f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von§. 3 6dnard Oilmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4eih und Jeſebedingungen. oensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 6 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe e welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. per Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für Wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— bf. 1 M. 50 Pf. 2 M.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 der Leſer ſit Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ — ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 4 3 . ——— Perdinund Stolle's ausgewühlle Schriſten. Volks⸗ und Familien⸗Ausgabe. Erster Band. Leipzig. 1853. ——— — — S zmelien. Novellen und Erzählungen von Frrdinund Stollr. Leipzig, Srn ſt ei. 1853. 3 . Jih3 1. Valerie. Frühlingsnovelle Die gefährlichen Präute. Launige Erzählung. Chirurg und Schieſerdecker. Novelle Die drei Couſinen. Launige Erzählung. Dalerie. Frühlingsnovelle. Stolle, ſämmtl. Schriften. 1. 4 Ich hoffe, es iſt Keiner unter Euch, der ſich nicht ein vaar Erinnerungen gerettet aus den Zeiten des Frühlings und der Liebe, die ihn erquicken auf dem Wüſtenwege durch's Leben. mit, die ihr mühſelig und beladen ſeid, hinaus in die Berge, die blauen, wo der Waldbach ſein kryſtallen Lied fingt, die Tannen ihre grünen Arme entgegenſtrecken und ſtille Blumen euch will⸗ kommen heißen.“ Alſo rief ich, als der Wagen die Winterfeuchten Gaſſen und das finſtere Stadtthor im Rücken auf der Pappelbeſetzten Landſtraße dahin rollte. Wie froh und ſelig ſchlug mein Herz; war ich nicht glücklicher als all die Tauſenden, die hinter den Schornſteinen und Brandmauern zurückbleiben mußten? Wie gern hätt ich ſie mitgenommen all' die Er⸗ krankten an Herz und Seele, ſie ſollten geſunden und Liebe und Maienthau trinken auf meiner romantiſchen Badefahrt. Ja, war es auch noch früh im Jahre, ging meine Reiſe gleichwohl in's Bad, nicht in einen jener euro⸗ päiſchen Salons, wo Gottes Heilquell umwuchert wird von allem Giftkraut der Geſellſchaft, ſondern nach meinem freundlichen Gütchen Tanneberg, in fernen grünen Bergen. Dort wollte ich ein Luftbad ge⸗ brauchen, dort den Frühling erwachen ſehen in ſei⸗ ner Pracht und Herrlichkeit, und mit Blumen, Quel⸗ 12 4 len und Nachtigallen das große Auferſtehungsfeſt zu⸗ ſammen feiern. Dieſer Gedanke hatte mich Jahre lang gelabt, wie den Wüſtenwanderer die Quellenreiche Haſe, wie den ausgewanderten Schweizer das Alp⸗ horn ſeiner Berge. Jetzt endlich war er in Erfüllung gegangen. War ich nicht glücklich? Die Morgenluft ſtrich ſtärkend über die Ebene. Noch lag dieſe grau und eintönig vor mir, aber da⸗ hinter ſtand der Frühling mit ſeinen Blumen und Liedern. Drei wunderſchöne Frühlinge waren mir zu Grunde gegangen in dem Lärm des Stadtlebens, in der Un⸗ ruhe der Geſchäfte. Nie hatte ich Zeit gehabt, die Roſenblüthe in poetiſcher Ruhe zu bewundern. Ich kam entweder zu früh oder zu ſpät, wo der Roſenrothe Frühling längſt am Boden lag. Mein Leben war dem Scheintode zu vergleichen: denn nur von der Poeſie geröthete Stunden hat man gelebt. Der Wagen rollte unverdroſſen weiter. Ich ent⸗ ſann mich, dieſen Weg während meines Aufenthaltes in L. oft zurückgelegt zu haben, meiſt in unerquick⸗ licher, herzbeengender Geſellſchaft. Die Reiſe ging da regelmäßig bis zu dem ein Stündchen von der Stadt entfernten Gaſthauſe„der Lindwurm“. Hier ward Kaffee getrunken, ſich ennuyirt, und dann nach der Stadt zurückgefahren. Wie jubekte ich, als beim Lindwurm nicht ange⸗ halten, ſondern vorbeigefahren wurde, ſo daß das Gaſthaus bald weit hinter mir zurückwich. Je länger ich fuhr, deſto unbekannter ward die Gegend, deſto woh⸗ ler ward mir. Allmälig wuchſen Berge am Horizont empor: ein erquickender Anblick für Jeden, der lange Zeit in troſtloſer Ebene gelebt hat. Doch ich will den Leſer mit der Beſchreibung meiner Fahrt nicht länger langweilen und kurz berich⸗ ten, daß ich am dritten Tage mein freundliches Güt⸗ chen Tanneberg wohlbehalten erreichte. Wer beſchreibt die Freude meines alten wackern Verwalters und ſei⸗ ner Ehehälfte, welche beiderſeits mich ſo früh im Jahre nicht erwartet hatten. Meine Beſorgniß, ſie in Ver⸗ legenheit zu ſetzen durch meine unangemeldete Ankunft, indem ſie darauf nicht vorbereitet waren, war unge⸗ gründet. Mein Lieblingszimmer, die blaue Eckſtube mit der herrlichen Ausſicht, fand ich im wohnlichſten Zuſtande, obſchon ſeit Jahren Niemand daſelbſt einge⸗ kehrt war. Mit heiteren Blicken ſchaute ich durch das Fenſter über die Gegend. Der ganze Himmel lag vor mir. Zwar ſpähte ich vergebens nach Grünem; die Vegetation war in dieſer gebirgigen Gegend noch acht Tage hinter der der Ebene, die ich ehegeſtern verlaſſen, zurück. Nur die blaue Hepatika, dieſe erſte Frühlingsbotin, blühte ein⸗ ſam in dem wohlbeſtellten Gärtchen unter meinem Fenſter. Der Nachmittagkaffee, welchen Frau Marthe vor⸗ trefflich zu brauen verſtand, wie ich mich aus meinem Knabenalter noch wohl entſann, dampfte lieblich auf dem braunen reinlichen Tiſche. Die Kaffeetaſſen be⸗ ſtanden noch aus jenem altväteriſchen blaugezeichneten meißner Porzellan, das immer ſeltener wird. Nichts⸗ deſtoweniger ſchmeckte mir dieſer Kaffee tauſend Mal beſſer als der im Lindwurm. Ich ſtopfte mir eine Pfeife und gebot meinem alten Freunde Joſeph, dem Verwalter, ein Gleiches zu thun. Wir ſchritten plaudernd im Zimmer auf und ab. Der Alte hatte mir viel zu erzählen. Da war die⸗ ſer und jener Nachbar nach jenem Lande gegangen, von wo man nicht wieder zurückkehrt; ein Anderer hatte ſich ſeit dem Kriege in ſeiner Wirthſchaft nicht 6 wieder erholen können und war immer mehr zurück⸗ gekommen, während ein Dritter zum reichen Manne geworden, ohne daß man ſich den Grund ſeiner plötz⸗ lichen Wohlhabenheit zu erklären wußte. Wir ſprachen dies und das; da ſchien der Alte noch eine Frage auf dem Herzen zu haben. „Sagen Sie mir einmal, geehrter Herr Reinhold,“ begann er endlich,„iſt denn der Kaiſer Napoleon wirklich todt?“ „Allerdings, Joſeph,“ war meine Antwort;„habt Ihr ſeinen Tod nicht im Landboten geleſen, den Ihr ja haltet?“ „Was da!“ erwiederte etwas eifrig der Vetwalter, „die können viel drucken. Ich glaub's noch nicht.“ „Nein,“ ſprich ich,„der kommt nicht wieder, der liegt wohl verwahrt in ſeinem Felſengrabe zu Sanet Helena.“ Joſeph ſchüttelte wehmüthig, aber zweifelvoll den Kopf.„Der iſt nicht todt,“ ſprach er,„Napoleon fonnte ſobald nicht ſterben.“ Ich mußte lächeln, aber freute mich zugleich über dieſen Glauben an des Kaiſers leiblicher Unſterblich⸗ keit, welchen ich ſo oft bei dem gemeinen Manne an⸗ getroffen habe. Dieſer erhabene Genius war in ſolcher Rieſengröße über die Erde dahin geſchritten, ſeine ge⸗ waltige Erſcheinung hatte ſich ſo urkräftig dem ein— fachen Gemüthe eingeprägt, daß noch zu dieſer Stunde, namentlich in Frankreich, Tauſende leben, welche an des Kaiſers Tod nicht glauben; unſtreitig eine der ſchönſten Apotheoſen des großen Mannes. Ich mag Niemandem ſeinen Glauben nehmen, in welchem er ſich glücklich fühlt, und darum widerſprach. ich auch dem alten Joſeph nicht weiter. Dieſer er⸗ zählte nun mit der alten Begeiſterung von der Bricke 7 bei der Inſel Lobau, wo er als ſächſiſcher Grenadier Wachtpoſten geſtanden; wie der Kaiſer Napoleon mit den Marſchällen an ihm vorbeigeritten, angehalten und im gebrochenen Deutſch gefragt hat:„Wie geht's, Ka⸗ merad?“„Bon, Ew. Majeſtät!“ hat Joſeph geant⸗ wortet. Da hat der Kaiſer gelächelt, ihm zugenickt und iſt weiter geritten. Dieſe Anekdote hatte mir Joſeph bereits erzählt, als ich auf ſeinen Knieen ritt, und jetzt nach langen Jahren erzählte er ſie mit der alten Begeiſterung. Es lag etwas Erhabenes darin, wie jener Funke, welcher die weltgeſchichtlichen Schlachten mit ſchlug, von Neuem aus den Augen des alten Kriegers leuch⸗ tete; ich aber verſetzte mich ganz in jene glücklichen Zeiten, wo mir Joſeph jene Anekdote zuerſt erzählte, und erkundigte mich nach mehreren der damaligen Fa⸗ milien auf den benachbarten Rittergütern. „Der alte brave Strahlheim auf Steinau,“ erzählte Joſeph,„zu dem ich Sie immer in die Kirſchen führte, iſt längſt geſtorben; das Gut bedeutend herabgekom⸗ men, es ſieht ſich kaum ähnlich, und was es abwirft, verpraßt der liederlich Neffe in der Reſidenz.“ „Und wo iſt denn die ſchöne Marie hingekommen, mit dem langen blonden Haar und den freundlichen Augen,“ fragte ich weiter„bei der ich ſo gut ſtand und die mir das Kirſchenkörbchen immer ſo reichlich füllte?“ „Hat nach Preußen geheirathet,“ ſprach der Alte, „aber nicht glücklich; der Mann iſt ein Spieler, ſoll das arme Weib nicht gut vehandeln. Wer weiß, ob ſie noch lebt. Wir haben ſchon lange keine Nachricht mehr über die Arme.“ „Und wer beſitzt denn jitzt das freundliche Lin⸗ denthal?“ „Hat ſeit Dalberg's mehrmals ſeinen Herrn gewech⸗ 8 ſelt, fuhr Joſeph fort;„und iſt vor Kurzem von einem Herrn von Riſſon gekauft und auch ſchon bezogen wordeg.“ „Schon bezogen?“ fragte ich,„und ſo früh im Jahre?“ „Ja, mit dieſen Leuten muß es eine eigene Be⸗ wandtniß haben,“ meinte der Verwalter.„Herr von Riſſon ſoll ein melancholiſcher, menſchenfeindlicher Mann ſein, und große Miſſethaten auf ſeinem Gewiſſen ha⸗ ben. Die ganze Familie beſteht nur aus Vater und Tochter und einem fremdartigen Herrn in mittleren Jahren, von dem man zweifelt, ob er zur Familie gehört. Die Tochter ſoll von ausnebmender Schön⸗ heit, aber dem Teufel verſchrieben ſein, der ſie in Kurzem holen wird.“ „Joſeph,“ ſprach ich in halb rügendem, halb la⸗ chendem Tone,„Ihr wollt ein aufgeklärter Mann ſein, wie könnt Ihr ſolch abgeſchmacktes Zeug ſchwatzen!“ „Ich glaub' auch nicht daran,“ entſchuldigte ſich der Alte,„es läuft nur das Gerücht ſo; indeß ganz richtig iſt die Sache nicht; warun iſt Alles ſo geheim⸗ nißvoll an dieſen Leuten? Warum leben ſie ſo zurück⸗ gezogen und wollen mit Niemqndem etwas zu ſchaf⸗ fen haben?“ Ich ſann hin und her, was die Urſache davon ſein könnte, als mich Joſeph mit den Worten unterbrach: „Ei, lieber Herr, ſo machen Sie doch als Nachbar eine Viſite auf Lindenthal, da müſſen Sie bald in's Klare kommen.“ 8 „Soll mich der Himnel bewahren,“ war meine Antwort,„mich aus eitler Neugier in Familien ein⸗ zudrängen. Mögen die Leutchen ſich zurückziehen, ich will ſie nicht ſtören. Ich habe mir überhaupt vorge⸗ nommen, während meines hieſigen Aufenthaltes allen umgang mit Städterr möglichſt zu vermeiden. Ich 5. —— ———. 9 bin nicht auf's Land gezogen, mich daſelbſt von Neuem in das Joch nichtsſagender Convenienzen zu ſpannen. Darum werden keine Beſuche gemacht, weder auf Lin⸗ denthal, noch auf einem der andern Güter. Mögen mich die Leute für einen Sonderling und meinetwegen für einen Grobian halten; mir gleich. Du, mein al⸗ ter Joſeph, und Deine Marthe, und der brave Schul⸗ meiſter, und die wackere Dorfbewohnerſchaft, das ſoll meine Geſellſchaft und mein Umgang ſein.“ Dem alten Manne lachte bei dieſen Worten das Herz im Leibe. „Prächtig, prächtig!“ rief er,„lieber Herr, ein herrlicher Gedanke, und beim Himmel! er ſoll Sie nicht gereuen; auf den Händen wollen wir Sie tragen und unſere treue Liebe wird die gedrechſelte Höflich⸗ keit der Städter gewiß erſetzen. Dazu wird diesmal der Frühling wunderſchön. In acht Tagen ſchon grü⸗ nen die Birken, Spätfröſte und Weinmörder haben wir diesmal nicht zu beſorgen, der Winter hat ſich ausgetobt und die Lerchen werden täglich lauter.“ Nachdem ich dem bejahrten Manne verſprochen, diesmal ſo lange als möglich auf Tanneberg zu ver⸗ weilen, zog ich meinen grünen Jagdrock über und wan⸗ derte in Joſeph's Begleitung hinaus in's Freie, meine kleine, aber einträgliche Beſitzung, die ich Jahre lang nicht geſehen, in Augenſchein zu nehmen. Von jetzt an aber mögen einfach hingeworfene Tage⸗ buchblätter über die weiteren Schickſale meiner Früh⸗ lingseur berichten. Tanneberg, den 5. April. Schon zehn Tage hierſelbſt; wo iſt die Zeit ge⸗ blieben? Geſtern, als die Sonne aufging, ſtieg ſie hinter einem grünen Meere auf. Die Birken, mit welchen ein Theil der Morgenberge bewachſen, ſind in 10 einer einzigen Nacht grün geworden. Wunderbar er⸗ quickender Anblick! In dieſem erſten Goldgrün liegt etwas Heiliges. Die zarten Morgentraum-umflorten Blättchen ſchauern vor Scham und Unſchuld in den ungewohnten goldenen Lichtwellen. Auch im Gärtchen unter meinem Fenſter ſchlagen die Stachelbeeren aus. Es iſt kein Wunder, wenn Alles wach wird; die Ler⸗ chen jubeln vom Morgen bis Abend, wer ſoll da noch ſchlafen? Den 8. April. Heute hospitirt' ich wieder bei meiner lieben Schul⸗ jugend, und habe mich wahrhaft gefreut; der wackere Schulmeiſter, ein Schüler des trefflichen Dinter, ver⸗ ſteht ſein Fach aus dem Fundamente. Wie faßlich und der Kinderwelt angemeſſen iſt ſein Vortrag, und mit welcher Luſt und Liebe iſt er bei der Sache. Die Kleinen ſehen in der Schule keine finſtere Zwangsan⸗ ſtalt, ſie gehen gern in die Stunden und ſfind ihrem Lehrer außerordentlich zugethan. Ich ſah überall nur frohe, muntere Geſichter. Was mich beſonders anſprach, iſt die große Reinlichkeit, die ich überall wahrnahm. Neubert geſtand mir, daß es ihm im Anfang große Mühe gekoſtet, die Kinder reinlich und an Ordnung zu gewöhnen. Jetzt iſt es ihm vollkommen gelungen. Ich habe dem Lehrer eine Partie nützlicher und an⸗ muthiger Jugendſchriften überſchickt zur Vertheilung an die fleißigſten und ſittſamſten ſeiner Schüler; und der Dorfgemeinde zehn Exemplare von Zſchokke's„Gold⸗ macherdorf.“ Da ſitzt nun am Feierabend Jung und Alt über die goldenen Lehren des wackern Schweizers. Den 11. April. Wenn mich nicht Alles trog, ſo zwitſcherte vorhin die erſte Schwalbe unter den offenen Fenſtern vorüber. 1 Ich ſteckte ſogleich den Kopf in den warmen Sonnen⸗ ſchein hinaus, da tönte wohlbekanntes Summen an mein Ohr. Es waren Bienen, die die paar aufge⸗ brochenen Blüthen eines zeitigen Birnbaums unmſchwirr⸗ ten. Geduld, ihr Leutchen, rief ich, bald werden mehr ſolche weiße Guckäugelein zum Vorſchein kommen, daß ihr euch nicht mehr um ein einſames Zweiglein zu ſtreiten braucht. Gern hätte ich dieſe Tage einen Ausflug in das höhere Gebirge gemacht, aber da ſieht's noch gar zu winterhaft aus. In den Schluchten liegt der Schnee noch Mannshoch, und wo ihn die Sonne geſchmolzen, iſt ob des feuchten und weichen Bodens nicht fortzukommen. Den 13. April. Jean Paul, Gvethe und Moſen, ein Bischen Oken und Schubart ſind meine einzige Lectüre. Mit dieſen Leuten will ich mich getroſt, ein Robinſon Cruſoe, ein paar Jahre auf eine Inſel ſperren laſſen. Sie haben ſämmtlich der Mutter Natur hinter die Couliſ⸗ ſen und dem lieben Gott hinter die Karten geguckt. Der Blüthenſtaub in den Glocken und Kelchen iſt ihnen nicht minder theuer als die Sonnen dort oben. Wie freu' ich mich auf die Zeit der Apfelblüthe. In dem Obſtgarten und auf dem freien Platze vor den Gutsgebäuden ſtehen herrliche Apfelbäume, himmliſche Kerle. Da hab' ich mir's poetiſch ausgedacht. So⸗ bald ſie in vollem Flore ſtehen, laſſ' ich unter einem der Matadore einen Tiſch tragen, ein paar Flaſchen Scharlachberger darauf, mit grasgrünen Römern. Und wenn dann der Abend duftend heraufblickt und von Zeit zu Zeit blutgeſäumte Apfelblüthen herniederträu⸗ feln in die Becher, dann nehm' ich mit Joſeph und Neubert Platz unter dem Baume. Der erſtere erzählt mir von Napoleon, der andere von ſeinem Dinter; 12 — ich aber blicke bald in das brennende Abendroth, bald aufwärts nach den rothen Blüthen und rufe: O Apfelbaum, was iſt es wohl mit dir, Wo willſt Du noch mit allen Blüthen hin? Sprich, Apfelbaum, wo ſtehet hin dein Sinn, Willſt du dich denn in dieſen roſ'gen Gluthen Mit einem Male ganz und gar verbluten? Im Blüthenmeere brauſt ein Bienenſchwarm, Der Engelchorgeſang in meiner Bruſt. Es ſteht der Baum und ſinnt mit ſtiller Luſt, Als hätt' er wieder in ſo ſel'gen Stunden Sein Heimathland, das Paradies, gefunden.“ Prächtige Verſe! wird dann Joſeph ausrufen; herr⸗ liche Pveſie! Neubert ſprechen, ich aber werde antwor⸗ ten: wohl ſchön und herrlich ſind dieſe Verſe, aber der Mann, der ſie geſungen, iſt noch beſſer, ſein Name iſt Julius Moſen, und er hat noch viele ſchöne Dinge geſungen, die dem Apfelbaumliede nicht nachſtehen. Den 14. April. Der Joſeph iſt wirklich ein Tauſendkünſtler, was der für einen ſchönen Salat und herrliche Kohlpflan⸗ zen in den Treibbeeten gezogen hat, iſt wirklich bewun⸗ dernswerth. Auf die Apfelblüthe werde ich immer noch ein Weilchen warten müſſen, ſie ſteckt noch zu tief in den Knospen. Ich habe vergebens nach einem rothen Funken geſpäht. In meiner Laube des Morgens iſt es wunderſchön; zwar noch ſehr licht darin, weil es an ſchat⸗ tenden Blättern fehlt, aber dafür Knospen rings umher. Das muß ein herrlicher Brand werden, wenn ſich das Alles entzündet. Den Frühkaffee trink' ich in der Re⸗ gel auf meinem Zimmer. Die Fenſter ſtehen offen. Die Morgenſonne ſcheint munter herein. In den Blumen vor den Fenſtern ſummen Bienen und Lerchengeſang tönt aus den Lüften. Geſtern iſt auch die Grasmücke angelangt, das fidele Herrchen, der kleine Humvoriſt, welcher alle Geſangweiſen ſeiner gefiederten Collegen nachahmt und perfiflirt. Er hatte ſich auf den alten Nußbaum zu meiner Rechten geſetzt und ſchmetterte mit der kleinen Bruſt dermaßen in den blauen Mor⸗ gen hinein, daß ich ihm ſogleich ein lautes Willkom⸗ men zurief. Nach dem Kaffee ſpiel ich auf dem Piano etwas Don Juan oder Somnambula. Dann wird in der Laube Oken geleſen, dann eine Wanderung durchs Dorf und die nahegelegenen Fluren und Aecker unter⸗ nommen. Die Landleute hierſelbſt ſind ein betriebſa⸗ mes Völkchen. Es iſt eine Luſt, ihren ländlichen Ar⸗ beiten zuzuſehen. Ein braves, unverdorbenes Volk, ohne daß man bäuriſche Rohheit und Dumpfheit wahr⸗ nähme. Mittags ſpeiſ' ich in Geſellſchaft mit Joſeph und Neubert, welcher letztere mein täglicher Gaſt iſt. Frau Martha iſt eine praktiſche Köchin; die Gerichte entbehren einer höhern Kochkunſt, aber ſind nahrhaft und gut. Geſtern hatten wir den erſten Frühling auf dem Tiſche: herrlich grünen Schnittſalat. Wie freu' ich mich auf die Salatſtauden und die Erdbeerkaltſcha⸗ len. Nach Tiſche ein wenig Sieſta in dem gelben Zim⸗ mer mit den grünen Jalvuſien, wo eine ſo wohlthuende Dämmerung herrſcht, denn die Vormittagswanderung und die Frühlingsluft hat mich verzärteltes Stadtkind etwas ermüdet; aber gegen Drei ſteh' ich neugeſtärkt vom Sopha auf. Das erſte Finale aus Don Juan; ich komme aber gewöhnlich nur bis zur Menuette; dann mit Goethe's Gedichten wieder hinaus in den Frühling. Den 16. April. Daß eine Schwalbe keinen Sommer macht, hab ich heut' vollkommen begriffen. Das war ja ein ab⸗ ſcheuliches Graupelwetter, das über die Fluren brauſte; 1⁴ binnen einigen Minuten Alles weiß, ſo weit der Blick reichte. Welch eine Malice von dem heimtückiſchen Winter, der noch dort oben in den Gebirgen grollt. Mich dauern nur die blauen Veilchen und die armen Primeln, die mögen Augen gemacht haben. Zum Glück war das Winterregiment von nur kurzer Dauer. Die Sonne, welche jetzt ſchon ziemlich hoch ſteht, machte der Wirthſchaft bald ein Ende und jagte das winterliche Streif⸗ und Raubeorps binnen einer hal⸗ ben Stunde in die Berge zurück. Gvethe, der ſtets den rechten Fleck zu treffen weiß, hat dieſen Zuſtand im Fauſt herrlich gemalt. Ich gedachte der Stelle: Vom Eis befreit ſind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden belebenden Blick, Im Thale grünet Hoffnungsglück, Und der alte Winter in ſeiner Schwäche Zog ſich in rauhe Berge zurück. Von dort her ſendet er, fliehend nur, Ohnmächtige Schauer körnigen Eiſes In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes. Joſeph mußte lachen, als ich ob dieſes Winterſtückes die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlug und fürch⸗ tete, Alles werde erfrieren.„Das ſind Aprilmucken,“ meinte er,„die ſchaden nichts; wenn die Nächte warm bleiben, iſt Alles gut.“ Daß der Weinſtock noch etwas zurück, ſcheint ihm recht lieb. Wenn dann auch Ser⸗ vatius und Pankratius, Vitus und Conſorten ein wenig rauh über die Berge blaſen, hat es keine Noth. Den 18. April. Ich habe das heilige Oſterfeſt, welches heuer etwas ſpät fiel, noch nie mit ſolcher Andacht gefeiert, wie diesmal. Die Glocken der kleinen Dorftirche, welche zum Oſtermorgen läuteten, klangen ſo Frühlingsahnend, ſo verheißend über die ſtillen Fluren, daß ich jetzt gläubig und fromm mit den einfachen Landleuten nach dem Gotteshauſe wallte. Die Pforten der Kirche waren mit dem erſten Frühlingsgrün geſchmückt, mit jungen Maien und Birkenzweigen. Die Orgel klang und ich ſang freudig mit zum Preiſe deſſen, der drau⸗ ßen auf Berg und Thal in tauſend und aber tauſend Knospen uns ſeine Liebe verkündet. Wie einfach iſt der proteſtantiſche Cultus, aber gerade in dieſer Ein⸗ fachheit liegt das Erhebende. Wunderbar geſtärkt, mit Gott und Welt verſöhnt, wandelte ich an Joſeph's Seite, auf einem halbſtündigen Umwege, welcher durch ein anmuthiges Thal führt, in deſſen Grunde ein Silberbach rieſelt, nach Hauſe. Hier angekommen, hatten die erſten Pfirſichblüthen ihre goldnen Augen aufgeſchlagen. Marthe brachte zu Mittag ſchön gemalte Oſtereier auf die Tafel. Den 20. April. Heut' hab' ich zum erſten Male mit Freund Jo⸗ ſeph gezankt und auch Frau Marthen tüchtig und derb den Text geleſen. Herr von Riſſon hatte nämlich einen Boten mit der beſcheidenen Bitte nach Tanne⸗ berg geſchickt, ob wir ihm nicht für Geld und gute Worte ein Gericht Kohlkeime ablaſſen wollten. Nun hat Joſeph, trotz dem geſchickteſten Gärtner, ein gro⸗ ßes Beet Kohlſtöcke glücklich überwintert, wo täglich ſo viel Keime ſprießen, daß wir ſie gar nicht verbrau⸗ chen können; aber trotzdem dem Boten Riſſon's die Bitte rund abgeſchlagen, unter dem Vorwande, auf Tanneberg würde kein Gärtnerwaarenhandel getrieben. Der eigentliche Grund war, weil man die Riſſon ſche Familie wegen ihrer Zurückgezogenheit, die man für Hochmuth auslegt, nicht leiden kann. Zum Glück 16 erfuhr ich durch Joſeph ſelbſt die ganze Kohlgeſchichte, und war nicht wenig erzürnt darüber. Als der Alte meinen Zorn gewahrte, den er in ſeiner Unſchuld nicht geahnt hatte, erſchrak er und ſchob alle Schuld auf Marthen. Nachdem auch dieſe von meiner Seite ihr Theil erhalten, ward ein ganzer Korb voll der prächtigſten Kohlkeime nach Lindenthal geſchickt. Den 22. April. Nun ſchlagen auch die alten Linden aus und ge⸗ währen Mittags ſchon recht angenehmen Schatten. Aller Orten bricht es weiß hervor, zwiſchen Aeſten und Zweigen, auf Baum und Strauch. Die Pfir⸗ ſichen ſind wie mit einem rothen Tuche überhangen. Ein wunderſchönes Roth, dieſe Pfirſichblüthe; mit Entzücken weilt das Auge darauf. Einen herrlichen Anblick gewähren auch die Kirſchalleen, die mein ver⸗ ſtorbener Vater anlegen und veredeln ließ. Beſonders wandle ich da gern des Abends, wenn die Landſchaft von der ſcheidenden Sonne mit Purpur übergoſſen, ein Stündchen auf und ab. Das iſt ein Summen der Maikäfer, der Müller und der Mohren in den Blüthen! Auf den benachbarten Gütern ſcheint es noch ſehr ſtill herzugehen. Die Jalouſieen der reizenden Som⸗ merwohnungen ſind noch feſt verſchloſſen. Die gnädi⸗ gen Herrſchaften können ſich von ihren Bällen und Aſſembleen noch nicht losreißen und verſäumen ein herrliches Stück Frühling darüber. Mir recht lieb. Es iſt weit angenehmer, wenn mir auf meinen länd⸗ lichen Spaziergängen nur einfache Landleute mit ihrem treuherzigen Gruße begegnen. Schon ſind es vier Wochen, daß mir weder ein Damenhut, noch Schleier, noch Shawl, noch Modefrack zu Geſicht gekommen, und habe mich ſehr wohl dabei befunden. ——— Den 23. April. Ein Sprichwort ſagt, wenn man den Teufel an die Wand malt, ſteht er ſchon hinter der Thür. Absit comparatio; aber geſtern freut' ich mich, ſo lange kei⸗ nen engliſchen Frack geſehen zu haben, und hatte es kaum im Tagebuche niedergeſchrieben, als mich ein Herr en Frack zu ſprechen wünſchte. Es war Herr von Riſſon, welcher kam, um ſich für die Kohlkeime zu hedanken. Joſeph hat Recht, es iſt etwas Räth⸗ ſelhaftes, faſt Unheimliches an dieſem Manne. Eine tiefe, finſtere Melancholie hat ſich über ſein ganzes Weſen verbreitet. Weder mein freundliches Gärtchen, noch die blühende Natur rings umher konnten ihm ein Lächeln abgewinnen. Er war ſehr wortkarg und empfahl ſich bald wieder. Beim Abſchiede ließ er ein paar Worte fallen, daß es ihm angenehm ſein werde, mich auf ſeinem Gute zu begrüßen; aber die Art und Weiſe, wie er dieſe Einladung vorbrachte, verrieth deutlich, daß ihm mein Beſuch keineswegs wünſchens⸗ werth ſei. Sein Wunſch ſoll erfüllt werden. Den 1. Mai. oſeph thut, ſeit ich ihm wegen der Kohlgeſchichte den Text geleſen, Alles, was er mir an den Augen abſehen kann. Er hatte vernommen, daß ich leiden⸗ ſchaftlich Muſik liebe; darum war er erſt geſtern in eigener Perſon nach dem anderthalb Stunden entfern⸗ ten Städtchen geeilt, wo ſich eine wandernde Berg⸗ Muſikbande aufhält, und hatte dieſelbe hieher beſchie⸗ den, wo ſie heut' Morgen unter meinen Fenſtern in heiliger Frühe den erſten Maientag mit einem Choral begrüßte. Ich dachte in allem Ernſte, ich wäre ſelig geſtorben, als dieſe ſanften frommen Töne meinen Morgentraum durchklangen und ſich mit ihm verſchwi⸗ Stolle, ſimmtl. Schriften. 1. 2 18 ſterten. Allmälig ward ich munter, ſprang aus dem Bett und ſchaute aus dem Fenſter. Da ſtanden unten im Blumengärtchen die dunkeln Geſtalten der Mufiker. Noch ſchlief das Morgenroth hinter den Bergen. Es war kaum vier Uhr. Ich ahnte jetzt, daß Joſeph mir dieſe Freude gemacht habe, eilte nun in's warme Bett zurück und lauſchte in ſtiller Wonne dem mit ſeltener Reinheit vorgetragenen Muſikſtücke. Nach dem Chorale ſpielten ſie das ſchöne Duett aus Jeſſonda: „Laß uns dahin, dahin ziehen.“ Hierauf aus der Euryanthe:„Im Mai, im Mai ꝛc.“ Wahrhaftig, Joſeph konnte mir zum erſten Mai keine ſchönere Freude bereiten. Was iſt Muſik im glänzenden Opern⸗ hauſe, im kerzenflammenden Concertſaale gegen dieſe wenigen Clarinetten und Hörner im freien Gottes⸗ ſaale am erſten Maimorgen! Wie himmliſch klangen die Nachtigallträume Bellini's in den immer röther werdenden Morgen! Den ganzen Tag lebte ich in den ſüßen Melodien. Den 2. Mai. Ich war geſtern durch einen ſanften Choral ge⸗ weckt worden, heute ertönte in aller Frühe Kanonen⸗ donner. Ich fuhr erſchrocken empor und ſchaute durch's Fenſter. Da ſtand Joſeph in höchſt eigener Perſon als Artilleriſt im Hofe und brannte Böller ab.„Was ſoll das bedeuten?“ fragte ich.—„Es iſt heut' der Jahrestag der lützener Schlacht,“ war die Antwort des alten Kriegers, und ich feiere alle Siege des Kaiſers. Den 4. Mai. Die Welt wird ſchöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden. Es blüht das tiefſte fernſte Thal, Nun, arme Seele, vergiß der Qual— Nun muß ſich Alles, Alles wenden. 19 Den 5. Mai. Sonderbar, als ich vorgeſtern dieſe Verſe Uhland's in das Tagebuch ſchrieb, wie hätte ich ahnen können, daß ihre letzten Worte für mich auf ſo wunderbare Weiſe in Erfüllung gehen würden. Und gleichwohl, ja ich fühl' es, nun muß ſich Alles— Alles wenden! Der ſchönſte Maimorgen war geſtern aufge⸗ blüht. Ich eilte ſchon zeitig hinaus in den Frühling. Ueberall, ſo weit der Blick reichte, nichts als weiße und rothe Blüthen, goldenes Grün und blauer Himmel. Ich eilte nach dem Kulmberge, unfern von meiner Wohnung gelegen, von wo man eine erquickende Aus⸗ ſicht über die ganze Gegend hat. Laut jubelte ich die Worte Wilhelm Müllers in die ſchöne Welt hinein: Und ſo ſtreut er ſeine Lettern, Weiß und grün und roth und blau, Ueberall mit vollen Händen Ueber Berg und Thal und Au. Brüder, leſ't die lieben Schriften, Voller Jugend, voller Luſt, Brüder, leſit und ſtürzt euch ſelig An des Lehrers warme Bruſt. Heute ſollte mich kein Gott abhalten, einen Ausflug nach dem höhern Gebirge zu machen. Ich hatte be⸗ reits Marthen annoncirt, daß ſie mit dem Mittags⸗ brote nicht zu warten brauche; ich würde erſt mit dem Abende zurückkehren. Nach einſtündiger Wanderung befand ich mich ſchon ziemlich hoch auf den Bergen. Hier rauſchten in den Gründen die Urquellen, unmittelbar aus dem Buſen der Erde kommend; darüber breiteten Fichten und Tannen ihr grünes Waldbach. Einſam ragten die Felſen in grotesken Geſtalten in die ſtille Luft; Moos und Farrenkräuter mit den Palmenähnlichen Blättern wuchs hier und da aus den feuchten Fugen üppig her⸗ 2* 20 vor; aber das Reich der Blumen war erloſchen. Kei⸗ nes der holden zarten Kinder Florens wagte in der rauhern Bergluft die goldnen Augen aufzuſchlagen; nur rothe Pechnelken blühten einſam an den Felſen. Aber je weiter ich vordrang, deſto wilder, deſto einſamer ward die Gegend, deſto lauter rauſchten die Gewäſſer in den Tiefen. In vielen der Schluchten lag noch Schnee und Eis. Rings, ſo weit die Blicke reichten, nichts als Felſen und zwerghaftes Kiefernge⸗ hölz; nirgends eine Hütte, eine menſchliche Wohnung, nirgends ein lebendes Weſen; nur daß von Zeit zu Zeit ein Raubvogel mit ſeinen langen Flügeln über die todtſtille, verſteinerte Gegend ſchweigend dahin ſchwebte. Welch ein Contraſt! Wenig Stündchen da unten blühten die Blumen, die Pfirſichen und Aprikoſen, ſummten die Bienen, ſchwirrten die Schwalben in ſeide⸗ ner Luft— hier Alles todt, erſtarrt und verſteinert, kein Athemzug einer blühenden Natur, nur rauhe Ge⸗ birgsluft ſtrich ſcharf über die Felſen. Ich zog eine kleine Gebirgskarte hervor, um mich zu orientiren. Das Ziel meiner Wanderung war eigent⸗ lich ein Hammerwerk, das im höchſten Gebirge gelegen. Nach meiner Berechnung war ich noch zwei Stunden davon entfernt; aber wie den Weg finden durch die Felſenöde? Zudem zeigte meine Uhr, daß die Mittags⸗ ſtunde nicht fern ſei, und ich beſchloß, für diesmal das Hammerwerk aufzugeben und wieder in den Frühlings⸗ ſaal hinabzuſteigen. Nur ungefähr hundert Schritt drang ich auf dem immer unzugänglicher werdenden Felſenpfade noch vor⸗ wärts; dann machte ich Halt und überſchaute nochmals das wilde Panorama. Ein Geier ſtieg in einiger Ent⸗ fernung von ſeinem Felſenneſte auf und floh kreiſchend über mir dahin. Ich folgte ſeinem Fluge, als plötz⸗ 21 lich meine Aufmerkſamkeit durch eine wunderbare, faſt geſpenſtiſche Erſcheinung auf das Aeußerſte in Anſpruch genommen ward. Unfern an einer der Felſenwände, in bedeutender lebensgefährlicher Höhe, kauerte eine graue wenſchliche Geſtalt. Ich glaubte im Anfange nicht recht geſehen zu haben, rieb mir die Augen, aber es war nicht anders. Die Märchen von Rübezahl, Gnomen und Berg⸗ geiſtern traten unwillkürlich vor die aufgeregten Sinne. Ich wußte nicht, ſollte ich vorwärts oder rückwärts. Unverwandt waren meine Blicke nach der ſonderbaren Erſcheinung gerichtet. Nach einiger Zeit erhob ſich die Geſtalt, klomm mit grauſender Verwegenheit an der abſchüſſigen Fel⸗ ſenwand eine Strecke dahin, wo ſie von Neuem nie⸗ derkauerte und an dem Geſtein hin und wieder taſtend nach Etwas zu ſuchen ſchien. Nach einiger Zeit erhob ſie ſich wieder: aber das Blut erſtarrte in meinen Adern, jetzt kletterte der Graurock die faſt verpendiculäre Felſenwand mit der Geſchicklichkeit eines Gemſenjägers in ſchräger Linie empor und erreichte glücklich die Felſenkuppe. Dort angekommen, zog er eine Art Beutel hervor, der an ſeiner Seite hing, und den er mit einem Gegenſtande anfüllte, welchen er aus der Buſentaſche hervorzog. „Das muß ein höchſt vrigineller Kauz ſein,“ ſprach ich zu mir,„deſſen Bekanntſchaft mich ſicher nicht ge⸗ reuen wird.“ Ich rief ſofort nach dem Felſen hinauf: „Heda, gut Freund! wo finde ich den Weg nach Wildenthal? Ich bin irre gegangen in dieſem Felſen⸗ labyrinthe.“ Wildenthal war nämlich das letzte Gebirgsdorf, von wo man nach kurzer Wanderung in den Frühling hinabſteigen konnte. 22 Der Graurock, ſobald er meinen Ruf vernommen, verſchwand vom Felſen, und ich fürchtete ſchon, ihn für immer verſcheucht zu haben, als er, nach einiger Zeit, wie er leibte und lebte aus einer Felſenſpalte hervortrat. Jetzt endlich ward mir Gelegenheit, das räthſel⸗ hafte Weſen in der Nähe und mit Muße betrachten zu können. Es war ein Mann in den mittleren Jah⸗ ren, wohlgebaut, mit ſchwarzem Haar und Augen, und markirter italieniſcher Geſichtsbildung. Durch den Bruſtſchlitz der grauen Blouſe ſchaute feines Tuch her⸗ vor, und es litt keinen Zweifel, daß ich einen Natur⸗ forſcher, der dies Gebirge wiſſenſchaftlich bereiſte, vor mir hatte. Ich bat daher um Entſchuldigung, ihn vielleicht geſtört zu haben; er erwiederte aber artig und in etwas fremdländiſchem Dialecte, daß dem nicht ſo ſei; ſein Geſchäft, welches im Aufſuchen einer äußerſt ſel⸗ tenen und heilſamen Art von Mimoſen beſtehe, ſei zu Ende, und auch er ſehne ſich aus dieſer rauhen Ge⸗ gend in ein freundlicheres Klima zurück. Ein Wort gab das andere: ſo erfuhr ich denn, daß der Fremdling Medieciner ſei, aus Mailand ſtamme und auf einige Zeit das Amt eines Hausarztes in der Riſſon'ſchen Familie bekleide. Wir wanderten gemeinſchaftlich die Felſen entlang; ich war ſehr begierig, etwas Näheres über dieſe in ſolcher Zurückgezogenheit lebenden Leute zu erfahren, aber der Italiener war, was dieſen Punkt anbelangte, ſehr einſylbig, und ich bekam nur ſo viel heraus, daß es ſich um eine eben ſo räthſelhafte, als gefährliche Krankheit der reizenden Tochter Riſſon's handle, zu deren Behandlung er gerufen ſei. Der Doctor wußte dem Geſpräche immer wieder eine wiſſenſchaftliche Richtung zu geben, und ich ent⸗ ſinne mich, nie auf ſo intereſſante Art im Gebiete der Litihiſeuſchäi unterhalten worden zu ſein. Der Italiener hatte der großen Schöpfung tief in das in⸗ nerſte Geäder geſchaut und wußte die dem Laien oft wunderbaren Räthſel überraſchend zu löſen. Ich hatte ob der anziehenden Vorträge Riſſon ſammt ſeiner Toch⸗ ter vergeſſen. So erreichten wir nach anderthalbſtündiger Wan⸗ derung einen Fahenß das„rothe Vorwerk“ genannt, welcher, am Fuße des Gebirges gelegen, einem meiner Freunde, dem Oekonomen Morgenſtern, einem biedern, immer frohgeläunten Manne angehörte. Morgenſtern war außer ſich vor Freude ob des ſo unverhofften Be⸗ ſuchs. Er führte uns ſogleich in ſein ſtattliches Gaſt⸗ zimmer, aus deſſen Fenſtern man eine herrliche Aus⸗ ſicht über das Frühlingsvolle Land zu unſern Füßen genoß. Bald perlte der duftende Johannisberger in den funkelnden Römern; ſie klangen an einander. Ich trank mit dem Italiener auf die Bekanntſchaft im hohen Gebirge, die Herzen wurden wärmer, die Zunge gelöſter. Der Doctor ſchaute eine Zeit nachdenkend in ſein Glas; über das ausdrucksvolle Geſicht verbreitete ſich ein Schatten von Wehmuth. Endlich, als wir allein waren, ſprach er: „Ich habe Ihnen vorhin in Betreff der Familie Riſſon mehrere ausweichende Antworten gegeben. Die ſtrenge Zurückgezogenheit dieſer Leute ſcheint Ihr In⸗ tereſſe erregt zu haben. Wohlan! Sie ſollen das be⸗ klagenswerthe Geſchick dieſer trefflichen Menſchen erfah⸗ ren, obſchon Herr von iſon nicht wünſcht, daß es bekannt werde; Sie werden zu ſchweigen wiſſen und den Ungl ücklichen ihr inniges Mitleid nicht verſagen.“ Ich rückte, auf das Höchſte geſpannt, mit meinem Stuhle näher an den Tiſch. Der Italiener fuhr fort: „Auf der genannten Familie ruht ſeit langen Jah⸗ ren ein furchtbares Erbübel, eine Krankheit, welche bis ijetzt allen Bemühungen der erfahrenſten Aerzte Trotz geboten hat. Die Riſſon's ſind nämlich in der Regel mit zahlreichen Töchtern geſegnet, nie gab es engel⸗ haftere Mädchen, aber der Himmel ſcheint ſie den El⸗ tern nur für einen kurzen Morgentraum geliehen zu haben, denn ſobald ſie das achtzehnte Jahr erreicht und der Frühling auf den Bergen ſeinen ſchönſten Schmuck, ſeine Roſen entfaltet, führt nach ſchmerzloſer Krankheit von wenigen Stunden der Tod die irdiſchen Engel in ihre wahre Heimath zurück.“ Ich hatte ſchon manchmal von ſolchen Erbkrank⸗ heiten erzählen hören, aber ſie immer mehr für Dich⸗ tung denn für Wahrheit gehalten; darum lauſchte ich mit zurückgehaltenem Athem der wunderbaren Hiſtvrie. Der Doctor ſprach weiter: „Bereits hat Herr von Riſſon, welchen Sie ken⸗ nen, drei ſeiner blühenden Töchter begraben; die Gattin folgte vor Gram bald nach; und ſo iſt dem Unglücklichen nur noch ein Mädchen verblieben, die reizende Valerie, welche vor Kurzem ihr achtzehntes Jahr erreichte und welcher in nächſter Roſenblüthe gleichfalls das Lvos der Schweſtern bevorſteht. Sie iſt die ſchönſte ihrer Schweſtern. Sie werden daher die Melancholie des Vaters wohl erklärlich und zu entſchuldigen finden.“ „Allerdings,“ ſprach ich tief erſchüttert;„aber ſollte denn die Kunſt wirklich kein Mittel ausfindig machen, dem furchtbaren Geſchick entgegen zu arbeiten?“ „Es iſt Alles geſchehen,“ verſetzte der Arzt,„und immer vergebens. Der Herr von Riſſon hatte zu⸗ fällig erfahren, daß mir einige Curen bei ähnlichen Krankheiten gelungen. Er ließ mich mit großen Ko⸗ ſten aus Italien kommen, bat mich mit thränenden Augen, ihm ſein letztes Kind, ſeine Valerie, zu retten: aber das Uebel, wie die zahlreichen Beiſpiele lehren, ſcheint ſeine Wurzeln zu tief geſchlagen zu haben, als daß es von einem ſterblichen Auge und Geiße zu er⸗ kennen wäre; und ſo dürfte auch mir es nicht gelin⸗ gen, den letzten Engel dem Himmel vorzuenthalten.“ Ich vermochte kein Wort zu ſprechen, der Doctor fuhr fort:„Zwar habe ich die reine Landluft ver⸗ ordnet, und gibt es ein Mittel, deſſen wunderthätige Heilkraft mir ſchon oft in ähnlichen Fällen weſent⸗ liche Dienſte geleiſtet, ſo ſind es jene Mimoſen, welche die Natur im rauhen Gebirge an ſchroffer Felſenwand in ſparſamer Laune hervorbringt, und wonach ich be— reits ſeit mehreren Tagen in den Bergen umherwan⸗ dere; doch zweifle ich auch an dieſem Mittel.“ „Entſetzlich!“ rief ich nach einer Pauſe,„und weiß Valerie von ihrem nahen Tode?“ „O, bewahre,“ erwiederte der Arzt,„es wäre ja grauſam, dem Mädchen den ſo kurzen Frühling zu vergiften. Valerie hat ihre Schweſtern nie gekannt; um ſie vor dem Uebel möglichſt zu bewahren, ward ſie bereits als zartes Kind aus dem elterlichen Hauſe entfernt und, unbekannt mit ihrem und der Ihrigen Geſchick, unter ſorgſamſter Pflege auferzogen.“ Ich ſchaute wie träumend durch das Fenſter, ein ſeltſames Weh hatte ſich meines ganzen Weſens be⸗ mächtigt. Da trat Morgenſtern mit neuen Wein⸗ flaſchen in's Zimmer. „Jetzt etwas ganz Feines,“ ſprach er geſchäftig, die Flaſchen entkorkend; wir aber konnten diesmal nicht Beſcheid thun, die Zeit mahnte zum Aufbruch— Nur unter den feierlichſten Betheuerungen, die näch⸗ 26 ſten Tage auf längere Zeit wiederzukommen, entließ uns der gaſtliche Wirth. Der Weg führte in langen Krümmungen allmälig Bergabwärts. Die Waldregion lag hinter uns. Die Vegetation wurde üppiger, einſame Schlüſſelblumen blüthen wieder am Wege. Wie zu erwarten ſtand, war das traurige Geſchick der Familie Riſſon faſt der alleinige Gegenſtand un⸗ ſeres Geſprächs. Der Italiener erzählte noch meh⸗ rere Beiſpiele ähnlicher Erbkrankheiten aus ſeinem Vaterlande. Er theilte ſo intereſſante Aufſchlüſſe darüber mit, daß mir die Zeit auf das Schnellſte ent⸗ floh, und wir uns, ehe ich mir's verſah, mitten im Frühlinge befanden. Ich ſchaute rückwärts, da waren die Berge, die wir verlaſſen, weit in blaue, nebelhafte Ferne zurück⸗ gewichen. Wir traten in einen ſchönen Buchenwald, zur Rechten und Linken ſchmetterten die Finken und Grasmücken, Eichhörnchen ſprangen über den Weg, und hier und da ward Freund Lampe aus ſeiner Ruhe geſtört. Allmälig wurden die durch den Wald gehauenen Gänge regelmäßiger, es bildeten ſich Alleen, und plötzlich befanden wir uns in einem herrlichen und in ſauberſter Ordnung gehaltenen Parke. „Wo ſind wir?“ fragte ich und ſchaute verwun⸗ dert um mich. „Im Parke von Lindenthal,“ antwortete mein Begleiter. „Lindenthal!“ rief ich und meine Bruſt krampfte unwillkürlich zuſammen. Wir ſchritten ſtill die ſauber gekehrten, mit röth⸗ lichem Sande beſtreuten und mit friſchgrünem Buſch⸗ werk bewachſenen Gänge dahin. Hier und da fiel der Blick durch die Baumwände und Hecken auf blu⸗ 27 menhafte Wieſen. Springbrunnen rauſchten, ſchattige Ruhebänke mit idylliſchen Inſchriften luden wieder⸗ holt zum Platznehmen ein. Bald blickte das ſtille Silber eines Teiches durch die Blätter. Traumhaft zogen zwei Schwäne die blaue Fluth entlang. Wir traten an das Ufer. Welche Ruhe athmete über der Waſſerfläche, kein Lüftchen rührte ſich. Maleriſch ſpiegelte ſich das Ufergeſträuch in den klaren ſtillen Wellen. Blaue Gbockenblumen nickten über den Rand, und hier und da gaukelte ein goldener Papilio über der Fluth. Wir ſtanden eine Zeitlang im Anſchauen des Friedensbildes verſunken, als plötzlich ein Rehlein mit ſeinen klugen Augen und geſpitzten Ohren aus dem benachbarten Geſträuch guckte. Der Italiener, welcher das Thierchen erkannte, faßte ſchnell meine Hand. „Pſt!“ flüſterte er,„ſie muß in der Nähe ſein.“ Ich bebte. Leiſe zogen wir uns vom Ufer zu⸗ rück. Der Doctor ſchaute vorſichtig nach allen Sei⸗ ten. Dann führte er mich über den grünen Raſen⸗ teppich längs dem hochaufgeſchoſſenen Strauchwerk einige Schritte ſeitwärts, von wo man auch den übrigen Theil des Ufers überſchauen konnte. Him⸗ mel, welch ein ſelig Bild nie geträumter Schönheit bot ſich meinen Blicken dar! Auf einer kleinen Bre⸗ terbank am Ufer ſaß ein Mädchen in roſenfarbenem Kleide, holdſelig lächelnd und mit der kleinen Hand ununterbrochen Broſamen in das Waſſer werfend, die von den muntern Fiſchen ſogleich weggeſchnappt wur⸗ den. Ein zahmes, weißes Täubchen wiegte ſich auf ihrer Schulter. „Um Gotteswillen!“ fragte ich leiſe, und die Frage erſtarb auf meinen Lippen,„doch nicht—“ „Es iſt Valerie,“ flüſterte der Arzt;„wir wollen ſie nicht ſtören.“ Thränen ſtanden in meinen Augen, ich hielt die Hände wie betend gefaltet. „Du großer, garſtiger Karpfen du,“ ſprach jetzt das Mädchen ganz mit der Fütterung der Fiſchlein beſchäftigt,„du mußt den armen Kleinen auch nicht Alles wegeſſen, da—“ Hiermit warf ſie eine Handvoll Broſamen nach der entgegengeſetzten Richtung von der, wo ein mäch⸗ tiger Karpfen mit unverwüſtlichem Appetite und gro⸗ ßer Arroganz den kleinern Collegen faſt ſämmtliche Brodbrocken wegſchnappte. Das Mädchen ſtand jetzt auf und ſchüttelte den Reſt der Broſamen aus dem ſchwarzſeidenen Schürz⸗ chen in den Teich. „Aus war der Schmaus!“ rief ſie und ſah lächelnd noch ein Weilchen dem luſtigen Treiben der Fiſche zu. Dann wandte ſie ſich zu dem Rehe, daß unſere An⸗ weſenheit bemerkte und fortwährend mit geſpitzten Ohren auf und nieder trippelte. „Aber ſag mir, mein Peter,“ fragte Valerie, „was läufſt du ſo entſetzlich auf und ab?“ Plötzlich ſchaute ſie auf und erblickte den Haus⸗ arzt. Hohe Freude verbreitete ſich über das ſchöne Geſicht. Sie kam auf den Italiener zugeſprungen und bot das Händchen zum herzlichen Willkommen. „Doctor, beſter Doctor!“ rief ſie lachend,„ſchon wieder das Mittagseſſen verſäumt, und Katharina hatte ein Leibgericht aufgetragen. Warum laufen Sie in die Berge? Wiſſen Sie aber das Neueſte, heſter Doetor,“ fuhr ſie plaudernd fort,„mein Namenszug, den Sie jüngſt mit Kreſſe ſäeten, iſt dieſen Morgen aufgegangen und macht ſich allerliebſt.“ „Und dieſer blühende Engel,“ fragte ich mich, „ſollte in wenigen Wochen einem unerbittlichen Tode geweiht ſein? Nimmermehr, nimmermehr!“ Valerie bemerkte jetzt, daß noch Jemand hinter den Zweigen verborgen ſei; ſie hielt plötzlich inne und blickte den Dvetor fragend an. „Treten ſie nur näher, Herr Reinhold,“ rief mir dieſer lächelnd zu,„Fräulein Valerie W ſich nicht. Ein guter Bekannter und der Herr Nachbar von Tanneberg, deſſen Güte wir die herrlichen Kohl⸗ keime verdanken,“ fuhr er, mich dem Mädchen vor— ſtellend, fort. Valerie warf einen Blick nach mir, ſchlug die Augen nieder und ſprach leiſe zum Doctor gewendet: „So ſind wir doch nicht die Einzigen, die ſich ſo früh auf's Land gewagt.“ „Ich wollte einmal den Frühling in ſeiner Kind— heit kennen lernen,“ ſprach ich. „Und iſt er nicht wunderſchön?“ fragte das Mäd⸗ chen freundlich. „Ein wahrer Garten Gottes,“ antwortete ich, dem ſelbſt die Engel nicht fehlen.“ Valerie war noch ſo natürlich, daß ſie meine Schmeichelei nicht verſtand. Sie blickte wieder fragend zum Doctor. Doch genug für heute. Marthe hat ſchon zwei Mal zum Vesperbrote gerufen. Morgen ein Mehreres. Den 7. Mai. Da hab' ich geſtern Abend eine Stunde lang in meiner Laube geſeſſen und durch die violetten Trau⸗ ben des Flieders nach der untergehenden Sonne ge— ſchaut. Ueber mir ſang ein Vöglein ſein Abendlied. Dann ſchaute der Abendſtern in ſtillem Glanze vom 30 weſtlichen Himmel, und die Glocken der Dorfkirche läuteten den müden Tag zur Ruhe. Ach, was ſind Frühling, Blumen, Sterne gegen Dich, Du Engels⸗ bild, das weder im Wachen noch im Traume mich mehr verläßt! Geſtern machte mir Herr von Riſſon ſeinen zweiten Beſuch. Er war zutraulicher und weniger einſylbig als das erſte Mal, wiewohl die Melancholie aus jedem ſeiner Worte ſprach. Unfehl⸗ bar hat ihm der Arzt meine Mitwiſſenſchaft ſeines bejammernswerthen Geſchickes verrathen. Er erwähnte nichts davon; aber bat mich dringend um einen Ge⸗ genbeſuch, den ich auch auf Morgen zugeſagt habe.— Ich werde ſie ſehen. Gott, Gott, nein, du kannſt ſie nicht ſterben laſſen! Den 9. Mai. Der Fliederbaum ſteht überhangen In reicher violetter Pracht, Kaum kann ein grünes Blatt gelangen Zum Himmel durch die Blüthennacht. Es will ſich Alles nun entzünden, Es bricht hervor aus Grab und Gruft, Ich weiß mich kaum zurecht zu finden Vor lauter Blumen, Klang und Duft. Ach, ſchöner als alle Blumen auf den Auen blüht ſie. Geſtern war einer der ſchönſten Tage meines Lebens. Ich bin mit Riſſon's, Vater und Tochter, und dem trefflichen Arzte von früh bis Abends in den Blumenvollen Thälern umhergeſchwärmt. Wir machten Mittag in einer maleriſch zwiſchen hohen Ber⸗ gen gelegenen Mühle. Valerie verſah das Amt der guten Wirthin. Die Müllersleute konnten ſich nicht ſatt ſehen an dem ſchönen Mädchen. Wenn Valerie ihren roſenfarbenen Humor ſprudeln läßt, muß der engherzigſte Miſanthrop guter Laune werden. Selbſt den alten Riſſon hab' ich geſtern mehrmals lächeln 34 ſehen, was mir innig wohl that. Wie, und dieſes Mädchen, dieſer wahre Springinsfeld, dem die Ge⸗ ſundheit auf der Wange blüht, dieſes kräftige Natur⸗ kind, ich habe nie ein kräftigeres Mädchen geſehen, ſollte in ein paar Wochen im Sarge liegen? Dieſe engelhaften Formen, das Meiſterſtück der ſchaffenden Natur, dieſe rührende Gottverkündende Schönheit ſchon zur nächſten Roſenblüthe in Staub zerfallen? Nim⸗ mermehr, der Doctor iſt ein Empiriker. Er beurtheilt das Bevorſtehende nach dem Dageweſenen. In der ganzen Natur gibt es Ausnahmen; warum ſollte Va⸗ lerie nicht eine ſolche Ausnahme ſein? Den 10. Mai. Es iſt ſeit dem Sonnabende kein Tag vergangen, wo ich nicht auf Lindenthal einen Beſuch gemacht hätte. Geſtern endlich hab' ich mit Herrn von Riſ⸗ ſon ein vertrautes Geſpräch gehabt über dies furcht⸗ bare Erbübel. Der alte Mann hat mir innig weh gethan; ſein Schmerz brach wiederholt in Thränen aus. Ich tröſtete aus aller Macht meiner Seele; aber mein Troſt ſchien nicht anſprechen zu wollen. Ward ich durch Riſſon's Mittheilungen doch ſelbſt wie⸗ der auf's Aeußerſte für Valerien beſorgt; doch als dieſer Engel mir gleich darauf im Garten mit ihrem Lieblingstäubchen entgegentänzelte, munter wie ein Fiſchlein im Waſſer, und mich fortwährend zu lachen machte, vergaß ich bald alle Todesgedanken. Den 12. Mai. Nun iſt mein Haus und mein Garten, meine blaus Stube und meine Laube geheiligt. Ueberall iſt Valerie geweſen, welche mir geſtern in Begleitung ihres Vaters einen Gegenbeſuch machte. Ich könnte den Boden küſſen, den ihr Füßchen berührt hat. In 32 meiner blauen Stube hat ſie lange an dem Fenſter geſtanden, das nach dem Fluſſe hinausgeht, und auf den elfenbeinernen Taſten meines Piano hat die kleine Goldhand das„la ci darem la mano“ geſpielt. Zu⸗ letzt gab es noch eine ergötzliche Scene. Als ich Riſ⸗ ſ in meinem Blumengärtchen umherführte, hatte Volerie, trotz meines Proteſtes, ihren getreuen Beglei⸗ ter, der ihr Schritt vor Schritt folgt, das Reh näm⸗ lich, nicht mit in's Gärtchen gelaſſen, aus Beſorgniß, Freund Peter möchte in der Blumenwelt„dummes Zeug,“ wie ſie ſich ausdrückte, anrichten. Peter ſtand nun fortwährend draußen an der Gartenthür mit ge⸗ ſpitzten Ohren und ſcharrte um Einlaß. Mein Joſeph, der, ſeit ihm meine Verehrung für Riſſon's klar ge⸗ worden, einen außerordentlichen Reſpect für Alles hegt, was zu dieſer Familie gehört, glaubte ſich eine Stufe in den Himmel zu bauen, wenn er Herrn Peter's ſcharrend ausgeſprochenem Wunſche iiee und die Gartenthür öffnete. Er nahte ſich daher ehrerbie— tig dem zarten Thierchen und ließ es mit einem Bück⸗ ling herein. Luſtig kam Peter auf Valerien zu ga⸗ loppirt, welche nicht wenig erſchrak. Aber nun hätte man die drollige Jagd ſehen ſollen und die Manövers, womit das Mädchen den Liebling wieder zum Garten hinausprakticirte. Den 14. Mai. Joſeph brachte mir heute früh die frohe Botſchaft, daß Herr Servatius und Pankratius gnädig vorüber⸗ gegangen wären; es hätte zwar in den erſten Morgen⸗ ſtunden die Luft recht ſpitz über die Berge geſtrichen, aber den zarten Träubchen, die in reicher Menge her⸗ vorgeſproßt ſind, nicht geſchadet. Nun eine trockene Blüthenzeit, und wir haben die herrlichſte Weinernte zu erwarten. 33 Den 17. Mai. Marthe benachrichtigte mich dieſen Morgen, als ſie den Frühkaffee brachte, daß mehrere Herrſchaften auf den benachbarten Gütern ihren Einzug hielten, und daß es nun bald lebhafter auf dem Lande werden würde; mir wahrhaft fatal, wir verlebten zeither den ſchönen Frühling in ſo reizender Einſamkeit.— Valerie trug geſtern wieder ihr himmelblaues Kleid mit dem gold⸗ nen Gürtel, welches ſie wunderſchön kleidet. Den 18. Mai. Ich ſitze jetzt über einer äſthetiſchen Theſis, näm⸗ lich, aus der weiblichen Schönheit die Unſterblichkeit zu beweiſen. Die beſeligende Harmonie in dem Antlitze Valeriens hat mich auf dieſe Idee gebracht. Stunden⸗ lang könnt' ich, ohne müde zu werden, im ſtummen Entzücken dieſe reizenden Züge betrachten; der Geiſt, der ſich in dieſen vollendeten Formen manifeſtirt, iſt nicht von dieſer Welt; dieſe Schönheitslinien ſind nach Regeln gezogen, von denen wir hienieden keine Ahnung haben. Wenn ſie die ſeidenen Wimpern aufſchlägt, in welche reizende Unendlichkeit ſchaut man, und bei alle⸗ dem kein Fünkchen Schwärmerei im Auge, nichts als ungetrübte Jugendluſt und liebenswürdige Schalkhaf⸗ tigkeit. Valerie iſt von nittlerer Größe, die ganze Geſtalt hat etwas Sylphenhaftes; in ihrem Gange liegt Muſik; ſie ſchwebt mehr, als ſie geht. Nacken und Hals ſind von blendender Weiße, worauf die dun⸗ keln, glanzvollen Locken in holder Nachläſſigkeit herab⸗ fallen. Ihr Kopfputz iſt außerordentlich einfach, ich habe ſie nie anders als mit einer Schnur weißer Per⸗ len oder einem ponceaurothen Bande in den Haaren geſehen. Auch in der übrigen Kleidung liebt ſie die Einfachheit, nirgends erblickt man Ueberladung. Him⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. l. 3 3¹ melblau und Roſa ſind ihre Lieblingsfarben; auf der Bruſt trägt ſie an ſchwarzer Schnur ein Kreuz von Diamanten, ein Andenken von der verſtorbenen Mutter⸗ welches ſie gleich einem Talisman verehrt und nie von ſich legt. Den 20. Mai. Geſtern mit dem Dortor eine abermalige Wande⸗ rung in's Gebirge nach Moosthee gemacht. Ich hätte bei der Kletterei faſt den Hals gebrochen. Die heil⸗ bringenden Mimoſen wachſen gewöhnlich an den un⸗ zugänglichſten und gefährlichſten Stellen. Den 22. Mai. Nun haben auch die Akazien ihre Gold⸗ und Sil⸗ berblüthen aufgeſchloſſen, und die Kaſtanien ihre zahl⸗ reichen Chriſtbäumchen angezündet. Der Jasmin duftet, Jungfernherzchen und Schneeballen ſtehen in voller Blüthe. Iſt das ein Brand rings umher! So ſteht in königlicher Schöne Der Frühling da ein junger Held. Und jubelnd künden ſeine Töne, Daß er die Braut im Arme hält. Und ich mit meinem kleinen Herzen, Denkt, liege hier in's Gras geſtreckt, umleuchtet rings von Frühlingskerzen Und halb von Blumen zugedeckt. Den 23. Mai. Wie ein Donnerſchlag trafen mich heute Joſeph's Worte, daß dies Jahr eine wunderſchöne Roſenblüthe bevorſtehe; die Sträucher wären mit Knospen über⸗ ſchüttet. Ich eilte hinab in den Garten; da brannte in den oberſten Knospen bereits das erſte verhängniß⸗ volle Roth. Noch nie hab ich der Roſenblüthe mit ſo klopfendem Herzen entgegengeſehen. Sie ſoll ja das Abendroth von Valeriens jungem Leben ſein. 35 Den 24. Mai. Ich habe mit Riſſon's ein Offenſiv⸗ und Defenſiv⸗ Bündniß abgeſchloſſen gegen allen ſtädtiſchen Beſuch. Wir ſind nie zu Hauſe, mag erſcheinen wer da will. Bereits geſtern befürchtete ich einen Ueberfall. Eine ganze Caravane Herren und Damen, mit wehenden Schleiern, bepackt mit Shawls und Sonnenſchirmen, zog unfern meiner Wohnung vorüber. Das war ein Lachen und Spektakel dieſer forcirten Naturfreunde. Holder Friede, ſüße Einſamkeit, weile auch ferner über dieſem Thale. Die Damen gingen ſämmtlich nach dem neueſten Modejvurnale gekleidet, geſchmacklos und über⸗ laden. Wenn ich da meine Valerie in ihrem einfachen himmelblauen Kleidchen bedenke. Den 25. Mai. Auch der Himmel hat uns lieb; ſelten wird er durch Wolken verfinſtert; kein Sturm, kein kalter Re⸗ gen ſtört die ſchönen Blüthentage, und dann ſteht der Abendſtern in ſolchem Glanze am weſtlichen Himmel, wie ich mich noch kein Jahr entſinne, ihn geſehen zu haben. Die Roſenknospen ſchwellen immer mehr, das Roth quillt immer goldener hervor; es iſt aber nur die Pfingſtroſe, eine zeitigere Art. Die Centifolien ſtek⸗ ken noch tief in Blättergrün. Den 26. Mai. Ich drücke jetzt oft die Augen zu und hänge dem Gedanken nach, wie wohl Jemandem zu Muthe ſein müſſe, wenn Valerie zu ihm ſpräche: ich liebe Dich! und ihr ſchönes Auge dazu bekenntnißinnig leuchtete. Es wäre unbeſtritten die höchſte Stufe der Seligkeit, die einem Sterblichen zu erreichen vergönnt wäre. Den 27. Mai. Geſtern hab' ich mich wieder ſterblich in den Engel verliebt. Ich machte mich bereits frühzeitig auf den P 36 Weg nach Lindenthal und verblieb den ganzen lieben Tag daſelbſt. Man muß Valerien in ihrer Häuslich⸗ keit ſehen, um völlig von ihr bezaubert zu werden. Sie hat eine ganze Menagerie Hausvieh zu beſorgen, Hühner, Enten, Tauben, Ziegen. Da muß man nun zuſchauen, wenn allgemeine Fütterung iſt; ein Geſchäft, das ſich Valerie nie nehmen läßt. Das iſt ein Spekta⸗ kel. Das Herz lacht Einem im Leibe. Jedes der Thier⸗ lein hat ſeinen beſonderen Namen, welcher immer ſehr bezeichnend iſt, und worüber man herzlich lachen muß. Den 29. Mai. Geſtern gab's ein prachtvolles Gewitter. Die Don⸗ nerſchläge hallten majeſtätiſch in den Bergen und Wäl⸗ dern wieder. Zwei Stunden lang rauſchte der Platz⸗ regen. Endlich zertheilten ſich die Wolken und die Nachmittagsſonne beleuchtete die erfriſchte Landſchaft. Glocken und Kelche ſtrahlten in reineren Farben. Ein balſamiſcher Duft ruhte über der Pflanzenwelt. Ich befand mich während des ganzen Gewitters bei Riſſon's. Valerie fürchtete ſich außerordentlich. Mehrmals zitterte ihre Hand in der meinigen. Bei jedem der heftigen Schläge glaubte ſie den Blitz ins Haus gefahren. Als ſich das Gewitter über die Berge zurückgezogen, wuchs ihr Muth und ſie wollte gleich hinaus in den Garten. Der Doctor aber erlaubte es nicht, weil ſie auf den naſſen Pfaden leicht die Füße erkälten könne. Ich ſtand mit ihr an einem der offenen Fenſter, die nach dem Parke hinausgehen. Ueber dem Walde ſtand ein wunderſchöner Regenbogen. Sie hatte eine kindliche Freude darüber, und konnte ſich nicht ſatt ſehen an den herrlichen Farben. Nach einem Stündchen waren die Wege wieder trocken und ich wandelte an ihrer Seite durch Garten und Park. 37 Den 30. Mai. Als ich heute meine Sonntagsviſite auf Lindenthal machte, erſchrak ich ob der glänzenden Dame, die vor dem Spiegel ſtand. Es war Niemand anders als Va⸗ lerie, die mir zeither nur im einfachen Merinokleide er⸗ ſchienen war.„Sie denken wohl, ich kann mich nicht vutzen?“ lachte ſie, ſich die Korallenglocken in den klei⸗ nen Ohren befeſtigend. Dann kam ſie, heiter wie der junge Morgen, auf mich zu und fragte:„Wie gefall' ich Ihnen denn?“ Ich hätte anbetend niederknieen mögen. Valerie ſtand vor mir, geſchmückt wie eine Braut. Ein dunkelglänzendes Atlaskleid umſchloß die ſüßen Formen; in den Locken funkelten Rubinen. Ein ſpinnwebfeiner Spitzenſhawl fiel wie weißes Gewölk zu beiden Seiten herab. Das diamantene Kreuz hing heut' an einer ſchweren goldenen Kette, und die Arm⸗ bänder waren mit Steinen von koſtbarem Werthe be⸗ ſetzt. In der Hand trug ſie das Geſangbuch mit ver⸗ goldetem Schnitt.„Wiſſen Sie etwas Neues?“ fragte Valerie freudig, leiſe und geheimnißvoll; wir wollen auf den Nachmittag nach Markersbach fahren, da ha⸗ ben fremde Mufiker ein Concert angekündigt; ich freue mich ſehr darauf. Sie ſind doch bei der Partie?“ Ich wollte eben meinen Beitritt freudig erklären, als Herr von Riſſon in das Zimmer trat. Valerie machte ein Knirchen und eilte nach dem zehn Minuten ent⸗ fernten Gotteshauſe. Der alte Herr war heute hei⸗ terer als gewöhnlich. Er theilte mir mit, daß, wie nahe auch die verhängnißvolle Roſenblüthe bevorſtehe, ſich doch noch keine Krankheitsſymptome bei Valerien gezeigt hätten. Doch, fügte er düſter hinzu, der dem Ertrinken Nahe greift nach einem Strohhalme. Ich tröſtete, der Doetor geſellte ſich zu uns und wir wan⸗ delten faſt den ganzen ſchönen Sonntagvormittag zwi⸗ 38 ſchen den Blumenbeeten des Gartens und in den ſchattigen Gängen des Parks auf und nieder. Den 31. Mai. Der letzte Mai! Sein ſtiller Abend ſinkt hernie⸗ der. Das war ein Monat! Mag es nun werden wie es will; mag es nun Unſterblichkeit geben oder nicht; ſie mögen mich begraben auf ſo lange ſie wollen; nur die Erinnerung ſollen ſie mir laſſen, die Erinnerung an die verlebten Blüthentage; mehr brauch' ich nicht, mehr verlang ich nicht. Und ſchau' ich zurück durch das Blüthenmeer, durch Gold und Duft bis zu jenem erſten Maimorgen, wo mich die frommen Töne des Chvrals im Traume herüber trugen in ein ungeahntes ſchöneres Daſein, wie reich, wie unendlich reich fühl' ich mich! und wer könnte mir dieſen Schatz rauben? Die Nachtigall ſchlägt aus dem Buchenwalde her⸗ über, der Abendſtern ſinkt tiefer, in dunkeln Räumen da unten ſchlafen die Blumen und träumen von Schmet⸗ terlingen, Bienen, Morgenröthen und Thautropfen. Wie viele der goldenen Kinder ſind ſchon geſtorben; ihr ſeidenes Frühlingskleidchen iſt abgefallen, ſpurlos verweht. Was iſt denn der Tod? Wär' es wirklich eine ſo große Kluft, ein Sprung von hier nach Jen⸗ ſeit? Aber in der Schöpfung gibt es keine Sprünge; überall ein harmoniſches Aufſtreben vom Unvollkomm⸗ nen zum Vollkommnen. Sollten in der großen Schöp⸗ fungsleiter, die von der Wiege nach den Sternen führt, wirklich einige Sproſſen herausgebrochen ſein, weil ſie durch eine Wolkenſchicht geht, die wir Grab nennen? Und wär' uns jenes Land wirklich ſo unbekannt? Es iſt Niemand ſo unglücklich, daß nicht ein verwehter Ton von jenem Concerte, das dort oben aufgeführt wird, zu ſeinem Herzen gedrungen wäre; brechen nicht 39 vereinſamte Strahlen einer unbekannten Sonne durch die Nachtwolken? Wir geben ihnen die ſchönſten Na⸗ men und nennen ſie Liebe, Poeſie, Freiheit, Frühling, Glaube, und in großen Stunden, wird unſer Geſicht nicht geröthet von den Flammen der Begeiſterung? Das iſt das Morgenroth, welches jenem großen und herrlichen Tage angehört, der uns drüben erwartet. Und der Himmel, daß wir an ihn glauben, ſchickt er nicht ſeine Engel? Und iſt Valerie nicht ein ſolcher? Dieſe Tage ſagte ſie:„Der liebe Gott meint es ſo gut, er möchte uns Alle an das Sterben gewöhnen, darum läßt er uns alle Abende einſchlafen und den Morgen fröhlich erwachen. Den 3. Juni. Das waren zwei wunderſchöne Pfingſtfeiertage. Ich bin faſt gar nicht nach Hauſe gekommen und habe beide Tage von früh bis Abends bei Riſſon's verlebt. Am erſten war der Himmel regenſchwanger, wir woll⸗ ten eine Partie nach der Grundmühle machen, trauten aber dem Wetter nicht. In den Mittagsſtunden ſaß Valerie am offenen Fenſter bei ihrem zierlichen Näh⸗ tiſchchen und ſtickte an einem Souvenir, das nach ihrer Ausſage für den Geburtstag des Vaters beſtimmt iſt; das gute Kind kann ſich aber nicht verſtellen und lä⸗ chelte ſchalkhaft, daß ich mit ſchauderndem Entzücken glaube, es iſt ein Geſchenk für mich; denn Valerie hat ein Vielliebchen an mich verloren. Ich las ihr während der Arbeit Zſchokke's treffliche Novelle:„Aus dem Tagebuche eines Landpredigers“ vor. Mehrmals ſtanden dem Engel Thränen in den Augen. In des Pfarrers älteres Töchterlein hat ſie ſich ordentlich ver⸗ liebt.„So himmliſch gut wie Jenny,“ meinte ſie, „wäre ſie lange nicht, aber ſie wolle ſich gewiß Mühe geben, es zu werden.“ Nach der Vorleſung half ich 40 ihr Perlen auffädeln: ein intereſſantes Geſchäft zum erſten Pfingſtfeiertage; vor mir den duftenden Garten und neben mir Valerie, die ich von Zeit zu Zeit mit. Erdbeeren verſorgte, welche in einem Körbchen auf dem Tiſche ſtanden. Den zweiten Feiertag war ein herrliches Wetter. Wir fuhren wieder nach Markersbach in's Concert. Es war nicht viel Beſuch anweſend; uns eben recht. Ich beſchaute mir mit Valerien die Räume des ſchloß⸗ ähnlichen Wirthſchaftsgebäudes. Wir kamen auf den Tanzſaal, kein Menſch war zugegen. Die Muſiker im Garten ſpielten gerade eine allerliebſte Galoppade. „Geſchwind, wir tanzen einmal!“ rief Valerie. Ich ließ mir das nicht zwei Mal ſagen, und floh mit dem himmliſchen Kinde ein paar Mal durch den Saal. Ich fühlte mich wie geheiligt, ſie in meinen Armen gehabt zu haben. Uebrigens hab' ich bei dem Tanzen bemerkt, daß Valerie eine ganz geſunde Bruſt beſitzt. An eine Anus⸗ zehrung iſt nicht zu denken. Den 7. Juni. Nun werden auch die Centifolien lebendig. Zahl⸗ loſe Knospen dringen hervor. Valerie iſt heiter und gottvergnügt wie immer. Während ſich ihr Bild von Tag zu Tag unverlöſchlicher in mein Herz prägt, bleibt ſich ihr Verhalten zu mir ganz gleich. Sie iſt zu⸗ traulich wie ein Schweſterlein, meint es mit Gott und Menſchen gut, und umfaßt die Vöglein unterm Him⸗ mel, die Blumen auf dem Felde mit gleicher Liebe. Den 9. Juni. Geſtern war ein Abend, wie ihn die Phantaſie Jean Paul's nicht ſchöner wieder zu geben vermag. Der ganze Abendhimmel, Wälder und Berge ſtanden 44 im brennenden Golde. Die Flammen der Abendröthe ſchlugen hoch über unſeren Häuptern dahin. Aber allmälig ſiegten die Schatten der Nacht. Dunkler ward es in den Thälern. Ich ſtand neben Valerien am äußerſten Ende des Gartens, und wir ſchauten über die grünen Wellen der reichen Kornfluren dahin nach dem erſterbenden Abend. Rings umher tiefe Sab⸗ bathſtille; nur eine Lerche ſang einſam im Abendroth. „Hören Sie,“ ſprach ich leiſe zu Valerien: Es ſingt eine Lerche im Abendroth Hoch über purpurnen Aehren, Hoch über Verweſung, Grab und Tod In freien, glücklichen Sphären. Und Valerie, auf den Schatten zeigend, antwortete mit dem zweiten Verſe: Die Welt wird dunkler, die Lerche ſingt fort Im fern verhallenden Liede, Die Schatten rücken von Ort zu Ort, Und ringsum athmet der Friede. Dann ſprach ſie ſtiller und ernſter: Du große heilige Abendwelt, Schon blitzt es in himmliſchen Räumen, Und rings auf dunkel ſchattendem Feld Beginnen die Blumen zu träumen. Alle Himmel der Pveſie und Liebe ſanken auf mich hernieder; es fehlte nicht viel, ich wäre dem Engel zu Füßen geſunken und hätte ihr mein Herz aufge⸗ ſchloſſen. Valerien war indeß lange nicht ſo roman⸗ tiſch zu Muthe wie mir. Sie ſah den Vater mit dem Arzte den Gang daher kommen und eilte auf die Beiden zu. „Wißt Ihr was?“ ſprach ſie, als wir Alle bei⸗ ſammen waren, die Händchen in einander ſchlagend, „ich werde einen Punſch brauen, und den trinken wir 42 auf der Terraſſe. Der Mond muß bald aufgehen, ich bringe meine Guitarre mit und ſinge Euch etwas. Das wird prächtig, nicht wahr?“ Der Vorſchlag ward allgemein angenommen, und bald ſaßen wir auf der Terraſſe. Nie entſinne ich mich eines wärmeren, duftenden Frühlingsabends, Johanniswürmchen ſtiegen wie Goldfunken zahlreich auf und nieder. Bald erſchien der Punſch. Der Doctor erzählte von ſeinen Reiſen im Morgenlande. Valerie hatte die Guitarre mitgebracht und ſang mit ihrer ſchönen Stimme mehrere Lieder. Zauberhaft klangen dieſe Engelstöne durch die ſtille Nacht. Da keimte der Silberblick des Mondes hinter dem Walde, die nächtliche Landſchaft magiſch beleuchtend. Eine himm⸗ liſche Ruhe athmete über der Schöpfung. Wir waren Alle tiefbewegt. Valerie flüſterte leiſ in den Saiten. Wieder erhoben ſich die Töne und klangen in wun⸗ derbarer Schöne zu dem Liede: Mondenlicht, Aehrenglanz, Stille Silberpracht, Und mein Ruh verlangend Herz Athmet ſtille Nacht. Nebel wandeln, Träume zieh'n In die Blumen ein, Stiller wird die ſtille Welt Und das Herz ſchläft ein. Elfenſchatten, Blumentraum Schweben ab und auf; Elfenſchatten, Blumentraum Weckt mir es nicht auf. Es waren geiſterhaft ſchöne Augenblicke. Klar ward es mir wieder: Nur die von der Poeſie gerötheten Stunden hat man gelebt. 43 Den 11. Juni. Welch' ein Freudentag! Heut' Morgen beſchenkte mich der Doctor mit Valeriens Bildniß, das er ſelbſt gemalt hat, und das ſprechend getroffen iſt. Ja, das iſt ſie; das iſt der beſeligende Liebreiz jener ſüßen, theuren Züge. Ein Glück kommt ſelten allein. Nach⸗ mittags ward ich abermals beſchenkt. Ich erhielt das Vielliebchen von Valerien. Es iſt ein mit Perlen ge⸗ ſticktes Portefeuille. Auf dem einen der niedlichen Pergamentblättchen ſtehen von ihrer Hand die Worte: „Zur Erinnerung an den 19. Mai. Valerie.“ Das war der Tag, wo wir das Vielliebchen verzehrten. O, wie reich bin ich nun! Mit dieſen beiden Schätzen, dem Portrait und dem Souvenir, kann ich nie ganz unglücklich werden.— Die Knospen der Centifolien werden immer röther. Den 12. Juni. Da hab' ich mir den ganzen Tag den Kopf zer⸗ brochen, was ich Valerien für ein Gegengeſchenk für das Vielliebchen mache. Mit Putzſachen darf ich nicht kommen, die beſitzt ſie in Hülle und Fülle; auch macht ſie ſich nicht ſonderlich viel daraus.— Die Knospen der Centifolien werden immer röther. Den 13. Juni. Als ich heut' Morgen auf meinem Zimmer ſaß, trat der Doctor herein. Es war dies nichts Befrem⸗ dendes; er beſucht mich häufig des Morgens. Ich ſchrieb gerade ein Lieblingslied Valeriens auf's Reine, ließ mich nicht ſtören und bat den Eingetretenen, Platz zu nehmen. Dieſer trat an das offenſtehende Fenſter und ſchaute lange Zeit ſchweigend hinaus. Endlich wandte er ſich zu mir und ſprach in einem Tone, den ich nie vergeſſen werde:„Wir werden unſere Volerie 44 wohl verlieren.“ Die Feder entſank meiner Hand, ich ſchaute wie betäubt zu dem Arzte auf. Auf ſei⸗ nem Geſichte war unverkennbarer Schmerz zu leſen. Mit gedämpfter Stimme fuhr er fort:„Vor einer Stunde kam Valerie auf mich zugeſprungen. Sagen Sie mir nur, Doctor, ſprach ſie, was iſt denn das: mir iſt immer, als ſumme ein Bienchen vor meinen Ohren.“ „Dieſelbe Erſcheinung,“ fügte der Arzt hinzu,„ging dem Tode der Schweſtern Valeriens unmittelbar vorher.“ Ich wußte im Anfange kein Wort zu erwiedern; doch Valeriens frohen Muth und Jugendfriſche mir vergegenwärtigend, rief ich endlich wiederholt aus: „Nimmermehr, nimmermehr, der Engel kann nicht ſterben.“— Die Knospen der Centifolien werden immer röther. Den 1k. Juni. Es vergeht keine Stunde, daß ich Valeriens Sou⸗ venier und Portrait nicht mit Küſſen bedecke. Ich bin noch immer feſt überzeugt, daß ſich der Doctor ge⸗ täuſcht und mir einen unnöthigen Schreck eingejagt hat. Aber nur der Gedanke, ſie zu verlieren, der alle meine Nerven durchzitterte, er hat mir gezeigt, wie unendlich ich das Mädchen liebe. Als ich geſtern nach Lindenthal kam, war Valerie in Begleitung des Vaters und Arztes ſpazieren gegangen. Man hatte hinter⸗ laſſen, welchen Weg man einſchlagen wollte. Ich wan⸗ delte eine Zeit lang die duftenden Gänge des Gartens auf und ab. Hier gab es kein Plätzchen, wo ſie nicht geathmet. In der einen Laube, wo Herr von Riſſon gern zu ſitzen pflegt, lag ein Buch aufgeſchla⸗ gen. Als ich nach dem Titel blätterte, las ich:„El⸗ pizon, oder über ein Wiederſehen nach dem Tode.“— Auch im Garten von Lindenthal ſchwellen die Knospen der Centifolien ſichtbar. 45 Den 15. Juli. Ich habe dieſe Nacht einen himmliſch-ſchönen Traum gehabt. Warum ich ſo oft den Traumgott vergebens gefleht, iſt in Erfüllung gegangen: Valerie erſchien mir, und zwar in überirdiſcher Schönheit. Sie lächelte ſelig und blickte ſchweigend, aber voll inniger Liebe lange auf mich. Dann reichte ſie mir die Hand und ſprach:„Die Mutter und Schweſtern harren mein, ich darf nicht länger weilen.“ Sie ent⸗ ſchwebte, von roſenrothen Wolken getragen, und als ich erwachte, ſchlug die Thurmuhr die dritte Stunde. Ich ſchwelgte lange Zeit in dem himmliſchen Traum⸗ bilde, dann ſtand ich auf und ging in den Garten hinab. Die Knospen der Centifolien hingen voller Thautropfen; noch ein Sonnenblick und ſie erſchließen ſich in lieblicher Pracht. Am Abend deſſelben Tages. Gott, Gott iſt es denn möglich: kann die Bruſt eines Sterblichen eine Wonne faſſen, wie ſie nur dei⸗ nen ſeligen Geiſtern dort oben beſtimmt iſt? Ja, ich habe in deinen Himmel geſchaut, und mit Flammen⸗ lettern ſteht es in meiner Bruſt— es gibt ein ſchö⸗ neres Land denn hienieden— es gibt eine Unſterb⸗ lichkeit. Stundenlang bin ich in grauer Abenddäm⸗ merung über Berg und Thal, durch Flur und Wald geirrt, und habe den Blumen und Sternen die him⸗ melſeligen Worte zugerufen:„Sie liebt mich, ſie liebt mich, Valerie liebt mich!“ Es war bereits hoher Nachmittag, als ich hinüber ging nach Lindenthal. Herr von Riſſon wandelte mit dem Arzte die Gartengänge in geheimnißvollem Ge⸗ ſpräche auf und ab. Es ſchien mir, als ſpreche Letz⸗ terer dem alten Manne Troſt zu. Ich fragte nach 46 Valerien. Man zeigte nach dem Parke. Ich eilte dahin, durchſuchte die endloſen Gänge, ohne den Ge⸗ genſtand meiner Liebe zu entdecken. Endlich erreichte ich das äußerſte Ende des Parks. Da ſaß Valerie einſam und ſchaute nach dem Thale hinab, das wieder in himmliſcher Abendbeleuchtung ruhte. Ich flüſterte ihren Namen; ſie ſchrak, wie aus Träumen erweckt, empor; doch als ſie mich erblickte, lächelte ſie ſanft. Die Bruſt voller Himmel nahm ich an ihrer Seite Platz. Valerie war heut' ernſter und ſtiller als ge⸗ wöhnlich; ſie blickte lange ſchweigend in den immer röther werdenden Abend. Dann ſprach ſie ſanft:„Ich glaube, aus dieſem ſchönen Thale in den Himmel iſt nur ein Schritt. Es kann ja oben nicht ſchöner ſein.“ „O, Valerie,“ erwiederte ich mit einer Stimme, in welcher meine ganze unendliche Liebe zitterte,„nur wo Sie ſind, iſt der Himmel.“ Sie antwortete lange nicht, dann wandte ſie lang⸗ ſam ihr Madonnengeſicht nach mir. Ein ſeliges Lä⸗ cheln umſpielte den Mund, ihr Auge ſtrahlte voller Liebe, ſo himmliſch ſchön, wie ich es im Traume ge⸗ ſehen.„Sind Sie mir gut ein wenig?“ flüſterte ſie kaum hörbar. „Volerie!“ rief ich außer mir, ſank zu ihren Füßen und erfaßte ihre Hand, die ich mit zahlloſen Küſſen bedeckte. Sie neigte ihr Haupt über mich. Ihre Thränen fielen auf meine Hand.— Da ſtand ſie plötzlich auf und eilte, ohne ein Wort zu ſprechen, davon. Ich ſah ihr weißes Gewand traumhaft hinter den Zweigen der Bäume verſchwinden, ſank im Uebermaß meiner Seligkeit an der Raſenbank nieder und weinte lange. Tauſend Blumen blickten um mich her im Abend⸗ golde. Als ich zum Bewufßtſein gelangte, lag ein Kranz 47 von blauen Kornblumen neben mir, den ſie geflochten, aber nicht vollendet hatte. Erſt in tiefer Dunkelheit, nachdem ich Stunden lang Flur und Wald durchſtreift, kam ich nach Hauſe. Joſeph trat mir hier mit den Worten entgegen, daß ſich mit dem letzten Blicke der Abendſonne eine der Centifolien erſchloſſen habe. Einige Wochen ſpäter. Als ich am Morgen des 16. Juni erwachte, mußte ich lange darüber nachdenken, ob die Abendſcene vom vorigen Tage mit Valerien wirklich erlebt, oder ob es nur ein ſeliger Traum geweſen ſei. Der Kornblumen⸗ kranz ſprach für die Wirklichkeit. Ein ſtiller, ſeliger Frieden zog in meine Bruſt, ich fühlte mich ſo groß, geheiligt durch den Gedanken, daß mich ein Engel liebe. Lange ſchaut' ich in den lachenden Morgen hin⸗ aus; die Sonne ſtand ſchon eine Hand breit über den Bergen; ihre Strahlen zitterten in Millionen Dia⸗ manten auf Blumen und Ranken; balſamiſch duftete es aus dem Garten herauf. Eine Centifolie nach der andern öffnete ihren Purpurmund und lächelte nach Morgen. Plötzlich wurde ich durch eilende Schritte im Vorſaale aufgeſchreckt. Ein Diener Riſſon's trat athem⸗ los in's Zimmer und überreichte mir ein Billet. Dar⸗ auf ſtanden von des Doctors Hand folgende Worte: „Wenn ſie unſere Valerie noch einmal in dieſem Le⸗ ben ſehen wollen, ſo eilen Sie.“ Es ward Nacht vor meinen Augen. Wie ich nach Lindenthal gekommen, weiß ich nicht. Nur dunkel ſchwebt die Erinnerung vor mir, daß mich die weinende Katharine durch meh⸗ rere Zimmer führte, bis zu einem Vorhange, der an der einen Thür herabfiel, wo ſie mich bat, ſtehen zu bleiben. Halb bewußtlos ſchob ich den Vorhang ein wenig zurück. Da ruhte Valerie, bleich wie ein Bild 48 von Alabaſter, aber ſelig lächelnd, auf einer Ottomane. Ihr Auge ſchaute wie träumend vor ſich hin. Im ſtummen Schmerze kniete der alte Riſſon an ihrem La⸗ ger; zu ihrem Haupte ſtand der Arzt. Eine Todten⸗ ſtille herrſchte im Gemach; während draußen der fröh⸗ liche Morgen die Knospen der Centifolien zu Hunder⸗ ten aufſchloß. Leiſe ſprach Valerie:„O, traure nicht, mein guter, guter Vater; mir iſt ja ſo ſanft, ſo wohl—“ Nach einer Pauſe fuhr ſie fort: „Mir träumte dieſe Nacht, die Roſen wären auf⸗ geblüht; ich habe mich lange darauf gefreut— bringt mir doch einige.“ Der Doctor winkte Katharinen, welche leiſ wei⸗ nend an der Thüre ſtand. Dieſe eilte hinab und kehrte mit einem Körbchen wunderſchöner, halberſchloſ⸗ ſener Centifolien zurück. Man brachte Valerie die Blumen— ſie neigte ſanft das Haupt— athmete den Roſenduft— und ſank leiſe auf das Kiſſen zurück.— „O, mein Kind, mein Kind!“ rief der Vater mit ſchmerzerſtickter Stimme; der Arzt aber hob gefaltet die Hände empor und ſprach laut betend die Worte: „Allmächtiger Vater, ſo iſt Dein Himmel um einen Engel reicher!“ Zehn Jahre find dahin gegangen; nie haben die Roſen wieder ſo ſchön geblüht. Ich mußte in's Le⸗ ben zurück; die Wellen der Alltagswelt, der Staub der Geſchäfte, die Proſa des Stadtlebens ſchlugen über mir zuſammen. Es war ein ödes, unerquickliches Da⸗ ſein, und ich wäre verzweifelt, hätte nicht jener Früh⸗ ling, wo Valerie unter den Blumen wandelte, wie ein ſtiller Friede in meiner Bruſt geruht. Dahin floh ich in einſamen Stunden. 49 Und wenn ſich die Knospen der Centifolien von Neuem röthen, eile ich alljährlich auf ein paar Tage nach Tanneberg; wandle von da zwiſchen den grünen Kornfeldern den bekannten Pfad nach Lindenthal; be⸗ kränze Valeriens Grab und das ihres Vaters, welcher ein Jahr ſpäter im Tode folgte, mit jungen Roſen; beſuche all' ihre Lieblingsplätzchen, den Teich, wo ſie die Fiſche fütterte; und des Abends ſitze ich auf jener Moosbank am Ausgange des Parks, wo ſie den Kranz wand von blauen Kornblumen. Dann bin ich erquickt auf ein ganzes Jahr; und ſo durchduftet ein einziger Frühling mein ganzes Leben in erquickender Schöne. Erinnerung, pveſiereiche Tochter der Unſterblichkeit, ich kann nie ganz unglücklich werden, ſobald du mich nicht verläßt.— Nachſchrift. Mancher geehrte Kritiker dürfte ob der blumen⸗ haften Ueberſchwänglichkeit in vorſtehender Geſchichte den Kopf ſchütteln. Ich kann es ihm nicht verdenken; aber es gibt ſo Viele, die ſich ähnliche roſenrothe Er— innerungen gerettet haben aus den Zeiten des Früh⸗ lings und der Liebe, woran ſie ſich erquicken auf dem Wü⸗ ſtenwege durch's Leben— darum ſcheide ich mit der Hoffnung, daß wenigſtens dieſe mir nicht zürnen werden. Stolle, ſämmtl. Schriften. 1. 4 Die gefährlichen Bräute. Launige Erzählung. 4* De achtzehnjährige Wilhelmine, die liebliche Toch⸗ ter der armen Predigerswittwe, lag an meinem Halſe und weinte. Ich tröſtete. Vergebens. Endlich ward ich ungeduldig und ſprach:„Aber ich begreife eigent⸗ lich das große Unglück nicht, das Du bejammerſt.“ „Grauſamer!“ „Acht Tage ſind keine Ewigkeit.“ „Die Töchter des Amtsraths ſind ſchön,“ tönte es ſchluchzend. „Und wären es Engel, herabgeſtiegen aus dem ſiebenten Himmel Mahomeds, was thut's, ich ſehe ſie an und damit hollah.“ „Und reich,“ ſchluchzte es weiter. „Euch ſoll nicht gelüſten nach Schätzen, welche die Motten nagen, erwiederte ich bibelfeſt. „Ahnungen beklemmen mir die Bruſt,“ jammerte Wilhelmine. „Das iſt bei Trennungen nicht anders,“ belehrte ich,„der Menſch fürchtet gern das Schlimmſte. Schon Franklin ſagt: Was haben uns die Leiden gekoſtet, die wir fürchteten, und die uns nicht betroffen haben!“ „Dein Onkel blieb unerbittlich?“ „Stein und Eiſen ſind nichts dagegen,“ erwiederte ich;„ich ſtellte ihm vor, daß ich von den Fräuleins Junghänel ſchlechterdings keine zur Frau möchte. Sieh — ⸗ 54⁴ ſie Dir nur an, verſetzte er, ich wette, Du wirſt an⸗ derer Meinung.“ „Da haben wirs!“ rief Wilhelmine angſtvoll und klammerte ſich von Neuem krampfhaft um meinen Hals; „verlaß mich nicht, Franz.“ „Was kann ich thun?“ ſtellte ich entgegen,„der Wunſch des Onkels iſt an ſich nicht unbillig. Wider⸗ ſtrebte ich dieſem, könnte Verdacht entſtehen. Mein zweiter Vater erklärt ſich meine Abneigung gegen Jung⸗ hänel's lediglich aus dem Grunde, weil ich die Mäd⸗ chen nicht perſönlich kenne. Ich ſoll mir ſie blos an⸗ ſehen; weiter in der Welt nichts. Nun dieſen Ge⸗ fallen kann ich ihm doch erzeigen? Zudem ſind die Herbſttage ſchön und mild. Ich komme auf acht Tage von den einförmigen Comptvirarbeiten los und betrachte die Geſchichte als angenehme Erholungspartie.“ „Und an mich denkſt Du nicht,“ ſtrafte die Geliebte „Mein Herz und meine Gedanken ſind immer bei Dir,“ tröſtete ich,„wie weit mich das Schickſal ent⸗ fernte.“ Nachdem ſich Wilhelmine überzeugt hatte, daß es mein unümſtößlicher Wille war, dem Wunſche meines Oheims nachzukommen und das anderthalb Tagreiſen entfernte Wieſenthal, woſelbſt der reiche Amtsgkath Junghänel mit ſeinen drei heirathsfähigen Töchtern reſidirte, zu beſuchen, ergab ſie ſich, wiewol mit ſeuf⸗ zendem Herzen, in das Unvermeidliche. Vorher jedoch ſollte ich heilig und theuer geloben, mich in der Treue zu ihr durch die ſchönen Wieſenthalerinnen nicht wan⸗ kend machen zu laſſen. Ich that dies mit möglichſter Feier und hob die Rechte betheuernd zum abendlichen Himmel empor, wo ſchon einzelne Sterne zu flimmern begannen. Nun 3 folgte eine lange Umarmung, ein endloſer Kuß, und 55 der Abſchied, vor dem mir, offen geſtanden, ein we⸗ nig gebangt hatte, kam glücklich zu Stande. Bereits am andern Morgen fuhr ich im flotten Einſpänner in der ſchönen Herbſtlandſchaft dahin. Vor⸗ her gab's noch große Audienz beim Herrn Onkel.„Die Reiſe wird Dich nicht gereuen, Franz,“ ſprach er, „die Mädchen ſind ſchön, geiſtreich und beleſen; Du findeſt keine Gänschen, wie es von ſolchen in unſerm Kirchberg und allerorts wimmelt, Du kannſt Deine Gelahrtheit zuſammennehmen. Und was die Haupt⸗ ſache, jede bekommt ihre dreißigtauſend Thälerchen. Sieh ja, daß Du ſo ein goldenes Schwiegertöchterlein heimführſt, ich nehme Dich dann zu meinem Compag⸗ non; noch ein paar Jährchen, ich ſetze mich zur Ruhe, Du biſt in gemachter Mann, ſitzeſt warm und kannſt alle Welt auslachen. Auch wünſcht mein alter bewähr⸗ ter Freund, der Amtsrath, eine ſolche Verbindung. So wohl wird's nicht jedem Freiersmann. Ich habe mir wegen meiner Seligen die Beine bald abgelaufen. Die Alten waren dagegen und ſpieen Feuer und Flam⸗ men. Alſo das Glick liegt vor Dir, greife zu.“ „Greife zu,“ ſprach ich zu mir, als ich wohlge⸗ muth dahinfuhr,„das iſt bald geſagt, aber die Hände ſind mir bereits gebunden, guter Onkel, und das Herz dazu. Aber wenn dem auch nicht wäre, ich könnte mich auf keinen Fall entſchließen, auf dieſe Weiſe mein Glück zu ſuchen. Nichts iſt mir verhaßter als ſolche forcirte Heirathseinfädelungen durch dritte Hand. Es iſt eine Entweihung des Bundes, der nur von lieben⸗ den Herzen geſchloſſen werden ſoll. Da ich jedoch dem Onkel ſchon dadurch einen wahrhaften Gefallen erzeige, daß ich nach Wieſenthal einige Tage auf Beſuch gehe, ſo kann ich mir die Brautſchau gefallen laſſen. Die⸗ 4 56 ſes Opfer bin ich meinem Wohlthäter, dem ich Alles verdanke, gewiß ſchuldig. Ich bin ja gar nicht ge⸗ zwungen, eine der Fräulein Junghänel zu ehelichen; blos anſehen ſoll ich ſie, das kann den Kopfnicht koſten.“ Unter ſolchen Selbſtgeſprächen rollte mein Wäg⸗ lein unverdroſſen die Chauſſee dahin. Es war ein ſchöner Herbſtvormittag. Die Sonne ſtand klar und mild über den Bergen, auf welchen bald die fröhliche Weinleſe ihren Anfang nehmen ſollte. Rings war die fruchtbarſte Herbſtlandſchaft vor mir aufgerollt. Die Aeſte der zahlreichen Obſtbäume neigten ſich ſchwer be⸗ laſtet zur Erde. Von Baum zu Baum, welche zu beiden Seiten der Chauſſee gepflanzt waren, hatten fleißige Spinnen während der Nacht ihre ſeidenen Sil⸗ berfäden gezogen, an welchen Thautropfen wie Dia⸗ manten blitzten. „Neugierig bin ich ein wenig auf die D chter des Amtsraths,“ fuhr ich in meinem Selbſtgeſpräche fort; „der Onkel konnte nicht Rühmens genug von ihrer Schönheit machen. Ich begreife übrigens nicht, warum ſich die Mädchen nicht ſchon längſt verthan haben, wenn es ſolche Wunderkinder ſind. Wahrſcheinlich hat ſich der gute Onkel durch die harten Thaler etwas blen⸗ den laſſen, wie das bei ſolchen alten Herren und ſpe⸗ kulirenden Kaufleuten gewöhnlich der Fall iſt⸗ Worauf ich mich auf meiner Fahrt beſonders ge⸗ freut hatte, das waren einige kleine Abenteuer, die mir zuſtoßen ſollten; ich liebte dergleichen ſeit je; meine Hoffnung ſollte indeß nicht in Erfüllung gehen; die Reiſe lief ohne die geringſte Erheblichkeit ab. Da⸗ für ſollten die Abenteuer am Orte meiner Beſtimmung um ſo außerordentlicher über mich hereinbrechen. 57 Es war in der zehnten Vormittagsſtunde am fol⸗ genden Tage, als ich bei der großen und ſchönen Be⸗ ſitzung des reichen Amtsraths wohlbehalten anlangte. Der Morgen war ſo ſchön, die Gegend ſo reizend, daß ich beſchloß, meinen Wagen einſtweilen in einem ungefähr eine Viertelſtunde von Wieſenthal gelegenen Gaſthauſe einzuſtellen und mich zu Fuß nach dem Gute auf den Weg zu machen. Nachdem meine Toilette in Ordnung gebracht war, ſetzte ich den gefaßten Entſchluß in's Werk und wan⸗ derte den ſauber gehaltenen Fußſteig wie ein junger Gott dahin. Bald lagen die ſtattlichen Gebäude des amtsräth⸗ lichen Gutes in einiger Entfernung vor mir. Ich brauchte blos noch ein kleines freundliches Birkenwäld⸗ chen zu paſſiren, ſo hatte ich den großen gutsherrli⸗ chen Garten erreicht, welcher unmittelbar an die Wohn⸗ gebäude grenzte. Ich ſchaute überall, ſo weit es die Ausſicht erlau⸗ ben wollte, umher, ob ich nicht eine der Grazien er⸗ blicken könne, die ich mir, nach meines Onkels Wunſche, zur Frau erwählen ſollte. Aber nirgends gewahrten meine Blicke etwas derartiges. Nur in dem einen Krautfelde zur Rechten waren ein paar Bäuerinnen beſchäftigt. Eben ſtand ich in Begriff, das Birken⸗ wäldchen zu betreten, als ungefähr zweihundert Schritte entfernt eine ſchlanke Frauengeſtalt, in ein ſtattliches Jagdgewand gekleidet, eine Doppelflinte in der Hand, aus dem Blättergrün trat. Sie ſchien, auf ihr Ge⸗ wehr gelehnt, ihre Blicke entzückt über die herbſtliche Landſchaft ſchweifen zu laſſen. „Wenn das eine von Junghänel's Töchtern iſt,“ ſprach ich zu mir,„ſo hat der Onkel doch ſo unrecht nicht; das Mädchen ſcheint wirklich ſehr ſchön zu ſein.“ 58 Ich mochte aber nicht den unberufenen Beobachter abgeben und wünſchte das ſchöne Frauenbild in ihrer Naturanſchauung nicht zu ſtören, ſondern that, als habe ich die intereſſante Erſcheinung mit keinem Blicke bemerkt und ſchritt weiter. Kaum war ich aber einige Schritte dahin, als eine weibliche Stimme ein kräfti⸗ ges:„Halt!“ rief. Ich dachte, das kann doch dir unmöglich gelten und ſchritt weiter. Da knackte ein Hahn, der Schuß krachte durch den Wald und eine Kugel pfiff gar nicht hoch über meinem Kopfe dahin. Jetzt blieb ich allerdings ſtehen. „Das Weib muß wahnſinnig ſein,“ dachte ich bei mir, und warf einen ſcheuen Blick nach der verwege⸗ nen Schützin. Dieſe kam jetzt langſam auf mich zu. Ich überzeugte mich immer mehr von ihrer außeror⸗ dentlichen Schönheit. Ein Wuchs, wie er ſobald nicht wieder gefunden werden dürfte, durch das knappanlie⸗ gende Jagdkleid grazienhaft gehoben, blonde Locken, in reicher Fülle das blühende Antlitz umwogend. „Was hilft die ſchöne Form,“ ſprach ich zu mir, „wenn ſie von einem irren Geiſte bewohnt wird.“ Die Jägerin war mir jetzt ungefähr auf funfzig Schritte nahe gekommen. „Wer heißt Sie nicht ſtehen bleiben,“ frug ſie mit gebieteriſcher, aber wohllautender Stimme,„wenn ich Ihnen Halt! zurufe?“ „Meine Gnädige—“ erwiederte ich ſtockend, von der zürnenden Schönheit ganz geblendet. „Ich bin nicht gnädig,“ unterbrach ſie ſchnell, „nur Gott iſt gnädig. Warum blieben Sie jetzt ſtehen?“ „Wenn ich nicht irre, ſo flog eine Kugel über mir dahin—“ „Fürchten Sie ſich vor Kugeln?“ 59 „Je nun— „Pfui, ein Mann ſoll ſich nicht fürchten.“ „Es kann doch Fälle geben.“ „In keinem Falle darf ein Mann Furcht zeigen, am wenigſten vor einem Frauenzimmer. Sie fürchte⸗ ten wohl, ich könne Sie verletzen?“ „Nahe genug pfiff das Blei vorüber.“ „Wie? glauben Sie, daß mir's um Ihr armes Leben zu thun, daß ich Mörderin ſei?“ „Dieſes weniger, mein Fräulein.“ „Alſo ziehen Sie meine Geſchicklichkeit im Schießen in Zweifel?“ „Durchaus nicht.“ „Wohlan, Sie ſollen dieſe kennen lernen. Ueber Ihrem Kopf hängt ein ſchöner Borsdorfer. Legen Sie dieſen auf Ihren Handteller und ſtrecken Sie den Arm aus, ich ſchieße den Apfel herunter. Wetten wir?“ „Ich liebe dergleichen Wetten nicht.“ „Schon wieder Furcht?“ „Der Menſch hat ſeine ſchwachen Stunden.“ „Haſenherz!“ höhnte das entſetzliche Frauenbild, zielte von Neuem direct auf meinen Kopf und der Hahn knackte. „Sind Sie raſend!“ ſchrie ich entſetzt; doch im Augenblicke blitzte auch das Zündkraut, ein Schuß krachte. Ich denke, ich ſoll im erſten Schrecken zur Erde fallen, das Ungeheuer mußte meinen Hut ge⸗ troffen haben. „Nehmen Sie einmal den Hut ab!“ Mechaniſch gehorchte ich. Die außerordentliche Schützin hatte mir den Fichtenzweig herabgeſchoſſen. Ich zitterte am ganzen Leibe. „Wo ſoll denn die Reiſe hingehen?“ fuhr ſie fort. Um die Furchtbare nicht von Neuem zu erzürnen, 60 erwiederte ich ſo höflich wie möglich:„Nach Wieſen⸗ thal zum Herrn Amtsrath.“ „Da nehmen Sie ſich vor deſſen Töchtern in Acht!“ lachte der weibliche Kobold und verſchwand im Walde. Ich beflügelte meine Schritte, um ſo bald als möglich aus der Nähe dieſes ſchießluſtigen Weſens zu kommen. „Alle Wetter!“ ſprach ich zu mir,„gebt denn etwa in Wieſenthal die Türkei an oder das Mittel⸗ alter, wo man aus bloßem Zeitvertreib auf die Men⸗ ſchen ſchießt? Wer war denn dieſes frevelhafte Frauen⸗ zimmer? Ein Spukgeiſt, der die Leute ſchreckt, oder ein lebendes Weſen mit Fleiſch und Bein? Ich glaube erſterer; denn wo wollte ein irdiſches Mädchen dieſe Geſchicklichteit im Schießen und dieſe frevelnde Ver⸗ meſſenheit, auf den Kopf eines friedlichen Wanderers zu zielen, herhaben? Zwar ſchön, himmliſch ſchön war die Erſcheinung; aber Gott bewahre mich vor ſolcher Schönheit, die einem mir nichts, dir nichts das Lebens⸗ licht ausbläſt. Nein, da lobe ich mir meine Minna, wenn ſie auch nicht ſo reizend iſt, wie dieſer zweite Wilhelm Tell.“ „Sagte dieſer Kobold, Waldgeiſt, Nimrod, oder wer es geweſen iſt,“ fuhr ich in meinem Selbſtge⸗ ſpräche fort,„ſagte er nicht, daß ich mich vor Amts⸗ raths Töchtern in Acht nehmen ſollte? Nun, wenn das eben ſolche gefährliche Schönheiten ſind, will ich Gott danken, Wieſenthal wieder im Rücken zu haben. Ich will nicht hoffen, daß dieſe Waldhexe ſelbſt ein Fräulein Junghänel war. Doch nein, ein Geiſt nur, ein tückiſcher Kobold konnte ſo mit mir verfahren, wie dieſe famoſe Schützin.“ Obwohl ich aller Augenblicke ſcheu umherſpähte, ſo 61 war ich doch ſo glücklich, der gefährlichen Erſcheinung nicht wieder anſichtig zu werden, und ich erreichte un⸗ verſehrt das Ende des Birkenwäldchens. Man ſoll im Leben nie fteveln. Ich hatte mir immer ein in⸗ tereſſantes Abenteuer gewünſcht, hatte mit meinem Mißgeſchick ordentlich gegrollt, daß es mich gar zu ſtiefmütterlich behandle und proſaiſch abſpeiſe; jetzt brauch' ich fürwahr nicht mehr zu klagen; ein rvman⸗ tiſcheres Abenteuer konnt' es gar nicht geben. Leider ſollt' ich für meinen Uebermuth noch härter gezüchtigt werden. Es verſündige ſich doch Niemand an ſeinem Schickſal, indem er gegen daſſelbe murrt. Noch ganz aufgeregt von dem Erlebten ſchritt ich die Mauer entlang, welche den ſchönen Garten des Guts Wieſenthal umgab. Ich trat in den geräumi⸗ gen Hof und erkundigte mich bei einigen Leuten, welche Holz ſägten und ſpalteten, nach dem Herrn Amtsrath. „Peter!“ rief der eine der Holzhauer einem zehn⸗ jährigen Buben zu,„führe einmal den Herrn zum Herrn Amtsrath.“ Peter ſprang voran, ich folgte und bald befand ich mich dem noch im beſten Mannesalter ſtehenden Junghänel, den ich auf der Fabrik meines Onkels wiederholt geſehen zu haben mich erinnerte, gegenüber. Er erkannte mich ſogleich und umarmte mich herzlich. „Seien Sie mir ſchönſtens willkommen auf Wie⸗ ſenthal,“ rief er,„ich habe ſchon lange auf Sie ge⸗ hofft und meinem alten Freunde deshalb wiederholt geſchrieben.“ Ich verneigte mich pflichtſchuldigſt. „Machen Sie ſich's bequem, mein lieber Freund,“ fuhr Junghänel gaſtfreundlich fort,„ich werde Ihnen ſogleich Ihr Zimmer anweiſen laſſen. Doch vorerſt 62 laſſen Sie uns ein Fläſchchen Steinberger Cabinet ausſtechen.“ Der Mann gefiel mir. Auf ſeinen Ruf erſchien ein Diener mit Wein und kalter Küche. Wir nahmen Platz. Man genoß von dem Eckfenſter, an welchem wir ſaßen, eine erquickende Ausſicht über die anmuthige Landſchaft. „Es iſt Jammerſchade,“ begann mein wackerer Gaſt⸗ freund,„daß Sie gerade zu einer Stunde eingetroffen ſind, wo meine Töchter abweſend, und auch alle drei, ich möchte Ihnen die Mädels gern vorſtellen. Hoffent⸗ lich, daß ſie den Nachmittag zurückkehren.“ „Wahrſcheinlich auf Beſuch auswärts,“ ſprach ich. „Das weniger,“ erwiederte Junghänel,„es iſt jede ihren Geſchäften nachgegangen.“ „Ihren Geſchäften nachgegangen?“ frug ich mich, „was haben denn dieſe Fräuleins für Geſchäfte?“ „Doch damit Sie meine Familie wenigſtens im Bilde kennen lernen,“ ſprach der Amtsrath weiter,„ſo haben Sie die Güte, mir in das Nebenzimmer zu folgen, wo ich alle Glieder derſelben habe abconter⸗ feien laſſen.“ Ich folgte. Aber wie ward mir, als mir aus den goldenen Rahmen die drei Grazien Griechenlands ent⸗ gegenlächelten, von ſo bezaubernder, hinreißender Schön⸗ heit waren die Bildniſſe. In demſelben Augenblicke aber packte mich auch Entſetzen, denn die eine der drei Grazien war ja Niemand anders, als der Kobold, die Waldhexe, der Wilhelm Tell, der mich vor einer klei⸗ nen Stunde beinahe vor den Kopf geſchoſſen hatte. „Die Blonde hier,“ erklärte Junghänel die Por⸗ traits,„iſt meine Louiſe, die älteſte des töchterlichen Kleeblatts, ein wahrer Wildfang und Springinsfeld, an der ein Junge verdorben iſt. Ich nenne ſie nie anders als meinen Nimrod, weil ſie die Jagd ledien⸗ — 63 ſchaftlich liebt. Ich habe zwar bei Mädchen ſolche Leidenſchaften nicht gern; aber ich denke, Jugend will ſich austoben, und da das Mädchen ſonſt von Herzen ein wahrer Engel iſt, drücke ich bei ihren ritterlichen Uebungen gern ein Auge zu.“ „Ritterliche Uebungen?“ frug ich. „Allerdings,“ fuhr der gute Papa fort,„Lyuiſe ficht, reitet, ſchießt wie ein alter Student; wie geſagt, ein Junge iſt an dem Mädel verdorben.“ „Was das Schießen des Fräuleins anbelangt,“ ſprach ich,„ſo glaub' ich bereits heute Morgen einer Probe beigewohnt zu haben. Sie hat mir einen Fich⸗ tenzweig vom Hute geſchoſſen.“ „Was Sie ſagen,“ rief Junghänel überraſcht,„dem⸗ nach hätten Sie bereits ihre Bekanntſchaft gemacht?“ Ich erzählte mein Abenteuer. „Ein Blitzmädel,“ ſchmunzelte der Amtsrath,„ja darin erkenne ich ſie. Sie hatten übrigens nichts zu befürchten; Louiſe führt eine ſehr ſichere Hand und zielt äußerſt ſcharf.“ „Ich erlaube mir die Bemerkung, daß ich derglei⸗ chen männliche Beſchäftigungen für eine junge Dame doch nicht ganz paſſend finde.“ „Freilich, freilich,“ geſtand der in ſeine Töchter verliebte Vater,„Sie haben da vollkommen Recht; ich predige alle Tage. Aber zu einem Ohre hinein, zu dem andern hinaus. Will ich ſtreng werden und ziehe meine Stirne in krauſe Falten, fliegt mir das Kind ſchluchzend um den Hals, verſpricht und gelobt Beſſerung bei allen Heiligen des Kalenders und läßt nicht nach, bis ich wieder freundlich ſehe. Dann eilt ſie fort und alle guten Vorſätze ſind vergeſſen. Man iſt zu ſchwach gegen den Wildfang, ich gebe es zu.“ Der Amtsrath kam jetzt zu dem Portrait der zwei⸗ —— 6⁴ ten Tochter, Emilie mit Nann. Es war die ſchönſte Brünette, die mir je auf meinem Lebenswege vorge⸗ kommen; eine hohe gebietende Schönheit; aber auch in dieſen Zügen war ein gewiſſer männlicher Ernſt und Entſchloſſenheit nicht zu verkennen. Ich ſtand mit Entzücken vor dem ſchönen Bilde und konnte mich nicht ſattſehen. Der Amtsrath bemerkte mein Intereſſe, das ich an dem Bilde nahm, nicht ohne Wohlgefallen und fuhr in ſeiner Erläuterung fort: „Das iſt mein Dieffenbach,“ ſprach er. „Dieffenbach?“ frug ich verwundert. „Nicht anders,“ lächelte der Amtsrath,„Emilie iſt der geſchickteſte Chirurg und Operateur der ganzen Gegend. So eben iſt ſie im Dorfe beſchäftigt, einem Landmann den Arm abzulöſen; es war das einzige Mittel, den Unglücklichen vom Tode zu retten.“ „Ein erhabener Beruf,“ lobte ich, obſchon er mir bei ſo einer reizenden Dame nicht recht behagen wollte. Wir traten zu dem dritten Portrait, welches nicht minder reizend als die beiden andern auf den Be⸗ ſchauer herniederlächelte. Reiche dunkle Locken um⸗ wogten das blühende Antlitz, die Züge waren ſanfter als bei den Schweſtern und ſprachen noch verführe⸗ riſcher zum Herzen. „Hoffentlich,“ dachte ich bei mir,„wird dieſe nicht die ſonderbaren Leidenſchaften von Nimrod und Dief⸗ fenbach theilen, ſie ſcheint mir weit milder, weiblicher.“ „Das iſt mein Oken,“ ſprach Junghänel. „Wie? Der Naturforſcher?“ „So iſt's,“ fuhr mein Cicerone fort,„dieſe meine jüngſte Tochter führt eigentlich den Mädchennamen Erneſtine; aber ich nenne ſie nur meinen Oken. Das Mädchen iſt in der Naturgeſchichte bewandert wie ein Profeſſor. Nichts geht ihr über das Studium der 65 Natur, mit welchen Unannehmlichkeiten daſſelbe auch oft verbunden iſt.“ „Unannehmlichkeiten?“ „Allerdings; ſehen Sie, mein junger Freund, das Mädchen bringt mir von ihren Wanderungen durch Berg und Thal, Buſch und Flur, ſo viel ſcheußliches Gewürm in's Haus, daß ich wiederholt ſchon recht böſe geworden bin. Ueberall krabbelt's, ſpringt's und ringelt ſich's von Schlangen, Eidechſen, Kröten. Dazu iſt Erneſtine eine große Freundin von Spinnen, wo⸗ von ſie ein auserleſenes Cabinet beſitzt. Wenn Sie ihr könnten eine amerikaniſche Tarantel verſchaffen, wonach dermalen ihre ganze Sehnſucht gerichtet iſt, würden Sie ſich eine große Stufe bei ihr im Him⸗ mel erbauen.“ Ich ſchauderte. „Ja, Sie ſollten Oken's Bondoir ſehen,“ fuhr der glückliche Vater fort,„da glaubt man ſich nicht in dem Gemache einer Dame, ſondern in einem na⸗ turhiſtoriſchen Muſeum.“ „Aber!“ rief ich voller Verwunderung aus,„wie ſind nur Ihre verehrten Töchter, Herr Amtsrath, auf ſolche ſonderbare, dem mädchenhaften Charakter im Grunde ganz zuwiderlaufende Paſſionen gekommen?“ „Das will ich Ihnen ſagen, mein junger Freund,“ erzählte Junghänel.„Sehen Sie, der Grund davon iſt kein anderer, als weil den Mädchen die Mutter, mein braves Weib, deſſen Bild gleichfalls hier zu ſchauen, zu früh hinwegſtarb. Ich konnte mich um ihre Ausbildung damals leider wenig bekümmern, glaubte Alles gethan zu haben, wenn ich die Kinder einem Hofmeiſter übergab, der mir hochgerühmt wor⸗ den war, der aber die Mädchen wie Knaben erzog. Ihr einziger Umgang war mein Sohn Bernhard, der Stolle, ſämmtl. Schriften. I. 5 66 mir unglückſeliger Weiſe auf der hohen Schule, wo er Medizin ſtudirte, beim Baden ertrank. Von ihm haben die Schweſtern ihre verſchiedenen Paſſionen ge⸗ lernt und ererbt, Louiſe ihr Fechten, Reiten, Schießen, Emilie ihre Chirurgie und Erneſtine ihre Naturkunde. Indeß lebe ich der ſchönen Hoffnung, daß wenn meine Töchter Männer ihres Herzens gefunden haben, dieſe ſonderbaren Leidenſchaften von ſelbſt hinwegfallen; die Hauswirthſchaft wird ihnen weder zur Jagd, noch zu Amputationen, noch zu naturgeſchichtlichen Unterſu⸗ chungen die gehörige Zeit laſſen. Ich geſtehe, ich hätte vielleicht früher ſtrenger mit den Mädchen ver⸗ fahren ſollen, aber das Uebel iſt einmal geſchehen und nicht zu ändern. Hoffen wir das Beſte von der Zukunft.“ Je länger ich über die ſeltſamen Eigenheiten des wunderſchönen Schweſternkleeblatts nachdachte, deſto lie⸗ ber wurden mir die Paſſionen. Sie gaben mir ja den ſchönſten Entſchuldigungsgrund beim Onkel, wenn ich ſeinen Heirathswünſchen nicht zu entſprechen ver⸗ mochte. Ich konnte doch unmöglich einen Nimrod, einen Dieffenbach, einen Oken zur Frau nehmen. Jeder billig denkende Menſch mußte das einſehen. Was half hier alles Gold und alle Schönheit! Aber auf die perſönliche Bekanntſchaft der beiden jüngern Schweſtern war ich demungeachtet ſehr begierig. Es mußten wunderſchöne Mädchen ſein. Nach Herrn Nim⸗ rod ſehnte ich mich weniger, der Schrecken von heut Morgen lag mir noch in den Gliedern; ich fürchtete ordentlich die Nähe dieſer Schützin. Das deſperate Mädchen war im Stande, mir den Biſſen vor dem Munde, die Tabaksdoſe vor der Naſe weg zu ſchießen. Mit Feuergewehr iſt aber nicht zu ſpaßen. Das lehrt die Erfahrung. Ich kehrte mit Herrn Junghänel, nachdem wir die 67 Familiengallerie die Revue hatten paſſiren laſſen, in das Frühſtückzimmer zurück. Kaum hatten wir uns niedergelaſſen, als Hundegebell im Hofe vernehmbar ward und auf ſchneeweißem Zelter Fräulein Louiſe durch das Hofthor ſprengte. Man konnte in der That nichts Reizenderes ſehen, als dieſe ſchlanke, kühne Reiterin im ſchmucken Jagdgewand. Jede Bewegung war anmuthvoll, grazienhaft. Und gleichwohl konnt' ich eine gewiſſe Furcht vor dem ſeltenen Mädchen nicht unterdrücken. Nachdem Louiſe mehrere Male auf⸗ und niederge⸗ ritten, ſchwang ſie ſich leicht aus dem Sattel und eilte dem Hauptportale zu. „Nun werden Sie den Wildfang in der Nähe zu ſehen bekommen,“ ſprach der Amtsrath, welcher vom Fenſter aus der Reiterin nicht ohne Wohlgefallen zu⸗ geſchaut hatte. Wie er prophezeit, ſo geſchah es, die Thüre ſprang auf, Lvuiſe ſtürmte herein und floh, ohne meine Ge⸗ genwart im Geringſten zu beachten, dem Amtsrath an den Hals. „Tolles Mädchen,“ ſchalt Junghänel, ſein Wohl⸗ wollen mit Mühe unterdrückend, in ſtrafendem Tone, „ſiehſt Du nicht, daß noch Jemand im Zimmer, ein mir ſehr werther Freund?“ Die vom forcirten Ritte noch glühende Schöne erhob jetzt ihre bezaubernde Heldengeſtalt und maß mich mit einem Blicke, in welchem durchaus kein freundliches Willkommen zu leſen war. Ein ſpötti⸗ ſcher Zug umzog den ſchönen Mund. „Wenn ich nicht irre,“ ſprach ſie kalt,„hab' ich ſchon heut' Morgen die Bekanntſchaft dieſes Herrn gemacht.“ „Ich war ſo glücklich,“ erwiederte ich mit einer 5 68 Verbeugung,„Ihrer Schußfertigkeit zur Zielſcheibe zu dienen.“ „Ich hätte gewünſcht, daß Du Dich artiger be⸗ nommen,“ ſtrafte der Amtsrath,„Du bleibſt doch un⸗ verbeſſerlich, Lyuiſe.“ „Alſo ſchon geplaudert?“ frug das Mädchen in einem Tone, der ziemlich höhniſch klang. Dann wandte ſie ſich zu Junghänel:„Denke nur, mein Vater,“ ſprach ſie lachend,„der junge Mann fürchtete, ich habe es auf ſein armes Leben abgeſehen.“ „Wie ſprichſt Du wieder,“ rügte der Alte,„ich verlange, daß Du einem Gaſte, der mir ſo werth iſt, die gebührende Achtung zolleſt.“ Louiſe erwiederte nichts und trat mißmuthig an's Fenſter, wo ſie ſich Kühlung zuwehte. Nach einigen Augenblicken trat ſie jedoch ſchnell auf mich zu. „Sind Sie geübt im Piſtolenſchießen?“ „Vor mehreren Jahren,“ geſtand ich,„hab' ich zuweilen mit einem alten Pappenheimer auf unſerm Schützenhauſe nach der Scheibe geſchoſſen.“ „Wohlan,“ ſprach ſie ſchnell,„ſo folgen Sie mir zu meinem Schießſtande. Wir ſchießen Wette.“ „Aber, meine Tochter,“ meinte der Amtsrath, „gönne doch unſerm Gaſte für heute Ruhe; Ihr könnt Euch ja morgen, übermorgen genug mit Schießen er⸗ luſtiren.“ „Nicht wahr, Sie ſind nicht müde?“ frug ſie zu mir gewendet. Was wollt' ich machen, ich mußte verneinen. „Aber,“ hielt ich entgegen,„ich werde bei Ihrer Geſchicklichkeit auch gar zu ſehr in den Schatten kommen.“ „Bleibt ſich gleich,“ verſetzte Louiſe, und zog mich faſt wider Willen mit fort. 69 „Aber wir werden bald eſſen!“ rief uns der Va⸗ ter nach. „Habt ja erſt gefrühſtückt,“ erwiederte die Schieß⸗ luſtige,„wer wird ſo unmäßig ſein!“ Ich befand mich mit der ſchönen Blondine alsbald im Bereiche des Schießſtandes, den ſich Louiſe eigens hatte herſtellen laſſen. Das Mädchen verſtand das Schießgewehr mit einer Leichtigkeit und Sicherheit zu handhaben, daß ich mir wie Hans Taps dagegen vor⸗ kam. Ich hatte wohl ſeit fünf Jahren kein Piſtol in der Hand gehabt. Das Schießen nach der Scheibe begann. Wie ich vorausgeſehen, konnte ich mich mit der geübten Schützin im Entfernteſten nicht meſſen. Ich war froh, wenn ich nur die etwa tellergroße Scheibe traf, während Loui⸗ ſens Kugel faſt jedesmal regelmäßig im Schwarzen ſaß. Das Mädchen bekam indeß das Zielen auf einen unbeweglichen Gegenſtand bald überdrüſſig. Sie ſchoß nach Vögeln, hin und herſchwebenden Baumfrüchten. Endlich erreichte ihr Uebermuth den höchſten Grad. Sie zog ein Cveuras aus dem Buſen. „Halten Sie das Kartenblatt in die Höhe!“ Mir ward wieder ganz unheimlich.„Zu welchem Zwecke, mein Fräulein?“ „Ich werde das As aus der Karte ſchießen. Sie brauchen nicht ſtill zu halten und können den Arm getroſt auf⸗ und abbewegen.“ „Aber, mein Fräulein, bedenken Sie!“ „Achtung, ich gebe Feuer!“ Ich warf aber das verwünſchte Blatt von mir. „Sie freveln!“ rief ich;„ich ziehe ja Ihre Fertig⸗ keit im Geringſten nicht in Zweifel. Im Gegentheil—“ Louiſe ſtand mit geſpanntem Piſtol vor mir, wie ein Engel des Gerichts. 70 „Werden Sie ſogleich das Blatt aufheben und mir zum Ziel hinhalten? oder ich verſenge Ihnen eine Locke mit der Kugel.“ „Treiben Sie nicht muthwilligen Scherz, ich be⸗ ſchwöre Sie.“ „Ich ſcherze nicht,“ erwiederte die Entſetzliche mit kalter Ruhe und ſchlug auf mich an, gerade auf mei⸗ nen Kopf. Mir verging Hören und Sehen. Ich bückte mich, hob das heilloſe Blatt auf und ſtreckte es ſo weit als möglich von mir. Ich fühlte, daß ich etwas zitterte; aber ich wollte lieber meinen Arm Preis geben, als den Kopf. Das Piſtol krachte, unwillkürlich zuckte meine Hand, Louiſe kam auf mich zugeſprungen. „Die Karte her!“ Das Blitzmädchen hatte wirklich das Cveuras her⸗ ausgeſchoſſen; ich war aber trotz dieſer Geſchicklichkeit auf's Höchſte empört. „Mein Fräulein,“ ſprach ich,„offen geſtanden, dergleichen Scherze liebe ich durchaus nicht.“ „Das iſt mir gleich,“ erwiederte ſie lachend,„aber mir gefallen ſie.“ „Würden Sie mir wohl Revange geben und auch mir das Blatt halten?“ „Warum nicht? ſobald Sie meine Fertigkeit beſitzen.“ „Und wenn ich ein zweiter Wilhelm Tell wäre, würde ich nicht auf einen Menſchen zielen. Das iſt Frevel!“ „Sie ſind ein Philiſter,“ ſpottete die Leichtfertige und hüpfte lachend davon, mich unhöflicher Weiſe allein und meinen eigenen Betrachtungen überlaſſend. „Nun ſo ein Weſen zur Frau zu haben,“ ſprach ich für mich,„das muß eine Luſt ſein; da wäre man ja keine Stunde ſeines Lebens ſicher! Nein, die könnte „ im Golde ſitzen bis über die Ohren, da ſollte mich nicht gelüſten. Gute Minna, biſt du auch nicht ſo ſchön, du haſt nichts zu befürchten.“ „Ich ſehe wohl,“ fuhr ich in meinem Selbſtge⸗ ſpräche fort, indem ich den Weg nach dem Herren⸗ hauſe wieder einſchlug,„daß hier mein Bleiben von keiner langen Dauer ſein wird.“ Der alte Junghänel kam mir entgegen. Er ſchien mir den Unmuth anzuſehen. „Der Nimrod,“ ſprach er,„hat Ihnen gewiß wie⸗ der einen kleinen Schrecken eingejagt.“ „Allerdings,“ entgegnete ich ziemlich ungehalten, „das Fräulein mag eine vortreffliche Schützin ſein; aber ich liebe dergleichen militäriſche Exercitien nicht.“ „Sie haben im Geringſten nichts zu befürchten.“ „Der Teufel auch,“ dachte ich und erwiederte: „Niemand hat den Flug des tödtlichen Bleies in ſei⸗ ner Gewalt, ein ſchnellerer Pulsſchlag, ein Mücken⸗ ſtich kann dem Laufe des Gewehrs eine andere Rich⸗ tung geben.“ Der Amtsrath ſchien die Wahrheit meiner Worte einzuſehen. Er entgegnete nichts und brachte das Ge⸗ ſpräch auf andere Gegenſtände. Wir wandelten den Gartenzaun entlang und blieben bei einer gigantiſchen Sonnenroſe ſtehen, deren Maje⸗ ſtät unſerer beider Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. „Ich entſinne mich nicht, ein ſo außerordentliches Exemplar geſehen zu haben,“ geſtand ich. Junghänel aber meinte, daß tiefer im Garten noch prächtigere Sonnenroſen anzutreffen wären. Während wir noch in Betrachtung der flammen⸗ den Blume daſtanden, krachte ein neuer Schuß, die Kugel pfiff keine zwei Schuh von uns vorbei und 72 ſchnitt wie ein Meſſer die Sonnenroſe von ihrem Stengel, daß ſie im Nu zu unſern Füßen lag. Jetzt ward es ſelbſt Junghäneln außer'm Spaße. „Sie haben Recht,“ ſprach er,„das Mädchen treibt es zu toll!“ und zu Louiſen gewendet, deren Engels⸗ geſicht hinter einem Strauche blühender Georginen lachend hervorſchaute, befahl er im zornigen Tone, das Gewehr ſofort in die Rüſtkammer zu tragen und binnen vierundzwanzig Stunden nicht wieder anzu⸗ rühren. Nimrod verſchwand. „Ich hoffe,“ ſprach begütigend der Amtsrath, in⸗ dem wir dem Herrenhauſe zuſchritten,„daß meine Emilie den übeln Eindruck verlöſchen wird, welchen die Schweſter durch ihre allerdings etwas bizarren Launen bei Ihnen hervorgebracht hat. Dieſe iſt ganz das Gegentheil, und während jene durch ihre Schieß⸗ luſt alle Welt in Schrecken ſetzt, wird dieſe wieder durch ihre dankbarere Kunſt zum Wohlthäter der Hülfsbedürftigen.“ Wir gelangten jetzt in das Gemach, wo der Mit⸗ tagstiſch auf das Geſchmackvollſte ſervirt ſtand. Es waren fünf Cvuverts aufgelegt; für Junghänel, ſeine drei Töchter und meine Wenigkeit. Ein Diener trat ein und frug, ob angerichtet werden könnte. „Sind denn Emilie und Erneſtine noch nicht zu⸗ rück?“ meinte der Alte. „Noch nicht.“ „Und Lyuiſe?“ „Das Fräulein iſt ſveben davon geritten.“ „Wohlan,“ verſetzte der Amtsrath, ohne weitere Mißbilligung laut werden zu laſſen,„ſo eſſen wir allein.“ „Ich begreife eigentlich nicht,“ fuhr er, nachdem wir uns niedergelaſſen hatten, fort,„was der Wild⸗ 73 fang vor hat. So ausgelaſſen wie heute iſt mir das Mädchen noch nicht vorgekommen.“ Mir war das Außenbleiben Nimrod's gar nicht unangenehm; ich glaube, ich hätte keinen Biſſen mit Ruhe hinunter gebracht. Ein paar Piſtolen nahm ſie gewiß jedesmal mit zu Tiſche. Das Diner war wirklich delikat. Der Schrecken, den mir das ſchießluſtige Mädchen beigebracht, hatte mich ordentlich hungrig gemacht. Ich war eben im beſten Einhauen begriffen, als ſich die Thür aufthat und die dunkellockige Emilie hereintrat. Das Portrait in der Familiengallerie hatte nicht gelogen, das Mädchen war wo möglich noch reizender als Louiſe. Ich war wie bezaubert von der engel⸗ haften Erſcheinung. Ich erhob mich und machte meine ehrfurchtsvolle Verbeugung. Enilie aber achtete, wie heute Vormittag Louiſe, nicht im Geringſten auf mein Compliment, eilte auf den Vater zu und umarmte ihn herzlichſt. „Vortrefflich gelungen!“ rief ſie,„ich bin ganz glücklich, der brave Arnold iſt gerettet. Sieh einmal, der Arm war ſchon ganz in Brand übergegangen.“ Mit dieſen Worten wickelte ſie das amputirte Glied aus einem leinenen Tuche und zeigte es dem Vater hin. Ich, der ich von je eine wahrhafte Averſion gegen alle chirurgiſchen Operationen empfand, entſetzte mich beim Anblicke des blutenden Arms. Mein Appetit war dahin. „Aber, Mädchen,“ ſchalt der Amtsrath,„wir ſpei⸗ ſen jetzt; wie kannſt Du uns ſolche Dinge vor die Augen bringen?“ „Naturalia non sunt turpia,“ erwiederte heiter der weibliche Chirurg,„was kümmert ſich Kunſt und Wiſſenſchaft um Deinen Appetit.“ 7⁴ „Wenn auch mir weniger,“ fuhr der Alte fort, „ſo biſt Du doch hier meinem Gaſte mehr Rückſicht ſchuldig. Herr Franz Steinmann,“ fuhr er, mich vor⸗ ſtellend, fort,„der Neffe meines wackern Freundes, von dem ich Dir oft erzählt habe.“ Dieffenbach warf bei dieſen Worten nicht eben die freundlichſten Blicke auf mich. „Wenn ich gewußt hätte,“ ſprach mit Kälte der reizende Mund,„daß der Herr ſich vor einem abge⸗ nommenen Gliede ſcheut und kein Blut ſehen kann, würde ich ihn allerdings mit dem Reſultate meiner gelungenen Operation verſchont haben. Ich glaubte aber, es wäre ein wiſſenſchaftlich gebildeter Mann.“ Fräulein Emilie wurde mir nachgerade eben ſo unausſtehlich wie dero Fräulein Schweſter. Der Vater zankte, damit ſie ſich artiger betrüge. Das waren aber Alles Worte in den Wind. Dieffenbach kümmerte ſich im Geringſten nicht um die väterliche Strafpre⸗ digt; er war im Geiſte viel zu ſehr mit ſeiner Am⸗ putation beſchäftigt und ſtand eben im Begriff, dem Vater, indem ſie den Arm wieder vorzeigte, einige anatomiſche Regeln begreiflich zu machen, als Jung⸗ häneln ebenfalls die Geduld ausging. „Schaffe mir dieſes ſcheußliche Ding aus den Au⸗ gen!“ rief er aufgebracht. Emilie packte ihren Arm ſorgfältig wieder in die Leinwand und eilte davon. „Ich begreife nicht,“ ſprach er unmuthig,„was dem Mädchen heute einfällt: ſie iſt doch ſonſt mit ihrer chirurgiſchen Weisheit nicht eben zudringlich. Die gelungene Amputation muß ihr den Kopf ganz wirblich gemacht haben. Nun, laſſen wir uns deshalb kein graues Haar wachſen, langen wir wieder zu und fahren in unſerer Mahlzeit fort. Das närriſche Mädchen!“ Ich wäre nicht im Stande geweſen, einen Biſſen über die Lippen zu bringen. Der grauſende Anblick des blutenden Arms hatte meine Eßluſt auf acht Tage vertrieben. Nach wenigen Minuten trat Emilie wieder in's Zimmer und nahm am Tiſche Platz. „Langen Sie doch zu, verehrter Freund,“ mun⸗ terte Junghänel auf, welcher bemerkte, daß ich mit der Gabel auf dem Teller umherſtocherte, ohne dieſelbe zum Munde zu führen. Ich wollte mir nicht das Anſehen geben, als habe mir das abgeſchnittene Glied den Appetit verſcheucht, zog mein Taſchentuch hervor und hielt es vor den Mund. „Fehlt Ihnen Etwas?“ frug der Antsrath be⸗ ſorgt und Dieffenbach blickte mich forſchend an. „Mein hohler Zahn beginnt zu mucken,“ entſchul⸗ digte ich mich. „Leiden Sie an hohlen Zähnen?“ frug haſtig Emilie. Eine Lüge erzeugt die andere. Ich erwiederte: „Allerdings, ſobald ſich ein Speiſeatom in den einen Backenzahn verirrt, ſtellen ſich häufig die em⸗ pfindlichſten Schmerzen ein.“ „Der muß heraus!“ entſchied ſogleich der weib⸗ liche Chirurg, ſprang auf und eilte nach ſeinem Bindezeug. Ich erſchrak. Meine zweiunddreißig Zähne er⸗ freuten ſich ſämmtlich der ungetrübteſten Geſundheit. „Ich bitte, mein Fräulein,“ ſprach ich ſchnell, „incvmmodiren Sie ſich nicht; wenn ich nicht irre, ſcheint ſich der Schmerz zu legen.“ „Der Backenzahn muß heraus,“ fuhr Emilie or⸗ 3 76 dentlich leidenſchaftlich fort,„ein böſer Zahn iſt wie ein böſes Gewiſſen, er ruht nicht, wenn er auch mo⸗ mentan ſchweigt. Sie haben nicht über eine Stunde zu gebieten.“ „Ich danke wirklich herzlichſt,“ depreeirte ich und gewahrte mit Entſetzen, wie das desperate Mädchen eine ſchauerliche Zange aus dem Etui hervorzog. „Erlauben Sie mir wenigſtens, daß ich Ihre Zähne unterſuche.“ „Das fehlte noch,“ dachte ich bei mir,„wenn ich einmal den Mund aufſperre, iſt das leidenſchaft⸗ liche Weſen in ihrem Eifer im Stande, mir die ganze Kinnlade herauszubrechen.“ Ich biß alſo die Zähne wo möglich noch feſter zu⸗ ſammen und murmelte eine Menge Entſchuldigungen, welche meine Averſion vor jeder Zahnoperation deut⸗ lich genug an den Tag legten. Dieffenbach, welcher meine hervorgemurmelten Gründe gar nicht gehört zu haben ſchien, rückte einen Stuhl an das Fenſter und befahl dem aufwartenden Diener, eine Schüſſel mit kaltem Waſſer zu bringen, worauf ſie mich mit einem Himmelslächeln einlud, auf dem Stuhle Platz zu nehmen. „Der Satan muß mich in dieſes Haus geführt haben,“ ſprach ich zu mir, und erklärte nochmals, daß ich mich zu einer Zahnoperation auf keinen Fall ent⸗ ſchließen könne.„Zahnherausnehmen,“ betheuerte ich hoch und feierlich,„ſei ganz gegen meine Grundſätze.“ „Es ſoll Ihnen ja im Geringſten nichts geſche⸗ hen,“ verſetzte Emilie,„aber das Studium der Zähne gehört zu meinen Lieblingsneigungen, erlauben Sie mir wenigſtens, daß ich die Ihrigen unterſuchen darf.“ Wie ſonderbar dieſer Wunſch war, konnt' ich doch dagegen nichts einwenden. Ich hätte mich ja außer⸗ dem in den Verdacht eines Feiglings, eines Haſen⸗ herzens geſetzt. Das wollte ich nicht. Ich weigerte mich zwar, ſcheinbar aus Höflichkeit, Emiliens Er⸗ ſuchen nachzukommen. Das half Alles nichts. Ich mußte auf dem Stuhle am Fenſter Platz nehmen und den Mund aufſperren. Zu meinem Schrecken entfernte ſich der Amtsrath aus dem Zimmer, ſo befand ich mich gänzlich in der Gewalt des Unholds. Emilie langte jetzt eine Zahnſonde aus dem Etui und ſchabte, ſtrich und viſitirte an meinem ehrlichen Gebiß umher, was keineswegs von den angenehmſten Empfindungen begleitet war. Ich verbiß indeß mei⸗ nen Schmerz und hielt ſtill. Nach der Sonde kam ein anderes Inſtrument an die Reihe. Jetzt ward von Neuem geſcharrt und gekratzt. Ich litt wie ein Hiob. „Wollen Sie ſich jetzt gefälligſt den Mund aus⸗ ſpülen,“ ſprach der Operateur, indem er mir ein Glas Waſſer präſentirte. Ich that's und bemerkte mit Schrecken, daß ich Blut ſpuckte. „Nichts iſt ſchädlicher,“ erklärte Emilie,„als wenn ſich das Zahnfleiſch zu hoch an den Zahn angelegt hat. Ich habe es abgeſchabt.“ „So!“ ſeufzte ich und hoffte, die Operation ſei nun zu Ende. Dem war nicht ſo. Emilie zog ein drittes Inſtrument hervor, noch furchtbarer anzu⸗ ſchauen, als die vorigen. „Ich will Sie nicht weiter bemühen,“ ſprach ich und ſchloß den Mund feſt zu. „Nur einen Augenblick noch,“ bat der verzweifelte Zahnarzt; die raubgierige Zange fuhr in den Mund und packte wahrhaftig einen Zahn. Ein unwillkür⸗ liches Grauſen ergriff mich. „Um Gotteswillen,“ ſtammelte ich,„Sie werden 78 doch nicht—!7“ Aber in denſelben Augenblicke war's auch ſchon, als wenn mir mit einem Rucke der Kopf auseinander geſprengt würde. Und gleich darauf ſprach Emilie, indem ſie mir einen prächtigen Backen⸗ zahn mit drei Rieſenwurzeln vorzeigte, mit großer Ruhe: „Sehen Sie, der mußte heraus; er war bereits angegangen, würde in der Folge die übrigen geſun⸗ den angeſteckt und Ihnen große Schmerzen bereitet haben.“ Ich war mehr todt als lebendig. Convulſiviſch unterſuchte die Zunge den beiſpielloſen Abgrund, welcher an die Stelle des unerſetzbaren Zahns getreten war. „Erlauben Sie mir jetzt,“ fuhr Emilie mit un⸗ erſchütterlicher Ruhe fort,„daß ich Ihnen das losge⸗ riſſene Zahnfleiſch wieder zurecht drücke.“ „Ach, hol' Sie der Satan!“ wollte ich erboſt los⸗ brechen, als ich den weichen Goldfinger wieder im Munde fühlte, welcher bemüht war, das Zahnfleiſch in Ordnung zu bringen. Während Emilie noch in dieſem Geſchäfte begrif⸗ fen war, ſprach ſie, als ob nichts vorgefallen ſei: „Sie beſitzen noch zwei Backenzähne, die mit der Zeit gleichfalls anbrüchig zu werden drohen; wenn es Ih⸗ nen gefällig, holen wir ſie noch heraus, um künftigem Uebei vorzubeugen. Wir ſind einmal im Zuge, und ich dächte, wir machten reine Arbeit.“ Sie griff wie⸗ der nach der Zange; ich aber ſchrie entſetzt auf und fuhr, wie von der Tarantel geſtochen, vom Stuhle in die Höhe. „Wie es Ihnen gefällig,“ erwiederte lächelnd Emilie und packte mit Sorgſamkeit ihre Inſtrumente zuſammen, während ich fortwährend Blut ſpuckte. Emilie, nachdem ſie ihr Etui in Ordnung gebracht, machte eine graziöſe Verbeugung und entfernte ſich; 79 mir aber blieb Muße, über dieſes neue, eben ſo un⸗ verhoffte, wie außerordentliche Abenteuer Betrachtun⸗ gen anzuſtellen. „Das muß ich geſtehen, ſprach ich zu mir mit ſtillem Ingrimme,„ſo niederträchtig wie mir iſt es wohl noch keinem Sterblichen auf der Brautfahrt er⸗ gangen. Die eine ſchießt mich faſt vor den Kopf, die andere reißt mir die geſundeſten Zähne aus.“ Ich betrachtete mit ſtiller Wehmuth den ſchönen Zahn mit den prächtigen Wurzeln. Ich hatte mich nie über ihn zu beklagen. Mein verzweifeltes Geſchrei, womit ich gegen die Fortſetzung der barbariſchen Zahnoperation proteſtirt hatte, mußte der Amtsrath vernommen haben. Er kam eilfertig herbei und erkundigte ſich theilnehmend nach der Urſache meiner Aufgeregtheit. „Ihrer Fräulein Tochter,“ antwortete ich nicht eben im freundlichſten Tone,„hat es beliebt, mir, trotz meiner Abwehr, einen kerngeſunden Zahn herauszu⸗ reißen; eine Dienftfertigkeit, für welche ich ihr wahr⸗ lich keinen Dank weiß.“ Junghänel ſchien die letzteren Worte ganz zu überhören. „Kerngeſund?“ meinte er kopfſchüttelnd,„da möchte ich doch beſcheidenen Zweifel in Ihre Behauptung ſetzen. Emilie iſt Kennerin, wie die bedeutendſten Aerzte verſichern, und namentlich leiſtet ſie in Zahn⸗ angelegenheiten Außerordentliches. „Ich hab's erfahren,“ gab ich zur Antwort,„ob⸗ ſchon ich nicht die geringſte Luſt empfand, ihrer Ge⸗ ſchicklichkeit zum Gegenſtande zu dienen.“ „Seien Sie froh,“ tröſtete Junghänel,„Sie ha⸗ ben mit dieſer kleinen Unannehmlichkeit großen Schmer⸗ zen für die Zukunft vorgebeugt. Von meiner Tochter 80 ſicherer Hand hatten Sie nichts zu befürchten. Die Operation iſt glücklich vorüber. Wie müßten Sie thun, wenn Ihnen die Kinnlade geſprengt worden wäre, wie dieſer Fall zuweilen vorkommt.“ „Das hätte allerdings noch gefehlt.“ „Aber, mein verehrter Freund,“ fuhr Junghänel fort,„Sie werden der Ruhe bedürfen; ein Stündchen Sieſta kann nicht ſchaden. Wenn Sie erlauben, be⸗ gleite ich Sie nach Ihrem Zimmer.“ Ich war ordentlich froh, vor dieſen Junghänel'ſchen Töchtern einmal in Ruhe zu kommen und folgte. „Nach eingenommenem Kaffee,“ fuhr der Amts⸗ rath fort,„machen wir einen Spaziergang durch meine Beſitzung. Der Tag iſt ſchön.“ Wir wanderten durch zahlreiche Gemächer des Wie⸗ ſenthaler Herrnhauſes und gelangten in eine höchſt freundlich gelegene, ſo wie beguem und geſchmackvoll möblirte Eckſtube. Man genoß von hier eine pracht⸗ volle Ausſicht über die ganze Umgegend. „Hier haben Sie auch, für den Fall Ihnen die Zeit lang werden ſollte, Unterhaltung,“ ſprach der Hausherr, indem er einen Bücherſchrank aufſchloß, worin ſich eine reiche und gewählte Sammlung ſchön⸗ geiſtiger Schriften vorfand. „Wenn Sie außerdem etwas benöthigt ſind,“ fuhr der gaſtliche Wirth fort,„ſo belieben Sie nur an dieſer Klingelſchnur zu ziehen und augenblicklich wird ein dienſtbarer Geiſt zu Gebote ſtehen.“ Der Amtsrath wünſchte mir jetzt wohl zu ruhen und entfernte ſich. Ich befand mich allein; ſchaute durch das Fenſter und erfreute mich der herzerquicken⸗ den Ausſicht. „Es iſt hier wirklich ein charmanter Aufenthalt,“ ſprach ich zu mir,„wenn nur die Junghänel'ſchen 1 8¹ Töchter nicht wären mit ihren verteufelten, Paſſionen. Der Alte iſt viel zu ſchwach gegen dieſe Tollköpfe. Daß mir Dieffenbach einen Zahn ausgebrochen, wes⸗ halb ich noch jetzt Blut ſpucke, als hätte ich die Aus⸗ zehrung im höchſten Grade, ſchien er ordentlich für eine Wohlthat anzuſehen. Ich glaube, er freut ſich noch über ſeine Tochter, welche den Gäſten die Zähne ausnimmt.“ „Lange werd' ich's daher hier keineswegs aushal⸗ ten. Ich will mir noch den Oken anſehen, damit ich dem Wunſche des Onkels Genüge leiſte und dann baſta. Bliebe ich länger, ich glaube Dieffenbach ſchnitte mir noch Arm' und Beine ab, falls mich Nimrod nicht zuvor rechtskräftig erlegte wie einen Sechszehnender.“ Ich mußte während dieſer Betrachtungen fortwäh⸗ rend Blut ſpucken; Schmerzen empfand ich weiter keine; aber der entſtandene Abgrund, welchen die Zunge, welcher die Sache ebenfalls außer allem Spaße ſein mochte, ununterbrochen wie ein Aal durchfuhr, verur⸗ ſachte ein höchſt unbehagliches Gefühl. „Das muß ich allerdings geſtehen,“ fuhr ich in meinem Selbſtgeſpräche fort,„ſchönere Mädchen ſind mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen; auch bezweifle ich, daß es ſchönere überhaupt giebt; aber was hilft mir alle Schönheit, bei welcher man des Lebens nicht ſicher iſt? Nun bin ich auf die dritte Schweſter begierig, Erneſtine mit Namen. Dem Por⸗ trait nach zu urtheilen, iſt ſie ſanfter wie die beiden älteren. Sie iſt Naturforſcherin und hat es wenig⸗ ſtens nicht direct auf die Menſchen abgeſehen, wie Louiſe und Emilie. Was mir der Herr Papa vorhin von ihrer Inelination zu Spinnen und ähnlichem Un⸗ geziefer erzählte, iſt freilich nicht empfehlenswerth; aber man riskirt wenigſtens nicht ſein leibliches Blut Stolle, ſämmtl. Schriften. I. 6 82 dabei. Das verwünſchte Blutſpucken will noch immer nicht nachlaſſen. Ich glaube, mit Oken werd' ich mich am beſten vertragen.“ „Es iſt übrigens ein Gluck für mich und für Minna,“ ſprach ich nach einigem Nachdenken weiter, „daß Junghänel's Töchter von eben ſo ſonderbaren als unliebenswürdigen Paſſionen befallen ſind und ſich auch ſonſt keine ſonderliche Mühe geben, auf das Herz eines jungen Mannes, wie ich bin, irgend einen ero⸗ tiſchen Eindruck hervorzubringen. Sie ſcheinen es vr⸗ dentlich darauf angelegt zu haben, mich zu ennüyiren und zu maltraitiren. Wenn dem nicht ſo wäre und ſie ſich wie andere Mädchen nur paſſiv verhielten, ſo müßte ich nothwendiger Weiſe um mein Herz einen dreifachen Panzer legen und Niemand würde mir das bei ſo unglaublichen Schönheiten verargen.“ Ich hätte vor's Leben gern mein Cigarrchen ge⸗ raucht, wie ich ſolches nach der Mittagsmahlzeit ge⸗ wohnt bin: aber das fortwährende Blutſpucken ließ mich nicht daran denken. Ich war ordentlich abge⸗ ſpannt von den außerordentlichen Abenteuern, die in ſo kurzer Zeit über mich hereingebrochen. Ein Stünd⸗ chen Schlaf auf dem weich gepolſterten Sopha war mir daher willkommen. Ich machte mir's bequem, zog den Rock aus, ſtreckte mich in Hemdeärmeln, denn es war etwas warm, mit meinen noch übrigen ein⸗ unddreißig Zähnen behaglich auf das Lager und legte mein müdes Haupt auf's Kiſſen. Der Schlaf kam; aber das war kein Schlaf, der mich hätte erquicken und erfreuen können. Meine Qual mit dem Koboldſchweſterpaare währte im Traume in noch weit höherem Grade fort, als in der Wirklichkeit. Bald war es Luuiſen gelungen, mir die Naſe voll⸗ kommen abzuſchießen, wie man ungefähr bei Prämien⸗ 83 ſchießen dem hölzernen Vogel den Schnabel abſchießt; bald ſtand Emilie vor mir mit einer entſetzlichen Schraube und wollte mir den Kopf auseinander ſchrau⸗ ben. So wechſelte das in Einem fort, eine Viſion war immer gräulicher als die andere. Der Traum ſchien wirklich unerſchöpflich, ohne daß ich's ihm Dank gewußt hätte. Ich ſchwitzte wie im Fegfeuer und ächzte und ſtöhnte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Nachdem mir Nimrod ein Loch kunſtreich durch den Leib geſchoſſen, ſo regelrecht, daß die Sonne durchſcheinen und man wie bei einem Perſpective hin⸗ durchblicken konnte, erſchien Dieffenbach mit einem Amulet, woran auch meine übrigen einunddreißig Zähne hingen. Ich war ſonach völlig zahnlos, wie ein Greis von achtundachtzig Jahren und barmte des⸗ halb entſetzlich; aber die Qual ſollte einen noch grö⸗ ßern Grad erreichen. Dieffenbach langte ein langes, dünnes und haarſcharfes Eiſen hervor und wollte mir angeblich einen Herzpolypen operiren. Ich proteſtirte natürlich und wehrte mich mit verzweifeltem Muthe; aber das half Alles nichts, unſichtbare Hände warfen mich in Feſſeln, knebelten mir Arme und Füße, ſo daß ich mich nicht zu rühren vermochte, die angſtvoll klopfende Bruſt ward mir entblößt und mit einem teufliſchen Hohnlachen ſtieß mir die Entſetzliche den Stahl in das Herz. Der Angſtſchweiß lief mir ſtrom⸗ weiſe von der Stirne; ich ſchrie laut auf und erwachte. Als ich die Augen aufſchlug, glaubte ich noch im⸗ mer zu träumen und ſämmtliche Haare ſtiegen kerzen⸗ gerade in die Höhe. Enmilie ſteht in der Wirklichkeit vor mir, eine Lanzette in der Hand, mein Arm iſt mit einer Aderlaßbinde umwunden und aus demſelben ſpringt ein dunkelrother Blutſtrahl in das ſilberne Becken, welches ein Dienſtmädchen ruhig hinhält. 6* 8¹ „Barmherzigkeit, was iſt mit mir!“ rufe ich leiſe im kläglichſten Tone, denn der Blutverluſt hatte mich ſchon merklich geſchwächt. „Pſt, pſt,“ mahnte meine Mörderin, denn dafür hielt ich allen Ernſtes die grauſenerregende Geſtalt, „verhalten Sie ſich ruhig, ſonſt erſchweren Sie ſich das Unterbinden.“ „Wollen Sie mich umbringen?“ ſtammelte ich. „Nicht im Geringſten, aber Ihr fieberhafter Zu⸗ ſtand, ein wahres Delirium, in welchem ich Sie vor⸗ hin, als ich zufällig und ohne zu wiſſen, daß Sie bereits davon Beſitz genommen, in das Zimmer trat, vorfand, ließ mich das Schlimmſte befürchten; nur ein ſchleuniger Aderlaß konnte retten. Da ſehen Sie ſelbſt, wie fieberhaft Ihr Blut ſpringt.“ Ich ſah aber gar nichts, denn mein Haupt ſank todesmatt auf das Sophakiſſen zurück und die Augen ſchloſſen ſich. „Nun gar noch ein Aderlaß,“ ſeufzte ich leiſe, „Gott, deine Prüfungen ſind wunderbar.“ Eine Ohnmacht umhüllte wohlthätig meine Sinne. Nach Verlauf von anderthalb Stunden ſchwankte ich an Junghänel's Seite, von dem verwünſchten Ader⸗ laß noch ziemlich ermattet, durch die höchſt angenehme Beſitzung von Wieſenthal. „Ich gehe Ihnen wohl zu raſch?“ frug mein Be⸗ gleiter, welcher die Anſtrengung merkte, mit welcher ich folgte. „Allerdings,“ war meine Antwort,„ich fühle mich noch etwas angegriffen.“ Junghänel blieb ſtehen und verſetzte in aufrichti⸗ gem, theilnehmendem Tone: „Mein armer Freund, daß Sie auf Ihrer Ver⸗ 85 gnügungsreiſe Ihr Blut laſſen ſollten, hätten Sie ſich gewiß nicht träumen laſſen.“ „Daß ich es offen geſtehe,“ erwiederte ich,„nein.“ „Ich begreife auch nicht,“ fuhr der Amtsrath fort, „welch' ein böſer, blutgieriger Geiſt mit einem Male in meine Töchter gefahren iſt. Ich muß Ihnen offen geſtehen, daß ſie ſonſt die ſanft⸗ und gutmüthigſten Geſchöpfe von der Welt ſind.“ Ich konnte dies nicht finden. „Gleichwohl müſſen Sie ſich,“ ſprach Junghänel entſchuldigend weiter,„wirklich in Gefahr befunden haben, Emilie hat einen ſcharfen Blick und hätte au⸗ ßerdem gewiß nicht den Aderlaß vorgenommen.“ „Ach, gehen Sie doch,“ erwiederte ich,„was ſoll mir denn gefehlt haben? Höchſtens hatte mich die desperate Zahnoperativn etwas verſtimmt.“ 5 „Nun, ein kleiner Aderlaß,“ meinte der Amtsrath ſeine Tochter fortwährend entſchuldigend,„von einem umſichtigen Arzte verordnet und mit ſicherer Hand ausgeführt, hat noch Niemandem Schaden gebracht. Hier bin ich ganz ruhig.“ Der ſonderbare Mann ſchien nach und nach alle Dummheiten ſeiner Töchter noch höchſt nützlich und weiſe zu finden. Ich glaube, ſie hätten mir können den Kopf abſchneiden, er würde es ganz in der Ord⸗ nung gefunden haben. „Und was den herausgenommenen Zahn anbe⸗ langt,“ fuhr Junghänel fort,„ſo können Sie wahr⸗ haftig froh ſein, daß Sie den Kerl los ſind. Ich habe ihn genau unterſucht und muß Emilien vollkom⸗ men beipflichten, wenn Sie ihn für angegangen er⸗ klärte. Ich glaube kaum, daß er noch ein Jahr ge⸗ halten hätte.“ Dieſer Troſt konnte mir wenig helfen. Wenn 86 dieſer Zahn nicht geſund war, ſo weiß ich nicht, was geſund heißt. Und geſetzt auch, es iſt zweckmäßig, einen kranken Zahn herauszubrechen, ſo wartet man mit dieſer niederträchtigen Operation wenigſtens, bis man durch Schmerzen dazu gezwungen wird. Mein verlorener Backenzahn hatte mir aber im Leben nicht weh gethan. Ich durchforſchte nicht ohne Beſorgniß meinen gan⸗ zen Geſundheitszuſtand und überlegte mit Sorgfalt, ob vielleicht noch ein Uebel an mir vorhanden wäre, welches die Aufmerkſamkeit Dieffenbach's auf ſich ziehen könne; denn dann war ich nicht ſicher, daß mir eine neue Operation bevorſtand. Ich begann mit dem Kopfe und ſtieg abwärts zu den Füßen, unterſuchte wie ein ſorgſamer Hausvater mit Genauigkeit und Sorgfalt und fand zu meiner Freude Alles im beſten Stande. Es war nichts auf⸗ zufinden, was bei Emilien Verdacht und Aergerniß hätte erwecken können. Nachdem ich mit Junghäneln die ziemlich weitläu⸗ fige Beſitzung durchwandelt und über die ſchöne Lage, den fruchtbaren Boden und ſorgfältige Bebauung die gebührende Anerkennung ausgeſprochen hatte, kehrten wir, da der Tag ſich zu neigen begann, nach dem Herrenhauſe zurück, wo wir die Abendtafel bereitet fanden. Die jungen Damen waren wieder abweſend. Der Himmel mochte wiſſen, wo Nimrod wieder jagte, Dieffenbach Arm' und Beine abſchnitt und Oken na⸗ turhiſtoriſche Unterſuchungen anſtellte. Auf Oken war ich in der That begierig und ich muß geſtehen, daß ich mich ein wenig nach dem ſchö⸗ nen Mädchen ſehnte. Bei ihr hatte man wenigſtens Ruhe und brauchte keine Furcht zu hegen, daß ſie ſich 87 an der leiblichen Perſon vergriff; ich war ja kein Kä⸗ fer, kein Schmetterling, keine Tarantel, wonach das Gelüſt ihres Herzens ſtand. Dem Anmtsrath ſchien es unangenehm, daß ſeine Töchter nicht anweſend waren; er mochte die Ver⸗ nachläſſigung, ja die Geringſchätzung, mit der man meine werthe Perſon behandelte, fühlen. Er war nach Kräften bemüht, die ſchönen Kinder bei mir zu entſchuldigen. „Sie dürfen das meinen Wildfängen nicht ſo übel nehmen,“ ſprach er,„die Mädchen, ich muß es zu meinem Leidweſen geſtehen, ſind ſich ſelbſt überlaſſen in völliger Ungebundenheit aufgewachſen und haben bei ihren ſonderbaren Neigungen keine Ahnung von dem, was man geſellſchaftliche Rückſichten und höhere Convenienzen nennt; ich ſehe wohl, daß das nicht länger ſo fortgehen kann, die Kinder verwildern mir ſonſt total und ich werde ſie von nun an mit Ernſt vornehmen. Sie haben mich alle drei herzlich lieb; ich kann mir in dieſer Hinſicht keine beſſern Kinder wünſchen. Darum gilt auch mein Wort und gelten meine Bitten, und darum auch gebe ich die Hoffnung durchaus nicht auf, ſie der Geſellſchaft zugänglicher zu machen. Es iſt mir, im Ganzen genommen, immer lieber, daß ſie ungebunden auf dem Lande aufgewach⸗ ſen und ſich von dem Gifte des ſtädtiſchen Lebens völlig frei erhalten haben, als daß ſie Salondamen geworden wären, wo die Natürlichkeit nicht ſelten in der Afterkultur untergeht, wo der Spiegel der Seele und des reinen Herzens nur zu oft darunter leidet.“ Ich habe lange nicht einen Vater geſehen, der ſo wie Junghänel in ſeine Töchter verliebt geweſen wäre. Er ſprach noch ein Langes und Breites, theils zur Entſchuldigung der ſonderbaren Eigenheiten der Mäd⸗ 88 chen, theils um ihre Vorzüge in ein helleres Licht zu ſtellen. Mir war's im Grunde recht lieb, daß Louiſe und Emilie nicht zum Abendeſſen kamen, die Mahlzeit wäre mir gewiß wieder verbittert worden. Der Amtsrath trat an das Fenſter und nachdem er in den immer dunkler werdenden Abend hinausge⸗ ſchaut hatte, ſprach er:„Wir können nicht länger warten, der Himmel mag wiſſen, wo die Mädchen ſich wieder herumtreiben; nehmen wir Platz.“ Wir ſetzten uns und begannen unſer Mahl. Die Motion durch Berg und Thal hatte mich wirklich recht hungrig gemacht. Gleichwohl ſtörte die Rückerinnerung an den abgenommenen Arm des Bauer Arnold von Zeit zu Zeit meinen Appetit. Wir konnten ungefähr ein Viertelſtündchen geta⸗ felt haben, Herr Junghänel hatte bereits Licht bringen laſſen, als ſich die Thür aufthat und der langerwar⸗ tete Oken hereintrat. Ich ſtand abermals auf, machte meine Verbeugung, und meine Bewunderung des ſchönen Mädchens ging bald in Entzücken über. Ja, dieſer Oken, die himmliſche Erneſtine, das war mein Mann. Eben ſo reizend wie die Schwe⸗ ſtern, aber ſanft, liebenswürdig im höchſten Grade. Sie rannte nicht wie Nimrod und Dieffenbach kalt und unhöflich an mir vorüber, ohne meine Anweſen⸗ heit im Geringſten zu beachten, ſondern verneigte ſich ſittig gegen mich. Sie entſchuldigte ſich artig, nicht früher gekommen zu ſein; hätte ſie einen ſo angeneh⸗ men Gaſt auf Wieſenthal vermuthet, würden ſelbſt die intereſſanteſten naturhiſtoriſchen Unterſuchungen ſie nicht haben abhalten können, nach Hauſe zu eilen. Ich ſaß im dritten Himmel und mußte mein Herz 89 mit dreifacher Mauer umſchließen, um den wunder⸗ ſchönen, ſüßblickenden Augen des reizenden Mädchens nicht zu erliegen. Erneſtine ging, wiewohl etwas phantaſtiſch, doch höchſt geſchmackvoll gekleidet. Nur eins wollte mir nicht gefallen, das war der coloſſale glänzende Reif, der ſich als Amulet um ihren weißen Hals ſchlang. Ich begriff gar nicht, wie die geſchmackvolle Schöne auf dieſen ſonderbaren Halsſchmuck verfallen ſein konnte. Oken nahm am Tiſche Platz. Das Geſpräch war äußerſt belebt. Es drehte ſich um naturgeſchichtliche Gegenſtände. Erneſtine ſprach voller Begeiſterung; ich erkannte bald, daß ſich das ſchöne Kind für den anberegten Gegenſtand außerordentlich intereſſire. Ihr dunkles Auge ſtrahlte in reizender Schöne. Um mir bei Erneſtinen eine Stufe im Himmel zu bauen, heuchelte ich gleichfalls ein lebhaftes Intereſſe für Naturkunde, obſchon letztere mich nie ſehr beſchäf⸗ tigt hatte. Wie geſagt, es war ein Leben wie im Himmel. Vater Junghänel war ganz glücklich. Der gute Mann erblickte in uns beiden, die wir uns ſo gut verſtanden, unfehlbar ein Paar. Wein und Liebe bemächtigten ſich meiner mit gleicher Gewalt. Oken ſtand ſo eben bei dem Geſchlechte der Am⸗ phibien und theilte die neueſten Forſchungen und Be⸗ obachtungen mit, welche von den Naturforſchern dar⸗ über angeſtellt worden waren. Ich bekümmerte mich wenig um den gelehrten Vortrag und blickte blos auf den ſchönen Mund, welcher ſo beredt ſprach, und auf die ſchönen Augen, welche dazu ſo begeiſtert leuchteten. Plötzlich tanzte ein höchſt ſonderbarer Gegenſtand mir unmittelbar vor der Naſe. Ich ſchaue recht hin und es fehlte nicht viel, wäre ich vor Schrecken rückwärts vom Stuhle gefallen. Heiliger Himmel, das war ja 90 eine leibhafte lebendige Schlange, die ihren ſcheußlichen Kopf und ihre ſtechende Zunge nach mir ausſtreckte. „Hier haben Sie eins der ſchönſten Exemplare der—“ Erneſtine nannte hier einen lateiniſchen Schlangennamen. Ich war außer mir. Seit meiner Kindheit hatte ich vor Schlangen den außerordentlichſten Reſpect. Mit Entſetzen bemerkte ich jetzt, daß Erneſtine ihr Amulet abgenommen und mir hinhielt. „Sie fürchten ſich vor Schlangen,“ lachte Oken, „und intereſſiren ſich für Naturkunde? Das iſt ja gur nicht möglich!“ Damit verfolgte mich der verwünſchte züngernde Schlangenkopf wie ein böſer Feind. Das entſetzliche Mädchen ſchien ſich an meiner Angſt ordentlich zu weiden. Sie hielt mir fortwährend das Ungethüm vor's Geſicht. „Ich bitte Sie um Himmelswillen!“ rief ich be— ſchwörend,„befreien Sie mich von dem gräulichen Anblick.“ „Da ſeh' ich doch nichts Gräuliches,“ fuhr Erne⸗ ſtine ruhig fort.„Sehen Sie nur die ſchönen male⸗ riſchen Windungen.“ Wieder tanzte mir der Schlan⸗ genkopf unmittelbar vor der Naſe. Jetzt ſprang ich auf und begann zu retiriren. Erneſtine folgte lachend mit der Schlange. „Ich begreife auch nic,“ egann jetzt der Amts⸗ rath in belehrendem Tone,„worin der Grund zu ſu⸗ chen und wie der Menſch überhaupt vor Schlangen ſolche Averſivn an den Tag legen kann.“ „Der Teufel auch,“ rief ich, mich fortwährend vor dem nachfolgenden Ungeheuer zurückziehend,„ich kann die Beſtien nicht erſehen.“ „Gehen Sie,“ ſprach jetzt zürnend Erneſtine,„Sie 9⁴ ſind kein ächter Naturfreund.“ Damit ſchlug ſie mich mit der Schlange in's Geſicht, daß ich vor Ab⸗ ſcheu laut aufſchrie, und ſchlang das Thier wieder wie eine Kette um den Schwanenhals. Nun hatt' ich auch hinſichtlich der dritten Tochter des Amtsraths genug. Junghänel, welcher meine Aver⸗ ſion erkannte, hatte Erneſtinen wiederholt gebeten, von ihrem grauſamen Spiel mit mir abzulaſſen, aber das Mädchen war wie vom Teufel beſeſſen und hatte mich ſo gepeinigt, daß mir der Schweiß von der Stirne tropfte. „Hol' euch alle drei der Guckuck,“ ſprach ich für mich, indem ich mir mit dem Taſchentuche die Stirn trocknete.„Mich ſollt ihr am längſten in Wieſenthal geſehen haben. Gleich morgen packe ich meine ſieben Sachen und ſage dieſem unheimlichen Neſte, wo es kein Menſch und am allerwenigſten ein Freier aus⸗ halten kann, Valet!“ Fränlein Oken, nachdem ſie in Erfahrung gebracht, daß in mir keine naturhiſtoriſche Eroberung zu machen ſei, befolgte jetzt genau das Syſtem der Schweſtern und behandelte mich mit auffallender Geringſchätzung, ganz en bagatelle. Meine keimende Liebe konnte gar keiue größere Niederlage erleiden. Junghänel bemerkte nicht ohne Mißmuth die Ver⸗ änderung in dem Ben me ſeiner Tochter. Er ſchien mir faſt Vorwürfe dar ber zu machen. „Ich hätte nicht gegkaubt,“ ſprach er,„daß Sie vou einer kleinen, höchſt unſchädlichen Schlange ſo in Unruhe verſetzt werden könnten.“ 6 „Nicht wahr,“ lächelte Erneſtine, welche den väter⸗ lichen Worten ungetheilten Beifall ſpendete,„da ſind wir andere Leute?“ 92 „Der Menſch kann nicht für ſeine Natur,“ erwie⸗ derte ich unmuthig. „Natur?“ frug Erneſtine,„was wiſſen Sie denn von Natur? Schweigen Sie um Gotteswillen davon.“ Nun wurde ſie gar grob. Ingrimm erfaßte mich. Ich war im Begriff, dem unweiblichen Mädchen gleich⸗ falls eine Sottiſe zu ſagen, als Erneſtine einen ver⸗ dächtigen Griff nach dem lebendigen Amulete that. Ich verſchluckte meine Replik und machte mich wieder auf die Flucht gefaßt. „Wie wär's denn,“ frug jetzt der Amtsrath, in⸗ dem er den Stuhl zurückſchob,„wenn wir ein ECigarr⸗ chen anſteckten?“ Dieſer Vorſchlag war mir gar nicht unangenehm. Eine glühende Eigarre im Munde war ich gegen die afrikaniſche Beſtie doch einigermaßen geſchützt. O, ich„ nahm mir vor zu dampfen, ſo unerhört, daß Erneſtine ſammt ihrem Amulet erſticken ſollte. „Aber, mein Gott, Du weißt ja, Väterchen,“ ſprach ungehalten das Mädchen,„daß Bibi Tabaks⸗ dampf nicht vertragen kann. Nicht wahr, Bibi?“ „Du haſt Recht, meine Tochter,“ erwiederte der Amtsrath,„ich dachte nicht daran;“ und zu mir ge⸗ wandt ſprach er:„Sie entſchuldigen, mein verehrter Freund, aber das anmuthige Thierchen kann wirklich Tabaksrauch nicht vertragen.“ Nun ſollt ich wegen dem anmuthigen Thierchen ſogar auf meine Gewohnheit verzichten, nach Tiſche eine Cigarre zu rauchen; es war weit gekommen. Erneſtine ließ, wie ihre beiden Fräulein Schwe⸗ ſtern, ſich's noch eine geraume Zeit angelegen ſein, mich zu ennüyiren und wahrhaft zu chicaniren. Ich war keinen Augenblick ſicher, daß mir nicht die ſcheuß⸗ liche Bibi vor der Taſe züngelte. — 93 „Wenn dieſer Naturforſcher,“ dachte ich bei mir, „nur das einzige Mal den preiswürdigen Einfall hätte, und mit ſammt ſeiner Schlange zum Satan ginge.“ An ein Fortgehen ſchien aber Freund Oken gar nicht zu denken. Wahrſcheinlich glaubte er, mir wegen ſei⸗ nes langen Außenbleibens eine Entſchädigung ſchuldig zu ſein. Zwei ewigkeitlange Stunden hatte ich zu leiden, ſo lange währte die Svirée. Der ſchönen Augen, wie des reizenden Antlitzes Erneſtinens konnte ich da⸗ bei nicht froh werden, denn meine Augen waren auf das Unthier wie gebannt; fortwährend ſchwebte ich in Angſt, daß ſich Bibi am Halſe ihrer Freundin nicht länger gefallen und mir gelegentlich einen Beſuch ab⸗ ſtatten würde, wenigſtens funkelten die kleinen Augen der Schlange höchſt unheimlich und verdächtig. Ich werde mein Lebelang an dieſen Abend geden⸗ ken. Ich dankte meinem Himmel, daß ſich die beiden älteren reizenden Unholdinnen nicht wieder blicken lie— ßen. Immer hatt' ich's nur mit Einer der Schwe⸗ ſtern zu thun. Das war mein Heil. Wenn ſie Tri⸗ velallianz geſchloſſen und alle drei zu gleicher Zeit gegen mich operirt hätten, war ich verloren, ohne Ret⸗ tung. Bei allem Unglück findet ſich immer auch ein Glück, das erſteres einigermaßen neutraliſirt. Ich hatte den ganzen Tag über ſo viel gelitten; Schrecken, Entſetzen, ſelbſt Blut- und Zahnverluſt wa⸗ ren in ſo überraſchender Schnelle über mich hereinge⸗ brochen, daß meine moraliſche Energie vollkommen da⸗ hin war. Jedes Geräuſch vor der Thür verurſachte mir ein leiſes Fröſteln, denn immer mußte ich be⸗ fürchten, daß entweder Nimrod oder Dieffenbach oder beide zuſammen hereintreten und neues unerhörtes Mißgeſchick über mich hereinbrechen würde. Der Nim⸗ — — 94⁴ rod hätte ſich's gewiß ſogleich zur gewiſſenhaften wie angenehmen Pflicht gemacht, mit Piſtolenkugeln die Lichter zu putzen, und Dieffenbach, ſobald er meinen fieberhaften Zuſtand bemerkt, würde mir mit Senf⸗ pflaſter oder ſpaniſchen Fliegen auf den Leib gerückt ſein oder Pillen und Latwergen präſentirt haben. Von alle dieſen durchaus nicht außer dem Bereiche des Unmöglichen liegenden Befürchtungen blieb ich iedoch, Gott ſei Dank! verſchont, denn Louiſe und Emilie ließen ſich nicht wieder blicken. Endlich empfahl ſich, von meinen Segenswünſchen begleitet, Erneſtine mit ſammt ihrem lebendigen Hals⸗ bande. Der Alte, wie das ſeine Art war, ließ es ſich jetzt angelegen ſein, ſobald ſich das Mädchen ent⸗ fernt hatte, ſeinen Liebling, wie er die jüngſte Toch⸗ ter nannte, wegen der bizarren Liebhaberei in Schutz zu nehmen und zu entſchuldigen. „Man gewöhnt ſich mit der Zeit an den ſonder⸗ baren Geſchmack,“ verſetzte er,„doch lebe ich auch bei Erneſtinen der frohen Hoffnung, daß ſie von ihren naturwiſſenſchaftlichen Forſchungen zurückkommen wird, ſobald ſie ihre Pflichten als Ehefrau zu erfüllen hat.“ Ich bekam nach gerade dieſe Expectvrationen einer zu großen väterlichen Liebe überdrüßig und begann mich nach dem Bett zu ſehnen. Herr Junghänel mochte mir das anſehen und ſo brach er endlich zu meiner nicht geringen Freude auf und begleitete mich ſelbſt nach meinem Schlafgemach. „Nun endlich,“ ſprach ich zu mir,„werd' ich doch zur Ruhe kommen nach des Tages Laſt und Hitze, Abenteuern und Gefährlichkeiten aller Art.“ Wir wünſchten uns„eine gute Nacht“ und ich befand mich allein. Ich war ſo ermüdet, daß ich mich ſogleich entkleidete, die beiden Lichter auslöſchte und im Fin⸗ 95 ſtern der Gegend meines Bettes zuſtenerte. Nach eini⸗ gem vergeblichen Tappen erreichte ich auch glücklich das Geſuchte, zog die Bettdecke herab und war im Begriff, von meinem rechtmäßigen Lager Gebrauch zu machen, als ich mit Entſetzen wieder herausſprang. Ich war nämlich auf einen harten Gegenſtand zu lie⸗ gen gekommen, der ſich bewegte. Wenn mich nicht Alles täuſchte, mußte das eine lebendige Schildkröte ſein. Jetzt hätte mich keine Macht auf Erden wieder in das unheimliche Bett gebracht. Während ich noch nachſann, ob ich ein Mordjo anſtimmen oder die Sache auf ſich beruhen laſſen ſollte, biß mich plötzlich etwas ſo desperat in die große Fußzehe, daß ich vor Schmerz und Wuth laut aufſchrie. Ein Rieſenkrebs hing an meinem Fuße. Ich fuhr ſo barbariſch mit dem Fuße hin und her, daß ich das Ungethüm endlich abſchüt⸗ telte und an die Wand ſchleuderte. Ich flüchtete auf 4 das Sopha. Ein grauſenerregender Gedanke erfaßte mich.„Wenn mich Junghänel,“ dachte ich,„in der Zerſtreuung in das Naturalienkabinet ſeiner Tochter geſperrt hätte!“ Die Sache ward mir immer wahr⸗ ſcheinlicher, denn überall krabbelte, prickelte und raſchelte es höchſt unheimlich und verdächtig. Richtig es kroch wieder Etwas ganz nah bei meinem Ohr vrſ Ich griff darnach und packte mit Schaudern einen großen Käfer; auch dieſe Beſtie fenerte ich mit Wuth in die Finſterniß und vernahm, wie das Geziefer an der Wand zerſchellte. Kaum hatte ich mich des Käfers entledigt, da biß mich wieder etwas in die Wade. Der Gedanke, daß der neue Feind ein Ohrkneiper ſein könnte, machte mich ganz raſend. Vor keiner Art Thiere empfand ich größere Averſion, als vor den ſo⸗ genannten Ohrkneipern; ich hatte zu grauſenerregende Geſchichten von dieſer Thierart erzählen hören und es 96 ſtets für eine höchſt weiſe Einrichtung der Natur er⸗ kannt, daß ſich dieſes Geſchlecht gegenſeitig aufſpeiſt, allemal der Größere den Kleineren. Ich fuhr alſo wie beſeſſen mit der Hand nach der Wade, konnte aber des Beißers nicht habhaft werden; der Kerl war un⸗ fehlbar weiter aufwärts ſpaziert, denn plötzlich empfand ich Schmerz und Grimmen am Schenkel. Jetzt ſprang ich auch vom Sopha auf und ſuchte nach dem Feuer⸗ zeug, um mein Unglück wenigſtens bei Lichte zu be⸗ ſehen. Aber vergebens war mein Suchen nach Schwe⸗ fel und Zündſtoff. Ich trat mit bloßen Füßen auf ſchauderhaftem Gewürm umher und tanzte wie ein Gehängter in halsbrechenden Sätzen. Alle Marter⸗ kammern einer grauen Vorzeit waren nichts gegen mein Gaſtzimmer und darin ſollte ich noch dazu ſchlafen. Es konnte auf dem Meeresgrunde nicht ſcheußlicher hergehen. Meine aufgeregte Phantaſie malte mir alles noch ſchrecklicher. Plötzlich hörte ich Geziſch.„Das iſt eine Schlange,“ dachte ich,„die dich ſogleich um⸗ ſchlingen und ſtechen wird.“ Nun begann ich einen Heidenrumor, ſchrie und fluchte, wie der verwundete Ajax, daß man es in der Stille der Nacht weit und breit hören konnte. Zum Ueberfluß warf ich in der Finſterniß den Tiſch um. Mehrere große Schachteln, die darauf geſtanden hatten, waren aus einander ge⸗ ſprungen und ich vernahm mit erhöhter Angſt, wie daraus eine neue biſſige Welt hervorkroch. Ich tobte wie beſeſſen. Mir war's jetzt einerlei, ob Jemand im Hauſe noch zu ſchlafen wünſche oder nicht. Dieſer energiſche Scandal, den ich mit vieler Beharrlichkeit fortſetzte, hatte endlich den Amtsrath aus dem Schlafe gerüttelt. Er kam im Schlafrocke mit Licht herbei und trat in mein Zimmer. Er er⸗ kannte ſogleich die Urſache meines Mordjo's und rief: 4 Stolke, ſämmtl. Schriften. 1. 5 9 „Das gottloſe Mädchen, ſie wird mir noch das ganze Haus zu einem Naturalienkabinet umſchaffen!“ Ich kam mir vor wie Adam am ſechſten Schöpfungstage, wo er unter lauter Thieren abgebildet wird. Jung⸗ hänel transportirte mich in ein anderes Gemach, wel⸗ ches von dem Gewürm der Naturforſcherin bis jetzt noch verſchont geblieben war. „Hier haben Sie nichts zu befürchten,“ tröſtete mein Gaſtfreund,„Sie werden nach den gehabten Un⸗ annehmlichkeiten nur um ſo ſanfter ſchlafen.“ „Das gebe der Himmel,“ ſeufzte ich, und hielt meinen Auszug aus der Mordhöhle. Der Amtsrath hatte keine Unwahrheit geſprochen. Nachdem ich auf Händen und Füßen in allen Ecken und Winkeln umhergekrochen und mit dem Lichte überall umhergeleuchtet, war mir endlich die Ueberzeugung ge⸗ worden, daß hier keine naturhiſtoriſche Merkwürdigkeit, weder lebend noch todt anzutreffen ſei, und ſo legte ich mich nach abermaliger„Gute Nacht“ von Neuem, aber nichtsdeſtoweniger mit dem feſten Vorſatze zu Bette, daß dies die erſte und die letzte Nacht ſei, welche ich in Wieſenthal zubrächte. Ich beſchloß, gleich den nächſten Morgen trotz aller Junghänel'ſchen Ein⸗ wendungen aufzubrechen und zwar in möglichſter Frühe, bevor noch die reizenden aber gefährlichen Töchter des Amtsraths ihr Lager verlaſſen haben würden. Nach dieſem weiſen Beſchluſſe ſtreckte ich ſn aus, ſo lang ich war, und ließ mir's wohl ſein, während in dem mir eigentlich beſtimmten Bette die Schildkröte un⸗ fehlbar ein Gleiches that. Die Nacht ging ruhig vorüber; ein geſunder Schlaf hielt mich dermaßen gefeſſelt, daß ich nicht einmal von böſen Träumen gequält wurde, wie ich anfangs ge⸗ fürchtet hatte. Kaum blickte das junge Morgenlicht durch die Fenſter, ſo führte ich meinen beim Zubette⸗ gehen gefaßten Vorſatz in's Werk, ſprang friſch geſtärkt vom Lager und kleidete mich an. „Ueber ein Kleines,“ ſprach ich zu mir,„werdet ihr mich ſehen, über ein Kleines nicht ſehen.“ Mein Entſchluß abzureiſen war unwiderruflich. Ich lobte meine Vorſicht, ſo früh aufgeſtanden zu ſein. „Ihr ſollt Augen machen,“ fuhr ich in meinem Selbſtgeſpräche fort,„ihr ſchönen Plagegeiſter, wenn der Vogel plötzlich auf und davon geflogen iſt, den ihr ſo barbariſch gerupft habt. Nein, der Himmel möge mich vor einer ſolchen Frau behüten und bewahren. O, meine Minna, wenn ich deine holde Sanftmuth da⸗ gegen halte, welch' ein Unterſchied! Bald werden meine Arme dich, geliebtes Mädchen, wieder umſchließen.“ „Das Allergeſcheuteſte,“ ſprach ich nach einer Pauſe weiter,„wäre allerdings, wenn ich mich ganz auf fran⸗ zöſiſche Manier drückte, vhne Jemandem ein Wörtchen zu ſagen. Ich ſehe den Kampf voraus, den ich werde mit Junghäneln zu beſtehen haben. Er wird von ei⸗ ner ſo ſchnellen Abreiſe, die einer Flucht nicht un⸗ ähnlich ſieht, nichts wiſſen wollen. Aus dem erſten Nachtquartiere ſchreibe ich und ſetze ihm auseinander, wie ich es beim beſten Willen nicht habe aushalten können, und daß ich nicht ferner Luſt gehabt, den ſonderbaren Launen ſeiner reizenden Töchter als Ziel⸗ ſcheibe zu dienen. Ich werde den Brief ſo human als möglich einrichten, damit ich ihn nicht kränke und ver⸗ letze; aber wenn er als villig denkender Mann all die Abenteuer und Fährlichkeiten, ſo ich zu beſtehen gehabt habe, überdenkt, wird er mein Benehmen in der Ord⸗ nung finden. Mein Onkel wird ſich gleichfalls zufrie⸗ den geben, wenn ich ihm die ſonderbaren Zumuthungen — 0 vor Augen führe, die mir das Schweſterkleeblatt ge⸗ macht hat.“ Unter dieſen Betrachtungen und Selbſtgeſprächen kam ich endlich mit meiner Toilette zu Stande und ſtand eben im Begriff, Wieſenthal zu Fuß und auf dem kürzeſten Wege zu verlaſſen und mein Fuhrwerk nachkommen zu laſſen, als ſich völlig unerwartete Hin⸗ derniſſe meiner Abreiſe in den Weg ſtellten. Während ich mich nämlich der frohen Hoffnung hingab, daß Fräulein Junghänel's, wie alle Mädchen* den Schlaf liebend, noch tief in den Federn ſtäken, ſprang plötzlich die Thür mit großer Haſt auf und zu meinem nicht geringen Schrecken trat Nimrod mit zwei blitzenden Piſtolen herein. „Daß Gott!“ ſeufzte ich bei mir,„ſo geht die QDual von Neuem an. Ich muß geſtehen, das liebens⸗ würdige Kleeblatt fängt ſein Tagewerk bei guter Zeit 4 an. O, hätt ich nur das einzige Mal das verwünſchte Wieſenthal im Rücken.“ Ohne alle Complimente begann Nimrod mit kal⸗ ter Ruhe: „Sie haben ſich in der vergangenen Nacht an dem Eigenthum meiner Schweſter Erneſtine auf eine Art verſündigt, Sie haben eine ſolche Geringſchätzung ge⸗ gen mehrere Lieblinge Erneſtinens an den Tag gelegt, welche an hohe Beleidigung grenzt und ſchwere Ge⸗ nugthuung fordert. Ich habe die Sache übernommen. Wir werden Kugeln wechſeln.“* „Sie ſind nicht bei Sinnen!“ platzte ich unmu⸗ thig heraus. „Das wird ſich finden,“ fuhr Loniſe mit kalter Ruhe fort,„ob ich bei Sinnen bin oder nicht. Jetzt ſtehen Sie Rede: Sind Sie es geweſen, der dem herr⸗ lichen Seehummer, dieſem ſeltenen Exemplare, eine Scheere abgebrochen; der ferner den herrlichen Hirſch⸗ käfer an die Wand geworfen, mit einer Vehemenz, daß das Thier dieſe Stunde noch kein Glied zu rüh⸗ ren im Stande iſt; der ferner die Schachteln, worin ſich eine Kreuzſpinnenevlonie vorfand, zertrümmert hat? Geſtehen Sie alle dieſe Verbrechen ein?“ „Ich wünſchte der Teufel hätte das ganze nichts⸗ nutzige Geziefer geholt!“ rief ich immer aufgebrachter darüber, daß ich noch Rechenſchaft geben ſollte ob meines Thuns und Treibens. „Wohlan, ſo folgen Sie mir,“ ſprach Louiſe,„der⸗ gleichen Beleidigungen können nur mit Blut abge⸗ waſchen werden.“ „Laſſen Sie dieſe Thorheiten,“ verſetzte ich,„ich duellire mich mit keinem Frauenzimmer.“ „Thorheiten?“ frug Nimrod, mir mit emporgeho⸗ benem Piſtol ziemlich nahe tretend, und ihr Blick funkelte unheimlich;„fehlt es an Muth?“ „Jedem Zweikampfe muß eine vernünftige Urſache zum Grunde liegen.“ „Fangen Sie nicht an zu vernünfteln, mein Herr; folgen Sie mir.“ „Aber wenn ich nun erkläre, daß ich mich auf kei⸗ nen Fall mit Ihnen ſchieße? Ich könnte es ja bei Gott nicht verantworten, mit einem Mordgewehr auf Sie gezielt zu haben.“ „Sie brauchen ja gar nicht auf mich zu zielen; ſchießen Sie in die Luft. Ich bin der beleidigte Theil, laſſen Sie nur auf ſich ſchießen.“ „Gehorſamer Diener.“ „Ich frage zum letzten Male, ob Sie mir folgen wollen?“ „Auf keinen Fall!“ 101 „Wohlan, ſo erkläre ich Sie für den erbärmlich⸗ ſten Feigling, den je die Sonne beſchienen hat.“ „Das ſteht bei Ihnen.“ „Und hänge Ihnen zur Schmnach einen Denkzettel an, der Sie Ihr Lebenlang an Ihre Feigheit erin⸗ nern ſoll.“ „Einen Denkzettel?“ frug ich mich,„was will die Entſetzliche damit ſagen? Ich glaube, die Frevlerin iſt zu allen möglichen Verbrechen aufgelegt.“ Mir ward wieder höchſt unheimlich zu Muthe. Louiſe kam mir mit dem geſpannten Piſtol immer näher. Ihr Angeſicht war furchtbar drohend. Grauſen erfaßte mich. Ich begann zu retiriren; der Angſtſchweiß trat wieder hervor. Die Unholdin folgte Schritt vor Schritt mit vorgehaltenem Piſtol. Endlich, auf's Aeußerſte gebracht, rief ich verzweiflungsvoll:„So laſſen Sie mich doch in Ruhe, Sie unheimliches Weſen, ich ſtehe ja eben im Begriffe, dieſes ungaſtliche Haus zu verlaſſen.“ „Sie wollen Wieſenthal verlaſſen?“ frug Louiſe in ſeltſam freudigem Tone und ließ das Piſtol ſinken. „Welches ich auch gar nicht betreten haben würde,“ fuhr ich fort,„wenn es nicht der ausdrückliche Wille meines Onkels ſo gewollt hätte.“ „Lügen Sie nicht,“ ſprach Louiſe wieder ernſt und drohend,„der Wille Ihres Onkels war es nicht allein, der Sie hierher trieb, Sie hatten andere Abſichten.“ „Wahrhaftig nicht, mein Fräulein!“ „Wollten Sie nicht,“ frug Louiſe weiter,„mich oder eine meiner Schweſtern heirathen?“ „Mein Gott!“ erwiederte ich,„ich Sie heirathen? Was das für Einbildungen ſind! Das iſt mir nicht in den Sinn gekommen. Ich habe ja ſchon eine Braut.“ „Was!“ ſchrie Louiſe auf's Freudigſte überraſcht, warf das Piſtol weg und fiel mir faſt um den Hals, 102 „Sie haben ſchon eine Braut? Warum haben Sie denn das nicht gleich geſagt?“ Mir ward ganz wunderbar zu Muthe, als das reizende Mädchen mich ſo ſtürmiſch umarmte und mit den ſchönen Augen freudig zu mir aufblickte. „Man hat mich ja nicht darum gefragt, mein Fräulein,“ erwiederte ich. „Und wie viel Unannehmlichkeiten,“ fuhr Louiſe aufgeregt fort,„hätten Sie ſich erſpart, Sie armer WMann; ich würde nicht auf Sie geſchoſſen, Erneſtine Sie nicht mit Ihrer Schlange incommodirt und Emi⸗ lie Ihnen kein Blut abgelaſſen und keines Backenzahns beraubt haben.“ „Letzteres wäre mir namentlich ſehr erwünſcht ge⸗ weſen,“ geſtand ich. „Sie würden uns ſämmtlich als recht liebenswür⸗ dige Kinder kennen gelernt haben.“ „Allen Reſpect,“ verſetzte ich,„gleichwohl, mein Fräulein, begreife ich nicht—“ „Ich will Ihnen das Räthſel löſen,“ fuhr Louiſe fort, die mir von Minute zu Minute reizender er⸗ ſchien,„auch wir haben unſere Herzen bereits im Geheim vergeben.“ „Alle drei?“ „Alle drei! Trotz unſern etwas unweiblichen Paſ⸗ ſionen, ich geſtehe es, ſind wir in Angelegenheiten des Herzens wie alle Mädchen.“ „Das freut mich!“ „Freut Sie das? Nun ſehen Sie, uns freut es auch. Aber unſer Vater, wie gut er iſt und wie nachſichtig er uns behandelt, iſt im Punkte der Liebe gar zu praktiſch.“ „Wie ſo?“ „Er gibt zu viel auf die ſogenannten„guten 103 Partien; nun gehören unglücklicher Weiſe unſere drei heimlich Verlobten keineswegs zu den guten Partien; der eine iſt ein mittelloſer Lieutenant, der andere ein mittelloſer Candidat der Theologie, der dritte ein mit⸗ telloſer Maler! aber alle drei ſind reich an Geiſt und Herz und wahre Cröſuſe an Liebe zu uns, verſteht ſich ein jeder für die Seine.“ „Und wer iſt denn von dieſen dreien der Glück⸗ liche,“ frug ich lächelnd,„der das Herz der ſchönen Louiſe beherrſcht?“ „Das iſt der Theolog!“ „Der Theolog!“ rief ich verwundert. „Sie halten mich wohl für etwas zu wild für den frommen Mann?“ „I nun— ein Prediger des Friedens und eine kühne Jägerin—“ „Die Liebe gleicht Alles aus,“ geſtand Louiſe mit liebenswürdiger Offenherzigkeit,„und glauben Sie, daß ich nicht auch ſanft ſein kann?“ „Was wäre Ihnen unmöglich!“ „O, ich kann ſanft ſein wie ein Lämmchen,“ fuhr die Holde fort,„wenn ich ihm eine Freude damit machen kann. Doch ich fahre in meiner Geſchichte fort. Alſo der gute Vater darf um aller Heiligen willen jetzt noch nichts von unſeren diverſen zärtlichen Verhältniſſen wiſſen. Wir alle drei Schweſtern beten daher alle Tage zum lieben Gott inbrünſtiglich, daß er die zeitlichen Umſtände unſerer Herzensräuber ver⸗ beſſern möge, damit ſie hervortreten können und um unſere Hand werben. Wir haben ihnen zu Gefallen ſchon manchem Freier, der zu Wieſenthal einſprach, das Leben ſauer gemacht und ihn mit ſammt ſeinen Heirathsgedanken vertrieben. Wenn ſo eine männliche Gefahr naht, ſchließen wir drei Schweſtern ſogleich 104 Allianz, und gelingt der einen die Vertreibung nicht, ſo gelingt ſie der zweiten oder dritten. Geſtehen Sie ſelbſt, hätten Sie eine von uns zur Frau haben mö⸗ gen, auch wenn Ihnen noch keine geliebte Braut zu Theil geworden wäre, nachdem wir uns Ihnen wie geſtern gezeigt haben?“ „Eher des Teufels Großmama,“ geſtand ich offen⸗ herzig,„bei der ſoll man wenigſtens des Lebens ſicher ſein.“ „Sehr obligirt,“ ſprach Louiſe verbindlich,„ein Beweis unſeres conſequent durchgeführten Plans.“ Ich mußte jetzt meiner neuen Freundin meine Braut beſchreiben und wie ich mich faſt in demſelben Verhält⸗ niſſe wie die Töchter des Amtsraths befände, denn auch mein Onkel hätte noch keine Ahnung von meiner Liebe zu Wilhelminen, der Tochter der armen Predigerswittwe. Während wir auf dieſe Weiſe noch vertraulich mit einander plauderten, guckte plötzlich ein blühender Mäd⸗ chenkopf durch die Thür, der ſich ob unſerer intimen Converſation nicht wenig zu verwundern ſchien. „Nur immer näher, Emilie!“ rief lachend Louiſe, „der Friede iſt geſchloſſen, unſer geträumter Feind iſt Bräutigam, wir haben nichts von ihm zu befürchten.“ Dieffenbach kam nun näher und entfaltete gleich⸗ falls eine Liebenswürdigkeit, wie ich ſie meinem bar⸗ bariſchen Zahnoperateur gar nicht zugetraut hätte. Bald darauf erſchien auch Oken, der mich mit ſeiner Naturgeſchichte unſtreitig am mehrſten maltraitirt hatte. Auch er bedauerte jetzt, wie Emilie und Lyuiſe, mir ſo übel mitgeſpielt zu haben. Sie erklärten zugleich, daß, wenn ich mich nicht als Bräutigam declarirt hätte, von ihnen bereits alle Vorkehrungen getroffen wären, mir den heutigen Tag noch ſchwerer zu machen, als den geſtrigen. Ich dankte Gott und allen Heiligen, 105 daß ich mit den drei gefährlichen Bräuten auf ſo fried⸗ lichem Wege auseinander gekommen war. Wir ſchloſſen Freundſchaft, ich konnte mir wahrhaftig keine reizen⸗ deren und liebenswürdigeren Freundinnen wünſchen. Zugleich mußte ich geloben, noch mehrere Tage auf Wieſenthal zu verweilen. Um des intereſſanten Freundſchaftsbundes mich recht würdig zu erweiſen und denſelben zugleich mit einem hochherzigen Akte meinerſeits zu eröffnen, ſo er— klärte ich, feurige Kohlen auf das Haupt meiner zeit⸗ herigen Widerſacherinnen zu häufen, bei dem alten Junghänel das Amt des Fürſprechers zu übernehmen und nicht eher Wieſenthal zu verlaſſen, bevor der Herr Papa ſeine Einwilligung zur öffentlichen Verlobung ſeiner drei Töchter mit ihren diverſen Schätzen gegeben, Ein guter Vorſatz bleibt nie unbelohnt, ſo eich diesmal. Ich wußte mich nach meiner großherzigen Declaration vor Liebkoſungen von Seiten des Schwe⸗ ſterkleeblattes kaum zu wahren. Ich fühlte mich neu geſtärkt zu dem guten Werke und wir überlegten, wie der Angriffsplan auf das väterliche Herz am beſten zu bewerkſtelligen ſei, um eines erfreulichen Erfolgs gewiß zu ſein. Liebe macht erfinderiſch. So gaben mir auch die Schweſtern eine Menge Rathſchläge an die Hand. Noch denſelben Tag begann die Belagerung des Amtsraths; ich arbeitete wie ein Schanzgräber, kam wiederholt in's Feuer und hatte mehrere Ausfälle zu⸗ rückzuſchlagen. Den erſten Tag richtete ich nicht viel aus und kam nicht weit vorwärts. Von den Liebko⸗ ſungen, Händedrücken und bittenden Blicken des weib⸗ lichen Belagerungsheers ermuthigt, ſetzte ich am folgen⸗ den Tage die Arbeiten kühn fort. Mir war, als ſollte ich einen blinden Heiden binnen drei Tagen zum recht⸗ gläubigen Chriſten umſchaffen; denn Junghänel, die 106 alte Feſtung, war trotz ſeiner ſonſtigen Liebe und Nachgiebigkeit in gewiſſen Dingen ungemein ſtörriſch und unerſteigbar. Ich ließ mich aber nicht abſchrecken. Bereits am Abend des zweiten Tages hatte ich Breſche geſchoſſen und führte am dritten Tage die weibliche Sturmcolonne in Perſon gegen das erſchütterte Herz. Der Feind ſteckte jetzt die weiße Fahne auf und bat um eintägigen Waffenſtillſtand. Ich erklärte, als hal⸗ ber Sieger Wieſenthal nicht zu verlaſſen, bevor ich nicht meine herviſchen Bemühungen gekrönt ſähe. Am vierten Tage erfolgte endlich nach wiederholtem Sturme die Capitulation, und allgemeiner Jubel krönte den herrlichen Sieg. Die Verlobung der ſchönen Schweſtern mit Lieu⸗ Candidat und Maler wurde officiell declarirt. as Verlobungsfeſt ſollte binnen vierzehn Tagen ge⸗ feiert werden und ich mit meiner gleichfalls erklärten Braut dabei ſein. Junghänel, der beſiegte Feind, ver⸗ ſprach in Perſon die Sache bei meinem Onkel zu be⸗ treiben. So belohnen ſich gute Thaten. Nach Verlauf mehrerer höchſt glicklich verlebter Tage kehrte ich, obſchon um einen Zahn ärmer, doch im erhebenden Bewußtſein erfüllter guter Thaten und voller Hoffnung einerfrohen Zukunft wohlbehalten zurück. Ich habe meinen braven Onkel lange nicht ſo lachen hören, als bei der Erzählung meiner grauſigen Aben⸗ teuer mit den drei Töchtern des Amtsraths, die ich allerdings jetzt mit vielem Humor vortrug; und bei meiner Wilhelmine that ich mir nicht wenig darauf zu Gute, den drei ſiegreichen Schönheiten ſo mannhaft widerſtanden zu haben. Junghänel war ein Mann von Wort; er hielt getreulich, was er verſprochen hatte. Er kam ſelbſt zu meinem Onkel und ließ nicht ab, bis dieſer ſeine 107 Einwilligung zu meiner Verlobung mit Wilhelminen gegeben hatte. Noch waren kaum vierzehn Tage in's Land ge⸗ gangen, als ſich nicht weniger denn vier Bräutigame ſammt den diverſen Bräuten in Wieſenthal zuſammen⸗ fanden. Es verſteht ſich, daß mein Onkel und die gute Mutter meiner Wilhelmine dabei nicht fehlten. Ich lernte in den drei jungen Männern, wegen wel⸗ cher ich ſo viel hatte erdulden müſſen und für deren Glück ich nichtsdeſtoweniger ſo tapfer gekämpft hatte, höchſt geiſtreiche, geſittete und liebenswürdige Leute kennen, die es wohl verdienten, daß ihnen ſo ſchöne Bräute zu Theil wurden. Meine Abenteuer der ſeltſamen Brautſchau gaben auch diesmal wieder viel Stoff zur allgemeinen Hei⸗ terkeit. Zugleich erklärten die Töchter des Amtsraths, daß ſie von jetzt an ihre Lieblingsneigungen in ſoweit beſchränken wollten, als ſie ſich mit der Würde der Weiblichkeit vereinbaren ließen. Was den Verluſt meines ſchönen Backenzahns an⸗ belangte, ſo ermangelten meine drei Herren Collegen nicht, ihr einſtimmiges Bedauern auszuſprechen, Dieffen⸗ bach aber, der Operateur, erklärte, es ſei der Zahn⸗ verluſt nur eine gerechte Strafe dafür geweſen, daß ich mir als Bräutigam andere Mädchen auch nur habe anſehen wollen; ein gewiſſenhafter Bräutigam dürfe nur Augen für die Geliebte haben, worin Nimrod, Oken und hauptſächlich meine gute Wilhelmine nicht ermangelten, aus voller Ueberzeugung einzuſtimmen. Es waren kaum anderthalb Jahre in's Land ge⸗ gangen, als wir vier Bräutigame zu ehrbaren Ehe⸗ männern avancirten. Obſchon ich keine von Jung⸗ hänel's Töchtern heimgeführt hatte, nahm mich mein Onkel gleichwohl als Compagnon ſeines bedeutenden 108 Fabrikgeſchäfts an, ſo daß ich meine geliebte Wilhel⸗ mine mit ſammt ihrer Mutter anſtändig ernähren konnte. So leben wir nun ſeit einer Reihe von Jahren zufrieden und glücklich. Mein Onkel hat ſich bei ſeinen vorgerückten Jahren von den Geſchäften faſt ganz zurück⸗ gezogen. Nach zum alten Amtsrath werden häufige Ausflüge gem cht. Ein freundliches Geſchick hatte gewollt, daß ſeine drei Eidame in nicht zu gro⸗ ßer Entfernung von ihm wohnen. Wir ſelbſt ſind ihm nach Umtauſchung unſerer Fabrik gegen eine grö⸗ ßere um Vieles näher gerückt. Ein Flächenraum von wenigen Stunden umſchließt ſämmtliche Wohnungen der vier Ehepaare. Der Theolog iſt Prediger in ei⸗ nem anmuthig gelegenen Dorfe, der zum Rittmeiſter vorgerückte Lieutenant liegt in dem benachbarten Städt⸗ chen mit ſeiner Schwadron in Garniſon; der Maler hat Pinſel und Palette in den Winkel geworfen, iſt Oekonom geworden und verwaltet die Junghänel'ſchen Güter mit Einſicht und Geſchick. Die reſpective Nachkommenſchaft der vier Ehepaare beläuft ſich bereits auf fünf Männlein und ſieben Fräulein. Da blühen nun neue Liebe und neue Ro⸗ mane herauf. Das iſt der Lauf der Welt. Ich glaube aber die ſichere Ueberzeugung ausſprechen zu können, daß eine ſo gefährliche Brautſchau, wie mir zu Theil worden, nicht ſo leicht wieder vorkommen dürfte. Chirurg und Schieferdeckert. Novelle. Beleidigte Natur rächt ſich; aber ſelbſt ihre Rache wird zum Segen; denn über jeglicher Rache hienieden waltet die Vorſehung. — Im hochgewölbten Saale des Schloſſes Buchen⸗ fels ſtand ein junger Mann in ſchlichter bürgerlicher Kleidung und ſeine Blicke weilten lange und finſter auf der Menge der Ahnenbilder des gräflichen Hau⸗ ſes, mit welchen die hohen Wände umher reichlich be⸗ deckt waren. „Ja,“ begann er endlich,„ihr waret auch nicht beſſer; ich leſe es deutlich in dieſen gemeſſenen Blicken, hochfahrenden Stirnen und vornehm gekniffenen Lippen; das Wappen der Kaſte blickt überall hindurch und * vergebens ſuch' ich nach dem reinen gottgeborenen Menſchen.“ 3 Er ging den Saal mehrmals auf und ab; dann blieb er vor einem der jüngſten Gemälde ſtehen, wel⸗ ches das Bildniß einer jungen Dame zeigte mit ſüßen engelgleichen Zügen, aber von tiefer, rührender Weh⸗ muth überſchattet. „Wie konnteſt du dich hierher verirren,“ frug er ſchmerzlichſt ergriffen,„hier, wo dein Herz brechen mußte, weil es nicht ſchlagen durfte, wie Gott ihm gebot? Wie kann die holde Blume des Thales, zu deren Beſeligung es nur eines Sonnenblickes und ei⸗ nes Thautropfens bedarf, gedeihen auf ſonnerglühtem Felsgipfel, inmitten fremder ſtolzer Palmen, brennen⸗ der Neſſeln und elenden Giftkrautes?“ „Aber der dich verpflanzte auf die Höh',“ fuhr er nach einer Pauſe mit ſtillem Ingrimme fort,„er ſollte dich ſchützen, wäre dem Herzen er gefolgt und nicht dem Vorurtheile und du wäreſt nicht verblutet und geſtorben.“ Noch lange blickte der Sprecher zu dem ſchönen Bilde auf und um ſeine Lippen legte ſich ein zufrie⸗ denes Lächeln. „Aber du biſt gerächt, meine Schweſter,“ ſprach er,„Zerächt wie ſelten eine Sterbliche. Ich habe den Schwur gehalten, den ich that, als ich dein müdes Himmelsauge zudrückte für dieſe Welt, und Rache ge⸗ nommen— nicht die Rache des Tyrannen, nicht die des gepeinigten Knechtes, ſondern eine Rache, deiner werth, du ſelig Vollendete.“ Sich nähernde Männertritte in einer der Seiten⸗ hallen unterbrachen dieſes Selbſtgeſpräch, und der Be⸗ ſitzer des Schloſſes, Graf Albrecht, ein hoher ſtattlicher Mann mit tiefgeprägten ariſtokratiſchen Zügen, trat in den Sagal. Der junge Mann ging ihm einige Schritte ent⸗ gegen und verneigte ſich ſchweigend. „Ich habe Sie rufen laſſen, Herr Magiſter,“ be⸗ gann der Graf— der Grund wird Ihnen nicht un⸗ bekannt ſein. Meine Söhne haben jetzt das Alter erreicht, wo ich für ihre höhere Ausbildung bedacht ſein muß. Der Alfred ſoll Soldat werden, der Mar ſtudiren, oder auch umgekehrt, was meinen Sie?“ „Wie ich die Knaben nach mehrjährigem Unterrichte habe kennen lernen,“ erwiederte beſcheiden, aber feſten Tones der Gefragte,„ſo ſcheint mir, was den Krieger⸗ ſtand anbelangt, Beruf und Luſt Beiden entſchieden ab⸗ 2 6 113 zugehen; und für ein tieferes wiſſenſchaftliches Studium finde ich blos in dem Alfred die erforderlichen Anlagen.“ Der Graf warf einen finſtern Blick auf den Hof⸗ meiſter und ſprach kurz abbrechend: „Es wird ſich finden; ich werde ſelbſt mit den Kin⸗ dern ſprechen.“ In etwas gnädigerem Tone fügte er hinzu: „Laut Contracts beziehen Sie Ihren Gehalt in⸗ nerhalb des laufenden Jahres fort. Unter der Zeit wird ſich ein anſtändiges Engagement finden. Was ich thun kann—“ „Meinen tiefſten Dank für dieſe freundliche und mir ſo ſchätzbare Gefinnung,“ fiel etwas ſchnell der Hofmeiſter in's Wort,„aber vor der Hand würde ich mich in der That nicht entſchließen können, in neue Verbindungen zu treten, wie glänzend ſie immer ſein möchten.“ Er wollte noch einige motivirende Höflichkeitsfor⸗ meln hinzufügen, als ihn der Graf nicht ohne Empfind⸗ lichkeit mit den Worten unterbrach: „Es ſteht bei Ihnen. Jetzt rufen Sie meine Söhne.“ Der Hofmeiſter verneigte und entfernte ſich. „Ich hätte dieſem Menſchen,“ ſprach der Graf für ſich, im Saale auf⸗ und abgehend,„meine Kinder doch nicht Jahrelang anvertrauen ſollen. Allen Reſpekt vor ſeinen pädagogiſchen Leiſtungen, die Jungens könnten für ihr Alter in fittlicher und geiſtiger Hinſicht nicht beſſer beſtellt ſein; auch hängen ſie mit wahrer Affen⸗ liebe an ihrem Friedberg, gleichwohl hat er mir in ſeinem Weſen etwas Widerwärtiges; ſei's auch nur ſein Stolz, der bei aller Beſcheidenheit unverkennbar hervortritt und mir unerträglich wird. 3 Stolle, ſämmtl. Schriſten. I. 8 1414⁴ Es währte nicht lange, als zwei allerliebſte Kna⸗ ben von zwölf und dreizehn Jahren durch die Seiten⸗ halle in den Saal polterten. Wie ſie den Vater erblickten, nahmen ſie eine geſetztere Poſitur an. Nicht ohne Wohlgefallen betrachtete der Graf ſeine beiden Söhne. Er ſprach freundlich zu ihnen und brachte, wie zufällig, das Geſpräch auf ihre künftige Lebensbahn. „Wie wär's, Alfred, möchteſt Du nicht Soldat werden?“ „Nein, Vater,“ erwiederte freimüthig der Knabe, „nicht Soldat.“ „Warum denn nicht?“ „Der Soldat,“ erklärte Alfred,„macht Krieg, ver⸗ wüſtet Wohnungen, Gärten, Felder, plündert und ſchießt gar die Menſchen todt. Hörſt Du nicht, wie die Leute noch wehklagen über den letzten Krieg?“ „Der Krieg, mein Sohn, und das Ueble, was er bringt, ſind Gottes Schickungen,“ belehrte der Vater, „da kann der Soldat nichts dafür. Dieſer iſt im Gegentheil höchſt nützlich und nothwendig und ſoll eben unſere Beſitzthümer vor der Zerſtörung und Plünderung des Feindes ſchützen. Aber wozu haſt Du denn Luſt?“ „Chirurg, Vater, will ich werden.“ Der Graf glaubte nicht recht gehört zu haben und frug wiederholt:„Was willſt Du werden.“ „Chirurg, wie Doctor Hartmann,“ ſprach Alfred und guckte dem Vater unbefangen in's Geſicht,„der die Leute eurirt und die Schmerzen ſtillt, und den ſie darum alle ſo lieb haben. Das iſt gewiß beſſer als ein böſer Soldat.“ „Schweig mit ſolchen Abgeſchmacktheiten!“ platzte endlich der Graf heraus; der Knabe aber blickte etwas beſtürzt und zugleich verwundert zum Vater auf, wie dieſer ob ſeiner Rede habe bös werden können, da doch Herr Friedberg gegen ſeinen innigen Wunſch, Chirurg zu werden, nie Etwas gehabt, ſondern ihn vielmehr darin beſtärkt hatte. Der Graf wandte ſich jetzt zu Max und frug wieder etwas freundlich: „Hoffentlich haſt Du, mein Sohn, eine vernünf⸗ tigere Wahl getroffen?“ Max aber, durch des Bruders Schickſal eingeſchüch⸗ tert, wollte mit der Sprache nicht heraus. „Fürchte Dich nicht!“ ſprach der Vater;„magſt Du auch nicht Soldat werden?“ „Nein, lieber Vater.“ „Nun, was denn?“ „Du wirſt wieder bös werden,“ begann der Knabe ſtockend. Des Grafen Stirn verfinſterte ſich:„Gleichviel, ich will's wiſſen!“ „So laß mich Schieferdecker werden, lieber Vater!“ flehte der Knabe. Der hochgeborene Graf konnte vor Zorn keine Worte finden und ſchwieg eine lange Weile ſtill. Max hielt dies für ein günſtiges Zeichen, bekam Muth und ſprach eifrig: „Sieh, lieber Vater, da auf der Kirchthurmſpitze und auf den hohen Dächern herumzuklettern, wie herr⸗ lich iſt das; und wie kann ich ſchon klettern! Herr Martin, der unſer Schloßdach ausbeſſerte, hat's auch geſagt, ich müßte ein Schieferdecker werden, und mir oft erzählt, wie ſchön es ein ſolcher hat.“ „Es iſt gut,“ begann endlich der Graf ingrimmig und halblaut,„daß ich keinen dritten Sohn habe, er würde unfehlbar die erſte vacante Scharfrichterei pach⸗ ten. Zu den Söhnen aber wendete er ſich mit Donner⸗ 8 1416 ſtimme:„Auf Euer Zimmer, verwahrloſtte Buben!— Der eine wird Soldat, der andere ſtudirt. Dabei bleibt's.“ Erſchrocken und betrübt entfernten ſich die beiden Knaben; der Graf aber ſchritt lange in hoher Aufre⸗ gung im Saale auf und nieder. Endlich blieb er vor dem oben erwähnten Bildniß der jungen Dame ſtehen: „Ich verſtehe Dich, Marianne,“ ſprach er mit Bit⸗ terkeit,„das Blut der Bürgerdirne verleugnet ſich in den Söhnen nicht. Ja, das wäre ſo Dein Himmelreich, beſcheidene Pfahlbürger aus ihnen zu ziehen. Aber, Gottlob!“ rief er heftig,„noch fühl' ich, was ich euch ſchuldig bin, verblichene Bilder dieſes Saales, und noch habe ich die Kraft dazu. Sie ſollen die Schwach⸗ heit des Vaters wieder gut machen; ſie ſollen Ehre bringen meinem Namen; oder ich kann noch mehr thnn, als ich gethan. Ich habe Dich geopfert, holde Blume, ich kann noch größere Opfer bringen.“ Die untergehende Abendſonne verklärte jetzt die ſüßen Züge der Geſtorbenen in wunderbarer himmli⸗ ſcher Schöne. Der Blick des Grafen heftete ſich un⸗ willkürlich darauf und konnte ſich lange nicht losreißen; ein Ton verklungener Zeiten ſchien in ihm wach zu werden.„Ja,“ ſprach er endlich und ein Seufzer preßte ſich aus ſeiner Bruſt,„als Du zum erſten Male dieſes Himmelsauge zu mir emporſchlugſt und Liebe lächelteſt, gab es freilich keine andere Welt außer Dir.“ „Ich habe ihn hart gebüßt den ſüßen Irrwahn,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„hart gebüßt bis zum heutigen Tage. Ein Thor, der den ſchönen Traum der Liebe und Leidenſchaft für eine Ewigkeit hält; das Erwachen iſt um ſo ſchrecklicher.“ Er ging wieder einige Schritte auf und ab. „Die Verwandtſchaft grollt noch immer,“ ſprach er, 117 „und Marianne iſt bereits vor fünf Jahren geſtorben. Seit dem unſeligen Hochzeittage ſtehen dieſe Hallen, ehedem ſo belebt, verödet; ich lebe wie ein Einſiedler.“ „Ich weiß, was ſie wollen,“ ſprach er nach einer Pauſe,„ich ſoll den Alexis adoptiren und dann ge⸗ legentlich den Alfred und Max enterben, damit Buchen⸗ fels in reinem Geblüte forterbe.— Gerade deshalb müſſen die Jungen glänzende Carrieren machen, damit man ihnen die Abſtammung von mütterlicher Seite eher vergibt. Ich laſſe alle Minen ſpringen, ſie ſo hoch als möglich zu pouſſiren und ſoll mich's mein halbes Vermögen koſten. Es bleibt kein Ausweg; ſie müſſen ſich fügen, und helfen gute Worte nicht, muß es der Zwang.“ Von dieſer Idee immer mächtiger ergriffen, beſchloß er, die Knaben nochmals vorzunehmen. Es war zwei Tage ſpäter, als Graf Albrecht in dumpfem Hinbrüten auf ſeinem Zimmer ſaß. Da that ſich die Thür auf und Joſeph, der alte Kaſtellan des Schloſſes, trat herein. Der Graf fuhr aus ſeinem Traume empor:„Noch immer keine Nachricht?“ frug er. „Noch immer keine!“ tönte es wehmüthig.„Was in eines Menſchen Kräften ſtand, die Knaben auffin⸗ dig zu machen, iſt geſchehen, aber vergebens.“ „Und Friedberg?“ fragte der Graf weiter. „Iſt gleichfalls verſchwunden,“ erzählte Joſeph, „gleich nach der entſetzlichen Scene, in deren Folge die Knaben davongelaufen, iſt auch er nicht wieder geſehen worden.“ Der Graf ſchlug ſich vor die Stirn:„Der Sa⸗ tan,“ rief er,„hat mich geblendet, als ich dieſem 118 „ Menſchen die Kinder anvertraute, der ſie verwahrloſſte und vergiftete.“ „Um Gotteswillen!“ ſprach Joſeph.„Der Fried⸗ berg? Nimmermehr!“ „Vergiftet hat er ſie durch und durch,“ fuhr der Graf fort,„und mit dem ſchändlichſten Gifte. Dieſen Geiſt, der aus den Jungen ſprach, haben ſie nicht blos von der Mutter, der iſt erſt beigebracht durch einen wohlbedachten teufliſchen Erziehungsplan. Noch nie ſind mir Kinder in dieſem Alter vorgekommen, die alſo zu ihrem Vater geſprochen hätten. Ich habe das Aeußerſte verſucht, um die verfluchten Ideen auszu⸗ treiben, die in ihrem Kopfe ſpuken; ich habe den Al⸗ fred zum Schloßfenſter hinaus über den Abgrund ge⸗ halten und ihn hinunterzuwerfen gedroht; er ſollte nur zur Probe die Worte ſagen: Ich verehre den Adel und verachte den Bürgerſtand. Der Bube ließ es darauf ankommen und ſchwieg. Da ſoll ein Menſch nicht raſend werden?“ Der Graf ging heftig im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile ſprach er:„Aber bis hierher und nicht weiter!“— ein verzweifelter Entſchluß ſchien in ſeinem Innern gezündet zu haben. Aengſtlich und mit gefalteten Händen beobachtete der treue Diener ſeinen Herrn:„Gnädigſter Herr Graf,“ begann er,„es gibt jetzt nur noch ein Mittel, der Kinder habhaft zu werden, wenn wir die benach⸗ barten Obrigkeiten von ihrer Flucht in Kenntniß ſetzen.“ „Es geſchieht nichts!“ entſchied der Graf.„Die Kinder, die ihrem Vater davon laufen, haben keinen Anſpruch auf die Liebe deſſelben.“ Joſeph fiel dem Hartherzigen zu Füßen:„Gnä⸗ digſter Graf,“ beſchwor er,„es ſind Ihre Kinder; erſt Ihre harte Behandlung hat ſie zu dem verzwei⸗ 449 felten Entſchluſſe gebracht. Hätte der Himmel nicht zur gnädigen Stunde noch den Friedberg geſendet, welcher die Kleinen aus Ihren Händen rettete, Gott weiß, welches Unglück Ihr Zorn angerichtet.“ „Es würde ſo groß nicht geweſen ſein,“ verſetzte dumpf der Graf. „Es ſind Ihre Kinder, Ihre leiblichen, guten, lieben Kinder,“ fuhr Joſeph beſchwörend fort;„ver⸗ ſtoßen Sie die Hilfloſen nicht, das will Gott nicht; fordern Sie alle guten Menſchen in den Zeitungen auf, daß, wer die Knaben findet, ſie unverſehrt zurück bringe. Laſſen Sie zugleich mit dabei drucken, daß Sie ver⸗ ſöhnt ſind, und daß ihnen nichts Uebles geſchehen ſoll.“ „Der Scandal fehlte noch!“ lachte verzweifelt der Graf.„Nein, dieſes Gaudium will ich der Verwandt⸗ ſchaft doch nicht machen.“ Joſeph fuhr fort zu bitten, als vom Schloßhofe der muntere Ton eines Poſthornes erklang. Der Graf eilte an's Fenſter; eine fremde Equipage hielt im Hofe. „Kennſt Du dieſe Livrée?“ fragte er. Joſeph, der ihm gefolgt war, antwortete kleinlaut: „Das iſt des Baron Sternberg Livrée.“ „Kommt wie gerufen!“ ſprach der Graf, riß das Fenſter auf, grüßte hinab und eilte, den Beſuch zu empfangen. „Baron Sternberg?“ fragte der treue Diener im wehmüthigen Tone,„und jetzt? Das bedeutet nichts Gutes!“ Darauf faltete er die Hände:„Vater im Himmel,“ ſprach er,„der du die Vöglein nährſt unter dem Himmel und die Lilien kleideſt auf dem Felde, erbarme dich der unglücklichen Kleinen. Nicht aus Uebermuth haben ſie das Vaterhaus verlaſſen, ſondern aus Verzweiflung, weil ſie ſonſt ein verblendeter Vater ſeinem Zorne gevpfert haben würde. Erbarme dich ihrer, Vater im Himmel! Doch, was verzage ich al⸗ ter Mann! Friedberg iſt gewiß bei ihnen, und da ſind ſie bei ihrem Engel und wohl aufgehoben. Schon nach einigen Tagen hatte Graf Albrecht Momente, wo ihn die Hartherzigkeit gegen ſeine Söhne zu gereuen anfing. Er war ſchon einmal im Begriffe, Joſeph's Rathe zu folgen und die Entflohenen in öf⸗ fentlichen Blättern auffordern zu laſſen, als ſich's ſein Schwager Sternberg alle Mühe koſten ließ, ihn davon zurückzubringen und die Kinder ihrem unbekannten Schickſale zu überlaſſen. Gleichwohl ward es dem ſchlauen Manne nur zu bald klar, daß trotz ſeiner Bemühung das Vaterherz des Grafen über kurz oder lang ſiegen würde, und um dieſem zuvorzukommen und alle Gefühle für die Kinder zu erſticken, nahm er zum letzten Mittel ſeine Zuflucht. „Sei überzeugt, theurer Bruder,“ begann er eines Tages,„daß unſere Familie Deine Verbindung mit dem Bürgermädchen gewiß nicht ſo übel empfunden und ſich ſo eigenſinnig zurückgezogen haben würde, wenn ſie ſich hätte überzeugen können, daß Deine verſtorbene Gattin ſich auch wirklich Deiner großen Liebe und der Ehre, in dieſe Hallen eingeführt zu werden, wahrhaft würdig gezeigt hätte.“ Der Graf blickte finſter auf den Sprecher. „Ich weiß, was Du ſagen willſt!“ fuhr Stern⸗ berg, ohne ſich ſtören zu laſſen, ruhig fort,„Deine Frau galt hier und in der Umgegend für einen ſo⸗ genannten Engel.“ „Und war es!“ bemerkte nachdrücklich der Graf. „Du wirſt aber einer hochadeligen Familie,“ ſprach Jener weiter,„die ſich unvermuthet durch ein Glied 121 aus dem Bürgerſtande bereichert ſieht, nicht verargen, wenn ſie, ſich mit dem Urtheile der Menge nicht be⸗ gnügend, über bewußte Perſon—“ „Ich verlange, daß man mit Achtung von meiner verſtorbenen Gemahlin ſpreche!“ rügte der Graf im ſtrengen Tone. Der Barvn biß ſich in die Lippen,„daß man über — die Gräfin Marianne,“ fuhr er fort,„ſeine eigenen Erkundigungen einzog.“ „Nun, und die Erkundigungen ergaben?—“ frug Albrecht und die Zornes⸗Ader ſeiner Stirn ſchwoll ſichtbar. „Daß die Gräfin von Buchenfels, weit entfernt ein Engel zu ſein, ſich als Gattin in einem mehr denn zweideutigen Lichte zeigte.“ Des Grafen Auge funkelte.„Herr von Stern⸗ berg,“ begann er und ſeine Stimme zitterte vor Zorn, „ich habe Euch das Leben meiner Gemahlin zum Opfer gebracht, ihre Ehre iſt mir deshulb um ſo heiliger, ſie iſt die meine. Ich verlange Beweiſe Eu⸗ rer Rede.“ „Deine gegenwärtige Gemüthsſtimmung,“ ſprach Sternberg einlenkend,„iſt hierzu nicht geeignet; ein andermal über dieſes Kapitel.“ „O, ich bin ſehr ruhig!“ verſetzte der Graf mit kaltem Ingrimme. „Wenn dem ſo iſt,“ ſprach der Baron,„ſo brauch' ich nur zu wiederholen, was unſere Familie Dir be⸗ reits vor Jahren in Briefen zu wiſſen thun wollte. Leider kamen dieſelben ſämmtlich uneröffnet zurück.“ „Und mit Recht!“ warf der Graf dazwiſchen,„ich war der ewigen Chicanen müde.“ „Chicanen?“ frug der Baron,„was aus unge⸗ heuchelter Freundſchaft geſchah?“ „Schon gut,“ ſprach der Graf,„erzähle nur, ich bin jetzt aufgelegter.“ „Unſere Familie,“ fuhr Erſterer fort,„fand es wenigſtens unpaſſend für eine Gräfin von Buchenfels, fremden jungen Männern in Abweſenheit ihres Ehe⸗ gemahls Rendezvvus beim Geſundbrunnen im Walde zu geſtatten.“ „Alſo die alten Mährchen,“ ſprach der Graf. „Als ſolche möchten jene Rendezvvus gelten,“ meinte Sternberg,„wenn ſie nur von un ſern Leuten entdeckt worden wären; aber hoffentlich wird Dein Kaſtellan Joſeph auch um die Geſchichte wiſſen.“ Der Graf ward aufmerkſam, doch erwiederte er nichts. „Ein noch eurioſeres Anſehen gewannen dieſe männ⸗ lichen Bekanntſchaften, als ſich jene Stelldichein ſelbſt am Sterbebette der Gräfin wiederholten. Der Pfarrer Benedict, welcher die Sterbeſacramente verabreichte, erzählt wunderbare Hiſtorien. Da er ſich Deinen Haß zugezogen, weil er, um Deine Ehe nicht einzuſegnen, plötzlich erkrankte, werden ſeine Ausſagen Dir ebenfalls als Mährchen erſcheinen; aber dieſer Geiſtliche will es auf die Hoſtie beſchwören, daß wenige Stunden vor ihrem Tode die Gräfin mit einem jungen Manne Un⸗ terredung gepflogen, wobei es gar herzzerbrechend her⸗ gegangen iſt. Hauptſächlich iſt da von den Kindern die Rede geweſen.“ Albrecht ſah ſtarr vor ſich hin, ſagte aber kein Wort; der nittheilende Schwager fuhr fort:„Was der Sache noch ein abſonderliches Relief gibt, iſt, daß der Pfarrer Benedict in jenem Fremden am Sterbe⸗ bette den nachherigen Hofmeiſter Magiſter Friedberg ganz deutlich wieder erkannt haben will. Die Zu⸗ neigung der Mutter zu dieſem Pädagogen ſcheint auf die Kinder fortgeerbt zu ſein, denn wie man mir er⸗ 123 zählte, ſind ſie ihm mit wahrhaft kindlicher Liebe zugethan geweſen, mehr als Dir, theurer Freund.“ Der Stoß war gut berechnet; er ſaß. Wie ein Wüthender fuhr der Graf auf.„Tod und Teufel!“ ſchrie er,„diesmal iſt's nicht bloße Familienrachſucht. In welche Höllenſchlingen bin ich gerathen!“— Er rannte verzweifelt mehrmals auf und ab, dann rief er: „Baron, verſchaffe mir Gewißheit über meinen fürch⸗ terlichſten Argwohn und Dein Alexis iſt Erbe von Buchenfels.“ Nach einigen Tagen, als ſich der Graf mit dem Baron auf der Jagd befand, fuhr abermals eine Equi⸗ vage im Schloßhofe vor. Eine Dame ſtieg aus von ſtolzem gebieteriſchen Anſehen. „Endlich,“ ſprach ſie für ſich,„nach zwölf Jah⸗ ren das erſte Mal!“ und ihre Blicke flogen mit ſtolzer Genugthuung über den bekannten Schloßhof. Dem alten Kaſtellan, der ihr mit einem unverhehlten Kum⸗ mergeſicht entgegentrat, nickte ſie mit vornehmer Herab⸗ laſſung zu: „Mein Gemahl zu Hauſe?“ frug ſie. „Der Herr Baron ſind mit dem gnädigen Gra⸗ fen auf der Jagd,“ antwortete Joſeph. „Svo will ich mir unterdeß die Zeit vertreiben; führt mich im Schloſſe umher, Herr Kaſtellan. Hat ſich viel verändert?“ Damit ging ſie ſchnellen Schrit⸗ tes dem Hauptportale zu. „Es iſt Alles beim Alten geblieben.“ Unter dem von Säulen getragenen Balkon über der Hauspforte blieb ſie ſtehen und überblickte noch⸗ mals den Schloßhof: „Aber pfui, wie verwildert Alles; überall Moos und Gras.“ „Es ging die letzteren Jahre ſehr ſtill bei uns zu,“ ſprach Joſeph. „Das will ich glauben,“ warf ſie ſpöttiſch hin, und zu dem ſie begleitenden Diener ſprach ſie:„Jaques, ſorge dafür, daß das weggeſchafft werde.“ „Wenn der Herr Graf befiehlt,“ bemerkte Joſeph, „wird es ſogleich geſchehen.“ Die Baronin von Sternberg überhörte dieſe Worte, obſchon ſie vernehmbar genug geſprochen waren, und ſtieg eilfertig die breite Schloßtreppe hinauf. Nach Durchwanderung mehrerer Gänge und Ge⸗ mächer gelangte man in den Ahnenſaal. Mit gehei⸗ mer Wolluſt betrat die Baronin den Marmorboden dieſes Familienheiligthums. Sie überſchaute mit ſtol⸗ zer Befriedigung die reiche Gallerie. „Ihr ſollt Genugthuung erhalten,“ ſprach ſie, „theure Ahnen, Genugthuung für die zwölfjährige Schmach, oder ich will nicht eure Tochter heißen.“— Da wendete ſie ſich und ihre Blicke fielen auf Marian⸗ nens Bildniß, das wieder von der Abendſonne beſchie⸗ nen in himmliſcher Verklärung leuchtete. Die Barvonin prallte zurück, doch gleich darauf trat ſie keck davor: „Das iſt alſo die Dirne, die ſich bei uns ein⸗ ſchleichen wollte mit ihrer Sippe?“ frug ſie mit kal⸗ tem Hohne;„ich finde ſelbſt in der Larve nichts Be⸗ ſonderes.“ Und zu ihrem Diener gewendet, ſprach ſie: „Jaques, bring' mir dies Bild aus meinen Augen.“ Da trat Joſeph vor, dem es ſchon lange im In⸗ nern kochte.„Gnädige Frau,“ ſprach er,„dieſe Gemälde ſtehen unter meiner beſondern Aufſicht; ohne meines gnädigen Herrn ausdrücklichen Befehl dulde ich nicht, daß ſich Jemand daran vergreift.“ Die Baronin warf einen verächtlichen Blick auf den alten Mann:„Ich werde es bei meinem Bruder verantworten. Jaques, Du thuſt, wie Dir geheißen!“ und der Diener trat mit frechem Uebermuthe zu dem Bilde, um es herabzunehmen. „Halt,“ rief Joſeph und ſtieß den Zudringlichen zurück,„rühr' mir dieſe Heilige nicht an mit Deinen ſchmutzigen Händen, oder es koſtet mich einen Wink und Du fliegſt aus dem Saale und dann zum Schloſſe hinaus.“ „Für dieſe unverſchämte Frechheit wird Er ſeinem Herrn Rechenſchaft geben,“ ſprach ergrimmt die Barv⸗ nin;„Seiner Begleitung bedarf ich nicht mehr,“ und von ihrem Diener gefolgt, rauſchte die ſtolze Frau davon. „Das werde ich,“ ſprach der alte Mann, vor Zorn noch am ganzen Leibe zitternd. Dann hob er gefal⸗ tet die Hände zu dem ſchönen Bilde:„Vergib den Frevlern, du Heilige,“ bat er;„nicht genug, dir das Leben genommen zu haben, wollen ſie dir jetzt deine Ehre rauben. Aber dort über den Sternen wohnt auch noch Jemand, der den Verläumder züchtigt und die im Geheim geſponnenen Pläne an das Tages⸗ licht bringt.“ Graf Albrecht hatte ſich alle erdenkliche Mühe ge⸗ geben, über das verdächtige Verhältniß, in welchem, nach Sternberg's Behauptungen, die verſtorbene Grä⸗ fin mit Friedberg geſtanden haben ſollte, Gewißheit zu erhalten. Er konnte es, nach ruhiger Ueberlegung, nicht über ſich gewinnen, auf die bloße Ausſage des Pfarrers Benedict, der dem Intereſſe des Hauſes Sternberg für gänzlich ergeben galt, die Verſtorbene zu verdammen. Die alte Kammerfrau Katharine, welche die Gräfin in den letzten Tagen pflegte und allein von der Scene am Sterbebette ſicher wiſſen konnte, war geſtorben, und was die Zuſammenkünfte beim Geſundbrunnen anbelangte, ſo geſtand Joſeph nur zu, die gnädige Frau zwei Mal zu der Heil⸗ quelle begleitet zu haben, weil ſie allein nicht habe gehen wollen. Der Graf nahm daher noch immer Anſtand, wie ſehr er auch von Sternberg gedrängt ward, ſeine bei⸗ den Knaben, deren Aufenthaltsort fortwährend ein Geheimniß blieb, als illegitim zu enterben und den Alexis an Kindesſtatt anzunehmen. Da gelang es eines Tages der, ihren Plan un⸗ ermüdlich verfolgenden Baronin, in dem Büreau des Zimmers, das Friedberg früher bewohnt hatte, ein ge⸗ heimes Fach auszuſpüren, worin ſich mehrere Briefe der Gräfin Marianne an Friedberg, nebſt Portrait und Haarlocken, vorfanden, welche Memorabilien der Eigenthümer unſtreitig bei der Schnelle ſeiner Abreiſe mit ſich zu nehmen vergeſſen hatte. Mit freudigem Schrecken und gieriger Haſt griff die Baronin nach dieſen für ſie unſchätzbaren Doeu⸗ menten und begann zu leſen. Die Briefe waren ſorgfältig in chronologiſcher Rei⸗ henfolge geordnet. Der erſte, von Mariannen noch als Mädchen geſchrieben, lautete alſo: „Mein guter, guter Julius, ich habe Deine man⸗ nigfachen Bedenklichkeiten wegen einer Verheirathung mit dem Grafen gar wohl überlegt; ich habe ſie ihm alle vorgehalten. Er lächelte und hat ganz andere Anſichten über dieſe Angelegenheiten, wie Du. Als ich, in Folge Deines Briefs, immer neue Punkte ihm zu überlegen gab, ward er traurig und ſagte, wenn ich nicht bald ſtill wäre, müßte er an meiner Liebe verzweifeln. Da dauerte er mich und ich geſtand ihm wie glücklich ich ſein würde, wenn es gar nichts zu 127 überlegen gäbe. Er ward wieder heiter und wir ſpra⸗ chen nicht mehr über dies Kapitel. Ach, mein guter Bruder, warum hat nur der liebe Gott den Standesunterſchied unter den Menſchen ge⸗ ſchaffen? Was gäbe ich darum, wäre Albrecht ein ſchlichter Bürgersmann, daß ich ihn lieben dürfte, ohne daß die Seinen deshalb bös darüber würden. Denn er liebt mich ſo innig, doch noch lange nicht ſo, wie ich ihn. Du haſt mir viele unangenehme Verhältniſſe auf⸗ gezählt, in die ich gerathe, wenn ich des Grafen Frau würde; ich will Dir jetzt auch ein paar angenehme, ach, ganz himmliſche, herſchreiben, die manches Unan⸗ genehme wieder gut machen. Denke nur die Selig⸗ keit, unſerm Vater ein ganz ſorgenfreies Alter bereiten zu können, und alsdann meinen Lieblingswunſch erfüllt zu ſehen, recht vielen Armgn Freude zu machen nach Herzensluſt. Der Graf hät mir ſchon die Summe vorgezählt, über die ich zu dieſem Zwecke ſchalten und walten kann. Es iſt dies erſchrecklich viel Geld und „ich darf an dieſe Seligkeit gar nicht denken, ſoll ich nicht auf der Stelle alle Bedenklichkeiten bei Seite ſetzen. Albrecht's Verwandte, wenn ſie auch ſtolz, ſind ja ſo gut Menſchen mit Gefühl, wie wir. Wir Alle be⸗ ten zu demſelben Vater im Himmel, der ein Weſen der Liebe iſt. Wenn ich ihnen mit Liebe entgegen komme, werden ſie mir nicht mit Haß vergelten. Ach, mein guter Bruder, wenn Du uns doch nur einmal beſuchen wollteſt. Der Vater wünſcht es ſo ſehr und beſonders ich, Deine Schweſter, die mit Dir ſo viel zu ſprechen hat. Auch Albrecht will Dich gern kennen lernen. Wenn Du hier wärſt, würdeſt 128 Du über Manches anders urtheilen. O komm“ guter, lieber Julius; ſehnlichſt harrt Deiner Deine Dich ewig liebende Schweſter, Marianne.“ „Alſo wirklich der— Bruder, wie wir geahnet haben,“ ſprach die Baronin, nachdem ſie geleſen hatte, und entfaltete das zweite Schreiben. Dieſes war einige Wochen ſpäter geſchrieben und ſprach ſich alſo aus: „Gott hat entſchieden! Des Herzens Stimme iſt ja Gottes Stimme. Geſtern war die Bedenkzeit ab⸗ gelaufen, die Du mir ſo dringend anempfohlen hatteſt. Ich ſtand am Fenſter, das nach dem Garten hinaus⸗ geht. Die Sonne neigte ſich zum Untergange, die ganze Gegend war himmliſch verklärt. Dein letzter Brief, worin Du mir beſonders an's Herz legteſt, daß dem Grafen unſere Verbindung ſpäter leicht gereuen könne, hatte mich eben recht traurig geſtimmt; als Albrecht zu mir trat und in leiſem, aber ergreifendem Tone flehte, ihn nicht um das Gluͤck und die Ruhe ſeines Lebens zu bringen. O, mein Bruder, und wenn ich ihn auch weniger geliebt hätte, als ich ihn liebe, ich konnte nicht Nein ſagen: Gott iſt mein Zeuge, ich konnte nicht. Der Vater trat bald darauf in's Zimmer. Albrecht führte mich zu ihm und bat um ſeinen Segen. Der alte Mann umarmte mich weinend und geſtand, daß ich ihm den ſehnlichſten ſeiner Wünſche erfüllt habe; und er hatte mir nie zugeredet. O, mag es werden, wie es will; ich habe doch ihm eine ſelige Freude bereitet. Noch habe ich viel, viel zu ſchreiben; aber jetzt vermag ich es nicht. Deine Marianne.“ 129 Der dritte Brief, in Form eines Tagebuches ab⸗ gefaßt, lautete alſo: Buchenfels, den 12. Mai. Unſere Hochzeit iſt ſtill und einfach begangen wor⸗ den, ganz wie ich's gewünſcht. Joſeph, der Kaſtellan des Schloſſes, hatte zwar große Vorbereitungen ge⸗ troffen, aber Albrecht verbat ſich alle Feierlichkeiten. Kurz vor der Trauung ward der hieſige Pfarrer krank. Sie mußte ſo lange verſchoben werden, bis der Paſtor der nächſten Ortſchaft ankam. Albrecht ward durch dieſe Störung etwas verſtimmt; er umarmte und küßte mich, und ſprach in ſeltſamem Tone: Wenn mich auch Alles verläßt, bleibſt Du mir doch. Des Nachmittags kam Graf Hartwig, einer unſerer Nachbarn, herüber gerikten. Ein edler, menſchenfreundlicher Mann. Wir waren ganz glücklich und nur ein Wunſch blieb mir, daß Du, mein guter Bruder, und unſer Vater bei der Feier hätten ſein mögen. Den 18. Mai. Ich lebe wie im Himmel; Albrecht erfüllt jeden meiner Wünſche. Er ſprach ſchon davon, Dich und den Vater nächſtens herbei zu holen, was mich ganz glücklich macht. Unſere Dienerſchaft trägt mich auf den Händen. Beſonders ſind Joſeph und die Kam⸗ merfrau Katharine mir zugethan, ein paar treue See⸗ len, treu wie Gold. k Den 20. Mai. Mein Himmelreich währt fort. Bereits hab' ich zwei Mal Spende vertheilt unter die Armen der Um⸗ gegend. Die guten Menſchen erzeigen mir mehr Liebe, als ich verdiene. Was thue ich denn weiter; es iſt mir ja ſelbſt alle Mal ein Himmelsfeſt, Anderen Freude zu machen. Stolle, ſämmtl. Schriften. I. 9 130 Den 24. Mai. Albrecht erhält oft Briefe, die ihn ſichtbar ver⸗ ſtimmen. Ich wage nicht, nach ihrem Inhalte zu forſchen, denn ich fürchte, daß ſie von der gräflichen Verwandtſchaft herrühren, die ihn wahrſcheinlich mit Vorwürfen überhäuft, weil er mich geheirathet hat. Das ſtimmt mich recht traurig. Graf Hartwig iſt der einzige Nachbar, der uns beſucht. Er iſt von altem Adel, aber läßt nicht den geringſten Stolz blicken. Ich bemerke zuweilen, wie er den Grafen über das Be⸗ nehmen der ſtolzen Verwandten zu tröſten ſucht. Ach, ſollten denn dieſe gar nicht zu verſöhnen ſein? Den 25. Mai. Du glaubſt nicht, lieber Julius, wie reizend Bu⸗ chenfels gelegen iſt. Die Ausſicht von unſerer Höhe iſt bezaubernd. Sie reicht Meilen weit über reiche, blühende Gegenden, voll fruchtbarer Getreidefluren, Obſtgärten und freundlicher Dörfer. Dazu der ſchöne Frühling; von allen Seiten blüht und lacht es. Auch der Schloßplatz iſt herrlich; wie gern wandle ich die ſchattigen Gänge entlang und erquicke mich an dem Rauſchen der Springbrunnen. Ach, daß Du ſo ent⸗ fernt lebſt und mein ſtilles Glück nicht theilen kannſt. Ich hoffte immer, Albrecht werde ſich an ſein Verſpre⸗ chen erinnern und Dich und den Vater auf einige Zeit hierherkommen laſſen. Aber er hat nicht wieder davon geſprochen. Den 28. Mai. Als ich geſtern früh meine Lieblingslaube beſuchte, war ſie feſtlich mit Blumenguirlanden umwunden und unſere Dienerſchaft gratulirte mir im Sonntagsſtaate. Es war mein Namenstag; ich hatte ihn ganz vergeſ⸗ ſen und ward durch dieſe Aufmerkſamkeit innigſt über⸗ — — 131 raſcht und gerührt. Auch viele Arme kamen und wünſchten mir alles Glück und allen Segen. Wie glücklich muß ich werden, wenn dieſe Wünſche alle in Erfüllung gehen. Bei'm Frühſtück überraſchte mich Albrecht mit prächtigen Kleidern. Ich weinte lange an ſeinem Halſe. Es waren nicht blos Freudenthrä⸗ nen; ich fühlte mich durch dieſe Liebe wehmüthig er⸗ griffen, weil ich immer fürchte, daß ich meinem Gatten das nicht zu erſetzen vermag, was er meinetwegen aufopfert. Er ſchien mein Innerſtes zu errathen, preßte mich ſeltſam bewegt an ſein Herz und ſprach milde Troſtesworte. Mir ward wieder wohl und leicht. Auch Graf Hartwig ſtellte ſich ein und gratulirte herz⸗ lichſt. Den Nachmittag machten wir zuſammen eine Landpartie und verbrachten den Tag recht angenehm und vergnügt. . Den 30. Mai. Albrecht iſt auf ein paar Tage nach der Reſidenz gereiſt. Ich habe daher recht ſtille Tage und kann mir jetzt recht gut denken, wie einer Burgfrau in den alten Zeiten zu Muthe geweſen iſt, wenn ihr Eheherr in's Feld zog oder gar nach Paläſtina. Wie ich dieſe Tage durch Katharinen erfuhr, iſt es beſonders des Grafen eigene Schweſter, die Baronin von Sternberg, welche wegen Albrecht's Verheirathung mit mir ſo er⸗ zürnt iſt. Sie hatte nämlich gewünſcht, daß ihr Bru⸗ der eine ſehr reiche, altadelige und ſehr betagte Wittwe heimführen möchte. Ach Gott, ſie wird gewiß ſchwer zu verſöhnen ſein. Wenn es nur nicht gerade ſeine Schweſter wäre. Das bekümmert mich tief. Den 2. Juni. Der neue Monat, gerade mein Lieblingsmonat, hat mir dies Mal großen, großen Schmerz gebracht. 9* 132 Meine Hand zittert, wenn ich nur daran denke, was mir geſtern widerfahren. Ich ſaß, mit Stickerei be⸗ ſchäftigt, auf unſerm Altane, als ein Reiter in den Schloßhof ſprengte.„Du, meine Güte,“ ſprach Ka⸗ tharine in ſeltſamem Tone,„was will denn der?“ „Um Gott, wer iſt es?“ fragte ich erſchrocken.„Der Baron Sternberg!“ war die Antwort. Ich zitterte am ganzen Leibe.„Gehen Sie ihm entgegen,“ rieth die treue Dienerin,„und ſein Sie recht freundlich, da kann vielleicht Alles gut werden.“ Ein himmliſcher Hoffnungsſtrahl durchzuckte mein Innerſtes. Ich raffte meine Kräfte zuſammen, verließ den Altan und ge⸗ langte an das Hausthor. Der ſtolze Mann war noch nicht abgeſtiegen. Ich hörte aber, wie ihm Joſeph ſagte: daß der Graf nicht zu Hauſe, ich aber zugegen ſei. Der Baron ſah mich jetzt an der Pforte ſtehen und rief, daß es laut im Schloßhofe widerhallte:„Ich kenne keine Gräfin von Buchenfels und mit des Gra⸗ fen Dirne habe ich nichts zu ſchaffen.“ Damit wandte er ſein Roß und ſprengte davvn. Es ward Nacht vor meinen Augen; ich weiß nicht, was weiter geſchah.— Dem Baron war es gewiß nicht unbekannt, daß Al⸗ brecht abweſend; ſein Beſuch geſchah blos, um mich zu beſchämen und zu kränken. Ach, eine ſolche Rache an einem ſchwachen Weibe, das ihm nie etwas zu Leide that, iſt gewiß eines Edelmannes nicht würdig. Ich habe viel geweint. Jetzt bin ich etwas gefaßter. * Den 5. Juni. Ein Unglück kommt ſelten allein. Albrecht iſt auf das Höchſte verſtimmt aus der Reſidenz zurückgekehrt. Ich ahne mit Zittern, daß ich wieder die unſelige Ur⸗ ſache bin. Wenn mich nicht Alles täuſcht, iſt ſelbſt einige Kälte in Albrecht's Betragen gegen mich ein⸗ 133 getreten. Ich darf dieſen Gedanken aber nicht denken, will ich nicht innerlich verbluten. Von des Barons Beſuch hab'ich meinem Gatten nichts geſagt; es würde ihn zu ſehr ſchmerzen.— Dieſer ſchöne Monat, der mir ſonſt nur Roſen und Freuden brachte, hat er dies Mal nur Schmerzen und Thränen? Den 9. Juni. O, mein Bruder, meine Ahnung hat mich nicht betrogen. Der Herzog ſelbſt ſoll ſich mißbilligend über Albrecht's Verbindung geäußert haben. Daher die große Verſtimmung des Letztern. O Gott, in welch' unſe— lige Verhältniſſe bin ich gerathen. Meines Gatten Liebe iſt das Einzige, was mich noch aufrecht erhält. Ich baue feſt auf ſie. Nur Verſtimmung war's, was ich einen Augenblick lang für Kälte hielt. Er liebt mich wie ſonſt; aber ich bin darum nicht glücklich, da ich ihn nicht glücklich ſehe. Was mir außerdem noch großen Kummer macht, iſt, daß es Albrecht nicht gern zu haben ſcheint, wenn ich Dir und dem Vater ſchreibe. Er hat es nicht geradezu geſagt, aber ich hab' es aus mehreren Aeu⸗ ßerungen herausbekommen. Den Grund ſehe ich nicht ein. Es war eine große Beruhigung für mich, Dir und dem Vater ſchreiben zu dürfen; aber ich will gern Alles thun, was ich meinem Gatten an den Augen abſehen kann, damit er wenigſtens über mich keine Klage hat. Wundere Dich da n nicht, mein guter Bruder, wenn ich nach Ueberſendüng dieſes Tagebuches, das die Freuden und Leiden eines ganzen Monats enthält, in den brieflichen Mittheilungen eine Pauſe mache.— Die ſo himmliſche Hoffnung, Euch einmal hier zu ſehen, hab' ich vor der Hand ganz aufgege⸗ ben. Ach, ich möchte jetzt oft recht tief Athem holen. — Sobald ſich's nur thun läßt, ſchreib' ich wieder. 13⁴ Lebe wohl, leb' innig wohl, herzlich Geliebter, lebe glücklich— glücklich— Deine Marianne.“ Der folgende Brief war faſt ein Jahr ſpäter ge⸗ ſchrieben und lautete: „Innigſt geliebter Julius! Ich glaube nicht, daß es eine Sünde iſt, wenn ich Dir gegen den Willen meines Gemahls ſchreibe. Bereits ſeit einem Viertel⸗ jahre hat mir Albrecht, trotz meines Bittens, allen Briefwechſel mit Euch unterſagt. Er meint, meine Briefe würden Dir und dem Vater nur unangenehm ſein; er hat Recht, aber ich kann's nicht über mich gewinnen, Dich und den Vater nach ſo langem Schwei⸗ gen ohne alle Nachricht zu laſſen. Mein guter Bru⸗ der, ich befinde mich ganz in der Lage, die Du mir in Deinen einſtigen Briefen wiederholt vor Augen führteſt, und die ich damals für ängſtliche Phantaſieen Deiner allzugroßen Beſorgniß hielt. Ach Gott, es iſt Alles eingetroffen, wie Du vorher geſagt. Seit mei⸗ ner Ankunft auf Buchenfels leben wir wie Einfiedler, wie Geächtete; des Grafen geſammte Familie flieht uns wie Verbrecher und läßt es an tief verletzenden Kränkungen nicht fehlen. Daß ein ſolcher Zuſtand meinen Gatten, der ſehr zur Geſelligkeit geneigt iſt, auf das Schmerzlichſte verwunden muß, kannſt Du denken. Er iſt daher von Monat zu Monat düſterer und unfreundlicher geworden; und in dieſem faſt krank⸗ haften Zuſtand gibt er mir zuweilen Worte anzuhören, die, obſchon er ſie bald bereut und durch ein liebrei⸗ ches Benehmen gut zu machen ſucht, mir doch blutige Thränen koſten.— Graf Hartwig iſt unſer wahrer Schutzengel; wenn er nicht wäre, ſtünde es noch weit ſchlimmer mit Albrecht. All' meine Liebe vermag das nicht auf den Grafen, was oft wenige kräftige Worte 135 dieſes edlen Mannes bewirken. Hartwig iſt empört über die ſchnöde Behandlung von Seiten der Verwandt⸗ ſchaft. Er behauptet fortwährend, daß nicht blos Adel⸗ ſtolz der Grund davon, ſondern auch Eigennutz im Spiele ſei. Nach ſeiner Meinung wollen die Verwand⸗ ten den Grafen durch Kränkungen aller Art dahin vermögen, daß er ſich von mir trennt und der reichen Barvnin von Z. die Hand reicht, welche Verbindung hauptſächlich Sternbergs begünſtigen. Hartwig hat da⸗ her meinem Gatten wiederholt gerathen, dieſem Plane kräftig entgegenzutreten und indem er mir gerichtlich ſein geſammtes Vermögen zuſichere, die Hoffnungen der Gegner mit Einem Schlage zu vernichten. Jene würden alsdann bei allem Ahnenſtolze klein zugeben. Ich glaube das nicht und habe ſelbſt meinen Gatten, der einmal im Begriff ſtand, Hartwig's Rath in Aus⸗ führung zu bringen, davon zurückgehalten. Ach Gott, ich will ja gern auf alle irdiſche Habe verzichten, wenn ich nur damit Verſöhnung und Frieden erkaufen kann. Der einflußreichen Familie des Grafen iſt es ge⸗ lungen, nicht nur den ganzen Adel der Umgegend, ſon⸗ dern auch das herzogliche Haus gegen meinen Gemahl einzunehmen. Das Benehmen des Hofs verletzt be⸗ ſonders Albrechts Eitelkeit. Bei der letzten großen Jagd des Herzogs in hieſiger Gegend waren ſämmt⸗ liche benachbarte Edelleute geladen, nur Albrecht blieb ausgeſchloſſen. Er war außer ſich und ich habe ihn noch nie ſo verſtört geſehen. O gewiß, wenn er es nie bereut hat, mich geheirathet zu haben, ſo hat er es damals. So reiht ſich Kränkung an Kränkung. Mein guter Bruder, ſchreib mir recht bald, aber richte es ja ſo ein, daß der Brief meinem Gemahl nicht in die Hände kommt. Wie unſchuldig auch unſer Brief⸗ wechſel iſt, ſo würde er ihn doch nur ungern ſehen. ——————— 136 Du kannſt den Brief durch den Förſter Neumann an mich gelangen laſſen. Der alte Forſtmann iſt mir treu ergeben und auch die gegenwärtigen Zeilen erhältſt Du durch ſeine Vermittlung. Ich muß ſchließen, Albrecht wird bald von ſeinem Spazierritte heimkehren. Lebe wohl, innigſt Gelieb⸗ teſter, grüße den Vater; aber verbirg ihm meine Lage. Doch das brauch' ich Dir nicht zu ſchreiben. Lebe wohl— wohl—— Marianne.“ Es folgten noch einige Briefe, die in derſelben Stimmung geſchrieben waren. Die Lage der unglück⸗ lichen Frau ward immer beklagenswerther; denn Albrecht, um ſich zu zerſtreuen, unternahm oft Reiſen; gerieth in Geſellſchaft junger leichtſinniger Männer, die nichts un⸗ verſucht ließen, ihn für die ſtillen Freuden des häus⸗ lichen Glücks unempfindlich zu ſtimmen. Seine Zunei⸗ gung und Theilnahme für die verlaſſene Gattin erkaltete, je meht er ſich vom Hauſe entfernte und einer frivolen Genvoſſenſchaft anſchloß. Marianne duldete wie eine Heilige und blieb ihrem Gatten in treuer Liebe ergeben. In einem ſpäteren Briefe an den Bruder beklagt ſie ſich bitterlich über Albrecht's Theilnahmloſigkeit. AmSchluſſe des Briefes heißt es: „Die Hoffnung, durch den kleinen Engel, den mir Gott geſchenkt, meines Gatten Liebe wieder zu erwer⸗ ben, ſchwindet immer mehr. Seine Reiſeluſt iſt mächti⸗ ger als je und ſein Sinn für Häuslichkeit faſt ganz erloſchen. Nur ſelten geſchieht es, daß Albrecht einen Tag in Buchenfels verweilt, und auch da gehört er nicht mir, ſondern ſitzt die größte Zeit menſchenfeindlich auf ſeinem Zimmer. Alle meine Mittel, ihn heiter zu ſtimmen, ſind erſchöpft. Gott hat mich reich beſchenkt, als er mir mei⸗ nen Alfred gab; ich hab' ihm gedankt mit namenloſem Entzücken; aber wenn ich bedenke, daß der arme Knabe 137 bald keine Mutter mehr haben wird, wird es Nacht vor meinen Augen. Wie ſoll es mit dieſem unglück⸗ lichen Kinde werden, einer rachſüchtigen Verwandtſchaft gegenüber. die in ihm all' ihre Pläne vereitelt fieht? Ach, und ich fühl's, daß ich es nicht mehr lange er⸗ tragen kann. Ich halte mich mit Gewalt aufrecht und erſcheine ſtill und heiter, während ich im Innern ver⸗ blute. Nur Joſeph und Katharina kennen zum Theil meine Schmerzen.“ In einem der folgenden Briefe meldet Marianne dem Bruder die Geburt ihres zweiten Sohnes Max. Die Lage des armen Weibes hatte ſich nur verſchlim⸗ mert, da auch ihre Geſundheit in Folge des Seelen⸗ leidens heftig gelitten hatte. Albrecht ließ ſich faſt Monate lang nicht blicken, und war er anweſend zu Buchenfels, artete ſein Betragen gegen die Gattin nicht ſelten in Liebloſigkeit aus. Er erblickte in ihr die Quelle ſeines Mißgeſchicks, und war ſchwach genug, der Unverſchuldeten dies fühlen zu laſſen. Die Hoff⸗ nung, ihren Bruder und Vater einmal bei ſich zu ſe⸗ hen, hatte ſie längſt aufgegeben; ihre Sehnſucht nach den Geliebten ward aber dadurch nur um ſo größer. Es erwachte daher in ihr der Gedanke an eine Zuſam⸗ menkuuft, wenigſtens mit Julius, in der Nähe des Schloſſes. Sie fand nichts Sträfliches darin, obſchon die Sache ihrem Gemahl verborgen bleiben mußte, und machte ihren Bruder mit der Idee vertraut. Dieſer ſchien ſie gebilligt zu haben, denn im nächſten Briefe fand ſich eine förmliche Einladung zur Zuſammenkunft vor, mit genauer Angabe des Ortes und der Stunde. Die Baronin von Sternberg, welche die bisheri⸗ gen Briefe mit ziemlicher Gleichgültigkeit, ja faſt mit Unluſt überflogen hatte, ward ſichtbar erheitert, als ſie auf dieſes verhängnißvolle Document ſtieß. Sie durch⸗ 138 las den Brief mehrmals mit unverkennbarem Entzücken und legte ihn ſorgfältig von den übrigen getrennt. Ein Hauptgrund, der Mariannen zu einer Unter⸗ redung mit dem Bruder bewogen zu haben ſchien, war, daß ſie ſich bei ihm Rath und Troſt erhole, wie es für den Fall ihres Todes mit den beiden Kna⸗ ben werden ſollte; denn daß ſie dieſelben in nicht gar zu langer Zeit werde auf immer verlaſſen müſſen, fühlte ſie täglich mehr. Für die Zukunft ihrer Lieben aber wo möglich noch bei Lebzeiten Sorge zu tragen, war der heißeſte Wunſch ihres Herzens. In mehreren Briefen ſprach ſie ſogar nicht undeutlich das Verlangen aus, daß der Bruder ſich bemühen ſollte, als Hofmeiſter die Erziehung der Kinder zu erhalten. Alle Mittel und Wege, wie dies in's Werk zu führen, gab ſie an. Dann ſollte ſein Hauptbeſtreben dahin gehen, die Knaben nur in rein bürgerlichen Ideen aufzuerziehen und alle adeli⸗ gen ſchon im Keime zu erſticken, ja wo möglich den ju⸗ gendlichen Gemüthern einen Widerwillen vor dem Adel einzuflößen. In letzterem allein erblickte Marianne die Quelle ihrer namenloſen Leiden; ſie fürchtete, daß dieſe unfehlbar auf ihre Kinder übergehen müßten, wenn dieſe nicht auf alle Vorzüge ihrer Geburt freiwillig verzichte⸗ ten. Schlichte, redliche Bürger ſollten ſie werden. Nur hierin glaubte ſie ihnen ein ruhiges und glückliches Le⸗ ben geſichert. Die Unterredung mit dem Bruder, welcher in ei⸗ niger Zeit eine zweite folgte, ſcheint, wie alle Briefe vermuthen laſſen, hauptſächlich über dieſen Gegenſtand geführt worden zu ſein. Der letzte Brief, ein Vierteljahr vor Mariannen's Tode geſchrieben, enthält nur die wenigen Worte: „Ich fühle täglich meine Kräfte abnehmen. Ach, wie mannigfaches Leid mir auch die letzten Jahre brach⸗ 139 ten, wird's der Mutter doch recht ſchwer, von ihren Kindern zu ſcheiden. Albrecht hat mich während mei⸗ ner Krankheit nur zwei Mal beſucht. Als er das erſte Mal nach langer Abweſenheit ankam, hatte ich den Alfred und Max gebeten, ja recht freundlich und lieb⸗ reich gegen den fremden Herrn zu ſein; ach, ich mußte ja meinen Kindern erſt ſagen, daß es ihr Vater ſei. Albrecht trat aber mit ſo ernſter, finſterer Stirn in's Zimmer, daß ſich die Kleinen faſt fürchteten.— So wie mir etwas wohl und leicht iſt, ſchreib' ich Dir weiter.“ Es ſcheint aber der Dulderin nie wieder wohl und leicht geworden zu ſein auf dieſer Erde; denn in der Briefſammlung findet ſich nur noch ein Brief vor, bereits mit ſehr unſicherer Hand und dem Inhalte nach wahrſcheinlich wenige Tage vor ihrem Tode geſchrieben: „Mein Geliebter,“ heißt es darin,„wenn es Dir möglich iſt, ſo eile noch einmal zu Deiner armen Ma⸗ rianne. Bald ſteht ſie vor Gott. Albrecht verläßt mich in meinen letzten Stunden. Wir wiſſen nicht, wo er iſt, und keine Adreſſe hat er zurückgelaſſen. O, ich vergebe ihm von Herzen und flehe zu Gott, daß mein Tod ihn mit den Seinen verſöhnen und Ruhe und Zufriedenheit wiedergeben möge. Begieb Dich ſo bald Du kannſt zu der bewußten Stelle am Geſundbrunnen. Von dort wird Dich meine Katharina unbemerkt zu mir bringen. O komm', ich habe noch ſo viel mit Dir zu ſprechen wegen der Kinder. Sie müſſen auch Dir am Herzen liegen. Komm eiligſt. Es iſt der letzte ſehnlichſte Wunſch Deiner Marianne.“ Auch dieſen letzten Brief, ſo wie mehrere vorher⸗ gehende legte die Baronin ſorgfältig auf die Seite. Den Briefen Mariannens lagen noch zwei andere des Förſter Neumann an der Gräfin Bruder bei. Im er⸗ ſtern berichtete der alte Forſtmann im rührenden Tone 140⁰ 3 den Tod und die Beerdigung Mariannens. Der Schluß lautete: „Von der vornehmen Welt folgte nur Graf Hart⸗ wig dem Sarge der ſelig Vollendeten. Dafür war die Schaar derer, denen ſie im Leben wohl gethan, um ſo größer. Ich ſah noch bei keinem Begräbniß ſolchen Jammer. Ach, werther Herr, Sie haben eine Schweſter verloren; aber wir Alle, die wir das Glück hatten, in ihrer Nähe zu leben, haben eine Mutter verloren. Gewiß, wenn wir alle nicht mehr ſein werden, wird die Sage von dieſer Heiligen in unſerer Gegend wie⸗ derklingen. Ihr war kein Hülfsbedürftiger unbekannt, und wenn ſie konnte, half ſie gewiß, wie übel ihr es böſe Menſchen oft auslegten. Daß es den Engeln auf Erden gerade am ſchlimmſten ergehen muß. Warum hat das der liebe Gott nur ſo eingerichtet? Die Stern⸗ berg's konnten ihre Tücke ſelbſt nach dem Tode der edlen Dulderin nicht laſſen. Am Tage, wo wir ſie einſenk⸗ ten in's ſtille Grab, war großes Banket auf dem Stern⸗ berg. Das Wagengeraſſel des geladenen hohen Adels drang durch den ſtillen Sommerabend bis zu unſerm Friedhof herüber. O, wie wohl mußte dem entſchla⸗ fenen Engel ſein; er lag lächelnd im Sarge und ver⸗ nahm nichts mehr von den Kränkungen dieſer Erde.“ Im andern, einige Wochen ſpäter datirten Briefe hieß es: „Der Graf iſt ſogleich nach der Nachricht von dem Tode ſeiner Gattin hierher zurückgekehrt. Das bewei⸗ nenswerthe Geſchick der Vollendeten ſcheint ihn doch ergriffen zu haben, denn wir alle gewahren eine ſicht⸗ bare Veränderung an ihm. Er hat Buchenfels nicht wieder verlaſſen; das Grab der Verſtorbenen beſucht er täglich; auch hat er ihr wohlgetroffenes Bildniß im Ahnenſaale aufſtellen laſſen. Gegen Alfred und Max 3. 441 iſt er liebreicher und gegen uns Alle freundlicher ge⸗ worden. Gott gebe, daß er ſo bleibe und die Liebe, die er der Vollendeten ſchuldet, wenigſtens auf ihre Kinder überträgt. Es freut mich herzlichſt, Ihnen, werther Herr, hierüber nur Beruhigendes vermelden zu können. Für die Kinder hat er eine würdige Frau in's Schloß genommen, die die Erziehung derſelben bis auf Weiteres übernimmt. Unſere Beſorgniß, daß die Kleinen ganz entfernt werden möchten, hat ſich, Gott ſei Dank, nicht beſtätigt. Ich hoffe, es wird ſich noch Alles zum Beſten wenden. Mein Verſprechen, ſo ich der ſeligen Frau Gräfin geleiſtet, Ihnen von Zeit zu Zeit gewiſſenhafte Nachricht über das Schickſal von Alfred und Max zukommen zu laſſen, iſt mir eine heilige Pflicht und als ſolche werde ich ſie erfüllen.“— Welchen unſeligen Gebrauch die Baronin von Stern⸗ berg von den ausgewählten Briefen nebſt Portrait und Locke der verſtorbenen Gräfin machte, läßt ſich bei den Geſinnungen dieſer Dame leicht errathen. Auch ver⸗ fehlte der ſchändliche Betrug ſeine Wirkung nicht. Der Graf Albrecht, durch ſprechende Beweiſe von der Un⸗ treue ſeiner Gemahlin überzeugt, zögerte nicht länger, ſeine beiden Söhne, von denen noch immer keine Nach⸗ richt eingelaufen war, gerichtlich zu enterben. Sternberg hatte, als dieſer ungerechte Aet unter⸗ zeichnet werden ſollte, ein großes Feſt auf Buchenfels veranſtaltet. Der ſo lange Zeit verödete Schloßhof wimmelte wieder von glänzenden Equipagen. Die al⸗ ten Freunde und Genoſſen des Grafen kamen herbei und gratulirten, daß er alle üblen Folgen der Mes⸗ alliance ſo männlich beſeitigt habe, und ließen ſich's wohl ſein auf Buchenfels. Der Graf ſelbſt fühlte ſich neu belebt durch dieſes ſo lang' entbehrte rege und freudige Leben auf ſeinem Schloſſe, und durch die lange 14⁴2 ſchmerzlich vermißte Zuvorkommenheit, welche ihm jetzt von allen Seiten ſo reichlich zu Theil ward; ſo daß er ſich in ruhigen Augenblicken verwundert fragte: War es denn wirklich ein Verbrechen, daß ich mich nach der Stimme meines Herzens verheirathete? Was aber den eiteln Mann, wenigſtens für den Augenblick, ganz glücklich machte, war die Aeußerung eines anwe⸗ ſenden Hofmannes, daß ſich eine hohe Perſon äußerſt günſtig über die Enterbung ausgeſprochen habe. Am Vorabende des Feſtes ſah man bei hereinbre⸗ chender Dunkelheit in dem Ahnenſaale von Buchenfels einen alten Mann einſam und geräuſchlos beſchäftigt. Es war Joſeph, welcher Mariannen's Bildniß von der bilderreichen Wand herabnahm, den Rahmen leiſ' aus⸗ einanderſchraubte und das Gemälde ſorgfältig zuſam⸗ menrollte. Bei dieſer Arbeit traten dem alten Manne die Thränen unaufhörlich aus den Augen.„Komm, Du Gute,“ ſprach er mit erſtickter Stimme,„Du ſollſt es bei mir beſſer haben, als unter den böſen Menſchen hier. In's Feuer ſoll ich Dich werfen? O Jammer, iſt ſo was erhört worden? Aber es lebt noch ein gu⸗ ter Vater im Himmel, und der kann's nicht dulder, wie man ſich an Dir verſündigt. Wie fromm mußt Du geweſen ſein, Du Heilige, daß die Böſen noch nach langen Jahren Dich nicht leiden können. Komm mit mir, ſollſt es gut haben. Es kommt doch eine Zeit, wo alle Deine Feinde zu Schanden werden. Oder wär' der liebe Gott mauſetodt? Nein, nein, der iſt noch nicht geſtorben, und er wird Alles zum Beſten wenden. Aber jetzt muß ich eilen, Dich in Sicherheit zu bringen, denn wenn ſo ein Halunke von den Sternberg's——“ „Joſeph, ſeid Ihr's?“ ſprach eine Stimme und eine hohe Geſtalt trat aus der Seitenhalle. ſchwörenden Alten. 143 „Alle guten Geiſter loben Gott, den Herrn!“ rief erſchrocken der alte Diener und wollte ſich mit ſeinem Bilde eiligſt auf die Flucht machen. „Fürchte Dich nicht, alter Cumpan!“ ſprach die Stimme, die dem Grafen Hartwig angehörte.„Es iſt gut, daß ich Dich finde. Was zum Teufel iſt bei Euch los? Da hab' ich mich auf Eurem Schloßhofe, wo ehedem die Mäuſe Kirchweih hielten, durch eine hoch⸗ geborene Wagenburg gedrängt, bin an eine Legion nichtswürdiger Domeſtiken gerannt. Iſt's denn wahr, daß der Graf ſeine Kinder enterben will?“ „Ach, gnädigſter, theuerſter Herr Graf,“ rief Jo⸗ ſeph, auf das Freudigſte überraſcht, legte die Rolle auf den Boden und umfaßte Hartwig's Kniee,„ein Engel Gottes hat Euch geſandt. Ja, ich ſagt's immer, der liebe Gott iſt noch nicht geſtorben; wenn die Noth am größten, iſt die Hülfe am nächſten. Noch iſt's Zeit, gnädiger Graf, morgen erſt kommen die Gerichte und Notare, ein Wort von Euch, liebſter, theuerſter Herr. Ihr habt immer viel gegolten bei'm gnädigen Grafen. Es iſt bei'm Himmel Alles Lug und Trug von den Sternberg's; Ihr habt ja unſere Marianne auch gekannt, beſter Graf, Ihr wißt es, daß ſie keine Liebſchaft gehabt mit Herrn Friedberg, wie Sternberg's dem Grafen weiß gemacht. Es iſt himmelſchreiend, wie ungerecht es hergeht auf dieſer Welt; aber der liebe Gott iſt noch nicht geſtorben, er ſchickt Euch zur rechten Zeit. O, gnädigſter, beſter Herr Graf, laſſet die ungerechte Enterbung nicht zu, wodurch unſer lie⸗ ber Alfred und Max um ihr Alles kommen; ſprecht dem gnäd'gen Grafen in's Gewiſſen— ſagt ihm, daß—ꝛ „Wo iſt der Graf?“ unterbrach Hartwig den be⸗ 144 „Oben im blauen Saale, es iſt große Geſellſchaft zugegen, gnädigſter Graf.“ „So melde mich, mein Alter, was in meinen Kräf⸗ ten ſteht, will ich gern thun.“ „O, mein gnädigſter, beſter Herr Graf,“ rief der alte Mann, außer ſich vor Freude, und küßte Hartwig's Hand mit Inbrunſt,„ich ſage es immer, der liebe Gott iſt noch nicht geſtorben!“ In einem Nebengemache, unfern des blauen Saals, in welchem letzteren die häufig einfallenden Trompeten und Pauken die Anweſenheit einer lauten, lebensluſti⸗ gen Geſellſchaft bekundeten, vernahm man ſeit einiger Zeit ein eifriges Geſpräch von zwei Männerſtimmen, das eine immer ernſtere Wendung zu nehmen ſchien. Auf dem dunkeln Außengange ſchlüpfte zu wiederhol⸗ ten Malen eine weibliche Geſtalt vorüber, die oft ſte⸗ hen blieb und mit geſpannter, ungeduldiger Neugier das Geſpräch belauſchte, obſchon nur einzelne Worte und Ausrufe davon zu vernehmen waren. Bald ge⸗ ſellte ſich ein Herr zu ihr. Ein leiſes dringendes Zwiegeſpräch entſpann ſich. Endlich ſchickte man einen Diener nach jenem Gemache, welcher dem Grafen Albrecht meldete, daß er von der Geſellſchaft vermißt werde. „So iſt Dein Entſchluß unwiderruflich?“ fragte jetzt die eine Stimme im Gemache. „Er iſt es!“ war die Antwort. „Bedenke wohl, ich frage das letzte Mal!“ fuhr erſtere im gereizten Tone fort. „Der Blitz ſoll mich treffen, wenn ich die ehebre⸗ cheriſche Brut nicht enterbe!“ Man vernahm jetzt einen lauten Fluch. Die Thür ward aufgeriſſen. Graf Hartwig ſtürmte heraus und den Gang entlang. In der Hausflur wartete ſein 145 Diener. Der Graf befahl vorzufahren, ſtieg ein und fort donnerte die Caroſſe. Vom blauen Saale herab aber, deſſen Fenſter weit in die Nacht hinaus leuch⸗ teten, tönte unter Trompeten und Pauken:„Hoch lebe Graf Albrecht von Buchenfels!“ Es war ungefähr funfzehn Jahre ſpäter an einem trüben Herbſttage, der Nordwind pfiff unheimlich durch halb entblätterte Bäume und Boskets des Schloßgar⸗ tens von Buchenfels, als zwei Männer in angelegent⸗ lichem Geſpräch die laubbedeckten Gänge auf und ab ſchritten. Der eine war der Baron von Sternberg, der andere eine liſtige Italienerphyſiognomie, Namens Vinzenciv, ein alter Vertrauter des Barons. „Ich geſtehe Dir ganz unverholen,“ begann end⸗ lich Letzterer,„daß ich binnen Jahr und Tag ruinirt bin. Meine Gläubiger nehmen keine Vernunft an, ſie warten nicht länger, und ſchaffe ich nicht Rath, bleibt mir nichts übrig, als mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen; denn daß, leiſte ich nicht Zahlung, die verfluchte Geſchichte von wegen den fünftauſend Louisd'oren zur Sprache kommt, iſt eine ausgemachte Sache.“ „So bleibt nichts übrig,“ erwiederte nach einer Pauſe Vinzencio,„der Alte muß nach Rom!“ „Der Albrecht?“ „Er ſelbſt! „Erkläre Dich deutlicher.“ Vinzencio ging einige Mal ſchweigend auf und ab, dann blickte er in die dichter werdenden Herbſtnebel, welche die Gegend rings umher in ein eintöniges rau verwandelten. „Unter dieſem verwahrloſten Himmel,“ ſprach er, „wirſt Du Deine Abſicht nie erreichen, der macht nur Stolle, ſämmtl. Schriften. I. 10 146 zäher und verſtockter. Gieb mir Charte blanche!“ fuhr er nach einer Pauſe fort.„Ich nehm' ihn mit nach Italien, und binnen Jahresfriſt hältſt Du die Abtretungsurkunde in Händen und biſt gerettet.“ Sternberg ſchien nicht viel Hoffnung auf dieſen Plan zu ſetzen und verſank in dumpfes Hinbrüten. „Der wäre der Erſte nicht,“ lachte der Rathgeber, „den Welſchland mürbe gemacht hätte. Ich kenne mein Vaterland, ſeine Leute und meine Freunde.“ Er wußte noch viele Gründe aufzuzählen, die für ſeine Meinung ſprachen. „Und als Gegendienſt, was verlangſt Du?“ fragte der Baron.„Denn um Gotteswillen, ich weiß es, ſetzt die edle Geſellſchaft keinen Fuß in Bewegung.“ „Ein Dienſt iſt des andern werth!“ entgegnete Vinzenciv.„Du verſchaffſt mir Eugenien zum Weibe.“ „Was kann ich da thun?“ „Als Vormund ſehr viel! Das Deficit der fünf⸗ tauſend Louis würde ſich dann um ſo leichter arran⸗ giren laſſen.“ „Bedenke aber, daß Albrecht ein eifriger Proteſtant.“ „Beſſer eifrig, als indifferent.“ „Daß er in den Jahren ſteht, wo man nicht ſo leicht in Schlingen geht.“ „Er iſt gerade alt genug, um die ſchönſte Dumm⸗ heit zu begehen.“ „Leute Eures Schlages brauchen in der Regel lange Jahre zu ihren Operationen. Ich kann nicht warten.“ „Nulla regula sine exceptione. Mehr als ein Jahr bedarf es nicht, wie ich geſagt.“ „Was verſtehſt Du unter der Charte blanche von vorhin?“ „Daß Dein bekannter Vorwitz aus dem Spiele 147 bleibt; daß ich nach Belieben walten darf, wie ſon⸗ derbar Dir Manches erſcheinen dürfte.“ Sternberg warf einen mißtrauiſchen Blick auf den Sprecher und fragte nach einer Weile: „Aber wer bürgt mir, daß, wenn ich Euch freien Weg laſſe, Ihr nicht für Euch ſelbſt den Goldvogel kirrt? Euer Egoismus iſt bekannt.“ „Der Buchenfels nützt uns nichts!“ antwortete trocken Vinzenciv. „Warum nicht?“ „Weil noch zwei Erben am Leben.“ Sternberg erblaßte:„Aber,“ platzte er heraus, „die ſind durch gerichtliche Enterbung längſt beſeitigt.“ „Nur ein todter Erbe iſt unſchädlich!“ erwiederte der Italiener einſylbig. Ein verzweifelndes Lächeln zuckte über des Barons Geſicht; er fragte:„Was ſelbſt Ihr verſchmäht, wie kann das mir nützen?“ „Immerhin mehr als uns!“ verſicherte Vinzencio, „Du wirſt Buchenfels hoffentlich nicht für Dich be⸗ halten.“ „So wie Alexis,“ geſtand Sternberg zu,„die Schenkungsurkunde in Händen hat, iſt auch ein Käu⸗ fer gefunden.“ „Ganz recht, ich rathe ſelbſt hierzu, denn daß über kurz oder lang Gebrüder Chirurg und Schieferdecker zum Vorſchein kommen, bezweifle ich keinen Augenblick.“ Die Beiden wandelten noch lange im dunkeln Herbſtabende auf und ab. Ihr Geſpräch ward immer leiſer und man konnte aus dem ganzen Benehmen die⸗ ſer Männer erkennen, daß hier etwas beſchloſſen wurde, welches alle Urſache hatte, das Licht zu ſcheuen. 40 Es erregte nicht wenig Erſtaunen, als ſich die Nachricht verbreitete, Graf Albrecht beabſichtige im be⸗ vorſtehenden Frühjahr in Begleitung des Signor Vin⸗ zencio eine Reiſe nach Italien. Man gab mehrere Beweggründe an. Der Graf, hieß es, wolle ſich im Süden ſeine frohe Laune wiederholen, die ihn ſeit der Enterbung der beiden Söhne Max und Affred ſicht⸗ bar verlaſſen hatte. Andere wollten wiſſen, es handele ſich ſogar um einen Uebertritt zur römiſch⸗katholiſchen Kirche. Albrecht finde in den Glaubenslehren des Pro⸗ teſtantismus nicht Beruhigung genug für manche ſei⸗ ner Verirrungen im Leben. Gewiß war, daß ſich der einſt ſo ſtreng gläubige Lutheraner in der letzten Zeit für den damals ſehr um ſich greifenden Myſtizismus nicht unempfindlich gezeigt hatte. Es konnte für die habſüchtigen Pläne Sternberg's und für die Machinativnen Vinzenciv's nichts erwünſch⸗ ter kommen, als eine ſolche religiös⸗-kränkliche Gemüths⸗ ſtimmung eines Mannes, der ſich von manchem Vor— wurf nicht frei fühlte und vermöge ſeines im Grunde ſehr guten Herzens um ſo peinlicher von Gewiſſens⸗ ſerupeln geplagt ward. Der ſchlaue Vinzencio hatte ſich nicht getäuſcht, und ſo kam es, daß er binnen Jahresfriſt ſein dem Sternberg gegebenes Wort löſen konnte. Selig berauſcht von den Himmeln des römiſchen Oſterfeſtes erwachte in dem Grafen Albrecht immer lauter die Sehnſucht, einem Glauben anzugehören, der für ſeine Gemüths⸗“ ſtimmung ſo unendlich Beruhigendes darbot. Sein Herz, das lange Jahre lieblos geſchlagen im kalten nordiſchen Himmel, das leer und verſchrumpft war in unerquicklicher Eintönigkeit, ward wieder ſanft erwärmt von jenen pveſiereichen Pulsſchlägen der allein ſelig⸗ machenden Kirche. Neue, ungeahnte Himmel waren ihm aufgegangen. Albrecht trat über zu einer neuen Glaubensgemeinde, die ihn liebend aufnahm wie ein verlorenes Kind, das reuig heimkehrt zum Vaterhauſe. Die Erkenntniß der Nichtigkeit alles Irdiſchen ſtellte ſich alsbald auch bei ihm ein; jene beſeligende Reſig⸗ nativn, jenes reizende Sichdahingeben einem der Phan⸗ taſie ſchmeichelnden Himmel erfüllte des Grafen In⸗ nerſtes. Sein Haus zu beſtellen für dieſe Welt und in irgend einem der Welt verborgenen Kloſter den Himmel um Vergebung ſeiner Sünden zu flehen, war bald des Mannes liebſter und einziger Gedanke. So ward es dem Vinzencio und ſeinen Vertrau⸗ ten im Geringſten nicht ſchwer, den Grafen Albrecht zum Unterzeichnen einer gerichtlichen Urkunde zu ver⸗ mögen, in welcher er dem Sohne Sternberg's, dem jungen Baron Alexis, Schloß Buchenfels als ein frei⸗ williges Geſchenk in aller Form Rechtens abtrat. Für den himmliſchen Lohn, welcher ihm dafür verheißen ward, fand ſich Albrecht reichlich entſchädigt. Seine Neigung für's Kloſterleben ſprach ſich immer deutlicher aus, und ſo ward denn beſchloſſen, daß Graf Albrecht von Buchenfels nach überſtandener Prüfungszeit als Bruder Cöleſtin in ein unfern Rom romantiſch gele⸗ genes Kloſter treten ſollte. Vorher aber ward dem deſignirten Bruder in Chriſto noch ein anderer ſehnlicher Wunſch zu Theil. Man wirkte ihm eine Audienz bei'm heiligen Vater aus, in welcher ihn dieſer in dem heiligen Vorſatz beſtärkte und den Segen ertheilte. Nun konnte ihn keine Macht auf Erden, deſſen war er ſich feſt bewußt, in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, in's Kloſter zu treten, wankend machen. Der Cardinal Baleari, ein Freund des Vinzencio, gab am ſelbigen Tage, wo Albrecht die Audienz ge⸗ habt, gleichſam zur Feier derſelben ein ſplendides Rit⸗ 150 tageſſen. Albrecht, obſchon er wiederholt der Einla⸗ dung widerſtand, weil er dieſen Tag nicht durch Zer⸗ ſtreuung und Vergnügen entheiligen wollte, ließ ſich durch Vinzencio's Zureden endlich doch bewegen dem Gaſtmahl beizuwohnen. Die Geſellſchaft beim Cardinal beſtand faſt nur aus Bekannten Albrecht's. Die Weine waren deliciös. Man ſprach denſelben fleißig zu und ward ungemein heiter. Beim Deſert machte einer der Anweſenden den Vorſchlag, nach Aufhebung der Tafel die Kuppel der Peterskirche zu beſteigen. Dieſe Idee fand allgemei⸗ nen Beifall und bereits nach Verlauf einer Stunde brachte man ſie zur Ausführung. Albrecht war faſt aufgeräumter, als es ſich für die Würde des heutigen Tages und für den künftigen Stand überhaupt geziemen wollte. Er kletterte faſt mit jugendlichem Muthwillen den Rieſendom empor, ſo daß er einer der Erſten in der geräumigen Kuppel war. Die obern Räume des majeſtätiſchen Baues wa⸗ ren von Beſuchern gänzlich leer. Nur ganz oben in einer Art Niſche, von wo man das Innere des ev⸗ loſſalen Gewölbes überſchauen konnte, lehnte ein jun⸗ ger Mann in beſcheidener bürgerlicher Kleidung und ſchien, tiefen Ernſt auf dem wohlgebildeten Geſicht, in Betrachtung des großen Meiſterwerks verſunken zu ſein. Ohne ſeiner zu achten, zog unter Heiterkeit und Lachen Albrecht's Geſellſchaft vorüber und erreichte als⸗ bald jene Stelle, welche die trefflichſte Ausſicht über die ewige Roma und ihrer Umgebung darbot. Nach⸗ dem man ſich von der Strapaze des Steigens etwas erholt und aus dem Flaſchenkorbe, welchen der Car⸗ dinal hatte nachtragen laſſen, geſtärkt hatte, weidete man ſich mit Muſe an dem herrlichen ringsumher auf⸗ gerollten Panorama. Baleari war ſelbſt ſo gefällig, 154 für Albrecht den Cicerone abzugeben und theilte die⸗ ſem eine Menge topographiſcher und antiquariſcher No⸗ tizen mit, wovon er einen großen Reichthum im Kopfe trug. Albrecht zeigte in ſeiner Champagner-Laune indeß wenig Sinn für dergleichen Erörterungen, und hörte lieber den luſtigen Anekdoten zu, die ein jun⸗ ger geiſtreicher Abbé zu großer Ergötzlichkeit der gan⸗ zen Geſellſchaft vortrug. Der Abbé war unerſchöpflich und lange waren wohl nicht ſo viele und ſo profane Sächelchen, die nicht ſelten in die Chronique ſcanda⸗ leuſe von Rom einſchlugen, an ſo heiliger Stelle er— zählt worden. Man lachte, ſang, war fröhlich und guter Dinge und Niemand hätte wohl ſo leicht in den aufgeräumten Leuten größtentheils geiſtliche Herren vermuthet. Am ausgelaſſenſten trieb es Albrecht. Obſchon er ſich in einer anſehnlichen Höhe befand, wollte er im⸗ mer höher aufwärts und kletterte bereits eine ſchmale Leiter hinauf, die neben der einen Durchſicht faſt per⸗ venticulär aufwärts nach der höchſten Spitze des Thur⸗ mes führte und nur für den im Klettern geübten Thür⸗ mer erſteigbar war. Man hatte Mühe, den Unvor⸗ ſichtigen von ſeiner gefahrvollen Unternehmung abzu⸗ bringen. Aber kaum von der Leiter herab, war ihm wieder die Gallerie zu eng, die rings die Plattform des Thurmes umgab. Um ihn von ſeiner kühnen Idee abzubringen, erzählte der Abbé eine neue Anekdote. Albrecht hörte auch ſcheinbar aufmerkſam zu, als aber die Pointe allgemeine Heiterkeit und Lachen bewirkte, ſchwang ſich der Weinfröhliche, ohne daß es Jemand verhindern konnte, im Nu über die Galerie und lief außerhalb um den Thurm herum. Der außerordentlichſte Schrecken bemächtigte ſich der Geſellſchaft. Man war unvorſichtig genug, den Toll⸗ kühnen von Innen her faſſen zu wollen. Albrecht lachte, wollte ſich nicht fangen laſſen, bog ſich auswärts, ver⸗ lor das Gleichgewicht und gleitete ziemlich langſam auf der zum Glück nicht ſehr ſchräg ablaufenden Be⸗ dachung eine große Strecke abwärts. Der Schrecken der Geſellſchaft ſteigerte ſich jetzt zum Entſetzen, denn der Unglückliche ſchwebte bereits mit der Hälfte des Körpers über dem Abgrunde, wäh⸗ rend die Hand einen eiſernen Leiterhal'er krampfhaft umklammerte. So wie ſie los ließ, ſtürzte Albrecht unrettbar in die fürchterliche Tiefe. Vergebens tönte der Hilferuf des plötzlich Nüchterngewordenen. Die Geſellſchaft oben in der Durchſicht des Thurmes rannte kopflos durcheinander. Der Eine rief nach dem Thür⸗ mer, ein Zweiter nach Leitern, ein Dritter nach Sei⸗ len, ein Vierter beſchwor den zwiſchen Himmel und Abgrund ſchwebenden, nur die Hand nicht los zu laſſen. Aber wie es bei ſolchen Gelegenheiten zu ergehen pflegt, es ward viel Rath gegeben, Niemand half und im⸗ mer durchdringender ward das Hilfsgeſchrei des Un⸗ glücklichen, und immer größer ward das Entſetzen und immer toller die Verwirrung. Da mit einem Male erſchien der junge, ſhöre irgerüch gekleidete Mann auf der Galerie. Er eilte nach dem Geländer, er⸗ blickte die verzweifelte Lage des Hinabgegleiteten, klet⸗ terte mit außerordentlicher Behändigkeit die Thürmer⸗ leiter hinauf, ſprang gleich darauf wieder mit einem Seile in der Hand herab, ſchwang ſich über das Ge⸗ länder hinaus, glitt mit einer an's Fabelhafte gren⸗ zenden Geſchicklichkeit an den Schnörkeln der Kup⸗ pel hinab bis zu dem zwiſchen Tod und Leben Schwe⸗ benden, der ſich wegen der Laſt des eigenen Körpers, die über dem Abgrunde hing, kaum noch zu erhalten vermochte, legte dieſem geſchickt das Seil um Körper 153 und beide Arme, und kletterte mit derſelben wunder⸗ baren Behändigkeit wieder herauf. Alles war das Werk von kaum zwei Minuten. Jetzt bat der außeror⸗ dentliche Retter die Zunächſtſtehenden um Unterſtützung. Jedermann drängte ſich heran, um Beiſtand zu leiſten. Das Seil zog an, der Graf ward gehoben und über dem Abgrunde emporgezogen. Immer höher und höher ſchwebte er— und nach geringer Anſtrengung war er gerettet. Wer beſchriebe die Scene, welche dieſe an ein Wun⸗ der grenzende Errettung unter den Anweſenden her⸗ vorbrachte! Viele konnten von dem erlebten Schreck nicht zu ſich kommen; nur Albrecht empfand von Allem nichts. Die fürchterliche Anſtrengung, ſich über dem Abgrunde zu erhalten, die überſtandene Todes⸗ angſt hatten ſo mächtig auf ihn gewirkt, daß, ſo wie er gerettet war, eine Ohnmacht wohlthätig ſeine Sinne umhüllte. Seine Augen ſchloſſen ſich und ſein Haupt ſank erſchöpft auf die Bruſt. Unterdeß ſchaute der Retter unverwandt nach dem auf dem Polſterſtuhle ruhenden bejahrten Manne. Aber je länger ſeine Blicke auf dem Ohnmächtigen weilten, deſtv bläſſer ward der Unbekannte. Seine Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen und ſeine Hände falteten ſich unwillkürlich. Er wandte ſich zu dem ihm zunächſt Stehenden und frug leiſe und ſcheinbar gleichgültig: „Wie heißt der Signor, den ich gerettet?“ „Es iſt der Graf von Buchenfels,“ tönte es leiſe zurück! Da ſank der Frager lautlos dem Ohnmäch⸗ tigen zu Füßen, benetzte die herabhangenden Hände mit Thränen und Küſſen und entfernte ſich ſchnell und wortlos wie er gekommen. Ergriffen über dieſe neue ſeltſame Scene blickten die Anweſenden erſt den Davvneilenden und dann ſich 15 4 untereinander an, und Jeder ſchien zu fragen: Was ſoll dies bedeuten? Nach einigen Tagen ſah man einen vierſpännigen Reiſewagen aus Rom's Thore fahren und den Weg nach Norden einſchlagen. Die Reiſenden ſchienen Eile zu haben, denn die vier kräftigen Rappen mußten tüchtig auftreten, ſo daß die heilige Stadt bald am Horizonte zurückwich. Im Wagen ſelbſt ſaß Graf Albrecht von Buchenfels und ſein Erretter auf der Peterskirche. Dieſer aber war ja Niemand anders als der wiedergefundene Sohn Max, der Schiefer⸗ decker, welcher die Schieferdeckerei längſt an den Na⸗ gel gehängt und einem höhern Berufe, der Baukunſt, ſich gewidmet hatte. Aber wunderbar hatten ſich die weiſen Fügungen der Vorſehung geſtaltet; gerade durch jenes Handwerk, wegen deſſen Wahl Man einſt ſo viel von ſeinem Vater zu leiden hatte, ward es ihm mög⸗ lich, nach langen Jahren den Vater vom entſetzlich⸗ ſten Tode zu erretten; wodurch ſie einſt auseinander geführt, wurden ſie jetzt wieder vereinigt. Die Natur hatte einen ihrer ſchönſten Siege ge⸗ feiert; die Vaterliebe, welche Jahre lang in des Gra⸗ fen Bruſt verſargt lag, war mit nie gefühlter Kraft erwacht, und wie die Sonne die Nebel zerſtreut, zer⸗ riß ſie mit einem Male das ganze Spinnengewehe, womit Vinzencio den Grafen umſponnen hatte. Jetzt galt es vor allen Dingen, Deutſchland zu erreichen, um die unglückſelige Schenkung an Stern⸗ berg, es koſte was es wolle, rückgängig zu machen. Es war eine wilde Nacht, der Sturm ſchlug die Kronen der alten, himmelhohen Fichten krachend an⸗ einander, kein Licht war nah und fern zu erblicken, 155 als die Reiſenden auf bodenloſen Wegen bei der letz⸗ ten Stativn vor Buchenfels anlangten. Vergebens beſchwor Max den Vater, hier zu übernachten und ſeinem durch die lange Reiſe erſchütterten Körper die Ruhe zu gönnen; aber Albrecht blieb taub für alle Bitten.„Kein Augenblick iſt zu verlieren!“ rief er. Neue Pferde wurden vorgeſpannt und die Reiſe ging vorwärts. So gelangte man nach anderthalbſtündiger Fahrt in die heimathliche Gegend. Da der Sturm etwas nachgelaſſen hatte und die Finſterniß weniger dicht war, ſteckte Max den Kopf aus dem Kutſchen⸗ fenſter, ob er ſich in der ſeit manchem Jahre verlaſſe⸗ nen Gegend noch zu vrientiren vermöchte. Da lag Buchenfels kaum eine halbe Stunde vor ihm, aber nicht grau und nächtlich in unbeſtimmten Umriſſen, ſondern wunderherrlich illuminirt. Wie ein Mährchen aus Tauſend und Einer Nacht leuchtete es golden durch die Nacht. Seltſam ergriffen theilte der Sohn die wunderbare Erſcheinung dem Vater mit. Dieſer beſchaute ſich das leuchtende Schloß und wußte die Urſache nicht zu erklären. Man befragte den Poſtillon. Der war erſt ſeit wenig Tagen bei ſeinem neuen Herrn im Dienſte, übrigens frend in hieſiger Gegend und konnte keine Auskunft geben. „Gott weiß, was der liederliche Sternberg für ein Feſt gibt, das ſind wir an ihm gewohnt!“ ſprach endlich Albrecht; aber er ward ſichtbar unruhiger, je näher der Wagen dem Schloſſe kam. Die großartige Beleuchtung trat jetzt immer prachtvoller hervor. Alle Fenſter waren mit bunten Lampen und goldenen Lich⸗ tern decorirt; mit endloſen leuchtenden Perlenſchnu⸗ ren ſchien das ganze Schloß umwunden, und auf allen Mauern und hoch oben auf Zinnen und Thürmen wälzten ſich die majeſtätiſchen Flammen der Kien⸗ 156 körbe funkenſprühend zum Himmel. Die ganze Ge⸗ gend rings umher lag in magiſcher Beleuchtung. „Guter Vater,“ bat Mar,„wir wollen dieſe Fröh⸗ lichen doch heute nicht ſtören; wir übernachten im Gaſt⸗ hofe von Buchenfels, morgen iſt ja noch immer Zeit.“ „Nichts da!“ entſchied Albrecht.„Ich bin doch begierig, was die Sternberg's zu fackeln haben.“ „Was bedeutet die Illumination?“ fragte der Po⸗ ſtillon einen vorübergehenden Landmann und zeigte mit der Peitſche nach dem Lichtmeer. „Die neue Herrſchaft feiert ihren Einzug!“— war die Antwort. Max, welcher die Worte vernommen, theilte ſie dem Vater mit. „Da kommen wir freilich zu ungelegener Stunde!“ brummte dieſer und drückte ſich in die Wagenecke zurück. Der Weg ward jetzt belebter von Landleuten, welche auf und ab wandelten und ſich an dem unge⸗ wohnten Schauſpiele ergötzten. Endlich donnerte die Equipage über die Brücke in den Schloßhof. Von den hohen Fenſtern des großen Saals herab tönte Ballmuſik. Der Wagen des Grafen hielt an. Be⸗ diente in reicher Livrée eilten mit Fackeln herbei, die ſpäten Gäſte zu bewillkommnen. Gravitätiſch ſchritt der Majordomus zum Kutſchenſchlage und öffnete ihn. Max ſprang heraus. „Barons wohl auf?“ fragte u noch im Wagen d'rin. Der Majordomus ſchien dieſe Fragr nicht verſtan⸗ den zu haben und erwiederte:„Seine Execellenz der Herr General nebſt Frau Gemahlin ne ſich im erwünſchteſten Wohlſein.“ „Was faſelt Er?“ murrte der Graf, im Begriff auszuſteigen—„Ich frage nach Sternberg.“ „Der Baron Sternberg haben bereits vor vier⸗ zehn Tagen Schloß Buchenfels nebſt Zubehör Seiner Excellenz, dem General von Steinau, meinem gnä⸗ digſten Herrn, käuflich überlaſſen.“ „Er iſt toll!“ ſchrie der Graf und ward bleich wie der Tod. Der gekränkte Majordomus blieb die Antwort ſchuldig. Geiſterhaft ſtarrte das Geſicht Albrecht's in den höhnenden Lichtglanz ſeines Stammſchloſſes. Es be⸗ gann dem Unglücklichen entſetzlich zu tagen. „Man hat mich betrogen!“ rief er mit gebroche⸗ ner Stimme; aber zugleich bemächtigte ſich ſeiner ein wahnſinniger Ingrimm.„Auf! fort!— fort!“ don⸗ nerte er dem Poſtillon zu und ſank wie bewußtlos im Wagen zuſammen. Auf das heftigſte erſchrocken, ſtieg Max wieder in den Wagen und ſuchte zu tröſten, ſo gut er ver⸗ mochte. Als aber das Fuhrwerk nicht augenblicklich ſich in Bewegung ſetzte, ſchrie der Graf von neuem: „Fort— fort von hier!“ und ſtampfte krampfhaft mit den Füßen. Max gebot dem Kutſcher umzulen⸗ ken, und ſchleunigſt donnerte die Carroſſe wieder in die Nacht hinaus. In der Weinlaube im Garten des Grafen Hart⸗ wig ſaßen zwei bejahrte Männer und ein Greis mit ſilberweißem Haar. Vor dem Einem der Alten lag ein Haufen Briefe, in welchen er geleſen zu haben ſchien. Seine Hände aber waren gefaltet wie im Gebet und Thränen fielen auf die Papiere herab. „Ja, ich ſagt's immer,“ begann der Silbergelockte, indem die etwas zitternde Hand aus alter Gewohn⸗ heit die Becher füllte,—„der liebe Gott iſt nicht ge⸗ ſtorben. Eigentlich möcht' ich mich nun aber ſelbſt aufmachen, damit ich's der Marianne ſagen könnte, daß ſie nicht mehr verkannt wird hienieden.“ „Aber, guter Joſeph,“ frug der Graf Hartwig, durch welch'glücklichen Zufall kamt Ihrzu dieſen Briefen?“ „Ja,“ erzählte Joſeph,„das iſt eben die Vor⸗ ſehung und weil der liebe Gott noch nicht geſtorben iſt. Als die Sternberg's in Saus und Braus ihren Abſchied feierten auf Buchenfels und durch die betrun⸗ kene Dienerſchaft Feuer auskam, ſo daß beim Aus⸗ räumen Alles darunter und darüber ging, blieben dieſe Briefſchaften im kleinen Schloßhofe liegen. Ich fand ſie nach ein paar Tagen in einem Winkel, und da Sternberg's bereits über alle Berge waren, dacht' ich, du hebſt ſie auf, bis der gnädige Graf aus Welſch⸗ land wieder kommt. Ich trug ſie daher in meine Aus⸗ zugswohnung zum jungen Förſter Neumann, denn der alte brave Neumann ſtarb kaum ein Jahr nach der ſeligen Marianne. Der iſt aber ſo eine Art Schrift⸗ gelehrter, und da das Paket nicht verſiegelt war, ſon⸗ dern frank und frei da lag, ſo begann er darin zu ſtudiren. Aber das dauerte nicht lange, als er mit einem Male aufſprang und mich bei allen Heiligen beſchwor, die Briefe dem gnädigen Grafen zu überſchi⸗ cken. Es ſtände äußerſt Wichtiges darin, denn die Unſchuld der Gräfin Marianne ſei in den Briefen haarklein nachgewieſen. Als ich das hörte, rief ich ſogleich: aber Herzens⸗Neumann, wo ſteckt der Graf in Italien? Das iſt ein langes Land und der Weg dahin weit, die Seripturen können unterwegs verlo⸗ ren gehen und dann ſteht's beim Alten, und der gnä⸗ dige Graf kommt über ſeine unſchuldige Frau Gemahlin nie in's Klare. Wie wär's, wenn ich mich alter Knas ſelbſt auf den Weg machte nach dem heißen Lande? * 8 Ich befrage mich von einer Stadt zur andern und in ieder erkundige ich mich nach dem Grafen Albrecht von Buchenfels; einmal muß ich ihn doch attrappiren. Dann tret ich plötzlich vor ihn hin und ſage: Hier ſteht der alte Joſeph, Ihr habt es ihm in der Heimath immer nicht glauben wollen, daß Gräfin Marianne unſchul⸗ dig iſt; da leſet ſelbſt. Der Neumann lachte mir aber faſt in's Geſicht bei meinem Reiſeprojecte und ſagte: Wir wollen lieber warten, bis der gnädige Graf ſelbſt wieder nach Deutſchland kommt, da iſt er eher zu erfragen, einſtweilen aber die Briefe heilig verwahren wie einen Kirchenſchatz. Ich erwiederte: Ja, wenn aber nur die Rückkehr bald geſchieht, daß ich nicht unter⸗ deß in die Brete gehe. Aber der liebe Gott iſt noch nicht geſtorben, die Rückkehr geſchah bald und ich bin auch nicht geſtorben. So iſt Alles gekommen bis zu dieſer Stunde. Der Neumann wollte erſt die Briefe über⸗ bringen, weil er glaubte, ich könne unterwegs darum kommen; aber da bin ich aufgetreten gegen den Förſter.“ „Unſer alter Joſeph ſoll leben!“ rief Hartwig, von der Erzählung des Greiſes innig gerührt,„ſtoß an, Bruder Albrecht.“ Die Gläſer klangen aneinander. „Aber zum Kukuk, Alter, ſo vergiß endlich einmal die alten Geſchichten!“ ſchalt Hartwig, als ihm Albrecht auf den freundlichen Toaſt nicht heiter genug anſtieß, „und werde wieder froh.“ „Ach, nein Kummer iſt,“ ſeufzte Albrecht,„daß ich Euch Guten nicht ſo belohnen kann, wie ich gern möchte.“ „Dummes Zeug!“ polterte Hartwig. „Ja wohl,“ meinte Joſeph. „Daß ich Alles, Alles verloren habe.“ 8 „Alles verloren?“ zankte Hartwig,„ſind wir nichts?“ „Ja, und der Max, Alfred und der Friedberg,“ fuhr Joſeph fort,„das iſt wohl Alles nichts?“ 160 „Ihr habt Recht,“ ſprach Albrecht,„ich bin reich, reicher als je; aber werd' ich all' die Guten noch ein Mal um mich verſammelt ſehen, bevor ich für immer ſcheide?“ „Warum nicht?“ erwiederte Hartwig,„wenn Ihr hübſch folgt, das heißt, Euch die frohe Gegenwart, die Euch der Himmel geſchenkt, nicht durch ewiges Zurückſchauen in die Vergangenheit trübt, wird noch Alles gut werden. Der Baumeiſter iſt ſchon unter⸗ wegs nach dem Hofprediger Friedberg, und Doctor Alfred kommt mit Extrapoſt von Paris, wo er durch ſeine Kunſt der Wohlthäter Tauſender gewor⸗ den und ſich bedeutende Reichthümer erworben hat. Selbſt die königliche Familie hat ſich ſeines ärztlichen Rathes bedient und den geſchickten jungen Mann mit ausgezeichneten Ehren überhäuft.“ „So fehlt Sie nur noch!“ ſeufzte leiſe der vom Schickſal ſeltſam geprüfte Mann;„ach, und nicht ein⸗ mal ihr Bild iſt mir verblieben.“ „Ja,“ ſprach Joſeph ſo gleichgültig als möglich, indem er unbemerkt eine Thräne aus dem Auge trock⸗ nete,„damit iſt freilich nichts; das iſt kurz und klein, Zunder und Aſche, wie ihr mir ſelbſt geheißen. Noch am ſelbigen Abende habe ich's mit eigener Hand verbrannt.“ „Und das konnteſt Du thun, Joſeph, an Deiner ehemaligen himmelguten Gebieterin?“ frug Albrecht mit ſtillem Vorwurfe. „Ja, der Satan trieb damals ſein Spiel,“ meinte dieſer,„weiß nicht wie's zuging; aber kurz und klein iſt es, und verbrannt dazu, das weiß ich; ich war auch deſperat.“ Ein Briefträger trat jetzt in die Laube und brachte einen Brief von Alfred aus Paris. — 161 „Freund,“ ſprach einige Zeit nachher, an einem ſchönen Sommerabende, als die drei Alten wieder beiſammen ſaßen, Graf Albrecht zu Hartwig, indem er ihm krampfhaft die Hand drückte,„ich fühl's täg⸗ lich mehr, es giebt eine Vergeltung, eine ewige Ge⸗ rechtigkeit, welche die Vergehungen noch ſtraft im Alter.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Mein Stolz iſt ge⸗ brochen; der reiche Graf Albrecht von Buchenfels muß den Abend ſeines Lebens von der Gaftfreundſchaft ſeines Freundes zehren.“ „Wie ſprichſt Du wieder!“ ſtrafte Hartwig in mildem Tone. „Noch immer die alten Mucken!“ brummte Jv⸗ ſeph für ſich. „Wo ſind ſie geblieben,“ fuhr Albrecht fort,„die Schmarotzer, die mich ſchaarenweiſe umſchwärmt, als ich noch im Wohlleben ſaß auf dem Buchenfels? Fragt einer nach von der ganzen reichen Sippe, die mir geſchmeichelt im Uebermaß; ſpricht Einer von Allen, denen ich wohlgethan, Gott grüß Dich, alter Albrecht?“ „Haſt nichts verloren,“ erwiederte Graf Hartwig. „Ganz und gat nichts!“ meinte Joſeph. ſeufzte Albrecht, und ſeine Stimme ward leiſer,„das iſt's nicht allein, was mich beunruhigt; aber,“ hier traten ihm die Thränen in die Augen, „ich werde ſie wohl nicht wieder ſehen, die innigge⸗ liebten Meinen, mein letzter, mein heiligſter Erden⸗ wunſch wird unerfüllt bleiben.“ „Was ſicht Dich an?“ lachte Hartwig.„Bei Deiner glicklichen Conſtitution find Dir noch zwanzig Jahre gewiß.“ „J, gnädiger Herr Graf,“ tröſtete Joſeph,„wie müßt ich denn thun; ich will's ja auch noch abwar⸗ ten das kleine Himmelsfeſt, die Ankunft von Alfred Stolle, ſämmtl. Schriften. I. 11 2** 162 und Friedberg, aber dann fahr' ich gleich ab, das ſag! ich, und erzähle oben der Gräfin Marianne Alles, was ich geſehen, ganz ausführlich.“ „Ach, das iſt's nicht!“ meinte Albrecht mit weh⸗ müthigem Lächeln, und blickte nach der untergehenden Abendſonne. „Nun, was iſt's denn?“ fragte Hartwig beſorgt. „Ja, was da herauskommen ſoll, begreif' ein An⸗ derer!“ brummte Joſeph. Albrecht ſchwieg eine lange Weile ſtill, ein düſte⸗ rer Ernſt ruhte auf ſeinem Geſicht. „Gott mag wiſſen,“ begann er endlich leiſe in er⸗ greifendem Tone,„womit ich gerade die ſchrecklichſte Strafe verdient habe, die einen Sterblichen treffen kann; aber ſeit meiner Parforcereiſe aus Italien be⸗ merke ich täglich, wie mein Augenlicht abnimmt; all⸗ morgentlich, wenn ich erwache und ängſtlich die ge⸗ ſchwächte Sehkraft prüfe, ſind dunklere Schleier herab⸗ gefallen.— Es iſt gewiß,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, und ſein Schmerz brach in lautem Jammern aus: „ich werde erblinden, und meinen Max, meinen Alfred, meinen Friedberg, Dich Hartwig, Joſeph, Euch alle nie, nie wiederſehen.“ Joſeph weinte mit, doch gab er zugleich guten Rath:„Nur Senf hinter die Ohren!“ ſchluchzte er. „Meinem Vater ſelig war' ſchon ſtocknacht, da ſchmierte er ſich und ward ein Sperber an Blick, drei Tage nach der Kur.“ Hartwig tröſtete ſo gut er konnte und man be⸗ ſchloß, gleich den nächſten Morgen einen Augenarzt aus der Stadt kommen zu laſſen.. „Aber, wenn er nicht einſenft, jagen wir ihn fort!“ erklärte Joſeph determinirt.„Es iſt was Koſtbares um's Augenlicht,“ ſprach er auf dem Heimgange zum * — 163 Wohnhauſe,„aber nur getroſt, lieber gnädiger Herr, der liebe Gott iſt noch nicht geſtorben.“ Albrecht's Befürchtungen gingen leider nur zu bald in Erfüllung. Sein Augenlicht erloſch immer mehr, und alle angewandten Mittel des herbeigerufenen Au⸗ genarztes blieben erfolglos. Täglich verlangte er nach ſeinen Söhnen. Endlich kehrte Max in Begleitung ſeines einſtigen Erziehers und Wohlthäters Friedberg, des jetzigen herzoglichen Hofpredigers, zurück. Alfred ward noch durch die lebensgefährliche Krankheit eines ruſſiſchen Fürſten, die ſeine Gegenwart unentbehrlich machte, in Paris zurückgehalten. Innig ergreifend war das Sichwiederfinden Al⸗ brecht's und Friedberg's, in welchem Erſterer den Bru⸗ der ſeiner Marianne und den Engel ſeiner Söhne be⸗ grüßte. Ach, ſchon konnte er den Theuren nur noch in ſchwachen, nebelhaften Umriſſen erkennen. Nur ein geliebter Schatten ſtand vor ihm, den er aber um ſo inniger an ſein Herz preßte. Der würdige Geiſtliche ward aber auch an Albrecht zum Engel, denn ſeine milden, aus innigem Herzen geſprochenen Troſtesworte wirkten ſo wohlthuend auf das trauernde Gemüth des Erblindeten, daß dieſer ſich allmälig mit frommer Ergebung in ſein dunkles Schick⸗ ſal fügte. Nur, wenn er an Alfred dachte, konnte er ſich eines tiefen Seufzers nicht erwehren. Es währte nicht lange, als Albrecht eines Morgens erwachte und es völlig Nacht um ihn geworden war. Vergebens forſchte er in der Richtung, wo ſich die Fen⸗ ſter befanden; aber da war Alles ſchwarz, wie der dunkelſte, ſternloſeſte Himmel. Von Außen aber ver⸗ nahm der Unglückliche das rege, fröhliche Leben, wel⸗ hes den jungen, freundlichen Morgen verkündete. 3 11* Als ſich Albrecht von ſeiner völligen Erblindung überzeugt hatte, faltete er die Hände und weinte bit⸗ terlich. Noch nie in ſeinem Leben ward ihm ein ſo ſchreckliches Erwachen. Er hatte die vergangene Nacht einen geſunden, wohlthätigen Schlaf gehabt. Roſige Träume waren an ſeinem entzückten Geiſte vorüberge⸗ zogen. Mit geſunden, kräftigen Augen hatte er dahin geſchaut über die reizende Welt; mit durſtigen Zügen das erquickende Grün, der Blumen koſtbaren Schmelz geſogen; all ſeine Lieben hatte er geſchaut, klar und feſt, und liebend gehangen an ihren theuren Zügen; ſelbſt der Alfred, den er ſeit der Knabenzeit nicht ge⸗ ſehen, war ihm erſchienen in jugendlicher Männerſchön⸗ heit; es war ihm geweſen, wie in einer ſeligen Welt, und jetzt, als er erwachte, rings umher ſchwarze, todte Nacht. Da ertönte eine ſanfte Stimme durch die Finſter⸗ niß, es war, als käme ſie vom Himmel: „Was weint Ihr, guter Freund?“ Albrecht erkannte den Himmelströſter Friedberg und ſtreckte die Hand nach ihm aus; denn er konnte vor Wehmuth nicht ſprechen. Und wieder erklangen die ſanften Troſtesworte aus des Predigers frommen Munde und legten ſich wohl⸗ thuend und ſchmerzſtillend an das Herz des Erblindeten. „Euch hat Marianne mir geſendet aus der Se⸗ ligkeit!“ ſprach endlich gottgeſtärkt der blinde Mann, „denn ohne Eure Worte der Liebe wär' ich verzwei⸗ felt in meiner öden Nacht.“ Der Arzt aber hatte das Augenübel für unheilbar erklärt. Der Doctor Alfred hatte in Paris ſeine Kur gtückich beendet und ſeinem hohen Patienten, an wel⸗ 165 chem bisher die Kunſt der erſten Aerzte geſcheitert war, die Geſundheit wieder gegeben. Seine Freude über dieſen geſegneten Ausgang ward aber heftig getrübt durch die Nachricht von des Vaters Zuſtand. Er ver⸗ ließ ſogleich Paris und flog, fürſtlich belohnt, der ge⸗ liebten, langentbehrten Heimath zu. Noch einige Stationen vom Ziele ſeiner Reiſe er⸗ fuhr er die gänzliche Erblindung. Da durchzuckte ein Himmelsſtrahl ſein Innerſtes. Wenn es ihm vergönnt wäre, den Vater aus troſtloſer Nacht in das Reich des Lichtes zurückzuführen; wenn er durch die Kunſt, wel⸗ cher zu Liebe er einſt das Vaterhaus verlaſſen mußte, der Retter und Engel ſeines Vaters werden könnte. War er nicht auch einer der geſchickteſten Augenärzte? Sprachen nicht die vielen glücklichen Operationen für die Meiſterſchaft? Alfred langte ſpät Abends auf dem Gute des Grafen Hartwig an. Es ward ſogleich ein Familienrath gehalten, worin man aus weiſer Vorſicht beſchloß, daß Alfred, bevor er ſich als Sohn zu erkennen gebe, ſeine Kunſt als Arzt an dem Vater verſuchen ſollte. Aller Wünſche und Aller Gebete vereinigten ſich jetzt dahin, daß das Augenübel nicht unheilbar und Gott die Operation glücklich gelingen laſſen möge. „Ich zweifle gar nicht daran,“ meinte Joſeph, der ebenfalls zum Familienrathe gehörte,„denn ich weiß aus ſicherer Buelle, daß der liebe Gott noch nicht ge⸗ ſtorben iſt.“ Der erfahrene Augenarzt Alfred erkannte alsbald, daß wohl eine Heilung des blinden Vaters noch mög⸗ lich, wenn mit der größten Vorſicht und Sorgfalt dabei zu Werke gegangen würde. Die kurzen Krankenexa⸗ mina geſchahen in franzöſiſcher Sprache. Gern unter⸗ warf ſich der Graf der entſcheidenden Operation. 166 Es war eine große, heilige Stunde, als der Arzt an ein Werk ging, wo ſich Kindesliebe und die Kunſt des Berufs ſo ſchön die Hand reichten. Eine Todten⸗ ſtille herrſchte in dem geräumigen Gemach. Max, Hart⸗ wig, Friedberg und Joſeph ſtanden betend in der Ferne. Kein Athemzug regte ſich. Aller Herzen klopften in ängſtlicher Erwartung. Nur der Arzt ſelbſt ſchien kein Herz zu haben. Ruhig und kalt führte er mit geſchick⸗ ter, ſicherer Hand das ſcharfe, lichtgebende Inſtrument. Endlich war's vollbracht. Eine Binde unſchloß die wunden Augen des Operirten. Alfred warf jetzt einen Blick nach den in der Ferne ſtehenden Gelieb⸗ ten; er eilte auf Max zu und umarmte ihn unter Thränen:„Der Himmel ſelbſt hat meine Hand gelei⸗ tet,“ flüſterte er,„ich glaube den Vater gerettet.“ Alle falteten ob dieſer Himmelskunde unwillkürlich die Hände. „Was hab' ich denn geſagt?“ weinte Joſeph leiſe, den neben ihm ſtehenden Grafen Hartwig anſtoßend, „der liebe Gott iſt noch nicht geſtorben.“ Es bedurfte noch einige Zeit, bevor Graf Albrecht, deſſen Augenoperation den glücklichſten Erfolg gehabt hatte, dem hellen Tage wiedergegeben werden konnte. Nur in der Dämmerung war es ihm vergönnt, ſeine Lieben zu ſchauen; aber allmälig ſanken immer mehr die Gardinen von den Fenſtern und je lichter es vor ſei⸗ nen Augen, deſto freudiger ward es in ſeinem Innern. Der vorſichtige Alfred hatte es bisher ſorgfältig vermieden, ſich dem Vater zu erkennen zu geben, um den Geneſenden vor heftiger Gemüthsbewegung zu be⸗ wahren. Erſt wenn die Augen vollkommen geſund, ſtark und des Lichts gewohnt wären, wollte er als Sohn und Arzt in einer Perſon vor den Theuern treten. Dieſer Umſtand aber war es gerade, welcher dem Grafen noch die einzige Sorge machte auf Erden. „Ach,“ ſeufzte er oft,„nur zwei Menſchen wünſche ich hienieden noch zu ſchauen und an's Herz zu drük⸗ ken— meinen Alfred und den trefflichen Mann, der mir das Augenlicht wiedergab. Hätte ich Buchenfels noch einmal zu verſchenken, wie gern würde ich's mei⸗ nem Wohlthäter darbringen als kleine Erkenntlichkeit für das Große, ſo er an mir gethan. Aber ich habe Euer Wort, Ihr Geliebten, daß er bald wiederkehrt; warum habt Ihr ihn nur fortgelaſſen?“ „Lieber gnädiger Herr Graf,“ ſprach Joſeph,„wenn ich Alles ſo genau wüßte, als daß Ihr die beiden herrlichen Leutchen bald bei Euch haben werdet, wär's gut. Der Herr Doector mußte aber wirklich gleich fort, über Hals und Kopf nach der Operation, Ihr mögt's glauben oder nicht. Ein reicher Patient, dem es auch vor die Augen gefallen war, ließ ihn abholen mit Extrapoſt.“ „Möge dem Armen der Himmel eben ſo gnädig ſein wie mir,“ betete Albrecht. „Der liebe Gott iſt noch nicht geſtorben,“ trö⸗ ſtete Joſeph. Der Geburtstag des Grafen Albrecht war erſchie⸗ nen; letzterer ſelbſt vollkommen hergeſtellt, ſeine geheil⸗ ten und geſtärkten Augen konnten ſich wieder erfreuen des holdſeligen Lichts, als bereits am frühen Morgen auf dem Gute des Grafen Hartwig ein reges freudi⸗ ges Leben ſich kund gab. Ueberall erblickte man rüh⸗ rige Hände, welche fegten und ſäuberten, Hallen und Pforten mit Blumen ſchmückten, ſo daß das freund⸗ liche Gütchen bald einen gar ſtattlichen und feſtlichen Anblick darbot. Wohl hatte man auch Urſache, den heutigen Tag feierlich und freudig zu begehen; denn 168 erwartete man nicht höchſt lieben Beſuch? Der gute Alfred ſowohl, als auch der treffliche Arzt, welcher dem Grafen das Augenlicht wiedergegeben, beides längſt ſehnlich erwartete Gäſte, hatten für heute ihre Ankunft anſagen laſſen. Es war in der neunten Stunde des Morgens, der herrlichſte Herbſthimmel ruhte rings auf den geſegne⸗ ten Fluren; Graf Albrecht wandelte in ſeliger Erwar⸗ tung an Hartwig's Seite die mit röthlichem Sande beſtreuten Gartengänge auf und ab, als unter dem jubelnden Klange eines Poſthorns eine Extrapoſt im Schloßhofe vorfuhr. Man ſah den Baumeiſter Max aus dem Hausthor ſtürzen und im Augenblicke darauf auch den Wagenſchlag aufreißen. Ein junger ſchöner Mann ſprang heraus, eine lange Umarmung folgte. Gleich darauf eilten die beiden Brüder nach dem Gar⸗ ten; der alte Joſeph trippelte den raſch Dahinſchrei⸗ tenden mit einer Haſt und Behendigkeit nach, wie man noch nie an ihm geſehen hatte.„Wenn ich nicht dazu⸗ thue,“ keuchte er,„verpaſſe ich die ganze Geſchichte.“ Jetzt floh Alfred auf ſeinen Vater zu.„Mein Vater!“—„Mein Sohn!“ waren die einzigen Worte, welche die Sichwiederfindenden unter Thränen und⸗ Küſſen zu ſtammeln vermochten. Da klang wieder der jubelvolle Ton eines Poſt⸗ horns im Schloßhofe. „Der Doctor kommt!“ rief Max,„der Retter un⸗ ſers Vaters; auf, Bruder! ihn zu bewillkommnen.“ Er riß den Alfred aus den Armen des Grafen, der ihn nicht wieder von ſich laſſen wollte, und eilte mit ihm dem Hofe zu; der glückliche Vater aber ſank in die Arme ſeines Freundes Hartwig und lispelte:„Es iſt der ſeligſte Tag meines Lebens.“ 169 Und wieder kamen die beiden Brüder Hand in Hand den Gartengang daher und traten vor Albrecht. „Hier, mein guter Vater,“ ſprach Max, auf den Bruder zeigend,„hier haſt Du Deinen Arzt, Deinen Retter, denn er war es ja, der durch ſeine Kunſt Dir das Augenlicht wiedergab und kein Anderer.“ Gern legt hier der Erzähler die Feder nieder; eine Scene, um welche Engel Sterbliche beneiden wür⸗ den, würdig zu beſchreiben, vermag er nicht. Alle ſtanden in ſprachloſer Rührung. Niemand vermochte zu ſprechen; nur Joſeph konnte ſich nicht enthalten, unter Freudenthränen auszurufen:„Nun, endlich werd' ich doch Recht behalten, daß der liebe Gott noch nicht geſtorben iſt.“ Noch einmal ſei es erlaubt, den Vorhang aufzu⸗ ziehen und den Leſer in den kleinen Familienkreis zu führen, deſſen Leiden und Freuden er gewiß nicht theil⸗ nahmlos zeither an ſich vorüberziehen ſah. Noch einen ſchönen Frühlingsmorgen wollen wir mit den Glückli⸗ chen verleben, bevor wir von ihnen Abſchied nehmen. Es war ein wundervoller Frühlingstag des folgen⸗ den Jahres— der Kalender zeigte den Namen Ma⸗ rianne— überall blühte und duftete es in Gärten und Fluren, als der Baumeiſter Max in ſchmucker Equipage vorgefahren kam auf dem Gute des Grafen Hartwig. So war endlich doch die freundliche Landpartie zu Stande gekommen, zu welcher Max den Vater und Hartwig oft ſchon eingeladen, die ſich aber bald aus die⸗ ſer, bald aus jener Urſache bis auf heute verzögert hatte. „Ei, wird ſich der Joſeph ärgern,“ lachte Albrecht, als er mit Hartwig wohlgemuth einſtieg,„unſere ſo lange beſprochene Partie verpaßt zu haben. Wer heißt 170 wird's ſchon bereuen.“ zwei Mädchen.“ mit mir zu thun.“ ßerſt vergnügt. ich ſo liebe?“ ihn aber gerade jetzt ſeinen Trotzkopf aufſetzen und verreiſen. Und da half auch kein Abreden; nun, er Luſtig rollte der zurückgeſchlagene Wagen in den ſchönen Morgen und den lachenden Frühling hinein. „Auf den Hofprediger aber bin ich ganz erbittert,“ begann wieder Albrecht, der heute in froheſter Laune war,„wie oft hat er uns ſchon heimſuchen wollen, und kommt er denn? Man könnte desperat werden. Ich dächte, ſein Herzog wird nicht gleich um's Him⸗ melreich kommen, wenn ihm der geiſtliche Herr auch nicht allſonntäglich vorpredigt, ſondern ein paar Mal ausſetzt und zu uns kommt nebſt Familie. Wieviel hat er gleich Rangen und Ranginnen? fünf Stück? oder iſt's halbe Dutzend voll?“ „Noch nicht ganz,“ lachte Max,„drei Jungen und Nicht wahr, So?“ fuhr Albrecht in drolligem Tone fort,„nun da fehlt noch ein Masculinum und ein Femininum, dann iſt's in der Ordnung; drei Paare und ein Gei⸗ ger, welcher aufſpielt, wenn die Paare tanzen wollen. Aber das verſichere ich Euch, wenn Friedberg nicht ſeine ganze Sippe mitbringt, groß und klein, hat ers Die Reiſe ging immer vorwärts. Man frühſtückte im Wagen, die Lerchen ſangen darüber, und war äu⸗ „Aber Schatz,“ fragte endlich Albrecht ſeinen Sohn, als ihm die Gegend immer unbekannter wurde und der Wagen einem nahen Walde zurollte,„wo kutſchirſt Du uns eigentlich hin? Wo liegt denn das Ziel un⸗ ſerer Fahrt, das freundliche Wirthshaus mit den freund⸗ lichen Wirthsleuten und den trefflichen Forellen, welche 171 „Gleich hinter jenem Walde,“ antwortete Max, ohne ſich in weitere Erörterungen einzulaſſen. „Und der Alfred, der Schlingel, iſt auch noch nicht zurück von Wien,“ zankte der glückliche Vater;„was man für Noth hat, ſeine Lieben nur einigermaßen zuſammen zu halten.“ Mar hatte wahr geſprochen. Kaum war der Wa⸗ gen aus dem Walde heraus, als ſich ein liebliches Thal vor den erſtaunten Reiſenden ausbreitete. Wie eine reizende Idylle lag die anmuthige Landſchaft rings vor ihnen. Inmitten blühender Gärten und geſegneter Fluren erhob ſich eine im einfachen, aber höchſt ge⸗ ſchmackvollen Style erbaute Villa. Silberbäche zogen ſich wie glänzende Bänder durch das Thal, und hier und da ſtanden noch die Aepfelbäume in herrlicher Blüthe. „Hier iſt gut ſein, hier laßt uns Hütten bauen!“ rief Hartwig mit jugendlicher Begeiſterung, und Albrecht ſchaute mit ſtillem Entzücken das reizende Naturbild. Aber je näher die Reiſenden der ſchönen Villa ka⸗ men, deſto vernehmbarer tönte freudiges Glockengeläut zu ihnen herüber. Es klang wie ein herzliches Will⸗ kommen. Jetzt lenkte der Wagen um einen Hügel, und den beiden Alten entfuhr ein unwillkürliches„Ach!“ Sie fuhren nämlich einer Art Ehrenpforte entgegen, die ſich wie ein Blumenregenbogen hoch über die Straße da⸗ hin zog. Zu beiden Seiten war die feſtlich gekleidete Dorfiugend gruppirt, welche, ihren Lehrer an der Spitze, ein frohes Bewillkommnungslied anſtimmte, als der Wagen der Pforte nahte. „Nun ſag' mir, Max, ſind wir denn eigentlich be⸗ hext?“ rief ein Mal über das andere Albrecht, der nebſt Hartwig nicht genug aus dem Wagen heraus danken konnte.„Der Himmel mag wiſſen, für was für hohe Herrſchaften wir hier einherfahren.“ Aber Max wußte keine Auskunft zu geben. Geputzte Land⸗ leute wandelten zu beiden Seiten der Straße, grüßten freundlichſt und ehrerbietig, und oft ertönte der Ruf: „Willkommen in Lindenthal!“ Blumen wurden von vielen Seiten in den Wagen geworfen. „Nun, jetzt wird mir's außer'm Spaße!“ proteſtirte Albrecht.„Max, zum Kuckuk, Junge, ſo demonſtrir's doch den herzlieben Leutchen, daß ſie ſich in der Per⸗ ſon irren.“ Aber Max ſchien ſtocktaub geworden und fuhr rüſtig weiter. Nur von Zeit zu Zeit trocknete er ſich ungeſehen eine Thräne aus den Augen. „Willkommen in Lindenthal!“ rief, an der Spitze eines Reitergeſchwaders heranſprengend, der Doetor Alfred und ſalutirte mit militäriſchem Anſtande die im Wagen Sitzenden. „Alfred, Herzensjunge, Du hier?“ erſcholl's wie mit einem Munde aus dem Wagen der freudigſt Ue⸗ berraſchten.„Schnell herein, zu uns, erzähl', erklär uns; man verkennt uns hier, löſ' das Räthſel; wann denn zurück von Wien?“ So überpolterten ſich die Fragen. Aber der Doetor ſchien auch zu den Ver⸗ ſchworenen zu gehören. Er antwortete nicht und winkte ſeinem Gefolge. Dieſes, meiſt aus berittenen Landleuten der Umgegend beſtehend, bunte Bänder und Blumen auf den Hüten, umringte den Wagen und ſo ging's in freudigem Trabe gerade auf die reizende Villa zu. „Höre, Hartwig,“ wendete ſich Albrecht zu ſeinem Nachbar,„zwicke mich doch ein wenig, rüttle und ſchüttle mich, ſo viel Dir beliebt, damit ich erwache, denn das Alles iſt ja doch nur ein Traum.“ „Ei was, keile Du auf mich los! Mir geht's ja kein Haar beſſer!“ entgegnete dieſer.„Wir ſind wahr⸗ 3 173 ſcheinlich längſt geſtorben, ſanft und ſelig, ſo kann's nur im Himmel hergehen. Ob von Deinen zwei Schlin⸗ geln einer den Mund aufthut.“ Unter Trompeten und Pauken und dem Donner der Böller, der weit in dem ſchönen Thale widerhallte, fuhr jetzt der Wagen durch die feſtlich geſchmückte Pforte in den Schloßhof. Alfred ſprang vom Pferde und half den beiden Alten ausſteigen; auch Max ſprang vom Wagen, und man geleitete die Erſtaunten, welche noch gar nicht zu ſich ſelbſt kommen konnten, nach dem Hauptportale. Hier ſtand Joſeph in Feiertracht und hieß als Majordomus den Grafen Albrecht, als Herrn von Lindenthal, feierlichſt willkommen. „Nein, es iſt kein Traum, mein guter Vater!“ rief Alfred, den Ueberraſchten innig umarmend,„man hat Dich nicht verkannt. Siehe, Väterchen,“ fuhr er in herzgewinnendem Tone fort,„ich hatte mir durch die Doetorei etwas erſpart und davon hat Dir Dein guter und geſchickter Sohn Max ein Häuschen gebaut. Nimm vorlieb damit, es hat Raum für uns Alle, auch Freund Hartwig findet Platz darin. Nicht auf ſtol⸗ zem Gebirge thront es majeſtätiſch, wie Buchenfels, ſondern im beſcheidenen Thale, wo wir dem Blitze des Himmels weniger ausgeſetzt ſind, ohne darum ſeinen Segen zu entbehren. Nicht immer wohnt nur auf der Höhe das Glück, wir wollen uns nicht zurückſehnen nach ihr, ſondern genügſam im Thale verbleiben für immer. Die Liebe hat dies Haus gebaut und die Zu⸗ friedenheit ſoll es bewohnen. Aber laß uns näher treten.“ Und die Söhne führten den vor Freude zitternden Va⸗ ter durch die Hallen und Gemächer des ſtattlichen Hau⸗ ſes. Da war ſorgfältig vermieden all' jener übermü⸗ thige Luxus, jenes ariſtokratiſche Schnörkelwerk, und überall trat dem Beſchauer der freie, zeitgemäße Ge⸗ „ 13 17⁴ ſchmack eines gebildeten Bürgerthums wohlthätig ent⸗ egen.— 2 Nach Durchwanderung des ſchönen Gebäudes, das dem Baumeiſter Max alle Ehre machte, ruhte die Ge⸗ ſellſchaft auf dem geräumigen Altane aus, von wo man die herrlichſte Ausſicht über das reizende Thal genoß. Albrecht ſaß ſelig zwiſchen ſeinen beiden Söh⸗ nen, deren Hände in den ſeinen ruhten. „Iſt's denn möglich,“ rief endlich der Glückliche, „kann man denn auf Erden wirklich ſo ſelig ſein, wie wir jetzt ſind?“ „Ja,“ meinte Hartwig, ſein Glas voll ſchenkend, „ich mag's gar nicht unterſuchen, ob wir eigentlich geſtorben ſind, oder nicht. Die Fabelzeit iſt vorüber und an Wunder glaub' ich, als aufgeklärter Mann, ſchon lange nicht mehr.“ Nach einiger Zeit ſtand Alfred auf und fragte: „Lieber Vater, falls Du nicht zu müde, wie wär's denn, wenn wir den hübſchen Saal uns noch anſähen, auf den ſich unſer Baumeiſter nicht wenig zu Gute thut, und den wir auf unſerer Wanderung noch nicht betreten haben?“ „Gute Kinder,“ antwortete der Vater,„wohl bin ich noch rüſtig und friſch auf; aber ich möchte wiſſen, was Ihr mir noch Herrlicheres zeigen könntet, als ich ſchon geſehen habe.“ „Komm nur, Väterchen,“ hieß es, und die Ge⸗ ſellſchaft machte ſich nach dem Saale auf den Weg. Als man eintrat, ertönte einſtimmige Bewunderung von den Lippen der beiden Alten. Aber das ſchöne Bauwerk verdiente ſie auch. In edelm, geſchmackvol⸗ lem Style ſtiegen zu beiden Seiten die Säulen em⸗ por und bauten ſich oben domartig zum majeſtätiſchen Gewölbe. Nicht düſtere Dunkelheit, ſondern freund⸗ . 175 liche Helle durchfloß wohlthuend den impoſanten Raum, deſſen Hintergrund durch einen himmelblauen Vorhang bühnenartig verdeckt ward. „Dies ſoll unſer Ahnenſaal ſein!“ ſprach Alfred. „Obſchon wir längſt und freudig auf alles Kaſten⸗ adelthum verzichtet haben und nur in der Erfüllung unſeres bürgerlichen Berufs unſere Würde und unſere Wohlfahrt fanden, ſo wollen wir doch jene ſchöne ari⸗ ſtokratiſche Gewohnheit beibehalten, die Bildniſſe un⸗ ſerer Lieben in dieſem geweihten Raume zu vereinen. Ich lebe der ſchönen, erhebenden Hoffnung, es werde nie das Bildniß eines Unwürdigen dieſe Wände ver⸗ unzieren; denn dafür bürgt mir jenes heilige Bild, welches die Reihen eröffnet.“ Hier winkte Alfred, der himmelblaue Vorhang rauſchte auseinander, und Mariannen's Bild, inmitten von Friedberg's Kindern, welche in maleriſcher Gruppe es mit Blumenguirlanden umkränzt hielten, blickte hernieder, wie ein Engel der Liebe und Verſöhnung. „Wer hat mir das gethan?“ rief Albrecht, auf's Höchſte ergriffen, und ſtreckte, wie betend, die Hände aus nach ſeiner verſtorbenen Gemahlin. Der alte Jv⸗ ſeph klopfte ihm aber auf die Achſel und ſprach: „Hab's ja nicht zerhackt und verbrannt, ſondern treu bewahrt bis zum heutigen Tage, weil ich wohl wußte, daß der liebe Gott noch nicht geſtorben war.“ Eine tiefe Stille bemächtigte ſich der Anweſenden. Alle waren in Andacht verſunken vor dem Bilde der heiligen Dulderin; hinter einer Säule hervor aber trat Friedberg in ſchwarzem Prieſtergewande und ſprach Worte der Weihe über dieſe heilige Scene. „Ich hatte es nicht böſ' gemeint,“ ſchloß er,„als ich den Keim des Kaſtenadels und Stolzes ſchon früh⸗ zeitig tilgte in der Bruſt der Knaben und ſie aufer⸗ 176 zog für ein edles Bürgerthum; aber der Himmel wollte es gut, indem ſie Beide durch den ſelbſt gewählten Beruf zu Rettern und Wohlthätern ihres Vaters wur⸗ den;— und je länger ich überhaupt nachſinne über die ſeltſamen Fügungen eines oft räthſelhaften Ge⸗ ſchicks, deſto leuchtender ſtrahlt mir die große und erhebende Wahrheit entgegen,„daß ſich beleidigte Na⸗ tur zwar rächt, aber daß ihre Rache ſelbſt zum Segen wird, weil über jeglicher Rache hienieden waltet die Vorſehung.“ Die drei Couſinen. Launige Erzählung. Stolle, ſämmtl. Schriften. I. Wenn Einer eine Reiſe thut, Da kann er was erzählen. Meinetwegen. — „In meinem ganzen Leben— und das iſt ein hübſcher Zeitraum, da ich dermalen an einer anſehn⸗ lichen Tracht Jährchen zu ſchleppen habe— ſind mir vier Silben nicht ſo zur Noth und Trübſal gewor⸗ den, als das„Meinetwe gen“ meines Oheim's, der damit ſeinen drei reizenden Töchtern die Erlaubniß zur Reiſe in die Reſidenz ertheilte, um daſelbſt den Feier⸗ lichkeiten der Huldigung des jungen Fürſten beizuwohnen. „Meinetwegen,“ ſprach mein Oheim zu den drei himmelhoch bittenden Grazien,„meinetwegen mögt Ihr die Tante beſuchen, aber nur unter der Be⸗ dingung, daß Vetter Juſt die Eskorte übernimmt und mir verſpricht, Euch exact und pünktlich abzuliefern Nummero 43 auf der Königſtraße.“ Das war das Haus der Tante. Da fuhr mir der Hochmuthsteufel in den Nacken. „Unbeſorgt, Herr Onkel,“ ſprach ich hoffärtig,„da hab' ich wohl Größeres vollbracht, als drei, überdieß unmündige, Mädchen ſicher und wohlbehalten nach der Stadt zu fahren. Das Pandectenheft durchzufegen vierzehn Tagen, wie ich jüngſt gethan, vom jus personarum bis zum jus obligationum, das will was. Ich war nämlich als gewiſſenhafter studiosus „ 2 180 utriusque dermaßen auf die edle Rechtsdvetrin verſeſſen, daß mich Alles außer ihr kalt und theilnahmlos ließ. .„Juſt, Juſt,“ warnte der Onkel,„nicht zu vor⸗ eilig. Du kennſt die drei Wildfänge; ſie werden Dir den Kopf warm genug machen. Um aber Dein Amt möglichſt zu erleichtern, ſo übertrage ich Dir für dieſe Reiſe meine förmliche patria potestas; und daß Ihr's wißt, Mädels, ihr gehorcht dem Vetter, als wäre ich es.“ Ich ſah es den ſchönen Couſinen deutlich genug an, daß ſie bei den letzten Worten des Vaters vor's Leben gern vor Lachen herausgeplatzt wären, wenn ihnen nicht Alles daran gelegen geweſen, den Papa in möglichſt guter Laune zu erhalten. Mich ärgerte dies, und ich beſchloß, in meinem neuen Amte alle Energie zu entwickeln. Die Mädels hatten mich wäh⸗ rend der ganzen Ferienzeit ſeltſam genug geplagt mit ihren Neckereien; ich konnte faſt keinen Rechtspara⸗ graphen ungeſtört durchmachen; darum ergriff ich mit geheimer Freude die ſchöne Gelegenheit, dem ungehor⸗ ſamen und widerſpenſtigen Volke einmal meine Auto⸗ rität in aller Macht und Herrlichkeit fühlen zu laſſen. „Morgen früh punkt fünf Uhr fahren wir: wer nicht fertig iſt, bleibt zu Hauſe,“ ſprach ich mit großer Ruhe und Geiſtesgegenwart; denn mich hatte die Er⸗ fahrung belehrt, daß meine Couſinen wie alle ihre Mitſchweſtern an dem ärgerlichen Fehler litten, mit dem Anputze nie fertig werden zu können. Ich hatte dieſe Worte, von denen ich mir Wir⸗ kung verſprach, kaum ausgeſprochen, als, gewohnter Weiſe, auch Oppoſition da war. Marianne konnte es nicht über ſich gewinnen, das Mündchen zu hal⸗ ten.„Um fünf erſt,“ rief ſie, die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlagend,„das iſt ja über alle Maßen ſpät in den langen Tagen!“ 181 „Weder zu ſpät noch zu früh,“ entſchied ich de⸗ terminirt; und ging gemeſſenen Schrittes in den Hof, um den prächtigen Rappen in Angenſchein zu nehmen, der Morgen unter meiner Leitung die drei Grazien nach der Reſidenz ziehen ſollte. Die Abfahrt. Punkt halb vier Uhr ſprang ich am nächſten Mor⸗ gen aus dem Bette. Aergerliche Träume hatten mür eine ziemlich unruhige Nacht verurſacht. Bald ſaß ich auf einem ungeheuern ſchwarzen Krebſe, der trotz meines Bemühens nur rückwärts ſpazierte, wie dies den Krebſen zur zweiten Natur geworden iſt; bald wieder mühte ich mich ab, einen ruſſiſchen Rutſchberg empor zu klimmen; aber kaum ein Stück in die Höhe, ging's pfeilſchnell wieder hinab, und was dergleichen Fehlſchlagungen mehr waren. Ich dankte daher dem Himmel, als der lichter werdende Morgen den Tag verkündete, und ſtand, wie geſagt, Punkt halb vier Uhr kerzengrade vor meinem Bette. Im ganzen Hauſe war noch Todtenſtille. Das freute mich, denn ich hatte mit den Couſinen um drei Zuckerdüten gegen ein Glas Punſch gewettet, daß ich reiſefertig ſein würde, bevor ſie ihr Schlafgemach verlaſſen. Zu meiner vollſtändigen Toilette braucht' ich keine halbe Stunde, dafür ſprach die Erfahrung; daß aber die Mädchen unter der Zeit nicht aufgeſtanden, noch viel weniger in einem Statu ſich befinden würden, einem ehrſamen Coufin und studiosis juris ohne Bedenken unter die Augen zu treten, das war ein Caſus, für deſſen Undenkbarkeit ich ein Dutzend Zuckerdüten ruhi⸗ gen Bluts in den Kauf geben konnte. Zu den Urelementen, zur Grundlage einer guten „ 182 Toilette aber gehört, nach dem Ausſpruche aller Sach⸗ verſtändigen, das Waſſer. Nach dieſem wichtigen Ar⸗ tikel ſucht ich vergebens innerhalb dem Bereiche mei⸗ ner vier Wände. Die Waſſerflaſche, in der Regel mit dem klarſten Eryſtall gefüllt, war unbegreiflicher und unverantwortlicher Weiſe leer geblieben. Ich dankte dem Himmel, während der Nacht von keinem Durſte geplagt worden zu ſein, denn da würde mich der Waſſermangel zum Grade der höchſten Verzweiflung gebracht haben. Jetzt war's Gottlob Tag, und ich konnte mich leiſe hinab zum Brunnen ſchleichen. Es ſollte eine Maus nichts gewahr werden. Im tiefſten Negligée, blos den großblumigen Schlafrock umge⸗ worfen, mache ich mich, die Waſſerflaſche in der Hand, in heiliger Morgenfrühe auf den Weg. Leiſe drückte ich die Thürklinke; die Thür ſcheint eingeklemmt und leiſtet Widerſtand; ich drückte herzhafter— da bricht mit Einemmal in meiner nächſten Nähe die Hölle los. Ein Dutzend alter Stühle und nichtswürdiges Gerüll ſtürzt mit Donnergekrach vor der Thür durch einander. Ich denke im erſten Augenblicke, dem Oberboden, der mir die ganze Zeit ſchon bedenklich vorgekommen, hat es in der Höhe nicht länger behagt, und er iſt nie⸗ dergefahren vor meine Schlafthür; als mich die ſpä⸗ tere Unterſuchung belehrte, daß der Himmel dieſes Unglück vor der Hand abgewendet habe. Aber faſt zu gleicher Zeit bemerkte ich, daß die drei Zuckerdü⸗ ten ebenfalls zum Teufel gefahren ſeien, denn wer bei dieſem ſataniſchen Gekrach nicht wie behext aus dem Bette ſprang, ſo daß ihm kein Schlaf weiter angemuthet werden konnte, der mußte an Erdbeben gewöhnt ſein, wie an's tägliche Brod. Je lichter es draußen in der Schöpfung wurde, deſto lichter ward es auch in mir. Die ſchändliche 183 Verſchwörung der Couſinen unterlag keinem Zweifel. Darum der Waſſermangel. In der That, das lie⸗ benswürdige Kleeblatt fing ſein Tagewerk bei guter Zeit an. Die Kataſtrophe hatte übrigens das Gute, daß ich von neuem den Vorſatz faßte, energiſcher mit den Mädels zu verfahren, damit ſie Reſpect bekämen. Wie ſollte das ſonſt mit der Reſidenzfahrt werden? Ich ärgerte mich jetzt, die geſtrige Zuckerdütenwette überhaupt eingegangen zu ſein. Sie war allein Schuld an dem Teufelslärm, wodurch meine Autorität un⸗ möglich gewinnen konnte. Dies war alſo der ſchwarze Krebs, auf dem ich dieſe Nacht einher galoppirte. Ein abermaliges Bei⸗ ſpiel, daß Träume keine Schäume ſind. Um indeß nicht als Staatsgefangener von der löblichen Hausgenoſſenſchaft überraſcht zu werden, und nicht gelaunt, den Löwen im Käfig zu ſpielen, arbei⸗ tete ich wie ein pariſer Sapeur mit Todesverachtung an der Barrikade. Das ließ ſich nicht unter zwei Ohren abthun. Mir war's auch einerlei, ob Jemand noch zu ſchlafen wünſche oder nicht. Der Erawall war einmal im Gange. Die Ruinen der neuen Höllen⸗ maſchine erſchienen wirklich unermeßlich. Je weiter ich durchbrach, deſto mehr lag vor mir. Rings um⸗ her dampfte es. Ein altes Sopha, das nicht weichen wollte und das ich in der Wuth mit dem Stiefel⸗ knechte mitten durch den Bauch geſtochen, qualmte entſetzlich. Ich ward immer wüthiger und ſchlug bar⸗ bariſch in die Zerſtörung. Daß bei ſothaner Wirth⸗ ſchaft die Aufmerkſamkeit ſämmtlicher Hausgenoſſen ſich bald vorzugsweiſe der Gegend meines Schlafzim⸗ mers zuwenden mußte, wird keiner beſondern Ver⸗ ſicherung bedürfen. Bald gewahrte ich auch eine Ge⸗ ſtalt in nebelgrauen, in unbeſtimmten Umriſſen heran⸗ 184 rücken. Es war Chriſtian der Hausknecht, der Suc⸗ curs von außen brachte. Binnen einer Viertelſtunde war ich befreit; da war aber auch das ganze Haus auf den Beinen, und ich hielt unter zahlreichen Zu⸗ ſchauern meinen glorreichen Auszug aus der Feſtung. Der Onkel, der eine Geſchäftsreiſe vorhatte, fuhr bereits halb fünf Uhr ab. Von dieſem Augenblicke trat meine patria potestas hinſichtlich der Coufinen in Kraft. Punkt fünf Uhr war ich reiſefertig, und der Wagen ſtand ſammt dem Rappen bereit. Mit meinen ſchönen Kindern ging das nicht ſo ſchnell. Ein halbes Stündchen ſah ich gelaſſen zu, weil ich ſelbſt dieß und jenes im Hauſe noch zu beſorgen hatte. Ge⸗ gen dreiviertel auf ſechs aber tönte die Lärmtrom⸗ mel. Die werthe Coufinenſchaft ſtak auf ihrem Zim⸗ mer. Die Thür war verſchloſſen, alle Rolleaux ſorg⸗ fältig herabgelaſſen. Ich klopfte und donnerte. Alles vergebens. Jetzt begann ich zu fluchen; doch in Be⸗ tracht, daß ſich dergleichen mit meiner Würde nicht gut einbare, moderirte ich mich, ging zum Rappen hinab und ſuchte deſſen Ungeduld zu beruhigen. Rappe und ich wären vor's Leben gern in den herrlichen Mor⸗ gen hineingefahren; aber was war zu thun, wir muß⸗ ten uns als verſtändige Leute in das Unmögliche fü⸗ gen. Bald aber wußte ich vor lieber langer Weile in der That nicht mehr, was beginnen. Nun ward ich desperat, tobte Trepp auf und ab, und wollte ſo eben vor dem Zimmer der Cyuſinen laut und ver⸗ nehmbar verkünden, daß, wenn man nicht augenblick⸗ lich ſichtbar würde, ich unwiederruflich auf und da⸗ von führe, als eine ſeltſame Prozeſſivn meine unge⸗ theilte Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Bepackt wie mexicaniſche Laſtträger, bewegte ſich in wunder⸗ barer Geſchäftigkeit Chriſtian, die beiden Dienſtmäd⸗ 185 chen und Kaspar, der Laufburſche, an mir vorüber. Sie trugen nicht weniger denn eine halbe Million Schachteln und Schächtelchen, Pakete und Paketchen, Futterale, Sonnenſchirme und tauſend Nichtswürdig⸗ keiten. „Wo geht denn die Reiſe hin?“ frug ich ver⸗ wundert. „Muß Alles in den Wagen,“ war Kaspars Antwort. Ich erſtarrte und konnte keine Worte finden, als Marianne, die älteſte der Couſinen, in reizendem Reiſegewande trällernd auf mich zu kam.„Es kann gleich fortgehen, Schatz,“ ſprach ſie heiter und roſig. „Auf ein halb Stündchen ab oder zu kommt's nicht an, nicht wahr?“ Ich zeigte fragend nach dem Laſtträgerzuge, der ſich ſo eben mit Mühe die Treppe hinab bewegte. „Bagatellen,“ verſicherte die Couſine,„Kleinigkei⸗ ten, für die Reiſe unentbehrlich.“. „Bin ich denn ein Frachtfuhrmann?“ brach ich ietzt los.„Zudem hat der Teufelskram nicht einmal Platz im Wagen, und wenn wir ſammt und ſonders zu Fuß daneben her pilgerten.“ „Sei doch nicht komiſch,“ lachte Marianne,„das iſt ja gar nichts.“ Dabei tänzelte ſie trällernd ins Zimmer zurück. „Gar nichts?“ rief ich erſchrocken.„Nun, da möcht ich wiſſen, was nach Eurer Idee ein Etwas wäre?“ Unterdeß ward es immer ſpäter, und ich eilte in den Hof hinab, um mich dem Schachtelunweſen mit aller Macht in den Weg zu ſtellen. Unten angelangt, ſah ich bereits einen Babelthurm auf dem Kutſcherſitze, der diesmal mir beſtimmt war, emporwachſen. „Es geht wirklich nicht anders,“ belehrte mich 186 „ Chriſtian, der Bauherr, als ich ihn auf das Unpaſſende dieſer hölzernen Colonaden aufmerkſam machte. „Ach, Du thuſt uns ſchon den Gefallen, Juſtchen,“ ſchmeichelte die holde Marie, die plötzlich neben mir ſtand,„es iſt blos das Unentbehrlichſte.“ Dabei reichte ſie eine neue coloſſale Schachtel dem bauenden Chriſtian hin. „Nimmermehr,“ rief ich aufgebracht;„in dieſer ſchmachvollen Situation zwiſchen den Schachtelſäulen muß man mich ja für einen Zwiebackhändler halten, der in der Stadt gute Geſchäfte zu machen gedenkt.“ „Und uns für Marketenderinnen,“ lachte Marie, „was ſchadet das? Morgen erſcheinen wir um ſo ge⸗ putzter bei der Huldigung.“ Wider mein Erwarten nahm auch die würdige Haushälterin gegen mich Partei.„Das iſt nicht an⸗ ders auf der Reiſe,“ meinte die liebe Frau;„s iſt kein Staatswagen; eine Schachtel mehr oder weniger, was thut's?“ „Was thut's?“ murmelte ich ganz unwirſch;„das thut allerdings was, ſehr viel thut's; wenn mir ein Comilito begegnet, bin ich verloren ein Semeſter lang und die Straße wimmelt von Haupthähnen.“ „Ich leihe Dir meinen Schleier,“ tröſtete Marie und langte dem Chriſtian wenigſtens ein halb Dutzend Sonnenſchirme in den Wagen. Ich und mein Rappe verzweifelten. Wir beiden ſollten mit ſammt den Couſinen bereits eine Stunde unterwegs ſein. Jetzt ſtand man bei'm Einpacken, an ein Einſteigen war noch gar nicht zu denken. Ich raſ'te wie der böſe Feind umher. Die Couſinen lach⸗ ten, ſangen und hatten alle Hände voll zu thun. Dies brachte mich noch mehr auf und ich ſchrie ver⸗ zweifelt, wenn man nicht augenblicklich einſteige, Rap⸗ 187 pen, Schachteln und Cuufinen im Stiche zu laſſen und über Land zu gehen. Man bat, flehte, ſchmeichelte und liebkoſte. Die Frau Marthe belehrte mit Ruhe:„Was hilft das Aeſchern, das„mit dem Kopf an die Wand“ rennen? Hier ziehen zehn Pferde kein Haar; das iſt nicht an⸗ ders und zehn Mal da geweſen.“ Frau Marthe hatte ſo unrecht nicht. Sie war geborene Philoſophin. Ich ward etwas ruhiger und half ſogar bei'm Einpacken, damit man nur endlich zu Stande komme, als mein Blick auf die beiden Säu⸗ lencolonnaden des Kutſcherſitzes fiel und mich wieder aus aller Faſſung brachte. Chriſtian hatte nämlich für die Sonnenſchirme innerhalb des Wagens keinen geeigneten Platz gefunden, ſie als Schlußſtein ſeines großartigen Baues außerhalb benutzt und oben quer über die Schachtelſüglen befeſtigt. So war der Triumphbogen fertig. „Nun da will ich doch gleich lebendig geſpießt ſein,“ rief ich entſetzt,„wenn ich unter dieſem neu⸗ modiſchen Galgen zum Schauder der Menſchheit einher fahre. Verwünſcht ſei dieſe Fahrt, Reſidenz, Huldi⸗ gung; v mein Traum, wie wahr haſt Du geſprochen.“ „Du haſt ſeltſam geträumt,“ fragte Marianne, die eilfertig mit einem Packet an mir vorüberſchlüpfte, „davon mußt Du uns erzählen.“ Ich aber hatte nichts Angelegentlicheres zu thun, als die elenden Sonnen⸗ ſchirme aus ihrer Höhe zu pouſſiren. Jetzt ſchlug es bereits halb Sieben, und der Wa⸗ gen ſtand noch wie angenagelt. Ich zerbrach in der Verzweiflung die ſchöne Peitſche— das gab neuen Aufenthalt. Gepackt war indeß Alles. Ein wohl⸗ aſſortirtes Galanterielager befand ſich wenigſtens im Wagen. Gleichwohl ging's noch nicht fort. Tauſen⸗ 188 derlei war vergeſſen. Ich probirte unterdeß meinen Platz auf dem Bocke. Das ging verteufelt knapp her, und ich kam mir vor wie der blinde Simſon zwiſchen den Tempelſäulen. Ich war nur froh, über mir we⸗ nigſtens blauen Himmel zu haben. Endlich, es hatte ſveben Sieben geſchlagen, die Couſinenſchaft war zum Einſteigen fix und fertig, ich dankte allen Heiligen, erſchien Frau Marthe, die mir heute überhaupt in allen Dingen contrecarrirte, mit einer fluchwürdigen Chokolade. Die Kinder dürften nicht ſo nüchternen Leibes in die Welt hineinfahren, das möge ſie nicht auf ſich nehmen, beſſer ſei bewahrt als beklagt, ein Schälchen Geſundheitschveolade ſei gut in allen Dingen. Als die Mädchen von Chocolade hörten, winkten ſie mir, der ich ſchon wie eingemauert zwiſchen den Schachteln ſaß, und waren wie der Blitz in der Hausflur ver⸗ ſchwunden. Jetzt hatt' ich unbändige Luſt, ohne Wei⸗ teres auf und davon zu fahren, als Marianne erſchien und eine Taſſe zum Wagen brachte. Ich verbiß mei⸗ nen Ingrimm und ſchlürfte halb gezwungen das braune Naß hinunter. „Nicht auch ein Zwiebäckchen?“ frug Marianne in zärtlichem Tone, mir ein Bisquit hinhaltend, um mich 3 bei guter Laune zu erhalten. „Fort geht's!“ gab ich grob zur Antwort.„Wie* lange ſoll die überflüſſige Schlemmerei dauern. Konnte längſt abgemacht ſein! Zeit genug gehabt. Einmal gefahren und nicht wieder.“ Alle dieſe Bemerkungen kamen übrigens nur dem Rappen zu Gute; denn als ich den Kopf wandte, war Marianne ſchon wieder in's Haus zurück. „Chriſtian,“ rief ich jetzt mit kalter Ruhe,„ſag's den Coufinen zum allerletzten Male, daß ſie in drei 189 Teufels Namen in den Wagen ſteigen, oder ich ſäße nicht lebendig hier zwiſchen den Schachteln, wenn ich nicht davon führe.“ Dabei knallte ich höchſt verdächtig mit der Peitſche. Das wirkte. Nach einem herzbrechenden Abſchied von Frau Marthen ſaß endlich wenigſtens Amalie im Wagen. Marianne hielt noch ein endloſes Zwiege⸗ ſpräch mit der dienſtbaren Sophie, als wollte ſie dem guten Mädchen gute Lehren, deren ſie doch ſelbſt noch am meiſten bedurfte, für das ganze Leben mit auf den Weg geben. Auch ſie war endlich wohlbehalten im Kaſten. Jetzt flehte ich zu den ewigen Göttern, daß Marie dem guten Beiſpiele der Schweſtern folgen und ebenfalls geſegnete Einfahrt halten möge. Wird ſie auch noch eine Rede halten? Nein, das Himmels⸗ kind macht Alles kurz ab. Schon ſchwebt ſie, von Chriſtian unterſtützt, am Kutſchenſchlage empor— Cholera, Mord und Peſtilenz!— da reißt das rechte Schuhband. Das geſammte dienende Perſonale geräth wieder in convulſiviſche Bewegung und rennt verwirrt durch einander; ſelbſt das Couſinenpaar im Wagen wird unruhig. Ich konnte unter bewandten Umſtän⸗ den den Rappen getroſt wieder ausſpannen und in den Stall führen. Hätte ich nicht ſo eingeklemmt ge⸗ ſeſſen zwiſchen den Schachteln, ich wäre hin und her geworfen worden vor Fieber und Wuth. Nach einem Zeitraum, wo man die Bibel zweimal hätte durchleſen können, war das Schuhband reſtau⸗ rirt; auch Marie ſaß im Wagen. Ich knallte und fort ging die Reiſe, von den⸗ Segenswünſchen der ganzen Hausgenoſſenſchaft begleitet. Wir waren kaum ein paar Schritte im Hofraume dahin, als ein mörderi⸗ ſches Geſchrei dicht hinter mir losbricht. Ich denke im erſten Schrecken, ich habe irgend Jemand gerädert, 190 und halte den Rappen an. Alle drei Schweſtern ſchrien wie verzweifelt:„Halt!“ auch weiter hinterwärts rief es„Halt!“ Was mein Entſetzen vermehrte, war, daß Marianne den Wagenſchlag aufklinkte und mit einem Sprunge wieder hinaus war. Marie und Amalie folgten. So ſaß ich mit den Schachteln wieder mut⸗ terſeel allein. Ich ſchaute ringsum, ſo gut es gehen wollte, ob ein Menſch überfahren, todt am Boden liege, gewahrte aber nichts, als abermalige herzbrechende Umarmungen mit Nachbars Fritzchen, die bei'm vorigen Abſchiednehmen vergeſſen worden war. Fritzchen hatte ſo viel Aufträge für die Reſidenz, daß mir vollkom⸗ mene Muße ward, über das Tragiſche meiner Lage nachzudenken. Wenn das Mißgeſchick zu gewaltſam über den Menſchen hereinbricht, zeigt er ſich wieder erhaben. Ich brach in ein hölliſches Gelächter aus. Der Rappen, das gute Thier, verſtand mich und wie⸗ herte ebenfalls laut und vernehmlich. Dieſes verzwei⸗ felte Signal belehrte die Abſchied nehmende Gruppe, daß jetzt nicht mehr zu ſpaßen ſei. Chriſtian ſchob und förderte von Neuem, und ſchneller als ich erwar⸗ tet hatte, ſaß das Kleeblatt lachend und gehorſam im Wagen. „Nun kann's fortgehen,“ rief Marianne;„Marie, Du haſt doch das Bilderbuch für den Otto?“ „Alles iſt da,“ erklärte die Gefragte;„jetzt fort.“ „En avant! mein Rappe,“ commandirte ich, und jetzt endlich begann die Reiſe. Es war gerade halb Acht. Schachtelmalheur. Erſt als wir Haus und Hof eine Strecke im Rük⸗ ken, athmete ich leichter und ſchöpfte die freundliche Hoffnung, zum Nachmittagskaffee die Reſidenz erreicht 19¹ zu haben. Um vor neuen Fehlſchlagungen und un⸗ nützem Aufenthalte möglichſt geſichert zu ſein, erklärte ich, daß unterwegs nur zweimal eingekehrt würde, im goldenen Wallſiſch und im rothen Ochſen. „Meinetwegen braucht gar nicht eingekehrt zu wer⸗ den,“ ſprach Marie. „Meinetwegen auch nicht,“ Amalie. „Nun meinetwegen gewiß nicht,“ verſicherte Ma⸗ rianne. „Weiſe geſprochen,“ replicirte ich,„aber da vorn trabt Jemand, der ſich auf dergleichen Reſignationen nicht verſteht.“ „Der kann ja Gras freſſen,“ meinte Marie,„es ſteht genug am Wege.“ „Jawohl, wir kehren nicht ein,“ erklärte Amalie, „ich kann das Schenkenleben überhaupt nicht leiden.“ „Ich auch nicht,“ entſchied Marianne,„wir fahren direct zur Tante.“ „Wir frühſtücken im goldenen Walffiſch,“ ſprach ich ruhig und ernſt,„und diniren im rothen Ochſen. Vieh bleibt Vieh und will ſeine Ordnung. Es iſt ein Unterſchied, ob man zieht oder gezogen wird.“ Jetzt erkundigte ſich Amalie nach meinem Traume. Die Schweſtern vereinigten ihre Bitten. „Ich ritt auf einem ſchwarzen Krebſe dieſe Nacht,“ erzählte ich. „Auf einem ſchwarzen Krebſe? Das iſt ja ſeltſam.“ „Und kam nicht vorwärts.“ „Nichts natürlicher, auf einem Krebſe. Was weiter?“ „Was weiter,“ rief ich,„iſt das nicht genug, und iſt's nicht eingetroffen buchſtäblich den ganzen Morgen?“ „Dafür geht's jetzt um ſo flotter,“ meinten die Couſinen. 192 „Nur nicht beſchrieen und den Tag vor dem Abende gelobt,“ warnte ich; als mit einem Male ganz in mei⸗ ner Nähe ein ſeltſames Geräuſch vernehmbar ward und im nächſten Augenblicke der Schachtelobelisk zur Rechten von meiner Seite hinweg in den Chauſſee⸗ graben tanzte, ſo daß mir rechter Hand die ſchönſte Ausſicht in's Freie ward. „Nun habt Ihr doch gefrevelt, Ihr verwahrloſten Geſchöpfe,“ ſchrie ich, den Rappen anhaltend. Den Couſinen aber ging diesmal das Weinen näher, als das Lachen. Die mittlere Schachtel war geborſten und aus dem Leck guckte ein feiner Spitzenkragen ganz freundlich zum blauen Himmel. Die Mädels wollten jetzt mit aller Gewalt aus dem Wagen; ich dachte, heraus ſind ſie leicht, aber ſchwer wieder hinein. Demnach ſperrte ich vor allen Dingen die beiden Kutſchenſchläge mit Stricken, ge⸗ bot Ruhe, ſintemal ich allen Schaden wieder gut ma⸗ chen würde. Ich begab mich ſofort an mein Geſchäft und för⸗ derte die Schachteln aus dem Graben zu Tage. Unter⸗ deß war es Mariannen gelungen, die eine Wagenthür gangbar zu machen. Sie ſtand mit einem Male neben mir und fing auf offener Landſtraße gräßlichen Allarm an, daß ich mit den Koſtbarkeiten ſo ungeſchickt um⸗ gehe. Die Schweſtern halfen wacker. So ſtand ich in vierfachem Feuer, denn die Sonne ermangelte nicht, gleichfalls auf mich wie toll herabzubrenen. Lieber hätt' ich mich im geſammten Corpus juris zurecht fin⸗ den wollen, als in dieſen verfluchten Galanterieange⸗ legenheiten. Meiner Geſchicklichkeit gelang es endlich, die defecte Schachtel vollends zu zertrümmern, was die Schweſtern ganz zur Verzweiflung brachte. Daß der Rappe bei dem Geſchrei nicht vor Angſt davon lief * — 193 und complett durchging, iſt mir heute noch ein Räthſel. Meine Geduld war zu Ende. „So packt den Teufelskram ſelbſt zuſammen,“ ſchrie ich; als ſich eine Staubwolke gegen uns daher wälzte, und ein Reiter gerade auf uns zutrabte. Bevor er iedoch ganz herankam, bog er auf den Fußſteig und ritt langſam, um keinen Staub zu erregen. Es war ein junger ſtattlicher Mann, der, ſo wie er unſer Miß⸗ geſchick gewahrte, ſogleich vom Pferde ſprang, meine Couſinen wie ein alter Bekannter begrüßte und hilf⸗ reiche Hand bot. Zu meiner Verwunderung bemerkte ich, daß auch dieſe Hilfe ſehr bereitwillig angenommen ward. Die Mädels ſchienen ganz erfreut ob dieſes deus ex machina und nannten ihn„Herr Baron“. Es war alſo eine alte Bekanntſchaft. Um mir mein Recht auf die Vetterſchaft und die mir anvertraute Gewalt nicht zu vergeben, mengte ich mich wieder in die Ein- und Aufpackerei. Ich konnte bei'm Himmel nichts dafür, daß wieder ein paar verfluchte Bindfaden riſſen; ich war einmal zum Packer verdorben; aber Amalie, ob meines Ungeſchicks ärgerlich, rief:„Laß das nur, der Baron verſteht das beſſer.“ „Wer iſt denn dieſer Baron?“ fragte ich leiſe und ingrimmig. „Ein Freund vom Vater.“ Da wußt' ich viel; aber ſo viel ward mir klar, daß dieſer Menſch in irgend einer Niederlage als Markthelfer Studien gemacht haben mußte. Binnen wenigen Minuten hatte dieſes Genie die Defecte aus⸗ gebeſſert, Alles geſchickt gefaltet, gelegt, geſchnürt und gepackt, daß man die Herrlichkeiten unbedenklich nach Südamerika hätte auf die Poſt geben können. Es war der geſchickteſte Emballageur, der mir je auf mei⸗ nem Lebenswege vorgekommen. Trotz dieſer außer⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. I. 13 194 ordentlichen Thätigkeit, ermangelte er nicht, über die verehrte Couſinenſchaft einen ordentlichen Blumenregen von Artigkeiten, Galanterien, Schmeicheleien, Scherzen und roſiger Laune auszuſchütten. Mir ward es im⸗ mer gewiſſer, daß man in dem Retter aus der Noth einen Engel des Himmels, einen Sanct Georg ver⸗ ehrte. Ich ſpielte eine eraſſe Rolle; und noch nie befand ſich ein Couſin, ein studiosus juris utriusque in ſo elender, höchſt unvortheilhafter Lage. Mit ſtil⸗ ler Verzweiflung harrte ich des Augenblicks, wo die unerwartete Hilfe verabſchiedet werden konnte. Endlich war Alles fix und fertig. Münſterartig ſtreckte es ſich wieder auf dem Kutſcherſitze gen Him⸗ mel. Die Couſinen ſaßen im Wagen. Ohne den Baron wären wir vor Abend nicht fertig geworden. Mit ſeltſamem Lächeln betrachtete er das Fuhrwerk. Ich ſtattete eben meinen gehorſamſten Dank ab für die wahrhaft unſchätzbare Dienſtleiſtung und wollte auf meinen Sitz klettern, als mich der Baron bei Seite nahm und mit Beſorgniß frug: „Aber, Verehrteſter, Sie wollen mit dieſen Schach⸗ telbaſtivnen zur Stadt fahren?“ „Warum nicht, Herr Baron?“ „In allem Ernſte?“ „In allem Ernſte!“ „Unmöglich,“ fuhr Erſterer fort,„wünſchen Sie die geſammte jugendliche Gaſſenbevölkerung um Ihr außerordentliches Fuhrwerk verſammelt?“ „Das wünſchte ich freilich nicht.“ Die Couſinen aber, die das Zwiegeſpräch belauſcht, rangen die Hände; wir hatten alleſammt an dieſen Caſus nicht gedacht. „Um des Himmels willen,“ beſchwor der Baron, Sie kennen die Spottluſt der Reſidenz nicht. Ihr 4 195 ſchachtelgethürmtes Fuhrwerk wäre der Mittelpunkt aller Geſpräche acht Tage lang.“ Der welterfahrene Cavalier mußte das allerdings wiſſen. Ich hätte jetzt den Münſterbau für's Leben gern wieder in den Chauſſeegraben geſtürzt; ward immer erbvſter, als ich keinen Ausweg ſah, und rief endlich mit kalter Todesverachtung:„Jetzt kommt be⸗ reits die Strafe des Himmels für die ſündhafte Auf⸗ packerei. Meinetwegen, ich waſche meine Hände in Unſchuld, mag's werden wie's will.“ „Noch weiß ich einen Ausweg,“ tröſtete der dienſt⸗ fertige deus ex machina:„mein Gut liegt ein Stünd⸗ chen von hier. Ich geleite Sie dahin, wir ſepariren die Schachteln auf einen Wagen für ſich, geben die Adreſſe an die Tante mit, und Sie fliegen enthülſt und entpuppt, wie befreite Schmetterlinge, in Ihrem Wagen zur Reſidenz. Während der Umpackerei erlau⸗ ben Sie mir, Ihnen die Waſſerkunſt meines Parks zu zeigen, die erſt vor wenig Tagen vollendet worden iſt. Obgleich ich in natura nichts davon ſah, ſtellte ich mir doch im Geiſte vor, daß meine verehrte Cou⸗ ſinenſchaft unbedingt dem Retter aus der Noth um den Hals fallen würde, wenn ſich das einigermaßen mit Anſtand hätte bewerkſtelligen laſſen. Mir ſelber kam der Vorſchlag nicht unangenehm, wiewohl mir etwas unheimlich bei dem Gedanken ward, anſtatt direct nach der Reſidenz zu fahren, eine Stunde querfeldein zu biegen. Der ſchwarze Krebs meines Traumes trat mir wieder lebhaft vor die Augen. Ich ſprach: „Wo ſollen wir Worte finden, Herr Baron, für . die große Güte, aber bedenken Sie, ein ſolcher Ab⸗ ſtecher; wir wollen in Zeiten bei der Tante ſein.“ „Iſt im Fluge abgethan,“ verſicherte der Helfer in der Noth, und ſich zu den Couſinen wendend, frug 13* — 196 er:„Sie ſind es doch zufrieden, ſchöne Damen, nicht wahr?“ Ich ſpitzte die Ohren, was das Volk ſagen würde, hörte aber nichts; und gleich darauf rief der Baron: „Es iſt entſchieden, der Wunſch der Damen iſt Befehl für den Couſin, wir fahren nach Lindenthal.“ Meine moraliſche Energie war dahin. Ich hatte ſeit Tagesgrauen zu unſäglich gelitten. Darum rief ich ſchickſalergeben:„Nun meinetwegen.“ Bald lenkte ſonach das Fuhrwerk links ab und ſteuerte auf ziemlich holprigem Wege durch die Felder gen Lindenthal. Die Waſſerkunft. Man mußte es dem Baron laſſen, er war ein Mann der zu leben verſtand. Kaum eingerückt nach mancherlei Beſchwerden in Lindenthal— das Schach⸗ telbollwerk war in Folge des ſchlechten Wegs wieder aus allen Fugen gewichen— erwartet uns ein treff⸗ liches Frühſtück. Ich trank mir friſchen Muth und die Mädchen waren gottvergnügt. Mit innigem Wohlbe⸗ hagen bemerkte ich, wie unſer Gaſtfreund ein leichtes Geſchirr vorfahren ließ, worauf die geſammte Schach⸗ telei per se gepackt wurde. Jetzt erſt ward mir der Reichthum klar, den wir an Schachteln mit uns geführt hatten. Das Hilfsfuhrwerk ward allein voll davon. Ich ſchrieb einen Brief an die Tante, und bald ſahen wir unſere Herrlichkeiten wohlbehalten davon fahren. Nun ſollte Park nebſt Waſſerkunſt in Augenſchein genommen werden. Erſterer war wirklich allerliebſt. Wir wandelten wohlgemuth die reizenden Partieen auf und ab. Der Baron gab das Zeichen, daß die Fontainen und Wäſſer ihr Spiel beginnen ſollten. 197 „Treten Sie den unſchuldig ſcheinenden Stein⸗ haufen nicht zu nahe und halten Sie ſich nur auf den Hauptgängen,“ rief mir Herr von Lindenthal zu, als ich in einiger Entfernung zurückgeblieben und die hydrauliſchen Inſtitutivnen mit der mir angebornen philoſophiſchen Genauigkeit in Augenſchein nahm. Jetzt begann es auf allen Seiten zu rauſchen und Waſſer zu ſpeien. Ueberall ſtiegen die ſilbernen Fon⸗ tainen zu Himmel und fielen rauſchend in ihre Becken zurück. Die Sache machte ſich allerliebſt.„Kom⸗ men Sie doch zu uns,“ rief von Neuem der Baron, welcher mit den Damen auf einem kleinen Belvedere ſtand, von wo aus man das Waſſerſpiel am ſchönſten über⸗ ſehen konnte. Ich war aber noch zu ſehr in Beob⸗ achtung des kunſtreichen Phänoms vertieft, als daß ich ſogleich hätte Folge leiſten können. Meiner treff⸗ lichen Anſchauungsgabe war es nicht entgangen, daß in dieſer ſchönen Waſſerkunſt dennoch die Symetrie nicht gehörig beobachtet ſei. Ich war bald mit mir im Klaren, daß in der Gegend, wo ich mich befand, noch eine Fontaine und zwar eine der bedeutendſten fehlen müſſe. Mit derſelben Sicherheit wie jener große Aſtronom, als die Aſterviden noch nicht entdeckt waren, ausrief:„Hier muß ein Planet ſein,“ rief auch ich:„Hier fehlt eine Fontaine, oder alle Re⸗ geln der Symetrik ſind auf das Schreiendſte verletzt.“ Ich ſah den Baron jetzt eiligſt auf mich zukommen; er rief mir zu; aber ich wich nicht und Herr von Lindenthal kam mir eben recht, um ihm meine wich⸗ tige Entdeckung über ſeine Waſſerkunſt mitzutheilen,— als ich plötzlich mitten in einem Wolkenbruche ſtand, ſo daß ich im Augenblick bis auf die Haut eingeweicht war. Der Satan, die vermißte große Fontaine, welche ſich wahrſcheinlich verſtopft hatte, war erſt jetzt los⸗ 198 gebrochen. Ob dieſer neuen Erſcheinung gänzlich ver⸗ wirrt, konnte ich mich eine lange Weile aus dem ver⸗ fluchten Sturzbade gar nicht heraus finden. Es drehte ſich Alles mit mir und erſt ein verzweifelter Sprung brachte mich wieder aufs trockne Land und unter trock⸗ nem Himmel. Nun etwas Niederträchtigeres konnte mir nicht vaſſiren. Zum Glück war der Baron und der Gärt⸗ ner bei der Hand, und transportirten mich in das Herrenhaus. So ich nicht irre, konnten Beide vor Lachen kein Wort hervorbringen. Dieß ärgerte mich von Neuem. Meine Autorität erlitt wieder eine ra⸗ ſende Niederlage. Ich fühlte das. Gleichwohl be⸗ freundete ich mich einigermaßen mit dem Baron, als ich eine complette Garderobe vorfand; denn an das Trockenwerden der meinigen war unter vier Wochen nicht zu denken, ſo breiartig war Alles. Nach einer halben Stunde erſchien ich, ein neuer Proteus, als Herr Baron, obſchon deſſen Kleidung mir etwas um⸗ fangreich war. Die liebliche Cvuſinenſchaft, anſtatt ſich eines re⸗ ſpectvollen Bedauerns ob meines Unglücks zu beflei⸗ ßigen, konnte das verwünſchte Lachen“ noch immer nicht laſſen, und eine je geſetztere und ernſthaftere Poſitur ich annahm, deſto ſchlimmer ward es. Des ewigen Gekickers überdrüſſig, gab ich endlich energi⸗ ſchen Befehl zur Abfahrt. So gelangten wir ziemlich ſpät in den goldnen Wallfiſch. Die Entführung. Daß wir der Reſidenz immer näher kamen, be⸗ merkte man an der großen Lebhaftigkeit der Straße. Im Wallfiſch ſelbſt war faſt kein Unterkommen. Ich 199 dankte Gott, von den Schachtelthürmen erlöſ't zu ſein; unter dieſen vielen Menſchen hätte es ein all⸗ gemeines Halloh gegeben. Wagen drängte ſich an Wagen. Ich mußte meine ganze Geiſtesgegenwart und Geſchicklichkeit zuſammen nehmen um durchzukom⸗ men. Der Hof war bereits ſo überfüllt von Fuhr⸗ werk, daß wir nicht ſogleich darin Platz finden konnten. Ich war bis unter's Hofthor vorgerückt und hier ge⸗ zwungen, ſo lange zu halten, bis ſich ein Räumchen gefunden haben würde. Den Cuuſinen ward unter⸗ deß die Zeit nicht lang; ſie hatten überall viel zu ſehen; auch ich ließ mir's gefallen und ruhte nach dem vielfach erlebten Trubſal recht gemächlich auf meinem Throne aus. Ich war ordentlich ſtolz darauf, trotz allen Hinderniſſen und Fehlſchlagungen die Cou⸗ ſinen wohlbehalten bis zum goldnen Wallfiſch gebracht zu haben, und daß ich auf dem holprigen Feldwege gen Lindenthal nicht ein einzigesmal umgeworfen hatte, gereichte mir zu nicht geringem Triumpf. Während dieſer ſelbſtbehaglichen Gedanken hatte ich ſchon ſeit einiger Zeit bemerkt, daß mich etwas auf dem Rücken tippte. Anfangs hielt ich's für einen Scherz der Coufinen und achtete nicht darauf. Als das Tippen nicht nachließ, ſtellte ich Unterſuchungen an. Ich warf einen Blick rückwärts nach den Mäd⸗ chen. Dieſe waren diesmal unſchuldig. Ein ganzer Generalſtab von Reiteroffizieren, der ſich im Hofe um⸗ her trieb, war hinlänglich, ihre Aufmerkſamkeit von mir abzulenken und mich in Ruhe zu laſſen. Ich forſchte weiter. Regen konnte es nicht ſein, denn der Himmel war blau und klar. Ich blickte aufwärts. Hölle, Pech, Schwefel, Mord, Peſtilenz und Gra⸗ naten! da hängt eine zerbrochene Oellampe. Wie Eis⸗ zapfen fährt mir ein Gedanke durch den Leib; ich vi⸗ 200 ſitirte convulſiviſch mein Rückgrat— richtig, ich Un⸗ glücklichſter der Unglücklichen! Alles ſpiegelglatt wie ein ruſſiſcher Rutſchberg. In meiner Verzweiflung fang ich laut zu wiehern an, à la Rappen. Die Cou⸗ ſinen, durch dieſes widernatürliche Geräuſch aufmerkſam gemacht, werden von Entſetzen ergriffen ob meines ge⸗ ölten Rückens. Ich verwünſchte in meiner Raſerei, daß es keinen Teufel mehr gebe, dem ich mich hätte übergeben können. Für ein Spottgeld konnt' er mich erhalten, für einen elenden ungeölten Frack. Meine Hinterſaſſen wußten indeß Rath. Marianne rieth, mit dem Rücken mich anzulehnen, ſo ſähe Niemand die Beſcheerung; und Amalie tröſtete, Oelflecken gin⸗ gen leicht heraus, das verſtehe der ſimpelſte Haus⸗ knecht. Ich befolgte ſofort Mariannens Rath und lehnte mich rückwärts, wodurch allerdings der Rücken gedeckt ward. In dieſer unbequemen Stellung hielt ich meinen Einzug im Hofe, wo unterdeß etwas Platz geworden war. Ein Kellner kam herbeigeſprungen und öffnete den Wagenſchlag. Jetzt konnte kein Gott hel⸗ fen, die Proſtitution meines Rückens war unwider⸗ ruflich. Was mein Entſetzen vermehrte, war, daß die Reiterlieutenants wie Raubvögel meine Pflegbe⸗ fohlenen umkreiſten; zwei derſelben ſprangen ſogar herbei und leiſteten den Couſinen beim Ausſteigen hülfreiche Hand. Um meinem Rücken keine Blöße zu geben, konnt' ich mich nicht einmal nach der Ausſtei⸗ gerei umſehen. Kerzengrad verharrte ich in der ver⸗ maledeiten Poſitur. Anfangs war ich Willens, bis die Meinigen dinirt haben würden, den Bock nicht zu verlaſſen; aber das würde die Aufmerkſamkeit nur vermehrt haben; man hätte mich am Ende für ein ausgeſtopftes lebloſes Geſchöpf gehalten. Das wollte ich nicht. Dennoch ſuchte ich die Kataſtrophe ſo lange 201 als möglich hinaus zu ſchieben. Mit dem harrenden Kellner entſpann ſich daher vom Bocke herab folgendes Zwiegeſpräch: „Mein Lieber, kein Zimmer zu haben?“ „Bedaure, nein; aber hier im Garten iſt noch eine Laube frei.“ Ich warf einen Blick dahin, die Laube war aller⸗ dings unbeſetzt, aber in den Nachbarlauben rings umher hatte der löbliche Generalſtab ein Hauptquar⸗ tier aufgeſchlagen. Ueberall nichts als Uniformen, Säbel und Küraſſe. Jetzt war guter Rath theuer. Sollte ich meine drei Küchlein dem gefährlichen Kriegs⸗ gotte mitten in die Arme führen? Während ich im⸗ mer angelehnt über dieſen bedenklichen Fall nachdachte, tönte eine höfliche Stimme zu meiner Rechten; ich wendete den Kopf; ein junger ſchöner Sohn des Mars ſprach zu mir und ſuchte mich zu bewegen, von der Laube Gebrauch zu machen, deren Annehmlichkeit er nicht genug beſchreiben konnte. Er ſprach ſo artig und verbindlich, daß ich hätte ein Erzgrobian ſein müſſen, wenn ich nicht von dem freundlichen Erbieten Gebrauch gemacht hätte. Ich winkte alſo meinen Mädchen und rieth ihnen, von der Laube Beſitz zu nehmen. Marianne die älteſte und geſetzteſte rief ich— zu mir und band ihr das eigene und der Schweſtern Heil auf die Seele.„Schütz Euch Gott,“ raunte ich ihr leiſe zu,„weicht nicht vom Pfade der Tugend; in Kurzem bin ich entölt und wieder bei Euch. Da⸗ mit war ich mit einem Satze vom Bocke und eilte ſpornſtreichs, ohne mich umzuſehen, nach dem Gaſt⸗ hauſe. Nur unter der Thürſchwelle warf ich noch einen Blick rückwärts, hilf Himmel, da war die ge⸗ ſammte theure Cvuſinenſchaft bereits hinter einem Meere von Küraſſen untergegangen. Mir verging Hören und 202 Sehen. In dieſer gottverlaſſenen Lage rannte ich an einen Hausknecht. „Engel des Himmels, Bote einer ſchönern Welt,“ rief ich, und packte des Hausknechts Arm mit Rieſen⸗ kraft—„ſchnell ein Zimmer, ein Hundeloch meinet⸗ wegen, daß ich mein Oel los werde, es ſoll Euer Schade nicht ſein.“ Damit machte ich rechtsumkehrt, um den Erſtaunten von der Wahrheit meiner Worte zu überzeugen. So wie der Himmelsbote meines Rückens anſichtig wurde, faßte er mich verſtändnißinnig bei der Hand, öffnete eine Thür und ſchob mich in ein ziemlich dü⸗ ſteres Erdgeſchoß.„Komme gleich!“ waren die Tro⸗ ſtesworte, die er mir in die Einſamkeit nachrief; worauf die Thüre zuſchlug. Nun war ich wenigſtens vor der heilloſen Welt gerettet. Ich athmete etwas freier und ſtieg in dem kleinen Gemache verſchnaufend auf und ab. Das Fen⸗ ſter ging auf den Hofraum. Ich guckte vergebens nach den Cvuſinen und dem Generalſtabe. Die Lau⸗ ben lagen außerhalb meines Horizontes.„Der Himmel beſchütze die armen Dinger mitten unter Küraſſen,“ ſprach ich,„aber ich kann ihnen nicht helfen.“ Der Hausknecht kam jetzt zurück und bat ſich meinen Frack aus. In einem kleinen halben Stündchen, verhieß er, wär' Alles abgemacht. Er entfernte ſich und ich hatte nun vollkommen Muße, über mein höchſt ſeltſames Ge⸗ ſchick in Hemdsärmeln Betrachtungen anzuſtellen. Wär' ich nur das einzige Mal mit den Mädchen bei der Tante, flehte ich zum Himmel, ich gelobe feſt und unverbrüchlich, daß mir in meinem Leben nicht wieder eine ſolche Weibereskorte in den Sinn kommen ſoll. Mein Traum mit dem ſchwarzen Krebs hatte mich alſo doch nicht getäuſcht. Jetzt war er vollkom⸗ 203 men erfüllt; denn ich zerſann vergeblich mein Genie, was wohl noch Schlimmeres über mich hereinbrechen könnte. Nein, ſprach ich getröſtet, endlich hat ſich der böſe Feind dieſer Fahrt in ſeinen Malicen erſchöpft; im goldenen Wallfiſch mit der fatalen Oelung hat er das Non plus ultra erreicht; von nun geht's bergab und einer freundlichen Zukunft zu. Die Einſamkeit in des Hausknechts Salon wirkte recht wohlthuend; es waren die erſten ruhigen Angenblicke des ganzen Ta⸗ ges. An die Couſinen durft' ich freilich nicht denken; wie es mit ihnen ſtand, mochte der Himmel wiſſen. „Gottloſe Rangen,“ ſprach ich für mich,„was haben ſie heute mich geärgert; bin ich nur einmal bei der Tante, ſag' ich mich los, ein für alle Mal. Drei hübſche Mädchen zu bevatern, iſt ein Heidenwerk. Während dieſen erbaulichen Betrachtungen iſt mir's, als vernähme ich Stimmen meiner Couſinen unfern außerhalb des Fenſters. Ich ſpringe auf und ſchaue — Moorenbrand, Peſt, Hölle, Mord und Todſchlag! Ein kalter Angſtſchweiß tritt mir auf die Stirn; Teu⸗ felsblendwerk und ſataniſcher Betrug! da fährt die Cvuſinenſchaft ſammt Wagen und Rappen wohlgemuth und lachend auf und davon, und auf dem Bocke ſitzt ein Straßenräuber. Ich denke, der Schlag ſoll mich auf der Stelle treffen; ich ſchrie wie beſeſſen nach meinem Fracke. Alles vergebens. Da packt mich die Verzweiflung. In des Hausknechts Boudoir hängt ein gelber Poſtillonsrock. Noth kennt kein Gebot, bricht Eiſen und was ihr unter die Hände kommt. Ich fahre hinein in den gelben Kaftan; ich wäre zwei Mal hineingegangen, ſo groß war er, und nun nach. Auf der Hausflur rannt' ich an einen Gardelieutenant. „Ein Unmenſch hat uns Ihre Damen entführt,“ rief der Barbar lachend und ärgerlich. 20⁴ „Entführt?!“ ſchrie ich entſetzt,„und alle Drei?“ „Es iſt nicht Eine mehr vorhanden, der Kobold war unerſättlich.“ „Und die Satansbrut ließ ſich auch gutwillig ent⸗ führen?“ „Leider,“ entgegnete der Lieutenant,„die Macht des Böſen iſt groß heutzutage; an Abmahnungen un⸗ ſererſeits hat es nicht gefehlt. Doch eilen Sie, viel⸗ leicht, daß Sie die Flüchtigen noch einholen.“ Er beſchrieb die Richtung; ich nahm die weiten Rockſchöße zuſammen und galoppirte als Stafette zu Fuß dem Couſinenräuber nach. Der Kriegsheld lachte barbariſch hinterdrein. Mir war' nicht zum Lachen. Bald auch vernahm ich die Stimme des Hausknechts. Alles ver⸗ gebens. Ich ſah mich nicht um. Die Verzweiflung trieb mich wie eine Windsbraut dahin. „So bedarf's alſo heutzutage,“ ſprach ich, auf der ſtaubigen Chauſſee dahin trottirend,„nur, daß man den Rücken wendet, und ein complettes Vierteldutzend wohl⸗ geſtalteter Mädchen iſt zum Kuckuk. O tempora, o mores. Muß mir Unglücksſohn noch das Malheur vaſſiren, v Krebs, ſchwarzes Ungeheuer, o Traum! Ich verwahrloſtes Menſchenkind und ruinirter Couſinen⸗ hüter! Ich trabte unaufhaltſam weiter. „Daß ich aber von ſolch' gewiſſenloſem Volke,“ fuhr ich in meinem Selbſtgeſpräche fort,„das ſich mit⸗ ten aus einem bewaffneten Generalſtabe heraus, am hellen lichten Tage, aus einem der frequenteſten Gaſt⸗ höfe des Landes, wo noch dazu der leibhaftige Couſin anweſend, entführen läßt, keine heirathen möchte, ſteht feſt. Lieber ein Hottentottenkind, bornirt und ſchwarz, als ſolch eine intrigante Perſon wie meine Coufinen.“ Bald bemerkte ich den Wagen nebſt Rappen eine ziemliche Strecke vor mir. Ich hoffte beide bei'm 205 nächſten Chauſſeehauſe einzuholen. Doch der Räuber war ſchlau genug; er lenkte plötzlich von der Haupt⸗ ſtraße ab und bog einen obſeuren Seitenweg ein, der mitten durch Getreidefelder führte. Ich erinnerte mich, geleſen zu haben, daß die Jungfrauenräuber in der Regel dieſes Manöver befolgen, um die Verfolger von der Spur abzuleiten. Der Verräther ahnete nicht, daß ihm der Rächer ſchon auf den Ferſen. Da der Seitenweg, den die Flüchtigen eingeſchla⸗ gen hatten, etwas ſandiger Natur war, konnte der Rappe nicht ſo rüſtig fort und marſchirte nur Schritt vor Schritt. Dies war mir ſehr angenehm; auch ich mäßigte mich im Nachſetzen, da mir der Frevler jetzt nicht mehr entgehen konnte. Ich war von der Stra⸗ paze wie gebadet. Der Poſtillonsrock wog wenigſtens einen halben Centner. Dazu war er unausſtehlich lang. Der Eigenthümer mußte einem Rieſengeſchlechte der Vorwelt angehören, oder naher Verwandter des Goliath ſein; der gelbe Kittel floß wie ein Talar wel⸗ lenſchlagend bis zu den Knöcheln. Im leichten Frack hätt' ich den Straßenräuber längſt gehabt. „Wo nur der Verbrecher mit den Meinigen hin will?“ Dieſe Frage ging mir im Kopfe herum, als plötzlich der Wagen vor einem freundlichen Landhauſe anhielt. Der Räuber ſprang vom Bocke und half den Coufinen ausſteigen. Ich athmete leichter; ja, es gibt eine Nemeſis, ſie führte mir die Sünder ohne große Mühe in die Hände. Unſtreitig hielten ſie ſich hier für ſicher und ahneten nicht, daß der wachſame Couſin in ſo bedeutſamer Nähe ſich befände. Die un⸗ gerathenen Kinder ſprangen luſtig und guter Dinge unter dem ſchattenden Laubwerke umher, während ich, der Sonnenhitze preisgegeben, ingrimmig dahin watete. 206 Der Verführer wandte jetzt das Fuhrwerk, ſtieg wie⸗ der auf und kam mir entgegen gefahren. Jetzt galt's Geiſtesgegenwart, Courage, Tapferkeit. Ich befand mich eben in keinem kampffähigen Zuſtande. Der Poſtillonsrock erſchwerte jede kriegeriſche Evolu⸗ tion und hinderte die freie Armbewegung; Waffen entgingen mir gänzlich; zudem war ich von je ein Feind aller Raufereien und Händel. Während ſich die Comilitonen auf den Fecht⸗ und Turnböden herum⸗ vaukten und in den Kneipen ſiegreiche Gefechte liefer⸗ ten, ſaß ich fern von dem ſchnöden Treiben der Welt, wohlverwahrt hinter meinen Pandekten. Jetzt hätt' ich allerdings gewünſcht, eine gute Klinge zu führen; der Jungfrauenräuber mußte vom Bocke ohne Gnade und Barmherzigkeit; auf freiem Felde würde ich ihn Mores gelehrt haben. In meinem Statu quo ließ ſich dies wünſchen, aber nicht in's Werk führen. Das Ungeheuer fuhr daher ruhig und unangefochten vor⸗ über. Ein Liedchen aus der Stummen von Portici pfeifend, ſah er mit ziemlicher Frechheit auf mich her⸗ nieder. Man ſah ihm die Bosheit gar nicht an. Der Rappe grüßte mit Wehmuth, er ſchien zu fühlen, wel⸗ chen Verbrecher er in dem ſandigen Gleiſe dahin ſchleppe. „Fahr' zum Satan, du Teufelsbraten, und leb' wohl, mein Rappe,“ ſprach ich zu mir;„ſind mir doch die Couſinen gewiß. Damit eilte ich ſo ſchnell als möglich dem einſam ſtehenden Landhauſe zu. Marianne war die erſte, die mich in meiner Poſtil⸗ lonsuniform erkannte. Sie mußte ſich auf eine Bank niederſetzen, denn ſie konnte vor Lachen weder ſtehen noch ſprechen. Ich konnte mir dies Benehmen An⸗ fangs gar nicht enträthſeln und hielt es für Folge des böſen Gewiſſens; als mit einem Male die geſammte Couſinenſchaft in ein unauslöſchliches Gelächter aus⸗ 10 207 brach. Eine ſolche Bosheit war noch gar nicht da gewe⸗ ſen. Ich fing an zu donnern; das machte das Uebel nur noch ſchlimmer. Die Mädchen liefen um mich herum mit thränenden Augen, keine konnte vor Lachen ein Wort ſprechen. Endlich wußte ich nicht, war ich verrückt geworden, oder waren es die Coufinen. Der Angſtſchweiß trat mir vor die Stirn, Verzweiflung überkam mich. Nach einer höllenvollen Viertelſtunde erklärte ſich Alles. Der vermeintliche Entführer war Niemand an⸗ ders als ein guter Freund des Onkels. Er traf zu⸗ fällig mit den Mädchen zuſammen, als dieſe ſpeben von dem geſammten Generalſtabe belagert wurden, und befreite ſie, indem er ihnen einen Abſtecher nach ſeinem ein Viertelſtündchen entfernten Landgute vor⸗ ſchlug. Für ein beſſeres Mittagbrod als im Gaſthofe verſprach er zu ſorgen, und ſo ward ſein Vorſchlag gern angenommen. Da ich im Wagen ohnehin hätte keinen Platz finden können, hinterließ man dem Haus⸗ knecht, mir zu ſagen, mich ein kleines halbes Stünd⸗ chen zu gedulden, wo ich vom Freund Findeiſen nach— geholt werden würde. Der Hausknecht, welcher mich in Hemdesärmeln und in ſicherem Gewahrſam wußte, glaubte ſich mit der Nachricht nicht übereilen zu müſ⸗ ſen. Erſt als ich wie toll im Poſtillonsrocke dem Wagen nachſtürze, läuft er nach und ſchreit aus Lei⸗ beskräften, denn ihm war's hauptſächlich um den gelben Kaftan zu thun, den ich im Sturme dahin führte. Ich konnte vor Wuth über mein Mißgeſchick gar nicht zu mir ſelber kommen. Der Satansrock brannte wie hölliſches Feuer auf dem Leibe. Dazu das nicht todt zu machende Gelächter der verwahrloſten Coufinen. Ich knirſchte mit den Zähnen und durfte mir's nicht 4 merken laſſen. 208 Endlich hatte Herrn Findeiſen's Haushälterin Rath geſchafft und brachte einen neuen Rock zum Vorſchein. Ich häutete mich zum dritten Male. Das war nun der vierte Rock auf dieſer fluchwürdigen Fahrt. Aber ich wandelte darin wie im Himmel, ſo leicht kam er mir vor. Die gelbe Schlangenhaut ward durch einen Eppreſſen in den goldenen Wallfiſch zurück befördert. Mir ward wieder etwas wohler. Ich hielt es end⸗ lich für gerathener, ſelbſt über mein namenloſes Malheur zu lachen, denn blieb ich ernſt, war mit den Mädchen kein Auskommen. Mit geheimem Wohlbehagen ver⸗ ſpürte ich bald wohlthätigen Bratenduft, der von der Küche des Herrnhauſes daher wehte. Ich hatte einen verſtohlenen Blick in das Eßzimmer gethan, da ſtand eine Tafel prächtig ſervirt, rothe und blanke Wein⸗ flaſchen, eine appetitliche und erquickliche Ausſicht; o mir ward wieder groß und frei; und es war kein Wunder, ich hatte raſenden Appetit. Gern hätt' ich auf der Stelle eingehauen; aber die Rückkehr Herrn Findeiſens mußte ſchicklicher Weiſe abgewartet werden. Durchgang der Venus durch die Sonne. Endlich langte der Heißerſehnte nebſt Rappen und Frack wohlbehalten an. Mir war bange, ich ſah im Geiſt einen neuen Lachſturm hereinbrechen; aber Herr Findeiſen war, Gott ſei Dank, ein wiſſenſchaftlich gebildeter Mann, der auf das Gekicker des Frauen⸗ volkes nichts gab; er war zu verſtändig, um nicht einzuſehen, daß ſolch' Malheur jedem ehrlichen Manne und Mädchenhüter begegnen könnte. Er umarmte mich herzlich, freute ſich, meine perſönliche Bekanntſchaft zu machen und mir fielen zwei Steine auf ein Mal vom Herzen. Erſtens konnt' es zu Tiſche gehen, und zwei⸗ 209 tens ließ er ſich auf die Poſtillonsgeſchichte gar nicht ein. Ja, ich lobe mir einen wiſſenſchaftlich gebildeten Mann, der ſteht zu erhaben, um über eine Bagatelle viele Worte zu machen. Herr Findeiſen ſchien ausnehmend erfreut über meine Anweſenheit. Er umarmte mich wiederholt und rief ein Mal über das andere:„Es ſoll Sie nicht gereuen, Candidate, bei mir eingekehrt zu ſein. Sind zur glücklichen Stunde eingetroffen.“ Dabei ſah er oft nach ſeiner Taſchenuhr. Herz und Magen pochten vor Freude; unbeſtritten tafelte er uns einen delicaten Rehrücken auf, oder ein Cabinetswein war angelangt. „Aber an ſolch' hochwichtigem Tage eine Reiſe zu unternehmen, Candidate,“ fuhr Herr Findeiſen fort, „ein Gelehrter vom Fach, ohne die nothwendigſten Inſtrumente? Aber Ihr Glücksſtern hat Sie zu mir geführt, noch iſt nichts verſäumt und oben iſt Alles in Ordnung. Sie ſind ein Glückskind.“ Dabei ſah er wieder nach der Uhr. Ich konnte aus des Mannes Rede nicht ganz klug werden. Was war denn für ein hochwichtiger Tag? Für mich allerdings, ich hab' ihn mein Lebenlang nicht vergeſſen; aber unſer Gaſtfreund ſchien einen andern Sinn damit zu verbinden. Ueberdies ſollt' ich ein Glückskind ſein; das war doch komiſch. „Ich verſichere Sie, Candidate,“ ſprach Herr Find⸗ eiſen,„ein ſolch' Prachtſtück wie ich Ihnen vorlegen werde, finden Sie auf keiner Univerſität. Hab's erſt kürzlichſt erhalten. Heut' gehen wir d'ran.“ Mir wäſſerte der Mund, er konnte in der Welt nichts anderes meinen, als ein meiſterhaft durchbrate⸗ nes Stück Wildpret, oder ein fricaſſirtes Spanferkel, oder der Himmel weiß, welch' andern außerordentlichen olle, ſämmtl. Schriften. I. 14 Braten. Findeiſen war Gourmand, das wußte ich. Ich faltete daher fromm die Hände; ſo war ich denn nach langer Trübſal endlich in einen Hafen der Ruhe und des Glückes eingelaufen, wo alle Stürme ſchwei⸗ gen, wo Frieden und Seligkeit wohnt. Wie gern vergißt man all' überſtandenen Stürme, Schiffbruch und Klippen, wenn man ſich nur am Abende mit gutem Appetite an einer wohlbeſetzten Tafel niederſetzen kann. Herr Findeiſen guckte wieder nach der Uhr;„aber es wird hohe Zeit,“ rief er,„der Anfang iſt präcis ein Viertel auf Zwei; meinen Sie nicht?“ fragte er, zu mir gewendet. Ich bejahte mit verklärtem Geſicht. „Ihr Mädchen,“ rief unſer Gaſtfreund den Cou⸗ ſinen zu,„die Ihr keinen Sinn habt für eine höhere geiſtige Speiſe, könnt immer diniren ad Kbitum. Im Eßſaal iſt Alles fix und fertig; mich und den Couſin gelüſtet nach einer edleren Koſt, von welcher Ihr ar⸗ men Geſchöpfe freilich keine Ahnung habt.“ „Nun, was ſoll denn das bedeuten,“ fragte ich mich, und ein Fieberfroſt zitterte durch meine Glieder. „Kommen Sie, mein verehrter Freund,“ ſprach Herr Findeiſen, indem er mich unter'm Arm nahm, „wie glücklich müſſen wir uns preiſen gegen dieſe ar⸗ men verwahrloſten Dinger, deren Horizont ſich nicht über den Strickſtrumpf und Kochtopf erhebt, während wir in fernen Welten einher wandeln. Kommen Sie, mögen jene ſchwächlichen Seelen irdiſchen Gelüſten fröh⸗ nen, unſrer erwartet Größres.“ Damit zog er mich fort. Mir ward es immer buntſcheckiger.„Aber, werth⸗ geſchätzteſter Herr Findeiſen,“ ſprach ich zähnklappernd, „ich verſtehe Sie wirklich nicht.“ 2 „Wie,“ rief mein Führer, wie aus den Wolken gefallen, und ließ meinen Arm los,„iſt's möglich? Sie, ein Gelehrter, ein Candidatus, der direct pon 241 der Univerſität kommt, weiß nicht, daß heute präcis ein Viertel auf zwei Uhr eins der merkwürdigſten aſtro⸗ nomiſchen Phänomen ſich ereignet? Daß jetzt in die⸗ ſer heiligen Stunde alle Aſtronomen und jeder wiſſen⸗ ſchaftlich Gebildete auf ſeinem Poſten ſteht? Daß heute die Venus durch die Sonne geht?“ Jetzt ward mirs ſchrecklich Tag. Ich hatte mich bei meinen Pandekten den Teufel um Venus und Aſtro⸗ nomie bekümmert; um aber meiner gelehrten Bildung keine Blöße zu geben, geſtand ich, daß mir das Phä⸗ nomen allerdings bekannt ſei, ich aber geglaubt hätte, es werde ſich erſt in einigen Tagen ereignen. „Unverzeihlich, unverzeihlich, junger Mann,“ rief Findeiſen,„bedenken Sie, daß dieſe ſeltſame Himmels⸗ erſcheinung ſeit faſt drei Menſchenaltern nicht dagewe⸗ ſen. Aber es iſt wirklich kein Augenblick zu verlieren. Ihr Mädchen, zu Tiſche. In längſtens zwei Stunden kommen wir nach.“ In längſtens zwei Stunden kommen wir nach; warum nicht gleich übermorgen oder zum jüngſten Tage? Meine Verzweiflung ging in ſtille Wuth über. Was wollt' ich machen? Ich durfte es mit dem Aſtrono⸗ men nicht verderben, denn durch ſeine Vermittelung bezog ich ein anſehnliches Stipendium. Hätt' ich mich mit den Couſinen zu Tiſch ſetzen und den Venusdurch⸗ gang verpaſſen wollen, ich wäre in ſeinen Augen ein verlorener Menſch geweſen, mein Credit und ſeine Pro⸗ tektivn war für immer dahin. Ich erinnerte mich, was mir der Onkel von Findeiſen's Paſſion für Aſtronomie erzählt hatte. Und wäre auch kein ſo egviſtiſcher Be⸗ weggrund vorhanden geweſen, mocht' ich in ſeinen Au⸗ gen nicht für einen ſo unwiſſenſchaftlichen Menſchen gelten, der wegen einer Bratenſchüſſel eine ſo ſeltene Himmelserſcheinung in die Schanze ſchlägt. Alſo folgte 14* ich als Opferlamm zum Obſervatorium, das ſich der Aſtronom auf dem Giebel ſeines Daches eigends er⸗ baut hatte. Der Weg ging bei der Küche vorbei, aus welcher reizender Bratenduft hervorquoll, alsdann bei'm Eßzimmer. Die Couſinen trippelten bereits roſenlau⸗ nig und trällernd darin umher. Die hatten gut ſingen. Mir war's, als ſollt' ich auf immer von den irdiſchen Herrlichkeiten, den dampfenden Schüſſeln, den geſeg⸗ neten Flaſchen Abſchied nehmen. Zwei Stunden brauchte die Venus, ehe ſie durch die Sonne kam. Hatte Find⸗ eiſen nicht ſo geſagt? Das war ja eine Ewigkeit. Mein Magen war von je ein ordnungsliebender Mann, wenn der nicht zur gewohnten Stunde ſein Deputat erhielt, war kein Auskommen mit ihm. Darum hatt' ich mich ſchon auf der Schule vor dem Cariren weit mehr als vor dem Carzer gefürchtet. „Aber,“ ſprach Herr Findeiſen, als wir hinter einander zum Oberboden empor kletterten,„das müſſen Sie geſtehen, Sie ſind ein Glückskind! Sie hätten bei'm Kuckuk die außerordentliche Erſcheinung verpaßt, wär' ich nicht dazu gekommen.“ Nun auch ein Glückskind! Die Sache ward or⸗ dentlich humoriſtiſch; ich lachte wie ein Verdammter; die Umſtände waren darnach. Faſt drei Menſchenalter hatte die Venus Zeit und Muße, durch die Sonne zu marſchiren, nein, das Weib wartet, bis ich mich als hungriger Wolf eben zu Tiſche ſetzen will. Es war zum Raſendwerden. Endlich langten wir auf der Plattform des Ob⸗ ſervatoriums an. Nun, das war eine angenehme Wärme. Der Sonnengott, dem die Venus auf den Leib rückte, brannte zehn Mal ärger als ſonſt.„Wenn ich diesmal nicht den Sonnenſtich bekomme,“ ſprach ich zu mir, bekomme ich ihn niemals.“ Herr Findeiſen kramte jetzt ℳ 213 aus einem Kaſten einen Tubus hervor, der in zehn⸗ fachen Papieren und dreifachem Futterale ſtak. „Hier iſt das Meiſterſtück,“ begann er,„von dem ich vorhin ſprach, ein ächter Frauenhofer.“ Das war alſo der Wildpretsbraten, das fricaſſirte Spanferkel! Wie ſich menſchliche Vermuthung doch täuſchen kann. Findeiſen ſuchte jetzt nach einem Brenn⸗ glaſe, um die Oellampe anzuzünden, vermittelſt wel⸗ cher der Frauenhofer geſchwärzt werden ſollte. Ein Brennglas ſchien mir diesmal ganz überflüſſig. Nach meiner Berechnung brauchte es gar nicht lange, und mein Frack, oder vielmehr des Barons Frack, ſtand in lichten Flammen; das war ja eine niederträchtige Hitze. Es ward mir immer klarer, daß mein jüngſter Tag gekommen. Die Sündfluth in Lindenthal hatt' ich glücklich überſtanden; jetzt ſtand ich bereits in der Feuerprobe. Mein Frack war ſchon ſichtbar bräuner geworden; und wenn ich auch ſo glücklich, mit dem Leben und dem Sonnenſtiche davon zu kommen, war's doch um meinen europäiſchen Teint geſchehen. Ge⸗ langte ich ja nach vollbrachtem Durchmarſch der Venus noch zum Diner, guckt' ich unbeſtritten als Mulatte, wenn nicht gar als Mohr, in dig Suppe. Jetzt begannen die mathematiſchen Einleitungen Herrn Findeiſen's. Ich mußte ruhig zuhören, oben im Sonnenbrande, während das verwünſchte Mädchen⸗ volk unter meinen Füßen luſtig die kalte Schale im Schatten löffelte. Der Frauenhofer ward gerichtet. Die Zeit war da, wo Frau Venus erſcheinen ſollte; aber wie alle ihres Geſchlechts, hatte ſie ſich in der Toilette verſpätigt und kam eine Viertelſtunde ſpäter. Dieſes Außenbleiben gab meinem Freunde wieder hin⸗ länglich Stoff zu der gelehrteſten Auseinanderſetzung. Ich ſah unterdeß von Zeit zu Zeit durch das 214⁴ Rohr, ob der ſchwarze Punkt nicht weiter rücke. Er ſchien wie angenagelt. Die Reiſe währte zum Ver⸗ zweifeln. Ich ſah ſchon, unter ein paar Stunden war an ein Fortkommen nicht zu denken. Dann war ich unfehlbar todt, und mein ſeliger Geiſt marſchirte der Venus nach. Den Gedanken, bei Tage zur Tante zu kommen, dieſe vermeſſene Idee hatt' ich längſt aufge⸗ geben, obſchon die Reſidenz nur vier Meilen von dem Wohnorte meines Oheims entfernt war. Ich befand mich dermalen mit meiner Familie wieder eine anſehn⸗ liche Strecke abwärts von der Landſtraße. So geht's, wenn man ein Mal vom rechten Fahrwege abweicht. Waſſer⸗ und Feuerprobe wäre erſpart worden, blieb ich auf der Chauſſee; und ging die Reiſe vorwärts, wie ich früher beſtimmt, punkt fünf Uhr, konnt' ich jetzt im behaglichen Sopha der Tante ſitzen, bei einem freundlichen Kaffee nebſt Zwieback, anſtatt hier auf der vermaledeiten Sternwarte. Herr Findeiſen entwickelte unterdeß eine ſolche Maſſe aſtronomiſcher Gelehrſamkeit, daß ich nicht begreifen konnte, warum der Mann nicht lieber Aſtronom als Landwirth geworden. Da ich in ſtiller Verzweiflung zuhörte, hielt es jener für Aufmerkſamkeit und Inter⸗ eſſe und verhieß, falls es die Zeit erlaube, mich nach dem Venusdurchgang mit den neueſten Entdeckungen und Anſichten über die Doppelſterne und Nebelflecken bekannt zu machen. Da erklärte ich ihm aber rund heraus, daß dies die Zeit nicht erlauben würde. „So verbleib's für ein ander Mal,“ tröſtete der Aſtronom. „Recht gern, ſo ich am Leben.“ Findeiſen lachte, er hielt meine Worte für Scherz, und ſah wieder durch den Frauenhofer. Mir war's gar nicht zum Lachen. Indeß kehrte der Aſtronom 215 mit der frohen Botſchaft von der Durchſicht zurick, daß die Venus bereits die Hälfte des Weges zurück⸗ gelegt habe. Es war auch Zeit, denn die Uhr zeigte gegen Drei. Halb geröſtet war ich bereits. Ehe ſich die Venus vollends heraus fand, war ich vollkommen gar. Ich konnte meinen Untergang mit mathematiſcher Genauigkeit berechnen. Immer hoffte ich, daß die Cou⸗ ſinen, die doch jetzt abgetafelt haben mußten, bei ihrem gewohnten Uebermuthe ein Mal heraufſtürmen und durch eine Diverſion unſern Beobachtungen eine erfreuliche Endſchaft angedeihen laſſen würden; ich wäre der Frei⸗ heitsſchaar um den Hals gefallen; aber Alles blieb todtenſtill. Vergebens lauſchte mein Ohr nach einem Donnergepolter auf der Bodentreppe. Ich drückte meine Verwunderung gegen Findeiſen aus, daß ſich die Mädchen ſo ruhig verhielten und nicht ein Mal von der Neugier heraufgetrieben würden. „Unbeſorgt, mein Lieber,“ tröſtete dieſer,„wir ſind vollkommen ſicher; ich habe einen doppelten Riegel vor die unterſte Bodenthür geſchoben, kein Sterblicher ſoll uns ſtören.“ So war denn auch dieſe Hoffnung da⸗ hin. Ich verſank in jene dumpfe Gefühllofigkeit, die dem nahen Tode unmittelbar voran geht. Endlich ſchlug's drei Uhr. Der Aſtronom beob⸗ achtete und docirte ununterbrochen. Ich berathſchlagte eben, ob es nicht vortheilhafter geweſen wäre, wenn ich auf die Gunſt und das Stipendium meines Pro⸗ tectors verzichtet und mit den Cvuſinen dinirt hätte, als hier auf dieſem Obſervatorium wie ein Hexen⸗ meiſter lebendigen Leibes verbrannt zu werden; da ward Findeiſen plötzlich unruhig und begann unwillig zu murmeln. „Was murmeln Sie, verehrter Freund?“ frug ich mit ſterbender Stimme. 216 „Das nichtswürdige Gewölk,“ war die Antwort, „das ſich da bildet, kann leicht meine ganze mühſelige Obſervation zu Grunde richten. Es marſchirt direct auf die Sonne. Sehen Sie da.“ Es waren dies Worte aus einer ſchöneren Welt. Ich blickte ſogleich auf. Richtig, ein köſtliches Wolken⸗ gebirg wälzte ſich gegen die Sonne. Ja, wenn die Noth am größten, iſt des Himmels Hülfe am näch⸗ ſten, ein wahrer, herrlicher Spruch. Ich athmete von Neuem auf. „Könnt' ich doch dieſe elenden Waſſerhoſen zer⸗ blaſen; ich möchte mit Knitteln drein ſchlagen,“ ei⸗ ferte Findeiſen. „Sie werden die Frau Sonne und Venus mit Stumpf und Stiel verſchlingen,“ rief ich, von neuer Hoffnung und Lebensluſt begeiſtert. „Hoffentlich wird ſich der prächtige Ball nicht wer⸗ fen laſſen,“ tröſtete ſich mein Freund.„Er hat noch Kraft genug, dieſes naſeweiſe Gewölk auf nichts zu reduciren.“ Dies Mal hatte der Aſtronom Unrecht. Nach we⸗ nigen Minuten ſtacken Sonne und Venus hinter dich⸗ tem Gewölk. Ich that einen freudigen Luftſprung und rief:„Nun können wir den Frauenhofer getroſt einpacken, heute kommt die Sonne nicht wieder.“ Find⸗ eiſen widerſprach und hatte noch große Hoffnung. Richtig ward auch nach einiger Zeit der Sonnengott für ein paar Augenblicke ſichtbar, und der Aſtronom hatte die Freude, ſich die Venus empfehlen zu ſehen. Ich wünſchte von ganzer Seele geſegnete Fahrt und dankte allen Heiligen, aus offener Todesgefahr gerettet zu ſein. Ehe Findeiſen ſeine Präparate in Ordnung brachte, war ich längſt die Bodentreppe hinab und zankte mit den Couſinen, welche mich ſo gewiſſen⸗ los im Stiche gelaſſen hatten. Marie wußte indeß zu meiner Beruhigung viel beizutragen; ſie vertraute mir ganz im Geheimen, ein paar köſtliche Schüſſeln auf⸗ gehoben und warm erhalten zu haben. „Himmliſches Kind,“ rief ich, ſie ſtürmiſch um⸗ armend,„was ſteckt denn darin in den Schüſſeln?“ Der ſüße Mund nannte lauter Leibgerichte.„O Du ausgezeichnetes Mädchen,“ fuhr ich begeiſtert fort,„der Himmel wird Dir Deine Tugenden nicht unbelohnt laſſen. Du bekömmſt den beſten Mann, darauf ver⸗ laß Dich.“ Bald ſaß ich vor den geſegneten Herrlichkeiten und wirthſchaftete in den Schüſſeln, wie der Wolf in der Schafheerde. Auf Findeiſen konnt' ich unmöglich warten. Ich war bei meinem Diner ſo vertieft, daß ich dem herrlichen Gewitter, welches indeß herauf gezogen und durch ſein Rumoren das ganze Haus in Allarm brachte, keine weitere Aufmerkſamkeit ſchenken konnte. Die Couſinen, welche voller Schrecken auf und ab liefen, überhäuften mich unermüdlichen Eſſer mit Vor⸗ würfen. Wenn's einſchlüge, trüge ich allein die Schuld. Ich langte mir ſpeben ein köſtliches Stück Rehbraten aus der Schüſſel, als die fromme Maria mich be⸗ ſchwor, der Sitte im väterlichen Hauſe getreu, bei dem Gewitter ein Kapitel aus der Bibel zu leſen; dann werde das Unwetter gewiß gnädiglich vorüber⸗ gehen. Dazu war ich gerade aufgelegt. Ich ſchlug die Bitte rund ab, aß ruhig weiter und war mit dem Gewitter faſt zu gleicher Zeit zu Ende; jenes mit Donnern, ich mit Eſſen. 6 Reuer Kerger, neue Drangſal. Den Cvuſinen gefiel es dermaßen beim Aſtronv⸗ men Findeiſen, daß ſie an gar kein Weiterfahren dachten. Ich hatte ſchon mehrmals zum Aufbruch ge⸗ blaſen, denn die Sonne neigte ſich zum Untergange. Mir war es eben nicht behaglich; mein Unſtern hatte wieder mehrere fatale Streiche geſpielt. Ein werth⸗ volles Perſpectiv hatte ich unvorſichtiger Weiſe aus der Hand fallen laſſen; ich denke Findeiſen will ſich den Kopf abreißen. Dann war, trotz des ausdrück⸗ lichen Verbots, die Gartenthüre aus Verſehen offen geblieben. Ziegen und Hühner waren in Maſſe hin⸗ ein marſchirt und hatten als Crvaten und Panduren darin gehauſt. Ein prächtiger Ziegenbock war gar auf und davon gegangen. Obſchon ich hoch und theuer ſchwur, den Kerl mit keinem Auge geſehen zu haben, ſollt' ich ihn aus der Verzäunung gelaſſen haben. Wenn es geſchloßt oder gehagelt hätte, oder Feuer vom Himmel gefallen wäre, würde ich's unbeſtritten ebenfalls geweſen ſein. Was mich bei dieſen Wider⸗ wärtigkeiten am meiſten empörte, war, daß die Cou⸗ ſinen ſtets Partei gegen mich nahmen. Marianne wollte mir in Betreff des Ziegen⸗ und Hühnermarſches expreß zugerufen haben, die Thüre ja zuzumachen⸗ Das Mädchen wußte gar nicht was es ſprach. Was den in die weite Welt gegangenen Ziegenbock betraf, ſollt' ich zu Amalien geſagt haben: den möcht' ich galopßiren ſehen, woraus man ſchloß, daß ich ihn eigens losgekuppelt habe. Wenn Findeiſen end⸗ lich ganz desperat auf mich wurde, war kein Menſch Schuld, als die verwahrloſten Couſinen. Darum ſoll⸗ ten ſie fort. Ich drang mit Energie darauf und ſo gelang mir's, die Sippſchaft binnen einer halben 249 Stunde im Wagen zu haben. Findeiſen beſchrieb den Weg, auf welchem zunächſt die Landſtraße zu errei⸗ chen ſei, und fort ging die Reiſe in den immer grauer werdenden Abend. Vor uns glänzte der Abendſtern. „Seht Ihr den Stern da?“ frug ich mit ſtillem Ingrimm die Couſinen. „Wir ſehen ihn, Schatz,“ tönte es zurück. „Nun ſo gewiß dieſer herrliche Stern da funkelt, ſo gewiß kutſchir' ich Euch heut zum letzten Mal. Iſt das eine Art, ein Betragen? Was ſoll Findeiſen denken?“ O, ich brach ſchrecklich los, während das Fuhrwerk auf dem mordſchlechten Wege wie ein Fang⸗ ball hin und her geworfen ward. Der Abend ward immer dunkler. Ich hatte mich über die Couſinenſchaft ſo ereifert, daß ich den Weg ganz außer Acht gelaſſen. Wenn mich nicht Alles trog, mußten wir bei dem Seitenwege, der nach Find⸗ eiſens Beſchreibung auf die Landſtraße zurückführte, bereits vorüber ſein. Unbeſtritten war er im Eifer des Geſprächs überſehen worden. Mir ward nicht ganz wohl zu Muthe; indeß verließ mich meine treffliche Geiſtesgegenwart nicht. Es wird nicht der einzige Weg geweſen ſein, hoffte ich, der zur Straße führte, dann iſt es auch nicht zu ſpät, daß uns nicht irgend ein Landbewohner begegnen ſollte, bei dem wir uns Raths erholen können. „Seht mit auf den Weg,“ gebot ich den Cou⸗ ſinen; dieſe aber, welchen es in der öden Abend⸗ gegend immer unheimlicher ward, hatten ſich tief in ihre Mäntel gehüllt und mochten von der Welt nichts mehr wiſſen. Die Mordthat, welche vor acht Tagen in der hieſigen Gegend vorgefallen, war nicht geeig⸗ net, ihren Muth zu befeuern. „Ein ſchwaches, hinfälliges und leichtfinniges Ge⸗ 220 ſchlecht,“ murrte ich,„das hatte der große Juſtinian ſchon weg und nahm ſeine Maßregeln, Propter levi- tatem atque imbecellitatem. Wenn die Sonne ſcheint, iſt kein Auskommen, und wird's graulich, wiſſen fie vor Angſt nicht wohin. Marianne hatte noch die Keckheit, mir zuzurufen, daß ich mich nur nicht fürchten ſollte; ſie würden ſchon ihren Mann ſtellen. Der Weg ward immer ſchauderhafter. Ich mußte endlich abſteigen und als Frachtfuhrmann daneben her ſpazieren. So ging's eine Strecke. Die Dunkel⸗ heit ward dichter. Bald konnte ich das Wagengleis nicht mehr erkennen, und ſo machte ich denn in nicht zu langer Zeit die troſtreiche Entdeckung, daß wir vom Wege völlig abgekommen und uns mitten auf einer ziemlich feuchten Wieſe befanden. Jetzt ſchien doch mein Haar etwas widerſpenſtig bergan zu ſtei⸗ gen; denn ganz in freundlicher Nähe tanzten diverſe Irrlichter luſtig auf und ab. Niemand entgeht ſeinem Schickſal; das war jetzt klar; mein Untergang ſtand einmal über den Sternen geſchrieben. Vom Waſſer⸗, Feuer⸗ und Hungertode hatte mich mein guter Engel noch gerettet, ſo lange die Sonne ſchien; jetzt war's Nacht und der böſe Feind hatte charte blanche. Wir fuhrwerkten direct einem Sumpfe zu. Ich ver⸗ hehlte dieſe hoffnungsvolle Botſchaft dem Wagenpu⸗ blico nicht, erklärte die Coufinen für ſchuldig an ihrem, meinem und des Rappen Untergange, machte ſie dafür verantwortlich am Tage des Gerichts und wuſch meine Hände. Maria begann bitterlich zu wei⸗ nen; Amalie, anſtatt reumüthig ihres letzten Stünd⸗ leins zu gedenken, that noch ganz trotzig und malitiös, und meinte, ſie habe mir, als erwachſenen Menſchen, mehr Verſtand zugetraut; und Marianne ſprang gar aus dem Wagen und blickte gen Himmel. Ich ſah ebenfalls dahin, fand aber nichts Erbauliches daſelbſt angeſchrieben. „Wir müſſen uns links wenden,“ rief Marianne, „dort ſteht die Cynoſura oder der Polarſtern. Find⸗ eiſen ſagte, wir ſollten nur immer direct auf ihn zu fahren.“ Nun fing die gar mitten in der Nacht Aſtronv⸗ mie an. „Dummes Zeug,“ gab ich zur Antwort,„die Sterne wackeln hin und her, der Kuckuk mag ſich darnach richten.“ „Der Polarſtern ſteht ewig unveränderlich auf ſeinem Platze,“ belehrte Marianne. Mich ärgerte es, als Studioſus beider Rechte von ſo einem unmündigen Püppchen zurecht gewieſen zu werden, und obſchon Aſtronomie ſtets meine ſchwache Seite geweſen, rief ich gereizt und abſprechend:„Be⸗ halte Deine Weisheit für Dich, der Polarſtern iſt ein Stern wie andere, was will der voraus haben.“ „Ihr Schweſtern,“ rief das naſeweiſe Ding,„Ihr werdet es bezeugen, was der Coufin für Unſinn zu Tage bringt. Der Polarſtern hätte vor den andern Sternen nichts voraus; Ihr habt es gehört.“ „Der Herr Couſin hat am Himmel wie auf Er⸗ den den Kopf verloren,“ meinte unmuthig Amalie. Jetzt hätt ich die impertinente Sippſchaft doch gleich in den Sumpf fahren mögen; als ſich ein Paar graue Geſtalten dem Wagen näherten. „Lenke raſch zur Linken,“ ſprach dringend Ma⸗ rianne und ſprang in den Wagen. „Mein Kind,“ erwiederte ich demüthig,„das iſt bald geſagt; an ein unbemerktes Entkommen iſt nicht mehr zu denken; haben die Geſtalten Böſes im Sinne, 222 wollen wir ſie durch thörigte Widerſpenſtigkeit nicht noch mehr reizen. Ich bin waffenlos und werde ca⸗ pituliren.“ „Der Teufel,“ rief die eine Geſtalt herantretend, „wo ſoll denn die Reiſe hingehen; noch zwanzig Schritte vorwärts und der Sumpf iſt unergründlich.“ Mich ſchauderte, doch faßte ich Courage und ſprach: „Ach, theurer Freund, in den unergründlichen Sumpf wollen wir auch nicht, ſondern in den rothen Ochſen.“ Der Graumantel lachte und ſprach:„Da ſind Sie weit abgekommen und hätten vor einer halben Stunde bereits ablenken ſollen.“ Mir fiel ein großer Stein vom Herzen, daß mich der Graue wenigſtens per Sie titulirte; bei Straßen⸗ räubern iſt man an Titulaturen nicht gewöhnt. Ma⸗ rianne aber rief vorlaut:„Nun Cuuſin, wer hat Recht?“ „Ruhe im Kaſten,“ rief ich, über das vorlaute Weſen erbittert; und erſuchte den Graumantel höf⸗ lichſt um Zurechtweiſung. „Mich ſelbſt ruft die Pflicht als Grenzofficiant nach einer andern Richtung; aber mein Begleiter, der Flurſchütz, wird Sie auf die Landſtraße zurückbringen.“ Wer war froher als ich; abermals vom drohen⸗ den Tode gerettet, gelangten wir, wiewohl nach man⸗ chem Rippenſtoße, glücklich unter Leitung des treff⸗ lichen Flurſchützen zum rothen Ochſen. Ich habe im Leben nicht wieder ein ſo generöſes Botenlohn gezahlt als meinem damaligen Führer. Die Flucht. Im rothen Ochſen war noch viel Leben. Da ſtand Wagen an Wagen. Um neuem Malheur im voraus vorzubeugen, erklärte ich den Mädchen rund heraus, 223 daß an ein perſönliches Einkehren in die bereits voll⸗ geſtopfte Gaſtſtube nicht zu denken ſei. Sie möchten ihren Imbiß, den Findeiſen in die Kutſchthürtaſchen gepackt, im Wagen verzehren. Zu meiner großen Zu⸗ friedenheit vernahm ich, daß dieſer Vorſchlag einmal ungetheilten Beifall fand. Die Dunkelheit hatte die furchtſamen Geſchöpfe doch etwas zahmer gemacht. Da die Nachtluft ziemlich kühl daher wehte, beſchloß man, den Wagen völlig zuzuſchlagen. Das war mir lieb; ſo ſah das Volk nichts mehr, und ich brachte es um ſo ſich'rer zur Tante. „Wenn Ihr ſatt ſeid, ſo ſchlaft,“ gebot ich durch die eine Klappenöffnung in die Finſterniß;„ſobald der Rappe zufrieden, geht's vorwärts.“ Mir war ein Stein vom Herzen, die Couſinen unter Dach und Fach und wohl verwahrt zu wiſſen: wenn es Tag geweſen, wäre bei dieſem Tumulte und Wirrwarr Noth und Sorge von Neuem hereingebro⸗ chen. Ich dankte allen Heiligen und ſtürzte mich froh. und leicht in die Wogen des Gaſthauslebens. Das war ein Gedränge und Geſtoße, ein Schreien und Spectakel. Aus dem obern Stockwerke tönte Tanzmuſik. Ich dachte, nach ſo vieler Noth und Trübſal kann ein Römer Wein nichts ſchaden; unterdeß frißt der Rappe und wir fahren wohlgeſtärkt zur Stadt. Nach vieler Mühe gelang mir's, den erbetenen Römer zu erhalten; aber ich konnte wegen des unaufhörlichen Drängens des Göttertranks nicht froh werden. Da kam mir der Gedanke, ein wenig auf den Tanzſaal hinauf zu ſteigen. Hier ging's toll her. Das Publikum, das ſich mit Tanzen amüſirte, ſchien nicht dem erleſenſten anzuge⸗ hören. Alles ſtak in einer undurchdringlichen Tabaks⸗ wolke und die Paare flohen wie Nebelgeſtalten vorüber. 22 ½ Ich philoſophirte eben, von manchem Rippenſtoße unterbrochen, über den Satz: Wie der Menſch, der doch zu etwas Höherm geboren, ſich in dieſem bachan⸗ tiſchen Taumel gefallen könne; als eine Geſtalt, von außerordentlich raufboldmäßigem Anſehen, mich ſtarr an⸗ ſah und auf höchſt verdächtige Weiſe um mich herum⸗ ging. Bald bemerkte ich, wie mein Planet einem zweiten Individuum gleichen Calibers ein paar Worte in's Ohr raunte. Nun begann dieſer ebenfalls um mich herum zu kreiſen. Ich mochte ob dieſer ſeltſamen Begebenheit nicht ſogleich die Flucht ergreifen, und hoffte, die beiden Schlagtodte würden abſtehen, ſobald ſie erkannt, daß ich ihrer Bekanntſchaft völlig entbehre; aber die Sache ward immer bedenklicher. Eine Gruppe übel ausſehender Kerle bildete ſich um mich, es ent⸗ ſtand ein Murren und Murmeln; mir ward unter ſol⸗ chen Umſtänden nicht wohl zu Muthe. Plötzlich rief eine Stentorſtimme am Ende des Saals:„Der iſt's! Schlagt ihn todt!“ „Ja, der iſt's! der iſt's!“ ſchrie es von allen Sei⸗ ten;„ſchlagt ihn todt, brecht ihm das Genick!“ und ganz in meiner Nähe ſah ich in nnbeſtimmten Um⸗ riſſen ein Stuhlgeſtelle in die Höhe ſteigen. Jetzt müßt' ich doch vom geſunden Menſchenver⸗ ſtand rein verlaſſen geweſen ſein, wenn ich nicht augen⸗ blicklich die ſchleunigſte Flucht allem Andern vorgezogen hätte; und ohne es auf eine Conſtatirung der Iden⸗ tität meiner Perſon ankommen zu laſſen, ſprang ich in wenig Sätzen dem Ausgange zu und die Treppe hinab. Ein Strom von Verwünſchungen, Flüchen, nebſt einigen Bankbeinen und Bierkrügen folgten; doch er⸗ reichte ich glücklich und unverſehrt den Platz vor dem Hauſe, wo die Wagen ſtanden. Hier überraſchte mich ein unerwartetes Glück. Der F 225 Hausknecht, welcher unſtreitig den Spektakel auf dem Saale vernommen, und auch ſogleich folgerichtig ge⸗ ſchloſſen haben mußte, daß ich auf bedenkliche Weiſe dabei compromittirt war, hatte meinen Wagen fix und fertig unfern der Hausthür vorgefahren. Meinen Blücksſtern preiſend, ſprang ich auf den Bock und ſo eben, als die Rotte Cora Datan und Abiram todt⸗ ſchlaglaunig mit Gebrüll aus der Hausthür ſtürzte, brauſte der erquickte Rappe wie im Sturmwind mit mir und den Cvuſinen die Straße dahin. Es bedurfte einer geraumen Zeit; der wüſte Lärm und der unglückſelige rothe Ochſe lag weit hinter mir, eh' ich mich von meinem Schrecken erholte und Muſe gewann, über den mörderiſchen Vorfall nachzudenken. Ich zerbrach mir vergebens den Kopf, und erſt nach einigen Tagen erfuhr ich durch Zufall, daß eine Art Doppelgänger, gleichfalls Studiosus utriusque, der ſich am ſelbigen Tage Ungebührlichkeiten gegen das auf dem Saale des rothen Ochſen verſammelte weibliche Tanzpublikum erlaubt, mir die unverſchuldete Attaque zugezogen hatte. Mir ward von Neuem Gelegenheit, mein enormes Mißgeſchick zu bewundern; ich hätte kön⸗ nen ſeit Erſchaffung der Welt im rothen Ochſen ein⸗ kehren, ſtets würde ich friedlich davon gekommen ſein; aber am Tage der heilloſen Couſinenfahrt mußte expreß unmittelbar vorher ein Menſch die Gemüther erhitzen, und dieſer Menſch mußte mir friedfertigen, tugend⸗ haften Seele wie ein Ei dem andern ähnlich ſehen, Studiosus und auch noch utrinsque ſein, der doch wiſſen mußte, quid juris auf einem Tanzboden à la rother Ochſe. So war mein Traum abermals in Er⸗ füllung gegangen. Niemand entgeht ſeinem Schickſal. Stolle, ſämmtl. Schriften. l. 45 Finis coronat opus! Als ich auf der nächtlichen Chauſſee dahin fuhr, waren es hauptſächlich drei Dinge, die mich freuten. Erſtens, daß ſich die Couſinen hübſch ruhig verhielten. Sie hatten in ihrem Behälter von dem neuen Aben⸗ teuer, ſo mich betroffen, keine Ahnung; es entging ihnen ſonach eine ſchätzbare Gelegenheit, mich von Neuem zu ärgern. Die ganze Geſchichte ward unſtrei⸗ tig von ihnen verſchlafen. Zweitens freute mich, daß der Rappe ſo trefflich auftrat; ich hätte das dem bra⸗ ven Thiere nach des Tages Laſt und Hitze gar nicht zugetraut; er floh wie neu geboren dahin. Endlich, drittens, konnt' ich auf dieſe Weiſe hoffen, die Tante noch wach und munter anzutreffen; denn mir iſt nichts unbehaglicher, als die Leute aus dem Schlafe trom⸗ meln zu müſſen. Die Nacht war wunderſchön, der Himmel klar und ſternenhell. Ich liebte von je die Contemplative, und ſo überdachte ich die den ganzen lieben Tag erlebten Abenteuer. Eins war immer ſchlimmer als das an⸗ dere, und ich gerieth in gerechtes Erſtaunen, mich noch ſo ganzbeinig und wohlbehalten mit der mir anver⸗ trauten gefährlichen und ſchwer zu hütenden Waare dem Hafen der Ruhe zuſteuern zu ſehen.„Der Menſch iſt doch,“ ſprach ich zu mir,„ein außerordent⸗ liches, hochbegabtes Geſchöpf, das hart geprüft wird, aber auch viel vertragen kann.“ Ich verglich die Aben⸗ teuer mit einander; jedes hatte einen andern Charak⸗ ter; ich mußte ordentlich lachen über das erfinderiſche Genie meines böſen Feindes; ſeine Malicen hatten ſich auf die mannigfachſte Art eryſtalliſirt, ſo daß ich übermüthig genug war, ihn ordentlich zu ärgern und herauszufordern. 6— 227 Wie ein kluger General überſann ich alle denkba⸗ ren Unfälle, die auf dem kurzen Zwiſchenraume zur Tante noch über mich hereinbrechen konnten. Der Schlag konnte mich rühren, allerdings, das lag nicht außer dem Bereiche des Möglichen; aber dann war ich auch todt und das Weitere ging mich nichts an. Der Wagen konnte umwerfen, zerbrechen; das war aber auf der prächtigen Chauſſee ganz unwahrſchein⸗ lich, und ſchlimmſten Falls war die Stadt jetzt zu Fuße zu erreichen. Die Tante konnte gerade heute, wo wir uns durch Abenteuer zu ihr durchſchlugen, vom himmliſchen Vater unerwarteter Weiſe in ein ſchöneres Daſein abberufen worden ſein; es wäre dies ein her⸗ ber Fall geweſen, aber ich würde ihn als Mann er⸗ tragen und mich in das Unvermeidliche gefügt haben. Die Tante konnte aber verreiſt ſein, das wäre fatal, aber wir würden trotzdem gaſtfreundlich aufgenommen worden ſein. Kurz, ich mochte ſimuliren ſo viel ich wollte, ich bekam keinen Unfall heraus, der denen zu vergleichen geweſen, die ich heute bereits überſtanden hatte. Es lag am Tage, oder vielmehr an der Nacht, daß ſich mein Maleficus total verausgabt hatte. Kleine Fehlſchlagungen konnten noch vorkommen; aber die ge⸗ hörten zum täglichen Leben und kamen nicht in Rechnung. Unter dieſen troſtvollen Ausſichten erreichte ich fro⸗ hen Muthes die Reſidenz; fuhr wie ein Triumphator, dem die Siegesbeute folgt, durch's Thor, welches noch offen war, ſteuerte die Brückenſtraße entlang, bog über den ſogenannten„alten Jahrmarkt“, erreichte die Kö⸗ nigsſtraße und endete meinen Triumphzug vor dem be⸗ kannten und lieben Hauſe Nr. 43, wo die Tante reſidirte. Wer war glücklicher als ich. Mit einem Satze war ich vom Bocke. Um die Cyuſinen zu überraſchen, hatte ich ſie auf der ganzen Fahrt ſchlafen laſſen. 15 Jetzt aber riß meine Hand den Schlag auf und—„Land! Land!“ rief meine Siegerſtimme in die Finſterniß. Die Mädchen mußten einen eiſernen Schlaf haben. Wiederholt erſcholl mein Ruf:„Land! Land!“— keine Antwort erfolgte. Ich ſchlage den einen Leder⸗ vorhang zurück; das Licht der Straßenlaternen fällt in den Kutſchraum; ich ſehe und ſehe— reibe die Augen— ſehe wieder— reibe mir den ganzen Kopf, ſehe zum dritten Male— ja da ſind keine Cuufinen! — Nun jetzt denk' ich denn doch nicht anders, als daß das Weltgericht mit ſammt ſeinen zehntauſend Trom⸗ peten der ewigen Verdammniß über mich hereinbricht; ich betrachte den Wagen, Tod und Teufel, das iſt ja gar nicht mein Wagen; ich ſpringe vor zum Rappen, o Graus und Vernichtung, das iſt ja gar nicht mein Rappen; der meine hatte wenigſtens ein halbes weißes Ohr, dieſer war ganz ſchwarz, wie der Teufel ſelbſt. Jetzt brach mir mit einem Male eine infernaliſche Lich⸗ tigkeit im Innern auf. Alſo darum ſtand das Fuhr⸗ werk ſo fix und fertig vor der Gaſthausthür; mir war es ja gar nicht beſtimmt; darum ging die Reiſe ſo flott, und darum waren die Couſinen— ja der Ge⸗ danke an ſie brachte mich zur Verzweiflung. Ich ward mir bewußt, wie Jemandem zu Muthe ſein müſſe, der im Begriff ſteht, ſich zu erhängen, zu erſtechen, zu ver⸗ giften, zu erſäufen oder ſonſt todt zu machen. Da ſtand ich nun vor dem Hauſe der Tante zwar wohlbehalten und ganzbeinig, aber ohne Coufinen, ohne Rappen, ohne Wagen; ja nicht einmal in meinem ur⸗ ſprünglichen Rocke, ſondern im Fracke des Barons von Lindenthal; und überdies als Dieb, denn ich hatte mir das erſte Hauptſtück, das nach anerkanntem deutſchen Criminalrechte zu einem completten Diebſtahl erforder⸗ lich iſt, der Entwendung fremden Eigenthums — ——— — —— ſchuldig gemacht. Der Himmel konnte wiſſen, ob ich nicht dieſen Augenblick wegen Wagenraubs und Pferde⸗ diebſtahls bereits denunzirt war. Aber die Couſinen, die Couſinen, die ich im rothen Ochſen bei der Rotte Kora, Datan und Abiram zurückgelaſſen hatte, was war aus ihnen geworden? Wenn jenes rohe Volk an den unglücklichen Mädchen Rache nahm wegen der Ver⸗ gehen, die man mir unverſchuldeter Weiſe zur Laſt legte; wenn man den armen, todtmüden Rappen mal⸗ traitirt, den ſchönen erſt vor ſechs Wochen erbauten Wagen demolirt hätte— in der jetzigen revolutionä⸗ ren Zeit weiß das Volk nicht, was es thut— o ich hätte mit dem Kopfe gegen die Wand rennen mögen. Doch was blieb übrig?— Ich muß hier geſtehen, Courage gehörte nie zu meinen Cardinaltugenden, in meinem ganzen Leben nicht; ich überließ dies den Rauf⸗ bolden— aber diesmal mußt' ich zurück und die Cvu⸗ ſinen retten; und ſollt' ich untergehen mit meiner ge⸗ ſammten mühſam erworbenen juriſtiſchen Weisheit. Dieſe Coufinenloſigkeit war unſtreitig das ſchau⸗ rigſte aller überſtandenen Abenteuer, der Zweck der ganzen Reiſe ging ja damit zu Grunde. Ich erkannte jetzt den Frevel, mit einem tückiſchen Fatum höchſt überflüſſiger Weiſe Spott getrieben zu haben. Nie⸗ mand ward mehr geſtraft. O trauriges Umlenken des Geſchirres auf der Kö⸗ nigsſtraße vor dem Hauſe Nro. 43. Zum Glück war mein unzeitiger Beſuch nicht bemerkt worden. Die Tante ahnte nicht, wie nahe ihr der theure Reffe und in welcher Lage. Ich prieß nur den Himmel, daß es wenigſtens Nacht war. So hatte mich doch Nie⸗ mand erkannt. Was konnte es helfen? Die Reiſe ging wieder rückwärts, die Königsſtraße entlang, über den alten Jahrmarkt und die Brückenſtraße hinab. Nun handgreiflicher konnte der ſchwarze Krebs meines Traumes nicht in Erfüllung gehen. Endlich befand ich mich wieder vor dem Thore und fuhr in der ſtillen Nacht dahin. Ich war nun auf Alles gefaßt und mochte nicht daran denken, was alles für Abenteuer noch hereinbrechen könnten. Letztere waren jetzt nicht mehr zu berechnen, und der Gedanke, die Cvuſinen in dieſem Leben geſund und wohlbehal⸗ ten bei der Tante abliefern zu können, trat immer tiefer in das Bereich des Unmöglichen zurück. Aber je weiter ich fuhr, deſto einſamer und un⸗ heimlicher ward es. Nur aus entfernten Dörfern ſchallte Hundegebell und das eintönige Horn der Feuer⸗ wächter. Ich liebte dieſe Art zu reiſen nicht; ſo mut⸗ terſeel allein, in unbekannter Gegend; man war den mannigfaltigſten Schickſalswechſeln ausgeſetzt. Der erſte beſte Böſewicht, ſo er Luſt hatte, konnte mich vom Bocke werfen, auf dem ich nicht einmal als rechtmäßi⸗ ger Befitzer ſaß. Dergleichen miſantropiſche Betrachtungen und der Gedanke an das Schickſal der Couſinen im rothen Ochſen, preßte mir allmälig einen gelinden Schweiß aus, den gewiſſe Raufbolde Angſtſchweiß nennen, den mir aber jeder vernünftige und friedlich geſinnte Menſch nicht wird verargen können. Der Weg dehnte ſich eine Ewigkeit, kein Menſchen⸗ kind begegnete mir, wiewohl ich auf Räuberanfälle, auf Schuß, Hieb und Stich gefaßt war. Endlich entdeckte mein ſtets geſpitztes und wach⸗ ſames Ohr ein aus der Ferne langſam daher knarren⸗ des Fuhrwerk. Ich athmete neu auf. Die Wagen kamen ſich näher. Bald erkannte ich in dem Entgegen⸗ kommenden ebenfalls einen Einſpänner, alſo einen Col⸗ legen, der freilich nicht ſo flott war wie der Meine. 234 Wir kamen uns ganz nahe. Ich dachte, Vorſicht iſt in allen Dingen nütze, und bog ſo weit als möglich aus. Da erhob ſich mit Einemmale eine lange pech⸗ ſchwarze Figur auf dem Kutſchbocke des vorüber fah⸗ renden Einſpänners und rief:„Halt! Wer da!“ Nun deutlicher konnte ich's nicht haben, daß es dieſer Räuber direct auf mich abgeſehen hatte. Mir quoll in der Angſt das Haar empor. Ich ſchrie in der Angſt ebenfalls wie beſeſſen:„Halt! Werda!“ und ſchlug aus Leibeskräften auf den Rappen, daß er ſo⸗ gleich in Galopp dahin brauſte. Da rief eine weibliche Stimme hinter mir:„Cou⸗ ſin! Couſin!“ Alle Wetter, das war Mariannens Stimme. Zugleich ertönte auch Amaliens Ruf. Jetzt befand ich mich unſtreitig in einer höchſt gefährlichen Lage. Im Stiche mocht' ich die mir An⸗ vertrauten nicht laſſen, und gleichwohl hatt' ich keine Luſt,⸗mit dem ſchwarzen Ungethüm, das mich ſo un⸗ Nverſchämt angebrüllt, Hader und Streit anzufangen. 3 Das war unſtreitig ein Haupträuber, mit dem ein ehrlicher Mann ſtets den Kürzern zieht. Demnach zü⸗ gelte ich den Rappen und fuhr nur Schritt vor Schritt, rückwärts gewendet, die Dinge erwartend, die da kom⸗ men ſollten. Das ſtand feſt bei mir, unternahm der Schwarze Feindſeligkeiten, ſo jagte ich in Galopp zum nächſten Dorfe und holte Succurs zur Befreiung der Couſinen. Fangen ließ ich mich nicht; das hatt' ich mir Alles reiflich überlegt. „Sind Sie denn beſeſſen?“ rief jetzt von Neuem die Geſtalt und kam die Straße zurück. Mir wälzte ſich ein Vorgebirge von der Bruſt. Es war die Stimme des Barons von Lindenthal, deſſen eignen Frack ich auf dem Leibe trug. Es kam jetzt zu Erörterungen: daß ich die Damen —— —— 232 im Stiche gelaſſen und des Barons Wagen entführt habe. Ich vertheidigte mich meiſterhaft; aber gegen ſo einen Weltmann kommt man nicht aus. Mehrere Bitterkeiten mußte ich einſtecken. Ich that's recht gern, es war Alles Zuckerlecken gegen die überſtand'ne Trüb⸗ ſal. Kaum war ich mit dem Baron fertig, ging's mitten in der Nacht auf offner Landſtraße mit den Couſinen los. Sie hätten Todesangſt ausgeſtanden, bis der Herr Baron ſich ihrer angenommen. Das konnte Alles ſein, aber was konnten alle anzüglichen Redensarten jetzt weiter helfen. Der Baron war wieder Alles in Allem. Ich mußte mein entführtes Geſchirr umlenken und wieder der Stadt zukehren. Des Barons Rappen, der treffliche Renner, ward vor den Wagen der Cuuſinen geſpannt und ohne bei mir die geringſte Erlaubniß einzuholen, ſprang Lindenthal auf den Bock und fuhr mit der ganzen Sippe flott nach der Stadt. Mir blieb in der⸗Welt nichts übrig, als mit meinem lahmen Gaule langſam„ nachzuackern. Ich kam mir vor wie Hiob der Zweite. Der Baron fuhr wie ein Satan; er hatte mich bald ſo weit überholt, daß es wieder ganz einſam umher ward. Das Unziemliche ſeines Benehmens ſtellte ſich mir immer unverantwortlicher heraus, je mehr die unheimliche Stille zunahm. Wenn mir etwas Menſch⸗ liches begegnete, trug kein Menſch als er die Schuld. Dazu kam der ärgervolle Gedanke, daß dieſer Menſch die Früchte der ganzen mühſamen Fahrt allein ſchlucken und glorreichen Einzug bei der Tante halten werde, während ich im Nebelgrauen, das keines Menſchen Freund iſt, als Rieſenſchnecke auf unſicherer Landſtraße dahin krieche. Mein Rappe ward von Schritt zu Schritt bedächtiger; die Peitſche ließ ihn ganz gleich⸗ müthig. O dieſen Baron hatte der Teufel expreß zu „ 233 meinem Unglück aus den Wolken geſchneit. Wo wär' er auch heute morgen beim Schachtelmalheur gleich her⸗ gekommen? Endlich acquirirte ich zum zweiten Male die Stadt und zum zweiten Male die Ecke der Königsſtraße. Hier verſöhnte ich mich einigermaßen mit meinem Wi⸗ derſacher; denn er war wenigſtens ſo menſchlich ge⸗ weſen, zu warten und mir von nun an den Weiter⸗ transport anzuvertrauen. Es erfolgte ein tief gefühlter Abſchied zwiſchen dem Beſchützer und den Schützlingen, während ich die ganze Geſellſchaft dreiunddreißig Mal in's Pfefferland wünſchte. Gleichwohl war mirs lieb, daß das fatale qui pro quo mit des Barons Wagen paſſirt war. Bei einem andern konnte die Sache noch ſchlimmer ablaufen. Auf der Königsſtraße, welche mit Marktbuden voll⸗ geſtopft war, bewies ich den Couſinen zum letzten Male meine Geſchicklichkeit als Wagenlenker, und ſteuerte kunſtreich mitten durch das breterne Labyrinth. Dabei verſäumte ich nicht angelegentlich mit meinen Hinter⸗ ſaſſen zu discuriren, um gewiß zu ſein, daß ich nicht abermals mit enthülſtem und entpuppten Wagen vor Nummer 43 anlange. Allerdings ging dabei eine herr⸗ liche Bude zum Kuckuk, die ich über den Haufen fuhr, was einen gräulichen Lärm verurſachte; aber ich hatte doch nach einigen Minuten den Triumph, alle Fünf, die Coufinen, den Rappen und mich Summa Sum⸗ marum vor dem Hauſe der Tante verſammelt zu ſehen. In der Freude meines Herzens ſchlug ich ſolch deſpe⸗ raten Lärm, daß alſobald die beiden Hausthürflügel wie beſeſſen aufſprangen und wir mit Proeeſſion un⸗ ſern geſegneten Einzug hielten. Dienende Geiſter eilten mit Lichtern herbei; die Tante ſelbſt, ſonſt dem Treppenſteigen nicht zugethan, 234 kam die halbe Stiege entgegen. Das vorausgewan⸗ derte Schachtelbollwerk, das bereits den Nachmittag angelangt war, hatte unſere Ankunft verkündet. So fanden wir Alles zum ſchönſten Empfange vorbereitet. Es fehlten grade zehn Minuten an eilf Uhr, als der ergreifende Augenblick gekommen war, wo ein und dieſelbe blaue Stube die Tante, die Couſinen und mich gemeinſchaftlich umſchloß. So ſicher war ich mei⸗ ner Sache noch nie geweſen; aber ich hütete mich wohl, den ſchwarzen Maleficus von Neuem heraus zu fordern. Ich glaube, wär' ich naſeweis geweſen, er hätte noch in dieſem Augenblicke die Mädchen aus der Tante Stube unter einem Donnerwetter entführt. Seit der Kutſchengeſchichte ſchien mir nichts mehr unmög⸗ lich. Ich ergriff daher ſo ſchleunig als möglich die Gelegenheit und überlieferte die complette Cuufinen⸗ ſchaft in aller Form Rechtens an die Tante, als des Vaters Schweſter.„Hiermit,“ erklärte ich,„zieh' ich meine Hand ab; ſeht ſelbſt zu wie Ihr nun fahrt und laßt mich fortan ungeſchoren.“ Die Tante conſtatirte die Empfangnahme, indem ſie die drei Mädchen der Reihe nach nochmals abſchmatzte. Kaum aber war dieſer feierliche Aet vollzogen, als ich nicht blos die drei Finger meiner linken Hand⸗ ſondern alle zehn Finger, ſo viel ich überhaupt von dieſem Artikel beſaß, geſpreizt nach der Decke ſtreckte, und einen ſo raſenden Schwur that, daß mir Tante und Cuufinen ſcheltend Ruhe geboten. Ich ließ mich aber nicht ſtören, ſondern ſchwur weiter, lieber geſpießt, gehängt, gebraten, gebacken, geſotten, geſäckt, erſäuft, erdroſſelt und dergleichen ſein zu wollen, als daß mir's je wieder in den Sinn kommen ſollte, die Escorte einer Weiberfuhre zu übernehmen. Die heutige trau⸗ rige Expedition hatte mich belehrt, daß mir Talent * * 235 und Beruf als Chevalier des dames gänzlich abgehe, wie ich überhaupt die große Lehre vollkommen begrif⸗ fen, daß man in den Pandecten und Folianten recht wohl zu Hauſe ſein, und doch im ganz gewöhnlichen Leben ein Fremdling bleiben, und ſich wie andere die größten Fatalitäten bereiten könne. Mit dem Baron hab' ich mich ſpäter vollkommen ausgeſöhnt. Nach Jahr und Tag führte er Mariannen, deren nähere Bekanntſchaft er während meiner Waſſer⸗ taufe gemacht hatte, als geliebte Gattin nach Linden⸗ thal. So haben ſelbſt Unfälle ihr Gutes. Obſchon ich geſchworen, von meinen Couſinen keine zur Frau zu nehmen, ſo haben gleichwohl Amalie wie Marie recht liebenswürdige Männer gefunden. Mir ſelbſt hatte die verhängnißvolle Reſidenzfahrt meine ſchon gehegte Ab⸗ neigung gegen die Frauen und Mädchen nur vermehrt. Ich wandte mich daher mit um ſo größerer Zärtlich⸗ keit den Pandecten zu. Sie ſind meine treue, beſtän⸗ dige und nie veraltende Geliebte; und ſo bin ich Hageſtolz geblieben zeitlebens. * — — — — „ — — 6— = — — S 8 „ S g14 Szenqe —U—