Leihbiblivt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmänn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und geſebedingungen. 1. 6flensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe . hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir urückerſtattet wird 0. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen iit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 3 ſelben von mir gel afür 5 Studien von Adalbert Stifter. Dritter Band. 5 Studien von Adalbert Stifter. vierte Auflage. Stereotyp⸗Ausgabe in drei Bänden. Mit dem Bildniß des Verfaſſers. Dritter Band. Peſth Verlag von Guſtav Heckenaſt. 1855. —— Inhalt des dritten Bandes. Seite Dir Säeſtol; 1 Der Waldſtei—½ 111 Bwei Schcſtern 169 Der beſchriebene Tännling 2⁰5⁵ Der Hageſtolz. 1844. Stifter. 4. Aufl. III. 1 —— 1. egenbild. A einem ſchönen grünen Platze, der bergan ſteigt, wo Bäume ſtehen und Nachtigallen ſchlagen, gingen mehrere Jünglinge in dem Brauſen und Schäumen ihres jungen kaum erſt beginnenden Lebens. Eine glän⸗ zende Landſchaft war rings um ſie geworfen. Wolkenſchatten flogen, und unten in der Ebene blickten die Thürme und Häuſerlaſten einer gro⸗ ßen Stadt. Einer von ihnen rief die Worte:„Es iſt nun für alle Ewigkeit ganz gewiß, daß ich nie heirathen werde.“ Es war ein ſchlanker Jüngling mit ſanften ſchmachtenden Augen, der dieſes geſagt hatte. Die Andern achteten nicht ſonderlich darauf, mehrere lachten, knickten Zweige, bewarfen ſich und ſchritten weiter. „Ha, wer wird denn heirathen,“ ſagte Einer,„die lächerlichen Bande eines Weibes tragen, und wie der Vogel auf den Stangen eines Käſiches ſitzen?“ „Ja, Du Narr, aber tanzen, verliebt ſein, ſich ſchämen, roth wer⸗ den, gelt?“ rief ein Dritter, und es erſchallte wieder Gelächter. „Dich nähme ohnehin Keine.“ „Dich auch nicht.“ „Was liegt daran?“ Die nächſten Worte waren nicht mehr verſtändlich. Es kam noch durch die Stämme der Bäume ein luſtiges Rufen zurück und dann nichts mehr; denn die Jünglinge gingen bereits auf der ſchiefen Fläche, die ſich von dem Platze weg zieht, empor und ſetzten die Gebüſche der Fläche in 1. Bewegung. Rüſtig ſchritten ſie in der funkelnden Sonne hinan, rings um ſind grünende Zweige, und auf ihren Wangen und in ihren Augen leuchtet die ganze unerſchütterliche Zuverſicht in die Welt. Um ſie her⸗ um liegt der Frühling, der eben ſo unerfahren und zuverſichtlich iſt, wie ſie. Der Jüngling, aus deſſen Munde der Entſchluß der Nichtvermäh⸗ lung herwor gegangen war, hatte in der Sache nichts mehr geſprochen und ſie war vergeſſen. Ein neues Geplauder und ein fröhliches Sprechen tanzte von den beweglichen Zungen. Sie redeten zuerſt von allem und oft alle zugleich. Dann reden ſie von dem Höchſten, dann von dem Tiefſten und haben beides ſchnell erſchöpft. Dann kommt der Staat. Es wird in ihm die unendlichſte Freiheit vorgeſchlagen, die größte Gerechtigkeit und unbe⸗ ſchränkteſte Duldſamkeit. Wer gegen dieſes iſt, wird niedergeworfen und beſiegt. Der Landesfeind muß zerſchmettert werden, und von dem Haupte der Helden leuchtet dann der Ruhm. Während ſie ſo, wie ſie meinten, von dem Großen redeten, geſchieht um ſie her, wie ſie ebenfalls meinten, nur das Kleine; es grünen weithin die Büſche, es keimt die prütende Erde und beginnt mit ihren erſten Frühlingsthierchen, wie mit Juwelen zu ſpielen. Hierauf ſingen ſie ein Lied, dann jagen ſie ſich, ſtoßen ſich gegen⸗ ſeitig in den Hohlweg oder in's Gebüſch, ſchneiden Ruthen und Stäbe, und kommen dabei immer höher auf den Berg und über die Wohnungen der Menſchen. Wir müſſen hier bemerken: welch ein räthſelhaftes, unbeſchreib⸗ liches, geheimnißreiches, lockendes Ding iſt die Zukunft, wenn wir noch nicht in ihr find— wie ſchnell und unbegriffen rauſcht ſie als Gegen⸗ wart davon— und wie klar, verbraucht und weſenlos liegt ſie dann als Vergangenheit da! Alle dieſe Jünglinge ſtürmen ſchon in ſie hinein, als könnten ſie dieſelbe gar nicht erwarten. Der Eine prahlt mit Din⸗ gen und Genüſſen, die über ſeine Jahre gehen, der Andere thut lang⸗ weilig, als hätte er ſchon alles erſchöpft, und der Dritte redete Worte, die er bei ſeinem Vater Männer und Greiſe hatte reden gehört. Dann haſchen ſie nach einem vorüberflatternden Schmetterlinge und finden auf dem Wege einen bunten Stein. Immer höher ſtreben ſie hinauf. Oben an dem Waldesrande ſchauen ſie auf die Stadt zurück. Sie ſehen allerlei Häuſer und Ge⸗ bäude, und wetten, ob ſie es ſind oder nicht. Dann dringen ſie in die Schatten der Buchen hinein. Der Wald geht faſt mit ebenem Boden dahin. Jenſeits desſelben aber ſteigen glänzende Wieſen mit einzelnen Fruchtbäumen beſetzt in ein Thal hinab, das ſtill und heimlich um die Bergeswölbungen läuft, und von dieſen Bergen zwei ſpiegelhelle dahinſchießende Bäche empfängt. Die Waſſer rieſeln luſtig über die geglätteten Kieſel, an dichten Obſt⸗ wäldern, Gartenplanken und Häuſern vorbei, und von dort wieder in die Weinberge hinaus. Alles dieſes iſt ſo ſtille, daß man in mancher klaren Nachmittagsluft weithin den Hahn krähen hört, oder den einzel⸗ nen Glockenſchlag vernimmt, der von dem Thurme der Kirche fällt. Sel⸗ ten beſucht ein Städter das Thal, und noch Keiner hat in demſelben ſeine Sommerwohnung aufgeſchlagen. Unſere Freunde aber laufen mehr, als ſie gehen, über die Wieſe in die ſanft geſchwungene Wiege hinab. Lärmend kommen ſie an den Gartengehegen herunter, ſchreiten über den erſten Steg, über den zwei⸗ ten, gehen dem Waſſer entlang, und dringen endlich in einen Garten hinein, der von Flieder, Nußbäumen und Linden ſtrotzt. Es iſt der Garten eines Gaſthauſes. Hier umringen ſie einen der Liſche, wie ſie mit den Füßen in dem Graſe ſtecken, aufgenagelte Platten haben und auf den Platten eingeſchnittene Herzen und Namen von denen zeigen, die vorlängſt an dem Tiſche geſeſſen waren. Sie beſtellten ſich ein Mit⸗ tagseſſen, und zwar ein Jeder dasjenige, was er wollte. Als ſie es ver⸗ zehrt hatten, ſpielten ſie eine Weile mit einem Pudel, der ſich in dem Garten vorfand, zahlten und gingen dann fort. Sie gingen durch die Mündung des Thales in ein anderes breiteres hinaus, in welchem ein Strom fließt. An dem Strome nahmen ſie ein angebundenes Schiff⸗ chen und fuhren an einer bekannt gefährlichen Stelle über, ohne daß ſie es wußten. Zufällig vorübergehende Frauen erſchraken ſehr, als ſie die jungen Leute da fahren ſahen. Jenſeits des Stromes dingten ſie einen Mann, der den Kahn wieder zurückführen und an der Stelle anbinden ſollte, wo ſie ihn genommen hatten. Dann drangen ſie durch Röhrichte und Auen vor, bis ſie zu einem Damme gelangten, auf dem eine Straße lief und ein Wirthshaus ſtand. Bei dem Wirthe mietheten ſie einen offenen Wagen, um nun jenſeits des Stromes in die Stadt zurück zu fahren. Sie flogen an Auen, Ge⸗ büſchen, Feldern, Anlagen, Gärten und Häuſern vorbei, bis ſie die erſten Gebäude der Vorſtädte erreichten und abſtiegen. Als ſie ankamen, lag die Sonne, die ſie heute ſo freundlich den ganzen Tag begleitet hatte, weit draußen am Himmel als glühende erlöſchende Kugel. Da ſie un⸗ tergeſunken war, ſahen die Freunde die Berge, auf welchen ſie heute ihre Morgenfreuden genoſſen hatten, als einfaches blaues Band gegen den gelben Abendhimmel empor ſtehen. Sie gingen nun gegen die Stadt und deren ſtaubige bereits däm⸗ mernde Gaſſen. An einem beſtimmten Platze trennten ſie ſich, und rie⸗ fen einander fröhlichen Abſchied zu. „Lebe wohl,“ ſagte der Eine. „Lebe wohl,“ antwortete der Andere. „Gute Nacht, grüße mir Roſina.“ „Gute Nacht, grüße morgen den Auguſt und Theobald.“ „Und Du den Karl und Lothar.“ Es kamen noch mehrere Namen; denn die Jugend hat viele Freunde, und es werben ſich täglich neue an. Sie gingen auseinander. Zwei derſelben ſchlugen den nämlichen Weg ein, und es ſagte der Eine zu dem Andern:„Nun, Vickot, kannſt Du die Nacht bei mir bleiben, und morgen gehſt Du hinaus, ſobald Du nur willſt. Iſt es auch wirk⸗ lich wahr, daß Du gar nicht heirathen willſt?“ „Ich muß Dir nur ſagen,“ antwortete der Angeredete,„daß ich wirklich ganz und gar nicht heirathen werde, und daß ich ſehr unglück⸗ lich bin.“ Aber die Augen waren ſo klar, da er dieſes ſagte, und die Lippen ſo friſch, da der Hauch der Worte über ſie ging. Die zwei Freunde ſchritten noch eine Strecke in der Gaſſe entlang, dann traten ſie in ein wohlbekanntes Haus und gingen über zwei Trep⸗ pen hinauf an Zimmern vorbei, die mit Menſchen und Lichtern angefüllt waren. Sie gelangten in eine einſame Stube.* „So, Victor,“ ſagte der Eine,„da habe ich Dir neben dem meinen ein Bett herrichten laſſen, daß Du eine gute Nacht haſt, die Schweſter Roſina wird uns Speiſen herauf ſchicken, wir bleiben hier und ſind fröhlich. Das war ein himmliſcher Tag, und ich mag ſein Ende gar nicht mehr unten bei den Leuten zubringen. Ich habe es der Mutter ſchon geſagt; iſt es nicht ſo recht, Victor?“ „Freilich,“ entgegnete dieſer,„es iſt bei dem Tiſche Deines Vaters ſo langweilig, wenn zwiſchen den Speiſen ſo viele Zeit vergeht und er dabei ſo viele Lehren gibt. Aber morgen, Ferdinand, iſt es nicht anders, ich muß mit Tagesanbruch fort.“ „Du kannſt, ſobald Du willſt,“ antwortete Ferdinand,„Du weißt, daß der Hausſchlüſſel innen in der Thorniſche liegt.“ Während dieſes Geſpräches begannen ſie ſich zu entkleiden und ſich der läſtigen, ſtaubigen Stiefel zu entledigen. Ein Stück der Kleider ward hierhin, das andere dorthin gelegt. Ein Diener brachte Lichter, und eine Magd ein Speiſebrett mit reichlicher Nahrung verſehen. Sie aßen ſchnell und ohne Auswahl. Dann ſchauten ſie bald bei dem einen, bald bei dem andern Fenſter hinaus, gingen in dem Zimmer herum, beſahen die Geſchenke, die Ferdinand erſt geſtern bekommen hatte, zähl⸗ ten die rothen Abendwolken, kleideten ſich vollends aus und legten ſich auf ihre Betten. In denſelben redeten ſie noch fort; aber ehe einige Minuten vergingen, war keiner mehr mächtig weder zu reden noch zu denken; denn ſie lagen Beide in tiefem Schlafe. Das Nämliche mochte auch mit den Andern ſein, welchen dieſelbe Luſt mit ihnen heute zu Theil geworden war.—— Während die Jünglinge dieſen Tag ſo gefeiert hatten, war auf einer anderen Stelle etwas anderes geweſen: Ein Greis hatte den Tag damit zugebracht, daß er im Sonnenſcheine auf der Bank vor ſeinem Hauſe geſeſſen war. Weit von dem grünen Baumplatze, wo die Nach⸗ tigallen geſchlagen und die Jünglinge ſo fröhlich gelacht hatten, lag hin⸗ ter den glänzenden blauen Bergen, die die Ausſicht des Platzes beſäum⸗ ten, eine Inſel mit dem Hauſe. Der Greis ſaß an dem Hauſe und zit⸗ terte vor dem Sterben. Man hätte ihn vorher ſchon viele Jahre können ſitzen ſehen, wenn er überhaupt gerne Augen zugelaſſen hätte, ihn zu ſehen. Weil er kein Weib gehabt hatte, ſaß an dem Tage keine alte Ge⸗ fährtin neben ihm auf der Bank, ſo wie an allen Orten, wo er vor der Erwerbung des Inſelhauſes geweſen ſein mag, nie eine Gattin bei ihm war. Er hatie nie Kinder gehabt und nie eine Qual oder Freude an Kindern erlebt, es trat daher keines in den Schatten, den er von der Bank auf den Sand warf. In dem Hauſe war es ſehr ſchweigſam, und *5 —— n wenn er zufällig hinein ging, ſchloß er die Thür ſelbſt, und wenn er her⸗ ausging, öffnete er ſie wieder ſelbſt. Während die Jünglinge auf ihrem Berge emporgeſtrebt waren, und ein wimmelndes Leben und dichte Freude ſie umgab, war er auf ſeiner Bank geſeſſen, hatte auf die an Stäbe ge⸗ bundenen Frühlingsblumen geſchaut, und die leere Luft und der vergeb⸗ liche Sonnenſchein hatten um ihn geſpielt. Als die Jünglinge nach Vollbringung des Tages auf ihr Lager geſunken und in Schlummer ver⸗ fallen waren, lag er auch in ſeinem Bette, das in einer wohlverwahrten Stube ſtand, und drückte die Augen zu, damit er ſchlafe.— Die nämliche Nacht ging mit dem kühlen Mantel aller ihrer Sterne gleichgültig herauf, ob junge Herzen ſich des entſchwundenen Tages ge⸗ freut und nie an einen Tod gedacht hatten, als wenn es keinen gäbe— oder ob ein altes ſich vor gewaltthätiger Verkürzung ſeines Lebens fürch⸗ tete und doch ſchon wieder dem Ende desſelben um einen Tag näher war. Eintracht. Als das erſte blaſſe Licht des andern Tages leuchtete, ging Victor ſchon in den noch öden Gaſſen der Stadt dahin, daß ſeine Tritte hallten. Es war anfänglich noch kein Menſch zu erblicken; dann begegnete ihm manche verdrießliche, verſchlafene Geſtalt, die zu früher Arbeit mußte; und ein beginnendes fernes Wagenraſſeln zeigte, daß man ſchon anfange, Lebensmittel in die große bedürfende Stadt zu führen. Er ſtrebte dem Stadtthore zu. Außer demſelben wurde er von dem kühlen, feuchten Grün der Felder empfangen. Der erſte Sonnenrand zeigte ſich am Erd⸗ ſaume, und die Spitzen der naſſen Gräſer hatten rothes und grünes Feuer. Die Lerchen wirbelten freudig in der Luft, während die nahe Stadt, die doch ſonſt ſo lärmte, faſt noch völlig ſtumm war. Als er ſich außer den Mauern fühlte, ſchlug er ſogleich einen Weg durch die Felder gegen jenen grünen Baumplatz ein, von welchem wir ſagten, daß geſtern dort die Nachtigallen geſchlagen und die Jünglinge geſcherzt hatten. Er erreichte ihn nach einer nicht ganz zweiſtündigen Wanderung. Von da machte er den nämlichen Weg, wie geſtern mit den Freunden. Er ſtieg die ſchiefe Berglehne mit den Gebüſchen hinan, er kam an den Rand des Waldes, ſah ſich da nicht um, drang unter die Bäume ein, eilte fort, und ſtieg dann über die Wieſe mit den Frucht⸗ bäumen in das Thal hinab, von dem wir ſagten, daß es ſo ſtille iſt, und daß in demſelben die zwei ſpiegelnden Bäche rinnen. Als er in dem Grunde des Thales angekommen war, ging er über den erſten Steg, nur daß er heute, gleichſam wie zu einer Begrüßung, ein wenig auf die glänzenden Kieſel hinab ſah„über welche das Waſſer dahin rollte. Dann ging er über den zweiten Steg, und ging an dem Waſſer dahin. Abet er ging heute nicht bis zu d welchem ſie geſtern gegeſſen hatten, ſondern Hi iher bog er an einer Stelle, wo ein großer Fliederbuſch ſtand, der ſein e und Wurzeln mit dem Waſſer ſpielen ließ, von dem Wege ab, 1 gin den Flieder und das Gebüſche hinein. Dort war eine aſch artenplanke, die ihre Farbe von den unzähligen Regen und Sonnenſtrahlen erhalten hatte, und in der Planke war ein kleines Thürchen. Das Thürchen öffnete Victor und ging hinein. Es war wie ein Gartenplaß hier, und etwas ferner auf dem Platze blickte die lange weiße Wand eines niederen Hau⸗ ſes, ſich ſanft von Hollundergeſträuchen und Obſtbäumen abhebend, herüber. Das Haus hatte glänzende Fenſter, und hinter denſelben hingen ruhige weiße Vorhänge nieder. Victor ging an dem Gebüſchrande gegen die Wohnung zu. Als er auf den freien Sandplatz vor dem Hauſe gekommen war, auf dem der Brunnen ſtand und ein bejahrter Apfelbaum war, an den ſich wieder Stangen und allerlei andere Dingen lehnten, wurde er von einem alten Spitz angewedelt und begrüßt. Die Hühner, ebenfalls freundliche Um⸗ wohner des Hauſes, ſcharrten unter dem Apfelbaume unbeirrt fort. Er ging in das Haus hinein, und über den kniſternden Flurſand in die Stube, aus welcher ein reiner gebohnter Fußboden heraus ſah. In der Stube war blos eine alte Frau, die gerade ein Fenſter ge⸗ öffnet hatte, und damit beſchäftigt war, von den weißgeſcheuerten Tiſchen, Stühlen und Schreinen den Staub abzuwiſchen, und die Dinge, die ſich etwa geſtern Abends verſchoben hatten, wieder zu recht zu ſtellen. Durch das Geräuſch des Hereintretenden von ihrer Arbeit abgelenkt, wendete ſie — 0 ihr Antlitz gegen ihn. Es war eines jener ſchönen alten Frauenantlitze, die ſo ſelten ſind. Ruhige ſanſte Farben waren auf ihm, und jedes der unzähligen kleinen Fältchen war eine Güte und eine Freundlichkeit. Um alle dieſe Fältchen waren hier noch die unendlich vielen andern einer ſchneeweißen gekrauſeten Haube. Auf jeder der Wangen ſaß ein kleines, feines Fleckchen Roth. „Schau, biſt Du ſchon da, Victor,“ ſagte ſie,„ich habe auch die Milch wieder vergeſſen, daß ich ſie warm gehalten hätte. Es ſteht wohl alles an dem Feuer, aber dasſelbe wird ausgegangen ſein. Warte, ich will es wieder anblaſen.“ „Ich bin nicht h Ferdinand, ehe ich Abendmahle, das x „Du mußt ſchon bei vier S utter,“ ſagte nhenn ich habe bei ei Schnitten Kaltes von dem geſtrigen ſtand, gegeſſen.“ hungrig ſein,“ antwortete die Frau,„weil Du in der Morgenluft und dann durch den feuchten aber ſie dauern nicht ewig— und im Gehen merkſt Du auch die Mü⸗ digkeit nicht, aber wenn Du eine Weile ſitzeſt, dann ſchmerzen die Füße.“ Sie ſagte nichts weiter und ging in die Küche hinaus. Victor ſetzte ſich indeſſen auf einen Stuhl nieder. Als ſie wieder hereingekommen war, ſagte ſie:„Biſt Du müde?“ „Nein,“ antwortete er. „Du wirſt wohl müde ſein— fteilich müde— warte nur, warte ein wenig, es wird gleich alles warm ſein.“ Victor antwortete nicht darauf, ſondern tief niedergebückt gegen den Spitz, der mit ihm hereingegangen war, ſtrich er mit der flachen Hand über die weichen langen Haare desſelben, der ſich ebenfalls liebkoſend an dem Jünglinge aufgerichtet hatte und beſtändig in ſeine Augen ſchaute — er ſtrich immer an der nämlichen Stelle, und blickte auch immer auf dieſe nämliche Stelle, als wäre eine recht ſchwere tiefe Bewegung in ſei⸗ nem Herzen. Die alte Mutter ſetzte indeſſen ihr Geſchäft fort. Sie war ſehr fleißig. Wenn ſie den Staub nicht erreichen konnte, ſo ſtellte ſie ſich auf * die Spitzen ihrer Zehen, um den unſauberen Gaſt fort zu bringen. Hie⸗ bei ſchonte und liebte ſie die älteſten unbrauchbarſten Dinge. Da lag auf einem Schreine ein altes Kinderſpielzeug, das ſchon lange nicht ge⸗ braucht worden war, und vielleicht nie mehr gebraucht werden wird— es war ein Pfeifchen mit einer hohlen Kugel, in der klappernde Dinge waren— ſie wiſchte es rings um ſauber ab, und legte es wieder hin. „Aber warum erzählſt Du denn nichts?“ ſagte ſie plötzlich, da ſie das rings um herrſchende Schweigen zu bemerken ſchien. „Weil mich ſchon gar nichts mehr freut,“ antwortete Victor. Die Frau ſagte kein Wort, kein einzig Wörtlein, auf dieſe Rede, ſondern ſie ſetzte ihr Abwiſchen fort, und ihr ſtetes Ausſchlingen des Tuches beim offenen Fenſter. Nach einer Weile ſagte ſie:„Ich habe Dir oben den Koffer und die Kiſten ſchon hergerichtet. Da Du geſtern aus wareſt, habe ich den gan⸗ zen Tag damit verbracht. Die Kleider habe ich zuſammengelegt, wie ſie in den Koffer gethan werden müſſen. Auch die Wäſche, welche aus⸗ gebeſſert iſt, liegt dabei. Die Bücher mußt Du ſchon ſelber beſorgen, und eben ſo das, was Du in das Ränzlein zu thun gedenkſt. Ich habe Dir einen weichen feinen Lederkoffer gekauft, wie Du einmal geſagt haſt, daß ſie Dir ſo gefallen.— Aber wo willſt Du denn hin, Victor?“ „Einpacken.“ „Mein Gott, Kind, Du haſt ja noch nicht gegeſſen. Warte nur ein Weilchen. Jetzt wird es wohl ſchon warm ſein.“ Victor wartete. Sie ging hinaus und brachte zwei Töpſchen, eine Schale, eine Taſſe und ein Stück Milchbrod auf einem runden, reinen meſſingberänderten Brette herein. Sie ſtellte alles nieder, ſchenkte ein, koſtete, ob es gut und gehörig warm ſei, und ſchob dann das Ganze vor den Jüngling hin, es dem Dufte der Dinge überlaſſend, ob er ihn an⸗ locken werde oder nicht. Und in der That: ihre Erfahrung täuſchte ſie nicht; denn der Jüngling, der Anfangs nur ein wenig zu koſten begann, ſetzte ſich endlich wieder nieder, und aß mit all dem guten Behagen und Gedeihen, das ſo ſehr der Jugend eigen iſt. Sie war indeſſen allgemach fertig geworden, und ihre Abwiſchtücher zuſammenlegend, ſchaute ſie zu Zeiten freundlich und lächelnd auf ihn hin. Als er endlich alles Hereingebrachte verzehrt hatte, gab ſie dem Spitz noch die kleinen Ueberreſte, die da waren, und trug dann das Ge⸗ ———— ſchirr wieder in die Küche hinaus, daß es von der Magd gereinigt werde, wenn ſie nach Hauſe komme; denn dieſelbe war auf den Kirchenplatz des Thales hinaus gegangen, um manche Bedünfniſſe für den heutigen Tag einzukaufen. Als ſie wieder von der Küche herein gekommen war, ſtellte ſich die Frau vor Victor hin, und ſagte:„Jetzt haſt Du Dich erquickt, und nun höre mich an. Wenn ich wirklich Deine Mutter wäre, wie Du mich im⸗ mer nennſt, ſo würde ich recht böſe auf Dich werden, Victor; denn ſiehe ich muß Dir ſagen, daß Dein Wort groß Unrecht iſt, welches Du erſt ſagteſt, daß Dich nichts mehr freue. Du verſtehſt es jetzt nur noch nicht, wie unrecht es iſt. Wenn es ſelbſt etwas Trauriges wäre, das auf Dich harrt, ſo ſollteſt Du ein ſolches Wort nicht ſagen. Siehe mich an, Victor, ich bin jetzt bald ſiebenzig Jahre alt, und ſage noch nicht, daß mich nichts mehr freue, weil einen alles, alles freuen muß, da die Welt ſo ſchön iſt und noch immer ſchöner wird, je länger man lebt. Ich muß Dir nur geſtehen— und Du wirſt ſelber auf meine Erfahrung kommen, wenn Du älter wirſt— als ich achtzehn Jahre alt war, ſagte ich auch alle Au⸗ genblicke, mich freut nichts mehr— ich ſagte es nämlich, wenn mir die⸗ jenige Freude verſagt wurde, die ich mir gerade einbildete. Dann wünſchte ich alle Zeit weg, welche mich noch von einer künftigen Freude trennte, und bedachte nicht, welch ein koſtbares Gut die Zeit iſt. Wenn man älter wird, lernt man die Dinge und Weile, welche auch noch immer kürzer wird, erſt recht ſchätzen. Alles, was Gott ſendet, iſt ſchön, wenn man es auch nicht begreift— und wenn man nur recht nachdenkt, ſo ſieht man, daß es blos lauter Freude iſt, was er gibt; das Leid legen wir nur ſelber dazu. Haſt Du im Hereingehen nicht geſehen, wie der Sallat an der Holzplanke, von dem noch geſtern kaum eine Spur war, heute ſchon aller hervor iſt?“ „Nein, ich habe es nicht geſehen,“ antwortete Victor. „Ich habe ihn vor Sonnenaufgang angeſchaut, und mich darüber gefreut,“ ſagte die Frau.„Ich werde es mir von nun an ſogar ſo ein⸗ richten, daß kein Menſch von mir mehr ſagen kann, er habe mich eine Thräne aus Schmerz weinen geſehen, wenn auch ein Schmerz käme, der doch wieder nur eine andere Art Freude iſt. In meiner Jugend habe ich große, große, und heiße Schmerzen gehabt; aber ſie ſind alle zu meinem Wohle und zu meiner Beſſerung— oft ſogar zu irdiſchem Glücke aus⸗ gefallen. Ich ſage das alles, Victor, weil Du bald fort gehſt. Du ſoll⸗ teſt Gott ſehr danken, mein Kind, daß Du die jungen Glieder und den geſunden Körper haſt, um hinaus gehen und alle die Freuden und Won⸗ nen gufſuchen zu können, die nicht zu uns herein kommen.—— Siehe, Dy haſt kein Vermögen— Dein Vater hat von dem Mißgeſchicke, das ihn hienieden traf, vieles ſelbſt verſchuldet, jenſeits wird er wohl die ewige Seligkeit haben; denn er war ein guter Mann und hat immer ein weiches Herz gehabt, wie Du. Als ſie Dich nach der Verordnung des Teſtamentes Deines verſtorbenen Vaters zu mir brachten, damit Du bei mir lebeſt, und auf dem Dorfe für Dich lerneſt, um was ſie Dich dann immer in der Stadt fragen würden, hatteſt Du ſo viel als nichts. Aber Du biſt herangewachſen, und nun haſt Du ſogar das Amt erhalten, um welches ſo viele geworben haben, und um welches ſie Dich beneiden. Daß Du jetzt fort mußt, iſt nichts, und liegt in der Natur begründet; denn alle die Männer müſſen von der Mutter, und müſſen wirken. Du haſt daher lauter Gutes erfahren. Du ſollſt deßhalb zu Gott Dein Ge⸗ bet verrichten, daß er Dir alles gegeben hat, und Du ſollſt demüthig ſein, daß Du die Gaben haſt, es zu verdienen.—— Siehſt Du, Victor, alles das zuſammengefaßt, würde ich über Deine Rede böſe ſein, wenn ich Deine Mutter wäre, weil Du Gott den Herrn nicht erkennſt: aber weil ich Deine Mutter nicht bin, ſo weiß ich nicht, ob ich Dir ſo viel Liebes und Gutes gethan habe, daß ich mich ſonſt auch erzürnen darf, und zu Dir ſagen: Kind, das iſt nicht recht von Dir, und es iſt ganz und gar nicht gut.“ „Mutter, ich habe es auch in dem Sinne nicht gemeint, wie Ihr es nehmt,“ ſagte Victor. „Ich weiß, mein Kind, und betrübe Dich auch nicht zu ſehr über meine Rede,“ erwiederte die Mutter.„Ich muß Dir nun auch ſagen, Victor, daß Du jetzt gar nicht ſo arm biſt, als Du vielleicht denken magſt. Ich habe Dir oft geſagt, wie ich erſchrocken bin— das heißt, aus Freude bin ich erſchrocken— als ich erfahren habe, Dein Vater hätte in ſein Teſtament geſetzt, daß Du bei mir erzogen werden ſolleſt. Er hat mich ſchon recht gut gekannt und hat das Vertrauen zu mir gehabt. Ich glaube, es wird nicht getäuſcht worden ſein. Victor, mein liebes, mein theures Kind, ich werde Dir jetzt ſagen, was Du haſt. Du haſt an Linnen— das iſt der auserleſenſte Theil unſerer Kleider, weil er am nächſten an dem Körper iſt, und ihn ſchützt und geſund erhält— ſo viel, daß Du täglich wechſeln kannſt, wie Du es bei mir gelernt haſt. Wir haben alles ausgebeſſert, daß kein Faden davon ſchadhaft iſt. Für die Zukunft wirſt Du immer noch erhalten, was Du brauchſt. Hanna bleicht draußen Stücke, wovon die Hälfte ſchon für Dich gerechnet iſt— und Stricken, Nähen, Ausbeſſern werden wir beſorgen. Im andern Ge⸗ wande biſt Du anſtändig; Du kannſt Dich dreimal anders anziehen, das nicht gerechnet, was Du eben am Leibe haſt. Es iſt jetzt alles feiner her⸗ gerichtet worden, als Du es bisher gehabt haſt; denn ein Mann, Victor, der ſein erſtes Amt antritt, iſt wie ein Bräutigam, der ausgeſtattet wird — und er ſoll auch im Stande der Gnade ſein, wie ein Bräutigam. Das Geld, welches ſie mir alle Jahre für Deinen Unterhalt geben mußten, habe ich angelegt, und habe immer die Zinſen wieder dazu gethan. Das haſt Du nun alles. Der Vormund weiß es nicht und braucht es auch nicht zu wiſſen; denn Du mußt ja auch etwas für Dich haben, daß Du es ausgeben kannſt, wenn ſich andere ſehen laſſen, damit Dir das Herz nicht zu wehe thut. Wenn Dir Dein Oheim das kleine Gütchen entreißt, welches noch da iſt, ſo betrübe Dich nicht, Victor; denn es ſind ſo viele Schulden darauf, daß kaum mehr ein einziger Dachziegel dazu gehört. Ich bin in dem Amte geweſen, und habe mir es für Dich aufſchlagen laſſen, damit ich es weiß. Manches Mal einen Nothpfennig bekommſt Du ſchon von mir auch noch. So iſt alles gut.— Zu Deinem Oheime mußt Du nun ſchon die Reiſe machen, ehe Du in das Amt eintrittſt, weil er es ſo wünſcht. Wer weiß, wozu es! gut iſt— Du verſtehſt das noch nicht. Der Vormund erkennt auch die Nothwendigkeit, daß Du Dich dem Wunſche einer Fußwanderung zu dem Oheime fügeſt. Haſt Du geſtern Roſina geſehen?“ „Nein, Mutter; wir ſind ſpät Abends zurück gekommen, haben in dem Zimmer Ferdinand's geſpeiſet, und heute bin ich mit Tagesanbruch fort gegangen, weil ſo viel zu thun iſt. Der Vormund hat geſagt, daß ich meine Fußreiſe über die Stadt antreten und bei dieſer Gelegenheit von ihnen allen Abſchied nehmen ſoll.“ „Siehſt Du, Victor, Roſina könnteſt Du einmal zu Deiner Frau bekommen, wenn Du in Deinem Berufe recht thätig biſt. Sie iſt ſehr ſchön, und denke, wie ihr Vater mächtig iſt. Er hat die läſtige Vormund⸗ ſchaft über Dich ſehr redlich und fleißig verwaltet, und iſt Dir nicht ab⸗ Fr geneigt; denn er hatte immer viele Freude, wenn Du Deine Prüfungen gut gemacht hatteſt. Aber laſſen wir das, zu dieſer Heirath iſt es noch weit hin.—— Dein Vater könnte jetzt auch ſo hoch ſein, oder noch höher; denn er hat einen gewaltigen Geiſt gehabt, den ſie nur nicht kann⸗ ten. Deine eigene leibliche Mutter hat ihn nicht einmal gekannt. Und gut iſt er geweſen, ſo ſehr gut, daß ich jetzt noch manchmal daran denke, wie er gar ſo gut geweſen iſt. Deine Mutter iſt auch recht lieb und fromm geweſen, nur iſt ſie viel zu frühe für Dich geſtorben.—— Sei nicht traurig, Victor— gehe nun hinauf in Deine Stube, und bringe alles in Ordnung. Die Kleider mußt Du nicht auseinander reißen, ſie liegen ſchon ſo, wie ſie in den Koffer paſſen. Sei bei dem Hineinlegen ſorgſam, daß nichts zu ſehr verknittert wird.— So.—— Ehe Du hin⸗ auf gehſt, Victor, höre noch eine Bitte von Deiner Ziehmutter: wenn Du heute oder morgen noch mit Hanna zuſammen triffſt, ſo ſage ihr ein gutes Wort; es iſt nicht recht geweſen, daß ihr Euch nicht immer gut vertragen habt!— So, Victor, gehe nun; denn ein Tag iſt gar nicht ſo lange.“ Der Jüngling ſagte gar nichts auf dieſe Rede, ſondern er ſtand auf, und ging hinaus, wie einer, dem das Herz in Wehmuth ſchwimmt. Und wie man vft bei innerer Bewegung in der äußern ungeſchickt iſt, geſchah es ihm auch, daß er die Schulter an die Faſſung der Thür anſtieß. Der Spitz ging mit ihm hinauf. Oben in ſeiner Stube, in der er nun ſo viele Jahre gewohnt hatte, war es erſt recht traurig; denn nichts ſtand ſo, wie es in den Tagen der ruhig dauernden Gewohnheit geſtanden war. Nur eines war noch ſo: der große Hollunderbuſch, auf den ſeine Fenſter hinaus ſahen, und das rie⸗ ſelnde Waſſer unten, das einen feinen zitternden Lichtſchein auf die Decke ſeines Zimmers herauf ſandte; die Berge waren noch, die ſonnenhell ſchweigend und hütend das Thal umſtehen; und der Obſtwald war noch, der im Grunde des Thales in Fülle und Dichte das Dorf umhüllt, und recht ftuchtbar und ſegenbringend in der warmen Luft ruht, die zwiſchen die Berge geklemmt iſt. Alles andere war anders. Die Laden und Fächer der Käſten waren heraus geriſſen und leer, und ihr Inhalt lag außen auf ihnen herum: die blüthenweiße Linnenwäſche, nach Stücken geordnet— dann die Kleider, rein zuſammen gelegt und in gehörige Stöße abgetheilt — andere Dinge, die theils in den Koffer gepackt werden ſollten, theils in das Wanderränzchen gehörten, das ſchon geöffnet auf einem Seſſel lag und wartete— auf dem Bette waren fremde Sachen, auf dem Boden ſtand der Koffer mit gelöſtem Riemzeug und lagen zerriſſene Papiere: nur die Taſchenuhr, auf ihrem gewöhnlichen Platze hängend, pickte, wie ſonſt, und nur die Bücher ſtanden in den Schreinen, wie ſonſt, und harrten auf ihren Gebrauch. Victor ſah das alles an, aber er that nichts. Statt einzupacken, ſetzte er ſich auf einen Stuhl, der in der Ecke des Zimmers ſtand, und drückte den Spitz an ſein Herz. Dann blieb er ſitzen. Die Klänge der Thurmuhr kamen durch die offenen Fenſter herein, wie ſie die Stunde ausſchlug, aber Victor wußte nicht, die wie vielte es ſei— die Magd, welche zurück gekommen war, hörte man aus dem Gar⸗ ten herauf ſingen— auf den fernen Bergen glizzerte es zuweilen, als wenn ein blankes Silberſtück oder ein Glastäfelchen dort läge— das Lichtzittern auf der Stubendecke hatte aufgehört, weil die Sonne ſchon zu hoch hinüber gegangen war— das Horn des Hirten war zu verneh⸗ men, der auf den Bergen ſeine Thiere trieb— die Uhr ſchlug wieder: aber der Jüngling ſaß immer auf dem Stuhle und der Hund ſaß vor ihm und ſchaute ihn unbeweglich an. Endlich als er die Tritte ſeiner Mutter über die Treppe herauf hörte, ſprang er plötzlich auf und ſtürzte an ſein Geſchäft. Er riß die Flügel des Bücherkaſtens auseinander und begann ſchnell die Bücher ſtoßweiſe auf den Boden heraus zu legen Die Frau aber ſteckte blos ein wenig den Kopf bei der gelüfteten Thür herein, und da ſie ihn ſo beſchäftigt ſah, zog ſie ſich wieder zurück und ging auf den Zehen davon. Er aber, da er ſich einmal in Thätigkeit geſetzt hatte, blieb auch dabei und arbeitete feuereifrig fort. Alle Bücher wurden aus den zwei Bücherkäſten heraus gethan, bis ſie leer waren und die ledigen Fächer in das Zimmer ſtarrten. Dann band er die Bücher in Stöße und legte ſie in eine bereit ſtehende Kiſte, deren Deckel er, als die Bücher untergebracht waren, feſt ſchraubte und mit einer Aufſchrift verſah. Hierauf ging er an ſeine Papiere. Alle Fächer des Schreibtiſches und der zwei andern Tiſche wurden heraus gezogen, und alle Schriften, die darin waren, Stück für Stück unterſucht. Einiges wurde blos angeſchaut und an beſtimmten Stellen zum ſofortigen Ein⸗ packen zuſammen gelegt, anderes wurde geleſen, manches zerriſſen und auf die Erde geworfen, und manches in die Rock⸗ oder Brieftaſche gelegt. Endlich, da auch alle Tiſchfächer leer waren und auf ihren Boden nichts zeigten, als den traurigen Staub, der die langen Jahre her hinein gerie⸗ ſelt war, und die Spalten, die ſich unterdeſſen in dem Holze gebildet hat⸗ ten, band er auch die hingelegten Schriften in Bündel, und legte ſie in den Koffer. Nun ging er an die Kleider und an das Kofferpacken. Man⸗ ches Gedenkſtück früherer Tage, als ein kleines ſilbernes Handleuchterchen, ein Futteral mit einer Goldkette, ein Fernrohr, zwei kleine Piſtolen und endlich ſeine geliebte Flöte wurden unter die weiche, ſchonende Wäſche untergebracht. Als alles beendet war, wurde der Deckel geſchloſſen, das Riemzeug verſchnallt, das Schloß geſperrt, und oben eine Aufſchrift auf⸗ geklebt. Der Koffer und die Kiſte mußten fort geſendet werden, das Ränzchen aber, welches noch auf dem Stuhle lag, ſollte die Dinge ent⸗ halten, welche er auf ſeine Fußwanderung mitnehmen würde. Er packte es ſchnell voll und ſchnallte es dann mit ſeinem Riemzeug zuſammen. Als er nun mit allem fertig war ſchaute er noch einmal in dem Zim⸗ mer und an den Wänden herum, ob nichts liege oder hänge, was noch eingepackt werden müſſe: aber es war nichts mehr da, und die Stube blickte ihn verwüſtet an. Unter dem Gewirre der fremden Dinge und der ebenfalls gleichſam fremdgewordenen Geräthe ſtand das einzige Bett noch, wie bisher; aber auch auf ihm lag verunreinigender Staub, oder lagen Stücke zerriſſenen Papieres. So ſtand er eine Weile. Der Spitz, der bisher dem Treiben mit Verdacht ſchöpfenden Augen zugeſchaut hatte und keinen einzigen Handgriff außer Acht laſſend bald rechts bald links aus⸗ gewichen war, je nachdem er den Jüngling hinderte, ſtand nun auch ruhig vor ihm, und blickte empor, gleichſam fragend:„Was nun?“ Victor aber wiſchte ſich mit der flachen Hand und mit dem Tuche den Schweiß von der Stirne, nahm eine Bürſte, die da lag, fegte damit den Staub von ſeinen Kleidern und ſtieg dann die Treppe hinab. Es war indeſſen viele Zeit vergangen, und die Dinge hatten ſich unten geändert. In der Stube war Niemand. Die Morgenſonne, welche ſo freundlich hereingeſchienen und die Fenſtervorhänge ſo ſchimmerweiß gemacht hatte, als er heute früh aus der Stadt gekommen war, iſt nun eine Mittagsſonne geworden, und ſtand gerade über dem Dache, ihr blen⸗ dend Licht und ihren warmen Strom auf das graue Holz desſelben nieder ſenkend. Die Obſtbäume ſtanden ruhig, ihre am Morgen ſo naſſen und Stifter. 4. Aufl. III. 2 funkelnden Blätter ſind trocken geworden, glänzen nur mehr matt, regen ſich nicht, und die Vögel in den Zweigen picken ihr Futter. Die Fenſter⸗ vorhänge ſind zurück geſchlagen, die Fenſter offen, und die heiße Land⸗ ſchaft ſchaut herein. In der Küche lodert ein glänzendes rauchloſes Feuer, die kochende Magd ſteht dabei.— Alles iſt in jener tiefen Stille, von der die Heiden einſt ſagten:„Pan ſchläft.“ Victor ging in die Küche, und fragte, wo die Mutter ſei. „In dem Garten, oder ſonſt wo herum,“ antwortete die Magd. „Und wo iſt Hanna?“ fragte Victor wieder. „Sie iſt vor wenigen Augenblicken hier geweſen,“ erwiederte die Magd,„ich weiß nicht, wo ſie hingegangen iſt.“ Victor ging in den Garten hinaus und ging zwiſchen reinlichen Be⸗ ten dahin, die er ſo lange gekannt hatte, und auf denen die verſchiedenen Dinge knospeten und grünten. Der Gartenknecht ſetzte Pflanzen und ſein Söhnlein pumpte Waſſer, wie es ſonſt oft geweſen war. Victor fragte um die Mutter: man hatte ſie in dem Garten nicht geſehen. Er ging weiter an Johannisbeeren, Stachelbeeren, an Obſtbäumen und Hecken vorüber. Zwiſchen den Stämmen ſtand das hohe Gras und in den Einfaſſungen blühten manche Blümlein. Von der Gegend des Glas⸗ hauſes, deſſen Fenſter in der Wärme offen ſtanden, tönte eine Stimme herbei:„Victor, Victor!“ Der Gerufene, welcher durch ſeine feurige Arbeit in ſeiner Stube oben einen Theil der Bekümmerniß zerſtreut hatte, die wegen der nahen Fortreiſe über ihn gekommen war, wendete bei dieſem Rufe ſein erheiter⸗ tes Antlitz gegen die Glashäuſer. Es ſtand ein ſchönes, ſchlankes Mäd⸗ chen dort, welches ihm winkte. Er ſchritt den nächſten Weg durch das Gartengras zu ihr hinüber. „Victor,“ ſagte ſie, als er bei ihr angelangt war,„biſt Du denn ſchon da, ich habe ja gar nichts davon gewußt, wann biſt Du denn ge⸗ kommen?“ „Ja ſehr früh Morgens, Hanna!“ „Ich bin mit der Magd einkaufen geweſen, darum habe ich Dich nicht ankommen geſehen. Und wo biſt Du denn dann darauf geweſen?“ „Ich habe in meiner Stube meine Sachen eingepackt.“ „Die Mutter hat mir auch gar nicht geſagt, daß Du ſchon da ſeieſt, und ſo habe ich gemeint, Du würdeſt etwa lange geſchlafen haben und erſt Nachmittags aus der Stadt herüber kommen.“ „Das war eine thörichte Meinung, Hanna. Werde ich denn bis in den Tag ſchlafen, oder bin ich denn ein Schwächling, der einen Spazier⸗ gang vom Tage inie durch Ruhe verwenden muß, oder iſt es etwa weit herüber, oder ſoll ich die Mittagshitze wählen?“ „Warum haſt Du denn geſtern gar nicht auf unſere Fenſter herüber geſchaut, Victor, da ihr vorbei ginget?“ „Weil wir Ferdinand's Geburtstag feierten, und nach Einverſtänd⸗ niß der Eltern den ganzen Tag für uns beſaßen. Deßwegen hatten wir keinen Vater, keine Mutter, noch ſonſt Jemanden, der uns etwas befeh⸗ len durfte. Darum war auch unſer Dorf blos der Ort, wo wir zu Mit⸗ tag eſſen wollten, weil es ſo ſchön iſt, weiter nichts. Verſtehſt D ues!“ „Nein; denn ich hätte doch herüber „Weil Du alles vermengſt, weil Du neugierig biſt und Dich nicht beherrſchen kannſt. Wo iſt denn die Mutter? ich habe etwas Noth⸗ wendiges zu ſagen: erſt war ich nur nicht gleich gefaßt, ſie mit mir redete, jetzt weiß ich aber ſchon, was ich antworten ſoll.“ „Sie iſt auf der Bleiche.“ „Da muß ich alſo hinüber gehen.“ „So gehe, Victor,“ ſagte das indem es ſich um die Ecke des Glashauſes herumwendete. Victor ging ſofort, ohne ſonderlich auf ſie zu achten, gegen die ihm wohlbekannte Bleiche. Es iſt hinter dem Garten ein Platz mit kurzem ſammtenen Graſe, auf welchem weithin in langen Streifen die Leinwand aufgeſpannt lag. Dort ſtand die Mutter und betrachtete den wirthlichen Schnee zu ihren Füßen. Zuweilen prüfte ſie die Stellen, ob ſie ſchon trocken ſeien, zu⸗ weilen befeſtigte ſie eine Schlupfe an dem Haken, mit dem das Linnen an den Boden geſpannt war, zuweilen hielt ſie die flache Hand wie ein Dächlein über die Augen und ſchaute in der Gegend herum. Victor trat zu ihr. „Biſt Du ſchon fertig,“ ſagte ſie,„oder haſt Du Dir etwas auf Nachmittag gelaſſen? Richt wahr, es iſt viel, wie wenig es auch aus⸗ ſieht. Du biſt heute weit gegangen, thue den Reſt nach dem Eſſen, oder morgen. Ich hätte geſtern alles ſelber packen können, und wollte es 2* ——— 20— auch thun; aber da dachte ich; er muß ſelber daran gehen, daß er es lernt.“ „Nein, Mutter,“ antwortete er,„ich habe nichts übrig gelaſſen, ich bin ſchon ganz fertig.“ „So?“ ſagte die Mutter,„laß ſehen.“ Bei dieſen Worten griff ſie gegen ſein Stirne. Er neigte ſich ein wenig gegen ſie, ſie ſtreifte ihm eine Locke, die ſich bei der Arbeit nieder geſenkt hatte, weg, und ſagte:„Du haſt Dich recht erhitzt.“ „Es iſt ſchon der Tag ſo warm,“ antwortete er. „Nein, nein, es iſt auch vom Arbeiten. Und wenn Du alles ge⸗ than haſt, ſo mußt Du heute und morgen ſchon in Deinen Reiſekleidern bleiben, und was wirſt Du denn da immer thun?“ „Ich gehe an dem Bache hinauf, an dem Buchengewände und ſo herum. Die Kleider behalte ich an.—— Aber ich bin wegen etwas andetem heraus gekommen, Mutter, und möchte gerne etwas ſagen, aber es wird Euch erzürnen.“ „So erſchrecke mich nicht, Kind, und rede. Willſt Du noch etwas? Geht noch irgend ein Ding ab?“ „Nein, es geht keines ab, eher iſt um eines zu viel. Ihr habt heute eine Rede gethan, Mutter, die mir gleich damals nicht zu Sinne wollte, und die ich nun doch nicht wieder aus demſelben bringe.“ „Welche Rede meinſt Du denn, Victor?“ „Ihr habt geſagt, daß Euch zu meinem Unterhalte ein Geld ange⸗ wieſen worden ſei, das Ihr alle Jahre empfangen ſolltet.— Ihr habt geſagt, daß Ihr das Geld empfangen habt— und ferner habt Ihr ge⸗ ſagt, daß Ihr das Geld für mich auf Zinſen angelegt, und allemal auch die Zinſen dazu gethan habt.“ „Ja, das habe ich geſagt, und das habe ich gethan.“ „Nun ſeht, Mutter, da ſagt mir mein Gewiſſen, daß es nicht recht ſei, wenn ich das Geld von Euch annehme, weil es mir nicht gebührt— und da bin ich gekommen, um es Euch vorher liebet im Guten zu ſagen, als daß ich nachher das Geld ausſchlüge und Euch erzürnte.— Seid Ihr böſe?“ „Nein, ich bin nicht böſe,“ ſagte ſie, indem ſie ihn mit freudeſtrah⸗ lenden Augen anſah——„aber ſei kein thörichtes Kind, Victor! Du ſiehſt wohl ein, daß ich Dich nicht des Gewinnes wegen in mein Haus aufgenommen habe— um des Gewinnes willen hätte ich nie ein Kind genommen— daher iſt ja das, was von dem Gelde jährlich übrig ge⸗ blieben iſt, von rechtswegen Dein. Höre mich an, ich werde es Dir er⸗ klären. Die Kleider hat der Vormund herbei geſchafft, für Speiſen haſt Du keine Auslagen verurſacht— Du aßeſt ja kaum, wie ein Vogel, und das Gemüſe und das Obſt und das andere, wovon Du genoſſeſt, das hatten wir ja alles ſelbſt. Siehſt Du nun?— Und daß ich Dich ſo lieb gewonnen habe, das hat mir Dein Vater nicht aufgetragen, das ſtand auch in keinem Teſtamente, und dafür kannſt Du nichts. Begreifſt Du nun alles?“ „Nein, ich begreife es nicht, und es iſt auch nicht ſo. Ihr ſeid nur wieder zu gut, daß Ihr nichts als Scham auf mein Herz ladet. Wenn nach Abzug der Koſten wirklich in jedem Jahre etwas übrig geblieben wäre, und Ihr hättet das für mich aufbewahrt, ſo wäre es ſchon nur eine Liebe und Güte geweſen; und nun ſagt Ihr, daß alles übrig geblie⸗ ben iſt,— was man faſt nur mit Schmerzen anhören kann.— Ihr habt ohnedies gethan, was kaum zu verantworten iſt: Ihr habt mir nicht nur eine ſchöne Stube gegeben, ſondern habt auch gerade das hinein ge⸗ ſtellt, was mir lieb und werth war; Ihr habt mir Speiſe und Trank verſchafft und Euch nur Arbeit. Das ganze Reiſegeräthe habt Ihr jetzt wieder gekauft; von Euren Feldern und Gärten habt Ihr das Nöthige abgekargt, daß ſchöne Linnen und anderes in meiner Lade liegen—— und wenn ich in früheren Zeiten alles hatte, was ich bedurfte, ſo ginget Ihr hin, und gabet mir noch etwas— und wenn ich auch das hatte, ſo ſtecktet Ihr mir jeden Tag noch heimlich zu, was Euch däuchte, daß es mich freuen wird.— Ihr habt mich lieber gehabt als Hanna!“ „Nein, mein Victor, da thuſt Du mir unrecht. Du verſtehſt das Gefühl noch nicht. Was nicht vom Herzen geht, geht nicht wieder zu Herzen. Hanna iſt meine leibliche Tochter— ich habe ſie im Schoße unter dem eigenen Herzen getragen, das ihrer Ankunft entgegen ſchlug— ich habe ſie dann geboren: in ſpätem Alter iſt mir das Glück zu Theil geworden, als ich ſchon hätte ihre Großmutter ſein können— mitten unter dem Schmerze über den Tod ihres Vaters habe ich ſie doch mit Freuden geboren— dann habe ich ſie erzogen—— und ſie iſt mir daher auch lieber. Ich habe aber auch Dich ſehr geliebt, Victor. Seit du in dieſes Haus gekommen und aufgewachſen biſt, liebte ich Dich ſehr. Oft — 22 war es mir, als hätte ich Dich wirklich unter dem Herzen getragen—— und ich hätte Dich ja eigentlich unter dieſem Herzen tragen ſollen; es war Gottes Wille, wenn es auch nachher anders geworden iſt— ich werde Dir das erzählen, wenn Du älter geworden biſt. Und zuletzt, daß ich es ſage, um Gott und der Wahrheit die Ehre zu geben, Ihr werdet mir wohl beide gleich lieb ſein.—— Mit dem Gelde machen wir es ſo, Victor: man muß keinem Menſchen in ſeinem Gewiſſen Gewalt anthun, und ich dringe daher nicht mehr in Dich; laſſen wir das Geldanliegen bleiben, wo es jetzt liegt, ich werde eine Schrift verfertigen, daß es Dir und Hanna ausgefolgt werde, wenn ihr großjährig ſeid; dann könnt ihr es theilen, oder ſonſt darüber verfügen, wie ihr wollt. Iſt es Dir ſo recht, Victor?“ „Ja, dann kann ich ihr alles geben.“ „Laſſe das nur jetzt ruhen. Wenn die Zeit kömmt, wird ſich ſchon finden, was mit dem Gelde zu machen ſei. Ich will Dir noch auf das andere antworten, was Du geſagt haſt, Victor. Wenn ich Dir heimlich Gutes that, ſo that ich es auch Hanna. Die Mütter machen es ſchon ſo. Seit Du in unſer Haus gekommen biſt, iſt es beinahe, als wäre ein größerer Segen gekommen. Ich konnte für Hanna jährlich mehr er⸗ ſparen, als ſonſt. Die Sorge für zwei iſt geſchicktere und geübtere Sorge, und wo Gott für zwei zu ſegnen hat, ſegnet er oft ſür drei.— — O Victor! die Zeit iſt recht ſchnell vergangen, ſeit Du da biſt. Wenn ich ſo zurück denke an meine einſtige Jugend, ſo iſt es mir: wo ſind denn die Jahre hingekommen, und wie bin ich denn ſo alt geworden? Da iſt noch alles ſo ſchön, wie geſtern— die Berge ſtehen noch, die Sonne ſtrahlt auf ſie herunter, und die Jahre ſind dahin, als wie ein Tag.— Wenn Du Nachmittag, wie Du ſagſt, oder etwa morgen noch einmal in den Wald hinauf gehſt, ſo ſuche eine Stelle auf— man könnte ſie von hier beinahe ſehen— ſiehſt Du, dort oben in der Bergrinne, wo das Licht gleichſam über die grünen Buchen herab rieſelt.— Die Stelle iſt für Dich bedeutſam. Es quillt ein Brünnlein hervor und fließt in die Bergrinne nieder, über das Brünnlein legt ſich ein breiter flacher Stein, und eine ſehr alte Buche ſteht dabei, welche unten einen langen Aſt aus⸗ ſtreckt, auf den man Tücher legen, oder einen Frauenhut aufhängen kann.“ „Ich kenne die Stelle nicht, Mutter, aber wenn Ihr wollt, werde ich hinauf gehen und ſie aufſuchen.“ „Nein, Victor, Dir iſt ſie doch nicht ſo nahe, wie mir— auch wirſt Du andere wiſſen, die in Deinen Augen ſchöner ſind. Laſſen wir das. Sei über alles ruhig, denke nicht mehr an das Geld und ſei nicht trau⸗ rig. Ich weiß es, der Schmerz über die Scheidung iſt ſchon in Dir, und da nimmſt Du alles tiefer auf, als es iſt.—— Du ſagteſt, daß Du heute noch an dem Buchengewände hinauf gehen willſt: haſt Du aber auch geſehen, wie ſich kein Zweiglein in dem Garten rührt, und die Baumwipfel gleichſam in den Lüften ſtocken; ich denke, es könnte ein Gewitter kommen, Du mußt nicht zu weit gehen.“ „Ich gehe nicht zu weit, und ich kenne ſchon die Gewitterzeichen; wenn ſich einige zeigen, gehe ich nach Hauſe.“ „Ja, Victor, halte es ſo, und es iſt gut. Willſt Du nach einem Weilchen mit mir in die Stube hinein gehen— es iſt ſchon bald Mittag — oder willſt Du noch lieber hier herum ſein, bis es Zeit zum Eſſen wird?“ „Ich will noch ein wenig in dem Garten bleiben.“ „So bleibe in dem Garten. Ich werde hier noch die Schlupfen be⸗ feſtigen und nachſehen, ob mir das Geflügel nicht wieder die Leinwand verunreinigt hat.“ Er blieb noch eine Zeit bei ihr ſtehen und ſah ihr zu. Dann ging er in den Garten und ſie blickte ihm nach. Hierauf befeſtigte ſie die eine Schlupfe, und. dann die andere, bis keine mehr fehlte. Sie wiſchte das Stückchen Erde weg, das ein Gänſeſuß oder ein anderer auf das Linnen gebracht hatte. Sie lüftete jetzt dieſe und jetzt jene Stelle, daß ſie nicht zu ſehr an dem Graſe klebe.—— Und ſo oft ſie aufſah, ſah ſie ſich nach Victor um, und erblickte ihn vor dem einen oder dem andern Buſche des Gartens ſtehend, oder herum gehend, oder über die Planke hinaus nach der Gegend ſchauend. Dies dauerte ſo lange, bis plötzlich in der ſtillen heißen Luft das klare Mittagsglöcklein klang— für die Gemeinde das Zeichen zum Gebete, und für dieſes Haus nach ſtetiger Gewohnheit zugleich das Zeichen, daß man ſich zum Mit⸗ tagseſſen verſammeln ſolle. Die Mutter ſah noch, wie ſich Victor auf den Schall des Glöckleins umwandte und dem Hauſe zuſchritt. Dann folgte ſie ihm. Als der Jüngling in das Haus trat, ſah er, daß unterdeſſen Gäſte gekommen waren, nämlich der Vormund und ſeine Familie. Man hatte, wie es bei ſolchen Gelegenheiten oft geſchieht, Victor eine Ueberraſchung machen und nebſtbei einen Tag auf dem Lande zubringen wollen. „Du ſiehſt, mein lieber Mündel,“ ſagte der Vormund zu dem er⸗ ſtaunten Jünglinge,„daß wir artig ſind. Wir wollen Dich heute noch einmal ſehen und ein Abſchiedsfeſt feiern. Du kannſt dann übermorgen, oder wann Deine Reiſeanſtalten fertig ſind, Deinen geraden Weg über die Berge wandern, ohne, wie wir verabredet haben, noch einmal die Stadt zu berühren, um von uns Abſchied zu nehmen. Genieße dann nur recht Deine wenigen noch übrigen Tage der Freiheit, bis Du in das Joch der harten Arbeit mußt.“ „Sei mir gegrüßt, mein Sohn,“ ſagte die Gattin des Vormunds, und küßte Victor, der ſich auf ihre Hand niederbeugen wollte, auf die Stirne. „Nicht wahr, das iſt ſchön geworden, wie es jetzt iſt?“ ſagte Ferdi⸗ nand, der Sohn, indem er dem Freunde die Hand ſchüttelte. Roſina, die Tochter, welche ein wirklich recht ſchönes zwölfjähriges Mädchen war, ſtand ſeitwärts, ſah freundlich um ſich, und ſagte nichts. Victor's Ziehmutter mußte um den bevorſtehenden Beſuch gewußt haben; denn der Tiſch war gerade für ſo viele Menſchen gedeckt, als da waren. Sie grüßte alle ſehr freundlich, als ſie herein kam, ordnete an, in welcher Reihe man an dem Tiſche ſitzen ſollte, und ſagte:„Siehſt Du, Victor, wie Dich alle doch lieb haben.“ Die Speiſen kamen und das Mahl begann. Der Vormund und ſeine Gattin ſaßen oben an, neben Roſinen wurde Hanna, die Ziehſchweſter Victor's, geſetzt, den Mädchen gegenüber waren die Jünglinge, und ganz unten hatte ſich als Wirthin die Mutter hingeſetzt, die häufig aus und ein zu gehen und zu ſorgen hatte. Man genoß die ländlichen Gerichte. Der Vormund erzählte Reiſeabentheuer, die er ſelbſt erlebt hatte, da er noch in den Schulen war, er gab Regeln, wie man mit mäßigem Frohſinne die Welt genießen ſolle, und unterwies Victor, wie er ſich nun zunächſt zu benehmen habe. Die Gattin des Vormunds ſpielte auf eine künftige Braut an, und Ferdinand ſagte, er würde den Freund ſehr bald beſuchen, wenn derſelbe nur einmal in ſeinen Standort würde eingerückt *. — 35 ſein. Victor redete wenig, und verſprach alles genau zu befolgen, was ihm der Vormund anrieth und einprägte. Den Brief, den er ihm an den Oheim mit gab, zu welchem Victor nun unmittelbar und zwar auf die ausdrückliche ſonderbare und etwas eigenfinnige Forderung des Oheims ſelbſt zu Fuße zum Beſuche kommen mußte, verſprach er recht gut aufzu⸗ bewahren, und ſogleich bei der Ankunft abzugeben. Als es gegen Abend ging, machten ſich die Stadtbewohner auf den Heimweg. Sie ließen ihren Wagen, der in dem Gaſthauſe gehalten hatte, in dem engeren Thale bis zu ſeiner Mündung in das weitere vor⸗ ausgehen, und wurden von ihrer Wirthin und Victor und Hanna be⸗ gleitet. „Lebt wohl, Frau Ludmilla,“ ſagte der Vormund, als er in den Wagen ſtieg,„lebe wohl, Victor, und befolge alles, was ich Dir ge⸗ ſagt habe.“ Als er in den Wagen geſtiegen war, als Victor noch einmal gedankt und man ſich allſeitig empfohlen hatte, flogen die Pferde davon. Es war heute ſchon zu ſpät, daß Victor noch weit in den Wald hinauf gegangen wäre. Er blieb zu Hauſe, ſah verſchiedene Dinge in dem Garten an, und unterſuchte noch einmal alle Habe, die er in ſein Ränzchen gepackt hatte. Kbſchied. Der andere Tag, der letzte, den Victor in dieſem Hauſe zuzubringen hatte, brachte nichts Ungewöhnliches. Man packte noch manches, man ordnete das ſchon Geordnete noch einmal, man that, wie es in ſolchen Fällen ſehr gewöhnlich iſt, gegen einander, als ſollte gar nichts vorfallen, und ſo war der Vormittag bald vorüber. Nach dem Mittagseſſen, als man kaum aufgeſtanden war, ging Victor ſchon an dem Bache durch die Gegend hinauf, und wandelte für ſich allein dem Buchengewände und deſſen Steinhängen zu. „Laß ihn gehen, laß ihn gehen,“ ſagte die alte Frau für ſich,„das Herz wird ihm ſchwer ſein.“ „Mutter, wo iſt denn Victor?“ fragte Hanna einmal im Laufe des Nachmittages. „Er iſt Abſchied nehmen gegangen,“ antwortete dieſe,„von der Gegend iſt er Abſchied nehmen gegangen. Mein Gott! er hat ja nichts anders. Der Vormund, ein ſo vortrefflicher und vorſorglicher Mann er iſt, iſt ihm doch ferne, und ſo ſind es auch die Angehörigen des Vor⸗ mundes.“ Hanna erwiederte auf dieſe Worte nichts—— gar nicht den leiſe⸗ ſten Laut erwiederte ſie darauf, und ging zwiſchen das Gebüſche der klei⸗ nen Pflaumenbäume hinein. Der Reſt des Nachmittages verging in dieſem Hauſe, wie gewöhn⸗ lich. Die Menſchen verbrachten ihn mit den Arbeiten, die ihnen zukamen, die Vögel in ihren Bäumen verzwitſcherten ihn, die Hühner gingen in dem Hofe herum, die Gräſer und Pflanzen gediehen ein wenig weiter, und die Berge ſchmückten ſich mit Abendgold. Als die Sonne ſchon von dem Himmel verſchwunden war, und nur mehr die goldblaſſe, ahnungsreiche Kuppel über dem Thale ſtand— darum ahnungsreich, weil ſie morgen als eben ſo goldblaſſe Frühkuppel über dem Thale ſtehen, und denjenigen auf immer fortführen wird, den hier alle ſo lieben— als dieſe Kuppel über dem Thale glänzte, kam Victor von ſeinem Gange, auf den er ſich ſo eilig nach dem Eſſen bege⸗ ben hatte, zurück. Er ging längs der Gartenplanke, um das Pförtchen zu gewinnen, das von der Leinwandbleiche hineinführt. Die weißen Lin⸗ nenſtreifen waren nicht mehr da, nur das grünere und naſſere Gras wies die Stellen, wo ſie unter Tags gelegen waren— manche Fenſter waren über die Gartenbeete gedeckt, weil der blanke Himmel eine kühle Nacht verſprach— von dem Hauſe ſtieg ein dünnes Rauchſäulchen auf, weil die Mutter ſchon vielleicht für das Abendeſſen ſorgte. Victor hatte ſein Angeſicht dem Abendhimmel zugewendet, es wurde von demſelben ſanft beleuchtet, die kühlete Luft floß durch ſeine Haare, und der Himmel ſpie⸗ gelte ſich in dem trauernden Auge. Hanna hatte ihn beinahe dicht an ſich vorüber gehen geſehen, da ſie an der innern Wand der Gartenplanke ſtand, aber ſie hatte nicht den Muth gehabt, ihn anzureden. Das Mädchen war beſchäftigt von einem ſtruppigen geſchornen Buſche Stücke eines Seidenſtoffes herab zu leſen, die in einem getrennten Kleide beſtanden, gefärbt worden waren, und unter Tags zum Trocknen ſich auf dem Buſche befunden hatten. Stück nach Stück nahm fie herab, und legte ſie auf ein Häufchen zuſammen. Da ſie nach einer Weile umblickte, ſah ſie Victor im Garten bei der großen Roſenhecke ſtehen. Später ſah ſie ihn wieder bei der Hecke des blauen Hollunders ſte⸗ hen, der ſchon Knospen hatte. Der Hollunder aber war viel näher gegen ſie her, als die Roſenhecke. Dann ging er wieder ein wenig weiter, und endlich kam er zu ihr herzu, und ſagte:„Ich will Dir etwas hinein tra⸗ gen helfen, Hanna.“ „Ach nein, Victor, ich danke Dir,“ antwortete ſie,„es ſind ja nur ein paar leichte Läppchen, die ich färbte und hier trocknen ließ.“ „Hat ſie Dir die Sonne denn nicht ſehr ausgezogen?“ „Nein; dieſes Blau muß man in die Sonne legen, vorzüglich in die Frühlingsſonne, da wird es immer ſchöner.“ „Nun und iſt es ſchön geworden?“ „Sieh her.“ „Ach ich verſtehe es doch nicht.“ „Es iſt nicht ſo ſchön geworden, wie die Bänder im vorigen Jahre, aber doch ſchön genug.“ „Es iſt ſehr feine Seide.“ „Sehr fein.“ „Gibt es noch feinere?“ „Ja, es gibt noch viel feinere.“ „Und möchteſt Du recht viele ſchöne ſeidene Kleider haben?“ „Nein; ſie ſind zum Feſttagsgewande ſehr vorzüglich; aber da man nicht viel Feſtgewand braucht, ſo wünſche ich nicht viel Seide. Die an⸗ dern Kleider ſind auch ſchön, und Seide iſt immer ein ſtolzes Tragen.“ „Iſt der Seidenwurm nicht ein recht armes Ding?“ „Warum, Victor?“ „Weil man ihn tödten muß, um ſein Gewebe zu bekommen.“ „Thut man das?“ „Ja, man ſiedet ſein Geſpinnſt im Waſſerdunſt, oder reichert es in Schwefel, damit das Thier drinnen ſtirbt; denn ſonſt frißt es die Fäden durch, und kömmt als Schmetterling heraus.“ „Armes Thier!“ „Ja— und in unſern Zeiten trennt man ihn auch von ſeinem ar⸗ men Vaterlande— ſiehſt Du, Hanna— wo er auf ſonnigen Maulbeer⸗ bäumen herum kriechen könnte, und füttert ihn in unſern Stuben mit Blättern, die draußen wachſen und auch nicht ſo heiter ſind, wie in ihrem Vaterlande.—— Und die Schwalben, und die Störche und die andern Zugvögel gehen im Herbſte von uns fort, vielleicht weit, weit in die Fremde; aber ſie kommen im Frühlinge wieder.—— Es muß die Welt doch eine ungeheure, ungeheure Größe haben.“ „Mein armer Victor, rede nicht ſolche Dinge.“ „Ich möchte Dich um etwas fragen, Hanna.“ „So frage mich, Victor.“ „Ich muß Dir noch vielmal danken, Hanna, daß Du mir die ſchöne Geldbörſe gemacht haſt. Das Gewebe iſt ſo fein und weich, und die Farben ſind recht ſchön. Ich habe ſie mir aufbewahrt, und werde kein Geld hinein thun.“ „Ach, Victor, das iſt ja ſchon lange her, daß ich Dir die Börſe gab, und es iſt nicht der Mühe werth, daß Du mir dankſt. Thue Du nur Dein Geld hinein, ich werde Dir eine neue machen, wenn dieſe ſchlecht wird, und ſo immer fort, daß Du nie einen Mangel haben ſollſt. Ich habe Dir zu Deiner jetzigen Abreiſe noch etwas gemacht, das viel ſchöner iſt, als die Börſe, aber die Mutter wollte, daß ich es Dir erſt heute Abends oder morgen früh geben ſollte.“ „Das freut mich, Hanna, das freut mich ſehr.“ „Wo biſt Du denn den ganzen Nachmittag geweſen, Victor?“ „Ich bin an dem Bache hinaufgegangen, weil ich ſo lange Weile hatte. Ich habe in das Waſſer geſchaut, wie es ſo eilig und emſig un⸗ ſerm Dorfe zurieſelt, wie es ſo dunkel und wieder helle iſt, wie es um die Steine und um den Sand herum trachtet, um nur bald in das Dorf zu kommen, in welchem es dann doch nicht bleibt. Ich habe das Stein⸗ übergehänge angeſchaut, das da ſteht und unaufhörlich in die Wellen blickt. Zuletzt bin ich in den Buchenwald hinauf gegangen, wo die Stämme ſchön ſein werden, wenn ein oder zwei oder gar zehn Jahre verfloſſen ſind. Die Mutter hat mir von einem Platze erzählt, wo ein flacher Stein über ein Brünnlein liegt, und eine alte Buche mit einem tiefen langen Aſte ſteht. Ich konnte den Platz nicht finden.“ — „Das iſt das Buchenbrünnlein im Hirſchkar. Es wachſen gute Brombeeren herum, ich weiß den Platz recht gut, und werde ihn Dir morgen zeigen, wenn Du willſt.“ „Morgen bin ich ja nicht mehr da, Hanna.“ „Ach ſo, morgen biſt Du nicht mehr da. Ich meine immer, daß Du ſtets da ſein ſollſt.“ „Ach nein.—— Liebe Hanna, theile dieſe ſeidenen Flecke ab, ich will ſie Dir doch hinein tragen helfen.“ „Ich weiß nicht, wie Du heute biſt, Victor; die Dinge da ſind ja ſo leicht, daß ein Kind das Zehnfache davon zu tragen vermöchte.“ „Es iſt auch nicht wegen der Schwere, ſondern ich möchte ſie Dir nur tragen.“ „Nun ſo trage einen Theil, ich werde ſie gleich ordnen. Willſt Du ſchon in das Haus hinein gehen, ſo raffen wir ſchnell zuſammen, was noch da iſt, und gehen.“ „Nein, nein, ich will nicht hinein gehen— es iſt ja nicht ſo ſpät, ich möchte noch in dem Garten bleiben.—— Und das von der Börſe iſt es auch nicht allein, was ich Dir zu ſagen habe.“ „So ſprich, Victor, was iſt es denn?“ „Die vier Tauben, die ich bisher ernährt habe— ſie ſind fteilich nicht ſo ſchön, aber ſie erbarmen mir doch, wenn ſie nun Niemand pflegt.“ „Ich will ſorgen, Victor, ich will ihnen den Schlag am Morgen öffnen und am Abende ſchließen; ich will Sand ſtreuen und ihnen Futter geben.“ „Dann muß ich Dir noch für die viele Leinwand danken die ich mit bekomme.“ „Um Gottes willen, ich habe ſie Dir ja nicht gegeben, ſondern die Mutter— auch haben wir ja noch genug in unſern Schreinen, daß wir ihren Abgang nicht empfinden.“ „Das kleine ſilberne Käſtchen von meiner verſtorbenen Mutter, weißt Du, das wie ein Trühelchen ausſieht, mit der durchbrochenen Ar⸗ beit und dem kleinen Schlüſſelchen, das Dir immer ſo gefallen hat— das habe ich gar nicht eingepackt, weil ich es Dir zum Geſchenke da laſſe.“ „Nein, das iſt zu ſchön, das nehme ich nicht.“ „Ich bitte Dich, nimm es, Hanna, Du thuſt mir einen ſehr großen Gefallen, wenn Du es nimnſt.“ „Wenn ich Dir einen großen Gefallen thue, ſo will ich es nehmen, und es Dir aufheben, bis Du komnſt, und es Dir ſorgfältig bewahren.“ „Und die Relken pflege, die armen Dinge an der Planke— hörſt Du— und vergiß den Spitz nicht; er iſt zwar ſchon alt, aber ein treues Thier.“ „Nein, Victor, ich vergeſſe ihn nicht.“ „Aber ach, das iſt es ja alles nicht, was ich eigentlich zu ſagen habe—— ich muß etwas anderes ſagen.“ „Nun ſo rede, Victor!“ „Die Mutter hat geſagt, ich möchte heute noch ein freundliches Wort zu Dir ſagen, weil wir öfter mit einander gezankt haben— ich möchte noch gut reden, ehe ich auf immer fort gehe—— und da bin ich gekommen, Hanna, um Dich zu bitten, daß Du nicht auf mich böſe ſeieſt.“ „Wie redeſt Du nur, ich bin ja in meinem ganzen Leben nicht böſe auf Dich geweſen.“ „O ich weiß es jetzt recht gut, Du biſt immer die Gequälte und Geduldige geweſen.“ „Victor, ängſtige mich nicht, daß iſt Dir nur heute ſo.“ „Nein, Du warſt immer gut, ich dachte es nur nicht ſo. Höre mich an, Hanna, Dir will ich mein ganzes Herz ausſchütten: ich bin ein un⸗ beſchreiblich unglücklicher Menſch.“ „Heiliger Gott! Victor, mein lieber Victor! was iſt Dir denn ſo ſchwer?“. „Siehſt Du, den ganzen Tag hängen mir die niederziehenden Thrä⸗ nen in dem Haupte, ich muß ſie zurück halten, daß ſie mir nicht aus den Augen fallen. Als ich nach dem Mittagseſſen an dem traurigen Waſſer und an dem Buchengewände hinauf ging, war es nicht eigentlich lange Weile, ſondern, daß mich nur keine Augen anſchauen möchten—— und da dachte ich mir: ich habe doch gar Niemand auf der ganzen großen weiten Erde, keinen Vater, keine Mutter, keine Schweſter. Mein Oheim bedroht mir meine wenigen Habſeligkeiten, weil ihm mein Vater ſchuldig war, und die Einzigen, die mir Gutes thun, muß ich verlaſſen.“ „O Victor, lieber Victor, kränke Dich nicht zu ſehr. Dein Vater und Deine Mutter ſind freilich geſtorben; aber das iſt ſchon lange her, daß Du ſie kaum gekannt haſt. Dafür haſt Du eine andere Mutter ge⸗ funden, die Dich ſo liebt, wie eine wahre— und Du haſt ja zeither keine Klage wegen der Verſtorbenen gethan. Daß wir jetzt ſcheiden müſſen, iſt ſehr, ſehr traurig; aber verſündige Dich nicht an Gott, Victor, der uns die Prüfung auferlegt hat. Trage ſie ohne Murren— ich trug ſie auch ſchon den ganzen Tag her, und murrte nicht; ich hätte ſie auch getragen, wenn Du gar nicht mehr zu mir gekommen wäreſt, um mit mir zu reden.“ „O Hanna, Hanna!“ „Und wenn Du auch fort biſt, werden wir ſorgen, was wir Dir ſchicken ſollen, wir werden für Dich beten und ich werde alle Tage in den Garten gehen, und auf die Berge ſchauen, über die Du fort gegan⸗ gen biſt.“ „Nein, thue es nicht; ſonſt wäre es gar zu kläglich.“ „Warum denn?“ „Weil doch alles nichts hilft— und weil es nicht das allein iſt, daß ich ſcheiden muß und daß wir uns trennen müſſen.“ „Was iſt denn?“ „Daß alles vorüber iſt, und daß ich der einſamſte Menſch auf Er⸗ den bin.“ „Aber Victor, Victor.“ „Ich werde nie heirathen— es kann nicht ſein—— es wird nicht möglich werden. Du ſiehſt alſo, ich werde keine Heimath haben, ich ge⸗ höre Niemanden an; die Andern werden mich vergeſſen— und es iſt gut.— Begreifſt Du es?—— Ich habe es nie gewußt, aber jetzt iſt es ganz klar— ganz klar. Siehſt Du es nicht?—— Warum ſchweigſt Du denn plötzlich, Hanna?“ „Victor!“ „Was, Hanna?“ „Dachteſt Du ſchon?“ „Ich dachte.“ „Nun?“ „Nun— nun— es iſt ja alles vergeblich, alles umſonſt.“ „Bleibe ihr treu, Victor!“ „Ewig, ewig; aber es iſt umſonſt.“ „Warum denn?“ „Ich ſagte Dir ja, daß mir mein Oheim das Gut, das einzige, was übrig blieb, nimmt. Sie iſt wohlhabend, ich bin arm, und kann noch lange, lange Zeit kein Weib ernähren. Da wird einer um ſie werben kommen, der ſie ernähren, ihr ſchöne Kleider und Geſchenke geben kann, und den wird ſie nehmen.“ „Nein, nein, nein, Victor, das thut ſie nicht— das thut ſie ewig nicht. Sie wird Dich ihr ganzes Leben lang lieben, wie Du ſie, und wird Dich nicht verlaſſen, wie Du ſie nicht verläßt.“ „O liebe, liebe Hanna!“ „Lieber Victor!“ „Und es wird gewiß eine Zeit kommen, wo ich wieder zurückkomme — da werde ich nie ungeduldig werden, und wir werden leben, wie zwei Geſchwiſter, die ſich über alles, alles lieben, was nur immer dieſe Erde tragen kann, und die ſich ewig, ewig treu bleiben werden.“ „Ewig, ewig,“ ſagte ſie, indem ſie raſch ſeine dargebotenen Hände ergriff. Sie brachen in bitterliche Thränen aus. Victor zog ſie ſanft gegen ſich her, und ſie folgte. Sie lehnte das Haupt und das Angeſicht an das Tuch ſeines Rockes, und gleichſam als wären jetzt bei ihr alle Schleißen recht geöffnet worden, weinte und ſchluchzte ſie ſo ſehr, als drückte es ihr das Herz ab, weil ſie ihn verlie⸗ ren müſſe. Er legte den Arm um ſie, wie beſchützend und beſchwichti⸗ gend, und drückte ſie an ſein Herz. Er drückte ſie immer feſter, wie ein hilfloſes Weſen. Sie ſchmiegte ſich an ihn, wie an einen Bruder, der jetzt gar ſo, gar ſo gut iſt. Er ſtreichelte mit der einen Hand über ihre Locken, die ſie geſcheitelt auf dem Haupte trug, dann beugte er ſich nieder und küßte ihre Haare— aber ſie hob ihr Angeſicht zu ihm empor und küßte ihn ſo heiß auf ſeine Lippen, ſo heiß, wie ſie nie gedacht habe, daß ſie etwas küſſen könne. Dann ſtanden ſie noch eine Weile und ſprachen nichts. Da kam der Gärtnerknabe und ſagte, daß ihn die Mutter ſchicke und ihnen ſagen laſſe, daß ſie zu dem Abendeſſen kommen möchten. Die ſeidenen Flecke, welche das Geſpräch eingeleitet hatten, hielten ſie noch immer in den Händen, aber ſie waren verknittert, und manche waren von den Thränen Hanna's naß. Sie nahmen daher dieſelben zu⸗ ſammen, wie es ſich eben fügen wollte und gingen Hand in Hand auf dem Gartenwege gegen das Haus. Als ſie die Mutter kommen ſah, und die rothgeweinten Augen ihrer Kinder erblickte, lächelte ſie und ließ die⸗ ſelben in die Stube treten. Hier wurden die Gerichte aufgetragen, die Mutter legte jedem von den beiden vor, wie ſie glaubte, daß es ihnen am liebſten ſei, ſie fragte nicht, was ſie geſprochen haben, und ſo aßen die drei, wie ſie an jedem Abende in aller bisher vergangenen Zeit gegeſſen hatten. Hanna hatte ſehr große braune Augen, die ſich während dem Eſſen jeden Augenblick vhne Anlaß mit Thränen füllen wollten. Als man fertig war, und ehe man ſich zum Schlafengehen anſchickte, mußte noch Hanna's Geſchenk herbei gebracht werden. Es war eine Brieftaſche, die mit ſchneeweißer Seide gefüttert war und ſchon das Rei⸗ ſegeld enthielt, das die Mutter hinein gelegt hatte. „Das Geld thue ich heraus,“ ſagte Victor,„und hebe mir die Brieftaſche auf.“ „Nein, nein,“ ſagte die Mutter,„das Geld laſſe drinnen; ſiehſt Du, wie ſchön die gedruckten feinen Papiere in der weißen Seide ruhen. Nebſt andern Dingen muß Dich Hanna auch immer mit Brieftaſchen verſehen.“ „Ich werde ſehr darauf Acht haben,“ antwortete Victor. Die Mutter ſchloß nun mit dem winzig kleinen Schlüſſelchen das Fach der Brieftaſche zu, in welchem das Geld war, und zeigte ihm, wie man das Schlüſſelchen berge. Hierauf trieb ſie zum Schlafengehen. „Laſſe das, laſſe das,“ ſagte ſie, als ſie Victor anmerkte, daß er für das Reiſegeld danken wolle,„gehet nun zu Bette. Um fünf Uhr des Morgens mußt Du ſchon auf den Bergen ſein, Victor. Ich habe ge⸗ ſorgt, daß uns der Knecht bei rechter Zeit wecke, wenn ich mich etwa ſel⸗ ber verſchlafen ſollte. Du mußt noch ein recht gutes Frühmahl einneh⸗ men, ehe Du fort gehſt.— So, Kinder, gute Nacht, ſchlafet wohl.“ Sie hatte während dieſer Worte, wie ſie es jeden Abend that, zwei Kerzen für die Kinder angezündet, jedes nahm die ſeine von dem Tiſche, wünſchte der Mutter eine ehrerbietige gute Nacht, und begab ſich auf ſeine Stube. Victor konnte noch nicht ſein Lager ſuchen. Die vielen unordentli⸗ Stifter. 4. Aufl. III. 3 — 34— chen Schatten, die die herumſtehenden Dinge warfen, machten das Zim⸗ mer unwirthlich. Er ging an ein Fenſter, und ſah hinaus. Der Hol⸗ lunderſtrauch war ein ſchwarzer Klumpen geworden, und das Waſſer war gar nicht mehr ſichtbar: eine lichtloſe Tafel war an der Stelle, wo es fließen ſollte— nur ein von Zeit zu Zeit aufzuckender Funke zeigte, daß es da war und ſich bewege. Als alle Stimmen des Hauſes und des Dorfes verſtummt waren, zeigte auch ein leiſes, leiſes Rieſeln, das bei dem offenen Fenſter hereinkam, von dem Freunde, der ſo viele Jahre an dem Lager des Jünglings vorbei geronnen war. Viele tauſend Sterne brannten an dem Himmel, aber es erglomm nicht ein einziger, nicht der ſchmalſte Sichelſtreifen des Mondes. Victor legte ſich endlich auf das Bett, um die letzte Nacht hier zu ver⸗ ſchlafen, und den Morgen zu erwarten, der ihn vielleicht auf immer fort⸗ führen ſollte, wo er, ſeit er denken konnte, ſein Leben zugebracht hatte. Dieſer Morgen kam ſehr bald! Als Victor noch kaum geglaubt hatte, die erſten erquickenden Athemzüge des Schlafes gethan zu haben, klopfte es leiſe an ſeine Thüre, und die Stimme der Mutter, die keinen Knecht zum Aufwecken bedurft hatte, ließ ſich vernehmen:„Vier Uhr iſt es, Victor, kleide Dich an, vergiß nichts, und komme dann hinunter. Hörſt Du es?“ „Ich höre es, Mutter.“ Sie ging wieder die Treppe hinab; er aber ſprang von ſeinem Lager empor. In der doppelten Beklemmung, der des Schmerzes und der der Reiſeerwartung kleidete er ſich an, und ging in das Speiſezimmer hinun⸗ ter. Im Morgengrauen ſtand ſchon ein Frühmahl auf dem Tiſche— man hatte nie ein ſo frühes verzehrt. Schweigend aß man davon. Die Mutter ſah faſt unverwandt Victor an; Hanna getraute ſich nicht ihre Augen auf irgend etwas empor zu heben. Victor hörte bald zu eſſen auf. Er erhob ſich von ſeinem Stuhle, und nahm ſich zuſammen. Er ging ein paar Male in dem Zimmer herum, und dann ſagte er:„Mut⸗ ter, es wird gerade Zeit ſein; ich gehe.“ Er nahm das Ränzchen über die Schultern, und zog die Riemen feſt, daß es gut ſaß. Dann nahm er den Hut, griff an die Bruſt, ob er die Brieftaſche habe, und unterſuchte, ob er überhaupt nichts vergeſſe. Da dieſes vorüber war, ging er gegen die Mutter, die mit Hanna auf⸗ geſtanden war, und ſagte:„Ich danke Euch für alles, liebe Mutter——“ * 3 8 Mehr konnte er kaum über die Lippen bringen, und ſie ließ ihn auch nicht reden. Sie führte ihn zu dem Weihwaſſer an die Thür, beſpritzte ihn mit ein paar Tropfen, machte ihm das Zeichen des Kreuzes auf Stirne, Mund und Bruſt, und ſagte:„So, mein Kind, gehe jetzt ruhig fort. Sei gut, wie Du bisher gut geweſen biſt, und behalte das weiche, ſanſte Herz. Schreibe oft, und verſchweige nicht, wenn Du etwas brauchſt. Gott wird Deine Wege ſchon ſegnen, die Du gehſt, weil Du ſtets ſo folgſam geweſen biſt.“ Bei dieſen Worten träufelten ihr die Thränen hervor, und ſie rührte nur mehr die Lippen und konnte nichts ſagen. Nach einem Weilchen ermannte ſie ſich wieder und ſprach:„Die Kiſten, welche noch oben ſind, und den Koffer wirſt Du ſchon an dem Beſtimmungsorte Deines Amtes vorfinden, wenn Du dort eintriffſt. Halte Vorſicht auf das Geld und auf die Empfehlungsbriefe, welche Dir der Vormund gab, erhitze Dich nicht und trinke nicht kalt. Es wird alles gut werden. Das Fortgehen iſt auch nicht ſo böſe, und Du findeſt überall gute Leute, die Dir geneigt ſein werden. Wenn ich nicht ſo lange an unſere Berge und an den Apfelbaum gewohnt wäre, ſo ginge ich mit Freuden in die Fremde. Und ſo lebe wohl, mein Victor, lebe wohl.“ Sie hatte ihn bei dieſen Worten auf die Wangen geküßt. Ganz ſtumm reichte er die Hand an die vor Thränen vergehende Hanna, und ging hinaus. Vor der Thür ſtanden noch die Dienſtleute und der Gärt⸗ ner. Ohne zu ſprechen, gab er rechts und links die Hand— ſie gingen aus einander, und er ſchlug den ſchmalen Gartenweg gegen das Pfört⸗ chen ein. „Wie er ſchön iſt,“ brach die Mutter faſt laut weinend aus, da ſie ihm mit Hanna nach ſah,„wie er ſchön iſt, die braunen Haare, der ſchöne Gang, die liebliche, die unbeſchützte Jugend. Ach mein Gott!“ Und die Thränen rannen ihr an den naſſen Händen herunter, die ſie vor das Angeſicht und vor die Augen hielt. „Du haſt einmal zu mir und Victor geſagt,“ ſprach Hanna,„daß Dich Riemand mehr aus Schmerz weinen ſehen wird— und nun weinſt Du doch aus Schmerz, Mutter.“ „Nein, mein Kind,“ antwortete die Mutter,„das ſind Freudenthrä⸗ nen, daß er ſo geworden iſt, wie er iſt. Es iſt doch ſonderbar: er hat ſeinen Vater gar nicht gekannt, und wie er da hinaus ging, hatte er das 3“ —— —— Haupt, den Gang und die Haltung ſeines Vaters. Er wird ſchon gut werden, und meine Thränen, mein Kind, ſind Freudenthränen.“ „Ach die meinen nicht, die meinen nicht,“ ſagte Hanna, indem ſie ihr Tuch neuerdings vor die unerſättlich ſchmerzlichen Augen hielt. Victor war unterdeſſen durch das Pförtchen hinaus gegangen. Er ging an dem großen Fliederbuſch vorbei, er ging über die beiden Stege, an den vielen durch ſo lange Jahre bekannten Obſtbäumen vorüber, und ſtieg gegen die Wieſen und gegen die Felder hinan. Auf dieſer Höhe blieb er ein wenig ſtehen, und da er unter den ſchwachen undeutlichen Tönen des Dorfes auch das wüthende Heulen des Spitzes vernahm, den man hatte fangen und anbinden miſſſen, damit er nicht mit gehe: ſo brachen auf einmal die ſiedenden Thränen hervor, und er rief faſt laut in die Lüfte:„Wo werde ich denn wieder eine ſolche Mutter finden und ſolche Geſchöpfe, die mich ſo lieben?—— Vorgeſtern eilte ich ſo ſehr aus der Stadt heraus, um noch einige Stunden in dem Thale zuzubrin⸗ gen, und heute gehe ich fort, um alle, alle Zeit anders wo zu ſein.“ Da er endlich an eine Stelle gekommen war, die nicht mehr weit von der höchſten Schneide des Berges entfernt war, ſchaute er noch ein⸗ mal, das letztemal, zurück. Das Haus konnte er noch erkennen, eben ſo den Garten und die Planke. Im Grünen ſah er etwas, das ſo roth war, wie Hanna's Tuch. Aber es war nur das Dächelchen eines Schorn⸗ ſteins. Dann ging er noch die Strecke bis zu der Bergſchneide empor— er blickte doch wieder um— ein glänzend ſchöner Tag lag über dem ganzen Thale.—— Hierauf ging er die wenigen Schritte um die Kuppe herum, und alles war hinter ihm verſchwunden, und ein neues Thal und eine neue Luft war vor ſeinen Augen. Die Sonne war indeſſen ſchon ziem⸗ lich weit herauf gekommen, trocknete die Gräſer und ſeine Thränen, und ſenkte ihre wärmeren Strahlen auf die Länder. Er ging ſchief an dem Berghange fort, und da er nach einer Weile ſeine Uhr hervorgezogen hatte, zeigte ſie halb acht. „Jetzt wird das Bettgeſtelle ſchon leer da ſtehen,“ dachte er,„das letzte Geräthe, das mir blieb. Die Linnen werden heraus genommen ſein, und das ungaftliche Holz wird hervor blicken. Oder vielleicht ar⸗ beiten die Mägde ſchon in meinem Gemache, um ihm eine ganz andere Geſtalt zu geben.“ Und dann wandelte er weiter. Er kam immer höher empor, der Raum legte ſich zwiſchen ihn und das Haus, das er verlaſſen hatte, und die Zeit legte ſich zwiſchen ſeine jetzigen Gedanken und die letzten Worte, die er in dem Hauſe geredet hatte. Sein Weg führte ihn ſtets an Berghängen hin, über die nie er gegangen war— bald kam er aufwärts, bald abwärts, im Ganzen aber immer höher. Es war ihm lieb, daß er nicht mehr in die Stadt hatte gehen müſſen, um ſich zu beurlauben, weil er die Bekannten heute nicht gerne geſehen hätte. Die Meierhöfe und Wohnungen, die ihm auſſtie⸗ ßen, lagen bald rechts, bald links von ſeinem Wege— hie und da ging ein Menſch und achtete ſeiner nicht. Der Mittag zog herauf und er wandelte fort und fort. Die Welt wurde immer größer, wurde glänzender und wurde rings⸗ um weiter, da er vorwärts ſchritt— und überall, wo er ging, waren tauſend und tauſend jubelnde Weſen. 4. Wanderung. Und noch größer und noch glänzender wurde die Welt, die tauſend jubelnden Weſen waren überall, und Victor ſchritt von Berg zu Berg, von Thal zu Thal, den großen kindiſchen Schmerz im Herzen und die friſchen ſtaunenden Augen im Haupte tragend. Jeder Tag, den er ferne von der Heimath zubrachte, machte ihn feſter und tüchtiger. Die uner⸗ meßliche Oede der Luft ſtrich durch ſeine braunen Locken; die weißen wie Schnee glänzenden Wolken bauten ſich hier auf, wie ſie ſich in ſeinem mütterlichen Thale aufgebaut hatten; ſeine ſchönen Wangen waren be⸗ reits dunkler gefärbt, das Ränzlein trug er auf ſeinem Rücken und den Reiſeſtab in der Hand. Das einzige Weſen, das ihn an die Heimath band, war der alte Spitz, der furchtbar abgemagert neben ihm her lief. Am dritten Tage nach der Abreiſe war er ihm nämlich unvermuthet und unbegteiflich nachgekommen. Victor ging eben in ſehr ſtüher Morgen⸗ ſtunde auf einem kühlen, breiten, feuchten Landwege durch einen Wald empor, als er umſchauend, wie er es öfter zu thun pflegte, um ſich an den Blitzen der naſſen Tannen zu ergötzen, ein Ding gewahrte, das ſich eilfertig gegen ihn heran bewegte. Aber wie ſtaunte er, als die dunkle Kugel näher gekommen an ihm empor ſprang und ſich als den alten ehr⸗ lichen Spitz ſeiner Ziehmutter auswies. Aber in welchem Zuſtande war er: die ſchönen Haare hatten ſich durch Koth verklebt und waren bis zur Haut hinein mit weißem Straßenſtaube angefüllt, die Augen waren roth und entzündet; da er raſche Freudentöne ausſtoßen wollte, konnte er nicht; denn ſeine Stimme war heiſer geworden, und da er auch Freu⸗ denſprünge verſuchte, fiel er mit dem Hintergeſtelle in den Graben. „Du armer lieber Spitz,“ ſagte Victor, indem er ſich zu ihm nie⸗ der kauerte;„ſiehſt du nun, du altes thörichtes Haus, was du da für Unſinn unternommen haſt?“ Aber der Spitz wedelte auf dieſe Worte, als hätte er das größte Lob empfangen. Das erſte, was der Jüngling that, war, daß er ihn mit einem“ Tuche etwas abwiſchte, damit er doch beſſer ausſähe. Dann nahm er zwei Brode heraus, die er heute früh zu ſich geſteckt hatte, wenn ihm etwa ein Bettelmann begegnete, ſetzte ſich auf einen Stein und begann ſie dem Spitze ſtückweiſe vorzuwerfen, der ſie heißhungrig und eilig ver⸗ ſchlang, und zuletzt noch immer auf die Hände des Jünglings ſchaute, als dieſe ſchon längſtens leer waren. „Jetzt habe ich nichts mehr,“ ſagte Victor,„aber wenn wir zu dem eiſten Bauernhauſe kommen, kaufen wir eine Schüſſel Milch, die du ganz allein ausfreſſen darfſt.“ Der Spitz ſchien beruhigt, als hätte er die Worte verſtanden. Einige Schritte weiter weg, wo von einem moſigen Felſen ein dün⸗ nes Waſſerfädlein herab rann, fing Victor in ſeinem ledernen Reiſebe⸗ cher, den ihm die Mutter gegeben hatte, ſo viel Waſſer auf, bis er voll war, und wollte dem Spitz zu trinken geben. Allein dieſer koſtete nur ein wenig und ſchaute dann den Geber erwartend an; denn er war nicht durſtig und mochte wohl aus allen den hundert Gräben und Bächen ge⸗ trunken haben, über die er gekommen war. Dann gingen ſie mit einander weiter, und in dem erſten Wirths⸗ hauſe ſchrieb Victor einen Brief an die Mutter zurück, daß der Spitz bei ihm ſei, und daß ſie ſich nicht kränken möge. In Hinſicht der Milch hatte Victor redlich Wort gehalten. Auch ſonſt bekam der Spitz von nun an ſo viel, als er nur unterzubringen vermochte; allein, obgleich er auf dieſem Wege in einem Tage mehr ver⸗ zehrte, als zu Hauſe kaum in dreien, ſo verfiel er doch durch die Nachwir⸗ kung der ungewohnten Anſtrengung, die weiß Gott wie furchtbar gewe⸗ ſen ſein mag, ſo ſehr, daß er gleichſam nur mehr in ſeiner eigenen Haut hängend neben dem Jünglinge hertrabte. „Es wird ſich ſchon beſſern, es wird ſich ſchon beſſern,“ dachte die⸗ ſer, und ſie ſchritten weiter. Grübelig blieb es Victor immer, warum ihm denn das Thier gerade dieſes eine Mal nachgekommen ſei, da es doch ſonſt, wenn er auch Tage lang fort war, auf einen einfachen Befehl zu Hauſe geblieben ſei und auf ihn gewartet habe. Aber dann ſchloß er nicht unrecht, daß der Spitz, deſſen ganze Lebensaufgabe es war, das Thun und Laſſen ſeines höheren Freundes, des Knaben, zu beobachten, ganz wohl gewußt habe, daß die⸗ ſer nun auf immer fort gehe, und daß er darum das Aeußerſte unter⸗ nommen habe, um ihm zu folgen. Und ſo ſchritten ſie nun mit einander fort; über Hügel zu Hügeln, über Felder zu Feldern— und oſt konnte man den Jüngling ſehen, wie er an einem Wieſenbache den Hund wuſch und ihn mit Gräſern und Laubwerk trocknete— oft, wie ſie ruhig neben einander gingen— und oft, wie der Hund neben ſeinem Herrn ſtand und die Augen zu ihm em⸗ por richtete, wenn dieſer auf einer Anhöhe ſtille hielt und weit und breit über die Auen ſchaute, über die langen Streifen der Felder, über die dunkeln Flecken der Wäldchen und über die weißen Kirchthürme der Dörfer. An dem Wege des Wanderers wallten oft die Wellen des Kornes, das Jemanden gehören mußte, Zäune umgaben es, die Jemand gezogen haben mußte, und Vögel flogen nach dieſen und jenen Richtungen, wie nach verſchiedenen Heimathen. Victor hatte ſeit Tagen mit keinem Men⸗ ſchen geſprochen, als wenn ihn etwa ein Fuhrmann oder ein Wanderer grüßte, oder der Wirth zum Abſchiede das Käppchen lüftete und ſagte: „Glückliche Reiſe— auf Wiederſehen.“ Am achten Tage, nachdem er die Mutter und ſein Thal verlaſſen — hatte, kam er in eine Gegend, die ungleich mancher unwirthlichen, über die er bisher gewandert war, reinlich und wohlthätig über ſanften Hü⸗ geln dahin lag, wieder den Wechſel der Obſtwälder zeigte, wie zu Hauſe in ſeinem Thale, mit wohlhabenden Häuſern geziert war, und kein hand⸗ großes Stücklein aufwies, das nicht benützt war, und auf dem nicht etwas wuchs. In dem weiten Grün dahin war der Silberblick eines Stromes, und ferne war ein gar ſo ſanftes, faſt ſehnſuchtreiches Blau der Berge. Dieſe Berge hatte er ſchon lange an ſeiner Linken hinziehend gehabt, nun aber ſchwangen ſie ſich in einem Bogen näher gegen die Straße, und zeigten ſchon die mattfärbigen Lichter und Spalten in ihren Wänden. „Wie weit iſt es denn noch bis Attmaning?“ frug er einen Mann, der in der Gartenlaube eines Dorfwirthshauſes ſaß, und einen kühlen Trunk that. „Wenn Ihr heute noch ein gutes Stück geht, ſo könnt Ihr es mor⸗ gen bei rechter Zeit erreichen,“ erwiederte dieſer,„aber da müßt Ihr den Steig nehmen und Euch ſchon ob der Afel gegen das Gebirge ſchlagen.“ „Ich will eigentlich in die Hul.“ „In die Hul?— Da werdet Ihr ſchlechte Aufnahme finden. Aber wenn Ihr noch über die Griſel ſteigen wollt, rechts am See, da kommt Ihr zu einem luſtigen Hammerſchmiede, den ich Euch empfehlen kann, wo es ſchon ein anderes Geſchicke hat.“ „Ich muß aber in die Hul.“ „Nun da habt Ihr von Attmaning noch drei ſchwache Stunden hinein.“ Victor hatte ſich während des Geſpräches zu dem Manne nieder ge⸗ ſetzt, und ſich und den Hund gelabt. Nachdem er mit ſeinem Rachbar noch einiges hin und her geredet hatte, machte er ſich wieder auf, und ging an dieſem Tage nach dem Rathe ſeines neuen Gönners noch ein gutes Stück, bis er zu der Afel kam, die ein blaues klar fließendes Waſ⸗ ſer war. Am andern Tage, als kaum die erſte Dämmerung leuchtete, ſah man ihn ſchon auf dem von ſeinem Rathgeber angezeigten und von ihm näher erfragten Fußwege von der Straße ab gegen das Gebirge wan⸗ deln. Die rieſigen hohen Laſten ſchritten immer näher gegen ihn, und zeigten im Laufe des Vormittages mannigfaltige, freundliche, ſchönfär⸗ bige Zeichnungen. Rauſchende Wäſſer begegneten ihm, Kohlbauern fuh⸗ ren; manchmal ging ſchon ein Mann mit ſpitzem Hute und Gemsbarte— und ehe es zwölf Uhr war, ſaß Victor bereits unter dem Ueberdache des Gaſthauſes zu Attmaning, wo er wieder zu der Straße gekommen war, und ſah gegen die Gebirgsöffnung hinein, wo alles in blauen Lichtern flimmerte, und ein ſchmaler Waſſerſtreifen, wie ein Senſenblitz leuchtete. Attmaning iſt der letzte Ort des Hügellandes, wo es an das Hoch⸗ gebirge ſtößt. Seine hellgrünen Bäume, die nahen Gebirge, ſein ſpitzer Kirchthurm und die ſonnige Lage machen es zu dem lieblichſten Orte, den es nur immer auf unſerer Erde geben kann. Victor blieb bis gegen vier Uhr an ſeinem Gaſſentiſchchen— wel⸗ cher Gebrauch ihn ſehr freute— ſitzen und ergötzte ſich an dem Anblicke dieſer hohen Berge, an ihrer ſchönen blauen Farbe und an den duftigen wechſelnden Lichtern darinnen. Dergleichen hatte er nie in ſeinem Leben geſehen. Was iſt der größte mächtigſte Berg ſeiner Heimath dagegen? Als es vier Uhr ſchlug, und die blauen Schatten allgemach längs ganzer Wände nieder ſanken, und ihm die früher geſchätzten Fernen derſelben wunderlich verrückten, fragte er endlich, wohinaus die Hul liege. „Da oben am See,“ ſagte der Wirth, indem er auf die Oeffnung zeigte, auf welche Victor am Nachmittage ſo oft hingeſehen hatte. „Wollt Ihr denn heute noch in die Hul?“ fragte er nach einer Weile. „Ja,“ ſagte Victor,„und ich will die jetzige kühle Abendzeit dazu benützen.“ „Da müßt Ihr nicht ſäumen,“ erwiederte der Wirth,„und wenn Ihr Niemanden andern habt, ſo will ich Euch meinen Buben durch das Holz geben, daß er Euch dann weiter weiſe.“ Victor meinte zwar keines Führers zu bedürfen; denn die Bergmün⸗ dung ſtand ja ſo freundlich und nahe drüben: aber er ließ es dennoch ge⸗ ſchehen, und richtete indeſſen ſeine hingelegten Reiſeſachen in Ordnung. Seltſam war es ihm auch, daß die Leute, wenn ſie von der Hul ſprachen, immer„oben“ ſagten, während für ſeine Augen die Berge dort ſo duftſchön zuſammen gingen, daß er den Waſſerſchein tief unten liegend erachtete; obwohl er anderſeits auch ſah, daß die Afel gerade von jener Gegend ſpringend und ſchäumend gegen Attmaning daher kam. „Geh, Rudi, führe den Herrn da auf den Hals hinauf, und zeige ihm dann in die Hul hinunter,“ rief der Wirth in das Haus hinein. — „Ja,“ tönte eine kindliche Stimme heraus. Alsbald kam auch ein blondhaariger, rothbackiger Bube zum Vor⸗ ſcheine, ſah Victor mit freundlichen blauen Glotzaugen an, und ſagte: „So gehe, Herr.“ Victor hatte ſeine Rechnung berichtigt, und war zum Aufbruche fer⸗ tig. Gleich von der Wirthsgaſſe aus verließ der Knabe mit ihm die Straße, und führte ihn ſeitwärts auf einem ſteinigen Wege zwiſchen dichte, rieſig große Eichen und Ahornen hinein. Der Weg ging bald bergan, und Victor konnte manchmal durch die Wipfel der nach abwärts ſtehenden Bäume auf die Bergeslaſten hinaus ſehen, die immer ernſter zuſammen rückten, und deſto dunkler wurden, je tiefer die Sonne ſtand, und die auch ein deſto ſchöneres Blau gewannen, je glänzender und ſchim⸗ meriger der Strahl des Abends das grüne Laub der Bäume an ſeiner Seite färbte. Endlich wurde der Wald ganz dicht, das Laubholz veulor ſich, und die zwei Wanderer gingen in ſtruppigem, undurchſichtigem Na⸗ delwalde hin, der nur zuweilen durch herabgehende erſtarrte Steinſtröme unterbrochen war. Victor hatte von Attmaning aus den Wald gar nicht geſehen, und hätte nie geglaubt, daß eine ſolche Wildniß zwiſchen ihm und dem ſchönen Waſſerblitz liegen könne, der ſo nahe heraus gegrüßt hatte. Immer gingen ſie fort. Stets glaubte Victor, jetzt werde man bergab ſteigen, aber der Weg wickelte ſich längs eines Hanges fort, der ſich immer ſelber gebar, als rückte der Wald hinaus und ſchöbe auch den See vor ſich her. Der Knabe lief barfuß auf dem ſpitzigen Steingerölle neben ihm. Endlich, da faſt zwei Stunden vergangen waren, blieb der kleine Führer ſtehen und ſagte:„Da iſt der Hals. Wenn Du jetzt dieſen Weg da, nicht den andern, hinunter gehſt, nämlich an dem Bilde des ge⸗ marterten Gilbert vorbei, und um das Seeeck herum, wo die vielen Steine herab gefallen ſind, da wirſt Du Häuſer ſehen, die ſind die Hul. Schaue nur immer durch die Zweige hinaus, daß Du das Waſſer ſiehſt, weil auch ein Weg in den Afelſchlag geht, der wäre gefehlt.“ Dieſe Worte ſagte der Knabe, und nachdem er von Victor einen Lohn empfangen hatte, lief er desſelben Weges zurück, den er den Jüng⸗ ling heran geführt hatte. Der Platz aber, von dem der Knabe ſo unbeachtend weg lief, als wäre er eben nichts, war für Victor von der unerwartetſten Wirkung. Die Gebirgsleute nennen häufig einen„Hals“ einen mäßigen Bergrücken der quer zwiſchen höheren läuft und ſie verbindet. Da er immer auch zwei Thäler ſcheidet, ſo geſchieht es nicht ſelten, daß, wenn man von dem einen langſam hinan ſteigt, man plötzlich ohne Erwartung den überra⸗ ſchendſten Ueberblick in das andere hat. So war es auch hier. Der Wald hatte ſich auseinander geriſſen, der See lag dem Jünglinge zu Füßen, und alle Berge, die er von dem flachen Lande und Attmaning aus ſchon geſehen hatte, ſtanden nun um das Waſſer herum, ſo ſtille, klar und nahe, daß er darnach langen zu können vermeinte— aber dennoch waren ihre Wände nicht grau, ſondern ihre Schluchten und Spalten waren von einem luftigen Blau umhüllt, und die Bäume ſtanden wie kleine Hölzlein dar⸗ auf, oder waren an andern gar nicht ſichtbar, die ſchier mit einem ganz geglätteten Rande an dem Himmel hin ſtrichen. Nicht ein Häuschen, nicht einen Menſchen, nicht ein einziges Thier ſah Vigtor. Der See, den er von Attmaning aus als weiße Linie geſehen hatte, war hier weit und dunkel, nicht einen einzigen Lichtfunken, ſondern nur das Dämmern der Schleiermauern, die ihn umſtanden, gebend; und an den fernen Ufern lagen lichte Dinge, die er nicht kannte, und die ſich blos in den ruhigen Waſſern ſpiegelten. Eine Weile ſtand Victor und betrachtete das Ding. Er empfand den Harzduft, und hörte aber nicht das Wehen des Nadelwaldes. Von Regung war gar nichts zu verſpüren, man müßte nur das Weiterrücken des ſpäten Lichtes rechnen, das an dem Schwunge der Wände hinüber ging und ſich die farbenkühlen Schatten folgen ließ. Faſt Furcht vor dieſer Größe, die ihn hier umgab, im Herzen tra⸗ gend, machte ſich Victor daran, ſeinen Weg weiter zu verfolgen. Er ging den Pfad, den ihm der Knabe gezeigt hatte, hinunter. Die Berge ſanken allgemach in den Wald, die Bäume nahmen ihn wieder auf, und wie es ſchon auf dem Halſe geweſen war, daß der flache See gleichſam die Berge, die er ſäumte, hinaus zu rücken ſchien, damit das Auge das zarte Duft⸗ bild ſchauen könne, das ſich von dem Grün der Tannennadeln hinaus warf, ſo blickte auch hier immer das dämmerige Gewebe von Berg und Waſſer links durch die Baumäſte herauf. So wie er beim Hinaufgehen gemeint hatte, der Berg nehme kein Ende, ſo ging er nun auch wieder unaufhörlich und ſachte hinunter. Stets hatte er den See zur Linken, als ſollte er die Hand eintauchen können, und ſtets konnte er ihn nicht er⸗ reichen. Endlich wich der letzte Baum hinter ihm zurück, und er ſtand 44— wieder unten an der Afel, wo ſie eben den See verließ und durch ſteil⸗ rechtes Geklippe fort eilte, nicht einmal einen handbreiten Saum laſſend, daß man einen Pfad für wandelnde Menſchen anlegen könnte. Victor meinte hundert Meilen von Attmaning entfernt zu ſein, ſo einſam war es hier. Nichts war da, als er und das flache Waſſer, das ſich unauf⸗ hörlich und brauſend in die Afel hinaus leerte. Hinter ihm ſtand der grüne ſtumme Wald, vor ihm war die ſchwanke Fläche, geſchloſſen durch eine blaue Wand, die ſich tief in's Naß zu erſtrecken ſchien. Das einzige Werk von Menſchenhand ſah er in dem Stege, der über die Afel lag, und in einem Waſſerbeſchlage, durch den ſie hindurch mußte. Langſam ging er über den Steg, und der Spitz mäuschenſtille und zitternd hinter ihm her. Jenſeits gingen ſie auf Raſengrund neben Felſen. Bald war auch der Platz zu erkennen, von dem der Knabe geſprochen hatte: eine Menge durcheinander geworfener Steine lag herum und erſtreckte ſich in den See hinaus, daß man leicht erkennen konnte, hier mochte ein Bergſturz ſtatt⸗ gefunden haben. Victor bog um eine ſcharfe Bergecke, und ſogleich lag auch die Hul vor ihm: fünf oder ſechs graue Hütten, die nicht weit ent⸗ fernt auf dem Seeufer hin ſtanden, und von hohen grünen Bäumen um⸗ geben waren. Auch der See, den ihm die vorſpringende Ecke früher ver⸗ deckt hatte, erweiterte ſich hier, und manche Berge und Wände, die ſich ihm entzogen hatten, ſtanden wieder da. Als Victor zu den Häuſern gekommen war, ſah er, daß jedes mit einem Schoppen in den See hinaus ging, unter welchem angebundene Kähne lagen. Eine Kirche ſah er nicht, aber auf einer der Hütten war ein Thürmchen aus vier roth angeſtrichenen Pfählen, zwiſchen denen eine Glocke hing. „Iſt hier nicht ein Ort, der Klauſe heißt?“ fragte er einen Greis, den er gleich an der erſten Hütte unter der Thür ſitzen fand. „Ja,“ erwiederte der Greis,„auf der Inſel iſt die Klauſe.“ „Könnt Ihr mir nicht ſagen, wer mich dahin überführen möchte?“ „Jeder Menſch in der Hul könnte Euch hinüber führen.“ „Alſo könntet Ihr es auch thun?“ „Ja— aber Ihr werdet nicht aufgenommen.“ „Ich bin in die Klauſe beſtellt, und werde erwartet.“ „Wenn Ihr Geſchäfte dort habt, und beſtellt ſeid, da iſt es anders. Fahrt Ihr gleich wieder zurück?“ „Meinet⸗ „So wartet hier ein wenig.“ Nach dieſen Worten ging der Alte in die Hütte hinein, von der er aber bald wieder in Begleitung eines jungen, ſtarken, rothwangigen Mädchens zurück kam, das ſich daran machte, mit ihren entblößten Ar⸗ men einen Kahn weiter in das Waſſer hinaus zu ſchieben, während der Alte ſeinen Rock anzog und zwei Ruder herbei trug. Man hatte für Victor einen hölzernen Lehnſitz auf dem Kahne befeſtigt, auf den er ſich niederließ, ſein Ränzlein neben ſich legend und den Kopf des Spitzes hal⸗ tend, der ſich gegen ſeinen Schoß ſchmiegte. Der Alte hatte verkehrt ſitzend am Schiffsſchnabel Platz genommen, und das Mädchen ſtand im Hintertheile, das Ruder in der Hand haltend. Gleichzeitig von beiden geſchah der erſte Schlag in's Waſſer, der Kahn that einen Stoß, glitt in die weichen Fluthen hinaus, und ſchnitt bei jedem Ruderſchlage ruckweiſe weiter in die dunkler werdende ſäuſelnde Fläche. Victor war nie auf einem ſo großen Waſſer gefahren. Das Dorf zog ſich zurück und die Wände um den See begannen ſehr langſam zu wandern. Nach einer Weile ſtreckte ſich eine buſchige Landzunge hervor, und wuchs immer mehr in das Waſſer. Endlich riß dieſelbe gar von dem Lande ab, und zeigte ſich als eine Inſel. Gegen dieſe Inſel richteten die zwei Rudernden ihre Fahrt. Je näher man kam, deſto deutlicher hob ſie ſich empor und deſto breiter wurde der Raum, der ſie von dem Lande trennte. Ein Berg hatte ihn früher gedeckt. Man unterſchied endlich ſehr große Bäume auf ihr, Anfangs ſo, als wüchſen ſie gerade aus dem Waſſer empor, dann aber auf bedeutend hohen Felſenufer prangend, das fallrecht mit ſcharfen Klippen in die Fluth nieder ging. Hinter dem Grün dieſer Bäume wan⸗ derte ein ſanfter Berg, der von dem Abende lieblich geröthet war. „Das iſt die Griſel am jenſeitigen Seeufer,“ ſagte der Alte auf Victor's Frage,„ein bedeutender Berg, der aber doch nicht gar ſo be⸗ ſchwerlich iſt. Es geht ein Pfad über ihn hinüber in die Blumau und in's Geſcheid, wo die Hammerſchmiede ſind.“ Victor blickte den ſchönen Berg an, der ſo wandelte und in das Grün der Bäume ſank, wie ſie näher kamen. Man war endlich in den grünen Widerſchein gelangt, den die Baum⸗ laſten der Inſel in das Waſſer des Seees ſenkten, und fuhr in dem Raum⸗ desſelben dahin. Da tönte von der Hul herüber das Glöcklein, das zwie ſchen den vier Pfählen hing, und forderte zum Abendgebete auf. Die zwei Schiffenden zogen ſogleich ihre Ruder ein, und beteten ſtill ihren Abendſegen, während der Kahn im Zuge gleichſam von ſelbſt längs der grauen Felſen hin ging, die von der Inſel in den See nieder ſtanden. Auf den Bergen herum war hie und da ein irrendes Licht. Der See hatte ſogar Streifen bekommen, deren einige glänzten, und ſelbſt Funken empor warfen, obwohl die Sonne ſchon ſeit längerer Zeit untergegangen war. Ueber alles das kamen die fortwährenden emſigen Klänge des Glöckleins herüber, gleichſam von unſichtbaren Händen tönend; denn die Hul war nicht zu ſehen, und rings um den See war kein Flecklein, das nur ent⸗ fernt einem menſchlichen Aufenthalte ähnlich geſehen hätte. „Im Kloſter der Klauſe muß auch noch eine Glocke ſein. Ich glaube, eine ſchöne Aveglocke,“ ſagte der Alte, nachdem er ſeine Mütze wieder aufgeſetzt und das Ruder ergriffen hatte,„aber man läutet ſie nie; ich wenigſtens habe den Ton derſelben nie gehört. Auch nicht ein⸗ mal eine Uhr hört man ſchlagen. Mein Großvater hat geſagt, daß es ſehr ſchön war, wenn in den vergangenen Tagen das ganze Geläute auf dem See lag— denn damals waren noch die Mönche— und wenn es in dem lichten Morgennebel daher tönte, ohne daß man wußte, woher es komme; denn Ihr werdet geſehen haben, daß wir den Berg umfahren haben, und daß man von der Hul aus die Inſel nicht ſehen kann. Es iſt. der hohe Orla, dieſer Berg, und zwei Mönche haben ihn einmal bei klafterhohem Schnee überſtiegen, da der See gefroren war, aber nicht trug, und da ſie keine Lebensmittel mehr hatten. Sie hieben mit den Knechten, die ſie in dem Schiffe hatten, eine Straße in das Eis, daß der Kahn gehen konnte, und als ſie an dem Berge waren, ſtiegen ſie über den Gipfel in die Hul; denn zwiſchen dem Berge und dem See iſt kein Fuß⸗ weg möglich. Es ſind ſeitdem wohl über hundert Jahre vergangen, und ſelten geſchieht es, daß der See überall mit einer Decke von Eis über⸗ zogen iſt.“ „Sind alſo einmal Mönche auf der Inſel geweſen?“ fragte Victor. „Ja,“ antwortete der Greis.„In ſehr alter, alter Zeit ſind fremde Mönche hieher gekommen, da noch gar kein Haus an dem ganzen See ſtand, und da noch nichts in ihm ſchwamm, als ein Baum, der von dem Felſen in ihm herab gefallen war. Sie ſind auf Flößen und Tannen⸗ äſten nach der Inſel über gefahren und haben zuerſt die Klauſe gebaut, aus der nach und nach das Kloſter entſtanden iſt, und in ſpäteren Jahren auch die Hul, wo chriſtliche Leute fiſchten und zur Klauſe in die Meſſe fuhren; denn damals waren die Landesherren draußen noch ganz und gar Heiden, und ſie ſchlugen mit ihren Knappen, die grauſam und wild wa⸗ ren, die Prieſter todt, welche aus dem Schottenlande mit dem Kreuze her⸗ über kamen, um zu bekehren. Auf der Inſel, die ſie ſich ſuchten, fanden die Väter Schutz; denn Ihr werdet es ſchon erkennen, daß dieſe Steine, die da nieder ſteigen, wie eine Feſtung ſind. Es iſt hier ein Schaum, wenn nur ein wenig Wind geht, daß er jedes Schiff in ſich begraben kann. Nur an einer einzigen Stelle kann man landen, wo nämlich die Felſen zurück weichen, und eine Oeffnung laſſen, in der das Waſſer gegen guten Sand ausläuft. Es ſind daher die Väter geſchützt geweſen, ſo wie der alte Mann geſchützt iſt, der ſich die Inſel zur Wohnung auserkohren hat. Aus dieſer Urſache fiſcht man auch hier nur an ganz ſchönen und ſtillen Tagen, wie der heutige einer iſt.“ Während dieſer Rede war man nach und nach eine geraume Strecke an dem Ufer der Inſel hin gefahren, und hatte ſich dem Orte genähert, wo die Felſen niederer ſind, und eine ſanfte ſandige Bucht bilden, die in abdachendes Waldland hinauf ſteigt. So wie die Ruderer dieſe Stelle gewannen, lenkten ſie ſogleich die Spitze des Kahnes hinein, und ließen dieſelbe gegen den Sand laufen. Der Alte ſtieg aus, zog das Schiffchen an der Kette des Schnabels noch weiter gegen das Land, damit Victor trockenen Fußes ausſteigen konnte. Dieſer ſchritt über den Schiffſchnabel hinaus, und der Spitz ſprang ihm nach. „Wenn Ihr nun dieſen Pfad, der ſich da gleich zeigen wird, fort geht,“ ſagte der Greis,„ſo werdet Ihr in die Klauſe kommen. Es iſt zwar auch ein ſehr ſtarkes Bohlenhaus auf der Griſelſeite, das die Mönche einmal in den abſteigenden Felſen zur Aufnahme ihrer Schiffe gebaut ha⸗ ben, aber man kann dort nicht einfahren, weil die Bohlen immer ge⸗ ſchloſſen ſind. Gott behüte Euch nun, junger Herr— und wenn Ihr Euch nicht zu lange aufhaltet, und wenn der Eigenthümer der Klauſe Euch zur Ueberfahrt keinen Kahn gibt, ſo laßt mir nur durch den alten Chriſtoph Nachricht zukommen, und ich werde Euch an dieſem Platze wieder abholen. In der Klauſe haben ſie nicht allemal Zeit, ein Schiff a Victor hatte indeſſen das bedungene Ueberfahrtsgeld aus ſeiner klei⸗ — nen Börſe hervor geſucht, und es dem Manne gereicht. Hierauf ſagte er zu ihm:„Lebt wohl, alter Freund, und wenn Ihr es erlaubt, ſo werde ich bei der Rückfahrt ein wenig in Eurem Hauſe einſprechen, und Ihr werdet mir vielleicht noch etwas von Euren alten Geſchichten erzählen.“ Zu dem Mädchen, das unbeweglich in dem Hintertheile ſtehen ge⸗ blieben war, getraute er ſich nicht etwas zu ſagen. Der Greis aber antwortete:„Ei, wie werden denn meine Ge⸗ ſchichten einem ſo jungen und gelehrten Herrn gefallen können?“ „Vielleicht mehr, als Ihr Euch denkt, und mehr, als die, die aus den Büchern heraus zu leſen ſind,“ ſagte Victor. Der alte Mann lächelte, weil ihm die Antwort gefiel, aber er ſagte nichts darauf, ſondern bückte ſich nieder, rollte die kurze Kette in den Schifſſchnabel zurück und machte Anſtalt zum Abfahren. „Run in Gottes Namen, junger Herr,“ ſagte er noch, gab dem Schiffe mit dem Fuße einen Stoß, ſprang ſchnell in dasſelbe ein, und das getroffene Fahrzeug ſchwankte in das Waſſer zurück. Nach wenigen Augenblicken ſah Victor ſchon die beiden Ruder taktmäßig ſteigen und fallen, und das Schiff ſchob ſich in den Waſſerſpiegel hinaus. Er ſtieg mit einigen Schritten das ufer vollends hinan, bis er von dem oberen Rande weit über den See ſchauen konnte. Er blickte den Abfahrenden nach, und ſagte zu ſeinem Begleiter, gleichſam als wäre er vernünftig und könnte die Worte verſtehen:„Gott ſei gedankt, da wären wir an dem Ziele unſerer Wanderung. Der Herr hat uns gut und wohl⸗ behalten geführt, das andere mag ſich fügen, wie es will.“ Er that noch einen Blick in die weite, ſchöne, von dem Abende an⸗ dunkelnde Fläche des Sees hinaus, dann wendete er ſich um und ging dem Pfade nach, der vor ihm lag, in die Büſche hinein. Der Weg ging Anfangs noch immer bergan zwiſchen Gebüſch und Laubbäumen hindurch— dann aber führte er eben hin. Das Geſtrippe hatte aufgehört, und nur mehr ungemein ſtarke Ahorne ſtanden auf einer dunkeln Wieſe faſt nach einer gewiſſen Ordnung und Regel umher. Es war unverkennbar, daß hier einmal eine gute Fahrſtraße gegangen war, aber ſie war verkümmert, und überall von wucherndem Krüppelge⸗ ſträuche eingeengt. Victor ging durch den ſeltſamen Ahorngarten hin⸗ durch. Hierauf gelangte er durch neuerdings beginnendes Buſchwerk an einen ſonderbaren Ort. Er war wie eine Wieſe, auf der kleine und zum Theile verkommene Obſtbäume ſtanden. Aber mitten unter dieſen Bäumen war in dem Graſe eine runde ſteinerne Brunneneinfaſſung, und allenthalben zwiſchen den Baumſtämmen ſtanden graue ſteinerne Zwerge, welche Dudelſäcke, Leiern, Klarinetten und überhaupt muſikaliſche Ge⸗ räthſchaften in den Händen hielten. Manche davon waren verſtümmelt, und es ging auch kein Weg oder gebahnter Platz von einem zum andern, ſondern ſie ſtanden lediglich in dem hohen emporſirebenden Graſe. Vie⸗ tor ſchaute dieſe ſeltſame Welt eine Weile an, dann ſtrebte er weiter. Sein Weg ging von dieſem Garten über eine alte Steintreppe in einen Graben hinab, und jenſeits wieder hinauf. Wie überall Gebüſche war, ſo war es auch hier, aber hinter dem Gebüſche ſah Victor eine hohe fen⸗ ſterloſe Mauer, in welcher ein Eiſengitter ſtund, an dem der Weg endete. Victor ſchloß nicht mit Unrecht, daß hier der Eingang in die Klauſe ſein müſſe, und er näherte ſich deßhalb dem Gitter. Als er angekommen war, fand er es verſchloſſen, und es war keine Glocke und kein Klöppel daran. Daß hier der Eingang in das Haus ſei, zeigte ſich nun deutlich. Hinter dem Eiſengitter war ein geebneter, ſandiger Platz, auf welchem Blumen ſtanden. An dem Platze war ein Haus, von dem aber nur der Vordertheil ſichtbar war, der Hintertheil ſich hinter Gebüſche verlief. Unmittelbar von dem Sandplatze ging eine hölzerne Treppe in das erſte Geſchoß des Hauſes hinauf. Jenſeits des Platzes, der abermals mit Gebüſchen geſäumt war, mußte wieder der See beginnen; denn es war hinter dem Grün der feine ſanfte Dunſt, der gerne über Bergwäſſern iſt, und es ſtiegen die röthlich ſchimmernden Wände der Griſel hinan. Während Victor ſo durch die Eiſenſtäbe hinein ſchaute, und an ihnen allerlei Verſuche machte, ob er nicht eine Vorrichtung fände, durch die das Gitter aufgehe, trat ein alter Mann aus dem Gebüſche, und ſah nach Victor hin. „Habt die Freundſchaft,“ ſagte dieſer,„öffnet mir das Thor und führt mich zu dem Herrn des Hauſes, wenn nämlich dieſes Gebäude die Klauſe heißt.“ Der Mann ſagte auf die Worte nichts, ſondern ging näher, ſchaute Victor eine Weile an, und fragte dann:„Biſt Du zu Fuße gekommen?“ „Bis zu der Hul bin ich zu Fuße gegangen,“ antwortete Victor. „Iſt es aber auch wahr?“ Stifter. 4. Aufl. III. 4 — 0 Victor wurde glühend roth im Angeſichte; denn er hatte nie ge⸗ logen. „Wenn es nicht ſo wäre,“ antwortete er,„ſo würde ich es nicht ſagen. Wenn Ihr mein Oheim ſeid, wie es faſt ſcheint, ſo habe ich hier einen Brief von meinem Vormunde, der Euch darthun wird, wer ich bin, und daß ich nur auf Euer ausdrückliches Verlangen die Fußreiſe hieher angetreten habe.“ Mit dieſen Worten zog der Jüngling das reinlich erhaltene Schrei⸗ ben, wie es ihm ſeine Ziehmutter anbefohlen hatte, hervor, und reichte es zwiſchen den Eiſenſtäben hinein. Der alte Mann nahm das Schreiben und ſteckte es ungeleſen ein. „Dein Vormund iſt ein Narr, und ein beſchränkter Menſch,“ ſagte er,„ich ſehe, daß Du Deinem Vater ganz und gar gleich ſiehſt, da er anhob, die Streiche zu machen. Ich habe Dich ſchon über den See fahren geſehen.“ Victor, der in ſeinem Leben keine rückſichtsloſen Worte gehört hatte, war ſtumm, und wartete nur, daß der Andere das Gitter öffnen werde. Dieſer aber ſagte:„Nimm eine Schnur mit einem Steine, und ertränke dieſen Hund in dem See, dann komme wieder hieher, ich werde derweilen öffnen.“ „Wen ſoll ich ertränken?“ fragte Victor. „Nun den Hund, den Du da mitgezogen.“ „Und wenn ich es nicht thue?“ „So öffne ich Dir dieſe Pforte nicht.“ „So komme, Spitz,“ ſagte Victor. Er kehrte ſich bei dieſen Worten um, lief über die Treppe in den Graben, ſtieg jenſeits empor, lief durch den Zwerggarten, durch die Ahornanlage, durch das folgende Geſtrippe, und langte an der Seebucht an, mit allen Kräften, deren ſein Körper fähig war, hinaus rufend: „Schiffer!— alter Schiffer!“ Aber es war unmöglich, daß ihn dieſer hören konnte. Den Knall eines Scheibengewehres hätte man in dieſer Entfernung nicht mehr ver⸗ nommen. Wie eine ſchwarze Fliege ſtand das Schifſchen neben der dun⸗ keln Fußſpitze des Orlaberges, die weit in den Abendglanz des Sees hinaus ſtach. Victor nahm ſein Sacktuch hervor, knüpfte es an ſeinen Stab, und that allerlei Schwenkungen in die Luft, damit er geſehen würde. Allein man ſah ihn nicht, und zuletzt, wie er noch immer ſchwenkte, war auch die ſchwarze Fliege um die Bergſpitze verſchwunden. Der See war ganz leer und nur die leiſe ſchäumende Brandung ſah Victor im Abendwinde, der ſich indeſſen gehoben hatte, längs den Felſen der Inſel ſpielen. „Es thut nichts— es thut auch nichts,“ ſagte er,„komme, Spitz, wir werden uns da am Ufer in's Gebüſche ſetzen, und die Nacht über ſißen bleiben. Morgen zeigt ſich wohl ein Kahn, den wir herzu winken werden.“ Was er ſagte, that er auch. Er ſuchte eine Stelle, wo das Gras des Raſens kurz und trocken war, und wo die Büſche dicht überhingen, ohne ihm die Ausſicht auf den See zu benehmen. „Siehſt du,“ ſagte er,„wie es gut iſt, wenn man täglich früh Morgens etwas zu ſich ſteckt. Du erprobeſt es auf dieſer Reiſe ſchon zum zweiten Male.“ Bei dieſen Worten zog er die zwei Brode heraus, die er heute früh in dem Afelwirthshauſe mitgenommen hatte, und begann theils ſelber davon zu eſſen, theils den Hund damit zu füttern. Da dieſes Geſchäft vollendet war, ſaß der Wanderer, der das Ziel ſeiner Reiſe erreicht zu haben glaubte, heute zum erſten Male in der einfachen Herberge des freien Himmels, und ſchaute die Gegenſtände um ſich herum an. Die Berge, die ſchönen Berge, die ihm, da er gegen ſie heran kam, gar ſo ſehr gefallen hatten, wurden immer ſchwärzer, und legten drohende dunkle und zerſplitterte Flecke auf den See, auf welchem noch das Blaßgold des Abendhimmels lag, das ſelbſt in den dunklen Bergſpieglungen zuweilen aufzuckte. Und immer ſonderbarer, in die Schatten der Nacht ſich hül⸗ lend, wurden die Gegenſtände um ihn herum. Die Schlacken und das ſchwache Gold des Sees rührten ſich und floſſen öfters durcheinander, zum Zeichen, daß ein ſanfter Luftzug dort herrſchen müſſe. Victor's Auge, freilich nur an die ſchönen heiteren Eindrücke des Tages gewöhnt, konnte ſich doch auch nicht wegwenden von dieſem allmäligen Verfärben der Dinge und von dem Einhüllen zur Ruhe der Nacht. Die große Er⸗ müdung ſeiner Glieder ließ ihm das Sitzen auf dem weichen Graſe und geſchützt von den deckenden Geſträuchen recht angenehm erſcheinen. Er ſaß mit dem Spitze an ſeiner Seite ſo lange, bis endlich das Dunkel mit immer größerer Schnelligkeit ſich über See, Gebirge und Himmel webte. 4* Dann beſchloß er, ſich nieder zu legen. Er machte alle Knöpfe ſeines Rockes zu, wie es ihn die Ziehmutter gelehrt hatte, daß er ſich nicht ver⸗ kühle— er band das Halstuch, das er unter Tags abgethan hatte, wie⸗ der um— er that ſein Regenmäntelchen aus Wachstaffet heraus, und nahm es über— dann richtete er ſich das Ränzchen als Kiſſen, und legte das Haupt darauf, da die Finſterniß ſchon wie eine Mauer um ihn ſtand. Das Begehren nach Schlummer zog ſich, da er lag, bald durch alle ſeine ermüdeten Glieder. Die Geſträuche flüſterten, da ſich das Lüftchen von dem See bis hieher gezogen hatte, und die Brandung mur⸗ melte deutlich von Wand zu Wand. In dieſe Eindrücke, deren Wirkungen immer ſchwächer wurden, ver⸗ ſanken ſeine Sinne, und das Bewußtſein wollte eben verſchwinden, als er durch ein leiſes Knurren ſeines Hundes geweckt wurde. Er ſchlug die Augen auf— da ſtand einige Schritte vor ihm dicht am Landungsplatze eine menſchliche Geſtalt ſich dunkel gegen das ſchillernde Waſſer des Sees werfend. Victor ſtrengte ſeine Augen an, mehr von der Geſtalt zu erkennen, aber die Umriſſe zeigten nur, daß ſie ein Mann ſei, und es ließ ſich nicht ermitteln, ob jung oder alt. Die Geſtalt ſtand ganz ruhig, und ſchien unverwandt auf das Waſſer hinaus zu ſchauen. Victor rich⸗ tete ſich zu ſitzender Stellung empor, und blieb ebenfalls ruhig. Auf ein neues ſtärkeres Knurren des Hundes drehte ſich die Geſtalt plötzlich um und rief:„Seid Ihr da, junger Herr?“ „Ein junger Wandersmann mit ſeinem Hunde iſt da,“ ſagte Victor, „was wollt Ihr?“ „Daß Ihr zum Abendeſſen kommt, denn die Stunde iſt faſt ſchon vorüber.“ „Zum Abendeſſen?— zu weſſen Abendeſſen?— und wer iſt es, den Ihr ſuchet?“ „Ich ſuche unſern Reffen; denn der Oheim wartet ſchon eine Vier⸗ telſtunde.“ „Seid Ihr ſein Geſellſchafter, oder ſein Freund?“ „Ich bin ſein Diener, Namens Chriſtoph.“ „Des Herrn der Klauſe, meines Oheims?“ „Des nämlichen. Er hat die Anzeige Eurer Herreiſe erhalten.“ „Nun ſo ſagt ihm,“ ſprach Victor,„daß ich hier die ganze Nacht ſitzen will, und daß ich mir eher einen Stein um den Hals hängen und — mich in den See werfen laſſe, als daß ich den Hund ertränke, der mit mir iſt.“ „Ich werde es ihm ſagen.“ Mit dieſen Worten kehrte ſich der Mann um, und wollte fortgehen. Victor rief ihn noch ein Mal nach:„Chriſtoph, Chriſtoph.“ „Was wollt Ihr, junger Herr?“ „Iſt kein anderes Haus, oder eine Hütte, oder ſonſt ein Ding auf der Inſel, in welchem man übernachten könnte?“ „Nein, es iſt nichts da,“ antwortete der Diener,„das alte Kloſter iſt zugeſperrt, die Kirche auch, die Speicher ſind mit altem Geräthe voll⸗ gepfropft, ebenfalls verſchloſſen, und ſonſt iſt nichts da.“ „Es iſt auch gut,“ ſprach Victor,„das Haus meines Oheims be⸗ ſuche ich durchaus nicht— von dieſem Hauſe verlange ich keinen Schutz. —— Mir däucht, der alte Schiffmann, der mich herüber geführt hat, hat Euren Namen genannt, und hat geſagt, daß Ihr manchmal in die Hul hinaus kämet.“ „Ich hole unſere Lebensmittel und andere Dinge herüber.“ „So hört mich an, ich will Euch Euren Fährlohn reichlich zahlen, wenn Ihr mich heute noch in die Hul hinüber ſchifft.“ „Und wenn Ihr noch mehr zahltet, als ich verlangen wollte, ſo wäre es dreimal unmöglich. Erſtens ſtehen alle Kähne in dem Bohlen⸗ verſchluſſe, das Thor iſt geſperrt, und jeder Kahn liegt noch mit einem Schloſſe an ſeinem Balken angeſchloſſen, wovon ich keinen Schlüſſel habe. Zweitens, wenn auch ein Kahn wäre, ſo wäre kein Fährmann. Ich werde es Euch erklären. Seht Ihr dort gegen den Orla zu die wei⸗ ßen Flecke, die auf dem See ſind. Das ſind Rebelflecken, die gleichſam auf den Steinen des Orlaufers ſitzen. Wir heißen ſie die Gänſe. Und wenn die Gänſe einmal in einer Reihe da ſitzen, dann kömmt Nebel. Wenn die Abendwehe, das iſt der Wind, der nach jedem Sonnenunter⸗ gange aus den Schluchten auf den See heraus geht, aufhört, dann iſt in einer halben Stunde der See mit Rebel angefüllt, und da kann man nicht wiſſen, wohin ein Kahn zu leiten iſt. Unter dem Waſſer laufen die Gebirgsgrate hin, die oft nur ein wenig bedeckt find. Wenn man zu einem ſolchen Grate geriethe, und ein Leck in das Schiff ſtieße, da müßte man ausſteigen und in dem Waſſer ſtehen bleiben, bis man am Tage von Jemanden geſehen würde. Aber man würde von Niemanden ge⸗ — ſehen, weil die Fiſcher niemals zu den Gebirgsgraten hinzufahren. Be⸗ greifet Ihr das, junger Herr?“ „Ja, ich begreife es,“ antwortete Victor. „Und zum Dritten kann ich Euch nicht überführen, weil ich ſonſt ein ungetreuer Diener wäre. Der Herr hat mir keinen Auftrag gegeben, Euch in die Hul zu führen, und wenn er dies nicht thut, ſo führe ich Euch nicht über.“ „Gut,“ antwortete Victor,„ſo bleibe ich hier ſo lange ſitzen, bis morgen ein Fahrzeug ſo nahe kömmt, das ich es herzu zu winken vermag.“ „Es kömmt aber kein Fahrzeug ſo nahe,“ erwiederte der Diener; „es iſt über unſeren See kein Waarenzug, weil der einzige Weg, der vom andern Ufer weiter führt, nur ein Fußweg über die Griſel iſt, und die Wanderer zu dieſem Fußwege an dem unſerer Inſel entgegengeſeßzten Seeufer hinfahren. Dann iſt die Brandung an den Geſtaden der Inſel ſo groß, daß ſich wenige Fiſche da aufhalten, und ſelten Fiſcherbote ſo nahe kommen. Es könnten acht oder mehr Tage vergehen, ehe Ihr eines ſeht.“ „So muß mich morgen mein Oheim in die Hul zurückführen laſſen, weil ich auf ſein Verlangen hieher gekommen bin, und weil ich nicht mehr länger da bleiben will,“ ſagte Victor. „Es kann ſein, daß er es thut,“ antwortete der Diener,„ich weiß das nicht; aber jetzt wartet er mit dem Abendeſſen auf Euch.“ „Wie kann er warten,“ ſagte Victor,„da er gemeint hat, ich ſolle meinen Spitz ertränken, da er geſagt hat, daß er nicht öffnen wolle, wenn ich es nicht thue, und da er mich hierauf fort gehen ſah, und mich nicht zurück gerufen hat.“ „Das weiß ich alles nicht,“ erwiederte Chriſtoph,„aber Eure An⸗ kunft iſt in der Klauſe bekannt, und es war auf dem Tiſche für Euch gedeckt. Der Herr hat mir aufgetragen, Euch zu rufen, weil Ihr die Eßſtunde nicht wißt, ſonſt hat er nichts geſagt. Weil ich es aber geſehen habe, wie Ihr von dem Eiſengitter fortgelaufen ſeid, ſo dachte ich gleich, als er mir den Auftrag gab, Euch zum Eſſen zu rufen, ich müſſe an dieſen Ort gehen, ich würde Euch hier finden. Anfangs, da ich Euch nicht ſah, meinte ich gar, Ihr ſeid gleich wieder über das Waſſer davon⸗ gefahren, aber es war ja nicht möglich, der Mann, der Euch gebracht hat, muß ja ſchon um die Orlaſpitze zurück geweſen ſein, als Ihr hieher wieder zurück kamet.“ Als Victor hierauf nichts erwiederte, ſtand der Mann noch ein Weilchen, dann ſagte er wieder:„Der Herr wird gewiß bereits zu eſſen begonnen haben; denn er hat ſeine feſigeſetzten Stunden und geht davon nicht ab.“ „Das iſt mir eine gleichgültige Sache,“ antwortete Victor,„er mag eſſen und ſich ſättigen, von ſeinem Mahle verlange ich nichts; denn ich und mein Spitz haben unſere Brode, die ich mir aufgehoben habe, ſchon verzehrt.“ „Nun ſo muß ich alſo gehen, und ihm das melden,“ ſprach der Diener weiter,—„aber das müßt Ihr bedenken, daß Ihr, wie Ihr vor⸗ her ſelber ſagtet, gekommen ſeid, weil es der Oheim begehrt hat, daß er alſo mit Euch zu ſprechen wünſcht, und daß Ihr das ſelber unmöglich macht, wenn Ihr in dem Gebiete ſeines Hauſes unter freiem Himmel ſitzen bleibt.“ „Ich wollte zu ihm gehen,“ erwiederte Victor,„ich wollte mit ihm ſprechen, und ihn ehrerbietig grüßen, die Mutter hat mir auch geſagt, daß es gut ſei, und der Vormund hat es auch befohlen— aber ehe ich dem Thiere, das mich mit Lebensgefahr aufgeſucht und begleitet hat, etwas zu Leide thun laſſe, will ich ſelber eher Verwundung und Tod ertragen.“ „Es wird dem Thiere nichts geſchehen,“ ſagte Chriſtoph,„der Herr hat Euch nur einen guten Rath gegeben; wenn Ihr ihn nicht beſolgt, ſo kümmert es ihn nicht. Er denkt gewiß nicht mehr darauf; denn ſonſt hätte er mich ja nicht geſchickt, Euch zum Eſſen zu holen.“ „Wenn Ihr mir verbürgen könnt, daß dem Hunde nichts geſchieht, ſo will ich mit Euch gehen,“ ſagte Victor. „Das kann ich Euch verbürgen,“ antwortete der Diener,„der Herr vergaß der Geringfügigkeit eines Hundes, und wird ihm nichts an⸗ haben.“ „So komme, lieber Spitz,“ ſagte Victor, indem er aufſtand. Er ſuchte gleichſam mit zitternden Händen eine Schnur aus ſeinem Ränzlein hervor, dergleichen er immer zu verſchiedenen Dingen im Vor⸗ rathe mit zu führen pflegte, und befeſtigte dieſelbe an dem Ringe des Halsbandes, das der Spitz trug. Hierauf nahm er das Ränzlein auf die Schulter, hob ſeinen Reiſeſtab vom Boden auf, und folgte dem alten Chriſtoph, der ihn den nämlichen Weg führte, den er in der Abenddäm⸗ merung gegangen, und dann wieder zurück gelaufen war. Er wäre in der Nacht ſchwer zu finden geweſen, wenn nicht der alte Chriſtoph voran ge⸗ gangen wäre. Sie gingen durch das Geſtrippe, durch die Ahorne, durch den Zwerggarten, durch den breiten Graben, und kamen zu dem eiſernen Gitter. Chriſtoph zog hier ein kleines Ding aus ſeiner Taſche, das Vie⸗ tor für ein Schlüſſel hielt; aber es war ein Pfeiſchen und der Diener that damit einen gellenden Pfiff. Sogleich öffnete ſich das Thor von unſicht⸗ baren Händen— Victor begriff es gar nicht— und ſchlug ſich hinter ihnen wieder krachend zu. Victor blickte von dem Sandplatze, auf dem ſie nun waren, ſogleich auf das Haus. An der ganzen Vorderſeite des⸗ ſelben waren nur drei Fenſter erleuchtet, zwei im oberen, und eines im Erdgeſchoſſe, alles andere war in Finſterniß. Chriſtoph führte den Jüng⸗ ling über die Holztreppe, welche gut gedeckt war, von dem Sandplatze in das erſte Geſchoß hinauf. Sie kamen in einen Gang und von demſelben in das Zimmer, dem die zwei erleuchteten Fenſter angehörten. In dem Zimmer ließ Chriſtoph den Jüngling, ohne weiter ein Wort zu ſagen, ſtehen, und ging wieder rückwärts hinaus. An dem Tiſche dieſes Zim⸗ mers ſaß der Oheim Victor's ganz allein und aß. Er hatte Abends, da ihn Victor zum erſten Male ſah, einen weiten grautuchenen Rock ange⸗ habt, jetzt hatte er dieſen abgelegt und ſtak in einem weiten großblumigen Schlafrocke, und hatte ein rothes, goldgerändertes Käppchen auf. „Ich bin nun ſchon an den Krebſen,“ ſprach er zu dem eintretenden Jünglinge,„Du biſt zu lange nicht gekommen, ich habe meine feſtgeſetzte Stunde, wie es die Geſundheit fordert, und gehe von derſelben nicht ab. Man wird Dir gleich etwas auſtragen. Setze Dich auf den Stuhl, der mir gegenüber ſteht.“ „Die Mutter und der Vormund laſſen Euch viele Grüße ſagen,“ hob Victor an, indem er mit dem Ränzlein auf dem Rücken ſtehen blieb, und zuerſt die Aufträge ſeiner Angehörigen, dann ſeine eigene Ehrerbietung und Begrüßung darbringen wollte. Der Oheim aber that mit beiden Händen, in deren jeder er ein Stück eines zerbrochenen Krebſen hielt, einen Zug durch die Luft und ſagte: „Ich kenne Dich ja ſchon an dem Angeſichte— ſo fange an hier zu ſein, wohin ich Dich beſchieden habe, und wo ich Dich als den Beſchiedenen — erkenne. Wir ſind jetzt bei dem Eſſen, daher ſetze Dich nieder und iß. Was ſonſt alles zu thun iſt, wird ſchon geſchehen.“ Victor legte alſo ſein Ränzlein auf einen Stuhl, den Wanderſtab lehnte er in einen Winkel, und dann ging er gegen den angewieſenen Stuhl, den Spitz an der Schnur hinter ſich her zerrend. Der alte Mann, dem er gegenüber ſaß, hielt ſein mageres Angeſicht gegen den Teller nie⸗ der, und das Angeſicht röthete ſich während dem Eſſen. Er riß mit den Händen die Krebſe ſehr geſchickt auseinander, löſete das Fleiſch aus, und ſaugte den Saft aus dem Korbe des Oberleibes und dem Geflechte der Füße. Dem Jünglinge war das wohlwollende Herz, das er hieher hatte bringen wollen, erſtickt, und er ſaß ſtumm dem Verwandten gegenüber, der ebenfalls ſtumm in dem Geſchäfte ſeines Eſſens fort fuhr. Es ſtan⸗ den mehrere verſchieden geſtaltete und verſchiedenfärbige lange Flaſchen auf dem Tiſche, in denen verſchiedene Weine ſein mußten, und aus denen der Oheim wahrſcheinlich ſchon getrunken hatte; denn bei jeder Flaſche ſtand ein eigenthümliches Glas mit einem Reſichen Wein am Boden. Nur eine Flaſche ſtand noch neben dem Teller, und aus derſelben ſchenkte der alte Mann von Zeit zu Zeit ein Schlückchen in ein kleines grünbau⸗ chiges Stengelglas. Für Victor war indeſſen eine Suppe gebracht wor⸗ den, von welcher er mit ſeiner rechten Hand aß, während er mit der Lin⸗ ken das Haupt des unten ſitzenden Spitzes an ſein Knie drückte. In der Zeit, in welcher er ſeine Suppe aß, waren von einem alten Weibe nach und nach ſo viele Speiſen für ihn herbei getragen worden, daß er in Ver⸗ wunderung gerieth. Er aß davon, bis er ſatt war, dann ließ er das Uebrige ſtehen. Der Oheim hatte ihm von den Weinen nichts angetra⸗ gen, Victor verabſcheute auch noch den Wein, ſondern ſchenkte ſich von dem Waſſer, das in einer kriſtallſchönen Flaſche von derſelben alten Frau, die aufwartete, alle Augenblicke erneuert wurde, ein, und erkannte, daß er nie ein ſo vortreffliches, friſches, pralles und ſtarkes Waſſer getrunken habe. Während er ſich ſättigte, aß der Oheim noch ein Stückchen Käſe, dann allerlei Früchte und Zuckerwerk. Hierauf trug der alte Mann die verſchiedenen Teller, auf denen Glasglocken über den Dingen des Nach⸗ tiſches ſtanden, eigenhändig in Schreine, die in die Mauern gefügt wa⸗ ren, und ſperrte ſie ein. Dann that er die Reſtchen Wein jedes in ſeine Flaſche und ſchloß die Flaſchen in ähnliche Schreine ein. Auf der Stelle des Zimmers, auf welcher der Oheim während dem Eſſen geſeſſen war, war ein dichter Teppich gebreitet, und auf dem Tep⸗ piche lagen drei alte fette Hunde, denen der Greis von Zeit zu Zeit bald eine Krebsſcheere, bald eine Mandel, bald ein Stückchen Zuckerwerk hinab gereicht hatte. Schon als Victor mit dem Spitz eingetreten war, hatten alle drei geknurrt, und während dem Eſſen, wenn er dem armen Spitz ein Stückchen hinab reichte, grinſten ſie wieder und ließen ein ſchwaches Mur⸗ ren hören. So lange der Oheim bei ſeinem Nachtmahle beſchäftigt geweſen war, hatte er zu Victor nicht geſprochen, gleichſam, als wäre zu keinem andern Dinge Zeit; jetzt aber ſagte er:„Haſt Du das Gerippe doch wieder mit geſchleppt. Wer ein Thier hat, muß es auch ernähren können. Ich habe Dir den Rath gegeben, daß Du es in den See würfeſt, aber Du haſt ihn nicht befolgt. Die Hunde der Studenten habe ich nie leiden können; ſie ſind, wie traurige Geſpenſter. Und gerade dieſes Volk will immer Hunde haben. Wo haſt Du ihn denn mit genommen, und brachteſt ihn zu mir, ohne ihm unter Weges etwas zu freſſen zu geben?“ „Es iſt der Hund meiner Ziehmutter, Oheim,“ ſagte Victor,„ich habe ihn nirgends mit genommen, weder gekauft noch ertauſcht; ſondern am dritten Tage nach meiner Abreiſe iſt er mir nach gekommen. Er muß ſtark gerannt ſein, was er in ſeinem früheren Leben nicht gewohnt war; er muß auch große Angſt ausgeſtanden haben, wozu er ebenfalls bei der Ziehmutter nie Urſache gehabt hatte— und deßhalb iſt er in den datauf folgenden Tagen ſo mager geworden, wie er nie geweſen iſt, obwohl ich ihm gegeben habe, was er nur immer verlangte. Erlaubt daher, daß ich ihn in eurem Hauſe bei mir behalte, damit ich ihn der Ziehmutter wieder übergeben kann, ſonſt müßte ich ſogleich zurück reiſen und ihn ihr über⸗ bringen.“ „Und da haſt Du ihn immer ſo Tag und Nacht bei Dir gehabt?“ „Freilich.“ „Daß er Dir einmal die Kehle abfrißt.“ „Das thut er ja nie. Wie fiele ihm denn das ein? Er iſt bei mei⸗ nen Füßen gelegen, wenn ich raſtete oder ſchlief, er hat ſein Haupt auf dieſelben gelegt, und er würde eher erhungern, ehe er mich verließe oder mir ein Leid thäte.“ „So gib ihm zu eſſen, und denke auf das Waſſer, daß er nicht wü⸗ thend wird.“ Das alte Weib hatte, als das Abendmahl aus war, nach und nach die Schüſſeln, Teller und andere Reſte desſelben fort getragen; jetzt kam auch Chriſtoph, den Victor, ſeit er mit ihm hieher gekommen war, nicht mehr geſehen hatte. Der Oheim ſagte zu dem hereintretenden Diener:„Sperre ihnen die Stallthür gut zu, daß keiner heraus komme, laſſe ſie aber vorher auf dem Sande unten ein wenig herum gehen.“ Auf dieſe Worte erhoben ſich die drei Hunde, wie auf ein bekanntes Zeichen. Zwei folgten Chriſtoph von ſelber, den dritten nahm er bei dem Balge und ſchleppte ihn hinaus. „Ich werde Dir Deine Schlafkammer ſelber zeigen,“ ſagte der Oheim zu Victor. Er ging bei dieſen Worten in die Tiefe des Zimmers, wo es bedeu⸗ tend dunkel war, weil nur ein Licht auf dem Tiſche brannte. Dort nahm er von einem Geſtelle, oder ſonſt von etwas, das man nicht erkennen konnte, einen Handleuchter, kam wieder hervor, zündete die Kerze des Handleuchters an, und ſagte:„Jetzt folge mir.“ Victor nahm ſein Ränzlein mit dem einen Riemen in den Arm, faßte ſeinen Stab, zog den Spitz an der Schnur, und ging hinter dem Oheime her. Dieſer führte ihn bei der Thür hinaus in einen Gang, in welchem der Reihe nach uralte Käſten ſtanden, dann rechtwinklich in einen andern, und endlich eben ſo in einen dritten, der durch ein eiſernes Gitter ver⸗ ſchloſſen war. Der Oheim öffnete das Gitter, führte Victor noch einige Schritte vorwärts, öffnete dann eine Thür und ſagte:„Hier ſind Deine zwei Zimmer.“ Victor trat in zwei Gemächer, wovon das erſte größer, das zweite kleiner war. „Du kannſt den Hund in die Nebenkammer einſperren, daß er Dir nichts thut,“ ſagte der Oheim,„und die Fenſter verſchließe wegen der Nachtluft.“ Mit dieſen Worten zündete er die auf dem Tiſche des erſten Zim⸗ mers ſtehende Kerze an, und ging ohne Weiters fort. Victor hörte, daß er das Gitter des Ganges zuſperre, dann verklang der ſchleiſende Tritt der Pantoffeln, und es war die Ruhe der Todten im Hauſe. Um ſich zu überzeugen, daß er hinſichtlich des Gitters recht gehört habe, ging Victor auf den Gang hinaus, um nach zu ſehen. Es war in der That ſo: das eiſerne Gitter war mit ſeinen Schlöſſern verſchloſſen. „Du armer Mann,“ dachte Victor,„fürchteſt Du Dich etwa vor mir?“ Dann ſtellte er die Kerze, die er auf den Gang mit hinaus genom⸗ men hatte, wieder auf den Tiſch neben das zinnene, verbogene Waſch⸗ becken, und ſchritt gegen das große vergitterte Fenſter vor. Es waren zwei hart nebeneinander in ſteinene Simſe gefügte Fenſter. Victor ſah, da das Glas geöffnet ſtand, durch das eiſerne Gitter in die Nacht hinaus, und der Druck, der gleichſam auf ſeiner Seele lag, begann ſich zu löſen. Es war ein blaſſer mit wenigen Sternen beſetzter Nachthimmel, der zu ihm herein blickte. Es mochte ein kleiner Ranft des wachſenden Mondes hinter dem Hauſe ſtehen; denn Victor ſah das ſchwache Licht desſelben auf den Blättern eines Baumes glänzen, der vor dem Hauſe war— aber die Berge, die gegenüber ſtanden, zeigten ſich völlig lichtlos. Die im Laufe dieſes letzten Tages vielfach genannte Griſel erkannte er gleich. Sie ſtand wie ein flacher, ſchwarzer Schattenriß auf dem Silber des Himmels, bog ſich niedergehend ein wenig aus, und an dem Buge ſtand ein Stern, wie ein niederhängendes irdiſches Ordensſternlein. Victor ſchaute lange hinaus. „Nach welcher Gegend hin,“ dachte er,„wird das Thal meiner Mut⸗ ter ſein, und wird das liebe ſchimmernde Häuschen zwiſchen den dunkeln Büſchen ſtehen?“ Er hatte nämlich durch die vielfachen Windungen des Weges an der Afel herein, und durch die Kreuzgänge des Hauſes die Richtung der Welt⸗ gegenden verloren. „Jetzt werden dort auch die Sterne nieder ſcheinen, der Hollunder wird ſtille ſein, und die Waſſer werden rieſeln. Mutter und Hanna wer⸗ den ſchlummern, oder ſie ſitzen noch an dem Tiſche, wo ſie das Abend⸗ mahl verzehrt haben, mit ihrer Arbeit, und denken an mich, oder reden wohl gar von mir.“ Vor ſeinen jetzigen Fenſtern war wohl auch ein Waſſer, ein viel größeres, als der Bach in ſeinem Mutterthale, aber er konnte es nicht ſehen; denn ein ruhiger weißer Rebel lag darauf, der oben durch eine wagrechte gleichſam feſte Linie abgeſchnitten war. „Von der Stube, in welcher ich ſchlief, ſchaut jetzt Niemand nieder, — um die Funken in dem regſamen Bache zu ſehen, um die Bäume zu ſehen, die herum ſtehen, oder auch die Berge, auf welche ſich die Felder empor ziehen.“ Es kam, während er ſo hinaus ſchaute, nach und nach eine kalte, ſehr feuchte Nachtluft durch die Fenſter herein. Victor ſchloß ſie alſo zu, und beſah, ehe er ſich nieder legte, auch das zweite Gemach. Es war, wie das erſte, nur daß es kein Bett hatte. Ein rußiges Bild ſah von einer Niſche nieder, darauf ein Mönch abgemalt war. Victor ſchloß auch hier das ſchmale Fenſter und ging zu ſeiner Lagerſtätte hinaus. Den Spitz hatte er unwillkührlich immer an der Schnur mit ſich geführt; nun aber löſete er den Knoten an dem Ringe, nahm ihm das Halsband ab und ſagte:„Lege Dich hin, wo Du willſt, Spitz, wir werden uns wechſel⸗ weiſe nicht abſperren.“ Der Hund ſah ihn an, als wollte er deutlich ſagen, daß ihm alles befremdend vorkomme, und daß er nicht wiſſe, wo er ſei. Victor ſchloß nun auch ſeinerſeits das Schloß ſeines Zimmers zu und entkleidete ſich. Es fiel ihm während dieſer Handlung auf, daß er heute Abends in dem ganzen Hauſe nur drei Menſchen geſehen habe— und daß dieſe lauter alte geweſen ſind. Als er ſein Nachtgebet, das er gewiſſenhaft ſeit den erſten Tagen ſei⸗ ner Kindheit immer verrichtete, geſprochen hatte, legte er ſich in das Bett. Er ließ eine Weile noch das Licht auf ſeinem Betttiſchchen brennen, bis ihm die Augenlider zu ſchwer wurden und die Sinne zu ſchwinden begannen. Dann löſchte er die Kerze aus, und drehte ſich gegen die Wand⸗ Der Spitz lagerte ſich, wie gewöhnlich, zu den Füßen ſeines Bettes, that ihm nichts leides, und beiden ermüdeten Weſen war die Nacht wie ein Augenblick. Aufenthalt. Als Victor des andern Morgens erwachte, erſchrak er über die Pracht, die ſich ihm darſtellte. Die Griſel ſtand drüben in allen ihren Spalten funkelnd und le Berg geſchienen hatte, ſo ſtanden doch n der Nacht nicht geſehen hatte, und dieen und an vielen Stellen Schnerflecken zeigten, in die Spalten duckten. Alles glänzte und Bäume ſtanden vor dem ſehen hatte, die Gräſer troffen, ü und das Ganze erſchien noch Nebel rein gefegt, wie der zarteſte Fenſter aufgeriſſen und ſteckte das ſtäben hinaus. Sein Erſtaunen tümmel an Lichtern und Farber gen mit dem dieſe ungeheuren Berge Gegenſatz. Kein Menſch wat zu ſe nur einige Vögel zwitſ einmal uchtend, und obwohl ſie in der Nacht der höchſte un höhere neben ihr, die er in un ſanft blau nieder ſchienen, die ſich wie weiße Schwäne flimmerte durcheinander, hohe Hauſe in einer ſolchen Näſſe, wie er ſie nie ge⸗ berall gingen breite Schatten nieder, in dem See, der von jeder Flocke Spiegel dahin lag. Victor hatte ſeine blühende Angeſicht zwiſchen den Eiſen⸗ war außerordentlich. Mit alle dem Ge⸗ nherum bildete das todtähnliche Schwei⸗ slaſten herum ſtanden, den ſchärfſten hen— auch vor dem Hauſe nicht— cherten zeitweilig in den Ahornen. genlärm mochte nicht in all dieſen Höhen ſein, aber er w Victor ſtreckte den Kopf, ſo weit er nehmen, weil ſie zu ferne ſtanden, konnte, hinaus, um h Theil des Sees. Ueberall ſo erum ſchauen zu können. hritten Wände an demſelben hin, und der Er ſah Jüngling konnte durchaus nicht errathen, wo er herein Auch die Sonne war an einem ganz andern erwartet hatte, nämlich hinter dem Hauſe, und ſeine Fe im Schatten, was eben das Licht erhöhte. Mit dem Monde, den er geſtern ſeiner Lichtwi ſtens für eine ſchmale Sichel gehal thume; denn er ſtand nun als Halb Zacken der Gebirge Lichter in den Berger Wände fallen müſſen, daß ſie ſo erleuch es Dorfes, der im Mond Kirchthurm ſein weiß und ſcharf in die d wohl die Sonne ſchon ziemlich hoch ſtan ſeinen Fenſtern herein ſtrömte, nicht gewohnt war; allein ſie b gleich ſo feſt und h Er trat endli der gegenüber liegen Welch ein Mor⸗ ar nicht zu ver⸗ einen ziemlichen gekommen war. Orte aufgegangen, als er nſter waren noch den Wände noch rkung nach höch⸗ ten hatte, war er ebenfalls im Irr⸗ mond noch am Himmel, gegen die ſich nieder neigend. Victor kannte die Wirkung der art, daß ſie alle noch ſo kalt und naß, w eläſtigte ihn nicht, ſondern ſie war zu⸗ n noch nicht. Welche Fluth hätte auf die fernen tet dageſtanden wären, wie der ſcheine immer ſo ſchimmernd unkelblaue Nachtluft empor geſtanden war. Ob⸗ d, ſo war doch die Luft, die zu ie er ſie zu Hauſe ſeine Lebensgeiſter anregte. ch von dem Fenſter zurück, und fing an ſein Ränzlein . —— auszupacken, um ſich anders anzukleiden, als er auf der Reiſe geweſen war; denn heute, dachte er, wird der Oheim zu ihm ſprechen, und wird ihm erklären, warum er ihn zu ſich auf dieſe vereinſamte Inſel habe kommen laſſen. Er legte reine Wäſche heraus, er bürſtete den Staub von dem zweiten Anzuge, den er außer dem Reiſekleide noch mit ſich führte, er benützte reichlich das ſpiegelklare in dem zinnenen Kruge vorhandene Waſſer, um den Reiſeſtaub von ſich zu waſchen, und zog ſich dann ſo zuſammen ſtimmend und paſſend an, wie er es in dem überreinlichen Hauſe ſeiner Ziehmutter gelernt hatte. Selbſt den Spitz, der ein ſo un⸗ willkommener Gaſt in dieſem Hauſe war, hatte er vorher noch gekämmt und gebürſtet. Dann legte er ihm wieder das Halsband um, und knüpfte ſeine Schnur an den Ring desſelben. Als ſie beide ganz und gar ſertig waren, ſchloß er ſeine Thüre auf, und wollte in das Zimmer gehen, wo ſie geſtern Abends gegeſſen hatten, um den Oheim zu ſuchen. Als er aber auf dem Gange war, fiel ihm ein, daß er heute zum erſten Male ſein Morgengebet vergeſſen habe. Es mußte in der Wirkung der großen nie gekannten Eindrücke des heutigen Morgens geſchehen ſein. Er ging da⸗ her noch einmal in das Zimmer zurück, ſtellte ſich wieder an das Fenſter, und ſagte die einfachen Worte, die er ſich einſt heimlich und ohne daß Jemand etwas davon wußte, zu dieſem Zwecke zuſammen gedacht hatte. Dann trat er zum zweiten Male den Weg zu dem Oheime an. Das eiſerne Gitter am Gange war nicht mehr verſperrt, er trat durch dasſelbe hindurch und fand leicht den Gang, aus welchem er ge⸗ ſtern in das Speiſezimmer war geführt worden— aber der Gang hatte gar keine Thür, die in ein Gemach hätte leiten können, ſondern es ſtan⸗ den in demſelben lauter alte Käſten, die er ſchon geſtern beim Schlafen⸗ gehen im Kerzenſcheine geſehen hatte. Die Gangfenſter waren von unten gegen oben mit Brettern verſchlagen, nur eine kleine Oeffnung war oben frei, daß durch das Glas das Licht herein fallen konnte, gleichſam als ſcheute man die Freiheit und Klarheit des Lichtes und liebte die Finſter⸗ niß in dieſen Gängen. Da Victor ſo ſuchte, trat aus einem der Käſten die alte Frau heraus, die geſtern zum Abendeſſen die Speiſen gebracht hatte. Sie trug Taſſen und Schalen, und ging wieder in einen ſolchen Kaſten hinein. Da Victor an dem, wo ſie heraus gekommen war, näher ſchaute, entdeckte er, daß derſelbe ein verlarvtes Thürfutter ſei, und zur Hinterwand die Thür habe, durch die er geſtern zu dem Oheime hinein gegangen war, wie er an dem Ringe und Klöppel erkannte, die er geſtern beim Lichte bemerkt hatte. Er klopfte leicht mit dem Klöppel, und auf einen Laut drinnen, der wie„herein“ klang, öffnete er und ging hinein. Er gelangte wirklich in das geſtrige Speiſezimmer und traf den Oheim. Die vielen gleichen Käſten, die ſich etwa in dem Gebäude vorgefun⸗ den hatten, ſchienen nur darum in den Gang geſtellt worden zu ſein, daß Jemand, der in unredlicher Abſicht durch eine Thür hinein gehen wollte, dieſe Abſicht nicht leicht erreiche, weil er die koſtbarſte Zeit durch Unterſuchung der wahren und falſchen Thürkäſten vergeuden mußte. Zu demſelben Zwecke größerer Sicherheit ſchienen auch die Gänge verfinſtert worden zu ſein. Der Oheim hatte heute den grauen weiten Rock an, in dem ihn Victor geſtern an demn Eiſengitter hatte ſtehen geſehen. Er ſtand jetzt im Zimmer auf einem Schemel, und hatte einen ausgeſtopften Vogel in der Hand, von dem er mit einem Pinſel den Staub abbürſtete. „Ich werde Dir heute die Stundeneintheilung meines Hauſes ge⸗ ben, die durch Chriſtoph aufgeſchrieben iſt, daß Du Dich darnach richten kannſt; denn ich habe mein Frühſtück ſchon nehmen müſſen, weil die Zeit da war,“ ſagte er zu dem hereingekommenen Victor ohne weiteren Morgengruß oder ſonſtiger Bewillkommung. „Ich wünſche Euch einen ſehr guten Morgen, Oheim,“ ſagte Victor,„und bitte um Verzeihung, daß ich die Frühmahlſtunde verſäumt habe, ich wußte ſie nicht.“ „Freilich konnteſt Du ſie nicht wiſſen, Narr, und es verlangte Nie⸗ mand, daß Du ſie einhalteſt. Gieße dem Hunde in jenen hölzernen Trog Waſſer ein.“ Mit dieſen Worten ſtieg er von dem Schemel herunter, ging zu einer Leitet, beſtieg ſie, und ſetzte den Vogel in das obere Fach eines Glas⸗ ſchreines. Für den hineingeſtellten nahm er einen andern heraus, und fing dasſelbe Bürſten mit ihm an. Victor konnte jetzt bei Tage erſt ſehen, wie ungemein hager und verfallen der Mann ſei. Die Züge drückten kein Wohlwollen und keinen Antheil aus, ſondern waren in ſich geſchloſſen, wie von einem, der ſich wehrt, und der ſich ſelber unzählige Jahre geliebt hat. Der Roc ſchlot⸗ terte an den Armen, und von dem Kragen desſelben ging der röthliche, runzlige Hals empor. Die Schläfe waren eingeſunken und das zwar noch nicht völlig ergraute aber aus vielen mißhelligen Farben gemiſchte Haar war ſtruppig um dieſelben herum, niemals, ſeit es wuchs, von einer liebenden Hand geſtreichelt. Die Augen, die unter den herabgeſun⸗ kenen Brauen hervor gingen, hafteten auf dem kleinen Umkreiſe des tod⸗ ten Vogels. Der Rockkragen war an ſeinem oberen Rande ſehr ſchmutzig, und an dem Aermel ſah ein gebauſchtes Stück Hemd hervor, das eben⸗ falls ſchmutziger war, als es Victor je bei ſeiner Ziehmutter geſehen hatte. Und überall waren lebloſe oder verdorbene Dinge um den Mann herum. Es befanden ſich in dem Zimmer eine Menge Geſtelle, Fächer, Nägel, Hirſchgeweihe und dergleichen, an welchen allen etwas hing und auf welchen allen etwas ſtand. Es wurde aber mit ſolcher Beharrung gehütet, daß überall der Staub darauf lag, und daß ſich vieles ſchon Jahre lang nicht von dem Platze gerührt hatte. In den Halsbändern der Hunde, wovon ein ganzer Bündel da hing, war innerlich der Staub; die Falten der Tabaksbeutel waren erſtarrt und undenklich lange ſchon nicht geändert worden; die Röhre der Pfeifenſammlung klafften, und die Pa⸗ piere unter den unzähligen Schwerſteinen waren gelb. Das Zimmer, welches ſtatt der Decke ein bedeutend ſpitzes Gewölbe hatte, war ur⸗ ſprünglich bemalt geweſen, aber die Farbe in ihren Lichtern und Schatten war in ein gleichmäßiges uraltes Dunkel übergegangen. Auf dem Fuß⸗ boden lag ein ausgebleichter Teppich, und nur dort, wo der Mann wäh⸗ rend des Speiſens zu ſitzen pflegte, war ein neuerer kleinerer mit blühen⸗ den Farben gelegt. Jetzt wälzten ſich eben die drei Hunde auf ihm.— Es war ein ſehr ſtarker Gegenſatz, wie Victor in dem Zimmer dieſes al⸗ ten Mannes ſtand. Sein ſchönes Angeſicht blühte in faſt mädchenhafter Unſchuld, es war voll Lebensluſt und Kraft, die einfärbigen dunkeln Haare lagen gut geordnet um dasſelbe, und in ſeinem Anzuge war er ſo rein, als wäre derſelbe in dieſem Augenblicke von liebreichen Mutterhän⸗ den beſorgt worden. Er blieb, wie er in das Zimmer getreten war, ſtehen, und ſah dem Oheime zu. Dieſer aber fuhr in ſeinem Geſchäfte fort, als wenn gar Niemand zugegen wäre. Er mußte es ſchon ſehr lange nicht verrichtet haben, und heute bei Anbruch des Tages daran gegangen ſein; denn es war bereits eine ziemliche Zahl Vögel geputzt, und die andern ſtanden noch ganz grau vom Staube hinter ihren Gläſern. Die alte Frau, welche Stifur. 4. Aufl. MI.. 5 3 vorhin an Victor vorüber gegangen war, ohne ihn anzureden, brachte jetzt auf einem Brette ein Frühſtück herein und ſetzte es ebenfalls ſchwei⸗ gend auf den Tiſch. Victor ſchloß, daß es für ihn ſei, da es eben bei ſeinem Erſcheinen gebracht worden war. Er ſetzte ſich daher dazu, und verzehrte davon ſo viel, als er Morgens zu eſſen gewohnt war; denn es ſtand auf dem Brette weit mehr, als er bedurfte. Es war ein Frühmahl, wie es in England gebräuchlich iſt, von Thee und Kaffee angefangen bis zu Eiern, Käſe, Schinken und kalten Rindsbraten. Der Spißz hatte es hiebei am beſten; denn Victor gab ihm ſo viel, als er vielleicht niemals zu ſeinem Morgenmahle bekommen hatte. „Haſt Du ſchon Waſſer in den Trog gegoſſen?“ fragte der Oheim. „Nein,“ entgegnete Victor,„ich vergaß es in dem Augenblicke, aber ich thue es gleich.“ Wirklich hatte der Jüngling im Anſchauen ſeines Oheims auch den Wunſch desſelben vergeſſen. Er nahm daher den großen gläſernen Krug, der mit demſelben herrlichen Quellwaſſer wie geſtern auf dem Tiſche ſtand, und goß davon einen Theil in einen kleinen hölzernen wohlge⸗ bohnten Trog, der an der Wand neben der Thür ſtand. Nachdem der Spitz getrunken hatte, ging der Oheim von ſeinem Geſchäfte weg und rief ſeine Hunde zu dem Waſſer; da aber keiner Luſt bezeigte, weil ſie wahrſcheinlich ohnehin ſchon getränkt waren, ſo drückte der Oheim an einem Stabe, der von der Wand des Troges empor ſtand, nieder, wor⸗ auf ſich im Boden des Gefäßes eine metallene Platte öffnete und die Flüſſigkeit abrinnen ließ. Victor lächelte faſt über dieſe Einrichtung; denn zu Hauſe bei ihm war das alles einfacher und fteundlicher: der Spitz war in freier Luft, er trank am Bache und verzehrte ſein Eſſen unter dem Apfelbaume. „Ich zeige Dir vielleicht einmal das Bildniß Deines Vaters,“ ſagte der Oheim,„daß Du ſiehſt, wie ich Dich gleich erkannte.“ Nach dieſen Worten ſtieg der alte Mann wieder auf die Leiter, und nahm einen neuen Vogel heraus. Victor ſtand immer in dem Zimmer und wartete, daß der Oheim mit ihm über die Angelegenheit ſeiner Her⸗ reiſe zu ſprechen beginnen werde. Aber dieſer that es nicht, und putzte ſtets an ſeinen Vögeln fort. Nach einer Weile ſagte er:„das Mittag⸗ mahl iſt genau um zwei Uhr. Stelle Deine Uhr nach dieſer dort, und komme darnach.“ Victor erſtaunte und fragte:„Ihr werdet mich alſo vor dieſer Zeit gar nicht mehr zu ſprechen verlangen?“ „Nein,“ antwortete der Oheim. „So will ich hinausgehen, um Euch in Eurer Zeitverwendung nicht zu ſtören, und will den See, die Berge und die Inſel betrachten.“ „Thue, was Dir immer gefällt,“ ſagte der Oheim. Victor ging eilig hinaus, allein er fand die Thür der hölzernen Treppe verſchloſſen. Daher ging er wiedek zu dem Oheime zurück, und bat, daß er möchte öffnen laſſen. „Ich werde Dir ſelber aufmachen,“ ſagte dieſer. Er ſtellte ſeinen Vogel hin, ging mit Victor hinaus, zog einen Schlüſſel aus ſeinem grauen Rocke, und ſchloß damit die Thür der Holz⸗ treppe auf, die er hinter dem Jünglinge ſogleich wieder verſperrte. Dieſer lief die Treppe auf den Sandplatz hinab. Da hier die Fluth des Lichtes ſeinen erfreuten Augen entgegen ſchlug, wendete er ſich ein wenig um, um das Haus von außen zu betrachten. Es war ein feſtes dunkles Gebäude mit dem einzigen Geſchoſſe, in welchem er die heutige Nacht geſchlafen hatte. An den offenen Fenſtern erkannte er ſeine Zim⸗ mer. Denn alle andern waren zu, und prangten vielfach mit den ſchö⸗ nen Farben der Verwitterung. Sie ſtanden ſämmtlich hinter feſten ſtar⸗ ken Eiſengittern. Das Hauptthor war verrammelt, und die hölzerne überdeckte Treppe zu dem Sandplatze herab ſchien der einzige Eingang zu ſein. Wie war das anders, als zu Hauſe, wo Fenſter an Fenſter offen ſtand, weiße ſanfte Vorhänge wehten, und man von dem Garten aus das luſtige Küchenfeuer flackern ſehen konnte. Victor wendete ſeine Augen nun gegen den freien Platz, der vor dem düſteren Hauſe weg ging. Er war das Freundlichſte dieſer Umge⸗ bung. Hinten an den Seiten des Hauſes hatte er hohe Bäume, dann war er mit Sand beſtreut, hatte hie und da ein Bänklein, mehrere Blu⸗ menſtellen, und lief gegen den See in einen wirklichen Blumengarten und dann in Gebüſch aus. Zu beiden Seiten waren Bäume und Ge⸗ ſträuche. Victor ging auf dieſem Platze herum, und Luft und Son⸗ 5 nenſchein thaten ihm ſehr wohl. Dann aber ſtrebte er weiter, um die Dinge hier zu ſehen. Eine ur⸗ alte Lindenallee war ihm aufgefallen, die von dem Gebäude des Oheims weiter führte. Die Bäume waren ſo hoch und dicht, daß der Boden S* 5 unter ihnen feucht war, und das Gras ſich mit dem ſchönſten, zarteſten Grün färbte. Victor ging in der Mitte dieſer Allee fort. Er gelangte zu einem andern Gebäude, deſſen hohes breites Thor verſchloſſen und eingeroſtet war. Ueber dem Bogen des Thores ſtanden die ſteinernen Zeichen geiſtlicher Hoheit, Stab und Inful, nebſt den andern Wappen⸗ zeichen des Ortes. Am Fuße des Bogens und des ganzen Holzthores war weiches dichtes Gras, zum Zeichen, daß hier lange kein menſchlicher Titt gewandelt war. Victor ſah, daß er durch dieſe Pforte nicht in das Gebäude kommen konnte, er ging daher an demſelben außen entlang und betrachtete es. Das Mauerwerk war ein aſchgraues Viereck mit faſt ſchwarzem Ziegeldache. Die überwuchernden Bäume der Inſel waren hoch darüber hinaus gewachſen. Die Fenſter hatten Gitter, aber hinter den meiſten derſelben ſtanden ſtatt des Glaſes graue vom Regen ausge⸗ waſchene Bretter. Es war wohl noch ein Pförtchen in dieſes Haus, aber dasſelbe war wie der Haupteingang verrammelt. Weiter zurück war eine hohe Mauer, welche wahrſcheinlich den ganzen Zuſammenhang von Ge⸗ bäuden und Gärten unſchloß, und als Eingang das Eiſengitter des Dheims hatte. In einem ausſpringenden Winkel dieſer Mauer lag der Kloſtergarten, von dem aus Victor die zwei dicken aber ungewöhnlich kurzen Thürme der Kirche erblickte. Die Obſtbäume waren ſehr verwil⸗ dert und hingen häufig zerriſſen darnieder. Einen Gegenſatz mit dieſer trauernden Vergangenheit machte die herumſtehende blühende ewig junge Gegenwart. Die hohen Bergwände ſchauten mit der heitern Dämmer⸗ farbe auf die grünende mit Pflanzenleben bedeckte Inſel herein, und ſo groß und ſo überwiegend war ihre Ruhe, daß die Trümmer der Gebäude, dieſer Fußtritt einer unbekannten menſchlichen Vergangenheit, nur ein graues Pünktlein waren, das nicht beachtet wird in dieſem weithin knos⸗ penden und drängenden Leben. Dunkle Baumwipfel ſchatteten ſchon darüber, die Schlingpflanze kletterte mauerwärts und nickte hinein, un⸗ ten blitzte der See, und die Sonnenſtrahlen feierten auf allen Höhen ein Feſt in Gold⸗ und Silbergeſchmeide. Victor hätte recht gerne die ganze Inſel durchgewandert, die nicht groß ſein mußte, und die er gerne erkundſchaftet hätte, aber er überzeugte ſich ſchon, daß wirklich, wie er vermuthet hatte, das ehemalige Kloſter ſammt allen Nebengebäuden und Gartenanlagen von einer Mauer um⸗ fangen war, wenn auch oft blühende Gebüſche die Steine derſelben ver⸗ deckten. Er ging wieder auf den Sandplatz zurück. Hier ſtand er eine gute Weile vor dem Gitterthore, ſah die Stäbe an und verſuchte an dem Schloſſe. Doch zu dem Oheime hinauf gehen, und ihn bitten, daß er öffnen laſſe— das vermochte er nicht, er hatte einen Widerwillen davor. Außer den zwei alten Dienern, dem betagten Chriſtoph und der alten Frau, war es wie ausgeſtorben in dem ganzen Gebäude. Er ließ daher von dem Gitter ab, und wandelte auf dem offenen Platze vorwärts gegen den See, um von dem Felſenufer, wenn hier auch eines wäre, in das Waſſer hinab zu ſchauen. Es war ein Felſenufer, und zwar, da er am äußerſten Rande draußen ſtand, ein häuſerhohes. Unten ſäumte das Waſſer ſanft den Strand; gegenüber ſtand die Griſel mit freundlichem Bergfuße, der ſeine weißen Steine und ſeine ſchimmernden Dinge im Waſſer ſpiegelte. Und wenn er auf die Bergmauern ringsum ſchaute, an denen das Waſſer dunkel, reglos und faltenlos lag, ſo war ihm, wie in einem Gefängniſſe, und als ſollte es ihm hier beinahe ängſtlich werden. Er verſuchte, ob nicht eine Stelle zum Hinunterklettern an das Waſſer zu finden wäre, aber die von Regen und Sturm gepeitſchte Wand war glatt, wie Eiſen, ja ſie ging ſogar gegen das Waſſer zu einwärts und überwölbte ſich. Wie groß müſſen erſt die Wände der Griſel ſein, dachte Victor, die ſchon von hier aus geſehen wie Palläſte empor ſteigen, wäh⸗ rend das Felſenufer der Inſel, da wir herfuhren, nur wie ein weißer Sandſtreifen erſchienen war. Als er hier wieder eine Weile geſtanden war, ging er längs des Saumes dahin, bis er an die Einfangungsmauer an die Seite des Klo⸗ ſters käme. Er kam dahin, und die Mauer ſtieg mit glattem Rande fall⸗ recht in das Waſſer nieder. Dann wendete er um, und wandelte wieder an dem Saume fort bis er neuerdings an die Mauer an der dem Kloſter entgegenliegenden Seite käme. Aber ehe er dahin gelangte, traf er etwas anderes. Es ſtand eine gemauerte Höhlung da, wie die Thür eines Kellers, die hinter ſich abwärts gehende Stufen zeigte. Victor meinte, dies könnte eine Treppe ſein, die zum See hinab führe, um etwa Waſſer herauf zu holen. Sogleich ſchlug er den Weg hinab ein, der in der That wie eine überwölbte Kellerſtiege war, und auf unzähligen Stufen nieder führte. Er gelangte wirklich an das Waſſer, aber wie erſtaunte er, als er ſtatt eines armen Schöpfungsplatzes, wie etwa zum Begießen der Pflanzen nöthig wäre, einen wahrhaften Waſſerſaal erblickte. Da er aus dem Dunkel der Treppe heraus kam, ſah er zwei Seitenwände aus großen Quadern in den See hinaus laufen, ſteinerne Simſe an ihren Seiten führend, daß man auf ihnen neben dem Waſſerſpiegel, der den Fußboden der Halle bildete, hin gehen konnte. Oben war ein feſtes Dach, die Mauern hatten keine Fenſter, und alles Licht kam durch die gegen den See gerichtete Wand herein, die ein Gitter aus ſehr ſtarken Eichenbohlen war. Die vierte, nämlich die Rückwand, bildete der Fels der Inſel. Viele Pflöcke waren in den Grund getrieben und an manchen derſelben hing mittelſt eines Eiſenſchloſſes ein Kahn. Der Raum war ſehr groß und mußte einſt viele ſolche Kähne in ſich liegen gehabt haben, wie das vielfach abgeſchleifte Anſehen der Eiſenringe der Pflöcke zeigte; aber jetzt waren nur mehr vier da, die ziemlich neu waren, ſehr gut ge⸗ baut, und mit Ketten und verſperrten Schlöſſern in den Ringen hingen. Das Bohlenwerk hatte mehrere Thüren zum Hinausfahren in den See, aber ſie waren alle verſchloſſen, und die Balken gingen unerſichtlich tief in das Waſſer hinab. Victor blieb ſtehen und ſah in die grünblinkenden Lichter des Sees, die zwiſchen den ſchwarzen Balken des Eichenholzes herein ſchienen. Er ſetzte ſich dann nach einer Weile auf den Rand eines Kahnes, um mit der Hand die Wärme des Seewaſſers zu prüfen. Es war nicht ſo kalt, als er es wegen ſeiner durchſichtigen Klarheit geſchätzt hatte. Seit ſeiner Kindheit war das Schwimmen eines ſeiner liebſten Vergnügen geweſen. Als er daher gehört hatte, das Haus ſeines Oheims liege auf einer Inſel, nahm er ſein Schwimmkleid in dem Ränzlein mit, um dieſer Uebung recht oft nach zu gehen. Dies fiel ihm hier in dem Waſſerſaale augen⸗ blicklich ein, und er begann die Stellen wegen künftigen Schwimmübun⸗ gen mit den Augen zu prüfen, aber er erkannte gleich die Unmöglichkeit; denn, wo die Kähne hingen, war es zu ſeicht, und wo es tiefer wurde, gingen gleich die Bohlen in das Waſſer nieder. Zum Durchkommen durch die Bohlen war ebenfalls keine Ausſicht vorhanden; denn ſie wa⸗ ren ſo enge an einander, daß ſich nicht der ſchlankſte Körper hätte hinaus zwängen können. Es blieb daher nichts übrig, als ſich dieſes Waſſerhaus für die Zukunft zum bloßen Badeplatze zu beſtimmen. Zum Theile erfüllte er dieſe Abſicht gleich auf der Stelle. Er legte ſo viel von ſeinen Kleidungsſtücken ab, als nöthig war, einige Körper⸗ theile, namentlich Schultern, Bruſt, Arme und Füße zu waſchen. Den Spitz badete er ebenfalls. Hierauf legte er ſeine Kleider wieder an, und ſtieg die Stufen zurück empor, die er herabgegangen war. Als er ſodann an dem Ufer fort ging, traf er an das andere Ende der Einſchlußmauer. Es ging wie das erſte fallrecht in den See nieder, und war ſo aus dem Felſen heraus gebaut, daß kaum ein Kaninchen um den Mauerrand hätte herum ſchlüpfen können. Victor blieb eine Weile läſſig an dieſer Stelle ſtehen— dann war, ſo zu ſagen, ſein Tagwerk aus. Er ging auf den Sandplatz zurück, und ſetzte ſich dort auf eine Bank, um von dem Bade auszuruhen und den Spitz zu trocknen. Das Haus des Oheims, welches er nun gegenüber hatte, war, wie es am Morgen geweſen war. Nur die Fenſter des Zimmers, in welchem er geſchlafen hatte, ſtanden offen, weil er ſie ſelbſt geöffnet hatte, alles andere war zu. Niemand ging heraus, Niemand ging hinein. Die Schatten wendeten ſich nach und nach, und die Sonne, die Morgens hinter dem Hauſe geſtanden war, beleuchtete nun die vordere Seite desſelben. Victor war es, wie er ſo da ſaß und auf die dunkeln Mauern ſchaute, als ſei er ſchon ein Jahr von ſeiner Heimath entfernt. Endlich wies der Zeiger ſeiner Uhr auf zwei. Er hob ſich daher, ging die Holztreppe empor, der Oheim öffnete ihm auf ſein Klopfen mit dem Klöppel die Stiegenthür, ließ ihn hinter ſich in das Speiſezimmer gehen, und ſofort ſetzten ſich beide zu Tiſche. Das Mittagsmahl unterſchied ſich von dem geſtrigen Abendmahle nur darin, daß beide, Oheim und Reffe, zuſammen aßen. Sonſt war es wie geſtern. Der Oheim ſprach wenig, oder eigentlich ſo viel, wie nichts; die Speiſen aber waren mannigfaltig und gut. Es ſtanden wieder meh⸗ rere Weine auf dem Tiſche, und der Oheim trug Victor ſogar davon an, wenn er nämlich ſchon Wein trinke; dieſer aber ſchlug das Anerbieten aus, indem er ſagte, daß er bisher immer Waſſer getrunken habe, und dabei bleiben wolle. Der Oheim ſprach auch heute nichts von dem Reiſe⸗ zwecke, ſondern da das Eſſen aus war, ſtand er auf und beſchäftigte ſich mit allerlei Dingen, die in dem Gemache waren, und kramte in denſelben herum. Victor begriff ſogleich, daß er entlaſſen ſei, und begab ſich ſeiner Neigung zu Folge in's Freie. Nachmittags, da die Hitze in dieſem Thalbecken, ſo wie Morgens die Kühle, ſehr groß war, ſah Victor, da er über den Blumenplatz ging, den Oheim auf einer Bank mitten in den Sonnenſtrahlen ſitzen. Derſelbe rief ihn aber nicht hinzu und Victor ging auch nicht hinzu. So war der erſte Tag aus. Das Abendeſſen, wozu Victor um neun Uhr beſchieden war, endete für ihn, wie geſtern. Der Oheim führte ihn— in ſeine Zimmer und ſperrte das Eiſengitter des Ganges ab. Den alten Chriſtoph hatte Victor den ganzen Tag nicht geſehen, nur die alte Frau allein wartete bei Tiſche auf— wenn man nämlich das„aufwarten“ nennen kann, daß ſie die Speiſen brachte und forttrug. Alles andere hatte der Oheim ſelber gethan; auch die Käſe und Weine hatte er wieder eingeſperrt. Als man des andern Morgens vom Frühſtücke aufgeſtanden war, ſagte er zu Victor:„Komme ein wenig herein da.“ Mit dieſen Worten ſchloß er eine kaum erkennbare Tapetenthür des Speiſezimmers auf, und ſchritt in ein anſtoßendes Gemach, wohin ihm Victor folgte. Das Gemach war wüſte eingerichtet, und enthielt mehr als hundert Feuergewehre, die nach Gattungen und Zeiten in Glas⸗ ſchreinen waren. Hüfthörner, Waidtaſchen, Pulvergefäße, Jagdſtöcke und noch tauſenderlei dieſer Dinge lagen herum. Sie gingen durch dieſes Zimmer hindurch, dann durch das anſtoßende, das wieder leer war, bis ſie in ein drittes kamen, in dem einige alte Geräthe ſtanden. An der Wand hing ein einziges Bild. Es war rund, wie die Schilde, worauf man die Wappen zu malen pflegt, und war von einem breiten aus⸗ geflammten und durchbrochenen Goldrahmen hohen Alters umſchloſſen. „Das iſt das Bild Deines Vaters, dem Du ſehr gleich ſiehſt,“ ſagte der Oheim. Ein blühend ſchöner Jüngling, faſt eher noch ein Knabe zu nennen, war in einem bauſchigen braunen mit Goldtreſſen beſetzten Kleide auf dem runden Schilde abgebildet. Die Malerei, obwohl kein Meiſterſtück erſten Ranges, war doch mit jener Genauigkeit und Tiefe der Behand⸗ lung begabt, wie wir ſie noch recht oft auf den Familienbildern des vori⸗ gen Jahrhunderts ſehen. Jetzt nimmt Oberflächlichkeit und Rohheit der Farbe überhand. Beſonders rein waren die Goldborden ausgeführt, die noch jetzt mit düſterem Lichte funkelten, und von den ſchneeweiß ein⸗ geſtaubten Locken und dem lieblichen Angeſichtchen, deſſen Schatten ganz beſonders rein und durchſichtig waren, ſich gut abhoben. „Es iſt in der adeligen Schule die närriſche Sitte geweſen,“ ſagte der Oheim,„daß alle Zöglinge zum Andenken abgebildet, und in ſolchen runden Schildern mannigfaltig bald in Gängen, bald in Vorſälen, und .— gar in Zimmern aufgehängt wurden. Die Rahmen kauften ſie ſich ſelber dazu. Dein Vater iſt immer eitel geweſen und ließ ſich malen. Ich war viel ſchöner, als er, und ſaß nicht. Als die Schule einging, kaufte ich das Bild hieher.“ Victor, der ſich ſeines Vaters ſo wie ſeiner Mutter gar nicht mehr erinnern konnte, da ſie ihm beide, zuerſt die Mutter und ſehr bald dar⸗ auf der Vater in früheſter Kindheit weggeſtorben waren, ſtand nun vor dem Bilde deſſen, dem er das Leben verdankte. In das weiche Herz des Jünglings kam nach und nach das Gefühl, das Waiſen oft haben mögen, wenn ſie, während andere ihre Eltern in Leib und Leben vor ſich haben, blos vor den gemalten Bildern derſelben ſtehen. Es iſt ein von einer tie⸗ fen Wehmuth reiches, und doch einen traurig ſüßen Troſt gebendes Ge⸗ fühl. Das Bild wies in eine weite längſt vergangene Zeit zurück, wo der Abgebildete noch glücklich, jung und hoffnungsreich geweſen war, ſo wie der Betrachter jetzt noch jung und voll der unerſchöpflichſten Hoff⸗ nungen für dieſe Welt iſt. Victor konnte ſich nicht vorſtellen, wie viel⸗ leicht derſelbe Mann ſpäter in dunklem einfachen Rocke und mit dem ein⸗ gefallenen ſorgenvollen Angeſichte vor ſeiner Wiege geſtanden ſein mag. Noch weniger konnte er ſich vorſtellen, wie er dann auf dem Krankenbette gelegen iſt, und wie man ihn, da er todt und erblaßt war, in einen ſchmalen Sarg gethan und in das Grab geſenkt habe. Das alles iſt in eine ſehr frühe Zeit gefallen, wo Victor die Eindrücke der äußeren Welt noch nicht hatte, oder dieſelben nicht für die nächſte Stunde zu bewahren vermochte. Er ſah jetzt in das ungemein liebliche, offene und ſorgenloſe Angeſichtchen des Knaben. Er dachte, wenn er noch lebte, ſo würde er jetzt auch alt ſein, wie der Oheim; aber er konnte ſich nicht vorſtellen, daß der Vater dem Oheime ähnlich ſehen würde. Da er noch lange ſtand, keimte in ihm der Entſchluß, wenn er überhaupt mit dem Oheime auf einen beſſern Fuß zu ſtehen käme, als er jetzt ſtand, daß er ihm die Bitte vortragen wolle, ihm das Bild zu ſchenken, denn dem Oheime könne ja ſo viel nicht daran gelegen ſein, da er es in dieſem ungeordneten Zimmer ganz allein auf der Wand hängen und den vielen Staub auf dem Rah⸗ men liegen laſſe. Der Oheim ſtand indeſſen an der Seite und ſah das Bild und den Jüngling an. Er hatte keine ſonderliche Theilnahme gezeigt, und wie Victor die erſte Bewegung machte, ſich von dem Bilde zu entfernen, ging er gleich voran, um ihn aus den Zimmern zu führen, wobei er weder von dem Bilde noch von dem Vater etwas anders ſagte, als die Worte:„Es iſt eine erſtaunliche Aehnlichkeit.“ Als ſie wieder in das Tafelzimmer gekommen waren; ſchloß er ſorg⸗ fältig die Tapetenthür, und begann auf die gewöhnliche Weiſe in dem Gemache herum zu gehen, und in den herumliegenden und ſtehenden Sachen zu greifen, zu ſtellen und zu ordnen, woraus Victor aus Erfah⸗ rung erkannte, daß er jetzt vor der Hand nichts mehr mit ihm zu thun haben wolle. Er beſchloß daher, wieder auf die Inſel hinunter zu gehen. Die Treppenthür war abermals geſchloſſen. Victor wollte nicht zu dem Oheime gehen, daß er ihm öffne, ſondern er dachte an den Kaſten, in welchen geſtern das alte Weib mit den Schalen hinein gegangen war, und vermuthete, daß durch denſelben ein Ausweg ſein müſſe. Er fand den Kaſten bald, öffnete ihn, und ſah wirklich abwärts führende Stufen, die er einſchlug. Allein er gelangte auf denſelben nicht in das Freie, ſon⸗ dern in die Küche, in welcher er Niemanden traf, als das alte Weib, welches mit der Herrichtung der vielen verſchiedenen Dinge beſchäftigt war, die zu dem Mittagsmahle gehörten. Nur noch ein jüngeres beinahe blödſinnig ausſehendes Mädchen unterſtützte ſie hiebei. Victor fragte das Weib, ob ſie ihn nicht in den Garten hinaus laſſen könne. „Freilich,“ ſagte ſie, führte ihn dieſelbe Treppe hinauf, die er her⸗ unter gekommen war, und holte den Oheim heraus, welcher ſofort öff⸗ nete und den Jüngling hinaus kieß. Victor erkannte nun, daß die Holztreppe der einzige Ausgang ſei, und daß man den mit ſolchem Mißtrauen geſchloſſen halte, obwohl das Ganze ohnehin mit einer undurchdringlichen Mauer umgeben ſei. Der Tag verging, wie der geſtrige. Victor kam um zwei Uhr zum Mittagseſſen und ging dann wieder fort. Gegen Abend ereignete ſich etwas ungewöhnliches. Victor ſah ein Schiff gegen die Inſel kommen, und gerade gegen das Waſſerbohlenwerk zu fahren, das er geſtern entdeckt hatte. Victor lief eilig die Treppen zum Waſſerhauſe hinab. Das Schiff kam herzu, das Bohlenthor wurde von Außen mit einem Schlüſſel ge⸗ öffnet, und der alte Chriſtoph fuhr ganz allein in einem Kahne herein. Er hatte Lebensmittel und andere Bedürfniſſe geholt, und war deßwegen in der Hul und in Attmaning geweſen. Victor begriff nicht, da er die Ladung ſah, wie der alte Mann dieſe Menge Dinge herbei geſchafft und über den See gerudert habe. Auch war ihm leid, daß ihm die Abfahrt des alten Dieners nicht bekannt geweſen ſei, weil er ihm einen Brie mitgegeben hätte, der an die Mutter laufen ſollte. Chriſtoph fing an, die Dinge auszuladen, und die verſchiedenen Fleiſchgattungen mit Hülfe des blödſinnigen Mädchens auf einer Tragbahre in die Eisgrube zu tra⸗ gen. Victor ſah hiebei ein ganz niederes eiſernes Thürchen an der Hinter⸗ ſeite des Hauſes öffnen. Als er über die Treppen hinter dem Thürchen hinab ging, erblickte er im Scheine der Laterne, die man dort angezündet hatte, eine gewaltige Laſt Eiſes, auf der allerlei Vorrathsdinge herum la⸗ gen, und die eine fürchterliche Kälte in dieſem Raume verbreitete. In ſpäter Dämmerung war die Arbeit des Ausladens vollendet. Der dritte Tag verging, wie die erſten zwei. Und es verging der vierte und es verging der fünfte. Drüben ſtand immer die Griſel, rechts und links ſtanden die blaulichen Wände, unten dämmerte der See, und mitten leuchtete das Grün der Baumlaſt der Inſel, und in dieſem Grün lag wie ein kleiner grauer Stein das Kloſter mit dem Hauſe. Der Orla ließ manches blaue Stück durch die Baumzweige darauf nieder ſchimmern. Victor war bereits an allen Stellen der Einfaſſungsmauer geweſen, auf allen Bänken des Sandplatzes oder Gartens war er geſeſſen, und auf allen Vorgebirgen des Uferſaumes des eingefaßten Platzes war er ge⸗ ſtanden. Am ſechſten Tage konnte er es nicht mehr ſo aushalten, wie es war, und er beſchloß der Sache ein Ende zu machen. Er kleidete ſich früh Morgens forgfältiger an, als er es gewöhnlich that, und erſchien ſo bei dem Frühſtücke. Nachdem dasſelbe vorüber war, und er ſchon neben dem Oheime in dem Zimmer ſtand, ſagte er:„Oheim, ich wünſchte mit Euch etwas zu reden, wenn Ihr nämlich Zeit habt, mich anzuhören.“ „Rede,“ ſagte der Oheim. „Ich möchte Euch die Bitte vortragen, mir in Gefälligkeit den Grund zu eröffnen, weßhalb ich auf dieſe Inſel kommen mußte, wenn Ihr nämlich einen beſonderen Grund hattet; denn ich werde morgen meine Abreiſe wieder antreten.“ „Die Zeit bis zur Uebernahme Deines Amtes dauert ja noch über ſechs Wochen,“ antwortete der Oheim. „Nicht mehr ſo lange, Oheim,“ ſagte Victor,„nur noch fünf und dreißig Tage. Ich möchte aber noch einige Zeit, bevor ich in das Amt trete, in meinem zukünftigen Aufenthaltsorte zubringen, und möchte deß⸗ halb morgen abreiſen.“ „Ich entlaſſe Dich aber nicht.“ „Wenn ich Euch darum bitte, und wenn ich Euch erſuche, mich morgen oder, wie es Euch gefällig iſt, übermorgen in die Hul hinüber führen zu laſſen, ſo werdet Ihr mich entlaſſen,“ ſagte Victor beſtimmt. „Ich entlaſſe Dich erſt an dem Tage, an dem Du nothwendig ab⸗ reiſen mußt, um zu rechter Zeit bei Deinem Amte eintreffen zu können,“ erwiederte hierauf der Oheim. „Das könnt Ihr ja nicht,“ ſagte Victor. „Ich kann es wohl,“ antwortete der Oheim;„denn die ganze Be⸗ ſitung iſt mit einer ſtarken Mauer umfangen, die noch von den Mönchen herrührt, die Mauer hat das Eiſengitter zun Ausgange, das Niemand anderer als ich zu öffnen verſteht, und der See, welcher die fernere Grenze macht, hat ein ſo ſteiles Felſenufer, daß Niemand zu dem Waſſer hinunter kommen kann.“ Victor, der von Kindheit an nie die kleinſte Ungerechtigkeit hatte dulden können, und der offenbar das Wort„können“ im ſittlichen Sinne genommen hatte, wie es ſein Oheim im ſtofflichen nahm, wurde bei den letteren Worten im ganzen Angeſichte mit der tiefſten Röthe des Un⸗ willens übergoſſen, und ſagte:„So bin ich ja ein Gefangener?“ „Wenn Du es ſo nennſt, und meine Anſtalten es ſo fügen, ſo biſt Du einer,“ entgegnete der Oheim. Victor's Lippen bebten nun, er konnte vor Erregung kein Wort ſa⸗ gen— dann aber rief er doch zu dem Oheime:„Nein, Oheim! das kön⸗ nen Eure Anſtalten nicht fügen, was Ihr beliebig wollt; denn ich gehe an das Felſenufer hinvor, und ſtürze mich gegen den See hinunter, daß ſich mein Körper zerſchmettert.“ „Thue das, wenn Du die Schwäche beſitzeſt,“ ſagte der Oheim. Nun konnte Victor in der That keine Silbe mehr hervor bringen— er ſchwieg eine Weile und es ſtiegen in ihm Gedanken auf, daß er ſich an der Härte dieſes abſcheulichen Mannes rächen werde. Auf der andern Seite ſchämte er ſich auch ſeiner kindiſchen Drohung, und erkannte, daß ſich ſelber zu verletzen kein weſentlicher Widerſtand gegen den Mann wäre. Er beſchloß daher, ihn durch Duldung auszutrotzen. Darum ſagte er endlich:„Und wenn der Tag gekommen iſt, den Ihr genannt habt, laſſet Ihr mich dann in die Hul hinüber führen?“ „Ich laſſe Dich dann in die Hul hinüber führen,“ antwortete der Oheim. „Gut, ſo bleibe ich bis dahin,“ entgegnete Victor;„aber das ſage ich Euch, Oheim, daß von nun alle Bande zwiſchen uns zerſchnitten ſind, und daß wir nicht mehr in einem verwandtſchaftlichen Verhältniſſe ſtehen können.“ „Gut,“ antwortete der Oheim. Victor ſetzte noch im Zimmer ſein Barett auf das Haupt, zerrte den Spitz, den er bei ſich hatte, an der Schnur hinter ſich her, und ging zur Thür hinaus. Der Jüngling betrachtete ſich nun von jeder Rückſicht, die er ſonſt gegen den Oheim beobachten zu müſſen geglaubt hatte, frei, und beſchloß fortan jede Handlungsweiſe ſich zu erlauben, die ihm nicht von ſeinem Sittlichkeitsgefühle verboten, oder von den Grenzen der offenbaren Ge⸗ walt unmöglich gemacht worden wäre. Er ging von dem Oheime in ſein Zimmer und ſchrieb dort über zwei Stunden. Dann ging er in's Freie. An der Treppenthür war von innen und von außen ein Ring, der als Klöppel diente. Wollte Victor von nun an entweder hinein oder hinaus, ſo ging er nicht mehr, wie bisher, zu dem Oheime, daß er ihm öffne, ſondern er ſtellte ſich an die Thür, und ſchlug mit dem Klöppel gegen dieſelbe. Auf dieſes Zeichen kam der Dheim allemal, wenn er in ſeinem Zimmer war, heraus und öffnete. War er ſelber im Freien, ſo ſtand die Thür ohnehin offen. Bei dem Mittagmahle des erſten Tages redete Victor nichts, der Oheim fragte ihn auch nichts, und als das Eſſen vorüber war, ſtanden beide auf, und Victor ging ſogleich fort. Auf dieſelbe Weiſe war das Abendmahl. Victor ging nun daran, alle Theile des eingeſchloſſenen Raumes zu durchforſchen. Er drang in die Gebüſche, welche hinter dem Hauſe ſtan⸗ den, er ging von Baum zu Baum, und ſah jeden an, und unterſuchte ihn um ſeine Eigenſchaften und um ſeine Geſtalt. Einmal drang er durch alle Gebüſche und Schlinggewächſe, welche an der Innenſeite der Ein⸗ ſchlußmauer des Beſitzthumes waren, längs der ganzen Mauer dahin. Sie war, wie dumpfig und morſch ſie auch an vielen Stellen von den unſäglichen Gewächſen, die an ihr wuchſen, war, dennoch überall ganz genug und feſt genug. In dem Hauſe, in welchem er mit dem Oheime wohnte, durchſuchte er alles Treppe auf Treppe ab, Gang aus Gang ein; aber es war bei dieſen Unterſuchungen nicht viel zu finden. Ueber⸗ all, wo ſich eine Thür oder ein Thor zeigte, waren die Schlöſſer gut ver⸗ ſperrt, zum Theile ſtanden große ſchwere Käſten davor, in denen einſt Getreide oder dergleichen geweſen ſein mochte, und hinderten auf ewig das Oeffnen, wie ja auch die meiſten Fenſter der Gänge, wie Victor gleich am erſten Tage bemerkt hatte, bis auf einen kleinen Theil, durch den das Licht kam, mit Brettern verſchlagen waren. Außer den Gängen, die zwi⸗ ſchen dem Speiſezimmer und ſeinen zwei Wohnzimmern liefen, und außer der Treppe, über welche er in die Küche hinab gelangen konnte— welche zwei Dinge er ohnehin ſchon lange kannte— entdeckte er im Hauſe ſei⸗ nes Oheims nichts, als etwa die Treppe, welche einſt abwärts zu dem Ausgange geführt hatte, nun aber an einem Thor endete, das niedrig, verſchloſſen und mit Roſt bedeckt war. Was Victor am meiſten reizte, war das alte Kloſter. Er ging an allen Seiten des grauen einſamen Viereckes herum, und eines Tages, da er in dem verfallenen Kloſtergarten war, von dem man die Thürme ſehen konnte, gelang es ihm, über eine niedere Quermauer, aus welcher er mehrere Ziegel heraus brechen konnte, in einen Zwinger zu ſteigen, und aus demſelben in innere nicht verſchloſſene Räume zu kommen. Er wan⸗ derte durch einen Gang, wo die alten Aebte aus und ein gegangen wa⸗ ren, abgebildet waren, aus ſchwarzen Bildern nieder ſahen, und blut⸗ rothe Namen und Jahreszahlen zu ihren Füßen hatten. In die Kirche gelangte er und ſtand an den von Gold und Silber entblößten Altären — dann war er über manche von ewigem Treten zerſchleifte Steinſchwelle in zufällig offen ſtehende Zellen gekommen, in denen es nun hallte und wo dumpfe Luft ſtand. Zuletzt war er in die Thürme geſtiegen, und hatte die ruhigen verſtaubten Glocken hängen geſehen. Als er wieder über die Quetmauer in den Obſtgarten hinaus geklettert war, löſete er den Spitz, den er an einem Strunke angebunden hatte, und der indeſſen ſtille da ge⸗ ſeſſen war, wieder los und ging mit ihm fott. Mehrere Tage darnach, als er mit dem Oheime den ſeltſamen Auf⸗ tritt gehabt hatte, ging er einmal in das Bohlenhaus hinab, um ſich, wie er es öfters gethan hatte, mehrere Theile ſeines Körpers in dem er⸗ quickenden Waſſer zu waſchen. Als er auf den letzten Stufen ſo ſaß, und, um ſich abzukühlen, vor ſich hin ſchaute, bemerkte er in der Tiefe des Waſſers, weil ein ganz beſonders ſchöner Tag war, oder weil er jetzt überhaupt alles ſchärfer beobachtete, daß einer der Bohlenzähne des Tho⸗ res, die in das Waſſer hinab ragten, kürzer ſei, als die andern, und ſo eine Lücke bilde, durch die man vielleicht mittelſt Tauchen in den See hin⸗ aus gelangen könne. Er beſchloß auf der Stelle den Verſuch zu machen. Zu dieſem Zwecke ging er in ſeine Stube und holte ſich ſein Schwimm⸗ kleid. Da er mit demſelben zurück gekommen war, ſich ausgekühlt und entkleidet hatte, ging er der größeren Tiefe des Waſſers zu, legte den Körper längs der Fläche, tauchte vorſichtig, ſchwamm vorwärts, hob das Haupt und war außer den Bohlen. Selbſt den Spitz, welchem er die Schnur abgenommen hatte, konnte er, weil er ſchlank war, zwiſchen den Bohlen zu ſich hinaus bringen. Nun ſchwamm er freudig in großen Kreiſen aufwärts und abwärts des Bohlenthores in dem tiefen See her⸗ um. Der Spitz neben ihm. Als ſeine Kraft geſättigt war, näherte er ſich wieder der Bohlenlücke, tauchte, und kam unter die Kahnpflöcke und unter das Bohlenhaus hinein. Er kleidete ſich nach dieſem Bade an, und ging fort. Das that er nun alle Tage. Wenn die größte Hitze ſich mil⸗ derte, ging er in das Schiffhaus, machte ſich ſchwimmgerecht, und ſchwamm, ſo lange es ihm gefiel, außer dem Bohlenthore herum. Es fiel ihm wohl in dieſer Zeit ein, daß er ſeine Kleider nebſt einem Vorrathe von Brod durch die Bohlen hinaus ſchaffen, und ſie an eine Schnur gebunden ſchwimmend hinter ſich her ziehen könnte, bis er das nächſte herein gehende Ende der Anſchlußmauer umſchwommen hätte. Dort könnte er ausſteigen, in einem Verſtecke die Kleider trocknen und ſie dann anziehen. Es würde doch möglich ſein, wenn das Brod nur aus⸗ hielte, eine Zeit zu erwarten, in der man ein auf dem See fiſchendes Schifſchen herzu rufen könnte. Ja ſelbſt das fiel ihm in Zeitpunkten der erregteſten Einbildungskraft ein, daß er mit einiger Anſtrengung ſeiner Körperkräfte und mit Aufrufung ſeines Geiſtes von der Inſel etwa bis an den Orlaberg hinüber ſchwimmen könnte, wo er ſich dann durch Klettern und Wandern in die Hul hinüber finden müßte. Es kam ihm die Unge⸗ heuerlichkeit dieſes Wageſtückes nicht ſo ungeheuer vor, weil ja auch die Mönche einmal über den Orla in die Hul geſtiegen ſind, und noch dazu im Winter; aber das bedachte er nicht, daß die Mönche Männer waren, die das Gebirge kannten, er aber ein Jüngling ſei, der in dieſen Dingen gar keine Erfahrung beſitze. Aber wie lockend auch alle dieſe Vorſpiege⸗ lungen ſein mochten, ſo konnte er doch keiner derſelben eine Folge geben, weil er dem Oheime verſprochen hatte, bis zu dem nothwendigen Tage da zu bleiben— und dieſes Verſprechen wollte er halten. Darum kam er von dem Schwimmen immer wieder unter dem Bohlenthore herein. Außer dem Schwimmen brachte er die andere Zeit mit anderen Din⸗ gen hin. Er hatte jede und alle Stellen des eingeſchloſſenen Raumes ſchon beſucht und kennen gelernt. Er wurde nun auf das Gehen und Kommen der Lichter auf den Vergen aufmerkſam, und erkannte nach und nach die Schauer der Farben, die über ſie gingen, wenn gemach die Tages⸗ zeiten wechſelten, oder wenn die Wolken ſchneller an der blanken Decke des Himmels hin liefen. Oder er horchte durch die todten Lüfte, wenn er ſo ſaß, wenn die Sonne am Mittage ſtand, oder eben am Bergrande unter⸗ gegangen war, ob er denn nicht das Gebetglöcklein der Hul hören könne — denn auf der Inſel war wirklich weder der Schlag einer Thurmuhr noch der Klang einer Glocke zu vernchmen:— aber er hörte niemal etwas, denn die grüne dichte Baumwand des größeren Theiles der Inſel war zwiſchen ſeinem Ohre und dem Klange, den er damals Abends ſo ſchön an dem Felſenufer gehört hatte.— Es waren nach lange dauernden Sternnächten— denn Victor war zur Zeit des abnehmenden Mondes gekommen— endlich auch ſehr ſchöne Mondnächte erſchienen. Victor öff⸗ nete da gerne ſeine Fenſter, und ſah, va er von Menſchen geſchieden war, das zauberhafte Flimmern und Glitzern und Dämmern auf See und Fels⸗ wänden, und ſah die ſchwarzen vom Lichte nicht getroffenen Blöcke mitten in dieſer Flirrwelt wie Fremdlinge ſchweben. Miit Chriſtoph und der alten Magd, wenn ſie ihm begegneten, redete er kein Wort, weil er es nicht für würdig hielt, da er ſchon mit dem Herrn nicht ſpreche, mit ſeinen Dienern Reden zu wechſeln. So ging die Zeit nach und nach dahin. Eines Tages, als er gegen fünf Uhr über den Blumenplatz gegen das Bohlenhaus zu ſchritt, um zu ſchwimmen, und wie gewöhnlich den armen Spitz an der Schnur hinter ſich herzog, redete ihn der Oheim, der 81 nach ſeiner Art auf einer Bank in der Sonne ſaß, an, und ſagte:„Du darfſt den Hund nicht ſo an der Schnur führen, Du kannſt ihn ſchon frei mit Dir gehen laſſen, wenn Du willſt.“ Victor warf ſeine Augen erſtaunt gegen den Mann, und ſah wenig⸗ ſtens keine Unehrlichkeit in ſeinem Angeſichte, wenn auch ſonſt nichts anderes. Am folgenden Tage ließ er den Spitz des Nachmittags verſuchs⸗ weiſe frei. Es geſchah ihm nichts, und er ließ ihn von nun an alle Tage frei mit ſich gehen. So verfloß wieder einige Zeit. Ein anderes Mal, als Victor eben ſchwamm, und zufällig ſeine Augen empor richtete, ſah er den Oheim in einer Thür, die ſich aus dem Dache des Bohlenhauſes öffnete, ſtehen und auf ihn herunter ſchauen. In den Mienen des alten Mannes ſchien ſich Anerkennung auszuſprechen, wie der Jüngling ſo geſchickt die Waſſerfläche theilte, und öfter mit freundlichen Augen auf den Hund ſah, der neben ihm her ſchwamm. Auch die hohe Schönheit des Jünglings war eine ſanfte Fürbitte für ihn, wie die Waſſer ſo um die jugendlichen Glieder ſpielten und um den unſchuldsvollen Körper floſſen, auf den die Gewalt der Jahre wartete, und die unenträthſelbare Zukunft des Geſchickes.—— Ob ſich auch etwas Verwandtſchaftsneigung in dem alten Manne gegen das junge einzige Weſen regte, das ihm an Blut näher ſtand, als alle Uebrigen auf der Erde— wer kann es wiſſen? Auch ob er heute das erſte Mal, oder ſchon öfter zugeſchaut hatte, war ungewiß; denn Victor hatte früher nie gegen das Bohlenthor empor geblickt;— aber am andern Tage um fünf Uhr Nachmittags, als Victor über den Gartenplatz ging, den Oheim an den Blumen, der einzigen lieblichen Beſchäftigung, bei der er ihn je erblickt hatte, herum arbeiten ſah, und ohne ihn anzureden vorüber ge⸗ gangen war, fand er zu ſeiner größten Ueberraſchung, da er in das Schiffhaus gekommen war, eine der Bohlenthüren offen ſtehen. Er war geneigt, dieſes Ereigniß irgend einem ihm unbekannten Umſtande zuzu⸗ ſchreiben; allein am nächſten Tage und alle folgenden Tage ſtand um fünf Uhr das Bohlenhaus offen, während es den ganzen übrigen Theil des Tages immer geſperrt war. Victor wurde durch dieſe Sachen aufmerkſam, und erkannte leicht, daß er von dem Oheime bevbachtet werde. Stifter. 4. Aufl. 1II. 6 Als er, weil die Zeit gar ſo todtlangſam hin ging, wieder einmal, was er ſeit ſeiner Gefangenſchaft aus Stolz nie gethan hatte, ſehnſüch⸗ tig an dem eiſernen Gitter der Einſchlußmauer ſtand, und ſein Angeſicht zwiſchen zwei Stäbe legte, um hinauszuſchauen, hörte er plötzlich in dem Eiſen ein Raſſeln; eine Kette, die er ſchon öfter an den Stäben bemerkt hatte, wie ſie empor ging und ſich in die Mauer verlor, bewegte ſich, und in dem Augenblicke fühlte er an dem ſanften Nachgeben der Stäbe auswärts, daß das Gitter vffen ſei und ihn hinaus laſſe. Er ging hin⸗ aus und ging in einigen Theilen der Inſel herun. Er hätte jetzt die Gelegenheit zur Flucht benützen können, aber weil ihn der Oheim frei⸗ willig hinausgelaſſen hatte, benützte er ſie nicht, und begab ſich wieder freiwillig in ſein Gefängniß. Bei ſeiner Annäherung an das Gitter war dasſelbe zu, öffnete ſich aber, als er heran trat und ließ ihn herein, ſich hinter ihm wieder ſchließend. Durch alle dieſe Sachen hätte Victor weicher werden müſſen, wenn der Mann nicht ſchon vorher am ſanfteſten ſein Herz dadurch gerührt hätte, daß er ihm den Spitz frei gemacht hatte. Der Jüngling fing nun folgerechter Weiſe auch ſeinerſeits an, den Greis näher zu beobachten, und vftmals zu denken:„Wer weiß, ob er ſo hart iſt, und ob ernicht vielmehr ein unglücklicher alter Mann ſei.“ So lebten die zwei Menſchen neben einander hin, zwei Sproſſen desſelben Stammes, die ſich hätten näher ſein ſollen, als alle andern Menſchen, und die ſich ſo ferne waren, wie keine andern— zwei Sproſ⸗ ſen desſelben Stammes, und ſo ſehr verſchieden: Victor das freie heitere Beginnen, mit ſanften Blitzen des Auges, ein vffener Platz für künftige Thaten und Freuden— der Andere das Verkommen, mit dem einge⸗ ſchüchterten Blicke, und mit einer herben Vergangenheit in jedem Zuge, die er ſich einmal als einen Genuß, alſo als einen Gewinn, aufgeladen hatte. In dem ganzen Hauſe lebten nur vier Perſonen; der Oheim, der alte Chriſtoph, Roſalie, ſo hieß die alte Haushälterin und Köchin, und endlich das blödſinnige auch ſchon alte Mädchen Agnes, welche Ro⸗ ſalien's Handlangerin war. Unter dieſen alten Menſchen und neben dem alten Gemäuer ging Victor herum, wie ein nicht hieher gehöriges Weſen. Sogar die Hunde waren ſämmtlich alt; die Obſtbäume, die ſich vorfan⸗ den, waren alt; die ſteinernen Zwerge, die Bohlen im Schiffhauſe waren alt! nur einen Genoſſen hatte Victor, der blühend war wie er, nämlich die Laubwelt, die luſtig in der Verfallenheit ſproßte und keimte. Victor hatte ſich ſchon früher öfter mit einer Thatſache beſchäftigt, die ihn nachdenken machte. Er wußte nämlich nicht, wo ſein Oheim das Schlafzimmer habe, und konnte es trotz aller Beobachtungen nicht ent⸗ decken. Er dachte daher, vielleicht verberge er es gar aus Mißtrauen. Einmal, da der Jüngling über die Treppe in die Küche hinab gerieth, hörte er eben die Haushälterin ſagen:„Er traut ja Niemanden; wie könnte man ihm denn beibringen, daß er aus der Hul einen Menſchen in Dienſt nehme? das thut er nicht. Er raſirt ſich darum ſelbſt, daß ihm Niemand den Hals abſchneide, und er ſperrt Nachts die Hunde ein, daß ſie ihn nicht freſſen.“ An dieſe Umſtände äußerſter Hülfloſigkeit mußte Victor nun immer denken, und dies um ſo mehr, als ſich gerade jetzt gegen ihn mildere Zei⸗ chen einſtellten. Die eiſerne Gitterthür im Gange zu ſeinem Schlafzim⸗ mer wurde nicht mehr geſperrt, das Bohlenthor ſtand zur Schwimmzeit regelmäßig offen, und zum eiſernen Haupt gittet d er Mauer hatte Victor ſtatt eines Schlüſſels ein Pfeiſchen von dem Oheime empfangen, auf deſſen Pfiff das Gitter ſich öffnete; denn es war nicht wie gewöhnlich zu ſperren und zu öffnen, ſondern durch eine Vorrichtung von einem Zim⸗ mer des Oheims aus, man wußte nur nicht, von welchem. Die erſten ordentlichen Unterredungen zwiſchen den zwei Verwand⸗ ten wurden durch eine ſeltſame Veranlaſſung eingeleitet, man könnte ſagen: aus Neid. Da nämlich eines Abends Victor von einem Streif⸗ zuge durch die Inſel, wie er ſie jetzt öfters machte, in Begleitung aller vier Hunde zurückkam— auch der des Oheims; denn ſie hu ſich ſchon länger an ihn angeſchloſſen und waren in ſeiner und des Spitzes Geſellſchaft luſtiger und rühriger geworden, als ſie es ſie geweſen waren— ſagte der Oheim, der zufälliger Weiſe noch in dem Garten war, und dieſes ſah:„Dein Spitz iſt auch weit beſſer, als meine drei Beſtien, denen nicht zu trauen iſt. Ich weiß nicht, wie ſie ſich ſo an Dich hängen?“ Dem Jünglinge fuhren auf dieſe Rede die Worte, weil ſie ihm ſo nahe lagen, aus dem te„Habt ſie nur lieb, wie ich den Spitz, und ſie werden auch ſo gut ſein.“ Der Mann ſah ihn mit ſonderbar forſchenden Augen an, und ſagte 6 gar nichts auf dieſe Rede. Aber ſie wurde der Anker, an den Abends bei Tiſche andere Geſpräche über andere Gegenſtände angeknüpft wurden. Und ſo ging es dann weiter, und Oheim und Reffe ſprachen jetzt wieder mit einander, wenn ſie zuſammen kamen, was namentlich bei den drei Mahlzeiten des Tages der Fall war. Beſonders lebhaft wurde Victor einmal, da ihn der Greis zufällig oder abſichtlich veranlaßte, von ſeiner Zukunft und von ſeinen Plänen zu reden. Er werde jetzt in ſein Amt eintreten, ſagte Victor, werde ar⸗ beiten, wie es nur ſeine Kraft vermag, werde jeden Fehler, den er an⸗ treffe, verbeſſern, werde ſeinen Obern alles vorlegen, was zu ändern ſei, werde kein Schlendern und keinen Unterſchleif dulden— in freien Stun⸗ den werde er die Wiſſenſchaften und Sprachen Europa's vornehmen, um ſich auf künftige Schriftſtellerarbeiten vorzubereiten, dann wolle er auch das Kriegsweſen kennen lernen, um in dem höheren Staatsdienſte einmal den ganzen Zuſammenhang überſchauen zu können, oder in Zeiten der Gefahr ſelbſt zu Feldherrndienſten tauglich zu ſein. Wenn er ſonſt noch Talent habe, ſo möchte er auch die Muſen nicht ganz vernachläſſigen, ob ihm vielleicht etwas gelänge, was ſein Volk zu begeiſtern und zu ent⸗ flammen vermöge. Der Oheim hatte während dieſer Rede Kügelchen aus Brod gedreht, und hatte lächelnd mit den ſchmalen, zuſammen gekniffenen Lippen zu⸗ gehört. „Wenn Du nur das alles zuſammen bringſt,“ ſagte er,„jetzt kannſt Du ſchon gut ſchwimmen, das heißt, ziemlich gut; ich habe Dir geſtern wieder eine Weile zugeſchaut— aber der Bogen der rechten Hand iſt noch ein wenig zu kurz, es iſt, als zögeſt Du die Hand zurück, und die Fußbewegung iſt auch noch zu heftig.— Willſt Du denn nicht auch ein⸗ mal zu jagen verſuchen? Verſtehſt Du ein Gewehr los zu ſchießen und zu laden? Ich gebe Dir ein paar aus meiner Gewehrkammer, und Du kannſt damit durch die ganze Inſel herum gehen.“ „Freilich verſtehe ich ein Feuergewehr zu behandeln,“ antwortete Victor,„aber die Singvögel, die ich hier ſehe, mag ich nicht ſchießen; denn ſie erbarmen mir zu piel, und auf der ganzen Inſel ſehe ich nur veraltete Obſtbäume und junges darüber wachſendes Waldlaub, da wird ſchwerlich ein Fuchs oder ein anderes ſchießbares Wild ſein.“ „Du wirſt ſchon finden, nur muß man das Suchen verſtehen.“ Mit dieſen Worten trank der Oheim ſeinen Wein aus, aß ſein Zuckerwerk und ließ den Gegenſtand fallen. Hierauf gingen ſie bald ſchlafen. Victor wurde jetzt nicht mehr, wie in den erſten Tagen von ſeinem Oheime in das Schlafgemach geleitet, ſondern, ſeit das Schlaf⸗ gitter nicht mehr geſperrt wurde, zündete er ſich nach Beendigung des Mahles ein Licht an, wünſchte dem Oheim gute Nacht, und verfügte ſich mit dem Spitz, der jetzt auch in Eintracht mit den andern Hunden aß, in ſeine zwei Gemächer. In dieſen Verhältniſſen verging endlich alle Zeit, die Victor nach dem eigentlich erzwungenen Vertrage noch auf der Inſel zu verleben ge⸗ habt hatte. Er war nie in Verſuchung gekommen, etwas über dieſe Sachlage zu ſagen, weil er zu ſtolz dazu war. Aber als der letzte Tag vergangen war, den er noch da ſein konnte, um dann zu rechter Zeit in ſein Amt einzutreffen, pochte ihm das Herz in dem Leibe. Man war mit dem Abendmahle fertig. Der Oheim war aufgeſtanden und kramte in allerlei Papieren, und ſchob ſie nach Art des Alters mit ungeſchickten Händen durcheinander. Dann legte er ſie aber ſammt und ſonders in einen Winkel und ließ ſie dort liegen. Victor ſah ſchon aus dem ganzen Benehmen, daß der Greis nichts mehr über den Gegenſtand ſagen werde, er nahm daher ſein Licht und begab ſich zu Bette. Das Frühſtück wurde am andern Tag mit derſelben Langſamkeit verzehrt, wie bisher immer. Victor hatte auf ſeiner Stube ſein Ränzlein vollſtändig gepackt, und ſaß jetzt auf ſeinem Frühmahlſtuhle und war⸗ tete, was der Oheim beginnen werde. Der alte Mann, der mit dem ſchlotternden grauen Rocke angethan war, ſtand auf und ging ein paar Mal durch die Tapetenthür ein und aus. Dann ſagte er zu Victor:„Du wirſt dieſer Tage, heute oder morgen, fort wollen?“ „Heute, Oheim, muß ich fort, wenn ich nicht zu ſpät kommen ſoll,“ antwortete Victor. „Du kannſt ja draußen in Attmaning Fahrgelegenheit nehmen.“ „Das iſt ſchon eingerechnet, das muß ich ohnehin thun,“ ſagte Victor;„denn da Ihr nichts über die Sache erwähntet, habe ich bis zu dem letzten Augenblicke gewartet.“ „Du mußt alſo heute,“ ſagte der Greis zögernd,—„Du mußt— wenn Du alſo mußt, ſo ſoll Dich Chriſtoph überführen, wie ich es ge⸗ ſast habe. Sind Deine Habſeligkeiten ſchon in Ordnung.“ „Ich habe bereits geſtern alles eingepackt.“ „Geſtern haſt Du ſchon eingepackt—— und freuſt Dich alſo ſehr— ſo, ſo, ſo!—— Ich wollte doch noch etwas zu Dir ſagen—— was wollte ich ſagen?—— Höre Victor!“ „Was, Oheim?“ „Ich denke— und meine— wenn Du es nun verſuchteſt, wenn Du freiwillig noch ein wenig bei einem alten Manne bliebeſt, der Nie⸗ manden hat.“ „Wie kann ich denn?“ „Deinen Urlaub hätte ich da— warte, in den Pfeifentiſch, glaube ich, habe ich ihn gelegt.“ Mit dieſen Worten ſchob der Oheim nun mehrere Fächer an dem Liſche und Schreine, auf denen die Pfeifen und Beutel waren, aus und ein, bis er aus einem ein Papier hervor zog und es an Victor hin reichte. „Siehſt Du da.“ Der Jüngling war im höchſten Grade erſtaunt und verlegen; denn das Papier war in der That ein Urlaub auf unbeſtimmte Zeit. „Du kannſt es nun halten, wie Du willſt,“ ſagte der Oheim.„Ich laſſe Dich ſogleich überführen— aber ich habe Dich erſucht, noch ein wenig da zu bleiben, ob wir vielleicht gut mit einander lebten. Du kannſt während der Zeit in die Hul, oder wohin es Dir ſonſt gefällt, fahren, und wenn Du endlich abreiſen willſt, ſo kannſt Du abreiſen.“ Victor wußte nicht, wie ihm war. Er hatte lange auf den heutigen Tag gewartet— nun ſah er den merkwürdigen Mann, den er eigentlich haßte, vor ſich ſtehen und bitten. Das alte eingeſchrumpfte Angeſicht kam ihm unſäglich verlaſſen vor— ja es war ihm, als zittere ſogar ir⸗ gend ein Gefühl darinnen. Das gute, ſchöne Herz, das der Jüngling immer gehabt hatte, regte ſich in ihm. Nur einen Augenblick ſtand er, dann ſagte er mit der Offenheit, die ihm eigen war:„Ich will gerne noch eine Zeit da bleiben, Oheim, wenn Ihr es wünſcht und nach Einſicht und Gründen für gut erachtet.“ „Ich habe keinen andern Grund, als daß Du noch ein wenig da ſeiſt,“ ſagte der alte Mann. Dann nahm er das Papier, welches den Urlaub enthielt, von dem Tiſche, und legte es, nachdem er drei Fächer verſucht hatte, in ein vier⸗ tes, in dem Steine ſtaken. Victor, der heute Morgens nicht ahnend, daß ſich die Sache ſo ent⸗ wickeln werde, ſeine Zimmer verlaſſen hatte, begab ſich nun in dieſelben. zurück, und packte langſam ſein Ränzlein aus. Er war nun doppelt un⸗ gewiß und doppelt geſpannt, wohin das alles ziele und was das ſei, daß der Oheim ſich eigens Mühe gegeben habe, ihm ſchon einen Urlaub aus⸗ zuwirken, ehe er noch in das Amt eingerückt ſei.— Einen Augenblick zuckte es ihm durch das Haupt: wie? wenn es Zuneigung wäre, wenn der Mann doch ein lebendiges menſchliches Weſen lieber hätte als die todte ſtarre Fülle von Dingen und Kram, womit er ſich umringte? Aber dann fiel ihm ein, mit welcher Gleichgültigkeit der Greis das Papier von dem Tiſche weggenommen, und ein Fach geſucht habe, in das er es verbergen könne. Victor hatte überhaupt ſchon länger bemerkt, daß der Oheim nie ein Ding wieder in die nämliche, ſondern ſtets in eine neue Lade lege. Und bei dem Herumſuchen hatte er den Jüngling nicht beob⸗ achtet, und ihn hinaus gehen laſſen, ohne ihn anzureden. So war er alſo wieder da. In dem Hauſe hatte der Oheim ein Bücherzimmer, aber er las ſeit Langem nichts mehr, ſo daß Staub und Motten in den Werken waren. Zu dieſem Zimmer gab er Viector den Schlüſſel, und dieſen freute die Sache ſehr. Er hatte nie eine Bücherſammlung geſehen, außer den öf⸗ fentlichen der Stadt, in denen er aber, wie es begreiflich iſt, nicht herum ſuchen durfte. Er merkte ſich den Gang, und ging oft in das Zimmer. Er ſtellte die Leiter an alle Fächer, putzte zuerſt alle Bücher, und dann las und betrachtete er die Dinge, wie ſie ihm in die Hand kamen und wie ſie ihn anzogen. Großes Vergnügen gewährte es ihm auch, wenn er auf die Diele des Bohlenhauſes gehen, und aus der Thür, von der ihm der Oheim zuge⸗ ſchaut hatte, in den See hinab ſpringen konnte. Die Mönche hatten die Thür und die Diele gehabt, um Dinge aus dem Schiffe gleich aufziehen zu können, die ſonſt ſchwer über die Treppe empor zu bringen geweſen wären. Aus dem Büchſenſchranke des Oheims hatte er ſich doch ein ſchö⸗ nes altdeutſches Gewehr heraus genommen, und freute ſich es zu putzen, und trotz ſeiner Ungefügigkeit los zu ſchießen. Seit Langem mochten das wieder die erſten Knalle auf der Inſel ſein, welche den Widerhall der Berge erweckten. Chriſtoph hatte dem Jünglinge einen finſtern Gang gezeigt, durch welchen man gleich aus dem Hauſe des Oheims in das Kloſter hinüber gehen konnte. Auch hatte er dem Jünglinge manche Räume aufgeſperrt, die ſonſt immer verſchloſſen waren. Er zeigte ihm den großen Saal, in welchem goldene Leiſten und Verzierungen waren, die Fenſter weiß, grau und blau bemalt ſchimmerten, lange hölzerne Bänke an der Wand hin liefen, auf denen die Mönche geſeſſen waren, und ein ungemein großer Ofen ſtand, in welchem die einzelnen Täfelchen bunt eingebrannte Heiligenbilder und Geſchichten enthielten. Er zeigte ihm das Kapitelzimmer, wo berathen wurde, und jetzt nur mehr die ſchlichten rohen Holzbänke ſtanden, und wenige dagelaſſene, werthloſe Bilder hingen. Er zeigte ihm die leere Schatzkammer, er zeigte ihm die Sakriſtei, wo die Fächer der Kelche vffen ſtanden und nichts als die ver⸗ ſchoſſene einſt dunkelrothe Ausfütterung zeigten, und wo die Laden, einſt der Aufbewahrungsort der Paramente, nun Staub enthielten. Zurück gingen ſie durch die Kirche, die Kreuzgänge und die Sommerabtei, wo noch manch ſchönes Bild, manche Holz⸗ und Steinverzierung unberührt ſtarrte, weil man deren Werth nicht gekannt hatte, als man die Dinge aus dieſer Gotteswohnung foriſchaffte. Nicht blos in den Gebäuden und auf der ganzen Inſel dunfte Victor herum gehen, uid alles unterſuchen, ſondern der Oheim bot ihm auch an, daß er ihn in einem Kahne an alle Punkte des Sees fahren laſſen wolle, wohin er nur verlange. Der Jüngling hatte wenig Gebrauch da⸗ von gemacht, weil er eigentlich, der nie in dem hohen Gebirge geweſen war, nicht wußte, wie er die Schätze desſelben heben ſoll, daß ſie ihm freude⸗ und gewinnbringend würden. Er fuhr nur ſelber zweimal zu dem Orla hinüber, und ſtand an dem Ufer und ſah die hohen grauen und zeitweiſe flimmernden Wände an. Trotz allem begann ſich allgemach in Victor die Reue zu regen, daß er wieder da geblieben ſei; namentlich da er nicht Zweck und Urſache des ganzen Verfahrens zu ermitteln im Stande war. „Ich werde Dich doch nun bald fort laſſen,“ ſagte der Oheim eines Tages nach dem Mittagstiſche, da eben ein prachtvolles Gewitter über die Griſel ging und den rauſchenden Regen wie Diamantengeſchoſſe in den See nieder ſandte, daß er ſich in kleinen Sprüngen regte und wallte. Sie waren aus der Urſache dieſes Gewitters etwas länger bei dem Tiſche ſitzen geblieben. Victor antwortete auf die Rede gar nichts, ſondern horchte, was ferner kommen würde. „Es iſt zuletzt doch alles vergeblich,“ hob der Oheim wieder mit langſamer Stimme an,„es iſt doch vergeblich— Jugend und Alter tau⸗ gen nicht zuſammen. Siehe, Du biſt gut genug, Du biſt feſt und auf⸗ richtig, und biſt mehr, als Dein Vater in dieſen Jahren war. Ich habe Dich die Zeit her beobachtet und man dürfte vielleicht auf Dich bauen. Du haſt einen Körper, den die natürliche Kraft ſtark und ſchön gemacht hat, und Du übſt gerne die Kraft, ſei es, daß Du unter den Felſen her⸗ um gehſt, oder in der Luft wanderſt, oder in dem Waſſer ſchwimmſt—— aber was hilft das Alles? Es iſt für mich ein Gut, das weit, ja ſehr weit jenſeits aller Räume liegt. Mir ſagte ſchon immer die heimliche Stimme: du wirſt es nicht erreichen, daß ſein Auge auf dich ſchaut, du wirſt das Gut ſeines Herzens nicht erlangen, weil du es nicht geſäet und gepflanzt haſt. Ich erkenne, daß es ſo iſt. Die Jahre, die da zu nützen geweſen wären, ſind nun vorüber, ſie neigen jenſeits der Berge hinunter, und keine Gewalt kann ſie auf die erſte Seite herüber zerren, auf der nun ſchon die kalten Schatten ſind. Darum gehe nur zu dem alten Weibe, von dem Du kaum mehr einen Brief erwarten kannſt— gehe hin und ſei dort heiter und freudig.“ Victor war im äußerſten Maße betroffen. Der Greis ſaß gerade ſo, daß die Blitze in ſein Antlitz leuchteten, und manchmal war es in dem dämmrigen Zimmer, als ob das Feuer durch die grauen Haare des Man⸗ nes flöße und ein rieſelndes Licht über ſeine verwitterten Züge ginge. War dem Jünglinge früher das inhaltloſe Schweigen und die todte Gleichgültigkeit an dem Manne öde und bekümmernd geweſen, ſo war er nun durch dieſe Aufregung um ſo ergriffenet. Der Alte hatte ſeinen lan⸗ gen Körper in dem Lehnſtuhle aufgerichtet, und er zeigte faſt tiefe Bewe⸗ gung. Eine Weile antwortete der Jüngling nichts auf die Rede des Oheims, die er mehr ahnte, als verſtand. Dann aber ſagte er:„Ihr habt von Briefen geredet, Oheim; ich bekenne aufrichtig, daß es mich ſchon ſehr umuhig gemacht, daß ich auf die mehreren Briefe, die ich nach Hauſe ſandte, noch immer keine Antwort habe, obwohl Chriſtoph ſchon mehr als zwanzigmal, ſeit ich hier bin, in der Hul und in Attmaning draußen geweſen iſt.“ „Ich wußte es wohl,“ antwortete der Oheim,„aber Du kannſt gar keine Antwort erhalten.“ „Warum denn nicht?“ „Weil ich es ſo eingerichtet, und mit ihnen verabredet habe, daß ſie Dir, ſo lange Du hier biſt, nicht ſchreiben. Sie ſind im Uebrigen, wenn Du bekümmert ſein ſollteſt, alle wohl und geſund.“ „Das iſt nicht gut, Oheim, daß Ihr das gethan habt,“ ſagte Victor ergriffen,„die Worte, welche mir meine Ziehmutter in einem Briefe ge⸗ ſchickt hätte, hätte ich ſehr gerne empfangen.“ „Siehſt Du, wie Du das alte Weib liebſt,“ ſagte der Oheim,„ich habe es immer gedacht!“ „Wenn Ihr Jemanden liebtet, ſo würde Euch wieder Jemand lie⸗ ben,“ antwortete Victvr. „Dich hätte ich geliebt,“ ſchrie der Greis heraus, daß Victor faſt erzitterte. Es war einige Augenblicke Stille. „Und der alte Chriſtoph liebt mich,“ fuhr er fort,„und vielleicht auch die alte Magd.“ „Was ſchweigſt Du denn?“ ſagte er nach einiger Zeit zu dem Jünglinge—„wie ſieht es denn mit der Gegenliebe aus? nun ſo rede einmal.“ Victor ſchwieg und wußte kein einziges Wort heraus zu bringen. „Siehſt Du,“ ſagte der Greis wieder,„ich habe es ja gewußt. Sei nur tuhig, es iſt alles gut, es iſt ſchon gut. Du willſt fort, und ich werde Dir ein Schiff geben, daß Du fort kannſt.— So lange wirſt Du doch warten, bis der Regen vorüber iſt?“ „So lange und noch länger, wenn Ihr Ernſtliches mit mir zu reden habt,“ ſagte der Jüngling,„aber das werdet Ihr doch erkennen müſſen, daß keine bloße bittere Willkühr einen Menſchen binden könne. Es iſt doch ſeltſam, wenn man das geringſte Wort dafür wählen ſoll, daß Ihr mich Anfangs auf dieſer Inſel gefangen hieltet, auf die Ihr mich zuvor getufen habt, und auf die ich im Vertrauen kam, weil Ihr es verlangtet, und weil der Vormund und die Mutter mir es an's Herz legten. Ferner iſt es ſeltſam, daß Ihr mich von den Briefen meiner Mutter abſchneidet, und noch ſeltſamer iſt es, was vielleicht vorher vorgefallen iſt, vielleicht nicht.“ „Du redeſt, wie Du es verſtehſt,“ antwortete der Oheim, indem er den Jüngling lange anſah.„Dir mag manches herbe erſcheinen, deſſen Ziel und Ende Du nicht begreifſt. Es iſt da nichts Seltſames in dem, was ich that, ſondern es iſt klar und deutlich. Ich wollte Dich ſehen, weil Du einmal mein Geld erbſt, und ich wollte Dich deßhalb lange ſehen. Es hat mir Niemand ein Kind geſchenkt, weil alle Eltern die ihrigen ſelber behalten; wenn einer meiner Bekannten geſtorben iſt, bin ich irgend wo anders hin gezogen, und endlich kam ich auf dieſe Inſel, deren Grund und Boden ſammt dem Hauſe, das einmal das Gerichts⸗ haus der Mönche geweſen iſt, ich erworben habe, und wo ich Gras und Bäume wachſen laſſen wollte, wie ſie wuchſen, um unter ihnen herum zu wandeln. Ich wollte Dich ſehen. Ich wollte doch Deine Augen, Deine Haare, Deine Glieder, und wie Du ſonſt biſt, ſehen, ſo wie man einen Sohn anſieht.— Ich mußte Dich daher allein haben und feſt hal⸗ ten. Wenn ſie Dir immer ſchreiben, ſo halten ſie Dich in derſelben ſüß⸗ lichen Abhängigkeit, wie bisher. Ich mußte Dich in die Sonne und in die Luft hervor reißen, ſonſt wirſt Du ein weiches Ding, wie Dein Va⸗ ter, und wirſt, wie er, ſo nachhaltlos, daß Du das verräthſt, was Du zu lieben meineſt. Du biſt wohl ſtärker geworden, als er, Du ſtößeſt mit Deinen Waffen wie ein junger Habicht zu; das iſt ſchon recht, ich lobe es: aber Du ſollteſt doch Dein Herz nicht an bebenden Weibern üben, ſondern an Felſen— und ich wäre eher ein Fels als etwas an⸗ ders. Daß ich Dich ſo feſt gehalten habe, mußte ſein; wer zuweilen nicht den Steinblock der Gewaltthat ſchleudern kann, der vermag auch nicht von Urgrund aus zu wirken und zu helfen. Du weiſeſt bei Gele⸗ genheit die Zähne, und haſt doch ein gutes Herz. Das iſt recht. Du wäreſt endlich doch ein Sohn geworden, es hätte Dich hingeriſſen mich zu achten und zu lieben— und wenn Du das gethan hätteſt, dann wä⸗ ren Dir die andern zahm und klein geweſen, die auch an mir nie bis zum Innern dringen konnten. Aber ich erkannte, daß, bis Du dahin kämeſt, eher hundert Jahre vergingen, und darum gehe, wohin Du willſt, es iſt alles aus.—— Wie oft habe ich Dich verlangt, daß ſie Dich ſenden ſollen, ehe ſie es thaten. Dein Vater hätte Dich mir geben ſollen— aber er hat gemeint, ich ſei ein Raubthier, das Dich zerriſſe; ich hätte — Dich eher zu einem Adler gemacht, der die Welt in ſeinen Fängen hält, und ſie auch, wenn es ſein muß, in den Abgrund wirft. Allein er hat zuerſt das Weib geliebt, dann hat er es verlaſſen, und war doch nicht ſtark genug, dasſelbe auf immer von hinnen zu thun, ſondern er dachte ſtets an dasſelbe, und ſteckte Dich, da er ſtarb, unter die Flügel desſel⸗ ben, daß Du faſt eine Henne würdeſt, um Küchlein zu locken, und nur zu kreiſchen, wenn ein Pferdehuf eins zertritt. Schon dieſe wenigen Wochen bei mir biſt Du mehr geworden, da Du gegen Gewalt und Druck ankämpfen mußteſt, und Du würdeſt immer mehr werden. Ich habe verlangt, daß Du den Weg zu Fuße hieher macheſt, daß Du die Luft, die Müdigkeit, die Selbſtbezwingung ein wenig kennen lerneſt. Was ich nach dem Tode Deines Vaters Hippolit's thun konnte, that ich, Du wirſt es gleich ſpäter hören. Ich ließ Dich auch zu dem Zwecke zu mir kommen, daß ich Dir nebſt Andern, was Du hier ſollteſt, einen guten Rath gäbe, den Dir weder der Federmann, Dein Vormund, noch das Weib geben können, und den Du dann beliebig befolgen kannſt, oder nicht. Weil Du vielleicht heute noch, gewiß aber morgen fort gehen willſt, will ich Dir den Rath ſagen. Höre mich. Du haſt alſo im Sinne in ein Amt zu treten, das ſie Dir verſchafften, damit 5 Dein Brod haſt und verſorgt biſt?“ „Ja, Oheim.“ „Siehſt Du, und ich habe Dir ſchon einen Urlaub ausgewirkt. Wie nöthig mußt Du alſo ſein, und wie wichtig das Amt, das unausgefüllt auf Dich warten kann. Einen Urlaub auf unbeſtimmte Zeit habe ich hier. Ich kann jeden Augenblick einen Abſchied haben, ſobald ich nur will. Das Amt bedarf alſo nicht Deiner einzelnen beſtimmten Fähigkei⸗ ten, ja es harrt ſchon einer, der nach Deinem Austritte das Amt braucht. Du kannſt auch jetzt noch in der That gar nichts leiſten, was wirklich des Antrittes eines Amtes werth wäre, da Du kaum ein Jüngling ge⸗ worden biſt, und kaum erſt ein Sandkorn von der Erde bekommen haſt, daß Du es kennen lerneſt— und Du kennſt es noch nicht einmal. Wenn Du alſo jetzt einträteſt, ſo könnteſt Du höchſtens etwas wirken, was Niemand ftommt, und was Dir doch langſam das Leben aus dem Kör⸗ per frißt. Ich wüßte Dir etwas Anderes. Das Größte und Wichtigſte, was Du jetzt zu thun haſt, iſt: heirathen mußt Du.“ Victor richtete ſein klares Auge gegen ihn, und fragte:„Was?!“ — „Heirathen mußt Du— eben nicht auf der Stelle, aber jung mußt Du heirathen Ich werde Dir das zeigen. Jeder iſt um ſein ſelbſt wil⸗ len da. Das ſagen wohl nicht alle, aber ſie handeln alle ſo. Und die es nicht ſagen, deren Handlungen ſind oft deſto ungeſchlachter ſelbſtſüchtig. Das wiſſen die auch recht gut, die ſich dem Amte widmen: denn das Amt iſt ihnen der Acker, welcher Früchte geben ſoll. Jeder iſt ſeiner ſelbſt willen da; aber nicht Jeder kann es machen, daß er da iſt, und mancher ſtreckt ſein Leben für etwas dahin, das weniger iſt, als ſieben Pfennige. Der Mann, der zu Deinem Schutze aufgeſtellt iſt, meinte gut zu ſorgen, wenn er bei Zeiten Dein junges Blut einpferche, ganz allein dazu, damit Du immer ſatt zu eſſen und zu trinken habeſt; das Weib in ihrer klei⸗ nen Gutherzigkeit darbte ein Sümmchen zuſammen, ich weiß ſogar genau wie groß es iſt, ein Sümmchen, wofür Du Dir auf einige Zeit Strümpfe anſchaffen kannſt. Sie hat es wohl gut gemeint, wohl am beſten; denn ſie iſt in ihrem Willen vortrefflich. Aber was ſoll das alles?—— Je⸗ der iſt um ſein ſelbſt willen da, aber nur dann iſt er da, wenn alle Kräfte, die ihm beſchieden worden ſind, in Arbeit und Thätigkeit geſetzt werden— denn das iſt Leben und Genuß— und wenn er daher dieſes Leben ausſchöpft bis zum Grunde. Und ſobald er ſo ſtark iſt, ſeinen Kräften allen, den großen und kleinen, nur allen, dieſen Spielraum zu gewinnen, ſo iſt er auch für andere am beſten da, wie er nur immer da zu ſein vermochte, wie es ja gar nicht anders ſein kann, als daß wir auf die wirken, die rings um uns gegeben ſind; denn Mitleid, Antheil, Hülf⸗ reichigkeit ſind ja auch Kräfte, die ihre Thätigkeit verlangen. Ich ſage Dir ſogar, daß die Hingabe ſeiner ſelbſt für andere— ſelber in den Tod — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, gerade nichts anders iſt, als das ſtärkſte Aufplatzen der Blume des eigenen Lebens. Wer aber in ſei⸗ ner Armuth nur eine Lebenskraft einſpannt, um nur eine einzige For⸗ derung zu ſtillen, etwa gar die des Hungers, der iſt für ſich ſelber in einer einſeitigen und kläglichen Verrückung, und er verdirbt die, die um ihn ſind.— O Victor, kennſt Du das Leben? kennſt Du das Ding, das man Alter heißt?“ „Wie ſollte ich, Oheim, da ich noch ſo jung bin?“ „Ja Du kennſt es nicht und Du kannſt es auch nicht kennen. Das Leben iſt unermeßlich lange, ſo lange man noch jung iſt. Man meint immer, noch recht viel vor ſich zu haben, und erſt einen kurzen Weg ge⸗ — gangen zu ſein. Darum ſchiebt man auf, ſtellt dieſes und jenes zur Seite, um es ſpäter vorzunehmen. Aber wenn man es vornehmen will, iſt es zu ſpät, und man merkt, daß man alt iſt. Darum iſt das Leben ein unabſehbares Feld, wenn man es von vorne anſieht, und es iſt kaum zwei Spannen lang, wenn man am Ende zurück ſchaut. Auf dem Felde zeitigen ſo manche andere Früchte, als man zu ſäen geglaubt hat. Es iſt ein ſchillernd Ding, das ſo ſchön iſt, daß man ſich gerne hinein ſtürzt, und meint, es müſſe ewig währen—— und das Alter iſt ein Dämme⸗ rungsfalter, der recht unheimlich um unſere Ohren weht. Darum möchte man die Hände ausſtrecken, um nicht fort zu müſſen, weil man ſo viel verſäumt hat. Wenn ein uralter Mann auf einem Hügel mannigfaltiger Thaten ſteht, was nützt es ihm? Ich habe vieles und allerlei gethan, und habe nichts davon. Alles zerfällt im Augenblicke, wenn man nicht ein Daſein erſchaffen hat, das über dem Sarge noch fortdauert. Um wen bei ſeinem Alter Söhne, Enkel und Urenkel ſtehen, der wird oft tauſend Jahre alt. Es iſt ein vielfältig Leben derſelben Art vorhanden, und wenn er fort iſt, dauert das Leben doch noch immer als dasſelbe, ja man merkt es nicht einmal, daß ein Theilchen dieſes Lebens ſeitwärts ging, und nicht mehr kam. Mit meinem Tode fällt alles dahin, was ich als ich geweſen bin———— Darum mußt Du heirathen, Victor, und mußt ſehr jung heirathen. Darum mußt Du auch Luft und Raum ha⸗ ben, um alle Deine Glieder rühren zu können. Dafür nun habe ich ge⸗ ſorgt, weil ich wußte, daß es alle jene nicht konnten, denen man Dich anvertraut hat. Nach dem Tode Deines Vaters nahm man mitr die Macht, und ich habe doch beſſer geſorgt, als die andern. Ich habe mich daran gemacht, Dein Gut zu retten, das ſonſt verloren war. Staune nicht, ſondern höre mich lieber. Wozu ſoll Dir auch das Sümmchen Deiner Mutter, oder die ewige Verſorgung Deines Vormundes? Zu nichts, als daß Du zerknickt und verkümmert würdeſt. Ich bin geizig geweſen, aber vernünftiger geizig, als mancher freigebig iſt, der ſein Geld weg wirft, und dann weder ſich, noch andern helfen kann. Deinem Vater lieh ich bei Lebzeiten kleine Summen, wie Brüder ſonſt einander ſchenken, er gab mir Beſcheinigungen darüber, die ich auf ſein Beſitzthum eintragen ließ. Da er nun todt war, und die andern Gläubiger die ihn verlockt hatten, kamen, um das arme Neſt zu plündern, da war ich ſchon da, und entriß es mit meinem Rechte ihnen und Deinem Vormunde, der e—— — —— auch ein kleines Reſichen für Dich erſtreiten wollte. Die Kurzſichtigen! —— Den Gläubigern gab ich nach und nach, was ſie eingeſetzt hatten, ſammt den Zinſen, aber nicht, was ſie hatten erſchinden wollen. Nun iſt das Gut ſchuldenfrei, und der fünfzehnjährige Ertrag liegt für Dich in der Bank. Morgen, ehe Du fort gehſt, gebe ich Dir die Papiere; denn da ich jetzt das alles geſagt habe, iſt es gut, daß Du bald fort geheſt. Ich habe den Chriſtoph in die Hul geſchickt, daß Dich der Fi⸗ ſcher, der Dich gebracht hat, morgen an dem Landungsplatze wieder hole; denn Chriſtoph hat keine Zeit Dich hinüber zu führen. Willſt Du mor⸗ gen nicht fahren, ſondern ſpäter, ſo können wir dem Fiſcher ſein Fahrgeld geben, und ihn wieder leer zurück gehen laſſen.— Ich meine, Du ſollſt ein Landwirth ſein, wie es auch die alten Römer gerne geweſen ſind, die recht gut gewußt haben, wie man es anfangen ſoll, daß alle Kräfte recht und gleichmäßig angeregt werden.— Aber Du kannſt übrigens thun, wie Du willſt. Genieße nach Deiner Art, was Du haſt. Biſt Du weiſe, ſo iſt es gut: biſt Du ein Thor, ſo kannſt Du im Alter Dein Leben be⸗ reuen, wie ich das mefnige bereut habe. Ich habe vieles gethan, was gut war, ich habe ſehr vieles genoſſen, was das Leben hat, und mit Recht zum Genuſſe gibt— das war gut: aber ich habe vieles unterlaſ⸗ ſen, was die Reue und das Nachdenken erweckte, als beide vergebens waren. Denn das Leben flog, ehe es erhaſcht werden konnte. Du biſt wahrſcheinlich auch mein Erbe, und darum möchte ich, daß Du beſſer thäteſt, als ich. Daher iſt mein Rath— ich ſage„Rath,“ nicht Bedin⸗ gung; denn kein Menſch ſoll gebunden werden.— Reiſe jetzt zwei bis drei Jahre, komme dann zurück, heirathe, behalte Anfangs den Verwal⸗ ter, den ich Dir auf das Gut geſetzt habe; denn er wird Dich gehörig anweiſen.— Das iſt meine Meinung, Du aber thue, wie Du willſt.“ Nach dieſen Worten hatte der alte Mann zu reden aufgehört. Er legte ſein Tellertuch, wie er es gewöhnlich that, zuſammen, rollte es zu einer Walze, und ſchob es ſo in den ſilbernen Reif, den er zu dieſem Zwecke hatte. Dann ſtellte er die verſchiedenen Flaſchen in eine gewiſſe Ordnung zuſammen, legte die Käſe und Zuckerbäckereien auf ihre Teller, und ſtürzte die gehörigen Glasglocken darauf. Von all den Sachen trug er aber nichts von dem Tiſche weg, wie er es ſonſt immer pflegte, ſon⸗ dern ließ ſie ſtehen, und blieb davor ſigen. Das Gewitter war indeſſen vorüber gegangen, es zog mit ſanfteren Blitzen und ſchwächerem Rollen —— jenſeits der öſtlichen Gebirgszacken hinunter, die Sonne kämpfte ſich wie⸗ der hervor, und füllte das Gemach allmählich mit lieblichem Feuer. Vic⸗ tor ſaß dem Oheime gegenüber, er war erſchüttert und konnte kein Wort ſagen. Nach einer bedeutenden Weile fing der Greis, der immer ſo vor ſeinen Dingen da geſeſſen war, wieder zu reden an, und ſagte:„Wenn Du ſchon eine Vorneigung zu einer Frauenperſon haſt, ſo thut das bei dem Heirathen gar nichts, es iſt nicht hinderlich, und fördert oft nicht, nimm ſie nur: haſt Du aber keine ſolche Vorneigung, ſo iſt es auch gleichgültig; denn derlei Dinge ſind nicht beſtändig, ſie kommen und vergehen, wie es eben iſt, ohne daß man ſie lockt, und ohne daß man ſie vertreibt. Ich habe einmal eine ſolche Empfindung gehabt, Du wirſt es ohnehin wiſſen— und weil ich gerade davon rede, ſo werde ich Dir das Bild zeigen, wie ſie damals ausgeſehen hat— ich habe ſie ſelber malen laſſen—— warte, vielleicht finde ich noch das Bild.“ Bei dieſen Worten ſtand der Greis auf, und ſuchte lange in ſeinen Laden herum, bald in dieſem Zimmer, bald in einem andern, aber er konnte das Bild nicht finden. Endlich zog er es mit einer ſtaubigen goldenen Kette aus einem Fache hervor. Er wiſchte das Glas des Bil⸗ des mit dem grauen Rockärmel ab, reichte es Victor, und ſagte:„Siehſt Du!“ Dieſer aber wurde eine Purpurflamme und rief:„Das iſt Hanna, meine Schweſter.“ „Nein,“ ſagte der Oheim,„das iſt Ludmilla, ihre Mutter. Wie kannſt Du denn auf Hanna kommen? dieſe war noch lange nicht ge⸗ boren, als das Bild gemalt wurde. Hat Dir denn Deine Ziehmutter nichts von mir erzählt?“ „Ja, ſie hat von Euch erzählt, daß Ihr mein Oheim ſeid, und in großer Abgeſchiedenheit auf der Inſel eines entfernten Gebirgsſees lebet.“ „Sie hält mich für den ärgſten Böſewicht.“ „Nein, Oheim, das thut ſie nicht. Sie hat noch von gar Rieman⸗ den Böſes geſagt, und wenn ſie von Euch redete, ſo ſprach ſie immer ſo, daß wir meinten, Ihr ſeid ſehr weit in der Welt herum gereiſt, ſeid alt geworden, und lebet nun ſehr einſam und von der Welt getrennt, die Ihr ſonſt gerne in allen ihren Theilen beſucht habt.“ „Und ſonſt ſagte ſie gar nichts von mir?“ „Nein, Oheim, gar nichts.“ „Hm—— das iſt ſchön von ihr. Ich hätte mir das ſchon wohl denken können. Wenn ſie nur um ein Weniges ſtärker geweſen wäre, und den klaren Verſtand, der ihr Antheil war, nur über ein größer Stück Welt hätte ausdehnen können— alles wäre anders geworden. Und daß ich Dir Dein Gütchen rauben wolle, davon ſagte ſie auch nichts?“ „Rauben ſagte ſie nie, ſondern daß Ihr das Recht darauf habt.“ „Das habe ich auch, aber ich bin ſchon in der Jugend ſehr thätig geweſen, habe Handelſchaft begonnen, habe meine Geſchäſte ausgedehnt und mehr erworben, als mir je noth thut, ſo daß ich des kleinen Beſitz⸗ thumes ſchon gar nicht bedürftig bin.“ „Die Ziehmutter hat auch ſchon immer in der Zeit her darauf ge⸗ drungen, daß ich zu Euch komme, als Ihr es begehrtet, aber der Vor⸗ mund hat es gehindert.“ „Siehſt Du!?—— Dein Vormund hat überall einen guten Wil⸗ len, aber der Tiſch, auf dem er ſchreibt, deckt ihm die Welt und das Meer, und alles zu. Er hat etwa gedacht, Du vergeſſeſt, wenn Du bei mir biſt, einige Dinge, die Du lernteſt, und die Dir für das ganze Leben hindurch unnütz ſind.— Deine Ziehmutter habe ich einmal zu meiner Gattin machen wollen, wie Du ſiehſt; das wird ſie Dir alſo auch nicht geſagt haben?“ „Nein, ſie nicht und der Vormund nicht.“ „Wir ſind ſehr jung geweſen, ſie war eitel, und ich ſagte einmal, daß ich ihr Bild wolle malen laſſen. Sie willigte ein, und der Künſtler, der mit mir von der Stadt kam, hat ſie auf dieſer länglichen Elfenbein⸗ platte gemalt. Ich behielt das Bild und ließ ſpäter den goldenen Reif darum und die goldene Kette daran machen. Ich war ihr darnach ſehr zugeneigt, und erwies ihr viele Aufmerkſamkeiten. Wenn ich von den Reiſen, die ich machte, um meine Handelsfreunde kennen zu lernen, und um allerlei neue Geſchäfte und Verbindungen anzuknüpfen, nach Hauſe kam, war ich ſehr freundlich, und brachte ihr auch das eine und andere ſehr ſchöne Geſchenk mit. Sie aber gab mir meine Aufmerkſamkeiten nicht zurück, ſie war freundlich, aber nicht zugeneigt, ohne daß ſie mir einen Grund ſagte, und ſie nahm meine Geſchenke nicht an, ohne daß ſie mir ebenfalls einen Grund ſagte. Als ich ihr endlich geradezu erklärte, Stifter. 4. Aufl. III. 7 — ich würde ſie ohne weiteres zu meiner Gattin machen, wenn ſie es nur jetzt oder etwa ſpäterhin ſo wolle, antwortete ſie, das ſei allerdings ſehr ehrenvoll, aber ſie könne die Neigung nicht empfinden, die ihr für eine lebenslängliche Verbindung nothwendig erſcheine. Als ich nach einiger Zeit einmal zu dem Buchenbrünnlein im Hirſchkar hinauf ging, ſah ich ſie auf dem breiten Steine ſitzen, der neben dem Brünnlein liegt. Ihr Tuch, das ſie gerne an kühleren Tagen um die Schultern trug, hing an dem flachen Aſte einer Buche, die etwas weiter zurück ſteht, und nicht hoch vom Boden dieſen Aſt gerade wie eine Stange zum Auſhängen ausſtreckt. Ihr Hut war gleichfalls neben dem Tuche. Auf dem Steine aber ſaß bei ihr mein Bruder Hippolith, und ſie hielten ſich umſchlungen. Es war dieſer Ort ſchon lange der ihrer Zuſammenkünfte geweſen, ich habe dies erſt viel ſpäter erfahren. Anfangs wollte ich ihn ermorden, dann aber riß ich das Tuch, das mich wie ein Vorhang verbarg, herun⸗ ter und ſchrie:„So wäre es ja am Ende beſſer, Ihr thätet alles öffent⸗ lich, und heirathet einander.“— Von dieſem Tage fing ich an, ſeine Liegenſchaften zu ordnen, und ſein Amt zu befördern, daß ſie ſich neh⸗ men könnten. Als aber Dein Vater auf einige Zeit fort mußte, um noch etwas höher zu ſteigen, als er dort einen väterlichen Freund, der in einer augenblicklichen Verlegenheit Amtsgelder verwendete, von Pflicht wegen anzeigen ſollte, als man in der Stadt ſchon davon flüſterte, als der Alte ſich tödten wollte, Dein Vater noch in der Nacht hin lief, das Geld erlegte, zur Entkräftung jedes Gerüchtes die Tochter des Mannes, Deine nachherige Mutter, zur Frau begehrte, und als die Verbindung wirklich vollzogen war: trat ich mit Hohn vor Ludmilla hin, und zeigte ihr, wie ſie ihren Verſtand und ihr Herz nicht verwenden konnte.— Sie zog mit ibrem ſpäteren Gatten auf das Gütchen hinaus, wo ſie nun lebt.— Aber das ſind alte Geſchichten, Victor, die ſind ſchon lange, lange geſchehen, und ſind in Vergeſſenheit gerathen.“ Nach dieſen Worten nahm er das Bild von dem Tiſche, wo er es, während er wieder in ſeinem Seſſel geſeſſen war, liegen gelaſſen hatte, ſtand auf, umwickelte es mit der Kette, und ſteckte es in ein kleines Fach neben der Pfeifenſammlung. Das Gewitter war indeſſen völlig aus geworden, nur ſammelten ſich, wie es in dergleichen Fällen vorkommt, noch immer gelegentliche Rebel und Wolkentheile in dem Gebirgskeſſel, welche die Sonne, die —— ihre heißen Blicke ſchon länger hervorgeſchoſſen hatte, bald durchſcheinen ließen, bald verhüllten. Wenn der Oheim nach dem Eſſen einmal aufgeſtanden war, ſo ſetzte er ſich nicht leicht wieder nieder. So geſchah es auch jetzt. Er nahm ſeine Flaſchen von dem Tiſche, that ſie in ihre Wandkäſtchen und ſperrte zu. Eben ſo verſuhr er mit dem Käſe und mit den Zuckerſachen, und goß zur Vorſicht den Hunden noch einmal friſches Waſſer in ihren Trog. Als er mit allen dem fertig war, trat er an das Fenſter und ſchaute auf den Gartenplatz hinunter. „Siehſt Du,“ ſprach er zu Victor,„es iſt genau ſo, wie ich Dir neulich ſagte. Der Sand iſt beinahe trocken und in einer Stunde wird man ſehr bequem auf ihm herum gehen können. Es iſt eine Eigen⸗ ſchaft des hieſigen Quarzbodens, der nur locker auf dem Felſengrunde aufliegt, daß er den Platzregen einſchluckt, wie ein Sieb. Darum muß ich bei den Blumen immer ſo viel Humus nachführen laſſen, und darum vergehen die Obſtbäume der Mönche ſo gerne, während die Rüſtern, die Eichen, die Buchen und die andern unſerer Bergbäume ſo gedeihen, weil ſie den Felſen ſuchen, dort Spalten treiben und in ſie eindringen.“ Victor ging ebenfalls zu dem Fenſter hin, und ſchaute hinunter. Als ſpäter die Haushälterin kam, und den Tiſch abräumte, und als Chriſtoph, der von der Hul ſchon zurück war, die Hunde hinaus führte, ging der Oheim durch die Tapetenthür in ſein Gewehrzimmer. Der Jüngling aber, der eigentlich nach dem Gewitter im Freien in Weite und Breite herum geſchweift wäre, ging jetzt in ſeine Zimmer und ſtarrte bei dem Fenſter hinaus.—— Nach einer Weile ſah er den Oheim, wie er unten auf dem Garten⸗ platze Blumen an die Stäbe band. Da er dann noch längere Zeit in dem einen Zimmer hin und her gegangen war, ſchritt er doch wieder bei der Thür hinaus, und ging in das Freie. Er ging über den Sandplatz, den der Oheim verlaſſen hatte, gegen das Seeufer zu, wo ein erhöhter Platz des Felſenſaumes war, der eine bedeutende Umſicht gewährte. Dort blieb er ſtehen und ſchaute in die Gegend hinaus. Es war unterdeſſen ſchon der Abend gekommen. Einige Berge lagen mit dunkeln Wolkenſtücken in Umarmung, andere ragten wie glühende Kohlen aus den Trümmern, und Inſeln blaſſen Himmels ſchillerten ungeſechen über dem Haupte des Jünglings. Dieſer 7* — 100— ſchaute in das Bild ſo hinaus, bis nach und nach alles verglomm und erloſch, und nichts mehr als die dichte Finſterniß da war. In derſelben ging er an den ſchwarzen Geiſtern der Bäume vorbei, langſam und nachdenkend in das Haus. Er hatte beſchloſſen, morgen doch die Inſel zu verlaſſen. Als die Zeit des Abendeſſens gekommen war, begab er ſich aus ſei⸗ nem Gemache über den Gang in's Speiſezimmer. Der Oheim ſaß ſchon an dem Tiſche und ſofort wurde aufgetragen. Der Greis eröffnete dem Jünglinge, daß der alte Chriſtoph von der Hul die Nachricht gebracht habe, daß der Fiſcher morgen mit Tagesanbruch an dem Landungsplatze harren werde, wo er Victor bei ſeiner Ankunft ausgeſetzt habe. „Du kannſt alſo,“ ſchloß der Oheim,„morgen nach dem Frühſtücke fort fahren, wenn Du es Dir ſo vorgenommen haſt; denn Du biſt voll⸗ kommen Dein Herr, und kannſt thun, wie es Dir gefällt.“ „Ich habe mir wohl in den Sinn genommen morgen fort zu rei⸗ ſen,“ entgegnete Victor,„aber ich lege es doch in Eure Hand, Oheim, und werde thun, was Ihr ſür gut haltet.“ „Wenn es ſo iſt,“ ſagte der Oheim,„ſo halte ich, wie ich ſchon am Mittage ſagte, für gut, daß Du morgen geheſt. Was die Zukunft brin⸗ gen kann, das bringt ſie, und wie Du meinen Rath befolgen willſt, ſo befolgſt Du ihn. Du biſt in allen Stücken ohne Bande.“ „Ich werde alſo morgen den Fiſcher auf dem Landungsplatze auf⸗ ſuchen,“ entgegnete Victor. Dieſe Worte waren die einzigen, welche die zwei Verwandten über ihre Verhältniſſe während des Abendeſſens geſprochen haben. Ueber fremde Gegenſtände redeten ſie noch mehreres. Namentlich erzählte der Oheim, daß der alte Chriſtoph ſchon vor dem Gewitter in die Hul hinaus gefahren ſei, daß das Gewitter dort und beſonders gegen den Ausfluß der Afel hin fürchterlich gewirthſchaftet habe, es ſeien bei dem Bergſturze neue und zwar ungeheure Trümmer herabgefallen, und es habe das Waſſer die Ufer in erſchreckender Weiſe ausgeſtoßen. „Und bei uns, da es über die Griſel ging,“ fuhr er fort,„war es ſo ſanft und zahm, daß es mir die Blumen gut befeuchtete, und kaum einige von ihren Stähen herabgeſchlagen hat. Chriſtoph, der nach dem Gewitter herüber gefahren war, nuehi ſich, daß er bei uns ſo wenig Verwüſtung antraf.“ Als das Abendmahl vorüber war, wünſchten ſich die beiden Ver⸗ wandten zum letzten Male gute Nacht und begaben ſich zu Bette. Rur Victor packte noch, und wie er dachte, dieſes Mal gewiß mit Erfolg, ſein Ränzchen, und richtete ſich die Reiſekleider auf einen Seſſel. Als der andere Morgen anbrach, kleidete er ſich in dieſe Kleider, nahm ſeinen Reiſeſtab in die Hand und hing das Ränzlein mit einem der Tragriemen an ſeinen Arm. Der Spitz, der das alles verſtand, tanzte vor Freuden. Das Frühſtück wurde unter unbedeutenden Geſprächen verzehrt. „Ich werde Dich bis zu dem Gitter begleiten,“ ſagte der Oheim, als Victor aufgeſtanden war, ſein Ränzlein auf den Rücken genommen hatte, und Miene machte, ſich zu beurlauben. Der Greis war in ein Rebenzimmer gegangen, und mußte dort auf eine Feder gedrückt haben, oder ſonſt einer Vorrichtung zugegangen ſein; denn Victor hörte in dem Augenblicke das Raſſeln des Gitters und ſah durch das Fenſter, wie dasſelbe ſich langſam öffnete. „So,“ ſagte der Oheim, indem er heraus ging,„es iſt in Bereit⸗ ſchaft.“ Victor griff nun nach dem Stabe und ſetzte ſeinen Hut auf das Haupt. Der Greis ging mit ihm über die Treppe hinab und über den Gartenplatz bis zu dem Gitter. Beide ſagten ſie auf dem Wege kein Wort. An dem Thore blieb der Oheim ſtehen, zog ein Päckchen aus der Taſche und ſagte:„Hier haſt Du die Papiere.“ Victor aber antwortete:„Erlaubt mir, Oheim, daß ich ſie nicht annehme.“ „Was? nicht annehmen? was kömmt Dir denn bei?“ „Erlaubt es mir, und thut meinen Gefühlen keine Gewalt an,“ ſagte Victor,„laſſet mir in dieſem Dinge meine Weiſe, daß Ihr ſeht, daß ich uneigennützig bin.“ „Ich zwinge Dich nicht,“ ſagte der Greis, und ſchob ſeine Papiere wieder in die Taſche. Victor ſah ihn eine Weile an. Aus den hellen Augen drangen ihm die ſchimmernden Thränen— Zeugen eines tiefen Gefühles— dann bückte er ſich plötzlich nieder und küßte heftig die runzlige Hand. Der alte Mann gab einen dumpfen unheimlichen Laut von ſich— es war, wie Schluchzen— und ſtieß den Jüngling bei dem Gitter hinaus. Man vernahm gleich darauf den raſſelnden Laut und den Stoß, wie ſich das Thor zumachte und in das Schloß fiel. Victor wendete ſich um, und ſah den Greis von rückwärts, wie er mit ſeinem grauen Rocke an⸗ gethan, ſeinem Hauſe zuſchritt. Der Jüngling drückte ſein Tuch gegen die Augen, die heftig ſtrömten, und nicht enden wollten. Dann kehrte er ſich gleichfalls wieder ab und begab ſich auf den Weg, der ihn zu der Stelle führte, wo er zum erſten Male dieſe Inſel betreten hatte. Er ging an der einen Seite in den Graben hinab, an der andern hinauf, er ging durch den Zwerggarten, durch das Wäldchen der großen Bäume und durch das Geſtrüpp. Als er an dem Landungsplatze angekommen war, waren ſeine Augen zwar ſchon getrocknet, aber noch ſanft geröthet. Der Greis aus der Hul erwartete ihn ſchon hier, und auch das freundliche blau⸗ äugige Mädchen ſtand in dem Hintertheile des Schiffes. Victor ſtieg mit dem Spitze ein, und ſetzte ſich nieder. Sofort wurde das Schiff zurück geſchoben, wendete mit ſeinem Schnabel um, nach auswärts zu, und ſchwankte in die Wäſſer hinaus, während die Inſel zurück trat Als man an die Spitze des Orla gekommen war, war ſie ſchon weit zurück, und ragte, wie einſt, mit ihren grünen Bäumen aus dem Waſſer heraus. Da das Schiffchen nun mit ſeinem Körper die Wendung machte, um den Grat des Orla herum, ſo deckte derſelbe die Inſel, und ließ ſie, wie eine grüne Zunge hervor ſchauen, die, wie ſie ſich bei der Herreiſe ver⸗ längert hatte, ſich nun hinter die Wände zurück zog. Zuletzt, als ſie ſich der Hul näherten, waren wie damals, als Victor ankam, nur mehr die blauen Wände um das einſame Waſſer, und der blaue Widerſchein war in ihm. In der Hul hielt ſich Victor ein wenig auf, um mit dem alten Fi⸗ ſcher etwas zu reden, und ihm den Fährlohn zu geben. An die Märchen aber, von denen bei der Hinfahrt die Rede geweſen war, dachte man nicht. In der Hul hatte der Jüngling ſchon die Verwüſtungen des geſtri⸗ gen Gewitters an den Durchfurchungen des Bodens und an den Zerſtö⸗ rungen der Ufer geſehen. Bei dem Steinſturze aber lagen furchthare Trümmer herunten, die ſich bei dem Eindringen des Waſſers gelöſt hat⸗ ten, und von der Höhe herabgefallen waren. Er ging von dieſem Bilde — 103— der Zertrümmerung vorwärts gegen den Ausfluß der Afel, und von da durch den langen Waldweg empor. An dem Halſe blieb er ſtehen und ſchaute auf den See zurück. Die Griſel war kaum ein wenig zu ſehen, aber die kahle dämmernde Wand, die er bei ſeiner erſten Hieherkunft ſo bewundert hatte, war der Orlaberg. Er ſchaute ihn jetzt eine Zeit an, und dachte, hinter ihm iſt die Inſel, und auf derſelben wird es jetzt ſein, wie ſo oft, wenn er von ſeinen Aus⸗ flügen zurück gekommen iſt— von den wehenden Ahornen, von der rau⸗ ſchenden Brandung— daß nämlich irgendwo die zwei einſamen Greiſe ſitzen, der Eine hier, der Andere dort, und daß keiner mit dem andern redet. nn Nach zwei Stunden war er in Attmaning, und da er aus den dun⸗ keln Bäumen gegen den Ort hinaus ſchritt, hörte er zufällig das Läuten der Glocken desſelben, und nie hat ihm ein Ton ſo ſüß gedäucht, als dieſes Läuten, das ſo lieblich in ſeine Ohren fiel, weil er dieſen Klang ſo lange nicht gehört hatte. Auf der Wirthsgaſſe waren Viehhändler mit den ſchö⸗ nen braunen Thieren des Gebirges, die ſie gegen das Flachland hinaus⸗ trieben, und in der Stube war alles voll Menſchen, da eben Wochen⸗ markt war. Victor war es, als hätte er unterdeſſen lange geträumt und wäre jetzt wieder in der Welt. Nachdem er bei dem Wirthe, der ihm damals den Knaben mitgegeben hatte, ſein Mahl verzehrt hatte, begab er ſich diesmal nicht mit dem Knaben, ſondern mit dem ſtattlichen Wirthswägelchen auf die Weiter⸗ reiſe, das mit ihm dem Laufe der Afel entlang in die offeneren Länder hinausrollte. Als er wieder zu den Feldern der Menſchen, zu ihren Fahrſtraßen und ihrem luſtigen Treiben hinaus gekommen war, als ſich die Fläche mit ſanften Hügeln geſchmückt in unermeßliche Länge und Breite vor ihm ausdehnte, und die verlaſſenen Gebirge nur mehr, wie ein blauer Kranz, hinter ihm ſchwebten: ging ihm das Herz in dieſer großen Umſicht aus einander, und eilte ihm weit, weit über jenen fernen kaum ſichtbaren Strich des Geſichtskreiſes voraus, hinter dem die über alles geliebte Ziehmutter und ihre Tochter Hanna wohnen mußten. — 6. Rückkehr. Nachdem Victor, weil ihm das Gehen bei Wertem lieblicher dünkte, das gemiethete Fuhrwerk verlaſſen, und ſich für den Reſt der Reiſe auf die gewöhnliche Wanderung begeben hatte, nachdem er auf dem langen Wege zur Mutter, den er darum eingeſchlagen hatte, um auch ſie die Verehrte und Geliebte um Rath zu fragen, was nun bei der neuen Ge⸗ ſtalt der Dinge zu nächſt zu thun ſei, viele Zeit zugebracht hatte; ging er nach ſo manchem Tage, an dem er durch Felder und Wälder, über Höhen und Niederungen mit ſeinem Spitze gewandert war, wieder über die glänzenden Wieſen in das mütterliche Thal hinab, über die er vor ſo vielen Wochen mit ſeinen Freunden hinab gegangen war. Er ging über den erſten Steg, er ging über den zweiten, an dem großen Hollunder vorbei, und durch das alte kleine Gartenpförtchen hinein. Als er näher gegen das Haus gekommen war, ſah er die Mutter auf der Gaſſe vor dem Apfelbaume in der reinen weißen Schürze ſtehen, die ſie gewöhnlich an Vormittagen um hatte, wo ſie in der Küche und in dem ganzen Wirth⸗ ſchaftskreiſe nachſehen mußte. „Mutter,“ rief er,„da bringe ich Euch den Spitz wieder, er iſt gut verſorgt und erhalten geweſen— und auch ich komme noch einmal, weil ich manches mit Euch zu reden habe.“ „Ach, Victor, Du biſt es,“ rief die alte Frau,„ſo ſei gegrüßt, mein Sohn, ſei tauſendmal gegrüßt, Du liebes Kind.“ Mit dieſen Worten ging ſie ihm entgegen, ſchob das Käppchen, das er auf hatte, ein wenig zurück, ſtreichelte mit der Hand über die Stirne und die Locken, nahm ihn mit der andern bei ſeiner Rechten, und küßte ihn auf die Stirne und auf die Wange. Der Spitz, welcher von der Gartenpforte an gegen das Haus vorausgeſchoſſen war, tanzte nun um die Mutter herum und bellte furchtbar. Die Fenſter und Thüren des Hauſes ſtanden, wie gewöhnlich an ſchönen Tagen, offen, daher lief auf dieſe Schalle, die ſie hinein gehört hatte, Hanna aus dem Hauſe heraus, und blieb plötzlich ſtehen, ohne ein Wort hervor bringen zu können. „So grüßet Euch, Kinder, grüßt Euch nach der erſten Abweſenheit von einander, die Ihr erlebt habt,“ ſagte die Mutter. Victor ging näher und ſagte verſchämt:„Gott grüße Dich, liebe Hanna.“ „Gott grüße Dich, lieber Victor,“ antwortete ſie, indem ſie die dar⸗ gereichte Hand annahm. „Nun geht aber hinein Kinder,“ ſagte die Mutter,„Victor muß ſeine Sachen ablegen, und muß ſagen, was er bedarf, ob er etwa müde iſt, und was wir ihm zu eſſen geben können.“ Bei dieſen Worten machte ſie Anſtalt hinein zu gehen, und die zwei Kinder, wie ſie ſie nannte, mit zu nehmen. Victor legte in dem großen Zimmer an dem Tiſche, den er nicht ſo bald wieder zu ſehen gehofft hatte, ſein Ränzlein ab, lehnte den Reiſeſtab in einem Winkel, und ſetzte ſich auf einen Stuhl nieder. Die Mutter ſetzte ſich in dem großen Lehnſeſſel neben ihn. Der Spitz, gleichſam weil er ſo wichtig geworden war und zu den Angekommenen gehörte, ging mit hinein; aber als man zu reden und ſich zu erzählen angefangen hatte, ging er wieder hinaus, und weil er recht gut eingeſehen hatte, daß nun alle Gefahr, von ſeinem Freunde Victor getrennt zu werden, verſchwunden war, ſah man ihn ſpäter in ſei⸗ ner Hütte unter dem Apfelbaume liegen, und die Müdigkeit, die er ſich auf all dieſen durchgemachten Wegen geſammelt hatte, behaglich ver⸗ ſchlafen. Als die Mutter, da ſie bei dem Tiſche ſaßen, in Victor gedrungen war, daß er ſage, ob er Hunger habe, ob er ſonſt irgend etwas bedürfe, daß er thun ſolle, was er wolle, um ſich zu erholen— als er geantwortet hatte, daß er nichts bedürfe, daß er nicht müde ſei, daß er ſpät das Mor⸗ genmahl genoſſen habe, und daher ſchon bis zu der gewöhnlichen Mittags⸗ ſtunde warten könne— als ſie endlich hinaus gegangen war, um für ein hinlänglicheres und beſſeres Mahl Anſtalten zu treffen: kam ſie wieder herein, ſetzte ſich zu ihm und begann über ſeine Angelegenheiten zu reden. „Vietor,“ ſagte ſie,„als Du mehrere Tage fort warſt, kam ein Brief von dem Oheime, in welchem er verlangte, daß wir die ganze Zeit, die Du bei ihm ſein wirſt, nicht an Dich ſchreiben ſollen. Ich dachte, daß er einen Grund zu dieſer Forderung haben müſſe, daß er vielleicht — 106— etwas Nützliches mit Dir vorhabe, und willigte ein. Du wirſt Dich recht gekränkt haben, da Du keine Silbe, keinen Gruß, und kein freundliches Wort von uns vernommen haſt.“ „Mutter, der Oheim iſt ein herrlicher vortrefflicher Mann,“ fiel Victor ein. „Es iſt geſtern wieder ein Brief und allerlei Schriften von ihm an den Vormund gekommen,“ ſagte die Mutter,„der Vormund iſt zu uns heraus gefahren, und hat uns den Brief vorgeleſen. Der Oheim meinte, daß Du ſchon bei uns ſein müſſeſt, und verlangte, daß man Dir den Brief mittheile. Nun Du wirſt ſchon erfahren, was er enthält.— Ja er iſt ein vortrefflicher Mann, Riemand kann das beſſer wiſſen, als ich; darum habe ich auch immer darauf gedrungen, daß man Dich zu ihm gehen laſſe, wie er es verlangte, bis der Vormund einwilligte. Aber, mein Victor, er hat auch eine rauhe und harte Seite, darum hat er es nie machen können, daß ihn Jemand liebe. Mir fiel manchesmal bei ihm der Spruch der heiligen Bücher ein, wo einmal die göttliche Geſtalt er⸗ ſcheinen ſollte: ſie war nicht in dem Rollen des Donners, ſie war nicht in dem Brauſen des Sturmes; aber in dem Säuſeln des Lüftchens war ſie, das längs des Baches hinab durch die ftuchtbaren Büſche ging. Ich habe einmal, da wir noch alle jung waren, gar nicht gewußt, daß ich ihn hochachten müſſe. Ich werde Dir einſtens, wenn Du älter geworden biſt, etwas von uns erzählen.“ „Mutter, er hat es mir ſelber erzählt,“ ſagte Victor. „Er hat es Dir erzählt, Kind?“ erwiederte die alte Frau,„dann iſt er Dir geneigter geweſen, als ich dachte.“ „Er hat mir die Thatſache nur in kurzen Worten geſagt.“ „Ich werde ſie Dir einmal in längeren erzählen, dann wirſt Du ſehen, welche kummervollen traurigen Tage über mich gegangen ſind, bis alles ſo freundlich und herbſtlich mit mir geworden iſt, wie es iſt. Dann wirſt Du auch einſehen, warum ich Dich ſo ſehr liebe, Du mein armer lieber Victor!“ Mit dieſen Worten that ſie nach Art des Alters ihren Arm um ſein Haupt, zog es etwas näher und legte ihre Wangen an ſeine Locken, als wäre ſie tief gerührt. Als ſie ſich wieder gefaßt und zurück geneigt hatte, ſagte ſie: „Victor, in dem Brieſe iſt geſtanden, was er in der letzten Zeit mit Dir geredet hat, und was er für Dich gethan hat.“ Hanna ging, als die Mutter dieſe Worte ſagte, ſchnell aus dem Zimmer hinaus. „Er hat die Papiere,“ fuhr die Mutter fort,„welche Dir das Eigen⸗ thum des Gutes übergeben, an den Vormund geſchickt, Du ſollſt es mit Freude und Dankbarkeit annehmen.“ „Es iſt ſchwer, Mutter, es iſt ſo ſeltſam——“ „Der Vormund ſagt, daß Du alles genau ſo erfüllen ſolleſt, wie es der Oheim begehrt. Du brauchſt jetzt gar nicht mehr in Dein Amt zu treten, in das er Dich hat bringen wollen; denn dieſe Wendung der Dinge hat Niemand vorher ſehen können, und es ſteht Dir ein herrliches Leben bevor.“ „Wird aber Hanna wollen?“ ſagte Victor. „Wer ſpricht denn von Hanna?“ antwortete die Mutter mit vor Freude glänzenden Augen. Victor aber konnte vor glühender Verwirrung nichts ſagen, er ſaß da, als müßten ihm vor Schamroth die Wangen zerſpringen. „Sie wird ſchon wollen,“ ſagte die Mutter wieder,„laß es nur gut ſein, Kind, es wird alles zum Beſten ausfallen. Jetzt werden wir an Deiner Ausrüſtung zu der großen Reiſe arbeiten. Du biſt jetzt Dein eigener Herr, der Mittel hat— da muß alles anders werden, und auch wegen der Reiſe müſſen die Sachen nach anderer Art hergerichtet werden. Es wird dies ſchon meine Sorge ſein. Jetzt aber muß ich auch für das Mittageſſen ſorgen, ſieh Dir indeſſen das Haus an, ob ſich nichts ver⸗ ändert hat, oder thue, was Dir gefällt— die Speiſeſtunde wird ohnehin bald heran rücken.“ Mit dieſen Worten erhob ſie ſich und ging in die Küche. Als das Mittagmahl bereitet und aufgetragen war, ſaßen die drei wieder bei dem Tiſche, wie ſie jetzt lange nicht bei einander geſeſſen waren. Nachmittag ging Victor in die Gegend hinaus und beſuchte alle Plätze, die ihm einſt lieb und bekannt geweſen waren: Hanna aber lief in dem Hauſe herum und that alles verkehrt. Als er Abends nach dem Eſſen ſchlafen gehen wollte und die Mutter mit der Kerze in der Hand mit ihm ging, führte ſie ihn in ſeine alte Stube, und da ſie eintraten, ſah er, daß ſie gar nicht verändert worden — 108— war, wie er es ſich doch ſo lebhaft bei ſeiner Abreiſe vorgeſpiegelt hatte. Sogar der Koffer und die Kiſten ſtanden da, wie er ſie eingepackt hatte. „Siehſt Du,“ ſagte die Mutter,„wir haben alles ſtehen gelaſſen, weil der Oheim ſchrieb, daß wir nichts fort ſchicken ſollen, indem es noch ungewiß iſt, wie ſich Dein Schickſal geſtalten werde.— Und nun, gute Nacht, Victor.“ „Gute Nacht, Mutter.“ Und er ſah, da ſie fort war, durch ſein Fenſter wieder auf die dun⸗ keln Büſche nieder und auf das rieſelnde Waſſer, in welchem ſich die Sternlein ſpiegelten. Und als er ſchon im Bette lag, hörte er noch das Rieſeln der Wäſſer, wie er es ſo viele Abende ſeiner Kindheit und ſeiner Jünglingszeit gehört hatte. 7. Beſchluß. Wenn wir zu dem in den obigen Abſchnitten dargeſtellten Jüng⸗ lingsbilde noch etwas hinzufügen dürfen, ſo kann es Folgendes ſein. Nachdem die Ausrüſtung fertig war, welche die Mutter für Victor's Reiſe in's Werk zu ſetzen hatte, und nachdem man über alles, was in der Zukunft für das Wohl des jungen Mannes erſprießlich ſein könnte, im Reinen war, ereignete ſich im tiefen Herbſte desſelben Jahres wieder ein Abſchied— aber derſelbe war kein ſo trauriger, wie der erſte, da er nicht ſo zu ſagen für das ganze Leben, ſondern nur für eine kleine Zeit noth⸗ wendiger Abweſenheit galt, auf welche kleine Zeit dann eine lange, ſchöne, glückſelige folgen ſollte. Daß Hanna recht gerne eine ſehr nahe Theilnehmerin jener glückli⸗ chen Zeit werden wollte, zeigten ihre feurigen, heftigen Küſſe, mit denen ſie die Lippen Victor's bedeckte, als ſie einen einſamen Abſchied von ein⸗ ander nahmen, als er ſie heftig und ſchmerzlich an ſich drückte und von ihr nicht laſſen zu können vermeinte. Die zwei Ziehgeſchwiſter weinten bei dieſem glückverheißenden Abſchiede ſo ſehr, als ob er der trennendſte und zerreißendſte geweſen wäre, und lange nicht, oder vielleicht nie mehr eine Wiedervereinigung hoffen ließe. Die Mutter Ludmilla aber ging in ſtiller Freudigkeit herum, ſie ge⸗ ſegnete den Sohn beim Abſchiede, und dachte immer, wie ſie es denn durch das wenige Gute, das ſie in ihrem Leben ſtets mehr ausführen ge⸗ wollt, als gekonnt hatte, verdient habe, daß ſie nun Gott in ihrem Alter ſo ſehr belohne, ach ſo ſehr, ſo ſehr belohne. Als er fort war, begann das ſtille einfache Leben in dem Thale und Hauſe wieder, wie es bisher immer geführt worden war. Die Mutter that in Unſchuld die Geſchäfte des Hauſes, beſorgte alles auf das Beſte, erwies Gutes, wo ſie es konnte, und ließ eine Fülle häuslicher Habe und Bequemlichkeit für eine nahe Zeit ausrüſten und arbeiten: Hanna war eine ergebene Tochter, die nur immer den Willen der Mutter that, und in innerer Bewegung und Erregung wartete, was die Zukunft bringen werde. Als vier Jahre herum waren, und die Briefe aus fremden Ländern, die alle dieſelben lieben und bekannten Schriftzüge trugen, zu einem ſehr großen Stoße angewachſen waren, kam der Briefſchreiber ſelber, und die Briefe hörten auf. Victor kam ſo verändert zuück, daß ſelber die Zieh⸗ mutter ſtaunte und überraſcht wurde; denn aus dem faſt kindiſchen Jünglinge war in der kurzen Zeit ein Mann geworden. Aber nur ſein Verſtand und ſein Geiſt hatten ſich heraus gebildet, das gute Herz, das ſie in ihn gelegt, war unausrottbar geblieben, es war eben ſo kindlich und unverſehrt, wie ſie es ihm in der zarten Kindheit gegeben und dann weiter gepflegt hatte; denn ihr Herz vermochte ſie ihm zu geben; was aber der ſtarke Mann braucht, und was das harte Leben von ihm heiſcht, nicht. Hanna ſah an Victor keine Veränderung; denn ſie hielt ihn von Kindheit auf für gewandter und tüchtiger als ſich; daß ſie aber eine gute, einfache, große Seele habe, welche unbeugſam das Gute thut wie das Waſſer abwärts fließt, das wußte ſie nicht, und das ſetzte ſie als ein Gemeingut bei allen Menſchen voraus. Nicht ſehr lange Zeit nach ſeiner Zurückkunft ſtand Victor mit Hanna zur ewigen Verbindung an dem Altare— zwei Weſen, deren An⸗ tlitze die Abbilder von zwei anderen waren, die einmal auch gerne vor demſelben Altare geſtanden wären, aber durch Unglück und Verſchuldung aus einander geriſſen worden waren, und dann lebenslänglich bereuten. — 110— Alle Freunde, die einſt jenen Spaziergang zur Feier von Ferdinand's Geburtstag mitgemacht hatten, waren bei dieſem Feſte Victors und Hanna's zugegen. Dann war auch noch der Vormund und ſeine Gattin, dann Roſina, jetzt ſelber ſchon eine junge Frau, dann Roſina's und Hanna's Geſpielinnen und noch andere Menſchen. Nach Vollendung der Feſtlichkeiten führte Victor Hanna mit Triumph auf ſein Gut. Die Mutter ging nicht mit; ſie ſagte, ſie werde ſchon noch ſehen, wie ſich alles fügen werde. Der Oheim war trotz der Bitten Victor's, der ſelber bei ihm gewe⸗ ſen war, nicht zu der Vermählung ſeines Reffen gekommen. Er ſaß ganz einſam auf ſeiner Inſel; denn wie er einmal ſelber geſagt hatte, es war alles, alles zu ſpät, und was verſäumt war, war nicht nachzuholen. Wenn man von dem Manne das Gleichniß des unfruchtbaren Fei⸗ genbaumes anwenden wollte, ſo dürfte man vielleicht die Worte ſagen: „Der gütige, milde und große Gärtner wirft ihn nicht in das Feuer, ſondern er ſieht an jedem Frühlinge in das früchteloſe Laub, und läßt es jeden Frühling grünen, bis einmal auch die Blätter immer weniger ſind, und zuletzt nur die dürren Aeſte empor ragen. Dann wird der Baum aus dem Garten weggethan, und ſeine Stelle weiters verwendet. Die übri⸗ gen Gewächſe aber blühen und gedeihen fort, und keines kann ſagen, daß es aus ſeinen Körnern entſproſſen iſt und die ſüßen Früchte tragen wird, wie er.“ Dann ſcheint immer und immer die Sonne nieder, der blaue Himmel lächelt aus einem Jahrtauſend in das andere, die Erde kleidet ſich in ihr altes Grün, und die Geſchlechter ſteigen an der langen Kette bis zu dem jüngſten Kinde nieder: aber er iſt aus allen denſelben ausgetilgt, weil ſein Daſein kein Bild geprägt hat, ſeine Sproſſen nicht mit hinunter gehen in dem Strome der Zeit.— Wenn er aber auch noch andere Spuren gegründet hat, ſo erlöſchen dieſe, wie jedes Irdiſche er⸗ liſcht— und wenn in dem Oeean der Tage endlich alles, alles untergeht, ſelbſt das Größte und das Freudigſte, ſo geht er eher unter, weil an ihm ſchon alles im Sinken begriffen iſt, während er noch athmet, und wäh⸗ rend er noch lebt. ,,„ℳ S—— , 8 ,, u—) „ — — — — — — 1844. ch habe einen Freund, der, obwohl er noch am Leben iſt, und bei uns von lebenden Leuten nicht leicht Geſchichten erzählt zu werden pflegen, mir doch erlaubt hat, eine Begebenheit, die ſich mit ihm zugetragen hat, zum Nutzen und zum Frommen aller derer zu erzählen, die große Narren ſind; vielleicht ſchöpfen ſie einen ähnlichen Vortheil daraus, wie er. Mein Freund, den wir Tiburius Kneigt hießen, hat jetzt das nied⸗ lichſte Landhaus, das man ſich in unſerem Welttheile zu denken vermag, er hat die vortrefflichſten Blumen und Obſtbäume um das Haus herum, er hat ein ſchöneres Weib, als je auf der Erde geweſen ſein kann, er lebt Jahr aus Jahr ein mit dieſem Weibe auf ſeinem Landhauſe, er trägt heitere Mienen, alle Menſchen lieben ihn, und er iſt jetzt wieder ſechs und zwanzig Jahre alt, da er doch noch vor Kurzem über vierzig ge⸗ weſen iſt. Das alles iſt mein Freund durch nichts Mehreres und nichts Min⸗ deres geworden, als durch einen einfachen Waldſteig; denn Herr Tibu⸗ rius war früher ein ſehr großer Narr, und kein Menſch, der ihn damals gekannt hat, hätte geglaubt, daß es mit ihm einmal dieſen Ausgang nehmen würde. Die Geſchichte iſt eigentlich recht einfältig, und ich erzähle ſie bloß, damit ich manchem verwirrten Menſchen nützlich bin, und daß man eine Anwendung daraus ziehe. Mancher, der in unſerm Vaterlande und in unſern Gebirgen bewandert iſt, wird auch, wenn er überhaupt dieſe Zei⸗ ten lieſt, den Waldſteig ſogleich erkennen, und wird ſich mancher Gefühle erinnern, die ihm der Steig eingeflößt hat, wenn er auf ihm wandelte, Stifter. 4. Aufl. III. 8 — 114— obgleich Niemand durch denſelben ſo gründlich umgeändert worden ſein mag, als Herr Tiburius Kneigt. Ich habe geſagt, daß mein Freund ein ſehr großer Rarr geweſen ſei. Dies iſt er aus mehreren Urſachen geworden. Erſtlich iſt ſein Vater ſchon ein großer Narr geweſen. Die Leute erzählten verſchiedene Sachen von dieſem Vater; ich will aber nur Eini⸗ ges anführen, was ich verbürgen kann, da ich es ſelbſt geſehen habe. Ganz im Anfange hatte er viele Pferde, die er alle ſelber verpflegen, abrichten und zureiten wollte. Als ſie insgeſammt mißlangen, jagte er den Stallmeiſter fort, und weil ſie ſich durchaus von den Regeln und Einübungen, die er ihnen beibrachte, nichts merken konnten, verkaufte er ſie um ein Zehntel des Preiſes. Später wohnte er einmal ein ganzes Jahr in ſeinem Schlafzimmer, in welchem er ſtets die Fenſtervorhänge herabgelaſſen hielt, damit ſich in der Dämmerung ſeine ſchwachén Augen erholen könnten. Auf die Vorſtellungen Derer, die ſagten, daß er immer gute Augen gehabt habe, bewies er, wie ſehr ſie im Irrthume ſeien. Er that das Schubfach, welches er in dem hölzernen finſteren an ſein Zimmer ſtoßenden Gange hatte, auf, und ſah eine Weile auf den von der Sonne beleuchteten Kiesweg des Gartens hinaus, worauf er ſogleich mit Gewiſſenhaftigkeit verſichern konnte, daß ihm die Augen ſchmerzten. Der Schnee war gar erſt ganz unerträglich. Weitere Einreden nahm er nicht mehr an. In der letzteren Zeit dieſer Vorgänge that er in dem dämmernden Zimmer noch eine Blendkappe auf das Haupt. Da das Jahr herum war, fing er gemach an, die Aerzte zu tadeln, welche Scho⸗ nung der Augen anrathen, und überhaupt alle Arzneiwiſſenſchaft und deren Ausübung zu verwerfen. Zuletzt ſagte er ſich vor, die Aerzte hät⸗ ten ihn zu dem ganzen Verfahren gebracht, er häufte Schimpf und Schande auf das Gewerbe, und that die Prophezeiung, daß er ſich nun ſelber behandeln werde. Er zog die Fenſtervorhänge empor, machte alle Fenſter auf, ließ den hölzernen Gang wegreißen— und wenn die Sonne ganz beſonders heiß und ſtrahlenreich ſchien, ſo ſaß er ohne Hut mitten in dem Lichtregen im Garten und ſchaute auf die weiße Mauer des Hau⸗ ſes. Er bekam hiedurch eine Augenentzündung, und als dieſe vorüber war, wurde er geſund.— Von weiteren Dingen führe ich nur noch an, daß er, als er ſich mehrere Jahre ſehr eifrig und ſehr erfolgreich mit dem Schafwollhandel beſchäftigt hatte, plötzlich dieſes Geſchäft wieder auf⸗ gab. Er hatte dann eine ſehr große Anzahl Tauben, durch deren Ver⸗ miſchung er beſondere Farbenzeichnungen zu erzielen ſtrebte, und dann wollte er eine Sammlung aller möglichen Cactusarten anlegen. Ich erzähle dieſe Sachen, um die Geſchlechtsabſtammung des Herrn Tiburius feſt zu ſtellen. Zum Zweiten war die Mutter. Sie liebte den Knaben außerordent⸗ lich. Sie hielt ihn warm, daß er ſich nicht verkühle, und ihr durch eine plötzlich hereinbrechende Krankheit entriſſen werde. Er hatte ſehr ſchöne geſtrickte Unterleibchen, Strümpfchen und Aermlein, die alle außer dem Nutzen noch manches ſehr ſchöne rothe Streiſchen hatten. Eine Stricke⸗ rin war das ganze Jahr für das Kind beſchäftigt. Im Bettchen waren feine Lederunterlagen und Lederpolſter und gegen die Zugluft der Fenſter ſtand eine ſpaniſche Wand. Für die Gehörigkeit der Speiſen ſorgte die Mutter ſchon ſelber und ließ ſie durch keine Dienſtleute beſtellen. Als er größer war und herum gehen konnte, wählte ſie nach beſter Einſicht die Kleider. Zur Beſchäftigung ſeiner Einbildungskraft, und daß ſie ja nicht durch unliebliche Vorſtellungen gepeinigt werde, brachte ſie ihm allerlei Spielzeug nach Hauſe und trachtete dahin, daß das folgende immer das vorhergegangene an Glanz und Schönheit übertreffe. Allein hierin er⸗ lebte ſie eine Verkehrtheit an dem Knaben, die ſie ſich ganz und gar nicht denken konnte; denn er legte alle die Dinge, nach kurzer Beſchauung und einigem Spielen damit, wieder hin, und da er durch eine Seltſam⸗ keit, die Niemand begriff, immer lieber Mädchen⸗ als Knabenſpiele trieb, ſo nahm er alle Male den Stiefelknecht ſeines Vaters, wickelte ihn in ſaubere Windel ein, und trug ihn herum und herzte ihn. Drittens war der Hofmeiſter. Er bekam nämlich einen ſolchen. Derſelbe war ein ſehr ordentlicher Mann, und wollte, daß alles in Ge⸗ hörigkeit geſchehe, ob nun die Ungehörigkeit einen Schaden bringe, oder nicht. Gehörigkeit an ſich iſt Zweck. Daher litt er nicht, daß der Knabe etwas weitſchichtig erklärte, oder in abſchweifenden Bildern vortrug; denn er, der Hofmeiſter, war in dem Stücke der Meinung, daß jedes Ding mit denjenigen Worten zu ſagen ſei, die ihm einzig noththäten, mit keinem mehr, mit keinem minder— am allerwenigſten, daß man Rebenumſtände bringe und das nackte Ding in Windel wickle. Da nun der Knabe nicht reden durfte, wie Kinder und Dichter, ſo redete er faſt, wie ein Recept, das kurz, kraus und bunt iſt, und das Riemand ver⸗ 8„ — 116— ſteht.— Oder er ſchwieg und dachte ſich innerlich allerlei zuſammen, das Niemand wiſſen konnte, eben weil er es Niemanden ſagte. Er haßte alle Wiſſenſchaft und alles Lernen, und konnte nur dazu gebracht wer⸗ den, wenn der Hofmeiſter einen langen und bündigen Beweis über den Nutzen und die Vortrefflichkeit der Wiſſenſchaften herbei führte, der den Knaben quälte. Wenn dieſer dann nach fleißigen Tagen alles auf einmal herſagen wollte, wurden Dämme und Verſchläge aufgebaut, und nur der dünne Waſſerfaden der Hauptſache heraus gelaſſen. Da der Hof⸗ meiſter wegen ſeiner Tacitus ſchen Forderung kein Weib bekommen hatte, ſo blieb er recht lange in dem Hauſe. Zum Vierten und Letzten war der Oheim. Derſelbe war ein reicher, unverheiratheter Kaufmann in der Stadt; denn Vater und Mutter des Knaben lebten außerhalb derſelben auf einem Gute. Obwohl nun die Eltern des Knaben ſelber reich genug waren, ſo war doch noch die Erb⸗ ſchaft des Oheims für denſelben zu erwarten, und der Hageſtolz hatte dies ſelber oft genug durch ſeine ausdrücklichen Erklärungen beſtätigt. Er nahm ſich daher die Befugniß heraus, mit an dem Knaben zu erziehen. Er ſchrie ihm Praktiſches zu, und erklärte ihm deutlich, wenn er zu ſeiner Schweſter auf das Landgut herauskam, wie man es bei dem Baumklet⸗ tern, was aber der Knabe nie that, machen müſſe, daß man die wenig⸗ ſten Hoſen zerreiße. Ehe ich in der Geſchichte weiter gehe, muß ich auch ſagen, daß mein Freund unglücklicher Weiſe gar nicht Tiburius hieß. Er hatte den Vor⸗ namen Theodor; aber er mochte, als er herangewachſen war, noch ſo groß unter ſeine ſchriftlichen Aufgaben ſetzen:„Theodor Kneigt,“ er mochte, als er ſpäter gar reiſte, in die Fremdenbücher ſchreiben:„Thev⸗ dor Kneigt,“ es mochte auf allen Briefen, die an ihn kamen, ſtehen:„An den hochwohlgebornen Herrn Theodor Kneigt,“— es half alles nichts; Jedermann nannte ihn in der Rede nur„Tiburius“ und die meiſten Fremden, die ſich in der Stadt aufhielten, meinten nach und nach, das ſchöne Landhaus, das an der Nordſtraße liege, gehöre dem Vater des Herrn Tiburius Kneigt. Der Name klingt ſo wirblicht und ſteht in kei⸗ nem Kalender. Die Sache kam aber ſo: weil der Knabe öfter ſo ſinnend und grübelnd war, ſo geſchah es, daß er in der Zerſtreuung Dinge that, die lächerlich waren. Wenn er nun, um etwas von dem hohen Kleider⸗ kaſten herab zu holen, ſeine Kindertrommel als Schemel hinſtellte— — 117— wenn er ſich zum Spazierengehen ſeine Kappe ausbürſtete, und dann die Kappe niederlegte und mit der Bürſte fort ging— wenn er bei gräu⸗ lichem Wetter ſich beim Fortgehen noch vorher die Schuhe auf der vor der Thür liegenden Matte ſauber abwiſchte— oder wenn er mitten im Salatbeete ſaß und zu Katzen und Käfern ſprach; pflegte gerne der Oheim zu rufen:„Oho! Herr Theodor, Herr Turbulor, Herr Tiburius, Tibu⸗ rius, Tiburius!“ Und da dieſer Name als der leichteſte auch von an⸗ dern nachgeſagt wurde, kam er in der Familie auf, trug ſich dann unver⸗ ſehens in die Nachbarſchaft, und kroch von da, weil der Knabe ein reicher Erbe war, auf den alles ſchaute, wie Schlingkraut in das Land, und ſchlug endlich ſeine Wurzelhaken in der entfernteſten Waldhütte feſt. So entſtand der Name Tiburius, und wie es zu geſchehen pflegt, daß, wenn einer einen ungewöhnlichen oder gar lächerlichen Vornamen hat, ihn keine Seele mehr bei ſeinem Familiennamen nennt, ſondern eben nur bei ſei⸗ nem lächerlichen Vornamen, ſo geſchah es auch hier: alle Welt ſagte Herr Tiburius, und die meiſten meinten, er heiße gar nicht anders. Es wäre nicht auszurotten geweſen, wenn man den wahren Ramen auf alle Grenzpfähle des Landes geſchrieben hätte. Unter dem Einfluſſe ſeiner Erzieher wuchs Tiburius heran. Man konnte nicht ſagen, wie er wurde: weil er ſich nicht zeigte, und weil unter dem Erziehungslärm nur die Erzieher zu vernehmen waren, nicht das, was an dem Knaben davon haften blieb. Als er beinahe zum Manne geworden war, fielen nach und nach in kurzer Zeit alle Erzieher hinweg. Zuerſt ſtarb der Vater, dann ſehr ſchnell darauf die Mutter, der Hofmeiſter war in ein Kloſter gegangen, und der letzte, den er verlor, war der Oheim geweſen. Er hatte von dem Vater das Familienvermögen geerbt, von der Mutter die einſt bei ihrer Ver⸗ mählung beigebrachte Mitgabe, und von dem Oheime das, was ſeit dreißig Jahren in deſſen Handelſchaft gearbeitet hatte. Der Oheim war kurz vor ſeinem Tode in den Ruheſtand getreten, er hatte ſein Geſchäft in Geld verwandelt, und wollte ſodann von den Renten desſelben leben. Allein er war nicht mehr im Stande, ſie zu genießen, ſondern er ſtarb und die Sache fiel an Tiburius. Herr Tiburius war alſo durch dieſe Umſtände ein ſehr reicher Mann, und zwar vorzüglich im Gelde, deſſen Früchte zur Einſammlung die wenigſte Mühe machen, nur daß man die Verfallszeit ruhig abwarte, dann darum hinſchicke, und ſie hierauf ver⸗ zehre. Was er von dem Vater erhalten hatte, beſtand freilich zum Theile in dem Gute, das er eben bewohnte, aber in demſelben lebte ſchon ſeit unvordenklichen Zeiten ein Altknecht, der das Gut verwaltete, und von demſelben meiſtens ſehr reichliche Zinſen ablieferte. So blieb es auch bei Herrn Tiburius. Derſelbe hatte alſo wenigſtens in dem Augenblicke, da er das einzige Glied der Familie geworden war, nichts zu thun, als ſeine bedeutend großen Einkünfte zu verzehren. Er war von allen denjenigen, die bisher bei ihm geweſen waren, verlaſſen, und war recht hilflos. Da die Umſtände in der weiten Nachbarſchaft bekannt geworden waren, gab es ſehr viele Mädchen, welche den Herrn Tiburius geheirathet hätten, er erfuhr es auch immer, aber er fürchtete ſich, und that es durch⸗ aus nicht. Er fing im Gegentheile an, für ſich ſeinen Reichthum zu ge⸗ nießen. Er ſchaffte vorerſt ſehr viele Geräthe an, und ſah auch darauf daß ſie ſchön ſeien. Hiebei wurden auch ſchöne Kleider, an Linnen und Tuch, dann Vorhänge, Teppiche, Matten und alles in's Haus gebracht. Auch war endlich jedes, was als gut zu eſſen oder zu trinken geprieſen ward, im Vorrathe und reichlich vorhanden. So lebte Herr Tiburius unter allen dieſen Dingen eine Weile fort. Nach Verfluß dieſer Weile fing er an, die Geige ſpielen zu lernen, und da er einmal angefangen hatte, geigte er gleich immer den ganzen Tag, nur ſah er darauf, daß die Dinge, die er ſpielte, nicht zu ſchwierig ſeien, weil er dann nicht unbeirrt fort geigen konnte. Als er die Geige zu ſpielen wieder aufgehört hatte, malte er in Oel. In der Wohnung, die er ſich auf dem Landgute eingerichtet hatte, hingen die Bilder, die er verfertigt hatte, herum, und er hatte ſich ſehr ſchöne Goldrahmen dazu machen laſſen. Es waren ſpäter manche nicht mehr fertig geworden, und die Farben trockneten auf den vielen Palleten ein. Es geſchahen indeſſen auch andere Dinge und es wurden viele Sachen herbei geſchafft. Herr Tiburius las in den Zeitungen ſehr begierig die Bücher⸗ verzeichniſſe, ließ den Ballen kommen, und ſchnitt viele Stunden die Bücher auf. Zum Leſen hatte er ſich ein feines breites ledernes Ruhebett machen laſſen, auf dem er liegen konnte, oder er hatte auch einen Ohr⸗ ſeſſel hiezu, oder er konnte an dem Stehpulte ſtehen, das ſo eingerichtet war, daß man es höher und niedriger ſchrauben konnte, damit er ſich, wenn er genug geſtanden war, auch davor niederſetzen könnte. Er hatte — 119— eine Sammlung berühmter Männer angelegt, deren Köpfe in lauter gleiche ſchwarze Rahmen gethan, das ganze Gebäude ſchmücken ſollten. Auch eine Pfeiſenſammlung hatte er, die ſpäter in ſchöne Schreine ge⸗ than werden ſollte, jetzt aber noch auf den Tiſchen lag. Beſchläge, Röhre, Kettchen, Zündmaſchinen, Tabakgefäße und Cigarrenfächer waren ſehr koſtbar gearbeitet. Er hatte eine ſehr ſchöne Dogge aus England kommen laſſen, die auf einem eigens hiezu verfertigten Lederpolſter im Zimmer des Bedienten lag. Auch hatte er vier Pferde blos zu ſeinem ausſchließlichen Gebrauche, falls er manchmal ausführe; darunter waren zwei Grauſchimmel, die wirklich ausgezeichnete Thiere waren. Der Kut⸗ ſcher liebte ſie außerordentlich und pflegte ſie ſehr gut. Zur Unruhe mehr⸗ ten ſich viele Dinge. Der neue Schlafſeſſel konnte nirgends geſtellt wer⸗ den, weil die alten noch die Plätze einnahmen, und die neuen Käſten, die er ſehr fein gearbeitet, beſtellt hatte, konnten, da ſie ankamen, nicht aus ihren Kiſten gepackt werden, weil man noch keinen Ort auszumitteln im Stande war, auf den ſie zu ſtehen kommen ſollten. Herr Tiburius hatte es auf zwölf Schlafröcke gebracht, und der Uhrſchlüſſel waren unzählige geworden; deßgleichen, wenn er jeden Tag des Jahres einen andern Stock hätte nehmen wollen, falls er aus ging, hätte ihm einer gedient. Manch⸗ mal an einem ſchönen Sommerabende, wenn er durch das Glas ſeiner wohlverſchloſſenen Fenſter in den Hof hinab ſchaute, und die Knechte mit einer Fuhr Heu oder mit einem Garbenwagen herein kommen ſah, konnte er ſich recht ärgern, wie denn dieſer Schlag Menſchen in ſeiner leichtſinnigen rohen Luſtigkeit in den Tag hinein lebe, ſich um nichts be⸗ kümmere, und unter dem Thorwege die Heugabeln und Hemdärmel ſchüttle. Endlich mußte er ſich's eingeſtehen, daß er krank ſei. Es waren ſonderbare Sachen vorhanden. Wenn man auch von dem Zittern der Glieder, dem Schwanken der Augen und der Schlafloſigkeit nicht reden wollte, ſo war etwas anderes Außerordentliches da. Wenn er nämlich in der Abenddämmerung von einem Spaziergange nach Hauſe kam, traf es jedes Mal unabweislich und ohne Ausnahme ein, daß ein ſeltſamer Schatten wie ein Kätzchen neben ihm über die Stiege hinauf ging. Nur über die Stiege, ſonſt nirgends. Dies griff ſeine Nerven ungemein an. Er hatte genug geleſen, er hatte Bücher, in denen die alte und neue Weisheit ſtund; aber was zwei leibliche Augen ſehen, das muß doch in Wahrhaftigkeit da ſein. Und je unglaublicher den Menſchen, die um ihn waren, der Gedanke vorkam, deſto ernſter und ruhevoller behauptete er ihnen die Sache in das Angeſicht, und lächelte über ſie, wenn ſie ſie nicht begriffen. Er ging deßhalb am Abende nie mehr nach Hauſe, ſondern immer früher. Nach einiger Zeit ging er überhaupt nicht mehr aus dem Hauſe, und ſchritt in dem Zimmer und in den Gängen mit den gelbledernen herab⸗ getretenen Pantoffeln herum. In jene Zeit fiel es auch, daß er einen Band Gedichte, die er noch bei Lebzeiten ſeiner Eltern gemacht und ſauber abgeſchrieben hatte, behutſam in ein geheimes Fußbodenfach unter ſeinem Bette verbarg, daß ihm Niemand darüber komme. Auf ſeine Leute wurde er ſtets aufmerkſamer, daß jeder ſeiner Befehle auf das Strengſte voll⸗ führt würde, und er heftete dabei, ſo lange ſie um ihn waren, immer ſeine Augen auf ſie. Endlich ging er nicht nur nicht mehr aus dem Hauſe, ſondern gar nicht mehr aus ſeinem Wohnzimmer. Er ließ einen großen Stehſpiegel in dasſelbe tragen, und betrachtete ſeine Geſtalt. Nur des Nachts ging er in ſein Schlafzimmer, das daneben war, und legte ſich in's Bett. Wenn noch gelegentlich ein Beſuch aus der Ferne oder aus der Stadt kam, wurde er bei dem Verweilen desſelben ungeduldig, trieb ihn beinahe fort, und ſchloß hinter ihm die Thür ab. Er ſah wirklich übler aus: er bekam ſogar Falten in dem Angeſichte, und wenn er ſo auf und ab ging, hatte er meiſtens lange Bartſtoppeln auf dem Kinne, wirrige Haare auf dem Haupte, und den Schlafrock wie ein Büßerhemd um die Lenden. Nach einer Zeit ließ er Flanelſtreifen auf die Fenſterfugen nageln und die Thüren verpolſtern. Auf das Zureden und Dringen ſeiner Freunde, deren noch mehrere zu haben ſich Herr Tiburius nicht erwehren konnte, wurde er nur ſpöttiſch, und gab nicht undeutlich zu verſtehen, daß er ſie für dumm halte, und daß es eigentlich am beſten wäre, wenn ſie ganz und gar nie mehr bei ihm erſchienen. Dieſes Letztere geſchah auch end⸗ lich, und es kam keiner mehr zu ihm. Der Mann war nunmeht einem Thurme zu vergleichen, der ſauber abgeweißt und überall verputzt wird, ſo daß ihn die Mauerſchwalben und Spechte, die ihn ſonſt allſeits um⸗ flogen hatten, verlaſſen müſſen. Der Schwarm iſt verflogen, und der Thurm ſteht allein da. Herr Tiburius war über dieſes Ereigniß eigent⸗ lich freudig, und er rieb ſich ſeit langer Zeit zum erſten Male die Hände; . — 121— denn er konnte nun ungeſtört an etwas gehen, was er ſchon öfter gewollt hatte, wozu er aber nie gekommen war. Er hatte nämlich, obwohl ſeine Krankheit als erwieſen da ſtand, noch nie etwas gegen ſie gebraucht, we⸗ der hatte er einen Arzt holen laſſen, noch hatte er ſonſt ein Mittel da⸗ gegen angewendet. Jetzt beſchloß er ſich zu behandeln. So wie der Alt⸗ knecht ſeit jeher ſchon die Bewirthſchaftung des Gutes führte, mußte nun der Bediente die Kleiderkammer übernehmen, der Schaffner erhielt die Geräthe, der Verwalter das Vermögen, und er, der Herr, hatte kein an⸗ deres Geſchäft, als ſich zu heilen. Um den Zweck völlig zu erreichen, ſchaffte er ſich ſofort alle Bücher an, die über den menſchlichen Körper handelten. Er ſchnitt ſie auf und legte ſie in Stößen nach derjenigen Ordnung hin, nach der er ſie leſen wollte. Die erſten waren natürlich die, die über die Beſchaffenheit und Verrichtungen des geſunden Körpers handelten. Aus ihnen war nicht viel zu entnehmen, aber ſobald er zu den Krankheiten gekommen war, ſo war es ganz deutlich, wie die Züge, die beſchrieben wurden, in aller Schärfe auf ihn paßten,— ja ſogar Merkmale, die er früher nicht an ſich beobachtet hatte, die er aber jetzt aus dem Buche las, fand er ganz klar und erkennbar an ſich ausgeprägt und konnte nicht begreifen, wie ſie ihm früher entſchlüpft waren. Alle Schriſtſteller, die er las, beſchrieben ſeine Krankheit, wenn ſie auch nicht überall den nämlichen Namen für ſie anführten. Sie unterſchieden ſich nur darin, daß jeder, den er ſpäter las, die Sache noch immer beſſer und richtiger traf, als jeder, den er vor⸗ her geleſen hatte. Weil die Arbeit, die er ſich vorgeſteckt hatte, ſehr um⸗ fangsreich war, ſo blieb er bedeutend lange Zeit in dem Geſchäfte befan⸗ gen, und hatte keine andere Freude, als die, wenn man das überhaupt eine Freude nennen darf, daß er manchmal ſeinen Zuſtand ſo außerordent⸗ lich und unglaublich treu angegeben fand, als hätte er ihn dem Manne ſelber in die Feder geſagt. Drei Jahre hatte er ſich behandelt, und er mußte zuweilen den Plan der Behandlung wechſeln, weil er nach und nach zu einer beſſern Einſicht gelangte. Endlich war er ſo ſchlecht geworden, daß er alle Merkmale aller Krankheiten zu gleicher Zeit an ſich hatte. Ich führe nur einige an: er hatte jetzt einen kurzen Athem; denn er konnte, wenn er der Vorſchrift eines Buches zu Folge doch an einem Sommertage in den Garten ging, nicht weit gehen, ohne müde zu werden und ſich zu erhitzen— die rechte — 122— Schläfe pochte ihm zuweilen, und zuweilen die linke— wenn der Kopf nicht brauste und Mücken flogen, ſo war die Bruſt gepreßt oder ſtach die Milz— er hatte die wechſelnden Fröſte und die ziehenden Füße der Netvenkrankheiten— die plötzlichen Wallungen deuteten auf Erweiterung der Blutgefäße— und ſo war noch Vieles. Er konnte jetzt auch nie mehr ordentlich hungrig werden, wie einſt ſo köſtlich in ſeiner Kindheit, ob⸗ wohl er ſtatt deſſen eine falſche Begehrungsempfindlichkeit hatte, die ihn ſtets reizte, alle Augenblicke zu eſſen. So weit war es mit Herrn Tiburius gekommen. Manche Menſchen hatten Mitleiden mit ihm, und manches Mütterlein ſagte ſogar voraus, er werde es nicht lange mehr treiben. Aber er trieb es doch noch immer fort. Zuletzt redete man gar nicht mehr von ihm, weil er doch nicht ſter⸗ ben konnte; ſondern nahm ihn als einen hin, der eben iſt, wie er iſt; oder man ſprach von ihm blos in der Art, wie man von einem ſpricht, der ſchon einmal etwas Ungewöhnliches an ſich hat, wie zum Beiſpiele einen ſchiefen Hals, oder ſchrecklich ſchielende Augen, oder einen Kropf. Mancher, wenn er an dem Landhauſe mit den verſchloſſenen Fenſtern vorüber ging, ſchaute hinauf und dachte, wie er doch das Vermögen da oben, wenn er es hätte, ſo ganz anders genießen würde, als der verwor⸗ rene Herr. Die lange Weile und die Oede hatte ihre breite Fahne über das Landhaus des Herrn Tiburius ausgebreitet, im Garten ſtanden die einförmigen Arzneikräuter, die er pflanzen zu laſſen angefangen hatte, und ein Schalk behauptete, die Hähne krähten viel trauriger innerhalb der Gemarkungen ſeines Hofes als anderswo. Somit wären wir denn ſo weit gelangt, das Elend des Herrn Tibu⸗ rius einzuſehen— wir gehen nun zu dem freudigern Ereigniß über, wie er wieder aus dieſem Abgrunde heraus gekommen, und alles das gewor⸗ den iſt, was wir am Eingange dieſer Geſchichte ſo rühmlich von ihm er⸗ wähnt haben. Da war ein Mann in der Gegend, von dem die Leute ebenfalls ſag⸗ ten, daß er ein großer Narr ſei. Von dieſem Manne ging plötzlich das Gerücht, daß er den Herrn Tiburius behandle. Der Mann war allerdings ein Doctor der Heilkunde, aber er heilte nichts, obgleich viele ſein ſchrift⸗ liches Befugniß hiezu geſehen hatten; ſondern er war eines Tages in die Gegend gekommen, hatte ein ſchlechtes Bauernhaus, deſſen Beſitzer im Abwirthſchaften begriffen war ſammt Garten, Feldern und Wieſen ge⸗ kauft, baute das Haus um, und trieb Landbau und Obſtzucht. Wenn aber doch einer zu ihm kam, der ein Uebel hatte, ſo gab er ihm keine Arznei, ſondern ſchickte ihn fort, und verſchrieb ihm viel Arbeit, ein beſ⸗ ſeres Eſſen, als er bisher hatte, und ein angelweites Oeffnen aller Fen⸗ ſter ſeiner Wohnung. Da nun die Leute ſahen, daß er mit der Doctorei nur Schalksnarrheit treibe, und ſtatt der Mittel nur lauter natürliche Dinge verordne, kam keiner mehr zu ihm, und ſie ließen ihn fahren. Hinter ſeinem Hauſe hatte er ein ganzes Feld voll ruthendünner Bäum⸗ chen, auf die er ſehr achtete, und in einem gläſernen Gebäude ſtanden auch Ruthen mit grünen lederglänzenden Blättern, die Niemand kannte. So wie nun ein Narr den Andern anzieht, ſagten ſie, hätte Herr Tibu⸗ rius zu dem einzigen Manne Vertrauen, und nehme von ihm Mittel. Das war aber eigentlich nicht wahr, ſondern die Sache verhielt ſich ſo: da Herr Tiburius ſich um alles, was Arzneiwiſſenſchaft angeht, ſehr bekümmerte, meinten ſeine Leute ihm einen Gefallen zu thun, wenn ſie ihm von dem neuen Doctor erzählten, der das Querleithenhaus gekauft habe und nun dort wirthſchafte. Der Zimmerdiener des Herrn Tiburius ſprach ein paar Male davon, ohne daß der Herr Tiburius ſonderlich dar⸗ auf achtete; aber wie der Himmel zuweilen ganz wunderliche Wege ein⸗ ſchlägt, damit ſich das Schickſal eines Menſchen erfülle, geſchah es auch hier, daß Herr Tiburius in einer Schrift des alten nun bereits ſchon ſeit langer Zeit ſeligen Haller auf eine Stelle gerieth, die offenbar einen Wi⸗ derſpruch in ſich enthielt, das heißt, in ſo ferne offenbar, als man ein Arzneigelehrter iſt— für einen andern war die Rede weder ſo noch ſo verſtändlich— in ſo ferne aber doch wieder nicht ganz offenbar, als es zweifelhaft war, ob man ein Arzneigelehrter ſei, oder nicht. In dieſen Zweifeln, die den Herrn Tiburius quälten, fiel ihm wieder wunderbarer Weiſe der neuangekommene Doctor ein, obwohl ſein Diener ſchon lange nicht mehr von ihm geſprochen hatte. Hier müſſen wir aber der geſchicht⸗ lichen Wahrheit die Ehre geben und bekennen, daß der Mann dem Herrn Tiburius gerade darum eingefallen iſt, weil er von den Leuten ein Narr genannt wurde; denn Herr Tiburius hatte ganz eigene Anſichten von der Narrheit, und der Mann wurde ihm darum merkwürdig. Allein wenn die Leute, wie Herr Tiburius, auf etwas denken, ſo bleibt es gewöhnlich bei dem Gedanken. Bei Herrn Tiburius mußte es auch eine Weile ſo geblie⸗ ben ſein, bis er einmal plötzlich befahl, daß man den geſchloſſenen Wa⸗ — 124— gen anſpannen ſolle, er werde zu dem Doctor im Querleithenhauſe hin⸗ über fahren. Seine Leute ſtaunten, wie er ſich bei ſeiner ſchweren Krank⸗ heit in die Luft und in das Wagenrütteln hinauswagen könnte, da er doch reich genug war, um ſich dieſen Doctor und noch zehn andere in das Haus kommen zu laſſen. Allein Herr Tiburius ſetzte ſich in den Wagen und fuhr in die Querleithen hinüber. Er fand den Doctor in Hemdärmeln und einen breiten gelben Stroh⸗ hut auf dem Haupte im Garten, wo er heftig arbeitete. Der Doctor war ein nicht gar großer Mann, mit lauter grober ungebleichter luftiger Lein⸗ wand bekleidet. Er ſetzte ein wenig von ſeiner Arbeit aus, als er den Wagen an ſeinen Garten heran fahren ſah, und blickte mit dunkeln feu⸗ rigen Augen darnach hin. Herr Tiburius, gegen die Luft mit einem ſehr dicken Anzuge verwahrt, ſtieg aus dem Wagen und ging auf den erwar⸗ tenden Mann zu. Er ſagte, da er vor ihm in dem Gartengange ſtand, er ſei ſein Nachbar Theodor Kneigt, er gebe ſich viel mit Wiſſenſchaften ab, insbeſondere mit der Arzneikunde. Vor mehreren Wochen ſei er im Haller auf eine Stelle gerathen, welcher er mit ſeinen Kräften allein nicht völlig Herr werden könne, darum ſei er zu ihm, den der Ruf als einen in dieſen Dingen kundigen Mann verkünde, herüber gefahren, und bitte ihn, daß er mit Aufopferung einiger Minuten ſeiner Zeit ihm mit einem Rathe in der Sache beiſpringen möge. Auf dieſe Anrede erwiederte der kleine Doctor, er leſe veraltete Schriften, wie den Haller, gar nicht, er doetere jetzt auch ganz und gar nicht mehr, er wiſſe auch nur in ganz wenigen Fällen zuverläſſige Mittel anzugeben, und er wende die Kunde, die er über Dinge des menſchlichen Körpers habe, blos dazu an, daß er ſich ſelber ein Leben vorſchreibe, wel⸗ ches ſeinem Körper das bei Weitem nützlichſte und heilbringendſte ſei. Deßhalb habe er die Hauptſtadt verlaſſen und ſei ſo weit auf das Land heraus gegangen, daß er hier das geſündeſte Leben führe und das höchſte Alter erreiche, welches überhaupt der Zuſammenſtimmung der Elemente ſeines Körpers möglich ſei. Wenn übrigens der Herr Rachbar den Haller bei ſich habe, ſo könnte man ja die Stelle anſehen und einen Verſuch wagen, was aus ihr herauszubringen ſei, was nicht. Herr Tiburius ging auf dieſe Rede zu ſeinem Wagen, zog den Hal⸗ ler aus der Taſche desſelben, und kam mit ihm wieder zu dem kleinen Doctor zurück. Dieſer führte ſeinen Herrn Nachbar in ein Gartenhaus, dort blieben die Männer einige Zeit, und als ſie wieder daraus hervor gingen, hatte Herr Tiburius die Genugthuung, daß der ſremde Doctor über die Stelle im Haller das nämliche dachte und ſagte, wie er. Der Doctor ſagte, nachdem das eigentliche Geſchäft abgethan war, zu Herrn Tiburius, er habe zwar ein junges ſehr ſchönes Weib, es ſei auch ge⸗ wöhnlich Sitte, daß man einen Gaſt und Nachbar, der den erſten Beſuch mache, zu der Frau des Hauſes führe; allein er wiſſe nicht, ob der Herr Nachbar ſeinem Weibe nicht widerwärtig ſein könnte, denn es iſt unter ſeinen Grundſätzen auch der obenan, daß ſeine Gattin, ſo wie er, in al⸗ len nicht zur Ehe gehörigen Dingen die völligſte Freiheit zu handeln ha⸗ ben müſſe; darum werde er ſein Weib fragen, und wenn der Herr Nach⸗ bar wieder einmal komme, werde er ihm ſagen können, ob er ihn zu ihr führen werde, oder nicht. Hierauf erwiederte Herr Tiburius, er ſei wegen des Hallers herüber gekommen, das ſei abgethan und es ſei gut. Deßohngeachtet zeigte ihm der Doctor noch flüchtig ſeine Anlagen, wo er die Camellienhäuſer habe, wo er ſeine Rhododendern, ſeine Aza⸗ lien, Verbenen, Eriken und andere ziehe, und wo er die Erden miſche und brenne. Von dem Obſte und andern Dingen ſei noch nicht viel zu ſehen. Sodann ſtieg Herr Tiburius in ſeinen Wagen und fuhr davon. Der Doctor hatte eine hölzerne Vorrichtung, die mit Klöppeln ſehr laut klap⸗ perte, um ſeine Leute, die in verſchiedenen Geſchäften zerſtreut waren, zum Eſſen oder zur Arbeit oder zu einer Ankündigung zuſammen rufen zu können. Als Herr Tiburius den Abhang der Querleithen hinab fuhr, hörte er ſchon wieder das Klappern dieſer Vorrichtung, was andeutete, daß der fremde Doctor mit ſeinen Leuten ſchon wieder in einem Verkehre befindlich ſei. Zu dieſem Manne kam Herr Tiburius nach einiger Zeit wieder, und dann öfter und ſo immer fort; war es nun, daß er, wie es bei derlei Leuten iſt, einmal im Geleiſe war, und daher in demſelben fort ging, oder wollte er von dem Doctor etwas lernen. Da ſtanden nun die zwei Männer, welche von den Menſchen Narren geheißen wurden, manchmal in dem Garten beiſammen; der eine in einem Strohhute und in einem grobleinenen Anzuge, daß ihm der Wind bei den Oeffnungen hinein ging und durch alle Glieder ſtrich: der andere mit einer Filzkappe auf dem Haupte, die er bis über die Ohren herab zog, mit einem langen — 126— Rocke, der faſt die Erde kehrte, über die andern Kleider zuſammen ge⸗ knöpft war, und oben unter dem Kragen noch ein großes zuſammenge⸗ bauſchtes Tuch ſehen ließ, daß der Hals warm ſei, und endlich mit gro⸗ ßen weiten Stiefeln, in denen er doppelte Strümpfe an hatte, daß ſich die Füße nicht erkälten. Bei dieſen Beſuchen ſagte der Doctor nichts mehr davon, daß er den Herrn Tiburius zu ſeinem Weibe hinein führen werde, und dieſer verlangte es auch niemals. Weil alſo Herr Tiburius zu keinem Menſchen kam, als zu dem Doctor, und weil er überhaupt nicht aus ſeinem Zimmer ging, als wenn er zu dem Doctor fuhr, ſo war es natürlich, daß die Leute glaubten, er werde von dem närriſchen Doctor ärztlich behandelt, und beide hätten Mittel ausgeſonnen, die ſehr merkwürdig ſeien und geheim gehalten würden, weßhalb ſie immer zu einander kämen und die Köpfe zuſammen ſteckten. Dies war, wie wir wiſſen, allerdings nicht ſo: aber wie der Scharf⸗ ſinn des Volkes immer in den ungegründeten Gerüchten, die in ihm em⸗ por tauchen, einige Körnchen Wahrheit und Veranlaſſung hat, ſo war es auch hier; denn von dieſem Doctor ging wenigſtens der erſte Anſtoß aus, der dann fortwirkte, und in Folge deſſen ſich Herr Tiburius ganz und gar verwandelte, wie die Raupe des Tagpfauenauges, die auch, nachdem ſie auf dem Reſſelkraute einförmig gelebt, ſich dann gar aufge⸗ hängt hatte und eingeſchrumpft war, eines Tages plötzlich aufſpringt, den garſtigen ſchwarzen mit Dornen beſetzten Balg zurückſtreift und die Hörner und Höker der ſchönen Puppe zeigt, in der gar ſchon die künftigen farbigen ſchimmernden und glänzenden Flügel eingewickelt liegen. Herr Tiburius fragte nämlich den Doctor eines Tages plötzlich um das, was er gewiß ſchon ſo lange auf dem Herzen getragen haben mußte; er ſagte: „Wenn Sie mein hochverehrteſter Herr Doctor, wie Sie ja ſelber gerade heute vor fünf Wochen zu mir geſagt haben, in ganz wenigen Fällen zu⸗ verläſſige Mittel wiſſen, ſo wüßten Sie etwa zufällig auch eins in dem meinigen?“. „Allerdings, mein verehrter Herr Tiburius,“ antwortete der Doctor. „Nun alſo— um Gottes willen— ſo reden Sie.“ „Sie müſſen heirathen, aber zuvor müſſen Sie in ein Bad gehen, wo Sie ſogar Ihr Weib finden werden.“ Das war für Herrn Tiburius zu viel!! — 12 Er kniff ſeine Lippen zuſammen und fragte mit ungläubigem ſpötti⸗ ſchem Lächeln:„Und in welches Bad ſoll ich denn gehen?“ „Das iſt in Ihrem Falle ſchier einerlei,“ antwortete der Doctor, „nur irgend ein Gebirgsbad dürfte am vorzüglichſten ſein, etwa das in unſerm Oberlande, wohin jetzt ſo viele Menſchen ziehen. Oheime, Tan⸗ ten, Väter, Mütter, Großmütter, Großväter ſind mit ſehr ſchönen Mäd⸗ chen dort, und darunter wird auch die ſein, welche Ihnen beſtimmt iſt.“ „Und alſo endlich, weil Sie die Mittel ſo gut angeben, welches iſt denn mein Fall?“ „Das ſage ich nicht,“ erwiederte der Doctor,„denn wenn Sie ihn einmal wiſſen, dann hilft kein Mittel mehr, weil Sie keins nehmen— oder Sie bedürfen keins mehr, weil Sie bereits geſund ſind.“ Herr Tiburius fragte um nichts weiter, er ſagte auf dieſe Unter⸗ redung kein Wort mehr, ſondern er ging allmählig zu ſeinem Wagen und fuhr davon. „Der verrückte Doctor hat Recht,“ ſagte er zu ſich in dem Wagen, „nicht in Beziehung des Heirathens hat er Recht, das iſt eine Narrheit —— aber ein Bad— ein Bad!— das iſt das einzige, auf das ich noch nicht verfallen bin— es iſt unbegreiflich, wie ich denn nicht darauf denken konnte. Ich werde mir gleich alle Bücher zu Rathe ziehen, die von Bädern handeln, und auszumitteln ſuchen, welches Bad unſeres Welttheiles für meine Zuſtände in Anbetracht kommen könnte.“ Und auf dem ganzen Wege brütete er an dem Gedanken fort. Der Doctor hatte den Herrn Tiburius bedeutend aufgerührt. Auch an das Heirathen mußte er ein wenig gedacht haben; denn er ſchnitt ſich mit einer Scheere den Bart, den er ſich in dem ganzen Angeſichte hatte wachſen laſſen, bis auf eine gewiſſe Kürze weg, raſirte ihn dann über und über ſehr fein ab, und ſtellte ſich vor den Spiegel und betrach⸗ tete ſich. „Nein, nein,“ ſagte er,„das iſt nichts, das hat ganz und gar kei⸗ nen Sinn, und das kann nicht ſein.“ Deßohngeachtet ſchickte er noch an dieſem Abende um ein ſehr gutes Zahnpulver in die Stadt; denn er hatte vor dem Spiegel bemerkt, daß er ſeine Zähne bisher in hohem Maße vernachläſſigt habe. In Bezug auf das Bad fing er am Morgen des nächſten Tages an, ſehr ernſthaft die nothwendigen Anſtalten zu treffen. Er ſchrieb in die — Stadt um alle Bücher, welche von Bädern handeln, um zuerſt aus ihnen zu entnehmen, wohin er gehen ſolle, dann wolle er erſt das Weitere an⸗ ordnen. Allein der Gedanke des Bades hatte ihn ſo ergriffen, daß er nicht ſeinen bisherigen gewöhnlichen Weg, nämlich erſt alle möglichen Bücher zu leſen einſchlug, was übrigens auch zur Folge gehabt hätte, daß er in dieſem Sommer in gar kein Bad mehr gekommen wäre; ſon⸗ dern er entſchied ſich in der That ſofort für das Bad, welches der Doctor vorgeſchlagen hatte. Das erſte, was er nun that, war, daß er befahl, daß ſein Reiſewagen in reiſefertigen Stand geſetzt werde. Seine Leute erſchraken über dieſen Befehl, leiſteten ihm aber Folge. Er hatte in ſei⸗ nem ganzen Leben keinen Reiſewagen gebraucht, da er nie weiter von ſei⸗ nem Gute gekommen war, als in die Stadt. Daher glaubten ſeine Hausgenoſſen, daß er erſt jetzt vollends närriſch geworden ſei, oder ſich im Beginne der Beſſerung befinde. Sie zogen den Reiſewagen aus ſei⸗ nem Behältniß, in welchem er, ſeit ihn Herr Tiburius hatte machen laſ⸗ ſen, geſtanden war, auf den Hof hervor, und unterſuchten ob er an allen Stellen gut ſei, und verſahen ihn dann mit allen Sachen, welche ein ſol⸗ cher Reiſender wie Herr Tiburtus war, auf ſeinem Wege brauchen könnte. Hierauf ſchickte er um alle Bücher, welche über dieſes einzelne Bad vor⸗ handen wären, daß er ſie mitnähme und dort leſe. Dann ſchrieb er ſelber auf einen Bogen Papier die Sachen auf, welche ſeine Diener mitnehmen mußten, worunter auch ſeine Grauſchimmel und ſein Spazierwagen wa⸗ ren, die vorausgehen mußten, daß er ſie dort gleich habe. Endlich mußte noch ſogleich an den nöthigen Kleidern, Sitzkiſſen und andern Geräthen gearbeitet werden. Er machte dieſe Sachen mit ziemlichem Geſchicke. Zu dem Doctor, zu dem er noch zweimal während der Zeit gekom⸗ men war, ſagte er kein Wörtlein; derſelbe ſchien auch auf die Unter⸗ redung über das Bad völlig vergeſſen zu haben. Nachdem ſo eine Weile vergangen war, kamen eines Tages vier Poſtpferde auf das Gut des Herrn Tiburius und zogen den Herrn in ſei⸗ nem Reiſewagen zur Verwunderung aller Menſchen in die Fremde fort. Ich darf mich nicht darauf einlaſſen, ſeine Reiſe zu beſchreiben, da ſie mit dem Zwecke dieſer Zeilen nicht gar innig zuſammen hängt: aber das muß ich doch ſagen, daß es dem Herrn Tiburius vorkam, als fahre er ſchon viele, viele Meilen, als ſei er ſchon in der fernſten Entfernung, da — er bereits einen Tag fuhr, da er den zweiten fuhr, und da endlich gar der dritte gekommen war. Am Nachmittage dieſes dritten Tages, da eine unbeſchreiblich große Sommerhitze herrſchte, fuhr er in einem langen ſchmalen Gebirgsthale einem ſchönen grünen rauſchenden ſpiegelklaren Waſſer entgegen. Als das Thal ſich erweiterte, ſah man aus einer großen Hütte eine weiße Dampfwolke aufſteigen, und der Diener ſagte zu Herrn Tiburius, das ſei der Dampf, der aus der Sole aufſteige, die in dem Hauſe gekocht werde, und man ſei ganz nahe an dem Ziele der Reiſe. Bald nach dieſen Worten fuhr Herr Tiburius in ſeinem von allen Seiten geſchloſſenen Wagen in die Gaſſen des Badeortes ein. Es war in demſelben wegen der großen Hitze ſehr ſtill, Niemand war im Freien, die gegliederten Fen⸗ ſterläden und die Fenſtervorhänge waren zu, höchſtens, daß bei einer Spalte oder bei einer Falte ein paar Augen heraus ſchauten, um zu ſehen, wer denn wieder gekommen ſei. Herr Tiburius fuhr vor den Gaſthof, in welchem ihm auf ein Schreiben ſeines Dieners ein Zimmerlein war aufgehoben worden. Er ſtieg aus und wurde in das Zimmerlein hinauf geleitet. Dort ſetzte er ſich an das gelbangeſtrichene Tiſchlein, das da ſtand. Seine Diener und die Leute des Gaſthauſes waren beſchäftigt, die Dinge, die der Wagen enthielt, auszupacken und herauf zu tragen. Herr Tiburius konnte ſich nun mit Beruhigung ſagen, daß er da ſei. Aus der ſpöttiſchen Aeußerung des kleinen Doctors war Ernſt ge⸗ worden. Geſtern, da er noch in der Ebene draußen fuhr, hatte Herr Ti⸗ burius gedacht, wenn er nur nicht eher ſtürbe, ehe er ankäme, dann wäre alles gut; jetzt war er angekommen, und ſaß bereits neben ſeinem Tiſch⸗ lein da. Die Leute räumten beinahe die ganze Stube mit den Sachen voll, die ſie in dem Wagen fanden. Durch die grünen Schienen der Fen⸗ ſterläden ſahen duftige Bergwände herein— er war faſt berauſcht und legte ſich ſeine Reiſeeindrücke zurecht. Da waren noch die unendlichen Felder und Wieſen und Gärten, durch die er gefahren war, und die Häu⸗ ſer und Kirchthürme, die alle an ihm vorüber gegangen waren, dann rückten gar Gebirge näher, dann ſchwankte ein langer grüner See in ſei⸗ nem Haupte, über den er ſammt ſeinem Reiſewagen gefahren war, und dann war das eilende Waſſer in dem Thale und das erſchreckliche Blitzen der Sonne auf allen Bergen.— Stifter. 4. Aufl. III. 9 — 130 Aber auf das alles durfte Herr Tiburius zuletzt doch nicht gar zu ſtark denken; denn es waren jetzt ganz andere Dinge nothwendig, näm⸗ lich, daß ſeine Wohnung für ſeine Krankheit gehörig eingerichtet werde, und daß man ſehr bald den Badearzt rufe, daß er ihn kennen lerne, und daß ſie mit einander den Plan der Heilung verabredeten und ſogleich zur Ausführung desſelben den Anfang machten. Es mußte vor allem noch ein größerer Tiſch herbei, auf den er die Stöße Bücher, die ſein Diener auspackte, legte, daß er ſie bei erſter Ge⸗ legenheit aufſchneide, und zu leſen beginne. Dann mußte das Bett, deſ⸗ ſen Beſtandtheile er ſelber mitgebracht hatte, im noch kleineren Nebenzim⸗ merchen, das an ſein Wohngemach ſtieß, aufgeſtellt werden. Das Stahl⸗ gerüſte desſelben wurde in der Ecke auſgerichtet, in welcher am wenigſten Zugluft herrſchen konnte. Hierauf wurden die Stäbe der ſpaniſchen Wand, die er mitgebracht, auseinander geſchraubt, geſtellt, und mit dem dazu gehörigen Seidenſtoffe beſpannt, auf dem unzählige rothe Chineſen waren. Weil ſo viele Mantelſäcke, Wagenkoffer und andere Lederfächer herumlagen, mußte der Wirth noch einen Schrein herauf ſchaffen, den man in das Vorzimmer, wo die Diener ſchliefen, ſtellte, daß man das Weißzeug, die Schlafröcke und die Kleider unterbringen könne. Zuletzt mußten noch die Schirme vor die Fugen der Fenſter und Thüren geſtellt und die leeren Koffer und Lederfächer in das Wagenbehältniß gebracht werden. Als alles in Ordnung war, ſendete Herr Tiburius nach dem Bade⸗ arzte. Es durfte nicht aufgeſchoben werden, und es war überhaupt un⸗ gewiß, ob nicht auf die viele, viele Bewegung, die er auf der langen Reiſe her gemacht habe, eine arge Krankheit folgen könne. Der Badearzt war nicht zu Hauſe und auch ſonſt nirgends zu finden. Herr Tiburius mußte bis auf den Abend warten. Er ſaß in ſeiner Stube und wartete. Am Abende kam der Arzt, und die zwei Männer beredeten ſich über eine Stunde lang, und ſetzten die ganze Weſenheit des zu befolgenden Heilplanes auseinander. Am andern Morgen begann Herr Tiburius ſchon den Plan in's Werk zu ſetzen. Man ſah ihn in einem langen grauen zugeknöpften Oberrocke den Brunnengebäuden zu gehen und in denſelben verſchwinden. Er nahm darinnen ſein erſtes Bad. Und wo man die Molken nahm, wo man in der Sonne ſaß, und ein wenig hin und her ging, konnte er ſpäter — 131— auch geſehen werden. So machte er es jeden Tag, und er ging gewiſſen⸗ haft dorthin, wo es der Zweck erheiſchte. Um die von dem Arzte vor⸗ geſchriebene Bewegung mittelſt Gehen zu machen, hatte er ſich eine eigene Art ausgeſonnen. Er fuhr nämlich mit ſeinen Grauſchimmeln auf der Straße, die tiefer in das Gebirge führt, eine Strecke fort, bis er zu einem gewiſſen großen Steine kam, den er gleich am erſten Tage ent⸗ deckt hatte. Neben dem Steine war eine ziemlich große trockene Erdſtelle, die aus feſt gelagertem Sande beſtand. An dieſer Stelle ſtieg er aus, und ging nach der Uhr ſo lange hin und her, als die zur Bewegung feſt⸗ geſetzte Zeit dauerte, dann ſaß er wieder ein und fuhr nach Hauſe. Die Leute, die im Bade verſammelt waren, lernten ihn bald kennen und ſag⸗ ten, das ſei der Herr, der neulich in dem geſchloſſenen Wagen gekom⸗ men ſei. Die Badezeit war eigentlich ſchon ziemlich vorgerückt, aber da in dieſen Gebirgsthälern die letzten Sommermonate die heißeſten und trockenſten ſind, ſo war noch ein großer glänzender und auserleſener Be⸗ ſuch zugegen. Darunter waren manche ſehr ſchöne Mädchen. Herr Ti⸗ burius, welcher nicht umhin konnte, doch manchmal eine zu ſehen, erin⸗ nerte ſich flüchtig an die Heirathsworte des Doctors— aber er dachte der Doctor ſei ein Schalk, und verlegte ſich hier nur auf das, was ſeiner Geſundheit unmittelbar noth that. Er las allgemach von dem Bücher⸗ hügel ein großes Stück herunter, er verrichtete genau alles, was ihm der Badearzt vorgeſchrieben hatte, und that noch manches andere dazu, was er ſelber aus den Büchern lernte und ſich verordnete. Er hatte ſich auch an ſeinem Fenſterſtocke ein Fernrohr angeſchraubt, und betrachtete durch ſelbes öfter die närriſchen Berge, die hier herum ſtanden, und die das Geſtein in höchſter Höhe oben trugen. Es wac ſeltſam, daß auch hier in dieſer großen Entfernung, und zwar ſchon in ſehr kurzer Zeit, nachdem Herr Tiburius angekommen war, der Name Tiburius im Munde der Leute gebräuchlich war, obwohl in dem Fremdenbuche der Name Theodor Kneigt ſtund, und obwohl ihn Niemand kannte. Es mochten ihn wohl insgeheim ſeine Diener ſo ge⸗ nannt haben. Es waren allerlei Menſchen und Familien in dem Bade. Da war ein alter hinkender Graf, der überall geſehen wurde, und in deſſen ver⸗ wittertes Angeſicht faſt ein Schimmer von der ſehr großen Schönheit ſei⸗ 9„ ner Tochter floß, die ihn überall mit Geduld begleitete und ruhig neben ihm her ging. In einem Wagen mit zwei feurigen Rappen fuhren gerne zwei junge ſchöne Mädchen mit Augen, die noch feuriger waren, als die Rappen, und mit rothen Wangen, um die gewöhnlich grüne Schleier flatterten. Sie waren die Töchter einer badenden Mutter, die ſelbſt noch ſchön war, und in ein reiches Tuch gewickelt in dem Wagen zurückgelehnt ſaß. Dann war ein dickes kinderloſes Ehepaar, das eine Nichte mit ſich führte, die träumeriſch darein ſchaute, manchmal unterdrückt ausſah, und ſchöne blonde Locken hatte, wie man ſie nur immer erblicken konnte. In einem fenſterreichen Hauſe tönten ſchier immer Claviertöne, und viele Lockenköpfe junger Mädchen und Knaben waren zu ſehen, wenn ſie aus den Fenſtern ihnen herausſchauten, oder von Innen an denſelben vor⸗ über flogen. Dann waren manche einſame Greiſe, die hier ihre Ge⸗ ſundheit ſuchten und Niemand als einen Diener hatten; dann manche Hageſtolze, die über den Sommer des Lebens hinüber ohne Gefährtin herum gingen. Noch ſind zwei blauäugige Mädchen zu erwähnen. Die eine ſah gerne von einem abgelegenen Balkone mit ihren blauen Augen auf die nicht weit entfernten Wälder hinüber, und die andere richtete ſie gerne auf die Tiefe des dahin rinnenden Stromes. Sie ging nämlich häufig mit ihrer Mutter an den Ufern desſelben ſpazieren, wenn ſie an ihm vorüber ging und die fieche gedrückte Mutter begleitete. Dann wa⸗ ren die ſchönen erröthenden Wangen der Landeskinder, die einen kranken Vater, eine Mutter, eine Wohlthäterin hieher begleiteten— der vielen andern gar nicht zu gedenken, die alle Jahre kamen, ſich an der Schön⸗ heit der Ungebung ergötzten, oder nur der Mode huldigten, alles zu be⸗ herrſchen ſtrebten, jedes neu Angekommene und Schüchterne beſprachen und darüber triumphirten. Unter dieſen Menſchen lebte Tiburius faſt ſcheu fort. Er miſchte ſich niemals unter ſie, und wenn er mehrere auf ſeinen von dem Arzte vorgeſchriebenen Gängen begegnen ſollte, ſo machte er lieber einen Umweg, daß er ihnen auswich. Sie redeten von ihm, da er durch ſeine Abſonderung auffiel; aber er wußte nicht, daß ſie von ihm redeten, und wie ſie ihn nannten. Er blieb beſtändig bei dem ſich immer ablöſenden Gewirre anweſend; denn wirklich kamen in der Zeit immer neue, und ſchieden die andern. Wir können unmöglich ſagen, wie Herrn Tiburius der Gebrauch des Bades bekam, denn er ſagte ſelber zu Niemanden etwas und badete 5 — 133— immer fort. Dem Arzte erklärte er auf jede Frage, wie es ihm gehe, es gehe eben dem Gange des Dinges gemäß, und wir würden wohl am Ende in den Stand geſetzt worden ſein, über den Erfolg ſeines Badens etwas Beſtimmtes angeben zu können, wenn ſich nicht das zugetragen hätte, wodurch ſich alles veränderte, und jede Berechnung der mitwirken⸗ den Urſachen unmöglich wurde. Wir haben oben ſchon geſagt, daß Tiburius immer zu ſeinen Be⸗ wegungen weiter hinaus fuhr, und an einem einſamen Steine auf und nieder ging. Er war ſehr fleißig und hatte dieſes ſchon viele, viele Male gethan. Eines Tages, nachdem ſeit ſeiner Ankunft ſchon eine geraume Zeit verfloſſen war, da eben ein beinahe ſtahlfeſter dunkelblauer Himmel über dem Thale ſtand, fuhr er, weil ihm der Tag ſo wohl that, weiter als gewöhnlich. Ganz fremde Berge ſah er ſchon, und dunkle Tannen und lichtere Buchen ſchritten faſt bis an ſeinen Wagen heran. Man weiß nicht, war die Empfänglichkeit für das Wohlthätige des Tages ſchon eine Folge ſeines Badens, oder war es die ungemein liebliche hei⸗ tere und klare Milde der Luft, die alle Menſchen und alſo auch ihn er⸗ faßte. Neben ſeinem Wagen war ein ſonniger Platz, der feſten Haide⸗ boden hatte; er war von ſchützenden Steinwänden umſtanden, daß kein rauher Wind herein ſtreichen konnte, und ging ſo gegen das ganz ſtille Laub zurück. Dieſes lockte den Herrn Tiburius aus dem Wagen, daß er ein wenig herum gehe, und die ſanften ſenkrecht niedergehenden Mittags⸗ ſtrahlen genieße. „Ich werde meine Bewegung hier, nicht an dem Steine, machen,“ ſagte er zu ſeinem Diener und dem Kutſcher,„es iſt einerlei; ihr wartet da an dem Platze, bis ich wieder komme und einſteige.“ Hierauf zog er ſeinen Oberrock aus, wie er es allemal that, warf ihn in den Wagen zurück, ſtieg über den von dem Diener herab gelaſſe⸗ nen Fußtritt herab, und ging gegen den trockenen Waldplatz vorwärts. Tiburius hatte einen Wald nie von Innen geſehen. In ſeiner Heimath war überhaupt nur kleines Gehölze, in das er übrigens auch nicht ge⸗ kommen iſt, und die großen Forſte, die auf den Bergen des Badeortes herum lagen, hatte er nur durch ſein Fernrohr vom Fenſter aus beobach⸗ tet. Hier war er beinahe in einem Walde. Wenn auch der Platz, den er ſich zu ſeinem Gange auserſehen hatte, von keinen Bäumen beſetzt war, ſo ſtanden dieſelben doch ſo nahe und auf manchem benachbarten Hügel — herum, daß man ſagen könnte: Herr Tiburius befinde ſich auf einer Waldblöße. Alles gefiel ihm ſehr wohl. Kein menſchliches Weſen ließ ſich rings herum ſehen und hören— das war ihm gerade recht. Der Platz ging von der Straße gegen die Tiefe der Gegend einwärts. Als Herr Tiburius über ſeine ganze Länge hin geſchritten war, und umkehren wollte, um, wie ſeine Spazierart war, hin und her zu gehen, ſah er, daß weiter einwärts noch ein ſchönerer Platz war. Zur Linken befand ſich eine Steinwand, die bedeutend hoch war, rechts ſtanden in einiger Entfernung hohe Bäume und nach vorwärts war der Platz durch Wald⸗ werk geſchloſſen. Es war hier noch ſtiller, und die Mittagswärme ſank an der Steinwand ſo freundlich nieder, daß es war, als müßte man ſie beinahe rieſeln hören. Sie war bereits für den Körper ſehr wohlthätig, da die Jahreszeit ſchon in die Hälfte des Herbſtes hinein ging, und man⸗ ches Laub ſchon in's Gelbe ſchimmerte. Der Boden war wegen der langen vorausgegangenen ſchönen Zeit ſehr trocken. Herr Tiburius beſchloß ſofort, auf dieſem Platz vorzuſchreiten, und ihn zu ſeinem Bewegungsorte zu machen. Er dachte, wenn er auch etwas länger gerade aus vorwärts ginge, ſo könnte er doch nach ſeiner Uhr wie⸗ der umkehren, und im Ganzen gerade die vorgeſchriebene Bewegung ſo machen, als wenn er hin und her gegangen wäre. Es wird gewiß nicht ſchädlich ſein. Die milde Sonne that ihm durch die Widerprallungskraſt des Felſens, als er einmal bis in die Hälfte des neuen Platzes vorwärts gekommen war, ſo wohl, daß er ſich äußerſt anmuthig fühlte. Auch wa⸗ ren ihm alle Dinge, die er herum ſah, neu, ſie gefielen ihm, und er hätte nie gedacht, daß er in einem Walde ſo zufrieden ſein könnte. Da lag ein breiter weißer Stein dem Boden entlang, und verſchiedene Kräuter beglei⸗ teten ihn. Links an der Wand waren noch mehrere Steine, die von ihr herab gebrochen waren: weiße, gelbe, braune, und noch allerlei andere. Es ſtand in ihnen roſtfarbenes Geſtrüppe, einzelne Ruthen und mehreres. Manches Mal ſaß ein Falter auf einem Steine und legte die ſchimmern⸗ den Flügel, derlei Herr Tiburius in ſeiner Heimath nie geſehen hatte, auseinander und ſonnte ſie. Manchmal flog einer ſtumm neben ihm, wie die ſtumme Luft, und ward gleich darauf nicht mehr geſehen. Auch be⸗ merkte Herr Tiburius, daß ja da ein ſehr angenehmer Wohlgeruch herrſche. Er ging weiter. Zuweilen hielt er ſein ſpaniſches Rohr empor, — drehte es langſam zwiſchen den Fingern und ergötzte ſich an dem Funkeln des Goldknopfes in der dunkeln, ruhigen, einſamen Luft. Nach einer Weile kam er zu verſtümmelten Stämmen, von denen Pech herab rann. Er hatte das nie geſehen und blieb ſtehen. Die durchſichtige Flüſſigkeit quoll in der Sonne aus der Rinde hervor, und die Tropfen ſtanden, wie reines geſchmolzenes Gold, das in einem Häutchen hing. Dann ging er wieder weiter. Es begegnete ihm eine Schaar wundervoll blauen En⸗ zians, er ſah ſie an, und pfluckte ſogar einige Stämmchen. Endlich war er ſchier an das Ende ſeines auserkorenen Spazier⸗ platzes gekommen. Das Waldwerk, welches er von Weitem als Schluß geſehen hatte, beſtand in mehreren ziemlich weit von einander entfernten Bäumen. Tiburius blieb ein wenig ſtehen, um es anzuſehen und zu überlegen, ob er hinein gehen ſolle, oder nicht.— Eidechſen ſchlüpften im Mittagsglanze, ein Wäſſerlein ging ungehört gegen die Tannen, und zwiſchen den Stämmen ſpannen luftige glänzende Herbſtfäden, wie ſie Herr Tiburius auch öfter zu Hauſe in dem Garten geſehen hatte. Ehe er da weiter ging, mußte er doch noch erforſchen, was denn das für ein ſelt⸗ ſamer Reif ſei, der dort auf den entfernten Tannennadeln liege, und wie die Wolke ausſehe, die weit draußen zwiſchen dem Grün der Bäume her⸗ ein ſchaue, ob ſie nicht etwa Regen drohe. Er nahm ſein Taſchenfernrohr heraus, machte es zuſammen, und ſah durch. Aber der Reif war nur der unſägliche Sonnenglanz, der auf der glatten Seite der Nadeln lag, und die Wolke war ein entfernter Berg, wie ſie hier im Lande in einer großen Ausdehnung einer hinter dem andern ſtehen. Er beſchloß alſo weiter zu gehen, insbeſondere, da die Steinwand noch immer fortlief und Anfangs nur eine und dann nur einige Buchen zwiſchen ihm und ihr waren. Auch ging ein ſehr wohl ausgetretener ſchwarzer Pfad in die Bäume hinein. Tiburius mußte, als er dieſen Pfad betrat, an den kleinen närriſchen Doctor denken, der ſich aus verſchiedenen Stoffen dieſe Erde für ſeine Rhododendern und Eriken brennen muß, wie ſie hier von ſelber liegt; und Eriken ſah er hier unter den Stämmen viel ſchöner blühen, als ſie der Doctor in ſeinen Töpfen erziehe. Er nahm ſich vor, wenn er nach Hauſe käme, ihm von dieſer Thatſache zu erzählen. Tiburius ging auf dem Pfade fort, der von allerlei Dingen einge⸗ faßt war. Manchmal lag die Moosbeere wie eine rothe Koralle neben ihm, manchmal ſtreckten die Preißelbeeren ihr Kraut empor und hielten — 136— ähnliche Büſchel von rothwangigen Kügelchen in den glänzenden Blätt⸗ chen.— Die Bäume wurden immer dunkler, und zuweilen ſtellte ein Birkenſtamm eine Leuchtlinie unter ſie. Der Pfad glich ſich immer, die kommenden Stellen waren wie die, die er verlaſſen hatte. Nach und nach wurde es anders, die Bäume ſtanden ſehr dicht, wurden immer dunkler, und es war, als vb von ihren Aeſten eine kältere Luft herab ſänke. Dies mahnte Herrn Tiburius umzukehren, da es ihm vielleicht auch ſogar ſchädlich ſein könnte. Er zog die Uhr hervor, und ſah, was ihm ohne⸗ dem, als er aufmerkſam geworden war, eine dunkle Vorſtellung geſagt hatte, daß er weiter gegangen ſei, als er dachte, und den Rückweg einge⸗ rechnet heute mehr Bewegung gemacht habe, als ſonſt. Er kehrte ſich alſo auf dem Pfade um, und ging zurück. Er ging auf dem Rückwege ſchleuniger, da er die Gegenſtände nicht mehr ſo beachten wollte, und ihm, ſeit er auf die Uhr geſehen hatte, darum zü thun war, den Wagen eheſtens zu erreichen. Er ging auf dem Pfade fort, der genau ſo ſchwarz war, und ſo neben den Bäumen fort lief, wie auf dem Herwege. Als er aber ſchon ziemlich lange gegangen war, fiel ihm doch auf, daß er die Steinwand noch nicht erreicht habe. Auf dem Herwege hatte er ſie links gehabt, nun hatte er ſich umgekehrt, folglich mußte ſie ihm jetzt rechts erſcheinen— aber ſie erſchien nicht. Er dachte, daß er vielleicht im Hereingehen in Gedanken geweſen ſei, und der Weg länger wäre, als er ihn jetzt ſchätze; deßhalb war er geduldig und ging fort— aber ſchneller ging er etwas. Allein die Wand erſchien nicht. Nun wurde er ängſtlich. Er begriff nicht, wie auf dem Rückwege ſo viele Bäume ſein können— er ging um vieles ſchneller, und eilte endlich haſtig, ſo daß er, ſelbſt bei reichlicher Zugabe zu ſeiner Rechnung, nun doch ſchon längſtens bei dem Wagen hätte ſein ſollen. Aber die Wand erſchien nicht, und die Bäume hörten nicht auf. Er ging jetzt von dem Pfade ſowohl rechts als auch links bedeutend ab, um ſich Richtung und Ausſicht zu gewinnen, ob die Wand irgend wo ſtehe— allein ſie ſtand nirgends, weder rechts noch links, noch vorn, noch hinten—— nichts war da, als die Bäume, in die er ſich hatte hinein locken laſſen, ſie wa⸗ ren lauter Buchen, nur viel mehrere, als er beim Herwege geſehen hatte, ja es war, als würden ſie noch immer mehr— nur die eine, die am An⸗ — 137 3₰ fange zwiſchen ihm und der Wand geſtanden war, konnte er nicht mehr finden. Tiburius fing nun, was er ſeit ſeiner Kindheit nicht mehr gethan hatte, zu rennen an, und rannte auf dem Pfade in höchſter Eile eine große Strecke fort, aber der Pfad, den er gar nicht verlieren konnte, blieb immer gleich, lauter Bäume, lauter Bäume. Er blieb nun ſtehen, und ſchrie ſo laut, als es nur in ſeinen Kräften war und als es ſeine Lungen zuließen, ob er nicht von ſeinen Leuten gehört würde, und eine Antwort zurück bekäme. Er ſchrie mehrere Male hinter einander und wartete in den Zwiſchenräumen ziemlich lange. Aber er bekam keine Antwort zurück, der ganze Wald war ſtille und kein Laublein rührte ſich. In den vielen Aeſten, die da waren, ſank die Menſchenſtimme wie in Stroh ein. Er dachte, ob nicht etwa die Richtung, in der er gerannt war, ſich von der Straße, auf der ſein Wagen ſtand, eher entferne, als nähere, da er ſich etwa in dem vielen Suchen umgewendet haben könne, ohne es zu wiſſen. Dem zu Folge wollte er jetzt wieder in der nämlichen Richtung zurück rennen. Er warf noch eher den Enzian, den er noch immer in der Hand hatte und der ihn jetzt mit dem fürchterlichen Blau ſo ſeltſam anſchaute, weg und rannte dann zurück. Er rannte, daß ihm der Schweiß hervor trat, und wußte nun wieder nicht, ob das die nämlichen Gegenſtände ſeien, die er im Herrennen geſehen habe. Als er eine ſo große Strecke, die er früher in der einen Richtung gemacht, jetzt nach der entgegengeſetz⸗ ten zurückgelegt zu haben glaubte und eine gleiche dazu, hielt er wieder inne und ſchrie abermals— allein er bekam wieder keine Antwort, es war nach ſeiner Stimme wieder alles ſtille. Hier war es auch ganz an⸗ ders als an dem früheren Orte, und wildfremde Gegenſtände ſtanden da. Die Buchen hatten aufgehört; es ſtanden Tannen da, und ihre Stämme ſtreckten ſich immer höher und wilder. Die Sonne ſtand ſchon ſchief, es war Nachmittag geworden, auf manchem Moosſteine lag ein ſchreckhaft blitzendes Gold, und unzählige Wäſſerlein rannen, eins wie das andere. Herr Tiburius konnte es ſich nicht mehr läugnen, daß er ganz und gar in einem Walde ſei, und wer weiß, in welch großem. Er war nie in der Lage geweſen, ſich aus ſolchen Sachen heraus finden zu müſſen, und ſeine Noth war groß. Dazu geſellten ſich noch andere Dinge. Er hatte in dem Hin⸗ und Hergehen durch das Gras, als er von dem Pfade abge⸗ wichen war, um die Steinwand zu finden, naſſe Füße bekommen, er war — im Schweiße, und hatte nur einen einzigen dünnen Rock, der andere lag im Wagen, er durfte ſich gar nicht niederſetzen, um auszuruhen, ſo ſchön die Steine da lagen; denn er müßte ſich verkühlen— und endlich lag auch das Fach mit der Arznei, die er heute Nachmittag zu nehmen hatte, zu Hauſe. Er ſah das eine recht gut ein, was hier das nothwendigſte war, nämlich, ſtatt hin und her zu laufen, lieber auf dem Pfade immer in derſelben Richtung fort zu gehen; denn irgend wohin mußte der Pfad doch führen, da er ſo ausgetreten war. Es war noch ein großes Glück, daß wenigſtens ein Pfad vorhanden war; denn welches Unheil wäre es geweſen, in einem wegloſen Walde in dieſem Zuſtande zu ſtehen. Herr Tiburius entſchloß ſich alſo nach der zuletzt eingeſchlagenen Richtung des Weges fort zu gehen. Er knöpfte den Rock, den er an hatte, feſt zu, ſtülpte die Kragen⸗ klappen desſelben empor, legte ſie ſich feſt an das Angeſicht und ging ſehr emſig fort. Er ging fort, und fort, und fort. Die Hitze des Körpers nahm überhand, der Athem wurde kurz, und die Müdigkeit wuchs. End⸗ lich ging der Pfad bergauf und war ein gewöhnlicher Waldſteig gewor⸗ den. Aber Tiburius kannte Waldſteige gar nicht. Steintrümmer der größten und fürchterlichſten Art lagen rechts und links an dem Wege, der oft über ſie dahin ging. Einige waren in Mooſe gehüllt, die verſchiede⸗ nes noch nie geſehenes Grün zeigten, andere lagen nackt und ließen den ſcharfen gewaltigen Bruch ſehen. Großfingrige Fächer von Farrenkräu⸗ tern ſtanden da, und die hohen dicken Stämme der Tannen, die aus all dem Dinge empor ragten oder auch da lagen, waren, wenn ſie Tiburius angriff, feucht.— Eine Weile beſtand der Pfad aus lauter kleinen Prü⸗ geln, die quer lagen, manchmal faſt im Waſſer ſchwammen, bei jedem Tritte ſich rührten, oder doch, wenn ſie ſelbſt feſt waren, ausglitſchen machten.— Dann ſtand ein ſteiler Berg da. Der Pfad klomm ihn un⸗ verdroſſen hinan, und Tiburius ging auf ihm fort. Als er oben ange⸗ kommen war, war es eben und der Boden war ſandig. Der Pfad lief hier gleichſam emſig und freudig vor Tiburius her, und dieſer folgte ihm. Er wurde ſpäter aus dem ſcharfen Sande wieder ſchwarz, war breit, trocken, drückte bei jedem Schritte gegen den Fuß, als ginge man auf Federharz und ſchlang ſich ſo fort. Tiburius betrat ihn in ſein Schickſal ergeben. Endlich war es Abend geworden, unheimliche Amſelrufe tön⸗ ten, und Tiburius ging in ſeinen unzulänglichen Rock geknöpft weiter. — 139— — Nach einer Weile war es, als rauſchte es irgend wo unten.— Tibu⸗ rius ging fort, das Rauſchen tönte näher, aber es war nur Waſſer, das den Wald eher ſchauerlicher machte, und von dem keine Hülfe zu erwarten war. Tiburius ging noch eiliger fort, er ging fort, und fort— und lei⸗ der wieder aufwärts. Endlich, da er um einen ſehr großen Stein, der gleichſam alles vor ihm verdunkelt hatte, hinum gegangen war, ſenkte ſich der Weg abwärts und wurde ſandig und geröllig. Auch ſtanden mit einem Male nicht mehr die hohen Tannen neben ihm, ſondern allerlei luſtiges Gebüſch von dichtem Laube, namentlich Haſelſtauden, was jeder⸗ zeit ein Zeichen iſt, daß ein Wald aufhöre und man ſich im Saume be⸗ finde. Herr Tiburius kannte aber ſolche Zeichen nicht. Er ging noch die Strecke unter dem Gebüſche und auf den ſcharfen Steinen weiter, es wurde lichter, die Gebüſche hörten auf, der Wald war aus, und er ſtand hoch auf einer Wieſe im Freien. Er war in einem Zuſtande, in welchem er in ſeinem ganzen Leben nicht geweſen war. Die Knie ſchlotterten ihm, und der Körper hing vor Müdigkeit nur mehr in den Kleidern. Er empfand es, wie an ſeinem ganzen Leibe ohne ſeinen Willen die Nerven zitterten, und die Pulſe klopften. Aber auch hier war keine Ausſicht auf Hilfe vorhanden. Die Sonne war ſchon unter gegangen. Ueberall ſtanden im kühlblauen Hauche des Abends Berge mit allerlei Geſtalten herum, theils mit Wald bedeckt, theils Felſen empor ſtreckend. Weit draußen hinter dem Saume eines grünen Waldes ragte ein ſehr hoher Berg heraus. Er hatte meh⸗ rere Felſenkronen, die empor ſtanden. Zwiſchen dieſen Kronen lagen drei ſehr große Schneefelder, welche aber jetzt roſenroth beleuchtet waren, und auf welche die Kronen Schatten warfen. Für Tiburius war dieſes erbe⸗ bende Schauſpiel eher ſchreckhaft. Weit herum war kein Menſch und kein lebendes Weſen zu erblicken. Das Rauſchen, welches er ſchon eine ge⸗ raume Zeit in den Wald hinein gehört hatte, war ihm jetzt erklärbar. In der Rinne des Thales, gegen welches die Wieſe, auf der er ſtand, hinab ging, lief über Steine und Klippen ein grünes brodelndes Waſſer heraus, und eilte links durch die Thaltiefe nach einander fort. Sonſt war aber gar nichts zu erſpähen, welches ſich regte und rührte. Tiburius ſah, daß der Weg über den Wieſenhügel gegen das Waſſer hinab gehe, und er dachte, da in dem Badeorte dasſelbe grüne Waſſer, — 140— aber in viel größerer Menge, dahin fließe, ſo könne leicht dieſer Bach zu jenem grünen Waſſer hinaus eilen, und etwa gehe der Weg daneben fort. Er beſchloß daher, dem Laufe des Pfades nach abwärts zu folgen. Er bezwang das ſtürmende Verlangen ſeines Körpers nach Ruhe— denn auf dem Graſe lag überall ſchon der naſſe Thau— und ging unter ſchmerzhaftem Vorwärtsſtoßen ſeiner Kniee auf dem Pfade ſteil abwärts. Der Berg mit den roſenfarbenen Schneefeldern zog ſich gemach unter den Wald zurück, bis nichts mehr, als kalt blaue oder grüne Anhöhen, mit Dunſtſtreifen durchwebt, da ſtanden. Tiburius kam zu dem Waſſer hinunter. Es haſtete mit dem Blau⸗ grün ſeiner Wogen und dem fliegenden weißen Schaume darauf nach ein⸗ ander hin— und was er eben gedacht hatte, traf hier unten ein: der Weg ging neben dem Waſſer fort. Er ſchlug ihn alſo ein und ſtrengte ſeine Kräfte, die gleichſam auflöſend und trunken waren, auf's Neue und Letzte an. Da er eine Weile ſo gegangen war und bereits Dunkelheit einzu⸗ treten begann, hörte er plötzlich trotz des Rauſchens, das der Bach in ziemlicher Tiefe unter ihm veranlaßte, Tritte hinter ſich. Er ſah um, und erblickte einen Mann, der hinter ihm her ging und ihn eben eingeholt hatte. Der Mann trug eine Axt über den Rücken, mehrere eiſerne Keile über die Schultern, und hatte ſtarke Holzſchuhe an. Tiburius blieb ſtehen, ließ ihn vollends an ſich kommen, und fragte dann:„Guter Freund, wo bin ich denn, und wo finde ich denn in das Bad hinaus?“ „Ihr ſeid auf dem Wege zum Bade,“ antwortete der Mann,„aber in der Keis draußen theilen ſich die Wege wieder, und der beſſere geht in die Zuderhölzer hinauf, da könntet Ihr Euch verirren. Weil ich ohnedem auf dem nämlichen Wege gehe, ſo könnt Ihr mit mir gehen, ich werde Euch hinaus führen.— Wie ſeid Ihr aber denn hieher gekommen, wenn Ihr nicht wiſſet, wo Ihr ſeid?“ „Ich bin ein Kranker,“ ſagte Herr Tiburius,„heile mich durch den Gebrauch des Bades, bin auf der Straße ziemlich weit fort gefahren, bin dann ſpazieren gegangen, und habe mich in dem Walde verirrt, daher ich meinen wartenden Wagen nicht mehr finden konnte.“ Der Mann mit den eiſernen Keilen ſah Herrn Tiburius nach der Seite von oben bis unten an, und mit einem Zartgefühle, das dieſen Menſchen ſo gerne eigen iſt, und das man ihnen ungerechter Weiſe nie — 141— zuſchreibt, ging er nun, da er ihn betrachtet hatte, viel langſamer, als ſonſt ſeine Art war. „Da ſeid Ihr durch das Schwarzholz gegangen, wenn Ihr nämlich über die Glockenwieſe zu dem Waſſer herab gekommen ſeid,“ ſagte er. „Ja, ich bin über eine Wieſe, die rund und ſteil, wie eine Glocke war, zu dieſem Waſſer herab geſtiegen,“ antwortete Herr Tiburius. „Sv— ſo—,“ ſagte der Mann darauf,„da gehen die Leute nicht gerne herauf, weil es ſo wild iſt, und darum wußtet Ihr nicht, wo Ihr ſeid.“ „Ja, ja,“ antwortete Herr Tiburius,„und wer ſeid denn Ihr, daß Ihr da ſo gegen die Nacht hin in dieſem Graben heraus gehet?“ „Ich bin ein Holzknecht,“ ſagte der Mann,„und gehe heute nur aus Zufall hier heraus, weil ich dem Gewerkmeiſter in der Zuder eine Botſchaft bringen muß. Da habe ich mein Geräthe mitgenommen, daß ich es ſchärfe; denn mein Haus ſteht nur eine halbe Stunde von da links. Wir hauen in den Holzſchlägen, die etwa ſechs Stunden oberhalb des Platzes liegen mögen, an dem ich Euch getroffen habe. Jetzt gehen wir immer am Montage hinauf und am Samſtage herab. Sonſt bleiben wir auch zuweilen einige Wochen oben. Ich habe heute noch bis Nachmittag geholfen, dann bin ich herabgeſtiegen.“ „Und wann geht Ihr wieder hinauf?“ fragte Tiburius. „Ich bleibe heute bei meinem Weibe,“ ſagte der Holzknecht,„dann gehe ich morgen um drei Uhr früh in die Zuder zu dem Gewerkmeiſter, und von ihm wieder zurück in den Holzſchlag, daß ich den Nachmittag noch zur Arbeit habe.“ „Das thut Ihr alles in einem Tage,“ ſagte Tiburius,„und dauert es ſo das ganze Jahr fort?“ „Im Winter iſt es leichter,“ antwortete der Holzknecht,„da ſind wir im Thale, und voft wird nur bei dem Fuhrwerke die Zeit hiu ge⸗ bracht.“ „So, ſo,“ antwortete Herr Tiburius, indem er neben dem Manne mühſam einherging. Derſelbe erzählte ihm noch mehreres von ſeinem Handwerke, wie ſie es betreiben, wie ſie nebſtbei in den Hochgebirgen leben, und welche Ge⸗ fährlichkeiten und Abenteuer ſich dabei ereignen. Unter dieſen Worten kamen ſie immer weiter, bis ſich, ſo viel man in der bereits eingetretenen Nacht erkennen konnte, das Thal erweiterte, und ſie wieder auf einem ziemlich ſteilen Wege herab ſtiegen. Der Holztnecht hielt ſich bei Tibu⸗ rius auf, unterſtützte ihn, und leitete ihn an dem Arme abwärts. Als ſie wieder in der Ebene waren, und noch eine Strecke zurück gelegt hat⸗ ten, ſtanden kleine Häuschen mit Lichtern da. „So,“ ſagte der Holzknecht,„wir ſind hier an Ort und Stelle. Ich bin weiter mit Euch gegangen, als mein Weg war, weil Ihr ſo krank ſeid und nicht fort kommen könnt; aber hier iſt es ſchon recht leicht, geht nur noch die Gaſſe hinein, und dann gerade fort, da werdet Ihr bereits die Häuſer kennen. Ich muß umkehren, weil ich nun beinahe zwei Stun⸗ den nach Hauſe habe, weil die Nacht kurz iſt, und ich um drei Uhr wieder aufbrechen muß.“ „Lieber, guter Mann,“ ſagte Tiburius,„ich kann Euch ja gar nicht belohnen, weil ich kein Geld habe; denn dasſelbe hat immer mein Die⸗ ner, der jetzt nicht hier iſt. Geht nur mit mir in meine Wohnung, daß ich Euch Eure Gutthat vergelte, oder nehmt hier meinen Stock und leihet mir den Euren, ich bleibe noch bis tief in den Herbſt hier, heiße Theodor Kneigt, und wenn Ihr oder ein Anderer den Stock bringet, um ihn gegen den Euren auszutauſchen, ſo werde ich meine Schuld mit Ge⸗ wiſſenhaftigkeit zahlen.“ „Denkt nur,“ ſagte der Holzknecht,„daß ich auch noch mein Ge⸗ räthe zu ſchärfen habe. Ich kann gar keine Zeit mehr verlieren. Den Stock aber nehme ich recht gerne an, und werde ihn ſchon einmal bringen; denn ich habe auch zwei Kinder, und wenn Ihr dieſen etwas geben wollet, ſo iſt es mir ſchon recht, und der Mutter wird es auch ſchon recht ſein.“ Nach dieſen Worten tauſchten ſie die Stöcke um, und nahmen Ab⸗ ſchied. Tiburius ging langſam, ſich auf das kurze Griesbeil des Holz⸗ knechtes ſtützend, an den Zäunen der kleinen Gärtchen der hier ſtehenden Häuſer hin, und hörte noch die jetzt viel ſchnelleren Tritte des Holzknech⸗ tes, der mit ſeinen Eiſenkeilen beladen, hölzerne Schuhe an den Füßen tragend, und ohne Stab— denn Tiburius' Rohr mit dem feinen Gold⸗ knopfe war nicht zu rechnen— ſeinen Rückweg nach der zwei Stunden entfernten Hütte einſchlug. In dem Gaſthauſe, in welchem Herr Tiburius wohnte, waren ſie alle erſtaunt, da ſie ihn in der Nacht zu Fuße mit einem Griesbeil an⸗ kommen ſahen. Der Wirth erkundigte ſich beſcheiden, die Andern ſagten — 143— es ſich einer dem andern, daß es auch noch wie ein Lauffeuer in die übri⸗ gen Häuſer des Ortes lief. Tiburius aber erzählte ſchnell dem Wirthe den Vorfall, ſtieg noch mit dem Griesbeil in ſeine Wohnung hinauf, ſetzte ſich dort in ſeinen bequemen großohrigen Rollſeſſel und verlangte zu eſſen. Man ſtellte ihm ein Tiſchlein vor den Rollſeſſel, deckte es und ſtellte verſchiedene Speiſen darauf. Als er zu eſſen angefangen hatte, fragte er, ob der Wagen zurück gekommen ſei. Man antwortete ihm mit Nein, und er erſah hieraus, daß ſein Kutſcher und ſein Diener noch auf dem Platze warten mögen. Daher bezeichnete er die Stelle und befahl, daß man ſogleich um ſie hinaus ſende. Nachdem er gegeſſen hatte, klei⸗ dete ihn ſein zweiter Diener, der zu Hauſe geblieben war, aus, und brachte ihn zu Bette. Als Herr Tiburius lag, gab er den Befehl, daß Niemand in das Schlafzimmerchen herein komme, wenn er nicht läute, und als ſich hierauf der Diener entfernt hatte, zog der Kranke die zwei Decken, mit denen er ſich zugehüllt hatte, bis an das Angeſicht empor; denn er wollte auf dieſe große Erregung einen Schweiß erzielen, weil dieſer vielleicht noch alles abwenden könne. Nach einer kurzen Zeit that Herr Tiburius die tiefen Athemzüge des Schlafes.—— Wir wiſſen nicht, was ſich in der Racht ereignete, und können nur erzählen, wie es am andern Tage geweſen ſei. Als Herr Tiburius erwachte, war es heller Tag. Die Sonne ſchien herein, und die rothen Chineſen, die auf der ſeidenen ſpaniſchen Wand waren, erſchienen beinahe flammenroth, weil die Sonne durch ſie hin⸗ durch ſchien; aber ſie waren trotz dem ſehr freundlich. Herr Tiburius ſah lange Zeit auf ſie hin, ehe er ſich regte. Die Wärme des Bettes war unendlich behaglich. Zuletzt mußte er ſich doch entſinnen, und unter⸗ ſuchen, was ihm weh thue. Der Kopf that ihm nicht weh, er wußte nicht, ob ein Schweiß gekommen ſei, weil er geſchlafen hatte, die Bruſt that auch nicht weh, der Magen war wohl, nur daß er ſehr großen Hun⸗ ger anzeigte, und die Arme waren nicht ſteif, und hatten auch kein Zie⸗ hen und Reißen. Er nahm die Uhr, die bei dem Bette lag und ſah dar⸗ auf. Es war zehn Uhr und die Molkenzeit lange vorüber. Gebadet hatte er ſonſt auch immer früher, aber er konnte es ja heute ſpäter thun. Nun regte er die Füße und ſtreckte ſich—— aber ſiehe, die thaten ihm fürchterlich wehe, vorzüglich der Oberfuß, allein es war nicht der Schmerz einer Krankheit, das erkannte er gleich, ſondern die Müdigkeit, die im — 144— Ausruhen ſogar etwas Süßes hatte. Er blieb wieder ruhig liegen. Er konnte ſich nicht erwehren, in der Häuslichkeit, die er ſo in dem Bette hatte, eine kleine Schadenfreude zu empfinden, daß er die Molken ver⸗ ſchlafen habe. Er ſchaute auf das Fenſter und ſein ſchönes Kreuz hin, in das das Glas gefaßt war, und er ſchaute auf die gemalten Schnörkel der Wände und auf die umliegenden Geräthe. Endlich läutete er doch. Es kam Mathias, der Diener herein, der geſtern mit geweſen war. Herr Tiburius ſtand nicht auf, ſondern fragte ihn, was ſie denn mit dem Wagen angefangen hätten, da er nicht ge⸗ kommen ſei. „Wir blieben ruhig ſtehen,“ ſagte der Diener,„wie es gewöhnlich der Fall war, wenn Euer Gnaden hin und her ſpazieren gingen. Wir ſahen Sie ſpäter nicht, machten uns aber nichts daraus. Als eine Stunde vergangen war, ſchauten wir öfter auf die Uhr, als dann noch eine Stunde verging, ſchauten wir noch öfter. Als ich ſpäter ſagte, ich würde nach gehen und herum ſehen, antwortete Robert, der Kutſcher, das ſei ein Fehler, weil Euer Gnaden immer ſagten, wir ſollen genau das thun, was befohlen wird, und nicht mehr und nicht minder, und weil Euer Gnaden ſcharf darauf ſehen, daß es ſo ſei. Was würde ent⸗ ſtehen, ſagte er, wenn der Herr von einer andern Seite käme, fort fah⸗ ren wollte, und du nicht da wäreſt. Dies ſah ich ein, und ließ das Suchen fahren. Als wir noch immer ſtanden und die Sonne ſchon un⸗ tergehen wollte, wurde uns bange. Jetzt meinte Robert ſelber, ich ſolle gehen und rufen. Ich lief in den Wald und ſchrie, aber es kam keine Antwort. Dann lief ich kreuz und quer und ſchrie immer, allein es kam keine Antwort. Als es ſchon ſtark Abend war, ging ich zu den Stein⸗ häuſern hinüber, die nicht weit von unſerm Platze jenſeits des Thales lagen, und holte Männer, welche in dem Walde ſuchen helfen ſollten. Sie gingen mit, wir zündeten Pechfackeln an, und ſuchten und ſchrieen, bis nach Mitternacht. Robert, zu dem ein Bote gekommen war, iſt früher nach Hauſe gefahren, wir aber find erſt um drei Uhr zurückgekom⸗ men, da die Leute bis zu den erſten Häuſern mit mir gegangen ſind, wo ich ſie bezahlte und zurück ſchickte.“ „Es iſt ſchon gut,“ ſagte Tiburius lächelnd,„Du kannſt wieder hinaus gehen.“ Der Diener ging. Herr Tiburius aber ſtand nicht auf, ſondern — 145— kehrte ſich um, lächelte in ſich hinein, und war recht vergnügt, daß er in dem großen Walde geweſen ſei und das Abenteuer beſtanden habe. Endlich, nachdem noch eine ganze Stunde vergangen war, wollte er aufſtehen. Er klingelte wieder, und der hereingerufene Diener half ihm aus dem Bette, und kleidete ihn an. Herr Tiburius ließ heute ſchon das Baden aus, es war bereits zu ſpät, und könnte nur Störungen verurſachen. Aber etwas anderes that er, was er kaum zu verantworten vermochte. Er konnte ſich nämlich nicht erwehren, er frühſtückte ſehr viel Fleiſch, und dann reute es ihn freilich. Aber es hatte keine üblen Folgen. Von nun an that Herr Tiburius wieder alles in der Ordnung, wie es ihm in dem Bade vorgeſchrieben war, nur daß die Müdigkeit der Füße, die er ſich in dem außerordentlichen Gange zugezogen hatte, ſchier acht Tage anhielt, und ihn ſelbſt zu gewöhnlichem Gehen beinahe un⸗ tauglich machte. Aber immer dachte er in der Zeit an den ſeltſamen Pfad, und war begierig zu erforſchen, wie es denn gekommen ſei, daß er ſich verirrt habe. Dieſen Gedanken zu Folge fuhr er eines Tages, da er ſich ſchon bedeutend erholt hatte, wieder an dieſelbe Stelle, wo der feſte ſonnige Haideboden war, und wo die ſchützenden Steinwände ſtanden. Er ſtieg aus dem Wagen, und ſagte zu ſeinen Leuten, den nämlichen, die er da⸗ mals mit hatte, ſie ſollten nur warten, er vergehe ſich heute nicht. Er ging über den erſten Platz, wie damals, und kam auf den zweiten, der ihm ſo gefallen hatte, und der ihm heute wieder gefiel. Er ging über ihn und hatte auf alle Gegenſtände wohl acht, die er ſah. Dann ging er ſogar in den Wald hinein. So wie er aber damals die Steinwand nicht hatte finden können, ſo konnte er ſie heute nicht verlieren. Er mochte ſich wenden, wohin er wollte, ſo ſah er ſie immer wieder ſtehen. Als er weiter auf dem Pfade fort ging und kleine Hölzlein, die er zu ſich geſteckt hatte, auf ihn ſtreute, um wieder zurück zu finden, erblickte er plötzlich auch die Urſache, welche ihn damals verlockt hatte. Zu ſeinem Wege nämlich, und zwar an einer Stelle, wo er über Steine ging und wenig bezeichnet war, geſellte ſich ſachte ein anderer, der viel deutlicher ausgetreten aus dem Walde ſeitwärts herauf ging. Sobald alſo Tibu⸗ rius damals zurück gehen wollte, gerieth er allemal in dieſen deutlicheren Stifter. 4. Aufl. III. 10 — 146— Zweig des Weges und durch ihn in den ferneren Wald, der ihn von ſei⸗ nem Wagen ablenkte. Es erſchien ihm unglaublich thöricht, wie er das nicht auf der Stelle erkennen und ſehen hatte können. Heute war alles gar ſo klar. Er wußte nicht, daß es allen, die Wälder beſuchen, ſo gehe. Jedes folgende Mal ſind ſie klarer und verſtändlicher, bis ſie dem Be⸗ ſucher endlich zu einer Schönheit und Freude werden. Auch das ſah er heute, daß er, als er ſich einmal entſchloſſen hatte, immer ohne Umkehr fort zu gehen, er gerade jener Richtung des Pfades eingeſchlagen hatte, welche von ſeinem Wagen weg führte, und daß er alſo zu dem Bade zurück einen großen Bogen durch das Gebirge gemacht habe. Er ging eine Strecke auf dem Waldwege hinein, und erinnerte ſich jetzt deutlich der Dinge, die er damals ſchon überall liegen und ſtehen geſehen hatte. Auf dem Rückwege waren ſie noch freundlicher und bekannter als früher. Da er zu der Gabel des Weges gekommen war, ging er über die Steine, gelangte zu der Wand, die er jetzt zur Rechten hatte, und von derſelben zu dem Wagen. Er ſtieg ein und fuhr nach Hauſe. Was Herr Tiburius dieſes eine Mal gethan hatte, das verſuchte er nun öfter. Ein ganz beſonders ſchöner Herbſt begünſtigte ihn ausneh⸗ mend; ſchier immer ſtand die Sonne wolkenlos an einem milden freund⸗ lichen Himmel. Tiburius ging ſtets weiter auf ſeinem Steige fort, er ſpürte keine Nachtheile von dieſen größeren Spaziergängen, ja es war ſogar, als nützten ſie ihm: denn er war, wenn er weit gegangen war, wenn er an der warmen Steinwand geſeſſen war, wenn er die Dinge um ſich herum und an der Fläche des Himmels betrachtet hatte, viel heiterer als ſonſt, er fühlte ſich wohl, hatte Hunger und aß. Endlich brachte er es ſo weit, daß er, wenn er nicht ganz ſpät am Vormittage hinaus fuhr, bis auf die Glockenwieſe, wo er den Berg mit den Schneefeldern und das heraus brodelnde Waſſer ſah, und von da wieder zurück zu dem Wagen gehen konnte. Er hatte dies dreimal in einer Woche gethan. Als Herr Tiburius die Geſchichtsmalerei in Oel aufgegeben hatte, war er auf etwas Kleineres verfallen, nämlich auf das Zeichnen, um ſich mit demſelben manche angenehme Stunde zu machen, er hatte ſich nach ſeiner Art gleich mehrere ſehr vorzügliche Zeichenbücher angeſchafft; aber er hatte während ſeiner Arzneiſtudien und da er ſo krank war, keinen Strich in dieſe Bücher gezeichnet. In das Bad hatte er auch die Geräthſchaften des Zeichnens mit gebracht, war aber ebenfalls bis jetzt nicht dazu ge⸗ — kommen, auf das weiße Papier den geringſten Gegenſtand zu entwerfen. Als er nun ſo oft ſeinen Waldſteig, auf dem er ſo viel gelitten hatte, aufſuchte, kamen ihm die Zeichenbücher und der Gedanke in den Sinn, daß er ſie hieher mit nehmen und verſchiedene Gegenſtände nach der Wirklichkeit verſuchen und endlich gar Theile des Steiges ſelber außzeich⸗ nen könnte. Weil er mit gar Niemanden im Bade zuſammen kam, ſo konnte er ſeinen Gedanken um ſo leichter ausführen, da er durch keine Geſellſchaften und Verbindungen gehindert war. Er fuhr alſo mit einem Buche hinaus, und ſaß an der ſonnigen Wand und zeichnete. Dies that er öfter, die Gegenſtände, die er nachbildete, gefielen ihm, und end⸗ lich fuhr er unaufhörlich hinaus. Er ging nach und nach von den Stei⸗ nen und Stämmen, die er anfänglich machte, auf ganze Abtheilungen über, rückte endlich weiter in den Wald hinein und verſuchte die Hell⸗ dunkel. Beſonders gefiel es ihm, wenn die Sonne feurig auf den ſchwar⸗ zen Pfad ſchien und ihn durch ihr Licht in ein Fahlgrau verwandelte, auf dem die Streifſchatten der Bäume wie ſcharfe ſchwarze Bänder lagen. So bekam er ſchier alle Theile des dunkeln Pfades in ſein Zeichenbuch. Aber er zeichnete nicht blos immer, ſondern ging auch herum, und ein⸗ mal machte er den ganzen Weg wieder durch, den er zum erſten Male bei ſeiner Verirrung gemacht hatte. Als Herr Tiburius ſchon lange kein Rarr mehr war, wenigſtens kein ſo großer als früher, glaubten doch noch alle Leute, daß er einer ſei, indem nämlich einmal durch ſeinen Arzt ſein Zeichenbuch zur Anſicht kam, und man darin die Seltſamkeit entdeckte, daß er ganz und gar lau⸗ ter Helldunkel zeichne. Freilich muß ich hier auch bekennen, daß es im gelindeſten Falle doch immer ſonderbar war, daß er durchaus nirgends anders hin, als zu ſeinem Waldſteige hinaus fuhr. Bis hieher hatte Tiburius nie ein menſchliches Weſen auf ſeinem Wege geſehen, aber endlich ſah er auch ein ſolches und dasſelbe ward entſcheidend für ſein ganzes Leben. Es lag ein ſchöner langer Stein an dem Pfade, er lag ſchier auf der Hälfte des Weges zwiſchen der Wand und der Glockenwieſe. Auf dieſem Steine war Tiburius oft geſeſſen, weil er an einem ſehr ſchönen trockenen Platze lag, und weil man von ihm recht viele ſchlanke Stämme, herein blickende Lichter und abwechſelnde Folgen von ſanftem Dunkel ſah. Als er eines Nachmittags gegen den Stein ging, um ſich darauf 10* — 148— zu ſetzen und zu zeichnen, ſaß ſchon Jemand darauf. Tiburius hielt es von ferne für ein altes Weib, wie ſie immer auf Zeichnungsvorlagen in Wäldern herum ſitzen, namentlich, weil er etwas Weißes auf dem Pfade liegen ſah, das er für einen Bündel anſah. Er ging gemach zu dem Dinge hinzu. Als er ſchon beinahe dicht davor ſtand, erkannte er ſeinen Irrthum. Es war kein altes Weib, ſondern ein junges Mädchen, ihrer Kleidung nach zu urtheilen, ein Bauermädchen der Gegend. Das grüne Dach des Waldes, getragen von den unendlich vielen Säulen der Stämme, wölbte ſich über ſie und goß ſeine Dämmerung und ſeine kleinen Streif⸗ lichter auf ihre Geſtalt herab. Sie hatte ein weißes Tuch um ihr Haupt, ein leichtes Dächelchen über der Stirne bildend, faſt wie bei einer Ita⸗ lienerin. Sie hatte ein hochrothes Halstuch um, auf dem Lichterchen, wie Flämmchen, waren. Das Mieder war ſchwarz, und den Schoß umſchloß ein kurzes faltenreiches blauwollenes Röckchen, daraus die weißen Strümpfe und die groben mit Nägeln beſchlagenen Bundſchuhe hervor ſahen. Was Tiburius für einen Bündel angeſehen hatte, war ebenfalls ein weißes Tuch, das um ein flaches Körbchen geſchlungen war, um es damit tragen zu können. Aber das Tuch konnte das Körb⸗ chen nicht überall verdecken, ſondern dasſelbe ſah an manchen Stellen ſammt ſeinem Inhalte heraus. Dieſer Inhalt beſtand in Erdbeeren. Es war jene Gattung kleiner würziger Walderdbeeren, die in dem Ge⸗ birge den ganzen Sommer hindurch zu haben find, wenn man ſie nur an gehörigen Stellen zu ſuchen verſteht. Als Herr Tiburius die Erdbeeren geſehen hatte, erwachte in ihm ein Verlangen, einige davon zu haben, wozu ihn namentlich der Hunger, den er ſich immer auf ſeinen Waldſpaziergängen zuzog, antreiben mochte. Er erkannte aus der Ausrüſtung, daß das Mädchen eine Erdbeerverkäu⸗ ferin ſei, wie ſie gerne in das Bad kamen, und theils an den Ecken und Thüren der Häuſer, theils in den Wohnungen ſelber ihre Waare zum Verkaufe ausbieten. Im Angeſichte hatte er das Mädchen gar nicht an⸗ geſchaut. Er ſtand eine Weile in ſeinem grauen Rocke vor ihr, dann ſagte er endlich:„Wenn Du dieſe Erdbeeren ohnehin zu Markte bringſt, ſo thäteſt Du mir einen Gefallen, wenn Du mir auch gleich hier einen ganz kleinen Theil derſelben verkaufteſt, ich werde ſie Dir gut zahlen, das heißt, wenn Du auf den Verkauf hinauf noch einen kleinen Weg mit mir zur Straße hinaus gehſt, weil ich hier kein Geld habe.“ — 149— Das Mädchen ſchlug bei dieſer Anrede die Augen gegen ihn auf, und ſah ihn klar und unerſchrocken an. „Ich kann Euch keine Erdbeeren verkaufen,“ ſagte ſie,„aber wenn Ihr nur einen ganz kleinen Theil derſelben wollt, wie Ihr ſprecht, ſo kann ich Euch denſelben ſchenken.“ „Zu ſchenken darf ich ſie nicht annehmen,“ antwortete Tiburius. „Sagt einmal, hättet Ihr ſie recht gerne?“ fragte das Mädchen. „Ja, ich hätte ſie recht gerne,“ erwiederte Tiburius. „Nun ſo wartet nur ein wenig,“ ſagte das Mädchen. Nach dieſen Worten neſtelte ſie, vorwärts gebückt, den großen Kno⸗ ten des Tuches über dem Körbchen auf, hüllte die Zipfel zurück, und zeigte auf dem flachen Geflechte eine Fülle geleſener Erdbeeren, die mit größter Sorgfalt und Unſicht geſucht worden ſein mußten; denn ſie waren alle ſehr roth, ſehr reif, und ſchier alle gleich groß. Dann ſtand ſie auf, nahm einen flachen Stein, den ſie ſuchte, gebrauchte ihn als Schüſſelchen, legte mehrere große grüne Blätter, die ſie pflückte, darauf, und füllte auf dieſelben ein Häufchen Erdbeeren, ſo groß, als es darauf gehen mochte. „Da!“ „Ich kann ſie aber nicht nehmen, wenn Du ſie blos ſchenkſt,“ ſagte Tiburius. „Da Ihr geſagt habt, daß Iyr ſie recht gerne hättet, ſo müſſet Ihr ſie ja nehmen,“ antwortete ſie,„ich gebe ſie Euch auch mit ſehr gutem Willen.“ „Wenn Du ſie mit ſehr gutem Willen gibſt, dann nehme ich ſie wohl an,“ ſagte Tiburius, indem er den flachen Stein mit Vorſicht aus ihrer Hand in die ſeinige nahm. Er aß aber in dem erſten Augenblicke nicht davon. Sie beugte ſich wieder nieder und richtete das Körbchen mit dem weißen Tuche in den vorigen Stand. Als ſie ſich empor gerichtet hatte, ſagte ſie:„So ſetzt Euch auf dieſen Stein nieder, und eßt Eure Erd⸗ beeren.“ „Der Stein iſt ja Dein Sitz, da Du ihn zuerſt eingenommen haſt,“ antwortete Tiburius. „Nein, Ihr müßt Euch darauf ſetzen, weil Ihr eſſet, ich werde vor Euch ſtehen bleiben,“ ſagte das Mädchen. Tiburius ſetzte ſich alſo, um ihren Willen zu thun, nieder und hielt das Steinſchüſſelchen mit den Erdbeeren vor ſich. Er nahm mit ſeinen Fingern, zuerſt eine und aß ſie, dann die zweite, dann die dritte, und ſo weiter. Das Mädchen ſtand vor ihm und ſah ihm lächelnd zu. Als er nur mehr wenige hatte, ſagte ſie:„Nun, ſind ſie nicht gut?“ „Ja, ſie ſind vortrefflich,“ antwortete er,„Du haſt die beſten und gleichbedeutendſten zuſammen geſucht. Aber ſage mir, warum verkauſſt Du denn keine Erdbeeren?“ „Weil ich durchaus keine verkaufe,“ erwiederte ſie,„ich ſuche ſehr ſchöne und gute, und der Vater und ich eſſen ſie dann. Das iſt ſo: der Vater iſt alt und wurde im vorigen Frühlinge krank. Der Badedoctor ſchaute ihn an, und gab ihm dann einige Dinge. Er muß ein närriſcher Mann ſein, denn nach einer Zeit ſagte er, der Vater ſolle nur viele Erd⸗ beeren eſſen, er werde ſchon geſund werden. Was ſollen denn Erdbeeren helfen, dachte ich, ſie ſind ja nur ein Nahrungsmittel, keine Arznei. Weil man es aber doch nicht wiſſen konnte, ging ich in den Wald und ſuchte Erdbeeren. Der Vater aß ſie gerne und ich nahm immer einen Theil mehr aus dem Walde mit, daß auch einige für mich blieben; denn ich liebe ſie auch. Der Vater iſt ſchon lange geſund, ich weiß nicht, ha⸗ ben es die Erdbeeren gethan, oder wäre er es auch ohne ihnen geworden. Weil ſie aber ſo gut find, ſo gehe ich noch immer, und ſuche uns einige.“ „In dem Bade ſind ſchon lange keine mehr zu haben, weil bereits Herbſt iſt,“ ſagte Tiburius. „Wenn Ihr viele Erdbeeren wollt,“ erwiederte das Mädchen—— „wie heißt Ihr denn, Herr?“ „Theodor heiße ich,“ antwortete Tiburius. „Wenn Ihr in dieſer Jahreszeit viele Erdbeeren wollt, Herr Theo⸗ dor, fuhr das Mädchen fort,„ſo müßt Ihr in die Urſelſchläge hinüber gehen; denn da werden ſie erſt im Spätſommer reif. Jetzt ſind ſie noch ſchön genug. Geht einmal hin und pflückt Euch einige. In andern Zei⸗ ten ſind ſie wieder an andern Plätzen gut.“ Tiburius war unterdeſſen mit allen ſeinen Erdbeeren fertig gewor⸗ den, und er legte das Schüſſelchen mit den grünen Blättern neben ſich auf den Stein. „Ich habe an dieſem Platze nur ein wenig geraſtet, und gehe jetzt fort,“ ſagte das Mädchen. — 151— „Ich gehe mit,“ ſagte Tiburius. „Wenn Ihr wollt, ſo geht,“ antwortete das Mädchen. Sie beugte ſich auf das weiße Linnen, das das Körbchen umhüllte und zu ihren Füßen auf dem Wege ſtand, nieder, faßte die vier Zipfel geſchickt in ihre Hand, hob ſie auf, und ging, das Körbchen an ihrer Seite tragend, fort. Tiburius hob ſich von ſeinem Sitze, ſtreifte die auf den Stein gefallenen Waldnadeln von ſeinem grauen Rocke, und ging mit. Sie führte ihn auf dem Wege, der zu der Steinwand und zu ſeinem Wagen ging, hinaus. Als ſie aber zu der Gabel kamen, die Herrn Ti⸗ burius zum erſten Male verführt hatte, bog ſie in den wohlbetretenen Pfad ein, und ließ den zu ihrer Rechten liegen, der zu der Wand und zu Tiburius Pferden hinaus führte. Er ging neben ihr her, der Pfad lenkte in ſchönen dicht beſtandenen Wald ein und ging in ihm ſort. Das Mädchen ſchritt, von den tanzenden Lichtern des Waldes bald beſprengt bald ge⸗ mieden, in einem mäßigen Tritte fort, daß Tiburius ohne Beſchwerde neben ihr gehen konnte. Als ſie eine Strecke zurück gelegt hatten, glaubte Tiburius den großen Stein zu erkennen, zu dem er damals gerannt war, und auf dem er ſtand, da er nach ſeinem Wagen und nach ſeinen Leuten gerufen hatte. „Ich muß Euch doch um etwas fragen, das ich nicht verſtehe,“ ſagte das Mädchen, da ſie ſo mit einander gingen. „So frage,“ antwortete Tiburius. „Ihr habt geſagt, daß Ihr mir die Erdbeeren abkaufen wolltet, daß Ihr kein Geld an jener Stelle hättet, wenn ich aber bis auf die Straße hinausginge, wolltet Ihr mir ſie dort gut bezahlen. Wie iſt nun das zu verſtehen? Liegt Euer Geld auf der Straße?“ „Nein, das iſt nur ſo,“ antwortete Tiburius,—„aber ſage mir auch, wie heißeſt denn Du?“ „Maria heiße ich,“ erwiederte das Mädchen. „Alſo ſiehſt Du, Maria, das iſt ſo: ich gehe nur öfter ganz allein in den Wald herein, um da ſpazieren zu gehen, mein Diener wartet auf der Straße. Da nun er alles einkauft, was wir bedürfen, und da er auch das bezahlt, was ich kaufe, ſo trage ich nie ein Geld mit mir, ſon⸗ dern er hat mein Geld und verrechnet es mir zu geſetzten Zeiten.“ „Das iſt ja ſehr unangenehm und ein großer Umweg,“ verſetzte das Mädchen,„ſein Geld muß man ja ſelbſt bei ſich haben, und ſelbſt kaufen und zahlen; dann braucht man keinen Andern und keine Rechnung.“ „Das iſt wohl wahr,“ ſagte Tiburius,„und Du haſt Recht, aber es iſt auch ſchon ſo Sitte geworden.“ „Eine Sitte, die närriſch iſt,“ antwortete das Mädchen,„würde ich gar nicht mehr befolgen.“ So gingen ſie unter verſchiedenen Fragen und Antworten fort. Sie gingen eine geraume Weile in dem Walde. Endlich lichtete er ſich, die Bäume ſtanden dünner, Wieſen zeigten ſich hie und da, und der Pfad lief durch dieſelben hin, dem tiefern Gebirge zu. An einer ſchönen Stelle, wo Laubbäume ſtanden, und mehrere ſonnenbeglänzte Steine lagen, bog Maria von dem Pfade ab, und auf ein dünnes feines Weglein, das über eine Matte hinauf ging, zeigend, ſagte ſie:„Hier geht man zu unſerem Hauſe hinauf, wenn Ihr mitkommen wollt, ſeid Ihr eingeladen.“ „Ich gehe ſchon mit,“ antwortete Tiburius. Sie ſchritt alſo voran, und er folgte. Da ſie in Windungen, weil die Matte bedeutend ſteil war, nicht gar ſo weit gegangen waren, zeigte ſich das Haus. Es ſtand in einer breiten bequemen Mulde des Abhan⸗ ges, der in einem Halbkreiſe etwas weiter von dem Hauſe eine Stein⸗ wand bildete, die das Haus von allen Seiten, außer der des Mittags, wohin die Fenſter gingen, ſchützte. Darum war es auch möglich, daß viele Obſtbäume um das Haus ſtanden und ihre Früchte zeitigen konn⸗ ten, während doch in der ganzen Gegend, und insbeſonders in der Höhe dieſer Matte keine günſtigen Bedingungen für Obſt ſind. Tiefer gegen die Wand hin ſtanden auch Bienenſtöcke. Der Größe nach gehörte das Haus eher zu den kleineren der Art, wie ſie gerne in jenem Theile der Gebirge liegen. Maria ging voran über die Schwelle der offen ſtehenden Hausthür, Tiburius ging hinter ihr. Sie führte ihn an der Küche, in welcher eine Magd ſcheuerte, vorüber in die Wohnſtube, die von dem durch die Fenſter herein fallenden Sonnenlichte hell erleuchtet war. An dem weißen buchenen Tiſche der Stube ſaß der Vater Maria's, der ein⸗ zige Bewohner der Stube und des Hauſes, da die Mutter des Mädchens ſchon lange geſtorben war. Sie ſtellte das Erdbeerkörbchen vorerſt in einen Winkel der Bank und rückte für Tiburius einen Stuhl zu dem Tiſche und lud ihn zum Sitzen ein, indem ſie dem Vater erzählte, daß ſie den Herrn da im Schwarzholze gefunden habe, und daß er mit ihr herauf gegangen ſei. Hierauf breitete ſie ein weißes Tüchlein auf den Tiſch, ſtellte drei Tellerchen, für den Vater, für Tiburius und ſich darauf, und brachte dann die Erdbeeren, in eine bemalte hölzerne Schüſſel geleert, herbei. Die Magd ſtellte auch Milch hin, mit welcher der Vater von den für ihn gebrachten Früchten aß. Tiburius nahm nur äußerſt wenig, und Maria ſagte, daß ſie ſich ihren Antheil für Abends aufhebe. Nachdem Tiburius eine Weile mit dem Manne, der noch gar nicht alt war, ſondern an der Schwelle des Greiſenalters ſtand, über verſchie⸗ denes geredet hatte, erhob er ſich von ſeinem Stuhle, um fort zu gehen. Maria ſagte, ſie wolle ihn bis an die Straße geleiten, auf welcher er dann nur fort zu gehen brauche, um zu ſeinem Diener zu gelangen. Das Mädchen führte ihn nun auf einem andern eben ſo feinen Wege über die Matte hinab. Sie bogen gleich unterhalb des Hauſes um die Steinwand der Mulde und gingen an deren ſanfter Außenſeite ſchräge hinab, gerade der Richtung entgegengeſetzt, in der ſie gekommen waren. Nach einer kleinen Zeit kamen ſie in die Tiefe das Thales, und in demſelben eine Weile unter Gebüſchen und Bäumen fortgehend, ge⸗ langten ſie auf die Straße. „Wenn Ihr nun in dieſer Richtung hin fort geht,“ ſagte ſie,„ſo müßt Ihr an die Stelle kommen, wo Euer Diener ſteht, wenn Ihr näm⸗ lich auf dem kleinen Pfade an der Andreaswand in das Schwarzholz hinein gegangen ſeid, und ihn dort an der Straße ſtehen gelaſſen habt.“ „Ja, ich bin dort hinein gegangen,“ antwortete Tiburius. „So lebt nun wohl, ich gehe nach Hauſe zurück. Weil Ihr viel⸗ leicht gar nicht einmal in die Urſelſchläge hinüber finden würdet, ſo will ich Euch dieſelben zeigen, wenn Ihr übermorgen um zwölf Uhr⸗Läuten auf dem Steine auf mich warten wollt, wo Ihr mich heute angetroffen habt. Ihr könnt Euch dann genug Erdbeeren pflücken; denn ich werde Euch auch die Plätze zeigen, wo ſie jetzt gerade am meiſten ſind.“ „Ich danke Dir recht ſchön, Maria,“ antwortete Tiburius,„daß Du mich beſchenkt und nun hieher geführt haſt, ich werde gewiß kommen.“ „Nun ſo kommt,“ erwiederte das Mädchen, indem es ſich um⸗ wandte, und ſchon unter den Gebüſchen wieder davon ging. Tiburius ſchritt auf der Straße in der bezeichneten Richtung fort. Er ging ziemlich lange, bis er endlich ſeinen Wagen und ſeine Leute ſtehen ſah. Dieſe gaben, als er bei ihnen war, ihre Verwunderung zu erkennen, daß ſie ihn heute nicht auf ſeinem Fußpfade, ſondern auf der Straße daher kommen ſahen. Er aber ſagte keine Urſache, ſondern ſaß in den Wagen, und fuhr in das Bad zurück. Auch in dem Badeorte ſagte er keinem Menſchen etwas von dem Begegniſſe und daß er in dem Gebirgshauſe auf der Mulde geweſen ſei. Aber am zweiten Tage darauf fuhr er ſchon Vormittags zu ſeiner gewöhnlichen Stelle hinaus. Er ſtieg aus, ließ den Wagen ſtehen, und ſchlug den Pfad gegen ſeine bekannte Steinwand ein. Er ging an ihr vorüber, er ging gegen die Buchen, ſchritt auf den Waldſteig, und ging auf ihm fort, bis er zu dem vertragsmäßigen Steine gelangte. Auf den⸗ ſelben ſetzte er ſich nieder und blieb ſitzen. Man konnte wohl in dieſe Entfernung und Wildniß keine Mittagsglocke hören, aber die Zeit, in welcher ſie alle auf den Thürmen und Thürmlein des Landes tönen müſ⸗ ſen, kannte Tiburius ſehr wohl; denn er hatte die Uhr in der Hand;— und als dieſe Zeit gekommen war, ſah er auch ſchon Maria in der Waldesdämmerung genau ſo wie geſtern gekleidet auf ſich zu gehen. „Aber wie weiß Du denn, daß es jetzt gerade Mittag iſt, da man nicht läuten hört, und da ich keine Uhr bei Dir ſehe?“ ſagte Tiburius, als das Mädchen bei ihm angekommen war und ſtehen blieb. „Habt Ihr vorgeſtern nicht die Uhr mit den langen Schnüren in unſerer Stube hängen geſehen?“ antwortete ſie,„dieſe geht ſehr gut, und wenn ſie auf eilf zeigt, gehen wir zum Mittagseſſen, dann richte ich mich zum Erdbeerſammeln zuſammen, und wenn ich auf den Zeiger ſchaue, ehe ich fort gehe, weiß ich genau, wann ich hier eintreffen werde.“ „Heute biſt Du ganz zu der verſprochenen Zeit gekommen,“ ſagte er. „Ihr auch,“ antwortete ſie,„das iſt gut; nun aber kommt, ich werde Euch führen.“ Tiburius ſtand von dem Steine anf. Er hatte wieder ſeinen grauen Rock an, und ſo gingen ſie, das Mädchen in der oben beſchriebenen Klei⸗ dung, er in ſeinem grauen Rocke, durch den Wald dahin. Sie hatte wie⸗ der das flache Körbchen mit dem weißen Tuch darum, aber da es leer war, hing es loſe an ihrem Arme. Sie führte Herrn Tiburius eine gute Strecke auf dem Waldpfade fort, den er kannte, der ihm einmal ſo Angſt eingejagt hatte, und der jetzt ſo ſchön war. Als ſie in das hohe Tannicht gekommen waren, wo die Pflöcke über den Weg liegen, beugte Maria von dem Pfade ab und ging in das Geſtein und in die Farrenkräuter hinein. Tiburius hinter ihr her. Sie führte ihn ohne Weg, aber ſie führte ihn ſo, daß ſie auf trockenen Steinen gingen und das Naß, welches in dem Mooſe und auf dem Pfade war, vermieden. Später kamen ſie auf trockenen Grund. Zuweilen war es, wie ein ſchwach erkennbarer Weg, worauf ſie gingen, zuweilen war es nur das rauſchende Geſtrippe, die Steine und das Gerölle eines dünn beſtandenen Waldes, durch den ſie gingen. Nach mehr als einer Stunde Wandelns kamen ſie auf einen Abhang, der weithin von Wald entblößt war und durch die unzähligen noch deutlichen Stöcke zeigte, daß die Bäume erſt vor wenig Jahren um⸗ geſchnitten worden waren. Der Abhang blickte gegen Mittag, war von warmer Herbſtſonne beſchienen und von Bergen und Felſen ſo umſtan⸗ den, daß keine rauhe Luft herein wehen konnte. Es wuchs allerlei Ge⸗ büſche und Geblüme auf ihm, und man konnte vielfach das Kraut der Erdbeeren um die Stöcke geſchart erblicken. „Wir wollen nun hier in dem Urſelſchlage hinab ſammeln,“ ſagte Maria, indem ſie über dieſes ſeltſame Baumſchlachtfeld hin wies,„und wir werden nach einer Weile ſehen, wer mehr hat.“ Nach dieſen Worten ging ſie ſchnell von der Seite Tiburius in den Holzſchlag und in das ſonnige Geſtrippe hinein, und in einiger Zeit konnte er ſchon ſehen, wie ſie ſich hier und dort bücke, und etwas aufleſe. Das Körbchen mußte ſie irgendwo hingeſtellt haben; denn er ſah nicht mehr, daß ſie es noch am Arme habe. Er wollte nun alſo auch Erdbeeren pflücken, allein er ſah keine. Wo er ſtand, war alles grün oder braun oder anders— nur keinen einzigen rothen Punkt konnte er erblicken, der eine Erdbeere angedeutet hätte. Er ging alſo weiter in den Schlag hinein. Jedoch hier ſah er wieder nur das grüne Erdbeerkraut, allerlei braune und gelbliche Blätter, herab⸗ gefallene Baumrinde, und ähnliches: aber keine Erdbeere. Er nahm ſich alſo vor, noch weiter zu gehen und noch genauer zu ſchauen. Es muß ihm auch gelungen ſein; denn nach einer Weile hätte man ſchon ſehen können, wie er ſich bückte, und wieder bückte. Es war ein ſeltſamer An⸗ blick, die zwei Weſen in dem gemiſchten Geſtrippe des Holzſchlages zu ſehen. Das flinke geſchickte Mädchen, welches ſich gelenk zwiſchen den — 156— Zweigen bewegte, und den Mann in ſeinem grauen Rocke, dem man es gleich anſah, daß er aus der Stadt hieher in den Wald gekommen ſei. Nach einiger Zeit ſah Maria ihren Begleiter ſtehen, wie er einige Erdbeeren, die er gepflückt hatte, auf der flachen Hand hielt. Sie ging in Folge dieſer Beobachtung zu ihm hin und ſagte:„Seht, da habt Ihr Euch kein Körbchen oder anderes Gefäß zum Sammeln der Beeren mit genommen— wartet ich will Euch helfen.“ Nach dieſen Worten zog ſie ein Meſſer aus der Taſche ihres Röck⸗ chens, ging ein kleines Hügelchen, auf dem eine junge weißſtämmige Birke ſtand, empor, und löſete von dem Stamme mit geſchickten Schnitten ein Viereck aus der Rinde, das ſo weiß, ſo kräftig und ſo zart war, wie ein Pergament. Mit dem Vierecke ging ſie wieder zu Tiburius, ſchnitt aus dem Gebüſche, das neben ihm war, einige ſchlanke Zweige ab, putzte ſie glatt aus, that in die zarte Rinde einige Schnitte, und machte ſo aus dem Vierecke und aus den Zweigen eine niedliche Taſche, welche nicht nur recht ſchön die Erdbeeren aufzunehmen fähig war, ſondern auch noch den Vortheil hatte, daß ſie auf den durchzogenen Zweigen wie auf Füßen ſtand. „So,“ ſagte Maria,„da habt Ihr jetzt ein Körbchen, pflückt fleißig hinein, ich werde indeſſen auch in dem meinigen ungeſäumt nachfüllen, und wenn Ihr fertig ſeid und etwa ein zweites braucht, ſo dürft Ihr nur rufen.“ Sie ging von ihm weg wieder auf ihren Platz, und förderte ihr Werk— Tiburius auch. Als ſie ſo viel hatte, wie ſie gewöhnlich zu ſammeln pflegte, ging ſie zu Tiburius, und ſah, daß er ſein winzig kleines Körbchen auch bei⸗ nahe voll hatte. Sie wandte ſich nach einigen Seiten, um zu ſuchen, damit er doch auch ſein Gefäß voll habe. Dann brachte ſie ihm die ge⸗ fundenen auf grünen Blättern, und füllte ſie ihm in ſein Rinden⸗ täſchchen. „So,“ ſagte ſie,„nun haben wir beide unſere Geſchirre voll und jetzt gehen wir.“ Sie gingen nun wieder in derſelben faſt lächerlichen Art zurück, wie ſie hereingekommen waren; nämlich durch Geſtripp, Farrenkräuter und Steine, ohne Weg, das Mädchen voran und Tiburius in dem grauen Rocke hinter ihr. Sie führte ihn mit derſelben Sicherheit wieder auf ſei⸗ — 157— nen Waldſteig zurück, mit der ſie ihn zu den Urſelſchlägen hinab geführt hatte. Als ſie zu der Stelle kamen, wo die Wege ſich trennten, ſagte ſie:„Ihr könnt jetzt da zu der Andreaswand hinaus gehen, da habt Ihr näher in das Bad, ich gehe wieder links durch den Wald nach Hauſe. Laſſet Euch Eure Erdbeeren wohl ſchmecken. Ihr könnt auch Zucker dazu nehmen, ſogar auch Wein. Wenn Ihr wieder kommt, nehmt ein Meſſer mit und macht Euch ein viel größeres Körbchen als das heutige iſt. Wollt Ihr mit mir ſammeln gehen, ſo kommt nur wieder übermorgen; ich gehe jeden zweiten Tag, ſo lange das jetzige ſchöne Wetter dauert; wenn es einmal regnet, ſo ſind in dieſer Jahreszeit alle Erdbeeren verdorben, und ich gehe nicht mehr hinaus. Jetzt lebt recht wohl.“ „Lebe wohl, Maria,“ antwortete Tiburius. Sie ging, ihr Körbchen mit dem weißen Tuche im Waldesdämmer gerade ſo tragend wie neulich, auf ihrem Wege links, Tiburius ging rechts, und fuhr dann, ſein Erdbeerkörbchen im Wagen vor ſich her hal⸗ tend, in den Badevrt zurück. Da ſie ihn ſo ankommen ſahen, und da die Geſchichte, wie er mit einer Birkenrindentaſche Erdbeeren ſammeln gegangen, und dann ſo zurück gefahren ſei, ſich auch in die nächſten Häuſer verbreitet hatte, gab es wieder viel luſtiges Gelächter: Tiburius aber wußte nichts davon, er ließ ſich gegen Abend von ſeinem Diener ſehr ſchöne Teller geben, und aß die geſammelten Erdbeeren. Er nahm keinen Wein dazu. Von nun an war er noch zwei Male mit ihr. Das erſte Mal machte er ſich wirklich mit ſeinem Meſſer, das er mit nahm, eine ziemlich große Taſche aus Birkenrinde, die er zur Hälfte mit Erdbeeren voll las: das zweite Mal hielt er doch dieſe Beſchäftigung für zu kindiſch, und ſaß, während Maria ihre Erdbeeren pflückte, mit einem Buche auf einem Stocke und las. Er ging dieſes letzte Mal auch wieder mit ihr zu ihrem Vater, und ſaß in ſeinem ewigen grauen Rocke, denn er lieb gewonnen hatte, geraume Zeit mit dem Manne auf der Bank vor dem Hauſe und redete mit ihm; denn der Tag war ſehr ſchön, und die Herbſtſonne legte ihre Strahlen ſo warm auf die Mittagſeite des Hauſes, daß ſogar die Fliegen um die zwei Männer ſcherzten und luſtig waren, als wäre es mitten im Sommer. Dann ging er allein, weil er jetzt den feinen Pfad über den Hügel hinab ſchon wußte, auf die Straße und zu ſeinen Pferden. — 158— Dieſer freundliche warme Tag war wirklich der letzte ſchöne gewe⸗ ſen, wie es im Gebirge ſehr oft, man könnte faſt ſagen, immer vor⸗ kömmt, daß, wenn im Spätherbſte eine gar laue und warme Zeit iſt, ſie gewöhnlich als Vorbote erſcheint, daß nun die Stürme und die Regen eintreten werden. Von der ſchönen duftigen Wand, die Tiburius immer von ſeinem Fenſter aus geſehen hatte, und von der er ſich anfangs gleich nach ſeiner Ankunft gewundert hatte, daß die Steine gar ſo hoch oben auf ihr hervorſtehen, kam jetzt nicht mehr der ſchöne blaue Duft zu ihm herüber, ſondern ſie war gar nicht mehr ſichtbar, und nur graue wüh⸗ lende Rebel drehten ſich unaufhörlich von jener Gegend her, als würden ſie aus einem unermeßlichen Sacke ausgeleert, der aber nie leer werden wolle; aus den Rebeln fuhr ein unabläßiger Wind gegen die Häuſer des Badeortes, und der Wind brachte einen feinen prikelnden Regen, der entſetzlich kalt war. Tiburius wartete einen Tag, er wartete zwei, er wartete mehrere— allein da der Badearzt ſelber ſagte, daß jetzt wenig Hoffnung vorhanden ſei, daß noch milde und der Heilung zuträgliche Tage kämen, ja daß dieſe Zeit eher den Fremden ſchädlich als nützlich werden könne: ließ er ſeinen Reiſewagen packen, und fuhr nach Hauſe. Ein paar Tage vorher, da er gerade im Aufräumen begriffen war, war der Holzknecht bei ihm geweſen, der ihm damals in der Nacht den Weg von dem Schwarzholze nach Hauſe gezeigt hatte, und hatte ihm den an⸗ vertrauten Stock gebracht. Er ſagte, daß er eher gekommen wäre, wenn er gewußt hätte, daß der Knopf von Gold ſei, er habe es erſt geſtern erfahren. Tiburius antwortete, das mache nichts, und er wolle ihm für ſeinen Dienſt mehr geben, als der Knopf ſammt dem Stocke werth wäre. Er hatte ihm die Belohnung eingehändigt, und der Knecht war unter ſehr vielen Dankſagungen fort gegangen. In der Gegend, in welcher Tiburius Landhaus ſtand, waren noch recht ſchöne, wenn auch meiſtens ſanft umwölkte Tage. Herr Tiburius fuhr zu dem kleinen Doctor hinaus, der in ſeinem Garten die klappern⸗ den Vorrichtungen hatte, und ſeine Pflanzenanlagen immer erweiterte. Der Doctor empfing Herrn Tiburius wie gewöhnlich, er redete mit ihm, und ſagte ihm aber nichts, ob er ihn beſſer oder übler ausſehen finde. Herr Tiburius erzählte ihm, daß er in dem Bade geweſen ſei, und daß es ihm bedeutend gut gethan habe. Von dem Leben und Treiben des Bades, und was ſich ſonſt in demſelben ereignet haben könnte, erzählte er ihm 159— nichts. Er ſtand an den Pflanzenbehältniſſen und der Doctor wirthſchaf⸗ tete trotz der vorgerückten Jahreszeit noch immer ohne Rock herum. Ehe der Schnee kam, war Tiburius noch wiederholt bei dem Doctor ge⸗ weſen. Im Winter nahm er einmal hohe Stiefel und einen warmen rauhen Rock und verſuchte im Schnee ſpazieren zu gehen. Es gelang, und er that es dann noch mehrere Male. Als aber die Sonne ihre Strahlen im Frühlinge wieder warm und freundlich herab fallen ließ, und als ſich Tiburius aus ſeinen Büchern, welche von dem Bade handelten, überzeugt hatte, daß jetzt dort auch ſchon die wärmere Jahreszeit angebrochen ſei, rüſtete er wieder ſeinen Reiſewagen und fuhr nach dem Bade ab. Da er zu den Leuten gehörte, welche immer gerne bei dem Alten und einmal Gewohnten bleiben, hatte er ſchon in dem vorigen Herbſte, ehe er nach Hauſe fuhr, die bisher be⸗ ſeſſene kleine Wohnung für den ganzen künftigen Sommer von ſeinem alten Wirthe gemiethet. Als er dort angekommen war, als man alles ausgepackt hatte, als die ſeidenen Chineſen vor ſeinem wohlgeordneten Bette prangten, ging er daran, ſich für den heurigen Sommer einzurichten. Er legte ſich die ſchönen Zeichenbücher, die er für dieſes Mal mitgebracht hatte, auf das Tiſchlein, auf das die blaue Wand jetzt recht freundlich herein ſchaute, er legte die Päckchen Bleiſtiften dazu, die er vorgerichtet hatte, und er fügte noch die niedlichen Käſtchen bei, in denen die feinen Feilen befeſtiget wa⸗ ren, an welchen er die Zeichenſtiften ſpitzte. Zuletzt, da alles geſchehen war, ließ er auch den Arzt rufen, um mit ihm über ſein bevorſtehendes Verhalten etwas zu ſprechen. Als alles in Ordnung war, fuhr er zu der Andreaswand hinaus. Sie prangte in vollem Frühlingsſchmucke. Die Geſtrippe, die Blätter und die Pflanzen aller Art hatten jetzt das herrliche lachende Grün ſtatt dem Braun und Gelb des vorigen Herbſtes, und es leuchtete daraus man⸗ ches feurige Blau und Roth und Weiß emporgeblühter Blumen heraus. Der Wald hatte das jugendliche hellgrüne Anſehen, und ſelbſt aus man⸗ chem liegenden Strunke, der im vorigen Jahre nur dürres Holz geſchie⸗ nen hatte, ſtanden friſch aufgeſchoſſene beblätterte Triebe empor. Nur Erdbeeren dachte er, werden wohl noch gar keine in dieſer Jahres⸗ zeit ſein. — 160— Er ſtand eine Weile und ging herum und ſchaute. Da er das zweite Mal hinaus gekommen war, zeichnete er, und ging dann tief in ſeinen Waldpfad hinein. Es war auch hier alles anders: der Pfad ſchien enger, weil überall die Gräſer hinzu wuchſen; und die Bäume und Geſträuche hatten lange Ruthen und Zweige nach allen Richtungen hervor geſchoſ⸗ ſen. Selbſt die Steine, die er ſehr wohl kannte, hatten manches lichte Grün, und auf verſchiedenen Stellen, wo nur ein dürftiges Plätzchen zu gewinnen war, ſtand ſogar ein Blümchen empor. Als auf dieſe Weiſe einige Zeit vergangen war, als viele recht ſchöne Tage über das Gebirge und über das Thal gingen, als er ſogar ſchon einmal durch das ganze Schwarzholz bis hinaus zu dem Anblicke der Schneefelder und von da wieder zurück gewandert war, geſchah es eines Tages, da er eben mit ſeinen Zeichenbüchern und mit dem grauen Rocke auf dem Pfade ſchlenderte, daß Maria leibhaftig gegen ihn daher ging. Ob ſie gekleidet war, wie im vergangenen Jahre, ob anders, das wußte er nicht, denn er hatte es ſich nicht gemerkt— daß er ſelber ganz und gar der nämliche war, wußte er auch nicht, weil er nie daran dachte. Als ſie ganz nahe gekommen war, blieb er ſtehen, und ſah ſie an. Sie blieb gleichfalls vor ihm ſtehen, richtete ihre Augen f ihn und ſagte:„Nun, ſeid Ihr ſchon wieder da?“ „Ja,“ ſagte er,„ich bin ſchon ſeit längerer Zeit in dem Bape, ich bin auch ſchon oft hier heraus gekommen, habe Dich aber nie geſehen, natürlich, weil noch gar keine Erdbeeren ſind.“ „Das thut nichts, ich komme doch öfter heraus,“ antwortete Maria, „denn es wachſen verſchiedene heilſame und wohlſchmeckende Kräuter, die im Frühlinge ſehr gut find.“ Nach dieſen Worten richtete ſie ihre hellen Augen erſt noch recht klar gegen die ſeinen und ſagte:„Warum ſeid Ihr denn damals falſch ge⸗ weſen?“ „Ich bin ja gar nicht falſch geweſen, Maria,“ antwortete er. „Ja Ihr ſeid falſch geweſen,“ ſagte ſie.„Welchen Namen man von Geburt an hat, der iſt von Gott gekommen, und den muß man behalten wie ſeine Eltern, ſie mögen arm oder reich ſein. Ihr heißet nicht Theo⸗ dor, Ihr heißet Tiburius.“ „Nein, nein. Maria,“ antwortete er,„ich heiße Theodor, ich heiße wirklich Theodor Kneigt. Die Leute haben mir den Namen Tiburins auf⸗ — 161— gebracht, er kam mir ſchon ein paar Male zu Ohren, und ein Freund zu Hauſe nennt mich unaufhörlich ſo— wenn Du meinen Worten nicht glaubſt, ſo kann ich es Dir beweiſen— warte, ich habe einige Briefe bei mir, auf welchen die Aufſchrift auf meinen Namen gemacht iſt— und wenn Du dann auch noch zweifelſt, ſo kann ich Dir morgen mein Tauf⸗ zeugniß weiſen, in welchem mein Name unwiderleglich ſteht.“ Bei dieſen Worten griff er in die Bruſttaſche ſeines grauen Rockes, in der er mehrere Papiere hatte. Maria aber faßte ihn an dem Arme, hielt ihn zurück und ſagte:„Laſſet das, Ihr braucht es nicht. Weil Ihr es geſagt habt, ſo glaube ich es ſchon.“ Er ließ mit einigem Zögern die Papiere in der Taſche, zog die leere Hand heraus, und Maria ließ dann mit der ihrigen ſeinen Arm los. Nach einer Weile fragte Herr Tiburius:„Alſo haſt Du mir in dem Bade nachgeforſcht?“ Maria ſchwieg ein wenig auf die Frage, dann ſagte ſie:„Freilich hab ich Euch nachgeforſcht. Die Leute ſagen auch noch andere Dinge— ſie ſagen, daß Ihr ein ſonderbarer und närriſcher Menſch ſeid— aber das thut nichts.“ Nach dieſen Worten richtete ſie ſich zum Gehen. Herr Tiburius ging mit ihr. Sie ſprachen von dem Frühlinge, von der ſchönen Zeit; und wo der Weg die Gabel bildet, trennten ſie ſich— ihr Pfad ging links in die Waldestiefe hinunter, der ſeinige rechts gegen die Wand. Herr Tiburius ging nun auch einmal auf den Muldenhügel hinauf, wo das Häuschen ihres Vaters ſtand, und nach dieſem erſten Beſuche kam er öfter, indem er die Pferde und die Leute auf dem gewöhnlichen Platze der Straße auf ſich warten ließ. Er ſaß bei dem Vater und redete von verſchiedenen Dingen mit ihm, wie ſie dem Manne eben einfielen,— und er redete auch mit Maria, wie ſie in dem Hauſe ſo herumarbeitete, oder, wenn ſie in der Stube waren, zu ihnen an den Tiſch trat und zu⸗ horchte— oder, wenn ſie auf der Gaſſenbank ſaßen, daneben ſtand, die Hand an das Angeſicht hielt, und auf die fernen Berge oder auf die Wol⸗ ken hinaus ſchaute. Der Vater verzärtelte das Mädchen, er ließ ſie ar⸗ beiten, was ſie wollte, oder er ließ ſie auch, wenn es ihr gefiel, fort wan⸗ dern und müſſig in dem Walde herum gehen. Zuweilen begleitete ſie den Herrn Tiburius ein Stückchen auf dem Hügel, und machte ſich gar nichts Stifter. 4. Aufl. III. 11 — daraus, ihm zu ſagen, wenn ſie wieder in den Wald käme, damit ſie dort zuſammen träfen. Herr Tiburius verſäumte dieſe Gelegenheiten nicht, ſie gingen mit einander herum, ſie pflückte die Kräuter in ihr Körbchen, zeigte ihm manche von ihnen auf ihrem Standorte und nannte ihm die Namen der⸗ ſelben, wie ſie nämlich in ihrer ländlichen Sprache gebräuchlich waren. Endlich zeigte ihr Tiburius ſeine Zeichenbücher. Er hatte erſt ſpät vermocht, dieſes zu thun. Er ſchlug die Blätter auf, und wies ihr, wie er manche Gegenſtände des Waldes und der Wand mit feinen ſpitzigen Stiften nachbilde. Sie nahm den lebhafteſten Antheil an der Sache, und gerieth in ein ſehr großes Entzücken, daß man mit nichts als ledigen ſchwarzen Strichen ſo getreu und lieblich und wahrhaftig, als ob ſie da ſtänden, die Gegenſtände des Waldes nachbilden könne. Sie ſaß von nun an, wenn er zeichnete, bei ihm, ſchaute ſehr genau zu, und ließ die Blicke auf die Gegenſtände und auf die Linien des Buches hin und her gehen. Nach einer Zeit redete ſie ſogar ſchon darein und ſagte oft plötz⸗ lich:„Das iſt zu kurz— das ſteht draußen nicht ſo.“ Er erkannte es jedes Mal als recht, was ſie ſagte, nahm Federharz, löſchte die Striche aus, und machte ſie, wie ſie ſein ſollten. Zuweilen begleitete er ſie nach ſolchen Stunden zu ihrem Vater, zuweilen ging ſie mit ihm bis an die Steinwand. Von ſeinem Wagen, und daß ſeine Diener auf ihn draußen warteten, ſagte er ihr nichts. So verging ein geraumer Theil des Sommers. Eines Nachmittags, als ſchon längſtens wieder Erdbeeren waren, als er an der Steinwand ſaß und zeichnete, als ſie, das volle Erdbeer⸗ körbchen neben ſich geſtellt, hinter ihm in den Steinen ſaß und zuſchaute, als eine langſtielige hohe Feuerlilie neben ihnen prangte, ſagte er:„Wie kommt es denn, Maria, daß Du Dich in dem Walde gar nicht fürchteſt, und daß Du von dem Augenblicke an, da wir zum erſten Male zuſam⸗ men getroffen ſind, auch mich gar nicht gefürchtet haſt.“ „Den Wald habe ich nicht gefürchtet,“ antwortete ſie,„weil ich gar nicht weiß, was ich fürchten ſollte— ich bin von Kindheit auf da gewe⸗ ſen, und kenne alle Wege und Gegenden, und weiß nicht, was zu fürch⸗ ten wäre. Und Euch habe ich nicht gefürchtet, weil Ihr gut ſeid, und weil Ihr anders ſeid, als die andern.“ „Ja wie ſind denn die andern?“ fragte Herr Tiburius. „Sie ſind anders,“ antwortete Maria.„Ich bin früher zuweilen in das Bad hinein gegangen Gegenſtände zu verkaufen— aber dann ging ich gar nicht mehr hin, als wenn die fremden Leute ſchon alle weg waren; denn ſie haben mich im⸗ mer— und darunter waren Männer, denen es gar nicht ziemte— an den Wangen genommen und geſagt:„Schönes Mädchen.“ ert Tiburius legte nach dieſen Worten ſeinen Stift in das Zeichen⸗ buch, that das Buch zu, kehrte ſich auf ſeinem Steine um, und ſchaute ſie an. Er erſchrak ungemein; denn ſie war wirklich außerordentlich ſchön, wie er in dem Augenblicke bemerkte. Unter dem Tüchlein, das ſie immer auf dem Haupte trug, quollen ſanft geſcheitelt die dunkelbraunen Haare her⸗ vor und zeigten in ihren zwei Abtheilungen die feine ſchöne Stirne noch „überhaupt war das ganze Angeſicht trotz der friſchen und geſunden Farbe unſäglich fein und rein, was durch die groben Klei⸗ der, die ſie gewöhnlich an hatte, noch eher gehoben als gefährdet wurde. Augen waren ſehr groß, ſehr dunkel und glänzend, ſie ſchauten den Menſchen, wenn ſie aufgeſchlagen waren, ſehr offen an, und waren, lugen, von den langen holden Wimpern demüthig en waren roth und die Zähne weiß. Ihre Geſtalt zeigte ſelbſt jetzt, da ſie ſaß, die dem Antlitze entſprechende Größe und war ſchlank und ſanft gebildet. Herr Tiburius, da er ſie ſo angeſehen hatte, wendete ſich wieder um, that ſein Buch wieder auf, und zeichnete weiter. Aber er zeichnete nicht mehr gar lange, ſondern ſagte halb zu Maria zurück gewendet: „Ich höre heute lieber auf.“ Er ſteckte den Sti bracht war, er that d feiner und ſchöner wenn ſie ſich nieder ſch bedeckt. Die Lipp ft in die Hülſe, welche an dem Zeichenbuche ange⸗ as Buch zu und ſchnallte es zuſammen, er ſteckte die herum lagen, zu ſich und ſtand auf. Maria erhob ſich eben⸗ m Geſteine, in welchem ſie geſeſſen war, und richtete ihr Körbchen zuſammen. Dann gingen ſie, er ſein Zeichenbuch unter dem Arme, ſie ihr volles Körbchen an der Hand tragend, mit einander fort. Sie gingen von der Wand nicht gegen die Straße zu, ſondern gegen den Wald, weil ſie Tiburius bis an die Stelle begleiten wollte, wo ihr Pfad in dem Dickicht ſeitwärts lenkte, um gegen den Hügel zu gehen, auf dem das Haus ihres Vaters ſtand. — „wie es hier ſchier alle thun, um mancherlei 14 — 164— Als ſie an der Stelle angekommen waren, blieben ſie ſtehen und Maria ſagte:„Lebt recht wohl, und vergeßt nicht, übermorgen zeitlich genug zu kommen; denn jetzt ſtehen die Erdbeeren in den Thurſchlägen unten, wohin es viel weiter iſt. Ihr könntet ja dann auch wieder einmal zu dem Vater mitgehen, ich richte Euch beiden die Erdbeeren zurecht, daß Ihr ſie eſſet. Jetzt gute Nacht.“ „Gute Nacht, Maria, ich werde kommen,“ antwortete Tiburius, und wandte ſich gegen ſeine Wand zurück. Sie aber vertiefte ſich zwiſchen den Zweigen und Stämmen der Tannen. Herr Tiburius kam an dem Tage, wie er verſprach, ſie aber war ſchon da und wartete auf ihn. Da ſie ihn anſichtig wurde, lachte ſie und ſagte:„Seht, Ihr ſeid doch zu ſpät gekommen, ich bin heute genau nach unſerer Uhr fort gegangen und bin früher eingetroffen, als Ihr. Jetzt müßt Ihr mit mir in die Thurſchläge hinunter gehen, und dann müßt Ihr mit zu dem Vater, und müßt von den Erdbeeren eſſen.“ Tiburius ging mit ihr in die Thurſchläge, er blieb dort, ſo lange ſie Erdbeeren pflückte, ging dann mit ihr zu ihrem Vater und aß die Erd⸗ beeren, die ſie den Männern auf die gewöhnliche Weiſe herrichtete, wäh⸗ rend ſie die ihrigen auf einem abgeſonderten grünen Schüſſelchen aß. Allein Herr Tiburius war von jetzt an viel ſcheuer und ſchüchterner als zuvor. Er erſchien jedes Mal, wenn ſie ſich in dem Walde zuſammen be⸗ ſtellten; ſie gingen mit einander herum, wie zuvor; aber er war zurück⸗ haltender als ſonſt, er umging mit Aengſtlichkeit das Wörtchen Du, daß er es nicht zu oft ſagen mußte, und manchmal, wenn ſie es nicht be⸗ merkte, ſah er ſie verſtohlen von der Seite an, und bewunderte einen Zug ihrer Schönheit. So verging der letzte Theil des Sommers, und es erſchien der Herbſt, an welchem es gerade ein Jahr war, daß er ſie kennen gelernt hatte. Da geſchah es eines Abends, daß dem Herrn Tiburius unter den vielen Gedanken, die ihm jetzt ſeltſam, und ohne daß er vſt ihren Ur⸗ ſprung kannte, in dem Haupte herum gingen, auch der kam:„Wie wäre es, wenn du Maria zu deinem Weibe begehrteſt?“ Als er dieſen Gedanken gefaßt hatte, wurde er faſt aberwitzig vor Ungeduld; denn es war ihm, als müßten alle unverheiratheten Männer — 165— des Badeortes den heißeſten und ſehnſüchtigſten Wunſch haben, Maria zu ehlichen. Er war heute nicht bei ihr und ihrem Vater geweſen: wie leicht konnte einer in der Zeit hinaus gefahren ſein, und um ſie gewor⸗ ben haben. Er begriff den Leichtſinn nicht, mit welchem er den ganzen Sommer an ihrer Seite geweſen war, ohne dieſen Zweck in das Auge gefaßt, und Mittel zur annähernden Verwirklichung deſſelben eingeleitet zu haben. Er ließ daher am andern Tage früh Morgens anſpannen, und fuhr ſo weit auf der Straße hinaus, als es ohne Aufſehen möglich war, wor⸗ auf er dann auf dem Fußwege durch das Geſtrippe über den Hügel zu dem Häuschen hinauf wanderte. Er hatte die Badeordnung, die er über⸗ haupt ſchon vernachläſſigte, auf die Seite geſetzt. Da ſich Vater und Tochter verwunderten, warum er denn heute ſo früh komme, konnte er eigentlich keinen Grund angeben. Maria blieb ge⸗ rade darum, weil er da war, immer in der Stube. Als ſie aber einmal doch, um irgend ein häusliches Geſchäft zu beſorgen, hinaus ging, trug er dem Vater ſein Anliegen vorz Da ſie wieder herein gekommen war, ſagte dieſer zu ihr:„Maria, unſer Freund da, der uns in dieſem Som⸗ mer ſo oft und ſo nachbarlich beſucht hat, begehrt Dich zu ſeinem Weibe— wenn Du nämlich ſelber, wie er ſagt, recht gerne einwilligſt, ſonſt nicht.“ Maria aber ſtand nach dieſen Worten wie eine glühende Roſe da. Sie war mit Purpur übergoſſen und konnte nicht ein einziges Wort her⸗ vor bringen. „Nun, nun, es wird ſchon gut werden,“ ſagte der Vater,„Du darfſt jetzt keine Antwort geben, es wird ſchon alles gut werden.“ Als ſie auf dieſe Worte hinaus gegangen war, als Herr Tiburius, dem es beim Herausfahren nicht eingefallen war, daß er Belege über ſeine Perſon mitnehmen müſſe, zu dem Vater geſagt hatte, er werde ihm alles, was ihn und ſeine Verhältniſſe angehe, bringen, in ſo ferne er es hier habe, und um das Fehlende werde er ſogleich ſchreiben, als er ſich hierauf bald entfernt hatte, und der Vater zu Maria, die auf dem hin⸗ tern Gartenbänkchen ſaß, hinaus gegangen war, ſagte dieſe zu ihm: „Lieber Vater, ich nehme ihn recht, recht, recht gerne; denn er iſt ſo gut, wie gar kein einziger anderer iſt, er iſt von einer ſolchen rechtſchaffenen Artigkeit, daß man weit und breit mit ihm in den Wäldern und in der Wildniß herum gehen könnte, auch trägt er nicht die närriſchen Gewän⸗ der, wie die andern in dem Badeorte, ſondern iſt ſo einfach und gerade hin gekleidet, wie wir ſelber: aber das Einzige fürchte ich, ob es denn wird möglich ſein, ich weiß nicht, wer er iſt, ob er ein Häuschen oder ſonſt etwas habe, womit er ein Weib erhalten könne, und als ich in dem Badeorte war, und um ihn fragte, vergaß ich gerade um ſolche Dinge zu fragen.“ „Sei wohl über dieſe Sache ruhig,“ antwortete der Vater,„er iſt ja die ganze Zeit, da er uns beſuchte, ſo eingezogen und redlich geweſen, ſeine Worte waren verſtändig und einleuchtend und immer ſehr höflich. Er wird daher doch nicht um ein Weib anhalten, wenn er nicht hätte, was ſich ziemt. Der Menſch kann mit Wenigem zufrieden ſein, ſo wie mit Vielem.“ Maria war durch dieſe Worte überzeugt und beruhigt. Als am andern Tage Tiburius kam, ſagte ihm der Vater gleich beim Eintritte, daß Maria eingewilligt habe. Tiburius war voll Freude dar⸗ über, er wußte gar nicht, was er thun und was er nur beginnen ſolle. Erſt in der nächſten Woche, als ihm Maria ſelber, da ſie auf der Gaſſen⸗ bank ſaßen, ſagte, daß ſie ihn mit großer, großer Freude zum Manne nehme, legte er heimlich, ehe er fort ging, ein Geſchenk auf den Tiſch, das er ſchon mehrere Tage mit ſich in der Taſche herum getragen hatte. Es war ein Halsband mit ſechs Reihen der erleſenſten Perlen, welche ſchon durch viele Alter her ein Schmuck der Frauen ſeines Hauſes gewe⸗ ſen waren. Er hatte, da er im Frühlinge kam, das Schmuckkäſichen mit ſich in das Bad genommen, und es lagen noch mannigfaltige andere Sachen darin, die er nur erſt faſſen und umändern laſſen mußte, um ſie dann ſeiner Braut als Zierde geben zu können. Maria kannte den großen Werth dieſer Perlen nicht, aber ſie hatte eine weibliche Ahnung, daß ſie viel werth ſein müſſen— das Einzige aber wußte ſie mit Gewißheit, daß ſie ihr, als ſie ſie einmal umgethan hatte, unſäglich ſchön und ſanſt um den Hals ſtünden. Inzwiſchen waren die Beweiſe und Belege über alle ſeine Verhält⸗ niſſe angekommen, und er legte ſie dem Vater vor. Auch hatte er in der Zeii ſehr ſchöne Stoffe in das Häuschen geſchickt. Maria hatte daraus Kleider verfertigen laſſen, aber alle in der Art und in dem Schnitte, wie ſie dieſelben bisher getragen hatte. Er hatte ihr nichts vorgeſchrieben, ſondern hatte ſeine Freude daran, und da ſie angezogen war, fuhr er mit ihr in ſeinem Wagen, vor dem die ſchönen Schimmel her tanzten, durch die belebteſte Straße des Badeortes. Alle Leute erſtaunten auf das Aeußerſte; denn man erfuhr nun den Zuſammenhang der Dinge, namentlich da Tiburius vor Kurzem eine größere, ſchön eingerichtete Wohnung gemiethet hatte. Kein einziger Menſch hatte die leiſeſte Ahnung davon gehabt; ſelbſt ſeine Diener hat⸗ ten immer geglaubt, er fahre blos um zu zeichnen in den Wald hinaus: indeſſen hat er ſich irgendwo dieſes ſchöne Mädchen aufgeleſen, und bringe ſie nun als Braut. In alle Häuſer, Zimmer und Kammern verbreitete ſich das Gerücht. Nicht ein Mal, ſondern mehr als hundert Male wurde das altdeutſche Sprichwort geſagt:„Stille Wäſſer gründen tief,“ und mancher lüſterne, feinkennende, alternde Herr ſagte bedeutungsvoll:„Der abgefeimte Fuchs wußte ſchon, wo man ſich die ſchönen Tauben holen ſolle.“ Tiburius hatte indeſſen, als die geſetzlichen Bedingungen erfüllt wa⸗ ren, und als die geſetzliche Zeit verfloſſen war, Maria in ſeine Wohnung als Gattin eingeführt, und im Spätherbſte ſahen alle Badegäſte, die noch da waren, wie er ſie in einen ſchönen wohleingerichteten Reiſewagen, der vor dem Hauſe hielt, einhob, und mit ihr nach Italien davon fuhr. Er wollte dort den Winter zubringen, allein er blieb dann drei Jahre auf Reiſen durch die verſchiedenſten Länder, von wo er dann in das Haus zurückkehrte, das ihm unterdeſſen in Maria's ſchönem Vater⸗ lande gebaut worden war. Das väterliche hatte er verkauft. Wie iſt nun Herr Tiburius anders geworden! Alle ſeidenen Chineſen ſind dahin, die Elenhäute auf Betten und Lagerſtätten ſind dahin— er ſchläft auf bloßem reinem Stroh mit Lin⸗ nendecken darüber— alle Fenſter ſtehen offen, ein Luftmeer ſtrömt aus und ein, er geht zu Hauſe in eben ſo loſen leinenen Kleidern, wie ſein Freund, der kleine Doctor, der im den Rath wegen dem Bade gegeben hatte, und er verwaltet ſein Beſitzthum wie ebenfalls der kleine Doctor. Dieſer Doctor, der ſich für ſein Leben ein Recept gemacht hatte, hauſet nun ſchon mehrere Jahre in der Nähe von Tiburius, wohin er alle ſeine Pflanzen und Glashäuſer wegen der beſſern Luft und anderer gedeihlicherer Verhältniſſe übergeſiedelt hatte. Da ihm die Sache von Tiburius Heirath zu Ohren gekommen war, ſoll er unbeſchreiblich luſtig gelacht haben. Er achtet und liebt ſeinen Nachbar ungemein, und ob⸗ — 168— wohl er ihn damals gleich nach kurzer Bekanntſchaft Tiburius genannt hatte, ſo thut er es jetzt nicht mehr, ſondern ſagt immer:„Mein Freund Theodor.“ Auch ſeine Gattin, die dem Herrn Tiburius zur Zeit ſeiner Narr⸗ heit beſonders gram geweſen war, ſchätzt und achtet ihn jetzt bedeutend: Maria aber wird von ihr auf das Herzlichſte und Innigſte geliebt, und liebt ſie wieder. Mit dem treuen reinen Verſtande, der dem Erdbeermädchen eigen geweſen war, fand ſie ſich ſchnell in ihr Verhältniß, daß man ſie in ihm geboren erachtete, und mit ihrer naiven klaren Kraft, dem Erbtheile des Waldes, iſt ihr Hausweſen blank, lachend und heiter geworden, wie ein Werk aus einem einzigen, ſchönen und untadelhaften Guße. Tiburius iſt nicht der erſte, der ſein Weib aus dem Bauernſtande genommen hatte, aber nicht alle mochten ſo gut gefahren ſein, wie er. Ich habe ſelbſt Einen gekannt, dem ſein Weib alles auf ihren lieben, ſchönen, ländlichen Körper verſchwendete. Der Vater Maria's, weil es ihm in dem leeren Muldenhäuschen zu langweilig geworden war, lebt bei ſeinen Kindern, wo er in dem Stüb⸗ chen die Uhr hat, welche ſonſt in der Stube ſeines Wohnhauſes gehan⸗ gen war.„ So wäre nun bis hieher die Geſchichte von dem Waldſteige aus.— Zuletzt folgt eine Bitte: Herr Theodor Kneigt möge mir verzeihen, daß ich ihn immer ſchon wieder Tiburius geheißen habe; Theodor iſt mir nicht ſo geläufig und gegenwärtig, wie der gute liebe Tiburius, der mich da⸗ mals ſo furchtbar angeſchnaubt hatte, als ich ſagte:„Aber Tiburius, Du biſt ja der gründlichſte Nart und Grillenreiter, den es je auf der Erde gegeben hat.“ Habe ich nicht recht gehabt? Nachſchrift. In dem Augenblicke, da ich dieſes ſchreibe, geht mir die Rachricht zu, daß der einzige Kummer, das einzige Uebel, der einzige Harm, der die Ehe Maria's und Tiburius getrübt hat, gehoben iſt— es wurde ihm nämlich ſein erſtes Kind, ein luſtiger ſchreiender Knabe, geboren. ———————— Zwei Schweſteru. 4 Einleitung. Wi legen in folgenden Blättern nicht ſowohl eine einfache Geſchichte, wie wir ſie in dieſen Büchern gerne erzählt haben, als vielmehr noch weniger dar, nämlich blos den Zuſtand einer Familie, wie er aus meh⸗ reren uns unbekannten Veranlaſſungen, hauptſächlich aber aus der gro⸗ ßen innern Grundverſchiedenheit zweier Schweſtern, der einzigen Kinder des Hauſes, hervor gegangen iſt. Wenn wir auch denjenigen, die gerne viel Thatſächliches und Geſchehenes leſen, nicht genug thun können, ſo glauben wir doch, daß mancher Seelen- und Menſchenforſcher, wenn er am Ende dieſer Blätter angekommen iſt, ſie nicht vhne eine kleine Theil⸗ nahme weglegen wird. Uns hat es einſt ein ſanftes, faſt trauriges Ge⸗ fühl erregt, als uns ein Freund die lückenhafte Thatſache, wie ſie war, und ohne auf Verzierungen und Ausſchmückungen auszugehen, erzählt hat. Die Theilnahme war um ſo größer, als dieſer Freund ſelber in ſeiner Jugend eine einſeitige Bildung ſeiner Geiſteskräfte erhalten hatte, wodurch er in der Folge viel leiden mußte, als er ferner manchen unver⸗ dienten Schmerz und manche Täuſchung erfuhr, und als er auch von dieſer Familie eine Umdüſterung ſeiner Seele fort trug, die er wohl durch die Stärke und Heiterkeit ſeines Geiſtes, welche er ſich in ſpäteren Jah⸗ ren erwarb, überwunden haben wird. Wir erzählen die Thatſache mit den Worten unſeres Freundes, obgleich wir als Nacherzähler auf die Friſche und Urſprünglichkeit verzichten müſſen, die ihm, der die Sache erlebte, eigen war, und wir überhaupt nicht die Lebendigkeit der Dar⸗ ſtellung beſitzen, wie unſer Freund, der aber mit vielen ſehr wohlbegab⸗ ten Menſchen die eigenthümliche Sucht theilet, nie etwas Geſchriebenes von ſich geben zu wollen. Nach dieſen einbegleitenden Worten folge die Sache. 2 Reiſefreunde. Wir fuhren einmal unſer Mehrere in einem Poſtwagen. In dem Kaſten ſaß ein Vater mit zwei Töchtern— ich weiß es nicht genau, aber ich hielt ihn dafür. Das ältere der Mädchen, ungefähr dreizehn oder vierzehn Jahre alt, erregte durch ihr ernſtes und ruhiges Benehmen un⸗ ſere Aufmerkſamkeit und unſern Beifall. Das jüngere war noch faſt ein Kind, das mit kindlichen Augen in die Welt hineinſchaute. Außer dieſen drei Perſonen ſaß noch eine Frau in dem Kaſten, die ich für die Beglei⸗ terin, geweſene Amme, oder ſonſt etwas dergleichen von den Mädchen hielt, obwohl ſie vielleicht auch ganz und gar nicht zu ihnen gehören konnte; denn ſie gab, ungleich der gewöhnlichen Art ſolcher Frauen, ſehr wenige Zeichen von ſich, regte ſich wenig, und ſprach oft wirklich poſten⸗ lange kein Wort. In dem hintern Gelaſſe des Wagens ſaßen ich und ein ältlicher Mann, den wir ſeines blaſſen Ausſehens und ſeiner ſchwar⸗ zen Kleidung halber ſcherzweiſe Paganini nannten. Er lächelte einmal bei dieſem Spottnamen trübſinnig und ſagte:„Wer weiß, ob es nicht ein ſehr großes Unglück für mich wäre, wenn ich wirklich Paganini wäre.“ Unter dem Vordache des Wagens ſaß neben dem Poſtgeleiter ein Stu⸗ dent, von dem ich nichts zu ſagen weiß, als daß er ſehr viel aus einem Meißnerkopfe rauchte, an dem er ein langes Rohr und ein bewegliches Mundſtück hatte. Die Reiſe war durch ganz und gar nichts ausgezeichnet, weder durch ſehr ſchlechtes noch durch ſehr ſchönes Wetter— weder durch ein Glück noch durch ein Unglück— weder durch beſonders langweiliges noch durch ungemein anziehendes Geſpräch. Als wir uns erſt ein wenig in einander hinein gelebt hätten, und die Sache ein wenig in den Gang gekommen wäre, hatten wir unſer Ziel erreicht, und wir gingen ausein⸗ ander. Ich hätte das Ding längſt vergeſſen, wenn nicht der Zufall eine Fortſetzung daran geſtückt hätte, wie er es oft mit den unzuſammenge⸗ hörigſten Sachen thut. Man wird bei ſolchen Vorgängen gereizt, nach einer Art Vernunft in dem Gemengſel zu ſuchen, und wenn wirklich etwas daraus erfolgt, ſchieben wir es der Vorſehung in die Schuhe— mit welchem Rechte oder Unrechte, weiß ich nicht. Die Sache aber war ſv. Als ich einmal, ich weiß nicht, nach welch langer Zeit in Wien war und in dem Gaſthofe zur Dreifaltigkeit, den ich immer zu benützen pflege, die hintere Wendelſtiege in den Hof hinab ſtieg, welche Stiege gewiß jeder Reiſende kennt, der einmal in dieſem Gaſthofe gewohnt hat, weil ſie ſo enge iſt, daß ſich ihrer zwei kaum ausweichen können: ſo begeg⸗ nete mir hinauf ſteigend leibhaftig und wirklich unſer falſcher Paganini. Ich erkannte ihn ſogleich wieder, was hauptſächlich dadurch möglich wurde, daß er, wie ich glaube, den nämlichen ſchwarzen Frack anhatte, wie damals im Poſtwagen. Da ich ihm meinen Gruß zurief, erkannte er mich auch, und wir drückten uns gegenſeitig die Freude aus, uns hier ſo unvermuthet getroffen zu haben. Wie es bei Reiſenden gebräuchlich iſt, fragten wir um unſer Befinden, wie lange wir ſchon da ſeien, und wie lange wir uns noch aufzuhalten gedächten. Da erfuhren wir nun, daß wir nicht nur ſchon drei Tage Zimmernachbarn wären, ſondern daß wir es auch wahrſcheinlich noch ſehr lange bleiben würden. Er hatte nämlich einen Prozeß zu betreiben, und mußte in dieſer Angelegenheit viele Gänge und Beſuche machen: ich war wegen der Betreibung eines Bittgeſuches in Wien und hatte der Gänge und Beſuche gewiß nicht weniger zu thun. Wir ſprachen nach dieſer Mittheilung die Hoffnung aus, daß wir uns gewiß nun öfter ſehen würden, und um dies nicht eine bloße Redensweiſe ſein zu laſſen, verabredeten wir eine gemeinſchaftliche Speiſeſtunde in unſerm Gaſthofe, ſo oft es nämlich einem Jeden von uns möglich ſein würde; und bemerkten, daß wir uns auch ohnedem, da wir ſo nahe wären, manchmal treffen könnten. In Folge dieſes Verſprechens kamen wir nun an dem Wirthstiſche zuſammen, wir fanden Behagen an einander, und Jeder erſchien gerne zu der feſtgeſetzten Stunde, wenn er nicht nothwendig verhindert war. Zuletzt geſchah es auch, daß wir ſogar manchmal an Abenden, wenn es etwas regneriſch war, oder wenn Einem ein Verdruß in dem Haupte ſpukte, an der Thür des Nachbars pochten; wenn er zu Hauſe war, ein⸗ traten, ein Stündchen verplauderten, und nicht ſelten den Verdruß ver⸗ loren, weil man ihn erzählen und ſich recht weidlich darüber ausſprechen konnte. Zuweilen gingen wir dann auch an irgend einen Vergnügungs⸗ ort, wohin der Einzelne, wenn er nicht aufgefordert worden wäre, gewiß nicht gegangen wäre. So lebten wir drei Wochen neben einander, und lächerlich war es, daß wir beide immer im ſchwarzen Fracke gingen, natürlich, weil er im⸗ mer bei Rechtsmännern, ich aber bei Beſchützern auſwarten mußte. Er nannte mich daher einmal, da ich wieder ganz ſchwarz zum Speiſen nach Hauſe kam, Paganini den Dritten. Es war dies der einzige Scherz, den ich den Mann, der eher immer trübſinnig war, ſagen hörte. Einmal war wieder recht ſchlechtes Wetter. Es war kein tüchtiger Regen, der alles rauſchen und ſtrömen macht, und daher doch wieder fröhlich iſt, ſondern es war das Wetter, das mir ſchier unter allen das widerwärtigſte iſt; ein dicker unbeweglicher Nebel, der ſich wie Fließ⸗ papier an die Fenſter legt, der oben am Himmel Sonne, Mond, und alle Thurm⸗ und Häuſerſpitzen wegfrißt, und unten auf Erden alle Dinge naß, ſchmutzig und tropfend macht. Zum Ueberfluſſe war noch Sonn⸗ tag, an dem wir beide keine Geſchäfte hatten. Wir ſaßen ſtochernd und in den Zeitungen blätternd herum. Da gerieth ich auf einen Einfall und legte ihn meinem Nachbar vor. Wir ſollten nämlich in eins der Theater gehen, ohne eher, als wir uns in dem Hauſe befänden, zu wiſſen, in welches, und ohne das Stück zu kennen, das aufgeführt würde; denn die Zettel, die gewöhnlich auf einem Tiſchlein im Speiſezimmer lagen, hatten wir vorher keiner angeſchaut. Ihm war es recht und ich ſchritt an's Werk. Ich ließ einen Lohndiener rufen, riß aus einem weißen Blatte Papier fünf Stücke, ſchrieb auf jedes den Namen eines der fünf Theater Wiens, rollte ſie zuſammen, und befahl dem Diener, eins zu ziehen. In das Theater, deſſen Namen er'auf ſeinem Zettel finden würde, ſagte ich, ſolle er uns Karten zu Sperrſitzen holen, und die Karten in Papier gewickelt bringen. Unterwegs möge er uns einen Wagen beſtel⸗ len, dem er das Theater nenne, daß er uns um halb ſieben Uhr dahin fahre. Mein Nachbar ließ alles willig geſchehen, und der Diener ging fort. Als er wieder gekommen war und uns die in Papier gewickelten heibi Karten gebracht hatte, gingen wir auf mein Zimmer, und verbrachten den Reſt des Nachmittages, wie man ſolche Nachmittage zu verbringen pflegt, das heißt, wir rauchten ein wenig, ſahen bei den Fenſtern auf den Nebel hinaus, und manchmal auf die Uhr. Endlich ward es finſter, weil die Zeit im ſpäten Jahre war, es ward zuletzt auch halb ſieben Uhr, und der Wagen wurde uns gemeldet. Ich hatte den Plan, daß wir durchaus nichts von der Fahrt wiſſen ſollten, ich ſagte daher meinem Nachbar, daß ich die Fenſtervorhänge des Wagens herab laſſen wolle. Er war, wie gewöhnlich, zufrieden, und wir ſtiegen ein. Der finſtere Wagen fuhr aus dem Thore, wendete um Ecken, fuhr ziemlich lange fort, und ſetzte uns endlich an dem Joſeph⸗ ſtädter Theater ab. Ich ſagte nun meinem Begleiter, wir wollen innen keinen Zettel anſchauen, daß wir das Stück, das geſpielt wird, nicht vor⸗ her kennen. Er willigte ein, wir gingen in das Haus, unſere Sitze wur⸗ den geöffnet und wir ſetzten uns nieder. Wir waren ganz nahe an der Bühne, was uns angenehm war, und was wir dem Schutze unſers Lohndieners verdankten. Das Theater war ſchon ſehr voll, man könnte ſagen, gedrängt voll, und doch kamen noch immer neue Menſchen, und klappten auf allen Sei⸗ ten die Sperrſitze, woraus wir ſchloſſen, daß ein ſehr beliebtes Stück bevorſtehe: aber unſerem Vorhaben getreu fragten wir Niemanden, und da wir Fremde waren, redete uns auch Niemand an. Endlich da ſchon alles außerordentlich erfüllt war, klang das Zeichen des Anfanges. Es wurde eine Muſik gemacht, die kürzer und unbedeutender war, als ſie gewöhnlich Stücken vorher zu gehen pflegt. Dann war es ſtille und der Vorhang ging auf. Die Bühne zeigte ein ſchönes Zimmer und war leer, nur daß ganz vorne an den Lampen zwei Notenpulte ſtanden. Unter den Zuſchauern war das tieſſte Schweigen. Da trat ein junger ſchwarz gekleideter Mann aus dem Hintergrunde der Bühne hervor, und führte ein Mädchen in weißem Gewande an der Hand— es war nicht eigentlich ein erwachſenes Mädchen, ſondern ein Ding, das noch zwiſchen Kind und werdender Jungfrau ſtand— daß weiße Kleid ließ dem Kinde ſehr wohl, es hatte zwei breite auf den Rücken hinab gehende Zöpfe, und die Augen⸗ bogen, wie ich zu bemerken glaubte, waren beſonders klar. Die Haare waren einfach geſcheitelt. Die Zuſchauer erhoben, als ſich dieſes Paar zeigte, einen unglaublichen Sturm des Beifalles, und man erkannte — 176— leicht, daß er dem Kinde gelte, welches durch den jungen Mann blos ein⸗ geführt worden war. Das Mädchen, da es in die Mitte der Bühne ge⸗ kommen war, verbeugte ſich dankend gegen die Zuſchauer und blieb dann ſtehen, ungefähr wie Jemand, deſſen Sinn ſchon auf ganz andere Dinge gerichtet iſt, und der die vorliegenden Beifallszeichen eher als eine Unter⸗ brechung als etwas anderes anſieht. Endlich hörte der Lärm auf, und das Kind ging von der Mitte der Bretter, wo es bisher geſtanden war, gegen die Lampen vorwärts. Seine Züge entwickelten ſich— ich gerieth in das äußerſte Erſtaunen, und mein Nachbar und ich ſahen uns plötzlich an; denn das Kind war Niemand Anderer, als jenes ältere der zwei Mädchen, die einmal mit uns in dem Poſtwagen gefahren waren, das immer ſo ernſt geweſen war, und das uns ſo gefallen hatte. Es war das nämliche Mädchen, dem der Beifallsſturm gegolten hatte, und das, als wir wieder hin ſahen, eben eine Geige von einem der zwei Pulte nahm, und ſich noch einmal verbeugte. Mein Nachbar und ich ſagten zu ein⸗ ander:„Wir werden alſo jetzt das Mädchen ſpielen hören“ und wir wußten nun auch, ohne daß es uns Jemand ſagte, wer von den Lampen hell beleuchtet vor uns ſtehe: Thereſa Milanollv.— Mich ergriff nun jetzt ein ganz anderes Gefühl, nämlich die Angſt, ob das Mädchen auch ſo gut ſpielen würde, wie ich es wünſchte, und wie es mir um ſie lieb wäre, wenn es wäre. Mir war von jeher bloße Fertigkeit ſehr zuwider, und ſogenannte Wunderkinder machten mir jedes Mal einen Schmerz. Welch eine Qual und welche unzählige Stunden der Anſtrengung müſſen vorhergehen, ehe das Kind ſich die unglaubliche Fertigkeit erwirbt, und die arme gelehrige Seele ein äußerſt genau in das Ganze eingreifendes Geräthe wird. Daher hatte ich Mitleiden, als ich das ſchöne blaſſe Mädchen vor den Lampen ſtehen ſah, ehe man anfing. Die Züge waren unbeweglich und ich dachte mir damals, dieſe Büſte könnte man in Mar⸗ mor hauen. Ich glaubte zu erkennen, daß ſie auf das nicht achte, was um ſie vorgehe, allein das konnte eben ſo gut Befangenheit als Kunſt⸗ gefühl ſein. Endlich begann die Muſik des Orcheſters— ich blickte auf ſie— ſie ſtand ruhig und ſah mit ihren ernſthaften Augen vor ſich. Als der Augenblick gekommen war, wo ſie einfallen mußte, lag die Geige mit einem leichten Ruck an ihrer Schulter— und im Augenblicke ging auch der ſchöne gehaltene Ton durch die Räume und durch alle Seelen. Mir — war es auf der Stelle klar, dieſer Ton könne gar nicht anders als aus dem Herzen kommen, ſo wie alle folgenden aus dem Herzen kamen, weil ſie ſo zu Herzen gingen. Ich habe in ſpäteren Zeiten das Mädchen wohl noch ſpielen, nie aber mehr ſprechen gehört, ich bin mit ihr nie mehr zu⸗ ſammen gekommen, und habe ſie auch nicht kennen gelernt. Ich kann daher aus andern Umſtänden nicht beurtheilen, wie tief ihr Fühlen ſei: aber aus dieſen Tönen war es mir eine Unmöglichkeit, zu denken, daß es nicht ſo ſei. Ich mußte mit Befremden in das Antlitz eines noch ſo jun⸗ gen Kindes ſchauen, das ſchon ſo empfand. Wie ihre Saiten durch die andere Muſik hervor tönten, wie ſie ſo entſchieden heraus ragte, wie ein Mann: war es mir als höre ich ein inniges, ſtarkes, erzählendes, und manchmal auch klagendes Herz. Gar ſchön aber war es, wie die Un⸗ ſchuld in dem Spiele herrſchte— eine Unſchuld, die, möchte ich ſagen, nur bei Kindern möglich iſt, welche noch an kein Ich denken, das gefeiert werden ſoll, ſondern die Sache ſpielen, die ihnen das Einzige iſt, das da gelte. Ich ſchäme mich daher nicht, es zu geſtehen, daß ich von dem Kinde mit einer tiefen ſchönen ſittlichen Gewalt erfüllt wurde. Ich klatſchte daher auch nicht in die Hände, als ſie endete, was aber unzäh⸗ lige Andere mit fürchterlichem Gepolter thaten. Ich kann nicht denken, daß dieſe das Eigentliche empfinden; denn wenn ein Künſtler, alſo ein höherer Menſch— und jeder wahre Künſtler muß das ſein— vor uns ſteht, uns einen ſchönern reinern Theil ſeiner Menſchlichkeit vor Augen führt, und die unſere zu ſich empor hebt: dort iſt mir, als ſollten wir beſcheiden verehren. Mit luſtigem Beifallsklatſchen und Rufen lohnt man nur den bezahlten Luſtigmacher. Das Mädchen ſenkte die Geige, es verbeugte ſich nur einmal und kurz, und wurde von demſelben jungen Manne, der es eingeführt hatte, wieder fort geführt. So endete die erſte Abtheilung. Nach einem kurzen Zwiſchenraume, den die Menſchen mit Geſpräche und Gebrauſe ausfüllten, begann die zweite. In derſelben führte The⸗ reſa die jüngere Schweſter heraus. Sie hielt ſie, gleichſam wie eine ältere Beſchützerin, an der Hand. Wir ſahen das jüngere der zwei Kinder aus dem Poſtwagen, das mit ſeinen Augen ſo kindlich geſchaut hatte. Das Mädchen, bedeutend kleiner als Thereſa, war ebenfalls weiß geklei⸗ det, aber ſtatt der geſcheitelten Haare und der Zöpfe hatte es ein Kinder⸗ köpfchen, rund um voll Locken. Thereſa ſtimmte ihr die kleinere Geige, Stifter. 4. Aufl. III. 12 — 178— die auf dem zweiten Pulte lag, und reichte ſie ihr dar. Die jüngere Schwe⸗ ſter ſtand nicht, bevor das Spiel begann, mit dem Ernſte, und ich möchte ſagen, mit der Düſterheit da, wie die ältere gethan hatte, welche wußte, was für ein tiefes und ſchwankendes Ding jetzt beginnen werde: ſondern ſie war, wie ein zuverſichtliches Kind, das eine ſchwere Aufgabe her zu ſagen hat, aber auch weiß, daß es dieſelbe kann. Das Spiel fing an. Die Kleine ſpielte es mit Freudigkeit und mit Sicherheit— Thereſa be⸗ gleitete ſehr beſcheiden, und half nur hie und da gelegentlich mit einem ſtarken Striche aus. Da ſie endeten, erhob ſich ein rauſchender, ſtür⸗ mender, tobender Beifall. Die kleine Künſtlerin verbeugte ſich freudig, wie eben ein Kind, das froh iſt, daß es ſeine Sache gut gemacht hat. Ich dachte mir: du liebes Weſen, das Herz mit ſeinen Freuden und Leiden muß noch nicht in dir erwacht ſein; die Töne find dir nette gute Dinge, aus denen man recht ſchöne Sachen machen kann— aber du erfuhrſt es noch nicht, welch eine Seligkeit und auch welch eine Wehmuth in ihnen liegen könne.— Thereſa führte unter einem Beifallsjubel das mit Lob überſchüttete Kind von der Bühne; nur in der Mitte wendeten ſich beide noch halb um und verbeugten ſich. So endete das zweite Spiel. Im dritten ſpielte Thereſa etwas Heiteres, aber Anſtandvolles. Ich könnte ſagen: ſie wand ihre ſtarken goldenen Töne herrlich um die Häupter der Menge. Dann ſpielten beide ein kurzes Duett, und dann wieder Thereſa allein. Mir fiel jetzt mein Nachbar ein, den ich in der That ganz und gar vergeſſen hatte. Ich wußte nicht, ob er ein Kenner oder ein Freund der Muſik ſei, wir hatten, wie mir ſchien, von Muſik früher nie ge⸗ ſprochen. Er war auch die ganze Zeit über ſo ſtille neben mir geſeſſen, er hatte mich nicht angeredet, er hatte ſich nicht gerührt, ſo daß es be⸗ greiflich wird, daß ich, der ich ſo aufmerkſam gegen die Dinge vor mir hingezogen wurde, auch ihn vergeſſen konnte. Jetzt ſah ich ihn an— aber ich erſtaunte und erſchrak faſt; denn es ficlen ihm Thränen, eine nach der andern, Schlag auf Schlag, über die gefurchten Wangen herab. Da⸗ bei ſaß er ſtarr und unbeweglich. Alle, die um uns herum und alle, die ſchön geputzt in den Logen ſaßen, blickten gegen die Bühne hin, und ſahen ihn nicht. Ich aber war ein wenig unruhig, und meine Aufmerk⸗ ſamkeit war getheilt. Die Töne gingen vor uns fort, und die Muſik war eine traurige. Seine Thränen wurden noch reichlicher, und meinem ihm zugewendeten Ohre war es faſt vernehmlich, als ſeien ſie in ein hörbares Schluchzen übergegangen. Ich fürchtete, ich würde ihn aus dem Theater fort bringen müſſen; denn da jetzt das Spiel aus war, ſahen auch die Augen anderer Menſchen auf ihn hin. Aber er hielt ſich feſt. Die Thrä⸗ nen wurden nicht mehrere, eher weniger, und das Schluchzen wurde nicht hörbarer. Er ſah hiebei nicht rechts und nicht links. Thereſa ſpielte noch etwas Einfaches, ſehr Edles— dann war noch einmal ein ganz kurzes Duett— und dann war die Vorſtellung aus. Da nun die Menſchen ſich zum Gehen erhoben, da ein Theil der⸗ ſelben ſich in Bänken und Gängen ſtellte, um den lärmenden Beifall fort⸗ zuſetzen, ſo war es unter dem Gedränge leichter, meinen Nachbar fort zu bringen, da jetzt Niemand weiter auf ihn achtete. Ich that auch, als hätte ich nichts geſehen, und da er näher gegen das Ende der Bank ge⸗ ſeſſen war, ging er in der Menge vor mir her. Auf dem langſamen Wege bis zu dem Thore wurde nichts zwiſchen uns geſprochen, aber da wir in dem Wagen, den ich draußen herbei gerufen hatte, ſaßen, ſagte er die Worte:„Ach, du unglücklicher Vater, du unglücklicher Vater!“ Da ich dieſe Aeußerung durchaus nicht verſtand, antwortete ich nichts darauf, und er ſprach auch während des Fahrens nichts weiter. Als wir in unſerem Gaſthofe angekommen waren, und ich eben den Fahr⸗ lohn für den Wagen bezahlte, ging er in ſein Zimmer hinauf. Ich that deßgleichen, und begab mich nach einiger Zeit in das Gaſtzimmer hin⸗ unter, um noch etwas weniges zum Rachtmahle einzunehmen. Es ſaßen verſchiedene Menſchen da, worunter ich einige kannte, da ſie ebenfalls Bewohner des Gaſthofes waren, und ſich gewöhnlich zu den Verſamm⸗ lungsſtunden in dem Speiſeſaale einzufinden pflegten. Wir ſprachen ver⸗ ſchiedene Dinge, unter andern auch von den Geſchwiſtern Milanollo und ihrer heutigen Vorſtellung, aber nur oberflächlich, wie es bei Reiſenden oft gewöhnlich iſt, die, wenn ſie ſich auf mehrere Augenblicke zuſammen finden, gern einige flüchtige Worte wechſeln. Mein Nachbar kam nicht zum Abendeſſen herunter. Ich blieb länger ſitzen, als gewöhnlich, theils, wreil ich müde war, theils, weil die Eindrücke, welche ich empfangen hatte, nur nach und nach verſchwanden. Als ich von dem Speiſeſaale über den Hof zu meiner Wendelſtiege ging, ſah ich gegen die Fenſter meines Nachbars hinauf, ſie waren 12* ſchwarz, und er hatte bereits ſein Licht ausgelöſcht. Ich ſtieg die Treppe hinan, und da ich, um zu meinem Zimmer zu gelangen, an dem ſeinen vorüber mußte, hielt ich unwillkührlich an der Thür etwas an; aber es war todtenſtille in dem Innern, und der Bewohner mochte wohl ſchon in tiefem Schlafe liegen. Da ich mein Gemach aufgeſchloſſen und wieder zugeſchloſſen hatte, da ich mein Licht auf dem Nachttiſchchen entzündet hatte, da ich aus⸗ gekleidet war und in dem Bette lag: hatte ich erſt die rechte Zeit, und nahm mir die rechte Muße, über das Benehmen meines Nachbars nach⸗ zudenken. Es mußte mir in der That bedeutend auffallen, und ich konnte nicht anders, als mir Vermuthungen darüber zu machen. Ich hätte in der frühern Zeit eher gedacht, daß der mittelgroße hagere blaſſe Mann durch Töne nicht gar leicht zu bewegen ſein müſſe; denn in dem Weſen desſelben lag etwas Stilles, mitunter auch Trockenes, aber immer Et⸗ was, das ſich nicht aufdringt, ſondern eher in ſich zurück tritt, und ver⸗ ſchließt. Daß wir ihn Paganini nannten, war mehr Schalkheit durch die flüchtigſte äußere Aehnlichkeit angeregt, als daß wir ihm dieſe Kunſt zutrauten. Es boten ſich mir drei Arten dar, ſein heutiges Benehmen zu erklären. Entweder war er wirklich für Muſik ſo empfänglich, daß das außerordentliche Spiel der Geſchwiſter Milanollo auf ihn ſo wirkte, daß er nicht mehr Herr ſeiner Bewegung war, und in die Thränen ausbrach, die wir an ihm ſahen. Dann aber iſt es nicht erklärlich, daß ich das nie früher bemerkt hatte; denn ungewöhnliche Empfänglichkeiten für ein Ding offenbaren ſich meiſtens ſehr bald, ſei es durch die Rede, welche der Empfängliche gerne auf das Ding hinlenkt, ſei es ein wenn auch minder bedeutender Anlaß, der das Ding herbei führt, und die Empfänglichkeit darlegt. Oder es mochte bei meinem Nachbar auch der zweite Fall ſein, daß er nämlich zu jener Art Menſchen gehört, die, ohne es zu wiſſen, eigentlich tiefes Gefühl haben, das nur außerordentlich ſchwer aufgeſchlo⸗ ſen wird, aber, wenn es aufgeſchloſſen iſt, deſto ſtärker und nachhaltiger dahin ſtrömt. An ſolchen Menſchen gehen oft Töne, Farben und andere Gelegenheiten Jahre lang ohne Wirkung vorüber, wie Waſſer über einen Felſen; aber von Ungefähr werden ſie durch einen Anlaß von ihrem un⸗ bekannten Innern ergriffen, daß ſie ſeiner Gewalt, die ſie überkömmt, gar nicht zu ſteuern wiſſen, ihr wie Kinder ohne Hilfe hingegeben ſind, und ihre Rathloſigkeit vor aller Welt offenbaren müſſen. Solche Men⸗ — 181 ſchen werden von ihren Gefühlen viel ſtärker erſchüttert, als andere, die ihr Herannahen merken, und tauſend kleine Waffen dagegen in Bereit⸗ ſchaft halten. Aber auch gegen dieſen zweiten Fall ſtreitet der ſonderbare Ausruf, den mein Rachbar im Wagen machte: Unglücklicher Vater, un⸗ glücklicher Vater. Dieſer Ausruf ſtimmt mit bloßer wenn auch ſtarker Erregung durch ſchöne Darlegung einer außerordentlichen Kunſt nicht überein. Es bleibt daher der dritte Fall über, daß nämlich in dem Leben dieſes Mannes, der jetzt in dem Zimmer neben mir einſam ſchläft, irgend unbekannte Verhältniſſe ſein mögen, die in Beziehung und Verbindung mit dieſer Muſik die Erregung ſo ſtark machten, daß er ſie von Menſchen weg in Verborgenheit trug, und ſich nicht mehr die wenigen Biſſen Eſſen gönnen konnte, die er gewöhnlich zu ſeinem Abendmahle einnahm. Ich beſchloß daher, mir von der Sache gegen ihn gar nichts merken zu laſſen, und ihrer, wenn er nicht ſelber etwas ſagte, nicht zu erwähnen. Ehe ich einſchlief, dachte ich auch noch an die mir ſo lieb gewordene Thereſa. Es iſt alſo nicht, wie ich Anfangs gefürchtet hatte, bloße außerordentliche Fertigkeit an ihr, ſondern ſie verſteht, empfindet und erſchafft das Geſpielte. Aber auch ſo wollte ein Mitleid, und zwar noch ein innigeres, meine Seele um ſie beſchleichen. Wenn ſie ſehr oft in ſol⸗ chen heißen Gefühlen iſt, ſo wird ihr Leben darunter ermatten, und ihre Zukunft gefährdet ſein. Dies iſt jederzeit der Fall, und wenn die Selbſt⸗ ſchöpfungen gar gewaltig aus dem noch jungen weichen und hilfloſen Herzen kommen, ſo muß dasſelbe gleichſam wie in einem Samum welk werden. Aber, dachte ich wieder, ſie wird ſchon ſtark und frei ſein, daß ſie das Gefühl ihrer Kunſt ertragen kann, daß ſie auch die anderen Dinge der Welt ſieht, und mit geſunden Augen durch das Leben geht. Oder vielleicht wird ſie durch die Wiederholung und durch die Bekanntſchaft mit ihren Wirkungen weniger angegriffen, als wir, die wir von der Reuheit und von der Plötzlichkeit getroffen werden. Aber der Künſtler kann an⸗ dererſeits nur allein die zarten Tiefen des Kunſtwerkes, in das er ſich ver⸗ ſenkt, ergründen, und muß ihnen die Seele hingeben: während wir blos von der Allgemeinheit der Sache überkommen werden, und nur die All⸗ gemeinheit des Gefühles mit nach Hauſe tragen. Wer kann das wiſſen und wer kann das ergrübeln? Unter dieſen Gedanken war nach und nach der Schlummer, deſſen ich heute ſo bedurfte, über mich gekommen. Ich löſchte mein Licht aus, und in wenigen Augenblicken waren beide Welten, die äußere und die meiner Gedanken, verſchwunden. Als ich am andern Tage viel ſpäter als gewöhnlich, weil ich ſpät einſchlief, erwachte, als ich mich angekleidet hatte, in den Speiſeſaal hin⸗ unter gegangen war, und um meinen Nachbar, an deſſen Thür ich ein Vorlegſchloß geſehen hatte, gefragt hatte, hieß es, daß er ſehr früh aus⸗ gegangen war, ohne eine Nachricht hinterlaſſen zu haben, wann er wie⸗ der kommen werde. Ich ging nun ebenfalls an meine Geſchäfte und kam nicht eher, als um die gewöhnliche Speiſeſtunde nach Hauſe. Da ich in den Saal trat, ſah ich ihn ſchon an unſerem Tiſche ſitzen, und ſetzte mich zu ihm. Es waren mehrere Menſchen an dem Tiſche, die gewöhnlich um dieſe Stunde zu kommen pflegten; mein Nachbar erwähnte des geſtrigen Tages nicht. Als wir nach Tiſche, wie häufig, einige Minuten in un⸗ ſeren Zimmern allein waren, ſagte er auch nichts, und ich, meinem Vor⸗ ſatze getreu, ſchwieg ebenfalls. Nach dieſem Ereigniſſe ging ich noch öſters, um die Geſchwiſter Milanollo zu hören. Ich habe aber meinen Nachbar nie dazu eingela⸗ den, und er hatte mich in jener Zeit auch nie gefragt, wo ich geweſen ſei. Von den beiden Mädchen war zwiſchen uns nicht mehr die Rede. Er lebte ſo ſtille und einfach fort, er war gefällig und zuvorkom⸗ mend, wenn auch ſchweigſam und verſunken. Ich bereute es in meiner Zartfühligkeit, daß ich ihn einmal ſchlechtweg blos ſeines ſchwarzen Frackes und ſeiner blaſſen Geſichtsfarbe halber Paganini geheißen habe. Ich nahm mir mit feſtem Ernſte vor, nie mehr einem Menſchen auf Ge⸗ rathewohl einen Spottnamen zu geben, weil ich mit ihm ſpäter beſſer bekannt werden und einſehen konnte, wie wenig er ihn verdiene. Wir blieben noch immer in unſerem Gaſthofe. Er ging alle Tage unverdroſſen, und wie es mir ſchien, immer eifriger ſeinen Geſchäften nach. Mein Bittgeſuch, ſo langſam es ſich auch förderte, ging doch ſei⸗ nen Weg, ich hatte alle Gänge, die dafür zu machen waren, gemacht, hatte ſie wiederholt und konnte jetzt nichts weiter thun, als ruhig ab⸗ warten, wie die Sache ausgehen werde. Nur die Anfragen, auf welcher Stelle ſeiner Laufbahn das Ding jetzt ſei, konnten von Zeit zu Zeit ge⸗ macht werden. Die Schweſtern Milanollo waren indeſſen abgereiſet. Die Ta⸗ gesſchriften, welche von ihnen voll geweſen waren, hatten allgemach auf⸗ — 183— gehört, von ihnen zu reden, die Geſpräche, in denen ſie eine Rolle ge⸗ ſpielt hatten, waren verſtummt, das heißt, ſie handelten jetzt von etwas Anderem. Nur manches verſpätete Gedicht machte ſich noch in der einen oder andern Spalte einer Zeitſchrift gelten, und in manchem Geſpräche guter Freunde, wenn eben von Mufik die Rede war, wurde noch ihr Name genannt. Ich habe immer und jederzeit, wenn ſich Gelegenheit dazu gab, meine tiefen Gefühle über ihr Spiel offen dargelegt, nur wenn mein Nachbar zugegen war, mied ich eher die Gelegenheit, daß er nicht auf jenen Abend erinnert würde. Endlich kam die Zeit, wo man, ſo ſehr man ſie gefeiert hatte, doch nicht mehr eigens von ihnen ſprach, ſon⸗ dern nur, wenn ſich zufällig die Gelegenheit dazu ergab. Daß etwas der Stoff des allgemeinen Geſpräches einer ſehr großen Stadt ſei, muß es ſich eben zugetragen haben, und muß Aufſehen erregen. Und gerade in großen Städten trägt ſich immer etwas zu, und macht von Zeit zu Zeit etwas Aufſehen. Darum ſind die Tagesgeſpräche ſo wandelbar. Wie lange das Kinderpaar in dem Gedächtniſſe ihrer Freunde und Verehrer fortgelebt haben mag, kann ich nicht erörtern, und es liegt nicht inner⸗ halb der Grenzen dieſer Geſchichte. Mein Nachbar und ich waren noch immer in Wien. Er wurde ſpä⸗ ter ſogar krank, und bei der großen ſonderbaren Scheu, die er gegen jedes Hoſpital an den Tag legte, lag er auf ſeinem Zimmer neben dem meinen darnieder, und hatte einen Arzt und eine Wärterin, ſonſt aber Nieman⸗ den. Ich ging daher häufig, wenn es meine Zeit zuließ, zu ihm hin⸗ über, redete mit ihm, erzählte ihm die Tagesbegebniſſe, was an der Wirthstafel geſprochen worden ſei, wer abgereiſet und neu angekommen wäre— ich gab ihm auch zuweilen Arznei ein, richtete ihm die Kiſſen, und erfuhr bei dieſer Gelegenheit, wie bitter mager der Mann ſei, wenn er ſo den Arm heraus ſtreckte, um etwas zu faſſen, oder wenn er etwa das Knie gegen die Decke ſtemmte, und eine ſehr ſpitzige Piramide machte. Er lag den ganzen Tag ruhig, es kam kein Menſch zu ihm, und man wußte auch gar nicht, welche Angehörige er habe; denn man ſah ihn nie Briefe empfangen oder ſchreiben. Endlich wurde er wieder nach und nach geſund, und ging in ſeinem ſchwarzen Fracke aus, wie er vor der Krankheit ausgegangen war, nur daß man ihm das überſtandene Uebel anſah. Seine Abreiſe, wie er ſagte, näherte ſich nun heran. Er mußte — 184— ſeinen Prozeß verloren haben, weil er noch düſterer und noch trauriger ausſah. Eines Tages kam er nach dem Mittagseſſen zu mir herüber und ſagte, daß er Abends nach ſechs Uhr mit dem Poſtwagen abreiſen werde. Er frage mich daher, ob er mich kurz vor jener Stunde treffen könne, um von mir Abſchied zu nehmen. Ich antwortete ihm, daß ich den ganzen Nachmittag zu Hauſe bleibe, und daß ich ihn ſogar, wenn er es erlaube, bis zu dem Poſtwagen begleiten werde. Er nahm es gerne an, und ging wieder in ſein Zimmer zurück. Von den Schweſtern Milanollo hatte er richtig bis hieher kein Wort geſagt. Am Nachmittage hörte ich ihn viel hin und her gehen; er mußte einpacken, was er ſelber that, weil er nie einen Diener gehabt hatte. Ein wenig nach vier Uhr, da ich eben bei meinem Fenſter hinäus ſah, ſah ich einen Träger einen ledernen Koffer und zwei Handſäcke von der Wendel⸗ treppe herab über den Hof fort tragen, die ich als die ſeinigen erkannte. Von nun an war es in dem Zimmer neben mir ſtille. Eine geraume Zeit nach fünf Uhr ging ich zu ihm hinüber, und fragte, wann er gehen wolle; ich ſei bereit, ihn zu begleiten. „Ich werde gleich gehen,“ antwortete er,„und wenn Ihr Zeit habt, und Euch die Mühe nehmt mich bis zu dem Poſtwagen zu begleiten, ſo freut es mich ſehr.“ Bei dieſen Worten ſteckte er noch Verſchiedenes zu ſich, und warf verſchiedenes Unbrauchbare weg. „Ich bin noch Euer Schuldner,“ ſagte er dann, indem er etwas in ein Papier Gewickeltes, das auf dem Tiſche lag, nahm und es mir ein⸗ händigte. „Wofür?“ fragte ich. „Ich habe vergeſſen, Euch damals meinen Antheil an den Sitzen und an dem Wagen zu bezahlen, als wir in dem Theater in der Joſeph⸗ ſtadt waren“, antwortete er. „Iſt es das?“ ſagte ich,„das iſt ja ſo wenig, und es wäre von„ keinem Belange geweſen, wenn Ihr ganz und gar darauf vergeſſen hättet.“ „Muß doch berichtet ſein,“ antwortete er. Ich ſteckte das Papier, ohne ſeinen Inhalt zu unterſuchen, zu mir, und verfolgte die Sache nicht weiter. Er war indeſſen fertig geworden, und ſagte:„Iſt es gefällig?“ Ich wandte mich zum Gehen, er zog noch flüchtig die Lade des Schreibtiſches heraus um zu ſehen, ob er nichts vergeſſen habe, und wir ſchritten zur Thür hinaus. Es war ſonderbar, es fiel mir ſchwer auf, obwohl ich mit dem Manne nie in einer eigentlich näheren Verbindung geweſen war, daß er nun gehe, und, als wir das Zimmer verlaſſen hat⸗ ten, die Schlüſſel an der Thür ſtecken ließ, wo bisher immer, wenn ich in ſeiner Abweſenheit vorbei ging, ein feſtes nettes Vorhängſchloß angelegt war. Als wir in den Hof gekommen waren, ſagte er der Magd, die wir dort ſahen, und der gewöhnlich das Zimmerfegen oblag, daß er nun reiſe, daß die Schlüſſel ſtecken, und daß ſie über das Zimmer verfügen könne. Wir ſchritten nunmehr bei dem Thore hinaus. Auf der Gaſſe ſagte er zu mir:„Ich danke Euch noch einmal ſehr freundlich für die Güte und Aufmerkſamkeit, die Ihr in meiner Krankheit für mich gehabt habt. Ihr ſeid ein guter gefälliger Menſch, vielleicht treffen wir uns auf dieſer Welt noch einmal irgend wo wieder.“ „Wo wohnt Ihr denn?“ fragte ich ihn. „Ich habe bisher in Meran gewohnt,“ antwortete er;„wo ich in Zukunft wohnen werde, weiß ich noch nicht. Wenn Ihr aber einmal nach Meran kommet, dürft Ihr nur nach mir fragen, und man wird Euch dann meinen Aufenthaltsort ſchon ſagen. Oder wenn Ihr mir Euren Wohnort nennet, ſo kann ich Euch auch einen Brief ſchreiben, worin ich Euch anzeige, wo ich ſein werde. Wenn Ihr dann einmal in die Nähe kommt, ſo geht Ihr zu mir. Ich werde gewiß eine große Freude haben, Euch zu ſehen.“ „Und ich gewiß auch,“ antwortete ich. Ich nahm nach dieſen Worten eine Namenskarte aus meinem Ta⸗ ſchenbuche, ſchrieb mit ſtarker Bleifeder meine Wohnung auf die Kehr⸗ ſeite, und ſagte:„Unter dieſer Aufſchrift wird mich ein Brief von Euch zu jeder Zeit des Jahres finden.“ Er nahm die Karte und that ſie in ſeine Schreibtafel. Nun gingen wir ſchweigend neben einander her, entweder weil wir wirklich nichts zu reden wußten, oder weil wir geſpannt waren. Endlich, gleichſam um das kleine Stück Weges, das wir noch bis zur Poſt hatten, auszufüllen, that er die Frage:„Seid Ihr ſchon einmal in Italien geweſen?“ „Es war wohl ſchon ſeit Jahren mein ſehnlichſter Wunſch, dieſes — 186— merkwürdige Land zu ſehen,“ antwortete ich,„aber meine Verhältniſſe geſtatteten es bisher immer nicht, den Wunſch zu verwirklichen. Indeſſen gebe ich ihn nicht auf, und wenn einmal eine Zeit kommt, in der es mir möglich iſt, eine große Reiſe zu machen, ſo iſt Italien das Land, in welche ich ſie unternehme.“ „Thut das ja,“ ſagte er,„es wird Euch gewiß nicht reuen.“ Mit dieſen Worten waren wir an der Poſt angekommen, und gin⸗ gen bei dem großen Thore hinein. Der Innsbrucker Wagen war ſchon angeſpannt. „Nun lebet wohl,“ ſagte er,„ich danke Euch für die Begleitung, und ich danke Euch auch noch einmal für alles Andere, was Ihr mir ge⸗ than habt, und grüßet unſere Mittagsgäſte recht ſchön.“ „Lebet wohl,“ antwortete ich,„und reiſet glücklich.“ Somit war der Abſchied vollbracht. Er ging an den Wagen und ſchaute bei allen Fenſtern hinein; allein da er ziemlich ſpät gekommen war, ſaßen überall ſchon Reiſende von verſchiedener Gattung darinnen: dicke und dünne, ſchnurrbärtige und backenbärtige, mit Tabakspfeifen und Augengläſern verſehene— nur in dem hintern Gelaſſe, bei einer Frau mit Reiſeſäcken und Fächern war ein Plätzchen erübrigt— ſein Mantel, den er vorausgeſchickt hatte, lag neben den hintern Rädern auf der Erde, er hob ihn auf und that ihn um— auf der Wagendecke war man mit Schnüren und Zubinden fertig geworden, man packte den ar⸗ men alten Mann, wie es gehen wollte, ein, und fuhr mit ihm davon. Ich blieb noch eine Weile auf der Gaſſe vor dem Poſthauſe ſtehen, und ſah dem Wagen nach, ſo weit ich ihn erblicken konnte. Die Ecke der nächſten Gaſſe verdeckte ihn aber bald. Hierauf ging ich in eine Geſell⸗ ſchaft von jungen Männern, die ich kennen gelernt hatte, die ſich jede Woche an einem beſtimmten Tage verſammelten, und die mich hiezu ein⸗ geladen hatten. Es war eben der Tag, und wir ſaßen ziemlich lange bei⸗ ſammen, und redeten von den verſchiedenſten Dingen der Welt. Am andern Tage ſtand ich auf, und ging wieder meinen Geſchäf⸗ ten nach. Es iſt unglaublich, aber es iſt doch ſo: der alte Mann, der fort ge⸗ fahren war, ging mir ſehr ab. Zum Zimmernachbarn hatte ich einen Fruchthändler bekommen, der immer mit den Fingern ſehr ſchnalzte, wenn er über die Wendeltreppe hinab ging Er war zugleich ſo dick, daß man — 187— auf der Stiege nicht an ihm vorbei konnte, ſondern in einen Gang oder unter eine Thür geſtellt, ihn vorüber laſſen mußte. Ich war noch ziemlich lange an Wien gebunden. Endlich wurde meine Bittangelegenheit doch entſchieden, und zwar gegen meinen Wunſch. Der Fruchthändler war ſchon lange abgereiſt, ich hatte nach einander wohl fünfzehn verſchiedene Zimmernachbarn gehabt, und jetzt, da ich meinen lang erſehnten Beſcheid in die Hände bekam, packte ich meine Sa⸗ chen zuſammen, und fuhr ebenfalls davon. Reiſeheſuch. Ihr wißt alle, meine theuren Freunde, wie ich von jeher ein Kind des Zufalles geweſen bin. Zuerſt iſt ſchon meine Erziehung ein Zufall geweſen; denn nach dem Tode meiner vortrefflichen Mutter, welche der Meinung war, daß man das Herz und Gemüth vorzugsweiſe zu größt⸗ möglichſter ſittlicher Vollkommenheit ausbilden müſſe, kam mein Vater an die Reihe, der früher wegen ſeiner vielen Geſchäfte nicht im Stande geweſen war, ſich um mich zu bekümmern, der aber im Allgemeinen den Plan meiner Mutter vollſtändig gebilligt hatte. Er wollte auf die Grund⸗ lage des Gefühles nun auch die wiſſenſchaftliche Ausbildung ſetzen. Aber er ſtarb ebenfalls in dem erſten Jahre. Nach ihm übernahm mein Oheim, der Bruder des Vaters, die Erziehung. Dieſer verwarf alles, was nicht nach ſeinem Ausdrucke praktiſch war. Praktiſch war aber dasjenige, das er dafür erklärte. Ich mußte nun immer arbeiten, das heißt, wie er ſel⸗ ber ſagte, etwas hervor bringen. Das Hervorgebrachte aber mußte ein Sichtbares und Greifbares ſein, das dem Staate und der menſchlichen Geſellſchaft nützte. Er theilte mir Lehrer und Gehülfen zu, die ſelber ar⸗ beiten, und mich zur Arbeit anleiteten. Die Einbildungskraft, und alles, was mit ihr zuſammen hängt, nämlich alle Kräſte, die zur Ausſchmückung und Ergötzung des Geiſtes dienen, hielt er ſtrenge darnieder. Ich bin ſelber der Meinung, daß das heitere und freie Spiel jener Kräfte, die ſo — 188— ſchön und lieblich in der menſchlichen Seele liegen, in Verbindung mit einer Thätigkeit, wodurch das irdiſche Gut für den einzelnen und ſo auch für die Geſellſchaft hervorgebracht wird, den Menſchen ganz und völlig erfüllt und glücklich macht; aber ich konnte beides zuſammen nie errei⸗ chen, ſondern immer nur eines allein; denn als ich aus der Erziehung des Oheims entlaſſen war, weil ich nun ſelbſtſtändig in ſeiner Richtung vorwärts gehen konnte; that ich es nicht. Ihr wißt, wie ſich lange niedergehaltene Kräfte rächen. Ich gab mich nun, da ich frei war, dem Zuge meiner Einbildungskraft und den Anregungen meiner ſinnenden Kräfte unbedingt hin. Ich ließ die ſchönen Künſte, und allerlei Schwel⸗ gereien der Gefühle ohne Maß auf meine Seele wirken. Wenn mir da⸗ mals ein hochherziges edles ſtarkes tief fühlendes Weſen entgegen getreten wäre, das aber auch im Schaffen und Wirken tüchtig geweſen wäre, daß ſich die Fülle der Habe und Wohnlichkeit ergieße: ich glaube, ich hätte es nicht erkannt und gewürdigt.— Jetzt da die Geſchicke es weigern, könnte ich es wohl. So wurde ich alſo durch Zufall, da ich meine Kräfte abgeſondert und einſeitig übte, ganz das Entgegengeſetzte von dem, was meine Er⸗ ziehung bezweckte. Was weiter kam, war die natürliche Folge davon. Im Kleinen war es ja auch ein Zufall, daß ich einmal mit den Schweſtern Milanollo in einem Wagen fuhr, ohne ſie zu kennen, und daß ich dann mit einem meiner damaligen Reiſegenoſſen wieder zuſam⸗ men traf, und ſie mit ihm hörte. 5 Noch mehr aber wirkte der Zufall ſpäter, da ich mich von meinem Zimmernachbar in der Dreifaltigkeit getrennt hatte. Ich wollte damals, als ich in Wien war, durch die vielen Verbin⸗ dungen, die ich meinem Vater verdankte, eine Stelle erringen, die ich meinen Fähigkeiten angemeſſen erachtete; denn das ohnehin nicht große Vermögen von meinen Eltern ſah ich durch mein ſchlenderndes Leben ſich nach und nach dem Ende zuneigen. Ich hatte große Verſprechungen und zehrte durch den langen Aufenthalt in der großen Stadt noch einen Theil von Zeit und Geld auf. Da erhielt ich den abſchlägigen Beſcheid und reiſte nach Hauſe. Es war die äußerſte Zeit, irgend etwas feſt zu ſetzen. Nun fing ich ſofort an, durch außerordentliche Thätigkeit und durch ſehr geſchickte Berechnungen, welch beides ich von meinem Oheime gelernt hatte, mir im Handel ein Vermögen zu erwerben. Ich hatte den Plan, — 189— mir mit demſelben, wenn es einmal groß genug wäre, ein recht nettes Häuschen mit einer Landwirthſchaft zu meinem künftigen Lebensunter⸗ halte anzuſchaffen, freilich, um wieder träumen zu können. Zu meinen Berechnungen, deren Stoff ich mir mühſam durch ſtetes Herumfragen und Reiſen erworben hatte, trafen noch glückliche Umſtände hinzu, die Niemand ahnen konnte, die mein Oheim ſelber nicht ahnte, und die machten, daß ich mein Ziel viel früher erreicht hatte, als ich dachte. Ich kaufte das Häuschen, und da ich es eingerichtet hatte, da um das ganze Beſitzthum eine Einfriedigung lief, da ich die Bearbeitung meiner Grund⸗ ſtücke begann: machte ich eine Erbſchaft, in welcher das alles viel reicher und ſchöner vorhanden war, als ich es mir je hätte einbilden können. Eine Tante, die älteſte Schweſter meiner Mutter, die mich einmal als Kind lieb gehabt hatte, die nach dem Tode ihres Gatten, eines reichen Mannes, einſam gelebt hatte, und dem Anſcheine nach allmählich, ohne daß man die Urſache wußte, in tiefe Armuth verſunken war, war mit Hinterlaſſung eines bedeutenden Reichthumes geſtorben. Sie hatte ſchon ſeit Jahren in einem kleinen Stübchen gelebt, und ſich nur mit dem Nothdürftigſten genährt und gekleidet. Sie nahm von der Familie nie etwas an, und wurde im Laufe der langen Zeit von uns faſt vergeſſen, als wäre ſie gar nicht mehr vorhanden geweſen. Ein großes äußerſt reizendes Anweſen, welches ein Anwalt, der in ihrer Stadt lebte, be⸗ wirthſchaftete, gehörte zu ihrem Eigenthume. Er verwaltete es nur un⸗ ter der größten Verſchwiegenheit, daß Niemand wiſſe, daß ſie Vermögen habe, und ſie etwa in ihrer Abgeſchiedenheit überfalle, und ermorde. Dieſes Beſitzthum, welches die Tante Treuluſt nannte, obwohl das nahe⸗ gelegene Dorf Reutſchlag hieß, und wohin ſie trotz der großen Entfer⸗ nung von ihrer Stadt jährlich einmal im tiefſten Geheimniſſe fuhr, hatte ſie mir nebſt einer beträchtlichen Summe Geldes, das zur erſten Einrich⸗ tung dienen ſollte, als Erbtheil hinterlaſſen. Die Söhne meines Oheims bekamen als bloße verſchwägerte Glieder der Familie jeder nur ein klei⸗ nes Vermächtniß, und alles Uebrige, deſſentwillen ſie ſo bitterlich ge⸗ darbt hatte, das ſie durch lange Jahre und ungeheure Mühe zuſammen gebracht hatte, wurde milden Stiftungen zugewandt, und zwar nur ſol⸗ chen, die werkthätig zur Linderung menſchlichen Leidens eingreifen. Das war der Zweck ihres Lebens geweſen. Das Teſtament meiner Tante hatte ein außerordentliches Aufſehen gemacht, theils der Willenskraft wegen, — 190— die mit einer ſolchen Verfahrungsart verbunden iſt; theils des Gegen⸗ ſatzes wegen, da nach vermutheter Armuth ein ſolcher Reichthum zum Vorſchein gekommen war. Blos Treuluſt hatte für ſie eine Schwäche dieſes Lebens abgegeben: ſie hatte den Sitz mit vieler Freundlichkeit und mit einem Geſchmacke ausgeſtattet, den man der alten herben Frau nicht zugemuthet hätte, ſie ließ das Beſitzthum immer im beſten Bauſtande und Betriebe ſein, und gab es endlich dem einzigen blutverwandten We⸗ ſen, das ſie noch auf der Erde hatte, zur Erbſchaft. Ich reiſete, als mir dieſe Dinge durch die Gerichte bekannt gemacht wurden, nach meinem neuen Eigenthume, fand es unendlich herrlicher, als mein altes, ver⸗ kaufte daher alles, was ich mir mit ſo vieler Mühe und ſo vielem Fleiße zuſammengerichtet hatte, und überſiedelte mich in meine neue Wohn⸗ ſtätte. Ich hatte in meinen früheren dürftigen Zeiten ein ſehr ſchönes Mäd⸗ chen gekannt. Ich weiß nicht, ob ich es liebte, was man lieben nennt; jenes Lodern, Leiden und Sprudeln, was ich an meinen Freunden ſah, wenn ſie liebten, war nicht in mir; aber ich hatte es ſehr gerne, wenn ich die ſchöne Mathilde ſah, und mit ihr ſprechen konnte. Ich näherte mich ihr, zeichnete ſie aus, und geſtand ihr einmal meinen Wunſch, ihr näher angehören zu wollen. Sie war nicht abgeneigt und ſagte, daß ſie gerne einwillige, wenn ich nur ſo viel habe, eine Gattin den Verhält⸗ niſſen gemäß erhalten zu können. Ich hatte mir eben damals mein erſtes Beſitzthum erworben, und legte ihr deſſen Beſchaffenheit vor. Sie er⸗ wiederte, es möchte doch vielleicht noch zu wenig ſein. Als ich Treuluſt erhalten hatte, war freilich alles zu ſpät; denn die ſchöne Mathilde war bereits mit einem Schloßbeſitzer, der in einiger Entfernung wohnte, ver⸗ mählt. Ich war verdrüßlich, war übel geſtimmt, und beſchloß wenig⸗ ſtens jetzt allein zu bleiben, und meinen Kohl zu bauen. Ich begann es auch und die Sache fügte ſich nach und nach zu⸗ ſammen. In jener Zeit dachte ich wieder an die Schweſtern Milanollo. Wenn ich nämlich manchmal Abends, da meine Leute etwa gar ſchon zur Ruhe gegangen waren, oder hinten an den Wirthſchaftsgebäuden ſaßen und plauderten, einſam in meiner grünen Stube ſaß, und nichts um mich war, als die ſchönen Kupferſtiche, die ich von der Tante geerbt hatte, nahm ich gerne meine Geige aus ihrem Fache, und geigte mir etwas vor. — 191— Ich hatte nämlich in jener Zeit, als ich meinen Träumereien gelebt hatte, die Geige ſpielen gelernt, und hatte manche Stunde mit meinem Meiſter vergeigt. Aber ſo ſchön wie Thereſa geigte ich weder damals mit mei⸗ nem Meiſter, noch jetzt in meiner grünen Stube, obwohl ich eine aus alter Zeit ſtammende Eremoneſer Geige beſaß, und mir die beſten Sai⸗ ten kommen ließ, die auf der Welt zu haben waren. Wir hielten damals unſer vier Mitglieder zwei politiſche Zeitungen, nämlich der Dechant zu Blumenau, der Forſtmeiſter zu Olshag, der Schulmeiſter meines Dorfes und ich, da wir aber auch alle viere die Geige ſpielten, ſo wurde einmal, als wir uns bei einer Kircheneinwei⸗ hungsfeier trafen, verabredet, daß wir alle Monate wenigſtens einmal bei mir zuſammen kommen, und ein Quartett einrichten wollten. Das Ding geſchah und kam bald in den Gang. Wir übten uns in wenigen der bekannteren Tonſetzer, und ſpielten gewöhnlich zuerſt aus Haydn, dann aus Mozart, und endlich aus Beethoven. Wenn nun meine Mit⸗ ſpieler ſehr zufrieden waren, und ſagten, die Kirchenmuſik in Blumenau und in Stromberg ſei lange nicht ſo gut, als unſere Aufführungen, und die todten Meiſter können ſich in ihrem Grabe freuen, daß ſie ſo verehrt würden, und daß wir ſie doch ſo gut vortrügen; dann dachte ich: ihr habt nie ſo gut ſpielen gehört, wie ich, und mögt euch immerhin freuen, ich kann es nicht. Ich ließ ſie gewähren und verſchwieg meine Gedan⸗ ken.— Unſere Luſt an der Sache ermattete aber endlich ein wenig, und die monatlichen Quartette ſchrumpften zu vierteljährigen ein, die wir aber auch da nicht immer abhielten, außer wir ſchickten uns eigene Ein⸗ ladungsbriefe dazu. Am Ende kam alles in Vergeſſenheit. So waren mehrere Jahre vergangen, die ich mit Einrichtungen in Treuluſt verbrachte. Da dachte ich wieder an meine italieniſche Reiſe. Ich konnte ſie jetzt mit Bequemlichkeit machen. Meine Verhältniſſe wa⸗ ren geordnet, ich hatte nichts zu erbauen, ich hatte keine Veränderungen vorzunehmen, und ich hatte keine Hoffnungen, die erfüllt werden ſollten. In Tirol lebten zwei Freunde von mir, die mich beſtändig zu ſich ein⸗ luden. Der Eine derſelben hatte eine Muſterwirthſchaft, die ſchon oft von Reiſenden und Zeitungen gelobt worden war. Ich konnte ſie be⸗ ſuchen, dann weiter durch Südtirol gehen, und bei dieſer Gelegenheit auch in Meran nach meinem alten Reiſefteunde fragen; denn der Brief, — 192— den er mir über ſeinen neuen Wohnort zu ſchreiben verſprochen hatte, war nie angekommen. Ich machte wirklich in Folge dieſer Gedanken im Winter meine Vor⸗ bereitungen. Ich machte ſie freilich nicht mit jener großen freudevollen Hoffnung, wie ich ſie vor mehreren Jahren gemacht hätte, wo mir mein Reiſeziel noch ſo hold vorſchwebte, und es an allen Mitteln gebrach. Ich weiß nicht, war ich nun um eben dieſe Jahre älter geworden, oder hatte ich mich ſo in mein Beſitzthum hinein gelebt, daß das Fortgehen davon ſchwerer war, als früher alle Reiſen, wo ich eigentlich zwar immer irgend wo wohnte, aber nirgends zu Hauſe war. Indeſſen machte ich meiſe Anſtalten doch noch immer mit gehöriger Luſt, und beſonders war es wohlthätig, daß jetzt alle Mittel dazu vorhanden waren, die damals gänzlich gefehlt hatten. Ich war gegen Anfang des Frühlings mit meinen Vorrichtungen fertig, und an einem ſehr ſchönen Morgen fuhr mich mein Altknecht mit meinen liebſten Braunen, die ich ihm während meiner Abweſenheit recht auf die Seele band, auf einem Feldwege der nächſten Poſt zu. Mein Plan war folgender: ich wollte erſt in den Frühlingstagen reiſen, um ſie zu genießen. Eine kleine Zeit wollte ich bei meinen Freun⸗ den in Tirol zubringen, dann während des Sommers in Oberitalien ver⸗ weilen. Gegen die mildere Herbſtzeit zu wollte ich dann ſüdlicher gehen, den Winter in Rom und den Sommer im Albanergebirge zubringen. Endlich wollte ich nach Neapel reiſen, und im Winter dort, im Sommer aber auf Capri wohnen. Hiebei würde ich einmal Sicilien beſuchen. Der dritte Winter würde in Florenz verlebt, und der nächſte Frühling darauf würde mich wieder in der Heimath ſehen. Iſt die Reiſeluſt dann gelöſcht, dachte ich, ſo bleibe ich zu Hauſe, erwacht ſie wieder, ſo beſuche ich dann andere Länder, da ich ja in meiner Behauſung nichts zurück laſſe, das ſich nach mir ſehnt. Auf der Poſt nahm ich von meinem Knechte und von den Pferden Abſchied, ließ alle meine Leute grüßen, trug ihnen genaue Obſorge über das Hausweſen auf, und fuhr dann, da mein Gepäcke indeſſen umge⸗ packt worden war, in die fremden Länder hinaus. Ich rückte nun an Berg um Berg, an Thal um Thal vorüber. Die Reiſe übte, wie es jede an dem Menſchen thut, einen ſehr wohlthätigen Einfluß auf mich aus. Das gleichmäßige Einerlei, in welches mich das — ewige Betrachten des Getreidewachſens verſetzt hatte, milderte ſich, und erfüllte ſich nach und nach mit den Moſaikſtücken grüner Berge, weißer Städte, leuchtender Landhäuſer, und vermannigfaltigte ſich durch die tau⸗ ſend fremder Angeſichter, die mir begegneten, fremder Trachten, die ich ſah, und durch das fröhliche und ſeltſame Gewimmel, das die unzähligen Menſchen dieſer Erde treiben müſſen, um dem Tage das Leben abzuge⸗ winnen, und dieſes Leben dann doch wieder in der Schnelle zu vergeuden. Es iſt ein großer ſonderbarer Anblick, dieſes merkwürdige Geſchlecht im Ganzen zu überſchauen— wie es ſich immer und immer geändert hat, und immer zu größerer Vollkommenheit zu gehen vermeinte. Wie mag es in den Millionen künftiger Jahre ſein, wohin unſer befangener Blick nicht zu dringen vermag— wer kann es wiſſen? Wenn man mit ſeinem Fühlen und Denken außer der Gegenwart ſteht, und von ihr nicht fortgeriſſen wird, ſo haſtet alles in Unruhe, in Begehren und in Leiden⸗ ſchaft vorüber— manches ſchöne edle Herz lächelt uns an, daß man es liebt, und an ſich drücken möchte; aber es geht auch vorüber:—— wenn man dann die Natur betrachtet, wie die Geſelligkeit der Pflanzen über alle Berge dahin liegt, wie die Wolken ziehen, wie das Waſſer rieſelt, und das Licht ſchimmert— welch ein Treiben jenes, welch ein Bleiben dieſes! Durch die Natur wird das Herz des Menſchen gemildert und geſänftigt, durch das Wogen der Völker, ſobald man einen tieferen Geiſt hinein zu legen vermag, wird es begeiſtert und erhoben. Da ich immer ein Einzelner war, der nicht hatte, was er lieben oder haſſen konnte, lernte ich die Menſchen in der Weltgeſchichte kennen. Da waren ſie anders, als ſie ſich immer in der nächſtberührenden Welle geltend machen möchten. Was die Gegenwart vft als ihr Höchſies und Heiligſtes hielt, das war das Vorübergehende: was ſie nicht beachtete, die innere Rechtſchaffenheit, die Gerechtigkeit gegen Freund und Feind, das war das Bleibende. Was ein Redner, von dem bloßen Theile eines Ganzen ergriffen, ſeinen Zeitgenoſſen heftig predigte, iſt in den folgenden Ge⸗ ſchlechtsräumen anders, weit anders gekommen. Mit dieſen Gedanken fuhr ich die Straße des ſchönen Tirols hinan, und ließ dieſe Berge und Laſten auf mich einwirken, zwiſchen denen die Menſchen herum gehen, und wie überall, während ſie wähnen, nur für die nächſten Bedürfniſſe zu ſorgen, den Bau der Zukunft aufbauen. Und Stifter. 4. Aufl. III. 13 — je nach der Güte oder Zerworfenheit der Gegenwart wird dieſer Bau auch dauernder oder hinfälliger. Ich fuhr durch das lange Innthal, und lenkte dann in das Puſter⸗ thal ein. Ich hatte den einen meiner Freunde beſucht, und war eine Woche bei ihm geblieben. Die Zeit wurde verbracht, indem wir theils ſchöne landſchaftliche Stellen beſuchten, theils mit ſeinen Freunden zu⸗ ſammen kamen, theils die Land⸗ und Alpenwirthſchaft dieſes Volkes be⸗ ſahen. Dann reiſete ich wieder weiter und kam zu dem andern, der den berühmten Hof hatte. Ich blieb drei Wochen bei ihm. Ich ſchaute alles an, was da war, ich betrachtete die Arbeiten, ich ließ mir erzählen, und fertigte ein Buch an, in welches ich alles eintrug, was ich mir merken wollte. Mit der ſchönſten Erinnerung und mit dem Bilde eines edlen Mannes— denn in früheren Zeiten hatten wir uns doch nur ſehr ober⸗ flächlich gekannt— verließ ich das Haus, und wandte mich nach dem ſüdlichen Tirol. Es gingen noch duftblaue Berge, glänzender Firn, dunkelnder Wald und grünes Gelände an mir vorüber. Ueber manchen rauſchenden Bach mußte ich fahren, und an mancher freundlichen Häuſerreihe mußte ich vorbei, bis ich eines Abends in Meran einzog. Es waren ſehr viele Fremde in dem Orte, die ſich gewöhnlich im Sommer einfinden, um die ungemeinen Reize der Gegend zu genießen. Im Herbſte, ſagte man mir, kommen meiſtens noch mehrere, weil ſie da eine Traubenkur zu gebrauchen pflegen. Ich fragte, da ich nun da war, bei meinem Gaſtwirthe um Franz Rikar, ſo hieß nämlich mein ehemaliger Zimmernachbar. „Dieſer Mann,“ antwortete der Wirth,„iſt ſchon ſehr lange nicht mehr in Meran, er hat ſich ſehr einſchränken müſſen, es geht ihm ſehr ſchlecht, und er hat ſich an die Ufer des Gardaſees zurück gezogen, wo er geboren iſt.“ Als ich um den Ort fragte, ſagte er, den wiſſe er nicht genau, wenn es aber nicht Riva ſei, ſo müſſe es ganz gewiß in der Nähe ſein. Als ich des Abends ein wenig in dem Städtchen herum ging, um es mir anzuſchauen, fragte ich auch noch andere Leute, und erhielt faſt überall die nämliche Antwort, nirgends aber eine genauere. Da ich dieſe Sache erfahren hatte, kam mir der Gedanke, den alten Mann nach Treuluſt zu ſchaffen. Er könnte, dachte ich, dort recht gut — 195— leben; ich bin ganz allein, er könnte unbeirrt ſein, er könnte etwas thun, oder auch nicht; wenn ich zurück käme, könnte ich mit ihm reden und umgehen; vielleicht gewinne ich ihn gar lieb, kränke mich um ihn, wenn er krank wird, pflege ihn, und weine um ihn, wenn er ſtirbt. Dieſer Gedanke und dieſer Beſchluß änderten meine bisherige Reiſe⸗ richtung, ich ließ von dem Wege, den ich nach Mailand verfolgen wollte, ab, ließ meine Sachen auf ein eigens gemiethetes Fuhrwerk packen, und fuhr in demſelben am andern Tage Morgens auf dem nächſten Wege nach Riva zu. Ich beſchloß den Mann mit den nöthigen Schriften und mit Geld zu verſehen, ihn auf den Weg nach Treuluſt zu geben, und dann meine Reiſepläne wieder weiter zu verfolgen. 2 Als ich in Riva angekommen war, bewunderte ich nur ganz kurz die außerordentlich ſchöne Lage dieſes Ortes, und erkundigte mich gleich nach meinem Manne. Allein in ganz Riva kannte Niemand den Namen Rikar, und als ich den Mann beſchrieb, war Niemand vorhanden, der ſich erinnern konnte, je einen ſolchen geſehen zu haben. Ich ſtand alſo an dem erſten Hinderniſſe meines gutgemeinten Pla⸗ nes. Weil ich aber einmal ſo weit war, ſo beſchloß ich gleich noch ein Mehreres zu thun. Ich beſchloß, da man einſtimmig geſagt hatte, er müſſe in der Nähe von Riva wohnen, ſofort einen beliebigen Bogen an den Riva⸗Ufern des Gardaſees herum zu fahren, an allen Orten, wo ich Menſchen vermuthete, anzuhalten, und zu fragen. Zu dieſem Zwecke miethete ich ein Schifſchen und einen Fährmann, der es lenken konnte. Ich beſorgte Lebensmittel, wenn wir etwa länger an unwirthbaren Stellen verweilen ſollten, barg meine Sachen in mei⸗ nem Zimmer im Gaſthofe, und beſchloß, ſo bald als möglich meine Fahrt zu beginnen. Dies geſchah ſchon am nächſten Morgen, da ſich mein Fährmann ſehr früh eingeſtellt hatte. Wir begaben uns auf unſere ſonderbareReiſe, und wurden durch das herrlichſte Wetter und manch anderes ſeltſame Ding belohnt. Was in mir von früheren Zeiten träumeriſch war, war Lanz geeignet geweckt zu werden. Für Freunde landſchaftlicher Natur und Entwicklung iſt eine ſolche langſame von häufigem Anhalten unterbro⸗ chene Fahrt an den Ufern bei weitem vorzüglicher, als eine längs der Mitte des Sees, wo alles, was ſchön iſt, nur in allgemeinen Bildern unentfaltet vorüber rückt. Wir fuhren ſtets an den Geſtaden. Bald wares 13 — 196— ein großer unermeßlich ſcheinender Fels, den wir umſchifften, und der wie ein Stück Alpe in das ſeichte Fahrwaſſer des Sees geworfen ſchien. An ſeinem Körper ſpielten die grauen Lichter und die violetten Schatten, und an ſeinem Fuße plauderten oder flüſterten die Wellchen, die unbemerkt und unabläſſig an ſeinem Korne wuſchen.— Ein ander Mal war es wieder eine blendende Sandbank, die gegen das Dunkelblau des Waſſers hinaus ging. Hinter ihr klomm das reine Grün empor, das wieder oben in Felſen überging, die dann blaulich in die noch blauere faſt funkelnde Luft hinein dämmerten. Oſt ſtach eine ſolche Zunge gleichlaufend mit dem Ufer weit in den See hinaus, und jenſeits derſelben lag das ruhigſte dunkelblaueſte Waſſer wie ein geborgenes Band an dem Gürtel des Ge⸗ ſtades dahin. Wenn wir dann in die Langbucht einfuhren, ſo entwickelte ſich eine Hütte, ein Häuschen, ein Landſitz, wo wir früher nur einen mattgrauen oder ſchwachweißen Punkt geſehen hatten.— Oft wurde das breite Waſſer des Sees ganz ſchwarzblau, unendlich dunkler, als die Luſt, und längs des fernen Saumes glänzte, wie eine lichte Kalkwand, das Zierrathenwerk der Felſen, und warf ſein Gitter zauberhaft in die Fläche des ſchwarzen Spiegels.— Wenn wir manchmal eine Wand ſahen, und meinten, ſie ſei weithin die glatteſte ritzenloſeſte Mauer, ſo that ſie ſich, wenn wir an ihr entlang fuhren, auf einmal auf, und trug in ihrer Faltung eine niederſteigende von dichtem Buſchwerke bewucherte Furche, in der das klareſte glasdurchſichtigſte Alpenwaſſer nieder ſtrömte. Und wenn wir dann um die Sandhügel, die ſich heraus ſchoben, herum fuh⸗ ren, und in die Bucht einlenkten, die ſich darſtellte, ſo ſahen wir, daß der Schauplatz ſehr groß ſei, und an ſeinem Rande ſtatt des grünen Wu⸗ cherwerkes, welches wir erblickt hatten, rieſengroße ſchöne Bäume trug, und in mancher Ecke noch ein aus rohen Steinen oder Stämmen zuſam⸗ mengefügtes Fiſcherhäuschen barg. Mein Begleiter plauderte faſt unabläſſig fort. Ich lernte ſein ſelt⸗ ſames Italieniſch bald verſtehen, und antwortete ihm darin, worüber er große Freude hatte. Er nannte mir alle Stellen, von denen er die Na⸗ men wußte, erzählte mir Geſchichten, die oft ſehr abenteuerlich und un⸗ glaublich waren, und zeigte, wie faſt alle Südländer gewohnt ſind, das lebhafteſte Entzücken über ſein ſchönes Land. Das erſte Mal aßen wir zu Mittag auf unſerem Schiffchen, das wir ruhig ſtehen ließen, und über deſſen Borde wir ein Brett als Tiſch legten, auf dem wir unſere — 197— Sachen ausbreiteten. Er that mir aus meiner Flaſche Beſcheid, und wurde noch geſprächiger und luſtiger, als vorher. Da ich ihm den Zweck unſerer Fahrt geoffenbart hatte, wurde er von dem Seltſamen des Din⸗ ges ergriffen, und ſo oft wir landeten, frug er in die Leute, die uns vor⸗ kamen, hinein, als müſſe er ihnen den alten Mann um jeden Preis und mit Gewalt entreißen; und das Märchenhafte, daß ich nichts als den Namen Rikar wußte, ergötzte ihn ſo, daß er nach jedem Punkte am Ufer ſpähte, und oſt ausrief:„Dort liegt ein Haus, dort liegt eine Hütte, dort liegt ein Stein.“ Die Nacht brachten wir in einer einzeln gelegenen Herberge zu, die mit ihren ſchimmernden Mauern, gleichſam wie eine weiße Tafel, an die Felſen geklebt ſchien, und von einem ganz verwickelten Geländer des grünſten Weinlaubes umgeben war. Am andern Tage fuhren wir ſehr früh ab, und ſahen Riva, von dem wir geſtern ausgegangen waren, wie kleine Papierſtreiſchen auf dem Waſſer ſchwimmen. Wir hatten alle unſere Vorbereitungen für den Gebrauch des Tages und für unſer Mittagmahl wieder in das Schiffchen gethan, und fuhren das blaue ſchwellende Waſſer dahin. An all den zahlreichen Stellen, an denen wir bisher gefragt hatten, hatten wir keine Antwort erhalten. Ge⸗ ſpeiſt wurde wieder auf dem See. Am Rachmittage gelangten wir in eine ödere Gegend des Waſſers. Das Land ſtieg ſanfter aber auch unfruchtbarer gegen den Spiegel herab. Wo der See ſeichter gegen die Ufer auslief, lagen viele große Steine in der Geſtalt von Knollen und Platten in ihm. Am Geſtade ſtand ein graues Haus, und über ihm am Rande der Landſchaft, waren, wie über⸗ all, die Felſen. Wir fragten in dem Hauſe, ohne eine Auskunft zu erhalten. Viel⸗ leicht, ſagte man, wüßten die Fiſcher etwas, die weiter unten am Strande ſeien. Da wir ein Weilchen gefahren waren, kamen uns die beſagten Fi⸗ ſcher zu Geſichte. Mehrere Männer ſtanden mit hochaufgeſchürzten Bein⸗ kleidern in dem ſeichten Waſſer, und wuſchen Schmutz und ſchwarzes Gras aus den Retzen, die ſie ſtückweiſe aus den Fahrzeugen wickelten. Wir lenkten den Schiffsſchnabel gegen ſie, und fragten um Franz Rikar. Aber ſie ſahen uns ſprachlos an, als ob ſie ſich auf eine Antwort beſän⸗ nen. Als ich, wie gewöhnlich, eine kleine Beſchreibung von dem Manne — gab, rief ſeitwärts eine feine knabenhafte Stimme:„Da kann ich viel⸗ leicht eine Antwort ertheilen.“ Wir ſahen dahin, woher die Stimme gekommen war, und ſahen einen Knaben auf einem der aus dem Waſſer hervortagenden Steine ſte⸗ hen. Er gehörte nicht zu den Fiſchern, ſondern hatte ihnen nur zuge⸗ ſchaut. Um das ſehr ſchöne aber ſehr braune Angeſichtchen mit den gro⸗ ßen italieniſchen Augen waren äußerſt verwirtte und verwilderte Haare, der Hals und die Oberbruſt waren nackt, dann hatte er ein rauhes Zie⸗ genfell um die Schultern, zu einer Art Ueberkleid geheftet, aus dem die nackten Arme hervor ragten, deren einer einen oben gekrümmten unten mit der Spitze in das Waſſer geſtemmten Stab hielt. Die Beinkleider endeten mit zerriſſenen Fetzen gleich unter dem Knie, von wo die nackten praunen Füße bis zum grauen Steine nieder gingen. An einer Schnur hatte er eine runde hölzerne Flaſche umhängen. Die Erſcheinung war, wie ein kleiner Johannes in der Wiſſte. „Nun, wenn Du Auskunft geben kannſt,“ redete ich,„ſo ſprich.“ Wir wendeten während dem unſer Schiffchen etwas näher ge⸗ gen ihn. „Sagt, iſt der Mann, den ihr ſuchet, alt?“ fragte er mit ſeiner fei⸗ nen klaren Stimme. „So ziemlich alt,“ antwortete ich. „Nein, er iſt ſehr alt,“ ſagte er;—„und hat er immer wie Ihr ſprecht, ein blaſſes Angeſicht und ein ſchwarzes Kleid?“ „Ja,“ erwiederte ich. „Dann iſt er es ſchon,“ ſagte der Knabe,„der iſt es, der ſo wun⸗ derbar geigt, und auf den Anhöhen wohnt.“ „Er geigt?“ fragte ich.* „Ihr könnt Euch nicht vorſtellen, wie herzergreifend er geigt,“ er⸗ wiederte der Knabe.. „Das iſt ja nicht möglich,“ ſagte ich,„haſt Du ihn geigen ge⸗ ſehen?“ „Ich bin nicht bei ihm geſtanden, da er geigte,“ antwortete der Knabe,„aber ich habe ihn oft in der Ferne gehört. So geht er.“ Bei dieſen Worten beugte ſich der Knabe mit dem Oberleibe vor, und fing an, auf ſeinem Steine hin und her zu gehen. Ich erkannte au⸗ genblicklich in dieſer Nachahmung den Gang meines Reiſefreundes. Ich — hatte ihn oft ſo gehen geſehen, ohne es mir beſonders klar zu machen; der Knabe hatte es jetzt genau dargeſtellt. „Ja, ja, der iſt es ſchon,“ rief ich,„der iſt es ſchon. Iſt er wohl ſehr abgetragen und zerriſſen?“ Der Knabe blickte mich ſtumm an, ſo daß ich ſah, daß die Vorſtel⸗ lung von Ganz oder Zerriſſen nicht in ſeinem Haupte ſei. „Nein,“ ſagte er endlich,„ich glaube nicht, daß ſein Gewand zer⸗ riſſen ſei.“ „Nun, ſo weiſe uns nur an, wie wir zu ihm kommen,“ ſagte ich. „Da müßt Ihr noch um das Höllwaſſer fahren,“ antwortete er, „ſeht, wo dort die Steine liegen. Ich werde auch hinüber gehen, und wenn wir drüben ſind, werde ich Euch ſchon hinauf weiſen.“ Er zeigte hiebei dem Ufer entlang in der Richtung, in der wir zu fahren hatten. Es lag da ein großes Geröllwerk, wie es gerne entſteht, wo Gießwaſſer in den See gehen, Sand und Steine mitſchleppen, und dieſe Dinge wie einen Wall an der Mündung liegen laſſen, der von Ferne, wie ein blendendes Dreieck, ausſieht. Während der Knabe auf dieſe Steine zeigte, beſchrieb er zugleich mit ſeinem Arme ſehr lebhaſt einen Bogen, um anzudeuten, daß wir ſie umfahren ſollten. Wir begannen die Fahrt, und zu gleicher Zeit hüpfte er am Ufer auf den Steinen neben uns her. Wir bemerkten dabei, daß der lange Stab, den er in der Hand hielt, eine ſtarke eiſerne Spitze habe, und daß er ſich mit Hilfe desſelben von Stein auf Stein ſchwang. Er that dies ſehr behende und ſicher, daß wir ſahen, daß das Ding oft in einſamen Stunden ſeine Lieblingsunterhaltung geweſen ſein mochte. Weil der Sandhügel ziemlich hoch und lang war, mußten wir zu ſeiner Umſchif⸗ fung bedeutend weit in den See hinaus fahren, und ſahen den Knaben nun von Ferne und ganz klein, wie ein graues Hüpfmännchen in den grauen Steinen ſich bewegen. Als wir die Mündung umſchifft hatten, ſtand er ſchon auf dem Ra⸗ ſen und wartete auf uns. Zugleich ſahen wir mehrere Ziegen auf dem Grasgrunde, die zwiſchen den Steinen und dem wenigen Geſtrippe klet⸗ terten, und zu denen er gehören mochte. Da wir nahe genug waren, ſagte er:„Da müßt Ihr nun hinauf ſteigen, bis Ihr in den Felſen, ſeht dort oben, in die Furche kommt, welche die Tiefſpalte heißt— Ihr könnt da wo immer empor ſteigen; — 200— denn alle Ziegenpfade des Graſes führen in die Tieſſpalte hinauf. In derſelben müßt Ihr fortgehen, bis Ihr zu dem Häuschen des alten Hiero⸗ nimus kommt. Es ſteht nur ganz allein in der Spalte. Da fragt wie⸗ der an, und der alte Hieronimus wird Euch ganz gewiß zu dem Manne leiten, den Ihr ſucht.“ Da ich ihn fragte, ob er mich nicht ſelber durch die Schlucht, die er die Tieſſpalte hieß, hinauf führen, und mir manches von dem Manne, den ich ſuche, erzählen könnte, antwortete er:„ich kann Euch ja nicht hinauf führen, weil da die Ziegen ſind, und von dem Mann kann ich nichts ſagen, als daß er es ſchon iſt, den Ihr ſuchet.“ Da nun die Sonne noch ſehr hoch ſtand, und ein bedeutender Reſt des Tages übrig war, ſo beſchloß ich nach der Weiſung des Knaben das Abenteuer zu wagen, um entweder meinen Mann ſelber zu finden, oder doch etwas Näheres von ihm zu erfahren. Deßhalb wendete ich mich zu meinem Fährmanne und ſagte:„Gerardo, die Flaſchen, die da in dem Korbe ſtecken, ſind Weinflaſchen. Jede, wie Du ſiehſt, hat auf dem Halſe ein Petſchaft, welches auf dem Korke ſo angedrückt iſt, daß man ihn nicht heraus nehmen kann, ohne die Buchſtaben und die Zierden um dieſelben zu verletzen. Wenn Du es daher doch thäteſt, um ein wenig Wein zu trinken und Waſſer nachzufüllen, würde ich es erkennen. Hier haſt Du eine Flaſche, die darſſt Du trinken, die übrigen mußt Du un⸗ berührt laſſen; denn ſonſt würdeſt Du betrunken werden, und müßteſt mir den theuren Wein bezahlen. Nun merke auf, was ich Dir ſage. Ich werde jetzt da hinauf ſteigen, um in den Bergen nach unſerem Manne zu fragen. Du mußt hier in dem Schiffe warten, bis ich entweder ſelber komme, oder Dir einen Boten mit der Nachricht ſchicke, was Du thun ſollſt. Wenn bis zu dem Abende weder ich ſelbſt komme, noch ein Bote erſcheint, ſo fahre in das graue Fiſcherhaus zurück, oder ſonſt irgend wo⸗ hin, und bleibe dort über Nacht. Am Morgen aber mußt Du wieder auf dieſem Platze ſein, und auf mich warten. Habe auf die Sachen Acht; ich will Dir eine meiner Piſtolen nebſt Pulver und Blei zurück laſſen, wenn Du mit dieſen Dingen umgehen kannſt; verpuffe aber nicht etwa aus Kurzweile und Luſtigkeit die Sachen auf dem See da, und locke Dir die müſſigen Leute auf den Hals. Habe auf alles Sorge, was ich ſage, und ſei klug.“ „Ja, ja, Signore, ich werde klug ſein,“ ſagte der fteundliche Burſche;„aber die Piſtole brauche ich nicht, ich kenne die Ufer ohnehin recht gut. Ich werde auf Euch hier warten, und wenn Ihr bis Abends nicht kommt, und wenn auch keine Rachricht kommt, werde ich nicht in's Fiſcherhaus fahren, weil es mir nicht gefällt, ſondern ich werde ein we⸗ nig in den See hinaus rudern, werde dort den Schiffspfahl in den Bo⸗ den ſchlagen, und das Schiff daran binden. Dann werde ich mich auf die Rohrmatten legen und ſchlafen. Ich habe zwei wollene Decken mit, die find gut. Es wird eine warme Nacht kommen und kein Wind ſein, wie alle Tage her.“ „Gut,“ ſagte ich,„mache es, wie Du willſt.“ Ich nahm nun meine Ledertaſche vom Schiffsboden auf, und hing ſie um. Ich nahm mein Fernrohr, nahm die Piſtolen, nahm eine Flaſche Wein und etwas kalten Braten, ſteckte alles in meine Ledertaſche, und ſtieg zu dem Knaben am Ufer aus, der mich mit einem wirklich außer⸗ ordentlich ſchönen aber auch außerordentlich verwilderten Angeſichte und mit verſtändigen Augen anſah. Ich gab ihm ein Geſchenk, das er mit freundlichem Lächeln annahm. „Lebt wohl, Signore,“ rief mir mein Fährmann noch nach. „Leb wohl Gerardo,“ antwortete ich,„ſei folgſam und obſichtig.“ Und nun begann ich auf dem kurzen und ziemlich unfruchtbaren Graſe empor zu ſteigen, während meine zwei Geſellſchafter, wie ich hin⸗ ter mir hörte, ein Geſpräch mit einander begannen. Das Höllwaſſer mußte zu Zeiten ſeinen Namen recht wohl verdienen, da ein ſolcher Gräuel von Schutt und von Steinen neben mir lag, ob⸗ wohl es jetzt ſo ſchwach und ohnmächtig, wie ein Kind in dieſen Dingen dahin fädelte, jeden Stein umgehen, und in dem feinen Sande ſich ſein dünnes Rinnſal graben mußte. Als ich eine Weile geſtiegen war, und mir in der großen Hitze, die im Gebirge herrſchte, der Schweiß kam, blieb ich ſtehen, und wendete mich um, um auf die zwei einzigen Weſen, welche ich in dieſer Gegend verlaſſen hatte, zurück zu ſchauen. Ich nahm mein Fernrohr heraus und richtete es, um ſie beſſer betrachten zu können. Ich fand ſie mit dem Rohre auch ſehr bald. Gerardo lag bereits über die Sachen des Schiffes längelang ausgeſtreckt, das Antlitz nach aufwärts gekehrt, die Arme ober⸗ halb des Hauptes geſchlagen, die rothe Mütze über die Augen gezogen, und von der warmen ſüdlichen Rachmittagsſonne beſchienen. Er genoß — 202— auf dieſe Art fröhlich der ſüßen Ruhe, die den Menſchen ſeines Standes und Landes nächſt der Nahrung des Leibes, oder noch vielleicht vor der⸗ ſelben, das Höchſte iſt. Den Hirtenknaben fand ich auch, wie er gleich⸗ falls auf der Erde zwiſchen den grauen Steinen lag, und ſich wärmte. Außer dieſen zwei Menſchen und den wenigen Ziegen war in der ganzen Gegend nichts Lebendiges zu ſchauen. Die Umgebung ſtimmte gerade ſo feierlich und lächelnd, wie ſie immer im Süden iſt, dazu. Ich ließ mein Rohr abwechſelnd von dem einen, der auf dem blendenden Schiff⸗ holze lag, zu dem andern, der in die einförmigen Steine gelegt war, hin und her gehen. Von ihnen weg dehnte ſich die tief dunkelblaue Fluth des Sees hinaus, die nur zeitweiſe eine weiße feurige Furche warf, oben ſtand der ebenfalls tiefdunkle Himmel, der zu dem Bilde gehörte, und an dem Rande woben die vivletten duftigen Berge. Da ich eine Zeit geſtanden war, und mich erholt hatte, wendete ich mich wieder um, und verfolgte meinen Weg wieder weiter. Ich kam nach und nach in die Schlucht, welche der Knabe angedeutet hatte. Es begannen aus dem Raſen ſich Steine zu heben, die mich in den natürlichen Zwiſchenraum, den ſie zwiſchen ſich ließen, hinein lock⸗ ten. Bald ging ich auf einem Pfade, zu deſſen beiden Seiten hohe Fels⸗ wände waren, aufwärts. Der Pfad hob ſich dann ſelber an der rechtſei⸗ tigen der Wände, und hatte links unter ſich einen tiefen Grund, in wel⸗ chem die Furche eines Gießwaſſers lief. Die Furche aber war nicht zu ſehen, da die ganze Spalte, wie überall an den Ufern dieſes Sees, mit dichtem Gebüſche und mit ſchlanken wuchernden Bäumen bedeckt war. Unter dem Geheimniſſe dieſer grünen Decke hörte ich das Waſſer, das jetzt ſehr ſchwach war, fließen, ich hörte bald das Raſcheln kleiner Abſtürze, bald das Rieſeln größerer Waſſerfälle, während rechts von den Felſenmauern der brennende Sonnenſtrahl auf mich fiel. So ging ich weiter. In kurzer Zeit erblickte ich das Häuschen, von dem der Knabe ge⸗ ſprochen hatte. Es war ſchneeweiß, ſtand ſehr nahe an dem Felſen, und ſchien von Weitem ſo flach zu ſein, als wäre es mit dem Weinlaubge⸗ länder, das hier überall um die Häuſer läuft, an die Steine angebunden. Da ich hinzu gekommen war, klopfte ich an die Thür, worauf eine Magd erſchien, und mich um mein Begehren fragte. Ich ſagte, daß ich einen Mann mit Namen Hieronimus ſuche. — 203— „Mein Herr heißt eigentlich Hieronimus Rüdheim,“ antwortete ſie, „aber die Leute, denen er ſchon vierzig Jahre Gutes thut, und die ihn be⸗ trügen, nennen ihn nur ſchlechtweg und undankbar den alten Hieroni⸗ mus. Wartet ein wenig, ich werde es ihm gleich ſagen.“ Sie ging hinein und ſchloß vor mir wieder die Thür. Nach Kurzem öffnete ſich dieſelbe abermals, und ein alter Mann trat heraus, der den ganzen dichten Tirolerbart in blendend weißer Farbe trug. Er hatte einen ſchwarzen Rock an, der eine Tirolerjacke geweſen wäre, wenn ihn nicht ſeine Länge und Weite faſt zu einer Kutte gemacht hätte. An der Bruſt blickten die breiten grünen Hoſenträger hervor. Das dunkle Beinkleid reichte bis an die Knie, dort waren ſilberne Schnal⸗ len, dann kamen grüne Strümpfe und ſchwarze Bundſchuhe. „Was willſt Du denn?“ fragte er mich, indem er unter der Thür ſtehen blieb. „Unten am See hat man mir geſagt,“ antwortete ich,„daß Ihr mir über einen Mann Namens Franz Rikar Auskunft zu ertheilen im Stande ſeid.“ „Gehe herein, ich werde Dir etwas zu eſſen und zu trinken geben,“ ſagte er. „Hinein gehen will ich wohl,“ antwortete ich,„da es hier vor dem Hauſe ſo heiß iſt, trinken will ich auch, wenn Ihr mir etwas gebt, aber eſſen kann ich nichts, da es von meinem Mittagmahle noch gar kurz her iſt.“ „Nun, ſo gehe nur herein,“ ſagte er. Ich trat, da er jetzt von der Thür zurück wich, in eine Art Vorhalle ein, die ſtark gewölbt und ſehr angenehm kühl war. Um einen eichenen Tiſch, der in einer Ecke ſtand, liefen Bänke herum, auf deren eine ich mich nieder ließ. Er ſetzte ſich mir gegenüber. „Marianne,“ rief er,„bringe Wein, Brod und ſehr friſches Waſſer.“ Die Magd, welche ſich im Hintergrunde der Halle beſchäftigt hatte, entfernte ſich, und brachte bald auf einem blanken Unterſatze die gefor⸗ derten Dinge. „So, greife nun zu und ſtärke Dich,“ ſagte er. Ich ſchenkte mir Wein und Waſſer ein, da ich in der That durſtig war, trank, und nahm dann ein Schnittchen von dem weißen ſchönen Brode. — 204— „Du willſt alſo über Franz Rikar Auskunſt haben?“ ſagte er. „Nicht ſowohl Auskunft,“ antwortete ich,„als vielmehr den Weg zu ſeiner Wohnung wünſchte ich zu erfahren. Wir waren einmal Reiſe⸗ genoſſen, dann waren wir ein ander Mal ſehr lange Zeit Zimmernach⸗ barn, und verſprachen, da wir ſchieden, daß wir uns, wenn einer in die Rähe des andern käme, beſuchen wollten. Da ich nun zufällig durch dieſe Gegend reiſe, und in Erfahrung gebracht habe, daß er hier herum irgend wo wohne, ſo möchte ich mein Wort löſen, und ihn beſuchen.“ „Du biſt wahrſcheinlich ſein Freund von Wien her,“ ſagte der alte Mann. „Ja, ſo iſt es,“ antwortete ich. „Ich kann Dir ſchon den Weg zu ihm zeigen,“ ſagte er,„und werde ihn Dir zeigen; aber ſage, wer hat Dir denn Anweiſung gegeben, daß Du mich um Franz Rikar fragen ſollſt?“ Ich beſchrieb ihm den Hirtenknaben, und ſagte, daß mich derſelbe in die Schlucht zu ihm herauf gewieſen habe. „Der Knabe Giuſeppe hat ſchon recht,“ ſagte er,„ich kenne den Franz Rikar ſehr gut, und will ihm wohl. Er wird eine große Freude haben, Dich zu ſehen. Trinke Deinen Wein aus, iß noch ein Stückchen von dem Brode, dann werde ich Dir den Weg zu ihm zeigen.“ „Ich habe keinen Hunger,“ antwortete ich,„und den Durſt habe ich mir auch ſchon gelöſcht. Wenn ich aber hier einen Boten haben könnte, der zu dem See hinunter ginge, wäre es mir lieb; denn ich habe einen Fährmann unten gelaſſen, dem ich gerne eine nähere Botſchaft ſchicken möchte, vorausgeſetzt, daß es zu Franz Rikar ſo weit iſt, daß ich heute von ihm nicht mehr zu dem See zurück kommen kann.“ „Es iſt ſo weit,“ erwiederte er,„daß Du von hier aus wohl bis Sonnenuntergang brauchen wirſt, um zu ihm zu gelangen. Ich kann Dir keinen Boten geben; denn dies Haus iſt das einzige in der ganzen Gegend, und ich bin ganz allein mit der Magd auf der Sommerkühle heroben. Wenn mein Hausmeier oder ſonſt Jemand von meinen Leuten zugegen wäre, würde ich ihn Dir zu Rikar mit geben, oder zu dem See hinab ſchicken, wie Du wollteſt. So aber kann ich es nicht. Wenn Du daher mit Deinem Fährmanne nichts Beſtimmtes verabredet haſt, ſo ſteige wieder zu ihm hinunter, und ſchiebe den Gang zu Rikar auf mor⸗ gen auf.“ „Ich habe eben ſo viel mit ihm verabredet,“ antwortete ich,„daß es nichts macht, wenn ich heute nicht mehr zu dem See hinunter komme; ich hätte ihm nur gerne eine ganz genaue Nachricht überſendet.“ „Nun das kannſt Du halten, wie Du es ſür gut findeſt,“ ſagte er. Während dieſes Geſpräches hatte ich mir, um ſeinen Willen zu thun, noch ein Bischen Wein eingeſchenkt, ihn getrunken, und ein Stückchen Brod dazu gebrochen. Nun aber drückte ich meinen Wunſch aus, aufzu⸗ brechen, um mein Ziel zu erreichen, und bat ihn mir den Weg, wie er verſprochen habe, zu zeigen. „Da mußt Du mit mir auf die Gaſſe heraus gehen,“ ſagte er, „trinke noch einmal auf glückliche Wanderung, und ſchlage genau den Weg ein, welchen ich Dir erklären werde. Grüße mir Rikar, und ſage ihm, daß ich Dir den Weg zu ihm gezeigt habe.“ Ich nahm meinen Hut von der Bank auf, er ſtieß mit mir auf glückliche Reiſe an, und wir gingen dann auf die Gaſſe hinaus. „Du haſt eigentlich,“ ſagte er,„den längſten und unbequemſten Weg eingeſchlagen, der von dem See zu Rikar hinauf führt; aber da Du ein⸗ mal da biſt, mußt Du ſchon auf ihm fortgehen. Schreite von hier gar durch die Schlucht empor. Sie wäre oben geſchloſſen, daß man gar nicht hinaus könnte, aber ich habe der Ausſicht wegen Stufen in die Stein⸗ wulſt ſchlagen laſſen, die quer über ſie liegt, und dieſe Stufen ſteige hinan. Wenn Du oben biſt, ſchaue nach der Gegend, nach welcher die Sonne geht. In dieſe Gegend gehe Du auch. Zur Sicherheit der Rich⸗ tung wirſt Du einen Berg ſehen, der ſo ausſieht, als ob er auf ſeinem Gipfel rothe Steine hätte. Auf dieſen Berg gehe zu. Wenn Du ihn erreicht haſt, laſſe ihn zu Deiner rechten Hand, und gehe fort. Du wirſt dort auch einen getretenen Pfad finden. Wenn Du den Berg hinter Dir haſt, gelangſt Du auf eine Haide, auf welcher ſehr viele graue Steine liegen. Dort iſt wieder kein Pfad. Gehe aber durch die Steine immer der untergehenden Sonne nach. In einer Weile wirſt Du einen Stein ſehen, der viel größer iſt, als alle andern; Du wirſt ihn auch daran erkennen, daß er ſchwarz iſt, und auf ſeinem Gipfel eine verdorrte Fichte trägt. Er iſt der einzige Stein in der Gegend, auf dem eine Fichte iſt. Bei dieſem Steine brich Deinen Weg ab, und gehe gerade nach der Rich⸗ tung Deines rechten Armes in das Thal hinein, das Du ſehen wirſt. Du wirſt da auch bald einen guten Weg finden, auf dem gehe fort, er führt =— Dich um eine Felſenecke, und da wirſt Du grüne Bäume und weißes Mauerwerk ſehen, da iſt es, wo Franz Rikar wohnt. Während Du aber auf der Bergebene fortgehſt, mußt Du auch noch eine andere Maßregel beobachten. Schaue öfters auf die Steinwulſt zurück, durch die meine Schlucht geſchloſſen iſt, Du wirſt ſie ſehr leicht erkennen; denn ſie ſieht wie ein gehobener Bühel aus. Dieſen merke Dir. Die Steine auf dem Hochlande ſehen einer dem andern gleich, und wenn Du daher die An⸗ zeichen, die ich Dir gegeben habe, nicht finden ſollteſt, und wenn Dir da⸗ her der Weg zu Rikar verſchloſſen wäre, ſo kehre wieder zu dem Bühel zurück, ſteige die Stufen herab, und bringe die Racht bei mir zu. Mor⸗ gen kann ich Dir einen Wegweiſer mit geben. So— jetzt lebe wohl, ſchreite rüſtig Deines Weges, und habe auf das Acht, was ich Dir ge⸗ ſagt habe.“ „Lebt wohl,“ erwiederte ich,„und habt Dank für die Erquickung, die Ihr mir gereicht, und für die Erklärung, die Ihr mir gegeben habt.“ Ich reichte ihm die Hand, indem er die Worte ſagte:„Mit Gott, mit Gott.“ Ich ſtieg die paar Stufen, die von ſeinem Hauſe zu dem Pfade hinab führten, hinunter, und er ſchaute mir nach. Als ich dann eine kleine Strecke in der Schlucht weiter hinaufgegangen war, und umſchaute, ſtand er nicht mehr auf der Gaſſe, ſie war leer, und die dunkelbraun an⸗ geſtrichene Thür war zu. Ich dachte, während ich ſo fortging, ich hätte wohl um Räheres über Franz Rikar fragen können, ich hätte dem wohlwollenden alten Manne meinen Plan entdecken können, er würde mir gewiß mit den be⸗ ſten Mitteln an die Hand gegangen ſein, wie ich ihn ausführen könnte. Allein anderſeits war das Gefühl von Scheu, welches mich jedes Mal zurück hielt, wenn ich den Mund öffnen wollte, auch natürlich, und ich konnte ja zuerſt bei Rikar ſelber ſehen, wie die Sachen ſtänden, und konnte dann um ſo ſicherer den Weg ermitteln, der betreten werden mußte. Mit ſolchen Gedanken ging ich den Reſt der Schlucht empor. Sie wurde enger und ungangbarer, aber auch ſeichter und unftuchtbarer. Ich ſah von ihrem oberen Theile ihre ganze Länge hinab. Sie lag wie ein grünes Sammetbändchen, zum See hinunter.— Endlich kam ich auch — 207— zu den Stufen, von welchen der alte Mann geſprochen hatte. Es wäre wirklich unmöglich geweſen über den Steindamm, der ſich quer über die Schlucht ſtreckte, hinaus zu kommen; allein die Stufen, die ſchief und in einer künſtlichen Wendung über ihn gehauen waren, machten die Sache leicht. Ich ſtieg über ſie hinaus, und ſtand bald auf der oberſten Höhe des Bühels. Hier war es ganz anders, als unten. Die Fruchtbarkeit hatte ganz und gar und völlig aufgehört. Der Grund war mit dem grüngrauen Filze bedeckt, den ich oft auf Steinen angetroffen hatte, nur war er hier noch viel ſchaler und ſchwächer, als irgend wo. Aber die Ausſicht, von welcher der Greis nur im Allgemeinen geredet hatte, war außerordentlich ſchön. Sie ging größtentheils nur in die Gegend, gegen welche ich wan⸗ dern ſollte. War ich ſchon unten am See von den mannigfaltigen ſelt⸗ ſamen Dingen, die ich angetroffen hatte, ergriffen, ſo war ich hier voll⸗ ſtändig hingeriſſen, und ich kann ſagen, in der Tiefe meiner Seele ent⸗ zückt. Die Maler haben eigentlich dieſe Dinge noch nicht gemalt; denn da war kein Baum, kein Geſträuchlein, kein Haus, keine Hütte, keine Wieſe, kein Feld, ſondern nur das ſehr dürftige Gras und die Felſen— gewiß wenige Künſtler hätten das für die Aufgabe eines Meiſters gehal⸗ ten, wenn ſie nicht früher die Erfahrung gemacht hätten, wie ſo un⸗ ausſprechlich die düſtere Schönheit ſolcher Oeden auf die Seele des Men⸗ ſchen zu wirken vermag. In allen Stufen des matten Grün, Grau und Blau lag das fabelhafte Ding hinaus; ſchwermüthig dämmernde ſchwe⸗ bende webende Tafeln von Farben ſtellten ſich hin, und die Felſen riſſen mattſchimmernde Lichtzuckungen hinein; und wo das Land blos lag, und etwa nur Sand und Gerölle hatte, drangen Flächen fahlen Glanzes oder ſanft gebrochene Farbtöne vor. Draußen über allem duftete ruhig und ſchwach röthlich ein Berg, der die rothen Steine enthalten mochte, von denen der Greis geſprochen hatte. Von ihm gingen zwei langgeſtreckte feurige Wolkenbänke weg, die von der bereits zum Untergange neigenden Sonne angezündet waren, und das ſchwache trübe Grün des ſüdlichen Himmels neben ſich hatten, das ſo ſanft glänzte, und oben in ein flam⸗ mendes Blau überlief. Alles das hätte ſchon genügt zu der Größe des Bildes: aber weit links von mir lag noch zwiſchen den Felſen ein grauer ſanfter Strich durch den Himmel, der die Ebene der Lombardie war. Gewohnt an die lieblichen Höhen meines Vaterlandes, wo Obſt⸗ — 208— baum an Obſtbaum ſteht, Wäldchen ſich mit Wäldchen ablöſet, grüne Wieſen dazwiſchen anſteigen, und das Gold der Weizenfelder leuchtet, wo kein Plätzchen unbenützt iſt, ohne daß ein Kräutlein oder Baum ſteht, wo Quellen und Bäche in Menge rieſeln, manche klare Flüſſe und Ströme ziehen, und weit draußen das ſanfte Blau der Gebirge geht, hatte ich keinen andern Begriff von Schönheit der Landſchaft, als, daß ſie ſo ſein müſſe— ja in einem ſchönen Lande lebend, achtete ich nicht einmal ſon⸗ derlich auf derlei Reize: aber hier ſtand ich in einer Hede, wo alles fehlte, wo gar keine Mittel waren, etwas darzuſtellen, und wo ſich doch eine ſo ruhige Schönheit zeigte, als legte die Natur ein einfach erhabenes Heldengedicht vor mich hin. Ich war gleichſam gebeugt, und die Laut⸗ loſigkeit um mich rückte erſt alles recht in die Weite und Breite, daß ich mich verlor.— Ich ging endlich von dieſem Platze auf die Ebenen von Gras⸗ und Steinboden, die ſich vor mir erſtreckten, hinaus. Ich ging der nach Untergang ſtrebenden Sonne nach. Vorher hatte ich noch einen Blick zu⸗ rück gethan, ob ich meinen See ſehen könnte. Wie eine blaue Sichel lag ein Stück von ihm zwiſchen rothen Bergen, und da hier die Ausſicht be⸗ ſchränkter war, verſchwand dasſelbe beim erſten Schritte, den ich noch vorwärts that. Ich beſchloß nun, recht tüchtig darauf los zu gehen, um bei Zeiten an meinem Ziele anzulangen. Ich ging ohne Pfad auf dem feſten prallen Grasboden fort. Das ſah ich ſehr bald, daß der Greis mit ſeiner Warnung recht hatte, die beſagte, daß ich öfters auf den Bühel zurück ſchauen und ihn mir merken ſolle; denn wie ſehr ſich die Felſen auf dieſer Berghalde, auf der ich offenbar fortging, glichen, kann nur der ermeſſen, der ſchon in ſolchen Gegenden gegangen iſt. Wenn man daher die Richtung verliert, und kein Merkmal hat, an dem man ſie wieder gewinnen kann, ſo könnte man in jeder beliebigen falſchen gehen, ohne es zu wiſſen. Allein das Merkmal, welches mir der Greis angegeben hatte, war ſehr deutlich zu erkennen, denn der Bühel unterſchied ſich durch ſeine eigenthümliche wul⸗ ſtige und getriebene Geſtalt von allen Höhen, die ich ſah. So bin ich denn neugierig, dachte ich, wie ich in dieſen wilden Ge⸗ genden, durch die ich gehe, den einfachen harmloſen Mann finden werde, auf deſſen Werbung ich ous bin. Die Felſen zogen ſich neben mir zurück, und hatten bald lichtgold'ne Stellen bald blauliche Schatten. Den Dunſtſtreifen der ſüdlichen Ebene hatte ich bald in kleinen Stückchen zwiſchen Felskuppen, bald war er ganz verſchwunden. Er wurde durch den feurigen Ball der Sonne, der über ihm ſchwebte, nur noch dunſtiger, flimmeriger und leuchtender. Ich hatte ein paar Male den lächerlichen Einfall, eine Piſtole los zu drücken, um die Wirkung unter dieſer Steinbevölkerung zu bevbach⸗ ten; aber ich that es doch wieder nicht, weil ich eines Theils wirklich nicht mehr kindiſch genug zu dieſer Handlung war, und weil mich an⸗ dererſeits das Gefühl zurück hielt, dieſe einſame Ruhe, die überall und allüberall herrſchte, zu ſtören. Den rothen Berg meines Wegerklärers hatte ich unausgeſetzt vor mir, und das Eiſengeſtein, welchem er ſeine Farbe verdankte, wurde von einer Zeit zur andern immer deutlicher, ſo daß es endlich beinahe greifbar bei mir war. Als ich wieder einmal etwas lange auf meinen Bühel zurück ſchaute, den mir der Greis Hieronimus als Rückmerkmal angegeben hatte, und dann mich zum Weitergehen wieder umwendete, ſah ich die Sonne in einer zackigen Felſenmauer im fernen Weſten untergehen, gleichſam in die Zacken zerfallen; aber dieſe Erſcheinung war nicht ge⸗ eignet, mir Unruhe oder Beſorgniß einzuflößen; denn ich erreichte ſo eben den rothen Berg, ließ ihn an meiner rechten Hand, und ging auf dem Pfade neben ihm fort. Auch konnte mein Ziel nicht mehr ganz ferne ſein, da der Greis geſagt hatte, daß ich es bis Sonnonuntergang er⸗ reichen werde, und ich mir eben keine gar große Langſamkeit im Gehen vorwerfen konnte. Von dem Berge kam ich auf die kleine Haide hinaus, welche Hiero⸗ nismus voraus geſagt hatte, und ging wieder auf feſtem Grasboden zwiſchen häufigem faſt metalldichtem Geſteine dahin. Als ich eine Weile ſo gewandert war, ſtellte ſich auch das letzte Merkmal, das mir angegeben worden war, dar, der ſchwarze Stein mit der verdorrten Fichte. Er war auf viele Schritte Entfernung kennbar, da er der einzige ſolcher Art in großer Umgebung war. Als ich zu ihm hinzu gekommen war, hatte ich einen ſeltſamen Anblick. Hoch im zart⸗ goldenen Abendhimmel gerade über dem feinen Gerippe des dürren Bau⸗ mes ſchwebte ein Adler, wie eine dunkle Fliege anzuſchauen, und am Stifter. 4. Aufl III. 14 — 210— Fuße des Steines in dem Schatten desſelben, den er von dem Abendlichte warf, ſaß ein Mädchen. Ich konnte nicht erkennen, ob es ſchön ſei, und wie es gekleidet ſei, da die ganze hochgelbe Glut des Abends in mein An⸗ geſicht fiel, und mich blendete; aber ſo viel erkannte ich doch, daß die Kleider weiß waren, aund daß die Geſtalt noch der Jugend angehörte. Das Mädchen ſaß ganz einfach da, wie auf einem Spaziergange begrif⸗ fen, und hier ein wenig der Ruhe genießend. Daß es ſo unbekümmert da ſaß, bewies mir auch, daß ich ſchon ſehr nahe an menſchlichen Woh⸗ nungen ſein müſſe. Ich ging etwas näher, und fragte, in welcher Richtung ich zu der Wohnung des Franz Rikar komme. Das Mädchen hob den Kopf ein wenig empor, um mich anzu⸗ ſchauen, dann ſagte es in einer wunderſchönen deutſchen Sprache: „Wenn Sie zu Ihrer Rechten in die Thalebene hinein gehen, ſo werden Sie bald Bäume und unter ihnen ein Haus ſehen, in welchem Rikar wohnt.“ Das war genau die Weiſung, welche mir der Greis gegeben hatte. Ich dankte daher, und wendete mich rechts, wie ſie ſich ausgedrückt hatte, in die Thalebene. Es war wirklich eine Thalebene, gleichſam eine Niederung von der Haide aus in den Gebirgskörper hinein geſchnitten. Auf der Erde hatten die Farben des Tages aufgehört, die Felſen waren unbeſtimmt, der Raſen wurde dunkler, und nur in der Luft ſchwamm das helle flüſſige Gold des Himmels über die Dinge dahin. Ich fand hier auch den Weg, welchen mir Hieronimus vorausgeſagt hatte. Als ich ein Weilchen darauf gewan⸗ dert war, bog ich um eine Felsecke, und ſah nun auch die Bäume. Ein Baum muß auf dieſem Hochlande eine ſolche Seltenheit ſein, daß ich nun recht wohl begriff, daß er als ein vorzugsweiſes Merkmal der Weg⸗ erklärung angeführt werde; ich begriff es um ſo mehr, da die Bäume, welche ſich mir eben darſtellten, meinen Augen ſo unſäglich wohl thaten. Sie waren ſehr groß, mußten bedeutend alt ſein, und ſchienen in Kaſta⸗ nien, vielleicht mit Obſtbäumen untermiſcht, zu beſtehen. Auch das Mauerwerk ſah ich, ſo viel es der Abend zuließ, zwiſchen den Bäumen hervor ſchimmern. Ich ging auf dem Wege fort, und ſah bald, daß das Thal ſich nach Innen erweitere, und einen ziemlich offenen freien Platz bilde. — 211— Nach einer Zeit kam ich zu einem Garten, an deſſen Gitterthore der Weg endete. Das Gitter ſtand offen, und ich ging in den Garten hinein. Ein breiter Weg führte in gerader Richtung auf das Haus zu. Wahr⸗ ſcheinlich dachte ich, iſt dieſes das Haus, welches mir der Greis und das Mädchen als unter den Bäumen ſtehend und als Wohnort des Franz Rikar bezeichnet hatten— und iſt es dasſelbe nicht, ſo können mir we⸗ nigſtens ſeine Bewohner angeben, wo ich Rikar finde. Ich ging alſo auf das Haus zu. Ich ging zwiſchen Kaſtanien, dann zwiſchen Obſtbäumen, und endlich zwiſchen Gemüſebeeten und Lattenobſt hin. Als ich an das Ende des Weges gekommen, und die einigen Stufen, die zu dem Hauſe empor führten, hinauf geſtiegen war, befand ich mich an einem großen eiſernen Gitter, hinter dem eine geräumige Halle war, wahrſcheinlich der gemeinſchaftliche Eingang des Hauſes. Der Abend war ganz ſtill, hinter dem Hauſe hörte ich das Rauſchen eines Springbrunnens, und in der Halle zündete ein altes Mütterlein eine Hängelampe an. Die Fäden dieſes Lichtes ſpannen ſich in den Garten heraus, der durch ſie auf einmal viel dunkler wurde. Die Züge des alten Mütterleins waren ſehr ſchön, wie man ſie oft auf italieniſchen Gemälden an Matro⸗ nen antrifft, und in dieſer Lage war das Mütterlein ſelber ſchier ein Ge⸗ mälde, da es von oben herab recht ſchön beleuchtet wurde. Ich ſtand an dem Gitter, legte mein Angeſicht zwiſchen die Stäbe, und ſah hinein. Als ſie mit ihrem Geſchäfte fertig war, erhob ich meine Stimme, und ſagte:„Verzeiht, daß ich Euch anrede; ich bin ein Fremder, bin erſt in der Abenddämmerung hier angekommen, der Weg hat mich an das Gitter geführt, und ich möchte gerne eine Frage thun.“ Das Mütterlein wendete ſich raſch von ihrem Schämel gegen mich und ſagte:„So fragt nur.“ Dieſes Wort hatte ſie in einem reinen Italieniſch geſagt. „Ich ſuche einen Mann Namens Franz Rikar,“ antwortete ich hier⸗ auf,„welcher hier irgendwo wohnen ſoll. Wenn Ihr ihn kennt, oder ſonſt etwas von ihm wiſſet, ſo könnt Ihr mir vielleicht Auskunſt geben.“ „Freilich kenne ich ihn,“ ſagte ſie,„und Ihr dürft nicht mehr weit zu ihm gehen; denn er wohnt hier. Bleibt nur eine Weile ſtehen, ich 14* — 212— werde es ihm ſagen, daß ihn Jemand ſucht, und wenn er Euch kennt, wird das Gitter aufgeſperrt werden.“ Nach dieſen Worten ging die alte Frau fort, und verſchwand in dem Hintergrunde der Halle, war ſie nun durch eine Thür hinein gegangen, oder über eine Treppe empor geſtiegen. Obwohl ſie italieniſch geſprochen hatte, hatte ſie meine deutſchen Worte doch ſehr gut verſtanden. Ich blieb an dem Gitter und wartete. Nach einiger Zeit kam die Frau wieder zum Vorſcheine, und hinter ihr ging ein Mann, der eine brennende Kerze trug. Ich erkannte ihn ſv⸗ gleich, es war mein alter Zimmernachbar aus dem Gaſthofe zur Dreifal⸗ tigkeit in Wien. Ich fand ihn ganz den nämlichen, er hatte wieder ſchwarze Kleider, und der Frack ſah aus, als wäre es derſelbe, den er da⸗ mals getragen hatte. Er ging über die Breite der Halle, das Licht vor ſich her tragend. Als er zu mir gekommen war, hob er die Kerze in die Höhe und leuchtete mich an. „Gott grüße Euch, Herr,“ ſagte ich zu ihm,„Iyr ſeid es ſchon, den ich ſuche; ſeht, ich habe Wort gehalten, und bin bei meiner Reiſe zu Euch gekommen.“ „Ja wohl, Cornelia,“ antwortete er,„den Mann kenne ich ſehr gut, den kenne ich ſehr gut, mache nur ſchnell auf.“ Das Mütterlein öffnete, und ließ mich hinein. „Seid mir vielmal gegrüßt,“ ſagte er zu mir,„ſeid mir vielmal ge⸗ grüßt; es freut mich ſehr, daß Ihr mich alten Mann nicht vergeſſen habt, und gar zu mir auf die Haide herauf gegangen ſeid. Ihr habt mir immer Liebes gezeigt, ſeid immer freundlich geweſen, und nun kommt Ihr gar in die Oede, mich zu beſuchen. Seid mir vielmal vielmal gegrüßt.“ Mit dieſen Worten hatte er mir die Hand gereicht, welche er frei hatte, und hatte die meinige ſehr freundſchaftlich gedrückt. „Seid mir ebenfalls auf das Herzlichſte gegrüßt,“ ſagte ich,„ich bin recht gerne zu Euch herauf geſtiegen, und freue mich, Euch ſo wohl zu finden.“ „Ich habe hier alles, was ich brauche,“ ſagte et,„aber ich bin auch ſo einfach, wie ich es kaum in meinem Stüblein in der Dreifaltigkeit — 213— war, wißt Ihr, deſſen Fenſter auf den Ziehbrunnen des Hauſes hinab gegangen find. Seid Ihr von Sanct Guſtav herauf geſtiegen?“ „Iſt Sanct Guſtav eine Ortſchaft?“ fragte ich. „Ja,“ antwortete er. „Dann bin ich nicht von dort herauf gekommmen,“ ſagte ich,„ich bin von dem See herauf gekommen, und bin durch eine Schlucht geſtie⸗ gen, in welcher das Häuschen eines Mannes Namens Hiervnimus Rüd⸗ heim ſteht. Er hat mir den Weg zu Euch erklärt, und hat geſagt, daß ich Euch von ihm recht ſchön grüßen ſolle.“ „Ich danke, ich danke, das iſt ein treuer Freund,“ antwortete er. „Alſo von dem See ſeid Ihr herauf gekommen, das iſt ein ſehr langer und wilder Weg. Aber wie habt Ihr mich denn ausgeforſcht, daß ich hier bin?“ „Ich habe in Meran nach Euch gefragt,“ ſagte ich,„und man hat mich an den Gardaſee gewieſen. Dort habe ich wieder geforſcht und habe Euch ſo gefunden.“ Ich wollte ihm die näheren Umſtände meines Forſchens am See nicht genauer angeben. Während dieſer Worte waren wir theils in der Halle geſtanden, theils waren wir langſam über dieſelbe gegangen. Jetzt befanden wir uns am Fuße einer Treppe. Das alte Mütterlein hatte ſich gleich, nach⸗ dem es das Gitter geöffnet und geſchloſſen hatte, entfernt. „Steigt nun herauf in meine Stube,“ ſagte er,„und ſitzt wieder ein wenig bei mir, wie einſtmals. Steigt nur herauf.“ Mit dieſen Worten begannen wir die Treppe empor zu ſteigen. Er ging voraus, hielt aber das Licht immer ſeitwärts, daß ich alle Stufen deutlich ſehen konnte. Derlei Höflichkeiten hatte er immer gehabt. Als wir das erſte Stockwerk erreicht hatten, kamen wir in einen Gang. Wir gingen in demſelben eine Strecke fort. Hierauf öffnete er eine Thür und hieß mich eintreten. Ich that es, und befand mich in einer Stube, die für einen einzelnen Menſchen eingerichtet war. Auf dem Tiſche ſtand eine Lampe, und er ſtellte die Kerze dazu. „Wir werden hier den Abend zubringen, wenn es Euch gefällig iſt,“ ſagte er,„und wenn die Schlafenszeit kömmt, werde ich Euch ſchon in ein Zimmer führen, in welchem Ihr ruhen könnt. Legt die Ledertaſche — 214— ab, die Ihr an einem Riemen umhängen habt, legt den Hut ab, und ſetzt Euch hier in dieſe guten Kiſſen nieder.“ Ich war nicht unbedeutend müde, namentlich hatte mich das unbe⸗ queme Gehen in den Steinen angegriffen, und ich folgte daher ſeiner Einladung gerne. „Ihr müßt verzeihen,“ ſagte er nach einem Weilchen,„daß ich Euch eine kleine Zeit allein laſſe. Ich muß einige Anſtalten machen, dann werde ich gleich wieder kommen.“ Mit dieſen Worten verließ er mich, und ging zur Thür hinaus. Als ich allein war, benützte ich die Zeit, mich ein wenig umzu⸗ ſchauen, wie es hier ausſähe. Der Mann ſelber war nicht gar abgetra⸗ gen; freilich war ſein ſchwarzer Anzug nicht neu und vornehm, aber das war ich an ihm gewohnt, da er ihn beſtändig trug. Die Dinge, welche ihn in dieſem Zimmer umgaben, waren ebenfalls nicht ärmlich. Ueber den Tiſch, der die Lampe trug, war ein feiner Teppich gebreitet, der erſt kürzlich geſtickt worden ſein mußte; unter dem Tiſche ſtand ein weicher gefütterter Fußſchemel, der ebenfalls Stickerei zeigte; die Sitz⸗ geräthe waren mit grünem Leder, und wie ich an meinem Sopha em⸗ pfand, ſehr gut gepolſtert; alles Uebrige war ſehr anſtändig; und auf dem Schreibtiſche ſtanden ſogar einige Ziergegenſtände, die unter die aufgeſchlagenen Bücher und umherliegenden Schriften gemiſcht waren. In Folge dieſer Beobachtungen beſchloß ich, den Abend bei ihm ohne irgend einer weiteren Maßregel zuzubringen. Morgen, dachte ich, würde ich ſchon ſehen, bei wem er hier ſei, und wie ich meine Handlun⸗ gen einzurichten hätte. Als ich mit meinen Betrachtungen und Vorſätzen fertig war, kam er wieder bei der Thür herein. Er ſetzte ſich zu mir auf das Sopha, genau ſo, wie er es in der Dreifaltigkeit immer gethan hatte, wo er es nicht leiden konnte, wenn Einer von uns auf einem Seſſel ſaß. „Iyr ſeid alſo wahrſcheinlich auf Eurer italieniſchen Reiſe begrif⸗ fen?“ ſagte er. „Ja,“ antwortete ich;„was ich einſtens gar nicht mehr gehofft hatte, iſt durch einen Zufall möglich geworden; ich kann jetzt mit Ruhe und auf längere Zeit jenes Land beſuchen.“ Ich erwartete nun, daß er etwas von dem Briefe ſagen, und ſich entſchuldigen würde. Er that es aber nicht. — „Es ſcheint Euch ſehr gut gegangen zu ſein, ſeit wir uns damals in Wien trennten,“ ſagte er,„Ihr ſeht vortrefflich aus, und ſeid ein ſehr ſtattlicher junger Mann geworden.“ Ich konnte von ihm zwar nicht ganz dasſelbe ſagen, er kam mit noch magerer vor, aber es ſchien doch eine gewiſſe Heiterkeit und Fröh⸗ lichkeit in ihm zu ſein. „Ja,“ antwortete ich,„es iſt mir in der letzten Zeit ſehr wohl ge⸗ worden, und ich glaube, daß ich nun für die ganze Dauer meines Lebens geſichert bin.“ Er lehnte ſich auf den Tiſch, ſah mich mit treuherzigen Augen an, und ſagte:„Das freut mich ſehr, es kann gewiß Niemanden geben, den es ſo freut, als wie mich.“ „Und wie habt denn Ihr ſeit der Zeit gelebt, ſeit der wir uns nicht geſehen haben?“ fragte ich ihn. „Ich bin nicht mehr krank geweſen, ſeit ich jenes Uebel in der Drei⸗ faltigkeit ausgeſtanden hatte,“ antwortete er,„ich lebe vergnügt, und warte allgemach auf meinen Tod, der bei alten Leuten nicht lange aus⸗ bleiben kann.“ „Wird noch lange lange ausbleiben, lieber Freund!“ ſagte ich. „Nun, wie es iſt, und wie es Gott will,“ antwortete er. Da wir alſo gerade auf die Weiſe bei einander ſaßen, wie wir es an ſo manchem Abende in Wien gethan hatten, ſo dachte ich, ich könnte ihm erzählen, was mir bisher im Allgemeinen begegnet ſei, und könnte dabei etwas von meinem Plane mit ihm leiſe einfließen laſſen. Ich ſagte daher zu ihm:„Ich bin noch immer unverheirathet, es hat ſich eben nicht gemacht. Von den vielen ſeltſamen und abenteuerlichen Planen, mit denen ich Euch oft in früherer Zeit unterhalten habe, habe ich die mei⸗ ſten, ja ich kann ſagen, alle aufgegeben, und bin jetzt nichts mehr und nichts weniger, als ein einfacher Landwirth. Eine alte Muhme, die ſich im Leben nicht um mich bekümmert hatte, hatte im Tode recht gut für mich geſorgt, und mir ein ſehr ſchönes Anweſen hinterlaſſen. Es liegen liebliche Fluren um dasſelbe herum, in einiger Entfernung davon ſtei⸗ gen Wälder auf, und hinter ihnen ſieht man das Blau der Hochgebirge hervor blicken. Das liebe ich nun, bin gerne dort, und hätte nie ge⸗ glaubt, daß dieſe Dinge einen ſolchen Zauber ausüben könnten. Als ich das neue Beſitzthum antrat, fing ich gleich an, in demſelben herum zu wirthſchaften. Ich begann alle Felder zu lockern; ich habe zu den paar tauſend Obſtbäumen, die ich geerbt hatte, noch ein paar tauſend neue hinzu geſetzt, habe alle dieſe Stämmchen veredelt, und habe die alten gereinigt und geordnet; dann habe ich Glashäuſer angelegt, in denen jetzt ſchon ſehr ſchöne Blumen und Früchte ſind, die noch immer ſchöner werden ſollen, ich habe mir einige Zimmer zu meiner Wohnung einge⸗ richtet, und mehrere andere ſtehen bereit, Gäſte aufzunehmen, wenn ſich einige bei mir einfinden ſollten. In der Gegenwart bin ich auf einer längeren Reiſe begriffen, und wenn ich wieder nach Hauſe komme, werde ich auf's Neue meine Felder bearbeiten, werde bauen, Ruhebänke, Aus⸗ ſichten anlegen, und ſo weiter— und ſo weiter. Nur einen Wunſch hätte ich: es wäre gut, wenn ich außer dem gelegentlichen Umgange, der ſich einfindet, noch einen vertraulicheren und näheren hätte, etwa einen älteren bewährten Freund, der mir mit Rath und That an die Hand ginge, bei mir wohnte, und mir manchen Augenblick ſeiner Zeit ſchenkte; denn ich bin allein, und fühle es manchmal recht bedeutend.“ „Es freut mich, daß ich Euch ſo reden höre, und daß Ihr die Land⸗ wirthſchaft ſo liebt,“ antwortete er,„Ihr könnt gar nicht ahnen, wie wohlthätig Eure Rede auf mich gewirkt hat. Und was einen Gefährten anlangt, ſo könnt Ihr bald eine liebe angenehme Hausfrau bekommen, und Angehörige werden dann auch nicht fehlen.“ „Ich rede hier nicht von Angehörigen des Blutes,“ erwiederte ich; „die, von denen ich herſtamme, habe ich kaum gekannt, und ob ſich An⸗ dere einfinden werden, ſteht in ſehr ſehr weitem Felde. Wenn es aber auch wäre, ſo wäre ein Mann doch noch recht gut, der durch die gleichen Bande der Gefinnung gebunden wäre, der ſich mit mir vereinigte, ein heiteres edles Landleben darzuſtellen, das Andere anlockte, erhöbe, und zur Nacheiferung verleitete. So möchte manches Erſprießliche gewirkt werden, das ſelbſt nach unſerm Tode fort lebte, und für manche Zukunft ſegensreiche Früchte brächte. Ich habe in letzter Zeit oft gedacht, eine ſolche Aufgabe wäre eines Mannes nicht ganz unwürdig, daß er die Dauer ſeines Lebens daran ſetzte, natürlich wenn er von der Würde ſei⸗ ner Aufgabe ganz durchdrungen wäre.“ „Ich muß Euch noch einmal ſagen,“ antwortete er,„daß es mich ſehr freut, daß Ihr die Pflege des Bodens ſo hochachtet— es iſt ein ſchöner Abend für mich, daß Ihr von dieſem Dinge ſo redet. Es gibt 217— auch noch andere Beſchäftigungen, von den Menſchen bedeutend hoch geſchätzt, Künſte, die ſehr, ſehr ſchmerzlich ſein können, die ungemein, ganz ungemein ſchmerzlich ſein können!“ Ich wußte nicht, was er bei dieſen Worten immer an der Lampe zu thun und umzudrehen hatte. Er hatte dies auch in Wien öfters ge⸗ than. Wenn wir ſo in ſeinem Zimmer etwa bei ſchlechtem Wetter bei⸗ ſammen ſaßen, ſtand er manchmal plötzlich auf, ging in dem Zimmer hin und her, richtete etwas, das ohnehin recht ſtand, oder ſah emſig bei dem Glaſe des Fenſters hinaus, obwohl nichts zu ſehen war, weil draußen eine rabenſchwarze Finſterniß lag. Es war gleichſam, als ob den Mann eine Sorge, oder ein Kummer drücke. Ich erkannte, daß ich jetzt eine unangenehme Saite in ihm berührt hatte, und brach das Geſpräch ab. Wir ſaßen eine Weile ſtumm neben einander, dann redeten wir von anderen Dingen. Er erzählte mir von dem See, beſchrieb mir manche Punkte und Stellen an ihm, und that dies mit ſolcher Liebe und Angelegentlichkeit, daß ich ſah, daß er hier geboren worden ſei. Während wir noch ſo ſprachen, ging die Thür auf, und es kam eine Magd und ein Mann herein. Die Magd war ſo, wie man ſie in man⸗ chen Häuſern zu untergeordneten Dienſten hat, und der Mann ſah einem Gärtner, oder ſo etwas Aehnlichem gleich. Sie trugen Tiſchzeug, um den Tiſch damit zu decken. Sie thaten den Teppich weg, ſtellten die Lampe ſeitwärts auf einen Kaſten, deckten den Tiſch für zwei Perſonen, ſtellten zwei Lichter darauf, und ließen die Lampe auf dem Kaſten fort brennen. Dann gingen ſie wieder zur Thür hinaus. Nach Kurzem brachte die Magd unſere Speiſen, und der Mann brachte das Getränke. Wir hatten eine Suppe, guten Braten mit Sallat, eine Flaſche vortrefflichen Weines und ſehr friſches Waſſer. Das Abendeſſen hatte nichts Armes oder Bettelhaftes an ſich. Als wir es verzehrt hatten, kamen wieder die zwei nämlichen Men⸗ ſchen, und räumten ab. Sie trug das Geſchirr und er die übrigen Eß⸗ geräthe fort. Zuletzt breiteten ſie wieder den Teppich über den Tiſch, ſtellten die Lampe darauf, und verließen uns. — 218— Rikar hatte während ihrer Beſchäftigungen manchmal ein fteund⸗ liches vder berichtigendes Wort mit ihnen geredet. Als wir allein waren, ſaßen wir noch lange beiſammen, und ſpra⸗ chen von verſchiedenen meiſtens gleichgültigen Dingen. Endlich ſagte er zu mir:„Wenn es Euch genehm ſein wird, zur Ruhe zu gehen, dann dürft Ihr es nur ſagen, ich werde Euch in Euer Zimmer geleiten.“ Als ich daher dachte, daß es ſpät genug ſein könnte, mein Lager zu ſuchen und ihm auch die Ruhe zu gönnen, äußerte ich dieſen Wunſch. Er zündete mit einem Papierſtreifen eine der da ſtehenden Kerzen an, und ſagte:„Wenn es Euch gefällig iſt, folgt mir.“ Ich nahm meine Ledertaſche und meinen Hut, und folgte ihm. Er führte mich noch eine Treppe hinauf, dann ein Stückchen über einen Gang, dann ſchloß er ein Zimmer auf, und führte mich hinein. In demſelben zündete er die zwei auf dem Tiſche ſtehenden Kerzen an, ſtellte die ſeinige einen Augenblick weg, nahm mich bei der Hand, und ſagte:„Schlaft recht wohl, genießt einer recht angenehmen und erquik⸗ kenden Ruhe.“ „Ihr auch, Freund Rikar,“ antwortete ich,„Ihr auch.“ „Gute Nacht,“ ſagte er, drückte meine Hand, nahm ſeine Kerze, und ging zur Thür hinaus, die er hinter ſich zuzog. Ich war alſo in meinem Schlafzimmer allein. An dieſem Abende, dachte ich, haſt Du nunmehro gar nichts über die näheren Verhältniſſe des Franz Rikar erfahren, wir werden nun ſehen, wie es morgen damit beſchaffen iſt. 6 Mit dieſem Gedanken ging ich gegen die Thür, ſchloß mich mit dem innern Riegel ab, und legte dann meinen Hut und meine Ledertaſche auf den Tiſch nieder. Es iſt meine Gewohnheit, wenn ich in fremden Räumen übernachte, dieſelben, bevor ich ſchlafen gehe, noch recht genau zu unterſuchen. Dies that ich auch jetzt. Ich nahm ein Licht und leuchtete umher. Ich ſah ſogleich, daß mein Schlafzimmer eigentlich aus zwei Zimmern beſtehe, indem ich durch eine offen ſtehende Thür in ein anderes Gemach gelangen konnte, das wie ein Wohnzimmer eingerichtet war. Eine weitere Thür, die vielleicht in fernere Zimmer führen mochte, war durch einen Kaſten verſtellt. So war mein Bereich alſo ein völlig abgeſchloſſenes. Ich ging nun an die Betrachtung der Geräthe. Sie waren alle ſehr anſtän⸗ dig und feſt, aber nicht neu, ja es konnte Zweifel entſtehen, ob ſie nicht ein paar Jahrhunderte alt ſeien. Das weiße Linnenzeug des Bettes ſtach ſehr ſchön von dem braunen Holze des Geſtelles ab. Der Geräthe wa⸗ ren gerade ſo viele, als unumgänglich nöthig war, die Zimmer einzu⸗ richten, keines mehr und keines minder. Was mir beſonders auffiel, war, daß in jedem der Gemächer wohl ein Spiegel an der Wand war, ſonſt aber nichts erblickt werden konnte, was etwa wie ein Gemälde oder wie ein Kupferſtich ausgeſehen hätte. Es iſt dies eine ſeltene Thatſache in Wohnungen und Landhäuſern. Da ich mich nun über das Innere gänzlich vergewiſſert hatte, ſchritt ich an das Aeußere. Ich ging in das Nebengemach meiner Schlafſtube, öffnete eines der Fenſter, und ſah hin⸗ aus. Aber von einer Ausſicht war in einer Nacht, wie dieſe, keine Rede: Millionen dichter Sterne ſtanden an dem faſt ſchwarzen Himmel, und funkelten nicht in weißem, ſondern faſt buchſtäblich, in goldenem Lichte hernieder. Unter ihnen lag die Gegend ſo unkenntlich, gleichſam wie eine ſchwarze Schlacke, an der die Funken des Himmels verkniſterten. Selbſt in der nächſten Nähe unter mir konnte ich keine Gegenſtände un⸗ terſcheiden, als einige Ballen ſchweigender Bäume, und fahle Dinge, wie Anlagen und Geländer. Weil aber die Nacht gar ſo milde war, und die ſanftere Kühle auf die Hitze des Tages ſo wohl that, ſo blieb ich län⸗ gere Zeit am Fenſter, und genoß der Annehmlichkeit und des erquickenden Bades der Luft. Endlich entfernte ich mich doch, und beſchloß, mich zu Bette zu be⸗ geben. Ich lihß aber das einmal geöffnete Fenſter offen ſtehen, um die holde Luft nicht von mir auszuſchließen. Ich ging in meine Schlafſtube zurück, entledigte mich allgemach meiner Kleider, legte alles auf einen Seſſel, löſchte die Lichter aus, und legte mich in das Bett. Ich dachte noch des armen Bunſchen Gerardo, was etwa er für eine Nacht in ſeinem Schiffe auf dem See haben möchte; und weil ich doch theils von dem Gange, theils von den vielen ſeltſamen Eindrücken etwas ermüdet war, ſtreckte ich meine Glieder, und entſchlief bald angenehm und feſt. Ohnehin mochte ich ſchon der letzte im Hauſe ſein; denn da ich bei dem offenen Fenſter hinaus geſchaut hatte, waren alle anderen Fenſter an dieſer Seite des Hauſes bereits finſter geweſen. Ich wußte nicht, wie lange ich geſchlafen haben mochte, denn mein — 220— Schlaf iſt gewöhnlich ſo feſt, daß er nicht unterbrochen wird, außer wenn er überhaupt ſchon aus iſt— ich wußte alſo nicht, wie lange ich geſchla⸗ fen haben mochte, als ich durch ein Geräuſch geweckt wurde. Ich wußte Anfangs nicht, was es ſei, und ſetzte mich im Bette auf, um beſſer zu horchen. Nach und nach erkannte ich das Ding als Klänge, und endlich, da ich mich völlig geſammelt hatte, als Töne einer Geige. Sie umſpiel⸗ ten faſt lieblich das ſich mehr und mehr ermannende Gehirn, und als ich völlig wach und nüchtern war, waren es klare, reine, entſchiedene, und ſcharf gezogene Töne. Allein da ich kaum einige Takte zuſammenhän⸗ gend vernommen hatte, hörte alles auf. Ich ſetzte mich in meinem Bette zurecht, um gut zu lauſchen. Nach einer Weile begann es wieder mit dem zarteſten Piano, und wuchs der Sache gemäß zu der Stärke, wie ſie die Kunſt erforderte. Ich erſtaunte auf das Aeußerſte. So konnte weder ich ſelber ſpielen, noch habe ich je ſo ſpielen gehört, wenn es nicht The⸗ reſa Milanollo war. Das gab ſich als höchſte edelſte Kunſt zu erkennen. Es war ſo ungemein genau begrenzt, kein Haar darüber und kein Haar darunter, es prägte ſich klar, beſtimmt, und gegenſtändlich aus. Je län⸗ ger ich zuhörte, je mehr wurde mir die Aehnlichkeit einleuchtend, bis ich, als das vorgetragene Stück aus war, faſt zu der unumſtößlichen Gewiß⸗ heit kam, das müſſe Thereſa Milanollo ſein, die eben geſpielt habe.— Es begann wieder, und trug ſeine Dinge mit männlicher Entſchieden⸗ heit vor. Ich ſtand nun auf, warf ſchnell etwas von meinen Kleidern um mich, und ſchlich mich auf den Zehen in das andere Zimmer, deſſen Fen⸗ ſter ich offen gelaſſen hatte. Ich ging an das Fenſter und lehnte mich hinaus, um zu horchen. An dem ganz heiteren Himmel ſtand jetzt eine ſchmale ſilberne Mondesſichel, ſo dünne, wie ein in die Luft geſchnittener Zirkel, erleuchtete aber doch ſo viel, daß ich ſah, daß unter meinen Fen⸗ ſtern eine Terraſſe ſei, auf welcher Bäume ſtanden, und auf welcher der ſchwache Schimmer einer Einfaſſung hin lief. Sonſt ſah ich nichts, nicht einmal das Dämmern der Felſen, von denen ich doch wußte, daß ſie in einer nicht großen Entfernung ſein müßten. Auch woher die Töne kamen, konnte ich mit dem Ohre nicht bemeſſen, kamen ſie von rechts, kamen ſie von links, oder kamen ſie von unten. Selbſt, ob im Hauſe oder im Garten geſpielt wurde, war mir nicht recht klar. Auf der Terraſſe glaubte ich Niemanden zu ſehen, auch würde ich es da wohl erkannt ha⸗ — ben, wenn auf ihr Jemand geſpielt hätte, da ſie gerade unter meinen Fenſtern hinlief. Es begann wieder, nachdem es eine geraume Weile ausgeſetzt hatte — und man könnte gleichſam ſagen, es gab ſeine Seele in die Lüfte. Ich horchte fort und fort. Wenn es Thereſa Milanollo iſt, ſo mußte ich denken: iſt denn das Kind in dieſer kurzen Zeit um ſo viel älter gewor⸗ den, daß die ſüße Unwiſſenheit ſich gewendet hat, die uns ſonſt ſo ent⸗ zückte? Oft iſt es ja in dem Spiele gar nicht anders, als ſei bereits die Glut der Leidenſchaft darinnen. Es iſt nicht mehr das Ding, das mit einfacher Liebe in den goldenen Tönen geſpielt hat, blos aus dem Grunde, weil ſie goldene ſind; ſondern das iſt ſo zu ſagen ein ſchreiendes Herz, welches ſeinen Jammer erkannt hat. Es lag in dem Spiele ein Schmerz und eine Sehnſucht, die ſo einleuchtend ausgeſprochen waren, daß man ſah, das ſei nicht ein vorgebildetes und vorgeſpiegeltes Ding der Kunſt, ſondern das ſei aus dem wirklichen, bitteren, erfahrenen Leben hergenom⸗ men. Es war für mein Ohr die ganz natürliche Steigerung des Herzens darinnen. Zuerſt war eine ſanfte Klage, die verſuchsweiſe bittet, und, wiewohl vergeblich, hinſchmilzt— dann war das heiße Flehen, das ein fernes wohlerkanntes Glück ſo gerne herbei ziehen möchte— dann war die Ungeduld des Heiſchens— dann ſtand die Seele auf, und es war ein Zürnen, daß das Gut, das man geben wolle, nicht erkannt werde— dann war ein Hohn, der da ſagt, wie hoch das eigene Herz ſteht, und wie es ſich durch Verachtung rächen will—— endlich war eine Fröhlich⸗ keit, die es ſich rauſchend vorſagt, daß ſie es ſei.—— Ich dachte: du armes, armes Kind! was mußt du gelitten haben, daß du dieſe Dinge verſtehſt, und ſie mit der einzigen Stimme, die dir Gott in ſo reichlichem Maße gegeben hat, ausdrücken kannſt! Mir fiel auch jener wunderſame Auftritt ein, den ich hatte, als ich Rikar in das Theater führte, und als er ſo auffallend weinte, da er die Schweſtern Milanollo hörte. Wie mag das zuſammen hängen?! Ich hüllte mich feſter in meinen Rock, den ich übergenommen hatte, weil die Nacht doch ein wenig kühl war, und hörte zu. Das Spiel ſetzte nun ziemlich lange aus, und begann wieder. Es wurde immer beſſer und geläuterter, als machte ſich doch nach und nach noch die Kunſt gel⸗ tend, die das menſchliche Herz ſo beſeligt und ſänftigt, und als dränge ſie die Leidenſchaft zurück. Endlich wurde einmal jene Stärke, jene Begei⸗ ſterung und Emporhebung, die gerne dem Ende einer Muſik, namentlich dem einer ſich felbſt hörenden, vorausgeht, weil gleichſam die Seele ſich ſelbſt überholt hat, und das Werkzeug, wodurch ſie ſich ausgeſprochen hatte, weglegt. So war es auch hier. Der Schluß, den ich ſelber als einen ſolchen erkannt hatte, offenbarte ſich wirklich als einen ſolchen. Gleichſam wie ein goldener Blitz war der letzte Ton der Saiten über die Gegend hinaus gegangen— und es blieb ſtill. Die filberne Luft und die ſtarre weiße Lavaſichel des Mondes ſtanden unbeweglich. Ich blieb noch lange an dem Fenſter und wartete, ob es nicht wie⸗ der beginnen würde. Aber es begann nicht mehr. Alles blieb ſtille. Die Bäume unter mir hielten ihre Blätter an ſich, daß keines wanke, und ſelbſt das Rauſchen des Springbrunnens, das ich deutlich vernommen hatte, als ich heute Abends zu dem Hauſe herzu gegangen war, mußte verſiegt ſein, denn ich hörte es nicht. Ich ging endlich ziemlich durchfroren in mein Bett zurück, und legte mich nieder. Bis ſich meine Glieder erwärmten, dachte ich nicht viel nach; dann aber kam das Reich der Gedanken, der Ahnungen und Vermuthungen. Anfangs hatte ich den zweckwidrigen Gedanken, Licht zu machen, zu dem Fenſter zu gehen und hinunter zu leuchten; aber ſogleich erkannte ich, daß ich gerade dann unten nichts ſehen würde, wenn ich mir ein Licht vor die Augen hielte, und daß gerade, wenn ich Jemanden ſehen wollte, derſelbe fort gehen würde. Ich blieb alſo in dem Bette. Mir fielen jetzt auch die Worte des Hirtenknaben ein, daß Rikar ſo ſchön geige. Aber den Gedanken, daß es der alte Mann geweſen ſein könne, der geſpielt habe, verſcheuchte ich gleich. Wie könnte er auch ſolche Töne hervor gebracht haben; das waren die Töne der Jugend, die noch in den Empfindungen große und glühende Maße hat, und über das Mögliche und Erreichbare hinausgeht; während das Alter blos um größte Genauigkeit, Reinheit und Art des Spieles frägt, ohne in der Empfindung weit über das Mittelmaß diesſeits oder jenſeits hinaus zu kommen. Und insbeſondere kannte ich meinen Reiſefreund zu genau, als daß ich ihm nur das Geringſte von dem, was ich gehört hatte, zu⸗ zuſchreiben vermocht hätte. Die Muſik hatte mich in der That zu ſehr angegriffen, als daß ich — 223— ſie gleich aus meinem Sinne hätte bringen können. Von einem Schla⸗ ſen war daher keine Rede. Ich ging ſie im Gedanken noch einmal durch, und ſenkte mich in die Seele, aus der ſie gequollen ſein mochte. Ich hielt meine Ohren bereit, um ſie, wenn ſie doch wieder begänne, aufnehmen zu können, und ſah hiebei auf die unklaren Dinge meines Zimmers, die in dem ſchwachen und noch nichts bedeutenden Schimmer des Mondes da ſtanden. Aber ſie begann nicht mehr. Zuletzt übte doch die Natur ihr Recht, meine Gedanken wurden all⸗ gemach verworrener, und ich entſchlief endlich. Ich mußte ſehr gut und ziemlich lange geſchlafen haben; denn nach meiner Rechnung mußte die Muſik bedeutend nach Mitternacht ſtatt ge⸗ funden haben, und da ich erwachte, war es heller Morgen und die Sonne warf ihr Strahlenmeer durch meine Fenſter herein. Ich war von meiner Feldwirthſchaft her gewohnt, immer vor der Sonne außuſtehen, ſchämte mich daher vor mir ſelbſt, und ſprang ſchnell aus dem Bette. Ich war ſehr ruhig, war geſtärkt und heiter, wie ich es immer am Morgen bin. Daß ich wieder auf die Muſik der Nacht dachte, war begreiflich; aber ſie kam mir jetzt nicht mehr ſo zauberiſch vor, als in der Finſterniß. Viel⸗ leicht war ſie auch nur in der Erinnerung ein wenig abgeblaßt, da jetzt die erwachten Sinne anders, und von den klaren und ſcharfen Dingen des Tages in Anſpruch genommen waren. Ich wuſch mir Angeſicht und Haupt, und begann mich anzukleiden. Während dieſes Geſchäftes ging ich auch mitunter an die Fenſter, um hinunter zu ſchauen. Was ich ge⸗ ſtern vermuthet hatte, war richtig: eine Terraſſe lag gerade unter meinen Fenſtern. Sie enthielt Bänke, zwiſchen denen Kübel mit Orangenbäu⸗ men ſtanden. Dann waren Weingeländer, Blumen und Zwergobſt. Das alles war durch ein graues Gitterwerk von dem äußeren Garten getrennt. In dieſem äußeren Garten ſtanden Obſtbäume, aber in ziem⸗ lichen Räumen von einander entfernt, und zwiſchen ihnen waren Gemüſe⸗ beete und wieder Blumen. Letztere aber waren ſonderbarer Weiſe nicht zu Verzierungen verwendet, ſondern ſie ſtanden alle nach Gattungen in großen einfärbigen Flecken beiſammen. Da war nun einer hellroth, der andere blau, der dritte weiß. Jenſeits des Gartens, der durch eine Mauer von rohen Steinen eingefaßt war, hörte die Baumpflanzung nicht auf, ſondern es ſtanden noch viele, je nachdem es der Grund zu ließ, bald dichter bald dünner beiſammen, und zwiſchen ihnen lagen die grauen Steine der Gegend zerſtreut. Außerhalb dem Ganzen ſah ich wie⸗ der die Landſchaft, die ich geſtern den ganzen Nachmittag geſehen hatte, nämlich den ſchwachgrünen Raſen und die grauen aus ihm hervorragen⸗ den Felſengruppen. Das Haus, in dem ich übernachtet hatte, mußte alſo am Ende einer Ortſchaft liegen, oder es war das einzige in dieſem Thale. Manche Anlagen um dasſelbe mußten erſt vor nicht langer Zeit gemacht worden ſein; denn viele der Bäume waren noch ſehr jung und ſchmächtig, und ſtanden zwiſchen den älteren da. Selbſt der Gemüſe⸗ garten mußte neueren Urſprunges ſein; denn auch in ihm lagen zwiſchen den Pflanzen noch größere Stücke des grauen Steines, die man nicht hatte weg bringen können, oder die nur unterdeſſen noch da waren. Dies gab dem Garten ein ſeltſames, aber ich muß geſtehen, maleriſches Anſehen, da es die Einerleiheit, mit der uns unſere Gärten trotz ihrer Ueberladung quälen, ſehr eigenthümlich und fantaſtiſch unterbrach. Daß ich als Landbewohner dieſe Dinge, wenn auch ſchnell, doch genau betrach⸗ tete, war natürlich. Ich hatte mich endlich völlig angekleidet und ging in dem Zimmer herum, um manches, wie das nach der erſten Nacht natürlich iſt, zu ord⸗ nen. Namentlich nahm ich meine Ledertaſche her, um ſie auszupacken. Der kalte Braten, den ich als Lebensmittel mit auf meine Wanderung genommen hatte, war ſchon faſt ganz eingetrocknet und unbrauchbar. Ich wickelte ihn ſehr ſorgfältig in Papiere, und ſchloß ihn in eine Lade des Kaſtens ein; denn ich wollte ihn als Speiſe für die Fiſche meines Sees, denen ich ihn lieber gönnte, als den Wieſeln der Haide, aufbe⸗ wahren. Die Piſtolen, das Fernrohr, die Weinflaſchen und anderes, was ich mit hatte, that ich gleichfalls aus der Ledertaſche in eine Lade. Als ich ſo hin und her ging, hörte ich ein feines Pochen an der Thür, ich hatte es früher ſchon einmal zu hören geglaubt, ohne darauf zu achten, jetzt aber ging ich zu der Thir, ſchob den Nachtriegel, der noch vor war, zurück, und öffnete. „Iſt es ſchon erlaubt, herein zu treten?“ fragte eine zarte ſchön klin⸗ gende Stimme. „Allerdings,“ gab ich zur Antwort, indem ich einen Schritt in das Zimmer zurück that. In der Lichtung des Thürfutters ſtanden zwei Frauengeſtalten. Die Vordere erkannte ich, es war dasſelbe alte Mütterlein mit dem ſchönen kleinfaltigen italieniſchen Bilderangeſichte, das geſtern in der Halle die Lampe angezündet, und mir dann meinen Freund Rikar geholt hatte. Sie trug mehrere ſehr weiße und friſche Linnen über den Arm, und hatte zwei kriſtallklare Flaſchen mit Waſſer in den Händen. Die zweite der beiden Geſtalten, die durch die erſte ein wenig gedeckt war, war ein jun⸗ ges Mädchen von höchſtens zweiundzwanzig Jahren. Die Wangen wa⸗ ren äußerſt blühend und geſund, aber für die gewöhnliche Vorſtellung von Schönheit viel zu viel gebräunt. Die Stirne war lichter, aber doch noch dunkel genug. Die Augen waren bedeutend groß und glänzend, und ſchienen mir in dem erſten Augenblicke ſchwarz. Die dunkeln Haare wa⸗ ren vorne geſcheitelt, und hinten in einem Geflechte mit einer golde⸗ nen Quernadel empor geheftet. Der Anzug war ein häuslicher und deutſcher. „Ich bitte nur herein zu treten,“ ſagte ich. Sie gingen herein. „Lege nur die Linnenzeuge dort auf den Waſchtiſch hin, Cornelia,“ ſagte die jüngere,„ſtelle die Flaſchen dazu, und dann biſt Du ſchon fertig.“ Die Alte that, wie ihr befohlen worden war, und ging dann wie⸗ der fort. Das junge Mädchen war nun allein bei mir, es ſah mich mit den großen Augen ruhig an, und ſagte:„Ich bin die Tochter des Franz Ri⸗ kar; Sie haben ihn einmal in Wien in einer langen Krankheit gepflegt und gewartet; er iſt noch geſtern, da Sie ſchon ſchlafen gegangen waren, zu mir in mein Zimmer gekommen, und hat mir geſagt, daß Sie da ſeien, und daß Sie vielleicht länger bleiben würden, ehe Sie Ihre Reiſe nach Italien wieder fortſetzten. Ich bin alſo heute früh zu Ihnen gegan⸗ gen, um Ihnen auf die herzlichſte und innigſte Weiſe, die es nur auf Erden gibt, zu danken, und Sie willkommen zu heißen.“ „Ach, Fräulein,“ antwortete ich,„was ich gethan habe, iſt ſo ein⸗ fach und natürlich, das es keiner Rede werth iſt.“ „Es iſt einfach und natürlich,“ ſagte ſie,„viele Menſchen würden ſo handeln; aber eben ſo einfach und natürlich iſt es, daß derjenige, ge⸗ gen den die Handlung gerichtet war, ſich bedankt. Ich ſtehe gewöhnlich vor Sonnenaufgang auf, ich hatte mir gleich geſtern vorgenommen, zu Stiſter. 4. Aufl. III. 15 — 226— Ihnen zu gehen, und da ich heute in einer Verrichtung an Ihrem Zim⸗ mer vorbei ging, und Sie in demſelben herum gehen hörte, holte ich mir die Amme Cornelia, daß ſie zugleich beſſeres Linnen und Waſſer mit herein brächte, und wir verſuchten, ob wir ſchon zu Ihnen kommen dürf⸗ ten. Sie waren wirklich angekleidet, und ſomit danke ich Ihnen noch einmal, verehrter Herr, was Sie an dem Manne gethan haben.“ „Ich bitte Sie ſehr,“ antwortete ich,„von dem Danke nichts weiter zu erwähnen.“ „Der Vater hat mir auch geſagt,“ entgegnete ſie,„daß Sie ein Landwirth ſeien, daß Sie Felder und Gärten haben, und daß Sie von der Pflege dieſer Dinge mit vieler Liebe und Wärme geſprochen haben. Sehen Sie, das iſt ſehr ſchön und lieb von Ihnen. Sie ſind wahrſchein⸗ lich als Landwirth gewohnt, ſehr früh aufzuſtehen, die andern ſchlafen noch, obwohl die Sonne ſchon aufgegangen iſt; wenn es Ihnen daher nicht unangenehm wäre, ſo würde ich Sie vor dem Frühmahle ein wenig herum führen. Sie ſehen, ich bin darnach angekleidet.“ Wirklich war ſie zu einem ſolchen Zwecke gut gekleidet. Ich hatte den Anzug, da ſie ſo vor mir ſtand, ſchon früher bemerkt. Die Kleider waren kurz, und von einem Stoffe, der, wenn er beſchmutzt wird, leicht zu reinigen iſt. An den Füßen hatte ſie zwar ſchlanke, aber feſte und weit hinauf reichende Stiefelchen an. Ich ſagte, daß mir ihr Antrag großes Vergnügen mache, und daß ich ſofort bereit ſei. Ich nahm meinen Hut, wir verließen das Zimmer und gingen die Treppen hinab. Als wir in die Halle gekommen waren, in der geſtern das Mütter⸗ lein die Lampe angezündet hatte, ſagte ſie, ich ſolle ein wenig warten, ſie habe noch etwas zu thun. Sie ging in eine ebenerdige Stube hinein, und ich hörte ſie dort reden. Sie ſprach immer in ſchönem reinem Deutſch, und ich hatte ſchon in meinem Zimmer geſehen, daß, wenn ſie die ſehr gut gefärbten Lippen aufthat, zwei Reihen ſehr ſchöner und geſunder Zähne zum Vorſcheine kamen. Als ſie aus der Stube heraus trat, nahm ſie einen Strohhut, der an einem Nagel in der Halle hing, herab, ſetzte ihn auf, und ſagte: „Nun bin ich in Bereitſchaft, kommen Sie.“ Wir gingen aus der Halle in den Garten. Was ich zum Theile ſchon von ihm geſehen hatte, beſtätigte ſich in ganzem Umfange. Er war durchaus ein Nutzgarten, ſehr viele Obſtbäume, theils Zwerg⸗ und Lat⸗ tenobſt, theils hohe reiche Stämme, ſtanden auf dem Raume umher, und hatten die Blumen, und eine große Menge verſchiedener Gemüſe unter ſich. Da wir uns etwas weiter entfernt hatten, ſah ich auch, was ich ſchon faſt vermuthet hatte, daß wirklich da keine Ortſchaft liege, ſondern daß dieſes Haus das einzige ſei, das ſich mit ſeinen Anlagen in dem Thale der Hochebene befinde. Gegen Norden, wohin ich früher keinen Blick gehabt hatte, zeigte ſich in geringer Entfernung eine bedeutende Fel⸗ ſenmauer, welche das ganze Anweſen vor kalten Winden ſchützte. Das Haus, welches ich nun auch überſah, hatte zwei Stockwerke, war nicht zu weitläufig und nicht zu klein, und war von einigen Wirthſchaftsge⸗ bäuden umgeben, die vffenbar erſt in neuerer Zeit gebaut worden waren. Die Mauern des Hauſes waren glänzend weiß übertüncht. Meine Be⸗ gleiterin ſchien dieſe meine ſchnellen Blicke auf die Lage des Ganzen nicht zu bemerken, weil ihr ſelber ja alles längſt bekannt und geläufig war. Sie ging voraus, ſo lange der Weg enge war, wies auf verſchie⸗ dene Dinge und ſprach über ſie. Als ich ihr meine Bemerkung mittheilte, daß hier die Blumen nach Gattungen bei einander ſtehen, ſagt ſie:„Die Pflanzen ſind in ihren Bedürfniſſen äußerſt verſchieden, daher kann man nicht jeder Gattung geben, was ihr noth thut, wenn alle unter einander ſtehen. Ich ſetzte ſie daher allein, daß ich jede genau nach ihrer Art pflegen kann. Seit wir die Pflanzen verkaufen, iſt es natürlich um ſo mehr nothwendig, daß die einzelnen Gattungen ſehr ſchön ſeien.“ „Alſo haben Sie ſelber alle dieſe Pflanzen geſetzt?“ fragte ich. „Nicht gerade ich ſelber,“ antwortete ſie,„aber mit Beihilfe der Leute, die zu dieſer Beſchäftigung aufgenommen worden ſind. Es iſt ſehr ſchön, wenn man den Dingen die ihnen zugeartete Erde geben kann, wenn man ſie nach ihrem Begehren feucht oder trocken halten, und ihnen nach Wunſch Licht und Schatten ertheilen kann. Dann ſind ſie auch dankbar, und werden ſo ſchön, wie man es vorher kaum geahnt hatte. Sehen Sie einmal.“ Mit dieſen Worten beugte ſie ſich nieder, und fuhr mit der Hand über einen ſehr dunkeln Wald von Ranunkeln. Ich hatte wirklich nie 15* — 228— dieſe ſtämmigen, feſten, hohen und dunkeln Ranunkelblätter geſehen. Ich ſagte es ihr. „Nicht wahr?“ erwiederte ſie, und hatte ihre Freude darüber. Dann zeigte ſie mir auch ihre Relken, Levpkojen, Roſen und ande⸗ res; ſie zeigte mir ihre Tulpenbeete, und die, wo ſie die Hiazinthen aus Samen ziehe. „Ich habe,“ ſagte ſie,„wenn ihnen die Zeiten ganz beſonders gün⸗ ſtig waren, ſchönere Zwiebeln bekommen, als die ſind, die man aus Har⸗ lem bezieht.“ Dann gingen wir um eine Ecke zu den Gewächshäuſern. Sie wa⸗ ren ſonderbarer Weiſe ſehr viele, und meiſtens kleine, in deren einzelnen immer die zuſammengehörigen Gattungen ſtanden. Ich mußte mich faſt bücken, da ich durch die gläſernen Käſſchen ging. Auch hier waren die einzelnen Pflanzen ſehr ſchön. Auf meine Bemerkung, daß größtentheils Modegewächſe da ſtünden, wie ſie jetzt gar ſo viel auf meiner Reiſe ge⸗ ſehen hätte, antwortete ſie:„Ich habe Ihnen ja geſagt, daß wir die Pflanzen verkaufen, ich zöge ſie freilich lieber nach meinem Herzen, aber zu unſerem Zwecke müſſen wir ſolche haben, die die Leute wollen. Die Leute ſind aber auch ſehr gütig, und nehmen unſere Waare gerne. Wir haben mehrere Eſel, wovon täglich einige mit Ladung nach Sanct Guſtav hinab gehen, und von dort an den See, wo die Sachen dann von ver⸗ ſchiedenen Händlern weiter verführt werden. Sie würden gewiß in man⸗ cher Uferſtadt von unſerem Obſte eſſen, wenn Sie zur Zeit der hieſigen Reife dort wären. Aber es geht auch noch weiter hinab, es geht bis dorthin, wo ſie viel beſſern Boden haben als wir hier; aber bei uns in den Steinen wird das Obſt kräftiger, und es kommt nur darauf an, daß man die gehörige Sorge darauf verwende.“ Da ſie ſo von dem Obſte ſprach, und ich auf die Bäume ſah, und an jedem ein Blechtäfelchen bemerkte, auf dem die Art geſchrieben war, da ich überhaupt die Reinlichkeit und gute Haltung der Bäume ſah, fragte ich ſie, ob ſie auch über die Bäume, ſo wie über die kleineren Gewächſe die Oberaufſicht führe. „Freilich,“ ſagte ſie,„ich habe ja die jüngeren alle mit Hilft unſe⸗ rer Leute geſetzt.“ „Das iſt ja nicht möglich,“ antwortete ich, indem ich ihr in das Angeſicht ſah. — 229— „Sie halten mich wahrſcheinlich für viel zu jung,“ ſagte ſie,„ich bin jetzt fünf und zwanzig Jahre alt. Vor etwas mehr als ſechs Jahren haben wir die Stämmchen geſetzt. Sie gedeihen vortrefflich. Die älteren ſind noch von dem Urgroßvater her. Vor mehreren Menſchenaltern glaubte man allgemein, daß dieſe Gegend durchaus nicht im Stande ſei, Bäume zu tragen; aber es iſt nicht wahr, wenn man nur beim Setzen recht tiefe und große Gruben lockert.“ „Aber,“ ſagte ich,„wo haben Sie denn die Kenntniſſe hergenom⸗ men, die man, wie ich zu meinem Schaden recht gut weiß, zu dieſen Dingen unumgänglich braucht?“ „Wo?“ antwortete ſie,„aus Büchern. Das ſah ich wohl ein, daß ich aus mir ſelber nichts wiſſe. Wo ſollte ich nun die Kenntniſſe finden, als in Büchern, in denen ſie ſtehen. Ich kaufte und lieh mir dieſelben zuſammen, und lernte. Freilich iſt mir hier ein Freund an die Hand ge⸗ gangen, der mir die Wahl erleichterte, und mich wohl ſelber oft unter⸗ richtete. Er hat in der Nähe ein großes Beſitzthum und iſt jetzt verreiſt. Da er täglich zurück kommen ſoll, ſo können Sie ihn kennen lernen, wenn Sie ſich länger aufhalten, er iſt ein vortrefflicher außerordentlicher Menſch. Er kömmt, wenn es ſeine Geſchäfte ein wenig zulaſſen, zu öfte⸗ ren Zeiten zu uns herauf. Ich weiß nicht genau, woher ich mehr lernte, aus den Büchern oder aus ſeinem Unterrichte. Uebrigens hoffe ich ſchon nach und nach noch mehr zu lernen, was ich brauche.“ Wir waren während dieſes Geſpräches unter den Bäumen in einem großen Bogen herum gegangen, und waren allgemach in die nördliche Gegend des Hauſes gekommen, wo der Garten mehr den Anblick eines Vergnügungsplatzes gewann. Es wat eine Kreisfläche von geſtreutem Sande da, in deren Mitte ein Waſſerbecken ruhte, das zwar den Stift, nicht aber den Strahl eines Springbrunnens hatte— es war eine ge⸗ zimmerte Laube da, in der man eſſen, oder ſonſt ſich verſammeln konnte, und es war in einiger Entfernung ein Kaſtanienwäldchen aus alten Bäu⸗ men, in deren Schatten man ſich erfriſchen konnte. Wir gingen quer über die Sandfläche hin. „Die Schweſter hat wieder den Springbrunnen ſtehen gelaſſen,“ ſagte meine Begleiterin, ging gegen das Becken, ſchürzte den Arm auf, kniete auf den Steinrand, beugte ſich vor, und öffnete mit der Hand den Hahn, der an der meſſingenen Spitze des Springbrunnenrohres ange⸗ 230 bracht war. Das zurückgehaltene Waſſer ſchoß in einem mächtigen Strahle empor. 5 „Sehen Sie, wie das prächtig iſt,“ ſagte ſie, nachdem ſie aufgeſtan⸗ den war, ſich die Hand abgewiſcht hatte, und wieder zu mir zurück ge⸗ kommen war. Wir gingen hierauf durch die Anlagen bis in das Freie hinaus, woſelbſt, wie ich ſchon früher bemerkt hatte, auch noch Bäume zwiſchen den Steinen auf ihren gelockerten Plätzen ſtanden. Meine Begleiterin ging mit ihren Stiefelchen, ohne weiter darauf zu achten, durch das thauige Gras. Als wir bis zu einer Stelle gekommen waren, wo wieder eine leichte Mauer von loſen zuſammen geleſenen Steinen lag, und wo man recht ſchön gegen die Felſenwand hinſehen konnte, die gegen Norden den Geſichtskreis ſchloß, blieb ſie ſtehen, und ſagte:„Hier iſt die Grenze unſeres Beſitzthumes. Nur eine Kleinigkeit haben wir noch dort an dem Felſen, wo Sie den Rauch aufſteigen ſehen; wir haben den dortigen Grund angeſchafft, weil er zu den Erdbrennereien ſo geeignet iſt. Das ganze Anweſen iſt klein, ich habe Ihnen alles gezeigt. Es iſt nichts mehr übrig. Es wurde bisher daraus gemacht, was nach den Verhältniſſen daraus zu machen war; aber es wird ſchon noch beſſer werden.— Sie müſſen gewiß lächeln, wenn Sie das anſehen. Bei Ihnen, denke ich, wird das alles weiter und breiter und prächtiger ſein. Wenn man ſo durch mächtige Felder und Wieſen wandelt, muß das einen erhebenden Umblick gewähren. Felder und Wieſen haben wir nicht, weil der Grund, den wir geerbt haben, zu klein dazu iſt. Auch ſind ſeit Menſchengedenken keine Felder hier geweſen: aber ich denke, warum ſoll es nicht möglich ſein, da doch Bäume, die ſo tief wurzeln, da Blumen, Kräuter und Ge⸗ müſe gedeihen, und der Regen nicht gar ſo ſelten iſt. Grund und Boden wäre hier nicht theuer— denken Sie nur, wie es ſchön wäre, wenn da bis zur Felſenwand im Frühlinge die Saaten ſtünden, und im Sommer die hohen Wagen belaſtet würden.“ „Ich zweifle keinen Augenblick, daß es möglich wäre,“ gab ich zur Antwort, indem ich die Fläche mit den Augen prüfte. „Sehen Sie, ich auch nicht,“ ſagte ſie,„es ſind ſchon viele Dinge auf der Welt geworden, wie in den Büchern der Geſchichte ſteht.— Wer weiß, was noch geſchieht, wenn man nur zum Geſchehen ein wenig nachhilft. An mir ſollte es wahrlich nicht fehlen.“ — 231— Wir blieben noch eine Weile ſtehen, und ſchauten gegen das naſſe in der Sonne funkelnde Gras der Haide. Dann wendeten wir uns zum Rückwege. Sie führte mich durch die andere Seite des Gartens zurück. Die⸗ ſelbe war ungefähr, wie die, die wir bisher durchwandert hatten. Es zeigte Jegliches denſelben Zweck: Verwerthung der Gewächſe. Meine Begleiterin zeigte mir manches, und erklärte mir verſchiedene Dinge, die ich da anders fand, als ſonſt wo. Als wir in die Eingangshalle gekommen waren, hing ſie ihren Strohhut wieder auf den Nagel und führte mich die Treppen zu meinen Zimmern empor. An der Thür derſelben machte ſie mich auf ein im Fut⸗ ter des Holzes befindliches Fach aufmerkſam, und ſagte:„Solche Fächer haben wir bei allen Thüren machen laſſen, um dem ewigen Verlegen der Schlüſſel vorzubeugen. So macht man auf.“ Sie zeigte mir mit dieſen Worten, wie man verfahren müſſe, damit der Deckel des Faches aufſpringe. „Da legen Sie den Schlüſſel hinein, wenn Sie fort gehen, und da werden Sie ihn wieder finden,“ ſagte ſie.„Ich muß Sie jetzt verlaſſen, um mich zum Frühmahle anzukleiden, bleiben Sie in Ihren Zimmern, ich werde Sie durch die Amme holen laſſen; denn es iſt nicht mehr viel Zeit übrig.“ „Ich danke Ihnen recht ſchön, mein Fräulein, für Ihre Güte und Freundlichkeit,“ ſagte ich. „Sie ſind mir durchaus, durchaus keinen Dank ſchuldig,“ antwor⸗ tete ſie, verneigte ſich, und ging in dem Gange zurück, woher wir gekom⸗ men waren. Ich nahm nun den Schlüſſel, den ich während des Spazierganges in der Taſche getragen hatte, heraus, ſperrte meine Zimmer auf, trat ein, und legte den Hut auf den Tiſch. Die Verhältniſſe meines Freundes Rikar ſind alſo der Art, dachte ich, daß es mit dem Plane, den ich in Hinſicht ſeiner gefaßt hatte, nichts iſt. Da das kleine Anweſen, welches ich ſo eben durchwandert hatte, und das Haus, in dem ich übernachtet hatte, ſein Eigenthum ſind; da er eine Tochter hat, die dieſes alles verwaltet, und da dieſe noch von einer wei⸗ tern Schweſter geſprochen hat, die den Springbrunnen ſtehen gelaſſen habe, ſo iſt von irgend einer Verſetzung auf einen andern Grund und — 232— Boden keine Rede. Auch muß ihn die Wirthſchaft, wie ich das aus mei⸗ ner eigenen Erfahrung kenne, hinreichend nähren. Welche nun auch noch immer ſeine ferneren Verhältniſſe ſein mögen, die Urſache, aus der ich gekommen bin, iſt dahin. Ich vergrub ſie daher in meine Bruſt, und nahm mir vor, mit keinem Menſchen weiter davon zu reden. Daß meine Begleiterin meine Verlegenheit nicht bemerkte, in die ich gerieth, als ich gewahr wurde, daß ich nicht zu einem armen Manne, gleichſam zu einem Bettler gekommen ſei, wie ich aus den Mittheilungen zu Meran vermuthen mußte, war natürlich, da ſie ja gar nicht ahnen konnte, daß ich nicht wiſſe, daß das Haus, in dem ich mich befinde, Ei⸗ genthum des Franz Rikar ſei. Ich ließ alſo alles gut ſein, und beſchloß, in weiterer Zeit ſchon zu ermeſſen, wie ich mich der anderweitigen Lage der Dinge nach zu benehmen hätte. Mir war wohl während des Spazierganges auch das nächtliche Geigenſpiel eingefallen, aber ich fragte nicht darüber, weil ich nicht zu⸗ dringlich erſcheinen wollte, und weil ſich ja alles von ſelber entwickeln müſſe, wenn noch einige Zeit verginge. Als ich ſo eine Weile nachgedacht hatte, fiel mir auch das Frühſtück ein, und daß ich dabei zu erſcheinen hätte. Ich nahm daher ein Tuch, und verwiſchte ſo viel als möglich die Spuren des heutigen Morgen⸗ ſpazierganges an meinen Kleidern, ordnete meine Haare vor einem Spie⸗ gel, und erwartete ſo gerüſtet die Ankunft der Amme. Sie ließ nicht gar lange warten. Das alte Mütterlein mit dem Bilderangeſichte, das alſo, wie ich bereits wußte, die Amme war, kam nach ehrerbietigem Klopfen zu mir herein, und ſagte, ſie habe den Auf⸗ trag, den Herrn in die Speiſeſtube zu führen. Ich folgte ihr, ſie führte mich eine Treppe hinab, dann durch einen langen Gang, öffnete hierauf den Flügel einer hohen Thür, und ſagte, ich ſolle eintreten. Ich trat ein. Das Gemach war ein ziemlich hoher Saal, deſſen Fußboden mit ſchönem verſchiedenartigem Marmor belegt war. Die Wände hatten hohe Fenſter, ſie hatten einige nicht unbedeutende Wand⸗ gemälde, ſonſt aber nichts Auffallendes. In der Mitte des Saales ſtand der gedeckte Tiſch, mit den verſchiedenen Geräthen und Speiſen eines Frühſtückes verſehen. An der oberen Seite des Tiſches in einem wohl⸗ gepolſterten und faſt thronartigen Seſſel ſaß eine ältliche Frau, deren — 233— Züge einſtige und vielleicht große Schönheit verriethen. Sie war in tei⸗ nes Weiß gekleidet, und die gefaltete Krauſe der Haube lief ſchön um die feinen lieblichen aber verblühten Züge des Antlitzs. Ihre noch ſchönen Hände, die mit dem einzigen einfachen Goldreife der Ehe geziert waren, gingen aus dem Weiß der weiten Aermel hervor. Neben dieſer Frau ſaß ein junges ſehr ſchönes Mädchen, ebenfalls in völliges Weiß gekleidet. Es hatte dieſelben Züge wie meine Begleiterin, nur viel zarter und lichter gefärbt. Auf der andern Seite ſaß mein Reiſefteund in ſeinem gewöhn⸗ lichen Schwarz. Meine Morgenbegleiterin war noch nicht da. Als ich eingetreten war, ſtanden alle auf. Mein Reiſefreund ging mir entgegen, nahm mich an der Hand, führte mich zu der Frau, und ſagte, indem er meinen Namen nannte:„Dieſe iſt meine vielgeliebte Gattin Victoria, die mir ſchon durch eine Reihe von Jahren die Bürde des Lebens tragen hilft. Bleibe nur auf Deinem Sitze, Victoria, mein Freund ſoll nicht wie ein Fremder behandelt werden.“ „Seid mir recht vielmal und aufrichtig in unſerem Hauſe willkom⸗ men,“ ſagte ſie,„bleibt lange bei uns, und ſeid wie ein Glied unſerer Familie; denn Ihr ſeid einmal mit meinem Gatten ſehr gut geweſen, und das vergeſſen wir, wenigſtens in unſerer Familie, nie.“ Nach dieſen Worten, die ſie in ſehr ſchönem Deutſch geſprochen hatte, verbeugte ſie ſich, und ſetzte ſich wieder in ihren Seſſel nieder. „Dieſe iſt mein liebes Kind Camilla,“ ſagte mein Freund, indem er mich dem jungen Mädchen vorſtellte. Das Mädchen neigte ſich ſehr ſittſam, und erröthete ein wenig; es öffnete aber den Mund nicht, um etwas zu reden. Ich verneigte mich, und ſchwieg ebenfalls. „Die zweite von den Schweſtern iſt noch nicht da,“ ſagte mein Reiſefreund. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und meine Morgen⸗ begleiterin trat ein. Sie war völlig umgekleidet, und hatte ein langes eben ſo ſchönes weißes Kleid an, wie die andere. „Dieſe iſt meine zweite Tochter, Maria,“ ſagte mein Freund, indem er die Hand gegen das näher kommende Mädchen ſtreckte,„ein anderes Kind haben wir nicht mehr, dieſe zwei ſchließen den Kreis unſerer Familie.“ — 234— „Vater, ich kenne unſern Gaſt ſchon,“ antwortete das Mädchen, „wir ſind heute Morgens mit einander in dem Garten herum gegangen.“ „Alſo haſt Du ihn ſchon herum geführt, und ihm vielleicht ſeine Morgenzeit genommen,“ ſagte der Vater. „Wenn et zu Hauſe auch ſolche Dinge hat, ſo müſſen ihn ja dieſe hier freuen, wenn ſie gleich den ſeinen nachſtehen,“ antwortete Maria. „Sie freuten mich in der That,“ ſagle ich,„und ich hätte meinen Morgen nicht beſſer und angenehmer zubringen können. Uebrigens, wenn Sie glauben, daß meine Gewächſe zu Hauſe ſchöner ſeien, als die Ihrigen hier, ſo irren Sie ſehr; ſie ſind nicht nur nicht ſchöner, ſondern es wird überhaupt nicht viele ſo ſchöne geben.“ „Das kann Dich freuen, Maria,“ ſagte der Vater. Das Mädchen wurde bei dieſer Rede purpurroth, viel röther, als es ſich aus dieſem Anlaſſe hätte ergeben ſollen. Die andern ſahen freund⸗ lich, und wir ſetzten uns zu dem Frühſtücke nieder. „Verzeiht, daß wir Euch nicht ſchon geſtern empfangen haben,“ ſagte die Mutter,„aber wir haben von Eurer Ankunft nichts gewußt. Mein Gatte wollte wahrſcheinlich mich und Camilla, die wir uns bald in unſere Zimmer zurück gezogen hatten, nicht ſtören.“ „Mir hat es der Vater wohl geſtern noch geſagt,“ erwiederte Maria, „aber erſt ſo ſpät, daß von einem Empfange keine Rede mehr ſein konnte. Als ich des Abends ein kleines Mahl für einen Gaſt des Vaters bereiten ſah, konnte ich freilich nicht ahnen, wer dieſer Gaſt ſei.“ Unter dieſen Worten begann das Frühſtück, es war ein einfaches deutſches mit einigen kleinen Zuthaten, die wohl meinetwegen vorhanden ſein mochten. Es wurde während desſelben von manchen Dingen ge⸗ ſprochen, und hauptſächlich aus Höflichkeit gegen mich meiner Reiſe erwähnt, von der ich erzählen mußte. Als wir von dem Tiſche aufgeſtanden waren, baten mich Rikar und ſeine Gattin, nun längere Zeit bei ihnen zu bleiben. „Da Eure Reiſe,“ ſagte er,„eine Vergnügungsreiſe iſt, ſo werden ihr mehrere Tage wohl keinen Abbruch thun; da Ihr einmal hier ſeid, da Ihr ſo gut gegen mich geweſen ſeid, wie kein anderer fremder Menſch, und da vielleicht viele Jahre vergehen können, bis Ihr wieder einmal in dieſe Gegend kommt, ſo könnet Ihr wohl einige Zeit in unſerer Familie zubringen, um zu ſehen, wie wir hier mit einander leben— Ihr könnt — 235— mehrere Wochen oder Monate in unſerem Hauſe zubringen, das ſo ein⸗ ſam und abgeſchieden von der Welt daliegt.“ Da ich nun wirklich die Verhältniſſe hier ganz anders gefunden hatte, als ich erwarten konnte, und da nich in der That die ungemein herzliche und freundliche Aufnahme in dieſer angenehmen Familie unge⸗ wöhnlich freute, und mir einſamen Menſchen ſehr wohl that, ſo war ich nicht abgeneigt, auf einige Zeit meinen Aufenthaltsort hier aufzu⸗ ſchlagen. Ich ſagte daher:„Es freut mich ſehr, ſo gütig und zuvorkommend eingeladen zu werden, ich nehme die Einladung mit vielem Danke an; aber da ich nur ſo auf das Ungewiſſe hin, und blos um meinen Freund vorerſt zu finden, herauf gegangen bin, ſo bin ich durchaus mit nichts verſehen, was auch nur zu einem Aufenthalte von einigen Tagen unum⸗ gänglich nöthig iſt, auch wartet ein Fährmann am See auf mich: es wäre daher ſehr wünſchenswerth, wenn ich einen Boten bekäme, der zu meinem Fährmanne am See eine Botſchaft brächte, und zu dem Wirthe nach Riva, wo ich mein Gepäcke habe, einen Brief trüge. Unter dieſer Bedingung kann ich einige Zeit hier verweilen, ſonſt muß ich ſelber heute noch zu dem See hinab gehen.“ „Einen Boten könnt Ihr ja ſogleich von unſern Leuten haben,“ ſagte Rikar,„geht nur auf Eure Stube, wo Ihr Schreibzeug findet, und fer⸗ tigt den Brief an, alles wird bald in Ordnung ſein. Und wenn Ihr ge⸗ ſchrieben habt, ſo werde ich zu Euch kommen, daß wir uns bereden, wie wir den heutigen Tag zubringen wollen.“ Das war nun gut. Ich erklärte meine Bereitwilligkeit zu ſchreiben, wir trennten uns vorläufig, und ich ging auf mein Zimmer. Dort ſchrieb ich an den Wirth zu Riva, ich ſende ihm hier meinen Schlüſſel, der die Lade öffne, in welcher meine Kleider liegen, die ich zu dem gewöhnliche Gebrauche bedarf. Dieſe möchte er mir durch den Boten ſchicken. Den Koffer und das andere, was ſich noch in dem Zimmer be⸗ finde, möchte er ſtehen laſſen, bis ich nach Riva zurückkehre. Als ich dieſen Brief beendigt und geſiegelt hatte, pochte es an die Thür, und Maria kam nit einem ältlichen Manne herein. „Das iſt der Bote,“ ſagte ſie,„der Ihre Sache gut beſorgen wird. Battiſta, merke wohl auf, was Dir dieſer Herr ſagt, und thue genau ſo, wie er es haben will, ich werde ſchon auf Dich denken.“ — 236— „Ja, Signora, ich werde es genau thun,“ ſagte der Mann. Ich gab ihm hierauf das Fahrgeld, welches ich dem guten Gerardo ſchuldig war, und ließ demſelben ſagen, daß er nach Hauſe fahren möchte, und daß ich ihn ſchon noch beſuchen würde, wenn ich nach Riva zurück gekommen wäre. Zum Zeichen, daß ich es ſei, der den Boten ſchicke, gab ich demſelben meine Ledertaſche mit, und ſagte ihm auch, er möge alle meine Dinge, die noch in Gerardo's Schiff ſeien, zu dem Wirthe nach Riva bringen, dem er auch dieſen Brief übergeben ſolle, worauf er mit den Sachen, die er von dem Wirthe erhalten würde, wieder hieher zurück kommen müſſe. Als ich den Boten ſo unterrichtet hatte, und als ich mir von ihm die ganze Botſchaft noch einmal hatte wiederholen laſſen, entließ ich ihn. Hierauf kam ſogleich Rikar mit ſeiner Gattin zu mir herauf und ſagte:„Ich drücke Euch noch einmal meine Freude aus, lieber Herr, daß Ihr hier bleibt, nehmt vorlieb mit dem, was wir bieten können, wir werden ſuchen, Euch den Aufenthalt ſo angenehm zu machen, als es möglich iſt, und wünſchen, daß Ihr denſelben recht lange, lange hinaus dauern laſſen möget. Jetzt ſagt nur, wie wünſchet Ihr den heutigen Tag zuzubringen, und was ſoll ich thun, daß er Euch auf das Ange⸗ nehmſte verfließe?“ „Freund Rikar,“ antwortete ich,„wenn Ihr mir den Aufenthalt ſo angenehm machen wollt, als es mein Wunſch iſt, ſo ändert in Eurem ganzen Hausweſen gar nichts, als daß um eine Perſon mehr iſt; nehmet an, dieſe Perſon ſei ſchon lange hier, und gehe im Hauſe herum, wie es etwa ein weitläufiger Verwandter thun würde, der bei Euch im Hauſe lebte. Je weniger ich Euch gebunden fühle, je weniger ich ſelber gebun⸗ den bin, deſto leichter und freier und angenehmer vermag ich mich zu be⸗ wegen. Was den heutigen Tag anbelangt, ſo bin ich durch meine Be⸗ ſchäftigung gewohnt, mich viel zu bewegen, ich würde daher jetzt, wenn nichts dagegen iſt, einen Spaziergang machen. Ohnehin iſt Eure Gattin noch in Morgenkleidern, vieles in dem Hauſe mag zu ordnen ſein, und Ihr dünftet vielleicht ſelber einige Geſchäfte haben. Wenn ich von dem Spaziergange zurück komme, und Ihr Zeit habt, ſo würde ich Euch ein wenig um Eure Geſellſchaft bitten, ob Ihr mir vielleicht manches in Eurem Hauſe zeigen wollt, wie man es gerne mit Freunden thut, oder ob Ihr auf eine andere Weiſe die Zeit hinbringen wollt.“ „Seid in unſerem Hauſe ganz unabhängig, und thut, wie es Euch gefällt,“ ſagte die Mutter,„in dem Gange des erſten Stockwerkes, Zahl ſechs, iſt eine Thür, welche zu meinen und Camilla's Zimmern führt. Sie ſtehen täglich von zehn Uhr Morgens an offen; wollt Ihr uns be⸗ ſuchen, ſo wird es uns ſehr fteuen. Im Uebrigen kommt und geht, wie es Euch beliebt, und benehmt Euch nach Wohlgefallen: nur bedenkt immer, daß Ihr bei Freunden ſeid, die Euch ſehr wohlwollen.“ „Ich danke noch einmal auf das Wärmſte für die freundliche Auf⸗ nahme und Einladung,“ ſagte ich,„die größte Freude, die mir bisher in Eurem Hauſe zu Theil wurde, Freund Rikar iſt die, daß ich Euch ſo wohlbehalten in dem Schoße einer lieben Familie finde.“ „Das bin ich, das bin ich,“ ſagte er, indem er meine dargereichte Hand annahm, und ſie ſchüttelte. Hierauf beurlaubte er ſich mit ſeiner Gattin, um mich nicht ferner zu beirten, und Maria, die ſchweigend da geſtanden war, folgte ihnen. Weil nun wirklich in meinen Zimmern noch nicht zuſammen ge⸗ räumt war, da ich den Schlüſſel in der Taſche herum getragen hatte, und weil es meine Gewohnheit iſt, mir in jedem neuen Aufenthaltsorte die Gegend zu beſchauen, ſo beſchloß ich, meinen Spaziergang zu machen. Ich nahm den Hut, ging zur Thür hinaus, ſperrte ſie ab, und legte den Schlüſſel in das Fach, welches mir Maria anempfohlen hatte. Ich ging über die Treppen durch die Halle, und durch den großen Gartenweg hinaus. Dort wendete ich mich aber ſeitwärts, um nach der entgegen⸗ geſetzten Seite zu gelangen, als von der ich geſtern gekommen war, und wo möglich eine Anhöhe zu gewinnen, um herum ſchauen zu können. Ich war ſehr bald aus den grünen Anlagen, und befand mich jenſeits des Beſitzthums. Hier war es wirklich wieder ſo, wie dort, wo ich mich geſtern genähert hatte. Das Haus mit ſeinen Anlagen war der einzige bewohnte Fleck auf der Hochebene. Ich ging nun über denſelben fahlen Raſen, wie geſtern, und über dasſelbe harte Geſtein, nur daß jetzt ein tiefblauer Himmel und ſeine funkelnde Morgenſonne darüber ſchwebten. Der Thau war ſchon von den kurzen Gräſern gewichen, die Luft war noch nicht heiß, ſondern erquickte, und ich ging daher gerne immer weiter und weiter. Bei meinem Beſtreben, auf eine Anhöhe zu gelan⸗ gen, wo freilich die Felſen immer mehrere wurden, unterſtützte mich der — 238— Raſen; denn wie dicht auch das Geſtein ſtarren mochte, ſo zog ſich doch immer wenigſtens ein dünner Streifen Grün hindurch, auf den ich empor gehen, und in deſſen Lockerheit ich meinen Fuß einſetzen konnte. Meine Mühe belohnte ſich nach und nach, und ich kam immer höher hinauf. Endlich war ich auf der Wölbung des Hügels, wie ich bezweckt hatte, an⸗ gekommen. Ich wendete mich um, und ſah auf das Ganze hinab. Welche Einſamkeit! Wie eine Inſel lag das weiße übertünchte Haus mit dem Grün ſeiner Bäume und Gemüſe in dem allgemeinen grau blau und vio⸗ lettlich duftenden Grunde, der eine Geſtalt hatte, wie überall auf der Höhe des Gebirges. Die Schindeldächer des Hauſes hoben ſich nicht ein⸗ mal von der Allgemeinheit des Ganzen heraus, ſondern waren in ihrem Grau wie über dem Hauſe ſchwebende Steine. Das ältere Holzwerk, welches angebaut war, erſchien ebenfalls in der aſchenhaſten Farbe, ſo daß das weiße Haus und das friſche Grün der Bäume und Gewächſe in der Unendlichkeit und Breite dieſer einförmigen Umgebung von ferne ausſah wie eine weiß und grün geſtickte Roſe auf grauem Grunde. Und über das Ganze war ein ſo tiefes Schweigen ausgebreitet, daß gerade die Feierlichkeit der Oede durch dieſes menſchliche Haus eher vermehrt, als vermindert wurde. Wie es mir jedes Mal geſchieht, daß, wenn ich einmal im Gehen bin, ich immer weiter gehe, ſo geſchah es mir auch hier. Ich beſchloß, da ich dieſe Anſicht genoſſen hatte, nun noch höher zu ſteigen, um eine noch weitere zu genießen. Ich wollte wo möglich den höchſten Kamm der Felſen zu erreichen ſuchen. Derſelbe lag in jener Reihe, die ſich im Nor⸗ den des Hauſes dahin zog. Ich ging friſch an die Unternehmung, und harrte trotz der größer werdenden Hitze aus. So gelangte ich endlich auf die Schneidelinie des Geſteins, von der ich auch in die jenſeitigen Ge⸗ genden hinab ſah. Ich ſah aber auch die ganze Linie des Weges, auf dem ich geſtern von dem Bühel des Hieronimus bis hieher gegangen war. Ich erblickte Spitze an Spitze in demſelben Grau, wie bisher; nur weit draußen zwiſchen matten Zinken lag das friſche Blau ſehr ferner Berge, wie ich es in meiner Heimath zu ſehen gewohnt war. Den Dunſtſtreifen der Lombardie ſah ich nirgends, ich wußte auch gar nicht, in welcher Richtung er ſein ſollte. Ich ſah rechts, ich ſah links in verſchiedenen Richtungen. Ueberall war die größte Mannigfaltigkeit der Geſtalten, und überall doch die — 239— größte Gleichmäßigkeit, und überall das blauliche Heraufdämmern der Schatten aus den Gründen. Als ich lange geſtanden war, und als ich lange herum geſchaut hatte, und als die Sonne bereits ſchon einen großen Theil ihres Vormit⸗ tagsbogens zurück gelegt hatte, dachte ich an den Rückweg. Ich wollte denſelben nicht auf den Umkreiſen, auf denen ich herauf gekommen war, zurück legen, ſondern ich ſah mich nach der geradeſten Richtung um. Allein dieſe hatte die größten Schwierigkeiten, und ich wäre in üble La⸗ gen gekommen, wenn mir nicht meine Gewandtheit im Bergſteigen, die ich mir in meinen Jünglingsjahren erworben hatte, beigeſtanden wäre. Nach dem verwickeltſten Klettern in gebrochenen und in zertrümmerten Linien kam ich endlich nicht weit von dem Rauche, wo Rikar die Erden brennen läßt, herunter, und ging auf dem ſtraffen und ſchwellenden Ra⸗ ſen dem Hauſe zu. Als ich in meine Zimmer gekommen war, ſah ich, daß dieſelben nicht mehr meine Zimmer von geſtern waren. Alles war in denſelben im Laufe des Vormittages verändert worden, und ich traf noch die Leute, welche eben im Begriffe waren, die Veränderungen zu vollenden. Auf mein Befragen antwortete der Mann, den ich ſchon geſtern als Gärtner oder dergleichen bein Aufdecken zu meinem und Rikar's Abendmahle bemerkt hatte:„Eigentlich hat uns Signora Maria ſchon am Morgen in der Halle unten, da Ihr mit ihr in den Garten ginget, den Auftrag gegeben, dieſe Geräthe nach und nach in die Zimmer zu tra⸗ gen; aber da der Zimmerſchlüſſel nicht in ſeinem Behältniſſe lag, konn⸗ ten wir nichts thun. Deßhalb haben wir es jetzt bewerkſtelliget, da Ihr aus waret, damit wir Euch nicht beunruhigten. Nur noch die Seſſel ſind herein zu ſtellen, und dann ſind wir fertig.“ Alſo das war es, dachte ich, was ſie am Morgen, da ſie den Stroh⸗ hut gen ommen hatte, noch zu befehlen gehabt hatte, und darum war es, daß ſie mir ſagte, daß ich den Schlüſſel immer in ſein Fach legen ſollte. Man hatte mich nicht nur beſſer eingerichtet, ſondern meine zwei Zimmer auch noch mit einem dritten vermehrt. Die Thür nämlich, vor welcher der Kaſten geſtanden war, war geöffnet, und ich konnte in das angrenzende Zimmer gehen, deſſen Fenſter nach Norden ſchauten, und mir die Felſenwand, und den Rauch vor ihr, der etwas näher herwärts war, und den funkelnden Strahl des Springbrunnens ganz in meiner — 240— Nähe zeigten. Die Geräthe, die ich jetzt hatte, waren ganz neu. Was zur Annehmlichkeit und Bequemlichkeit beitragen konnte, war da. Ein anderes Bettgeſtelle, andere Seſſel, andere Käſten, ſchöne Tiſche, ein Sopha mit ſchwellenden Kiſſen, ein Schreibtiſch mit allem Nothwendi⸗ gen verſehen, eine Wanduhr, die ihr geſelliges Picken ertönen ließ, Vor⸗ hänge, die in blendender Weiße die Fenſter deckten, und die Zimmer mit lauſchender Dämmerung füllten, und endlich ein großer Stoß von Bü⸗ chern, die auf einem Geſtelle lagen, und auf mein Beſchauen und Unter⸗ ſuchen warteten. Ich muß geſtehen, daß ich ſo ſchwach war, daß mich dieſe Aufmerkſamkeit ſehr freute. Was mir aber demohngeachtet wieder abging, waren Bilder, es hing nämlich kein einziges, nicht einmal der allerunbedeutendſte Holzſchnitt, an der Wand. Es war dieſe Bemerkung von meiner Seite natürlich, indem ich von meinem Hauſe gewohnt war, mich immer von den Kupferſtichen der Tante umgeben zu fühlen. Auch beſaß ich einige werthvolle alte Bilder, die in einigen Zimmern zerſtreut waren, und vor denen ich gerne ſtand. Ich hatte ſie mir in der Zeit, da ich noch ſchwärmte, von einem guten Theile meines väterlichen Erbes angeſchafft, was namentlich den Zorn meines Oheims ſehr anfachte; denn ich hatte nach und nach eine kleine Sammlung von Gemälden zu⸗ ſammengebracht, die mich unermeßlich ergötzten, aber ich hatte nicht mehr ſo viel Geld, daß ich ordnungsgemäß in den Jahren, die noch vor mir lagen, hätte leben können. Als ich den Gärtner— denn das war er unſtreitig, wie mir immer klarer wurde— gefragt hatte, wo die früheren Geräthe hin gethan wor⸗ den ſeien, damit ich mir meine Dinge, die in deren Laden wären, hole, als er ſie mir gezeigt, als ich dieſe Sache in Ordnung hatte, und er fort gegangen war, ſetzte ich mich in die Kiſſen meines Sophas nieder, und ſchaute unthätig in das Zimmer hinaus, weil ich erſtaunlich ermüdet war. Die Kühle, welche hier herrſchte, und gegen die große Hitze, die draußen nach und nach anzuwachſen begann, angenehm abſtach, die lieb⸗ liche Lichtbrechung, die durch die Fenſtervorhänge erzeugt wurde, die ſanften Kiſſen, in denen ich ruhte und der Anblick dieſer ſchönen Geräthe, wie ich ſie von Kindheit an gewöhnt war— das alles ſprach mich über⸗ einſtimmend und regelmäßig an, ich blieb ſitzen, genoß meiner Ruhe, und war ſo in dieſelbe verſenkt, daß ich mir nicht einmal eines der da — — 241— liegenden Bücher holte, um in demſelben zu blättern, und zu ſehen, was es enthalte. Dieſen meinen Zuſtand mußte wohl Rikar geahnt haben; denn ob⸗ wohl er mich nach Hauſe kommen geſehen, und mich von meinem Fenſter aus gegrüßt hatte, kam er doch nicht in mein Zimmer, um mich der Ver⸗ abredung gemäß in dem Hauſe herum zu führen, oder ſonſt die Zeit mit mir zuzubringen; ſondern er ließ mich allein und ließ mich erholen. Als ich endlich nach einer Weile ſchon wieder anfing, gelegentlich herum zu gehen, und dies und jenes anzuſchauen, pochte er, und kam herein. Er fragte mich, ob ich von dem Spaziergange ſchon ausgeruht hätte, und als ich dies bejahte, trug er mir an, mich in dem Hauſe herum zu führen. Er führte mich in alle Räume, die nicht beſonders zu einem aus⸗ ſchließlichen Gebrauche eines Familiengliedes beſtimmt waren, und zeigte mir alles und erklärte mir alles. Das Haus hatte eben nichts Beſonderes, aber ſeine Gelaſſe waren räumlich, und die Aufbewahrungsorte der Pflanzen waren eigenthümlich und zweckmäßig eingerichtet. Sie waren, wie manches in dieſem Hauſe, erſt in neuerer Zeit errichtet, und erregten meine beſondere Aufmerkſamkeit. Rikar hatte an meiner Theilnahme große Freude. Bei dieſem Gange durch das Haus ſah ich auch die Zim⸗ mer, welche geplündert worden waren, um die meinigen einzurichten. Als wir von der Rundſchau zurück gekommen waren, blieb er bei mir, und wir redeten von verſchiedenen Dingen. Ich erzählte ihm, wo ich am Vormittage geweſen ſei, und er ſagte, ich müſſe vorſichtig ſein; denn oft ſchieße wider Vermuthen hier das Geſtein ſenkrecht ab, daß man ſich verwirren, oder nur mit Lebensgefahr herab kommen könne. Ich ſuchte ihn darüber zu beruhigen, und ſagte, daß ich in meiner Heimath als einer der beſten Alpenſteiger bekannt ſei, und daß ich die Merkmale gangbarer Richtungen ſchon recht gut zu unterſcheiden wiſſe. Im Verlaufe des Geſpräches kamen wir auf Hieronimus Rüdheim, und er erzählte mir von ihm, daß er ein Tiroler aus dem Innthale ſei, daß er einmal viel Vermögen beſeſſen, manches auf einen ungerathenen Reffen verwendet, und manches unter arme Leute vertheilt habe. Er be⸗ ſite einen großen Meierhof, auf dem er im Winter lebe. Den Sommer bringe er gerne in ſeinem kleinen Häuschen in der Schlucht zu, weil es da Stifter. 4. Aufl. 1II. 16 — 242— viel kühler und einſamer ſei. Er komme öfter in die Meierei hinab, und Knechte und Mägde gehen öfter auf und nieder, damit das Geſchäft im Gange ſei. Man habe ihn wegen dieſem Häuschen den Einſiedlerbauer genannt. Er ſei ein ſehr rechtſchaffener uneigennütziger Mann, und habe ſich gegen ihn ſelber, als er von Meran hieher kam, als edlen hilfreichen Freund gezeigt. Unter ſolchen Geſprächen kam endlich die Zeit des Mittageſſens heran. Es wurde in demſelben Saale verzehrt, in welchem wir das Frühmahl eingenommen hatten. Die Frauen waren jetzt ſtatt mit dem weißen Morgengewande mit den bunten Kleidern des Tages angethan. Nach Tiſche iſt es gebräuchlich, den heißeren Theil des Tages in ſei⸗ nen Zimmern zuzubringen. Ich benützte die Muße, um die Bücher, welche man mir hergelegt hatte, zu beſehen, und mir diejenigen bei Seite zu legen, in denen ich allenfalls leſen mochte. Als ſich die Wärme etwas gemildert hatte, wurde ich von meinem Freunde Rikar neuerdings beſucht und beſcheiden gefragt, ob ich einen Theil meiner Zeit mit ihm und ſeinen Angehörigen zubringen wollte. Ich bejahte es bereitwillig, und er führte mich in den Garten hinunter. Wir trafen hier am Rande des Kaſtanienwäldchens die Geſellſchaft, undes wurde das Vesperbrod bereitet. Maria ließ Milch, Käſe und andere Dinge, die ſich ſchickten, herbei bringen, und Camilla beſchäftigte ſich damit, dieſel⸗ ben auf dem Tiſche zu ordnen. Wir hatten die Ausſicht nach allen Rich⸗ tungen des Anweſens. Im Garten zog einer den Ziehbrunnen, daß das Waſſer in große Gefäße laufe. Andere ſchöpften es aus dieſen heraus, und begoſſen die Gewächſe. Einige jäteten in den Gemüſen, andere rei⸗ nigten die Bäume, und manchmal kam eines herzu, und rief Maria bei Seite, um mit ihr etwas zu reden. In einer kühlen Gartenhalle wurden bereits die Gegenſtände gereinigt und geordnet, welche zunächſt an der Reihe waren, verſendet zu werden. In dieſer Einſamkeit iſt man ge⸗ wohnt, auf die einfachſten Dinge als wie auf Abwechslungen zu ſchauen. Wir ſahen auf die Vorragungen und Felſen der Landſchaft, und bemerk⸗ ten, wie ſich die Schatten derſelben allgemach wendeten, und nach ande⸗ ren Richtungen wieſen. Als es Abend geworden war, ſchlug man einen Spaziergang vor. Die Mädchen nahmen ihre großen Strohhüte und wandelten neben uns her. Hier ſah ich die Aehnlichkeit der Schweſtern. Neben dem dunkeln — 243— bräunlichen Angeſichte Maria's hob ſich das lichte und weiße Camilla's hervor; es hatte dieſelben Züge, nur weicher, und die Wangen waren mit dem Anhauche der lieblichſten Röthe bedeckt. Die Augen waren gleich, nur blickten Maria's feuriger und entſchiedener. Rikar führte uns zu dem ſogenannten Brünnlein. Es war dies eine Falte der Berge, gleichſam eine ſchiefe Grube, die nur nach einer Richtung hin die Ausſicht offen ließ. Auf dem Grunde der Grube quoll ein wunderbar klares Waſſer hervor, füllte ein Becken, in dem es wie ein Spiegel ſtand, und ließ den Ueberfluß längs der Haide dahin rinnen. Rikar hatte Steinſitze herum machen laſſen, weil die Familie gerne an die Stelle ging, und da ſaß. Wir blickten gegen die Anhöhen, die weit draußen an dem grünlich matten Himmel hinzogen, und ſahen, wie die müden Nachmittagslichter auf den fahlen Raſen derſelben hinſchweiften. Die Einſamkeit der Lage dieſes Hauſes hatte etwas ſo Eindringliches, daß es faſt wie Traurigkeit ausſah. Die Mutter hatte meinen Gedanken ertathen, oder ſie mochte in der unglaublichen Abgeſchiedenheit des Ortes, an dem wir ſaßen, von ähn⸗ lichen Gefühlen erguiffen ſein; denn ſie ſagte:„Wir ſind nicht ganz ſo abgeſchieden und von der menſchlichen Geſellſchaft getrennt, als Ihr etwa glauben mögt: wir werden Euch einmal auf das Grateck hinauf führen, von wo man nach Sanct Guſtav und in die andern bewohnten Thäler hinab ſieht. Auch kömmt mancher Freund zu uns herauf, und wir kom⸗ men manchmal hinunter. Im Winter iſt es faſt noch geſelliger, weil da die Menſchen, wenn man die Höhen und Häuſer verſchneit und unzu⸗ gänglich vermuthen ſollte, gerade abſichtlich zuſammen kommen, und ſich Geſellſchaft leiſten, und Vergnügungen veranſtalten, um den traurigen Winter und die Einförmigkeit und die Kürze der Tage zu betrügen.“ „Wenn die Zeit ſchön bleibt, und meine Geſundheit es zuläßt,“ ſagte Rikar,„ſo werde ich Euch einen Genuß ganz anderer und ſeltener Art bereiten. Ich werde Euch auf die Adoſtaſpitze geleiten, von welcher aus man das ganze nördliche Italien überſieht, und an durchſichtigen Tagen gar den Glanz des Meeresſpiegels erblickt.“ „Dann haben wir hier auch noch ſchöne Dinge,“ ſagte Maria,„die Hallthäler, die Krummweiden, die Erkſpitzen, die Grünbrüche, die Lang⸗ hänge und anderes.“ Wir ſaßen auf den Steinbänken und neben dem klaren Waſſer, bis 16* — 244— die Sonne untergegangen war, und die Gegend ſich mit der gleichmäßi⸗ gen Farbe der beginnenden Dämmerung bedeckte. Dann gingen wir bei einem leiſe wehenden Lüftchen, aber auf einem ganz andern Wege, als auf dem wir her gekommen waren, und in einem großen Umkreiſe nach Hauſe. Als wir dort angekommen waren, ſagte man mir, daß mein Bote zurückgekehrt ſei. Ich ging gleich auf meine Zimmer um zu ſehen, wie gut er ſeine Sachen vollbracht habe. Ich fand alle die Kleider, die ich von dem Wirthe begehrt hatte, nebſt dem Kaſtenſchlüſſel, den er zu⸗ rück ſchickte. Dabei lag eine abſcheuliche Quittung von der Hand Ge⸗ rardo's, in welcher er mir anzeigte, daß er ſeinen Fährlohn richtig erhal⸗ ten habe, und daß er den Wein gut aufbewahren wolle, bis er bei ihm erhoben würde. Battiſta hatte alſo ſeine Sache gut gemacht, und ich ging in den Hof hinab, um ihm ſeinen Lohn zu ertheilen. Er ſtand, ſo viel es die Dunkelheit zuließ, in einer Stellung, daß ich die Abſicht deut⸗ lich erkannte, daß er ſich leicht wolle finden laſſen. Ich gab ihm ſeine Gebühr, und verſicherte ihm auf ſeine Bitte, daß ich es auch Signora Maria ſagen möchte, daß er ſeinen Auftrag gehörig vollbracht habe, ich würde es ſchon thun. Hierauf ging ich wieder hinauf, brachte die Sachen in Ordnung, und war ſo kindiſch, zum Abendeſſen einen ſchwarzen Frack anzuziehen, wie ihn mein Reiſefreund ſtets an hatte. Wir ſaßen nach dem Speiſen länger beiſammen, als es wohl ſonſt bei dieſer Familie gebräuchlich ſein mochte, und es löſ'te ſich das Band der Rede immer leichter, je mehr wir mit einander bekannt wurden. Endlich trennten wir uns, und jedes ging mit ſeinen Lichtern auf ſeine Zimmer. Als ich in meiner Wohnung war, verſchloß ich mich durch den inneren Riegel gegen außen, ſtellte die Lichter auf den Tiſch, und warf den ſchwarzen Frack über das Sopha.— Thereſa Milanollo war alſo ein verborgenes Geheimniß geweſen. Ich war begierig ob ich heute die Muſik wieder hören würde, über die den ganzen Tag auch nicht die ge⸗ ringſte Erwähnung geſchehen war. Ich ging in das zweite Zimmer, und öffnete das Fenſter, durch das eine ſtille laue glänzende Nacht herein ſchaute; denn das Lüftchen, das am Abende geweht hatte, hatte ſich auch völlig wieder gelegt. Ich ſchaute, wie geſtern, eine Weile in die — 245— dunkle Gegend hinaus. Als ich mich von dem Fenſter entfernte, um mich zum Schlafengehen zu entkleiden, ließ ich die Flügel desſelben offen ſtehen. Ich hatte am Nachmittage unter den Büchern, die man mir her gelegt hatte, auch Göthe's Reiſe nach Italien gefunden. Dieſe nahm ich vor, und beſchloß, darin zu leſen. Ich ſtellte, da ich entkleidet war, die Lichter zu meinem Bette, legte mich nieder, und nahm das Buch in die Hand. Obwohl mir das Werk ohnehin ſehr gut bekannt war, übte es doch wieder eine ſehr freundliche Wirkung auf mich aus, und ich las länger, als ich vorgehabt hatte. Dann löſchte ich die Lichter aus, und entſchlief. Ich ſchlief, ſo zu ſagen, nur mit halb geſchloſſenen Augen, um durch die Töne, wenn fie begännen, ſogleich geweckt werden zu kön⸗ nen. Aber ich wurde nicht geweckt, und die Racht blieb fortdauernd ſtille. Nur den fernen Tritt der Saumthiere vernahm ich, als man ſie nit ihrer heutigen Laſt bepackt hatte, und von der hintern Gartenhalle aus auf dem Wege nach Sanct Guſtav hinab führte. Dann ſchlum⸗ merte ich wieder weiter, bis ich durch den Anbruch des Tages erwachte, der trotz der Vorhänge mit einer flammenden Morgenröthe zu mir her⸗ ein ſah. Ich ſtand auf und kleidete mich an. Das war alſo der erſte Tag geweſen, den ich in Rikar's Hauſe zu⸗ gebracht hatte. Ihm folgten nun mehrere, die ſich alle bei der Einfach⸗ heit der Familie glichen. Sie waren alle im ganzen Hauſe ſo fteundlich und zuvorkommend gegen mich, daß mir der eingegangene Vertrag, einige Tage hier zuzubringen, eine Annehmlichkeit war, und daß mir die Urſache, derentwillen ich gekommen war, ſo ferne wurde, als läge ſie ſchon Jahre hinter mir. Ich theilte mir meine Zeit ein, machte weite Spaziergänge in alle Theile des Hochgeſteines, um ſie kennen zu lernen, und kam von ſolchen Gängen zuweilen erſt gegen Abend in das Haus meines Freundes zurück. Es war ſonderbar, daß ich hiebei ſah, daß die verdorrte Fichte auf dem ſchwarzen Steine, die ihre zarten abgeſtorbenen Zweige ſo düſter in den Himmel tauchte, wirklich der einzige Baum in dem ganzen Umkreiſe der Gegend war. Ich kam einmal in Maria's Zimmer, die auf demſelben Gange, wie Rikar's, und nicht weit von ihnen lagen. Sie ſahen wie eine Kanzlei aus. Viele Papiere und Bücher lagen in der muſterhafteſten Ordnung herum, auch ſah man Proben von Landwirthſchaftsgegenſtänden in — 246— Fächern oder Papieren aufbewahrt. Das Mädchen ſchlief in dieſen Ge⸗ mächern mit der Amme und einer Magd, um in jedem Augenblicke, wo es nöthig ſein ſollte, geweckt werden zu können. In die Zimmer Ca⸗ milla's und der Mutter war ich noch nicht gekommen, obwohl ſie mich öſter dahin eingeladen hatten; denn wir brachten ſchier die meiſte Zeit im Freien zu, da das Wetter gar ſo ſchön war. Ich konnte wirklich nicht ſagen, wie eine Wolke auf dieſer Hochebene ausſähe, und ich konnte mir einen trüben Tag auf derſelben nicht vorſtellen. Nur in der heiße⸗ ſten Tageszeit, wie ich bereits ſagte, war man auf ſeinen Zimmern. Ich las da meiſtens etwas, oder ſtand an dem Fenſter und ſah hinaus. Und ſelbſt da ſah ich manchmal Maria, von ihrem breiten Strohhute über⸗ ſchattet, in dem Garten wandeln, und ſah das hohe Roth des Sonnen⸗ ſtrahls und der emſigen Geſchäftigkeit auf ihren Wangen. Wir wurden alle immer vertraulicher, ſo daß von den einigen Ta⸗ gen des Bleibens keine Rede mehr war, ſondern daß ich immer wieder blieb, und wieder blieb. Maria war ſo ehrlich und offen, wie ſie ſich gleich am erſten Tage gegen mich gezeigt hatte. Rikar war gerade ſo, wie er bei unſerer Reiſe⸗ bekanntſchaft und dann bei unſerem Aufenthalte in der Dreifaltigkeit. geweſen war. Er war der einfache beſcheidene Mann, der ſich mit ſeinen Verhältniſſen nicht aufdringt, aber er war freundlich gefällig, und zeigte eine beſondere Zuneigung und Anhänglichkeit an mich. Die Mutter war zwar ebenfalls nicht zuvorkommend und mittheilſam mit ihren beſonde⸗ ren Verhältniſſen, aber ſie war einfach, war klar, anmuthig, und hatte jene Offenheit, aus der man ſieht, daß man bei einer Familie willkom⸗ men iſt. Camilla kümmerte ſich um die Gartenangelegenheiten nicht ſo, wie Maria, ſondern ſie pflückte nur zuweilen Blumen, und machte Kränze. Sie war ſehr weich, zart und edel, aber es war etwas Sonderbares an ihr, etwas Verwelkendes und Verblühendes, als hätte ſie einen geheimen Kummer, und als zehre ein innerer Gram an ihr. Beide Mädchen hat⸗ ten die Bildung der höheren Stände erhalten, das ſah man an dem ge⸗ regelten und ruhigen Benehmen derſelben. Wir waren einmal, wie die Mutter vorgeſchlagen hatte, auf das Grateck gegangen. Es war dies ein nicht gar weit von dem Hauſe ge⸗ legener Punkt von unbeträchtlicher Höhe, der aber wegen ſeiner günſtigen Lage eine bedeutende Ausſicht bot. Wir ſahen Sanct Guſtav in einer grünen üppigen Thalfurche liegen, die ſich zwiſchen kahlen Bergen dahin zog, wir ſahen manche Landhäuſer, manche Hütten, und in der Ferne manche weiße Punkte, die ebenfalls Wohnungen ſein mochten. Wir ſahen noch manche andere grüne Thallinie, die ſich wie ein feines Sammt⸗ band in den grauen und von ferne her blaulich ſchimmernden Felſen dahin wand. Nachdem wir alles beſchaut hatten, und nachdem wir mit dem Fernrohre alle weißen Pünktchen aufgeſucht hatten, und Rikar uns alle Namen von den Dingen, die uns beſonders aufficlen, geſagt hatte: gingen wir wieder auf unſere eiförmige Haide und in unſer einſames Haus zurück. Ein ander Mal war ich mit Rikar allein auf der Adoſtaſpitze. Ich hätte dem alten Manne nimmermehr die Rührigkeit im Felſenklettern zugetraut. Er mußte ſich in ſeiner Jugend viel in der hieſigen Zerklüf⸗ tung der italieniſchen Alpen herum getrieben haben. Der Umblick von der beſagten Bergſpitze war wirklich außerordentlich. Ich will nicht von dem duftenden Gewimmel der Berggipfel ſagen, die man auch von an⸗ dern Bergen ſieht, aber die große Ebene war es, welche man hier über⸗ ſieht, und welche wirkte. Ohne die einzelnen Merkmale des Bewohntſeins zu gewahren, war es nur ein einfacher unkenntlicher undeutlicher erſchüt⸗ ternder Hauch, der in der Trübe des Himmels gehend und in ihr ſchwim⸗ mend die Seele mit dem ganzen rieſenhaften Eindrucke des Unendlichen erfaßte. Das Meer hatte ich nicht geſehen, aber ich nahm mir vor, wenn ich die Merkmale der Klarheit, die ich recht gut kannte, ganz beſonders an dem Himmel gewahrte, hin zu gehen, um den Glanz, der fabelhaft draußen liegen mußte, zu erſpähen. Ein drittes Mal waren wir in den Hallthälern, ſanften grünan⸗ ſteigenden Weiden in dem Geſteine. Wir waren an den Felſen geſeſſen, die die Lüfte des Nordens und den kühlen Hauch, der von daher kommen könnte, abhielten— wir waren längs der Grünbrüche gegangen— wir hatten die Erkſpitzen erſtiegen— und wir waren in den vielfach verſchlun⸗ genen und um die Steine herumgehenden Krummweiden gewandelt.—— Die zauberhaften Muſiktöne jenes Abends hatte ich nie wieder ge⸗ hört. An dem hohen azurblauen Himmel der Nacht hörte ich jetzt nichts, als daß nun niemal mehr unterbrochene leiſe gleichartige Rauſchen des Springbrunnens, das ſich oben an ſeinem Gewölbe zu ſammeln ſchien. Nach Mitternacht zierte die ſchöne Kuppel jetzt ein halber im Silber⸗ — 248— glanze funkelnder Mond, um, wenn er am höchſten Punkte ſeines Bo⸗ gens erblaßte, einem Tage Platz zu machen, der in gleicher Schönheit über die Haide herüber blühte, wie Alle die geweſen waren, die ihm vor⸗ aus gegangen waren. Einmal, da ich Nachmittags von einem Spaziergange nach Hauſe zurück kehrte, und mich dem Gebäude meines Freundes näherte, hörte ich aus dem Innern desſelben plötzlich die lieblichen Töne, die ich nur ein⸗ mal hier, und dann vor mehreren Jahren in Wien gehört hatte. Ich ging näher, ich ging durch den Garten, ich ging in die Halle, ich beſtieg die Treppe, und ich kam in den Gang, der durch das Geſchoß des Hauſes lief. Auch hier hörte ich die Töne— ſie waren wirklich die Geigentöne meiner erſten hieſigen Nacht. Ich hörte ſie hier gedämpfter, und ſie ſchienen aus den Zimmern der Mutter zu kommen. Obwohl ich nie dort geweſen war, ſo ging ich doch jetzt auf dieſelben zu. Als ich die große Thür geöffnet hatte, befand ich mich in einem Vorſaale, der leer war, und in dem nur die großen Käſten ſtanden, die die Kleider der Frauen enthalten mochten. Die Thür in das weitere Zimmer war offen. Als ich in dieſelbe trat, ſah ich an einer ſchönen Alabaſtervaſe Camilla ſtehen, die Violine an ihrem Buſen. Die Mutter ſaß in der Tiefe des Zimmers und hörte zu. Das Mädchen war in einem weiten weißen Gewande, wie ſie es ſonſt nur an Vormittagen zu tragen pflegte. Der Arm, der entblößt aus dem weiten Aermel des Kleides ragte, und die Geige trug, war mit einem goldenen Reife geziert, der andere war ſchmucklos, und führte den Bogen. Sie ſchlug aus dem weichen Angeſichte die ſchönen großen Augen gegen mich auf, als ich unter der Thür erſchien, und endete ihr Spiel. Sie ſtand da, die geſenkte Geige in der Linken, den Bogen in der Rechten haltend. „Weil unſer verehrter Gaſt nun einmal entdeckt hat, daß Du dieſe Kunſt treibſt,“ ſagte die Mutter,„ſo magſt Du nun fortfahren, wenn es Dir überhaupt zuſagt es zu thun, er wird herein treten und wird Dir mit mir ein wenig zuhorchen.“ Sie rückte hiebei auf dem Sopha etwas weiter, gleichſam um mir neben ſich Platz zu machen. Camilla zauderte ein wenig, als wollte ſie nicht thun, was die Mutter geſagt hatte Als ich aber auf die Einladung, hinein zu treten, eine abwehrende Bewegung machte, als ich verlegen wurde, und als ich —— eine Wendung machte, fort zu gehen, erröthete ſie leiſe, zögerte noch ein Weilchen, und nahm dann die Geige empor, und begann ſchüchtern zu ſpielen. Die Töne, die von der Geige gingen, waren die meikwürdigen, die mich in der erſten Nacht ſo ergriffen hatten. Sie waren wieder die faſt ſchmerzlich ſchönen Töne, die ſo eindrangen. Sie ſpielte ohne Noten, das Tonſtück war mir völlig unbekannt, es mochten eigene hier ausge⸗ ſprochene Gedanken ſein. Das wunderbare Ding, von dem dieſe Töne hervor gingen, ruhte ſicher an ihrem Herzen, als wäre es ein athmender Theil ihres Weſens, und der Bogen ging leicht, ich möchte den Ausdruck gebrauchen, gehaucht über die Saiten, daß die Töne klar und einzeln, aber auch zart und bildſam hervor traten, wie flüſſiges durchſichtiges Gold, wenn es eines gäbe. Sie hatte während des Spieles die großen Augenlider mit den langen feinen Wimpern geſenkt. Nach dem erſten Stücke, das nur etwas durch mein Erſcheinen unterbrochen worden war, ſpielte ſie ein zweites, das aber weniger traurig war, als das erſte, gleichſam als trüge ſie es dem ftemden zuhörenden Manne vor. Dann ſpielte ſie noch etwas, dann noch etwas. Es waren eingeübte Dinge aus bekannten Tonſetzern. Zuletzt ſpielte ſie noch eine Kleinigkeit, unter⸗ brach ſich ein wenig, und ſpielte ſie dann aber doch aus. Hierauf legte ſie die Geige ſachte auf ein in der Nähe ſtehendes Clavier, ging zu ihrer Mutter, ſetzte ſich zu ihr, und ſchmiegte ſich an ſie an. Sie ſchlug jetzt die Augen zu mir auf, gleichſam zu fragen, ob es mir nicht mißfallen habe. Als ich das Mädchen ſo vor mir ſtehen, und ſie ſpielen geſehen hatte, war es mir immer geweſen, als müßte ich ſie ſchon irgend einmal, ehe ich dieſes Haus betreten hatte, geſehen haben, nur konnte ich nicht heraus bringen, wo. Aks ſie jetzt bei der Mutter ſaß, war ſie in dieſer Gruppe wie ein altgriechiſches Bildniß, das aus hartem Marmor ſo zart gehauen iſt, daß man meint, man könne in die Körpertheile durch Be⸗ rührung ein feines Grübchen drücken, und das Kleid war ſo fein, daß man glaubte, man könne es in den Raum einer hohlen Hand bringen. Die Mutter lud mich nun wiederholt ein, in das Zimmer zu treten. Ich that es, legte das Buch, welches ich auf meinem Spaziergange mit gehabt hatte, weg, nahm mir einen Stuhl und ſetzte mich den Frauen gegenüber nieder. — 250 Ich ſagte zu Camilla:„Ich habe nie ſo ſchön und außerordentlich ſpielen gehört, als Sie, mein verehrtes Fräulein; nur einmal habe ich ſo ungewöhnliche das Herz rührende Töne vernommen, und das war in Wien von Thereſa Milanollo.“ Sie erglühte bei dieſen Worten, daß der Purpur ſich bis zu den ſchönen Augen und bis zu dem Nacken verbreitete. Die Mutter ſah mit ſeligen freudeſtrahlenden Augen vor ſich. „Mein Kind,“ ſagte ſie,„hat zu dieſer Kunſt eine tiefe Zuneigung gefaßt, ſie hat dieſelbe viele Jahre geübt, und macht uns nun durch ſie in mancher einſamen Stunde großes Vergnügen und großen Troſt.“ „Ich habe Sie heute auch nicht zum erſten Male gehört, mein Fräu⸗ lein,“ ſagte ich,„ſondern ich habe Sie ſchon in der erſten Nacht gehört, die ich in dieſem Hauſe zugebracht hatte.“ „Warum haben Sie denn nichts davon geſagt?“ fragte ſie. „Weil ich keine Ahnung haben konnte, wer geſpielt habe,“ antwor⸗ tete ich,„weil ich dachte, es werde ſich ſchon entwickeln, und weil ich, da weiter nicht mehr geſpielt wurde, und man davon nicht ſprach, die Sache für ein Geheimniß hielt, in das ich nicht befugt wäre einzu⸗ dringen.“ „Ach nein,“ antwortete Camilla,„es war kein Geheimniß, ich wollte Sie mit meinem Spiele nur nicht behelligen, ich habe in jener Nacht nicht gewußt, daß Sie in unſerem Hauſe ſeien, und von da an habe ich immer nur ein wenig geſpielt, wenn Sie auf einem Spazier⸗ gange abweſend waren.“ „Da müßte ich ja das Haus augenblicklich verlaſſen, wenn ich die Urſache wäre, daß Sie Ihre holde liebe Kunſt nicht ausüben könnten,“ ſagte ich. „O nein, nein, Sie find kein Hinderniß,“ antwortete ſie,„weil Sie mich nun einmal ſpielen gehört haben, ſo werde ich nun ſchon öfter ſpie⸗ len, wenn Sie ſich nicht dadurch beirrt fühlen. Es würde den Vater, die Mutter, Maria und mich ſehr kränken, wenn Sie fortgingen.“ „Es freut mich ja die Freundlichkeit, mit der ich hier behandelt werde,“ ſagte ich,„ich bleibe gerne, und wenn Sie ſßülen, ſo macht mir das keine Beirrung, ſondern es macht mir Freude, und eregt mir ſchöne Gefühle.“ Sie erröthete bei dieſen Worten wieder. „Sonderbar iſt es,“ fuhr ich fort,„daß mir, als Sie ſpielten, plötz⸗ lich der Gedanke kam, daß ich Sie ſchon früher als in dieſem Hauſe ge⸗ ſehen habe.“ „Sie haben mich auch geſehen,“ antwortete ſie,„ich ſaß an dem Abende, da Sie in unſer Haus kamen, an dem ſchwarzen Steine drau⸗ ßen, Sie traten an mich heran, und fragten um den Weg zu dem Vater.“ „Alſo ſind es Sie geweſen,“ ſagte ich;„da der Sache nie erwähnt wurde, dachte ich, es müſſe irgend ein Mädchen des Thales geweſen ſein, das an jenem Abende zufällig herauf geſtiegen, und an dem Steine ge⸗ ſeſſen ſei.“ „Als ich herein gegangen war,“ ſagte ſie,„und mich zur Mutter begeben hatte, erzählte ich ihr wohl, daß ein fremder Mann an dem ſchwarzen Steine draußen um den Vater gefragt habe; aber da uns der Vater keine Ankunft eines Gaſtes angezeigt hatte, ſo glaubten wir, es tönne ein Bote oder ein Geſchäftsmann geweſen ſein, wie ſie manchmal kommen und gleich wieder gehen. Der Vater aber hat die Anzeige unter⸗ laſſen, weil die Mutter wegen leichten Unwohlſeins in ihre Zimmer ge⸗ gangen war und kein Abendmahl genommen hatte. So iſt es gekom⸗ men, daß ich nicht gewußt habe, daß Sie in unſerem Hauſe ſeien, und daß ich in der Nacht geſpielt habe. Ich habe Sie am andern Morgen gleich erkannt.“ „Und haben nichts geſagt?“ „Weil ich es nicht für erheblich hielt.“ „Ich konnte Sie nicht erkennen,“ ſagte ich,„weil Sie in der Däm⸗ merung des Steines geſeſſen waren, weil gegenüber das Abendroth ge⸗ glüht hatte, und weil meine Augen geblendet waren. Sie waren damals in einer außerordentlich maleriſchen Ausnahmsſtellung, und da ich Sie heute ſpielen ſah, und dieſes auch eine Ausnahmsſtellung war, ſo mußte wohl die eine Vorſtellung die andere erwecken.“ „Da Sie nie etwas ſagten,“ erwiederte ſie,„ſo glaubte ich, Sie hätten in der erſten Nacht geſchlafen, und nichts von meinem Spiele gehört.“ Nach dieſem Gegenſtande ſprachen wir von andern Dingen. Sie fragten mich, wo ich geweſen ſei, ich ſagte es ihnen, und zeigte ihnen die Pflanzen, die ich auf dem Spaziergange geſammelt, und in einem Fache bei mir hatte. — 252— Als wir eine Weile geſprochen hatten, ſagte die Mutter:„Jetzt müſſen wir unſerem Gaſte doch auch unſere Wohnung zeigen, in welcher ich und Camilla die meiſte Zeit des Sommers und faſt Alle des Winters zubringen. Da er zum erſten Male hier iſt, muß er die Sachen ſchon anſchauen, die uns umgeben.“ Wir waren nämlich bisher immer nur im äußerſten Zimmer ge⸗ ſeſſen. „Kommt, lieber Herr,“ ſagte ſie. Ich war bereitwillig, wir ſtanden auf, und gingen durch alle Zimmer. Es waren ihrer fünf; drei für die Mutter, und zwei für Camilla. Was mir gleich bei dem Eintritte aufgefallen war, war, daß ſie ſchöner ſeien, als alle andern. Die Fußböden waren mit neuem eingelegten Getäfel belegt, während alle andern Gemächer des Hauſes nur die lan⸗ gen glatt hingehenden Bretter hatten. Alle Geräthe waren neu, und nach den geſchmackvollſten Muſtern gearbeitet, die Spiegel waren groß und edel, und an den Fenſtern hingen große dunkelrothe Falten, hinter denen erſt die weißen feinen Vorhänge lauſchten. Gegen die Stürme des Winters waren außer den Fenſtern noch feine Glaswände im Innern der Zimmer, die man im Sommer öffnen und wie einen Fächer zuſam⸗ men legen konnte. Neben dem Schlafzimmer der Mutter, das mit allen Bequemlichkeiten ausgeſtattet, und namentlich mit feinen Teppichen, die den nackten Fuß weich umfangen, reichlich verſehen war, befand ſich ein Zimmer, das ausſchließlich zur Aufbewahrung der Bücher diente. In einem großen die ganze Wand deckenden Kaſten waren ſie aufgeſtellt, und hie und da waren gepolſterte Sitze und Tiſchchen zum Leſen. Die Bücher hätten lauter alte aber ſehr zierliche mit Gold eingelegte und durch die feſten Lederſtoffe für die Dauer berechnete Einbände. Es ſah aus, als wären ſie ſämmtlich Theile aus einer großen ſchon durch lange Zeit beſtehenden Bücherſammlung. Daß mich dieſe Sache anſprach, daß ich hinzu ging, und um die Erlaubniß bat, näher einſehen zu dür⸗ fen, war natürlich. Ich beſah die Aufſchriften auf dem Rücken der Bü⸗ cher, und ich machte manche auf, und beſah den Inhalt. Da ſah ich nun, daß von den Meiſterwerken der neueren Nationen faſt kein einziges fehlte, daß aber von mittelmäßigen Arbeiten keine einzige da war. Vor⸗ züglich war die Dichtkunſt vertreten, dann kamen die Werke belehrenden und betrachtenden Inhalts, dann eigene Fachbücher, und endlich ſogar die mit wiſſenſchaftlichem Inhalte. Ein Buch, das zur bloßen ledig⸗ lichen ſogenannten Unterhaltung diente, kam mir gar nicht in die Hände. Auf den Tiſchchen lagen aufgeſchlagene umher, und in anderen, die zu⸗ gemacht dort waren, ſtaken Streifen Papier oder Seidenbänder, zum Zeichen, daß eben in ihnen geleſen wurde. Aus den Zimmern der Mutter gingen wir in die Camilla's. Das Bett ſtand in einer eigenen Vertiefung, die von der andern Wohnung durch einen Vorhang getrennt war. Der übrige Theil der Zimmer war ſo nett und rein, wie bei der Mutter, ja noch ſorgſamer und achtlicher zuſammen gehalten. Die Zimmer waren in der äußerſten Ecke des Hau⸗ ſes gegen den Springbrunnen zu. In dem Eckzimmer, das vier Fenſter hatte, und in dem ſelbſt im Sommer die feinen fächerartigen Rothfenſter nicht weggenommen waren, ſtanden die Geräthe, die ſich auf das Geigen⸗ ſpiel bezogen. Von dem ſchwerſten glatteſten Ebenholze ſtand ein Noten⸗ pult faſt mitten im Zimmer. Daneben war ein Fachwerk ebenfalls von Ebenholz, das dazu diente, daß man die Notenbücher in dasſelbe hinein lege, in dem ſie leicht geſehen, und aus dem ſie leicht heraus genommen werden konnten. Dann waren noch zwei Tiſchchen von Ebenholz. Auf ihnen lagen die Fächer, in denen ſich die Geigen befanden. Dieſe Fächer waren von dunkelblauem Sammet, und innerlich mit feuerrother Seide gefüttert. Nur in einem war eine Geige, das andere ſtand offen, weil die Geige heraus genommen war, und in dem erſten Zimmer der Mutter, in welchem Camilla geſpielt hatte, auf dem Claviere lag. Ich bat um die Erlaubniß, das geſchloſſene Fach öffnen, und die darin liegende Geige betrachten zu dürfen. Es war eine Geige von dem alten Meiſter Quar⸗ nero. Außer den Geigengeräthen war nichts in den Zimmern Camilla's von Ebenholz, ſondern es war genau in der Art und Weiſe, wie in den Zimmern der Mutter. Mich freute es, daß das Mädchen gerade auf ihre geliebte Kunſt dieſen Schmuck und dieſe Auszeichnung verwendet hatte. Beſonders bezeichnend war es für mich, daß ſie zu den Geigenfächern den weichen Sammet und die dunkle Farbe gewählt hatte, welch beides ihrer ſanften und mehr dem Taurigen zugewandten Gemüthsart entſprach, wie ja auch ihre Stimme ſich zu einem reinen klaren Alte hinneigte. Von dieſem Eckzimmer gingen wir wieder durch alle Zimmer zurück. Ich mußte nun auch die Arbeiten der Frauen beſehen. Außer den 254 nützlichen Arbeiten, die größtentheils in Stößen von feiner Wäſche auf den Tiſchen lagen, war meiſtens die andere nur ſolche, die zuvörderſt auf Hervorbringung allerlei ſchöner Dinge abzielt, bei denen der Nutzen nur Nebenſache iſt, als, Bettdecken, Tiſchüberzüge, Taſchen, Fächer, und der⸗ gleichen. Namentlich that ſich hierin die Stickerei und Bildnerei auf das Trefflichſte hervor. Ich mußte alles anſehen, und mußte mir alles erklä⸗ ren laſſen. Da waren Arbeiten, die auf die längſte Zeit hinaus ſahen, unternommen worden. Für den Vater war ein großer Tiſchteppich ange⸗ fangen worden, der eine Ueberraſchung ſein ſollte, und an dem ſie daher nur arbeiten konnten, wenn ſie ſicher waren, daß er ſie nicht beſuche und die Sache ſehe. Dann hetten ſie eine große Anzahl verſchiedenfarbiger Seidenflecke; aus dieſen wurden die Fäden in einen großen Korb gezupft, und wenn genug derlei bunten Gemiſches vorhanden wäre, dann würden daraus Decken gemacht, dieſe würden fein geſchoren, und dann ſähen ſie aus, als wären unzählige Blätter, Blättertheile und Staubfäden von Blumen in allen Farben auf die Fläche geſtreut worden, wie man eine bunte Spezerei hat, die man auf den warmen Ofen ſtreut, daß der Rauch die Zimmer angenehm durchdüfte. Für Maria wurde eine Taſche ge⸗ macht, die innerlich Seide, äußerlich Stickerei hatte, weil ſie gerne, wenn ſie in dem Garten herum ging, eine Taſche an ſich hängen hatte, in die ſie reife Sämerei und andere Dinge that, die ſie in das Haus tragen wollte. Uebrigens lagen in den Zimmern an verſchiedenen Orten Arbei⸗ ten von vergangenen Zeiten herum. Da waren Kränze, Blumenſträuße, Verzierungen, ſelbſt Menſchen und Thiere auf Pölſtern, Schemeln, Tep⸗ pichen und Gehängen abgebildet. Manches war noch roh, gleichſam wie zu Anfange der Lehrzeit Camilla's, manches war ſehr zierlich, ja mit einer gewiſſen Fertigkeit und Anmuth eines Kunſtanfluges verfertigi. Als ich das Alles geſehen hatte, nahm ich von den Frauen Abſchied und begab mich auf mein Zimmer. Sie ſagten, ſie würden ſich nun an⸗ ziehen, würden dann in den Garten hinunter kommen, und wir könnten alle mit einander dann noch einen kleinen Spaziergang unternehmen. Ich verſprach, zu rechter Zeit zugegen zu ſein. Als ich eine Zeit auf meinem Zimmer geweſen war, ging ich in den Garten, ich fand die Frauen ſchon in ihrem gewöhnlichen Tagesanzuge gegenwärtig, auch der Vater war da, und wir machten unſern Spazier⸗ gang. Als wir zurück gekommen waren, ſetzte ſich Maria auf eine Bank gearbeitet hatte. Weil nun der Rückhalt in Bezug des Geigenſpieles Camilla's weg⸗ gefallen war, hörte ich ſie von jetzt an öfters. Bald war es in dem Zim⸗ mer der Mutter, in das ich nun zuweilen ging, und wo ſie an der Alabaſtervaſe ſtehend ihre Uebungen machte— bald war es auch in der Nacht, wo ſie die Töne recht leiſe und gleichſam nur verſuchsweiſe erklin⸗ gen ließ, wo der Springbrunnen wieder manchmal geſtillt war, und die ſchwachen Laute in den weiten Flimmer der Mond war endlich voll geworden, und ſtand mit einer wahrhaft prangenden Herrlichkeit über der Oede. Ich ging jedes Mal an mein Fenſter, öffnete es, lehnte mich hinaus, und hörte zu, ſo lange ein Ton zu hören war. Ziemlich weit von dem Hauſe war eine Stelle, auf welcher das la⸗ gernde Geſtein ſich in einem Kreiſe herum ſchob und erhöhte, als wollte die Natur da ein Theater zum Sehen und Horchen errichten. Stelle gingen wir öfter, auch der Vater und Maria. Da trug manchmal Camilla das Fach mit ihrer Geige mit ſich.— Und wenn es dann ſehr ſtille war, wenn ein klarer Schein durch alle Lüfte ging: öffnete ſie das Fach, nahm die Geige heraus, und ſpielte vor uns auf der Haide. Da geſchah es zuweilen, daß man wie eine liebliche Staffage einen Knaben auf dem gegenüberliegenden Bergrücken erſcheinen, mittelſt Stabes von Stein auf Stein näher hüpfen, endlich aber auf den Stab gelehnt ſtehen bleiben und zuhorchen ſah. Manchmal erſchienen auch die Ziegen, die wie weiße Punkte auf den entfernten blaulichen Raſengrün⸗ den kletterten. Ich erkannte ſogleich den Ziegenbuben, der mich an Hie⸗ ronimus gewieſen hatte. Ich begriff auch nun, wie er bei ſeiner doch ziemlichen Entfernung in den Irrthum hatte verfallen können, Rikar geige ſo ſchön. Auf dieſe Weiſe gingen die Stunden in dem Hauſe dahin. Ja ich verfiel ſogar wieder auf mein Zeichnungstalent; denn, was man kaum glauben ſollte, in dieſer Einſamkeit waren Linien von ſolcher Schönheit. daß ſie mich reizten, ob ich ſie nicht nachahmen könnte. Ich ſuchte mein Buch hervor, welches mit den gehörigen Bleiſtifte packt war, und zeichnete manche Felſengruppe, manchen Bergrücken, vor dem Hauſe. Sie war ſehr ermüdet, da ſie den ganzen Tag fleißig der Natur hinaus gingen; denn nin den Lederſack ge⸗ manche Fernſichten, und manche Raſenplätze hinein, und ließ ſie zu Hauſe ſehen. Eines Tages, als wir ſchon ſehr vertraut waren, ließ mir Rikar ſagen, ich möchte mit ihm einen kleinen Spaziergang machen, er hätte etwas Nothwendiges mit mir zu reden. Ich ſandte ihm die Antwort, daß ich ſehr bereitwillig ſei, daß ich mich zuſammen richten, und ihn dann in ſeinem Zimmer abholen würde. Als ich meinen Rock gewechſelt und meinen Hut aufgeſetzt hatte, begab ich mich zu Rikar, den ich ſchon völlig zu dem Spaziergange ge⸗ rüſtet fand. Wir gingen durch den Garten rückwärts hinaus, wo man den N Springbrunnen zur Linken und die hohe Felſenwand im Angeſichte hat. Als wir durch die loſe Steinmauer hindurch gegangen waren, und uns auf dem trockenen Grasboden befanden, ſagte er:„Ich habe Euch eigent⸗ lich wegen etwas um Verzeihung zu bitten, welche Pflicht ich wohl ſchon längſt hätte erfüllen ſollen, wenn mich nicht eine Scheu zurück gehalten hätte;— aber einmal muß es doch ſein.“ „Ich wüßte durchaus nicht, Freund Rikar,“ ſagte ich,„was Ihr gegen mich begangen haben könntet, deſſentwillen Ihr mich um Ver⸗ zeihung zu bitten hättet. Ihr ſeid ja gegen mich immer die Güte und Freundlichkeit ſelber.“ „Und doch habe ich etwas,“ ſagte er,„das mir auf dem Gewiſſen liegt. Ihr werdet Euch erinnern, daß ich Euch, als wir in Wien von einander ſchieden, das Verſprechen gegeben habe, Euch einen Brief zu ſenden, der Euch von meinem Aufenthalte Rachricht geben ſoll. Den Brief habt Ihr nicht erhalten.“ „Nein, ich habe ihn nicht erhalten,“ antwortete ich. „Weil er gar nicht geſchrieben worden war,“ ſagte er,„und dieſe Untreue iſt es, derentwillen ich Euch um Verzeihung bitte.“ „Aber Freund Rikar,“ erwiederte ich,„wie könnt Ihr nur ſo reden, wenn Ihr den Brief nicht geſchrieben habt, ſo wird gewiß eine vollgül⸗ tige Urſache vorhanden ſein, derentwillen es unterblieben iſt.“ „Wenigſtens iſt ſie keine leichtfinnige geweſen,“ ſagte er,„höret mich an.“ „Nein, nein, Rikar, Ihr braucht Euch vor mir nicht zu entſchuldi⸗ — 257— gen,“ erwiederte ich,„es wäre thöricht und ſchlecht von mir, wenn ich zweifelte.“ „Wenn es aber eine Rechtfertigung und eine Genugthuung für mich iſt, dann laſſet Ihr mich wohl reden, und hört mich an?“ „Ja, wenn das iſt, Rikar, ſo redet,“ ſagte ich. „Ich muß manches voraus erzählen, damit Ihr alles verſteht,“ begann er.„Ich wurde in Mailand geboren, meine Eltern aber waren deutſch aus Tirol, und ſiedelten ſich erſt nach ihrer Vermählung des Sei⸗ denhandels willen in Mailand an. Wir lebten im Winter in der Stadt, im Sommer auf dem Lande. Ich war der einzige Sohn und das einzige Kind. Da wir außer dem Handelsgeſchäfte auch noch liegende Gründe in den Bergen hatten, ſo ſah es mein Vater nicht gar ſo ungerne, daß ich zu dem Handel keine Freude hatte, und mich mehr den Wiſſenſchaften zu⸗ wendete, um einmal in die Dienſte meines Vaterlandes zu treten. Ich war ſehr eifrig, und meine Lehrer lobten mich. In Mailand lernte ich auch meine jetzige Gattin Vickoria kennen. Sie war ein ausgezeichnetes Mädchen, und wollte mir wohl. Die beiderſeitigen Eltern, die in Han⸗ delsverbindung ſtanden, und auch ſehr große Achtung vor ihrem wechſel⸗ ſeitigen Karakter hatten, legten ihren Kindern gar nichts in den Weg. Wir waren ſehr glücklich, und wenn ſonſt die Abweſenheit jedes Hinder⸗ niſſes gewöhnlich die Zuneigung erkalten läßt, ſo wuchs die unſere viel⸗ mehr an dieſem Unſtande, und ich muß Euch ſagen, daß ſie bisher in unſere alten Tage hinein immer gewachſen iſt. Als ich in das Amt trat, wurde Hochzeit gemacht. Die Freunde und Verwandten der beiden Fami⸗ lien waren zugegen. Mein Vater hatte uns in einem Hauſe, das dem ſeinigen ſehr nahe lag, eine Wohnung eingerichtet, daß wir in ihr leben und ſelbſtſtändig ſein könnten. Wir waren zufrieden, wie man es nur immer in der Welt ſein kann. Meine Gattin gebar mir einen Sohn und zwei Mädchen. Der Sohn iſt als Jüngling geſtorben, die Mädchen le⸗ ben, und ich habe ſie noch. Zuerſt ſtarben die Eltern Victvria's, dann ſtarben auch die meinigen. Wir verkauften die Handelſchaften, wir ver⸗ kauften Victoria's Haus, denn ſie war auch die einzige Tochter und das einzige Kind ihrer Eltern geweſen, und wir zogen in das Haus meines Vaters. Ich war in den Dienſten unſerer Stadtgemeinde und diente un⸗ entgeldlich. In jener Zeit begannen mich üble Rachreden zu verfolgen, es wurden mir Hinderniſſe gelegt, und zuletzt brach noch ein Prozeß mit Stifter. 4. Aufl. III. 17 — 258— einem meiner weitſchichtigen Verwandten aus. Dieſe Dinge veranlaßten uns, daß ich mein Amt nieder legte, und daß wir nach Meran, dem Stammorte Victoria's, gingen; denn ihre Großeltern hatten in der Ge⸗ gend gelebt. Wir wohnten in Meran abgeſchieden und ohne Feinde. Aber die Gerichtsſache wurde immer ſchwerer. Je weiter wir kamen, deſto mehr dehnte ſie ſich aus, und ich mußte ihr meine ganze Aufmerkſamkeit widmen. Weil wir in Meran ſehr zurückgezogen lebten, ſo konnte ich den erforderlichen Antheil an dem Rechtsgange nehmen. Zuletzt wurde die Entſcheidung nach Wien verlegt, und ich reiſte ebenfalls dahin. Ich gab mir alle Mühe, das Ende herbei zu führen, und ſcheute keine Anſtren⸗ gung und keine Aufopferung. Das Ende kam auch. Was ich nimmer⸗ mehr geglaubt hätte— ich hatte den Prozeß verloren— und mit ihm hatte ich aber auch mein ganzes Vermögen verloren. Von den Handels⸗ gütern unſerer Eltern war ohnehin nicht viel übrig geblieben, unſere Habe beſtand größtentheils in unſerem landſchaftlichen Beſitze, und dieſer war der Gegenſtand des Prozeſſes geweſen. Mein Gegner war ein ſehr edler Mann, und er hat gewiß von meiner Lage nichts geahnt. Als ihr mich zu dem Poſtwagen begleitetet, und ich meinen zertretenen Man⸗ tel, auf den die Leute geſtiegen waren, von der Erde aufhob, um einzu⸗ ſteigen, wußtet ihr wohl nicht, wie es mir im Herzen war. Es ſaßen lauter fröhliche Menſchen in dem Wagen, ich drückte mich in die Ecke, und ſchwieg. Ich kam nach Meran. Ich verſammelte die Meinigen, und ſagte ihnen, was uns begegnet ſei. Da war ein großer Schreck und eine große Traurigkeit. Aber wir faßten uns wieder, und beſchloſſen, uns in dem, was uns geblieben war, umzuſehen, und zu verſuchen, ob wir da⸗ von, wenn wir es zu Gelde gemacht hätten, leben könnten. Wir beſchloſ⸗ ſen den Verkauf aller unſerer Dinge in Mailand. Unter den Liegenſchaf⸗ ten, die wir beſaßen, war auch dieſes Haus hier in dem wir jetzt wohnen. Es war nicht in den Verzeichniſſen der ſtreitigen Gegenſtände aufgenom⸗ men geweſen, wollte mir nun mein Gegner ein Geſchenk machen, oder hatte er es vergeſſen. Unſere Vorfahrer hatten einſt ſehr ausgedehnte Beſitzungen in den Gegenden des Gardaſees gehabt, die ſpäter unter ih⸗ ren Nachfolgern bedeutend zuſammen geſchmolzen ſind. Als noch die Hochebenen des Sees mit dichtem Walde bedeckt waren, erzählt die Sage, haben ſie hier dieſes Haus als ein Jagdſchloß erbaut, um ſich bei ihren Ausflügen und Vergnügungen zu ſchützen und zu ſammeln. Aber dieſe Sage iſt nicht wahr. Hier iſt nie ein Wald geweſen, und weßhalb unſere Voreltern das Haus erbaut haben mögen, können wir nicht mehr ergrün⸗ den. Unſere nächſten Vorfahrer kümmerten ſich nicht um das Gebäude, ſie vergaßen es, und es gerieth in Verfall. Mein Großvater, der ein Freund ländlicher Natur und Abgeſchiedenheit war, erinnerte ſich wieder daran, und wollte darin wohnen. Er beſah es, und machte ſeine Ent⸗ würfe. Er ſandte dann Bauleute herauf, die dieſe Entwürfe verwirkli⸗ chen mußten. Er ließ aus den vielen kleinen Zimmern, die dem Ge⸗ ſchmacke des Mittelalters zuſagten, wenigere aber größere machen, wie ſie von ſeiner Zeit gefordert wurden. Er ließ auch zubauen, ließ die Wände mit den Bildern bemalen, die Ihr noch ſeht. Darum ſo viele Schäfer und ſo viele Gegenſtände aus der Götterlehre ſind, und ließ alles nach ſeinen Anſichten und ſeinen Neigungen verzieren. Ja er ſetzte ſogar die Bäume, die Ihr jetzt als großgewachſen und alt um das Haus herum ſtehen ſehet. So ſehr iſt man gewohnt, alles, was in dem Hauſe auf⸗ füllt, auf Rechnung des Großvaters zu ſetzen, daß ihn auch ſogar meine Mädchen, wenn ſie von ihm reden, den Großvater nennen, obwohl er ge⸗ gen ſie der Urgroßvater iſt. Als alles fertig war, ließ er Geräthe herauf bringen, und brachte in jedem Sommer einen Theil ſeiner Zeit hier zu. Ich erinnere mich, daß ich als ganz kleiner Bube ein paar Male bei ihm heroben war. Mein Vater, als er ſelbſtſtändig wurde, hatte keine Freude an dem abgelegenen Haidehauſe, ſondern er brachte ſeine Sommermonate weit davon in einer kleinen Beſitzung in Tirol zu. Ich kam in meinen Jugendſtreifereien einige Male herauf, und achtete dann ſpäter, als ich mit Victoria in der Ehe lebte, nicht mehr auf dieſe Behauſung. In der Zeit unſerer Verluſte aber, da wir die Reſte unſeres Beſitzes zuſammen zählten, dachten wir wieder auf das Haus, und ich ſchlug vor, um von den Leuten weg zu gehen, und zu ſparen, uns einſtweilen hieher zurück zu ziehen, und hier zu wohnen. Victoria, die mich ſehr liebte, willigte ein, und die Mädchen hatten mir ohnedem in ihrem Leben noch nie wi⸗ derſprochen. Wir gingen alſo von Meran herauf. Als wir da wenigſtens unter Dach waren, begann ich den Verkauf unſerer Habſeligkeiten in Mailand. Ich reiſte hin, und verkaufte das väterliche Haus, das ohne⸗ dem nur zur Bewohnung für ſeine Familie und zur Bewahrung ſeiner Handelsgegenſtände eingerichtet geweſen war. Ich verkaufte hierauf alle Geräthe, die ſich in dem Hauſe vorgefunden hatten. Ich verkaufte die 17 260— Gemälde, die in dem Hauſe waren, und die Bücher, die man in vielen Jahren noch von Tirol her geſammelt hatte, nur die ließ ich zurück, die ſich Victoria heraus geſucht, und zu ihrem künftigen Gebrauche aufbe⸗ halten hatte. Von den meinigen behielt ich kein einziges zurück. Wir verkauften auch, was wir an Schmuck beſaßen, bis auf die zwei Ehe⸗ ringe, und den goldenen Reif, den Camilla bei dem Geigenſpiele anzu⸗ haben gewohnt iſt, und dann verkauften wir auch noch, was etwa wegen Seltenheit, wegen beſonderer Vorliebe oder aus ſonſt einem veralteten Grunde vorhanden war. Als ich alles dieſes verrichtet hatte, kehrte ich wieder zu den Meinigen zurück. Wir hatten nunmehr auf der ganzen Erde keinen einzigen dauernden Punkt mehr, den wir unſer Eigenthum nennen konnten, als das Haidehaus. Aber wie ſah es damals hier aus! Victoria und Camilla mußten die ausgedörrten Fugen der Fenſterrahmen ihrer Zimmer mit Wolle verſtopfen, damit ihnen bei der Racht der Wind nicht das Licht blies. Maria machte ſich ihr Bett in einer Obſtkammer, und die Magd, die einzige, die wir hieher mitgebracht hatten, ſchlief bei ihr in einem Vorkämmerchen; denn die größeren Zimmer und der Saal waren durchaus unbewohnbar. Es klafften in ihnen die Fenſterrahmen fingerbreit, oder hingen durch das Wetter ſo verbogen hinaus, daß das Glas zerſprungen war, und ſie nicht mehr in ihre Fugen gepaßt werden konnten. Andere Fenſter waren leere Höhlen oder mit Brettern verſchla⸗ gen. Von dem Dache hatte der Wind einen Theil weggetragen, daß der Regen eindringen konnte, und daß die Pflaſterungen und Täflungen der Zimmerböden theils eingeſunken, theils zerſprungen waren. Die Oefen hatten Löcher, der Staub rieſelte aus ihnen heraus, und in den Ecken der Wände hingen die Fahnen alter und verlaſſener Spinneweben. Blos für mich war am beſten geſorgt worden, damit ich nicht krank würde. Das nämliche Zimmer, welches ich noch jetzt bewohne, und welches ſchon damals eines der beſterhaltenen war, richteten die Meinigen, während ich in Mailand war, zuſammen. Sie ließen alle ſchadhaften Stellen der Wände ausbeſſern, verſtopften die Fenſterritzen mit Wolle, bis auf einen Flügel, der zum Oeffnen und zur Auslüftung des Zimmers diente, bekleideten die theilweiſe feuchten Wände mit Teppichen, legten dergleichen auch auf den Fußboden, und machten mir ein Bett aus den beſten Dingen, die wir mitgebracht hatten.— Die Geräthe, die in dem alten Hauſe ſtan⸗ den, waren demſelben nicht entſprechend, ſondern noch ſchlechter. Da ſie — 261— der Großvater hatte heraufbringen laſſen, hatte er nicht etwa die Zweck⸗ mäßigkeit oder Bequemlichkeit im Auge gehabt, ſondern er war einem eigenthümlichen Zuge ſeines Charakters gefolgt. Er war nämlich ein großer Liebhaber und Verehrer von alten Sachen, namentlich von mit⸗ telalterlichen und ganz beſonders von vorchriſtlichen. Um nun ſein Jagd⸗ haus geſchichtlich einzurichten, hatte er alles, was er an alten Sachen beſaß, herauf bringen laſſen, und kaufte noch, was er antraf, zuſammen. So wurde das Haus nicht etwa ein Denkmal, ſondern es waren da Dinge aus den verſchiedenſten Zeiten beiſammen und ſtachen von den auf die Wände gemalten Schäfern und Schäferinnen widerſpenſtig ab. Nach ſeinem Tode zerfielen ſie völlig. Sie waren vom Wind und Regen ver⸗ wittert, die Fugen ließen nach, manches hing nur loſe zuſammen, und fiel, wenn wir es rückten, in einen Haufen Trümmer. Wir nahmen, was zu gebrauchen war, und räumten unſere Habſeligkeiten ein. Wie manches Fach wurde nun mit unſern gewöhnlichen Dingen gefüllt, das einſt zu einem ganz andern Gebrauche beſtimmt war. Das Aeußere des Hauſes ſah auch ſehr übel aus. Es hatte ſchwarze ausgebröckelte Mauern, von denen manches große Stück im Graſe lag. Die Thore waren theils geſchwunden, daß kein Riegel paßte, theils ſtanden ſie unbeweglich in verroſteten Angeln. Die Bäume des Großvaters waren verwüſtet, und vom Sturme gepeitſcht. So war es, und da ſollten wir nun leben und bis zum Ende unſeres Le⸗ bens bleiben. Gleichwohl ſahen wir alle ein, daß es geſchehen müſſe. Wir ließen zuerſt das Dach und die Fenſter und die Thüren herrichten, daß wir wenigſtens von Außen geſichert wären, und dann gingen wir daran, uns im Innern eine Wohnung zurechte zu machen. Wir ließen das Nothwendigſte in Stand ſetzen, und zogen uns in wenige Zimmer zurück. Als dies geſchehen war, nahmen wir noch einen alten Mann mit einem Maulthiere zu uns, welcher alle Geſchäfte des Thales für uns zu verrichten hatte. Nach allen dieſen Anordnungen, da wir nun heroben in unſerem einſamen Hauſe wohnten, war es an der Zeit, daß wir auf die Mittel, welche uns nach dem Unglücke noch geblieben waren, einen auf⸗ merkſamen Blick richteten. Ich legte die Summe, die von dem Erlöſe unſerer Vexkäufe nach Abzug der Auslagen noch da war, den Meinigen vor. Nach den bündigſten und genaueſten Rechnungen zeigte ſich, daß wir von ihr, wenn wir ſie nach und nach außzehrten, acht bis zehn Jahre leben könnten, das heißt, in äußerſter Sparſamkeit, dann aber gar nichts — 262— mehr beſäßen, als das alte Haus auf der Haide. Wollten wir hingegen die Summe ſogleich auf Zinſen austhun, und ſollten wir die höchſten dafür bekommen, ſo zeigte ſich, daß wir bei der allergrößten Beſchränkung nicht davon zu leben vermochten. Es war alſo eine große Beſorgniß vor⸗ handen, und wir mußten ernſtlich darauf denken, was nun zu beginnen ſei. In dieſer Zeit fing meine Gattin an, Camilla, die uns oft in frü⸗ heren Jahren mit ihrem Geigenſpiele ergötzt hatte, und von der uns manche nähere Freunde verſichert hatten, daß ſie beſſer ſpiele, als viele berühmte Meiſter, zu quälen, daß ſie öffentlich auftreten, und zu dem vorhandenen Vermögen ſo viel hinzu erwerben möge, daß die Familie für die Zukunft geſichert ſei. Wir hatten ſie ſonſt immer gerne gehört, und uns Eltern waren ihre Töne ſehr lieblich in das Herz gegangen, ohne daß wir darauf gedacht hätten, dieſe Töne auch für Fremde preis zu ge⸗ ben; als aber jetzt dieſe Zumuthung an Camilla erging, weigerte ſie ſich, darauf einzugehen, vergoß einen Strom von Thränen, und konnte ſich nicht entſchließen. Als die Sache öfter angeregt wurde, weigerte ſie ſich zwar nicht mehr geradezu, aber ſie hatte rothe Augen, ein abgehärmtes Antlitz, und bleiche Wangen. Da ſagte eines Tages Maria, die damals noch nicht völlig achtzehn Jahre alt war:„Vater, ich werde etwas be⸗ ginnen, was uns aus der Beſorgniß und aus der Noth heraus reißen wird.“ Auf die Frage, was denn das ſei, antwortete ſie:„Ich werde einen Obſt⸗ und Gemüſegarten, überhaupt eine Pflanzenwirthſchaft hier anlegen, werde die Erzeugniſſe verkaufen, davon werden wir leben, und für die Zukunft etwas zurück legen.“ Wir ſchauten das Kind an, und ſagten, das ſei wohl ein verunglückter Gedanke, da hier das Erdreich be⸗ ſonders unfruchtbar ſei, da wir von den Orten des Verkehres abgelegen wären, da die Pflanzenpflege überhaupt nur ſehr kümmerlich nähre, und da wir zuletzt ein zu kleines Stück Land um das Haus beſäßen, als daß damit etwas anzufangen wäre. Hierauf antwortete ſie:„Ich habe auf das alles ſchon gedacht, aber die Erde muß durch ſehr ſorgfältige und außerordentliche Mittel, die ich aus Büchern lernen werde, verbeſſert werden, ſo zwar, daß ſie beſſer ſei, als jede andere, welche ſich in der Gegend befindet. Zu dem Verkehre müſſen die einfuchſen und wohlfeil⸗ ſten Mittel angeſchafſt werden, die ſich ſelber wieder von den Abfällen der Pflanzen erhalten. Weil wir abgelegen ſind, ſo iſt gerade das Land wohl⸗ feiler, als in bevölkerten Thälern. Was die kümmerliche Ernährung durch die Pflanzenpflege betrifft, ſo muß man ſie ſehr gut betreiben, man muß die allerſchönſten Pflanzen hervor bringen, man muß ihnen einen Markt ſuchen, und ſie müſſen Aufſehen erregen. Man muß ſchöne Blumen pfle⸗ gen, namentlich jene ſchönen Blumen, welche den wohlhabenden Leuten ſehr gefallen, die ſie nicht ſelber hervor zu bringen verſtehen, und mit Freuden bezahlen. Was endlich den Umſtand anlangt, daß wir nur ein kleines Stück Land um das Haus beſitzen, ſo können wir ja nach und nach immer mehr erwerben, wie es unſer Bedürfniß erheiſcht.“ Es wohnte damals ein jugendlicher freundlicher Landwirth unten im Thale, der ſeine ererbte ſchlechte Beſitzung zur Verwunderung aller Menſchen in reinlichen Stand gebracht und ihr Erträgniß ſehr erhöht hatte. Dieſen mochte Maria vor Augen gehabt haben. Am Nachmittage nahm ſie auch den alten Mann mit dem Maulthiere, und ritt zu dem Landwirthe hin⸗ unter. Sie eröffnete ihm nach ihrer Art unſere ganze Lage, und erzählte ihm, wie alles gekommen ſei. Am Abende kam ſie wieder zurück. Sie ſaß auf dem Maulthiere gegen die rauhe Luft wohl verwahrt, und hatte einen großen Pack Bücher bei ſich, die ſie dem Thiere aufgeladen hatte. „Vater,“ ſagte ſie,„morgen wird Alfred Muſſar herauf kommen, er wird das Land unterſuchen, und uns dann einen Rath ertheilen.“ Noch an demſelben Abende fing ſie ſehr eifrig in den Büchern zu leſen an. Am andern Morgen kam Alfred wirklich zu uns herauf, und ſagte uns, was ihm das Mädchen anvertraut habe, und daß er den Boden ein wenig an⸗ ſchen wolle. Er hatte auch einen Mann bei ſich; mit dieſem ging er auf dem Haidegrunde herum, ließ Erde ausheben, und ließ an verſchiedenen Stellen Gruben graben. Als dieſes geſchehen war, kam er wieder in das Haus zurück und ſagte, er glaube, daß Maria vollkommen recht habe, daß wir durch Benützung unſeres. Grundes und Bodens unabhängig leben könnten, und wir ſollten unverzüglich an das Werk ſchreiten; er werde uns als hilfreicher Freund an der Seite ſtehen. Wir gaben ſeinen Kenntniſſen und Erfahrungen nach, und verabredeten gleich im Allgemei⸗ nen einen Plan zum Beginne. Alfted hat ſein Verſprechen, uns beizu⸗ ſtehen, nicht nur gehalten, ſondern er hat weit, weit mehr gethan, er iſt unſer beſter Freund geworden, und iſt es bis zu dem heutigen Augen⸗ blicke geblieben. Schon zwei Tage nach ſeinem erſten Beſuche ſandte er uns einen ſachverſtändigen Mann herauf, der bei ihm in Dienſten war, daß er bei uns das Ganze leite, und deßhalb auch immer heroben bleibe. — Er ſandte uns auch einige Taglöhner, welche in Arbeiten dieſer Art er⸗ fahren waren. Nun wurde die Erde umgegraben, die Steine zerſchoſſen, Waſſetrinnen angelegt, Dünger herbei geſchafft, und Raſen gethürmt, daß ſich Erde bereite. Maria war bei allen Dingen dabei, ſie wurde im⸗ mer heiterer, und hatte ſich kürzere Röcke und Stiefelchen machen laſſen, um überall hin gehen zu können. Wenn es Abend wurde, und die Leute ruhten, ſaß ſie bei den Büchern, und lernte in ihnen um etwas vorwärts zu bringen. Es iſt unglaublich, wie ſich das Kind damals um die Sache annahm. Ich konnte ihm beinahe in keinem Stücke beiſtehen, weil ich nach den Erſchütterungen und Sorgen der vorhergegangenen Jahre faſt immer krank war. Alfted kam Anfangs in jeder Woche einmal, ſpäter ſogar zweimal herauf. Wenn Maria ſich nicht Raths wußte, ritt ſie auch zu ihm hinunter. Sie ſaß hiebei immer auf dem Maulthiere, das der alte Mann an dem Zaume führte. Endlich waren die Gründe umgearbeitet, die Mauer um dieſelben aufgeführt, die alten Bäume beſchnitten und gereinigt, neue geſetzt, und die nackte Erde des Gartens mit Pflanzen bedeckt. So konnte es nun weiter gehen. Im erſten Sommer war es nicht viel, aber es wurde bald beſſer, ſo daß wir bei unſerer einfachen Lebensweiſe nichts mehr von dem Unſtigen beiſetzen durften. Die Sache war nun im Gange, und ſchwang ſich immer beſſet empor. Maria richtete ſich das Zimmer ein, welches ſie noch hat, ſchrieb dort alles auf, lernte dort, leitete alles, und führte es zu dem Zuſtande, in welchem es jetzt iſt. Sie ſtrengte die Kräfte, die der Herr in ihren Körper gelegt hatte, ſo an, daß ihre Schön⸗ heit, welche, obwohl ich es als ihr Vater nicht ſagen ſollte, damals nicht nur das ſanfte Anſehen Camilla's übertraf, ſondern wirklich außer⸗ ordentlich war, ganz und Lar verloren ging. Sie hatte eine ſehr große Freude, als ſie die erſte Summe erſparte, und einen Theil ganz nach“ ihrem Ermeſſen verwenden durfte. Sie ließ das Haus damit gänzlich herſtellen. Sie ließ das Dach und die Mauern ausbeſſern, ließ letztere mit der ſchönen weißen Farbe übertünchen, die ſie jetzt haben, und ließ im Innern die Zimmer, wenn ſie auch nicht bewohnt waren, in voll⸗ kommenen Stand ſetzen. Als ſie wieder eine ſolche Erſparung machte, ließ ſie ſchöne Geräthe verfertigen, ließ Teppiche und Vorhänge herbei kommen, und richtete für die Mutter und Camilla eine Wohnung ein. Später ließ ſie die ſchönen ebenholzenen Dinge für Camilla's Geigenſpiel machen, und überreichte ſie ihr zum Namensfeſte— und endlich kaufte — ſie noch Wolle, Seide, Zeuge und Zugehör, daß mir Victoria und Ca⸗ milla die Decken, Teppiche, Schämel und andere wohlthätige Dinge in meine Wohnung verfertigen konnten. Für ſich that ſie nicht viel, als daß ſie ſich ihr Zimmer einrichtete, wie es jetzt iſt, mit den Geräthen, die ſie eben vorfand.“ Bei dieſen Worten ſchwieg Rikar plötzlich, wir gingen ſchweigend unſeres Weges auf dem Raſen zwiſchen den grauen Steinen dahin; denn auch ich mochte die Stille nicht unterbrechen. Dann fuhr er wieder fort:„Ich wurde nach und nach geſünder, und endlich ſo wohl, daß ich auch bei der Führung unſeres neuen Ge⸗ ſchäftes, und unſerer neuen Haushaltung thätig ſein konnte. Es wurden die Erdbrennereien angelegt, es wurden die Glashäuſer errichtet, es ka⸗ men die Laſtthiere in das Haus, und es mehrten ſich die Leute, die wir brauchten. Die erſte von denen, die in früherer Zeit bei uns dienten, und die von Maria wieder gerufen wurde, war die Amme Cornelia. Sie war, da wir Meran verließen, zu einer armen Verwandten gegangen, und hatte bei derſelben gelebt. Sie folgte dem Rufe recht gerne, kam herauf in unſere Einſamkeit, und ſchloß ſich Maria bei der Führung der häus⸗ lichen Angelegenheiten an. Außer ihr kamen noch zwei andere, die ſonſt bei uns geweſen waren. Da alles ſchon behäbiger und freundlicher war, ließen wir die Nebengebäude verfertigen, die Laube in den Kaſtanien⸗ wäldchen zimmern, und zur Erheiterung den Springbrunnen graben. So wurde es uns immer beſſer und einträglichet. Unſere Erzeugniſſe gehen unter dem Namen„vom Berge Sanct Guſtav“ in die Thäler, hauptſächlich aber über den See in die ſüdlichen Gegenden, wo beſonders Ableger, Knollen und Pflanzen unſerer Blumen begehrt werden. Unter dieſem Namen kommen auch die Briefe zu uns herauf, daher mag es ge⸗ kommen ſein, daß Euch in Riva auf meinen eigentlichen Namen Niemand Auskunſt zu geben vermochte. In jüngſter Zeit wurden auch die andern Zimmer eingerichtet, daß wir doch einem Gaſte, wenn einer zu uns her⸗ auf kömmt, eine Wohnung anweiſen können. Von den alten Einrich⸗ tungsſtücken ſind manche geblieben, wie Ihr werdet geſehen haben, es wäre auch Schade, wenn wir ſie weg thäten; denn ſie ſind noch brauch⸗ bar, und erwecken, wenn ſie an der rechten Stelle ſtehen, manche Erinne⸗ rung an vergangene Zeiten. Ich glaube, wir können in der Zukunft ohne Sorgen leben, da die Dinge, die wir hervor bringen, ein wirkliches 266— Bedürfniß der Menſchen ſind, da wir ſie immer auf das beſte zu erzeugen bemüht ſind, und da wir uns um alle neuen Wege, Erfindungen und Begehrungen bekümmern. Wenm es ſo fort geht, ſo kömmt doch vielleicht wieder eine Zeit, wo wieder Gemälde in dem Hauſe ſind, und wo wieder die Bücher da ſind, die ich verloren habe— zwar nicht die nämlichen, die in meines Vaters Sammlung waren,— wo werden die ſein— aber doch andere desſelben Inhalts, die ich dann ſo binden laſſe, wie die Corne⸗ lia's, die ſie aus der alten Sammlung gerettet hat.— Doch laſſen wir das.—— Daß ich wieder auf den Punkt zurück komme, um den es ſich eigentlich handelt, deſſentwillen ich Euch heraus geführt habe, und deſſent⸗ willen ich Euch alles erzählt habe,— ich habe den Brief, den ich ver⸗ ſprochen hatte, nicht geſchrieben, weil ich ſo arm war, daß ich mich ſchämte, an Euch zu ſchreiben. Später hätte ich es wohl thun können, aber da dachte ich immer, was wird er denken, daß du nun plötzlich den Brief ſendeſt. So unterblieb es bisher. Aber es war ſchon beſchloſſen, daß es geſchehen ſollte, und daß Euch alles dargelegt werden ſollte— da kommt Ihr ſelber, was recht gut und recht ſchön und recht lieb von Euch iſt— und Ihr verzeiht mir wohl meine Scham, gedacht habe ich immer an Euch, und Euer Benehmen gegen mich habe ich nie vergeſſen.“ „Freund Rikar,“ antwortete ich,„da iſt ja gar nichts zu ſchämen, das iſt ja alles ſo gut und ſo ehrenwerth und ſo herrlich! Hätte ich nur im Mindeſten gewußt, daß Ihr in Noth ſeid, meine Lage war damals ſchon ziemlich gut, ich hätte Euch gewiß mit irgend etwas Beiſtand geleiſtet.“ „Ich weiß, ich weiß,“ erwiederte er,„Ihr hättet mir geholfen; aber es iſt doch beſſer, daß es ſo gekommen iſt, wie es gekommen iſt. Fremde Hilfe, wie gut ſie auch gemeint ſei, wie gerne ſie auch geleiſtet wird, drückt doch immer den, der ſie empfängt. So aber iſt alles aus unſerm Eigenen hervor gegangen. Alfred war ſo zart, daß er zu der Zeit, da wir noch nichts vergelten konnten, immer nur mit gutem Rath oder Handanlegung half, ſo daß er uns nicht den Glauben nahm, wir haben alles gemacht, und haben durch Pflichterfüllung die Sache in den Stand geſetzt, in dem ſie iſt.“ Bei dieſen Worten hatten wir auf unſerem Rückwege um die Ecke eines Felſens gebogen und das ganze Haus, das uns früher zum Theile verborgen geweſen war, lag vor uns. Es lag mit ſeinen Rebengebäuden 5 ein wenig tiefer, als unſer Standort war, ſo daß wir alles überblicken konnten. Die unaufhörlich reine Sonne dieſer Tage ſchien mit ihren blendenden Strahlen auf das Anweſen nieder, die Dächer glänzten, die Mauern waren in angenehmem Sonnendufte, die Gewächſe ſtreckten alle ihre dunkeln Blätter zu dem ſegnenden Himmel empor, und die Haide mit ihren Steinen lag in ruhiger, in grauer und ſonnenhafter Farbe herum. Nachdem wir unwillkührlich ein wenig ſtehen geblieben, und die Sache angeſchaut hatten, ſagte ich:„Lieber Freund, den größten Schatz habt Ihr bereits in Eurem Hauſe: Ihr lebt ein innerliches liebliches be⸗ lohnendes Leben, und wenn Ihr auch von der Welt abgeſchieden ſeid, und wenig mit ftemden Menſchen zuſammen kommt, ſo habt Ihr doch in Euch und den Eurigen ein Glück, das Ihr vielleicht nicht kennen gelernt hättet, wenn das Uebel nicht über Euch gekommen wäre.“ „Denkt Ihr auch ſo,“ erwiederte er,„mir iſt das ſchon öfter in den Sinn gekommen. Wir haben einfach gut und einträchtig gelebt, als wir noch im Wohlſtande waren, und faſt gleichmäßig unſere Zeit und unſere Einkünfte verzehrten: aber erſt, als das Mißgeſchick zu uns gekommen war, erkannten wir, welche Liebe und Güte und zuſammenhaltende Treue in dem menſchlichen Herzen wohnen könne. Ich habe es alſo für eine Schickung der göttlichen Vorſicht gehalten, ich habe es für eine Wohlthat gehalten, daß alles ſo gekommen iſt, wie es gekommen iſt.“ „Meine Erfahrung hat mich gelehrt,“ antwortete ich,„daß der Schmerz und das, was wir im gewöhnlichen Leben ein Uebel nennen, eigentlich nur ein Engel für den Menſchen iſt, ja der heiligſte Engel, in⸗ dem er den Menſchen ermahnt, ihn über ſich ſelbſt erhebt, oder ihm Schätze des Gemüthes zeigt und darlegt, die ſonſt ewig in der Tiefe ver⸗ borgen geweſen waren.— Und wegen des Briefes, Freund Rikar, braucht Ihr gar nicht beſorgt zu ſein, ich hätte um kein Haar anders von Euch gedacht, wenn Ihr auch ſeiner gar nicht erwähnt hättet. Nur darum iſt es mir jetzt lieb, daß Ihr von ihm geſprochen habt, weil ich durch dieſe Gelegenheit das ſo Schöne und Ehrenwerthe erfahren habe, was ich er⸗ fahren habe.“ Wir gingen während dieſes Geſpräches die ſchwellende Wiege des Raſens ſanft abwärts dem Hauſe zu. Mein Freund war gerührt, ſeine in das immerwährende Schwarz gekleidete Geſtalt ſchnitt ſich ſcharf von — 268— dem hellbeleuchteten Grunde des Raſens und von den in der Sonne faſt weiß erſcheinenden Steinen ab. Ich ging ſchweigend neben ihm. Als wir durch die loſe Steinmauer in die Anlagen eintraten, betrachtete ich die kräftigen Blätter des Kohles, die dunkeln aufwärts ſtrebenden der Gemüſe, die Pflanzen, welche blos zum Tragen von Blumen beſtimmt waren, die höheren Stämme und das überall verbreitete Zwergobſt mit einer Art von Ehrfurcht. Wir gingen die Anlagen hindurch, rechts und links ſtand alles im beſten Gedeihen, die fleißigen Hände von Arbeitern regten ſich auf verſchiedenen Punkten, und ſie griffen nach ihren Kopf⸗ bedeckungen, wenn ſie uns erblickten, um uns zu grüßen, was ſie jedes Mal thaten, wenn wir von einem unſerer Spaziergänge zurück kamen. Wir traten in das Haus, und begaben uns nach einigen unbedeutenden Geſprächen jeder in unſere Zimmer. Ich war den ganzen Tag über in einer edleren Stimmung. Es vergingen von da an mehrere Tage, ich brachte ſie mit gewöhn⸗ lichen Dingen zu, theils mit Zeichnen, theils mit Maria's Pflanzenpflege. Da geſchah es eines Nachmittages, daß wir an dem Rande des Kaſtanienwäldchens ſaßen, nämlich Mutter Victoria, Rikar und ich. Die Mädchen waren in dem Garten beſchäftigt, oder eigentlich Maria that ein Geſchäft und Camilla ſah ihr zu. Die Lüfte waren lind und der Springbrunnen plätſcherte angenehm. Die Mutter war beſonders freund⸗ lich und mild, und erzählte mir von Camilla, und wie ſie dazu gekommen ſei, die Geige als ihr liebſtes muſikaliſches Inſtrument zu pflegen. „Sie war ein ſehr ſchönes frohes Kind,“ ſagte ſie,„ſie war leben⸗ dig, feurig, roſenwangig und jauchzend. Jeder, der ſie ſah, gerieth in Entzücken. Wir waren damals noch in Mailand und die Eltern von beiden Seiten lebten noch. Da nahm ich das Kind einmal in den Dom mit. Die Eltern waren der Meinung, daß man ein Kind nicht zu früh in die Kirche führen ſolle, wenn es nämlich noch nichts von den heiligen Handlungen ver⸗ ſteht. Da Rikar und ich dieſe Meinung theilten, war noch keine unſerer Töchter in eine Kirche gekommen. Weil aher Camilla ſchon Vorſtellun⸗ gen von Frömmigkeit zu bekommen ſchien, da ſie immer ſo andächtig bei ihrem Morgen⸗ und Abendgebete kniete, und da ſie die Aeuglein nach oben erhob, als wüßte ſie, wo das Weſen wohne, zu dem ſie das Gebet richtete, ſo beſchloß ich, ſie einmal in die Kirche mit zu nehmen. Ich führte ſie zuerſt an einem Nachmittage in den Dom, zeigte ihr die Säu⸗ 266 len, den Schmuck, die Wölbung und die Altäre, und ſagte ihr, daß dieſes das Haus Gottes ſei, wo die gläubigen Menſchen zuſammen kommen, um ihn, den man wohl überall anbeten könne, doch hier ganz beſonders zu verehren. Ich verſprach ihr, daß ich ſie, wenn ſie recht gut wäre, bald wieder mit mir in die Kirche nehmen würde, aber nicht, wenn die⸗ ſelbe ſo leer ſtünde, wie heute, ſondern, wenn die Menſchen verſammelt wären, um Gott anzubeten. Das Kind erinnerte mich nun alle Tage daran, und eines Tages, als ich in die Meſſe ging, nahm ich es mit. Ich wiederholte dieſes von Zeit zu Zeit. Einmal war ein feierliches Hochamt. Wir gingen ebenfalls hin. Ich weiß nicht, warum ich dem Kinde nie geſagt hatte, daß man in der Kirche auch zuweilen Muſik mache; wir hatten bisher nur immer die ſtille Meſſe beſucht. Als in den großen Räumen, die heute noch dazu mit Menſchen voll gefüllt wa⸗ ren, theils mit geputzten, theils mit armſelig gekleideten, die Töne der Orgel erklangen, war Camilla außerordentlich überraſcht. Das Kind mochte bisher die heiligen Verrichtungen des Prieſters an dem Altare für die einzige Gottesverehrung gehalten haben, wie mußte es ergriffen wer⸗ den, als es dieſe neue Anbetung vernahm. In unſerem Hauſe war da⸗ mals wenig Muſik, blos ein bischen Clavier und Geſang. Das Kind, welches bisher immer neben mir geſeſſen war, und die Händchen gefaltet und die Augen gegen den Altar gerichtet hatte, vergaß ſeine Andacht, und horchte mit der ganzen Kraft ſeiner Seele auf die Muſik. Im Be⸗ nedictus war ein Violinſolo, und als die Töne recht deutlich und ver⸗ ſtändlich von der andern Muſik weg gingen, ſah ich das Kind neben mir ſiten, ſeine Händlein waren ihm in den Schoß geſunken, und die Wäng⸗ lein waren roſenroth erblüht. Als die Meſſe aus war, nahm ich es an der Hand, führte es hinaus, und das Kind hüpfte an meiner Seite nach Hauſe. Als wir zu Hauſe angekommen waren, erzählte es dem Vater von der Muſik, die es gehört hatte, und fragte, was das für Klänge ge⸗ weſen ſeien, die ſo annehmlich und ſo lieblich getönt hätten. Ich ant⸗ wortete:„eine Geige.“ Von nun an fragte Camilla immer, was eine Geige ſei, wie ſie ausſähe, und wie man ſie behandle, daß ſie klinge. Als ſie einmal eine in einer Geſellſchaft ſah, rührte ſie dieſelbe an, und verſuchte darauf zu ſpielen. Da ihr der Großvater eine zum Scherze kaufte, ſpielte ſie immer darauf; und da ſie einen Lehrer bekam, machte ſie große Fortſchtitte. Sie liebte dieſe Töne ungemeſſen, und ſuchte ſie — immer hervor zu bringen. Sie machte oft tagelange oft nächtelange Uebungen, daß es ſelbſt ihrer Geſundheit ſchadete. Als die Großeltern ſchon lange todt waren, und als ſie den Lehrer nicht mehr hatte, der ihr nur die Anfangsgründe hatte beibringen können, ging ſie allein zu ihren Notenbüchern, und ſuchte den Inhalt derſelben in ihre Saiten zu ſetzen. So trieb ſie es fort, und gelangte nach und nach zu ihrer lieblichen himmliſchen Kunſt, die ihr jetzt ſo viel gilt.“ „Theure Victoria“, antwortete mein Freund auf dieſe Worte,„ja es iſt eine himmliſche Kunſt; aber unſer Kind wird an dieſer Kunſt ſter⸗ ben. Du haſt ſelber geſagt, wie die Uebungen ihrer Geſundheit geſchadet haben— Du haſt auch geſagt, wie ſie roſenwangig und jauchzend ge⸗ weſen ſei— aber ſiehe, wo ſind denn nun die rothen Wangen, und wo iſt die Fröhlichkeit?— Es iſt wahr, daß die Kunſt in jeder ihrer Dar⸗ ſtellungsarten himmliſch iſt, ja ſie iſt das einzige Himmliſche auf dieſer Welt, ſie iſt, wenn ich es ſagen darf, die irdiſche Schweſter der Religion, die uns auch heiligt, und wenn wir ein Herz haben, ſie zu vernehmen, werden wir erhoben und beſeligt: aber, liebe Victoria, der, der ſie aus⸗ übt, muß faſt mehr ſein, als ein Menſch, daß er ihr nicht unterliege. Er muß von dem, was er andern reicht, und wovon er mehr ergriffen wird, als ſie, nicht überſchüttet und zerſtört werden. Darum muß er auch die übrigen Kräfte in hoher Gabe haben: er muß im Haupte den erhabenen Verſtand haben, daß er die Dinge in großen Maßen verbinden und würdigen kann, er muß in den Nerven den feſten Sinn haben, daß er die Welt aufnehmen und mit Entſchiedenheit und Liebe tragen kann, und er muß in dem ganzen Körper die klare Geſundheit haben, daß er alles, ſowohl die linden Lüfte und den warmen Sonnenſchein als auch die ſtarre Kälte und die ſchneidenden Winde mit Anmuth genieße. Von dem bloßen einſeitig wiederholten heißen Gefühle ermattet das Herz. Siehſt Du nicht, wie von der Hingabe Camilla's an ihr Spiel ihr Ge⸗ müth verwelkt? Ihre Wangen ſind blaſſer, um die Stirne iſt ein Flor, und die Augen ſehen ſtiller, aber auch ſehnſüchtiger und trauriger. Siehſt Du nicht, wie ſie beim Fortſchreiten dieſer Dinge nur immer mehr zur Geige flüchtet, um ihr das verſinkende Leben anzuvertrauen?“ „Du ſiehſt wohl etwas zu hart, Rikar,“ antwortete die Mutter, „die Gefühle Camilla's ſind wohl auch ohne der Kunſt vorhanden, ja die Kunſt iſt eine Folge davon. Wenn ihre Wangen blaſſer ſind, und ihre 2 Augen ſanſter ſchauen, als in der Kindheit, ſo iſt das ſchon die Wirkung der Weſenheit ſolcher Menſchen, die ein tieferes inneres Leben leben, als andere, wodurch es geſchieht, daß das äußere leidet. Auch haben ja Mädchen in ihren Jahren noch allerlei andere Gefühle, die ſie beunruhi⸗ gen, und die wir im Alter wohl belächeln.“ Ich konnte bei dieſen Aeußerungen einen tiefen Blick in das Innere der Familie thun, der mir manches enthüllte; aber ich konnte die Fort⸗ ſetzung des Geſpräches, und was der Vater auf die Worte der Mutter geſagt haben würde, nicht mehr erfahren; denn die angefangene Rede ward durch den Gegenſtand derſelben, durch die Mädchen, unterbrochen, welche auf dem Sandwege gegen uns heran kamen. Sie gingen Arm in Arm. Sie waren beide ganz gleich gekleidet. Jede hatte einen breiten Sommerſtrohhut auf, deſſen grüne Bänder an der Wange nieder gingen; jede hatte ein Sommerkleid von roher Seide an, nur daß es bei Maria um ein Merkliches kürzer war, als bei Ca⸗ milla; und jede hatte endlich ein blaues Seidentüchlein um den Buſen. Der einzige Unterſchied war, daß Camilla einen Sonnenſchirm hatte, den Maria nie trug. Als ſie herzu gekommen waren, und ſo vor uns ſtanden, konnte ich die Wahrheit oder Unwahrheit von Rikar's Ausſpruche beobachten. Wer die Schweſtern mit oberflächlichem Blicke angeſchaut hätte, würde ſie für Zwillinge gehalten haben, und doch konnte es nichts Ungleicheres geben. Camilla hatte ſanfte weichgebildete Wangen, die von dem Strohhute überſchattet wurden; die lichte zarte Farbe derſelben war von einem leich⸗ ten Hauche von Roth überflogen; das Sommertuch deckte den ſchlanken keuſchen Buſen; und die lange Wimper hüllte ſich über große Augen, in welchen wirklich, wie in einem Spiegel, Schwärmerei, wo nicht gar Schwermuth und Leiden lag. Maria hatte dieſelben Wangen, nur ſchie⸗ nen ſie feſter gebildet, und die Ueberſchattung durch den Strohhut konnte weniger bemerkt werden, weil ſie ohnedem durch den Sonnenſtrahl, dem ſie immer ausgeſetzt waren, gebräunt erſchienen; das Sommertuch ſaß knapp und dicht über dem Herzen; und aus denſelben großen ſpiegelnden Augen, wie ſie Camilla hatte, ſah der Glanz der Ruhe oder der der Zu⸗ friedenheit und Ehrlichkeit. Das Geſpräch der Ehegatten, welches für mich ſo bedeutſam werden wollte, war alſo unterbrochen, und es begann ein anderes mit den An⸗ kömmlingen, die die Mutter fragte, was ſie in der Blumeneinfaſſung gethan hätten. „Wir haben eben nichts Beſonderes gethan,“ antwortete Maria, „ich habe die langgewachſenen Georginenſtämme an Stützen gebunden, und Camilla hat mir zum Theile geholfen. Meine Arbeit iſt für heute abgethan, und ich ſtehe Euch zu Gebote, wenn Ihr etwas unternehmen wollt, ſei es nun, daß wir in dem ſchattigen Wäldchen hier bleiben, oder daß wir einen Spaziergang hinaus auf die Höhen und unter die Steine verſuchen.“ „Bleibt ein wenig bei uns, und ſetzt Euch hier nieder,“ ſagte die Mutter,„es iſt zum Spazierengehen in dem Augenblicke noch zu warm, und ſpäter werden wir ſchon ſehen, was zu thun ſein.“ Camilla lehnte ihren Sonnenſchirm an einen Kaſtanienſtamm, was ſie immer that, weil ſie ihn auf einem Tiſche oder auf einer Bank vom Staube gefährdet gehalten hätte, den ſie, wie jede Unreinlichkeit, auf's Aeußerſte fürchtete, und beide Mädchen ſetzten ſich nieder. Die Bänke ſtanden am Rande des Kaſtanienwaldes und auch in deſſen Mitte ſo, daß immer ihrer mehrere einen kleinen Kreis bildeten, in welchem man ſich gegenüber ſetzen konnte. So thaten wir auch heute; wir ſaßen ſo, daß wir uns in die An⸗ geſichter ſehen konnten, und ſprachen, wie es öfter geſchah, wenn wir während der Hitze unter dem ſchirmenden Laubdache dieſer Bäume ſaßen, von verſchiedenen wichtigen Dingen. Es wurden die menſchlichen An⸗ gelegenheiten beſprochen, und nicht ſelten kamen wir auch auf die Ab⸗ handlungen der Weltweisheit und mancher Ausſprüche, die gelehrte und berühmte Männer in Vorzeiten gethan und verfochten haben, was ſie zum Zwecke ihres Lebens gemacht, und wofür ſie nicht ſelten dieſes ihr Loben eingeſetzt hatten. Wir gingen an dieſem Tage auch nicht mehr auf die Höhen und unter die Steine hinaus, ſondern wie es ſich öfter ereignete, weil der Garten ſo reich und mannigfaltig war, und viele Gegenſtände zur Be⸗ trachtung und Unterhaltung bot, blieben wir in demſelben, wir zeigten uns dies und jenes, wir beftagten uns, unterredeten uns, arbeiteten ge⸗ legentlich noch etwas, trennten und fanden uns, wie es eben der Gegen⸗ ſtand, mit dem wir uns beſchäftigten, erheiſchte, und als, wie es allemal war, eine außerordentlich prachtvolle Nacht über dieſe Einöde herüber zog, lehnte ich noch ſehr lange in meinen Fenſtern und ſchaute hin⸗ aus.—— Endlich richtete ich mich doch zu meiner Abreiſe zuſammen. Ich brachte meine Sachen in Ordnung, und wollte ſie in den nächſten Tagen in das Ränzlein packen, um von dieſem Punkte meine Reiſe wieder in die weitere Welt fortzuſetzen. Aber es kam ein wenig anders. Als ich eben mein Ränzlein packte, hörte ich im Gange ein freudi⸗ ges Laufen, ein Rufen, ein Zuſchlagen der Thüren— und dann war es ſtille. Ich ließ ab von meinem Geſchäfte, ließ die aufgelöſten Riemen des Ränzleins über den Tiſch herabhängen, und begab mich hinaus, um zu erforſchen, was die ungewöhnliche Bewegung bedeute. Gleich bei meiner Thür ſtieß mir die Amme auf, und ich fragte ſie, was es gäbe. „Mein Gott,“ ſagte ſie,„ſo habt Ihr denn von Allem nichts ge⸗ ſehen und gehört— und es iſt doch ein ſolcher Lärm geweſen. Drei Maulthiere haben die Kiſten getragen, man hat ſie abgeladen, und hat ſie unterdeſſen in das Gewölbe der Halle geſetzt. Wo ſeid Ihr denn ge⸗ weſen, daß Ihr nichts geſehen und gehört habt? Alfred Muſſar iſt ge⸗ kommen, er iſt von ſeiner großen Reiſe zurückgekehrt, und iſt auf ſeinem braunen Pferde herauf geritten. Jetzt ſind ſie Alle im Speiſeſaale bei⸗ ſammen.“ Die Amme war hochroth vor Freude, und ich drehte den Schlüſſel im Schloſſe meiner Thür vollends um, und ſteckte ihn zu mir, um in den Speiſeſaal zu gehen. Als ich eintrat, hatte ich einen Anblick, wie der war, den ich in meinem Zimmer verlaſſen hatte. Es lag nämlich auf dem Tiſche eben⸗ falls ein Lederſack, der ebenfalls zum Theile geſchnürt war, und die an⸗ dern Riemen über den Tiſch herabhängen ließ: nur der Unterſchied war, daß dieſer Lederſack viel größer, als der meine, und daß man nicht im Zuſammenpacken, ſondern im Auspacken begriffen war. Alle ſtanden um den Sack herum. Man hatte mich ganz vergeſſen. Als ich herein kam, riefen ſie mir zu, ich ſolle mich nähern, und ſolle an dem Vorgange Antheil nehmen. Außer den gewöhnlichen Mitgliedern der Familie, nämlich Rikar, der Mutter und den beiden Mädchen, ſtand noch ein junger Mann mit freundlichen leuchtenden Augen an dem Tiſche. Er war in die Gebirgs⸗ Stifter. 4. Aufl III. 18 * — 274— tracht der Gegend gekleidet, nur hie und da ein wenig veredelt, die ihm ſehr wohl ſtand. Er war äußerlich angenehm gebildet, ich könnte ſagen, ungemein ſchön: die Wangen waren fein und roth, nur etwas zu dunkel, der Mund edel, das Kinn rein, die Stirne hoch und die Locken darum anmuthig gelegt. Er hatte die Augen zu mir erhoben, als ich einge⸗ treten war, und als er das Rufen der Umgebenden vernahm, und hatte von ſeinem Geſchäfte abgelaſſen; denn unſtreitig war er darin begriffen, den Lederſack aufzuſchnallen. Rikar löſ'te ſich von der Geſellſchaft los, ging auf mich zu, nahm mich bei der Hand, führte mich zu dem Fremden und ſagte:„Mein ſehr lieber Freund, Otto Falkhaus, der in Wien mein langwochentlicher Rach⸗ bar war, der mir jene Liebesdienſte that, wovon ich Euch erzählt habe, und der uns jetzt die Freude machte, uns auf einer Durchreiſe zu be⸗ ſuchen und eine Zeit in unſerm Hauſe zu verweilen.“ Als er mich ſo vorgeſtellt hatte, wendete er ſich mit der Hand gegen den jungen Mann und ſagte:„Mein anderer ſehr lieber Freund, Alfted Muſſar, der uns dieſes Haus und Anweſen in den Stand ſetzen half, in dem es jetzt iſt, der uns immer ein treuer Freund und Rathgeber gewe⸗ ſen iſt, der uns zu lange verlaſſen hat, und der nun doch wieder in ſeine Heimath zurückgekehrt iſt.“ Bei dieſen Vorſtellungen verbeugten wir uns gegenſeitig ſtumm, und ich ſah bei dieſer kleinen Bewegung, daß der Fremde das Benehmen der feineren Stände haben müſſe. „Jetzt laßt uns aber unſer Geſchäft nicht mehr unterbrechen,“ ſagte die Mutter,„ſtellen Sie ſich zu uns, und ſehen Sie mit uns, was unſer Freund vornehmen wird.“ Ich ſtellte mich auf dieſe Einladung der Mutter an den Tiſch, und zwar auf Seite der Mädchen, und Alfred fuhr fort, die Schnallen des Sackes aufzulöſen. Als man ihm hiebei helfen willte, hatte ich auch Gelegenheit ſeine Stimme zu hören; denn er ſagte den Scherz:„Ich bitte, mich nicht zu unterſtützen; Niemand kennt die Geheimniſſe meines Sackes, und es könnte nur Verwirrung entſtehen.“ Die Stimme war rein und einnehmend und wohltönend. Als er alle Schnallen gelöſ't hatte, that ſich der Sack auseinander und zeigte im Innern zwei Hauptfächer, in denen wieder mehrere in Papiere gewickelte Gegenſtände verpackt waren. „Ehe ich weiter ſchreite,“ ſagte er, indem er bei ſeiner Arbeit inne hielt, die Hand auf den Sack legte und die Augen gegen die Anweſenden richtete,„bitte ich Alle, daß Niemand gegen die Geſchenke, welche ich ge⸗ bracht habe, und welche mich freuen, eine Einwendung mache, ſondern daß Jeder die für ihn beſtimmten freundlich und bereitwillig annehme.“ Als Alle auf dieſe Bedingung eingegangen waren, ſagte er:„Nun ſo fahren wir fort.“ Nach dieſen Worten löſ'te er noch die inneren Schnallen und Bän⸗ der, die der Sack hatte, und es kamen nun ſehr viele und verſchiedene Papierpäcke zum Vorſcheine, auf deren jedem der Name deſſen ſtand, dem er gehörte. Aber auch Anderes war dabei. „Jetzt iſt es erlaubt,“ ſagte Alfred,„daß Jedes das Papier, auf welchem ſein Name ſteht, auflöſe, und die Sache, die es enthält, heraus⸗ nehme. Damit aber dieſer Sack nicht weiter ſtört, wollen wir ihn be⸗ ſeitigen.“ Mit dieſen Worten nahm er den leeren Sack von dem Ziſche und trug ihn in eine abgelegene Ecke des Saales. Die Anweſenden aber begannen die vielen Schnüre und Papiere zu löſen, mit denen die unbe⸗ kannten Gegenſtände umwickelt waren. Alfred und ich halfen gelegent⸗ lich bald hier bald da. In Kurzem war der Tiſch mit Schnüren, Papie⸗ ren und Geſchenken bedeckt. Alfred war in Paris geweſen. Da kamen nun ſchwere Seidenſtoffe zum Vorſcheine, es kamen Teppiche, Umhängtücher, Halstücher, Kleider⸗ zeuge von allen Arten, und endlich Kopfputze, Handſchuhe und ſogar Stiefelchen. Aber auch jene vielſeitigen Spielereien und Tändeleien fehl⸗ ten nicht, an denen Paris ſo reich iſt, und in denen das franzöſiſche Volk alle andern Völker der Erde übertrifft. Außer dieſen allgemeinen Geſchenken waren aber auch noch beſondere, welche nur einzig und allein auf den Betheiligten paßten, daß man ſah, wie emſig Alfred auf die Familie bedacht war, und wie ſehr er ſich in der Ferne mit jedem Ein⸗ zelnen beſchäftigt hatte. Die Mutter bekam eine kleine goldene Uhr, ſehr zierlich gearbeitet und ſo flach, daß ſie faſt mit einer Münze wetteifern konnte. Sie bekam noch einen koſtbaren Lichtſchirm, mehrere franzöſiſche Bücher, die ſie 18 * — 276— noch nicht hatte, und endlich ein Schreibgeräthe und feines Siegellack, weil ſie die einzige in der Familie war, die noch zuweilen freundſchaft⸗ liche Briefe und zwar an eine alte Jugendfreundin in Mailand ſchrieb. Der Vater erhielt ein Schachſpiel aus Ebenholz und Elfenbein, ein auserleſenes Fernrohr, ein Thermometer, und ein Inſtrument, die Bläue des Himmels zu meſſen, mit welcher Erſcheinung er ſich beſonders abgab. Camilla empfing zu ihrem goldenen Armringe, den ſie gewöhnlich bei ihrem Geigenſpiele anzuhaben pflegte, einen zweiten ähnlichen, der ungemein leicht und edel gearbeitet war, dann erhielt ſie noch in mehre⸗ ren ebenholzenen Büchslein duftendes Geigenharz, und in violett ſamm⸗ tenen Fächern eine Sammlung aller Geigenſaiten, welche in der ganzen Welt gemacht werden. Maria bekam ein großes Werk in gepreßtes Leder gebunden, das eine Einzelbeſchreibung der Camellien nebſt ausgezeichneter Abbildung aller bekannten Arten enthielt. Außerdem empfing ſie noch ein Werk über Orchideen, und eins über Landbenützung, das in Paris neu war und Aufſehen erregt hatte. Und zum Schluſſe erhielt ſie einen Schwank, nämlich gleichſam wie ein chirurgiſches Beſteck, ein Fach mit allen klei⸗ neren Gartenwerkzeugen, Meſſern, Scheeren und dergleichen, Alles zier⸗ lich eingetheilt und mit ſilbernen Griffen verſehen. Als man Alles ausgepackt hatte, als man nun im Ernſte mit Er⸗ ſtaunen vor dieſen Geſchenken da ſtand, und mit Aufrichtigkeit, auf die im Scherze eingegangene Bedingung vergeſſend, verſicherte, daß das zu viel ſei, ſagte Alfred:„Ich habe es ja gewußt, daß es mir ſo ergehen wird. Ich habe mich auf der ganzen Reiſe auf dieſen Augenblick gefürchtet. Wollt Ihr mir denn keine Gefälligkeit erweiſen? Ich habe gar Nieman⸗ den. Ihr wißt, daß mein Haus allein ſteht, daß kein Nachbar da iſt, daß nur meine Arbeitsleute mit mir unter demſelben Dache wohnen, daß ich keinen Vater, keine Mutter, keine Schweſter, keinen Bruder, keine Gattin habe. Ich habe bei meiner Art zu leben um viel weniger zu dieſer Reiſe gebraucht, als mir ein Bekannter, der in dieſen Dingen erfahren iſt, voranſchläglich ausgerechnet hatte. Ich habe alſo erſpart. Ich habe verſchiedene Dinge gekauft, um auch die größte Freude, die eine Reiſe gewährt, zu haben, nämlich die Geſchenke zu bringen. Ich wollte ſie Euch bringen, weil Ihr meine nächſten Nachbarn ſeid, und mir ſonſt auch gerne eine Freundſchaft erwieſen habt. Ich hatte den — 2— Wunſch gehabt, noch viel mehr zu kaufen, allein mir fehlte der Muth dazu.“ Auf dieſe Worte war es um den ganzen Tiſch herum ſehr ſtille; denn Jedes fühlte in ſich, daß es unedel wäre, auch nur ein einziges der Geſchenke zurückzuweiſen, S daß ſie daher alle angenommen werden müßten. Rikar ging auf den jungen Mann zu und ſagte:„Ihr ſeid recht gut und recht wahrheitsliebend, und das Gefühl, das Ihr ausgeſprochen habt, lebt allerdings in dem menſchlichen Herzen, ich kenne es ſehr gut; darum fühlen wir uns geehrt, daß Ihr dieſes Gefühl gegen uns gewen⸗ det habt, da Euch nähere Angehörige abgehen; und ich glaube die Ge⸗ ſinnung aller der Meinigen zu treffen, wenn ich erkläre, daß wir die Ge⸗ ſchenke mit großer Freude annehmen und unſern Dank für die Erinne⸗ rung, die Ihr in fremden Ländern an uns bewahrt habt, auf das In⸗ nigſte auszudrücken.“ Victoria ſtimmte der Erklärung ihres Gatten bei, und die Mädchen ſahen Alfred an, deſſen Angeſicht voll Zuftiedenheit glänzte. „Aber da wir noch bei dieſen herrlichen Sachen beiſammen ſtehen,“ fing jetzt die Mutter an,„ſo fällt mir etwas ein, das ich vortragen will, und für das ich um die Zuſtimmung bitte— oder vielmehr ihrer gewiß bin. Während wir über dieſe lieben Dinge, die uns ein Freund als Andenken mitbrachte, ſehr erfreut ſind, während er ſelber erfteut iſt, ſie gebracht zu haben, ſteht ein anderer Freund bei uns, der eben ſo wie der Angekommene keinen Vater, keine Mutter, keine Schweſter, keinen Bru⸗ der, keine Gattin zu Hauſe hat, der uns Allen gleich lieb iſt, und der daher ein Recht hat, zu uns zu gehören. Da Alfred, der zur Bedingung ſeiner Reiſe gemacht hat, keinen Brief zu ſchreiben und zu empfangen, nicht wiſſen konnte, welch' lieben Beſuch wir in ſeiner Abweſenheit er⸗ halten haben, ſo konnte er auch bei der Vertheilung der Ankommens⸗ rechte nicht auf denſelben Rückſicht nehmen, wie er wohl ſonſt gethan hätte: ich ſtimme daher, daß wir den Sinn des Gebers ergänzen, und einen Theil unſerer Rechte, ſo viel Jedes will, an unſern Gaſt abtreten, daß er nicht ein Fremder, ſondern ganz und gar einer der Unſerigen ſei.“ Dieſer Vorſchlag der Mutter hatte aus dem Ernſte, der einige Au⸗ genblicke geherrſcht hatte, wieder die Heiterkeit hervorgerufen. Alle riefen einſtimmig:„Ja, ja, das wollen wir thun.“ Ich fühlte, wie mir das Blut in das Angeſicht ſtieg, ich fühlte es an der Hitze meiner Wangen, und widerſetzte mich dem Antrage. Aber Alle ſtürmten auf mich ein, ſie ſagten, ich dürfe keine Widerrede machen, es dürfe einmal nicht ſein, und man werde zur Theilung ſchreiten. „Wenn eine ſolche Sache beliebt wird, und wenn Allgemeinheit unter uns eingeführt wird,“ ſagte Alfred,„ſo iſt meine Freude und mein Vergnügen noch größer.“ „Er iſt zu Hauſe ein Landwirth, wie wir hier,“ ſagte Maria,„und wenn Sie in den Kiſten, die in der Halle ſtehen, landwirthſchaftliche Gegenſtände haben, wie Sie ſagten, und er einige brauchen kann, ſo muß er auch davon noch nehmen, nicht wahr?“ „Freilich,“ ſagte Alfred,„und es freut mich doppelt, daß der Gaſt dieſes Hauſes ein Landwirth iſt. Es ſind viele Gegenſtände in den Ki⸗ ſten, er kann ſich auswählen, und wenn er mir die Ehre ſeines Beſuches in meiner Behauſung angedeihen laſſen will, ſo muß er manches als Erinnerung an dieſe Gegend annehmen, und es nach ſeiner Heimath ſchicken.“ „Mengt nicht neue Dinge ein,“ ſagte die Mutter,„ſondern laßt uns zur Erledigung der alten ſchreiten. Ich ſtimme zuerſt. Nehmt die⸗ ſen Lichtſchirm, gebraucht ihn manchmal, wenn Ihr an langen Winter⸗ abenden zu Hauſe bei Eurem Arbeitstiſche ſitzt, und etwas ſchreibt oder leſet, und erinnert Euch dabei an uns.“ Mit dieſen Worten legte ſie ihren ſchönen Lichtſchirm auf die Stelle des Tiſches, an welcher ich ſtand. Rikar ſtimmte der zweite.„Nehmt dieſes Fernrohr,“ ſagte er, „unter allen Dingen, die ein Reiſender nöthig hat, iſt dieſes eines der nöthigſten und zweckmäßigſten, namentlich für einen, der nicht Geſchäfte halber reiſet, ſondern anſehen will, und insbeſondere Gegenden und Fernen anſehen will.“ Ich erwiederte hierauf:„Nein, Rikar, dieſes koſtbare Inſtrument kann ich nicht annehmen; es dient Euch ſelber ſehr gut, und Ihr erin⸗ nert Euch ja, daß ich ohnedem ein gutes Fernrohr mit mir führe.“ „Eben darum ſollt Ihr es nehmen,“ ſagte er,„weil an dem Euri⸗ gen etwas brechen und es zeitlich untauglich machen kann. Ich habe denſelben Grund wie Ihr, ich habe ebenfalls ſchon ein ſehr gutes Rohr. Und der letzte Grund, den ich habe, iſt der, daß Ihr es annehmen müßt.“ — Er legte mit dieſen Worten das Rohr zu dem Lichtſchirme. „Ich weiß nicht, was ich von meinen Dingen geben ſoll,“ ſagte Camilla,„aber Sie ſind ein ſo guter Kenner von Geigentönen, daß Sie zu Hauſe gewiß auch nicht anders, als vortrefflich ſpielen. Ich gebe Ihnen daher von dieſem Geigenharze und theile die Saiten mit Ihnen.“ „Ich kann eigentlich nicht theilen,“ ſagte Maria,„da ich lauter Ganze erhalten habe; aber ich gebe Ihnen ein Ganzes, nämlich dieſe Bücher, ſie ſind unvergleichlich ausgeſtattet, ſtellen Sie dieſelben in Ihre Sammlung, und denken Sie an uns. Weil ich den Inhalt nicht ent⸗ behren kann, ſo wird Alfred ſchon ſo gut ſein, mir anzugeben, wo ich ſie wieder bekommen kann.“ Mit dieſen Worten reichte ſie mir das franzöſiſche Werk hin, das ihr Alfred gebracht hatte, und das ſehr koſtbar gebunden war. „Und daß er nicht blos etwas von den einzelnen Gaben habe, die uns zugedacht worden ſind, ſondern auch von den allgemeinen,“ ſagte die Mutter,„ſo wollen wir ihm noch dieſen Teppich geben, der die Be⸗ ſtinmung haben ſoll, daß er ihn zu Hauſe unter ſeinem Schreibtiſch lege.“ „Ja, den Teppich müſſen Sie noch nehmen, den müſſen Sie noch nehmen,“ ſagten die Mädchen. Man ſchob ihn auf dem Tiſche gegen meinen Platz hin. Ich war nun im äußerſten Grade verlegen und ſagte:„Nein, dieſe Sachen kann ich unmöglich alle annehmen, ſie ſind zu viel. Ich bin durch die Mittheilung aller jetzt reicher geworden, als die einzelnen Ge⸗ benden.“ „Wenn Ihr reicher geworden ſeid,“ antwortete die Mutter,„ſo iſt das ganz natürlich; denn wem mehrere Andere geben, der kann leicht etwas mehr haben, als die Einzelnen. Aber wem von uns könnt Ihr etwas zurückgeben, ohne ihm wehe zu thun? Nehmt es daher ſo freund⸗ ſchaftlich an, als es geboten worden iſt.“ Das Wohlwollen und die Güte Aller war ſo unverkennbar und eindringend, daß es unzart geweſen wäre, ſich noch gegen irgend etwas zu weigern; ich ſchämte mich, daß ich es ſchon gethan habe, und nahm die Sachen mit Freude und mit der Aeußerung des Dankes an. „Jetzt aber, Kinder,“ ſagte die Mutter,„müſſen wir den Tiſch ab⸗ räumen und dieſe Sachen wegſchaffen. Alfred hat ſich zu Mittag ein⸗ — 280— geladen, die Zeit rückt heran, und der Tiſch muß zu andern Zwecken benützt werden. Ich dächte, Jedes ſollte ſich ſeine Sachen auf ſeine Zimmer bringen laſſen, daß hier Raum werde.“ So thaten wir auch. Die Mädchen riefen Leute herbei, die ihnen halfen; ich nahm meine Dinge zuſammen, rollte den Teppich in eine Rolle, und trug Alles in meine Zimmer. Das Mittageſſen ließ nicht lange auf ſich warten. Es war recht lieb und freundlich, daß heute ein Gaſt da war, und man ſah es auch, daß man ſeinetwegen ein Mehreres gethan habe. Nach dem Eſſen wollten Alle in den Garten; aber Alfted verlangte, daß man noch eher die Sachen auspacken ſolle, welche in Kiſten unten in der Vorhalle ſtünden. Wir begaben uns daher Alle hinab. Rikar beor⸗ derte einen Mann mit Hammer und Meißel, der die Kiſtendeckel aufbre⸗ chen ſollte. Als dies geſchehen war, und die Kiſten offen ſtanden, machte ſich Alfred daran, die Gegenſtände heraus zu nehmen. Es waren lauter Bedürfniſſe der Landwirthſchaft, namentlich der Gärtnerei. Samen, Knollen, Wurzeln, Ableger, die in dieſer Gegend noch nicht bekannt wa⸗ ren oder großen Werth beſaßen; dann Geräthe, Wertzeuge und Modelle, die im Größeren ausgeführt werden ſollten. Ich mußte von manchen Dingen, welche mehrzählig vorhanden waren, nehmen, um ſie in meiner Beſitzung anzupflanzen, und von manchen Geräthen nahm ich mir vor, Zeichnungen zu machen, weil ich ſie als vorzüglich anwendbar erkannte. Als Alfred fertig war, und man die Dinge in Körben fortgetragen hatte, war erſt Zeit, in den Garten zu gehen. Hier hatte ich nun Gelegenheit, ihn noch mehr zu beobachten, und noch mehr mit ihm zufrieden zu ſein. Er ging gleich mit vieler Theil⸗ nahme zu allen Dingen, er ftagte um Alles, er ließ ſich Alles zeigen, und nahm Antheil, als ob es ſein Eigenthum wäre, oder als ob er es ſelber gepflanzt hätte. Faſt der ganze Nachmittag ging ſo in dem Garten dahin. Gegen Abend nahmen wir das Vesperbrod in den Zimmern der Mutter ein, und als die Sonne ſich dem Rande der Felſen zuwendete, war es für Alfted Zeit, an den Aufbruch zu denken. Der erſte Beſuch nach ſeiner Reiſe war vorüber. Er lud uns Alle ein, recht bald zu ihm auf ſeine Befitzung hinab zu kommen, und einen ganzen Tag dort zuzu⸗ bringen. Insbeſondere lud er mich ein, einmal allein zu kommen, daß er — 281— mir Alles bis zum Kleinſten zeigen könne, was die Andern ohnedem ſchon genau kannten. Zu dieſem Behufe bat man mich, meine Abreiſe nun noch ein wenig aufzuſchieben, und ich willigte ein. Nach einer halben Stunde ſetzte ſich Alfred zu Pferd, um wieder nach Hauſe zu reiten. Ich ging in den Hof zurück, um ihn zu ſehen. Er ſaß auf einem braunen nicht gar großen aber ſehr zierlichen Pferde. Die Männer mit den Maulthieren, welche die Kiſten und den Mantelſack ge⸗ bracht hatten, waren gleich wieder umgekehrt. Alfted mußte alſo jetzt allein hinab reiten. Es ſtanden Alle bei ihm und nahmen Abſchied. Als er recht höflich gegrüßt hatte, ritt er bei dem hintern Thore hinaus, und ſchlug den ſchmalen Saumpfad nach Sanct Guſtav hinab ein. Als die Dämmerung gekommen war, und che es zum Abendeſſen wurde, ging ich in mein Zimmer. Die Riemen meines Ränzleins hingen noch von dem Tiſche herunter. Ich packte alſo aus, was ich gegen Mittag ſo ſorgſam eingepackt hatte. Es war, als ſollte ich aus dieſem Hauſe nicht fortkommen. Die Dinge, die man mir geſchenkt hatte, legte ich in eine Ordnung, freute mich darüber und nahm mir vor, ſie, ſobald ich nach Riva käme, auf den Weg nach Treuluſt zu geben. Nach wenigen Tagen verabredeten wir den Tag, an welchem wir zu Alfred hinunter wollten, und ließen es ihm wiſſen. Als der Tag gekommen war, und Maria noch am Morgen ihre An⸗ ordnungen getroffen hatte, was während ihrer Abweſenheit geſchehen ſollte, ritten wir auf Maulthieren längs des Saumpfades hinunter. Als wir tief genug gekommen waren, ſah ich in einer jener grünen Furchen, die ich am erſten Tage meiner Anweſenheit von den Felſen aus als durch die kahlen Berge laufend geſehen hatte, und die in der Nähe breite üp⸗ pige Thäler waren, Alfted's Haus. Eine Reihe wohnlicher Fenſter glänzte uns aus dem Gebüſche, das das Haus reichlich umgab, an. Als wir nä⸗ her gekommen waren, ſah ich die große Ausdehnung und die reinliche Haltung des Ganzen. Alfted empfing uns in dem Sandhofe des Hauſes, der Blumenbeete und einen Springbrunnen hatte. Er half uns mit einem Diener von den Maulthieren, überließ letztere dem Knechte, und führte uns über eine Treppe in das Geſellſchaftszimmer hinauf. Dieſes war groß und geräumig, ſah mit vielen Fenſtern auf das Grüne und auf die ſchwankenden Baumzweige hinaus, und hatte mehrere erleſene Bilder — 282— aus der italieniſchen Schule. Als er uns hier einige Erftiſchungen, wor⸗ unter namentlich Milch und mehrere Früchte waren, die eigentlich der Jahreszeit nach im Freien noch nicht reif ſein konnten, vorgeſetzt, und als wir manches davon gekoſtet hatten, gingen wir in den Garten hin⸗ unter. Maria führte mich hier zu mehreren wahrhaft ausgezeichneten Anſtalten, und ſagte im Triumphe:„Da ſehen Sie erſt, da ſehen Sie erſt!“ Wir gingen zu einigen Glashäuſern, in denen die ſchönſten einhei⸗ miſchen Früchte reiften, und die das Edelſte und Weſentlichſte der ftem⸗ den enthielten. Dann beſahen wir die Einrichtungen, die der Garten überhaupt hatte, theils zum Bewäſſern der Pflanzen, theils zu ihrer Nahrung, Zucht, Pflege und Vervollkommnung. Alles war in der That auserleſen und vortrefflich, und hatte viele Aehnlichkeit mit den Anſtal⸗ ten Maria's. Von dem Garten gingen wir nach und nach auf einem ge⸗ wundenen Wege, der durch viele Gebüſche führte, empor, und kamen endlich auf eine freie kahle Spitze, die einen großen Umblick gewährte. Wir ſahen von hier aus die Felder Alfred's, die ſich um einen Hügel herum in einer kleinen Ebene dahin legten. Das ruhige, einfache, edle und liebliche Wogen des Getreides, das ich jetzt ſo lange nicht geſehen hatte, legte ſich ſchmeichelnd und befriedigend an das Herz. Wir ſtanden lange und ſahen die verſchiedenen Grün an: das blauliche leichte und ſanfte Miſchen des Silbers, das dunklere grüne und tiefe Heraufblicken der Wogen, das hellere grünere Wellenſchlagen der kleineren Saaten, und das leichte Hinzittern der Spitzen; denn es ging ein ſanftes Windchen unter der blauen und heiteren Kuppel des Himmels. Es iſt doch, dachte ich, eine wunderbare Anmuth, wie der Menſch in der Geſellſchaft mit ſeinen Pflanzen lebt, die ſeinen Geiſt zum Himmel leiten, und ſeinem Leibe die einfachſte, edelſte und keuſcheſte Nahrung ge⸗ währen. Brod, das einfachſte aller Dinge, das weltverbreitetſte, iſt das Simbol und das Zeichen aller Nahrung der Menſchen geworden. Von der Spitze gingen wir auf einem anderen Wege und von einer anderen Seite wieder dem Hauſe zu. Die Aufbewahrungsorte und an⸗ dern Anſtalten, die wir an ſeinem Aeußeren trafen, hatten wieder viele Aehnlichkeit mit denen Maria's. Als wir in die Zimmer gekommen wa⸗ ren, führte uns Alfred auch in ihnen herum. Die Mädchen bemerkten gleich die Veränderungen, die ſeit ihrem letzten Beſuche ſtatt gefunden — 283— hatten, und ſprachen ſich billigend oder mißbilligend darüber aus. Die Zimmer waren einfach, lieb und freundlich, und ſprachen einen freien heiteren Geiſt des Bewohners aus. Das Geſellſchaftszimmer, in dem jetzt die Erfriſchungen weggeräumt waren, empfing uns mit Ernſt und Würde. Es enthielt nichts von all den Spielereien, mit denen man gewöhnlich unſere Beſuchzimmer überladen findet, dafür ſtieß das Bücherzimmer an dasſelbe, und an den Käſten ſteckten überall die Schlüſſel, daß man ſich nach Belieben Bücher heraus nehmen konnte. Aber deſſen ungeachtet fehlte es nicht an Spielereien und Launen des Bewohners. In einem Zimmer war eine Sammlung aller Achren der ganzen Welt, ich erſtaunte, daß es eine ſo ungeheure Menge derſelben geben könne, und in einem Buche, das auf dem Tiſche lag, waren lauter loſe Blätter, auf denen alle Blumen, die in den Getreiden wachſen, in Waſſerfarben ſehr ſchön ab⸗ gebildet waren. Alfred hatte ſie ſich von einem wandernden armen Künſt⸗ ler, der ſehr geſchickt war, und den er eine Zeit beſchäftigte, verfertigen laſſen. „Es iſt merkwürdig, wie wichtig eigentlich dieſe Dinge ſind,“ ſagte Alfred.„Dieſe getrockneten Aehren in ihren Glaskäſten, die nur einfache Gräſerſamen ſind, und dieſe Blümlein auf ihren Stängeln, die zu den beſcheidenſten gehören und oft keine Schönheit anſprechen, ſind das aus⸗ erleſenſte und unbezwinglichſte Heer der Welt, die ſie unvermerkbar und unbeſtreitbar erobern. Sie werden einmal den bunten Schmelz und die Kräutermiſchung der Hügel verdrängen, und in ihrer großen Einfachheit weit dahin ſtehen. Ich weiß nicht, wie es dann ſein wird. Aber das weiß ich, daß es eine Veränderung der Erde und des menſchlichen Ge⸗ ſchlechtes iſt, wenn zuerſt die Cedern vom Libanon, aus denen man Tem⸗ pel baute, dann die Ahorne Griechenlands, die die klingenden Bogen ga⸗ ben, dann die Wälder und Eichen Italiens und Europas verſchwanden, und endlich der unermeßliche Schmuck und Wuchs, der jetzt noch an dem Amazonenſtrome ſteht, folgen und verſchwinden wird. Es gibt unend⸗ liche Wandlungen auf der Welt, alle werden ſie nöthig ſein, und alle werden ſie, eine auf die andere, folgen.“ In dem an das Aehrenzimmer ſtoßenden Saale, der eigentlich mehr ein langet Gang war, deſſen blumenverzierte Fenſter gegen den Garten gingen, war eine ſeltſame launige Sammlung, gleichſam ein friedlicher Waffenſaal der Erde. Es waren da nämlich alle Werkzeuge des Land⸗ 284— baues aufgeſtellt, nach der Art wie ſie gebraucht werden und dienen: die zum Felde, zur Wieſe, zum Garten, zum Walde, zum Weinberge, zum Hauſe gehörigen. Welche zu groß geweſen waren, als daß man ſie hätte herein ſtellen können, die waren in einer Verkleinerung zugegen. Ich bin ſelber ein Landwirth, kannte ſie faſt alle, und war doch überraſcht über die Menge und Mannigfaltigkeit derſelben. Sie waren geſchickt längs der Wand des Ganges aufgeſtellt. Das Mittagsmahl wurde auf einem Hügelchen unter freien luftigen Kaſtanien eingenommen. Dann gingen wir noch eine Strecke in der Thalſchlucht ſpazieren, und ſahen wunderliche Felſen, Waſſerfälle, Stein⸗ lager und kühle Grotten— und als beinahe ſchon das Abendgold auf dieſen ſonderbaren Bergen glänzte, dachten wir erſt auf die Rückreiſe. Alfred's Leute waren ſehr artig und aufmerkſam gegen uns geweſen. Er ſelber begleitete uns auf ſeinem braunen Pferdchen, als wir auf un⸗ ſern Maulthieren den Saumpfad wieder hinan ritten, als die grauen Steine um uns waren, und als wir auf dem trockenen Grasboden lange weit hinzielende Schatten warfen. Da er umkehrte, lud er mich ein näch⸗ ſtens allein zu ihm hinab zu kommen, damit er mir Alles im Einzelnen und nach landwirthſchaftlichen Grundſätzen, die mir lieb ſein würden, er⸗ kläre. Ich nahm die Einladung an. Er ritt mit ſeinem Pferdchen, das ſehr geſchickt in den Steinen klet⸗ terte, hinunter, und wir ſtrebten immer mehr auf die ſteinige und auf die einſame Anhöhe empor. Als es Abend und immer finſterer wurde, und ich deßhalb eine Beſorgniß äußerte, beſchwichtigte mich Maria, indem ſie ſagte, daß, wenn es ſogar ganz finſter wäre, und man keine Handbreite vor den Augen ſähe, wir nur getroſt die Zügel auf den Hals der Maul⸗ thiere legen dürften; dieſe Thiere würden nicht ſtolpern, und würden uns ſicher auf das Haidehaus bringen. So geſchah es auch; wir langten in dichter Finſterniß auf demſel⸗ ben an. Schon nach ein Paar Tagen ging ich allein zu Alfred hinunter. Er empfing mich ſehr freundlich, und wir verbrachten den Tag, in⸗ dem er mir Alles, was er hatte, zeigte, und wir es nach den Grundſätzen, die wir Jeder aus Büchern und aus Erfahrungen geſammelt hatten, durchgingen. Wir näherten uns einander ſehr, ich fand ſeine Sachen vortrefflich, und wir tauſchten manche Bemerkungen aus. Die Racht — 285— brachte ich ebenfalls bei ihm zu, wie ich es ſchon meinen Gaſtfreunden vorausgeſagt hatte, und eben ſo einen Theil des folgenden Tages. Er erzählte mir mehrere Dinge und auch Manches aus ſeinem Leben. Er hatte als Kind in einer ſehr drückenden Lage gelebt. Sein Vater, der ihn und die Mutter durch ein kleines Geſchäft ernährte, ſtarb früh⸗ zeitig und hinterließ nur ein ſehr mäßiges Vermögen, das allerlei Gläu⸗ biger, Curatoren und Vormünder theils in Anſpruch nahmen, theils verſchleppten. Die Mutter muß eine außerordentliche Frau geweſen ſein. Sie prägte dem Knaben früh ein, daß man ſich nicht auf andere Leute verlaſſen dürfe, daß dieſe meiſtens hart und jedes Gefühl verletzend ſeien, wenn ſie helfen— deßhalb lebten ſie und der Knabe in der äußerſten Verſagung und Strenge, und deßhalb führte er es auch ſo fort, als ſie geſtorben war, und er in den Studien lebte. Er erwarb ſich das Wenige, was er brauchte, ſelbſt, und kam nie zu einem Andern um Hilfe. Der vorige Beſitzer des Anweſens, welches nun Alfred's Eigenthum war, war ihm nur verſchwägert geweſen, hatte ſich nie um ihn bekümmert, hatte das Anweſen vernachläſſigt, und hatte es ihm nur als Erbe hinterlaſſen, weil er doch der einzige Anverwandte geweſen war. Alfred hatte genug⸗ ſam erfahren, wie ſehr man der Sklave Anderer ſei, wenn man nicht ge⸗ nug Mittel habe, ſelbſtſtändig zu ſein, und wie ſehr man doch abhänge, wenn man ſich auch noch ſo eifrig beſtrebe. Darum fing er mit der glü⸗ henden Freiheitsliebe, die ihm eigen war, an, ſeine herabgekommene Be⸗ ſitzung zu verbeſſern. Er las aus Büchern, er fragte um Rath, er ſah gute Wirthſchaften an, er machte ſelber Pläne und Entwürfe, und da er für ſich wenig brauchte, wandte er alles Erworbene wieder der Sache ſel⸗ ber zu. So brachte et nach und nach ſein ererbtes Anweſen in immer blühenderen Zuſtand. Er wurde bekannt, man ſuchte ihn, knüpfte Ver⸗ bindungen mit ihm an, und durch glückliche Unternehmungen brachte er nicht blos Wohlſtand, ſondern man konnte ſagen Reichthum in ſein Geſchäft. Als ich ihn einmal während des Tages fragte, ob es ihn denn nicht ſehr freue, wenn er ſein blankes Haus zwiſchen den holden Ge⸗ büſchen betrachte, und durch das Gedeihen und Emporblühen aller der Dinge um ihn dahin gehe, antwortete er:„Es iſt ſonderbar, wie die Abſtufung der Dinge, unter denen wir leben, auf den Menſchen wirkt. — 286 Wie fremd ſind uns die Minerale, wie hart ſeltſam abenteuerlich find uns ihre Farben— das giftige Grün, das Blau, das Braun, das Grau, das heftige Gelb, zum Beiſpiele am Schwefel— wie unbekannt iſt uns ihr Entſtehen in dem dunkeln Schoße der Erde, wo ſie in ein⸗ ander verwachſen und wunderlich gebildet ruhen und lauſchen. Wie näher ſind uns ſchon die Pflanzen, ſie find unſere Geſellſchaft über der Erde, der ſie wohl noch mit der Wurzel angehören, von der ſie aber doch mit ihrem edleren Theile, mit der Krone und mit der Blüthe, wegſtreben; ihre Nahrung und ihr Wachſen iſt wie das unſrige, ſie nehmen die irdi⸗ ſchen Stoffe in ihre feinen Organe und verwandeln ſie in ihr Weſen, und wenn wir gleichwohl nicht begreifen, wie das geſchieht, ſo iſt es für unſere Liebe ſchon genug, daß ſie uns hierin verwandt ſind; und wie hold ſprechen uns ihre Farben gegen die der Minerale an, ſelbſt ihre hef⸗ tigſten Roth und Gelb und Blau; und wie ſanft iſt das allgemeine Kleid, das ſie anthun, das Grün. So zugeartet iſt uns dasſelbe, daß wir dort, wo wir Abweichendes erblicken, wie an jenen roſtbraunen oder blutig rothen Blättern mancher fremden Bäume, eine Art Schauer em⸗ pfinden. Noch näher ſind uns die Thiere, wenigſtens die außer der Erde lebenden und vollkommneren. Nur mehr ein kleiner Theil, und die am tiefſten ſtehenden, lebt in der Erde, die andern ſind mit uns in der Luft und der Sonne. Sie ſind die Spiegelbilder von uns, die abgeblaßten. Sie zeigen uns unſere Affekte, unſer Leiden, unſere Freuden, die Hin⸗ gabe an innere Triebe, die verſtümmelte Naturſprache und ein dumpfes Dämmern von Vernunft und höherer Ahnung. Daher lieben wir ſie ſchon zuweilen, weil ſie uns wie die Knoſpe von uns ſelbſt erſcheinen, weil ſie uns in ihrer Hilfloſigkeit wie zurückgeſetzte Menſchen vorkommen, die nur nicht genug an Geiſt und Kraft erhalten haben, um ſich empor zu ſchwingen und eine ſtättige Vervollkommnung einzuleiten. Das Nächſte aber iſt für den Menſchen doch immer wieder der Menſch, der ihm ſein eigenes Herz, ſein Ahnen und ſein Hoffen entgegen trägt. Das weiß man in großen Städten nicht, wo ſich das Geſchlecht an einander drängt, und ſeine Widrigkeiten zeigt. Freilich iſt die Natur im Ganzen, wozu indeß der Menſch auch als Glied gehört, das Höchſte. Sie iſt das Kleid Gottes, den wir anders als in ihr nicht zu ſehen vermögen, ſie iſt die Sprache, wodurch er einzig zu uns ſpricht, ſie iſt der Ausdruck der Majeſtät und der Ordnung: aber ſie geht in ihren großen eigenen Ge⸗ ſetzen fort, die uns in tiefen Fernen liegen, ſie nimmt keine Rückſicht, ſie ſteigt nicht zu uns herab, um unſere Schwächen zu theilen, und wir kön⸗ nen nur ſtehen und bewundern.“—— Auch von Rikar erzählte mir Alfred einiges. Er achtete ihn ſehr hoch, weil er, wie er ſagt, in ſeiner Einfachheit ſo tief iſt. Er hat außer den zwei Mädchen auch einen Sohn gehabt, von dem er aber nie eine Erwähnung gethan hatte. Als der Jüngling ſein zwanzigſtes Jahr be⸗ gann, wurde er ihm durch eine ſchwere Krankheit, die ihn in der Fremde befiel, und in der ihn Rikar, der zu ihm geeilt war, pflegte, entriſſen. Er mußte einen großen Schmerz empfunden haben, er ſagte nichts davon, aber er trug das ſchwarze Kleid ſeit jenem Tage, und trägt es heute noch. Als wir unſer Mittagmahl unter den Kaſtanien verzehrt hatten, be⸗ gleitete mich Alfred auf einem großen Umwege durch das Gebirg, welchen Umweg er mich geführt hatte, damit ich auch dieſe Theile der Gebirge kennen lernte. Als die Sonne ſich ſchon gegen Untergang neigte, als wir auf dem Kamme der Gebirge ſtanden, zeigte er mir die Richtung, nach welcher ich in Rikar's Haus gelangen würde, und wir trennten uns. Er ging thalwärts, ich aber wandelte auf der Schneide ſo mancher Geſteine dahin, bis ich ſpät in der Beſitzung meines Gaſtfteundes ankam. In den nächſten Tagen, die ich noch in dem Hauſe zubrachte, glaubte ich eine ſonderbare Bemerkung zu machen. Camilla trug eine Neigung zu Alfred im Herzen. Die Zeichen waren leiſe, ihr ſelber viel⸗ leicht unbewußt, aber ich glaubte ſie doch deutlich zu erkennen. Wenn er da war, ſprach ſie viel weniger, als ſonſt. Sie ſaß da und horchte aufmerkſam zu, wenn er erzählte. Wenn wir ſpazieren gingen, wandelte ſie ſanft geſenkten Hauptes meiſtens vor ihm, und achtete der Worte, die von ſeinen Lippen kamen. Wenn er abweſend war, ſprach ſie am liebſten von den Ländern, in denen er geweſen, und von denen er eben zurückgekehrt war. Ich habe ſie allein in dem Garten luſtwandeln ge⸗ ſehen, ihre Wangen waren zart gefärbt, in den Mienen war etwas Ge⸗ hobenes, und die ſchönen Augen, in welchen ohnedem eine ſolche Schwer⸗ muth lag, waren gegen die Ferne gerichtet, ſo daß es ausſah, als befände ſich dort etwas, oder als ſuchte ſie dort etwas. Oder ſie ſtand auch zu⸗ weilen an dem Springbrunnen, deſſen Strahl Maria ſo gerne im Gange erhielt, und woran ſie ſich ergötzte, und ſah auf das Silber der empor⸗ ſteigenden Säule, und ſah viel länger darauf hin, als es die bloße Be⸗ —. — 288— ** trachtung dieſes Dinges erforderte. Sie ſpielte vor dem Schlafengehen oder am Morgen nach dem Aufſtehen wieder gerne auf ihrer Violine. Die Töne waren ſanft und ſehnſuchtsvoll, als fragten ſie oder ſuch⸗ ten ſie nach irgend einem Dinge, ſie waren nicht entzücken⸗ und jubel⸗ erfüllt, aber ſie waren auch nicht ſo traurig, wie in der erſten Nacht, als ſprächen ſie von einem ſchmerzlichen Glücke, das zerflatternd und ver⸗ gehend nirgends zu ergreifen ſei. In dem gewöhnlichen Verkehre mit uns und andern Menſchen war ſie nicht anders, als ſie bisher immer geweſen war, nämlich gütig und einfach gegen Jedermann, und beſtrebt, Jedem eine Freude zu machen. Wenn ſie mit Alfred ſprach, ſo waren ihre Worte nicht bedeutender, als wenn ſie mit Andern ſprach, nur waren ſie immer kurz und der Sache angemeſſen. Ihr Antlitz trug das Durchſcheinen eines Erhabenen oder eines, das mit dem Gewöhnlichen, das die Zeit und das Leben bringt, nichts zu thun hat. Dieſe Merkmale hatte ich nach und nach beobachtet, ohne daß ich eben darauf ausging. So wandelte ſie unter uns dahin, und ließ den Tag kommen, wie er kam, und ließ den Tag gehen, wie er ging. So ſtanden die Sachen, als die Zeit, die ich noch zugegeben hatte, ohne dem Ganzen meiner Reiſe gar zu viel abzubrechen, beinahe ver⸗ ſtrichen war. Da geſchah es eines Tages, daß Alfred nicht in ſeinen ge⸗ wöhnlichen Kleidein, ſondern in einem ſchwarzen Anzuge zu Rikar herauf kam. Ich hatte ihn durch den Garten herein gehen geſehen. Er war An⸗ fangs eine Weile bei dem Vater geweſen, dann ging er über den Gang zu der Mutter. Als ich von meinen Zimmern in das Freie hinab ging, hieß es, er habe um Maria geworben. Ich ſtand da, und fragte den Gärtner, aber der wußte nicht, von wem er es gehört habe, jedoch gewiß ſei es ganz und gar. Ich fragte noch Andere, die ſagten, es ſei ſchon gewiß, wenn man auch nicht wiſſe, woher; es ſei ſchon gewiß, und könne nicht anders ſein. In dieſem Augenblicke, da ich mir nicht getraute, in das Haus hin⸗ ein zu gehen, um Niemanden ungelegen zu ſein, kam die Mutter in ge⸗ ſchäftigem Eifer heraus, und da ſie mich erblickte, ging ſie auf mich zu und ſagte:„Er hat um Maria geworben. Wir wiſſen nicht wo Maria — 289— iſt, vermuthlich iſt ſie in dem äußeren Garten mit irgend etwas Angele⸗ gentlichem beſchäftigt.“ Nach dieſen Worten verließ ſie mich, und ging in die Tiefe des Gar⸗ tens zurück. Ich wußte eigentlich nicht, wie mir bei dieſer Nachricht geſchah, aber daß ich jetzt Niemanden begegnen müſſe, daß ich nicht in das Haus gehen müſſe, und daß ich mit keinem Mitgliede der Familie reden müſſe, das ſchien mir deutlich zu ſein. Ich ging daher in einen abgelegenen Theil des Gartens, den wir gewöhnlich nicht viel beſuchten, und ich ging noch dazu auf Wegen, die weniger betreten waren, als die andern, weil ſie zwiſchen dichten Pfirſichgeländern lagen, und ſelbſt in trockenen Zeiten ein wenig feucht waren; allein wie ich ſo zwiſchen den Pfirſichgeländern wandelte, ſah ich außerhalb derſelben dicht neben mit meinen Freund Rikar bei mir vorbei und in ein hölzernes Häuschen hinein gehen, das in dieſer Gegend ſtand, um Früchte, Sämereien, Gemüſe und andere Dinge, die man nicht gleich in das Haus bringen wollte, gelegentlich aufzube⸗ wahren. Als er in die Thür des Häuschens trat, drückte er ſeine Hände in einander und ſagte:„Ich habe es ja gewußt, ach, ich habe es ja gewußt!“ Ich brach bei einer Lücke, die ſich mir darbot, aus dem Pfirſich⸗ geländer hinaus, weil es mich ſonſt unmittelbar zu dem Häuschen ge⸗ führt hätte, in dem Rikar war, und wollte quer durch die Gemüſe und Blumen gehend, zu der Steinmauer gelangen, um ein Stück auf dem Raſen hinauszugehen. Als ich unter den Blumen und etwas freier war, ſah ich in der Ferne des Gartens die Mutter und Maria dem Hauſe zu⸗ gehen. Die Mutter hatte Maria an der Hand, und ſo gingen ſie gegen das Haus. Ich erreichte die loſe Steinmauer, und weil an dieſer Stelle kein Pförtlein war, ſo kletterte ich über dieſelbe hinüber, gelangte in die offeneren Gründe, und ging von ihnen in die völlig leere Haide hinaus. Ich ging an dem Geſteine dahin, und als eine geraume Zeit ver⸗ floſſen war, wendete ich mich wieder gegen das Haus. Da ich dort anlangte, war Alles entſchieden: ſie hat ihn aus⸗ geſchlagen. Rikar, der mir auf dem Gange begegnete, ſagte es mir ſelber. Die Mutter hat ſie in dem Garten geſucht, hat ſie in das Arbeits⸗ zimmer geführt, und dort mit ihr geredet. Nach Kurzem ſind ſie wieder heraus gekommen, Maria hatte ſich entſchloſſen und Alles abgelehnt. Stifter. 4. Aufl. MI. 19 — 290— Ich ging auf meine Zimmer, und dachte über dieſe Begebenheit nach. In einer Weile kam Alfred herauf. Er war ſehr freundlich, er war ſehr ruhig, aber auch ſehr ernſt. Er ſagte, nachdem er ſich zu mir geſetzt hatte:„Sie werden wohl ſchon Alles wiſſen. Ich habe zuerſt um die Einwilligung der Eltern nachgeſucht, und hätte dann das Mädchen um ihr Jawort gebeten. Bei dieſer Familie wäre es unwürdig geweſen, hinter dem Rücken zu werben. Ich war Anfangs der Meinung, man ſolle es Maria nicht gleich ſagen, ſondern ſie darauf vorbereiten; aber die Mutter machte dagegen gelten, daß man keine Zeit vor ihr ein Ge⸗ heimniß haben könne, da von ihr allein die Entſcheidung abhänge, und die Sache ihr Eigenthum ſei. Das ſah ich ein und willigte in alſogleiche Kundgebung. Die Würfel ſind gegen meine Wünſche gefallen. Aber wie es auch ſei, ich werde dieſe Familie immer lieben und ehren. Es iſt Alles in größter Freundſchaft und Ordnung vorgefallen, und das Haus, das mir ſo lieb und theuer geworden iſt, wird auch in Zukunft meine Freude und meine Erholung ſein.“ Nach dieſen Worten redete er von meiner Reiſe, fragte, wohin ſie jetzt unmittelbar gerichtet ſei, was ich dann vorhabe, wie lange ſie dauern werde, und ob ich dann zu Hauſe zu bleiben geſonnen ſei. Er bat mich auch, ihn vor meiner Abreiſe noch einmal zu beſuchen, und ihm vielleicht auch von irgend woher einen Brief zu ſenden. Ich verſprach Beides. Alfred blieb bei dem Mittagseſſen. Die Geſpräche waren herzlich und gut, ja es ſchien mir, als ſei man noch zarter und gemüthsreicher als ſonſt. Eine Zeit nach dem Eſſen nahm Alfred Abſchied. Er war zu Fuße herauf gekommen, und wollte auch zu Fuße wieder hinab gehen. Als man ſich unter dem großen Thore trennte, ſagte er:„Wenn ich wieder komme, werde ich die Aurikelſamen und einen Theil der neuen Zwiebel mitbringen.“ Als ich am Nachmittage durch das Kaſtanienwäldchen ging, und gegen ein Gebüſch bog, das ziemlich dicht war, ſah ich Maria vor dem⸗ ſelben ſtehen und in die Zweige hinein ſchauen. Sie hatte die Hände in einander geſchlagen und hielt ſie geſenkt ſo vor ſich hin. Das Gebüſch beſtand aus wilden Roſen und Flieder, es war ziemlich weit von dem Hauſe entfernt, hatte für den Gartengebrauch keinen Werth, und war von uns ſonſt nicht beachtet und beſucht worden. — 294 Als ich ſie ſo ſtehen ſah, ging ich näher. Da ſie meine Tritte ver⸗ nahm, löſ'te ſie die Hände auseinander, und ließ ſie ſo zufällig und loſe von ihrem Körper hängen. Ich aber ging völlig hinzu, ſah ihr in das An⸗ geſicht, und blieb ein Weilchen ſtehen. Dann faßte ich eine ihrer Hände, hob ſie empor und ſagte:„Maria, ich kenne Sie, ich kenne Sie ſehr genau!“ Sie drückte mir die Hand, mit der ich die ihre hielt, und ſagte: „Sie ſind ein edler, Sie ſind ein guter und vortrefflicher Menſch.“ Mehr konnte ſie nicht ſagen. Aus ihren ehrlichen Augen brach ein Strom von Thränen, und ihre kräftigen Lippen zuckten vor Schmerz. Sie nahm das Taſchentuch, das ſie in ihren Kleidern verborgen gehalten hatte, hervor, drückte dasſelbe an die Augen und weinte heftig und lange. Ich blieb ſchweigend bei ihr ſtehen, und hielt nur ihre Hand, die ſie mir gerne ließ. Endlich ermannte ſie ſich doch. Sie drückte mit dem Tuche mehrere Male gegen die Augen, um ſie zu trocknen, und ſagte:„Er weiß ge⸗ wiß Alles, o gewiß— gewiß— er weiß Alles. Sie hätte den Schmerz nicht ertragen können, ich aber werde ihn ertragen. Sie iſt ſo gut, ſo gut und unſchuldig, daß ſie das höchſte Glück auf Erden verdient. Ihr Gemüth iſt ſo zatt geartet, daß ſie alle Eindrücke aufnimmt und feſt hält. Sie würde den Schmerz im Herzen halten, bis es bräche. Sie hat ohnedem dieſes Herz durch das Spiel ihrer Geige, das ſo ſchön iſt, und das uns ſo erfreut, noch mehr gelockert, daß alles Uebel viel viel tiefer eingreift.“ Nach dieſen Worten fuhr ſie ſich noch einmal mit dem Tuche über die Augen, um Alles völlig abzutrocknen. Ich gab ihr den Arm und führte ſie in dem Garten herum. Sie ſammelte ſich nach und nach gäuz⸗ lich. Wir ſprachen ernſthaft und freundlich mit einander, gingen noch lange herum, bis wir uns trennten. Ich ging hierauf in meine Zimmer, legte die Stirne an das Glas eines Fenſters, und es traten mir die Thränen des Mitleides in die Augen. Ich nahm nach einer Weile das Buch, das ich mir in Tirol zuſam⸗ men geheftet hatte, um Wirthſchaftsgegenſtände einzuſchreiben, und ſchrieb dieſe Begebenheit hinein. Ich ſchrieb bis tief gegen den Abend. 10 Am Abende kamen wir wieder Alle, wie gewöhnlich, zuſammen, und es waren Geſpräche von fernen auf die gegenwärtige Lage keinen Bezug habenden Dingen. Obwohl nun meine Zeit, die ich noch zugegeben hatte, vorüber war, ſo wollte ich doch in dieſem Augenblicke nicht fort reiſen, weil es geſchie⸗ nen hätte, als nähme ich jetzt die Flucht, wo in die Familie etwas Drückendes eingetreten ſei. Ich blieb noch da. Ich ging ein paar Male zu Alfred hinunter, er iſt auch einige Male zu uns herauf gekommen. Als ſich nach und nach die Spannung und das Gefühl, das in Folge des letzten Ereigniſſes doch in der Familie entſtanden war, gemil⸗ dert hatte, und wieder der liebe freundliche Umgang war, der vorher ſtatt gehabt hatte, erklärte ich, daß ich jetzt reiſen müſſe, und daß ich keinen Aufſchub mehr machen könne. Man verſuchte auch keinen zu erzielen, und es wurde der Tag feſtgeſetzt. Ich ging noch zu Alfred hinunter, um Abſchied zu nehmen. Ich packte nach und nach meine Sachen zuſammen. Ich war jetzt viel reicher, als da ich herauf gekommen war. Man wollte mich über⸗ reden, den Weg über Sanct Guſtav zu nehmen, aber ich ſagte, daß mir der, auf welchem ich gekommen ſei, ſo lieb geworden, daß ich ihn auch auf der Rückreiſe einſchlagen wolle. Nur das wurde jetzt nothwendig, daß man mir ein Saumthier geben mußte, was mit den andern, wenn ſie die Gartenwaaren fort trügen, fort ginge, und meine Sachen an den See brächte, von wo ſie nach Riva kommen könnten— ferner, daß man mir an dem See ein Schiffchen beſtellte, das mich nach meinem Gaſthofe überführte. Beides wurde in das Werk geſetzt. Als der Tag der Abreiſe gekommen war, wollten ſie mich eine Strecke begleiten. Ich verbat es mir aber und geſtand nur zu, daß ſie mit mir bis an die Grenze des Gartens gehen dürften. Ein längeres Begleiten ſei doch nur ein längerer und ſchmerzlicherer Abſchied. In dem Gefunkel einer ſchönen Morgenſonne gingen wir durch den Garten. An dem Pförtchen der loſen Steinmauer angelangt, blieben wir ſtehen und nahmen Abſchied. Die Mutter ſagte mir liebe freund⸗ ſchaftliche Worte, die meiſt dahin gingen, daß ich ſie bald wicder beſuchen ſolle, Rikar und ich drückten uns an die Bruſt, Maria hielt ich einen Augenblick feſt an beiden Händen, und Camilla brach in heftige Thrä⸗ nen aus. — 293— Man wollte doch wieder mit mir gehen, als ich mich zum Weiter⸗ gehen wendete, aber ich drückte ſie mit den Händen in den Garten zurück, wendete mich in tiefer Bewegung um, und ging weiter. Sie mochten in den Garten zurückgegangen ſein, denn als ich nach einer Weile umſah, ſah ich ſie nicht mehr. Ich ging in dem Thale fort. Als ich zu dem ſchwarzen Felſen kam, wo ich die ſanfte Camilla zum erſten Male geſehen hatte, war mir unſäglich wehe: ich hätte nicht ge⸗ dacht, daß ich ſo ſchwer von dieſem Hauſe fort gehen würde. Ich ſah das todte Bäumchen, das auf dem Felſen ſtand, eine Weile an, und ging dann weiter. Ich wendete mich, wie es mein Weg vorſchrieb, links. Als ich in der verödeten Landſchaft weiter ſchritt, kam ich mir recht ein⸗ ſam und verlaſſen vor, ich fühlte erſt jetzt recht lebendig, wie lieb und wie hold es ſei, einer Familie anzugehören, dergleichen ich früher nicht gehabt hatte, und jetzt auch nicht hatte. Ich ging in dem Felſengebiete, das ich rechts und links von mir hatte fort, und ſah beinahe durch zwei Stunden den ſonderbaren Bühel des Hieronimus vor mir. Endlich erreichte ich ihn, und da ich ihn er⸗ ſtiegen hatte, hatte ich wieder den blauen Blick des Sees unter mir. Ich ſtieg die Stufen hinunter, gelangte zu dem weißen Häuschen, ſprach vor, und blieb eine Weile bei dem alten Manne, dem ich von Rikar erzählte. Endlich ſtieg ich die Schlucht gar hinab, kam zu dem Höllwäſſerlein, das, wo möglich noch kleiner und dünner war, und kam zu dem Gerölle, das in den See hinein ragte, und an dem auch das Schifflein lag, das auf mich wartete. Ich ſtieg ein, und wir fuhren in die blaue ſäuſelnde Fluth hinaus. Bald ſah ich das gewaltige Gerölle nur mehr als ein kleines weißes Dreieck hinter mir, das an die dunkle Fläche des Sees grenzte, und bald waren auch die ganzen Ufer hinter mir in eine einzige geſtreckte gerade Linie verſunken, während die weißen Punkte von Riva vor mir auf⸗ tauchten. Reiſeziele. In Riva kannten jetzt ſehr viele die Pflanzenanlage meines Freun⸗ des, wenn ich von dem Berge Sanct Guſtav ſprach. Ich hielt mich aber nicht mehr lange in Riva auf. Nur die Zeit verbrachte ich dort, die ich brauchte, um meine Sachen, welche ich in Ri⸗ kar's Hauſe zum Geſchenke erhalten hatte, ſehr gut zu packen, und auf den Weg nach Treuluſt zu geben. Dann dachte ich auf die Weiterreiſe. Ich packte meine Reiſeſtücke aus den Laden des Wirthes in den Koffer, und beſtellte auf den nächſten Morgen einen Platz auf einem Schiffe, welches ſüdwärts ging. Als dieſer Morgen angebrochen war, und ich mit einem Manne, der mein Gepäcke trug, gegen den See ging, kamen wir an einer Planke vor⸗ bei, über welche Weinlaub herüber ragte. Plötzlich hörte ich eine Stimme, die mir bekannt ſchien, rufen:„Signore, Signote!“ Ich wandte mich gegen die Stelle, woher die Stimme kam, und ſah Gerardo's Lockenhaupt über die Bretter herüber ſchauen, zugleich ſah ich ein nettes Häuschen in dem Garten ſtehen, das ganz mit Weinlaub um⸗ faßt war, und große Fenſter hatte. Bei einem dieſer Fenſter ſah ein ſchönes Mädchen mit offenen feurigen Augen heraus. „Ich bin da,“ rief Gerardo,„und das iſt unſer Garten und unſer Haus, und das iſt meine Schweſter.“ „So? das iſt ja recht ſchön,“ antwortete ich. „Signore, Eure Flaſchen ſind noch da,“ ſagte er wieder. „Sind die Flaſchen noch voll?“ fragte ich. „Ei freilich,“ antwortete er,„ich habe ſie im Keller aufbewahrt.“ „So trinke ſie in meinem Namen aus,“ ſagte ich,„und die leeren Flaſchen wirf in den See. Deiner Schweſter aber gieb dieſes kleine Goldſtück, daß ſie es ſich aufhebe und ſich meiner erinnere, wie ich mich Deiner erinnern werde, weil Du ein ſo guter fröhlicher Burſche biſt.“ „Ich danke, Signore,“ rief er,„ich danke. Seid Ihr noch immer in Riva? ich habe Euch geſucht und nicht gefunden. Machen wir bald wieder eine Fahrt?“ 4 25 „Siehſt Du nicht,“ ſagte ich,„daß dieſer Mann meine Reiſeſachen trägt? Wir gehen zu dem See, wo ein Schiff iſt, das mich auf immer von Riva fort bringen wird. „Auf immer?!“ rief er,„nun ſo lebt recht wohl, Signore, lebt wohl, und nehmt unſern Dank mit.“ „Lebt wohl und nehmt unſern Dank,“ tönte jetzt eine helle ſchmel⸗ zende ſilberklare Stimme. Es war die Schweſter geweſen, die aus dem Fenſter gerufen hatte. „Lebt auch Ihr wohl,“ ſagte ich, winkte freundlich gegen das Fen⸗ ſter, und wir gingen weiter. Das waren die letzten Stimmen geweſen, die ich von Bekannten meines Aufenthaltes in dieſer Gegend gehört hatte. Im nächſten Augen⸗ blicke ſah ich den Bord und die Stangen unſeres Schiffes. Mir kam das Zuſammenleben dieſes Geſchwiſterpaares faſt lieblich vor. Ich hatte nicht gefragt, ob auch noch eine Mutter, ein Vater, oder Beide, vder noch ſonſt Jemand in dem Häuschen wohne. Ich konnte mir nicht anders vorſtellen, als daß nur dieſe zwei da wohnen, daß das Häuschen äußerſt reinlich gehalten werde, daß ſie mit ihrer ſilberklaren Stimme öfters ſinge, daß er ſie gutmüthig behandle, und daß ſie ſehr glücklich zuſammen ſeien. Ich beſtieg mein Schiff, auf welchem ich lauter fremde Menſchen antraf. Einen Stich gab es mir in das Herz, als ich unter den Waa⸗ ren, die auf dem Schiffe lagen, auch zwei Ballen liegen ſah, die Maria's Zeichen trugen. Ich gab dem Manne, der mein Gepäcke getragen hatte, ſeinen Lohn, und er ging fort. In kurzer Zeit machte das Schiff, welches nur ein gewöhnliches Transportſchiff war, ſich von dem ufer los, die Ruder fielen in das Waſſer, klatſchten in ihrem gewöhnlichen Takte fort, die weiße Häuſer⸗ linie von Riva und die Berge hinter ihr wichen allgemach zurück, immer mehr legte ſich die dunkle Fluth zwiſchen uns und das Land, bis die Bergwelt, in welcher ich jetzt ſo lange und ſo glücklich gelebt hatte, nur mehr wie blaue duftige Erhebungen hintet mir ſtand. Wir kamen nach dem Süden, deſſen langgeſtreckte einfache verſchwim⸗ mende Linien mich aufnahmen. — 206 Mit einem ſonderbaren gedrückten und ſchweren Herzen ſaß ich in dem Wagen, und fuhr in der ſonnenglänzenden freundlichen und frucht⸗ baren Lombardie dahin.—— Ich war von da an in einer langen Reihe von Tagen und von Wo⸗ chen in Venedig geweſen, und hatte ſeine Schätze und den geſitteten ach⸗ tungswerthen Menſchenſchlag kennen gelernt— ich war von da durch Toscana gefahren, das man den Garten Italiens nennt— ich hatte mich in die Campagna gewendet, die ſo luft⸗, duft⸗ und lichtdurchwoben iſt— ich war dann in Rom geweſen, das zwei große Vergangenheiten hat, eine geſchichtliche und eine künſtleriſche— ich war nach Reapel ge⸗ kommen, und hatte geſehen, wie das blaue Meer, in dem die weißen Segel leuchteten, von dem langen Kranze der Stadt umſchlungen iſt, und wie wieder die Stadt in weitem Kreiſe von den grünen Höhen um⸗ fangen wird, in denen die Landhäuſer wie andere Segel in einem zwei⸗ ten Meere glänzen— ich war endlich einige Wochen in Reapel, das ſie ein Stück Himmel nennen, geblieben: aber ich konnte nicht recht froh werden. Wenn ich in dem Wagen fuhr, wenn ich ſo auf freie Anhöhen kam, wenn ich die Merkwürdigkeiten der Zeit und Kunſt anſah, oder wenn ich auf einer Felſeninſel in der Bai von Neapel ſaß, ſchwebten mir die ſanften Wangen und die ſchönen Augen Maria's vor. Ich habe nie ein einfacheres, natürlicheres, edleres und großmüthigeres Mädchen ken⸗ nen gelernt. Die braune Farbe ihrer Wangen, gegen welche ſie ihre Schönheit aufgeopfert hatte, kam mir verehrungswürdig vor, ich hätte ſie durchaus nicht wegwünſchen mögen, weil ſie ihr Preis, ihr Schmuck und ihre Würde iſt. Ihr klares gerades Herz hatte ſich ſo ſchön an das meine gewendet, was ſie ſagte und that, war mir ſo zugeartet und ver⸗ wandt, daß mir jetzt, da ich unter andern Menſchen herum wanderte, war, als hätte ich meine Heimath, als hätte ich Vater, Mutter und Alles verlaſſen. Ich hatte nie gewußt, was Zuneigung und Liebe zu einem Weſen des weiblichen Geſchlechtes ſei, jetzt wußte ich es. Ich ging von Reapel noch gar in die Südſpitze der Halbinſel und nach Sicilien. Dort aber wendete ich um. Den Plan eines längeren Verweilens in Italien gab ich nun vollends auf, und ſuchte ſo ſchnell als möglich Treuluſt zu gewinnen. Ich ging durch die Halbinſel zurück, ſah noch Alles an, was ich auf der Hinreiſe nicht geſehen hatte, und nahm es mit ernſtem Gemüthe auf. In Livorno ſchiffte ich mich nach Genua ein, ging von da nordwärts und kehrte durch die Schweiz in das Vater⸗ land zurück. Es war ein trüber, nebliger Tag, als ich in Treuluſt eintraf. Der tiefe Herbſt hing über der Gegend. Auf den Feldern waren keine Früchte mehr, ſondern die Halme waren eingefurcht, und die braunen naſſen Schollen liefen dahin. Nur einige Futterkräuter und das letzte Gras auf den Rainen und Wieſen gab der Gegend ein Grün. Als ich zwiſchen meinen Gartenanlagen hinein fuhr, kamen mir die Gewächſe, die in den⸗ ſelben ſtanden, und die ich ſelber mit Freude gepflanzt hatte, wie ſchlechte Dinge vor. Unter Maria's Händen wären ſie beſſer gediehen. Man hatte mich noch nicht erwartet; denn ich hatte in der letzten Zeit nicht geſchrieben und von meiner Rückkehr nichts gemeldet. Als ich daher mit Poſtpferden in den Hof hinein fuhr, und ſie mich beim Aus⸗ ſteigen erkannten, kamen Alle herbei, welche eben im Gebäude waren, und begrüßten mich und bezeugten ihre Freude, daß ich da ſei. Mancher hatte mir zu ſagen, welche Veränderungen während meiner Abweſenheit vorgefallen ſeien, und was er mir zeigen müſſe. Mich freute die Freude der Leute, und es rührte mich, daß ich hier eine ſolche Anhänglichkeit beſitze. Ich dankte Allen und grüßte ſie von Herzen. Dann ließ ich meine Sachen abpacken, und mehrere der Leute geleiteten mich in meine Zimmer. Dort erwartete mich etwas Liebes. Ich fand nämlich da die Dinge, welche ich in Rikar's Hauſe geſchenkt erhalten und von Riva hieher ge⸗ ſendet hatte. Der Altknecht hatte ſie auspacken und da nieder legen laſ⸗ ſen. Auf dem Tiſche lag der Teppich, und ließ einen Zipfel herab hän⸗ gen, zum Zeichen, daß ihn meine Leute auseinander gelegt hatten, um zu ſehen ob er ſchön ſei. Daneben lag das Fernrohr, lag der Lichtſchirm, die Bücher Maria's, die Büchschen mit dem Geigenharz, die Fächer mit den Saiten und alle die landwirthſchaſtlichen Gegenſtände und Dinge. Nur was an Knollen und Sämereien noch im Herbſte in die Erde mußte, hatte der Gärtner nach meiner geſendeten Anweiſung untergebracht. Die Zimmer waren nicht im geeigneien Zuſtande. Als ich ein wenig geſeſſen war, und mich wieder an den Anblick meiner Wände gewöhnt hatte, befahl ich, daß man die Zimmer etwas in Ordnung bringe, namentlich daß man ſie lüfte und dann heitze, ich würde unterdeſſen ein Weilchen in dem Hauſe herum gehen. Als meine Anordnung in Vollzug geſetzt und die Zimmer in Bereit⸗ — 298— ſchaft waren, ging ich in dieſelben hinauf. Es war mittlerweile auch die Nacht herein gebrochen. Noch bei dem Scheine der Kerzen ließ ich die geſchenkten Sachen ihrer Beſtimmung zuführen. Ich ließ den Teppich unter den Schreibtiſch breiten, ſtellte den Schirm vor meine Lichter, legte Camilla's Geſchenke zu meinen Geigenſachen, ſtellte die Bücher in den Bücherſchrank, that das Fernrohr zu ſeines Gleichen, und brachte die landwirthſchaftlichen Gegenſtände an den geeigneten Plätzen unter. Als dies geſchehen war, und als ich den Abend gar mit Leſen, mit Verzeh⸗ rung meines Nachtmahles und mit Unterredung mit meinen Leuten hin⸗ gebracht hatte, legte ich mich auf das Bett, um das erſte Mal wieder in meinem Hauſe zu ſchlafen. Am andern Morgen ging ich an die Arbeit und Beſichtigung meiner Angelegenheiten. Als die erſten dringenden Beſchäftigungen vorüber waren, und als die Vorrichtungen, die ich brauchte, fertig waren, ſchickte ich auch einige Geſchenke nach Rikar's Hauſe. Ich ſchickte ihm zwei ausgezeichnete und gut erhaltene Wouvermann, damit er nicht mehr zu ſagen brauchte: Vielleicht kommen auch wieder Bilder in das Haus. An die Mutter ſen⸗ dete ich einen ſchön gebundenen Dante und mehrere Bücher der neueren Zeit, die ſie noch nicht hatte. An Camilla ſchickte ich meine Cremoneſer Geige, zu der ich ein Fach aus Ebenholz mit violettem Sammet gefüt⸗ tert hatte machen laſſen, genau, wie es bei ihren Geigen iſt. An Maria ſandte ich die Bücher desſelben Inhaltes, wie ſie mir gegeben hatte, nach⸗ dem ich ſie ſehr ſchön hatte binden laſſen. Ueberdies ſchickte ich ihr Pflanzen aus meinem Garten und bat, ſie möchte dieſelben, wenn ſie auch nicht ſo ſchön wären, als die ihrigen, doch annehmen, und ihnen bei ſich einen Platz anweiſen. Auch bat ich, daß ſie jeden Herbſt eine Zuſammenſtellung von Hiacinthenzwiebeln von mir annehme. An Alfred ließ ich ebenfalls eine Sendung kleiner Landwirthſchaftsdinge nebſt einem guten Chronometer abgehen. Alle Sachen wurden von mir eigenhändig in eine Kiſte gepackt und auf den Weg gegeben. Sie kamen ſehr gut an; denn nach ein Paar Wochen bekam ich ein Schreiben, daß die glückliche Ankunft und den außerordentlichſten Dank ausſprach. Das Schreiben beſtand aus fünf Briefen, deren vier aus Rikar's Hauſe und der fünfte von Alfred waren. Jeder freute mich herz⸗ lich; denn jedes ſprach in demſelben ſeine wahrſten freundſchaftlichſten Geſinnungen aus. Ich legte die Briefe von den fünf liebſten Menſchen, die ich jetzt auf der Erde hatte, zu meinen Koſtbarkeiten in einen Schrein. Koſtbarkeiten find bei mir Dinge, die mir in irgend einer Beziechung zu einem Menſchen lieb geworden ſind. Ein Winter kam und verging. Ein Sommer kam und verging. Ein neuer Winter kam und verging auch. Als der Frühling angebrochen war, wurde es mir wie den Zugvögeln. Ich that die nothwendigen Anord⸗ nungen in meiner Beſitzung, ſagte, daß ich eine Weile aus ſein würde, ſetzte mich in einen Wagen, und fuhr fort. Ich fuhr auf dem geradeſten Wege nach Riva. Als ich dort angekommen war, ging ich in das Häuschen Gerardo's. „Da ſeid Ihr ja wieder,“ rief er, als er mich anſichtig wurde. „Ja,“ ſagte ich,„ich bin doch nicht auf immer von Riva fort ge⸗ gangen, ſondern ich bin wieder gekommen, und will ſogar wieder in die⸗ ſelben Berge gehen, in denen ich vor zwei Jahren geweſen war, und Du mußt mich über den See fahren.“ „Hat es Euch dort ſo gefallen?“ fragte er, indem er mich anſah. Bei der Anfrage dieſes natürlichen Menſchen war es mir, als durch⸗ ſchaue er mich, und ich erröthete. „Heute müßt Ihr aber auch in unſer Haus herein gehen,“ ſagte er. Er führte mich in das Häuschen, in welchem ich die Schweſter fand. Wirklich war es ſo, wie mir ein Inſtinkt geſagt hatte. Die zwei Menſchen wohnten allein in dem Häuschen, das Häuschen war ſehr rein, und ſie waren ſehr glücklich. Ob ſie auch ſinge, konnte ich nicht heraus bringen, ſie läugnete es, aber ihre Stimme war ſo biegſam, ſo aus⸗ gebildet, daß ich es mir nicht anders erklären konnte, als ſie müſſe öfters und zwar viel ſingen. Beide waren noch ſehr jung, ſie aber viel jünger als Gerardv. Er wachte eiferſüchtig über ſie, wie über eine Geliebte. Sie zeigte mir den Dukaten, den ſie vor zwei Jahren von mir empfangen hatte. Als wir verabredet hatten, daß er mich morgen vor Tagesanbruch abholen ſolle, ging ich fort. Da noch die Sterne an dem Himmel ſtanden, kam er, und wir fuh⸗ ren in das finſtere Waſſer hinaus. Ich hatte ihm geſagt, daß er mich in gerader Richtung zu dem Höllwäſſerlein hinüber fahren ſollte; denn ich — 300— hatte meinen Willen darauf geſetzt, genau denſelben Weg zu gehen, den ich vor zwei Jahren gegangen war. Als der Morgen herauf gekommen war, als die Sonne ſich über die Berge erhoben hatte, und ihr Licht über die wunderſchöne Oede dieſer Landſchaft ausgegoſſen hatte, kamen wir an dem Geröllſtrome und an dem Höllwäſſerlein an. Dieſes Mal waren weder die Fiſcher noch der Ziegenknabe anweſend, ſondern die Gegend war völlig menſchenleer. Ich gab Gerardo ſeinen Lohn, hieß ihn zurückfahren, und ſtieg gegen die Schlucht empor. Ich ſprach auch ein wenig bei dem alten Hie⸗ ronimus ein, und plauderte ein Weilchen mit ihm. Dann ging ich den Felſenweg bis zu dem ſchwarzen Steine, an dem dieſes Mal auch Nie⸗ mand ſaß. Als ich in das Seitenthal einbiegend die grünen Bäume ſah, und aus ihnen das weiße Haus Rikar's hervor ſchimmerte, klopfte mir das Herz, und ich verdoppelte die Schritte. Da ich näher kam, hatte ich eine Ueberraſchung: alle großen Steine waren aus den Gemüſebeeten fort, und jenſeits des Hauſes bis zu dem Rauche hin, wo die Erden ge⸗ brannt werden, wogte eine luſtige junge und ſehr grüne Saat. Ich ging durch den Garten, und als ich mich dem Hauſe näherte, ſprang Maria in ihren kurzen Kleidern und mit dem Strohhute auf dem Haupte die Stufen von der Halle herab, und grüßte mich. Hatte ſie mich nun kommen geſehen, oder war ſie eben zufällig im Begriffe, heraus zu gehen. „Seien Sie gegrüßt,“ rief ſie,„ſeien Sie gegrüßt, das iſt ſehr ſchön, daß Sie kommen.“ Sie faßte mich an der Hand, und führte mich in das Haus. „Kommen Sie, kommen Sie,“ ſagte ſie. Sie führte mich die Treppe empor, ſie führte mich an ihren und an des Vaters Zimmern vorbei, und gerade auf die der Mutter und Camil⸗ la's zu. Als wir eingetreten waren, als wir das Vorzimmer zurückgelegt hatten, und ſie die Thür in das erſte Zimmer öffnete, rief ſie:„Vater, Mutter, wen bringe ich da?!“ Die Mutter kam uns aus dem nächſten Zimmer entgegen, und der Vater ſchritt aus einem weiteren heraus. „Ach, das iſt ſchön, das iſt ſchön!“ riefen ſie faſt gleichzeitig. Die Mutter reichte mir die Hand, der Vater umarmte mich und drückte mir wiederholt die Hände. Es war von beiden Seiten eine große unverholene Freude, und ich entzückte mich an der Wärme des Empfanges. „Kommt herein, kommt herein,“ ſagte die Mutter. Sie führten mich in eine Aut Geſellſchaftszimmer, das früher nicht ſo geweſen war, und an das die Zimmer Camilla's ſtießen. Aber bei der offenen Thür hinein ſehend, ſah ich nicht die Geigengeräthe und die Ein⸗ richtung Camilla's, ſondern Rikar's Tiſch, ſein Sopha, und aus dem ferneren Zimmer heraus blickend ſein Bett, wie er Alles früher in dem Gemache gehabt hatte, in dem ich bei meiner erſten Ankunft mit ihm zu Abend gegeſſen hatte. Als wir uns niedergeſetzt hatten, und ſie mein Befremden bemerkten, ſagte die Mutter:„NRicht wahr, da haben ſich Veränderungen begeben, und Ihr vermißt etwas? Camilla hat uns ver⸗ laſſen, ſie iſt jetzt unſere Nachbarin auf dem Gute Alfred's, und iſt mit allen ihren Sachen dahin gezogen. Rikar iſt zu mir gekommen, und ſo leben wir jetzt in unſerem Alter wieder in gegenſeitigem Beiſtande, wie wir in der Jugend gelebt hatten.“ Als ich meinen Beifall zu dieſer Veränderung ausgeſprochen hatte, ſagte ſie:„Ja, es hat ſich bei uns Vieles und ſehr zum Guten geändert. Die jungen Eheleute leben ſehr glücklich— wir müſſen ſie einmal be⸗ ſuchen— und auch bei uns haben ſich ſehr angenehme und ſehr zweck⸗ mäßige Veränderungen ergeben.“ Nachdem ſie mir noch vielfach ihre Freude ausgedrückt hatten, daß ich gekommen ſei, nachdem wir von verſchiedenen Dingen, namentlich von unſeren Erlebniſſen während der zwei Jahre geſprochen hatten, und die Mutter noch Manches von den jungen Leuten erzählt hatte, führte mich Rikar in ſein Schreibzimmer, und zeigte mir die zwei Wouvermann, die er dort aufgehängt hatte. Ueber dem Schreibtiſche hing ein kleines Bildniß von Guido, das ihm Maria zum Geburtstage gegeben hatte. Die Mutter zeigte mir meine Bände auf dem Ehrenplatze in ihter Bücher⸗ ſammlung. Als wir in den Garten hinunter gegangen waren, und ich Alles, was in der Zeit geſchehen war, beſah, führte mich Maria zu dem Platze, wo meine Blumen ſtanden. Sie waren in dem vortrefflichſten Zuſtande. Die Hiacinthen waren längſt verblüht, aber ſie ſtanden allein in einem eigenen Beete beiſammen. Am andern Tage führte mich Maria zu ihren neuen Feldern hinaus. — 302— Als wir ſo an der ſchönen Saat dahin gingen, ſagte ſie ſanft:„Er hat mich errathen und hat mich belohnt. Sie leben ſehr glücklich. Sie gab ihr ganzes zärtliches Herz hin, und liebt ihn unermeßlich. Er liebt ſie auch, und ſchont und ehrt und achtet ſie. Ich habe es gewußt, daß Alfred ſo handeln werde. Er horcht auf ihre ſchönen Töne, wenn ſie ihr Gefühl ausſpricht, und ſie wird bei ihm tüchtiger thätiger und an den Wirthſchaftsſorgen theilnahmsvoller. Sie werden ſehen, wenn wir hinab kommen, wie geſund ſie iſt. Sie ahnt von dem Zuſammenhange nichts. Auch hier Oben weiß man nichts, wenn es nicht etwa der Vater iſt, der Alles erkennt.“ Maria hatte keinen Reid, als ſie dieſes ſprach, ſondern die reinſte Freude ſtrahlte aus ihren Augen. „Ich habe mir hier etwas anderes zuſammengerichtet,“ ſagte ſie leiſe,„ſehen Sie, da iſt Weizen, da iſt Gerſte, da iſt Korn.“ Bei dieſen Worten führte ſie mich auch gegen ein kleines gemauertes Gebäude, das an einen Gartenſchoppen angebaut war. In dem Gebäude ſtanden zwei jener ſchönen glatten Gebirgsochſen, wie man ſie in der Ge⸗ gend zuweilen trifft. „Ich habe ſie mir angeſchafft, daß ſie meine Feldarbeit verrichten,“ ſagte ſie. Von dem Neubruche der Felder gingen wir in die Hallthäler, wo ſie mir eine kleine Alpenwirthſchaft zeigte, die ſie auf den grünen Matten im Schutze der Felſen angelegt hatte. Dann gingen wir wieder zurück. Wir waren ganz allein gegangen. Sie ging freundlich neben mir, bückte ſich manchmal um eine Blume, ſprach mit mir, oder grüßte lieb⸗ reich einen Mann aus ihren Leuten, der uns begegnete. Man ſah dem Manne die Freude an, und wie er das Mädchen liebte und achtete. Am nächſten Tage gingen wir Alle zu Alfred. Mit einem wahren Sturme von Freude wurden wir empfangen. Camilla konnte mir nicht genug ſagen, wie es ſie freue, daß ich da ſei. Ich aber gerieth faſt in ein Erſtaunen, wie ſie ſich geändert hatte. Eine volle klare Geſtalt ſtand vor mir, die Wangen waren dunkler, die Augen glänzender. Mit einer lieben Geſchäftigkeit ordnete ſie die Dinge des Hauſes an, die unſere Ankunft nothwendig gemacht hatte. Im Triumphe zeigte ſie mir meine Geige, die ſie bei den andern in ihrem Fache aufbewahrt hatte. Unaufgefordert ſpielte ſie etwas Heiteres und Kräftiges auf dieſen Saiten. Alfred behan⸗ delte ſie ſehr zart, und man ſah, er hegte und pflegte ſie in ſeinem Herzen. Wir blieben außer Maria, die zurück mußte, zwei Tage auf dem Gehöfte, und wurden mit Freude und Bewirthung überhäuft. Auch Alfred und Camilla kamen ſpäter zu uns auf das Haidehaus, und blieben zwei Tage. Als die Zeit, die ich mir bei Rikar beſtimmt hatte, vorüber war, als wir Alles geredet hatten, was zu reden war, nahm ich Abſchied. Der Abſchied war ſehr herzlich, und man trug mir auf, recht bald wieder zu kommen. „Leben Sie wohl, lieber theurer Mann,“ ſagte Maria,„und kom⸗ men Sie ſehr bald wieder.“ Ich hatte mir dieſes Mal den Weg über Sanct Guſtav gewählt, und von da nach Riva, und in der kürzeſten Linie nach Treuluſt zurück. Zu Maria hatte ich nicht das Leiſeſte— nicht das Leiſeſte geſagt. Wie ſollte ich auch? Dieſes Mädchen ſteht ſo feſt auf dem irdiſchen Bo⸗ den, und ſein Herz ragt doch ſo ſchön und zart in den höchſten Himmel hinein. Ich trage ihr Bild heiß— heiß in meinem Herzen. Aber was kann ſie mir ſein? Sie iſt gut, freundlich und lieb gegen mich, aber ſie hat, wenn auch ohne Wunſch und Begehr, ein anderes Bild in ſich. Ich werde nie mehr zu Rikar gehen. Der Zufall, der immer eine ſolche Rolle in meinem Leben geſpielt hat, hatte mich in dieſes Haus geführt, um mir zu zeigen, welch' ein Glück es für mich gäbe, und um es mir auf immer zu nehmen. Ich hatte gar nie gewußt, daß ein ſolches Mädchen auf der Erde möglich iſt. Wie wäre es ſchön, wenn ſie um mich waltete, wenn ſie wirthſchaftete, ſchaffte, mich mit dem klaren, einfachen, heiteren Verſtande umgäbe, immer und zu jeder Friſt freundlich, offen und gut wäre, und in dem edlen ſtarken Herzen mich mit der tieſſten heißeſten Gattenliebe trüge. Wie wollte ich in dem jetzt einſamen Treuluſt walten, oder wie gerne wollte ich auch in dem ſtillen Alpenthale bei ihr ſein, und dort mit ihr wirken und ſchaffen.— Ich ſollte nur erkennen, was einzig ſchön und göttlich iſt, um es dann auf ewig ferne zu haben. Ruchwort. Der Zufall, von dem mein Freund behauptet, daß er ſo wichtig in ſein Leben hinein ſpiele, hat ihn diesmal gut gebettet. Nie hat es zwei Menſchen gegeben, die beſſer für einander taugen, als er und Maria. Darum wird er ſein Vorhaben nicht halten. Er wird und muß wieder nach Riva und in das Haidehaus gehen. Maria wird allgemach und unvermerkt ſeine Gattin werden, ſie werden mit einander leben, eine Schaar blühender Kinder wird ſie umgeben, und ſie werden ein feſtes, reines, ſchönes Glück genießen. Dies iſt ſo wahr, als die Sonne im Oſten auf⸗ und im Weſten untergeht, und als ſie noch viele Jahre auf⸗ und untergehen wird. Der beſchriebene Cännling. 1845. Stifter. 4. Aufl. III. 12 Der graue Strauch. Wn man die Karte des Herzogthumes Krumau anſieht, welches im ſüdlichen Böhmen liegt, ſo findet man in den dunkeln Stellen, welche die großen Wälder zwiſchen Böhmen und Baiern bedeuten, allerlei ſelt⸗ ſame und wunderliche Namen eingeſchrieben; zum Beiſpiele:„zum Hochficht“,„zum ſchwarzen Stocke“,„zur tiefen Lake“,„zur kalten Mol⸗ dau“ und dergleichen. Dieſe Namen bezeichnen aber nicht Ortſchaften oder gar Herbergen, die ſolche Schilder führen, ſondern ganz einfache Waldesſtellen, die hervorgehoben ſind, um gewiſſe Linien und Rich⸗ tungen anzugeben, nach denen man in den weiten Forſten ohne Weg oder anderes Merkmal gehen könnte. Die Namen ſind von denjenigen Leuten erfunden worden, welche am meiſten ohne Weg und Bezeichnung im Walde zu gehen pflegen, nämlich von Jägern und Schleichhändlern. Wie aber ſinnliche Menſchen, das heißt ſolche, deren Kräfte vorzugsweiſe auf die Anſchauung gerichtet ſein müſſen, ſchnell die bezeichnenden Ei⸗ genſchaften der Dinge finden, ſind auch dieſe Namen meiſtens von ſehr augenfälligen Gegenſtänden der Stellen genommen. So heißt es auch in einem großen Flecke, der auf der Seite des böhmiſchen Landes liegt,„zum beſchriebenen Tännling.“ Einen Tänn⸗ ling nennt man aber in der Gegend eine junge Tanne, die jedoch nicht größer ſein darf, als daß ſie noch ein Mann zu unfaſſen im Stande iſt. Wenn nun ein Wanderer wirklich zu der Stelle geht, auf welcher es zum beſchriebenen Tännling heißt, ſo ſieht er dort allerdings eine Tanne ſtehen, aber dieſelbe iſt kein Tännling mehr, ſondern ein rieſenhaft gro⸗ W — 308— ßer und ſehr alter Baum, der gewaltige Aeſte, eine rauhe aufgeworfene Rinde, und mächtige in die Erde eingreifende Wurzeln hat. An ſeinem Fuße liegen mehrere regelmäßige Steine, die wohl zufällig dort liegen mögen, die aber wie zum Sitzen hingelegt ſcheinen. Den Namen be⸗ ſchrieben mag die Tanne von den vielen Herzen, Kreuzen, Namen und andern Zeichen erhalten haben, die in ihrem Stamme eingegraben ſind. Natürlich iſt ſie einmal ein Tännling geweſen, die Steine, an denen ſie ſtand, mochten zum Sitzen eingeladen, und es mochte einmal einer ſei⸗ nen Namen oder ſonſt etwas in die feine Rinde eingeſchnitten haben. Die verharſchenden Zeichen haben einen Andern angereizt, etwas dazu zu ſchneiden, und ſo iſt es fortgegangen, und ſo iſt der Name und die Sitte geblieben. Der beſchriebene Tännling ſteht mitten in dem ſtillen Walde, und die andern Tannen ſtehen tauſendfach und unzählig um ihn herum. Oft mögen ſie noch größer und mächtiger ſein, als er. Der Wald, dem ſie angehören, iſt ein Theil jener dunkelnden großen und ſtarken Wal⸗ dungen, die über den ganzen emporgehobenen Landſtrich gebreitet ſind, der ſich zwiſchen Böhmen und Baiern dahin zieht. In dieſen Waldungen iſt auch da, wo ſie ſich gegen das öſterreichi⸗ ſche Land hinziehen, ein helles lichtes Thal geöffnet, von dem wir an der zweiten Stelle unſerer Geſchichte nach dem beſchriebenen Tännling reden müſſen, weil ſich in ihm ein großer Theil von dem, was wir erzählen wollen, zugetragen hat. Das Thal iſt ſanft und breit, es iſt von Oſten gegen Weſten in das Waldland hinein geſchnitten, und iſt faſt ganz von Bäumen entblößt, weil man, da man die Wälder ausrottete, viel von dem Ueberfluſſe der Bäume zu leiden hatte, und von dem Grundſatze ausging, je weniger Bäume überblieben, deſto beſſer ſei es In der Mitte des Thales iſt der Marktflecken Oberplan, der ſeine Wieſen und Felder um ſich hat, in nicht großer Ferne auf die Waſſer der Moldau ſieht, und in größerer mehrere herumgeſtreute Dörfer hat. Das Thal iſt ſelber wieder nicht eben, ſondern hat größere und kleinere Erhöhungen. Die bedeutendſte iſt der Kreuzberg, der ſich gleich hinter Oberplan erhebt, von dem Walde, mit dem er einſtens bedeckt war, entblößt iſt, und ſei⸗ nen Namen von dem blutrothen Krenze hat, das auf ſeinem Gipfel ſteht. Von ihm aus überſieht man das ganze Thal. Wenn man neben dem rothen Kreuze ſteht, ſo hat man unter ſich die grauen Dächer von Ober⸗ plan, dann deſſen Felder und Wieſen, dann die glänzende Schlange der — 309— Moldau und die obbeſagten Dörfer. Sonſt ſieht man von dem Kreuz⸗ berge aus nichts; denn ringsum ſchließen den Blick die umgebenden blaulichen dämmernden Bänder des böhmiſchen Waldes. Nur da, wo das Band am dünnſten iſt, ſieht man doch manchmal auch noch etwas anderes. Wenn an einem Morgen Regen bevorſteht, und die Luft ſo klar iſt, daß man die Dinge in keinem färbenden Dufte, ſondern in ihrer einfachen Natürlichkeit ſieht, ſo erblickt man zuweilen im Südoſt über der ſchmalſten Waldlinie die noriſchen Alpen, ſo weit und märchenhaft draußen ſchwebend, wie mattblaue ſtarr gewordene Wolken. Gewöhn⸗ lich überzieht ſich an ſolchen Tagen gegen Mittag hin der ganze über dem Waldlande ſtehende Himmel mit einer ſtahlgrauen Wolkendecke, und läßt nur über den Alpen einen glänzenden Strich, zum Zeichen, daß in dem niedriger gelegenen Oeſterreich noch heiterer Sonnenſchein herrſcht. Am andern Tage rieſelt dann der feine dichte Regen nieder, und verhüllt nicht nur die Alpen, ſondern auch die umgebenden blauen Bänder des Waldes. Aber nicht blos wegen ſeiner Ausſicht kömmt der Kreuzberg in Be⸗ tracht, ſondern es ſind auch noch mehrere Dinge auf ihm, die ihn den Oberplanern bedeutſam und merkwürdig machen. An einer Stelle ſtehen Felſen hervor, auf die man einerſeits eben von dem Raſen hinzu gehen kann, und die andererſeits tief und ſteil abfallen, faſt viereckige Säulen bilden und am Fuße viele kleine Steine haben. Es iſt einmal eine Bäuerin geweſen, die wegen ihrer außer⸗ ordentlichen Schönheit berühmt war. Sie trug immer die Milch, die ſie den fernen Arbeitern auf einer Wieſe zur Labung brachte, über den Kreuzberg. Weil ſie aber den Worten eines Geiſtes kein Gehör gab, wurde ſie von ihm auf ewige Zeiten verflucht, oder wie ſich die Bewoh⸗ ner der Gegend ausdrücken, verwunſchen, daß an ihrer Stelle die ſelt⸗ ſamen Felſen hervor ſtehen, die noch jetzt den Namen Milchbäuerin füh⸗ ren. Die Säulen der Milchbäuerin ſind durch feine aber deutlich unter⸗ ſcheidbare Spalten geſchieden. Einige ſind höher, andere niederer. Sie ſind alle von oben ſo glatt und eben abgeſchnitten, daß man auf den niederern ſitzen und ſich an die höhern anlehnen kann. In der ſonnigen Tiefe unter der Milchbäuerin ſind die Pflanzbeete der Oberplaner, das iſt, aufgelockerte Erdſtellen, in denen ſie im erſten Frühlinge die Pflänz⸗ chen des Weißkohles ziehen, um ſie ſpäter auf die gehörigen Aecker zu verpflanzen. Warum die Leute dieſe von ihren Wohnungen ſo entlegene — 310— Stelle wählen, iſt unbekannt, nur iſt es ſeit Jahrhunderten ſo geweſen; befindet ſich etwas eigenthümliches in der Erde, oder iſt es nur die warme Lage des Bodens, der ſich gegen Mittag hinabzieht, oder iſt es die Ab⸗ härtung, welche die Pflänzchen auf dem ſteinigen Grunde erhalten: genug, die Leute ſagen, ſie gedeihen von keiner Stelle weg ſo gut auf den Feldern, wie von dieſer, und Verſuche, die man unten in Gärten ge⸗ macht hat, fielen ſchlecht aus, und die Setzlinge verkamen nachher auf den Aeckern.„ Nahe an der Milchbäuerin ſtehen zwei Häuschen auf dem Raſen. Sie ſind rund, ſchneeweiß, und haben zwei runde ſpitzige Schindeldächer. Sie haben keine Fenſter und Simſe, ſondern nur eine kleine Thür. Wenn man bei dieſer Thür hinein ſchaut, ſo ſieht man keinen Fußboden, ſondern unten, durch den Kreis der Ummauerung eingefangen, ein ruhi⸗ ges klares Waſſer, das den Sand und den Kies ſeines Grundes ſo deut⸗ lich herauf ſchimmern läßt, wie durch feines geſchliffenes Glas. Auf jedem der zwei Waſſerſpiegel ſchwimmt ein kleiner hölzerner Kübel, der einen langen Stiel hat, welcher bei der Thür heraus ragt, daß man ihn faſſen und ſich Waſſer herauf ſchöpfen kann. Zwiſchen den zwei Häus⸗ chen ſteht eine ſehr alte und ſehr große Linde. Ihr Stamm iſt ſo mäch⸗ tig, daß eine kleine Wohnung darin Platz hätte, und ihre mannsdicken Aeſte gehen weit über die zwei ſpitzigen Schindeldächer hinaus. Wieder nicht weit von dem Häuschen, ſo daß man etwa mit zwei Steinwürfen hinreichen könnte, ſteht ein Kirchlein. Es iſt das Gnaden⸗ kirchlein der ſchmerzhaften Mutter Gottes zum guten Waſſer, weil ein Bildniß der heiligen Jungfrau mit den Schwertern des Schmerzes im Herzen auf dem Hochaltare ſteht. Zwiſchen Oberplan und dem Kirchlein iſt ein junger Weg mit jungen Bäumen an den Seiten, ſo wie von dem Kirchlein zu den Brunnenhäuschen ein breiter Sandweg mit alten ſchat⸗ tigen Linden iſt. Außer den drei Dingen, der Milchbäuerin, den Brunnenhäuschen und dem Kirchlein, iſt noch ein viertes, das die Aufmerkſamkeit auf ſich zieht. Es iſt ein alter Weg, der ein wenig unterhalb des Kirchleins ein Stück durch den Raſen dahin geht, und dann aufhört, ohne zu etwas zu führen. Er iſt von alten gehauenen Steinen gebaut, und an ſeinen Seiten ſtehen alte Linden; aber die Steine ſind ſchon eingeſunken und an manchen Stellen in Unordnung gerathen; die Bäume jedoch, obwohl ſie ſchon manchen dürren Aſt zum Himmel ſtrecken, haben noch ſo viel Lebenskraft bewahrt, daß ſie alle Jahre im Herbſte eine ganze Wucht von gelben Blättern auf die verwitternden und verkommenden Steine zu ihren Füßen fallen laſſen. Wenn man das Kreuz auf dem Gipfel ausnimmt, ſo iſt nun nichts mehr auf dem Berge, das Merkwürdigkeit anſprechen könnte. Die oben⸗ erwähnten Bäume ſind die einzigen, die der Berg hat, ſo wie der Felſen der Milchbäuerin der einzige bedeutende iſt. Von Oberplan bis zu dem Kirchlein iſt der Berg mit feinem dichten Raſen bedeckt, der wie geſchoren ausſieht, und an manchen Stellen den Granit und den ſteinigen Gries des Grundes hervor ſchauen läßt. Von dem Kirchlein bis zu dem Gipfel und von da nach Oſt, Nord und Weſt hinunter ſtehen dichte rauhe knor⸗ rige aber einzelne Wachholderſtauden, zwiſchen denen wieder der obge⸗ nannte Raſen iſt, aber auch manches größere und gewaltigere Stück des verwitternden Granitſteines hervorragt. Von der Entſtehung des Kirchleins und der Brunnenhäuschen gibt eine alte Erzählung folgende Aufklärung: In dem Hauſe zu Oberplan, auf welchem es zum Sommer heißt, und welches ſchon zu denjenigen gehört, die ſehr nahe an dem Berge ſind, ſo daß Schoppen und Scheune ſchon manchmal in denſelben hinein gehen, träumte einem Blinden drei Rächte hintereinander, daß er auf den Berg gehen und dort graben ſolle. Es träumte ihm, daß er dreieckige Steine finden würde, dort ſolle er graben, es würde Waſſer kommen, mit dem ſolle er ſich die Augen waſchen, und er würde ſehen. Am Morgen nach der dritten Nacht nahm er eine Haue, ohne daß er Jemanden etwas ſagte, und ging auf den Berg. Er fand die dreieckigen Steine und grub. Als er eine Weile gegraben hatte, hörte er es rauſchen, wie wenn Waſſer käme, und da er genauer hin horchte, vernahm er das feine Gerieſel. Er legte alſo die Haue weg, tauchte die Hand in das Waſſer, und fuhr ſich damit über die Stirne und über die Augen. Als er die Hand weg gethan hatte, ſah er. Er ſah nicht nur ſeinen Arm und die daliegende Haue, ſondern er ſah auch die ganze Gegend, auf welche die Sonne recht ſchön hernieder ſchien, den grünen Raſen, die grauen Steine und die Wachholder⸗ büſche. Aber auch etwas anderes ſah er, worüber er in einen fürchter⸗ lichen Schrecken gerieth. Dicht vor ihm mitten in dem Waſſer ſaß ein Gnadenbild der ſchmerzhaften Mutter Gottes. Das Bildniß hatte einen — 312— lichten Schein um das Haupt, es hatte den todten gekreuzigten Sohn auf dem Schoße und ſieben Schwerter in dem Herzen. Er trat auf dem Raſen zurück, fiel auf ſeine Knie und betete zu Gott. Als er eine Weile gebetet hatte, ſtand er auf, und rührte das Bild an. Er nahm es aus dem Waſſer, und ſetzte es neben dem größten der dreieckigen Steine auf den Raſen in die Sonne. Dann betete er noch einmal, blieb lange auf dem Berge, ging endlich nach Hauſe, breitete die Sache unter den Leuten aus, und blieb ſehend bis an das Ende ſeines Lebens. Noch an demſel⸗ ben Tage gingen mehrere Menſchen auf den Berg, um an dem Bilde zu beten; ſpäter kamen auch andere; und da noch mehrere Wunder ge⸗ ſchahen, beſonders an armen und gebrechlichen Leuten, ſo baute man ein Dächelchen über das Bild, daß es nicht von dem Wetter und der Sonne zu leiden hätte. Man weiß nicht, wann ſich das begeben hatte, aber es muß in ſehr alten Zeiten geweſen ſein. Eben ſo weiß man nicht, was ſpäter mit dem Bilde geſchehen ſei, und aus welcher Urſache es einmal in dem Laufe der Zeiten nach dem Marktflecken Untermoldau geliehen worden iſt: aber das iſt gewiß, daß der Hagelſchlag ſieben Jahre hintereinander die Felder von Oberplan verwüſtete. Da kam das Volk auf den Gedan⸗ ken, daß man das Bild wieder holen müſſe, und ein Mann aus dem Chriſtelhauſe, das auf der kurzen Zeile ſteht, trug es auf ſeinem Rücken von Untermoldau nach Oberplan. Der Hagelſchlag hörte auf, und man baute für das Bild eine ſehr ſchöne Kapelle aus Holz, und ſtrich dieſelbe mit rother Farbe an. Man baute die Kapelle an das Waſſer des Blin⸗ den, und ſetzte hinter ihr eine Linde. Auch fing man einen breiten Pflaſterweg mit Linden von der Kapelle bis nach Oberplan hinab zu bauen an, allein der Weg iſt in ſpäteren Zeiten nicht fertig geworden. Nach vielen Jahren war einmal ein ſehr frommer Pfarrer in Oberplan, und da ſich die Kreuzfahrer zu dem Bilde ſtets mehrten, ja ſogar andäch⸗ tige Schaaren über den finſtern Wald aus Baiern herüber kamen, ſo machte er den Vorſchlag, daß man ein Kirchlein bauen ſolle. Das Kirch⸗ lein wurde auf einem etwas höheren und tauglicheren Orte erbaut, und man brachte das Bild in einer frommen Pilgerfahrt in dasſelbe hinüber, nachdem man es vorher mit zierlichen und ſchönen Gewändern angethan hatte. Die rothe Kapelle wurde weggeräumt, und über dem Waſſer des Blinden, das ſich ſeither in zwei Quellen geſpalten hatte, wurden die zwei Brunnenhäuschen gebaut. Dadurch geſchah es, daß die Linde, die * — hinter der Kapelle geſtanden war, nun zwiſchen den Brunnenhäuschen ſteht, und dadurch geſchah es, daß der Pflaſterweg, der früher zur Ka⸗ pelle hätte führen ſollen und unvollendet geblieben war, nun ohne Ziel und Zweck in dem Raſen liegt. Ein Nachfolger des Pfarrers ließ den jungen Weg von Oberplan zu dem Kirchlein machen, pflanzte die jungen Bäume an ſeine Seiten, und ließ von den Schulkindern die kleinen Steine von ihm weg leſen, die ſich aus Zufall dort eingefunden hatten. Das Kirchlein iſt das nämliche, das noch heut zu Tage ſteht. Das Thürmchen mit den hellklingenden Glocken ſteht gegen Sonnenaufgang, die Mauern ſind weiß, nur daß ſie an den Simſen und Fenſtern hoch⸗ gelbe Streifen haben, die langen Fenſter ſchauen alle gegen Mittag, daß eine freundliche Helle iſt, und an ſchönen Tagen ſich der Sonnenſchein über die Kirchſtühle legt. Das Gnadenbild befindet ſich auf dem Hoch⸗ altare, ſo daß, wenn am Morgen die Sonne aufgeht, ein lichter Schein um ſein Haupt iſt, wie einſtens im Waſſer, da es ſich dem Blinden ent⸗ deckte. Manche Menſchen haben Koſtbarkeiten und andere Dinge in das Kirchlein geſpendet. Wie ſehr es gehegt und gepflegt werde, hängt jedesmal von dem Pfarrer in Oberplan ab. Jttzt iſt immer, wenn nicht gar ſchlechtes Wetter iſt, die zweite Meſſe vben, und immer finden ſich Andächtige ein, die ihr beiwohnen. Selbſt in der heißen Erntezeit, wo Alles auf den Feldern iſt, ſitzen wenigſtens einige Mütterlein da, und beten zu dem wunderthätigen Bilde. Die Bewohner der Gegend verehren das Kirchlein ſehr, und Mancher, wenn er in den fernen Wäldern geht und durch einen ungefähren Durchſchlag derſelben das weiße Gebäude auf vem Berge ſieht, macht ein Kreuz, und thut ein kurzes Gebet. Wann das Kreuz auf dem Gipfel geſetzt worden iſt, ob es ſammt dem Namen des Berges ſchon vor dem Kirchlein vorhanden geweſen, oder erſt ſpäter entſtanden iſt, weiß kein Bewohner von Oberplan oder von den umliegenden Ortſchaften anzugeben. Die Oberplaner gehen ſehr gerne auf den Berg, beſonders an Sonntagnachmittagen, wenn es Sommer und ſchön iſt. Sie gehen in das Kirchlein, gehen unter den Wachholderſtauden herum, gehen zu dem rothen Kreuze und zu den zwei Brunnenhäuschen. Da koſten ſie von dem Waſſer, und waſchen ſich ein wenig die Stirne und die Augenlider. Die Kinder gehen wohl auch an andern Tagen hinauf, um unter den Wachholderſträuchen geſtreifte Schneckenhäuſer zu ſuchen. Rachdem wir nun den Schauplatz beſchrieben haben, gehen wir zu dem über, was ſich dort zugetragen hat. Wenn man von dem rothen Kreuze über den Berg nach Weſten hin⸗ abgeht, ſo daß die Häuſer von Oberplan vor den Augen verſinken, ſo geht man Anfangs zwiſchen den dichten Wachholderſtauden, dann be⸗ ginnt feiner Raſen, und dann ſtehen zuerſt dünne und dann dichter ein⸗ zelne Föhrenſtämme, welche die Pichlerner Weide heißen, weil einſtens das Vieh zwiſchen ihnen herum ging und weidete. Wenn man aber aus den Föhrenſtämmen hinaus getreten iſt, ſo ſteht ein weißes Häuschen. Nicht weit davon, etwa zwei Büchſenſchüſſe, beginnen Felder und Wie⸗ ſen, in denen das Dorf Pichlern liegt, durch das ein ſchöner Bach der Moldau zufließt. Das weiße Häuschen iſt vor vielen Jahren von den Beſitzern der Schwarzmühle zu Pichlern zu dem Zwecke erbaut worden, daß es allemal einem alten Dienſtboten, der lange und treu in der Schwarzmühle gedient hatte, als Wohnung gegeben werde. Wenn auch das Häuschen einſam am Rande der Weide liegt, ſo liegt es doch, wie es für das Alter nöthig iſt, gegen die Sonne gekehrt, und iſt durch die Bäume vor den Winden geſchützt. Zur Zeit, als das Kirchlein auf dem Berge ſchon ſtand, als es aber noch ſo früh war, daß eben die Tage unſerer Großeltern im Anbrechen waren, lebte in dem weißen Häuschen eine Frau, die zwar kein Dienſt⸗ bote in der Schwarzmühle geweſen war, der man aber doch aus Mild⸗ thätigkeit das Häuschen eingeräumt hatte, weil eben kein geeigneter Dienſtbote vorhanden geweſen war. Die Frau hatte nur eine Ziege, welche in dem Ställchen des Häuschens angebunden war. Sie ſelber hatte das Stübchen daneben. Das Winterholz, welches aus lauter dün⸗ nen Stäben beſtand, die ſich die Frau im Walde geſammelt hatte, war um das Häuschen aufgeſchlichtet, ſo daß nur die Fenſter durch kleine Oeffnungen heraus ſchauten, und das Dach auf dem Holze aufzuliegen ſchien. Wenn ſehr ſchönes Wetter herrſchte, ging ſie gerne mit ihrer Ziege an den Zäunen gegen den Kramwiesbach hinaus, und ließ ſie die ver⸗ ſchiedenen Blätter von den Geſträuchen des Zaunes freſſen, oder ſie war häufig auf dem Kreuzberge, wo ſie zwiſchen den Steinen und den Wach⸗ holdergeſträuchen die ſchlechten Blätter ausrauſte, oder die blauen Beeren in ihre Schürze ſammelte. Manchmal kniete ſie auch an dem rothen Kreuze und betete, oder ſie ſaß auf den flachen Steinen vor demſelben, und die Ziege ſtand vor ihr. Dieſe Frau hatte ein Kind. Das Kind war ein Mädchen, und war ſo außerordentlich ſchön, daß man ſich kaum etwas Schöneres auf Erden zu denken vermag. Aber wenige Menſchen bekamen das Kind zu ſehen; denn es war immer in dem Stübchen, und wenn die Frau auf längere Zeit fortging, ſperrte ſie dasſelbe ein. Sie nährte es von der Milch der Ziege, von dem Mehle, das ihr der Schwarzmüller oder andere gaben, und von manchem Haupte Kohl oder Gemüſe, das ihr die Leute auf Rai⸗ nen oder auf Aeckern auszuſetzen erlaubten. Als das Kind größer geworden war, er chien es wohl auch bei den Spielen der Kinder auf dem Platze zu Pichletn, allein es ſtand nur immer da, und ſah zu, entweder weil es nicht mitſpielen durfte, oder weil es nicht mitſpielen wollte. Gegen Abend ging es allein unter den Föhren⸗ ſtämmen herum, oder es ging in das weiße Häuschen zurück. In Oberplan herrſcht der Glaube, daß dasjenige, um was man die ſchmerzhafte Mutter Gottes um guten Waſſer am erſten Beichttage in⸗ brünſtig und aufrichtig bittet, in Erfüllung gehen werde. Der erſte Beichttag der Kinder iſt aber immer vor Oſtern, dem wichtigſten Feſte des ganzen Jahres. So wichtig iſt das Feſt, daß die Sonne an demſel⸗ ben nicht wie an jedem andern Tage langſam aufgeht, ſondern in drei freudenreichen Sprüngen über die Verge empor hüpft. An dieſem Feſte bekommen die Leute ſchöne Kleider, die friſchen Fahnen und Kirchenbe⸗ hänge werden ausgelegt, und die Natur feiert die Ankunft des Frühlings. Damit nun auch die Kinder ſo rein ſeien, wie die Kleider, die Kirchen⸗ fahnen und der Frühling, müſſen diejenigen, welche zum erſten Male zur Beichte gehen, dieſes vor dem Oſterſonntage thun. Viele Wochen vor⸗ her werden ſie ſchon unterrichtet, und die Vorbereiteten ausgeleſen. Wenn der Tag angebrochen iſt, werden die Erwählten gewaſchen, ſchön angezogen, und von ihren Eltern zur Thür des Pfarrhofes geführt. Wenn der Pfarrer öffnet, dürfen die Kinder eintreten, und die Eltern gehen wieder nach Hauſe. In dem Innern des Pfarrhofes werden ſie geordnet, und da ſtehen ſie mäuschenſtille, und jedes hat einen Zettel in der Hand, auf welchem Name und Alter ſteht. Wenn an einem die hei⸗ lige Handlung vorüber iſt, geht es zerknirſcht und demüthig in den Hin⸗ tergrund. Wenn Alle fertig ſind, wird gebetet, es wird eine Anrede ge⸗ — 316— halten, und dann dürfen ſie zu ihren Eltern nach Hauſe zurückkehren. Zum Tiſche des Herrn dürfen ſie nach der erſten Beichte noch nicht gehen, weil dazu eine ſehr große Würdigkeit gehört, die ſie nur den Eltern und erwachſenen Leuten zuſchreiben. Nach dem Eſſen gehen ſie, wenn es ſchön iſt, auf den Kreuzberg. Wie ſie bei der Beichte allein waren, ſo dürfen nun auch ſchon andere Menſchen mitgehen, meiſtens Eltern und Verwandte. Beſonders geſellen ſich gerne alte Mütterlein hinzu, die ebenfalls geputzt neben den Kindern gehen, ſie zur Andacht ermahnen und ihnen heilige Geſchichten etzählen. Man betet in dem Kirchlein, man geht auf dem Berge herum, und gegen Abend begeben ſie ſich wie⸗ der nach Hauſe. So kann dieſer Tag, der der merkwürdigſte ihres Le⸗ bens iſt, nach und nach ausklingen, und es können ſich wieder die andern gewöhnlichen anſchließen. Einen ſolchen erſten Beichttag hatte auch Hanna, das Kind des Weibes in dem weißen Häuschen. Das Mädchen war vorbereitet und würdig befunden worden. Am Morgen führte es die Mutter auf dem ebenen Wege, der von Pichlern nach Oberplan geht, hinüber. Viele andere Menſchen hatten ihre Kinder auch dahin geführt. Unter der dich⸗ ten geputzten Schaar, die ſich vor dem Pfarrhauſe verſammelt hatte, ſtand nun auch Hanna, und aus dem groben Kleide ſah das feine Ange⸗ ſichtchen und die blauen Aederchen heraus. Allen Mädchen waren ihre Haare von den Eltern ſtraff zurück gekämmt worden, und es war Puder auf dieſelben geſtreut, damit ſie ſchön wären, und in der feſtlich weißen Farbe da ſtünden. Nur Hanna's Haare waren dunkel geblieben, weil ihre Mutter keinen Puder zu kaufen vermochte. An die Hüften des Un⸗ terkleides hatte ſie ihr zwei kleine feſte längliche Puffchen angenäht, daß das darüber angelegte Röckchen doch ein wenig wegſtehe, und einen Reif⸗ rock mache, wie er von den andern ſo ſchön wegragte, gleichſam ein falten⸗ reiches ſanft hinab gebogenes Rädchen. Als die Kinder in den Pfarrhof hinein gegangen waren, begab ſich die Mutter wieder nach Pichlern zurück. Da die Beichte aus war, ging Hanna auf dem ebenen Feldwege nach Hauſe. Nach dem Eſſen ging ſie abermals nach Oberplan, und ging mit einer Schaar von Mädchen, bei denen auch keine Eltern waren, auf den Berg. Die Kinder gingen zuerſt in das Kirchlein zum Gebete, wo ſie in den ſonnenhellen Bänken kaum mit den Häuptern hervorragten. Dann gingen ſie auf den höheren Theil des Berges empor und ſuchten — 317— Veilchen; denn der Berg war bekannt, daß auf ihm die erſten dieſer Blümchen wachſen, weil ſie in dem kurzen Graſe unter dem ſchützenden Geflechte des Wachholders einen ſichern Stand haben, und die mittäg⸗ liche Sonne auf dem Abhange des Berges leicht auf ſie ſcheinen kann. Dann ſuchten ſie auch Steinchen und andere Dinge, und kamen bis zu dem rothen Kreuze empor. Von dem Kreuze gingen ſie zu den Brunnen⸗ häuschen hinab. Sie ſchöpften ſich Waſſer und benetzten ſich die Lippen, die Stirne und die Augenlider. Als der Abend erſchienen war, gingen manche, bei denen ſich ihre Eltern befanden, nach Hauſe; andere aber, die allein waren, blieben noch; denn die Kinder haben keine Rechnung der Zeit und geben ſich dem Augenblicke unbedingt hin. Einige Mädchen, worunter auch Hanna war, gingen gar gegen die Felſen der Milchbäuerin zu, und ſetzten ſich dort auf die Steine. Es hatte den ganzen Tag die Sonne auf die Felſen geſchienen, daß ſich die Wärme in ihnen anſam⸗ meln und länger nachhalten konnte, als an irgend einer andern Stelle des Beiges. Die Pflänzchen ſchauten aus den bebauten Pflanzbeeten am Fuße der Felſen ſchon heraus, über der Gegend war ein leichter grü⸗ ner Hauch, und die Kinder erkannten recht gut dieſe Verheißung. Sie blieben ſitzen, manches der Mädchen nahm die Hand ſeiner Nachbarin, legte ſie an den Stein und ſagte:„Siehe nur, wie warm er iſt.“ Als die Sonne ſchon hinter dem Rande des Waldes hinab gegangen war, fragte eines der Mädchen ein anderes:„Um was haſt Du denn heute die heilige Jungfrau gebeten, Eliſabeth?“ „Ich habe ſie um ein langes Leben und um eine gute Aufführung gebeten,“ antwortete die Gefragte. „Und um was haſt denn Du gebeten, Veronika?“ „Ich habe auch um einen guten Lebenswandel gebeten,“ ſagte dieſe. „Und Du, Agnes?“ „Ich habe um gar nichts gebeten.“ „Und Du, Cäcilia?“ „Ich auch nicht, mir iſt nichts eingefallen.“ „Und Du, Hanna?“ „Ich werde etwas ſehr Schönes und ſehr Ausgezeichnetes bekom⸗ men,“ ſagte dieſe,„denn als ich zu der heiligen Jungfrau recht inbrünſtig betete, und das feſte ſeidene Kleid ſah, das ſie anhat, und die goldenen Flimmer, die in feinen Fäden am Saume des Kleides hängen, und die — 318— grünen Stängel, die darauf gewebt ſind, und die ſilbernen Blumen, die an den grünen Stängeln ſind, und da ich den großen Blumenſtrauß von Silber und Seide ſah, den die Jungfrau in der Hand hat, und von dem die breiten weißen Bänder nieder gehen: da erblickte ich, wie ſie mich anſah, und auf die goldenen Flimmer, auf die Blätter, auf die Stängel und auf die Bänder nieder wies.“ „Geh', Du biſt nicht recht vernünftig,“ ſagte eines der Mädchen. „Ich bin doch vernünftig, und werde die Sachen bekommen,“ ant⸗ wortete Hanna. Die Kinder fing es an zu ſchauern, und da die Dämmerung auch ſchon ſehr ſtark herein zu brechen begann, gingen ſie allmählich nach Hauſe. Einige gingen um die Wölbung des Berges herum nach Ober⸗ plan; aber Hanna ging über den Berg nach Pichlern. Sie ging an den grauen kaum mehr recht ſichtbaren Steinen vorbei, an den ſchwarzen Wachholderſtauden, an den dunkeln Föhrenſtämmen, und kam in das weiße Häuschen, als auf der Leuchte ſchon das helle Feuer brannte, und ihr ihre Mutter daran eine Suppe kochte. Von dieſer Zeit an wuchs Hanna heran, und entwickelte ſich immer mehr und mehr. Sie ging noch in die Schule, ſie ging immer allein, und wenn ſie zum Leſen aufgerufen wurde, ſtand ſie ſittſam auf und erhob die Stimme. Sie hatte immer ein weißes leinenes Tüchlein um den Buſen, auf welches ihre dunkeln Augen hinab ſchauten, und ihre noch dunkleren Wimpern hinab zielten. Um das Haupt hatte ſie ein färbiges Tuch ge⸗ bunden, das nach der Sitte der Gegend im Nacken in einen Knopf ge⸗ wunden war und die breiten Zipfel auf den Rücken hinab gehen ließ. Als Röcklein hatte ſie dasjenige an, das ſie bisher immer angehabt hatte. Als ſie erwachſen und ſo groß war, wie die andern Mädchen von Pichlern, die man für erwachſen erklärte, ging ſie nicht mehr in die Schule, und war meiſtens in dem weißen Häuschen ihrer Mutter. Man wußte nicht, ob ſie dort etwas arbeitete, oder was ſie ſonſt that. Wenn ſie aber doch mit den Leuten des Müllers auf die Wieſe Heu zu rechen, oder ſonſt irgend wohin ging, war ſie nicht wie die Andern, ſondern wie eine, die am Sonntage aus der Kirche geht. Sie gab ſehr Acht, daß ſie ſich nicht beſchmutze, und wich mit ihren Füßen den rauhen Stellen und — 319— der Näſſe aus. Seit ſie erwachſen war, ging ſie auch nicht mehr barfuß, ſondern hatte immer Strümpfe und Schuhe an, die beſſer waren, als die Andern an Feiertagen hatten. Obwohl ſie ſehr wenig geſehen wurde, ſo ward die zarte Schönheit ihrer Wangen und der Glanz ihrer Augen doch weit und breit bekannt, und mancher Wandersmann, den man durch die Föhren gehen ſah, ging ihretwegen, und manches Lied, das Nachts in der Gegend erſchallte, wurde ihretwegen geſungen. Selbſt Söhne reicher Bauern waren dar⸗ unter, und wenn auch ihre Eltern dachten, das arme Mädchen könne keine Schwiegertochter abgeben, ſo meinten die Söhne, daß ſie eine ſehr gute Schwiegertochter wäre, und hielten es für ein Glück, wenn ſie nur ein⸗ mal mit ihr an dem Holzſtoße vor dem Häuschen oder unter den grauen Wachholderſtauden des Berges reden, und von ihr zärtliche Worte und freundliche Blicke erhalten könnten. Aber das Glück wurde keinem zu Theil, außer einem einzigen. Er war nicht der Schönſte unter Allen, ja er war vielleicht weniger ſchön, als alle andern, er war ein ſchlanker Mann mit blitzenden Augen und ungemeiner Kraft in ſeinem Körper, und die Leute ſagten, Hanna fürchte und liebe ihn. Er war ein Holzknecht in den oberen Wäldern, der lange Hanns geheißen, aber er war ſehr ehrbegierig und ſtolz, arbeitete tüchtig, trug Sonntags ſchöne Kleider, klimperte mit dem Gelde in der Taſche, und litt keinen Schimpf und Hohn, wie gering er auch war, ſondern nahm den Schimpfenden an dem Kragen des Hemdes oder der Schulter, und warf ihn in das Gras, oder in den Sand, oder in eine Rinne, wie es kam. Dieſer Hanns ging oft in das weiße Häuschen zu Hanna, er brachte ihr Alles, was er erarbeiten konnte, daß ſie nichts entbehre und ihren Leib ſchmücken könne. Die Leute behaupteten, ſie ſei auch dank⸗ bar, indem ſie ſagten, daß ſie geſehen hätten, wie ſie neben den grauen Steinen und grauen Sträuchen ihre Arme um ihn geſchlungen, und mit ihren Lippen ihn geküßt hätte. So war es auch, Hanns hatte ſelber kein Hehl darüber, er ging immer zu Hanna, und alle Menſchen wußten, daß ſie Liebende und Ge⸗ liebte ſeien. Der hunte Schlag. Wenn man gegen das Oberplaner Thal hingeht, und ſein Angeſicht gegen Weſten wendet, ſo ſieht man in dem fernen Blau der Wälder, die man da vor ſich hat, allerlei ſeltſame Streifen hinziehen, die meiſtens röthlich matt leuchtend und dämmerig ſind. Sie ſind Holzſchläge, und die großen Wälder, von denen man den oberen Wald rechts hat, die Seewand gerade vor ſich, und die Alm links, enthalten viele derſelben. Eigene Menſchen werden das ganze Jahr hindurch beſchäftigt, und das Geſchäft eines Holzhauers iſt nicht freudenlos, und nicht entblößt von dichteriſchen Reizen, und wenn ein Mann ein reicheres und weicheres Herz hat, ſo hängt er mit einer gewiſſen Schwermuth an ſeinem Thun und an den Schauplätzen desſelben. Wenn man von Pichlern durch die Felder weſtwärts geht, und das Dorf Pernek hinter ſich hat, ſo beginnen ſchon die Wälder. Es ſteht hinter Pernek der Hausberg, der mit all' den folgenden Wäldern zuſammen hängt. Aber auf ihm ſtehen zarte Birken und andere geſellige Gruppen von Bäumen auf Raſenplätzen, die man einſt gereutet hat, damit die Rinder dort weiden können. Weiter auf⸗ wärts ſind die Wälder ſchon dichter, und in dem Innern ihrer großen Ausbreitungen hegen ſie die Holzſchläge. Wenn man den Rand eines ſolchen Streifens betritt, wie wir ſie oben genannt haben, ſo iſt er in der Nähe größer und ausgedehnter, als man ſich in der Ferne gedacht hätte, und die Menſchen ſind auf ihm beſchäftigt. Es liegen wie Halmen gemähten Getreides die unzähligen Tannenſtämme verwirrt herum, und man iſt beſchäftigt, ſie theils mit der Säge, die langſam hin und her geht, in Blöcke zu trennen, theils von den Aeſten, die noch an ihnen ſind, zu reinigen. Dieſe Aeſte, welche ſonſt ſo ſchön und immer grün ſind, haben ihre Farbe verloren und das brennende Anſehen eines Fuchs⸗ felles gewonnen, daher ſie in der Holzſprache auch Füchſe heißen. Dieſe Füchſe werden gewöhnlich auf Haufen geworfen, und die Haufen ange⸗ zündet, daher ſieht man in dem Holzſchlage hie und da zwiſchen den Stämmen brennende Feuer. An anderen Stellen werden Keile auf die abgeſchnittenen Blöcke geſtellt, auf die Keile fällt der Schlägel, und die Blöcke werden ſo getrennt und zerfallen in Scheite. Wieder an andern Stellen iſt eine Gruppe beſchäftigt, das Wirrſal der Scheite in Stöße zu ſchichten, die nach einem Ausmaße aufgeſtellt ſind, und in denen das Holz trocknet. Dieſe Stöße ſtehen oft in langen Reihen und Ordnungen dahin, daß ſie von Ferne ausſehen, wie Bänke von röthlich und weiß blinkenden Felſen, die durch die Waldhöhen hinziehen. An einer Stelle des Holzſchlages iſt die Hütte der Arbeiter, das iſt, ein von der Erde auf⸗ ſteigendes Dach, das vorne mit Stämmen geſtützt und ſeitwärts mit Zweigen und Reiſig gepolſtert iſt. Sein Raum enthält das Heulager der Arbeiter, die Truhen mit ihren Kleidungsſtücken, manche Geräthe und Geſchirre und allerlei Anderes, was ihnen in dieſem Waldleben nöthig oder nützlich iſt. Vor der Hütte brennt das Feuer, an dem ſich das Mit⸗ tag⸗ oder Abendmahl bereitet. Es iſt nicht viele Sorge auf Genauigkeit und Holzerſparung verwendet, indem um die kochenden Töpfe gleich ganze Stämme herum liegen, die da verkohlen. Von ſolchen verkohlenden Stäm⸗ men rührt der ſchone blaue Rauch her, den man oft tagelang aus den fernen Wäldern aufſteigen ſieht. Von den Füchſen, die man in den Holz⸗ ſchlägen verbrennt, kömmt wenig oder gar kein Rauch; denn Anfangs brennen ſie mit einem glänzenden rauchloſen Feuer, dann, wenn die Na⸗ deln und das Reiſig verbraſſelt haben, und ſich die dickeren Aeſte in der Gluth krümmen, erſcheint wohl etwas Rauch, aber er iſt zu machtlos, kräuſelt ſich dünne durch die Zweige der noch ſtehenden Bäume, und ver⸗ liert ſich am Himmel. So ſieht ein Holzſchlag aus, auf ihm iſt Leben, Regung und ſcheinbare Verwirrung, an ſeinem Rande, wo er aufhört, iſt es ſtille, und dort ſteht wieder, wie es erſcheint, der feſte, dichte, uner⸗ ſchöpfliche ergiebige Wald. Wenn eine Fläche des Waldes abgeſchlagen iſt, wenn die Scheite geordnet, getrocknet, weggeführt ſind, wenn die Reiſige verbrannt wur⸗ den, wenn man keine Hütte der Holzhauer mehr ſieht, und die Arbeiter fortgegangen ſind, dann iſt der erſte Theil des Lebens eines Holzſchlages aus, und es beginnt nun ein ganz anderer, ſtillerer, einfacherer, aber in⸗ nigerer. Wenn die Halde leer daſteht, wenn ſie nur mehr manchen ſchlech⸗ ten ſtehengelaſſenen Baum wie eine Ruthe gekrümmt trägt, wenn die blosgrlegten Kräuter und Geſträuche des Waldes zerrüttet und welkend herum hängen, wenn mancher nicht ganz verbrannte Reiſighaufen im Verwittern begriffen, und ein anderer in den Boden getreten und verkohlt Stifter. 4. Aufl. II. 2¹ iſt: dann ſteht die einſame verlaſſene Bevölkerung von Strünken dahin, und es ſchaut der blaue Himmel und ſchauen die Wolken auf das offene Erdreich herein, das ſie ſo viele Jahre nicht zu ſehen bekommen haben.— Das erſte, was nach langen Zeiten herbei kömmt, um die umgewandelte Stätte zu beſetzen, iſt die kleine Erdbeere mit den kurzen zurück geſchobe⸗ nen Blättern. Sie ſproßt zuerſt auf der ſchwarzen Erde einzeln hervor, ſiedelt ſich dann um Steine und liegen gebliebene Blöcke an, überranket fleißig den Boden, bis nichts mehr zu ſehen iſt, und erfreut ſich ſo ſehr der Verlaſſenheit und der Hitze um die alten ſich abſchälenden Stöcke her⸗ um, daß es oft nicht anders iſt, als wäre über ganze Flecke ein brennen⸗ des ſcharlachrothes Tuch ausgebreitet worden. Wenn es ſo iſt, dann ſammelt ſich allgemach unter ihren Blättern die Näſſe, und es erſcheint auch ſchon die größere langſtielige Erdbeere mit den geſtreckten Blättern und den ſchlanken Früchten. Es beeilt ſich die Himbeere, die Einbeere kömmt, manche ſeltſame fremdäugige Blume, Gräſer, Geſtrippe und breite Blätter von Kräutern; dann die Eidechſe, die Käfer, Falter und ſummende Fliegen; mancher Schaft ſchießt empor mit den jungen feucht⸗ grünen Blättern; es wird ein neuer, rauher hochruthiger Anflug, der unter ſich einen naſſen ſumpfigen Boden hat, und endlich nach Jahren iſt wieder die Pracht des Waldes. Dies iſt der zweite Theil des Lebens eines Holzſchlages. Wenn es nicht ſo ſchön iſt, wenn kein Wald mehr entſtehen ſoll, dann werden die Waldgäſte mit Abſicht hintan gehalten, es wird gereutet, und lieber ſtatt all' des Anfluges der Geſelle des Menſchen, das Wieſen⸗ gras, heran gelockt, daß Mäheplätze entſtehen oder Weideplätze für das Vieh werden, wie man es mit dem Hausberge hinter Pernek gethan hat, der auch einmal eine ſchöne Wildniß war, und es jetzt nicht mehr iſt. Wenn der Holzhauer auch ſchon die Stätte ſeines Wirkens verlaſſen hat, ſo liebt er ſie doch noch immer, und wenn er nach langen Jahren durch den neuen Anwuchs geht, durch die Himbeergeſträuche, durch die Gezweige, die Art auf der Schulter oder die breite Säge über den Rücken gebunden, ſo wandelt er in ſeinem Reiche, er gedenkt der Tage, wo er hier gewirkt hat, und wenn er auch nun in andern friſchen Wäldern be⸗ ſchäftigt iſt, ſo gehört doch auch ein Theil ſeines Herzens der Stelle, auf der einſt ſeine Hütte geſtanden war. Der lange Hanns arbeitete in dem Schlage des Thußwaldes. Der — Thußwald aber liegt ſo weit in der Tiefe der Bergrücken zurück, daß die Holzarbeiter die ganze Woche dort beſchäftigt ſein mußten, und nur an Sonntägen den weiten Weg zu den Menſchen und in die Kirche hinaus machen konnten. Hanns war wie ein König in ſeinem bunten, einſamen, entfernten Schlage. Theils gehorchten manche ihm freiwillig, weil er ein guter Anordner war, theils ſcheuten ſich manche, weil er große Körper⸗ kräfte beſaß, und theils ehrten ihn Viele, weil er ein vorzüglicher Ar⸗ beiter war. Da ſtand er nun entweder an einem Stamme, zirkelte die Stelle, wo er angeſägt werden ſolle, daß er wanke, weiche, und ſauſend und krachend in das andere Gehölze nieder ſtürze— oder er war um den gefallenen Baum beſchäftigt, im Geſtrippe und Geniſte ſtehend, daß die Aeſte und Zweige weg kämen, und der Stamm frei zur Arbeit würde— oder er half ſchon ihn in Stücke zu zertheilen, und da rollte ſeine Säge friſch und tüchtig hin und her— oder ſein Arm ſchwang den Schlägel, daß er klingend auf den Keil fiel— oder er ſtand hoch auf einem Stoße, die dargereichten Scheite ſchnell legend, daß ihm zwei Handreicher nicht folgen konnten, und daß es unter ihm zuſehends wuchs. Er war ge⸗ wöhnlich zur Arbeit gehörig gekleidet. An ſeinem Oberleibe hatte er ſchier kein Gewand; denn das grobe Hemd war zurück geſchlagen, und an den Armen weit über den Ellbogen aufgeſtellt; um die Lenden war das lin⸗ nene Kleid, an den Füßen hatte er die ſtarken jedem Dorne und Splitter trotzenden Bundſchuhe an, und auf dem Haupte war gewöhnlich nichts, als das röthliche leuchtende Haar. So ging die Woche dahin, und ſo vollendete die Sonne fünfmal ihren Kreislauf um den Himmel, und beſchien fünfmal die ſeltſamen ver⸗ ſchiedenartigen Dinge des Holzſchlages. Wenn es am Samſtage Mittag wurde, da hörte das Wochenwerk auf, und es wurden Anſtalten zum Fortgehen getroffen. Ruhe herrſchte auf dem Platze, alle Werkzeuge, Kleiderſtücke, Töpfe und dergleichen wur⸗ den zuſammen geleſen, die Arbeiter trafen bei der Hütte ein, dort wurde einiges zuſammengeſchnürt, daß man es mitnehme, Anderes wurde ge⸗ borgen, daß es da bleibe, ſchönere Kleider wurden aus den Truhen her⸗ vor geſucht, es wurden Angeſichter gewaſchen, Manches wurde noch ge⸗ neſtelt, und einige und andere ſchlugen den Weg ein, der ſie eben ihrer Heimath zuführte. Mancher ganz Faule blieb auch da und verſchlief den Sonntag vor der Hütte in der lautloſen Stille des Holzſchlages, von 216 — 324— nichts beſucht, als von dem raſchelnden Graſe und von der ſtummen Hitze des Tages. Der größere Theil der Arbeiter ging gegen Pernek und Pichlern hinaus. Sie mußten Anfangs durch den Thußwald, dann über die Thußecke, dann über einen Berg, die rauhe Hochſtraß geheißen, dann durch Auen, und dann führte der Weg in das Thal, durch das man gegen Pernek kommen konnte. Man plauderte gerne auf dieſem Gange, man klapperte mit den eiſernen Keilen, man jauchzte oder ſang, man ſchlug ſich Feuer und rauchte. Vom Holzſchlage weg gingen Alle miteinander, die dieſe Richtung hatten, aber je weiter der Weg führte, deſto wenigere wurden ſie immer; denn bald nahm der Eine Abſchied und ging ſeit⸗ wärts, bald der Andere, ſo wie ihr Weg in ihre Heimath von dem allge⸗ mein eingeſchlagenen Wege abführte, und nicht ſelten geſchah es, daß, wenn die untergehende Sonne gluthig am Rande der Seewand lag, und jeder emporragende Zaunpfahl, ja eine herausſtehende Aehre einen lan⸗ gen Schattenſtreifen über das Getreide warf, Hanns allein durch die Perneker Felder ging, und den Weg hinab gegen Pichlern einſchlug. Er ging auf dem Fahrwege hinab, er bog um die große Linde des Schwarz⸗ müllers, zielte gegen die ferneren dünnen Föhrenſtämme, und ſchritt auf das weiße Häuschen zu. Wenn er dort anlangte, war meiſtens die Mutter wie ſie es am Abende gewohnt war, Außen herum. Sie ſchlichtete etwas an dem Holze, oder that ſonſt etwas, oder betete, indem ſie herum ging, und häufig zur Ziege redete, die ſie nicht eher in den Stall that, als bis ſie ſelber in die Stube ging. Im Innern ſaß Hanna in einem reinen ſchimmernden Ge⸗ wande. Sie hatte vorher jedes Stäubchen von dem Tiſche, der Bank, dem Stuhle und dem Fußboden gefegt; denn auch das gehörte mit zu ihren Eigenthümlichkeiten, daß ſie außerordentlich reinlich war. Sie wollte nicht mit der Hand und nicht mit dem Gewande an Staub rühren. „Die wird Gott ſtrafen, daß ſie ſo ſtolz iſt,“ ſagten oft die Leute, „und ihn dazu, daß er ſo verblendet iſt, und ihr Alles anhängt.“ Hanns ging hinein, Hanna ſprang auf und grüßte ihn. Er blieb bis ſpät Abends, ſie plauderten, koſeten, aßen; die Mutter war bei ihnen, ſprach mit, aß, oder nickte ſchlummernd ein wenig mit dem Kopfe, wie es eben kam. — 325— Erſt im Sternenſcheine ging Hanns fort, und begab ſich zu den Leuten, wo ſeine Schweſter war, und wo er eine Lagerſtätte hatte; denn ſein Vater und ſeine Mutter waren längſtens geſtorben. Daß Hanns aber an Hanna etwas verwendete, ſchien ihm gar nicht leid zu thun. Wenn er mit ihr bei einem Tanze oder bei ſonſt einer Ge⸗ legenheit war, wo ſie Viele ſehen konnten, und wenn nun der eine oder andere junge Mann mit ſeinen Augen ſchier nicht von ihr laſſen konnte, und ſtundenlang ſie mit denſelben gleichſam verſchlang, ſo hatte Hanns ſeine außerordentliche Freude darüber und triumphirte. Wenn ſie ſpät mit einander nach Hauſe gingen, wo die einſame Wachholderſtaude ſtand, oder der graue verſchwiegene Stein des Brunnberges lag, da ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Racken, drückte ihn heiß an ſich, ſah ihn an und flüſterte gute Worte. Daß da eine außerordentliche unheimliche Seligkeit in ihm war, bewies der Umſtand, daß er ihr von ſeinen Habſeligkeiten Alles, Alles gab. Am andern Tage, wenn er ſo einen Feiertag bei ihr zugebracht hatte, ſah man ihn dann wieder in friſchen Linnenkleidern, die Axt oder die Keile auf der Schulter tragend, durch die Felder ſchreiten und ſeinem Walde zueilen. Einmal fragte ihn Hanna, um was er denn am erſten Beichttage die heilige Jungfrau Maria gebeten habe. „Ich habe um nichts gebeten,“ antwortete er,„Du weißt ja, daß ich nicht oft zu ihr in ihr Kirchlein hinauf komme, weil ich nicht Zeit habe; aber von ferne und von dem Walde aus, wo er eine Lücke hat, ſehe ich das weiße Kirchlein ſehr gerne, weil von ihm nach abwärts die Wachholderſtauden anfangen, dann die Föhren der Pichlerner Weide ſte⸗ hen, und noch weiter unten das Häuschen iſt, in dem Du biſt.“ „Du ſollteſt aber doch gebeten haben,“ ſagte Hanna;„denn ſie iſt ſehr wunderthätig und ſtark, und was man am erſten Beichttage mit In⸗ brunſt und Andacht verlangt, das muß in Erfüllung gehen, es geſchehe auch, was da wolle.“ „Das habe ich ja gar nicht gewußt,“ ſagte Hanns,„es hat es mir damals Niemand geſagt, und wenn ich es auch gewußt hätte, ſo hätte ich ſie doch gewiß um nichts gebeten, weil mir nichts gefehlt hat.— Meinſt Du denn im Ernſte, daß ſie etwas thun kann, um was man ſie recht bittet?“ — 326— „Freilich kann ſie es thun,“ antwortete Hanna,„weil ſie ſehr mäch⸗ tig iſt, und ſie thut es auch, weil ſie ſehr gut iſt.“ „Aber am erſten Beichttage muß man ſie darum bitten?“ fragte Hanns. „Um was man ſie am erſten Beichttage bittet,“ ſagte Hanna,„das thut ſie immer und jedes Mal; aber auch an jedem andern Tage kann man ſie bitten, und ſie kann die Bitte gewähren, weil ihre Macht außer ordentlich iſt.“ „Aber das iſt ja kaum denklich,“ erwiederte Hanns,„werl ſonſt alle Leute daher kämen, und um die verwirrteſten und verkehrteſten Dinge bäten.“ „Wenn ſie um verwirrte und verkehrte Dinge bitten,“ ſagte Hanna, „ſo läßt ſie dieſe nicht in Erfüllung gehen; aber bitten muß man ſie im⸗ mer, weil man nicht wiſſen kann, welches Ding verwirrt oder verkehrt iſt, und weil ſie allein die Entſcheidung hat, was in Erfüllung gehen ſolle und was nicht.“ Hanns antwortete nun nichts mehr darauf. Die Liebe, die Zuneigung und die Anhänglichkeit wuchs immer mehr und mehr. Hanns that Alles, was ihm ſein Herz einflößte. Er ehrte die Zeiten, wie es in jener Gegend gebräuchlich iſt. Er ſetzte Hanna den ſchönſten Maibaum vor die Thüre, er wand das ſchönſte Tuch um ihr Haupt und band die ſchönſte Schürze um ihren Leib, er trug den größten Palmbaum am Palmſonntage für ſie in die K Kirche, er ſteckte ſo⸗ gar eine goldene Nadel in ihr Haar, er brachte ihr den ſchönſten Strauß von Walddingen aus ſeinem Schlage nach Hauſe, er führte ſie an Sonn⸗ tagen in die Kirche, und ging mit ihr, wenn ſchönes Wetter war, in den Feldern und Wieſen ſpazieren. Sogar zu Zeiten, wo es nicht ſchicklich war, daß er ſich bei Hanna im Häuschen befand, ſahen ihn die Leute unter den Föhrenſtämmen und Steinen in großen Kreiſen um das Häus⸗ chen herum gehen. Der grüne Wald. Im Herbſte, da die Blätter ſich mit ſchönen Farben zu miſchen be⸗ gannen, und Hannſen's Schlag noch brennender, feuriger und ſeltſamer war, erhob ſich die Sage, daß in der Gegend von Oberplan ein großes Jagen ſein werde, daß der Fürſt und Grundhert kommen werde, und daß. ihn eine Menge Herren und Frauen begleiten würden. Die Diener hatten das Gerücht ausgebreitet, aber man wußte nicht, ob ihm die Herren eine Folge geben würden, oder nicht. So erhielt ſich die Sache lange. Endlich aber erſchienen wirklich einige Abgeordnete in Oberplan, welche die Vor⸗ anſtalten zu dem Feſte machen ſollten. Von nun an hatte das Gerücht freien Spielraum, und es ging durch die ganze Gegend. Im Stegwalde, hieß es, werde ein Netzjagen ſein, in welchem man Geſpinnſte aus Seilen aufſpannen und das Wild darinnen einfangen werde. Im oberen Walde, im Langwalde und an der Flaniz ſollen Treib⸗ jagen ſein, wie man ſeit Menſchengedenken nicht gehört hätte, und ſie ſollten ſich über tagelange Wälder ausbreiten. Außer dem Jagen ſollen auch andere Feſte angeordnet ſein. Auf den Oberplaner Wieſen, den nämlichen, von denen wir am Eingange unſerer Geſchichte geſagt haben, daß die Moldau in großen Schlangenwindungen durch ſie geht, ſoll ein Eſſen ſein, an dem mehrere hundert Perſonen würden Theil nehmen kön⸗ nen. Wer nur wolle, dürfe zuſchauen, und auf Schrägen würden Wein⸗ fäſſer aufgeſtellt ſein, von denen Jedem, der mit einem Geſchirr hinzu ginge, herab gelaſſen würde. Die Diener würden bei der Tafel aufwar⸗ ten, und die angeſehenſten Männer der Gegend würden eingeladen ſein. Außer dem Eſſen aber ſoll noch ein Tanzboden errichtet ſein, auf welchem man durch unzählige Blumengewinde Tänze aufführen würde. Dieſes und noch viel Anderes, das man noch gar nicht wiſſe, ſolle geſchehen. In der Gegend ſollen ſchon tauſend Taglöhner zu Handlangern, Arbei⸗ tern und Treibern gedungen worden ſein. Alles werde durch eine feier⸗ liche Meſſe in dem Gnadenkirchlein zum guten Waſſer eingeleitet werden Auf was ſich die Leute am meiſten freuten, war das Netzjagen, das ſich keiner vorſtellen konnte, und von dem keiner eine Ahnung hatte. Nur der achtzigjährige Schmied in Vorderſtift erinnerte ſich, als ganz kleiner Knabe einem ſolchen Jagen beigewohnt zu haben. In der Dürrau waren Stricknetze und Tücher, unabſehlich zu ſchauen, auf⸗ geſpannt geweſen, zuerſt weiter, dann enger, und dann durch einen Vor⸗ hang zu ſchließen, wodurch das Wild in einem Raume eingeſperrt war, in dem es von dem Rande der Tücher herab erſchoſſen werden konnte. Er unterließ nie, wenn er die Sache erzählte, eines Bären zu erwähnen, der mit den andern in's Netz getrieben worden war, und der bald zum allge⸗ meinen Ergötzen diente, indem Jeder ſo ſchnell als möglich ſein Geſchick an ihm verſuchen wollte. Da nun die Hirſche oft himmelhohe Sprünge wagten, ob ſie die Leinwand über etzen könnten, ohne daß es ihnen ge⸗ lang, ſo fuhr der Bär, der bereits verwundet war, in ſeiner Verzweif⸗ lung gegen das Gewebe, packte es mit ſeinen Tatzen, und riß von dem furchtbar ſtarken Geflechte eine ganze Strecke heraus, ſo daß Tuch und Netz weg waren, und daß man von den draußen ſtehenden Bühnen die nackten Füße und das Gerüſte ſammt Verlattung ſehen konnte. Der Bär und der ganze gehetzte Schwarm, der noch übrig war, fuhr nun mit großem Getöſe durch das Loch hinaus, und Alle, die zugegen waren, mußten in ein Gelächter ausbrechen. Ein ſolches Feſt erwartete nun Oberplan, und die Leute waren be⸗ gierig, wann die Herren kommen würden. Aber ſie kamen immer nicht, weil die Vorbereitungen noch dauerten. Es war noch der Haber auf den Feldern geſtanden, es war das Sommerkorn noch nicht geſchnitten gewe⸗ ſen, und hie und da lag ſelbſt noch eine Gerſte auf den Aeckern, als die Bevollmächtigten angekommen waren: aber die Gerſte wurde eingeführt, das Sommerkorn geſchnitten, der Haber gemäht, Beides in die Scheunen gebracht, und man war noch immer nicht fertig, weil Alles vortrefflich werden ſollte. Die Axt der Zimmerer erklang im Walde, Verzeichniſſe von Treibern und Andern wurden angefertigt, Abmeſſungen wurden vor⸗ genommen, die Forſte, welche durchſtrichen werden ſollten, wurden be⸗ gangen, und Verſammlungen und Rathe ſind gehalten worden. Endlich, als auf den Feldern nur mehr das braungedörrte Kraut der Kartoffeln und die blaubethauten Häupter des Weißkohles ſtanden, wurde der Tag bekannt gemacht, an welchem die Jagdgeſellſchaft ein⸗ treffen würde. Man rüſtete ſich zu dem Empfange, und Alles war ge⸗ ſpannt. — Am Tage vorher trafen Diener, Pferde und Troß ein. Als am andern Morgen die Sonne aufgegangen war, und ein recht heiterer funkelnder Herbſthimmel über der Gegend ſtand, war ſchon Alles in Bereitſchaft. Um zehn Uhr, als auf dem Thurme das Zeichen gegeben wurde, daß ſie kommen, ſah man es auf der Straße von Honetſchlag her durch den Staub von Pferden und Wagen blitzen, und als eine Viertel⸗ ſtunde vergangen war, fuhren ſie bei der oberen Gaſſe herein. Sie fuh⸗ ren dann über das Steinbrückchen des heiligen Johannes, und hielten auf der Gaſſe vor dem Pfarrhofe und der Schule an, wo der Pfarrer, dann der Schulmeiſter mit weiß gekleideten Mädchen und geputzten Bu⸗ ben und die Obrigkeiten ſtanden. Es war eine ganze Reihe von Wägen. Männer und Frauen ſaßen darinnen. Die Frauen waren nicht geſchmückt, ſie waren kaum geputzt. Sie hatten nicht einmal Reiftöcke an, ſondern nur ein ſchlichtes einfach hinab fallendes Jägerkleid. An den Männern war auch nicht zu erkennen, ob ſie in Feierkleidern ſeien oder nicht; ſie hatten ſämmtlich Mäntel um; denn es war kühl, und am Morgen war ein ſchneeweißer Reif über alle Wieſen geweſen. Sie hatten Alle unge⸗ puderte Haare, weil ſie nicht im Amte oder in einer feſtlichen Geſellſchaft, ſondern nur auf einer Reiſe begriffen waren. Nur zwei alte Männer hatten ſchön gelockte Perücken mit blüthenweißem Staube darauf. Im erſten Wagen ſaß der Grundherr, ſeine Frau und ſein Sohn. Die Bu⸗ ben hatten ein klingendes Lebehoch gerufen, und die Forſtmeiſter, Revier⸗ jäger, Heger und Holzmeiſter des Herrn ſtanden in Ordnung da. Die Mädchen warfen grüne Zweige unter die Räder des Wagens. Der Pfarrer trat hervor, und grüßte den Herrn in einer Rede. Deßgleichen thaten die Richter und Geſchwornen. Als der Herr Allen gedankt hatte, als er mit dem Förſter von Vorderſtift, in deſſen Reviere der erſte Jagd⸗ platz lag, geſprochen hatte, als er ſich beſonders ſreundlich gegen den Schulmeiſter und die weißen Mädchen verneigt hatte, und der gelüſtete Hut wieder auf ſeinem Haupte ſaß: fuhren ſie weiter. Man fuhr zu dem Rathhauſe, in welchem dem Grundherrn für die Dauer der Feſte ſeine Wohnung war zubereitet worden. Er ſtieg aus, und ging mit den Seinigen in ſeine Zimmer. Alle Mitgekommenen ſtiegen ebenfalls aus ihren Wägen, um ſich in ihre bereit gehaltenen Wohnungen zu verfügen, und ſich zu den Feſten vorzubereiten. Für die Diener und Pferde waren an einer Straße, die der Minnegraben hieß, und auf der Weide des — 330— oberen Anſpaches bretterne Hütten aufgeſchlagen worden, aus denen am ganzen Tage und einen Theil der Nacht hindurch Zechen und Jubeln ver⸗ nommen wurde. Der Tag verging ohne beſonderes Ereigniß, außer daß die Ober⸗ planer in Angſt und Beſorgniß waren, dem Küchen⸗ und Kellermeiſter alles Erforderliche auszuliefern, und es den hohen Herrſchaften recht zu Danke zu machen. Am nächſten Tage war bloß die Jagdmeſſe. Das Kirchlein zum gu⸗ ten Waſſer war mit Menſchen angefüllt. In den Stühlen, zu denen man noch vorne mehrere mit Tuch ausgeſchlagene gefügt hatte, ſaßen die Her⸗ ren und Frauen. Weiter rückwärts befanden ſich die Bewohner der Ge⸗ gend und Alle, die von Ferne herbei gekommen waren. Sie ſangen zu den Tönen der Orgel das ſchöne Marienlied, das man einſt eigens für dieſe Kirche gedichtet hatte, und das ſie Alle kannten. Am Nachmittage begaben ſich die Herren nach Vorderſtift, um im Jägerhauſe zu über⸗ nachten, und dem Jagdſchauplatze näher zu ſein. Am Tage, der nun folgte, ſollte das große Netzjagen ſein. Die Bewohner der Gegend waren äußerſt begierig darauf. Schon vor Anbruch des Taglichtes gingen die Gruppen auf verſchie⸗ denen Wegen und in gedämpften Geſprächen dem Stegwalde zu. Sie ergötzten ſich ſchon in Vornhinein an den Dingen, die kommen ſollten. Das Wild, hieß es, ſei ſchon alles in dem Netzraume eingeſchloſſen. Es ſollen Hirſche dabei ſein, Haſen, Rehe, auch Dachſe, Füchſe, Marder und vieles dergleichen, ein Luchs ſoll zugegen ſein und manches ſeltene Thier. Ob ein Bär eingegangen ſei, wiſſe man nicht genau, aber gewiß ſei auch einer darunter. Die ganze Sache ſei ſehr künſtlich. Der Jagdraum, in welchem ſich Geſträuche, hohe Bäume, Steine und ſelbſt Klüfte befinden, ſei in einem großen Kreiſe von den ſtärkſten Stricknetzen umfangen, die in eiſernen Ringen an gehauenen Bäumen befeſtiget wären. Innerhalb der Netze ſeien Tücher geſpannt, daß Alles hübſcher ausſähe. Außerhalb der⸗ ſelben befänden ſich die Schießſtände der Herren, und gleich hinter denen ſeien die Bühnen für die Zuſchauer; denn die Herren hätten es ſelber gerne, wenn viele Zuſchauer kämen und ihre Kunſt bewunderten. Um die Thiere in den Raum zu bringen, ſeien Wege angelegt worden, näm⸗ lich Räume, an welchen zu beiden Seiten Netze empor geſpannt wären; dieſe Räume wären zuerſt ſehr weit, würden immer enger und mündeten — 331— endlich mit einer Oeffnung in den Jagdraum. Da, wo dieſe Oeffnung ſei, befinde ſich eine Netzthür, die man ſehr ſchnell von dem Boden empor ziehen und befeſtigen könne, damit das Wild, wenn es einmal in den Kreis eingegangen ſei, nicht mehr hinaus zu kommen vermöge. Durch zehn Tage habe man ſchon das Wild gegen den Stegwald zuſammen trei⸗ ben laſſen. Es ſeien Jäger, Heger und Treiber verwendet worden, und hätten auf der einen Seite gar bei dem Schloſſe Sanct Thomas und dem Jungwalde angefangen, den Forſt zu durchſtreifen, und auf der andern vom Almwalde und dem Hochficht, um die Thiere gegen den Stegwald zu drängen. Damit die Herren zu ihren Schießſtätten könnten, ſei von der Glökelberger Straße aus ein Weg mitten durch den grünen Wald an⸗ gelegt worden, auf dem man gehen, reiten und fahren könne. So erzählten ſich die Leute und gingen fort. Sie fanden den Weg, der in den Wald hinein gemacht worden war, und gelangten zu dem Jagdraume. Lange bevor der Tag angebrochen war, waren ſchon alle Zuſchauer⸗ räume dicht mit Menſchen beſetzt. Nach Aufgang der Sonne kamen auch die Herren, und ſtiegen zu ihren Bühnen empor. Jeder hatte einen geräumigen Platz, auf dem ein Geſtelle angebracht war, an welchem die glänzenden Jagdbüchſen lehn⸗ ten. Jeder hatte auch zwei Diener hinter ſich, die beſtändig laden und die Gewehre darreichen ſollten. Heute waren die Herren alle im vollen Putze und hatten die Mäntel in den Wägen, in denen ſie gegen den Wald gekommen waren, liegen gelaſſen. An den Weſten und Röcken hatten ſie goldene Borden, und Alle hatten kleine mit Gold ausgelegte Hirſchfänger an den Schößen, ſie trugen ſämmtlich gepuderte Haare und darauf einen dreieckigen Hut. Die meiſten waren in Tannengrün ge⸗ kleidet, und nur einige hatten auch Kleidertheile von hochgelbem Leder⸗ ſtoffe. Wo nicht Borden waren, war häufig ſchöne Stickerei auf den Gewändern, und die Troddeln des auf die Weſte herab gehenden Hals⸗ tuches hatten goldene Franſen. Von den Frauen und Mädchen, die zu den Herren gehörten, war keine einzige zugegen, nicht einmal die, die doch in Jägerkleidern nach Oberplan gekommen waren. Der Schulmeiſter von Oberplan ſagte, die Frauen dürften wohl Jägerkleider anhaben, aber nicht jagen; die Sitte erlaube nicht einmal, daß die Frauen bei dem Tödten der Thiere zugegen — ſeien, weil ſie zu zart und zu fein ſind, ſo daß ſich nur das Schäferſpiel für ſie ſchicke, daß ihnen die Herren nur Blumenſträuße reichen, ſie mit der Laute begleiten, oder beim Menuette führen dürfen. Die Mädchen und Frauen der Gegend und des Landes hatten dieſe Geſinnungen nicht; denn es waren ſehr viele zum Zuſchauen herbei ge⸗ kommen, und ihre Augen und Mienen verriethen faſt die brennende Reu⸗ gierde und das klopfende Herz. Sie waren ſonntäglich gekleidet, trugen zum Theile Reifröcke, zum Theile das kurze faltenreiche Röckchen und meiſtens auch Zwickelſtrümpfe und Stöckelſchuhe. Manche Vornehmere hatte weißbeſtäubtes Haar. Als alle Schützen an ihrem Platze ſtanden, und als auch ſonſt Alles in Ordnung war, begann eine rauſchende Waldmuſik von Hörnern und andern klingenden Inſtrumenten; aber von dem Jagdraume herauf erſchol⸗ len Schrecktöne und plötzliche Rufe der Angſt; denn die Ohren des Wal⸗ des kannten nur die Laute des Donners und Sturmes, nicht den Schreck⸗ klang tönender Muſik. Als dieſes große Muſikſtück aus war, that ein einzelnes Jagdhorn helle auffordernde liebliche Rufe, und dies war das Zeichen, daß die Jagd beginne. Man ließ, da das Horn geendet hatte, die Hunde aus ihren Behältern gegen den Raum los, daß das Wild auf⸗ fahre und gegen ſeine umſtrickenden Wände ankämpfe. Plötzlich wurde es nun in dem Retzraume lebendig, man ſah das ſchlanke Waldwild durch die Geſträuche huſchen, und hie und da legte ſich eine Büchſe an das weißbeſtäubte Haar. Man vernahm von einer Seite her einen Schuß, dann von einer andern her wieder einen, und da es unten immer leben⸗ diger wurde, und da die Thiere immer heftiger durcheinander fuhren, blitzte und krachte es von allen Seiten. Ein Hirſch ſetzte über alle Ge⸗ büſche, ſprang endlich gegen das Linnen ſo hoch auf, als wollte er eine Himmelsleiter überſpringen, wurde im Sprunge getroffen, überſtürzte ſich und fiel hernieder. Eine wilde Katze ſchoß jäh an einem Baume empor, um ſich von ihm aus über die Netze hinaus zu werfen, aber ſie wurde von einer Kugel auf ihrem Baume erreicht, ſchnellte in einem Bo⸗ gen hoch über den Wipfel und fiel auf die Erde. So ereigneten ſich auf verſchiedenen Stellen verſchiedene Dinge. Als es ſchon eine ganze Weile faſt ununterbrochen geknallt, und der Raum ſich mit Pulver⸗ dampf gefüllt hatte, als endlich die Schüſſe immer ſeltener wurden, und nur mehr einzelne zu hören waren: ſo erſchallte wieder die klin⸗ gende Muſik und ertönte wieder nach ihr das einzelne Jägerhorn, zum Zeichen, daß man nun aufhören ſolle. Die Schüſſe hörten auch auf, die Büchſen wurden in die Stände geſtellt, und der weiße Rauch verzog ſich durch die ſchön gezackten grünen Wipfel der Tan⸗ nen und durch die entfernteren Buchen. Man ließ nun an verſchiedenen Stellen die Netze hernieder, und das Wild, das übrig geblieben war, weil es ſich in die Geſträuche oder gar in Klüfte geduckt hatte, konnte in den ſchützenden Wald entrinnen, und den größten Angſttag ſeines Lebens vergeſſen. Die Diener lockten die Hunde zu ſich, um die verwundeten zu ſalben, und den hungrigen Nahrung zu geben. Hierauf erſchienen meh⸗ rere Jäger, Heger und andere Leute und ſuchten in dem Jagdraume herum, um das gefallene Wild zu finden und zuſammen zu tragen. Auch manche Herren und andere Leute ſtiegen in den Jagdraum nieder, um ſich das Wild zu betrachten und die Spuren der eben vergangenen Begeben⸗ heit zu ſehen. Die Schützen und die Zuſchauer miſchten ſich auf ihren Bühnen, und da das Vergnügen allgemein geweſen war, ſo redeten jetzt auch Alle mit einander. Da wollte es der Zufall, daß Hanna, die Tochter des armen Weibes, die auch herbei gekommen war, dem Feſte zuzuſchauen, neben einen außerordentlich ſchönen jungen⸗ Mann von vornehmem Stande zu ſtehen kam. Dieſer Mann war ſchon früher aufgefallen. Er war, der allgemeinen Sitte zuwider, der einzige, der keine weißbeſtäubten Haare trug, ſondern ſeine eigenen Locken, die von wunderſchönem Gelb waren, bis auf die Schultern und auf den Rockkragen niederfallen ließ. Er hatte ſehr gut geſchoſſen, hatte immer auf die unſicherſten Punkte gezielt und immer getroffen. Er war ſo ſchön, daß er, wie die Landleute ſagen, wie Milch und Blut ausſah, ſeine Augen waren groß und ſanft, und er war ſchier prächtiger gekleidet, als alle Andern. Da Hanna ſo neben ihm ſtand, erblickte ſie ein Mann aus dem Volke, der ſich unten in dem Retzraume befand, zeigte mit dem Finger hinauf und rief:„Das iſt das ſchönſte Paar!“ Das Volk, welches ohnehin ſchon in eine höhere Stimmung gekom⸗ men war, welches an der Jagd den lebhafteſten Antheil genommen, mit den Fingern nach dieſer und nach jener Stelle gezeigt und freudig gejubelt hatte, wenn ſich etwas Merkwürdiges zugetragen hatte, war zu dem Un⸗ gewöhnlichſten aufgelegt. Kaum hatte es alſo die Worte des Mannes — 334— vernommen, ſo rief es gleichſam mit einer Stimme und laut:„Das iſt das ſchönſte Paar, das iſt das ſchönſte Paar!“ Der junge Mann wandte ſich in ſeiner Verwirrung gegen Hanna und ſah ſie an. Da wurde ſein Angeſicht ſo ſcharlachroth, wie die Bän⸗ der, an denen er ſeinen Hirſchfänger hängen hatte. Hanna wandte ſich ebenfalls nach dem Rufe gegen ihren Nachbar, und da ſie den ausgezeichneten Mann geſehen hatte, wurde ihr Antlitz gleichſam mit dem dunkelſten Blute übergoſſen. Sie ſah ihn eine Weile mit offenen Augen an, dann drängte ſie ſich unter das Volk und ging über die Treppe hinab. Ihr Benehmen war wie das einer Trunkenen. Da das Hin⸗ und Hergehen und Sprechen noch eine Zeit gedauert hatte, fing man an, ſich zu entfernen. Die Diener ſammelten die Ge⸗ wehre auf den Schießſtänden und trugen ſie fort. Die einzelnen Herren begaben ſich gegen die Treppen, und ſuchten ihre Wägen zu gewinnen. Den jungen Mann umringten ſeine Freunde und wünſchten ihm Glück. Von Hanna war nichts mehr zu ſehen; ſie ging bereits mit mehreren ſchön geputzten Freundinnen, die ſich zu ihr geſellt hatten, auf dem durch den Wald gehauenen Wege hinaus. Die jüngeren Schützen hatten ſich meiſtens Reitpferde kommen laſſen. Dieſe wurden vorgeführt und in Ordnung gerichtet, daß man ſie beſteigen und in Geſellſchaft davon rei⸗ ten könnte. Auch das Volk, deſſen Erregung und Uebermuth durch den Ausruf über Hanna gleichſam den höchſten Gipfel erreicht hatte, begann ſich zu entfernen. Aber es ging faſt insgeſammt, wie es gewöhnlich bei Ver⸗ gnügungen unerſättlich iſt, gegen Vorderſtift hinaus, um dem Mittags⸗ eſſen der Herren zuzuſchauen, von dem es hieß, daß es vffen auf der grü⸗ nen Weide würde abgehalten werden. Bald war es auf dem Jagdraume leer. Der feinſte Rauch hatte ſich verzogen, und die Bäume ſtanden in ihrem glänzenden Nadelgrün oder in der ſtillen Glut ihres rothen und gelben Laubes da. Nur die leeren Gerüſte und die zerknickten Zweige gaben Zeugniß von der hier ſtatt gehabten Verſammlung. Die letzten, welche den Schauplatz verließen, waren diejenigen, denen die Obſorge über das gefallene Wild anvertraut war. Sie hatten Karren in den Retzplatz bringen laſſen, hatten das Wild aufgeladen, und fuhren in Begleitung von Jägern, die die lechzenden Hunde an der Leine führten, durch die ſtille von dem Dufte der zerquetſchten Kräuter ge⸗ ſchwängerte Waldluft auf dem einſamen Wege hinaus, der vor ihnen von ſo vielen Pferden und Menſchen betreten worden war. Das Mittagsmahl hatte wirklich auf der Weide vor dem Jäger⸗ hauſe zu Vorderſtift ſtatt. Bei demſelben waren auch die Frauen zu⸗ gegen. Sie waren ſo eingetheilt, daß immer zwiſchen zwei Herren eine Frau oder ein Fräulein ſaß. Die angeſehenen Männer der Gegend, welche als geladene Schützen der Jagd beigewohnt hatten, waren auch zu dem Mahle geladen, und hatten ihre Frauen und Töchter bringen müſſen. Die ganze Geſellſchaft ſaß an zwei langen Tiſchen dahin. Ueber ihren Häuptern war ein roth und weiß geſtreiftes Tuch geſpannt. Zwiſchen den Pfeilern, welche das Tuch trugen, waren die Räume hie und da frei, hie und da aber mit feinem faſt durchſichtigem Gewebe beſpannt. Auf den Tafeln ſtanden die Speiſen, ſtanden die feinen Gläſer mit den Wei⸗ nen, und ſtanden in ſchönen Geſchirren die wenigen Blumen der Gärten und Felder, die man in dieſer Jahreszeit noch hatte auftreiben können. Rings herum waren auch noch allerlei andere Geräthe, namentlich Körbe, die die Herren von der Ferne mitgebracht hatten, und aus denen die Diener, welche aufwarteten und Speiſen trugen, koſtbare Gebäcke und andere Dinge auspackten. Das Volk ſtand in großer Menge und dicht um das linnene Gebäude der Speiſenden herum, und ſah zu. Man hatte von den großen Fäſſern mit Wein, welche herbei gebracht worden waren und im Graſe lagen, auch den Gebrauch gemacht, daß man die Flüſſigkeit in großen Krügen herabließ, und dem Volke, wenn es wollte, einen Will⸗ kommenstrunk gab. Es waren deßhalb eine Menge Gläſer und Krüglein vorhanden. Auch war auf mehreren Tiſchen auf dem Raume der Weide Braten und anderes Speiſengemiſche zur Bewirthung aufgeſtellt. Die Armen und auch Andere, welche ſich nicht ſcheuten, gingen hinzu, ließen es ſich ſchmecken und tranken von dem Weine. Die aber, welche das nicht thun wollten, begaben ſich zu dem Schmied in Vorderſtift, deſſen Sohn zu dieſer Gelegenheit große Vorräthe von Bier, Wein und Spei⸗ ſen auf ſeine Wieſe hatte bringen laſſen, hielten dort gegen Bezahlung ihr Mittagmahl, und begaben ſich wieder zum Anſchauen des Feſtes. Das Feſt aber dauerte bis in die Nacht. Da es dunkel wurde, ließ man gläſerne Ballen kommen, in denen Lichter brannten, die auf die Tiſche geſtellt wurden und eine überraſchende Wirkung hervor brachten. Drau⸗ ßen war die dunkle Racht auf der Haide, an deren Saume die ſchwarzen Wälder warteten, dunkle Menſchen von einzelnen getragenen Lichtern unterbrochen, bewegten ſich auf der Haide, dichte Menſchen, hell in den Angeſichtern beleuchtet, ſtanden um das glänzende Bauwerk, und feine Strahlen ſpannen ſich aus dem Gewebe in die Räume hinaus. Da die Herren von den Weinen tranken, wurden ſie geſprächiger, und da die Gläſer und Krüge in dem Volke viel herum gingen, ſprach es auch unter ſich und wurde heiter. Zuletzt, da an der Tafel Lebehoch ausgebracht wurden auf Seine Majeſtät den Kaiſer, auf alle wackeren Heerführer, auf den Grundherrn, auf jeden rechtſchaffenen Mann und ſämmtliche ſchöne Frauen, da wurde die Freude allgemein, viele Gläſer ſtreckten ſich, von den Händen der Herren gehalten, bei dem Linnengebäude des Speiſe⸗ ſaales heraus, um mit dem Volke anzuſtoßen, und die Rufe auf das Glück und die Geſundheit Aller, die es gut mit uns meinen, und die wir lieben, tönte weit in die Nacht hinaus. Endlich wurde das Feſt aus, man erhob ſich von der Thfel, um ſich in das Jägerhaus zu bege⸗ ben. Den Beſchluß des Tages machte ein ſchöner Zug von Fackeln, bei derem Schein ſich die Herrren, von denen jeder eine Frau oder ein Jungfräulein führte, zu Fuße nach Oberplan verfügten. Das geſammte Volk ging mit. Erſt als die Schützen und Gäſte ihre Herbergen geſucht, und man die Fackeln eine nach der andern ausgelöſcht hatte, zerſtreute ſich die Menge und begab ſich auf die verſchiedenen Wege nach Hauſe. In dieſer einſamen Gegend, wo ſelten andere Abwechslungen vorkom⸗ men, als die des Wetters, der Jahreszeiten, und fruchtbarer und un⸗ fruchtbarer Jahre, wird, konnte man vorherſagen, das Andenken an die⸗ ſen Tag nicht ſo leicht erlöſchen, und Enkel und Urenkel werden ſich von dem merkwürdigen Feſte, das in dem Stegwalde und in Vorderſtift einſt gefeiert worden iſt erzählen. Nach dieſem Feſttage ſollten, wie es ausgemacht worden war, meh⸗ rere Zwiſchentage folgen, bis das zweite Jagen ſtatt haben konnte. Dieſe Zwiſchentage ſollten namentlich dazu dienen, daß der Grundherr manche Orte und manche Werke und Anlagen beſuchen und beſehen konnte, die er in dieſer Gegend hatte, und zu denen er nicht ſo bald wie⸗ der kommen würde. Seine Gäſte könnten es ſich in dieſer Zeit einrich⸗ ten, wie ſie wollten, und ſich die Zeit mit Spielen, Herumgehen und andern Dingen, die ſie erluſtigten, vertreiben. Der Herr ritt mit mehreren Begleitern auf dem neugemachten Wege nach dem Hüttenwalde, und durch dieſen gegen den Hüttenhof und gegen die Alm, wo er eine Viehzüchterei und Käſewirthſchaft hatte, er ritt da⸗ hin, um dieſe Dinge zu beſehen, die Waldbeſamungen zu beſuchen, und die Geisberge, den Urbach und die Rathſchläge zu beſehen. Der Weg, den er nach und nach zurückzulegen hatte, war ein ſehr langer. Die zurückgeblieben waren, ſchafften Kähne herbei, und machten eine Fahrt auf der Moldau unter Schallmeien und Tannenkränzen. Dann fiſchten Einige, dann beſuchten ſie Höhen, von denen man weit herum ſah, oder ſie gingen mit den Frauen und Fräulein in den Fluren ſpazieren. In Oberplan war wegen dieſer Dinge eine ganz außergewöhnliche Stimmung. Weil die Gegend ſo einſam liegt, ſo war der Vorſtellungs⸗ kreis der Bewohner durch die Ankunft der Herren verrückt worden. Es kamen ihnen vor, als ob Jahrmarkt wäre, oder als vb Theaterſpieler gekommen wären, oder als ob zur Faſtnachtszeit Vermummungen aufge⸗ führt würden. Jeder ging nach Verrichtung ſeiner Geſchäfte noch gerne aus dem Hauſe, um einem der fremden Gäſte zu begegnen, vder ſie gehen zu ſehen, oder ſonſt ſeine Neugierde zu befriedigen. Alle waren darin einig, daß die Herren ſehr leutſelig wären, daß ſie mit jedem Weibe und jedem Kinde ſprächen und ſich ſehr freundlich betrügen. Das zufällige Nebeneinanderſtehen Hanna's und des ſchönen jun⸗ gen Herrn war nicht vhne weitere Folgen geblieben. Er hatte ausge⸗ forſcht, wer das Mädchen wäre und wo es wohne. Er war nach Pich⸗ lern zu dem weißen Häuschen gegangen, und hatte mit Hanna und der Mutter geredet. Er war öfter hinüber gegangen und hatte öfter mit Hanna geredet. Auch in Oberplan hatte er ſie geſehen, wenn ſie Neu⸗ gierde halber hinüber kam, er hatte ſie begleitet, und einmal hatte man ihn gar vor ihr im hohen Erlengebüſche auf den Knieen liegen geſehen, ihre Hand mit inbrünſtigem Bitten haltend, und mit den wunderſchönen Augen zu ihr hinauf blickend. Weil die andern Herren, welche zur Be⸗ ſichtigung mancher Werke der Gegend fortgeritten waren⸗ viele Tage ausblieben, konnte die Sache in den Gang kommen, und Hanna auch von Empfindungen ergriffen werden. Die Beiden gingen mit einander ſie gingen an dem Wachholder und den im Koſen durch die Fluren, grauen Steinen vorbei, ſie gingen an der nirdern Mauer, die als Feld⸗ 22 Stifter. 4. Aufl. III. — einfaſſung von dem weißen Häuschen durch die Thalniederung gegen das Gemurmel des Baches hinan lief, ſie gingen an den blutrothen Blättern des Kirſchengeheges, oder ſaßen auf den geraden und ſenkrechten Pfeilern des Felſens der Milchbäuerin. Er ging an dem hellen lichten Tage in das weiße Häuschen hinüber, oder er ſendete ſehr prächtig gekleidete Diener mit Botſchaften an Hanna dahin. Man erſtaunte über dieſe Dinge, und die alte Mutter war wie blödſinnig, und machte Knixe, wenn der ſchöne Herr oder ſeine Diener in das Häuschen traten. Endlich bemächtigte ſich der Ruf dieſer Sache, und trug ſeine Ge⸗ rüchte in der Gegend herum. Guido, wie die mitgekommenen Freunde den jungen Mann immer nannten, werde Hanna heirathen, ſie werde zu einem erſtaunlich hohen Stande erhoben werden, die Gegend, in welche man nur zu jagen gekommen ſei, werde ein ganz anderes Feſt, ein un⸗ glaubliches Feſt und ein unvergeßlicheres Feſt zu ſehen bekommen, als die anfüänglich beſtellten Jagdfeſte. Es ſei ſchon Alles gewiß, und dem weißen Häuschen ſtehe eine Freude bevor, die man ſich gar nicht vor⸗ ſtellen könne. Es ſeien jetzt nur erſt die Edelſteine, die goldgewirkten Kleider und die ſpinnengewebefeine Wiäſche unter Weges, und wenn dieſe angekommen wären, dann werde Alles öffentlich bekannt gemacht wer⸗ den, und kein Zweifel mehr ſein. Weil jetzt Alles nach ganz anderem Maßſtabe in Oberplan geſchah, als zu ſonſtigen Zeiten, ſo waren auch alle Köpfe verrückt, und hatten nur ſchöne Kleider und Hoffahrt und gnädige Frauen und gnädige Her⸗ ren vor Augen. Die Bewohner von Pichlern, die weniger in Berührung mit den Gäſten kamen, ſchauten nur mit Scheu und Verwunderung auf das weiße Häuschen. 4. Der dunßle Baum. Hanns wußte von dem Allen nichts. Der Grundherr wollte näm⸗ lich auch alle ſeine Holzſchläge beſuchen, und hatte deßhalb den Befehl ergehen laſſen, daß kein Arbeiter ſeinen Platz verlaſſen dürfe, bis er nicht dort geweſen und den Fortgang des Geſchäftes geſehen hätte. Dies war die Urſache, daß Hanns nicht nur das Jagdfeſt nicht hatte beſehen kön⸗ nen, ſondern daß er auch trotz des Sonntages, der in dieſe Zeil fiel, nicht in die Gegend hinaus gekommen war. Endlich aber war der Grundherr mit den Herren, die ihn begleitet hatten, überall, wo er zu thun hatte, und alſo auch in Hannſen's Holz⸗ ſchlage geweſen. Die Folge hievon war, daß er nicht nur ſelber nach Oberplan zurückkehrte, ſondern auch ſeinen Arbeitern in Betracht ſeiner Zufriedenheit mit ihnen und in Betracht der außerordentlichen Zeit erlaubte, mehrere Tage zu feiern und hinaus zu gehen, und die Feſte anzuſchauen. Hanns ging von ſeinem Walde nach Pichlern. Als er dort angekommen war, ging er zu dem weißen Häuschen; aber er fand es verſchloſſen. Auf ſein Befragen erfuhr er nun Alles. Er ging zu ſeiner Schweſter und zog die Sonntagskleider an. Dann ging er wieder zu dem Häuschen, das noch verſchloſſen war. Die Mutter, hieß es, ſei mit ihrer Ziege auf den Brunnberg gegangen oder ſonſt irgend wohin; und Hanna befinde ſie in Oberplan oder in einem andern Orte, wo man die Vorbereitungen zu dem großen morgi⸗ gen Jagen im Langwalde treffe. Hanns ging nun in die grauen Steine. Er ſetzte ſich dort auf einen derſelben nieder, und hielt den Kopf feſt in beiden Händen, gleich⸗ ſam als warte er. Da aber eine Zeit vergangen war, ſtand er wieder auf und ſchlug den Weg nach Oberplan ein. Als er gegen die Wieſen kam, in denen die Moldau in einer Schlange geht, erſtaunte er über das, was er ſah. Eine große Menge von Menſchen war verſammelt. Das Bretterhaus, das zu dem großen Tanzfeſte dienen ſollte, war ſchon aufgebaut und ragte aus dem Menſchengewühle hervor. Hanns wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Als er aber ſah, daß ſich um dieſes hölzerne Gebäude die meiſten Leute drängten, ging er auch auf dasſelbe zu. Er erreichte den Platz und ſah, daß um das Gebäude eine Treppenrundung lief, über die man hinaufgehen konnte, wo dann Säulen ſtanden, die den Bau zierten, und zwiſchen denen man in das Innere ſehen und auch an vielen Stellen hinein gehen konnte. Er ſtieg die Stufen zwiſchen den 22 — Menſchen empor und ſtellte ſich neben eine Säule. Da ſah er im Innern einen großen Raum, auf dem geputzte Herren herum gingen oder ſtan⸗ den, er ſah einen erhöhteren Raum, der um den erſten herumlief, auf dem ſich Tiſche und Stühle befanden, und er ſah noch ganz Oben rings herum einen Bau, wie eine zierliche Bühne, auf der man ſitzen und nach abwärts ſchauen konnte. Ueberall gab es Menſchen. An den Säulen und Brettern waren ſchon die Nägel und Latten, an denen man die Lam⸗ pen, die Tuchverzierungen und Blumen befeſtigen würde. Hanns fragte einen Mann, an dem er dicht gedrängt ſtand, was es gäbe. „Es werden die Treiber, die Heger, die Jäger und alles Andere ver⸗ leſen, was morgen bei der Treibjagd im Langwalde ſtatt haben ſolle,“ antwortete der Mann. Wirklich ſah Hanns mehrere Herren an einem Tiſche mit Papieren beſchäftigt, er ſah wie ſie ſprachen, und an manche Bewohner der Gegend Zettel vertheilten. Oben auf der zierlichen Bühne ſah er nebſt vielen andern Menſchen auch Hanna ſitzen. Sie ſaß neben dem wunderſchönen Guido, hatte ihre weiche Hand in ſeine beiden gelegt, und ſo ſahen ſie in den Saal hinab. Jetzt trat ein Herr von dem Tiſche weg und rief:„Nun wollen wir die Schützen verleſen, auf welchen Ständen ſie ſich morgen vor Tages⸗ anbruch einfinden ſollen, und auf welchen Jeder, ehe die Sonne aufgeht, gerüſtet daſtehen muß.“ Es ward in dem Saale etwas ſtiller, und der Herr las mit lauter Stimme aus einem Papiere vor:„Herr Andreas bei der rothen Lake.“ „Weiß ſie nicht.“ „Gidi wird Dich führen.“ „Herr Gunibald in der Kreire.“ „Weiß ſie.“ „Herr Friedrich von Eſchberg am gebrannten Steine.“ „Weiß ihn nicht.“ „Der Schmied Feirer wird Euch begleiten.“ „Herr Guido beim beſchriebenen Tännling.“ „Weiß ihn.“ — ——— — 341 „Herr Albrecht Hammermann im Fuchslug.“ „Weiß es.“ „Herr Thorngar am Brunnkreß— Herr Wenhard am Obergehag — Herr Emerich im Auwörth.“ „Wiſſen es.“ Und ſo ging es fort, bis ſämmtliche Herren und Schützen herab geleſen waren. Da dies das Letzte war, was verkündet werden mußte, ſo gingen die meiſten Herren und mit ihnen auch andere Leute von dem Holzgebäude fort. Hanna und Guido erhoben ſich und verſchwanden hinter dem Volke. Hanns drängte ſich durch die Leute, die an der äuße⸗ ren Treppe waren, um die Stelle zu gewinnen, an der Hanna aus dem Gebäude kommen mußte. Als er dahin gelangte, ſah er, daß ſie bereits in einem leichten ſchönen Wagen ſaß, daß Guido bei ihr ſaß, daß ſich ein prächtig gekleideter Diener hinten hinauf ſchwang, und daß der Wa⸗ gen fort rollte. Er rollte an den nächſten Häuſern, wo man einen Weg über die Wieſen gemacht hatte, herum, und ſchlug die Straße nach Vor⸗ derſtift ein. Hanns wendete ſich um und ging nach Pichlern. Er hatte dort bei ſeiner Schweſter einen Schrein, in welchem er ſeine Arbeitsgeräthe, die er eben nicht auf dem Holzplatze brauchte, aufbewahrt hatte. Er öffnete die Thür des Schreines, und ſah auf die Dinge, die da in angebrachten Querhölzern in Einſchnitten ſteckten. Er nahm zuerſt einen Bohrer her⸗ aus und ſteckte ihn wieder hin, dann nahm er ein Sägeblatt, beſah es und ſteckte es wieder in die Rinne. Dann nahm er eine Axt, wie er ſie gerne anwendete, wenn er keilförmige Einſchnitte in die Bäume auszu⸗ ſchrotten hatte. Dieſe Aexte haben gerne einen langen Stiel, ſie ſelber ſind ſchmal und von ſcharfer Schneide. Dieſe Art nahm er heraus und that die Thür des Schreines wieder zu. Dann ging er in die Schwarz⸗ mühle, wo ſie hinter dem Gebäude der Bretterſäge unter einem Ueber⸗ dache einen Schleifſtein haben, den man mittelſt eines Wäſſerleins, das man auf ſein Rad leitete, in Bewegung ſetzen konnte. Hanns rückte das Brett, das das Waſſer dämmte, ſetzte den Stein in Bewegung und ſchliff ſeine Axt. Als er damit fertig war, lenkte er das Waſſer wieder ab, ſtillte den Stein, nahm die Art auf ſeine Schulter, wie er ſie gerne hatte, wenn er ſich nach dem Thußwalde begab, und ging davon. Er — 342— ging hinter dem Dorfe durch die Gärten des Weißkohles gegen den Brunnberg zu. Das Töchterlein eines armen Weibes, das man die Sittibwitwe nannte, ſah ihn dort gehen und ſagte:„Mutter, da geht Hanns.“ „Laß ihn gehen,“ ſagte dieſe,„das iſt eine ſehr unglückſelige Ge⸗ ſchichte.“ Hanns ſtieg über die ſehr niedere Mauer, die um die Kohlgärten aus loſen Steinen gelegt war, und ging durch die verkrüppelten Erlen⸗ ſtauden und durch die Wachholdergebüſche empor, durch welche Hanna an ihrem erſten Beichttage in der Dämmerung hernieder gegangen war. Er ging an der Milchbäuerin vorüber und begab ſich zu den zwei Brun⸗ nenhäuschen. Dort lehnte er die Art an den Stamm der Linde, kniete vor der Thür des einen Häuschen nieder, nahm den Stiel des Schöpfers, ſchöpfte ſich Waſſer heraus und trank einen Theil davvn. Mit dem Reſte benetzte er ſich die Stirne, benetzte ſich die Augenbrauen, die Augenlider und dann die Augen ſelber. Er ließ eine geraume Zeit das Naß auf dieſen Theilen des Körpers liegen, dann zog er ein Taſchentuch hervor und trocknete ſich ab. Als dies geſchehen war, ſchüttete er das Waſſer, das noch in dem kleinen Schöpfkübel war, aus, und ſchöpfte ſich neues. Von dieſem that er noch einmal einen Trunk und ſchüttete den Reſt in den Brunnen zurück. Hierauf legte er den Schöpfkübel in ſeine gewöhn⸗ liche ſchwimmende Lage auf das Waſſer und erhob ſich von den Knieen. Er nahm wieder die Axt und ſchlug den Weg zwiſchen den Baumreihen zu dem Kirchlein zum guten Waſſer ein. Als er bei dem Kirchlein angekommen war, deſſen Thün offen ſtand, blieb er auf dem Grabſteine, der vor der Thüre liegt, ſtehen, und that ſeinen Hut ab. Dann ging er hinein, den Hut in der einen ſeiner Hände haltend. Mit der andern nahm er die Axt, die er trug, von der Schul⸗ ter, und lehnte ſie neben dem Becken, das das Weihwaſſer enthielt, in eine Mauerecke. Hierauf ging er bis zu dem Hochaltare hinvor. In dem Kirchlein war Niemand, als zwei ſehr alte Mütterlein, die vielleicht die einzigen waren, welche von dem Verhältniſſe zwiſchen Hanns und Hanna nichts wußten. Hanns kniete an den Stufen des Hochaltares, auf welchem ſich die ſchmerzhafte Jungfrau Maria befand, nieder. Er legte den Hut neben ſich, faltete die Hände und betete. Er betete ſehr lange. Dann löſ te er die gefalteten Hände auf, neigte ſich vorwärts, neigte ſich — immer mehr und legte ſich endlich auf den kalten Stein, daß ſeine Arme auf demſelben lagen, und ſeine Lippen denſelben berührten. Er küßte den Stein mehrere und wiederholte Male. Dann tichtete er ſich nach und nach auf, und blieb wieder knien und betete wieder. Als er genug ge⸗ betet hatte, that er die gefalteten Hände wieder auseinander, fuhr mit der rechten gegen die Stirne und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes. Dann nahm er den neben ſich liegenden Hut, ſtand auf und ging wieder in der Kirche zurück. Die Mütterlein machten einen demüthigen und rirchlichen Gruß gegen ihn mit Neigen des Hauptes. An der Thür nahm er mit den Fingerſpitzen Weihwaſſer aus dem Becken, beſpritzte ſich das Antlitz und machte wieder das Kreutzeichen. Dann nahm er wieder ſeine Art aus der Mauerecke, that ſie auf die Schulter, trat aus der Kirche und ſetzte den Hut auf. Von der Kirche ging er zu dem Kreuze empor. An demſelben legte er wieder den Hut und die Axt ab, kniete auf den flachen Stein, der vor dem Holze lag, er kniete ſo nahe, daß ſeine Bruſt faſt dicht an dem rothen Stamme war, und betete da wieder. Nachdem er gebetet hatte, nahm er abermals Hut und Axt. Gegen den Gipfel des Kreuzberges ſehen dunkle Waldhäupter herein. Man ſieht ſie, wenn man den fernen blauen Alpen, die im Süden ſind, den Rücken zuwendet. Die Waldhäupter ſind durch ein Thal von dem Kreuz⸗ berge geſchieden, führen den Namen des oberen Waldes, und leiten quer über ein Thal in den Langwald. Hanns, nachdem er von dem Beten aufgeſtanden war, wendete gar nicht den Rücken, der gegen Oberplan und ſeine Bewohner gerichtet war, ſondern ſah gegen die Waldhäupter. Er ging in der Richtung gegen ſie über den Berg hinab. Im Thale un⸗ ten beginnen dünnſtehende Föhrenſtämme, die den Namen der Schieder führen. Hanns ging zwiſchen den Stämmen und auf dem ſumpfigen Bo⸗ den, der ſich unter ihnen befindet, dahin. Er ging durch die Wieſen, die jenſeits der Schieder ſind, und klomm endlich die Höhen des oberen Wal⸗ des hinan, der dichten verworrenen Baumwuchs und in ihm das eigen⸗ thümliche Gedämmer ſchwerer Wälder hat. Er klomm zwiſchen den Stämmen immer weiter und weiter hinan. Die Kuppe des oberen Wal⸗ des iſt ein von Bäumen entblöſ ter Fels, von dem man aus das böh⸗ miſche Waldland wie ein graues Gewebe liegen, und ſeine Teiche darin wie Lichtblicke glänzen ſieht. Als Hanns dieſe Kuppe erreicht hatte, blieb — 344— er eine Weile ſtehen und betrachtete das Land, vielleicht die höchſte menſchliche Geſtalt, die man heute in den Lüften hätte erblicken können. Er blieb eine gute Weile ſtehen und ſah hinaus. Die Sonne war nur mehr einen kleinen Bogen von dem Rande der Weſtwälder entfernt. Dann ging er wieder weiter. Er ging jetzt einen ſanften Abhang ſchief abwärts, der mit Gebü⸗ ſchen, Laubbäumen und Steinen beſetzt war. Er ging immer fort. Wo die Dachung des Gehölzes minder ſchief war, und wieder faſt ſich ebenem Lande gleich geſtaltete, that ſich eine längliche Waldwieſe auf, auf der neben einem grauen Steinhaufen ein Schoppen ſtand, in den man im Sommer das Heu thut, um es im Winter auf dem gefrornen Hochſchnee mit Handſchlitten nach Hauſe zu bringen. Hanns ſtand vor dem Schop⸗ pen, und ſah eine Weile in das Heu hinein. Dann ſah er mit der Hand über den Augen nach dem Stande der Sonne. Dieſe blickte nur mehr durch die niederen vergoldeten Tannenzweige herein. Dann ging er wie⸗ der weiter. Er ging jetzt durch dichten dunkelnden Wald. Er ging an ſtarken Stämmen vorüber, die die rauhe Rinde hatten, und von deren verdorrten Aeſten die grünen Bärte des Mooſes herunter hingen. Er ging an großen Steinen vorüber, die mit einer weichen Hülle bedeckt waren, auf der zarte Fäden und feuchte Blättchen wuchſen. Er ging auf dem modrigen Boden, der die tauſendjährigen Abfälle der Bäume ent⸗ hielt, und dem Tritte keinen Widerſtand leiſtete. Er ging auf keinem Wege, weil er die Geſtalt und Richtungen des Waldes auch ohne Weg ſehr gut kannte.— Endlich war er an ſeinem Ziele. Ein ſehr hoher Baum ſtand unter den andern ebenfalls hohen und alten Bäumen des Waldes. Hanns lehnte die Axt an den Stamm und ſah den Baum an. In ſeiner Rinde waren die Zeichen der Liebe eingegraben: ein Herz mit Flammen, die durch auseinander gehende Striche angedeutet waren, ein Ring, der zwei Namen umfaßte, ein Kreuz, das aus Keilen empor ragte, der Name Maria's, der aus verſchlungenen Buchſtaben zuſammengeſetzt war, dann andere Namen, in zwei Buchſtaben Peſtehend, oft verziert mit einem Kränzlein oder dergleichen, oft ohne Verzierung, zuweilen fliſch, ſo wie die Beſitzer noch in Jugend unter den Lebenden wandeln, zuweilen vernarbt und unkenntlich, ſo wie die Liebenden ſchon durch Alter ein⸗ gebückt, oder im Grabe bereits zerfallen ſind. Der Baum ſtand ſehr hoch in die Abendluft empor, und zeichnete ſeine Zacken, weil er eine — — 345— Tanne war, in dieſelbe. Die wagrechten Aeſte ruhten wie die ausgebrei⸗ teten Fittige eines Vogels in der Luft. An dem Fuße des Stammes la⸗ gen einige Steine, als wären ſie zum Sitzen und Ausruhen her gelegt worden. Auch ging ein ſchwaches Waldweglein an dem Baume vorbei, auf dem aber Hanns nicht gekommen war. Nachdem Hanns den Baum ſo betrachtet hatte, nachdem er eine Weile ſo geſtanden war, knüpfte er ſich den Rock bis an's Kinn zu und ſetzte ſich auf die Steine, die an dem Fuße des Stammes lagen. Es war der Abend ſchon ſehr ſtark herein gebrochen, und Hanns ſah mit ſeinen Augen in das Dunkel und in die Dämmerung. Die Baumgitter, die emporwachſenden und nun verdorrten Kräuter und der Boden waren nicht mehr zu unterſcheiden, nur daß ein feuchter Punkt oder ein ſchwaches Wäſſerlein noch zeitweilig blitzte. Aber endlich hörte auch dieſes auf, und es war nur eine einzige Finſterniß, in der Alles ſtill war. Hanns ſaß mit dem Rücken an dem Stamme und ſchlummerte. Da kam in der Racht eine ſeltſame Erſcheinung. Um den Baum wurde es immer lichter und lichter, ſo daß ſeine Zacken deutlich in der Helle ſtanden und erkennbar waren. Der Baum war ſo hoch, daß er bis in den Himmel reichte, und bis in den Himmel reichte die Helle um ſeine Zacken. In den Zweigen hoch im Himmel ſtand das Bildniß der heiligen Jungfrau, wie es im Kirchlein zum guten Waſſer iſt, und doch war ſein Antli und ſeine Züge recht deutlich zu erkennen. Auf dem Haupte war die Krone, aus der Bruſt ſtanden die ſieben Schwerter und in dem Schooße ruhte der gekreuzigte Sohn. Das Bild hatte den Blumenſtrauß in der Hand, von dem die Bänder nieder gehen, es hatte das ſtarre ſei⸗ dene Kleid an mit den Flimmern, mit den geſtickten Blumen und den ge⸗ wundenen Stängeln. Das Antlitz aber ſah ſtrenge, unerbittlich ſtrenge auf Hanns hernieder. Er ſah unverwandt und ernſt auf ihn nieder. Da ermannte ſich Hanns, er erwachte, er wandte das Haupt aufwärts und ſah in den Baum. Der Baum war wieder ſo klein geworden wie ſonſt, die heilige Jungfrau ſtand nicht mehr in den Zweigen, aber ein großes Stück Mond, das, indeſſen Hanns geſchlafen hatte, aufgegangen und über den Wald herüber gerückt war, ſtand faſt gerade über den Baum, daß ſeine Zweige glänzten, daß zwiſchen ihnen lange Lichtſtreifen wie ſil⸗ berne Bänder auf Hanns nieder gingen, und daß die Dinge des Waldes in einem zweifelhaſten aber doch erkennbaren Lichte da ſtanden. Hanns — 346 erhob ſich von ſeinem Sitze, trat ein wenig ſeitwärts, und ſah wieder auf den Baum. Aber es war immer das Nämliche. Da fuhr Hanns mit der Hand über ſein Angeſicht, und ſagte die Worte:„Es muß etwas Verworrenes geweſen ſein, um das ich gebeten habe.“ Da nahm er den Rock etwas enger zuſammen, und drückte die Ober⸗ arme gegen den Leib; denn es war ihm im Schlafe ſehr kalt geworden. Dann ging er wieder gegen den Baumſtamm, und griff mit den Händen in der Gegend, wo er die Art hingelehnt hatte. Als er ſie gefunden hatte, nahm er ſie in die Hand, trat weg und ſah wieder auf den Baum. Dann ſah er noch einmal hinauf, ſchulterte dann ſeine Axt und ging von der Stelle fort. Er ging in anderer Richtung als er gekommen war, er ging zwiſchen den Stämmen und an den hie und da von dem Monde beleuchteten Ge⸗ ſträuchen dahin. Als der Morgen anbrach, an dem die Treibjagd im Langwalde ſein ſollte, war er ſchon weit von demſelben entfernt. Er ging auf den baum⸗ entblößten Höhen dahin, die nicht weit von dem Markte Wallern ſich hinziehen. Der Mann ſchien ganz gebrochen zu ſein. In einer Hütte, die eine halbe Stunde Weges von Wallern liegt, bat er um eine Suppe. Als man ihm dieſelbe aus Milch und Mehl gemacht hatte, und als er dieſelbe getrunken hatte, begab er ſich wieder auf den Weg. Er lenkte von der bisherigen Richtung ab und ſchlug die nach dem Thußwalde ein. Als er in ſeinem Holzſchlage angekommen war, legte er ſich unter der Bretterhütte in das Heu und in die getrockneten Kräuter des Waldes, die dort zur Lagerſtelle waren. Dort blieh er immer liegen, ſo lange die Feſtlichkeiten in Oberplan dauerten, und ſo lange die anderen Holzknechte, welche freie Zeit hatten, zur Beſchauung derſelben ſich draußen befanden. Nur ein Paar alte Weiber waren wegen Beſchwerlichkeit des langen We⸗ ges zurück geblieben, ſie unterhielten das Feuer vor der Hütte, kochten ſich und gaben auch Hanns zu eſſen. Die Jagd im Langwalde war an dem Tage abgehalten worden. Guido ſtand ſchon vor Aufgang der Sonne an dem beſchriebenen Tänn⸗ linge. Weiter unten im Dickichte ſtand ſein Diener, und ſo waren in dem ganzen Walde die einzelnen Männer zerſtreut, daß das Wild, wenn es vor dem Lärme der Treiber dahin ſtrich, zu Schuſſe käme, und ſeinen Zoll, bevor es in unbeſetzte Reviere ausbrechen konnte, abgäbe. Die meiſten Schützen zogen dieſe Art Jagd bei weitem einer Netzjagd vor, weil dem Wilde der Raum zur Flucht gegeben iſt, und eine Geſchicklich⸗ keit erfordert wird, den Augenblick zu benützen, um das flüchtende Ge⸗ wild nieder zu ſtrecken. Nur das Volk hatte von dieſer Jagd weniger Vergnügen, weil es nicht zuſchauen und ſich nur an dem heimgebrachten Wilde, an den Sträußen auf den Hüten und an den fröhlichen Mienen der Schützen ergötzen konnte. Guido hatte einen Hirſch an dem beſchrie⸗ benen Tännlinge geſchoſſen, ein Anderer etwas anderes, und ſo vergnügt waren alle Schützen, daß man noch ein zweites Treibjagen verabredete, ehe es zu dem Balle auf den Moldauwieſen käme, obwohl dieſes zweite Treibjagen nicht in dem urſprünglichen Plane gelegen war. An der Ausſchmückung und Herſtellung der Gebäude auf den Mol⸗ dauwieſen zu dem großen Tanzfeſte wurde auch auf das Eifrigſte ge⸗ arbeitet. Indeſſen geſchah das Außerordentliche, was manche geahnt, manche vorausgeſagt, und doch wenige eigentlich geglaubt hatten. Hanna wurde öffentlich als Guido's Braut erklärt. Sie ſollte mit ihm ſammt ihrer Mutter auf ſeine Beſitzungen geführt und dort getraut werden. Von dem Augenblicke der Erklärung an ſtand immer ein ſchöner leichter Wagen vor dem weißen Häuschen, den ſie beliebig gebrauchen konnte. Kleider und Schmuck waren auch angekommen. Die Bewohner von Pichlern ſahen ſie in einem ſchönen Gewande, um den Hals hatte ſie ein glänzen⸗ des koſtbares Ding, und um den ſchönen Arm einen goldenen Ring. Das zweite Treibjagen war in einer andern Waldgegend abgehal⸗ ten worden. Jetzt kam auch die Nacht des Tanzfeſtes, des letzten Feſtes, das ge⸗ feiert werden ſollte. Die Holzgebäude mit allen ihren Ausſchmückungen waren fertig geworden. Unermeßliche Zuſchauermengen ſtrömten von allen Gegenden zuſammen, und drängten ſich in dem Raume außerhalb der Säulen. So viele Lichter waren angezündet worden, daß man meinte, der ganze innere Bau lodere im Feuer. So viele kunſtreich ge⸗ machte Blumen waren verſchwendet worden, daß man meinte, ſo viele natürliche könnten in zwei Jahren nicht in Oberplan wachſen. Die Her⸗ ren und Frauen waren ſo ſchön, ſo außerordentlich ſchön, daß Alles, was man bisher geſehen hatte, nur ein Spielwerk und ein kindiſches Ding — 348— dagegen war. Sie führten angenehme Tänze auf, Menuette und andere. Das feinſte Backwerk und ſüße Weine wurden an die Frauen vertheilt. Das Höchſte waren Spiele und Masken. Es waren Schäfer und Schä⸗ ferinnen, Bauern und Bäuerinnen, Jäger, Bergleute, Zauberinnen, dann Götter und Göttinnen, insbeſondere Venus und Adonis zugegen. Hanna nahm ſchon an dem Feſte in dem koſtbaren Gewande der vorneh⸗ men Frauen Antheil. Erſt gegen Morgen entfernten ſich die Gäſte, er⸗ loſchen die Lichter, und begaben ſich die mit Verwunderung überladenen Zuſchauer auf den Heimweg. Der Tag war der Ruhe gewidmet. Der nächſte war zur Abfahrt beſtimmt. Als dieſer Tag angebrochen war, geſchah der Abzug aller Herren und Frauen zu Wagen und zu Pferd mit Dienerſchaft und Troß, wie es der Jagdmarſchall vorher beſtimmt hatte. Hanna und ihre Mutter, die bereits Dienerinnen hatten, waren in dem Zuge. In Oberplan und in der Umgegend war es nun leer und ſtille. Das Gebäude auf den Wieſen wurde abgetragen, das Gerüſte im Steg⸗ walde wurde abgebrochen, und bald war das Ganze in der Erinnerung der Menſchen, wie ein Traum. Nach einiger Zeit kam die amtliche Kunde von der Vermählung Hanna's und Guido's. Die Leute ſagten, daß ſie in einem ſehr ſchönen Schloſſe wohne, und daß auch die Mutter in demſelben ſitze, aber traurig ſei.—. Hanns hatte lange nach dieſen Ereigniſſen erſt erzählt, was ihm am beſchriebenen Tännlinge begegnet wäre. Jahre nach Jahren waren vergangen. Hanns blieb immer im Holz⸗ ſchlage. Als ſeine Schweſter, die geheirathet hatte, kurz nach ihrem Manne geſtorben war, nahm er die drei hinterlaſſenen Kinder zu ſich, und ernährte ſie. Als nach vielen Jahren Hanna wieder einmal in die Gegend kam, begegnete ſie Hanns. Sie fuhr eben auf dem Wege zwiſchen Pichlern und Pernek. Sie hatte eine dunkle ſammtne Ueberhülle um ihren Kör⸗ per und war in dem Wagen zurück gelehnt. Ihr Angeſicht war fein und bleich, die Augen ſtanden ruhig unter der Stirne, die Lippen waren ebenfalls ſchier bleich, und der Leib war runder und voller geworden. Hanns, deſſen Angeſicht Furchen hatte, ſtand auf dem Wege. Er hatte ſich an ein mit Leinwand überſpanntes Wägelchen geſpannt, in dem er die drei Kinder eben in ſeinen Holzſchlag führte. Hanna, die ihn nicht kannte, wollte dem armen Manne eine Wohlthat erweiſen, und warf einen Thaler aus ihrem Wagen auf die Erde. Hanns aber hatte ſie gar wohl erkannt. Er ließ ſpäter den Thaler in eine Faſſung geben, und hing ihn in dem Kirchlein zum guten Waſſer auf, wie man ſilberne oder wächſerne Füße und Hände in ſolchen Kirchen aufzuhängen pflegt.—— Als eine Zeit nach Hanna's Vermählung ſich ihre Geſpielinnen an den Abend ihres erſten Beichttages erinnerten und ſagten, daß Hanna's Vorausſagung in Erfüllung gegangen ſei, daß ſie nun ſchöne Kleider habe mit gewundenen Stängeln und Gold⸗ und Silberſtickerei, und daß ſich an ihr die Gnade der heiligen Jungfrau recht ſichtlich erwieſen habe, erwiederte der uralte Schmied in Vorderſtift:„An ihr hat ſich eher ihre Verwünſchung als ihre Gnade gezeigt— ihre Weisheit, Gnade und Wunderthätigkeit haben ſich an Jemand ganz ab erwieſen.“ Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. S———