W Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Edunard Otkmann in Gießten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und CCeſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für neitlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TW— Pf W f 2 f. 3 „ P„„ n 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.* . Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Finund Sule ugewth Schr n Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe.“ . Pierter Pand. Leipzig, Ernſt Keil. 1853. Naupoleon i e y Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde von Fordinund Stulle. Dritter Theil. beipzig, r ſt e Erſtes Rapttel. E war am neunundzwanzigſten Oectober; kaum graute der Morgen über dem Makkatamgebirge, als in den Gaſſen und Gäßchen von Cairo ein ungewohntes Hin⸗ und Widerlaufen bemerkbar ward. Aus dunkeln Häu⸗ ſerſchluchten kam verdächtiges Geſindel, das, in Trupps geſchaart, die Gaſſen durchzog und hier und da auf⸗ rühreriſches Geſchrei ausſtieß. Unheimliche Geſtalten, in weite Beduinenmäntel gehüllt, zeigten ſich unter der Menge, dieſelbe zum Aufſtand reizend, Haß gegen die Franzoſen predigend und häufig Geld vertheilend. Bereits um ſieben Uhr zog eine große Maſſe Pö⸗ bel nach der Wohnung des Kadi, eines allgemein ge⸗ achteten Greiſes. Man ſendet eine Deputation in ſein Haus, welche ihn zwingt, zu Pferde zu ſteigen und ihnen zum Obergeneral zu folgen, bei welchem man um Zurücknahme mehrerer jüngſt erlaſſener und das Eigenthum betreffender Maßregeln einkommen will. Unterwegs überlegt der Kadi, daß dies nicht der geeignete Weg ſei, mit der oberſten Regierungsbehörde in Unterhandlung zu treten. Er erklärt dem Haufen, nicht weiter folgen zu können, und ſteht im Begriff, nach Hauſe zurückzukehren. Da reißt das letzte Band der zeither nur mit Mühe aufrecht erhaltenen Ordnung. Stolle, ſämmtl. Schriften. IV. 1 2 Man fällt über die türkiſche Magiſtratsperſon her, reißt ſie vom Pferde, mißhandelt ſie auf die empö⸗ rendſte Weiſe, und ihr Haus iſt das erſte, das einer allgemeinen Plünderung und Zerſtörung anheimfällt. Ueber die Urſache des furchtbaren Aufſtandes möge Folgendes mitgetheilt werden. Seit geraumer Zeit hatten dem engliſchen Intereſſe ergebene Agenten die Eiferſucht einer großen Anzahl untergeordneter Scheiks benutzt, welche Letztere von Bonaparte nicht ſo gut dotirt worden waren, als ihre höher geſtellten Collegen. Das ganze Streben dieſer Scheiks ging daher ſchon längſt dahin, den höhern türkiſchen Beamten das Vertrauen der Bewohner Cairo's zu entziehen, unter dem Vorwande, daß jene den Fran⸗ zoſen verkauft ſeien, nur das Intereſſe des Obergene⸗ rals begünſtigten und die Sache des Volkes gänzlich vernachläſſigten. Zwanzig dieſer aufrühreriſchen Scheiks hatten ſich in der Nacht vom zwanzigſten auf den einundzwan⸗ zigſten October vereinigt und den Beginn des Auf⸗ ſtandes auf den nächſten Morgen feſtgeſetzt. Für dieſen Zweck hatte man, zum Theil mit eng⸗ liſchem Golde, eine große Anzahl ſolcher Individuen gewonnen, die bei einem Aufruhr nichts zu verlieren und nur zu gewinnen haben. Zu dieſen geſellte ſich der von gleicher Raubluſt beſeelte Pöbel. Sogar der Geiſt der übrigen Bevölkerung ſympathiſirte in mehr als einer Hinſicht mit den Aufrührern, da ein Volk gegen fremde Eroberer, die überdies einem fremden Glauben zugethan ſind, trotz aller Vortheile, die aus fremdländiſcher Oecupation für die Eingebornen her⸗ vorgehen, ſtets mißtrauiſch und feindſelig geſtimmt ſein wird. Nachdem der tobende Haufe das Haus des un⸗ 3 glücklichen Kadi geplündert und zerſtört, ergießt er ſich, von Minute zu Minute größer werdend, durch alle Straßen und der Aufruhr wächſt alsbald in's Uner⸗ meßliche. Wuthgebrüll des entfeſſelten Pöbels, Flüche und Verwünſchungen gegen Bonaparte und die Fran⸗ zoſen hallen durch die ganze Hauptſtadt. Alle Häu⸗ ſer und Kaufläden ſind geſchloſſen. Die unglücklichen chriſtlichen Bewohner ſind gezwungen, ſich in ihren Gebäuden förmlich zu verſchanzen. Wehe dem Franzoſen, den ſein unglückliches Ge⸗ ſchick den empörten Haufen auf offener Straße begeg⸗ nen läßt. Er iſt binnen wenig Augenblicken in Stücken zerriſſen. Bereits beginnen die Empörer die Häuſer fran⸗ zöſiſcher Generäle und Inſtitute anzugreifen. So wendet ſich ein Arm des tobenden Menſchenmeeres ge⸗ gen die Wohnung des Generals Cafarelli, der eben mit mehreren Officieren ausgeritten iſt, um die öffent⸗ lichen Arbeiten zu beſichtigen. Heldenkühn vertheidi⸗ gen zwei zurückgebliebene Ingenieurofficiere mit gerin⸗ ger Mannſchaft den Palaſt. Schwer verwundet müſſen ſie weichen. Die Thüren werden geſprengt. Wuth⸗ ſchäumend dringt der Blut und Beute lechzende Haufe ein. Erbarmungslos wüthet ſein mordendes Meſſer unter den waffenloſen Schwerverwundeten. Viele andere Wohnungen der Franzoſen werden auf dieſe Art geſtürmt und zerſtört. Noch immer hat der Platzevmmandant General Dupuis den Auflauf für eine leicht vorübergehende Emeute gehalten. Bald gewahrt er mit Schrecken, daß es ſich um die revo⸗ lutionaire Bewegung der ganzen Hauptſtadt handelt. Er ſteigt zu Pferde und dringt, von ſeinen Adjutan⸗ ten, einem Dolmetſcher und funfzehn Dragonern be⸗ gleitet, obgleich die Straßen vom Volke geſperrt find 56 4 und er häufig inſultirt wird, bis in die Gegend des Frankenquartiers vor. Es gelingt ihm ſogar, mehrere Zuſammenrottungen auseinander zu treiben. Als er in die Straße der Venetianer kommt, wo⸗ gen ihm die empörten Volksmaſſen wilder denn je entgegen und verſperren jeden Ausgang. Seine Er⸗ mahnung zur Ruhe verhallt im Wuthgebrüll. Ein tür⸗ kiſcher Polizeiofficier, welcher ſich dem Gefolge des Generals angeſchloſſen, erkennt jetzt die Unmöglichkeit, den Aufruhr in Güte zu dämpfen, und feuert ſein Gewehr unter den wilden Haufen. Kaum aber iſt dieſer Schuß gefallen, kaum wäl⸗ zen ſich einige der Empörer in ihrem Blute, als die Wuth des Pöbels den höchſten Grad erreicht. Man greift den General und die Seinen von allen Seiten an, will ihn und die Reiter von den Pferden reißen. Da ertheilt Dupuis den Befehl zum Angriff. Mit Einem Male flammen die Klingen von funfzehn Dra⸗ gonern, deren Pferde ſich zu gleicher Zeit zu tummeln beginnen. Die Angreifer prallen zurück und wirklich gelingt es der Handvoll Franzoſen, ſich durch das brandende Meer des Aufſtandes eine große Strecke hin⸗ durchzuſchlagen. Plötzlich erhält General Dupuis einen Lanzenſtich unterhalb der linken Schulter, die Pulsader wird durch⸗ ſchnitten, während man unmittelbar neben ihm ſeinen Adjutanten vom Pferde reißt. Der ſchwerverwundete General reicht die Hand, um ihm wieder auf's Pferd zu helfen. Da entſtrömt das Blut ſeiner Wunde mit ſolcher Getalt, daß es Nacht um ihn wird und das Bewußtſein erliſcht. Nach kurzer Zeit iſt er nicht mehr. Die Armee verliert in ihm einen ihrer bravſten Generale. Jetzt endlich donnern die Allarmkanonen in furcht⸗ 5 baren Schlägen über die empörte Stadt. Ueberall raſſeln die franzöſiſchen Trommeln den Generalmarſch. Die Franzoſen verſammeln ſich im Schloſſe. Der Ge⸗ neral Bon, welcher das Commando übernommen hat, entſendet zahlreiche Colonnen nach allen Hauptpunk⸗ ten. Auf allen Straßen und freien Plätzen beginnt das Gefecht. Der Pulverdampf der Kanonen und des Kleingewehrfeuers umzieht die Thürme und Minarets. Der Pöbel plündert und mordet demungeachtet unun⸗ terbrochen in den Häuſern der Reichen. Bonaparte ſchreitet in den reizenden Gartenanla⸗ gen des Murad⸗Bey zu Gizeh auf und nieder und ergötzt ſich an der reichen Farbenpracht der ſüdlichen Blumenwelt, die in dem ſilbernen Gartenbaſſin lieb⸗ lich wiederſtrahlte; von Zeit zu Zeit fällt ſein Blick hinüber nach der Pyramide des Chevps, auf welcher er die Flagge Frankreichs deutlich zu erkennen vermag— als plötzlich die ſtille Morgenluft durch den Donner eines ſchweren Geſchützes erſchüttert wird. Er beibt einen Augenblick ſtehen, dann verdoppelt er ſeine Schritte nach dem Gartenpavillon. Hier iſt ſo eben ein ſtaub⸗ und ſchweißbedeckter Bote von Cairo angelangt, welcher die Nachricht von dem Aufſtande bringt. Bonaparte hört ihn mit großer Ruhe an und erkun⸗ digt ſich nach verſchiedenen Einzelnheiten. Er erkennt die Gefahr eines Aufſtandes in der Mitte eines feind⸗ lichen Landes in ſeiner ganzen Größe, doch kein Zug verändert ſich in ſeinem Marmorgeſicht. Er befiehlt ſeinen Guiden, aufzuſitzen und ihm nach Cairo zu folgen. In raſchem Trabe geht der Marſch nach der In⸗ ſel Rudah und von da nach der Hauptſtadt. Unun⸗ terbrochen donnern die Kanonen vom Mokkatamgebirge 6 herüber. Bald vernimmt man auch das Geknatter des Kleingewehrfeuers und das Gebrüll eines entfeſſel⸗ ten Pöbels. Als Bonaparte mit ſeinen Guiden an den zunächſt gelegenen Thoren von Cairo anlangt, findet er ſie von zahlloſen Rebellen beſetzt und vertheidigt. Er muß rechts abſchwenken nach dem Thore von Bulak, wel⸗ ches weniger ſtark beſetzt iſt. Bonaparte läßt daſſelbe ſogleich forciren und dringt in die Stadt. So wie er das Schloß erreicht hat, nimmt die Bekämpfung des Aufruhrs einen gewaltigern Charakter an. Bin⸗ nen kurzer Zeit hat er die Verbindung der rebelliſchen Stadtviertel unterbrochen. An allen Eingängen der Hauptſtraßen fahren Batterien auf. Alsbald iſt Cairo in eine einzige Wolke von Pulverdampf gehüllt. Trotzdem vertheidigen ſich die Aufrührer, mit wel⸗ chen ſich nach und nach ein großer Theil der Einwoh⸗ ner vereinigt hat, mit einer ſolchen Hartnäckigkeit, daß Bonaparte alsbald erkennt, hier handle es ſich um ei⸗ nen Kampf auf Leben und Tod. Funfzehntauſend Rebellen haben ſich in die be⸗ rühmte Moſchee El⸗Heazar, die bei allen Aufſtänden Cairo's eine hochwichtige Rolle geſpielt, geworfen, wo ſie ſich verſchanzen und bemüht ſind, durch ausgeſen⸗ dete Emiſſaire den noch ruhig gebliebenen Theil der Bewohner in Aufruhr zu bringen. Von den Mina⸗ rets der weltberühmten Moſchee herab ſind zahlreiche Prieſter bemüht, die Flammen des Aufſtandes zu ſchü⸗ ren und das Volk zur Vernichtung der Ungläubigen aufzureizen. In allen Straßen wüthet der Kampf mit beiſpiel⸗ loſer Wuth. Sobald ein verwundeter Franzoſe den Rebellen in die Hände fällt, wird ſogleich ſein Haupt vom Rumpfe getrennt und auf Lanzen im Triumph — durch die Straßen getragen. Die Franzoſen gebrau⸗ chen Repreſſalien und thun ein Gleiches. Kein Par⸗ don wird gegeben und genommen. Es iſt ein Ver⸗ nichtungskampf zweier Elemente, die ſich den Tod ge⸗ ſchworen. Ein von Salahieh kommender Convoi mit Kran⸗ ken und Verwundeten wird, ſo wie er am Thore von Cairo anlangt, überfallen und, nachdem die ſchwache Eskorte übermannt und zerſtreut, grauſam ermordet. Der Mordkampf währt, ſo lange die Sonne ſcheint, mit ausdauernder Heftigkeit. Als aber die Schatten des Abends ſich über die Straßen Cairo's legen, ſcheint eine Art Waffenſtillſtand zwiſchen den Kämpfenden einzutreten. Die Urſache von Seiten der Rebellen iſt der Umſtand, daß die Morgenländer die Nacht fürch⸗ ten und nie gern im Dunkeln ſtreiten. Den ermat⸗ teten Franzoſen kam dieſer Volksgebrauch ſehr zu Stat⸗ ten. Man befeſtigt das gewonnene Terrain und bi⸗ vouaquirt auf den mit Blut und Leichen bedeckten Straßen. Während der Nacht durchreitet Bonaparte, nur von einem ſeiner Adjutanten begleitet, die von den fran⸗ zöſiſchen Truppen beſetzten Straßen und freien Plätze. Den Mittelpunkt der Empörung, die in gewaltigen Maſſen zum Nachthimmel ſtrebende El⸗Heazar⸗Moſchee, recognoſeirt er von mehreren Seiten. Erſt nach Rit⸗ ternacht kehrt er nach dem Hauptquartier zurück. Schweigend geht er hier eine geraume Zeit, die Hände auf dem Rücken, auf und nieder. Im Hinter⸗ grunde ſtehen, Befehle erwartend, mehrere Generale. Es iſt ein großer, entſcheidender Augenblick. Das Schickſal der ganzen Expedition, das Sein oder Nicht⸗ ſein des franzöſiſchen Heeres ſteht auf dem Spiele. Der ſcharfe Geiſt Bonaparte's verkennt den Abgrund 8 nicht, an welchem er ſteht. Er überſchaut alle Ver⸗ hältniſſe. Nie ſtanden ſie für einen Eroberer mißli⸗ cher. Die Engländer ſind im Begriff, die Seeſtädte anzugreifen. Murad⸗Bey hält ſich noch immer in Oberägypten, trotz der raſtloſen Thätigkeit des ihn ver⸗ folgenden Deſaix. Nur mit Mühe vermag Menou und Dugua Unterägypten im Zaume zu halten. Die Wüſte wimmelt von ſtreitbaren Beduinen, die von Raubluſt und Fanatismus gegen die Franzoſen getrieben wer⸗ den. Sie und die Fellahs ſtehen im Begriff, den Em⸗ pörern von Cairo zu Hülfe zu ziehen. Dazu kommt ein Ferman des Großherrn, der durch Vermittelung der Engländer in zahlloſen Exemplaren in Aegypten verbreitet und in allen Moſcheen verleſen wird, worin die Verſicherung Bonaparte's, daß er mit der Pforte in Freundſchaft lebe, nicht nur für Lüge erklärt und alle Aegypter zum Morde der Franzoſen aufgefordert werden, ſondern auch offen verkündet wird, daß näch⸗ ſtens ein großes, türkiſches Heer erſcheinen und F Ungläubigen in Aegypten vernichten werde. Von dem Beiſpiele der Hauptſtadt hängt Alles. Bonaparte hat ſeinen Entſchluß gefaßt. Er wendet ſich an den Artilleriegeneral Dammartin. „Eilen Sie auf den Mokkatam,“ ſpricht er,„und ſtellen Sie auf dem Raume zwiſchen der Citadelle und der Moſchee El-Heazar eine Batterie von vier Haubitzen.“ Der General gab beſcheiden zu bedenken, daß die⸗ ſen Befehl auszuführen, an die Unmöglichkeiten grenze, da jener Raum von den Rebellen beherrſcht werde. „Ich muß ihn aber haben,“ erwiederte der Ober⸗ general mit dem Fuße ſtampfend, indem ſeine Blicke fortwährend auf dem Plane von Cairo ruhten;„ich S 9 muß ihn haben, Alles iſt verloren. Vier Haubitzen müſſen uns retten.“ Dammartin wagte keine Einrede mehr, ſondern eilte davon, um dem empfangenen Befehle gemäß zu handeln. Bonaparte wandte ſich jetzt an den General Lan⸗ nes, einen ſeiner kühnſten Lieutenants. „Sie, Lannes,“ ſprach er,„werden im Verein mit Devaux und Dumas und mit hinreichender Infanterie und Cavallerie, ſobald der Tag graut, Cairo verlaſ⸗ ſen, um die herbeieilenden Hülfsvölker der Inſurgen⸗ ten zurückzutreiben. Nach meiner Berechnung werden Sie es ungefähr mit fünf bis ſechstauſend Arabern zu thun haben. Nehmen Sie Ihre Maßregeln darnach.“ Erſt nachdem Bonaparte noch eine Menge anderer Befehle ertheilt hatte, gönnte er ſich einige Ruhe. Sorgenvoller war er noch nie ſchlafen gegangen.. Die Rebellen ließen gleichfalls die Nacht nicht un⸗ benutzt vorübergehen. Sie thaten Alles, um ſich zu verſtärken, zu verſchanzen und zu befeſtigen. Haupt⸗ ſächlich ſuchten ſie ſich mit den vom Lande herbeiei⸗ lenden Arabern, Beduinen und Fellahs in Verbindung zu ſetzen. Kaum graute nach einer ſchwülen verhängnißvollen Nacht der Morgen des zweiundzwanzigſten October, als Bonaparte's gegebene Befehle in Ausführung ge⸗ bracht wurden. Die Generale Lannes, Devaux und Dumas rücken aus den Thoren von Cairo und trei⸗ ben die anlangenden auswärtigen Bundesgenoſſen der Empörer zurück. Ein großer Theil derſelben wird in den Nil geſprengt. Unterdeß iſt Bonaparte's Aufmerkſamkeit beſtändig auf die Batterie des Generals Dammartin gerichtet. Von fünf zu fünf Minuten läßt er anfragen, ob die Batterie Poſto gefaßt? Erſt nachdem er die Nachricht 410 erhalten, daß ſie aufgefahren und durch Verſchanzun⸗ gen hinreichend gedeckt iſt, wendet er ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit wieder den in den Straßen vordringenden In⸗ fanteriecolonnen zu. Der Kampf entbrennt von Neuem. Noch hart⸗ näckiger, als am Tage zuvor, vertheidigen die Rebellen ihre Poſitionen. Die Franzoſen ſind häufig gezwun⸗ gen, Haus für Haus zu erobern. Indeß werden ihre Bewegungen ſo zweckmäßig geleitet, und ihre Kriegs⸗ kunſt iſt der ägyptiſchen in ſo hohem Grade überle⸗ gen, daß alle Uebermacht, Fanatismus und Tapferkeit der Morgenländer nicht im Stande ſind, die vordrin⸗ genden Colonnen aufzuhalten. Zu Hunderten ſtürzen die Aegypter unter dem gut und ſicher geleiteten Kanonen⸗ und Gewehrfeuer der franzöſiſchen Bataillone, welchen ſämmtlich als Ziel⸗ punkt die große Woſchee, der Hauptſitz der Empörung, angewieſen iſt. In allen Straßen dringen die Fran⸗ zoſen, Alles, was ſich in den Weg ſtellt, chend, nach dieſem Mittelpunkte vor. Heiß glüht die Sonne über der Sthe Weit hinaus über den Nil nach der Wüſte, bis zu den einſamen Wänden der Pyramiden hallt der Donner der Kanonen. Weit und breit erzittert die Gegend und die Herzen ob des Blutgerichts, welches Bona⸗ parte über die„Mutter der Welt“ hält. Nach einem dreiſtündigen fürchterlichen Blutbade haben ſich die Franzoſen von allen Seiten ſo weit der großen Moſchee genähert, daß ſie ſo gut wie ein⸗ geſchloſſen betrachtet werden kann. Von ihrer Ein⸗ nahme hängt die Entſcheidung des Kampfes, das Schick⸗ ſal der franzöfiſchen Armee und Aegyptens ab. Bonaparte, ſobald er ſiegend vordrang, ſtets groß⸗ müthig und die Hand zur Verſöhnung bietend, läßt — 44 auch den Empörern in der El⸗Heazar Moſchee, wenn ſie ſich unterwerfen, Verzeihung anbieten. Zu dieſem Zwecke begeben ſich der Divan, die vornehmſten Scheiks, die Männer des Geſetzes, nach dem Orte des Todes und der Verwüſtung. Sie laſſen wiederholt die Stimme des Friedens ertönen. Vergebens. Von fanatiſchen Prieſtern, die unermüdlich auf den erhabenen Zinnen der Moſchee umhergehen, zum verzweiflungsvollſten Widerſtande aufgeregt, verwerfen die Empörer jegliche Friedensvorſchläge und ehren die heiligen Rechte der Geſandtſchaft ſo wenig, daß ſie die Friedensboten mit einem Hagel von Kugeln begrüßen. Jetzt iſt die Stunde der Gnade verronnen. Es iſt Nachmittag vier Uhr. Bonaparte gibt ſeinem Stief⸗ ſohne, dem ſchönen Eugen Beauharnais, der zu Pferd neben ihm hält, ein Zeichen. Dieſer jagt im Carriere davon. Es ſind wenige Minuten verfloſſen, da be⸗ ginnt die Eitadelle und die Batterie Dammartin, die keine vierhundert Schritt von der Moſchee El⸗ Heazar ent⸗ fernt, ihr verderbenvolles Feuer. In Hunderten durch⸗ brauſen Bomben, Granaten und Stückkugeln die heiße Atmoſphäre und ſchlagen zermalmend in dem Mauer⸗ werke der kunſtreichen Moſchee nieder. Dieſer glühende, Alles zerſchmetternde Regen hat keine halbe Stunde gewährt, als ſich Tod und Ent⸗ ſetzen unter den Vertheidigern der Moſchee verbreitet. Zu Hunderten werden ſie von den hereinrauſchenden Geſchoſſen und von zuſammenſtürzenden Mauern er⸗ ſchlagen. Nichtsdeſtoweniger denken ſie an Uebergabe. Die Kanonen der Citadelle und hauptſächlich der wegen ihrer Nähe der Moſchee ſo verderblichen Hau⸗ bitzenbatterie donnern ununterbrochen. Die Infante⸗ riecolonnen in den Straßen dringen Schritt vor Schritt näher, ihr Feuer wird verheerender und der Sitz der Empörung immer enger von allen Seiten eingeſchloſ⸗ ſen. Dennoch bleibt ſich die fanatiſche, von den Prie⸗ ſtern entflammte, Vertheidigung gleich. Da mit einem Male— mitten im wildeſten Ka⸗ nonenfeuer— umzieht ſich der Himmel. Die Sonne erliſcht, dunkle Wolkenberge lagern ſich über dieſelbe, und in der Ferne, von der Wüſte herüber, beginnt der Donner, den man Anfangs von dem Kanonen⸗ donner nicht zu unterſcheiden vermag. Mit dem zu⸗ nehmenden Verderben in der mehr und mehr zuſam⸗ menſtürzenden Moſchee, umzieht ſich der Himmel ſchwär⸗ zer, rollt der Donner immer gewaltiger. Die Schläge werden allmälig ſo erſchütternd, daß ſie das Krachen der Batterien übertäuben. Es iſt, als ob ſich der Menſch und der Himmel zugleich gegen die Empörer verſchworen hätten. Hier und da zuckt aus der Wolkennacht ein zündender Blitz in das Häuſermeer, ſo daß die rothe Flammenſäule zum Himmel ſteigt. Dieſe in Aegypten eben ſo ſel⸗ tene, wie gefürchtete Naturerſcheinung eines Nachtge⸗ witters, ſo wie das Verderben, welches die franzöſiſchen Batterien rings verbreiten, bricht endlich den Trotz der Rebellen. Näher und näher raſſeln die Trom⸗ meln der ſtürmenden Colonnen. Näher und näher dröhnen die Kanonen, welche, in Gemeinſchaft mit den Geſchützen der Citadelle und den Haubitzen Dam⸗ martins, ihr Feuer gegen die Moſchee eröffnen. Bereits bricht an mehreren Orten des großartigen Gebäudes die Flamme hervor— da entſenden die rebelliſchen Scheiks eine Deputation an Bonaparte zur Unterhandlung. Mit ernſtem Antlitz ſchaut aus einiger Entfernung der große Feldherr der franzöſiſchen Republik dem furcht⸗ baren Rächeramte zu, welches ſeine Batterien in Ge⸗ meinſchaft mit himmliſchen Blitzen unternommen haben. 13 Als die Deputation der Rebellen bei ihm anlangt, würdigt er ſie keines Blickes und auf ihr Erſuchen, vorgelaſſen zu werden, ſpricht er mit furchtbarer Ruhe: „Die Stunde der Gnade iſt verronnen. Ihr habt die Sache begonnen. Ich werde ſie vollenden.“ Verzweiflung im Herzen kehren die Abgeſandten zurück und die Batterien, die eine kurze Zeit geſchwie⸗ gen, beginnen von Neuem zu donnern. Die Verhee⸗ rungen in der Moſchee und die Entmuthigung nimmt von Minute zu Minute überhand. Und immer näher dringen mordend, ſengend und brennend die ſtürmen⸗ den Colonnen. Man iſt endlich bis an die himmelhohen Portale der Moſchee vorgedrungen. Sappeure räumen die Barricaden hinweg; die eichenen Thürpfoſten werden mit Aexten eingehauen, andere Thüren durch Kanv⸗ nen eingeſchoſſen. Die Verzweiflung der eingeſchloſſenen Empörer hat den höchſten Grad erreicht. Während ein Theil die Flucht ergreifen will, ſucht ein anderer in einem wü⸗ thenden Ausfalle Rettung. Aber überall, wo ſie hin⸗ kommen, ſtarrt ein Wald von Bayonetten entgegen; empfängt ſie die Wuth der Stürmenden, welche ihre ſchändlich gemordeten Kameraden zu rächen haben. Zugleich begreift jeder Franzoſe, daß hier ſeiner ei⸗ genen Rettung wegen an den Empörern ein Exempel ſtatuirt werden muß. Das Blutbad iſt unermeßlich. Haufenweis thürmen ſich die Leichen der Erſchlagenen. In den weiten und prachtvollen Hallen, in den weit⸗ läufigen Gängen und Corridors der großen Moſchee iſt kein Ort, wo nicht Blut fließt. Dazu rollt der Donner des Himmels und der Batterie ununterbro⸗ chen und die Blitze durchflammen in Einem fort die entſetzliche Nacht. 1⁴ Es iſt Abends acht Uhr. Da gibt Bonaparte das Zeichen zum Ende des großen Trauerſpiels. Der Reſt der Rebellen hat ſich auf Gnade und Ungnade und unter dem beſtändigen Nothruf:„Amman, Amman!“ ergeben. Obſchon man ſich in allen Straßen geſchlagen, hat doch nicht die ganze Bevölkerung, vielleicht ab⸗ gehalten durch das Einſchreiten des Himmels, an der Empörung Theil genommen. Bonaparte hält es da⸗ her auch nicht für angemeſſen, die ganze Stadt bü⸗ ßen zu laſſen, und will ſich auf die Beſtrafung der Rädelsführer beſchränken. Von Seiten der Aegypter betrachtet man dieſes gerechte Verfahren als ein Zeichen einer außerordent⸗ lichen Großmuth und preiſt laut den Sultan Kebri. Der Kanonendonner von Mokkatam hallte durch ganz Aegypten wieder und trug nicht wenig bei, die⸗ jenigen Einwohner, vor Allem die der Städte, welche zum Aufſtande geneigt geweſen waren, in Gehorſam und Unterwürfigkeit zu halten. Von jetzt an war das Volk ruhiger und duldete ohne Murren die fremde Herrſchaft. Es faßte endlich ſogar ein gewiſſes Zu⸗ trauen für die Beſieger der Mamelucken. Cairo blieb von nun an ruhig und das Beiſpiel der Hauptſtadt verfehlte, wie in Europa, nicht, ſeinen Einfluß auf die Provinzen auszuüben. Während der beiden Monate, die auf die große Empörung folgten, knüpften ſich neue Bande zwiſchen den Aegyptern und Franzoſen. Europäiſche Kunſt und Induſtrie verſchönerten und bereicherten Cairv. So wurde der Palaſt des Beys nebſt Garten in ein Tivoli umgeſchaffen. Spielſäle, Billards, Kaffeehäu⸗ ſer, Reſtaurationen, ein Leſe⸗Cabinet, Tanzmuſiken, 15 Feuerwerke boten am Geſtade des Nils alle Annehm⸗ lichkeiten der Ufer der Seine dar. Ueberhaupt erhielt die ägyptiſche Hauptſtadt durch den längern Aufenthalt der Franzoſen ein ganz ver⸗ ändertes Anſehen. Der Handel blühte in einer Friſche empor, wie ſie den ſtumpffinnigen Bewohnern der frucht⸗ baren Gegend bisher unbekannt geweſen war. Eiſen⸗ hütten, Gießereien und Manufacturen vervielfältigten die meiſten Erzeugniſſe der europäiſchen Cultur. Man eröffnete Fabriken zur Anfertigung von Schießpulver und auf den Höhen des Mokkatam drehten ſich zum erſten Male Windmühlen vor den Augen der erſtaun⸗ ten Aegypter. So beſtätigt ſich das alte Sprichwort abermals, daß man durch Kunſt und Wiſſenſchaften dauern⸗ dere Eroberungen gründet, als durch die Gewalt des Schwertes Zweites Rapitel. Ernſ und einſam erheben ſich auf der Grenze Aſiens und Afrika's, unfern des Hafens von Suez, zwei Säulen von rothem Granit, gewaltige Markzeichen aus alter Zeit. Seit Jahrhunderten ſcheint die Sonne zweier Welttheile auf die kahlen Scheitel hernieder, treibt der Kamſin den glühenden Wüſtenſand vorüber. Schweigend ſtarren die rothen Steinmaſſen in das Meer der Wüſte, welche das Land Aegyten ſcheidet von dem palmenfröhlichen Paläſtina. Am Fuße der einen Säule ruhte, das Haupt auf den Arm geſtützt und das Geſicht nach dem Morgen⸗ 16 lande gewendet, in große Gedanken und Erinnerun⸗ gen verſunken, Napoleon Bonaparte. Das kleine Häuflein ſeiner Getreuen, nur aus einer Escorte Guiden und einigen Dragonern beſtehend, lagert in geringer Entfernung. Man iſt beſchäftigt, aus dem nahgelegenen ſchönen und tiefen Brunnen Refah ſich mit Waſſer zu verſorgen und von dem beſchwerlichen Wüſtenmarſche zu ergquicken. Der Krieg mit dem Morgenlande iſt entſchieden. Nachdem alle Friedensverſuche Bonaparte's bei der ho⸗ hen Pforte geſcheitert ſind, hat der franzöſiſche Feld⸗ herr den kühnen Plan gefaßt, die Offenſive zu ergrei⸗ fen, Syrien zu erobern und je nach den Umſtänden gegen Conſtantinopel oder nach Indien vorzudringen. Die Hälfte ſeiner Armee zur Behauptung Aegyptens zurücklaſſend, iſt er mit der andern gegen die Wüſte aufgebrochen. Seine Soldaten marſchiren in' mehre⸗ ren Colonnen. Die Diviſion Kleber bildet die Avant⸗ garde. Ihr zunächſt folgt Bonaparte mit einer Es⸗ corte Guiden und einem Detachement Dragonern. Als der Feldherr mit ſeinen zum Tod ermatteten Beglei⸗ tern an den beiden Säulen anlangt, die Aſien und Afrika ſcheiden, findet er keine Spur von vergoſſenem Waſſer; der Brunnen Refah ſcheint unberührt; ſchon einige Meilen rückwärts hat man mit Erſtaunen wahr⸗ genommen, daß die Gruben, in denen die Araber ihr Getreide, Stroh und Wurzeln verbergen, nicht auf⸗ gewühlt ſind; Alles Zeichen, daß die Kleber'ſche Avant⸗ garde ihren Weg verfehlt hat. Die Stirn Bonaparte's umzieht ſich düſtrer, als die nach allen Seiten ausgeſchickten Kundſchafter von der vermißten Diviſion keine Nachricht bringen. Er ſpringt von dem Platze, wo er geruht hat, auf, und 17 läßt ſelbſt ſeine Blicke nach allen Himmelsgegenden über die nackten Strecken der Wüſte dahin ſchweifen. Da bemerkt er nach einiger Zeit am öſtlichen Ho⸗ rizonte, daß eine Abtheilung Cavallerie aufreitet. Iſt es Kleber oder find es Feinde? Sogleich befiehlt er ſeinen Guiden aufzuſitzen und ihm zu folgen. Bald umhüllt Wüſtenſtaub die raſch dahin tra⸗ benden Reiter. Plötzlich hält Bonaparte ſein Pferd an und überſchaut die Gegend. In einiger Entfer⸗ uung iſt ein Dorf ſichtbar geworden. Es führt den Namen Kan⸗Schunes und iſt die erſte Ortſchaft Pa⸗ läſtina's; die Wüſte ſcheint zu Ende, der Horizont begrenzt ſich mit Palmen. Bonaparte reitet mit ſeinen Guiden und Drago⸗ nern weiter vor. Bald gewahrt man, daß die in ei⸗ niger Entfernung aufgerittene Cavallerie nicht aus Landsleuten, ſondern aus einem Detachement Mame⸗ lucken beſteht, welches die anrückenden Franzoſen zu beobachten ſcheint. Aber wer beſchreibt das Erſtau⸗ nen der Letztern, als ſich plötzlich, eine Stunde von Kan⸗Schunes, das Lager des Paſcha Abdallah, wel⸗ cher den Eingang nach Syrien beſetzt hält, vor ihren Blicken ausbreitet. Sämmtliche Officiere rathen zur ſchleunigſten Um⸗ kehr. Bonaparte hört ſie ſchweigend an. „Nein,“ ſpricht er nach einiger Ueberlegung,„un⸗ ſere Flucht am hellen Tage würde halb Aſien nach ſich ziehen. Wir müſſen vorwärts!“ Er rückt raſch und kühn gegen das Dorf vor und wirft einen Theil ſeiner ſchwachen Escorte in daſſelbe. Das Detachement Mamelucken ergreift die Flucht und eilt in das Lager des Paſcha's. Hier hält man den feindlichen Reitertrupp für die Spitze der franzöſiſchen Stolle, ſämmtl. Schriften. 1V. 2 18 Armee und hütet ſich wohl, ſeine Stellung zu ver⸗ laſſen und angriffsweiſe zu Werke zu gehen. Bonaparte überzeugt ſich jetzt auf das Entſchie⸗ denſte, daß ſein Heer in der Wiüſte ſich verirrt hat. Unter dieſen Umſtänden iſt es tollkühn, Kan⸗Schunes zu behaupten. Als daher die Dunkelheit hereinbricht, entſchließt er ſich zum ſchleunigſten Rückzuge. Von tauſend Vermuthungen und Zweifeln gequält, langt er wieder in Afrika beim Santon des Scheik Zoe an. Abermals entſendet er Dragoner nach al⸗ len Richtungen. Kurz nach Mitternacht wird ein Ara⸗ ber eingebracht, welcher ausſagt, daß ein Heer,„zahl⸗ reicher denn die Geſtirne des Himmels“ den Weg nach Mekka ziehe. Augenblicklich beſteigt Bonaparte ſein Dromedar und reitet, von dem Araber geführt, in die Nacht, um General Kleber aufzuſuchen. Nach einiger Zeit trifft man auf mehrere zum Tode ermattete Dragoner. Von ihnen erfährt man, daß die franzöſiſche Avant⸗ garde, durch treuloſe Führer getäuſcht, in der Wüſte ſich verirrt habe. Bonaparte, unermüdlich in ſeinen Nachforſchungen, ſetzt ſeine Reiſe fort und erreicht nach abermaligem mehrſtündigen Marſche glücklich die ver⸗ irrte Diviſion. Aber in welchem Zuſtande findet er ſie! In ſiche⸗ rer Erwartung des Todes vor Durſt und Ermattung hat ſich die höchſte Verzweiflung der Krieger bemäch⸗ tigt. Eine große Anzahl der jüngern Soldaten hat ſogar ihre Flinten zerbrochen. Der unerwartete An⸗ blick des Obergenerals belebt alle Herzen. Selbſt die Ermattetſten erheben ein Freudengeſchrei. Der Feldherr reitet an die mit Wüſtenſtaube be⸗ deckten Colonnen heran. Er verkündigt ihnen Trink⸗ waſſer und Lebensmittel. 19 „Noch wenige Stunden,“ ruft er,„und wir ſind in dem gelobten Lande, wo Euch Erquickungen aller Art erwarten. Aber ſelbſt wenn die Beſchwerden der Wüſte noch länger gedauert hätten, ſo war dies noch kein Grund, den Muth zu verlieren. Soldaten müſſen lernen mit Ehre ſterben!“ Zu andern Bataillonen ſpricht er: „Die Wüſte zu bezwingen, gilt einer Schlacht gleich. Ein ſolcher Sieg fehlte zeither Eurer Ge⸗ ſchichte, Ihr Veteranen von Lodi. Was Euch quält, iſt auch meine Qual. Ich leide Durſt wie Ihr.“ Den nächſten Tag langen auch die übrigen Di— viſionen unter Lannes und Bon an. Hierauf über⸗ ſchreitet die vereinigte Armee die Grenzen Syriens. Abdallah⸗Paſcha hat ſich nach Gaza zurückgezogen. Nach einem achtzig Stunden langen Wüſtenmarſche gehen vor den entzückten Augen der franzöſiſchen Krie⸗ ger die blühenden Landſchaften Paläſtina's auf. Es iſt, als erwarte hier ein gaſtlich Volk, unter grünen Zelten wohnend, Gäſte. Gleichwohl naht der Soldat nur mit bangendem Herzen dem ſchönen Lande. So oft durch das Geſpenſt der Wüſte getäuſcht, fürch⸗ tet er jeden Augenblick, daß der Abendwind das Zau⸗ berbild entführen werde. Doch bald unfaſſen die zuerſt angelangten Krieger liebebrünſtig die Palmen⸗ bäume. Sie ſchütteln den Gluthſtaub des Kamſin von ihren Füßen und marſchiren mit einer Fröhlichkeit vorwärts, als beträten ſie das Vaterland. Nach einem leichten Scharmützel fällt das im Al⸗ terthume ſo berühmte Gaza, das nur noch aus drei Dörfern beſteht, dreitauſend Bewohner zählt und inmitten von Olivenwäldern gelegen iſt, den Franzoſen in die Hände. Abdallah⸗Paſcha zieht ſich mit ſeinen 2* Türken und Mamelucken, ohne eine Schlacht anzuneh⸗ men, auf Jaffa zurück. Die zwei Tage Ruhe, welche man dem Heere in Gaza gewährt, läßt bald alle überſtandenen Mühſe⸗ ligkeiten vergeſſen. Es iſt nicht mehr der klare, bren⸗ nende Himmel Aegyptens, welcher herabſchaut; Wolken bedecken von Zeit zu Zeit den Horizont; die Hitze iſt gemäßigt. Von dem Gebirge des Libanon rollt majeſtätiſch der Donner. Ein balſamiſcher Regen träu⸗ felt auf die zahlreichen Oelbäume, Datteln, Citronen und Granaten hernieder. Je weiter das Heer nach Jaffa vorrückt, deſto mehr geht das Land der Wunder auf. Man kommt an Städten und Ortſchaften vorüber, deren ewige Namen in den Schriften des alten Bundes verzeichnet ſtehen. Seit der letzte Kreuzritter, welcher dem Schwerte Solimans entrann, ſich an Jaffa's Strande einſchiffte, herrſchte tiefes Schweigen auf dieſen heiligen Hügel⸗ reihen. Stumm floſſen die Wellen des Hebron und des Jordan. Des Halbmonds eiſerne Tyrannei herrſchte ſeit Jahrhunderten in dieſen von Gott geſegneten Lan⸗ den und mit ſtumpfer Gleichgültigkeit ging der brutale Türke durch Libanons Cedern. In der Nacht des erſten März lagert das Heer in Ramlay, dem alten Arimathia, eine kleine Stadt, kaum an zweihundert Familien zählend, die faſt alle Chriſten ſind. Von hieraus marſchirt man nach Jaffa, dem alten Joppe, das der nächſte Hafen des Mittelmeeres bei Jeruſalem iſt, welches letztere nur funfzehn Stunden entfernt liegt. Dieſer Platz iſt der Schlüſſel zu Sy⸗ rien, mit hohen Mauern umgeben, und zählt eine fünf⸗ 2¹ tauſend Mann ſtarke, aus allerlei Volk beſtehende Beſatzung. Bonaparte befiehlt die Laufgräben zu eröffnen, die franzöſiſchen Batterien beginnen ihr Feuer und nach⸗ dem Breſche geſchoſſen, wird der Beſatzung eine Auf⸗ forderung zur Uebergabe zugeſchickt. Man verſpricht den Belagerten freien Abzug und Schutz. Zu gleicher Zeit wird franzöſiſcher Seits das Feuer eingeſtellt. Ein Türke iſt der Ueberbringer der Aufforderung. Statt aller Antwort läßt der türkiſche Befehlshaber dem Parla⸗ mentair den Kopf abſchlagen. Auf einen Spieß ge⸗ ſteckt erhebt ſich das blutige Haupt des unglücklichen Boten über den Mauern. Jetzt iſt das Schickſal Jaffa's entſchieden. Sämmtliche franzöſiſche Batterien beginnen ein verheerendes Feuer. Sechs Stunden ſchießt man Breſche, worauf die Diviſivn Lannes Befehl erhält, die Stadt zu ſtürmen. Die Carabiniers der zweiundzwanzigſten leichten Halbbrigade eilen voran und erſteigen den Mauer⸗ bruch. In dem Augenblicke aber, wo ſie in die Stadt eindringen, demaskirt die muſelmänniſche Beſatzung zwei Batterien und hat ihre ſämmtlichen Scharfſchützen hinter benachbarten Mauern vereinigt. Ein mörderi⸗ ſcher, hartnäckiger Kampf entſpinnt ſich auf den zer⸗ trümmerten Wällen. Man ſtreitet Mann gegen Mann. Die Franzoſen haben es mit Nationen von halb Afien und Afrika zu thun. Die Beſatzung beſteht aus einem bunten Gemiſch von Türken, Mamelucken, Mogrebinen, Albaneſen, Kurden, Natoliern, Damascenern, Aleppi⸗ nern, Syrern, Karamaniern, Aegyptern, Negern und andern Völkern, welche alle von demſelben Fanatis⸗ mus und Haß gegen Europäer und Chriſten beſeelt ſind. Weiber und Kinder vermiſchen ihr Geheul und 22 Geſchrei mit dem Geräuſch der Waffen und ſchleudern Steine und Feuerbrände auf die Stürmenden. Mit welch' verzweifelter Tapferkeit letztere auch wiederholt vordringen, eben ſo oft werden ſie zurückgeworfen. Der Erfolg bleibt eine lange Zeit unentſchieden. Plötzlich erhebt ſich unerwarteter Tumult und Ge⸗ wehrfeuer im Rücken der Muſelmänner. Von einer entgegengeſetzten Seite iſt es einer zweiten franzöſi⸗ ſchen Diviſion gelungen, in die Stadt zu dringen. Tod und Verderben verbreitend, ergießt ſie ſich in die Straßen. Die Verzweiflung verleiht den Belagerten neue Kräfte. Ein noch furchtbarerer Kampf erhebt ſich. Jedes Haus wird zur Feſtung und muß erobert werden. Ein Theil der Stürmenden klettert von Dach zu Dach, andere Colonnen bemächtigen ſich einer Straße nach der andern. Ein Hagel von Kugeln, Steinen und Gemäuer ſtürzt von den Dächern auf die Kämpfen⸗ den hernieder. Wiederholt wird die auf allen Punkten zurückge⸗ drängte Garniſon zur Uebergabe aufgefordert. Der von Chriſtenhaß entflammte Fanatismus der Muſel⸗ männer mag von keinem Pardon wiſſen. Der Kampf wüthet fort. Da geht endlich der Zorn des franzö⸗ ſiſchen Kriegers in Raſerei über. Die letzte Schonung entflieht der Bruſt. Es entſteht ein Morden, wie ſolches die Geſchichte zur Ehre der Menſchheit nur ſel⸗ ten aufzuweiſen hat. Vergebens entſendet Bonaparte ſeinen Stiefſohn Eugen und andere Officiere, um dem Blutbade Einhalt zu thun. Aber kein Bittwort, kein Commandoruf vermag die entfeſſelte Soldateska von ihrer Blutarbeit zurückzuhalten. Alles, was von ei⸗ nem Weibe geboren, fällt unter franzöſiſchen Säbeln, Kolben und Bayonetten. Weder Alter noch Geſchlecht hat Anrecht auf Schonung. Ein Schlachten iſt's im ſchaudererregendſten Sinne des Wortes. Allmälig verſtummt das Allahgeſchrei, der Wider⸗ ſtand wird ſchwächer. Der franzöſiſche Soldat iſt des Mordens müde. Der Reſt der Beſatzung wirft die Waffen von ſich und fleht um Gnade. Er wird ge⸗ fangen genommen. Als der Abend herabſinkt, iſt Jaffa in franzöſiſchem Beſitze. Die Schrecken der Plünderung währen vierund⸗ zwanzig Stunden. Jammergeſchrei gemißhandelter Ein⸗ wohner tönt aus zahlreichen Wohnungen. Aber iſt es doch, als wolle ein böſer Geiſt alle Schrecken des Kriegs über die unglückliche Stadt aus⸗ ſchütten. Als man die Gefangenen Bonaparte vor⸗ führt, wird dieſer heftig bewegt. „Was ſoll ich mit ihnen machen?“ ruft er mit durchdringender Stimme,„habe ich Lebensmittel, ſie zu nähren, habe ich Fahrzeuge, ſie nach Aegypten oder Afrika überzuſetzen? Wie konnte man mir dieſe Un⸗ glücklichen vorführen?“ Die Adjutanten erinnern an den Auftrag der Menſchlichkeit, den ſie von ihm ſelbſt empfangen haben. Bonaparte läßt die aus Damaskus, Aleppo und andern ſyriſchen Orten gebürtigen Gefangenen, ſo wie die Aegypter ausſuchen und entſendet ſie in ihre Hei⸗ math; den Reſt, der aus Albaneſen beſteht, läßt er, nachdem er drei Tage lang mit ſich berathſchlagt und vergebens auf Schiffe und günſtigen Wind gewartet, niederſchießen. Das Erſchießen wehrloſer Gefangenen muß mit Schauder erfüllen. Gleichwohl iſt dieſe Handlung dem Kriegsrechte vollkommen angemeſſen. Dieſe Arnauten oder Albaneſen hatten zum großen Theil die Beſatzung von El⸗Ariſch gebildet, welcher Ort noch vor Gaza gleich bei Beginn des ſyriſchen Feldzugs von den Fran⸗ zoſen war genommen worden. Man hatte ſie auf ihr Wort, nicht wieder in gegenwärtigem Feldzuge zu die⸗ nen, freigelaſſen; gleichwohl hatten ſie ſich ſogleich wieder mit den Türken vereinigt, die Beſatzung von Jaffa verſtärkt und durch ihren verzweifelten Wider⸗ ſtand einer großen Anzahl Franzoſen das Leben ge⸗ koſtet. Hätte man ſie freigelaſſen, ſo würden ſie, wie von El⸗Ariſch nach Jaffa, von da nach St. Jean dAere gezogen ſein, die dortige Beſatzung verſtärkt haben und ſo den Franzoſen neuen Schaden zugefügt haben. Die Pflicht gegen die eignen Soldaten machte es daher zur eiſernen Pflicht, das Leben dieſer Ge⸗ fangenen nicht zu ſchonen. Hätte es Bonaparte nicht gethan, ſo würde er mit Recht beſchüldigt worden ſein, das Heil ſeines Heeres aus thörichter Großmuth und Unvorſichtigkeit blosgeſtellt zu haben. Im Beſitze Jaffa's überläßt ſich Bonaparte mit gewohntem Eifer ſeinen zahlreichen Arbeiten und An⸗ ordnungen, während die Armee von den heißen Kämpfen ausruht. Er macht einen Verſuch, die Bewohner Pa⸗ läſtina's für ſich zu gewinnen. Er bietet allen Scheiks und Ulemas die Friedenshand, während er ſchwere Drohungen gegen Diejenigen erläßt, die die Ab⸗ ſicht haben, ihm feindſelig entgegen zu treten. Auch dem Paſcha von Syrien, der ſeiner Grau⸗ ſamkeit halber den Namen Djezzar oder der Schläch⸗ ter führt, bietet er die Hand zum Frieden und zur Verſöhnung. Der Schlächter läßt ſtatt der Antwort nach gewohnter Weiſe den Friedensboten in's Meer werfen. Während Bonaparte mit Organiſation des erober⸗ ten Landes beſchäftigt iſt, und ſein Adlerblick bald über Syrien, bald über Aegypten ſchweift, bald die feindſeligen Bewegungen der Engländer, welche Ale⸗ randrien blockiren, beobachtet, erſcheint plötzlich ein neuer Feind, furchtbarer denn alle übrigen. Die Peſt Bereits ſeit die Armee Aegypten verlaſſen, haben ſich wiederholt Spuren dieſer Entſetzen erregenden Krankheit gezeigt. Bei der Belagerung Jaffas ſind Kranke an einem peſtartigen Uebel geſtorben. Bläuliche Beulen und brandige Blutflecke haben ſich an den Leichnamen gezeigt. Die Erſtürmung der Stadt, in welcher die Peſt herrſcht, hauptſächlich die Unvorſichtigkeit der plündernden Soldaten, ſich ver⸗ veſteter Kleidungsſtücke zu bemächtigen, haben die Ver⸗ breitung der Krankheit unter dem Heere außerordent⸗ lich befördert. Eines Tages erhebt ſich im Lager ein fürchterlicher Lärm. Schrecken erfaßt die Bruſt der Beherzteſten. Das Geſchrei, es ſeien mehrere Soldaten beim Spa⸗ zierengehen plötzlich todt niedergeſtürzt, dringt in das Zelt des Feldherrn. Dieſer läßt ſogleich Nachfor⸗ ſchungen anſtellen. Es ergibt ſich, daß türkiſche Kran⸗ kenwärter während der Nacht Verſtorbene aus Nach⸗ läſſigkeit vor das Thor geworfen haben. Bonaparte, der zeither durch die Aerzte die vor⸗ gekommenen Peftfälle nur für Ergebniſſe eines epi⸗ demiſchen Fiebers erklärt hat, erkennt ſogleich, daß wenn die Wahrheit bekannt werde, dieſelbe von un⸗ berechenbar verderblichen 52 gen für ſein Heer ſein müſſe. Er ſußt in dieſer Lage einen der großherzigſten Entſchlüſſe, der allein ſchon hinreichen würde, ſeinen Namen in der Geſchichte zu verewigen. „Folgen Sie, meine Herren,“ ſpricht er zu den ihn umſtehenden Generalen,„ich werde ſelbſt den Be⸗ weis liefern, daß es nicht die Peſt iſt.“ Er ſchreitet ſofort, gefolgt von ſeiner Suite und dem Oberarzte Desgenettes, nach dem Hospitale, worin 26 ſich die Verwundeten befinden. Nachdem er hier eine Zeit lang ſich aufgehalten, dieſem und jenem Troſt zugeſprochen und einen Beutel voll Piaſter vertheilt, ſchreitet er nach den Sälen der Peſtkranken. Mit geheimem Schauder, die Taſchentücher vor dem Munde, folgen die Oberofficiere in die giftge⸗ ſchwollene Atmoſphäre. Langſam, die vollkommenſte Ruhe auf dem Antlitz, wandelt Bonaparte die Säle des Jammers und Schreckens auf und nieder, hier und da ſtehen bleibend und ſich nach den geringfügigſten Details der Anſtalt erkundigend. Er ſpricht mit dieſem und jenem der Peſtkranken und mit Entſetzen gewahren die ihn begleitenden Ge⸗ nerale, wie er ſogar die verderbenvollen Beulen eines der Kranken berührt, indem er laut ausruft:„Da ſeht Ihr, daß es nichts iſt!“ Nach faſt zweiſtündigem Aufenthalt verläßt er die Hospitäler. Die Generale Berthier und Beſſieres, die ſich in ſeiner nächſten Umgebung befinden, ſprechen jetzt unverholen ihre Mißbilligung über das große Wagſtück aus. Der große Mann blickt ſie mit ſeinem Adlerauge ſtreng an. „Ich habe meine Pflicht gethan,“ ſpricht er kalt; „ich bin Feldherr!“ Da man ſich nicht allzufern von Jeruſalem befin⸗ det, wird Bonaparte gefragt, ob er es nicht vorzöge, durch dieſe berühmte Stadt zu ziehen. 3 „Nein,“ erwiedert er,„keinesfalls; Jeruſalem liegt nicht auf meiner Operationslinie. Ich will nicht mit Bergvölkern in ſchwieriger Gegend es zu thun haben. Ueberdies würde ich mich zahlreichen Caval⸗ lerieangriffen ausſetzen. Ich geize nicht nach dem Schickſal des Craſſus. Saint Jean dAere iſt das Ziel unſerer Beſtrebungen.“ 27 Demnach ſetzt ſich das Heer von Jaffa aus nach dieſer wichtigſten Feſtung des Orients in Bewegung. Drittes Rapttel. Tänger denn vier Wochen bereits lagert das franzö⸗ ſiſche Heer vor den Mauern von Saint Jean d'Acre, dem alten Ptolomais, und weder der ausdauernden Tapferkeit ſeiner Bataillone, noch dem Kriegsgenie eines Bonaparte will es gelingen, dieſen Schlüſſel Syriens zu erobern. Je leichter man ſich Anfangs nach dem Beiſpiele von El-Ariſch, Gaza und Jaffa die Hinwegnahme dieſes Platzes gedacht, um ſo grö⸗ ßere Schwierigkeiten ſtellen ſich entgegen; und dieſelben Soldaten, denen ſich vor Jahresfriſt die Thore der gewaltigen Bollwerke der Lombardei öffneten, finden ſich hier plötzlich in ihrem Siegeslaufe aufgehalten. Der Hauptgrund der Unbezwinglichkeit dieſer aſia⸗ tiſchen Feſtung beruht lediglich in dem Talente und dem Charakter der beiden Männer, die die Vertheidi⸗ gung leiten. Es ſind dies der bekannte Engländer Sir Sidnei Smidt und ſein Freund Philippeaux, ein emigrirter Franzoſe und ausgezeichneter Ingenieur⸗ Officier. Der Erſtere hat einen Theil von der Be⸗ ſatzung ſeiner im Hafen liegenden Schiffe zur Bedie⸗ nung der Batterien hergegeben und Letzterer erſchöpft ſich in den geiſtreichſten Combinationen, den Platz durch neue Fortificationen immer unbezwinglicher zu machen. So kommt hier der in der Kriegsgeſchichte gewiß ſeltene Fall vor, daß zwei Franzoſen“) um *) Und überdies Mitſchüler, denn Philippeaux befand ſich mit Bonaparte auf der Kriegsſchule zu Brienne. den Beſitz einer aſiatiſchen Feſtung gegenſeitig ihr eminentes Talent aufbieten. Zahlreiche Stürme und Ausfälle ſind von beiden Seiten unternommen und zurückgeſchlagen worden. Hauptſächlich fehlt es den Franzoſen an Belagerungs⸗ geſchütz; denn der Haupttransport, der zu Waſſer an⸗ langen ſollte, iſt den Engländern in die Hände ge⸗ fallen. Bonaparte hat ſich daher genöthigt geſehen, anderes Geſchütz aus Aegypten herbeizuſchaffen und dem Capitain Camille Renouard iſt der wichtige Auf⸗ trag geworden, die Herbeiſchaffung zu beſchleunigen. Trotzdem, daß die Fahnen einer civiliſirten Nation mit auf den Zinnen von Saint Jean d'Aere wehen, läßt ſich der hier reſidirende Djezzar⸗Paſcha in ſeiner bekannten Grauſamkeit nicht ſtören. Nicht nur, daß er den von Bonaparte entſendeten abermaligen Frie⸗ densboten, den franzöſiſchen Officier Mailly, gegen alles Völkerrecht hat tödten und in's Meer werfen laſſen, ſo werden auch ſämmtlichen Franzoſen, die, bei den Stürmen verwundet, den Türken in die Hände fallen, die Köpfe abgeſchnitten und ihre Körper in's Meer geworfen. Der Paſcha ſelbſt ſitzt auf offenem Markte und bezahlt jeden Kopf, den man ihm bringt, mit einem Piaſter. Dieſe blutigen Trophäen werden eingeſalzen und kiſtenweis nach Conſtantinopel geſandt. Bonaparte iſt ſveben nach einem abermals abge⸗ ſchlagenen Sturme in ſehr verdüſterter Stimmung nach ſeinem Zelte zurückgekehrt und hat den Ingenieur⸗ General Caffarelli⸗Dufalga zu ſich rufen laſſen, um mit ihm über neue Belagerungsvperativnen zu berath⸗ ſchlagen, als zwei Boten anlangen, der eine von einem befreundeten Scheik des Libanon, der andere vom Ge⸗ neral Junot, welcher mit einem Detachement bei dem nicht fern gelegenen Nazareth ſteht. 29 Beider Ausſagen ſtimmen überein, daß es dem Paſcha von Damaskus, dem bereits früher erwähnten Abdallah, gelungen, halb Afien gegen die Franzoſen unter die Waffen zu rufen und daß dieſer mit uner⸗ meßlicher Heeresmacht, hauptſächlich aus Cavallerie beſtehend, daher ziehe, um die Belagerer von Sz Jean d'Acre zu vernichten. 8 4 Sogleich läßt Bonaparte den General Kleber dufen und entſendet ihn mit funfzehnhundert Mann zur Unterſtützung Junots. Nach einigen Tagen bittet Kleber, nachdem er ſich tapfer mit zahlreichen feindlichen Abtheilungen her⸗ umgeſchlagen, um Unterſtützung und Munition. Er berichtet, daß die Hauptarmee des Feindes, mit zwan⸗ zigtauſend Mann Cavallerie und von mehreren Pa⸗ ſcha's befehligt, im Anzuge ſei. Da langt Camille Renouard, von Jaffa kommend, mit der erfreulichen Botſchaft an, daß es dem Admi⸗ ral Parée gelungen, zahlreiches Belagerungsgeſchütz und Munition an's Land zu ſetzen. Bonaparte's Stirn heitert ſich auf. Er empfängt Camille mit beſonderm Wohlwollen. „Ihr ſeid ein glücklicher Bote, Renouard,“ ſpricht er,„beſorgt darum dieſes Schreiben an Kleber nach Nazareth; ſagt ihm, daß Euch Verſtärkung auf dem Fuße folge, daß er womöglich ſo manövriren ſolle, den Feind, deſſen Plan ich durchſchaue, vom Jordan abzuſchneiden. Sagt ihm, daß er im Falle der Noth auf mich zählen kann; daß, wenn es nöthig iſt, ich ſelbſt aufbrechen und ihm zu Hülfe kommen werde. Der Berg Tabor wird der Zeuge ſeiner Thaten ſein.“ Zu gleicher Zeit erhält General Murat Befehl, mit tauſend Mann aufzubrechen und ſich auf Umwe⸗ gen der Taborbrücke zu bemächtigen. 30 Nochmals überfliegt Bonaparte's Blick die Karte von Syrien. Dann ſpricht er:„Herr Abdallah dürfte es bereuen, uns einen Beſuch abgeſtattet zu haben.“ Bereits nach Verlau einer Viertelſtunde ritt in ſcharfem Trabe Camille nhlard, von dem getrenen Nurmahal begleitet, aus mLager von Acre. Bald thaten ſich die ſchönſten Landſchaften der Erde vor ihnen auf. Der Frühling hutte ſein koſtbar Gewand über Flur und Thal geworfen. Die Raine der Durra⸗ felder waren bekränzt mit weißen und rothen Roſen, die Wieſen glichen hellglänzenden Teppichen, beſäet mit Narziſſen, Lilien und Anemonen. Im fernen Hinter⸗ grunde thürmten ſich die blauen Wolken des Libanon zum Himmel, während zur Rechten der vereinzelte Berg Tabor wie ein ſtumpfer Kegel ſein Haupt empor hob. Je bergiger die Gegend wurde, deſto mehr ſahen ſich die beiden Reiſenden genöthigt, langſamer zu rei⸗ ten, und es wurde ihnen mehr Zeit und Muße zur Unterhaltung und Unſchau. „Siehſt Du dort zur Linken jene himmelanſtre⸗ bende Bergſpitze?“ ſprach Camille zu Nurmahal. „Ei ja wohl, die ſehe ich,“ erwiederte der Knabe, „es ſcheint der höchſte Gipfel des Gebirges zu ſein.“ „Es iſt der Sannin, der höchſte Punkt des Li⸗ banon.“ „Der iſt gewiß noch von keinem Reiſenden beſtie⸗ gen worden,“ meinte Nurmahal. „Doch, doch, ich habe ſelbſt mit mehreren unſerer Landsleute geſprochen, die bis zum äußerſten Scheitel emporgeklimmt ſind.“— geben!“ „Allerdings, die Augenzeugen können nicht Wun⸗„ der genug von dem majeſtätiſchen Schauſpiel erzählen. „Eine göttergleiche Ausſicht muß es von dort oben. 5 3¹ Bei reiner Luft breitet ſich ein unbegrenzter Horizont aus; das Auge verliert ſich ſowohl in der Wüſte, die an den perſiſchen Meerbuſen grenzt, als auf dem Meere, deſſen Wellen die europäiſchen Ufer beſpülen. Man glaubt, in einem Augenblicke eine ganze Welt zu umfaſſen. Die fortlaufanden Ketten der Berge lei⸗ ten den Blick von dem alten Antiochien bis Jernſalem. Haftet das Auge auf nähern Gegenſtänden, ſo entdeckt es zahlreiche Wälder, Klippen, herabſtürzende Ströme, Hügel und Seen, Dörfer und Städte. Zuweilen fügt ſich's, daß der Donner, der ſo lange über dem Haupte gerollt hat, unter den Füßen in den Schluchten ſeine Stimme vernehmen läßt. Ein alter Schriftſteller ſtellt ſogar die kühne Hyperbel auf, daß man vom höchſten Gipfel des Libanon die Abenddämmerung und Mor⸗ genröthe zu gleicher Zeit wahrnehmen könne.“ „Indeß mag ich mein Auge anſtrengen, wie ich will,“ verſetzte Nurmahal,„ich ſehe überall nur Ei⸗ chen, Tannen, Maulbeerbäume, Weinſtöcke, aber nir⸗ gends erblicke ich eine Spur von den ſo berühmten Cedern des Libanon.“ „Wie alles Große und Herrliche dem Zahne der Zeit unterliegt,“ erwiederte Camille,„ſo iſt es auch jenen weltberühmten Cedern ergangen. Der majeſtä⸗ tiſche Wald, den ſie einſt gebildet haben, iſt ver⸗ ſchwunden und die Anzahl jener großartigen Bäume iſt auf ein halbes Dutzend zuſammengeſchmolzen.“ Nurmahal, der ſich an den reizenden Bildern, welche die Natur rings umher aufgerollt hatte, nicht ſatt ſehen konnte, fand ſich zu dem Ausſpruche veran⸗ laßt, daß ihm Syrien weit beſſer gefalle als Aegypten. „Es iſt hier Alles weit friſcher, fröhlicher, ma⸗ leriſcher als in dem alten trümmerreichen Aegypten,“ ſprach er,„wo der Staub der Wüſte die blühendſte Landſchaft in eintöniges Grau verwandelt.“ 32 „Ganz derſelben Anſicht iſt auch ein alter Paſcha,“ erwiederte Renouard,„welcher beide Länder genau kannte. Er verglich Aegypten mit einem vortrefflichen Meierhofe, Syrien aber mit einem reizenden Landhauſe. Und mit Recht. Dieſes geſegnete Land vereinigt auf einem Raume von zwanzig Meilen die Gewächſe der entfernteſten Zonen. Man geräth in Erſtaunen, wenn man der Barbarei der Regierung, die alle Betrieb⸗ ſamkeit haßt und hemmt, gedenkt und das Verzeich⸗ niß der Producte betrachtet, welche dieſes Land liefert. Außer dem hundertkörnigen Waizen, Roggen, der Gerſte, Bohnen und Baumwvollenſtaude, die hier aller Orten gebaut werden, zeichnet ſich jede Provinz noch durch beſondere Erzeugniſſe aus. So iſt Paläſtina reich an Seſam, woraus das vortreffliche Oel gepreßt wird, und an Dura, einer Art Linſenfrucht. Der Mais gedeiht vorzüglich in dem leichten Boden von Balbek. In den Gärten von Saide und Beirut erbaut man. Zuckerrohr von derſelben trefflichen Güte wie im Delta. In dem Lande Biſom wächſt die Indigopflanze ohne alle Kunſt an den Ufern des Jordan. Die Küſten von Lakatin bringen Rauchtaback hervor, der haupt⸗ ſächlich den Handel zwiſchen Damiette und Cairo be⸗ lebt. Zu Antiochien erreicht der Oelbaum die Höhe der Buchen. Der weiße Maulbeerbaum bereitet durch ſeine ſchöne Seide dem Lande der Druſen Wohlſtand und Reichthum, und die Weinreben, die ſich häufig maleriſch um die alten Eichbäume ranken, geben ein Getränk, das dem Bordeaux gewiß nicht nachſteht. Gaza hat Datteln wie Mekka und Granatäpfel wie Algier; Tripolis bringt Pomeranzen hervor wie Malta; Beirut Feigen wie Marſeille und Piſangfrüchte wie Sanct Domingo. Zu Aleppo und ſonſt nirgends wachſen Piſtacien. Damaskus vereinigt in ſeinen 33 prachtvollen Gärten alle Blumen und Früchte Frank⸗ reichs. In ſeinem ſteinigen Boden gedeihen ſowohl die Aepfel der Normandie wie die Pflaumen der Touraine und die Pfirſichen von Paris. Man zählt daſelbſt allein zwanzig verſchiedene Arten von Apriko⸗ ſen, von denen die eine ſo vortrefflich iſt, daß ſie durch die ganze Türkei berühmt iſt. Endlich wächſt längs der ganzen Küſte Syriens die Cochenillepflanze, und es iſt daher als gewiß anzunehmen, daß ſich auch das koſtbare Inſeet daſelbſt vorfindet, als deſſen Heimath zeither einzig und allein Mexico und Sanct Domingo gegolten haben.“ „Wenn mir indeß,“ verſetzte Nurmahal,„die Wahl freigeſtellt würde zwiſchen dem ſchönſten Thale Syriens und der ſchönen Provence, würde ich mich nicht lange beſinnen und mich für Letztere entſcheiden. Denn wie angenehm es ſich hier lebt, ſind mir die zahlreichen Schlangen und namentlich die Scorpione, die Plage unſerer Soldaten, im höchſten Grade zuwider und allein hinreichend, den Aufenthalt zu verleiden.“ „Vor Schlangen und Scorpionen kann man ſich allenfalls ſchützen,“ antwortete Camille,„aber es gibt noch eine andere Landplage, die mir noch weit mehr zuwider wäre.“ „Dieſe iſt?“ frug Nurmahal. „Die Heuſchrecken,“ gab Renouard zur Ant⸗ wort.„Wer dieſe Plage nicht erlebt, ſoll ſich ſchlech⸗ terdings keinen Begriff davon machen könneu. Die Erde iſt meilenweit mit dieſem Ungeziefer bedeckt. Das Geräuſch, das ſie mit ihren Freßwerkzeugen her⸗ vorbringen, vernimmt man von weitem. Man glaubt, es fouragire eine unſichtbare Armee. Es iſt als wäre das Feuer in ihrem Gefolge; denn wo die Schwärme niederfallen, verſchwindet im Augenblicke alles Grün Stolle, ſämmtl. Schriften. IV. 3 34 der Felder, wie wenn ein Vorhang zuſammengerollt würde. Bäume und Pflanzen ſtehen blätterlos da. Auf den Anblick des reichſten Frühlings folgt der traurigſte Winter. Wenn ein Heuſchreckenheer über die Erde zieht, ſo verfinſtert ſich im vollſten Sinne des Wortes der Himmel. Oft ſuchen die Einwohner ſie mit Rauch zu vertreiben. Auch gräbt man Gru⸗ ben, wo ſie in Haufen hineinfallen und umkommen. Die beiden thätigſten Feinde derſelben ſind der Süd⸗ und Südoſtwind und ein Vogel, Samarmar geheißen. Letzterer, dem europäiſchen Goldammer vergleichbar, verfolgt die Heuſchrecken in zahlreichen Schaaren und tödtet ſo viel ihm immer möglich. Darum iſt er auch dem Landvolke heilig, welches nie duldet, daß nach ihm geſchoſſen wird. Die Süd⸗ und Südoſtwinde treiben die Heuſchreckenwolken nach dem mittelländi⸗ ſchen Meere, wo ſie zu Millionen umkommen, dann oft von der Fluth an's Geſtade geworfen werden und nun die Luft verpeſten.“ „Es iſt Schade, daß Freund Laroſſoſſinier die ſyriſche Expedition nicht begleitet hat,“ ſprach Nur⸗ mahal;„er würde viel Ausbeute für ſeinen wiſſen⸗ ſchaftlichen Geiſt finden. „Da die Alterthumskunde ihm vor allen Dingen am Herzen liegt,“ erwiederte Renonard,„ſo dürfte er in Oberägypten doch mehr Ausbeute finden. Er hat ſich's ja als beſondere Gnade ausgebeten, dem Deſaix'⸗ ſchen Corps nach den Ruinen des uralten Theben fol⸗ gen zu dürfen.“ „Daß er ſich nur nicht wieder in den Harem ei⸗ nes türkiſchen Großen verirrt,“ meinte Nurmahal lachend. „Das wird er bleiben laſſen,“ erwiederte Camille; „die Ueberreichung des Selam iſt ihm zu ſchlimm be⸗ — kommen. Wenn ihn nicht einige Soldaten, die als Piket ausgeſchickt worden, gerettet hätten, konnte er leicht ſeinen Beſuch des Harems mit dem Leben be⸗ zahlen. Die Barbaren hatten ihn bis an's Kinn im Nilſande begraben.“ „Die Sache iſt nicht zum Lachen,“ ſprach Nur⸗ mahal;„aber poſſirlich muß es ausgeſehen haben, wie blos der mit der rothen Perrücke bedeckte Kopf aus der Erde hervorgeragt hat.“ „Die Perrücke hatten die Waſſerratten bereits ent⸗ führt,“ erzählte Camille,„den Soldaten iſt übrigens Anfangs die Sache außerordentlich geſpenſtig vorge⸗ kommen. Der Fall war ihnen noch nicht dageweſen, von einem Kopfe, den man bereits für abgeſchlagen hielt, angerufen zu werden. Es hätte nicht viel ge⸗ fehlt, ſo wäre das geſammte Piket, trotz ſeiner be⸗ währten Bravvur, auf und davon gelaufen. Zum Glück befand ſich unſer kleiner Tambour Roſignol dabei, welchem die Stimme bekannt war. Er unter⸗ ſuchte die Sache genauer und erkannte, daß der Kopf dem Profeſſor Laroſſoſſinier zugehöre.“ „Es war auch die höchſte Zeit,“ fügte Renouard ſeiner Erzählung bei,„daß der arme Profeſſor be⸗ freit wurde; die Waſſerratten, nachdem ſie die Perrücke entführt, ſtanden im Begriff, den gelehrten Kopf, den ſie wahrſcheinlich, wie die Soldaten, für todt hielten, anzufreſſen. Laroſſoſſinier mußte aus Leibeskräften ſchnarren und pfeifen, um den Appetit der Beſtien wenigſtens von ſeinem Geſichte abzuhalten, der Hin⸗ terkvpf hatte bereits ihre Zähne zu fühlen bekommen.“ Je weiter die Reiſenden nach Oſten vordrangen, deſto intereſſanter wurde die Gegend. Endlich erreichte man nach manchem mühſeligen Bergauf⸗ und Berg⸗ abſteigen das Plateau einer Hügelkette, wo Kleber's 3* — 36 Diviſion lagerte. Die Gegend umher war ziemlich kahl, doch nicht gänzlich unfruchtbar. Wo nur ſpar⸗ ſam Dammerde den Fels bedeckte, rankte die Colv⸗ quinte mit ihrer bittern gurkenähnlichen Frucht. Aus engen Felſenritzen drängte ſich eine ſtarkgefüllte Abart der weißen Roſe und aus tieferem Boden, vor dem Sturme geſchützt, ragte ſtolz empor die Palme von Idumea. Entzückend war die Ausſicht, welche man von dieſer Hügelkette genoß. Rückwärts gegen Nord⸗ weſt an dem Abhange eines in einem tiefen Thale gelegenen Hügels erblickte man die Mauern von Na⸗ zareth. Aus des Städtchens Mitte erhebt ſich ein Franziskanerkloſter, eines der größten klöſterlichen Ge⸗ bäude im Oriente. Nicht weit davon erblickt man die Synagoge, wo Chriſtus am Sabbath lehrte und die Propheten las. Vorwärts gegen Südoſt ſieht man in das Thal von Fuli, die Ebene von Esdrelon der heiligen Schrift. Der Bach Kidron durchſtrömt dieſe merkwürdige Gegend. Aus ihrer Mitte erhebt ſich wie ein ſtumpfer Kegel der Berg Tabor. Ein Theil dieſes Berges iſt mit Holz bewachſen. In einiger Entfernung bemerkte man den Berg Harmon mit dem an ſeinem Fuße ruhenden bibliſchen Dorfe Nain. Die Sonne begann bereits zu ſinken, als Re⸗ nouard bei ſeinem alten Gönner und Freunde, dem General Kleber, anlangte. Er überreichte das Schrei⸗ ben Bonaparte's, welches Kleber ſogleich überflog. Aber während er lieſt, durchzuckt ein kühner, leuch⸗ tender Gedanke ſein Gehirn⸗ „Er ſoll mit mir zufrieden ſein,“ murmelt er für ſich; dann faßt er Renouard am Arm und wandelt eine geraume Strecke die Hügelkette entlang. Aber welch ein Anblick bietet ſich dem überraſchten Camille dar, als er auf einen Bergvorſprung hinaustritt und, 37 von der Abendſonne beſchienen, das ganze feindliche Lager des Paſcha von Damaskus zu ſeinen Füßen er⸗ blickt. Durch das ganze Thal von Fuli bis zum Fuße des Berges Tabor wimmelt es in vrientaliſch⸗ kriegeriſchem Prunke von Spahis, Janitſcharen, Alep⸗ pinern, Damaskern, Napluſanern, Druſen und andern Aſiaten. „Wenn mich Bonaparte nicht im Stich läßt,“ ſpricht Kleber,„ſo will ich dieſer aſiatiſchen Solda⸗ teska ein Stückchen vorgeigen, wovon ſich noch ihre Urenkel erzählen ſollen.“ Er wendet ſich zu Renouard. „Wann glaubt Ihr, daß der verſprochene Suceurs da ſein kann?“ „Noch im Laufe dieſer Nacht,“ erwiedert der Ge⸗ fragte. „Wohlan, ſo wollen wir die paar Stunden der Ruhe genießen, um morgen deſto beſſer marſchiren zu können.“ Viertes Rapitel. Binnen ſechsunddreißig Stunden iſt der kühne Plan der Umgehung gelungen. Kleber ſteht, Bonaparte's Wunſche gemäß, zwiſchen dem Jordan und dem Heere der Aſiaten. Kaum haben die feindlichen Vorpoſten die uner⸗ wartete Ankunft der Franzoſen gemeldet, als es im türkiſchen Lager lebendig wird. Da Kleber den Feind nicht mehr überfallen kann, muß er auf ſeine eigene 38 Vertheidigung bedacht ſein. In der erſten Beſtürzung, die ſein Erſcheinen hervorgebracht hat, iſt es ihm ge⸗ lungen, ſich eines kleinen, für Reiterei unzugänglichen Gebäudes zu bemächtigen. Er beſetzt dieſen Poſten mit hundert Mann und lehnt ſeine in zwei Vierecke formirte Diviſivn an denſelben. Die Poſition der bei⸗ den Quarrés zu beiden Seiten der Straße iſt der Art, daß ſich ihr Feuer kreuzt. In den Intervallen iſt das Geſchütz aufgefahren. Die franzöſiſche Cavallerie, da an einen freien Gebrauch derſelben gegen die zwan⸗ zigtauſend Reiter des Feindes nicht zu denken iſt, hat ſich unter den Schutz ihrer Infanterie zurückge⸗ zogen. In dieſer Stellung erwartet Kleber den Angriff. des Feindes. Er bleibt nicht lange aus. Die letzten Schattenſtreifen der Nacht ſind noch nicht ganz gewichen, als einzelne Schwärme türkiſcher Reiterei auf dem Blachfelde erſcheinen und das feindliche Lager in im⸗ mer größere Bewegung geräth. Das Wiehern und Geſtampf der Roſſe, das Geſchrei in dem von den Napluſanern beſetzten Fuli wird immer vernehmbarer. Endlich erhebt ſich die Sonne in ihrer Pracht und beleuchtet eine unüberſehbare Linie von Cavallerie, welche das Häuflein Franzoſen im weiten Halbkreis umſchließt. Die ſtattlichen Roſſe, die Turbans und Reiherbüſche, die Waffen, die in der Morgenſonne 1 weithinglänzen, gewähren einen impoſanten Anblick. Inmitten der feindlichen Schlachtlinie weht hoch die Fahne des Propheten. Plötzlich, wie ein unterirdiſcher Donner, wälzt ſich der Allahruf von beiden Flügeln nach dem Centrum. 1 Es iſt das Zeichen zum Angriff. Die Erde beginnt zu beben. Viertauſend der erleſenſten Reiter ſetzen ſich in Bewegung. Ihnen folgen anderweitige Dreitau⸗ 39 ſend. Dieſen wieder ein Corps von mehreren Tau⸗ ſend und endlich wogt die Geſammtmaſſe der feindli⸗ chen Armee gegen die beiden franzöſiſchen Quarrés. Wie ein dicker Nebel erhebt ſich der von den zahl⸗ loſen Roſſen aufgewühlte Staub und wird vom Winde gegen die Franzoſen getrieben. Noch nie haben dieſe eine ſolche Maſſe Cavallerie und ein ſolches Gemiſch von allen Nationen geſehen. Kleber, deſſen Haupt gleich einem Banner über ſeinen Bataillonen hervorragt, ruft den Soldaten fort⸗ während zu, gut geſchloſſen zu bleiben, und weder ei⸗ nen Schritt vor⸗ noch rückwärts zu thun. „Kartätſchen, nichts als Kartätſchen auf funfzig Schritt,“ gebieten ſämmtliche Artillerievfficiere. Wie eine Windsbraut ſtürmen jetzt die Maſſen des Paſcha von Damaskus von allen vier Seiten. Schwei⸗ gend und unbeweglich wie ſteinerne Mauern ſtehen die franzöſiſchen Quarrés, den anſprengenden Feinden eine dreifache Reihe von Bayonetten entgegenhaltend. Die Dehlis oder Freiwilligen ſind die erſten, welche, um ſobald als möglich in die heiligen Lauben des Propheten zu kommen, ſich dem Tode weihen, und Piſtolen in beiden Händen, den Damascener zwiſchen den Zähnen mit verhängtem Zügel gegen die Quarrés anjagen und im nächſten Augenblicke durchbohrt von den Roſſen ſtürzen. Den Dehlis folgen die zahlloſen Reiterſchaaren. Der Boden zittert unter ihrer Roſſe Tritt. Sie kom⸗ men näher, zwei Secunden noch und der Zuſammen⸗ ſtoß iſt fürchterlich. „Feuer!“ hallte jetzt der Ruf der franzöſiſchen Commandanten auf allen Fronten. Es entſteht ein Krachen, als ob ſich die Erde öffne, und die beiden Vierecke ſpeien Tod und Verderben in die dichtgedräng⸗ 40 ten Schaaren, die ſich gerade in der verderbenvollſten Schußweite befinden. Obſchon die Aſiaten zu Hun⸗ derten ſtürzen, chargiren die Ueberlebenden immer von Neuem. Die Quarrés bleiben unerſchüttert. Ihr furchtbares Feuer rollt ununterbrochen und der kleine Schlachthaufe Klebers ſcheint ein Vulkan, der immer neue Feuermaſſen auswirft. Wie bei einem Sturme die empörten Wogen von allen Seiten an das Fahrzeug ſchlagen, zuſammen⸗ treffen und bis zur Höhe der Maſten empor ſich bäu⸗ men, ſo treffen die Staubwolken an einander, thürmen ſich empor, bedecken wie ein braungrauer Mantel Freund und Feind; und nur der leichte Pulverdampf, von der Morgenſonne erleuchtet, ſteigt in Geſtalt einer un geheuren blaugrauen Säule hoch empor zu den Wolken. Allmälig wird das unaufhörliche Allahgeſchrei der Feinde, das im Anfange faſt das Rollen der Kanonen übertäubte, ſchwächer und ſchwächer und erſtirbt end⸗ lich. Ein langer Trommelwirbel gebietet den franzö⸗ ſiſchen Quarrés, das Feuer einzuſtellen. Es legt ſich der Staub. Der furchtbare Angriff iſt abgeſchlagen. Der ſranzöſiſche Heldenhaufe ſteht unerſchüttert wie im Anfang. Der Anblick der nächſten Umgebung beider Vier⸗ ecke iſt entſetzlich. Faſt die ganze Ebene durchirren Roſſe ohne Reiter, von Letztern viele tödtlich verwun⸗ det, die im Bügel nachgeſchleift werden. Ein Wall von Todten und Verwundeten umgibt die franzöſiſche Stellung. Nach einer nicht zu langen Pauſe erhebt ſich in der Ferne von Neuem das Geheul und Allahgebrüll. Die Türken haben ſich geſammelt und brauſen mit erneuter Wuth herein. Sie werden mit derſelben Un⸗ erſchrockenheit empfangen. Der lebendige Vulkan be⸗ 44 ginnt von Neuem zu blitzen, zu dampfen und zu krachen. Dieſelbe Verwüſtung, dieſelbe Flucht. Neuer Trom⸗ melwirbel. Der Angriff iſt zum zweiten Male abge⸗ ſchlagen. Abdallah auf ſeinem Tigerroſſe gewahrt wüthend das wiederholte Zurückweichen ſeiner Cavalleriemaſſen. Da es hauptſächlich das Kreuzfeuer der in kurzer Ent⸗ fernung von einander ſtehenden Quarrés iſt, das ſo großes Verderben unter den Türken anrichtet, ſo be⸗ ſchließt er einen Angriff auf den Raum, welcher beide Quarrés von einander trennt, um letztere von einan⸗ der zu drücken. Seinem Befehle zufolge donnern die glänzenden Reitergeſchwader zum dritten Male gegen die franzö⸗ ſiſchen Schlachtlinien. Hatten ſie bei den erſten An⸗ griffen nur den Vorhof der Hölle zu paſſiren, ſo ge⸗ rathen ſie jetzt in den tod⸗ und verderbenvollen Hin⸗ tergrund derſelben. Das Kartätſchenfeuer zeigt ſich jetzt in ſeiner ganzen Furchtbarkeit. Ein wildes blut⸗, ſchaum⸗ und ſchweißbedecktes Chaos von lebenden, todten und verwundeten Reitern und Roſſen wogt eine Zeitlang zwiſchen den beiden Quarrés verzweifelt auf und nieder, bis es den verheerenden Kartätſchen⸗ ſalven gelingt, die feindlichen Maſſen abermals zu⸗ rückzuwerfen. Kleber, welcher bemerkt, daß das von Junot be⸗ fehligte Suarré nicht groß genug ſei, um alle Pferde, Munitions- und andere Wagen darin aufzunehmen, benutzt unmittelbar nach dem abgeſchlagenen Angriff die wenig freien Augenblicke, aus den beiden Vierecken ein einziges zu bilden. Doch noch iſt er damit nicht zu Stande, als die Türken von Neuem herandonnern. Abdallah hat die Bewegung der Franzoſen bemerkt und bietet alle Kräfte auf, die beabſichtigte Vereini⸗ 42 gung zu verhindern. Er wirft Reiterſchaaren über Reiterſchaaren auf das Häuflein der Franzoſen. Wie ein Weltmeer Woge an Woge gegen das Felſenufer rollt, ſo ſtürmen die Aſiaten ununterbrochen gegen die Quarrés. Nichtsdeſtoweniger gelingt es der bewun⸗ dernswerthen Ruhe und Tactik der franzöſiſchen Offi⸗ eiere und Soldaten, die Vereinigung zu bewerkſtelli⸗ gen. Nach Verlauf einer kurzen Zeit ſind die beiden Vierecke zu einem zuſammengewachſen. Verſchanzt hinter einem Walle von gefallenen Kriegern und Roſſen, ſchlägt jetzt das furchtbare Quarré alle Angriffe ab, die von dem erbitterten Feinde unternommen werden. Es iſt Mittag ein Uhr. Bereits währt der Ver⸗ nichtungskampf ganzer ſechs Stunden; ganzer ſechs Stunden vertheidigt ſich der franzöſiſche Heldenhaufe gegen einen zehnmal ſtärkern Feind. Wie ein Kriegsgott reitet Kleber kaltblütig in ſeinem flammenſpeienden Quarrs auf und nieder, hier und da anhaltend und den braven Kämpfern Lob ſpendend. „Sie ſchlagen ſich wie die Götter,“ ſpricht er, ſich wohlgefällig den Bart ſtreichend, zu Renouard,„es iſt eine Luſt, ſolche Adlerbrut zu commandiren.“ „Wenn indeß Freund Bonaparte noch lange auf ſich warten läßt,“ fährt er nach einiger Zeit fort, „ſo werden unſere Köpfe doch ſpringen müſſen. Der beſte Schwimmer ſinkt endlich. Da ſeh ich eben, wie Herr Abdallah vollkommen friſche Schaaren herantreibt. Der Mann hetzt uns halb Aſien auf den Hals. Das iſt eine ganz neue Cvuleur, die eben angreift; ſon⸗ derbare Käuze, die müſſen direct von der chineſiſchen Grenze herkommen. Was haben die Kerle für fabel⸗ hafte Mützen auf ihren mongoliſchen Schädeln?“ 43 „Bonaparte wird uns ſicher nicht im Stiche laſ⸗ ſen,“ erwiederte Renouard;„er hat ſein Wort gege⸗ ben und das hält er.“ „So es ihm möglich iſt, unbeſtritten,“ meinte Kleber;„aber wenn er ebenfalls irre geführt worden durch hundsföttiſche Führer, wie ich, ſo dürfte er uns in einem höchſt kopfloſen Zuſtande wiederfinden. Auf einem berühmtern Terrain können wir übrigens nicht umkommen, als auf der Ebene von Esdrelon, im An⸗ geſichte des ehrwürdigen Tabor. Das iſt auch Etwas.“ Der Kampf tobt fort; glorreich wie in den Zei⸗ ten des Alterthums, wo der Spartanerhaufe den Hunderttauſenden des Perſerkönigs die Stirn bot; aber allmälig gelangt auch der Bravſte zu der Ue⸗ berzeugung, die Kleber gegen Renouard ausgeſprochen. Was hilft es, daß Kanonen und Gewehrfeuer verhee⸗ rend in den Reihen der Angreifenden würgen? Die Lücken füllen ſich ſtets mit neuen Streitern, die Ueber⸗ macht des Feindes iſt zu unverhältnißmäßig. „Bonaparte hat uns verlaſſen,“ rufen die Solda⸗ ten, denen bei der übermenſchlichen Arbeit nicht der Muth, wohl aber die Kräfte ſchwinden. „Nein,“ erwiedern die Officiere,„Vater Bona⸗ parte verläßt ſeine Kinder nicht; nur brav ausgehal⸗ ten, er wird bald da ſein.“„ Allmälig wollen auch dieſe Troſtesworte keinen Eingang finden. Ein ruhmvoller Tod iſt die alleinige Ausſicht. Abdallah glaubt, daß jetzt die Zeit gekommen, die mürbe gewordenen Schlachtreihen der Franzoſen zu durchbrechen und über den Haufen zu werfen. In glänzender Waffenpracht ſtellt er ſich ſelbſt an die Spitze einer mehrere tauſend Mann ſtarken erleſenen Reiterſchaar, die er für dieſen Zweck zuſammengezogen. 44⁴ Weithin und fiegvertrauend leuchtet ſein weißer Reiher⸗ buſch, der ſtolz aus einem Bouquet von Diamanten emporſteigt. Betäubender denn je erhebt ſich das Allah⸗ geſchrei und orkanähnlich brauſet das Reitercorps ge⸗ gen das Quarré. Plötzlich legt ſich über die Hügelreihe zur Rech⸗ ten ein weißgrauer Dampf und gleich darauf rollt ein majeſtätiſcher Donner über die Ebene von Esdrelon. Ein elektriſcher Strahl durchzuckt alle franzöſiſchen Herzen. Faſt jedem Munde entfährt der Ruf:„Das iſt Napoleon Bonaparte!“ Begeiſterung ſtählt jede Nerve. Das Quarré ſteht wieder wie ein eiſer⸗ ner Wall. Kleber, der zeither, um den Kampf bis zum Son⸗ nenuntergange zu verlängern, wo die vrientaliſchen Völkerſchaften in der Regel die Feindſeligkeiten ein⸗ ſtellen, befohlen hatte, die Munition zu ſchonen, läßt das Feuer verdoppeln. Das Quarré, unter fortwährendem Jubel:„ive Bonaparte!“ wird von Neuem zum Vulkan und wirft ſo gewaltige Feuermaſſen, daß auch der von Abdallah perſönlich angeführte Angriff glänzend abgeſchlagen wird. Kaum iſt die türkiſche Cavallerie zurückgeworfen, als ein zweiter Signalſchuß weithin über die Berge donnert, und gleich darauf ſieht man zwei dunkle Co⸗ lonnen von den Höhen herabſteigen und unter fort⸗ währendem Trommelwirbel im Sturmſchritte in die Ebene vorrücken. Es iſt Napoleon Bonaparte, wel⸗ cher mit dritthalbtauſend friſchen Truppen und acht Geſchützen der bedrängten tapfern Diviſion zu Hülfe eilt. Treu ſeinen Worten, gegen die Türken zu mar⸗ ſchiren, wenn es Kleber gelänge, ſie zu umgehen, war Bonaparte von Aere aufgebrochen und hatte ſich nach — Nazareth gewendet, in der Hoffnung, daſelbſt des Paſcha's Heer zu treffen. 3 Auf der Höhe von Fuli angekommen, überblickt er die Ebenen und wird Augenzeuge des heldenmüthi⸗ gen Kampfes der Diviſion Kleber. Sogleich läßt er das Signal der nahen Hülfe ertönen. Als ſeine Sol⸗ daten die Bedrängniß ſehen, in welcher ſich ihre Brü⸗ der befinden, verlangen ſie mit lautem Geſchrei, in die Schlacht geführt zu werden. Bonaparte mäßigt ihr Ungeſtüm und trifft beſonnen die Anſtalten zum Kampfe. Er bildet aus ſeiner Infanterie zwei, von den Generalen Vial und Rampon befehligte Quarrés und befiehlt ihnen, in derjenigen Richtung auf dem Schlachtfelde vorzurücken, daß ſie mit dem Quarré Klebers die drei Spitzen eines gleichſeitigen Dreiecks, iede Seite zu zweitauſend Toiſen bilden, und auf dieſe Weiſe die Maſſe des feindlichen Heeres in die Mitte nehmen. Der General Leturg erhält Befehl, mit der Reiterei das Dorf Dſchenime zu decken, um dem Feinde den Rückzug nach dieſer Seite hin ab⸗ zuſchneiden. Unter fortwährenden Signalſchüſſen rücken Vial und Rampon in der Ebene vor. Abdallah Paſcha hat nach den Regeln der Kriegskunſt auf der Stelle einen Theil ſeines Heeres dem neuen Feinde entge⸗ gen geworfen, aber die einfachſten Anordnungen der Tactik nicht kennend oder von Beſtürzung ergriffen, trifft er nicht die geringſte Anſtalt, Bonaparte's Ma⸗ növer zu vereiteln. Geſtützt auf die Uebermacht ſei⸗ ner Reiterei, will der Paſcha einen letzten Verſuch machen, das Kleber'ſche Quarré zu ſprengen. Er ſtürzt ſich mit verzweifeltem Ungeſtüm abermals gegen die enggeſchaarten franzöſiſchen Bataillone. Da er⸗ ſcheint Napolevn Bonaparte mit ſeinen acht Kanonen 46 auf dem Schlachtfelde. Eine Tod und Verderben ver⸗ breitende Salve verkündigt ſeine Ankunft. In demſelben Augenblicke greift das Suarré des Generals Rampon die Türken in der Flanke und im Rücken an. Dieſe, um dem Angriffe zu begegnen, laſſen von dem erbitterten Kampfe gegen Kleber nach. Sogleich benutzt dieſer die unſchlüſſigkeit ſeiner Geg⸗ ner, ergreift die Offenſive und läßt durch zweihundert Grenadiere, angeführt von dem tapfern General Verdier, den Flecken Fuli mit Sturm nehmen. Zwiſchen Rampon und Kleber eingekeilt, erkennt der Paſcha von Damaskus, daß ihm in ſo ungünſti⸗ ger Stellung nichts als der Rückzug übrig bleibe. Er beſchließt ihn in der Richtung von Naplu. In dieſem Augenblicke erſcheint Vial's Quarré. Die Braven der achtzehnten Halbbrigade voran, wirft es ſich dem Paſcha entgegen und verſperrt den Weg der Flucht. Kleber's, Rampon's und Vial's Vierecke, dem Plane Bonaparte's gemäß, bilden ein gleichſeiti⸗ ges Dreieck, rücken concentriſch vor und drücken die Türken in der Ebene zuſammen. Niedergeſchmettert durch das Geſchütz, von allen Seiten begrüßt durch Kleingewehrfeuer oder blanke Waffen, von ihrem Lager und ihren Magazinen ab⸗ geſchnitten, ſtürzen endlich die Wogen des aufgelöſten Heeres, ſich Bahn brechend, um den Berg Tabor in wilder Flucht und dem Jordan zu. Kaum ſind die vorderſten Flüchtlinge angelangt, als das Feuer des General Mürat, den Bonaparte gleich von Acre aus nach dieſem Uebergangspunkt entſendet, ihnen entge⸗ genblitzt. Sie wenden ſich. Die Maſſe der Armee geht auf mehreren anderen Brücken über den Jordan. Der Gedrang auf dieſen Bricken iſt ſo groß, daß Unzäh⸗ lige in das Waſſer ſtürzen. Eine franzöſiſche Colonne —— S — ,— Fußvolk verfolgt ſie mit den Bayonetten bis an die Ufer des Jordan. Wer dem Schlachtgewühl entronnen, zerſtreut ſich. Die Meiſten eilen ihrer Heimath zu. Die franzöſiſche Armee vor Saint Jean d'Aere hat nichts mehr von dem Paſcha von Damaskus zu fürchten. Die Beute der Franzoſen iſt unermeßlich. In den Annalen der Kriegsgeſchichte finden ſich nur wenige ſo glänzende Waffenthaten, wo viertauſend Helden fünfunddreißigtauſend Feinde in die Flucht ſchlagen. Bonaparte, in ſeinem Bericht an die fran⸗ zöſiſche Regierung, gibt die ganze Ehre des Tages dem General Kleber, obſchon er durch ſein pünktliches Eintreffen und ſeine geſchickten Anordnungen den Sieg entſchieden hat. Die Sieger bivouakiren auf dem Schlachtfelde am Fuße des Berges Tabor, deſſen Name, zeither nur der Gottesfurcht ehrwürdig, jetzt auch dem Siege ge⸗ weiht iſt. Die Franzoſen haben auf dieſem glorreichen Zuge überall einen durch große Erinnerungen geheiligten Boden betreten. Auf jedem Schritte entdecken ſie Spuren großer Jahrhunderte. Bald ſchwebt ihnen das Andenken an die Patriarchen der Hebräer, bald das der Könige Judäa's vor. Hier erhalten unzer⸗ ſtörbare Denkmäler die Erinnerung an die gewaltige Römerherrſchaft wach; dort bezeugen Trümmerhaufen die Thaten der Eroberer des heiligen Grabes. Ihre ritterlichen Schatten ſcheinen ſich freudig zu erheben, um die Erben ihrer Tapferkeit zu begrüßen. Hügel, Berge, Thäler, Ströme und Bäche ſprechen mit hun⸗ dert Zungen der Erinnerung. Bonaparte, nach Saint Jean d'Acre zurückkehrend, ſchlägt den Weg über Nazareth ein. Dieſes Städt⸗ 48 chen, zwölfhundert Bewohner, meiſt Muhamedaner, zählend, iſt freundlich in einer von Kryſtallbächen durchſtrömten Landſchaft gelegen. Nazareth iſt reich an Reliquien, die an ſeinen welterlöſenden Sohn erinnern. Inmitten derſelben, unter ehrfurchtgebietenden Alterthümern, ſteht achtzehn Jahrhunderte ſpäter der Held ſeiner Zeit. Sein Antlitz, gebräunt von der Sonne Italiens, betrachtet mit Ernſt die ringsum ausgebreitete Wunderwelt. Das Haar, auf gedankenvoller Stirn getheilt, fällt läſſig auf beide Schultern herab. Eine große, ahnungsvolle Zukunft ſchwebt um das Cäſarenhaupt. Aufrecht, den Blick feſt auf den Gegenſtand gerichtet, fragt, hört, ent⸗ gegnet, ſchweigt es; doch ſcheint der feſtgepreßte Mund höhere Gedanken zu bewahren. Nachdem Bonaparte in dem weltberühmten Städt⸗ chen zu Mittag geſpeiſt, kehrt er Abends lorbeerge⸗ trönt nach Saint Jean d'Acre zurück. Er iſt aus⸗ nehmend guter Laune. „Capitain Renouard;“ ruft er, als er in ſein Zelt tritt. Der Gerufene ſteht vor ihm. „Ihr ſeid einmal mein glücklicher Bote,“ ſpricht der General;„gönnt Euch zwei Tage Ruhe; alsdann ſputet Euch, den braven Genaral Deſaix, der jetzt bis zu den Katarakten des Nils vorgedrungen ſein muß, unſern ſchönen Sieg vom Berge Tabor zu er⸗ zählen. Seht Euch ein wenig um in Oberägypten, und erſtattet mir Bericht.“ Wie gern Renouard in Syrien bei der Haupt⸗ armee geblieben wäre, ſo gereichte ihm doch der Auf⸗ trag des Obergenerals zu ſolcher Auszeichnung, daß er mit großer Freude die ehrenvolle Miſſion empfing. Zwei Tage ſpäter ſah man ihn in Begleitung 49 des treuen Nurmahal und dreier Dragoner das Lager von Saint Jean d'Aere verlaſſen und die Reiſe nach Oberägypten antreten. Fünftes Rapitel. Nach einer hundert Stunden langen beſchwerlichen Reiſe, ohne daß ihm ein beſonderer Unfall zugeſtoßen wäre, erreichte Camille wohlbehalten Cairv. Er ent⸗ ledigte ſich ſeiner Depeſchen beim Gouverneur der Hauptſtadt und befand ſich bald am Bord einer Barke, die, mit Munition beladen, zur Armee nach Ober⸗ ägypten abging. Die Mutter der Welt verſank hinter Gebüſch von ODrangen und Granaten. Der Mokkatam trat nach Oſten zurück, wo er mit dem arabiſchen Gebirg ein breites Thal bildet, durch welches die Karavanenzüge nach Suez gehen. In dem genannten Gebirge, das weiter oberhalb bis an den Nil tritt, erblickt man ausgedehnte Steinbrüche. Thore, jenen ähnlich, die zu den Katakomben führen, zeigen ſich in abgeſtoche⸗ nen Felſenwänden. Hier ſind wahrſcheinlich die Bau⸗ ſteine für das alte Memphis und für die Pyramiden gebrochen worden. Dieſe Felſen ſind bedeckt mit Hiero⸗ glyphen. Die darunter befindlichen Ringe zeigen, daß ſie aus der Zeit der Pharaonen herrühren. Die Minarets von Cairo verſchwinden hinter dem Uferrande. Noch erglänzt die Burg der Hauptſtadt und die Pyramiden von Gizeh und Sakarah ſchauen herüber. 4 Stolle, ſämmtl. Schriften. IV. 4 50 Eine Stunde höher flacht ſich das öſtliche Ufer wieder ab und die Wüſte rückt faſt bis an den Nil, während weſtlich ſich Ort an Ort reiht, freundlich von Dattelwäldern umſchattet. Hier ſtand einſt das berühmte Memphis, nächſt dem uralten Theben die älteſte und größte Stadt der Welt. Von hier aus erſcheinen faſt ſämmtliche Py⸗ ramidengruppen Aegyptens über dem Horizonte. Im Hintergrunde ragen, auf Hügeln der Wüſte erbaut, die Steinkoloſſe von Sakarah zum Himmel; im Süden erblickt man die beiden großen von Daſchur, im Nor⸗ den die drei von Gizeh. Andere verbirgt der Wald und ſie ſchauen nur von Zeit zu Zeit durch deſſen Lichtſtriche herein. Weiter hinauf ſtrömt der Nil durch herrliche Land⸗ ſchaft. Noch immer erblickt man das Schloß von Cairo, das über den mächtigen Gebäuden von El⸗ Gaſſr emporſteigt und mit ihnen ein Ganzes zu bil⸗ den ſcheint. Die Nacht brach herein mild und ſtill und der prachtvollſte Sternenhimmel leuchtete von Horizont zu Horizont. Camille, der ſchon von früheſter Jugend mit großem Intereſſe nach den Sternen ſchaute und ſich auch einige Kenntniſſe in der Aſtronomie erwor⸗ ben hatte, konnte ſich nicht ſatt ſehen an den ſchön glänzenden Sternen der ſüdlichen Zonen. Blos die drei Deichſelſterne vom Himmelswagen tauchten am nördlichen Horizonte empor. Darüber ſtrahlte die freundliche Wega in der Lyra Mitte. Unfern das ſchöne Sternbild des Schwans, und im Süden in ein⸗ ſamer Pracht der Canopus, welchen die Bewohner nördlicher Breitegrade nie zu Geſichte bekommen. Auch die arabiſche Schiffsmannſchaft war nicht un⸗ bewandert in der Sternkunde; die Namen all der größern Sterne waren dieſen Leuten bekannt und ſie wußten manches Mährchen aus der Sternenwelt zu erzählen. Camille, in Anſchauung des Canopus, der wun⸗ derſchön am öſtlichen Horizonte glänzte, verſunken, ward von einem alten arabiſchen Bootsmann ange⸗ redet. „Das iſt der Caravanbattan,“ ſprach der Araber, auf den Canopus zeigend,„der Caravanenführer. Eine mit allen Schätzen des Morgenlandes beladene Caravane, welche einſt dieſen Stern mit der Venus verwechſelte, hat ſich in den Tiefen der Wüſte für immer verloren.“ Wenn der Morgen graute, lag gewöhnlich weißer Nebel über Strom und Flur. Die Dattelwäldchen ſchwammen wie Inſeln auf dieſer See und ſelbſt die Wüſte prangte mit Farben des Lebens. Endlich erreichte man den Ort, wo zahlreiche Trüm⸗ merhaufen, die ſich weit und breit dahinzogen, das ehemalige Daſein einer alten großen Stadt bezeich⸗ neten. Es war dies das einſtige Hermopolis, die Plinius als oppidum Mercurii unter die merkwürdigſten Städte des Landes zählte und welche Ptolomais die große nannte, zum Unterſchied einer gleichnamigen Stadt in der Gegend von Alexandrien. Schon ſeit mehreren Jahrhunderten nehmen Städte und Orte der Umgegend ihre Bauſteine aus den Ruinen von Hermopolis, wodurch ſich erklärt, wie eine Stadt, die zur Zeit der Einführung des Chriſtenthums noch wichtig genug war, zu einem Biſchofſitze gewählt zu werden, faſt gänzlich von der Erde verſchwinden konnte. Nur im fernen Hintergrunde erblickte man noch ko⸗ loſſale Ueberbleibſel aus dem Alterthum. Es iſt dies die berühmte Halle, welche nächſt den Pyramiden ein 4* 52 vollendetes Muſter der alten ägyptiſchen Bauart be⸗ wahrt. Es ſfind Steinmaſſen, die ihre urſprüngliche Beſtimmung behalten haben, die ohne Vermiſchung und Veränderung ſeit vieltauſend Jahren hier ruhen, um der fernen Nachwelt einen erhabenen Begriff von der Vollkommenheit des alten Aegyptens zu erhalten. Kein griechiſches Zeitalter bietet in der Baukunſt Aehnliches. Dieſe Schönheit der Hauptlinien, dieſe Vollkommen⸗ heit der äußern Umriſſe, der weiſe Gebrauch der Ver⸗ zierungen, die in der Nähe ein reiches Anſehen geben, ohne der großartigen Einfachheit Eintrag zu thun, hat man in keiner der ſpätern Kunſtperioden wieder gefunden. Die ungeheure Menge von Hieroglyphen, welche alle Theile des Gebäudes bedecken, hat nicht nur kein Relief, ſondern ſchneidet auch keine Linie, verſchwindet auf zwanzig Schritte und läßt der Bau⸗ kunſt ihre ganze Würde. Dieſe Halle war das Haus eines Gottes, kein Sterhlicher wagte ſie zu bewohnen. Um dieſen merkwürdigen Bau in Augenſchein zu nehmen, war Camille in Begleitung Nurmahal's und einiger Soldaten und Araber, welche Letztere als Weg⸗ weiſer dienten, an's Land geſtiegen. Da eingetretner Südwind eine Weiterfahrt ſtrom⸗ aufwärts unmöglich machte, ſo hatte man vollkommen Zeit und Muße, die Ueberreſte der einſt ſo blühenden Stadt zu durchwandern. Man gelangte an eine zahl⸗ loſe Menge Gräber, die in Felſen gehauen waren. Dieſe Grotten ſind mit Hieroglyphen angefüllt. Es gehören Monate dazu, um ſie zu leſen, wenn man ſie verſtünde, und Jahre, um ſie abzuzeichnen. Ohne Zweifel wurden in dieſen Räumen zu verſchiedenen Zeiten, wenn ein neuer Leichnam hineingebracht wurde, Todten⸗Feſte gehalten, denn wozu hätten ſonſt dieſe zahlloſen, im feinſten Geſchmacke ausgeführten Ver⸗ 53 zierungen, dieſe niegeleſenen Inſchriften, dieſe ver⸗ borgene und außerdem verlorene Pracht gedient? Es iſt dies um ſo wahrſcheinlicher, da der Reichthum der innern Ausſchmückung mit der Einfachheit des Aeuße⸗ ren im auffallenden Widerſpruche ſteht. In einiger Entfernung von dieſen Gräbern befand ſich ein Steinbruch, welcher von frommen Einſiedlern bewohnt wurde. In der That konnte es auch für Menſchen, die ſich von dem Treiben der Welt zurück⸗ gezogen und einem beſchaulichen Leben ergeben haben, keinen paſſenderen Aufenthalt geben. Dieſe ſtunden⸗ weit zerſtreuten Trümmer, dieſes Schweigen der Wüſte und in der Ferne der zwiſchen Palmen dahinziehende Strom. Die ſtumme Natur drückt hier ſelbſt die Stille aus, zu der ſich dieſe Männer verurtheilt ha⸗ ben. Der ſtete und erhabene Glanz des ägyptiſchen Himmels gebietet Ehrfurcht. Das Erwachen des Ta⸗ ges wird hier durch kein Freudengeſchrei der Thiere gefeiert; kein Vogel begrüßt die Rückkehr der Sonne; keine Lerche beſingt ihre Liebe und ihr Glück. Die ernſte und prachtpolle Natur ſcheint kein anderes Ge⸗ fühl auszudrücken, als das einer demüthigen Dank⸗ barkeit gegen Gott. Als die Geſellſchaft nach dem Schiffe zurückkehrte, bemerkte Renvuard in einiger Entfernung mehrere Geſtalten unbeweglich auf Mauertrümmern itzen. „Dieſe Leute ſind entweder verſteinert oder müſſen ſchlafen,“ſprach er zu Nurmahal. Man ging näher. Dieſelbe Unbeweglichkeit. „Sie haben die Augen vollkommen offen,“ ſprach Nurmahal,„ſchlafen können ſie nicht.“ Endlich er⸗ klärte ſich durch die Araber die wunderbare Erſchei⸗ 5 4 nung. Es waren Leidtragende, die auf Gräbern ih⸗ rer Verſtorbenen weilten. Das Beſuchen der Gräber gehört unter die from⸗ men Pflichten der heutigen Aegypter. Hierin ſcheint ſich ein Theil jener großen Sorgfalt für die Todten erhalten zu haben, von der die Bewohner dieſes wun⸗ derbaren Landes ſeit Jahrtauſenden ſo unſterbliche Be⸗ weiſe hinterlaſſen haben. Als man wieder zu Schiffe ging, war es Abend geworden und der Mond aufgegangen. Sein Glanz verbreitete ſich über die Ruinen und ſtieg dann nach den Bergen der Wüſte auf, die eine dunkle Zone zwiſchen ihr und dem geſtirnten Himmel bildeten. Stille lag über dem Waſſer, Stille über Inſeln, Ufer und Hai⸗ nen.— Oeſtlich von Hermopolis erhoben ſich geiſter⸗ haft die Trümmer des alten Antinve. Nach abermaliger Fahrt ſtromaufwärts, wo die Wüſte von beiden Seiten gegen das Ufer drängte, erreichte man Schiut, die größte Stadt Oberägyptens. Zwölf Minarets ſteigen aus dem Gedränge hoher Gebäude empor, die, aus Stein und ſchwarzgebrann⸗ ten Backſteinen erbaut, einen finſtern Anblick gewäh⸗ ren. Merkwürdig ſind hier die Bazare, welche die ganze Stadt durchziehen, wo die Erzeugniſſe aus den Daſen, aus den Ländern der Schwarzen, aus Arabien, Oberägypten und Europa ausgebreitet ſind. Die Stadt wird zahlreich von Kopten bewohnt, welche man mit finſtern Stirnen und ſchweigendem Munde die Straßen entlang ſchreiten ſieht. Es gibt kein Volk, das tiefern Ernſt auf den Geſichtszügen ausſpräche, als dieſe Ueberreſte der alten Aegypter. Dieſer Ernſt iſt abſtoßend und finſter. Auch bilden ſie ein Volk im Volke, unter ſich auf das Engſte ver⸗ bunden und fremd gegen alle Uebrigen. Sie beſor⸗ 55 gen die Geſchäfte des Landes, ſind Vermeſſer des Bo⸗ dens, Schreiber und Zahlmeiſter der Regierung, die Händler und Krämer von Dorf zu Dorf; aber außer in Geſchäften vermeiden ſie jede Berührung mit Tür⸗ ken, Arabern, Griechen, Juden und Europäern. Ihre Sitten ſind ſtrenge, ihr Umgang mit Fremden iſt kalt, wortarm, gleichgiltig, ganz im Gegenſatze zu dem Benehmen der Araber. Nie wird man einen Kopten lachen ſehen; nie ladet ein ſolcher einen Nichtkopten ein, in ſein Haus zu treten. In Schiut war es, wo Renouard zu ſeiner gro⸗ ßen Freude eine Halbbrigade der franzöſiſchen Armee antraf, welche die Rückkehr des Generals Deſaix er⸗ wartete, der zur Verfolgung Murad Bey's in die Wüſte aufgebrochen war. Da es mit ſeiner kleinen Eskorte Tollkühnheit geweſen wäre, dem General in die Wiſſte zu folgen, ſo blieb Camille nichts übrig, als ebenfalls in Schiut zu verweilen. Die Zeit wurde ihm nicht lang: von allen Seiten ſtrömten Kameraden herbei, die nach Nach⸗ richten über die zweihundert Stunden entfernte Armee von Syrien begierig waren. Camille konnte nicht fertig werden, die Heldenthaten von Jaffa, Saint Jean d'Acre und dem Berge Tabor zu erzählen, wäh⸗ rend die Officiere des Generals Deſair, die ſich ſchon geraume Zeit mit den Mamelucken und Arabern herum⸗ ſchlugen, manche nicht minder ehrenvolle That zu er⸗ zählen wußten. Der Stab der in Schiut befindlichen franzöſiſchen Truppen hatte ſeine Zelte unter ſchattenden Palmen und Sykomoren auf einem ſchönen, grünen Platze un⸗ fern des Rilufers aufgeſchlagen. Die Gärten zunächſt der Stadt boten einen maleriſchen Anblick, wie über⸗ haupt die ganze Umgegend mit großer Sorgfalt bebaut 56 war. Die Canäle, Schleußen, Brücken und Dämme waren beſſer unterhalten als in irgend einem andern Theile Aegyptens. Am Gebirge hinter der Stadt begann die Wüſte. Camille ging häufig in Begleitung mehrerer Waf⸗ fengefährten am buſchreichen Nilufer ſpazieren, und man vertrieb ſich die Zeit, auf Krokodile zu jagen, die zahlreich auf den Sandbänken des Nils gelagert waren. Zum Theil befanden ſie ſich ganz außerhalb des Waſſers, zum Theil hielten ſie den Schwanz darin und ſtreckten den Kopf uferaufwärts. Andere ſchwam⸗ men mit emporgehaltenem Kopfe im Waſſer. Von denen, die im Schlamme ſich ſonnten, lagen viele auf dem Rücken, das ſchmutzige Gelb des Bauchs dem Himmel zugekehrt. Sie hielten fortwährend den Ra⸗ chen geöffnet und ſchnappten nach Luft. Man ſchoß Piſtolen auf ſie ab. Die Kugeln drangen nicht durch den Panzer. Bei jedem Schuſſe verſank die Geſell⸗ ſchaft im Waſſer, kam jedoch bald wieder zum Vor⸗ ſchein. Das größte dieſer Thiere, die nicht anders als mit dem Namen„ſcheußlich“ bezeichnet werden müſſen, zählte über zwanzig Fuß Länge. Camille war eben wieder auf der Krokodiljagd, als Nurmahal mit der Nachricht herbeieilte, daß in dem nahe gelegenen Hauſe eines Steuereinnehmers Freund Laroſſoſſinier ſein Laboratorium aufgeſchla⸗ gen habe. Renouard konnte nicht angenehmer überraſcht wer⸗ den, als durch dieſe Nachricht. Er ließ ſofort die ge⸗ panzerten Ungethüme des Nils in Frieden und folgte Nurmahal. Man durchwanderte mehrere Straßen, die voller Mohren wimmelten, da ſo eben eine Caravane mit ſchönen Selavinnen, Elfenbein, Straußfedern und Goldſtaub aus Nubien angelangt war. 57 1 Als Camille mit Nurmahal beim Hauſe des Steuer⸗ einnehmers anlangte, bot ſich ihnen eine höchſt poſſir⸗ liche Scene dar. Baptiſt prügelte ſich ſo eben mit einem kupferfarbenen ägyptiſchen Gaſſenjungen, der ihm mit beiſpielloſer Frechheit ein gezähmtes Eich⸗ hörnchen hatte ſtehlen wollen. Renouard's Ankunft machte dem Streite ein Ende. Der kleine diebiſche Aegypter ergriff die Flucht, nach⸗ dem er den ehemaligen Gärtnerburſchen von Saint Maurice nicht wenig zerzauſt und zerkratzt hatte. Baptiſt's Geſicht war noch ganz kirſchbraun von Kampf und Zorn. Er ſchimpfte entſetzlich über das ägyp⸗ tiſche Diebsgeſindel. Er hätte in ſeinem Leben doch von manchem Spitzbuben gehört; aber die ägyptiſchen Spitzbuben überträfen alle Erwartung. Erſt als Baptiſt Renouard erkannte, machte ihn die Freude des Wiederſehens alles Andere vergeſſen. Er tanzte wie närriſch und rief einmal über das andere, in die Hände klatſchend:„Ei, wie wird ſich mein Herr freuen!“ „Wo befindet er ſich?“ frug Renouard. „Er ſitzt im Erdgeſchoſſe linker Hand,“ erwie⸗ derte Baptiſt,„und filtrirt Nilwaſſer, das ich trotz meiner Averſion vor den Krokodilen habe herbeiholen müſſen.“ „Nilwaſſer filtrirt er?“ lächelte Camille. „Ganz gewiß. Es iſt gerade, als ob er Kaffee kochte.“ „Führe mich zu ihm.“ „Gern; aber da müſſen wir ganz leis auftreten, ſonſt zankt er. Namentlich wenn er braut und kocht, kann er das geringſte Geräuſch nicht vertragen.“ Renouard trat dieſen Worten zufolge ſo leiſe als möglich in's Gemach. Da ſaß der Profeſſor, an der 58 rothen Perrücke ſogleich kenntlich, das Geſicht dem Fenſter zugewandt und ganz vertieft in chemiſche Un⸗ terſuchungen. Wie bei einem Eſſighändler ſtanden wohl an ein Dutzend irdene Krüge, große und kleine, um ihn herum, während er ſelbſt bemüht war, eben ſo viele kleine Aſchenhäufchen, die auf dem Tiſche vor ihm ausgebreitet waren, ſorgfältig zu ſondern. Wie geräuſchlos auch Camille hereingetreten war, und wie ſtill er ſich verhielt, hatte das geſchärfte Ohr Laroſſoſſinier's gleichwohl vernommen, daß Jemand im Gemache befindlich. Er glaubte nicht anders, als es wäre Baptiſt, und hielt es daher nicht der Mühe werth⸗ ſich umzukehren. Die wiſſenſchaftliche Ignoranz ſei⸗ nes Famulus gab ihm aber Veranlaſſung, ſich auszu⸗ ſprechen. „Sieh, Baptiſt!“ begann er,„wenn Du unter den Idioten nicht eine der erſten Stellen einnähmſt, ſo könnte ich Dir jetzt in Folge mühſamer Forſchung eine Mittheilung machen, die Dein Herz vor Freude hüpfen machen ſollte, um die Dich die geſammte Armee, den höchſten Generalſtab und den Napoleon Bonaparte nicht ausgenommen, beneiden würde.“ Camille gab hier dem neben ihm ſtehenden Bap⸗ tiſt einen Wink, daß er antworten ſolle. Der Burſche, der nicht ſo auf den Kopf gefallen, als der Profeſſor behauptete, verſtand ſogleich, was Renouard wünſchte, und erwiederte,„Ei, mein hochverehrteſter Herr Pro⸗ feſſor, theilen Sie mir immerhin das große Geheim⸗ niß mit. Bin ich auch ein gewaltiger Dummkopf, ſo wird die neu entdeckte Wahrheit gewiß dermaßen in die Augen ſpringen, daß ſie auch dem größten Ein⸗ faltspinſel einleuchtend ſein dürfte.“ „Baptiſt, fuhr Laroſſoſſinier nicht ohne Wohl⸗ gefälligkeit fort,„wenn Du nie die Wahrheit ſprachſt, 59 ſo haſt Du ſie diesmal geſprochen. Ueberhaupt war diesmal Deine Rede nicht ganz ohne Sinn, was ſel⸗ ten bei Dir der Fall iſt. Du haſt Recht, die Ent⸗ deckung, welche ich nach mehrtägiger mühevoller For⸗ ſchung zu Tage gefördert, iſt ſo welterleuchtend, daß ſie ſelbſt auf das größte Nichtgenie ihren Eindruck unmöglich verfehlen kann.“ „Ich bin ganz Ohr, hochzuverehrender Herr Pro⸗ feſſor,“ ſprach Baptiſt, der jetzt in der That neugie⸗ rig auf das große Geheimniß geworden war;„ich werde die Ehre nimmer vergeſſen, die mir durch die Mittheilung zu Theil geworden iſt.“ „So vernimm und erſtaune,“ begann der geſchmei⸗ chelte Laroſſoſſinier, während er eine Anzahl kleiner, mit ſtaubartiger Maſſe gefüllter Schächtelchen vor ſich hingeſtellt hatte.„Das große Problem iſt gelöſt, die Wiſſenſchaft iſt nun über die Ingredienzen, aus wel⸗ chen der Nilſchlamm beſteht, vollkommen im Klaren.“ „Der Niſſchlamm,“ frug Baptiſt, wie aus den Wolken gefallen,„nun, der kann doch nur aus Schlamm beſtehen, wie der Name beſagt?“ „Schweig, Du Baribal in Menſchengeſtalt,“ fuhr hier der Profeſſor auf;„wie gelehrt und menſchen⸗ freundlich man auch mit Dir ſprechen mag, durch Deine Elephantenhaut wird nie ein Strahl höheren Lichts dringen.“ „Nilſchlamm iſt kein Schlamm,“ fuhr er aufge⸗ regter fort,„wie Deine thieriſche Einſicht Dir weiß macht, ſondern ein Compoſitum von elf Theilen Waſ⸗ ſer, neun Theilen Kohlenſtoff, ſechs Theilen Eiſen⸗ oxyd, vier Theilen Kieſelerde, vier Theilen Magneſium oder kohlenſaurer Talkerde, achtzehn Theilen kohlen⸗ ſaurem Kalk und achtundvierzig Theilen Alaunerde.“ Da Baptiſt ob dieſer chemiſchen Auseinanderſetzung 60 in ſolches Staunen gerieth, daß er eine Zeitlang die Sprache verlor und kein Wort erwiederte, ſo wendete ſich Laroſſoſſinier nach ihm, um ihm die Reſultate ſeiner gelehrten Forſchung weitläufiger auseinanderzu⸗ ſetzen. Er erſchrack nicht wenig, als er noch eine dritte Perſon im Zimmer erblickte, und fürchtete im erſten Augenblicke, es ſei ein Araber, der ihn beſteh⸗ len wollte. „Hinweg, ſpitzbübiſcher Beduine!“ ſchrie er, nach einem Piſtol greifend, das ſtets neben ihm lag, aber nie geladen war, weil er das Knallen nicht leiden konnte;„entferne Dich auf der Stelle, oder ich ſchicke Dir eine Pille zwiſchen die Rippen, an der Du Dein Lebelang laboriren ſollſt.“ Da ſich Renouard nicht ſogleich zu erkennen gab, ſondern, in ſeinen Mantel gehüllt, unbeweglich ſtehen blieb, gerieth der Profeſſor in immer größere Unruhe. „Baptiſt,“ ſprach er,„ frage doch den Menſchen. was er eigentlich will, er ſcheint das Arabiſche gar nicht zu verſtehen. Es iſt ein wahrer Jammer, daß man mit dieſer Sprache hier zu Lande nicht durchkommt; die Dialecte find zu verſchieden. Baptiſt, kannſt Du ihm denn gar nicht begreiflich machen, daß er ſich packen ſoll? er ſtört mich ja; ich liebe dergleichen Be⸗ ſuche ſchlechterdings nicht.“ „Gib mir Dein Geheimniß oder Dein Leben,“ ſprach jetzt Camille mit dumpfer und verſtellter Stimme in ſchlechtem Arabiſch. Als Laroſſoſſinier von Leben geben hörte, erreichte ſein Schrecken den höchſten Grad. Er überhörte Re⸗ nouard's falſche arabiſche Ausſprache, die in jedem andern Falle ſeiner derben Recenſion nicht würde ent⸗ gangen ſein, legte das Piſtol zur Seite und ſuchte 64 mit dem unbekannten Eindringlinge in Unterhandlung zu treten. „Welch ein Geheimniß, werthgeſchätzter Fremd⸗ ling?“ erkundigte er ſich mit etwas unſicherer Stimme. „Das Geheimniß, ſo Du dieſem Buben anver⸗ trauen wollteſt.“ Dem geängſtigten Profeſſor fiel jetzt ein großer Stein vom Herzen. „Ach, die chemiſche Analyſe des Nilſchlamms; ſollte ſie für Dich, edler, aufgeklärter Fremdling, wirklich von Intereſſe ſein?“ „Sie iſt es,“ verſetzte Camille kurz abgebrochen. „Das freut mich in der That; Ihr ſeid wahr⸗ ſcheinlich aus fürſtlichem Geſchlecht, denn Bürger und Bauer hierſelbſt bekümmert ſich wenig um Kunſt und Wiſſen.“ „So iſt es!“ „Dacht' ich's doch,“ fuhr der Profeſſor erfreut fort;„aber verzeiht, Eins an Euch iſt mir ein wahr⸗ haftes Räthſel.“ „Sprecht!“ „Ich kann es nicht über's Herz bringen; aber wie hoch Ihr geſtellt ſein mögt, Euer Arabiſch taugt den Teufel.“ Jetzt konnte Camille ein lautes Lachen nicht län⸗ ger zurückhalten; er ſchlug den Mantel auseinander, gab ſich zu erkennen und eilte in die Arme des ge⸗ liebten Lehrers. Wie höchlich erfreut dieſer ob des unerwarteten Wiederſehens Renouard's war, den er mehrere hundert Meilen weit in Aſien glaubte, ſo ärgerte es ihn doch etwas, daß ſich der wiſſenſchaftliche Araberfürſt in ei⸗ nen fimplen franzöſiſchen Capitain verwandelt hatte. Zugleich jedoch entſann er ſich, daß Renouard bei dem 62 General Deſaix in hohem Anſehen ſtand, und dieſer Umſtand ließ ihn alles Andere vergeſſen. „Ein guter Genius hat Euch zur glücklichen Stunde hierher geführt,“ rief der Gelehrte, Renouard wieder⸗ holt umarmend.„Deſaix wird ſtündlich erwartet, da müßt Ihr all' Euren Einfluß aufbieten, daß er eine Recognoscirung nach dem, nur wenige Stunden von hier, am lybiſchen Gebirge gelegenen Dorfe Maabdeh unternimmt.“ „Haben ſich da Mamelucken gezeigt?“ frug Re⸗ nouard. „Ach was, Mamelucken,“ erwiederte ärgerlich der Profeſſor;„was gehen mich Eure politiſchen Umtriebe an. Jenes Maabdeh iſt der Ort, wo ſich die ſeit Ewig⸗ keit berühmten Krokodilgräber befinden.“ „Krokodilgräber?“ „Nicht anders! Nach Eurer verwunderungsvollen Frage zu urtheilen, ſcheinen Euch dieſe berühmten Felſengräber böhmiſche Dörfer zu ſein?“ „Allerdings,“ verſetzte Renouard;„ich habe in meinem Leben nie gehört, daß man ſolch abſcheuliche und unvernünftige Thiere beſonders begraben hat.“ „Ouoad abſcheulich, concedo,“ meinte der Pro⸗ feſſor;„ich kann der äußern Form dieſer Amphibien⸗ art ſelbſt keinen rechten Geſchmack abgewinnen; was jedoch das„unvernünftig“ anbelangt, ſo muß ich ent⸗ ſchieden widerſprechen. Die alten weiſen Aegypter würden ſonſt ſicher nicht den Krokodilen ſo hohe Ehr⸗ furcht erwieſen haben.“ „Alſo wirklich, Profeſſor, man hat dieſes Vieh⸗ zeug ordentlich begraben, wohl gar einbalſamirt?“ „Das verſteht ſich, und ich muß mich ſehr wun⸗ dern, daß Euch, als gebildetem Mann, dieſe bekannte Sitte der alten Aegypter ſo ganz unbekannt iſt. Nicht 63 blos die für heilig gehaltenen Krokodile, ſondern auch noch andere Thierarten, wie z. B. den Ibis, hat man zu Tauſenden in ſteingehauenen Gräbern bis zum heu⸗ tigen Tage aufbewahrt. Unfern von Cairv, in dem Felſengebirge, das ſich auf dem rechten Nilufer nach Oberägypten hinzieht, finden ſich meilenweit dergleichen Gräber neben einander. Die berühmteſten ſolcher Todten⸗ höhlen ſind aber die Krokodilgräber von Maabdeh, wenige Stunden von hier.“ Baptiſt glaubte hier ſeine gerechte Mißbilligung nicht zurückhalten zu dürfen. „Pfui Teufel,“ ſprach er,„ſolch' ſcheußlich Thier⸗ zeug chriſtlich zu beſtatten!“ „Du ſprichſt wieder einmal, wie Du es verſtehſt, einfältiger Menſch,“ zankte der Profeſſor.„Wie konnte denn zwei, drei Jahrtauſend vor Chriſtus von einer chriſtlichen Beſtattung die Rede ſein?“ „Profeſſor,“ verſetzte Renouard, dem die Kroko⸗ dilkatakomben nicht in den Kopf wollten,„allen Re⸗ ſpect vor Eurer Alterthumskunde, aber dieſe Krokodil⸗ mumien dürften wohl unter die antiquariſchen Mähr⸗ chen gehören?“ „Was gilt die Wette, daß ich die Wahrheit ge⸗ ſprochen?“ „Habt Ihr die Gräber mit eigenen Augen geſehen?“ „Nein!“ „So erlaubt, daß ich Eure Behauptung bezweifle.“ „Aus Euren ganzen Reden geht hervor, daß Ihr Aegypten, wie geraume Zeit Ihr Euch daſelbſt befin⸗ det, ſo gut wie nicht kennt. Ihr mögt auf dem Schlachtfelde ein recht tapfrer Degen ſein; aber was die Wiſſenſchaften und namentlich die Antiquitäten anbelangt, ſo macht Ihr Eurem ehemaligen Lehrer, Ihr mögt es übelnehmen oder nicht, wenig Ehre. 64 Nichtsdeſtoweniger könnt Ihr Euch um die geſammte Alterthumskunde ein außerordentliches Verdienſt er⸗ werben, wenn Ihr den General Deſaix vermögt, daß er die Gegend von Maabdeh recognosciren läßt.“ „Hier meine Hand,“ verſetzte Renouard,„was in meiner Macht ſteht, will ich thun, denn ich bin ſelbſt begierig, dieſe berühmten Krokodilgräber in Augen⸗ ſchein zu nehmen.“ „Wenn Ihr die Recognoseirung in's Werk ſetzt,“ rief Laroſſoſſinier voll Eifer,„ſo verſpreche ich Euch, ob Eures zuweilen unverantwortlichen Leichtſinns in Betreff der ägyptiſchen Alterthümer ein Auge zuzu⸗ drücken.“ „Das ſoll mir lieb ſein,“ ſprach Camille;„aber bevor ich ein gut Wort bei Deſair einlege, müßt Ihr mir auch Etwas verſprechen.“ „Fordert was Ihr wollt, ſetzt nur die Recognos⸗ eirung durch.“ „Ihr müßt das Wort geben, mir in die berühm⸗ ten Krokodilgräber perſönlich zu folgen, damit ich mich unter den tauſendjährigen Alterthümern zurecht finde.“ „Bis in den Mittelpunkt der Erde folge ich!“ be⸗ theuerte Laroſſoſſinier und kam auf den Nilſchlamm zurück, deſſen Beſtandtheile er Renouard mit vieler Umſtändlichkeit auseinanderſetzte, womit jedoch der Le⸗ ſer verſchont bleiben möge. 65 Sechſtes Rapitel. Auf ihrem Marſche Nilaufwärts ſtießen die Franzo⸗ ſen auf die weltberühmten Ruinen des alten Tenty⸗ ris, bei dem heutigen Dorfe Denderah, welches un⸗ gefähr zwei Stunden vom Nilufer am Ende einer ſehr ſchönen Ebene liegt, von zahlreichen Palmengruppen umſchattet. Der uralte Tempel, der ſich hier erhebt, gehört zu den wenigen altägyptiſchen Bauwerken, die ſich faſt vollkommen erhalten haben. Seine Größe ſteht der ausnehmenden Zierlichkeit, womit er bis in's Detail gearbeitet iſt, nicht nach. Durch eine impoſante Vorhalle, welche von vier⸗ undzwanzig blendend weißen Säulen, jede dreiund⸗ zwanzig Fuß im Umfange und mit wunderſchöner Bildhauerarbeit geſchmückt, getragen wird, gelangt man in die verſchiedenen Abtheilungen des Innern. Hier erblickt man an der Decke der einen, gleichfalls von Säulen getragenen Abtheilung, den weltberühmten Thierkreis, jenes erſte Archiv der menſchlichen Wiſ⸗ ſenſchaft, welcher bereits die Blicke aller Aſtronomen und Alterthumsforſcher Europa's auf ſich gezogen hat. Laroſſoſſinier hatte ſich nie glücklicher befunden, als im Tempel von Tentyra. Nach ſeiner Berech⸗ nung war dieſer Thierkreis nicht weniger denn funf⸗ zehntauſend Jahre alt, während der ehrwürdige Denon, der ſich ebenfalls mit anweſend befand, das Alter nur auf dreitauſendzweihundert Jahre ſchätzte. Beide gin⸗ gen hierbei von aſtronomiſchen Berechnungen aus. Die äußere Mauer des Tempels hat eine Stärke von ſieben Fuß, iſt mit eiſernen Klammern bedeckt Stolle, ſämmtl. Schriften. IV. 5 66 und die Steine des Architravs über der Vorhalle be⸗ tragen mehr denn achtzehn Fuß. Die Hieroglyphen des Gewölbes weichen bedeutend von einander ab, doch haben ſie noch ſehr kenntliche Farben. Auch in die⸗ ſem Tempel fand man über dem Eingange zum Hei⸗ ligthume ausgebreitete Flügel und Lichtſtrahlen, welche den Glanz der Gottheit verſinnbildlichen ſollen. Mit Hülfe von Fackeln entdeckte man ſelbſt hin⸗ ter dem Allerheiligſten noch verſchiedene Gänge und Kammern. Alle Mauern waren mit ſchönen hiero⸗ glyphiſchen Bildern in erhabener Arbeit gleichſam über⸗ ſäet. Das Merkwürdigſte im Tempel von Tentyra bleibt aber der oben erwähnte Thierkreis, welcher vom Rauche der Fackeln, die einſt impoſante Ceremonien be⸗ leuchteten, ganz geſchwärzt iſt. Dieſer antike Tempel, ſeine einſame Lage erfüllten die Bruſt der Krieger mit Ehrfurcht. Bewundernd blieben die Soldaten ſtehen und durchwanderten mit einer gewiſſen Scheu die heiligen Räume. Und weiter ſtromaufwärts marſchirten die Colon⸗ nen. Man befand ſich bereits in der uralten Thebais. Trümmer von Städten und Tempeln ſtiegen hier und da am Horizonte empor und zogen ſchweigend vorüber. Da bog man eines Tages um den Fuß eines Vor⸗ gebirges unfern des Nils und machte unwillkürlich Halt. Mancher rieb ſich erſtaunt die Augen und glaubte, daß die Fata Morgana ihm rieſenhafte Ruinen vor⸗ führe, aber es waren in der That Ruinen. Meilen⸗ weit thürmten ſie ſich von Horizont zu Horizont, beide Ufer des Nils tief in's Land hinein bedeckend— es war die uralte Hauptſtadt Aegyptens, die hundert⸗ thorige Thebä, welche ſich vor den erſtaunten Blicken der Franzoſen ausbreitete. Nichts auf der Welt iſt dieſer in Trümmer geſunkenen Stadt zu vergleichen. 67 Der Boden der Mythe iſt unſicher, ſchwankend. Er wechſelt, er weicht jeden Augenblick unter den Füßen. Man empfindet dies, ſo wie man in die Nähe von Theben kommt. Der Eindruck dieſer zuſammen⸗ gebrochenen Welt, ihr Alter iſt ſo gewaltig, daß die franzöſiſchen Colonnen unwillkürlich das Gewehr prä⸗ ſentirten, als ſie näher heranrückten. Die älteſte Geſchichte überliefert dieſe Stadt als eine geweſene. Man würde ihr Beſtehen unter die Fabeln der Märchenerzähler rechnen, lägen ihre Ueber⸗ reſte der erſtaunten Nachwelt nicht vor Augen. Der Menſch wird gezwungen, zu ſagen: Sie war, aber er weiß nicht, wann ſie begann, nicht einmal, wann ſie endete. Die Bibel iſt zu jung, ſie zu kennen. Moſes kannte nur Unterägypten. Wenigſtens laſſen alle ſeine Erzählungen nur auf dieſen Theil des Landes ſchließen. Die Urväter ſelbſt, deren Einwanderung und Wirken wir aus der Geneſis kennen, haben keinen andern Schauplatz als Unterägypten. Die ſpätern griechiſchen Schriftſteller ſprechen von Memphis— Theben wird nicht genannt. Und ſie war doch. Homer kannte ſie und legt ihr den viel beſprochenen und viel beſtrittenen Namen der Hundertthorigen bei. Schon in dem älteſten Re⸗ ligionscultus, dem Pelasgiſchen, finden wir ihre Spur, denn die Weiſſagung zu Dodona war, nach dem ein⸗ ſtimmigen Zeugniß der ägyptiſchen Prieſter und Prie⸗ ſterinnen, aus derjenigen im Tempel des Ammon zu Theben hervorgegangen. Herodot, der Vater der Ge⸗ ſchichte endlich, kannte ſie als Hauptſtadt Ober⸗Aegyp⸗ tens, d. h. der thebaiſchen Mark. Nach dieſes Geſchichtſchreibers Meinung und nach den Angaben, die er fünfthalb Jahrhunderte vor un⸗ 5* 68 ſerer Zeitrechnung an Ort und Stelle ſammelte, war in älteſter Zeit das Land vom Meere bis in das heu⸗ tige Fayum ein ungeheurer Sumpf. Damals aber beſtand Theben und war der Mittelpunkt, die Haupt⸗ ſtadt Aegyptens. Späterhin ward es entweder Haupt⸗ ſtadt eines eigenen Reichs, oder, nachdem die Pharao⸗ nen von Memphis ſich nach Süden ausdehnten, zweite Stadt des Reichs. Die Prieſter im Tempel des Ammon zeigten einſt Herodot, als er Theben beſuchte, die Reihenfolge ihrer Oberprieſter, und dieſe geht nicht weiter zurück, als die Gründung von Memphis. Hieraus läßt ſich ſchlie⸗ ßen, daß dieſe in Folge eines jener Vertilgungskriege ſtattfand, welche, wie wir aus den Büchern Moſis wiſſen, unter den Stämmen der älteſten Völker nicht ungewöhnlich waren. Die Gründung von Memphis aber fällt nach Herodot auf vierhunderteinundvierzig Menſchenalter vor Pſammetiko's, das ſind eilftauſenddreihundertund⸗ vierzig Jahre und ſonach zwölftauſend Jahre vor un⸗ ſerer Zeitrechnung. Sein Beweis dafür iſt die unter ſich übereinſtimmende Liſte von dreihunderteinundvierzig Königen und dreihundertfünfundvierzig Oberprieſtern, welche die Prieſter ihm vorlaſen und in Bildern ihm zeigten. Dieſe Zahl von Jahren erſchreckt. Man kann ſagen, daß ein Menſchenalter ein zu breiter Durchſchnitt für die Regierung eines Königs ſei; aber ſelbſt die Hälfte führt den Urſprung von Memphis auf ſechstau⸗ ſend Jahre hinauf. Warum auch ſolche Scheu vor Zahlen? Der Na⸗ tur fehlt die Zeit nicht, ſagt Volney, und alle For⸗ ſchungen im Reiche der Elemente, der phyſiſchen ſo⸗ wohl wie der moraliſchen, ſagen Daſſelbe. Von der Höhle im Felſen bis zum Tempel von Karnak, und 69 vom Verkehr eines Hirtenvolks bis zur Ausbildung eines Reichs, wie das der Pharaonen, iſt ein ſo un⸗ abſehbarer Weg, daß nur nach Jahrtauſenden gerech⸗ net werden kann. In keinem Lande nahm die Vorſehung den Men⸗ ſchen ſichtbarer an die Hand, als in Aegypten und half ihm die Wege abkürzen. Das Land beſteht nur durch den Nil; dieſer Fluß kann nur durch große Bau⸗ ten verbreitet werben. Große Bauten erfordern das Zuſammengreifen Vieler. Einmal gezwungen am Nile zu leben, war frühe Vereinigung der Familien zu einem Volke, frühes Auffinden mechaniſcher Kennt⸗ niſſe, frühe Entwickelung eines bändigenden Religions⸗ ſyſtems, frühe Herrſchaft eines Einzigen unausbleib⸗ liche Folge. Eben dieſe Angewöhnung, einerſeits vom Volke, zu gtoßen, der Gemeinde nützenden Werken ſich zu vereinigen, und andrerſeits vom Herrſcher, große Mittel zu ſolchen in ſeiner Hand zu ſehen, mußte auch Werke hervorbringen, welche, wie die Pyramiden und die Königsgräber, nicht mehr von Vielen für Alle, ſondern von Vielen für Einen gearbeitet wurden. Der Nil iſt der Vater aller der Bauten, welche die Bewun⸗ derung ſpäter Jahrtauſende geworden ſind. In kei⸗ nem Lande, wo nicht ein Canalſyſtem wie in Aegypten ſich befindet, werden ſolche Rieſendenkmäler aufgeführt werden können. Die Tempel und Obelisken von Theben ſtammen aus der blühendſten Epoche des Reichs der Pharav⸗ nen, aus der Zeit der Dynaſtien des Amoſis und des großen Remeſes und herab bis auf die Pharavnen, welche gleichzeitig mit den Königen von Judäa und Iſrael herrſchten. Der Untergang des Reiches der Pharaonen iſt mit furchtbaren Zügen in den zuſammengeſtürzten Tem⸗ 7⁰ veln der hundertthorigen Thebä geſchrieben. Die Per⸗ ſer waren es, welche, von Religionsfanatismus getrie⸗ ben, ſich gleich Heroſtraten durch eine Verwüſtung unſterblich gemacht haben, wie die Geſchichte kein zwei⸗ tes Beiſpiel aufzuweiſen hat. Aber ſelbſt Glaubens⸗ wuth, der Zahn der Zeit, der Gluthſtaub der Wüſte mühten ſich vergeblich, jene Majeſtät zu vernichten, die noch in Trümmern gewaltiger zum Beſchauer ſpricht, denn alle Bauten der Erde. Die Ptolomäer räumten am Schutte auf, ſtellten die Heiligthümer wieder her, fügten manches Bauwerk hinzu, denn ſie liebten, für Wiederherſteller der altägyp⸗ tiſchen Religion, für die geſetzlichen Rächer und Er⸗ ben der Pharaonen zu gelten. Die Römer bauten nur wenig am Nothwendigſten. So erblickt man in den Monumenten von The⸗ ben die Werke von zwanzig Jahrhunderten, die funfzehn nicht gerechnet, die ſeit dem jüngſten römiſchen Baue und der Gegenwart vergangen ſind. Die Ruinen des hundertthorigen Theben zählen im Durchſchnitte zwei Stunden, ſind in einer herrlichen Ebene ausgebreitet, lehnen ſich an das lybiſche Ge⸗ birg, welches hier ſeine höchſte Höhe in Aegypten er⸗ reicht, und werden majeſtätiſch vom Nil durchſtrömt. Das erſte Prachtwerk, bei welchem das ſtaunende Heer anlangte, war der Tempel des Dorfes Luxor, hart am Nile gelegen. Vor dem Eingange zwiſchen zwei mächtigen Pylonen ſitzen zwei Koloſſe; vor dieſen erheben ſich zwei Obelisken von roſenrothem Granit, auf denen die Arbeit in Bildern und Hieroglyphen als die vollkommenſte betrachtet werden muß, die man auf irgend einem Monumente findet. Jeder dieſer Obelisken beſteht aus einem einzigen Blocke, am Fuße von ſieben Fuß Länge und acht Fuß — — 74 Breite. Die Höhe wird auf achtzig Fuß geſchätzt und die ſpezifiſche Schwere auf dreitauſend Centner. Bilder und Hieroglyphen ſind mit einer Schärfe eingearbeitet und die Oberfläche im Allgemeinen und insbeſondere die Flächen der eingegrabenen Zeichen beſitzen einen Glanz und eine Glätte, die man außer in Theben an keinem andern Monumente von Gra⸗ nit wiederfindet. Beſtünde die ganze Maſſe aus dem feinſten Kitt, ſo hätte man die Zeichen nicht weicher ausrunden, und wäre ſie Karneol, ſie nicht ſchärfer ab⸗ kanten können. Die Koloſſe, ſo weit ſie über den Schutt hervor⸗ ragen, von den Achſeln bis zu der Spitze der Haube, meſſen einundzwanzig Fuß Höhe. Um einen Maß⸗ ſtab für ihre Größe zu haben, bedarf es nur der Be⸗ merkung, daß ein Ohr die Länge von zwanzig Zoll hat. Von einer Achſel zur andern beträgt die Breite über zehn Fuß. Das Geſicht iſt gewaltſam verſtüm⸗ melt. Sie ſind aus grauem Granit gehauen. Wahr⸗ ſcheinlich ſind ſie ſitzend dargeſtellt nach dem Beiſpiele vieler anderer von Theben. Die Lehnen tragen herr⸗ liche Arbeiten in Hieroglyphen und Bildern, die, wie auf den Obelisken, größtentheils Opfer des Ammon dar⸗ ſtellen. Auf den Achſeln der Koloſſe befinden ſich die hieroglyphiſchen Ringe des großen Remeſes. Die Pylonen erheben ſich über ſiebenundfunfzig Fuß aus dem Schutte. Ihre ganze Höhe dürfte neunzig Fuß betragen. Sie haben ſehr gelitten. Ihre Bilder ſind kaum noch kenntlich, die Hieroglyphen und Ringe abgeflacht, die Steine ſelbſt an mehreren Stellen auseinandergerückt, als hätte Erdbeben dieſe Maſſen erſchüttert. Dennoch erkennt man geſchicht⸗ liche Darſtellungen darauf, Schlachten und Triumphe und darüber die Ringe des großen Remeſes. 72 Von der Höhe dieſer Pylonen, wo ſie noch eine Breite von dreiunddreißig Schritten haben, überſchaut man wie von einem Obſervatorium die ganze un⸗ ſterbliche Ebene von Theben. Beide Ufer des Nils, ſoweit das Thal reicht, von Oſten nach Weſten, ſind mit Ruinen bedeckt und wo einſt die Wohnungen der Lebenden aufhörten, beginnt das Reich der Todten, jene unermeßlichen Felſengrä⸗ ber, die ſich tief in die weſtliche Gebirgskette erſtrecken. Tempel, deren ungeheure Maſſen ſich gleich Gebirgen aufthürmen, von Koloſſen, Sphinxen, Obelisken und Pylonen umgeben, liegen zerſtreut in der Ebene. Jahrtauſende gingen über ihnen hin; aber weder die Allmacht der Zeit, noch die zerſtörende Wuth der Bar⸗ baren hat ſie zu überwältigen vermocht. Im Nordweſten zeigt ſich am Horizonte als wirres Gehäufe von Trümmern Medinet Abu, eins der vier armſeligen Dörfer, die ſich in den Ruinen der alten Königſtadt angeſiedelt haben. Dahinter erhebt ſich kahl, bleich, verſtört, als hohe Maſſe das Gebirg. Es zieht ſich nach Norden und fällt hinter der Nekropo⸗ lis und hinter Kurnu, dem zweiten in Ruinen gelege⸗ nen Dorfe, deſſen Säulenreihen aus der Ebene ſich erheben, ab. An das Hauptgebirge grenzt das Mem⸗ nonium. In Nordweſten ſitzen in grüner Ebene die beiden Memnonkoloſſe. Bleiche Hügel, Ruinen an Ruinen ziehen bis Weſten, wo ſie mit lichter Zunge in Grün endigen. Von Weſten bis Süden zeigt der Nil ſeinen gewundenen Lauf, wie er aus der höhern Thebais daherkommt. Inſeln, Dörfer und Palmen⸗ haine gruppiren ſich daſelbſt zu einer reichen Landſchaft. Im Süden ragen aus dem arabiſchen Gebirge drei gewaltige Pies zu den Wolken. Das Gebirge zieht ſich in weiten Bogen nach Oſten, wo es ſanft abfällt. 73 Dort liegt, auf Schutt und von Schutt umgeben, das dritte Dorf, Karnak. Pylonen, Obelisken, Koloſſe, Palmen und Hütten bezeichnen es. Das Thor zwiſchen den Pylonen von Luxor(ſo heißt das vierte Dorf in der Trümmerwüſte von The⸗ ben) iſt zerſtört. Desgleichen die Säulengänge, welche, an die Pylonen gelehnt, den erſten Hof umſchloſſen haben. Zur Rechten ſtehen nur noch achtzehn Säu⸗ len. Dieſer erſte Hof ſcheint ſehr geräumig geweſen zu ſein. Ein Theil des Dorfes Luxor befindet ſich darin. Durch ein zweites Thor gelangt man in den zweiten Hof, deſſen Säulencolonnaden gleichſam in Trümmern liegen. Vermittelſt eines vierzehnſäuligen Zugangs gelangt man in den dritten Hof; dies iſt der koloſſalſte Theil des koloſſalen Baues. Wo die Reſte der ſieben und ſieben Säulen aus dem Schutte ragen, ſchauen koloſſale Figuren, auf denſelben eingegraben, hervor. Dennoch ſind dieſe Reſte, welche dreißig Fuß im Umfange haben, noch dreißig Fuß über dem Schutt erhaben. Sie tragen Lotosknäufe und ihr Ge⸗ bälke. Die Hieroglyphen auf allen Theilen dieſes Porticus ſind verhältnißmäßig wenig tief eingegraben; aber ſie waren dennoch bereits bemalt, wie die Reſte der Farben beweiſen. Er war vielleicht zu keiner Zeit als ganz beendet betrachtet worden und faſt möchte man glauben, daß er zu rieſig war, um ihn zu Ende zu bringen. Die hieroglyphiſchen Ringe beweiſen, daß dieſer Hof ſeine Erbauung ſpätern Königen verdankt, als die beiden erſtern. Dieſer rieſenhafte Säulengang führt in einen vier⸗ ten Tempelhof, wo noch vierundvierzig Säulen ſich erheben. Die Hieroglyphen ſind hier von weit edlerer Ausführung. Nun tritt man in eine Säulenhalle von zweiund⸗ 7⁴ dreißig Säulen. Auf der Decke dieſer Halle, ſo wie des zweiundzwanzigſäuligen Porticus ſteht ein Theil des Dorfes Luxor. Vieles Volk wohnt auch zwiſchen den Säulen in ärmlichen Hütten, die es an dieſelben geklebt hat. Die Hieroglyphen der Säulen ſind ſo rein gearbeitet als die früher erwähnten. Selbſt die Säulen waren bemalt, wie noch an vielen Orten ſicht⸗ bar iſt. Die Wandbilder, größtentheils Opferungen darſtellend, ſind im edelſten Style gehalten. Durch einen Zwiſchenhof gelangt man in einen von Säulen getragenen Tempelſaal. Die Pracht und der Reichthum der Arbeit in dieſem Saale verkündet, daß man dem Heiligthum immer näher kommt. Auf der einen Wand erblickt man einen Adler mit aus⸗ gebreiteten Flügeln. Gegenüber erſcheint ein Gott oder König mit prachtvoller Mitra gekrönt, welcher an zuſammengehaltenen Zäumen Rinder und Schafe führt; in der Rechten hält er einen Hirtenſtab. Auch Opfergaben ſind in Menge aufgehäuft. Brode und Früchte in Körben, darunter Birnen und Bananen, von letztern zwei Arten, wovon die eine dermalen in Aegypten nicht mehr wächſt. Auf der rechten Seitenwand thront Gott Ammon. Vor ihm kniet ein Held mit königlichen Zeichen, deſ⸗ ſen Namen zu hundertmalen die Ringe dieſes und des anſtoßenden Saales wiederholen. Er berührt den Thron des Gottes. Hinter ihm ſteht die ägyptiſche Göttin Phre mit dem Sperberhaupte, die Hand auf des Königs Helm legend. Dann folgt ein Knabe, welcher rückwärts winkt, wo ſechs Männer in grünen Kleidern mit gelben feſtanliegenden Gürteln knien. Ihr Geſicht iſt rothbraun wie das des Königs. Wei⸗ terhin erblickt man andere Opferhandlungen. An ei⸗ ner andern Wand erblickt man Schilderungen der 75 Gnade, womit Ammon, der große Schutzgott der The⸗ bais, den Herrſcher des Landes überhäuft. Auf ſeinem Throne ſitzend reicht er einem Prieſter den Nilſchlüſſel, gleichſam als wollte er ſagen: Nimm hin den Segen des Nils. Auf einem andern Bilde überreicht der Gott den Nilſchlüſſel dem Könige ſelbſt, der in höchſt maleriſchem Gewande vor ihm kniet. Durch ein Thor tritt man in den zweiten Tem⸗ velſaal. In dieſem ſteht aber als abgeſonderter Tem⸗ vel das Heiligthum. Sphinxe ruhen neben demſel⸗ ben, Schlangen und Adler über demſelben. Das Innere iſt voller Schutt. Von den zahlreichen Zier⸗ rathen, Gemälden und Hieroglyphen iſt wenig mehr zu erblicken. Aus dem Tempelſaale, welcher das Heiligthum umgibt, gelangt man in einen zwölfſäuligen Saal. Dieſer, ſo wie ein folgender, ſind höchſt reich verziert, obſchon außerordentlich verwüſtet. Dies iſt das Hauptſächlichſte, was man heute noch von dieſem königlichen Baue ſieht, der dem Auge ſo wohlgefällig als dem Geiſt bewundernswürdig erſcheint. Einhundertvierundfunfzig Säulen und acht Pfeiler ſtehen noch aufrecht. Er iſt das Werk von acht Kö⸗ nigen und mehrerer Jahrhunderte.. Von dem Tempel zu Luror führt durch Ruinen eine Sphinxallee nach dem Tempel von Karnak. Die Köpfe der Sphinxe ſind ſämmtlich abgeſägt und abgeſchlagen. Die Tempelpforte, zu welcher dieſe Allee führt, iſt ſechzig Fuß hoch und mit den edelſten Arbeiten ge⸗ ziert und dennoch nur eine Seitenpforte. Vor dem Hauptthore, zu welchem ebenfalls eine Allee von Sphinxen führte, ſtehen zwei ungeheure Pylonen, die unverziert ſind, alſo niemals fertig wurden. So wie man in das Thor getreten iſt, genießt man den un⸗ 76 vergleichlichen und erſtaunenswerthen Anblick einer Reihe von Thoren, eins mächtiger als das andere, zwiſchen ungeheuren Pfeilern und Säulen. Im Hin⸗ tergrunde des Vorhofs befinden ſich ſechs Säulen, die größten der Erde. Fünf ſind umgeſtürzt, nur eine ſteht noch. Sie ſind mit Hieroglyphen bedeckt und waren bemalt; ihre Knäufe ſind Lotosblumen. Das Thor auf der ſüdweſtlichen Seite iſt eine je⸗ ner rieſigen Pforten, wie man ſie nur zu Karnak findet. Die Pylonen, welche einſt daneben ſtanden, ſind eingeſtürzt und bilden hohe Wälle von Blöcken. Vor dem Thore ſtehen verſtümmelte Koloſſe von ungeheu⸗ rer Höhe. Durch dieſes Thor tritt man in die Rie⸗ ſenhalle, den erſtaunlichſten Saal, den Menſchenhände aufgeführt haben, und der Alles, was man ſonſt Großes in Aegypten geſehen hat, ſo ſehr überbietet, daß es in's Gewöhnliche zurücktritt. Dieſer Saal bildet ein Rechteck und wird von hundertvierunddreißig Säulen getragen, wovon hundertzweiundzwanzig zehn Fuß oberhalb des Fußgeſtelles noch ſiebenundzwanzig Fuß im Umfange haben; die zwölf übrigen aber über ſie⸗ benunddreißig Fuß. Die Höhe der Gefimſe der klei⸗ nern Säulen über den gegenwärtigen Grund beträgt ſechzig Fuß. Die Decke der Rieſenhalle beſteht aus Deck⸗ und Querbalken, jeder aus einem einzigen Blocke von außerordentlicher Größe beſtehend. Auf den Quer⸗ balken ruhen Fenſteröffnungen mit doppeltem Stein⸗ gitter. Die Rieſenhalle trug alſo einen Oberbau. Dieſe ungeheure Halle iſt nun in allen ihren Thei⸗ len der Oberfläche auf das Vollkommenſte in heili⸗ gem Style gearbeitet, die Geſtelle, die Schäfte der Säu⸗ len, das Gebälke, die Decke, die Wände, ſind mit Hie⸗ roglyphen und Bildern gleichſam überſäet, an denen ſich die Farben hier und da noch friſch erhalten ha⸗ 0 ben. Denkt man ſich alle dieſe hundertvierunddreißig Schäfte zur Fläche entrollt, ſieht man überdies dieſe Wände, welche die Halle zu beiden Seiten umſchlie⸗ ßen, und allein ſchon vier Flächen, jede zu zwanzig⸗ tauſend Quadratfuß bieten, und Alles mit dem Meiſel bearbeitet, ſo fragt man ſich, wer die Idee eines ſol⸗ chen Baues, der Jahrhunderte und Völker zu fordern ſchien, zu denken vermochte; und man erſtaunt mehr über die Kühnheit dieſes Gedankens, als über die Ver⸗ wirklichung deſſelben. Ueberhaupt müßte man unter der Größe der Bau⸗ ten zu Karnak erdrückt werden, würde man nicht durch ſie zu den ſtolzeſten Empfindungen erhoben. Die Bilder im Innern ſtellen Opferhandlungen, die der Außenwände Schlachten und Triumphe dar. Ein größeres Siegesdenkmal iſt wohl nie aufgerichtet wor⸗ den. Die Triumphbauten unſrer Tage ſcheinen Kin⸗ derſpiel dagegen. Das unterſte Bild an der linken Seitenwand zeigt eines Heeres Untergang. Es ſtürzt in Fluth und Ab⸗ grund, eingeengt zwiſchen die Streitwagen des Siegers. Daneben ſtehen Burgen, welche die hieroglyphiſchen Ringe altägyptiſcher Könige tragen. Der Sieger, der hoch herab vom zweirädrigen Wagen kämpft, iſt braun von Farbe; ſeine Haare ſind hellblau. Hellblau iſt auch der Adler, der wie ein Schutzgeiſt, wie ein Bringer der Kraft ausgebreitet über ihm ſchwebt. Das nächſte Bild iſt des Krieges Ende. Der Held lenkt den Wagen nach Hauſe. Seine Linke hält den Zügel und die Geiſel, ſeine Rechte einen kurzen Spieß und ein krummes Beil. Die Haare ſind hier roth⸗ braun und der Kopf iſt eingeſetzt, als habe man den urſprünglichen herausgeſchnitten, um einen ſpätern Herrſcher zu ehren. Am Wagen vorn und rückwärts 78 werden Gefangene, an Hals und Händen gefeſſelt, geſchleppt. Im dritten Bilde erreicht der heimkehrende Sieger den Nil, deſſen blaue Wellen zwiſchen Palmen und zehn Tempelthoren oder Burgen dahin fließen. Kro⸗ kodile ſchauen daraus hervor. Ein Haufen Volks eilt auf dem entgegengeſetzten Ufer mit Früchten und an⸗ dern Gaben den Kommenden entgegen, die Arme voll Erſtaunen und zum Willkommen erhoben. Mitten im Nil ſteht eine kleine Hieroglyphengruppe eingegra⸗ ben, welche wahrſcheinlich die Zeit, in welcher dieſer auf dem Bilde dargeſtellte Heimzug ſtattfand, an⸗ deutet. In den Bildern der obern Reihe iſt gleichfalls Raſen der Schlacht; Kriegswagen gegen einander und Sieg. Die Ueberwundenen ſind zum Theil nackt, zum Theil aber mit weiten Röcken bekleidet. Ihre Kopf⸗ bedeckung iſt feſtanliegend, mit und ohne Nackenſchild. Es können nur aſiatiſche Völker damit gemeint ſein. Die weitern Bilder der zweiten Hälfte der nord⸗ öſtlichen Außenwand ſind Opfer, Kampf und Sieg. Land, Züge von Gefangenen mit ganz fremdem Ge⸗ ſichtsausdruck. Bewaffnete Schaaren in Reihe und Ordnung. Flucht auf Streitwagen und Nachjagen des Siegers. Schlachtgedränge zu Wagen und zu Fuß. Der Wagen des feindlichen Heerführers gebunden an den des Siegers und fortgeſchleppt von dieſem, wäh⸗ rend jener noch kämpft und ringt. In allen dieſen Bildern offenbart ſich eine außer⸗ ordentliche Phantaſie. Die Handlung iſt reich und lebendig, die Bewegung keck und raſch, der Ausdruck ſprechend lebendig, ergreifend, die Zeichnung zwar ohne Perſpective, aber die Ausführung der Details unbe⸗ greiflich reich und ſchön. So haben die Pferde eine Wahrheit im Kopfe, welche an die berühmten Raphael⸗ ſchen erinnert. Gebiß, Zaum und Geſchirre ſind pracht⸗ voll und zweckmäßig, die Wagen ſind wie aus Elfen⸗ bein gedrechſelt mit erhabener Arbeit und Schmuck, feſt und ſchön. An vielen Stellen ſpielt die Lotosblume eine Hauptrolle. Sie erſcheint bald als Opfer, bald ge⸗ wunden in Kränzen. Sie wächſt aus Säulen empor, ſie umſchlingt ſolche. Sie krönet die Menſchenhäup⸗ ter, ſie liegt einzeln und in Bündeln auf Tiſchen; ſie ſteht vor den Göttern in ſchöngeformten Vaſen. Der Rieſentempel von Karnak zählt nicht weniger denn zehn Thore, Hunderte von Sphinxen, zahlreiche Koloſſe, Pylonen, Säle, Säulen und Obelisken; ſämmtlich bedeckt mit Hieroglyphen und reich gearbei⸗ teten Gemälden. Die Phantaſie erſchrickt ob dieſer ungeheuern Maſſen. Nicht blos viele Könige, ſondern viele Dynaſtien von Königen, wie die hieroglyphiſchen Ringe verkünden, haben an dieſem Wunderwerke gebaut. Zwiſchen dem Gründer des Tempels und desjenigen Fürſten, der die letzte Hand daran legte, liegen ſech⸗ zehn Jahrhunderte. Hundert Jahre allein brauchten die fanatiſchen Perſer, dieſe Pforten niederzubrechen, dieſe Heilig⸗ thümer, Obelisken und Koloſſe in Trümmer zu ſchlagen, Bilder und Hieroglyphen zu vertilgen und Tauſenden von Sphinxen die Köpfe abzuſägen. Sie verwüſte⸗ ten ein ganzes Jahrhundert hindurch, aber ſie konnten nicht zu Ende kommen; es blieb noch genug übrig, ſie anzuklagen und zu verdammen. Eine Stunde öſtlich von Karnak zeigen ſich aber⸗ mals koloſſale Ruinen eines Tempels, welcher im ſchönſten Style der Pharaonen erbaut warz; aber Py⸗ lonen, Säulen und Hallen ſind zuſammengebrochen. 80 Die Oberflächen ſfind mit Bildern und Hieroglyphen bedeckt, die an Feinheit denen an den bereits erwähn⸗ ten Tempeln nicht nachſtehen. Mitten aus der Trümmermaſſe des hundertthorigen Theben erheben ſich einſam und gewaltig jene beiden Rieſenkoloſſe, die man mit dem Namen„Memnons⸗ ſäulen“ bezeichnet. Das Poſtament der einen wie der andern Bildſäule beſteht aus einem einzigen Blocke, dreiunddreißig Fuß lang und ſiebzehn breit. Die Höhe der Monumente beträgt etwas über ſechzig Fuß. Der Unterarm und die Hand haben allein über funfzehn Fuß Länge. Die ſüdliche Bildſäule iſt aus einem einzigen Blocke gehauen, die andere in der Mitte ab⸗ gebrochen und mit fünf Steinlagen ergänzt. Beide ſtellen ſitzende Jünglinge dar, in deren Antlitz, ſo weit dies die abſichtliche Verſtümmelung erkennen läßt, und in deren Haltung der Ausdruck vollendeter Ruhe herrſcht. Das Geſicht iſt gegen Morgen gewen⸗ det. Die Hände ruhen auf den Knien. Die Sei⸗ tenwände des Thrones ſind mit Bildern und Hiero⸗ glyphen geſchmückt. Die Füße der Bildſäulen enthalten zahlreiche In⸗ ſchriften in griechiſcher und lateiniſcher Sprache. Alle enthalten die Namen der Perſonen, Tage und Stun⸗ den, an welchen man die Stimme des Memnons ge⸗ hört haben will. Die meiſten dieſer Inſchriften ſind aus der Zeit der römiſchen Kaiſer. Aus einigen die⸗ ſer Schriftzüge erhellt, daß auch die Kaiſerin Sabina eine Wallfahrt zu dem Wunderbilde unternommen habe. Die Stunde, in welcher die Stimme vernom⸗ men wurde, iſt bald die erſte, bald die erſte und eine halbe, bald die zweite. Kambyſes ſoll die eine Memnonsſäule haben ent⸗ 8¹ zwei ſägen laſſen. An dem einen Fuße ſtehen auch in griechiſcher Sprache die Verſe: Kambyſes zerbrach mich, dieſen Stein, Im Glauben, ich ſei eines Königs Bild. Die verlorne Stimme war einſt die des Memnon, Sie befeufzte die Leiden; Kambyſes raubte ſie mir. Nun mit Ausrufen in unſichern Leiden Beklage ich das vergangene Lvos. Unter den Ptolomäern ſoll die Säule wieder her⸗ geſtellt worden ſein. Dafür ſprechen auch die verſchie⸗ denen Blöcke, aus welchen ſie zuſammengeſetzt iſt; da ſie wahrſcheinlich früher, wie die andere, aus einem ebeen Blocke beſtanden hat. In gewiſſen Abſtänden von den Memnonsſäulen liegen andere verſtümmelte Blöcke von gleicher Größe tief eingeſenkt in den Grund mit Spuren von Hiero⸗ glyphen. Außerdem iſt die ganze Gegend weit und breit umher mit Koloßtrümmern von Porphyr und Granit gänzlich bedeckt. Man nimmt daher mit der größten Wahrſcheinlichkeit an, daß die beiden Mem⸗ nonsſäulen nur der Eingang zu einem vor mehreren Jahrtauſenden bereits zerſtörten ungeheuren Tempel waren. Ueberhaupt bieten die Ruinen der alten Thebä die bemerkenswerthe Eigenthümlichkeit dar, daß man nur Reſte von Tempeln und nur von Tempeln erblickt; keine Paläſte, keine Bruͤcken, keine warmen Bäder, wie man ſie in der ſpätern Welt ſo zahlreich findet und welche dem öffentlichen Nutzen und Vergnügen gewidmet waren. Weit und breit, ſo weit das Auge reichte, von einem Horizonte zum andern nichts als Ruinen von jenen Gebäuden, welche die Macht der Prieſter verkündeten, überſäet mit Hieroglyphen und dunkeln Symbolen. Stolle, ſämmtl. Schriften. IV. 6 82 Faſt unmittelbar an die Ruinen von Theben grenzt im Hintergrunde das Reich des Todes. Der ganze Abfall des Gebirges nach Süd und Oſt iſt Grabſtätte und birgt eine unzählige Menge von Katakomben, Mumienbrunnen und Gräbern aller Art, die man in Jahren nicht alle finden und in Jahren die gefunde⸗ nen nicht völlig kennen lernen kann. Unter den hundert und aber hundert Eingängen in das Felſengebirge, welche ſämmtlich zu unterirdiſchen Gräbern führen, zeichnet ſich vor Allen ein ſehr großes reichverziertes, aber auch ſehr verwüſtetes Grab aus, von deſſen Pforte man weithin die Ebene von The⸗ ben überſchauen kann. Dieſes Grab trägt die Ringe eines der größten Pharavnen und vorzüglichen Grün⸗ ders derjenigen Thebä, deren Ruinen man heutiges Tages noch ſtaunend erblickt. Da nach dem Glauben der Aegypter die Seele des Menſchen nach dreitauſend Jahren wieder erwachen ſoll, ſo war dieſes Grab ſo ge⸗ legen, daß ſein König beim Erwachen aus dem lan⸗ gen, langen Schlafe die heilige Thebä überſchauen konnte. Einige Vorhügel ſcheiden das berühmte Gräber⸗ thal Aſſaſiff von der Ebene von Theben. Mitten durch das Thal führte einſt eine breite Straße bis zu einem Tempel, der ganz im Hintergrunde an der höchſten Stelle des Thales an die Felswand des Hauptſtückge⸗ virges ſich majeſtätiſch lehnte und deſſen mit Hiero⸗ glyphen überſäete Trümmer noch heutzutage ſichtbar ſind. Von dieſem impoſanten Baue führten Stufen in das Thal hernieder, wo ſich ſo viele und bewun⸗ derungswürdige Gräber in Felſen gehauen vorfinden, daß ſie ein Beſchauer einſt in allem Ernſte für un⸗ terirdiſche Königspaläſte hielt. Mitten in glänzend weißem Sande, der faſt wie 2 83 Schnee das Auge blendet, gelangt man durch eine Stiege in einen Vorhof, der zur Rechten und Linken Pfeilergänge hat und im Hintergrunde zwei Thore zeigt, die in das Innere des Felſens führen. Durch das zur Rechten gelangt man in zwei ſchöne Gemächer, auf das Reichſte mit erhabener Arbeit und Malerei ausgeſtattet. Im Hintergrunde befindet ſich ein Grab. Durch das zur Linken kommt man in ei⸗ nen Saal, aus dieſem in ein Gemach, dann in einen Gang, der eine geraume Strecke dahinführt und wahr⸗ ſcheinlich das Grab enthielt. Alle dieſe Räume und Hallen find auf das reichſte mit unſäglichem Reich⸗ thum verziert. Das Mittelthor führt in einen großen Saal, deſſen Pfeiler eingebrochen und hinweggeführt wurden. Alle Wände ſind auf das edelſte mit Bil⸗ dern und Hieroglyphen geſchmückt. Ein Saal, von vier Säulen getragen, folgt dem erſtern. In die Thorpfeiler gehauen(erhaben auf ver⸗ tieftem Grunde, wie alle Bilder des beſten ägyptiſchen Styls) erblickt man das Bild eines Königs auf ſeinem Throne ſitzend. Aus dem zweiten Saale erreicht man einen dritten, der zur Linken ein Gemach, zur Rechten ein unglaubliches Labyrinth von Gängen hat; unglaub⸗ lich ob des Entwurfs, unglaublich ob der Ausführung, denn alle dieſe Gänge ſind, ſo wie die Säle ſelbſt, in den Felſen gehauen und auf das forgfältigſte mit erhabener Arbeit verziert; und dennoch waren ſie nie beſtimmt, von dem Lichte des Tages beſchienen zu werden. Die Gänge wenden ſich unter rechten Win⸗ keln und haben von Zeit zu Zeit Thore und Seiten⸗ gemächer. Durch parallel neben einander laufende Stiegen, die wie alle ägyptiſchen ſanft in die Tiefe führen, gelangt man zu einem tiefen Mumienbrunnen, der ſchon lange eröffnet und beraubt worden, wie die 6½ 8 4 in den Gängen ausgeſäeten Gebeine und Hüllen be⸗ zeugen. Weiter im Gange trifft man auf zwei ver⸗ ſtümmelte Wandſtatuen. Hinter dieſen öffnet ſich ein Saal, der mit Koloßtrümmern angefüllt iſt und worin ein Altar ſteht. Hier endet das Labyrinth nach dieſer Seite. Steigt man aber die Stiegen wieder herauf, ſo erblickt man an der obern zur Linken einen aber⸗ maligen Saal. Aus ihm gelangt man wieder zu ei⸗ nem Mumienbrunnen. Läßt man ſich vermittelſt Sei⸗ len in dieſen Brunnen hinab, ſo findet man einen neuen Gang, an deſſen Ende eine Sargſtelle befindlich. Läßt man jedoch den Brunnen rechts liegen, ſo kommt man an ein Thor, hinter welchem ſich der Gang in zwei Arme ſpaltet. Beide Arme brechen ſich nach ei⸗ niger Zeit rechtwinklig und bilden ſonach eine vierſei⸗ tige Gallerie. Dieſe iſt wo möglich noch reicher als die übrigen Theile des Labyrinths verziert und der Beſchauer fragt ſich, ob er wache oder träume. Er glaubt ſich in eine Feenwelt verſetzt. Die Hieroglyphen und Bilder ſind gehäufter, und feiner gearbeitet als irgendwo. In kurzen Zwiſchenräumen ſind hier Ni⸗ ſchen in den Felſen gehauen, in welchen man bald zwei, bald vier, bald acht, bald zwölf Statuen neben einander ſitzend erblickt. Dumpf hallt der Boden unter den Fufßtritten der Menſchen wieder. Es iſt, als ob der Fuß des ſtau⸗ nenden Wanderers über Gewölbe dahinſchritte; nicht unwahrſcheinlich, daß der Meiſel der alten Aegypter bis in die tiefſte Tiefe dieſes Felſengebirges gedrun⸗ gen und nur die Zugänge verſchüttet ſind. Was in der erwähnten Gallerie nicht wenig die Chriſten in Erſtaunen ſetzt, iſt an der einen Wand das Bild eines Gekreuzigten. Es wendet wie Chriſtus ſein ſterbend Haupt nach der einen Seite; die Arme 85 find ausgeſpannt, die Füße über einander geſchlagen. Die Vermuthung, als hätten vielleicht die erſten Chri⸗ ſten dies Bild hierher gebracht, widerlegt ſich durch die Arbeit. Der Styl iſt ganz ägyptiſch. Das Bild paßt in die daneben befindlichen vollkommen und zeigt noch die Farben, womit es, wie alle die übrigen Dar⸗ ſtellungen in dieſem Labyrinth, gemalt war. Auch ſind die Arme des Gekreuzigten mit ägyptiſchen Bän⸗ dern geziert, ſo wie das ganze Bild mit Hieroglyphen umgeben iſt. Ein zweites Königsgrab im Thale Aſſafiff beginnt gleichfalls mit einem Vorhofe und hat einen ebenſo labyrinthartigen Bau, wie das ſo eben beſchriebene. Auch in ihm ſind Bilder und Hieroglyphen mit wun⸗ derbarer Feinheit gezeichnet. Man erblickt die Abbil⸗ dungen aller Handwerke und Künſte. Da gibt es Zimmerleute, welche Stämme behauen, Tiſchler, welche Schränke, Tiſche, Bänke und allerlei Geräth verferti⸗ gen, da ſind Gerber und Schuhmacher, Sargbeſtatter, Leichen⸗Einbalſamirer, Baumeiſter, Bildhauer; da ſind Bäcker und Marktwieger; da ſind Schreiber, eine Rolle Papyrus und den Griffel in der Hand; da ſind ſolche, welche Barken und Schiffe bauen, Maſten und Tau⸗ werk anfertigen. Da gibt es Schaaren von Tänzern, die bald einzeln, bald zu zweien tanzen; aber nur Männer mit Männern, Frauen ſind Zuſchauer. Das Geſicht der Letztern iſt vval, die Farbe dunkel, die Mienen ſind ſanft und freundlich; ſie gleichen ganz den heutigen Aegypterinnen. Auch Harfenſpieler ſieht man, neun- und zehnſaitige Inſtrumente in der Hand haltend, ferner Königsbilder mit dem Scepter und Halsſchmuck. Außer dieſen beiden Gräbern gibt es noch zahl⸗ reiche andere, mehr oder weniger verwüſtet in dem 86 Thale Aſſaſiff, welches, den hieroglyphiſchen Ringen nach, hauptſächlich einer mächtigen Dynaſtie der Pha⸗ raonen als Schlummerſtätte gedient zu haben ſcheint. So bewundernswürdig indeß die Gräber im Thale Aſſaſiff genannt werden müſſen, werden ſie gleichwohl durch diejenigen im Thale Bab⸗el⸗Melek, welches„Hof der Könige“ heißt, übertroffen. Dies ſind jene Be⸗ gräbnißſtätten, welche von den Reiſenden gewöhnlich unter dem Namen„Gräber der Könige“ aufgeführt werden. Das Thal oder vielmehr die Verzweigung von Felsſchluchten, in denen dieſe unvergleichlichen Wun⸗ derwerke ſich befinden, iſt nur durch einen Gebirgs⸗ arm vom Thale Aſſaſiff geſchieden. Gräber der Könige! Wo? In dieſer Oede, wo kein Halm gedeiht, in dieſen engen Felsſchlünden? Und doch ſind ſie hier. Nichts kündigt von außen die Prachtlabyrinthe an, die das Innere dieſer Ge⸗ birgsmaſſen durchziehen, und denen die bekannte Erde keine ähnlichen an die Seite zu ſetzen hat. Die ara⸗ biſchen Führer, welche den Reiſenden heutzutage in dieſen Todtenkathedralen umherführen, kennen nur ſechzehn derſelben. Bei weitem der größere Theil iſt verſchüttet, denn allen Schriftſtellern zufolge gab es im Thale Bab⸗el⸗Melek ſiebenundvierzig Königsgräber. Diodor von Sicilien ſagt von ihnen, daß ſie von kei⸗ nem ſpätern Baue übertroffen worden wären, daß ſich gewaltige Obelisken vor ihnen erhoben, auf welchen die Macht dieſer Könige über Scythien, Bactrien, Indien und Jonien, ihre großen Einkünfte und Kriegs⸗ heere verzeichnet geſtanden hätten. Bei weitem das ſchönſte und am beſten erhaltene dieſer Königsgräber iſt das des zweiten Remeſiden. Um es genau zu ſchildern, bedürfte man ganzer Bände 87 und wie wahrheitgemäß der Schriftſteller auch zu Werke ginge, würde es dem Leſer dennoch als Märchen er⸗ ſcheinen. Dieſe zahlloſe Menge von Gängen, Ge⸗ michern und Sälen, zwei Stockwerke tief und tiefer in den Felſen gehauen; dieſe Millionen Bilder und Hieroglyphen der feinſten Ausführung, dieſer Glanz, dieſe Unverletztheit der Farben, als wären dieſelben ſo eben erſt aufgetragen worden, gehen weit über den heutigen Maßſtab des Leiſtbaren hinaus. Der Auf⸗ wand von Kraft und Arbeit, von religiöſer Gewiſſen⸗ haftigkeit in der Ausführung des Kleinſten wie des Größten, des Geſehenen wie des Ungeſehenen, iſt ſo ungeheuer, daß man durchaus nicht begreifen kann, wie irgend ein Herrſcher, und wäre er auch der mäch⸗ tigſte der Welt, auf den Gedanken verfallen konnte, einen ſolchen Bau anzubefehlen. Die Pyramiden ſprechen zu allen Völkern und zu allen Zeiten; aber hier iſt ein namenloſer Fleiß mit den Todten ſelbſt in Finſterniß begraben und der Oberfläche der Erde gänzlich entrückt. Ein paar Fuß Sand mehr und dieſe unvergleichlichen Hallen ahnet kein menſchliches Auge. Hoch ragen die Felswände über dieſe Schluchten, welche die Königsgräber verbergen. Der Weg durch das Thal iſt gewunden und gleicht einem Waſſerriſſe.“ Keine Blume, kein Blatt ſchmückt die todte, verſtei⸗ nerte Gegend. Es ſcheint, als wenn mächtige Ge⸗ birgswäſſer dieſe Felſen vor Kurzem erſt durchwühlt hätten, und gleichwohl regnet es hier in zehn Jah⸗ ren kaum ein einziges Mal. Auf welchem Wege wur⸗ den aber zwiſchen dieſen engen Felſenwänden die Särge, die Koloſſe nach den Labyrinthen gebracht, in welchen die alten Pharaonen ihre letzte Ruheſtätte aufgeſchla⸗ gen? Vergebens haben ſich Reiſende in alter und 88 neuer Zeit, welche dieſe Gegenden beſucht haben, mit Löſung dieſes Räthſels beſchäftigt. Nach menſchlichem Ermeſſen iſt nur eine Annahme denkbar, daß nämlich unterirdiſche Gewölbe von den Tempeln und Hallen der hundertthorigen Thebä nach den Grabkathedralen ihrer Könige führten. Siebentes Rapitel. Auf den Trümmern des alten Theben brachte De⸗ ſaix eine Nacht mit ſeinen Kriegern zu. Den andern Morgen ſetzte er, trotz der faſt fußfälligen Bitten des bejahrten Denon und des von den Ruinen der Hun⸗ dertpfortenſtadt beinahe bis zum Paroxismus exaltirten Laroſſoſſinier, ſeinen Marſch nilaufwärts gegen Esneh fort. Man durchzog eine Ebene, die mit Zuckerrohr und allen medieiniſchen Kräutern, die Aegypten her⸗ vorbringt, bepflanzt war, ſo daß die Atmoſphäre mit einem balſamiſchen Dufte erfüllt war. Weiter aufwärts trat das lybiſche Gebirge hart an den Fluß. Die Ufer begannen gefährlich zu wer⸗ den wegen der ungeheuren Krokodile, die ſich in im⸗ mer größerer Anzahl zeigten und oft aus dem Nile herauskamen, um die Ufer abzuweiden. Indeß ge⸗ ſchah nie Unglück. Wie furchtbar die Krokodile in ihrer Art ſind, kann es wieder kein furchtſameres Ge⸗ ſchöpf geben. Der geringſte Lärm treibt ſie in die Flucht, namentlich wenn ſie außerhalb des Waſſers ſind, was gewöhnlich während der Nachtzeit der Fall iſt. Ende Januar langte Deſaix mit ſeinem Corps in —— 89 Esneh, dem alten Latopolis, an, woſelbſt er den Ge⸗ neral Friant mit einer Truppenabtheilung zurückließ. Er ſelbſt ſetzte ununterbrochen die durch Wüſten ſo beſchwerliche Verfolgung der Mamelucken fort. Bei ihrem Marſche gelangten die Franzoſen an jene Stelle des Nils, welche man die Kette nennt, weil der Fluß daſelbſt ſo ſchmal wird, daß man ehe⸗ mals die Schifffahrt durch eine Kette, die man von einem Ufer nach dem andern zog, ſperrte. Man zog vorüber an den berühmten rothen Granitbrüchen, welche eine deutſche Meile lang ſich in die Tiefe erſtrecken. Dies ſind die ungeheuren Steinlager, aus welchen die Hunderte von Tempeln der Pharaonen und Ptolomäer, jene zahlloſen Obelisken, Säulen, Pylonen und Koloſſe gehauen ſind, womit das Land Aegypten zleichſam überſäet iſt. Da erblickt man ganze Obelisken, welche aus dem Groben gearbeitet, aber nicht vollendet worden ſind; man ſieht am ufer in die Felſen die Betten gehauen, auf welchen bei ſteigendem Nil dieſe Steinmaſſen auf den Fluß ge⸗ bracht und dann weiter geführt wurden. Zahlloſe an⸗ gefangene Arbeiten ſieht man überall; die zahlreichen Felsſpitzen, die wie Klippen aus dem Sandmeere ra⸗ gen, ſind alle behauen. Auf vielen ſind Hieroglyphen und Bilder eingegraben. Dieſe Granitbrüche, von der Wüſte umgeben, ge⸗ währen eine ſchauerliche Oede. Wer hier aufgewachſen, würde nicht träumen, daß es ein Pflanzenreich auf Erden gibt und daß ein ſolches überhaupt zum Gan⸗ zen dieſer Welt gehört. Und dennoch iſt dieſe Ge⸗ gend nicht farblos. Wenigſtens ſind es drei Haupt⸗ farben, die vorherrſchen: das Gelb des Sandes, das glänzende Schwarz der Felſen und das Roth derſelben an denjenigen Stellen, wo ſie vor Jahrtauſenden be⸗ 90 hauen worden ſind; Stellen, die alſo noch zu jung ſind, um jene ſchwarze Rinde der Zeit anzunehmen. Die Art und Weiſe, wie die Aegypter einen Block vom Muttergebirge ablöſen, iſt ganz von derienigen, wie ſie in den älteſten Steinbriüchen Griechenlands und Aſiens vorkam, verſchieden. Aus nur halb abge⸗ ſchlagenen Blöcken iſt erſichtlich, daß man längs der Umriſſe kleine Oeffnungen bohrte. War dies geſche⸗ hen, ſo mußte irgend ein kräftiger Stoß die Maſſe ausbrechen. Doch welche Kraft brachte dieſen Stoß hervor? Niemand vermag das heutzutage zubeantworten. Ueberdies ſcheinen die Aegypter kein Eiſen gekannt zu haben. Wenigſtens findet man nirgend eine Spur davon. Alle Waffen, Werkzeuge ꝛc. ſind von Erz, alle Mumienkäſten durch hölzerne Nägel verbunden. Dumpfes Brauſen, das aus Süden ſcholl, verkün⸗ dete, daß man ſich den Katarakten des Nils nähere. Rauhe ſchwarze Gebirge ſenken ſich düſter in den Nil, der, von vielen Granitfelſen eingeengt und durch⸗ ſchnitten, ſeine Gewäſſer mit großem Geräuſch hindurch⸗ zwängt. Denkt man ſich dieſe ſtrengen Formen und Farben mit dem Grün der in den Felſen zerſtreuten Palmenbäume und mit dem reinſten Himmel im Ge⸗ genſatze, ſo hat man ein Gemälde von dem, was man die Katarakten des Nils nennt, obſchon ſie nicht den Namen von Waſſerfällen verdienen. Sie ſind nichts mehr und nichts weniger, als eine durch zahlreiche Fels⸗ ſtücken gebrochene Strömung. Bei geringem Waſſerſtande ſind daher die Kata⸗ rakten nur mit großer Gefahr zu beſchiffen. Es ge⸗ hört alle Erfahrenheit und Entſchiedenheit der Schiffs⸗ führer, lange Uebung und unverwandte Aufmerkſam⸗ keit dazu, das Fahrzeug glicklich darüber zu bringen. Der Grund des Bettes iſt aber auch wie eine Karte e 94 gekannt und die Kraft der Strömung für jede ge⸗ fährliche Stelle erprobt. Ein Augenblick des Zweifels oder Irrthums würde das Schiff rettungslos an die Klippen werfen, die von Granit glänzend ſchwarz und in furchtbaren Schneiden und Spitzen gebro⸗ chen ſind. In älteſter Zeit ſind ſchwere Granitmaſſen über die Katarakten gebracht worden, was mit unter die Wunder zu zählen iſt, womit die Werke der Pharao⸗ nen die heutige Mechanik beſchämen. Alle die Denk⸗ male Thebens, die aus Roſengranit gehauen, ſind Steinbrüchen entnommen, die oberhalb der Katarakten gelegen. Auch iſt, wie der Finger in dem Königspa⸗ laſte Belſazars, die Hand der Pharaonen an den Ka⸗ tarakten ſichtbar. Auf dem Felſen Bahr, der wie ein Markzeichen der Natur oberhalb der Waſſerfälle ſeit Jahrtauſenden aus ſchäumenden Wellen emporragt, erblickt man die hieroglyphiſchen Ringe mehrerer großen Pharaonen. Den Katarakten gegenüber liegt die Inſel Philve, eine halbe Stunde im Umfang. Sie iſt, mit Aus⸗ nahme einiger am Ufer zerſtreuten Palmen, faſt ohne Vegetation; aber prachtvolle Tempelruinen bedecken überall die felſige und romantiſche Oberfläche. Mit jedem Schritte berührt man Alterthümer, denn die ganze Inſel war einſt heiliger Boden und der andächtigen Zurückgezogenheit von allem Weltlichen geweiht. Die finſtern und phantaſtiſchen Klippen und ufer rings um⸗ her ſcheinen aus einer Revolution der Erde hervorge⸗ gangen, und noch ergreifender wird der Anblick, wenn man durch die langen Säulengänge nach dem heiligen Strome hinausſchaut. Nur das gleichmäßige Rauſchen der Katarakten unterbricht die tiefe Ruhe, und der ſtets reine Himmel verleiht ſelbſt den Nächten eine bezau⸗ bernde Milde und Glanz. Die Katarakten konnten für die franzöſiſche Armee als Grenze ihres Marſches betrachtet werden; ſie bil⸗ den die Grenze Aegyptens und Nubiens. Von jetzt an erſt war Ober⸗Aegypten für erobert zu halten und Deſaix konnte wohl ſtolz darauf ſein, die Waffen ſei⸗ nes Vaterlandes bis zu dem Orte getragen zu haben, wo einſt die Adler der Herren der Welt anhielten. Philve war einſt die äußerſte Grenze des großen rö⸗ miſchen Reichs. Die Franzoſen gruben darum in einen Tempel von Philve folgende Inſchrift ein: L'an VI de la république Le 13 Messidor Une armée francaise, commandée Par Bonaparte, est descendue A Alexandrie. L'armée ayant mis, vingt jours Apreès, les Mameluks en fuite Aux Pyramides, Desaix, commandant la Premiere division, les a Poursuivis au-dela des Cataractes, ou il est arrivé Le 13 Ventose de l'an VII. Les Généraux de Brigade Davoust, Friant et Belliard, Donzelot, chef de l'état major, La Tournerie, commandant de l'artillerie. Eppler, chef de la 21 légeère. Le 13 Ventose an VII de la république 3 Mars an de J. C. 1799. Gravé par Casteix, sculpteur. Murad⸗Bay, aus Aegypten gänzlich vertrieben, hatte den verzweifelten Entſchluß gefaßt, ſich mit den ihm noch verbliebenen Beys und Mamelucken in das an⸗ 5 93 grenzende Nubien, in das ſchreckliche Land der Ba⸗ rabras zu werfen. Deſaix ließ den General Belliard mit der einund⸗ zwanzigſten leichten Halbbrigade in Aſſauan, dem ur⸗ alten Syene, der Grenzſtadt von Oberägypten, zurück, und trat den Rückmarſch nach Esneh an. Sein Plan war, das ganze Land, von dem alten Syene an, durch feſte Cantonnirungen zu beſetzen. Belliard hatte ſonach die Ehre, Nachfolger des be⸗ rühmten Dichters Juvenal zu werden, welcher zur Strafe für ſeine Satyren nach Syene geſchickt wurde, um daſelbſt die Cohorten zu commandiren, welche die⸗ ſen äußerſten Grenzpoſten des römiſchen Weltreichs gegen die nubiſchen Völkerſchaften deckten. Der General bezog inmitten der Stadt ein altes, türkiſches Schloß. Es fehlte Anfangs den Soldaten an Allem; aber kaum waren einige Tage vergangen, ſo erſchienen in den Straßen franzöſiſche Schneider, Schuhmacher, Barbiere und Reſtaurateurs mit ihren Aushängeſchildern. Bald folgte das Angenehme dem Nothwendigen. Man hatte ſeine Tivolis, ſein Hölz⸗ chen von Boulogne, ſeine Kaffeehäuſer, öffentliche Spiele und Spielkarten. Vor dem nördlichen Thore der Stadt befand ſich eine Baumallee. Hier ward ein Meilen⸗ zeiger aufgerichtet, worauf zu leſen:„Weg nach Paris. Tauſenddreihundertvierzig Lieues.“ Zur Annehmlichkeit des Garniſonlebens in Syene trug hauptſächlich die gegenüber im Nil gelegene In⸗ ſel Elephantine bei, welche, bedeckt mit Ruinen, Sy⸗ komoren, Palmen und Orangen, einen höchſt reizen⸗ den Aufenthalt gewährte und deren friſche, erquickende Vegetation durch die ringsum verbreitete Wüſte ſehr gehoben ward. Nicht mit Unrecht ſagt daher ein al⸗ 9⁴ ter Dichter von ihr:„Sie liegt in der Wüſte, wie ein in goldenes Geſchmeide gefaßter Smaragd.“ Achtes Rapitel. Renouard, welcher, dem Wunſche Deſaip's gemäß, in Syene zuruckgeblieben war, wollte eben in Begleitung Nurmahals auf einem Kahne nach der Inſel Elephan⸗ tine überfahren, als er am Nilufer einen Haufen Soldaten erblickte, aus deſſen Mitte die ſcheltende Stimme des Profeſſors Laroſſoſſinier hervorſchallte. „Ihr verdientet ſämmtlich im Nile erſäuft zu wer⸗ den,“ zankte der Gelehrte,„in demſelben Waſſer, das dieſem Thiere, welches in der Naturgeſchichte einen ſo ſeltenen Rang einnimmt, zum Lieblingsaufenthalte gedient hat.“ Als Renouard bei dem Haufen ankam, machte man ehrerbietig Platz, und er gewahrte ein ungefähr ſechs Fuß langes, junges Krokodil, welches todt am Boden lag und an welchem Laroſſoſſinier niederge⸗ kniet war und naturhiſtoriſche Unterſuchungen anſtellte. Einige Fellahs aus der Umgegend hatten das Thier im Nilſchlamme ſchlafend überraſcht, es gebunden und nach Syene gebracht, um dem General Belliard da⸗ mit ein Geſchenk zu machen. Leider waren den Bauern aber einige Soldaten begegnet, welche in ihrem Ueber⸗ muthe das Krokodil getödtet hatten. „Ihr ſeid ſchlimmer als die perſiſchen Barbaren unter Kambyſes,“ fuhr der Profeſſor fort,„vor deren mordſüchtigen Händen, wie die Sage geht, wenigſtens die Krokodile Ruhe hatten. Was that Euch dieſes ——„—— einſt ſo heilig gehaltene Amphibium, daß Ihr daſſelbe wie Meuchelmörder anfielet und auf den Kopf ſchlu⸗ get? Dieſes noch junge Thier war nicht furchtbar und überdies gefeſſelt. Es wäre intereſſant geweſen, zu ſehen, wie dieſes räthſelhafte Amphibium frißt, was es frißt und ob es nothwendigeweiſe käuen muß; wie das Käuen mit nichts als Schneidezähnen geſchieht, wie der Schlund, welcher die Stelle der Zunge ver⸗ tritt, beſchaffen ſein muß, um dieſen Dienſt zu ver⸗ richten, ob das Thier bei ſeiner Gefräßigkeit zahm ge⸗ macht und lebendig nach Paris gebracht und den Na⸗ turforſchern übergeben werden konnte. Baptiſt, faſſe einmal am Schweife an, daß wir den Leichnam des Thieres auf den Rücken legen.“ „Ich greif's nicht an,“ verſetzte Baptiſt,„der böſe Kerl kann beißen.“ „Einfältiger Famulus,“ der Profeſſor,„wie kann es denn beißen? Erſtens hat es am Schweif keine Zähne und zweitens iſt es todt, wie Du gehört haſt. Alſo faſſ' an.“ „Todt?“ meinte Baptiſt,„das glaube ein An⸗ derer.“ „Nun was ſoll's denn ſein?“ frug ingrimmig Laroſſoſſinier. „Es ſtellt ſich blos todt,“ verſetzte der Burſche; „das Krokodil iſt heimtückiſch und verſchmitzt.“ „Dieſes Thier ſoll nicht todt ſein, Einfaltspinſel? Das Gehirn iſt durch die barbariſchen Schläge der Soldateska ſogar lädirt.“ Da Baptiſt trotz aller Beweiſe nicht zugriff, be⸗ quemte ſich endlich einer der Musketiere, das Krokodil umzuwenden. Dieſe neue Seite ſeines Körpers, welche das Thier jetzt darbot, gab dem Profeſſor abermaligen Stoff, naturhiſtoriſche Betrachtungen anzuſtellen. 96 Renouard ward jetzt von Laroſſoſſinier bemerkt. Dieſer ließ ſogleich vom Krokodile ab und nahm den Capitain bei Seite. „Ihr könntet mir einen wahren Freundſchafts⸗ dienſt erweiſen.“ „Doch nicht wieder Krokodilgräber beſuchen?“ frug Renouard. „Nein,“ verſetzte der Profeſſor,„ſeit ich die un⸗ terirdiſchen Königspaläſte im Thale Bab⸗el⸗Melek geſehen, gelüſtet mich nach keinem fledermauſigen Kro⸗ kodilgrabe mehr. Ihr ſollt mich eine Strecke in die Wüſte begleiten.“ „In die Wüſte?“ „Ja, ich möchte gern einige Strauß eneier haben.“ „Bei den umherſchweifenden Beduinen und Ma⸗ melucken iſt dieſe Wanderung nicht ohne Gefahr.“ „Eben deshalb wende ich mich an Euch, daß Ihr einige Eurer Grenadiere mitnehmt.“ Renonard machte ein etwas bedenkliches Geſicht, aber Laroſſoſſinier ließ nicht nach, bis er die Ein⸗ willigung erhalten. Nachdem Laroſſoſſinier den Befehl gegeben, das todte Krokodil nach ſeiner Wohnung zu transportiren, fuhr er mit Renouard nach der Ele⸗ phanteninſel, welche im reichen Grün der Dattelpal⸗ men und Sykomoren einen höchſt maleriſchen Anblick gewährte. Laroſſoſſinier fand bald Gelegenheit, ſeine anti⸗ quariſche Gelehrſamkeit leuchten zu laſſen. „Ich habe nun,“ ſprach er unter Anderm,„die ganze Thebä von oben bis unten durchkrochen und komme immer wieder auf die Frage zurück, die ich bereits ſo oft aufgeworfen habe. Beſtanden die alten gewaltigen Städte Aegyptens nuraus Tempeln? Ueberall nichts als Tempelruinen. Wo bleiben denn die Pa⸗ läſte? Wohnten denn die Könige in Tempeln oder glichen ihre Wohnungen Tempeln? Oder waren ſie von ſo leichter Bauart, daß ſie der Zeit nicht zu wi⸗ derſtehen vermochten? „Soviel iſt gewiß,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „wenn ſie die Gebäude bewohnten, deren Ruinen wir heutzutage für religiöſe halten, ſo wohnten ſie keines⸗ wegs bequem. Große Höfe mit offenen Gallerien; Hallen mit engen Räumen zwiſchen Säulen gehören, wenigſtens meiner Anſicht nach, unmöglich zur Bequem⸗ lichkeit. Die wenigen engen Zimmer ohne Luft und Licht, bedeckt mit myſtiſchen Allegorien, konnten ihren Augen und ihrer Phantaſie keine Erholung gewähren. Zudem habe ich bemerkt, daß mehrere dieſer dunkeln Zimmerkleine Tabernakel enthielten, worin ſonder Zwei⸗ fel entweder das Bild der Gottheit, oder das Thier, das ihr Symbol war, oder der Schatz des Tempels ſich befand; wodurch dies natürlich zu einem geheilig⸗ ten und Jedem, außer dem Prieſter, verſchloſſenen Orte ward. Daher iſt wahrſcheinlich, daß dieſe gro⸗ ßen Vorhöfe von zahlreichen Prieſtergeſellſchaften be⸗ wohnt wurden, und daß dieſe, die Inhaber aller Kennt⸗ niſſe, zugleich Beſitzer der Macht und deren Hülfs⸗ quellen waren.“ „Ich habe auch dieſe Anſicht,“ erwiederte Renouard. „Wie gewaltig und großartig die alten Aegypter zu bauen verſtanden, ich möchte nicht unter ihrer Re⸗ gierung gelebt haben. Welche Einförmigkeit! Welche traurige Weisheit! Welche ernſte Sitte! Mit Schau⸗ dern bewundere ich die Organiſation einer ſolchen Re⸗ gierung. Ihre Spuren erwecken noch jetzt ein ge⸗ wiſſes Grauen. Die prieſterlich gekleidete Gottheit hält in der Hand eine Geißel. Das Geſetz trägt überall Ketten und ein Maaß. Ich ſehe die Künſte Stolle, ſämmtl. Schriften. W. 98 unter der Laſt dieſer Ketten ſich fortſchleppen. Ihr Genins ſcheint mir dadurch niedergedrückt. Kein Cir⸗ eus, kein Kampfplatz, keine Theater. Nichts als Tem⸗ pel, Geheimniſſe, Einweihungen, Prieſter, Opfer⸗ thiere. Zum Vergnügen Ceremonien; zum Prachtauf⸗ wande Gräber.“ Ja, ausnehmend luſtig mag's im alten Aegyp⸗ ten freilich nicht hergegangen ſein,“ meinte der Pro⸗ feſſor.„Wenn man über die Hieroglyphen nur einiger⸗ maßen im Klaren wäre; bevor wir dieſe nicht zu leſen vermögen, werden wir immer im Dunkeln bleiben.“ „Der Verſtand ſteht in der That ſtill“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wenn man bedenkt, wo die alten Aegypter überall Hieroglyphen angebracht haben. Unlängſt treibt mich die Wißbegier, einen alten Brun⸗ nen genauer zu unterſuchen. Ich laſſe mich an Sei⸗ len hinab und als ich in der tiefſten Tiefe ange⸗ kommen bin und mit der Laterne umherleuchte, was finde ich da?“ „Nun?“ frug Camille. „Die ſchönſten Hieroplyphen, ſo ſauber gearbeitet, wie in irgend einem Tempel der Thebais.“* „Ich habe ähnliche Entdeckungen gemacht,“ erwie⸗ derte Renouard,„aber mir die Sache ſo ziemlich na⸗ türlich erklärt.“. „Wie ſo, natürlich?“ „Die Grundlagen zu den Brunnen,“ meinte Ca⸗ mille,„beſtanden häufig aus Säulentrümmern, die mit Hieroglyphen bedeckt waren. Nichtsdeſtoweniger geräth der Beſchauer in gerechtes Erſtaunen. Bedenkt man das Alter dieſer Brunnen, wie alt mögen erſt die Ruinen geweſen ſein, die man zu ihrer Grund⸗ lage benutzte? Wie viel Jahrhunderte, bevor ſie zu⸗ 99 ſammenſtürzten, und wie viel Jahrhunderte dienen ihre Trümmer nicht ſchon als Fundament dieſer uralten Brunnen! Ueberhaupt, es kann wohl nichts Dunkle⸗ res, Geheimnißreicheres und Endloſeres geben, als die Annalen Oberägyptens.“ Nachdem die Beiden die Alterthümer von Ele⸗ phantine in Augenſchein genommen und ſich an der herrlichen Vegetation ergötzt hatten, kehrten ſie nach Syene zurück und trafen Anſtalt zu einem kleinen Aus⸗ flug in die Wüſte. Bereits nach einigen Stunden befand man ſich nebſt der kleinen Escorte in dem unermeßlichen Sand⸗ meere, deſſen äußerſte Wellen das rothe Meer beſpü⸗ len. Eine Todtenſtille herrſchte. Nur ganz aus der Ferne vernahm man das Rauſchen des Nils bei den Katarakten. Nirgends ein Baum, ein Halm, nichts als der Himmel, der eintönig auf das gelbe Sandmeer herabſank. Im Süden zog ſich ein dunkler Streif dahin. „Das iſt die Grenze Nubiens,“ ſprach der Pro⸗ feſſor;„jene Berge gehören nicht mehr zu dem Lande Aegypten.“ „Alſo hatte,“ frug Renonard,„das Reich der al⸗ ten Pharaonen hier ſeine Grenze?“ „Wo denkt Ihr hin?“ antwortete Laroſſoſſinier, „die zahlreichen Tempel, die an Großartigkeit ſelbſt denen zu Theben nicht nachſtehen und ſich tief nach Nubien hinein erſtrecken, ſind der handgreiflichſte Be⸗ weis, daß hier das Pharaonenreich noch nicht zu Ende war.“ „Wie?“ rief Camille verwundert,„die Tempel ſind noch nicht alle? Ich habe immer geglaubt, die Ruinen von Syene und Elephantine ſeien gen Sü⸗ 100 den die äußerſten Denkmale der altägyptiſchen Herr⸗ lichkeit?“ „Da habt Ihr eine große Unwahrheit geglaubt,“ verſetzte der Profeſſor,„die Euerer wiſſenſchaftlichen Bildung nicht eben zum Ruhme gereicht. Wie geſagt, die Tempel Nubiens, gleichfalls von den Pharaonen erbaut, geben den Tempeln der Thebä an Größe nichts nach. So zeichnet ſich der Tempel von Kom Ombos durch die Einfachheit und Größe ſeiner Anlage, ſo wie durch den Adel der Ausführung vor allen andern aus. Seine Ruinen bilden die maleriſchſten von der großen Hinterlaſſenſchaft der Pharaonen.“ Während der Profeſſor ſich über die Tempel Nu⸗ biens verbreitete, ward am öſtlichen Horizonte eine Caravane ſichtbar, die aus Kaufleuten beſtand und vom rothen Meere daherkam. Schon von Weitem konnte man die Schiffe der Wüſte, die zahlreichen Kameele und Dromedare, an ihrem hohen Baue und den langen Hälſen erkenen. Als die Caravane heran kam, erfuhr man, daß ſie während ihres achttägigen Marſches durch die Wüſte außerordentlich gelitten hatte. Man war genöthigt ge⸗ weſen, mehrere Kameele zurückzulaſſen. Die mit Wü⸗ ſtenſtaub bedeckte Mannſchaft war kaum zu erkennen und vermochte ſich nur mit Mühe aufrecht zu erhal⸗ ten. Eine Art Waſſermelonen war zuletzt die einzige Nahrung der Wüſtenwanderer geweſen. Sie erkundig⸗ ten ſich angelegentlich, wie weit es noch zum Nile ſei, den ſie mit Recht als das Ende ihrer Leiden betrachteten. Ohne Kameele iſt eine Reiſe durch die Wüſte nicht denkbar. In der Wüſte allein lernt man die Ehr⸗ würde und den Werth dieſes Thieres kennen. Die Natur hat es als ein wahres Geſchenk der Vorſehung 104 in eine Gegend des Erdballs verſetzt, wo es von un⸗ endlichem Segen iſt. Kein anderes Thier wäre im Stande, es zu erſetzen. Der Wüſtenſand iſt ſein Ele⸗ ment. Sobald es ſumpfigen Boden betritt, wird ſein Tritt unſicher. Unter allen Geſchöpfen vermag es am längſten Durſt zu ertragen, und jedem Ungemach trotzt es mit bewunderungswürdiger Geduld und Aus⸗ dauer. Dafür verlangt es menſchenfreundliche Behand⸗ lung. Jede Brutalität rächt es auf die empfindlichſte Weiſe. Will man durch Schläge ſeinen Gang beſchleu⸗ nigen, ſo kauert es zu Boden und läßt ſich eher tödten, als daß es weiter ginge. Die Kaufleute brachten die Nachricht, daß die Gegend gen Morgen durch verſprengte Mame⸗ lucken unſicher gemacht werde, wodurch Renouard be⸗ wogen wurde, ſich der Caravane anzuſchließen und den Rückweg anzutreten; obſchon Laroſſoſſinier im Suchen nach Straußeneiern noch keineswegs glücklich geweſen war. Die Kaufleute boten Renouard und dem Profeſſor zwei vorräthige Kameele zum Reiten an, was zu einer höchſt drolligen Scene Veranlaſſung gab. Der Profeſſor hatte nicht das erforderliche Geſchick, das Thier zu beſteigen. Alle Welt mußte helfen, ſchieben und fördern. So wie der ungeſchickte Reiter im Sat⸗ tel ſaß, erhob ſich das Kameel, wodurch erſterer, trotz⸗ dem, daß er ſich mit Todesverzweiflung anklammerte, etwas empor geſchleudert wurde. Er ſchrie, er wolle wieder abſteigen, er komme ſich zu hoch vor; aber ſobald ein Kameel auf den Füßen iſt, iſt es nicht leicht wieder zum Niederkauern zu bewegen. Laroſſoſ⸗ ſinier mußte ſich's in der Höhe gefallen laſſen, obſchon er fortwährend in Todesangſt ſchwebte. Die Palmen des Nils wurden am Horizonte ſicht⸗ 4102 bar; ſämmtliche Muhamedaner fielen bei dieſem An⸗ blicke mit dem Geſicht zu Boden und prieſen Allah und Muhamed für den Schutz in der Wüſte. Obſchon die Abendſonne den fernen Horizont mit grünem Saume ſchmückte, ſo war die Mannſchaft zu erſchöpft, noch ſelben Tages das Nilufer zu erreichen. Es ward Halt gemacht. Jeder breitete neben ſeine Kameele einen Teppich; bald loderten die einzelnen Wachtfeuer luſtig auf der Sandebene empor und man nahm ein frugales, höchſt romantiſches Abendeſſen ein. Die ſchönſte Nacht ſank herab. Das Firmament ſtrahlte in ſeltener Pracht. Aus der Tiefe der Wüſte ward zuweilen das Brüllen eines Löwen vernehmbar. Kurz nach Mitternacht ging der Mond auf und verſetzte die Wüſte in geiſterhafte Beleuchtung. Wohlbehalten erreichten Renouard und Laroſſoſſinier in Begleitung der Kaufleute am nächſten Tag Syene. Als Camille in die Wohnung des Generals Belliard trat, um ſeins Rückkehr zu melden, theilte ihm dieſer ein Schreiben des Generals Deſaix mit. Camille ward aufgefordert, ſich unvorzüglich nach Esneh zu begeben, wo ſich das Hauptquartier der Armee von Oberägypten befand. Binnen kurzer Zeit befand ſich Renouard an die⸗ ſem Orte. Als er das Thor des alten Latopolis im Rücken hatte, fiel ihm ein Tempel auf, der ſich auf⸗ fallend erhalten hatte. Es wär der berühmte Porticus von Esneh, der Triumph der Römer in Nachahmung des altägyptiſchen Styls; ein Werk, das aus den ver⸗ einten Anſtrengungen mehrerer Imperatoren hervor⸗ gegangen war. Dieſer Portieus, welcher über funf⸗ zig Fuß lang und über hundert breit iſt, ruht auf vierundzwanzig koloſſalen Säulen, die jetzt nur noch dreißig Fuß aus dem Schutte hervorragen. Jeder der „— „ 103 vierundzwanzig Knäufe ſtellt irgend einen Blumen⸗ kelch vor und jeder iſt von den übrigen verſchieden. Die Muſter aus den pharavniſchen Tempeln ſind dabei treu nachgeahmt. Die Seiten des Knaufs tragen das zur Blume gehörige Laub. Die Ausführung iſt fein und glänzend. Der ganze Tempel iſt aus Sandſtein erbaut. Unfern von dieſem merkwürdigen Gebäude befand ſich das Hauptquartier. Als Renouard bei Deſaix ankam, ward er ſogleich vorgelaſſen. Der General, der einſtweilen den Degen in die Scheide geſteckt, war mit Adminiſtrativarbeiten überhäuft. Er erkundigte ſich nach dem Zuſtande der franzöſiſchen Truppen an der Grenze Aegyptens, wie der Geſundheitszuſtand, das Benehmen der Bewohner und ob die nach Nubien vertriebenen Mamelucken von ſich hören ließen. Nichts entging ſeinem Alles überfliegenden Auge. Als Renouard auf die meiſten Fragen zufrieden⸗ ſtellend geantwortet, ſchien Deſaix ſichtbar erheitert. „Gott ſei Dank,“ ſprach er,„diesmal wären die Feinde beſiegt und Oberägypten in unſerer Gewalt; aber ſo lange noch Murad lebt, iſt die Zukunft nicht geſichert. Wie elend die Lage dieſes Mannes der⸗ malen, ſo iſt er noch eine Macht und furchtbar durch ſeine Geſchicklichkeit, Thätigkeit und Ausdauer. Nach beſtimmten Nachrichten hat er ſich nach den Oaſen ge⸗ flüchtet; ich werde Friant hinſenden“. „Ihr habt jetzt, fuhr er zu Renouard fort,„eine geraume Zeit Gelegenheit gehabt, Euch von dem Zu⸗ ſtande Oberägyptens, dem Schauplatze unſerer Thä⸗ tigkeit, zu überzeugen. Kehrt daher zur Armee nach Syrien zurück und berichtet Bonaparte von dem, was Ihr geſehen. Sagt ihm, daß die Diviſion Deſair ſich förtwährend beſtreben werde, ſeiner und Frankreichs würdig zu erſcheinen.“ 104 Renouard werd entlaſſen und traf ſeine Vorkeh⸗ rungen zur Rückkehr zur Hauptarmee. Von den Sorgen des nahen Kriegs befreit, wid⸗ mete ſich Deſaix ganz der Verwaltung. Er theilte Oberägypten in zwei Provinzen, regierte die eine von Schiut aus und übertrug die andere dem General Belliard. Er unternahm häufige Reiſen durch die Ort⸗ ſchaften, um mit den Scheiks und den Einwohnern die Arbeiten an den Canälen und Dämmen zu ord⸗ nen, Verbeſſerungspläne zu verabreden und die Vor⸗ theile des Landmanns mit denen der Regierung in Uebereinſtimmung zu bringen. Die Fellahs gingen friedlich ihren Feldarbeiten nach und brachten den Sol⸗ daten, deren freundſchaftliche Haltung ihnen Vertrauen einflößte, Erfriſchungen. Durch Anregung und Ver⸗ mittelung des franzöſiſchen Einfluſſes brachten es auch die Ortſchaften unter ſich dahin, den barbariſchen Ge⸗ brauch der Blutrache abzuſchaffen. Sie unterwarfen ſich der Gerechtigkeitspflege der Franzoſen. Der Han⸗ del begann aufzublühen. Oberägypten ſtellte das Bild eines einer eiviliſirten Regierung ergebenen Volkes dar. Es ſcheint, ſprachen die Aegypter, die Zeit des fürſtlichen Scheik Amman iſt wiedergekommen. Dieſer Amman war ein mächtiger Araber, deſſen Gerechtig⸗ keitsliebe noch heute im Munde des Volkes lebt. Bo⸗ naparte hieß bei ihnen der große Sultan und De⸗ ſaix der gerechte Sultan. Auch General Belliard zeigte bei der Verwaltung nicht geringere Geſchicklichkeit denn als Feldherr. Er leitete die Bewäſſerungen und ermunterte den Land⸗ bau. Er war Ackerbauverſtändiger, Gouverneur, Feld⸗ herr, gefürchtet und geehrt. Reuntes Rapiter Bereits vierzig Tage ſind es, daß der Heldenmuth der franzöſiſchen Bataillone gegen die Wälle von St. Jean d'Aecre ſtürmt, daß die franzöſiſche Artillerie ihre Munition verſchwendet. Trotz der zahlreichen Stürme und der mehrfachen Breſchen haben die Belagerer noch keinen Schritt Terrain gewonnen. Die von Philippeaur geleitete Vertheidigung macht alle Anſtrengungen der Belagerer zu nichte. Endlich langt das heißerſehnte Belagerungsgeſchütz an, das ſogleich in die Breſchebatterien geſchafft wird. Ein erderſchütterndes Feuer beginnt, das hauptſäch⸗ lich gegen einen Thurm gerichtet iſt, deſſen Eroberung den Eingang zur Stadt allein möglich macht, und der ſchon mehreren hundert Braven das Leben gekoſtet. Außerdem beſchießt man die Außenwerke der Feſtung. Nach mehrſtündiger, unausgeſetzter Kanonade ſtürzt der Thurm zuſammen. Auch das feindliche Geſchütz wird zum Schweigen gebracht. Einſehend, daß ſie ihre Mauern nicht länger mit Geſchütz vertheidigen können, beſchränken ſich die Belagerten, ihre Laufgrä⸗ ben feſtzuhalten. Gegen Abend erhalten ein Viertelhundert franzö⸗ ſiſcher Krieger Befehl, ſich im Thurme feſtzuſetzen. Es gelingt; aber ſogleich ſtürzen die Türken aus den Laufgräben hervor und zwingen die Franzoſen, welche die Schwierigkeit, aus dem Thurme in die Stadt zu dringen, jetzt erkennen, ſich zurückzuziehen. In dem⸗ ſelben Augenblicke hat der Feind von einer andern Seite einen ſtarken Ausfall unternommen. Ihm wer⸗ fen ſich zwei Grenadiercompagnien entgegen, ſchneiden 106 eine ganze Abtheilung ab und ſtürzen Alles, was ſich nicht unter die Kanonen der Feſtung zu retten ver⸗ mag, in's Meer. Obſchon der oben erwähnte Thurm gänzlich in Trümmern liegt, ſo überzeugt ſich Bonaparte, der Zeuge der außerordentlichen Anſtrengungen ſeiner Sol⸗ daten geweſen iſt, doch, daß es leichter ſein müſſe, von einem andern Punkte aus in die Stadt zu dringen. Man verläßt den Unglücksthurm und errichtet wei⸗ ter öſtlich die Breſchebatterie, um, ſobald die Breſche fertig, einen allgemeinen Sturm zu untenehmen. Meh⸗ rere Tage lang betreiben Belagerer und Belagerte ihre Angriffs⸗ und Vertheidigungsanſtalten mit allem Eifer. Der Feind treibt ſeine Werke kühn vor. Bei den Franzoſen tritt bei Außenbleiben der Munitionsſendungen aus Aegypten Pulvermangel ein, ſo daß ſie gezwungen ſind, das Feuer einzuſtellen. Da die Türken mit ihren Werken ſehr weit vor⸗ gedrungen, ſo befahl Bonaparte einer Abtheilung Gre⸗ nadiere, dieſelben zu nehmen. Dieſem Befehle zufolge ſtürzen die Franzoſen in die Verſchanzungen, hauen die Beſatzung nieder und vernageln drei Geſchütze; aber man kann ſich nicht ſo lange halten, um die Werke gänzlich zu zerſtören, weil das Feuer der Feſtung auf dieſen Punkt ſich richtet. Die Franzoſen müſſen weichen und die Türken beſetzen die Verſchanzungen von Neuem. Den folgenden Morgen wälzt der Paſcha neue Streitmaſſen aus der Feſtung, die zurückgeſchlagen wer⸗ den. Gegen Abend bemächtigt ſich eine Abtheilung Türken einer franzöſiſchen Mine; der Feind wird ver⸗ trieben, aber die Mine iſt zerſtört. Letzteres iſt für die Franzoſen um ſo unangenehmer, da die Mine hätte —— — —— geſprengt werden können, wenn das nöthige Pulver vorhanden geweſen wäre. Bonaparte ſieht ſich hierdurch gezwungen, wieder zur Breſche bei dem Thurme zurückzukehren, weil dies ietzt der einzige Punkt bleibt, in die Stadt zu gelan⸗ gen. Er befiehlt von Neuem, die Waffenplätze des Feindes, die Gräben, die er zur Beſtreichung der Breſche aufgeworfen, zu nehmen und ſich in den Wer⸗ ken, namentlich im Thurme, feſtzuſetzen. Eine Abtheilung der fünfundachtzigſten Halbbri⸗ gade ſetzt ſich in Bewegung. Als ſie bei dem feind⸗ lichen Poſten anlangt, fällt ein breiter Blitz von der Mauer; das dunkle Glacis ſteht in Tageshelle. Die ſchwarzen Mörſer röthen ihre Mündungen und ſpeien Tod und Verderben. Bonaparte läßt ſeine Braven nicht ſich bedenken. Er ruft ihnen zu:„Dankt es den Kanonen, die Euch Tag verſchaffen.“ Die Krie⸗ ger dringen mit übermenſchlicher Anſtrengung vor und bemächtigen ſich der Waffenplätze. Da überſchütten die Türken von den hohen Mauern herab, die alle Werke beherrſchen, die Eingedrungenen mit einem ſo furchtbaren Feuer, daß alle heldenmäßige Aufopferung vergebens iſt. Die Stürmenden ſind nicht im Stande, ſich zu halten und müſſen in die Laufgräben zurück. Einige Tage ſpäter erhebt ſich Frendengeſchrei im franzöſiſchen Lager. Eine Anzahl Segel wird am Horizonte ſichtbar. In demſelben Angenblicke lichten ſämmtliche vor Aere liegenden engliſchen Schiffe die Anker und ſtechen in See. Im franzöſiſchen Heer verbreitet ſich das Gerücht, jene Schiffe ſeien die zur Unterſtützung der ägyptiſchen Expeditivn vom Direr⸗ torium entſendete Flotte. Sie bringe Verſtärkung und Munition. Sidney Smiths eilige Abfahrt be⸗ ſtärkt dieſe Meinung. Man glaubt, er ſei entflohen, 108 um nicht der franzöſiſchen Flotte in die Hände zu fallen. Die Freude iſt von kurzer Dauer. Bald gewahrt man, wie ſich die beiden Flotten vereinigen und di⸗ rect auf Saint Jean d'Acre zurückkehren. Was man für franzöſiſche Schiffe gehalten, iſt ein Convoi von dreißig türkiſchen Fahrzeugen, das von der Inſel Rhodus kommt und den Belagerten bedeutende Ver⸗ ſtärkung an Mannſchaft, Munition und Lebensmitteln zuführt. Bonaparte berechnet, daß in Folge des widrigen Windes dieſe Verſtärkung unter ſechs Stunden nicht an's Land geſetzt werden kann. Er fühlt, daß noch im Laufe des Tages das Schickſal des ganzen Feld⸗ zugs, das in Saint Jean d'Aere ruht, entſchieden wer⸗ den muß. Er will die Spanne Zeit, die ihm zuge⸗ meſſen, benutzen. Mit Einem Male ſtehen ſämmtliche franzöſiſche Bat⸗ terien in Feuer und Flammen. Vermittelſt eines Vierundzwanzigpfünders wird ein Stück Mauer zur Rechten des unglücksſchwangern Thurms eingeworfen. Alle Trommeln im franzöſiſchen Lager wirbeln Sturm. Bonaparte, umgeben von Berthier, Eugen, Murat, Duroe, Arrighi, Reynier, Lannes, Beſſieres und andern gefeierten Namen der Kriegsgeſchichte, dringt perſönlich bis zur Breſche vor. Er findet ſie gangbar und befiehlt den Sturm, in der Hoffnung, noch vor Ankunft der feindlichen Flotte ſich der Stadt zu bemächtigen. Abermals dringen die franzöſiſchen Colonnen vor; an ihrer Spitze die Generale Vial, Rampon und Bon. Nichts vermag ihnen diesmal zu widerſtehen. Der Angriff iſt furchtbar. Gleich Vulkanen ſpeien die türkiſchen Batterien, einen verheerenden Kugelregen e — — 109 entſendend. Nichts vermag die Stürmenden zu er⸗ ſchüttern. Die feindlichen Außenwerke und Waffen⸗ plätze werden genommen, die Kanonen vernagelt, Fah⸗ nen genommen und unter allgemeinem Sturmgebrüll über Trümmer und Leichen wird die Mauer erſtiegen. Der Fall von Saint Jean d'Aere, dieſes Schlüſ⸗ ſels zum Orient, iſt ſo gut wie entſchieden. Da, im Augenblicke der höchſten Gefahr, erſcheint Sir Sidney Smith mit einer Abtheilung engliſcher Seeleute bei dem verhängnißvollen Thurme. Er vereinigt ſich mit einer Anzahl tapferen Türken und vertheidigt die Breſche. Die Thurmtrümmer und Haufen der Erſchlagenen, welche die kämpfenden Schaaren trennen, dienen als Bruſtwehr. Die Läufe der Flinten berühren ſich, die Schaftſpitzen der Standarten lehnen an einander. Es entbrennt ein Kampf, furchtbarer, blutiger denn je. Gleichwohl gelingt es Sidney Smith's Heldenmuthe, die Stürmenden aufzuhalten. Die Nacht bricht ein; die Franzoſen werden genöthigt, im Thurme ſich zu verſchanzen, um den Tag abzuwarten. Während der Nacht langt die helfende Flotte im Hafen von Aere an und ſetzt ihre Verſtärkungen an's Land. Die friſchen Truppen werden augenblicklich auf den verſchiedenen Poſten der Stadt vertheilt. Eins der angelangten Regimenter thut ſofort einen Ausfall, wird aber zurückgeworfen. Da Bonaparte es jetzt für nothwendig hält, auch ſein Belagerungsheer zu verſtärken, um den vermehr— ten Kräften des Feindes die Wage halten zu können, ſo entſendet er den Befehl an Kleber, das Lager von Nazareth abzubrechen und mit ſeiner Diviſion die Be⸗ lagerungsarmee von Aere zu verſtärken. Junot be⸗ kommt den Auftrag, den Jordan zu beobachten. Am folgenden Tage erhält die Diviſion Lannes 140 den Befehl, zu ſtürmen. Dieſe ruckt unter dem Vor⸗ marſch ihrer Grenadiere, welche der General Rambault befehligt, gegen die Mauern. Die andern Diviſionen ſtehen in Angriffscolonnen bereit. Sie haben den Be⸗ fehl, ſich in die äußerſten Waffenplätze des Feindes zu werfen. Die den Thurm beſetzt haltenden Franzoſen decken die Breſche durch fortwährendes Feuer, um die Türken von deren Vertheidigung abzuhalten. Unter donnerähnlichem vive la republique!“ ſtürzt ſich die Diviſion Lannes auf die Werke und erſteigt den Wall. Die dichtgedrängten Schaaren der Syrer, Mamelucken, Türken und Albaneſen, angefenert durch die Wuth des Schlächterpaſcha's und geleitet von ei⸗ nem Sidney Smith, leiſten den außerordentlichſten Widerſtand. Blutlechzend ſchwingen ſie mit wildem Geſchrei ihre flammenden und blitzenden Handſchars Meſſer, Dolche und Damascener. Kaum zurückgedrängt, wogt die bunte Maſſe ſo⸗ gleich wieder vor. Da endlich concentrirt der tapfere General Rambault ſeine Grenadiere zu einem gewalti⸗ gen Schlage; er durchbricht die Feinde und dringt ſiegend in Saint Jean d'Acre ein. Ein allgemeines Vietoria erſchallt durch die Reihen der Franzoſen. Auch Rambault's Schaar erhebt ein Freudengeſchrei; aber indem ſie voll Vertrauen in den engen Straßen vorrückt, ſieht ſie ſich plötzlich von ei⸗ ner neuen Verſchanzung aufgehalten, die Philippeauz hinter der alten Mauer hat errichten laſſen. Durch eine nicht ganz pünktliche Befolgung von Bonaparte's Befehlen geſchieht es, daß die in die Stadt eingedrungenen Franzoſen nicht gehörig unterſtützt wer⸗ den. Den Türken gelingt es, von einer andern Seite her der Breſche ſich zu bemächtigen. Die Diviſion Lannes weicht einen Augenblick zurück. 144 In dieſem Augenblicke befiehlt Bonaparte, welcher ſeit Beginn des Sturms mit ſeinen Guiden im Lauf⸗ graben hält, daß Letztere gegen die Breſche vorrücken. Ihre Ankunft entflammt die Stürmenden mit neuem Muthe. Ein neuer, furchtbarer Kampf erhebt ſich. Nichtsdeſtoweniger behaupten die Türken die Breſche. General Rambault ſetzt indeß mit ſeiner Handvoll Tapfern den Kampf an den neuen Verſchanzungen und in den verrammelten Straßen hartnäckig fort. Das Geſchrei der Weiber, die megärenartig die Straßen durchirren und die Männer zum Kampfe entflammen, während ſie ihrer Gewohnheit gemäß Sand in die Luft werfen; das ſiedende Oel, das brennende Pech, das man in großen Maſſen von Zinnen und Dächern auf die Franzoſen herabſchleudert, machen den Kampf zu einem der grauſenvollſten. Als Rambault gewahrt, daß er ganz ohne Unter⸗ ſtützung bleibt, zieht er ſich nach der Breſche zurück. Hier angekommen, empfängt ihn das Feuer der Mu⸗ ſelmänner. Abgeſchnitten und jedes Rückzugsmittels beraubt, entſchließen ſich die Braven, lieber mit den Waffen in der Hand zu ſterben, als ſich den Türken zu ergeben. Rambault und der größte Theil der Sei⸗ nigen fallen unter den feindlichen Klingen. Die Tür⸗ ken ſchneiden den Gefallenen ſogleich die Köpfe ab und bringen ſie dem Paſcha, der für die blutigen Tro⸗ phäen Geld austheilt. Der Reſt der franzöſiſchen Schaar wirft ſich in eine Moſchee. Schon hat Djezzar Befehl gegeben, die Unglücklichen mit Kartätſchen niederzuſchießen als Sidney Smith herbeieilt, die wenigen Braven durch eine Kapitulation zu ſeinen Gefangenen macht und ihnen auf dieſe Weiſe das Leben rettet. Kampf und Sturm auf den drei Breſchen, welche 112 von dem franzöſiſchen Geſchütze geſchoſſen worden ſind, wüthen ununterbrochen fort. Wiederholt werden die Belagerten hinter die Mauern zurückgeworfen; ſtets aber durch friſche Truppen erſetzt, fallen ſie die Stür⸗ menden mit erneuter Wuth an, erobern die Breſchen und ſtürzen die Gegner in die Laufgräben zurück. Auf rauchenden Trümmern, auf Haufen von Leichen ſchlagen ſich die franzöſiſchen Grenadiere Mann gegen Mann. Officiere und Generale kämpfen mit blanker Waffe inmitten des Gedränges und furchtbaren Ge⸗ tümmels. Lannes wird von einer Kugel ſchwer ver⸗ wundet zu Boden geſtreckt und kann nur mit Mühe von den Soldaten gerettet werden. Auch Durve iſt verwundet. Abermals ſinkt die Nacht herab. Die zum Tode ermatteten Franzoſen kämpfen ſeit Tages Anbruch und noch immer iſt Saint Jean d'Acre in feindlicher Ge⸗ walt. Trommelton ruft die Stürmenden in's Lager. Auf das fürchterliche Kanonen- und Kleingewehr⸗ feuer, auf das Kampf⸗ und Sturmgebrüll während des Tages folgt mit der ſchattenden Nacht ein Todten⸗ ſchweigen. Von den rieſenhaften Kämpfen ermattet, iſt Feind und Freund in tiefen Schlummer geſunken. Der mit naſſen Wolkenvorhängen bedeckte Himmel hüllt Meer und Land in ein undurchdringliches Dun⸗ kel. Nirgend iſt ein Licht zu erblicken. Vom Liba⸗ nongebirge weht der Sturm in Unheil verkündenden Tönen. Alles ſchläft, nur Bonaparte wacht. Bei dem Scheine der Lampe ſitzt er düſtern Blicks vor dem Plane von Saint Jean d'Aere. Sein ſorgenſchweres Haupt iſt auf die rechte Hand geſtützt. Im dunkeln Hintergrunde des Zeltes ruht Bourrienne, ſein Secre⸗ tair, den Kopf ſchlaftrunken auf die Bruſt geſenkt. ———— ———— 143 „Bourrienne,“ unterbricht endlich Bonaparte das Schweigen,„den wie vielten des Floreals zählen wir?“ Der Secretair fährt aus ſeinem Halbſchlummer empor. „General, den ſechzehnten.“ „Und ſeit dem vierundzwanzigſten Pluvioſe liegen wir davor,“ fuhr der Feldherr fort,„ganzer fünf De⸗ eaden, iſt ſo etwas erhört?“ „Ich opfere die beſten Truppen meines Heeres,“ fuhr Bonaparte nach einer Pauſe fort,„und gleich⸗ wohl hängt an dem Beſitze dieſes Neſtes das Schick⸗ ſal des Orients. Acre's Fall iſt der Zweck meines Feldzuges und Damaskus ſoll die Frucht ſein.“ Wieder eine Pauſe. Bonaparte's Blicke ruhen fortwährend auf dem Situationsplan der Feſtung. „Gleichwohl,“ ſpricht er,„kann ich nicht zurück, ohne das Aeußerſte verſucht zu haben. Die Sachen ſind zu weit vorgerückt. Wenn ich Acre erobere, finde ich Waffen für hunderttauſend Mann. Ich empöre und waffne Syrien, welches über die Grauſamkeit des Schlächters auf's Aeußerſte gebracht iſt. Ich ziehe nach Damaskus und Aleppo, verſtärke mein Heer durch alle Unzufriedenen und verkünde dem Volke die Abſchaffung der Knechtſchaft.“ Bonaparte's Pläne verlieren ſich in's Unermeßliche. „Mit bewaffneten Maſſen,“ fuhr er fort,„erſcheine ich vor Conſtantinopel. Ich ſtürze das türkiſche Reich. Ich gründe im Orient ein neues großes Reich, das meinen Namen auf die Nachwelt bringen wird, und kehre vielleicht über Adrianopel und Wien, wenn ich das Haus Oeſtreich vernichtet habe, nach Paris zurück.“ Neue Pauſe. „Wenn aber der letzte Sturm, den ich verſuchen will, mißlingt, kehr ich nach Aegypten zurück. Die Stolle, ſämmtl. Schriften. IV. 8 141⁴ Zeit drängt. Mitte Juni muß ich in Cairv ſein. Konſtantinopel wird Truppen nach Alexandrien und Roſette ſchicken. Ich muß dort ſein. Was die tür⸗ kiſche Armee betrifft, die ſpäter zu Lande ankommen wird, ſo fürchte ich ſie nicht. Ich laſſe bis zur Wüſte hin Alles verheeren; unter zwei Jahren ſoll keine Armee da exiſtiren können. Sie kann unter Ruinen nicht leben.“ Den folgenden Tag und die darauf folgende Nacht ſetzen die franzöſiſchen Batterien ihr Feuer fort. Am dritten Tag beſchließt Bonaparte einen abermaligen Sturm. Bereits Morgens zwei Uhr begibt er ſich in die Laufgräben und trifft die erforderlichen Anſtalten. Eine Bombe fällt zu ſeinen Füßen nieder. Im Au⸗ genblick werfen ſich zwei Grenadiere über ihn und decken ihn mit ihrem Leibe. Der eine dieſer Braven erlangt in der Folge einen hohen Rang. Es iſt der bekannte General Dumesnil. So wie der Tag graut, beginnt der Kampf von Neuem. Die Trommeln wirbeln; die Sturmcolonnen ſetzen ſich in Bewegung. Der Diviſionsgeneral Bon marſchirt an ihrer Spitze. Bonaparte ſelbſt geht bis an die Breſche vor, ſucht die Soldaten durch ſein Beiſpiel zu ermuthigen und bleibt eine Zeitlang dem heftigſten Feuer ausgeſetzt. Unter einem Hagel von Kugeln und dem fortwährend ſchallenden Rufe:„ive la republique!“ erklimmt man die Verſchanzungen. Der Kampf entbrennt fürchterlicher denn je. Doch je mehr man Verſchanzungen erobert, deſto unüberſteig⸗ barere thürmen ſich im Hintergrunde empor. Die* verwegenſte Tapferkeit ſcheitert. Von Kugeln durch⸗ bohrt ſtürzt der heldenmüthige Führer, der General Bon, und ſtirbt auf der Stelle. Bonaparte gewahrt, wie er den Kern ſeiner Trup⸗ 115 pen an dieſen Baſtionen verſchwendet und ruft durch vollen Trommelſchlag ſeine Krieger zurück. Still und finſter, Wuth im Herzen, ziehen dieſe ſtolzen, ſiegge⸗ wohnten Schaaren abermals von den Mauern von Saint Jean d'Acre ab Nichtsdeſtoweniger feuern die franzöſiſchen Batte⸗ rien ununterbrochen. Es iſt Nachmittags vier Uhr. Abermals wirbeln die Trommeln. Es iſt die Diviſion Kleber, welche, von Nazareth kommend, in's Lager rückt. Kleber er⸗ ſcheint vor Bonaparte; mit ihm Abgeſandte von der Diviſivn, welche um die Ehre bittet, die Breſche zu ſtürmen. Erſt nach einigem Widerſtreben erlaubt Bonaparte den Sturm. Voll Vertrauen rückt die Diviſion ge⸗ gen die Mauern. Auf dem Glacis, welches die feind⸗ lichen Kugeln furchen, ſchreitet die Heldengeſtalt Kle⸗ ber's ſeiner Schaar voran. Die Fluth der Krieger ſchwankt den Gräben zu. Bonaparte, welcher der Bewegung folgt, will ein ſo theures Haupt, wie Kleber, nicht bei einem zweifel⸗ haften Sturme wagen. „Rufe den Diviſionair zurück,“ ſpricht er zu Eu⸗ gen Beauharnais, ſeinem Adjutanten,„der Brigadier Venvur ſoll ſeine Stelle erſetzen.“ Als Venoux den Befehl erhält, ſpricht er zu ſei⸗ nem Freunde Murat:„Wenn Aecre dieſen Abend nicht genommen, ſo ſei gewiß, daß Venoux todt iſt.“ Die kampfergrauten Bataillone Kleber's werfen ſich auf die Redouten. Es entſteht ein Kampf, der alle früheren an Furchtbarkeit übertrifft. Wunder von Tapferkeit geſchehen auf beiden Seiten. Die Erde bebt, die Mauern zittern. Bataillone auf Bataillone werfen ſich gegen die Verſchanzungen— Alles verge⸗ 8 1416 bens; trotz eines beiſpiellos kühnen Sturmes vermag auch die Diviſion Kleber die verhängnißvollen Mauern von Saint Jean d'Aere nicht zu bewältigen und muß zurückgerufen werden. General Venvux, treu ſeinen Worten, liegt todt auf den Wällen. Sechzig Tage lang hat die Belagerung von Saint Jean d'Aere gedauert. Nicht weniger denn acht ver⸗ zweifelte Stürme haben die Belagerer unternommen, während eilf tapfere Ausfälle von der Hartnäckigkeit der Vertheidiger den vollgültigen Beweis geben. Die Franzoſen haben einen Theil ihrer bravſten Leute vor dieſen unbezwinglichen Mauern verloren.— In der letztern Zeit hat ſich ein neuer Feind im 6 Lager gezeigt, der Hunger; und um das Unglück zu vollenden, bricht die Peſt im Heere aus. Zu gleicher Zeit langen Unglücksbotſchaften aus Aegypten an, welche die ſchleunigſte Rückkehr Bonaparte's verlan⸗.» gen. Engliſche und türkiſche Flotten ſind im Anzuge und drohen mit einer Landung; außerdem iſt im Delta eine offene Empörung der Eingeborenen gegen die Franzoſen ausgebrochen. Ein Fanatiker aus der Wüſte Barka, welcher ſich den Schein großer Heilig⸗ keit zu verſchaffen gewußt, iſt aufgeſtanden, hat ſich für einen Abgeſandten Muhameds ausgegeben, das Volk gegen die Ungläubigen aufgewiegelt und überall großen Anhang gefunden. Das ganze Delta hallt wieder von Wuth⸗ und Rachegeſchrei. Unter ſolchen Umſtänden ſieht ſich Bonaparte, mit blutendem Herzen, gezwungen, die Belagerung von Saint Jean d'Acre aufzuheben. An den Mauern die⸗ ſer unſcheinbaren Feſte ſcheiterten alle ſeine großen Pläne gegen das Morgenland. . *„ „ 117 Zehntes Mapitel. Eine meilenbreite Feuerſäule, von Saint Jean d'Acre bis zur Wüſte, folgte verheerend dem franzöſiſchen Heere von Syrien nach Aegypten. So weit das Auge reichte, wirbelten Flammen und Dampf zu dem wolkenloſen Himmel. Städte, Dörfer, Wälder, Ge⸗ traidefluren zerſtäubten in Aſche. Einem nachfolgen⸗ den Heere alle Subſiſtenzmittel zu rauben, ſchufen die Krieger des Abendlandes den fruchtbarſten Landſtrich auf Erden auf Jahre zur Wüſte. Camille Renouard, der das gefährliche, aber ehrende Commando überkommen, eine Abtheilung Peſt⸗ kranke zu escortiren, hatte unter namenloſen Beſchwer⸗ den El⸗Ariſch, welches auf der Grenze zwiſchen Sy⸗ rien und Aegypten hart am Meere gelegen, erreicht. Auch auf dieſem beſchwerlichen Zuge war Nurmahal, ſein treuer Begleiter, ihm ſtets zur Seite und hatte alle Strapazen und Entbehrungen mit bewundernswür⸗ diger Geduld getragen. Bei einem uralten koptiſchen Kloſter ward Halt gemacht. Während man Anſtalt traf, die Kranken für die bevorſtehende Nacht unterzubringen, eilte Nur⸗ mahal, nur von einem Soldaten begleitet, nach dem nahen Meeresufer, um für den geliebten Herrn ei⸗ nige Fiſche zur Abendmahlzeit zu fangen. Die Sonne war in den blauen Wellen des Mit⸗ telmeeres untergegangen; ihr Roſaſchein bedeckte den Abendhimmel, als die beiden Wanderer am Strande anlangten. Rings herrſchte tiefe Stille, ſelbſt das leiſe Flüſtern der Wellen am Ufer ſtörte die feierliche Abendruhe nicht. 4118 Plötzlich blieb Nurmahal ſtehen und ſchaute, die Hand vor den Augen, nach der glatten, blauen Mee⸗ resfläche hinaus. 3 „Schau mal jenes Schiff, Francvis,“ ſprach er zu ſeinem Begleiter,„es ſcheint ſich der Küſte zu nä⸗ hern; erkennſt Du die Flagge?“ „Trügt mich nicht Alles, iſt es die engliſche,“ er⸗ wiederte der Gefragte. „Sie wird doch nicht eine Landung beabſichtigen? Wir müſſen auf unſerer Hut ſein.“ „Den verwegenen Rothröcken iſt Alles zuzutrauen,“ meinte Frangois;„ſeit unſerm Abzuge von dem ver⸗ maledeiten Acre iſt ihnen der Kamm außerordentlich geſchwollen. Doch die Fregatte ſcheint wieder die hohe See zu ſuchen.“ „Still,“ mahnte Nurmahal,„ich höre Stimmen.“ Mit dieſen Worten ſchlich er leiſe einem nahgele⸗ genen Felſen zu, welcher einen Theil des Ufers den Blicken verbarg. Er kletterte vorſichtig den Fels em⸗ por und konnte den Strand nach allen Seiten über⸗ ſehen. Da ſaßen, kaum zwanzig Schritt unter ihm, den Rücken den Felſen zugewandt, zwei Männer im angelegentlichen Geſpräche. Sie glaubten ſich unbe⸗ lauſcht, und ſprachen ziemlich verſtehbar mit einander. Bei der Stille des Abends entging dem lauſchenden Nurmahal faſt kein Wort von der Unterredung. „Wenn Sidney Smith fünfhundert Mann wagt,“ ſprach der eine der Männer,„ſo ſetze ich meinen Kopf zum Pfande, El⸗Ariſch iſt unſer. Die feindliche Be⸗ ſatzung beträgt funfzig Mann. Der ſo eben ange⸗ langte Krankentransport mit der geringen Escorte iſt nicht der Rede werth. Der Augenblick iſt günſtig und muß benutzt werden. Allem Anſchein nach wird Bo⸗ naparte, ſo wie es ihm irgend möglich. El⸗Ariſch ſtark 11¹9 beſetzen. Der Punkt iſt für ihn von zu großer Wich⸗ tigkeit. Wir müſſen ihm das Prävenire ſpielen.“ Der Sprecher wandte jetzt ſein Geſicht; aber wer beſchreibt Nurmahal's Schrecken, als er den Ritter Lacoſte erkannte, welcher ihm ſeit Alexandrien ganz aus dem Geſichte gekommen war. Wo möglich noch geräuſchloſer, als er den Felſen hinaufgeklettert, klimmte Nurmahal, nachdem er mit zurückgehaltenem Athem noch eine Zeitlang die dunkeln Pläne der Verräther belauſcht, wieder herab; er winkte Frangvis zu folgen und eilte, ſo ſchnell ihn ſeine Füße zu tragen vermochten, nach dem koptiſchen Kloſter, wo Renouard eben die erforderlichen Vorkehrungen traf, die Kranken unterzubringen. Der getreue Bote berichtete athemlos die Ent⸗ deckung, die er gemacht, wodurch Renouard in nicht geringe Verwunderung und Beſorgniß verſetzt ward. Er verlor jedoch Ruhe und Geiſtesgegenwart nicht, ſondern ſchrieb an den Capitain Lecerf, welcher die nächſte mobile Colonne befehligte und am andern Vor⸗ mittage vor El⸗Ariſch eintreffen mußte. Darauf ließ er einen des Landes und des Weges kundigen, treu⸗ ergebenen Araber zu ſich rufen. „Nimm das ſchnellſte Dromedar,“ ſprach er,„reite ununterbrochen gegen Morgen bis zum Brunnen Bekir. Dort wirſt Du Waffenbrüder finden. Binnen zwei Stunden muß dieſer Brief in den Händen ihres Füh⸗ rers ſein. Du wirſt Dich dann ſofort an ihre Spitze ſtellen und ſie auf dem geradeſten Wege hierher brin⸗ gen. Hundert Piaſter ſind Dein Lohn, wenn Du vor der Morgenröthe mit ihnen zu El⸗Ariſch biſt.“ Der Araber gelobte die möglichſte Schnelle und war binnen wenigen Minuten in der Wüſte ver⸗ ſchwunden. 120 Jetzt entſandte Renouard Kundſchafter nach meh⸗ reren Punkten der Küſte, während er ſelbſt ſechs ent⸗ ſchloſſene Grenadiere auswählte, die ihn begleiten muß⸗ ten. Unter Nurmahal's Führung begab man ſich in möglichſter Stille nach jenem Orte, wo der Verräther Lacoſte ſich hatte blicken laſſen. Man umging die Stelle von mehreren Seiten, um ſeines Fanges ſo gewiß wie möglich zu ſein; aber vergebens blieben alle Nachforſchungen, nur in weiter Entfernung auf der See erblickte man ein Boot, welches mehrere Per⸗ ſonen bei dem engliſchen Kriegsſchiffe an Bord ſetzte. Renouard, nachdem er mehrere Poſten zur Be⸗ wachung der Küſte zurückgelaſſen, begab ſich zu dem Kapitain, welcher die ſchwache Beſatzung von El⸗Ariſch commandirte und theilte ihm die bevorſtehende Gefahr! mit. Man traf in Gemeinſchaft alle Vertheidigungs⸗ anſtalten, um für den Fall eines Angriffs wenigſtens ſo lange Widerſtand leiſten zu können, bis Lecerf mit Verſtärkung herbeieile. Als die Nacht herabgeſunken, unternahm Renouard in Begleitung Nurmahal's und mehrerer Bewaffneten eine abermalige Küſtenwanderung. Das Rauſchen der Wellen, die ſich an dem ſteinigen Ufer brachen, war jetzt vernehmbarer. Ein leichter Wind wehte vom Meere her. Wolken bedeckten den Himmel. „Haſt Du Dich auch nicht getäuſcht,“ ſprach Ca⸗ mille zu Nurmahal,„als Du den Chevalier zu er⸗ kennen glaubteſt?“ „Gewiß nicht,“ betheuerte der Knabe,„ſeine mar⸗ kirten Geſichtszüge vergißt man ſo leicht nicht wieder.“ „Es iſt wahr,“ geſtand Renouard,„verdächtig iſt mir dieſer Mann immer erſchienen; doch liegt es nicht in meinem Charakter, Jemanden eines ſo großen Verbrechens für ſchuldig zu halten, bevor — —— 124 nicht die entſchiedenſten Beweiſe in meinen Händen ſind.“ Nachdem man ein großes Stück die Küſte entlang gegangen und Nichts entdeckt, was hätte Verdacht er⸗ wecken können, kehrte Renouard ziemlich beruhigt nach dem Kloſter zurück, unterſuchte nochmals die Wachen. empfahl die ſtrengſte Wachſamkeit und begab ſich zur Ruhe. Bald umhüllte tiefe Stille die unförmlichen Stein⸗ maſſen des Kloſters. Nur der Nachtwind ſpielte ein⸗ ſam in den Gipfeln der alten Cypreſſen und Pinien, welche die ſchwarzen Mauern umarmten. Die weni⸗ gen Lichter, die von El⸗Ariſch herübergeſchimmert, waren längſt erloſchen. Eine Stunde der Nacht nach der andern ging vorüber. Von Zeit zu Zeit erhob die Glocke der Kloſteruhr ihre Stimme. Plötzlich vernahm der Poſten am Kloſtergarten eilende Fußtritte. Eine Geſtalt, die im geſtreckten Laufe daher kam, ward ſichtbar. Es war der fran⸗ zöſiſche Poſten, welcher landeinwärts Wache geſtan⸗ den. Er gab ſich auf den Anruf zu erkennen und berichtete, daß Beduinen oder arabiſche Reiterei im Anzuge ſeien. Er habe mit dem Ohr auf der Erde den Huftritt zahlreicher Roſſe vernommen. Wahrſchein⸗ lich beabſichtigten die feindlich geſinnten Scheiks der Um⸗ gegend einen Ueberfall. Sogleich zog der Poſten am Kloſtergarten die Signalſchelle und nach wenig Minuten war das Klo⸗ ſter in Allarm. Wer Waffen zu tragen vermochte, machte ſich kampffertig. Es währte nicht lange, als ein zweiter Poſten athemlos die Nachricht brachte, daß in nicht gar zu geringer Entfernung Cavallerie vorüberziehe, welche den Weg nach El⸗Ariſch einſchlage. 122 „Sollte es die Avantgarde einer franzöſiſchen Co⸗ lonne ſein?“ frug ſich Renouard, und ſendete ſogleich Dragoner auf Kundſchaft aus. Plötzlich hallten mehre Schüſſe aus der Gegend von El⸗Ariſch her und faſt in demſelben Augenblicke ſtieg eine Feuerſäule empor, welche die Gegend weit und breit umher erleuchtete. Es unterlag keinem Zweifel, daß es ein feindlicher Angriff ſei. Renouard überlegte einen Augenblick, ob er mit ſeiner wenigen Mannſchaft das Kloſter verlaſſen und ſeinen angegriffenen Landsleuten zu Hülfe eilen ſollte, als ein abermaliger Unheil verkündender Bote anlangte. Er war der äußerſte Poſten vom Meeresſtrande. Sei⸗ ner Ausſage zufolge war ein Detachement europäiſcher Truppen, die in einiger Entfernung gelandet, im Anzuge. „Das ſind die Engländer unter Anführung des Ver⸗ räthers Lacoſte!“ rhf Nurmahal. Jetzt mußte Renouard auf ſeine eigene Vertheidi⸗ gung bedacht ſein. Er beſchloß, ſich im Kloſter ſo lange zu vertheidigen, bis Lecerf zum Entſatz herbei⸗ eile. Von dem Capitain Lenvir, welcher zu El⸗Ariſch commandirte und dem er die Nachricht von Hülfe mitgetheilt hatte, hoffte er gleichfalls, daß er im Stande ſein werde, den feindlichen Angriffen wenigſtens ei⸗ nige Stunden lang widerſtehen zu können. Binnen dieſer Zeit mußte Unterſtützung und Rettung da ſein. Allahgeſchrei tönte plötzlich durch die Nacht. Die Flintenſchüſſe folgten ſich zahlreicher. Immer drohen⸗ der loderten die Flammen zum Nachthimmel empor. Der Feind hatte einige nahe bei El⸗Ariſch gelegene Häuſer in Brand geſteckt. Es war ein furchtbar ſchö⸗ nes Nachtſtück. Die rothen Gluthen beleuchteten zahlreiche Schwärme Beduinen, welche, von Mame⸗ 123 lucken geführt, gegen die ſchwache Befeſtigung von El⸗Ariſch vordrangen. Bald langte auch arabiſches Fußvolk an. Dieſer wohlberechnete Zeitpunkt des An⸗ griffes, ſowie die Uebereinſtimmung deſſelben mit dem Heranrücken engliſcher Streitkräfte, ließ keinen Zwei⸗ fel aufkommen, daß gegenſeitige Verabredung ſtattge⸗ funden hatte. Die Engländer, aus einigen hundert Mann be⸗ ſtehend, nahten ſich, in der Hoffnung, das Kloſter zu überrumpeln, ſo geräuſchlos wie möglich. Erſt als ſie ganz nahe heran, brachen ſie ſtürmend hervor und ſtürz⸗ ten gegen den Eingang des Kloſters. Von einem wohlberechneten Feuer empfangen, wichen ſie zurück und verſuchten einen Angriff von Seiten des Gar⸗ tens, wo hohe gothiſche Fenſter eine Erſteigung er⸗ leichterten. Wer im Kloſter ein Gewehr abzufenern vermochte, ward von Renouard an ein Fenſter oder eine Mauer⸗ öffnung geſtellt. Durch dieſe mit Kraft geführte Ver⸗ theidigung erlitten die Britten namhafte Verluſte, ſo daß der engliſche Befehlshaber endlich es gerathen fand, von der Eroberung des Kloſters abzuſtehen. „Soll ich an dieſem Steinklumpen unnütz meine Leute opfern?“ ſprach er zu dem Chevalier Lacoſte, der ſich an ſeiner Seite befand;„El⸗Ariſch iſt die Hauptſache; ſobald dieſes in unſern Händen, muß das Kloſter von ſelbſt fallen. Ich werde daher lieber den braven Arabern zu Hülfe ziehen, welche, wie die Flammen dort zeigen, ſchon einen guten Anfang ge⸗ macht haben.“ Lacoſte, der in Erfahrung gebracht, daß Renouard im Kloſter commandire, bot ſeine ganze Beredtſam⸗ keit auf, den Capitain Inglis zu bewegen, wenigſtens noch einen Sturm zu wagen. 124⁴ „Ein engliſcher Edelmann,“ ſprach er,„wird nicht vor ſolch' einem Mönchsneſte zurückweichen. Es könnte ihm in der Folge übel gedeutet werden.“ „Was ich thue, weiß ich zu verantworten,“ er⸗ wiederte Sir Inglis trocken. „Laßt den Belagerten wenigſtens eine Capitulation anbieten,“ rieth Lacoſte. Da der Engländer hier nichts dagegen hatte, er⸗ ſchien ein engliſcher Parlamentair an der Hauptpforte der zur Uebergabe aufforderte. Renouard war, wie vorauszuſehen, weit entfernt, dieſer Aufforderung zu entſprechen. Der Abgeſandte kehrte unverrichteter Sache zurück. „Nur einen einzigen Angriff,“ beſchwor Lacoſte, „er muß glücken, die Belagerten beſtehen meiſt aus Kranken.“ „Wohlan,“ erwiederte der edelherzige Inglis, Kranken iſt Ruhe zu gönnen; auf, nach El⸗Ariſch!“ Die Signaliſten riefen die Compagnien zuſammen. Man ſtand im Begriff nach El⸗Ariſch aufzubrechen; als von daher ein wildes Geſchrei vernehmbar ward. Ein rothes Fackelmeer wälzte ſich den Engländer entgegen. El⸗Ariſch war der Uebermacht bereits erlegen, und eine große Schaar der Sieger, mit zahlloſen Feuer⸗ bränden bewaffnet, zog zum Kloſter, um den Euro⸗ päern bei der Erſtürmung hülfreiche Hand zu leiſten. Wie Sir Inglis von der Einnahme von El⸗-Ariſch Kunde erhalten, ſandte er einen Theil ſeiner Trup⸗ pen dahin, um das Fort in Beſitz zu nehmen und die Gefangenen vor den Gewaltthätigkeiten der Ara⸗ ber zu ſchützen. Er ſelbſt kehrte mit den Uebrigen und den angelangten Muhamedanern zum Kloſter zu⸗ rück, deſſen letzte Stunde geſchlagen hatte. Wie ein Heer Höllengeiſter ſtürmte die entfeſſelte 125 Horde mit Geheul und Gebrüll, in den Fäuſten die flammenden und glühenden Feuerbrände ſchwingend, gegen das Kloſter. Dieſer Ort des Friedens, der ſtets in tiefer Einſamkeit geruht hatte, ward ein Schau⸗ platz des wildeſten Gefechts. Bevor Inglis einen neuen Angriff erlaubte, ent⸗ ſandte er nochmals eine Aufforderung zur Uebergabe an Renouard, die jedoch denſelben Erfolg der frühe⸗ ren hatte. Jetzt begann der Sturm. Eine Rotte losgelaſſe⸗ ner Tiger ſtürzten die Araber von allen Seiten ge⸗ gen das alterthümliche Gebäude. Mehre führten Lei⸗ tern mit ſich, auf welchen ſie die hochangebrachten Fenſter und Luftlucken zu erreichen ſuchten. Andere beſtrebten ſich, die mit Eiſen beſchlagenen Pfoſten des Hauptthores zu ſprengen. Weit in die Nacht hinaus ſchallten die Schläge der Aexte und Beile. Mit einem Heldenmuthe, welcher dem franzöſiſchen Namen zum Ruhme gereichte, vertheidigten ſich die Belagerten. Renouard floh wie der Blitz umher, zum braven Aushalten ermunternd, da der ſehnlich erwar⸗ tete Succurs jeden Augenblick eintreffen konnte. Selten hat es ein maleriſcheres Nachtſtück gegeben. Weithin leuchteten die Feuerbrände; die wilden Ge⸗ ſichter, die phantaſtiſchen Trachten der Afrikaner, im Hintergrunde die rothen Uniformen der Engländer. Indeß mit welcher Wuth das arabiſche Geſindel gegen das Kloſter andrang, wurde die Vertheidigung doch mit ſolcher Umſicht und Beharrlichkeit geleitet, daß die Stürmenden wiederholt mit Verluſt zurückge⸗ trieben wurden. Jetzt ließ Sir Inglis ſeine Engländer anrücken. Sie griffen mit großer Bravour und Kaltblütigkeit an; aber auch ihnen gelang es, trotz eines ſehr hart⸗ 126 * näckigen Kampfes, nicht, in das Gebäude einzudrin⸗ gen. Die eiſenbeſchlage Kloſterpforte, wie gewaltſam auch derſelben mit Balken und Aexten zugeſetzt wurde, wich und wankte nicht. Lacoſte eilte umher, ermunterte die Zurückweichen⸗ den zu neuen Angriffen und verſprach Demjenigen, der zuerſt durch das zertrümmerte Thor in's Kloſter drin⸗ gen würde, eine namhafte Belohnung. Von Viertelſtunde zu Viertelſtunde ſchaute der unermüdliche Renouard nach ſeiner Uhr. Nie in ſeinem Leben waren ihm die Stunden langſamer da⸗ hingeſchlichen. Währenddeß langten immer neue afri⸗ kaniſche Schaaren von El⸗Ariſch an, ſo daß nach Ver⸗ lauf von zwei Stunden eine ſehr bedeutende Macht vor dem rings von Feuerbränden umleuchteten Kloſter verſammelt war. Abermals ließ Sir Inglis zur Uebergabe auffor⸗ dern. Renouard, da er einſah, daß man ſich nicht mehr lange werde halten können und da auch die Muni⸗ tion zu Ende ging, rief die beiden unter ihm die⸗ nenden Officiere ſo wie die erfahrenſten Grenadiere zu einem Kriegsrathe zuſammen. Es kam die Frage zur Verhandlung, ob man capituliren ſolle oder nicht. Ein alter Grenadier, als er befragt wurde, ließ ſich alſo vernehmen: „Für das Capituliren bin ich nicht, aus dem ein⸗ fachen Grunde, weil die Erfahrung gelehrt hat, daß, wo wir Franzoſen mit dem nichtsnutzigen, arabiſchen Gefindel capitulirten, in der Regel caput gingen. Dies⸗ mal ſind zwar die Rothröcke dabei; aber die Afrika⸗ ner ſind zu unverſchämt ſtark, als daß es den Eng⸗ ländern gelingen dürfte, uns vor dem Kopfabſchnei⸗ den zu bewahren. Darum halte ich das Eine beſſer wie das Andere, wir beſtehen auf unſern Köpfen, die⸗ 127 weil wir noch im Beſitz derſelben ſind, und verthei⸗ digen uns ſo lange als möglich; vielleicht daß doch Rettung kommt; bei den zahlreichen, leuchtenden Brän⸗ den kann Lecerf den nächſten Weg gar nicht ver⸗ fehlen. „Der alte Saint Vincent hat Recht,“ ſprachen die Andern,„wir vertheidigen uns, ſo lange eine Aus⸗ ſicht auf Erſatz vorhanden.“ Dem Parlamentair ward abermals eine abſchläg⸗ liche Antwort zu Theil und ein Jeder begab ſich auf ſeinen Poſten. Solche Hartnäckigkeit ſchien ſelbſt den Sir Inglis aus ſeiner Ruhe zu bringen. „Wohlan,“ rief er nicht ohne Heftigkeit,„wer nicht hört, mag fühlen; des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich. Seeſoldaten, thut Eure Schuldigkeit!“ Das Kloſter ward mit vordoppelter Heftigkeit an⸗ gegriffen und in demſelben Grade vertheidigt. Sir Inglis ſtand in einiger Entfernung, von wo er die Angriffe leitete, und ſchien nicht ohne Wohlbe⸗ hagen dem Kampfe zuzuſchauen. Dieſe heldenmäßige Vertheidigung gefiel ſeinem ritterlichen Sinne. „Das muß ein prächtiger Kerl ſein,“ ſprach er, ſich eine Priſe nehmend,„der in dieſem Reſte com⸗ mandirt. Er verdiente von der Sonne Altenglands ausgebrütet worden zu ſein.“ trat zu ihm. „Der Feind,“ ſprach er,„hat es wiederholt auf den Sturm ankommen laſſen. Nach den Kriegsgeſetzen iſt ihm kein Pardon mehr zu bewilligen.“ „Laßt das meine Sorge ſein,“ verſetzte Sir Ing⸗ lis mit Ruhe. „Die blutdürſtigen Afrikaner werden aber nicht zurückzuhalten ſein,“ bemerkte der Chevalier. 128 „Macht Euch keine Sorge,“ erwiederte der Britte, „ich weiß mit dieſen Beſtien umzugehen und ihnen allenfalls Reſpect beizubringen. Wenn die heldenhaf⸗ ten Vertheidiger den jetzigen Sturm aushalten, werde ich ihnen nochmals die ehrenvollſte Capitulation an⸗ bieten und wehe dem, der ihnen ein Haar krümmt.“ „Eure Humanität verdient Bewunderung,“ ſprach Lacoſte giftig. „Ich handle gegen dieſe Helden nur wie ſie gegen mich handeln würden; von einer Bewunderung kann nicht die Rede ſein.“ Die engliſchen Trommeln und Hörner riefen zum Angriff. Mit wildem Gebrüll ſtürmten die Araber herbei. Von Neuem arbeiteten die Aexte und weit⸗ hin ſchallten die Schläge an der Pforte, deren Pfo⸗ ſten Mmätis zu wanken begannen. Der Chevalier Lacoſte, welcher den Angriff gegen das Hauptthor leitete, that das Möglichſte, um den Eingang zu erzwingen. Nicht mit Unrecht fürchtete er bei Sir Inglis ehrenwerthem Charakter, daß, wenn man diesmal das Kloſter nicht erobere, der Beſatzung der chrenvollſte Abzug geſichert ſei. Immer gewaltiger krachten die Schläge gegen das Thor, immer mehr wankten die Pfoſten; endlich hörte ihr Widerſtand auf und ſie brachen unter dumpfem Krachen zuſammen. Allgemeines Siegesgeſchrei beglei⸗ tete den Fall dieſes hartnäckigen Bollwerkes. Indeß war mit dem Zuſammenſtürzen des Thores der Ein⸗ gang nichtsweniger als erobert. Die Belagerer hatten ſich hinter den zuſammengebrochenen Pfoſten auf das unnahbarſte verbarricadirt. Nachdem der Chevalier ſich überzeugt, daß trotz⸗ dem das Kloſter in Kurzem genommen werden würde, zog er ſich etwas zurück und winkte einigen Arabern. 129 „Wer mir von Euch,“ ſprach er, nachdem er ſich unbelauſcht glaubte,„den Kopf des feindlichen An⸗ führers bringt, dem zahle ich auf der Stelle funfzig Goldſtücke; dieſer Giaur iſt allein Schuld, daß von den Unſrigen ſo viele brave Männer getödet wor⸗ den ſind.“ Den Arabern leuchtete der bedeutende Preis haupt⸗ ſächlich ein. Sie betheuerten, daß ihnen der feindliche Aga nicht entgehen ſolle. „So dürfte ich den widerwärtigen Menſchen und Nebenbuhler endlich los werden,“ ſprach Lacoſte für ſich;„er trägt allein die Schuld, daß ich nicht längſt nach Saint Maurice zurückgekehrt bin und mir den Preis für die zerſtörte Flotte ausgebeten habe. Was würde es mir nützen, ſo lange dieſer Renouard am Leben. Nur über ſeine Leiche führt der Weg zum Brautgemach der lieblichen Clemence.“ Während der Chevalier dieſen düſtern Mordgedan⸗ ken nachhing, lag in der Kapelle des Kloſters, die nur ſparſam durch das einſame Licht der ewigen Lampe erhellt ward, Nurmahal vor dem Bilde ſeines Erlö⸗ ſers und flehte mit aller Macht ſeines Herzens um Rettung für Camille. Flintenſchlüſſe und Kampfgetümmel drangen bis in das Heiligthum; aber je tobender das Gebrüll der Stürmenden, deſto ruhiger wird es in der Bruſt des betenden Knaben. Erhaben und wunderbar geſtärkt ſtand er auf und eilte wohlbewaffnet nach dem Haupt⸗ tummelplatze des Kampfes. Dichter, erſtickender Dampf quoll ihm entgegen. Verwundete wurden vorüber getragen. Als Nurmahal bis zu dem Gange vorgedrungen war, welcher nach dem Hauptthore führte, ward der Dampf, der ſich ihm entgegenwälzte, immer gewaltiger, Stolle, ſämmtl. Schriften. IV. 9 6 130 und mit Entſetzen gewahrte der Knabe, wie der Feind die Barrikade, hinter welcher ſich die Franzoſen ſo tapfer vertheidigten, in Brand geſteckt habe. Renouard, der ſich vor Hitze nicht länger zu hal⸗ ten vermochte, zog ſich mit ſeiner geringen Mann⸗ ſchaft erſchöpft zurück. „Mit Menſchen vermögen wir zu kämpfen,“ ſprach er,„aber nicht mit Flammen. Wir wollen uns durch⸗ ſchlagen und die Wüſte zu gewinnen ſuchen.“ „Das iſt bald geſagt, Capitain,“ erwiederte einer der Grenadiere,„wenn wir nur erſt das brennende Neſt im Rücken hätten.“ „Wir müſſen uns durchſchlagen,“ wiederholte Re⸗ nouard,„das iſt das einzige Mittel, unſern Kranken vielleicht das Leben zu retten. Wenn wir fortfahren, das Kloſter zu vertheidigen werfen die Barbaren noch mehr Brände herein und verwandeln das Gebäude in einen Aſchenhaufen.“— „So folgt mir,“ ſprach hervorſpringend Nurma⸗ hal,„als ich vorhin in der Kapelle war, hab' ich ei⸗ nen verborgenen Gang entdeckt, der uns in's Freie ſüh „Mein rettender Engel,“ rief Renouard, den Kna⸗ ben umarmend, wie vielmal ſoll ich Dir mein Leben verdanken?“ Da nach Zertrümmerung des Hauptthores und bei dem Brande der Barrikade an eine Vertheidigung des Kloſters nicht länger zu denken war, ſo rief Renouard die zeitherigen Vertheidiger zuſammen und man folgte Nurmahal, welcher die kleine Schaar nach dem ver⸗ borgenen Gange führte. Da wegen des Feuers die Stürmenden nicht ſogleich zu folgen vermochten, ſo erreichten die Franzoſen einen ziemlichen Vorſprung. Die Engländer und Araber erkannten aus der 431 ſchwächer werdenden Vertheidigung, die endlich ganz aufhörte, daß ſich die Belagerten auf irgend einem geheimen Wege zurückgezogen haben müßten, und ent⸗ ſandten auf der Stelle nach allen Richtungen Abthei⸗ lungen, um den Flüchtlingen den Rückzug abzuſchneiden. Am wüthendſten ob dieſer Entdeckung war der Chevalier Lacoſte. Er ſtellte ſich ſelbſt an die Spitze einer Araberſchaar, um die Umgegend auf das ge⸗ naueſte zu durchſuchen. Das Kloſter und die darin zurückgebliebenen Kranken und Verwundeten zu ret⸗ ten, gab Sir Inglis Befehl, das Feuer zu löſchen, worauf er das Gebäude durch engliſche Truppen be⸗ ſetzen und den Zurückgebliebenen allen möglichen Schutz und menſchenfreundliche Hülfe angedeihen ließ. Der unterirdiſche Gang, durch welchen Renouard und die Seinen die Flucht ergiffen, führte eine ziem⸗ liche Strecke gegen die Wüſte und mündete in einer uralten Ruine, die mit dichtem Gebüſch faſt ganz be⸗ deckt war. Die unterirdiſche Wanderung gehörte kei⸗ neswegs zu den Annehmlichkeiten. Der Gang war von mephitiſchen Dünſten ganz erfüllt, daß die Flücht⸗ linge zu erſticken vermeinten. Erſt in der Gegend der Mündung ward die Luft geſünder und neuer Muth belebte die Krieger. Saint Vincent, der den Reigen eröffnete, denn man war wegen der Schmalheit des Ganges genöthigt, einzeln hinter einander zu gehen, verkündete jetzt das Ende der mühſeligen Wande⸗ rung. Zugleich rieth er, ſo vorſichtig als möglich auf der Oberwelt zu erſcheinen und vor allen Dingen die Gegend und den Stand des Feindes zu erforſchen. Während man deshalb eine kurze, unterirdiſche Berathung hielt, vernahm man ein ſeltſames, donner⸗ ähnliches Geräuſch. 9* 132 „Das iſt Cavallerie,“ ſprach Renouard,„die über unſern Köpfen dahinreitet; wir müſſen uns noch in großer Nähe des Feindes befinden; ein Umſtand, der zu doppelter Vorſicht auffordert.“ Dem wackern Saint Vincent war es endlich ge⸗ lungen, den Ausgang, der in dichtes Gebüſch führte, zu erreichen. Mit äußerſter Vorſicht entſtieg man einzeln dem unterirdiſchen Grabe und pries ſich glücklich, wieder blauen Himmel über ſich zu haben. Es war bereits Morgen. Golden und erquickend lachten die erſten Strahlen der Sonne durch das lichte Grün der Oran— gengebüſche. Renouard befahl ſeinen Leuten das tiefſte Schweigen; auch ſollte Niemand das gegenwärtige Aſyl verlaſſen. Die Grenadiere ließen ſich das nicht zweimal ſagen. Nach den heißen Kampfesſtunden konnte ihnen nichts erwünſchter kommen, als ſolch' be— hagliche Ruhe im weichen ſchwellenden Mooſe, um⸗ ſchattet von Orangen, deren ſüße Früchte zum Genuſſe verlockten. Nur Renouard, beſorgt um das Geſchick des Klo⸗ ſters, wo er ſo viele Hülfloſe hatte zurücklaſſen müſ⸗ ſen, gönnte ſich keine Raſt und zwängte ſich, von Nur⸗ mahal, der ſeinen Herrn nie verließ, begleitet, mit Anſtrengung durch's Gebüſch, um die Gegend zu durchſpähen. Die Beiden geriethen, je weiter ſie vordrangen, im⸗ mer tiefer in den Wald, ſo daß ſie endlich, in dichtem Laubwerk umherirrend, ſogar die Himmelsgegenden ver⸗ loren hatten. Das tiefſte Schweigen herrſchte. Es war, als habe ſich in dieſe Wildniß noch nie eines Menſchen Fuß verirrt. Man ſchritt weiter vorwärts. Wiederholt warf ſich Nurmahal zur Erde nieder und ſpähte mit lau⸗ 133 ſchendem Ohre, ob man ſich vielleicht menſchenbelebten Orten nähere; Alles ſtill. „Es wird das Rathſamſte ſein,“ ſprach Renouard, „wir kehren zu den Unſrigen zurück. Gott weiß, wie weit dieſe Waldung in's Land führt.“ „Ruhet ein wenig aus, guter Herr,“ rieth Nur⸗ mahal,„Ihr werdet es bedürfen;„ich will indeß noch einige hundert Schritte vorwärts gehen; vielleicht daß mir's gelingt, mich ein wenig zu vrientiren.“ „Guter Nurmahal,“ erwiederte Renouard,„laß das weitere Vordringen; Du wirſt ebenfalls ermüdet ſein und der Ruhe bedürfen. Wir wollen hier ein wenig raſten und dann zu unſern Freunden zurück⸗ kehren, die ob des langen Außenbleibens in Sorge ſein werden.“ „Nur ein paar hundert Schritte noch dringe ich vor,“ ſprach der Knabe,„und bin alsbald wieder bei Euch. Geruhet wohl bis dahin.“ Mit dieſen Worten war Nurmahal im Gebüſche verſchwunden und Camille vernahm, wie ſich der Knabe durch das dichte Strauchwerk Bahn brach. Allmälig trat die alte Stille ein. Kein Lüftchen regte ſich; unbeweglich ſtanden Baum und Strauch, Halm und Blatt. Renouard hatte ſich in's weiche Moos geſtreckt und, das Haupt auf den Arm geſtützt, verſank er in ſtilles Träumen. Vergangenheit und Zukunft zogen in bald heitern, bald dunklern Bildern vorüber. Er verſetzte ſich im Geiſte in den Garten des Schloſſes Saint Maurice; in die Laube unfern des alten Ul⸗ menbaumes, wo er als Knabe geſeſſen an der Seite der lieblichen Clemence. Dieſe erſchien ihm in dem⸗ ſelben himmelblauen Kleide mit goldenem Gürtel, den herabfallenden blonden Locken, wie er das Mädchen das letzte Mal erſchaut hatte. 134⁴ „Ob ich ſie wiederſehen werde in dieſem Leben?“ frug er ſich.„Wohl ſchwerlich; in dieſem vernichten⸗ den Kriege werden wir noch Alle untergehen; vielleicht der große Held nicht ausgenommen. Wie viele nur mir bekannte Waffengefährten ſind ſchon gefallen; wie manchen deckt der Nilſchlamm und der Sand der Wüſte.“ „Alſo wirklich ein Verräther?“ fuhr er im Selbſt⸗ geſpräch fort;„doch kann ſich Nurmahal getäuſcht haben.“ „Guter Nurmahal,“ ſprach er nach einer Pauſe, „Engel in Menſchengeſtalt, dem ich nun ſo oft meine Rettung vom Untergange verdanke, wie ſoll ich Dir für Deine unendliche, aufopfernde Liebe lohnen? Wär ich reich, das beneidenswertheſte Lvos, die ſonnenhellſte Zukunft müßte Dein Lvos werden; ſo aber,“ fügte er ſeufzend hinzu,„mußt Du den Lohn in Deiner eig⸗ nen Bruſt und dem Bewufßtſein Deiner ſchönen Seele finden. Ueberhaupt, wenn ich Deiner Liebe, Deines himmliſchen Sinnes gedenke, ſo iſt mir, als könnteſt Du hienieden nimmer wahrhaft belohnt werden.“ Noch geraume Zeit hing Camille ſeinen Gedan⸗ ken nach und lauſchte, ob Nurmahal zurückkehre; aber kein Geräuſch, auch das leiſeſte nicht, unterbrach die erhabene Stille und Einſamkeit. „Hoffentlich,“ ſprach Renouard,„daß wir dies⸗ mal gerettet ſind; wenn Lecerf mein Schreiben er⸗ halten hat, muß er in der Nähe ſein. Er iſt ſtark genug, den gelandeten Britten, wie den Beduinen⸗ ſchwärmen die Wege zu weiſen.“ Während Renouard ſich mit dieſen und ähnlichen Gedanken beſchäftigte, vernahm er leiſes Rauſchen in den Zweigen, das ſich zu nähern ſchien. In der ſichern Ueberzeugung, daß es Nurmahal ſei, freute ſich Camille, 135 daß der Knabe zurücktehre und erhob ſich halben Lei⸗ bes, um zu ſehen, wo der treue Abgeſandte zum Vor⸗ ſchein kommen werde. Etwas verwundert war er darüber, daß das Geräuſch, als er demſelben aufmerk⸗ ſumer lauſchte, faſt aus der entgegengeſetzten Rich⸗ tung, als in welcher der Knabe ſich entfernt hatte, daher ſcholl. „Nurmahal muß einen wahren Bogen gegangen ſein,“ ſprach er,„ein Glück, daß er ſich nicht ver⸗ irrt hat.“ Das Rauſchen im Geſträuch kam näher; Re⸗ nouard verwendete keinen Blick von der Stelle, wo Nurmahal zum Vorſchein kommen ſollte; aber wer be⸗ ſchreibt ſeine Empfindung, als er plötzlich aus dem Blättergrün den Chevalier Lacoſte hervortreten ſieht. Beide im gleichen Grade überraſcht, ſich hier zu be⸗ gegnen, ſehen ſich einige Augenblicke einander ſtarr in's Geſicht; doch gleich darauf ſpringt Renouard mit gezücktem Degen vom Boden auf und ſtürzt mit dem Ausrufe:„Find' ich Dich, Verräther!“ auf den Che⸗ valier zu. Bevor er ihn jedoch erreicht, iſt Lacoſte in das Gebüſch zurückgeſprungen und verſchwunden. Renouard verfolgt den Fliehenden. Da der Chevalier bei ſeiner außerordentlichen Behendigkeit, ſich durch's Gebüſch zu winden, immer größeren Vorſprung ge⸗ winnt, ſo ſieht Camille endlich die Fruchtloſigkeit ſei⸗ ner Verfolgung ein. Um mit Nurmahal nicht ganz auseinander zu kommen, kehrt er nach ſeinem frühern Ruheplatze zurück. Die hier und da geknickten Zweige laſſen ihn den Weg, den er bei der Verfolgung ge⸗ nommen, leicht erkennen. „So hat ſich Nurmahal nicht getäuſcht,“ ſprach Renouard;„aber wie kommt der Verräther in dieſe Wildniß?“ 136 Während er ſeinen Rückweg fortſetzt, vernimmt er plötzlich in einiger Entfernung ein ſeltſames Pfei⸗ fen, das in verſchiedenen Richtungen bald näher, bald entfernter beantwortet wird. Bevor Camille die alte Sykomore, an deren Stamm er geruht, erreicht hat, erſchallt das verdächtige Pfeifen ganz in ſeiner Nähe und nach wenig Secunden bricht ein Araber aus dem Gebüſch, der ihn ſogleich feindlich anfällt. Der Kampf iſt von kurzer Dauer; nach einigen gut parirten Strei⸗ chen von Seiten Camille's ſtürzt der Angreifer mit blutendem Haupte zu Boden. Aber kaum hat ſich Renouard dieſes Feindes entledigt, als er unverſehens von zwei andern Arabern im Rücken angefallen wird. Den einen ſchießt er nieder, während der dritte bald ebenfalls ſeiner guten Klinge unterliegen muß. Renvuard ſetzt jetzt ſeinen Weg fort; doch kaum iſt er zwanzig Schritte vorwärts, als abermals zwei Araber ihm den Weg verrennen. Er muß ſich von Neuem zum Kampfe rüſten. Während er ſich herum⸗ ſchlägt, erhält der Feind durch zwei neue Streiter Unterſtützung. Jetzt wird die Lage Renouard's ſehr bedenklich. Bereits blutet der wackre Kämpfer aus mehren Wunden. Nichtsdeſtoweniger zuckt ſeine gute Klinge wie ein Blitzſtrahl umher. Wie hitzig auch das braune Gefindel auf ihn eindringt, ſo ſchützt ihn doch ſeine Gewandtheit und Fertigkeit in Führung ſeiner Waffe, ſein kräftiger Körperbau und ſein an⸗ geborner Muth vor einer Niederlage. Bereits liegt einer der Araber, von Renouard's Klinge gefällt, als eine neue Perſon auf dem Kampfplatze ſichtbar wird. Es iſt Lacoſte, welcher aus dem Gezweig tritt, eine Zeitlang dem ungleichen Kampfe nicht ohne Wohlge⸗ fallen zuſchaut, dann ein Piſtol hervorzieht und, un⸗ geſehen von Renouard, demſelben immer näher ſchleicht. 137 Ruhig und ſicher legt er das meuchel örderiſche Rohr auf Camille an, den Augenblick erſpähend, die unfehlbare Todeskugel zu entſenden.— Da fällt ein Schuß und der Chevalier ſinkt taumelnd zu Boden; ein zweiter Schuß, und ſchwer getroffen ſtürzt einer der Araber. Nurmahal erſcheint auf dem Kampfplatze und eilt mit geſchwungener Klinge ſeinem Freunde zu Hülfe. Bei dieſer unerwarteten Wendung der Dinge ergreifen die beiden andern Araber die Flucht. Der tapfere Camille iſt gerettet. „Um Gotteswillen, fort!“ ruft Nurmahal, der abermalige Retter,„der ganze Wald ſteckt voll Ban⸗ diten.“ Obſchon Renouard verwundet und von dem ſchwe⸗ ren Kampfe ſehr ermattet, folgt er doch ſo ſchleunig wie möglich Nurmahal, welcher, im Beſitze eines treff⸗ lichen Ortsgedächtniſſes, die Richtung, in der man ge⸗ kommen, leicht herausfindet. Man war noch nicht weit vorwärts, als in eini⸗ ger Entfernung Flintenſchüſſe vernehmbar wurden. „Wenn ich noch einmal zum Degen greifen muß,“ ſprach Camille,„ſo bin ich verloren; mir ſind kaum ſo viel Kräfte geblieben, mich auf den Füßen zu er⸗ halten.“ Das Schießen und Kampfgeſchrei kam näher. „Wohlan,“ rief Nurmahal,„ſo bleibt nichts übrig, als ein bergendes Verſteck. Kommt, dieſe dichtverwachſenen Cyanen machen uns der ganzen Welt unſichtbar.“ Bald waren die Flüchtigen tief im Blättergrün verborgen. Das Schießen währte fort. Bereits ver⸗ nahm man, wie die Streitenden durch das Gebüſch brachen. „Die eine Partei muß auf der Flucht ſein,“ 138 ſprach Nurmahal,„hoffentlich ſind die Unſern die Sieger.“ Da eilten zwei Araber, Wehklagen und Flüche ausſtoßend, ganz nahe an dem Orte vorüber, wo Re⸗ nouard und Nurmahal verſteckt lagen. „Bei Gott,“ ſprach leis und freudig der Knabe, „die Araber fliehen, wir find gerettet.“ Kaum hatte Nurmahal dieſe Worte geſprochen, als die Stimme Saint Vincents vernehmbar ward. „En avant, en avant!“ rief der alte Krieger in Einem fort,„wir dürfen nicht eher ruhen und raſten, bevor wir unſern braven Capitain gefunden haben.“ „Hier iſt er,“ ſchrie Nurmahal hervorſtürzend und eilte jubelnd Saint Vincent in die Arme. „Wo, wo?“ frug außer ſich der Veteran und eine Thräne träufelte in den grauen Bart, denn er hatte ſeinen hochverehrten Anführer bereits für ver⸗ loren gehalten. „Da kommt er ſchon,“ erwiederte Renvuard, aus ſeinem Verſteck hervorhinkend, denn die erhaltenen Wunden ließen ihn nur langſam von der Stelle kommen. Unterdeß langten auch die übrigen Franzoſen an, die ſich aus dem Kloſter gerettet hatten. „Aber, Kinder,“ ſprach Renouard,„Ihr habt meine Befehle außer Acht gelaſſen, habt mit den Ara⸗ bern Feindſeligkeiten begonnen. Das braune Geſin⸗ del wird verſtärkt zurücktehren, die Engländer werden uns aufſpüren, und das Ende davon wird Kriegsge⸗ fangenſchaft ſein, falls wir mit dem Leben davon kommen.“ „Ihr bliebet uns auch gar zu lange aus,“ ent⸗ ſchuldigte ſich Saint Vincent. Während man noch berathſchlagte, nach welcher 139 Gegend jetzt der Weg einzuſchlagen ſei, ward in der Ferne heftiges Flintenfener vernehmbar. Eine frohe Ahnung durchzuckte die Herzen der Krieger. „Das iſt Lecerf, der mit den Engländern handge⸗ mein geworden iſt!“ riefen faſt Alle mit einer Stimme, „auf, unſern Brüdern zu Hülfe.“ Man ſchlug die gerade Richtung nach dem Ge⸗ wehrfeuer ein, das, je weiter man vordrang, vernehm⸗ barer und lebhafter wurde. Nurmahal war mit zwei Soldaten nach dem Orte zurückgekehrt, wo er den Chevalier durch eine Kugel zu Boden geſtreckt, um, falls er blos verwundet, demſelben Beiſtand zu leiſten und ihn gefangen zu nehmen. Als man aber auf dem Kampfplatze ankam, war weder von dem verrätheriſchen Chevalier, noch von den gefallenen Arabern, außer ei⸗ nigen Blutſtellen, eine Spur zu entdecken. Wahrſchein⸗ lich hatten die fliehenden Araber die Todten und Ver⸗ wundeten mit ſich genommen. So wie Renouard und ſeine Gefährten das Ende des Waldes erreicht hatten, bot ſich ihnen ein eben ſo maleriſcher als erfreulicher Anblick dar. Franzö⸗ ſiſche Cavallerie trieb die Engländer dem Meere zu und die Araber in wilder Flucht vor ſich her. Un⸗ ter ununterbrochenem Trommelwirbel folgten Infan⸗ teriecolonnen im Sturmſchritt. Lecerf, welcher Re⸗ nouard's Brief zur rechten Zeit erhalten, war mit ſeinen Schwadronen und Infanteriecolonnen angelangt. Camille und die Seinen waren gerettet. Unter all⸗ gemeinem Jubelgeſchrei wurden ſie, die man ſchon ver⸗ loren gegeben, von ihren Waffenbrüdern empfangen. Nach kurzem Kampfe wehte wieder die Fahne Frankreichs auf dem Fort von El⸗Ariſch. 140 Cilftes Rapitel. Nach der Rückkehr aus Syrien iſt es Bonaparte's erſte Sorge, die Armee, die durch beiſpielloſe Stra⸗ pazen, furchtbare Kämpfe und Krankheiten außeror⸗ dentlich gelitten, wieder in Stand zu ſetzen und zu ver⸗ vollſtändigen. Es werden Griechen, Aegypter und ſelbſt Mamelucken rekrutirt. Jedem Bataillon ſollen hun⸗ dert Neger einverleibt werden. Ueberdies ſchreibt der Oberfeldherr an das Directorium. Er verlengt fünf⸗ hundert Mann für die Reiterei und fünftauſend In⸗ fanteriſten, zwanzig Aerzte und achtzig Chirurgen. Beſſer ſei es aber, wenn man ihm funfzehntauſend Mann friſche Truppen ſende; damit wolle er bis Kon⸗ ſtantinopel marſchiren. Eine zweite Sorge Bonaparte's iſt, die Zügel der Regierung und Adminiſtration wieder in eigene Hände zu nehmen. Durch geſchickte und gerechte Behandlung weiß er alle die verſchiedenen Volksklaſſen zu gewinnen und an ſeine Perſon zu feſſeln. In dieſer Angelegen⸗ heit ſo wie in allen Anordnungen, im Auffinden neuer Hülfsquellen zeigt ſich ſein Geiſt unerſchöpflich. Er ſchützt das Volk, das in ſeine Macht gegeben, er achtet die religiöſen Meinungen, er verwaltet die Gerechtigkeit nach den Landesgeſetzen, ſchärft ſeinen Soldaten neuerdings die größte Achtung gegen die re⸗ ligiöſen Gebräuche des Landes und gegen das Eigen⸗ thum ein, ſucht den Handel zu befördern und neue Handelsverbindungen anzuknüpfen. Ein Stamm räuberiſcher Araber hat einen Felläh erſchlagen; ſogleich befiehlt Bonaparte, den Mörder aufzuſuchen und ihn zu beſtrafen. Einer ſeiner orienta⸗ 144 liſchen Räthe lacht über den Eifer, den der General bei einer ſo unbedeutenden Sache zeige. „Wie kann Euch der Tod eines armſeligen Fel⸗ lah ſo in Zorn verſetzen, Sultan Kebir,“ fragte der Scheik,„war er Euer Verwandter?“ „Er war mehr,“ erwiederte Bonaparte,„er war einer, für deſſen Sicherheit ich Gott verantwortlich bin, der ihn unter meine Regierung ſtellte.“ „Er ſpricht wie ein Gottbegeiſterter,“ ruft der Divan,„die Zeiten des Scheik Amman find wieder gekommen.“ Bonaparte unterhält ſich gern mit den Eingebor⸗ nen, um mit ihren Sitten und Anſichten vertraut zu werden. Eines Tages trifft er auf einem Spaziergang einen Araberhäuptling, der eine Zeit lang neben ihm hergeht und ſich ſehr vertraulich unterhält. „Ich könnt' Euch wohl einen guten Rath geben, Sultan Kebir,“ ſpricht der braune Mann. „Wohlan, mein Freund,“ erwiedert Bonaparte, „iſt er gut, ſo will ich ihn befolgen.“ „Wißt Ihr, was ich an Eurer Stelle thun würde? In Cairo ließe ich den reichſten Selavenhändler zu mir kommen und ſuchte mir zwanzig der ſchönſten Mäd⸗ chen aus. Alsdann müßten die reichſten Juwelen⸗ händler vor mir erſcheinen und ich würde mir auch einen guten Theil ihrer Waare geben laſſen. Auf dieſe Art machte ich es mit allen andern reichen Kauf⸗ leuten. Denn wozu herrſcht man, wenn man ſich nicht Reichthümer aufhäufen will?“ „Aber, mein Freund,“ entgegnete der Obergene⸗ ral,„wenn es nun Gott wohlgefälliger wäre, ſie An⸗ dern zu erhalten?“ Dieſer Grundſatz ſchien des Arabers Nachdenken zu erregen. 142 Sogar die moslemitiſche Geiſtlichkeit hat Bona⸗ parte durch ſein vortreffliches Benehmen in dem Grade gewonnen, daß ſie die Erklärung gibt, es ſtimme mit den Geſetzen überein, den Franzoſen Tribut zu zahlen, obſchon der Koran dagegen ſpreche. Trotz dieſer weiſen Verwaltung erheben hier und da einzelne Araberchefs, hauptſächlich durch engliſche und türkiſche Agenten aufgereizt, die Fahne des Auf⸗ ruhrs. Mehrere franzöſiſche Generale müſſen gegen ſie marſchiren. Zu gleicher Zeit erfährt Bonaparte, daß die nach Nubien verſprengten Mamelucken in Folge eines ver⸗ abredeten Plans Unterägypten zu erreichen ſuchen, um die Landung einer großen engliſch-türkiſchen Flotte, welche die nördlichen Küſten Aegyptens bedroht, zu unterſtützen. Der unermüdliche Murad-Bey, den man ſchon vernichtet glaubte, erſcheint wieder auf dem Schauplatze. Der tapfere General Friant, welchem die Verfolgung des kühnen Mameluckenfürſten aufgetragen war, iſt ihm einen ganzen Monat täglich auf den Ferſen ge⸗ weſen, ohne ihn zu erreichen. Endlich hat der Gene⸗ ral ſogar die Spur des flüchtigen Feindes verloren. Murad iſt in der Wüſte verſchwunden; Niemand weiß wohin. Bonaparte befiehlt Friant, die Verfolgung fortzu⸗ ſetzen; zu gleicher Zeit müſſen die Generale Deſaix, Lanuſſe und der unermüdliche Murat gegen den Bey marſchiren. Nichtsdeſtoweniger entkommt Murad allen ſeinen Verfolgern. Eines Tages befindet er ſich bei den Phramiden von Gizeh. Er ſelbſt beſteigt die höchſte Pyramide und betrachtet geraume Zeit die Stadt Cairo, wo er ſo lange geherrſcht hat, und ſein ſchönes Landgut. 2 143 Kaum iſt Bonaparte von dem Erſcheinen Mu⸗ rad's bei den Pyramiden benachrichtigt, ſchickt er in allen Richtungen Detachements aus. Auch General Menou muß gegen den Mameluckenfürſten marſchiren. Ja, der Oberfeldherr ſelbſt ſtellt ſich an die Spitze ſeiner Guiden zu Pferd und eilt dem Wiſtenkönige nach. Als Bonaparte bei den Pyramiden anlangt, fin⸗ det er Murad nicht mehr, welcher einige Stunden früher aufgebrochen iſt. Er vereinigt ſich mit Mu⸗ rat und folgt dem Bey in die Wüſte. Die Franzo⸗ ſen freuen ſich ſchon, wenn die beiden Murads, wie man ſie wegen der Aehnlichkeit ihrer Namen nennt, auf einander ſtoßen werden. Es muß ein impoſan⸗ tes Schauſpiel geben, einen Kampf aus dem Alter⸗ thume vergegenwärtigen, wenn die beiden Helden zu⸗ ſammentteffen; der ſtolze Mameluckenfürſt mit ſeinem Löwengeſicht, das durch die breite Wunde, welche es in der Pyramidenſchlacht erhalten, nur ein um ſo herviſcheres Ausſehen erhalten, und der ritterliche Mu⸗ rat, deſſen männlich⸗jugendliches Antlitz von pracht⸗ vollen Locken umwallt wird, Taſſo's Rinaldo nicht unähnlich. Bonaparte jagt einen ganzen Tag dem Bey in der Wüſte nach, tödtet einige ſeiner Leute, nimmt einige Kameele weg; aber die Perſon des unterneh⸗ menden Gegners iſt unerreichbar. Ganz ermattet von der fruchtloſen Jagd langt der Obergeneral gegen Abend wieder bei den Pyramiden an. Weithin ſtreifen die Schatten der alten Denk⸗ mäler über die Sandfläche. Bonaparte iſt vom Pferde geſtiegen. Sein Kopfkiſſen iſt ein Granitblock, der aus dem Wüſtenſand emporragt. In einiger Entfer⸗ nung praſſeln die Bivouakfeuer ſeiner Guiden die ſich 144 unter fröhlichen Geſängen, die von der Pyramiden⸗ wand widerhallen, die Abendmahlzeit bereiten. Es gewährt einen erhebenden Anblick. Hier der große Feldherr, einſam auf den Sand geſtreckt, ſin⸗ nend das Haupt auf den Arm geſtützt, umnſchattet von den Steinmaſſen der Pyramiden, hinausſchauend in die Tiefe der Wüſte, und wenige Schritte davon das heitere Leben ſeiner tapfern Soldaten, franzöſiſche Lebensluſt und franzöſiſcher Leichtſinn am Fuße der ernſteſten Denkmäler. Bonaparte iſt aufgeſtanden und wandelt, die Hände auf dem Rücken, einſam und ſchweigend die Pyrami⸗ denwand des Cheops entlang. Hoch über ihm glüht der Gipfel der Pyramide im Golde der hinter den Palmen des Nilthals untergehenden Sonne. Plötzlich tönt durch die Stille des Abends das Geräuſch eines zur äußerſten Eile geſtachelten, daher⸗ trabenden Kameels. Es iſt ein Eilbote von Cairv. Bonaparte, ſogleich ahnend, daß eine außerordentliche Nachricht unterwegs, eilt dem Boten eine Strecke ent⸗ gegen. Er erbricht die Depeſche. Er hat ſich nicht getäuſcht. Marmont, der Gouverneur von Alexan⸗ drien, ſchreibt ihm, daß eine hundertunddreizehn Se⸗ gel ſtarke türkiſch⸗engliſche Flotte mit einem acht⸗ zehntauſend Mann ſtarken Heere bei Abukir vor An⸗ ker gegangen und feindliche Abſichten gegen Alexan⸗ drien zeige. Nie iſt Bonaparte ruhiger, als bei großen Ereig⸗ niſſen, wo das Schickſal einer Welt und ſeine ganze Exiſtenz auf dem Spiele ſteht. Er kehrt zu den Sei⸗ nen zurück. „Auf nach Cairo!“ find ſeine erſten Worte, und nach wenig Minuten verſchwinden die Schwadronen im Staube der Wüſte. 145 Zwölftes Rupitel. Mu einer Thätigkeit ohne Gleichen trifft Bonaparte noch in derſelben Nacht Anſtalten, dem großen Ereig⸗ niß, daß ſich im Norden zu entwickeln droht, die Stirn zu bieten. Seine meiſterhaften Vorkehrungen ſind der Art, das nöthigenfalls ſeine ganze Armee, fünfundzwan⸗ zigtauſend Mann, worunter dreitauſend treffliche Reiter und ſechzig gut beſpannte Feldſtücke, ſich vor Abu⸗ kir vereinigen kaln. Blos ſchwache Garniſonen und Poſten ſollen die Hauptpunkte, während der Oberge⸗ neral an der Spitze ſeiner ganzen Macht der großen feindlichen Invaſion entgegentritt, beſetzen. Deſaix in Oberägypten muß ſich marſchfertig halten und eine Stellung zwiſchen Cairo und Alexandrien einnehmen. Friant hält Murad⸗Bey im Schach; Reynier und Du⸗ gua haben ſich den etwaigen Unternehmungen Ibra⸗ hims und des Schlächterpaſcha's entgegenzuſetzen; alle Generale müſſen aber zugleich auch bereit ſein, im Nothfall gegen die Küſte zu marſchiren. Bonaparte eröffnet hierauf dem Divan von Cairo, daß eine feindliche Flotte vor Abukir erſchienen ſei, und daſelbſt eine Landung beabſichtige. „Ich laſſe den Feind gewähren,“ ſagte er unter Anderm,„weil meine Abſicht iſt, ihn anzugreifen. Wer ſich nicht ergibt, wird getödtet. Ich werde Cairo mit den zahlreichen Gefangenen einen großen Triumph bereiten.“ Die Scheiks beruhigen das Volk durch Prokla⸗ mationen über die Bewegungen der Franzoſen. Sie erklären, Sultan Kebir wolle den Feind ſchlagen, um Aegypten zu ſchützen. Stolle, ſämmtl. Schriften. W. 10 14¹6 Nachdem die nöthigſten Anordnungen getroffen, eilt Bonaparte von Cairo nach Ramanieh, um ſich an die Spitze ſeiner Truppen zu ſtellen. Er entwirft den Schlachtplan und ertheilt ſeine Befehle. Die Operationslinie läuft von Alexandrien über Berket nach Roſette. Da die Truppen aus den verſchiedenen Theilen des Landes nicht ſchnell genug eintreffen, ſo beſchließt der Obergeneral, den Feind mit der Macht, die er in Händen hat, anzugreifen. Es iſt bereits ſpät in der Nacht. Bonaparte hat alle Vorbereitungen zum Angriff auf den folgenden Tag getroffen. Nochmals überſchaut er die Stellung der Türken, welche die Erdzunge von Abukir beſetzt halten und ſich in zwei Linien verſchanzt haben. „Wenn wir auch morgen,“ ſpricht er,„nicht die ganze Halbinſel in unſere Gewalt bekommen, ſo hoffe ich dies doch von der erſten feindlichen Linie. Wir beſetzen dieſe, verſchanzen uns und erwarten unſere Verſtärkungen. Zudem kann von hier die türkiſche Armee, in einen engen Raum zuſammengepreßt, durch Bomben, Granaten und Kanonenfeuer leicht vernich⸗ tet werden.“ Die Lichter in dem Zelte des Obergenerals ſind herabgebrannt. Nur Murat, welcher die letzten Be⸗ fehle erhalten, iſt noch anweſend. Bonaparte entläßt ihn mit den inhaltſchweren Worten:„Geh's, wie es wolle, dieſe Schlacht wird das Schickſal der Welt entſcheiden.“ Die türkiſche Armee ſteht unter Anführung eines der tapferſten Generale des Großherrn. Sein Name iſt Muſtapha Paſcha von Rumelien. Als er an's Land ſtieg und die franzöſiſchen Detachements an der Küſte ſich vor der feindlichen Armee zurückzogen, wandte 147 er ſich an einen tapfern Mameluckenfürſten ſeines Ge⸗ folges.. „Nun?“ frug er mit Stolz,„dieſe ſo gefürchteten Franzoſen, deren Gegenwart Ihr Mameluken nicht zu ertragen vermochtet,— ich darf mich blos zeigen und ſie ergreifen die Flucht.“ „Paſcha,“ erwiederte der Mameluck mit verbiſſe⸗ nem Grimm,„danke dem Propheten, daß es die Franzoſen für paſſend finden, zurückzugehen; denn wenn ſie umkehrten, würdeſt Du vor ihnen verſchwin⸗ den, wie der Staub vor dem Nordwinde!“ Mit Anbruch des fünfundzwanzigſten Juli ſetzt Bonaparte ſein ſechstauſend Mann ſtarkes Heer in Bewegung. Nach zweiſtündigem Marſche ſteht er der türkiſchen Macht gegenüber. Die Colonnen machen Halt. Der Obergeneral ertheilt ſeine letzten Befehle. Der heldenkühne Murat, an der Spitze ſeiner glänzenden Schwadronen, über⸗ ſchaut kampfluſtig die türkiſchen Linien. „Wenn je ein Feind von meiner Reiterei zermalmt werden ſoll,“ ruft er,„ſo iſt es heute.“ Die franzöſiſche Armee rückt unter Trommelwir⸗ bel langſam, aber feſten Schrittes vor. Kaum find die türkiſchen Verſchanzungen erreicht, als man den Feind mit Heftigkeit angreift. Die Türken verthei⸗ digen ſich mit vieler Hartnäckigkeit. Da bricht Murat mit ſeiner Cavallerie in die Ebene vor, welche die erſte und zweite türkiſche Schlachtlinie ſcheidet. Die Vertheidiger der erſten Linie, von vorn ſchon mit aller Heftigkeit angegriffen, ſehen jetzt den Feind auch im Rücken. Sie verlieren die Haltung und wollen ſich auf die zweite Linie zurückziehen, werden aber von Murat's Reiterei theils zuſammengehauen, theils nie⸗ 10* 148 dergetreten und in das Meer geſprengt. Das erſte Treffen iſt gänzlich vernichtet. Da dieſer Sieg ſo leicht und glänzend errungen wurde, glaubt Bonaparte, ohne ſeine Verſtärkungen abzuwarten, auch die zweite Linie angreifen zu können. Demzufolge rückt das franzöſiſche Heer weiter vor und greift die bei weitem ſtärkern Verſchanzungen des zwei⸗ ten Treffens an. Es entſpinnt ſich ein äußerſt hart⸗ näckiger Kampf. Das Blut fließt in Strömen. Die Franzoſen erleiden ſchmerzhaften Verluſt an ausgezeich⸗ neten Officieren. Ein Adjutant von Bonaparte wird unmittelbar an deſſen Seite durch eine Büchſenkugel getödtet. Der blutige Angriff iſt ſo gut wie abgeſchla⸗ gen zu betrachten, wenigſtens hat er zu keinem weſent⸗ lichen Erfolge geführt. Da ändert ſich plötzlich die Scene. Die franzöſiſchen Colonnen ſehen ſich genö⸗ thigt, dem mörderiſchen Feuer der Redouten zu wei⸗ chen. Kaum hat dies der Feind bemerkt, als er un⸗ ter furchtbarem Allahgeſchrei aus den Verſchanzungen ſtürzt, um ſeiner alten barbariſchen Sitte gemäß den Gefallenen und Verwundeten die Köpfe abzuſchneiden. Der unermüdliche Murat, der mit Falkenblicken allen Bewegungen des Feindes folgt, benutzt augen⸗ blicklich den begangenen Fehler und wirft ſich mit ſei⸗ ner Reiterei zwiſchen die Redoute und die hervorge⸗ brochenen Schaaren. Die achtzehnte Halbbrigade, welche ihren General verloren und im Zurückweichen begriffen iſt, ſtürzt ſich voll Wuth, ihren Anführer zu rächen, von Neuem auf den Feind, der jetzt doppelt angegriffen in Ver⸗ wirrung geräth. Da erkennt Bonaparte, daß der entſcheidende Augenblick zum Hauptſchlage gekommen iſt. Die Tambvurs raſſeln durch alle Linien. Die 149 ganze Arme rückt im Sturme vor. Berthier, Lannes, Junot, Beſſieres, Eugen Beauharnais, Bertrand und andere in der Kriegsgeſchichte gefeierte Namen ſchrei⸗ ten mit gezogenen Degen ihren Colonnen voran. Bo⸗ naparte ſelbſt führt die neunundſechzigſte Halbbrigade gegen den Feind. Unter dem allgemeinen Rufe„vive la republique!“ wirft man ſich in die Gräben, erſteigt Bruſtwehren, erobert Schanzen und Redouten. Siegreich wehen die Fahnen Frankreichs bald auf allen Baſtionen. Da ſchmettern von Neuem Murat's Trompeten, für die Türken diesmal die Poſaunen des ewigen Ge⸗ richts. Während die Infanterie überall ſiegreich vor⸗ dringt, durchbricht dieſer ausgezeichnete Reitergeneral mit unwiderſtehlicher Gewalt alle Stellungen des Fein⸗ des, debouchirt im Rücken deſſelben und ſchneidet jeg⸗ lichen Rückzug ab. Durch dieſes eben ſo gewaltige, als im rechten Zeitpunkte ausgeführte Manöver wird die Niederlage der Türken vollſtändig. Die Cavalleriemaſſen hauen von alen Seiten ein. Auf allen Punkten angegriffen, von Bayonetten verfolgt und mit Kugeln überſchüttet, wird die ganze feindliche Armee alsbald zu einem dichtverworrenen Menſchenknäuel. Wie eine verzehrende Flamme lodert von allen Seiten das Verderben auf ſie ein. Den von phyſiſchen Schrecken überwältigten und zur Verzweiflung gebrachten Feinden bleibt nichts übrig, als ſich in die Fluthen zu ſtürzen. In kurzer Zeit iſt die blaue Oberfläche des Meeres, ſo weit der Blick reicht, mit Turbanen bedeckt; und dieſelben Wellen, die ein Jahr zuvor, in Folge der großen See⸗ ſchlacht, franzöſiſche und brittiſche Leichname beſpülten, begraben jetzt Tauſende von Bekennern des Islam in ihrem Schooße. 150 Selten iſt wohl eine Armee, wo keine Gefangenen gemacht wurden, ſo total von der Erde vertilgt wor⸗ den, als die türkiſche in Folge der Schlacht von Abu⸗ kir. Nur ein kleiner Theil rettete ſich in das Fort von Abukir. Der unermüdliche Murat, obſchon gleich im An⸗ fange der Schlacht verwundet, dringt mit ſeinen Ca⸗ rabiniers in das türkiſche Lager und endlich in das Zelt des Muſtapha. Der Paſcha tritt dem General kühn entgegen. Er fenert ein Piſtol ab, deſſen Kugel Murat's Wange ſtreift, worauf dieſer durch einen Siäbelhieb antwortet, den feindlichen Anführer ver⸗ wundet und gefangen nimmt. Im Triumph wird der gefangene Türke, welcher, trotz der gewaltigen Niederlage, ſeinen Stolz nicht verloren hat, vor Bonaparte gebracht. Der franzöſiſche Obergeneral, gegen Beſiegte ſtets human und freundlich, bemüht ſich, den Gefangenen zu tröſten und ihm ſein Unglück weniger fühlbar zu machen. „Ich werde Sorge tragen,“ ſpricht er,„den Sul⸗ tan zu benachrichtigen, daß es nicht an Deinem Muthe gelegen, wenn die Schlacht verloren ging; aber das Glück war gegen Dich.“ „Erſpar Dir die Mühe,“ erwiedert ſtolz Mu⸗ ſtapha,„mein Gebieter kennt mich ohne Deinen Be⸗ richt.“ Die Beute der Franzoſen iſt unermeßlich. Das ganze türkiſche Lager iſt in ihrer Gewalt; außerdem gehören die drei Roßſchweife des Paſcha, zweihundert Fahnen und vierzig Kanonen zu den Trophäen des Tages. Der Verluſt an Todten und Verwundeten franzöſiſcher Seits beläuft ſich auf neunhundert Mann. In dem Augenblicke, wo durch die Erſtürmung 454 der Verſchanzungen der Sieg ſich auf die Seite der Franzoſen neigte, langte General Kleber, der ſeiner Diviſion vorausgeeilt war, im franzöſiſchen Lager an. Mit leuchtenden Blicken überſchaut er die zunehmende Verwirrung in dem feindlichen Heere. Er fieht, wie in Folge der meiſterhaften Leitung Bonaparte's ſechs⸗ tauſend Franzoſen einen dreimal ſo ſtarken und wohl⸗ verſchanzten Feind vernichten. Nie ſah er das Genie des großen Feldherrn mit eigenen Augen in ſolcher Größe aufleuchten. Hingeriſſen von Begeiſterung eilt er auf Bonaparte zu.“ „Laßt Euch umarmen, General,“ ruft der Held in überſtrömendem Gefühl ſeines Herzens.„Ihr ſeid groß wie die Welt!“ Der Sieg von Abukir war außerordentlich wichtig in ſeinen Folgen. Der geringſte Vortheil, den die türkiſche Armee über die franzöſiſche errungen hätte, wäre das Zeichen zur Vertilgung der letztern geweſen. Die Araber, die Mamelucken, alle mißvergnügte Aegyp⸗ ter würden ſich augenblicklich mit den Türken vereinigt haben. Jetzt erſt kann das Land als erobert und be⸗ ruhigt betrachtet werden. Seit ſeiner Ankunft in dem wunderbaren Lande hatte ſich Bonaparte, trotz ſeiner zahlreichen ſonſtigen Arbeiten und Sorgen, unausgeſetzt mit den Künſten und Wiſſenſchaften beſchäftigt. Dieſer große Gegen⸗ ſtand nahm fortwährend ſeine Gedanken in Anſpruch. Die übrigen Generale, die Ingenieurs und andern Militair⸗Perſonen unterſtützten die unter ſeiner Ob⸗ hut vorgenommenen wiſſenſchaftlichen Unternehmungen nicht nur, ſondern leiteten ſogar dieſelben. Es wurde faſt keine militairiſche Recognoscirung unternommen, ohne daß ſich einige Mitglieder der gelehrten Com⸗ miſſion dabei befunden hätten. 152 Die Geographie hatte ſomit ihre Forſchungen auf die Häfen, Seen, Küſten ausgedehnt. Die Lage der bedeutendſten Orte war nach den ſorgfältigſten Meſſun⸗ gen genau beſtimmt worden. Die Phyſik hatte die Eigenheiten des Klima, den Lauf des heiligen Nil, das Bewäſſerungsſyſtem, die Natur des Bodens, der Thiere, Pflanzen und Mineralien unterſucht. Reiche Beute war den ſchönen Künſten durch die uralten Bauwerke geworden. Nach der Schlacht von Abukir und der Beruhi⸗ gung Aegyptens beſchließt Bonaparte, die Unterſuch⸗ ungen in einem viel größeren Maaßſtabe vornehmen zu laſſen. Namentlich ſoll ſich eine Commiſſion von funfundzwanzig Gelehrten nach Oberägypten begeben, um, nachdem daſelbſt die Macht der Mamelucken ge⸗ brochen und das Land vom Feinde geſäubert, die Wun⸗ der des Alterthums mit größerer Ruhe und Sorgfalt zu unterſuchen. Bonaparte ſelbſt entwirft den Plan zu dieſer Expedition und ordnet Alles mit der größten Unſicht. Durch die Arbeiten des Inſtituts von Aegypten iſt der gelehrten Welt ein reichhaltiger, faſt einziger Schatz eröffnet worden. Manches der Geheimniſſe, welche Natur und Kunſt ſo reichlich über Aegypten ausgebreitet, wird gelöſt. Endlich fertigt Bonaparte an alle Befehlshaber der verſchiedenen Provinzen und Plätze Inſtructionen aus, worin die Art und Weiſe auseinander geſetzt und an⸗ befohlen wird, wie man ſich das Vertrauen und die Freundſchaft der Muſelmänner erwerben könne. Bonaparte ſelbſt ſchreibt einen Brief an den Groß⸗ vezir der hohen Pforte. In dieſem eben ſo klug als fein abgefaßten Schreiben ſucht er den Sultan zu überzeugen, daß die Franzoſen ſeine natürlichen Freunde 153 ſeien. Die Franzoſen hätten blos die ihrem Handel ſo feindlichen Mamelucken vertrieben und den Englän⸗ dern ſchaden wollen. Die Pforte ſolle einen Abge⸗ ſandten nach Aegypten ſenden und binnen zwei Stun⸗ den werde man ſich über alle ſtreitige Punkte veini⸗ nigen. Das einzige Mittel, die türkiſche Herrſchaft in Aegypten wieder zu begründen, beſtehe darin, ſich mit den Franzoſen zu verſtändigen. Er, Bona⸗ varte, werde es für den ſchönſten Tag ſeines Lebens halten, wo er mit der Pforte werde Frieden ſchließen können. Dieſen neuen Verſuch, mit dem Sultan in Un⸗ terhandlung zu treten, übergibt er einem bei Abukir gefangenen Effendi, welchen er direct an den Groß⸗ vezier abſendet. Während Bonaparte auf dieſe Weiſe eine bewun⸗ dernswürdige Thätigkeit bekundet, die Herrſchaft Frank⸗ reichs im Morgenlande auf das Dauerhafteſte zu be⸗ gründen, fügt es ſich, daß der engliſche Commodore Sidney Smith, welcher nach der Schlacht von Abu⸗ kir mit ſeinem Geſchwader an der ägyptiſchen Küſte kreuzt, dem franzöſiſchen Commandanten des Forts Abukir, dem General Marmont, einen Parlamentair ſchickt, um über Auswechſelung der gefangenen und verwundeten Kriegsgefangenen in Unterhandlung zu treten.. Nach eingeholter Genehmigung von Seiten des Obergenerals kommt ein Vertrag zu Stande, nach welchem die in Conſtantinopel und andern Plätzen des türkiſchen Reichs befindlichen franzöſiſchen Gefan⸗ genen binnen drei Monaten nach dem Hafen von Ale⸗ randrien gebracht und daſelbſt gegen eine gleiche An⸗ zahl türkiſcher Gefangenen ausgewechſelt werden ſollen. Die gegenſeitigen Begrüßungen der in dieſer Be⸗ 154⁴ ziehung zuſammenkommenden franzöſiſchen und eng⸗ liſchen Commiſſaire ſind höchſt artig und überhaupt von der Art, wie man von zwei ſo civilifirten Natio⸗ nen erwarten kann. x 2 Sidney Smith ſchickt den franzöſiſchen Officieren einige Erfriſchungen als Erkenntlichkeit für das, was ihm franzöſiſcher Seits der Art zugekommen iſt; zu⸗ gleich aber auch die franzöſiſche Frankfurter Zeitung vom ſiebzehnten Juni 1799, ſo wie den Courier von London. Nichts konnte den Franzoſen, welche ſeit zehn Monaten ohne alle Nachrichten aus dem Mutterlande waren, von größerem Intereſſe ſein, als europäiſche Zeitungen. Mit Haſt durchfliegen General Menou, ſo wie der bei ihm als Commiſſair wegen der Auslieferung der Gefangenen befindliche Adjutant Bonaparte's, Merlin mit Namen, dieſe verhängnißvollen gedruckten Actenſtücke und ſie ſehen mit Erbleichen, welche Fort⸗ ſchritte die Feinde Frankreichs ſeit der Abfahrt der ägyptiſchen Eppedition gemacht haben. Augenblicklich ſchwingt ſich Merlin auf ſein Roß und ſprengt in geflügelter Eile nach Alexandrien, wo Bonaparte weilt. Es iſt bereits tief Mitternacht, als er auf halb zu Tode gerittenem Pferde an den Thoren der altbe⸗ rühmten Stadt anlangt. Unverzüglich begibt er ſich nach der Wohnung des Obergenerals. Alles ruht im tiefſten Schlummer. Merlin dringt bis zum Lager ſeines Generals. Man weckt denſelben. „Was gibt es!“ ruft Bonaparte, aus dem erſten Schlafe heftig emporfahrend. „Mein Feldherr,“ erwiedert Merlin,„Italien iſt verloren, Jvurdan über den Rhein zurückgeſchlagen. Hier 155 dieſe Zeitungen enthalten die unwiderlegbarſten Be⸗ weiſe.“ Bonaparte iſt von ſeinem Lager aufgeſprungen. Er bemächtigt ſich mit Haſt der Journale. Seine Blicke ſcheinen den Inhalt zu verſchlingen. Endlich, nachdem er geleſen, erhebt er ſich; ſein Auge rollt fürchterlich. „Die Elenden!“ ruft er,„meine Ahnungen haben mich nicht betrogen; Italien iſt verloren, die Frucht unſerer ſchönſten Siege iſt dahin.“ Er vertieft ſich von Neuem in die Unheil verkün⸗ denden Nachrichten. Er erſieht ferner, wie es im Innern von Frankreich gährt; die öffentlichen Blätter ſind voller revolutionairer Pläne, das Land ſteht am Abgrunde der größten Anarchie. Die franzöſiſchen Truppen, welche ganz Italien inne hatten, ſind bis auf das Gebiet von Genua zurückgeworfen. Die Vendee hat ſich mit neuer Wuth erhoben und ihre Unternehmungen bis an die Thore der Hauptſtadt aus⸗ gedehnt. Der Staatsſchatz iſt in Gefahr, von den un⸗ heilbringendſten Maßregeln verſchlungen zu werden. Das Directorium, mehr verachtet als gehaßt, führt unter dieſen ſchwierigen Umſtänden, die das entſchie⸗ denſte Auftreten verlangen, ein wahres Schattenleben. Die Hoffnung, von ihm Unterſtützung für Aegypten zu erhalten, ſchwindet gänzlich. Beim Anblicke dieſes düſtern Gemäldes kommt Bonaparte auf ſich ſelbſt zurück. Er fühlt, daß, unter gegenwärtigen Verhältniſſen Frankreich von dem Un⸗ tergange zu retten, Er der alleinige Mann ſei. Das Mutterland liegt ihm jetzt näher am Herzen als Aegyp⸗ ten. Sein Entſchluß iſt gefaßt. Der Adjutant Merlin, der die böſen Nachrichten überbracht hat, wird entlaſſen. Bonaparte geht eine 156 Zeitlang ſchweigend das Zimmer auf und ab. Nur Berthier und der Cabinetsſeeretair Bourrienne ſind anweſend. Endlich bleibt der Obergeneral vor Erſte⸗ rem ſtehen. „Berthier,“ ſpricht er,„die Sachen in Frankreich gehen ſchlecht; ich will hin, Sie ſollen mich begleiten. Für den Augenblick ſollen nur Sie, Bourrienne und Gantheaume, den ich habe rufen laſſen, von dem Ge⸗ heimniſſe wiſſen. Ich empfehle Ihnen, daſſelbe gut zu bewahren, keine Freude zu zeigen, Nichts zu kau⸗ fen, Nichts zu verkaufen; überhaupt Nichts vorzuneh⸗ men, was Verdacht erregen könnte.“ „Aegypten,“ fährt er nach einer Pauſe fort,„be⸗ darf mich jetzt weniger als Frankreich. Es iſt be⸗ ruhigt. Nach der Lection von Abukir hat es unter einem Jahr von den Türken Nichts zu beſorgen. Murad⸗Bey iſt heruntergebracht; einige Detachements reichen hin, ihn unſchädlich zu machen. Die rebelli⸗ ſchen Stämme ſind gezüchtigt und gedemüthigt. Die Regierung iſt organiſirt. Die Maſchine iſt im Gange. Es bedarf nur eines Mannes, der ſie in der Ordnung hält. General Kleber iſt dieſer Mann. Er wird nach meiner Abreiſe den Oberbefehl übernehmen.“ Als der gerufene Admiral Gantheaume eintritt, theilt ihm Bonaparte den Entſchluß, nach' Frankreich abzureiſen, mit. „Rüſten Sie ſofort,“ ſpricht er, die Schiffe Mui⸗ ron, Carrere, Revange und Fortuna mit Lebensmit⸗ teln auf zwei Monate für vier bis fünfhundert Mann aus. Sorgen Sie, daß die Ausrüſtung ſo unbemerkt wie möglich geſchehe, und daß namentlich die Englän⸗ der keine Ahnung davon erhalten.“ Das größte Hinderniß, welches ſich der Abreiſe in den Weg ſeellt, ſind die Schiffe Sidney Smiths, welche 157 die Landungsplätze der ägyptiſchen Nordküſte fortwäh⸗ rend im Auge haben. Es muß ein günſtiger Augen⸗ blick abgewartet werden, wo ſie ſich ſo weit von der Küſte entfernt haben, daß das Auslaufen der franzö⸗ ſiſchen Fregatten von ihnen nicht bemerkt wird. Während Gantheaume die Ausrüſtung der Fre⸗ gatten auf eine Art betreibt, daß der eigentliche Zweck derſelben nicht entdeckt wird, kehrt Bonaparte nach Cairo zurück. Er legt die letzte Hand an eine zweckmäßige Verwaltung des Landes, und manches weiſe Geſetz und treffliche Einrichtung verdankt dieſem letzten Aufenthalte in der Hauptſtadt ſeine Entſtehung. Nichtsdeſtoweniger bleibt die bevorſtehende Abreiſe nach Frankreich der Hauptgedanke, der Bonaparte beſchäf⸗ tigt. Der Admiral Gantheaume muß ihm täglich zwei bis dreimal ſchreiben und von den Bewegun⸗ gen der engliſchen Kreuzer in Kenntniß ſetzen. So verſtreichen mehre Wochen; noch immer ahnt außer den obengenannten wenigen Perſonen keine Seele das große Geheimniß. Mit einer Ungeduld ohne Gleichen, beobachtet Ad⸗ miral Gantheaum von ſeiner Wohnung zu Alexandrien aus, mittelſt eines Fernrohres, täglich und ſtündlich die Bewegungen der engliſchen Segel, welche eine Stel⸗ lung eingenovmmen haben, als wollten ſie für alle Ewigkeit den Hafen von Alexandrien blokiren. Endlich eines Morgens, als die letzten Schatten der Nacht zerronnen und der franzöſiſche Admiral abermals ſein Fernglas angeſetzt, um die feindlichen Schiffe zu recognoseiren, bemerkt er ſie zu ſeiner un⸗ ausſprechlichen Freude am äußerſten Horizonte, und ſieht ſie endlich ganz verſchwinden. Bald iſt nur der höchſte Wimpel des Admiralſchiffs noch ſichtbar. Auch er geht im Norden unter. 158 Auf den engliſchen Schiffen hat ſich drückender Waſſermangel eingeſtellt, wodurch der Commodore Sidney Smith gezwungen iſt, einen Abſtecher nach der Inſel Cypern zu machen. Da er den General weit in Oberägypten vermuthet, ſo glaubt er von den paar franzöſiſchen Schiffen in der kurzen Zeit ſeiner Abweſenheit nichts befürchten zu dürfen. Kaum aber hat ſich Gantheaume von der Wahr⸗ heit ſeiner Entdeckung überzeugt, als augenblicklich ein Eilbote gen Cairo fliegt, der den Obergeneral von dem günſtigen Augenblicke und dem Winke des Glücks in Kenntniß ſetzt. Bonaparte, ſogleich zur Abreiſe entſchloſſen, be⸗ fiehlt ſeinem Generalſtabe und mehren Gelehrten, ſich auf eine achttägige Reiſe vorzubereiten. Sein Seere⸗ tair Bourrienne packt alle Papiere zuſammen. Wäh⸗ rend der Nacht werden im Hofe des Hauptquartiers zwanzig Kameele beladen. Um Mitternacht bricht Bo⸗ naparte ſelbſt auf. Er verläßt ſeinen Palaſt und ſchifft ſich zu Bulak auf dem mit ſechs Kanonen be⸗ waffneten Fahrzeuge ein, das er zeither immer zu ſei⸗ nen Nilfahrten benutzt hat. Allein wie ſeinen Entſchluß, Aegypten zu verlaſ⸗ ſen, der Armee verkünden, die ihn als ihren Schutz⸗ gott verehrt? Welches Lebewohl an Gefährten rich⸗ ten, die mit ihm gelitten, gekämpft und geſiegt, welche ihr Geſchick an das ſeine unwiderruflich ge⸗ bunden haben? Sei es nun, daß er fürchtet, ihren Muth niederzuſchlagen, oder daß er ſich den Auftritt eines herzzerreißenden Abſchieds erſparen will;— er verläßt Cairo unter dem Vorwande einer Inſpections⸗ reiſe nach Niederägypten. An der Spitze des Delta angekommen, läßt Bo⸗ naparte in den Arm von Roſette einſteuern und be⸗ 159 ſucht den General Lanuſſe, welcher in der daſigen Ge⸗ gend das Militaircommando führt. Man begibt ſich zu Tiſche. Während des Eſſens ſpricht der ebengenannte General zu Bonaparte:„Man behauptet, General, Sie gingen nach Alexandrien, um ſich von da nach Frankreich einzuſchiffen. Sollte es wahr ſein, ſo hoffe ich, daß Sie, heimgekehrt in unſer Vaterland, die ägyptiſche Armee nicht vergeſſen werden.“ Der Obergeneral erwiedert, dies ſei nur ein lee⸗ res Gerücht, der Zweck ſeiner Reiſe ſei kein anderer, als die Provinz Damiette zu beſuchen, die er noch nicht kenne. Nach einem vierundzwanzigſtündigen Aufenthalte fährt Bonaparte nach Ramanieh, wo er. den Nil ver⸗ läßt und an's Land ſteigt. Hier findet er ſeine Equi⸗ page. Er beſteigt ein Pferd und ſetzt ſeine Reiſe in der Richtung nach Alexandrien fort. Am Abende wird bei einem Dorfe Halt gemacht. Man ſchlägt Zelte auf und bringt die Nacht daſelbſt zu. Bis jetzt haben nur die wenigen auserleſenen Per⸗ ſonen um die Reiſe gewußt; allmälig gewinnt das dunkle Gerücht aber mehr Glauben. Bald hört alle Verſtellung auf. Man überläßt ſich laut der Freude, das geliebte Vaterland wiederzuſehen. Den nächſten Tag reiſt man weiter. Man erreicht einen Brunnen, der noch drei Stunden von Alexan⸗ drien gelegen. Mitten in der Wüſte wird das Lager aufgeſchlagen. Bonaparte ſendet einen Eilboten an Menou nach Roſette, mit dem Befehle, ſich augen⸗ blicklich zu ihm zu begeben. Hier iſt es auch, wo mitten im Sande, unter den glühendſten Sonnenſtrahlen der Secretair Bourrienne den Adjutanten Merlin auf die Seite zieht und ihm 160 die Verhaltungsbefehle abzuſchreiben gibt, welche Bo⸗ naparte an General Kleber nebſt der Uebergabe des Oberbefehls der Armee zurückläßt. 4 Die Proclamation an die Armee iſt äußerſt kurz und lautet: „Die Nachrichten aus Europa haben mich beſtimmt, nach Frankreich abzureiſen. Ich übertrage das Com⸗ mando dem General Kleber. Die Armee wird bald von mir hören. Es koſtet mich nicht wenig, Solda⸗ ten zu verlaſſen, denen ich vor allen andern zugethan bin; aber es wird nicht auf lange ſein; und der Ge⸗ neral, den ich zurücklaſſe, hat das Vertrauen der Re⸗ gierung und das meinige.“ Bonaparte verweilt eine Stunde lang beim Brun⸗ nen, ſteigt dann wieder zu Pferde; anſtatt aber den Weg nach Alexandrien einzuſchlagen, wendet er ſich rechts, um der Meeresküſte ſo nahe wie möglich zu ſein, die man nach zweiſtündigem Marſche erreicht. Mit frohlockendem Herzen begrüßen die Begleiter Bonaparte's das unermeßliche Meer, über deſſen blaue Fläche der Weg zum Vaterlande führt. Als man aber den Strand erreicht hat, und die Wellen des Meeres vor den Füßen der Heimathſüchtigen rauſchen, muß die Freude einer allgemeinen Beſorgniß weichen. In einiger Entfernung zeigt ſich ein feind⸗ liches Segel. Allgemein verbreitet ſich die Nachricht, daß Sidney Smith zu ſeinem Stationsorte zurück⸗ kehre. Der Admiral Gantheaume eilt herbei und be⸗ ſchwört Bonaparte, keinen Augenblick mit der Ein⸗ ſchiffung zu zögern. „Wohlan,“ ruft der Obergeneral,„laßt uns auf⸗ brechen; aber fürchten Sie nichts, Admiral, das Glück wird uns nicht verlaſſen. Wir werden den Englän⸗ dern entgehen.“ 164 Mit Kieſen Worten ſchreitet er mitten durch den Sand der Wüſte einem alten Leuchtthurm zu, deſſen Fuß von den Meereswellen beſpült wird. Als er hier angekommen, ſind die Schaluppen noch nicht zur Stelle und müſſen erſt durch Signale her⸗ beigerufen werden. Unterdeß iſt General Menou angelangt. Bonaparte theilt ihm die Gründe mit, welche ihn veranlaſſen, nach Frankreich zurückzukehren. Er übergibt ihm die Depeſchen, welche die Ernennung Klebers zum Ober⸗ befehlshaber und Prockamationen an die Armee und an den Divan enthalten. Den letzten Act als Com⸗ mandirender übt er dadurch aus, daß er Menou zum Gouverneur von Alexandrien und der umliegenden Provinz ernennt. „Halten Sie tüchtig aus, mein lieber Menou,“ ſpricht er,„ſobald ich nach Frankreich komme, hat die Herrſchaft des leeren Geſchwätzes ein Ende.“— „Aber General,“ gibt Menon zu bedenken,„das Mittelmeer iſt überſäet von der engliſchen Marine. Was ſoll aus uns werden, wenn wir Sie verlieren?“ „Bah,“ erwiedert Bonaparte voller Zuverſicht,„ich habe Gantheaume bereits die nöthigen Verhaltungs⸗ regeln gegeben. Wir halten uns möglichſt nahe an der afrikaniſchen Küſte, bis in die Gegend von Sar⸗ dinien. Ich habe eine Hand voll Tapfere bei mir, etwas Artillerie. Wenn die Engländer Miene machen uns anzugreifen, laſſe ich die Schiffe ſtranden. Ich werde zu Lande mit den Meinen Tunis, Oran oder einen andern Hafen erreichen und von da Mittel fin⸗ den, wieder zu Schiffe zu gehen.“ Unterdeß iſt eine der Schaluppen gelandet, Bona⸗ parte beſteigt dieſelbe und bald verſchwindet ſie im Dunkel der Nacht. Stolle, ſämmtl. Schriften. IV. 11 162 Jetzt beeilt ſich Jedermann, ohne Unterſchied des Standes, die übrigen anlangenden Schaluppen zu be⸗ ſteigen. Eine große Anzahl, um Platz zu finden, waten bis an die Knie im Waſſer den Schiffen ent⸗ gegen. Es gibt keine größere Furcht, als die, zurück⸗ bleiben zu müſſen.— In tiefe Schatten der Nacht gehüllt, ruht in ei⸗ niger Entfernung das alte Alexandrien. Niemand ahnt daſelbſt, welch ein großes Ereigniß in ſeiner Nähe vor ſich geht. Die Schaluppen haben eine ziemliche Meeresſtrecke zurückzulegen, bevor ſie die Fregatten erreichen. Es iſt Nachts zwiſchen neun und zehn Uhr, den zweiundzwanzigſten Auguſt Eintauſendſiebenhundert⸗ neunundneunzig, als Bonaparte den Bord des Schif⸗ fes beſteigt, das den Cäſar und ſein Glück nach Frank⸗ reich zurücktragen ſoll. Dreizehntes Rapitel. Unyeinlich rauſchte der Herbſtwind in den immer lichter werdenden Bäumen und Gebüſchen des Schloſ⸗ ſes von Saint Maurice, von Zeit zu Zeit das herab⸗ gefallene Laub wirbelnd vor ſich hertreibend, als die ſchöne Clemence, tiefen Gram auf dem gebleichten Antlitz, den Lockenkopf auf die Hand geſtützt, ſchwei⸗ gend nach der erſterbenden Landſchaft hinausſchaute. Ninon, ihre Zofe und Geſellſchafterin, welche am andern Fenſter die goldenen Fäden des Flachſes fleißig durch die Finger gleiten ließ, ſchien ſich in nicht beſ⸗ 163 ſerer Stimmung als ihre Gebieterin zu befinden. We⸗ nigſtens war ihr roſiger Humor, womit ſie ſo oft Clemence zu erheitern wußte, gänzlich verſchwunden und wahrhafte Erbitterung an deſſen Stelle getreten. Als Jugendgeſpielin des Fräuleins von Montreuil hatte ſie ſich das Recht erworben, ziemlich freimüthig zu ihr zu ſprechen, ſo wie ſie auch alle Angelegenhei⸗ ten derſelben als die ihrigen betrachtete und mit Eifer verfocht. Die trübe Stimmung Ninons übte jedoch auf ihr Sprachorgan keineswegs einen ſtörenden Einfluß aus. Nichts war ihr unerträglicher als Schweigen, wo man blos das eintönige Schnurren des Spinnrades vernahm. Selbſt wenn ſie ganz allein für ſich war, mußte ſie ſprechen. Sie führte alsdann ganz an⸗ muthige Dialoge mit abweſenden Perſonen oder ſummte ein Liedchen. Obſchon die gramgebleichte Clemence in ihren Antworten außerordentlich einſilbig war, ſo gab ſich Ninon doch die möglichſte Mühe, die noth⸗ dürftige Converſativn im Gange zu erhalten. Wenn die Herrin gar nicht antwortete, ſprach ſie für ſich; ſo auch diesmal. „Hartherziger Vater,“ ſprach ſie halblaut. Clemence ſchaute fortwährend ſchweigend durch's Fenſter. „Die einzige Tochter aufopfern zu wollen!“ Das Fräulein ſchwieg. Eine Pauſe, wo man nur das Spinnrad hörte. „Ich wüßte nicht, welcher Mann mir ſo unaus⸗ ſtehlich wäre, als der Chevalier,“ ſprach Ninon. „Das weiß Gott,“ dachte ſeufzend Clemence. „Wenn ich den Herrn Renouard dagegen halte.“ Das Fräulein war derſelben Meinung. 14* * 164⁴ „Ich glaube nimmermehr, daß er todt iſt,“ fuhr Ninon fort. „O gewiß,“ ſprach Clemence und die Thränen waren ihr nahe. „Die Todesnachricht rührt ja vom Chevalier her und dem glaub' ich einmal nichts. Ich habe mir das zum Grundſatz gemacht.“ „Er würde außerdem gewiß einmal geſchrieben haben,“ meinte die ſchöne Herrin. „Geſchrieben, das iſt bald geſagt, das Meer iſt breit und die abſcheulichen Engländer fangen alle Briefe weg. Wir wiſſen ja kaum, wie es mit Herrn Bo⸗ naparte ſteht. Baptiſt würde ſonſt gewiß auch ein⸗ mal geſchrieben haben.“ Der arme Burſche iſt vielleicht auch längſt todt,“ ſprach Clemence. „Warum nicht gar,“ erwiederte Ninon,„ den kenn' ich beſſer, der geht nicht ſo leicht dahin, wo Gefahr iſt.“ „Wenn der Soldat commandirt wird, muß er ſich auf den gefährlichſten Poſten ſtellen.“ „Die gefährlichſten Poſten, hab' ich mir ſagen laſſen find in der Regel die wichtigſten, wo Klugheit und Genie erfordert werden, und da ſtellt Bonaparte Baptiſten gewiß nicht hin.“ Auch ſoll die Luft in Aegypten ſo heiß und ge⸗ fährlich ſein und manchen Franzoſen hingerafft haben.“ „Nun, Hitze kann Baptiſt vertragen,“ tröſtete Ri⸗ non;„wie oft mußte ihn ſein Herr Vater mit dem Stocke hinter den Ofen hervorholen, weil er befürch⸗ tete, der Junge werde toll.“ „Du biſt leicht getröſtet,“ ſprach Clemence ſanft verweiſend,„und ich weiß, daß Baptiſt Deinem Her⸗ zen keineswegs fremd iſt.“ 165 „Ich war ihm recht gut,“ geſtand das Mädchen, „aber ſeit er ohne allen Abſchied davon gelaufen, iſt mein Herz gänzlich erkaltet.“ „Das denkſt Du nur.“ „Nein, ganz gewiß, ſelbſt wenn er wiederkommt, wird er nicht eher zu Gnaden angenommen, bis er fußfällig um Verzeihung gebeten. Uebrigens lebt er und befindet ſich ganz wohl; ich kann darüber ganz ruhig ſein.“ „Wie iſt das zu verſtehen?“ frug das Fräulein. „Er hat mir einſt das Verſprechen gegeben, wenn er fern wäre und ihm ein Unglück oder gar der Tod zuſtieße, es durch ein Anzeichen mich wiſſen zu laſſen. Bis jetzt iſt aber Alles ruhig geblieben.“ Während Ninon noch beſchäftigt war, die Gründe, warum ſie wegen Baptiſt's Feldzug getröſtet erſcheine, ihrer trauernden Gebieterin auseinander zu ſetzen, trat der Herr von Montreuil in das Zimmer. Er machte mit der Hand ein Zeichen, daß ſich die Dienerin ent⸗ fernen ſolle, worauf er einigemal, gleichſam mit ſich ſelbſt kämpfend, im Gemache auf⸗ und abging. „Ich kann Dir's, meine Tochter,“ begann er end⸗ lich,„nach den letzten Briefen, die ich empfangen, nicht länger vorenthalten, daß mein Entſchluß hinſichtlich Deiner Vermählung mit dem Chevalier unwiderruflich gefaßt iſt.“ Bei dieſen mit aller Beſtimmtheit geſprochenen Worten entwich der letzte Blutstropfen aus dem ohne⸗ hin gebleichten Antlitz des Mädchens. Es mufßte ſich an die Stuhllehne halten, um nicht umzufinken. „Für den erſten Augenblick,“ fuhr Herr von Mont⸗ reuil fort,„erhält dieſe Verbindung allerdings den Anſchein einer Mesalliance; aber wenn ich die uner⸗ meßlichen Verdienſte Deines künftigen Gatten um un⸗ 166 ſer erlauchtes Königshaus in Betracht ziehe, muß jede Tochter des alten Frankreichs ſich's zur Ehre rechnen, dieſem Manne die Hand zu reichen. Nicht nur, daß er, um die Flotte der Rebellen zu vernichten und ihre Rückkehr nach Frankreich unmöglich zu machen, dem Tod wiederholt kühn die Stirn geboten, ſo iſt es ſei⸗ ner wahrhaft bewundernswürdigen Thätigkeit auch ge⸗ lungen, die ganze Vendee wieder in Feuer und Flam⸗ men zu ſetzen und Frankreichs König, Ludwig dem Achtzehnten, den Weg nach ſeiner Hauptſtadt zu bahnen. Der Chevalier ſteht wegen dieſer außerordentlichen Ver⸗ dienſte bei unſerm Monarchen in höchſter Gunſt und Gnade, ſo daß er unmittelbar nach Ludwigs Rück⸗ kehr nach Frankreich in den Grafenſtand erhoben wer⸗ den ſoll und am Hofe eine nicht unbedeutende und einer Montreuil nicht unwürdige Stellung einneh⸗ men dürfte.“ Clemence vermochte kein Wort zu erwiedern. Montreuil ſchien für den Schmerz ſeiner Tochter nicht unempfindlich. „Ich weiß, mein Kind,“ ſprach er mild,„dem Herzen läßt ſich nicht gebieten und wenn Du den Chevalier nicht lieben kannſt, iſt es ein großes Opfer, das Du Deinem Vater und Deinem Könige bringſt.“ „Indeß“, fuhr er nach einer Pauſe beſtimmter fort,„was einmal nicht zu ändern iſt, darein muß ſich der vernünftige Menſch fügen. Ich habe hinſicht⸗ lich Deiner Hand dem Chevalier mein Wort gegeben und ſolches hat ein Montreuil nie gebrochen.“ „Auch ſeh' ich nicht ein,“ ſprach er nach einigem Bedenken,„worin das große Unglück beſtehen ſollte. Lacoſte iſt ein ſtattlicher Mann in den beſten Jahren, von untadelhaften Sitten und anmuthigen Manieren, genießt das höchſte Vertrauen unſers Monarchen, und hat ſich Verdienſte erworben, die ihm in der Geſchichte Frankreichs für alle Zeiten den ehrenvollſten Namen ſichern. Ich bin überzeugt, daß er Dir eine Stellung bereiten wird, um die Dich manche junge Dame von nicht minder untadelhaftem Geſchlecht beneiden dürfte.“ Herr von Montreuil erſchöpfte ſich, ſeiner Tochter die mannichfachen Vortheile auseinanderzuſetzen und die glänzende Zukunft auszumalen, die ſie durch eine Verbindung mit dem Chevalier erwarteten, als im Schloßhofe plötzlich ein ſeltſamer Lärm entſtand; Schloß⸗ bewohner und Dienerſchaſt liefen wie närriſch durch einander. Alle Welt umſtand mit offenem Munde den ehrlichen Guiſeppe, den Botenmann, welcher all⸗ wöchentlich die Zeitungen aus dem unfern gelegenen Montelimart nach Saint Maurice brachte, und ver⸗ ſchlang die Nachrichten, die er mittheilte, mit freudi⸗ ger Haſt, wie ein neues Evangelium. Dann ſchwenkte man die Mützen hoch in die Luft, umarmte ſich und legte durch die lebhafteſten Geberden, wie ſie den Süd⸗ franzoſen eigenthümlich ſind, die unverholenſte Freude an den Tag. „Iſt das Volk närriſch geworden?“ frug finſter Herr von Montreuil, der vom Fenſter aus eine Zeit⸗ lang dem allgemeinen Freudenrauſche zuſchaute.„Es muß ſich etwas Außerordentliches zugetragen haben.“ Mit dieſen Worten verließ er ſchnell das Gemach, um ſich nach der Urſache des ungewöhnlichen Auftritts zu erkundigen. Kaum aber war er fort, als Ninon mit freudeglänzenden Augen hereinſtürzte. „Nun wird noch Alles gut,“ rief ſie einmal über das andere;„der General Bonaparte iſt aus Aegyp⸗ ten wiedergekommen.“ „Wie?“ frug Clemence und einige Röthe überzog 168 das bleiche Antlitz,„iſt es möglich, der General Bo⸗ naparte! Wie, und ſeine Armee?“ „Alles angekommen, wohlbehalten und glücklich,“ erwiederte Ninon,„ganze Schiffe voll; in Frejus ſind ſie an's Land geſtiegen; Guiſeppe hat die Nachricht ſveben funkelnagelneu aus Montelimart gebracht; Alles iſt in unbeſchreiblichem Jubel.“ „Die ganze Armee iſt zurückgekehrt?“ frug Cle⸗ mence, die ihren Ohren nicht mehr traute,„ſprich, Ninon.“ 5) „Alles mit Sack und Pack, wie geſagt, ganze Schiffe voll,“ beſtätigte das Mädchen;„da ſind Herr Renouard und Baptiſt gewiß dabei. Ei, die werden erzählen können! Ob Baptiſt nur gewachſen iſt. Aber ſein Davonlaufen ohne Abſchied iſt ihm trotzdem nicht geſchenkt, und wenn er noch ſo groß gewor⸗ den iſt.“ Während faſt Jedermann ob der unerwarteten Rückkehr des gefeierten General Bonaparte die unge⸗ heucheltſte Freude an den Tag legte, ſchritt Herr von Montreuil, die Stirn voll finſterer Wolken, in ſeinem Zimmer heftig auf und ab. „Es iſt nicht möglich,“ rief er wiederholt,„es iſt ein Märchen; das Meer iſt von engliſchen Schiffen überſäet, wo will er eine Flotte herbekommen haben? Ein Wahn, ein Phantom hat das Volk bethört.“ Er klingelte; ein Diener erſchien. „Perſil,“ ſprach der Gebieter von Saint⸗Mau⸗ rice,„ſoll ſogleich mein ſchnellſtes Roß beſteigen und nach Montelimart reiten. Er ſoll auf der Poſt und beim Maire über das einfältige Geſchwätz, das den Leuten den Kopf verdreht, Erkundigungen einziehen.“ Der Diener entfernte ſich. „Und wenn es wahr wäre!“ fuhr Montreuil in 169 ſeinem Selbſtgeſpräche fort,„welch ein Schlag aus heiterm Himmel; doch nein— nein— es iſt nicht möglich, nicht möglich; die Zeit der Wunder iſt vor⸗ über.“ Wieder ging er ſchweigend auf und ab; da tönte Roſſesſtampfen vom Schloßhofe herauf. Montreuil eilte an's Fenſter. „Ha, der Chevalier!“ rief er erſchrocken,„was ſoll das bedeuten? Ich glaubte ihn in Poitiers.“ Er eilte hinab, den Ankommenden zu empfangen. Lacoſte trat ihm bleich und verſtört entgegen. „Um Gotteswillen, Chevalier, welch' Unglück iſt Euch widerfahren?“ „Wißt Ihr ſchon das Unerhörte?“ frug dieſer im höchſten Grade der Aufregung. „Doch nicht etwa das Märchen von Bonaparte's Landung?“ Wollte Gott, es wäre ein Märchen.“ „Wie, Chevalier, wär's möglich?“ rief Montreuil und faßte Lacoſte convulſiviſch am Arme;„doch kommt, folgt auf mein Zimmer; mir iſt Alles wie ein Traum.“ „Um ſo ſchrecklicher wird das Erwachen ſein,“ verſetzte dumpf der Andere.„Heiliger Himmel, wer hätte das geahnt!“ Die Beiden waren auf dem Gemache des Schloß⸗ herrn angekangt. „Nehmt Platz,“ mahnte der Erſtere,„kommt zu Euch, erzählt!“ „Ich befand mich vor ungefähr zwölf Tagen,“ begann der Chevalier,„auf dem Schloſſe des Herrn von Larochejaquelins, um die letzten Dispoſitionen für den Aufſtand der Vendee zu treffen, als ich einen Brief von Corſika erhalte, worin mir gemeldet wird, daß 170⁰ Bonaparte Aegypten verlaſſen und auf dem Wege nach Frankreich ſei. Bei meiner genauen Kenntniß der engliſchen Streitkräfte auf dem Mittelmeere muß ich ob dieſer Nachricht hellauf lachen. Ich konnte ſie für nichts Anderes, als für eines der zahlloſen Mär⸗ chen halten, die tagtäglich über die ägyptiſche Expedi⸗ tion in Umlauf geſetzt werden. Nach ungefähr acht Tagen erhalte ich ein zweites Schreiben, nach welchem Bonaparte auf der Höhe von Corſika angelangt ſein ſoll. Wiewohl ich auch dieſe Nachricht für einen Scherz halte, den man meinem Agenten geſpielt hat, glaube ich doch den engliſchen Commodore, der die Küſte Frankreichs zu beobachten hat, von dem Gerücht in Kenntniß ſetzen zu müſſen. Dieſer concentrirt in Folge meines Schreibens ſeine Schiffe vor dem Hafen von Toulon, als ob ein franzöſiſches Schiff an keinem andern Punkte landen könne; während dem ſteigt Bo⸗ naparte wohlbehalten zu Frejus an's Land.“ „Dieſer Menſch muß mit dem Satan im Bunde ſtehen,“ rief Herr von Montreuil. „Man ſollte es glauben,“ entgegnete Lacoſte;„ich begreife zur Stunde noch nicht, wie es möglich war, den Engländern zu entgehen; gleichwohl iſt das Un⸗ glaubliche geſchehen, der Schlag gefallen und an uns iſt es, die ſchleunigſten Maßregeln zu ergreifen. Ohne Bonaparte's Rückkehr ſaß Ludwig der Achtzehnte bin⸗ nen Mondenfriſt auf dem Throne von Frankreich.“ „Mit wie viel Schiffen iſt denn dieſer Menſch gelandet?“ erkundigte ſich der Schloßherr, der das große Ereigniß noch immer nicht zu faſſen vermochte. „Mit zwei Fregatten und einem kleineren Schiffe; die Bemannung beſtand aus ein paar hundert Guiden, einigen Generalen und Gelehrten. Vierzig Tage lang ſoll man unterwegs geweſen ſein.“ 171 „Demnach hat er ſeine ganze Armee im Stich gelaſſen?“ „So iſt es,“ erwiederte Lacoſte;„unbeſtritten glaubt er, daß Frankreich ein günſtigeres Terrain für ſeinen Ehrgeiz darbietet als das wüſtenreiche Aegypten.“ „Und welche Maßregeln haben wir zu nehmen?“ frug Montreuil. „Hier bleibt nur ein Mittel übrig,“ gab Lacoſte zur Antwort;„er muß unſchädlich gemacht werden. Erreicht er lebendig Paris, find wir verloren.“ „Allerdings,“ geſtand Montreuil nach einigem Nachdenken,„hier heißt es aut, aut; entweder Er oder Wir. Indeß halte ich es für eine Unmöglich⸗ keit, ſich während der Reiſe ſeiner Perſon zu bemäch⸗ tigen,“ „Die nöthigen Vorkehrungen ſind bereits getrof⸗ fen,“ verſetzte Lacoſte aufſtehend;„ich eile direct nach Grenoble, welche Stadt er noch nicht paſſirt hat. Sechs unternehmende Kerle, die für einige Tauſend Franken den Teufel aus der Hölle holen, warten dort meiner Befehle. So viel mir bekannt, ſind blos ein General und zwei Diener ſeine Begleiter. Die ge⸗ birgige Gegend der Dauphiné iſt wie geſchaffen zu einem romantiſchen Raubanfall. Lebt jetzt wohl, em⸗ pfehlt mich meiner ſchönen Braut, der mich vorzu⸗ ſtellen mein beſtäubtes Reiſecoſtüm und die wenig zu⸗ gezählten Augenblicke mich verhindern. Hoffentlich bin ich bald wieder hier und habe dem Hauſe Bourbon und England einen dankenswerthern Dienſt geleiſtet, als durch die Zerſtörung der franzöſiſchen Flotte.“ Vergebens waren die Bitten Montreuil's, daß ſich der Chevalier noch einige Ruhe vergönnen möchte. Lacoſte ließ ſich nicht länger halten und trabte in 172 wenig Minuten mit ſeinem Reitknecht wieder durch das Schloßthor von Saint Maurice. Unfreundlich pfiff der Wind von den Gebirgen der Dauphiné herüber, als Lacoſte, das kleine Dorf Saint Maurice im Rücken, die einſame Straße nach Monte⸗ limart dahin trabte. Der Himmel war trübe; von Zeit zu Zeit ſchlugen kalte Regentropfen in das Ge⸗ ſicht des Reiters, deſſen Innerſtes von den unheim⸗ lichſten Gedanken erfüllt war. Um das Intereſſe des durch die Revolution geſtürzten Königshauſes und ſomit zugleich ſein eigenes zu fördern, war dieſer Mann zum blutigſten Verbrechen aufgelegt. Dem je⸗ ſuitiſchen Grundſatze zugethan, daß der Zweck das Mittel heilige, gehörte er zu den gefährlichſten Men⸗ ſchen, eben weil ihm Nichts heilig war. Obſchon er in Aegypten durch Nurmahal's Kugel tödtlich verwundet worden, war es den befreundeten Arabern dennoch gelungen, ihn zu retten. Nachdem er eine Zeitlang unter ihnen gelebt, erreichte er glück⸗ lich ein engliſches Schiff. Von jetzt an hatte er wenig Luſt mehr, in Aegypten dem verhaßten Renouard nach⸗ zuſtellen. In der Hoffnung, daß dieſer ſobald nicht nach Frankreich zurückkehren werde, benutzte er die Gelegenheit, nach Corſika unter Segel zu gehen, von wo es ihm bald gelang, Frankreich zu erreichen. Mit einem eigenhändigen Briefe Nelſons verſehen, worin ſeiner thatkräftigen und unſichtigen Mitwirk⸗ ung der Untergang der franzöſiſchen Flotte von Abu⸗ kir hauptſächlich zugeſchrieben ward, begab ſich La⸗ coſte nach Saint Maurice, um den Lohn für ſeine Thaten, die Hand der engelſchönen Clemence, ſich auszubitten. Herr von Montreuil, welcher, wie wir früher geſehen haben, dem Chevalier ſein Wort ge⸗ geben, zögerte auch im geringſten nicht, daſſelbe zu 173 halten, nur bat er, daß mit der Verbindung noch ein Jahr gewartet werden möchte, weil Clemence noch zu jung ſei; im Grunde aber hoffte Montreuil, während dieſer Zeit den Widerwillen ſeiner Tochter gegen den Chevalier zu beſiegen. Lacoſte ließ ſich dieſe Verzöger⸗ ung gefallen und begab ſich nach der Bocage, wo er einen Aufſtand zu Gunſten der Bourbonen mit ſolchem Geſchick zu organiſiren verſtand, daß in Kurzem die ganze Vendé wieder in Feuer und Flam⸗ men ſtand, welches das ohnehin ſchwache Directorium erzittern machte. Der Chevalier mochte ungefähr zwei Stunden ge⸗ ritten ſein, bereits begann der Abend hereinzubrechen, als er bei dem Schmiedehäuschen anlangte, das auf der Mitte des Wegs zwiſchen Montelimart und Saint Maurice gelegen war. Ein Reiter war hier abgeſtie⸗ gen, der das lockergewordene Hufeiſen ſeines Pferdes feſtſchlagen ließ. Der Chevalier war eben im Begriff weiter zu reiten, als er ſeinen Namen rufen hörte. „Welch Glück!“ rief der Reiter, der abgeſtiegen und eilig auf Lacoſte zukam,„eben bin ich im Be⸗ griff, einen Brief von Saint Julien in Toulon an Euch nach Saint Maurice zu befördern.“ „Kennt Ihr mich denn?“ frug der Chevalier, und muſterte den Fremden vom Kopf bis zu Fuß. „Wie ſollt' ich nicht,“ erwiederte der Reiter und ſuchte ein Schreiben aus ſeinem Portefeuille,„hab' ich Euch doch mehr als einmal im Hauſe meines Herrn vön Saint Julien die Morgenpfeife angezündet.“ Jetzt entſann ſich auch Lacoſte der Geſichtszüge des Mannes; er ſtieg ab und ging an den Herd der Schmiede, wo ein helles Feuer brannte, um den Brief auf deſſen Adreſſe die Worte„ſehr dringend“ ſtanden, zu erbrechen und zu leſen. 17⁴ Aber je länger er las, deſto bleicher ward ſein Geſicht, trotz der Röthe, die die Flammen des Her⸗ des darauf zurückwarfen. „Bonaparte hat ſeinen Weg,“ hieß es in dem Schreiben,„über Dijon genommen; der Barbar hat alle Quarantainemaßregeln in den Wind geſchlagen, und wenn Europa von der Peſt heimgeſucht wird, trägt kein Menſch, als er, die Schuld. Zugleich muß ich Dich benachrichtigen, daß Dein Rival bei der ſchönen Clemence, der Bataillonschef Camille Renou⸗ ard, ein Liebling Bonaparte's, wie man ſagt, gleichfalls an's Land geſtiegen, ſich Urlaub erbeten, um ſeinem Onkel und Vormund, Deinem künftigen Schwieger⸗ vater, einen Beſuch in Saint Maurice abzuſtatten. Morgen oder übermorgen wird er in Begleitung eines Mohrenknaben dahin abgehen. Ich glaube, dieſe letztere, Deine Familienangelegenheiten betref⸗ fende Nachricht Dir nicht vorenthalten zu dürfen und zeichne u. ſ. w.“ „Tod und Teufel!“ ſchrie Lacoſte, ſich vor die Stirn ſchlagend,„hat ſich die ganze Hölle gegen mich verſchworen? Treten mir dieſe beiden Buben auch hier zu Lande in den Weg?“ Er hielt den Brief convulſiviſch in der Hand ge⸗ ballt und ſchritt in höchſter Aufregung auf und nie⸗ der. In ſeinem Innern kämpfte es fürchterlich. End⸗ lich hat er ſeinen Entſchluß gefaßt. „Und wenn die Bourbonen nimmer den Thron Frankreichs beſteigen,“ ſprach er zu ſich,„Renouard darf lebend nicht nach Saint Maurice kommen.“ Nachdem er den Boten ſeines Agenten Saint Julien verabſchiedet, wandte er ſich zu ſeinem Reit⸗ knecht. „Reite ſcharf vvraus näch Montelimart,“ ſprach 175 er,„und beſtelle mir Nachtquartier im Gaſthofe zum Löwen. Wir reiten nicht nach Grenoble.“ Pierzehntes Rapitel. E⸗ war zwei Tage ſpäter, als Camille Renouard, der auf dem Schlachtfelde von Abukir von Bonaparte zum Bataillonschef ernannt worden, von dem treuen Nurmahal begleitet, einſam die Straße daher ritt, welche auf dem linken Rhoneufer von Avignon nach Montelimart führt. Melancholiſch ſpielte der Herbſt⸗ wind in den Kronen der ehrwürdigen Buchen, die zu beiden Seiten der Straße ſtanden, und der in den Frühlings⸗ und Sommermonaten ſo reizend blaue Him⸗ mel der Provence war in der ſpäten Jahreszeit kaum wieder zu erkennen. Eintönig zog ſich trübes, naſſes Gewölk von Horizont zu Horizont. „Aber ſage mir, Nurmahal,“ begann Camille, nachdem die Beiden lange ſchweigend, Jeder in ſeine Gedanken vertieft, neben einander her geritten waren, „Du biſt, ſeit wir den Boden meines geliebten Frank⸗ reichs betreten, gar nicht der heitere Freund mehr, wie im ägyptiſchen Lande; faſt möcht' ich in dieſer Hinſicht es bereuen, von der Erlaubniß Bonaparte's Gebrauch gemacht zu haben, ihn nach der Heimath begleiten zu dürfen.“ „Hab' ich nicht gerechte Urſache traurig zu ſein,“ erwiederte nach einer Pauſe der Knabe,„da ich Dich in Kurzem werde verlaſſen müſſen?“ „Du mich verlaſſen?“ frug Renouard erſchrocken 176 und hielt ſein Pferd an.„Nurmahal, was muß ich hören! Richts ſoll mich hienieden von Dir, meinem Lebensretter, trennen.“ „Hoffentlich,“ fuhr er fort,„daß ſich meine Zu⸗ kunft jetzt freundlicher geſtaltet; auch Dir ſoll ſie es werden. Haſt Du die Stunden der Drangſal und Ge⸗ fahr mit mir getheilt, ſollſt Du auch die beſſern und frohen Stunden mit mir theilen. Von einem dienſt⸗ lichen Verhältniß iſt ſchon lange zwiſchen uns keine Rede mehr; ſie wird es auch ferner nicht ſein; Du biſt auch fortan mein Freund, mein Bruder.“ „Eben weil die Gefahren vorüber,“ verſetzte halb⸗ laut Nurmahal,„halt' ich meine Miſſion für be⸗ endet.“ „Ein guter Engel,“ ſprach Renouard,„ſoll uns auch in den Stunden des Glücks nicht verlaſſen.“ „Wie Gott will!“ erwiederte Nurmahal mit from⸗ mer Ergebung;„doch ſagt mir eine Ahnung, daß wir uns bald werden trennen müſſen.“ „Ich bitte Dich, Kind, ſtimme mich nicht traurig, laß uns dieſes Geſpräch abbrechen; laß uns lieber freudig ſein und Gott danken für die wunderbare Errettung und Erhaltung auf der langen Meerfahrt. In der That ein bewunderungswürdiger Glücksſtern muß auf dieſer Reiſe geleuchtet haben, daß wir nicht einem einzigen der zahlreichen feindlichen Schiffe in die Hände geriethen.“ „Es war der Glücksſtern Bonaparte's, der uns leuchtete,“ ſprach Nurmahal. „Möge er auch ferner dem großen Helden leuch⸗ ten,“ rief Renouard.„Niemand wird ihn nöthiger haben als er, zumal in einer Zeit, wo das ſchöne Frankreich wieder eine Beute der Anarchie zu werden droht und das Volk in Bonaparte den alleinigen 177 Retter erblickt. Dieſe allgemeine Stimme ſprach ſich gleich bei unſerer Landung auf das Unzweideutigſte aus. Ward der General nicht wie ein Abgeſandter des Himmels begrüßt?“ „Er iſt groß, wie die Welt! rief der tapfere Ge⸗ neral Kleber,“ ſprach Nurmahal,„und nie iſt wohl ein wahreres Wort geſprochen worden.“ „Er kann mein Leben verlangen,“ rief Re⸗ nouard,„und ich geb' es mit Freuden, und ſo denken Tauſende.“ „Bin ich ihm doch ganz beſonders verpflichtet,“ fuhr Camille fort,„für das werthvolle Geſchenk von fünftauſend Franken, die er mir unmittelbar nach meiner Ernennung zum Bataillonschefzuſtellen ließ. Ein junger Offizier muß einen Groſchen Geld in der Taſche haben, um ſich für die rauhen Stunden der Entbeh⸗ rung auch einige frohe verſchaffen zu können, ließ er mir durch den Adjutanten ſagen, der mir die erwähnte Summe zuſtellte. Auch mag ich wohl geſtehen, daß mir dieſer Zuſchuß erwünſcht kam. Er ſetzt mich in den Stand, eine alte Schuld abzutragen, die mir immer recht am Herzen gelegen hat.“ „Ich habe Dir ſchon früher,“ ſprach er weiter, „von dem Darlehn geſprochen, das mir in Saint Maurice auf ſo wunderbare Weiſe zugeſtellt wurde und wodurch ich in den Stand geſetzt ward, dem ägyptiſchen Feldzug beizuwohnen. Du haſt mir nun, guter Nurmahal, in ſo mancher Verlegenheit helfend zur Seite geſtanden, wenn Du mir nur auch dazu fürderlich ſein wollteſt, meinen unbekannten Gläubi⸗ ger, der nichts wieder von ſich hat hören laſſen, aus⸗ findig zu machen.“ „Da er die Summe nicht zurückverlangt,“ er⸗ wiederte Nurmahal,„und überhaupt die ganze Sache Stolle, ſämmtl. Schriften. 1IV. 12 178 vergeſſen zu haben ſcheint, ſo braucht er wahrſchein⸗ lich das Geld nicht. Unfehlbar ein reicher Mann, der Gefallen an Euch gefunden und Euch in der Welt hat wollen forthelfen; vielleicht Euer Vormund, Herr von Montreuil ſelbſt.“ „Dieſer gewiß am allerwenigſten,“ ſprach Re⸗ nouard kopfſchüttelnd. „Wohlan,“ rieth Nurmahal,„ſo würde ich mir darüber den Kopf im geringſten nicht zerbrechen. Habt Ihr doch das Geld nicht verlangt. So er ſich nicht entdeckt, braucht Ihr auch an keine Rückzahlung zu denken; allwiſſend iſt der Menſch nicht,“ „Aber dieſe Angelegenheit macht mir Unruhe,“ meinte Renvuard;„es iſt ein unangenehmes, drücken⸗ des Gefühl, Jemandem Wohlthaten ſchuldig zu ſein und den Dank dafür nicht abſtatten zu dürfen.“ „Wißt Ihr denn,“ frug Nurmahal,„ob er Dank verlangt? Es kann ja mit dieſem Gelde eine ganz eigene Bewandtniß haben. Ich rathe Euch, es der Zeit, die ſchon ſo manches Räthſel gelöſt hat, zu überlaſſen, die Sache aufzuklären; einen beſſern Rath weiß ich nicht zu geben. Um aber wieder auf die große Liberalität Bonaparte's zu kommen, ſo müßt Ihr einen außerordentlichen Stein im Brete bei ihm haben; denn daß er auf Euer Fürwort dem guten Profeſſor Laroſſoſſinier ſammt dem ehrlichen Baptiſt erlaubte, von der ſo beſchränkten Schiffsgelegenheit Gebrauch zu machen, ſcheint mir eine noch höhere Gunſtbezeugung, als ſelbſt die fünftauſend Fran⸗ ken.“ „Allerdings,“ geſtand Renouard,„zumal dieſelbe Gunſt mehren renommirten Gelehrten abgeſchlagen worden war. Auch würde ich meine Bitte gar nicht ge⸗ wagt haben, wenn mir Laroſſoſſinier nicht zugeſchworen 179 hätte, daß ein längerer Aufenthalt in dem von der Peſt angeſteckten Lande ſein Tod ſei. Schon die Furcht allein brächte ihn um.“ „Wo mag er nur hingekommen ſein?“ frug Nur⸗ mahal.„Ich habe ſeit Frejus weder ihn noch Bap⸗ tiſt geſehen.“ „Der Profeſſor hat einen Abſtecher nach Avignon gemacht,“ erwiederte Camille,„woſelbſt es bedeutende römiſche Alterthümer geben ſoll. Da ihm Baptiſt von einem uralten Heidenaltar erzählt hat, der in der Nähe von Saint Maurice im Gebüſch begraben liegt, ſo können wir leicht wieder mit ihnen zuſammentref⸗ fen. Außerdem finden wir uns ſicher in Paris.“ Während Camille und Nurmahal auf dieſe Weiſe ſich unterhielten, ward die Gegend immer waldreicher und gebirgiger. „In ſo ſpäter Jaherszeit,“ meinte Renouard,„iſt von der goldnen Provence nicht viel zu erblicken; höre nur, Nurmahal, wie der Wind unheimlich in den hohen Gipfeln rauſcht!“ „Die Wolken ziehen mit geflügelter Eile vorüber,“ verſetzte der Knabe,„es iſt, als ob ſie ſchönern Him⸗ meln zueilten.“ „Das letzte gelbe Laub kräuſelt von den Bäumen.“ „Es geht Alles zu Grabe,“ ſprach Nurmahal; „dieſes Laub hat ſeinen ſchönen Frühling gehabt, wo es grün und golden der Maiſonne entgegen lächelte. Wer ſeinen Frühling gekoſtet, beſtand er auch nur aus ein paar goldnen Sonnenblicken, mag getröſtet ſterben.“ „Wie öd' und einſam die Gegend rings umher,“ meinte Renouard,„nirgends ein Haus, eine Hütte, nirgends ein menſchlich Weſen.“ „Der Boden iſt bereits zu gebirgig,“ verſetzte 12* 180 Nurmahal,„als daß er den Fleiß ſeines Bebauers belohnen ſollte. Uebrigens weht die Luft in dieſen Bergen gewiß auch in den wärmern Monaten rauh, da man nirgends einen Fruchtbaum erblickt.“ Der Weg, welcher eine lange Strecke durch dürf⸗ tiges Gebüſch und öde Heidegegend geführt hatte, bog jetzt in eine Felsſchlucht ein, die nach dem großen und ſchönen Thale hinabführte, durch welches die ma⸗ jeſtätiſche Rhone fließt. Der Eingang in die Schlucht war ſo abſchreckend, daß Renouard's Roß faſt Anſtand nahm, vorwärts zu gehen. Erſt durch die Sporen konnte es bewogen werden, die Reiſe fortzuſetzen. Bei dem kleinen Falben Nurmahal's war der Sattelgurt locker geworden, ſo daß ſich ſein Reiter genöthigt ſah, abzuſteigen, um dem Uebel abzuhelfen. Unterdeſſen war Camille in die Schlucht einge⸗ ritten und den Blicken ſeines Begleiters entſchwunden. Kaum aber ſaß Nurmahal wieder im Sattel, als mehrere Schüſſe, die ſich raſch auf einander folgten, an ſein Ohr ſchlugen. Augenblicklich gab er ſeinem Renner die Sporen und jagte ſeinem Herrn nach. Aber welch eine Seene ſtellte ſich ſeinen Blicken dar! Renruard's Pferd lag erſchoſſen am Boden, während er ſelbſt ſich gegen drei Männer mit geſchwärzten Ge⸗ ſichtern auf das heldenmüthigſte vertheidigte. Ohne ſich zu bedenken, feuerte Nurmahal ſeine zwei Piſtolen auf die Mörder, wodurch einer zu Bo⸗ den geſtreckt ward; den zweiten warf Renouard's Da⸗ mascener darnieder, worauf der dritte die Flucht ergriff. Camille athmete nach dem ſchweren Kampfe tief auf, als ein neuer Schuß, von unſichtbarer Hand abgefeuert, ihn ſchwer verwundete. Es ward Nacht vor ſeinen Augen, die Sinne entſchwanden und er 184 ſank bewußtlos zuſammen. Sein Blut benetzte die kalte Erde. Ein gellender, herzzerſchneidender Wehruf durch⸗ drang die Luft. Er kam von Nurmahal, welcher ver⸗ zweifelt auf den Gefallenen ſich ſtürzen wollte, als eine zweite Kugel ihn ſelbſt traf. Seine Knie bra⸗ chen; auch er ſank zu Boden. Noch hatte ſich der Pulverdampf nicht verzogen, als der unſichtbare Schütze, der Chevalier Lacoſte, ei⸗ nen blanken Hirſchfänger in der Hand, hinter einer Felſenecke hervortrat. Mit Zufriedenheit überſchaute er ſein Werk. „Endlich,“ ſprach er mit entſetzlicher Ruhe und ſchritt langſam auf die Gefallenen zu, um, damit er, ſeiner Sache gewiß ſei, Renouard den ſcharfen Stahl in die Bruſt zu ſtoßen. Nurmahal, obſchon ſeine ſchönen Augen ſich zu umſchleiern begannen, gewahrte das Herannahen des Furchtbaren. Er ahnte die Abſicht; ſeine tiefinnerſte Seele erbebte. Mit übermenſchlicher Kraft raffte er ſich empor und in demſelben Augenblicke, als Lacoſte den Hirſchfänger zum Todesſtoße über Renouard's Bruſt emporhob, taumelte er, von Nurmahal's Dolche getroffen, geiſterbleich zurück. „Schwarze Beſtie,“ knirſchte er, und gab mit letz⸗ ter Wuth den Stoß zurück, worauf er leblos zu Bo⸗ den fiel. Auch der ſchwer getroffene Nurmahal ſank dahin; doch blieb ihm noch ſo viel Kraft, ſich bis zu dem in tiefer Ohnmacht liegenden Renouard zuſchlep⸗ pen, auf deſſen Bruſt er ſein todtmüdes Haupt legte. Tiefes Schweigen ſank auf das Feld des Mordes hernieder; nur im fernen Walde rauſchte der Herbſt⸗ ſturm.— Funfzehntes Rapitel. At Renvuard nach wochenlanger, ſchwerer Krankheit und tiefer Bewußtloſigkeit zum erſten Male die Augen aufſchlug, ſchaute er in das Engelsantlitz eines Mäd⸗ chens. Es war Clemence, die über ihn gebeugt mit ſeliger Freude die aufkeimende Geneſung in den blei⸗ chen Zügen des geliebten Freundes beobachtete. „Wo bin ich?“ frug er mit leiſer Stimme, aus einem ſchweren Traume erwachend. „In Saint⸗Maurice, guter Camille,“ erwiederte ſanft und freundlich das Mädchen. „Wo iſt Nurmahal?“ frug Renouard weiter,„war⸗ um verläßt er mich?“ Ueber Clemence's Geſicht legte ſich bei dieſen Wor⸗ ten ein Schatten von Wehmuth; ſie glaubte, der Kranke rede wieder irre; aber der Profeſſor Laroſ⸗ ſoſſinier, welcher an der andern Seite des Bettes ſaß und die Hand prüfend an Renouard's Puls gelegt hatte, winkte beruhigend. „Er meint ſeinen Diener, den Mohrenknaben,“ ſprach er leiſe, und zu dem Kranken gewendet:„der treue Nurmahal iſt Euch bereits nach Paris voraus⸗ geeilt, um für Eure Ankunft Alles vorzubereiten.“ „Sieh da,“ verſetzte Camille lächelnd mit ſchwa⸗ cher Stimme,„der Profeſſor; aber Nurmahal hätte mich nicht verlaſſen ſollen.“ „Er wird bald wieder bei Euch ſein,“ tröſtete Laroſſoſſinier. Camille wollte weiter ſprechen; aber die Kräfte verſagten ihm. Ermattet ſchloſſen ſich ſeine Augen und der frühere bewußtloſe Zuſtand trat von Neuem ein. Ob dieſer neuen Ohnmacht fielen die Blicke des 183 Mädchens voll liebender Angſt auf den Profeſſor; doch dieſer tröſtete. „Die Sache hat nichts auf ſich,“ ſprach er;„bei der großen Schwäche des Kranken ſind Erſcheinungen dieſer Art kein Wunder. Laſſen wir ihn ruhen. Die Kriſis iſt glücklich überſtanden und nichts mehr zu befürchten. Binnen vierzehn Tagen iſt er vollkommen hergeſtellt.“ Während Clemence und der Profeſſor ſich über den Zuſtand des verwundeten Renouard leiſe unter⸗ hielten und Erſterer wiederholt verſicherte, daß bei der ungeſchwächten Jugendkraft des Kranken ſchlechterdings keine Gefahr mehr vorhanden ſei, öffnete ſich geräuſch⸗ los die Thür und Herr von Montreuil ward ſichtbar. Er winkte dem Profeſſor und verſchwand mit derſel⸗ ben Behutſamkeit, mit welcher er gekommen war. Als Laroſſoſſinier Herrn von Montreuil auf deſſen Zimmer gefolgt war, mußte er ſich niederſetzen und der Schloßherr ging wiederholt auf und ab. Er ſchien dem Profeſſor Mittheilungen machen zu wollen und noch nicht mit ſich einig, wie er den Anknüpfungs⸗ punkt finden ſollte. Endlich blieb er vor dem Pro⸗ feſſor ſtehen und ergriff deſſen Hand. „Ich habe Euch,“ begann er,„in der kurzen Zeit Eures Hierſeins als einen ſo durchaus rechtſchaffenen Mann kennen gelernt, daß ich mich gewiß nicht täuſche, wenn ich in einer Angelegenheit, bei der es ſich um mein Wohl und Wehe handelt, Vertrauen zu Euch faſſe.“— Laroſſoſſinier machte ein verbindliches Compliment, obſchon er nicht begriff was Herr von Montreuil mit den letztern Worten ſagen wolle.. „Was ſoll ich Euch's länger verſchweigen,“ fuhr der Schloßherr fort,„da es ſelbſt der Regierung kein 184⁴ Geheimniß mehr iſt; kurz ich bin bei dem letzten Auf⸗ ſtande in der Vendée auf das empfindlichſte com⸗ promittirt.“ „Der Profeſſor, welcher ſich in ſeinem ganzen Le⸗ ben nicht um Politik bekümmert hatte, begriff aber⸗ mals nicht, was er bei dieſer Sache thun könne. „Wenn die Regierung von ihrem Rechte und ihrer Gewalt Gebrauch macht,“ ſprach Montreuil,„bin ich verloren, und nur ſchleunige Flucht nach England kann mich retten.“ „Das wolle der Himmel nicht,“ rief voller Theil⸗ nahme Laroſſoſſinier,„daß Ihr gezwungen würdet, das Land Eurer Väter, das ſchöne Frankreich zu verlaſſen.“ „Offen geſtanden,“ verſetzte Herr von Montreuil, „auch ich kenne als Franzoſe nichts Schrecklicheres, als dem Vaterlande den Rücken kehren zu miſſen. Nachdem ich die royaliſtiſche Sache für eine verlorene erkenne, würde ich, um im Vaterlande verbleiben zu können, mich gern von dem dornenvollen Felde der Politik und Parteiung zurückziehen und mit dem Le⸗ ben eines einfachen Privatmannes vorlieb nehmen.“ „Bei ſolchen friedfertigen Geſinnungen,“ erwiederte Laroſſoſſinier,„wird Euch die Regierung gewiß kein Hinderniß in den Weg legen, zumal jetzt Bonaparte ein Wort mit zu ſprechen hat, der gern die Parteien zu verſöhnen wünſcht.“ „Faſt möchte ich Daſſelbe glauben,“ meinte der Schloßherr,„denn wenn die Regierung feindſelig ge⸗ gen mich verfahren wollte, müßte ſie längſt ihre Maß⸗ regeln ergriffen haben.“ Der Profeſſor verſank bei dieſen Worten in Nach⸗ denken. Ein Gedanke ſchien ſein Inneres zu erhellen. „Da geht mir ein Licht auf,“ rief er freudig;„iſt nicht Renouard, welchen Ihr, nachdem er ſchwer ver⸗ 185 wundet einige Meilen von hier gefunden worden, auf das gaſtfreundlichſte aufgenommen, Euer Vetter und zugleich ein Liebling Bonaparte's?“ „Auch ich ahne einen ſolchen Zuſammenhang,“ verſetzte Montreuil,„und ich muß geſtehen, daß mich eine ſolche rückſichtsvolle Aufmerkſamkeit mehr als alles Andere dem General Bonaparte verpflichten könnte.“ Der Schloßherr ging nach dieſen Worten mehrere Male ſchweigend auf und ab. „Ich wiederhole es,“ fuhr er fort,„ich hege keine Feindſeligkeit mehr gegen das gegenwärtige Regiment; ſelbſt einer Verſöhnung bin ich nicht abgeneigt. Gleich⸗ wohl begreift Ihr, daß ich als ein zeitheriges Partei⸗ haupt des geſtürzten Royalismus nicht—“ „Entgegenkommen könnt,“ fiel Laroſſoſſinier eif⸗ rig ein;„wohlan, man ſoll Euch entgegenkommen, und darauf verlaßt Euch. Ich eile unverzüglich nach Paris; es iſt zwar meine erſte politiſche Miſſion, doch obſchon ich nichts von Diplomatie verſtehe, weiß ich doch ſoviel, daß ſie mir diesmal nicht mißlingen wird. Mit den meiſten dermaligen Regierungshäuptern bin ich perſönlich befreundet und mit Bonaparte rede ich im Namen Renouard's.“ „Wackrer Mann,“ erwiederte der Scloßrr be⸗ wegt, auf den Profeſſor zutretend und ihm die Hand drückend,„Ihr ſprecht einen meiner innigſten Wünſche aus. Ich werde Euch immer für Euern Dienſt ver⸗ pflichtet bleiben, ſelbſt wenn er das gewünſchte Re⸗ ſultat nicht haben ſollte.“ „Er wird es haben,“ ſprach Laroſſoſſinier auf⸗ ſtehend;„ich gehe, um Alles für die ſchleunige Reiſe vorzubereiten.“ Von Montreuil geleitet, ſchritt er eilfertig nach der Thür. Plötzlich blieb er ſtehen. 186 „Noch Eins,“ ſprach er;„wenn ich mich einiger frühern vertraulichen Aeußerungen des Herrn Renouard erinnere und gegenwärtig die Angſt und die Sorgfalt des Fräuleins von Montreuil um den Kranken dage⸗ gen halte, ſcheinen die beiden jungen Leutchen größeres Intereſſe für einander zu hegen, als es die gegenſei⸗ tige Verwandtſchaft gerade nöthig macht. Darf ich als diplomatiſcher Agent von dieſem liebenswürdigen Punkte Kenntniß haben?“ „Wenn ſich die Herzen verſtehen,“ erwiederte der Herr von Montreuil,„habe ich gegen eine dereinſtige Verbindung nichts einzuwenden. Kann ich doch ge⸗ gen Gott nicht dankbar genug ſein, daß er mich von einem meuchelmörderiſchen Schwiegerſohn, deſſen Mord⸗ anfall mir allein das Treiben der Royaliſten, deren Agent er war, verbittern könnte, befreit hat.“ „Victoria!“ rief Laroſſoſſinier freudig,„nun heißt es erſt bonis avibus! Gelobt ſei der Heidenaltar, der mich nach Saint⸗Maurice geführt hat.“ Er beurlaubte ſich bei Herrn von Montreuil und bald ſah man ſein flottes Fuhrwerk den Schloßhof verlaſſen und die Straße nach Paris einſchlagen. & Sechzehntes Rapitel. 8 Noh einigen Wochen war Camille vollkommen her⸗ geſtellt. Die letzten Zeiten ſeiner Wiedergeneſung ge⸗ hörten zu den ſeligſten ſeines Lebens. Von einem Engel umſchwebt, lebte er im Himmel und nur ein Gedanke trübte ſeinen beneidenswerthen Zuſtand, es 187 war der an Nurmahal. Es verging kein Tag, wo er nicht wiederholt von ſeinem jungen Freunde ſprach und ſich angelegentlich erkundigte, ob derſelbe nicht bald von Paris zurückkehren werde und warum er nicht ſchreibe. Endlich konnte man nicht umhin, den Wiederge⸗ neſenen mit dem traurigen Schickſal des treuen Die⸗ ners bekannt zu machen. Clemence ſelbſt übernahm das ſchwere Geſchäft und erzählte ihm ſo ſcho⸗ nend wie möglich, wie er(Camille) und Nurmahal ſchwer verwundet und im bewußtloſen Zuſtande vom Pfarrer Benedictus, den ſein Beruf des Wegs daher geführt, gefunden und nach dem Pfarrhauſe des Dörf⸗ chens Melani gebracht worden ſei Das Gerücht von der grauſenerregenden That ſei nach Saint Maurice gedrungen, worauf ihr Vater ſich ſogleich aufgemacht und in dem einen der Schwerverwundeten ſeinen Mün⸗ del erkannt habe. Zugleich ſei durch einen der ent⸗ ſprungenen Meuchelmörder, der von den Gerichten ein⸗ gefangen worden, an den Tag gekommen, daß der Che⸗ valier Lacoſte die Mordgeſellen zur Vernichtung Re⸗ nouard's gedungen habe. „Seit mein Vater,“ fuhr Clemence in ihrer Er⸗ zählung fort,„ſich von der Wahrheit dieſer Ausſage überzeugt hatte, war ſein Sinn ganz umgeändert. Von dem Chevalier, der in der Stille beerdigt wurde, war keine Rede mehr, und meines Vaters eifrigſtes Be⸗ ſtreben ging nur dahin, Euch zu retten. So wie Eure Wunden es einigermaßen erlaubten, trug er Sorge, daß Ihr nach Saint Maurice gebracht wur⸗ det. Leider erlaubten die ſchweren Wunden Eures Dieners ein Gleiches nicht. Er verſchied nach einigen Tagen im Pfarrhauſe von Melani unter dem Gebete des frommen Pater Benedictus.“ 188 Kaum hatte Clemence dieſe Worte geſprochen, als bei Camille die hellen Thränen hervorbrachen. Er rang die Hände und Nichts vermochte ſeinen unend⸗ lichen Schmerz zu ſtillen. Vergebens waren alle ſanften Troſtworte von Seiten der Geliebten. Sie gingen ungehört an Camille's Ohr vorüber. So wie der erſte Schmerz ſich etwas ausgetobt hatte, ließ er trotz der rauhen Witterung und trotz der flehendlichen Bitten von Clemence ſein Pferd ſat⸗ teln; und keine Macht der Erde vermochte ihn abzu⸗ halten, nach Melani zu reiten, wo ſein treueſter Freund auf Erden ruhte. „So hat Dich Deine Ahnung, Du Eodelſter,“ ſprach er für ſich, indem er durch die ſchweigende Ge⸗ gend ritt,„nicht betrogen. Wir ſollten nur zu bald getrennt werden. Mein guter Nurmahal, noch ver⸗ mag ich's nicht zu faſſen, Dich verloren zu haben. Wie öde iſt mir die Welt geworden! So mußte Dir die heimathliche Erde zum Grabe werden, nachdem Du Dein Leben unter fremdem Himmel ſo oft für mich gewagt hatteſt.“ Melancholiſch flüſterte der Abendwind in den faſt blätterloſen Zweigen der alten Ulmen, welche die ein⸗ ſamgelegene Pfarrwohnung des Pater Benedictus um⸗ ſchattete, als Renouard am Ziel ſeiner Reiſe anlangte und mit faſt zagender Hand den Glockenring zog. Ueberall athmete der tiefſte Frieden; vom kleinen Kirchhof herüber ſchauten einfache Hügel und Kreuze. Renouard vernahm, wie die gezogene Glocke im In⸗ nern des Hauſes wiederhallte. Der greiſes Küſter öffnete und führte den Fremdling nach der Wohnſtube des Pfarrers, deren Fenſter in der ſchönen Jahreszeit von dem grünen Laube der Weinrebe freundlich umzo⸗ gen waren. 189 Der fromme Diener des Herrn kam dem eintre⸗ tenden Camille entgegen und reichte ihm voll Wohl⸗ wollen die Hand. „Wie freu' ich mich,“ ſprach er,„Euch wieder ge⸗ ſund und rüſtig vor mir zu ſehen. Danket dem Herrn, denn er hat Großes an Euch gethan.“ Nachdem Renouard den Dank ſeines Herzens ſei⸗ nem Lebensretter ausgeſprochen hatte, kam er ſogleich auf Nurmahal und bat, daß der ehrwürdige Herr ihm über die letzten Stunden ſeines Freundes ſo ausführ⸗ lich wie immer möglich berichten möchte. Benedictus erwiederte kein Wort. Er führte Camille nach einem Sopha im Hintergrunde des Zim⸗ mers, hieß ihm Platz nehmen und ſetzte ſich neben ihn. Dann erfaßte er nach einiger Zeit die beiden Hände des jungen Mannes und ſchaute ihm lange mit Blicken voller Liebe und Bewunderung in die Augen. „Ihr müßt,“ brach er endlich das lange Schwei⸗ gen,„zu den ſehr guten Menſchen hienieden gehören, denn ein Engel iſt für Euch geſtorben.“ „Ja, das war er,“ verſetzte Camille und die Thrä⸗ nen brachen ihm von Neuem hervor. „O ſprecht, ehrwürdiger Herr,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wie waren ſeine letzten Augenblicke? Hat ſich Nurmahal meiner erinnert?“ „Der Name Camille,“ erwiederte der Pfarrer, „war ſein letztes Wort. Nachdem der Sterbende ver⸗ nommen, daß Ihr noch am Leben und gerettet wäret, verklärte ſich ſein Antlitz und die engelvolle Seele kehrte nach dem Lande zurück, aus welchem ſie gekommen.“ Camille vermochte vor Schmerz nicht zu ſprechen. Noch immer hielt der Diener des Herrn des Jüng⸗ lings Rechte umfaßt und blickte voll frommer Bewun⸗ derung zu ihm auf. 190 „Und Ihr hättet es wirklich nicht gewußt?“ frug er, nachdem Camille ſich Etwas beruhigt hatte. „Was ſoll ich gewußt haben, frommer Herr?“ „Und Ihr hättet es wirklich nicht gewußt und auch nicht geahnet?“ fuhr der Geiſtliche mit beton⸗ terer Stimme fort. Camille erhob ſein thränentrübes Auge zu dem Frager. „Ich verſtehe Euch wirklich nicht, ehrwürdiger Herr.“ Der Prediger ſchaute Camille lange in das ſchmer⸗ zensreiche Antlitz. „Nein,“ ſprach er endlich mit bewegter Stimme,„in dieſen Zügen wohnt kein Falſch. So vernehmt denn—“ Renouard ſchaute immer erwartungsvoller zum Sprecher auf. Der Geiſtliche fuhr in langſamem, be⸗ deutungsvollem Tone fort: „Der Engel, der für Euch geſtorben iſt, war ein — Mädchen.“ „Wie?“ ſchrie Camille außer ſich,„was ſagt Ihr?“ „War ein Mädchen, das Euch liebte; und nie wohl hat ſich des Weibes Liebe in ſchönerm Glanze gezeigt. Für Euch ſcheute ſie keine Gefahr, kein Opfer, für Euch ging ſie ſelig lächelnd in den Tod.“ „Unmöglich, unmöglich!“ rief Camille auf das Tiefſte ergriffen, einmal über das andere. „Ihr ſollt die Beweiſe haben,“ ſprach aufſtehend der Geiſtliche und trat zu einem Wandſchranke, aus welchem er ein Papierheft hervorlangte. „Hier iſt das einſtige Tagebuch der Seligentſchla⸗ fenen,“ fuhr Benediet fort;„ich habe verſprechen müſ⸗ ſen, es in Eure Hände niederzulegen.“ Wie ein theures Heiligthum empfing Renouard die von zarter Frauenhand beſchriebenen Blätter. „Und zum Beweiſe, daß ich die Wahrheit rede,“ ————— 194 ſprach der Geiſtliche weiter,„ſendet Euch Nurmahal den Ring zurück, den Ihr ihm in der Wüſte gabt, als er Euch mit ſeinem Blute tränkte.“ Nachdem Benedictus den Ring übergeben, verließ er aus zarter Schonung das Zimmer; Camille aber begann mit bebender Seele in den verhängnißvollen Blättern des Tagebuchs zu leſen. Nur zum allernöthigſten Verſtändniß mögen fol⸗ gende Stellen deſſelben hier einen Platz finden. Den 8. Floréal. „Ja, es gibt Engel hienieden. So hat mich die⸗ ſer Glaube nicht betrogen. Als ich mit der Mutter von einem kleinen Spaziergange heimkehrte, hatte ſie auf dem ſchlüpfrigen Pflaſter, denn es hatte kurz zu⸗ vor geregnet, das Unglück, auszugleiten und zu fallen. Als ich noch bemüht bin, ſie wieder aufzurichten, biegt ein wüthendes Zweigeſpann um die Straßenecke und gerade auf uns zu. Auf allen Seiten ertönt Hülfe⸗ ruf; aber Niemand ſpringt der alten ſchwachen Frau bei, die ich allein nicht ſchnell genug in Sicherheit zu bringen vermag. Nur noch wenige Schritte ſind die wüthenden Thiere von uns entfernt, da fällt, auf die Gefahr hin, überfahren und geſchleift zu werden, ein junger Mann dem Geſpanne in die Zügel und bringt es zum Stehen. Wir waren gerettet; aber nichts⸗ deſtoweniger mehr todt als lebendig. Zum Glück wurde unſer edelherziger Retter nicht beſchädigt. Ihn mochte unſer Zuſtand jammern; die Mutter konnte vor über⸗ ſtandener Angſt ſich kaum auf den Füßen erhalten. Er winkte einem vorüberfahrenden Lohnkutſcher. All unſers Sträubens ungeachtet, mußten wir einſteigen. Bei unſerer Wohnung angelangt, half er uns aus⸗ ſteigen und verabſchiedete ſich, ohne unſern heißen Dan⸗ kesworten die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Ja, es gibt noch Engel! 192 Den 9. Floréal. „Wer nur unſer geſtriger Retter geweſen ſein mag? Mir ſchien es ein Student; er trug eine Mappe un⸗ term Arme. Ob ich ihn noch einmal wiederſehen werde? Ob er ſich wohl erkundigen wird, ob der Mut⸗ ter der Schrecken geſchadet? Seine Leutſeligkeit läßt das erwarten. Er muß freilich vier Treppen ſteigen. Wie ſehr ich wünſchte, daß er käme, ſo müßte ich doch ſchamroth werden, wenn er unſre Armuth ſähe. Aber wenn er auch nicht kommt, ein Engel bleibt er nichts⸗ deſtoweniger. Den 10. Floréal. „Er iſt wirklich dageweſen. Ich erſchrak zu Tode, als es heute anklopfte und er eintrat. Er unterhielt ſich ganz prächtig mit der Mutter, als wenn die Bei⸗ den ſchon längſt bekannt wären. Von Zeit zu Zeit that er auch an mich eine Frage. Ich muß ihm aber entſetzlich einfältig vorgekommen ſein; denn ich glaube kaum, daß ich eine geſcheute Antwort gegeben. Mein Herz zitterte beſtändig. Er blieb ganzer zwei Stun⸗ den. Ich mußte Thee kochen. Ich begreife nicht, wie er, gewiß ein lebensluſtiger junger Herr, in unſerm ärm⸗ lichen Stübchen es auszuhalten vermochte. Er hat um die Erlaubniß gebeten, uns von Zeit zu Zeit beſuchen zu dürfen. Mir iſt Alles wie ein Traum. Den 16. Floréal. „Camille Renvuard heißt unſer Engel; er ſtammt aus dem Süden von Frankreich und iſt in Paris, um die Rechte zu ſtudiren. Er iſt ganz und gar nicht reich. Mir iſt, ſeit ich das weiß, ein rechter Stein vom Herzen gefallen. Den 20. Floréal. „Camille beſucht uns regelmäßig einen Tag um den andern. Ich erkenne ſeinen Schritt, wenn er 193 noch auf der vorletzten Treppe iſt. Hätt' ich mir doch nimmer träumen laſſen, daß die Herren Studenten ſo ſtill und eingezogen zu leben vermöchten. Die Mut⸗ ter hält große Stücke auf Camille; das freut mich innigſt; ſie meint, ſolche ſolide junge Männer ſeien ietzt eine Ausnahme. Das glaub' ich auch. Den 23. Floréal. „Oft denke ich jetzt bei mir:„Ach, wenn Du doch reich wärſt oder eine wunderthätige Fee, wollteſt Du ihn mit Glück überſchütten, ohne daß er wüßte, wo⸗ her es käme. Auch wünſcht' ich, er geriethe in Ge⸗ fahr und ich könnte ihn retten mit Gefahr meines Lebens. Den 6. Prairial. „Geſtern waren wir zum Roſenfeſte im lieben Auteuil bei unſerer freundlichen, alten Margareth, wo man für weniges Geld wirklich ein recht gutes Abendbrod bekommt. Camille begleitete uns dahin. Wir dinirten in der Jelängerjelieberlaube, unſerm Lieb⸗ lingsplätzchen. Das Abendroth ſpiegelte ſich in der Erdbeerkaltſchale. Es war himmliſch. Ich hatte unſern Freund nie ſo heiter geſehen. Die Stunden flohen vor⸗ über in roſenrother Schöne. Beim Abſchied an un⸗ ſerer Wohnung nannte er mich nicht Demviſelle, ſon⸗ dern„Seraphine.“ Alle Glocken meines Herzens klangen wieder. Ich weiß mich eines ſchönern Tages in meinem Leben nicht zu erinnern. Welcher Selig⸗ keit iſt das Menſchenherz fähig! Es folgen eine Reihe von Tageblättern, in welchen ſich Seraphinens Liebe für Camille immer glühender ausſpricht.) Den 18. Meſſidor. „Ich weiß nicht, mein Mütterchen will mir ſeit einiger Zeit gar nicht gefallen. Sie kränkelt beſtän⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. 1V. 13 194 dig. Camille meint zwar, es habe nichts auf ſich, aber mir iſt gleichwohl recht bauge. Es geſchehen wieder Kriegsrüſtungen. Camille erzählt täglich da⸗ von. Geſtern meinte er, wenn es ſeine Verhältniſſe erlaubten, zöge er gern mit. Mein Gott, wenn er fortzöge, was ſollte aus mir werden, die ich blos in ſeinem Anſchauen lebe, wie das Mücklein im Sonnen⸗ ſtrahl. Und gleichwohl kann er nicht ewig in Paris bleiben. Ich darf daran nicht denken. Den 4. Thermidor. „Das iſt nun die dritte Nacht, daß ich bei der guten Mutter wache, die ſelten Schlaf hat. Da will denn die Arbeit am Tage gar nicht flecken. Es wird kaum die Hälfte fertig, und gleichwohl bedurfte ich des kleinen Verdienſtes nie ſo dringend wie jetzt. Ich habe den Arzt rufen müſſen; der hat Arznei verſchrie⸗ ben und manche andere Erquickung für die Kranke. Wenn nur der Tag noch einmal ſo viel Stunden hätte, da wäre doch eher eine Ausſicht, daß ich Etwas vor mich brächte. An Ausdauer ſollte mir's nicht fehlen. Du lieber Gott, wenn ich ſo die Nacht durchwacht und den Tag über gearbeitet habe, und mir der Kopf müde auf die Bruſt ſinkt, ſo iſt doch aller Schlaf ver⸗ geſſen, ſobald Er kommt. Er iſt mein Licht, mein Leben und ahnet nicht, wie ſich ein armes Weſen in ſeinem Strahle ſonnet. Den 20. Thermidor. „Als ich geſtern den Arzt um die Rechnung bat, damit dieſelbe nicht zu hoch anlaufe, ſprach er:„Un⸗ beſorgt, mein gutes Kind, das iſt Alles abgemacht.“ In der Apotheke ward mir dieſelbe Antwort. Ver⸗ gebens war all' mein Fragen. Wie erkläre ich dies? Sollte Camille, der ſein wenig Geld ſelbſt nöthig braucht—? Und gleichwohl, wer ſollte uns armen, 195 unbekannten Leuten—? Trotz ihrer Abwehr bringt er der Mutter noch immer täglich eine Schale theuren Himbeergelés, welches ihr der Arzt erlaubt hat. O mein Vater im Himmel, gewähre mir die Gnade, daß ich für ihn ſterben darf!“ (Nach langwieriger Krankheit ſirbt die Mutter. Seraphinens Schmerz iſt grenzenlos; dazu ihre Kaſſe ſo erſchöpft, daß die Beerdigungskoſten nicht beſtritten werden können. Wieder iſt Camille der Retter. Er gibt ſich zugleich auf das angelegentlichſte Mühe, dem verlaſſenen Mädchen in einer achtbaren Familie ein anſtändiges Unterkommen zu verſchaffen; doch ſieht er ſie von dieſer Zeit an ſeltener. Seraphinens Liebe zu Camille gleicht einer heiligen Verehrung. Bei den zunehmenden Rüſtungen erreicht endlich die Kriegsluſt in dem jungen Manne einen ſo hohen Grad, daß er nach Saint Maurice abreiſt, um bei ſei⸗ nem Oheim die Erlaubniß einzuholen, ins Feld zie⸗ hen zu dürfen.) Den 30. Germinal d. folg. Jahres. „Er iſt fort. Die Sonne iſt untergegangen. Mein Licht und Leben ſind erloſchen. O wär ich ſein Hünd⸗ chen, ich würde ihn ſo lange gebeten und geſchmeichelt haben, bis er mich mitgenommen hätte. Ich will mein Mütterchen beſuchen, mich auf ihren Hügel ſetzen. Vielleicht, daß ſie mich zu ſich nimmt. Den 5. Floréal. „Iſt es Traum, iſt's Wirklichkeit? Das Lotterie⸗ loos, welches mir Camille am Roſenfeſte zu Auteuil ſchenkte, ſoll ſechstauſend Franken gewonnen haben. Den 6. Floréal „Das Loos hat wirklich gewonnen. Es iſt ein Fin⸗ gerzeig vom Himmel. Ich eile ihm nach. Er wird Geld brauchen. Er ſoll Alles haben; aber er darf 13* 196 nicht wiſſen, von wem die Hülfe kommt, weil er ſie ſonſt nicht annehmen würde. Der wackre Notar Fer⸗ rand will mir noch heute Wechſel auf ein Toulvner Banquierhaus verſchaffen. Den 15. Floréal. „Es iſt gelungen. Der Brief iſt in ſeinen Hän⸗ den. Ich habe Camille unſichtbar umſchwebt und ihm das Schreiben ſelbſt zugeſtellt, als er in der Garten⸗ laube zu Saint Maurice ſanft ſchlummerte. Toulon, den 25. Floréal. „Dem Himmel ſei Dank, er hat das Geld er⸗ hoben. Welche Angſt hab' ich ausgeſtanden, daß er es unterlaſſen möchte. In Saint Maurice ſoll er ſich in die Tochter ſeines Vormundes verliebt haben. Man ſpricht das Beſte von dem ſchönen Mädchen. Mein Herz empfand einen jähen Schmerz bei der Nachricht; es war, als wenn ein ſchneidend Inſtru⸗ ment daſſelbe verwundete. Jetzt bin ich ruhiger. Wenn Clemence ihn nur den hundertſten Theil ſo liebt, wie ich, wird er glücklich werden. Seine Liebe ſei geſegnet. Die Ricard's ſind vortreffliche Menſchen. Ich ſtand geſtern mit der einen Tochter vom Hauſe, einem reizenden Kinde, am Fenſter, gerade als Camille den Wechſel erhoben und nach Hauſe zurückkehrte. Seine Blicke ſchweiften an mir vorüber. Ich floh zurück. Er ſchien überraſcht. Ob er mich erkannt haben mag? Wie dem ſei, nimmer glaubte er mich in Toulon. Den 28. Floréal. „Mein Entſchluß iſt gefaßt, wie gewagt er er⸗ ſcheinen mag: Ich habe ein Mittel ausfindig ge⸗ 497 macht, mich ſo unkenntlich zu machen, daß ſelbſt meine gute Mutter mich nicht erkennen würde. Ich trete vor der Hand in die Dienſte ſeines Freundes, des Profeſſors Laroſſoſſinier; bei der erſten Gelegenheit ſuche ich aber ſein Diener zu werden. Dann kom⸗ me, was da will. An ſeiner Seite will ich leben, will ich ſterben; Du aber, mein Vater im Himmel, verleihe Kraft Deinem ſchwachen Kinde zu dem Werke Deiner Liebe; ſegne mich, heilige mich, auf daß ich Sein Engel werde.“ Dies waren die letzten Worte in Seraphinens Tagebuche.— Wochen und Monden zogen vorüber und die tiefſte Schwermuth hielten Camille's ſonſt ſo heitern Sinn umfangen. Jeder Gedanke an die aufopfernde Liebe des geſtorbenen Mädchens erfüllte ihn mit Schmerz. Hatte er doch nie eine Ahnung gehabt, daß Sera⸗ phine ihn liebe; ſo tief war ihr Heiligſtes in ihrer Bruſt verſchloſſen geblieben. Er hatte ihr darum auch nie ein Wort der Liebe zugeflüſtert und ſtets nur brüderliche Theilnahme bewieſen; obſchon auf Er⸗ ſteres ihre äußerlichen Vorzüge Anſpruch gehabt hät⸗ ten, denn ſie war ein reizendes Kind von achtzehn Jahren. Selbſt der aufopfernden, liebenden Sorgfalt Cle⸗ mence's wollte es nicht gelingen, die trüben Wolken von Camille's Stirn zu verſcheuchen. Auch Herr von Montreuil befand ſich während dieſer Zeit in der düſterſten Stimmung. Die Be⸗ mühungen des Profeſſors Laroſſoſſinier in Paris 6 — 198 ſchienen nicht von erwünſchtem Erfolge geweſen zu ſein. Obſchon man Montreuil von Seiten der Re⸗ gierung auf keine Weiſe beläſtigte, ſo erfolgte doch auch nicht ein Schritt, der zu einer Annäherung hätte führen können; ein Umſtand, der den Stolz des alten Adeligen nicht wenig verletzte. Nur Baptiſt, der auf Renouard's Verwendung die Gärtnerſtelle ſeines alten Vaters, der ſich zur Ruhe geſetzt hatte, erhalten, war heiter und guter Dinge. Er warb um Herz und Hand der hübſchen Ninon, welcher er jetzt als gereiſter Mann weit mehr zu imponiren wußte, als früher. Seiner liebenswür⸗ digen Beharrlichkeit gelang es auch endlich, beides zu erhalten. Er hatte daher wohl alle Urſache, ſich ſei⸗ nes Lebens zu freuen. Erſt als die kalten, feuchten Winterwolken ſich verzogen und der Himmel wieder blau und warm auf die ergrünenden Berge der Provence herabſank, die Nachtigallen in den Wäldern zu ſchlagen begannen, und die Roſen, welche Camille und Clemence auf Seraphinens Grab gepflanzt hatten, die goldnen Au⸗ gen aufſchlugen und zur Freude aufforderten, erſtarkte das betrübte Herz Camille's und er ſchloß die Ge⸗ liebte inniger in die Arme. Er betrachtete ſie als ein theures Vermächtniß der Seligvollendeten; denn ſie hatte dieſe Liebe ja geſegnet. Es war ein wunderſchöner Frühlingsabend, als Camille und Clemence von dem Grabe Seraphinens, das ſie oft beſuchten, nach Saint Maurice zurickkehr⸗ ten. Wälder und Berge ſtanden im brennenden Golde, die Lerchen ſangen und von entfernten Dörfern er⸗ tönten die Abendglocken, welche die heimgegangene Sonne zur Ruhe läuteten. 199 Das liebende Paar, welches den Wagen verlaſſen hatte, wandelte auf einem anmuthigen Fußpſade dem Schloſſe zu, als Baptiſt athemlos ihnen entgegen kam. „Eilt Euch!“ rief der junge Gärtner ſchon von weitem,„ſo eben ſind der Pofeſſor und die Generale Lannes und Murat angelangt; ich bin bereits der dritte Eilbote, den Euch der gnädige Herr entgegen ſendet.“ „Wie?“ rief Camille, freudig erſchrocken,„die Generale Lannes und Murat in Saint Maurice? Komm, Clemence, das kann nur Freudiges bedeuten.“ Als man auf dem Schloſſe anlangte, kam Herr von Montreuil ihnen entgegen und ſchloß Renonard in ſeine Arme.. „Frieden und Verſöhnung!“ rief er.„Der erſte Conſul konnte ſich nicht nobler benehmen. Ich bin zum Präfecten des Departements ernannt.“ „So hab' ich mich in Bonaparte nicht getäuſcht,“ erwiederte freudig Camille;„ein ächtes Heldenherz, wie das ſeine kennt keinen Groll.“ So wie ſich der gute Profeſſor und die beiden Generale den Staub der Reiſe abgeſchüttelt, eilten ſie, den alten Freund und Waffenbruder, den Liebling Bonaparte's und ſeine künftige Gemahlin zu begrüßen. Welch ein Wiederſehen! Herr von Montreuil benutzte die Anweſenheit der verehrten Gäſte zur Verlobungsfeier ſeiner Tochter. Seit langer Zeit war es in den alten Mauern von Saint Maurice nicht ſo lebendig und luſtig herge⸗ gangen. Am Morgen des ſchönen Tages— alle Fenſter ſtanden offen,* wehte durch alle Ge⸗ mächer— erſchien der Roland von Frankreich, der jugendlich ſchöne, ritterliche Lannes, in ſeiner pracht⸗ vollen neufranzöſiſchen Generalsuniform vor der rei⸗ zenden Braut und legte mit aller Galanterie eines Franzoſen der ſogenannten guten alten Zeit, als ein Angedenken des erſten Conſuls, einen wundervollen orientaliſchen Shawl um den blendenden Nacken. Nie hatte ein glänzenderes Feſtmahl ſtattgefun⸗ den in den Blumen⸗geſchmückten Sälen des Schloſſes. Als aber unter dem Donner der Böller, dem Schmettern der Trompeten die Geſundheit des glück⸗ lichen Paares getrunken wurde und die Freude ihren Höhepunkt erreicht hatte, ward ſie für Camille eine heilige. Eine Thräne perlte ungeſehn in den Becher. Sie galt dem Andenken eines Engels, der ihn ge⸗ ſchirmt, für ihn gelitten, in den Tod gegangen und auf deſſen Grabe die Roſen blühten. Schluß des dritten und letzten Bandes. —