———— —— SS2— „„ ( 74 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GLeih- und eſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— f. 3—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ —— 4ℳ * . == —— ————,— d ——————— Perdinand ztull'n ausgewühlte Schriften. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. Pritter Band. 3weite Auflage. Leipzig, Rapoleon in Aegypten. 4 Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde von Ferdinand Stulle. Zweiter Theil. — Zweite Auflage. Leipzig, n ſt 1855. Erſtes Rapitel. Grich dem Weltmeere, nach deſſen Grenzen das menſchliche Auge vergebens umherſchaut, dehnt ſich die Wüſte von Horizont zu Horizont. Wohin der Blick ſchweift, gähnt eine unergründliche Ewigkeit. Die Begriffe von Farbe und Ton, ſo wie von Allem, was dem Leben des Menſchen einen Reiz verleiht, haben hier ihre Bedeutung verloren. Das todtenſtille Schwei⸗ gen der Wüſte ſteht mit dem todtenbleichen Himmel, dem farbloſen Grau der Sandebene vollkommen im Einklange; kein Gegenſtand unterbricht daſſelbe; nur zuweilen zieht aus den Tiefen Afrika's das Geſpenſt der Wüſte, eine wirbelnde Staubwolke über die nackte Strecke. Es gibt nichts, wo der von tödtender Ein⸗ tönigkeit ermattete Blick ausruhen kann. Kein Echo tönt die Ferne wieder; Alles verſchwimmt und verrinnt in eine graue Ewigkeit. Mitten im Wüſtenſande, den Gluten der afrika⸗ niſchen Sonne preisgegeben, zogen langſam und to⸗ desmatt ſeit anderthalb Tagen zwei Wanderer. Ihre Schritte, je weiter ſie ſich vorwärts bewegten, wurden immer ſchwerfälliger, und man ſah es den Unglückli⸗ chen an, wie ſie die letzte Kraft aufbvten⸗ um ſich auf⸗ recht zu erhalten. Stolle, ſämmtl. Schriften. UMI. 1 2 Stumm, die von Hitze gerötheten Augen zur Erde gewandt, zogen ſie neben einander dahin; ohne Hoff⸗ nung, das Ende der Wüſte zu erreichen, da ihnen jede Richtung verloren gegangen war. Bleich, welk, wie das abgelebte Antlitz eines Greiſes, vom Wüſtenſtaube umſchleiert, neigte ſich die Sonne dem Untergange zu. Das war kein Sonnenuntergang, wie er in andern glücklicheren Landen in den Herzen der Menſchen er⸗ hebende Gefühle erweckt. Während ſich dort der Son⸗ nengott, groß und herrlich, im flammenden Gewande, in grüne Wälder oder in blaue, wogende Fluthen bet⸗ tet, den purpurnen Abendmantel weithin ausbreitend, in deſſen erbleichender Schöne der Abendſtern hervor⸗ glänzt, ſinkt die Wüſtenſonne wie eine abgefallene, verwelkte und vergiftete Frucht hinab; ſtrahlenlos, ohne Glanz und holdſeliges Abendroth, gelb, nebelkrank in heißen Wüſtenſand. Kaum war die gelbe Scheibe am Horizonte ver⸗ ſchwunden, als auch der eine der Wanderer todesmatt zu Boden ſank. „Laß mich hier ſterben,“ ſprach er leiſe, und nach einer Pauſe fügte er hinzu:„wäre doch der Damas⸗ cener des Arabers ein paar Zoll tiefer gedrungen, ſo hatten alle Leiden ein Ende.“ „Wie ſprichſt du wieder,“ ſtrafte der Andere mit mildem Tone, indem er neben den Begleiter nieder⸗ kniete,„Gott, der uns ſo wunderbar vom Tode und aus den Händen der Barbaren rettete, kann auch Mittel und Wege finden, uns aus der Wüſte zu erlöſen.“ „Du verlangſt Unmögliches!“ ſprach der Erſters“ und barg ſein heißes Antlitz in eine Höhle, die er mit der Hand in den Sand gegraben hatte, um etwas Kühlung zu ſchöpfen. 5 „Laß erſt die Sterne heraufziehen, guter Herr,“ tröſtete der Andere,„ich kenne die Cynoſura gar wohl und will mich alsbald zurechtfinden. Der Nil kann nicht weit von hier fließen.“ Die beiden Wanderer waren Niemand Anderes, als Camille Renouard und Nurmahal, welche bei dem oben beſchriebenen Gefechte ſchwer verwundet einem der Araber, der auf ein gutes Löſegeld ſpeculirte, in die Hände gefallen und tief in's Land hineingeführt worden waren. Bereits nach einigen Tagen aber war der Araber ſeiner Gefangenen überdrüſſig geworden. Er war eben im Begriff geweſen, Renourd, der ge⸗ feſſelt war, niederzuſtoßen, als Nurmahal, der ſich ſei⸗ ner Bande zu entledigen gewußt hatte, wie ein jun⸗ ger Löwe den Mörder anfiel. Dieſer, von ſolch' uner⸗ wartetem Angriff überraſcht, verlor das Gleichgewicht und ſtürzte zu Boden. Nurmahal, der keine andere Rettung ſah, tödtete ihn mit demſelben Meſſer, das er auf Camille gezückt hatte, und befreite den Gefeſſelten, worauf Beide die ſchleunigſte Flucht ergriffen. Man irrte den erſten Tag in Dattel⸗ und Palmenwäldern um⸗ her; aber bald war dieſer Aufenthalt wegen der um⸗ herſchwärmenden Araber unſicher. So blieb nichts üb⸗ rig, als ſich in die nahgelegene Wüſte zu flüchten, um von hier aus wo möglich das Rilufer wieder zu erreichen. Bald aber hatten ſie hier, wie bereits erwähnt, jegliche Richtung verloren. Der kleine Vorrath von Früchten, den ſie mitgenommen, war bald aufgezehrt, und Hitze, Hunger, Durſt und Ermattung drangen immer überwältigender auf die Flüchtlinge ein. Nurmahal bewies eine Ausdauer und eine geiſtige Kraft, die bewundernswürdig zu nennen war. Obſchon auch in ſeinem Herzen die Hoffnung, das Ende der Wüſte zu erreichen, immer ſchwächer wurde, ſo ließ er 4 doch nichts unverſucht, was entfernt einen Schimmer von Rettung zeigte. Kaum war daher die Dämmerung herabgeſunken, als ſein Auge das große Himmelsgewölbe nach dem Sternbilde des großen Bären durchirrte. Lange mußte Rurmahal vergeblich ſuchen; erſtens war die Atmoſphäre ſelbſt während der Nacht vom Rebel und Wüſtenſtaube nicht ganz frei, und dann hatten auch die Sternbilder eine ganz andere Stellung am Himmel, wie in Eu⸗ ropa. Der Orion ſtand faſt im Zenith, während die nördlichen Sternbilder ſich nur wenig über dem Ho⸗ rizont erhoben. Die Deichſel des Himmelswagens lag unter dem Geſichtskreiſe, und nur die äußern beiden Radſterne waren deutlich zu erkennen. Mehr bedurfte Nurmahal nicht, um die Cynoſura oder den Polar⸗ ſtern ausfindig zu machen. Dieſer Retter der Seefah⸗ rer ſtand nicht gar zu hoch über dem Horizonte und ſchimmerte nur äußerſt ſchwach durch die ſtaubgeſchwän⸗ gerte Atmoſphäre. Sogleich bemerkte Nurmahal aus der Stellung dieſes Sternes, daß ſie ſich zu weit nach der Rech⸗ ten, alſo nach der Tiefe der Wüſte gewendet haben. Er theilte ſeinem zu Boden geſunkenen Begleiter dieſe Entdeckung mit und tröſtete, daß ſie morgen gewiß das Nilthal erreichen würden. Renvuard, der unfehlbar größere Geiſtesſtärke bewie⸗ ſen haben würde, wenn nicht die ſchweren körperlichen Verletzungen verdüſternd auf ſein Gemüth gewirkt hät⸗ ten, vernahm ziemlich theilnahmlos die Worte des treuen Nurmahal. Er reichte dem tröſtenden Knaben die matte Rechte. „Habe Dank für Deine Liebe,“ ſprach er,„Du haſt mir das Leben zu wiederholten Malen gerettet; gleichwohl ſcheint es dort oben geſchrieben zu ſtehen, S —8 S —— daß ich von hinnen gehe. Ueberlaſſe mich daher, Du getreue Seele, meinem Schickſale und ſuche Dich zu retten.“ „Wie ſprichſt Du wieder, guter Herr,“ rief Nur⸗ mahal, indem er Camille's Rechte an ſeine Bruſt drückte und mit Thränen bedeckte;„ich Dich verlaſ⸗ ſen? Nimmermehr. Wenn es nicht anders iſt, ſterbe ich mit Dir.“ „Nein, mein Nurmahal,“ erwiederte Renouard, „das will Gott nicht; Du haſt noch Kräfte genug; die ſollſt Du benutzen, um Dein Leben zu erhalten. Mir kannſt Du hier nicht helfen. D'irum lebe wohl, überlaß mich meinem Schickſal; ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht.“ Nurmahal warf ſich ſchluchzend bei ſeinem Herrn nieder. „Du darfſt nicht ſterben!“ rief er mit krampfhaf⸗ ter Heftigkeit;„wenige Stunden Ruhe im Schatten der Nacht, und Du wirſt Kräfte erhalten, die Wan⸗ derung fortzuſetzen.“ „Wenn ich umkomme im fremden Lande“, fuhr Camille fort,„und Du biſt ſo glücklich, unſer ſchö⸗ nes Frankreich wiederzuſehen, ſo kehre unmittelbar nach Deiner Ankunft im Schloſſe Saint Maurice ein, an der Grenze der Dauphins und Provence im De⸗ partement des Drömes gelegen.“ „Und was ſoll ich im Schloſſe Saint Maurice?“ frug Nurmahal, und ſeine Stimme zitterte. „Bringe der Tochter des Herrn von Montreuil, der holdſeligen Clemence, meine letzten Grüße und ſage ihr, daß ich ſie geliebt habe bis zum letzten Hauche meines Lebens.“ „Hah!“ rief der Knabe und mit einem Tone, der halb erſchrocken, halb ſchmerzensreich klang. 6 „Was iſt Dir?“ frug Camille und hob mühſam ſein Haupt empor. „Mir war,“ antwortete Nurmahal,„als vernähme ich in der Ferne das Brüllen eines Löwen.“ „Du täuſcheſt Dich,“ tröſtete Renouard,„es war die Nachtluft, die oft in ſeltſamen Tönen über die Flächen der Wüſte ſtreift.“ „Es iſt möglich,“ antwortete der Knabe gefaßter; „doch verſuche jetzt, etwas zu ſchlummern, theurer Herr, es wird Dich wunderbar ſtärken zur fernern Wanderung; auch ich will mein ermüdet Haupt ein wenig zur Ruhe legen.“ „Thue das, mein Nurmahal,“ ſprach Camille, in⸗ dem er dem Knaben nochmals die Hand reichte,„auf ein frohes Erwachen.“ Er ſtreckte ſich mit dieſen Worten auf den Wüſten⸗ ſand, der während der Dunkelheit etwas kühler ge⸗ worden, und entſchlummerte mit dem aufrichtigen Wunſche, daß dieſer Schlaf in einen ſanften Tod übergehen möge. Auch Nurmahal drückte ſein glühendes Antlitz in den Sand und gab ſich den Anſchein, als ſchlafe er; doch kaum vernahm ſein lauſchend Ohr die leiſen Athemzüge des Schlummernden, als ſich die Geſtalt des Knaben wieder emporrichtete und ſeine Blicke lange auf Renouard ruhten. „So iſt Seraphine wirklich vergeſſen?“ lispelten ſeine Lippen,„das Häuschen zu Auteuil, der alte Lindenbaum, Mutter Peril ganz vergeſſen? Weder im Fiebertraume, obwohl ich die alten Lieder ſpielte, noch ſonſtwo hat er ihrer erwähnt.“ Ein gewaltiger Schmerz ſchien die Bruſt Nurma⸗ hal's zu durchzucken; wiederholt preßte er, wie einſt im Krankenzimmer zu Alexandrien, als Camille's Munde — — —2 2 7 der Name Clemence entbebte, die kleine Hand krampf⸗ haft auf's Herz. Endlich ſchien ſich der innere Kampf zu legen. Ein Thränenſtrom brach aus den vertrock⸗ neten Augen, die Hände falteten ſich inbrünſtig zum Gebet, und der Frieden des Himmels ſank in die Bruſt des armen Nurmahal. „Dein Wille geſchehe, Vater im Himmel,“ ſprach er mit frommer Ergebung,„Du mußt es am beſten wiſſen, was Deinem Kinde frommt oder nicht. Nichts⸗ deſtoweniger ſoll mein Beruf entſchieden ſein. Stärke mich darum, mein himmliſcher Vater, heilige mich, erleuchte mich, auf daß ich ſein Engel werde.“ Nurmahals Blick fiel jetzt mit innigſter Liebe auf Camille, der ununterbrochen ruhig ſchlummerte. „Ruhe ſanft, Geliebter,“ ſprach leiſe der Knabe, „ſinket herab auf ihn, roſenrothe Träume, und er⸗ quicket ihn mit euerm himmliſchen Thaue, ich will für ihn nach einer Quelle ſuchen.“ Nit dieſen Worten erhob er ſich ſo leiſe wie mög⸗ lich, um den Schlafenden nicht zu erwecken, und eilte in die Wüſte hinaus, ob es ihm vielleicht gelänge, einen Brunnen ausfindig zu machen. Rings war tiefe Dunkelheit herabgeſunken. Weit und breit herrſchte, wie in einem Grabgewölbe, ein bruſtbeklemmendes Schweigen. Nurmahal's Tritte im Sande waren das einzige Geräuſch. Tief am Südhimmel ging das einſame Kreuz auf, ein Sternbild, welches die Bewohner nördlicher Ge⸗ genden nie zu Geſicht bekommen. Der Knabe ward wunderbar ergriffen, aber zu⸗ gleich auch wunderbar geſtärkt und erhoben, als er zu dieſem unbekannten Sternenhimmel aufſchaute. „Wie unbekannt ihr mir ſeid, ihr fernen Welten,“ ſprach er,„ſo iſt es doch auch mein Vater, der euch 8 erſchaffen; und der euch lenkt in unermeſſenen Bahnen, wird auch mir, ſeinem armen Kinde, die Vaterhand nicht entziehen.“ Doch wie weit ſich auch Nurmahal in die dunkle Wüſte wagte, ſo war ſein Suchen nach einer Quelle vergebens. Ermüdet und troſtlos kehrte er zu Camille zurück, neben welchen er niederſank und ſogleich ent⸗ ſchlief. Wie erſchöpft aber der Knabe auch war, ſo ge⸗ hörte ſein Schlaf und Traum doch nicht zu den er⸗ quickenden. Plötzlich fuhr er von einem wüſten Traum⸗ bild erſchreckt empor. Dichte Finſterniß umgab ihn; die Sterne hatten ſich trüb' umzogen und ſchimmerten fern und bleich durch den Nebel. Camille ſchlum⸗ merte ruhig zur Seite. Da ward die lautloſe Stille mit einem Male von einem Ton unterbrochen, der geeignet war, das Blut ſelbſt in den Adern des Be⸗ herzteſten zu erſtarren. Es war das Gebrüll eines Löwen, das ſich in weiter Ferne vernehmen ließ. Gleich dem Donner des Himmels rollte die Stimme des Wü⸗ ſtenkönigs in grauſenhafter Majeſtät meilenweit durch die Lüfte. Kaum aber war ſie erklungen, als es bald hier und da lebendig wurde. Alle ſchwächeren Thiere, fern und nah, wurden durch den Ruf ihres Königs aus dem Schlafe geſchreckt und eilten flüchtigen Fußes nach entfernten Gegenden. Man vernahm das Traben der Giraffen, Gazellen, Schakals und aller andern Be⸗ wohner der Wüſte.. Dieſes Traben der fliehenden Thiere, die man wegen der Dunkelheit nicht ſieht, bringt einen unheim⸗ lichen Eindruck hervor. Es hat etwas Geiſterhaftes, und ſelbſt der Beherzteſte kann ſich eines Schauers nicht erwehren. Nurmahal dankte Gott, als das Ge⸗ brüll des Löwen, der ſeine Richtung nach der Tiefe ——2— * —— ———— 9 der Wüſte genommen zu haben ſchien, entfernter klang und die vorige Stille wieder eintrat. Von Neuem ſank Schlaf auf die ermüdeten Augenlider, aus wel⸗ chem der Knabe erſt erwachte, als ein kühler Morgen⸗ wind über ihn dahinſtrich. Camille war bereits wach und fühlte ſich durch die nächtliche Ruhe bedeutend geſtärkt. Von Neuem keimte Hoffnung und Lebensmuth in ihm. Die Wanderer ſetzten ſich wieder in Bewegung. Man ſchlug diesmal eine andere Richtung ein und wendete ſich mehr zur Linken, indem man derjenigen Leitung folgte, welche der Polarſtern gegeben hatte. So lange die Morgendämmerung währte, war die Wanderung mit weniger Beſchwerlichkeit verbunden; aber kaum ſtieg die Sonne über die Wüſte empor, als die Qualen von Neuem begannen. Die Gluth ſtieg von Stunde zu Stunde. Bereits lange vor MWittag war weder Camille noch Rurmahal im Stande, weiter vorwärts zu dringen. Man grub ſich Höhlen in den Sand, über welche man Kleidungsſtücke ſpannte, um ſich einigermaßen vor den Strahlen der gerade über dem Haupte ſtehenden Sonne zu ſchützen. Der letzte Waſſervorrath in der kleinen Gummi⸗ flaſche, welche Nurmahal bei der Flucht mit entführt hatte, ging zu Ende, und noch immer zeigte ſich kein Brunnen, kein grünes Blatt, und meilenweit, wo im⸗ merhin der Blick verzweifelnd ſchweifte, ſank der Him⸗ mel auf das gelbe Sandmeer hernieder. Viele Stunden waren die Unglücklichen gezwun⸗ gen, unter dem glühendſten Durſte, unausgeſetzt auf ein und derſelben Stelle zu verbleiben; denn an Wei⸗ terwandern in dem Sonnenbrande war nicht zu den⸗ ken. Stumm, in einem der Verzweiflung nahen, träu⸗ meriſchen Hinbrüten ruhte Jeder in ſeiner Höhle, die einem glühenden Grabe nicht unähnlich war. 10 Erſt nachdem die Sonne ſich dem Untergange zu⸗ neigte, gedachte Nurmahal der Weiterreiſe und ver⸗ tröſtete auf die kühlen Stunden der Nacht. Aber Renouard ſchien jedem Troſte erſtorben. Er verharrte in ſeiner dumpfen Gefühlloſigkeit, ſo daß Nurmahal von Schrecken befallen ward, der Tod könne ſich des geliebten Freundes bemächtigen. Vergebens bemühte ſich der Knabe, den Halbträumenden zum Reden zu bringen; Camille gab nur wenige unverſtändliche Worte von ſich und verſank ſogleich wieder in den frühern lethargiſchen Zuſtand. In dieſem höchſten Drangſal langte Nurmahal die letzte Orange hervor, die er für dieſe äußerſte Noth aufgeſpart hatte, und reichte ſie dem Freunde zur Erquickung. Wirklich verfehlte die⸗ ſes Labſal auch ſeine wohlthätige Wirkung nicht. Der Halbohnmächtige erwachte zu neuem Bewußtſein. Unterdeß war die Sonne geſunken, und die dritte Nacht ſank auf den Wüſtenſand hernieder. Abermals leuchtete am Nordhimmel der wegweiſende Polarſtern, und am gegenüberliegenden Horizonte ſtieg das einſame Kreuz des Südens empor. Die Gummiflaſche war auf den letzten Tropfen geleert; wenn ſich daher mor⸗ gen das Rilthal nicht zeigte, ſo war dieſe Nacht die letzte der Wanderer; denn Nurmahal's Entſchluß ſtand feſt, den Tod des innig geliebten Freundes nicht zu überleben. Noch einmal erhob ſich nach eingetretener Dunkel⸗ heit der getreue Knabe, und durchkreuzte, von glühen⸗ dem Durſte gepeinigt, die Umgebung des Lagers, ei⸗ nen rettenden Brunnen ausfindig zu machen; es war alles Suchen vergeblich, nirgends einer zu entdecken. Zum Tode ermattet kehrte Nurmahal zu Camille zu⸗ rück. Er warf ſich verzweifelnd zu Boden. Kaum aber hatte er eine Stunde geruht, als ihn die Liebe für den Freund abermals auf die Füße brachte. 11 „Wenn es Dir irgend möglich iſt,“ ſprach er zu Camille, der durch den Genuß der Orange etwas ge⸗ ſtärkt worden war,„ſo wollen wir die Stunden der Nacht benutzen und wieder aufbrechen. Der Polar⸗ ſtern dort wird uns die Richtung nicht verfehlen laſ⸗ ſen: hoffentlich, daß wir mit dem Morgen das Nil⸗ thal erreichen. Es bedarf ſicher nur einer kurzen Strecke, und wir ſind gerettet.“ Renouard erhob ſich, einem Sterbenden gleich, vom Boden, und die Wanderung, obſchon ſehr langſam, ging wieder vorwärts. Man war gezwungen, häufig Halt zu machen, um neue Kraft zu ſammeln. So legte man in der Richtung nach Morgen während der Nacht mehrere Stunden zurück. Wieder graute der Oſten, wieder ſtieg der Tag empor, dieſelbe unermeßliche Einöde. Die beiden Wanderer, um den brennenden Durſt zu löſchen, wa⸗ ren wiederholt genöthigt, den während der Nacht ge⸗ fallenen Thau vom Sande aufzufangen. Aber das Verlangen nach Waſſer ward hierdurch nur vermehrt, denn jener Thau war, was unfehlbar von den in der Nähe gelegenen Natronſeen herrührt, mit Salztheilen ſo geſchwängert, daß er den Durſt zu einer wahrhaft qualvollen Höhe trieb. Wenn dem Sterblichen auf Erden die Sonne als ein Hoffnungsſtern, als ein Symbol des neuen Lebens und der Freude aufgeht, ſo erſchien den Wüſtenwan⸗ derern ſie diesmal als ein Bote des Todes. Nur mit Entſetzen ſchauten ihre Blicke nach Morgen, wo die gelbe Scheibe immer ſichtbarer aus Dünſten und Staub⸗ gewölken hervortrat. Bald ſanken die Unglücklichen von Neuem zuſam⸗ men. Die letzte Sonne ihres Lebenstages ſchien auf⸗ gegangen. Unfehlbar beſchien ihr Niedergang ihre Leichen. Noch einmal erhob ſich Nurmahal und ſchwankte durch die Wüſte; aber wohin auch der ſehn⸗ ſuchtsvolle Blick ſchweifte, nirgends ein Brunnen, eine Hoffnung, eine Erlöſung. Die Füße verbrannt vom glühenden Sande, fiel endlich der Knabe auf die Knie und faltete die Hände. „Dein Wille geſchehe, mein Vater im Himmel,“ betete er ergebungsvoll.„Du willſt es nicht mehr, daß wir ferner auf Deiner Erde wandeln; wir ſollen bei Dir leben. Empfange unſern Geiſt in Deinen himmliſchen Wohnungen; ich bin bereit, mit meinem Freunde zu ſterben.“ Noch eine geraume Zeit lag der fromme Nurma⸗ hal knieend auf dem Sande und bewegte die Lippen im heißen Gebet. Aber während er betete und ſich Gott immer in⸗ niger hingab und die Himmel des Gebets immer be⸗ ſeligender herabſanken— tönte plötzlich ein fernes, wunderbares Rauſchen, das, wie von einem leiſen Hauche getragen, bald leiſer, bald vernehmbarer an ſein Ohr ſchlug. Nurmahal lauſchte eine Zeit lang, wie im Traume, des ſeltſamen Tones. Er konnte ſich lange nicht über⸗ zeugen, ob das ſeltſame Geräuſch wirklich aus der Ferne komme oder ob es ſich blos in ſeinem Ohre bilde. Endlich ſprang er, von einem Hoffnungsſtrahl belebt, auf und eilte, ſo ſchnell ihn ſeine Füße zu tragen vermochten, gegen Morgen, wo er ſich nach einiger Zeit von Neuem zur Erde warf, das lauſchende Ohr auf den Sand gedrückt. Da rauſchte es immer deutlicher, wie ein großer, gewaltiger Strom, der ſich befruchtend durch hohe Ufer drängt. Der Gedanke, daß es der erſehnte Nil ſein könnte, trieb Freuden⸗ thränen in ſeine Augen, und wie mit magiſcher Ge⸗ walt gezogen eilte er immer weiter gen Morgen. — — 13 Plötzlich blieb er ſtehen, ſchaute eine Weile un⸗ verwandt nach Oſten und ſank betend zur Erde, die Arme hoch emporgehoben zum glühenden Sonnenhim⸗ mel,— ganz am äußerſten Horizonte tauchten, auf einer dunkelgrünen Linie, vereinzelte Palmen empor. Alle überſtandenen Leiden vergeſſend, eilte Nur⸗ mahal zu Camille zurück, um dieſem die Himmels⸗ botſchaft zu verkünden. Aber vergebens ſchlugen die belebenden Worte an das Ohr des am Boden Liegen⸗ den. Seine Augen hatten ſich geſchloſſen, und die ohnmachtähnliche Erſchöpfung war im Begriffe, in den ewigen Schlummer überzugehen. Nurmahal, welcher im erſten Schrecken ſeinen Freund ſchon für geſtorben hielt, fiel ſchreiend an ſeinem Kör⸗ per nieder; doch belehrte ihn bald der ſchwachklopfende Herzſchlag, daß noch Leben vorhanden ſei. Er rief den Ohnmächtigen mit den züärtlichſten Namen, aber die Angen Renouard's blieben geſchloſſen. Da zog der Knabe einen Dolch, und ſich eine Ader öffnend, ließ er die Purpurperlen ſeines Blutes dem am Bo⸗ den Liegenden in den halb geöffneten Mund träufeln. Gierig ſogen die Lippen Camille's die ſeltene La⸗ bung, während Nurmahal mit ſeligem Lächeln zu⸗ ſchaute, wie ſein Blut dahinſtrömte, um den geliebten Freund zu retten. So wie Renouard, wunderbar geſtärkt, die Augen von Neuem aufſchlug, zog der Knabe ſchnell den Arm zurück und verbarg ihn unter dem Gewande. „Haſt Du eine QOuelle gefunden?“ frug Camille mit ſchwacher Stimme. „O mehr, mehr!“ jubelte Nurmahal,„wir find am Ende der Wüſte; noch wenige Stunden, und wir ſind gerettet.“ Dieſe Rachricht wirkte auf den zum Tod Ermatteten 14 ſo belebend, daß er ſich halben Leibes emporrichtete und wie aus einem Traume erwachend umherſchaute. Dann zog er einen Ring vom Finger. „Nimm ihn als Dank für den Labetrunk,“ ſprach er, den Goldreif ſeinem Retter überreichend,„und be⸗ wahre ihn zum Andenken an die Wanderung in der Wüſte.“ Nurmahal empfing freudezitternd das mit ſeinem Blute theuer erkaufte Geſchenk. „Dieſer Ring ſoll mich nie wieder verlaſſen,“ ſprach er, indem er ihn an den Goldfinger der klei⸗ nen Hand ſteckte. Die Wanderer verſuchten jetzt, von der Hoffnung auf baldige Rettung geſtärkt, trotz des glühenden Sonnenbrandes, ihren Weg durch die Wüſte fortzu⸗ ſetzen. Aber ſie waren noch nicht weit gekommen, als ſie abermals ermattet dahinſanken. Man mußte noch⸗ mals die Schatten der Nacht erwarten, ehe man wei⸗ ter zu wandern vermochte. Diesmal würden ſowohl Camille als Rurmahal dem furchtbaren Klima erlegen ſein, wenn nicht die Palmen am Horizonte und das von Zeit zu Zeit da⸗ her tönende Rauſchen des Nils ihre letzten Kräfte wunderbar geſtärkt hätten. Mit Sonnenuntergange erſt war es möglich, dem gelobten Lande zuzupilgern. Aber die letzte Strecke der Wüſte ward zur längſten. Man kam nur äußerſt langſam vorwärts. Bei aller Anſtrengung bedurfte man die ganze Nacht, um das Ende der Wüſte zu erreichen. Dafuͤr war der folgende Morgen um ſo belohnender. Nicht mehr vom Wüſtennebel und Wüſtenſtaub umſchleiert, ſondern rein, klar, goldleuchtend ſtieg die Sonne, nach einer prächtigen Morgenröthe, hinter 15 Palmenwäldern empor, weit und breit ein irdiſches Paradies vergoldend. Unmittelbar an dem äußerſten Wüſtenſaum grenzte ein dunkelſchattender Dattelwald, in deſſen kühlem Grunde ſilberklare Quellen ſprudelten und deſſen ganze Atmoſphäre vom Dufte der Lorbeeren und Orangen, die hier in reicher Menge wuchſen, erfüllt war. Welche Gefühle wären denjenigen zu vergleichen geweſen, mit welchen die Wanderer nach der glühen⸗ den Wüſtenreiſe in das hohe, ſchwellende Moos, im tiefdunkeln Waldesſchatten hinſanken. Nachdem ſie Durſt und Hunger geſtillt, kehrte ein erquickender Schlummer ein. Das Gemurmel der Quellen lullte ſie in Schlaf, aus dem ſie erſt nach vielen Stunden neugeſtärkt erwachten. „Hat uns Gott bis hierher wunderbar beſchützt,“ ſprach Nurmahal,„wird er uns ferner ſeinen Schutz nicht verſagen.“ Man berieth jetzt, welcher Weg einzuſchlagen ſei. Aller Wahrſcheinlichkeit nach konnte man ſich nicht allzuweit von Cairo befinden. So ward beſchloſſen, dem Nile ſtromaufwärts zu folgen, aber nur die Nacht zur Reiſe zu wählen, um nicht von Neuem den Ara⸗ bern in die Hände zu fallen. Camille und Nurmahal lebten in ihrer Waldein⸗ ſamkeit nach den furchtbaren Strapazen, wie im Pa⸗ radieſe. Rings herrſchte tiefe Stille, nur vom Rau⸗ ſchen des heiligen Stroms unterbrochen, der in eini⸗ ger Entfernung durch's Thal floß. Nirgends war eine menſchliche Wohnung zu erblicken, welche hätte beſor⸗ gen laſſen, daß der Frieden dieſes ſchattenreichen Aſols könne geſtört werden. Vor Mangel waren ſie hin⸗ länglich geſichert, denn überall lauſchten die üppigſten Südfrüchte zwiſchen den Blättern hervor. 16 Nurmahal, der ein wenig auf Recognoſecirung aus⸗ gegangen war, kehrte mit der Nachricht zurück, daß weit und breit im Rilthale nirgends ein Dorf, noch ſonſt eine Wohnung zu erblicken und daß ſie vor dem Feinde vollkommen geſichert ſeien; dem war auch ſo. Kein lebend Weſen ſchreckte die Wandrer in ihrer Ruhe, die ſie bis zum Sonnenuntergange verlängerten. Während der folgenden Nacht drang man, ohne daß ein Abenteuer zu beſtehen geweſen wäre, eine ziemliche Strecke ſtromaufwärts. Man paſſirte ſelbſt mehrere Dörfer, ohne angehalten zu werden. Den nächſten Morgen aber, als die Wanderer hart am Nil⸗ ufer dahinſchritten, bot ſich ihnen ein grauſenhafter Anblick dar. Vor einem einzeln ſtehenden Hauſe, deſſen Bewohner wahrſcheinlich noch der Ruhe pflogen, ſah man ein Dutzend Köpfe auf Lanzen geſpießt. An der weißen Geſichtsfarbe erkannte man ſogleich, daß dieſe Köpfe Landsleuten angehört hatten, welche un⸗ fehlbar den Arabern in die Hände gefallen und er⸗ mordet worden waren. Nicht ohne Schauder verdoppelten Camille und Nurmahal ihre Schritte, um dieſen umheimlichen Ort ſo ſchnell wie möglich zu verlaſſen, und ſie erreichten bei lichter werdendem Tage ein dichtes Gehölz, in deſſen Schatten ſie Schutz ſuchten. Die Wanderer hatten indeß nicht lange der Ruhe gepflogen, als ihre Aufmerkſamkeit durch ein wildes Geſchrei in Anſpruch genommen wurde, das von Mi⸗ nute zu Minute näher kam. Da Camille gänzlich waffenlos war und Nurmahal nur einen Dolch beſaß, ſo bewaffnete man ſich in der Eile mit tüchtigen Stöcken, um nicht ganz vertheidigungslos dem Feinde in die Hände zu fallen. Vor dem immer näher kommenden Lärm, der nicht ſelten von Flintenſchüſſen unterbrochen ward, zogen ſich die beiden Flüchtlinge in das tiefere Waldes⸗ dunkel zurück, als ſie plötzlich von einem neuen Feind angegriffen wurden. Aus einem wilden Roſenſtrauche ziſchten zahlreiche Schlangenköpfe. Man hatte das Reſt einer Boa Conſtrictor aufgeſtört. Die Wanderer, von den giftgeſchwollenen Ungeheuern verfolgt, ſahen ſich jetzt gezwungen, in's freie Feld zu flüchten, wo ſie faſt augenblicklich einer Anzahl Araber in die Hände geriethen. Bei der Uebermacht des Feindes konnte der Kampf nur von kurzer Dauer ſein. Re⸗ nouard, ſo wie Nurmahal wurden zu Boden geworfen, mit Stricken gebunden und fortgeſchleift. Vergebens bemühte ſich Camille, ſeinen Kopf an den im Wege liegenden Steinen zu zerſchmettern, als mit Einem Nale mehrere Schüſſe fielen und der Araber, welcher ihn vorwärtsſchleppte, todt zuſammenſtürzte. Im Nu waren die braunen Geſellen, mit Zurücklaſſung der beiden Gefangenen, aus einander geſprengt, und aus der Ferne erſcholl ein ſiegesfreudiges„En avant!“ Jrtzt erſt konnten ſich Camille und Nurmahal für gerettet halten. Nicht weniger denn vierhundert Fran⸗ zoſen, unter Anführung des tapfern General Davouſt, waren, von Cairo kommend, an's Land geſtiegen, um an den Araberſtämmen des linken Rilufers, welche ſich des Mordes einer großen Anzahl Franzoſen ſchul⸗ dig gemacht, Rache zu nehmen. Davouſt traute ſeinen Augen kaum, als er Re⸗ nouard vor ſich erblickte, welcher im Hauptquartiere längſt für todt gegolten hatte und allgemein betrauert worden war. „Welch glückliches Zuſammentreffen!“ rief der General einmal über das andere, den Geretteten herzlich umarmend.„Wie preiſe ich meinen guten Stern, der Stolle, ſämmtl. Schriften. IM. 2 mich hier in der Nähe landen ließ und nicht einige Meilen tiefer, wie Anfangs meine Abſicht war; dann dürftet Ihr ſchwerlich lebendig die Zinnen Cairo's erblickt haben, denn das Land bis zur Hauptſtadt wimmelt von feindlichen Stämmen.“ Renvuard und Nurmahal ihrerſeit dankten nicht weniger dem Himmel, der ihnen in den tapfern Lands⸗ leuten Erretter geſandt. Wieviel konnten ſie erzählen von ausgeſtandenen Leiden und Abenteuern! Sie folgten dem Executionskommando bis Fuah. Erſt nach Verlauf zweier Wochen, nachdem Davouſt die bezeichneten Stämme gezüchtigt, kehrten ſie zurück und erreichten wohlbehalten Cairo. Zweites Rapitel. Crnſteneinyne, auf den höchſten Hügeln der Welt wie zum Scherze ausgebreitet, iſt ein Gemiſch alter und neuer Barbarei, keinem Volke, keiner Zeit, kei⸗ nem Sthle ausſchließlich angehörig— Cairo iſt Kaiſerſtadt und Fürſtenſitz, zwiſchen Wüſte und Wüſte geklemmt, ganz aus ſich hervorgewachſen, ohne irgend eine Beimiſchung an Stoff, Zeichnung oder Farbe, welche der Einheit des Bildes ſchade. Cairo iſt weder Europa noch Aſien angehörig, weder gelungene noch mißlungene Nachbildung griechiſcher, römiſcher oder fränkiſcher Muſter; Cairo iſt diejenige Stadt, in welcher die ſarazeniſche Baukunſt ihre höchſte Ent⸗ wickelung erreichte und ihre größten Werke aufge⸗ ſtellt hat. 19 Vier ſich an einander reihende Hauptgemälde, wo⸗ von jedes einen andern Charakter zeigt, bilden das große Panorama von Cairo. Im Norden die Vorſtadt Bulak mit Hafen und zahlreichen Schiffen; der goldene Nil in vielfachen Krümmungen durch grüne Ufer ſich windend; zur Rechten der ausgetretene Fluß einem Meere gleich, aus welchem hochgelegene Dörfer unter dem Grün der Palmen und Sokomoren hervorragen. Weiter im Hintergrunde die große Hauptſtadt ſelbſt, an einen Abhang ſich lehnend, der mit Moſcheen, Paläſten und Minarets reich bedeckt und von alten Burgen und Feſtungswerken umzogen iſt. Die hohe Sokomore, die ſchlanke Palme bilden, kräftig grün, den Vordergrund. Endlich zur Rechten Alt⸗Cairo, das ſich abwärts an die prächtige Stadt der Gräber ſchließt, welche mit ihren zahlloſen Monumenten in die Wüſte ſich verliert; wo dann die Wunder der alten Welt, die Phrami⸗ den, im Glanze der Abendſonne das reiche Gemälde begrenzen. Groß und gewaltig, aber höher denn alle Paläſte und Minarets, ſteigt aus dem Häuſermeer die Haſſan⸗ Moſchee empor, das großartigſte Denkmal ſarazeniſcher Baukunde im Morgen⸗ und Abendlande. Dieſe gewal⸗ tigen Maſſen erfüllen die Seele mit Sicherheit; der hohe Schwung in ihrer Anlage und Zeichnung erweckt dichteriſche Begeiſterung, und die vollendete Ausführung läßt in dem Beſchauer eine ruhige Klarheit zurück. Von ihren himmelhohen Zinnen überſchaut man die „Mutter der Welt“, wie Cairo von den Völkern des Morgenlandes genannt wird, die Paläſte alter und neuer Pracht, Ruinen und Bazare, die ungeheure Todtenſtadt, das Rilthal in ſeiner ganzen Breite, von Wüſte zu Wüſte, die unermeßliche Fläche 4 den Ph⸗ * 20 ramiden von Gizeh bis zu denen von Sakara, deren Spitzen fern in Oberägypten zu den Wolken ſteigen. Cairo zählt ungefähr drei Stunden im Umfange und grenzt an mehreren Orten theils an das unfruchtbare Felſengebirge Mokkatam, theils an wüſte Gegenden. Zur Zeit der franzöſiſchen Oeceupation ſchätzte man die Anzahl ſeiner Bewohner auf Viermalhunderttauſend. Der äußere Anblick der Stadt entſpricht keines⸗ wegs ihrem Innern. Die Straßen ſind eng und ungepflaſtert, die Häuſer zwar hoch, aber nur von Lehm und Backſteinen aufgebaut. Da die Fenſter meiſt in den innern Hofraum gehen, ſo gewähren die Wohnungen das Anſehen von Gefängniſſen. Da⸗ gegen nehmen ſich die vielen reich mit Bäumen und Blumen bedeckten Terraſſen und platten Dächer, die wie hängende Gärten in der Luft zu ſchweben ſchei⸗ nen, höchſt anmuthig aus. Cairo zählt an hundert öffentliche Bäder, zahlreiche Bezare, Kaffechäuſer und öffentliche Vergnügungsorte. Zwanzigtauſend Maulthiere ſind in den Straßen von Cairo fortwährend in Bewegung, da nur Bettler und Selaven zu Fuß gehen. Es iſt Mittag, der dreiundzwanzigſte Juli, als Bonaparte an der Spitze ſeines Heeres in Cairo ein⸗ zieht, nachdem zwei Compagnien der zweiunddreißig⸗ ſten Halbbrigade Tages zuvor, unter Anführung des tapfern Generals Dupuis, Beſitz von der Citadelle genommen haben. Faſt die ganze Bevölkerung der Stadt iſt auf den Füßen. Die Beſieger der Mameluken werden überall mit ehrfurchtsvoller Neugier betrachtet. Die Freund⸗ lichkeit auf den Geſichtern der Franzoſen, die Heiter⸗ keit ihres Charakters ſetzen die nur an barbariſche Phyſiognomien und an eine tyranniſche Behandlung gewöhnten Bewohner Cairo's in Erſtaunen. 2¹ Ruhig und ſichern Schrittes rücken die Colonnen der Sieger in den Straßen vor. Das Volk vergleicht dieſe Ordnung, dieſe Ruhe mit dem mißtrauiſchen Benehmen ſeiner Tyrannen, welche nie anders als im Galopp durch die Straßen ſprengten. Unmittelbar nach dem Einzuge der Franzoſen wird von dem erſten Mufti der Hauptmoſchee von Groß⸗ Cairo ein Lobgeſang angeſtimmt, worin der Triumph der Tapferkeit des Abendlandes und des Lieblings des Sieges geprieſen wird. Bonaparte ſchlägt ſein Hauptquartier in Elfi⸗Bey's Hauſe auf, welches an dem einen Ende der Stadt gelegen iſt und deſſen Garten mit dem freien Felde in Verbindung ſteht. Seine erſte Sorge iſt, dem Ge⸗ neral Deſair die nöthigen Inſtructionen zu ertheilen, den nach Oberägypten zurückgegangenen Murad⸗Beh zu verfolgen und wo möglich zu vernichten. Aehn⸗ liche Befehle erhält General Reynier, welcher abge⸗ ſendet wird, den ſich in die Gegend Syriens zurück⸗ ziehenden Ibrahim⸗Beh zu beobachten. Kleber commandirt noch immer zu Alerandrien, Menou in Damiette, Dumuy in Damanhur. Andere Generale werden nach anderen Gegenden geſandt. Die allgemeine Inſtruction an alle dieſe Militairs lautet, die Einwohner zu entwaffnen, Pferde für die Cavallerie zu requiriren, Krankenhäuſer zu errichten, Backöfen für die Armee zu erbauen und die Forts an den Nilmündungen wieder herzuſtellen. Ferner ſollen ſie in den verſchiedenen Landesdiſtrie⸗ ten Divans organiſiren, Steuern und Zölle erheben und die Proclamationen verbreiten. Dieſe Divans haben folgende Grundſätze zu befol⸗ gen: Für das Intereſſe der Provinz zu ſorgen; dem Oberbefehlshaber alle Klagen zu berichten, die Kriege 22 unter den Dörfern zu verhüten; die Taugenichtſe zu beaufſichtigen und zu beſtrafen; das Volk, ſo oft es nöthig, über ſein Intereſſe aufzuklären. Um Ordnung zu halten und ſich Gehorſam zu ver⸗ ſchaffen, ſollen jedem Divan ein Janitſcharenaga mit ſechzig Mann Bewaffneten zu Gebote ſtehen. Mit Ausnahme des Beſitzthums der Mameluken, das, nach den Geſetzen des Kriegs, vor der Hand als dem Sieger gehörig betrachtet wird, iſt jedem Aeghpter ſein Eigenthum geſichert. Dahin ſind alle den Moſcheen zugehörige Stif⸗ tungen zu rechnen. Ferner behalten alle bürgerlichen Verträge ihre bindende Kraft; ſo wie auch bei der bürgerlichen Rechtspflege das zeither beobachtete Ver⸗ fahren beibehalten wird. Bonaparte ſelbſt hat den Divan von Cairo er⸗ nannt, der aus neun Mitgliedern beſteht und ſich täg⸗ lich um die Mittagsſtunde verſammelt. Vor der Thür des Sitzungsſaales ſteht eine franzöſiſche und eine türkiſche Schildwacht. Die arabiſchen Horden kümmern ſich indeß wenig um dieſe Inſtitutionen der europäiſchen Civiliſation, wie ſehr man ſie auch den türkiſchen Sitten und Ge⸗ bräuchen anzupaſſen bemüht iſt. Sie necken und über⸗ fallen beſtändig die vereinzelten Truppenabtheilungen und unterbrechen die Verbindung zwiſchen Cairo, Alerandrien, Abukir und Roſette. Alle Proclamationen Bonaparte's, ſie mögen ftiedlich oder drohend abgefaßt ſein, helfen nichts. Sämmtliche Generale in den Provinzen müſſen aufbrechen, um rebelliſche Dörfer zu züchtigen. Der Oberbefehlshaber ſelbſt hat ihnen Befehle dazu ertheilt. „Dieſe Araber,“ ſchreibt er,„ſind nur durch die 23 größte Strenge in Ordnung zu halten. Ich laſſe täg⸗ lich in den Straßen Cairo's ſechs bis ſieben Köpfe abſchlagen. Wir mußten ſie bisher ſchonen, um den Schrecken, der uns voranging, zu vernichten; jetzt da⸗ gegen muß mit dieſem Volke auf eine Art verfahren werden, die uns Gehorſam verſchafft. Bei ihnen heißt gehorchen ſich fürchten.“ Bevor die Mameluken nicht gänzlich aus Aegypten vertrieben oder unterworfen ſind, kann die Lage der Franzoſen nicht für geſichert betrachtet werden. Bonaparte verſucht zuerſt den Weg der Güte und ſendet einen Unterhändler an Murad⸗Bey. Er läßt ihm unter der Oberhoheit Frankreichs das Gouverne⸗ ment der Provinz Gizeh anbieten. Murad verwirft dieſen Antrag. Ibrahim⸗Bey erwartet auf dem rechten Ufer des Nils die Rückkehr der Karavanen von Mekka, um ſich mit den Mameluken der Eskorte zu verſtärken und einen mit Murad-Bey verabredeten Angriff aus⸗ zuführen. Inzwiſchen ſucht er die Fellahs des Delta und die Bewohner von Cairo zum Aufruhr zu reizen. Da Rehnier, welcher zur Bekämpfung Ibrahim's abgeſchickt worden iſt, nicht über hinreichende Streit⸗ kräfte zu gebieten hat, um demſelben mit Energie entgegen zu treten, ſo bricht Vonaparte in eigener Perſon gegen Ibrahim auf. Er will ihn von dem Schauplatze der Hauptoperationen abſchneiden und Aegypten wenig⸗ ſtens von einer Seite ſchließen und dem Einfluſſe der Mameluken unzugänglich machen. Deſair bleibt während Bonaparte's Abweſenheit mit außerordentlichen Vollmachten zurück. Er hat den doppelten Zweck, die Provinz Gizeh zu überwachen und als Reſerve für die Hauptſtadt zu dienen. Je⸗ nachdem es die Umſtände fordern, kann er außer über 24 ſeine Diviſion auch über die Beſatzung Cairo's ver⸗ fügen. Seine Hauptmacht, die den Auftrag hat, Murad⸗ Bey in Oberägypten zu bekämpfen, ſteht in einem verſchanzten Lager oberhalb Gizeh am linken Ufer des Nil. Die Vorpoſten der Franzoſen und Mameluken trennt nur eine Flintenſchußweite. Es werden mobile Colonnen gebildet, um gegen die Araber und die aufrühreriſchen Fellahs zu agiren. So oft jedoch der Feind in die Flucht geſchlagen wird, eben ſo oft kehrt er zurück, meiſt in der Abſicht, Beute zu machen. Endlich befiehlt Bonaparte, daß der Gouverneur von Cairo ihn von allen Ereigniſſen, die außerordent⸗ liche Maßregeln erfordern, in Kenntniß ſetze; ferner, daß der Commiſſair beim Divan ihm alle Tage Bericht über die Sitzungen erſtatte; endlich, daß täglich ein Offizier unter einer Escorte von ſechzig Mann mit Depeſchen an ihn abgeſchickt werde. Erſt nachdem der umſichtige Feldherr alle dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen, reiſt er zur Angriffs⸗ Colonne gegen Ibrahim ab. Unterwegs trifft man auf die Caravane von Mekka, welche von Ibrahim unter dem Vorwande, ſie vor den Franzoſen zu ſchützen, ſelbſt geplündert worden iſt. Die franzöſiſche Avantgarde greift die Räuber an und nimmt ihnen einen Theil der Beute, aus ſechshundert Kameelen beſtehend, wieder ab. Von einem der Kauf⸗ leute erfährt Bonaparte, daß ihm die Araber nicht weniger denn zweimalhunderttauſend Thaler an Shawls und indiſchen Stoffen geraubt haben. Dieſe Caravane von Mekka hat theils einen reli⸗ giöſen, theils einen merkantilen Zweck. Sie geht von den äußerſten Grenzen des marokkaniſchen Reichs ab, nimmt unterwegs alle Pilger von Algier, Tunis, Tri⸗ 25 polis auf und kommt nach Cairo, um im Verein mit der ägyptiſchen Caravane, der ſie eine Tagereiſe vor⸗ oder nachgeht, die Reiſe nach Mekka fortzuſetzen. An ſie ſchließen ſich alle die Kaufleute, welche feine Waa⸗ ren, wie Tücher, Cochenille, Gewürznelken, nach Ara⸗ bien fuͤhren und von da Kaffee, Shawls, Eſſenzen und andre koſtbare und leicht transportirbare Stoffe zurückbringen. In den erſten Zeiten, als dieſe Caravane nur einen religiöſen Zweck hatte, wurde ſie von den Arabern und Beduinen reſpectirt; als ſie aber einen faſt nur evm⸗ merciellen Charakter annahm, erregte ſie die Habgier derſelben. Später gewährte ihr der Sultan ſeinen Schutz und ſtellte einen Beamten an, welcher den Namen„Fürſt der Pilger“ führte. Endlich reichte aber auch dieſer großherrliche Schutz nicht mehr aus, und die Caravane ſah ſich genöthigt, den räuberiſchen Arabern einen förmlichen Tribut zu entrichten, wollte ſie verſchont bleiben, und trotzdem wurde ſie von Zeit zu Zeit angegriffen. Dreißig Stunden von Cairo liegt Salochnih. Dies iſt der letzte bewohnte Ort von Aegypten. Von hier beginnt die funfzig Stunden lange Wüſte, wel⸗ che Aegypten von Shrien trennt. Hier trafen die Franzoſen mit Ibrahim zuſammen. Es entſpann ſich ein äußerſt hitziges und hartnäckiges Gefecht. Nie fochten die Mameluken mit größerem Muthe. Das Gewühl war fürchterlich. Die franzöſiſche Cavallerie kämpft mit den Mameluken Mann gegen Mann. Weit und breit dampft und donnert die Erde. Die Fran⸗ zoſen lernen diesmal beſonders die furchtbare Wir⸗ kung der Damascener kennen. Die Säbel der Feinde dringen durch Knochen und Hirnſchalen. Zahlreiche Köpfe und Arme, letztere oft noch das Schwert in der Fauſt, fliegen wie im Ringelrennen von den Rümpfen. Nichtsdeſtoweniger vermag ſich Ibrahim zu halten. Von etwa tauſend Mameluken begleitet, entflieht der Beh mit Zurücklaſſung ſeiner ſämmtlichen Artillerie, vieler Kameele und eines zahlreichen Gepäcks in die Wüſte. Er iſt bemüht, Syrien zu erreichen. Die Franzoſen erbeuten türkiſche Shawls in ſo großer Menge, daß ſie die unbedeutendſten Gegen⸗ ſtände in dieſe koſtbaren Stoffe wickeln. Bonaparte hält den Augenblick für günſtig, auch mit dem fliehenden Ibrahim in Unterhandlungen zu treten. „Die Uebermacht der Streitkräfte,“ ſchreibt er unmittelbar nach dem Gefechte von Salochnih,„die mir zu Gebote ſtehen, kann wohl nicht bezweifelt wer⸗ den. Ihr ſeid nun aus Aeghypten vertrieben und ge⸗ nöthigt, durch die Wüſte zu ziehen. In meiner Groß⸗ muth könnt Ihr allein das Glück und Vermögen, das Euch vom Schickſal genommen wurde, wieder finden. Laßt mich daher Eure Geſinnung wiſſen.“ Auf dieſen Brief erfolgte keine Antwort. Da begnügt ſich Bonaparte nicht, den Ibrahim und ſeine Mameluken aus Aegypten vertrieben zu haben. Er muß auch ihre Rückkehr verhindern und auf Mittel ſinnen, mit einer Armee nach Syrien zu marſchiren, falls ſich der Feind auf dieſer Seite zei⸗ gen ſollte. Der Oberfeldherr beſchließt daher, Sa⸗ lochnih zu befeſtigen und ein Magazin von Lebens⸗ mitteln für dreißigtauſend Mann auf einen Monat anzulegen. General Rehnier erhält Befehl, für dieſen Zweck mit ſeiner ganzen Diviſion zurückzubleiben. Die Trümmer der Caravane von Mekka werden von den Franzoſen nach Cairo geleitet. Bonaparte, von dem Gegner zur Linken befreit, kehrt ebenfalls nach der Hauptſtadt zurück. 10 — Drittes Rapitel. — In der ſchönen, von Sykomoren und Akazien einge⸗ faßten Allee, welche von der Vorſtadt Bulak nach dem eine Stunde entfernten, reizend gelegenen Luſtorte Schubra führte, ritt, vom treuen Rurmahal begleitet, Camille Renouard, um dem Obergeneral, der ſich in genanntem Orte aufhielt, ſeine Aufwartung zu machen. Der Morgen war ſchön und erquickend; aus den zahlreichen benachbarten Gärten wehte Blumenduft. Die Landſchaft glich einem Paradieſe, einem wahr⸗ haften Garten Gottes, ſo reich und üppig prangte die Pflanzenwelt. Wo der Blick hinfiel, ſchauten dünne Minarets aus Orangenwäldchen oder ruhten tauſend⸗ jährige Ruinen im ernſten Schweigen, von Blumen und Blättergrün fröhlich überzogen. Die Mutter der Welt mit ihren zahlreichen Kup⸗ peln und Thürmen verſchwand hinter Palmenwäldern, und nur die großartigen Steinmaſſen der Haſſan⸗ MWoſchee und das hinter Cairo emporſtrebende Makkatam⸗ gebirge ragten über die grünen Wipfel hervor. Die beiden Reiter, in den Anblick der wunder⸗ ſchönen Gegend verſunken, ritten lange ſtumm neben einander her. Endlich brach Camille das Schweigen. „Von unſeren Freunden und Reiſegefährten auf der Rilfahrt“, frug er,„iſt Dir alſo keiner wieder zu Geſicht gekommen?“ „All' mein Nachforſchen“, erwiederte Nurmahal, „blieb bis jetzt vergeblich; der Wahrſcheinlichkeit nach ſind ſie umgekommen.“ „So wären wir von der ganzen Geſellſchaft die Einzigen, die ſich gerettet hätten?“ fuhr Camille fort. 28 „So ſcheint es,“ ſprach der Knabe;„Gott hat wahrhaftig Wunder an uns gethan.“ „Armer Profeſſor,“ ſeufzte Renouard,„ſo muß⸗ teſt Du ſo zeitig ein Opfer Deines wiſſenſchaftlichen Eifers werden!“ „In den Grenadieren Laroche und Vial“, ſprach Nur⸗ mahal,„verliert die Armee zwei ihrer tapferſten Männer.“ „Und auch Dich, einſtiger Spielgefährte, ehrlicher Baptiſt,“ klagte Renouard weiter,„hab' ich verloren; Du vergegenwärtigteſt mir immer die ſchöne Jugend⸗ zeit, die ich in Saint⸗Maurice verbrachte. „Lebt Euch doch die Spielgefährtin in jenem Schloſſe,“ tröſtete Nurmahal in ſeltſamem Tone. „Sie wird den Abenteurer längſt vergeſſen haben,“ meinte Camille,„der ihrem geſtrengen Vater zum Trotz unter die Soldaten ging.“ „Wahre Liebe“, verſetzte Nurmahal,„iſt nicht ſo vergeßlich.“ Camille erwiederte nichts; er gab ſeinem Maulthiere die Sporen, daß es in einen ſehr lebendigen Trapp fiel, ſo daß ihm Nurmahal kaum zu folgen vermochte. Die ſchlanken Minarets des reizend gelegenen Schubra ſchauten durch Gruppen von Myrtenbäumen, und bald hielt man vor dem vergoldeten Gitter, welches durch den ſchönſten Garten der Welt nach dem Luſtſchloſſe führte, wo Bonaparte ſeit einigen Tagen reſidirte. Da der Feldherr ſo eben den Abgeſandten meh⸗ rerer mächtigen Araberſtämme, die ſich Frankreich unter⸗ worfen hatten, Audienz ertheilte, ſo ward Camille und ſeinem Begleiter hinreichende Muße, den reizenden Garten mit aller Bequemlichkeit zu durchwandern und in Augenſchein zu nehmen. Das ganze blühende Gebiet war von gradlinigen Wegen durchzogen, die ſich in verſchiedenen Winkeln auf ſonnetriſche Weiſe kreuzten. Die Alleen, Runden und Ruheplätze waren mit den mannigfachſten Baum⸗ arten maleriſch eingefaßt. Bald waren es Cypreſſen, bald Akazien, bald Frucht- und Gummibäume, bald Pappeln und Palmen, die auf geſchmackvolle Weiſe mit einander abwechſelten. Wege und Runden glänzten auf das Prachtvollſte von farbigen Steinchen; letztere, eine Nachahmung von Teppichen, waren muſiviſch gefaßt, und Blumen aller Gattungen ſäumten die Einfaſſungen. In morgenländiſcher Pracht leuchteten und dufte⸗ ten Balſaminen aller Farben, Jonquillen, Goldblumen, reizendes Immerſchön, perſiſche und indiſche Roſen. Der Oleander mit ſeiner Blüthenkrone prangte hier als ein ſtattlicher Baum. Die erſten Abtheilungen des Gartens, zunächſt dem Eingange, beſtanden aus lauter blühenden Orangen⸗ beeten. Weiter hinein erſchienen veredelte Fruchtbäume aus allen Gegenden der Erde. Dieſe ſämmtlichen Gartenanlagen umgaben einen Pavillon von weißem Marmor. Ein Marmorbecken, achtzig Fuß im Gevierte, ward von einem dreißig Schritte breiten, Säulen tragenden, bedeckten Gange, gleichfalls aus Marmor, in der feinſten Ausführung umgeben. Aus jeder der vier Ecken dieſes Ganges trat man in einen prächtigen Saal mit Seitengemächern, in vrientaliſchem Geſchmacke reich decorirt; und aus die⸗ ſem wieder durch vier ſchöne Pforten, die nach allen vier Himmelsgegenden hinausgingen, in den Garten. Das großartige Marmorbecken war rings mit reich⸗ verzierten Blumenvaſen, die gleichfalls aus Marmor gearbeitet waren, beſetzt. In ſeiner Mitte erhob ſich 30 maleriſch ein anderweites, nur fünfundzwanzig Fuß im Gevierte meſſendes Becken, deſſen Ecken eingekrümmt und überaus reich mit Steinarbeiten verziert waren. Wenn alle Waſſer ſpielten, ſtieg aus der Ritte des einen Beckens eine hohe Waſſerſäule, während aus den verſchiedenen Ecken vierundzwanzig Krokodile Waſſer ſpieen, das von dem Rande des großen Mar⸗ morbeckens durch zahlreiche Löwen- und Schlangen⸗ köpfe wieder zurückgeworfen wurde. Der Glanz des Marmors, die Bildhauerarbeiten in Guirlanden und anderem Schmucke, der von Grei⸗ fen und Löwen gehalten; die Lage des ganzen Pa⸗ laſtes zwiſchen Bäumen und Blumen aller Welt⸗ theile; endlich der Ausblick auf die reichſte Landſchaft, durch die ſich der Ril zog und in der Ferne die ewi⸗ gen Pyramiden, brachten auf den Beſchauer mehr als einen blos entzuckenden, einen wahrhaft berauſchenden Eindruck hervor. „Die Extreme berühren ſich überall,“ ſprach Re⸗ nouard, mit Rurmahal die blühenden Gänge entlang wandelnd;„hier dieſe wundervolle Vegetation, dieſer Reichthum und Lurus, und dort die Wüſte, wo kein Halm gedeiht und an ihrem Rande die Lehmhütte des unglücklichen Fellah, deſſen ganze Habe aus zwei irdenen Töpfen beſteht.“ Nachdem Bonaparte den Arabern ſeine friedlieben⸗ den Geſinnungen wiederholt verſichert und ein Frie⸗ densbündniß abgeſchloſſen, werden die Geſandten ent⸗ laſſen. Der dienſthabende Adjutant meldet den Ober⸗ lieutenant Renouard. Bei dieſem Namen heitert ſich das Geſicht des Generals ſichtbar auf. Der Angemeldete muß ſogleich erſcheinen. Bonaparte kommt dem Eintretenden einige Schritte entgegen. 31 „Endlich!“ ruft er, nicht ohne Wohlgefallen die ſtattliche Jünglingsgeſtalt betrachtend. Nach einer Pauſe ſetzt er mit unbeſchreiblichem Zauber hinzu:„Fürwahr, der Sieger von Alerandrien läßt lange auf ſich warten!“ Hierauf vertraulich näher tretend und Renouard auf die Achſel klopfend, ſpricht er im Tone gutmüthi⸗ gen Vorwurfs:„Aber, Camerad, die Pyramidenſchlacht zu verſäumen!“ Camille war bezaubert von dieſer Huld des Helden. „General!“ erwiedert er begeiſtert,„die Phramiden⸗ ſchlacht wird nicht unſer letzter Sieg geweſen ſein.“ „Es war eine glänzende Affaire!“ fuhr Bona⸗ parte fort,„ich wünſchte, Ihr wäret dabei geweſen. Wie gefällt ſich Kleber in Alexandrien?“ Camille theilte über dieſen General mit, was er glaubte, das den Oberfeldherrn intereſſiren konnte. Letzterer erkundigte ſich hauptſächlich nach der Stim⸗ mung der Bewohner in der genannten Stadt. Selbſt die unſcheinbarſten Gegenſtände ſchienen ihm der Beach⸗ tung werth, und er erkundigte ſich darnach. Die Nil⸗ fahrt nahm nicht weniger ſeine Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch. Renouard mußte eine ausführliche Reiſe⸗ beſchreibung liefern. Daß Kleber ihm ſo geringe Bedeckung mitgegeben hatte, galt ihm für einen unverantwortlichen Fehler. „Uebrigens,“ ſprach er nach einer Weile,„werden die Buſchkleppereien der Araber bald ihr Ende erreicht haben. Die Zeit der Gnade iſt vorüber; ich habe die ſtrengſten Maßregeln ergriffen. Wenn meine Generale in meinem Geiſte handeln, wird man im Rillande bald ſo ſicher reiſen, wie in Frankreich.“ Wohl über eine Stunde hatte die Unterredung gewährt, während welcher man in den prachtvollen — 32 orientaliſchen Gemächern auf- und niedergeſchritten war. Plötzlich blieb Bonaparte unter der einen Pforte ſtehen, von welcher man in der Ferne die Pyramiden zum Himmel ſteigen ſah. Sinnend ruht ſein Auge eine Zeit lang auf den ehrwürdigen Denkmalen der Vor⸗ zeit. Dann wendet er ſich zu Renouard. „Ihr waret der Erſte,“ ſprach er,„der Frankreichs Fahne auf die Mauern von Alexandrien pflanzte; ſeid auch der Erſte, der die Spitze der Phyramide des Ceops mit der Tricolore ziert.“ „Unſere Gelehrten“, fuhr er fort,„brennen vor Verlangen nach jenen Denkmalen; ſie quälen mich täg⸗ lich, daß ich ſie hinführen laſſe. Rehmt alſo zweihun⸗ dert Mann aus der neunundfunfzigſten Halbbrigade und führt die Gelehrſamkeit nach den Phramiden. Als Zeichen aber unſerer Siege laßt Frankreichs Fahne von den erhabenen Gipfeln wehen.“ Mit dieſem ehrenden Auftrage ward Renouard ent⸗ laſſen. Bonaparte zog ſich in ſein Cabinet zurück, von wo die weiſen Geſetze zur Civiliſirung Aeghptens ausgingen. Nachdem der von ſo großer Huld berauſchte Re⸗ nouard den Landſitz Bonaparte's verlaſſen hatte, um⸗ ritt er ganz Cairo, um die berühmte Stadt der Gräber zu beſuchen, von der er ſo viel hatte erzäh⸗ len hören. Die Stadt der Gräber oder der Todten liegt oberhalb der Hauptſtadt und iſt von größerem Umfange als dieſe ſelbſt. Hier haben alle Familien ihre Be⸗ gräbniſſe, und eine Menge Moſcheen, Minarets und Kuppeln bewahren das Andenken der hier ruhenden Großen. Eine das Gemüth tief ergreifende Stille herrſcht über der großen Gräberſtadt; wohin das Auge fällt, erblickt es nichts als Grabmäler von weißem 33 Marmor. Einſam ſpielte der Wind in den Gipfeln der hohen Pinien und Cypreſſen, welche die Todten⸗ ſtadt beſchatten. Das üppige Gras unter einer hohen Shkomore, welche ein uraltes mit Hieroglyphen bedecktes Denk⸗ mal in ihre ſchweigenden Se u bot ein ſo verlockendes Ruheplätzchen dar, daß Camille der Luſt nicht widerſtehen konnte, hier abzuſteigen und ein we⸗ nig auszuruhen. Dieſe Kühle und Stille hatte etwas ungemein wohlthuendes nach langem Ritt durch men⸗ ſchenbelebte Gegenden. Camille ſtreckte ſich mit wahrhaft vorientaliſcher Behaglichkeit in das weiche, duftende Gras, während Nurmahal ihm auf einem zierlichen Tellerchen mit der einen Hand Orangen präſentirte, mit der andern aber einen kleinen Krhſtallbecher voll des köſtlichſten Rhein⸗ weins kredenzte, welche Genüſſe der beſorgte Diener in dem Flaſchenfutterale ſeines Maulthieres mit ſich geführt hatte. 5 Ich habe fürwahr alle Anlage, ein Türke zu werden,“ ſcherzte Camille, indem er voller Wohlbeha⸗ gen die holdſeligen Perlen des Rheingaues über die Zunge gleiten ließ;„es muß an dem Himmel liegen, aber man wird hier zu Lande träge und liebt die Ruhe.“ „Als Türke müßtet Ihr vor allen Dingen auf den Wein verzichten,“ erwiederte lächelnd Nurmahal; „auch dürfte“, fügte er etwas leiſer hinzu, gegen das Türkenthum Fräulein von Montreuil mancherlei Bedenken haben.“ „Sie lebe hoch!“ rief Renouard, in Rückerinne⸗ rung verſunken, während Nurmahal den Becher von Neuem füllte;„wenn wir zur ſchönen Provence zu⸗ rücktehren, ſollſt Du ſie kennen lernen, die Herrliche, Stolle, ſämmtl. Werke. II. 3⁴ und Du wrirſt dann finden, daß ich in Beſchreibung ihrer Reize nicht übertrieben habe.“ „Iſt ſie auch ſo gut als ſchön?“ frug Nurmahal nicht ohne Schüchternheit. „Ein Engel iſt ſie,“ rief Camille von Wein und Ruͤckerinnerung in gleichem Grade begeiſtert.„Ihr himmelvolles Herz blickt ja aus ihren Augen. Kein weiblich Weſen kann ihr an Seelengüte gleichen.“ „Wirklich nicht?“ frug Nurmahal in ernſtem Tone. „Doch nein, daß ich nicht lüge,“ fuhr Camille fort,„in Paris lebt auch noch ein weiblicher Engel. Auch er ſoll leben; mög' es ihm immer wohlergehen!“ Nurmahal hatte ſich bei dieſem Trinkſpruche ab⸗ gewandt, und ſein Blick ruhte ſchweigend auf der Stadt der Gräber. „Hätten wir nur einen unſrer Dichter hier,“ ſprach Camille, dem immer poetiſcher zu Muthe ward,„oder einen Philoſophen; inmitten dieſer verſunkenen Welt müßte es ſich prächtig mit anhören.“ „Ich habe nur den Volney, dieſen treuen Maler des Landes Aegypten, bei mir,“ erwiederte Nurmahal. „Den Volneh?“ rief Renouard,„das trifft ſich ja herrlich; lies mir doch gleich, lieber Nurmahal, die ergreifende Stelle, wo er die Trümmer der Vorwelt anredet. Hier in dieſer Gräberſtadt, in dieſer heiligen Stille, kann es gar keine paſſendere Lectüre geben.“ Nurmahal zog das Buch hervor und ſchlug die bezeichnete Seite auf. Er nahm auf einem Marmor⸗ blocke, Renouard gegenüber, Platz und begann mit ſeiner weichen, wohllautenden Stimme folgendermaßen: „Seid mir gegrüßt, einſame Ruinen, heilige Grä⸗ ber, ſchweigend: Mauern, euch rufe ich an; zu euch richte ich mein Gebet. Ja, während der große Haufe mit geheimem Schrecken vor eurem Anblicke zurück⸗ 35 bebt, weckt ihr in meinem Herzen tauſend anziehende Empfindungen und Gedanken. Wie viele nützliche Lehren, rührende und erſchütternde Betrachtungen bie⸗ tet ihr ſtets dem Geiſte dar, der in euch zu leſen verſteht. „Als die ganze unterjochte Erde vor den Tyran⸗ nen ſchwieg, riefet ihr ſchon die Wahrheit aus, die ſie verabſcheuen. Ihr vermiſchtet den Leichnam der Großen mit der Aſche des gemeinſten Sklaven und behauptet dadurch den heiligen Lehrſatz der Gleichheit. „In euren Umkreis eingeſchloſſen, ſah ich, der einſame Verehrer der Freiheit, ihren Schatten aus Gräbern hervorgehen, und glücklicher, als ich zu hoffen gewagt hatte, ſah ich ihn ſeinen Flug nach meinem neubelebten Vaterlande nehmen. „O Gräber, welche Kraft wohnt in euch! Ihr ſchreckt die Tyrannen; ihr vergiftet mit geheimem Be⸗ ben ihren ſtrafbaren Genuß; ſie fliehen euern un⸗ erträglichen Anblick, und fern von euch tragen die Feigen den Stolz ihrer Paläſte. Ihr ſtraft den mäch⸗ tigen Unterdrücker. Ihr raubt dem habſüchtigen Er⸗ preſſer das Geld und rächt den Schwachen, den er geplündert hat. „Ihr vergütet die Beraubung der Armen, indem ihr die Pracht der Reichen in Verachtung ſenket; ihr tröſtet den Unglücklichen, dem ihr eine letzte Zuflucht gewährt. Ihr gebt der Seele das richtige Gleichge⸗ wicht von Stärke und Gefühl wieder, worin Weis⸗ heit und Lebensklugheit beſteht. „Der Nachdenkende zieht in Erwägung, daß er Alles in euern Schooß zurückgeben muß, und ver⸗ ſchmäht es, ſich mit leerer Größe, mit unnützen Reich⸗ thümern zu beladen. Er hält ſein Herz in den Schran⸗ ken der Billigkeit und vollbringt ſeinen Lauf, indem 3* 36 er die Augenblicke ſeines Daſeins benutzt und die Güter gebraucht, die ihm bewilligt ſind. „Auf ſolche Art legt er der ungeſtümen Begierde einen wohlthätigen Zaum an. Ihr ſtillt den fieber⸗ haften Durſt nach einem Genuſſe, der die Sinne be⸗ rauſcht; ihr laßt die Seele von dem ermüdenden Kampfe der Leidenſchaften ausruhen. Ihr erhebt ſie über die niedrigen Vorurtheile, die den großen Haufen quälen; und der Geiſt, der von euren Monumenten den Schauplatz der Völker und Zeiten überſieht, ent⸗ wickelt ſich nur zu großen Gefühlen und empfängt nur grundliche Begriffe von Tugend und Ruhe. „O wenn der Traum des Lebens ausgeſtürmt ſein wird, wozu hätten dann ſeine Erſchütterungen genützt, wenn ſie keine Spur des Nutzens zurückließen? „O Gräber, ich kehre zu euch zurück, um eure Lehren außzufaſſen. Ich begebe mich auf's Neue in den Frieden eurer Einſamkeit; und von dem nieder⸗ ſchlagenden Schauſpiele der Leidenſchaften entfernt, werd' ich die Menſchen in ihren Grabmälern lieben. Ich werde mich mit dem Glücke der Staubgebornen beſchäftigen, und der Gedanke, es beſchleunigt zu ha⸗ ben, wird das meinige ausmachen.“ Dieſe letzten Worte des geiſt⸗ und gemüthreichen Volney wurden von einem Geräuſch unterbrochen, das berſtadt daher tönte. Es war, als wenn altes Ge⸗ mäuer zuſammenſtürzte und in die Tiefe hinabrollte. Eine aufſteigende Dampfwolke bezeichnete den Ort, von wo das Gekrach vernehmbar ward. Da die dampfende Stelle von dem Platze, wo Camille ſich gelagert hatte, nicht zu weit entfernt war, ſo machte er ſich in Begleitung Nurmahal's auf, um 37 den Grund der auffallenden Erſcheinung in der Nähe zu erforſchen. Man war noch nicht weit dahingeſchritten, als ein junger Menſch athemlos gelaufen kam, welcher zu Re⸗ nouard's und Nurmahal's höchſter Verwunderung und Freude Niemand Anderes, als der längſt todt geglaubte Baptiſt war. Der ehemalige Gärtnerburſche war nicht weniger erſtaunt, ſeinen Herrn und Jugendfreund nebſt dem bekannten Mohrenknaben hier vorzufinden; doch war er für den Augenblick nicht in der Stimmung, ſein Erſtaunen in gebührendem Maaße an den Tag zu legen; er war außer Athem und in der angſtvollſten Bewegung. „Um Gotteswillen,“ rief er,„welch' ein Glück, Euch hier zu finden! Kommt mir ſchleunig zu Hülfe, der Profeſſor iſt ſo eben verſchüttet worden.“ „Wie? Laroſſoſſinier?“ riefen Camille und Nur⸗ mahal aus einem Munde. „Kein Anderer,“ fuhr Baptiſt fort;„er war auf der Mumienſuche, da iſt das Gewölbe über ihm zu⸗ ſammengeſtürzt.“ Man verdoppelte die Schritte, um den Unglücks⸗ platz zu erreichen; da ſah man an dem Orte, wo das Gewölbe zuſammengebrochen war, eine weiße Geſtalt aus dem Schutte emporſteigen. „Ein Geiſt, ein Geiſt!“ rief Baptiſt voller Angſt und wollte die Flucht ergreifen; die Geſtalt gab aber durch ihr Schimpfen alsbald zu verſtehen, daß ſie noch der Erde angehöre. „Die ſarazeniſche Baukunſt“, ſprach die Geſtalt, „kann hinſichtlich der Solidität mit der altäghptiſchen durchaus keinen Vergleich aushalten. Ich gebe zu, ihre Wölbungen ſind kühner; aber was hilft das, wenn 38 ſie nach ein paar Jahrhunderten wieder zuſammen⸗ bricht, wie Figura zeigt! Wenn mich nicht der eine Strebebogen geſchützt hätte, läg' ich gleichfalls in der berühmten Gräberſtadt begraben; in allerdings höchſt nobler Geſellſchaft, denn alle den Inſchriften nach zu urtheilen, modert hier bloße haute volée; der Pöbel iſt auf dem jenſeitigen Gebiete eingeſcharrt.“ Während dieſes Selbſtgeſprächs hatte Laroſſoſſi⸗ nier, denn Niemand Anderes war die weiße Geſtalt, Mühe, den zahlreichen Kalk und Staub abzuſchütteln, welcher ihn ganz bedeckt hatte. Baptiſt half ihm bei dieſem Geſchäfte, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß es wirklich der lebendige Profeſſor ſei. Laroſſoſſinier's Freude kannte keine Grenzen, als er Renouard und Nurmahal lebendig vor ſich er⸗ blickte. „Heureka!“ rief er einmal über das andere, die beiden Todtgeglaubten, trotz ſeines ſtaub⸗ und kalk⸗ reichen Müllerrocks, wiederholt ſtürmiſch umarmend, „ſoll ich meinen Augen trauen? Seid Ihr's wirklich, oder haben Eure Geiſter in der Todtenſtadt einen ſterblichen Leib angenommen?“ „Wir ſind es wirklich,“ verſicherte Renouard;„aber ietzt erklärt mir vor allen Dingen das Wunder, Pro⸗ feſſor, wie Ihr und Baptiſt dem Gemetzel lebendig entgangen ſeid.“ „Ja,“ gab Laroſſoſſinier zur Antwort,„ein klu⸗ ger Feldherr ſieht ſich vor, und das bei Zeiten. Wäh⸗ rend Ihr und die Araber ordentlich darauf verſeſſen waret, Euch gegenſeitig in Kochſtücke zu hauen, erach⸗ tete ich meine Perſon bei dieſer undankbaren Arbeit für überflüſſig, benutzte einen günſtigen Augenblick, gerade wo es am hitzigſten herging, und ſprang in den Nil, wo wohlthätiges Schilf mich ſo lange den 39 arabiſchen Bluthunden verbarg, bis eine zweite franzö⸗ ſiſche Barke den Fluß heraufkam und mich aus mei⸗ nem naſſen Aſyl erlöſte. Baptiſt, obſchon er in ſeinem Leben meinem Beiſpiel nicht gefolgt war, hatte es diesmal gethan und ward ſo gleichfalls gerettet.“ „Aber welche Angſt habe ich ausgeſtanden,“ meinte der ehemalige Gärtnerburſche;„ich vergeſſe ſie mein Lebelang nicht. Aller Augenblicke mußte ich befürch⸗ ten, daß ein Krokodil zubeißen würde.“ „Welche Sorge Du Dir weislich erſparen konn⸗ teſt,“ ſprach der Profeſſor,„wenn meine Lehren eini⸗ germaßen in Deinem furchtſamen und unwiſſenden Herzen Wurzel geſchlagen. Wie oft hab' ich Dir von der Krokodilloſigkeit des Nils unterhalb Cairo vor⸗ gepredigt.“ „Dann konnte es aber den Waſſerratten und an⸗ derm bösartigen und giftigen Gewürm in den Sinn kommen, uns anzufreſſen,“ bemerkte Baptiſt. „Darauf mußten wir allerdings gefaßt ſein,“ ſprach Laroſſoſſinier;„Du ſiehſt aber, daß wir ganz unver⸗ letzt davon gekommen, höchſtens daß wir etwas ge⸗ ſchlämmt wurden.“ „Ja und das außerordentlich,“ verſetzte Baptiſt; „wir konnten Eichenwälder auf unſere Rücken ſäen; ſie würden fortgekommen ſein.“ „Du gefällſt Dir in Hyperbeln, Baptiſt.“ Renouard, welchem die Flucht der Beiden in den Ril jetzt ſehr ſpaßhaft vorkam, erkundigte ſich, wie lange man im Schilfe geſteckt habe? „Gute ſechsunddreißig Stunden,“ erwiederte Bap⸗ tiſt,„es war das langweiligſte Bad in meinem Le⸗ ben; ich war bis auf die Knochen durchweicht.“ „Ja, die Sache zog ſich etwas in die Länge,“ ſprach der Profeſſor:„indeß wenn wir Euer trauri⸗ 40 ges Geſchick mit anſahen, konnten wir mit unſerm Looſe immer zufrieden ſein.“ „Was iſt denn aus Laroche, Vial und den übri⸗ gen braven Grenadieren geworden?“ erkundigte ſich Renouard. Wie ich mich noch erinnere, kämpften dieſe wackern Männer wie Löwen an meiner Seite.“ „Viele Hunde ſind nicht blos des Haſen, ſondern auch des Löwen Tod,“ philoſophirte Laroſſoſſinier; „der Kampf war zu ungleich. So ich recht geſehen, wurden Alle kurz und klein gemacht.“ Baptiſt, welcher von Renouard über das Geſchick der Grenadiere ebenfalls befragt wurde, geſtand offen⸗ herzig, daß er, ſo wie er einmal bis an den Kopf im Nile geſtanden, die Augen zugemacht, und von der ganzen Welt nichts mehr habe wiſſen wollen. Laroſſoſſinier beſchwor jetzt Renouard, daß er ihm nach dem unfern gelegenen Alt⸗Cairo folgen möge, wo außerordentliche Merkwürdigkeiten aus dem Alterthume zu ſchauen wären. Camille gewährte gern dieſe Bitte des Gelehrten. Wie umſtändlich und pedantiſch er auch viele Dinge erklärte, ſo wußte er doch den Laien über faſt alle noch vorhandenen Gegenſtände des Alterthums un⸗ ſchätzbare Aufſchlüſſe zu geben, und ſeine Begleitung in dieſer Hinſicht war ſtets ſehr lehrreich. Man verließ die Gräberſtadt und wandte ſich nach Foſſat oder Alt⸗Cairo, welches, am Nile gelegen, der Hafen Cairo's von Oberäghpten iſt. Unterwegs hatte Renouard Muße, ſeine und Nurmahal's Wüſtenwan⸗ derung und wunderbare Rettung mitzutheilen. Laroſſoſſinier bedauerte ungemein, der Reiſe durch die Wüſte nicht beigewohnt zu haben, wie ſchrecklich ſie auch von Renouard beſchrieben wurde. „Ich hoffe,“ ſprach er,„daß die Armee nächſtens 41 zur Verfolgung Ibrahim's nach Syrien aufbricht; da geht es funfzig Stunden weit durch die Wüſte, und nichts ſoll mich abhalten, dieſer Erpedition bei⸗ zuwohnen.“ Nachdem man die Stadt der Gräber im Rücken hatte, ſtiegen die Zinnen und Ruinen von Alt⸗Cairo am Rilufer empor. Kaum hatte ſich Laroſſoſſinier einigermaßen in der Gegend orientirt, als auch ſeine antiquariſchen Erörterungen begannen. „Dieſe weitverbreiteten Ruinen“, ſprach er,„ge⸗ hören ſämmtlich zu Alt-Cairo, auch Foſſat genannt. Als Amru, der Sohn Elaas, im zwanzigſten Jahre der Hegira im Begriffe ſtand, Alerandrien zu belagern, hatte er hier ſein Zelt aufgeſchlagen. Da wollte es der Zufall, daß in demſelben eine Taube ihr Neſt ge⸗ baut und Junge ausgebrütet hatte. Um das Thier⸗ chen nicht zu ſtören, blieb das Zelt ſtehen, und ſpäter, als Amru von Alexrandrien zurückkehrte, legte er den Grund zu einer Stadt, der er den Namen Foſſat gab, denn Foſſat heißt im Arabiſchen das Zelt. Nach⸗ dem Memphis in Verfall gerathen, ward Foſſat der Sitz nicht nur der Khalifen, ſondern auch der Mittel⸗ punkt des Handels und die erſte Stadt in Aegypten. Von hier führte nämlich ein Canal nach dem rothen Meere. Im Jahre fünfhundertvierundſechzig der He⸗ gira ward es aber von dem Sultan ſelbſt in Brand geſteckt. Es ſoll damals vierundfunfzig Tage gebrannt haben; aber ſieben Jahrhunderte haben die Spuren dieſes Untergangs nicht zu vertilgen vermocht.“ „Was der Profeſſor Alles weiß,“ ſprach Baptiſt heimlich zu Nurmahal,„es iſt was Stupendes; und ſein Kopf iſt doch eben nicht viel größer als der unſere. Ob nur Alles wahr iſt, was er da her⸗ erzählt?“ 42 „Warum ſoll es nicht wahr ſein?“ gegenredete Nurmahal,„die Gelehrten ſtudiren ja ſattſam darüber, wie es ehedem hergegangen.“ Laroſſoſſinier, den nichts mehr verdroß, als wenn, ſobald er eine gelehrte Abhandlung zum Beſten gege⸗ ben, in ſeiner Nähe heimlich geſprochen wurde, denn er argwöhnte ſtets, man bezweifle ſein Geſagtes oder mache ſich darüber luſtig, erkundigte ſich ſogleich, was Baptiſt geflüſtert habe. „Er bewundert Eure Gelehrſamkeit,“ erwiederte Nurmahal. „Das bezweifle ich,“ verſetzte kopfſchüttelnd der Profeſſor,„dazu iſt ſein Kopf zu beſchränkt, es wird wohl etwas Anderes geweſen ſein. Wie? Hab' ich nicht Recht? Heraus mit der Sprache.“ Nurmahal, um den Argwöhniſchen zu beruhigen, geſtand jetzt offen, daß Baptiſt nicht zu begreifen ver⸗ möge, wie die Gelehrten Dinge wiſſen könnten, die ſchon vor vielen hundert Jahren vor ſich gegangen wären. „Ja, das glaube ich,“ verſetzte Laroſſoſſinier und mußte herzlich lachen,„das wird er auch nie begreifen lernen.“ Mit dieſen Worten bog er nach einer herrlichen Allee von Sykomoren ein, die längs dem Rilufer nach der einſamen, aber wunderſchön im Schatten uralter Bäume gelegenen Moſchee Atter-Ennabi führte. In der That konnte es auch keine reizendere Lage geben. Nachdem ſich zu des Profeſſors nicht geringer Ge⸗ nugthuung ſeine Begleiter, Baptiſt nicht ausgenom⸗ men, obſchon derſelbe in Aegypten, zu Laroſſoſſinier's Verdruſſe, ſelten etwas zu loben fand, über die ma⸗ leriſche Landſchaft ſattſam erpectorirt hatten, nahm der gelehrte Cicerone eine ſehr geheimnißvolle und wich⸗ tige Miene an. 43 „Jetzt aber will ich Euch“, ſprach er,„die eigent⸗ liche Perle dieſer ganzen Gegend, jenen Gegenſtand, der ſie ſchon in dem Alterthume berühmt macht, zeigen.“ Er geleitete die nach der Perle Neugierigen eine ziemliche Strecke über Stock und Stein, wobei er, da man die Maulthiere zurückgelaſſen hatte, ſo eilfertig voranſchritt, daß die Begleiter kaum zu folgen ver⸗ mochten. Dazu ſtach die Sonne ſo brennend, und Schatten gab es ſo wenig, daß die Rennpartie kei⸗ neswegs zu den angenehmen gehörte. „Wenn er wenigſtens ſeine Brille aufſetzte,“ ſprach Baptiſt keuchend zu Nurmahal, welche Beiden in eini⸗ ger Entfernung folgten,„da er nach einer Perle ſucht. Ich begreife ſonſt nicht, wie er in dieſen Stein⸗ maſſen einen ſo winzigen Gegenſtand finden will.“ Der Profeſſor lief jetzt die Kreuz und die Quer in der Ruinenſtadt von Alt⸗Cairo umher, blieb häufig ſtehen, um ſich zu vrientiren, ſchlug wiederholt in einem Buche nach, das er aus der Taſche gezogen hatte, ſchüttelte häufig mißmuthig den Kopf und rannte weiter. „Dummes Zeug,“ meinte Baptiſt, den die Son⸗ nenhitze immer verdrießlicher ſtimmte,„wird die Perle noch da liegen; die haben die raubluſtigen Araber längſt eingeſackt. Ein ſolcher Schatz hat nicht nöthig, auf ſich warten zu laſſen.“ Vergebens war Renouard, dem die Kletterei über die Ruinen nachgerade auch langweilig vorkam, ver⸗ ſchiedene Male bei Laroſſoſſinier eingekommen, daß er doch einige nähere Auskunft über den ſehenswerthen Schatz von ſich geben möchte; aber der ununterbrochen ſuchende Cicerone that ſo geheimnißvoll, daß von ihm nichts herauszubringen war. Endlich ſchien er den Gegenſtand ſeiner Sehnſucht gefunden zu haben. Er lief nicht weniger denn fünf Mal um einen nicht allzugroßen, ziemlich in die Erde geſunkenen und von einer Sykomore beſchatteten Mar⸗ morblock. Dann blieb er ſtehen und erhob ſeine Stimme. „Heureka!“ rief er,„gefunden! Hier liegt die Perle von ganz Alt⸗Cairo im Schatten einer heiligen Sykomore.“ Baptiſt, der bei dem Worte„gefunden“ äußerſt neugierig herbeigaloppirt kam, guckte ſich vergebens nach der„Perle“ um, über die der Profeſſor ſo viel Aufhebens machte. „Dies iſt ja nur ein einfacher Marmelſtein und keine Perle,“ ſprach er verwundert. Laroſſoſſinier ward Feuer und Flamme ob dieſer Baptiſt'ſchen Anmerkung. „Schweig, verwahrloſtes Geſchöpf!“ rief er,„der Du keine Ahnung von einer Allegorie haſt.“ Hierauf wandte er ſich zu Renouard und Nurmahal. „Seht Ihr hier“, frug er,„auf der Oberfläche dieſes Marmorblockes dieſe Vertiefung, welche wie von einem Fußtritte herzurühren ſcheint?“ „Der Fuß muß allerdings von ziemlicher Größe geweſen ſein,“ bemerkte Camille. „Dem ſei, wie ihm wolle,“ erwiederte ärgerlich der Erklärer;„genug, dieſer Vertiefung verdankt dieſer Marmorblock ſeine weltgeſchichtliche Bedeutung.“ „Wie ſo?“ frug Renouard. „Weil der Sage nach“, fuhr Laroſſoſſinier fort, „dieſe Vertiefung von der Sohle Mahomeds herrührt. Seit Jahrhunderten iſt dieſer Marmorblock unter dem Namen des Fußtrittes des Propheten bekannt.“ Baptiſt ſchüttelte bei dieſen Worten wieder höchſt ungläubig den Kopf; aber ganz für ſich, ohne eine Bemerkung laut werden zu laſſen. 45 „Was hat dieſes unglückſelige Weſen wieder mit dem Kopfe zu ſchütteln?“ rief der Profeſſor, welchem Baptiſt ein wahrer Dorn im Auge war. Der ſcheinbare Skeptiker wollte aus Furcht, mit ſeinem gelehrten Gegner von Neuem in Zwietracht zu gtrathen, mit der Sprache nicht heraus. Laroſſoſſinier ließ aber nicht Ruhe. „Sprich, Unglückskind, was haſt Du bei meinen Worten zu ſchütteln und in Zweifel zu ziehen?“ Baptiſt geſtand jetzt, daß es ihm nicht in den Kopf wolle, wie ein Menſch mit dem bloßen Fuße eine ſolche Vertiefung hervorzubringen vermöchte. „Da kann einer unſerer ſtärkſten Cuiraſſiere mit eiſenbeſchlagenem Stiefel ein paar Jahre ſtampfen,“ ſprach er,„ehe er ſo tief in den Stein dringt. Wie konnte das alſo Herr Muhamed mit einem einzigen Fußtritte bewerkſtelligen?“ „Heilige Einfalt!“ rief der Profeſſor, die Hände faltend,„iſt ſo Etwas erhört worden! Wo haſt Du wieder einmal die Ohren gehabt? Hab' ich nicht deut⸗ lich genug erklärt, daß das Ganze nur eine Sage iſt?“ Baptiſt begriff in ſeiner Unſchuld zwar nicht, wie man von einer bloßen Sage ein ſolches Aufſehen ma⸗ chen könne; aber er hütete ſich wohl, noch ein Wort darüber zu verlieren. Der Profeſſor hatte jetzt den Marmorblock wie eine Kanzel beſtiegen. Inmitten der unüberſehbaren Ruinen, die ſein Blick überflog, fühlte er ſich erhoben und wahrhaft begeiſtert. „Hier blühte einſt“, ſprach er, die reichſte Stadt vom Lande Aegvpten, hier war der Sitz eines mäch⸗ tigen Reichs. Eine lebendige Menge beſeelte vormals dieſe jetzt ſo versdeten Plätze und belebte ihre Um⸗ gebung. In dieſen Mauern, wo jetzt todtes Schwei⸗ 46 gen herrſcht, ertönte unaufhörlich das Geräuſch der Künſte, das Geſchrei der Feſtlichkeit und Freude. „Dieſer zuſammengehäufte Marmor bildete regel⸗ mäßige Paläſte. Dieſe umgeſtürzten Säulen ſchmück⸗ ten die Majeſtät der Tempel; dieſe eingeſunkenen Gal⸗ lerien bezeichneten die öffentlichen Plätze. „Hier verſammelte ſich ein zahlreiches Volk, um die ehrwürdigen Pflichten feines Glaubens zu erfüllen. Hier rief eine an Genüſſen ſchöpferiſche Einbildungs⸗ kraft die Reichthümer aller Himmelsgegenden herbei. Hier wurden der Purpur von Tyrus gegen die koſtbare Seide von Serika, die reichen Gürtel von Cachemir gegen die prächtigen Teppiche von Lydien, der Ambra des baltiſchen Meeres gegen die Perlen und Wohl⸗ gerüche Arabiens, das Gold von Ophir gegen das Zinn von Thule vertauſcht. „Und was bleibt jetzt von dieſen mächtigen Städ⸗ ten, von dieſen ehemaligen Weltbeherrſcherinnen? Was iſt geworden aus den Wällen von Rinive, den Mauern von Babhlon, den Paläſten von Perſepolis, den Tem⸗ peln von Balbek und Jeruſalem? Wo ſind ſie, die Flotten von Tyrus, die Wagen von Arat, die Roſſe von Sidon? „Auf das lärmende Gewühl, das ſich einſt in die⸗ ſen Gaſſen und Hallen drängte, iſt JTodesſtille gefolgt; Schweigen des Grabes iſt an die Stelle des Geräu⸗ ſches auf den öffentlichen Plätzen getreten. Die Pa⸗ läſte der Könige ſind der Wohnort wilder Thiere geworden; Heerden weiden auf den Schwellen der Tempel, und wilde Beſtien bewohnen das Heiligthum der Götter.“ Der Profeſſor auf ſeinem Marmorblocke fuhr noch geraume Zeit fort, philoſophiſche Betrachtungen über den Verfall alles Irdiſchen, über die einſtige Pracht 47 und Herrlichkeit und über die dermaligen Zuſtände anzuſtellen. Renouard und Nurmahal hatten nicht ohne In⸗ tereſſe dem etwas gedehnten Vortrag zugehört; Bap⸗ tiſt aber konnte, als man wieder aufbrach, eine prak⸗ tiſche Bemerkung nicht unterdrücken. „Wir hätten freilich ein Bischen eher nach Ae⸗ gypten kommen ſollen,“ ſagte er zu Nurmahal. Es war ein Glück, daß Laroſſoſſinier, noch ganz in antiquariſche Rückerinnerungen verſunken, die gute Lehre, welche Baptiſt aus ſeinem gelehrten Vortrage geſchöpft hatte, nicht gehört; ſie würde ihn wieder um all' ſeine philoſophiſche Ruhe gebracht haben. Der Profeſſor fand in Alt⸗Cairo unermeßlichen Stoff, ſeine Gelehrſamkeit in ſtrahlendem Lichte leuch⸗ ten zu laſſen. In einiger Entfernung, unmittelbar am Fuße des Mokkatamgebirges ragte ein ungeheurer Steinklumpen empor, welcher beinahe das Anſehen einer Feſtung hatte. „Das iſt das griechiſche Kloſter St. Georg,“ be⸗ lehrte Laroſſoſſinier;„es iſt mit hohen Mauern um⸗ geben, liegt ganz abgeſondert und hat einen bedeuten⸗ den Umfang. Es unſchließt eine Menge Gebäude, die gleichſam über einander gebaut find, und gewährt, wie Figura zeigt, einen höchſt ſonderbaren Anblick. Ich entſinne mich nicht, je einen confuſeren Bau ge⸗ ſehen zu haben.“ „In dieſem Kloſter“, fuhr er fort,„bewahrt man die Hand des heiligen Georg, zeigt ſie aber Nieman⸗ dem. Nahe daran ſteht eine Säule mit einer Kette. Die Narren, die ſich daran hängen, ſollen vernünf⸗ tig werden.“ Ein ernſter Seitenblick auf Baptiſt zeigte an, daß 48 in den letzten Worten der Profeſſor nicht ohne alle Beziehung geſprochen hatte. „Weiter aufwärts“, docirte der unermüdliche Ci⸗ cerone weiter,„erblickt man das Kloſter zum heiligen Sergius, das über einer Grotte erbaut iſt, in welcher, der Sage nach, die heilige Jungfrau mit Joſeph und dem Chriſtuskinde auf ihrer Flucht nach Aegypten Schutz gefunden hat. „Jener uralte, unförmliche Bau ferner, dort, wo das Gebirge faſt an das Nilufer grenzt, iſt die ſoge⸗ nannte Kornkammer Joſeph's. Manche halten das Gebäude für äghptiſchen, Andere für perſiſchen, wieder Andere für römiſchen Urſprungs. Abulfeda er⸗ wähnt deſſelben unter dem Namen des Feuerſchloſſes, weil die Perſer darin ein ewiges Feuer unterhalten haben ſollen. Die Römer benutzten das Gebäude als Caſerne für eine der drei Legionen, mit welchen ſie Aegypten beherrſchten.“ Auf der Rückkehr nach der Hauptſtadt zeigte La⸗ roſſoſſinier ſeinen Begleitern auch die Inſel Roda, welche, mit Gärten und Landhäuſern bedeckt, Alt⸗Cairo gerade gegenüber liegt und den Ril in zwei Arme theilt. Hier befindet ſich der berühmte N itmeſer, eine achteckige Granitſäule, welche aus einem Becken em⸗ porſteigt. Die Maaße darauf ſind roh, aber doch ſehr deutlich angegeben. Der Profeſſor, obſchon er die Inſel Roda mit keinem Fuße betreten, war mit ihrem Innern doch ſo bekannt, als wenn er daſelbſt geboren wäre. „In einem Garten dieſer Inſel“, erzählte er unter Anderm,„ſteht auch der heilige Baum der Fatime. Er iſt ſo alt, daß ſein Hauptſtamm faſt ganz verwit⸗ tert iſt; aber die großen, zur Erde gebogenen Aeſte treiben nach allen Seiten und zeigen eine Lebenskraft, 49 die Erſtaunen erregt. Die türkiſchen Frauen, welche Nachkommenſchaft wünſchen, kommen daher zu dieſem Baume, verrichten Gebete, ſchlagen einen Nagel ein und hängen ein buntes Bändchen daran. Daher der Baum mit Nägeln ganz bedeckt iſt. Man ſagt, daß dieſe Wallfahrt mehr als Einer geholfen hat.“ Je näher Renouard und ſeine Gefährten den Thoren Cairo's kamen, deſto menſchenbelebter und geräuſchvoller ward die Gegend. Die Hitze war un⸗ erträglich geworden. Baptiſt haſchte und ſchlug in Einem fort nach einer Art boshafter Stechfliegen, die bald ihn, bald ſein Maulthier auf das ſchonungs⸗ loſeſte maltraitirten. Je wüthender er gegen die malitiöſen Feinde zu Felde zog, deſto zudringlicher wurden ſic. Wer ſich weniger um ſie bekümmerte, den beläſtigten ſie auch weniger. „Ich habe mir ſonſt, wenn in der Bibel von ägyptiſchen Landplagen die Rede war,“ ſprach er,„nie einen deutlichen Begriff machen können; jetzt kann ich ihn mit beiden Händen greifen. Ein wahrhaft ver⸗ wahrloſtes Land, dieſes Aegypten.“ Während Baptiſt auf ſeinem Maulthiere mit wahrer Berſerkerwuth gegen die Stechfliegen kämpfte, wurde die Aufmerkſamkeit Renouard's, des Profeſſors und Nur⸗ mahal's durch eine andere Erſcheinung in Anſpruch genommen, die ſich ihren verwunderten Blicken darbot. Unter der hin und wiederfahrenden, reitenden und gehenden Menge wurde nämlich mit Einem Male eine ſo außerordentliche Beweglichkeit ſichtbar; Alles eilte mit ſolcher Geſchwindigkeit den Stadtthoren zu oder flüchtete in die benachbarten Häuſer der Vorſtadt, daß. die von ihrer Landpartie zurückkehrenden Franzoſen ſchlechterdings nicht begreifen konnten, was die allge⸗ meine Flucht zu bedeuten habe. Stolle, ſämmtl. Schriften. M. 4 50 Selbſt Baptiſt, wie tief er noch in dem Kampfe mit den Muskitos verwickelt war, ward endlich auf⸗ merkſam und blickte verwundert und erſchrocken nach allen Seiten umher. Seine aufgeregte Phantaſie ſtellte ihm allemal das Schlimmſte vor. „Das iſt Rebellion,“ ſprach er;„man wird ſogleich mit der großen Sturmglocke läuten. Unfehlbar metzelt das Volk die Unſern im Innern der Stadt nieder. Es iſt daher wohl nicht gerathen, jetzt nach Cairo zu⸗ rückzukehren, ſondern unſer Heil im Freien zu ſuchen.“ Was die Rebellion betraf, ſo ſchien Baptiſt bei dem Profeſſor nicht ganz Unrecht zu haben; aber hinſicht⸗ lich der großen„Sturmglocke“ hatte ſich der ehemalige Gärtnerburſche zu Saint Maurice wieder eine zu un⸗ verantwortliche Demanti gegeben, die Laroſſoſſinier nicht ohne Rüge dahin gehen laſſen konnte. „In türkiſchen Städten“, ſprach er,„gibt's weder eine große noch eine kleine Sturmglocke. Es iſt eine höchſt bedauerliche Unwiſſenheit von Seiten Baptiſts, daß er über einen ſo bekannten Gegenſtand noch nicht beſſere Einſicht erlangt hat, da er doch ſchon geraume Zeit in Aegypten lebt.“ Zu jeder andern Zeit würde Loroſſoſſinier nicht verfehlt haben, einige ſchätzbare Notizen über die Glocken, als dem Chriſtenthume eigenthümlich, folgen zu laſſen; aber die Flucht der Aeghypter nach allen Seiten und hauptſächlich nach dem Stadtthore, nahm einen zu auffallenden Charakter an, als daß er nicht das Glockenthema auf ſich hätte beruhen laſſen ſollen. Renouard ſah ebenfalls ein, daß etwas Außer⸗ gewöhnliches im Werke ſei. Er hielt ſein Pferd an und ſchaute aller Orten umher, um vielleicht irgendwo die Urſache der allgemeinen Flucht zu erblicken. Daß es keinen Aufſtand gegen die Franzoſen galt, erkannte er alsbald daraus, weil man ihn und ſeine Gefährten längſt angegriffen haben würde. Nurmahal war ganz derſelben Meinung und blieb vollkommen ruhig. Nur dem Profeſſor und Baptiſten wollte die Rebellion ſchlechterdings nicht aus dem Kopfe. Erſterer hörte ſogar ſchießen und rieth zu augenblicklicher Umkehr und Flucht in's Freie. „Wahrhaftig, ſie ſchießen,“ rief er in Einem fort. Renvuard und Nurmahal beſtritten es. „Von den Unſern iſt wahrſcheinlich ſchon Alles todt, ſonſt würden ſie gewiß feuern.“ „Ich kehre um,“ erklärte Laroſſoſſinier, als die Flucht nicht nachließ.„Unfern Alt⸗Cairo ſteht eine Batterie Sechspfünder. Hinter dieſe ziehe ich mich zurück. Ich habe ſchlechterdings keine Luſt, mich hier maſſacriren zu laſſen.“ Vergebens hatte Renouard einigen ſchnell vorüber⸗ reitenden Griechen franzöſiſch zugerufen und ſich er⸗ kundigt, was die allgemeine Verwirrung zu bedeuten habe. Der Profeſſor, in gleicher Abſicht, ſuchte in allen arabiſchen Mundarten, deren er kundig, mit den Vorübereilenden in Unterhaltung zu treten; aber we⸗ der von Griechen noch Eingebornen war eine Antwort zu erhalten; ſo war Alles in der Flucht begriffen. „Es wird mir immer unumſtößlicher,“ meinte La⸗ roſſoſſinier, da die Araber ſeine Fragen nicht beant⸗ worteten,„daß dieſe Kerle gar kein ordentlich Arabiſch verſtehen; ich kann mich nicht verſtändlicher ausdrücken, als ich es gethan habe.“ Während die vier Reiter noch in einer Art Kriegs⸗ rath begriffen waren, ob ſie vor⸗ oder rückwärts ſoll⸗ ten, und der Profeſſor ſeine Beredtſamkeit aufbot, um Renouard für den Rückzug hinter die franzöſiſchen Batterien bei Alt⸗Cairv zu bewegen, kam eilenden Fußes im fliegenden Kaftan ein Jude daher. „Gott Abraham's,“ rief er den Franzoſen in ihrer Landesſprache zu,„worauf wartet Ihr? Wollt Ihr eine Beute des verderbenvollen Kamſin werden? Flüch⸗ tet nach Eurem Quartier, ſo ſchnell Eure Thiere Euch zu tragen vermögen; in einer Viertelſtunde iſt er da!“ Mit dieſen Worten eilte der Sohn Jacobs in ver⸗ zweifelnden Sätzen dem Stadtthore zu. „Wer iſt in einer Viertelſtunde da?“ ſchrie ihm der Profeſſor nach, der das Wort Kamſin nicht deut⸗ lich verſtanden hatte; aber der Flüchtige war ſchon zu weit entfernt, als daß er weitere Auskunft hätte geben können. „Der Kamſin,“ gab Baptiſt etwas zähneklappernd zur Antwort,„ſo ich recht gehört habe, wahrſcheinlich ein blutgieriger Beduinenfürſt, der Mann und Maus über die Klinge ſpringen läßt. Daß Gott erbarm, und wir ſind nur ihrer Vier; was vermögen wir gegen die Uebermacht?“ Bei dem Worte„Kamſin“ warf Laroſſoſſinier einen Blick nach der Sonne, welche immermehr ihren Glanz verlor und eine violette Farbe annahm. „Heiliger Gott!“ rief er, und ſein Geſicht nahm ebenfalls eine andere Farbe an,„ſind wir denn alle⸗ ſammt mit Blindheit geſchlagen? Raſch zur nächſten Caſerne!“ Mit dieſen Worten arbeitete er mit Verzweiflung in den Lenden ſeines Maulthiers, um es wo möglich in Galopp zu ſetzen. „Nicht wahr, der ſchwarze Beduinenfürſt iſt uns auf den Ferſen?“ frug zagend Baptiſt. „Schweig mit Deinem Beduinenfürſten,“ antwor⸗ tete der Profeſſor, indem er mit beiden Beinen ſeinen 53 Eſel bearbeitete:„es iſt der vergiftete Wind oder richtiger der Wind der Wüſte, der Kamſin ge⸗ nannt; die Araber nennen ihn auch Samum oder das Gift; die Türken Chamhele oder den Wind aus Syrien, woraus das ebenſo unrichtige als ver⸗ werfliche Samiel entſtanden iſt. Ob die Canaille fort will. Wo befindet ſich die nächſte Caſerne? Wer doch unter Dach und Fach wäre!“ „Die Diviſion Menou“, berichtete Nurmahal,„iſt in das koptiſche Kloſter zum heiligen Johannes ein⸗ quartiert, welches nicht weit vom Thore liegt.“ „Welch ein Glück! jetzt vorwärts,“ trieb der be⸗ ſorgte Gelehrte.„Führe uns, guter Nurmahal; Du erfreuſt Dich eines vortrefflichen Ortsgedächtniſſes und wirſt die Caſerne leicht zu finden wiſſen. Mit dem Kamſin iſt nicht zu ſpaßen. Wenn er uns unterwegs überraſcht, ſind wir verloren. Seht Ihr nicht, wie ſich der Himmel bereits verdunkelt und wie Alles ge⸗ flüchtet iſt? Auf, auf, daß wir die Caſerne erreichen!“ Renvuard, der alle Beſchreibungen dieſes Süd⸗ windes für übertrieben hielt, blieb, trotz des ängſtlichen Drängens des Profeſſors, ſehr ruhig. Er konnte in einem bloßen Winde gar keine ſo große Gefahr er⸗ blicken und betrachtete daher, indem er gleichfalls ſein Maulthier in Bewegung ſetzte, die plötzliche Verän⸗ derung der Atmoſphäre mehr mit Verwunderung als mit Beſorgniß. Der vor Kurzem noch ſo belebte freie Platz, auf welchem man ſich befand, war wie ausgeſtorben. Immermehr verlor die Sonne ihren Glanz, die Luft ward grau und ſtaubig, ohne daß die Hitze bedeutend zugenommen hätte. „Zehntauſend Franken“, ſprach Laroſſoſſinier, dem Stadtthore zutrabend,„ſind mir in dieſem Augen⸗ blicke nicht ſo lieb, als meine Magerkeit, obſchon ſie zuweilen Schwachköpfen zur Zielſcheibe ihrer Stiche⸗ leien dient. Die Wohlbeleibten und Vollblütigen kön⸗ nen ſich alleſammt in Acht nehmen; auf ſie hat es der Kamſin hauptſächlich abgeſehen. Er treibt das Blut nach Kopf und Herzen. Convulſionen und häufig der Schlag ſind die gewöhnlichen Folgen.“ Baptiſt, dem bei des Profeſſors medieiniſchen Aus⸗ einanderſetzungen nicht wohl zu Muthe ward, erkun⸗ digte ſich angelegentlich, ob er auch unter die voll⸗ blütigen Leute gehöre. „Und ob!“ tönte die verhängnißvolle Antwort; „ich dächte, Dein häufiges Naſenbluten gäbe den voll⸗ wichtigſten Beweis. Du haſt Dich vor allen Dingen vor dem Kamſin oder Samum oder dem Chamhele der Türken in Acht zu nehmen.“ Jetzt begann Baptiſt gleichfalls, ſeinem Eſel zuzu⸗ ſetzen, um bald ein ſicheres Unterkommen zu finden; denn er fühlte ſchon mit Entſetzen, daß ihm immer heißer um den Kopf wurde. Eben als man das Thor paſſtren wollte, kam ihnen wie aus dem Schlunde eines Backofens ein ſo heißer und erſtickender Luftſtoß entgegen, daß die Maulthiere erſchrocken zurückprallten und nicht vorwärts wollten. Die Hitze war ſo glühend, daß Renouard im erſten Augenblicke nicht anders glaubte, als innerhalb des Thores ſei eine Feuersbrunſt ausgebrochen. Zum Glück war der heiße Stoß bald vorüber. Er hatte nur einige Secunden gewährt. „Um Gotteswillen, die Taſchentücher vor!“ rief Laroſſoſſinier;„dem erſten Stoße folgen in der Regel mehrere.“ Kaum hatte er dies gerufen, als eine neue glühende Welle, Blut und Mark austrocknend, über die Reiter dahin fuhr. Nurmahal verlor trotz des ſinnverwirrenden Na⸗ turereigniſſes die Geiſtesgegenwart nicht. Sein treff⸗ liches Ortsgedächtniß kam ihm wahrhaft zu ſtatten. Er bog auf dem kürzeſten Wege im raſchen Trabe nach dem Standquartiere der Diviſion Menou ein. Baptiſt war vor Hitze und Angſt bereits mehr todt als lebendig. Er fuhr ſich ununterbrochen nach dem Kopf, welchen er kitzelte und krabbelte, damit nicht ein Gehirnſchlag erfolge. Alle Straßen und freien Plätze waren wie zur Nachtzeit ausgeſtorben; rings herrſchte ein wahrhaft grauſenerregendes Schweigen. Alles hatte ſich in die Häuſer und Wohnungen geflüchtet und verſchloſſen. Die Sonne war immer dunkler geworden. Endlich ſchien ſie nur wie eine dunkelrothe Scheibe in Staub und Nebel. Den beiden erſten Luftſtößen waren noch einige, aber von minderer Stärke gefolgt. Gleichwohl waren ſie hinreichend, die Reiter faſt dem Tode nahe zu brin⸗ gen. Vergebens arbeitete in der glühenden und ver⸗ dünnten Atmoſphäre die Lunge nach Luft. Der Athem ward kurz und ſchwer, die Haut trocken, in Magen und Eingeweiden wühlte ein verzehrendes Feuer. Alle Gegenſtände, die der Sonne ausgeſetzt waren, ſelbſt das Waſſer, wurden heiß und glühend. Marmor, Eiſen und Metalle überhaupt vermochte Einer nicht in der Hand zu behalten, alſo glühten dieſe Gegen⸗ ſtände vor Hitze. Die vier Reiter waren nur noch einige Schritte von dem Kloſter des heiligen Johannes entfernt, als die Hufe ihrer Maulthiere faſt den Körper eines auf der Straße umgeſunkenen, dürftig gekleideten Menſchen berührten. Trotz alles Abmahnens von Seiten des Profeſſors ſtieg Renouard ab, um ſich zu überzeugen, ob der Unglückliche wirklich todt oder noch zu retten ſei; denn wenn er dieſem glühenden Sonnenbrande und dem ver⸗ giftenden Hauche ausgeſetzt blieb, war er unrettbar verloren. Als ihn der menſchenfreundliche Camille am Arme erfaßte, gewahrte er, daß es ein armer Fellah ſei, der wirklich dem Kamſin unterlegen und bereits ſo zum Tode ermattet war, daß er ſich nicht auf den Füßen zu erhalten vermochte. Renouard winkte daher ſei⸗ nem Nurmahal, welcher gleichfalls ſein Maulthier ver⸗ ließ, und die beiden brachten den Halbohnmächtigen glücklich nach dem Kloſterthore, wo Renouard ſogleich Befehl gab, dem Unglücklichen die nöthige Hülfe an⸗ gedeihen zu laſſen. Der Profeſſor, ſo wie er ſich wieder im Schatten hefand, traf alle Anſtalten, um die Wirkungen des Kamſins unſchädlich zu machen. Er verordnete Ein⸗ reibungen mit Eſſig und ließ ſich am ganzen Leibe frot⸗ tiren. Da ſich nicht ſogleich die gehoffte Transſpiration einſtellte, ward er ſehr unruhig und fühlte ſich mit ſehr nachdenklicher Miene wiederholt an den Puls. Sein wahres Glück war diesmal Baptiſt. Dieſer verurſachte ihm ſolchen Aerger, daß der Profeſſor als⸗ bald wie in einem ruſſiſchen Dampfbade zu ſchwitzen begann. Der voreilige Burſche, der aller Augenblicke einen Gehirnſchlag im Anzuge wähnte, hatte, ſo wie er vor Wind und Sonne in Sicherheit war, nichts Eiligeres zu thun, als den Kopf in einen Napf mit Waſſer zu ſtecken, welches Erperiment den Profeſſor, der auch in der Medicin nicht unbewandert war, aus aller Faſſung brachte. „Wenn ich die erforderlichen Kräfte beiſammen 57 hätte und nicht ſo eben frottirt würde,“ rief er, über Baptiſt's höchſt undiätetiſche Waſſerkur ganz aufge⸗ bracht,„ſo würde ich Dir eine Kopfnuß überantwor⸗ ten, von der ſich Deine Nachkommen in künftigen Jahr⸗ hunderten noch mit geſpitzten Ohren erzählen ſollten. Sag' mir, ob Du rein toll biſt, den Kopf in's kalte Waſſer zu ſtecken! Du bringſt Dich ja muthwilliger⸗ weiſe um's Leben. Das ſind die Folgen Deiner Un⸗ wiſſenſchaftlichteit. Hätteſt Du die Naſe in irgend eine Beſchreibung Aegyptens geſteckt, anſtatt nur immer den Frauen und Töchtern des Landes nachzuſchauen, würdeſt Du wiſſen, daß gegen den Kamſin nichts ſchädlicher als kaltes Waſſer iſt.“ Da während ſeiner Philippica der Redner, wie bereits erwähnt worden, in wohlthätige Transſpira⸗ tion gerieth, ſo glaubte er nichts Beſſeres thun zu können, als in ſeinem Fulminiren gegen Baptiſt's Undiätetik und Unwiſſenſchaftlichkeit fortzufahren; ſeine Strafrede wollte gar kein Ende nehmen. Baptiſt, der aus des Profeſſors übergroßem Eifer die Folgerung zog, daß er diesmal am Rande des Grabes ſchwebe, rieb ſich, um das Bad ſo unſchäd⸗ lich wie möglich zu machen, mit einem Handtuche faſt das Baſt von den Händen, welche verzweifelte Ope⸗ ration denn auch bei ihm die gute Folge hatte, daß er alsbald in denſelben wohlthätigen Zuſtand über⸗ ging, in dem ſich der Profeſſor befand. Bereits nach anderthalb Stunden waren die Rei⸗ ſenden von dem ſchädlichen Einfluſſe, den der Kamſin auf ſie hervorgebracht, vollkommen hergeſtellt und er⸗ hielten hinreichend Muße, über das außerordentliche und gefährliche Abenteuer Betrachtungen anzuſtellen. Nicht weniger denn drei Tage und drei Rächte muß⸗ ten ſie in dem Kloſter des heiligen Johannes verwei⸗ 58 len; ſo lange wehte der Wind der Wüſte über Cairo, gertrieb alle lebendigen Weſen von Straßen und Märk⸗ ten und hemmte jeglichen Verkehr. Baptiſt wollte verzweifeln vor Langerweile, wäh⸗ rend Laroſſoſſinier das alte Kloſter von Oben bis Unten durchkroch und manche Merkwürdigkeit aus dem Alterthume zu Tage förderte. Seine Ausbeute war ſo groß, daß er endlich den Kamſin ordentlich ſe⸗ gnete, welcher ihn in dieſes ergiebige Bergwerk ge⸗ führt hatte. Als Renouard am zweiten Tage des Exils den armen Fellah, welchem er das Leben gerettet und der eine abgelegene Zelle bewohnte, beſuchte, um ſich nach dem Befinden deſſelben zu erkundigen, erkannte der arme Mann ſeinen Retter ſogleich wieder. Er fiel vor ihm nieder und unſchlang ſeine Knice mit Heftigkeit. „Edler Fremdling des Abendlandes,“ rief er dank⸗ erfüllt,„haſt Du gleich nur einem armen Fellah das Leben gerettet, ſo iſt doch groß die Gnade des Herrn, und Dir ſoll zum Lohne die ſchönſte Frauenblume werden, die einſam und verſchleiert im Rilthale blüht und im roſenduftenden Gemache Deiner liebend harret.“ Viertes Rapitel. Mit finſterm Schweigen vernahm der Admiral Brüehs, in ſeiner Cajüte auf⸗ und niederſchreitend, den Bericht des Capitain Barré, welcher kenntnißreiche Offizier ſo eben von der Unterſuchung des Hafens von Aleran⸗ drien zurückgekehrt war und mit aller Beredtſamkeit, die ihm zu Gebote ſtand, ſeinen Chef zu überzeugen 59 ſuchte, daß die Möglichkeit eines Einlaufens der Flotte in genannten Hafen wirklich vorhanden, und wie ge⸗ fahrdrohend es ſei, den Feind auf offener Rhede zu erwarten. Während Barré noch ſprach, langte ein Schrei⸗ ben von Bonaparte an, worin Brüechs zum dritten Male vom Oberbefehlshaber gewarnt wurde, ſeinen gefährlichen Standpunkt zu verlaſſen und die Flotte nach Corfu oder Malta in Sicherheit zu bringen. Unwillig warf der Admiral die Depeſche bei Seite. „Ich begreife nicht,“ rief er endlich,„wo für meine Stellung Gefahr herkommen ſoll. Werden wir ange⸗ griffen, ſo iſt unſern Schiffen der ſchönſte Raum zum Manöovriren geboten; die Bewegungen werden durch die Küſtenbatterien unterſtützt, und ſind wir ja ge⸗ zwungen, zurückzugehen, können wir einen beſſern Schutz finden, als unter den Kanonen von Abukir?“ In beſcheidener und ruhiger Rede wagte Barré die gegentheilige Meinung zu vertheidigen. Er wies das Gefahrvolle eines Angriffs auf der Rhede mit großer geiſtiger Schärfe und Gewandtheit nach und ſchloß ſich ganz der Anſicht Bonaparte's an, welcher rieth, mit der Flotte in den ſichern Häfen von Malta oder Corfu Schutz zu ſuchen. „Ich vermag den Gedanken nicht zu ertragen,“ verſetzte Brüchs,„mich von Bonaparte und der Armee zu trennen.“ „Wohlan, Admiral,“ beſchwor Barré mit Feuer, „ſo iſt der Hafen von Alexandrien der einzige wahr⸗ hafte Schutz für die Flotte. Ich laſſe meinen Kopf zum Pfande, daß der mittlere Eingang wenigſtens eine Tiefe von ſechs Klaftern hat, alſo kein Hinder⸗ niß darbietet, dem größten Dreidecker das Einlaufen zu geſtatten.“ . ( 60 Der Admiral befand ſich in einem Zuſtande der Ungewißheit und Unentſchloſſenheit, die ihn ſichtbar aufzureiben ſchien und bei einem General en Chel von den traurigſten Folgen begleitet zu ſein pflegt. „Wohlan,“ rief er endlich,„die ſämmtlichen Ca⸗ pitaine der Flotte ſollen ſich unverzüglich auf der Gal⸗ lerie des Orients verſammeln; ich werde einen Kriegs⸗ rath halten und darnach meine Maßregeln treffen. Tragt Sorge, Barré, daß ſich die Offiziere ſo bald als möglich zuſammenfinden.“ „Der Himmel ſegne Euch für dieſen Entſchluß,“ verſetzte der Capitain, indem er nach ſeinem Hute griff;„ich eile, Eure Befehle in Ausführung zu bringen. Wolle Gott, daß es nicht zu ſpät iſt!“ Der Capitain verließ das Gemach, und Brüehs warf ſich in der düſterſten Stimmung in ſeinen Sor⸗ genſtuhl, wo er geraume Zeit in finſteres Hinbrüten verſunken blieb. Da kniſterte leis die Cajütenthür, und der Cheva⸗ lier Lacoſte trat herein. So wie ihn der Admiral erſchaute, ſprang er auf und eilte ihm entgegen. „Gott ſei Dank,“ rief Brüeys,„da naht doch einmal ein Freund. Es iſt Schade,“ fuhr er fort, „daß Ihr nicht ein wenig früher kamet; der Barré hat mir fürwahr den Kopf recht warm gemacht.“ „Weshalb?“ frug der Chevalier in theilnehmen⸗ dem Tone. „Das alte Thema,“ erwiederte Brüeys,„wegen unſerer Stellung auf der hieſigen Rhede. Ich ſoll durchaus nach Corfu oder Malta oder in den ſeichten Hafen von Alerandrien.“„ „Thorheit,“ ſprach Lacoſte;„es kann ja gar keine günſtigere Poſition geben, als die Rhede von Abukir, hinlänglich geſichert durch die gut aufgeſtellten Land⸗ batterien.“ 61 „Das hab' ich auch geſagt,“ verſetzte der Admiral, „aber Bonaparte und viele Andere beharren feſt auf ihrer Meinung.“ „Hoffentlich ſeid auch Ihr feſt geblieben?“ frug der Chevalier. „Um für den Fall eines unglücklichen Ausgangs jeder Verantwortlichkeit überhoben zu ſein,“ geſtand der Admiral,„hab' ich einen Kriegsrath zuſammen⸗ berufen.“ Lacoſte erbleichte. „Um aller Heiligen Willen,“ rief er erſchrocken, „wenn Ihr überſtimmt werdet!“ Brüehs zuckte die Achſeln. „Dann“, ſagte er,„bin ich für etwaiges Unglück weniger verantwortlich.“ Der Chevalier war in höchſter Bewegung an das Cajütenfenſter getreten und ſchaute nach den wehen⸗ den Wimpeln. Erſt nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ein kräftiger Nordwind wehte, ward er etwas gefaßter. Nach einer Pauſe trat er auf Brüehs zu. „Auf wann habt Ihr die Verſammlung ange⸗ ſetzt?“ frug er. „Barré“, erwiederte der Admiral,„iſt bereits unterwegs, die Offiziere zuſammenzuberufen.“ „Ertheilt ihm Gegenbefehl,“ rieth Lacoſte,„noch iſt es Zeit.“ Brüehs blickte den Sprecher verwundert an. „Was habt Ihr gegen einen Kriegsrath?“ frug er. „Ihr vergebt Eure Autorität,“ erwiederte der Andere;„Ihr legt Eure Souverainität als Chef in die Hände von Subalternen. Ueberlegt ferner, daß nach einem nur zu wahren Sprichworte viele Köpfe viele Sinne haben. Es iſt nichts ſchwieriger, als aus den verſchiedenſten Anſichten und Meinungen Wahr⸗ heit ausfindig zu machen.“ 62 „Die Anſichten einſichtsvoller Männer über einen ſtreitigen Fall anzuhören,“ erwiederte der Admiral, „kann meines Dafürhaltens meine Würde nicht be⸗ einträchtigen.“ „Aber Ihr könnt in Euren zeitherigen Entſchlüſſen ſchwankend gemacht werden,“ ſprach Lacoſte;„ſchon das wäre ein Unglück. Ich beſchwöre Euch, gebt den Kriegsrath auf!“ Brüeys ging einige Minuten ſchweigend im Ge⸗ mache auf und ab. „Nein,“ ſprach er endlich mit Feſtigkeit;„es iſt zu ſpät; Varré hat bereits meinen Befehl. Mag die Entſcheidung ausfallen, wie ſie will, mir bleibt demunge⸗ achtet unbenommen, nach eigenem Ermeſſen zu handeln.“ „Wohlan,“ ſprach der Chevalier,„ſo erlaubt mir wenigſtens, Euch in die Verſammlung begleiten zu dürfen.“ „Ich bitte darum,“ erwiederte der Admiral,„und es ſoll mich freuen, wenn unſere Anſicht den Sieg erhält.“ „Apropos“, fuhr er nach einiger Zeit fort,„über Relſon keine Nachricht?“ „Der Himmel weiß,“ gab der Chevalier lachend zur Antwort,„in welchen Meeren ſich der herumtreibt. Er ſoll in ſeiner Verzweiflung alle Küſten von Gibral⸗ tar bis Sucz befahren und das Mittelmeer in den verſchiedenſten Richtungen durchkreuzt haben. Wahr⸗ ſcheinlich iſt er nach England zurückgefahren, um das Dankesvotum des Parlaments ob ſeines glücklichen Kreuzzuges in Empfang zu nehmen.“ „Es wäre ein Glück, ſo Ihr Wahrheit ſprächet,“ verſetzte der franzöſiſche Admiral,„denn ich muß Euch geſtehen, daß mich der Gedanke, die engliſche Flotte vor Abukir ren zu ſehen, wie ein böſer Schat⸗ ten verfolgt. Wie zahlloſe Mal ich mich mit dem Feinde 63 zwiſchen Himmel und Waſſer gemeſſen, ſo ſehe ich in dem nächſten Zuſammentreffen nur Unheil. Eine ſo trübe Ahnung wie diesmal habe ich nie empfunden, und vergebens ſucht die Vernunft das trübe Geſpenſt niederzukämpfen.“ „Dieſe Stimmung iſt ſo ſchwer nicht zu erklären,“ beruhigte Lacoſte;„die in Eure Hand gegebene Ver⸗ antwortlichkeit iſt wahrhaft unermeßlich. Bedenket, daß nicht allein das Heil und Wehe der ganzen rie⸗ ſenhaften Erpedition von Euren Beſchlüſſen abhängt, ſondern daß es ſich auch um das Sein oder Nichtſein eines vortrefflichen Heeres und eines der größten Feld⸗ herrn des Jahrhunderts handelt.“ Während Brüehs mit dem Chevalier noch im Ge⸗ ſpräch begriffen in der geräumigen Admiralsecajüte auf und niederſchritt, von bangen Ahnungen und Zweifeln gefoltert; während letzterer im Innern die Engländer herbeiwünſchte, die ſeiner Berechnung nach nicht mehr weit entfernt ſein und deren Flaggen jeden Augenblick am Horizonte erſcheinen konnten, hatten ſich, der Auffor⸗ derung des Admirals zu Folge, ſämmtliche Comman⸗ deurs und Capitaine der franzöſiſchen Flotte auf der Gallerie des Orients zum Kriegsrathe verſammelt. So wie Brüehs, von dem Chevalier gefolgt, auf dem Verdeck erſchien, entblößte Jedermann ſein Haupt, und nach einigen einleitenden Worten von Seiten Brüehs begann die Verhandlung über die Frage, ob die Flotte in ihrer dermaligen Poſition auf der Rhede von Abukir verbleiben oder nach Corfu oder Malta unter Segel oder endlich in den Hafen von Alexan⸗ drien vor Anker gehen ſolle? Es entſpann ſich eine äußerſt lebhafte Debatte. Die Partei unter Barré und Capitain Thevenard, Commandanten des Aquilon, welche für den Hafen 64⁴ von Alexandrien ſtimmte, war ſehr bedeutend; geringer die Anzahl derer, die für den Aufbruch nach Corfu oder Malta ſprachen. Nur Wenige und darunter alle Diejenigen, welche nicht den Muth hatten, dem Admiral zu widerſprechen, ſtimmten für die Rhede von Abukir. In der gewandten Redeweiſe des Chevalier La⸗ eoſte beſaß letztere Partei zwar einen ſehr talentvollen Führer, aber ſeine Dialectik vermochte gegen den prak⸗ tiſchen Verſtand der Gegner doch nichts auszurichten. Dem Chevalier war es übrigens auch nur darum zu thun, die Verhandlung ſo viel wie möglich in die Länge zu ziehen. Faſt zwei Stunden waren über die Diseuſſion der wichtigen Frage verfloſſen, und der parlamentariſche Sieg neigte ſich entſchieden auf die Seite der Gegen⸗ partei des Admirals, als plötzlich ein Schiff, das ſich auf der hohen See zeigte und mit allen Segeln daher kam, die Aufmerkſamkeit Aller in hohen Anſpruch nahm. Das daherfliegende Schiff ward alsbald für das franzöſiſche Kriegsſchiff lHeureur erkannt. Brüeys, an die Bruſtwehr des Orients gelehnt, verwandte kein Auge von dem Segler, der vom gün⸗ ſtigſten Winde gegen die Flotte getrieben ward. Sein Blick ſtarrte düſter über das Meer hinaus. „Dieſer Heureur,“ ſprach er dumpf, von neuer Ahnung gequält,„bringt kein Glück.“ Aller Augen waren erwartungsvoll guf das da⸗ herkommende Schiff gerichtet. 63 Plötzlich entfaltet es ſeine Signale. Alle Welt ge⸗ räth in die außerordentlichſte Bewegung— das näher kommende Schiff verkündet die engliſche Flotte. Wirklich taucht auch nach Verlauf von wenigen Minuten ein Segel nach dem andern am Horizonte empor. Derſelben werden immer mehr, je länger der 65 Blick nach Norden ſchaut. Bald iſt der ganze Ge⸗ ſichtskreis davon bedeckt. Es iſt kein Zweifel mehr— es ſind die lange gefürchteten Engländer; es iſt Relſon mit ſeiner ganzen Flotte. Augenblicklich ertheilt der franzöſiſche Admiral, in dem bei der näherkommenden Gefahr Kühnheit und Entſchloſſenheit wieder die Oberhand gewinnen, den Befehl, ſich zum Kampfe zu rüſten. „Auf, meine Herren!“ ruft er,„an Eure Plätze; Bonaparte und Frankreich iſt die Lvoſung! Der Feind ſoll an uns ſeinen Mann finden. Wir wollen ihn ruhig erwarten.“ Dann wendet er ſich zu Lacoſte, der ſich ob des Erſcheinens der Engländer außeror⸗ dentlich erſchrocken ſtellt, aber der daherrauſchenden Flotte lachenden Herzens entgegenſchaut, und ſpricht mit bitterm Lächeln:„Chevalier, verſchafft Euch künftig beſſere Nachrichten über Relſon und ſeine Schiffe.“ Alle Capitaine verlaſſen kampfesluſtig unter dem Rufe:„Frankreich und Vonaparte!“ den majeſtätiſchen Orient; nur der unerſchrockene Barré, einen Blick nach der immer näher kommenden feindlichen Flotte werfend, hat den Muth, vor Brüehs zu treten. „Admiral,“ ſpricht er mit beſcheidener Feſtigkeit, „nur ein Wort erlaubt einem Offizier, den Ihr ſo oft durch Eure Gnade ehrtet.“ Brüeys, von der Zeit gedrängt, macht ein Zeichen der Ungeduld. „Was ſoll's noch?“ fragt er,„ich habe meine Befehle gegeben.“ „Würde es nicht beſſer ſein,“ gibt Jener zu be⸗ denken,„anſtatt vor Anker liegend den Feind zu er⸗ warten, ihm entgegen zu gehen und dergeſtalt zu ma⸗ növriren, daß wir ihn zwiſchen zwei Feuer bringen, zwiſchen das unfrer Flotte und das der Landbatterien?“ Stolle, ſämmtl. Schriften. MI. 5 66 „Wenn ich Eures Raths bedarf, Capitain,“ er⸗ wiedert Brüehs, über Barré's Velehrung ziemlich un⸗ gehalten,„werde ich darnach fragen laſſen. Für jetzt kennt Ihr Euren Poſten.“ Der Offizier verneigte ſich und kehrte nach ſeinem Schiff zurück; aber ſein Herz blutete bei dieſer Un⸗ beweglichkeit der franzöſiſchen Flotte. Auf den Schif⸗ fen ſelbſt herrſchte indeß, wegen des urplötzlichen Er⸗ ſcheinens der Feinde, eine Lebendigkeit, die faſt an Verwirrung grenzte. Von der Abendſonne beleuchtet gewährte die feind⸗ liche Flotte einen majeſtätiſchen Anblick. Einen Raum von mehreren Stunden einnehmend, kam ſie mit vol⸗ len Segeln daher. Voran gingen fünf der impoſanteſten Linienſchiffe, der Goliath, der Zealous, der Orion, der Audacious und der Theſeus. Auf der Gallerie des Vangard, der unmittelbar folgte, lehnte der britiſche Seeheld und ſchaute hin⸗ über nach der Rhede von Abukir. Da ſtand ſie in Schlachtordnung, jene Flotte, die er an allen Küſten, in allen Meeren geſucht und welcher er den Untergang geſchworen hatte. Sein Herz brannte nach Kampf. Kaum hatte er durch ſein Teleſcop die feindliche Linie recognoseirt, als einer der kühnſten und verwe⸗ genſten Gedanken ſein Gehirn durchzuckte. „Meine Herren,“ ſprach er zu den ihn umſtehen⸗ den Generalſtabsoffizieren,„wo ein franzöſiſches Schiff Raum zur Schwenkung hat, muß für ein britiſches Raum zum Angriffe ſein. Darum ſoll unſre erſte Diviſion zwiſchen dem Lande und der feindlichen Linie Poſto faſſen, während wir von der Seeſeite angreifen. So bringen wir den Feind zwiſchen zwei Feuer.“ Viele der Offiziere erſchraken ob dieſes außeror⸗ 67 dentlich verwegenen Plans und äußerten ihre Be⸗ denklichkeiten. „Nichts da,“ rief der große Seeheld, von ſeiner Idee begeiſtert,„keine Widerrede! Es wird gehen. Es muß gehen. Vollziehet meine Befehle!“ In der That traf gleich darauf die engliſche Flotte Anſtalt, das geniale Manöver in Ausführung zu brin⸗ gen. Ein Theil derſelben nahm ſeine Richtung, um⸗ zwiſchen dem Lande und im Rücken der franzöſiſchen Linie hindurchzubrechen, während die andre Hälfte vor der feindlichen Fronte auf Schußweite Anker warf. So wurden die Franzoſen nicht nur von beiden Vords, ſondern auch vom Spiegel angegriffen. Die oben genannten gewaltigen Kriegsſchiffe: Go⸗ liath, Zealous, Orion, Audacivus und Theſeus nah⸗ men innerhalb der franzöſiſchen Linie ihre Stellung. Der Vangard, das engliſche Admiralſchiff, ankerte zuerſt auf der Außenſeite der Franzoſen und ſtand dem Spar⸗ tiate unter Capitain Emeriau, dem dritten Schiffe der franzöſiſchen Linie, gegenüber. Mit vieler Ruhe und Entſchloſſenheit erwarteten die Franzoſen den Feind. Keine Flagge ward aufge⸗ zogen, keine Kanone abgefeuert, bis die Engländer in die gehörige Nähe gekommen waren. Der franzöſiſche Admiral, der ſich mit ſeinem gan⸗ zen Generalſtabe auf der Gallerie des Orients befand, beobachtete mit ſteigender Verwunderung das helden⸗ kühne Manöver ſeines Gegners. Er ſowohl wie ſeine Offiziere glaubten kaum ihren Augen trauen zu dürfen, als ſie die gewaltigen Dreidecker des Feindes im Rücken ihrer eignen Flotte dahin ſegeln ſahen. Niemand hatte ein ſolches Unternehmen für möglich gehalten. Jetzt aber erkannte Brüeys, wie weiſe es geweſen, wenn er dem Rathe Barré's gefolgt wäre. Ganz in 5* 00 68 dieſelbe gefährliche Lage, in die er jetzt gebracht war, konnte er mit weit geringeren Schwierigkeiten die Eng⸗ länder verſetzen. Es war Abends halb ſieben Uhr am erſten Auguſt 1799: eben ſank die Sonne, die beiden gewaltigen Flotten der zwei großen Nationen mit rothem Feuer begrüßend, hinter die Palmen des Nilthals, als der Vangard Stellung genommen und ſogleich mit einem furchtbaren Feuer gegen den gegenüberſtehenden Spar⸗ tiate die verhängnißvolle Schlacht eröffnete. Auf die tiefſte, unheimlichſte Stille folgte plötzlich der betäu⸗ bendſte Kanonendonner. Weit hin über die blauen Wellen des Mittelmeeres, weit hin über das Land Aegypten rollte das verheerende Gewitter des engli⸗ ſchen Admiralſchiffes, welches das Signal zum großen Vernichtungskampfe den fernſten Gegenden verkündete. Der tapfere Spartiate antwortete nicht minder energiſch. Nach und nach langten die engliſchen Linienſchiffe, Minotaur, Defence, Bellerophon, Raijeſtic, Swiftſure und Alerander an, und gingen unter dem Feuer des Vangard durch, um ihren Poſten einzunehmen. Der Wind war Nord⸗Nordweſt und wehte gelinde, was die Seefahrer eine Bramſegelkühle nennen. Kaum war die Sonne geſunken als die Dunkel⸗ heit, wie dies unter den Wendekreiſen der Fall iſt, mit außerordentlicher Schnelligkeit hereinbrach. Der engliſche Seeheld, blos die Vernichtung des Feindes vor Augen, frug weder nach Tag noch Nacht. Bereits um ſieben Uhr, da es vollkommen finſter geworden, gab er Befehl, die zahlreichen Beleuchtungen aufzuſtecken. In wenig Minuten war die engliſche Flotte illu⸗ minirt. Sie gewährte den herrlichſten Anblick. Ueber⸗ all loderten zahlreiche Kienkörbe zum Nachthimmel. Dazu die weiterleuchtenden Geſchütze, das unaufhör⸗ liche Rollen des Donners. f 69 Allmälig wird die Schlacht allgemeiner. Das Nachtſtück gewinnt an Grofartigkeit und furchtbarer Schönheit. Vergebens bemüht ſich die Phantaſie, ein einigermaßen entſprechendes Bild zu liefern. An der Spitze der franzöſiſchen Linie kämpft der franzöſiſche Dreidecker, der Guerrier unter Capitain Trullet. Er hat das Feuer von faſt allen engliſchen Schiffen auszuhalten, die rechts und links vorbeigehen, um ihre Stellung zu nehmen. Von ſo zahlreichen Vulkanen von allen Seiten her begrüßt, kämpft der wackre Franzoſe vergebens mit Heldenmuth. Die Mann⸗ ſchaft verrichtet Wunder von Tapferkeit; nichtsdeſto⸗ weniger fällt der Guerrier nach einem verzweifelten Widerſtande als erſtes Opfer in dieſer furchtbaren Schlacht. Bereits nach einer Stunde liegt die Hälfte ſeiner Mannſchaft niedergeſchmettert, ſind ſeine Geſchütze zerſtört, ſein Tauwerk zerriſſen, ſeine Maſten gebro⸗ chen. Nur noch ein Wrack und nicht mehr im Stande, ſich zu vertheidigen, muß er ſich den Engländern ergeben. Kaum ſind zehn Minuten nach dieſer erſten Er⸗ oberung verfloſſen, als die Maſten des Conquerant, commandirt vom Capitain Dabarade, zuſammenbrechen und ſeine untern Räume, deren Wände von zahlloſen Kugeln durchlöchert ſind, ſich mit Waſſer füllen. Immer wilder brauſet die Schlacht; bald kämpft Schiff gegen Schiff; das Meer, von dem furchtbarſten Kanonendonner erſchüttert, rauſcht und ſchäumt wie bei einem Sturme. Die entſetzten Wellen bäumen hoch auf an die Küſten von Abukir. Noch nie wiſſen ſie ſich eines ähnlichen Kampfes zu entſinnen; noch nie haben ſie vernommen, daß ſich der Menſch auf ſolche, Meet, Himmel und Erde erſchütternde Weiſe bekämpft, obſchon ſie ſeit Jahrtauſenden die Geſtade Aeghptens beſpülen. 70 Dem Untergange des Conquerant folgt in kurzem Zeitraume der prächtige Spartiate, dieſem der Aqui⸗ lon unter Capitain Thevenard, welcher Letzterer ſeinen Tod heldenhaft auf der Wachtbank findet. Nach dem Aquilon erleidet der Peuple Souverain daſſelbe Schick⸗ ſal. Die letzten beiden genannten gewaltigen Drei⸗ decker bildeten das vierte und fünfte Schiff in der franzöſiſchen Linie. Seit dem Anfange der Schlacht befand ſich der Admiral Brüeys mit ſeinem ganzen Generalſtabe auf dem Verdecke des Orients, von wo herab der Ordon⸗ nateur der Flotte und etwa zwanzig Mann Marine⸗ ſoldaten ein Kleingewehrfeuer unterhielten. Dies war Alles, was man in der Eile an Schützen hatte her⸗ beiſchaffen können. Mit wildem Schmerze gewahrte der franzöſiſche Admiral, wie von ſeinen Schiffen eins nach dem an⸗ dern genommen und ſeine Linie immer unheildrohender durchbrochen wird. Die Gallerie des Orients ward von dem heftigſten feindlichen Feuer beſtrichen. Mit⸗ ten unter dieſem Kugelregen ſchritt Brüehs, ſeine Be⸗ fehle ertheilend, auf und nieder. Vergebens beſchwor ihn der Capitain des Orients, der Diviſionschef Caſa⸗ bianca, den gefährlichen Poſten zu verlaſſen und ſein Leben als Oberbefehlshaber nicht in ſolchem Grade den feindlichen Kugeln auszuſetzen. Der Admiral achtete nicht der Warnung, obſchon die Mannſchaft rings um ihn her von den verheerenden Salven der näher und näher rückenden Engländer zu Boden ge⸗ ſchmettert wurde. Ruhig blickte er in die glühenden Geſchützmündungen, welche ununterbrochen arbeiteten und den Orient mit Kugeln überſchütteten. Die Schlacht tobt ſeit einer Stunde. Brüeys iſt bereits zweimal verwundet. Jedesmal geht er ruhig Pi in die Cajüte, läßt ſich verbinden und kehrt mit glei⸗ chem Todesmuthe auf die Gallerie zurück. Er muß über zahlreiche Todte und Verwundete hinwegſteigen. Blut überſtrömt das ganze Verdeck. Richts ſtört ihn in ſeiner Ruhe. Wieder ſchaut er düſtern Blickes hinüber nach den glühenden Mündungen, während unter ihm ſeine zwölf- und ſechsunddreißigpfündigen Batterien gleich feuerſpeienden Vulkanen Tod und Verderben nach allen Seiten ſchleudern. Da ſchien endlich der Todesengel, nachdem er den franzöſiſchen Admiral wiederholt gewarnt, dem heraus⸗ fordernden Trotze des verwegenen Sterblichen zu will⸗ fahren. Unmittelbar nach acht Uhr ſtreckte ihn eine Stücktugel zu Boden. Erſchrocken eilt der Chef des Generalſtabs der Flotte, der nachmalige Contreadmiral Gantheaume, herbei, und gibt Befehl, den tödtlich Verwundeten nach der Cajüte zu bringen. „Nein,“ ruft Brüehs, den nahen Tod fühlend, mit feſter Stimme, indem er Gantheaume die Hand drückt,„ein franzöſiſcher Admiral muß auf ſeinem Poſten, auf dem Quatredecke ſterben!“ Es ſind ſeine letzten Worte. Nach einer Viertel⸗ ſtunde iſt er nicht mehr. Unmittelbar nach dem Falle des Admirals werden der Capitain des Orients, der bereits oben erwähnte Caſabianca, ſo wie deſſen Fre⸗ gattencapitain, ſchwer verwundet nach dem Verband⸗ orte gebracht. Durch dieſen dreifachen Verluſt erbittert und zur Rache entflammt, verdoppelt die Mannſchaft des Orients ihre Anſtrengung. Dieſes majeſtätiſche Linienſchiff verwandelt ſich in eine wahre Höllenbaſtion. Seine Batterien rings umher richten die entſetzlichſte Ver⸗ heerung an. Das engliſche Linienſchiff„Bellerophon,“ welches 72 herankam, um ſein Glück gegen den Orient zu ver⸗ ſuchen, verlor in wenig Augenblicken ſeine ſämmtlichen Maſten und die Hälfte ſeiner Mannſchaft. Uebelzu⸗ gerichtet und vom Untergang bedroht, ſuchte es die Flucht zu ergreifen; aber es war bereits zu ſehr be⸗ ſchädigt, um manövriren zu können, und wurde vom Winde gerade in das Feuer der franzöſiſchen Arriere⸗ garde getrieben, wo es die ganze Linie paſſiren mußte. Es empfing die Lagen des Tonnant, des Heureur und des Merkurs. Gleichwohl gelang es ihm, fortwährend dem Unterſinken nahe, über die franzöſiſche Linie hin⸗ auszukommen und ſich zu retten.*) Auf dem franzöſiſchen Schiffe Franklin ward der Contreadmiral Duchayla gleichfalls ſchwer verwundet. Seine Wunde verhinderte ihn zu ſehen. Als man ihm daher die Nachricht brachte, daß nur noch drei Geſchütze bedienungsfähig wären, rief er:„Schießt immer zu, unſer letzter Schuß kann dem Feinde noch verderblich werden.“ Faſt um dieſelbe Zeit ward auch Relſon von einer Kugel zu Boden geworfen. Er ſelbſt glaubte ſich tödtlich verwundet, ſo daß er nach einem Geiſtlichen verlangte; doch zeigte ſich ſpäterhin ſeine Wunde wenig gefährlich. Im Verlaufe der Schlacht hatten ſich allmälig mehrere engliſche Schiffe zur Bekämpfung des Orients vereinigt. Man griff das franzöſiſche Admiralſchiff nicht nur von beiden Seiten, ſondern auch im Rücken an. Der Contreadmiral Gantheaume ließ daher das Ankertau verlängern, um eine freiere Stellung zu er⸗ *) Es iſt derſelbe Bellerophon, deſſen Gaſtfreundſchaft 1815 weltgeſchichtliche Bedeutung erhielt. 73 halten und um ſein Kanonenfeuer gegen die Schiffe zu richten, die am gewaltigſten auf ihn eindrangen. Während der ganzen Schlacht hat der Chevalier Lacoſte wenig Antheil am Kampfe genommen. Seit dem erſten Kanonenſchuſſe iſt er in die Verbandeajüte zurückgekehrt, wo er den Wundärzten, die alle Hände voll zu thun haben, Beiſtand leiſtet. Er ſelbſt iſt nicht ohne Kenntniſſe in der Chirurgie, wovon er jetzt Gebrauch macht. Dieſer wundärztlichen Praris iſt es wohl auch zuzuſchreiben, daß ihn der Tod ſei⸗ nes Freundes, des Admirals Brüehs, ſehr ruhig läßt. Von Zeit zu Zeit verläßt der Chevalier das Verband⸗ zimmer und zieht Erkundigungen über den Stand der Schlacht ein. Dieſer ſcheint ihm nicht der übelſte zu ſein. Als jedoch der Orient den Bellerophon ent⸗ maſtet und in die Flucht treibt, wird er ſehr nach⸗ denklich, und eine Idee ſcheint ihm durch den Kopf zu gehen. „Ich muß Nelſon die Sache ein wenig erleichtern,“ ſpricht er für ſich und verſchwindet auf einige Zeit in den untern Räumen, wo viele zündbare Stoffe angehäuft liegen. Plötzlich, mitten im fürchterlichſten Kampfe, als eben der Orient gezwungen iſt, ſich gegen vier feind⸗ liche Schiffe zu ſchlagen, als alle ſeine Batterien ar⸗ beiten und das Schiff ſich gegen die feindliche Ueber⸗ macht mit wahrhaft großartigem Heldenmuthe verthei⸗ digt, bemerkt Gantheaume, wie aus den Luken des Hinterdeckes eine Flamme emporſchlägt. Der Schreckensruf„Feuer!“ geht durch das ganze Schiff. Selbſt der Beherzteſte kann ſich bei dieſem Rufe eines Schauers nicht erwehren. Sofort ent⸗ ſendet der Admiral alle einigermaßen entbehrliche Mann⸗ ſchaft zur Dämpfung des Brandes. Mitten im Kugel⸗ regen kämpft man mit Todesverachtung, um der Flamme Herr zu werden. Vergebens; das furchtbare Element greift weiter um ſich. Flackernd ſteigt die Feuerſäule empor, das geſammte Takelwerk geräth in Brand. In dieſer furchtbaren Lage befiehlt Gantheaume, das Feuer der Zwölfpfünder⸗ Batterie einzuſtellen; die fämmtliche Mannſchaft muß auf's Verdeck und löſchen eſen Aber faſt ſämmtliches Löſchgeräth iſt von Ku⸗ geln durchlöchert, die Feuereimer ſind umgeſtürzt, von Trümmern bedeckt; hat man auch rettende Hände, ſo fehlt es an Wertzeug z zum Löſchen. Immer verzweifeltere Fortſchritte macht das Feuer; das ganze Takelwerk ſteht in Flammen, die Maſten beginnen zu glühen und drohen zu brechen. Die Mannſchaft kämpft gegen die Engländer und gegen das Feuer mit einer Entſchloſſenheit, die ihres Glei⸗ chen ſucht. Bald entſinkt aber auch dem Kühnſten der Muth. Die Flammen ſind bereits bis zum Caſtell der Zwölf⸗ pfünderbatterie gedrungen. Die brennenden Maſten ſtürzen zuſammen, Alles unter ſich begrabend und das Feuer über das ganze Schiff verbreitend. Trotz dieſer furchtbaren Kataſtrophe feuert die Bat⸗ terie der Sechsunddreißigpfünder in Einem fort. Jetzt läßt Gantheaume alles Feuern einſtellen und befiehlt dem Kalfaterobermeiſter, die Pulverkammer un⸗ ter Waſſer zu ſetzen. Als er auf das Verdeck zurück⸗ kehrt, ſchlagen ihm die Flammen von allen Seiten entgegen. Bald kann er weder vor- noch rückwärts; um dem Feuertode zu entgehen, ſtürzt er ſich über die bereits brennende Bruſtwehr in's Waſſer. Halb verbrannt gelingt es ihm, einen Kahn zu erreichen und ſich an's Land zu retten, wo er halb todt in den Wüſtenſand ſinkt. Nichtsdeſtoweniger ſtrömen Thränen —— — — — bei dem Anblicke des entſetzlichen Unglücks über die Wange des ſonſt ſo eiſernen Kriegers. Der flammende Orient erleuchtet weit und breit das grauſe Nachtſtück. Man kann die Stellung der feindlichen Flotten deutlich erkennen und ſogar die einzelnen Flaggen unterſcheiden. Der Kanonendonner währt nur an einzelnen Stellen der beiden Schlacht⸗ linien fort. Es iſt Nachts zehn Uhr, der Orient rettungslos verloren. Das ganze Wrack gleicht nur noch einem ungeheuern Feuerklumpen. Das Meer beginnt zu ko⸗ chen unter der flammenden Laſt. Es brauſet und ſchäumt bei dem zahlreich herabſtürzenden glühenden Eiſen⸗ und Holzwerke. Da zuckt ein weißer Feuer⸗ ſtrahl zum Himmel, Meilen weit treten Meer und Land einen Augenblick in feenhafte Verklärung. Ein Knall wird vernommen, wie wohl noch nie in dieſen Ge⸗ wäſſern einer gehört worden— Frankreichs Admiral⸗ ſchiff, der Orient, dieſes ſtolze, prächtige Gebäude von hundertundzwanzig Kanonen, das Diadem und der Stolz der franzöſiſchen Marine, iſt mit tauſend Mann und ſechsmalhunderttauſend Pfund Sterling am Bord in die Luft geflogen. Der Commandant dieſes Schiffes, der Diviſions⸗ chef Caſabianca, der ſchwer verwundet in ſeiner Ca⸗ jüte lag, iſt ſammt ſeinem Sohne, einem Knaben von neun Jahren, dem Lieblinge Bonaparte's, der ſchon während der Schlacht ſeltene Beweiſe ſeines Muthes gab, zu Grunde gegangen. Ein Matroſe wollte den Knaben retten, aber dieſer umklammerte ſeinen ſter⸗ benden Vater mit aller kindlichen Liebe und ließ ſich im Leben und im Tode nicht von ihm trennen. Die Exploſion des Orients war Mark und Bein erſchütternd; ſie war verheerend. Jedes lebende We⸗ 76 ſen, das ſich in der Rähe befand, wurde erſchlagen oder von den Wellen verſchlungen. Kanonen, Waf⸗ fen, Schiffstrümmer, bis zu einer merkwürdigen Höhe geſchleudert, fielen weit und breit zermalmend nieder, Engländer und Franzoſen in den Grund des Meeres ſchmetternd. Auf den furchtbaren Donnerſchlag, der Himmel und Erde erbeben machte, folgte eine Grabesſtille. Man vernahm nur das Rauſchen und Branden des empörten Meeres. Ungefähr ſiebzig Mann von der Beſatzung des Orients wurden von den Engländern durch ausge⸗ ſchickte Boote gerettet; einige andere hatten auf Trüm⸗ mern das Land erreicht. Die Grabesſtille nach der entſetzlichen Kataſtrophe währte ungefähr eine halbe Stunde; da verkündete der ſich von Neuem erhebende Kanonendonner, daß der Durſt der Menſchen nach Kampf, nach Blut und Ver⸗ nichtung noch nicht geſtillt ſei. Außer den bereits oben erwähnten fünf Schiffen hatten ſich auch der Franklin, das ſechſte in der zöſiſchen Linie, den Engländern ergeben. Der Tonnant, unmittelbar dahinter, obſchon küt maſtet, war nicht zu erobern. Unerſchütterlich wehte ſeine Flagge. Dem Commandanten, Dupetit⸗Thouars, riß eine Kanonenkugel beide Schenkel hinweg. Auch er wollte ſeine Wachtbank nicht verlaſſen, als eine zweite Kugel ihn des Armes beraubte. Er verlangte eine Pfeife, rauchte einige Minuten und rief ſodann: „Beſatzung des Tonnant, ergebt Euch nie!“ Das Schiff ward von den Engländern wiederholt zur Uebergabe aufgefordert. „Nur mit meinem Tode“, antwortete der kühne Seeheld,„ſtreiche ich meine Flagge.“ Darauf befahl 7 —— —— —— 114 er, ſeinen Körper lieber in's Meer zu werfen, als den Britten in die Hände fallen zu laſſen. Der Merkur und Heureur waren während der Schlacht geſtrandet und wurden durch fortgeſetzte An⸗ griffe genöthigt, ſich zu ergeben. Das Kanonenfeuer währte bis Morgens drei Uhr, wo allgemeine Ruhe eintrat; doch ſo wie der Tag graute, erhob ſich von Neuem das Gefecht. Die franzöſiſche Fregatte Artemiſta gab mit erſtem Tageslichte noch eine Salve und ſtrich dann ihre Flagge. Aber ihr Capitain legte Feuer an und ent⸗ rann mit einem Theile der Mannſchaft nach der Küſte. Die Fregatte Serieuſe leiſtete dem engliſchen Schiffe Goliath, das ihr an Macht doppelt überlegen war, den kräſtigſten Widerſtand. Von Kugeln durchlöchert, ſank ſie, blieb aber auf einer Untiefe ſitzen. Hier vertheidigte ſich die tapfere Mannſchaft ſo lange, bis ſie eine ehrenvolle Capitulation erlangte. Durch dieſe glücklichen Erfolge wurde es den Eng⸗ ländern möglich, auch den Reſt oder die Arrieregarde der franzöſiſchen Flotte anzugreifen. Am zweiten Auguſt währte das Kanonenfeuer Mittags noch immer fort; allein die Wegnahme der bedeutendſten Schiffe, ſo wie das Auffliegen des Orients hatte Alles entſchieden. Von dieſem Augenblicke an war die Schlacht für Frankreich verloren. Admiral Villeneuve nahm mit ſeiner Diviſion nur ſchwachen Antheil am Gefechte. Zwei Uhr Nachmit⸗ tags gab er das Zeichen zu dem:„Rette ſich, wer kann.“ Er ließ die Taue kappen, ſuchte mit den Schiffen Wilhelm Tell, worauf er ſich ſelbſt befand, mit dem Genereur, der Diane und Juſtice aus voller Macht das Weite. Zwei dieſer Schiffe erreichten Corfu; die beiden andern liefen in den Hafen von Nalta ein. 78 Am dritten Auguſt wehte noch die dreifarbige Fahne auf den entmaſteten und übelzugerichteten Timoleon und Tonnant. Relſon, der ſie wegen ihrer übeln Lage nicht berückſichtigt hatte, dachte jetzt ſich ihrer zu be⸗ mächtigen. Der Timoleon warf ſich aber vorſätzlich auf den Strand, wo ihn ſein Capitain, nachdem die Mannſchaft gerettet, in Brand ſtecken ließ. Die Beſatzung des Tonnant, obſchon aller Hülfs⸗ mittel beraubt, fuhr gleichwohl fort, ſich zu vertheidi⸗ gen; der Kampf konnte unter ſolchen Umſtänden nicht von langer Dauer ſein. Auch dieſes letzte Schiff fiel endlich in die Hände des Feindes. So endete die Seeſchlacht bei Abukir, welche von den Siegern auch häufig die Schlacht am Nile ge⸗ nannt wird. Sie war eben ſo gewaltig in ihrer Er⸗ ſcheinung, wie unermeßlich in ihren phhſiſchen und moraliſchen Folgen. Nicht nur, daß die Franzoſen den Verluſt einer der ſchönſten Flotten, deren Her⸗ ſtellung ſo außerordentliche Summen gekoſtet, zu be⸗ klagen hatten, daß ſie ferner zehntauſend Mann an Todten und Verwundeten, darunter eine große An⸗ zahl der erfahrenſten Offiziere verloren; ſo war auch nun das Erpeditionsheer vom Mutterlande gänzlich abgeſchnitten. Ferner erklärte in Folge dieſer Schlacht die von England aufgereizte Türkei Frankreich den Krieg, und Europa bekam Muth zu einer neuen Cva⸗ lition, furchtbarer als alle die frühern. Füänftes Rapitel. Benßann kehrt ſo eben von ſeinem Zuge gegen Ibrahim, welchen Bey er, wie wir oben geſehen haben, nach Syrien geworfen, nach Cairo zurück; als er, unfern dieſer Stadt, von Kleber, dem Commandanten von Alexandrien, die verhängnißvolle Depeſche über die verlorene Seeſchlacht erhält. Einige Augenblicke ſteht er, nach Ueberleſung der Unglücksbotſchaft, in tiefes Schweigen verſunken. Dann ſpricht er, ſcheinbar mit der größten Ruhe, ganz kalt: „Wir haben keine Flotte mehr! Wohlan, wir müſſen alſo entweder in dieſem Lande bleiben oder auf eine große Art, wie die Alten, aus demſelben gehen!“ Da dieſes Ereigniß unmöglich lange verborgen bleiben konnte, ſo iſt Bonaparte klug genug, daſſelbe, ſo wie er in Cairo eintrifft, der Armee bekannt zu machen. Der Gleichmuth und die Sicherheit, mit der er dies thut, verfehlt ihren Eindruck auf die Soldaten nicht. Der Gedanke, daß die Rückkehr nach Europa abgeſchnitten, der ſo Manchem das Herz ſchwer ge⸗ macht und die Phantaſie verdüſtert hat, wird weniger ſchrecklich. Man gewöhnt ſich daran und ſchließt ſich nur inniger dem Feldherrn an, von deſſen Sterne das Wohl oder Wehe jedes Einzelnen abhängt. Bonaparte's erſtes Augenmerk iſt auf die Herſtel⸗ lung einer neuen Flotte gerichtet. Er will mit der⸗ ſelben die Pforte im Zaume halten und mit dem Mutterlande in Verbindung bleiben. Er ertheilt da⸗ her dem Contreadmiral Gantheaume den Befehl über alle Fahrzeuge, die in Alerandrien eingelaufen ſind oder ſich unter die Kanonen von Abukir gerettet haben. Wenn man während des Winters alle die franzö⸗ ſiſchen Kriegsſchiffe, die ſich in den verſchiedenen Hä⸗ fen des Mittelmeeres befinden, vereinigt, ſo bringt man eine Flotte von zehn Linienſchiffen und eben ſo viel Fregatten zuſammen. Er ſchreibt dem Admiral Ville⸗ neuve, dieſe Vereinigung zu bewerkſtelligen. 80 Iumitten der unermeßlichen Geſchäfte und Sorgen, die in Folge des großen Schlags von Abukir auf ſeinem Haupte ruhen, vergißt Bonaparte nicht, zu Denjenigen als Freund und Tröſter zu ſprechen, die theure Verluſte zu beweinen haben. Dem Viceadmiral Thevenard, Vater des Capitains vom Aquilon, der in der Seeſchlacht getödtet ward, ſchreibt er Worte des Troſtes. Er ſpricht als Krieger zu einem Vater, der Mann und Soldat iſt. Um von der Wittwe des Admiral Brüeys verſtan⸗ den zu werden, ſpricht er eine andere Sprache. „Ich empfinde lebhaft Ihren Schmerz,“ ſchreibt er.„Der Augenblick, der uns von einem theuren Gegenſtand trennt, iſt ſchrecklich. Er macht uns ein⸗ ſam auf dieſer Erde. Er läßt den Körper die Qua⸗ len des Todeskampfes empfinden. Alte Fähigkeiten der Seele ſind erloſchen, und ſie ſteht mit der Außen⸗ welt nur durch ängſtliche Träume in Verbindung. Die Menſchen erſcheinen dem von ſolchem Verluſte Be⸗ troffenen kälter und egoiſtiſcher, als ſie es in der That ſind. In dieſer Lage fühlt man, daß, wenn uns nichts an's Leben knüpfte, der Tod weit vorzu⸗ ziehen wäre. Doch wenn man nach dieſen erſten Ge— danken ſeine Kinder an's Herz drückt, beleben Thrä⸗ nen, ſanfte Gefühle von Neuem die Natur, und man lebt für die Kinder. Ja, Madame, öffnen Sie Ihr Herz bei dem An⸗ blicke Ihrer Kinder einer ſanften Trauer. Sie wer⸗ den mit ihnen weinen. Sie werden ihre Kindheit leiten, ihre Jugend bilden. Sie werden ihnen von ihrem Vater ſprechen, von dem Verluſte, den Sie ſo⸗ wohl wie die Republik erlitten haben. Iſt Ihre Seele durch Kindes⸗ und Mutterliebe wieder an die Erde gefeſſelt, dann möge Ihnen auch meine Freundſchaft und die leb⸗ 8¹ hafte Theilnahme, die ich jederzeit dem Weibe eines Freundes widmen werde, von einigem Werthe erſcheinen. „Sein Sie überzeugt, daß es Menſchen gibt, wenn auch in kleiner Anzahl, welche werth ſind, die Hoffnung des Schmerzes zu ſein, weil ſie die Leiden der Seele mit Wärme empfinden.“ Als Bonaparte dieſen Brief dem Ordonnateur von Toulon überſchickt, um ihn der Wittwe des Ad⸗ mirals mit möglichſter Schonung zu überreichen, ſchreibt er ihm zugleich:„Sein Sie ſo liebenswürdig, meiner Frau, wo ſie ſich gerade befindet, und meiner Mutter in Corſika die Rachricht zu geben, daß ich mich wohl befinde. Ich bin überzeugt, daß man mich bereits ein Dutzendmal hat umkommen laſſen.“ Wie finſter und drohend ſich auch der politiſche Himmel Europa's unzicht, ſiecht man Bonaparte doch nie ſo heiter und unbefangen. Seine Haltung flößt den Furchtſamſten Vertrauen ein. Ein zweiter Cortez, ſieht er ſeine Flotte vernichtet. Er muß entweder ſiegen oder untergehen. Bonaparte's politiſcher Standpunkt erſcheint nach der Seeſchlacht von Abukir weſentlich verändert. Der Feldherr gleicht in der That einem Sultan von Aegypten, obſchon ihm der Name fehlt. Die Organiſation des Landes iſt jetzt ſeine Haupt⸗ aufgabe. Cairo wird zur franzöſiſchen Haupt⸗ ſtadt. Dieſer Ort, vor Kurzem noch voller Bar⸗ barei, erhält durch des Oberfeldherrn unermüdliche Thätigkeit bald das Anſehen einer europäiſchen Stadt. Inmitten der Barbarei erblüht wie eine Oaſe Verſitt⸗ lichung und Gewerbfleiß, welche der Armee die Genüſſe des Vaterlandes gewähren und die Verbannung von Frankreich weniger empfindlich machen. Ueberall ſieht man wie durch Zauberei Buden, Stolle, ſämmtl. Schriften. M. 82 Läden, Werkſtätten, Verſammlungsorte, Café's, Reſtau⸗ rationen wie aus der Erde wachſen. Eine der ſchön⸗ ſten Partien der Stadt, der Platz El⸗Bekieh, wo Bonaparte wohnt und der eheden zu kriegeriſchen Spielen der Mameluken diente, deſſen ungepflaſterte Fläche ſtets die Atmoſphäre mit Staubwolken ver⸗ dunkelt und die Fußgänger beläſtigt, wird gan; um⸗ geſchaffen. In kurzer Zeit bedeckt der ſchönſte Raſen, ſorgfältig unterhalten und gewäſſert, die ehedem ſo ſtaubige Fläche; feſtgeſtampfte Kiesgänge durchſchneiden das grüne Terrain auf die anmuthigſte Weiſe. Man hat mit vieler Mühe Palmen, Sykomoren, Platanen, in Gruppen und Alleen gepflanzt, zwiſchen denen die weißen, grünen und gelben Blüthen der Akazien und des Jasmins lieblich hervorſchimmern und die Abend⸗ luft mit ſüßem Dufte erfüllen. Gleichen die Paläſte, welche dieſen Platz umgeben, auch nur großen, ungeſtalten, viereckigen Maſſen, ſo ſind ſie doch durch freundliche Höfe und Gärten von einander getrennt, aus welchen die goldenen Kuppeln und Spitzen phantaſtiſcher Kiosks, ſo wie ſtolzer Palmen majeſtätiſch hervorragen. Das Hauptquartier des Obergenerals befindet ſich auf der Nordſeite dieſes Platzes. Hier weht das ſieges⸗ kundige, dreifarbige Banner der jungen Republik. Zwei Grenadiere bewachen den Eingang. Bereits erſcheinen in Cairo zwei Zeitſchriften, die Décade egyplieumen für Literatur und Staats wirth⸗ ſchaft; die andere, der Courrier d Egypten, für die Politik. Ferner wird ein neues Vertheidigungsſyſtem der Stadt organiſirt, theils um dieſelbe vor den umher⸗ ſtreifenden Arabern zu ſichern, theils um ſie leichter und mit geringer Mannſchaft zu beherrſchen. 83 Aber nicht blos erobern und phyſiſch unterwerfen will Bonaparte das Land. Ihn beſeelt ein höherer Ehrgeiz. Die Aegypter der Civiliſation wieder zu⸗ gänglich zu machen, ihre Lage zu erleichtern, aus ihnen Verbündete für ſein Heer zu bilden und die ſeit langen Jahrhunderten verbannten Wiſſenſchaften und Künſte an die Ufer des Nils zurückzuführen, das iſt ſein großer Zweck. Darum müſſen ſich jetzt auch die zahlreich mitgebrachten Gelehrten und Künſtler regen. Bonaparte befiehlt, in Cairo ein Inſtitut für Künſte und Wiſſenſchaften zu ereichten. Sein dop⸗ pelter Zweck iſt, Kenntniſſe und Aufklärung zu ver⸗ breiten und Rachforſchungen über alle intereſſante phy⸗ ſiſche und geſchichtliche Gegenſtände anzuſtellen. Einer der Paläſte der Beh's wird für die Sitzungen des Inſtituts, ferner zur Aufbewahrung der aus Frank⸗ reich mitgebrachten Maſchinen und Inſtrumente, der Seltenheiten des Landes aus allen drei Reichen der Natur und zur Wohnung der Gelehrten beſtimmt. Der Garten, der von bedeutendem Umfange iſt, wird zum botaniſchen Garten umgeſchaffen. Das chemiſche Laboratorium erhält ſeinen Platz im Ge⸗ bäude des Hauptquartiers. Das Inſtitut zerfällt in vier Sectionen; in die mathematiſche, in die phyſiſche und naturhiſtoriſche, in die ſtaatsökonomiſche und in die für Literatur und Kunſt. In der erſten Sitzung wird Monge zum Präſi⸗ denten, Bonaparte zum Vieepräſidenten und Fourier zum beſtändigen Seeretair ernannt. Nie vergißt der Oberfeldherr in ſeinen Proclamationen ſich den Titel eines„Präſidenten des Inſtituts für Aegypten“ beizu⸗ legen. Das äghptiſche Inſtitut ſteht in Correſpondenz mit dem Nationalinſtitute von Paris. Die einfachen Sitten der Gelehrten B der Nu⸗ 84 tzen, welchen ihre Arbeiten ſchaffen, erwerben ihnen die Achtung der Armee wie der Einwohner. Alle dieſe wiſſenſchaftlich gebildeten Männer ſind aber auch mit Eifer bemüht, die Geheimniſſe aufzudecken, welche Kunſt und Natur ſo reichlich über Aeghpten verbreitet haben. Die Art und Weiſe, wie dieſe Gelehrten die meiſte Zeit zu Beobachtungen verwenden, beweiſt eine Be⸗ harrlichkeit im Nachforſchen und eine leidenſchaftliche Liebe für Alles, was zum Fortſchritte der menſchlichen Kenntniſſe beitragen kann. Gleich den Soldaten trotzen ſie der brennenden Hitze der Wüſte; während der Kämpfe und dem Kugelhagel ſchreiben ſie ihre Bemerkungen nieder, entwerfen ſie Pläne und zeichnen Denkmale. Gezwungen, den Bewegungen der Truppen zu folgen, eilen ſie keuchend von Schlachtfeld zu Schlachtfeld. Zuweilen ſind ſie ſogar gezwungen, im Handgemenge ſelbſt mit Theil am Kampfe zu nehmen. Bonaparte beauftragte Andreoſſy und Berthollet, den See Menzaleh, die peluſiſchen Mündungen des Rils und die Natronſeen zu unterſuchen. Andere Gelehrte be⸗ ſtimmen die geographiſche Lage von Cairo, Salahieh, Damiette, Suez und andern bedeutenden Orten. Man nahm den Plan von Alexandrien auf, beobachtete die Meteore, durchforſchte den Canal des Niles. Selbſt der Sand der Wüſte ward einer genauen wiſſenſchaft⸗ lichen Unterſuchung unterworfen. Es ergab ſich hier⸗ aus, daß dieſer Sand blos aus weißen, glanzloſen, quarzartigen Steinchen beſteht, die ſich je nach der Be⸗ ſchaffenheit des Bodens anhäufen und der Gegend den Anſchein eines mit Schnee bedeckten Landes geben. Man unterſuchte alle Thierklaſſen, Pflanzenarten und Mineralien. Sogar die Inſecten aus Shriens und Nubiens Wüſten wurden geſammelt. Ebenſowenig entgingen die Qaſen, die Fata Morgana der wiſſen⸗ 85⁵ ſchaftlichen Forſchung. Ackerbau, Handel, Canäle, Brücken und Waſſer gehörten mit zu den Hauptgegen⸗ ſtänden, welche die Aufmerkſamkeit der Intelligenz auf ſich zogen. Alle Denkmale bis an die Grenzen Nu⸗ biens wurden unterſucht und gezeichnet. Man errichtete ferner mechaniſche Werkſtätten, baute Wind- und Waſſermühlen, überſetzte den Koran und andere arabiſche, der Proſa, wie der Poeſie an⸗ gehörige Werke, wo man bis in die Zeiten des Königs Salomo hinaufſtieg. Ueberall gingen die friedlichen Eroberungen der Gelehrten mit denen des Kriegs Hand in Hand. Salpeterfabriken und Pulvermühlen werden er⸗ baut. Eine Gießerei wird errichtet, wo man Ge⸗ ſchütze von größerm Kaliber, deren man in Menge beſitzt, in kleinere für den Gebrauch der Feldartillerie umgießt. Ferner erbaut man große Schloſſer⸗, Waf⸗ fenſchmied⸗, Schreiner-, Zimmermanns-, Wagner⸗, Schuhmacherwerkſtätten und dergleichen. Bald erkennt man die fühlbaren Fortſchritte, welche durch all' dieſe Schöpfungen gemacht werden. Die Soldaten erhalten Seſſel, Tiſche, Saffianſtiefeln, Wäſche. Sobald aber den nothwendigſten Bedürf⸗ niſſen Genüge geleiſtet, ſchleicht auch bereits der Lurus ſich ein. Man bereitet leichtes, tragbares Tafelgeſchirr. Bald erblickt man ſilberne Becher und Teller. Condi⸗ toren und Deſtillateurs etabliren ſich und werden zahl⸗ reich beſucht. Nach und nach erſcheinen Bortenwirker und Stricker, man fabricirt Spielkarten, Billarde und Spieltiſche; kurz, es geſchieht Alles, um das Heer auf völlig europäiſche Weiſe einzurichten. Mit dem Untergange der Flotte vor Abukir hat Bonaparte die großen Entwürfe aufgeben müſſen, von denen die Eroberung Aeghptens vielleicht blos die erſte 86 Staffel war. Daher läßt er jetzt kein Mittel unver⸗ ſucht, wenigſtens die Eroberung zu ſichern. Er be— ſchäftigt ſich daher ſtark mit Ergänzung und Organi⸗ ſation ſeiner Armee. Mameluken und Selaven von allen Stämmen, vom vierzehnten bis zum vierundzwanzigſten Jahre, werden nach Cairo gebracht, um dem Heere einver⸗ leibt zu werden. Man erblickt koptiſche, griechiſche, äghptiſche, mamelukiſche, arabiſche und türkiſche Rekruten. Um die Cavallerie beritten zu machen und das Transportweſen zu erleichtern, befiehlt der Obergeneral, Pferde und Kameele zu requiriren. Alle den Mame⸗ luken abgenommene Reit- und Zugthiere werden für den Dienſt beſtimmt. Die Kameele ſind hauptſächlich zum Transport der Dreipfünder, ſo wie der Infanterie und der Munition beſtimmt, um die Wagenburg mög⸗ lichſt zu vermindern. Alle Truppen kleidet man in Zeug von blauem und grünem Kattun. Die Kopfbedeckung beſteht aus ſchwarzem Saffianleder, wozu man noch eine aus Wollenzeug verfertigte Mütze hinzufügt, die der Soldat während der Schlacht aufſetzt. Zu keiner Zeit war der franzöſiſche Krieger bequemer bekleidet. Mit Hülfe derjenigen Matroſen, die zu bejahrt ſind, um einen andern Stand zu ergreifen, errichtet man auf dem Rile eine kleine Flotte. Bonaparte führt die größte Sparſamkeit bei ſeiner Armee ein, ohne dem Eigenthume Jemandes zu nahe zu treten. Der Oberfeldherr bekümmert ſich um die gering⸗ fügigſten Details des täglichen Garniſondienſtes. Haupt⸗ ſächlich iſt es Wachſamkeit, die er den Soldaten anbe⸗ fiehlt. Aus den Civilbeamten der Armee und den in Cairo wohnenden Europäern wird eine Nationalgarde von zehn Compagnieen errichtet. 87 Die Thätigkeit Bonavarte's iſt unermeßlich und kann nicht genug bewundert werden. Sein Genie überſchaut Alles, durchdringt Alles, ſchafft Alles. Um den Aeghptern zu gefallen, ſie zu blenden, den Enthuſiasmus der Armee zu unterhalten und ihr Zerſtreuung zu verſchaffen, läßt er Feſte mit großer Pracht feiern. Die erſte Gelegenheit hierzu bietet ſich ihm in dem jährlichen Wachſen des Nils und in der Eröffnung der Schleuſen. Sobald dieſer ſegensreiche Fluß in der Sommer⸗ Sonnenwende zu ſteigen beginnt, läßt der Scheik, welcher mit Beſorgung und Beobachtung des Rilufers beauftragt iſt, das Wachſen der Fluth in den Straßen von Cairo ausrufen. Mitten durch die Stadt geht ein Canal; dieſer wird alljährlich durch einen Damm gegen den Ril verſchloſſen. Erſt wenn das Waſſer die erforderliche Höhe erreicht, durchſticht man den Damm. Dieſes findet ſtets zwiſchen dem funfzehnten und zwanzigſten Auguſt ſtatt. Am ochtzehnten Auguſt begab ſich Bonaparte, von ſeinem Generalſtabe, dem Divan, dem Aga, dem Kadi und mehreren anderen angeſehenen Beamten und Vornehmen des Landes begleitet, an den Eingang des Canals, wo er unter einem prächtigen Pavillon Platz nimmt. Die An⸗ höhen, die längs des Rils und des Canals dahinlaufen, ſind mit einer unermeßlichen Menge Volks bedeckt. Die Flotte, die unmittelbar vor dem Damme vor Anker liegt, welcher den Canal verſchließt, hat alle Flaggen aufgezogen. Ihr voran geht eine Barke, auf der ſich vier Kanonen befinden. Ein Theil der Gar⸗ niſon ſteht parademäßig unter Waffen. Das ganze Schauſpiel gewährt einen imponirenden Anblick. Fran⸗ zöſiſche und äghptiſche Muſik läßt ſich abwechſelnd ver⸗ nehmen. 88 Der Scheik des Nilmeſſers macht die Höhe des Fluſſes bekannt, worüber ein Protocoll aufgenommen und unterzeichnet wird. Auf ein gegebenes Zeichen wird nun, ein uralter Gebrauch, die Bildſäule der NRil⸗ braut in die Wellen geſtürzt und der Damm durch⸗ brochen. Bald hat ihn die gewaltige Fluth hinweg⸗ geſchwemmt. Unter Kanonendonner fährt die oben⸗ erwähnte Barke zuerſt in den Canal. Zahlloſe Schiffe, die den ganzen Strom bedecken, folgen. Männer, Weiber und Kinder ſtürzen ſich in's Waſſer, welchem Bade ſie heilſame Wirkungen zuſchreiben. Bonaparte läßt Geld unter die Menge ſtreuen und beſchenkt das Fahrzeug, das zuerſt in den Canal ein⸗ läuft. An verſchiedene ägyptiſche Militair⸗ und Civil⸗ beamte läßt er prachtvolle Kaftans vertheilen. 5 Nach vollbrachter Feier kehrt der Zug nach dem Hauptquartiere zurück. Die Luft hallt wieder von Ge⸗ ſängen zum Lobe des Propheten und des Sultan Kebit (Vater des Feuers), wie Bonaparte bei den Aegyptern genannt wird. „Das Feſt, welches wir hier bei Oeffnung des Nilcanals gefeiert haben,“ ſchreibt Napoleon an Kleber, „war ſehr ſchön und ſchien den Einwohnern viel Ver⸗ gnügen zu machen. Das Feſt des Propheten, welches wir übermorgen feiern werden, ſoll noch ſchöner werden.“ Alſo regierte Bonaparte in Aeghpten. 7 Sechſtes Rapitel. Von zweihundert Grenadieren und zahlreichen Gelehr⸗ ten, worunter Laroſſoſſinier nicht fehlte, begleitet, drang Camille, dem ehrenden Auftrage Bonaparte's zu Folge, 89 gegen die Pyramiden von Gizeh vor. Ungefähr vier Stunden vom Ufer des Nils ſtrecken dieſe bewunderns⸗ würdigen Denkmale ihre Steinmaſſen, gleichſam aus dem Wüſtenſande emporwachſend, zum Himmel. Man kam an dem reizend gelegenen Landhauſe des Murad Beh vorüber, in deſſen blumen- und dufterfüll⸗ tem Garten man kurze Raſt hielt. Auf weichem Raſen hingeſtreckt, im Schatten dichtbelaubter Feigenbäume, von Jasmin und Orangen umblüht, von klaren Spring⸗ brunnen umrauſcht, fehlte Niemand, als die Odalis⸗ ken, welche noch vor Kurzem dieſe Räume belebten, um den Abendländern ein Bild des morgenländiſchen Paradieſes zu vergegenwärtigen. 6 Nachdem man ſich hinreichend ausgeruht und er⸗ . quickt hatte, ſetzte ſich die Caravane wieder in Bewe⸗ 6 gung und erreichte nach dreiſtündiger Wanderung die Wüſte. Hier bot ſich aber den Reiſenden plötzlich ein grauſender Anblick dar. Man hatte einen Theil der Ebene vor ſich, auf welcher die Pyramidenſchlacht ge⸗ ſcchlagen und die Macht der Mameluken durch die fran⸗ zöſiſchen Quarré's gebrochen worden war. Obſchon dieſer entſcheidende Kampf vor nicht lan⸗ ger Zeit ſtattgefunden hatte, ſo waren die Leichname der Gefallenen von der Hitze und dem heißen Kamſin doch bereits in ſolchem Grade aufgezehrt, daß nur noch gebleichte Gerippe weit und breit umherlagen. . Tief war der Eindruck, welchen die Todtenſtätte auf die Caravane hervorbrachte. Dieſe grinzenden, hohl⸗ äugigen Schädel, dieſe Wüſte, dieſe ſchauerliche Stille und zur Linken die ſchweigend ernſten Pyramiden! Die ſchlachtergrauten Grenadiere vermochten ſich eines Schauers nicht zu erwehren und zogen ſtill vor⸗ über. Ihre vorher ſo heitere und oft ſelbſt in's Fri⸗ vole übergehende Stimmung war einem tiefen, nach⸗ 90 denkenden Ernſte gewichen. Bei den Gelehrten war es ein Anderes. Nachdem der erſte Schauer des Anblicks vorüber, erwachte bei ihnen der wiſſenſchaftliche Geiſt und die Forſchungsſucht. Gall's Schädellehre ſtand damals in großem Anſehen, und ſo konnte ſich denn gar keine erwünſchtere Gelegenheit finden, als auf dieſer Wahlſtatt die Todtenköpfe der verſchiedenen Nationen herauszufinden und zu ſtudiren. Laroſſoſſinier und viele ſeiner Collegen liefen wie närriſch überall umher und verglichen die verſchiedenen Schädel mit einander. Erſterer hielt eine förmliche Vorleſung in der Wüſte. „Tandem hona causa triumphat!“ rief er wie⸗ derholt im freudigſten Tone, nachdem er eine Menge Schädel und wie Krautköpfe vor ſich ausgebreitet hatte.„Die Verſchiedenheit der Schädel der Eingebornen von denen der Mameluken, der Franzo⸗ ſen und Araber iſt ſo in die Augen ſpringend, und ſtimmt dermaßen mit dem Charakter und der Indivi⸗ dualität der verſchiedenen Nationen überein, daß Gall in ſeinem Syſtem auf dieſem Schlachtfelde einen eben ſo glorreichen Sieg davon trägt, als Bonaparte mit ſeinen Grenadieren daron getragen hat.“ „Man ſtelle nur oberflächliche Vergleichung an,“ fuhr er fort, indem er einen Todtenkopf in der Hand hielt;„hier dieſer ägyptiſche Schädel ſich durch außerordentliche Perturbanzen auf dem Zenith der Hirnſchale aus, wohin Gall das Organ der Theoſo⸗ phie legt. Dabei iſt dieſer Schädel zu beiden Seiten in der Gegend des processus? gbmatious ſehr gedrückt und die Seitenwandbeine oder ossn hregmalis ſehr abgeplattet, ſo daß er auffallend länglich und oben hochgewölbt erſcheint. Mit dem Araberſchädel iſt ganz daſſelbe der Fall.“ 9 „Dagegen, meine Herren, betrachten Sie dieſen Mamelukenſchädel. Er wölbt ſich, und da, wo der ägyptiſche perturbirt iſt, findet man ihn gänzlich abge⸗ plattet; dagegen zeigt ſich das Organ der Schlauheit, des Diebsſinns, das ſich an den Schlafbeinen markirt, ſo wie auch der Raufſinn außerordentlich entwickelt. Die kaukaſiſche Race iſt ſelbſt bei denen, die vielleicht ſchon in der dritten Generation in Aegypten lebten, noch deutlich zu erkennen. Sie bekundet ſich in alle den Kennzeichen, welche Blumenbach in ſeiner Schrift de humani generis varietatibus angibt.“ Laroſſoſſinier, der ſich ganz ſo benahm, als ſtünde er auf ſeinem Katheder zu Paris, hob jetzt einen arabiſchen Schädel empor. Camille, der aus dem lauten Gemurr ſeiner Gre— nadiere deutlich entnahm, wie überdrüſſig man der Schädellehre war, hatte ſchon wiederholt den Pro⸗ feſſor ermahnt, ſeinen Vortrag ein andermal fortzu⸗ ſetzen, da die Zeit dränge und er ſeiner Ordre gemäß zu marſchiren habe. Das waren aber alles Worte in den Wind. Laroſ⸗ ſoſſinier warf dem Unterbrecher einen wüthenden Blick zu, indem er zugleich zu einer umſtändlichen Beſchrei⸗ bung des arabiſchen Schädels überging. „An ihnen“, ſprach er,„ſieht man die Organe der Metaphyſik und Theoſophie bei weitem mehr ent⸗ wickelt, als bei den Mameluken; dagegen iſt minder großer Rauf⸗ und Mordſinn vorhanden. Bemerkenswerth iſt die außerordentlich hervortretende Kinderliebe; ferner auch der deutlich ausgeprägte Ortsſinn, der mit ihrer herumziehenden Lobensart übereinſtimmt.“ Jetzt vermochte Renouard die Ungeduld der Gre⸗ nadiere nicht länger zu zügeln. Er gab das Zeichen zum Aufbruch und rieth der gelehrten Geſellſchaft, ſich 92 — anzuſchließen, widrigenfalls er nicht dafür ſtehen könne, wenn ſie den Arabern in die Hände fielen. Der größte Theil der Gelehrten folgte der Auf⸗ forderung; aber ein Dutzend der Gallianer vermochte ſich noch immer nicht von dem Schädelfelde zu trennen und umſtand voller Aufmerkſamkeit den docirenden Laroſſoſſinier. Als Letzterer bemerkte, wie ſich die Grenadiere und die meiſten ſeiner Collegen in Bewegung ſetzten, wollte es ihm auch nicht mehr recht auf der einſamen Wahl⸗ ſtatt behagen. Er beſchloß daher, ſich mit ſeinem Vor⸗ trage ſo kurz wie möglich zu faſſen, wobei er einen forſchenden Blick in die Wüſte that, ob die Gegend auch ſicher vor Arabern ſei. Nur die Schädel der Franzoſen waren jetzt noch zu charakteriſiren. „So wartet doch ein wenig,“ rief er der dahin⸗ ziehenden Colonne zu;„ich komme jetzt an Euren eigenen Hirnkaſten; wollt Ihr denn gar nicht wiſſen, wie es mit dieſem beſchaffen iſt?“ Niemand mochte aber etwas wiſſen, weshalb der Profeſſor über den gegenwärtigen unwiſſenſchaftlichen Sinn laut zu lamentiren anfing. „Die Schädel der Franken“, fuhr er in ſeiner Vorleſung fort,„unterſcheiden ſich auf den erſten Blick auf ſo auffallende Weiſe von denen der Afrikaner und Aſiaten, daß—“ Plötzlich ergriff ein paniſcher Schrecken die geſammte Zuhörerſchaft. In einiger Entfernung zeigten ſich einige berittene Beduinen, von denen man gar nicht begriff, wo ſie mit einem Male hergekommen, und die im geſtreckten Laufe auf die ſchädelforſchende Geſellſchaft zujagten. Mit einem Zetermordio ſtürzte man jetzt der einige hundert Schritt vorgegangenen Colonne nach, die zum 93 Glück Halt gemacht hatte und einige Grenadiere zum Suceurs zurückſchickte. Laroſſoſſinier und noch zwei ſeiner eifrigſten Col⸗ legen waren von den Rieſenſprüngen, die ſie auf die Caravane zu gemacht, ſo angegriffen, daß ſie der Längelang athemlos und halb todt in den Sand fielen. Die Beduinen kamen ziemlich nahe heran, ſuchten aber, da ſie keine Nachzügler vorfanden und von den Grenadieren einige Flintenſchüſſe auf ſie abgefeuert wurden, wieder das Weite. In Kurzem waren ſie in der Wiſte verſchwunden. Je näher man den Pyramiden kam, deſto mehr ſchienen ſie an Größe zu verlieren. Aus weiter Ferne gewährten ſie einen weit gewaltigeren Anblick. Es er⸗ geht Jedem ſo, der in ihre Nähe kommt. Der erſte groß⸗ artige Eindruck kehrt jedoch mit verſtärkter Gewalt zu⸗ rück, ſobald man an ihrem Fuße angelangt iſt und nach der Spitze emporſchaut. Staunen und Bewunderung erfaßt den Beſchauer der Pyramide des Ceops, an welcher, nach Herodot, hunderttauſend Menſchen zwanzig Jahre gearbeitet haben; erwägt er aber den Zweck dieſes Denkmals, ſo ſcheint die Größe des Stolzes, der den Bau bewirkte, ſeine phyſiſche Größe zu übertreffen; und man iſt un⸗ gewiß, was man am meiſten beſtaunen ſoll, die Thran⸗ nei, die es wagte, die Aufführung zu befehlen, oder den ſtupiden Gehorſam des Volks, das ſeine Arme zu ſolchen Gebäuden geliehen hat. So ungefähr ſprach ſich Camille aus, als ſeine Blicke die rieſenhaften Steinmaſſen in der Nähe be⸗ trachteten. Der in der Gelehrtenwelt gekannte und geſchätzte Denon, der die Erpedition mitgemacht hatte, pflichtete vollkommen bei. 94 „Doch“, fügte er wohlmeinend hinzu,„gibt es vielleicht noch einen andern und erhabenern Heſichts⸗ punkt, von dem aus man den Zweck der Pyramiden erklären kann. Iſt es nicht denkbar, daß die Menſchen mit der Natur in einen Wettſtreit über die Unſterb⸗ lichkeit ihrer Werke getreten ſind, und daß ſie bei die— ſem Kampfe obgeſiegt haben, da die benachbarten Berge ſämmtlich nicht ſo hoch ſind, wie dieſe Denkmale, und ſich nicht erhalten haben?“ Bevor man die Phyramiden genauer unterſuchte, wandte man ſich nach der benachbarten Gegend, wo der coloſſale Steinkörper der weltberühinten Sphinr aus dem ſeit Jahrtauſenden angewehten Wüſtenſande emporſchwillt. In der neuern Zeit ragen nur noch Haupt und Hals hervor. Beide erſcheinen, aus der Ferne be⸗ trachtet, in allen ihren Zügen klar, zeigen ſich aber ver⸗ ſtümmelt, ſobald man in die Rähe ko nmnt. Dieſes wun⸗ derbare Denkmal ſchaut nach Oſten. Kein Symbol aler Religionen und Zeiten drückt glücklicher als dieſes dic unerſchütterliche Ruhe und den Gedankenernſt aus. Deutlich ſieht man noch die rothe Farbe, womit auch dieſer Koloß überſtrichen war. Der Hals iſt dünne, als habe man den Rumpf vom Haupte ſon⸗ dern wollen, aber den Verſuch aufgegeben. Zwiſchen den Vordertatzen hält die Sphinr einen kleinen Tem⸗ pel, vor deſſen Eingang ein Löwe ruht. Weiter tie⸗ fer iſt ein Niedergang von zweiunddreißig Stufen, der zu einem Altar führt, worauf eine griechiſche In⸗ ſchrift aus der Ptolomäerzeit zu leſen iſt. Zu jeder Seite des Altars ruht eine Sphinx aus Kakkſtein. Von der Grundveſte des Tempels bis zur Stirn dee großen Sphinr zählt die Höhe fünfundſechzig Fuß. Die Tatzen ſind ſiebenundfunfzig Fuß lang; von der Bruſt bis an die Krallen zählt man acht Fuß. 95 Man kehrte nach der Pyramide des Ceops zurück, in deren Schatten man ſich nach dem ſtrapazirenden Marſche durch die Wüſte lagerte und erholte. Die Flaſchenkörbe wurden geöffnet. Man trank auf das Wohl der Republik, der franzöſiſchen Armee und Bo⸗ naparte's und war heiter und frohen Muthes. Nach einer kurzen Raſt traten die Grenadiere wie⸗ der unter's Gewehr. Renouard wählte drei Vetera⸗ nen, welche ihm nach der Spitze der Pyramide folgen ſollten. Der Aelteſte trug die große dreifarbige Fahne, mit der Camille, dem Auftrage Bonaparte's zu Folge, die Hohe des alten Denkmals zu ſchmücken hatte. Roſignol, der erſte Tambour der tapfern neun⸗ undfunfzigſten Halbbrigade, den wir ſeit dem Sturm von Alexandrien zwar aus den Augen verloren haben, der aber nichtsdeſtoweniger in keinem der zeitherigen Gefechte die alte Bravour verläugnet hat und darum bei Bonaparte in großen Gunſten ſtand, hat ſib's als Gnade ausgebeten, in Begleitung ſeiner Trommel die Phramide mit beſteigen und während des Auf⸗ pflanzens der Fahne einen drei Minuten langen Wir⸗ bel ſchlagen zu dürfen. Renouard fragt jetzt bei den Gelehrten an, wer Luſt habe, nach dem Gipfel zu folgen; aber da gibt es faſt lauter bedenkliche Geſichter. Die Höhe iſt zu unermeßlich, zudem erheben ſich die Flächen ſo ſteil. Ein Winkel von ſechsundfunfzig Graden iſt kein Spaß, die Sache ſieht gefährlich aus. Dieſer entſchuldigt ſich durch Schwindel, ein Anderer ſchützt ſeine Cor⸗ pulenz vor, ein Dritter iſt von der Wanderung zu erſchöpft. Rur Laroſſoſſinier und der ehrwürdige Denon ſcheuen kein Opfer und ſind zum Erſteigen der Pyra⸗ mide bereit, Erſterer, bei dem Gedanken an die Er⸗ 96 ſtei gung der Pyramiden die verſchiedenen Schädelſor⸗ ten, die zeither das Thema ſeines lehrreichen Geſprächs waren, vergeſſend, ſchwört hoch und theuer, und wenn es das Leben koſte, die Spitze erklettern zu müſſen. Er wird in Betreff ſeiner Collegen, die weniger Klet⸗ terluſt zeigen, ordentlich anzüglich. Ji großen Lagen“, ruft er enthuſiaſtiſch,„dürfe man nicht an die Verletzbarkeit des irdiſchen Leichnams denken, ſondern müſſe ſein Augenmerk einzig und allein auf die Wiſſenſchaft richten. Von den Pyramiden herab den Hals zu brechen, ſei etwas ganz Anderes, als ein gewöhnlicher, ſimpler Halsbruch; um letztern krähe verdientermaßen kein Hahn, während erſterer zur Unſterblichkeit führe. Er möge nicht mit dem nagenden Gedanken nach Frankreich zurückkehren, mit dem Gedanken, am Fuße der Ceops⸗Phramide gefrüh⸗ ſtückt und deren Spitze nicht erſtiegen zu haben. Zwei Araber, die die Phramiden ſchon oft beſtiegen hatten, eröffneten die Eselade. Dieſelbe war für ſchwin⸗ delfreie Perſonen nicht gefährlich, aber doch äußerſt ermüdend, weil man nicht in Stufen aufwärts ſteigt, ſondern von hohen Quadern zu Quadern klimmen muß. Die Araber, Camille, Roſſignol und die Gre⸗ nadiere waren daher bereits die Hälfte der Pyramide empor, als der ſchon bejahrte Denon und der ſteig⸗ luſtige Laroſſoſſinier kaum die ſechſte Quaderreihe zu⸗ rückgelegt hatten. Jedesmal, wenn man eine Staffel weiter aufwärts gekommen, machte man Halt und theilte ſich gegenſeitig die Beſchwerlichkeiten der Reiſe mit. Zugleich warf Laroſſoſſinier ſehr nachdenkliche Blicke rückwärts, denn er gewahrte, wie die Erde immer tie⸗ fer unter ihm zurückwich. Blickte er jedoch aufwärts, ſo konnte er ſich eines leichten Fröſtelns nicht erwehren. Camille mit ſeinen Grenadieren befand ſich bereits 97 in einer ſolchen Höhe, daß dem Nachſchauenden or⸗ dentlich ſchwindlich zu Muthe ward. „Wenn nur nicht Einer dort oben ausgleitet,“ ſprach der Profeſſor beſorgt zu Denon,„wir Nach⸗ zügler wären Beide des Todes; wir würden in den Abgrund geriſſen.“ Aber kaum über das Herabgleiten der Vorder⸗ männer beruhigt, ſtieg eine neue Sorge im Kopfe des nachdenklichen Profeſſors auf. „Eh' wir bis zur Spitze kommen, befinden wir uns gewiß im höchſten Grade der Transſpiration,“ ſprach er zu Denon;„und dort oben zieht die Luft fürchterlich. Wie leicht können wir vom Schlage ge⸗ troffen werden.“ „Ich gebe das zu,“ erwiederte Denon;„überhaupt iſt es für meine Jahre wahrer Vorwitz, die Pyramiden zu erklettern. Aber wir ſind einmal in Aegypten.“ Die letzten Worte flößten Laroſſoſſinier wieder Muth ein; gleichwohl nagte der Gedanke an einen Schlagfluß wie ein unheimlicher Wurm in ſeinem In⸗ nern. Er brachte abermals die Rede darauf. „Nichts“, ſprach er,„iſt mir ſchrecklicher, als ein ſchneller Tod. Ohne alle Vorbereitung eine bekannte Welt mit einer unbekannten zu vertauſchen!“ „Der wahre Chriſt“, hielt Denon entgegen,„ſoll nie unvorbereitet hinſichtlich ſeines Todes ſein.“ Während dieſer Todesgeſpräche war man mühſam wieder ein paar Quaderreihen emporgeklettert. La⸗ roſſoſſinier machte Halt, ſchaute rückwärts, ſchaute vor⸗ wärts, und es ward ihm immer bänglicher um's Hetz. Die Vorangeſtiegenen, obſchon ſte noch keineswegs die Spitze der Pyramide erreicht hatten, erſchienen bereits ſo klein, daß Laroſſoſſinier alles Ernſtes dachte, ſein Stolle, ſämmtl. Werke. II. 98 Auge ſpiele ihm einen Streich und male Alles in's unendlich Kleine. „Mein Gott,“ erkundigte er ſich bei Denon,„er⸗ ſcheinen Euch denn die baumlangen Grenadiere auch wie die Mücken?“ „Mir ergeht es noch ſchlimmer,“ antwortete die⸗ ſer,„ich ſehe ſie vermöge meines kurzen Geſichts gar nicht.“ Laroſſoſſinier blickte rückwärts und ſchaute in ei⸗ nen Abgrund. Er ſchauderte. „Man muß geſtehen,“ ſprach er,„um ſeinen Ge⸗ fährten auf ein baldiges Hinabſteigen vorzubereiten, „unſer Unternehmen iſt doch eine wahre Halsbrecherei.“ „Dieſes weniger,“ erwiederte Denon,„aber be⸗ ſchwerlich im höchſten Grade.“ „Nein auch halsbrechend,“ beharrte Laroſſoſſinier, „ich begreife nicht, wie wir wieder hinab kommen wollen.“ „Auf dieſelbe Weiſe,“ verſetzte ruhig der Andere, „auf die wir hinaufgekommen find.“ „Die Hinabfahrt ſcheint mir gefährlicher.“ „Wohl möglich.“ „Zudem nehmen unſre Kräfte nicht zu.“ „Das fühl' ich,“ geſtand der ehrliche Denon. „Ich habe keinen trocknen Faden am ganzen Leibe,“ ſprach Laroſſoſſinier. „Auch mir iſt recht ſchwül.“ „Aber geſteht mir offen,“ fuhr Laroſſoſſinier fort, „glaubt Ihr wirklich, die Spitze zu erklimmen?“ „Nein, das glaube ich nicht,“ ſprach Denon. „Ich auch nicht,“ verſetzte Laroſſoſſinier mit ge⸗ preßter Stimme. „Ihr zeigtet Euch aber vor Kurzem noch ſehr ſteigluſtig.“ „Die Zeiten ändern ſich, guter Denon.“ 99 „Die Collegen werden Euch hänſeln, wenn Ihr Pyramide nicht erklimmt.“ „Das iſt mir immer lieber, als wenn mich oben im Luftzuge der Schlag rührt.“ „Wenn ich nicht irre, wolltet Ihr Euch im Grabe umwenden, wenn—“ „Ach, ſobald man einmal ordentlich todt iſt, geht das nicht ſo ſchnell.“ „Nun meinetwegen, haltet es, wie Ihr wollt; aber ich dächte, wir kletterten wenigſtens noch einige Qua⸗ derlagen aufwärts.“ „Ich dächte nicht.“ „Wir ſind ja kaum ein Viertheil in die Höhe.“ „Ich befürchte, je höher wir kommen, deſto ſchär⸗ fer geht die Luft.“ „Nein,“ ſprach ruhig Denon,„bin ich gleich ein alter Mann, ein Stücklein aufwärts muß ich noch.“ „Ich bin auch kein Jüngling mehr,“ meinte La⸗ roſſoſſinier,„aber habe vollkommen genug. Wer hoch ſteigt, fällt tief. Ich kann wenigſtens ſagen, ich bin auf der Pyramide des Cheops geweſen.“ Der alte Denon läßt ſich endlich auch bewegen, die Rückfahrt anzutreten. Man verzichtete gern auf den Gipfel der Pyramide und dachte nur daran, wie wieder in die Tiefe zu gelangen ſei; was in der That gefährlicher ſchien, als das Emporklettern. Der Profeſſor ſetzte an mehreren Stellen an, aber ſchauderte jedesmal vor der Möglichkeit, daß er aus⸗ gleiten und in die Tiefe ſtürzen könnte. „Das Gott erbarm!“ ſprach er,„guter Denon, ich ſehe keine Rettung.“ „Wo ſo Viele hinabgekommen,“ erwiederte dieſer, „wird's für uns auch gehen.“ „Das können nur Seiltänzer und Equilibriſten F — = 100 geweſen ſein,“ meinte Laroſſoſſinier;„einem Profeſſor kann man ſolche Sprünge nicht zumuthen.“ „Nun, hinab müſſen wir,“ meinte Denon,„Zeit⸗ lebens können wir doch nicht auf der Phramide des Ceops verbleiben.“ „Wenigſtens würde uns die Zeit etwas lang werden.“ „Darum friſch gewagt und hinab,“ rief Denon. Wirklich war es ihm auch gelungen, eine Stelle ausfindig zu machen, die weniger gefährlich erſchien. Er wagte den Verſuch und erreichte wohlbehalten die nächſte Stufe. Als Laroſſoſſinier ſich überzeugt hatte, daß ſein College wirklich lebend auf der folgenden Staffel an⸗ gelangt ſei, blieb ihm nichts übrig als zu folgen. „Das war ein verzweifelter Sprung,“ meinte er, ſich am ganzen Leibe betaſtend,„wenn ich mir nur nicht etwa Schaden gethan.“ Sein Muth hatte indeß durch das erſte Wagſtück zugenommen, ſo daß er an die folgende Staffel mit weniger ſchwerem Herzen ging. Auf dieſe Weiſe kam man der Erde immer nä⸗ her. Als die am Fuße der Phramide zurückgeblie⸗ benen Gelehrten, welche den Himmelfahrern zeither mit großem Intereſſe zugeſchaut hatten, die rückgän⸗ gige Bewegung Denon's und Laroſſoſſinier's gewahr⸗ ten, erhoben ſie ein allgemeines Geſchrei des Jubels und Spottes. „Hört nur,“ ſprach Denon zu ſeinem Gefährten, „wie ſie da unten ſchreien. Es wird uns miſerabel genug ergehen.“ „Ein Philoſoph“, erwiederte Laroſſoſſinier,„muß über ſolchem Geſchrei erhaben ſtehen.“ Während aber die beiden zu ebener Erde glücklich 101 anlangten und unter allgemeinem Gelächter und Ge⸗ ſpötte empfangen wurden, hatte Camille, Roſignol und die Grenadiere den Gipfel der Pyramide erreicht. Welch ein Anblick! Zweihundert Grade des Ho⸗ rizonts umarmt die Wüſte; der Reſt des Geſichts⸗ kreiſes aber prangt im friſcheſten Grün. Es iſt das NRilthal. Mit unbewaffnetem Auge zählt man drei⸗ undſiebenzig Ortſchaften zwiſchen Dattelwäldchen und Canälen gelegen. Gleich einem Silberbande zieht ſich der Nil durch die Landſchaft. Im Nordoſten Cairo mit ſeinen zahlreichen Moſcheen, Minarets, Schlöſſern und Paläſten. Die Phyramiden von Sakara und Dagſchuhr ſteigen hoch über die Linie des Horizonts. Gleich dem Würmlein aber am Fuße der himmelan⸗ ſtrebenden Cypreſſe, erſcheinen Menſchen und Thiere am Fuße der Pyramide. Sollte daher die Flagge Frankreichs einigermaßen in die Augen fallen, ſo mußte ſie ſchon von bedeutender Größe ſein, und dies war auch der Fall. Ihre Aufpflanzung war daher nicht ohne Schwierigkeit, und die Grenadiere wie die Araber mußten Hand anlegen. Während der feierlichen Enthüllung ſchlug Ro⸗ ſignol ſeinen drei Minuten langen Wirbel, und das am Fuß der Phyramide unter Gewehr ſtehende Mili⸗ taircommando gab eine dreimalige Salve, deren Echo von den Phramidenwänden wiederhallte. Camille ſelbſt und ſeine Begleiter vernahmen nur ſchwach das Gewehrfeuer. Auch ward ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ſogleich nach einer andern Seite hin in An⸗ ſpruch genommen. Die bei Alt⸗Cairo aufgefahrene Batterie hatte den Befehl erhalten, ſobald die Fahne Frankreichs auf dem Gipfel der Phramide ſicht⸗ bar würde, ſie mit fünfundzwanzig Schüſſen zu be⸗ grüßen. 102 Der Donner der Vierundzwanzigpfünder rollte majeſtätiſch durch die Wüſte. Ganz Cairo ward auf⸗ geſchreckt und ſchaute nach den Phramiden, wo man das wehende Banner deutlich zu erkennen vermochte. Die Beſichtigung des Innern der Phramiden iſt nicht ohne Beſchwerlichkeit; gleichwohl ließen ſich da⸗ durch ſämmtliche Gelehrte nicht abſchrecken. Laroſſoſſi⸗ nier, um ſeine Schlappe wegen der verfehlten Kletterei wieder auszuwetzen, ſtieg oder kroch vielmehr tapfer voran. Der hundert Fuß lange, drei Fuß hohe und breite ſchiefgeſenkte Gang, durch welchen man, von der Nord⸗ ſeite her, nach dem Innern der Pyramide gelangt, iſt hundert Fuß über der Grundfläche erhaben undsbietet noch die geringſten Schwierigkeiten dar; denn von Schritt zu Schritt findet der Fuß Halt in leichten Einſchnitten. Die Wände ſind glänzend abgeglättet. Kurz vor dem Ende dieſes von Nord nach Süden führenden Ganges gibt es einen andern, der nach Weſten ſchief abſteigend bis zur Grundlage der Pyra⸗ mide geht, und außerdem noch einen dritten, der faſt ſenkrecht, wie ein Schacht, abgeteuft iſt. Der erſte Gang nimmt endlich eine wagerechte Richtung an und führt zu einem Gemache, das unter dem Namen des Saales der Königin bekannt iſt, ſowie durch eine majeſtätiſche Gallerie zum Saale des Königs. Um dieſe Gallerie zu erreichen, muß man klettern, den Fuß nämlich in Falze ſetzen, in denen die Quer⸗ ſteine ruhen. Am Ende der Gallerie tritt man durch einen Thor⸗ raum, der mittelſt eines Fallſteins geſchloſſen zu ſein ſcheint, in ein kleines Vorgemach und dann in den Saal des Königs, der rechtwinklig und genau, wie die Pyramide ſelbſt, nach den vier Himmelsgegenden 103 gerichtet iſt. An der Weſtſeite, etwas von der Wand entfernt, ſteht der Sarg aus Granit. Der Saal der Königin iſt mit weißem Marmor bekleidet; die obere Decke ſteigt unter einem Winkel empor, während diejenige im Saale des Königs wage⸗ recht läuft. Halsbrecheriſch iſt der Verſuch, wenn man durch die beiden andern Gänge in die Tiefe dringen will. Hände und Füße in die Vorſprünge der Blöcke oder in eingehauene Falze ſetzend, muß man wie in einem Felſenſchachte niederſteigen. Die Einſchnitte ſind ſeicht, glatt und geneigt; ſobald Hand oder Fuß ausglitſcht, iſt der Hinabſteigende verloren und kann ſich das Emporklettern erſparen. So tief verſtiegen ſich jedoch die eingedrungenen Gelehrten unter Anführung Laroſſoſſiniers nicht. Sie waren froh, als ſie den Saal Ihrer Majeſtäten ge⸗ funden hatten. Das höchſt beſchwerliche Entrée, der Dampf der Fackeln, ſo wie die zahllos aufgeſcheuchten Fleder⸗ mäuſe machten den Aufenthalt keineswegs zu dem an⸗ genehmſten. Vom Schweiße triefend, von Staub und Dampf faſt erblindet, aus Mangel an friſcher Luft halb er⸗ ſtickt, erreichten ſie todesmatt das Tageslicht, wo ſie wie die Fliegen in den Sand ſanken. Aus den genauen Meſſungen der großen Pyramide des Ceops ergab ſich, daß die Baſis dieſes Rieſen⸗ werks ſiebenhundertneunzehn, die Kante ſechshundert⸗ neunundachtzig und die Höhe vierhundertſechsundfunf⸗ zig Wiener Fuß betrug. Der Winkel zwiſchen Baſis und Kante zählte ſiebenundfunfzig Grad und die Fläche, welche von der Phramide bedeckt wurde, maß an acht⸗ undfunfzigtauſend Quadratfuß. 104 Die zweite Phramide, die des Chephren, iſt für das Auge ſo hoch, wie die erſte. Sie war mit Mar— mor überkleidet, wie die Spitze noch Spuren davon zeigt. Belzoni hat dieſe Phramide geöffnet. In ihrem Innern gleicht ſie faſt ganz der des Ceops. Die ſogenannte kleine Pyramide ſcheint die prächtigſte der Pyramiden von Gizeh geweſen zu ſein. Einige Granitſcheiben, die noch zu ſehen, ſo wie Gra⸗ nitblöcke im Hofe beweiſen, daß die Phramide mit dieſer Steinart ganz oder doch größtentheils belegt war, denn der zahlreich umher geſtreute weiße Marmor ſcheint auch zur Bekleidung gedient zu haben. Wenn man die kleine Pyramide beſteigt, ſo wächſt ſie zu einem Rieſen empor. Sie iſt nur klein in Betracht der beiden andern. Eine Frage, ernſt und wichtig, drängt ſich dem Beſchauer unter vielen andern Fragen auf: Warum ſind die Phramiden ohne Hieroglyphen, da doch die größten ägyptiſchen Monumente, die nicht weniger als die Phramiden unter die Weltwunder gezählt zu wer⸗ den verdienen, damit bedeckt ſind? Wurden dieſe Steinberge in Zeiten aufgethürmt, wo es noch keine Bilder⸗ und Zeichenſchrift gab? oder unter einem Volke, das ſich derſelben nicht bediente? Herodot, der Vater der Geſchichte, beſuchte die Pyramiden vor dritthalbtauſend Jahren als Reiſender, wie wir ſie heute beſuchen. Damals waren ſie noch wenig oder gar nicht vom Sande der Wüſte verſchüt⸗ tet und trugen noch ihre feinere Bekleidung. Er maß ſie, wie wir ſie meſſen, und ſeine flüchtigen Angaben weichen wenig von den unſern ab. Er hatte einen Führer aus dem Volke zur Seite wie wir. Nach ihm iſt Cheops der Erbauer der großen 105 Poyramide. Die Steine wurden aus dem arabiſchen Ge— birge geholt und bei hohem Ril auf das Dobiſche Ufer gebracht. Das aus Felſen gehauene Poſtament der Pyramide, wie der genannte Geſchichtsſchreiber meint, kein geringer Stück Arbeit, als der darauf ſich erhe⸗ bende Rieſenbau ſelbſt, maß fünf Stadien, das ſind dreitauſend Fuß in der Länge. Es war geglättet und — ſonderbar genug— mit Hieroglyphen, wahrſchein⸗ lich von ſpätern Geſchlechtern eingegraben, bedeckt. Nachdem die gelehrte Erpedition faſt den ganzen Tag in alterthümlichen Unterſuchungen verbracht, fand ſie ſich gegen Abend im Schatten der großen Pyramide wieder zufammen. Die Grenadiere bivouaquirten in einem Halbkreis um die Gelehrten, welche, ganz er⸗ füllt von den vielen antiquariſchen Eroberungen, eine förmliche Akademie hielten. Hier war denn Laroſſoſſi⸗ nier weit mehr in ſeinem Elemente, als auf der Poy⸗ ramide und in den räthſelhaften gefährlichen Gängen im Innern derſelben. Wie ein Fiſch in friſchem Waſ⸗ ſer bewegte er ſich höchſt behaglich inmitten der ge⸗ lehrten Debatten, die mit der Zeit einen immer hef⸗ tigeren Charakter annahmen. Jeder der Herren Ge⸗ lehrten glaubte ſeine eignen Entdeckungen gemacht zu haben, worauf er ſeine Conjecturen, Schlüſſe und Be⸗ hauptungen gründete. Die merkwürdigſten Hypotheſen über Alter, Zweck und Bauart der Phramiden kamen zur Sprache, wurden beſtritten und vertheidigt mit der außerordentlichſten Gelehrſamkeit. Laroſſoſſinier war nicht der Mann, der bei ſol⸗ chen Gelegenheiten ſein Licht unter den Scheffel ſtellte; im Gegentheile ließ er es leuchten und fackeln, daß es eine Luſt war; ſelbſt auf die Gefahr hin, daß die Zu⸗ hörerſchaft vor lauter Gelehrſamkeit in allgemeine Ver⸗ zweiflung gerieth. So behauptete er, daß das Wort 106 Pyramide eigentlich Todtenhöhle oder Todten⸗ keller bedeute. Er warf ſich mit aller Macht auf Philologie und Ethmologie, und ſuchte ſeine Meinung auf unglaublich gelehrte Art zu beweiſen. Laroſſoſfinier ſah ſich, nachdem er mit ſeiner Be⸗ weisführung zu Ende, kampfbegierig um, ob Jemand vielleicht wagen werde, ſeine gelehrten Definitionen anzufechten. Es fand ſich aber Niemand. Jedermann war froh, als der gelehrte Philolog zum Schluſſe ge⸗ kommen; nur der alte Denon brummte etwas in den Bart, das wie Oppoſition klang. Laroſſoſſinier, deſſen argwöhniſch Ohr ſtets wach war, wandte ſich ſogleich nach der Seite, wo Denon ſaß, und frug, ob er an ſeinen Beweiſen Etwas auszuſetzen habe? „Keineswegs,“ erwiederte Denon,„nur fällt mir bei Eurer Definition eine andere ein, wo Jemand das deutſche Wort Fuchs von alopex ableiten wollte.“ „Nun,“ frug Laroſſoſſinier,„wie fing er das an? Ich bin begierig.“ „Er definirte folgendermaßen:„Alopex, opex, pex, pix, pux, fex, fix, fax, fuchs.“ Ein ſchallendes Gelächter erfolgte auf dieſe Defi⸗ nition; Laroſſoſſinier ſtand aber ſeit dieſer Zeit auf geſpanntem Fuße mit Denon. ² Nach eingenommener romantiſcher Abendmahlzeit, bei welcher neue Streitfragen Stoff zur Unterhaltung und zum Streite gegeben, ließ Camille ſeine Grena⸗ diere wieder unter Gewehr treten und that den Ge⸗ lehrten kund und zu wiſſen, daß die Zeit zum Auf⸗ bruche gekommen ſei. Von der Abendſonne beſchienen, warfen die Py⸗ ramiden immer längere Schatten. Streitend erhob ſich die gelehrte Geſellſchaft, ſtreitend durchzog ſie die Wüſte, und wohlbehalten, aber noch immer ſtreitend, 107 langte ſie in Cairv an. Es kommen wohl Berg und Thal zuſammen, nur ſtreitende Gelehrte nicht. Laroſ⸗ ſoſſinier war auffallend ſtill. Er hatte ſich über De⸗ non's vergleichende Definition zu ſehr geärgert. Siehentes Rayitel. — In ſeinem Quartiere zu Cairo ſaß Camille mit dem Profeſſor Laroſſoſſinier beim Schach und hatte wie gewöhnlich ſeinen Aerger. Wenn er auch in allen Dingen mit dem Alterthumsforſcher ſich vertrug, im Schachſpiele nie. Noch nie war der Fall dageweſen, daß die Beiden eine Partie in Frieden geendet hätten. Das lag in der verſchiedenen Spielweiſe. Camille ſpielte nobel; er gab übereilte Züge zurück, desarmirte den Gegner nie aus bloßer Mordluſt und tauſchte nur in den dringendſten Fällen. Beim Profeſſor fand gerade das Gegentheil ſtatt. Unter ſolchen Umſtänden war es bei dem überdies höchſt bedächtigen Spiele des Profeſſors kein Wunder, wenn er faſt ſtets als Sieger hervorging, obſchon ſelten mit Lorbeern bekränzt. Larofſoffinier wirthſchaftete eben wieder grauſam unter Camille's Officieren; er hatte bereits die Köni⸗ gin und einen Springer abgetauſcht und drang lang⸗ ſam und bedächtig mit concentrirten Kräften vor, den bis zum Tode geſchwächten Feind immer mehr in die Enge treibend. Letzterer beſaß nur noch einen Thurm, einen Springer und drei Bauern, mit welcher kleinen Macht er ſich heldenmüthig vertheidigte. Namentlich fuhr ſein Springer wie ein Blitz umher. Das war dem Profeſſor zu unbehaglich; ſein böſer Schachgenius 108 ſiegte, und ehe ſich's Camille verſah, war der Springer gegen einen Thurm des Profeſſors abgetauſcht. Da lief die Galle bei Renouard über. Er warf das Spiel über den Haufen und erklärte unter einer höchſt feierlichen Betheuerung, daß dies die letzte Partie geweſen, die er mit Laroſſoſſinier gezogen habe. Letzteren ließ Camille's Ingrimm ſehr ruhig. Der ſtille Triumph, den Gegner abermals beſiegt zu haben, war hinreichend, ihm die zahlreichen Inſinuationen des erbitterten Beſiegten vergeſſen zu machen. Die Ruhe des Profeſſors aber, die dem Camille wie Schaden⸗ freude und Hohn vorkam, brachte Letztern noch mehr in Harniſch. „Ich werde Euch als Schachſpieler öffentlich in die Acht erklären,“ rief er ganz erboſt. „Gewinnt lieber eine Partie,“ erwiederte Laroſſoſ⸗ ſinier mit großer Ruhe. „Zehn für eine, wenn ich ſo intereſſirt ſpielen wollte,“ rief Camille. „Der Zweck jedes Spielers iſt, die Partie zu gewinnen.“ „Aber wie gewinnen, das iſt auch eine Frage.“ Die Beiden würden ſobald nicht das Ende ihres Zwiſtes gefunden haben, wenn ihre Aufmerkſamkeit nicht durch einen andern Gegenſtand in Anſpruch ge⸗ nommen worden wäre. Baptiſt kam plötzlich in's Gemach. „Draußen ſteht eine lebendige Mumie,“ berichtete er,„ſie wackelt mit dem Kopfe, was ſich ganz ſchau⸗ erlich ausnimmt, und ſpricht ein Kauderwelſch, aus dem kein Menſch klug wird.“ Der Profeſſor ſchüttelte bedächtig mit dem Kopfe. „Eine lebendige Mumie?“ ſprach er,„was faſelt der Ignorant wieder; habe ich doch in meinem Leben nie Etwas von einer lebendigen Mumie gehört.“ . 109 Baptiſt beſchrieb jetzt die Figur umſtändlicher. Sie war in eine graue Blouſe gekleidet, Kopf und Geſicht verhüllt, Erſterer mit einem ſchwarzen Bande umwun⸗ den; von dem ganzen Menſchen waren nur die Augen zu ſehen. Baptiſt geſtand daher ſeine Unwiſſenheit, ob es ein Mann oder eine Frau ſei. „Ei, das muß eine Dienerin aus irgend einem Harem ſein,“ rief Laroſſoſſinier;„da bin ich doch ſehr begierig, was die für ein Anliegen hat. Was ſpricht ſie? Zu wem will ſie denn?“ „Ich verſteh's nicht,“ verſetzte Baptiſt;„wenn ich nicht irre, ſagt ſie: Zubenhakrabi ben Mizar Nebu kadnezar.“ „Schweig, Du Idiot,“ zankte Laroſſoſſinier,„das wäre mein Arabiſch; ich will doch die Frau ſelbſt ſprechen.“ Damit ging er hinaus und trat auf die unheim⸗ liche Geſtalt zu. „Ich kenne Dich wohl,“ redete er ſie auf arabiſch an,„Du kommſt aus irgend einem Harem, wo ſchöne Frauen wohnen. Sag', was führt Dich hierher, wen ſuchſt Du?“ „Dich nicht,“ antwortete die Haremsdienerin in ſehr eintönigen Lauten. „Das glaub' ich wohl,“ antwortete Laroſſoſſinier; „aber ich weiß da ſo viel wie zuvvr. Du biſt gewiß der Liebesbote irgend einer ſchönen Gebieterin. Wer iſt der Glückliche, ſag' an?“ „Du nicht,“ tönte es wie vorher. „Du biſt erſtaunlich kurz angebunden,“ verſetzte kopfſchüttelnd der Profeſſor, der immer neugieriger wurde.„Man kann nicht ſagen, daß Du mit Worten verſchwenderiſch umgehſt, wie man doch ſonſt von der Famulatur des Harems gewohnt iſt. Doch was be⸗ 11⁰ mühſt Du Dich ſo ſorgſam unter dem Gewande mit der Hand zu verbergen? Gewiß einen Selam. Zeig' doch einmal her, wenn er auch nicht für mich beſtimmt iſt, ich verſtehe mich auf die Deutung; es iſt ſo zu ſagen meine Patſion; ich habe ein ganzes Buch über Eure Blumenſprache geſchrieben.“ Laroſſoſſinier war, was Erforſchung orientaliſcher Sitten und Gebräuche anbelangte, ſo neugierig und zudringlich, daß er diesmal ſeine gewohnte Zartheit gegen das weibliche Geſchlecht ganz aus den Augen verlor und ſich handgreiflich überzeugen wollte, ob die Seraildienerin wirklich ein ſymboliſches Blumenſträuß⸗ chen unter dem Gewande trüge. „Zurück,“ herrſchte die graue Geſtalt, und ein Dolch blitzte dem Wißbegierigen entgegen, daß er er⸗ ſchrocken einen Schritt zurückprallte. „Bitte recht ſehr,“ rief er,„ich glaubte, es wäre ein Selam.“ „Den trag' ich,“ ſprach die Geſtalt. „Da haben wir's,“ verſetzte Laroſſoſſinier erfreut, „da hab' ich doch recht gehabt. Ja, in ſolchen Dingen bin ich nicht auf den Kopf gefallen. Darum, liebe Frau, ſtecke ruhig den Dolch ein und zeige mir den Selam. Ich will ihn ja Niemandem ſtreitig machen; es iſt ja blos rein wiſſenſchaftlicher Eifer, der mich ihn zu ſehen drängt. Darum zeig ihn mir getroſt.“ „Nimmermehr!“ „Würdeſt Du Dich vielleicht durch ein Stück Geld bewegen laſſen?“ „Lieber den Tod!“ „Hm,“ ſprach der Profeſſor,„das iſt wieder ein recht eurioſer Fall. Ich weiß genau, die Seraildie⸗ nerinnen find ſonſt das beſtechlichſte und geſchwätzigſte Volk auf Gottes Erdboden.“ 111 Während Laroſſoſſinier über dieſen eurioſen Fall nachdachte und allerlei Conjecturen ihm durch den Kopf gingen, erſchien Camille an der Thür, der ob des langen Außenbleibens des Profeſſors ebenfalis neugierig geworden war. Kaum aber hatte er ſich blicken laſſen, als die Seraildienerin auf ihn zueilte, ſich auf ein Knie niederließ und dem Ueberraſchten einen Strauß orientaliſcher Blumen überreichte. „Deiner harrt die Roſe der Roſen,“ ſprach die Vermummte;„Du biſt ihr Sonnenſtrahl; darum ſäume nicht ihr aufzugehen als Tagesgeſtirn. Sie wird Dir erblühen in lieblicher Schöne.“ Camille, der noch wenig von der arabiſchen Sprache verſtand, empfing kopfſchüttelnd das ſymboliſche Ge⸗ ſchenk. Laroſſoſſinier wollte wie ein Blitz darauf zu⸗ fahren, ward aber von dem Dolche der Serailsfrau wieder zurückgeſchreckt. „Rühr' die heiligen Blumen nicht an, Du Unge⸗ weihter,“ rief ſie zornig,„oder der Tod iſt Dein Theil!“ „Mit Verlaub,“ verſetzte der Profeſſor,„zu den heiligen Blumen ſind dieſe Blüthen ſo eigentlich nicht zu rechnen; wenigſtens gehört die Muskathyazinthe, die ich da bedeutungsvoll hervorlauſchen ſah, nicht dar⸗ unter. Ich weiß recht wohl, was dieſe zu bedeuten hat.“ „Wenn der Vollmond über der Phramide des Cheops ſteht,“ fuhr die Araberin, zu Camille gewendet, fort, „erwartet Dich im Schatten der Saladinſykomore der getreue Bote. Folge ihm, und er wird Dich in das Paradies der Liebe geleiten.“ Nachdem ſie die Worte geſprochen, kreuzte ſie nach morgenländiſcher Sitte zum Zeichen des Abſchieds die Hände über der Bruſt und verließ das Gemach. „Baptiſt,“ ſprach Laroſſoſſinier,„ſieh doch nach, ob das Weſen wirklich fort iſt, und Lerriegle die Thür, damit wir ſicher ſind.“ 112 Dann umarmte er ſtürmiſch den Beſchenkten, der noch immer verwundert die ſchönen Vlumen betrachtete. „Dreimal Beglückter,“ rief er einmal über das Andere,„fürwabr Du mußt unter den glücklichſten der Sterne geboren ſein. Was bis jetzt keinem Gelehrten und der ganzen Wiſſenſchaft nicht zu erreichen möglich war, wonach wir bis jetzt vergeblich gerungen und ge⸗ ſtrebt, wird Dir auf dem Präſentirteller angeboten.“ „Nein,“ bemerkte Baptiſt,„einen Präſentirteller hatte ſie nicht.“ „Schweig, Du Eintagsfliege,“ rief zornig ob der Unterbrechung der Profeſſor;„wie viel Mal ſoll ich noch Gelegenheit nehmen zu erklären, daß Du keine Allegorie verſtehſt!“ „Glücklicher Camille,“ fuhr er fort,„Dir ſoll das hohe, faſi möcht' ich ſagen, unverantwortliche Glück zu Theil werden! denn es iſt in der That zu unermeßlich, einen türkiſchen Harem zu betreten.“ Die ganze Sache“, erwiederte Camille, der des Profeſſors Enthuſiasmus keineswegs theilte, ſehr ruhig, „erſcheint mir zu romantiſch, als daß ich von der aller⸗ dings ſehr zarten Einladung Gebrauch machen ſollte.“ „Wie!“ rief Laroſſoſſinier in höchſter Ekſtaſe, die Sehnſucht Tauſender vergebens ſeufzte?“ „Es hieße ſich ganz thörichterweiſe einer Gefahr ausſetzen, blos eitler Reugier halber,“ meinte Camille; „ich mag mein Leben nicht ſo nutzlos und leichtſinnig in die Schanze ſchlagen.“ „Was da Gefahr, Leben!“ rief Laroſſoſſinier,„wenn Euch auch ſchließlich der Dolch des eiferſüchtigen Ehe⸗ manns zwiſchen die Rippen fährt, Ihr habt doch das Innere eines Serails geſehen und könnt zufrieden von hinnen fahren.“ 113 „Wenn alle unſere Soldaten ſo denken wollten, würde es mit der Armee bald mißlich ausſehen.“ „Dergleichen Abenteuer widerfahren auch nicht Allen!“ „Gleichviel, ich trage keine Gelüſte nach der unbe⸗ kannten Schönen.“ „So laßt mich wenigſtens den Selam mit An⸗ dacht ſtudiren.“ „Hier habt Ihr ihn.“ Mit Entzücken empfing der Profeſſor den zierlich gewundenen Strauß und ſtudirte ihn mit wahrer Andacht. „Hier dieſe drei knospenden Camellien“, erklärte er nach einiger Zeit,„beſagen, daß die Schöne Euch dreimal geſehen.“ „Dreimal?“ „Ja, ſo ſteht ausdrücklich hier,“ fuhr Laroſſoſſinier fort; ferner dieſer blühende Oleander, daß ſie Euch von Herzen liebt.“ „Ein Geſtändniß,“ meinte Renouard lächelnd, „das man ſich wohl gefallen laſſen kann; namentlich wenn die Abſenderin hübſch iſt.“ „Und ob!“ erwiederte der Profeſſor;„glaubt Ihr denn, daß die Muſelmänner Häßliche in ihre Serails ſperren?“ „Hier dieſe Muskathyazinthe“, fuhr er in ſeiner Erklärung fort,„verſpricht den ſüßeſten Liebesgenuß. Ferner dieſes zitternde Rolimetangere bedeutet liebende Ungeduld. Die unbekannte Schöne kann die Stunde nicht erwarten, Euch zu ſehen.“ „Was bedeutet denn dieſe dünne rothe Blume mit dem ſchwarzen Kopfe in der Mitte?“ erkundigte ſich Baptiſt, der ebenfalls neugierig den Strauß betrachtete. „Dieſe beſagt, daß Du ein Eſel biſt,“ erwiederte der Profeſſor;„ſiehſt Du nicht, Schafskopf, daß es Stolle, ſämmtl. Schriften. M. 8 114 ein rothbemaltes Stäbchen iſt, an welches die ver⸗ ſchiedenen Blumen ſinnreich gebunden ſind?“ „Hier iſt ferner“, fuhr er fort,„und zwar ganz in der Mitte, auch die unverwelkliche Papierblume, welche aus dem Selam leicht herausgebrochen werden kann und für den harrenden Liebesboten das Erken⸗ nungszeichen abgibt, daß man der Rechte iſt. Kurz es iſt ein Selam comme il faut; nichts fehlt daran; darum wäre es Sünde, ſeiner Einladung nicht nach⸗ zukommen. Camille Renouard, im Namen der nach Erlöſung ringenden Menſchheit, klage ich Euch des Hochverraths an, an Kunſt und Wiſſenſchaft, wenn Ihr dem Selam nicht Genüge leiſtet; wenn Ihr nicht die himmliſche Gelegenheit benutzt, über das geheimniß⸗ volle Innere des Harems, dieſes große Räthſel des Abendlandes, Rachforſchungen anzuſtellen und ausführ⸗ lichen Bericht abzuſtatten.“ „Wenn Ihr dermaßen vom Kitzel der Neugier ge⸗ plagt werdet,“ erwiederte Renouard,„ſo tretet doch an meine Stelle und gehet ſelbſt hin; ich will Euch die unverwelkliche Papierblume, die Euch legitimirt, gern ab⸗ treten. Selbſt wenn Ihr ſpäter als der Unrechte erkannt würdet, bliebe Euch doch ſchöne Zeit, im Innern des. Harems wiſſenſchaftliche Unterſuchungen anzuſtellen.“ Laroſſoſſinier war durch dieſes großmüthige Erbieten ordentlich berauſcht. „Wirklich, das wolltet Ihr?“ rief er wiederholt, „ich ſoll Eure Stelle vertreten? Seid verſichert, edler 4 Renouard, daß Eure Wahl keinen Unwürdigen ge⸗ troffen hat. Nach dem erſten Rauſche ward aber der Profeſſor doch etwas nachdenklich. „Die Sache, je länger man darüber nachdenkt, will überlegt ſein,“ ſprach er;„hinein würd' ich wohl 11¹⁵ ohne Schwierigkeit kommen, aber das Heraus, das iſt die Frage. Daß die Prinzeſſin, oder wer die Selam entſendende Schönheit iſt, höchlich erſtaunen wird, wenn ſie ſtatt der erwarteten Antinvusgeſtalt meinen miſerablen Leichnam erblickt, läßt ſich denken. Ein in der Liebe getäuſchtes Frauenzimmer iſt ein bös Stück Arbeit und weiß in der Wuth nicht, was es thut. Lieber will ich mich in der Gewalt des zornig⸗ ſten Mannes befinden, als in der einer getäuſchten Liebhaberin. Der Mann ſchlägt mir, wenn's hochkommt, den Kopf ab; aber ein Weib iſt raffinirter und denkt ſich Martern aus, die über die Begriffe gehen. Die gereizte Schöne iſt im Stande, die haarſträubendſten Operationen mit mir vornehmen zu laſſen.“ Renouard mußte lachen, als der Profeſſor ſeiner Phantaſie ſo freien Lauf ließ. „Ihr ſprecht arabiſch,“ tröſtete er,„könnt Euch verſtändlich machen und Euch gewiß herausreden, falls die Sachen ſchlimm werden.“ „Wenn ſie mir aber die Zunge herausſchneiden,“ replieirte er,„wie dies zuweilen zu geſchehen pflegt, wie da? Dann hilft mir mein mühſam erworben Arabiſch trotz ſeiner verſchiedenen Mundarten nichts.“ „Ihr müßt in Betracht ziehen,“ verſetzte Camille, „daß der Gelehrte ſeiner Wiſſenſchaft zu Ehren Muth und Entſchloſſenheit haben und im Nothfall Etwas wagen muß.“. „Muth, Entſchloſſenheit“, erwiederte Laroſſoffinier, „fehlen mir keineswegs, das hab' ich wiederholte Male bewieſen; aber wo die Gefahr augenſcheinlich auf der Hand liegt, ſoll man die Vorſicht nicht ganz bei Seite ſezen. Was dieſe Serailsangelegenheit betrifft, ſo iſt Hundert gegen Eins zu wetten, daß, wenn ich auch als lebendiger, doch gewiß als verſtümmelter Menſch 8* 2 116 wieder aus der Höhle der Löwin herauskäme. Vei Euch iſt es etwas Anderes. Ihr habt höchſtens die Rückkehr des Herrn Ehegemahls zu fürchten, und wer weiß, wo dieſer, von unſern Dragonern todt gemacht, unſchädlich im Wüſtenſande liegt.“ „Letzteres ſcheint mir ſogar wahrſcheinlich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſonſt würde die Frau Ge⸗ mahlin Anſtand genommen haben, ſo ziemlich ungenirt den Selam zu ſchicken. Wahrſcheinlich wird der guten Frau die Zeit lang, und ſie ſehnt ſich nach Unterhaltung.“ „Ich will Euch einen Vorſchlag thun, Profeſſor.“ „Der wäre?“ „Gebt Euch für meinen Abgeſandten aus. Da Ihr der arabiſchen Sprache mächtig ſeid, ſo wird es nicht ſchwer werden, Euch verſtändlich zu machen. Ihr ſetzt dann in blumenreichen Redensarten der Schönen auseinander, wie ſchmerzlich es mir geweſen, nicht haben erſcheinen zu können; meines Sultans Befehle hätten mich verhindert; doch würde ich die nächſte Ge⸗ legenheit mit Entzücken ergreifen, von der gütigen Einladung Gebrauch zu machen und der reizenden Perle des Orients meine Huldigung zu Füßen zu legen, und ſo weiter, und ſo weiter.“ „lleureka!“ rief Laroſſoſſinier,„der Rath wäre ſo übel nicht.“ „Bevor Ihr aber“, fuhr Renouard fort,„vorge⸗ laſſen werdet und Eure durchdachten Entſchuldigungs⸗ reden in wohlgewählte Worte kleidet, habt Ihr un⸗ ſchätzbare Gelegenheit, Eure Blicke umherſpazieren zu laſſen und über das Innere des Harems, ſo wie über die daſelbſt üblichen Gebräuche wahrhaft überraſchende Eroberungen zu machen.“ „Den Gedanken hat Euch Gott eingegeben,“ rief der Profeſſor mit der frühern Ekſtaſe;„Ihr habt Recht, dies wäre ein Weg, auf welchem ſich coloſſale Forſchungen anſtellen ließen. Als Geſandter, als diplomatiſche Perſon, ſtehe ich unter dem Völkertechte, bin unverletzlich und habe ſogar auf dieſelbe Ehrfurcht Anſpruch, die man Euch ſchuldig iſt. Aber da ſtößt mir doch eine Bedenklichkeit auf.“ „Welche Bedenklichkeit?“ „Wenn der Herr Gemahl retournirte?“ „Ihr ſpracht ja die nicht unwahrſcheinliche Ver⸗ muthung aus, daß er, von unſern Dragonern kurz und klein gemacht, im Wüſtenſande ruhe.“ „Wenn es aber nicht ſo wäre?“ „Dann freilich“, meinte Renouard achſelzuckend, „gilt's Haare laſſen.“ „Was die Haare betrifft,“ meinte der Profeſſor, „das möchte gehen; ich beſitze von dieſem Artikel nicht viel; wenn nur der darunter befindliche Kopf in Ruhe bleibt.“ „Bedenkt den Rutzen für die Wiſſenſchaft,“ fuhr Camille fort;„ſobald Ihr ganzbeinig und ganzköpfig das Serail im Rücken habt, welche Aufſchlüſſe! In Eurer Hand ruht alsdann der Schlüſſel des großen Räthſels. Was Ihr künftig darüber ſprecht, gilt als Orakel; was Ihr darüber ſchreibt, iſt claſſiſch. Solch unermeßliche Eroberung iſt wohl eines Opfers werth.“ Die Eitelkeit des Gelehrten ward durch dieſe Worte auf die Spitze getrieben. Er gedachte ſeines litera⸗ riſchen Credits, welchen ungeheuren Aufſchwung der⸗ ſelbe gewinnen müßte, und die Furcht vor dem heim⸗ kehrenden Gemahl verſchwand. „Kommt er ja unerwartet nach Hauſe,“ ſprach er, „gebe ich mich für einen Arzt aus, den man zu Hülfe gerufen; mit ſolchen Leuten geht man in der“ Regel glimpflicher um. Ich werde daher mein chirurgiſches 118 Beſteck zu mir ſtecken, um mich nöthigen Falls zu legitimiren.“ Von jetzt an glaubte ſich Laroſſoſſinier vollkommen geſichert und beſchäftigte ſich den ganzen Tag mit nichts weiter, als mit ſeiner geheimnißvollen Erpe⸗ dition. Camille ſah jetzt ein, daß er in ſeiner ſcherz⸗ haften Laune(weiter war es nichts geweſen) zu weit gegangen, als er den Profeſſor für das zärtliche Ren⸗ dezvous geſtimmt hatte. Er ſuchte daher den gelehrten Freund in ſeinem Entſchluſſe wankend zu machen und vor dem romantiſchen Gange ernſtlich zu warnen. Laroſſoſſinier hatte ſich aber mit der Idee, in den Harem einzudringen, bereits ſo vertraut gemacht und glaubte ſich mit Sicherheitspräſervativen ſo hinreichend verſehen, daß Renouard's Abmahnen nichts fruchtete. Vergebens bot der umſichtige und beſorgte Freund ſeine ganze Beredtſamkeit auf. Um den Demoſthenes endlich los zu werden, ging der verblendete Laroſſoſ⸗ ſinier ſogar ſo weit, mit Hand und Wort zu geloben, von dem nächtlichen Gange abzuſtehen, wodurch er Ca⸗ mille vollkommen beruhigte; im Innern dachte er jedoch nicht im geringſten daran, ſein Gelöbniß zu halten. Als die Stunde des Rendezvous gekommen war, fand er ſich, nach orientaliſcher Sitte vermummt, um die bezeichnete Stunde pünktlich bei der Sykomore des Saladin ein. Eine in einen Beduinenmantel gehüllts Geſtalt ging ſchweigend auf und nieder. Es war Niemand Anderes, als jener Fellah, welchen Camille vor dem Kamſin gerettet hatte. Dem Profeſſor ſchlug das Herz vor Erwartung. Er ſchritt einigemal neben der Geſtalt auf und nieder und ſuchte durch verſchiedene Geſtikulationen und durch einige halblaut geſprochene arabiſche Worte ſich als Denjenigen zu erkennen zu geben, den die unbekannte Schöne erwarte. 119 Die auf⸗ und niederſteigende Geſtalt nahm von alle den zärtlichen Demonſtrationen des nebenher promeni⸗ renden Doppelgängers nicht die geringſte Notiz. Als alle ſeine Bemühungen fruchtlos blieben, be⸗ ſann ſich endlich der Profeſſor auf den Selam, den er hervorlangte und dem ſtummen Gefährten ziemlich dicht unter die Raſe hielt, gleichſam als Talisman oder Nießwurz. Dies wirkte. Die Geſtalt blieb ſtehen, beſah ſich den Selam genau im Lichte des Mondes, gab ihn zuruͤck und winkte zu folgen. Eine Pſhyche kann nicht ſeliger dem Engel folgen, der ſie nach dem Paradieſe bringt, als Laroſſoffinier dem voranſchreitenden Fellah. In einer ſolchen hoch⸗ romantiſchen Situation hatte er ſich ſein Leben lang nicht befunden. Die Wanderung ging im Schatten der Häuſer durch Gaſſen und Gäßchen. Endlich erreichte man den Palaſt eines Beys, rings von hohen Mauern um⸗ ſchloſſen. Das Gebäude glich mehr einem abendländi⸗ ſchen Kloſter, als der Wohnung eines arabiſchen Großen. Eine kleine Thür that ſich auf. Der Fellah reichte dem Profeſſor die Hand. Mantrat ein. Rings tiefe Finſterniß. Dem Alterthümler ward nicht ganz wohl zu Muthe; doch der Gedanke, das Innere eines morgenländiſchen Harems kennen zu lernen, drückte jede aufkeimende Furcht nieder. Es ging eine geraume Zeit in der Finſterniß da⸗ hin. Laroſſoſſinier folgte ſtolpernd ſeinem Führer; oft lagen Steine im Wege. Er konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, wie der Morgenländer weder im Hellen, noch im Dunkeln die Ordnung liebe. Eine beſſere Hauspolizei mußte die Steine längſt hinweggeräumt haben. Unfehlbar 120 waren es unſchätzbare Trümmer aus dem Alterthume, die hier in Finſterniß und ewiger Vergeſſenheit be⸗ graben lagen. Obſchon der Führer den Profeſſor mit möglichſter Sorgfalt durch das dunkle Labhrinth geleitete, ſo war Letzterer mit Erſterem doch keineswegs zufrieden. Der Fellah war zu Laroſſoſſinier's Verdruſſe ſtumm wie ein Fiſch und gab auf alle an ihn gerichtete Fragen keine Antwort. „Entweder iſt der Kerl taub“, dachte der Profeſſor, „oder im höchſten Grade verſtockt. Nir iſt das dop⸗ pelt fatal. Man könnte ſchätzbare Erfahrungen machen. Wahrſcheinlich iſt ihm als Haremsdiener bei Todes⸗ ſtrafe verboten, über das Heiligthum auszuplaudern. Der Thörichte, ich würde ihn nicht verrathen.“ Nachdem man den dunkeln Gang zurückgelegt, that ſich vor den entzückten Blicken des Profeſſors ein duften⸗ der Garten auf, der von dem Mondlichte mild erhellt ward. Aus der Ferne erklangen die Töne von Mandolinen. Laroſſoſſinier that vor Entzücken einen Luftſprung. „Endlich“, rief er,„iſt einer der ſeligſten Wünſche erfüllt; ich bin in einen der Gärten der Scheherezade getreten.“ Der Fellah winkte mit der Hand und ſchien Stille zu gebieten. Der Profeſſor konnte ſich aber nicht ſo⸗ gleich beruhigen. „Mitglieder der Akademie,“ ſprach er zu ſich,„wenn Ihr wüßtet, wenn Ihr ahnen könntet, wo ſich Euer beneidenswerther College dermalen befindet! Ihr be⸗ ſitzt alleſammt einen großen Vorrath von Neid; aber er würde nicht ausreichen, mich glückſeligen Sterblichen ausreichend zu beneiden. Ja ſo und nicht anders ſieht es in dem Innern eines Serails aus. Dieſe ewiggrüne Vegetation, ſilberhaft verklärt von dem ſtillen Monde 12¹ der ſo eben über der Phramide des Cheops ſteht, dieſe Mandolinenklänge, unſtreitig von den reizendſten Fin⸗ gern den Saiten entlockt. O du gebenedeiter Pro⸗ feſſor der Alterthumskunde, welch ein ſegensreiches Geſchick hat über dir gewaltet!“ In der That konnte es auch nichts Reizenderes geben, als dieſen nächtlichen Garten. Blumen und Kräuter dufteten balſamiſch. Feuerwürmchen leuchteten wie goldne Sterne in dunkelm Gebüſch. Dazwiſchen tönte Rauſchen von Springbrunnen. Der Fellah ſchritt ſtumm voran. Mit ſeligem Ent⸗ zücken folgte Laroſſoſſinier. Endlich erreichte man ein tempelartiges Gebäude, deſſen weiße Marmorſäulen geiſterhaft durch ſchattendes Laubwerk leuchteten. Eine breite Treppe von Alabaſter führte nach dem portal⸗ artigen Eingange. Vergebens hatte ſich zeither der Profeſſor nach jenen reizenden Houris umgeſehen, die das Serail ſo eigent⸗ lich zu einem irdiſchen Paradieſe umſchaffen. Keine dergleichen war ihm in den Weg getreten. Beim An⸗ blicke des Marmorpalaſtes vergaß er die irdiſchen Schönen und vertiefte ſich in architektoniſche Zweifel und Scrupel. Anſtatt ſich der ſchönen Bauart zu er⸗ freuen, plagte er ſich mit antiquariſchen Hypotheſen, welchem Jahrhunderte die Marmorſäulen wohl ange⸗ hören könnten. „Es iſt ein wahrer Jammer,“ ſprach er zu ſich, „daß aus dieſem ſeelenloſen Amphibium“— er meinte ſeinen Führer—„nichts herauszubringen iſt. Wie man nur ſolche ſtumme Fiſche zu Führern ernennen kann. Ich hätte ſo manchen für die Wiſſenſchaft höchſt wichtigen Aufſchluß erhalten können, wenn der Menſch einige Laute von ſich gäbe.“ Auch daß der Cicerone ſo ſchnell dahinſchritt, war dem Profeſſor nicht recht. 122 „So lauf' Er doch nicht ſo,“ mahnte Laroſſoſſi⸗ nier; aber Jener kehrte ſich nicht daran.. Als man die ſchönen Alabaſterſtufen emporſtieg, hatte der Profeſſor von Neuem ſeinen Aerger. Hier und da bemerkte er arabiſche Charaktere in die Stu⸗ fen gehauen, welche er außerordentlich gern näher unterſucht hätte; aber der Stumme ließ ihm nicht die geringſte Zeit. Nachdem man die Hauptthür des Marmorhauſes im Rücken hatte, gelangte Laroſſoſſinier mit ſeinem Führer in ein ſaalähnliches Gemach, welches, außer einigen an den Wänden angebrachten Divanen, jedes Meubles entbehrte und durch eine Milchglaskugel matt erhellt ward. Hier traten den Ankömmlingen zwei halbentkleidete Neger entgegen, welche den Profeſſor unter den Arm nahmen und durch mehrere dunkle Hallen führten. Laroſſoſſinier, als er bemerkte, daß ſein zeitheriger ſtummer Begleiter zurückgeblieben war, ſuchte mit ſei⸗ ner neuen Begleiterſchaft in Converſation zu treten. „Wo ſoll die Reiſe eigentlich hingehen, meine Freunde?“ erkundigte er ſich. Aber als ob Jedermann, der ſich in dieſem Be⸗ reiche befand, die Sprache verloren, mußten auch dieſe ſchwarzen Geſellen wiederholt angeredet werden, bevor ſie Antwort gaben. „Seid Ihr denn taub?“ rief endlich Laroſſoſſinier voll Deſperation. „Dies ſind wir nicht,“ erwiederte endlich die eine der Geſtalten. „Nun, warum ſprecht Ihr nicht?“ „Wir wollen nicht!“ „Warum wollt Ihr nicht?“ „Man redet ſich leicht um den Kopf.“ 123 „Dummes Zeug,“ lachte der Profeſſor;„meinet⸗ wegen könnt Ihr Euch die Zunge lahm reden, ich werde nur dankbar dafür ſein. Aber jetzt ſagt alles Ernſtes, wohin Ihr mich führt.“ „In's Bad!“ „Was, in's Vad?“ rief erſchrocken Laroſſoſſinier und wollte Halt machen, woran er aber durch die Schwarzen verhindert ward;„wißt Ihr denn nicht, daß für einen Abendländer nichts ſchädlicher, als im Vollmonde zu baden? Die Erkältung kann tödtlich werden.“ „Hilft nichts.“ „Ich werde auf keinen Fall baden.“ „Du mußt.“ „Ich möchte wiſſen, wer mich zu ſolch einem lebens⸗ gefährlichen Aecte zwingen wollte?“ „Die Sultanin.“ „Madame kann nicht verlangen, was einer euro⸗ päiſchen Conſtitution ſchnurſtracks zuwiderläuft.““ „Das muß ſich Jeder gefallen laſſen, der ſie um⸗ armen will!“ „Umarmen? Ich mag ſie gar nicht umarmen.“ Die Mohren ſchlugen bei dieſen Worten ein hell Gelächter auf. „Das wird ſich finden,“ ſagte der Eine. „Das wird ſich allerdings finden,“ murrte der Profeſſor. Während dieſes für Laroſſoſſinier keineswegs er⸗ baulichen Geſprächs hatte man ein zur ebenen Erde gelegenes Gemach erreicht, das einem Badezimmer ſo ähnlich ſah, wie ein Ei dem andern. Wenigſtens ließ die dampfende Waſſerfluth, welche in einer chſter⸗ nenähnlichen Vertiefung des Erdbodens wogte, keinen Zweifel übrig. Die Anzahl der Mohren vermehrte 124 ſich hier um ein Bedeutendes, welche ſämmtlich zur Badedienerſchaft gehörten und mit allerhand Vor⸗ kehrungen zu einem lururiöſen Bade beſchäftigt waren. Während Einige wohlriechende Kräuter in die wol⸗ lüſtige, dunkle Fluth hielten, gingen Andere räuchernd umher; wieder Andere breiteten weiche, wollene Decken auf den Marmorboden. Die zwei Schwarzen, welche den Profeſſor zeither begleitet hatten, machten ſich ſofort an's Werk, den⸗ ſelben zu entkleiden, wogegen er jedoch mit Händen und Füßen proteſtirte. „Gebt ein Dintenfaß her und Papier und Federn,“ rief er,„ich will einen Proteſt an die ſchöne Sul⸗ tanin aufſetzen. Der Doctor Desgenettes hat mir jedwedes Bad ein für allemal verboten, weil ich zu rheumatiſchen Leiden inelinire.“ Die Mohren nahmen auf den Proteſt des Pro⸗ feſſors nicht die geringſte Rückſicht. Sie waren fort⸗ während bemüht, ihm die Gewänder zu entziehen, und da er ſich verzweifelt zur Wehr ſetzte, ſprangen noch mehrere Badediener hinzu, wo alsbald jeder Wider⸗ ſtand vergeblich war. Laroſſoſſinier, da er mit Gewalt nichts ausrichtete, ſuchte er auf humanem Wege den dunkelfarbigen Un⸗ holden beizukommen. „Wenn Ihr jemals an der Gicht gelitten habt, brave Schwarze,“ rief er,„ſo beſchwöre ich Euch bei dieſem diaboliſchen, Mark und Bein durchdringenden Schmerze, mich in Ruhe zu laſſen; ich wette Hundert gegen Eins, daß Eure geſtrenge Gebieterin den Bade⸗ befehl ſofort zurücknehmen wird, wenn ich ihr die Schädlichkeit des Bades auf meine Geſundheit aus⸗ einanderſetzen darf. 125 Auch das waren Worte in den Wind. Die Re⸗“ ger grinzten den Alterthümler mit widerlicher Freund⸗ lichkeit an; doch waren ſie weit entfernt, ſeinem Ge⸗ ſuche nachzutkommen. Im Gegentheile zerrten ſie ärger denn je an ſeinen Kleidungsſtücken. „Mit Varbaren“, ſeufzte der Profeſſor,„iſt doch ein miſerabler Umgang. Es iſt gerade, als hätte man eine Heerde Orangutangs vor ſich. Ein europäiſcher Hund hat mehr Raiſon, als dieſes blödſinnige Volk, das mir mit derſelben Wolluſt den Kopf abſchneiden würde, als es ihm Vergnügen zu machen ſcheint, mich zu entkleiden.“ „Hätte ich übrigens ahnen können,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß man im Serail mir nichts dir nichts gebadet wird, mich würde keine Macht der Erde dahin gebracht haben, den Selam zu überbrin⸗ gen. Wenn ich total contract werde, iſt es nur in der Ordnung.“ Unter dieſen niederſchlagenden Reflexionen mußte ſich Laroſſoſſinier gefallen laſſen, wie die mit der eu⸗ ropäiſchen Bekleidung ungeſchickt umgehenden Bade⸗ wärter ihm ein Stück nach dem andern vom Leibe zerr⸗ ten. Das ward ihm zu arg. Nachdem er in Erfah⸗ rung gebracht, daß alle ſein Proteſtiren, Bitten und Beſchwören zu nichts fruchtete, und daß er dem ver⸗ hängnißvollen Bade nicht mehr entgehen konnte, er⸗ klärte er, ſich ſelbſt entkleiden zu wollen. „Mir aus den Augen, ſchwarze Satane!“ rief er, „Ihr reißt mir Arme und Beine aus. Einen Stiefel⸗ knecht! daß ich mich meiner Stolpenſtiefeln entledige.“ Leider war aber in einem Serail, wo alle Welt in zierlichen Pantoffeln einherwandelt, ein Stiefelknecht eine unbekannte Größe. Die Reger grinzten den Al⸗ terthümler an, ohne ihn zu verſtehen. 126 „Iſt denn nicht wenigſtens ein Stuhl, eine lum⸗ pige Bank da, worauf man ſich ſetzen kann?“ frug ärgerlich Laroſſoſſinier. Auch dieſe abendländiſchen Möbel gab es nicht. Jetzt half es nichts, der Profeſſor mußte ſich auf den Boden niederſetzen und den Fuß hinhalten, daß man ihm in Ermangelung eines Stiefelknechtes den Stiefel ausziehe. Leider war aber derſelbe in der Mondſcheinpromenade etwas feucht geworden und ver⸗ ſchwollen. Mit Löwenkraft faßte der eine Schwarze die lederne Beinbekleidung und zog daran, als wolle er einen Baumſtamm aus der Erde reißen. Es konnte daher nicht anders kommen, als daß er den Profeſſor wie eine Flaumenfeder hinter ſich her zog Die andern Schwarzen glaubten, daß müſſe ſo ſein und folgten grinſend dem ſeltſamen Fuhrwerk. So bewegte ſich die Proceſſion wiederholt durch mehrere Zimmer. Eins war immer einige Stufen tiefer gelegen, als das an⸗ dere. Bei jeder Schwelle gab es daher einen bedeu⸗ tenden Abſatz, wo der geſchleifte Leichnam des Pro⸗ feſſors ſtets in die Tiefe fiel, was von einem außer⸗ ordentlich unangenehmen Gefühl begleitet war. „Das iſt rein um wahnſinnig zu werden!“ ſchrie Laroſſoſſinier, als der Stiefel durchaus nicht herunter wollte und die Fuhre ihren ungeſtörten Fortgang nahm. Den Schwarzen, durch dieſe ſchreiende Rede auf⸗ merkſam gemacht, ſchien jetzt ein Licht aufzugehen und ſo das europäiſche Stiefelgeheimniß klar zu werden. Sie ſahen ein, daß die zähe lederne Hülle nicht ab⸗ zulöſen ſei, wenn nur Einer nach vorn zöge. Es wurde daher noch ein Zweiter beim Stiefel angeſtellt, während zwei Andere den Körper des Profeſſors um⸗ klammerten, um der nach Vorwärts ſtrebenden Gewalt wirkſamen Widerſtand entgegen zu ſetzen. — Kaum hatten ſich dieſe verſchiedenartigen Kräfte in Bewegung geſetzt, als das Geſchrei des Profeſſors in ein Zetermordio überging. „Soll ich denn mit vier Pferden zerriſſen wer⸗ den?“ zeterte Laroſſoſſinier, und wirklich gelang es ſeinem ausdauernden Gebrüll, daß die Unholde von ihm abließen. Er verlangte gebieteriſch nach ſeinem Rocke, und als man ihm dieſen gebracht hatte, zog er aus ſeinem chirurgiſchen Etui, das er zu ſeiner Legitimation als Heilkünſtler zu ſich geſteckt hatte, ein funkelndes Meſ⸗ ſer. Mit Hülfe deſſelben trennte er die Stiefelnaht und befreite ſeine Füße, die ihm durch die Folter des Ziehens ausnehmend lang geworden zu ſein ſchienen. Nachdem er der beengenden Stiefeln ledig, des⸗ habilirte er ſich vollends, doch durften ihm die unge⸗ ſchlachten ſchwarzen Fäuſte nicht wieder zu nahe kommen. Während aber der Profeſſor ſich entpuppte und ſeinem Naturzuſtande näherte, vermochten die Bade⸗ diener ihr Erſtaunen nicht zu unterdrücken. Sie be⸗ griffen nicht, wie ihre Sultanin an dieſer dürren und ungraziöſen Geſtalt habe Gefallen finden und ihr ei⸗ nen Selam ſchicken können. Den Alterthümler ſeinerſeits verdroß dieſes ver⸗ wunderungsvolle Betrachten ſeiner Perſon. „Nun,“ fuhr er die Schwarzen an,„was gibts zu gaffen? Hat man noch keinen weißen Menſchen ge⸗ ſehen? Es iſt dies Gaffen höchſt unanſtändig. Seht Ihr doch ſonſt wohin!“ Das Erſtaunen der Badedienerſchaft erreichte aber den höchſten Grad, als der Profeſſor mit äußerſter Vorſicht ſeine rothe Perrücke abzog und einen faſt completten Kahlkopf zeigte. Jetzt vermochten ſie nicht länger, aus der Ferne zuzuſchauen, ſie drängten näher, 128 um das neue Wunder in Augenſchein zu nehmen. Sie glaubten ihren Augen nicht zu trauen und tappten mit ihren Fäuſten rückſichtslos auf dem kahlen Schei⸗ tel des Profeſſors umher. „Zurück, nichtsnutziges Geſindel!“ herrſchte Laroſ⸗ ſoſſinier.„Das Volk iſt ſo dumm, daß es Einen dauert. Es iſt kein Wunder, daß dieſe Mohrenſippe ſo dichtes Haar hat. Wer keinen Verſtand beſitzt, kann ſich das Denken erſparen, und da gedeiht der Haarwuchs aller⸗ dings. Ich habe meine Haare verſtudirt.“ Er reichte die abgenommene Perrücke einem der zunächſtſtehenden Schwarzen. „Daß ſie mir in Acht genommen wird!“ gebot er. Aber dies war ein Befehl, welcher die Kräfte der Mohren überſtieg. Ihre Reugier hinſichtlich dieſes abendländiſchen Wunderwerks war zu groß; die Haar⸗ tour ging aus einer Hand in die andere, bei welcher Wanderung ſie allerdings nichts gewann. Man ſchüt⸗ telte, zerrte und zupfte daran nach Herzensluſt; hielt ſich grinſend dieſelbe unter die Raſe, beliebäugelte und beroch ſie. Der Profeſſor verzweifelte. Er ſprang im Hemde ſeiner Perrücke nach, um ſie den Händen der Wüthriche zu entreißen. Laroſſoſſinier ſchlug mit dem einen Stie⸗ fel wie beſeſſen auf die Schwarzen ein; wodurch es ihm auch gelang, wieder in den Beſitz ſeiner Kopf⸗ bedeckung zu kommen. Er brachte ſie einigermaßen in Ordnung, rollte ſie ſorgfältig zuſammen und ſchob ſie in einen der Stiefel, welchen er vermittelſt eines Bindfadens an ſeine Hüften befeſtigte. Endlich fiel die letzte Hülle von dem profeſſorli⸗ chen Leichname, ſo daß er daſtand wie der Ahnherr Adam im Paradieſe, nur daß bei Laroſſoſſinier der Stiefel, welcher die rothe Perrücke barg, an der einen Seite ſchaukelte. 499 „Wrnn ich nicht, bevor ich in's Bad ſteige,“ ſprach er zu ſich,„mich ein wenig abkühle, kann mich der Schlag auf der Stelle treffen; ich bin zu echauffirt und ärgervoll ob der ſchwarzen Heiden.“ Er ſtand daher im Begriffe, der Abkühlung hal⸗ ber, einige Mal auf⸗ und abzuwandern, als wie auf ein gegebenes Zeichen zwei Badewärter auf ihn zu⸗ ſtürzten und ihn an den Armen packten. Vergebens war die Gegenwehr. Man legte ihn der Längelang auf ausgebreitete Decken. Er begann aus Leibeskräften mit den Füßen zu ſtrampeln, worauf ſich der arbei⸗ tenden Beine ein paar anderweitige Badediener be⸗ mächtigten, ſo daß er dalag, wie ein mexikaniſcher Kriegsgefangener, der dem Vitzliputzli geſchlachtet wer⸗ den ſoll. Er wollte ſeine unverholene Averſion gegen derartige Behandlung an den Tag legen, als man ihm einen angefeuchteten Schwamm auf den Mund legte. Jetzt ward mit dem Profeſſor jene ſtrapazirende Procedur vorgenommen, die faſt jedem türkiſchen Bade vorherzugehen pflegt und allen Europäern ſo außer⸗ ordentliches Mißbehagen erregt. Der Badende wird, bevor er in's Waſſer kommt, in wollene Decken ge⸗ hüllt, worauf ein oder nach Befinden zwei Badediener ſich auf ſeinen Leib ſetzen und Arme, Beine, Unter⸗ leib, kurz alle erlangbaren Muskeln dermaßen durch⸗ kneten, daß alle Knochen und Gelenke knacken. Der Profeſſor, welcher ſich um jedmöglichen wiſ⸗ ſenswerthen Gegenſtand des Orients bekümmert hatte, nur nicht um die Badeanſtalten, gegen die er ſtets eine Averſion empfunden, glaubte, ſein letztes Stünd⸗ lein wäre gekommen. Auf ſeinem dürren Leichnam ſaßen zwei ſchwarze Fratzen, die ſich möglichſt bemühten, den etwas zähen Muskeln diejenige Appretur angedeihen zu laſſen, um Stolle, ſämmtl. Schriften. UM. 9 — 130 das Bad ſo heilbringend und erquickend wie möglich zu machen. Sie kneteten, zerrten, knackten, pochten wie in einem Amalgamirwerke, wie in einer Marter⸗ kammer der ſpaniſchen Inquiſition. Wenn man mit dem Badecandidaten auf der einen Seite fertig war, wurde er wie ein Eierkuchen um⸗ gewandt und die Procedur des Knetens ging auf der entgegengeſetzten Seite los. Der Unglückliche lag daher bald auf dem Rücken, bald auf dem Bauche, als völlig willenloſes Individuum. Er kam ſich vor wie ein Cotelet, bei dem nur noch fehlte, daß es gebraten würde. Trotz ſeiner erbarmungswürdigen Lage verließ den Profeſſor ſeine philoſophiſche Contemplative nicht. „Das ſind alſo die Herrlichkeiten eines Serails?“ ſprach er.„Wie ſich der Menſch täuſchen kann; und zu ſolchen Amüſements wird man durch einen Selam invitirt. Die türkiſchen Schönheiten müſſen liebens⸗ würdige Launen haben. Es iſt kein Wunder, wenn ſie zuweilen dutzendweiſe geſäckt und in's Meer ge⸗ worfen werden. Ich thät's auch, hätt' ich diesmal Etwas zu befehlen.“ Der Profeſſor ward wieder umgewandt, was mit großer Unbehaglichkeit verbunden war, da ihn alle Glieder ſchmerzten. „Wer nur dies einzige Mal todt wäre!“ ſeufzte er.„Ganze Knochen und Gelenke hab' ich einmal nicht mehr. Was hilft mir ein Leib ohne allen Zu⸗ ſammenhang.“ Nach äghptiſchen Anſichten ſchien der Profeſſor für das Bad jetzt hinlänglich appretirt. Man trug ihn nach der Vertiefung, wo in einem Marmorbecken die dunkle Fluth aromatiſch duftete. „Daß Gott erbarme,“ rief Laroſſoſſinier,„nun 131 erſäufen ſie mich zu guterletzt. Gute Nacht, Welt! Bald iſt der Tempel der Wiſſenſchaft um eine ſeiner erhabenſten Säulen ärmer. Cröſus rief einſt, als er auf dem Scheiterhaufen ſtand,„Solon, Solon!“ ich möchte rufen:„Selam, Selam. Wie ein vom Kreuze Abgenommener ward der Leichnam des Profeſſors in das Waſſer geſenkt. Kaum befand er ſich aber einige Zeit im Waſſer, als die belebende Kraft des Bades den Körper durch⸗ drang. Die Schmerzen in den Gliedern hörten auf, und au ihre Stelle trat ein höchſt behagliches Gefühl, das von Minute zu Minute wohlthuender ward. Dem Profeſſor war aber trotzdem nicht ganz wohl zu Muthe. Seine Einbildungkraft ſpielte ihm einen Streich. Als ihm nach und nach ſo wohl, ſo leicht wurde, glaubte er, dies ſei ein Zeichen ſeiner bevor⸗ ſtehenden Auflöſung. Er ward, je wohlthuender das Bad auf ihn wirkte, immer ſentimentaler, weil er nur noch wenige Minu⸗ ten zu leben glaubte. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ ſeufzte er,„ich muß ſcheiden von dir, du ſchöne Erde; ich fühle, wie der Tod immer mehr zum Herzen dringt. Aber wie ſüß er durch die geräderten Glieder ſchleicht, er kann die alten Mucken nicht laſſen; er behält immer etwas Fröſtelndes. Er iſt einmal keines Menſchen Freund.“ „Der Gedanke, ſo einſam hinüber zu gehen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„hat in der That viel Weh⸗ müthiges. Ich hätte das früher nicht geglaubt. Wenn wenigſtens Camille hier wäre. Die Sorge um meine Sammlungen liegt mir ſchwer auf dem Herzen; ob⸗ ſchon ich in meinem Teſtamente ſorgfältig darüber ver⸗ fügt habe und ein ausführliches W beiliegt.“ — Aber je näher ſich Laroſſoſſinier dem Tode glaubte, deſto kräftiger, deſto wohler ward ihm. „Es iſt doch eine ſeltſame Einrichtung der Natur,“ philoſophirte er,„daß das Leben unmittelbar vor dem Erlöſchen noch einmal urkräftig aufflackert. So zum Beiſpiel wüßte ich nicht, wenn ich mich ſo wohl be⸗ funden hätte, als gerade jetzt.“ Unterdeß breiteten die ſchwarzen Badediener einen großen wollenen Teppich aus, den ſie von allen Sei⸗ ten beräucherten. Der Profeſſor, welcher dieſer Zu⸗ rüſtung zuſchaute, begriff nicht, was das wieder be⸗ deuten ſollte. „Wenn ich nur darüber klar wäre,“ ſprach er für ſich,„ob man mich wirklich todt machen will oder nicht. Ein Erſäufen ſcheint nicht im Plane der Schwarzen gelegen zu haben, ſonſt würde mehr Waſſer im Becken geweſen ſein; oder man brauchte mir blos einen Schlag auf den Kopf zu geben. Das Ganze hat wirklich mehr das Anſehen eines Bades. Seltſame Gebräuche!“ „Der Tod will auch nicht kommen,“ fuhr er nach einiger Zeit fort;„im Gegentheil, Appetit ſtellt ſich ein, und Händ' und Füße ſind mir wunderbar ge⸗ lenkig.“ Er viſitirte ſeinen ganzen Körper und fand den Zuſtand deſſelben höchſt zufriedenſtellend. Richt nur, daß Laroſſoſſinier nicht die geringſten Schmerzen mehr empfand, ſo hatten auch alle Glieder und Muskeln eine ſolche Elaſticität erlangt, als wären ſie die eines Jünglings. Nachdem die Badewärter mit dem Räuchern zu Ende waren, nahten ſich zwei derſelben dem über ſei⸗ nen Zuſtand in fortwährendem Philoſophiren begriffe⸗ nen Profeſſor, faßten ihn unter die Arme und hoben ihn aus dem Bade. Mit weichen Tüchern ward der 133 Körper getrocknet, worauf er nach dem Orte geführt wurde, wo die wollenen Decken ausgebreitet lagen. „Was ſoll denn jetzt losgehen?“ erkundigte ſich der Gebadete. „Niederlegen,“ war die eintönige Antwort. „Das will ich wohl,“ verſetzte Laroſſoſſinier,„daß nur nicht die vorige arterei wieder losgeht!“ Das Andenken daran ſtand ihm noch zu gräßlich vor Augen, daß er einige Augenblicke Bedenken trug, dem„Niederlegen!“ Folge zu leiſten. Doch ehe er ſich's verſah, lag er, von den Händen der Badediener ergriffen, auf der einen Decke ausgeſtreckt, und ganz wie früher faßten zwei Schwarze auf dem gebadeten Leichnam Poſto. „Das iſt ja um zum Wahnſinn überzugehen,“ ſeufzte Laroſſoſſinier,„ſo ſoll denn das ſchwarze Werk, mein Untergang, wirklich zur Ausführung gebracht wer⸗ den? Ich will es nur geſtehen, ein zweites Mal halt' ich die Räderei nicht aus.“ In der That nufßte ſich der Profeſſor einer zwei⸗ ten, faſt noch ſchmerzhafteren Operation als das erſte Mal unterwerfen. Er ward diesmal zwar nicht ge⸗ knetet, wohl aber gebürſtet wie ein Stück Tuch beim Tuchſcheerer und mit einer Art Ruthen gepeitſcht, wie ein Deſerteur. Wie ein elektriſcher Aal zuckte der Unglückliche vor Schmerz fortwährend in die Höhe und ſtöhnte wieder⸗ holt, daß man ihn doch todt machen möchte. Seine Vitte blieb ohne Gewährung; im Gegentheil ſchienen den peitſchenden und bürſtenden Schwarzen die con⸗ vulſiviſchen Bewegungen des Geplagten vielen Spaß zu machen. Sie grinzten freundlich bald ſich, bald die am Boden liegende Leidensgeſtalt an und hörten mit dem Frottiren nicht eher auf, bis der Profeſſor vor Hitze 134 ſo roth wie Scharlach glühte. Dann ward er wieder in Decken gehüllt und eine Zeitlang ruhig liegen ge⸗ laſſen. Es währte nicht lange, ſo begann der Ein⸗ gehüllte ordentlich zu rauchen. Er lag wie in einem Dampfbade. 5 „Wenn das noch eine Zeitlang ſo fortgeht,“ ſeufzte er ſterbensmatt,„ſo laufe ich vollkommen auseinander, und Nichts bleibt von mir zurück. Iſt's möglich, kann ein Staubgeborner ſo viel Waſſer von ſich geben wie ich? Das muß nach zeither ganz unbekannten anthro⸗ pologiſchen und chemiſchen Geſetzen zugehen. Ich bin ein wahrer Gebirgsquell.“ Als Laroſſoſſinier den Höhepunkt der Transſpira⸗ tivn erreicht hatte, ſprangen die dienſtbefliſſenen Schwar⸗ zen abermals herbei und wickelten den rauchenden Leichnam aus den wollenen Decken. Man trug ihn wieder direet nach dem Bade, das unterdeß von Neuem zurecht gemacht worden war und diesmal aus kaltem Waſſer beſtand. Wie ſchwach Laroſſoſſinier war, ſo widerſtrebte inſtinktmäßig ſeine europäiſche Natur dem kalten Bade. „Seid Ihr vom Teufel beſeſſen?“ ſchrie er, ſich ſträubend,„da muß mich ja augenblicklich der Schlag treffen.“ Die Schwarzen hörten nicht auf dergleichen Re⸗ elamationen. Ehe ſich's der Profeſſor verſah, lag er im kalten Bade. Er ſtrampelte wie ein Gehenkter. „Schinderei und kein Ende!“ rief er einmal über das andere. Das kalte Bad währte indeß keine Minute, worauf er wieder herausgefiſcht und in Decken gehüllt wurde. Trotz der beiſpielloſen Strapazen fühlte er ſich recht angenehm. Leicht und wohlig floß das Blut durch die Adern. Eine ſanfte wohlthuende Wärme durchſtrömte den ganzen Körper. Dieſer Zuſtand gab ſeinem phi⸗ loſophiſchen Geiſte wieder vollauf Stoff zum Nachdenken. „Da mache mir ein europäiſcher Arzt einen Vers darauf,“ ſprach er;„nach allen mediciniſchen Theorien müßt' ich jetzt vollkommen todt ſein. Was man in einem Serail für Erfahrungen macht. Komm' ich lebendig heraus, was ich allerdings ſehr bezweifle, ſoll die Welt Wunderdinge erfahren.“ Zwei Badewärter knieten jetzt zu ſeinen beiden Seiten nieder, welche ihm auf koſtbaren Schalen Sor⸗ bet, Früchte und Kuchen überreichten. Der Profeſſor ließ ſich dieſe Spenden wohlbehagen und ſpeiſte mit beſtem Appetit. Aber gerade als es ihm am vorzüg⸗ lichſten ſchmeckte, zogen ihm die Schwarzen die Lecker⸗ biſſen vor der Naſe weg. Laroſſoſſinier gab im ſchönſten Arabiſch zu ver⸗ ſtehen, daß er durchaus noch nicht ſatt ſei; die Mohren aber nahmen darauf keine Rückſicht und ließen ſich ſelbſt die zahlreichen Ueberbleibſel trefflich ſchmecken. Das muß ich geſtehen,“ ſprach ärgerlich der Pro⸗ feſſor,„eine abgeſchmacktere Sitte iſt mir noch nicht vorgekommen. Nach der Bademotion konnt' ich für Vier eſſen, und kaum hab' ich zugelangt, ſo verſchwin⸗ den die Herrlichkeiten gleich der Fata Morgana, und ich muß geduldig zuſehen, wie ſich das ſchwarze Vieh⸗ zeug mäſtet.“ Nachdem die Mohren die koſtbaren Naſchwaaren verſchlungen hatten, bedeutete man ihn, aufzuſtehen. Wie ein Jüngling ſprang Laroſſoſſinier von ſei⸗ nem Lager. Er kam ſich zwanzig Jahre jünger vor. Das Bad hatte ihn wahrhaft wunderbar geſtärkt. Als daher ſich zwei der Schwarzen nahten und Miene machten, ihn zu frottiren, hielt er ihnen muthig und kampfluſtig zwei Arme entgegen. 136 „Ich erwürge Euch,“ rief er,„ſo man ſich unter⸗ ſteht, nochmals die Fauſt an mich zu legen! Verſucht's einmal, Ihr Teufelsgeſichter!“ Der eine Badewärter machte ihm bemerklich, daß er blos mit dem weichſten Flanell gerieben werden follte. „Bin genug gerieben,“ meinte Laroſſoſſinier,„habe mein Lebelang genug daran.“ Ein anderer Schwarzer trat mit einer Kryſtall⸗ phiole auf den Profeſſor zu. „Was willſt Du?“ frug Laroſſoſſinier. „Du ſollſt mit Roſenöl aus Schiras geſalbt wer⸗ den,“ war die Antwort. „Ich mag nicht geſalbt ſein, und wär's mit Roſenöl; ich kann die Einreibungen nicht leiden.“ Statt aller Antwort machte einer der Badewärter, der den Oberbefehl zu führen ſchien, mit der Hand ein Zeichen. Sogleich zogen zwei Mohren dem Pro⸗ feſſor die Beine weg, daß die kampfluſtige Geſtalt im Augenblick wieder auf der Decke lag. Trotz des deſperaten Geſtrampels von Seiten La⸗ roſſoſſinier's, denn er war fortwährend der Meinung, daß eine neue Marterkur mit ihm vorgenommen wer⸗ den ſollte, nahm das Frottiren ſeinen Anfang. Als der Frottirte jedoch inne ward, daß der diesmalige Modus von dem frühern himmelweit verſchieden war und ein höchſt behagliches Gefühl hervorbrachte, ſo ſtreckte er ſich geduldig aus ſo lang er war. Auch ließ er ſich's ruhig gefallen, wie er mit Roſenöl ge⸗ ſalbt wurde. „Das Zeug riecht wirklich nicht übel,“ ſprach er, und als die Frotteurs in ihrem Geſchäft einmal inne hielten, ſagte er:„Immer krabbelt, ich bin zufrieden mit Euch.“ Nachdem die Oelung vollbracht und das koſtbare 137 Naß mit weichem Flanell in den Körper gerieben war, ſo daß der Profeſſor wie ein blühender Roſenſtrauch duftete, gab man dem Geſalbten zu verſtehen, daß er ſich wieder erheben möchte. „Ich hätte gern noch ein wenig gelegen,“ geſtand Laroſſoſſinier,„aber ſagt, ihr ſchwarzen Kinder, was ſoll jetzt geſchehen?“ „Bekleidet ihn jetzt mit dem Kaftan des Gebie⸗ ters,“ gebot der Anführer der Schwarzen. Dies geſchah. Man zog dem Profeſſor einen rei⸗ chen, prächtigen Kaftan an und reichte ihm perlen⸗ geſchmückte Pantoffeln. So wie Laroſſoſſinier das Gewand umgeworfen, fielen ſämmtliche Selaven auf die Kniee und hoben wie anbetend ihre Arme zu ihm empor. „Incommodirt Euch nicht,“ ſprach der Profeſſor, „und ſagt mir lieber, was das Alles zu bedeuten hat?“ „Du ſollſt geopfert werden,“ war die dumpfe Antwort. „Was!“ rief Laroſſoſſinier auf's Höchſte erſchrok⸗ ken,„geopfert? Ich will nicht hoffen, daß man die Gaſtfreundſchaft auf ſo entſetzliche Weiſe verletzt. Erſt Anbetung und gleich darauf Opferung! Das wäre unerhört. Nie war mir das Leben wohl angenehmer als jetzt.“ „Es ſoll Dir noch angenehmer werden.“ „Wenn man mich ſchlachten will? Das wüßte ich doch nicht.“ „Du ſollſt nicht geſchlachtet werden.“ „Das wäre mir höchſt erwünſcht, gleichwohl be⸗ greife ich nicht—“ „Du ſollſt nur der Liebe der Sultana geopfert werden.“ „Der Liebe der Sultana ſoll ich geopfert werden? Wie hat man das zu verſtehen?“ 138 „Du wirſt ſie mit Zärtlichkeit umarmen.“ „Ich ſoll ſie mit Zärtlichkeit umarmen?“ „So iſt's!“ „Aber was dürfte der durchlauchtigſte Herr Ge⸗ mahl dazu ſagen?“ „Der iſt fern von hier bei Murad⸗Beh.“ „Aber wenn ich nun aus zarter Rückſicht für häus⸗ lichen und ehelichen Frieden und nach chriſtlicher Mo⸗ ral Bedenken tragen dürfte, die hohe Frau, die mir hinſichtlich der ehelichen Treue nicht eben felſenfeſte Grundſätze zu beſitzen ſcheint, zu umarmen, was dann?—“ „So trifft dieſer Dolch Dein Herz, und dieſe ſei⸗ dene Schnur knüpft Dir die Kehle zu,“ ſprach der unterrichtende Schwarze und zeigte die lebensgefähr⸗ lichen Inſtrumente. Loroſſoſſinier ſchauderte. „Das ſind allerdings Gegenſtände,“ ſprach er, „wovon ein jeder für ſich hinreicht, die ſolideſten Grundſätze zu erſchüttern.“ Er fuhr zu fragen fort: „Und wenn ich nun den Befehlen Ihrer Durch⸗ laucht nachgekommen?“ „Dann verläßt Du reich beſchenkt dieſes Haus.“ „So? das ließe ſich hören. Ich dürfte mich wohl vorher auch ein wenig in der häuslichen Einrichtung Ihrer Durchlaucht umſehen?“ „Wenn Du einmal Gnade gefunden vor ihren Augen, ſind Dir alle Geheimniſſe des Serails ge⸗ öffnet.“ „Vortrefflich,“ rief der Profeſſor,„da wären ja wahre welterobernde Entdeckungen zu machen. Ich ſtünde über Bonaparte.“ „Aber,“ frug er weiter,„wenn ich nun bei 139 näherer Beſichtigung nicht das Glück haben ſollte, vor den Augen Ihrer Hoheit Gnade zu finden?“ „So trifft dieſer Dolch Dein Herz, und dieſe ſeidene Schnur knüpft Dir die Kehle zu.“ Und wiederum hielt der grinzende Schwarze dem ſchaudernden Laroſſoſſinier die beiden lebensgefähr⸗ lichen Inſtrumente vor. „Doch ſei ohne Furcht,“ fügte er beruhigend hin⸗ zu,„Sultana kennt Dich.“ „Was Sie ſagen! Sollte Ihre Hoheit etwa eins meiner Bücher geleſen haben? Vielleicht mein vier⸗ bändiges Werk über die Emancipation der Frauen des Morgenlandes?“ im eichten „Sultana lieſt nicht.“ ſen 5 „Das thut mir leid; aber wie konnt' ich außer⸗ dem das Glück haben, die Augen Ihrer Durchlaucht auf meine Unſcheinbarkeit zu richten?“ „Sie hat Dich mehrere Mal unter den Fenſtern ihres Palaſtes vorbeireiten ſehen.“ „So? Allerdings, zu Eſel nehm' ich mich nicht unvortheilhaft aus. Doch noch ein Wort im Ver⸗ trauen, lieber Schwarzer, iſt Deine Sultana hübſch.“ „Die ſchönſte Frau im Rilthal.“ „A la bonheur!“ Nun, wenn's nicht anders ſein kann, will ich den Wünſchen Ihrer Hoheit nicht län⸗ ger widerſtreben. Ich begreife zwar nicht, warum ſie gerade an mir den Narren gefreſſen hat; ich hatte bis⸗ her in meiner Beſcheidenheit geglaubt, daß meine dürftige Figur die Augen der Frauen unbehelligt ließe. Aber das ſchickt ſich oft wunderbar in der Welt; de guslibus non est disputandum; hat doch der lahme Vulkan die ſchönſte Göttin zur Frau bekommen, warum ſollt' es der Himmel nicht wollen, daß ein Mitglied der Akademie eine Sultanin erobert.“ 14⁴⁰ „Allah iſt groß!“ erwiederte der Schwarze. „Da haben Sie recht,“ ſprach der Profeſſor und fühlte ſich ſehr beruhigt. Plötzlich erſchien ein ſchön⸗ gelockter Knabe, welchem alle anweſenden Badewärter ehrfurchtsvoll Platz machten. Er ließ ſich vor dem im reichen Kaftan prangenden Profeſſor nieder und überreichte ihm auf einer ſilbernen Schale eine blü⸗ hende Muskathyazinthe. „Holder Jüngling,“ ſprach Laroſſoſſinier, die Blume nicht ohne Gravität entgegennehmend, denn er fand ſich immer mehr in die Rolle eines begünſtigten Lieblings,„was ſoll dies neue Zeichen unerwarteter Huld?“—— „Daß Dichnüpft Ickter der Sterblichen, die Roſe der Roſen erwartet,“ flötete der Knabe. „Nun,“ erwiederte der Profeſſor aufbrechend,„ſo wollen wir, der Beglückte der Sterblichen, die Roſe der Roſen nicht warten laſſen. Folget mir, meine Selaven.“ Zu dem Ueberbringer der Muskathhazinthe aber ſprach er:„Wandle voran, Jüngling aus edlem Ge⸗ ſchlecht, leuchte voran, ein Genius der Liebe, ähnlich jenem Liebesgotte der Alten, dem ſchalkhaften Sohne der meerentſproſſenen Anadhomene.“ Der Knabe that, wie ihm geheißen, und Laroſſoſ⸗ ſinier folgte gravitätiſch im faltenreichen Talare. Es war ein eigner Geiſt in ihn gefahren. Sein Selbſt⸗ gefühl war durch die Liebe der Sultanin außerordent⸗ lich gehoben. Die reiche Tracht verlieh ihm Würde. Er begriff ſelbſt nicht, wie er mit einem Male ein ſo gebietender Herr habe werden können. Unter der Thür blieb er aber ſtehen und viſitirte ſeinen kahlen Scheitel. „Wäre es nicht wünſchenswerther,“ ſprach er zu 141 den ihn begleitenden Selaven,„wenn ich vor Ihrer Hoheit in der Perrücke erſchiene? Es iſt dies doch wohl anſtändiger als der Kahlkopf.“ Die Schwarzen waren der Meinung ihres neuen Gebieters nicht entgegen. Die Perrücke wurde gebracht, und alſo behaart trat der Günſtling der Sultanin ſeine Wanderung an. Magiſche Dämmerung umfing die Dahinſchreiten⸗ den, als ſie die Badegemächer im Rücken hatten. Der gegen die Außenwelt durch hohe Mauern geſchützte Garten war auf kunſtreiche Art von bunten Lampen erleuchtet. Feenhaft leiſer Geſang klang durch die Zweige. Hier und da ward im leichten, fliegenden Gewande ein ſylphidenhaftes Weſen ſichtbar, das eben ſo ſchnell wieder im Gebüſche verſchwand. Zu allen dieſen Bezauberungen erfüllte himmliſches Arom die blüthenduftſchwere Luft. Laroſſoſſinier taumelte wie ein Trunkener durch die ungeahnte Herrlichkeit. „O Schehezerade,“ rief er einmal über das andere, „ich glaubte zeither, Du habeſt nur gefabelt und Dei⸗ nem langbartigen Bettgenoſſen tauſend und eine Raſe aufgeheftet, und viele Andere glauben dies zur Stunde noch, ſelbſt höchſt reſpectable Geiſter im Reiche der Wiſſenſchaft; jetzt ſehe ich wohl, daß Du dem Alten nur reinen Wein eingeſchenkt haſt. Großer Gott, ſäß' ich nur bereits hinter meinem Pulte, um der erſtaun⸗ ten Welt über das Innere eines Serails ein Licht aufzuſtecken. Wie ſchmerzvoll auch die Badeoperation war, ich habe ſie nicht zu theuer erkauft, wenn ich das Alles zu Papiere bringen darf.“ Ein dunkler Gang, von Jasmin und perſiſchen Roſen überwölbt, nahm die Wanderer auf. Der Bote der Liebe war ſtets ein paar Schritte voran, und vier 142 Schwarze folgten. Allmählich erloſchen die bunten Lam⸗ pen, und es ward von Schritt zu Schritt dunkler.— „Sie hätten ſollen eine Fackel anzünden, Herr Amor,“ ſprach Laroſſoſſinier. „Folge getroſt, es wird Dir kein Schade geſchehen.“ „Das iſt bald geſagt, guter Knabe, aber man möchte doch wiſſen, wo man ſo eigentlich hintritt. Ich bin Lichtfreund und liebe die Aufklärung.“ Dem Profeſſor war die Dunkelheit weniger wegen der Gefahr, in die er gerathen könnte, unangenehm, als vielmehr weil es in dieſer tiefen Nacht ſo ſchwer hielt, die Wiß⸗ und Reubegier zu befriedigen. „Das iſt ja eine wahrhaft ägyptiſche Finſter⸗ niß,“ ſprach er nach einer Pauſe mit beiden Armen umhertaſtend,„die kann zu Pharao's Zeiten nicht totaler geweſen ſein. Wo ſind Sie denn, Werthge⸗ ſchätzter; laufen Sie mir nicht davon, ich wäre ein verlorener Menſch; werden wir nicht bald etwas in's Klare kommen?“ „Bald,“ erwiederte der Knabe. Er hatte nicht Unrecht. Nach ungefähr funfzig Schritten zeigte ſich in einiger Entfernung ein Rofa⸗ licht, das an Größe und Helle zunahm, je mehr man ſich ihm näherte. Es glich einer aufblühenden Mor⸗ genröthe. Bäume und Sträucher traten in roſenrothe Vertlärung. „Mein Gott,“ ſprach Laroſſoſſinier beſorgt,„es iſt doch nicht etwa Feuer ausgebrochen im Serail? Wie ſteht es mit der hieſigen Feuerordnung?“ „Aber nein,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„das leuchtet ſo ſanft und iſt wahrſcheinlich durch benga⸗ liſche Flammen hervorgebracht.“ „Es iſt die Morgenröthe der Sonne,“ ſprach der noch immer voranſchreitende Knabe,„die Du um⸗ armen ſollſt.“ „Aber, Verehrter,“ gab der Profeſſor zu bedenken, „das wird eine entſetzlich heiße Partie werden; und ich bin kein Salamander.“ „Die Flammen, welche Dir leuchten, Beglückter des Abendlandes, ſind nur die Brandfackeln, welche erlöſchen, ſobald Sultana Dich empfangen hat.“ „Das iſt mir lieb.“ „Nur einige goldene und ſilberne Fontainen wer⸗ den rauſchen und das Gemach der Liebe hold er⸗ leuchten.“ „Die Sache muß ſich charmant machen; ich bin begierig.“ Die künſtliche Morgenröthe flammte jetzt in ſolcher Stärke, daß die nächſte Umgebung in roſenrother Verklärung ſtand. Zwiſchen Orange- und hohem Oleandergebüſch blickte ein tempelartiges Gebäude. Weiße Marmorſtufen führten nach einer portalähnli⸗ chen Thür. „Wirklich allerliebſt, allerliebſt,“ lobte der Pro⸗ feſſor, indem er ſich nach allen Seiten umſchaute,„und jenes Gebäude in ächt ſarazeniſchem Sthl mit der hochgewölbten Pforte, die allerdings etwas nach Grie⸗ chenthum ſchmeckt, was hat das zu bedeuten?“ „Das iſt der Tempel der Liebe, wo Sultana ſeh⸗ nend Deiner harrt; die Pforte führt unmittelbar nach dem Gemache der Schönſten im Nilthal.“ Bei ſeiner Umſchau im Roſalichte hatte Laroſſoſ⸗ ſinier die Bemerkung gemacht, wie der ſchwarze Brigadier in Begleitung von vier Mohren ihm gefolgt war. In der einen Hand trug derſelbe einen ſcharf geſpitzten Dolch und in der andern eine ſeidene Schnur, Beides Gegenſtände, die nicht zu den Leidenſchaften des Pro⸗ feſſors gehörten. Er erinnerte ſich des vorigen Zwie⸗ geſprächs und frug jetzt: „Getreuer Begleiter,“ ſprach er milde,„wie weit wirſt Du mir folgen?“ „Zur Sultana!“ „Ganz ſchön, aber da laß dieſe Dinge da,“— er zeigte auf Dolch und Schnur—„außen, ihr Anblick würde mir ſelbſt den Tempel der Liebe verleiden.“ „Sie ſind mein Handwerkszeug, von dem ich mich nicht trennen darf.“ „Dein Handwerkszeug?“ frug Laroſſoſſinier ſtutzig, „mit wem hab' ich denn die Ehre?“ „Ich bin der Kapidſchibaſchi des Serails.“ Dem Profeſſor lief's kalt über. Er entſann ſich der zahllos blutigen Geſchichten, in welchen der Ka⸗ pidſchibaſchi, zu deutſch der Scharfrichter, eine nur zu bevorzugte Rolle ſpielte. „Aber wenn ich Euch die Mühwaltung erlaſſe, mich zu begleiten, ehrfurchtseinflößender Kapidſchibaſchi, dann hättet Ihr wohl die Gewogenheit und ließet mich meine Wege gehen?“ „Ich darf nicht.“ „So, und zu welchem Zwecke? Ohnfehlbar eine Art türkiſche Etikette?“ „Damit ich gleich bei der Hand bin, wenn etwas vorfällt.“ „Was ſoll denn vorfallen? Geht mit Gott, guter Kapidſchibaſchi!“ „Man kann nicht wiſſen. Ihr wäret nicht der erſte Liebhaber, den ich kalt gemacht.“ Der Profeſſor brauchte nicht erſt kalt gemacht zu werden; ihn ſchüttelte es bereits wie Fieberfroſt, ſeine Zähne wirbelten Generalmarſch. Der Bote der Liebe mahnte zum Vorwärtsſchreiten. „Ach,“ ſprach Laroſſoſſinier,„ich möchte lieber umkehren. Geht das nicht mehr an? Gibt's kein Hinterpförtchen, kein Loch in der Serailsmauer?“ 14¹5 „Flucht iſt unmöglich,“ verſetzte der Knabe,„Euch erwartet entweder der Liebe höchſter Lohn oder—“ „Nun— oder?“— erkundigte ſich zitternd der Profeſſor. „Der Tod,“ tönte es dumpf, und der Knabe ſchritt vorwärts. Laroſſoſſinier, der vor Schrecken wie in den Bo⸗ den gewurzelt daſtand, wollte ſchlechterdings nicht vor⸗ wärts, als er, trotz der Würde, die er als begünſtig⸗ ter Liebhaber der Sultana bekleidete, von dem entſetz⸗ lichen Kapidſchibaſchi einen ſo urkräftigen Rippenſtoß erhielt, daß er faſt der Länge lang zu Voden gefal⸗ len wäre. Halbbewußtlos taumelte er vor ſich. Nichtsdeſto⸗ weniger verließ ihn ganz der philoſophiſche Geiſt. „Was hilft mir das rothe Feuer und die man⸗ cherlei Ergötzlichkeiten, um die man ſich meinetwegen in Koſten geſteckt hat,“ ſprach er.„Kann denn ein Menſch derſelben froh werden, wenn ein Scharfrichter auf Schritt und Tritt folgt und jeden Augenblick be⸗ reit iſt, die Kehle zuzuſchnüren oder den Dolch zwiſchen die Rippen zu ſchieben?“ Je näher man dem Tempel der Liebe kam, deſto angenehmer füllten ſich die Lüfte mit Arom der lieb⸗ lichſten Blüthen. Die bengaliſchen Flammen verglüh⸗ ten; dafür trat der Liebestempel in fanfte Beleuchtung. Harmonien klangen durch Baum und Strauch, und es war nicht anders, als ſollte ein ſelig Geſtorbener in den Garten Elyſiums eingeführt werden. „Ja, ſingt, räuchert und illuminirt ſo viel ihr Luſt habt,“ ſprach Laroſſoſſinier,„ich kann der Herrlich⸗ keit nicht froh werden, ſo lange der Kapidſchibaſchi als Schatten folgt.“ Er näherte ſich nur äußerſt langſam und nieder⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. M. 146 geſchlagen dem prächtig decorirten Orte, wo ihn das ſchönſte Glück erwartete. Der voranſchreitende Knabe machte Halt, kreuzte nach morgenländiſcher Sitte die Hände und ließ ſich vor Laroſſoſſinier auf ein Knie nieder. „Empfange, glückgeborner Sohn des Abendlandes, die Huldigung Deines Selaven; Du ſtehſt jetzt, glück⸗ geborner Sohn des Abendlandes, im Begriff, die Schwelle zu überſchreiten, wo Deiner die Roſe der Roſen ſehnend harret.“ „Ach,“ verſetzte der Profeſſor kleinlaut,„ich Glück⸗ geborner des Abendlandes wollte, ich wäre im Abend⸗ lande geblieben.“ Nachdem Laroſſoſſinier, gefolgt von dem Kapid⸗ ſchibaſchi, wie ein Verbrecher zum Schaffot, die Mar⸗ morſtufe emporgeſtiegen war, trat er in einen hoch⸗ gewölbten Saal, in deſſen Ecken goldne und ſilberne Fontainen leiſe rauſchten. Goldene Sprüche aus ara⸗ biſchen Dichtern bedeckten reichlich Decken und Wände. Im Hintergrunde des Saales wallte ein himmel⸗ blauer Vorhang herab. Wie gern hätte der Profeſſor ein wenig in den arabiſchen Schriftzügen ſtudirt, die ſich aller Orten dem Auge darboten; aber ein Blick auf den unheimlichen Kapidſchibaſchi, der mit gezücktem Dolche unmittelbar hinter ihm ſtand, benahm ihm jedwede Luſt zum Studiren. „Knie nieder,“ gebot jetzt der Bote der Liebe. Dem Profeſſor mochte dieſe Stellung etwas ver⸗ dächtig vorkommen. Er zögerte und wollte ſich vor⸗ her erkundigen, was es mit dieſer Kniebeugung für eine Bewandtniß habe, als ein abermaliger urkräftiger Rippenſtoß von Seiten des Kapidſchibaſchi ſeinen Be⸗ denklichkeiten ein Ende machte. Unmittelbar nach dem Stoße lag er andächtig auf den Knien. 147 „Bete zu Allah,“ commandirte der Bote der Liebe weiter. „Aber ſo bedenken Sie, ich bin ein Chriſt, der ſeine Religion nicht verleugnen darf.“ „Bete zu Allah,“ raunte wieder der Kapidſchiba⸗ ſchi mit Nuchdruck und ſetzte die Spitze des Dolches auf den Nacken des Knienden. „Ich bete ja ſchon,“ ſtammelte Larvſſoſſinier in Jodesangſt. „Danke Allah für die große Gnade, die er Dir zu Theil werden ließ,“ fuhr der Knabe fort. „Eine ſonderbare Zumuthung,“ murmelte der Profeſſor. Der Kapidſchibaſchi, welcher das Gemurmel für abermalige Widerſpenſtigkeit hielt, bog ſich zu ihm nieder, indem er den Dolch tiefer ſenkte. „Dankſt Du auch wirklich?“ frug er. „Und ob!“ gab der Todesangſt Schwitzende zur Antwort. Jetzt that ſich der himmelblaue Vorhang aus ein⸗ ander, und das himmelvollſte Bild ſtellte ſich den Blicken dar. Hingegoſſen mit chtheriſchem Liebreiz ruhte auf weichen, dunkelrothen Sammetkiſſen das ſchönſte Weib. Gelöſt floß das reiche dunkle Haar von dem blumen⸗ ſüßen Antlitz herab zum Schvoß. Ein leichtes, unterm Gürtel nur loſe zuſammengehaltenes Gewand, das fal⸗ tenreich herabwallte, ließ die ſchönſten Formen ahnen. Wie Schnee erglänzte die halb verhüllte Bruſt, und unter den langen, ſchattenden Wimpern glühten zwei dunkle Sonnen. „Schau auf, glücklicher Fremdling des Abendlan⸗ des,“ ſprach der Knabe,„und genieße, was Allah Dir beſchieden.“ Der Profeſſor ſchaute auf, aber vermochte wegen 10* 148 ſeines kurzen Geſichts die Roſe der Roſen nicht zu erkennen. „Ihre Hoheit wohl ſelbſt?“ frug er ſchüchtern den Voten der Liebe,„wenn ich nur meine Brille hätte.“ „Leg' Deinen Kaftan ab,“ gebot der Knabe,„und theile den Himmel mit der Roſe der Roſen.“ Kaum aber war der Profeſſor dieſem Erſuchen nachgekommen und hatte ſein faltenreiches Oberkleid abgelegt, als die getäuſchte Sultanin wie eine Hyänc emporfuhr. „Welch' Scheuſal,“kreiſchte ſie voll Schreck und Wuth. „Da haben wir's,“ ſprach erſchrocken Laroſſoſſinier, „ich behag' ihr nicht, hab' ichs doch gedacht, daß es ſo kommen wird.“ Im ſelben Augenblicke ſtürzten zwei Geſtalten ver⸗ zweiflungsvoll am Lager der entrüſteten Schönheit nie⸗ der. Es waren der unglückliche Follah, welcher den Unterhändler gemacht, und Fatime, die Seraildie⸗ nerin, die Renouard den Selam überbracht hatte. „Gnade, Gnade,“ jammerten Beide,„ein böſer Geiſt hat ſich in die Geſtalt dieſes Scheuſals geklei⸗ det und ſich anſtatt des herrlichen Jünglings einge⸗ ſchlichen.“ Die erzürnte Sultanin wußte nichts von Gnade. Sie gab dem Kapidſchibaſchi einen Wink, worauf der himmelblaue Vorhang zurauſchte. Der Kapidſchibaſchi hatte mit einem Nale alle Hände voll zu thun und wußte nicht, wo er anfangen ſollte. Das Allernothwendigſte ſchien ihm die Be⸗ ſtrafung der Fatime und des Fellah, welche ſo un⸗ glücklich geweſen waren, anſtatt eines jugendlich blü⸗ henden Capitains ein alterthümliches Mitglied der fran⸗ zöſiſchen Akademie in's Serail zu führen. Er ertheilte ſogleich die erforderlichen Befehle. 1¹9 Vbald brachten ſchwarze nervige Füuſte die zap⸗ velnde Seraildienerin geſchleppt. Mit einer Geſchick⸗ lichkeit, welche anzeigte, daß den Mohren dies Ge⸗ ſchäft nichts Reues ſei, ward die unglückliche Bot⸗ ſchafterin an Händen und Füßen gebunden und wie ein Stück Waare in einen Sack geſchoben, den man zunähte. Ein anderweitiger Schwarzer nahm die weib⸗ liche Laſt auf die Schulter und brachte ſie an den Ort ihrer Beſtimmung. Dieſer war ein Arm des Canals, der mit dem Nile in Verbindung ſtand und unmittelbar neben dem Garten dahin floß. Nach Fatimen, kam die Reihe an den armen Fel⸗ lah. Dieſer, dem Leben ohnehin keinen Reiz bot, war weit ergebener als ſeine Unglücksgefährtin. Er ſträubte ſich nicht, als der Kapidſchibaſchi mit grin⸗ ſender Freundlichkeit die Schnur an den Hals legte, und war nach Verlauf von wenig Seeunden aller ir⸗ diſchen Qual erledigt. Die beiden Helfershelfer hatten ihre Strafe ver⸗ büßt und waren unfehlbar im erſten Himmel des Pro⸗ pheten angelangt; nun ſollte es über das eigentliche Corpus delicti, über Laroſſoſſinier hergehen. Das Verbrechen deſſelben erſchien indeß dem Kapidſchibaſchi zu unermeßlich, als daß er mit der gewöhnlichen Strafe des ſanften Erdroſſelns hier durchzukommen hoffte. Er glaubte für dieſen außerordentlichen Fall ſich ganz ſpecielle Befehle von ſeiner Gebieterin einholen zu müſſen. Letztere befand ſich keineswegs in liebens⸗ würdiger Stimmung. Ihre langgenährte Sehnſucht, den ritterlichen Frankenjüngling, den ſie oft vor ihrem Palaſte hatte vorbeireiten ſehen und deſſen wunder⸗ ſchöne Augen ihr ganzes Weſen in Allarm geſetzt, an ihrer Seite zu wiſſen, und wozu ſie die außerordent— lichſten Vorkehrungen getroffen hatte, war durch das 150 Erſcheinen des ältlichen, magern und nichts weniger als ſchönen Mitglieds der franzöſiſchen Akademie in dem Grade getäuſcht worden, daß nicht viel fehlte, und ſie hätte ſich ſelbſt erwürgt. Sie wälzte ſich wie unſinnig auf dem Götterlager, das ihr wie Reſſeln brannte. Ganz ihrer dämoniſch ſüdlich-ſinnlichen Lei⸗ denſchaft hingegeben, mußte ſie Blut ſehen. Als da⸗ her der Kapidſchibaſchi zu ihr eintrat, um Befehle ein⸗ zuholen was mit dem Profeſſor vorzunehmen ſei, ſprang ſie auf und entriß ihm den Dolch. „Schaffe die Badediener gebunden zur Stelle,“ rief ſie,„daß ich ſie ſtrafe mit eigner Hand; ſie ſind Schuld, daß ich von der Anweſenheit des Scheuſals nicht früher erfuhr.“ In wenig Minuten lag die Badegeſellſchaft gebun⸗ den und winſelnd zu den Füßen der ſchönen Furie, deren Zuſtand an Raſerei grenzte. Mit Wolluſt zückte ihr Dolch nach den Herzen der unglücklichen Schlachtopfer; Blut überſtrömte die koſt⸗ baren Teppiche. Gierig ſogen die Blicke des wollüſti⸗ gen Weibes an den klaffenden Wunden, denen roth und warm die Welle des Lebens entſtrömte. Erſt nachdem die Quellen zu verſiegen begannen und die Todeskrämpfe ſich einſtellten, ſchien die Tigerin ruhiger zu werden. Eeſöttigt von Blut ſank ſie ermattet auf das La⸗ ger, während die Leichname der ſchuldloſen Opfer hin⸗ weggeſchafft wurden und man alle Anſtalten traf, die Spuren des fürchterlichen Gerichts zu vertilgen.„ Es läßt ſch denken, in welchem Zuſtande der Pro⸗ feſſor ſich während der entſetzlichen Scenen befand. Schon bei Einſäckung der Seraildienerin und Er⸗ droſſelung des Fellah war er mehr todt als lebendig. Als die blutdürſtige Sultanin an die unglückliche 151 Badegenoſſenſchaft ſelbſt Hand anlegte, verging ihm Hören und Sehen; aber ſelbſt in dieſer verzweifelten Lage vermochte er ſich nicht aller Reflerion zu ent⸗ halten. „Hier erhält der alte Satz,“ meinte er,„daß Wol⸗ luſt und Blutdurſt Zwillingsbrüder ſind, einen aber⸗ maligen augenſcheinlichen Beweis, und daß namentlich das weibliche Geſchlecht dazu inclinirt. Nachdem die blutgetränkten Teppiche durch andere nicht minder koſtbare erſetzt und der Blutgeruch durch reichlich ausgeſprengtes Roſenwaſſer entfernt war, nahte ſich der geſchäftige Kapidſchibaſchi der noch immer auf ihrem Blumendivan ruhenden Gebieterin. Er frug an, welche Züchtigung mit dem eingeſchliche⸗ nen Scheuſal vorgenommen werden ſollte. Die maleriſch hingeſunkene Schöne hörte lange nicht; endlich, nachdem der Kapidſchibaſchi eine geraume Zeit in ehrfurchtsvollem Schweigen einer Reſolution gelauſcht, erhob ſich das Lockenhaupt, das Oval des ſüßen Blumengeſichts wandte ſich nach dem knieenden Henker, und die Hand beſchrieb nachläſſig einige tele⸗ graphiſche Zeichen in der Luft, die der gelehrige Ka⸗ pidſchi alſogleich verſtand. Er erhob ſich, machte, die Hände über die Bruſt gekreuzt, eine tiefe Verbeugung und ſchlug ſeinen Weg nach dem Orte ein, wo der Profeſſor mit glühender Spannung die Dinge erwar⸗ tete, die da kommen ſollten. So wie Laroſſoſſinier den Kapidſchi direct auf ſich zukommen ſah, erreichte ſeine Spannung den höchſten Grad, und er machte einen unbeſchreiblich langen Hals, um zu erfahren, was ihm bevorſtehe. Der Kapidſchi nahte ihm cordial und vertraulich, daß ihm ganz wohl um's Herz ward. „Nun,“ frug er den hereintretenden Kapidſchi, 152 „wie ſteht's, Sie haben den Auftrag, mich wieder in's Freie zu bringen. Ich will's nur geſtehen, es haben mir die letzten Scenen etwas warm gemacht. Bei Euch herrſchen ſeltſame Gebräuche.“ „Du ſollſt Dich wieder entkleiden,“ ſprach der Rapidſchi. „Wie ſo? hat ſich Ihre Hoheit vielleicht noch ent⸗ ſchloſſen, ſoll es bei der Umarmung ſein Bewenden haben?“ „Vor der Hand nicht.“ „Nicht? und welches iſt der Wunſch Ihrer Hoheit?“ „Vorerſt ſoll Dir die Haut abgezogen werden mit kleinen Meſſern.“ „Sie Spaßvogel, ich bin ja kein Haſe.“ „Alsoann wirſt Du geröſtet auf einem glühenden Roſte. Hierauf wird Dir der Kopf vom Leibe ge⸗ trennt, erſterer ſofort mit einem Nagel auf einem Pfahl befeſtigt, als Warnung fur Jedermann, der wie Du unberufen ſich in's Serail einſchleicht, letzterer dagegen zerſchnitten in kleine Stücke zum Futter für ein unreinliches Thier, damit nichts von Dir übrig bleibe.“ Der Kapidſchibaſchi theilte dieſe Reſolution der Sultana mit ſo viel Wohlwollen und Rilde mit, daß Laroffoffinier in der feſten Meinung blieb, jener ſpaße. „Sie haben in der That Anlage zum Komiker,“ erwiederte er,„Sie ſind trotz Ihrer bizarren Beſchäf⸗ tigung ein recht drolliger Mann.“ Der Kapidſchi nickte lächelnd, dann befahl er einigen der Mohren, ſich mit den kleinen Meſſern zu verſehen, und andern, Feuer anzuzünden, damit der Roſt bald glühend werde. Vergeſſen Sie die Pfefferbüchſe nicht,“ fügte La⸗ roſſoſſinier hinzu, der noch immer in dem Wahne ſtand, der türkiſche Scharfrichter ſpaße. 153 Ein Scharfrichter ſpaßt aber nicht, am wenigſten ein türkiſcher. Die Mohren entfernten ſich, während andere herantraten, um den Profeſſor zu entkleiden und in diejenige Lage zu verſetzen, die für die bevor⸗ ſtehende etwas ſchmerzhafte Operation nichts zu wün⸗ ſchen übrig ließ. „Sollte der Giaur thörichten Widerſtand zeigen,“ ſprach der Kapidſchi zu dem Mohren,„oder gar durch einfältig Geſchrei die zarten Ohren der Sultana, welche ſo eben eines ſanften Schlummers ſich erfreut, ver⸗ letzen, ſo ſind hier paſſende Riemen und Knebel. In ſeinem Leben hatte ſich der Profeſſor nicht in einer üblern Lage befunden, als jetzt. Sogar die Philoſophie, ſeine treue Gefährtin in allen zeitherigen Lagen, verließ ihn. Er gab durch die außerordentlichſten Capriolen, die ein Menſch nur mit Händen und Fü⸗ ßen hervorzubringen im Stande iſt, ſeine unverholenſte Averſion gegen die ihm vom Kapidſchibaſchi angekün⸗ digte Procedur zu erkennen. Das half Alles nichts. Man bemächtigte ſich ſeiner eraltirt geſtikulirenden Gliedmaßen und ſtreckte den Leichnam auf den Boden. Da lag, ausgeſtreckt ſo lang wie es war, das MWitglied der Pariſer Akademie in der bedenklichſten Situation. Zwei Mohren knieten bereits mit kleinen blitzenden Meſſern nieder, um die ſchauderhafte Opera⸗ tion des Hautabziehens vorzunehmen. Sie theilten ſich brüderlich in die Arbeit. Der eine wollte beim Kopfe, der andere bei den Füßen anfangen, in der Gegend des Nabels hoffte man zuſammenzutreffen. Laroſſoſſinier mußte mit ſeinen eignen Ohren den ſcho⸗ nungsloſen Dialog anhören, in dem die beiden Schwar⸗ zen ſich beriethen, nach welcher Methode der Profeſſor ge⸗ ſchunden werden ſollte, denn es gab mehrere, wovon die eine immer größere Vorzüge vor der andern darbot. 154 Der unglückliche am Boden Liegende verſchwendete alle Liebkoſungen und Schmeichelworte, die ihm im Arabiſchen zu Gebote ſtanden, um den Schwarzen be⸗ greiflich zu machen, wie ſo ſehr es gegen alles Völ⸗ kerrecht verſtoße, wenn man an ihn, einem Mitgliede eines ſo ehrwürdigen Inſtituts, wie das der franzö⸗ ſiſchen Akademie ſei, Hand anlege. Die Mohren nahmen nicht die geringſte Notiz von den mannichfachen Reclamationen des Mitglieds der franzöſiſchen Akademie. Sie wetzten mit vieler Be⸗ haglichkeit ihre Meſſer und brachten außerdem die er⸗ forderlichen Präparate in Ordnung. In ihren Ge⸗ ſichtszügen nahm man nicht die geringſte Miene des Ritleidens wahr; im Gegentheil ſchien ihnen die be⸗ vorſtehende Operation viel Vergnügen zu machen. Nachdem man mit allen Vorbereitungen zu Ende, faßte der eine Mohr den verzweifelnd hin und wieder wackelnden Profeſſor am Kopfe, der andere am rech⸗ ten Fuße, und mit einem Tempo that jeder einen Hauteinſchnitt. Ein Zetermordio des Profeſſors, dem man bis jetzt den Mund noch nicht geknebelt hatte, folgte der Ver⸗ letzung, obſchon nur die Haut geritzt war. Der Ka⸗ pidſchibaſchi ward bei dieſem Geſchrei aufmerkſam, und ein Gedanke ſchien ihm durch den Kopf zu gehen. „Vielleicht“, ſprach er zu ſich,„iſt es Sultana angenehm, der Erecution ſelbſt beizuwohnen und ſich daran zu weiden. Ich werde daher mit der Haupt⸗ abſtreifung des Giaurs Anſtand nehmen, bis Ihro Ho⸗ heit aus ihrem Schlummer erwacht iſt.“ Er gebot daher den Schwarzen, vor der Hand nicht weiter zu ſchneiden, ſondern zu warten, bis er Vefehl zur Fortſetzung erhalten haben würde. Die Lage des armen Laroſſoſſinier war entſetzlich. 155 Obſchon ſeine Verwundung kaum der Rede werth war, glaubte er ſich ſchon halb auseinander geſchnitten und ächzte und lamentirte über alle Maßen. Ein Knebel machte ſeinem Wehklagen ein Ende. Dieſer Zuſtand war ihm noch entſetzlicher, er war haarſträubend. Indeß wenn die Noth am größten, iſt die Hülfe am nächſten. Während der Profeſſor in der ohnmäch⸗ tigſten Lage der Welt, mit geknebeltem Munde, dalag und gänzlich in die Gewalt ſeiner blutdürſtigen und ſchindluſtigen Feinde gegeben war, in dieſem deſpera⸗ teſten aller Zuſtände, kam ihm plötzlich ein Gedanke wieder in den Sinn. „Wie wär's,“ dachte er,„wenn Du Dich blos für einen Abgeſandten, für einen Chargé dAffaires des Herrn Renouard, für den doch der Selam eigent⸗ lich beſtimmt war, ausgäbeſt? Er kann ja krank ge⸗ worden oder ſonſt abgehalten worden ſein und Du haſt ihn entſchuldigen ſollen. Da Renouard allem An⸗ ſcheine nach bei der Frau Sultana in hohen Gnaden ſteht, ſo werden von dieſer wohlthätigen Gnadenwolke auch wohl für ſeinen expreſſen Boten einige Tropfen abfallen. Wenigſtens wird man ſich nicht an deſſen Leben vergreifen.“ „Was hilft mir aber jetzt dieſe rettende Idee bei dem verfluchten Knebel im Halſe? Daß ich mich nicht eher darauf beſann, als mir noch Redefreiheit geſtattet war. O, welch' ein erhabenes Geſchenk, ihr Götter! iſt doch die Sprache, das Organ der mündlichen Mit⸗ theilung, deſſen Rützlichkeit und Vortrefflichkeit mir in keinem Augenblicke ſo einleuchtend erſchien, als gerade in dem gegenwärtigen.“ Um die Sprache einigermaßen zu erſetzen und ſich in Etwas verſtändlich zu machen, begann der Profeſſor auf höchſt ausdrucksvolle Weiſe zu brummen. Er 156 modulirte dieſes Brummen auf ſo mannichfache Art, bald langſam, bald ſchneller, bald rilardando, bald Scelerato, bald basso, bald Soprano. daß die ſeltſame Muſik den Ohren der Schwarzen nicht geringes Ver⸗ gnügen machte. Sie ſahen bald ſich, bald dem am Voden liegenden Brummer mit grinſender Freundlich— keit in's Geſicht und wußten nicht, was ſie vor Ent⸗ zücken beginnen ſollten. Unterdeß war Sultana von ihrem wenig erquik⸗ kenden Schlummer erwacht, und gleich dem Profeſſor fuhr auch ihr eine Idee durch den ſchönen Kopf und zwar in Form einer Frage. „Wie iſt das Scheuſal zu dem Selam gekommen?“ So hieß der Satz, der ihr Gehirn in Bewegung ſetzte. Ihre natürliche Logik ſagte ihr, daß das Scheuſal mit dem ſchönen Franken, dem der Selam eigentlich zu⸗ gedacht war, in Beziehung ſtehen müßte. Sie wünſchte darüber Aufklärung und läutete. Der Kapidſchibaſchi erſchien. „Lebt Fatime noch?“ „Der Strahl Deines Zorns war ſchnell wie der leuchtende Blitz,“ erwiederte der Gefragte,„Fatime iſt bereits verdientermaßen eine Beute der Fiſche.“ Sultana fuhr ſich unmuthig über die Stirn. „Das iſt mir nicht lieb; aber Achmet, der Fellah?“ „Der Strahl Deines Zorns war ſchnell wie der leuchtende Blitz,“ tönte es abermals,„Achmet ward nach kurzem Widerſtande verdientermaßen von meiner Hand erdroſſelt.“ „Fatal,“ ſprach Sultana,„Du biſt ſehr ſchnell, Muſtafa.“ „Noch immer nicht ſchnell genug in eracter Voll⸗ ziehung Deiner Befehle.“ „Und das Scheuſal, iſt das auch ſchon geröſtet?“ „Weder gehäutet, noch geröſtet,“ erwiederte der Kapidſchibaſchi;„ich wollte Deinen Blicken das rei⸗ zende Schauſpiel nicht vorenthalten, und Du ſchlum⸗ merteſt ſo ſanft. Darum habe ich den Giaur noch am Leben gelaſſen.“ „Du haſt diesmal weiſe gehandelt, Muſtafa.“ „Der Waſſerfall kann dem Wüſtenwanderer nicht lieblicher tönen, als dieſe Worte Deinem Selaven.“ „Führe das Scheuſal vor mein Lager.“ „Es liegt bereits wohl ausgeſtreckt auf dem Rücken und iſt der Opferung gewärtig.“ „Bring' es her, daß ich mit ihm ſpreche.“ „Du wollteſt aus Deinem ſtrahlenden Lichte ſo tief herabſteigen zu einem räudigen Hunde des Abend⸗ landes?“ „Vollzieh' meine Befehle und erwiedere nichts.“ Der Kapidſhibaſchi, der ſich ſchon auf die Häu⸗ tung gefreut, war ſehr betrübt, daß Sultana zuvor mit dem Giaur in Conberſation treten wollte. Mißmuthig kehrte er nach dem Orte zurück, wo der Profeſſor noch unermüdlich fortfuhr, die Schwar⸗ zen durch ſein kunſtreiches Brummen zu amüſiren, um ſie zu bewegen, ihm den Knebel aus dem Munde zu nehmen. „Ich mag ſo accentuirt brummen wie immer mön⸗ lich,“ ſprach er zu ſich,„dieſes Volk verſteht mich nicht, Noder europäiſche Hund hätte mehr Einſehen, als dieſe ſchwarzen Fratzen mit ihren weißen Gebiſſen. Meine unartikulirten Töne machen ihnen Spaß, das ſehe ich; aber daß ſie einen Begriff damit verbänden, ſo hoch erſtreckt ſich ihre Capacität nicht.“ Während der Profeſſor über die geiſtige Beſchr heit der äthiopiſchen Race Betrachtungen anſtellte, ſchien der Kapidſchibaſchi und ertheilte Befehl, den 158 Gefeſſelten loszubinden und ihn von dem Mundknebel zu befreien. Laroſſoſſinier, welcher aus ſeiner Befreiung ſchloß, Muſtafa habe ſein Brummen verſtanden, ſprach ſich lobend über dieſen Afrikaner aus. „Der Kapidſchibaſchi“, ſprach er,„ſcheint noch am wenigſten auf den Kopf gefallen und unter die ſchwar⸗ zen Genies zu gehören.“ Die Mohren wurden gleichfalls ſehr verſtimmt, als ſie ihr Opfer, das ſie bereits angeſchnitten hatten, wie⸗ der loskuppeln mußten. Der gefeſſelte Profeſſor war ihnen durch ſein Brummen ſo lieb geworden, daß ſie ſich mit Wolluſt nach dem Momente ſehnten, wo ſie„ ihn würden häuten dürfen. Kaum aber fühlte Laroſſoſſinier ſeine Hände und Füße frei, als er ſogleich die empfangenen Wunden unterſuchte und ſich ſehr zufrieden zeigte, wie er die Entdeckung machte, daß die Schwarzen nicht herzhaf⸗ ter zugeſchnitten. Seine entzündete Phantaſie hatte ihm große klaffende Einſchnitte vorgeſpiegelt. Nachdem der Profeſſor wieder in Gewänder ge⸗ hüllt war, wurde er vor die harrende Sultana geführt, in deren wunderſchönem Lockenkopfe jetzt die Reugier ihr arges Spiel trieb. Sie hielt es jedoch unter ihrer Würde, mit dem Scheuſal ſelbſt in Converſation zu treten und bediente ſich des Kapidſchibaſchi als Dolmetſcher. Das Verhör lautete ungefähr folgendermaßen: „Wer ſein?“ Laroſſoſſinier glaubte ſeine Antwort ebenfalls im itiv einrichten zu müſſen und erwiederte demzu⸗ „Mitglied der franzöſiſchen Akademie ſein.“ Da Sultana ſammt dem Kapidſchibaſchi in ihrem Leben nichts von einer franzöſiſchen Akademie gehört 159 hatten, ließen ſie die Sache auf ſich beruhen und fuh⸗ ren in ihrem Examen fort: „Woher ſein?“ „Aus Paris ſein.“ Der Name Paris, der Mittelpunkt der Mode, ſchien in Sultana einige dunkele Erinnerungen zu wecken. Sie glaubte jetzt mit dem Infinitip nicht mehr auszureichen. Deshalb hieß es:„Wie biſt Du zu dem Selam gekommen?“ Dem Profeſſor konnte gar nichts erwünſchter kom⸗ men als dieſe Frage. Er erklärte ſehr bereitwillig, wie ihm der Selam von Herrn Renouard in der Ab⸗ ſicht gegeben ſei, den Landsmann, welcher durch drin⸗ gende Dienſtgeſchäfte abgehalten worden, bei der Sul⸗ tana diesmal zu erſcheinen, gebührendermaßen zu ent⸗ ſchuldigen, damit Ihre Hoheit nicht unnöthigerweiſe zu warten brauche. „Wenn auch keir rt von alle dem wahr iſt,“ dachte Laroſſoſſinier,„Noth kennt kein Gebot, und um lebend aus dieſer Raubhöhle zu kommen, erzähl' ich dem Weibe ſonſt was.“ In der That bewirkten des Profeſſors Geſtänd⸗ niſſe, daß Sultana in direete Unterredung mit ihm trat. Er log ferner der ſchönen Frau, die immer mehr Intereſſe an ſeinen Aufſchlüſſen nahm, vor, daß er Herrn Renouard ſchon als Kind auf den Armen getragen, daß er blos ſeinetwegen mit nach Aeghpten gekommen und Keiner ohne den Andern zu leben vermöchte. Würde auch unter andern Verhältniſſen Renouard ihn mit einer ſo delicaten und discreten Commiſſion, als die Ueberbringung des Selams ſei, beehrt haben?“ 4 Sultana faßte jetzt größer Vertrauen für den vä⸗ terlichen Freund ihres Geliebten. Laroſſoſſinier mußte 160 ihr uber die frühern Lebensverhältniſſe Camille's er⸗ zählen, ob er die Mädchen liebe, ob ſein Herz noch frei ſei und über ähnliche erotiſche Angelegenheiten. Der Profeſſor wußte auf Alles die erwünſchteſte Auskunft. Er log das Blaue vom Himmel und ver⸗ hieß, ſobald er nach Hauſe gekommen, ſeinem Freunde die Schönheit und Liebenswürdigkeit der Sultana in das preiswürdigſte Licht zu ſtellen. Die Türkin hörte dies nicht ungern. Sie glaubte ſich dafür dankbar bezeigen und dem Profeſſor einige Ergötzlichkeiten bereiten zu müſſen. Sie befahl daher, daß ihm Confitüren und Früchte auf ſilbernen Schalen dargereicht würden. Laroſſoſſinier ließ ſich das wohlbehagen. Rach dem ſtrapazirenden Bade und den verſchiedenen Todesäng⸗ ſten hatte ſich ein fühlbarer Appetit eingeſtellt. Der Profeſſor aß mit Leib und le und theilte dabei der zuhörenden Sultana ma intereſſante Anekdote aus dem Leben Camille Renouard's mit, die er ſich vorher ausſann. Er ſchlug ſelbſt die Pfeife nicht aus, die ihm ein Selave knieend präſentirte, und ließ, als wäre er zu Hauſe, die blauen Wolken des köſtlichen Kanaſters mit vieler Kunſt in die Lüfte ſteigen. Rachdem er geſättigt, frug ihn Sultana, ob ihm nicht eine Vorſtellung der Alme's gefällig ſei. „Du ſprichſt außerordentlich weiſe und ganz aus meiner Seele,“ erwiederte der Profeſſor,„ſchon lange ſehnt' ich mich nach einer beſſern Art Alme's, als man ſie auf den öffentlichen Plätzen von Cairo findet. Ge⸗ gen dieſe unſittlichen Geſchöpfe ſind die Bajaderen Indiens Muſter der Schamhaftigkeit. Die Alme's, namentlich ſolche, die in Harems gerufen werden, ſol⸗ len das Arabiſche mit ſeltener Reinheit ſprechen.“ Sultana gab einen Wink, welcher den langgeheg⸗ 161 ten Wunſch Laroſſoſſiniers in Erfullung brachte; denn nicht lange währte es, als drei in lange weiße Schleier gehüllte weibliche Geſtalten in den Saal traten. Nach rinigen eigenthümlichen, pantomimiſchen Begrüßungen, beſtiegen ſie eine Art Thron, der im Hintergrunde des koſtbaren Raumes für dieſen Zweck errichtet ſchien. Nur von einer Cymbel und einer Art Guitarre be⸗ gleitet, trugen ſie, mehr nach Art des Recitativs als des eigentlichen Geſanges, einige arabiſche Dichtungen vor, deren Hauptthema ſtets die Liebe war. Der Profeſſor ſchwamm im ſiebenten Himmel der Seligkeit. Sein Ohr verſchlang Töne und Tert. Seine Aufmerkſamkeit auf die vorgetragenen Dichtun⸗ gen war ſo groß, daß er alle Rückſichten gegen die Sultana aus den Augen verlor, dieſelbe keines Blickes mehr würdigte und nur die Alme's im Auge hatte. Die Pfeife war ihm ausgegangen, er bemerkte es nicht. Seine Spannung war ſo groß, daß ihm der Kapidſchibaſchi getroſt hätte die ſeidene Schnur um den Hals legen können, er würde nicht darauf geach⸗ tet haben. Nachdem die Alme's ihre Geſänge beendet, ſtiegen ſie von ihrem erhöhten Sitze hernieder und führten pantomimiſche Tänze auf. Die Geheimniſſe der Liebe gaben auch hierzu den Stoff. So wie der Tanz begann, legten ſie den langen Schleier ab. Ein Gewand aus leichter Seide floß bis zu den Sohlen. Daſſelbe ward von einem Gür⸗ tel gehalten. Ein Hemd, wie aus Flor zuſammen⸗ gehaucht, verbarg nicht neidiſch die Schneepracht des Buſens. Das reiche, ſchwarze Haar, zuweilen phan⸗ taſtiſch mit rothen Schleifen geſchmückt, fiel auf beide Schultern herab. Im Anfange des Tanzes war die Beweglichkeit Stolle, ſämmtl. Werke. Ml. 11 162 ihrer Körper und ihrer Geſichter voller Anmuth und Lieblichkeit; aber je länger die Tour währte und je höher die Leidenſcl haft der Pantomime wuchs, deſto ſtürmiſcher und wurden ihre Stellungen und Windungen. Der Ton der Cimbel, des Tambourins und der Caſtagnetten regelte ihre Schritte. Rach und nach ging der Tanz in bacchantiſchen Taumel über und ſchien an Wahnſinn zu grenzen. Die Alme's gleichen dann raſenden Mänaden und überlaſſen ſich ganz der Zügelloſigkeit ihrer Sinne. Halb todt und faſt bewußtlos ſanken ſie nach voll⸗ brachtem Tanze auf die rings an den Wänden be⸗ findlichen Divans, und es bedurfte einer geraumen Zeit, bevor ſie ſich erholten, um zu einer andern Pantomime zu ſchreiten. Der Profeſſor, dem nichts über die philoſophiſche Ruhe ging, konnte ſich mit dem raſenden Finale nicht befreunden. Er war mit großer Aufmerkſamkeit der Entwickelung der Pantomime gefolgt; allmählich ward ihm aber die Sache zu raſch, daß er nicht nachkom⸗ men konnte. Aber gerade dieſe wilde Leidenſchaftlichkeie behagt ſowohl Türken wie Türkinnen. Die Alme's werden in alle Harems gerufen, wo ſie den Frauen neue Lie⸗ der lehren und ihnen verliebte Geſchichten erzählen. Oft weihen ſie die Serailbewohnerinnen auch in ihre Kunſt ein und lehren ihnen ihre Tänze. Die Os⸗ manen, obſchon Feinde aller Künſte und Wiſſenſchaften, hören gleichwohl dieſen äghptiſchen Mädchen oft ganze Nächte zu. Wie geſagt, Laroſſoſſinier fühlte ſich von dem De⸗ elamatorium weit mehr angeſprochen, als von den wir⸗ belnden Tänzen, während Sultana, im holden dolce far niente auf ihrem Roſenplatze ruhend, am letzteren 163 mehr Gefallen fand. Sie ſchaute mit halb geſchloſſe⸗ nen Augen träumeriſch den wilden Verſchlingungen und phantaſtiſchen Stellungen zu und ſchien den Sinn des ſüdlich⸗glühenden Tanzes wohl zu verſtehen. Der Kapidſchibaſchi, ſo wie ſeine ſchwarzen Collegen, befanden ſich trotz der Anweſenheit der ſchönen Alme's in miſerabler Stimmung. Ihr Verſtand ſtand ihnen ſämmtlich ſtill; denn daß der Profeſſor, den ſie we⸗ gen ſeiner höchſt originellen Widerſpenſtigkeit und wegen ſeiner verzweiflungsvollen Capriolen gar zu gern die Haut abgezogen und geröſtet hätten, ſo ur⸗ plötzlich die Gunſt der geſtrengen Sultana erworben, überſtieg ihr Begriffsvermögen. Die Alme's, die in ihren dünnen Gewändern auf den Divans umher in maleriſchen Stellungen gruppirt ruhten, erholten ſich nach und nach und erhielten Lebendigkeit. Sultana ließ Erfriſchungen an ſie ver⸗ abreichen und Laroſſoſſinier benutzte dieſe Zeit, um Näheres über dieſe oder jene arabiſchen Dichtungen einzuziehen. Bei dieſer Unterhaltung fühlte ſich jedoch der Pro⸗ feſſor von der Ignoranz der ſchönen Märchenerzähle⸗ rinnen ſehr unangenehm berührt. Er erkundigte ſich bei ihnen nach dieſem und jenem in der Gelehrten⸗ Welt hochgeachteten arabiſchen Dichter. Die Mädchen aber blickten mit ihren Gazellenaugen verwundert zu dem abendländiſchen Eraminator auf. Von allen die⸗ ſen von Laroſſoſſinier hochgerühmten Sängern wußten ſie kein Wort. „Aber, meine Damen,“ ſprach der Profeſſor, der ſich vorkam, als habe er Pariſer Studenten vor ſich, ziemlich ungehalten,„Sie haben da ſo ſchöne Dich⸗ tungen vorgetragen und wiſſen von den Verfaſſern nichts; das iſt kaum zu entſchuldigen. Sind Ihnen 164⁴ denn gar keine arabiſchen Ausgaben dieſer Dichter zu Geſicht gekommen?“ Die Mädchen ſchüttelten abermals. Laroſſoſſinier gerieth immermehr in Eifer. „Ich will aber doch wohl hoffen, daß Sie leſen können?“ 4 Abermaliges Schütteln. „Mein Gott,“ ſeufzte das Mitglied der Pariſer Akademie,„welche vernachläſſigte Erziehung! Wo haben Sie nur die ſchönen Verſe her, wenn Sie Ihre eigenen Dichter nicht einmal in der Urſprache zu leſen vermögen?“ „Von unſern Müttern.“ „Ganz ſchön; aber Ihre werthen Frauen Mütter?“ „Von ihren Müttern.“ „So! Sollte man aber nicht einmal auf eine Muttergeneration ſtoßen, die in den Elementen, na⸗ mentlich was das Leſen anbelangt, beſſer zu Hauſe geweſen, als ihre reſpective Nachkommenſchaft?“ „Bei uns lieſt keine Frau.“ „Gerechter Himmel,“ ſprach der Profeſſor,„wie lange wird es da Zeit haben, bevor mein Werk,„über die Emancipation der Frauen im Morgenlande,“ das faßlich und hauptſächlich zur Selbſtlectüre der hieſigen Damen geſchrieben iſt, Eingang finden und Segen verbreiten wird!“ Die Alme's, nachdem ſie vollkommen ausgeruht und ſich erfriſcht hatten, begannen einen neuen Tanz, der an Ueppigkeit und gegen den Schluß hin, was die bacchantiſche Ausgelaſſenheit anbelangte, den frühern nicht nachſtand. Die halbentblößten Tänzerinnen kamen dabei dem nach orientaliſcher Weiſe mit unter⸗ geſchlagenen Beinen auf einem Kiſſen gelagerten Pro⸗ feſſor zuweilen ſo nahe, daß er ſich unwillkürlich hal⸗ ben Leibes zurückbeugen mußte, um nicht über den Haufen geriſſen zu werden, was bei ſeiner unbeque⸗ men und ungewohnten Lage nicht viel bedurft hätte. „Das geht her, wie auf einer deutſchen Bauern⸗ kirmes,“ ſprach er zu ſich,„man iſt ſeines Lebens nicht ſicher. Rein, da lobe ich mir doch ein ſolides Ballet voll Anſtand und Grazie.“ Der Tanz brachte es mit ſich, daß zwei Tänze⸗ rinnen, um dem Profeſſor, als männlichem Haupt⸗ zuſchauer, wahrſcheinlich einen handgreiflichen Beweis von der Leidenſchaftlichkeit ihrer Pantomime beizu⸗ bringen, auf ihn zueilten und ſo herzhaft in ihre Marmorarme und an ihre wogenden Buſen preßten, daß er ſchier zu erſticken vermeinte. „O, o! meine Damen,“ ſtammelte er,„wollen Sie ſich in Ihren ſchätzbaren Embraſſements nicht ein wenig moderiren? Ich leide ohnedies an Bruſt⸗ beklemmung!“ Die zwei Alme's, von denen keine der andern den Profeſſor zu gönnen ſchien, ſo brachte es die Panto⸗ mime mit ſich, würgten unverdroſſen; gleichſam als wollten ſie den fingirten Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit in Stücken reißen. „Um Gotteswillen,“ ſtöhnte der ſo gewaltſam Umhalſte,„laſſen Sie los! Eine ſolche Leidenſchaft bringt den Menſchen um!“ Der Profeſſor dankte allen Heiligen, als die an⸗ greifende Tour vorüber war, in welcher er den Gegen⸗ ſtand raſender Zärtlichkeit abgeben mußte. Er trocknete ſich den Schweiß von der Stirn. „Hier iſt doch Alles durch und durch türkiſch,“ ſprach er;„erſt den Selam, alsdann das Bad, dann die feenhaften Decorationen aus tauſend und einer Nacht, dann die ſchöne Sultanin, dann Blut und Graus. 166 Erſt wollten ſie mich ſchinden, nun umtanzen ſie mich wieder und drücken mir die Seele aus dem Leibe.“ Die Pantomime hatte ihren Höhepunkt erreicht. Wild ſchrie die Cymbel, lärmte das Tambourin, klap⸗ perten die Caſtagnetten; ſelbſt Sultana hatte ſich auf ihrem Lager emporgerichtet und ſchien mit Spannung der Entwickelung entgegen zu ſchauen, als eine Ent⸗ wickelung eintrat, die Niemand erwartet hatte und die ſehr tragiſch genannt werden mußte. Plötzlich erſchien, langſam und geiſterhaft, eine hohe, in einen braunen Beduinenmantel gehüllte Ge⸗ ſtalt im Saale, die eine Zeitlang unbemerkt, da Aller Augen auf den Tanz der Alme's gerichtet waren, am Eingange ſtehen blieb. Den weiten Mantel bis über's Geſicht geſchlagen, ſchauten nur, zwei dunkle Augen wetterleuchtend auf die nächtliche Orgie, ſo wie auf die ruhende Sultana. Hinter der Geſtalt ſtanden zwei ſchwarze Fratzen, die bald ſich, bald das Schauſpiel, das vor ihnen aufgeführt ward, unheimlich angrinzten. Joll kreiſchten die Inſtrumente, baechantiſch raſten die Alme's. Ueppige Stellungen, kunſtreiche Windungen. Das wunderſchöne, von dunkeln Locken reich umwallte Haupt der Sultanin ruhte auf dem Alabaſterarme, und ihre ſonnenhaften Augen weilten wohlgefällig auf den biegſamen Formen der Alme's, als die Geſtalt im braunen Beduinenmantel die Hand rückwärts ſtreckte. Der dahinter ſtehende Mohr bot ein geſpanntes Piſtol dar. Plötzlich krachte ein Schuß durch den Freuden⸗ himmel. Die Sultana wand ſich im Todeskampfe. Blut überſtrömte das Roſenlager. Das tödtende Blei war der wunderſchönen Frau mitten durch's Herz gegangen. 167 Nit dem Rufe„Abdullah!“ entfloh das Leben der reizenden Hülle. Wie vom Blitz getroffen, ſtürzte die Pantomime auseinander. Jetzt ſiel der Mantel von den Schultern der hohen Geſtalt, und in reicher Mamelukentracht ſchritt wie ein Engel des Gerichts der Bey Abdullah, der heimlich nach Cairo zurückgekehrt und gerade zur un⸗ glücklichſten Stunde in ſeinem Palaſt eingetroffen war, langſam daher. Der Profeſſor, der Anfangs in dem Wahne ſtand, der Schuß und die allgemeine Flucht gehöre zur Ent⸗ wickelung des Stücks, fand die Sache etwas zu bizarr. „In unſerm Ballet,“ ſprach er für ſich,„kommen zuweilen ähnliche Cvups und Schlußdecorationen vor; aber ſolch complettes Durcheinander iſt mir noch nicht vorgekommen.“ „Beſetzt alle Thüren!“ ſprach Abdullah im Ge⸗ bietertone;„alles Leben, das in dieſem Saale ver⸗ brecheriſch geathmet, werde vertilgt!“ Der Kapidſchibaſchi und ſeine ſchwarzen Gehilfen, als ſie dies ſtrenge Gebot vernahmen, ſtürzten dem unerwartet angelangten Gebieter zu Füßen und flehten um ihr Leben. Daſſelbe thaten die Alme's, als ſie ſahen, daß jeder Weg zur Flucht verſperrt war. Die Verwunderung Laroſſoſſinier's erreichte einen noch höhern Grad, als er dieſe neue Scene erſchaute. „Nun mengt ſich auch der Kapidſchibaſchi in die Pantomime,“ ſprach er;„der Mann iſt nicht ohne Talent, wie ich bemerke, er ſpielt mit Ausdruck und Gefühl.“ Leider hatte Muſtafa alle Urſache, ſo ergreifend wie möglich ſeine bittende Rolle durchzuführen; aber es half ihm nichts. „Verräther,“ ſprach Abdullah,„biſt Du alſo meinem Gebote nachgekommen und haſt nicht beſſer Haus gehalten?“ Bevor noch der Kapidſchibaſchi ein Wort der Ent⸗ ſchuldigung vorzubringen vermochte, ſtreckte ein zweiter Schuß ihn zu Boden. Unterdeß hatte ſich der Hintergrund mit Mohren angefüllt, die ſämmtlich des Winks ihres Gebieters gewärtig. „Die Weiber werden geſäckt, die Selaven erdroſ⸗ ſelt,“ gebot der geſtrenge Hausherr,„auf, vollſtreckt meine Befehle!“ Jetzt begann unſtreitig das ſchauerlichſte Finale, das je eine Pantomime genommen hat. Wie die Teufel am Tage des jüngſten Gerichts nach den armen Seelen haſchen, ſo ſtürzten die Mohren auf die un⸗ glücklichen Schlachtopfer. Die Erdroſſelung der Män⸗ ner ging ohne große Schwierigkeiten von Statten; aber die Mädchen ſträubten ſich entſetzlich und woll⸗ ten ſich durchaus nicht in die Säcke ſchieben laſſen. Sie erhoben ein ohrenzerreißendes Zetergeſchrei. Jetzt ward die Sache dem Profeſſor doch außerm Spaße, und er hielt es an der Zeit, ſich von ſeinem Kiſſen aus ſeiner orientaliſchen Stellung zu erheben. Es ward ihm dies nicht ganz leicht und koſtete einige Zeit, bevor er wieder auf ſeine zwei Beine zu ſtehen kam. „Ich will nicht hoffen,“ ſprach er zähneklappernd, „daß der Herr Gemahl unberufenerweiſe zurückge⸗ kehrt iſt. Ich denke, der treibt ſich mit Murad⸗Beh in Oberägypten herum. Aber wie das hier zugeht, muß ich das Schlimmſte befürchten. Mein Himmel, kaum bin ich von der Frau Sultana, die mir die Haut ———— 169 abziehen laſſen wollte, zu Gnaden angenommen, führt ein böſer Geiſt den Herrn Gemahl zurück.“ Der geängſtete Laroſſoſſinier ſollte ſich diesmal nicht getäuſcht haben. Abdullah kam mit grimmigem Geſicht gerade auf den Profeſſor zu. „Dieſen Giaur hier,“ rief er,„behalte ich mir fuͤr eine beſondere Qual vor. Er ſoll in Oel ge⸗ ſotten werden.“ Der Profeſſor ſchauderte:„In Oel geſotten! ein Tod, der im civiliſirten Abendlande gar nicht mehr gebräuchlich iſt!“ „Und zwar bei langſamem Feuer!“ gebot der er⸗ zürnte Gebieter. „Bei langſamem Feuer, heilige Genoveva!“ „Und an ſolch einem dürrbeinigen Schufte Ge⸗ fallen zu finden!“ fuhr Abdullah ingrimmig fort; „wo hat die Frau die Augen gehabt?“ „Gott ſei Dank, er wird grob,“ ſprach der kreide⸗ weiße Laroſſoſſinier,„vielleicht, daß dabei einiger Ingrimm fortgeht.“ „An ſolch einer Mißgeburt Gefallen zu finden!“ wiederholte der Mamelukenbeh. „Wenn man dem Manne nur beibringen könnte,“ ſprach der Profeſſor für ſich,„daß die Frau Sultana an meinem allerdings armſeligen Leichnam nicht den geringſten Gefallen gefunden, vielleicht würde das ſeine Wuth mindern. Aber dieſer ira inflammatus läßt mich nicht zu Worte kommen.“ Gleichwohl wollte er einen Verſuch wagen, Herrn Abdullah über das Verhältniß, in welchem er zu der Frau Gemahlin geſtanden, einigen Aufſchluß zu er⸗ theilen. Er begann daher den zornigen Mameluken in einer außerordentlich hochtrabenden Apoſtrophe 170 anzureden, um ſeine Aufregung zu beſchwichtigen. Abdullah ließ ihn nicht ausreden. „Schweig, Abſchaum der Menſchheit!“ rief der Bey und fuhr zornig dem in neue Trübſal gerathenen Profeſſor in die Haare. Seine Hand aber behielt die Perrücke Laroſſoſſi⸗ nier's zwiſchen den Fingern. Dies war ein Umſtand, der ſelbſt dem ernſten und grimmigen Türken ein Lachen abzwang und zu des Profeſſors Rettung viel beitrug. Denn als ſich Abdullah die räthſelhafte Geſtalt näher in Augenſchein nahm und den Kopf ſeines vermeintlichen Nebenbuhlers näher betrachtete, erkannte er in Letzterm den menſchenfreundlichen Giaur, welcher ihn von den in der Pyramidenſchlacht erhalte⸗ nen Wunden vollkommen hergeſtellt und dadurch ſeine Flucht erleichtert hatte. Abdullah lag nach der ge⸗ nannten Schlacht ſchwer verwundet in dem Hauſe, in welchem Laroſſoſſinier nach ſeiner Ankunft in Cairo wohnte. Der Profeſſor nahm ſich des Verwundeten menſchenfreundlich an und pflegte und heilte ihn mit ſeltener Unermüdlichkeit. Dieſe gute That fand jetzt ihre Belohnung. „Beim Propheten!“ rief Abdullah,„biſt Du nicht der Franke, der mir wohlthat im Hauſe des Ismael?“ „Es kommt mir auch ſo vor,“ erwiederte La⸗ roſſoſſinier, friſchen Athem und Muth ſchöpfend,„Dein Prophet hat das ſo eingerichtet, daß wir uns hier treffen.“ „Ich habe Dich aber als edlen Mann kennen ler⸗ nen,“ fuhr Abdullah fort,„und gleichwohl wollteſt Du mein Weib verführen?“ „Ich Dein Weib verführen?“ erwiederte das Mit⸗ glied der Pariſer Akademie, indem es bemüht war, 474 die Perrücke wieder auf den Kahlkopf zu ſtülpen,„das iſt mir ja nicht entfernt in den Sinn gekommen.“ „Erkläre Dich deutlicher, wie kommſt Du hierher, wie konnteſt Du wagen, in den Harem eines Muſel⸗ mannes frevelnd einzudringen?“ Der Profeſſor erklärte ſich deutlicher und blieb der Wahrheit ziemlich treu, denn er dachte, der gerade Weg iſt der beſte. Während Laroſſoſſinier erzählte, hatte ſich das Ge⸗ ſicht des Türken wieder ſehr verfinſtert. „Du haſt Dir ein ſchweres Verbrechen zu Schul⸗ den kommen laſſen,“ ſprach Letzterer,„und biſt nach unſern Gebräuchen dem qualvollſten Tode verfallen.“ Dem Profeſſor ward bei dieſen Worten nicht wohl zu Muthe. Er bereute jetzt, dem eiferſüchtigen Ehe⸗ mann nicht lieber eine Naſe aufgeheftet zu haben. Abdullah fuhr nach einiger Ueberlegung fort: „In Betracht Deiner Verdienſte gegen mich, ſoll Dir der qualvolle Tod erlaſſen ſein; wähle einen ſanf⸗ ten. Meine Gnade iſt groß gegen Dich.“ „Sie würde noch größer ſein, erlauchter Abdullah, wenn Du mich mit dem Tode gänzlich verſchonen wollteſt. Ich kenne keine ſanfte Todesart, eine jede iſt mir qualvoll.“ Der Türke verſank wieder in Nachdenken. „Meine Gnade gegen Dich kennt keine Grenzen,“ ſprach er endlich,„das Leben ſoll Dir geſchenkt ſein.“ „Höchſt edel und brao geſprochen, erlauchter Ab⸗ dullah.“ „Aber gebrandmarkt ſollſt Du werden, damit Du für immer gewarnt biſt, einen Harem zu betreten. Man wird Dir an neun verſchiedenen Theilen Deines Körpers vermittelſt eines glühenden Eiſens einen ſchwarzen Krebs einbrennen.“ 172 Der Profeſſor ſchauderte. „Aber bedenke, erlauchter Abdullah, da werde ich zum Tiger, und mein künftig Daſein gereicht meinen Mitmenſchen zum Entſetzen. Man wird meine Nähe flichen, als wäre ich ein Peſtkranker.“ Abdullah zuckte die Achſeln. „So dürfte Dir wahrſcheinlich eine ſanfte Erdroſ⸗ ſelung lieber ſein. Du haſt die Wahl.“ „Ich hab' Dir geſagt, daß ich mir eine Erdroſſe⸗ lung einmal ſchlechterdings nicht ſanft vorſtellen kann.“ „Es käme auf einen Verſuch an.“ „Nein, laſſen wir einen ſolchen. Strenge, er⸗ lauchter Abdullah, Deine geiſtigen Organe nochmals an und erdenke mir eine mildere Strafe, wenn ich einmal nicht ganz heiler Haut davon kommen ſoll.“ Der Türke dachte von Neuem nach. Nach einer geraumen Zeit, während welcher die Blicke des Pro⸗ feſſors ihm aufmerkſam folgten, wendet ſich Abdullah wieder zu Laroſſoſſinier. „Meine Gnade für Dich überſteigt alle Grenzen; der Prophet möge mir vergeben, wie zärtlich ich mit einem Ungläubigen verfahre. Du ſollſt mit der ge⸗ lindeſten Strafe davon kommen, die das Serail kennt.“ „Erlauchter Abdullah, worin beſteht dieſelbe?“ „Man wird Dir mit einem ſcharfen Inſtrumente Ohrlöcher ſtechen und in die Oeffnungen Schellen be⸗ feſtigen. Das, wie geſagt, iſt die gelindeſte Strafe. Widerſtrebe ihr nicht mit thörichtem Eigenſinn, ſonſt könnte meine gewohnte Heftigkeit ſiegen, und Du wä⸗ reſt verloren. Empfange im Gegentheil mit Dank die hohe Gnade, die Dir zu Theil worden.“ Wit dieſen Worten winkte Abdullah einigen Secla⸗ ven, welche mit einer Art Schuhmacherahle herbeieil⸗ ten, die beiden Ohrläppchen des Profeſſors kunſtgerecht 173 durchſtachen, durch die Oeffnungen metallene Stifte zogen und an deren Enden Schellen von ziemlichem Umfange lötheten, ſo daß das Mitglied der Academie an jedem Ohre zwei große Schellen trug. Der Profeſſor zog während der etwas ſchmerzhaf⸗ ten Operation die abſchreckendſten Geſichter; doch ver⸗ mochte er keinen Laut von ſich zu geben, da ihm der Mund verſtopft war. Nach vollbrachter Procedur, die mit ziemlicher Schnelle vor ſich gegangen war, wurden dem Be⸗ ſtraften die europäiſchen Kleider angezogen, welches Geſchäft den Schwarzen weniger von der Hand ging. Hierauf zog man dem Profeſſor einen wollenen Beu⸗ tel über den Kopf, welcher dem Mitgliede der Akademie mit Einem Male vier Sinne raubte. In dem dicken wollenen Beutel war weder etwas zu ſehen, zu hören, noch zu riechen oder zu ſchmecken. Nur das allge⸗ meine Gefühl war dem Incorporirten geblieben, und das beſagte ihm, daß zwei Menſchen ihn unter den Arm nahmen und fortführten. Dieſe im vollſten Sinne des Wortes ſinnloſe Reiſe gehörte nicht unter die angenehmſten. La⸗ roſſoſſinier, deſſen Philoſophie, von vier Sinnen un⸗ behelligt, wieder mit aller Macht erwachte, lebte noch immer in großer Beſorgniß, was aus ihm werden möchte. Die Wanderung wollte kein Ende nehmen. Er ergriff wiederholt Gelegenheit, ſich mit ſeinen beiden Führern in Unterredung zu ſetzen; aber die wollene Mütze, die ſtraff über den Mund gezogen war, ließ es nicht dazu kommen. Da ihm Sprache und Ausſicht benommen war, legte er ſich auf's Geruchsorgan. Dieſes beſagte ihm nach einer geraumen Wanderung, daß die Luft friſcher werde⸗ —— „Ich hoffe jetzt“, ſprach er zu ſich,„die Höhle des Löwen im Rücken zu haben und begreife nicht, warum ſich die beiden Stummen noch länger mit mir in⸗ commodiren. Mir iſt in meiner purpurnen Finſterniß Alles wie ein Traum. Ich bin überzeugt, daß, ſo lange eine franzöſiſche Akademie beſteht, noch nie eins ihrer Mitglieder ein ſolch' außerordentliches Abenteuer erlebt hat, wie ich. In dieſer Hinſicht ſteh' ich ein⸗ zig da. Sitz' ich nur wieder hinter'm Schreibtiſche, ſoll mir das Erſtaunen der geſammten gelehrten Welt meine ſtundenlange Todesangſt reichlich bezahlt machen.“ „Ich will nicht hoffen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß meine ſtockfiſchartigen Begleiter einen Scha⸗ bernack mit mir vor haben. Ich dächte, man könnte einmal genug haben.“ Der Profeſſor verſuchte jetzt, ob es keine Mög⸗ lichkeit ſei, die Arme aus der zärtlichen Umſchlingung der beiden Unbekannten zu befreien. Er fing mit dem rechten an, wurde aber ſogleich dermaßen um⸗ klammert, daß er einen anderweitigen Verſuch aufgab. „Der Himmel mag wiſſen, wo mich dieſes Volk hinführt,“ meinte Laroſſoſſinier;„nach meiner Berech⸗ nung müſſen wir Cairo längſt im Rücken haben. Es iſt mir unbegreiflich, daß uns auf unſrer Wanderung keine befreundete Patrouille begegnet iſt.“ Die beiden ſtummen Begleiter ſchienen endlich am Ort ihrer Beſtimmung angelangt zu ſein. Sie mach⸗ ten plötzlich Halt, und dem lauſchenden Ohre des Pro⸗ feſſors kam es vor, als wenn man mit einein Grab⸗ ſcheite eine Grube in den Sand grübe. Seine Philoſophie gab ſich bei dieſer Wahrneh⸗ mung den ausſchweifendſten Hypotheſen hin. Er be⸗ fürchtete, man wolle ihn lebendig begraben. „Das hätte noch gefehlt,“ ſprach er zagend zu 175 ſich,„daß nach Ueberſtehung der auserleſenſten Ge⸗ fahren mir die entſetzlichſte von allen Todesarten zu Theil würde. Schon in meiner Jugend hat mir das Lebendigbegraben für das non plus ultra alles Schrecklichen gegolten.“ Je länger Laroſſoſſinier dem Geſchäfte der beiden Schanzgräber lauſchte, deſto größer ward ſein Ver⸗ dacht. Er verſuchte daher um Hülfe zu rufen, aber die wollene Wand vor ſeinem Munde ließ keinen Laut hindurch. Plötzlich fühlte er ſeine Füße mit einem Riemen umſchnallt und ſeine Hände auf den Rücken gebunden. „Das ſcheint Alles Privatvergnügen der Schwar⸗ zen zu ſein,“ meinte der Profeſſor;„ich glaube nicht, daß dies Verfahren in der Abſicht Abdullah's gele⸗ gen, der mir freundlich gefinnt war. Nur begreife ich nicht, warum ſich dieſes entmenſchte Paar ſo viel Mühe gibt. Es müßte reine Mordluſt ſein, die man im Morgenlande leider beim gemeinen Volke ſehr häufig findet.“ Ehe noch Laroſſoſſinier weiter zu philoſophiren vermochte, ergriff man ihn und ſteckte ihn, trotz ſei⸗ ner angeſtrengteſten Widerſpenſtigkeit, in eine fünf Fuß tiefe Höhle, welche man zuvor in den Sand ge⸗ graben hatte. Er kam ſenkrecht auf ſeine Füße zu ſtehen. Das Grab ging ihm nur bis an den Hals. „Ich glaube,“ ſprach er, dieſe Unholde wollen mich à la Till Eulenſpiegel begraben, der im Grabe ſteht, anſtatt zu liegen.“ Da der Profeſſor an Händen und Füßen gefeſſelt war, und im Nothfall nicht einmal beißen konnte, ſo galt er als ein vollkommen willenloſes Individuum und war mehr ein bloßer Körper, eine Sache, als eine Perſon. 176 Die unmenſchlichen Diener des Beh's Abdullah rammten den bis an den Kopf Eingegrabenen wie einen Pfahl feſt, indem ſie mit ihren Füßen die Erde rings um Kehle und Hals des Profeſſors feſt traten. Hierauf zogen ſie den wollenen Beutel von dem aus der Erde hervorragenden Kopfe, liefen einigemal wie närriſch um das lebendige Haupt und verſchwanden lachend und wiehernd aus dem Geſichtskreiſe Laroſ⸗ ſoſſinier's. Letzterer hatte jetzt einen Begriff, was ein Wieſel oder eine Schildkröte für eine Ausſicht habe. Sein Horizont reichte keine hundert Schritt weit. Auch eriſtirte für ihn nur ein halber Geſichtskreis. Denn da er den Kopf nicht wie einen Kreiſel herumdrehen konnte, ſo wußte er ſchlechterdings nicht, was hinter ihm vorging. Die von dem Beutel befreiten und dem Erdboden ſehr nahe gebrachten Ohren vernahmen deut⸗ lich, wie die barbariſche Dienerſchaft Abvullah's die Flucht ergriff und wie die Schritte der Davoneilenden immer entfernter klangen. Nachdem ſie verhallt waren, trat eine Todtenſtille ein, ſo daß der Kopf, denn ein ſolcher eriſtirte vor der Hand von Seiten des Profeſſors nur auf Erden, vollkommen Muße zum Philoſophiren fand. „Wenn ich nur vor allen Dingen wiſſen ſollte, wo ich eigentlich eingeſcharrt bin,“ ſprach Laroſſoſſi⸗ nier.„Wenn die Gegend hier herum unbewohnt ſein ſollte, bin ich ſchlimmer daran, als wäre ich or⸗ dentlich begraben. Ich ſehe dann den Tod mit offe⸗ nen Augen vor mir. Jedem unvernünftigen Thiere ſteht es frei, mich anzufreſſen; ich muß mir's gefallen laſſen, und kann höchſtens mit meinen vier Ohrglocken läuten.“ 1 Der Profeſſor, ſo weit er die Gegend zu über⸗⸗ ſchauen vermochte, ſah nichts als Sand. „Ich glaube,“ ſprach er,„die Ungeheuer haben mich in die Wüſte geſchleppt. Da bin ich allerdings verloren; denn da wird es nicht lange dauern, und es kommt ein Löwe und graſ't mich ab.“ Laroſſoſſinier machte die verzweifeltſte Anſtrengung, ob er nicht die Arme frei bekommen könnte. Zugleich ſchrie und läutete er aus Leibeskräften. Alles vergebens. Erſtens waren die Arme feſt an einander gebunden, ferner blieb Alles ringsum todtenſtill. Man konnte ein Sandkorn fallen hören. Der Eingegrabene gab ſich den traurigſten und niederſchlagendſten Betrachtungen hin. Seine derma⸗ lige Situation war unſtreitig die gefährlichſte unter allen, in die er durch die Ueberbringung des Selams gerathen war. Es würde zu weit führen, dem Beklagenswerthen in ſeinen düſtern Phantaſten zu folgen. Wir über⸗ laſſen ihn vor der Hand ſeinem traurigen Geſchick und ſuchen in Erfahrung zu bringen, was ſich außer⸗ dem Bemerkenswerthes in Aeghpten zu dieſer Zeit zugetragen. Ende des zweiten Theiles. Stolle, ſämmtl. Schriften M. 12 ——— Steinmüller in Düben. 8 . * * * 2 G . 578 S1i onendae⸗