Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 von Eduard Oilmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe B für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TW.— V W 2. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer in Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X * Perdinund Stulles ausgewühlle Schriſten. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. 1 Sweiter Pand. 8— Leipzig,. Ernſt i. 1853. Napoſeon in Aegypten. Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde von Frrdinand Stollr. Erſter Theil. Leipzig, E n ſt eil. 1853. Erſtes Rapitel. In einer Laube des Schloſſes Saint Maurice, wel— ches, hart an der Grenze der ſüdlichen Dauphiné ge— legen, die grauen Zinnen mit ächt feudaliſtiſchem Trotze in die blaue Mailuft emporſtreckte, ſaß die liebliche Clemence, und ließ ſich's lächelnd gefallen, wie ihre Zofe Ninon die ſeidenen Locken der Gebieterin mit halbaufgebrochenen Roſen ſchmückte. Ninon legte bei dieſem frühlinghaften Toilettenge⸗ ſchäfte eine hinreißende Einſicht und Geſchicklichkeit an den Tag, welche einer Marchande de Modes aus der Rue Vivienne nicht zur Unehre gereicht haben würde. Als ſie zu Ende, klatſchten ihre kleinen Hände lebhaftan einander. „Wie ein Engel, wie eine Roſenfee!“ rief ſie ein⸗ mal über das andere, ſich das Fräulein entzückt betrach⸗ tend, und konnte ihreigen Werknicht genugſam bewundern. Clemence war Mädchen genug, um dieſer Exalta⸗ tion wegen bös werden zu ſollen. Sie ließ ſich ſogar Ninon's Vorſchlag gefallen, nach dem nächſten ſilber⸗ klaren Baſſin zu gehen, um ſich in Ermangelung eines Spiegels zu überzeugen, daß die Zofe keine Uebertreibung ſich habe zu Schulden kommen laſſen. Ungleich proſaiſcher als Ninon, welche das ſchöne Lockenhaupt des Fräuleins von Montreuil mit Roſen Stolle's ſämmtl. Schriften. 11. 1 ——— ——— 5 bekränzte, war Baptiſt, der junge Gärtner, beſchäf⸗ tigt. Ihm war von ſeinem Herrn Vater der ge⸗ meſſene Befehl zu Theil geworden, den bösartigen Maulwurf, welcher ſeit einigen Tagen die ſchönſten Tulpen und Hyazinthenbeete des Gartens unterminirte, todt oder lebendig einzuliefern. Bevor dies aber ge⸗ ſchehen konnte, mußte Baptiſt nach dem alten deutſchen Sprüchworte:„Die Nürnberger henken keinen, bevor ſie ihn haben,“ darauf bedacht ſein, den blinden Feind in ſeine Gewalt zu bekommen; eine Sache, die mit eben ſo viel Schwierigkeit wie Geduld verbunden war. Was nun die letztgenannte Tugend anbelangte, ſo gehörte ſie leider nicht zu denjenigen, in welchen es Baptiſt während der zwanzig Jahre, die er in der Welt lebte, weit gebracht hatte; und man wird ſich daher nicht wundern, wenn er ſeinem Geſchäfte nicht mit derjenigen Freudigkeit oblag, die ihm von ſeinem Vater war anbefohlen worden, ſondern ſein Mißbe⸗ hagen durch allerhand ungeduldige Geſten und halb⸗ unterdrückte Ausrufungen an den Tag legte. Es kam diesmal noch ein anderer Umſtand hinzu, welcher Baptiſten das langwierige Maulwurffangen unausſtehlich machte; das war das faſt ununterbrochene Trommeln und Trompeten, welches durch die ſtille Frühlingsluft daher tönte, und das von den zahlrei⸗ chen Kolonnen herrührte, die damals aus dem nörd⸗ lichen und ſüdlichen Frankreich nach dem Süden zo⸗ gen, um an der großen Expeditivn Theil zu nehmen, die unter dem Befehle des gefeierten Generals Napo⸗ leon Bonaparte mit Nächſtem in See ſtechen ſollte. Alle Augenblicke ſah man den Maulwurfjäger nach der unfern gelegenen Terraſſe des Gartens galoppiren, von wo man die Straße, welche von Montelimart nach Orange führte, eine ziemliche Strecke überſehen 3 konnte. Die Hand gegen die Sonne haltend, folgten dann ſehnſüchtig ſeine Blicke den in der Ferne dahin⸗ ziehenden Kriegerhaufen, und ließen nicht ab, ſo lange ein funkelndes Bajonet oder ſchimmernder Küraß zu erblicken war. Um Vieles mißmüthiger kehrte dann der junge Gärtner zu ſeinem langweiligen Geſchäft zurück, das ihm überdies höchſt unritterlich vorkam. Als nach einiger Zeit der Maulwurf ſchlechterdings keine Anſtalt treffen wollte, ſich fangen zu laſſen, ward Baptiſtens Unmuth ſo vernehmbar, daß er ſelbſt dem Fräulein auffiel, welches ſpeben mit Ninon von der ſtillen Waſſerfläche zurückkehrte, in welcher ſie ihre Toilette nicht ohne Wohlgefallen betrachtet hatte. „Was fehlt doch dem Baptiſt?“ frug Clemence, „ich höre ihn fortwährend ſchelten, und gleichwohl ſehe ich Niemanden im Garten, mit dem er ſich zan⸗ ken könnte.“ „Er will partout Soldat werden,“ verſetzte Ninon, welche mit des jungen Gärtners innern Angelegenhei⸗ ten mehr vertraut ſchien. „Wie, iſt das wahr?“ frug das Fräulein von Montreuil, die jetzt näher an den Maulwurfsjäger herangetreten war,„Du wollteſt Soldat werden?“ „Allerdings,“ geſtand Baptiſt;„aber der gnädige Herr hat mir es rund abgeſchlagen,“ fügte er trau⸗ rig hinzu. „Und hat wohl daran gethan,“ ſprach Elemence; „gibt es doch der Soldaten genug.“ „Uebergenug, ich predige es ihm täglich,“ meinte Ninon. „Aber Guiſeppe Peril und Robert Merlin, die beiden Nachbarn,“ hielt Baptiſt entgegen,„haben ſich auch einſchreiben laſſen, obſchon ſie heuer noch frei waren.“ 1* „Um ſo mehr hat mein Vater Recht,“ verſetzte Clemence,„wenn er nicht allen jungen Leuten von Maurice erlaubt, Soldaten zu werden; wer ſollte dann die Felder beſtellen und namentlich unſern Garten in Ordnung erhalten?“ Ninon, die ſich von dem hübſchen Baptiſt, ſeit ihm die Kriegsgedanken durch den Kopf gingen, auf⸗ fällig vernachläſſigt fand, ſuchte ſich jedesmal zu rächen, ſobald die Rede auf den Soldatenſtand kam. „Ich bezweifle überhaupt,“ meinte ſie,„ob Bap⸗ tiſt zum Soldaten paßt.“ Der Entrüſtete ſtieß bei dieſen Worten das Grab⸗ ſcheit, womit er dem Maulwurf den Kopf einſchlagen wollte, mit Heftigkeit in den Boden. „Paßt!?“ rief er, mit einer Flammenröthe auf dem Antlitz,„warum ſoll Baptiſt nicht paſſen?“ Sein Zorn verrauchte indeß augenblicklich, ſeine Blicke plötzlich einen Gegenſtand gewahr wurden, der ihn alles Andre vergeſſen und ſelbſt die gewöhn⸗ liche Höflichkeit gegen die Tochter ſeines Herrn aus den Augen ſetzen ließ. Mit den Worten:„Camille, Camille!“ warf er das Grabſcheit weit von ſich und eilte den Hauptgang des Gartens entlang, welchen eine hohe, ſchlanke Jünglingsgeſtalt, in einen grauen Reitermantel gehüllt, daher kam. „Welche Zügelloſigkeit!“ ſchalt Ninon,„er verlernt bei ſeinen Kriegsgedanken noch alle gute Sitte.“ Die beiden jungen Mädchen ſchauten halb er⸗ ſchrocken dem plötzlich Dahineilenden nach; aber ihre Ueberraſchung war nicht geringer, wie die des jungen Gärtners, als ſie in dem ſchlanken Ankömmling den jungen Camille Renvuard wieder erkannten, wel⸗ cher, ein entfernter Verwandter der Familie Mont⸗ 5 reuil, ſeit einigen Jahren in Paris die Rechtswiſſen⸗ ſchaft ſtudirte. „Mein Gott, mein Fräulein,“ rief Ninon,„wie ſchön iſt er geworden!“ Camille, der, von Baptiſt fortwährend am Arme geſtreichelt, näher getreten war, ſchien hinſichtlich ſeiner Couſine ein Gleiches zu finden. Er ſtand wie ge⸗ blendet vor der holden Jungfrau, die ihrerſeits kaum die Augen aufzuſchlagen wagte. „Und Ihr wäret wirklich die kleine freundliche Clemence,“ frug er endlich, kaum ſeinen Augen trauend, „an deren Seite ich die ſchöne Jugendzeit verlebte?“ „Bin ich denn nicht mehr freundlich?“ frug leiſe und ſchüchtern das Mädchen. „Ach!“ rief Camille begeiſtert,„weit herrlicher ſeid Ihr geworden, ein Engel, eine Göttin!“ Baptiſt, welcher mit dem jungen Renouard, der nur einige Jahre älter, aufgewachſen war und deshalb mit unbeſchreiblicher Liebe an ihm hing, begriff gar nicht, was Camille an dem gnädigen Fräulein, das er doch von früher her kannte, ſo Nagelneues finden konnte. Er ward faſt eiferſüchtig und betrachtete die unverhoffte Nebenbuhlerin zum erſten Male in ſeinem Leben genauer. Da gewahrte er allerdings, daß Cle⸗ mence ein ſehr ſchönes Mädchen ſei; aber daß Camille von ihrem Anblicke rein bezaubert, in ihrem Anſchauen ganz verſunken war und ſich weit mehr mit ihr als mit ihm beſchäftigte, wollte ihm nichtsdeſtoweniger nicht in den Kopf. Ninon fand weniger Außerordent⸗ liches in dem Benehmen des Herrn Renvuard. Nachdem ſich Camille und Clemence inſoweit von ihrer erſten Ueberraſchung erholt hatten, um in ein verſtehbares Geſpräch zu treten, ward endlich auch der Grund kund, warum erſterer die weite Reiſe von 6 Paris nach Saint Maurice unternommen. Auch er hatte nämlich keine andere Abſicht, als an der großen Seeunternehmung unter dem Sieger von Italien, dem gefeierten Bonaparte, Theil zu nehmen. „Dieſe Fahrt,“ ſprach er begeiſtert,„geht unfehl⸗ bar nach den Küſten von England, Frankreichs Erb⸗ feind. Seit der Flotte des zweiten Philipp ſah man nichts Aehnliches auf dem Meere. Unbeſtritten will der junge Feldherr das alte Jahrhundert durch eine außerordentliche That beſchließen, und welcher Franzoſe wünſchte da nicht dabei zu ſein?“ Baptiſt, welcher die Worte Camilles wie ein neues Evangelium mit offenem Munde gleichſam verſchlungen hatte, that einen gewaltigen Luftſprung und rief: „Welcher Franzoſe wünſchte da nicht dabei zu ſein!“ Fräulein von Montreuil war in ihrem Herzen über Camille's Kriegsgedanken noch weit ungehaltener, als über Baptiſt's Soldatenluſt, obſchon es ihr auf der andern Seite nicht unlieb war, daß der Mann, welcher einen ſo ſeltenen Eindruck auf ſie gemacht hatte, ſolchen Muth zeige. Als Verwandte glaubte ſie indeß, erfordere es die Pflicht, Camille's Kriegs⸗ plan mit aller Macht zu bekämpfen. Während man ſich aber im Garten von Saint Maurice mit vieler Beharrlichkeit über die große See⸗ expedition ſtritt, welcher Camille und Baptiſt ſchlechter⸗ dings beizuwohnen wünſchten, gab derſelbe Gegenſtand zu ernſten Erörterungen in einem Gemache des Schloſ⸗ ſes ſelbſt Veranlaſſung. Hier ſaß vor einer mächtigen Karte des mittellän⸗ diſchen Meeres Herr von Montreuil, einer jener fin⸗ ſtern Parteihäupter des geſtürzten Königshauſes, der ſich nach der Niederlage in der Vendee, dem neuen Regimente ſcheinbar huldigend, grollend und Rache — 0 brütend in ſein Stammſchloß Saint Maurice zurück⸗ gezogen hatte; wo er ſich jetzt in Muthmaßungen er⸗ ſchöpfte über den Zweck der gewaltigen Rüſtungen in allen Häfen Frankreichs. „Ich kann,“ begann er, nachdem ſeine Blicke noch⸗ mals das weite Waſſerreich überflogen,„die abenteuer⸗ liche Anſicht Colonne's, daß die Touloner Flotte die Beſtimmung habe, ſich mit der türkiſchen zu verbinden, im ſchwarzen Meere die ruſſiſche aufzuſuchen, nachdem ſie dieſe geſchlagen, ihre Truppen in der Gegend von Bialorod auszuſchiffen, längs des Dnieſters in Podolien einzufallen und von der türkiſchen Landmacht, ſowie von den innern Mißvergnügten unterſtützt in Polen die Republik wieder herzuſtellen— ſchlechter⸗ dings nicht theilen, ſie klingt zu abenteuerlich, mit welchem Geiſte ſich auch der Verfaſſer bemüht hat, ſie glaubbar zu machen.“ „Nach meiner feſten Ueberzeugung,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„geht die Abſicht Bonaparte's zu⸗ nächſt dahin, die Blokade von Cadix aufzuheben, ſich mit der ſpaniſchen Flotte zu vereinigen, nach Breſt zu ſegeln und die Landung in England ſelbſt zu ver⸗ ſuchen. Was ſagt Ihr zu dieſer Idee, Chevalier?“ Der Gefragte, ein Mann in den mittlern Vier⸗ zigern, mit einem klugen, ſcharfgezeichneten Geſicht, welcher während Montreuil's gevgraphiſchen Forſchun⸗ gen ſcheinbar theilnahmlos am Fenſter geſtanden und in die blühende Landſchaft hinausgeſchaut hatte, wandte ſich jetzt und trat an den Kartentiſch. „Ich bin keineswegs dieſer Meinung,“ erwiederte er. „Ich ſollte doch meinen,“ hielt Montreuil entgegen, „daß die Botſchaft des Königs Georg an beide Häu⸗ ſer des Parlaments, ohne allen Aufſchub die zur Ver⸗ theidigung des Vaterlandes nöthigen Maßregeln in 8 Erwägung zu ziehen, da durch die wachſende Thätigkeit in den franzöſiſchen, flandriſchen und holländiſchen Hä⸗ fen ein Einfall in das britiſche Gebiet zu befürchten ſtehe, einigermaßen für meine Behauptung ſpräche.“ „Vorſicht iſt zu allen Dingen nütze,“ ſprach der Chevalier, Lacoſte mit Namen. „Dann begreife ich aber nicht,“ fuhr Montreuil fort,„wem nach Eurer Anſicht der große Schlag zu⸗ gedacht iſt; auch von einem Angriffe Siciliens und Neapels wollt Ihr nichts wiſſen.“ „Um letzteres über den Haufen zu werfen, bedarf es nicht ſo großartiger Rüſtungen,“ verſicherte Lacoſte; „aber ſind denn die engliſchen Küſten die einzigen Punkte, um England anzugreifen?“ Montreuil's Blicke ſenkten ſich von Neuem auf die Karte, wo ſie nach Auskunft ſuchten. „Den Kaiſer von Marokko und den Dey von Al⸗ gier,“ rief er endlich, da er nicht fand, was er ſuchte, ärgerlich aus,„wird man hoffentlich nicht angreifen.“ „Ich glaube auch nicht,“ pflichtete Lacoſte bei. „Wohlan, ſo ſchießt los und quält mich nicht län⸗ ger. Welche Bewandtniß hat es mit dem Seezuge?“ „Wenn mich nicht alle Merkmale und Combina⸗ tionen täuſchen,“ erwiederte der Chevalier ernſt,„ſo iſt es auf kein anderes Land abgeſehen, als—“ „Nun, als—“ drängte der Gebieter von Saint Maurice. „Aegypten!“ ſprach der Andere. „Bah,“ lachte Montreuil,„für dieſes Propheten⸗ wort wird Euch Euer Miniſterium fürwahr keinen Dank wiſſen.“ „Kann wohl ſein,“ erwiederte ruhig der Chevalier, „ich kann mich getäuſcht haben.“ „Und das habt Ihr!“ rief der Schloßherr eifrig. ½ 9 „Hat nicht der Moniteur vor Kurzem ſelbſt ziemlich deutlich zu verſtehen gegeben, daß Aegypten das Ziel der Expedition ſei?“ „Allerdings, das hat er,“ ſprach Lacoſte. „Dieſe Finte iſt aber zu abgenutzt,“ fuhr Mont⸗ reuil fort,„als daß ſie im Entfernteſten einen Erfolg haben könnte.“ „Wenn die Rüſtungen Aegypten nicht zum Zwecke haben,“ ſprach der Chevalier,„dann allerdings habt Ihr Recht; aber wenn ſie auf jenes Land gerichtet ſind, wie ich überzeugt bin, ſo iſt die Finte ſo un⸗ ſchlau nicht.“ „Doch ich bitt' Euch, Chevalier,“ ſprach Mont⸗ reuil,„ſelbſt zugeſtanden, daß Ihr Recht hättet, was wollte Bonaparte im fernen Aegypten, abgeſchnitten vom Mutterlande, entblößt von allen Hülfsmitteln, einem verheerenden Klima, den Damascenern der Tür⸗ ken und Mamelucken Preis gegeben und den Englän⸗ dern faſt gänzlich in die Hände geliefert?“ „Ein Mann wie Bonaparte,“ verſetzte Lacoſte, „würde mit ſeiner Armee bei den Fleiſchtöpfen Aegyp⸗ tens nicht verhungern und allenfalls auch Mittel und Wege finden, den Mamelucken und Engländern nicht nur die Spitze zu bieten, ſondern ihnen ſelbſt furcht⸗ bar und verderbenvoll zu werden.“ Das zweifelvolle Kopfſchütteln des Schloßherrn zeigte an, daß ihm die Expedition nach Aegypten ſchlechterdings nicht in den Kopf wollte. „Ich begreife nicht,“ fuhr der Chevalier fort,„wie der mitgetheilte Plan ſo außer aller Berechnung lie⸗ gen ſollte. War Aegypten nicht ſtets ein Reizmittel für die Habgier der europäiſchen Mächte? Im funf⸗ zehnten und ſechzehnten Jahrhundert beſtrebten ſich Spanien, England und Venedig wechſelsweiſe, einen 10 überwiegenden Einfluß in jenem Lande zu gewinnen. Später entwarf ſelbſt der deutſche Philoſoph Leibnitz den genialſten Plan, Aegypten zu unterwerfen und zu colonifiren, welchen er dem großen Ludwig einreichte. Noch ſpäter bemühte ſich der Herzog von Chviſeul, durch Unterhandlung das ehrwürdige Land der Pha⸗ raonen für Frankreich zu gewinnen; der zahlreichen Schriften und Memviren nicht zu gedenken, welche ſämmtlich unwiderlegbar darthun, daß die Eroberung Aegyptens von unſrer Seite das alleinige Mittel iſt, Englands Uebermacht in Oſtindien zu ſtürzen und Frankreich den unbeſchränkten Handel mit dem Oriente zu ſichern. Hat eine europäiſche Seemacht einmal in Aegypten feſten Fuß gefaßt, ſo beherrſcht ſie nicht nur den Welthandel zwiſchen dem Orient und Oeccident, ſondern hält auch den Schlüſſel zu drei Welttheilen in der Hand.“ Montreuil war etwas nachdenklich geworden. La⸗ coſte argumentirte weiter. „Mir iſt ferner,“ ſprach er,„aus guter Quelle bekannt, daß Bonaparte bereits während der Frie⸗ densverhandlungen zu Campo Formiv mit der Idee zu einer Eroberung Aegyptens ſchwanger ging. Wenn die Bildſäulen in den Gärten von Paſſerianv, welche ſeine geheimſten Geſpräche belauſcht, erzählen könn⸗ ten, würde Euch eine ägyptiſche Expeditivn weniger außerhalb dem Bereiche des Glaubbaren liegen. Daß für großen militäriſchen Ruhm Europa zu klein und dafür nur der Orient ein würdiges Feld darbietet, hat Bonaparte wiederholt vor einer Menge Zeugen geäußert.“ „Daß dem jungen ſiegreichen und thatendurſtigen General,“ erwiederte der Herr von Saint Maurice, „mancherlei großartige Gedanken durch den Kopf ge⸗ 1¹ hen, will ich gern glauben; indeß zwiſchen einer bloßen Idee und ihrer Ausführung iſt denn doch ein gewal⸗ tiger Unterſchied; zumal wenn es ſich von einer Idee handelt, wo das ganze neufranzöſiſche Regiment zu Grunde gehen kann, worum ich übrigens den Himmel täglich bitte.“ „Bei Bonaparte ſcheint die Idee von der Aus⸗ führung nicht zu entfernt zu liegen,“ verſetzte Lacoſte, „wenigſtens muß er hinſichtlich Aegyptens an eine Ausführbarkeit gedacht haben; wozu hätte er ſich wohl ſonſt aus der ambroſianiſchen Bibliothek zu Mailand ſämmtliche Bücher kommen laſſen, die über den Orient handeln, und überall, wo von Aegypten die Rede, iſt der Rand mit Noten und Zeichen bedeckt, wie man bei der Zurückgabe deutlich bemerkt hat. Was übri⸗ gens das gegenwärtige Regiment Frankreich betrifft, welches Ihr durch einen Angriff Aegyptens für ge⸗ fährdet haltet, ſo bin ich gerade der entgegengeſetzten Meinung. Das ſchwache Directorium zittert im Ge⸗ heim vor dem ſieggekrönten Feldherrn und wünſcht ihn mit ſeiner Armee— meiſt aus wilden trotzigen Republikanern beſtehend— ſo weit von Frankreich als immer möglich. Einem Manne, der unlängſt mit den Königen unterhandelte als wäre er es ſelbſt, an der Spitze eines ergebenen Heeres, iſt wenig zu trauen. Hierin haben die Messieurs les cinq vollkommen Recht. Was kümmert ſie es, ob der junge Held mit ſammt ſeiner Armee zu Grunde geht, wenn nur ſie geſichert ſind. Ich will nicht Lacoſte und Euer Freund heißen, wenn hierin die fünf Directoren nicht einer wie der andere denken.“ „Ich wünſchte, Ihr hättet Recht,“ erwiederte nach einiger Zeit Montreuil,„obſchon ich trotz der mannig⸗ fachen Beweiſe die ägyptiſche Expedition noch gar ſehr bezweifle. Auch mir iſt der junge Bonaparte ſchon ſeit geraumer Zeit ein Dorn im Auge.“ „Wie ſo?“ erkundigte ſich der Chevalier. „Ich befürchte ganz daſſelbe,“ ſprach Montreuil, „was nach Eurem Ausſpruche die Directoren ſelbſt firn daß nämlich über kurz oder lang Bonapar⸗ ten ſelbſt in den Sinn kommt, die Stelle des Direc⸗ toriums einzunehmen.“ „Nun, an dem Directorium,“ meinte Lacoſte, „wäre das Wenigſte verloren.“ „Das eben nicht,“ verſetzte der Schloßherr,„nur würden wir dann weit ſchwerer Spiel haben, Ludwig den Achtzehnten auf den Thron zurückzuführen.“ „In London iſt man hinſichtlich des Eroberers von Italien anderer Meinung,“ erwiederte der Che⸗ valier;„Pitt gibt ſich nämlich der Hoffnung hin, daß Bonaparte für den Titel eines Lieutenants des Kö⸗ nigreichs ſelbſt die Hand bieten werde zur Rückkehr der Bourbonen. Wenigſtens ſcheint dieſer General den neuern Freiheitsſchwindel nicht zu theilen, und hat den Republikanern zu wiederholten Malen die Köpfe zurechtgeſetzt.“ Man kam wieder auf die Rüſtungen zu ſprechen, die namentlich im Hafen von Toulon auf's Eifrigſte betrieben wurden. „Wenn Ihr Eurer Sache wegen Aegypten ſo ge⸗ wiß ſeid,“ begann Montreuil,„warum habt Ihr Euer Cabinet nicht davon in Kenntniß geſetzt, daß es die nöthigen Gegenmaßregeln treffe?“ „Wenn mein Brief glücklich angelangt iſt,“ ent⸗ gegnete Lacoſte,„ſo muß Pitt unterrichtet ſein; nur bezweifle ich, daß man viel Notiz davon nimmt, weil in England Alles die Augen auf die eignen Küſten ge⸗ richtet hat; ſtündlich in Furcht lebt, die franzöſiſche 13 Flotte an ſeinen Geſtaden erſcheinen zu ſehen. An St. Vincent, welcher den Hafen von Cadix blokirt, hab' ich noch geſtern eine Depeſche abgehen laſſen, worin ich ihm meine Ideen ziemlich klar auseinander geſetzt habe, und ich bezweifle keineswegs, daß er von der Mitthei⸗ lung Notiz nehmen und ſeine Maßregeln treffen wird.“ „Und für Eure Perſon,“ erkundigte ſich Montreuil weiter,„wie lauten da die Verhaltsbefehle? Werde ich noch lange das Vergnügen haben, Euch bei mir zu ſehen?“ „Das hängt lediglich von Bonaparte ab,“ erwie⸗ derte der Chevalier;„ſo lange die Rüſtungen währen, dürftet ihr mich kaum los werden.“ „Das iſt ſchön,“ verſetzte Montreuil,„aber ſpäter?“ „Da werde ich mich mit einſchiffen,“ ſprach Lacoſte, „die Flotte mag eine Richtung einſchlagen, welche ſie will.“ „Wie?“ rief Montreuil verwundert,„Ihr wolltet der Expedition ſelbſt beiwohnen?“ „So lautet wenigſtens meine Ordre.“ „Aber bedenkt, Chevalier, welcher Gefahr Ihr Euch ausſetzt?“ „Die Empfehlungsſchreiben aus dem franzöſiſchen Kriegsminiſterium dürften mich ſicher ſtellen.“ „Ueberlegt wohl,“ fuhr der Schloßherr mahnend fort,„Bonaparte pflegt mit Feinden Eurer Art we⸗ nig Umſtände zu machen.“ „Wo gäbe es im Kriege überhaupt ein Amt,“ erwiederte Lacoſte,„das nicht mit Gefahr verbunden wäre?“ 3 „Ihr ſpielt ein ſehr gewagtes Spiel, Lacoſte.“ „Je mehr ein Spieler wagt, deſto mehr hat er Hoffnung zu gewinnen.“ 14⁴ Der Schloßherr reichte dem bourboniſchen Agenten die Hand. „Wohlan,“ ſprach er,„der Himmel ſei mit Euch; Frankreichs König wird Euch dereinſt königlich vergelten, was Ihr für ſein Haus und Frankreich gethan habt.“ „Ich verlange keines Königs Lohn,“ erwiederte der 6he evalier. „Ihr ſeid ſehr ſtolz.“ „Allerdings, das bin ich; darum kann mich nur ein franzöſiſcher Edelmann würdig belohnen.“ „Und der wäre?“ „Sein Name iſt Montreuil, Beſitzer von Saint Maurice.“ Der Schloßherr trat bei dieſen Worten des Che⸗ valiers einen Schritt zurück. „Ihr ſcherzet,“ ſprach er befremdet,„was könnte ich für Euch thun? Iſt der Name Montreuil, vor dem ſonſt die halbe Dauphiné zitterte, nicht nur ein Schatten von ehedem?“ „Ich verlange allerdings,“ ſprach der Chevalier, „nach einem größern Schatze, als die Herren von Montreuil je an Ländergebiet beſeſſen haben.“ „Da bin ich in der That begierig,“ meinte der Schloßherr. „Wenigſtens gilt mir,“ verſetzte Lacoſte,„die Hand des Fräuleins von Montreuil höher, als die Länder aller Könige.“ Montreuil warf bei dieſen Worten den Kopf mit ariſtokratiſchem Stolze zurück. „Ihr ſcheint zu vergeſſen, Chevalier,“ ſprach er, „daß wenn die Montreuils ihre Reichthümer und Be⸗ ſitzungen verloren haben, ihnen die Unbeflecktheit ih⸗ res Geſchlechts um ſo mehr am Herzen liegen muß.“ „Ich erkenne die Kluft,“ geſtand Lacoſte,„die „ 15 zwiſchen uns liegt; mein Großvater war Hofjuwelier beim vierzehnten Ludwig; indeß glaube ich einen Preis gefunden zu haben, der die Kluft auszufüllen im Stande iſt.“ „Die Montreuils treiben keinen Handel mit ihren Töchtern,“ ſprach ſtolz der Schloßherr;„Ihr ſcheint des Großvaters Handwerk noch nicht ganz vergeſſen zu haben.“ Lacoſte biß ſich in die Lippen. „Ihr ſprecht ſehr hart,“ verſetzte er,„und nur der Vater des Fräuleins von Montreuil darf ſo zu mir reden. Doch erlaubt noch die Frage, dürfte dem Grafen Lacvoſte dieſelbe abſchlägige Antwort zu Theil werden?“ „Ich glaube,“ erwiederte Montreuil. „Auch wenn Ludwig der Achtzehnte ſelbſt das Amt eines Freiwerbers für mich übernähme?“ „Ihr ſprecht von Unmöglichkeiten,“ verſetzte der Schloßherr. „Auch wenn Ludwig der Achtzehnte ſelbſt das Amt eines Freiwerbers übernähme?“ wiederholte Lacoſte mit erhobener Stimme. Montreuil blieb einige Secunden die Antwort ſchul⸗ dig; dann verſetzte er ruhig:„Auch dann!“ „Wohlan!“ rief der Chevalier,„ſo erlaubt die letzte Frage.“ „Fragen kann ich nicht verbieten,“ erwiederte der Beſitzer von Saint Maurice. „Werdet Ihr mir auch dann die Hand Eurer Tochter verweigern, wenn ich ihr die Trümmer der franzöſiſchen Flotte zur Morgengabe bringe?“ „Wie?“ frug Montreuil, über den großen Ernſt, womit Lacoſte dieſe Worte ſprach, faſt erſchrocken; ₰6 „die Trümmer der ſnſſchen Flotte? ſeid Ihr bei Sinnen?“ „Ich bin es vollkommen,“ entgegnete der Chevalier mit Feſtigkeit,„und erwarte Eure Antwort.“ „Bedenkt Ihr, was Ihr ſprecht? Die Trümmer von Frankreichs Flotte?“ „Die Trümmer von Frankreichs Flotte,“ wieder⸗ holte der kühne Brautwerber mit ruhigem Ernſte. „Welche Garantieen könnt Ihr ſtellen, daß auch Eure Kräfte ausreichen, dieſes vermeſſene Verſprechen in Ausführung zu bringen?“ „Die That wird für mich ſprechen, wozu der Ga⸗ rantieen? Verſprecht mir die Hand der himmliſchen Clemence und binnen heut und drei Monden gibt es keine franzöſiſche Flotte mehr.“ Montreuil ging lange ſchweigend das Gemach auf und ab. Er kannte den Chevalier allerdings als ei⸗ nen Mann, dem die kühnſte, außerordentlichſte That zuzutrauen war; derſelbe hatte zum Beſten des ver⸗ bannten Königshauſes mehr als einen glänzenden Be⸗ weis geliefert; nur das Wie, die Bonapart'ſche Rie⸗ ſenflotte zu vernichten, blieb ihm ein Räthſel. Er überlegte alsdann die unermeßlichen Reſultate, welche ein ſolcher der franzöſiſchen Marine beigebrachter Schlag nach ſich führen müßte. Alsdann waren allerdings die Thore Frankreichs den Engländern, ſo wie der emigrirten Dynaſtie geöffnet. Der Chevalier mußte dann als Retter der Bourbonen in einem Glanze er⸗ ſcheinen, der ſeine bürgerlichen Großeltern vergeſſen machte. Der dankbare Ludwig der Achtzehnte durfte dann nicht unterlaſſen, ſeinen Retter ſo hoch wie mög⸗ lich zu ſtellen. „Und wenn Euer eben ſo großartiges wie hoch⸗ herziges Unternehmen fehlſchlägt?“ frug der Schloßherr. 17 „Dann umarme ich den Tod,“ verſetzte Lacoſte in beſtimmtem Tone,„und das Grab iſt mein Braut⸗ gemach.“ „Und wenn ich mich dennoch nicht entſchließen könnte, Euch meine Tochter zu verſprechen,“ fuhr Montreuil fort,„würdet Ihr deshalb Eure kühne That aufgeben?“ „Dieſes nicht,“ verſetzte Lacoſte;„aber ſie wird mir nicht gelingen.“ „Warum nicht?“ „Weil dann die Roſe, die mein Leben durchduftet und mich vor dem Gewagteſten nicht zurückbeben läßt, die Hoffnung auf Elemence's dereinſtigen Beſitz, ver⸗ dorrt iſt.“ „Iſt der Gedanke, ein Land wie Frankreich, ein edles Königshaus aus der Verbannung gerettet zu haben, nicht begeiſternder, als die Hoffnung auf den Beſitz eines Weibes?“ „Nur die Liebe vermag das Außerordentlichſte zu wagen,“ gab der Chevalier zurück. Wieder ſchritt Montreuil eine Zeitlang ſchweigend auf und ab; er ſchien lange mit einem Entſchluſſe zu kämpfen. Endlich blieb er vor Lacoſte ſtehen und reichte ihm die Hand. „Wohlan,“ ſprach er,„von dem Augenblicke an, daß ich binnen heut und drei Monaten die vofficielle Nachricht von dem Untergange der franzöſiſchen Flotte erhalte, ſeid Ihr der Verlobte meiner Tochter. Es hat weniger bedrängtere Zeiten gegeben,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu,„wo die Großen Frankreichs ſich veranlaßt fanden, ihre Töchter der Politik zum Opfer zu bringen.“ Der Chevalier, welcher die letzten Worte zu über⸗ 2 Stolle, ſämmtl. Schriften. 11. 18 hören ſchien, ſchlug in die dargebotene Rechte des Schloßherrn. „Ich habe Euer Wort, Montreuil,“ ſprach er, „fürwahr, es ſoll weder Euch noch die Bourbonen ge⸗ reuen, es mir gegeben zu haben. Ich kenne jetzt den Siegespreis, und wenige Monate werden entſcheiden, ob ich der Mann war, mein großes Verſprechen zu löſen. Für jetzt gehabt Euch wohl; mich rufen drin⸗ gende Geſchäfte, denn von jetzt an darf keine Stunde ungenutzt vorübergehen, die mich meinem großen Ziele nicht näher bringt.“ Er empfahl ſich und verließ das Gemach. Montreuil ſchaute dem über den Schloßhof Da⸗ hinſchreitenden düſter nach; dann kehrte er zu dem gegenüberliegenden Fenſter zurück, welches nach der frühlingvollen Landſchaft hinausging. „Es iſt weit gekommen,“ ſprach er für ſich,„eine Montreuil die Gemahlin des Enkels vom Hofjuwelier Ludwig des Vierzehnten. Und gleichwohl,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„überdenke ich die ſegensreichen Folgen, die aus dem Opfer meiner Tochter hervor⸗ gehen, kann ich mich und das Mädchen nur glücklich preiſen, denn es ward mir zur Rettung eines Königs geboren.“ Der alte treue Diener des Herrn von Montreuil, Jaques mit Namen, trat jetzt in's Zimmer und mel⸗ dete die Ankunft des jungen Camille Renouard, wel⸗ cher um die Gnade nachſuchen ließ, ſeinem geſtrengen Vormunde die Aufwartung machen zu dürfen. „Renouard?“ frug der Schloßherr und ſeine Stirn begann ſich zu furchen; was will der zu Saint Maurice? Meines Wiſſens ſind dermalen keine Ferien, und wenn dem auch wäre, ſo kennt er meine Befehle, daß er, 19 um allen Aufwand zu vermeiden, vor gänzlicher Been⸗ digung ſeiner Studien nicht hierher zurückkehren ſoll.“ „Ich kenne die Urſache nicht, welche den jungen Herrn jetzt nach Saint Maurice geführt hat,“ erwie⸗ derte Jaques;„aber im innerſten Herzen hab'ich mich gefreut, daß er ſo wohl, ſo kräftig und blühend aus⸗ ſieht. Paris, ſagt man, ſoll nicht immer die beſte Luft für junge vornehme Leute ſein.“ „Ein junger Mann,“ verſetzte der Schloßherr, „welcher ſein Daſein nur dem Fehltritte einer Mont⸗ reuil verdankt, deſſen Vater ein ſimpler Edelmann aus der Pieardie war, kann ſo eigentlich nicht zu den vor⸗ nehmen Leuten gerechnet werden. Uebrigens ſind ſeine Vermögensumſtände der Art, daß ſie ihn zu Thorhei⸗ ten und Ausſchweifungen wohl wenig Veranlaſſung geben dürften.“ Mit dieſen Worten winkte Montreuil und unmit⸗ telbar darauf trat Camille in's Gemach. Er wollte auf den Vormund zueilen, um ihm die Hand zu küſſen, dieſer aber trat finſtern Geſichts einen Schritt zurück. „Die Studien ſo ſchnell beendet,“ frug der Be⸗ ſitzer von Saint Maurice in einem Tone, in dem die Ironie nicht zu verkennen war,„das muß erſtaunlich raſch gegangen ſein. Ein ſolcher Fleiß verdient Be⸗ wunderung.“ „Verzeihung, gnädigſter Vormund,“erwiederte nicht ohne Befangenheit der Jüngling,„wenn ich diesmal Eurem Befehle—“ „Hohn geſprochen habe,“ unterbrach ihn der Schloß⸗ herr mit Heftigkeit.„Welches iſt die Urſache zu dieſem Ungehorſam?“ „Der großartige Seezug unter dem Helden Bona⸗ parte,“ geſtand nun Camille,„welcher ſo viele meiner Collegen aus den Hörſälen hinweg unter die Fahnen 2* rief, fachte auch in meiner Bruſt die unwiderſtehliche Begier an, mein Blut und Leben dem Wohle und Ruhme Frankreichs zum Opfer zu bringen.“ „Als gemeiner Soldat?“ „Ich hoffte als Volontair in die Suite des ge⸗ feierten General Kleber zu treten, deſſen Bekanntſchaft ich in Paris zu machen das Glück hatte.“ „Dazu gehört aber Geld; wovon wollt Ihr leben?“ „Wenn der Herr Vormund die Gnade haben wollte, mir einen Theil der Hinterlaſſenſchaft meines Vaters zur Verfügung zu ſtellen, ſo hoffe ich bei meinen mä— ßigen Anſprüchen damit auszukommen.“ Der lang verhaltene Groll Montreuil's durchbrach jetzt alle Schranken. „Die paar hundert Franken,“ donnerte er,„die von der großen Hinterlaſſenſchaft noch in meinen Hän⸗ den befindlich, ſind einzig und allein für die rechtswiſ⸗ ſenſchaftlichen Studien des Herrn Renouard beſtimmt und keineswegs für kriegeriſche Abenteuer. Der Herr Mündel ſchlage ſich ſonach die Heldenideen für diesmal aus dem Kopfe, und kehre ſo ſchleunig wie möglich nach ſeinem Auditorium zurück. Außerdem würde ich mich genöthigt ſehen, auch meine Anſprüche auf das große Erbtheil geltend zu machen, da dem Herrn Renvuard wohl erinnerlich ſein dürfte, daß ich ſeine Erziehung bis zum funfzehnten Jahre aus eig⸗ nen Mitteln beſtritten habe.“ Wie vom Blitze getroffen ſtand bei dieſen Worten der Jüngling. Dahin waren mit einem Schlage ſeine ſchönen Träume von Ruhm und Heldenlaufbahn. Daß es mit ſeinen Vermögensverhältniſſen ſo gar mißlich ſtand, hatte er nicht gewußt, denn er war nie ein Freund vom Rechnen geweſen. Er erkannte alſo das Gewichtige, was in der Rede des Vormunds lag, voll⸗ 20 kommen an. Da er aus der Aufregung Montreuil's ſchloß, derſelbe ſtehe in der Meinung, als wolle er die Rechtsgelahrtheit gänzlich mit dem Kriegerſtande ver⸗ tauſchen, ſo glaubte er, hierüber Aufklärung und Be⸗ ruhigung ertheilen zu müſſen. „Unmittelbar nach beendigtem Feldzuge,“ ſprach er,„wollte ich zu den Wiſſenſchaften zurückkehren und meine Studien beenden.“ „Kein Wort mehr über dieſe thörigte Idee,“ er⸗ wiederte der übelgelaunte Vormund;„ſchon die wider meinen Willen unternommene Reiſe hierher hätte ver⸗ dient, daß ich Euch den Aufenthalt in meinem Schloſſe verweigerte. Es mag der Ungehorſam diesmal hin⸗ gehen. Drei Tage habt Ihr Zeit, von der Reiſe aus⸗ zuruhen. Nach dieſer Friſt kehrt Ihr ſofort nach Paris zurück, oder wir haben fortan nichts weiter mit einan⸗ der zu ſchaffen.“ Der Schloßherr machte mit der Hand ein Zeichen der Entlaſſung und Camille verließ, aus allen Him⸗ meln gefallen, das unheimliche Gemach.— Während dieſer ſtrengen Unterredung zwiſchen Mont⸗ reuil und ſeinem Mündel fand ein nicht minder gereiz⸗ tes Zwiegeſpräch vor der Gärtnerwohnung zwiſchen Baptiſten und ſeinem geſtrengen Herrn Vater ſtatt. Erſtern hatten die Ankunft Camille's und deſſen krie⸗ geriſche Ideen den Kopf vollends verdreht. „Der Teufel hole das Maulwurffangen in dieſer kriegeriſchen Zeit,“ ſprach er erboſt zu ſeinem Vater, dem Ziergärtner Niklas,„ſagt ſelbſt, wo ſoll hier Ruhm herkommen und Heldenthum?“ Niklas, gleich aufgebracht, daß Baptiſt des Maul⸗ wurfs nicht habhaft geworden, obſchon er den ganzen lieben Vormittag auf dem Anſtande zugebracht, ſo wie über das kriegsluſtige, widerſpenſtiſche und empöreriſche 22 Weſen ſeines Sohnes, hob beide Hände beſchwörend gen Himmel, gleichſam als wolle er Feuer auf den ungerathenen Sprößling herabregnen laſſen. Er konnte lange vor Zorn keine Worte finden. „Herr des Himmels,“ rief er endlich,„den gan⸗ zen Vormittag und keinen Maulwurf! In meiner Jugend fing ich ſie Dutzendweiſe in einer halben Stunde—“ „Damal waren ſie auch noch nicht ſo geſcheidt wie heutzutage,“ replicirte Baptiſt,„denkt Ihr denn, daß die Maulwürfe mit der Zeit nicht fortgeſchritten ſind?“ „Schweig, Du Mißgeburt,“ fuhr der Alte eifernd fort,„und rede Dich nicht noch tiefer in den hölliſchen Pfuhl, in welchen Du ſchon bis zum Nabel verdammt biſt. Ich werde ſelbſt beim gnädigen Herrn einen Fußfall thun, ſeine Kniee umklammern und nicht eher loslaſſen, bis das Gnadenwort ſeinen Lippen entflohen iſt, welches Dich zu vier Wochen bei Waſſer und Brot in das Hundeloch verweiſt.“ Baptiſt, der die heftige Gemüthsart ſeines Vaters kannte, erſchrak ob dieſer gefährlichen Petition, zumal er in neueſter Zeit beim gnäd'gen Herrn wegen ſeiner Kriegsluſt nicht eben wohl angeſchrieben ſtand. „Was hab ich denn für ein Verbrechen begangen,“ frug er,„daß Ihr thut, als wolltet Ihr Euch und mir den Kopf abreißen?“ „Heiliger Sebaſtian,“ ſchauderte Niklas,„er iſt ſchon dermaßen vom Teufel geblendet, daß er ſein Verbrechen nicht einmal einſieht. Wie, Elendthier, iſt das nichts, einen ganzen geſchlagenen Vormittag zu vergeuden, und nicht einen lumpigen Maulwurf zu Tage zu fördern?“ „Was kann ich dafür, wenn der blinde Kerl nicht eb anbeißt,“ entſchuldigte ſich Baptiſt;„ich hab's ihm appetitlich genug gemacht.“ „O Du bethlehemitiſcher Kindesmorder,„eiferte der Alte weiter,„was wird's ſein, Du haſt nicht auf⸗ gepaßt; nichts iſt leichter, als einen Maulwurf zu fan⸗ gen, ich muß das wiſſen, dazu gehört kein Kopfzer⸗ brechen; wohl aber ein aufmerkſam Gemüth; und das haſt Du nicht mehr, weil das verwünſchte Soldaten⸗ weſen Dir im Kopfe ſpukt, doch ich will Dir die Ro⸗ ſinen ſchon austreiben, Du Sodomiter.“ „Herr Camille geht auch zur Armee,“ brummte Baptiſt in einem Tone, welcher ſeine Soldatenluſt ei⸗ nigermaßen zum Relief dienen ſollte. „Herr Camille kann machen was er will,“ ent⸗ gegnete eifrig Niklas,„der iſt ſein eigner Herr, der kann dreimal um die Erde fahren, kurz wohin er Luſt hat, es ſteht ganz bei ihm; Du biſt aber im Dienſte des Herrn von Saint Maurice und haſt keinen eigenen Willen, ſondern thuſt, was Dir befohlen wird.“ „Aber wenn das Vaterland in Noth iſt,“ meinte Baptiſt,„iſt es die Pflicht jedes Franzoſen, die Waf⸗ fen zu ergreifen, wie das vor mehrern Jahren auch der Fall war.“ „Die Zeiten ſind längſt vorbei,“ erwiederte der Alte,„und dem Himmel ſei Dank, daß ſie vorbei ſind, und auch ſobald nicht wieder kommen; denn da⸗ zumal ging Alles darunter und darüber; man glaubte weder an den lieben Gott noch an die Jungfrau Maria mehr, und Niemand war eine Stunde ſeines Lebens ſicher. Jetzt iſt das ganz anders; die Feinde Frankreichs ſind zur Raiſon gebracht und Du kannſt ruhig zu Hauſe bleiben.“ „Wenn aber mit dem Kriege Feierabend wäre,“meinte Baptiſt,„würde man nicht in ſolchem Grade rüſten.“ 24 „Das iſt Alles Deine Sorge nicht,“ beruhigte Niklas,„Du haſt ebenfalls Feinde zu bekämpfen, wo⸗ bei Du Geiſtesgegenwart, Umſicht, Ausdauer und Be⸗ harrlichkeit hinlänglich an den Tag legen kannſt, ſo daß Dich die Feinde außerhalb Frankreich vollkommen ruhig laſſen können.“ „Was,“ frug Baptiſt raſch,„Feinde ſoll ich be⸗ kämpfen? Wo ſind ſie, was ſind ſie?“ „Da ſind erſtens die Baumwanzen,“ belehrte Niklas,„die mit Oel beſtrichen ſein wollen; da ſind zweitens die Krautraupen, welche namentlich in den Stachelbeer- und Himbeergehegen ſo großen Schaden anrichten; da ſind drittens die Engerlinge, viertens die Maikäfer, fünftens endlich die Maulwürfe, gegen welche letztere Du heute einen ſo höchſt unrühmlichen Feldzug unternommen haſt.“ „Aber mit dieſem Viehzeuge iſt kein Ruhm zu erwerben,“ erwiederte Baptiſt. „Warum nicht, mein Sohn,“ ſprach der alte Gärtner, deſſen Heftigkeit ſich in der Regel ſehr bald legte und in einen ruhigen, belehrenden Ton überging; „jeder Menſch, der ſeine Pflicht mit Gewiſſenhaftig⸗ keit erfüllt, erwirbt ſich auf ſeine Art Ruhm; und oft hat der in friedlichen Geſchäften erworbene Ruhm weit größern Werth, als der auf dem Schlachtfelde erbeutete. Da will ich Dir gleich noch eine Menge Feinde herzählen, gegen welche der Menſch alle Tage, ja faſt alle Stunden zu Felde ziehen ſoll.“ „Ich auch?“ frug Baptiſt. „Wenn Du ein Menſch biſt, woran ich nicht zweifle, allerdings,“ erwiederte der Vater. „Ei, auf dieſe Feinde bin ich begierig!“ rief der junge Gärtner ordentlich kampfluſtig. „Dieſe Feinde ſind,“ begann Niklas,„der Haß, der Neid, der Stolz, die Habſucht, der Ehrgeiz, der Zorn, die Rachſucht, die Verläumdung, die Schadenfreude und wie die böſen Geſellen alle heißen. Wer ſie alle be⸗ ſiegt hat, was, ich gebe es zu, ſehr ſchwer hält, kann erſt wahrhaften Anſpruch auf den Namen eines Chriſten machen. Sein Ruhm ſteht dann bei Gott höher, als der Ruhm manches Kriegshelden; höher als ſelbſt der Ruhm des großen Bonaparte, welcher zwar ganz Italien beſiegt hat, aber ſeines Jähzorns zum Beiſpiel noch nicht Meiſter geworden ſein ſoll.“ Baptiſt war mit den unſichtbaren Feinden, welche ſein Vater aufgezählt hatte, keineswegs zufrieden. Nach ſeiner unmaßgeblichen Meinung mußte ein recht⸗ ſchaffener Feind wenigſtens Arme und Beine haben, die man entzweiſchlagen konnte. Ein rothröckiger Engländer, gegen den er hätte marſchiren und auf den er nöthigenfalls hätte ſchießen können, wäre ihm daher weit lieber geweſen, als jene unſichtbare Schaar, der mit der Fauſt gar nicht beizukommen war. Indeß vermied er, ſeine Geringſchätzung gegen die ihm vom Herrn Vater aufgezählten Feinde laut werden zu laſſen, um den Alten nicht von Neuem zu erbittern und auf den Fußfall und die Petition zu⸗ rückzubringen. Er nahm geduldig die guten Lehren in Empfang, die ihm Niklas in Betreff der Maul⸗ wurfjägerei ziemlich umfangreich ertheilt hatte. Bei weitem ſchwerer, als Baptiſt in Betreff der Conferenz mit ſeinem Vater, erholte ſich Camille von der Audienz, die er bei Herrn von Montreuil, ſeinem geſtrengen Herrn Vormunde, gehabt hatte. Der Ge⸗ danke an ſeine beſchränkten Vermögensumſtände drückte ihn in mehr denn einer Hinſicht darnieder. Erſtens mußte er aufſeinen Feldzugsplan verzichten, vonwelchem er ſich ſo viel Ruhm verſprochen, und alsdann hatte er 26 auch in Paris Schulden hinterlaſſen, die ihm mit der Zeit große Verlegenheit bereiten konnten. Zwar waren dieſe Schulden in der edelſten Abſicht contrahirt wor⸗ den, aber wenn der Vormund davon erfuhr, ſo ſtand zu befürchten, daß er ſie nicht nur nicht bezahlte, ſondern auch ſeine Hand gänzlich von ſeinem Mündel abzog. In der trübſten Stimmung ſchritt er daher nach der Unterredung im Schloſſe über den düſtern Hof von Saint Maurice. Es trieb ihn hinab in den Park, in die Einſamkeit; vielleicht, daß ihm in den ſtillen, grünen, ſchattenreichen Gängen, die er noch aus der Knabenzeit her kannte, wieder wohl wurde. Seine Bruſt ward von den ſeltſamſten Ge⸗ fühlen bewegt. Wenn er auf der einen Seite auch ſeine ſchönſten Hoffnungen zu Grabe tragen mußte und deshalb eine tiefe Wehmuth ſich ſeiner bemäch⸗ übte auf der andern das Bild der engelſchönen Couſine, das ſtill verklärt in ſeinem Herzen ruhte, ſo wohlthuend auf ſeine Stimmung, daß er ſich über den Zuſtand ſeines Gemüths ſchlechterdings nicht klare Rechenſchaft zu geben vermochte. Ganz in ſeine innere Welt verſunken, wandelte er wie träumend die blühenden Gänge entlang, abgeſchie⸗ den von der Welt und ihrem eiteln Treiben; im dun⸗ keln Laube ſangen einſame Vögel; rings athmete tiefe Ruhe; nur von Zeit zu Zeit klang Glockenton aus dem im Thale gelegnen Dörfchen Saint Maurice. Camille erinnerte ſich an manches der ehemaligen Lieblings⸗ plätzchen; da ſtand noch hier und da ein Baum, die belaubten Aeſte weit umher breitend, unter welchen er ſich entſann, oft als Knabe geruht, geträumt und mit der kleinen Clemenee, ſeiner„kleinen Frau,“ wie er ſie damals nannte, geſpielt zu haben. Er begriff nicht, wie wenige Jahre hinreichend wären, eine ſo große 27 Veränderung und Vervollkommnung bei einem Mädchen hervorzubringen. Elemence war ein wilder Springins⸗ feld, als er ſie vor ſechs Jahren verließ, und jetzt glich ſie einer ſchönen ſtillen Heiligen. Wenn er bedachte, wie er dieſe weißen zarten Glieder ſo oft in jugend⸗ lichem Tanze auf der Wieſe umſchlungen, ja wie er ſelbſt einmal im wilden Knabentrotze die„kleine Frau“ geſchlagen, kam er ſich ordentlich wie ein Miſſethäter vor. Vergebens ſuchte der Jüngling nach einer uralten Ulme am äußerſten Ende des Parks, von der er ſich ziemlich deutlich erinnerte, einſt am Johannistage ein gedoppeltes„C“ eingeſchnitten zu haben. Der ehr⸗ würdige Baum war aber nicht mehr zu finden; nur ein alter Stumpf bezeichnete die Stelle, wo er einſt geſtanden, und lehrte, daß auch ein Stamm, der meh⸗ rern Jahrhunderten getrotzt, endlich dem Looſe alles Ir⸗ diſchen unterliegen muß. Wahrſcheinlich hatte ein hef⸗ tiger Winterſturm die majeſtätiſche Krone zum Falle ge⸗ bracht. Dagegen hatte ſich die Jelängerjelieberlaube, die nicht weit davon gelegen war, in ihrer reizenden Einſamkeit vollkommen erhalten. Sie war nur dich⸗ ter geworden denn ehedem, wo zu beiden Seiten noch Stücke vom blauen Himmel hereinſchauten. Türki⸗ ſcher Flieder, Jasmin und Jelängerjelteber hatten das hölzerne Geſtell der Laube ſo dicht umwuchert, daß man auf der kleinen Breterbank im Innern wie in einem blühenden Dome ſaß. Reich waren die innern und äußern Wände mit dunkeln, violetten Blüthentrau⸗ ben behangen, und die weißen Sterne des Jasmins leuchteten duftend aller Orten aus dem Blättergrün. Camille konnte ſich nicht enthalten, auf der Bank, wo er ſo oft neben Clemence, wenn ſie die Blumen, die er ihr als aufmerkſamer Ehegemahl gepflückt hatte, in Kränze wand, geſeſſen hatte, Platz zu nehmen. 28 Der Duft der Blüthen zog aromatiſch durch die Luft. Auf der einfachen Bank ruhte ſich's wie im Paradieſe. Camille ſchloß träumeriſch die Augen und ſeine ganze roſenvolle Jugend, in welcher Elemence's Bild engel⸗ haft ſchwebte, zog wie eine ſelige Fata Morgana ſei⸗ nem Innern vorüber. Von dieſen zauberhaften Er⸗ innerungen eingewiegt, neigte ſich endlich ſein Haupt auf die Bruſt, und er entſchlummerte. Aber der Traum, der ihn jetzt umfing, war nichts weniger als erquickend. Dunkles Gewölk hatte den Himmel vom Aufgang bis zum Niedergange umzogen. Wild wogte der Sturm durch den öden Raum; unheimliche Geſtalten von übermenſchlicher Größe unſchlichen ihn. Von Zeit zu Zeit aber trat ein Stern in Metevrenſchöne erleuch⸗ tend und erfreuend aus dem Nachthimmel hervor und zog den Träumenden magnetiſch nach ſich. Ferne, nie geſehne Lande thaten ſich auf. Plötzlich fiel der er⸗ ſchreckte Blick in weiße, geiſterbleiche Wüſten, aus wel⸗ chen uralte Bauwerke zu den Wolken ſtiegen. Unter den einzelnen Palmengruppen waren ſchwarzbraune, phan⸗ taſtiſch gekleidete Männer gelagert, welche ſogleich, als ſie den Fremdling gewahrten, ihre vergifteten Pfeile auf ihn abſchoſſen. Ueberall Kampf und Drang, Blut und Flammen. Ein ſchauerlich granſes Nachtſtück. Die Ge⸗ fahren, die ihn umringten, waren zahllos; aber im⸗ mer ſchien es, als ob ein heiliger Engel mit ſchützen⸗ dem Schilde ihm zur Se t ſtehe. Selbſt als rothes Blut dem Herzen entſtrömte, legte ſich eine Hand leiſe auf die Wunde und heilte ſie. Urplötzlich befand ſich der Träumende wieder an der Seite Clemence's und eilte mit ihr über blumige Wieſen; aber unaufhaltſam ringelte ſich dem glücklichen Paare eine graue Schlange nach, aus deren erhobenem Kopfe eine rothe ſtechende Flamme züngelte. Schon hatte das unheimliche Ge⸗ würm die Ferſe der Dahinfliehenden erreicht und ſtand im Begriff ihr Gift zu verſpritzen, als wieder der unbe⸗ kannte Engel dazwiſchen trat und die Todeswunde in Empfang nahm. Camille und Elemence waren gerettet, denn die Schlange vermochte ihnen jetzt nicht weiter zu ſchaden. Sie ſchien ſelbſt verwundet, wand ſich ſchmerz⸗ voll in endloſen Ringen und verhauchte die giftige Seele, die einer rothgelben Flamme vergleichbar in die Erde fuhr. Von nun an ward der Traum ſtill und gol⸗ den, und umgaukelte noch lange den ſelig Träumenden. Während aber Camille ſchlief, ward plötzlich ein wunderſchöner Knabe mit reizendem Mädchenantlitz und langen dunkeln Locken ſichtbar, der leiſe und unhörbat hinter einem blühenden Schneeballenbeete hervortrat und vorſichtig überall umherſchaute, um nicht entdeckt zu werden. Dann näherte er ſich dem Träumenden, betrachtete ihn eine Zeitlang mit einem liebreizenden Lächeln, ſchlich näher, hauchte einen Kuß auf ſeine Locken und ſchob ihm leiſe und behutſam ein Papier in die nach⸗ läſſig herabhängende Hand. Nachdem der ſchöne Knabe nochmals den Blick lange, lange auf dem Schläfer hatte ruhen laſſen, entfernte er ſich langſam, geräuſch⸗ los und verſchwand wieder im Gebüſche. Nach einiger Zeit erwachte Camille aus ſeinem ſüßen Traume. Er ſchlug die Augen auf und wußte im erſten Augenblicke nicht wo er ſich ſo eigentlich befinde. Erſt allmälig kehrten Bewußtſein und Erin⸗ nerung zurück und ſeine Blicke fielen auch auf das Papier, das er in der Hand hielt. Mit dem größten Erſtaunen betrachtete er die ſauber gefaltete Zuſchrift, auf welcher ſeine Adreſſe nicht deutlicher geſchrieben ſtehen konnte.„ Herrn Camille Ren ouard, Student der Rechte. Wohnhaft zu Paris. Quartier latin. 30 Rue Saint Jacob No. 9. Im dritten Stock. Dermalen ſich aufhaltend im Departement der Dröme, auf dem Schloſſe Saint Maurice, in der Nähe von Montelimart.“ Dies konnte allerdings in allen fünf Welttheilen Niemand anders als er ſelbſt ſein. Der übliche Poſt⸗ ſtempel war übrigens nicht auf dem Briefe zu ent⸗ decken, ſo wie Siegel und Handſchrift ihm völlig un⸗ bekannt waren. Camille wog den Brief eine geraume Zeit in der Hand, bevor er den Entſchluß faßte, ihn zu öffnen. Die ganze Art und Weiſe, wie er zu dem Schreiben gekommen, war ihm ſo räthſelhaft, daß er die Zuſchrift ordentlich mit einer Art Scheu betrachtete. Er zerar⸗ beitete ſich das Gehirn, wer wohl Schreiber und geheim⸗ nißvoller Ueberbringer ſein könne, ohne ein befriedi⸗ gendes Reſultat zu erlangen. Da ihm hierüber ein⸗ zig und allein der Inhalt des Schreibens ſelbſt Aus⸗ kunft ertheilen konnte, ſo öffnete er endlich daſſelbe mit Sorgfalt, vhne das Siegel zu verletzen, und las folgende Worte: „Empfanget beikommende Summe als Beiſteuer „für den bevorſtehenden Seefeldzug. Bedienet Euch „derſelben ohne den geringſten Serupel. Niemand „hat gerechtern Anſpruch darauf, als Ihr ſelbſt. „Dies iſt die Bitte, womit unterzeichnet der Ueberſender.“ Dieſen Zeilen lag eine Anweiſung auß fünftauſend Franken an ein bekanntes Handelshaus in Toulon bei. Die ganze Sache kam dem jungen Renouard zu märchenhaft vor, als daß er ihr im Geringſten hätte Glauben beimeſſen können. Er lebte der feſten Ueber⸗ zeugung, daß ſich Jemand mit ihm einen Scherz er⸗ laubt habe; nur begriff er nicht, wer das ſpaßhafte Individuum in Saint Maurice, wo er fremd gewor⸗ 31 den war, ſein könne. Er ließ die geſammte ihm be⸗ kannte Schloßbewohnerſchaft die Revue paſſiren. Herr von Montreuil in ſeiner Mißſtimmung war gewiß am wenigſten aufgelegt, dergleichen Spaß mit ihm zu trei⸗ ben; auch würde ein ſolcher Scherz gänzlich außerhalb dem Bereiche ſeiner Würde gelegen haben. Faſt hätte ihn die räthſelhafte Art, wie er zu dem Briefe ge⸗ kommen, auf die Vermuthung führen können, daß eine weibliche Hand dabei im Spiele ſei; aber ſollte die ſo mädchenhafte ſchüchterne Clemence ihre Einwilligung zu einem ſolchen Scherze gegeben haben, der, da er die Vermögensumſtände Camilles betraf, keineswegs zu den zarten gerechnet werden konnte? Daß übrigens der Brief aus der nächſten Nähe herrührte, ging un⸗ leugbar daraus hervor, weil ihm jedes Poſtzeichen mangelte. Wäre er vielleicht von Paris datirt gewe⸗ ſen, ſo war die Sache weniger ſchwer zu erklären; un⸗ fehlbar hätte ſich dann einer der jugendlichen Co⸗ militonen Camille's einen Scherz erlaubt. Der Inhalt der angeführten Zeilen war eben ſo geheimnißvoll und räthſelhaft, als die Art der Ueber⸗ bringung. Wie ſollte er gerechten Anſpruch auf eine Summe haben, die faſt ein Drittheil ſeines väterli⸗ chen Erbtheils betrug? Ferner ſollte er ſich keine Serupel machen und ſich ihrer getroſt bedienen! Es ſchien Camillen nur gewiß, daß Alles auf eine My⸗ ſtificativn hinauslaufe. Er würde daher nicht verfehlt haben, Zuſchrift und Wechſel zu vernichten, wenn er nicht vermittelſt dieſer Doeumente gehofft hätte, dem Briefſteller ſelbſt über kurz oder lang auf die Spur zu kommen. Er war aufgeſtanden und durchſtreifte den Park nach allen Richtungen, in Gedanken noch immer mit dem im Schlafe erhaltenen Briefe beſchäftigt, als er dem ehrlichen Jaques begegnete, der von Montreuil abge— ſchickt, ihn zum Mittageſſen einlud. Camille, welchem ein einfach Mahl bei irgend ei⸗ nem Landmanne gewiß lieber geweſen wäre, als bei dem ſtolzen und geſtrengen Vormunde, glaubte gleich⸗ wohl denſelben nicht noch mehr erzürnen zu dürfen und leiſtete der Aufforderung auf der Stelle Folge. Auch theilte er im Geheimen die Hoffnung, bei der Mittags⸗ tafel mit Clemence zuſammen zu treffen, welches ſchöne Mädchen einen ſo tiefen Eindruck auf ſein Herz ge— macht hatte. Herr von Montreuil ſeinerſeits ſchien eingeſehen zu haben, daß er den Mündel bei der erſten Zuſam⸗ menkunft nach mehreren Jahren doch etwas zu hart angelaſſen habe. Er trat daher dem Jünglinge, ſo wie dieſer im Speiſeſaal erſchien, ein paar Schritte entgegen und ſtellte ihn dem gleichfalls anweſenden Chevalier vor. Zugleich erklärte er Camille, daß es mit ſeiner frühern Rede wegen der drei Tage nicht ſo ernſtlich gemeint geweſen. Da er ſich einmal zu Saint Maurice befinde, könne er ſeinen Aufenthalt verlängern ſo lange es ihm beliebe, vorausgeſetzt, daß ſeine Studien nicht zu ſehr darunter litten, was er ſeinem eignen Ermeſſen anheimſtelle. Auf den Chevalier machte die Erſcheinung des blü⸗ henden Jünglings keineswegs einen angenehmen Ein⸗ druck, obſchon davon in dem Mienenſpiele des gewandten Weltmannes nicht das Geringſte zu entdecken war. Sein inneres Mißbehagen legte ſich jedoch bedeutend, als er von Camille's Kriegsluſt Kunde erhielt. „Ihr ſeht da wieder ein Beiſpiel,“ ſprach Mont⸗ reuil zu Lacoſte, indem er auf Renouard zeigte,„wie die großen Rüſtungen dem ganzen jungen Frankreich die Köpfe verdreht und ſelbſt die Studirenden aus 33 ihrem Fleiße aufgeſchreckt haben. Ich halte es bei meinem Mündel für ein wahres Glück, daß ſeine Glücks⸗ güter nicht von dem Umfange ſind, ein vielleicht mehr⸗ jähriges Interregnum als Volontair durchzumachen. Wie leicht, daß er ſeinem wahren Berufe, den Wiſſen⸗ ſchaften, auf welche er bereits ſo viel Zeit, Arbeit und Geld verwandt, ganz untreu würde oder gar ſeinen frühzeitigen Untergang fände.“ Lacoſte war nicht der Meinung des Schloßherrn. Er behauptete, daß für einen jungen Mann nichts bil⸗ dender ſei, als ein Feldzug. Nicht nur, daß ſich der Körper an mannichfache Strapazen und Entbehrungen gewöhne, ſo werde auch dem Geiſte reiche Nahrung geboten. Die Zeit, welche dem wiſſenſchaftlichen Stu⸗ dien verloren gehe, werde doppelt durch Erlangung von Erfahrung und Lebensweisheit erſetzt. Wiewohl ſich der Chevalier durch ſolche Rede bei Camille ſehr in Gunſt ſetzte, ſo konnte Letzterer doch kein rechtes Vertrauen zu ihm faſſen. Der Mann hatte bei aller Politur und Artigkeit etwas Verſtecktes, was den unverdorbenen Jüngling nicht eben anzog. Das Geſpräch ward plötzlich durch das Erſcheinen des Fräuleins von Montreuil unterbrochen, welches ei⸗ nem Engel gleich daherſchwebte und mit reizender Anmuth zur Tafel einlud, an der ſie ſelbſt mit Platz nahm. Ein einziger Blick von Seiten des Chevaliers auf Clemence beſagte ihm, daß ſie heut gewählter geklei⸗ det gehe, als die ganze Zeit daher. Glänzend weißer Atlas umſchloß den ſchlanken Wuchs, während die zier⸗ lich geflochtenen Zöpfe zeigten, daß auf die Kopftvilette nicht geringere Sorgfalt war verwendet worden. Wie ein Geier ſchoß ſogleich die Eiferſucht nach dem Herzen Lacoſte's. Er erkannte auf der Stelle in dem jungen Renouard den gefährlichen Nebenbuhler. Stolle, ſämmtl. Schriften. II. 3 34 Dieſe Entdeckung und der Entſchluß, den Jüngling zu vernichten, war das Werk eines Moments. Er nahm daher, wie ſchwer es ihm wurde, ein wo mög⸗ lich noch freundlicheres Weſen gegen Camille an, deſ⸗ ſen Kriegsluſt er zur lodernden Flamme anzufachen bemüht war. Die Rede kam bald wieder auf die großartigen Rüſtungen und wie die Augen von ganz Europa auf die Flotte von Toulon und den ſiegge⸗ krönten Helden, welcher an der Spitze der Expedition ſtehe, gerichtet ſeien. „Es iſt nur zu gewiß,“ ſprach der Chevalier, „daß dem bevorſtehenden Seeunternehmen eine welt⸗ geſchichtliche Miſſion zum Grunde liegt, und ich kann in der That jeden jungen Mann von Kopf und Herz nur bedauern, wenn er von ungünſtigen Verhältniſſen abgehalten wird, an der Weltfahrt Theil zu nehmen.“ „Verdreht doch meinem Mündel den Kopf nicht noch mehr, als er es ſchon iſt,“ rügte Montreuil, „Ihr ſeht ja, daß er ſchon vollkommen in Feuer und Flammen ſteht.“ Wirklich hingen auch Camille's Blicke leuchtend an des Chevaliers Munde, ſo daß ſelbſt die ſchöne Clemence ſich von dem patriotiſchen und kriegsluſtigen Vetter etwas vernachläſſigt fühlen mußte. Lacoſte ſpielte jetzt den theilnehmenden Freund von Renouard's Mißgeſchick. „Es iſt wirklich grauſam,“ ſprach er,„daß an dem Metall oft unſere ſchönſten Wünſche ſcheitern.“ „In unſerer ſublunariſchen Welt iſt das nun ein⸗ mal nicht anders,“ erwiederte der Schloßherr;„ein vernünftiger Mann muß ſich in das Unmögliche zu ſchicken wiſſen.“ Zugleich forderte er, um dem Geſpräch eine an⸗ dere Richtung zu geben, ſeinen Mündel auf, Einiges — über den gegenwärtigen Zuſtand von Paris mitzu⸗ theilen. Camille kam dieſem Verlangen mit vieler Bereit⸗ willigkeit entgegen und ſchilderte hauptſächlich den au⸗ ßerordentlichen Enthuſiasmus, welchen die Siege Bo⸗ naparte's in Italien hervorgebracht hätten, wodurch die beiden royaliſtiſchen Zuhörer allerdings wenig er⸗ baut wurden, während Clemence lebhaftes Intereſſe an der lebendigen Schilderung nahm. Lacoſte, der jeden von des Mädcheus Blicken, die von Zeit zu Zeit nicht ohne Wohlgefallen zu dem be⸗ redten Erzähler aufſchauten, mit der Angſt und Em⸗ ſigkeit eines Spions bewachte, wollte im Innern ver— zweifeln vor Eiferſucht und Neid und er ergriff wie⸗ derholt die Gelegenheit, die Mittheilungen Camille's zu unterbrechen und ſich des Amts eines Erzählers zu bemächtigen. Da er unmittelbar vor dem Ausbruche der Revolution am Hofe Ludwigs des Sechzehnten ge⸗ lebt hatte, ſo war er ſehr vertraut mit den Sitten und Gebräuchen der damaligen Zeit; auch fehlte es ihm nicht an einem reichen Schatze von Anecdoten über die damaligen Helden und Heldinnen des Tages. Sein Vortrag war elegant und hörte ſich ganz angenehm an. Wie aus dem Buche der Tauſend und eine Nacht be⸗ ſchrieb er die ehemaligen glänzenden Hoffeſte in den Tuillerien, zu Verſailles und Trianon. Ueber den da⸗ maligen guten Ton, die feine Sitte, die Courtviſie, worin der Hof zu Verſailles allen Höfen Europa's voranging, ſprach er mit einem ſolchen Aufwand von Geiſt und Wärme, daß man hätte glauben ſollen, die gegenwärtige Welt und namentlich die höhere Geſell⸗ ſchaft derſelben lebe in vollkommener Barbarei. Renvuard, ein Kind der Revolution und groß ge⸗ ſäugt in den Ideen der neuen Zeit, welchem überdies 35 36 der Wein das Herz etwas auf die Zunge verſetzt hatte, ließ ſich durch den weichen, ſeidenen Talar, den La⸗ coſte mit vielem Geſchick über die ſogenannte„gute alte Zeit“ gebreitet hatte, nicht täuſchen, ſondern zerriß ihn ziemlich ungenirt, indem er mit Feuer die innere geiſtige und ſittliche Verderbniß jenes alterthümlichen Gebäudes des Staats⸗ und höhern Geſellſchaftslebens nachwies, welches der Revolution verdientermaßen als Opfer gefallen ſei. Jemehr indeß Camille in's Feuer gerieth und die Rechte des ſouverainen Volkes gegen einen übermüthi⸗ gen Adel, einen verſchwenderiſchen Hof und eine ſitten⸗ loſe Geiſtlichkeit vertheidigte, deſto ernſter furchte ſich die Stirn des bourboniſtiſchen Vormunds. Er machte ſeines Mündels republikaniſcher Beredtſamkeit mit einem Male ein Ende, indem er die Tafel ſchnell aufhob. Clemence hatte zu des Chevaliers Ingrimm in der letzten Zeit faſt kein Auge von dem begeiſterten Sprecher verwandt. Obſchon das Mädchen von den politiſchen Reden Vieles nicht verſtand, ſo ſchien ſie doch nichts⸗ deſtoweniger die Wahrheit innig zu fühlen, von wel⸗ cher Renouard begeiſtert war. Clemence pflichtete daher in ihrem Herzen dem Vetter weit mehr bei als dem Lacvſte, obſchon dieſer glatter und gewählter über die ehemaligen franzöſiſchen Zuſtände geſprochen hatte. Letzterer, dem die Gefühle des Fräulein von Mont⸗ reuil nicht unbekannt geblieben ſchienen, ſtand daher mit dem feſten Vorſatze von der Tafel auf: den ge⸗ fährlichen Nebenbuhler, es koſte, was es wolle, mit ſich zu Schiffe zu nehmen, ihn nie aus den Augen zu laſſen und bei paſſender Gelegenheit für immer un⸗ ſchädlich zu machen. 3weites Rapitel. Auf der ſtaubigen Chauſſee, welche ſich zwiſchen den Gebirgen Eſterelle und Maures von dem Flecken Saint Maximin nach dem freundlichen, wegen ſeiner Pflaumen berühmten Städtchen Brignole dahinzieht, bewegte ſich langſam und holpernd ein ſeltſames Fuhr⸗ werk. Daſſelbe war mit einem eben ſo faulen als ſtörriſchen Mauleſel beſpannt, der nur durch das fort⸗ währende Antreiben des nebenherſchreitenden Treibers in Bewegung erhalten werden konnte. Auf dem Wa⸗ gen ſelbſt, der zwar einfach, aber im gleichen Grade unbequem conſtruirt war und mit einem ſogenannten „Holſteiner“ verglichen werden mußte, ragte ungefähr in der Mitte deſſelben, auf einem mit Roßhaar beſchla⸗ genen Koffer reitend, eine lange, dürre Geſtalt empor, in deren Geſichtszügen ſich keineswegs anmuthige Ge⸗ müthszuſtände wiederſpiegelten. Kleidung und Kopf⸗ toilette des Kofferreiters betreffend, ſo ſchien die fran⸗ zöſiſche Revolution ſpurlos über ſie dahingegangen zu ſein, denn Schnitt, Knöpfe und Kragen des kaffee⸗ braunen Rocks gehörten in die Zeiten Ludwigs des Vierzehnten, während auf ſeinem Kopfe eine dunkelrothe Stutzperrücke à la Crillon ſich erhalten hatte. Rings um ihn ſtiegen hohe Bollwerke von Kiſten, Schachteln 38 und Futteralen aller Art empor, die bei der ungeſchick⸗ ten Verpackung und dem ſchlechtgebauten, windflüglichen Fuhrwerke wie ein Mühlwerk ein ununterbrochenes Geklapper unterhielten. Durch dieſes eintönige Geräuſch ward aber die ängſtlich beſorgte Aufmerkſamkeit der rothen Perrücke in ſteter Erregbarkeit erhalten. Die Geſichtsmuskeln des Dahinfahrenden waren einer ſteten Beweglichkeit unterworfen und drückten ab⸗ wechſelnd Vorſicht, Beſorgniß, Furcht und Mißbehagen aus. Bald wurde ihm das Geklapper in irgend einer Gegend des Schachtelbollwerks zu bedenklich, ſo daß er auf die Befürchtung gerieth, es könne ein Band zer⸗ riſſen oder ein Deckel geſprungen ſein. Er ertheilte dann ſofort dem Mauleſeltreiber den dringlichen Befehl, das Thier zum Stillſtehen zu bringen. Letzteres war ohne große Schwierigkeit zu bewerkſtelligen. Nun ent⸗ ſtand ein ſorgfältiges Forſchen, um der ſchadhaft gewor⸗ denen Stelle auf die Spur zu kommen. Die locker gewordene Schachtel, welche das ungewöhnliche Geräuſch verurſacht hatte, ward feſter geſchnallt, die andern wie⸗ derholt viſitirt; und erſt nachdem Alles in die alte Ord⸗ nung gebracht, die Ordre zum Weiterfahren gegeben. Nun regnete es erſt eine Zeitlang Schläge von Seiten des jungen Mannes, der das Amt eines Treibers ver⸗ richtete, bevor der Eſel, der nach jedem Aufenthalt in eine beiſpielloſe Lethargie verſank, nur gerathen fand, mit einem Ohre zu zucken. Ehe er ſich von Neuem in Bewegung ſetzte, bedurfte es ſtets eines anſehnlichen Zeitraums. Das träge Thier glich einem Brunnen, deſ⸗ ſen Röhre ſchadhaft geworden, und wo man lange ver⸗ geblich pumpen muß, ehe Waſſer kommt. Bald wieder ſchaute der Schachtelherr beſorgt nach dem Himmel, ob auch kein Regen drohe, und erkundigte ſich bei dem Treiber, ob nicht etwa die graue Plane im letzten Nacht⸗ * 39 quartiere vergeſſen worden ſei. War er hinſichtlich des Regens und der ſchützenden Plane beruhigt, drehte er wohl den Kopf und ſchaute geſtreckten Halſes über das im Rücken thronende Bollwerk, ob nicht etwa rohes Kriegsvolk im Anzuge ſei, das ihn während der Reiſe ſchon ſo oft beläſtigt hatte. War die Straße rückwärts, ſo weit er ſehen konnte, leer und vor der Hand nichts zu beſorgen, ſo obſervirte er in derſelben Hinſicht die Gegend im Vordergrunde. Wie leicht konnte ſich hier oder da ein marodes Piket verſpätet haben! Wie ge⸗ ſagt, unſerm Reiſenden war nichts ſo zuwider, als jene ſpottluſtige Soldateska, von der in damaliger Zeit alle Straßen des ſüdlichen Frankreichs überfüllt waren. Zu dieſen ſteten Beſorglichkeiten geſellte ſich auch noch der Uebelſtand, daß der Sitz des Wagenherrn nicht zu den bequemſten gehörte. Erſtens war er hart, als⸗ dann zu niedrig, ſo daß der darauf Reitende die Füße nicht auszuſtrecken vermochte, und drittens tauchte er bei jeder Bewegung des Fuhrwerks rückſichtslos auf und nieder. „Colas,“ mahnte nach einiger Zeit der Auf⸗ und Niederſteigende,„halt' einmal an; das geht ſo länger nicht. Ich werde vom Reiten abſtehen und auf dem Koffer lieber die ſitzende Stellung einnehmen.“ „Aber ich habe Euch nun, Herr Laroſine,“ erwie⸗ derte ärgerlich der Angerufene, während er den Eſel zum Stehen brachte,„bereits zwanzigmal wenigſtens erklärt, daß ich nicht Colas heiße, ſondern Baptiſte Perrin, und der Gärtnersſohn aus Saint Maurice im Departement der Dröme bin.“ „Mein Gott, mein Sohn,“ verſetzte der Kofferreiter in unzufriedenem Tone,„Dein Gedächtniß muß ſich in einem wahrhaft verwahrloſten Zuſtande befinden; wie viele Male werd' ich Dir wiederholen müſſen, daß ich mich nicht Laroſine ſchreibe, ſondern Larvſſoſſinier, Pro⸗ 40 feſſor der Alterthumswiſſenſchaften, ſowie auch Doctor der freien Künſte zu Paris, in der Gelehrtenwelt weit und breit ehrenvoll bekannt.“ „Laroſſ⸗roſſ⸗oſſ— das bring' ich nicht heraus,“ geſtand Baptiſt. „Iſt allerdings ein Fall,“ reflectirte der Profeſſor, „der mich Wunder nimmt und als bemerkenswerthes Phänomen zu betrachten iſt. Du mußt wiſſen, Colas—“ „Baptiſt,“ corrigirte der Wagenlenker.— „Baptiſt, wollt' ich ſagen, daß ſich die Provengalen und die Bewohner der Dauphiné, unter allen franzö⸗ ſiſchen Stämmen, der größten Zungenvolubilität zu erfreuen haben, ſo daß es ihnen ein Leichtes iſt, die ſchwerſten Worte ohne Anſtrengung auszuſprechen. Ich kann daher unmöglich glauben, daß Dein guter Vater und Deine Mutter in der Dauphiné geboren wurden. Wahr⸗ ſcheinlich ſind ſie aus der Normandie eingewandert, wo der Zungenhalter von Natur weiter vorgerückt iſt, als in den ſüdlichen Provinzen.“ „Nein,“ verſetzte Baptiſt,„mein Vater und meine Mutter ſind in Saint Maurice geboren, das weiß ich ganz genau.“ „Sonderbar, höchſt ſonderbar,“ verſetzte der Pro⸗ feſſor kopfſchüttelnd,„dann dürften aber unbeſtritten die Großältern, väterlicher wie mütterlicher Seits, vom Norden abſtammen.“ „Auch mein Großvater,“ erwiederte Baptiſt,„deſ⸗ ſen ich mich noch recht wohl zu entſinnen vermag, ſtammte aus Saint Maurice und war mit einer Bäne⸗ rin aus Languedoe verheirathet.“* „Aus Languedve!“— rief der Profeſſor in Exteſe, „Colas— wollt' ich ſagen— Baptiſt, Du biſt wahr⸗ haftig ein anthropologiſches Phänomen. Du wirſt mir Deine Ausſage zu Protokoll geben, ſobald wir Toulon 41 erreicht haben, wo ich mehrere meiner Herren Collegen zu treffen hoffe. Der Fall iſt zu merkwürdig. Er wirft die unlängſt im Druck erſchienene Abhandlung des Herrn Quatremère über Galliens ſüdliche Stämme in ſprachlicher Hinſicht total über den Haufen.“ Baptiſt, welcher nicht begriff, warum er deshalb, weil er den Namen des Profeſſors nicht gut auszu⸗ ſprechen vermochte, eine ſo wichtige Perſon ſein ſollte, glaubte der Sache genauer nachſpüren zu müſſen und erkundigte ſich vor allen Dingen, weshalb ihn der Herr Profeſſor fortwährend„Cvlas“ benenne. „Ach,“ erwiederte trauernd Herr Larvſſoſſinier, „nenne mir dieſen Namen nicht, Col— wollte ſagen— Baptiſt: der Undankbare! mich zu verlaſſen fern von Paris, allen Widerwärtigkeiten einer mühſeligen Reiſe preisgegeben, nachdem er fünf Jahre lang eine ein⸗ trägliche Famulatur bei mir genoſſen! Es iſt himmel⸗ ſchreiend.“ „Warum verließ er Euch denn?“ frug Baptiſt. „Die Götter wiſſen es,“ verſetzte der Profeſſor; „die Beſchwerden der Reiſe ſtanden ihm nicht an und in Paris ſchwur er doch, mir über die Meere zu fol⸗ gen. Nun iſt mir die Beaufſichtigung der Inſtrumente und Sammlungen allein überlaſſen und dieſe erfordern ſolche Aecurateſſe! O Colas, Cvlas, ſp an Deinem Herrn und Meiſter zu handeln! Wenn ich nicht irre, klappert's da ſchon wieder in einer der vordern Kiſten und zwar recht gefährlich. Mein Gott, es werden doch nicht die Compaſſe ſein! ſie ſind ſo leicht ver⸗ letzba Laß den Eſel ja keinen Schritt weiter thun, Col— Baptiſt, bevor ich nachgeſehen.“ „O der ſteht ſchon, als wär'er in Stein gehauen,“ beruhigte Baptiſt. Nachdem ſich Laroſſoſſinier überzengt, daß die Com⸗ 42 vaſſe noch im unverletzten Zuſtande, kam er wieder auf den nach Paris zurückgekehrten Colas zu ſprechen. „Ich habe mich ſo an den Undankbaren gewöhnt,“ fuhr er fort,„daß mir ſein Name unwillkürlich auf den Lippen ſchwebt. Ich begreife nicht, wie das wer⸗ den ſoll. Niemand verſtand mit meinen Inſtrumenten beſſer umzugehen, wie es Colas verſtand; Niemand ſie ſo gut zu reinigen und aufzubewahren, wie er. Du, mein Sohn, weißt wohl mit dem Eſel umzugehen; aber ich bezweifle, ob Du mir je die Stelle erſetzen dürfteſt, die durch Colas erledigt worden iſt.“ „Auch werdet Ihr Euch entſinnen,“ erwiederte Baptiſt,„als Ihr im Dorfe Laſalle, eine Tagereiſe von Saint Maurice, mich in Eure Dienſte nahmet, daß ich mich blos bis zur Ankunft in Toulon Euch verpflichtet habe. Sobald wir das Stadtthor paſſirt haben, bin ich ein freier Mann.“ „Ganz recht,“ erwiederte Läroſſoſſinier;„hoffen wir zu Gott, daß ſich in Toulon ein anderweitiger Famulus auffinden läßt.“ „Solche Leute gibt's an allen Orten,“ tröſtete Baptiſt. „Du ſprichſt, wie Du's verſtehſt, Colas, wollt' ich ſagen, Baptiſt; einen Famulus wie meinen Cvlas be⸗ komme ich ſo leicht nicht wieder. Stell Dir das Of⸗ ficium eines Famuli bei einem Gelehrten nicht zu leicht vor, mein Sohn; da gehört Wiſſenſchaft dazu, die Dir gänzlich abzugehen ſcheint.“ „Ich habe mich nie mit den Wiſſenſchaften befaßt,“ geſtand Baptiſt,„die Gärtnerei ausgenommen.“ „Die Gärtnerei gehört ſo eigentlich nicht unter die Wiſſenſchaften,“ belehrte der Profeſſor,„es müßte denn eine tiefere Kenntniß der Botanik damit verbun⸗ 43 den ſein. Aber welch' Metier treibt Dich eigentlich nach Toulon?“ „Ich will Soldat werden!“ „Soldat? Du Unglückskind, wer hat Dir dieſen Gedanken eingegeben?“ „Ich mir ſelber.“ „Da hätteſt Du etwas Geſcheuteres thun können. Was bewog Dich zu dieſem verzweifelten Schritte?“ „Ich ſaß am Montag Abend— es war etwas naßkalte Witterung— in unſerm Gewächshauſe zu Saint Maurice; mich fror, und um mich zu erwärmen, ſchob ich ein Scheitlein nach dem andern in den Ofen, welcher wegen der zahlreichen Tropenpflanzen in gelin⸗ der Temperatur erhalten werden mußte. Dabei las ich die Schlachtberichte der italieniſchen Armee im neueſten Kalender, worein ich mich ſo vertiefte, daß ich nicht bemerkte, wie die Atmoſphäre immer heißer und glü⸗ hender wurde. Plötzlich ward es ungewöhnlich hell; eine Kohle, die aus dem Ofen in den daneben befind⸗ lichen Holzraum geflogen, hatte die aufgehäuften Späne ergriffen. Halb todt vor Schrecken, goß ich ſo viel Waſ⸗ ſer in den Brand, als ich in der Eile aufzutreiben ver⸗ mochte; aber derſelbe griff immer heftiger um ſich. Schon begannen die nahe ſtehenden Geranien in Flammen auf⸗ zugehen. Wie feurige Garben flackerten ſie auf. Nun ſchrie ich um Hülfe. Bald gelang es auch, der Flam⸗ men Meiſter zu werden; ich ſelbſt half nach Leibeskräf⸗ ten, wobei ich mir den linken Arm verbrannte, wovon Ihr noch jetzt die Spuren ſehen könnt. Plötzlich aber vernahm ich die Stimme meines Vaters, der eben von einem benachbarten Dorfe heimgekehrt war und welcher ſogleich nicht unrichtig nich als den Urheber des Feuers muthmaßte. Es war dies überhaupt ſeine Art, wenn irgend etwas Dummes vorgefallen war. Ich vernahm 44 ſeine Stimme, die mir durch alle Glieder ging.„Werft das giftgeſchwollene Ungeheuer in die Flamme, oder erſäuft es, erhängt es, brecht ihm das Rückgrath, daß der Erdboden endlich von dieſem Miſſethäter gereinigt werde!“ In ſolcher vierfachen Todesgefahr blieb mir alſo nichts übrig, als davonzulaufen; was ich auch that, und das ſchleunig, ſo ſchleunig wie möglich. Wie ich ging und ſtand rannte ich davon, immer die Straße nach OHrange entlang, wo ich am Abende des andern Tages das Dorf Siſſon erreichte, in welchem auch Ihr eingekehrt waret und mir den Antrag mach⸗ tet, Euren Eſel nach Toulon zu treiben, der mir gar nicht erwünſchter kommen konnte.“ Laroſſoſſinier hatte nicht ohne Aufmerkſamkeit Bap⸗ tiſts Abenteuer vernommen. Er konnte dem abſoluten Davonlaufen nicht das Wort reden und ſetzte dem ci- devant Gärtnerburſchen philoſophiſch aus einander, daß der Zorn ſeines Vaters nicht lange gewährt haben würde, wie dies bei allen Menſchen von aufbrauſendem Temperamente der Fall ſei. Er hätte ſich blos auf ein paar Stunden zu verbergen gebraucht. Der Jäh⸗ zorn des Herrn Vaters würde ſich dann unfehlbar ge⸗ legt haben. Auch wäre ſelbſt von Toulon aus noch immer Zeit zur Rückkehr nach Saint Maurice. „Nein,“ erwiederte Baptiſt,„dann würde ich auf jeden Fall doppelte Strafe zu erleiden haben; erſt für das Feuer und alsdann für das Davonlaufen.“ „Immer beſſer, als Soldat, mein Sohn,“ verſetzte der Profeſſor;„Du kennſt dieſes rohe Volk nicht; Du biſt zeitlich und ewig verloren, wenn Du in dieſe antiwiſſenſchaftlichen Cohorten, die es nur auf Sengen, Brennen, Mord und Zerſtörung abgeſehen haben, ein⸗ trittſt. Bedenke, wie dieſe Barbaren allein mich auf mei⸗ ner Fahrt bereits moleſtirt haben, welche höchſt zweiden⸗ — Se tige und anzügliche Parallelen ſie zwiſchen mir, dem Pro⸗ feſſor der Alterthumswiſſenſchaften und Doctor der freien Künſte, und dem trägen Thiere da vorn gezogen haben.“ „Eure rothe Perrücke und die thalergroßen Perl⸗ mutterknöpfe auf dem braunen Rocke,“ meinte Baptiſt, „ſchienen ihnen beſonders auffällig.“ „Du ſiehſt daraus, Colas, wollte ſagen Baptiſt, welch' oberflächliches Volk dieſe Soldaten ſind. Der wahrhaft Gebildete kümmert ſich nie um dergleichen Aeußerlichkeiten; dem geht Gelehrſamkeit, Hoheit des Geiſtes und Moralität über Alles. Aber daß wir das Eine nicht über das Andere vergeſſen, ſo ſetze den Eſel wieder in Bewegung, damit wir Brignole noch bei gu⸗ ter Tageszeit erreichen. Die Nacht iſt bekanntlich keines Menſchen Freund und abſonderlich auf der Reiſe. Ich habe dem Koffer eine andere Richtung gegeben, ſo daß es ſich jetzt bequemer darauf ſitzt. Die Reiſe kann wieder ihren Fortgang nehmen.“ Baptiſt begann von Neuem ſeine Reſurrections⸗ mittel, den Eſel lebendig zu machen und zum Weiter⸗ marſche zu bewegen. Die Stillſtandspauſe mochte aber zu lange gewährt haben, das Thier ſchien vollkommen verſteinert zu ſein; es regte und rührte ſich nicht. Selbſt den Kopf bewegte es nicht und glich vollkom⸗ men einem ausgeſtopften Exemplare aus irgend einem Naturaliencabinette. Laroſſoſſinier ſchaute vom hohen Koffer den Bele⸗ bungsverſuchen, welche Baptiſt mit dem Eſel anſtellte, mit nachdenkendem Geſichte zu. „Das Thier,“ ſprach er, als es ſich trotz der zahl⸗ reichen Schläge nicht von der Stelle rührte,„zeigt wirklich eine Indolenz, die heldenmäßig zu nennen iſt und unter anderen Verhältniſſen alle Bewunderung verdie⸗ nen würde. Das Nervengeflecht in ſeinen hintern Par⸗ 46 tieen kann wirklich kaum der Rede werth ſein. Das getraue ich mir zu behaupten, obſchon ich noch keiner Sectivn eines Eſels beigewohnt habe. Verſuch' e doch einmal, Baptiſt, ob er am Kopfe dieſelbe Un⸗ empfindlichkeit zeigt. Noth kennt kein Gebot; wir können doch wegen den Launen eines Eſels nicht auf offener Straße übernachten; und daß es blos Trotz und Faulheit iſt, erſieht man deutlich an der Wohl⸗ genährtheit des unverſtändigen Thieres.“ Baptiſt befolgte den Rath des Profeſſors und ſchnippte mit der Peitſche dem trägen Zugvieh hinter die Ohren. Auch dies half nichts. Der Eſel ver⸗ harrte in ſeinem Stvicismus. Jetzt ward der Burſche wuthig, packte das Langohr beim Kopf, um es mit Gewalt vorwärts zu ziehen. Der hartnäckige Balde⸗ win hätte ſich aber eher den Kopf abreißen laſſen, als daß er einen Schritt vorwärts gegangen wäre. Bap⸗ tiſt ſtand von ſeinem fruchtloſen Bemühen ab. „Ich bringe ihn nicht vorwärts,“ geſtand er vol⸗ ler Reſignativn. „Es wird uns nichts übrig bleiben,“ meinte der Profeſſor,„als daß wir mit vereinten Kräften das Thier eine Strecke lang ſchieben; hoffentlich, daß es dann in Gang kommt.“ Er verließ nach dieſen Worten, von Baptiſt un⸗ terſtützt, mit vieler Umſtändlichkeit ſein Fuhrwerk. Jetzt waren die Beiden aus Leibeskräften bemüht, den Eſel aus ſeiner ſtabilen Poſitivn zu bringen, indem ſie ſchoben und förderten. Das würde ſich wohl haben bewertſtelligen laſſen, wären noch zwei andere, der Be⸗ wegungspartei angehörige Eſel vorräthig geweſen, um ſie vor den conſervativen Collegen zu ſpannen. Menſch⸗ liche Kräfte richteten hier nichts aus. Der Profeſſor und Baptiſt ſchoben, als wollten ſie die Erde aus ihren Fugen heben; doch eher hätten ſie das trojaniſche Pferd nach Troja gebracht, als den Baldewin vorwärts. Nach langer vergeblicher Anſtrengung ſtand endlich Laroſſoſſinier von dem mühevollen Geſchäft ab. „Gegen die Dummheit kämpfen Götter ſelbſt ver⸗ gebens,“ ſprach er und hielt nun mit dem gleichfalls ermüdeten Baptiſt Berathſchlagung, was unter obwal⸗ tenden bedauerlichen Umſtänden anzufangen ſei. „Mit dem Schieben geht's nicht,“ ſagte der Profeſſor. Baptiſt erkannte die Wahrheit dieſes Satzes. „Demnach müſſen wir uns nach einem Auskunfts⸗ mittel umthun.“ Die Beiden ſpannten jetzt ihre Denkorgane nach allen Richtungen hin an, um einen Rettungsplan aus⸗ findig zu machen. Der Profeſſor ſtand auf einem Flecke, den Finger an der Naſe, wie der Königsber⸗ ger Philoſoph, ſtarr auf einen Punkt blickend. Baptiſt ging mit geſenktem Kopfe nachdenkend auf und nieder. Der Eſel ſelbſt, das Corpus delicti, ſtand wie angenagelt. Nach langer ſchweigſamer Scene that endlich Bap⸗ tiſt einen freudigen Sprung in die Luft.„Ich hab's!“ rief er pfiffig. „Rede, Colas, Baptiſt wollte ich ſagen.“ „Wir hungern den Eſel aus,“ rieth der kluge Burſche,„als wär's eine belagerte Feſtung; Hunger thut weh, das iſt eine bekannte Sache, und dieſer wird ſicherlich auch den Trotz des Eſels brechen und ihn vorwärts treiben. Auch hat das Aushungern ſo etwas Kriegeriſches.“ „Dein Rath wäre ſo übel nicht,“ erwiederte La⸗ roſſoſſinier,„wenn wir nicht dabei in Gefahr liefen, ſelbſt zu verhungern, da wir keinen Mundvorrath bei uns führen.“ 48 Daran hatte Baptiſt freilich nicht gedacht und that ſich nun nach einem andern Auskunftsmittel um. Das Bergwerken der beiden Reiſenden in den Schachten ihres Geiſtes ward nach einigem Stillſchwei⸗ gen plötzlich durch eine Staubwolke unterbrochen, die ſich auf der Straße immer näher wälzte und von zwei Lanzenreitern herrührte, welche im raſchen Trabe da⸗ her kamen. „Daß Gott,“ ſeufzte der Profeſſor,„ſchon wieder die unerträgliche Soldateska! Es iſt fürwahr, als ob ſie in jetziger Zeit vom Himmel herab ſchneite.“ Mit dieſen Worten flüchtete er, weit ſchneller als er herabgeſtiegen war, in ſein Fuhrwerk, um nicht zu Fuß auf offener Straße von den„Unholden“, wie er ſie wiederholt nannte, angetroffen zu werden. Unterdeß waren die zwei Lanziers, luſtige Burſche aus dem Elſaß, herbeigekommen. Als ſie das ſeltſame Fuhrwerk mit dem noch ſeltſamern Inſaſſen und dem conſervativen Eſel davor erblickten, brachen ſie in ein lautes anhaltendes Gelächter aus, welches jedoch in den Ohren des Profeſſors, der ſo ſteif wie ſein Eſel auf dem Koffer ſaß, keineswegs angenehm tönte. Sie umritten wiederholt das Schachtelbollwerk, welches ihre Neugier rege machte. „Gewiß ein Zwiebackshändler aus Beſangon, der in Toulon gute Geſchäfte zu machen gedenkt!“ rief der Eine der Reiter. Baptiſt, welcher ſich durch dieſe Vermuthung in der Würde ſeines Herrn ſowohl, wie in ſeiner eigenen ge⸗ kränkt fühlte, glaubte dem neugierigen Necker ein Licht aufſtecken zu müſſen. „Mit Verlaub, mein Herr Lanzier,“ ſprach er, „mein Herr iſt kein Zwiebackhändler aus Beſangon, ſondern ein alterthümlicher Profeſſor aus Paris, deſſen 49 Namen auszuſprechen ſchon mit großen Schwierigkei⸗ ten verbunden iſt.“ Ueber den„alterthümlichen“ Profeſſor brachen die Reiter wieder in lautes Lachen aus, welches Herr La⸗ roſſoſſinier unbeſtritten mit dem Namen eines home⸗ riſchen Göttergelächters bezeichnet haben würde, wenn er nicht ſo gar ſchlechter Laune geweſen wäre. „Aber worauf wartet denn Dein alterthümlicher Profeſſor?“ frug der andre Berittene,„Euer Geſpann ſteht ja ſo ruhig, als ob es eingefroren wäre!“ „Der Eſel will nicht fort,“ antwortete Baptiſt. „Hoh, hoh,“ lachte der Lanzier,„könnt Ihr dem Grauſchimmel keine Beine machen?“ „Beine hat er ſchon,“ meinte Baptiſt,„aber der faule Kerl will ſie nicht in Bewegung ſetzen.“ „Das wäre der Teufel!“ rief der Soldat, und ritt ganz nahe an den Eſel, den er zu encouragiren und flott zu machen ſuchte. Selbſt dieſe kriegeriſche Ermahnung ließ den Grauen ſehr ruhig. Er zuckte nicht einmal mit dem Ohre. „Da ſeht Ihr,“ ſprach Baptiſt,„was es für ein verſtocktes Thier iſt; er parirt nicht einmal einem ſo ſtattlichen Lanzier.“ Der Soldat ward aber ob ſolchen Ungehorſams jetzt ebenfalls aufgebracht, und mit den Worten:„ob er fort will, graue Canaille!“ verſetzte er dem Grauen mit der Lanze einen Stich in die hintere Partie. Kaum aber fühlte Baldewin das ſpitzige Eiſen im Fleiſche, als er augenblicklich aus ſeinem Scheintode er⸗ wachte und in ſeiner Deſperation complet durchging. Je träger er ſich vorher gezeigt, um ſo größere Leben⸗ digkeit legte er nun an den Tag. Im geſtreckten Galopp raſtte er dahin, daß ſich Baptiſt mit beiden Händen an das Fuhrwerk klammern mußte, um mit fortzukommen. Stolle, ſämmtl. Schriften. 1I. 4 In noch größrer Verzweiflung, als der angeſtochene Eſel, befand ſich aber Laroſſoſſinier, welcher bei der ſchnellen Wendung der Dinge wie ein Wettermännchen perpetuirlich auf- und niedertanzte; denn Baldewin beachtete in ſeiner Rabbia keinen Stein, der im Wege lag, ſondern ſtrebte nur, den ſtichluſtigen Lanziers aus dem Bereiche zu kommen. Das heilloſe Gepol— ter der Kiſten und Schachteln zerriß dem Profeſſor das Herz und er ſchrie aus Leibeskräften, dem wüthenden Thiere Einhalt zu thun. Durch dieſes Geſchrei ward aber der Durchgeher nur noch mehr angeſtachelt, denn er glaubte, es rühre von den nachfolgenden Lanzen⸗ männern her. Dieſe aber vermochten weder zu ſchreien, noch zu folgen, und hielten noch immer auf der Stelle, von wo ſich der Eſel in Trapp geſetzt hatte; denn ſie konnten vor Lachen nicht vorwärts. Unterdeß währte die furioſe Fahrt in Einem fort. Der Alterthumsforſcher war mehr todt als lebendig; ſeine Perrücke hatte ſich total verſchoben; er glaubte nicht anders, als dem Untergange direct in die Arme zu eilen. Nach ſeiner Berechnung und dem raſenden Geklapper zu Folge, mußte bereits die Hälfte ſeiner Schachteln in Trümmer liegen. Er getraute ſich weder einen Blick ſeitwärts noch rückwärts zu thun, um ſein Unglück nicht mit anzuſchauen, ſondern hatte fortwährend den wuthigen Eſel im Auge. Baptiſt, welcher ſich mehr Geiſtesgegenwart be⸗ wahrt hatte und daher auch zur Reflexion aufgelegter war, begriff gar nicht, wo der träge Baldewin mit Einemmale ſolche Kraft, Ausdauer und Behendigkeit herbekommen habe. Ein ſolch' toller Eſel war ihm im Leben nicht vorgekommen. „Es iſt nur gut,“ tröſtete er den Profeſſor,„daß er auf der Straße bleibt und nicht feldeinwärts ſeinen 5¹ Lauf nimmt. Uebrigens kann er' nicht lange mehr aushalten. Solche Strapaze wirft einen Löwen um.“ Baldewin hielt es indeß noch eine geraume Zeit aus; nur daß ſein Carrière allmälig in Galopp und ſpäter in Trapp überging. Nach ungefähr einer hal⸗ ben Stunde fiel der Durchgeher in ſeinen gewöhn⸗ lichen Eſelſchritt zurück. „Das heißt gefahren!“ rief Baptiſt vom Wagen ſpringend, denn jetzt kam er zu Fuß wieder bequem mit Baldewin fort. „Colas, Colas!“ tönte des Profeſſors Stimme; „wenn es Dir eine Möglichkeit iſt, das Thier zum Stehen zu bringen, ſo verſuche es. Ich fürchte, mir iſt Alles ruinirt.“ Baptiſt leiſtete den Worten Laroſſoſſinier's Folge und brachte Baldewin zum Stehen. Der Profeſſor begann jetzt eine gründliche Unterſuchung, und da er fand, daß ſich Kiſten und Kaſten nur etwas verſchoben, ſonſt aber keinen Schaden genommen, erhielt er Muße, über den Unfall weitläufigere Betrachtungen anzuſtellen. „Das Beſte von der Sache iſt,“ meinte Baptiſt, „daß wir wenigſtens losgekommen ſind und ein tüch⸗ tig Stück Wegs zurickgelegt haben. Dort ſeh' ich ein paar Kirchthürme emporſteigen; das iſt gewiß Brig⸗ nole, das Ziel unſerer heutigen Fahrt.“ Der Profeſſor richtete ſein Taſchenperſpectiv nach der bezeichneten Stelle. „Du haſt Recht, mein Sohn,“ ſprach er,„das iſt Brignole; ich kenne es genau, und Du ſollſt mit den gebackenen Pflaumen, die man Dir daſelbſt vor⸗ ſetzen wird, gewiß zufrieden ſein.“ Baptiſten begann nach den geprieſenen Pflaumen der Mund wäſſrig zu werden, als Laroſſoſſinier Ge⸗ 52 legenheit nahm, auf ſein altes Kapitel, auf ſeine Miß⸗ ſtimmung gegen die Militairs, zurückzukommen. „Du haſt da einen neuen Beweis,“ ſprach er, „wie kurzangebunden und barbariſch dieſe Leute zu Werke gehen. Hatten wir auch gerade keine Urſache, mit Baldewin zufrieden zu ſein, ſo bleibt es doch immer ein Thier, das nach philoſophiſchen und chriſt⸗ lichen Anſichten auf eine menſchliche Behandlung An⸗ ſpruch hat; der Soldat weiß aber in der Regel wenig von Philoſophie und Chriſtenthum; darum ſtach auch jener Reiter den Eſel ſo nachdrücklich in das Geſäß. Mir ſchon für meine Perſon ging der Stich durch und durch, um wie viel ſchlimmer mag dem armen Bal⸗ dewin zu Muthe geweſen ſein, welcher ſeine Verzweiflung durch ſein Durchgehen auchhinlänglich an den Tag legte.“ Der Profeſſor konnte in ſeinem Eifer gegen den Soldatenſtand gar kein Ende finden, als ihn Baptiſt mit den Worten unterbrach:„Da ſind ſie wieder!“ „Mein Gott, wer?“ frug Laroſſoſſinier. „Die Lanziers,“ antwortete der Burſche;„ſie kommen im geſtreckten Trabe nach.“ „Lupus in fabula,“ jammerte der Profeſſor,„man darf nur den Böſen an die Wand malen, iſt er auch da. Gib ja Acht auf Baldewin, hörſt Du! decke wo möglich die bedrohten Particularitäten durch Deine eigne Perſon, damit das Thier nicht von Neuem Veran⸗ laſſung findet, durchzugehen.“ Unterdeß waren die Elſaſſer angelangt und wünſch⸗ ten Glück zur glücklichen Fahrt. Doch kaum hatten die geſpitzten Ohren Baldewins das verdächtige Schnau⸗ fen der Roſſe vernommen, als ſich ſogleich ſeine Beine wieder in die vehementeſte Bewegung ſetzten. Wieder ſtieg die lange Geſtalt des Profeſſors auf und nieder; wieder verſchob ſich die kaum in Ord⸗ 53 nung gebrachte Perrücke, wieder begann das Geklapper, erhob ſich das homeriſche Göttergelächter der Lanziers. Sie galoppirten jubelnd nebenher, wodurch Baldewin in immer größere Flucht geſetzt wurde. Die alſo dahin brauſende Cavalcade, den Eſel an der Spitze, erreichte erſt ihr Ziel am Thore von Brig⸗ nole, wo der niedergelaſſene Schlagbaum ein unwider⸗ rufliches Halt gebot. Halb todt und zerſchlagen langte Laroſſoſſinier in dem Gaſthofe„zum türkiſchen Kaiſer“ an. Seine Deſperation gegen das Militair hatte aber jetzt den höchſten Grad erreicht. Drittes Rapitel. * 3 Ni bot Toulon, die alte Hauptſtadt der Provence, die Perle Frankreichs am mittelländiſchen Meere, einen lebensvolleren Anblick dar, als in jener Zeit, wo ſich in ihren beiden Häfen die impoſante Flotte verſam⸗ melte, welche den Ruhm der jungen Republik über die Meere tragen ſollte. Täglich zogen unter klingendem Spiele die blauen Bataillone, welche aus dem Innern Frankreichs anlangten, durch die Thore, um auf dem Champ de Bataille, jener herrlichen Promenade von Toulon, vor einem unermeßlichen Generalſtabe die Revue zu paſſiren. Da erkannte man in glänzenden neufranzöſiſchen Uniformen all' die jungen Helden wie⸗ der, welche vor Kurzem auf den Feldern der Lombardei die Kriegskunſt des alten Europa's über den Haufen geworfen und mit geringen Streitkräften die zahlrei⸗ chen Heere des gewaltigen Oeſtereichs in Schach gehalten hatten. Faſt die meiſten dieſer Welteroberer gehörten noch dem Jünglingsalter an; Thatenluſt und Ruhmbegier leuchtete aus Aller Augen. Künftige Siege flatterten um die dreifarbigen Federn, welche auf ihren Hüten ſchwankten. Ein gleicher Geiſt belebte die tiefen dunkeln Co⸗ lonnen, welche das Champ de Bataille bedeckten und die zum größten Theil aus den Siegern Italiens be⸗ ſtanden. Welche ſichre Haltung gewährten gegenwär⸗ tig dieſe wohlgekleideten und ſtreng disciplinirten Halb⸗ brigaden, die vor nicht viel Monden barfuß, mit zerriſſenen Röcken, magern Torniſtern, verwildert und ausgelaſſen, mehr Räubern als Soldaten ähnlich, durch Savoyen und Piemont zogen. Es waren dieſelben Schaaren, welchen Bonaparte damals nach der erſten Heerſchau die Worte zurief:„Soldaten! Ihr hungert und ſeid nackt. Man ſchuldet uns viel und kann uns nichts geben. Ich werde Euch in die fruchtbarſten Ebenen der Welt führen. Reiche Provinzen, große Städte ſollen in Eure Gewalt fallen. Da werdet Ihr Reichthümer, Ehre und Ruhm erndten. Soldaten von Italien, ſollte es Euch an Muth fehlen?“ Und dieſe Worte waren nicht blos Verſprechungen geblieben, ſondern durch das Genie des großen Feldherrn in Er⸗ füllung gegangen. Aber nicht blos das Champ de Bataille wimmelte von Truppen, auch alle Straßen und öffentlichen Plätze waren mit Uniformen der Land- und Seemacht bedeckt. Die größte Thätigkeit herrſchte auf den Schiffswerften, in den ungeheuren Arſenälen, auf der Flotte wie in den Werkſtätten. Alles griff mechaniſch in einander nach der Oberleitung eines Einzigen und ſtrebte nach einem Ziele, welches das große Geheimniß des Tages war. Unfern des neuen Hafens, von wo man eine freie Ausſicht nach dem Meere hatte, im Hötel de Bordeaux, ſchritt Camille Renouard, die Hände auf dem Rücken, in düſtrem Schweigen verſunken, auf und nieder. Auf einer der Marmorconſolen lag ein erbrochenes Schrei⸗ ben, bei dem er wiederholt ſtehen blieb und das er immer von Neuem überflog. Nachdem es dem vielfach verzweigten Einfluſſe 56 Lacoſte's gelungen, dem gefährlichen Nebenbuhler eine Fähndrichſtelle in der Expeditionsarmee zu verſchaffen, war Renvuard, welcher in dem Chevalier ſeinen größten Wohlthäter verehrte, demſelben nach Toulon gefolgt. Aber kaum hier angelangt, erhielt er einen Brief, worin er vor Lacoſte gewarnt und zugleich aufgefordert wurde, den in Saint Maurice erhaltenen Wechſel beim Han⸗ delshauſe Ricard u. Comp. zu erheben, wodurch er in den Stand geſetzt werde, der Expeditivn in der unab⸗ hängigen Stellung eines Volontairs in einem der be⸗ liebigen Generalſtäbe beizuwohnen. Jetzt erſt hatte es Camille der Mühe werth gehalten, Nachforſchungen nach dem Bankierhauſe Ricard u. Comp. anzuſtellen. Daſſelbe ward ihm als eine äußerſt achtbare Firma be— zeichnet. Nichtsdeſtoweniger trug Camille Bedenken, den Wechſel zu produciren, in der fortwährenden Beſorg⸗ niß, man treibe einen Scherz mit ihm. Den Lacoſte hütete er ſich natürlich, zu ſeinem Vertrauten zu ma⸗ chen, und außerdem beſaß er vor der Hand nicht einen einzigen Bekannten in der Seeſtadt. General Kleber, dem er in Paris von ſeinem Lehrer der Mathematik einſt war vorgeſtellt worden und deſſen Bekanntſchaft er gemacht hatte, war in Toulon noch nicht angekom⸗ men, und einige Univerſitätsfreunde, welche lange vor ihm die Hörſäle verlaſſen, um an dem Feldzuge Theil zu nehmen, lagen in dem einige Stunden von Lyon entfernten Städtchen Hysres im Quartier. Lacoſte, mit welchem Renouard ein Chambre garni im Hötel de Bordeaux bezogen hatte, ſchien viel Ge⸗ ſchäfte zu haben; denn er war wenig zu Hauſe, und war er es, hielt er in einem abgelegenen Zimmer faſt beſtän⸗ dig Conferenzen mit Perſonen vom Militär und Civil. Da Camille wieder mehrere Tage hatte dahin ge⸗ hen laſſen, ohne den auf ſo geheimnißvolle Weiſe — erhaltenen Wechſel bei Ricard u. Comp. zu produciren, erhielt er abermals ein Schreiben, in welchem er zur Einkaſſirung aufgefordert wurde, das zugleich diesmal ſehr dringend die Mahnung wiederholte, ſich dem Ein⸗ fluſſe des Chevaliers zu entziehen. Die ganze Stellung dieſes Mannes ward wiederholt als verdächtig dargeſtellt, und nicht undeutlich zu verſtehen gegeben, daß Camille von der Perſon des Chevaliers ſogar Gefahr drohe. Sämmtliche geheimnißvolle Zuſchriften rührten von ein und derſelben Hand her. Gleichwohl erinnerte er ſich nie, dieſe Züge geſehen zu haben. Es war nur zu gewiß, daß ein unbekannter Genius ihn umſchwebe; nur war Camille noch unſicher, ob er darin einen wohlmeinenden Freund oder einen hinterliſtigen Feind erblicken ſollte. Für das Erſtere ſprachen allerdings mehr Gründe, als für das Zweite; denn zu wie gro⸗ ßem Danke ſich auch Camille dem Chevalier verpflichtet fühlte, ſo kam ihm doch deſſen Benehmen, namentlich ſeit dem Aufenthalt zu Toulon, höchſt ſeltſam, ja faſt verdächtig vor. Die Zuſammenkünfte, welche häufig in einem Hintergebäude des Hötels nächtlicherweile ge⸗ halten wurden, ſchienen ganz von der Art, als hätten ſie Urſache, das Tageslicht zu ſcheuen. Canille, noch immer voller Dankbarkeit für Lacoſte, wagte nicht, nä⸗ here Nachforſchungen über jene nächtlichen Conferenzen anzuſtellen; zudem ſprach ſich der Chevalier ſelbſt ſo unbefangen darüber aus, daß er den aufkeimenden Ver⸗ dacht in Camille's Bruſt immer wieder niederdrückte. Hierbei unterſtützten ihn außerordentlich die zahlrei⸗ chen Bekanntſchaften hochgeſtellter franzöſiſcher Gene⸗ rale, deren patriotiſche Geſinnungen nicht entfernt in Verdacht gezogen werden konnten. Renouard befand ſich daher in Betreff der anony⸗ men Zuſchriften in peinlicher Lage. Hatte der Brief⸗ 58 ſteller hinſichtlich des Chevaliers Recht, ſo war es Ca⸗ mille's Pflicht, nicht nur ſeine Verbindung mit dem ver⸗ dächtigen Mann aufzuheben, ſondern er mußte ſogar bemüht ſein, die dunkeln Pläne, die vielleicht zum Nach⸗ theil des Vaterlandes geſchmiedet wurden, an das Ta⸗ geslicht zu bringen. Ob es alſo der geheimnißvolle Schreiber ehrlich meine, dies war hauptſächlich die Frage, welche den jungen Mann beſchäftigte. Um hierüber wenigſtens einigermaßen Gewißheit zu bekom⸗ men, beſchloß er, den Wechſel auf die fünftauſend Fran⸗ ken bei Ricard u. Comp. zu produciren, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß das Papier als unecht zurückgewieſen werde und die ganze Sache als Myſtification erſcheine. Camille ſteckte das Portefeuille, in welchem ſich die Anweiſung befand, zu ſich und verließ das Hötel, um die Firma Ricard u. Comp. aufzuſuchen, welche er ſich erinnerte, in der ſtattlichen Häuſerreihe zunächſt des großartigen Rathhauſes geſehen zu haben. Er durchſchritt das ſogenannte alte Quartier von Toulon in ſeiner ganzen Länge. An allen Orten wimmelte es von Truppen. Schweres Geſchütz raſſelte in unun⸗ terbrochener Reihe nach dem Hafen, um jeden Augen⸗ blick der Einſchiffung gewärtig zu ſein. Alle Café's und Reſtaurationen waren überfüllt von Officieren hö⸗ hern und niedern Grades. Die franzöſiſche Urbanität verleugnete ſich auch hier nicht. Nicht ſelten erblickte man da einen Brigadechef, ja einen Diviſionair mit ſeinen Ober⸗ und ſelbſt Unterlieutnants bei ein und derſelben Partie Whiſt oder Dominv. Oft war das Gedränge der auf⸗ und niederſtrö⸗ menden Menſchen, der zahlloſen ſich aller Augenblicke kreuzenden Fuhrwerke, ſo groß, daß Camille nur mit Mühe durchzukommen vermochte. Plötzlich hörte er aus einem der hohen Fenſter des Café national ſei⸗ 59 nen Namen rufen. Er blickte auf und erkannte den Chevalier, welcher, an der Seite eines ſtattlichen Offi⸗ ciers, ihn zu ſich winkte. Der junge Mann folgte der Einladung und ward von Lacoſte dem würdigen Ge⸗ neral Bon vorgeſtellt, in deſſen Diviſion er ſelbſt die Charge eines Employés bekleidete und wo er auch ſeinem jungen Schützling eine Fähndrichſtelle ausgewirkt hatte. Der General empfing Camille mit väterlicher Herz⸗ lichkeit, und abermals ſchwand in Letzterm der Verdacht gegen Lacoſte, welcher, wenn er böſe Pläne hegte, mit einem ſo hochgeſtellten und hochgeachteten Krieger un⸗ möglich auf ſo vertrautem Fuße ſtehen könne. Re⸗ nouard mußte ſich niederſetzen und an einer Partie Lhombre Theil nehmen. Indeß die Partie währte nicht lange, als in dem umfangreichen Gaſtzimmer plötz⸗ lich ein allgemeiner Aufbruch erfolgte; die Flügelthü⸗ ren thaten ſich auf und eine hohe imponirende Geſtalt ſchritt grüßend herein. Sämmtliche hohe und niedere Militärs beeilten ſich, dem Eingetretnen die Honneurs zu machen. Derſelbe dankte kameradſchaftlich und ſeine klaren Blicke überflogen mit Majeſtät die Verſamm⸗ lung. Als er Bon erſchaute, kam er auf ihn zu und umarmte ihn. „Da habt Ihr mich,“ rief der hohe Held, welches Niemand anders als der berühmte General Kleber war, dem Bonaparte eine Diviſion der Expeditionsarmee übertragen hatte,„die alten Kameraden müſſen nun ziemlich Alle beiſammen ſein.“ „Was der Tod nicht davongeführt,“ erwiederte Bon,„oder was am Rheine ſteht, findet ſich faſt ſämmt⸗ lich hier; nur Bonaparte fehlt noch.“ „Ich bin höchſt begierig,“ fuhr Kleber in ſeiner gewohnten Freimüthigkeit und Ungenirtheit fort,„was die kleine Beſtie eigentlich vorhat. Ein tüchtiger Schlag 60 wird vorbereitet; das ſind ja deſperate Rüſtungen hier zu Lande. Ich glaube, der kleine Corſe iſt diesmal nicht weniger als geſonnen, ganz England in die Taſche zu ſtecken. Wenn er nur nicht Frankreich obendrein in ſeine Taſche ſchiebt,“ ſetzte er brummend hinzu. Seine Blicke fielen jetzt auf Lacoſte, den die An⸗ kunft des Generals nicht eben angenehm überraſcht zu haben ſchien, obſchon er die Gedanken ſeines In⸗ nern unter einem höchſt verbindlichen Lächeln verbarg. „Sieh da, Chevalier,“ ſprach Kleber nicht ohne Betonung,„Ihr auch hier? Es iſt doch ſchön, daß Lacoſte nie fehlt, wo es den Ruhm der franzöſiſchen Republik gilt!“ Der gutmüthige Bon erſparte ſeinem Employé die Antwort auf die etwas pikirte Frage. „Ich habe den Herrn Chevalier,“ ſprach er,„ſelbſt erſucht, die Wirthſchaftsangelegenheiten meiner Diviſion in Ordnung zu erhalten.“ „So?“ verſetzte der ehrliche Elſaſſer unzufrieden in den Bart murmelnd, während ſein majeſtätiſcher Kopf über die zahlreiche Verſammlung dahin ſchaute, „da hättet Ihr auch etwas Geſcheuteres thun können.“ Ein giftiger Blick von Seiten des Chevaliers zuckte bei dieſen Worten, die er zwar nicht verſtanden, aber errathen haben mochte, auf die hohe Geſtalt, und ſchien zu ſagen:„das ſoll Dir nicht ungerochen bleiben.“ Kleber, deſſen Adlerblick faſt jedes Geſicht der An⸗ weſenden überflog, traf jetzt auf Camille, welcher in ſtiller Bewunderung des Helden einige Schritte zurück⸗ getreten war. Seine Stirn klärte ſich auf, wie er des Jünglings anſichtig wurde. Er trat lächelnd auf ihn zu, ihm treuherzig die Hand ſchüttelnd. „Freue mich wahrhaft,“ ſprach er,„meinen Herrn Mitſchüler hier zu finden; wir wollen nun verſuchen, 61 die Lehrſätze unſres guten Laroſſoſfinier in Praxis an⸗ zuwenden. Doch ſagt mir, Renouard, was iſt aus unſerm Pythagoras geworden? Iſt er mit ſeinen Kiſten und Schachteln glücklich angelangt? Seit er, Bona⸗ varte's Aufforderung zu Folge, Paris mit Colas ver⸗ laſſen, habe ich nichts wieder von ihm vernommen. Habt Ihr ihn vielleicht ſchon geſprochen?“ Camille geſtand bedauernd, daß er des Profeſſors noch nicht anſichtig geworden, obſchon er Toulon in allen Richtungen wiederholt durchſtreift habe. Zugleich muß hier nachträglich bemerkt werden, daß General Kleber während ſeines Aufenthalts in Paris mehrere Privatſtunden in der höhern Mathematik bei Laroſſoſſi⸗ nier genommen, wo ihm eben Gelegenheit ward, den jungen Renouard als den Lieblingsſchüler des Pro⸗ feſſors kennen zu lernen. Kleber erkündigte ſich eines Nähern über die be⸗ abſichtigte kriegeriſche Laufbahn Camille's, und als die⸗ ſer ihm der Wahrheit gemäß erzählte, daß er der Ver⸗ wendung des Chevaliers eine Fähndrichſtelle in der Diviſion zu verdanken habe, flog ein leichter Schatten über ſein Geſicht. Indeß ſagte er weiter nichts. Er reichte dem Jüngling die Hand zum Abſchiede, mit den Worten:„Wir ſprechen uns wieder!“ Kleber verweilte noch eine geraume Zeit in der brillanten Reſtauration, indem er bald Dieſen, bald Jenen in's Geſpräch zog. Nachdem er die Geſellſchaft verlaſſen, behagte es auch Renouard nicht länger da⸗ ſelbſt; namentlich da Lacoſte wiederholt Gelegenheit nahm, ſeinen Unmuth über Kleber laut werden zu laſſen. General Bon ſuchte ihn zu tröſten. „Dergleichen Aeußerungen,“ ſprach er,„dürft Ihr ihm nicht ſo übel auslegen. Er meint es ſtets beſſer als er ſpricht; das ſind wir Alle gewohnt. Was muß ſich ſelbſt Bonaparte und das Direktorium, mit wel⸗ chem letztern er ſich total überworfen, gefallen laſſen! Es iſt einmal ein Elſaſſer, dem Gradheit und zuwei⸗ len ſelbſt Derbheit zur zweiten Natur geworden ſind.“ So wie die Vhombrepartie zu Ende, beurlaubte ſich Camille unter dem Vorwande, einige Einkäufe zu beſorgen; hauptſächlich aber, um ſeinen einſtigen Leh⸗ rer, den Profeſſor Laroſſoſſinier aufzuſuchen, der ſich nach Kleber's Ausſage in Toulon befinden mußte; und dann auch, um ſich hinſichtlich der Echtheit des Wechſels Gewißheit zu verſchaffen. Das Benehmen Kleber's gegen den Chevalier hatte ihm wieder Veran⸗ laſſung zum ernſteſten Nachdenken gegeben. Er war ſo eben die ehemalige prachtvolle Episev⸗ palkirche paſſirt und hatte das neue Quartier der Stadt betreten, als das Gedränge immer dichter wurde. Seine Abſicht war, die Polizeipräfeetur zu erreichen, in der Hoffnung, daſelbſt über die Ankunft und den Aufenthalt Laroſſoſſinier's Auskunft zu erhalten, als ihm der ſeltſame Zufall den verehrten Lehrer in den Weg führte. Sein Vorwärtsdrängen ward nämlich plötzlich durch einen Menſchenknäuel unterbrochen, der, theils aus Soldaten, theils aus allerlei Volk beſtehend, unter Jauchzen und Gelächter ſich ihm entgegen wälzte. Mit⸗ ten aus dem Troſſe aber ragte, wie einrömiſcher Trium⸗ phator, noch immer auf dem Koffer ſitzend, der Pro⸗ feſſor der Alterthumskunde einpor. Seine rothe Perrücke war abermals der Gegenſtand, welcher die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm und die Lachmus⸗ keln des umherdrängenden Volkes beſtändig in Bewe⸗ gung ſetzte. „Un savant, un savant!“ tönte es von allen Seiten und bekannte Verſe und Bonmots auf die Ge⸗ 63 lehrten wurden vernommen. Laroſſoſſinier ſchnitt die abſchreckendſten Geſichter, die ein Menſch nur zu ſchnei⸗ den vermag, um ſeinen vollkommnen Abſcheu gegen derartige Huldigungen an den Tag zu legen, wodurch aber die allgemeine Heiterkeit nur erhöht wurde. Bap⸗ tiſt, welcher mit der Zeit fürchtete, erdrückt zu wer⸗ den, ſchlug aus Leibeskräften auf ſeinen Eſel, um das ſtöckiſche Thier in Bewegung zu erhalten. Unmittelbar, ehe Camille anlangte, hatte der Volks⸗ jubel mit dem Profeſſor den höchſten Grad erreicht. Ein Ouvrier, welcher eine mehrere Ellen lange Binſe in der Hand trug, war auf den Einfall gerathen, die rothe Perücke an dem einen Ohre zu kitzeln. Er vollbrachte dieſe Neckerei mit ſolchem Geſchick und ſol— cher Zartheit, daß Laroſſoſſinier mit dem Kopfe ſchüt⸗ telte, in der Meinung, eine Biene oder ein ähnliches Inſekt habe ſein Ohr zum Gegenſtande ſeines Angriffs auserſehen. Er fuhr endlich, als ſich die Kitzelei wie— derholte, mehrmals mit der Hand nach dem Ohre, um des Thieres habhaft zu werden, welche leidenſchaft⸗ liche Handbewegung ſtets von jauchzendem Gebrüll be⸗ gleitet ward. Als jedoch das zudringliche Inſekt gar nicht weichen wollte, wendete er den Kopf und ent⸗ deckte die eigentliche Urſache. Jetzt erreichte der Zorn des gelehrten Mannes den höchſten Grad. Er erhob ſich, ergriff den zuſammengewickelten Regenſchirm und eröffnete ein Gefecht gegen den auf⸗ und niederſchwan⸗ kenden Halm. Der Ouvrier wußte jedoch ſeine un⸗ ſchädliche und gebrechliche Waffe mit ſolchem Geſchick zu führen, daß ihr der gelehrte Fechter mit ſeinem Re⸗ genſchirm ſchlechterdings nicht beizukommen vermochte. Das Volk heulte vor Luſt bei dieſem höchſt origi⸗ nellen Kampfe. Zahlloſe Witzworte erfüllten die Luft. Da ſieht man, hieß es, was es mit der Gelehrſam⸗ 64⁴ keit auf ſich hat: ſie kann nicht einmal einen Strohhalm beſiegen! „Seht, wie Bayard kämpft!“ rief eine andre Stimme.„Seht den Kampf des heiligen Michael mit dem Lindwurm!“ eine dritte. Laroſſoſſinier's Geſicht färbte ſich endlich kirſchbraun vor Wuth. Er fluchte und ſchimpfte über alle Maßen. Er nannte das umherſtehende Volk in Einem fort Straßenräuber und Banditen; aber man war ſo heiter geſtimmt, daß man ſich durch dergleichen Titulaturen keineswegs beleidigt fand, lachte und ſeinen Scherz fort⸗ ſetzte. Da ſich unter dem verehrungswürdigen Publi⸗ kum, welches der Profeſſor in ſeiner Zornrede wahr⸗ haft brandmarkte, auch zahlreiche Uniformen blicken ließen, ſo bekam der tapfre Soldatenſtand der fran⸗ zöſiſchen Republik, den er überhaupt, wie wir oben ge⸗ ſehen, gar nicht leiden konnte, auch ſein reichlich zu⸗ gemeſſen Theil. Laroſſoſſinier wünſchte der„gottver⸗ geſſnen Soldateska“, wie er die Herren Militärs ein⸗ mal über das andre nannte, in der nächſten Bataille dreitauſend Kanonenkugeln, ſiebzigtauſend Säbelhiebe und hunderttauſend Lanzenſtiche auf den Leib. Als er endlich zu der Ueberzeugung gelangt war, daß mit dem Regenſchirme gegen die geſchickt geführte Binſe nichts auszurichten ſei, und daß er mit ſeinen Philippiken nur Oel in's Feuer goß, ſo ſchwieg er endlich, ſetzte ſich wieder nieder und ſpannte, um ſein Ohr zu ſchützen, den Regenſchirm aus. Dieſe letztere Vorſichtsmaßregel erfreute ſich des ungetheilten Beifalls der aufgeweckten Menge. Man applaudirte von allen Seiten und beglückwünſchte den Profeſſor wegen des originellen Sturmdaches. Dem Camille war es endlich gelungen, ſich bis zu Laroſſoſſiniers Fuhrwerk Bahn zu brechen. Baptiſt, 65 ſo wie er des Jünglings anſichtig wurde, ſtieß ein Freudengeſchrei aus und zerrte aus Leibeskräften an Baldewin, um ihn zum Stehen zu bringen. „Heidta mi fili!« rief der Alterthümler unter dem Regenſchirme hervor und ſtreckte ſeine Hand Re⸗ nouard entgegen,„ſei willkommen terquaterque im Reiche der Berſerker und des Belial und ſchütze mich gegen die Rotte Kora, Datan und Abiram!“ Camille ſchwang ſich mit Leichtigkeit auf den Wa⸗ gen und faßte neben Laroſſpſſinier Poſtv. „Dieſer Gelehrte hier,“ rief er, auf den Profeſſor zeigend, welcher jetzt den Regenſchirm wieder zugeſchla⸗ gen hatte, dem umſtehenden Volke zu,„iſt ein ehren⸗ werther Mann und mein einſtiger Lehrer. Ihr werdet es daher in der Ordnung finden, Bürger, wenn ich mich ſeiner annehme. Wer daher ferner Luſt haben ſollte, dem Waffenloſen Etwas in den Weg zu legen und ein Ehrenmann iſt, hat es mit mir zu thun. Uebrigens iſt Herr Laroſſoſſinier nicht zum Zeitvertreibe nach Toulon gekommen, ſondern in Folge einer ehren⸗ den Aufforderung Seiten des Generals Bonaparte.“ Dieſe Worte verfehlten ihren Zweck keineswegs. Muth und Unerſchrockenheit finden beim franzöſiſchen Volke, ſelbſt wenn es der unterſten Klaſſe angehört, ſtets Anerkennung. Man rief Camille von allen Sei⸗ ten Bravo zu und die in der Nähe befindlichen Sol⸗ daten, ſo wie ſie den Namen Bonaparte hörten, dräng⸗ ten ſich ordentlich mit Ungeſtüm herbei, um den Pro⸗ feſſor vor fernern Neckereien und Unbilden zu ſchützen. Laroſſoſſinier hatte jetzt dem Jüngling von der überaus beſchwerlichen Reiſe, die er durch den größten Theil von Frankreich zurückgelegt, viel zu erzählen. Auch erhielt Camille Aufſchluß über die Anweſenheit Stolle, ſämmtl. Schriften. II. 5 66 Baptiſt's in Toulon, die ihn nicht wenig in Verwun⸗ derung geſetzt hatte. Als man über den Markt fuhr, an deſſen einer Häuſerreihe die Firma Ricard u. Comp. in großen goldnen Buchſtaben glänzte, empfahl ſich Renouard, nachdem er dem Profeſſor die Einkehr im Hötel de Bordeaux empfohlen hatte. „In einer kleinen Stunde komme ich nach,“ ver⸗ hieß er. Zugleich zog er einen Unterofficier, welcher das Fuhrwerk beſchützen half, auf die Seite. „Ihr würdet Euch,“ ſprach er zu ihm,„dem Ge⸗ neral Kleber, welcher dieſen Gelehrten ebenfalls au⸗ ßerordentlich ſchätzt und protegirt, zu wahrhaftem Danke verpflichten, wenn Ihr den Wagen ſicher nach dem Hötel de Bordeaus geleiten wolltet. Mein Name iſt Re⸗ nouard, Fähndrich in der Suite des General Bon.“ „Parole d'honneur,“ erwiederte der bärtige Krie⸗ ger,„das Venerabile ſoll nicht ſorgfältiger eskortirt werden, als dieſe rothe Perrücke.“ Camille verſchwand im Gedränge und trat nach wenigen Minuten, nicht ohne leiſes Herzklopfen, in die glänzende Geldhalle des Herrn Rieard. Piertes Rapitel. — In allen Straßen von Toulon wirbelten die Trom⸗ meln; Reiterſignale durchſchmetterten die Luft; von den Hafenbatterien her donnerten die Kanonen und in breiten tiefen Colonnen zogen die blauen Bataillone nach dem Champ de Bataille. 67 Vor dem Marine⸗Hötel hatten Heerwächter einen weiten Kreis gebildet, um das aus allen Gaſſen gegen das Hötel herandrängende Volk in einiger Entfernung zu halten. Der militäriſch abgeſperrte Raum war er⸗ füllt mit Uniformen aller Grade. Sämmtliche zum Mi⸗ litäretat gehörigen Perſonen befanden ſich in auffal⸗ lender Bewegung. Nach allen Seiten hin ſprengten Adjutanten, andre langten an. Zahlreiche Ordon⸗ nanzen kreuzten ſich an allen Orten. Es war, als ſtehe der Feind vor den Thoren und ſei im Begriff, die Sturmleitern anzulegen. Dabei waren faſt Aller Blicke nach den hohen Fenſtern des erſten Stocks im Marine-Hötel gerichtet, an welchen ſich von Zeit zu Zeit das ernſte, blaſſe Geſicht eines ſchmächtigen, in franzöſiſche Generalsuniform gekleideten jungen Mannes zeigte, deſſen Erſcheinen ſtets von einem donnerähnli⸗ chen„vive Bonaparte!“ der außen verſammelten Menge begrüßt wurde. Man ſchwenkte die Mützen in der Luft, ließ Hüte und Helm auf Säbeln und Bajonneten als Zeichen freudiger Begrüßung tanzen. Ernſt und nachdenkend ruhten die Blicke des Sie⸗ gers von Italien auf dem verſammelten Volke. Der heraufſchallende Beifall vermochte nicht eine einzige Miene in dem ſtrengen, regelmäßig geformten und von langen Haaren umfloſſenen Römerantlitze zu verziehen. Während Eurvopa den großen Genius auf dem Wege zum Congreſſe nach Raſtatt, oder an den Ge⸗ ſtaden des Canals glaubte, war er plötzlich, nachdem er Abends zuvor an der Seite des Director Barras einer Vorſtellung des„Macbeth“ im Theater der Straße Faydeau beigewohnt, am folgenden Morgen in größter Frühe unerkannt, ohne Gepäck, von Paris nach Toulon abgereiſt. Er traf den neunten Mai in genannter Stadt ein, und ohne ſich die geringſte Ruhe zu gön⸗ 5 68 nen, ließ er ſogleich die Truppen in's Gewehr treten. Daher der kriegeriſche Lärm in allen Straßen und Gaſſen. Es war, als ob mit des Obergenerals Ankunft ein neuer Geiſt über die Maſſen gekommen wäre. Unter den ermuthigenden Klängen der Feldmuſik, dem Geſange republikaniſcher Lieder, zogen die kühnen Halbbrigaden nach dem Champ de Bataille, wo ſie in glänzendem Waffenſchmucke, umweht von dreifarbigen Fahnen, die endloſen Linien entrollten. Tauſendfach ſtrahlte die Maienſonne von den blitzenden Bajonneten, den flammenden Helmen und Cuiraſſen wider. Bonaparte ſchritt unterdeß, die abgeſtreiften Hand⸗ ſchuh in der Hand haltend, im Geſpräche mit Kleber auf und nieder, von Zeit zu Zeit nach der Uhr blickend, was ſtets ein Zeichen ſeiner Ungeduld war. Unter den zahlreich verſammelten Generälen, die gekommen waren, dem Oberfeldherrn ihre Aufwartung zu machen und die in dem geräumigen Saale des Marine⸗Hötels einen glänzenden Halbkreis bildeten, befanden ſich auch faſt ſämmtliche Gelehrten, welche Bonaparte's Einladung, an der großen Expedition Theil zu nehmen, Folge geleiſtet hatten. Welch eine Verſammlung von Tapferkeit, Genie und Gelehrſamkeit umſchloß dieſer einzige Saal! Alle Richtungen des menſchlichen Geiſtes in Kunſt und Wiſſenſchaft waren hier vertreten. Es fehlte weder an Mathematikern, noch an Aſtronomen, Mechanikern, Chemikern, Mineralogen, Botanikern, Zvologen, Me⸗ dizinern, Pharmazeuten, Alterthumkundigen, Architecten, Zeichnern, Ingenieurs für Brücken- und Straßen⸗ kunde, Bildhauern, Kupferſtechern, Literatoren, Muſikern, Dolmetſchern und Buchdruckern. Sogar der berühmte Uhrmacher Lemaitre befand ſich unter der Verſammlung. Plötzlich erſchien die ſtattliche Geſtalt eines polni⸗ 69 ſchen Lanzierofficiers. Es war der Fürſt Sulkowski, einer der Adjutanten und Lieblinge Bonaparte's, der die Nachricht brachte, daß ſämmtliche Truppen ausge⸗ rückt wären. „Eh bien, nous verrons!“ rief Bonaparte erheitert, und gefolgt von ſeinen Adjutanten, worunter man ſei⸗ nen Bruder Ludwig und den jugendlich ſchönen Eugen Beauharnais erblickte, ſo wie von dem geſammten Ge⸗ neralſtabe, war er im Begriff, den Saal zu verlaſſen. Da haftete ſein Blick auf dem berühmten Chemiker Bertholet, der unfern der Thür ſtand. „Bertholet,“ frug er,„was werden wir heut über acht Tage für Wetter haben?“ Der Gefragte zuckte mit den Achſeln. „Bürger⸗General,“ erwiederte er,„an den Mee⸗ resküſten läßt ſich das nie ſo genau beſtimmen; doch leben wir jetzt in einer Jahreszeit, wo ein ſchneller Witterungswechſel weniger zu befürchten iſt.“ Man ſah es dem Obergeneral, welcher auf Ach⸗ ſelzucken und unbeſtimmte Antworten nicht viel hielt, an, daß er ſich durch dieſe Antwort wenig befriedigt fühlte. Er verließ, ohne ein Wort weiter zu verlieren, ſchnell den Saal, und gleich darauf erblickte man ihn hoch zu Roß, an der Spitze ſeines Generalſtabes, un⸗ ter fortwährendem betäubendem Hurrah, in raſchem Trabe nach dem Orte reiten, wo das Heer in Schlacht⸗ ordnung ſtand. Hier angelangt, begrüßte ihn tauſendſtimmiger Zu⸗ ruf. Er durchritt alle Linien, erkannte manchen Tap⸗ fern, den er ſeit den Tagen von Lodi, Rivoli und Montenotte nicht geſehen hatte und ſprach mit ihm einige Worte. Nachdem die Revue zu Ende, ließ er die geſammte 3 Armee in ein Viereck treten. Er winkte mit der Hand; 70 ſogleich ſank eine Todtenſtille über die Tauſende hernieder. „Soldaten!“ rief er,„Ihr ſeid ein Flügel der Armee von England. Ihr habt auf Bergen, in der Ebene und vor feſten Plätzen gefochten. Nur der See⸗ krieg bleibt Euch noch übrig. Rom's Legionen, welche abwechſelnd auf dieſen Gewäſſern und in den Ebenen von Zama kämpften, hat nie der Sieg verlaſſen, weil ſie tapfer, unermüdet, disciplinirt und unter ſich einig waren. „Soldaten! ganz Europa hat die Augen auf Euch gerichtet! Große Dinge habt Ihr zu vollbringen; Schlachten zu liefern, Gefahren und Mühſeligkeiten aller Art zu ertragen. Ihr ſeid berufen, diesmal für das Heil des Vaterlandes, für das Glück der Menſch⸗ heit und für Euern Ruhm mehr zu thun, als Ihr je⸗ mals gethan habt. „Soldaten! Matroſen! Infanteriſten! Kanoniere! Reiter! ſeid einig, bedenket, daß am Tage der Schlacht Ihr Alle einander nöthig habt. „Seeſoldaten! Ihr ſeid bis jetzt vernachläſſigt wor⸗ den. Jetzt widmet Euch die Republik die größte Sorg⸗ falt. Ihr werdet hinter der Landarmeenicht zurückbleiben! „Der Genius der Freiheit, welcher die franzöſiſche Republik zur Schiedsrichterin Europas berufen, hat ſie zu derſelben Rolle jenſeit der Meere und über ent⸗ fernte Länder auserſehen.“ Dieſe Rede, welche der leicht erregbaren Phan⸗ taſie der jungen Officiere und Soldaten einen großen Spielraum gewährte, ſteigerte den Enthuſiasmus für den Oberfeldherrn auf die höchſte Spitze. Die Sol⸗ daten von Italien wußten aus Erfahrung, daß der junge Held nicht der Mann war, welcher ſie blos mit ſchönen Worten hinhielt, ſondern ſeine Verheißungen auch in Erfüllung zu bringen verſtand. Als Bonaparte nach dem Marine⸗Hötel zurückge⸗ 71 kehrt war, drängte ſich, ohne daß es die Wachen zu verhindern vermochten, ein ſchöner, anſtändig gekleide⸗ ter Knabe, mit langen blonden Locken und Verzweiflung auf dem jugendlichen Geſicht, aus der Volksmenge und ſank dem ſo eben vom Pferde geſtiegenen Oberfeld⸗ herrn zu Füßen. Bonaparte hob ihn liebreich auf und erkundigte ſich nach der Urſache ſeines Kummers. Der Knabe vermochte vor Schmerz lange kein Wort hervorzubringen. Thränen entſtrömten unaufhaltſam den ſchönen Augen. Wie verhaßt es Bonaparte nun bei jeder andern Gelegenheit war, wenn er auf ſeine Fragen nicht ſofortige Antwort erhielt, ſo ehrte er doch jedes Unglück in dem Grade, daß er den weinenden Knaben mit der zarteſten Schonung behandelte. So auch diesmal. Freundlich tröſtete er und ermunterte den Schluchzenden, ſein Herz ganz auszuſchütten. Auf dieſe liebreiche Art gelang es ihm, in Erfahrung zu bringen, daß der Großvater des Knaben, ein heimlich in ſein Vaterland zurückgekehrter Emigrant, nach den damals noch beſtehenden draconiſchen Geſetzen, am ſel⸗ bigen Tage erſchoſſen werden ſolle. Sofort ſchickte Bonaparte einen Adjutanten an die betreffende Commiſſion, welche er um Aufſchiebung der Execution erſuchen ließ, und auf ſeinem Zimmer ange⸗ langt, dictirte er dem anweſenden Cabinetsſecretair nach⸗ ſtehende Worte an die Militaircommiſſion des Südens: „Ich habe mit großem Schmerze vernommen, daß Greiſe von fiebzig bis achtzig Jahren, daß unglückliche, ſchwangere oder von kleinen Kindern umgebene Frauen, als des Verbrechens der Emigration ſchuldig, erſchoſ⸗ ſen worden fſind. „Sollten die Soldaten der Freiheit Henker ge⸗ worden ſein? „Sollte das Mitleid, welches ſie ſogar auf den 72 Schlachtfeldern bewieſen haben, in ihren Herzen er⸗ ſtorben ſein? „Das Geſetz vom achtzehnten Fructidor war eine Maßregel der öffentlichen Wohlfahrt. Seine Abſicht ging dahin, die Verſchwörer zu treffen, aber nicht ſchwache Weiber und hinfällige Greiſe. „Ich ermahne Euch daher, Bürger, daß, ſo oft das Geſetz Greiſe über ſechzig Jahre vor Euern Richter⸗ ſtuhl ſtellt, Ihr erklärt, daß Ihr in Mitte der Kämpfe die Greiſe und Weiber Eurer Feinde verſchont habt. „Der Militair, welcher die Waffen gegen eine Per⸗ ſon zu gebrauchen vermag, die ſelbſt die Waffen zu, führen unfähig, iſt ein Unwürdiger.“ eſe Worte der Menſchlichkeit, da ſie von einem ſo hochgeſtellten und hochverehrten Manne, wie Bo⸗ naparte war, ausgingen, verfehlten ihre Wirkung nicht; obſchon ſie der genannte General nicht als Befehls⸗ haber, ſondern blos als Mitglied der Akademie gegen eine Behörde ausſprach, welche ihm keineswegs untergeord⸗ net war. So ward auch der Greis, für welchen ſein Enkel bei dem Oberbefehlshaber gebeten hatte, ſchon am nächſten Tage freigegeben. Bonaparte entfaltete von dem Augenblicke ſeiner Ankunft in Toulon, dieſer Wiege ſeines Ruhms, das er ſeit der Belagerung nicht wieder geſehen hatte, die außerordentlichſte Thätigkeit. Faſt täglich hielt er Mu⸗ ſterung über die fortwährend anlangenden Truppen und belebte ihren Enthuſiasmus. Bald ſah man ihn auf der Flotte, wo er Bauart und Beſchaffenheit der Schiffe bis in die geringfügigſten Details unterſuchte, bald auf den Werften, in den Arſenälen und Werk⸗ ſtätten, überall ſich unterrichtend, guten Rath erthei⸗ lend, und zur Eile mahnend. Wenn aber des Nachts tiefe Finſterniß Meer und Land bedeckte, Alles in tie⸗ 73 fem Schlummer lag und nur der Wachen eintöniger Ruf von Zeit zu Zeit die lautloſe Stille unterbrach, ſaß bei herabgebrannter Wachskerze der große Mann einſam in ſeinem Cabinet, Meer⸗, Land⸗ und Him⸗ melskarten vor ſich ausgebreitet, in Autoren alter und neuer Zeit nachſchlagend, und vertieft in ſeinen groß⸗ artigen Plan, jenſeits der Meere ein neues Frank⸗ reich zu gründen, welches dereinſt über nicht weniger denn drei Welttheile zu herrſchen beſtimmt war. Die Flotte, die franzöſiſche Armee von den Geſtaden der Provence nach dem altersgrauen Aegyp⸗ ten dem Lande der Pharavnen, der Hieroglyphen und Pyramiden tragen ſollte, beſtand aus zwölf Linie ſchiffen, deren vornehmſtes, der Orient, underizu zig Kanonen führte; ferner aus acht Fregatten, acht Fluthſchiffen, drei Aviſo⸗, vier Bombardierſchiffen, vier Kanvnier⸗Tartanen, ſechs Kanonierſchaluppen, zwei Briggs, zwei Feluken; zuſammen mit funfzehnhundert Geſchützen. Die Anzahl der Transportſchiffe belief ſich auf vierhundert. Die Stärke der unsen beſtand aus zweiunddreißigtauſend Mann. Darunter gab es manchen Officier und Soldaten, der ſich allein aus Begeiſterung für Bonaparte dem Heere angeſchloſſen hatte. Als her⸗ vorragende militairiſche Notabilitäten mögen hier außer den Generalen Kleber und Deſaix noch die Namen der Kriegshelden Reynier, Marmont, Lannes, Mu⸗ rat, Belliard, Davouſt, Durve und Junot genannt werden. Auch der ſpäter wegen der helden⸗ müthigen Aufopferung ſeiner Gattin ſo oft genannte Lavalette befand ſich in der Suite des Oberge⸗ nerals. Ein gleicher Eifer, wie unter den Kriegern, zeigte ſich bei Gelehrten und Künſtlern, deren Anzahl über 74⁴ hundert ſtieg. Ueberhaupt waren nicht blos alle An⸗ ſtalten zu einer großen Eroberung, ſondern auch zur Gründung einer blühenden Colonie getroffen. Bereits eine Woche nach der Ankunft Bonaparte's in Toulon befand ſich Alles in ſolchem Stande, daß der Befehl zur Einſchiffung gegeben werden konnte. Bevor ſich jedoch der Oberfeldherr auf das Admiralſchiff be⸗ gab, durchritt er nochmals die Linien der Krieger, die er zu neuen Siegen zu führen in Begriff ſtand. „Ich verſpreche jedem Soldaten,“ ſprach er unter Anderm,„eine ſo große Summe, daß er ſich nach der Rückkehr ſechs Morgen Landes kaufen kann.“ Auf dieſe Weiſe erfuhr die Armee auf das Be⸗ ſtimmteſte, daß ſie ſich jenſeits des Meeres ſchlagen werde. Aber iher welche Meere ſie hinſegeln, welche Völker ſie beſiegen und welche Länder ſie erobern ſollte, blieb noch immer Geheimniß. Da ſtieg die Sonne des neunzehnten Mai's 1798 aus den Wellen des Mittelmeeres, golden und ſchön. Kein Wölkchen trübte den blauen Azur. Ein leichter Nordweſt ſpielte ſcherzend über den blauen Fluthen. Meilenweit ſah man die Geſtade mit Menſchen bedeckt. Tief aus dem Lande eilten Tauſende herbei, das groß⸗ artige Schauſpiel der Abfahrt mit anzuſehen. In al⸗ len Hafen⸗ und Küſtenbatterien ſtanden die Kanvoniere bei ihren Geſchützen. Aller Augen waren auf das ma⸗ jeſtätiſche Admiralſchiff gerichtet, auf deſſen Vorderdeck der Held des Tages neben dem Admiral Brueys auf und nieder ging. Plötzlich blieb Erſterer ſuhen, reichte dem Admirale die Hand und entblößte ſein Haupt. Dieſem Bei⸗ ſpiele folgten ſämmtliche Officiere des auf dem Verdeck verſammelten Generalſtabes. In demſelben Augenblicke entrollte ſich auf dem Admiralſchiffe langſam und feier⸗ 75 lich die große Flagge von Frankreich. Bei dieſem An⸗ blicke, der elektriſch alle Herzen durchzuckte, begannen alle Landbatterien ein erderſchütterndes Gewitter und tau⸗ ſend⸗ und aber tauſendſtimmiger Jubel erfüllte die Lüfte. Allmälig entfalteten ſämmtliche Schiffe der impo⸗ ſanten Flotte ihre Flaggen.— Welch' ein Anblick! Welche Empfindungen in der Bruſt der Abfahrenden, wie der Zurückbleibenden! Nie erinnerte ſich die Ge⸗ ſchichte Frankreichs eines ſo glänzenden Seezuges. Da ſchifften ſie hin die Sieger von Italien, die Zierden von Frankreichs Kunſt und Wiſſenſchaft; Weib und Kind, Heimath und Freunde verlaſſend, und allein dem Sterne des jungen Helden folgend, der noch nicht ſein drittes Jahrzehnt zurückgelegt hatte. Unter fortwährendem Donner der Hafenbatterien und dem Rufe:„vive la Republiquel“ und„vive Bonaparte!“ rauſchte der Orient ſtolz und majeſtätiſch durch die Wellen, je mehr er die Höhe des Meeres gewann, deſto zahlreichere Segel entfaltend. Dem Admiralſchiffe zunächſt folgten ſeine Aviſo⸗ und Linienſchiffe, während die zahlreichen Transport⸗ ſchiffe den Weg längs der Küſte zwiſchen den hyeriſchen und levantiſchen Inſeln einſchlugen. Nachdem man ſich auf der hohen See wieder ver⸗ einigt hatte, umfaßte die militairiſche Linie eine Stunde Wegs, während die Transportſchiffe einen Halbkreis von wenigſtens ſechs Stunden bildeten. Allmälig verſank den Nachſchauenden ein Segel nach dem andern im Meere. Bereits am zweiundzwanzig⸗ ſten Mai befand ſich die Flotte auf der Höhe von Saint Florent, Corſika gegenüber. 76 Fünftes Rapitel. Wer beſchreibt Camille's Erſtaunen, als er, beim Vorzeigen ſeines Wechſels, den Werth deſſelben ſo⸗ fort in den edelſten Goldſtücken ausgezahlt erhielt. In ſeinem Leben war er nicht ſo reich geweſen, und daß es mit dem unſichtbaren Genius, welcher ihn umſchwebe, ſeine Richtigkeit habe, lag jetzt außer allem Zweifel. Im Anfang war er vor Ueberraſchung einen Augenblick unſchlüſſig, ob er die Goldrollen, die ihm ſo unverdienterweiſe überliefert wurden, anneh⸗ men ſollte oder nicht. Gleichwohl konnte er ſie jetzt nicht mehr zurückweiſen, wenn er nicht Aufſe⸗ hen erregen oder ſich gar lächerlich machen wollte. Er verſenkte daher die Goldlaſt in ſeine Taſchen, mit dem Vorſatze, ſie nur als Darlehn zu betrach⸗ ten und ſeiner Zeit ungeſchmälert zurückzuerſtatten. Zugleich faßte er aber auch den Entſchluß, jetzt dem mehrfach ausgeſprochenen Wunſche des Gebers nach⸗ zukommen und ſeine zeitherige Abhängigkeit von La⸗ coſte aufzuheben. Im Beſitze einer ſo anſehnlichen Summe, war er jetzt im Stande, ſeinem ſchon frü⸗ her gehegten Lieblingswunſche nachzukommen und dem Feldzuge in der unabhängigen Stellung eines Volon⸗ tairs bei irgend einem der Generalſtäbe beizuwohnen. Von den ſeltſamſten Gefühlen bewegt, verließ er goldbeladen das Haus des Bankiers. Hätten ihn die ſchweren Rollen, die ſeine Taſchen erfüllten, nicht an die Wirklichkeit gemahnt, ſo würde er Alles für einen Traum gehalten haben. Um ſich aber nochmals in Wahrheit zu überzeugen, daß es auch wirklich das Bankierhaus Ricard u. Comp. geweſen, wo er den 77 Wechſel producirt, blieb er ſtehen und überflog wie⸗ derholt die goldne Firma, deren hohe Buchſtaben je⸗ doch ſo deutlich und erkennbar zu leſen waren, daß ſie durchaus keinen Zweifel aufkommen ließen. Während des Jünglings Blicke die ſtattliche Fronte des ſchönen Hötels überſchauten, hafteten ſie plötzlich auf einem mit blühenden Roſen und Camelien be⸗ ſetzten Fenſter des zweiten Stocks, wo zwiſchen den leuchtenden Blumen zwei reizende Mädchenköpfe her⸗ abſchauten, von denen jedoch der eine ſogleich wieder unſichtbar wurde, als Camille's Auge das bezeichnete Fenſter berührte. Der Name„Seraphine“ entſchlüpfte unwillkürlich Renouard's Munde, und noch lange ſtarrte ſein Blick nach dem Fenſter, wo die Schöne verſchwunden war; bald folgte auch der andere Mädchenkopf. Der junge Mann wartete noch geraume Zeit, doch vergebens; keine der beiden Damen ließ ſich wieder blicken. „Thor,“ ſprach endlich Camille für ſich,„was ſchauſt Du leichtgläubig nach dem Blumenfenſter, in der Hoffnung, bekannte liebe Züge zu erblicken! Es iſt ja eine Unmöglichkeit, Sie hier zu finden; aber ſchon die täuſchende Aehnlichkeit hat mich wunderbar ergriffen. Wie käme Sie in ihren Verhältniſſen von Paris nach Toulon?“ Nachdem er noch einige Zeit das Fenſter beobachtet und keines der ſchönen Mädchen wieder ſichtbar ward, trat er den Rückweg nach ſeinem Hötel an. „Das muß ich geſtehen,“ ſprach er unterwegs, „ſonderbare Dinge widerfahren mir unter dem ſchö⸗ nen Himmel der Provence. Ich erhalte Briefe im Traume, werde von einflußreicher Hand protegirt, ſo⸗ gar mit Gold überſchüttet und habe endlich gar liebliche Viſionen. Der Himmel möge es fügen, 78 daß alle dieſe Anzeigen auf eine glückliche Zukunft deuten.“ Als er bei dem Hötel de Bordeaux anlangte, hatte es eben großen Streit zwiſchen der rothen Perrücke und dem ungeſchliffenen Portier gegeben, welcher dem eſelbeſpannten Fuhrwerk die Einfahrt durch das Haus⸗ thor nicht geſtatten wollte, indem er die Behauptung auf⸗ ſtellte, daß die Stadt Bordeaux keine Herberge für Eſel ſei und nur von hohen Notabilitäten bewohnt würde. Obſchon ſich der Profeſſor alle Mühe gab, dem ungaſtlichen Manne den Beweis auseinander zu ſetzen, daß in der franzöſiſchen Republik alle Privilegien auf⸗ gehört hätten und vor dem Geſetze alle Bürger gleich wären, demnach für ihr Geld auch auf Beherbergung in jedem öffentlichen Gaſthauſe Anſpruch hätten, ſo ſchob trotzdem der verſtockte Portier den Riegel nicht zurück, welcher den zweiten Hausthorflügel feſthielt. „Kehrt im grauen Storche ein, wo die Stock⸗ fiſchleute aus der Pieardie übernachten,“ rieth höhniſch der Thürſteher,„dort, zehn Häuſer aufwärts, da werdet Ihr und Euer Eſel genug Geſellſchaft finden. Hier logirt blos Generalität!“ Baptiſt, welcher ſeit der militäriſchen Eskorte, die leider durch unerwarteten Appel plötzlich abberu⸗ fen worden war, vor Laroſſoſſinier großen Reſpect bekommen, vermochte die groben Infinuationen des wohlgemäſteten Portiers nicht länger zu ertragen. Namentlich fand er ſich durch die Zumuthung wegen der Stockfiſchleute aus der Pieardie, die nicht eben im Rufe großer geiſtiger Ueberlegenheit ſtanden, beleidigt. „Weiß Er wohl,“ rief er,„daß Er ſelbſt ein Stockfiſch iſt, Er dicker Mann, Er!“ Das war mehr, als ein Portier des ariſtokrati⸗ ſchen Hötel de Bordeaux zu ertragen vermochte. Er 79 hob den Stock ſeiner Würde hoch empor, um den Eſeltreiber für ſeine verwegene Rede zu züchtigen. „Fort mit Euch, Bettelpack,“ ſchrie er mit kirſch⸗ braunem Geſicht und folgte, ſo gut es ſeine Gravität erlauben wollte, mit hochgeſchwungenem Stocke dem kecken Burſchen, der aber behend genug war, um ſich nicht erwiſchen zu laſſen. So ging die Jagd wieder⸗ holt um das Fuhrwerk. Dem Burſchen machte dieſe Art von Verfolgung or⸗ dentlich Spaß. Er fuhr fort, der nachkollernden Fleiſch⸗ kugel allerhand Sottiſen zuzurufen, wodurch der Zorn des dicken Mannes außerordentlich geſteigert wurde. „Seht dieſen Plumpudding,“ rief er einmal über das andere,„das wäre ein Mann, mich einzuholen; hat man je ſolche Fleiſchmaſſe beiſammen geſehen? Es iſt Schade, daß Faſtnacht vorbei, um ihn als boeuf à la mode durch die Straßen zu führen. Er dicker Delphin, Er!“ Dieſes„Er“, überdies von einem ſo jungen Bur⸗ ſchen ausgeſtoßen, überſtieg Alles, was der Portier vom Hötel de Bordeaux an Beleidigungen je zu ertra⸗ gen gehabt hatte. Sein Antlitz ward, wie bei dem erzürnten Truthahn, immer dunkler, und unfehlbar würden vor Wuth ſeine Haare kerzengrad emporge⸗ ſtiegen ſein, wenn er nicht eine mächtige Allongeper⸗ rücke, als Zeichen ſeiner Würde, getragen hätte. „Hundejunge,“ ſchrie er außer ſich,„auf die Ga⸗ leeren bring' ich Dich; verlaß Dich darauf, ich habe Connaiſſancen daſelbſt.“ „Er mich auf die Galeeren!“ lachte Baptiſt.„Er wär' der Mann, Er!“ Laroſſoſſinier, nachdem er eine Zeitlang von ſeinem erhabenen Sitze herab der ſeltſamen Jagd, die ſich fortwährend um das Fuhrwerk wie um ihre Axe be⸗ 80 wegte, zugeſchaut hatte, erkannte endlich, da es zwi⸗ ſchen Baptiſt und dem Portier zu offenen Feindſelig⸗ keiten gekommen, daß an eine Einkehr in dem Hötel de Bordeaur nicht mehr zu denken ſei. Er rief da⸗ her Worte der Verſöhnung und des Friedens dem dicken Jäger, ſo wie dem leichtfüßigen Wilde zu, in⸗ em er ſeinen Entſchluß, in dem grauen Storche ein⸗ zukehren, kund und zu wiſſen that. Der Portier achtete aber nicht auf die Friedens⸗ worte. Er war noch zu ſehr verſeſſen, dem Baptiſt ſeine Rache fühlen zu laſſen. „Erſt muß die Beſtie ſterben!“ rief er wiederholt. Der Profeſſor, welchem nach ſolchen Ausrufungen für das leibliche Wohl ſeines Burſchen bange ward, gab dem unabläßlichen Verfolger zu bedenken, daß man über das Leben eines Menſchen erſt nach Urthel und Recht und nach vollſtändiger Beſetzung der Bank der Geſchwornen verfügen könne; außerdem verfalle jedes Attentat gegen das phyſiſche Wohl eines Staats⸗ bürgers in das Bereich der Selbſthilfe, welche den Geſetzen zuwiderlaufe. Die juriſtiſchen Erörterungen des Profeſſors wür⸗ den indeß die Jagd unmöglich zu erwünſchtem Ende gebracht, und die Sache dürfte wahrſcheinlich für Baptiſt einen unerfreulichen Ausgang genommen haben, denn der wuthentbrannte Portier wollte ſoeben ein paar Hausknechte als Häſcher requiriren, als eine unverhoffte Intervention ſtatt fand. Der Fallſtaff wurde nämlich mit Einem Male ziemlich unſanft am Ohre gepackt und ohne daß er des Packers anſichtig zu werden ver⸗ mochte, nach dem Portale des Hötels geführt. Es war der General Kleber in eigner Perſon, welcher ſich ſeines Lehrers und Baptiſt's ſo ohne Um⸗ ſtände annahm. Derſelbe war aus einem benachbar⸗ 81 ten Hauſe, wo er einen Freund beſucht, getreten, hatte einige Augenblicke der ſeltſamen Jagd zugeſchaut, ſich nach dem Grunde erkundigt, zugleich den Profeſſor an der rothen Perrücke erkannt und ſofort deſſen Par⸗ tei ergriffen. Als er endlich das Ohr des Portiers los ließ, ward Letzterm Gelegenheit, ſich umzuwenden und ſeinen unverhofften Gegner in Augenſchein zu nehmen. Sein Hochmuth ward ſogleich zur erſterben⸗ den Demuth, da er einen ſo hochgeſtellten Herrn Ge⸗ neral vor ſich erblickte. Unmittelbar darauf hielt der Profeſſor ſeinen glorreichen Einzug in das ariſtokratiſche Hötel, und dem Baldewin ward die Ehre zu Theil, mit arabiſchem Vollblut in einem und demſelben Stall zu übernachten. Bald darauf kehrte auch Camille mit ſeinen Gold⸗ rollen in das Hötel zurück. Er war feſt entſchloſſen, iedes Verhältniß mit dem Chevalier abzubrechen und wo möglich als Freiwilliger in die Suite des General Kleber zu treten. Wie erfreut war er daher, als er dieſen General in des Profeſſors Zimmer antraf, wo er eben beſchäftigt war, die wiſſenſchaftlichen Apparate des ängſtlich beſorgten Laroſſoſſinier in Ordnung brin⸗ gen zu helfen. Da Camille Klebern als den offenſten und gradher⸗ zigſten Menſchen von der Welt kannte, ſo trug er kein Bedenken, demſelben ohne große Einleitung und Um⸗ ſchweife den Wunſch ſeines Herzens, in des Generals Suite zu treten, vorzutragen. Kleber ſchien wahrhaft erfreut darüber. „Das iſt recht,“ ſprach er, daß Ihr Euch von dieſem Mann zurückzieht. Er iſt voller Intriguen. Sein Umgang konnte Eurer Jugend und Unerfahren⸗ heit nur Nachtheil bringen. Ich gebe nicht drei Sous für ſeinen Republikanismus. Er mag ſich vor Stolle, ſämmtl. Schriften. I. 6 82 mir in Acht nehmen. Beim geringſten Verdacht einer verrätheriſchen Handlung ſchlage ich ihm mit eigener Hand den Hirnſchädel ein.“ Nach dieſen Worten wandte er ſich wieder zu Laroſſoſſinier, der eben beſchäftigt war, mit Baptiſt's Hülfe einen großen Koffer in's Zimmer zu ſchaffen. Dieſe Arbeit koſtete ſo viel Anſtrengung, daß ihm große Schweißtropfen auf der Stirn ſtanden. „Aber, Profeſſor,“ rief Kleber,„ich bitte Euch, wozu der viele Unrath?“ 6 „Unrath?!“ frug Laroſſoſſinier verwundert und ärger⸗ lich,„es iſt nur das Nothwendigſte, das Unentbehrlichſte.“ Der General verſuchte jetzt, den Koffer in die Höhe zu heben, wobei er bemerkte, daß er außerordentlich ſchwer ſei. „Was ſteckt denn in dem Kaſten?“ frug er,„Kleider können das unmöglich ſein.“ „Was ſoll drinnen ſein,“ verſetzte der Gelehrte, „nur die auserleſenſten Exemplare meines Steinkabinets.“ Der General ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen. „Und dieſe Quadern wollt Ihr mit zur See nehmen?“ „Warum nicht? Was iſt da zu erſtaunen! Der wahrhaft wiſſenſchaftliche Mann trennt ſich nie von ſeinem Handwerkszeuge.“ „So bedenkt doch, daß Eure Steinſtufen beim erſten beſten Sturm über Bord ſpazieren.“ „Dieſe Gefahr iſt lange nicht ſo groß, als wenn ich ſie in Paris laſſe, wo ich keine Stunde ſicher bin, daß ſie mir geſtohlen werden.“ „Und in dieſen zahlreichen Pappſchachteln, ſtecken da auch Mineralien?“ „Nein,“ gab der Profeſſor zur Antwort,„meine Schmetterlinge.“ —,—. —— 83 „Die hättet Ihr doch getroſt in Paris laſſen kön⸗ nen,“ meinte Kleber,„darnach dürften die Diebe ſchwerlich Gelüſt tragen.“ Laroſſoſſinier zuckte die Achſeln. „Man kann nicht wiſſen;“ ſprach er,„beſſer be⸗ wahrt als beklagt; zudem brauche ich auch die Samm⸗ lung höchſt nöthig, wenn ich ſie durch neue, in frem⸗ den Zonen gefangene Gattungen bereichern und ver⸗ vollſtändigen will.“ „Wer weiß denn aber,“ frug Kleber,„ob uns Bonaparte in ein Land führen wird, wo es Schmet⸗ terlinge gibt?“ „Das wäre freilich ein Uebelſtand. Ein Land ohne Schmetterlinge hat mir ſtets als ein höchſt trauriges, von der Natur vernachläſſigtes Land gegolten.“ „Aber bedenkt, Profeſſor,“ hielt der General ent⸗ gegen,„wenn jeder Gelehrte ſeine naturhiſtoriſchen Sammlungen, ſeine Bibliothek und wiſſenſchaftlichen Inſtrumente an Bord nehmen wollte, wo ſoll der Raum herkommen?“ „Ei, haben wir doch der Schiffe in Menge,“ er⸗ wiederte Laroſſoſſinier,„zwölf Linienſchiffe, vierzehn Fregatten et cetera, et cetera!“ „Ja, guter Mann, wo ſollen wir aber die Soldaten hinſtecken, die Kanonen, Munition und den Mund⸗ vorrath?“ „Die verwünſchten Blauröcke!“ brummte der Pro⸗ feſſor für ſich,„an die hab' ich allerdings nicht gedacht.“ „Ich bezweifle überhaupt,“ fuhr Kleber fort,„ob Euch geſtattet ſein wird, ſo viel Kiſten und Kaſten mitzunehmen.“ „Das wäre entſetzlich,“ rief der Profeſſor,„und eine Barbarei gegen alle Wiſſenſchaft, die ſich Bonaparte hoffentlich nicht wird zu Schulden kommen laſſen.“ 66 8 ½ „Dann geb' ich Euch ferner zu bedenken, daß, wenn auch Ihr für Eure Perſon auf einem der Kriegsſchiffe Platz findet, Euer Ballaſt, ſo er nicht ganz zurück⸗ gewieſen wird, doch höchſtens auf einem der Trans⸗ vortſchiffe aufgenommen werden kann.“ „Von meinen Sammlungen, Büchern und Inſtru⸗ menten trenne ich mich auf keinen Fall,“ verſetzte Laroſſoſſinier mit aller Energie, die ihm zu Gebote ſtand;„man weiß, wie rohe ungeweihte Hände mit dergleichen Koſtbarkeiten umgehen.“ „Guter Profeſſor,“ lächelte der General,„das iſt bald geſagt; aber im Kriege wird nicht gefackelt. Da erſcheint ein Befehl, und wer dem zuwider handelt, kommt vor's Kriegsgericht.“ Als der Alterthümler von einem Kriegsgerichte hörte, bekam er einen Schrecken, der ihm faſt die Theilnahme an der ganzen Expedition verleidet hätte. „Wie?“ frug er zagend,„die Gelehrten können doch unmöglich vor ein Kriegsgericht geſtellt werden, ſo ſie Etwas nicht recht machen?“ „Je nachdem,“ erwiederte Kleber;„doch beruhigt Euch,“ fuhr er tröſtend fort,„es wird ſo ſchlimm nicht werden; auch hoffe ich, Euch ſammt Euerm Mobiliar in diejenige Schiffsdiviſion einzuſchmuggeln, über die ich das Commando erhalte.“ „Gott lohne Euch den Dienſt, welchen Ihr dadurch den Wiſſenſchaften erweiſt.“ Der General hielt auch Wort und traf Anſtalten, daß des Profeſſors Bagage, mit Ausnahme des Rie⸗ ſenkoffers, in welchem ſich ein ausgeſtopfter Schwede be⸗ fand, an dem Laroſſoſſinier Anotomie ſtudirte, in die Räume des Linienſchiffes Timoleon, auf welchem Kleber commandirte, aufgenommen wurde. Nur mit großem Schmerze trennte ſich der Profeſſor von dem 85 todten Scandinavier, welcher auf einem der Trans⸗ portſchiffe, Namens„Euridice“, Platz fand. Renouard, nachdem er ſich beim General beurlaubt hatte, begab ſich ſogleich nach den Zimmern des Chevaliers, den er aber nicht zu Hauſe traf. Erſt am ſpäten Abend ward ihm Gelegenheit, bei dem zeit⸗ herigen Protector vorſprechen zu können. Lacoſte, mit Schreiben beſchäftigt, war ſichtbar überraſcht, als ſich Camille ſo unerwartet melden ließ. Bevor der junge Mann in's Zimmer trat, hatte der Chevalier die Vorſicht gehabt, ſein ſeidnes Taſchen⸗ tuch auf eine Menge Briefe fallen zu laſſen, die zur Abſendung bereit lagen. Aber des Chevaliers Erſtaunen erreichte einen noch höhern Grad, als Renouard ohne lange Einleitung mit der Sprache herausging; für die mannigfachen Beweiſe von freundlicher Geſinnung Dank ſagte und den Entſchluß ausſprach, als Volantair in die Suite des General Kleber zu treten. Wie unangenehm dieſe Worte in den Ohren Lacoſte's wiederklangen, war er doch Weltmann ge⸗ nug, ſein Mißbehagen im Geringſten blicken zu laſſen. „Ich will Eurem Glücke, mein junger Freund,“ ſprach er,„keineswegs im Wege ſtehen, nur bezweifle ich, ob Ihr mit dieſem Tauſche der Chefs werdet zu⸗ frieden ſein! Kleber iſt ein Mann voller Launen, miß⸗ trauiſch, rückſichtslos, worüber ich von ſeinen früheren Untergebenen mehr denn eine Klage vernommen habe; ja was ſag' ich, Untergebenen; ſogar mit den Vorge⸗ ſetzten kann er ſich ſelten vertragen, wie ſeine unter⸗ ſchiedlichen Zänkereien mit dem Directorium hinläng⸗ lich beweiſen. In dem würdigen General Bon, welcher die Humanität ſelbſt iſt, würdet Ihr gerade das Ge⸗ gentheil angetroffen haben.“ 86 Renouard wollte jetzt etwas ausführlich die Gründe auseinanderſetzen, die ihn zu dem Uebergange bewo⸗ gen, aber der gewandte Lacoſte ließ ihn nicht aus⸗ reden. „Keine Entſchuldigung,“ ſprach er,„des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich. Welche Beweggründe Euch immerhin zu der Aenderung bewogen haben, ich kann ſie nur ehren, und unſer zeitheriges freundſchaftliches Verhältniß ſoll deshalb nicht im geringſten leiden. Eure Stellung iſt unter Kleber vielleicht ſelbſtſtändi⸗ ger; das iſt allein ſchon ein Grund, der Euch voll⸗ kommen rechtfertiget.“ Renvuard, welcher befürchte hatte, der Chevalier werde über die Verzichtleiſtung auf die Fähndrichſtelle weit empfindlicher ſich auslaſſen, ward durch die Bon⸗ hommie des Letztern ordentlich in Verlegenheit geſetzt. Er ſchied daher mit weit freundlicheren Gefinnungen, als mit welchen er gekommen war. Uebrigens hatte Lacoſte auch Urſache, die Angele⸗ genheit Camille's nicht in die Länge zu ziehen; denn kaum hatte ſich Renouard entfernt, als der Chevalier Beſuch erhielt, wobei ihm die Gegenwart eines Uneinge⸗ weihten keineswegs erfreulich ſein konnte. Der Beſuch beſtand aus drei der verwegenſten Schleichhändler, die ihr Handwerk theils zu Waſſer, theils zu Lande auf der Grenze zwiſchen Frankreich und Spanien trieben. Ein Jedererhielt Briefe an entferntwohnende und demengliſch⸗ bourboniſchen Intereſſe ergebene Perſonen. Die Stärke der in Toulon verſammelten Land⸗ und Seemacht, die Namen der Generale und Brigaden, der Umfang der theils eingeſchifften, theils noch am Lande befindlichen Munition und des Mundvorraths, kurz Alles, was nur dem Feinde zu wiſſen von Nutzen und Intereſſe ſein konnte, befand ſich bis in die geringfügigſten De⸗ — 87 tails mit diplomatiſcher Genauigkeit in dieſen Brief⸗ ſchaften verzeichnet. Nachdem die Paſcher ihre Aufträge erhalten und hoch und theuer gelobt hatten, mit Gefahr ihres Le⸗ bens die verſchiedenen Schreiben an ihre Adreſſen eigen⸗ händig gelangen zu laſſen, entfernten ſie ſich im Dunkel der Nacht. Der Chevalier ging noch eine geraume Zeit ſchweigend und nachdenkend im Zimmer auf und ab. „Wie Teufel kommt dieſer Renouard zu der Vo⸗ lontairſtelle?“ frug er ſich endlich.„Kleber muß ein ganz beſonderes Intereſſe an dem Menſchen haben.“ „Gleichviel,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„mag er unter Dieſem oder Jenem dienen, ich werde ihn im Auge behalten. Der Begünſtigte des Fräulein von Montreuil darf die goldgrünen Küſten Frankreichs nicht wieder erblicken und die Nachtigall nie wieder ſchlagen hören in dem Garten von Saint Maurice; und,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„ſein unver⸗ ſchämter Protector, Herr General Kleber, desgleichen.“ Sechstes Rapitel. Der Purpur der Abendſonne überſtrahlte das Meer von Sicilien. Bonaparte ſchritt mit ſeinem Cabinets⸗ ſecretair Bourrienne das Verdeck des Orients auf und ab. Plötzlich blieb Letzterer ſtehen, und die Hand vor die Augen haltend, ſchien ein Gegenſtand in weiter Ferne ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. „Wie, Bourrienne,“ frug ſcherzend Bonaparte, 88 „die Engländer ſind doch nicht im Anzuge? Was ſuchen Eure Augen ſo lebhaft in der blauen Ferne?“ „Wenn mich nicht Alles trügt,“ erwiederte der Secretair,„ſah ich am äußerſten Horizonte die gold⸗ nen Kronen der Alpen ſchimmern.“ „Ihr träumt,“ ſprach der Obergeneral ungläubig, „wo ſollen die Alpen herkommen?“ Der Admiral Brueys, welcher herangetreten war und durch ein gutes Fernglas die von Bourrienne bezeich⸗ nete Stelle fixirte, beſtätigte den Ausſpruch des Letztern. Jetzt ließ ſich auch Bonaparte den Dollond rei⸗ chen und erkannte wirklich, wiewohl ganz ſchwach, wie einen leiſen Goldſtreif die Gipfel der großartigen Bergkette. „Ja,“ rief er nicht ohne Bewegung,„es ſfind die Alpen!“ Er konnte ſich lange Zeit von dem bezaubernden Anblicke nicht losreißen. „Ich kann,“ ſprach er endlich, das Fernglas dem Admiral zurückgebend,„nie ohne Rührung das Land Italien betrachten. Dorthin liegt das Morgenland, dahin ſegeln wir. Eine hochwichtige Unternehmung ruft uns dahin. Dieſe Gebirge beherrſchen die Ebene, wo ich ſo oft das Glück hatte, die Franzoſen zum Siege zu führen. Mir ſagt mein innerer Genius, wir werden auch im Morgenlande ſiegen.“ Fortwährend in Beſorgniß vor den Engländern, da der Admiral wegen der großen Anzahl der Trans⸗ portſchiffe jedes Zuſammentreffen mit dem Feinde für höchſt verderblich erklärt hatte, bot die erſte Hälfte des Wegs, zumal bei dem häufigen Eintritte der Windſtille, wenig Bemerkenswerthes dar. Bonaparte gefiel ſich während der Zeit gern, mit den ihn begleitenden Gelehrten und Generalen ſich zu — 89 unterhalten; wobei er mit jedem über den Gegenſtand ſeiner Studien ſprach. Mit Monge und Berthollet, die er oft in ſeine Nähe rief, conferirte er über mathe⸗ matiſche Wiſſenſchaft, wohl auch über Methaphyſik und Politik. Der General Cafarelli, den er be⸗ ſonders ſchätzte und liebte, gewährte ihm durch die Lebendigkeit ſeines Geiſtes und die Anmuth ſeines Ge⸗ ſprächs gleichfalls angenehme Zerſtreuung. Nach dem Mittagseſſen liebte er es, ſchwierige Fragen über die ernſteſten und intereſſanteſten Gegenſtände aufzuwerfen und ſie den Sprechern zuzutheilen, theils um Letztere aus dem Kampfe beurtheilen zu lernen, theils um ſich ſelbſt zu unterrichten; und ſtets gab er hier Demjenigen den Vorzug, der das ſcheinbar Widerſinnige mit dem größten Scharfſinne zu vertheidigen wußte. Dieſe Wortgefechte hatten daher für ihn nur den Werth einer Verſtandesübung, einer intellectuellen Gymnaſtik. Auch brachte er gern das doppelte Problem des Alters der Welt und ihrer wahrſcheinlichen Zerſtörung in Anregung. Seine Phantaſie und Denkkraft fühlte ſich nur bei er⸗ habenen und grofartigen Gegenſtänden wohl und heimiſch. Wie gegründet übrigens die Beſorgniß des franzö⸗ ſiſchen Admirals war, mit den Engländern zuſammen⸗ zutreffen, geht aus Folgendem hervor. So wie der engliſche Admiral Saint Vincent durch den bourboniſtiſchen Agenten Lacoſte die ſichere Nach⸗ richt erhalten, daß die Abfahrt der franzöſiſchen Flotte nahe bevorſtehe, hatte er den Contreadmiral Nelſon mit mehreren Linienſchiffen von Gibraltar aus auf Kundſchaft geſchickt, um zwiſchen den Küſten von Spa⸗ nien, der Provence und Sardinien zu kreuzen. Da wollte es das Geſchick, daß das Schiff, auf welchem ſich Nelſon befand, durch einen Sturm ſo übel zuge⸗ richtet ward, daß der genannte Seeheld gezwungen war, 90 auf der Rhede von San Pietro vor Anker zu gehen. Er bedurfte hier vier Tage, um ſein Schiff wieder in brauchbaren Stand zu ſetzen. Während dieſer Zeit lief die franzöſiſche Flotte von Toulon aus. Nelſon, nachdem er wieder in See war, ſegelte nun nach der Höhe von Toulon, wo bedeutende Verſtärkung zu ihm ſtieß. Zwei Tage lang kreuzte er vor dem Hafen der ge⸗ nannten Stadt, als er die Entdeckung machte, daß die feindliche Flotte bereits nach dem Orte ihrer Beſtimmung abgegangen ſei. Sofort ſpannte er alle Segel der vier⸗ zehn Linienſchiffe, jedes zu vier und ſiebzig Kanonen, die er commandirte, um Bonaparte aufzuſuchen. Nach einer ruhigen Fahrt von zwanzig Tagen er⸗ ſchien die franzöſiſche Flotte vor Malta, welches faſt ohne Widerſtand genommen und beſetzt wurde. Der letzte Großmeiſter, Ferdinand von Hompeſch, ein Deutſcher von Geburt, erhielt als Entſchädigung für die Großmeiſterwürde eine lebenslängliche Penſiovn von dreihunderttauſend Livres; den franzöſiſchen, ſo wie den über ſechzig Jahre alten Rittern wurde gleichfalls eine verhältnißmäßige, lebenslängliche Rente ausgeſetzt. In einem Zeitraume von wenig Tagen fiel dieſe kriegeriſche Ariſtokratie, welche einſt der geſammten türkiſchen Kriegsmacht ſiegreich die Spitze geboten. Ein Beweis, daß ſie ſich überlebt hatte. Die zweitauſend auf den Malteſerſchiffen vorgefundenen Galerenſclaven erhielten die Freiheit. General Vaubois blieb mit viertauſend Mann als Beſatzung der Inſel zurück. So wie die franzöſiſche Flotte Malta verlaſſen hatte, ſchlug ſie ihren Weg nach der Inſel Candia ein. Sämmtliche Fahrzeuge hatten den Befehl, alle ent⸗ gegenkommenden Schiffe aufzuhalten, damit die nach⸗ folgenden Engländer keine Nachricht erhalten konnten, welche Richtung die Flotte genommen. S — —— 91 Wirklich entging Bonaparte nur wie durch ein Wun⸗ der ſeinen Verfolgern. Der engliſche Admiral, nach⸗ dem er Toulon verlaſſen, ſegelte an der Inſel Elba vorüber, das toskaniſche Meer hinab, und an demſelben Tage, als Bonaparte Malta verließ, ſteuerte Nelſon, von neapolitaniſchen Piloten geleitet, durch die Meer⸗ enge von Sicilien und ging in dem Hafen von Meſſina vor Anker. Hier erhielt er die erſte Nachricht von der Eroberung Malta's und jetzt erſt ward ihm der von Lacoſte erweckte Verdacht, daß Aegypten das Ziel der franzöſiſchen Expedition ſei, zur Gewißheit. Nachdem er ſich daher in der genannten Stadt mit den noth⸗ wendigſten Bedürfniſſen verſorgt, richtete er pfeilgerade ſeinen Lauf nach der ägyptiſchen Küſte, ohne zu ahnen, wie nahe ihm die franzöſiſche Flotte mit ihren vier⸗ hundert Transportſchiffen war. Als die Franzoſen die Inſel Candia erreicht hat⸗ ten, vernahm man plötzlich eines Nachts Kanonen⸗ donner. Da er von keinem der franzöſiſchen Schiffe herrührte, erregten dieſe unheimlichen Klänge allge⸗ meine Beſtürzung; nicht daß es den franzöſiſchen Ma⸗ troſen und Soldaten an Muth oder Kampfluſt gefehlt hätte, ſondern weil, wie bereits erwähnt worden, wegen der großen Transportflotte ein Zuſammentreffen mit dem Feinde nur höchſt verderblich werden und leicht die ganze Expedition zu nichte machen konnte. Wirklich rührte auch der in der Nacht vernommene Geſchützdonner von der vier Stunden entfernten eng⸗ liſchen Flotte her, welche ihren geraden Weg nach Aegypten fortſetzte. Es waren Singnalſchüſſe, die Nel⸗ ſon ſeinen Schiffen gab. Wäre daher Bonaparte nicht den Abend vorher auf Candia losgeſteuert, ſo würden ſich am folgenden Morgen die franzöſiſche und engliſche Seemacht einander gegenüber befunden haben. 92 Der franzöſiſche Oberbefehlshaber befahl demnach, anſtatt direct nach Alexandrien, die Richtung nach der afrikaniſchen Küſte und zwar nach dem Cap Durazzo einzuſchlagen, welches Letztere einige und zwanzig Mei⸗ len von der genannten Stadt gelegen iſt. Als dieſes Cap fignalifirt wurde, befand ſich Nel⸗ ſon vor Alexandrien. Da er hier die franzöſiſche Flotte nicht vorfand, fuhr er die ſyriſche Küſte entlang, und auch hier nirgends auf den Feind ſtoßend, kehrte er nach Rhodus zurück. Erſt als die Küſten von Afrika am Horizonte emportauchten, machte Bonaparte ſein Heer und ſeine Flotte mit dem eigentlichen Zwecke der großen Ex⸗ pedition bekannt. Er erließ folgende berühmte Pro⸗ elamation: „Soldaten! „Ihr ſteht im Begriff, eine Eroberung zu machen, deren Wirkungen auf die Civiliſativn und den Handel der Welt von unberechenbaren Folgen ſind. Ihr werdet dadurch unſerm Erbfeinde den Todesſtoß verſetzen. „Wir werden ermüdende Märſche thun, werden Schlachten liefern; alle unſere Unternehmungen aber werden gelingen, da die Beſchlüſſe des Schickſals für uns ſind. Die Mamelukenbeys, die Tyrannen Aegyp⸗ tens, welche den engliſchen Handel ausſchließlich be⸗ günſtigen und unſern Kaufleuten den größten Scha⸗ den thun, werden in wenigen Tagen nicht mehr ſein. „Die Völker, unter denen wir leben werden, ſind Muhamedauer. Ihr erſter Glaubensartikel lautet: Es gibt nur einen Gott und Mahomed iſt ſein Pro⸗ phet! Handelt nicht gegen ihre religiöſen Gebräuche, übet gegen ſie dieſelbe Duldung, die ihr gegen die Klöſter und Synagogen, gegen die Religionen von Moſes und Chriſtus geübt habt. ⸗ 93 „Die römiſchen Legionen beſchützten alle Reli⸗ gionen. Ihr werdet hier Gebräuche finden, die ſich von den franzöſiſchen unterſcheiden; Ihr müßt Euch an ſie gewöhnen. „Die Völker, zu denen wir gehen, behandeln die Frauen anders als wir. In allen Ländern aber iſt Derjenige, welcher ſich gegen das ſchwächere Geſchlecht vergeht, ein Elender. „Das Plündern bereichert nur eine geringe An⸗ zahl von Menſchen. Es entehrt uns, vernichtet un⸗ ſre Hülfsquellen und verwandelt uns in Feinde der⸗ jenigen Völker, die zu Freunden zu haben unſer eigenes Intereſſe erheiſcht. „Die erſte Stadt, auf welche wir treffen werden, iſt von Alexander erbaut. Auf jedem Schritte wer⸗ den wir auf große Erinnerungen ſtoßen, würdig, Fran⸗ zoſen zur Nachahmung zu dienen.“ Zugleich erſchien ein Tagesbefehl, worin mit To⸗ desſtrafe Jeder bedroht ward, der ſich Erpreſſung und Plünderung würde zu Schulden kommen laſſen. Je⸗ des Corps wurde für die Ausſchweifungen ſeiner Mit⸗ glieder verantwortlich gemacht. Ein jeder Befehlsha⸗ ber hatte auf's ſtrengſte über Zucht und Disciplin der ihm Untergebenen zu wachen. Als vor zweitauſend Jahren Alexander der Große in Aegypten erſchien, hatte er ſich als ein Sohn Ju⸗ piters angekündigt. Cäſar wollte durch Askanins von den Göttern abſtammen; Mahomed gab ſich für einen Propheten aus; Attila ließ ſich die Geiſel Got⸗ tes nennen; Bonaparte begriff ſein Jahrhundert, des⸗ ſen herrlichſter Ausdruck er war, zu gut, als daß es bei ihm der unmittelbaren göttlichen Abſtammung be⸗ durft hätte. Ja, als wollte er recht auffallend durch ſein eigen Beiſpiel den Beweis führen, daß der Zweck 9⁴ der gegenwärtigen Menſchheit der ſei, das Schwert der civiliſirenden Macht des Geiſtes, der Künſte und Wiſſenſchaften unterzuordnen, ſetzte Er, der erſte Krieger der kriegliebendſten Nativn der Welt, den Titel eines Obergenerals in allen officiellen Schriften dem eines Mitgliedes der franzöſiſchen Akademie nach. Es war am erſten Juli, am drei und vierzigſten Tage der Abfahrt von Toulon, als vom Maſtkorbe herab abermals der Ruf„Land! Land!“ erſcholl. Alle Blicke richteten ſich nach Morgen. Da legte ſich ein weißer Streif über den bläulichen Horizont des Meeres und allmälig breitete ein ödes Küſtenland ſeine Oede vor den erſtaunten Blicken aus. Nirgends ein Baum, ein Strauch. Die Ruhe des Todes ſchien auf dieſe Gegend herabgeſunken. Allmälig entwickelten ſich aus dunkler Ferne die Denkmäler einer großen Stadt. Ihre Geſtalt war Allen ſo neu als fremd. Minarets, Säulen, Obelisken, Grabmäler, unermeßliche Trümmer⸗ haufen, hier und da von Palmen beſchattet, riefen ein ſeltſames Staunen in Aller Herzen hervor. Es war Alexandrien, die einſtige Beherrſcherin der Welt. Siehentes Rapitel. Auf dem Linienſchiffe Timolevn, woſelbſt der Gene⸗ ral Kleber commandirte, herrſchte während der Ueber⸗ fahrt ein luſtiges Leben. Die Beſatzung beſtand aus der neun und funfzigſten Halbbrigade, faſt lauter Pro⸗ vengalen und lauter aufgeweckte Leute; fingend nahm man Abſchied von dem theuren Vaterlande, der„ſon⸗ nenhellen“ Provence, die mit ihten blühenden Ufern allmälig in's Meer verſank; fingend begrüßte man das ſaphirblaue, hochaufſchäumende Mittelmeer; ſingend zog man vorüber an Corſika's und Italiens goldenen Geſtaden. Abends, wenn die Sterne heraufzogen und ſich tau⸗ ſendfältig im Meere wieder ſpiegelten, verſammelte man ſich in Haufen auf dem großen Verdeck und bildete Kreiſe, in deren Mitte ſich Einer niederließ und die Geſellſchaft durch Schnurren, Anekdoten, Märchen be⸗ ſtens zu unterhalten bemüht war. Als Madator unter den Anekdoten⸗ und Märchen⸗ erzählern mußte aber der kleine Tambour vom dritten Bataillon, Roſignol mit Namen und aus Dijon ge⸗ bürtig, angeſehen werden. Das war überhaupt ein Teufelskerl. Obſchon noch blutjung, zählte er bereits dreizehn Bleſſuren aus dem italieniſchen Feldzuge, wo er mit eigener Hand drei Fahnen eroberte. Er war dem Oberfeldherrn perſönlich bekannt und befreundet. Alle Beförderungen hatte er ſtandhaft ausgeſchlagen. Er zog es vor, erſter Tambour der neun und funfzigſten Halbbrigade zu bleiben, ein Titel, welchen ihm Bonaparte auf dem Schlachtfelde von Lodi gegeben. Wegen ſeiner ausgezeichneten Bravvur und ſeiner unverſiegbaren guten Laune genoß er bei ſeinen Kameraden und Oberen allgemeine Achtung und Liebe, und er konnte ſich als Satyrikus und Spaßvv⸗ gel Manches erlauben, was einem Andern ſchwerlich durchgegangen wäre. Niemandem aber war der kleine Tambour mehr zuwider, als Herrn Larvſſoſſinier, welcher ihm aus dem Wege ging wo er nur konnte. Die rothe Perrücke des Profeſſors war derperpetuirliche Zielpunkt von Roſignol's 96 Witzen und Schwänken. Wegen dieſer ominöſen Per⸗ rücke hatte er ſchon wiederholte Male Arreſt bekom⸗ men. Es hatte aber Alles nichts gefruchtet. „Und wenn mich der General an den Fokmaſt hän⸗ gen oder kielholen läßt,“ hatte der kleine Tambvur oft geſagt,„ich kann mir nicht helfen; ich kann die rothe Perrücke nicht ungeſchoren laſſen, ſie iſt zu grandivos.“ Der Profeſſor, nachdem er die Unannehmlichkeiten der Seekrankheit glücklich überſtanden, wagte ſich end⸗ lich wieder auf's Verdeck, aus keiner andern Abſicht, als ſich Lermittelſt eines faſt zwei Ellen langen Fern⸗ rohrs nach dem Transportſchiffe Euridice umzuſchauen, auf welchem ſich ſein ausgeſtopfter Schwede befand. Wenn das genannte Transportſchiff trotz aller Mühe nicht aufzufinden war, gerieth er allemal in große Un⸗ ruhe, weil er befürchtete, daſſelbe möchte untergegan⸗ gen ſein. Während des Tages ſtieg er unzählige Male in den untern Schiffsraum hinab, um nachzuſehen, ob ſeine Kiſten und Schachteln ſämmtlich noch vorhanden und in unverletztem Zuſtande ſich befänden. Bereits in Toulon war Baptiſt, der ihm, was die Behandlung der naturhiſtoriſchen Schätze betraf, Nichts recht machen konnte, aus ſeinen Dienſten getreten und hatte eine Dienerſtelle bei Camille angenommen, die ihm doch lieber war, als die eines gemeinen Soldaten in irgend einem Regimente. Erſtens blieb er da immer mit dem geliebten und verehrten Jugendgeſpielen vereint, und kam es zur Bataille, konnte er mit d'rein ſchlagen und ſich Ruhm erwerben, ſo viel er Luſt hatte. Baptiſt's Stelle bei Laroſſoſſinier war durch einen zierlichgebauten Negerknaben erſetzt worden, der bei der Behandlung der Sammlungen weit größere Ein⸗ ſicht und Sorgfalt als ſein Vorgänger an den Tag — — 97 legte. Der Profeſſor war mit ihm in dem Grade zufrieden, daß er ſelbſt den davongelaufenen Colas endlich verſchmerzte, wozu es Baptiſt bei ſeiner Un⸗ achtſamkeit und Ungeſchicklichkeit nie hatte kommen laſſen. Die Fahrt auf dem Mittelmeere bot übrigens dem Alterthümler reiche Gelegenheit, ſein antiquariſches Licht tüchtig leuchten zu laſſen. Häufig entwarf er auch Zeichnungen von Gegenden, Städten und Dörfern, an welchen die Flotte vorüberfuhr. Nicht minder frei⸗ gebig war er mit geognvſtiſchen Mittheilungen. So ſchienen ihm Sardinien und Corſica, weil ſie ſo nahe an einander liegen, eine Verlängerung der Alpenkette, die an den genueſiſchen Meerbuſen ſtößt, wo auch die Kette des apenniniſchen Gebirgs, die der Vogeſen und anderer geringerer Ketten, die nichts als divergirende Aeſte aus einem Mittelpunkte ſind, ſich endigen, Hauptſächlich waren es die reizenden Geſtade Si⸗ ciliens, welche Laroſſoſſinier's Phantaſie in das Zeit⸗ alter der Römer und Karthager zurückverſetzte. Ob⸗ ſchon ein leichter Nebel die Atmoſphäre verdichtete, be⸗ hauptete er doch ſteif und feſt, Marſala und das alte Lilibäum zu erblicken. „Seht,“ ſprach er zu Camille, der mit etwas un⸗ gläubigem Geſichte neben ihm ſtand,„den Ort, von wo aus die Römer die gegen ſie ausgeſchickten Flot⸗ ten der Karthager abfahren ſahen.“ „Heureka!“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wei⸗ terhin ſehe ich ſogar die grünen und lachenden Ge⸗ filde von Mazzara, ferner die Stadt Moria, welche die Syrakuſaner durch einen Damm mit dem Lande verbanden, um darin die Karthager anzugreifen. In noch größerer Ferne, allerdings faſt kaum zu erkennen, ſtellt ſich Salimut dar und das gaſtfreie Agrigent. Die Stolle, ſämmtl. Schriften. 1l1. 7 98 noch ſtehenden Säulen ſeiner Tempel gleichen ſchwa⸗ chen Nebelſtreifen.“ Im Nordvſten ſtieg der majeſtätiſche Aetna zum Himmel, deſſen Rauchſäule mehrere Meilen weit am Himmel dahin zog. Auf Malta war es beſonders die überaus frucht⸗ bare Vegetation, welche die ganze Aufmerkſamkeit des Profeſſors in Anſpruch nahm. „Bei dem dürren Anſehen von Malta,“ ſprach er, „iſt es wahrhaft bewundernswürdig, wie der kleinſte Flecken, ſo ihn nur einigermaßen Erdreich bedeckt, den fruchtbarſten und reizendſten Garten darbietet, in wel⸗ chem man alle Pflanzen Afrika's und Afiens einheimiſch machen kann. So wie ich nur einigermaßen zur Ruhe tomme, wird mir's angelegentliche Pflicht ſein, auf dieſen großen Vorzug aufmerkſam zu machen. Nach meiner Anſicht müßte dieſe Inſel zum erſten warmen Treibhauſe Europa's eingerichtet werden, aus welchem dann ein zweites in Toulon, Avignon oder Marſeille verſorgt würde. So könnte man alle Producte des Südens ſtufenweis nach Paris bringen, ohne ſie zu großen Erſchütterungen auszuſetzen. Auf dieſe Weiſe fönnte man die ausländiſchen Pflanzen, die man jährlich mit großen Koſten in den Treibhäuſern zieht, und die darin im zweiten Jahre kränkeln und im dritten zu Grunde gehen, heimiſch machen. Die be⸗ reits mit Thieren angeſtellten Verſuche ſcheinen dieſes ſtufenweiſe Syſtem gar ſehr zu unterſtützen.“ Als die weißen Kreidefelſen der Inſel Candia aus dem Meere emporſtiegen, war der Profeſſor ſo⸗ gleich bei der Hand, den Berg Ida, auf welchem Jupiter geboren wurde und der faſt aller Götter Va⸗ terland war, zu zeichnen. Nichts ſchmerzte ihn mehr, als daß die Flotte bei der Inſel nicht vor Anker ging. —— 0 Er war nämlich gar nicht abgeneigt, die Ueberreſte des berühmten Labyrinths aufzuſpüren und das finſtere Reich des Minos zu betreten. Endlich erſchienen die öden Küſten des weſtlichen Aegyptens, und ſein Enthuſiasmus erreichte den höch⸗ ſten Grad, der jedoch von der übrigen Schiffsmann⸗ ſchaft keineswegs getheilt wurde. Das erſte alterthümliche Bauwerk, welches in die Augen fiel, war der fünf Stunden von Alexandrien gelegene ſogenannte Thurm der Araber, eine uralte, mehrere Stock hohe, würfelförmige, hart am Meere gelegene Ruine. Der Profeſſor war ſehr ärgerlich, daß die Flotte nicht ſogleich vor Anker ging, da Aegypten einmal das Ziel der Expedition ſei. „Ich hätte ſehr gewünſcht,“ ſprach er,„dieſes ehrwürdige Denkmal der Baukunſt näher in Augen⸗ ſchein nehmen zu können, um zu unterſuchen, ob es von arabiſcher oder ptolomäiſcher Bauart iſt und wel⸗ chem Zeitalter es eigentlich angehört. Man iſt nämlich ſehr in Zweifel, ob dieſer Thurm ein Reſt des alten Tapoſiris iſt, welches Procvp für das Grab des Ofiris ausgibt, oder der Cherſoneſus des Strabo, oder endlich Plinthine, wovon der Meerbuſen ſeinen Namen hatte.“ Es war übrigens gut für Laroſſoſſinier, daß er ſeine Gelehrſamkeit in der Cajüte des Generals zum Beſten gab, denn auf dem obern Verdeck würden ihn die Exelamationen des kleinen Tambvurs, der am Hinterdeck auf einer Trommel ſtand und ſich Aegypten anſchaute, ſehr geſtört haben. „Das iſt alſo das Land der Verheißung,“ ſprach er, indem ſeine Blicke die endloſe Wüſte überſchweiften, die nur hier und da durch einige Beduinentrupps belebt wurde;„wie ſich der Menſch täuſchen kann! Darum Pe 100 alſo haben wir die„ſonnenhelle“ Provence verlaſſen und ſind mit knapper Noth den Engländern entwiſcht! Allerdings ſonnenhelle ſcheint's hier ebenfalls herzu⸗ gehen; wenigſtens iſt von Schatten keine Spur vor⸗ vorhanden.“ „Heiſa,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„dort ſeh' ich auch meine ſechs Morgen Landes, die Bona⸗ parte verſprochen hat, in ſchönſter Beleuchtung. Herr⸗ liches Land; ein fruchtbarer Boden. Ich glaube, wenn man da Eier in den Sand legt, kriechen die Küchlein in einer halben Stunde aus. Hollah, ich ſchlage meine ſechs Morgen los; ich bin nicht ländergierig, wie mancher König; für ein Glas Jamaika, wer will ſie?“ „Auch die meinigen ſind zu haben,“ riefen mehrere Stimmen der Umſtehenden;„auch die meinigen,“ tönte es bald aus Aller Munde; Niemand zeigte ſich jedoch zum Kauf bereit. Noch nie iſt wohl Erdland für ſo Billiges ausgeboten worden. Vom Glaſe Rum ſank der Preis bis auf eine Priſe Saint Omer. Nach und nach zeigten ſich die Zinnen von Alexan⸗ drien, welche Stadt wegen ihrer morgenländiſchen Bau⸗ art und ihrer Lage in der Wüſte den Soldaten wieder ſattſam Stoff zu Bemerkungen und Spöttereien gab. Die militairiſchen Plaudereien auf dem Verdecke des Timoleon, ſo wie die Witze des kleinen Tambours wurden indeß plötzlich durch einen telegraphiſchen Be⸗ fehl, vom Admiralſchiffe her, unterbrochen, welcher gebot, Anker zu werfen. Plötzlich wurden alle Segel eingezogen und die Kriegsſchiffe bildeten, gleichſam zur Deckung der Transportflotte gegen einen etwaigen feindlichen Angriff, einen ungeheuern Halbkreis. Bonaparte war durch einen Bericht des franzöſi⸗ ſchen Conſuls zu Alexandrien, welcher Letztere am Bord des Orients erſchienen war, zu ſofortiger Ausſchiffung 404 ſeiner Truppen bewogen worden. Nach der Ausſage dieſes Conſuls hatte Nelſon Tags zuvor den Hafen von Alexandrien verlaſſen, nachdem er zwei Officiere an's Land geſendet, um Erkundigungen über die fran⸗ zöſiſche Flotte einzuziehen und ein Packet nach Oſtin⸗ dien abzugeben. Hierauf war er nach Nordoſten in See gegangen. Ohne eine Miene zu verändern, vernahm der fran⸗ zöſiſche Feldherr dieſe verhängnißvolle Botſchaft; die engliſche Flotte konnte jeden Augenblick zurückkehren und die Franzoſen in der nachtheiligſten Stellung an⸗ greifen. Zugleich mußte den feindlichen Anſtalten der Mameluken zuvorgekommen werden, welche ſeit der Nachricht von dem Herannahen einer franzöſiſchen Streit⸗ macht das ganze Land zu den Waffen riefen. Bonaparte ging einige Minuten ſchweigend auf und ab. Dann wandte er ſich an Brueys. „Admiral, gebt Ordre zur Ausſchiffung!“ Vergeblich ſtellte Dieſer wegen ungünſtigen Windes, welcher heftig aus Norden wehend und das Meer bran⸗ dend gegen die felſigen Ufer warf, die Gefährlichkeit dieſes Befehls vor. Er verlangte einen Aufſchub von wenigſtens zwölf Stunden. „Ich habe keine Zeit zu verlieren;“ erwiederte Bo⸗ naparte,„das Glück hat mir nur drei Tage gegeben. Wenn ich dieſe nicht benutze, ſind wir verloren. Voll⸗ ziehet meine Befehle!“ Brueys muß gehorchen. Bonaparte verläßt, Einer der Erſten, das Admiralſchiff und beſteigt in Begleitung ſeiner Adjutanten und der Generale Cafarelli, Do⸗ martin und Berthier eine malteſiſche Galeere. Binnen einer halben Stunde iſt das Meer mit Booten, welche mit Truppen angefüllt ſind, bedeckt. Mit aller Anſtrengung kämpft man gegen die Wellen und ſucht das Land zu gewinnen. Aber immer wer⸗ den die ſchwachen Fahrzeuge von der Brandung zurück⸗ geworfen. Das brauſende Meer droht Alle zu ver⸗ ſchlingen. Je mehr man ſich dem Lande nähert, um ſo gefahrvoller ſtarren Klippen und Felſenriffe entgegen. Plötzlich, im höchſten Momente der Gefahr, ſigna⸗ liſirt der Orient ein unbekanntes Schiff. Die lebhaf⸗ teſte Beſorgniß ergreift Jedermann. Wenn es ein Engländer iſt, ſteht Alles auf der Spitze. „Glück verlaß mich nicht!“ ruft Bonaparte,„nur noch wenige Stunden, und Aegypten iſt mein!“ „In der That hatte auch das Glück nie mehr für ſeinen Günſtling gethan. Das heraufſegelnde Schiff iſt die franzöſiſche Fregatte Juſtice, welche von Malta kommt. Die franzöſiſchen Soldaten werden in den Aus⸗ ſchiffungsfahrzeugen, damit man ſobald als möglich das Land erreiche, faſt übereinandergehäuft. Die Dunkel⸗ heit ſteigert die Gefahr. Bonaparte ſelbſt ſteuert auf der malteſiſchen Galeere ſo nahe wie möglich gegen das Geſtade. Morgens ein Uhr beſteigt er ein Boot und gelangt glücklich an's Ufer. Von den Anſtrengungen ermattet ſinkt er in den Wüſtenſand und ſchläft ganzer zwei Stunden, während ſeine Soldaten landen. Die Bataillone der Diviſivn Menou, von einem ägyptiſchen Lootſen geleitet, ſind die erſten, welche den Boden Afrika's betreten. Die erſte dreifarbige Fahne wird von ihnen in den Sand gepflanzt. Bonaparte erwacht. Er hält ſofort Heerſchau über die Truppen, die unterdeß an's Land geſtiegen ſind. Die Diviſion Kleber hat tauſend, Menon zweitauſend fünfhundert, Bon funfzehnhundert Soldaten ausgeſchifft. Noch iſt aber kein Pferd, keine Kanone am Lande. 103 Bonaparte, vor Ungeduld brennend, ſeine Ankunft aus⸗ zuzeichnen, wartet die Landung der übrigen Truppen nicht ab. Er ſchickt ſeine Plänkler bereits vorwärts gegen Alexandrien. Die kleine Macht ſetzt ſich in drei Colonnen Morgens halb vier Uhr in Bewegung. Bo⸗ naparte will ſeinen neuen Feind durch Kühnheit in Erſtaunen ſetzen, ihn überraſchen und zugleich die Stimmung der eigenen Armee durch eine nützliche Er⸗ oberung ſich verſichern. Jeder Augenblick iſt ihm koſtbar. um ſein Erſcheinen zu rechtfertigen, hat er bereits vom Admiralſchiffe aus folgende Proclamation an den Paſcha von Aegypten erlaſſen: „Das vollziehende Directorium der Republik hat ſich mehrmals an die hohe Pforte gewendet und Züch⸗ tigung der Beys von Aegypten verlangt, welche den franzöſiſchen Kaufleuten ſo vielen Schaden zugefügt haben. „Die hohe Pforte hat aber erklärt, daß die Beys den Grundſätzen der Gerechtigkeit kein Gehör ſchenken; daß ſie die Beleidigungen, welche den Franzoſen zuge⸗ fügt worden, nicht nur nicht gutheißen, ſondern den⸗ ſelben auch ihren Schutz entziehen. „Die franzöſiſche Republik hat ſich demnach ent⸗ ſchloſſen, eine mächtige Armee nach Aegypten zu ſen⸗ den, um den Räubereien der Beys ein Ende zu ma⸗ chen, wie Frankreich in dieſem Jahrhundert gegen die Bey's von Algier und Tunis ſchon mehrmals zu thun genöthigt geweſen iſt. „Du, der Du der Herr der Beys ſein ſollteſt, aber ohne Macht und Gewalt von ihnen in Cairo feſtgehalten wirſt, mußt meine Ankunft mit Freu⸗ den begrüßen. „Du weißt gewiß ſchon, daß ich nicht komme, um irgend Etwas gegen den Koran oder den Sultan zu 104⁴ unternehmen; wiſſe, daß das franzöſiſche Volk der allei⸗ nige und einzige wahrhafte Bundesgenoſſe iſt, den der Sultan in Europa hat. „Komm mir daher entgegen und verfluche mit mir das gottloſe Geſchlecht der Bey's.“ Während ſich Bonaparte gegen Alexandrien in Marſch ſetzt, landen einige Compagnien der Diviſion Deſaix. Dieſe bleiben zur Deckung des Landungs⸗ platzes zurück, Deſaix und die übrigen Generale er⸗ halten Befehl, ſobald ſie an's Land geſtiegen, der Be⸗ wegung des Oberfeldherrn zu folgen. Nicht ein einziger Eingeborner ließ ſich während der Landung blicken. Bonaparte, umgeben von ſeinem Generalſtabe, marſchirt zu Fuß mit der Avantgarde. General Ca⸗ farelli, der in frühern Feldzügen ein Bein verloren, folgt muthig ſeinen Waffenbrüdern, mit ſeinem Stelz⸗ fuße durch den glühenden Sand watend. Vergeblich waren die Bitten des Obergenerals, ſo lange zurück zu bleiben, bis ein Pferd ausgeſchifft wäre. Ein gleicher Enthuſiasmus beſeelt die ganze Cv⸗ lonne. Der rechte Flügel unter General Bon rückt auf der öſtlichen Seite von Alexandrien gegen das Thor von Roſette vor. Links marſchirt General Menon über die Dünen längs dem Meere gegen die ſogenannte Stadt der Araber. Im Centrum nimmt Kleber ſeine Richtung direct auf die berühmte Pompejusſäule. Die erſten Strahlen der Sonne vergolden die Spitze die⸗ ſes großartigen Bauwerks. Plötzlich tönt durch die ſtille Morgendämmerung von der Stadt her Pferdegetrapp, das immer näher kommt, und vor der äußerſten Vorpoſtenlinie zeigt ſich in einiger Entfernung ein dunkler Streifen. Gewehr⸗ feuer entſpinnt ſich. Es ſind dreihundert Mameluken, ——— 105 die ſich mit den franzöſiſchen Vorpoſten in ein Plänk⸗ lergefecht einlaſſen, aber bald wieder ſpurlos in der Wüſte verſchwinden. Die erſten Schüſſe in dem bevorſtehenden Feldzuge ſind gefallen. In geringer Entfernung von der Stadt, am Fuße der Pompejusſäule, macht das Mitteltreffen Halt. Bonaparte ſchickt mehrere Officiere auf Recog⸗ noſcirung aus. Dieſe finden die Stadtmauern mit Arabern und ſchlechtem Geſchütz beſetzt. Der franzöſiſche Feldherr verſucht den Weg der Güte. Er will Unterhandlungen anknüpfen. Seine Friedensworte werden nicht gehört. Ein furchtbar Ge⸗ heul von Männern, Weibern und Kindern auf und innerhalb der Mauern und ein Cartätſchenhagel iſt die Antwort der Muſelmänner. Sogleich läßt Bonaparte, da er keine Artillerie bei ſich hat, Sturmmarſch ſchlagen. Der kleine Tambour raſſelt auf ſeinem Kalbfell, als gelte es, Alexandrien in Grund und Boden zu trommeln. Er eilt der braven neunundfunfzigſten Halbbrigade voran, die unter Kleber's perſönlicher Anführung zum Sturme heranrückt. Ein Regen von Kugeln und Steinen empfängt die Stürmenden. Wiederholt werden ſie zu⸗ rückgeworfen; immer von Neuem dringen ſie vor. Ro⸗ ſignol hat bereits die vierzehnte Wunde erhalten; nichtsdeſtoweniger wirbelt ſeine Trommel ſiegesfreudig. Der tapfere General Kleber, die dreifarbige Fahne ſchwingend, führt die Seinen abermals zum Sturm. Diesmal vermag ſelbſt das furchtbarſte Feuer die Hel⸗ dencolonne nicht aufzuhalten. Sie ſtürmt unwiderſteh⸗ lich vorwärts. Da wird der General am Kopfe ver⸗ wundet, die Rieſengeſtalt bricht zuſammen, die Fahne entſinkt ſeiner Hand. Die Grenadiere ſehen den Fall ihres Führers; ſie halten ihn für verloren; Beſtürzung 106 erfaßt die ſonſt ſo eiſernen Männer. Einen Augen⸗ blick wanken ſie. Da ergreift Camille Renouard, wel⸗ cher Klebern im dichteſten Kugelregen immer zur Seite geblieben, die geſunkene Fahne und ſchwingt ſie hoch in der Luft. „Auf, Grenadiere,“ ruft er mit Donnerſtimme, „rächt Euren General und mir nach!“ Mit dieſen Worten eilt er voran und erklettert die Mauer. Zwei Araber, welche dieß verhindern wollen, ſtürzt er mit dem Degengefäß zu Boden. Durch dieſes glänzende Beiſpiel, ſo wie von Rachedurſt entflammt, folgt die neun und funfzigſte Halbbrigade unter fortwähren⸗ dem: vive la Republique! vive Bonapartel im Sturmmarſche. Kaum aber iſt es dem bereits aus ſieben Wunden blutenden Camille gelungen, die erſte dreifarbige Fahne auf die Mauer von Alexandrien zu pflanzen, als ihn die achte Wunde von der Mauer zu Boden wirft. Inzwiſchen ſprengt der General Marmont an der Spitze der vierten Halbbrigade das Thor von Roſette, während die Truppen des General Bon die Vorſtadt der Araber erobern. Von ſolcher Kühnheit erſchreckt, fliehen beſtürzt die Alexandrier nach allen Richtungen. Nur die Beſatzung der ſogenannten„alten Thürme“ fährt fort, ſich zu vertheidigen. An ihrer Spitze kämpft mit Muth und Entſchloſſenheit der Commandant von Alexandrien, Koraim mit Namen. Nachdem der Kampf im Innern der Stadt noch eine Zeit lang nicht ohne Blutverluſt gedauert, erge⸗ ben ſich die Muſelmänner; ſie ſehen ein, daß der eu⸗ ropäiſchen Taktik und Tapferkeit nicht länger zu wi⸗ derſtehen iſt. Die Sheiks, die Imans, die Sherifs der Stadt 107 erſcheinen vor Bonaparte. Die Feindſeligkeiten hören auf. Forts, Caſtelle, Häfen und die Stadt werden den Franzoſen überliefert. Bonaparte empfängt die Behörden der Stadt mit vielem Wohlwollen. „Die Beys,“ ſprach er unter Anderm zu ihnen, „welche Aegypten beherrſchen, beleidigen ſchon ſeit ge⸗ raumer Zeit die franzöſiſche Nation und fügen unſern Kaufleuten Schaden zu. „Zu lange haben dieſe Haufen im Kaukaſus oder Georgien erkaufter Sclaven das fruchtbare NRilthal ty⸗ ranniſirt. Aber Gott, in deſſen Händen alle Dinge ruhen, hat beſchloſſen, daß ihr Reich zu Ende gehe. „Man hat Euch geſagt, daß ich gekommen ſei, Eure Religion zu vernichten. Glaubet das nicht. Ich bin gekommen, Euch Eure Rechte wiederzugeben und Eure Tyrannen zu beſtrafen. Ich ehre Gott, ſeinen Propheten und den Koran mehr, als es die Mame⸗ luken thun. Alle Menſchen ſind vor Gott gleich. Nur Weisheit, Talente, Tugenden machen einen Unterſchied zwiſchen ihnen. Durch welche Weisheit, Tugenden und Talente zeichnen ſich aber die Mameluken aus, daß ſie ausſchließlich Alles beſitzen wollen, was das Leben ſchön und angenehm macht? „Wenn Aegypten ihr Erbpacht iſt, ſo mögen ſie die Urkunde aufzeigen, die ſie von Gott darüber em⸗ pfangen haben. Aber Gott iſt gerecht und barmherzig gegen ſein Volk. „Alle Aegypter ſollen von nun an gleiches Anrecht zu allen Aemtern haben. Die Weiſeſten, Tugendhaf⸗ teſten und Unterrichtetſten werden herrſchen und das Volk wird glücklich ſein. „Ihr habt einſt große Städte, große Canäle und einen großen Handel beſeſſen. Wer hat das Alles zer⸗ 108 ſtört? Der Geiz, die Ungerechtigkeit und die Tyrannei der Mameluken. „Sagt es dem Volke, ihr Sheiks, Imans und Kadis, daß wir die Freunde der echten Muſelmänner ſind. Haben wir nicht den Papſt vernichtet, welcher Krieg gegen die echten Muſelmänner predigte? Ha⸗ ben wir nicht die Malteſerritter vernichtet, weil dieſe Unfinnigen glaubten, Gott wolle, ſie ſollten die Mu⸗ ſelmänner bekriegen? Sind wir nicht in allen Jahr⸗ hunderten die Freunde des Großherrn, deſſen Wünſche Gott erfüllen möge, die Feinde ſeiner Feinde gewe⸗ ſen? Haben ſich nicht im Gegentheil die Mameluken gegen die Obmacht des Großherrn erhoben? Mißachten ſie nicht dieſelbe fortwährend? Nur ihren Launen ge⸗ horchen dieſe Menſchen. „Dreimal glücklich Diejenigen, die es mit uns hal⸗ ten. Sie werden zunehmen an Reichthum und An⸗ ſehen. Glücklich Diejenigen, welche neutral bleiben; denn ſie werden Zeit haben, uns kennen zu lernen, ſich mit uns zu vereinigen. Aber Wehe, dreifaches Wehe Denjenigen, die ſich für die Mameluken bewaff⸗ nen und gegen uns kämpfen. Für ſie gibt es keine Hoffnung. Sie ſind verloren!“ Die Franzoſen zählten bei der Einnahme der zwei⸗ ten Stadt Aegyptens dreihundert Todte und Verwun⸗ dete. Bei der gefährlichen Landung kamen dreißig Mann in den Wellen um. Bonaparte ließ die Gefallenen mit militairiſchen Ehren am Fuße der Pompejusſäule beerdigen. Ihre Namen wurden auf dieſes koſtbare Denkmal des Al⸗ terthums eingegraben. Dieſe erhabene Feierlichkeit fand in Gegenwart der ganzen Armee ſtatt und erfüllte die Krieger mit Enthuſiasmus und Liebe für einen Feldherrn, der das 109 Verdienſt noch im Grabe auf ſo großartige Weiſe zu ehren verſtand. Die Luft erzitterte von den Vivats der Begeiſterten und dem Donner der Kanonen. So knüpfte Bonaparte neuen Ruhm an die ge⸗ waltigen Denkmäler des Alterthums. Er vertraute in dieſer von der Heimath ſo entlegenen Gegend die Aſche ſeiner Krieger dem Schutze der Jahrhunderte. Achtes Rapitel. Hinausgeflüchtet auf eine ſchmale Landzunge, von der Wüſte gedrängt, von der See bedroht und gegen Beide mit Mauern ſich wehrend; weißer Dünenſand als Vor⸗, Hintergrund und Unterlage der ganzen Land⸗ ſchaft; in engen, ſchmutzigen, doch meiſt graden Gaſſen und an geräumigen Plätzen weißangeſtrichene, hohe Ge⸗ bäude von Stein, in fränkiſchem bald, bald in mau⸗ riſchem Style, mit zwei bis drei fenſterbreiten Vor⸗ ſprüngen(Mograbihs) aus geſchnitztem Holze und Git⸗ terwerk mit Terraſſen bedeckt, auf welchen die ganze Hauswirthſchaft ausgelegt iſt und über die ein Geſtelle ſich erhebt, die„ſchöne Ausſicht“ genannt;— unan⸗ ſehnliche Moſcheen mit niederen, höckerigen Minarets; — Holzhütten und Zelte als Bazar;— hier und da eine Granitſäule, eine Iſisſtatue, eine Hieroglyphen⸗ tafel, ein Mithraskvpf;— hier und da eine Palme mit ſchwerem Dattelſegen; dies Alles umfangen mit doppelten Mauern, plumpen Thürmen, Forts auf her⸗ vorragendem Sandſchutt, ummauerten Dattelgärten, und eingeklammert zwiſchen der unendlichen See, dem Hafen, 11⁰ dem Canale Mahmudieh und dem bleichen Spiegel des See's Mareotis: das iſt— Alerandrien. In dieſem Raume treibt ſich in ununterbrochenem Gewühl Geſindel der gemeinſten Art umher, neben welchem der Pöbel zu Smyrna und Conſtantinopel eine Geſellſchaft guten Tons iſt; der Neger, bald ſtark und groß, bald klein und ſchwächlich, in Lumpen dürf⸗ tig gehüllt; der Araber, dunkelbraun, häßlich, vertrock⸗ net, eine nackte, wandelnde Mumie; der Beduine, mit ſchwarzen, glühenden Augen, edeln Formen und ſicherm Schritte, das gehobene Haupt in ein Stick Sackleine⸗ wand maleriſch gehüllt, all' ſeine Habe bei ſich tragend und überall zu Hauſe; der Türke im hellfarbigen Kleide, weniger reich und prangend als in Aſien und Europa, aber wie dort auch hier kräftig ſtolz, ruhigen Anſtandes; der Grieche in der Kleidung reicher, in den Formen vertraulicher, glatt und ſtets bei der Hand; der Barbareske mit trotzigen Zügen und ſtarkem Körper, rauh, gewaltſam, wie das Thier der Wüſte, aber von ſtattlichem Anſehn in ſeinem weißen Schif⸗ fermantel; die Leibwache des Gouverneurs in rothem Kleide, mit prächtigen Waffen und breitem Turban; der Europäer endlich unbeſchränkt in Bezug auf Sitten, Kleidung, Lebensweiſe und Geſchäfte. Hierzu kommen die Frauen der Araber und Neger, meiſt häßliche Geſtalten, ſchon in der Jugend alt. Dieſe Weiber ſind mit blauen Hemden bekleidet; der Kopf iſt mit gleichartigem Tuche umwunden, das bei Wohlhabenden mit einigen Goldmünzen geſchmückt iſt. Was Kind iſt, läuft nackt umher. Die Frauen der Türken, Griechen und Europäer zeigen ſich ſelten zu Fuße, ſondern reiten auf Saumthieren und Pferden, hinter ſich ein Gefolge von Dienerinnen und Scla⸗ vinnen. 144 Von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang iſt Gedränge in allen Straßen. Später eilt ein Jeder, der ein Dach hat, nach Hauſe, denn er fürchtet die Feuchtigkeit des Abends und der Nacht. Der Beduine ünd Dorfbewohner verläßt die Stadt und legt ſich in den Sand; die Thore werden geſchloſſen; viel armes Volk ſucht ſich in den Straßen und auf den freien Plätzen irgend eine trockne Stelle aus, um zu ruhen. Das Gedränge in den Straßen wird vermehrt durch die große Anzahl von Trag- und Saumthieren, die unabläſſig auf und ab wandern. An allen Thoren, auf allen freien Plätzen ſtehen Eſelstreiber mit ge⸗ ſattelten Thieren zum Gebrauche Jedermanns. Für ein Geringes reitet man von einem Ende der Stadt zum andern, wobei der Treiber nebenherläuft. Wer nicht zu Pferde und zu Eſel iſt, fällt der Verachtung anheim. In langen Zügen, mit großen Schläuchen an der Seite, ziehen die Kameele durch die Stadt. Sie bringen Trinkwaſſer aus dem Nil, denn in ganz Alexan⸗ drien gibt es keinen brauchbaren Brunnen. Hinter dieſen Karavanen jagen Sperlinge und anderes Geflügel einher, hängen ſich an die Schläuche und fangen die Tropfen, die aus den Fugen dringen, im Falle. Alles Trinkwaſſer wird geſeihet, ehe es genoſſen werden kann, und in Krügen aus thekaiſcher Erde aufbewahrt, in welchen es ſich lange Zeit friſch erhält. Ein wolkenloſer, matter Himmel wölbt ſich über Alexandrien. Grau in Grau iſt die Landſchaft gear⸗ beitet. Nicht ſo viel Grün als man mit der Fläche einer Hand bedecken könnte, ſchmückt den Boden. Die Sodagewächſe und wenigen Geſträuche, die man er⸗ blickt, tragen von Natur dieſelbe Farbe. Selbſt die hier und da emporſtrebenden Palmen und Sykomoren haben durch den beſtändigen Staub der Wüſte dieſelbe 112 Farbe angenommen. Europäer drangen dem Sande einige Gärten auf, die jedoch, von Mauern umſchloſ⸗ ſen, die Einförmigkeit nicht unterbrechen. Von den Höhen der Terraſſen überblickt das Auge des Beſchauers das Getreibe der Stadt und des Hafens und die beiden Meere— die See und die Wiſte). Unfern des Hauſes der heiligen Katharina, welche das Jeſuskind vierhundert Jahre nach ſeiner Geburt geheirathet haben ſoll, lag in dem Hauſe des Sheiks Ismael Camille Renouard an ſeinen, bei der Erſtür⸗ mung von Alexandrien erhaltenen Wunden darnieder. An ſeiner Seite ſaß der ſchöne Mohrenknabe Nurmahal, welcher ſich von ſeinem Herrn, dem Profeſſor Laroſſoſ⸗ ſinier, die Gnade ausgebeten, den Kranken pflegen zu dürfen, und ſeine Blicke ruhten mit unbeſchreiblicher Angſt auf dem Geſicht des Doctor Larrey, welcher an der andern Seite des Lagers ſtand und die Hand prüfend an den Puls des Verwundeten gelegt hatte. Letzterer ſelbſt lag bereits ſeit mehreren Tagen mit ge⸗ ſchloſſenen Augen in völlig bewußtloſem Zuſtande. Wüſte Fieberphantaſieen durchzogen das erſchütterte Gehirn. In dem Gemache ſelbſt, reich in vrientaliſchem Geſchmacke decvrirt, herrſchte wohlthuende Kühle und Dämmerung. Alle Fenſter waren mit dunkelfarbigen ſeidenen Stoffen ſorgfältig verhangen. Nur das eine, welches nach dem angrenzenden Garten hinausging, gewährte einen erquickenden Blick in das üppige Blät⸗ tergrün, welches durch eine kunſtreiche Waſſerleitung, trotz der afrikaniſchen Sonne und der nahgelegenen Wüſte, in ewiger Friſche und Jugend erhalten wurde. Von hoher, dicker Mauer unſchloſſen und geſchützt NSiehe A. v. Prokeſch, Erinnerungen aus Aegypten und Kleinaſien. — 113 vor der geräuſchvollen Außenwelt blühte hier in holder Stille und Einſamkeit die heilige Lotosblume, leuch⸗ teten in bezaubernder Schöne die perſiſche Roſe und die ſüße Mandelblüthe; lauſchten verſtohlen in dunklem Laube die goldenen Sinaäpfel, die ſaftreiche Pfirſiche, die rieſengroße, würzige Traube von Smyrna. Erd⸗ beer⸗ und Orangenduft durchzog balſamiſch das ſtille Paradies und das eintönige Rauſchen einer kleinen Fontaine ſang das lieblichſte Schlummerlied. Doctor Larrey hatte ſeine Hand zurückgezogen und war an einen Marmortiſch getreten, wo ſich Schreib⸗ materialien befanden. Er verſchrieb einen kühlenden Trank. „Die Kriſis,“ ſprach er leiſe zu Nurmahal, indem er Dieſem das Recept zur Beſorgung in die Feldapo⸗ theke übergab, welche in der nahgelegenen Araberſtadt errichtet worden war, und als die erſte im Morgen⸗ lande betrachtet werden mufßte,„iſt glücklich vorüber; von jetzt geht es der Geneſung zu. In wenig Ta⸗ gen wird der Verwundete hergeſtellt ſein; ſorgt da⸗ für, daß er in ſeinem traumhaften Zuſtande durch kein Geräuſch geſtört oder geweckt werde.“ Der Arzt verließ mit dieſen Worten das Zimmer. Kaum war aber Nurmahal allein, als er niederkniete und betend die Hände faltete. Freudenthränen ent⸗ perlten den ſchönen Augen und die Lippen bewegten ſich im heißen innigen Gebet. „Dank Dir, himmliſcher Vater,“ ſtammelte der Knabe,„Du haſt das Flehen Deines Kindes, das ge⸗ rungen vor Dir in zwei langen, qualvollen Nächten, erhört; Du wirſt ihn erhalten und dem theuren Haupte Deinen göttlichen Schutz angedeihen laſſen.“ Nurmahal war aufgeſtanden und wieder zu Ca⸗ mille's Lager getreten; ſein Blick ruhte lange mit ſtum⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. 1l. 8 11⁴ mer Liebe auf dem in Fieberhitze glühenden Antlitze; dann ergriff er einen Fächer von Pfauenfedern und denſelben leiſe hin⸗ und herbewegend, wehte er dem Kranken wohlthuende Kühlung zu. Rings athmete tiefe Stille. Das Geräuſch der Außenwelt vermochte nicht in dieſe durch fünffache, hohe Mauern geſchützte Einſamkeit zu dringen; nur ganz leiſe und einſchläfernd tönte das Rauſchen der kleinen Fontaine im Garten. Plötzlich aber ließ ſich ein ſeltſames Pochen, Kratzen und Schaben an einer der Zimmerwände im Neben⸗ gemach vernehmen, welches keineswegs geeignet war, das Einſchläfern zu fördern und ein Geräuſch ver⸗ urſachte, als wolle Jemand mit ſcharfen Inſtrumenten eine der benachbarten Mauern durchbrechen. Erſchreckt lauſchte Nurmahal einen Augenblick, von wo der ſonderbare Ton herkam; dann ſprang er auf und eilte der Richtung nach. Nachdem er die zwei angrenzenden Gemächer durchwandert, deren Eingänge blos durch herabwallende Vorhänge verwahrt wurden, kam er dem erwähnten Geräuſche immer näher und erreichte endlich die Appartements, welche der Profeſſor Laroſſoſſinier in Beſitz genommen. Derſelbe hatte ſich von ſeinem verwundeten Schüler nicht trennen wollen. Nachdem der Knabe das Gemach betreten, in wel⸗ chem ſich der Profeſſor befand, erkannte er alsbald den Grund des ſeltſamen Spektakels. Laroſſoſſinier ſtand auf einer Leiter, welche von Baptiſt gehalten wurde, und war mit heldenmäßigem Eifer beſchäftigt, vermit⸗ telſt eines Meiſels und einer Mauerkratze den Kalk von der einen Wand abzulöſen. „Um aller Heiligen Willen, gnädiger Herr, was beginnt Ihr?“ rief Nurmahal in beſchwörendem Tone. 115 Der Profeſſor war in ſeine Maurerarbeit ſo vertieft, daß er Anfangs gar nicht hörte und unauf⸗ hörlich fortmeiſelte und ſcharrte. Erſt als ihn Nur⸗ mahal am Arme faßte, blickte er ſich verwundert um, wer ihn ſtöre. Der ſchwarze Diener ſtellte ihm vor, wie nachthei⸗ lig dieſes Klopfen auf den Fieberkranken wirke, für welchen Doctor Larrey die größte Stille angeord⸗ net habe. Laroſſoſſinier konnte hiergegen nichts einwenden. Er ſtieg, unzufrieden in den Bart brummend, von der Leiter herab. „Es iſt wirklich unverantwortlich,“ ſprach er, in⸗ dem er Staub und Kalk von den Kleidern ſchüttelte, „wie dieſe Türken in den letzten vier Jahrhunderten gewirthſchaftet haben. Mummius mit ſeinen Römern war Nichts dagegen. Dieſe Mauer hier zum Beiſpiel, an welcher mich die ſpäter ſarazeniſche Appretur, ſo wie die noch neuere türkiſche Verkalkung nicht irre machen ſoll, ſtammt aus der blühendſten Zeit der Ptolomäer.“ „Aber warum kratzt Ihr denn mit ſo viel Mühe den Kalk ab?“ erkundigte ſich Baptiſt;„es ſah ja erſt weit hübſcher aus als jetzt!“ „Weil Du das nicht verſtehſt, Baptiſt,“ entgeg⸗ nete Laroſſoſſinier;„ich habe Dir ſchon zu wiederhol⸗ ten Malen erklärt, kurz und bündig, daß Dir Sinn und Capacität für die Alterthumskunde vollkommen abgeht. Außer Deinem Bißchen Gärtnerei verſtehſt Du wirklich außerordentlich wenig von allen andern wiſſenwerthen Gegenſtänden; und es würde Jahre brauchen, um Dir allein einen Begriff von den ver⸗ ſchiedenen Zeitaltern der Pharaonen, Ptolomäer, Römer, Sarazenen, Türken und Mameluken, welche ſämmtlich Aegyyten beherrſchten, beizubringen.“ 8¹ 116 „Was ich nicht weiß, macht mich heiß,“ er⸗ wiederte Baptiſt leichtfertig. „Dieſe Worte,“ ſprach rügend der Provfsſch„ge⸗ ben einen abermaligen Beweis von Deiner gänzlichen Berufsloſigkeit zu den Wiſſenſchaften. Auch muß ich bemerken, daß Du Dir ſeit einiger Zeit einen recht vorlauten Ton angewöhnt haſt, der ſich für Deine Jahre nicht paſſen will.“ Nurmahal, nachdem er den Profeſſor nochmals gebeten, ſich alles lärmenden Geräuſches zu enthalten, kehrte wieder in das Krankenzimmer zurück. Noch immer ruhte der Verwundete bewußtlos im Fieber⸗ traum; doch ſchien letzterer allmälig in ſanften erquik⸗ kenden Schlummer überzugehen. Von Zeit zu Zeit bewegten ſich die Lippen. Mit verhaltenem Athem legte der Knabe ſein Ohr an Camille's Mund. Plötz⸗ lich fuhr er wie erſchreckt empor und preßte die kleine Hand krampfhaft an's Herz, als wäre dieſes verwun⸗ det worden. Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen und er wankte nach der dunkelſten Ecke des Zimmers, wo er niederkauerte, um ſich recht auszuweinen. Camille hatte nämlich wiederholt den Namen„Clemence“ gelispelt. Allmälig ging Nurmahal's Schmerz in ein ſtilles Gebet über, welches tiefen Frieden in die betrübte Seele ſenkte. Ermüdet ſanken die Augenlider des Knaben, denn er hatte faſt drei lange Nächte mit un⸗ beſchreiblicher Sorgfalt am Bette Camille's gewacht. Betend ſchlief er ein. Aber der Schlaf war kein er⸗ quickender. Unheimliche Traumbilder ängſtigten den Schlummernden. Eine graue Schlange ringelte ſich heran und drohte zu ſtechen. Das giftgeſchwollne Thier kroch immer näher, ohne daß der Träumende im Stande geweſen wäre zu entfliehen. In demſelben Augenblicke aber, als die Schlange mit der ſtechenden Zunge die angſtklopfende Bruſt verletzen wollte, er⸗ wachte Nurmahal. Er ſchlug die Augen auf und ge⸗ wahrte mit Entſetzen am Eingange eine lange Geſtalt, deren Blicke im ganzen Zimmer forſchend umherſchau⸗ ten, ohne jedoch des Mohrenknaben in ſeinem dunkeln Verſteck anſichtig zu werden. Nachdem die Geſtalt ſich überzeugt zu haben ſchien, daß außer dem ſchlummernden Kranken Niemand im Zimmer anweſend, ſchlich ſie leiſe nach dem Marmor⸗ tiſche, auf welchem mehrere Arzneigläſer, ſo wie eine Schale mit kühlender Limonade ſtand. Wie die Taube dem Fluge des Geiers, folgten angſtvoll die Blicke des Knaben den Bewegungen des unheimlichen Gaſtes. Vor Entſetzen vermochte der Knabe kein Glied zu rühren. Die Geſtalt, welche jetzt an dem Marmortiſche an⸗ gelangt war, zog raſch eine Phiole aus dem Buſen und ließ daraus einige dunkle Tropfen in die Limonade fallen. Hierauf wendete ſie ſich nach dem Bette des Kranken. Da riß es den Knaben mit Gewalt aus der ſtarr⸗ krampfähnlichen Betäubung empor. Mit drei Sätzen war er zwiſchen Camille's Lager und dem Fremdling, in welchem er jetzt den Chevalier Lacoſte erkannte. „Zurück,“ rief er leiſe, aber Entſetzen und Ab⸗ ſcheu auf dem Geſichte und hielt dem Heranſchleichen⸗ den einen funkelnden Dolch entgegen, gleichſam als wollte er den Schlummernden mit ſeinem eigenen Leibe decken. Der Chevalier, welcher ſich ganz allein und un⸗ belauſcht geglaubt, prallte ob der unerwarteten Erſchei⸗ nung einen Schritt zurück. Doch faßte er ſich ſchnell. „Was fällt Dir ein, ſchwarzes Weſen?“ ſprach er, 1418 „ich bin kein Räuber, und nur gekommen, mich nach dem Wohlſein Deines Herrn zu erkundigen.“ „Ihm iſt wohl,“ erwiederte Nurmahal mit heiſerer Stimme und fortwährend gezücktem Dolche.„Störet den Schlummernden nicht. Er bedarf der Ruhe.“ „Iſt denn ſeine Verwundung gefährlich?“ erkun⸗ digte ſich der Chevalier. „Sie war es,“ gab der Knabe zur Antwort,„doch hat ihn Gott für diesmal gerettet.“ „Wer iſt ſein Arzt?“ „Doctor Larrey, auf Bonaparte's ausdrücklichen Befehl.“ Den Fragenden ſchienen alle dieſe Antworten eben nicht zu erbauen. Er ſprach ſeine Freude aus, daß ſich der Patient auf dem Wege der Beſſerung befinde und entfernte ſich. Nurmahal, noch immer den Dolch in der Hand, folgte dem Chevalier bis zur äußerſten Thür, welche er eigenhändig wieder verriegelte, indem er zugleich dem Thürhüter bei ſchwerer Ahndung einſchärfte, Niemanden ohne vorherige Anmeldung einzulaſſen. Der Hüter, ein alter franzöſiſcher Invalid, ent⸗ ſchuldigte ſich, daß der Herr ſich für einen ſpeciellen Freund des Herrn Renouard ausgegeben habe. Nurmahal kehrte nach dem Krankenzimmer zurück. Hier war es ſein erſtes Geſchäft, die halb mit Limo⸗ nade gefüllte Schale zu ergreifen und mit der Flüſ⸗ ſigkeit eine kleine blühende Aloe zu befeuchten, welche in einem Blumentopf auf dem Gartenfenſter ſtand. Aber kaum hatten die Wurzeln der Pflanze das ſüße Naß aufgeſogen, als die zarten Blätter und Blüthen, anſtatt friſcher zu werden, zu welken begannen und in Kurzem die Farbe des Todes annahmen. Nachdem Lacoſte die Wohnung des Sheik Ismael verlaſſen hatte, wendete er ſich rechts und wanderte 119 durch enge und ſchmutzige Gaſſen der Gegend des Hafens zu, um den Admiral Brueys, im Auftrage ſeines Chefs, des Generals Bon, einen Beſuch ab⸗ zuſtatten. Seine Stimmung war keineswegs die freudigſte. „Wo nur der ſchwarze Satan herkam?“ ſprach er für ſich.„Er mußte aus der Erde gewachſen ſein, ſonſt hätte ich ihn bemerkt, ich habe gute Augen. Ob er wohl geſehen hat, daß ich Monſieur Renouard die Limonade etwas gewürzt habe? Die Gelegenheit, ei⸗ ner langen Sorge ledig zu werden, war zu verlockend.“ Nachdem der Chevalier im Vorzimmer des Admi⸗ rals angelangt war, konnte er nicht ſogleich vorgelaſ⸗ ſen werden. Bonaparte ſelbſt befand ſich bei Brueys und ſchritt in angelegentlichem Geſpräche auf und nie⸗ der. Es wurde die wichtige Frage verhandelt, wo die Flotte unterzubringen ſei, um ſie vor den Angriffen der Engländer möglichſt ſicher zu ſtellen. „Nach meinem Ermeſſen,“ ſprach der Oberfeld⸗ herr,„iſt es am gerathenſten, wenn wir die Schiffe in dem Hafen von Alexandrien vereinigen. Hier müſ⸗ ſen ſie ſo poſtirt werden, daß ſie ſelbſt gegen überle⸗ gene Streitkräfte ſich zu vertheidigen im Stande ſind. Sollten ſich hier jedoch Hinderniſſe in den Weg ſtel⸗ len, ſo iſt mein andrer Rath, daß wir ſie nach dem Hafen von Corfu ſchicken. Gewährte auch dieſer nicht die hinreichende Sicherheit, ſo bleibt das Beſte, daß ſie nach Toulon zurückkehren.“ „Ich habe den Hafen von Alexandrien bereits un⸗ terſuchen laſſen,“ verſetzte der Admiral;„leider iſt derſelbe wegen der häufigen Untiefen für die großen Kriegsſchiffe nicht zugänglich.“ Bonaparte's Stirn verfinſterte ſich. „Das iſt mir ſehr unangenehm zu hören,“ ſprach 120 er,„habt Ihr Euch auch genau überzeugt, Admiral? dieſer Hafen ſollte die größte Flotte aufnehmen.“ „Allerdings,“ meinte Brueys,„an Umfang fehlt es nicht; aber der beſtändige Staub der Wüſte hat ihn außerordentlich verſandet. Ich bin ihn perſönlich befahren und kann ihn als Schutzort unſerer Flotte durchaus nicht für tauglich erklären. Die Rhede von Abukir würde einen weit geeigneteren Platz darbieten.“ „Die Rhede von Abukir,“ rief Bonaparte und trat erſchrocken einen Schritt zurück;„wo denkt Ihr hin, Admiral?“ 8 Brueys wußte vielerlei Gründe anzuführen, um ſeine Anſicht zu rechtfertigen, ohne Bonaparte zu überzeugen, welcher fortwährend kopfſchüttelnd auf und nieder ging. „Ich ſpreche hier nicht allein meine Anſicht aus,“ fuhr der Admiral fort,„ſie ſcheint auch von andern einſichtsvollen Sachverſtändigen getheilt zu werden. So wurde mir geſtern ein Memorial übergeben, wel⸗ ches die Vortheile einer Ankerwerfung bei Abukir in das unzweideutigſte Licht ſetzt.“ Der Oberfeldherr verlangte das Memorial zu ſe⸗ hen, und als es ihm der Admiral überreicht hatte, las er es mit großer Aufmerkſamkeit durch. „Wer hat dieſe Schrift eingereicht,“ frug er, nach⸗ dem er zu Ende geleſen, in ſeltſamem Tone. „Sie iſt anonym an die Canzlei der Admiralität abgegeben worden,“ erwiederte Brueys,„den Verfaſſer kenne ich nicht.“ „Es kann dies nur ein Verräther Frankreichs ſein,“ ſprach Bonaparte. Der Admiral, durch dieſe Worte verletzt, beobach⸗ tete ein vorwurfsvolles Stillſchweigen. Der Oberfeldherr bemühte ſich jetzt, mehrere feine 5 Trugſchlüſſe in dem Memorial nachzuweiſen und blieb bei ſeiner Behauptung, daſſelbe könne nur im Intereſſe Englands verfaßt ſein. Der Admiral beharrte trotzdem darauf, daß die Rhede von Abukir das einzig ſichere Aſyl für die Flotte ſei. „Wohlan, auf Eure Verantwortung,“ rief endlich Bonaparte,„leider habe ich jetzt keine Zeit, mich um die Seeangelegenheiten zu bekümmern, das Land iſt mir die Haupzſache. Jede Stunde iſt koſtbar. Ueber⸗ morgen breche ich auf und marſchire nach Kairo. Wer Kairo hat, hat Aegypten; das iſt ein altes Sprich⸗ wort; ich darf den Mameluken nicht Zeit laſſen, zur Beſinnung zu kommen. Das Schickſal der Flotte ruht in Eurer Hand; handelt nach beſtem Einſehen und Gewiſſen; doch das wiederhole ich, für die Rhede von Abukir würde ich mich nimmer entſchlie. Er nahm Abſchied vom Admiral, ieſer nochmals ſeine ganze Beredſamkeit aufgeboten hatte, um die Beſorgniſſe Bonaparte's zu verſcheuchen. Als ſich der große Feldherr entfernt hatte, über⸗ floh Brueys nochmals das äußerſt geiſtreich abgefaßte Memorial. „Bonaparte mag ein großer General zu Lande ſein,“ ſprach er endlich, das Papier zuſammenfaltend, „aber von Marineangelegenheiten verſteht er nichts.“ Der Chevalier, welcher nicht ohne großes Inter⸗ eſſe dem Geſpräche Bonaparte's mit Brueys im Vor⸗ zimmer gelauſcht hatte, trat jetzt ein und erblickte nicht ohne Zufriedenheit das Memvrial, welches Nie⸗ manden anders als ihn ſelbſt zum Verfaſſer hatte, in der Hand des Admirals. Auch Brueys Geſicht heiterte ſich ſichtbar auf, als er Lacoſte erblickte; der Admiral kannte den 122 Chevalier als einen im Seeweſen erfahrnen Mann, der zugleich das Gute hatte, faſt immer ſeiner Mei⸗ nung zu ſein. Die ſo eben mit Bonaparte verhandelte Frage kam wieder zur Beſprechung; wo denn der Chevalier nicht ermangelte, mit der ihm eigenen geiſtreichen Dialektik, ſeine bereits in dem Memorial ausgeſprochenen An⸗ ſichten ſo anſchaulich wie möglich in's Licht zu ſtellen und ſie als den einzigen Ausweg zu bezeichnen, die franzöſiſche Flotte vor dem Untergang zu bewahren. Brueys ward durch des Chevaliers Mittheilung in ſeiner ſchon früchern Anſicht dermaßen beſtärkt, daß bereits nach Verlauf einer Stunde an alle Contre⸗ Admirale und Capitaine der Befehl abging, ſich bereit zu halten, bei erſtem günſtigen Winde auf der Rhede von Abukir vor Anker zu gehen. Reuntes Rapitel. E⸗ war ungefähr acht Tage ſpäter, als Camille, von ſeinen Wunden ziemlich hergeſtellt, im Schatten einer Orangerielaube des angrenzenden Gartens ſaß und, das Haupt auf weiches, ſchwellendes Moos geſtützt, dem reizenden Spiele der Gold- und Silberfißhchen zu⸗ ſchaute, die in kryſtallenen Gefäßen luſtig hin- und wiederfuhren. Sein Zuſtand glich wirklich dem eines Geſtorbenen im Paradieſe. Es war ein ſeliges Ge⸗ nügen, gleich fern allem Erdenleid und allem irdiſchen Geränſch. Leicht und wohlig floß das Blut durch die neu erſtarkenden Adern. Die jüngſte Vergangen⸗ 123 heit lag wie ein dunkler Traum hinter ihm. Seit dem Mauerſturm von Alexandrien, wo er nach Klebers Fall die erſte Fahne aufgeſteckt, wußte er nicht mehr, was mit ihm vorgegangen. Nur ganz dunkel hatte es ihm zuweilen geſchienen, als ſei eine weiße Taube über ihn dahin geflogen und habe dem glühenden Haupte mit ihren Fittigen Kühlung zugefächelt. Dann waren die wilden Fieberträume und Phantome ge⸗ wichen und himmliſcher Friede auf ihn herabgeſunken. Auch dünkte ihn, als ſei von Zeit zu Zeit Guitar⸗ renton erklungen, ſüße, bezaubernde Lieder, die er ſchon einmal im Leben gehört zu haben ſich erinnerte. Auch ließ er ſich den holden Glauben nicht nehmen, als habe ihn während der ganzen Krankheit, welche ihn dem Tode nahe brachte, ein Engel unſichtbar umſchwebt und ihn gerettet; denn außerdem begriff er nicht, wie er von den bedeutenden Wunden und dem ungeheuren Blut⸗ verluſte ſo ſchnell habe hergeſtellt werden können. So wie Camille das Bewußtſein wieder erhalten und keine Gefahr mehr vorhanden, hatte Nurmahal das Krankenpflegeramt an Baptiſt abgetreten und war zu ſeinem eigentlichen Herrn, dem Profeſſor Laroſſoſſinier, der noch immer die benachbarten Ge⸗ mächer bewohnte, zurückgekehrt. Baptiſt ſeinerſeits war ſehr froh, wieder zu Re⸗ nouard zu kommen; denn er konnte ſich, ſeitdem man in Aegypten war, gar nicht mehr mit dem gelehrten Alterthümler vertragen, welcher ihn, ſeiner Anſicht nach, mit höchſt unritterlichen Geſchäften überhäufte, die dem proſaiſchen Maulwurffangen nicht viel nachſtan⸗ den. Einen großen Theil des Tags mußte er den Profeſſor auf ſeinen gelehrten Wanderungen durch die Ruinen des alten Aegyptens begleiten, daſelbſt in glühender Sonnenhitze wie ein Schatzgräber ſchaufeln 12⁴ und arbeiten, um die im Staub und Wüſtenſande vergrabenen Herrlichkeiten, welche größtentheils in altem Steingeröll beſtanden, zu Tage zu fördern, dieſelben nach Hauſe zu tragen und abzuputzen. Beim letzten Ge⸗ ſchäfte konnte er es dem Profeſſor nie zu Danke machen, weil er nach deſſen Meinung nicht mit der er⸗ forderlichen Accurateſſe zu Werke ging und zu wenig wiſſenſchaftlichen Eifer an den Tag legte; ja ſich ſelbſt einmal in der Deſperation ſoweit vergaß, die diverſen Steinblöcke mit einem deſpectirlichen Ausdrucke zu be⸗ namen. Die gegenſeitige Mißſtimmung brach aber beim Profeſſor in helle Flammen aus, als Baptiſt eines Tages das Unglück hatte, einen in der Nekro⸗ polis zu Tage geförderten Iſiskopf auf das Steinpflaſter fallen zu laſſen, wodurch die Naſe der Iſis auf un⸗ verantwortliche Weiſe verunſtaltet wurde. Laroſſoſſinier gerieth dermaßen in Exaltation, daß er mit ge⸗ ſchwungenem Stocke auf Baptiſt zukam; welcher Letz⸗ tere aber die Ankunft des Profeſſors nicht abwartete, ſondern auf und davonlief. Er würde ſofort unter die Soldaten gegangen ſein, wenn er ſich nicht noch zur rechten Zeit beſonnen hätte, daß er eigentlich in Camille's Dienſten ſtehe, und nur während deſſen Krankheit dem Profeſſor geliehen ſei. Niemand war daher, wie erwähnt, froher, als der ehemalige Gärtnerburſche von Saint Maurice, als er wieder bei dem verehrten Jugendgeſpielen Camille, der wegen ſeiner Tapferkeit außerordentlich in ſeiner Ach⸗ tung geſtiegen war, Dienſte verrichten durfte. Während Renouard im ſüßen Dolcefarniente den Gold⸗ und Silberfiſchleins zuſchaute, die in den kla⸗ ren Fluthen ein luſtig Spiel trieben, war Baptiſt be⸗ ſchäftigt, ſaftreiche Apfelſinen aus dem dunkeln Laube zu brechen. Nachdem er mit Kennermiene die üppig⸗ 125 ſten herausgeſucht und ein mäßiges Körbchen gefüllt hatte, kehrte er zu Camille zurück. „Ja,“ begann er,„wenn's im übrigen Alexan⸗ drien auch ſo hübſch wäre, wie hier, ſollte es mir in dieſem Lande nicht übel gefallen.“ Camille, der von der zweiten Hauptſtadt des Landes, obſchon er faſt zwei Wochen in ihrer Mitte lebte, ſo viel wie Nichts wußte, frug ſeinen Diener, warum es ihm nicht gefalle? „Dieſes Land,“ verſetzte Baptiſt voller Eifer, „muß der liebe Gott abſichtlich in ſeinem Zorn er⸗ ſchaffen haben; man ſieht außerhalb der Stadtmauern, ſo weit man immer ſehen mag, nichts als Sand und grauen Himmel, höchſtens hier und da ein paar Steinklumpen, die aus dem grauen Alterthume her⸗ rühren. Das iſt gewiß, wäre ich Alexander der Große geweſen, ich würde mich wohl gehütet haben, auf dieſe Sandfläche eine Stadt zu bauen. Renouard mußte herzlich lachen. „Und dieſe Hitze!“ fuhr Baptiſt fort,„unſere franzöſiſchen Hundstage ſind Nichts dagegen. Hier freilich im Garten iſt's ſchattig und kühl; da kann man ſich gar keinen Begriff machen von der Hitze draußen. Mich wundert's, daß Einem die Haare nicht lichterlohe brennen; und während von oben die Sonne brennt und ſengt, freſſen Einen an den Beinen die Hunde an. Solche niederträchtige Beſtien ſind mir noch gar nicht vorgekommen; die Paſcherhunde aus den Pyrenäen ſind Herrgottſchäfchen dagegen. Ohne Stock kann man nicht über die Straße gehen, will man nicht halb aufgefreſſen nach Hauſe kommen. Selbſt dem Profeſſor hat dieſer Tage ein ſolcher Spitzkopf den einen Rockſchoß abgeriſſen, obſchon ich aus Leibeskräften auf das Thier losſchlug. Abſon⸗ 126 derlich ſcheinen ſie es auf uns Europäer abgeſehen zu haben.“ „Dem Laroſſoſſinier gefällt es aber wohl in Aegyp⸗ ten,“ frug Camille,„der kann ſeinen Sinn für Alter⸗ thümer ſattſam befriedigen?“ „Ja, trotz der Hunde und der Hitze iſt er uner⸗ müdlich,“ gab Baptiſt zur Antwort;„wenn er alle die Steinmaſſen, die er ausgemeſſen und angeſtrichen hat, mit nach Frankreich nehmen will, braucht er die Flotte für ſich allein. Nächſter Tage will er in die Katakomben hinabſteigen, die ſich Meilenweit unter der Erde hinziehen, und wo die Herren Alexandrier ſeit undenklichen Zeiten ihre Erbbegräbniſſe haben. Ich glaube aber nicht, daß er da wieder herauskommt; darin wimmelt's von Löwen, Panthern und Hyänen.“ „Uebrigens müſſen die einſtigen Herrn Aegypter ein höchſt verdrehtes Volk geweſen ſein,“ fuhr er Apfelſinen ſchälend fort,„das geht unwiderlegbar aus ihrem merkwürdigen ABC hervor. Solch gräuliches Kunterbunt, wie dieſe Hieroglyphen, iſt mir im Leben nicht vorgekommen. Kein vernünftiger Menſch wird klug daraus; nur der Profeſſor, der ganze Nächte darüber grübelt, ſcheint Etwas davon zu verſtehen. „Wie findeſt Du denn die Mädchen von Alexan⸗ drien,“ erkundigte ſich Camille, um dem Geſpräch eine intereſſantere Wendung zu geben. „Mädchen?“ erwiederte Baptiſt,„die gibt's hier gar nicht.“ „In einer ſo bedeutenden Stadt muß es doch Jungfrauen geben,“ ſprach Renouard. „Nein,“ beharrte der Apfelſinenſchäler,„die gibt es nicht; nur weibliche Kinder und alte Weiber; das iſt ſo in Aegypten.“ „Wahrſcheinlich hat ſich Dir noch keine Gelegen⸗ heit geboten, jugendlicher Schönheiten anſichtig zu werden.“ „Ich habe mich überall darnach umgeſehn,“ ver⸗ ſicherte Baptiſt;„aber beſagter Artikel fehlt hier zu Lande. Sobald die Mädchen aus der Schule, ſind ſie auch gleich alt und häßlich wie die Nacht.“ „Die Alexandriner werden wohl vorſichtig geweſen ſein,“ ſprach Camille,„um die nicht zu jungen und nicht zu alten den Blicken unſerer Landsleute zu ent⸗ ziehen.“ „Das wäre!“ rief Baptiſt, welchem ſeines Herrn Worte einleuchtend erſchienen;„ſo bliebe uns gar nichts Angenehmes in dieſem Lande?“ Baptiſt würde ſich über angeregten Gegenſtand gern noch weiter ausgelaſſen haben, wäre nicht Laroſ⸗ ſoſſinier, den Rock voller Staub, im Garten erſchie⸗ nen. Da der Burſche mit dem Alterthümler wegen der beſchädigten Iſisnaſe noch auf geſpanntem Fuße ſtand, ſo wartete er Laroſſoſſinier's Ankunft nicht ab, ſondern ſchlich ſich nach den Orangengebüſchen zurück, um nachzuſehen, ob er nicht hier und da einen oder den andern vollkommen reifen Sinaapfel vergeſſen habe. Der Profeſſor, bei Camille angelangt, war eben ſo erhitzt als verſtimmt. „Es iſt ein Jammer für den Kenner und Freund des Alterthums,“ begann er, mit dem Tuche ſich die Stirn trocknend;„dankt Gott, daß Eure Wunden Euch genöthigt haben, zu Hauſe zu bleiben, Ihr habt Euch vielfachen Aerger erſpart.“ Auf Renouard's Befragen, was den Profeſſor ver⸗ ſtimme, gab Dieſer eine Zeitlang gar keine Antwort, ſondern verzehrte vor Allem eine der geſchälten Oran⸗ gen, die in Fülle neben dem Reconvalescenten in einem irdenen Körbchen lagen, indem er fortwährend 128 unverſtändlich vor ſich hinmurmelte und zuweilen ſo⸗ gar mit dem Meſſer focht, welches er in der Hand hielt. „Es iſt zum Verzweifeln,“ rief er endlich,„wie Barbarei und Fanatismus in dieſem Alexandrien Jahrhunderte lang gehauſt haben. Zeus, Allgewalti⸗ ger, hatteſt Du keinen Donnerkeil, die Frevler zu züchtigen? Die erhabenſten Tempel ſind zu ſchlechten Moſcheen, die prächtigſten Paläſte zu erbärmlichen Wohnungen verhunzt worden. Die ganze Stadt, je länger man darin weilt, finkt zu einem Haufen Rui⸗ nen herab, wo Hütten von Lehm und Stroh an Säu⸗ lenſtämme von Granit ſich anlehnen. Die herrlichſten Torſos ſind zu Waſſertrögen und Steinblöcken, die wundervollſten Säulencapitäler zu Mühlſteinen und Steinbänken verarbeitet. Man kann nicht zehn Schritte gehen, ohne daß Einem vor Aerger und Deſpe⸗ ration die Haare zu Berge ſteigen, oder daß die pellis anserina über den Leib fröſtelt, oder daß man Anſatz zur Auszehrung bekommt.“ „Ereifert Euch nicht, guter Profeſſor,“ beruhigte Camille, indem er dem Gelehrten eine der ſaftreichſten Apfelſinen hinreichte, die er in einer Porzellantaſſe mit Zucker ſchmackhaft zubereitet hatte. Laroſſoſſinier ließ ſich auch die zweite Orange wohlſchmecken, zumal ſie ihm diesmal mundrechter war und Zeit zum Sprechen gewährte. „Was die weltberühmte Pompejusſäule anbelangt,“ fuhr er fort,„ſo iſt über ſie Niemand enttäuſchter als ich. Es ergeht ihr wie allen Celebritäten, die, in der Nähe betrachtet, gar ſehr von ihrem Rufe ver⸗ lieren. Uebrigens dürften meine neueſten, über die⸗ ſes Bauwerk angeſtellten Unterſuchungen der Wiſſen⸗ ſchaft nicht unerſprießlich ſein.“ 129 „Dieſe Säule rührt alſo von Pompejus her?“ frug Camille. „Mein Gott,“ erwiederte ärgerlich der Profeſſor, „Ihr ſeid auch entſetzlich in den Alterthumswiſſen⸗ ſchaften zurück. Dieſe Säule rührt höchſtens aus dem funfzehnten Jahrhundert und bietet gar nicht das Außerordentliche dar, das man aus ihr macht. Aller⸗ dings hatte man einſt in Alexandrien zur Römer⸗ zeit dem Pompejus ein Denkmal errichtet; als ſich das ſpäter nicht wiederfand, ſo hielt man lange Zeit dieſe Säule dafür. Nachher hat man ein Siegesdenk⸗ mal für Alexander Severus daraus gemacht. Allein es ergibt ſich unwiderlegbar, daß ſie auf den Ruinen der alten Stadt aufgeführt iſt. Um dieſer Säule eine feſte Grundlage zu verſchaffen, rammte man einen Obelisk ein und legte auf deſſen Untertheil ein ſchlechtes Fußgeſtell, welches einen ſchönen Schaft trägt, deſſen korinthiſches Capital aber ungeſchickt gearbeitet iſt.“ Der Alterthümler, welcher einmal im Zuge war, fuhr, nachdem er die Orange vollends verzehrt hatte, fort: „Hat der Schaft dieſer Säule, abgeſondert vom Fußgeſtelle und vom Capitale, einem alten Gebäude angehört, ſo legt er Zeugniß von deſſen Pracht und von der Reinheit ſeiner Arbeit ab. Man muß daher ſagen, daß es eine paſſable Säule, aber kein ſchönes Denkmal, und daß überhaupt keine abſolute Säule ein Monument iſt; daß zum Beiſpiel die Säule der Sancta Maria Maggiore, obgleich eine der ſchönſten, doch den Charakter eines Denkmals entbehrt; daß ſie nur ein Fragment iſt; und daß, wenn die trojaniſche und antoniniſche Säule ſich von dieſem Charakter ent⸗ fernen, es deswegen geſchieht, weil ſie coloſſale Cylin⸗ der werden, auf welchen die glorreichen Feldzüge der beiden Kaiſer prachtvoll dargeſtellt ſind, und daß ſie, Stolle, ſämmtl. Schriften. II. 9 9 130 auf ihre einfachen Züge und bloſe Dimenſivnen zu⸗ rückgeführt, nichts mehr als unbehilfliche und jäm⸗ merliche Denkmale ſein würden. Weil die Grund⸗ lagen der Pompejusſäule von der Zeit verwittert ſind, ſo hat man ihrer Feſtigkeit dadurch zu Hilfe kom⸗ men wollen, daß man zwei Bruchſtücke eines Obelisk aus weißem Marmor der erſten Grundlage angepaßt hat, von welchem Stoffe ich weder hier noch anders⸗ wo einen Obelisk geſehen habe. Grübe man rings um die Säule nach, ſo würde man unſtreitig über ihren Urſprung Licht bekommen. Die Unebenheiten des Bodens deuten darauf hin, daß die Unterſuchungen nicht vergeblich ſein würden. Hoffentlich wird man die Grundlagen und das Atrium der Halle, wozu dieſe Säule urſprünglich gehört hat, an's Licht bringen, über welche von Gelehrten, die blos Zeichnungen ge⸗ ſehen oder blos Beſchreibungen der Reiſenden davon geleſen haben, mehrere Ahhandlungen geſchrieben ſind. Dieſe Reiſenden haben ihnen aber nicht geſagt, daß nahe dabei Säulenſtücke von gleichem Stoffe und von gleichem Durchmeſſer gefunden werden, daß die Un⸗ ebenheit des Bodens den Ruin und die Verſchüttung großer Gebäude verräth, deren Formen etwa wie ein Viereck von richtigem Ebenmaße und ein großer Cir⸗ cus, deſſen vornehmſte Verhältniſſe man noch jetzt be⸗ ſtimmen könnte, ungeachtet er mit Sand bedeckt iſt, an der Oberfläche ſich verrathen.“ Vergebens war Camille wiederholte Male bemüht, die gelehrte Diſſertation zu erwünſchtem Ende zu bringen. Doch wenn der Profeſſor ſich einmal in eine alterthümliche Frage vertieft hatte, kam er ſo⸗ bald nicht wieder davon los. „Aus der Bemerkung,“ fuhr er gelehrt fort,„daß die ſogenannte Pompejusſäule von einem ſehr edeln Style und einer ſehr reinen Arbeit iſt, daß das Fuß⸗ geſtell und das Capital nicht aus demſelben Granit des Schaftes iſt, daß deren Arbeit ſchlecht und un⸗ vollendet ſcheint, daß die Grundlage aus Trümmern eine neuere Errichtung verräth, läßt ſich ſchließen, daß das Denkmal nicht alt iſt, und daß ſeine Erbauung in die Zeiten der griechiſchen Kaiſer vder der Kalifen mit gleicher Wahrſcheinlichkeit geſetzt werden kann, weil das Fußgeſtell und Capital zwar gut genug ge⸗ arbeitet ſind, um in die erſte dieſer Epochen zu fallen, aber doch auch nicht ſo gut, daß die Kunſt der zweiten nicht ſo weit hätte reichen können.“ Laroſſoſſinier würde das Ende ſeiner antiquariſchen Auseinanderſetzungen ſobald nicht gefunden haben, wäre nicht eine neue Geſtalt im Garten erſchienen. Es war General Kleber, der wegen ſeiner bei der Erſtürmung erhaltenen Wunde noch immer den Kopf verbunden trug und der, um ſich vollkommen herzu⸗ ſtellen, von Bonaparte zum Gouverneur von Alexan⸗ drien ernannt worden war. „Meine herzlichſten Glückwünſche, mein junger Freund,“ ſprach er, Camille die Hand ſchüttelnd, der aufgeſtanden und ihm entgegen gegangen war,„ich freue mich wahrhaft, Euch ſo weit hergeſtellt zu ſehen. Ich muß offen bekennen, daß mir recht bange war. Als ich Euch jüngſt beſuchte, wollte mir Euer Zuſtand gar nicht gefallen. Der Obergeneral läßt ſeinen Gruß entbieten; er bedauert, Euch nicht haben ſprechen zu können; er iſt bereits mit der Armee geradewegs durch die Wüſte nach Kairv aufgebrochen.“ „Welch' Mißgeſchick,“ ſeufzte Camille,„da nicht dabei zu ſein!“ „Ihr habt Euch gleich bei dem Eintritte in dieſes Land,“ tröſtete der General,„von ſo vortheilhafter 9* 132 Seite gezeigt und ein ſo ſchönes Lorbeerreis errungen, daß Ihr vor der Hand wohl zufrieden ſein könnt. Dem Obergeneral ſind Eure Verdienſte nicht unbekannt geblieben und er ſendet Euch durch mich als Heil⸗ pflaſter das Oberlieutnantpatent mit der Ordre, ſo lange in Alexandrien zu verweilen, bis Ihr vollkom⸗ men hergeſtellt ſeid; erſt dann ſollt Ihr mit paſſen⸗ der Gelegenheit über Damiette auf dem Nile der Armee folgen.“ Mit freudiger Ueberraſchung empfing Renouard das Patent und verſprach in nächſter Schlacht Bona⸗ parte ſeinen Dank auszuſprechen. „Dieſer Nilfahrt werd' ich auf jeden Fall beiwoh⸗ nen,“ verhieß Laroſſoſſinier.„Nichts iſt angenehmer, als ſolche Fahrt. Alle Reiſenden wiſſen davon zu erzählen.“ Baptiſt, welcher unterdeß mit friſchen Orangen zurückgekehrt war, erſchrak bei dem Gedanken an eine Nilreiſe über alle Maßen. Er blickte ſeinen Herrn voller Beſorgniß an. „Bedenkt die Krokodille,“ flüſterte er Camille zu. Der Profeſſor, welcher das Bedenken des Burſchen zu errathen ſchien, ſprach ſich verweiſend aus. „Deine Unwiſſenheit, Baptiſt,“ ſprach er,„zeigt 5 ſich doch bei allen Gelegenheiten; in ganz Unterägyp⸗ ten, ſelbſt eine große Strecke jenſeits Kairo, den Nil aufwärts, läßt ſich nie ein Krokodill blicken.“ Lange hatte eine gelehrte Notiz aus des Profeſ⸗ ſors Munde Baptiſten nicht ſo angenehm geklungen, wie die eben vernommene. Um jedoch nicht von Neuem in ein gelehrtes Examen verwickelt zu werden, worin er nie beſtand, ergriff er die erſte Gelegenheit, davon zu kommen. „Vor der Hand, mein junger Freund,“ fuhr Kleber fort,„wollen wir uns die Zeit in Alexandrien ſoan⸗ 133 genehm wie möglich vertreiben. Der verwünſchten Kopf⸗ wunde habe ich's gleichfalls zu verdanken, daß ich zu⸗ rückbleiben muß.“ „Die Zeit,“ tröſtete Laroſſoſſinier,„ſoll uns nicht lang werden. Sobald die erforderlichen Kräfte zurück⸗ gekehrt ſind, wird mir's zur angelegentlichſten Pflicht gereichen, den Herrn Lieutnant mit allen antiquariſchen Merkwürdigkeiten Alexandriens, als da ſind die Ne⸗ kropolis, die Nadeln der Kleopatra, der Joſephsbrun⸗ nen, die Katakomben u. ſ. w. bekannt zu machen. „So hat meine Verwundung doch auch ihr Gutes gehabt,“ lächelte Camille,„obſchon, offen geſtanden, mir lieber geweſen wäre, wenn ich hätte bei der Armee verbleiben können.“ Kleber verweilte noch geraume Zeit bei dem Re⸗ convalescenten, mit welchem er die ſchattigen Gänge des Gartens auf und nieder wandelte. Der Profeſſor ließ die ſchöne Gelegenheit nicht unbenutzt, ſeine Kenntniß über das alte Aegypten wieder in vollem Lichte leuchten zu laſſen. Zehntes Rapitel. Seit uralten Zeiten herrſcht in Aegypten die auch durch die Erfahrung beſtätigte Sage, daß wer im Be⸗ ſitze von Kairo, zugleich Beherrſcher des ganzen Lan⸗ des iſt. Bonaparte ertheilte daher ſeiner Armee, nachdem er derſelben einige Tage Raſt in Alexandrien gegönnt hatte, Befehl, gegen jene Hauptſtadt vorzurücken und „ 134⁴ zwar auf dem kürzeſten Wege, welcher durch die Wüſte führte. Die Diviſion Deſaix bildet die Avantgarde und rückt langſam colonnenweis in dem glühenden Sand⸗ meere vor. Man hat Alexandrien noch nicht lange verlaſſen, als die Nacht hereinbricht. Plötzlich betritt man ein geiſterweißes Schneefeld, das weithin durch die Dunkelheit leuchtet und ſich endlos auszudehnen ſcheint. Der Boden kracht unter den Füßen der ſtumm Dahinſchreitenden. Mancher Soldat bückt ſich, um ſeinen Durſt zu löſchen, aber führt blankes Salz zum Munde. Die ganze Ebene iſt mit einer Salzkruſte überzogen, welche ſich durch die Ueberſchwemmung des Nils gebildet hat. Der Marſch iſt äußerſt beſchwerlich. Das Bedürf⸗ niß nach Waſſer wird immer drückender. Der Kanal, welchem entlang man marſchirt und der ehemals das Waſſer des Nils nach Alexandrien leitete, iſt ganz ver⸗ ſchlammt und füllt ſich nur, wenn die alljährliche Ueber⸗ ſchwemmung den höchſten Grad erreicht hat. In Aegypten reiſt man, ohne ſich um den Ort, wo man die Nacht zuzubringen gedenkt, zu kümmern. Jeder führt ſein Gepäck, ſein Zelt mit ſich. In Er⸗ mangelung des Letztern vertritt das Himmelsgewölbe deſſen Stelle, und der einzige Gegenſtand der Sorge geht dahin, ſich Trinkwaſſer zu verſchaffen; daher be⸗ ſteht ſchon ſeit langen Zeiten die Einrichtung, daß von Zeit zu Zeit in der Wüſte Eiſternen angelegt ſind. Eine ſolche Ciſterne bildet die erſte Station auf dem Wege von Alexandrien nach dem Nile. Ihr Name iſt Beidah. Man hat den Truppen einen Füh⸗ rer mitgegeben, ohne welchen ſie ſich in dem endloſen Sandmeere verirren würden. Von Zeit zu Zeit wird Halt gemacht, um ſich zu ſammeln; denn ſo wie ein * 135 Soldat ſich etwas zu weit von den Colonnen entfernt hat, iſt er verloren. Der Diviſion voran reitet der Adjutant von De⸗ ſaix, Savary, mit funfzehnhundert Dragonern; doch entfernt man ſich nur ſo weit von einander, als die Stimme reicht. Man marſchirt die ganze Nacht hindurch, um die Hitze zu vermeiden. Endlich graut der Tag; ſehnſuchtsvoll durchirren die Blicke der Soldaten die todte, ſchweigende Wüſte nach irgend einem Baume, einer menſchlichen Wohnung, einem ſchattigen Platze; nichts von alle dem iſt zu erblicken; nichts unterbricht die unabſehbare, todtgraue Ewigkeit der Wiſte. Weithin durch die Grabesſtille hallen die Tritte der voranreitenden Dragoner. Endlich erreicht man die Ciſterne. Halbtodt vor Durſt und Ermattung ſchwingen ſich die Reiter, ihre letzten Kräfte zuſam⸗ menraffend, aus den Sätteln. Man eilt dem Orte zu, wo ein Labetrunk zu erwarten iſt. Weh, auch dieſe Hoffnung wird ſchrecklich getäuſcht; der Brunnen iſt vom Wüſtenſande ganz verweht. Nicht ein Tropfen findet ſich, die Lechzenden zu erquicken. Dumpfes, verzweiflungsvolles Schweigen, nur zu⸗ weilen von einem entſetzlichen Schwure oder Fluche unterbrochen, bemächtigt ſich der Reiter, das durch die Grabesſtille der Wüſte nur vermehrt wird. Plötzlich vernimmt man leiſes Geſtöhn, das von einem lebenden Weſen herzurühren ſcheint. Savary folgt dem Tone und findet eine junge, ſchöne Frau, welcher beide Augen ausgeſtochen ſind. Sie ſäugt ein Kind, das ſich vergebens bemüht, Nahrung aus der verſiegten Bruſt zu ziehen. Savary läßt durch einen Dragoner die Unglückliche nach der Ciſterne führen. Von einem natürlichen Inſtinkt geleitet, 136 bemerkt ſie, daß ſie an dem geſuchten Orte ange⸗ langt ſei. Sie tappt mit beiden Händen überall um⸗ her; als ſie die Ciſterne mit Sand angefüllt findet, beginnt ihre Wehklage von Neuem; nichts vermag ſie zu beruhigen. Man reicht ihr etwas Wein von dem geringen Vor⸗ rath, der noch übrig iſt. Sie trinkt mit Gier und ver⸗ ſchlingt heißhungrig den Zwieback, welchen ein mitleidi⸗ ger Dragoner ihr darreicht. Man kann das arme Weſen weder verſtehen, noch ſich ihm verſtändlich machen. Nach einer Viertelſtunde langt die Diviſion an. Der Dolmetſcher des Generals befragt das Weib. Man erfährt jetzt, daß ſie durch die Eiferſucht ihres Mannes in dieſe verzweiflungsvolle Lage verſetzt worden iſt. Von einer zweiten Frau argwöhniſch gemacht, hat er Zweifel über die rechtmäßige Geburt des Kindes gefaßt, das ſie auf dem Arme trägt; die Bejammernswerthe, nachdem ſie geblendet und tief in die Wüſte, entfernt von der Eiſterne geführt worden, hat der Mann ſammt dem Kinde ihrem Schickſale überlaſſen. Die junge Unglückliche fleht zu den Kriegern, ihr den Tod zu geben Während man ſich mit der Frau beſchäftigt, wird zugleich rüſtig an dem Ausgraben des Brunnens gearbeitet. Nach mühſamen vier Stunden trifft man erſt wieder auf Waſſer. Das erſte wird Gläſerweiſe den Ermattetſten zugereicht. Der Zudrang iſt ſo groß, daß man genöthigt iſt, eine Wache von Officieren um den Brunnen zu ſtellen. Bevor die Colonne aufbricht, läßt man der Un⸗ glücklichen einige Flaſchen Waſſer und Zwieback zu⸗ rück. Man ſchreibt ihre Geſchichte auf ein Stück Papier, wobei ihr geſagt wird, daß bald noch mehr Leute kommen würden, wenn ſie an dieſem Orte verbliebe. 137 Kaum aber ſind die menſchenfreundlichen Colonnen der Europäer im Wüſtennebel verſchwunden und Tod⸗ tenſtille ringsum wieder herabgeſunken, als das Tra⸗ ben eines Pferdes an das Ohr der Unglücklichen ſchlägt. Angſtvoll pocht ihr Herz; ſie kennt die Tritte dieſes Roſſes. Es iſt der racheglühende Ehemann, welcher in einem Hinterhalte gelegen und die Hilfsleiſtungen geſehen, die ſeiner Gattin zu Theil geworden ſind. Bald haben einige wohl angebrachte Dolchſtiche die Unglückliche, ſo wie ihr Kind, von allen Leiden be⸗ freit. Der Beduine verſchwindet in der Wüſte und die nachziehenden Franzoſen finden nur die blutigen Leichname. Immer tiefer dringt die erſte Diviſion in die Wüſte, während die andern in gewiſſen Zwiſchenräumen folgen. Mit Entſetzen überzeugen ſich Officiere und Soldaten immermehr von der Unerträglichkeit dieſes glühenden Klima's. Wie völlig verſchieden iſt dieſer ägyptiſche Feldzug von den Campagnen im grünen Rheingau und in den geſegneten Gefilden der Lombardei. Ge⸗ wohnt, alle Abende gaſtliche Dörfer mit guten Quar⸗ tieren anzutreffen, ſtößt man höchſtens in ungeheuern Entfernungen auf zwei oder drei elende Hütten, die, von ihren Bewohnern verlaſſen, den Namen eines Flecken führen. Dazu iſt der Stand des Nils am niedrigſten und die Brunnen, welche man bisher an⸗ traf, ſind von den Arabern verſchüttet. In unerhörter Gluth flammt die Sonne Afrika's über den Köpfen der, durch den heißen, ſchattenloſen Sand watenden Soldaten. Hier und da ſieht man einen der Krieger zuſammenſtürzen und vor Durſt, Erſchöpfung und Hitze den Geiſt aufgeben. Ja, die Verzweiflung erreicht den höchſten Grad, als man ſämmtliche Brunnen verſchüttet findet. Der Ge⸗ 138 danke, im Wüſtenſande umzukommen, bemächtigt ſich immer mehr der fieberhaften Phantaſie. Man ver⸗ nimmt von Zeit zu Zeit einzelne Schüſſe. Sie rüh⸗ ren von denjenigen Unglücklichen her, welche die Qua⸗ len dieſes Klima's nicht länger zu ertragen vermögen und ſich ſelbſt den Tod geben, indem ſie die Feuer⸗ röhre gegen die eigene Bruſt richten. Ein Todtenſchweigen ruht über den durch das end⸗ loſe Sandmeer dahinziehenden Colonnen. Rings, ſo weit der Blick troſtlos umherſchweift, gewahrt er nichts als bleigelben Himmel, der in tödtender Eintsnigkeit überall auf unüberſehbare Sandflächen herabſinkt. Nur von Zeit zu Zeit ſteigt am Horizonte eine kleine Staubwolke auf, die bald näher kommt, bald ver⸗ ſchwindet. Sie rührt von den umherſchweifenden Be⸗ duinen, den Söhnen der Wüſte her, welche den Marſch beſtändig beunruhigen. Eben ſo ſchnell, wie ſie da ſind, ſind ſie verſchwunden. Wehe dem Nachzügler, der auch nur wenige Hundert Schritte hinter ſeiner Colonne zurückbleibt. Er iſt unrettbar verloren. Plötzlich, mitten in der Wüſte, unterbricht einſtim⸗ miges Frohlocken das todtenähnliche Schweigen. Das Ende aller Leiden ſcheint gekommen. Wie dem Schif⸗ fer, dem nach langer ſtürmiſcher Meerfahrt das Wört⸗ chen„Land, Land!“, das aus dem Maſtkorbe herab⸗ ſchallt, wonnig an das Ohr tönt und ſeine lang be⸗ kümmerte Seele wieder hochaufjauchzen läßt, ſo den erſchöpften Wüſtenwanderern, als mit Einem Male vor den von Hitze entzündeten Augen die himmelvollſten Palmenwälder in friſchem, erquickendem Grün aufge⸗ hen. Blaue Ströme durchziehen die fruchtbarſte Land⸗ ſchaft, ſo reich und üppig, wie man ſich deren nie er⸗ innert geſehen zu haben. Alle zeitherigen Leiden ſind vergeſſen; ſo belebend wirkt der Anblick dieſes ir⸗ 139 diſchen Paradieſes; neuer Muth durchzuckt die halb⸗ erſtorbenen Herzen und mechaniſch ſchlagen die Colonnen ihren Weg nach dem bezaubernden Lande ein. Da trabt Bonaparte an der Spitze mehrerer Reiterſchwa⸗ dronen heran und treibt die Soldaten mit Gewalt zurück, damit ſie auf der zeitherigen Richtung verbleiben. „Zurück, Ihr Unglücklichen,“ ruft er, wiederholt auf⸗ und niederreitend,„wollt Ihr Euer Verderben? Es iſt keine Landſchaft, es iſt das Geſpenſt der Wüſte, die Fata Morgana, die Euch verlocken will in die Tiefen des Sandmeeres. Die Araber, welche als Führer an den Spitzen der Colonnen gehen, ſind auf die Kniee geſunken und haben betend ihre Arme zum Himmel erhoben. Auch ſie beſchwören mit aller Leidenſchaftlichkeit ihres ſüd⸗ lichen Temperaments die Soldaten, ſich von dem trü⸗ geriſchen Geiſte nicht verlocken zu laſſen. Nichtsdeſtoweniger ſieht man einzelne Reiter wie Fußſoldaten, allen Befehlen und Bitten zum Trotze, dem Zauberlande, welches nach ihrer feſten Ueberzeu⸗ gung keine Täuſchung iſt, zueilen. Mit gierigem Blicke nähern ſie ſich dem Phantome, das, je weiter ſie vor⸗ dringen, deſto weiter zurückweicht, und ſobald ſie tief in die Wüſte vorgedrungen, nach und nach verſchwindet. Die grünen Palmenwälder, in deren Schatten die Unglücklichen auszuruhen gedachten, die reizend blauen See'n und Flüſſe, in denen ſie den Durſt zu löſchen und ſich abzukühlen hofften, die üppigen, hohen Klee⸗ felder zerrinnen in eintöniges Grau, und nichts bleibt zurück, als die graue unergründliche Wüſte. Die alſo Getäuſchten, nirgends einen Ausweg, eine Rettung mehr erblickend, wiſſen jetzt nicht, wohin ſich wenden. Von dem Heere iſt keine Spur mehr zu er⸗ blicken, denn das geſpenſtiſche Luftbild, dieſe furcht⸗ 1⁴0 bare Ironie der Natur, hat ſie meilenweit in die Tiefe verlockt. Hoffnungslos und todesmatt fallen ſie entweder den umherſchweifenden Beduinen in die Hände, oder die Wüſte wird ihr Grab. Nur wenige, die ſich nicht allzuweit von der Armee entfernt, werden durch Reiter, welche Bonaparte ihnen nachgeſendet, gerett⸗ tet. Einige können nur durch ein paar Tropfen Wein⸗ geiſt, der ihnen eingeflößt wird, dem Tode entriſſen werden. Aber trotz der unſäglichen Leiden, die die Armee auf ihrem Wüſtenzuge zu überſtehen hat, und trotz aller Verzweiflung, die ſich der Meiſten bemächtigt, gibt es doch wieder Andere, die den muntern und ſorgloſen Charakter der Franzoſen ſelbſt im Angeſichte des Todes nicht verläugnen können. Namentlich zeichneten ſich die Soldaten der tapfern neun und funfzigſten Halbbrigade, die luſtigen Pro⸗ vengalen, aus, an deren Spitze der kleine Tambour munter voranmarſchirte. Dieſe erleſene Schaar konnte dem ganzen Heere zum Muſter dienen. Nicht ſelten zog ſie unter heiterm Geſange durch den brennenden Wüſtenſand; als wäre es ein Garten Italiens. Anek⸗ doten, Schwänke, Calembours mußten die grauenhafte Wanderung verkürzen. Diejenigen, welche in ihren Garniſonen in Europa morgenländiſche Erzählungen und Fabeln geleſen hatten, erfreuten ſich gemeiniglich der meiſten Zuhörer, da man ſich in dem Lande be⸗ fand, von welchem in jenen Dichtungen die Rede war. Märchen aus Tauſend und Einer Nacht wurden oft auf eine ſo komiſche Art vorgetragen, daß ſchallendes Gelächter die Luft erfüllte, und ſich weit hinaus in die echoloſe Wüſte verlor. Die nächſte Hoffnung der Armee war Daman⸗ 14⁴ hur. Dies, hieß es, wäre die erſte, große Stadt zwiſchen Alexandrien und dem Nile. Man erwartete ſie mit einer Ungeduld, als gälte es die Hauptſtadt eines europäiſchen Königreichs. Welche Täuſchung, als auf einer ungeheuern Ebene, deren Ende das Auge nicht zu überſehen vermochte, nach langer, ſehnſuchts⸗ voller Erwartung ein Haufen elender Hütten empor⸗ ſtieg, die in den wenigen Schöpfbrunnen kaum hin⸗ länglich Waſſer darboten, um den fürchterlichen Durſt zu löſchen. Die Armee hatte bei aller Vorſicht gegen die um⸗ herſchwärmenden Araber auf ihrem Marſche dennoch dreißig Mann verloren, darunter einen jungen, hoff⸗ nungsvollen Officier, welchen jene Räuber, während er durch einen Hohlweg ritt, faſt aus der Mitte ſei⸗ ner Colonne entführten. Bonaparte überſandte den Beduinen ſogleich das geforderte Löſegeld für den Gefangenen. Leider konn⸗ ten aber die Araber über die Theilung deſſelben unter ſich nicht einig werden. Man gerieth in ſolchen Streit, daß ein Handgemenge bevorſtand. Da näherte ſich der Beduinenführer dem Gefangenen, ſchoß, um allen grö⸗ ßern Feindſeligkeiten vorzubeugen, dem unglücklichen Ge⸗ genſtande des Zwiſtes eine Kugel durch den Kopf und ſchickte den Franzoſen das gezahlte Löſegeld zurück. Während die Armee zu Damanhur ſich einige Raſt vergönnte, wurden die Angriffe der Araber kecker und zahlreicher, ſo daß es ſelbſt zu kleinen Gefechten kam. Der Brigadegeneral Muireux, welcher ein arabi⸗ ſches Pferd gekauft hatte, wollte daſſelbe, aller War⸗ nung ungeachtet, außerhalb des Lagers probiren. Kaum aber hatte er ſich einige Schritte entfernt, als er drei, hinter einem Sandhügel verborgenen, Beduinen in die Hände fiel, die ihn ſogleich tödteten und beraubten. Die Armee verlor in ihm einen ihrer tapferſten Generale. Bonaparte ſelbſt, als er, blos von ſeinen General⸗ ſtabs⸗Officieren und einer Escadron berittener Guiden begleitet, dem Gros der Armee folgte, entging nur durch ein glückliches Ungefähr einer ſtarken Horde Beduinen, die ihn leicht gefangen nehmen oder tödten konnten. „Es ſteht nicht dort oben geſchrieben,“ rief er, als die Gefahr vorüber,„daß ich von den Arabern gefangen werden ſoll!“ Nach einem abermaligen, höchſt beſchwerlichen Marſche erhebt ſich plötzlich ein allgemeines Freuden⸗ geſchrei. Es ſind die Fluthen des Nils, die in der Ferne wogen. Diesmal iſt die erquickende Erſchei⸗ nung kein Wüſtengeſpenſt, ſondern reizende Wirklich⸗ keit. Das geſegnete Waſſer wird den Abendländern bald ebenſo unentbehrlich wie den Eingebornen. Ohne die Kleidung abzulegen, ſtürzen ſich die Soldaten in den Fluß, um mit Wolluſt den brennenden Durſt zu löſchen. Doch kaum gewährt man dieſem dringenden Be— dürfniß Befriedigung, als dumpfer Trommelton die Soldaten unter die Fahnen ruft. Zum erſten Male zeigen ſich die Mameluken. Achthundert ſtattliche Rei⸗ ter auf prächtigen Pferden und in glänzender Waf⸗ fenpracht rücken in Schlachtordnung heran, während kleinere Abtheilungen die Ebene beobachtend durch⸗ ſchwärmen. Der türkiſchen Cavallerie reiten zwanzig franzö⸗ ſiſche Dragoner entgegen, die die Spitze von drei Di⸗ viſionen bilden. Bevor es zum allgemeinen Angriffe kommt, erſcheint ein rieſenhafter Mameluk, kühn und unerſchrocken, vor der Fronte der Seinen, naht den Dragonern auf Piſtolenſchußweite und fordert zum Zweikampf heraus. „Wer will dieſes ſchöne Pferd haben?“ ruft der Commandant der franzöſiſchen Cavallerie. Auf dieſe Worte ſprengt ein junger Dragoner, Ramarel mit Namen, dem rieſigen Feinde entgegen. Der Mameluk, von einem ſcheinbar ſo unbedeutenden Gegner angegriffen, hält es kaum der Mühe werth, ſich zu vertheidigen; aber bereits nach einem Kampfe von wenigen Minuten iſt der Rieſe überwunden. Triumphirend kehrt der junge Held mit dem erbeute⸗ ten Pferde und einem koſtbaren Damascener zurück, dieſe Trophäen ſeinem Officier überreichend. Unmittelbar darauf eröffnen die franzöſiſchen Di⸗ viſionen ihr Feuer, welches das Mamelukencorps als⸗ bald nöthigt, vom Angriffe abzuſtehen. Sie jagen davon und ſchlagen ihren Weg nach Damanhur ein, wo ſie auf die Diviſion Deſaix ſtoßen, von derſelben aber gleichfalls nach einigem Verluſte an Todten und Verwundeten zurückgeſchlagen werden. Eilftes Rapitel. Bevor wir der tapfern franzöſiſchen Armee und ihrem großen Feldherrn tiefer in das wunderbare Aegypten folgen, wird es dem Leſer nicht unerwünſcht ſein, wenn wir in möglichſter Kürze eine Beſchreibung dieſes Landes und ſeiner Bewohner vorausſchicken. Wir fol⸗ gen dem trefflichen Geſchichtswerke Schneidawind's über Aegypten, welchem werthvollen Buche wir überhaupt manche intereſſante Mittheilung verdanken. Das eigentliche Aegypten beſteht lediglich aus den Ufern des Nils und derjenigen Kanäle und Seen, 14 4 die von dieſem Fluſſe ausgehen. Hier allein findet man jene Landſchaften, deren Fruchtbarkeit ſich einen weltberühmten Namen erworben haben, zahlreiche Städte und Ortſchaften. An den Ufern des Nils blühten einſt die großen Städte Memphis, Theben, Heliopolis und Andere, für deren Pracht ihre Ruinen noch nach vier Jahrtauſenden ſprechen. Dieſes ſo fruchtbare Nilthal hat eine Breite von vier bis fünf Stunden und iſt zweihundert Stunden lang. Der Lauf des Nils ſelbſt durch Ober⸗, Mittel⸗ und Unterägypten beträgt achthundert Stunden. Ru⸗ hig und majeſtätiſch wallt dieſer geſegnete und geheiligte Strom, deſſen Breite bei Kairo dreitauſend Fuß beträgt, durch's Land. In Unterägypten theilt er ſich in zwei Hauptarme, die das durch ſeine Fruchtbarkeit berühmte Delta bilden und wovon der öſtliche bei Damiette, der weſtliche bei Roſette in's mittelländiſche Meer fällt. Bevor er die See erreicht, theilt ſich jeder Arm wie⸗ der in verſchiedene Mündungen, ſo daß er auf den Specialkarten einem Baume gleicht, deſſen zahlreiche Wurzeln ſich in's Meer ſenken. Der Flugſand der Wüſte verweht aber von Jahr zu Jahr dieſen frucht⸗ baren Landſtrich mehr. Im Alterthume zählte man ſieben Nilmündungen. Das Nilthal wird auf beiden Seiten von einer felſigen Bergkette begrenzt. Wodurch aber der Haupt⸗ ſtrom Aegyptens ſich vor allen Flüſſen der Welt aus⸗ zeichnet und eine beiſpielloſe Fruchtbarkeit hervorbringt, das iſt ſein regelmäßiges Steigen und Fallen. Erſteres beginnt alljährlich in der Nacht vom ſiebzehnten auf den achtzehnten Juni, von den Ae⸗ gyptern darum die Nacht der Tropfen genannt, und erreicht ſeine höchſte Höhe zur Herbſt⸗Tag und Nachtgleiche, wo er einige Tage einen gleichen Waſſer⸗ 145 ſtand behauptet und das ganze Nilthal überſchwemmt. Langſamer, als er geſtiegen, fällt er wieder. Während dieſes Zeitraums wird das Land bebaut. Vom October bis December iſt Aegypten grün, den übrigen Theil des Jahres trocken und ſtaubig. Denkt man ſich in dem beſchriebenen Thale Dör⸗ fer von Lehm und Ziegeln erbaut, Minarets, unge⸗ heure Ruinen; zerlumpte, nackte menſchliche Geſtalten, Büffel, Kameele, Feigen, Palmen, Sykomoren, Datteln, Seen, Felder von außerordentlicher Fruchtbarkeit und wieder wüſte Strecken, brennende Sonnenhitze, welche nie durch Regen und Wolken gemildert wird— ſo hat man ein Bild von der phyſiſchen Beſchaffenheit des Landes. Unmittelbar an die fruchtbare Landſchaft des Nil⸗ thals grenzt die Wüſte, ein Sandmeer, deſſen Ein⸗ förmigkeit nur von einigen Zelten der Beduinen, von einzelnen, auf weite Strecken von einander entfern⸗ ten Brunnen und einigen Daſen, deren Vegetativn eben ſo reizend, als die Umgebung traurig iſt, unter⸗ brochen wird. Ohne das Kameel, dieſes geduldige genügſame Thier, das vermöge ſeiner Natur unbeſchreiblich lange ohne Waſſer und Nahrung leben kann und von den Einwohnern ſehr bezeichnend das Schiff der Wüſte genannt wird, könnte der Menſch eine Gegend, wo er Alles zur Stillung ſeines Hungers und Durſtes mit⸗ nehmen muß, nicht durchreiſen. Ja, er würde auch ſelbſt in Begleitung dieſes nützlichen Thieres umkom⸗ men, hätte man nicht ſchon vor undenklichen Zeiten Brunnen gegraben, welche den Weg durch die Wüſte bezeichnen; von dem man ſich nicht entfernen darf, ohne dem unvermeidlichen Tode in die Arme zu fallen. Wie leicht iſt es aber, ſich in einer Gegend zu ver⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. IM. 10 146 irren, wo die Einförmigkeit dem Reiſenden kein Er⸗ kennungszeichen darbeut, und wo der durch den Wind aufgerührte Sand die Fußſtapfen des Vorgängers ſo leicht verweht, oder ihn ſelbſt in ſeinen Wirbeln begräbt. um das Elend zu vervollſtändigen, das den Rei⸗ ſenden in dieſer Gegend erwartet, wo er nur auf Knochen von Menſchen und Thieren ſtößt, die auf dieſem gefahrvollen Wege zu Grunde gingen, erſtickt der Kamſin, dieſer furchtbare Wind, der, wie aus ei⸗ nem Hohofen, aus den Tiefen der Wüſte weht, in wenigen Minuten alle lebendigen Weſen, ſobald ſie nicht augenblicklich ſich auf die Erde werfen, um dem giftigen Hauche zu entgehen. Aegypten, die Wiege der Wiſſenſchaften und Künſte, dieſes klaſſiſche Land, das die berühmteſten Denkmale aus dem Alterthume aufbewahrt, war unter den Pha⸗ raonen und Ptolomäern ein unabhängiges Königreich. Mit dem Tode der prachtliebenden Cleopatra ward es auf vierhundert Jahre römiſche Provinz. Rom legte außerordentliche Wichtigkeit, ſowohl in militairiſcher Hinſicht, als wegen ſeiner Fruchtbarkeit auf daſſelbe. Es ward mit Recht die Kornkammer der Weltſtadt genannt. Später bemächtigten ſich die Araber des Landes, welche bereits im dreizehnten Jahrhundert die Herr⸗ ſchaft an die Mamelukenbey's abtreten mußten. So entſtand eine ariſtokratiſche Militair⸗Herrſchaft, die zwar dem Namen nach dem Sultan von Conſtantinopel un⸗ terworfen war, welcher auch einen Paſcha in Cairo unterhielt; aber der That nach führten die Mamelu⸗ kenbey's das eigentliche Regiment. Der türkiſche Paſcha konnte nur ſo lange ſeine Stelle behaupten, als er die Abſichten der Mamelukenbey's begünſtigte; ſo wie er es wagte, die Intereſſen des Sultans zu vertheidigen, ward er als Staatsverbrecher abgeſetzt und fortgeſchickt. Er durfte ohne Erlaubniß der Bey's kaum ſeinen Palaſt verlaſſen und war bei allem Glanze, der ihn umgab, eine Art Staatsgefanger. Als die Franzoſen im Lande erſchienen, ſtanden die beiden Bey's Ibrahim und Murad an der Spitze der Gewalt. Alle übrigen Bey's mit ihren Mameluken waren ihnen unterthan. Murad, welcher das Commando im Kriege führte, hatte ſich durch großen Muth und ſtete Tapferkeit be⸗ rühmt gemacht. Er war von gewöhnlicher Größe, be⸗ ſaß aber eine edle und impoſante Geſichtsbildung. Die Natur hatte ihn mit großer Energie und au⸗ ßerordentlicher Körperſtärke ausgeſtattet. Er beſaß jene Haltung, jene äußere Würde, welche Menſchen, die ſich hoch emporgeſchwungen, eigen zu ſein pflegt. Seine Kleidung war koſtbar und in ſeiner Pracht ver⸗ gegenwärtigte er einen alten Despoten Aſiens. Ibrahim, der andre Herrſcher Aegyptens, beſorgte die Verwaltung des Landes. Dieſe beiden Oberhäup⸗ ter hatten in einer Reihe von Jahren eine Menge Verſchwörungen, welche die übrigen Bey's gegen ſie angezettelt, zu nichte gemacht, und ſelbſt die Armee geſchlagen, welche der Sultan einmal gegen ſie abge⸗ ſchickt hatte, um ſich die Herrſchaft über Aegypten zu erkämpfen. Obſchon ſie ſelbſt ſehr mißtrauiſch und eiferſüchtig gegen einander waren, lebten ſie bei der Ankunft der Franzoſen doch in ziemlich gutem Ein⸗ verſtändniſſe. Die Bevölkerung Aegyptens beſteht aus meh⸗ reren Menſchengattungen, die ſämmtlich im Charakter gemeinſchaftliche Züge haben, aber doch durch ihre Le⸗ bensart, ihre Sitten, politiſche Exiſtenz und Religion 105 148 ſich von einander unterſcheiden. Der Islam, p. cher die Religion der bei weitem überwiegenden Mehrzahl der Einwohner iſt, ſchließt die Anhänger andrer Religionen von allem politiſchen Einfluſſe aus. Vermöge des Geſetzes ſind ſie zwar geduldet, aber in großer Abhängigkeit, und unaufhörlich der Verachtung des ſtolzen Muſelmannes preis gegeben. Man kann in Aegypten alle Abſtufungen der Civi⸗ liſativn beobachten; von dem Hirtenſtande bis zu dem durch Gewalt und Luxus verwöhnten Menſchen. Da⸗ gegen ſieht man keine Claſſe, die durch Studium der Künſte und Wiſſenſchaften ſich auszeichnete. Dieſe Schattirungen werden um ſo auffallender, wenn man den Bewohner der Wüſte, des ackerbauenden Landes und der Städte abgeſondert betrachtet. Die Araber bilden die Maſſe der Bevölkerung; ihre Sprache iſt die des Landes. Sie ſind der Kern der Nation, die Männer des Geſetzes, Eigenthümer der Dörfer und beſitzen eine große Anzahl von Scla⸗ ven. Sie theilen ſich in zwei Claſſen, in die Acker⸗ bauer und die Beduinen, die Bewohner der Wüſte. Die Letztern ſind es hauptſächlich, welche das Ge⸗ präge der alten Araber treu bewahrt haben. Bei ih⸗ nen findet man noch die ganze Reinheit der Sprache, die Sitten und den Charakter Abrahams und Jacobs, wie ſie uns die heilige Schrift beſchreibt. Sie ſind in Stämme getheilt, welchen ein Scheik vorſteht, der im Kriege an ihrer Spitze kämpft. Sie wohnen in der Wüſte unter Zelten oder am Rande rultivirter Länder. Ihre Läger gleichen großen Dörfern, in de⸗ nen faſt ſtets Ueberfluß herrſcht. Sie ſind genügſam, abgehärtet und treffliche Reiter, haben weder Prieſter noch religiöſe Gebräuche; trinken Wein, wenn ſie wel⸗ chen bekommen können, und wallfahrten blos zeitlichen 6 6 —————— — 1¹9 Vortheils wegen nach Mekka. Sie kennen keine an⸗ dern Geſetze, als die Familiengebräuche, welche auf ihren patriarchaliſchen Sitten beruhen. Obgleich in ihren Lagern große Freiheit herrſcht, ſo artet dieſe, nach einer ſtillen Uebereinkunft, doch ſelten in Ausgelaſ⸗ ſenheit aus. Sie beſchäftigen ſich mit der Zucht der Kameele, der Wolle tragenden Thiere und der Pferde. Jeder beſitzt gewöhnlich zwei Pferde, zwei Kameele, einige Schaafe, eine Flinte und ein Zelt. Hiermit ſind ſeine Wünſche befriedigt. Ihre Hauptleidenſchaft iſt Geldgier. Daher ſie beim Anblicke eines Geld⸗ ſtücks lächeln. Wer irgend Etwas beſitzt, was ihnen gefällt, iſt, ſo er nicht zu ihrem Stamme gehört, ihr geborner Feind. Aegypter, Mameluken, Reiſende, ſelbſt Araber an⸗ derer Stämme haben ihr Begegnen zu fürchten. Stets umherirrend, die Bedeutung des Wortes Vaterland nicht kennend, ſtürzt ſich der Beduine plötzlich auf Wohn⸗ ſtätten, Caravanen, greift ſie an, beraubt ſie und ver⸗ ſchwindet eben ſo ſchnell wieder, um einige Stunden weiter ſeine Räubereien von Neuem zu beginnen. Ei⸗ nige Stämme leben in Frieden mit der Regierung, unterſtützen dieſelbe und begleiten die Caravanen von Suez und Syrien. Außer den häuslichen Arbeiten beſchäftigen ſich die Weiber mit Spinnen der Wolle, die ſie nach den ägyp⸗ tiſchen Dörfern verkaufen, wo ſie dann weiter verar⸗ beitet wird. Auf ihren Zügen und Wanderungen ſitzen Weiber und Kinder auf Kameelen und Dromedaren. Als die Franzoſen in Aegypten erſchienen, gab es gegen ſechzig Beduinenſtämme, welche hundert und zwanzig tauſend Köpfe zählten und zwanzig tauſend Reiter zu ſtellen vermochten. 150 Der Beduine iſt ſchlank, von mittlerer Größe, nervig, ſtark von Knochen, ſehr braun von Farbe, faſt ſchwarzbraun. Seine Züge ſind regelmäßig, ſtark aus⸗ geprägt. Die Augen liegen tief, ſind aber groß, hell, ſchwarz, lebhaft, finſter blickend. Das Haupthaar laſſen Viele wachſen und zwanglos herabfallen; Andere ſcheeren den Kopf bis auf eine ſtarke Locke. Man färbt das Haar mit glänzend rother Farbe. Die Frauen zeichnen ſich durch weiße Hautfarbe aus. Ein Mädchen, das ſchön heißen ſoll, muß große, hervorſtechende, ſchwarze Augen beſitzen. Von allen Nachbarn bedroht, lebt der raubluſtige Beduine in ſteter Wachſamkeit; arm, unwiſſend, wild und roh; aber frei und auf ſeine Freiheit ſtolz. Die ackerbautreibende Klaſſe Aegyptens beſteht aus eigentlichen ackerbautreibenden Arabern und aus Fellahs. Die Erſtern unterſcheiden ſich ſowohl durch Geſichtsbils dung, als durch Sitten und Charakter von den Letztern. Sie halten ihre arabiſche Abſtammung ſo rein, daß man ſie von den Beduinen nicht zu unterſcheiden ver⸗ mag. Von den häufig an Arabern ſo gerühmten Tu⸗ genden, als da ſind Gaſtfreundſchaft, Freimüthigkeit, findet man Nichts bei ihnen. Sie ſind im Gegen⸗ theil falſch und außerordentlich räuberiſch; dabei ſehr gewandt und kühn. Man ſieht ſie bei der erſten Nach⸗ richt von einem Kriege zu Pferde ſitzen; ſich wie die Beduinen mit einer Lanze bewaffnen und in der Ebene um ihre Dörfer lagern. Die unglücklichſte Klaſſe der ägyptiſchen Bevölke⸗ rung ſind die Fellahs. Sie gleichen ganz den Leib⸗ eignen und werden den Laſtthieren an die Seite geſtellt. Man kann ſich von ihrem Looſe einen Begriff machen, wenn man erwägt, daß ſie den Bedrückungen der Ma⸗ meluken, der Tyrannei des Paſcha, ſo wie der Raub⸗ 154 ſucht der Araber und Beduinen in gleichem Grade ausgeſetzt ſind. Der Name Mamelnk ſtammt von dem arabiſchen: Memalik, Sclave, ab. Wirklich waren auch die Ma⸗ meluken Nichts, als meiſt in Georgien und Cirkaſſien gekaufte Selaven, aus welchen ſich einſt der ägyptiſche Fürſt Nodſchmaddin eine Leibwache bildete. Letztere machte ſich mit der Zeit unabhängig und ſetzte Einen aus ihrer Mitte auf den Thron. Von daher ſchreibt ſich die Macht der Mameluken, welche Aegypten als ihr Eigenthum betrachteten. Die Anzahl ihrer verſchiedenen Beys belief ſich auf zwanzig, an deren Spitze, wie bereits erwähnt, Murad und Ibrahim ſtanden. Die Mameluken unterſcheiden ſich durch ihr blon⸗ des Haar von allen übrigen Bewohnern des Landes. Nur ſie konnten Staatswürden in Aegypten bekleiden. Ihre Erziehung und Bildung beſchränkte ſich darauf. treffliche Reiter zu ſein und mit Säbel, Wurfſpieß und Feuergewehr gut umgehen zu wiſſen. Desgleichen mußten ſie gut leſen und ſchreiben können, die wich⸗ tigſten morgenländiſchen Sprachen reden und den Koran im Kopfe haben. Derjenige Mohamedaner, welcher letztgenanntes Buch inne hat, weiß Alles, was er Gott und Men⸗ ſchen ſchuldig iſt, und kann ſofort alle bürgerlichen, militairiſchen und geiſtlichen Würden bekleiden. Durch unaufhörliche Uebung ſtählen die Mame⸗ luken ihren Körper gegen das heiße Klima und den verzehrenden Durſt der Wüſte. Sobald ſie alt genug ſind, um die Waffen zu führen, empfangen ſie zu ihrem Unterhalte irgend ein Dorf und deſſen Bewohner als Eigenthum. Durch verſchiedene Stufen gelangen ſie zu dem Hofſtaate eines Beys und gewöhnlich ſchwingen ſie ſich durch Verdienſte weiter aufwärts. Sobald ſie den Poſten eines Kaſchefs erreicht haben, dürfen ſie ſelbſt wieder Mameluken kaufen, welche dann an dem Glücke ihres Herrn Theil nehmen und es befördern. Von dem Kaſchef iſt nur noch ein Schritt zu der Würde eines Bey, in welcher ſie alsdann am Divan, der höchſten Rathsverſammlung, Theil nehmen. Und dieſe Handvoll fremder Seclaven herrſchte bereits ſeit dem dreizehnten Jahrhunderte über ein Land, welches ehemals zehn Millivnen und zur Zeit der franzöſiſchen Oceupation gegen drei Millionen Einwohner zählte. Die Hauptmaſſe der Bevölkerung bilden die Araber. Die Anzahl der Mameluken belief ſich auf ſechzig⸗ tauſend, die der Ottomanen auf zweimalhunderttauſend. Ferner gab es eine gleiche Anzahl Kopten im Lande, Nachkommen derjenigen Familien, die nach der Er⸗ oberung Aegyptens durch die Kalifen Chriſten blieben. Sie wohnen gewöhnlich in den Städten, wo ſie die Einnahme der Steuern beſorgen, und den Reichen ihre Güter verwalten. Da ſie in dieſen Arbeiten allein unter⸗ richtet find, ſo haben ſie ſich unentbehrlich gemacht. Die Chriſten aus Syrien, welche ſich in Aegypten niedergelaſſen haben, leben meiſt vom Handel, während die Griechen die fortwährende Handelsverbindung mit ihrem Lande unterhalten, auch einige Künſte treiben und Matroſen liefern. Die Juden, deren Anzahl nur gering iſt, beſorgen den Geldwechſel. Einige ſind auch Goldarbeiter, Trödler und Schloſſer. Die Vorurtheile, welche man gegen dieſes Volk hegt, bringen in allen Ländern die— ſelben Erſcheinungen hervor. Durch die Selaverei bis zum Thiere erniedrigt, iſt der Aegypter feig, habſüchtig und abergläubiſch. Er wendet alle Mittel an, um Geld zu gewinnen; allein 153 die ſtete Furcht, von den Mameluken, Türken und Arabern beraubt zu werden, bewirkt, daß er ſich in der Regel arm ſtellt. Die Künſte, welche nur unter der Freiheit gedeihen, ſind ihm unbekannt. Man wird nicht leicht ein fruchtbareres Land und ein elen⸗ deres Volk finden. Die meiſten Häuſer ſind von Lehm und Bruchſtücken andrer Häuſer erbaut. Eine Strohmatte und zwei bis drei irdene Töpfe bilden den ganzen Hausrath. Unaufhörlich beraubt und gemißhandelt, dulden die Aegypter die peinlichſte und ungerechteſte Behandlung mit ſeltener Gleichgültigkeit. Sie beruhigen ſich ſtets mit dem Spruche: Allah Kerim, welches zu deutſch heißt: Gott will es. Das Land Aegypten iſt von der Natur in drei Theile getheilt; in Ober-, Mittel- und Unterägypten, welches letztere das Delta umfaßt. Zur Zeit der franzöſiſchen Expedition beſtand das ganze Land aus ſiebzehn Provinzen; eine Eintheilung, die ſich noch aus dem Alterthume herſchreibt. Nach dieſen vorausgeſchickten kurzen Bemerkungen dürfte Manches in dem weitern Verlaufe dieſes Buches leichter verſtän dlich ſein. Zwölftes Rapitel. Di Sonne ſank hinter grüne Palmenwälder, die Gipfel der majeſtätiſchen Sykomoren leuchteten im Abendgolde, als eine kleine Caravane, die ſo eben die am Meere gelegene Stadt Roſette verlaſſen, durch 154⁴ mannshohe Kleefelder den Weg nach dem Ufer des Nils einſchlug, deſſen Wellen in einiger Entfernung befruch⸗ tend dahinfloſſen. Drei Perſonen der Geſellſchaft ritten auf Mauleſeln, während die andern, meiſt aus Be⸗ waffneten beſtehend, zu Fuße folgten. Voran ſchritten, Gepäck tragend, einige dunkelfarbige Araber. Während der vorderſte Reiter, der niemand Anderes war, als der von ſeinen Wunden vollkommen herge⸗ ſtellte Camille Renouard, die Blicke entzückt über die fruchtbare Landſchaft ſchweifen ließ, wirdigte ſein Begleiter, der unmittelbar hinter ihm ritt, der Pro⸗ feſſor Laroſſoſſinier, das irdiſche Paradies keines Blickes. Mürriſch auf ſeinem Eſel ſitzend, war er gänzlich vertieft in gelehrten Reflexivnen. Der dritte Reiter, der ſchöne Nurmahal, ſchien gleichfalls bezaubert von der fruchtbaren Herrlichkeit, wenigſtens ſprachen ſeine leuchtenden Blicke dafür, die ſich an der ungeahneten, reichen Schöpfung des Südens nicht ſatt zu ſehen vermochten. Baptiſt, der zu Fuß neben Nurmahal etwas un⸗ ſichern Schritts einher pilgerte, ließ, wie Herr Laroſ⸗ ſoſſinier, die Schönheit des Gartens Gottes auf ſich uhen. Sein Geſicht war nicht ohne Beſorgniß. Er gab ſich fortwährend dem Gedanken hin, daß aus dem hohen Klee, den er kaum zu überſehen vermochte, irgend ein Löwe, oder Panther, oder wohl gar eine Schlange unverſehens zum Vorſchein kommen und ihn an den Beinen faſſen möchte. Er hielt für dieſen tragiſchen Fall den Säbel gezogen, den ihm ſein Herr zu Alexan⸗ drien verehrt hatte, und war ſtets im Begriff, ſein Leben ſo theuer wie möglich zu verkaufen. Die übrige Begleitung beſtand aus einem Brigadier und vier Gemeinen von der ein und zwanzigſten Halb⸗ brigade, ſämmtlich wackre Soldaten, welche General 155 Kleber beſonders herausgeſucht hatte, um ſeinen Freun⸗ den auf der Nilfahrt als Schutzwache zu dienen. Es war ein Abend, wie ihn die bezauberndſte Phantaſie nicht ſchöner zu malen vermag. Noch ſtrahl⸗ ten die Gipfel der weſtlichen Nilgebirge in ſonnigem Glanze, während Schatten über die Thäler ſich legten. Im Norden erglänzte am fernen Horizonte wie ein ſilberner Streif das Mittelmeer. Je näher man dem Ufer des Nils kam, deſto reicher und üppiger ward die Gegend. Balſamiſcher Duft der Blumen durchzog die Luft; die Palmen⸗, Oliven⸗, Dattel⸗ und Feigenbäume, von Cyanen, Epheu und Weinranken wucheriſch umzogen, ſtrebten zu einer Höhe empor, wie man ſie noch nie zuvor geſehen hatte. Wiederholt hielt Camille ſein Thier an, um den duftenden Abend in dieſem Paradieſe ſo lange als möglich zu genießen. Endlich wandte er ſich zu La⸗ roſſoſſinier. „Nun, Profeſſor,“ frug er,„wie gefällt Euch Aegypten?“ Erſt nachdem Renouard ſeine Frage wiederholt hatte, erwachte der Alterthümler aus ſeinem mürriſchen Nachdenken.„ „Miſerabel genug,“ ſprach er,„die heutigen Ae⸗ gypter verdienten zehnmal eher im rothen Meere er⸗ ſäuft zu werden, als ihre Vorfahren unter dem Könige Pharav. Sie verſündigen ſich zu gottesläſterlich an Kunſt und Alterthum.“ Camille bemühte ſich, den Kunſtfreund zu beruhigen. „Ihr habt Euch,“ ſprach er,„in Alexandrien genug geärgert, welches in der Wüſte liegt; auch mir hat es daſelbſt weniger gefallen; aber jetzt ſind wir im eigentlichen Aegypten. Betrachtet dieſe verſchwen⸗ deriſche Natur; ſie ſteht erhabener als alle Werke von 156 Menſchenhand. Sie iſt noch eben ſo blühend und ſchön wie zur Lebzeit der Pharaonen, während alles Uebrige dem Zahne der Zeit verfiel.“ „Aber dieſe Bauten würden nicht ſo leicht unter⸗ legen, wenigſtens ſich zehnmal beſſer erhalten haben,“ fiel der Profeſſor eifrig in's Wort,„wenn ſich die ſpätern barbariſchen Geſchlechter nicht ſo ruchlos an ihnen verſündigt hätten. Dieſes Roſette, auch Raſchid genannt, gibt einen abermaligen Beweis; wer vermöchte in dieſer Stadt das einſtige, weitgebietende und über Alles herrliche Kanopus wieder zu erkennen?“ „Ich denke Roſette iſt das einſtige Metelis?“ frug Camille. „Ihr müßt die verſchiedenen Zeitalter nicht ver⸗ mengen,“ erwiederte ärgerlich der Alterthumsforſcher. „Allerdings kann man Roſette als das ehemalige Metelis betrachten; aber noch früher war es das prächtige Kanvpus, welches viele Gelehrte irrthümlicherweiſe nach Abukir verſetzen. Ich bin indeß meiner Sache ſo gewiß, daß ich ſie gegen das geſammte gelehrte Europa ſiegreich zu vertheidigen gedenke.“ Laroſſoſſinier trieb jetzt ſeinen Eſel an, um an Camille's Seite zu gelangen, damit er Dieſem bequemer auseinanderſetzen konnte, daß das heutige Roſette das einſtige prachtvolle Kanvpus geweſen; als plötzlich Baptiſt in ein mörderlich Geſchrei ausbrach und ſo barbariſch mit dem Säbel um ſich hieb, als gälte es ein ganzes Rudel Löwen abzuwehren. Es war ein Glück, daß die drei Reiter nicht auf Pferden, ſondern auf Mauleſeln ſaßen; denn erſtere würden bei dem plötzlichen Zetermordio ſofort die Flucht ergriffen haben und durchgegangen ſein. Die Eſel ſpitzten nur ein wenig die Ohren. Während Baptiſt noch geftrant Haares ſeine 157 angeſtrengte Vertheidigung fortſetzte, ohne daß Jemand einen Feind gewahrte, ſprang endlich Camille ab und eilte auf den Schreier zu. Er glaubte nicht anders, als Dieſer ſei von einer Schlange verwundet worden. Baptiſt, nachdem man ihn einigermaßen beruhigt und zum Reden gebracht, erzählte, daß aus dem Klee⸗ felde der Kopf eines Thieres hervorgeſchaut habe, ſo ſchrecklich von Ausſehen, wie ihm noch nie ein Kopf vorgekommen ſei. Der Profeſſor durchirrte vergeblich das Gebiet ſeiner naturgeſchichtlichen Beobachtungen und drang wieder⸗ holt in Baptiſt, daß er ihm wenigſtens einige Merk⸗ male des außerordentlichen Thieres angeben ſolle. „Ich habe blos den Kopf geſehen,“ entſchuldigte ſich der Examinand. „Ganz recht,“ fuhr Laroſſoſſinier fort,„mehr ver⸗ lange ich vor der Hand auch nicht; der Kopf iſt das bedeutendſte Merkmal, und ſo Du mir einigermaßen über ihn Auskunft ertheilen könnteſt, würde ich bald mit der Gattung und Art, welcher das Thier ange⸗ hörte, im Reinen ſein.“ „Es hatte Ohren,“ ſchauderte Baptiſt,„die bis auf die Erde hingen.“ Der Profeſſor lächelte. „Da hat Dir Deine Phantaſie, Baptiſt,“ ſprach er,„wieder einen recht poſſirlichen Streich geſpielt. Glaube mir, auf der ganzen Erde, in der geſammten Naturgeſchichte, die mir nicht unbekannt iſt, gibt es kein Thier, deſſen Ohren bis auf den Boden reichten.“ „Gewiß,“ betheuerte Baptiſt,„es ſchleppte die Ohren auf der Erde.“ Jetzt ging dem ſonſt ſo ruhigen Laroſſoſſinier die Geduld aus. Nichts brachte ihn nämlich mehr in Harniſch, als wenn man Etwas behauptete, das ſeiner Gelehrſamkeit nicht zuſagte. 158 „Schweig, Du Unglückskind,“ rief er,„oder ich erſuche Deinen Herrn, daß er Dir ſelbſt die Ohren ſtutzt, da ſie Dir nichts nütze find; denn Du hörſt weder auf guten Rath noch auf ruhige Belehrung. Glaubſt Du denn, thörichter Jüngling, daß Alles, was ſich Deine bizarre Phantaſie vormalt, auch wirklich exiſtirt?“ Baptiſt, welcher die hofmeiſternden Reden des Profeſſors von früher her gewohnt war, ſchien ſich dieſelben wenig zu Herzen zu nehmen; obſchon er, um den Gelehrten nicht noch mehr zu reizen, wegen der langen Ohren nicht weiter widerſprach. Er wufte indeß, was er geſehen hatte, und das ſollten ihm alle Profeſſpren der Welt nicht ausreden. Laroſſoſſinier konnte ſich über die fabelhafte Thier⸗ art lange nicht beruhigen. Er ſchob die ganze Er⸗ ſcheinung auf des Burſchen lebhafte Phantaſie, welche in dem heißen Klima unſtreitig an Viſivnen leide. Unterdeſſen hatte man das Ende des ſtundenlan⸗ gen prachtvollen Kleefeldes erreicht, und gelangte an eine ſchöne Wieſe, die an Fruchtbarkeit der übrigen Landſchaft nicht nachſtand. Ein unbeſchreiblich ge⸗ würzreicher Duft ſtieg aus den üppigen Gräſern und Kräutern empor und verſetzte Jedermann in Entzücken, bis auf den Profeſſor, der keineswegs Muſe hatte, ſich an dem himmliſchen Arom zu erquicken, da ſo eben ſeine Gelahrtheit eine bedeutende Schlappe erhielt. Auf beſagter Wieſe konnte man trotz der hereinbre⸗ chenden Dunkelheit noch deutlich genug eine wei⸗ dende Thierheerde erkennen, die dem Baptiſtiſchen Phantaſiebilde auf's Haar glich. Es war eine mittel große Ziegenart, die nur in der Umgegend von Roſette zu Hauſe iſt und allerdings die höchſt vemerkenswerthe Eigenthümlichkeit beſitzt, daß ihre unermeßlich langen Ohren bis auf die Erde reichen. 159 Trotz allem Aerger ob der Zerſtörungsluſt der Ara⸗ ber, ja ſelbſt in Betracht der durch Baptiſt's Ungeſchick⸗ lichkeit beſchädigten Iſfisnaſe, war dem Profeſſor, ſo lange er ſich in Aegypten befand, noch nichts ſo Un⸗ angenehmes paſſirt, als dieſe langohrige Ziegenart, die er unmittelbar vorher voller Hoffahrt für ein Gebilde von Baptiſt's überreizter Phantaſie erklärt hatte. Der höchlich Ueberraſchte blickte eine Zeitlang wie verdutzt nach der friedlich weidenden Heerde, während ſeine Begleiter theils über die langen Ohren an ſich, theils über den ad absurdum geführten Gelehrten ei⸗ nes lauten Lachens ſich nicht zu enthalten vermochten. Es war dem Profeſſor aber unmöglich, ſich ſogleich zu ergeben; darum ſtellte er die Behauptung auf, die langen Ohren ſeien unfehlbar nur ein Product der Kunſt, eine Landesſitte und den Ziegen deshalb an⸗ gehängt, damit ſie ſich leichter die Fliegen und ande⸗ res läſtiges Geſchmeiß abwehren könnten. Vial, einer der Grenadiere, um der Sache auf den Grund zu kommen, machte ſich jetzt auf, eine der Ziegen zu fangen; was ſich auch leicht bewerkſtel⸗ ligen ließ, denn die Thiere waren ſehr zahm. Als Baptiſt zu der Ueberzeugung gelangte, daß das Langohr, welches ihn vorhin ſo erſchreckt, in der That nichts Anderes als eine fromme Ziege ſei, ſo behaup⸗ tete er ſeine vollkommene Faſſung, als Vial den Ge⸗ fangenen einbrachte. Jetzt ſtieg Laroſſoſſinier vom Eſel, und die naturhi⸗ ſtoriſche Unterſuchung begann mit einem Eifer und ei⸗ ner Sorgfalt, als gälte es, die Quadratur des Cirkels ausfindig zu machen. Indeß, der Herr Profeſſor mochte an den langen Ohren ziehen und zerren ſo viel er wollte, ſie blieben feſt und es ergab ſich als unum⸗ ſtößlich, daß ſie wirklich angewachſen waren. 160 Hier war nun für den Gelehrten freilich nichts weiter zu thun. Er ſuchte ſich mit der Hypotheſe aus der Sache zu ziehen, daß er dieſe langohrigen Ziegen für eine Spielart und eine Anomalie erklärte, die wahrſcheinlich erſt vor Kurzem entſtanden ſei, da alle Naturgeſchichten(er citirte deren eine außerordentliche Anzahl) nichts von ſolchen Langohren wüßten. Durch die gelehrten Citate glaubte Laroſſoſſinier ſeine Gelahrtheit wieder in das unzweifelhafteſte Licht geſetzt zu haben. Er gab Baptiſten, als Dieſer ihn mit etwas ungläubigem Geſichte anſchaute, in ſeinem gelehrten Eifer eine Kopfnuß, worauf er ſeinen Eſel beſtieg und die Caravane ſich wieder in Bewegung ſetzte. Baptiſt war höchlich aufgebracht ob der wieder⸗ fahrenen unritterlichen Behandlung. In jeder andern Lage, dies ſchwur er ſich zu, würde er die Kopfnuß um alle Welt nicht haben ſo ungerochen hingehen laſ⸗ ſen; in dem wildfremden Lande jedoch, wo man jeden Augenblick die Beute eines wilden Thieres oder Arabers werden konnte, geſtattete er eine Ausnahme und glaubte, es ſei rathſamer, nicht Alles auf die Goldwaage zu legen. Gleichwohl vermochte er ſeinen Ingrimm nicht gänzlich zu verſchmerzen und brummte daher ziemlich verſtockt und vernehmlich:„Es war doch keine Ziege!“ Der Profeſſor fühlte ſich von Neuem getroffen. „Unwürdiges Mitglied der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft,“ frug er gereizt,„warum ſoll es keine Ziege geweſen ſein?“ „Sie meckerte ja nicht,“ gab Baptiſt zur Antwort. Das war dem Profeſſor gerade recht. Er gab jetzt eine ziemlich umfangreiche Abhandlung über die⸗ jenigen Ziegenarten, welche meckern, und über die, welche nicht meckern. „Hieraus erſieht man,“ ſchloß er ſeinen gelehrten 6 161 Vortrag,„daß das Meckern keine Hauptbedingung bei den Ziegen iſt und daher auch die Bemerkung des un⸗ wiſſenden Baptiſt, die mich veranlaßt hat, mich weit⸗ läufiger über dieſen Gegenſtand zu verbreiten, in ihr Nichts zerfällt.“ Endlich gelangte man an das Ufer des Nils. Die Vegetation erreicht hier eine wahrhaft bewunderns⸗ würdige Pracht. Obſchon es immer dunkler wurde, konnte man doch die Wälder von Palmen, die Baum⸗ gärten, die großartigen Eitronen- Orangen-, Pi⸗ ſang- und Pfirſiſchbäume, welche beide ufer des hei⸗ ligen Stroms beſchatteten, ziemlich genau unterſcheiden. Die gemiethete ägyptiſche Barke, welche die Ge⸗ ſellſchaft aufnehmen und aufwärts nach Cairo bringen ſollte, lag bei dem niedern Waſſerſtande faſt anf der Mitte des Stromes. Die Paſſagiere und deren Effee⸗ ten mußten in kleinen Kähnen übergefahren werden. Die Dunkelheit verhinderte, die raubluſtigen Blicke zu bemerken, mit welchen der ägyptiſche Lvotſe, der am Steuer der Barke ſtand, und ohne deſſen Hülfe es wegen der zahlreichen ſeichten Stellen des Nils keine Möglichkeit war, aufwärts zu kommen, und wie gierig die übrige arabiſche Schiffsmannſchaft die zahlreichen Man⸗ telſäcke und Packete, deren letztere größtentheils dem Profeſſor angehörten, betrachteten. Bei der Ueberfahrt ſchwebte Laroſſoſſinier in fort⸗ währender Angſt, daß keines der Pockete vergeſſen wer⸗ den möchte. Er zählte wiederholt die zahlreichen Habſe⸗ ligkeiten, und erſt nachdem er ſich vollkommen über⸗ zeugt, daß Alles beiſammen war, ließ er ſich gleichfalls überſetzen. Da fuhr man denn dahin auf dem alten, ehrwürdi⸗ gen, weltberühmten Nile, welchem zu Zeiten der Pha⸗ raonen und Ptolemäer wie einer Gottheit gehuldigt Stolle, ſämmtl. Schriften. ll. 41 — wurde und der noch heutzutage als Vater des Landes, als die Quelle alles Segens verehrt wird. Es war eine duftende Nacht. Hinter den Palmenwäldern in Oſten ging der Mond auf, ſtill und klar, und beleuch⸗ tete in bezaubernder Schöne das nächtliche Nilthal. Die arabiſchen Ruderer begleiteten ihre Ruderſchläge mit nicht zu ſtarkem aber melodiſchem Geſange. So fuhr die Barke, wie in einem Märchen von Tauſend und einer Nacht, längs der üppigen, dunkeln Ufer, wo in den Zweigen Tauſende von Turteltauben ſchlum⸗ merten, ſanft ſtromaufwärts. Allmälig verſchwanden die mondbeſtrahlten Minarets von Roſette, das Ge⸗ räuſch der gewerbreichen Stadt verſtummte und tiefe, heilige Ruhe ſank herab. Bei dieſem bezaubernden Nachtſtück ward der Profeſſor poetiſch und eitirte Verſe aus dem arabiſchen Dichter Dufard⸗el⸗Hadad. „Welche Reize umwehen Euch,“ ſprach er,„ihr ufer des Nils. Euer Anblick gießt Wonne in die Bruſt. Die Wäldchen, die Dich beſchatten, o Nil, wölben Baldachine von Grün über den Schiffer, der Dich be⸗ fährt. Die Hand des Nords furcht mit ſüßem Spiel die Fläche der Wellen und ſpendet Friſche aus. Die herrliche Palme, ihr biegſames Haupt weich hinge⸗ ſenkt, wie ein ſchlummerndes Mädchen, prangt mit ihrer Krone voll ſchwellender Trauben.“ Bis nach Mitternacht blieb die Geſellſchaft wach und erfreute ſich der wunderherrlichen Mondennacht. Der Brigadier der Schutzwache, Laroche mit Namen, ein alter, erfahrner Soldat, welcher unter Lafayette den nordamerikaniſchen Befreiungskrieg mitgefochten hatte, wußte recht intereſſant von jenem transatlanti⸗ ſchen Himmel zu erzählen. Er behauptete, daß die reiche Vegetation jener überſeeiſchen Staaten dem Nil⸗ thale nicht nachſtehe. Es gäbe da Bäume von ſol⸗ 163 cher Höhe und ſolchem Umfange, wie er ſie weder in Europa noch in Afrika angetroffen habe. Dieſe amerikaniſchen Mittheilungen würden noch weit mehr angeſprochen haben, wenn ſie nicht der Profeſſor beſtändig durch gelehrten Widerſpruch, durch eingeſchobene Bemerkungen und Eitate unterbrochen hätte. Baptiſt hatte den Erzählungen des Brigadiers nur halben Ohres zugehört. Seine Aufmerkſamkeit war fortwährend auf das Nilwaſſer gerichtet, in welchem ſeine Phantaſie ſtets Krokodilköpfe hervorſchauen ließ. Sobald hier oder da eine Welle aufrauſchte, fuhr er zuſammen und glaubte den gefürchteten Feind mit auf⸗ geſperrtem Rachen vor ſich zu ſehen. Ein halbverfaulter Baumſtumpf, welcher daherſchwamm, ließ gar keinen Zweifel übrig, daß es ein rieſenhafter Alligator ſei. Mit weit aufgeriſſenen Augen rief daher der Burſche: „Da kommt eins! da kommt eins!“ „Was ſoll kommen?“ erkundigte ſich der Profeſſor. „Ein Krokodil,“ antwortete bangend Baptiſt und zeigte nach dem ſchwärzlichen Gegenſtand. „Bei Dir iſt doch Hopfen und Malz verloren,“ ließ ſich von Neuem die hofmeiſternde Stimme des Profeſſors vernehmen;„wie vielmal werd' ich Dir ſagen müſſen, daß der Nil unterhalb Cairo von Kro⸗ kodillen vollkommen frei iſt.“ „Es kann ja aber doch bei Cairo,“ entſchuldigte ſich Baptiſt,„zuweilen eins durchkriechen. Niemand kann ihm das verwehren.“ „Du ſprichſt wieder, wie Du es verſtehſt,“ ver⸗ ſetzte Laroſſoſſinier;„wenn Du Etwas von der Natur der Krokodile überhaupt verſtündeſt, würdeſt Du wiſ⸗ ſen, daß das Krokodil in dem untern Nil nicht zu le⸗ ben vermag, weil ihm das Waſſer daſelbſt nicht zuſagt.“ 11* 164⁴ „Die Naturen ſind verſchieden,“ brummte Bap⸗ tiſt,„was dem Einen zuwider iſt, kann dem Andern ſchmecken.“ „Du biſt ein unverbeſſerlicher Schwätzer, Baptiſt,“ zankte Laroſſoſſinier;„ich getraue mich eher, einen Mohren weiß zu waſchen, als Dich einigermaßen zu einem einſichtsvollen Menſchen umzuſchaffen. So ver⸗ nimm denn, Idiote, daß Krokodil Krokodil bleibt und daß eine Natur wie die andre iſt. Wenn alſo ein Kro⸗ kodil das untere Nilwaſſer nicht vertragen kann, ſo iſt das mit den andern Individuen dieſes Geſchlechts daſſelbe der Fall. Die Natur bleibt ſich hier voll⸗ kommen gleich.“ „Warum übrigens,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„der genannten Thierart das Waſſer oberhalb Cairo nicht zuſagt, darüber hat man ſchon im Alter⸗ thume ſich tauſendfach den Kopf zerbrochen, die man⸗ nichfachſten Nachforſchungen angeſtellt und Meinungen geäußert. Die Anſichten vereinigen ſich dahin, daß das hieſige Waſſer den Krokodilen zu ſalzig iſt, was von den in der Nähe von Alexandrien gelegenen zahlreichen Na⸗ tronſeen herrühren ſoll.“ Der Profeſſor führte noch manche gelehrten Be⸗ lege an, warum die Krokodile im untern Nil ſich nicht gefielen, während Baptiſt, dem die ganze Mit⸗ theilung zunächſt zugedacht war, bei aller Krokodil⸗ furcht ſanft einnickte. Auch Renouard war bei Laroſſoſſinier's Abhand⸗ lung ziemlich ſchlaftrunken geworden. Der Alterthüm⸗ ler ſprach noch geraume Zeit fort, bis mit Ausnahme der beiden Wachen Jedermann ſanft entſchlafen war. Kaum aber hatte der Profeſſor ſeinen gelehrten Vortrag eingeſtellt und war in Ermangelung von Zu⸗ hörern gleichfalls zur Ruhe gegangen und tiefe Stille 165 auf das Schiff herabgeſunken, als die arabiſchen Fähr⸗ leute, die am äußerſten Ende der Barke, der Paſſa⸗ giercajüte gerade gegenüber, unter einem armſeligen Ver⸗ deck ſchliefen, leiſe mit einander zu reden begannen. Nach einiger Zeit erhob ſich vorſichtig die lange Ge⸗ ſtalt des Lvotſen und begann den Ort zu inſpiciren, wo ſich die beiden Wachen befanden. Da ſich die Grena⸗ diere ſtumm auf eine Bank gelagert hatten, ſo glaubte der Araber unfehlbar, auch ſie ſeien entſchlafen, und er wagte ſich immer weiter vorwärts. Ein Dolch blitzte in ſeiner Hand, und die beiden Soldaten fort⸗ während im Auge behaltend, ſchlich er auf den Zehen gegen ſie heran. Aber Vial hatte den heimlichen Ankömmling wohl bemerkt. Er erhob ſich, zog den Hahn und donnerte dem Araber ein ſo kräftiges„Qui vive!“ entgegen, daß dieſer gerathen fand, ſich ſchleunigſt wieder nach ſeinem Schlupfwinkel zurückzuziehen. Nach dieſem fehlgeſchlagenen Attentat ging die Nacht ruhig vorüber; die Barke lag während den dun⸗ keln Stunden der Nacht, wo der Mond untergegangen, in einer Bucht ruhig vor Anker. Kaum keimte das erſte Morgenroth über der ara⸗ biſchen Wüſte, als die Araber bereits wieder auf ihren Ruderbänken ſaßen und der Lootſe am Steuer ſtand. Wieder tönte der wohlklingende Geſang der Ruderer durch die Morgenſtille. Den Text ſang der Reis, ſo heißt der oberſte der Schiffsmannſchaft, wel⸗ cher oben am Steuer ſitzt, vor. Gewöhnlich ſind es Ge⸗ bete, die Jener improviſirt und die alsdann von den übri⸗ Ruderern nachgeſungen werden. Der Oberſte beginnt z. B. mit den Worten: Gott iſt groß! worauf das Volk antwortet: Er iſt unſer Hort! Dann ruft bei jedem Ruderſchlage oder bei jedem Tauzuge der Aelteſte der 166 Matroſen einen Namen Gottes nach dem andern und die übrigen antworten mit dem Lobe des Propheten oder was ſonſt für ihre Lage paſſend iſt. Ueberhaupt ſind die Araber ein ſehr lebendiges Volk. Sie kaufen kein Stück Brod, einen Pfennig an Werth, ohne dabei ei⸗ nen Lärm zu ſchlagen, als gälte es ein Königreich. Da⸗ her kündigen ſich die arabiſchen Städte und Dörfer ſchon von ferne durch ihr Geräuſch an. Man war nicht lange gefahren, als ſich die ſtatt⸗ liche Stadt Fuah, am linken Rilufer gelegen, in ſchönſter Morgenbeleuchtung den Blicken der Reiſen⸗ den zeigte. Fuah iſt eine der bedeutendſten Städte des Delta, welches ſelbſt mit dem gewerbthätigen Ro⸗ ſette wetteifert. Man fuhr an zahlreichen Spinnfabriken vorüber, die ſich längs dem Ufer dahinzogen. Palmenbäume neigten ſich darüber und dreifach gegürtete Minarets ſtiegen im Hintergrunde empor. Die Bauart war von der von Alexandrien ver⸗ ſchieden. Die Häuſer waren in ſarazeniſchem Ge⸗ ſchmacke, voller Winkel und Ecken; aber nicht ohne würdigen Ausdruck. Die nicht überkalkten Außen⸗ wände erhöhten den Ernſt dieſer Bauart. Wie die meiſten Städte des Orients iſt auch Fuah ein Gemenge von in einander geſchobener enger und ge⸗ drängter Gaſſen und Bazare, in welchem der Fremde die Bruſt wie in Katakomben beengt fühlt und das Licht ſegnet, ſobald er wieder in's Freie kommt. Das Gedränge von Thieren und Menſchen; die verſchiede⸗ nen Uebel- und Wohlgerüche morgenländiſcher Markt⸗ plätze haben etwas Betäubendes für den Europäer. Fuah gegenüber liegt eine reizende Inſel, und eine Stunde nilaufwärts zeigt ſich auf dem rechten Ufer 167 der ausgedehnte Ort Salmurich, von ſchönen Pap⸗ pelgruppen umgeben. Die Barke fuhr mit friſchem Winde den Nil auf⸗ wärts. Die Ufer waren abwechſelnd, bald zur Rechten bald zur Linken, ſanft oder ſteil. Die zahlreichen Krümmungen gaben der Strömung dieſen Wechſel. Nirgends erheben ſich jedoch die Ufer über fünf Fuß. Sehr häufig gewahrte man gemauerte Schleuſen und Waſſerwerke, welche den Segen des belebenden Fluſ⸗ ſes über das Land verbreiteten. Rings reiches Grün, herrliche Baumgruppen, zahlreiche und belebte Ort⸗ ſchaften an beiden Ufern. Bei dem Dorfe Numufar ward die Gegend ſo pa⸗ radieſiſch, daß Renvuard dem Wunſch nicht widerſtehen konnte, anzulegen und einen kleinen Ausflug in die reizende Landſchaft zu machen. Laroſſoſſinier, welcher Ruinen witterte, legte ein gleiches Verlangen an den Tag. Wie neu geboren betrat man nach der langen Waſſerfahrt das Land. Rings ſchöne Gärten, zierlich durch Pappelwäldchen von einander geſchieden. In den Zweigen flatterten zahlreiche Turteltauben und an⸗ deres Geflügel. Die Felder prangten; die Baumwol⸗ lenſtande zeigte eine Fülle geöffneter Knollen; der Mais lag geerndtet auf den Feldern. So weit das Auge im Delta reichte, erblickte es nirgends eine unange⸗ baute Stelle. Die Bewohner, einem ſehr freundlich ge⸗ ſinnten Araberſtamme angehörig, kamen grüßend entge⸗ gen und boten Milch und Früchte für ein Geringes zum Verkauf. Nachdem die Reiſenden anderthalb Stunde höchſt angenehm verbracht, gab Renouard den Befehl zur Einſchiffung. Alle waren beiſammen; nur der Profeſ⸗ ſor und Nurmahal fehlten. Vergeblich war alles Ru⸗ 168 fen und Suchen. Camille gerieth ſchon in Beſorg⸗ niß, der Alterthümler könne in einen Hinterhalt ge⸗ rathen ſein. Endlich langte der Mohrenknabe mit der Nachricht an, daß ſein Herr mit dem Ausgraben ei⸗ nes ungeheuren Thiergerippes, ungefähr eine Viertel⸗ ſtunde tief im Lande, beſchäftigt und ſchechterdings nicht zu bewegen ſei, von dem mühevollen Unterneh⸗ men abzuſtehen. Renouard begab ſich jetzt ſelbſt nach dem Orte, wo er gewahrte, daß Nurmahal nur zu wahr berichtet. Laroſſoſfinier hatte den Rock ausgezogen und ſich's überhaupt ſo bequem gemacht, als gedenke er unter acht Tagen an keine Weiterfahrt. Er arbeitete mit ſolcher Unverdroſſenheit, daß er Camille's Ankunft gar nicht bemerkte. Erſt auf wie⸗ derholtes Anrufen ſchaute er auf und erkannte den Freund. „Ein koſtbarer Fund!“ rief er, ſich den Schweiß von der Stirn trocknend,„ich bin nur noch nicht im Klaren, ob es der bos urus priscus oder der cervus ele- phas primordialis vder der sus proavitus oder der equus Praeadamiticus iſt. Für die letztere Meinung ſpricht allerdings die eigenthümliche Beſchaffenheit der Zähne. Die Rückfläche ihrer vordern Kronen geht ſcharf nach innen, bei der hintern nach außen, welches ein Haupt⸗ merkmal des equus præadamiticus iſt.“ „Aber, theuerſter Profeſſor,“ rief Camille,„wir warten bereits ſeit einer halben Stunde auf Eure Rückkehr. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, ſo wir zur beſtimmten Zeit in Cairo eintreffen wollen.“ „Was kümmert mich Cairo oder die Siegreiche, wie es die Araber nennen,“ erwiederte Laroſſoſſinier; „dieſes Thiergeripp iſt für die geſammte Wiſſenſchaft 169 von zu unſchätzbarem Werthe, als daß ich es ſeinem Schickſale überlaſſen dürfte.“ „Wir können aber bei Gott nicht länger verwei⸗ len,“ betheuerte Renouard. „Wohlan,“ verſetzte der Gelehrte,„ſo bleibe ich mit Nurmahal zurück, und komme mit der nächſten Gelegenheit nach.“ Welche Idee! wie leicht könnt' Ihr in feindliche Hände fallen!“ „Poſſen, der hieſige Araberſtamm gehört zu den friedliebendſten und gaſtfreundlichſten, die mir je vor⸗ gekommen ſind. Im Nothfall muß man der Wiſſen⸗ ſchaft ein Opfer bringen und wäre es mit dem Le⸗ ben. Für dieſen equus adamiticus würde eine gan⸗ ze gelehrte Akademie auf eine Schanze Sturm laufen.“ Während die Beiden noch mit einander ſtritten, Renouard zum Aufbruche drängte und der Profeſſor ſchlechterdings von ſeinem Grippe nicht laſſen wollte, hallten plötzlich mehrere Schüſſe aus der Ferne. Gleich darauf ſtürzte Vial athemlos herbei. „Um aller Heiligen willen, ſchnell zu Schiffe,“ rief er,„die Beduinen haben einen räuberiſchen Ein⸗ fall in das Dorf gethan und ſengen und morden, was ihnen unter die Hände kommt.“ Trotz dieſer Worte kam es dem Profeſſor außer⸗ ordentlich ſchwer an, ſich von dem geliebten equus adamiticus zu trennen. Es hatte faſt den Anſchein, als wolle er ſeine vorigen Worte in Ausführung brin⸗ gen und ſein Leben für die Wiſſenſchaft in die Schanze ſchlagen. Da tönte ganz aus der Nähe das Geſchrei flüchtender Einwohner, Roßgetrapp und gleich darauf pfiffe neinige Flintenkugeln dem Alterthümler um die Ohren. Kräftiger konnte die Mahnung nicht kommen. Er 170 beſchloß daher, vor der Hand ſein Leben zum Beſten der Wiſſenſchaft noch zu erhalten, und reſolvirte ſich mit überraſchender Schnelligkeit zur Flucht. Vial, der ein gutes Ortsgedächtniß hatte, führte auf einem Umwege durch ein Pinienwäldchen, welches die Flüch⸗ tigen den heranſtürmenden Beduinen verbarg, Renvu⸗ ard und den Profeſſor nach dem Landungsplatze. Man war kaum abgeſtoßen, als ein Theil der räu⸗ beriſchen Horde am Ufer erſchien. Es wurden einige Flin⸗ tenſchüſſe gewechſelt und die Beduinen ſchienen mit den arabiſchen Schiffern, in deren Gewalt die Leitung der Barke gegeben war, in Unterhandlung zu treten; we⸗ nigſtens entſpann ſich eine ſehr lebhafte Unterhaltung. Aus den verneinenden Geberden der Schiffer warzu ſchlie⸗ ßen, daß man wahrſcheinlich über die Auslieferung der Paſſagiere nicht einig werden konnte. Laroſſioſſinier jammerte über alle Maßen ob ſeines equi adamitici, welches er in den Händen der Un⸗ gläubigen, wie er ſich ausdrückte, hatte zurücklaſſen müſſen. Seine Hauptſorge beſtand darin, daß ſich die Beduinen an dem Gerippe, welches er beinahe zu Tage gefördert habe, vergreifen möchten. „Dieſe Nomaden,“ rief er wiederholt aus,„ha⸗ ben in ihrer thieriſchen Beſchränkheit keine Ahnung, was es mit einem equo adamitico auf ſich hat.“ Nach einer Fahrt von einigen Stunden gelangte man an den Canal, welcher den Nil mit dem See Ma⸗ revtis verbindet. Letztrer bildet hier die Grenze der Wüſte, die ſich am äußerſten Horizonte wie eine blaßgelbe Lehne dahin zieht. Von jetzt werden die Ufer weniger frucht⸗ bar, die hohen Palmen und Sykomoren erreichen bei weitem die Höhe und Majeſtät nicht mehr, wie tiefer im Lande. Die Ortſchaften werden ſeltener, die Ge⸗ gend ſtiller, menſchenärmer. Nur von Zeit zu Zeit ſieht man noch Frauen, Krüge von antiker Form auf Kopf und Schulter tragend, nach dem Nile wandern und Waſſer ſchöpfen. Dieſe weiblichen Geſtalten ge⸗ währen einen wahrhaft maleriſchen Anblick und alle Reiſende wiſſen davon zu erzählen. Ihre Kleidung iſt geſchmackvoll, die Bewegung leicht und voll Anmuth. Immer näher drängt zur Rechten die Wüſte; im⸗ mer ſteiler, ſtiller und unheimlicher wird die Gegend. Endlich, bei dem Dorfe Divilſchi, greift das unermeß⸗ liche Sandmeer bis hart an das Ufer. Einſam ra⸗ gen im Süden des genannten Orts drei Palmen gleich⸗ ſam wie Marken zum wolkenloſen Himmel; ſie ſtehen unmittelbar am Rande des angebauten Landes und ihre Häupter ſchauen weit in die Wüſte hinaus. Der ſchwarze fruchtbare Boden und die Dünen feinen, gelben, trockenen Sandes, womit glänzend hell die Wüſte beginnt, laufen ohne Uebergang unmittelbar neben einander dahin. Welch' ein Anblick von dem Nile, an deſſen Ufern noch grüne Vegetation lacht, hinaus in die Wiſte! Welch' ein Contraſt! Der ferne Geſichtskreis zeichnet eine ungebrochne, ſanftgeſchwungene Linie. Nirgend ein Baum, ein Strauch, ein grünes Blatt. Das Auge ſucht einen Anhaltepunkt; aber vergeblich ſchweift der Blick über die zeichenloſe Bahn. So wie ſich der Nil von der Wüſte entfernt, ge⸗ winnen ſeine Ufer wieder an Fruchtbarkeit und die Gegend wird angebauter und belebter. Die Vegeta⸗ tion bei dem Dorfe Wardon, das ganz in einem Dat⸗ telwalde verſteckt ruht und hinter welchem unmittelbar die Wüſte beginnt, gibt der von Fuah und Roſette nichts nach. Wieder flattern Turteltauben in zahlrei⸗ chen Schwärmen auf und nieder; nur die von Zeit zu Zeit über das blühende Paradies wehenden gelben 172 Staubwolken zwingen die Reiſenden, zuweilen in der Cajüte Schutz zu ſuchen. Je weiter die Franzoſen den Nil aufwärts ſchiff⸗ ten, deſto verdächtiger wurde das Benehmen der Ara⸗ ber. Dieſe ſchienen unter ſich über einen Plan nicht einig werden zu können. „Wenn mich nicht Alles trügt,“ ſprach Vial zu Renouard,„ſo haben unſere Fährleute nichts Gutes im Sinne. Wir haben alle Urſache, auf der Hut zu ſein.“ Auch Nurmahal beſtätigte dieſe Meinung. Er wollte bemerkt haben, wie in großer Morgenfrühe, wo er die Wache gehabt, ein fremder Araber vom Lande her an die Barke geſchwommen ſei und mit dem Lootſen eine lange geheime Unterredung gehabt. Camille ging daher den Profeſſor, welcher zu Pa⸗ ris die arabiſche Sprache gelehrt hatte, an, auf die Geſpräche der Araber genauer Acht zu haben; vielleicht daß er zu entdecken vermöchte, was ſie im Schilde führten. Laroſſoſſinier hätte die Zumuthung faſt übel ge⸗ ommen. „Wenn Ihr einigermaßen einige philologiſche Stu⸗ dien gemacht hättet,“ erwiederte er,„ſo würde ich Euch nicht zu ſagen brauchen, daß dieſe Kerle gar nicht Ara⸗ biſch verſtehen.“ „Aber mein Gott,“ verſetzte Renvuard,„es ſind ja geborne Araber, die müſſen doch wohl arabiſch ſprechen.“ „Dem ſei wie ihm wolle,“ replicirte der Profeſ⸗ ſor;„aber der echten arabiſchen Sprache gehören dieſe Laute nicht an, das muß ich beſſer wiſſen. Der Teufel unterſuch's, was das für ein Spitzbubenafri⸗ kaniſch iſt. Ich verſtehe kein Wort davon. Die Aka⸗ demie wird dieſe Mundart nie anerkennen.“ 173 „Sollte Euch denn,“ fuhr Camille fort,„nicht wenigſtens hier und da ein bekanntes Wort auffallen, das uns einigen Aufſchluß zu geben vermöchte?“ „Ich höre gar nicht auf das Kauderwelſch,“ ver⸗ ſetzte ärgerlich der Gelehrte. Auf dieſe Art war über die Abſichten der Araber nichts zu erfahren. Ihre Geberden verriethen indeß immer deutlicher, daß ihre Geſinnungen nichts weni— ger denn freundlich ſeien. Mit den Bewohnern, na⸗ mentlich am linken Ufer, ſchienen ſie immer vertrau⸗ ter zu werden. Man rief einander zu, grüßte und unterhielt ſich. Laroche befahl ſeinen Leuten, ſich für den Noth⸗ fall auf die äußerſte Gegenwehr gefaßt zu machen. Die Araber bemerkten hohnlächelnd dieſe Vorbereitun⸗ gen. Einige lachten laut auf. „Wenigſtens ſoll den Schurken unſer Leben theuer zu ſtehen kommen,“ ſprach Laroche. Baptiſt zeigte ſich jetzt, wo Gefahr von menſchlichen Feinden drohte, weit muthiger, als gegen die gefürchteten Krokodile, und gegen die langohrigen Ziegen. Er ſchwur hoch und theuer, es mit zehn ſolchen braunen Schuften aufzu⸗ nehmen. Der Profeſſor, als er gewahrte, daß es wirklich Ernſt werden ſollte und man ſich förmlich zum Krie⸗ ge rüſtete, ward ſehr nachdenklich. Er nahm ſeine ganze Gelahrtheit zuſammen und lauſchte aufmerkſam den Unterredungen der Schiffer. Plötzlich ward ſein Geſicht kreideweiß. Er führte Camille auf die Seite. „Wenn ich recht gehört habe,“ raunte er ihm in's Ohr,„ſo haben es die Böſewichter auf unſer Le⸗ ben abgeſehen.“ „So ſcheint es uns eben auch,“ gab Renouard 174⁴ zurück,„mir iſt nur ein Räthſel, auf welche Weiſe ſie einen Angriff gegen uns unternehmen wollen, da wir auf dem Schiffe die Uebermacht haben und ſie in unſere Gewalt gegeben ſind.“ Der Profeſſor, um auch hierüber in's Klare zu kommen, ward wieder zum heimlichen Dolmetſcher. „Daß ſich Gott erbarme,“ wandte er ſich nach einiger Zeit mit kirſchblauen Lippen wieder zu Camille, „die Unmenſchen wollen uns den Bauch anbohren und mit Waſſer füllen. Das muß eine wahrhaft ſataniſche Marter und kann nur eine ganz neue türkiſche Erfin⸗ dung ſein; denn ich mag ſinnen wie ich will, das ganze Alterthum weiß nichts davon; wahrſcheinlich eine Art Schwedentrank.“ „Den Bauch wollen ſie uns anbohren?“ frug Re⸗ nouard und konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, „habt Ihr auch recht gehört, Profeſſor? „Ich ſetze meinen Kopf zum Pfande,“ betheuerte Laroſſoſfinier leiſe.„Das Wort,“ er ſprach hier ei⸗ nige arabiſche Laute—„heißt anſtechen, ein Loch machen, anbohren; ferner— es folgte wieder ein ara⸗ biſches Wort— bedeutet der Bauch der Leib; und endlich— er ſprach zum dritten Mal arabiſch— will ſo viel ſagen, als mit Waſſer anfüllen. Alſo Summa Summarum, ſie wollen uns, Einen nach dem Andern, wie einen Schlauch mit Waſſer anfüllen. Ein höchſt barbariſcher Gebrauch, für den ich nicht einmal einen hiſtoriſchen Grund finde. Renouard war nach dieſer philologiſchen Erörte⸗ rung ſehr nachdenkend geworden. Er ſchloß ſogleich nicht unrichtig, daß die feindlich geſinnten Schiffsleu⸗ te es wohl weniger auf den Bauch der Paſſagiere, als vielmehr auf den Bauch des Schiffes abgeſehen haben dürften. Wahrſcheinlich beabſichtigte man, die Barke bei paſſender Gelegenheit auf den Sand lau⸗ 175 fen zu laſſen, was bei den zahlreichen ſeichten Stel⸗ len des Nils ſehr leicht zu bewerkſtelligen war. Camille zog daher ein Piſtol aus dem Gürtel und ſtellte ſich dicht neben den ſteuernden Lootſen, welchem er zu verſtehen gab, daß er ihm bei der erſten Ge⸗ fahr, in welche das Schiff laufe, eine Kugel durch den Kopf jage. Der Araber blieb ſehr ruhig bei dieſer Drohung. Er lenkte mit demſelben Phlegma wie zeither ſein Ruder. Auch die übrigen Fährleute ſchienen nicht die geringſte Notiz von Camille's Demonſtration zu nehmen. Sie führten nach wie vor unter eintönigem Geſange ihre Ruderſtangen, Während Renouard den verdächtigen Lootſen fort⸗ während im Auge behielt und die militairiſche Escor⸗ te ermahnte, auf ihrer Hut zu ſein, ſtellte Laroſſoſſi⸗ nier höchſt unerquickliche Conjecturen über die neuä⸗ gyptiſche Sitte des Bauchaufſchneidens an. „Ich kann mir die Sache nicht anders erklären,“ ſprach er endlich,„als daß die Barbaren der Meinung ſind, wir haben Diamanten verſchluckt. Halb civiliſirte Völkerſchaften gefallen ſich zuweilen in dieſer Idee.“ Plötzlich machte eine außerordentliche Erſcheinung alle Gefahr für den Augenblick vergeſſen. Nurmahal that einen außergewöhnlichen Ruf und zeigte rechts nach der Gegend der Wüſte. Da ſtiegen groß und gewaltig, mit den Gipfeln im Sonnenlichte ſtralend, die Pyramiden von Gizeh am Horizonte empor. Je län⸗ ger man ſie betrachtete, deſto höher ſchienen ſie zu wachſen; die einzigen, aber um ſo größere Ehrfurcht einflößenden Gegenſtände in dem unabſehbaren Meere, wo ſich ein wolkenloſer Himmel mit der Wüſte vermählt. Der Profeſſor, nachdem er ſich überzengt, daß es keine Luftſpiegelung, ſondern wirklich die viertauſend⸗ 176 jährigen Denkmäler eines untergegangenen Weltreichs waren, hatte die Bauchaufſchneiderei total vergeſſen. Seine Gelehrſamkeit fand an den Pyramiden einen weit würdigern Gegenſtand, ſich weitläufig zu expee⸗ toriren, als an jener neumodiſchen Sitte. „Ich begreife nicht,“ ſprach er,„wie man jemals zweifeln konnte, daß die Pyramiden Grabdenkmale waren. Sie ſtehen mitten in dem ungeheuren Fried⸗ hofe von Memphis. Der ganze öſtliche Abfall des ly⸗ biſchen Gebirgs iſt eine Todtenſtätte. Ueberall trifft man auf Gräber und Katakomben. Die Gipfel, die Abfälle dieſer Hügelkette, deuten, trotz dem Schleier, den die Wüſte darüber gelegt hat, auf eine regelnde Menſchenhand.“. Der Profeſſor erging ſich noch eines Langen und Breiten über Lage, Zweck und Alter der Pyramiden. Er kannte aus bloßem Studium alle Localitäten dieſer bewundernswürdigen Denkmale ſo genau, als ſei er in ihnen aufgewachſen. „Aber beſter Profeſſor,“ frug Vial in ſeiner Un⸗ ſchuld,„da Ihr ſchon Alles ſo genau wißt, ſo begreife ich nicht, warum Ihr nicht lieber in Frankreich geblie⸗ ben ſeid. Mich ſollte an Eurer Statt keine Macht der Erde nach dem heißen Aegypten treiben, wenn ich da⸗ ſelbſt ſo zu Hauſe wäre.“ Laroſſoſſinier wollte dem Grenadier ob ſeiner höchſt unverſtändigen Frage eben einen tüchtigen Verweis ertheilen, als ein gellender Pfiff vom Ufer die Worte auf ſeiner Lippe erſterben machte. In demſelben Au⸗ genblicke, wo das durchdringende Signal von dem Lvotſen und den Fährleuten vernommen ward, ſpran⸗ gen ſie, wie auf Commandoruf über Bord und ver⸗ ſchwanden im Nile. Zu gleicher Zeit drang durch mehrere Oeffnungen im Bauche der Barke Waſſer. 177 Vergebens feuerten Renouard und die Soldaten ihre Piſtolen wiederholt nach den Stellen im Fluſſe ab, wo man vermuthen konnte, daß ſich die unterge⸗ tauchten Araber befanden; aber keiner der Letztern wurde getroffen. Man ſah ſie ſämmtlich nach kurzem Zeitraume am Nilufer zum Vorſchein kommen, wo ſie von einem unfehlbar ſehr befreundeten Stamme mit Freudengeſchrei empfangen wurden. Die Lage der Franzoſen ward jetzt ſehr kritiſch. Zwar hatte Laroche die Leitung des Steuerruders über⸗ nommen; aber bei ſeiner Unbekanntſchaft mit dem Nile mußte man jeden Augenblick gewärtigen, auf den Grund zu laufen. Zudem ſtieg das Waſſer immer höher. Man konnte die mit wahrer Kunftfertigkeit beigebrach⸗ ten Lecke nicht ſogleich auffinden. Was die Gefahr vergrößerte, war, daß die Araber vom Lande einen Angriff vorbereiteten. Jetzt ließ der Profeſſor die Pyramiden auf ſich be⸗ ruhen und begann, in Ermangelung eines Eimers, aus Leibeskräften mit ſeinen Schuhen das eindringende Waſſer auszuſchöpfen. Renouard erkannte die Gefahr, in welcher ſich die Schiffsgeſellſchaft befand, in ihrem ganzen Umfange. Er ſah das vergebliche Bemühen, das Waſſer aus dem Schiffsraum zu entfernen, ſo wie die Unmöglichkeit, ohne Lvotſen den Nil weiter aufwärts zu fahren. „Es bleibt uns nichts übrig,“ rief er dem das Steuer lenkenden Laroche zu,„wir landen.“ Der Profeſſor erſchrak über alle Maßen ob dieſes Befehls. „Mein Gott,“ rief er,„da fahren wir den Un⸗ holden ja direct in die Hände. Sie dürfen nur zu⸗ langen und wir find gefangen.“ Laroche ſah ebenfalls die Unmöglichkeit ein, weiter Stolle, ſämmtl. Schriften. Il. 12 178 vorwärts zu kommen. Er befahl daher den Grena⸗ dieren, von dem Waſſerpumpen abzuſtehen. Zwei der⸗ ſelben erhielten den Befehl, die Barke gegen das Ufer zu leiten; während die andern nebſt Baptiſt, Nurmahal und dem Profeſſor ſich ſchußfertig machen ſollten. Laroſſoſſinier unter Waffen gewährte einen poſſir⸗ lichen Anblick. Er wußte ſich mit ſeiner langen Be⸗ duinenflinte ſchlechterdings nicht zurecht zu finden. Er machte ſich Vorwürfe, nicht in Alexandrien geblieben zu ſein und unter ſo geringer Schutzwache die gefähr⸗ liche Nilfahrt angetreten zu haben. Die Araber, welche zahlreich am Ufer verſammelt waren, ſchienen wider Erwarten der Landung kein Hin⸗ derniß in den Weg zu legen. Der Profeſſor ſchloß daraus auf friedliche Geſinnungen und ſchöpfte neuen Muth. „Wir wollen ja je eher, je lieber capituliren,“ rieth er,„und das wilde Volk um's Himmelswillen nicht durch thörichten Widerſtand noch mehr in Har⸗ niſch bringen.“ Die friedliche Haltung der Aegypter währte indeß nicht lange; kaum ſtand die Barke im Begriff anzule⸗ gen, als eine Flintenſalve den Franzoſen über die Köpfe ſauſte. Baptiſt und der Profeſſor duckten ſich unwillkürlich hinter die Schiffsplanke. „Die Unmenſchen ſchießen wahrhaftig ſcharf,“ la⸗ mentirte der Profeſſor,„wann wird nur einigermaßen Humanität unter dieſe Horden kommen. Sie ſollten ſich ſchämen, wenn ſie ihrer Vorfahren vor zwei⸗ und dreitauſend Jahren gedenken. Das waren ganz char⸗ mante Leute und bei weitem nicht ſo blut⸗ unb raub⸗ gierig, wie dieſe Araber. Wenigſtens ſtimmen hierin alle Schriftſteller überein.“ „Laßt ſie ganz nahe kommen, commandirte Re⸗ nouard,„ehe Ihr Feuer gebt. Es darf unſrerſeits 179 kein Schuß fallen, ohne ſeinen Mann zu fällen; wir haben nicht über überflüſſige Munition zu gebieten.“ „Mein Gott,“ jammerte Laroſſoſſinier, als er die⸗ ſen Befehl vernahm,„warum mit dem Kopfe gegen die Wand; warum nicht eine ehrenvolle Capitulation, wenn auch das Löſegeld etwas theuer zu ſtehen kommt?“ „Hier kann von Löſegeld nicht die Rede ſein,“ erwie⸗ derte Renouard,„hier heißt es aut, aut, Sieg oder Tod!“ „Wer wird auch Alles auf die Spitze treiben,“ rügte der Alterthümler;„wir können auf dieſe Weiſe mit halb Afrika in's Handgemenge gerathen.“ Die arabiſchen Fährleute hatten ſich nur zum Theil mit Flinten bewaffnet. Von einer anſehnlichen Menge Strandbewohner unterſtützt, unternahmen ſie jetzt einen Angriff gegen die bei der Landung begriffenen Franzoſen. „Feuer!“ commandirte Renouard; acht Schüſſe krachten und die vorderſten Angreifer ſtürzten zu Bo⸗ den. Die Uebrigen ſtoben wie eine Heerde Wild aus einander und ergriffen, mit Zurücklaſſung mehrer Todten und Verwundeten, die Flucht. Den Landenden ward jetzt vollkommen Muße, das Ufer zu erreichen. Der Profeſſor, als er die glänzenden Erfolge ſah, welche das wohlangebrachte Feuer ſeiner Landsleute gehabt, gewann Geſchmack an dem Kriegshandwerk und begann ſeine Beduinenflinte von Neuem zu laden. Das Laden aber war für ihn ein Geſchäft, das ihm nicht von Statten gehen wollte. Einer der Grenadiere nahm ſich ſeiner an, und ertheilte ihm Unterricht. Der Pro⸗ feſſor ergriff hier Gelegenheit, viel gelehrte Bemerkun⸗ gen über die Exploſionskraft des Pulvers dem Sol⸗ daten mitzutheilen. Nachdem die Landung bewerkſtelligt war, beſchloß man, die Araber aus der nächſten Umgegend zu ver⸗ treiben, um nicht jeden Augenblick eines Angriffs ge⸗ 12* 180 wärtig zu ſein. Dies gelang vollkommen. Bald hat⸗ ten die Feinde den Dattelwald verlaſſen und ſich tie⸗ fer in's Land geflüchtet. Es wurden Wachen ausge⸗ ſtellt, um die etwaige Rückkehr des Feindes zu ſigna⸗ liſiren, während die Uebrigen zu einem Kriegsrathe zuſammentraten, um zu überlegen, was unter gegen⸗ wärtigen Umſtänden zu thun ſei. Der Vorſchlag, zu Lande Cairv zu erreichen, ward wegen der Wüſte, die man zu paſſiren und wegen der zahlreichen Beduinen, die das Land durchſchwärmten, für unausführbar gehalten. Man beſchloß daher, die Barke möglichſt auszubeſſern und die Fahrt auf dem Nile fortzuſetzen. Man ging unverzüglich an's Werk. Der Profeſſor, wie ſchwer es ihm ankam und wie weit lieber er ſich nach Alterthümern umgethan hätte, ward gezwungen, Hand anzulegen. Mit großer Anſtrengung brachte man das Fahrzeug einigermaßen in's Trockne und war be⸗ müht, die ſchadhaften Stellen auszubeſſern. Kaum aber hatte man Hand angelegt, als Nurmahal, welcher in einem Verſteck als Schildwacht geſtanden, den Feind anzeigte. Sogleich ließen die Schiffsausbeſſerer Alles ſtehen und liegen, griffen zu den Waffen und traten in Ordnung. Ein wildes, vielſtimmiges Geſchrei, das hinter dem Dattelwalde vernehmbar ward, zeigte, daß die Araber bedeutenden Succurs erhalten hatten. Die beiden Vorpoſten Nurmahal und Baptiſt zogen ſich auf das Hauptcorps zurück und das Geſchrei hinter dem Walde kam immer näher. Mit äußerſt beſorgten Blicken gewahrte Laroſſoſ⸗ ſinier, daß das Häuflein alle Anſtalten zur äußerſten Gegenwehr traf. „Mein Gott,“ rief er,„dem immenſen Geſchrei 184 zu Folge iſt ja eine ganze arabiſche Armee im Anzuge. Wir wollen doch ecapituliren.“ „Damit ſie uns um ſo leichter die Köpfe abſchnei⸗ den,“ erwiederte Laroche,„nein, ſo ganz bequem wol⸗ len wir ihnen die Sache doch nicht machen. Wir ver⸗ kaufen unſer Leben ſo theuer wie möglich, vielleicht daß es gelingt, die Horden nochmals in die Flucht zu treiben und ihnen Reſpect einzujagen.“ „Ich bezweifle, daß wir es dahin bringen,“ meinte Laroſſoſſinier. „Wohlan, ſo ſterben wir einen ehrlichen Solda⸗ tentod.“ „Das kann wohl ein Grenadier leicht ſagen,“ ſprach der Profeſſor;„ein wiſſenſchaftlicher Mann denkt über dieſen Punkt anders. Grenadiere gibt's die Hüll' und die Fülle; man kann dergleichen alle Tage Dutzend⸗ weiſe ereiren; mit gelehrten Leuten geht das nicht ſo ſchnell, lieber Freund.“ Das Geſchrei kam näher. „Nur eng zuſammengehalten,“ commandirte Re⸗ nouard,„das ſchwarzbraune Gefindel ſoll uns ſo leicht nichts anhaben. Vorher müſſen ein paar Dutzend die Erde küſſen, ehe wir ſie heranlaſſen.“ Der Feind war endlich ſichtbar geworden. Seine Macht betrug vierzig bis funfzig Köpfe. Die Angrei⸗ fer rückten von zwei verſchiedenen Seiten heran. Als der Profeſſor dieſen Doppelangriff gewahrte, ward ihm die Sache außer'm Spaße. „Ich werde auf keinen Fall ſchießen,“ ſprach er, „und ſo Ihr auf den Feindſeligkeiten beharrt und durchaus Euer Verderben wollt, werde ich mit den Arabern eine Separatconvention abſchließen. Das wird mir Niemand verargen, denn ich bin ein Kind des Friedens und nicht des Kriegs. Ich habe allein das Beſte der Akademie vor Augen. Ihr könnt zehn⸗ mal zu Grunde gehen, was thut's; meine Stelle iſt ſo leicht nicht erſetzt.“ Man hatte jetzt keine Zeit, auf die Auseinander⸗ ſetzungen des Profeſſors zu hören. Der Feind begann zu feuern; da er jedoch zu weit entfernt und nicht über viel Schießgewehre zu gebieten hatte, war ſein Feuer ohne allen Schaden. Ruhig erwartete die kleine Schaar den übermächtigen Gegner und ſobald der⸗ ſelbe in Schußweite gekommen, eröffnete auch ſie die Feindſeligkeiten. Ein lebhaftes Gewehrfeuer entſpann ſich, das von Seiten der Franzoſen äußerſt wirkſam war. Man ſah von den Arabern viele zu Boden ſtür⸗ zen. Nichtsdeſtoweniger ließ ſich diesmal der Feind nicht ſo leicht zurückſchrecken. Nachdem er wiederholt ſeine Gewehre abgeſchoſſen, ſuchte er zum Handge⸗ menge zu kommen. Das war eine vergebliche An⸗ ſtrengung; die wohlberechneten Kugeln der Franzoſen ließen ihn nie ganz heran. Wüthend über die Fruchtloſigkeit des Kampfes, ſtellte ſich endlich der ehemalige Lootſe, eine hohe, räftige Geſtalt, an die Spitze und führte die Sei⸗ nen trotz allem feindlichen Feuer unwiderſtehlich zum Sturme. Nachdem man Seitens der Franzoſen wiederholte Salven gegeben und ſämmtliche Flinten und Piſtolen abgeſchoſſen, und die Araber dennoch herandrangen, warf ſich Renouard an der Spitze der vier Gardi⸗ ſten den Angreifenden entgegen, während Laroche, Nur⸗ mahal und Baptiſt ein ununterbrochenes Feuer un⸗ terhielten. Wie die Löwen kämpften die fünf Franzoſen ge⸗ gen die Uebermacht. Renouard's Damascener zuckte wie ein tödtender Blitz umher. Endlich aber ward — 183 die Zahl der Angreifer zu groß. Die fünf Helden ſchienen verloren. Da, im rechten Augenblicke, ſprang der majeſtätiſche Laroche mit ſeinen beiden allerdings weit ſchwächern Begleitern herbei. Das Gefecht ward äußerſt hitzig. Nurmahal kämpfte heldenkühn an Ca⸗ mille's Seite. Mehrere tödtliche Streiche, die nach des Letztern Haupt gerichtet waren, hatte der Knabe abgewendet, als ein Lanzenſtoß Renouard zu Boden ſtreckte. Ein Araber ſtürzte auf den Gefallenen, um ihm den Reſt zu geben, war aber, von Nurmahal's Stahl getroffen, im Augenblicke eine Leiche.— Durch den Fall Desjenigen, zu deſſen Schutz ſie mitgegeben waren, auf's Aeußerſte gebracht, rafften die Grenadiere ihre letzten Kräfte zuſammen, und ſo ge⸗ lang es auch, die Araber mit außerordentlichem Verluſte zurückzuwerfen. Nicht weniger denn dreißig Todte und Verwundete bedeckten das kleine Schlachtfeld. Die Helden zogen ſich nach einem hart am Ufer gelegenen Wäldchen zurück, welches ſowohl Schatten als auch eine gute Poſition gewährte. Renouard's Wunde war zum Glück nicht gefährlich. Nurmahal hatte die⸗ ſelbe bereits mit Geſchick verbunden. Dankbar reichte der Verwundete dem Mohrenknaben ſeine Rechte. „Du haſt mir das Leben gerettet, theurer Nur⸗ mahal,“ ſprach er;„daß ich Dir doch lohnen könnte, wie Du es verdienſt!“ Der Knabe bedeckte die dargereichte Hand mit Küſ⸗ ſen. Dann wandte er das Antlitz abwärts und zwei Thränen ſeliger Freude glänzten in ſeinen Augen. Der Profeſſor, welcher ſich während des hartnäcki⸗ gen Kampfes der Seinen lang auf den Erdboden aus⸗ geſtreckt und völlig todt geſtellt hatte, zog ſich, nach⸗ dem er wieder Leben bekommen, in den Hintergrund der Waldpoſition zurück. 184⁴ Er ſchalt die tapfern Krieger Wagehälſe und rieth, ſobald als möglich wieder zu Schiffe zu gehen. Wie gefahrvoll übrigens die Lage der Franzoſen auch w ſo konnte es der Alterthümler doch nicht unterlaſſen, in dem Dattelgebüſch wiſſenſchaftliche Unterſuchungen anzuſtellen. Er hatte eine neue Art Schmetterlinge entdeckt, die ſein ungetheiltes Intereſſe in Anſpruch nahmen. Während er bemüht war, einige derſelben einzufangen und, trotz alles Abmahnens der Seinigen, tiefer in's Gebüſch eindrang, erreichte er eine Höhle, über welche er nicht ſogleich in's Klare kommen konnte, ob ſie ein Werk der Kunſt oder Natur ſei. Sein wiſſen⸗ ſchaftlicher Eifer ließ ihm nicht Ruhe, der Sache auf den Grund zu kommen. Kaum hatte er ſich aber dem Eingange auf wenige Schritte genähert, als er einen ſo verzweifelten Satz rückwärts machte, daß er faſt der Länge lang in's hohe Gras gefallen wäre. In der Höhle ſäugte eine Löwin ihr Junges. Er begann aus Leibeskräften um Hülfe zu rufen, welches Geſchrei aber von dem Gebrüll des wilden Thieres übertäubt wurde. Vial und einer der Grenadiere kamen herbei und es⸗ cortirten den wiſſenſchaftlichen Mann zum Hauptcorps, das er von nun an nicht wieder verließ, um gelehrte Forſchungen anzuſtellen. Bei den Seinen angelangt, beſchrieb er mit leb⸗ haften Farben den erſchütternden Anblick, welchen die ſäugende Löwin gewährte und in wie großer Gefahr er ſich befunden habe. Die Franzoſen fanden es ih⸗ rer dermaligen Lage indeß nicht angemeſſen, auf die Löwenjagd zu gehen. So wie ſie ſich etwas erholt, waren ſie von Neuem bemüht, die Barke flott zu machen. Bei dieſem Geſchäfte wurden ſie abermals von den Arabern geſtört, welche diesmal nicht allein vom Lande her ihren Angriff wiederholten, ſondern auch vermit⸗ 185 telſt eines ſtarkbemannten Nilbvotes dem tapfern Häuf⸗ lein jedmöglichen Rückzug abzuſchneiden ſuchten. Als Renouard dieſe doppelten Streitkräfte ſah, gab er die Hoffnung auf, diesmal ſiegreich aus dem Kampfe hervorzugehen. „Wohlan, meine Freunde,“ rief er,„laßt uns den ehrlichen Soldatentod ſterben.„Vive la republique!“ Mit dieſen Worten warf er ſich, nachdem er beide Piſtolen auf die anſtürmenden Araber abgefeuert hatte, den Säbel in der Fauſt gegen den Feind. „Laß mich an Deiner Seite ſterben, Camille,“ bat Nurmahal ihm nacheilend. Renouard, als er ſich ſo unerwartet bei ſeinem Taufnamen nennen hörte, warf einen Blick rückwärts, doch ließen ihm die flammenden Säbel der Feinde keine Zeit zum Nachdenken. Bald waren Renouard und ſein treuer Begleiter im wilden Gewühl verſchwunden. Dreizehntes Rapitel. Wirend Soldaten und Matroſen der großen engli⸗ ſchen Flotte, die nach dem raſtloſen und ermüdenden Kreuzzuge, ohne den ſehnlichſt geſuchten Feind gefun⸗ den zu haben, in den Hafen von Syrakus eingelaufen war, unter dem goldenen Himmel Siciliens das hei⸗ terſte Leben führten, ſaß ihr großer Führer, Horace Nelſon, einſam und in düſterm Schweigen verſun⸗ ken, in der ſtillen Cajüte des Vangard, ſeines Admiral⸗ ſchiffes. Wie der Weltweiſe, der in ſtiller Mitternacht über die Löſung eines großen Problems finnt, wie der 186 weltenmeſſende Aſtronom den Bahnen eines entſchwun⸗ denen Sternes nachforſcht, ſo auch in ſchweigendem Sinnen ſaß Horace Nelſon Tage und Nächte lang vor ſeinen Seekarten und Schiffstagebüchern. In einiger Entfernung ſtanden die beiden erfahrenen Officiere Berri und Thomſon, Letzterer Commandant des Leander, mit militairiſcher Pünktlichkeit die Fragen beantwortend, die ihr großer Chef von Zeit zu Zeit an ſie richtete. „Es iſt entſchieden,“ rief endlich der Admiral, in⸗ dem er aufſprang und nicht ohne Aufregung die Ca⸗ jüte auf⸗ und abſchritt,„alle Nachrichten ſtimmen über⸗ ein, in der Nacht des fünfundzwanzigſten Juni war Bonaparte vor Candia; nicht fünf Meilen waren wir von einander. Der Feind muß den Donner unſerer Signalkanonen vernommen haben.“ „Und gleichwohl,“ fuhr er nach einer Pauſe ſin⸗ nend fort,„fand ich ihn nicht im Hafen von Alexan⸗ drien. War Aegypten das Ziel der franzöſiſchen Ex⸗ pedition, ſo konnte er mir hier nicht entgehen.“ Nelſon hatte, nachdem er die feindliche Flotte in Alexandrien nicht angetroffen, das Mittelmeer in ver⸗ ſchiedenen Richtungen durchkreuzt. Er war die ganze Küſte von Kleinaſien entlang gefahren und als ſein Suchen vergeblich geweſen, wieder in Syrakus vor Anker gegangen. „Ich glaube wirklich, ein böſer Zauber verbirgt mir den Feind,“ ſprach der Admiral nach einer Pauſe.„Hier liegen die Schiffstagebücher aller unſrer Kreuzer ſeit ganzer vier Wochen, und weder im geſammten Archipel, noch im Meer von Adria, noch im untern Mittelmeere hat man eine Spur von der Expedition geſehen, trotz ihren vierhundert Transportſchiffen. Darum komme ich immer wieder auf Aegypten; denn die Kunſt, durch die Luft zu fahren, dürfte das neue Frankreich trotz ſeiner zahlreichen Genies doch noch nicht erfunden haben.“ „Allerdings,“ verſetzte Thomſon in ſeiner offenen Seemannsſprache,„wir ſind hin⸗ und hergefahren und ſo klug wie zuvor. Unſere Matroſen, welche ſich das Simuliren erſparen, wiſſen beſſer wie ſie daran ſind.“ „So?“ frug Nelſon lächelnd, der von braven Of⸗ ficieren dergleichen Expectorationen nicht übel nahm, „wo denken denn die Matroſen, daß die Franzoſen hingekommen ſind?“ „Sie glauben,“ gab Thomſon zur Antwort,„der Teufel habe ſie geholt.“ „Dafür würde ich ſeiner ſchwarzen Majeſtät we⸗ nig verbunden ſein,“ ſprach NRelſon lachend;„ich habe mir dieſes Vergnügen ſelber vorbehalten.“ „Wenn ich als Franzoſe die Wahl hätte,“ meinte trocken der Capitain,„ſo wollte ich's doch lieber mit dem Teufel als mit Euch, Admiral, zu thun haben.“ Nelſon überhörte die Schmeichelei, die in dieſen Worten lag. Er war an das Cajütenfenſter getreten und ſchaute nach dem Meere. Eine Brigg zeigte ſich am Ho⸗ rizont, die mit vollen Segeln gegen den Hafen ſteuerte. „Welche Flagge?“ frug Nelſon, der mit ſeinem einzigen Auge nicht zum beſten in die Ferne ſah. „Admiral,“ erwiederte Berri,„es iſt die unſere.“ „Und ſo mich nicht Alles trügt,“ ſetzte Thomſon hinzu, der durch ſein Taſchenperſpectiv ſchaute,„iſt es der Theſeus.“ „Der Theſeus?“ rief Nelſon,„er kommt aus der Levante; auf, ohne Verzug, ein Boot entgegen! Ca⸗ pitain Moriarty ſoll ſofort vor mir erſcheinen!“ „Admiral,“ gab der bedächtige Berri zu bedenken, „die Quarantaine!“ „Und wenn der ganze Oeccident von der Peſt ver⸗ heert würde,“ rief voller Leidenſchaft der Admiral Britanniens,„ich muß wiſſen, wo ſich Englands Erb⸗ feind befindet. Auf, vollzieht meine Befehle!“ 188 Die beiden Capitains entfernten ſich; Nelſon trat wieder an das Fenſter. Mit wie gutem Winde die Brigg auch daherkam, ſo währte es dem Ungeduldigen doch zu lange; er eilte auf das Verdeck und wieder⸗ holte ſeine Befehle. Bereits nach Verlauf von anderthalb Stunden ſtand der Commandant des Theſeus dem Admirale gegen⸗ über. Seine Rapporte waren indeſſen keineswegs der Art, daß ſie den Erwartungen des Admirals entſpro⸗ chen hätten. In den weiten Gewäſſern der Levante war nirgends eine Spur von der franzöſiſchen Flotte gefunden worden. Alle Depeſchen aus den verſchiede⸗ nen Stationsorten, welche die Brigg beſucht, ſtimm⸗ ten darin überein. Selbſt in Candia, auf deſſen Höhe man die Franzoſen eine kurze Zeit geſehen hatte, wußte man nicht, wohin ſie ihren Weg genommen. Finſter umzog ſich die Stirn des britiſchen Ad⸗ mirals. Ein Bericht nach dem andern flog zuſammen⸗ geballt auf den Boden. Schon war er im Begriff, den Capitain nicht eben im freundlichen Tone zu ent⸗ laſſen, als dieſer ein Schreiben aus dem Buſen zog. „Dieſer Brief,“ ſprach Moriarty,„ward mir auf Candia von unbekannter Hand mit der dringenden Bitte zugeſtellt, ihn Euch nicht anders als perſönlich zu überreichen.“ „Ha,“ rief Nelſon, als er einen Blick auf die Adreſſe geworfen und riß das Siegel auf. Aber kaum hatte er einige Zeilen geleſen, als er immer heftiger bewegt wurde und Hoffnungsſtrahlen ſein Antlitz er⸗ heiterten. Mit ſeltener Heftigkeit zog er die Klingel; zwei wachhabende Officiere erſchienen. „Binnen vierundzwanzig Stunden ſticht die Flotte in See!“ rief er mit erhobener Stimme, worauf er ſich nochmals an die Lectüre des wichtigen Schreibens machte. Dieſes lautete folgendermaßen: 189 Drient, 28. Juni 1798. Mitternacht. „Rings von tiefem Schweigen umgeben entſende ich dieſe Zeilen. Vermittelſt eines tüchtigen Wage⸗ halſes hoffe ich ſie nach Candia zu bringen. Noch im⸗ mer ſchwebt die geſammte Equipage in Ungewißheit, wohin die Expedition gerichtet iſt. Viele ſprechen von Morea, doch glaube ich immer, daß Aegypten der eigentliche Zielpunkt iſt. Vor einigen Tagen wurde Jedermann durch fernen Kanonendonner aufgeſchreckt, der unfehlbar von der engliſchen Flotte herrührte. Auch Bonaparte fürchtete dies und hat ſeinen Lauf ſüdlich genommen, nach der afrikaniſchen Küſte. In wenigen Tagen muß ſich unſer Geſchick entſcheiden. Wie dem ſei, in allen Wechſelfällen des Glücks oder Unglücks kann England zählen auf den ergebenen Ritter Lacoſte. Nachſchrift. Um ganz ſicher zu gehen, iſt mein Rath, vor allen Dingen die Richtung nach Morea einzuſchlagen. Selbſt für den Fall, daß die franzöſiſche Flotte daſelbſt nicht anzutreffen, wird ſie ſich an den Küſten von Aegypten finden. Meinen nächſten Brief datire ich nach dem Flecken Coron, an der Küſte Morea's, wo ich die er⸗ forderlichen Verbindungen angeknüpft habe. L.“ Kaum war eine Stunde vergangen, als der Hafen von Syrakus und ſeine nächſte Umgebung einem Amei⸗ ſenhaufen glich. Der urplötzliche Aufbruch hatte Alles in Bewegung geſetzt, und noch waren nicht vierund⸗ zwanzig Stunden abgelaufen, als die ſtolze Flotte von England den Hafen von Syrakus verließ und ihren Weg nach Morea einſchlug. Unterwegs ließ Nelſon ſeine ſämmtlichen Officiere wiederholt an Bord kommen, wo er denſelben ſeine ihnen bereits mitgetheilten Ideen über die verſchiedenen und 190 beſten Arten des Angriffs und dieienigen Pläne wie⸗ derholte, nach denen er beſchloſſen hatte, den Feind, in welcher Stellung er ſich immer befinde, ſei's Tag oder Nacht, anzugreifen. Es war keine Stellung, die er nicht berechnet und in Betrachtung gezogen hätte. Daher war jeder Capitain in die Ideen ſeines Admirals voll⸗ kommen eingeweiht, und beim Anblick des Feindes wußte ein jeder ohne vorherige Inſtructivn, wie er ſich zu benehmen. Hierdurch wurden viele Signale und großer Zeitaufwand erſpart und jeder Capitain konnte ſeine Aufmerkſamkeit ganz auf die Führung ſeines Schiffs verwenden; ein Umſtand, der bei jedem Manöver und Gefecht von unberechenbarem Vortheil iſt. „Meine Herren,“ ſchloß der Held jedesmal ſeinen Vortrag,„ich verlaſſe mich ganz auf Ihre Einſicht und Il en Muth, und wir werden ſiegen!“ Bereits nach drei Tagen hatte man die Küſte von Myorea erreicht. Der Capitain Trowbridge, welchen Nelſon an den türkiſchen Commandanten von Coron abſandte, kehrte mit der Nachricht zurick, daß ſich die franzöſiſche Flotte nach allem Anſcheine gen Aegypten gewandt habe. Zugleich brachte der Officier das ver⸗ ſprochene Schreiben Laovſte's, welches alſo lautete: „Jacta est alea! Bonaparte iſt am zweiten Juli drei Stunden von Alexandrien gelandet. Die Transportſchiffe haben im Hafen von Alexandrien, die Kriegsſchiffe auf der Rhede von Abukir Anker gewor⸗ fen. Was in meinen Kräften geſtanden, um das Letztere zu bewirken, woraus Ihr Vortheil ziehen wer⸗ det, iſt geſchehen.“ „Auf der Rhede von Abukir!“ rief der engliſche Seeheld und glaubte kaum, recht geleſen zu haben, „dieſer Lacoſte iſt ein Gott!“ Er eilte auf's Verdeck. 194 „Alle Segel auf!“ donnerte ſein Commandoruf, „und direct nach Abukir!“ In ſeine Cajüte zurückgekehrt aber ſprach Horace Nelſon:„Binnen drei Tagen ſchlaf ich im Meere oder bin Lord von England!“ Verderbenſchwanger rauſchte Englands Armada der ägyptiſchen Küſte zu. Fierzehntes Rapitel. Nah dem beſchwerlichen Zuge durch die Wüſte hat ſich die geſammte franzöſiſche Armee beim Dorfe Ramanieh, an den Ufern des Nils, vereinigt und mar⸗ ſchirt, an keinem Bedürfniß Mangel leidend, den hei⸗ ligen Fluß aufwärts. Rings ſind die Felder mit ſchmackhaften und erquickenden Waſſermelonen, ſo wie mit Früchten aller Art bedeckt. An Waſſer iſt kein Mangel, Korn und Hülſenfrüchte gibt's in Menge. Auf die graue Einförmigkeit der Wüſte iſt ein herrliches Grün, eine unvergleichliche Fruchtbarkeit ge⸗ folgt. Stattliche Baͤume, wie man ſie ſeit Italien nicht geſehen, gewähren kühlen, lang entbehrten Schatten. Der Marſch der Armee wird von einer Flotille unterſtützt, welche von Damiette den Nil aufwärts ge⸗ kommen. Sie enthält die ſämmtliche Cavallerie, die nicht beritten iſt. Die Armee ſelbſt zählt nur zwei⸗ hundert active Reiter. Laut Bonaparte's ſtrengem Befehle rücken die Fran⸗ zoſen in folgender Ordnung vorwärts. Jede Diviſion marſchirt in einem Vierecke von ſechs Gliedern, die 192 Artillerie an den Ecken; Munition, Bagage und die wenige Reiterei in der Mitte. Die Marſchordnung ſchützt vor jedem Unfall; aber ſie iſt ſehr langwierig, da die Cavallerie, die hinſichtlich der Pferde, Be⸗ waffnungsart und der Perſönlichkeit der glänzenden und zahlreichen Reiterei der Mameluken nachſteht, die Ba⸗ taillons nicht umſchwärmen kann. Das zweite Quarré ſetzt ſich erſt in Marſch, ſo⸗ vald das erſte nach einer Störung vollkommen wieder in Ordnung iſt. An manchem Tage legt das Heer vier bis fünf Meilen zurück, trotz der zahlreichen Hinderniſſe, die ſich darbieten. Namentlich ſind es die Ueberſchwem⸗ mungscanäle, welche noch nicht mit Waſſer gefüllt, und ſämmtlich ſehr breit und ſehr tief ſind, die den Marſch erſchweren. Die Wände dieſer Kanäle müſſen erſt abgedacht werden, bevor das Heer ſie paſſiren kann, wodurch großer Zeitaufwand entſteht. Die Quarré's ſind daher faſt ununterbrochen genöthigt⸗ bald abzubrechen, balb aufzumarſchiren. Diejenigen Soldaten, welche im Innern derVierecke marſchiren, haben außerordentlich zu leiden. Sie ſind beſtändig in ganze Wolken von feinem Staube gehüllt, welcher das Athmen erſchwert. Mehre Soldaten fallen todt nieder. Kein Soldat darf ſich auch nur auf kurze Diſtanz von dem Heere entfernen, weil er ſonſt ein Opfer der zahlreich umherſchwärmenden Araber wird. Sehn⸗ ſüchtig ſchweifen die Blicke nach dem majeſtätiſchen Nile, welcher ſo verlockend dahinfließt und gleichwohl teine Labung gewähren darf. Erreicht eine Diviſion eine Eyſterne mit Schöpf⸗ eimern, ſo ſtellt man ſich ſo auf, daß der Brunnen in die Mitte des Quarré's zu liegen kommt. Dann 193 wird Halt gemacht und Jeder kann nach Herzensluſt ſeinen Durſt löſchen. Bonaparte läßt jeden Abend ſein Zelt am Ufer des Nils mitten unter ſeiner Armee und in der Nähe ſeiner Flotille, wenn dieſe bis dahin hat gelangen können, aufſchlagen. Als die franzöſiſche Armee bei Schebreis anlangt, ſind viertauſend Mameluken vor dieſem Dorfe auf⸗ geritten. Ihr rechter Flügel iſt an den Nil gelehnt, wo unerwartet zehn feindliche Kanonierſchaluppen die franzöſiſche Flotille angreifen. Der Kampf wird hartnäckig. In kurzer Zeit wechſelt man funfzehnhundert Kanonenſchüſſe. Es ge⸗ lingt den Seeleuten der Mameluken, welche der Schiff⸗ fahrt auf dem Nile kundig ſind, den Franzoſen eine Galeere und ein Kanonierbvot durch Entern zu nehmen. Den franzöſiſchen Gefangenen werden nach türkiſcher Sitte ſogleich die Köpfe abgeſchnitten. Da führt der Diviſionschef der Marine, Perré mit Namen, ſein Schiff, welches rings Tod und Verderben ausſpeit, mitten in das feindliche Geſchwader, entreißt die ge⸗ nommenen Schiffe den Mameluken und bohrt ihr com⸗ mandirendes Kanonierbvot in den Grund. 5 Kaum vernimmt Bonaparte den Donner ſeiner Schiffe, als er ſogleich ſeinem Heer Befehl gibt, im Sturmmarſch gegen das Mamelukencorps von Sche⸗ breis vorzurücken. Dieſes Corps bietet, hauptſächlich gegen die ſchwache franzöſiſche Reiterei gehalten, einen eben ſo glänzenden, wie impoſanten Anblick. Sämmtliche Mameluken reiten prächtige Pferde, die mit Gold und Silber bedeckt ſind. Die Reiter ſelbſt in ihren Turbans und Shawls von der mannichfachſten Farbenpracht nehmen ſich höchſt maleriſch aus. Stolle, ſämmtl. Schriften. II. 13 194⁴ Dieſe Cavallerie wird von einer Anzahl Araber und Fellahs unterſtützt. Jeder Mameluk hat zwei, drei auch vier Diener bei ſich, die ihm zu Fuße ſelbſt in die Schlacht folgen. Sie tragen ihm zwei große Flinten nach. Nur einmal feuert er dieſe ab. Dann greift er nach den zwei Piſtolen, die er im Gürtel trägt. Sind dieſe abgeſchoſſen, holt er noch acht Pfeile aus ſeinem Köcher, die er ſehr geſchickt zu werfen verſteht. Die letzte Zuflucht bleiben zwei Säbel. Den Zaum im Munde und in jeder Hand einen Damascener ſtürzt er ſich blind auf den Feind. Wehe Dem, den dieſe Klingen treffen. Er wird in Stücken gehauen. Nachdem Bonaparte den Feind recognoſeirt hat, läßt er ſeine Armee aufmarſchiren. Die fünf Divi⸗ ſionen bilden ſtaffelförmig eben ſo viele Quarré's. Dieſe Schlachtlinie ſtützt ſich auf zwei Dörfer, welche ver⸗ barricadirt und ſtark mit Tirailleurs beſetzt werden. Kaum haben die Franzoſen Poſto gefaßt, als ſich das feindliche Corps urplötzlich in Bewegung ſetzt. In einem Nu iſt die Ebene überſchwemmt. Unter einem fürchterlichen Allah, welches zu dem wolkenloſen Him⸗ mel emporſchallt und ſich weit draußen in der Wüſte verliert, ſtürmen die glänzenden Reiter von allen Seiten gegen die franzöſiſche Heeresmacht, überall nach einem ſchwachen Punkte ſpähend, um einzudringen. Ruhig erwarten die enggeſchloſſenen Cvlonnen den ungeſtümen Angriff. Auf Bonaparte's Befehl wird keine Kanone abgefeuert, bis die verwegene Reiterei auf Kartätſchenſchußweite herangekommen iſt. Da mit Einem Male demaskiren ſich die furchtbaren Feuer⸗ ſchlunde und ſchleudern Tod und Verderben in die dichtgeſchaarten heranbrauſenden Maſſen. Einige der kühnſten Mameluken ſprengen auf die Carabiniers ein, die vorwärts in den Zwiſchenräumen der Bataillons aufgeſtellt ſind. Hier werden ſie von ——— 195 dem kräftigſten Pelotonfener empfangen, welches ſie zur Umkehr nöthigt. Von dieſem erſten Siege ermuthigt, ſetzt ſich die franzöſiſche Armee in Bewegung. Ihr rechter Flügel rückt im Sturmſchritte gegen Schebreis, welches ge⸗ nommen wird. Indeß ſind die Mameluken durch den erſten abge⸗ ſchlagenen Angriff noch nicht entmuthigt. Sie wie⸗ derholen ihre Anfälle und ſtets mit erneuerter Wuth. Unerſchüttert, feuerſpeienden Vulkanen gleich, ſtehen die franzöſiſchen Colonnen. Der Feind verſucht alles Mögliche, in die Suarré's zu dringen. Einige leiten ſogar die Pferde rückwärts, damit die Thiere vor den Bajonnetten nicht zurückſcheuen, und ſuchen auf dieſe Weiſe die Schranken zu ſprengen. Alles vergebens. Nach zahlreichen Angriffen und einem Verluſte von ſechshundert Mann, ſchlägt der Feind die Richtung nach Cairo ein und verſchwindet aus dem Geſichte. Gleichmäßig mit der Flotille dringt die franzö⸗ ſiſche Armee in bald längern, bald kürzern Märſchen im Nilthale aufwärts. Im Dorfe Om⸗Dinar, das die Spitze des Delta bildet, ſetzt die Armee ihre Waffen, welche durch die Ausdünſtung des Rils gelitten haben, wieder in Stand. Man rüſtet ſich allgemein zur Schlacht. Das Schickſal Aegyptens ſoll entſchieden werden; Bonaparte hat die Nachricht erhalten, daß unter Murad⸗Bey's Be⸗ fehle auf der Ebene von Embaheh, am linken Nilufer, der Hauptſtadt Cairo gegenüber, ſich die Hauptmacht der Mameluken zuſammengezogen und verſchanzt hat. Drei⸗ undzwanzig Mamelukenbey's haben ihre Streitkräfte vereinigt, um die heilige Stadt zu ſchützen. Am 20. Juli ſteigen zum erſten Male die Pyra⸗ miden am Horizonte empor. Der Anblick dieſer be⸗ 13* 196 wundernswürdigen Denkmäler des Alterthums wirkt belebend auf die Schaaren des fernen Abendlandes. Ein enthuſiaſtiſches„vive la republique!“ begrüßt dieſe Zeugen grauer Jahrhunderte. Kriegeriſcher Muth belebt alle Bataillone. Mit grauendem Morgen des nächſten Tages zeigte ſich zum erſten Male ſeit Schebreis ein ungefähr tau⸗ ſend Mann ſtarkes Mamelukencorps. Es iſt die Avantgarde Murad⸗Beys. Ohne einen Angriff zu unternehmen oder ſich in ein Gefecht ein⸗ zulaſſen, zieht ſich dieſe Schaar in guter Ordnung von Punkt zu Punkt zurück. Nur einige Kugeln mit der franzöſiſchen Vorhut werden gewechſelt. In der glühendſten Mittagsglut der heißeſten Jah⸗ reszeit, den zwei und zwanzigſten Juli Nachmittags zwei Uhr langt die Armee eine halbe Stunde vor dem Dorfe Embaheh an. Bonaparte befiehlt Halt. Die außerordentliche Hitze und Ermüdung drückt die Sol⸗ daten ganz darnieder. Nichtsdeſtoweniger muß man ſich zur Schlacht rüſten.. Die Stellung der Mameluken, zwiſchen den beiden Dörfern Embaheh und Gizeh, längs des Nilufers, iſt gut gewählt. Ihr rechter Flügel wird durch Verſchan⸗ zungen gedeckt, welche vierzig Kanonen vertheidigen. Hier ſtehen zwanzigtauſend Janitſcharen und Spahis oder türkiſche Reiter; das Centrum bilden zehntauſend Mameluken, jeder von drei Fellahs zu Fuß begleitet. Ein drittes Corps von dreitauſend Reitern formirt den äußerſten linken Flügel und dehnt ſich bis in die Gegend der Pyramiden. Man berechnet die Geſammt⸗ zahl der Feinde auf ſechzigtauſend Mann. Murad⸗Bey ſelbſt hat ſein Zelt in der Mitte ſeines Heeres unter einem ungeheuern Feigenbaumaufgeſchlagen. Dieſes Heer der dreiundzwanzig Bey's iſt trotzig und erwartet ſiegesſicher die Franzoſen. Murad⸗Bey, —— — „— gefolgt von ſeinen vornehmen Generalen, eine glän⸗ zende Cavalecade, durchſprengt die Reihen der Seinigen und ermuntert ſie, ihre Pflicht zu thun und den Ruhm der Mameluken aufrecht zu erhalten. Er ſchildert die Franzoſen als eine den Qualen des Hungers, Durſtes und der Hitze erliegende Rotte, als ein kraftloſes ver⸗ ächtliches Fußvolk. Seine ſtattlichen Reiterſchaaren, deren Waffen in der Sonne blitzten, voller Selbſtge⸗ fühl überſchauend, ruft er wiederholt, auf die unan⸗ ſehnlichen, beſtaubten feindlichen Quarré's zeigend: „Wie Kürbiſſe wollen wir ſie in Stücke hauen!“ Während Murad⸗Bey auf dem linken Nilufer mit dem Gros der Armee aufmarſchirt iſt, hält ſein College Ibrahim mit zweitauſend Mameluken auf dem rechtenUfer. Bonaparte recognoſcirt die Stellung des Feindes. Hinter ſeinem rechten Flügel fließt majeſtätiſch der Nil, erglänzen die dreihundert Minarets von Cairo, deh⸗ nen ſich die einſt ſo fruchtbaren Ebenen von Mem⸗ phis; im Rücken des feindlichen linken Flügels ſteigen die altersgrauen Pyramiden zum Himmel, dieſe uner⸗ ſchütterlichen Zeugen ſo vieler Zeiten und Völker. Der weltberühmte Tagesbefehl des großen Feld⸗ herrn lautete daher:„Soldaten! Ihr ſteht im Be⸗ griffe, das Heer von Aegypten zu bekämpfen. Be⸗ denkt, daß von den Gipfeln dieſer Denkmale vierzig Jahrhunderte auf Euch herabſchauen!“ In der That ſahen auch vierzig Jahrhunderte von dieſen erhabenen Gipfeln hernieder; vierzig Jahr⸗ hunderte, deren erſtes Zeuge war, wie die Sclavenhände ägyptiſcher Kaſten den Grund zu dieſen ungeheuern Kö⸗ nigsgräbern gruben, deren letztes ſah, wie dieſe Denk⸗ mäler alter Knechtſchaft von den Waffen freier franzöſi⸗ ſcher Bürger zum Nutzen der Civiliſativn erobert wurden. Die Anſtalten, welche der Feind getroffen, ver⸗ langen alle Aufmerkſamkeit und beſchäftigen das Genie 198 Bonaparte's. Die Armee hat zwar die ungeſtüme An⸗ griffsweiſe der Mameluken kennen gelernt: aber ein Kampf mit den Janitſcharen und Spahis iſt ihr noch etwas Unbekanntes. Bonaparte formirt ſeine Schlachtordnung wie bei Schebreis, nur daß er dem Feinde eine größere Feuer⸗ linie darbietet. Wieder bilden die fünf Diviſionen fünf enggeſchloſſene Quarré's. Die Diviſionen Deſaix und Reynier ſtehen auf dem rechten, die von Menvu und Bon auf dem linken Flügel und an den Nil gelehnt, während das Cen⸗ trum, die Diviſion Kleber, vom General Dugua com⸗ mandirt wird. Trotz der qualvollen Sonnenhitze belebt ein froher Sinn die Soldaten. Da ſtehen die Sieger von Italien im Wüſtenſande, im Angeſichte des minaretreichen Cairo, der„Mutter der Welt“, der größten Stadt Afrika's, am Fuße der Pyramiden, und erwarten von ihrem großen Feldherrn mit Ungeduld das Zeichen zum Kampfe. Plötzlich ſieht man die Diviſionen Deſair und Reynier aufbrechen. Sie haben Befehl, zwiſchen Em⸗ baheh und Gizeh vorzurücken, um dem Feinde ſeine natürliche Rückzugslinie nach Oberägypten abzuſchneiden. Murad⸗Bey, ſo wie er dieſe Bewegung gewahrt, hat Scharfſinn genug, den Plan Bonaparte's zu er⸗ rathen. Mit einer Einſicht, die dem größten Generale zur Ehre gereichen würde, begreift er, daß das Schickſal des Tages davon abhängt, den Plan der Franzoſen nicht zur Ausführung kommen zu laſſen. Sogleich entſendet er einen ſeiner tapferſten Beys mit einem auserleſenen Corps Mameluken gegen die in Anmarſch begriffenen beiden Diviſionen. Die be⸗ henden Reiter jagen mit ſolcher rapiden Schnelle über — V — 199 die glühenden Sandflächen, daß ſie bei den franzö⸗ ſiſchen Bataillonen angelangt ſind, ehe dieſe Zeit zum Feuern gewonnen haben. Wirklich ſehen ſich die Quarré's einige Augenblicke bedroht. Zum Glück iſt der Vor⸗ derzug der Mameluken, welcher angegriffen, nicht ſtark. Die Hauptmaſſe langt erſt einige Minuten ſpäter an. Die Franzoſen benutzen dieſe kurze Zeit, um die an⸗ ſprengenden Reiter mit einem Kugelhagel zu empfangen, welcher einen großen Theil derſelben niederſtreckt. Da vereinigen ſich die Mameluken, die zeither die beiden Diviſionen zu gleicher Zeit angegriffen haben, und dringen mit vereinter Macht auf das Quarré Deſaix ein. Sie haben es umzingelt und ſtürzen von allen Seiten mit einer Wuth an, die beiſpiellos iſt. Es iſt ein Kampf, wie wenn ſich ein empörtes, bran⸗ dendes Meer an Felſenwänden bricht. Nichtsdeſtoweniger bleibt das Quarré unerſchüttert. Alle verzweifelten Anſtrengungen ſcheitern an dem Eiſenwalle. Jetzt ſprengt auf ſchäumendem Tigerroſſe Murad⸗ Bey heran. Seine Geſtalt iſt majeſtätiſch, erhaben. Maleriſch weht die weiße Reiherfeder ſeines Turbans. Weithin flammen im Sonnenlicht die Diamanten der koſtbaren Agraffe. Zornſprühend überflieht ſein Auge das Schlachtfeld der Wüſte. Ununterbrochen iſt er bemüht, die vor dem furchtbaren Feuer der Franzoſen zurück⸗ prallenden Geſchwader gegen den Feind zurückzuwerfen. Heiß glüht die Sonne Afrika's über der Mord⸗ ſchlacht. Der Donner der Kanonen, die Salven des kleinen Gewehrfeuers, das Raſſeln der Trommeln, das Geſtampf der Roſſe, das Allah der Araber und Mameluken, franzöſiſcher Commandoruf bricht ſich an den Wänden der Pyramiden, die ſtill und ernſt aus fernen Jahrhunderten auf dieſen Kampf der Civili⸗ ſation gegen das Barbarenthum herabſchauen. 200 Als die Angriffe der Mameluken von dem franzö⸗ ſiſchen Feuer ſo ununterbrochen zurückgeworfen werden, faßt endlich, von der Anweſenheit des hohen Führers begeiſtert, ein junger Bey mit vierzig Mameluken den heldenmüthigen Entſchluß, ſich freiwillig dem Tode zu weihen. Dieſe erleſene Schaar drängt trotz fürchterlichſten Feuers ihre Roſſe rückwärts gegen das feindliche Quarré, läßt die ſtattlichen Thiere ſich über⸗ ſchlagen und bewirkt ſo in der That, daß eine Lücke in der Felſenwand entſteht. Durch die Unerſchrocken⸗ heit und Unſicht der franzöſiſchen Officiere wird ſie ſogleich wieder ausgefüllt. Von den kühnen Mameluken trägt kein Einziger das Leben davon. Gegen dreißig ſterben zu den Füßen des Generals Deſaix. Die Mameluken ſtürzen ſich jetzt, da alle Angriffe auf Deſaix vergeblich ſind, in ihrer Verzweiflung auf die Diviſion Reynier. Hier gerathen ſie aber zwiſchen das Feuer der beiden Quarrés. Wie der Strudel der Charybdis verſchlingt dieſes verheerende Kreuzfeuer die glänzenden Reiterſchaaren. Die beiden Diviſionen ſtehen einander ſo nahe, daß man ſich gegenſeitig einige zwanzig Mann tödtet. Murad⸗Bey wirft jetzt ein zweites Corps aus den Verſchanzungen von Embaheh, um die fortwährend angreifenden Mameluken zu unterſtützen. Bonaparte, der ſich während des Kampfes beſtän⸗ dig im Quarré der von General Dugua befehligten Diviſion Kleber befindet, verfolgt mit Adlerblicken die Bewegungen ſeiner Gegner. Vermittelſt guter Fern⸗ röhre hat er die Entdeckung gemacht, daß die Kano⸗ nen des verſchanzten Lagers, auf welches ſich der rechte feindliche Flügel ſtützt, nicht auf Feldlavetten ruhen, ſondern unbewegliche Schiffsgeſchütze find. Bonaparte iſt ganz der Mann, dieſen Umſtand in ſeiner ganzen ——— 204 Wichtigkeit aufzufaſſen und zu benutzen; denn da die Artillerie unbeweglich iſt, kann ſie in keinem Falle, und die Infanterie nur ohne ſie das Lager verlaſſen. Sogleich befiehlt er der Diviſivn Bon das verſchanzte Embaheh anzugreifen und der Diviſion Menou, zwi⸗ ſchen den Schanzen und dem Corps, das ſo eben aus demſelben hervorgerückt iſt, Poſto zu faſſen, ſowohl um Murad⸗Beys Geſchwader von den Verſchanzungen abzuſchneiden, als zugleich dem Corps, das ſie beſetzt hält, den Rückzug unmöglich zu machen. Er ſelbſt rückt mit der Diviſion Kleber zwiſchen dem Nile und der Diviſion Reynier gegen das Centrum der Mameluken. General Bon ſtürmt, den erhaltenen Befehlen zu⸗ folge, die Verſchanzungen von Embaheh. Seine Trup⸗ pen werden von einem verheerenden Feuer der Artillerie begrüßt; gleich darauf ſind ſie von einer Wolke Ma⸗y meluken überfluthet, die, um ſich durchzuſchlagen, mit ſo raſender Schnelle attakiren, daß die ſtürmenden Franzoſen kaum Zeit haben, Bataillons⸗Quarré's zu formiren, Die ungeregelte Wuth der Muſelmänner ſcheitert abermals an dieſen lebenden Baſtionen, deren Facen überall Tod und Verderben ſpeien. In weni⸗ gen Minuten iſt die Ebene mit Todten und Verwun⸗ deten der kühnen Reiter bedeckt. Von Neuem wirbelt der Sturmmarſch. Die feind⸗ liche Artillerie wird erobert, das Dorf genommen. Die Metzelei in den Verſchanzungen ſelbſt iſt fürchterlich. Was den Bajonnetten der Stürmenden entfliehen kann, Janitſcharen, Mameluken, Spahis und Fellahs, ſuchen in der Flucht ihr Heil. Sie nehmen ihre Richtung nach dem Mitteltreffen. Unterwegs ſtoßen ſie auf die Diviſion Menou, welche unterdeß ſo weit vorgegangen iſt. Ein verheerendes Feuer trifft hier die Flüchtigen und treibt ſie zurück gegen den Nil, in deſſen Fluthen ein großer Theil umkommt. 202 Ein anderes flüchtiges Corps, meiſt aus Mameluken beſtehend, das zu gleicher Zeit von fünf Quarrés be⸗ ſchoſſen wird, ſucht das verſchanzte Lager zu gewinnen und trifft auf die Bataillone des General Rampon, welche den Weg verſperren. Auch gegen dieſe gerin⸗ gere Abtheilung der Franzoſen ſind die Anſtrengungen der Reiter vergeblich. Eine Diviſion Carabiniers, deren Fronte die Flüchtigen auf fünf Schritte weit paſſiren müſſen, richtet ein furchtbares Blutbad unter ihnen an. Um den Franzoſen zu entrinnen, wirft ſich auch dieſe Mamelukenſchaar in den Nil. Die Meiſten er⸗ trinken; nur die Fellahs, die leicht gekleidet und treff⸗ liche Schwimmer find, erreichen faſt ohne Verluſt das gegenſeitige Ufer. Murad⸗Bey hat ſeit dem Anfange der Schlacht gegen die Diviſionen Deſaix, Reynier und Kleber un⸗ unterbrochen gekämpft. So wie er gewahrt, daß Em⸗ baheh genommen und ſein rechter Flügel vernichtet iſt, zieht er ſich, von Reynier und Deſair unabläſſig ver⸗ folgt, zuerſt gegen die Pyramiden und alsdann nach Oberägypten zurück. Ibrahim Bey, welcher am gegenſeitigen Ufer der Schlacht zugeſchaut, ergreift, als er den unglücklichen Ausgang wahrnimmt, ebenfalls die Flucht und ſchlägt ſeinen Weg nach Syrien ein. Während des Kampfes der beiden Heere verdunkelt feine Wolke die brennenden Strahlen der Sonne, ſtört kein Lüftchen die Ruhe der Atmoſphäre. Die Pyra⸗ miden, dieſe großen Gräber, ſcheinen gleichſam dieſe erhabene Stille zu gebieten. Die Mameluken hatten auf dem Nile eine ſechzig Segel ſtarke Transportflotte bei ſich, welche mit Reich⸗ thümern aller Art beladen war. Als man ſich auf dem Lande gegen den Sieger nicht mehr zu halten vermag, 203 verliert man auch die Hoffnung, dieſe Schiffe zu ret⸗ ten. Sie werden daher den Flammen übergeben. Ein furchtbar ſchönes Schauſpiel! Während der ganzen folgenden Nacht ſieht man die brennende Flotte, welche geiſterhaft die Thürme und Minarets des unfern ge⸗ legenen Cairv erleuchtet. Nichtsdeſtoweniger iſt die Beute der Sieger auf dem Lande unermeßlich. Vierhundert beladene Kameele, die geſammte feindliche Artillerie, die herrlichſten Pferde, ſo wie das ganze reiche Lager der Mameluken fällt in die Hände der Franzoſen. Jeder gefallene oder ge⸗ fangene Mameluk bringt vier bis fünfhundert Gold⸗ ſtücke ein, da es bei dieſen Reitern Sitte iſt, ihren Reichthum an baarem Gelde bei ſich zu führen. Au⸗ ßerdem iſt die Kleidung der Mameluken außerordent⸗ lich reich und glänzend. Säbel und Piſtolen find mit Gold und Silber ausgelegt; Sättel und Schabraken, das Pferdegeſchirr blenden das Auge durch luxuriöſen Schmuck; während das Gepäck Confitüren und Back⸗ werk der ausgeſuchteſten Art enthält. Der Verluſt des Feindes wird im Ganzen auf zehntauſend Mann geſchätzt. Die Franzoſen zeichneten ſich in dieſer Schlacht hauptſächlich durch ihre Kalt⸗ blütigkeit aus, die ſie dem Ungeſtüm ihrer Feinde ent⸗ gegenſetzten. Sie widerſtanden mit eiſerner Ruhe zahl⸗ loſen wüthenden Reiterangriffen, ohne ſich— was bei ihnen eine Seltenheit iſt— einen Augenblick von dem Verlangen hinreißen zu laſſen, über die zurückweichen⸗ den Angreifer herzufallen. Daher war ihr Verluſt nur unbedeutend. Am Abend nach dem heißen Tage, während ſeine Armee ſiegesjubelnd zwiſchen den Dörfern Embaheh und Gizeh am Ufer des Nils ihr Lager aufſchlägt; während die Muſikbanden im Angeſichte der Stadt 20⁴4 Cairo beliebte Lieder und Opernarien anſtimmen, die fränkiſchen Wachtfeuer unter den brodelnden Keſſeln luſtig lodern und ſich zwiſchen Flintenpyramiden ma⸗ leriſch im Nile ſpiegeln, durchreitet Bonaparte an der Spitze ſeines geſammten Generalſtabes nochmals das Schlachtfeld. Auf ſeinem ernſten Antlitze, das die blutgeröthete Wüſte überſchaut, malt ſich Zufriedenheit. „General,“ fragt Deſaix, welcher an ſeiner Seite reitet,„wie wird die Weltgeſchichte den heutigen Tag benennen; die Schlacht bei Embaheh?“ „Nein,“ erwiedert der Feldherr, indem ſich ſein Blick nach den tauſendjährigen, himmelhohen Königsgräbern, deren Gipfel im letzten Schimmer des Abends ſtehen, wendet—„die Schlacht bei den Pyramiden.“ Ende des erſten Theiles. „Druck von Alexander Wiede in Leipzig⸗ 578 g14 S1enqe