreitete. „Ich bin zwar von meinem Pfade abgekommen,“ ſprach der Fremde,„aber die Ausſicht iſt belohnend.“ Beſonders erregte die Aufmerkſamkeit und das Wohlgefallen des Wanderers ein kleines aber höchſt freundliches Landgütchen, das gerade am Fuße des Berges gelegen war und ſich mit ſeinen netten Wohn⸗ und Wirthſchaftsgebäuden, den friſchen Getreidefeldern und dem in vollet Blüthe ſtehenden Garten gar an⸗ muthig ausnahm. Aber nicht die blühende Natur und reizende Lage allein waren es, welche das Intereſſe des Fremden auf ſich zogen, beſonders ergötzte ihn die idylliſche In— wohnerſchaft des Gartens. Da ſaß ein Greis mit ſchneeweißem Haupte auf einer Moosbank und wiegte einen kleinen muthwilligen Lockenkopf auf ſeinen Knieen, während ein älterer Knabe und Mädchen um ihn her⸗ 30 umtummelten im kindlichen Spiele. Den Hauptgang daher kam eine madonnenhaft ſchöne Frau, ein klei⸗ nes Kind, wahrſcheinlich das Neſthäkchen der Familie, im Arme tragend. So wie die Kleinen die Mutter erblickten, eilten ſie ihr jubelnd entgegen, und der Lockenkopf auf den Knieen des Greiſes ſtreckte lächelnd die Händchen nach der Geliebten aus. Dieſe nahm ſogleich Platz auf der Moosbank, und verſchaffte durch allerlei Scherz und Kurzweil, das ſie mit den Kindern trieb, dem alten Manne eine ſelige Freude. An einem offenen Fenſter des Wohnhauſes, deſſen Ausſicht nach dem Garten herausging, und das halb von blühenden Akazien umſchattet war, ſaß ein ſtatt⸗ licher Mann in den dreißiger Jahren. Er ſchrieb in den vor ihm liegenden Papieren; doch von Zeit zu Zeit ruhte ſein Blick auf der Moosbank; dann wen⸗ dete er ſich wieder ſtill und ſelig und ſchrieb weiter. An dem einen Ende des Gartens, wo eine kleine Weinanlage fröhlich grünte, ſah man einen ziemlich betagten Mann die üppig aufgeſchoſſenen Weinranken kunſtgemäß kürzen, damit der künftige Saft mehr der Traube als dem Holze zu Gute gehe. Ein ungefähr funfzehnjähriges blondes Mädchen ging ihm dabei fleißig an die Hand; während wahrſcheinlich ihr äl⸗ terer Bruder vermittelſt der rothlackirten Gießkanne einen furchtbaren Platzregen auf die friſchen Gurken⸗ und Salatbeete herabrauſchen ließ. Der fremde Herr konnte ſich nicht ſatt ſehen an dem anmuthigen Landſchaftsbilde, als ihn nahende Heerdenglocken in ſeiner Betrachtung ſtörten. Ein al⸗ ter Hirt zog mit ſeinen Schafen grüßend vorüber. „Guter Freund,“ rief ihm der Unbekannte zu, „wem gehört denn das allerliebſte Gütchen da unten?“ Der Hirt kam näher, rückte ſein Mützchen und ſprach: 3¹ „Ei, lieber Herr, das iſt die Beſitzung des aller⸗ vortrefflichſten Herrn Erasmus.“ „Meine Ahnung,“ ſprach für ſich der Fremde und wendete ſich, ſichtbar ergriffen, abwärts. „Nämlich des Herrn Fritz Erasmus,“ fuhr der Schäfer fort, denn es lebt auch noch deſſen Bruder, der alte Peter Erasmus.“ „O, erzählt mir von dieſer Familie,“ bat jener, „ich habe ſchon vor langen Jahren Gutes von ihr gehört, und es ſollte mich herzlich freuen, wenn es ihr recht wohl ginge.“ „Lieber, fremder Herr,“ begann der redſelige Alte, „es kann auf Gottes Erdboden keine ſo guten lieben Leute geben als dieſe Erasmuſſe und was dazu ge⸗ hört. Seht, da habt ihr ſie alle, jung und alt. Der Weißkopf auf der Moosbank, das iſt der alte Peter Erasmus, und die ſchöne, himmelsgute Frau daneben ſeine Tochter und Gattin des herzlieben Herrn Paſtors. Der Peter Erasmus war ehedem ein reicher und groß⸗ mächtiger Herr in der Stadt und wollte von ſeinem Bruder Fritz, den er für einen lockern Zeiſig hielt, und bei dem es damals recht knapp herging, nichts wiſſen. Als aber die Sachen bei ihm ſelbſt ſchief gingen, da war der gute Fritz der Erſte, der ſeine Hülfe bot. Eines Tages ſtieg Herr Peter Erasmus nebſt ſeinem ſchönen Töchterlein aus dem beſcheidenen holſteiner Wägelchen, und ſie ſind bei uns geblieben bis auf den heutigen Tag. Der alte Herr hat mir's gar oft erzählt, daß er ſich als reicher Mann lange nicht ſo glücklich befunden habe, als in der Armuth. Ich will's auch in denn wir laſſen es uns alle angelegen ſein, dem alten Manne das Leben ſo freund⸗ lich wie möglich zu machen, damit er ſeinen ehemaligen großen Reichthum und glänzende Lage leichter ver⸗ 32 geſſe. Es iſt uns das auch wohl gelungen; er führt ein wahrhaft glückliches Leben, und nur eine traurige Idee iſt es, die ihm daſſelbe zuweilen verbittert, trotz aller Tröſtungen der Seinen, daß er nämlich einmal als unredlicher Mann aus der Welt gehen ſoll, da er keine Ausſicht hat, in Folge ſeines Banquerotts ſeine Gläubiger zu befriedigen. Was dieſes Capitel an⸗ belangt, da helfen ſelbſt die Troſtſprüche ſeines Schwie⸗ gerſohnes, des Herrn Paſtors, auf den er Alles gibt, nichts; und ich fürchte, daß dieſer innere Gram noch einmal der Nagel zu ſeinem Sarge wird. Der Bru⸗ der Fritz möchte ihm gern helfen, aber ſein ganzes Vermögen beſteht in dem Gütchen, das er großentheils mit den Seinen ſelbſt bewirthſchaftet. Der Fremde ſeufzte tief auf;„und jener ſtattliche Mann am Fenſter?“ frug er nach einer Pauſe. „Das iſt ja eben,“ ſprach der Schäfer,„unſer herzlieber Herr Paſtor, der Abgott der ganzen Umz gegend. Ja, in ihm ſehen Sie ein lebendig Beiſpiel, wie ſelbſt ein Kind von ganz dürftiger Herkunft ein gelehrter und hochgeehrter Mann werden kann. Un⸗ ſer Herr Paſtor iſt der Sohn armer Fiſcherleute. Eines Tages ſpaziert ein wohlhabender Herr bei der armſeligen Hütte vorbei, der Knabe gefällt ihm, er ſchickt ihn in die Schule. Johannes iſt nicht auf den Kopf gefallen und überholt alle Mitſchüler. Der groß⸗ müthige Herr fährt in ſeiner Unterſtützung fort und läßt den geſcheidten Jungen ſtudiren. Kaum aber iſt dieſer ein halbes Jahr auf der hohen Schule, ſo ſtirbt der Gönner und mit ihm die Unterſtützung. Der Arme kann nicht fortſtudiren. Hierzu kommt, daß der Vater zu Hauſe eines tüchtigen Gehülfen bedarf; Jo⸗ hannes will die Seinen nicht im Stiche laſſen, und ſo reſolvirt er ſich ſchnell und wird wieder Fiſcher.— 33 Da fügt es der Himmel, daß Johannes eines Tages ſeine jetzige Frau, mit der die Pferde durchgegangen, vom Tode rettet. Der alte Erasmus will ihn eben fürſtlich belohnen, als er ſelbſt Bettler wird. Jo⸗ hannes kam nun mit heraus zu uns. Da war's denn abermals der gute Bruder Fritz, der in allen Winkeln die paar mühſam erſparten Heckethaler zuſammenſuchte. Johannes mußte wieder auf die Univerſität, von wo er nach zwei Jahren als gelehrter Mann zurückkam. In der Kirche konnte kein Apfel zur Erde, als er die Gaſtpredigt hielt. Den müſſen wir zu unſerm Paſtor haben, ſchrieen die Bauern wie beſeſſen; denn der alte Paſtor war ſchon in die Achtzig. Johannes machte beim Conſiſtorium ein prächtiges Examen und bekam die Stelle. Ach, lieber Herr, den Jubel hätten Sie ſehen ſollen der Bauern und beſonders der beiden alten Erasmuſſe und des himmelsguten Fräuleins Se⸗ raphine, die bald nachher ſeine Frau wurde. Na, ich vergeſſe es mein Lebtag nicht. Auch blieb der himmliſche Segen nicht aus. Nach Jahr und Tag ward's lebendig. Die kleine Marie kam an; ihr folgte Hans; dieſem der Alfred, der dort unten dem Groß⸗ vater auf den Knieen reitet; und Thildchen wird mit nächſtem laufen lernen.“ „Aber warum wohnt denn der Herr Paſtor auf dem Gute; gibt es denn kein Pfarrhaus?“ fragte der Fremde. „Ja, ſo ſind nun Paſtors,“ fuhr der Hirt fort, „die alte Pfarre iſt ganz verfallen, von Rechtswegen müßte die Gemeinde eine neue bauen; aber das gibt Johannes und ſeine Frau nicht zu. Sie wollen uns die Koſten erſparen, wie ſehr ſie ſich beſchränken müſ⸗ ſen. Ueberhaupt könnten ſich Paſtors weit beſſer be⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 3 34 haben; denn iſt die Gemeinde auch nicht wohlhabend, läßt ſie doch dem geliebten Seelſorger nichts abgehen. Aber die Armen bekommen in der Regel die größte Hälfte von Allem, was da einläuft in die Caſſe, in Küche und Keller.“ 8 „Und Fritz Erasmus?“ frug etwas zögernd der Unbekannte. „Ei ſehen Sie ihn denn nicht, wie er dort unten in den Weinſtöcken rüſtig wirthſchaftet,“ verſetzte eifrig der Alte. Das iſt ja der gute Fritz, und die Blonde, die ihm hilft, iſt Thereschen, ſein jüngſtes Töchterlein, und Oswald, der den Salat begießt, der Stammhal⸗ ter Nummer Eins von unten herauf. Ich hab's im⸗ mer geſagt,“ fuhr der unermüdliche Biograph fort, „es find alles herrliche Leutchen, zumal Paſtors— aber Fritz, der bleibt doch der Beſte. Sein Sprich⸗ wort iſt:„„Mein Vertrauen auf gute Menſchen hat mich nie betrogen,““ und er iſt dem Spruche treu geblieben ſein Lebelang, obſchon ihn derſelbe einmal ſein ganzes Vermögen gekoſtet, und Fritz in große Noth und Trübſal gerieth. Er hatte vor langen Jahren Bürgſchaft geleiſtet mit ſeiner ganzen Habe für einen Freund, um dieſen vom Untergange zu ret⸗ ten. Der Freund ward aber zum Betrüger; Fritz verlor Alles; boshafte Leute höhnten ihn mit ſeinem Sprichwort; er lächelte, arbeitete um ſo fleißiger und vertheidigt noch heut zu Tage mit hundert Gründen ſeinen Freund, der ihn um Alles betrogen. Nach Jahre langem Fleiße brachte er das Gütchen an ſich. Es war im miſerablen Zuſtande, Schulden auf Schul⸗ den; aber Gott half; es iſt jetzt ganz ſein und nährt ſeinen Mann. Auch mit Fritzen könnte es beſſer ſte⸗ hen, wenn er nicht wie Paſtors, mit Jedermann theilte, — der in Noth geräth. Uebrigens lebt er ganz glück⸗ lich, und ſeit dem Tode ſeiner braven Gattin vor mehrern Jahren, wüßte ich kein Mißgeſchick, ſo ihn getroffen hätte. Seine Kinder ſind alle wohl verſorgt.“ Eine Thräne war dem fremden Manne in die Augen getreten.„Nein, Du Edler,“ ſprach er für ſich,„Dein Vertrauen auf gute Menſchen hat Dich nicht betrogen.“ Dann wandte er ſich zu dem guten Hirten, dem er die Hand reichte: „Herzlichen Dank, mein Freund, für Eure Mit⸗ theilung; jetzt aber zeigt mir vor allen Dingen den Weg, wie ich zum guten Fritz gelange; die Sonne neigt ſich zum Untergange.“ „Der Tauſend,“ rief hocherfreut der alte Mann,„wohl gar ein guter Freund des braven Fritz?“ „Ja wohl, mein Alter!“ „Nun das wird Freude geben. Kommt, lieber Herr;“ und mit der Rüſtigkeit eines jungen Burſchen geleitete der alte Schäfer den Wanderer durch das Geſträuch bis zu dem Pfade, der mitten durch frucht⸗ bare Saaten nach dem freundlichen Gute führte. „Auf Wiederſehen,“ ſprach der fremde Herr freund⸗ lich,„ich verweile ein paar Tage hierſelbſt;“ und wandelte den beſchriebenen Weg dahin; der Alte aber kehrte gar freudig geſtimmt zu ſeiner Heerde zurück. Die Sonne war geſunken, der ſchönſte Frühlings⸗ abend auf die blühende Schöpfung herabgeſunken. Aus Glocken und Kelchen duftete es balſamiſch. Der alte Peter Erasmus ſaß auf ſeinem Lieblings⸗ plätzchen in der Jelängerielieberlaube, in heiterer Ruhe den ſchönen Abend genießend. Da trat ſein Schwie⸗ 3* 36 gerſohn Johannes zu ihm in die Laube und ſprach: „Väterchen, morgen könnt Ihr Euch freuen.“ „Mein guter Sohn,“ erwiederte ſanft der Greis, „Ihr Lieben macht ja neih ganzes Daſein nur zu einer immerwährenden Freude.“ 3 „Morgen zum Himmelfahrtsfeſte aber,“ fuhr Jo⸗ hannes fort,„erfülle ich einen langgehegten Wunſch von Euch und predige über Euer Lieblingsthema.“ „Ueber“— fragte der Greis, und ſein erfreutes Antlitz ſchien zu verrathen, daß er das Thema ahne. „Ueber die Unſterblichkeit, mein guter Vater.“ Der Greis reichte freudig dem Geliebten die Hand: „Dank Dir, Guter,“ ſprach er;„ſtört mich auch kein Zweifel mehr über jenes Land, wie gern hör' ich doch Dein frommes Wort darüber an heiliger Stätte. — Ach,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, könnt' ich doch die Gewißheit, wie ſie in meinem Innern lebt, und die ſich nicht durch kalte Vernunftſchlüſſe hinwegdis⸗ putiren läßt, weil ſie vom Herzen empfunden wird, — könnt' ich ſie doch bei meinem Hingange jeder zweifelvollen und unglücklichen Bruſt als himmliſches Vermächtniß zurücklaſſen.“ Bei den Worten Hingang und Vermächtniß aber überkam dem Greis wieder der alte ihm ſo ſchmerz⸗ liche Gedanke, daß er künftig nicht einmal den Na⸗ men eines ehrlichen Mannes werde hinterlaſſen kön⸗ nen. Der alte Schmerz bemächtigte ſich ſeiner. Johannes, der den Grund errieth, tröſtete ſanft. „Guter Vater,“ ſprach er,„wie mögt Ihr Euch das Leben alſo ungerechterweiſe verbittern? Aufrich⸗ tige Reue hat Gott gewiß gern; aber er will darum nicht, daß ſich der Bereuende zugleich das Daſein ver⸗ gifte. Vertraut auf die Güte des Allbarmherzigen; —— 37 er hat Euch des Guten ſo viel erzeugt; auch Euern letzten und höchſten Wunſch zu erfüllen, liegt nicht außerhalb ſeiner Allmacht und Güte.“ „Mein Johannes,“ Gwiederte der Greis,„ich ver⸗ traue aus vollem Herzen auf unſern grundgütigen Gott; aber Unmögliches von ihm zu verlangen oder zu hoffen, ſcheint mir eine übermüthige Verſuchung ſeiner Güte.“ „O, mein Vater,“ ſprach der Verkündiger des göttlichen Worts, nicht ohne ſanften Vorwurf:„Klein⸗ muth geziemt uns, denen die Liebe Gottes in ſo reichem Maße zu Theil ward, am allerwenigſten. Wenn wir nicht vertrauungsvoll zu ihm aufblicken wollen, wer ſollte es? Wohl iſt die Zeit der Wunder vor⸗ über; aber die Wege des Herrn bleiben darum oft wunderbar, wie wir ja Beide erfahren haben.“ „Die Wege des Herrn ſind wunderbar, wohl wahr, mein Johannes,“ ſprach geſtärkt der Greis und faltete fromm die Hände. Eine tiefe Stille folgte; nur von dem fernen Klange einer Abendglocke, die himmliſch mild, wie der Bote einer ſchönern Welt, durch die Blüthen tönte, unterbrochen. Da entſtand mit einem Male ein wunderlicher Lärm in dem an den Garten grenzenden Hofraume. Man hörte bekannte Stimmen rufen, eifriges Hunde⸗ gebell; plötzlich ward die Gartenthür aufgeriſſen; Fritz Erasmus ſtürzte herein und lief, als wär' er dreißig Jahre jünger, ſpornſtreichs den Hauptgang entlang auf die Jelängerjelieberlaube zu. Johannes, der, ein Un⸗ glück befürchtend, ihm erſchrocken entgegen kam, ward von dem Eilfertigen ſtürmiſch umarmt, geküßt und zur Laube gezogen. Hier ging's an ein Umarmen des alten Bruders Peter. Vergebens erkundigten ſich 38 die Beiden, ſelbſt freudig ergriffen und erwartungs⸗ voll, nach der Urſache von Fritzens Freude. Dieſer konnte lange keine Worte finden. Endlich rief er mit gefalteten Händen und die hellen brachen aus ſeinen Augen:* „O, meine Lieben, mein Vertrauen auf gute Menſchen hat mich nie betrogen! Ja, blickt fragend und verwundert auf mich, es klingt mährchen⸗ haft, aber es iſt wahr. Mein Freund Heinrich, für den ich vor einundzwanzig Jahren Bürgſchaft geleiſtet mit Hab' und Gut, iſt wieder gekommen, iſt da. Ueber das Weltmeer iſt er gekommen, da er auf wie⸗ derholt verloren gegangene Briefe keine Antwort er⸗ halten, um den alten Freund aufzuſuchen, ſeine Schuld zu löſen und zu beweiſen, daß Vertrauen und Treue in der Welt nicht blos eine ſchöne Dichtung ſind.“ Ohne eines Wortes mächtig, vernahm der Bruder und Johannes die Wundermähr, als der fremde Herr vom Berge an Seraphinens Hand und von der fröh⸗ lichen Kinderwelt umjubelt, der Laube nahte. Fritz eilte dem Zuge entgegen und trat mit Heinrich in die Laube. Kommt Alle herbei, meine Lieben,“ rief er,„und ſeht einen Freund, an dem ich nie verzweifelt. O, es bleibt ein wahres Wort des heiligen Sängers: Was die innre Stimme ſpricht, es täuſcht die hoffende Seele nicht.— O, mein Freund,“ fuhr er fort,„wärſt Du auch als Bettler zurückgekehrt, mein Herz hätte darnach nicht gefragt; aber ſo biſt Du reich zurück⸗ gekommen und mir wird der ſeligſte Augenblick mei⸗ nes Lebens. Nicht ich bedarf Deines Mammons; aber hier ſteht ein alter Mann und dem will ich da⸗ mit den letzten Stachel aus ſeinem Herzen ziehen. 39 Er blickte lange in ſprachloſem Entzücken zu dem Greiſe.„Mein Bruder,“ rief er unter hervorſtrömen⸗ den Thränen,„Deine Ehre iſt gerettet— Dein Name iſt rein!“ Eine tiefe Stille erfolgte auf dieſe ſelige Scene. Peter Erasmus aber ſtand, die Hände gefaltet, re⸗ gungslos da. Das letzte ferne Abendroth warf ſei⸗ nen Roſaſchein über die hohe Geſtalt des Greiſes. Eine himmliſche Heiterkeit verklärte ſein Antlitz. Sein letzter, innigſter, heiligſter Erdenwunſch war erfüllt. Was er nie geglaubt, nie gehofft, hatte ihm Gott jetzt gegeben; die letzte Diſſonanz war verklungen und Alles— Alles— Harmonie. Da breitete er wie ein Heiliger die Arme ſegnend über die Seinen: „Lebt wohl,“ rief er,„und glaubt es Alle— Alle— Alle— es lebt ein Gott, eine Unſterblichkeit!“ Es waren ſeine letzten Worte; er ſank auf die Laubenbank zurück; ſein Haupt neigte ſich über die Bruſt;— er war nicht mehr. Erſchrocken ſprangen Johannes, Fritz und Hein⸗ rich hinzu; als aber Johannes in das ſeliglächelnde Antlitz des Entſchlafenen ſah, hob er gefaltet die Hände zum Himmel und ſprach:„Bitten wir alle Gott um ein ſolches Ende er hat das ſeligſte gefunden.“ „O, mein Bruder,“ ſprach Fritz mit erſtickter Stimme und ergriff die Hand des Erblichenen,„ſo mußte ich Dir mit meiner Himmelsbotſchaft den Tod bringen; aber,“ fügte er ſanft getröſtet hinzu,„Jv⸗ hannes hat Recht, den ſeligſten.“ Seraphine war leiſ' weinend bei dem Entſchlafenen niedergekniet. Nur die älteren Kinder vermochten ih⸗ ren lauten Schmerz nicht zurückzuhalten. Da rief verwundert der dreijährige Johannes; 10 „Was weint Ihr deun: Großvater iſt ja nicht ge⸗ ſtorben; er lächelt ja und ſchläft nur.“ „Wohl wahr, mein Kind,“ ſprach ſein Vater, von der ergreifenden Wahrheit, die in den kindlichen Wor⸗ ten lag, wunderbar geſtärkt,„er ſchläft nur.“ Vom weſtlichen Himmel herüber aber ſtrahlte der Abendſtern in unſterblicher Schöne. Maſchen und Miſchen. Launige Erzählung. ————————— eu den ſechs Wochentagen, an welchen der liebe Gott die große, ſchöne Welt geſchaffen hat, war dem wackeren Amtmanne von Steinberg der Sonnabend der willkommenſte. Hatte an ihm die kleine Rath⸗ hausglocke des Städtchens die ſechſte Stunde des Nachmittags verkündet, ſo hörte man den Wackern, wenn nicht dringende Amtsgeſchäfte vorlagen, regel⸗ mäßig die Feder ausſpritzen. Die grünen Schreib⸗ ärmel wurden abgeſtreift, der verſchoſſene Canzleirock abgeworfen, der Actenſtaub abgewaſchen, kurz der ganze äußerliche Aetenmenſch abgeſchüttelt. Aber nicht blos den äußern Jurispractikus zog Freund Bernhard, dies war der Name unſeres Amtmanns, aus, auch den in⸗ neren; und derſelbe, der noch vor Kurzem ein zwei⸗ ter Minos und Rhadamandus vor den Bauern ſeines Amtsbezirks geſtanden, war der freundliche, joviale Mann, der in jeder Geſellſchaft wegen ſeines guten Humors willkommen war und gern geſehen ward. Da das freundliche Städtchen Steinberg, lieblich zwiſchen Waldbergen, an einem ſanftblauen Fluſſe ge⸗ legen, ein integrirender Theil unſeres deutſchen Va⸗ terlandes war, ſo wird man ſich nicht verwundern, wenn es daſelbſt Clubs, Vereine, Aſſembleen, Picke⸗ nicks und dergleichen anmuthige Inſtitute gab, in wel⸗ chen der Thee und die Schattenſeiten des Nächſten nicht geſchont wurden. 44 Der Sonnabendelub bei Amtmann Bernhard machte hiervon eine rühmliche Ausnahme. Thee, zum Bei⸗ ſpiel, durfte das ganze Jahr nicht in's Haus, wofern nicht Eines ſeiner Lieben im Sterben lag, und dann auch nur Flieder oder Kamille. Die mediſirenden Schönen waren dem Amtmann gleichfalls ein Greuel, und er hatte gleich bei Conſtituirung ſeines Clubs ein Radicalmittel ergriffen, indem er, mit Ausnahme ſeiner trefflichen Gattin, die ganze ſchönere Hälfte des menſchlichen Geſchlechts von ſeiner Sonnabends⸗ Soiree ausſchloß. Er ging von dem Sprichworte un⸗ ſeres herrlichen Schillers aus, wo dieſer ſagt: Ein halbes Dutzend guter Freunde höchſtens Um einen kleinen runden Tiſch, ein Gläschen Tokaierwein und ein vernünftiges Geſpräch, So lieb' ich'. Da ſich dieſe vernünftigen Geſpräche oft in die Nacht ausdehnten, ſo hatte Freund Bernhard eben den Sonnabend gewählt, wo er den folgenden Sonntag⸗ morgen con amore ausſchlafen konnte. In dieſem reinen Converſationsecirkel, jedes Spiel war ſtreng verpönt, kam das Jahr über Manches zur Sprache; bald im ernſten, bald im launigen Style. Am liebſten jedoch hörte man den Wirth ſelbſt erzäh⸗ len, wenn er Dies oder Jenes aus ſeinem mannig⸗ fach belebten Leben zum Beſten gab. So trug ſich's eines Abends zu, daß die Rede auf die Art und Weiſe kam, wie jeder der verheira⸗ theten anweſenden Freunde zu ſeiner Frau gekommen; wie die Poeſie des Liebelebens und der roſigen Brautzeit allmälig in die Proſa des Ehelebens übergegangen war. Nachdem ein Jeder ſeine diesfalſigen Erlebniſſe mitgetheilt, kam auch die Reihe an den Amtmann Bernhard. Dieſer trug zuvor ſeiner Gattin Emilie auf, die Punſchbowle von Neuem zu füllen, und als die goldne Fluth in der porzellanenen Terrine von Fri⸗ ſchem dampfte, hub er alſo an: „Ich bin, meine Freunde, mit meiner lieben Emi⸗ lie, die uns ſo eben einen Punſch gebracht und die Sie alleſammt kennen, bald an die funfzehn Jahre verheirathet; und gleichwohl, Sie mögen es glauben oder nicht, bin ich dieſe Stunde nicht juriſtiſch über⸗ zeugt, ob dieſe meine Frau daſſelbe Mädchen war, die mein Herz einſt eroberte, die ich ſpäter als geliebte Braut heimführte, oder eine Andere. Meine Emilie zwar verſichert mir ſeit funfzehn Jahren, daß ſie je⸗ nes Mädchen und jene Braut geweſen; auch bin ich vollkommen beruhigt darüber, nur bin ich nicht voll⸗ kommen überzeugt.“ Als die Anweſenden ob dieſer Worte in laute Ver⸗ wunderung ausbrachen, fuhr der Amtmann in ſeiner Erzählung fort: „Mein academiſches Triennium war vorüber, ich hatte oft ſtudirt, daß mir der Kopf rauchte, war da⸗ her in den Inſtitutionen und Pandecten ziemlich ſat⸗ telfeſt und konnte ohne großes Herzklopfen dem be⸗ vorſtehenden Examen entgegen ſehen. Als dieſer glücklich vvrüber, ward mir etwas freie Zeit, die ich nicht zweck⸗ mäßiger anzuwenden glaubte, als wenn ich mich ein wenig unter den Töchtern des Landes umſchaute. Ein altes Sprichwort ſagt:„wer ſucht, der findet,“ und ſo ward auch mir ſcharfſichtigem Candidatus Utriusque bald das beneidenswerthe Glück, unter der Flora der Univerſitätsſtadt eine Blume ausfindig zu machen, die mich vor allen andern anzog. Es war dies ein Mäd⸗ chen, das ich bei einer befreundeten Familie kennen lernte, wo es zum Beſuch anweſend. Ich glaube, es war meine jetzige Frau, meine Emilie, obſchon ich's nicht beſchwören kann.“ 3 „Unbeſorgt, mein Freund,“ ſprach lächelnd die 46 Amtmännin,„es war Niemand anders, als meine Wenigkeit.“ „Schön,“ fuhr der Amtmann fort,„Du mußt es allerdings wiſſen, mein Kind; alſo vernehmen Sie, meine Freunde, wie mir es weiter erging. Ich war damals noch ein poetiſcher junger Mann und wufßte meine Redensarten, zumal wenn ich mit Emilien ſprach, ſo blumenreich zu ſetzen, daß, wie ich bald die herr⸗ liche Entdeckung machte, mir das geliebte Weſen nicht ungern zuhörte. Kurz, wir wurden bald Liebesleute und ſchwuren bei Sonne, Mond, Sterne, Planeten und Kometen, ohne einander nicht leben zu können. Da ſchlug die bittere Trennungsſtunde. Emilie mußte zu den Ihrigen, ich zu den Meinigen zurück. „Alſo Liebe im Herzen, den Kopf voll juriſtiſcher Weisheit, die erſte Cenſur in der Taſche, reiſte ich nach der Heimath. Mir fehlte in der Welt Nichts, als ein Amt, und ich war ein gemachter Mann. „Mein Herr Papa, als er die erſte Cenſur erſchaute, umarmte mich und ſagte, daß ihm das Geld, was er au mich gewandt habe, nicht gereue. Das war bei einem Manne, wie mein Vater, der mit Lobſprüchen äußerſt karg war, ſehr viel. Als bewährter Juris⸗ praktikus legte er mir manche juriſtiſche Nuß vor, um ſich zu überzeugen, ob es in meinem Kopfe auch wirk⸗ lich ſo ausſähe, wie das academiſche von dem Ordi⸗ narius und den Doctoren unterſchriebene Zeugniß beſage. Mein Herr Vater ließ ſich nämlich als prak⸗ tiſcher Geſchäftsmann vom Geſchriebenen nicht leicht irre führen; er ging der Sache ſtets auf den Grund. Als er ſich überzeugt, daß es in meinem Kopfe ziem⸗ lich juriſtiſch ausſah, war er ſehr zufrieden und er nannte mich von nun an ſeinen Herrn Sohn. Wie es jedoch in meinem Herzen ausſah, darnach fragte 47 er nicht, und das war mir im Grunde recht lieb. Da ward nämlich nach einem ganz andren Codex Recht geſprochen und anſtatt der blinden Göttin mit der Waage und dem gezogenen Schwerte, ſaß hier ein al⸗ lerliebſtes Mädchen zu Gericht, das Emilie hieß, und das, wie ich glaube, meine jetzige Frau war. „Die erſten Zeiten im väterlichen Hauſe verlebte ich äußerſt angenehm; ein Paar Stunden des Tages arbeitete ich in der Expedition meines Vaters, der bedeutende Gerichtshaltereien zu verwalten hatte, die übrige Zeit gehörte meiner Muſe. Ich ſchwärmte in der ſchönen Natur, erblickte in jeder aufbrechenden Roſe Emiliens Bildniß, ich glaube, ich machte ſogar Verſe, eine für einen Juriſten allerdings höchſt un⸗ anſtändige Beſchäftigung. In der Nachbarſchaft gab es Concerte und Bälle, ich ſtürzte mich in's Leben, umflatterte Frauen und Mädchen, aber keine vermochte das Bild Emiliens nur im Entfernteſten zu verdun⸗ keln. Dieſe Damenbekanntſchaften dienten nur dazu, mir die Geliebte immer theurer zu machen. „Meinem Herrn Papa, der von meinen erotiſchen und pvetiſchen Viſionen keine Ahnung hatte, ſchien mein Durchſchwärmen der Damenwelt nicht eben be⸗ haglich zu ſtimmen. Als ich auf einem Donnerſtags⸗ balle, wo er gleichfalls anweſend, Frauen und Mäd⸗ chen der Reihe nach den Hof gemacht hatte, beſchied er mich zu einer Conferenz nächſten Sonntag nach der Vormittagskirche auf ſeine Studirſtube. „Dieſe Privataudienzen Sonntags nach der Vor⸗ mittagskirche auf der Studirſtube, waren mir ſchon aus der Knabenzeit her ein Greuel. Hatte ich an irgend einem Wochentage eine Dummheit begangen, ſo erfolgte die Beſtrafung nie in flagranti, ſondern kam ſtets des Sonntags nach der Vormittagskirche, . 48 wo ſich mein Herr Papa auf ſeinem Arbeitszimmer befand, zur Sprache. Da ſich's nun leicht zutrug, daß in dem Laufe von ſechs Tagen mehrere Peccata unterliefen, ſo ſummirte ſich das Sonntags, wo dann ein förmlicher Gerichtstag daraus wurde. „Alſo nicht ganz ohne Bangen klopfte ich den nächſten Sonntag unmittelbar nach der Vormittags⸗ kirche an die Thüre der Studirſtube; denn obſchon ich ein großgewachſener Menſch und mündig war, hatte ich mir doch aus der Knabenzeit her einen großen Reſpekt vor meinem geſtrengen Herrn Papa bewahrt. „Auf das kategoriſche„Herein“ trat ich in's Zim⸗ mer. Mein Vater ſaß an ſeinem Pulte und ſchrieb. So wie ich hereingetreten, wendete er nur den Kopf ein klein wenig, deutete auf das Sopha, wo ich mich niederlaſſen ſollte, und ſchrieb ruhig weiter. „Da ſaß ich denn, voller Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. Daß mein Herr Vater etwas ſehr Wichtiges mit mir zu ſprechen habe, lag außer allem Zweifel. Endlich— eine reichliche halbe Stunde war vergangen— gewahrte ich, wie der Papa mit energiſchem Federzuge ſeinen Namen unter ſeine Schrei⸗ berei ſetzte und Streuſand darüber ſtreute. Er nahm hierauf eine Priſe, ſtand auf, ſchob den beſchriebenen Bogen in das betreffende Regal, rückte den Stuhl und nahm mir gegenüber Platz. „Herr Sohn,“ begann er in ruhigem, faſt gleich⸗ gültigem Tone,„man wird ſich aus der heiligen Schrift entſinnen, daß es nicht gut iſt, wenn der Menſch allein ſteht.“ „Ich fand dieſen Ausſpruch der heiligen Schrift ſehr beherzigenswerth, und gab dies durch eine ſtumme Verbeugung zu erkennen. „Item,“ fuhr mein geſtrenger Herr Vater fort, 4 ₰* * 2 49 5 „gibt es einen Terminum im menſchlichen Leben, wo dieſer in der göttlichen und menſchlichen Ordnung der Dinge begründete Spruch zur Pflicht wird.“ „Eine höchſt weiſe Einrichtung,“ geſtand ich. „Item der Herr Sohn,“ ſprach der Papa wei⸗ ter,„dieſen Terminum paſſirt, iſt es an der Zeit, mit Ernſt an justas nuptias zu denken, zu deutſch, ſich ein Weib zu nehmen. Für Brod iſt geſorgt, der Herr Sohn ſoll binnen Jahr und Tag in meinem Namen das Rittergut Burgſtädt adminiſtriren.“ „Ich ſaß im dritten Himmel, noch nie war mir das ſtaubige Actenzimmer in ſolcher Verklärung er⸗ ſchienen. Mein Papa ſaß vor mir wie ein Heiliger der Vorwelt, mit einem Heiligenſchein um das Haupt. Das Herz trat mir auf die Zunge und ich wollte eben das Bekenntniß meiner Liebe ablegen und das Bild meiner Emilie in ppetiſchen Farben dem gütigen Vater vorführen, als dieſer in ſtrengem Tone folgen⸗ dermaßen fortfuhr: „Darum muß ich mir das zu Nichts führende Scharwenzeln unter dem Frauenvolke höchlichſt ver⸗ bitten. Nichts iſt einem jungen Mann, der einem ernſten Berufe nachſtrebt, ſchädlicher, als ſolche Alle⸗ weltcourmacherei. Sie koſtet Zeit, compromittirt den Mann und führt zu Nichts. Ich habe daher, was beſagte nuptias anbelangt, dem Herrn Sohne alle Mühwaltung erſpart und für eine annehmliche Partie Sorge getragen. Man hat weiter Nichts zu thun, als ſich der Jungfer Braut vorzuſtellen.“ „Mir ward's grün und blau vor den Augen; ich bekam Ohrenbrauſen und Schwindel. „Aber geſtrenger Herr Vater“— ſtotterte ich. „Nichts da,“ fiel dieſer nicht ohne Heftigkeit ein, „der Rappe ſteht im Stalle und Morgen geht's auf Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 4* die Brautfahrt nach Lindenthal. Uebrigens verhoff' ich, der Herr Sohn wird mit meinem Geſchmack zu⸗ frieden ſein. Die erwählte Jungfer Braut iſt die Tochter meines Univerſitätsfreundes Wolbrecht und ſo zu ſagen ein Engel. Die Sache iſt bereits in Richtigkeit gebracht.“ „So zu ſagen ein Engel. Das war bald geſagt; ich mochte auf dieſe Engelſchaft keine Häuſer bauen; denn geſtand ich meinem Herrn Vater auch alle mög⸗ liche Kenntniß und Unſicht in Betreff der Wahl ſei⸗ ner alten, aſchgrauen juriſtiſchen Rechtslehren zu, nimmermehr im Gebiete der Frauen und Mädchen. „Aber,“ entgegnete ich von Neuem,„wenn mich nun dieſer ſogenannte Engel nicht mag?“ „Poſſen,“ ſprach ärgerlich der Papa,„die Toch⸗ ter meines Freundes iſt ein verſtändiges, folgſames Kind; der Wunſch des Vaters iſt die Pflicht der Tochter; ein Gleiches verhoffe ich von dem Herrn Sohne.“ „Ich kannte meinen Vater zu genau, als daß ich nicht hätte wiſſen ſollen, wie durch Widerſpruch bei ihm Nichts auszurichten war. Ich ſpielte daher, um ihn nicht noch mehr zu reizen, den folgſamen Sohn. „Anſehen,“ dacht' ich,„kann ich mir die projer⸗ tirte Braut ſchon; ich komme bei dieſer Gelegenheit ein paar Tage von dem verwünſchten Actentiſche los.“ Zugleich beſchloß ich, bei Herrn Wolbrecht den geraden Weg zu gehen, ihm offen zu erklären, daß ich ſeine Tochter nicht heirathen könne, aus dem einfachen Grunde, weil ich eine andere liebe. „Mein Herr Papa ſchien nicht unzufrieden, daß ich ſeinen weiſen Heirathsprojecten keine Oppoſition entgegenſetzte, und als verſtändiger Sohn ſeinen höhern 5⁴ Einſichten durch pflichtſchuldigſten Gehorſam Gerechtig⸗ keit widerfahren ließ. Er reichte mir die Hand zum Abſchied und bereits am folgenden Morgen trabte ich auf dem ſtattlichen Rappen in die ſchöne Welt hinein, die damals gerade in friſches Frühlingsgrün gekleidet war. Der ſonderbare Zweck meiner Reiſe beſtand ſonach nicht darin, mir eine Braut zu holen; ſon⸗ dern eine ſolche los zu werden. Dies ſchien in mei⸗ nem damaligen Zuſtande mit keinen großen Schwie⸗ rigkeiten verknüpft und darum trabte ich ganz wohl⸗ gemuth dahin. „Das Rittergut Lindenthal war ungefähr zwei Tagereiſen von dem Wohnorte meines Vaters ent⸗ fernt. Ich langte wohlbehalten an und mußte ge⸗ ſtehen, daß die Heimath der mir beſtimmten Braut ſehr reizend gelegen war. Ich konnte mich lange nicht ſatt ſehen an der herrlichen Gegend, die ſich im Frühlingskleide doppelt anmuthig ausnahm. „Wenn meine Jungfer Braut,“ dachte ich bei mir,„eben ſo hübſch iſt, wie ihr Wohnort, könnte mein Papa doch recht haben, und ich that Unrecht, ſo voreilig über ſeinen Geſchmack hinſichtlich des ſchö⸗ nen Geſchlechts abzuſprechen.“ „Es wäre mir übrigens ganz und gar nicht lieb,“ fuhr ich, langſam den ſanften Abhang nach dem duf⸗ tenden Thale hinabreitend, in meinem Selbſtgeſpräche fort,„wenn das Fräulein ſehr hübſch wäre. Einem reizenden Kinde den Korb zu geben, bleibt eine un⸗ angenehme Sache, und wäre man mit der Prinzeſſin Turandot verlobt. Ich wünſchte, ſie wäre häßlich, wie die Nacht; meinetwegen eine Hexe!“ „Unter ſolchen Betrachtungen wandelte mein ge⸗ treuer Rappe behaglich weiter, und brachte mich dem 52 ſchönen herrſchaftlichen Gutsgebäude, das gaſtlich zwi⸗ ſchen himmelhohen Linden hervorlugte, immer näher. „Ich war endlich zur Nutzanwendung meiner Phi⸗ loſophie gekommen. „Das Beſte iſt,“ ſprach ich entſchloſſen zu mir, „ich verzichte gänzlich auf den Anblick der mir zuge⸗ dachten Braut, mag ſie hübſch ſein oder nicht. Ich werde Herrn Wolbrecht um ein Privatiſſimum bitten, ihm reinen Wein einſchenken und ſo ſchleunig als möglich wieder dahin zurückkehren, wo ich hergekom⸗ men bin. Mag dann mein Alter brummen, ſo viel ihm beliebt; ich werde ihm rund heraus erklären, daß ich auf Fräulein Wolbrecht verzichten müſſe, indem ich Herz und Hand bereits verſprochen hätte; und zwei Frauen mit Einemmale könne ein Mann nicht hei⸗ rathen, ſelbſt, wenn Beide Engel wären, denn die wür⸗ den ſich nicht vertragen; dieſes habe das Chriſtenthum eingeſehen und ſeine desfalſigen Verbote ergehen laſſen.“ „Unter dieſen und ähnlichen ernſtlich gefaßten Ent⸗ ſchlüſſen war ich ſammt meinem Rappen dem freund⸗ lichen Dörfchen, das zum Gute gehörte, ganz nahe gekommen. „Ich ſchaute mich um, ob nicht irgendwo eine Art Wirthshaus zu entdecken ſei, und war ſo glücklich, endlich am Ende des Dorfes ein derartiges zu er⸗ blicken. Sofort lenkte ich meine Schritte oder viel⸗ mehr die meines getreuen Bukephalus nach dem er⸗ wünſchten Ort, zog den Rappen vor die heuduftende Krippe, ſtärkte mich durch einen erquickenden Trunk und ordnete nach beſten Kräften meine Toilette zur bevorſtehenden Viſite bei Herrn Wolbrecht, um mit aller Kraft meiner Energie die bevorſtehende Schwie⸗ gervaterſchaft abzuwenden. 53 „Nicht ohne Bangen nahte ich mich dem herr⸗ ſchaftlichen Hauſe. Da dieſes rings von blühenden Parkgehegen umgeben war, mußte ich durch mehrere grüne, dunkle Laubgänge wandeln. Ich kam an rei⸗ zend gelegenen, von blühendem Jelängerjelieber und Jasmin umdufteten Lauben und ſchattenden Ruhe⸗ plätzen vorüber. Scheu und verlegen blickte ich bald hier⸗ bald dahin; überall fürchtend, daß mir die Jung⸗ fer Wolbrecht, das heirathbare Ideal meines Herrn Papa, entgegentreten werde 8 „Obſchon der gregvorianiſche Kalender von durch⸗ aus keinem Sonn- und Feiertag etwas wußte, herrſchte doch in dem kleinen blühenden Paradieſe eine ſolche Sabbathſtille, als habe der liebe Gott ſo eben das herrliche Werk ſeiner Schöpfung vollendet, und ruhe, und die ganze Natur und Menſchheit mit ihm. „Ich ſchritt die mit röthlichem Sande ſauber be⸗ ſtreuten Gänge leiſe dahin und kam ganz unbemerkt dem ſtattlichen Herrnhauſe näher. Rur eine Hecke blühender Schneeballen verbarg mich noch. Ich paſ⸗ ſirte dieſe;—— Himmel, welch ein Bild ſtellte ſich da meinen Blicken dar! Ich vermeinte in die Erde zu ſinken; Boden, Bäume, Sträucher, Lauben, be⸗ gannen um mich zu tanzen, ich ſtand wie feſtgezau⸗ bert, trunken im en Anſchauen— keine zehn Schritte vor mir, in der erſten Laube am Herrn⸗ hauſe, in die Lectüre eines goldgeränderten Alma⸗ nachs vertieft, ſaß meine— Emilie. „Eine lange Zeit ſtand ich ſprachlos, die Hände gefaltet, im ſeligen Entzücken.„Emilie,“ ſprach ich endlich leiſe, in liebeſüßeſtem Tone,„meine Emilie!“ „Die Gerufene wandte ihr ſüßes, von blonden Locken umwalltes Antlitz nach mir. Eine reizende — Röthe ergoß ſich über die Wangen; ſie klappte das Buch zu und ſtand ſchnell auf. „Emilie, meine Emilie!“ jubelte ich lauter, eilte⸗ himmelſelig auf die Geliebte zu, ſank ſprachlos zu ihren Füßen und driückte die theure Hand an meine Lippen. „Aber im Augenblicke fühlte ich die ſüße Rechte haſtig entzogen und die ehedem ſo ſanfte liebevolle Stimme ſprach in ernſtem, finſterm Tone: „Mein Herr, wes ſicht Sie an? Hinweg, ent⸗ fernen Sie ſich.“ „Ich glaubte, nicht recht gehört zu haben, und ſchaute flehend empor; da fiel Emiliens Blick halb erſchrocken, halb voller Unwillen finſter auf mich, und in demſelben Augenblicke faßten mich ein paar Fäuſte mit ſolcher Energie an beiden Achſeln, daß ich wie behert aufſprang. „Wir ſchießen uns!“ tönte es im tiefſten Baß, während die Fäuſte an meinen Achſeln unausgeſetzt fortſchüttelten. „Ich drehte mich um, des argen Feindes anſich⸗ tig zu werden, der mich ſo unerwartet im Rücken angegriffen hatte. Da ſtand ein martialiſcher Garde⸗ hauptmann, mit energiſchem Schnauzbart und un⸗ heimlich funkelndem Blicke. Der Wütherich war einen halben Kopf länger als ich, und meine Wenigkeit ge⸗ hörte nicht zu den Kleinſten. „Wie?“ fuhr der Unhold in ſchnaubendem Tone fort:„Sie zu den Füßen meiner— Braut?“ „Mit dieſen Worten ſollte die Schüttelung von Neuem beginnen, und zwar vorn an der Bruſt. „Zu jeder andern Zeit würde ich ob ſolcher Be⸗ handlung kurz angebunden geweſen ſein; aber das Wort„Braut“ hatte mich wie gelähmt. Ich warf 55 einen ſprachloſen Blick nach Emilien, und als ich hier erkannte, daß in dieſem ſüßen, engelhaften Antlitz alle, alle Liebe erloſchen war, kein Fünkchen der ein⸗ ſtigen Neigung darin glühte, war es klar, daß ich unter die verrathenen Liebhaber gehöre. „Dieſer Gedanke verwundete und empörte mich in gleichem Maße. Ohne ein Wort zu verlieren, als das zum Hauptmann gewendete:„Wir ſprechen uns!“ riß ich mich los, und eilte wie wahnwitzig davon. „Erſt nachdem ich eine geraume Zeit durch Dick und Dünn, die Kreuz und die Quer gelaufen war, und mich mitten in einem dichten Buchenwalde befand, kam ich in ſo weit zu mir, über das verhängnißvolle Abenteuer die miſantropiſchſten Betrachtungen anzu⸗ ſtellen. „Emilie, Schlange!“ rief ich einmal über das andere den majeſtätiſchen Buchen zu,„iſt ſo Etwas erhört worden zwiſchen Himmel und Erde! O Frauen, Frauen, falſches, heuchleriſches Geſchlecht! Ich habe es immer nicht glauben wollen, daß Ihr der grau⸗ ſamſten aller Verräthereien fähig wäret; es immer nur für verbrannte Phantaſie des überſpannten Dichter⸗ volks gehalten; aber jetzt, jetzt, hab' ich nicht den ſchlagendſten, überzeugendſten, entſetzlichſten aller Be⸗ weiſe?“ „Nachdem ich mich in etwas von der Verzweiflung erholt hatte, tauchte in mir das Gefühl des Haſſes und der Rache gegen die zeither geliebte Emilie auf. O, ich war zu Allem entſchloſſen, und in meiner Stimmung mit mir gar nicht zu ſpaßen. „Wohlan,“ ſprach ich und ein großer Racheplan war in meinem Innern aufgeſtiegen,„wohlan, zu zeigen, daß ich auch ohne Dich, Du Falſche, Treu⸗ 56 loſe, leben und epiſtiren kann, werde ich nun Dir zum Poſſen Jungfer Wolbrecht heirathen.“ „Dieſer Plan ſchien mir ganz vortrefflich; er hatte meinen vollkommenſten Beifall, und ganz erfüllt da⸗ von kehrte ich nach Lindenthal zurück. Diesmal ging ich aber nicht durch den ppetiſchen Park nach dem Herrnhauſe, ſondern durch die Wirthſchaftsgebäude mit ihren Höfen, Stallungen und Taubenhäuſern; ich war daher bei dieſer zweiten Wanderung weit pro⸗ ſaiſcher geſtimmt, als das Erſtemal, auch kühler und reſignirter, aber im Innern voller Grimm und Rache⸗ gefühl. „Die Empfangsfeierlichkeiten bei Herr Wolbrecht waren bald überſtanden. Ohne große Anmeldung ward ich in ein freundliches Zimmer geführt, das nach dem Garten hinausging. Bald trat mein Schwieger⸗ vater in spe herein. Es war ein kräftiger, wohlge⸗ bauter Mann, noch in den beſten Jahren, mit offe⸗ nem biedern Antlitz. Der erſte Anblick gewann für ihn. Ich überreichte mein Creditiv, den Brief mei⸗ nes Herrn Vater, und während Wolbrecht das Schrei⸗ ben erbrach und durchlas, blickte ich bald hier⸗ bald dahin, ob nicht irgendwo ein hübſcher Mädchenkopf, der meiner Zukünftigen angehöre, zum Vorſchein komme. „Während dieſer Recognoscirung hatte ich gar nicht bemerkt, daß ſich Wolbrechts Stirn bei Durch⸗ leſung des Briefes ſichtbar mit Wolken überzogen hatte. Ich war der Meinung geweſen, der glückliche Schwiegervater würde mich unmittelbar nach der Lee⸗ türe überglücklich an's Herz preſſen und halb todt drücken. Dem war nicht ſo. Er faltete ſchweigend meines Vaters Brief zuſammen und reichte mir die Hand, die er innig drückte. „Mein junger Freund,“ begann er in wohlwol⸗ 4 ————— 57 lendem, aber feſtem Tone,„der gerade Weg iſt der beſte, offen heraus, das Herz meiner Tochter iſt nicht mehr frei; Ihr Herr Vater, Sie verzeihen mir, hat ſeine Grillen, darunter gehören ſeine Heirathsprojecte, Gott iſt mein Zeuge, daß ich Nichts gegen Sie habe, mein junger Freund, aber meine Tochter würde eine Verbindung mit Ihnen nur gezwungen eingehen, und welcher rechtliche Vater wird ſein Kind in dieſem Falle zwingen? Ich ſelbſt kenne die Wahl meiner Tochter nicht; ich weiß nur, daß ſie liebt, innig liebt, und daß der Gegenſtand ihrer Liebe werth iſt, obſchon Verhältniſſe eine baldige Verbindung noch nicht ge⸗ ſtatten.“ „Geehrteſter Herr Wolbrecht,“ antwortete ich, „ſeien Sie auch meinerſeits verſichert, daß eine Ver⸗ bindung mit Fräulein Tochter, deren Bekanntſchaft ich gänzlich entbehre, mir nicht in den Sinn gekom⸗ men iſt. Auch mein Herz iſt nicht mehr frei. Ich liebte, obſchon ich ſchändlich betrogen ward. Sie kennen meinen Vater, Widerſpruch erträgt er nicht, ich benutzte daher die Reiſe nach Lindenthal als eine angenehme Frühlingspartie, die mich auf mehrere Tage von dem Actentiſche befreite.“ „Jetzt erſt umarmte mich Herr Wolbrecht mit vä⸗ terlicher Innigkeit. „So ſprechen wir über angeregten Caſus nicht mehr,“ ſprach er,„Sie ſind mein herzliebſter Gaſt, bleiben bei uns, ſo lange es Ihnen gefällt, und mit den Heirathsprojecten des Herrn Papa wollen wir ſchon fertig werden, da wir gemeinſchaftlich agiren.“ „Mir war ſonderbar zu Muthe. Ich befand mich eigentlich in einer verzweifelten Lage. Emilie war mir untreu geworden, Jungfer Wolbrecht nicht mehr zu haben, ſo blieb ja für mich Unglückſeligen gar 58 Nichts übrig, für mich, der mit ſo gereifter Philo⸗ ſophie in das Thal herabgeritten war. Daß Jungfer Wolbrecht ſich ebenfalls verliebt haben könne, daran hatte mein Hochmuth mit keiner Sylbe gedacht. Dieſe Liebſchaft kam mir übrigens jetzt äußerſt fatal, ſie raubte mir die ſchöne Gelegenheit, an der treuloſen Emilie Rache zu nehmen. Dazu war ich noch mit dem Hauptmann von der Garde zuſammengerennt; ohne Duell ließ ſich die Sache gar nicht ausgleichen, dieſer Kriegsmann ſchien mir nicht zu den Frömmſten zu gehören.„Eine ſchöne Brautfahrt,“ dachte ich ſeufzend,„wo man die Geliebte verliert, die verhoffte Braut verſagt findet, und zum Lohne für all dies Mißgeſchick noch in die Gefahr läuft, todtgeſchoſſen oder geſtochen zu werden. Wär ich doch zu Hauſe bei meinen Aeten geblieben.“ „Indeß,“ unterbrach Freund Wolbrecht in froher Laune meine düſtern Gedanken,„damit Sie wenig⸗ ſtens ſehen, was Ihr Herr Vater Ihnen ausgeſucht, und daß ſein Geſchmack ſo übel nicht war, ſo beglei⸗ ten Sie mich nach dem Zimmer meiner Tochter. Emilie wird ſich freuen, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Schon wieder eine Emilie,“ dachte ich,„der Name ſpielt mir ja grauſam mit.“ Sollte etwa— ein Gedanke durchzuckte mein Innerſtes— doch nein, das war nicht möglich; meine Emilie war ja die Braut eines Haudegens, der mich ſo energiſch bei den beiden Achſeln gefaßt und geſchüttelt, und jetzt gar nach meinem Leben trachtet. „Unter dieſen Betrachtungen trat ich mit Herrn Wolbrecht in das Zimmer ſeiner Tochter. Ich blicke auf und glaube, der Schlag ſoll mich von Neuem treffen;— da ſitzt meine treuloſe Emilie in der Ottv⸗ 59 mane, wie vorhin in der Lanbe in dem goldgerän⸗ derten Almanach leſend.“ „Der Sohn meines Univerſitätsfreundes,“ ſprach mein Begleiter mich vorſtellend. Ich mochte eine ſon⸗ derbare Figur bei dieſer feierlichen Vorſtellung ſpie⸗ len, denn ich fühlte, wie ich ſtarr und ſteif daſtand, ohne Leben und Bewegung, nur einen vernichtenden Blick nach der Treuloſen werfend. „Emilie hatte ſich erröthend erhoben. Sie mochte der Scene in der Laube ſich erinnern, denn ſie ſchien zu zittern. Das einſtige, beſeligende Lächeln legte ſich um den reizenden Mund, wie einſt fiel der Him⸗ melsblick ihrer Blumenaugen auf mich; aber ich blieb, Ingrimm im Innern, derſelbe eiſige Mann. „Da traf ſich's, daß der Herr Papa abgerufen ward, ich befand mich mit Emilien allein. „Iſt's Wahrheit oder Traum,“ begann ſie mit der holden, einſchmeichelnden Stimme,„Du hier, Ein⸗ ziggeliebter?“ „Einziggeliebter? Ich glaubte nicht recht gehört zu haben. Wie viel Einziggeliebte hat denn die Gott⸗ loſe? Dieſe beiſpielloſe Verſtellung brachte mich vol⸗ lends auf. Ich blickte mich um, ob etwa der mar⸗ tialiſche Hauptmann in der Nähe, und da ich mich allein befand, fuhr ich giftig heraus: „In der That, mein Fräulein, Sie ſpielen ein edles Spiel, doch bedaure ich, an dieſer Spielpartie künftig keinen Theil nehmen zu können, da ich durch⸗ aus keine Luſt verſpüre, die Rolle des Strohmannes zu übernehmen.“ „Mit dieſen Worten machte ich eine kurze Ver⸗ bengung und verließ ſchleunigſt das Zimmer. „Eduard! Eduard!“ tönte Emiliens Stimme, aber nichts konnte mich halten. Ich ſtürmte fort mit dem 60 feſten Vorſatze, dieſes Haus augenblicklich und für immer zu verlaſſen. Von dem Gaſthofe aus wollte ich Herrn Wolbrecht meine Abreiſe in ein paar Zei⸗ len zu wiſſen thun; da kam mir der verwünſchte Hauptmann in den Sinn, mit dem ich eine Ehren⸗ ſache abzumachen hatte. Mein Entſchluß war gefaßt, auch dieſem wollte ich vom Gaſthauſe aus ſchreiben, daß ich für ein Rendezvous bereit ſtände. „Ich ſtürmte in den Hof und wieder durch den Park, um auf dem nächſten Wege das Gaſthaus zu erreichen. Ich verwünſchte die Brautfahrt, Emilien. den Hauptmann in den Mittelpunkt der Erde, als ich plötzlich, wie vom Blitze getroffen, ſtehen blieb und ganz deutlich fühle, wie das Blut mir allmälig in den Adern zu gerinnen beginnt. Fieberfroſt packt mich, die Haare, ſo viel ich von dieſem Artikel be⸗ ſaß, ſträuben ſich empor— mitten im Hauptgange des Parks kommt mir— Emilie entgegen. „Das hatt' ich für meine Freigeiſterei, ich zählte mich ſtets zu den Aufgeklärten; als nüchterner Kantia⸗ ner hatte ich über Geiſtererſcheinungen, Viſionen, Ah⸗ nungen, Anzeichen geſpottet nach Herzensluſt; jetzt war ich mit Einemmale geſchlagen; denn die leibhaf⸗ tige Emilie, der ich ſo eben auf ihrem Zimmer den Text geleſen, konnte das Weſen nicht ſein, welches mir im Hauptgange entgegen promenirte; und gleichwohl war ſie es, daſſelbe himmelblaue Kleid, dieſelbe Farbe des Gürtels, dieſelben Locken, daſſelbe himmliſche Antlitz; alſo war ſie doppelt, alſo war es ihr Geiſt, oder ich hatte mich mit einem Geiſte herumgezankt und mein dermaliges vis à vis war die wahrhafte ordent⸗ liche Emilie. „Ich gehörte nicht zu en furchtſamen Leuten, ihr an meiner Stelle hätte ein Roland Reißaus genom⸗ 61 men; bei dem verzweifelten Weſen im Hauptgange mochte ich nicht vorbei, und wenn man mir ſonſt was geboten hätte; das mußte ja ein deſperater Geiſt ſein, der am hellerlichten Tage, die Sonne konnte gar nicht klarer ſcheinen, auf belebtem Pfade auf⸗ und abmar⸗ ſchirt. Ich hielt es am gerathenſten, umzukehren und trabte zähneklappernd nach dem Herrnhauſe zurück. Hier kam mir Herr Wolbrecht, den meine plötz⸗ liche Flucht nicht wenig in Schrecken geſetzt, eiligſt ent⸗ gegen. Als er mein kreideweißes Geſicht erblickte, erſchrak er noch mehr. „Um Himmelswillen, theuerſter Freund,“ frug er, „was iſt vorgefallen, Ihnen muß etwas Außerordent⸗ liches widerfahren ſein?“ „Allerdings,“ ſtotterte ich,„das iſt es auch.“ Da⸗ bei blickte ich mich ſcheu nach dem Parke um, ob mir etwa der Geiſt Emiliens bis in den Menſchen beleb⸗ ten Hofraum nachgefolgt ſei. Da ich jedoch Nichts erblickte, ward ich gefaßter, ergriff Herrn Wolbrecht krampfhaft am Arme und frug, ob mir zu ſprechen erlaubt ſei? „Ich bitte darum,“ munterte der Gefragte,„ich liege ſelbſt auf der Folter der Neugier.“ Nun machte ich Herrn Wolbrecht durchaus kein Geheimniß von den Geiſtern, die ſich auf ſeinem Territorium blicken ließen. Ich erzählte haarklein das ganze Abenteuer; nur von einem früheren Verhält⸗ niß zu Emilien und von ihrer Untreue ſagte ich Nichts. „Herr Wolbrecht hatte die ganze Relation der au⸗ ßerordentlichen Begebenheit mit angehört. Er blieb nichtsdeſtoweniger verzweifelt ruhig, faßte, als ich zu Ende war, meine beiden Hände und ſprach lächelnd: „Sie haben ſich dennoch getäuſcht, mein lieber Freund, wenn Sie Geiſter zu ſehen glaubten; das 62 ganze Räthſel löſ't ſich einfach, wenn ich Ihnen ſage, daß der liebe Gott mir zwei Töchter geſchenkt hat, die, ein wunderbares Spiel der Natur, ſich ſo ſpre⸗ chend ähnlich ſehen, daß ſelbſt ich oft irre werde und ſie nur an einer kleinen Nüance ihrer Ausſprache von einander zu unterſcheiden vermag. Einer Grille mei⸗ ner verſtorbenen Frau zu Folge, miſſen ſtets beide Mädchen auch ganz gleich gekleidet gehen, was eine Verwechſelung um ſo leichter macht. Sie heißen Ama⸗ lie und Emilie, in der Familie aber kurzweg Malchen und Milchen. In deren Zimmer ich Sie vorhin führte, war Emilie, der Sie jedoch jetzt im Parke begegnet ſind, iſt Amalie und die Verlobte des Haupt⸗ manns Thalheim.“ „In meinem ganzen Leben hatten nicht ſo we⸗ nige Worte einen ſo gewaltigen Eindruck auf mich hervorgebracht, als die kurze Rede des wackern Wol⸗ brecht. Wie Schuppen fiel es mir von den Angen, ich ſaß im ſiebenten Himmel; aber zugleich überkam mich Verzweiflung ob meines Benehmens gegen die unſchuldige Emilie. „Vortrefflicher Freund,“ rief ich, den Papa des Schweſterpaares mit Ungeſtüm umarmend,„bei Allem, was Ihnen heilig iſt, Hochverehrteſter, laſſen Sie mich noch zwei Worte mit Emilie ſprechen. In un⸗ ſeliger Verblendung hielt ich ſie für deren Schweſter und habe den Engel ſchwer gekränkt; Sie ſollen ſpä⸗ ter Alles erfahren, aber jetzt, ich bitte, ich beſchwöre Sie, führen Sie mich zu Enilien.“ „Hm,“ ſprach Herr Wolbrecht,„ich begreife zwar den Grund Ihrer Aufregung nicht; indeß ſoll Ihre ſo dringende Bitte gewährt werden. Folgen Sie.“ „Die Reiſe ging wieder nach dem Herrnhauſe. Ich wanderte mit hochklopfendem, ſeligem Herzen an Herrn 63 Wolbrechts Seite. Das Erlebte hatte mich ſo er⸗ griffen, daß ich in der That nicht wußte, ob ich wache oder träume. „Kaum waren wir in's Haus getreten und hat⸗ ten einige Zimmer durchwandelt, als wir in einem Saale Emilien erblickten, die, wie es ſchien, weinend am Fenſter ſtand. Mir fiel das Herz vor die Füße. „Um Gotteswillen,“ frug ich leiſe den Alten,„iſt's denn Milchen oder Malchen?“ „Wolbrecht lächelte. „Es iſt Emilie,“ ſprach er, und rief laut:„Emilie!“ „Dieſe wandte das Köpfchen, ihr thränenerfüllter Blick fiel auf mich; doch kaum hatte ſie mich erkannt, als ſie eiligſt davon ging. Ich eilte nach, holte ſie glücklich ein und fiel in höchſter Aufregung vor ihr nieder. „Emilie, meine Emilie,“ rief ich in flehendem Tone,„wirſt Du, kannſt Du mir verzeihen?“ „Die Geliebte blieb erſchrocken einen Augenblick weilen, eine Purpurgluth überzog ihr Engelantlitz, dann wollte ſie von Neuem fliehen; doch wenn mich nicht Alles trog, zürnte ſie mir nicht. Dies gab mir Muth; ich faßte die theure Hand. „Nicht eher, Einziggeliebte,“ fuhr ich beſchwörend fort,„darfſt Du von hinnen, bevor nicht Dein ſüßer Mund Verzeihung geſprochen ob meines wahnſinnigen Benehmens von vorhin. Ich ſah Deine Schweſter bei ihrem Bräutigam in der Laube, dies enträthſelt Alles und entſchuldiget Alles.“ „Als Herr Wolbrecht meine excentriſchen Epxcla⸗ mationen vernahm, trat er voller Verwunderung nä⸗ her. Emilie, von holder Scham übergoſſen, wußte nicht, was ſie beginnen ſollte und ſtand in reizender Verwirrung, mir trat aber das Herz auf die Zunge. 64 „O mein hochverehrter, väterlicher Freund,“ rief ich zu Wolbrecht gewendet,„ſo bin ich doch zu mei⸗ nem Glücke in Ihr Haus gekommen; ſo wiſſen Sie denn, ich bin der Glückliche, den Sie nicht kannten und der ſich rühmen kann, ſchon lange Emiliens Herz gewonnen zu haben.“ „Was muß ich hören, meine Tochter?“ frug nicht ohne freudige Ueberraſchung der Vater; und als Emi⸗ liens beredtes Schweigen keinen Zweifel ließ, rief er mit väterlicher herzinniger Freude:„An mein Herz, theure, geliebte Kinder!“ „Wir ließen uns das nicht zweimal ſagen, flogen dem Alten in die Arme und empfingen auf der Stelle den Segen für den Bund unſerer Herzen. „Dieſe Scene hatte mich ſo erſchüttert, Freude hat ſtets etwas Erſtickendes, daß ich hinaus mußte in's Freie, um meinem übervollen Herzen Luft zu ma⸗ chen. Ich war kaum einige Zimmer durchlaufen, als mein böſer Feind, der martialiſche Hauptmann ruhig auf mich zuſchritt. „Gut, daß ich Sie treffe,“ hub er mit eiſerner Schlachtenruhe an,„ich bin der Beleidigte und habe die Wahl der Waffen. Ich ſtimme für Piſtolen, wir ſchießen ſo lange, bis Einer fällt; nur der Eine darf lebend vom Platze. Kommen Sie, für Waffen und Secundanten iſt geſorgt, der Platz gewählt. Dergleichen Sachen muß man nicht auf die lange Bank ſchieben.“ „Mögen Philoſophen noch ſo regelrecht demonſtri⸗ ren, daß der Tod am ſüßeſten ſei, unmittelbar nach dem Genuſſe des höchſten Glückes, daß er dann als lächelnder Knabe erſcheine, ſo muß ich dieſem Gerede auf das Beſtimmteſte widerſprechen. Ich wenigſtens für meine Perſon, hatte ganz und gar keine Luſt, jetzt, wo meine himmliſche Emilie wiedergefunden, mich von 65 ſo einem Mordſchützen, wie der Hauptmant unbeſtrit⸗ ten war, todt ſchießen zu laſſen. „Mein ſehr verehrter Freund,“ begann ich dem⸗ nach,„unſere Streitſache hat wider Erwarten eine ſo überraſchende Wendung genommen, daß ich ein fried⸗ liches Ausgleichen weder unſerer Ehre zuwider noch überhaupt für unmöglich halte.“ „Wie ſo?“ frug kurz und mürriſch der Hauptmann, „haben Sie nicht meiner Braut zu Füßen gelegen?“ „Ich kann das nicht läugnen, Verehrteſter,“ ge⸗ ſtand ich;„aber entſchuldigen Sie gnädigſt, ich glaubte ja, es wäre meine Braut.“ „Ihre Braut?“ fuhr hier der Hauptmann noch erboſter auf,„deſto ſchlimmer, wir ſchießen uns nun über das Schnupftuch.“ „Ei, ſo wollen wir doch,“ rief ich, ebenfalls auf⸗ gebracht über die Mordluſt des deſperaten künftigen Schwagers,„uns gleich die Piſtolen unter die Naſe halten. Kurz und gut, ich war im Irrthum, ich bitte Sie um Verzeihung; aber todtſchießen mag ich mich nicht laſſen, welchen Vorſatz kein vernünftiger Menſch mir verdenken wird.“ „Herr Wolbrecht, welcher unſern Streit vernom⸗ men hatte, kam jetzt herbei und bald gelang es dieſem trefflichen Manne, nachdem beide ſtreitenden Parteien ihre Sache vorgebracht hatten, den Frieden unter den zwei künftigen Schwiegerſöhnen herzuſtellen. Der Schnauzbart, der kurz vorher mich in Grund und Boden ſchießen wollte, fiel brüderlich in meine Arme; wir küßten uns, und die Freundſchaft war geſchloſſen. „Unterdeß war auch Emilie herbeigekommen und nahte ſich ein Engel der verſöhnenden Liebe. Ich eilte dem himmliſchen Kinde entgegen, und wollte es in Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 66 meine Arm ſchließen, als ich mich abermals vom neu⸗ gebackenen Herzensfreunde gevackt fühlte. „Bombenelement!“ rief e„ſo ſperre die Augen auf, das iſt ja mein Malchen.“ „Ja ſo,“ ſtotterte ich, verlegen mich zurückziehend, und machte eine um Verzeihung bittende Verbeugung. „Alle mußten lachen. Ich aber faßte den Haupt⸗ mann am Arm, und ihn auf die Seite ziehend, raunte ich:„Zum Guckuck, was ſoll daraus werden? Und wenn Du mich auf die Folter ſpannſt, ich weiß nicht, ob ich meine oder Deine Braut vor mir habe. Wie findeſt Du denn die Deinige heraus?“ „Haſt Du nicht bemerkt,“ gab er zurück,„daß ſie, als ſie herantrat, die Hand einen Augenblick auf die Bruſt legte? Dies iſt das Zeichen.“ „Schön,“ war meine Antwort,„dann werde ich die meine gleichfalls telegraphiſch abrichten, ſonſt ſind wir keinen Augenblick ſicher, einander in's Gehege zu gerathen.“ „Das luſtige Wiehern meines treuen Rappen, der unterdeß aus dem Gaſthofe abgeholt worden und⸗ in ein edleres Abſteigequartier eingeführt werden ſollte, lockte mich an's Fenſter. Da ſtand unter der Haus⸗ thüre Emilie, welche gleichfalls ihre Freude an dem braven Thiere zu haben ſchien. Schnell warf ich meine Blicke nach Amalien, die noch in der Stube anweſend, und als ich mich von ihrer leibhaften Gegen⸗ wart überzeugt hatte, ſprach ich zu mir: „Jetzt kannſt Du auf keinen Fall irre gehen; und ich eilte hinab zu Emilien. Leider war aber das himmliſche Kind ſchon wieder verſchwunden. Meine Blicke ſuchten aller Orts nach dem himmelblauen Kleide. Vergebens; ſo blieb mir vor der Hand nichts übrig, als die neue Wohnung meines edlen Rappen in Au⸗ 67 genſchein zu nehmen. Der Kerl wohnte jetzt präch⸗ tig, und ſchien ordentlich ſtolz auf ſein neues Quar⸗ tier, das gegen den armſeligen Stall im Gaſthofe be⸗ deutend abſtach. Er ſpitzte die Ohren, als er meine Stimme vernahm, und nahm mein Streicheln mit ge⸗ wohnter Behaglichkeit auf. „Wir ſind in einen guten Hafen eingelaufen, mein Rappe,“ ſprach ich zu dem verſtändigen Thiere,„kannſt Dich freuen, es wird Dir hier nichts abgehen, weder an gutem Futter noch an guter Pflege.“ „Nach dieſer Unterredung mit dem Schwarzen machte ich mich wieder nach dem Herrnhauſe auf den Weg. Ich trat abermals in den blauen Saal. Him⸗ mel, da packte mich der böſe Genius der Eiferſucht von Neuem. In der einen Ecke ſaß mein neuer Freund, der Hauptmann, und neben ihm— Emilie. Ich rieb zu wiederholten Malen die Augen; ja, das war meine Emilie und keine andere. In meinen Adern begann das Blut zu arbeiten; ich wollte meinem Zorne wieder freien Lauf laſſen, als mich Jemand auf die Schulter tippte. Ich gucke mich um, wer malt mein Entzücken, vor mir ſtand Emilie. „Gottlob!“ rief ich, erleichterten Herzens,„daß ich Euch Beide einmal beiſammen habe; aber, geſchätz⸗ tes Kind, welches iſt denn Malchen, Sie, die Sie hier vor mir ſtehen, oder die dort im Sopha neben dem Hauptmann?“ „Du Gottloſer,“ ſtrafte die vor mir Stehende, „kennſt Du Deine Emilie nicht mehr?“ „Dir trau ich gar wohl,“ war meine Antwort, „aber wenn dieſes Engelsbild doppelt in der Welt umherläuft, welches ſterbliche Auge vermag das rechte heraus zu finden?“ „Herzenskinder,“ fuhr ich in der Freude meines 68 Herzens fort,„ſtellt Euch zum Guckuck nur einmal ne⸗ ben einander, iſt's denn keine Möglichkeit, ein Merk⸗ zeichen aufzufinden?“ „Alles vergebens,“ antwortete der Hauptmann, der jetzt lachend ſein Malchen herbeiführte;„ich habe mir alle Mühe gegeben. Du mußt wiſſen, theurer Freund, daß, bevor ich meinen kleinen Telegraphen errichtet, mir es nicht beſſer als Dir gegangen iſt, und ich Deiner Emilie ſchon mehrmals aus Herzens⸗ grunde den Hof gemacht habe.“ „So?“ ſprach ich im bedenklichen Tone,„das iſt eine ſehr ſchlimme Sache, welche nach meinem Erach⸗ ten beſeitiget werden muß. Ich ſchlage daher vor, wenigſtens ſo lange unſere beiderſeitige Anweſenheit hierſelbſt dauert, daß Malchen eine rothe und Milchen eine blaue Schleife auf der Bruſt trägt; dieſes ein⸗ fache unſchädliche Mittel wird alle Verwechſelung wohl⸗ thuend beſeitigen.“ „Die beiden Grazien wollten von dieſem wohl⸗ gemeinten Vorſchlage im Anfange Nichts hören, weil er dem mütterlichen Gelübde zuwider und deshalb un⸗ ſtatthaft ſei. „Ei was,“ entgegnete ich,„dieſe gleiche Tracht hatte Nichts auf ſich, als Ihr noch als kleine drollige Mädchen umherliefet; jetzt, wo das Haus voller Freier ſteckt, haben ſich die Umſtände geändert; unter derma⸗ ligen Verhältniſſen würde ſelbſt die gute ſelige Mutter ein Auge zudrücken; oder wollt Ihr, daß der Haupt⸗ mann und meine Wenigkeit tagtäglich von der Furie der Eiferſucht wie beſeſſen durch alle Zimmer und Ge⸗ mächer gepeitſcht werden? Nicht wahr, Hauptmann? „Der Hauptmann geſtand dies als verſtändiger Mann zu. Die Mädchen aber ſchüttelten fortwährend 69 die Köpfchen. Das mütterliche Gelübde war den from⸗ men Kindern nicht hinweg zu disputiren. „Endlich kam der Papa herbei, und als er den Grund unſeres Streites vernommen, war er ganz meiner Meinung. Er vereinigte ſich mit mir und dem Hauptmann, und erſt dieſen vereinigten Kräften gelang es, die rothe und blaue Schleife proviſoriſch durchzuſetzen. 5 „Aber,“ bemerkte Amalie, nachdem wir in dieſer wichtigen Angelegenheit endlich auf's Reine waren,„wie da, wenn wir Zwei einmal die Schleifen verwechſeln?“ „An dieſen außerordentlichen Fall hatte ich freilich nicht gedacht, der Hauptmann auch nicht. Ich verge⸗ genwärtigte mir den beiſpielloſen Wirrwar, der dann entſtehen müßte, wußte für den Augenblick keinen Rath, und mir blieb darum Nichts übrig, als bittend und beſchwörend die Hände zu erheben: „Kinder,“ rief ich,„frevelt nicht, verſündigt Euch nicht, und treibt kein loſes Spiel mit Euren rechtſchaf⸗ fenen Bräutigams.“ „Die Mädchen mußten mit Hand und Wort mir ſowohl wie dem Hauptmann geloben, mit ihren Wahr⸗ zeichen keinen böſen Tauſch zu treiben. Der Herr Papa wax Zeuge dieſes feierlichen Gelöbniſſes, das mich einigermaßen beruhigte. „Noch in derſelben Stunde erſchienen Emilie und Amalie mit der blauen und rothen Schleife, welche ihnen ganz gllerliebſt ſtand. Ich war ſeelenvergnügt, dieſes liche Mittel ausfindig gemacht zu haben; jetzt wußte ich wenigſtens, welche ich vor mir hatte, ob die Geliebte oder deren Fräulein Schweſter. „Die Abendmahlzeit, welche der Decvrirung folgte, gehörte zu den ſchönſten Feſtlichkeiten meines Lebens. Ich ſaß neben Malchen und Milchen, und mir ward 70 von Neuem Gelegenheit, die wahrhaft überraſchende Aehnlichkeit des ſchönen Schweſternpaares zu bewun⸗ dern. Die blaue Schleife war und blieb indeß mein Polarſtern, der mich vor Irrfahrten ſchützte. Wäre er nicht geweſen, ich würde nie gewußt haben, ob ich vor Milchen oder Malchen mein Herz ausſchüttete. „So lebte ich herrlich und in Freuden ganzer acht Tage, und daß die Mädchen ihr Gelübde gehalten, glaube ich aus dem Grunde abnehmen zu dürfen, daß bei meinem Abſchiede die blaue Schleife bitterlich weinte, und mir viel weiter das Geleit gab, als die rothe, welche mit ihrem Hauptmann alsbald nach dem Parke zurückkehrte. „Als ich nun mit meinem getreuen Rappen wieder die einſame Straße dahin trabte, herausgeriſſen aus dem warmen Lerchenneſte, in dem ich ſo heimiſch ge⸗ worden, war mir das Weinen gleichfalls näher als das Lachen; doch die ſchöne Hoffnung, recht bald wie⸗ derkehren und binnen Jahr und Tag meine theure Emilie heimführen zu dürfen als Gattin, tröſtete mich. „Wohlbehalten langte ich in der Heimath an. Mein geſtrenger Herr Vater war ob des gehorſamen Sohnes, der die vorgeſchlagene Braut ohne alle Oppo⸗ ſition beſtens acceptirt hatte, außerordentlich zufrieden. Er ließ ſofort eine Flaſche Johannisberger holen, wel⸗ chen Befehl er nur bei ſehr guter Laune ertheilte, und wir tranken das duftende, flammende Gold auf das Wohl meiner Emilie.„ „Daß ich mir jetzt öfters Urlaub aus vi zu ei⸗ ner Reiſe nach Lindenthal, verſteht ſich; und bei mei⸗ nem jedesmaligen Beſuche trug Emilie die— blaue Schleife; ſie trug dieſelbe, als ich ſie heimführte als Frau Gerichtsdirectorin nach Burgſtädt, und trägt ſie zur Erinnerung an jene ſeligen Zeiten noch heut⸗ 74 zutage, wie Sie ſich alle, meine Freunde, überzeugen köunen. Darum glaube ich auch, daß meine geliebte Gattin mit dem jetzt entſchlafenen Malchen keinen Schleifentauſch getroffen, und dieſelbe iſt, welche in der ſchönen Jahreszeit mein Herz zu erobern und ſich alle Zeit zu bewahren gewußt hat.“ Hier ſchwieg der Amtmann; ſeine Erzählung aber hatte die Zuhörer innig angeſprochen. Man füllte die Gläſer, und ein alter Freund des Amtmanns er⸗ hob ſich. „Wohlan,“ ſprach er,„ſo ſoll ſie leben die blaue Schleife; aber vor Allem ihre gute und liebe Beſitzerin!“ „Hoch!“ rief einſtimmig die Tafelrunde, und die Gläſer klangen freudig aneinander. — — — — „ 8 S — 4. Es war tiefer Spätherbſt, Feld⸗ und Gartenfrüchte waren heimgebracht in die traulichen Wohnungen, ſpar⸗ ſam nur hing das gelbrothe Laub auf Baum und Strauch, in welchem der unfreundliche Nordwind im⸗ mer unheimlicher zu rauſchen begann, als man den Verwalter des Schloſſes zu Eichberg von Zeit zu Zeit auf geheimnißvolle Weiſe in den nahegelegenen Schloß⸗ garten ſchleichen ſah, jedesmal die Thür ſorgfältig hin⸗ ter ſich verſchließend. Dann ſah man ihn den Haupt⸗ gang entlang wandeln, ſich rechts wenden, wo er hin⸗ ter dichten Taxushecken unſichtbar ward. Kam er nach einiger Zeit zurück, ſah ſein Geſicht weit bedenklicher aus als vorher; er verſchloß ſich auf ſein Zimmer und man hörte, wie er in einem Foliobuche blätterte. „Und ich krieg's doch raus,“ behauptete Lips der Laufburſche in der Küche, wo Frau Catharine, die Haushälterin, Kaffee brannte.„Ich krieg's doch raus: ich grab' ein Loch unter der Baumwand und ſchleiche nach.“ „Und läßt Dich erwiſchen, bekommſt Prügel und wirſt fortgejagt. Der Verwalter iſt Dir nicht grün. Lips, Lips, nimm Dich zuſammen.“ „Getroſt Frau Catharina, mich erwiſcht er ſo leicht nicht, da müßt' ich nicht Eſſenkehrerjunge gewe⸗ 76 ſen ſein.“ Er zog dabei eine gebratene Kartoffel aus den Kohlen“ Jetzt kam Liſette mit den vollen Waſſerkannen, ſetzte dieſe hin, ſich auf die Küchenbank und rief: „Ach, ich ſterbe!“ „Warum nicht gar,“ meinte Lips, ſich die Kar⸗ toffel ſchälend. „Was iſt denn?“ rief Catharina erſchrocken. Liſette holte tief Athem und erzählte, wie ſie ſo eben am Schloßgarten vorbeigegangen, habe die Thör ein wenig aufgeſtanden. Sie ſei im Begriff geweſen ſolche zu ſchließen und habe nur ein klein wenig den Kopf in den Garten geſteckt; aber da ſei auch der Verwalter wie toll gelaufen gekommen, habe ſie or⸗ dentlich geſchuppt und ein rieſengroßes Schloß vor die Thür gelegt. „Er ſchont gar nicht mehr,“ ſprach Lips. „Lips, was iſt's? was treibt der Verwalter? was thut er ſo geheimnißvoll?“ beſchwor Liſette.„Ich ſterbe vor Neugier.“ „Wer's wüßte,“ ſprach dieſer, die Kartoffel ver⸗ zehrend. „Es kann nichts Gutes ſein,“ fuhr ſie fort,„Frau Catharina, Sie hätten die wilden Augen ſehen ſollen. Hu, kein Chriſtenmenſch kann einen ſo fürchterlich an⸗ ſchauen. In die Kirche kommt er auch nicht mehr.“ „Ja, er will mir gar nicht gefallen,“ ſprach Frau Catharine, die gebrannten Bohnen in eine Schüſſel ſchüttend. „Aber Frau Catharina,“ trat Lips keck vor,„Sie ſind hier Wirthſchafterin, Sie ſind eine gottesfürch⸗ tige Frau, Sie dürfen ſolchen Teufelsſpuk nicht lei⸗ den, partvut nicht leiden. Sie müſſen ein ernſtes Wort ſprechen.“ „Ja, beſte Frau Catharine, wir können alle un⸗ glücklich werden durch den gottloſen Hausverwalter,“ ſchluchzte Liſette;„ich bin frommer Leute Kind. Man hat Exempel.“ „Man hat Exempel,“ bekräftigte Lips,„wo die ganze Hausgenvſſenſchaft zum Teufel gefahren, wenn dieſer einmal hereincitirt worden durch ruchloſe Hand.“ Catharina ſchlug drei Kreuze und ſeufzte. „Und ſehn wir's nicht an Adelinen,“ fuhr Lips deelamirend fort,„mit der geht's ganz miſerabel. Ich war geſtern drinnen bei der Herrſchaft. Es iſt kein Segen mehr.“ 3 Jetzt vermehrte ſich das Küchenperſonal um eine Perſon. Es war Florian, der ehemalige Reitknecht, ſpäter Kutſcher des Baron von Eichberg, der auf ſeine alten Tage das Gnadenbrot ſeiner Herrſchaft genoß. Er wollte Catharinens Küchenfeuer benutzen und ſetzte ſein Töpfchen daran. „Wertheſter Herr Florian,“ begann Lips,„Sie ſind ein erfahrner, aufgeklärter Mann, Sie haben ge⸗ dient unter dem großen Kaiſer Napolevn, Sie haben Deutſchland befreit; was halten Sie von den räthſel⸗ haften Gartenpromenaden des Herrn Verwalters?“ „Narrenspoſſen,“ meinte Florian trocken, der ſich aus den Apoſtrophen des Küchenjungen wenig zu ma⸗ chen ſchien,„was wird's ſein, er fängt Maulwürfe.“ „Maulwürfe!“ riefen alle Drei im Tone getänſch⸗ ter Erwartung. Aber Lips faßte ſich ſchnell, trat mit untergeſtemmten Armen vor Florian:„Maulwürfe? Wo ſollen denn jetzt im Herbſte Maulwürfe herkom⸗ men? He? das müßte eine beſondere Art ſein. Und damit ſie nicht eſchappiren, darum wohl wird alle⸗ mal die Thür ſo ſorgfältig verſchloſſen? Wind, Herr Florian, Wind!“ 78 „Satansbrut!“ wetterte Florian und griff nach dem Rührlöffel, doch Lips unterlief geſchickt dem Streiche, ſtellte ſich auf ein Bänkchen in der Ecke und begann: „Herr Florian, Sie können mich nicht beleidigen. Aber jetzt will ich's nur ſagen, was es iſt. Nach einem Schatze gräbt der Verwalter.“ „Nach einem Schatze?“ riefen Catharine und Li⸗ ſette, und ſelbſt Florian ließ den Löffel ſtecken und ſchaute verdutzt nach dem kühnen Sprecher. Doch bald begann er wieder ruhig zu rühren, aber die Weiber brannten auf Näheres. „Ja, nach einem Schatze,“ fuhr Lips fort,„mich macht man nicht dumm; und damit er ihn für ſich allein einſcheffeln kann, darf Niemand in den Garten; und wir Alle haben gleiches Recht daran.“ „Der gottloſe Mann,“ klagte Catharina,„und mir knappt er am Wirthſchaftsgelde, wo er kann.“ „Frau Catharina,“ ſprach Florian, der ſich mit ſeinem Töpfchen wieder auf den Weg machte,„ geb' Sie doch nichts auf den gottvergeſſnen Jungen. Der iſt Lug und Trug von Kopf bis Fuß.“ „Eſel,“ dehnte Lips dem Invaliden nach und hatte jetzt wieder freies Feld, den Frauen ſeine Anſicht durch eine Menge Gründe begreiflich zu machen. Indeſſen wurden Lipſens Argumente auf ſehr pro⸗ ſaiſche Weiſe für ihn unterbrochen. Zwei Hände grif⸗ fen mit Einemmale nach ſeinen Ohren und führten ihn zur Küche hinaus. Zur Wirthſchafterin ſprach aber ernſt der Verwalter, dem die Hände gehörten: „Frau Catharina, Sie müſſen den Jungen ſtrenger zur Arbeit anhalten.“ ——— 79 2. In einem Lehnſtuhl am Fenſter ſaß die ſchöne kranke Adeline und ſchaute, die ſüßen Züge voll Weh⸗ muth und Trauer, hinaus in den brennenden Abend⸗ himmel. Zu ihren Füßen knieete die jüngere Schwe⸗ ſter Pauline und ſuchte die Kranke durch allerlei Scherz und Laune zu erheitern. Bruder Heinrich, der Student, lehnte leſend am andern Fenſter. Aber mit welcher Lieblichkeit, Anmuth und Naivetät die gute Pauline erzählte, und mit welch' rührender Herz⸗ lichkeit ſie die leidende Schweſter koſ'te und ſchmei⸗ chelte, ſo wollte es ihr nicht gelingen, den Schleier der Schwermuth von dem ſchönen Antlitze zu verban⸗ nen, und ein leiſes wehmüthiges Lächeln, das zuwei⸗ len die Züge der Kranken erheiterte, war der ganze Lohn für die ſorgſame Schweſter. Indeß ſank die Abendſonne immer tiefer und die letzten Strahlen warfen ihren Roſaſchein verklärend über das Madonnenantlitz der Kranken. „O wie ſchön biſt Du,“ flüſterte Pauline und küßte die Alabaſterhand der Schweſter; aber unver⸗ wandt blickte Adeline hinaus nach der untergegangenen Abendſonne. „Auch die Sonnen ſterben,“ ſprach ſie ernſt und ſinnend. „Wer ſpricht vom Sterben,“ rief Heinrich, der bei den Worten Adelinens ſein Buch zuſchlug und zu den Schweſtern trat, in ziemlich unfteundlichem und ſtrafendem Tone:„Adeline, ich werd' es dem Doctor ſagen.“ „Bruder,“ flehte ſanft Pauline und verdoppelte ihre Zärtlichkeit gegen die Schweſter: Heinrich aber ging finſter vor ſich hinmurmelnd im Zimmer auf und 80 ab. Die nervenſchwache Adeline, der dies bald uner⸗ träglich wurde, gab durch Zeichen mit der Hand zu verſtehen, der Bruder möge ſich ruhig verhalten. Pau⸗ line floh deshalb bittend an ſeinen Hals.* „Ihr Eigenfinn wird mich noch aus dem Hauſe jagen,“ grollte Heinrich.„Weil ich ihr zuweilen die Wahrheit ſage, mag ſie mich nicht leiden.“ „O ſie iſt ſo krank!“ beſchwor Pauline mit Thrä⸗ nen in den Augen. „Krank? krank?“ murmelte der Bruder ziemlich vernehmbar; Einbildung iſt's, nichts weiter.“ Mür⸗ riſch verließ er das Zimmer. Adeline aber war bei ſeinen letzten Worten wie eine ſchöne Leiche in den Lehnſtuhl zurückgeſunken, und nur Paulinen, dieſem himmliſchen Kinde, konnte es gelingen, die Kranke wieder zu beruhigen. Unterdeß war Hannchen, das Kammermädchen her⸗ eingekommen und brachte die Nachricht, daß vor Kur⸗ zem Herr Felix vom Gute mit dem gnädigen Herrn eine ganz geheime Unterredung gehabt. „Felix?“ frug Pauline verwundert und auch Ade⸗ line hörte mit Aufmerkſamkeit zu,„das. ſelt⸗ ſam, was will denn der jetzt?“ „Ja, und ganz heimlich haben ſie geſprochen; es muß was ganz Außerordentliches ſein,“ verſicherte Hannchen. 5 „Adelchen, das müſſen wir wiſſen,“ rief Pauline in drolligem Tone, und die Kranke neigte zuſtimmend lächelnd ihr ſchönes Haupt. 3. Am andern Tage ſah man den Baron von Eich⸗ berg ganz allein nach ſeinem Stammſitze fahren. Fe⸗ — —————— — — —— 2— — 2 8¹ lir kam ihm ſchon vor dem Gute entgegen, und die Beiden begaben ſich unverweilt nach dem Schloßgar⸗ ten. Sorgfältig verſchloſſen ſie die Thür hinter ſich und wandelten ſchweigend den langen Hauptgang, den eine Kaſtanienallee bildete, dahin. „Ich habe oft von dem intereſſanten Naturſpiele gehört und geleſen,“ hub der Baron an,„aber es noch nie mit eigenen Augen geſehen.“ „Naturſpiel?“ ſeufzte der Verwalter,„wollte Gott es wäre dem ſo; aber gedenken Sie der Chronik und Adelinens Zuſtande.“ Hier blieb der Baron ſtehen und blickte den Ver⸗ walter lächelnd an.„Herr Felix, ich habe Sie für einen aufgeklärten Mann gehalten.“ „Was hilft alle Aufklärung,“ entgegnete dieſer, „daran haben aufgeklärtere Leute geglaubt als meine Wenigkeit, und ſagt nicht ſelbſt ein großer Dichter: Es gibt Vieles zwiſchen Himmel und Erde, wovon ſich unſere Philoſophie nichts träumen läßt?“ 5 Jetzt wandten ſich die Beiden links durch vine Seitenallee nach dem Familiengarten. Dieſer hatte ſeinen Namen daher, weil ein jedes Glied der Fa⸗ milie hier ſein niedlich umzäuntes Gärtchen hatte, welches alle Jahre von ihm ſelbſt beſtellt ward. Kanm waren die Wanderer hinter der letzten Taxus⸗ hecke hervorgetreten, von wo man den Familiengarten bequem überſehen kann, als der Baron, ſeltſam ergrif⸗ fen, ſtehen blieb und ein unwillkürliches„Ach!“ ſei⸗ nem Munde entfuhr. Rings hatte der Herbſtſturm in den Bäumen ge⸗ wüthet, daß ſie kahl daſtanden und licht und traurig die blätterloſen Zweige und Aeſte in die ſchöne blaue Herbſtluft hinausſtreckten— nur ein einziger, ein ſchlank gewachſener Kirſchbaum, ſpottete dem Erſterben Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 6 der ganzen Natur und ſtand in wunderſchöner ſchnee⸗ weißer Blüthe, wie mit einem weißen Tuche überhan⸗ gen. Es war Adelinens Geburtstagsbaum. „Bei Gott! ſeltſam,“ ſprach der Baron und ſchritt durch das herabgefallene Laub nach dem Wunderbaume, die ſeltene Erſcheinung näher zu betrachten. „Es ſind bald vierzig Jahre,“ erzählte der Ver⸗ walter in trauerndem Tone,„daß juſt in derſelben Zeit der Baum von des Herrn Baron ſeliger Tante blühte. Nicht drei Wochen gingen in's Land, und man trug ſie zur Gruft. Bei der ſelign Urgroßmutter war daſſelbe Anzeichen, und gehen ir in der Chronik zu⸗ rück, ſo finden wir noch mehre Beiſpiele mit den heil⸗ loſen Bäumen. Auch lebt die Sage davon noch im⸗ mer im Munde des Volkes. Der blühende Baum verkündet allemal den Tod ſeiner Pflegerin vor näch⸗ ſtem Neumond.“ „Und doch nur Zufall,“ ſprach der Baron ernſt und ſinnend; doch gleich darauf, wie von einem in⸗ nern Gedanken erſchreckt, frug er haſtig:„Es weiß doch Niemand von der gegenwärtigen Blüthe?“ „Keine Seele,“ perſicherte Felix. Der Baron verſank in tiefes Schweigen und ſprach nach einer Pauſe:„Allerdings, wenn Adeline in ih⸗ rem jetzigen Zuſtande von dem Mirakel erführe, dürfte die Chronik um ein Wunder reicher werden, welches, wie wahrſcheinlich die früheren alle, gleichwohl ſehr natürlich zuginge—“ Ein Geräuſch in der Taxushecke, das jetzt ver⸗ nehmbar ward, erſchreckte den Baron und Felir nicht wenig. „Wenn wir belauſcht würden,“ rief Erſterer und ſprang zornig der verdächtigen Gegend zu. Feli eilte dem Baron nach, unter fortwährender Betheuerung, 83 daß dies eine Unmöglichkeit ſei. Erſt als man alle Winkel durchſucht, ward der Baron ruhiger und kehrte noch einmal zu dem blühenden Kirſchbaume zurück. 4. Während die Beiden im Parke die ſeltſame Na⸗ turerſcheinung beobachteten, war in der Küche des Wirthſchaftsgebäudes große Rathsverſammlung unter Catharinens Vorſitz. „Und morgen kündige ich, wenn ich's diesmal nicht erfahre,“ ſprach Liſette determinirt.„Ich ſehe nicht ein, warum ich in dieſem Dienſte meine Geſundheit rul⸗ niren ſoll, aus purer Wißbegier. Es liegt mir ſchon wie Blei in allen Gliedern, und was Gutes ſteckt einmal nicht dahinter.“ „Nein, was Gutes ſteckt nicht dahinter,“ weinte vor Neugier Chriſtel, das Milchmädchen.„Meine Mutter ſagt's auch,“ fügte ſie ſchluchzend hinzu. „Nun, ſeid nur ruhig, Kinder,“ tröſtete Catha⸗ rina, Lips iſt ein unternehmender Burſche, und ich hab' ihm ein ganzes Schinkenbein verſprochen. Er bekommt's gewiß heraus.“ Jetzt gingen der Baron und Felix, die unterdeß aus dem Parke zurückgekehrt waren, unter den Kü⸗ chenfenſtern vorüber. Schnell wie ein Blitz guckte die dreiköpfige Rathsverſammlung den Dahingehenden nach. Felir gab dem Baron das Geleit bis zum Wagen. Bevor dieſer einſtieg, reichte er dem Verwalter die Hand und ſchien ihm ein großes Verſprechen abzu⸗ nehmen, und die Pantomime des Letzteren drückte die heiligſten Betheuerungen aus. Der Baron fuhr davon: Felix aber kehrte nicht 6* alſobald zurück, um der Rathsverſammlung das My⸗ ſterium zu publiciren, ſondern ſchlug den entgegenge⸗ ſetzten Weg nach dem Walde ein. Jetzt brach die Rebellion in der Küche aus. Liſette ergriff in der erſten Wuth das lange Tranchir⸗ meſſer und wollte dem Verwalter nach, rannte aber, als ſie zur Thür hinauseilte, an Lips, der naß wie eine gebadete Maus vor ihr ſtand. Mit einem Schreckensausruf ließ ſie das Meſſer fallen und ſprang in die Küche zurück. Aber wie ein Aal fuhr jetzt der triefende Lips herein und tanzte in höchſt ſeltſamen Capriolen bald auf einem Beine, bald auf zweien in der Küche her⸗ um, unter fortwährenden abgebrochenen Ausrufungen: „Ei, du mein Himmel! ach, daß Gott! ach du lieber Gott! o Jemine! v Jemine! wer hätte das gedacht!“ welche ſämmtlich dahin deuteten, daß er die Entdeckung des großen Geheimniſſes gemacht, aber über die Ent⸗ ſetzlichkeit deſſelben noch gar nicht recht zu Verſtande kommen könne. „Lips, himmliſcher Lips,“ beſchwor Liſette,„heraus damit, heraus.“ Aber Lips tanzte fort unter beſtändigen:„Ei du lieber Gott! v Jemine, o Jemine!“ und ſchnippte da⸗ bei fortwährend mit der rechten Hand in der Luft. Catharina nahm jetzt unſtreitig zu dem probate⸗ ſten Mittel ihre Zuflucht, um den Zauber in Lipſens Füßen zu bannen und den Jungen zum Reden zu bringen. Sie holte das koſtbare Schinkenbein, hob es in die Höh' und ſprach: „Lips— entweder— oder— Das wirkte. Lips ſtand, richtete ſich hoch empor, ſah mit ſchrecklichem Geſicht eine nach der andern an, . 85 hob die Rechte auf und rief im dumpfen befehlenden Tone:„Schwört!“ „Wir ſchwören,“ tönte es zähneklappernd aus Ei⸗ nem Munde. „Nicht zu verrathen!“ „Nicht zu verrathen.“ „Was ich Euch entdecken werde.“ „Was Du uns entdecken wirſt.“ „Nun ſo wißt denn“— begann Lips leiſe und geheimnißvoll— Adelinens Geburtstagsbaum— Ihr kennt ihn doch?“ „Weiter, weiter,“ drängte das weibliche Publicum, das Schrecklichſte ahnend. „Nun, der blüht wie ein weiß Tuch, accurat wie ein weiß Tuch,— Frau Catharina, das Schin⸗ kenbein.“ Jetzt brach der allgemeinſte Jammer los, indeß ſich der Trauerbote unverzüglich an ſeine Spende machte. Das Händeringen und Wehklagen war un⸗ beſchreiblich. „Was wird meine Nutter: ſagen,“ ſchluchzte Chri⸗ ſtel. Aber wie der böſe Feind ſetzte Lips aus dem Hinterhalt hervor mit hochgehobenem Schinkenbein. „Haſt Du nicht geſchworen?“ frug er grimmig. Liſette war indeß die erſte, welche ſich von ihrem Schmerze inſoweit erholte, um ihre nächſte Aufmerk⸗ ſamkeit Lipſens naſſer Kleidung zu ſchenken, die die⸗ ſer ſo eben am Heerde zu trocknen bemüht war. „Wo biſt Du denn ſo naß geworden?“ frug ſie. „Ja, das iſt eine ſeltſame Hiſtorie,“ erzählte der Laufburſche.„Nachdem ich meinem Verſprechen gemäß dem gnädigen Herrn und Felixen nachgekrochen durch mein Loch unter der Baumwand, woran ich acht Tage gearbeitet wie ein Bär, verfolgte ich die Beiden in 86 der Ferne. Plötzlich aber wandten ſie ſich nach dem Familiengarten und ich ſchlich mich bis zur Taxus⸗ wand vor. Aber das Strauchwerk hier war ſo dicht, daß ich nichts zu ſehen vermochte. Ich brach daher eine kleine Oeffnung durch das Geſtrüpp. Nur ein hartnäckiger Aſt war noch im Wege. Ich bog ihn mit Gewalt auf die Seite und ſchaute jetzt mit einem Male die ganze Beſcheerung und wie der Herr Baron und Felix jammernd um den verwünſchten Baum her⸗ umſtanden. Da erſchrak ich dermaßen, daß ich den gebogenen Aſt fahren ließ, welcher mit ziemlichem Ge⸗ praſſel in die dürren Blätter zurückfuhr. Nun aber war guter Rath theuer, denn der Baron kam wie ein Beſeſſener daher geſprungen; fand er mich, ſo war ich geliefert. Alſo kurz reſolvirt. Ich nahm Reiß⸗ aus, ſchlüpfte die Baumwand entlang, und verſteckte mich hinter den Brunnentrog. Aber zu meinem Schrecken mußte ich gewahren, wie man jetzt eine ra⸗ dicale Ausſuchung anſtellte. Ich war verloren, wenn ſie zum Brunnen kamen. Da half's nichts und ich verſenkte mich in den kühlen Waſſerſpiegel des Brun⸗ nentrogs bis an die Naſe, über welche ich einen noch etwas belaubten Hollunderzweig herabzog. Ein ver⸗ teufeltes Bad, bis es den Herrſchaften beliebte, von⸗ ihrer überflüſſigen Recognoscirung abzuſtehen.“ Lipſens naſſes Abenteuer hatte indeß bei dem Publikum bei weitem nicht die Theilnahme gefunden, die es verdiente. Der Schreck über den blühenden Baum war zu groß, und Adeline ward bereits als eine Geſtorbene betrachtet. Nur war man noch nicht im Klaren, in welcher Kleidung ſie im Sarge liegen ſollte. Dies gab Stoff zu vielerlei Vermuthung und Converſa⸗ tion, mit welcher der Leſer verſchont bleiben möge. — Wieder glühte die Abendſonne über der erſtorbe⸗ nen Gegend, wieder ſaß Adeline am Fenſter, und ſchaute nach der ſinkenden, aber eine ſtille Heiterkeit hatte ſich diesmal über das holde Antlitz verbreitet und der Zuſtand der Kranken ſchien ſich der Geneſung zuzuneigen. Die Mutter nahte ſich leiſe und küßte ſie auf die Stirn. „Wie iſt Dir, meine gute Tochter?“ frug ſie ſanft. „O wohl,“ liſpelte das Mädchen und umſchlang die Mutter mit Innigkeit. Dann fuhr ſie nach einer Pauſe leis weinend fort:„Wie bald hätte ich Dich verlaſſen müſſen!“ „Du ſtellſt Dir Deine Krankheit gefährlicher vor als ſie iſt,“ tröſtete die Mutter und ſetzte ſich auf den Stuhl neben ſie. „Täuſche mich nicht,“ ſprach Adeline,„ach, ich war ſehr krank; doch“ fügte ſie frommgläubig hinzu, und blickte die Mutter voll Zärtlichkeit an,„Gott wird helfen, nicht wahr?“ „Das wird er, meine gute Tochter,“ ſprach Frau von Eichberg, und trocknete eine Thräne aus den Augen. Jetzt kam Pauline, die eben in's Zimmer getre⸗ ten, daher geſprungen und ſchlug lachend die Hände zuſammen. „Adelchen!“ rief ſie,„unſer Geheimniß iſt ent⸗ deckt. Natürlich, mir darf ſo etwas nicht verborgen bleiben. Rück' ein wenig zu, Mütterchen, ich hol' mir einen Stuhl. Wir haben alle Dreie Platz. Nun, Ihr kennt doch den Bauer Kilian, der ſo köſtliche Ananaserdbeeren erbaut, von welchen er uns alle Pfingſten ein Körbchen voll zum Präſent macht. Adel⸗ chen, Du mußt ihn kennen, es iſt ja derſelbe, der uns 88 vor zwei Jahren aus dem Walde heimführte, in wel⸗ chem wir uns verirrten. Wir beſuchten ihn auch nach⸗ her einmal; Du wiegteſt noch den kleinen Fritz, der jetzt ein wahrer Springinsfeld geworden iſt.“ Nachdem ſich Adeline beſonnen hatte, fuhr die Schweſter fort:„Nun dieſer gute Kilian beſitzt ein ſchönes Stück Wieſe, das hart an unſerm Felde ge⸗ legen iſt. Schon immer ging ihn daher der Vater an, es uns käuflich zu überlaſſen, aber Kilian konnte ſich nicht entſchließen. Vor Kurzem nun erbt der gute Kilian von ſeiner uralten Großmutter, ſo daß er be⸗ wußtes Wieſenſtück leichter entbehren kann. Er er⸗ klärt dies Herrn Felix und dieſer, im Voraus gewiß, welche angenehme Nachricht dies unſerem Vater ſein wird, ſetzt ſich ſogleich in ſeinen Wagen und kommt hereinkutſchirt. Am andern Tage mußte aber der Va⸗ ter ſelbſt auf's Gut, um den Handel abzuſchließen. Iſt Euch das klar?“ „Ich ahnte ſo etwas,“ ſprach die Mutter,„aber Felir ſollte nicht ſo geheimnißvoll thun, als ſei Wun⸗ der etwas vorgefallen.“ „Das iſt ja mein Aerger,“ fiel Pauline ein,„uns Alle ſo auf die Folter der Neugier zu ſpannen. Aber wir rächen uns. Doch wie dies anfangen? Adelchen, denk' ein Biſſel nach und Du auch Mütterchen.“ Paulinens Racheplan ward durch den Eintritt des Arztes und des Barons unterbrochen. „Nun, meine ſchöne Patientin,“ frug Erſterer, „wie geht es heut?“ „Gott ſei Dank! recht leidlich,“ verſetzte die Mut⸗ ter und Adeline lächelte bejahend. Der Doetor begann die übliche Katechiſation, die dermaßen zu ſeiner Zufriedenheit ausfiel, daß er ſcher⸗ zend äußerte, man möchte bald auf des Fräuleins 89 Ballgarderobe für bevorſtehende Winterſaiſon be⸗ dacht ſein. „Das wäre himmliſch,“ rief Pauline. Alles freute ſich, nur der Baron ſtand in Gedan⸗ ken verſunken und ſchaute düſter in das brennende Abendroth. Er erwachte aus ſeiner Geiſtesabweſen⸗ heit erſt, als der Arzt von einem höchſt ſeltſamen Patienten ſprach, der ihn vor einigen Tagen habe rufen laſſen. „Es iſt dies,“ erzählte der Doctor,„ein junger Mann von einigen dreißig Jahren, ein Engländer, unermeßlich reich, aber von einem Menſchenhaß beſeelt, der unmittelbar an Irrſinn grenzt. Leiblich befindet er ſich vollkommen wohl und ich wunderte mich daher nicht wenig, als ich auf ſein Zimmer trat, und er mich ſogleich über die verſchiedenen Arten der Gifte, über ihre Wirkung und dergleichen zu examiniren be⸗ gann. Seiner Anſicht nämlich nach iſt das jetzige Menſchengeſchlecht ſo durchaus verdorben, daß er keine andere Abſicht hat, als die jetzige Menſchheit ſammt und ſonders zu vergiften, ſei es nun durch Vergif⸗ tung der Gewäſſer, der Atmoſphäre oder auf ähnliche Art. Ein hierzu taugliches Gift ausfindig zu ma⸗ chen iſt ſein eifrigſtes Si und deshalb ließ er mich rufen.“ „Da will er ja förmlich lieben Gott das Prä⸗ venire ſpielen, im Fall einer bevorſtehenden Sünd⸗ fluth,“ lächelte der Baron. „Das muß ein wahrer Menſchenfreſſer ſein,“ ſprach Pauline,„Herr Doctor, zu dem ging ich nicht.“ „Im Gegentheil,“ verſicherte dieſer,„es kann kei⸗ nen herzensguteren, wohlwollenderen Menſchen geben, ſobald man einigermaßen mit ſeinen Eigenheiten ver⸗ traut iſt. Auch ſoll eben ſeine übergroße Herzens⸗ 2 90 güte, wie mir der alte treue Diener erzählte, der Grund zu ſeinem Menſchenhaſſe ſein. Man hat ſie ſein gan⸗ zes Leben in ſolchem Grade gemißbraucht, der brave William, ſo iſt ſein Name, iſt dergeſtalt hintergan⸗ gen, betrogen und mit Undank belohnt worden, daß er am Ende allen Glauben an gute Menſchen verlo⸗ ren und der Haß gegen das falſche Geſchlecht und die Begier, es unſchädlich zu machen und zu vertilgen zur ſixen Idee geworden iſt. Der ſpleenige Charakter ſeines Volkes mag dazu ebenfalls beigetragen haben.“ „Wo logirt denn Herr William?“ frug Pauline. „Auf der Bergſtraße im Eberſtein'ſchen Hauſe,“ erwiederte der Arzt.„Wollen Sie den Menſchenfreſ⸗ ſer,“ frug er lächelnd,„vielleicht in der Nähe beſehen? Ich bin überzeugt, daß Ihr reizender Anblick allein hinreichen würde, dem Miſanthropen freundlichere Ideen über das gehaßte Geſchlecht beizubringen, wenigſtens was die ſchönre Hälfte deſſelben anbelangt.“ Die arme Pauline ward blutroth bei dieſem Com⸗ pliment und bereute ihre Frage; doch ſagte ſie ſchüch⸗ tern:„Auf der Bergſtraße fließt ja auch unſer Röhr⸗ waſſer; Herr Doetor, verhüten Sie ja, daß Herr William nicht etwa an dieſem Waſſer ſeine Epperi⸗ mente anſtellt.“. Hier mußte ſelbſt der Baron recht herzlich lachen. „Unbeſorgt, liebes Paulinchen,“ tröſtete der Arzt, „es wird hoffentlich ſo ſchlimm nicht werden. Viel⸗ leicht,“ fügte er ernſter hinzu,„daß es gelingt, auf pſychologiſchem Wege Herrn William von ſeiner men⸗ ſchenfeindlichen Anſicht zu curiren; wiewohl ich bisher über das Wie mir vergebens den Kopf zerbrochen habe.“ Man ſprach noch Manches über den ſonderbaren Kranken, worauf ſich der Arzt empfahl und vom Ba⸗ ron begleitet, das Zimmer verließ. — 94 „Ich habe die beſte Hoffnung,“ ſprach er im Vor⸗ zimmer zu ſeinem Begleiter,„auf baldige Wiederher⸗ ſtellung von Fräulein Adeline; nur bitte ich, ſie ſorg⸗ fältig vor allen heftigen Affecten zu bewahren, die bei den reizbaren Nerven der Kranken den Zuſtand leicht verſchlimmern könnten.“ „Mutterchen,“ bat Pauline ſchmeichelnd,„wir ſind jetzt wieder allein, darf nicht der arme Emil ein we⸗ nig herein, er will gern ſein Adelchen einmal ſehen?“ „O gewähr' ihm,“ bat auch dieſe ſanft,„er ſtört mich wirklich nicht.“ „Nun, wenn er ſich fein ruhig verhält,“ ſprach die Mutter,„und nicht ſo unerträglich rumort, wie es ſeine Art iſt, mag er hereinkommen; außerdem gleich wieder: Rechts um kehrt euch.“ Pauline hüpfte hinaus und kehrte, das vierjäh⸗ rige Neſthäkchen der Familie an der Hand zurück. „Nun, komm' zu mir, Emil!“ ſprach Adeline freund⸗ lich.„Willſt Du mir kein Händchen geben?“ Aber das ſonſt ſo lebhafte Kind war wie umge⸗ wandelt. Es blieb ſchüchtern in der Ferne, und ſah mit Blicken voll tiefer Wehmuth nach der kranken Schweſter. „Nun da' haſt Du ja Dein Adelchen, nach der Du ſo verlangt,“ ſprach koſend Pauline, und führte den Kleinen zu Adelinen. Doch kaum hatte das Kind das blaſſe Händchen der Schweſter, das ſie ihm hinreichte, erfaßt, als es bitterlich zu weinen anfing. „Herzensjunge, was iſt Dir denn?“ frug Pauline beſorgt und kauerte zu ihm nieder. „Ach Adelchen,“ rief nun das Kind unter lautem Weinen,„Du ſtirbſt uns, Dein Geburtstagsbäumchen blüht auf dem Gute— d'rum iſt auch der Vater hinausgefahren.“. 92 Wie eine getnickte Lilie ſank bei dieſen Worten Adeline zuſammen. „Emil!“ ſchrie außer ſich die Mutter und wollte den Unglückspropheten hinwegreißen, aber der Schreck lähmte alle Glieder. „O meine Schweſter, meine Schweſter,“ rief in Thränen ausbrechend Pauline und ſank laut weinend zu Adelinens Füßen nieder. 6. Es war in den Vormittagsſtunden des folgenden Tages, als die Familie um Adelinens Bette verſam⸗ melt war. Todtenſtille herrſchte, nur von dem leiſen Weinen der Mutter und Geſchwiſter unterbrochen. Am heftigſten gab Heinrich ſeinen Schmerz zu erken⸗ nen. Er war todtenähnlich am Bette der Schweſter niedergeſunken; denn die Krankheit Adelinens, die er bisher für Einbildung gehalten, war furchtbarer Ernſt geworden. Der heftige Schreck der geſtrigen Ent⸗ deckung, und was das Schlimmſte, die durch den blü⸗ henden Baum angezeigte Nähe des Todes, welche bei Adelinen durch keinen Vernunftgrund weg zu dispu⸗ tiren war, übte fortwährend einen ſo nachtheiligen Einfluß, daß ſelbſt der Arzt an einem Wiederaufkom⸗ men zu zweifeln begann. Sinnend ſaß er am Bette und beobachtete den Puls der Kranken, die in einem leichten träumeriſchen Halbſchlummer lag. Nach einer Weile ſtand er auf, winkte dem Baron, der in dumpfen Schmerz verſunken am Bette ſtand, und die Beiden entfernten ſich. „Meine Kunſt iſt zu Ende,“ ſprach Erſterer, als 93 ſie allein waren, die unſelige Einbildung wegen des Todtenbaumes läßt an kein Beſſerwerden denken, und wenn es nicht gelingt, dieſer Seelenkrankheit Herr zu werden, müſſen wir uns auf das Schlimmſte gefaßt machen, und ich bürge nicht acht Tage für ihr Leben.“ „Und ſo wäre keine, keine Rettung?“ rief der Baron, der ſeinen lauten Schmerz nicht länger zu⸗ rückzuhalten vermochte. „Ein einziges Mittel noch gibt es,“ ſprach der Arzt langſam und nachdenkend. „Und das iſt?“ frug der Baron mit Haſt des Doctors Hand ergreifend. „Ein etwas ſeltſames,“ entgegnete dieſer. Nach einer Pauſe frug er:„Herr Baron, hab' ich völlig freie Hand?“ „Retten Sie meine Tochter, und fragen Sie nicht!“ „Wohlan,“ ſprach der Doctor,„ſo bitt' ich um Ihren Parkſchlüſſel.“ Verwundert blickte einen Augenblick der Baron auf den Arzt, als dieſer ruhig wiederholte:„den Schlüſſel zu Ihrem Park auf dem Gute.“ Der Baron eilte, ſolchen zu holen.— Adeline war erwacht. Wie ſchön, wie himmliſch ſchön war ſie. Die ſchmerzloſe Krankheit hatte keinen der holdſeligen Züge verlöſcht; die Nähe des Todes aber eine leiſe rührende Wehmuth über das Engels⸗ antlitz verbreitet. Und mit welch' frommer Ergebung blickte ſie der dunkeln Pforte entgegen. Das Mäd⸗ chen glich einer kleinen Heiligen. Aber, o weibliche Eitelkeit, wie groß biſt du; ſelbſt am Rande des Grabes übſt du deine Macht über die Beſten des Geſchlechts. „Mutter, gute Mutter,“ ſprach Adeline ſanft und bittend,„nicht wahr, Du läßt mir meine dunkeln 9⁴ Locken nicht abſchneiden, wie ſich meine gute Clemen⸗ tine gefallen laſſen mußte, die an der Gehirnentzün⸗ dung ſtarb?“ „Wie ſprichſt Du wieder,“ entgegnete dieſe mit erſtickter Stimme,„Du wirſt ja nicht ſterben, Du bleibſt bei uns, nicht wahr Pauline?“ Pauline konnte vor Weinen nicht antworten. „Clementine ruft mich,“ ſprach die Kranke,„ſie iſt jetzt Engel— ach, ſie war es ſchon hienieden, und nächſt Dir und Paulinen meine innigſte Freundin. Bald ſind es drei Wochen, daß ſie von uns ſchied. Es war am Reformationsfeſt. O Mutter, eine Bitte,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort und ſtreckte die Hand zärtlich nach der Geliebten aus—„laß mich auch ſo im Sarge ruhen wie ſie. Den Sarg ausgeſchlagen mit himmelblauem Atlas, mein weißes Atlaskleid, den Blondenſchleier, den ich von der Generalin zum Ge⸗ burtstage erhielt und Blumen, ja auch recht viel Blu⸗ men, dann ſchlafe ich wie ſie.“ Heinrich, wie tief er vom Schmerz für die kranke Schweſter ergriffen war, konnte bei dieſen Worten, die ihm wie Frevel klangen, ſeinen lauten Unwillen nicht zurückhalten. Sein heftiges Temperament ſiegte. „Adeline, frevle nicht,“ ſprach er im ſtrafenden Tone. Erſchrocken blickte dieſe nach dem Bruder, der den Blick voll Wehmuth, aber ernſt auf ſie gerich⸗ tet hatte. „O meine Tochter,“ beſchwor ſie die Baronin, „warum dieſe Todesgedanken, die Deine Geneſung ſo erſchweren. Und was Deinen Geburtsbaum betrifft, ſo haben wir Dir ja verſichert, daß dem nicht ſo iſt. Willſt Du Deinen Eltern auch gar nicht mehr ver⸗ trauen?“ 95 „Und wenn er auch blühte,“ fiel Heinrich eifrig ein,„mag er blühen, was thut es? Adeline, Du biſt ein aufgeklärtes Mädchen, haſt die trefflichſte Erziehung genoſſen, Du kannſt Dich einem Wahne nicht hingeben, der Dich zu den Ungebildetſten im Volke erniedrigt.“ „Ich glaube ja auch nicht daran,“ ſprach Adeline leiſe; aber ihre zitternde Stimme bewies nur zu gut das Gegentheil. „Nun ſo werde ein Opfer des Aberglaubens und Pöbelwahns,“ rief Heinrich mit von Schmerz und Zorn erſtickter Stimme und verließ das Zimmer. „Wie verkennt mich der Bruder,“ ſprach Adeline in Thränen ausbrechend, die den ſeidenen Wimpern entperlten. „O vergib ihm,“ bat Pauline liebend und innig, „er meint es doch gut, wie heftig er ſpricht.“ „Wenn er eine Ahnung hätte,“ fuhr Adeline fort, „wie klar mein Tod vor mir ſteht, ſeit der Nachricht von dem blühenden Baume, wie mein ganzes Weſen davon durchdrungen iſt, wie ich ganz unwillkürlich fortwährend daran denken muß. O das iſt kein Aber⸗ glaube, kein Pöbelwahn, das iſt die Stimme Gottes, die mich zu ſich ruft. Vergebens waren alle Gegengründe und Troſt⸗ ſprüche der Mutter und Schweſter. Adeline hörte ſie mit milder, ſtiller Wehmuth an, widerſprach auch nicht— aber die Nähe ihres Todes blieb ihr deshalb nicht minder gewiß. F So wie der Doctor des Barons Haus verlaſſen hatte, ſah man ihn nach ſeiner Wohnung eilen, wo 96 er dem Kutſcher unverzüglich anzuſpannen befahl. Er ſelbſt begab ſich auf ſein Zimmer, öffnete ſein Bureau und nahm eine Rolle Gold heraus. „Allerdings etwas gewagt,“ ſprach er, die Louis⸗ d'ors nachdenkend in der Hand wiegend, der mühſam erworbene Lohn eines ganzen Monats, und Gott mag wiſſen, ob es hilft. Doch,“ fuhr er nach kurzem Befinnen fort,„ſchon die Hoffnung zu Errettung eines Menſchenlebens iſt damit nicht zu theuer erkauft.“ Er ſteckte das Geld zu ſich und warf den Mantel über. unterdeſſen war der Wagen vorgefahren, der Arzt ſtieg ein und im ſchnellen Trabe ging es zum Thore hinaus. Nach einſtündiger Fahrt erreichte man ein anſehnliches Gartengrundſtück mit Vorder⸗ und nicht unbedeutenden Nebengebäuden. Der Doctor ſtieg aus und fragte nach Herrn Janak. Man führte ihn in ein freundliches Zimmer, worin ſich der Geſuchte befand. Das Geſpräch ſchien ſich lange um einen Gegen⸗ ſtund zu drehen, welchen der Arzt gern zu erhandeln wünſchte, der aber dem Beſitzer nicht feil war. „Sie ſollen Ihnen gut, ſehr gut bezahlt werden,“ ſprach endlich der Doctor. „Wenn gleich,“ verſetzte der Andere,„ſie ſind mir nicht feil.“ „Beſinnen Sie ſich,“ fuhr Erſterer fort,„ich zahle Ihnen für das Stück fünf Louisd'or, dofür können Sie Ihre Lieblinge vergeſſen.“ „Thut mir außerordentlich leid, ein ſchöner Preis; aber Gott weiß, ich kann ſie Ihnen nicht laſſen.“ „Sie laſſen mich alſo gehen?“ „Gewiß nicht, wenn es eine öglichkeit wäre.“ Der Arzt zog die Goldrolle aus der Taſche. Hier ſind dreißig Louisd'or, nehmen Sie.“ „Und wenn Sie hundert böten, 6 kann nicht.“ „ — 97 „Hundert, und auch dann nicht?“ frug der Arzt erſchrocken. „Halten Sie es nicht für Eigenſinn,“ fuhr Janak fort;„ſein Sie verſichert, daß ich mit Freuden den Handel ſchließen würde, wenn es nicht ſeine eigene Bewandtniß hätte. Wir ſind unter uns; ich baue auf Ihre Discretion und will Ihnen das Räthſel lö⸗ ſen.“ Hier ſprach er lange und leiſe zum Arzte. „Und Andere ſind in der Gegend wohl nicht auf⸗ zutreiben,“ frug der Letztere, als Jener mit ſeinen Mittheilungen zu Ende war. „So viel mir bekannt, nicht. Indeß wollen Sie ſich umthun. Man kann nicht wiſſen.“ „Die Zeit drängt,“ ſprach der Doctor und ſchritt gedankenſchwer auf und ab. Er ſchien lange mit ſich ſelbſt zu kämpfen. Endlich blieb er vor dem Uner⸗ bittlichen ſtehen. „Es koſte was es wolle,“ rief er mit entſchiede⸗ nem Tone, ich muß ſie haben. Es hängt ein Men⸗ ſchenleben daran.“ „Ein Menſchenleben,“ frug Jener erſchrocken,„von meinen—?“ „Sie erhalten heute noch hundert Louisd'or,“ fuhr der Arzt fort,„die Stelle wird Ihnen nicht entgehen; ich bin nicht ohne Einfluß in hohen Familien. Ich werde Alies aufbieten, und fallen Sie dennoch durch, ſo erhalten Sie die Summe von hundert Luuisd'or nochmals ausgezahlt. Jetzt keine Widerrede.“ Vergebens beſchwor jener ihm Zeit zu laſſen zur Ueberlegung: aber der Doctor ſtellte ihm Alles ſo plauſibel und einladend dar, daß er endlich halb frei⸗ willig, halb gezwungen den Handel einging. „Topp! der Kauf iſt geſchloſſen!“ rief der Doctor. „In ein paar Stunden ſehen wir uns wieder.“ Er eilte Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 98 zum Wagen; für ſich aber ſeufzte er:„Ein theurer Kauf. Jetzt William hilf du, damit auch dir gehol⸗ fen werde— und Gott füge das Weitere.“ Das Fuhrwerk brauſ'te zur Stadt zurück. 8. „Ach, mein lieber Doector,“ rief William vor ei⸗ nem mächtigen Folianten ſitzend, dem eintretenden Arzte entgegen,„willkommen, willkommen. Nun, noch immer kein Specificum? Da blättere ich den ganzen Vormittag in dieſer verdammten Biographie der an⸗ geſehenſten Giftmiſcher; aber alles Stümper, blos kleine Kleppereien, kein erhabener, durchdachter Plan, kein Syſtem. O verderbtes Geſchlecht,“ ſeufzte er, „wie kommt man dir nur bei. Herr Doctor; wie der Menſch ſchon von Jugend auf ein verwahrloſtes, bö⸗ ſes, heimtückiſches, hinterliſtiges, ſchadenfrohes Ge⸗ ſchöpf iſt, das hab' ich dieſen Morgen wieder mit eigenen Augen ganz klar geſehen. Denken Sie nur, da trieb vor einigen Stunden hier unter meinem Fenſter ein Haufen gottvergeſſener Gaſſenjungen ihr kannibaliſchdiaboliſches Weſen. Weiß der Teufel, was ſie für Spiel vorhatten: aber es legte den heimtückiſchen, ſchadenfrohen Charakter ſo recht an den Tag. Kurz, wenn Einer dem Andern, ohne daß die⸗ ſer es ſich verſahe, einen tüchtigen Puff beibringen konnte, lachte die ganze Höllenſchaar laut auf über dieſen Satansſtreich, über dieſen verkappten Meuchel⸗ mord. Mir ging das Lachen dieſer vollendeten Teu⸗ fel durch Mark und Bein. Wenn dieſe Teufelsbrut heranwächſt, war mein ſchrecklicher Gedanke. Aber 6 —— —————————————————— re 88 wart' nur, teufliſches Geſchlecht, du ſollſt am längſten gelacht haben. Herr Doctor, wie weit ſind Sie in Ihren Forſchungen.“ „Die Großartigkeit des Unternehmens ſowohl,“ begann dieſer,„als die Gefahr, die ihm von Seiten der Polizeibehörde bedroht, erfordert die äußerſte Be⸗ hutſamkeit und Unmſicht; Uebereilung kann nur ſcha⸗ den, daher dürfen wir uns nur Schritt vor Schritt dem großen Ziele nähern.“ „Sehr wahr, ſehr richtig,“ bemerkte William— „aber weiter— weiter.“ „Auch würde es nicht gerathen ſein,“ fuhr der Doctor fort,„gleich im Großen zu operiren, ohne im Detail Verſuche angeſtellt und uns gehörig vorberei⸗ tet zu haben.“ „Ganz wohl; aber beſter Doctor, das Univerſale, das Specificum,“ drängte der Britte. „Ich glaube ein ſolches gefunden zu haben,“ ver ſetzte der Doctor mit Zuverſicht. „O gebenedeiter Doetor,“ rief William und um⸗ armte den vermeintlichen Giftmiſcher mit Inbrunſt; „worin beſteht es?“ „Freilich bedarf es zuvor einiger Verſuche,“ fuhr der Doctor fort. „Verſteht ſich! verſteht ſich.“ „Auch wünſchte ich, daß Sie denſelben perſönlich beiwohnten, und ſich von der Wirkſamkeit der Ver⸗ giftung ſelbſt überzeugten.“ „Mit dem größten Vergnügen— Nota bene, daß ich nicht ſelbſt dabei in's Gras beißen muß.“ „Ohne Sorge,“ tröſtete der Arzt. „Und das Univerſale, darf man das Nähere wiſſen?“ „Recht gern,“ ſprach der Doetor, ſchickte als Ein⸗ tettung eine Ueberſicht der vorzüglichſten Giftarten, 100 ihrer Beſtandtheile, Bereitung und Wirkung voraus, und fuhr dann ungefähr folgendermaßen fort:„Die Blauſäure iſt unter allen bekannten Giften das Furcht⸗ barſte, und wird vorzüglich in dem Saamenkerne des ſogenannten Steinobſtes, als da ſind Pfirſich, Pflaume, Kirſche u. ſ. w. gefunden. Dies brachte mich auf die Idee, ob nicht auch die Blüthe dieſer Obſtarten Gift ausſtrömen ſollte, und zwar ein noch feineres und wirkſameres, als ſpäter in den Kernen, die doch auch erſt aus der Blüthe hervorgehen, gefunden wird. Ich unterſuchte die Blüthen, fand aber meine Erwar⸗ tung getäuſcht, wie oft ich meine Verſuche wiederholte. Ich ließ die Sache ruhen und dachte nicht mehr daran. Als jedoch durch die Bekanntſchaft mit Ihnen obige Lieblingsidee wieder rege geworden, begannen meine Forſchungen auf's Neue und ſo fand ich endlich, was ich ſuchte.“ „Sie fanden,“ fiel William ein,„himmliſcher Doe⸗ tor, alſo in der Baumblüthe?“ „Nicht in der natürlichen, wie ſie der Frühling hervorruft,“ fuhr der Arzt fort,„ſondern in der künſt⸗ lichen, in der unnatürlichen, wo mit Gewalt in die Natur geſtürmt wird, daß der Baum binnen Kurzem in voller Blüthe ſteht.“ „Aber wie iſt das möglich?“ frug William ver⸗ wundert. 4 „Erklärt ſich leicht,“ ſprach der Arzt.„Durch ein chemiſches Mittel, das ich erfunden, werden die Säfte des Baumes ſo angegriffen, daß ſie mit aller Macht die Blüthe hervortreiben, unbekümmert um die Jah⸗ reszeit. Aber eben dieſes tödtliche Stürmen in den geregelten Gang der Natur macht die hervorgetriebe⸗ nen Blüthen zu Todbringenden, deren Duft die voll⸗ kommenſten Wirkungen der Blauſäure in ſich trägt⸗ —— 101 Sie werden ſich erinnern, daß die Aquatoffana auf ähnlichem widernatürlichen Wege gewonnen wird.“ „Vortrefflich— aber liebſter Doctor—“ ſiel William ein— „Laſſen Sie mich ausreden,“ fuhr Jener fort, „dieſer tödtende Duft beſitzt nun noch die Eigenſchaft der Contagioſität, indem er im Frühlinge auch die natürlichen und geſunden Blüthen anſteckt, ſo daß durch einen einzigen Baum ganze Landſchaften ver⸗ giftet werden können. Das fernere Verbreiten, wel⸗ ches vom Luftzuge abhängt, iſt gleich gar nicht zu berechnen. Daher, wenn das Glück einigermaßen günſtig, können wir in zwei Frühlingen mit Europa fertig werden.“ „Großer Mann,“ ſprach William ergriffen,„die erbärmliche Menſchheit iſt nicht werth, Deine Größe zu erkennen; ein Grund mehr, ſie zu vernichten. Aber für uns, die wir das große Unternehmen leiten, wie ſteht es mit dem Antidotum?“ „Der wäre ein ſchlechter Giftmiſcher,“ ſprach der Doector,„der dafür nicht geſorgt. In wohlverſiegel⸗ ten Flaſchen ruht in meinen Kellern Vorrath auf Jahre lang.“ „Victoria;“ rief der Britte und klatſchte in die Hände. „Was nun die anzuſtellenden Verſuche anlangt,“ fuhr der Arzt fort,„ſo verhält ſich's folgendermaßen. Auf dem Gute des Baron von Eichberg hab' ich ver⸗ ſuchsweiſe die künſtliche Blüthe hervorgerufen, je⸗ doch in ſo geringem Grade, daß ſie auf geſunde Per⸗ ſonen wenn ſie nicht zu nahe herantreten, von durch⸗ aus unſchädlichem Einfluß bleibt. Die Familie des Barons wird nun perſönlich erſcheinen und ſich das Naturwunder in Angenſchein nehmen.“ 102 „Wenn aber der Duft ohne Wirkung bleibt,“ fiel William ein,„was iſt da zu ſehen, wie ſind da Be⸗ trachtungen anzuſtellen über die Kraft des Giftes?“ „Hören Sie weiter,“ ſprach der Doctor,„unter den Perſonen von des Barons Familie wird ſich auch eine junge ſchöne, etwas nervenſchwache Dame befin⸗ den. Dieſe bitte ich vor Allem in's Auge zu faſſen und zu beobachten, welchen Eindruck der Anblick der Kirſchblüthe auf ſie hervorbringen wird. An ihr, die vermöge ihrer zarten Nerven weit feiner fühlt als wir, werden Sie die Wirkung der giftſaugenden Blü⸗ then deutlich genug erkennen. Höchſt wahrſcheinlich geht ſie drauf. Aber ihr Tod wird dann nicht uns, ſondern ihrer eigenen Kränklichkeit zugeſchrieben; wir bleiben unverdächtig, da, wollten wir den Verſuch mit völlig geſunden Perſonen anſtellen, wir leicht mit der Polizei in unangenehme Verwicklung gerathen dürften.“ „Verſtanden, verſtanden, beſter Doctor, und wann ſoll dieſe Probe vor ſich gehen?“ „Unbezweifelt morgen Mittag, ſo der Himmel ei⸗ nigermaßen günſtig.“ „Werde bereit ſein,“ ſprach William, und drückte dem Doctor mit Dankbarkeit die Hand. „Noch Eins,“ ſprach dieſer;„ich befinde mich in augenblicklicher Geldverlegenheit, würden Sie mir auf einige Wochen mit ſiebenzig Louisd'ors dienen können?“ „Was fragen Sie?“ rief William, zog ein Fach aus dem Bureau, und ſchüttete einen Haufen Gold⸗ rollen und Banknoten auf den Tiſch.„Ihre Entdeckung wiegt tauſend auf.“ „Ich bedarf nur ſiebenzig,“ verſetzte der Doctor, und ſuchte ſich dieſe Summe.„In wenig Wochen er⸗ ſtatte ich ſie zurück. Jetzt adien! und halten Sie ſich — ————— 103 morgen Punkt Ein Uhr Mittag bereit, wo ich Sie abholen werde.“ „Da haben wir's, das wird eine charmante Ge⸗ ſchichte werden,“ ſprach Lips, kreideweiß und zähneklap⸗ pernd in die Küche tretend, wo Catharina und Li⸗ ſette am gemächlichen Feuer ſaßen. „Was gibt's denn wieder?“ frugen die Frauen. „Und ich ſoll wahrſcheinlich das Brockein allein aufeſſen?“ fuhr jener fort.„Da ſitzt man auf einem ſchmähligen Irrthum. Mir ſteht die Welt offen, ich laufe nach Amerika.“ „Was für eine neue Dummheit haſt Du began⸗ gen?“ fragte Liſette. „Neue Dummheit?“ meinte Lips,„nur Schade, daß Mamſell bei der neuen Dummheit ſchändlich cvm⸗ promittirt iſt und Frau Catharina dazu. Meinet⸗ wegen. Mir ſteht die Welt offen. Ich laufe nach Algier.“ „Compromittirt? was ſoll das heißen?“ frugen die Beiden aus einem Munde. „Nun, an den Pranger geſtellt,“ meinte der Lauf⸗ burſche. „Was?“ ſchrieen jene außer ſich. „So bildlich zu reden,“ fügte er hinzu.„Mir gleich. Mir ſteht die Welt offen, ich laufe nach London.“ „So erkläre Dich doch deutlicher, beſter Liys,“ be⸗ ſchworen die Frauen. „Was iſt zu erklären,“ ſprach dieſer,„die Milch⸗ canaille, die Chriſtel, hat ihren Schwur niederträch⸗ 104⁴ tig gebrochen und Barons Köchin in der Stadt von Adelinens Baume erzählt. Der Teufel führt den Knirps, den Emil, hinter die Thür, der hört die ganze Beichte, läuft hinein zur kranken Schweſter und er⸗ zählt derſelben zur angenehmen Erbauung die ſelt⸗ ſame Hiſtorie. Nun iſt das Fräulein vor Schreck zehnmal kränker geworden und an ein Aufkommen gleich gar nicht mehr zu gedenken.“ „Ja, da können wir doch nichts dafür,“ meinte Liſette. „Wohlgeſprochen, weiſe Liſette,“ ſprach Lips,„laßt nur die magnifique Unterſuchungscommiſſion angerückt kommen, die ich ſchon im Geiſte vor mir ſehe, da kommt es zu den Acten, daß ihr von der Durchkrie⸗ cherei gewußt.“ „Infamer Junge,“ rief Catharina,„den Teufel haben wir von Deinen Diebesſchlichen gewußt, Liſette, Du kannſt es bezeugen.“ „Kein Menſch,“ bekräftigte dieſe,„hat der Brut geheißen ein Loch unter der Baumwand zu graben. Die ſchöne Baumwand, er wird ſie wohl ganz rui⸗ nirt haben.“ „Hm! wohlgeſprochen,“ ſprach der Verleugnete und trat mit untergeſchlagenen Armen vor die Köchin; „Frau Catharina, das Schinkenbein dürfte bei der Un⸗ terſuchung eine höchſt miſerable Rolle ſpielen.“ „Lips,“ rief erſchrocken Catharina,„Du wirſt doch nicht?“ „Wird zu den Aeten geheftet als vollgültiger Be⸗ weis,“ fuͤhr dieſer fort. „Ich geſchlagene Frau,“ weinte Catharina,„der Verwalter iſt ſo mein Feind, nun willſt Du mich ganz unglücklich machen, Lips, Deine pihit⸗ das könnteſt Du?“ 105 Der Laufburſch zuckte mit den Achſeln. „Mein guter Lips,“ fuhr Catharina fort,„woll⸗ teſt Du nicht nach Algier, und Dich der Unterſuchung entziehen?“ „Lips, ſo nimm doch Vernunft an,“ ſprach Liſette, „was kann Dir geſchehen?“ „Nein, laß ihn doch nach Algier,“ mahnte Catha⸗ rina;„es hat Mancher in der weiten Welt ſein Glück gemacht, und Lips iſt ein unternehmender Burſch.“ „Gehorſamer Diener; aber doch möchte ich Paris vorziehen.“ „Oder Paris, richtig“ fiel Catharina bekräftigend ein,„o das iſt eine große herrliche Stadt, da kann Dir's gar nicht fehlen, Lips, lauf zu, lauf was Du kannſt.“ „Aber Lips, was kann Dir nur geſchehen,“ be⸗ gann wieder Liſette.„Adeline muß ja doch ſterben vor nächſtem Neumond; ob ſie dies ein paar Tage eber thut, das macht das Unglück nicht größer. An Deiner Stelle blieb' ich. Der Baron in ſeiner Trauer denkt gewiß an keine Unterſuchung und Beſtrafung.“ „Lips, engliſcher Lips— wenn Du uns nicht verräthſt—“ rief Catharina. „Und die Prügel um ſo vollzähliger in Empfang nimmſt,“ fuhr Lips fort,„nun was iſt da?“ „Ja,“ rief begeiſtert Catharina,„dann ſollſt Du, was Deinen unerſättlichen Magen anbelangt, es ha⸗ ben, wie der Gott in Frankreich.“ „Ich werde mir's überlegen,“ ſprach der Burſche. „Auf ein paar Dutzend Prügel kommt mir's nicht an. Doch will man mich maſaeriren— dann ſteht mir die Welt offen, dann lauf ich nach Stockholm, ich hab' einen Vetter dort. Aber Frau Catharina, was den Gott in Frankreich betrifft, auch Wort ge⸗ 106 halten. Wie geſagt, auf ein paar Püffe mehr oder weniger kommt's nicht an; Sie ſollen bei der Affaire ganz außerm Spiel bleiben, ich nehme die Sache auf mich; aber Wort gehalten, oder— das Schinkenbein.“ Catharinen und Liſetten fiel bei dieſer Disecretion und Aufopferung des Laufburſchen ein großer Stein vom Herzen; ſie erhielten Ruhe, um das Nähere über Adelinens Krankheit zu erfragen, als das Rollen ei⸗ nes Wagens vernehmbar ward, das immer näher kam. Eine Kutſche fuhr unter den Fenſtern vorüber. „Was Teufel,“ rief Lips,„da ſaß ja Adelinens Doctor drin und noch zwei Männer. Was ſoll denn das wieder heißen?“ Ehe Lips hinausgeſtürzt war, hatte der Wagen vor dem Parke gehalten, die Darin⸗ ſitzenden waren ausgeſtiegen und in den Park geeilt.. Die Thüre ward hinter ihnen feſt verſchloſſen. „Das iſt mir doch ein Räthſel;“ ſprach Lips zu⸗ rücktehrend.„Wo haben die nur den Schlüſſel zum Park her, da Felix gar nicht zu Hauſe? und was hat der Doctor mit den beiden fremden Männern darin zu ſchaffen?“ „Unerklärlich,“ riefen die Frauen. „Ja, das iſt auch unerklärlich,“ ſprach der Lauf⸗ burſche;„doch ſtill, der Wagen kommt zurück.“ So ſchnell wie ſie gekommen, rollte die Kutſche unter den Fenſtern wieder vorüber. „Das war ja nur der Doctor,“ rief Liſette,„wo ſind denn die beiden Männer?“ „Die müſſen noch im Parke ſtecken,“ ſprach Lips eilfertig,„vielleicht iſt dieſer jetzt offen.“ Er ſprang wieder hinaus. „Was mag nur das wieder bedeuten,“ ſeufzte Catharina.„Ach Gott, man kommt aus der Alteration nicht mehr heraus.“- ———————— ————— 107 „Ja wohl,“ ſprach Liſette,„mir liegt's ſchon wie⸗ der in allen Gliedern; es iſt nicht zum Aushalten.“ „Mein Verſtand ſteht ſtill,“ meinte Lips, der zurückkehrte,„der Park iſt verſchloſſen, wie zuvor, die Männer ſtecken d'rin. Was ſie aber vornehmen, das iſt die Frage.“ „Die Männer ſind darin eingeſchloſſen?“ frug Catharina. „Nicht anders, der Doetor hat unfehlbar den Schlüſſel mitgenommen. „Da bitte ich einen Menſchen,“ fuhr Catharina, die Hände zuſammenſchlagend, fort, und auch ihr Ver⸗ ſtand begann ſein Fibriren einzuſtellen. „So iſt denn meine Ruhe abermals dahin,“ ſprach Liſette dumpf, warf aber nach einer Pauſe einen lie⸗ beſeligen Blick auf Lipſen. „Lips,“ flötete ſie mit ſüßer, lockender Stimme, „himmliſcher, engliſcher Lips, wie wär' es, wenn Du noch einmal durch's Loch kröchſt?“ „Lips, wenn Du das vermöchteſt,“ fügte Catha⸗ rina in einem vielverſprechenden zärtlichen Tone hinzu. „Geſegnete Mahlzeit,“ replicirte der in Verſu⸗ chung geführte,„ich habe die Prügel für die erſte Durchkriecherei noch nicht weg. Nein, man iſt auch ein Menſch, und diesmal möcht' es ſchlimmer ablau⸗ fen, als das erſte Mal. Der Teufel weiß, was die Kerle da drinnen treiben, und ob ich lebendig wieder herauskäme.“ Vergebens ſuchten ihn Catharina und Liſette dar⸗ über zu beruhigen, vergebens boten ſie ihre Beredt⸗ ſamkeit und Ueberredungskunſt auf, ihn zur Durch⸗ kriecherei zu bewegen. Aber Lips blieb ſtandhaft, und ſo mußte das große Geheimniß für diesmal ſchon ein großes Geheimniß bleiben. 108 10. Als am andern Morgen der Doctor beim Baron vorgefahren, um ſeiner Patientin den Beſuch abzu⸗ ſtatten, begegnete ihm im Vorzimmer die Baronin. Auf des Arztes Befragen nach Adelinen traten ihr die Thränen in die Augen; ſie zog den Doctor auf die Seite und. ſchüttete ihr Herz aus. „Ich habe alle Hoffnung aufgegeben,“ ſprach ſie, „wer kann auch gegen ein dunkles Schickſal ankämpfen, das ſchwer auf unſerer Familie ruht ſeit Jahrhun⸗ derten. Die unglückſelige Herbſtblüthe ruft auch dies⸗ mal ihr Opfer.“ Sie weinte bitterlich. „Aha,“ dachte der Doector,„ſteht's hier auch nicht beſſer;“ doch unterbrach er die Fataliſtin nicht. „Wie ſehr ich auch,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„gegen meine Ueberzeugung zu meiner kranken Tochter ſpreche, um ſie von der unſeligen Idee zu⸗ rückzubring'n, ſo iſt doch Alles vergebens. Tag und Nacht ſpricht und träumt ſie von nichts als von dem Todtenbaume, und da ſie nach der alten Sage den nächſten Neumond nicht erleben darf, ſo berechnet ſie mit jeder abgelaufenen Stunde den kurzen Zeitraum, den ſie noch unter uns zu weilen hat.“ „Aber wie kommt es, daß ſie gegen mich des Bau⸗ mes gar nicht erwähnt?“ frug der Doctor. „Sie fürchtet,“ entgegnete die Baronin,„Sie möchten ſie des Aberglaubens beſchuldigen.“ „O—“ ſprach der Arzt mit einem Seufzer,„un⸗ ter uns, man iſt auch nicht in allen Stücken ein ſol⸗ cher Freigeiſt, als man zu ſcheinen pflegt.“ „Wär's möglich,“ frug verwundert die trauernde Mutter,„auch Sie könnten glauben?—“ „Geehrteſte Frau Baronin,“ fuhr jener achſelzuckend 109 fort,„es gibt Vieles zwiſchen Himmel und Erde, wo⸗ von ſich unſere Philoſophie nichts träumen läßt.“ Mit dieſen Worten trat er ernſter als gewöhnlich in das Krankenzimmer. Adeline ſaß im Sopha, Pauline mit verweinten Augen daneben, ein Buch in der Hand, aus dem ſie der Schweſter vorgeleſen hatte. Das gewöhnliche Examen begann; aber mit Ver⸗ wunderung bemerkten die Schweſtern eine ſichtbare Zerſtreutheit an dem Doctor. Ein nachdenklicher Ernſt war über das ſonſt ſo heitere Geſicht verbreitet, und ſelbſt, daß Adeline außer Bett, welches doch eine freund⸗ liche Bemerkung erwarten ließ, blieb unbeachtet. Er ſchaute länger als gewöhnlich, bald nachſinnend, bald, wie es ſchien, gedankenlos in ſeine eigenen Recepte, roch länger als gewöhnlich in die Arzneiflaſchen, und in der Unterredung traten oft ſchwüle Pauſen ein, was ſonſt bei dem launig unterhaltenden Manne nie der Fall war. Die Schweſtern konnten ſich dieſes räthſelhafte Betragen nicht erklären und ſahen ſich fragend an. Der Doctor ſchien immer etwas ſagen zu wollen, aber die Worte erſtarben auf den Lippen, ein Benehmen, welches die Neugier der Schweſtern nur noch höher ſteigerte. Nachdem der Arzt einigemal ſchweigend auf⸗ und abgegangen war, blieb er am Fenſter ſtehen. „Ein herrlicher Tag,“ ſprach er, und ſchaute ge⸗ dankenlos nach dem heitern Himmel; halblaut aber brummte er vor ſich hin:„die verwünſchte Baum⸗ blüthe.“ Dem aufhorchenden Schweſterpaare waren dieſe letzten Worte nicht entgangen und ihre Neugier ging in Trauer über, denn ſie konnten ſich nun des Doe⸗ 110⁰ tors Trauer erklären; noch größer aber ward letztere, als ſich der Arzt wieder zu ihnen ſetzte. „Sie werden mich etwas zerſtreut finden,“ begann er,„aber ich bitte um Nachſicht, denn mir pflegt es in der Regel ſo zu gehen, wenn räthſelhafte Natur⸗ erſcheinungen, um deren Ergründung der menſchliche Geiſt vergebens ſich abmüht, mir aufſtoßen. Als lei⸗ denſchaftlicher Botaniker befinde ich mich gegenwärtig in einem ſolchen Falle.“ Hier hielt er inne und ſchien das Schweſternpaar einen Angenblick lang zu fixiren. Nach einer Pauſe fuhr er fort:„meine Damen, Sie ſind zu gebildet und aufgeklärt, als daß Sie nicht über der mährchenhaften Sage von dem blühenden Baume ſollten erhaben ſtehen, was iſt daher weiter für ein Geheimniß daraus zu machen. Allerdings, Fräu⸗ lein Adelinens Geburtstagsbaum ſteht in lieblicher Blüthe. Ich habe ihn geſtern ſelbſt geſehn.“ Vergebens winkte hier Pauline dem Doctor Still⸗ ſchweigen; aber dieſer war ſo in Gedanken vertieft, daß er es gar nicht bemerkte. Adeline, die jetzt die Gewißheit wegen des blü⸗ henden Baumes, die man ihr bisher immer nicht zu⸗ geſtehen wollte, aus des Arztes eignem Munde ver⸗ nahm, ward noch bläſſer, und mußte ſich an das Sophakiſſen halten, um nicht umzuſinken. Der unbarmherzige Doetor, der auf den Zuſtand ſeiner Patientin nicht im Geringſten Rückſicht nahm, zog jetzt eine Papierdüte aus der Taſche und nahm einen blühenden Kirſchzweig heraus. „Da habe ich Ihnen ſelbſt ein Pröbchen mitge⸗ bracht,“ ſprach er, und überreichte das Zweiglein nicht ohne Galanterie. Zitternd empfing Adeline die weißen Blüthen. Sie ſchien gefaßter. Lange, lange ruhte ihr Blick „ 141 auf den Wunderblumen.„Mich alſo ruft ihr,“ ſchien ſie zu fragen. Dann reichte ſie den Zweig der Schweſter. „Sieh' Pauline,“ ſprach ſie in unendlich ſanftem und rührendem Tone,„meine—“ aber das Wort Todtenblume erſtarb wegen des Doctors Gegen⸗ wart auf ihren Lippen. Mit großer Scheu näherte ſich Pauline, um die geiſterhafte Blüthe zu betrachten; aber kaum hatte ſie den Stengel in der Hand, als ein ſo gewaltiger Schauer über ſie kam, daß ſie ihn zitternd zur Erde fallen ließ. Währenddem war der Doctor noch immer mit ſei⸗ ner Papierdüte beſchäftigt. Er langte jetzt einen noch ſchönern Blüthenzweig hervor. „Muß recht ſehr um Verzeihung bitten, meine Damen,“ begann er,„ich habe mich geirrt; dies iſt der wahre und ächte Zweig von Fräulein Adelinens Baume.“ Damit hob er den Zweig empor und reichte ihn Adelinen;„ſehen Sie, der iſt bei weitem ſchöner.“ „Und wo iſt denn dieſer her?“ rief haſtig Pauline, die den herabgefallenen ſchnell aufhob, vor dem ſie ſich ietzt gar nicht mehr fürchtete. „Ja, mein liebſtes Paulinchen,“ entgegnete ruhig der Arzt,„und wenn Sie mich auf die Folterbank ſpannen, ich kann Ihnen den Baum nicht nennen, wo ich ihn abgebrochen. Da habe ich auch einen dritten,“ fuhr er fort, ein drittes Exemplar hervor⸗ ziehend und betrachtend;„nach ſeiner Blüthe muß das eine ganz andere Art ſein.“ „Wie,“ rief jetzt Pauline mit ſeltſamer Heftigkeit, als hänge Tod und Leben an dieſer Frage,„ſo blühen noch andere Bäume in unſerem Park?“ „Das iſt ja eben das Unglück und das Räthſel,“ ſprach traurig der Doctor.„Ja, wenn Adelinens 112 Baum allein blühte, das ließe ſich leicht erklären, er könnte krank ſein, und da hat man Beiſpiele, daß er ſeine letzte Kraft darauf verwendet, Blüthen zu trei⸗ ben; aber ſo habe ich geſtern allein an ein Halbdutzend Bäume gezählt, die in voller Blüthe ſtanden, und da ſoll mir ein Naturforſcher das Wie und Warum erklären. Ach,“ ſeufzte er,„wie iſt doch unſer Wiſ⸗ ſen Stückwerk.“ „Adele, Adele, meine Adele,“ rief außer ſich Pau⸗ line, und Freudenthränen entſtrömten den ſchönen Au⸗ gen.„Du biſt gerettet, meine Adele, Du biſt unſer.“ Sie ſank ſprachlos der Schweſter in die Arme. „Ich bleibe bei Dir, Pauline,“ rief Adeline, und weinte von ganzem Herzen am Buſen der Schweſter. Lange lagen die Mädchen in ſtummer Umarmung. Der Doctor wiſchte ſich ungeſehen eine Thräne aus den Augen und fuhr nach einer Weile im Tone der Verwunderung und des ſtillen Vorwurfs fort: „Aber, meine Damen, ich begreife nicht, wie Sie über den wahrhaft miſerablen Zuſtand, in welchem ſich die Naturkunde hinſichtlich dieſer Herbſtblüthe befindet, in ſo außerordentliche Freude gerathen kön⸗ nen? unſere Botaniker ſollten viel weiter hierin ſein; viel weiter.“ Pauline war die Erſte, die ſich in ihrer Freude ſo weit erholte, um dem Doctor Red' und Antwort zu ſtehen. „Ach, lieber guter Herr Doetor,“ rief ſie überſelig, „ich könnte Sie küſſen für die Nachricht.“ „Ei, das thun Sie, mein ſchönes Paulinchen.“ „Nun ſtirbt ja unſer Adelchen nicht und lebt noch manchen Neumond. „Was ſterben, was Neumond, davon iſt ja gar —,— 1413 nicht die Rede, ſondern vom Küſſen,“ ſprach der Doctor. „Es war gar ſtark die Rede davon,“ platzte Pau⸗ line heraus. „Vom Küſſen? Sehn Sie doch.“ „Vom Sterben, Sie gottloſer Mann, der Sie Einen gar nicht verſtehen wollen,“ rief Pauline. „Aber da die andern Bäume auch blühen,“ fuhr ſie fort und klatſchte mit inniger Freude in die nied⸗ lichen Hände,„ſo ſchadet es nichts, denn das iſt ſchon ein paar Mal dageweſen, daß die Bäume im Herbſte geblüht; die Chronik erzählt davon. Nur darf um Himmelswillen kein Geburtstagsbäumchen für ſich allein blühen.“ Der Doctor wollte eben über dieſes neue außer⸗ ordentliche Phänomen in gerechte Verwunderung ge⸗ rathen, als er mit Erſtaunen und Freude gewahrte, wie die holde Adeline ſich ihm langſam näherte. „Herr Doetor,“ ſprach ſie ſanft, doch mit ernſtem forſchenden Blicke,„Sie täuſchen uns doch nicht?“ „Mein ſchönes Fräulein,“ erwiederte der Doctor, „ich ſehe, Sie können ſo allerliebſt promeniren, da wird eine kleine Wagenpartie nichts ſchaden, die Luft iſt frühlingswarm. Wie wär's, wenn Sie ſich den kleinen blühenden Frühling ſelbſt in Augenſchein nähmen?“ „O, das wär' herrlich,“ rief entzückt Pauline. „O Adelchen,“ flehte ſie im ſüßeſten Tone,„bitte, bitte; der Herr Doctor wird Dir nichts rathen, was ſchädlich iſt; auch packen wir Dich ganz warm ein; ſieh nur, den entzückenden blauen Himmel.“ „Herr Doctor, Sie haben's zu verantworten,“ ſprach Adeline nach einer Pauſe lächelnd, indem ſie wohl mehr aus Neugier, über die blühenden Bäume Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 8 . . 144⁴ in Gewißheit zu kommen, als durch die Bitten der Schweſter bewogen, zu der Landpartie ihre Zuſtim⸗ mung gab. „Victoria!“ rief der Doctor, und Pauline floh hinaus, um den trauernden Eltern die Himmelsbot⸗ ſchaft zu verkünden. 14. „Bleiben Sie hier nur ganz ruhig ſtehen,“ ſprach am Nachmittag der Doctor zu William und ſtellte ihn hinter die Taxuswand; durch die kleine Oeffnung hier können Sie ſich von der Wirkung der giftigen Blüthen am Beſten überzengen, ohne ſelbſt geſehen zu werden.“ „Alſo, lieber Doctor, meinen Sie, die junge Dame wird wirklich d'raufgehen?“ frug der Englän⸗ der in etwas kleinkautem Tone, und hielt ſich ängſt⸗ lich das Taſchentuch vor Mund und Naſe, um von dem Gifthauche der Herbſtblüthe ſo viel wie möglich verſchont zu bleiben. „Unbezweifelt,“ ſprach der Arzt,„Nervenſchwache werden am erſten von dem verderblichen Dufte da⸗ hingerafft.“ „So bin ich ſicher auch nicht ganz tactfeſt, was die Nerven aübelangt,“ erwiederte William,„mir iſt gar nicht recht uhl Herr Doctor.“ „Einbildung,“ ſprach dieſer. „Wenn ich Ihnen aber zuſchwöre,“ fuhr William fort,„daß mir ſchon ganz miſerabel geworden, von den verdammten Blüthen. Wir hätten ein Wenig 115 von Ihrem Antidotum zu uns nehmen ſollen; Sie haben ja ganze Flaſchen im Keller.“ „Ich gebe Ihnen aber mein Ehrenwort,“ be⸗ ruhigte der Arzt,„daß Ihnen die Blüthen— nichts ſchaden. Verhalten Sie ſich nur ruhig, die Familie des Barons wird ſogleich erſcheinen.“ „Das arme Kind,“ ſeufzte William für ſich. „Herr Doctor!“ rief er nach einer Pauſe leiſe. Dieſer, der ſo eben ſeine Uhr pepetiren ließ, ſchien gar nicht zu hören. „Lieber Herr Doctor,“ rief jener vernehmbarer, aber mit ſanfter, bittender Stimme. „Nun?“ „Es iſt eigentlich,“ begann William ſtockend⸗ „doch Schade um das junge Blut.“ „Wie,“ rief aufgebracht der Doctor,„müſſen meine Ohren das von Ihnen vernehmen, von Ihnen, der die Verderbtheit des menſchlichen Geſchlechts in ſeiner ganzen Größe erkannt und den großartigen göttlichen Racheplan zur Vertilgung deſſelben erſon⸗ nen hat. Was verſchlägt's, ob ein nervenſchwaches Mädchen ein paar Monate eher oder ſpäter das Zeit⸗ liche geſegnet, da binnen Jahr und Tag Europa eine Einöde iſt?“ „Ja ſo,“ ſeufzte der arme William. „Dergleichen kränkliche Gefühle Ihres Herzens,“ docirte der Doctor weiter,„müſſen Sie ſich ganz abgewöhnen. Es gibt ſich auch mit der Zeit, wenn man eine anſehnliche Partie in's ewige Leben . ſpedirt hat, ſehen Sie mich an und nehmen Sie ein *Beiſpiel.“ Das Rollen eines Wagens ward vernehmbar. „Sie kommen,“ rief der Doctor eilig.„Alſo fein ruhig verhalten, Sir William. Wie geſagt, 55 nur ein Beiſpiel an mir genommen.“ Er ſprang dem Eingange des Parks zu. „Verwünſchte Baumblüthe,“ ſeufzte der Britte und guckte mit klopfendem Herzen durch das Loch in der Baumwand, in banger Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. 12. Wie die wunderſelige Erſcheinung einer ſchönern Welt ſchwebte Adeline, auf der einen Seite vom Doctor, auf der anderen von Paulinen unterſtützt, den Gang daher. Zauberhaft dunkelte ſchwarze Lok⸗ kennacht um das blendend ſchöne Himmelsantlitz. Ein leiſes Lächeln umfloß den zum Küſſen reizenden Mund; aber die Bruſt wogte in banger, ängſtlicher Erwartung. Denn noch immer war ihr Alles wie ein ſchöner Traum, der ſie in das ſüße, wonnige Leben zurückgerufen, und aus dem ſie jeden Augen⸗ blick zu erwachen fürchtete, um in das finſtre Grab zu ſinken. Noch immer wollte ihr der böſe Argwohn nicht fliehen, noch immer hielt ſie des Doctors Worte für Täuſchung— da bog ſie um die Taxuswand, da ſtand ſie vor dem blühenden Baume; aber da blühte nicht ihr Geburtstagsbaum allein, da leuchte⸗ ten noch zahlteich andere in weißer lieblicher Pracht, und das ſchönſte Himmelsblau lachte über dem klei⸗ nen Frühling. Da war ja die dunkle Macht des Schickſals gebrochen, da war es ja klar und offenbar, daß es keine Täuſchung ſei, daß ſie dem Leben wie⸗ dergegeben, ſie, die dem Tode Verfallene;— das war zu viel, ſie wollte beten, die Hände falten, aber 117 der Sturm der Gefühle war zu groß, und Adeline ſank bewußtlos dem Doctor in die Arme. In demſelben Augenblicke ward ein entſetzliches Gepraſſel in der Taxushecke vernehmbar. Ein junger ſchöner Mann, Entſetzen und Ver⸗ zweiflung im Geſicht, ſtürzte hervor.„Ich bin der Mörder,“ ſchrie er außer ſich, und ſtürzte ebenfalls be⸗ wußtlos zu Adelinens Füßen nieder. „Jetzt fort!“ rief der Doctor dem Baron zu, der erſchrocken über den doppelten Unfall, nicht gleich wußte, was er beginnen ſollte. Mechaniſch gehorchte er dem Commando des Arztes, und die Beiden tru⸗ gen die Ohnmächtige nach dem Wagen. Zum Tod erſchrocken eilte die Baronin und Pauline ihnen nach. „Augenblicklich zur Stadt zurück und das Fräu⸗ lein zu Bett!“ gebot der Arzt,„in einer halben Stunde komme ich nach. Jetzt zu meinem andern Patienten.“ Mit dieſen Worten ſprang er in den Park zurück, während die beſtürzte Familie eiligſt zur Stadt fuhr. „Nun, mein verehrter Sir, wie finden Sie meine Vergiftungsmethode?“ frug der Doctor, indem er den Halbbewußtloſen durch geiſterweckenden Spi⸗ ritus in's Leben zurückrief. William ſchlug die Augen auf.„ „Alſo todt der Engel, keine Rettung, Leine?“ frug er im dumpfen Tone. 3 „Gott ſei Dank, nein,“ erwiederte der Doctor, „das Gift wirkte vortrefflich, hätte es ſelber nicht geglaubt; aber nicht gemuckt hat ſie, nicht gemuckt.“ „So will ich auch ſterben,“ ſprach William reſig⸗ nirt, und von Neuem ſchloſſen ſich ſeine Augen. „Immerzu!“ munterte der Doctor auf, ſteckte ruhig ſein Spiritusfläſchchen in die Taſche, trug, mit Hülfe des herzugekommenen jammernden Dieners den Bewußtloſen zum Wagen und fuhr mit ihm eben⸗ falls zur Stadt. Kaum war der Park leer, ſah man einen alten Mann, der aus dem Wohnhauſe kam, ſo ſchnell es ſein Alter und Gebrechlichkeit erlaubten, in den Park eilen. Er war mit einem Stocke bewaffnet und ſeine Mienen und Geberden drückten die tiefſte Wehmuth, wie den höchſten Zorn aus. Er weinte unaufhörlich und fluchte dabei über alle Maßen. Es war Niemand anders, als der alte Florian, der Invalid, der vor Kurzem erſt Adelinen hatte als todt davon fahren ſehen, die verkehrte Baumblüthe für die Urſache hielt, und ſich jetzt, da die Paſſage offen war, die heilloſe Flora, die ſolches Unglück über ſeine Herrſchaft gebracht hatte, ſelbſt in Augenſchein neh⸗ men und ſeine Wuth daran auslaſſen wollte. Er ſchlug alſo ſeinen Weg unnmittelbar dahin ein. Kaum, daß er angelangt, erreichte ſein Schmerz und ſein Zorn den höchſten Grad. „Der Teufel heißt euch blühen, naſeweiſe Gänſe⸗ geſichter,“ fluchte er;„der Teufel dank euch, ihr Maul⸗ affen;“ damit ſauſte ſein Knotenſtock in die blühenden Kronen.„Wie? im Frühlinge,“ fuhr er ſchimpfend fort,„hat's da Noth, eh' die Beſtien herauskommen, und jetzt, wo es den Miſpelgevattern kein Menſch heißt— wart' ich will euch,“ und wiederum wirth⸗ ſchaftete der Knotenſtock in den Blüthen. Aber neues Wunder: bei jedem Wurfe ſprangen eine Menge blühende Zweiglein wie Glas von ihrem Holze, und fielen herab, ſo daß Florian, da er in ſeinem Rächer⸗ E⸗* * „ 11¹9 amte unermüdlich fortfuhr, bald den ganzen Frühling heruntergeprügelt hatte, und die Bäume kahl und dürr, wie die übrigen, im Garten daſtanden. „Da ſieht man's,“ ſprach er, nicht ohne Zufrieden⸗ heit ſein Schlachtfeſt überſchauend,„was es für nichts⸗ nutzige Waare iſt. Kein braver Kirſchbaum läßt ſeine Blüthen fallen, als wären ſie nur angeleimt. Wenn nun ein Sturm käme ſtatt meines Bakels, he!7 Das kommt von dem verwünſchten Blüthenvorwitz. Daß es nicht wieder vorfällt. Ich wills gerathen haben. Ihr habt meinen Zorn gefühlt.“ „Es iſt ein großes Unglück,“ ſprach er auf dem Rückwege zu ſich ſelbſt,„es war ein ſtattliches Frauen⸗ zimmer, hatte ſolche donce Mienen und wär' einmal ein recht Freſſen geweſen für den Bräutigam; aber — tauſend Thaler ſind mir nicht ſo lieb, daß den Paul das Unglück nicht betroffen.“ Mit dieſen Worten ver⸗ ſchloß er noch zur rechten Zeit die Parkthür, zu welcher ſich ſo eben das Küchenperſonale, Lipſen an der Spitze, hereindrängen wollte. Unter Paul aber verſtand Florian Niemanden anders, als ſeinen Lieb⸗ ling, die liebliche Pauline. 13. „Nun, der Neumond glücklich vorüber?“ frug nach einiger Zeit der Doctor den hereintretenden Baron. „Gott ſei Dank, beſter, theuerſter Mann,“ rief dieſer und umarmte den Arzt mit Innigkeit „mein Adelinchen iſt geſund, wie ein Fiſchlein im Waſſer.“. „Vortrefflich,“ ſprach der Doctor,„auch mein Britte iſt als Phönix ſeinem mehrtägigen Fieber ent⸗ ſtiegen und von ſeinen Vergiftungsideen vollkommen geheilt.“ „Weiß es,“ erwiederte der Baron,„er macht uns tagtäglich ſeinen Beſuch und erkundigt ſich theil⸗ nahmvoll nach dem Befinden Adelinens. Ein lieber Mann.“ „Seht doch,“ lachte der Doctor,„davon hat mir der Schlingel kein Wort erzählt, und Adeline?“— „Scheint über die Beſuche ſo böſe nicht zu ſein,“ fuhr der Baron fort.„Wenigſtens iſt große Sorge und Nachfrage, wenn er ſich einmal ein Viertelſtünd⸗ chen in der gewohnten Zeit verſpätigt, und ein bit⸗ terböſes Geſicht gibt es, wenn Pauline von britti⸗ ſchen Eroberungen ſchwatzt.“ „Herrlich, herrlich!“ jubelte der Dvetor,„da wächſt ein allerliebſter Roman mit Verlobung, Hoch⸗ zeit, Kindtaufen, neuen Generationen aus meiner Cur hervor.“ „In welchem Romane,“ fiel der Baron ein, dem Arzte gerührt die Hand drückend,„die ſchönſte Rolle Sie ſpielen, Sie Wundermann. Doch der Neumond iſt vorüber, jetzt heraus mit der Sprache, Wunder⸗ doetor, der Sie dem lieben Golk ins Handwerk grei⸗ fen und Frühling im Herbſte machen.“ „Vor Allem,“ ſprach der fröhliche Dyetor,„wol⸗ len wir ein Gläschen Pedro Fimenes auf das Wohl des geneſenen und verliebten Paares leeren.“ Er holte eine verſiegelte Flaſche aus ſeinem Wandſchranke, und die Gläſer klangen an einander. „Jetzt läßt ſich beſſer referiren,“ begann der Doe⸗ tor, an des Barons Seite im Sopha Platz nehmend, „obgleich es nicht viel zu referiren gibt.“ „Die Krankheit Adelinens,“ begann er,„durch eine Idee genährt und verſchlimmert, konnte nur wieder durch eine Idee, alſo auf pſychologiſchem Wege bekämpft und gehoben werden. Durch guten Zufall erfuhr ich, daß der Kunſtgärtner Janak mit vieler Mühe einige Kirſchbäumchen zur Blüthe gebracht. Ich beſchloß ſogleich dieſe Bäume, es koſte was es wolle, zu kaufen, und mit den blühenden Zweigen durch geſchickte Hände die Nachbarn von Adelinens Geburtstagsbaume zu decoriren. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß, wenn auch die andern Bäume blüh⸗ ten, die Blüthen an Adelinens Baume weiter von keinem Belang wären, weil ſich dann der Spruch des Chroniken⸗Orakels nicht mehr anwenden ließ, wie auch die Folge bewieſen hat. Aber ich ſtieß bei meinem Handel auf unerwartete fatale Hinderniſſe. Dem Gärtner waren die blühenden Bäume ſchlech⸗ terdings nicht feil. Ich bot fünf, zehn, ja zwanzig Louisd'or; Alles umſonſt, und endlich geſtand er zu meinem nicht geringem Schreck, daß er die Bäume mit außerordentlicher Sorgfalt und Mühe zum Prä⸗ ſent für des Fürſten Geburtstag gezogen habe. Die Hofgärtnerſtelle war damals erledigt, Janak befand ſich unter den Bewerbern, und hoffte, durch das ſeltene blühende Geſchenk ſich bei dem Fürſten, der dergleichen Naturſeltenheiten leidenſchaftlich liebt, beſtens zu empfehlen. Ich war der Verzweiflung nahe. Ohne dieſe Blüthen war Adeline ein Kind des Todes, ich mußte ſie haben, bot und bot und erlangte ſie endlich nach langen Debatten für den ungeheuern Preis von hundert Louisd'or und unter dem ausdrücklichen Verſprechen, meinen ganzen Ein⸗ fluß bei Hofe zu verwenden, um dem Verkäufer die Hofgärtnerſtelle zu verſchaffen. Der Handel war ge⸗ ſchloſſen. Ich gab ein Drittel des Preiſes, meinen ganzen Caſſenbeſtand, darauf, aber woher die noch fehlenden zwei Drittel? An Sie wollt' ich mich nicht wenden, weil ich den Hocus pveus, der doch auch fehlſchlagen konnte, Sie nicht wiſſen laſſen mochte; da fielen meine Gedanken auf den ſteinreichen William. Ja zugleich ſtieg die Idee in mir auf, auch mit ihm eine pſychologiſche Cur vorzuneh⸗ men, und ſo zwei Fliegen mit Einem Schlage zu erlegen.“ Nun erzählte der Doctor ſeine Unterredung mit William, und deſſen räthſelhaftes Erſcheinen und Be⸗ nehmen im Parke. „Ich that,“ ſchloß er,„ſo viel in meinen Kräf⸗ ten ſtand, um in beiden Patienten einen unglückſeli⸗ gen Wahn zu bekämpfen und Gott hat mir ſeinen Beiſtand nicht verſagt; es iſt Alles wohl gelungen.“ Mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit hatte der Baron die Rede des Doctors vernommen. Er drückte ihn innigſt bewegt an ſeine Bruſt.„Ja wohl,“ ſprach er,„Gott hat ſeinen Beiſtand nicht verſagt, indem er Sie, edler Mann, uns ſandte.“ „Aber jetzt vor allen Dingen,“ rief der Doetor aufſtehend,„wenn es Ihnen genehm iſt, muß ich mir doch ſelbſt, nachdem der dies katalis vorüber, meine ehemalige Patientin ſelbſt in Angenſchein nehmen.“ „Sic werden Ihre Freude haben,“ ſprach fröhlich der Baron.„Kommen Sie, kommen Sie, und die Beiden fuhren zur Wohnung des Letztern.“ Als ſie leiſe und ungeſehen in das Wohnzimmer traten, bot ſich ein gar lieblicher Anblick dar. Hei⸗ ter und ſelig, wie eine erfriſchte Roſe, ſaß Adeline „ — am Tiſchchen beim Fenſter, emſig mit Perlenarbeit beſchäftigt, vor ihr William und Pauline, die mit wahrhaft eiſernem Fleiße die Perlchen auffädelten. „Was iſt denn das für eine allerliebſte kleine Manufactur?“ frug der Doctor, dem Britten über die Schultern guckend,„kann man da nicht auch An⸗ ſtellung erhalten?“ Erſchrocken und erröthend fuhren die beiden Pa⸗ tienten auf. „Was für Herzensinſignien ſind denn da in Ar⸗ beit?“ fuhr der Doctor fort. William wollte ſich freudig überraſcht ſtellen. Er murmelte etwas; aber Adeline konnte ſich durchaus auf keine Antwort beſinnen. „Dürft' ich Adelinchen gefälligſt um ihren Puls bitten,“ ſprach der Doctor. Zitternd reichte ſie das ſchöne Händchen. „Zittre ich, oder Sie,“ frug ſimulirend der Doe⸗ tor.„Ich kann's nicht wegkriegen. Herr William, verrichten Sie einmal mein Amt und ſagen mir, ob das Fräulein Fieber hat.“ Mechaniſch gehorchte der Britte. „Aber, mein Gott, theuerſter Sir,“ rief betroffen der Arzt,„Sie müſſen noch weit heftigeres Fieber haben, als Adeline. Ich muß geſtehen, das kommt mir ganz unerwartet; ich hoffte meine Patienten voll⸗ kommen hergeſtellt zu finden.“ William und Adeline geriethen bei dieſen Wor⸗ ten des Arztes, die mit unerſchütterlichem Ernſte ge⸗ ſprochen, in gerechtes Erſtaunen und Beſorgniß ob ihres gefährlichen Zuſtands. Nur Pauline konnte ſich bei der drolligen Scene des lauten Lachens nicht enthalten. „Was lachen Sie denn, ſchönes Paulinchen?“ — frug der Doctor ernſt,„wiſſen ſie nicht, daß Sie mir noch einen Kuß ſchuldig? Ich bin deshalb ge⸗ kommen.“ Jetzt war die Reihe des Rothwerdens an Pauli⸗ nen. Sie wußte ſich aber zu helfen und ergriff die Flucht; dem böſen Doctor, war nicht zu trauen. Dieſer aber konnte jetzt ſeiner Rolle länger nicht Meiſter bleiben; er ſelbſt mußte lachen. Er faßte die zwei Verliebten, die ſich des Arztes Benehmen noch immer nicht zu erklären vermochten, Jedes an einer Hand, führte ſie zum Baron, den die Scene nicht wenig ergötzt hatte, und ſprach: „Hier übergebe ich Ihnen, theuerſter Freund, die beiden an Körper uhel Geneſenen; wie es jedoch mit den beiderſeitigen Herzen ausſieht, wage ich nicht zu entſcheiden.“ Man kann ſich denken, daß jetzt dem verliebten Paare die Augen aufgingen und es ſich nicht wenig über den gottloſen Doctor ärgerte. William und Adeline ergriffen beiderſeits Partei egen den Aesculap, und erſt nach langem Ausſchel⸗ qe ward wieder Friede geſchloſſen. 14. Es war ein ſchöner Frühlingsmorgen des folgen⸗ den Jahres, als auf dem Gute des Barons ſchon bei früher Tageszeit reges fröhliches Leben war. Alles wurde ſauber gekehrt, geordnet und die Pforten mit Blumenguirlanden geſchmückt. Der alte Florian war überall und commandirte wie im Gefecht. Auch war keine Zeit zu verlieren; denn kaum, daß die Sonne — ein wenig über die Berge hervorblitzte, als man einen Wagen von der Stadt daher rollen ſah, mit lauter bekannten Geſichtern. Zwei ebenfalls bekannte Reiter escortirten das Fuhrwerk. Beſonders dem einen Rei⸗ ter konnte man es ſchon von fern anſehen, mit wel⸗ cher Behaglichkeit er ſich auf ſeinem ſchmucken Rößlein tummelte. Es war Niemand anders, als der wackere Doctor, dem William einen ſeiner vortrefflichen vierbei⸗ nigen Landsleute zum Geſchenk gemacht hatte, auf welchem er heute den Proberitt verſuchte; der andere Reiter war Heinrich, der zum heutigen Tage expreß von Leipzig her eitirt worden war. Es galt ja nichts mehr und nichts weniger, als der Verlobung des ehr⸗ ſamen Paares, das im Wagen ſaß, des ſchönen William und der reizenden eline. O, es war ein ſchöner, herrlicher Morgen Vom Glockenklange des friedlichen Dörfchens, von dem kindlichen Ge⸗ ſange der Dorfjugend, von den Blumen und dem Dufte des Frühlings begrüßt, betraten die Glickli⸗ chen in heiliger Morgenſtille die feſtlich geſchmückten Hallen des väterlichen Stammſchloſſes. Wie fühlten ſich Alle ſo froh, ſo glücklich; wie heiter und ſelig floß die Zeit dahin! 2 Des Doctors Humor, Paulinens Naivität, Hein⸗ rich's gelehrter, declamirender Ernſt, Emil's Unge⸗ zogenheiten, Florian's Commando, die ſtille Selig⸗ keit des liebenden Paares, die innige, herzige Freude der glücklichen Eltern; dazu der herrliche goldene Morgen, die Pracht des Frühlings, das himmliſche Blau dort oben und das Lerchengeſchnatter. Alles gewährte ein ſo heiteres idylliſches Bild, daß der Verfaſſer dieſer wunderſamen Hiſtorie nichts mehr wünſchte, als daß er ſeinen geliebten Leſer ſelbſt mit hätte einladen können zu dem lieben Feſte. Wie bald war der Mittag da. Die Mittagstafel, im Parke unter grünem Laubdach aufgeſtellt, gewährte einen maleriſchen Anblick. Trotz alles Proteſtirens mußte der Doctor den Ehrenplatz einnehmen, zwiſchen William und Adeline. Kaum hatte man eine kurze Zeit Platz genommen und Scherze und Heiterkeit flohen hin und wieder, als der alte Florian mit militäriſchem Anſtande hinter der Laubwand hervortrat und um Audienz bat für einen armen Sünder. Die Audienz ward gewährt und im Nu ſtand Lips, in Feiertracht, vor Adelinen, ihr mit vielem Anſtande ein niedliches Körb⸗ chen mit Blumen überreichend. „Aha, der Mineur,“ lachte der Doctor. Kaum aber hatte Adeline einige der obern Blumen aus dem Körbchen in die Hand genommen, als ſich ein lieb⸗ licher Anblick darbot. Die wunderſchönſten reifen Kirſchen, für die frühe Jahreszeit eine große Selten⸗ heit, lagen darunter. „Jetzt iſt die Hokuspokusmacherei an Lipſen!“ rief der Doctor.„Blitzjunge, wo haſt Du denn die ſchönen Kirſchen her? Sind ja wahre Pracht⸗ ſtücken.“ Die Sache löſte ſich ſehr natürlich. Der Kunſt⸗ gärtner Janak, der auf des Doctors Fürſprache die Hofgärtnerſtelle glücklich erhalten, hatte den enormen Kaufpreis für die Kirſchbäume jetzt nicht behalten und die Louisd'or dem Doctor zurückgeſchickt. Die⸗ ſer, da ſeine Cur ſo herrlich gelungen, hielt es ebenfalls für Sünde, das Geld anzunehmen, und ſo war man übereingekommen, einen kleinen Fond für arme, in Noth gerathene Kunſtgärtner zu ſtiften. Gleichwohl betrachtete ſich der ehrliche Janak fort⸗ während als Schuldner, und ergriff jede Gelegenheit, wo er den Doctor und die Familie des Barons mit Seltenheiten ſeiner Kunſt zu erfreuen hoffte. So auch diesmal. Lips nun, um ſich ebenfalls einmal recht radical zu inſinuiren, hatte alle Minen ſpringen laſſen, um als Ueberbringer des ſeltenen Geſchenkes zu brilliren, und das war ihm denn auch vollkommen gelungen. „Doch Strafe muß ſein,“ begann William ernſt, „die Durchkriecherei darf nicht ungeahndet bleiben, daher halte ich es für das Beſte, lieber Vater, Sie geben dem Laufburſchen anf der Stelle den Ab⸗ ſchied.— Da er jedoch nun außer Brot ſein würde, ſo will ich Erbarmen mit ihm haben und ihn als meinen Jokei in Dienſte nehmen.“ Dieſe außerordentliche Carriere überſtieg Lipſens kühnſte Erwartungen. Doch ſeine vortreffliche Geiſtes⸗ gegenwart verließ ihn auch diesmal nicht, und ſo trat er augenblicklich vor William, küßte die Hand und rief zu nicht geringer Ergötzlichkeit der Tiſchgeſell⸗ ſchaft:„Rule Britannia!“. Durch das vortreffliche Kirſchengeſchenk kam natür⸗ lich das Geſpräch wieder auf die herbſtliche Kirſchblüthe. „Ich wäre ganz gewiß geſtorben, vor dem Neumond,“ betheuerte Adeline. „Und Gott weiß,“ ſprach William,„was ich Al⸗ les für Unfug angerichtet hätte in meinem menſchen⸗ feindlichen Spleen.“ Da erhob ſich begeiſtert Bruder Heinrich und hielt eine donnernde Philippika gegen allen Wahn und Aber⸗ glauben.„Es lebe die geſunde Vernunft!“ rief er am Schluſſe, und die Gläſer klangen aneinander. „Wohl, mein Sohn,“ ſprach aufſtehend der Ba⸗ ron;„ſie lebe, dieſe göttliche Führerin; aber ſie lehre uns auch, wie Wahn und Aberglauben nicht mit 128 Ungeſtüm zu beſiegen, ſondern mit Mäßigung, Vor⸗ ſicht und Weisheit, wie das herrliche Beiſpiel des Mannes uns gelehrt hat, ohne deſſen Hülfe wir heute nicht ſo fröhlich hier beiſammen ſitzen, ohne deſſen Beiſtund wir wahrſcheinlich ein geliebtes, theures We⸗ ſen zu beweinen haben würden. Tief, meine Lieben, wohne es in Euern Herzen, was er an uns gethan. Nie werdet Ihr es vergeſſen; unſer Dank ſei ewig. Und wiewohl der Edle den ſchönſten Lohn in der eige⸗ nen Bruſt trägt, ſo wird er doch nicht zürnen, wenn wir ihm beſonders am heutigen feſtlichen Tage ein dreifaches herzinniges Lebehoch bringen. „Unſer Wunderdoctor lebe!“ „Hoch!“ rief die glückliche Familie. Darnach hatte Florian gelechst. Lips, als Adju⸗ tant, fuhr wie ein Pfeil umher. Es war Außer⸗ ordentliches im Werke. Und mit einem Male brach ein prächtiger Trompeten⸗ und Paukentuſch aus dem Laubwerk hervor und überſchmetterte das Vivät der Familie.„Feuer!“ commandirte Florian; ddonnerten die Böller, da begannen die Glocken des Kirchthur⸗ mes und das Glöckchen auf dem Herrenhauſe ihr har⸗ moniſches liebliches Geläute. Da floh ſelig die ſchöne Pauline an den Hals des Doctors und gab ihm frei⸗ willig den lange ſchuldig gebliebenen Kuß; da drängte ſich die Familie um ihren Wohlthäter, ihn umarmend und küſſend. Das war zu viel für den Glücklichen, und er weinte die ſeligſten Thränen ſeines Lebens; der große Kaue Himmel dort oben aber lachte herzinniger, und freute ſich über den kleinen Himmel hienieden. F„ Der Traum der Liehe. Novelle. 6 Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 9 Der Traum der Liebe— nur ein Traum? — Nein, mehr als Traum! Si ſind die rothen Mandeln noch nicht aufgeblüht?“ Der Gefragte warf einen Blick nach dem Gar⸗ ten:„Noch nicht, Großvater! aber ſchon glimmt das erſte Roth an den ſchwellenden Knospen.“ Der fünf und ſiebenzigjährige Andreas aber neigte ſchweigend das Silberhaupt; und die Sonne ſtieg höher und ſank am Abend; die Nacht folgte, und am andern Morgen frug er wieder: „Hieronymus, ſind die rothen Mandeln noch nicht aufgeblüht?“ „Bald, bald, Großvater, der Mandelbaum hält die purpurnen Augen nur leiſe verſchloſſen.“ Und wiederum neigte ſich ſchweigend das Silber⸗ haupt des Greiſes. Das Nachtgewitter war vorüber; die Sonne ſtieg höher. Alle Fenſter des Schloſſes Sancta Eliſabeth ſtanden offen; Frühlingsduft durchzog die hohen, ſchö⸗ nen Gemächer. Im blauen Saale, mit der Ausſicht 9* 132 nach dem Garten ſaß Andreas, und ſeine alterſchwa⸗ chen Augen erquickten ſich an dem ſanften Blau des Himmels. Am andern Fenſter ſtand der mädchenhaft⸗ ſchöne Hieronymus und zeichnete das koſtbare Land⸗ ſchaftbild, das vor ihm ausgebreitet war. Und wie⸗ derum frug es: „Hieronymus, ſind die rothen Mandeln noch nicht aufgeblüht?“ Da eilte der Jüngling hinab zum Garten und kehrte zurück mit einem Straus von ſchönen rothen Mandelblüthen. Eine wunderbare Heiterkeit verſchönte das Antlitz des Greiſes. Lange ruhten ſeine Blicke auf den pur⸗ purnen Flocken. Er ſprach mild:„Stelle ſie in ein Glas Waſſer, Hieronymus.“ Er ſelbſt aber ging nach einem Wandſchranke und nahm ein mit kunſtreicher Arbeit verziertes Mahagonikäſtchen heraus, woran ein kleiner ſilberner Schlüſſel hing. Als der Greis mit zitternder Hand das koſtbare Verwahrniß geöffnet, lag darin ein verblühter Man⸗ delzweig; aber er mußte uralt ſein, denn von dem einſtigen fröhlichen Rothe war keine Spur zu er⸗ blicken. „Wir werden eine Reiſe machen, Hieronymus!“ ſprach nach einer Pauſe Andreas. „Herrlich, herrlich“— jubelte der Jüngling—„wie⸗ der zum alten Kriegscamerad?“ „Weiter— weiter— mein Sohn;“ und der Greis verſchloß mit Behutſamkeit, daß er ihn nicht verletze, den uralten Zweig wieder in das ſchön verzierte Käſtchen.„ ℳ 133 Und ſie wanderten drei Tage lang durch den Früh⸗ ling, kehrten ein in befreundeten Stätten und ge⸗ langten am Abend des dritten Tages, als ſich die Schatten über die Thäler legten, nach Buchenthal. Das war ein altes von mächtigen Kaſtanienbäumen ganz umhülltes Landhaus. Einſam ſpielte der Abend⸗ wind in den dunkeln Kronen; ſonſt war Alles todt und erſtorben. Die grünen Jalvuſieen, welche einſt anmuthig durch die Zweige leuchteten, waren ver⸗ blichen und feſt verſchloſſen. Auf der Schwelle des Hausthors wuchs Gras und überall aus den Mauer⸗ ritzen quoll das Moos üppig hervor. Die Wanderer mußten wiederholt klopfen an der altergrauen Hauspforte. Man hörte die Schläge des eiſernen Klopfers laut wiederhallen im Innern. Da näherten ſich langſam Fußtritte; ein Schlüſſel drehte ſich knarrend in dem verroſteten Schloſſe; mühſam ward die Thür geöffnet und ein Greis, tief in den Achtziger⸗Jahren, hieß die Ankömmlinge willkommen. „Alſo doch Wort gehalten!“ ſprach er leiſe, eine ſtille Heiterkeit verklärte ſein Antlitz und er führte die Wanderer in wohlerhaltene Gemächer, wo Alles zu ihrer Bequemlichkeit bereit ſtand. Am andern Tage— der ſchönſte Frühlingsmor⸗ gen war aufgeblüht— weit und breit leuchtete und duftete es über Berg und Thal, ſah man Andreas allein hinabgehen in den Garten. Hier war aber Alles verwildert und verwachſen; die einſt ſo ſauber gehaltenen Pfade mit Wegbreit dick überſponnen und von den fröhlichen Beeten der Tulpen und Narziſſen nichts mehr zu erblicken. „ 134⁴ Nur eine Partie des Gartens war ſorgfältig er⸗ halten. Es war eine kleine Rotunde von grünem Raſen, rings umkränzt mit ſchönen blühenden Man⸗ delbäumen. Inmitten der blühenden Mandeln, im Schatten eines roſenrothen Frühlings aber erhob ſich ſtill und einſam ein ſchmuckloſer Grabhügel; nur eine einfache Breterbank ſtand daneben. In ſieben ſilbernen Schlägen klang die ſiebente Morgenſtunde vom Herrenhauſe herüber— da trat Andreas zum Grabe und legte den uralten Mandel⸗ zweig darauf nieder.„Eliſabeth,“ ſprach er leiſe,„hier bring' ich Dir den Zweig wieder; ſiehſt Du: der Traum der Liebe iſt doch mehr als Traum.“ Noch lange ſah man den Greis auf der kleinen Breterbank am Grabe weilen. Als der Abend gekommen war, ſaßen die beiden Alten in der Laube am Ende des Gartens. Sie war umblüht von den weißen und violetten Trauben des Fliederbaums; die Abendröthe malte die Gegend mit roſigem Lichte; es ward ſtill, aus entfernten Dör⸗ fern klangen Abendglocken durch die Frühlingsluft. Da ſprach nach langem Schweigen Andreas:„Fülle die Becher, Hieronymus, ich will jetzt eine Geſchichte erzählen aus meinem Leben.“ Der Jüngling füllte die Becher; ſie klangen an einander und Andreas be⸗ gann: „Es find an die fünfzig Jahr und darüber, als ich das väterliche Haus verlaſſend hinaustrat auf den Markt des Lebens, mit hoher Begeiſterung für alles Große und Herrliche, mit einem Herzen voll Liebe und einer Phantaſie voll Ideale; aber ich war darum 135 nicht glücklich. Ich ſtand einſam in der Menſchen⸗ wüſte. Da war Niemand, der meine Begeiſterung theilte, Niemand, der meine Liebe erkannte. Man lächelte mitleidig. Ich war ein Schwärmer, ein Phan⸗ taſt. O, nach einem langen halben Jahrhundert habe ich's nicht vergeſſen, wie ich mich einmal gegen einen gelehrten Mann warm redete über Völkerwohl und Menſchenglück, wie er ſo ruhig blieb und mir kalt und klar auseinander ſetzte und bewies, daß alle meine Ideen Hirngeſpinnſte und unausführbar wären. Ich hab' es vergeſſen, wie man meinen Lieblings⸗ dichter, für den ich mein Leben dahingegeben hätte, mit giftigen Zangen der Kritik aus meinem Herzen riß; wie man die goldene Rede ſeines liebevollen Mundes mißdeutete, ſeinen Charakter verdächtigte. Ich hab' es nicht vergeſſen, wie einſt Buben einen Hund in's Waſſer warfen, um ſich an dem Todes⸗ kampf deſſelben zu weiden, wie ich das gequälte Thier aus dem Fluſſe rettete und Spott und Hohnlachen der am Ufer Stehenden hinter mir her tönten. Dann floh ich in die Einſamkeit, Thränen ſtürzten hervor. Ich ſah einen Stern nach dem andern, die mir ſo tröſtend geleuchtet, erbleichen; ein ſchönes Ideal nach dem andern in Nebel zerfließen. Unnennbarer Schmerz überkam mich. Iſt denn Alles nur Traum? rief ich aus; und dann war mein ſtilles Bücherzimmer— es ging nach dem Garten hinaus— der einzige Ort, wo ich Ruhe fand. Ich las das Leben guter und großer Menſchen und glaubte von Neuem an das Heilige. „Da erfüllte der Himmel mein jahrelanges heißes Gebet. Mir ward ein Sterblicher, der mich verſtand. Adalbert war fünf Jahre älter. Wohl gewaltiger glühte in ihm die Begeiſterung; aber die Flamme 136 brannte ſtiller und klarer. In ſeinem großen Herzen wohnte die Liebe, ein Meer voll der unſchätzbarſten Perlen, aber es brandete nicht. Er ward mein En⸗ gel; er gab mir meinen Himmel wieder mit allen ſei⸗ nen Sternen. Flammte ich auf in Begeiſterung, er⸗ glühte ich enthufiaſtiſch für Großes und Herrliches, freute ſich Niemand mehr als er; doch zugleich hütete er die Flamme, daß ſie nicht ſchade, und das Alles, ohne mir wehe zu thun. Plagte mich kalter Zweifel, ward ich irre an einer Vorſehung und Unſterblichkeit, war Er es, der dem diſſonirenden Saitenſpiel die Stimmung wieder gab. Vor ſeinem klaren Blick zer⸗ floß Alles in ewige Harmonie; und Tod, Schmerz, Haß, Zwietracht, Mord waren ihm nur Diſſonanzen, unentbehrlich in der Symphonie des Weltchorals.“ Das Abendroth verglomm; es ward dunkler; vom weſtlichen Himmel blickte der Abendſtern. Hieronymus vernahm mit dem der unverdorbenen Jünglings⸗Natur eigenthümlichen Intereſſe die Erzählung des Großva⸗ ters. Die Gläſer der beiden Greiſe klangen an ein⸗ ander. Sie ſprachen kein Wort. Man wußte, wem der Toaſt galt. Andreas fuhr fort: „So verlebte ich die zwei ſchönſten Jahre meines Lebens an des Freundes Seite auf der Hochſchule zu N. Adalbert trat nach einer glänzenden Prüfung in's bürgerliche Leben. Gerecht war der Schmerz der Trennung; aber der Briefwechſel, der entſtand, ſollte unſere Herzen nur inniger vereinen. In dieſen Briefen ſpiegelte ſich die große und ſchöne Seele meines Freundes ganz wieder. Oft überkam mich Schaamgefühl und Schmerz bei dem Gedanken, wie ich doch bei allem guten Willen und Streben ſo weit hinter meinem Vorbilde zurückſtehe. „Ich übergehe einen Zeitraum, der, wollte ich ihn beſchreiben, Adalbert's Bild nur in ſchönerem Lichte zeigen würde; ich verſchweige die vielen rührenden Züge aus dem Charakter dieſes Edeln, wovon ein einziger hinreichend geweſen, ihm die Liebe jedes gu⸗ ten Menſchen für immer zu ſichern, und komme auf ein Begebniß, das auf mein ganzes langes Leben einen unverlöſchlichen Eindruck zurückgelaſſen, das, wie ein Himmelston aus jener Welt, mein ganzes Da⸗ ſein, bis auf den heutigen Tag, durchklungen hat. „Es war fünf Vierteljahr nach Adalbert's Abgange von der Univerſität, als ich aus ſeinen Briefen— wir hatten kein Geheimniß vor einander— gewahrte, wie ſich in ſeiner Bruſt ein Intereſſe für ein Fräu⸗ lein Eliſabeth von S. zu regen begann. Ich ward anfangs ordentlich eiferſüchtig, daß ein zweites We⸗ ſen auf die Liebe des Freundes Anſpruch zu machen ſchien; ich beneidete die glückliche Sterbliche von gan⸗ zer Seele. Aber je klarer Eliſabeth's Bild aus den Briefen hervortrat, je inniger ich mich mit ihrer Seele befreundete, deſto ruhiger ward ich, deſto wohler ward mir. Ja, ſie war ſeiner werth. O, noch nie hatte eine weibliche Erſcheinung einen ſolchen Eindruck auf mich zurückgelaſſen, mein ganzes Sein ſo in Anſpruch genommen. Es war nicht das angenehme Intereſſe, wie man es für eine junge und liebenswürdige Dame empfindet; es war jene reine, heilige Achtung, wie wir ſie einem Weſen zollen, das, ob der himmliſchen Seele in reizender Jungfrauengeſtalt hoch und uner⸗ reichbar vor uns ſteht. Und Adalbert hatte ſein Mädchen nicht mit pvetiſchen Hyperbeln des Liebenden gezeichnet, ſondern einfach und natürlich, in ihrer Häuslichkeit; aber deshalb um ſo anziehender. „Mein Freund mußte der Geliebten von mir er⸗ zählt haben; in einem der Briefe ließ ſie mich ein⸗ 138 mal unbekannter Weiſe grüßen. O, nie hab' ich die⸗ ſen einfachen Gruß vergeſſen; er legte ſich, wie beſe⸗ ligend an mein Herz. Ich fühlte mich reiner, heiliger. „Dem Adalbert verbarg ich die Stimmung meines Innern nicht. Ich geſtand ihm offen, daß er ſeine Eliſabeth unmöglich inniger lieben könnte, als es bei mir der Fall wäre; daß ich unglücklich ſein würde, wenn ich wüßte, daß dieſe Himmliſche einem Ande⸗ ren als ihm zu Theil geworden. Adalbert antwor⸗ tete: daß er meine Worte mit meinen Handlungen nicht ganz in Einklang zu bringen vermöchte, ſonſt würde ich es möglich gemacht, ihn beſucht und bei dieſer Gelegenheit Eliſabeth kennen gelernt haben. Zugleich fürchtete er, daß meine Phantaſie mir wie⸗ der einen Streich geſpielt habe; Eliſabeth ſei durch⸗ aus kein überirdiſches Weſen, ſondern ein recht hüb⸗ ſches, ſinniges und geiſtreiches Mädchen. Doch er⸗ wähnte er ihrer ſeitdem ſeltener in ſeinen Briefen. „Binnen Jahr und Tag war Eliſabeth Adalbert's Gattin. Sie zogen nach Buchenthal, wo mein Freund, im Beſitze eines beträchtlichen Vermögens, als Landwirth ein freies unabhängiges Leben führte. „Länger durft' ich meinen Beſuch nicht verſchieben, wollte ich den Freund nicht kränken. Ich hatte meine akademiſchen Studien beendet, und mein erſter Aus⸗ flug war nach Buchenthal. „O, es war ein reicher, blüthenſchwerer Frühling, der Frühling vor funfzig Jahren; es iſt mancher ſeitdem über die Erde gegangen; aber ich entfinne mich keines ſchönern. Ich durchwanderte froh und ſelig die blumengeſtickten Lande und Thäler; aber je näher ich Buchenthal kam, deſto lauter pochte mein Herz in unſagbarem Entzücken. Ich ſollte ihn ja „ 7 139 wiederſehen, nach langer Trennung, der mir das Theuerſte auf Erden, meinen Lehrer, meinen Freund, meinen Engel. Ich ſollte mich erquicken an den lie⸗ ben, theuren Zügen, die mir ſo oft Troſt und Be⸗ ruhigung gelächelt in trüben Stunden. Ich über⸗ rechnete, wie lange wir uns nicht geſehen, und konnte nicht begreifen, wie ich die lange Trennung ſo ge⸗ duldig habe ertragen können. Gedachte ich aber Eli⸗ ſabeth's, ſo überkam mich große Verzagtheit, wie ich dieſem engelhaften Weibe ſollte gegenübertreten. Wie⸗ wohl Adalbert ihrer ſeit einem Jahre weniger gedacht, und ihr Bild etwas zurückgetreten war, ſo behaup⸗ tete ſie nach dem Freunde doch den erſten Platz in meinem Herzen. Ich ſprach mir Muth ein; ich ge⸗ dachte ihres trefflichen Gemüths; ich wiederholte mir die Worte aus einem der früheren von Adalbert's Briefen:„Wenn ſie zu mir aufſieht, wird mir ſo wohl, ſo gut; ich glaubte, ſie würde den Verbrecher mit einem einzigen Blicke, aus dem alle Himmel der Ver⸗ ſöhnung lächeln, zur Tugend zurückführen.“ „Endlich erreichte ich die letzte Anhöhe, von wo man Buchenthal im Thale liegen ſieht. Frendezit⸗ ternd ſchritt ich die blühende Kaſtanienallee dahin. Schon ſah ich die grünen Jalouſieen des Herrenhau⸗ ſes gaſtlich daherſchimmern. „Iſt mir's doch wie heut— unterbrach hier der Achtzigjährige mit bewegter Stimme— ich war da⸗ mals Gärtner bei'm ſeligen Adalbert und begoß die grünen Salatbeete, als Ihr um die blühende Jas⸗ min- und Schneeballenhecke bogt. Ihr waret ein ſtattlicher junger Herr, ſo recht geſchaffen, den Mäd⸗ chen das Herz wirbelig zu machen. Ich dachte es gleich, der Beſuch gilt uns. Die gnädige Frau füt⸗ terte die Tauben im Hofe. Ich rief ihr noch zu: 140 Wir kriegen Beſuch! Da eilte ſie in das Haus zu⸗ rück. Ihr kamt endlich zum Hofthore herein. Der Chriſtian ging gerade über den Hof; Ihr ſpracht mit ihm. „Ich fragte nach Adalbert— fuhr Andreas fort — und erfuhr mit Schrecken, daß er über Land und erſt am Abend zurückkomme; daß aber die gnädige Frau zu Hauſe ſei. Gern wär' ich jetzt zurückge⸗ kehrt und hätte meine Ankunft bis auf des Freundes Rückkehr verſchoben; aber Chriſtian, der nach meinem Namen gefragt, war bereits in's Haus geeilt, um mich zu melden. In wenig Augenblicken war er zurück und führte mich nach dem Empfangzimmer. „Da ſtand ich, die Bruſt von den ſeltſamſten Ge⸗ fühlen beengt. Mein alter Fehler, allzugroße Schüch⸗ ternheit in Gegenwart junger, unbekannter Damen, erwachte mit Rieſenmacht— da trat aus einer Sei⸗ tenthür— Eliſabeth. „Mit jener reizenden Natürlichkeit, wie ſie nur edeln, feingebildeten weiblichen Weſen eigenthümlich, und wodurch ſie bei hoher Ehrfurcht zugleich wohl⸗ thuendes Vertrauen in dem Unbekannten erwecken, empfing ſie mich. Fliſabeth war keine blendende Schönheit; aber eine jener poeſiereichen Blumen, wo die innere Schönheit in Haltung, Gang, Ton und Rede, im Lächeln und im Blicke unwillkürlich her⸗ vorblickt. Sie war gleichſam durchgeiſtet von An⸗ muth, ohne daß ſie es zu wiſſen ſchien. Was der Gattin meines Freundes aber einen unendlichen Zau⸗ ber verlieh, war die reizende Naivität der unlängſt verlaſſenen Mädchennatur, die in der jungen Frau von Zeit unbemerkt hervorlauſchte. „Meine Befangenheit ging bald in jenes unbe⸗ ſchreibbar ſüße Vertrauen über, das uns in Gegen⸗ 14¹1 wart guter Menſchen erfüllt. Eliſabeth ſaß mir ge⸗ genüber am Fenſter. Wir ſprachen über Adalbert, den herrlichen Frühling, über die reizende Lage von Buchenthal. Ich hatte ſchon manche begeiſternde und beſeligende Momente verlebt, aber mich noch nie ſo innig wohl befunden, als in der einfachen, natür⸗ lichen Unterhaltung mit dieſem holden Weibe. Sie war durchaus nicht redſelig; aber man durfte dies oder jenes Intereſſe leiſ berühren, ging ſie verſtänd⸗ nißinnig und anmuthig darauf ein. Mir war es, als ſäße mein eigener guter Genius, reizend verkörpert, mir gegenüber. Was mich aber ganz ſelig ſtimmte, war, daß meinem Adalbert dieſer Engel geworden. Nur er, Niemand anderes, verdiente ihn, konnte ihn verſtehen und ſchätzen. „Eliſabeth ſchlug mir einen Gang durch den Gar⸗ ten und Park vor. Ich wandelte an ihrer Seite die blühenden Beete und Rabatten entlang. Sie führte mich an ihre Lieblingsplätzchen. Alle Anlagen ver⸗ kündeten den finnigen Geiſt der Beſitzer. „Endlich kehrte Adalbert zurück. Eliſabeth hatte einen Boten nach ihm geſchickt und zugleich die ſchönſte Ueberraſchung vorbereitet. In der Freude des Wie⸗ derſehens vergaß ich eine Zeit lang alles Andere. So wie aber der erſte Rauſch vorüber, ich im trau⸗ ten Geſpräche mit dem Freunde in einer Laube des Gartens ſaß und Eliſabeth ein Weilchen ſich zu uns ſetzte, heiter und roſenlaunig, da begann wieder je⸗ ner ſtille, allmächtige Zauber, wie ich ihn noch nie in Anweſenheit eines Weibes empfunden, mein gan⸗ zes Sein magiſch zu umſpinnen. „Wir aßen das Abendbrot auf dem Balkon des Hauſes, von wo man eine erquickende Ausſicht über das Thal genoß. Zu beiden Seiten des geräumigen 14⁴2 Altans dufteten die weißen Blüthen zweier ſchönen Akazien und er ſelbſt war umkränzt von blühenden Hortenſien. Eliſabeth war die reizendſte Wirthin, die ich je geſehen. „Adalbert erkundigte ſich alsbald nach dem neue⸗ ſten Stande der Politik und Literatur. Der nord⸗ amerikaniſche Unabhängigkeitskrieg ſtand damals in hellen Flammen. Ich ſprach begeiſtert für die Sache der Amerikaner und ſtellte ſie hoch über den Frei⸗ heitskampf der Schweizer und Niederländer. Adal⸗ bert gab das nicht zu. Die Amerikaner hätten bei weitem nicht die Urſache zum Aufſtande, wie die ge⸗ nannten Nationen, England wäre kein Tyrann ge⸗ gen Amerika geweſen; im Gegentheil hätte das Par⸗ lament oft wahrhaft großherzig an ſeinen Colonieen gehandelt, und nur durch die äußerſte Noth ſei es gezwungen worden, von Amerika einen Beitrag für die Staatslaſt zu verlangen. Auch entbehre jener Aufſtand der großherzigen Begeiſterung, der beiſpiel⸗ loſen Aufopferung, der großartigen Einheit, wie ſie ein ächter Freiheitskampf verlange. Hätten die brit⸗ tiſchen Generäle beſſere Mannszucht gehalten, in Be⸗ treff der verübten Gräuelthaten ihrer Soldaten, und wäre für Amerika kein Washington entſtanden, an die völlige Losreißung vom Mutterlande ſei in lan⸗ gen Jahren nicht zu denken geweſen. „Ich mochte mich nicht werfen laſſen, zumal die damalige öffentliche Meinung auf meiner Seite war. Ich kam auf die großherzige Sympathie zu ſprechen, die das franzöſiſche Cabinet und der Hof zu Ver⸗ ſailles für die junge Freiheit an den Tag lege. „Hier ward Adalbert faſt gereizt, daß ich bloße gehäſſige Eiferſucht der franzöſiſchen Politik gegen England für Freiheitsliebe halten könne. 143 „Niemand— rief er— hat das junge Licht jen⸗ ſeits des Oceans mehr zu ſcheuen und verabſcheut es mehr, als der Hof zu Verſailles; aber die geheime Schadenfreude, den Todfeind ſich verbluten zu ſehen, überwiegt doch noch den Abſcheu vor jenem Volks⸗ aufſtande. Dergleichen Sünden gegen die Natur rächen ſich als die fürchterlichſten; und in den Flam⸗ men des von ihm angeſchürten amerikaniſchen Frei⸗ heitskrieges leuchtet dem alt-franzöſiſchen Königthume die eigene Todesfackel. Die Nemeſis iſt Vorſehung. „Als ich gegen die klare, mild und überzeugende Widerlegung des Freundes mit all' meinem Enthu⸗ ſiasmus nicht auskam, und in Folge des Geſpräches wieder ein paar hohe Ideale zuſammengebrochen wa⸗ ren, rief ich ſchmerzlich: Sehen Sie, Eliſabeth, da hat er mir wieder ein heiliggehaltenes Bild, das mich ſo oft geſtärkt und begeiſtert, in Trümmer geſchlagen: — iſt denn Alles nur ſchöner Traum? „Eliſabeth, die ſeit meinen feurigen Worten für Freiheit und Völkerwohl, ernſter und ſtiller gewor⸗ den, blickte, wie aus einem Traume erwacht zu mir auf. „Nicht Alles iſt Traum!— ſprach ſie leiſe, wie für ſich. Aber es lag was ſeltſam Ergreifendes in den paar Worten und dem Tone, in welchem ſie ſprach. „Adalbert, indem er das angeregte Thema fort⸗ ſpann, trat auch hier wieder verſöhnend und be⸗ ruhigend in's Mittel. Er erkannte die unermefliche Wichtigkeit des Freiheitskampfes und den Segen, den er für die geſammte Menſchheit haben werde. „Vor den Augen unſers erſtaunten Welttheils— ſchloß er— ſtieg auf nie geſehene Weiſe aus einem Häuflein dürftiger Wanderer, die ſich hier anſiedelten, 14⁴ um ungekränkt Gott nach ihrer Art zu dienen und durch Arbeitſamkeit ihr Leben zu friſten, ohne Schwert⸗ ſchlag in rieſenhafter Progreſſion ein großes Volk empor, das zwiſchen den Klippen des Feudalgeiſtes und der Intoleranz glücklich hindurchſchiffend, zur Ehre der Menſchheit den Beweis führt, daß Mord und Raub nicht die einzigen Wege ſeien, auf denen die Staaten ihrer Entwickelung entgegen gehen. Die geſunden Zweige des geſellſchaftlichen Zuſtandes der alten Welt wurden gleichſam auf neuen, fruchtbaren Boden verpflanzt. Die alten Erbübel konnten hier nicht gedeihen. Mag nun dereinſt die bis zum Ueber⸗ maße gewachſene Bevölkerung durch den Einfluß der großen Landbeſitzer und des unter ihnen einreißenden Luxus die Staaten ihrer endlichen Auflöſung entge⸗ gen führen— die Grundlagen der Urverfaſſung wer⸗ den dauern für alle Zeiten. Die Lehren einer wah⸗ ren, vernunftgemäßen Freiheit, wie ſie Washington, Kosciusko, Lafayette mit ihrem edeln Blute befiegel⸗ ten, werden unvergeſſen bleiben. „Ich reichte ſchweigend dem Freunde die Hand. Eliſabeth blickte ſinnend vor ſich hin. Das Geſpräch nahm eine andere, weniger ernſte Richtung. Wir wurden wieder heiter. Eliſabeth nahm Theil an der Unterhaltung, doch die Roſenlaune erhielt ſie nicht wieder. Ich vernahm wieder den Zauber ihrer Rede. Erſt ſpät, nachdem der Abendſtern lange geſunken war, trennten wir uns. „Als ich auf mein Zimmer kam und allein war, blickte ich noch lange in die duftende Nacht hinaus; Garten und Park ruhten im ſchweigenden Dunkel. Oben zogen die Sterne. Nie war mein Innerſtes ſo bewegt geweſen als in dieſem Augenblicke. Ich hatte nur einen Gedanken und der war— Eliſa⸗ 145 beth. Thränen traten mir hervor. Ich wußte nicht, warum ich weinte; aber es waren Thränen des ſelig⸗ ſten Schmerzes. Von ſolch einem Weſen geliebt zu werden. O, der Gedanke war zu unermeßlich für eine Menſchenbruſt. Und ich hatte nur die heitern, roſenlaunigen Saiten ihres Gemüths erklingen hören. Gab es auch andere, tieferliegende? „Ich ſollte ſie kennen lernen. „Am andern Morgen hatte Adalbert eine kleine Landpartie nach einem romantiſch gelegenen alten Rit⸗ terſchloſſe veranſtaltet. Ich wandelte an ihrer Seite und immer tiefer, immer unverlöſchlicher prägte ſich ihr Bild in mein Herz; immer mehr verſchwand alles Andere außer ihr. Ich kämpfte mit Rieſenmacht, den Zuſtand meines Innern zu verbergen. Hätte ich meinem Herzen folgen wollen, ich wäre ihr zu Füßen geſun⸗ ken und würde Gott angefleht haben, daß dieſer Au⸗ genblick mein letzter ſein möge. Ich mußte auch voll⸗ kommen Meiſter meines Gefühls ſein; ſie ſchien nichts zu ahnen, blieb immer ſo freundlich und natürlich; und Adalbert war derſelbe gute und liebevolle Freund. „Zu Mittag fand ſich der Prediger des Orts und der Hausarzt zu Tiſche ein. Es waren angenehme und unterrichtete Männer. Man ſprach über dies und jenes; beſonders war es der Arzt, der das Ge⸗ ſpräch fortwährend belebte. Ich verſtand wenig da⸗ von. Mein Zuſtand glich dem eines Träumenden. „Der Nachmittag war wieder himmliſch. Ein Ge⸗ witterregen hatte den Garten erfriſcht. Ich ſaß bei ihr in der Laube. Der Beſuch wandelte mit Adal⸗ bert im Garten. Endlich gebot es die Schicklichkeit, daß ich mich der Geſellſchaft der beiden Gäſte nicht ganz entzog. Der Abend kam heran. In Schatten hüllten ſich Land und Wohnung. Ach mit den her⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 10 1⁴6 vorbrechenden Sternen, mein Herz wollte zerſpringen vor namenloſer ſeliger Qual. Wieder brachen in ein⸗ ſamen Augenblicken meine Thränen unaufhaltſam her⸗ vor. Der Gedanke, wie dieſer Zuſtand enden ſolle; ich wagte ihn nicht zu denken. Vergangenheit und Zukunft gingen unter in der berauſchenden Gegen⸗ wart. „Mein Kampf währte auch am dritten Tage; ich fühlte, wie ich im Innern nach und nach verblutete. O Gott, und ſie war ſo reizend heiter, ſo mädchen⸗ haft fröhlich. Zufällig fragte ich ſie nach ihrer Lieb⸗ lingsblume. „Dieſe blüht jetzt noch nicht. „Alſo die Roſe? „Sie ſchüttelte lächelnd das Haupt. „Eine Herbſtblume? „So iſt es. „Die Aſter? „Das iſt mein Liebling— ſprach ſie— die ein⸗ fache Aſter, die, wenn uns alle Blumen verlaſſen, in den herbſtlichen Nebeln ſo tief innig zu uns aufblickt. Sie iſt gleichſam der letzte Traum des untergegange⸗ nen Frühlings; ſie blüht einſam an der Grenze des ſchönen Blumenreichs, ahnungsvoll und durchgeiſtet, wie keine ihrer geſtorbenen Schweſtern; ſie iſt die prophetiſche Verkündigerin eines Frühlings, der nicht auf Erden blüht, und darum mehr Symbol als Blume. Gucken Sie ihr einmal aufmerkſam in die Augen, werden Sie das Alles finden. „Seltſam ergriffen frug ich: Und ſo kann die ro⸗ ſenlaunige Eliſabeth ſo ernſten Betrachtungen ſich hingeben? „Sie ſchien ihre ernſtete Rede zu bereuen und ſchnell in Scherz übergehend, antwortete ſie: Warum 147 nicht? Haben die Männer allein die Contemplative gepachtet? Fährt uns bei unſerm Strickſtrumpfe im Jahr lang nicht Manches durch den Kopf?— Aber nächſt dem Herbſte birgt auch der Frühling einen Liebling von mir. Ob Sie ihn errathen werden? „Ich nannte eine Menge Blumen. „Falſch, falſch! rief ſie und führte mich den Gar⸗ ten entlang nach einer entlegenen Partie. Hier be⸗ fand ſich in freundlicher Stille ein reizend grünes ovales Raſenplätzchen mit einer kleinen Raſenbank, rings umkränzt mit knospenreichen Mandelbäumen. „Es iſt Schade— ſprach Eliſabeth— ſie haben die Augen noch zu; aber ſchon guckt es überall pur⸗ purn hervor; in ein paar Tagen müſſen ſie lieblich erblühen. „Alſo die rothe Mandelblüthe? „Nun— fragte ſie— iſt das nicht ein aparter Geſchmack? Hat dieſe Blüthe nicht etwas Vorneh⸗ mes und Hochpoetiſches? ſchon weil ſie ein Fremd⸗ ling, von fernen Himmeln zu erzählen weiß. Be⸗ trachten Sie einmal dieſes ſeltſame Roth, das iſt nicht abendländiſch; das iſt die Farbe aus den Gär⸗ ten Sheherezades, wo die Palmen rauſchen und Lo⸗ tosblumen glühen. „Ich weiß nicht, waren dieſe Worte mehr Scherz oder Ernſt; aber in meinem Herzen wohnte tiefe hei⸗ lige Wehmuth. Mir war es, als ſtünden wir an einer ſeligen Grabſtätte, wo ſich ſüß ausruhen ließe von den Stürmen der Erde, und ich rief aus tiefſter Seele: O Fliſabeth, könnte ich hier ruhen, ſchla⸗ fen— ewig— ewig! „Sie ſchien meine Worte nicht gehört zu haben, bog ſich zu einem Mandelbaume nieder und erwiederte nichts. Wir kehrten ſchweigend nach dem Blumen⸗ 10* 148 garten zurück. Adalbert kam uns entgegen. Eliſa⸗ beth eilte auf ihn zu und ſchmiegte ſich zärtlich an— ihn. Ein unerklärlicher Schmerz durchzuckte mein In⸗ nerſtes. Adalbert ſchlug für den Nachmittag eine Par⸗ tie nach einem benachbarten Gute vor. „Als wir am Abend heimkehrten, fanden wir Eli⸗ ſabeth in troſtloſer Stimmung. Ihre Augen waren verweint; ein Brief hatte ihr dieſen Nachmittag den Tod einer jungen Freundin gemeldet. Sie war gar nicht zu beruhigen und brach wiederholt in Thränen aus. Endlich entſpann ſich zwiſchen ihr und Adal⸗ bert ein Geſpräch, von dem ich nicht viel verſtand und worin die Namen Julie und Belmont wiederholt vorkamen. Eliſabeth ſchien etwas zu behaupten, worin ihr Adalbert nicht recht gab. Sie ward trotz ihrer Betrübniß ordentlich gereizt und ſtand endlich auf mit den Worten: Aber ſo ſeid Ihr Alle! und verließ das Zimmer. „So ſind die Frauen— ſprach Adalbert— die beſten nicht ausgenommen. Da ſoll Julie an ge⸗ brochenem Herzen geſtorben ſein, weil ihr Geliebter, Belmont, untreu geworden ſei. Wie ich den jungen Mann kenne, kann ich das gar nicht glauben. Höch⸗ ſtens läuft die Sache auf ein paar Artigkeiten hin⸗ aus, die er andern Damen erwieſen; denn Julie, ein kränkliches, reizbares Mädchen, war über alle Maaßen eiferſüchtig. Aber meine Frau läßt ſich in ſolchen Dingen nicht belehren. Sie bleibt dabei, ihre Freun⸗ din ſei ermordet worden, und weil ich ihr nicht Recht gebe, muß unſer ganzes Geſchlecht darunter leiden. 5 „Am andern Tage war Eliſabeth gefaßter: Der Schmerz um die geſtorbene Freundin hatte ihr Ant⸗ litz nur verſchönt. Sie war bezaubernd. Mit neuer Macht ſchlugen die Flabmn der Liebe für das ———— 149 himmliſche Weib in meiner Bruſt empor. Den gan⸗ zen Tag konnte ich ſie allein ſprechen. Als der Abend kam, ſetzte ſie ſich unaufgefordert zu mir auf den Balkon. Adalbert war zu dem Sterbelager eines alten Landmannes geeilt, der ihn noch einmal zu ſprechen wünſchte. Sie erzählte von Juliens und Belmont's Liebe. So vertrauend war ſie noch nie geweſen. Mit himmliſcher Beredtſamkeit ſchilderte ſie das Engel⸗ herz ihrer Freundin. Oft traten ihr die Thränen in die Augen. Nach ihrer Beſchreibung war Belmont's Liebloſigkeit in der letzten Zeit allerdings nicht zu entſchuldigen. Sie kannte das ganze Verhältniß aus Juliens Briefen bis in die kleinſten Einzelheiten, und überzeugte mich endlich in dem Maaße, daß ich un⸗ willkürlich ausrief: So hat er ſie nie geliebt. „O ja, geliebt hat er ſie wohl! erwiederte leiſe Eliſabeth.„ „Dann war ſeine Liebe nur ein ſchöner Traum! „Eine lange Pauſe erfolgte. Da erhob ſie lang⸗ ſam und zögernd das große blumenhafte Auge. Ich ſchaute in einen ungeahnten Himmel; mein ganzes Weſen zerrann in Seligkeit; und ihrem Munde ent⸗ bebten die Worte: Traum?— Wie bei Euch Allen; — bei uns iſt ſie mehr als— Traum. „Die letzten Worte ſprach ſie kaum hörbar. Bei mir aber brach die letzte Stütze meiner Kraft zuſam⸗ men. Ich ſank zu den Füßen des himmliſchen We⸗ ſens und hielt meine Hände betend zu ihr gefaltet. Eliſabeth! rief ich, mir ſelbſt kaum bewußt, hei⸗ liger Engel meines Lebens, o glaube mir, auch bei uns iſt ſie mehr als— Traum! „Eliſabeth erhob ſich erſchrocken und entfernte ſich ſchnell. Ich wollte ihr folgen, als Adalbert, der von dem ſterbenden Landmann heimkehrte, in den . 150 Hof trat. Ich war außer mir, daß ich ſie beleidigt haben könnte und hörte nur zerſtreut auf die Erzäh⸗ lung des Freundes, nicht bemerkte ich, wie der Ton ſeiner Stimme immer beſorgter wurde. „Plötzlich ſchwieg er. Iſt Dir unwohl, Andreas? frug er mit Beſorgniß und die innigſte Theilnahme malte ſich in ſeinen treuen, lieben Zügen. Ich ver⸗ neinte. Eliſabeth ſah ich dieſen Abend nicht wieder. „Ich mußte ſie ſprechen, ich mußte ſie verſöhnen, ich mußte gewiß ſein, daß ſie den Ausbruch meines liebenden Wahnſinns verzeihe. Als der junge Mor⸗ gen den Garten vergoldete, eilte ich hinab. Sie wan⸗ delte gern in früher Morgenſtunde in thauumglänz⸗ ten Gängen; ich hoffte ſie zu treffen. „Es war heilige Frühe. Die Sonne noch nicht aufgegangen, aber ein flammendes Morgenroth, das hinter den Waldbergen emporſchlug, verkündete ihre Nähe. Eine erquickende Kühle ruhte über dem Gar⸗ ten. Alles war ſtill, Niemand weit und breit zu er⸗ blicken. Ich durcheilte die langen Gänge, durchſpähte alle Partieen des Parkes und des Gartens und ge⸗ langte endlich an die mandelumkränzte Raſenrotunde. Hier überraſchte mich ein wunderlieblicher Anblick. Viele der Purpurknospen waren dieſe Nacht aufge⸗ blüht und blickten, Freudenthränen im Auge, zum Morgenroth. Ich freute mich, dieſe Botſchaft Eli⸗ ſabeth zuerſt überbringen zu können und kehrte zum Herrenhauſe zurück, wo es unterdeß lebhafter gewor⸗ den war. Adalbert ſah aus dem Fenſter, bot mir einen guten Morgen und rief mich zum Frühſtück. Mit Beklemmung trat ich in das Familienzimmer, das von der Morgenſonne freundlich erhellt war. Adal⸗ bert kam mir entgegen, umarmte mich innig und frug nach meinem Befinden. Er war ſo mild und lieb⸗ 45⁴ reich wie immer; dennoch war es nicht mehr der alte, ſeelenruhige, heitere Freund; ein unerklärliches Et⸗ was hielt die theuern Züge umſchattet. Mir entging nicht, wie er ſich Mühe gab, ſo heiter wie möglich zu erſcheinen. Ich wagte nicht, nach der Urſache die⸗ ſes geheimen Kummers zu fragen. Auch Eliſabeth befand ſich im Zimmer. Ich getraute mich nicht, zu ihr aufzublicken und zitterte, als ſie mir die Taſſe mit Kaffee bot. Adalbert erzählte von der geſtrigen Scene am Sterbebette. Der alte Landmann war in den letzten Stunden noch von Scrupeln und Zwei⸗ feln über ein Jenſeits geplagt worden und den Tro⸗ ſtesworten Adalbert's war es gelungen, daß er be⸗ ruhigt und lächelnd hinüberging. Nit letzter Kraft hatte die ſterbende Hand des Getröſteten dem Tröſter gedankt. „Als Adalbert ſchwieg, trat eine unheimliche Pauſe ein. Das Thema, welches der Freund berührte, hätte mir ehedem Stoff zu ſtundenlanger, begeiſtern⸗ der Rede gegeben; jetzt war ich nicht im Stande, ein Wort zu erwiedern, und Eliſabeth ſprach leiſe die zwei Worte:„Wohl ihm.“ Die Unterhaltung ſtockte; die einſt ſo beſeligende Harmonie unter uns war ent⸗ flohen. Wo war das heitere, roſenlaunige Weib, das vor ein paar Tagen unſern kleinen Kreis ſo hold⸗ ſelig belebte? Es war gewiß; auch ſie fühlte ſich ſchuldig und war doch ſo ſchuldlos wie ein Engel des Himmels. „Die rothen Mandeln ſind auch dieſe Nacht auf⸗ geblüht! begann ich endlich. „Adalbert, welcher ſinnend am Fenſter ſtand, wandte ſich zu ſeiner Gattin und ſprach in liebevol⸗ lem Tone: „Eliſabeth, Deine Lieblinge, hörſt Du? Sie 152 ſchien ſich zu freuen und benutzte die Gelegenheit, uns zu einem Gange nach den Mandelbäumen aufzufor⸗ dern. Wir gingen in den Garten. „Es ließ mir keine Ruhe, ich mußte ſie allein ſprechen, ſie beruhigen, indem ich mich als den allein Schuldigen nannte. Vergebens gab ich mir alle Mühe, Verzweiflung überkam mich; und erſt in einer ſpäten Nachmittagsſtunde überraſchte ich ſie einſam. Sie ſtand in Gedanken verſunken an einem der Fen⸗ ſter der blauen Stube, das nach dem Parke hinaus⸗ ging und bemerkte mein Eintreten nicht. „Eliſabeth, ſprach ich leiſe, in ſeelenflehendem Tone, Eliſabeth— Vergebung! „Sie fuhr erſchrocken empor, blickte einen Augen⸗ blick ſchweigend auf mich; ſie hatte geweint; noch ein Mal fiel mein Blick in einen ſeligen Himmel; — ſie war verſchwunden. Kein Wort hatte ſie ge⸗ ſprochen; aber, wenn nicht alle Himmel logen— zürnte ſie mir nicht. „Von neuem ſchlugen die Flammen eines ſeligen Wahnſinns in mir empor. Ich ſtürzte hinaus in den Wald, irrte ruhelos umher, und wo er am tief⸗ ſten nachtet, ſank ich weinend zu Boden. „Mein Zuſtand ward immer qualvoller. Freund⸗ ſchaft und Liebe rangen in Verzweiflung um den Beſitz meines Herzens. Nie hatte eine Menſchen⸗ bruſt ſo geliebt, wie ich die Gattin des Freundes. Zuweilen, in lichtern Augenblicken, rangen ſich Freund⸗ ſchaft und Pflichtgefühl empor über die Leidenſchaft; aber erklang der Ton ihrer Stimme, vernahm ich das Rauſchen ihres Gewandes, kniſterte ihr leiſer Fußtritt im Sande, zuckte es von neuem fieberiſch durch meine Adern. „Und immer bleicher ward das Antlitz Adalbert's, 153 und immer ſcheuer floh Eliſabeth, und immer wilder tobte der Kampf in meinem Innern. „Fort von hier, rief eine Stimme in mir; aber der Gedanke, ſiè zu verlaſſen, peitſchte mich mit Gei⸗ ßeln der Hölle. „So verſchlichen zwei Tage. Am Morgen des drit⸗ ten ging ich voll Verzweiflung in meinem Zimmer auf und nieder; da trat Adalbert herein; ich hatte mit ihm am vorigen Tage kaum ein paar Worte ge⸗ ſprochen. Er trat an das Fenſter und blickte ſchwei⸗ gend hinaus. Wie eine Felslaſt lag es auf meiner Bruſt. Ich hielt mich für den todeswürdigſten Ver⸗ brecher, der hohen, edeln Geſtalt des Freundes ge⸗ genüber; ich wagte nicht, ihm unter die Augen zu treten. Adalbert ſprach kein Wort; ich blickte endlich ſchüchtern nach ihm. Er blieb in derſelben Stellung. Mir ward immer peinlicher. Ich nahte ihm einige Schritte. Da wandte er langſam das Haupt; die hellen Thränen ſtanden in ſeinen Augen. Ich war außer mir; noch nie hatte ich den edeln, männlichen Freund weinen ſehen. Adalbert— rief ich, mit er⸗ ſticter Stimme, und ſtreckte flehend die Hand nach ihm. Lange, lange blickte er auf mich. O, in die⸗ ſem Blicke lag mein ganzes Verbrechen. Sein treues Auge ruhte auf mir, voll tiefer Liebe und voll tiefen Grams. Er preßte meine Hand krampfhaft an ſeine Bruſt: „Andreas— ſprach er— ſtöre meinen Frieden nicht. „O, der Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, nie hab ich ihn vergeſſen, nie werd' ich ihn vergeſſen. Ich ſtürzte in ſeine Arme und weinte lange an ſeiner Bruſt. Du, Edelſter, rief ich, wie ſchwer hab' ich mich an Dir verſündigt! 154 „Du haſt ja nicht geſündigt! ſprach er ſanft — der Sterbliche ſoll noch geboren werden, der den Flammen des Herzens zu widerſtehen vermöchte! „Und wie einſt in trüben Augenblicken, wenn mich Verzweiflung überkam, tönte ſeine liebe, tröſtende Stimme. Je länger er aber ſprach, deſto klarer fühlte ich's, daß es doch noch etwas Höheres gebe, als jene ſeligſte der Leidenſchaften. Und der Himmel nahm ſich meiner wieder an, das edlere Selbſt ſiegte; mir ward ſo leicht, ſo frei, ſo wohl; ich fühlte mich reiner, edler, größer denn je. „Noch heute reiſe ich! rief ich. Dieſer Ge⸗ danke, der noch vor Kurzem wie Furienlaſt mich er⸗ faßte, ſtand jetzt felſenfeſt. „Ich heiße Dich ja nicht gehen!— ſprach Adal⸗ bert ſanft und ſeine Stimme zitterte vor innerm Schmerze. „Noch heute reiſe ich, wiederholte ich, oder ich wäre nicht werth, daß mich die Erde trüge. „Da umarmte mich Adalbert nochmals in ſprach⸗ loſer Rührung, preßte mich inniger denn je an ſein großes Herz; und unſer langjähriger Bund erhielt in dieſem heiligen Augenblicke die Weihe des Himmels. „Noch eine Bitte, Adalbert! rief ich. „Er ſah mich mit einem Blicke an, in welchem die volle Gewährung lag. „Laß mich zwei Worte allein mit Eliſabeth ſprechen. „Er reichte mir die Hand und ſprach voll ſanften Vorwurfs: Was frageſt Du? „Und ich eilte hinab und ſuchte nach ihr, im Hauſe und Garten, lange vergeblich. Endlich ſchimmerte von fern ihr himmelblaues Gewand. Sie ſtand bei den blühenden Mandelbäumen, an derſelben Stelle wo ich ——— ſie jüngſt fragte und ſie mir die Antwort ſchuldig geblieben. Ich nahte ihr ungeſehen und rief ſie leiſe bei ihrem Namen. Sie blickte auf und wollte fliehen. „Fürchte nichts, Eliſabeth! ſprach ich ſanft und ruhig. Ich habe mit Adalbert geſprochen und komme, um Abſchied zu nehmen. „Sie erbleichte und antwortete nicht. „Eliſabeth, was ſoll ich's verſchweigen, was Du weißt, und das ja keine Sünde iſt. Ja, ich liebe Dich, wie ſelten eine Sterbliche geliebt worden. Der Traum meiner Liebe iſt mehr ais Traum. Doch er ſprach: Störe meinen Frieden nicht! und gern, gern gehe ich. „Sie wandte das Geſicht abwärts und ſchwieg. „Eine Bitte noch, die letzte und heiligſte, Ge⸗ liebte meines Herzens— ſchenke mir einen Mandel⸗ blüthenzweig. „Sie blieb regungslos und ſchwieg. „Und ich wiederholte: Eliſabeth, einen Mandel⸗ blüthenzweig. „Noch verharrte ſie einige Secunden— da beugte ſie ſich nieder zu den rothen Blumen, brach einen Zweig ab und reichte mir ihn ſchweigend, mit ab⸗ gewandtem Geſicht. „Lange ruhten meine Blicke auf den purpurnen, ſeidenen Flocken, und das blühende, hochtheure Ver⸗ mächtniß ſchwörend zum Himmel hebend, rief ich: „Eliſabeth, noch heut' verlaſſe ich Buchenthal und komme nicht wieder; doch wenn in funfzig Jahren die Mandelbäume wieder blühen und ich noch wandle hienieden— ja, dann will ich noch ein Mal einkeh⸗ ren in Buchenthal und, den treubewahrten Zweig nie⸗ derlegend, ſagen: Siehe, der Traum meiner Liebe war doch mehr als Traum! 156 „Lebe wohl— Eliſabeth!— und ich hauchte den erſten und letzten Kuß auf die Hand der Geliebten meiner Seele. „Am andern Tage war ich zehn Meilen von Bu⸗ chenthal. Mein Beruf war entſchieden. Hatte ſie nicht beigeſtimmt, als ich an jenem Abend begeiſtert ſprach für Freiheit und Völkerwohl? Bald wogte ein Weltmeer zwiſchen mir und den Geliebten. In den Reihen der Edelſten kämpfte ich für die Freiheit und den Frieden, der heutzutage ſegnend ruht über jenen glücklichen Landen von Nordamerika. Der Mandel⸗ zweig blieb mein höchſtes, heiligſtes Gut. Nach lan⸗ gen Jahren erſt, als die Freiheit und Wohlfahrt fröh⸗ lich erblühte aus Schutt und Ruinen, kehrte ich zum Vaterlande. Adalbert und Eliſabeth waren geſtorben, aber nicht meine Liebe zu ihnen. In einem lieben, freundlichen Thale baute ich eine Wohnung und nannte ſie Sancta Eliſabeth; und die Aufgabe meines Le⸗ bens war, ſtets ſo zu handeln, daß ich der ſelig Voll⸗ endeten ſo würdig als möglich werde. Ich habe auf meinem Lebenswege viele edle und ſchöne Seelen ken⸗ nen gelernt: aber einen Adalbert und eine Eliſabeth habe ich nicht wieder gefunden. Als der Abend mei⸗ nes Lebens herannahte und es einſamer um mich ward, nahm ich den Sohn eines Freundes, der im letzten Kriege für die Freiheit Amerika's gefallen war, an Kindesſtatt an. Es iſt mein Erbe Hieronymus. Oft flehte ich zum Himmel, daß er mich den Dortwoh⸗ nenden vereinen möchte; Gott wollte es atders. Und ſo iſt ein halbes Jahrhundert dahingegangens ich bin ein Greis geworden, habe manche Prüfung beſtanden, Vieles verloren auf dem langen Lebenswege; doch das herrlichſte Geſchenk des Himmels— die Liebe, iſt mir geblieben. Und als dieſen Frühling der Man⸗ —— — 1357 delbaum zum funfzigſten Male die goldnen Augen aufſchlug, bin ich daher gewandelt nach Buchenthal mit dem alten Mandelzweige, habe ihn niedergelegt auf Eliſabeth's Grab, und bewieſen, daß der Traum der Liebe doch mehr als Traum ſei.“ Andreas ſchwieg. Die Nacht war herabgeſunken; oben leuchtete der Frühlingshimmel in ſeiner Wun⸗ derpracht. Tiefes Schweigen. Hieronymus hatte die Lampe in der Laube angezündet. Da nahm der greiſe Haushofmeiſter von Buchen⸗ thal das Wort:„So iſt das Gebet langer Jahre doch erfüllt worden; ich habe den heutigen Tag er⸗ lebt und kann meine Botſchaft ausrichten von Eli⸗ ſabeth.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Ihr habt die wahre Urſache von Adalbert's Tode nie erfahren. So wißt, ſeine Liebe zu Euch war ſein Tod. Als Ihr Buchenthal ſchleunigſt verlaſſen vor funfzig Jah⸗ ren, bleichte ſeine Wange von Tag zu Tage. Ein tiefer Seelenſchmerz nagte in ſeinem Innerſten. Es war der Gedanke, Euch hinaus getrieben zu haben über das Weltmeer, in Kampf und Tod. Und als ſeine wiederholten Briefe unbeantwortet blieben, ver⸗ ließ er Gattin und Alle und machte ſich ſelbſt auf den Weg nach dem fernen Lande. O, ſein großes Herz war bereit, das höchſte Opfer zu bringen, das die Freundſchaft zu bieten vermag. Gott wollte es anders. Auf dem Weltmeere übereilte ihn ein Or⸗ kan, der Schiff und Mannſchaft in den Wellen be⸗ grub. Wir ſahen den Edelſten nie wieder. „Lange wagten wir nicht, der hinwelkenden Euiſa⸗ beth die entſetzliche Nachricht mitzutheilen. Endlich mußte ſie es doch erfahren; und wie die Blume, über die der Frühlingsſturm daher brauſt, knickte ſie zu⸗ 158 ſammen. Wenige Stunden vor ihrem Tode mußte ich zu ihr kommen. Sie übergab mir ein verſiegel⸗ tes Schreiben mit der Aufſchrift an Euch. Ich mußte ihr geloben, dafür zu ſorgen, daß, wenn Ihr dereinſt wiederkehren ſolltet nach Buchenthal, dieſer Brief in Eure Hände gelange. Ich habe mein Wort gehalten. Hier iſt er.“ Sprachlos und zitternd empfing Andreas das heilige Vermächtniß; zitternd löſ'te er das Siegel; aber die alterſchwachen Augen vermochten die theuern Züge nicht mehr zu erkennen. Er reichte das Schrei⸗ ben Hieronymus, und dieſer las mit ſeiner ſanften und ſchönen Stimme folgende Worte: „Andreas! Sollte Dich's freuen, wiſſe jetzt, auch ich habe Dich geliebt, wie nur des Weibes Herz auf Erden zu lieben vermag. Als Du eintrateſt in Buchenthal grüßte mich zum erſten Male jener Himmelsſtrahl, den die Menſchen Liebe nennen. Als Du begeiſtert ſprachſt für Freiheit und Menſchenwohl an jenem Abende, gehörte Dir mein Herz für ewig; als Du zu meinen Füßen ſankſt, war es der ſeligſte Augen⸗ blick meines Lebens, und als ich Dir den Mandelzweig ſchenkte, brach mein Herz für immer. Auch ich kämpfte den Rieſenkampf der Liebe mit der Pflicht. Adalbert, Sterblicher, wie ſelten auf Erden gewan⸗ delt, wußte, daß wir uns liebten; aber er zürnte mir nicht, wie er Dir nicht zürnte.— Haſt Du Wort gehalten und vernimmſt Du meine Worte, ja, dann war auch bei Dir der Traum der Liebe mehr als Traum. Unter den blühenden Mandeln im Garten von Buchenthal, wo Du ja ſelbſt einſt ſagteſt, daß ſich's da wohl ruhen müſſe, wirſt Du nich finden. Komm' bald zu uns, Andreas, Hart⸗ n e 159 geprüfter, Bewährterfundener. Deiner warten in ſchöne⸗ rem Lande mit der alten Liebe Adalbert und Eliſabeth.“ Als die Mandeln wieder blühten, erhob ſich neben Eliſabeth's Grabe ein zweiter Hügel. Inmitten der beiden Gräber aber ruhte ein Würfel von weißem Marmor. Darauf ſtanden die Worte: „Der Traum der Liebe— nur ein Traum?! Nein,— mehr als Traum.“ gegenüher. Ein Lebensbild. 2 Stolle, ſämmtl. Schriften. V. 1¹ — 2 E⸗ war eine wilde Winternacht. Unheimlich ſtrich der Nordwind durch die menſchenleeren Straßen; nur hier und da rollte eine wohlverwahrte Karoſſe über das gefrorene Pflaſter. Der junge, reiche und lebens⸗ luſtige Graf Stanislaus gab einen der glänzendſten Bälle der ganzen Saiſon; die Creme des Adels der Reſidenz war geladen. Der Palaſt des hohen Feſt⸗ gebers glich einem Feenſchloſſe. Weithin leuchteten die goldenen Perlen des prachtvoll illuminirten Portals in die Nacht und die Wärme der flammenden Pech⸗ pfannen und zahlreichen bunten Lampen verbreitete, dem harten Winter zum Trotz, eine behagliche Atmo⸗ ſphäre rings um den ſchönen Palaſt. Die aufgeſtell⸗ ten Polizeiwachen hatten alle Mühe, die Volkshaufen zurückzudrängen, welche neugierig heranwogten, um ſich an dem ungewohnten Schauſpiele zu ergötzen. Gewährte aber der Palaſt des Grafen Stanislaus nach Außen einen bezaubernden Anblick, ſo überbot die Einrichtung ſeines Innern Alles, was man in dieſer Art zeither geſehen hatte. Die weiten, reich⸗ geſchmückten Säle glichen einem blühenden Garten Italiens. Die Wohlgerüche der Orangerien und ei⸗ ner ſüdländiſchen Flora durchdufteten die Räume und die glücklichen Beſchauer wurden faſt önnge an Zauberei zu glauben, wenn ſie des nordiſchen Himmels gedachten, der außen ſein eiſiges Haupt 11* 164⁴ ſchüttelte. Graf Stanislaus war einer der Erſten, welcher mit ungeheuerm Koſtenaufwande die ſpäterhin ſo beliebt gewordenen Wintergärten in's Leben rief. Trotz der wohlthuenden Wärme war nirgends ein nordiſcher Ofen zu erblicken; vermöge einer höchſt ſinn⸗ reichen Luftheizung wurden die Räume des ganzen Palaſtes in einer ununterbrochen angenehmen Tem⸗ peratur gehalten. Der erfinderiſche Graf hatte über⸗ dies die intereſſante Einrichtung getroffen, daß man in den an einander grenzenden Sälen und Gemächern eine Wanderung von vielen hundert Meilen inner⸗ halb einer halben Stunde machen konnte. In den zunächſt dem Eingange gelegenen Zimmern blühten die Blumen des mittlern Deutſchlands. Schritt man weiter, erſchloſſen ſich die Glocken und Kelche eines ſüdlichern Himmels. Hier und da leuchtete ein Gra⸗ natapfel im dunklen Laube. Man durchwanderte die kältere Region der Alpen, immer ſparſamer ward die Vegetation, bis ſie endlich erſtarb und nur hier und da eine einſame Alpenblume zurückließ. Bald aber ward es wieder wärmer, die Ausſicht erweiterte ſich, in der Ferne glänzte der blaue Meeresſpiegel und der erſtaunte Wanderer befand ſich im Himmelsſaal Ita⸗ lien, im Lande der Orangen und Madonnen, im Lande des„dolce kar niente“ und der Mollaccorde Bellinis. Durch einige Nebengemächer gelangte man in das klöſterlich⸗ſtille Spanien; Guitarrenklang zitterte durch die Ruinen Alhambras. Da that ſich das Morgen⸗ land auf mit ſeinen Palmen und Minarets, mit ſei⸗ nem Roſendufte und ſeinen Lotosblumen. Vermöge n und kunſtreicher Benutzung der Perſpectiven ward die Täuſchung auf das Ueberra⸗ ſchendſte hergeſtellt. Den Zauber erhöhten künſtlich 165 verborgene Orcheſter, welche charakteriſtiſche Melodien aufſpielten. Einen nicht minder intereſſanten Anblick als die maleriſch decorirten Säle gewährte aber das geladene Ballpublikum und namentlich der weibliche Theil. Die ſchönſten Blumen der nordiſchen Reſidenz ſchweb⸗ ten zephyrartig in Gaze und Spitzen hin und wieder und die zarten in Atlas gekleideten Füßchen ſchienen den Fußboden kaum zu berühren. Die Herrenwelt beſtand größtentheils aus jungen vornehmen Edelleuten in ſtattlichem Balleoſtüm, ſo wie aus Officieren der Garde, deren geſchmackvolle Uniformen weithin durch die Säle funkelten und leuchteten. Der Graf Stanislaus, ein Muſter männlicher Schönheit und vollendeter Cavalier, in die maleriſche Nativnaltracht ſeines Vaterlandes gekleidet, war über⸗ ſäet mit Diamanten und an ſeinen Fingern funkelten Ringe von unſchätzbarem Werthe. Aber nicht blos für das Auge und das Ohr waren Ergötzlichkeiten in reichem Maße geboten, auch für die Befriedigung des Gaumens war überſchwenglich geſorgt. In zahlreichen Büffets, bald in Grotten, in Kiosks, in Lauben reizend angebracht, ſtrömten die ſeltenen Weine ſüdlicher Zonen, und Koch⸗ und Zucker⸗ bäckerkunſt hatten Alles aufgeboten, den eigenſinnig⸗ ſten Gourmand zufrieden zu ſtellen. Es herrſchte ein verklärtes Leben in den Aparte⸗ ments des Grafen Stanislaus. Ueberall Heiterkeit und Frohſinn, Scherz und Laune. Nur hinter den Sälen des Morgenlandes hatte eine finſtere Leidenſchaft ih⸗ ren Sitz aufgeſchlagen. Hier, ganz verſteckt der übri⸗ gen Ballwelt und nur den Eingeweihten bekannt, hielt der italieniſche Graf Fiorello Pharaobank. Tauſende wurden gewonnen und verloren. Bank und Pointeurs 166 gingen mit dem Golde um, als ſeien es eben Rechen⸗ pfennige und wenn dieſer oder jener der Spieler Hun⸗ derte von Louisd'oren verloren, kehrte er, als ſei nichts geſchehen, nach den Ballſälen zurück. Faſt ſämmtliche Gäſte gehörten dem ſehr reichen Adel an. Die Winternacht ward immer grauſiger, die Kälte erreichte eine furchtbare Höhe, die Sterne funkelten doppelt hell durch die eiſige Atmoſphäre. Das gaf⸗ fende Volk vor dem Palaſte hatte ſich verlaufen und die Wachen waren eingezogen worden. Dem Hötel des Grafen Stanislaus ſchräg gegen⸗ über') ſtand ein halbverfallenes hüttenartiges Häuschen, wo die bitterſte Armuth neben Schmerzen und Herze⸗ leid ihr Lager aufgeſchlagen hatte. Unheimlich pfiff der Nordwind durch die übelverwahrten Fenſter, und das ſchwache, dem Erlöſchen nahe Licht einer Lampe beleuchtete ein Bild des höchſten Jammers. Auf ärm⸗ lichem Strohlager lag die todtkranke Mutter und da⸗ neben knieten zwei blaſſe Engel, die eilfjährige Marie und das fiebenjährige Klärchen. In dumpfem Schmerze ſaß in der Ecke der vierzehnjährige Theodor. Das ſchwache Feuer in dem Windöſchen war längſt erloſchen, die letzte Kohle verglommen; immer grimmiger drang die Kälte der Winternacht in die Wohnung. Den ganzen Tag war kein Biſſen Brod in's Haus gekom⸗ men. Vergebens waren Marie und Theodor frierend durch die Straßen und bewohnten Zirkel der Stadt geſchlichen; keine mildthätige Hand hatte ſich geöffnet. Von Kälte erſtarrt, von Hunger gepeinigt, waren die vaterloſen Waiſen mit gefrorenen Thränen zur armen . *) In einigen nordiſchen Hauptſtädten findet man nicht ſelten unmittelbar neben den prachtvollſten Paläſten die ärm⸗ lichſten Hütten. 167 Mutter zurückgekehrt; aber ſie lächelten bei blutendem Herzen, ſagten nichts von ihrem Hunger, um der Todtkranken ihre Leiden nicht zu vergrößern. Von den Thürmen tönte die eilfte Stunde. Wie ein paar roſenrothe Augenblicke waren dem Ballpubli⸗ kum die Stunden der Vormitternacht verfloſſen, wäh⸗ rend wenige Schritte davon im ärmlichen Stübchen die Minuten zu qualvollen Stunden wurden. Noch immer beteten die beiden Mädchen bei der kranken Mutter, noch immer ſaß Theodor froſterſtarrt in der Ecke. Da ſchlug das militäriſche Kommando⸗ wort, welches die Wachen bei dem gegenüberliegenden Palaſt einberief, an ſein Ohr. Ein letzter Hoffnungs⸗ ſtrahl durchzuckte die Bruſt des Knaben. „Vielleicht,“ dachte er bei ſich,„daß es jetzt mög⸗ lich iſt, Eintritt in das Hötel zu erhalten und von irgend einem der goldbetreßten Diener ein Stück Brod zu erflehen.“ Leiſe, damit er Mutter und Schweſtern nicht ſtöre, verließ Theodor die Stube und das Haus. Seine Hoffnung hatte ihn nicht betrogen. Die Wachen wa⸗ ren eingezogen und das ſtattlich beleuchtete Portal ſtand offen. Die furchtbare Noth beſiegte diesmal die ſonſtige Schüchternheit des Knaben. Er betrat zit⸗ ternd die feſtlichen Hallen und gelangte, ohne daß er aufgehalten worden, bis in eine der Gallerien des erſten Stocks. Hier ſtand ein reichgekleideter Herr, welcher ſeinem Kammerdiener eine Menge Goldrollen übergab, die er ſo eben im Spiel gewonnen hatte. Der Herr ſah ſo gutmüthig und menſchenfreundlich aus. Theodor faßte ſich ein Herz; ſank vor ihm auf die Kniee und bat um ein Stück Brod. Der glückliche Spieler warf einen mitleidigen Blick auf die armſelige Geſtalt. 168 „Armer Teufel,“ ſprach er,„Brod hab' ich nicht, aber da, kauf Dir welches.“ Mit dieſen Worten warf er dem Bittenden meh⸗ rere Goldſtücke in die erſtarrten Hände und eilte da⸗ von, um das ihm zulächelnde Glück von Neuem zu verſuchen. Thränen ſtürzten dem glücklichen Knaben aus den Augen, ſo reich, ſo unermeßlich reich war er im Leben nie geweſen. Er ſprang auf, um die Worte ſeines Wohlthäters in Ausführung zu bringen und Brod und Holz zu kaufen. Bald hatte er den Palaſt im Rücken und eilte die kalte öde Straße dahin. Der Gedanke, ſeine Lieben bald ſpeiſen und erwärmen zu können, ſtärkte ſeine todtmatten Glieder. Er langte außer Athem bei dem kleinen Kramladen an, wo ſeine Familie ihre geringen Lebensmittel mit wenigen Kreu⸗ zern zu kaufen pflegte— aber ach, Alles verſchloſſen. Vergebens klopfte und rüttelte die ſchwache Hand lange Zeit an dem Laden. Es war bereits zu ſpät— Niemand öffnete. Eiſig wehte die Nachtluft. Die Mitternachtsſtunde hallte von den Thürmen: Thevdor war in Verzweiflung noch mehre Straßen auf⸗ und abgelaufen. Alle Häuſer, wo am Tage Brod, Fleiſch und Holz in reicher Menge zu finden, waren finſter und verſchloſſen. Die Bewohner lagen im tiefen Schlafe. Rufen und Klopfen vergeblich. Was half dem Armen ſein Gold und ſein Reichthum! Mit der erſten Morgenſtunde erreichte die Kälte eine furchtbare Höhe. Der Athem gefror vor dem Munde und Theodor erreichte nach langem vergebli⸗ chen Umherirren halb todt die Wohnung. Als er in das ärmliche Stübchen trat, war die Lampe erloſchen und rings herrſchte tiefes S t Mutter und Schweſtern ſchlummerten. — 169 Todesmatt ſank der Knabe zu Boden. Die Gold⸗ ſtücke entrollten der erſtarrten Hand und ein unwider⸗ ſtehlicher Schlaf bemächtigte ſich des jungen Dulders. Und draußen ſtieg die Kälte immer höher. Als am andern Morgen der Wirth mit dem Ge⸗ richtsperſonale in das Gemach der Wittwe trat, um die den Miethzins ſchuldende Familie auf die Straße zu werfen, fand er vier Leichen. Der Vater im Him⸗ mel hatte ſich ſeiner von den Menſchen verlaſſenen Kinder erbarmt und ſie zu ſich genommen. Die fun⸗ kelnden Goldſtücke lagen zerſtreut am Boden. „Das Bettelvolk iſt erfroren,“ ſprach gleichgiltig der Hausbeſitzer; aber das Gold erblickend rief er ver⸗ wundert:„Aber warum hat das dumme Volk nicht eingeheizt, es iſt nie reicher geweſen.“ Der Hartherzige, er hatte wahr geſprochen. Die Armen waren nie reicher geweſen als jetzt, wo ſie im Schooße ihres himmliſchen Vaters ruhten. Als nach einigen Tagen Caroſſe an Caroſſe ſich drängte vor dem Palais des Grafen Stanislaus, wo⸗ ſelbſt die Ballgäſte die übliche Viſite abſtatteten, be⸗ gegnete den fluchenden Kutſchern ein einfacher mit einem groben ſchwarzen Tuche überhangener Leichen⸗ wagen, welcher die Särge der armen Familie nach der letzten Ruheſtätte brachte.— DO Du Reicher, wenn die Armuth zu Dei⸗ nen Füßen weint, glaube nicht, Alles gethan zu haben, wenn Du, um loszukommen, leicht⸗ fertig eine Gabe hinwirfſt, ſondern blicke ihr mild in das thränenvolle Auge bevor es bricht, und lege theilnehmend Deine Hand an ihr krampfhaft klopfendes Herz— dann erſt wirſt Du ihr Engel ſein. ——— — — — — . . — * * — — = — — * 3 8 E G