K— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Pibliothek: Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Suinme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: 1— F 1 3 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8*„ S, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür, zu ſtehen haben. der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. Studien von Adalbert Stifter. Zweiter Band. Studien von Adalbert Stifter. pierte Auflage. Stereotyp⸗Ausgabe in drei Bänden. Mit dem Bildniß des Verfaſſers. Zweiter Band. Peſth Verlag von Guſtav Heckenaſt. 8 Inhalt des zweiten Bandes. Seite Abdias Bas dit Siege Brigitta Die Mappr meines Urgroßvaters. 1841. Stifter. 4. Aufl. II. 1 Dulce est, inler majorum versari habitacula et veterum dicta factaque recensere memoria. Egesippus. — 1 Die Alterthümer. it dem an der Spitze dieſes Buches ſtehenden lateiniſchen Spruche des ſeligen, nunmehr längſt vergeſſenen Egeſippus führe ich die Leſer in das Buch und mit dem Buche in mein altes fern von hier ſtehendes Va⸗ terhaus ein. Der Spruch ſpielte einmal eine Rolle in einer meiner Aus⸗ zeichnungen in der Schule, und ſchon deßhalb hatte ich ihn mir für alle meine Zukunft gemerkt; allein er fiel mir nachher immer wieder ein, wenn ich ſo in den Räumen meines Vaterhauſes herum ging; denn das Haus ſtak voll von verſchiedenen Dingen unſerer Vorfahren, und ich empfand wirklich, in den Dingen herum gehend, die ſeltſamliche Freude und das Vergnügen, von denen Egeſippus in ſeinem Spruche ſagt. Dieſes Vergnügen haftete aber nicht etwa blos in dem Geiſte des Kindes, ſondern es wuchs mit mir auf, der ich noch immer alte Sachen gerne um mich habe und liebe. Ja ich denke oft jetzt ſchon, da ich ſelber alt zu werden beginne, mit einer Gattung Vorfreude auf jene Zeit hinab, in der mein Enkel oder Urenkel unter meinen Spuren herum gehen wird, die ich jetzt mit ſo vieler Liebe gründe, als müßten ſie für die Ewigkeit dauern, und die dann doch, wenn ſie an den Enkel gerathen ſind, erſtor⸗ ben und aus der Zeit gekommen ſein werden. Das haſtige Bauen des Greiſes, die Störrigkeit auf ſeine Satzungen zu halten, und die Gierde auf den Nachruhm zu lauſchen ſind doch nur der dunkle ermattende Trieb des alten Herzens, das ſo ſüße Leben noch über das Grab hinaus zu verlängern. Aber er verlängert es nicht; denn ſo wie er die ausge⸗ bleichten geſchmackloſen Dinge ſeiner Vorgänger belächelt und geändert 1* hatte, ſo wird es auch der Enkel thun, nur mit dem traurig ſüßen Ge⸗ fühle, mit dem man jede vergehende Zeit anſieht, wird er noch die An⸗ denken eine Weile behalten und beſchauen. Dieſe Dinge empfindend erſchien es mir nicht zwecklos, den Spruch des Egeſippus an die Spitze eines Gedenkbuches zu ſtellen, das von meinem Urgroßvater und ſeiner Mappe handelt. Ich will die Erzählung von ihm beginnen. Mein Urgroßvater iſt ein weitberühmter Doctor und Heilkünſtler geweſen, ſonſt auch ein gar eulenſpiegliger Herr, und wie ſie ſagen, in manchen Dingen ein Ketzer. Das alles iſt er auf der hohen Schule zu Prag geworden, von wo er aber, da er kaum den neuen Doctorhut auf hatte, ſeinem eigenen Ausdrucke nach wie ein geſchnellter Pfeil fort⸗ ſchießen mußte, um ſein Heil in der Welt zu ſuchen. Die Urſache, warum er ſo ſchnell fort gemußt hatte, hat er, der Erzählung meines Großvaters zu Folge, nie dazu geſetzt. Welche ſie auch geweſen iſt, ſo hat ſie ihn doch zu jener Zeit in die ſchöne Waldeinſamkeit ſeiner Heimat geführt, wo er ſofort viele Meilen in der Runde kurirte. Vor wenigen Jahren erzählte von ihm noch manche verhallende Stimme des Thales, ja in meiner Knabenzeit kannte ich noch manchen verſpäteten Greis, der ihn noch gekannt, und mit ſeinen zwei großen Rappen herum fahren geſehen hatte. Als er uralt und wohlhabend geworden war, ging er endlich auch den Weg von manchem ſeiner einſtigen Pflegebefohlenen, und hinterließ meinem Großvater Erſparniſſe und Hausrath. Das Erſparte iſt zuerſt fortgekommen, und zwar im Preußenkriege; der Hausrath aber iſt noch ſtehen geblieben. Von der Art und Weiſe des Doctors, die ſehr ab⸗ weichend von der der andern geweſen ſein ſoll, haben ſich nach ſeinem Tode noch lange die Bruchſtücke im Munde der Leute erhalten; aber die Bruchſtücke ſchmolzen wie Eisſchollen, die im Strome hinab ſchwimmen, zu immer kleineren Stücken, bis endlich der Strom der Ueberlieferungen allein ging, und der Name des Geſchiedenen nicht mehr in ihm war. Die Geräthe und Denkmale ſind auch immer verkommener und trüber geworden. Von dieſen Denkmalen möchte ich ſprechen, da ſie einſt meine ſchauerliche innere Freude waren. Aber ſeltſam, wenn ich recht weit zurück gehe, ſo iſt es eigentlich Trödel, der gar ſo tief wirkte, nicht Dinge, denen ich heute mein Augen⸗ — merk ſchenke. Da iſt tief in dem Nebel der Kindheit zurück eine ſchwarze Weſte, die ſo wunderſam war; ich höre noch heute die Leute ſtaunen und rufen, wie nun gar kein ſo unvetwüſtlicher Levantin mehr gemacht werde, und wie man das alte aufbewahren und achten ſoll— dann trieb ſich unter unſern Spielſachen, eine dunkle verwitterte Hutfeder herum, deren Rückgrat geknickt war— aus den Spähnen und Splittern der Holzlaube blickte einmal eine geſchundene Deichſel hetvor— im Garten wucherte noch unausrottbar die Angelikawurzel; daneben ſtand ein grauer Stamm, deſſen zwei einzige grüne Aeſte noch alljährlich ſchwarze Vogelkirſchen trugen, und im Herbſte blutrothe Blätter fallen ließen;— dann waren zwei himmelblaue Wagenräder, die ich als Knabe einmal ſauber abzuwaſchen ſtrebte, weil ſie von darauf geworfenen Pflügen und Eggen voll Koth geworden waren;— dann beſtand, weil man ſagt, daß der Doctor ein vornehmes Friulein ſoll geheirathet haben, auf Diele und Scheune noch allerlei den jetzigen Bewohnern unbekannter Kram, der wohl nicht alle von ihm herrühren mochte; aber wenn unter die berechtigten Hausdinge etwas Wunderliches gerieth, das Niemand erklügeln konnte, ſagte man immer:„Das iſt vom Doctor;“ denn ob⸗ wohl wir ihn als unſern reichſten Vorahn ſehr ehrten, ſo hielten wir doch insgeheim ſämmtlich dafür, daß er ein Narr geweſen ſei. Es mochte damals noch viel mehr Alterthümliches gegeben haben, wenn wir Kinder den Schauer vor ſo manchem unrichtigen Winkel hätten überwinden können, der noch beſtand, und wohin ſich ſeit Ewigkeit her der Schutt geflüchtet hatte. Da war zum Beiſpiele ein hölzerner dunkler Gang zwiſchen Schüttboden und Dach, in dem eine Menge urälteſter Sachen lag; aber ſchon einige Schritte tief in ihm ſtand auf einem gro⸗ ßen Unterſatze eine goldglänzende heilige Margaretha, die allemal einen ſo drohenden Schein gab, ſo oft wir hinein ſahen;— dann waren die unentdeckten allerhinterſten Räume der Wagenlaube, wo ſich verworrene Stangen ſträubten, alternde Strohbünde bauſchten, noch bekannte Fe⸗ dern längſt getödteter Hühner ſtaken, tellergroße ſchwarze Augen aus den Kaben alter Räder glotzten, und daneben im Stroh manch tieferes Loch gohr, ſo ſchwarz wie ein Doctorhut. Ja die Scheu ſteigerte ſich, da einmal der Knecht geſagt hatte, daß man durch die Sachen hindurch in die Haberſtelle der Scheune kriechen könne, was wohl beſtaunt, aber nicht gewagt wurde. In der Finſterniß der Truhe bewahrte auch lieb Mütterlein manche Koſtbarkeiten auf, die keinen andern Zweck hatten, als daß ſie immer liegen blieben, und die wir gelegentlich zu ſehen bekamen, wenn ſie einmal etwas Seltenes ſuchen ging, und wir die Köpfe mit in die Truhe ſteckten. Da war eine Schnur angefaßter raſſelnder ſilberner Gupfknöpfe, einen Bündel Schnallen, langſtielige Löffel, eine große ſilberne Schale, von der ſie ſagten, daß der Doctor das Blut der vornehmen Leute in dieſelbe gelaſſen habe,— dann waren zwei hornerne Adlerſchnäbel, einige Bün⸗ del von Goldborden, und anderes, was in der Dunkelheit ſo geheimniß⸗ voll leuchtete, und worin wir nie kramen durſten, weil die Mutter bei ſolchen Gelegenheiten ſtets nicht Zeit hatte, ſondern zuſperren und fort gehen mußte. Zuweilen aber, wenn die obere Stube, wo die Gaſtbetten ſtanden und die Feſtkleider hingen, einmal gelüftet und abgeſtäubt wurde, und die Mutter eben bei Laune war, zeigte ſie wohl gerne etwa einer Nachbarin und auch uns Kindern, die immer dabei ſtanden, manches von der Ahnentafel bürgerlicher Häuſer, die ich ſo liebe, der Truhe der Brautkleider. Wie Reliquien pflegte man ſonſt derlei Kleider aufzube⸗ wahren und bei Gelegenheiten vorzuzeigen; aber dieſe Ehrfurcht nahm in den Zeiten ab, und endlich kam der ſchwarze Frack, in dem wir zur Trauung, zum Beſuche, zum Spaziergange gehen— was ſoll daher an ihm ſein, das der Aufbewahrung würdig wäre? Wenn Mütterlein nun die ſteifen eckigen Dinge herauszog und in der Sonne ſpielen ließ, da ſtanden wir dabei und ſtaunten die verſchoſſene Pracht an. Da kamen ſammetne, ſeidene, goldſtarrende Dinge zum Vorſchein, die da rauſchten und kniſterten und unbekannt waren. Vom Doctor iſt noch der ganze veilchenblaue Sammetanzug übrig, mit den vielen Schleifen und unten Goldblümchen, dann mit den Bandſchuhen, und ſchwarzem Barett. Das aſchgraue Seidengewand ſeiner Braut hatte hinten einen Zipfel als Schleppe hinaus, es war ein goldener Saum da, und aus dem Innern lauſchte das ſchwefelgelbe ſeidene Unterfutter. Inſonderheit war auch der Rock der Großmutter, der meßgewandſtoffig und unbiegſam war, mit den vielen Falten und großen Seidenblumen. Des Vaters langer röthlicher Brautrock, in dem ich ihn oft an Oſter- und Pfingſttagen zur Kirche gehen ſah, hatte ſchon das Schickſal, daß er zerſchnitten wurde; denn als der Vater todt war, und ich in die Abtei ſtudieren ging, da wurde für mich ein neues Röcklein daraus gefertigt, in welcher Geſtalt er aber von meinen Mitſchülern ſtets nur Hohn und Spott erntete, obgleich mir mein kleines Herz jedesmal um den verſtorbenen Vater ſehr weh that, wenn ich an Sonntagen das ſo oft verehrte Tuch auf meinen Armen ſah. Früher mochten noch mehrere Gedenkſachen allgemach den Weg der Zerſtörung und Vergeſſenheit gegangen ſein. Ich denke noch klar eines Wintermorgens, an dem man daran ging, das Ungeheuer eines weichen Schreines mit Aexten zu zerſchlagen, das ſeit Kindesdenken prangend mit dem eingelegten Worte„Zehrgaden“ wie ein Schloß neben der Küche ge⸗ ſtanden war, und ich weiß noch heute recht gut, wie ich damals als win⸗ ziges Kind einen beinahe bitteren Schmerz empfand, als der wunderbare kaffeebraune Berg vor mir in lauter ſchnöde Späne zerfiel, im Innern zu höchſter Ueberraſchung ſo gewöhnlich weiß, wie die Tannenſcheite im Hofe. Lange nachher hatte ich immer ein Gefühl verletzter Ehrfurcht, ſo oft ich die große lichte Stelle an der Mauer ſah, wo er geſtanden war. Und wie Vieles mochte in der vordenklichen Zeit verloren ſein. Wie oft, wenn wir Wallfahrer ſpielten, und ein Fähnlein auf einem langen Stabe tugen, dazu wir einen Lappen aus dem Kehrichte gezogen hatten, mochte der Lappen aus einem ſchmeichelnden Kleide geweſen ſein, das einſt die Glieder eines lieben Weibes bedeckt hat. Oder wir ſaßen im Graſe, ſtreichelten mit den Fingern an den ſchillernden Fäden des hinge⸗ ſunkenen Fähnleins und ſangen:„Margaretha, Margaretha;“ denn die Mutter hatte uns oft von einer Margaretha erzählt, die eine ſchöne weiche Frau unſerer Vorfahren geweſen ſein ſoll.— Wir ſangen:„Mar⸗ garetha, Margaretha,“ bis wir ſelber eine Art Furcht vor dem Lappen hatten. Wie der Menſch doch ſelber arbeitet, daß das vor ihm Geweſene verfinke, und wie er wieder mit ſeltſamer Liebe am Verſinkenden hängt, das nichts anderes iſt, als der Wegwurf vergangener Jahre. Es iſt dies die Dichtung des Plunders, jene traurig ſanfte Dichtung, welche bloß die Spuren der Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit prägt, aber in dieſen Spuren unſer Herz oft mehr erſchüttert, als in anderen, weil wir auf ihnen am deutlichſten den Schatten der Verblichenen fortgehen ſehen, und unſern eignen mit, der jenem folgt. Darum hat der Großſtädter, der ſtets erneuert, keine Heimath, und der Bauersſohn, ſelbſt wenn er Groß⸗ ſtädter geworden iſt, hegt die heimliche ſanft ſchmerzende Rückliebe an ein altes ſchlechtes Haus, wo die Bretter, Pfähle und Truhen ſeiner Vor⸗ eltern ſtanden und ſtehen. Wenn die Gebeine eines Geweſenen ſchon verkommen ſind, vder zerſtreut in einem Winkel und im Graſe des Kirch⸗ hofes liegen, ſtehen noch ſeine bleichenden Schreine in der alten Woh⸗ nung, ſind zuletzt die beiſeite geſetzten älteſten Dinge, und werden ſo wieder die Geſpielen der jüngſten, der Kinder. Es iſt etwas Rührendes in dieſen ſtummen unklaren Erzählern der unbekannten Geſchichte eines ſolchen Hauſes. Welches Wehe und welche Freude liegt doch in dieſer ungeleſenen Geſchichte begraben, und bleibt begraben. Das blondgelockte Kind und die neugeborne Fliege, die da⸗ neben im Sonnengolde ſpielt, ſind die letzten Glieder einer langen unbe⸗ kannten Kette, aber auch die erſten einer vielleicht noch längern, noch un⸗ bekannteren; und doch iſt dieſe Reihe eine der Verwandtſchaft und Liebe, und wie einſam ſteht der Einzelne mitten in dieſer Reihe! Wenn ihm alſo ein blaſſend Bild, eine Trümmer, ein Stäubchen von denen erzählt, die vor ihm geweſen, dann iſt er um viel weniger einſam. Und wie be⸗ deutungslos iſt dieſe Geſchichte; ſie geht nur zum Großvater oder Ur⸗ großvater zurück, und erzählt oft nichts als Kindtaufen, Hochzeiten, Be⸗ gräbniſſe, Verſorgung der Nachkommen— aber welch ein unfaßbares Maß von Liebe und Schmerz liegt in dieſer Bedeutungsloſigkeit! In der andern, großen Geſchichte vermag auch nicht mehr zu liegen, ja ſie iſt ſogar nur das entfärbte Geſammtbild dieſer kleinen, in welchem man die Liebe ausgelaſſen, und das Blutvergießen aufgezeichnet hat. Allein der große goldene Strom der Liebe, der in den Jahrtauſenden bis zu uns herab geronnen, durch die unzählbaren Mutterherzen, durch Bräute, Vä⸗ ter, Geſchwiſter, Freunde, iſt die Regel, und ſeine Aufmerkung ward ver⸗ geſſen; das andere, der Haß, iſt die Ausnahme, und iſt in tauſend Bü⸗ chern aufgeſchrieben worden. Da der Vater noch lebte, durfte von des Doctors Habſchaften nichts verrückt werden, da er ihn hoch verehrte und faſt ausſchließlich immer in einem ledernen Handſchriftenbuche desſelben las, welches Buch aber ſpä⸗ ter ganz abhanden gekommen war. In jener Zeit ſtand der alte Haus⸗ rath noch wie eine eherne Chronik umher; wir Kinder lebten uns hinein, wie in ein verjährtes Bilderbuch, dazu der Großvater die Auslegung wußte, und erzählte, er, der der eigentlichſte lebendigſte Lebensbeſchreiber ſeines Vaters des Doctors war. — 9 Wenn er manchen Abend zwiſchen dieſen Denkmalen niederſaß und in dem Buche ſeiner Jugend nachſann, deſſen Zeichen bloß tiefe Stirn⸗ runzeln und weiße Haupthaare waren, und von den Thaten und Aben⸗ teuern des Doctors erzählte, von ſeiner Furchtloſigkeit bei Tag und Nacht, in Wald und auf Haiden, wenn er ſo zu ſeinen Kranken fuhr— wie er Scherze und Schnurren trieb— wie er Arzneigläſer hatte, die roth und blau glänzten, wie Karfunkel und Edelſtein— wie er Macht hatte über die Dinge auf der Erde und in der Luft—— und wenn nun das eine und andere Geräthſtück, wie es ja noch leibhaftig vor uns ſtand, anfing in der Geſchichte mit zu ſpielen, bald, weil es in einem be⸗ deutungsvollen Augenblicke in ihm krachte, oder plötzlich ein Glas den Platz wechſelte— bald, weil ein Schwerverwundeter darauf ächzte, wie ihm der Doctor den Körper wieder fügte, den ein Waldbaum gänzlich auseinander geſchlagen hatte— bald, weil ein unergründlich Geheimniß der Heilkunde darinnen verſchloſſen geweſen; ſo ergoß ſich eine unſägliche Bedeutung und Zauberei um die veralteten Geſtalten; wir getrauten uns kaum hinzuſehen, wie alles in hellem Kerzenlichte umher ſtand, und ent⸗ ſchiedene Schatten warf; tief hinten ein Schrank, hoch und dünn, wie Ritterfräulein, die in ein Leibchen gepreßt ſind; es war, als ſtünden Dinge auf ihm, die am Tage gar nicht dort ſtehen— dann der Arznei⸗ ſchragen, der gleichſam heimlich immer glänzender wurde— der Ahorn⸗ tiſch mit dem eingelegten perlenmutternen Oſterlamme— die Uhr mit der Spitzhaube— der lange Lederpolſter auf der Bank mit Bärentatzen, die wie lebendige griffen— endlich am Fenſter, mit bleichen Tropfen des hereinſcheinenden Mondes betupft, das Schreibgerüſte, vielfächrig, go⸗ thiſch, mit einem koſtbaren Geländer, auf dem braune Fröſche paßten und gleißten, die Schreibplatte überwölbt mit einem hölzernen Balda⸗ chine, wie mit einem Herdmantel, darauf oben ein ausgeſtopfter Balg ſaß, den man nicht mehr kannte, und den wir jedes Abends fürchteten — und wenn der einzige Hort, der Vater, der auf dieſe Erzählungen nichts hielt, in der Ofenecke eingeſchlummert war, und der Mondenglanz der ſcharfen taghellen Winternacht in den Ecken der gefrierenden Fenſter⸗ ſcheiben ſtarrte, ſo wehte ein ſolches Geiſterfieber in der Stube, es hatte ſelbſt die Mutter ſo ergriffen, und war über die Mägde hinaus gekom⸗ men, die gerne in der Küchenſtube daneben ſaßen und ſpannen, daß, wenn jetzt jemand am äußeren Thore geklopft hätte, es unmöglich gewe⸗ ſen wäre, ſich ein Königreich zu verdienen, bloß dadurch, daß eines hin⸗ aus gehe, und ſchaue, wer es ſei. Ich dachte mir damals oft, wie denn ein ſo unſägliches Gewimmel von überirdiſchen Dingen und ganz unerhörten Ereigniſſen in dem Leben eines einzigen Menſchen, dieſes meines Urgroßvaters, geweſen ſein könne, und wie jetzt alles ſo gewöhnlich und entblößt iſt— kein Geiſt läßt ſich mehr ſehen oder hören, und wenn der Vater in der Nacht von etwas aufgehalten wird, ſo ſind es ſchlechte Waldwege geweſen, oder es iſt ein Regen eingefallen. „Ja wohl,“ pflegte die Großmütter zu ſagen, wenn auf dieſe Dinge die Rede kam,„alles nimmt ab, der Vogel in der Luft und der Fiſch im Waſſer. Wenn ſonſt in den Losnächten oder Samſtag Abends aus den Pfingſtgräben oder der Hammerau deutlich ein Weinen oder Rufen ge⸗ hört wurde, ſo iſt heute in den Gegenden alles ſtille und ausgeſtorben, ſelten, daß einem noch ein Irrlicht begegnet, oder der Waſſermann am Ufer ſitzt. Die Leute glauben auch heut zu Tage nicht mehr ſo feſt, wie ſonſt, obwohl die Alten, die dies etzählten, ebenfalls keine Thoren wa⸗ ren, ſondern furchtloſe aufgeklärte Männer. Wie gerne will die Jugend alles beſſer wiſſen, und kömmt doch mit den Jahren immer wieder auf die Reden der Alten, und geſteht es ein, daß ſie darauf kömmt.“ So pflegte meine Großmutter zu ſagen, ich aber hörte ihr mit be⸗ gierig hingerichteten Augen zu, und brauchte gar nicht auf ihre Worte zu kommen; denn ich glaubte ohnehin alles gerne und feſt. So war es in meiner Kindheit und ſo floſſen die Jahre dahin. Die Jahre waren damals ſehr, ſehr lange, und es verging unge⸗ mein viele Zeit, ehe wir ein wenig größer geworden waren. Da endlich ich als der Aelteſte ziemlich herangewachſen war, ſtarb der Vater, und ich mußte bald darauf in die Abtei in die Studien. Spä⸗ ter kam ein Stiefvater und eine neue Regierung in das Haus. Es wur⸗ den neue ſchöne Geräthe gemacht, und alle die alten Dinge, die früher da geweſen waren, mußten in die braungebeizte Hinterſtube zurück, die gegen den Garten lag und unbewohnt war. Dort blieben ſie in Raſch⸗ heit hingeſtellt und in Verworrenheit ſtehen. Auch in mein Haupt waren nach und nach andere Gedanken und andere Beſtrebungen gekommen. Aber einmal in den großen Herbſtferien beſuchte ich die alten Sachen wieder. Mir kam bei, daß ich ſie ordnen könnte. Ich that es, richtete die braune Stube mit ihnen ein, und ſtand dabei, wie der ſanfte ſchwermüthige Herbſtglanz der Sonne ſo an ihnen hin ſtreichelte und ſie beleuchtete. Allein ich mußte wieder in die Abtei, und wie die Zeit der dort feſtge⸗ ſetzten Studien vergangen war, kam ich gar in die große ferne Stadt. Nun erſchienen harte Jahre, die Beſtrebungen des Mannes kamen, und verdeckten wie mit Rebel das fernabliegende Land der Kindheit. Viele Dinge wurden erſtrebt und gelitten, und da endlich die Zeit einge⸗ treten war, in der der Menſch die Sehnſucht hat, den ſachte vorgehenden Lebensſtrom in holden Kindern wieder aufquellen zu ſehen, mochte es ein liebes Weib mit meinem Herzen wagen, und wir traten vor den Altar der Ehe. Dieſes Ereigniß führte mich wieder in mein Kindheitsland zurück. Da nämlich Mütterlein zu Hauſe ſehr betrübt war, daß ſie we⸗ gen Kränklichkeit nicht kommen konnte, die Brautkrone flechten zu helfen, und den heiligen Kirchengang zu ſehen, beſchloſſen wir, um ihr Erſatz zu geben, die erſten Tage unſeres neuen Standes in der Heimat zuzubrin⸗ gen. Wir packten auf, Wälder, Berge gingen an uns vorüber, und eines ſchönen Sommertages kamen wir in dem längſt verlaſſenen Hauſe an. Mütterlein war ein altes Weib geworden, die neuen ſchönen Ge⸗ räthe, die zu meiner Studienzeit gekommen waren, waren jetzt auch alt und verſchoſſen; keine Großeltern gingen mehr im Hauſe herum, aber dafür ſpielten die kleinen Kinder der Schweſter, die ſelbſt ein Kind gewe⸗ ſen, da ich fort ging, an der Stelle, wo wir einſt geſpielt hatten— nur die Liebe und Güte iſt jung geblieben. Mit dem gewohnten Sonnen⸗ ſcheine der Freundlichkeit in den verfallenen Zügen, mit den gewohnten guten Augen nahm die Mutter jetzt die junge blühende Tochter an, ver⸗ ehrte ſie und that ihr Gutes. Es kamen Tage, die einzig unvergeßlich ſind, Tage unter Menſchen desſelben Herzens, und derſelben unverfälſch⸗ ten Liebe. Ich führte meine Gattin durch alle Wälder meiner Kindheit, ich ſührte ſie an rauſchende Bäche und an ragende Klippen, aber ich führte ſie auch durch die ſchönen Wieſen, und durch die wogenden Felder. Hier ging Mütterlein mit, und zeigte der fremden Tochter, was von all den Dingen unſer ſei, und was eben darauf wachſe. Alles war ſo herrlich und prangend, wie ſonſt, ja es war noch prachtvoller und ernſter, als ich es einſt begreifen konnte. Nur das Haus war kleiner geworden, die Fenſter niedriger und die Stuben gedrückt. Alles, was ſonſt unendlich war, die dunklen Gänge, die gähnenden Win⸗ kel, das war nun klar, und was darinnen lag, war Wuſt. In der brau⸗ nen Stube ſtanden die alten Dinge in der Ordnung, wie ich ſie einſtens hingeſtellt hatte, oder eigentlich, ſie hingen kaum mehr an den Wänden herum. Das einzige Schreibgerüſte ſtand noch dicht und feſt mit allen ſeinen Zierrathengeländern und Fröſchen da, ein wahres Kunſtwerk in uralter Eichenſchnitzerei Die Mutter gab es mir auf meine Bitte gerne zum Hochzeitsgeſchenke. All das Andere aber waren gewöhnliche Trüm⸗ mer und Reſte; die Fugen klafften, das Licht ſchien durch ſie, der Holz⸗ wurm hatte die Balken angebohrt und der Staub rieſelte heimlich in ſeine Gänge. Als ich weiter durch das Haus wandelte, war hier eine Holztreppe weggenommen, dort eine andere aufgeſtellt— ein Geländer war hier herabgebrochen, dort eines befeſtiget worden— das Brunnen⸗ waſſer rann in eine neue Kufe, die Gartenbeete waren in einer anderen Richtung, verſchiedene Dinge ſtanden darauf, und der graue Baum war gar nicht mehr da— in der Holzlaube war manches anders, aber hinten ſtanden genau noch die alten Stangen und ſtaken die alten Strohbünde: aber ein ſchwermüthig klares Licht der Gegenwart lag auf allen Dingen, und ſie blickten mich an, als hätten ſie die Jahre meiner Kindheit ver⸗ geſſen.— So verging Woche um Woche in den neuen erſt wieder be⸗ kannt werdenden Räumen. Aber eines Tages, da eben ein grauer ſanſter Landregen die Berge und Wälder verhing, verſchaffte mir das Haus et⸗ was, das ich nicht ſuchte, und das mich ſehr freute, weil es mir gleichſam das ganze verſunkene aufgehobene Märchen darin gab. Mütterlein, Gattin und Schweſter ſaßen im Hofſtübchen, und ver⸗ plauderten die Zeit, weil draußen Straße und Garten in Waſſer ſchwam⸗ men; ich, gleichſam aus einem alten Zuge der Kindheit, der gerne das ſanfte Pochen des Regens auf Schindeldächern hörte, war faſt bis auf den äußerſten Boden emporgeſtiegen und gerieth auch in den Gang zwi⸗ ſchen Schüttboden und Dach. Da ſtand noch die goldglänzende heilige Margaretha auf demſelben Platze, auf dem ſie vor ſo vielen Jahren ge⸗ ſtanden war. Eine Menge weggeworfener Sachen lag, wie einſt, um ſie herum. Jetzt fürchtete ich den düſteren Goldſchein nicht mehr, ſondern ich holte die Geſtalt hervor, um ſie zu betrachten. Es war ein ſehr altes gut vergoldetes hölzernes Standbild, halb lebensgroß, aber in dem Laufe der Zeiten war es bereits vielfach abgerieben und zerſchleift worden. Ich dachte mir, daß es etwa von einer eingegangenen Feldkapelle unſerer Be⸗ 8— 13— ſitzungen herrühre, aus Zufall in den Gang gekommen, und hier vergeſ⸗ ſen worden ſei. Aber faſt ſollte man glauben, daß es keinen Zufall gäbe.— Daß das Bildniß hier ſtand, daß es heute regnete, daß ich her⸗ auf ſtieg und es wegnahm— das ſind lauter Glieder derſelben Kette, damit das werde, was da ward. Als ich nämlich die Bildſäule wieder auf ihr Untergeſtelle ſetzen wollte, hörte ich, daß dieſes keinen Ton gab, wie ein Block, ſondern wie ein hohler Raum; ich unterſuchte es näher, und fand in der That, daß es eine ſehr alte verſchloſſene Truhe ſei. Ich war neugierig, holte mir in der Wohnung unten Brechwerkzeuge, ſtieg wieder in den Gang hinauf, befreite zuerſt den Deckel von dem zollhohen Staube, der darauf lag, ſprengte mit dem Eiſen ſeine Bande, und öfſnete ihn. Was ſich mir nun zeigte war ein Knäuel von Papieren, Schriften, Päckchen, Rollen, unterſchiedlichen Handgeräthen, Bindzeugen und an⸗ derem Gewirr— aber weit hinaus herrſchten die Papiere vor. Es gibt in jedem Hauſe Dinge, die man nicht weg wirft, weil doch ein Theil un⸗ ſeres Herzens daran hängt, die man aber gewöhnlich in Fächer legt, auf welche dann nie mehr ein Auge fällt. Daß es hier ſo ſei, begriff ich au⸗ genblicklich, und ſogleich im Gange ſitzen bleibend, neben mir den ſchwa⸗ chen Goldſchimmer der Bildſäule, ober mir das leichte Trippeln des Re⸗ gens, fing ich die Unterſuchung an, und nach einer Stunde ſaß ich ſchon bis auf die Knie in Papieren. Welch' ſeltſame ſonderbare Dinge! Da waren ganz unnütze Blät⸗ ter, dann andere, auf denen nur ein paar Worte ſtanden, oder ein Spruch— andere mit ausgeſtochenen Herzen und gemalten Flammen— meine eigenen Schönſchreibbücher, ein papierner Handſpiegel, von dem aber gerade das Spiegelglas herausgebrochen war— Rechnungen, Re⸗ cepte, ein vergelbter Prozeß über eine Hutweide— dann unzählige Blät⸗ ter mit längſt verklungenen Liedern, Briefe mit längſt ausgebrannter Liebe, nur die ſchön gemalten Schäfer ſtanden noch am Rande und ſtell⸗ ten ſich dar— dann waren Schnitte für Kleider, die jetzt niemand mehr trägt, Rollen Packpapiers, in das nichts mehr gewickelt wird— auch unſere Kinderſchulbücher waren da aufbewahrt, und das Innere der Deckel trug noch die Namen von uns allen Geſchwiſtern; denn eines hatte ſie von dem andern geerbt, und gleichſam als ſei es das letzte und ewige, hatte es den Namen des Vorgängers mit feſter Linie ausgeſtrichen, und den ſeinigen mit der großen Kinderſchrift darunter geſetzt. Daneben — ſtanden die Jahreszahlen mit gelber, ſchwarzer und wieder gelber Tinte. Als ich ſo dieſe Bücher heraus legte, und der Blätter, auf denen viel hundertmal die Kinderhände geruht haben mochten, ſorgſam ſchonte, daß ſie mir nicht auseinander fielen, kam ich auf ein anderes Buch, das dieſen gar nicht glich, und von jemanden ganz andern herrühren mußte, als von einem Kinde. Durch Zufall lag es hier unter den Büchern der Kinder, aber es war von einem Greiſe, der längſtens gelebt hatte, und der längſtens ſchon in die Cwigkeit gegangen war. Das Buch beſtand aus Pergament, hatte die Höhe von vier an einander gelegten Schulbü⸗ chern, und war eigentlich aus lauter ungebundenen Heften zuſammen gelegt. Ich ſchlug ſie auf, aber nichts war da, als die Seitenzahlen, mit ſtarken Ziffern und rother Tinte hingemerkt, das übrige war weißes Pergament, nur von Außen mit dem gelben Rande des Alters unfloſſen. Im einzigen erſten Hefte war ungefähr die Dicke eines Daumens mit al⸗ ter, breiter, verworrener Schrift beſetzt, aber auch die Leſung dieſer Worte war gleichſam verwehrt; denn immer je mehrere der ſo beſchriebe⸗ nen Blätter waren an den Gegenrändern mit einem Meſſer durchſtochen, durch den Schnitt war ein Seidenband gezogen und dann zuſammen ge⸗ ſiegelt. Wohl fünfzehn ſolcher Einſieglungen zeigte der Anfang des Bu⸗ ches. Die letzte leere Seite trug die Zahl achthundert fünfzig, und auf der erſten ſtand der Titel:„Calcaria Doctoris Augustini tom. II.“ Mir war das Ding ſehr ſeltſam und räthſelhaſt, ich nahm mir vor, nicht nur das Buch in die Wohnung hinab zu tragen, und bei Gelegen⸗ heit die Blätter auf zu ſchneiden und zu leſen, ſondern auch von den anderen Sachen dasjenige, was mir gefiele, zu nehmen und zu behalten; aber ehe ich dieſes thäte, mußte noch etwas anderes ausgeführt werden; denn bei Herausholung dieſer Pergamente war mir augenblicklich das alte Lederbuch eingefallen, in dem der Vater vor mehr als ſünfundzwan⸗ zig Jahren immer geleſen hatte; ich dachte, daß dieſes offenbar der erſte Theil der Calcaris ſein müßte, und wollte ſehen, ob ich es nicht auch in dieſen Dingen finden könnte. Das andere war aber nicht loſe, ſondern in dunkelrothem Leder gebunden und mit meſſingenen Spangen verſehen geweſen, was uns Kindern immer ſo ſehr gefallen hatte. Ich nahm nun Blatt für Blatt, Bündel für Bündel heraus, löste alles auf, und durch⸗ forſchte es; allein ich gelangte endlich auf den Boden der Truhe, ohne das Geſuchte zu finden. Aber als ich alles wieder hineingelegt hatte, als ich den Knecht rufen wollte, daß er mir die Truhe ſammt den Papie⸗ ren in mein Zimmer hinabtragen helfe, und als ich ſie zu dieſem Zwecke ein wenig näher an das Licht rückte, hörte ich etwas fallen— und ſiehe, es war das geſuchte Buch, das an der hintern Wand der Truhe gelehnt hatte und von mir nicht bemerkt worden war. Tiefer Staub und Spin⸗ nenweben umhüllten es— der Vater, den ich noch ſo deutlich vor mir ſitzen ſehe, als wäre es geſtern geweſen, modert nun ſchon ein Viertel⸗ jahrhundert in der Erde— tauſendmal hatte ich die Mutter um das Le⸗ derbuch gefragt, ſie wußte es nicht und ſie hatte vergebens oft das ganze Haus darnach durchforſcht. Wer mag es hieher gelehnt, und auf ewig vergeſſen haben? Ohne nun die Einſamkeit des Bodens zu verlaſſen, da mich unten niemand vermißte, und gewiß alle in ihre Geſpräche vertieft ſein moch⸗ ten, nahm ich das Buch vor, ich reinigte es zuerſt ein wenig von dem ſchändenden Staube, der wohlbekannte rothe Deckel kam zum Vorſcheine, ich drückte an die Federn, mit veraltetem Krachen ſprangen die Spangen, die Deckel legten ſich um und ich ſah hinein. Das ganze Pergament war beſchrieben, die rothen Seitenzahlen liefen durch das Buch, aber hier nur bis auf fünfhundertundzwanzig, es war dieſelbe alte, breite, verworrene Schrift, ſchlecht aus lateiniſchen und deutſchen Buchſtaben gemiſcht, die⸗ ſelbe ſeltſame Feßlung der Blätter mußte auch hier ſtatt gehabt haben, aber gelöſt worden ſein; denn an allen Rändern war deutlich der gewe⸗ ſene Meſſerſchnitt ſichtbar, und als ich das erſte Blatt umſchlug, ſtand der Titel:„Calcaria Doctoris Augustini tom. I.“— Ich blätterte vorne, ich blätterte hinten, ich ſchlug hier auf und dort auf, überall die⸗ ſelbe Schrift mit den ſtarken Schattenſtrichen und den in einander fließen⸗ den Buchſtaben, und die ganzen großen Pergamentblätter waren von oben bis unten voll geſchrieben. Aber auch etwas anderes kam zum Vor⸗ ſcheine: ich fand nämlich viele zerſtreute Blätter und Hefte in dem Buche liegen, die ſämmtlich die Handſchrift meines verſtorbenen Vaters trugen. Ich ſah ſie näher und dachte mir: alſo darum war nichts von ihm in der Truhe zu finden geweſen, weil er alles hieher gelegt hatte und weil alles vergeſſen worden war. Bevor ich in dem Buche las, wollte ich eher dieſe Dinge des Vaters anſchauen, Blatt nach Blatt ging durch meine Hände, da waren Lieder, ferner Bemerkungen und Abhandlungen— auch ein Märchen war da — Erzählungen aus ſeinem Leben— Worte an uns Kinder— ferner ein morſches zerfallendes Kalenderblatt darauf mit zerfloſſener entfärbter Tinte geſchrieben ſtand:„Heute mit Gottes Segen mein geliebter erſter Sohn geboren.“—— Ich las in Vielem und es däuchte mir, das Herz, dem ich zwanzig Jahre nachgejagt hatte, ſei gefunden: es iſt das meines Vaters, der vor Langem geſtorben war. Ich nahm mir vor, von dieſen Schriften der Mutter nichts zu ſagen, ſondern ſie in mein Denkbuch zu legen, und ſie mir da auf ewig aufzubewahren. Ich konnte nun in dem Liederbuche nichts leſen— es klangen mir längſt vergeſſene Worte in den Ohren, von denen mir die Mutter erzählt hat, daß er ſie einſtens geſagt:„ich darf es dem Knaben nicht zeigen, wie ſehr ich ihn liebe.“ Ich ging in den Hof hinab und ſah trotz des Regens, der niederſtrömte, auf jedes Brett, das er einſt befeſtigt, auf je⸗ den Pflock, den er einſt eingeſchlagen, und im Garten auf jedes Bäum⸗ chen, das er geſetzt, oder ſonſt mit Vorliebe gehegt hatte. Die Kiſte mit den Büchern des Doctors und mit den anderen Dingen hatte ich in mein Zimmer hinab bringen laſſen. Als ich wieder in die Wohnung zurück kam, ſaßen die Mutter und die Gattin noch immer in dem Hofſtübchen beiſammen, und redeten. Die Mutter erzählte mir, wie ſo gut meine Gattin ſei, daß ſie nun ſchon ſo lange hier ſitzen und von allen Erdenklichen geplaudert haben, und daß ſie gar nicht geglaubt hätte, wie eine Stadtfrau gar ſo gut, lieb und einfach reden könne, als ſei ſie hier geboren und erzogen worden. Spät am Abende, da ſich die Wolken zerriſſen hatten, und, wie es gewöhnlich in unſerer Heimath iſt, in dichten weißen Ballen über den Wald hinaus zogen, als ſchon im Weſien hie und da die blaſſen goldenen Inſeln des heitern Himmels ſichtbar wurden, und manche mit einem Sternchen beſetzt waren, ſaßen wir wieder Alle, auch der Stiefvater und der Schwager, die am Morgen weggefahren und nun wieder gekommen waren, in der Wohnſtube an dem großen Tiſche beiſammen, man zün⸗ dete nach und nach die Lichter an, und ich erzählte ihnen von meinem Funde. Kein Menſch in unſerem Hauſe hatte von der Truhe gewußt. Die Mutter entſann ſich wohl, daß ein ſolches Ding, da wir noch kaum geboren waren, immer auf der Diele geſtanden, und daß alter Kram da⸗ rin geweſen ſei; aber wie es fortgekommen und was damit geſchehen ſei, — könne ſie ſich nicht erinnern, habe auch in ihrem ganzen Leben nicht mehr an die Truhe gedacht. Wer das Lederbuch hinzu gelehnt, ſei ganz unbe⸗ greiflich, wenn es nicht etwa der Großvater geweſen, der es in der erſten Verwirrung bei des Vaters Tode, um es den Augen der Mutter zu ent⸗ ziehen, an die Truhe legte und dort vergaß. Auch auf die Bildſäule kam die Rede, und als ich um ihren Urſprung fragte, wußte ihn niemand, ſie ſei eben immer in dem Gange geſtanden, und keiner habe darauf ge⸗ dacht, warum ſie da ſtehe, und auf welchem Unterſatze ſie ſtehe. Nur könne ſie aus keiner unſrigen Feldkapelle herrühren, weil unſere Felder nie eine Kapelle gehabt hätten. Während wir ſo ſprachen, ſtanden die winzig kleinen Kinder der Schweſter herum, horchten zu, hielten die trotzigen Engelsköpfchen ganz ſtille, und Manches von ihnen hatte ein altes Blatt aus der Truhe in der Hand, auf dem Blumen oder Altäre abgebildet waren, die einſt ihre Ur⸗Ur⸗Großmutter in geheimer Wonne an das Herz gedrückt hatte, oder auf dem Verſe ſtanden, die von Schmerzen und Unthaten ſangen, über die hundert Jahre gegangen waren. Das Lederbuch lag aufgeſchlagen auf dem Tiſche, und bald das Eine, bald das Andere von uns blätterte darinnen und ſah neugierig nach. Aber Keinem war es für den Augenblick möglich die Schrift zu entziffern, oder die Gedanken zu reimen, die einzeln herausfielen. Es müſſe des Doctors Leben darin ſein, ſagte die Mutter, denn in manchen Abenden, wo der Vater darinnen geleſen, indeß ſie mit den Kindern und der Hauswirthſchaft zu thun gehabt, habe er ausgerufen: welch ein Mann! Sie ſelber habe das Buch nie zur Hand genommen, weil ſie doch zum Leſen nie Zeit gehabt, und ihr die Kinder mehr Arbeit gegeben haben, als ſie kaum zu verrichten im Stande geweſen ſei. Ich aber dachte mir: wenn nun das Leben des Doctors darinnen iſt, ſo muß ſich ja zeigen, ob es von jenen Geiſtern und überirdiſchen Gewalten beherrſcht war wie die Sage geht, oder ob es der gewöhnliche Kranz aus Blumen und Dornen war, die wir Freuden und Leiden nennen. Meine Gattin bewunderte die ſchönen mit der Kunſt des Pinſels gemalten Anfangsbuch⸗ ſtaben und die brennend rothen Titel, hinter denen aber allemal die ab⸗ ſcheulichſte Schrift kam. Man wollte, ich ſolle ein wenig vorleſen, allein ich konnte es eben ſo wenig, als die Andern; weil mir aber die Mutter erlaubt hatte, daß ich die Doctorbücher behalte, ſo verſprach ich, Stifter. 4. Aufl. II. 2 daß ich jeden Tag darin ſtudiren und dann des Abends davon erzählen werde, ſo lange ich noch zu Hauſe ſei. Man war damit zufrieden, und einmal durch alte Sachen angeregt, redete man noch vieles in längſt ver⸗ gangenen Geſchichten, und der Mutter kamen alle Erinnerungen bei, was wir in unſerer erſten Kindheit und Jugend gethan und geſagt, und was ſich Merkwürdiges zugetragen hatte, als ſie mit dem Einen oder dem Andern geſegnet gegangen war. Sehr ſpät gingen wir in jener Nacht ſchlafen, Jedes ſeine Kammer ſuchend, und ich die ſchweren Pergamentbücher des Doctors im Arme tragend. Des andern und die folgenden Morgen ſaß ich nun manche Stunde in der braunen Stube, und las und grübelte in dem alten Buche, wie einſt der Vater. Was ich da geleſen hatte und zuſammenſtellen konnte, erzählte ich gerne Abends im Kreiſe unſerer Angehörigen, und ſie wun⸗ derten ſich, daß bisher alles ſo gewöhnlich ſei, wie in dem andern Leben der Menſchen. Wir dachten uns hinein, ſo daß wir ſchon immer auf den nächſten Abend neugierig waren, was da wieder geſchehen ſein werde. Aber wie alles im menſchlichen Daſein vergeht, und dieſes ſelber dahinflieht, ohne daß wir es ahnen, ſo vergingen auch allmählig die Tage, die uns in meiner Heimath gegönnt geweſen waren, und wie nach und nach der letzte heranrückte, wurden wir allgemach alle ſtiller und trauriger. Schon mehrere Tage vorher war das Schreibgerüſte verpackt und fortgeſendet worden; es waren Kiſten und Kaſten unſers Weges vor⸗ ausgegangen, weil uns die Mutter Geſchenke und Ausſteuer gegeben hatte, die ſorgſältig verwahrt werden mußten— und endlich ſchlug auch die Stunde des Abſchiedes: es war das erſte Morgengrauen, weil wir einen weiten Weg bis zum erſten Rachtlager zu machen hatten; ich hob die ſchluchzende Gattin in den Wagen und ſtieg nach, mich äußerlich be⸗ zwingend, aber im Innern ſo bitterlich weinend, wie einſt, da ich zuerſt von der Mutter in die Fremde gemußt. Dieſe ſtand ſchmerzenvoll, wie dazumal da, nur daß ſie jetzt auch vom Alter eingebückt war— ſie rang nach chriſtlicher Faſſung und zeichnete den Segen des heiligen Kreuzes auf uns hinein. Es war noch ein Augenblick— die Pferde zogen an, das durch ſo viele Wochen geſehene Antlit ſchwand an dem Wagenfenſter entlang, und wir ſahen es nicht mehr— vor einer Sekunde noch ſtand es da und in der Ewigkeit wohl werden wir es erſt wieder ſehen. Wir ſaßen ſtumm in den Wagen, und Zoll um Zoll drehten ſich die Räder in dem morgenfeuchten Staube der Straße. Berge und Hügel legten ſich nach und nach hinter uns, und wenn wir umblickten, ſahen wir nichts mehr, als den immer blauern, dämmernderen zurückſchreiten⸗ den Wald, der ſo viele Tage mit ſeiner lieblichen Färbung auf unſere Fenſter und auf uns ſelber niedergeblickt hatie. Die Gattin redete nichts, ich aber dachte im Herzen: jetzt wird je⸗ der, der da kömmt, an dem Hauſe ändern und bauen, und wenn ich ein⸗ mal in meinem Alter wieder komme, wird vielleicht ein neues prunkendes Ding da ſein; ich werde als zitternder Greis davör ſtehen, und die er⸗ blödenden Augen anſtrengen, um alles zu begreifen. 2. Das gelöbniß. So ſtehe es auf dem erſten Blatte dieſes Buches, wie ich es getreu erfüllen werde: „Vor Gott und meiner Seele verſpreche ich hier einſam und allein, daß ich nicht falſch ſein will in dieſen Schriften, und Dinge machen, die nicht ſind, ſondern, daß ich es lauter ſchöpfe, wie es geweſen iſt, oder wie es mir mein Sinn, wenn er irrig war, gezeigt hat. Wenn ein Hauptſtück zuſammengekommen, dann ſchneide ich mit einem feinen Meſ⸗ ſer einen Spalt in die Pergamentblätter, oben und unten, und ziehe ich ein blaues oder rothes Seidenbändlein durch, mit ſelbem die Schrift zu ſperren, und ſiegle ich die Enden zuſammen. Wenn aber von dem Tage an drei ganze Jahre vergangen ſind, dann darf ich das Bändlein wieder abſchneiden, und die Worte wie Sparpfennige leſen. Verſtanden, daß es nicht allezeit meine Schuldigkeit iſt, etwas hineinzuſchreiben, aber * daß es allezeit meine Schuldigkeit iſt, das Eingetragene drei Jahre auf⸗ zubewahren. So wird es ſein bis zu meinem Ende, und gebe mir Gott einen reumüthigen Tod, und eine gnädige Auferſtehung.“ Zum Bemerken. Es iſt eine faſt traurige und ſündhafte Be⸗ gebenheit, die mir das Gelöbniß und Pergamentbuch eingegeben hat: aber die traurige Begebenheit wird in Heil ausgehen, wie ſchon das Pergamentbuch der Anfang des Heiles ſein muß. Man ſagt, daß der Wagen der Welt auf goldenen Rädern einher⸗ geht. Wenn dadurch Menſchen zerdrückt werden, ſo ſagen wir, das ſei ein Unglück; aber Gott ſchaut gelaſſen zu, er bleibt in ſeinen Mantel gehüllt und hebt deinen Leib nicht weg, weil du es zuletzt ſelbſt biſt, der ihn hingelegt hat; denn er zeigte dir vom Anfange her die Räder, und du achteteſt ſie nicht. Deßwegen zerlegt auch der Tod das Kunſtwerk des Lebens, weil alles nur Hauch iſt, und ein Reichthum herrſcht an ſolchen Dingen.— Und groß und ſchreckhaft herrlich muß das Ziel ſein, weil dein unausſprechbar Wehe, dein unerſättlich großer Schmerz nichts darinnen iſt, gar nichts— oder ein winzig Schrittlein vorwärts in der Vollendung der Dinge. Das merke dir, Auguſtinus, und denke an das Leben des Obriſt. Gedenke daran. Noch trag ich ein, was ich ſo bitter überlegt habe: Weil es von heute an gewiß iſt, daß ich mir kein Weib antrauen werde und keine Kinder haben werde, ſo dachte ich, da ſie mir das gebundene Buch brach⸗ ten, wie ich es angeordnet, und da ich die vielen Seiten mit rother Tinte einnummerirt hatte, wer wird es denn nun finden, wenn ich geſtorben bin? wie werden die irdiſchen Dinge gegangen ſein, wenn Einer die Scheere nimmt, das Seidenbändlein abzuſchneiden, das ich nicht mehr gekonnt, weil ich eher fortgemußt? es iſt ein ungewiſſes Ding, ob da⸗ mals viele Jahre vergangen ſind, oder ob ſchon morgen Einer die Blät⸗ ter auf dem Markte herumträgt, die ich heute ſo liebe und für ſo viele Zukunft heimiich in die Lade thue. Wer weiß es und wer kann es wiſſen— ich aber werde ſie doch hineinthun. Deine Vorſicht, Herr, erfülle ſich, ſie mag ſein, wie ſie will. Ver⸗ zeihe nur die Sünde, die ich begehen gewollt, und gebe mir in Zukunft die Gnade, daß ich weiſer und ſtärker bin, als ich vordem thöricht und ſchwach geweſen. Eingeſchrieben zu Thal ob Pirling am Medarditage, das iſt, am achten des Brachmonats Anno 1739. Morgen der Obriſt. Der ſanſtmüthige Ohriſt. Ich ſaß nämlich vor drei Tagen bei meinem Weibe, das noch jung und unvermählt iſt, und redete viele Stunden zu ihrem Sinne, daß ſie ihn ändere. Als ich ſie nicht abzubringen vermochte, lief ich in den Wald, an welcher Stelle eine Birke ſteht, und wollte mich daran erhän⸗ gen. Ich werde es ſpäter ſchreiben, wie ich ſo übermüthig mein Heil an das Weib gebunden habe, daß ich meinte, ohne ihr nicht ſein zu können, aber ſie ſollte es nur ſchen, daß ich alles zerreiße und daß ich ſie ſtrafe, das falſche, wankelmüthige Herz:— vorher aber muß ich nur das von dem Obriſt eintragen. Ich lief von ihr in mein Haus, riß ein buntes Tuch von dem Tiſche, lief durch den Garten, ſprang über den Zaun, und ſchnitt dann den Weg ab, indem ich über Allerbs Hofmark und durch die Wieſen der Beringer ging. Dann traf ich auf den Fußſteig, der an den Mitterwegfeldern geht— dort eilte ich eine Weile fort. Ich hatte aus dem Tuche eine Schlinge gemacht, und trug es in dem Buſen verſteckt. Dann beugte ich wieder links von dem Wege ab, ſtrebte unter den dünnen Stämmen des ausgebrannten Waldes der Dürrſchnäbel hin⸗ auf, drang durch den Saum des Kirmwaldes, ſtreifte an dem Stangen⸗ holze, an den Tannenbüſchen, an den Felsblöcken vorbei und ſprang auf den Platz hinaus, wo die vielen Birken ſtehen und der grüne Raſen da⸗ hingeht.—— Als ich nun da war, harrte ich gleichwohl noch ein wenig, und alle Bäume ſahen mich fragend an. Es war auch ein breiter grauer Fels da, der nicht weit davon viele Klaftern hoch emporſtand, und von dem die Sonnenſtrahlen ohne Geräuſch wegprallten, daß alle Steinchen funkelten und glänzten. Auch war eine wolkenleere finſterblaue Luft bis in die Baumzweige herunter.— Ich ſchaute nicht um, gleichſam als ſtünde Einer hinter mir.—— Dann dachte ich: da hat vor wenig Au⸗ genblicken eine Feldgrille gezirpt, ich wollte noch ſo lange warten, bis ich ſie wieder höre. Aber ich hörte ſie nicht. Das Himmelblau rückte immer tiefer in die Wipfel. Von dem Baume ging der ſtarke Aſt ſeitwärts, auf den ich gedacht hatte, und ließ dann das Moos wie einen grünen Bart hängen, derlei dieſe Bäume gerne haben, und weiter draußen gingen die dünnen Zweige nieder, die mit den vielen kleinen Blättern beſetzt waren. Die Grille zirpte nicht. Aber der Obriſt war mir nachgelaufen, als er mich hatte in den Wald herauf gehen geſehen, und griff mir jetzt, den ich gar nicht herzu⸗ treten gehört hatte, ganz leiſe an die Schulter. Ich erſchrak ſehr, ſprang um den Baum herum und ſchaute zurück. Da ſah ich den alten Mann ſtehen, mit den weißen Haaren auf ſeinem Kinne und Scheitel. Er redete zuerſt und ſagte:„Warum erſchreckt Ihr denn ſo ſehr?“ Ich aber antwortete:„Ich erſchrecke nicht, und was wollt Ihr denn von mir, Obriſt?“ Er wußte Anfangs nicht, was er ſagen ſollte— aber dann fing er langſam an, und erwiederte:„Nun—— ich habe Euch heraufgehen geſehen, und da meinte ich, daß ich Euch auch nachgehen tonnte, weil Ihr dieſe Stelle ganz beſonders zu lieben ſcheint,— und daß wir da vielleicht mit einander redeten—— ich hätte Euch etwas zu ſagen— — aber wenn Ihr wollt, ſo können wir es auf ein andermal laſſen.“ „Nein, nein, redet gleich,“ ſagte ich,„redet ſo lange Ihr wollt, ich will Euch geduldig anhören, und nicht zornig werden. Aber wenn Ihr geendet habt, dann müßt Ihr mich laſſen, weil ich dahier noch ein Ge⸗ ſchäft habe.“ „O nein, Doctor,“ antwortete er,„ich will Euch nicht ſtören, wenn Ihr ein Geſchäft habt— mein Ding kann warten—— ich habe nur gemeint, wenn es ſich ſo zufällig ergäbe—— ich laſſe Euch ſchon.— Es thut nichts; weil ich einmal da bin, ſo kann ich gleich in den Reut⸗ bühl hinübergehen; der Knecht ſagt ohnedem, daß ſie mir Holz ſtehlen. Wenn Ihr mich ein andermal anhören wollt, ſo werde ich ſchon fragen — laſſen, wann Ihr zu Hauſe ſeid,— wollet Ihr aber gar freundlich ſein, ſo beſuchet lieber Ihr mich einmal, weil ich in meiner Stube leichter reden würde, als in einer fremden. Aber nicht, daß Ihr das für eine Unartigkeit aufnehmet, ich tann auch gerne zu Euch kommen, laſſet es mir nur in dieſen Tagen ſagen, wie es Euch beſſer gefällt. Thut nur Euer Geſchäft— thut es im Namen Gottes und denkt nur immer, daß ich Euer Freund geweſen bin, der Euch ſtets Gutes gewollt hat.—— Ich habe faſt gemeint, daß Ihr hier oben an dieſer Stelle wieder leſen werdet, wie Ihr ſonſt gerne thatet; aber ich ſehe, das es nicht ſo iſt.— — Noch Eins muß ich ſagen: habt Ihr denn nicht auch im Heraufgehen geſehen, Doctor, wie heuer das liebe Korn gar ſo ſchön ſtehet; es legt ſich auf dieſe Jahreszeit ſchon ſo hoch und dunkel, daß es ein Wunder iſt. Ich will von dem Reutbühl durch die Mitterwegfelder gehen, und dort den Neubruch betrachten, wo heuer zum erſten Male Weizen ſteht. Dann gehe ich wieder nach Hauſe.— Lebt jetzt wohl, und beſuchet mich bald.“ Dieſe oder ähnliche Worte hat er geſagt; denn ich habe ſie mir nicht genau merken können.— Dann zauderte er noch ein wenig— dann that er aber höflich ſein Barett ab, wie er es gewohnt iſt, und ging davon. Er ſcheint auf keine Antwort gewartet zu haben, und ich habe auch keine geben gewollt. Ich ſchaute ihm nach, und ſah, wie er immer weiter hin⸗ ter die Baumſtämme zurückkam, bis es wieder war, als wenn gar nie⸗ mand da geweſen wäre. Ich wartete noch ein wenig, dann nahm ich das Tuch aus meinem Buſen, und warf es mit Ingrimm weit von mir weg in die Büſche—— Dann aber blieb ich noch auf der Stelle ſtehen, und getraute mir nicht aus dem Walde zu gehen. Ich ſchaute die Dinge an und bemerkte, daß es ſchon unterdeſſen ſehr Nachmittag geworden war. Die Baum⸗ blätter regten ſich ſchwach, die weißen Birkenſtämme ſtanden einer hinter dem andern, und zwiſchen ihnen kam die tiefe Sonne herein und umzir⸗ kelte ſie, daß ſie vergleichbar waren dem matten Scheine ſilberner Gefäße. Ich blieb noch recht lange in dem Walde. Es war endlich die Zeit des Abendgebetes gekommen, und manche Tannenäſte wurden roth.— Siehe, da klang auf einmal hell und klar, wie ein Glöcklein, die Stimme der Grille, und klopfte mit einem ſilber⸗ nen Stäblein an mein Herz— gleichſam mit einem feinen, ſilbernen Stäblein klopfte das mißachtete Thier an mein Herz, als ſagte es mir deutliche menſchliche Worte. Beinahe hätte ich mich gefürchtet. Und wie ich dann von der Stätte fortging, klang auch das Abend⸗ lied der Ammer, es klang ſo dünne und dicht neben mir, als flöge das Vöglein heimlich mit, und zöge ein zitternd Goldfädlein von Zweig zu Zweig.— Und wie ich weiter gegen die Felder hinauskam, lichtete und lohete der Wald immer mehr und mehr— die Augen des Himmels ſahen herein, und die dünnen Stämme waren wie feurige Stäbe. Und wie ich nun gänzlich hinauskam, lag die ruhige Saat des Kornes da, welches der Obriſt angeſchaut hatte— weithin lag ſie dunkelgrün und kühl da, nur die Spitzen waren ganz ein wenig roth geſtreift von dem Widerſcheine des Himmels. Die Wieſen drüben waren ſchon dunkel und wie mit grauem Reife bedeckt, und hinter dem Walde draußen war die Sonne untergegangen. Als ich zu Thal gekommen und an mein Haus getreten war, führte der Knecht meine zwei ſchwarzen Pferde aus der Schwemme heim, und grüßte mich; ich aber ging in die Stube, wo die Bücher ſind, und aß des Abends keinen Biſſen mehr. Des andern Tages war ein Sonntag, es war der vorgeſtrige Tag, und ich fuhr um fünf Uhr früh zu dem Erlebauer hinaus, weil es ſich am Tage zuvor mit ihm ſo verſchlimmert hatte; aber er war beſſer, und ich ließ ihm wieder von dem Tranke zurück. Die Inwohnerin des alten Klum war beſſer, ebenſo die junge Mechtild mit dem Gallenfieber. Um neun Uhr war ich ſchon bei Allen geweſen, und ging dann in die Kirche zu dem ſonntäglichen Gottesdienſte. Nachmittag weinte ich ſehr. Da ſendete ich noch in der Nacht zu dem Obriſt, und ließ ihm melden, daß ich morgen kommen würde, wenn es ihm genehm wäre. Ich wolle zu⸗ erſt die Kranken verſorgen, und dann würde ich hinauf gehen, wenn er zu Hauſe ſei, das iſt gegen zehn Uhr, oder um weniges ſpäter. Er ſolle mir zurückſagen laſſen, wenn er da nicht könne und es anders wolle. Aber der Obriſt vermeldete mir durch meinen Knecht, daß er mit vieler Freude auf mich warten werde, und daß ich keinen Kranken übereilen ſolle. Er werde den ganzen Tag in ſeinem Hauſe oder in ſeinem Garten herum ſein, daß ich ihn leicht finde. Dann legte ich mich nieder und gab vorher dem Knechte noch, in Anbetracht, daß heute Sonntag war und er den Gang gethan hatte, ein Glas Wein.— Ach Gott— der Keller war ſchon fertig, und ich wollte ein großes Haus darauf bauen— und ich weiß nun nicht, für wen ich es baue. Ein recht großes, ſchönes Haus wollte ich bauen, weil mich Gott ſo geſegnet hat, und weil mein Vater doch nur ein Kleinhäus⸗ ler geweſen iſt, mit einer Hütte und Steinen darauf, wie ſie noch über⸗ all auf den Waldhöhen herum ſtehen. Nur der Obriſt iſt gekommen und hat ein Haus mit ſteinernen Mauern gebaut, das nun das Vorbild weit hin gegen die Fichten leuchtet. Dann las ich noch bis Mitternacht in Hochheimbs Buche. Am andern Morgen, da ich ſchon lange nicht mehr ſchlafen konnte, ſtand ich ſehr früh auf, und fuhr, als noch der Thau lag, durch den Wald an dem Bache hinunter, daß ich meine Kranken beſuche. Das Waſſer rollte kühl über ſeine Steine und an den Gräſern dahin. Es ging bald die Sonne auf, und brachte einen recht ſchönen, lieblichen Vor⸗ mittag. Dieſer trocknete die Näſſe von den Nadeln und von allen den vielen Kräutern, die nichts anderes zu thun hatten, als recht eilends in dieſer Frühlingswärme zu wachſen. Als ich wieder nach Hauſe gekom⸗ men, und die Pferde in den Stall gebracht waren, legte ich einen beſſeren Rock an, und begab mich auf den Weg zu dem Obriſt. Da ich um die Ecke des Holzes bog, und an den Gerſtenfeldern des Maierbacher ging, die er heuer ſo ſchön hat, ſah ich ſchon das Haus, wohin ich wollte, freundlich und weiß herabſchimmern— es ſchimmerte ſo lange, als ich an dem Abhange dahin ging, und wie ich den weichen Grashügel empor⸗ ſtieg, wo die vielen Eſchen ſtehen, kamen die zwei Wolfshunde herabge⸗ laufen, tanzten um mich und heulten fteudig, weil ſie mich ſchon ſo lange nicht geſehen hatten. Der Obriſt ſelber war in dem Garten, und ich ſah ihn durch die Stäbe der Umzäunung. Er hatte den grünen ſamm⸗ tenen Rock an, den er ſo liebt, und die goldene Kette um, von der glän⸗ zende Funken weggingen. Als wir die Barette abgethan hatten, ging er mir entgegen und verneigte ſich. Ich verneigte mich auch. Dann gelei⸗ tete er mich durch den Garten an den vielen grünen Büſchen hin, die er zieht, und führte mich in das Haus hinein. Wir kamen im Gange an der Thür vorüber, die in Margaritä's Zimmer führt. Die feine gelbe Rohrmatte lag auf der Schwelle. Als wir in ſeiner Stube angelangt waren, ſah ich, daß er ſeine grünſeidene Vorhänge über die Fenſter herabgelaſſen hatte, wodurch eine unliebe Todtendämmerung um alle Dinge floß. Er ſchritt gegen die Fenſter, zog die Vorhänge empor, ließ ſie dann wieder nieder, und zog ſie doch endlich empor. Sodann nahm er mir die Handſchuhe und das Barett, legte beides auf ſein Bette, und ſtand dann da, und hatte die weißen Haare ſo genau und reinlich zurückgekämmt wie immer. Er hatte noch nichts geredet, ich auch nicht. Endlich nahm er das Wort und ſagte:„Das iſt ein ſchöner Tag, Herr Doctor.“ „Ja, ein ſehr ſchöner,“ antwortete ich. „Iſt die alte Sara ſchon beſſer, und was macht der Erlebauer?“ „Die Sara iſt ja ſchon ſeit drei Wochen nicht mehr krank, und der Erlebauer wird auch ſchon beſſer.“ „Das iſt gut; es wäre Schade um den Mann geweſen, er iſt ſehr thätig und hat fünf lebende Kinder.“ „Geſtern hat er die Kriſis überſtanden, und die nützliche Luft wird ihn bald heilen.“ „Habt Ihr noch viele Kranke?“ „Nicht ſehr viele.“ „Der Meilhauer hat ja auch einen Fuß gebrochen.“ „Freilich, weil er ſich nicht wahrt; eine Buche hat ihn geſtreift.“ „Im Thaugrunde war's?“ „Im Thaugrunde.“ „Ihr kommt ja jetzt öfter in den Haslung hinunter, iſt es wahr, daß ſie das Gehäng reuten?“ „Lauter Felder, ſeit ſie ſich los gekauft haben.“ „Und in den drübigen Hofmarken mähen ſie ſchon Heu?“ „Es iſt kein Halm mehr auf den Wieſen.“ „Das iſt ein geſegnetes, ſchönes Jahr. Wenn uns der Herr noch weiter hinaus behütet, und das Verheißene gut einbringen läßt, dann kann ſich mancher helfen.— Wollt Ihr Euch denn nicht ein wenig auf das Sitzbette niederlaſſen, Doctor?“ Nach dieſen Worten nöthigte er mich auf das Sitzbette, das er vor dem Tiſche hat, und ſetzte ſich zu mir. Nachdem er die Falten an dem Teppiche gleich geſtrichen, und die Broſamen herabgeſtteift hatte, ſagte er plötzlich:„Das iſt recht ſchön, Doctor, daß Ihr gekommen ſeid, und wieder dahier ſitzet, wie ſo oft; darum ſagt mir auch geradeweg, ob Ibr denn auch auf mich zürnet?“ „Nein, Obriſt,“ antwortete ich;„nein, ich weiß es ſchon, daß Ihr mir nichts gethan habt. Ihr ſeid ja ein freundlichet Mann gegen jedes Geſchöpf. Ihr habt allen Leuten im Walde herum wohl gethan, und wenn einer undankbar war, ſo ſeid Ihr hingegangen, und habt ihm eine neue Güte erwieſen. Wie ſollte ich Euch zürnen? nein, eher muß ich Euch jetzt ſagen, was ich noch nie geſagt habe: Ihr ſeid der beſte und ſanfteſte Menſch, den ich auf der Welt kennen gelernt habe.“ „Bin ich das,“ erwiederte er,„ſo macht mir die Freude Doctor, und thut Euch kein Leid an.“ Mir rollten die Thränen hervor, und ich ſagte, daß ich es nun nicht mehr thun wolle. „Ich bin vorgeſtern,“ ſagte er,„mit großer Angſt durch die Reut⸗ bühl gegangen; denn der Menſch vermag hierin nichts zu ändern und ich ließ Euch in Gottes Hand zurück. Als die Sonne untergegangen war, ſtand ich an dem Fenſter und betete— und da ſah ich Eure Geſtalt am Saume des Kornes nach Hauſe gehen, wie manches Mal an andern Ta⸗ gen, wenn Ihr mit einem Buche unter den Birken geweſen ſeid— und es kam eine recht ruhige fteundliche Nacht in mein Haus.— Seht, da ich damals von Euch fort gegangen war, bin ich im Reutbühl auch an unſere Föhrenpflanzung gekommen, die Ihr im vorigen Frühlinge mit mir angelegt habt, und habe geſehen, daß kaum ein einziges Pflänzchen ausgegangen iſt; manche ſind ſchon ſehr hoch und ballen mit ihren Wur⸗ zeln das Steingerölle.— Am andern Tage bin ich von der Stube in den Stall gegangen, von dem Stalle in den Garten, und von da wieder herein— und habe über die kleinen Felderhügel geſchaut, und über die Spitzen der Wälder, in denen Ihr vielleicht fahren werdet, oder ſonſt etwas thun. Da kam in der Nacht Euer Knecht, und brachte mir große Freude.— Ich hatte es ja nun in der Hand, ich kannte Euch, Ihr ſeid ſo oft zu mir gekommen, und ich wußte es ja, daß Ihr Euch herausrei⸗ ßen würdet.“ Ich konnte den Mann nicht anſchauen, und ſagte, weil ich ſchon ſo viel eingeſtanden hatte, daß ich ſo zerdrückt ſei, und die Tage her keinen Menſchen, nicht dem Knechte, nicht der Magd und keinem Taglöhner in die Augen ſehen könne. „Das iſt unrecht,“ antwortete er,„und es wird ſich ändern. Thut ihnen Gutes, ſeid ein rechter Arzt, und Ihr werdet wieder ihres Glei⸗ chen. Auch wiſſen ſie ja nichts.“ „Aber ich weiß es.“ „Ihr werdet es vergeſſen.“ „Und mit einer ſolchen Schwermuth fahre ich an den Fichten und Tannen vorüber, daß an meinen Augen ſtets das Weinen iſt. Ich bin gleich recht gerne zu meinen Kranken gegangen, auch zu denen, die ſchon beſſer ſind,— auch zu dem alten Keum bin ich gegangen, der ſterben muß, weil er das Zehrfieber hat, und habe ihn ein wenig getröſtet.“ „Das iſt immer ſo,“ antwortete der Obriſt,„daß aus dem harten Steine Zorn der weiche Funken Wehmuth kömmt. So fängt Gott die Heilung an.“ „Schont mich vor der Welt, Obriſt.“ „Redet nicht ſp. Nur der Herr im Himmel und ich haben es geſe⸗ hen, und beide ſchweigen. Laſſet nun die Zeit fließen und es werden Hül⸗ len nach Hüllen darauf kommen. Die Seele hat einen Schreck erhalten, und wird ſich ermannen. Es iſt nun alles gut, laſſen wir es gehen, und reden von andern Dingen.— Sagt mir, Doctor, habt Ihr denn den Thomas abgedankt, daß geſtern ein anderer Knecht zu mir gekom⸗ men iſt?“ „Nein, aber er iſt jetzt bloß bei den Pferden. Den andern habe ich zu den Geſchäften im Hauſe und zum Botengehen genommen. Er iſt der Sohn des Inbuchsbauer.“ „Ich kenne ihn, er hat die Füllen des Gregordubs gehütet. Ihr müſſet ja jetzt viele Leute in Eurem Hauſe haben?“ „Nur noch zwei Mägde.“ „So habt Ihr das Bauen einſtweils eingeſtellt?“ „Nein, ich habe es für das heurige Frühjahr nur noch nicht begon⸗ nen. Wir waren erſt ein wenig an dem großen Brunnen, aber ſeit der Bernſteiner im Steinbühel den Keller gräbt, habe ich ihm alle meine Leute hinüber gehen laſſen. Er will bis zu dem Schützenfeſte fertig ſein.“ „Ich war ſchon lange nicht in Pirling, und wußte nicht, daß er graben läßt. In Steinbühel muß er wohl ſtark in die Felſen ſprengen.“ „Sie ſchießen ja ſchon drei Wochen, und alle Leute, die ich ſonſt hatte, ſind dabei beſchäftiget.“ „Ich möchte auch manches in meinem Hauſe ändern, und wenn der Grunner zu empfehlen iſt, ſo müßt Ihr ihn mir einmal herauf ſchicken. Mit dem ganzen Hinterecke möchte ich gegen den Eichenhag hinaus fah⸗ ren, auch möchte ich eine neue Stiege und einen neuen Kellereingang machen laſſen.“ „Meinen Brunnen wenigſtens, hat der Grunner vortrefflich heraus⸗ gebaut.“ „O Doctor, Ihr habt eine ſchöne Lage in der Biegung des Thales; Ihr ſeid noch jung, und wenn Ihr Euch beſtrebet, ſo kann es ein ſchö⸗ nes Beſitzthum werden, das ſeinen Herrn und ſeine Frau erfreut, wenn einmal e chon wenige, ich gehe dem Grabe entgegen, und wenn Margarita einmal fortzieht, wer weiß, in welche Hände dies Gebäude kommt, das ich ſo eifrig aufgeführt habe.—— Lieber Doctor, ich möchte noch recht gerne von etwas Längerem und Ausführlicherem mit Euch reden.“ „So redet.“ „Ihr werdet jetzt vielleicht ſeltener zu mir kommen, und da denke ich, iſt es billig, daß Ihr auch meine Fehler wiſſet, denn Ihr habt mich bisher zu viel geachtet— auch könnte Euch die Sache vielleicht nützlich ſein. Ich möchte Euch nämlich von meinem früheren Leben erzählen, und wenn ich geendet habe, möchte ich noch gerne eine Frage und eine Bitte an Euch thun— vorausgeſetzt, wenn Ihr nämlich Zeit habt, mich anzuhören.“ „Ich muß nur Abends noch zur Haidelis hinaus, und vor dem Schlafengehen noch den Erlebauer ſehen, ſonſt habe ich heute nichts mehr zu thun. Sprecht alſo nur, Obriſt, wie Ihr es für gut haltet, und fragt dann und bittet, was Ihr wollt.“ „Wißt Ihr noch, ich habe vorgeſtern im Birkenſtande zu Euch ge⸗ ſagt, daß ich etwas mit Euch zu reden hätte— das war aber damals unwahr; ſondern, da ich Euch von hier forteilen, nach Hauſe gehen, und dann über den Zaun und die Wieſen gegen den Wald ſchreiten ſah, ahnte mir Böſes; ich lief Euch nach, um ein Unglück zu verhüten; aber, da Ihr mich oben von dem Platze fortdrängtet, wußte ich mir nicht zu helfen, und ſagte nur die Worte— allein ſeitdem habe ich es mir ſo ine einzieht. Meine Tage ſind ſ ausgebildet, daß ich mit Euch von meiner Vergangenheit reden möchte, die geweſen iſt, ehe ich in dieſes Thal gekommen bin. Nehmet es nur nicht übel, daß ich alt bin, und etwa weitſchweifig in meinen Worten.“ „Nein, Obriſt,“ ſagte ich;„ſind wir nicht manchen Abend in dem Walde gegangen, und habe ich nicht gezeigt, daß mir Eure Worte lieb und angenehm waren?“ Ja, das iſt wahr, das habt Ihr gethan; darum mag ich auch jetzt gerne zu Euch reden Ihr habt mich vor einer Weile den ſanfteſten Men⸗ ſchen geheißen, den Ihr auf Erden gekannt habt— ich muß Euch beken⸗ nen, daß es mir wohl that, daß Ihr das geſagt habt. Ihr ſeid der zweite Menſch auf dieſer Erde, der es ſagte; der erſte hat vor vielen Jahren gelebt, uud ich werde Euch ſpäter von ihm erzählen. Ihr werdet dann einſehen, daß mir dieſe gute Meinung von Euch beiden lieber iſt, als von allen andern Menſchen auf der Welt.— Nun zur Sache. Habt Ihr nie von einem Grafen Uhldom gehört?“ „Meint Ihr den berüchtigten Caſimir Uhldom?“ „Dieſer berüchtigte Caſimir Uhldom bin ich.“ „Ihr?“ „Ja, ich. Spieler, Raufer, Verſchwender— und jetzt das, was Ihr ſeit einigen Jahren kennt.“ „Nein, das iſt nicht möglich— als ich noch auf der Schule war, gingen zwar unbeſtimmte, aber unheimliche Gerüchte von dem Grafen.“ „Sie ſind vielleicht wahr; ich bin nicht gut geweſen. Manches war ich im beſſeren Sinne, als es die Leute wußten, das Schlimme kannten ſie zu genau, manch Gutes, wie ein Schlimmes, und das Beſte gar nicht —— und das bin ich faſt durch Kummer geworden. Höret mich ein wenig an: Als mein Vater ſtarb, war ich ſechzehn Jahre alt, mein Bru⸗ der zwanzig. Die ganze Zeit war er immer der beſſere geweſen, ich der ſchlimmere. Als nun die Leute beiſammen waren, und das Teſtament geöffnet wurde, war er auch der Erbe, ich enterbt. Ich habe damals noch nicht gewußt, ob er gefehlt habe oder nicht; aber ich hieß ihn einen Schurken, und nahm nir vor, in die weite Welt zu gehen. Es erſchien mir dazumal ein Leichtes, Befehlshaber zu werden und ein großer Feld⸗ hauptmann, wie der Waldſtein und die andern im dreißigjährigen Kriege. Ich ging mit dem wenigen Gelde, das von Rechtswegen mein gehörte, vom Hauſe fort, und bot dem Brandenburger meine Dienſte an, ich bot 2 ſie dem Churfürſten von Baiern an, und dem Pfalzgrafen, aber es war überall nichts; ſie wollten mich entweder in das Volk ſtecken, oder in eine Soldatenſchule thun, und beides litt ich nicht. Daher ging ich wei⸗ ter— und eines Tages, als jede Welle des ſchönen Rheines im Sonnen⸗ ſcheine blitzte und glänzte, kam ich nach Frankreich hinüber. Ich gedachte, dem Könige Ludwig meinen hoffnungsreichen Degen zu Füßen zu legen. Viele Tage wanderte ich durch das fremde Land und durch die fremde Sprache, bis ich eines Abends, da eben ein ſtiller Regen von dem grauen Himmel fiel, in die finſtere Stadt Paris einzog. Ich glaubte damals noch gar nicht, daß es mir fehlſchlagen könnte. Ich verſtand die Sprache wenig, kannte keinen Menſchen in der Stadt, aber dennoch drang ich vor, und wurde zu dem Könige geführt. Er fragte mich, was ich zuerſt lernen würde, und ich antwortete: die Sprache. Er lächelte und ſagte, daß er meiner gedenken wolle. Ich fing nun an, die Sprache zu lernen und auf die Antwort des Königs zu warten. Als mir das Geld aus⸗ ging, und ich nur mehr ein einziges Goldſtück hatte, dachte ich mir, daß ich nun in ein Spielhaus gehen müſſe, um eines zu gewinnen. Ich wußte ein ſolches Haus; es ſtand in einer langen, des Abends immer ſehr ſchön erleuchteten Gaſſe, und ich hatte es bisher nur von Außen ge⸗ kannt. Als es wieder Abend war, ging ich in die Gaſſe und ſchaute es wieder von Außen an. Da fuhr ein Wagen quer an mir vorüber in das Haus hinein, und beſpritzte mich mit dem Kothe der Straße. Unter dem Thorwege hielt er an, der Schlag wurde aufgeriſſen, ein ſchön gekleideter Mann ſtieg aus, ging die Treppe hinauf und ein Diener trug ihm ein Käſtchen nach. Ich ging nun auch durch die Pforte des Hauſes, ging über die Treppe hinauf, wo Bildſäulen ſtanden, kam in den Saal, wo Menſchen liefen, und ſchaute eine Weile zu. Dann ging ich hinzu, legte mein Goldſtück auf eine Karte, wie ich die andern hatte thun geſehen, und nach einer Weile ſchoben ſie mir mehrere Goldmünzen hin. Ich war nicht ſtark überraſcht und ſetzte wieder. Das Spiel kannte ich nicht; es wurden nur immer Karten herabgelegt, immer die nämlichen zwei ruhi⸗ gen Worte geſagt, wie der Perpendikel einer Thurmuhr, und die Leute ſchoben ſich Goldſtücke hin und her. Als endlich der Mann am obern Ende des Tiſches ſein Käſichen zuſchloß, hatte ich mehrere Hände voll Goldſtücke in der Taſche. Es war indeſſen nach Mitternacht geworden, ich ging nach Hauſe und ſchüttete das Geld in mein Barett, das ich auf einen Stuhl geworfen hatte. Am andern Tage lechzte ich darnach, daß es Abend würde. Als man die Kerzen anzündete, ging ich ſchon in dem Saale auf und nieder, und es trat ein fremder Herr zu mir, und ſagte, daß er auf mich wetten werde. Ich verſtand dies damals nicht, und ließ 1 alles geſchehen. Wieder gewann ich an dem Tage, wie vorher, und am andern Tage wieder. Ich lernte bald das Spiel verſtehen, und verſuchte nach und nach, es zu leiten und zu beherrſchen. Mehrere Männer ſchloſ⸗ ſen ſich an mich an, und ſuchten das Glück in ihren Kreis zu bannen. Ich gewann, verlor unbedeutend, und mein Wohlſtand begann ſich zu heben. Ich ging nun in ſchönen Kleidern und Federhut durch die Stra⸗ ßen, das ſchönſte Pferd in Paris war mein, und drei faſt gleich ſchöne ſtanden noch in dem Stalle. Der Mantel war wie der eines Herzoges, und der kleine Degen hatte Diamanten im Knopfe. Damals hätte ich auch falſch geſpielt, wenn ich verſtanden hätte, es zu machen. Meine Freunde und Spielgeſellen führten mich zu den Leuten, die in den großen Palläſten wohnten, welche ich ſonſt nur von Außen hatte anſehen dür⸗ fen, man ſagte mir ſchöne Dinge; die Mädchen wollten mir wohl; ich liebte die Pracht und lernte die dortige Art und Sitte. Wenn Männer beiſammen waren, ſuchte ich Händel zu erregen, und ermuthete mich dann im Zweikampfe; denn außer bei den Karten brachte ich die meiſten Stunden auf dem Fechtboden zu.— So war es mit meinem Spiele.— — Da ſagte einmal ein langer blaſſer Mann, den ich immer geſcheut, und daß ich aufrichtig bekenne, den ich gefürchtet hatte, daß ich doch nur ein Lumpe ſei, der vom Pariſer Strolchengolde lebe. Er hatte die Worte zu mir ſelber geſagt; ich antwortete ihm nichts darauf, aber ging nach zwei Tagen zu dem Herrn Armand Pelton, dem derzeitigen Vorſteher des Armenweſens, und übergab ihm an Gold und Schmuck und Kleidern, wie auch an Pferden und Reitgeräthen Alles, was ich hatte. Nur hun⸗ dert Ludwigsſtücke hielt ich zurück und einen grauen ſchlechten Klepper, den ich mir am Tage vorher gekauft hatte. Seht Doctor, ich habe noch die Scheine von jener Begebenheit, und werde Euch dieſelben zeigen.“ Als der Obriſt dieſe Worte geſagt hatte, ſtand er auf und ſuchte in den Laden ſeines Schreines. Er ſammelte auf demſelben mehrere Schrif⸗ ten, trat wieder zu mir und breitete ſie auf dem Tiſche aus. Es waren richtig lauter Empfangsbriefe über verſchiedene Summen und Stücke, welche der Graf Caſimir Uhldom, Spieles wegen, der Armenſache über⸗ geben hatte, und welche durch die Namen der Väter beſtätiget wurden, in deren Hände das Gut niedergelegt worden war. Als er mir mit dem Finger auf Alles gewieſen hatte, und der Punkt abgethan war, ſchob er die Papiere auf dem Tiſche zurück und ſperrte ſie nicht wieder ein. Dann fuhr er fort:„Ich lud am Nachmittage den langen blaſſen Mann zum Zweikampfe, und ſagte ihm keine urſache; aber da ich ihn durch die Schulter geſtochen hatte, hielt ich ihm dieſe Schriften vor die brechenden Augen und ſchrie ihm zu, wer ich ſei. Ich hielt ihn damals für ſterbend und war damit zufrieden. Aber er ſtarb nicht, ich lernte ihn viele Jahre darnach von neuem kennen, achtete ihn damals ſehr hoch, und ich glaube, er mich auch. Als ich von dem Kampſplatze fort ging, ſpießte ich eine andere Schrift, die mir von dem Könige war zugeſchickt worden, und mir einen ſchlechten Platz in dem Heere anwies, auf meinen Degen, und warf ſie weg. Ich haßte nun den König, und begriff, daß ich unter die deutſche Reichsarmee gehöre. Als am andern Morgen die Sonne aufging, war ich ſchon weit von Paris; ſie ſchien mir in das Angeſicht, und ich ritt auf dem grauen Klepper Deutſchland zu. Ich hatte ein ſchlechtes Lederkoller an und die hundert Ludwigſtücke darin. Am ſiebenten Tage ging ich wieder über den Rhein. Damals ſagten ſie, daß ich ein arger Verſchwender geweſen ſein müſſe, der vom Reichthume auf ſolch ſchlechtes Zeug gekommen; ich aber lachte, ſchaute in die dun⸗ kelgrünen Wogen des Rheins, und glaubte auch da noch nicht, daß es mir fehlſchlagen könne. Ich erkannte, daß ich auf einem Irrwege gewe⸗ ſen ſei, und daß ich nun einen andern betreten müſſe. Daher beſchloß ich, wie der Herzog von Friedland ein Kriegsheer aufzurufen, und mit demſelben die Länder wieder zu erobern, die uns der König früher entriſ⸗ ſen hatte. Ich gedachte hiebei des Zufalls, daß, wenn ich als Feldherr in Paris einzöge, etwa bei demſelben Fenſter ein Mägdlein herab ſchaue, bei dem ich ſonſt mit ihr geſtanden, und ſo vergnügt geweſen war, wenn ſie mich ihren lieben kleinen Grafen genannt hatte. Ich ſchämte mich recht jener kindiſchen Zeit und ihrer Beſtrebungen.— Als aber nach zwei Jahren die neuen Entwürfe auch noch nicht in Erfüllung gegangen wa⸗ ren, fing ich an, in unſerem Heere von unten auf zu dienen. Jetzt rückte die Zeit langſamer, und die Mühe belohnte ſich nur um Haarbreite nach Haarbreite; aber aus Ehrſucht, weil mir ſchon nichts anders gelaſſen war, that ich auch das Jetzige gut, daß ich den andern zuvorkomme, und Stifter. 4. Aufl. 1I. 3 — die übermeiſtere, die neben mir waren.— So wurde ich nach und nach ſechs und zwanzig Jahre alt und bekannter unter den Vorſtehern des Heeres. Da geſchah es, daß ein Oheim ſtarb, der letzte unſerer Ver⸗ wandten, und mir ein beträchtliches Vermögen hinterließ. Zu gleicher Zeit verliebte ich mich auch. Ach Gott, lieber Doctor, es ſind jetzt viele, viele Jahre vergangen— und verzeiht mir die Worte, die ich ſagen werde— ich war gerade ſo ſchwärmend wie Ihr, ich war ausſchweifend in Haß und Freundesliebe, ich war eben ſo ſtrebend und vom Grunde aus gutherzig wie Ihr. Seht nur, oft habe ich gemeint, ich müſſe alle Sterne an mich herunter ziehen, und alle Welttheile auf dem Finger tra⸗ gen. Daher that ich mein Herz weit auf, ließ das Gefühl eingehen, und hatte meine Ergötzung daran. Ehe ich aber zur Beſinnung gelangte, war ich betrogen. Ein Freund und Vertrauter, den ich auf Freiwerbung ſandte, führte ſie ſelber zum Altare. Ich wollte ihm auf das Gut, wo⸗ hin er ſie geführt hatte, nachreiſen, um ihn zu erſtechen, aber ich that es dann nicht, und nahm mir vor, mich ſelber zu tödten. In unſerem Hauſe war ein langer ſchmaler Gang, wie ſie in Soldatenhäuſern ge⸗ wöhnlich ſind, und zwiſchen den Fenſtern waren ſtarke Pfeiler. Als es Nacht geworden war und die Kameraden ſchliefen, nahm ich eine Büchſe, die ich Abends geladen hatte, ging auf den Gang und ſtellte mich in den Pfeilerſchatten, weil doch zuweilen Mannſchaft vorbei ging, daß ſie mich nicht ſehen könnten. Als ſich nach einer Weile nichts mehr rührte, ſtellte ich die Mündung nach meiner Kehle und griff mit der Zehe um das Zünglein. Aber ich mußte es übel gemacht haben, denn es knackte etwas, und das Eiſen ſchürfte an meinem Hemdknopfe; da ſprang plötzlich ein gemeiner Mann unſerer Rotte, der mich ausgekundſchaftet hatte, und aus Furcht im Mauerſchatten näher gekrochen war, empor, ſtieß mir das Rohr von der Kehle, und flüſterte:„Herr Graf, ich ſchweige, aber das müßt Ihr nicht mehr thun.“ Ich wollte vor dem Manne auf die Kniee niederfallen, ſo erſchrocken war ich und ſo verworren. Ich ſagte, daß ich ihn recht lieb habe, und daß ich ihm eine Menge Geld geben wolle. Er nahm am andern Tage das Geld, und hat niemals einem Menſchen et⸗ was geſagt.— Ich ließ nun dieſe Gedanken fahren und verſchlug auf's Gegentheil, das heißt, ich fragte nach nichts mehr, und ließ kein Uebel auf mich eine Wirkung thun. Auch ſetzte ich mir vor, die gemachte Erb⸗ ſchaft zu verſchleudern. Wir ſaßen nun manche Nacht beiſammen, viele Freunde und luſtige Geſellen— es ſtrahlten die Kerzen, es klangen die Geſpräche, und es verrauſchte das Gut. Nach ſechs Jahren war ich wie⸗ der ſo arm, wie vor dem Tode meines Oheims.—— Damals fing end⸗ lich der Krieg an, und was bisher in einem Hauſe, in einer Stadt bei⸗ ſammen geweſen war, kam auseinander und wurde oft länderweit ge⸗ trennt. Ich war in den Jahren über dreißig, und die Sachen begannen eine Wendung zu nehmen. Das Feldleben war manchmal recht ernſthaft, und ich war manche Nacht, wenn die öde Luft durch den Himmel ſtrich, traurig über die Welt und traurig über alle Dinge. Es ſollte noch erſt alles kommen, was mein Leben mir verſprochen hatte, und es war doch ſchon der größte Theil desſelben dahin. Zuweilen fiel mir meine Mutter ein, die längſtens geſtorben war, und ihre ſchönen blauen Augen— zu⸗ weilen der Bach auf unſerer Wieſe, an dem die ſchönen Weiden geſtan⸗ den waren.—— So zog die Zeit dahin; wir machten keine großen Er⸗ oberungen, und der Feind, der jenſeits ſtund, machte auch keine.— In Weſtphalen war es endlich, wo ich dazumal ein Mittel für mein Heil gebrauchen lernte, das ich zuerſt aus Scherz angefangen, und dann aus Ernſt bis auf den heutigen Tag nicht mehr aufgegeben habe. Ich würde Euch gerne rathen, Doctor, daß Ihr es auch anwendetet; denn ich glaube, daß ich ſchier alles, was ich geworden, durch dieſes Mittel ge⸗ worden bin. Es beſteht darin, daß einer ſein gegenwärtiges Leben, das iſt, alle Gedanken und Begebniſſe, wie ſie eben kommen, aufſchreibt, dann aber einen Unſchlag darum ſiegelt und das Gelöbniß macht, die Schrift erſt in drei bis vier Jahren aufzubrechen und zu leſen. Ein alter Kriegsmann rieth es in meiner Gegenwart lachend einer Jungfrau an, die gerade in Liebeskummer befangen war, und ſagte, daß es in dieſen Fällen eine gute Wirkung thue. Ich lachte mit und dachte gleich in mei⸗ nem Innern, daß ich das Ding auch verſuchen würde— und wie oft habe ich ſeitdem den todten Mann geſegnet, daß er es ſagte, und den Zufall, der es ihn im rechten Augenblicke ſagen ließ. Ich ging ſehr eif⸗ rig darüber und habe gleich alle freie Zeit, die uns gegeben war, ver⸗ wendet, um aufzuſchreiben, was ich mir nur immer dachte, und was ich für die Zukunft beſchloſſen hatte. Ich machte die Dinge ſehr ſchön, fal⸗ tete alle Papiere gleich groß und ſchrieb von Außen den Tag ihrer Ver⸗ fertigung darauf. In den Feldlagern, wo ſie mir oft recht unbequem waren, ſchleppte ich die verſiegelten Päcke mit mir herum.— Als ich den 3* 3 —— erſten öffnete— es geſchah nicht nach drei, ſondern erſt nach fünf Jah⸗ ren, weil ich eine Weile von meinen Sachen getrennt geweſen war— ich lag eben verwundet darnieder, von allem Nöthigen entblößt, keinen Freund und Theilnehmer an der Seite— nach Mitternacht hatte ich mir den Pack hingeben laſſen— und als ich ihn nun öffnete und las, ſo lachte und weinte ich faſt in einem Athem durcheinander; denn Alles war anders geworden, als ich einſt gedacht hatte; Vieles beſſer, Manches ſchlechter— aber Jedes irdiſcher und wahrer, als es ſich einmal vorge⸗ ſpiegelt hatte; meine Anſichten waren gewachſen und gereift, und ich hatte die heftigſte Begierde ſie gleich wieder in einem neuen Packe nieder zu ſchreiben. Ich ließ mir Papier und Schwarzſtift aus dem Lederſacke ſuchen, der unter dem Bette lag, und ſchrieb auf dem Kopfliſſen neben meinem Angeſichte die ganze Nacht. Ach, ich wußte damals noch nicht, weil es das erſte Päckchen war, das ich geöffnet hatte, daß es mir bei jedem ſo ergehen würde, auch bei dem, das ich jetzt ſo eilig und inbrün⸗ ſtig niederſchrieb.—— Es iſt merkwürdig, Doctor, daß ich ſo alt ge⸗ worden bin, und daß ich mir erſt durch dieſe angerathene Beſchäftigung eine Denkweiſe, eine Rede⸗ und Handelsweiſe zugebildet habe; denn aus Schriften und Büchern zu lernen, iſt mir erſt im ſpäten Alter zu Theil geworden; damals hatte ich kaum Zeit, das Nothdürftigſte nieder zu ſchreiben— oft ſchrieb ich auf meinen Knieen, oft auf einer Trommel oder auf einem Baumſtamme. Ich habe nachher ſchwere Schlachten ge⸗ ſehen, ich habe das menſchliche Blut wie Waſſer vergeuden geſehen, ich zeichnete mich aus, wie ſie ſagten, das heißt: ich half mit in dieſen Din⸗ gen; aber ein Päckchen erzählte mir ſpäter meine damaligen Gefühle, die um viel beſſer waren, als die Auszeichnung und die ich hatte zurückdrän⸗ gen müſſen, um meine Pflicht zu thun. Ich lernte nach und nach das Gute von dem Geprieſenen unterſcheiden, und das Heißerſtrebte von dem Gewordenen. Manches Päckchen ſegnete, manches verurtheilte mich, und ſo wurde ich widerſtreitender Weiſe mitten im Kriege und Blutvergießen ein ſanfterer Menſch. Ich weiß es nicht, wäre ich es auch ohnedem ge⸗ worden, weil die Jahre wuchſen, oder iſt es mir erſt durch die Schriften eindringlicher in's Herz gekommen. Ich fing mit der Zeit auch an, im Leben auszuüben, was ich im Geiſte denken gelernt hatte. Seht, Doctor, dieſe Kette, die ich heute umgethan habe, weil ich die Unterredung mit Euch für einen Feſttag halte, iſt ſelber ein Zeuge davon. Ich habe ein⸗ „ v NW N. — 37— mal mit Ausſetzung meines Lebens dasjenige von tauſend Feinden ge⸗ rettet, die man im Begriffe war zuſammen zu hauen. Ich habe die Ret⸗ tung begonnen, weil ich nicht leiden konnte, daß ſo viele Menſchen, die an nichts ſchuld ſind, wie blöde Thiere getödtet würden, die uns zwar auch nicht beleidigen, deren Leben wir aber zu unſerer Nahrung bedür⸗ fen. Zwiſchen den Kugeln beider Theile habe ich die Unterwerfung ver⸗ handelt, und den Ergebungsbrief gegen die gezückten Säbel unſerer Rot⸗ ten reitend zu unſerm Führer gebracht. Sie wurden dann blos gefan⸗ gen, und ihr König wechſelte ſie ſpäter aus. Wenige Jahre vorher hätte ich noch ſelber den Befehl gegeben, luſtig einzuhauen, und hätte es für eine Heldenthat gehalten. Die tauſend Männer ſandten mir nach vielen Jahren den erleſenen Waffenſchmuck, den Ihr oben in meinem Eichen⸗ ſchreine geſehen habt, ihr König that ſelber den Degenknopf dazu, der ſo ſchön in Silber gefaßt iſt, und der Kaiſer, da ihm die Nachricht von der Begebenheit zu Ohren gebracht worden war, verlieh mir die Kette, die ich hier um habe.“ Nach dieſen Worten hielt der Obriſt eine Weile inne. Er ſtand auf und ging in den Raum des Zimmers vor. Die Schriften, die noch im⸗ mer auf dem Tiſche gelegen waren, nahm er weg, und ſperrte ſie wieder ein. Zuletzt ließ er noch die grünen Fenſtervorhänge herab, die er früher aufgezogen hatte. Ich glaubte, daß er es darum thue, weil doch die Sonne zu uns herüber zu rücken ſchien. Dann ſetzte er ſich wieder zu mir und ſagte:„Ich will Euch nun auch das Ende von meinem Lebens⸗ laufe erzählen. Die Jahre ſind wieder vergangen, aber immer eines ſchneller, als das andere, und ich bin nach und nach Obriſt geworden. Da ich wieder verwundet wurde, erhielt ich einen Ruhegehalt, und durfte hingehen, wo ich wollte. Ich habe einmal auf meinen Kriegszügen ein ſchönes Thal geſehen, das zwiſchen hohen Bergen lag; in dieſes ſchaffte ich meinen Körper und meine Habe, um an dem Orte zu verbleiben. Ich fing dort an, die Bücher zu ſammeln, die jetzt da ſind, und die Gemälde, deren Art ich in den Niederlanden kennen und lieb gewinnen gelernt hatte. Manches iſt theuer gekommen, Ihr würdet es kaum denken, und es reute mich ſchon oft, daß ich auf meine Freude ſo viel verwende, das nach meinem Tode andern zu Gute kommen ſollte:— aber ſei es nun, wie es ſei.— In dem Thale bekamen meine Päckchen immer mehr Gleich⸗ mäßigkeit, bis im Alter eines, wie das andere, wurde. Ich richtete mich häuslich ein, und legte rückwärts hinaus den Garten an, in welchem mir meine Pflanzen wuchſen, die ich liebe, weil ſie unſchuldig den Willen Gottes thun.“ Hier ſetzte der Obriſt wieder aus, dann fuhr er fort:„Ich habe früher von einem Menſchen geredet, der der erſte war, der geſagt hat, das ich ein gutes Herz habe, wie Ihr heute der zweite, und ich habe verſpro⸗ chen, daß ich Euch von ihm erzählen werde, damit Ihr ſeht, wie ſehr es mich von beiden freute. Der Menſch hat mit mir in dem Thale gelebt, es war ein Weib— mein eignes Weib iſt es geweſen— und von ihm möchte ich Euch noch etwas ſagen, wenn Ihr nämlich nicht müde werdet, mich anzuhören. Ich weiß es nicht, war ſie beſſer oder ſchlechter, als tauſend andere ihres Geſchlechtes— ich habe die andern zu wenig ge⸗ kannt— aber einen Vorzug hatte ſie vor allen, die da leben, und dieſer war, daß ich ſie ſehr geliebt habe. Oft war es mir, als ſei ihr Leib mei⸗ ner, als ſei ihr Herz und ihr Blut das meinige, und als ſei ſie mir ſtatt aller Weſen in der Welt. Ich hatte ſie am Rheine kennen gelernt, wo ſie von Verwandten hart gehalten wurde. Da ich eingerichtet war, holte ich ſie herüber. Sie hatte mich nicht geliebt, aber ſie war mit gegangen. Da ſie am Vermählungstage unter ihren Angehörigen als verzagende Braut ſtand, ſah ſie nach meinen Augen, als wenn ſie darin Treuherzig⸗ keit ſuchte. Ich habe ſie in mein Haus geführt, und habe ſie auf der Schwelle desſelben geküßt, was ſie nicht erwiederte. Da ich ſie in der Stube auf meinem Stuhle ſitzen ſah, voch den Hut auf dem Haupte, und die Oberkleider an: nahm ich mir vor, daß ich ſie ehren und ſchonen werde, wie es mein Herz vermag. Ich rührte nun ihre Hand nicht an, ich ließ ſie in dem Hauſe gehen, und lebte wie ein Bruder neben ihr. Da ſie allgemach ſah, daß ſie hier walten dürfe, daß ſie ſtellen dürfe wie ſie wolle, und daß niemand etwas dagegen ſage, da ſie, wenn ich von der Jagd nach Hauſe kam— denn ich ging damals noch zuweilen— fragte, wie dieſes und jenes ſtehe, und wie ſie es machen ſolle: ſah ich, daß die Pflanze des Vertrauens wuchs,— und daneben auch noch eine andere; — denn ihre Augen glänzten von Zufriedenheit— und ſo ging ihr die Seele verloren, bis ſie ſonſt nirgends war, als in mir. Es iſt nur ein verachtet Weib geweſen, das die Worte geſagt hat:„Wie dank ich Gott, daß du ſo gut, ſo gar ſo gut biſt,“— und kein Lob meiner Obern, keine Freude des Sieges iſt früher ſo in mein Herz gegangen, als die Worte des verachteten Weibes. Und als nach dieſem ſchun viele Jahre ver⸗ gangen waren, als ihr ſchon Muth und Vertrauen gewachſen war, als ſie in meiner ſichern Gattenliebe und Ehrbezeugung ruhen konnte: war ſie noch demüthig wie eine Braut und aufmerkſam wie eine Magd — es war eben ihr Weſen ſo— und deßhalb mußte geſchehen, was ge⸗ ſchah Es ragten in der Gegend viele Schneeberge und blaue Spitzen, hinter unſerem Hauſe rauſchten Bergeswäſſer, und ſtanden Wälder, in denen vft Monate lang niemand ging. Alles dieſes zu durch⸗ forſchen, lockte mich die Luſt, und einmal that ich die Bitte, ſie möge mich doch zuweilen begleiten, wann ich etwa ſeltne Alpenblumen ſuchen ginge, oder einen Baum, ein Waſſer, einen Felſen zeichnete, wie ich es damals zu lernen anfing, und häufig ausübte. Nach ihrer Art ſagte ſie es bereitwillig zu— und nun ging ſie oft zwiſchen thurmhohen Tannen, an brauſenden Bächen, oder über harte Felſen mit mir, und ſie war noch ſchöner und blühender neben den Bergen, als ſie es zu Hauſe war. Wenn ich dann zeichnete, ſaß ſie hinter mir, ſchlug Nüſſe auf oder ord⸗ nete die geſammelten Waldblumen zu einem Strauße, oder plauderte mit ihrem Hündchen, das ebenfalls unſer ſteter Begleiter war, und von Ihr an ſchwierigen Stellen ſogar getragen wurde, oder ſie legte aus meinem Wanderſacke unſer Nachmittagbrod zurechte;— oft ſaß ſie neben mir und fragte, wie dieſer und jener Stein heiße und warum dieſe und jene Blume nur immer im Schatten wachſe. So wurde in den Wochen, was Anfangs nur Gefälligkeit gegen mich war, ihre Luſt und ihre Freude— ſie wurde ſogar ſtärker; denn wie die Sonne des Waldes die Blumen, Beeren und die Früchte reift, that ſie es auch mit ihr, daß iht die Lippen und Wangen glühten, wie an einem Kinde, und daß ſie mir mit den ſchweren Alpenſchuhen, die ich ihr hatte machen laſſen, auf hohe Berge folgen konnte, bis an den Rand des Eiſes gelangte und mit Entzücken in die Länder hinaus ſah, wo die Menſchen ihre Werke treiben, davon kein Merkmal zu uns heraufkam. Ich hatte meine hohe Freude daran— und ſie hatte ihre Freude daran. Es mußte wohl ſo ſein, damit ſich alles erfüllte.—— Kennt Ihr das, was man in hohen Bergen eine Holzrieſe nennt? Ihr werdet es kaum kennen, da man ſie hier nicht braucht, weil nur breite ſanfte Waldbiegungen ſind. Es iſt eine aus Bäumen gezimmerte Rinne, in der man das geſchlagene Hol oft mit Waſſer oft trocken fort leitet. Zuweilen gehen ſie an der Erde befeſtigt über die Berge ab, zuweilen ſind ſie wie Brücken über Thäler und Spal⸗ ten geſpannt und man kann ſie nach Gefallen mit dem rieſelnden Schnee⸗ waſſer anfüllen, daß die Blöcke weiter geſchoben werden.— An einem ſehr ſchönen Septembertage bat mich mein Weib, ich möchte ſie doch auch wieder mit auf die Berge nehmen; denn ſie hatte mir endlich ein Kind geboren, ein Töchterlein, und war drei Jahre bei demſelben zu Hauſe ge⸗ blieben. Ich gewährte ihr freudig den Wunſch, ſie rüſtete ſich, und wir waren desſelben Tages ſo hoch geweſen, daß ſie mir einige Stämmchen Edelweis pflücken und auf den Hut ſtecken konnte. Im Nachhauſegehen verirrten wir uns ein wenig; denn die Aehnlichkeit der Wände und Spalten hatte uns getäuſcht. Wir ſtiegen in dem Gerölle eines ganz fremden Sandſtromes nieder, ob er uns etwa in das Thal abführe, oder ob er jäh an einer Wand aufhöre und uns ſtehen laſſe. Das Letztere ge⸗ ſchah auch; denn als wir um einen Felſen herum wendeten, ſahen wir es plötzlich vor unſern Augen luftig blauen; der Weg riß ab, und gegen⸗ über glänzte matt röthlich eine Kalkwand, auf welche die Strahlen der ſchon tief ſtehenden Sonne gerichtet waren:— aber auch eine ſolche Rieſe, wie ich früher ſagte, ging von unſerm Stande gegen die Wand hinüber. Ich erſchrak ein wenig und ſah nach meiner Begleiterin um: aber dieſe war ſehr fröhlich über die gefundene Verbindung, und wir gin⸗ gen daran zu unterſuchen, ob die Rieſe in einem guten Stande ſei, und zwei Menſchen zu tragen vermöge. Daß ſie erſt kürzlich gebraucht wurde, zeigten da, wo ſie an den Felſen angeſchlachtet war, deutliche Spuren geſchlagenen und abgeleiteten Holzes; denn ihre Höhlung war friſch wund gerieben, auch lagen noch die Blöcke und Stangen umher, womit man die Stämme zuzuwälzen gewohnt iſt, und die Fußtritte, die uns eigentlich in dem Bette des Gerölles nieder gelockt hatten, ſchienen von derſelben Handlung her zu rühren. In dem Augenblicke des Ueberlegens hörten wir es aus einem Seitengraben, deſſen Daſein wir früher gar nicht bemerkt hatten, kniſtern und brechen, als ob es Tritte wären,— und wirklich kam nach einigen Sekunden ein Mann heraus, den der erſte Anblick ſogleich für einen Holzarbeiter erkennen ließ, wie ſie im Gebirge ihr mühſames Werk treiben. Er trug einen ledernen Sack und eine eiſerne Kochſchüſſel; in der Hand hatte er die abgethanen Steigeiſen und den Gebirgsſtock, der langſchaftig iſt und vorne eine eiſerne Spitze und einen Widerhaken hat. Er erſchrak, da er uns ſah, weil er hier keine Menſchen zu finden gehofft hatte. Ich aber ſagte ihm, daß wir uns verirrt hätten, und daß wir ſehr gerne wiſſen möchten, ob die Rieſe gangbar wäre und zweien Menſchen als Steg dienen könnte.—„Freilich kann ſie dienen, antwortete er, vor einem Augenblicke ſind alle meine Kameraden hin⸗ über gegangen fünf an der Zahl; ich mußte nur umkehren, weil ich die Schüſſel am Feuerplatze vergeſſen hatte. Sie warten an der Wand auf mich. Ihr werdet es gleich hören.“— Nach dieſen Worten that er einen Ruf mit der Stimme des Gebirgjauchzens, daß es in allen Spalten klang: von drüben antworteten ſie, daß es ebenfalls klang. Es war faſt ſchön, da auch der Abend rings um uns herum war. Ich ſchlug nun vor, daß wir jetzt alle drei mit einander über die Rieſe gehen könnten. Er willigte ein, und ſagte, daß wir die Frau in die Mitte nehmen ſollten. Er richtete den Alpenſtock ſo, daß ich ihn vorne under hinten nahm, damit ſich die Frau daran wie an einem Geländer halte. Das Hündchen hatte ſie ſich nicht nehmen laſſen ſelber zu tragen. So gingen wir auf die Brücke, die in der Abenddämmerung wie eine gezogene Linie war. Ich hörte, da wir auf dem Holze gingen, nur ſeine Tritte mit den ſchwerbeſchlagenen Schuhen, die ihrigen aber nicht. Als wir noch ein Kleines von dem Ende der Rieſe waren, ſagte der Holzknecht leiſe:„Sitzt nieder,“— auch empfand ich, daß der Stock in meiner Hand leichter werde,— ich ſchaute plötzlich um— und denkt Euch ich ſah nur ihn allein. Es kam mir ein ſchrecklicher Gedanke, aber ich wußte nichts weiter, meine Füße hörten in dem Augenblicke auf, den Boden zu empfinden, die Tannen wogten wie Kerzen an einem Hängeleuchter auf und nieder— dann wußte ich nichts mehr.“ Hier hörte der Obriſt zu reden auf, und ſchwieg eine Weile. Ich dachte Anfangs, daß er ſich nur ſammeln wolle, aber als ich genauer hin ſchaute, ſah ich in der Dämmerung, daß ihm ſchnelle Thränen, eine nach der andern über den weißen Bart herab träufelten, und daß er ſich ſehr ſtille hielt, damit ich es nicht bemerke. Ich konnte vor gebrochenem Herzen auch nichts reden, und begriff nun, warum er die Fenſtervorhänge herab gelaſſen hatte. Ich wollte die Schamhaftigkeit des alten Mannes nicht ſtören, und ſah nicht hin. Nach einer Zeit wiſchte er mit ſeinem Aermel über Bart und Antlit, und ſetzte dann gefaßt ſeine Rede fort: „Sie lag unten zerſchmettert. Still ſich opfernd, wie es ihre Gewohn⸗ heit war, ohne einen Laut, um mich nicht in Gefahr zu bringen, war ſie hinab geſtürzt. Richt einmal der Holzknecht hatte ihren Zuſtand errathen, bis ſie das Geländer ausließ, das wir ihr gemacht hatten, und mit der Hand in der Luft zu greifen anfing. Da rief er ihr zu, ſie ſolle ſich ſetzen— aber es war zu ſpät. Wie ein weißes Tuch, ſagte er, war es an ſeinen Augen vorüber gegangen, und dann habe er nur mich allein geſehen. Ich wankte auch vor ſeinen Blicken, und wäre gleicherweiſe hinab gefallen, wenn er mir nicht einen Stoß gegeben hätte, durch den ich die noch wenigen Schritte vorwärts taumelte, die von der Rieſe übrig waren, und an ihrem Ende unter dem vielen Holze nieder ſtürzte, das dort lag, und das man an dem Tage herüber geleitet hatte.— Als ich aus meiner Ohnmacht wieder erwachte, verlangte ich heftig, in den Ab⸗ grund nieder zu ſteigen; denn ich konnte ſie mir nicht todt denken, und dachte: wer weiß— etwa iſt ihr das Bewußtſein wieder gekommen, ſie liegt unten und beginnt jetzt erſt zu ſterben. Allein es war indeſſen ſchon ganz Racht geworden, ich fand mich an einem großen Feuer liegen, und einige Holzknechte ſtanden und ſaßen umher. Andere waren auch fort gegangen. Durch mein Flehen und meine Verſprechungen, noch mehr aber, weil ich allein in der Finſterniß hinab zu klettern anhob, ließen ſie ſich bewegen, einen Verſuch zu machen, ob man über die Wand hinab gelangen könne. Es waren auch von andern Orten Holzarbeiter herbei gekommen, weil die Stelle ein Zuſammenkunftsplatz war, und ſie ſaßen an dem Feuer, wärmten ſich, und hörten an, was geſchehen war. Der eine erinnerte ſich dieſes, der andere eines andern Weges, auf dem es möglich ſein müſſe— aber es war immer umſonſt, und die ganze Nacht verging unter fruchtloſen Bemühungen. Endlich, da ich tauſend Mal zu dem Himmel geſchaut hatte, erblaßten die fürchterlichen Sterne, und das ſchwache Grau des Morgens war in der Luft. Nun, da wir beſſer ſahen, gelang es wirklich mit Hilfe von Stricken und Stangen bis auf den Grund hinab zu kommen. Allein wir fanden die Gegend nicht, und erſt, als die Sonne ſchon faſt hoch in das Thal herein ſchien, entdeckten wir ſie. Es lag ein Häuſchen weißer Kleider neben einem Wachholderſtrauche, und darunter die zerſchmetterten Glieder.— Es war nicht möglich: von dieſer Höhe kann kein Menſch herunter fallen, und nur einen Hauch des Lebens behalten. Kaum ſo dünne, wie ein Strohhalm anzuſehen, ſchwebte die Rieſe weit ober uns.— Wir gingen näher, und denkt Euch— auf den Kleidern ſaß das Hündlein, und war lebend und faſt unverſehrt. Das Weib hatte es vielleicht während des Falles empor ge⸗ halten, und ſo gerettet. Aber es mußte über die Nacht wahnſinnig ge⸗ worden ſein; denn es ſchaute mit angſtvollen Augen umher, und biß gegen mich, da ich zu den Kleidern wollte. Weil ich ſchnell mein Weib haben mußte, gab ich zu, obwohl ich mir das Thierchen hatte aufſparen wollen, daß es einer der Knechte mit der Büchſe, die ſie zuweilen tragen, erſchieße. Er hielt ſchräge hin, damit er die Leiche nicht treffe— und das Hündchen fiel herab, kaum daß es ein Füßlein rührte.— Ich beugte mich nun nieder, und riß das weiße Mieder auf, das ſie an hatte: aber die Schulter war ſchon kalt, und die Bruſt war ſo kalt, wie Eis.—— O Herr! das könnt Ihr nicht ermeſſen— nein Ihr wiſſet es jetzt noch nicht, wie es iſt, wenn der Leib, der ſo lange das Eigenthum Eures gu⸗ ten Herzens geweſen iſt, noch die Kleider an hat, die Ihr am Morgen ſelber darreichen halfet, und jetzt todt iſt, und nichts mehr kann, als in Unſchuld bitten, daß Ihr ihn begrabet.“ Hier hielt der Obriſt wieder inne: dann aber fuhr er fort:„So iſt es auch geſchehen. Wo der Bach ſeinen ſchmalen Ausgang hat, ließ ich ſie aus dem Thale bringen, und kam gegen Mittag in mein Haus. Der Ruf hatte das Unglück ſchon ausgebreitet. Mehrere Menſchen ſtanden auf meiner Gaſſe, und gute Freunde wollten mich in einen Wagen thun und fort führen, bis alles vorüber wäre. Ich aber meinte, daß dieſes gegen die cheliche Treue ſei, und blieb bei ihr. Blos da die Frauen ka⸗ men, ſie zu waſchen und umzukleiden, ging ich an der Geſindeſtube vor⸗ bei zurück in das Stüblein gegen den Garten, wo mein Kind war. Ich nahm das Mädchen bei der Hand, führte es durch den hintern Gang auf die Gaſſe, that es in den Wagen, den die Freunde herbei geſchafft hatten, und ließ es zu einer entfernten Bekannten führen, damit das Kind nicht ſähe, was hier geſchieht, und ſich einmal daran erinnere. Als ſie mich riefen, ging ich wieder hinvor in das Zimmer, wo die Menſchen waren, und ſetzte mich nieder. Sie lag in dem weißen Gewande, das ſie ſonſt hatte, auf ihrem Bette, und der Schreiner legte ſeinen ſchwarzen Zollſtab zuſammen, und ging hinaus. Gegen Abend kam der Sarg, der ſonder⸗ barer Weiſe in dem rechten Maße ſchon fertig geweſen war, und man legte ſie hinein, wo ſie lang und ſchmal ruhen blieb. Als nach und nach die Neugierigen und die andern fort gegangen waren, und ich faſt allein blieb, ging ich hin, faltete ihr die Hände anders, als es die Frauen ge⸗ gethan hatten, und gab ihr ein Kreuz. Ich legte auch noch von ihren Blumen, die noch da ſtanden, etwas um das reine unbewegliche Haupt. Dann ſetzte ich mich nieder und blieb ſigen, wie Stund an Stund ver⸗ ging. Damals dachte ich oft an das alte Volk der Egypter, daß ſie ihre Todten einbalſamirten, und warum ſie es gethan. Ich habe in ihrem Zimmer keine Wachslichter anzünden und keine ſchwarzen Tücher ſpan⸗ nen laſſen, ſondern ich hatte die Fenſter geöffnet, daß die freie Luft her⸗ ein ſah. An dem erſten Abende waren an dem Himmel draußen viele rothe Lämmerwolken geweſen, daß im Zimmer lauter rothe ſanfte Roſen ſchienen; und Nachts, wenn die Lampe brannte, waren weiße auf ihren Geräthen, und auf ihren Kleidern—— und wenn ſie in dem Nebenzim⸗ mer draußen ſtille waren und beteten, weil ſie die Leiche fürchteten, rückte ich ihr das Hauptkiſſen, weil das Angeſicht ſchief zu ſinken be⸗ gann.— Am zweiten Morgen wurde ſie begraben. Es kamen die Trä⸗ ger, und ich ging mit ihnen. Auf dem Kirchhofe ſtanden viele Leute, und der Pfarrer hielt eine Rede. Dann thaten ſie ſie in die Erde, und war⸗ fen die Schollen auf ſie. Als alles vorüber war, und drüben jenſeits der Häuſer die alten Wälder ſtanden, und eine fremde leere Luft über ſie floß, verſuchte ich nach Hauſe zu gehen. Auf den Feldern gegen die Ha⸗ ſelbeſtände hinauf ackerten ſie, und ſäeten das Wintergetreide in die Erde. Ich ging durch den Garten, wo die Herbſtblätter abfielen, in das ſehr ſtille Haus. In der Stube ſtanden noch die Seſſel in derſelben Ordnung, wie ſie den Sarg getragen hatten, aber ſie war nicht darauf. Ich ſetzte mich in einer Ecke nieder und blieb ſitzen. An dem Fenſter ſtand noch ihr Arbeitstiſchchen, und die Laden unſerer Käſten machte ich nicht auf. Wie viele Afterdinge, dachte ich, wird die Welt nun noch auf meine Au⸗ gen laden, nur ſie allein, ſie allein nicht mehr.— Und wie es lange, lange ſo ſtille war, und die Dienſtboten aus Ehrfurcht draußen nur flü⸗ ſterten, that ſich ungeſchickt die Thür auf, und mein Töchterlein ging herein, das ſchon vor einer Stunde zurück gekommen war, und ſich nicht aus ihrem Stüblein getraut hatte. Auf ihrem Munde war die Knospe der Roſe, die ſie eben begraben hatten, und in dem Haupte trug ſie die Augen der Mutter. Und wie ſie ſchüchtern vorwärts ging, und mich ſo ſitzen ſah, fragte ſie:„Wo iſt Mutter?“ Ich ſagte, die Mutter ſei heute früh zu ihrem Vater gegangen, und werde recht lange, lange nicht zurück kommen. Da ſie ſich auf das Wort beherrſchen wollte, wie ſie gewöhnt worden war, und ſich aber doch auf dem Geſichtchen die ſchwachen Linien des Weinens zuſammen zogen, da riß ich ſie an mich, und weinte mich ſelber recht zu Tode.— Dann ſchien die Sonne, wie alle Tage, es wuchs das Getreide, das ſie im Herbſte angebaut hatten, die Bäche ran⸗ nen durch die Thäler hinaus—— nur daß ſie allein dahin war, wie der Verluſt einer goldenen Mücke.— Und wie ich in jener Zeit mit Gott haderte, hatte ich gar nichts, als daß ich mir feſt dachte, ich wolle ſo gut werden, wie ſie, und wolle thun, wie ſie thäte, wenn ſie noch lebte. Seht, Doctor, ich habe mir damals eingebildet, Gott brauche einen En⸗ gel im Himmel und einen guten Menſchen auf Erden: deßhalb mußte ſie ſterben.— Ich ließ einen weißen Marmorſtein auf ihr Grab ſetzen, auf dem ihr Name, der Tag ihrer Geburt und ihr Alter ſtand. Dann blieb ich noch eine lange Zeit in der Gegend: aber als die Berge nicht zu mir reden wollten, und die Pfade um die Wieſenanhöhen ſo leer waren, ſo nahm ich mein Kind, und ging mit ihm fort in die Welt. Ich ging an verſchiedene Orte, und ſuchte an jedem, daß mein Töchterlein nach und nach lerne, was ihm gut thun möchte.— Ich habe vergeſſen, Euch zu ſagen, daß mir mein Bruder ſchon früher geſchrieben hatte, daß ich zu ihm kommen möchte, weil er ſo krank ſei, daß er die Reiſe zu mir nicht machen könne, und er habe dennoch ſehr Nothwendiges und Wichtiges mit mir zu reden. Ich ging, da ich mein Haus hinter dem Rücken ließ, zu ihm— und zum erſten Male ſeit dem Tode unſers Vaters ſah ich wieder die Anhöhen um das Schloß und die Weiden an dem Bache. Er geſtand mir, daß er damals einen Betrug geſtiftet habe, und daß er jetzt recht gerne mit dem vergelten und gut machen werde, was noch da ſei. Ich rächte mich nicht— er ſtand in dem Saale vor mir, ein dem Tode verfallener Mann, ich machte ihm gar keine Vorwürfe, ſondern nahm von den Trümmern des Vermögens, deſſen Bücher er mir aufſchlug, das wenigſte, was meine Fflicht gegen mein Töchterlein noch zuließ, damit ich es nicht ſeinem armen Sohne entzöge, den ihm ſein Weib ge⸗ boren hatte, das noch bei ihm auf dem Schloſſe war— und dann fuhr ich in einem Bauerfuhrwerke mit meiner Tochter wieder über die Brücke des Schloßgrabens hinaus, und hörte zum letzten Male die Uhr auf dem Thurme, die die vierte Nachmittagsſtunde ſchlug.— Es iſt weiter in meinem Leben nichts mehr geſchehen.— Ich bin endlich nach einer Zeit in dieſes Thal gekommen, das mir ſehr gefallen hat, und ich blieb hier, weil ſo ſchöner urſprünglicher Wald da iſt, in dem man viel ſchaffen und richten kann, und weil eine Ratur, die man zu Freundlicherem zügeln und zähmen kann, das Schönſte iſt, das es auf Erden gibt.“ Der Obriſt hörte mit dieſen Worten zu reden auf, und blieb eine bedeutend lange Zeit neben mir ſiten und ſchwieg. Ich ſchwieg auch. Endlich nahm er wieder das Wort und ſagte:„Ich habe nichts, als Margarita, ſie gleicht ihrer verſtorbenen Mutter im Angeſichte und in der ganzen Art ſo ſehr, wie man es kaum glauben ſollte,—— Doctor, thut mir nicht weh in meinem Kinde.“ „Nein, Obriſt, das thue ich nicht—— ich reiche Euch die Hand, daß ich es nicht thue.“ Bei dieſen Worten reichte ich ihm meine Hand, er gab mir die ſeine auch, und wir ſchüttelten ſie uns gegenſeitig zum Zeichen des Bundes. Dann blieben wir noch eine Weile ſitzen, ohne zu ſprechen. End⸗ lich ſtand er auf, ging ein wenig in dem Zimmer herum, und trat ſodann an das Fenſter, deſſen grünſeidenen Vorhang er aufzog. Es war keine Sonne mehr an den Gläſern, aber eine ganze Fluth von Frühlingshelle ſchlug durch ſie in das Zimmer herein. „Seht, wir werden heute ein Gewitter bekommen,“ ſagte der Obriſt, der an dem Fenſter ſtehen geblieben war und hinaus ſchaute,„es geht ein dichter dunſtiger Himmel über den Kirnwald herüber, und am Rande des Reutbühls ziehn ſich dieſe milchigen Streifen, was alle Mal ein An⸗ zeichen von einem Gewitter iſt.“ Ich ſtand auch auf und trat zu ihm. Die friedliche ſchöne, in ſanfte Gewitterſchwüle gehüllte Gegend ſchaute zu uns herein, und grüßte huldvoll an das Herz. Wir ſtanden und genoſſen der freien Luft, die bei dem Fenſter her⸗ ein ſtrömte, das er nun auch geöffnet hatte. Ueber eine Weile ſagte er wieder:„Ich möchte Euch gerne zu Mar⸗ garita führen— Ihr müſſet mit einander reden— redet gut mit einan⸗ der, daß ſich alles einfach löſe. Ich habe gewußt, daß es ſo ſein wird, wie es jetzt iſt. Ihr habt beide gefehlt. Margarita that auch nicht recht, aber ſie konnte nach ihrer Art nicht anders, ſo wie Ihr nicht anders konntet. Geht hinüber zu ihr, ſucht ſie nicht zu bewegen, tröſtet ſie eher— aber ſprecht nur mit einander, ich meine, daß es gut iſt. Richt wahr, Doctor, Ihr thut das?“ — 5 Wir blieben nach dieſer Rede noch eine Zeit lang ſtehen, ich hatte keine rechte Antwort und ſchwieg daher verlegen, er drang auch nicht⸗ in mich. „Nun? ſoll ich Euch zu ihr führen?“ fragte er endlich recht ſanft. „Ja,“ ſagte ich. Und nach dieſen Worten nahm er mich unter den Arm, und führte mich hinaus. Wir gingen über den Gang, und dann über die feine gelbe Rohrmatte ihrer Schwelle hinein. Sie war in dem erſten Zimmer nicht. „Wartet hier ein wenig,“ ſagte er,„ich werde hinein gehen, und ſie Euch ſenden. Vielleicht könnte ſie nicht in der Lage ſein, Euch zu em⸗ pfangen. Wenn ſie aber erſcheint, werde ich ſelber nicht wieder heraus kommen, ſondern mit dem Schlüſſel das Bücherzimmer öffnen und durch dasſelbe in meine Wohnung zurückkehren.“ Er ging durch die halbgeöffnete Thür in das anſtoßende Zimmer, und wahrſcheinlich auch in das fernere. Ich blieb heraußen ſtehen, und es war ſehr ſtille. Endlich, da ich eine Weile gewartet hatte, bewegte ſich ſchwach der halbe etwas offen ſtehende Thürflügel— und ſie trat heraus. Ihre Augen waren auf mich gewendet—— — Morgen Margarita.— 4. Margarita. Ehe ich weiter gehe und eintrage, was geſchehen iſt, will ich noch des Obriſt's gedenken, und mir ſeine Seele vor die Augen halten— ich muß den Mann hoch ehren, und will es in dieſem Buche nieder ſchrei⸗ ben, wie er iſt. Was der Obriſt ſagte und that, habe ich bisher nicht nach meinem Gedächtniſſe allein aufgeſchrieben, ſondern nach der Hand⸗ ſchrift, die er mir gelaſſen, und die er über dieſe Dinge aus ſeinen ver⸗ ſiegelten Päcken genommen hat, wie ich ihn ja ſelber in dieſem meinem 6— Buche nachzuahmen verſuche. Was ich weiter ſage und eintrage, weiß ich ja ſchon längſt, aber es iſt mir nie ſo klar und deutlich vor die Augen gekommen, als an dieſen Tagen. Wie gut er iſt nicht nur gegen mich, ſondern auch gegen alle Andern, wie einfach und ſchön er iſt, zeigt ſich ja viel deutlicher in dem, was er thut, als es mit allen andern Worten je geſagt werden könnte. Da hat er oberhalb des Eichenhages die Senkung gereutet, die er ſich gekauſt hatte, und in der nur ſaures Moos, geflecktes Gras, und die einzelne herbe rothe Moosbeere zwiſchen den dünnen Föhrenſtämmen wuchs, die auch in der Räſſe nicht fortkommen wollten, und hat dann Gräben ſchlagen laſſen, hat unverſumpfbares Erlenholz hinein geworfen, und ſie wieder überwölbt, hat Abzugskanäle und Auslaufgräben mauern laſſen, hat das Ganze mit Pflügen umgeriſſen, durch mehrere Jahre Sämereien hinein gebaut, und hat jetzt eine Wieſe daraus, die rechts oben an der Ecke des Meierbacher Weizenſtücker beginnt, hinter den Eichen hinüber geht, und wenn man von den Sillerhöhen herab kömmt, weithin mit ihrem ſchönen dunklen Grüne leuchtet, wo ehedem nur kaum das Grau der kleinen Föhrenbäumchen zu ſchauen geweſen war, und jetzt oft ſchon das gelblich rothe Eichenlaub abfällt, wenn daneben noch die ſchöne grüne Tafel ſchimmert. Weil aber die Wieſe von dem Hauſe des Obriſt aus nicht ſichtbar iſt, und überhaupt eine ſanft geſchwungene Wiege bildet, in der man Menſchen und Thiere nicht ſehen kann, außer wenn man von den Höhen der Siller herab kömmt, ſo haben ſich die Buben, welche in unſern Gegenden gewohnt find auf Rainen, Gemeinde⸗ plätzen und Stoppeln einige oder die andern Stücke Rinder herum zu hüten, die Wieſe auserſehen, um ihre Thiere beſſer und ſchneller zu näh⸗ ren, als es ſonſt irgendwo der Fall geweſen wäre. Das fette Gras und die Geborgenheit mochte manchen verleidet haben, ſeine Pfleglinge hinein zu laſſen und dem friſchen Weiden derſelben zuzuſchauen. Als man dem Obriſten dieſe Sache hinterbracht hatte, wurde er ſehr zornig und ſagte, er ſehe nicht ein, warum er ſich ſo geplagt habe, um aus dem ſchlechten Grunde ein ſchönes, gezähmtes menſchliches Erdenſtück zu machen, wenn es jetzt ſo mißbraucht, und heimlich herabgewürdigt werde. Er wolle bei Gelegenheit ſelber hinaufgehen, und ſich Recht verſchaffen.— Dem zu Folge ging er eines frühen Morgens, als ſich wieder Verdacht zeigte, es möchte an ſeiner Wieſe Frevel begangen werden, durch die Eichen, die hinter ſeinem Hauſe einen ſo ſchönen Hag bildeten, hinauf, und da er aus den letzten Bäumen in's Freie heraus getreten war, ſah er auf ſeiner Wieſe vier ſchöne dunkelrothbraune Rinder weiden, und einen in Grau gekleideten Buben nicht weit davon ſtehen. Die Näſſe that den Füßen des Obriſts von jeher nicht gut, aber dennoch ging er mit den Lederſtie⸗ feln ſachte in den ſehr ſtarken Frühthau, der auf den Gräſern der Wieſe lag, hinein, um den Buben zu haſchen, der mit dem Rücken gegen ihn ſtand. Er ſetzte die Füße in dem hohen Graſe, in welchem Waſſer und Spinnenfäden hingen, vorwärts, bis er nur mehr einen Büchſenſchuß weit von dem Buben entfernt war. Da fiel ihm ein, derſelbe möchte zu ſehr erſchrecken und etwa krank werden, wenn er ihn plötzlich ergriffe. Darum machte er ein kleines Geräuſch, daß er es höre und davon laufen könne. Der Hirtenknabe hatte ſcharf gehört, er wendete ſein Angeſicht bei dem Geräuſche, und da er den ehrwürdigen Obriſt bis auf die Kniee im Graſe wandeln ſah, warf er ſich herum und ergriff die Flucht. Er rannte, wie ein leichtfüßiges Reh, durch die Wieſe, ſchwang ſich über den Graben, lief immer fort, gegen die Siller hinüber, verſchwand unter den Geſträuchen, die ſich da gegen die Tiefe und die Felder hinab ziehen, und der Obriſt ſtand mit dem ſchönen Gewande im Graſe. Er trieb nun die vier Rinder aus der Wieſe hinaus, er trieb ſie gegen das Gereute hinan, wo Weidegrund iſt, und leitete ſie zwiſchen den zerſtreuten Haſelbüſchen, die dort ſtehen, auf die Weide, bis er überzeugt war, daß ſie nun nicht mehr auf die Wieſe zurückkehren, und auch Riemanden anderm auf ein Grundſtück gehen könnten. Dort verließ er ſie, und ging nach Hauſe. Weil er den Rückweg auf einem ſtaubigen Wege machte, und außer den Stiefeln auch manche Kleiderzipfel naß waren, kam er ſehr beſchmutzt nach Hauſe. Dem Knechte ſagte er nichts über den Erfolg ſeines Feld⸗ zuges. Die Sache breitete ſich aber aus, und wenn jetzt ein Bube ſich ver⸗ leiten ließ, hinter dem Walde in die ſchöne Wieſe mit einem Rinde hinein zu kommen, ſo ſtand er immer ſo, daß er das Angeſicht gegen den Ei⸗ chenhang wendete, wo der Obriſt heraus zu kommen drohte. Wirklich kam der Obriſt einmal eines ſehr frühen Morgens aus den Eichen heraus, da eben ein Knabe zwei Kühe auf der Wieſe hütete. Der Knabe ſah den Obriſt kommen, konnte die Kühe nicht ſchnell genug weg⸗ ſchaffen, und ergriff, ſie im Stiche laſſend, die Flucht. Dießmal trieb Stifter. 4. Aufl. II. 4 0— der Obriſt die Kühe nicht auf die Haſelweide in's Gereut hinauf, ſondern als Pfand in ſein eigenes Haus, wo er ſie in dem Stalle anhängen ließ. Gegen Mittag kam ein Weib, eine Wittwe, aus dem Sillerwalde ge⸗ bürtig, zu ihm in das Haghaus herauf und ſagte, daß ihr die Kühe ge⸗ hören, die er gepfändet habe, daß ſie ihr einziges Gut ſeien, daß ſie den Buben ſchon geſtraft habe, weil er in fremdes Eigenthum gegangen ſei, daß er es nicht mehr thun werde, und daß ſie bitte, der Obriſt möchte ihr die Kühe ausliefern laſſen, weil ſie und ihr Knabe davon leben. Der Obriſt ließ ihr die Kühe, die gut gefüttert worden waren, herausgeben, und gab ihr auch, wenn ſie etwa als ein Weib mit dem Zuhauſetreiben nicht zurecht kommen könnte, einen Knecht mit, der ihr helfen mußte. Weil aber ſpäter die Gerichte von dieſer Sache Umgang nahmen, und, obwohl der Obriſt erklärte, daß er auf allen Schadenerſatz verzichte, und der Wittwe alles ſchenke, doch von derſelben mit Auslaſſung des Scha⸗ denerſatzes den Wieſenfrevelbetrag, der von den Geſetzen auf ſolche Fälle geſetzt iſt, unabwendbar verlangten, ſo blieb dem Obriſten nichts übrig, als der Wittwe die Summe zu ſchicken, daß ſie dieſelbe den Gerichten erlege. Weil er auf dieſe Weiſe nicht immer in das Gras gehen, Rinder nach Hauſe treiben und den Leuten den Grundfrevelbetrag geben wollte, und weil er auch dem Altknechte, der ſagte, man ſolle nur die Sache ihm überlaſſen, ſie doch nicht überließ, weil er ſie nicht recht machen könnte, ſo fing er im Winter, ehe die Erde fror, einen Zaun um die Wieſe zu ziehen an, fuhr im nächſten Frühjahre damit fort, bis, ehe die Blümchen weiß und gelb die ganze Wieſe überzogen, dieſelbe von allen Seiten mit einem ſtarken ſtattlichen hohen Gehege umgeben war. Er hatte die Pfähle aus Eichen gemacht und unten anbrennen laſſen, daß ſie doch eine gute Zahl von Jahren hielten. Die Spelten zu den Mittelſtücken waren Tanne, ſchlank geſpalten, und gut in einander geflochten— eine Art, wie man bei uns bis dahin die Zäune nicht gemacht hatte, und wie ſie ihm in andern Ländern, die er früher beſucht hatte, vorgekommen waren. Zur Einfahrt der Wägen in die Wieſe hatte er eine Holzgitter⸗ thür machen laſſen, die mit einem eiſernen Schloſſe verſchloſſen war. Schlüſſel dazu wurden ſieben verfertigt, die an einem ſchnell in die Au⸗ gen fallenden Pfoſten der Scheune hingen, damit Niemand mit dem Aufſperren in Verlegenheit komme, wenn etwa einer, der ſchon einen — 51— Schlüſſel in der Taſche habe, in den Feldern damit herum gehe. Wie er überhaupt geine baute, hatte er auch kurz darauf, als er den Zaun an⸗ gefangen hatte, ſchon ſeine Freude daran, er nahm mehr Arbeitsleute, ging täglich mehrere Male hinaus, ordnete alles an, ſah zu, daß es recht gemacht werde, und legte nicht ſelten Hand an, um den Leuten zu zeigen, was ſie nicht wußten. Ich ſtand öfter bei ihm auf der Wieſe, wenn ich ihn zu beſuchen hinauf kam; die verſchiedenen Feuer rauchten, an denen die Pfähle angebrannt wurden, und wir ſprachen von mannig⸗ faltigen Dingen. Als der Zaun fertig war, ging er fteudig herum, rieb nach ſeiner Art die Hände, und ſagte:„Jetzt wird Keiner mehr herein⸗ treiben. Ich hatte ſehr Unrecht mit der Da ſieht man gleich, wenn man nicht das rechte Mittel wählt; da iſt man genöthigt, in die ſchiefen Folgen einzugehen, und wird in lächerliche Handlungen ver⸗ wickelt. Nun iſt Alles gut.“ Auch die Wieſe liebte er jetzt mehr, als früher, da er ſich ſo lange mit ihr beſchäftigt hatte, und ſie ſah in den folgenden Jahren noch ſchö⸗ ner und noch grüner aus, als in allen vorangegangenen. Seine Leute ſagten, er werde durch ſolche D Dinge ſein Anſehen ein⸗ büßen, wenn er ſo ſchwach ſei, wenn er ſich mißbrauchen laſſe, und wenn er nicht ein Mal ein Beiſpiel der Strenge aufſtelle; aber er büßte es nicht ein, und wurde vielmehr von Jedermann in der Gegend verehrt und geliebt. Seine Hausgenoſſen ſelber, wenn er lächelnd einen Fehler verwies, und mit Gründen in denſelben einging, nahmen ſich in Acht, daß ſie in Zukunſt dieſen Fehler nicht mehr machten. Freilich nachten ſie dafür einen andern. Er war aber auch zuweilen in Fällen, wo es ſein mußte, unbeweglich, und gab nicht nach, wenn man Jahre an ihm Verſuche machte So war es der Fall mit der Siller⸗ brücke. Kein Menſch kann eigentlich, wie es Niemand ſo n ich, der ich zu meinen Kranken auf allen Wegen herum muß, an dem Siller⸗ bruche, wo ſie auch aus Nachläſſigkeit den Waldſturz mit den ſo vielen Blöcken und Steinen in das Thal niedergehen ließen, über den reißenden Bach gelangen, der von dem oberen Walde herabgeht, Steine, Gerölle mit führt, Holz und Schlamm wälzt, da ich ihn nach Regen wild und gelb niederhadern ſah, als wollte er Allesz zerreißen und zerſchleudern— kein Menſch kann eigentlich hinüber h wenn nicht in heißen Sommern die Steine meiſtens trocken liegen und das Waldwäſſerlein 4 zahm und dunkel zwiſchen ihnen auf dem ſchwarzen Moosſammt, den es ſelber macht, dahin geht— und dann ſind auch noch ſolche Ausbrüche, Vertiefungen, Löcher, Knollen, daß kein Rad durchſteigen und ſich heraus heben kann. Die vom Gehäng, von Haslung, von Sillerau, von dem oberen Aſtung, der Meierbacher, die Erlehöfe, der Obriſt und ich ſelber — wir alle nehmen das Holz von dem obern Pufter, und wir nehmen es gerne, weil er unerſchöpflich iſt, weil dort die ſchönſte Weißbuche ſteht, und in der Wildniß ſich der Brennſtoff recht kräftigt und ſtärkt— end⸗ lich kömmt es auch ein Sechstheil billiger. Aber wir müſſen an dem Sillerbruche damit vorbei fahren und müſſen über den Bach kommen. War es nicht in dem Sommer vor drei Jahren eine Qual, wo weithin jenſeits die Hölzer geſchichtet lagen, manches mühſelig durchgeſchleppt, manches an bequemern Orten ſogar geworfen werden mußte? der Graf draußen, weil er zur Herſtellung der Brücke, die vorlängſt zu Grunde gegangen war, ſeinen Theil durch Herkommen beitragen mußte, bewies den Umwohnern zwei Jahre lang, daß eine Brücke an jener Stelle gar nicht nöthig ſei, und die Leute glaubten es faſt— ſie durften ja dann das Wenige, was ihnen zum Baue auflag, auch nicht entrichten: aber der Obriſt bewies ein Jahr entgegen, daß es ein ſchreiendes Uebel ſei, was da beſtehe, daß die Leute bei den mühevollen Plagen, mit denen ſie größtentheils ſelber ihr Holz an jener Stelle weiter ſchaffen, ihre Zeit und ihre Geſundheit verlieren, und daß es eine Schande für die menſch⸗ liche Vernunft iſt, zu ſagen, es ſei etwas zweckmäßig, was jedem Zwecke Hohn ſpricht— er fuhr unabläſſig zu dem Amte, wir, er und ich, ſtan⸗ den zuſammen, bis wir es zuletzt durchgeſetzt hatten. Der Bau wurde auſgetragen, und die Schuldigkeiten waren nach und nach endlich auch alle entrichtet. Da ging der Obriſt her und gab von ſeinem Gelde ſo viel, daß man von beiden Seiten Anläufe aufmauern und die Brücke hoch über dem Bache von Stein aufführen konnte. Er läßt jährlich nachſchauen, und ausbeſſern, wenn etwas beſchädigt iſt, und erklärt jähr⸗ lich dazu, daß es ſeine Schuldigkeit nicht iſt, damit es ſich nicht verjähre und auf ſeinem Haghauſe als Dienſtbärkeit ſitzen bleibe. Da ich von Prag zu Fuße fort ging, weil ich meine Lernzeit, die ich der Heilwiſſenſchaft widmen mußte, zu Ende gebracht hatte, und ein Pergament in dem Ränzlein trug, das mich zum Doctor der hohen Kunſt ernannte, und mich der Zunft der Heilmänner einverleibte; als ich viele Tage lang ſachte durch das ſchöne Land der Böhmen gegen Mittag ging, von wo mir die Bläue des Waldes immer deutlicher und näher entgegen ſchimmerte— als ich endlich dieſen Wald und die Gegend meiner Hei⸗ math erreicht hatte, um mich dort bleibend anzuſiedeln, und den Men⸗ ſchen Gutes zu thun: da war ich der Einzige in dem Walde, der etwas anderes geſehen hatte, als eben den Wald— die Andern waren da auf⸗ gewachſen, und ſahen, was ſie alle ihre Jugendzeit geſehen hatten. Wer einmal Berge, auf denen die geſelligen Bäume wachſen, dann lange dahin ziehende Rücken, dann das bläuliche uud dunkle Dämmern der Wände und das Funkeln der Luft darüber lieb gewonnen hat, der geht alle Male wieder gerne in das Gebirge und in die Wälder. Ich kam nicht in die Gegend meiner Heimath zurück, um mich da zu bereichern, ſondern um in all dieſen Thälern, wo die Bäche rinnen, und auf den Höhen, wo die Tannenzacken gegen die weiße Wolke ragen, zu wirken und denen, die da leben, Wohlthaten zu erweiſen. Ich war ſehr jung. In dem Lande weit herum war kein eigentlicher Arzt, ſondern manche Frau, die in verſchiedenen Dingen erfahren war, rieth Mittel, und gab ſie den Leuten— mancher Bürger oder Bauer war in den Ruf gekom⸗ men und half in verſchiedenen Schäden— mancher Krämer kam mit einer Tragbahre und hatte Fläſchchen mit Dingen und Säften, die die Leute kauften und in ihren Hausſchrank ſtellten als Mittel für allerlei Fälle, die in den Jahren hinum vorkommen konnten. Mancher, der in eine tiefe und heftige Krankheit verfiel, ſtarb auch in der Einöde der Wäl⸗ der dahin, wo ihn ein Mann, der Erfahrung hatte, hätte retten können. Als ich zu der grauen Hütte meines Vaters kam, die nicht dort ſtand, wo mein jetziges Haus ſich befindet, das ich zum Schutze gegen die Winde und das Wetter in die ſanfte Riederung herabgeſtellt habe, ſondern hoch oben auf dem Hügel, der jetzt hinter dem Garten, den ich anlege, empor ſteigt, wie es alle die Waldhäuſer gewöhnlich ſind, die man auf den Hügel hinbaute, wo man zu reuten angefangen hatte, daß ſich um ſie herum Wieſen und Felder ausbreiten, und ſie dann mit den vielen kleinen Fen⸗ ſtern, die in das Holz der Wand geſetzt ſind, in dem Sonnenſcheine des Waldes weithin leuchten—— als ich in der grauen Hütte angelangt war, auf deren flachem Dache, wie auf den andern, die vielen Steine liegen, ſagte ich gleich:„Gott grüße Euch, Vater, ſeid willkommen, Schweſtern, ich werde jetzt immer bei Euch bleiben, Ihr müſſet mir da das Seitenkämmerlein ausräumen, deſſen zwei helle Fenſter auf den hohen fernen Wald hinausſchauen, da will ich die Sachen hineinthun, die in Kiſten von Prag kommen, will die Fläſchchen aufſtellen, werde darin wohnen und die Leute, die krank werden, heilen.“ Der Vater ſtand ſeitwärts, und getraute ſich nicht, weil er nur ein Kleinhäusler war, der ein Geſpann Kühe und etwas Wieſen und Felder hatte, davon er lebte, den Sohn zu begrüßen, der ein Gelehrter gewor⸗ den war und da heilen wollte, wo niemals ein Doctor oder ein Arzt ge⸗ ſehen worden war. Der Sohn hatte aber einſtweilen das Ränzchen ab⸗ geworfen, hatte das Barett und den Knotenſtock auf die Bank gelegt, und nahm den Vater an der Hand, legte den Arm um den groben Rock ſeiner Schulter und küßte ihn auf die Wange, aus der die Spitzen des weißen Bartes ſtachen, und an der das ſchlichte weiße Haupthaar nieder⸗ hing. Der Vater weinte und der Sohn that es ſchier auch. Dann nahm er die Schweſtern, eine nach der andern, und ſagte:„Sei mir gegrüßt, Lucia, ſei gegrüßt, Katharina, wir bleiben alle beiſammen und werden gut leben.“ Dann ging es ſogleich an das Ausräumen. Die Schweſtern fingen an, die Schreine zu leeren, die da ſtanden, der Vater trug ſelber manches Frauenkleiderſtück, das ihm in die Hände kam, hinaus, der Hirtenbube Thomas, der jetzt mein Pferdeknecht iſt, und den der Vater damals hatte, daß er als Bube in der kleinen Wirthſchaft helfe, kam auch gegen Abend nach Hauſe und halſ mit. Es wurde der große Schrein, der immer ſeit Menſchengedenken in dem Gemache geſtanden war, und den größten Theil desſelben eingenommen hatte, mit dem Beiſtande des Thomas, des Va⸗ ters, der Schweſtern und mit meiner eigenen Hülfe hinausgebracht, der Tiſch, der in dem größeren Zimmer ſtand, wurde hereingeſtellt, daß ich darauf ſchreiben könnte, der Vater wollte ſich derweil, bis ein neuer ver⸗ fertigt würde, mit einem anderen zum Eſſen behelfen, der bisher immer in dem Vorhauſe geſtanden war und zuſammen zu fallen drohte— ein Käſichen, das in der großen Stube bisher gedient hatte, daß Nägel, Bohrer und dergleichen darin lagen, wurde in das Gemach geſtellt, damit ich meine Fläſchchen mit den Arzneien, wenn ſie ankämen, hinein thun könnte— Lucia hatte unterdeſſen auch ein Weib aus den unteren Häu⸗ ſern herauf geholt, und man fing an, den Fußboden zu waſchen und zu ſcheuern.—— Mitten unter dieſem Getreibe wurde ich zu meinem erſien Kranken gerufen. Der Knecht des Meilhauer lag ſchon mehrere Tage darnieder, und alles, was ihm die Hausleute und die Bekannten riethen, hatte nicht helfen wulen Man hatte gehört, daß ich heute Nachmittag gekommen ſei, und ſchickte einen Boten herauf, daß ich kommen und hel⸗ fen möchte. Ich machte mich auf, und ging den Weg, der gar nicht kurz iſt, durch den Wald, durch den Thaugrund, durch die Weidebrüche und die ebenen Felder hinunter. Es brannten ſchon die Lichter, als ich an⸗ langte. Der Mann, der im Bette lag, hatte ein Fieber, das er durch ſtarke Verkühlungen ſich zugezogen hatte. Ich konnte nicht wirkſam ein⸗ gehen, weil ich meine Nothwendigkeiten, die mir dienen ſollten, noch nicht hatte, aber ich that mit Waſſer, mit Umſchlägen, mit Wärme⸗ und Kälteverhältniſſen und mit Vorſchrift für die Nahrung alles, was ich thun konnte. Die Menſchen ſtanden alle herum und ſchauten mich an, weil ſie noch nie einen Arzt geſehen hatten. Da der helle Sternenſchein an dem Himmel ſtand und ganz leichte Nebel um die Gründe woben, ging ich nach Hauſe. Ueber die friſchen Höhen hin, ſtand die feuchte Nachtluft des Waldes, die ich ſchon wieder entwöhnt war, weil in der Stadt eine trockene und ſtaubige geherrſcht hatte. Sonſt war es aber warm genug; denn die Zeit ging noch kaum gegen Anfang des Se Da ich wieder in unſere Hütte kam, brannte ebenfalls auf de Leuchte ein luſtiges Feuer, welches die ganze große Stube taghell tete. Als ich eintrat, wurde eine Kerze angezündet. Katharina führte mich, da ſie dieſelbe trug, in mein Zimmer und zeigte mir deſſen Einrich⸗ tung. Wo der große Kaſten geſtanden war, war jetzt recht viel Raum, und das Zimmer ſchien ſelber viel größer, als es ſonſt geweſen war. Auf der Stelle des Kaſtens ſtand jetzt ein Bett— ſchneeweiße Tücher waren über dasſelbe geſpannt, und es harrte auf mich, um in der Nacht meine ermüdeten Glieder aufzunehmen. Der Tiſch, den man mir gegeben, war ebenfalls ſchneeweiß geſcheuert, und auf dem Fußboden kniſterte der Sand, den man in der Feuchte einſtweilen aufgeſtreut hatte. Die beiden Fenſter waren offen, in dem großen Ofen brannte ein Feuer, damit das ganze Gemach lüfte und trockne. Ich dankte Katharina, ſagte, es ſei recht ſchön, und ging wieder in die größere Stube hinaus. Der Vater fragte mich, weil bei uns alle Leute ſich kennen und Antheil an einander nehmen, wie es dem Knechte des Meilhauer gehe. Ich ſagte, daß das Fieber entzündlich ſei, daß ich jetzt noch nicht viel ſagen könne, daß ich morgen ſchon ſehen werde, und daß ich hoffe, ihn bald heraus zu bringen. „Thue das, Sohn,“ antwortete der Vater,„thue das.“ Den gebrechlichen Tiſch, der in dem Vorhauſe war, hatte man in die Stube herein gebracht, und er ſtand mit weißen Tüchern aufgedeckt, und mit Tellern und Eßbeſtecken beladen da. Daß er nicht breche, hatte man an den einen Fuß, der der ſchlechteſte war, einen Stab angebunden, der die Tafel ſtützte. Nun wurde das Abendmahl aufgetragen und wir ſetzten uns alle dazu. Es war ſogar eine Flaſche Wein da, die der Vater neulich, da er wohl meine Ankunft, aber nicht den Tag wußte, zur Feier derſelben nach Hauſe gebracht hatte, da er auf dem Lande draußen gewe⸗ ſen war. Als das Mahl verzehrt und der Wein getrunken war, begaben wir uns alle zur Ruhe. Die Schweſtern hatten rückwärts ein Kämmer⸗ lein, das gegen den Garten hinausging, und in dem die zwei Betten ſtanden und ein Kaſten, in den ſie ihren Putz oder etwa andere Schätze thaten, die ſie gelegentlich bekamen. Der Bube Thomas ging in das Heu, und der Vater legte ſich in das Ehebette, das in der großen Stube ſtand, und aus dem ihm die Gattin ſchon längſtens, daß ich mich ihrer kaum mehr entſinne, weggeſtorben war. Ich ſchloß meine zwei Fenſter, ſchürte im Ofen die noch übrige Glut auseinander, daß es nicht zu warm werde, und bat Gott, da ich mich zum erſten Male in mein Bett niederlegte, daß er mein hieſiges Wirken ſegnen wolle. Am andern Morgen frühe ging ich zu dem Knechte des Meilhauer hinab. Als ich wieder zurück kam, waren an meinen Fenſtern zwei ſehr ſchöne weiße Vorhänge, die geſtern noch nicht geweſen waren, und die Katharina aus irgend einem ſchönen Linnen gemacht hatte. Ich freute mich darüber und dankte ihr ſehr. Es warteten bereits wieder viele Leute, die in verſchiedenen Dingen meinen Rath und meine Hülfe ver⸗ langten. Ich redete recht freundlich mit ihnen, und nahm die kleine Gabe, die ſie darboten, an. Ich hatte jedes einzeln in mein Gemach kommen laſſen, auf deſſen Tiſche noch nicht einmal ein einziges Blatt Papier lag, ſondern nur mein Stock und mein Barett. Der Vater hatte viele Freude und ging mit einem ſonnenſcheinhellen Geſichte in dem Hauſe herum. Bei den Schweſtern ſchien es auch, als hätten ſie ſchönere Ge⸗ wänder an, als ich es ſonſt an ihnen zu ſehen gewohnt war. Nachmittag beſtellte ich bei dem Schreiner, der nicht weit von uns wohnte, einen Tiſch, das erſte, was ich aus meinem Erwerbe anſchaffen und aufbauen laſſen wollte: dann ging ich zu jenen Kranken, die Vormittag nicht zu mir hatten kommen können, ſondern nur die Bitte geſchickt hatten, daß ich ſie beſuchen möchte. So ging es nun fort. Nach einigen Tagen kamen die Kiſten, die ich in Prag mit Dingen meines Berufes gefüllt und einem Fuhrmanne empfohlen hatte. Ich packte ſie aus und richtete mein Zimmer damit ein. Es war recht ſchön; die Fläſchchen ſtanden in dem Käſtchen, und auch außer demſelben auf dem Tiſche herum— die anderen Sachen ka⸗ men im Laden des Kaſtens oder des Tiſches, bis der Arzneiſchrein fertig wäre, den ich mir wollte machen laſſen, und zu dem ich ſchon die Zeich⸗ nungen angefangen hatte. Die Bücher wurden außen auf dem Kaſten aufgeſtellt, und auf den Tiſch wurde Papier zum Schreiben gethan und Tinte und Federn, daß ich mir aufzeichnen konnte, was ich jedem Kran⸗ ken gegeben habe und wie ich bisher mit ihm verfahren ſei, daß ich nicht irre und Unheil anrichte. Nachmittag ſchien die Sonne recht freundlich in das Gemach, ich zog die Vorhänge zu, wenn ich nach Hauſe kam, und dann war es dämmerig und lieb um alle Dinge, weil weiße Vorhänge das Licht nicht brechen, ſondern bloß milder machen; nur daß doch hie und da ein Sonnenſtrahl hereinbrach und einen Blitz auf den weißen Boden legte. Die Zimmerwände waren zwar nur von Holz, aber ſie waren nach innen ſehr gut gefügt, und an einigen Stellen mit Schnitz⸗ werk verſehen. Gegen hinten zu war eine Bank, die an der Wand und an dem Ofen hin lief, und alles war recht reinlich und klar. Auch die äußere Stube und die andern Räume der Hütte hielten die Schweſtern viel reiner, als das alles ſonſt geweſen war. Das Holz um die Hütte herum, das ſchon im Sommer für das Bedürfniß des Winters nach und nach geſammelt wurde, war immer ſehr genau geſchlichtet, und die Gaſſe war alle Tage gekehrt. Lucia, die eine gute Köchin zu ſein vermeinte, brachte beſſere Gerichte auf den Tiſch, zu denen ich auch bereits einen Theil beizutragen im Stande war. Der Knecht des Meilhauerbauers iſt in zwei Wochen geſund gewor⸗ den, er iſt an einem Sonntage zu mir herabgekommen, und hat mir von ſeinem Lohne ein wenig Geld geben wollen, ich habe es aber nicht ange⸗ nommen, in Anbetracht, daß er ein Knecht iſt. Damals war es in der Gegend nicht ſo, wie es jetzt iſt, obwohl nur wenige Jahre vergangen ſind. Die Veränderungen ſind dennoch bedeu⸗ tend geweſen. Es mochte ſich einſt ein großer undurchdringlicher Wald über alle die Berge und Thäler ausgebreitet haben, die jetzt meine Hei⸗ math ſind. Nach und nach hat ſich die eine und andere Stelle gelichtet, je nachdem entweder ein mächtiger Kriegsfürſt oder anderer Herr große Stücke Eigenthum in dem Walde erhalten, und Leute hin geſchickt hat, daß ſie an Stellen, die ſehr bequem lagen, Holz fällen und aufſchlichten ſollen, damit er aus ſeinem Beſitze Nutzen ziehe— oder ein armer Mann um weniges Geld in der Wildniß ſich einen Platz gekauft hat, den er reutete, auf dem er ſich anbaute, und von dem er lebte,— oder ein Theerbrenner, ein Pechhändler die Erlaubniß erhielt, an abgelegenen Orten, die ſich kaum durch Jagd odet ſonſt etwas nutzbar machen konn⸗ ten, ſeine Beſchäftigung zu treiben, wo er ſich dann anbaute und ver⸗ blieb,— oder einem Wildſchützen, einem Wanderer, einem Vertriebenen ein Plätzchen gefiel, an dem er ſich anſiedelte, und von dem aus er wirkte. Es ſoll auch einen Mann gegeben haben, der eine Wünſchelruthe beſaß, mit der er Metalle und Waſſer in der Erde entdecken konnte; er iſt aber ſehr arm geblieben, und nachdem ſie ihn draußen hatten ſteinigen wol⸗ len, iſt er in die fernſte Tiefe des Waldes entflohen. Von ihm ſoll ſich der Anfang der oberen Brentenhäuſer herſchreiben. Alle dieſe, die ſich an vereinzelten Stellen des Waldes befanden, oder wenigſtens viele von ihnen hatten Nachkommen, die ſich nicht weit von den Eltern anſäſſig machten, und ſo mag es gekommen ſein, daß die verſchiedenen Häuſer, oder Orte, die an den einzelnen Hügeln des Waldes zerſtreut liegen, ent⸗ ſtanden ſind. Es wird wohl ein jeder, der ſich eine Hütte baute, die tieferen Orte des Waldes, die feucht und dumpfig ſind, gemieden, und ſich einen höhern luftigen ausgeſucht haben. Dort lichtete er den Wald um die Hütte, legte ſich eine Wieſe an, davon er ein paar Rinder nährte, ließ ſeine Ziegen und Lämmer in das Geſträuche des Waldes gehen, und machte ſich wohl auch ein Feld und ein Gärtchen, das er bearbeitete. Daher kam es, daß jetzt ſo gerne die Waldhäuſer, ſchier jedes allein, auf einem Hügel liegen, und von Hügel zu Hügel, von grünem Abhange zu Abhange auf einander hinüber grüßen. Sie ſind alle aus Holz gebaut, und haben flache Bretterdächer, auf denen die großen grauen Steine lie⸗ gen. Wenn man auf einem Berge ſteht, ſieht man die Fenſter dieſer Häuſer glänzen, und wenn man tief in den Wald zurückgeht, und auf einen Kamm ſteigt, von dem man die Häuſer nicht mehr ſehen kann, ſo ſteigen von verſchiedenen Stellen aus der Dämmerfarbe des Waldes Rauchſäulen auf, die ihre Lage bezeichnen. So eine Hütte war auch die meines Vaters, ſie lag ziemlich weit von dem Dunkel der Tannen, gute Wieſen gingen gegen ſie her, und von ihr ſtreckte ſich ein grüner Hang hinab, der ſehr feucht war, aber mit einem Grün prangte, das den Schein des Smaragdſteines erreichte. Hinter der Hütte war ein Garten, in welchem Gemüſe wuchſen, und ſogar einige Blumen gezogen wurden. Während ich in Prag war, hatte der Vater auch auf dem trockenen Grunde ein Feld bereitet, das der Bube Thomas mit Hülfe der Schwe⸗ ſtern beſorgt. So war es genau noch, als ich nach der Beendigung meiner Wiſ⸗ ſenſchaften in meine Heimath zurückkehrte. Vun dem hinteren hohen Walde, der noch in der urſprünglichen Schönheit und Unentworrenheit prangte, ging ein angenehmer Waldwinkel herum, es blickte ſchon hie und da ein hellgrüner Fleck, und wenn Erndte war, ein goldener aus der finſtern Farbe des Waldes hervor, die Flecke wurden immer mehr, je wei⸗ ter man gegen das Land hinaus kam, bis endlich, wo es ebener wurde, wallende Felder gingen, mancher Kirchthurm ſchimmerte und glänzte, und ſich nur ſchmale Streifen vom Gehölze dahin zogen. In dem Wald⸗ winkel, weil er ſich ſehr günſtig bog und ſich gegen die Sonne lehnte, war es im Sommer ſehr warm, ja oft heißer, als man es ſich denken kann, aber im Winter auch ſehr kalt, es war hoher Schnee und ein Ge⸗ ſtöber, wie man es ſich ebenfalls nicht zu denken vermag. In jedem Thale und in jeder Krümme des Waldlandes zog und rauſchte ein Bäch⸗ lein, und floß zwiſchen den Gebüſchen, die in dem Thalgrunde und in den Rinnen ſtanden, wie warme feuchte Waldluft, bis draußen, wo die Getreide begannen, breite Bäche floſſen, ein Fluß wandelte, und eine trockne Luft über die Felder und die Häuſer der Menſchen ging. Die Waldbewohner nannten jenen fruchtbaren Strich nur immer das„Land draußen.“ Da ich, um mein Amt auszuüben, nach Hauſe kam, hatte ſich der Anbau der Felder ſchon viel näher und unterbrechender in die Wälder herein gezogen, allein in der Gegend, wo das Haus meines Vaters lag, vreitete ſich noch immer viel weiter das Dunkel und Dämmer des Wal⸗ des aus, als der Schimmer und der Glanz des Getreides. Aber etwas anderes hatte ſich verbeſſert, deſſen Nutzen ich ſehr bald, als ich mich in der Gegend aufhielt, empfinden lernte. Es waren, da ich als Knabe fortzog, ſchier keine anderen Wege, als nur Fußwege durch die Gehölze und auf den Höhen herum. Wo man fahren konnte, hatte ſich der Weg nur durch Gewohnheit gebildet, indem man nämlich die Gründe, wo ein Wagen gehen konnte, benützte, und ſich ſo die Gleiſe bildeten, auf denen dann in der Zukunft die Wägen ſich folgten. Aber da der Boden der Gleiſe ungleich dicht war, entſtanden Gruben und Vertiefungen, welche das Fahren zu einer ſchweren Arbeit machten, wenn man Holz oder etwas anderes nach Hauſe zu ſchaffen hatte. Daß man ſich auf einen Wagen ſetzen, und ſich auf demſelben fortfahren laſſen könne, blos zu dem Behufe, daß man nicht gehen dürfe, davon hatten die Waldbewohner keinen Begriff. Es wäre auch beſchwerlicher und viel langſamer geweſen, als das Gehen; ſie ſetzten ſich nur auf einen Wagen, wenn derſelbe zufällig leer war, um etwas fuhr, und hauptſächlich auf einem ſchmalen von Geſtrüpp begrenzten und moraſtigen Wege ging, daß man nicht an ſeiner Seite her gehen konnte. Dann ſaß derjenige, der das Geſpann lenkte, faſt ſtehend auf dem oberſten Rande der Leiter oder des Brettes, das den Wagen ſchloß, und ließ ſich hin und her wiegen, wenn die Räder in Gruben nieder gingen, oder aus denſelben empor ſtie⸗ gen. Die Bewohner der Ebene aber hatten in der Zeit durch das Bei⸗ ſpiel und die Belehrungen eines Mannes angeregt, der unter ihnen große Beſitzungen hatte, angefangen, ganz ordentliche Straßen zu bauen, wie man ſie immer in den Ländern ſieht, wo die Fuhrleute fahren und die Waaren gehen. Sie bauten dieſe Straßen nicht etwa blos von Ort zu Ort, ſondern, da ſie den Nutzen derſelben einſehen lernten, ſelbſt in die Felder und wo überhaupt öfter ein beladener Wagen zu gehen hat. Die Schönheit dieſes Dinges lenkte die Augen auf ſich. Die Waldleute, da ſie öfter hinauskamen, und ſahen wie die Wägen auf den breiten feſten und faſt gewölbten Fahrbahnen dahin rollten, als ob die Thiere ledig gingen, freuten ſich darüber, und bauten zwar im Gebirge keine Stra⸗ ßen, weil ſie ſagten, das geht bei uns nicht, aber ſie warfen doch in die Gruben ihrer Wege Steine, ebneten die Oberfläche, räumten manches Geſtrüppe weg, daß neben den Gleiſen ein Fußweg wurde, und konnten den Moraſt auf ihren Wegen nicht mehr leiden, oder daß ſich irgend ein Bach eine Strecke des Weges zum Rinnſale erkor. Da ſie bald ſahen, — 6 welche große Beſchwerde im Fahren ſie dadurch beſeitigten, und welche Mühſal nun aufgehört habe, da ſie auch bald merkten, welche Erſparung an Zeit, Zugvich und Wagengeſchirr eingetreten war: blieben ſie bei der einmal angefangenen Weiſe, und beſſerten immer auch die kleinſte ſchadhafte Stelle, die ſich zeigte, ſogleich wieder aus. Ich hatte eine große Freude, wenn ich ſo meines Weges zu einem Menſchen ging, der ſehnſüchtig nach mir verlangte, und mir ein Landmann begegnete, der einige Steine auf ſeinem leeren Wagen hatte, mit dem er von dem Felde nach Hauſe fuhr, welche Steine er auf dem Felde oder auf dem ſteinigten Raine desſelben aufgeladen hatte, damit er ſie in irgend eine Vertiefung werfe, die er auf dem Wege bemerkt hatte. Ich ſah auch ſchon den lang⸗ ſtieligen Hammer, den er mit führte, daß er die größeren, die ſich nicht fügen wollten, zerſchlage, und damit die kleineren Unebenheiten verquicke. Durch dieſe Reinlichkeit in ihren Wegen, und durch den ſtrengeren Sinn, der ſich nunmehr dafür kund gab, wurden ſie aber auch weiter geführt. Mancher fing an ſein Haus und deſſen Umgebungen reiner zu halten, als ſonſt, hie und da entſtand eine ſteinerne weißgetünchte Wand ſtatt der früheren hölzernen, an Sonntagen zeigten ſich manche nettere und ſchmuckere Gewänder, und wenn die Zitter klang, ſo wurden zwar keine neuen Weiſen, denn dieſe blieben in Jahrhunderten fort immer dieſelben, aber die alten wurden lieblicher und freundlicher geſpielt. In dieſem Zuſtande fand ich die Dinge, als ich in meiner Heimath ankam, um meine Thätigkeit zu beginnen. Es kamen immer mehr Leute, die von mir Rath und Hülfe verlangten. Ich ſprach mit allen ſehr freund⸗ lich, und wenn ich auf meinen vielen Gängen vor manchem Hauſe oder mancher Hütte vorbei kam, wo ich bekannt war, entweder noch von mei⸗ ner Kinderzeit her, oder weil ich ihnen jetzt ſchon einen Dienſt zu leiſten im Stande geweſen war, ging ich hinein und redete mit ihnen entweder von ihren eigenen Angelegenheiten, oder von andern verſchiedenen Din⸗ gen. Oſtmal ſaß ich in der Abendſonne auf der Bank vor einem Hauſe, und ſprach oder ſpielte mit den Kindern, und ging dann, wenn der Him⸗ mel recht ſchön golden war, von den vielen Bäumen begrüßt, und von dem langſamen Sauſen der Föhrennadeln begleitet durch den Kirmwald nach Hauſe. Die Gebirgsbewohner ſind ſehr verſtändig und meiſtens ſind ſie auch heitere umgangswürdige Leute. Ich war wohl noch ſehr jung, faſt bei weitem zu jung für einen Arzt: aber ſie hatten als zu — einem Landeskinde Zutrauen zu mir, und fragten mich zuweilen auch bei anderen Dingen als bei Krankheiten um Rath. Ich gewann die Gegend allgemach immer lieber, und wie ich mich früher manchmal aus der Stadt in den Wald geſehnt hatte, ſo war es auch jetzt wieder gut, wenn ich von Pirling, was doch nicht gar weit iſt, oder von Gurfeld, von Rohren, von Tanberg, wohin ich öfter gerufen wurde, nach Hauſe fuhr, und das Grün der Tannen wieder von den Höhen herab grüßte, manches Bächlein, das zwiſchen den Waldklemmen ging, mir rauſchend entgegen ſprang, mancher Birkenſtamm von den Bergen leuchtete, mancher dorrende Holzklotz am Wege lag, weil man hier nicht beſonders darauf zu achten hat, und manche Baumverſammlung ſich immer dichter folgend an dem Wege ſtand, die wehenden Aeſte ober⸗ halb hinüber ſtreckend und unten an einem Stamme irgend ein Bildchen enthaltend. Wenn ich von den ſchönen faſt gerade laufenden Straßen der Ebene hereinkam, war es mir, wie ein gutes Heimathgefühl, und that mir beinahe wohl, wenn ſie abbrachen, und unſere ſchmalen, krum⸗ men, hin und hergehenden Wege anfingen, auf denen man langſamer fahren mußte. Weil ich gleich in dem erſten Herbſte zu ſehr vielen Leuten gerufen wurde, die weit auseinanderlagen, daß ich es mit Gehen nicht erzwingen konnte, und weil die Fuhrwerke in den Bergen nicht zu haben ſind, oder ſelber auf den Feldern zu thun haben, oder zu meinem Zwecke nicht taug⸗ ten, kaufte ich mir ſelber ein Pferd, ließ in Pirling ein Wägelchen machen, und gedachte, mich in Zukunft dieſer Dinge zu bedienen. Ich hatte noch im ſpäten Herbſte, da die Erde ſchon gefroren war, angefan⸗ gen, an unſere Hütte noch einen ſchönen Stall aus guter doppelter Bret⸗ terverſchalung bauen zu laſſen, deren Zwiſchenraum ich zuerſt mit Moos ausfüllte. Hinten wurde auch noch ein kleines Hüttchen aufgeführt, da⸗ rin das Wägelchen ſtand, und noch ein ſchmaler Schlitten Platz hatte, den ich ebenfalls zu bauen im Begriffe war. Der Wirth am Rothberge hatte einen Goldfuchs.— Wie gerne war ich oft dort geſeſſen, wo der röthliche Stein aus der Erde hervorgeht, der Bach mit lebendigem Lär⸗ men zwiſchen den Bergen herausrauſcht, und drüben das Haus mit den vielen Fenſtern herüberſchaut, wenn ich müde von dem vielen Herum⸗ gehen in den Krümmungen der Waldgräben herauskam, den Stock und das Barett neben mir an den Stein legte, um mich auf einen erſehnten Trunk abzukühlen, und mir die ſtattliche und behagliche Wirthſchaft zu betrachten. Die Bretterſäge kreiſchte hinten in dem Thale, der Bach ſpru⸗ delte ſchneeweiß zwiſchen den ſchwarzen Waldſteinen hervor, der Platz vor dem Wirthshauſe war ſo geräumig, mehrere Bänke liefen an der Wand hin, und Leute gingen in dem Hauſe aus und ein, um Geſchäfte zu thun. Wie oft lag der glänzendſte Sonnenſchein auf der Wirthsgaſſe, an der der ſchönſte Fahrweg des Waldes vorbeiging, und beleuchtete die vielen Fenſter, die auf den Weg hinaus ſchauten. Wie oft aber ſtand auch die Sonne ſchon tief, machte die Holzverzierungen an dem Wirths⸗ hauſe, die Bänke und die Ranken, die an der Wand hinauf gingen, roth, und legten ſich ſchief gegen den Waldrücken hinüber, daß er einen langen Schatten auf den Rothberg warf, an dem ſich die Waldhäuſer wie graue Punkte, hinunter zogen. Dann ging ich, wenn ich mir alles betrachtet hatte, wenn die Hitze des Körpers vergangen war, und wenn die müden Füße ein wenig erquickt waren, über den Steg, trat auf die Gaſſe des Wirthshauſes, und trank mein Glas, das man mir heraus gebracht hatte, denn gewöhnlich ſah man mich auf einen Stein ſchon ſitzen, und richtete das, was ich brauchte, zurecht. Dann redete ich ein wenig mit Martin, dem Wirthe, wenn er nicht etwa zufällig abweſend war, oder mit einem Gaſte, oder mit ſonſt jemanden aus dem Hauſe. Wenn Sonn⸗ tag war und die Nachmittagsgäſte die Gaſſe füllten, ſaß Joſepha, die Tochter des Wirthes gerne auf dem Wieſenhange hinten, wo ein kleines Hügelchen iſt, auf dem ein Apfelbaum ſteht, und ein Hüttchen, Tiſchchen und Bänklein iſt, und ſpielte die Zither. Sie ſpielte ſehr gut. Gewöhn⸗ lich ſtanden ein paar Mädchen aus der Nachbarſchaft bei ihr, und es trö⸗ delten ein paar Kinder zu ihren Füßen. Des Abends, manchmal auch in ganz finſterer Nacht, manchmal im Nachmittage, wenn es noch heiß war, ging ich dann an dem Buchenbeſtande durch das Thal des Haidgrabens zum Waldhange hinauf, wo unſer Häuschen ſtand.— Wir redeten öfter, nämlich Martin und ich, daß es auf die Länge der Zeit nicht ſo dauern könne, wenn ich auf allen Wegen, die mich zu meinen Kranken führen, zu Fuße gehen ſollte, daß die Mühſal endlich zu groß werde, ja daß ſie immer wachſe, wenn meine Arbeit ſich ausdehne, und Leute in allen Rich⸗ tungen um Beiſtand verlangen. Es iſt auch eine ſtrenge Pflicht, daß man ihnen den Beiſtand leiſte, und wenn man zu Fuße geht, kann man nicht ſo viel des Tags verrichten, als etwa noth thäte, und wenn die — Hülfe ſchleunig geleiſtet werden ſolle, kann man leicht ſpäter kommen, als ſie noch fruchtet. Er ſagte öfter, ich ſolle mir ein Wägelchen und ein Pferd anſchaffen, und in den Wegen, wo es leicht gehe, fahren; es blie⸗ ben noch genug Pfade übrig, die ich doch zuletzt zu Fuße wandeln oder erklimmen müſſe. Ich antwortete ihm darauf, daß ich in unſerer Hütte noch keinen Platz habe, um ein Pferd und ein Wägelchen unterbringen zu können, und daß ich daher noch eine Weile warten müſſe. Aber mit der Zeit, ſetzte ich hinzu, wenn mich Gott ſegnet, und die Leute mir ver⸗ trauen, werde ich es ſchon thun, und es iſt meine Schuldigkeit, daß ich es thue, damit ich in größerer Entfernung und ſchleuniger wirken könne. „Ach unſer Doctor,“ ſagte der Joſikrämer, der einmal zufällig bei einem ſolchen Geſpräche zugegen war,„geht ſchon noch eine Weile, er iſt jung und gerüſtet. Wenn ich mit meinem Packe auf allen Wegen bin, ſo ſehe ich ihn auch, wie er durch den Wald, oder in den Feldern geht, und ſeinen Stock in den Sand ſtößt.“ „Ja, das Gehen durch Wald und Feld iſt ſchön,“ antwortete ich, „man kann nicht begreifen, wenn man in einer Stadt iſt, daß es dort Leute gibt, die immer in der Stube ſitzen, oder durch ihren Beruf in einem Laden oder Gewölbe gehalten werden, und nun des Abends unter ein paar ſchlechte Bäume gehen, und ſagen, daß ſie ſich da erholen und Luft genießen. Aber wenn man von der Haſt getrieben wird, wie etwa ein Mittel, das man gab, gewirkt haben mag, wenn man nicht weiß, wie viel ſchlechter der wird, der einen rufen ließ, derweil man durch Wald und Feld geht, und wenn noch einer wartet, der weit drüben, jen⸗ ſeits der entgegengeſetzt liegenden Höhen wohnt, und wenn man nach Hauſe kömmt, einen weglaſſen mußte, der doch auch vielleicht heute ge hofft hatte, daß man komme, und wenn man denkt: haſt du auch alles recht gemacht, du mußt gleich in den Büchern nachſehen; dann iſt das Gehen zuweilen doch ſauer, und ein ermüdeter Körper iſt auch nicht ſo verſtändig, als ein ausgeruhter und rüſtiger. Aber es thut nichts, es thut nichts, es geht ſchon noch eine Weile, wie Ihr geſagt habt, ich werde nicht müde— und oft iſt ja ein Stein, ein umgeſtürzter Baum⸗ ſtrunk, ein Blick über alle die blauen Wälder in Weite und Breite— und dann geht es ſchon wieder. Wißt Ihr, Joſi, wie wir ſelber ein⸗ mal bei einander geſeſſen ſind, Ihr mit Eurem Packe, und wie Ihr mir erzählt habt? Auch iſt ja der Drang nicht immer gleich ſtark. Vor zwei Wochen war die Geſundheit ſo geſegnet, daß ich eine Freude hatte, es blühte alles rund herum, daß ich Zeit hatte, an Dingen, die ich machen laſſen wollte, zu zeichnen, daß ich, wo ſie ſchon etwas arbei⸗ teten, dabei ſtehen und zuſchauen konnte, ferner, daß ich an Gehen ſo Noth litt, daß ich mehrere Stunden lang ſpazieren ging, am öfterſten hinauf in das Eichenhag, wißt Ihr, wo die gar ſo ſchönen Stämme ſtehen, ich glaube, die ſchönſten in unſerer ganzen Gegend.— Am Rande des Hages wäre ein Platz zu einer Anſiedlung, der ausgezeichnetſte Platz, wenn man die Fenſter gegen die Felder hinab richtete, wo jetzt der Meier⸗ bacher reuten läßt, und gegen den Waldhang, wo unſer Haus iſt, und weiter weg gegen die Felder, die jenſeits unſeres Hauſes am Mitterwege gegen die Dürrſchnäbel und den Kirmwald hinauf gehen.“ So ſprach ich damals im Allgemeinen, und die Männer gaben mir ungefähr Recht. Den Goldfuchs, welchen der Rothberger Wirth hatte, kannte ich ſehr wohl. Ich war in der erſten Zeit einige Male mit ihm gefahren, und ſpäter, da ſich meine Thätigkeit ausbreitete, und wenn mich größere Entfernungen verlangten, hatte ich den Buben Thomas hinabſchicken müſſen, daß der Vetter Martin den Fuchs in Bereitſchaft hielte. Wir nannten ihn immer Vetter, weil er wohl ein Verwandter von uns war, aber in ſolcher Entfernung, daß dieſelbe niemand mehr angeben konnte. Mein Vater war immer erfreut, wenn ihn der Wirth Vetter nannte, und jetzt ſchien es mir, daß der Wirth es nicht ungern ſehe, wenn ich ihn mit Vetter anredete. Als der kleine Stall fertig war, den ich im Herbſte zu bauen ange⸗ fangen hatte, ging ich zu Vetter Martin hinab, und redete mit ihm, ob er mir den Goldfuchs zu kaufen überlaſſen wolle. Da er gerade nichts dagegen hatte und wir über den Preis einig geworden waren, wurde der Fuchs ſammt allem Geſchirre, das zu ihm gehörte, von einem Knechte ſogleich in den Waldhang in den neuen Stall hinauf geführt. In kurzer Friſt darauf kam auch das Wägelchen aus Pirling in die Hütte, die da⸗ für an unſer Häuschen angebaut worden war, und ſo hatte ich nun Wa⸗ gen und Pferd, mit denen ich jetzt ſelber und ganz allein in den Gebirgs⸗ wegen herum fuhr, deren Verbeſſerung ich erſt jetzt recht erkannte. Den Wagen richtete ich ſo ein, daß ich meine Bücher, meine Werkzeuge und Stifter. 4. Aufl. II. 5 ſelbſt andere Dinge, die ich etwa brauchte, darin unterbringen konnte. Mitten darin ſaß ich und fuhr. Da der Schnee erſchien und ſich in den Wegen hielt, wurde der Schlitten hergerichtet. Wie oft, wenn ich in dem erſten Winter nach Hauſe kam, wenn ein rechtes Geſtöber war, und den Schnee, hoch wie Häuſer, in den Waldlehnen zuſammenjagte, oder wenn eine große Kälte war, und die Sterne ſo ſcharf am Himmel ſtan⸗ den, als wäre ihr Glanz ſelber feſt zuſammen gefroren, ſtand ſchon der Bube Thomas, wenn er meine Schellen hörte, vor der Thür der Hütte, und nahm mir das Pferd ab, den guten Fuchs, um es erſt ein wenig um die Hütte herum zu führen, und dann in den Stall zu thun. Die Schweſter Katharina nahm mir, wenn ich in die Stube trat, in der der hellſte Glanz von der lodernden Leuchte her herrſchte, und die ſanſteſte Wärme von dem Ofen ging, den Pelz ab, in dem Eis oder Schnee hing, zündete Kerzen an und führte mich in mein Zimmer, in deſſen Ofen auch die Tannenſcheite krachten, oder ein nachgelegter Buchenſtock langſam in wärmeverbreitende Glut zerfiel. Ich hatte nämlich in den Ofen von innen eine große Thür brechen laſſen, und damit ich das Feuer ſähe, das ich ſo liebe, dieſelbe mit einem feinen Metallgitter zu ſchließen eingerichtet. Lucia kochte, und der Vater ging in dem knarrenden Schnee um die Hütte herum in die Wagenlaube, und brachte die Sachen herein, die in den Schlitten gepackt geweſen waren. Ich that die Kleider ab, legte ein be⸗ quemes Hausgewand an, und ſaß unter den Meinen. Meine Wirkſamkeit breitete ſich immer mehr und mehr aus. Ich nahm die kleinen Gaben, welche die Leute geben konnten, an; von den Armen nahm ich gar nichts, außer es war irgend ein Kleines, von dem ich wußte, daß es ihnen nicht abgehe, und daß die Zurückweiſung ſie kränken würde. Von den Reichen forderte ich mehr: und wie unbemerkt die Dinge floſſen, ſo war doch Gottes Segen dabei, und die Wohlhaben⸗ heit mehrte ſich immer mehr.“ Im Frühlinge konnte ich ſchon von Allerb ein gutes Stück Grund und Feld kaufen, das unter unſerer Hütte lag, und wenn man von dem Hange hinab kömmt, recht ſchön eben fort läuft. Weil es dort unten viel wärmer und von Winden geſicherter iſt, weil der Boden nach eben ſich hin breitet, und lieblich hie und da manche Bäume ſtehen, wollte ich ein Haus dahin bauen, in welchem ich alle meine Lebenszeit zu wohnen beſchloß. Ich hatte den ganzen Winter daran gezeichnet, um mein Vor⸗ haben recht klar und reinlich darzuſtellen, und es dem Baumeiſter begreif⸗ lich machen zu können. Ich konnte ebenfalls im Frühjahre den Bau ſchon ein wenig beginnen, in ſo ferne die Räume beſtimmt, und Baube⸗ dürfniſſe herbeigeſchafft wurden. Ich wollte dem Vater und den Schwe⸗ ſtern mehrere recht ſchöne Stübchen herrichten laſſen. Der Gregordubs hatte zwei Füllen, welche im Alter nur um wenige Tage verſchieden waren, und welche ſo gleichmäßig ſchwarz waren, daß keines auch nicht ein einziges weißes Härchen beſaß. Freilich war die Farbe in der noch etwas vorherrſchenden Wolle noch nicht anders, als dunkel graubraun, aber ſie zeigten, daß ſie glänzend ſchwarze Pferde werden würden. Ich kaufte ihm die Füllen ab, und wollte ſie mir recht vorzüglich für meine Zukunft erziehen. Ich nahm außer dem Buben Thomas noch einen Gehülfen für ihn auf, und beide mußten mir auf die Füllen ſehen, aber die Ernährung und das ſonſtige Verfahren mit ihnen befahl ich ſelber an. Für den Sommer wurde noch ein Nothſtall für ſie erbaut, und für den Winter würde ich ſchon ſehen, was zu thun ſei. Der Bau konnte im Sommer ſchon ſehr gefördert werden. Ich wollte im Zuſammenhange mit dem ganzen Plane doch zuerſt eine Stube für mich vollſtändig fertig haben, daß ich noch im Winter darin wohnen könnte, dann einen Stall, worin zuerſt die drei Pferde ein Sicherheit wären, eine Hütte für Wagen und Schlitten, und dann jene Räume, die zu dieſen Dingen noch nothwendig wären. Dieſe Einrichtung war im Herbſte ſchon fertig. Aber ehe der Winter einbrach, ſtarb der Vater und ſtarben die zwei Schweſtern. Ich hatte ihnen nicht helfen können, wie ſehr ich gewollt. Die gute Katharina war die letzte geweſen. Die Hütte ſtand nun allein. Ich konnte ſie nicht anſehen und die Schwelle nicht überſchreiten. Obwohl ich wußte, daß die Mauern noch feucht waren, und obwohl ich wußte, daß die feuchten Mauern ſchädlich ſein können, ließ ich doch alle meine Sachen von der Hütte in die fertige Stube herab bringen, um da zu wohnen. Ich ließ die drei Pferde in den neugebauten Stall füh⸗ ren, der Knecht Thomas mußte mit herab, der andere blieb in der Hütte, um die Kühe zu verſorgen, die noch da waren, und das Kalb, welches S* 5 — 5 wir aufzuziehen angefangen hatten. Ich hätte ſie verkaufen ſollen, man redete mich darum an, aber ich konnte fie nicht weg thun. Ein Weib, welches uns kochen ſollte, wurde aufgenommen, und ſchlief in einem Kämmerlein neben der Nothküche. Bei Tage, wenn ich aus war, ließ ich in allen Oefen, die ſchon zu benützen waren, heizen, und dazu die Thüren und Fenſter öffnen. Des Nachts ſtellte ich überall, wo Jemand ſchlief, auch in den Stall, ein weites Gefäß, in welchem Pottaſche war, die wir gerade vorher glühend gemacht und wieder abgekühlt hatten, damit ſie die feuchten Dünſte, die aus der Mauer kamen, einſaugen möchte. Es iſt ein trauriger Winter geweſen. Die Leute in der ganzen Ge⸗ gend waren recht freundlich und gütig gegen mich, weil ich allein war — und wenn ich nach Hauſe kam, zündete ich die Kerzen an, und ſaß in meiner Stube, und ſchaute in die Bücher, oder ſchrieb ein, was heute nothwendig geworden war. Im Frühjahre fand ich eine Quelle, von der ich dachte, daß ſie heilſam ſein müſſe. Sie enthält Salze, ich verſuchte das Waſſer und fand, daß Dinge darin ſeien, welche in den Quellen ſind, die man als heilſam bekannt gemacht hatte. Das Bauen wurde im Frühlinge auch wieder begonnen, da die Fröſte die Erde verlaſſen hatten, und nicht zu befürchten war, daß wieder einige kommen könnten. Im Herbſte war wieder viel mehr fertig, als in dem vorigen, und das bereits früher Fertige konnte beſſer eingerichtet werden. Es war das Haus, wenn gleich Theile fehlten, welche in mei⸗ ner Zeichnung auf dem Papiere ſtanden, daß ſie nach und nach dazu ge⸗ fügt werden ſollten, doch für unkundige Augen ſo, als wäre es fertig. Wir führten die drei Kühe— denn das Kalb war unterdeſſen auch eine geworden— von der Hütte herab, und nahmen Geräthe, die nothwendig oder im brauchbaren Zuſtande waren, mit. Der Knecht, der das Jahr oben gewohnt hatte, kam auch in das Haus herunter. Da dieſes geſchehen war, ließ ich die Hütte abbrechen. Von dem Schnigwerke, das in meiner Kammer geweſen war, ließ ich vieles in meinen Stuben, namentlich in meinem Schreibgemache anbringen; das andere hob ich ſo auf. Auch manche weitere Dinge, welche mir gefielen, und welche dem Gedächtniſſe meiner kindlichen Jahre merkwürdig waren, ließ ich nicht zerbrechen, ſondern in mein Haus tragen und an verſchiede⸗ nen Orten aufſtellen. Da die Kälte des Herbſtes kam und die Wieſen von dem weißen ſchönen Reife ſtarrten, ſah man die Hütte nicht mehr; das Auge ging über den Platz ftei weg bis zu dem Walde, der weiter oben anfängt, und den weißen Abhang mit ſeiner ſchwarzen Farbe ſchneidet. Nur wer näher gegangen wäre, würde an den Fußtritten, die von denen herrührten, die die Hütte abgetragen hatten, dann an den Verletzungen des Raſens, die er durch das vielfältige Hinwerfen von Balken und Brettern erlitt, und endlich an dem ſchwarzen Erdflecke der ſich hinbreitete, die Stelle erkannt haben, wo die Hütte geſtanden war. Ich hatte die Erde auflockern laſſen und warf Grasſamen hinein, daß er im künftigen Frühlinge zum Vorſchein komme. Die Steine, welche auf dem Dache gelegen waren, und diejenigen, welche den Feuerheerd der Küche und der Hefen bildeten, ließ ich zu mir hinab bringen, um ſie im nächſten Jahre in meine Gartenmauer einſetzen zu laſſen, daß ich ſie alle Zukunft vor Augen hätte. So war alſo jetzt ein ganz anderer Stand der Dinge, als ich ge⸗ dacht und ſo lieb gehofft hatte. An demſelben Herbſte bekam ich auch Urſache, mit dem Waſſer, welches ich gefunden hatte, zufrieden zu ſein. Es kam im Monate Ju⸗ lius der Inbuchsbauer aus der oberen Aſtung zu mir herunter; er hatte ſeinen Buben bei ſich, der früher die Füllen des Gregordubs gehütet hatte, und bat mich, ich möchte den Buben an zwei Tagen in der Woche etwas zu Mittag zu eſſen geben, die andern Tage hätte er ſchon bei guten Leuten gefunden, und der untere Beringer habe erlaubt, daß er in ſeinem Heu ſchlafen dürfe. Die Keum Anna ſei recht ſchlecht geweſen, ihr Fuß habe ſich verſchlimmert, und große Schmerzen gebracht. Da habe ſie aus dem Heilwaſſer, welches im Grundbühel heworfließe, getrunken, und habe in demſelben Waſſer, das ſie ihr beim Klum gewärmt hätten, den Fuß gebadet, und ſei jetzt ganz geſund. Deßwegen habe er auch gemeint, daß er den Gottlieb herabführen müſſe, daß er herunten bleibe, von dem Waſſer trinke, und ſich in demſelben bade, ob es ihn etwa auch herſtellen könne. Ich ſah den Buben an, und es war ſchier kein menſch⸗ licher Anblick, welche häßliche Wunden an ſeinem Halſe und an ſeinem Genicke hervorgebrochen waren. Ich kannte den Fall mit der Keum Anna ſehr wohl, und ſagte, wie es ganz natürlich war, daß ich dem Buben ſchon die zwei Tage zu Mittage und aber auch zu Abend zu eſſen geben werde, und daß ich mich auch ſchon noch weiter um ihn umſchauen wolle. Der Inbuchsbauer iſt fehr arm. Er iſt nur dem Ramen nach ein Bauer, der That nach ein armer Waldhäusler in der größten Wirrniß des oberen Aſtungs ohne Weib und andere Angehörige. Als er ſah, daß ſein Bube herunten bleiben konnte, ging er mit Troſt nach Hauſe. Ich nahm den jungen Menſchen in meine Stube, fragte ihn aus und unter⸗ ſuchte ſeinen Körper. Der Ekel iſt ein ſeltſames Ding, und er darf nicht gelten und gilt auch nicht, wo wir einen Menſchen helfen können, der auch eine Vernunft hat, und ſeinen Schöpfer verehren kann. Ich wuſch mir meine Hände, nahm andere Kleider, und ging an der Siller hinunter ſpazieren. Durch die Bäume klangen recht heiter die Meißelſchläge her⸗ ein, mit denen die Pfoſten zu meinen Thüren gehauen wurden. Der Bube nahm das Waſſer, wie ich es ihm vorgeſchrieben hatte. Nach einer Weile ſagte ich:„Was wirſt Du denn zu den verſchiedenen Leuten eſſen gehen, und wer weiß, was ſie Dir auch geben, das das Waſſer und meine Arzeneien wieder zu Grunde richtet. Komme alle Tage zu mir, und eſſe bei mir.“ Der Bube dankte recht ſchön, und kam alle Tage zu mir. Er be⸗ kam in einem Kämmerlein, das hinter der Küche las, und das wir be⸗ ſtimmt hatten, wenn einmal noch ein weiblicher Dienſtbote mehr in das Haus käme, daß er dort wohne, ein weiches Tiſchchen, das der Zimmer⸗ mann zuſammengenagelt hatte, einen weichen Stuhl, und dasjenige zu eſſen, was ich meinen Leuten vorgeſchrieben hatte, daß er bekommen ſolle. Er beſſerte ſich nun ſehr. Gegen den Herbſt ſagte ich zu ihm: „Es möchte nun bald in dem Heu zu ſchlafen zu kalt werden, komme ganz zu mir, ich werde Dich ſchon unterbringen.“ Wir hatten Räume genug, die nach und nach fertig geworden wa⸗ ren, und die wir nicht brauchten, weil wir unſer ſo wenig waren. Ich ſuchte eine Kammer aus, die ſchon im vorigen Jahre getüncht war. Sie lag, wenn man von dem Thore links über den Hof ging, allein, weil die Stube, die daneben entſtehen ſollte, die gegen den Garten hinausging, und die ich vor hatte, mit ſchönen Tragebalken und anderer Schnitzerei zu verzieren, noch nicht fertig war, und Blöcke und Bretter und Erdhaufen in derſelben herum lagen. Die Haushälterin, die alte Maria, richtete einen Strohſack zurechte, gab anderes Bettzeug, das wir nicht brauchten, dazu, und brachte eine Lagerſtätte zu Stande, die recht war. Das Ge⸗ — ſtelle war aus Brettern, die wir hatten, zuſammen geſchlagen worden. Seinen Stuhl und Tiſch bekam er aus dem Kämmerlein, in dem er bis jetzt gegeſſen hatte, hinüber. In dieſer Stube ſaß er nun, wenn er nicht in der Gegend, wie ich ihm vorgeſchrieben hatte, herum ging. Gegen Michaelis, wo es kalt wurde, ſagte ich zu ihm, jetzt müſſe er mit dem Gebrauche des Waſſers aufhören, und auch ſonſt werden wir bis zum Frühjahre nichts anwenden. Er war, wie ich meinte, vollkommen her⸗ geſtellt. Die Verletzungen am Halſe und am Genicke waren geſchloſſen, ohne eine Spur zurück zu laſſen, und die Augen waren heiterer und glänzender und die Wangen rötheten ſich. Sein Vater war zweimal herunten geweſen. Spät im Herbſte, da ſie meine väterliche Hütte ab⸗ trugen, war er wieder da, und wollte den Buben nach Hauſe nehmen. Ich aber ſagte ihm, droben im Aſtung würde ſein Sohn wieder allerlei eſſen, was ihm ſchädlich ſein könnte, er ſolle auch im Winter bei mir bleiben, wir wollen ſchon ſorgen, er ſolle von den vielen Spänen und Splittern, die im Sommer hindurch von den Bäumen, die meine Zim⸗ merloute bearbeitet hatten, abgefallen ſind, ſich ſo viel ſammeln und auf⸗ ſchlichten, als er wolle, damit er ſich in dem grünen Oefelein, das in ſeiner Kammer ſtehe, einheizen könne. Der Vater nahm es an. Es iſt unglaublich, wie ſehr mir Beide dankten— und oft, wenn ich in ſpäte⸗ rer Zeit von meinen Geſchäften nach Hauſe kehrte, ſah ich den Buben, wie er ſich die Späne an der Mauer ſeiner Stube und hauptſächlich dort aufrichtete, von woher im Winter der Wind und das Geſtöber kom⸗ men würden. Ich gab ihm ſpäter auch noch eine Truhe in ſeine Kam⸗ mer, damit er ſich die neuen Hemden und die Kleider, die ich ihm hatte machen laſſen, aufbewahren könne. Ich bekam jetzt wieder mehr Leute in mein Haus. Der Bube Tho⸗ mas pflegte die Pferde, den Fuchs, und die zwei jungen Thiere, die wirk⸗ lich ſo ſchön und glänzend ſchwarz geworden waren, wie Agat, und die, weil ſie nicht gerne in dem Stalle blieben, polterten, empor ſtiegen, und Dinge herunter biſſen. Die wenigen Stunden, die ſie auch im Winter täglich herumgeführt wurden, reichten ihnen doch nicht hin, weil ſie im Sommer ſchier die meiſte Zeit im Freien zugebracht hatten. Außer ſeiner Beſchäftigung mit den Pferden arbeitete Thomas noch mancherlei in dem Hauſe herum. Dann war der Knecht, welcher im vorigen Jahre die Kühe grpilegt hatte. Er grub den ganzen Garten um, der erſt herge⸗ richtet wurde, er beſorgte mein Holz, nagelte manches an, wenn es irgend wo herunter brach, und that auch noch andere ſchwere Arbeit. Die Kühe pflegte er ebenfalls fort. Dann war die Haushälterin Maria, welche die Speiſen, die Wäſche, die Kleider, die Zimmerreinigung und dergleichen beſorgte, und endlich zwei Mägde, und darunter eine, der ich im vorigen Jahre auch in einer Todeskrankheit geholfen hatte. Wir mußten einen ſchweren Winter überſtehen. So weit die älte⸗ ſten Menſchen zurück denken, war nicht ſo viel Schnee. Vier Wochen waren wir einmal ganz eingehüllt in ein fortdauerndes graues Geſtöber, das oft Wind hatte, oft ein ruhiges aber dichtes Niederſchütten von Flocken war. Die ganze Zeit ſahen wir nicht aus. Wenn ich in meinem Zimmer ſaß, und die Kerzen brannten, hörte ich das unabläſſige Rieſeln an den Fenſtern, und wenn es licht wurde, und die Tageshelle eintrat, ſah ich durch meine Fenſter nicht auf den Wald hin, der hinter der Hütte ſtand, die ich hatte abbrechen laſſen, ſondern es hing die graue lichte aber undurchdringliche Schleierwand herab; in meinem Hofe und in der Nähe des Hauſes ſah ich nur auf die unnittelbarſten Dinge hinab, wenn etwa ein Balken empor ſtand, der eine Schneehaube hatte, und unendlich kurz geworden war, oder wenn ein langer weißer wolliger Wall anzeigte, wo meine im Sommer ausgehauenen Bäume lagen, die ich zum weitern Baue verwenden wollte. Als alles vorüber war, und wieder der blaue und klare Winterhimmel über der Menge von Weiß ſtand, hörten wir vft in der Todtenſtille, die jetzt eintrat, wenn wir an den Hängen hinunter fuhren, in dem Hochwalde oben ein Krachen, wie die Bäume unter ihrer Laſt zerbrachen und umſtürzten. Leute, welche von dem jenſeitigen Lande über die Schneide herüber kamen, ſagten, daß in den Berggründen, wo ſonſt die kleinen klaren Wäſſer gehen, ſo viel Schnee liege, daß die Tan⸗ nen von fünfzig Ellen und darüber nur mit den Wipfeln heraus ſchauen. Wir konnten nur den leichteren Schlitten brauchen— ich hatte nämlich noch einen machen laſſen— der etwas länger aber ſchmäler war, als der andere. Er fiel wohl öfter um, aber konnte auch leichter durch die Schluchten, welche die Schneewehen bildeten, durchdringen. Ich konnte jetzt nicht mehr allein zur Beſorgung meiner Geſchäfte herum fahren, weil ich mir mit allen meinen Kräften in vielen Fällen allein nicht helfen konnte. Und es waren mehr Kranke, als es in allen ſonſtigen Zeiten ge⸗ geben hatte. Deßwegen fuhr jetzt der Thomas immer mit mir, daß wir uns gegenſeitig beiſtünden, wenn der Weg nicht mehr zu finden war, wenn wir den Fuchs aus dem Schnee, in den er ſich verfiel, austreten mußten, oder wenn einer, da es irgendwo ganz unmöglich war durch zu dringen, bei dem Pferde bleiben, und der andere zurück gehen, und Leute holen mußte, damit ſie uns helfen. Es wurde nach dem großen Schnee⸗ falle auch ſo kalt, wie man es je kaum erlebt hatte. Auf einer Seite war es gut; denn der tiefe Schnee ftor ſo feſt, daß man über Stellen und über Schlünde gehen konnte, wo es ſonſt unmöglich geweſen wäre; aber auf der andern Seite war es auch ſchlimm; denn die Menſchen, welche viel gingen, ermüdet wurden und unwiſſend waren, ſetzten ſich nieder, gaben der ſüßen Ruhe nach, und wurden dann erfroren gefunden, wie ſie noch ſaßen, wie ſie ſich nieder geſetzt hatten. Vögel fielen von den Bäumen, und wenn man es ſah, und ſogleich einen in die Hand nahm, war er feſt, wie eine Kugel, die man werfen konnte. Wenn meine jungen Rappen ausgeführt wurden, und von einem Baume oder ſonſt wo eine Schnerflocke auf ihren Rücken fiel, ſo ſchmolz dieſelbe nicht wenn ſie nach Hauſe kamen, wie lebendig, und tüchtig, und voll von Feuer die Thiere auch waren. Erſt im Stalle verlor ſich das Weiß und Grau von dem Rücken. Wenn ſie ausgeführt wurden, ſah ich manchmal den jungen Gottlieb mit gehen, und hinter den Thieren her bleiben, wenn ſie auf verſchiedenen Wegen herum geführt wurden, aberes thut nichts, die Kälte wird ihm nichts anhaben, und er iſt ja in den guten Pelz gehüllt, den ich ihm aus meinem alten habe machen laſſen. Ich ging oft in die Zim⸗ mer der Meinigen hinab, und ſah, ob alles in der Ordnung ſei, ob ſie gehörig Holz zum Heizen haben, ob die Wohnung überall gut geborgen ſei, daß nicht auf einen, wenn er vielleicht im Bette ſei, der Strom einer kalten Luft gehe, und er erkranke; ich ſah auch nach der Speiſe; denn bei ſolcher Kälte iſt es nicht einerlei, ob man das oder jenes eſſe. Dem Gott⸗ lieb, der nur mit Spänen heizte, ließ ich von den dichten Buchenſtöcken hinüber legen. In Eichenhage oben ſoll ein Knall geſchehen ſein, der ſeines Gleichen gar nicht hat. Der Knecht des Beringer ſagte, daß einer der ſchönſten Stämme durch die Kälte von unten bis oben geſpalten wor⸗ den ſei, er habe ihn ſelber geſehen. Der Thomas und ich waren in Pelze und Dinge eingehüllt, daß wir zwei Bündeln, kaum aber Menſchen gleich ſahen. Dieſer Winter, von dem wir dachten, daß er uns viel Waſſer bringen würde, endigte endlich mit einer Begebenheit, die wunderbar — 74 war, und uns leicht die äußerſte Gefahr hätte bringen können, wenn ſie nicht eben gerade ſo abgelaufen wäre, wie ſie ablief. Nach dem vielen Schneefalle und während der Kälte war es immer ſchön, es war immer blauer Himmel, Morgens rauchte es beim Sonnenaufgange von Glanz und Schnee, und Rachts war der Himmel dunkel, wie ſonſt nie, und es ſtanden viel mehr Sterne in ihm, als zu allen Zeiten. Dies dauerte lange— aber einmal fiel gegen Mittag die Kälte ſo ſchnell ab, daß man die Luft bald warm nennen konnte, die reine Bläue des Himmels trübte ſich, von der Mittagſeite des Waldes kamen an dem Himmel Wolkenbal⸗ len, gedunſen und fahlblau, in einem milchigen Nebel ſchwimmend, wie im Sommer, wenn ein Gewitter kommen ſoll— ein leichtes Windchen hatte ſich ſchon früher gehoben, daß die Fichten ſeufzten und Ströme Waſſers von ihren Aeſten niederfloſſen. Gegen Abend ſtanden die Wäl⸗ der, die bisher immer bereift und wie in Zucker eingemacht geweſen wa⸗ ren, bereits ganz ſchwarz in den Mengen des bleichen und wäſſerigen Schnees da. Wir hatten bange Gefühle, und ich ſagte dem Thomas, daß ſie abwechſelnd nachſchauen, daß ſie die hinteren Thore im Augen⸗ merk halten ſollen, und daß er mich wecke, wenn das Waſſer zu viel wer⸗ den ſollte. Ich wurde nicht geweckt, und als ich des Morgens die Augen öffnete, war alles anders, als ich es erwartet hatte. Das Windchen hatte aufgehört, es war ſo ſtille, daß ſich von der Tanne, die ich keine Büch⸗ ſenſchußlänge von meinem Fenſter an meinem Sommerbänkchen ſtehen ſah, keine einzige Nadel rührte; die blauen und mitunter bleifarbigen Wolkenballen waren nicht mehr an dem Himmel, der dafür in einem ſtil⸗ len Grau unbeweglich ſtand, welches Grau an keinem Theile der großen Wölbung mehr oder weniger grau war, und an der dunkeln Oeffnung der offen ſtehenden Thür des Heubodens bemerkte ich, daß feiner, aber dichter Regen niederfalle; allein wie ich auf allen Gegenſtänden das ſchil⸗ lerige Glänzen ſah, war es nicht das Lockern oder Sickern des Schnees, der in dem Regen zerfüllt, ſondern das blaſſe Glänzen eines Ueberzuges, der ſich über alle die Hügel des Schnees gelegt hatte. Als ich mich ange⸗ kleidet und meine Suppe gegeſſen hatte, ging ich in den Hof hinab, wo der Thomas den Schlitten zurecht richtete. Da bemerkte ich, daß bei uns herunten an der Oberfläche des Schnees während der Nacht wieder Kälte eingefallen ſei, während es oben in den höheren Theilen des Himmels warm geblieben war; denn der Regen floß fein und dicht hernieder, aber nicht in der Geſtalt von Eiskörnern, ſondern als reines fließendes Waſ⸗ ſer, das erſt an der Oberfläche der Erde gefror und die Dinge mit einem dünnen Schmelze überzog, derlei man in das Innere der Geſchirre zu thun pflegt, damit ſich die Flüſſigkeiten nicht in den Thon ziehen können⸗ Inm Hvofe zerbrach der Ueberzug bei den Tritten noch in die feinſten Scher⸗ ben, es mußte alſo erſt vor Anbruch des Tages zu regnen angefangen haben. Ich that die Dinge, die ich mitnehmen wollte, in ihre Fächer, die in dem Schlitten angebracht waren, und ſagte dem Thomas, er ſolle doch, ehe wir zum Fortfahren kämen, noch den Fuchs zu dem untern Schmied hinüber führen, und nachſchauen laſſen, vb er ſcharf genug ſei, weil wir heute im Eiſe fahren müßten. Es war uns ſo recht, wie es war, und viel lieber, als wenn der unermeßliche Schnee ſchnell und plötz⸗ lich in Waſſer verwandelt worden wäre. Dann ging ich wieder in die Stube hinauf, die ſie mir viel zu viel geheizt hatten, ſchrieb einiges auf, und dachte nach, wie ich mir heute die Ordnung einzurichten hätte. Da ſah ich auch, wie der Thomas den Fuchs zum untern Schmied hinüber führte. Nach einer Weile, da wir fertig waren, richteten wir uns zum Fortfahren. Ich that den Regenmantel um, und ſetzte meine breite Filz⸗ tappe auf, davon der Regen abrinnen konnte. So machte ich mich in dem Schlitten zurechte, und zog das Leder ſehr weit herauf. Der Tho⸗ mas hatte ſeinen gelben Mantel um die Schultern, und ſaß vor mir in dem Schlitten. Wir fuhren zuerſt durch den Thaugrund, und es war an dem Himmel und auf der Erde ſo ſtille und einfach grau, wie des Mor⸗ gens, ſo daß wir, als wir einmal ſtille hielten, den Regen durch die Na⸗ deln fallen hören konnten. Der Fuchs hatte die Schellen an dem Schlit⸗ tengeſchirre nicht recht ertragen können, und ſich öfter daran geſchreckt, deßhalb that ich ſie ſchon, als ich nur ein paar Male mit ihm gefahren war, weg. Sie ſind auch ein närriſches Klingeln, und mir war es viel lieber, wenn ich ſo fuhr, manchen Schrei eines Vogels, manchen Wald⸗ ton zu hören, oder mich meinen Gedanken zu überlaſſen, als daß ich im⸗ mer das Tönen in den Ohren hatte, das für die Kinder iſt. Heute war es freilich nicht ſo ruhig, wie manchmal; das ſtumme Fahren des Schlit⸗ tens im feinen Schnee war, wie im Sande, wo auch die Hufe des Pfer⸗ des nicht wahrgenommen werden konnten; denn das Zerbrechen des zar⸗ ten Eiſes, wenn das Thier darauf trat, machte ein immerwährendes Geräuſch, daher aber das Schweigen, als wir halten mußten, weil der Thomas in dem Riemzeug etwas zurecht zu richten hatte, deſto auffal⸗ lender war. Und der Regen, deſſen Rieſeln durch die Nadeln man hören konnte, ſtörte die Stille kaum, ja er vermehrte ſie. Noch etwas anders hörten wir ſpäter, da wir wieder hielten, was faſt lieblich für die Ohren war. Die kleinen Stücke Eiſes, die ſich an die dünnſten Zweige und an das langhaarige Moos der Bäume angehängt hatten, btachen herab, und wir gewahrten hinter uns in dem Walde an verſchiedenen Stellen, die bald dort und bald da waren, das zarte Klingen und ein zitterndes Bre⸗ chen, das gleich wieder ſtille war. Dann kamen wir aus dem Walde hinaus, und fuhren durch die Gegend hin, in der die Felder liegen. Der gelbe Mantel des Thomas glänzte, als wenn er mit Oel übertüncht worden wäre; von der rauhen Decke des Pferdes hingen Silberfranzen hernieder; wie ich zufällig einmal nach meiner Filzkappe griff, weil ich ſie unbequem auf dem Haupte empfand, war ſie feſt, und ich hatte ſie, wie eine Kriegshaube auf; und der Boden des Weges, der hier breiter, und weil mehr gefahren wurde, feſter war, war ſchon ſo mit Eiſe belegt, weil das geſtrige Waſſer, das in den Gleiſen geſtanden war, auch gefro⸗ ren war, daß die Huſe des Fuchſes die Decke nicht mehr durchſchlagen konnten, und wir unter hallenden Schlägen der Hufeiſen, und unter Schleudern unſeres kleinen Schlittens, wenn die Fläche des Weges ein wenig ſchief war, fortfahren mußten. Wir kamen zuerſt zu dem Karbauer, der ein krankes Kind hatte. Von dem Hausdache hing ringsum, gleichſam ein Orgelwerk bildend, die Verzierung ſtarrender Zapfen, die lang waren, theils herabbrachen, theils an der Spitze ein Waſſertröpfchen hielten, das ſie wieder länger, und wieder zum Herabbrechen geneigter machte. Als ich ausſtieg, bemerkte ich, daß das Ueberdach meines Regenmantels, das ich gewöhnlich ſo über mich und den Schlitten breite, daß ich mich und die Arme darunter rüh⸗ ren könne, in der That ein Dach geworden war, das feſt um mich ſtand und beim Ausſteigen ein Klingelwerk fallender Zapfen in allen Theilen des Schlittens verurſachte. Der Hut des Thomas war feſt, ſein Mantel krachte, da er abſtieg, auseinander, und jede Stange, jedes Holz, jede Schnalle, jedes Theilchen des ganzen Schlittens, wie wir ihn jetzt ſo an⸗ ſahen, war in Eis, wie in durchſichtigen flüſſigen Zucker gehüllt, ſelbſt in den Mähnen, wie tauſend bleiche Perlen, hingen die gefrornen Trop⸗ fen des Waſſers, und zuletzt war es um die Hufhaare des Fuchſes wie ſilberne Borden geheftet. Ich ging in das Haus. Der Mantel wurde auf den Schragen ge⸗ hängt, und wie ich die Filzkappe auf den Tiſch des Vorhauſes legte, war ſie wie ein ſchimmerndes Becken anzuſchauen. Als wir wieder fortfahren wollten, zerſchlugen wir das Eis auf un⸗ ſern Hüten, auf unſern Kleidern, an dem Leder und den Theilen des Schlittens, an dem Riemzeug des Geſchirres, und zerrieben es an den Haaren der Mähne und der Hufe des Fuchſes. Die Leute des Karbauers halfen uns hiebei. Das Kind war ſchon ſchier ganz geſund. Unter dem Obſtbaumwalde des Karhauſes, den der Bauer ſehr liebt und ſchätzt, und der hinter dem Hauſe anhebt, lagen unzählige kleine ſchwarze Zweige auf dem weißen Schnee, und jeder ſchwarze Zweig war mit einer durchſichti⸗ gen Rinde von Eis umhüllt, und zeigte neben dem Glanze des Eiſes die kleine friſchgelbe Wunde des Herabbruchs. Die braunen Knösplein der Zweige, die im künftigen Frühlinge Blüthen⸗ und Blätterbüſchlein wer⸗ den ſollten, blickten durch das Eis hindurch. Wir ſetzten uns in den Schlitten. Der Regen, die graue Stille und die Einöde des Himmels dauerten fort. Da wir in der Dubs hinüber fuhren, an der oberen Stelle, wo links das Gehänge iſt, und an der Schneide der lange Wald hin geht, ſahen wir den Wald nicht mehr ſchwarz, ſondern er wat gleichſam bereift, wie im Winter, wenn der Schnee in die Nadeln geſtreut iſt und lange Kälte herrſcht; aber der Reif war heute nicht ſo weiß, wie Zucker, der⸗ gleichen er ſonſt ähnlich zu ſein pflegt, ſondern es war das dumpfe Glän⸗ zen und das gleichmäßige Schimmern an allen Orten, wenn es bei trü⸗ bem Himmel überall naß iſt; aber heute war es nicht von der Näſſe, ſondern von dem unendlichen Eiſe, das in den Aeſten hing. Wir konn⸗ ten, wenn wir etwas aufwärts und daher langſamer fuhren, das Kni⸗ ſtern der brechenden Zweige ſogar bis zu uns herab hören, und der Wald erſchien, als ſei er lebendig geworden. Das blaſſe Leuchten des Eiſes auf allen Hügeln des Schnees war rings um uns herum, das Grau des Himmels war beinahe ſehr licht, und der Regen dauerte ſtille fort, gleich⸗ mäßig fein und gleichmäßig dicht. Wir hatten in den letzten Häuſern der Dubs etwas zu thun, ich machte die Gänge, da die Orte nicht weit auseinander lagen, zu Fuße, und der Fuchs wurde in den Stall gethan, nachdem er wieder von dem Eiſe, das an ihm raſſelte, befreit worden war. Der Schlitten und die Kleider des Thomas mußten ebenfalls ausgelöſet werden; die meinigen aber, nämlich der Mantel und die Filzkappe, wurden nur von dem, was bei oberflächlichem Klopfen und Rütteln herabging, erleichtert, das an⸗ dere aber daran gelaſſen, da ich doch wieder damit in dem Regen herum gehen mußte, und neue Laſten auf mich lud. Ich hatte mehr Kranke, als ſie ſonſt in dieſer Jahreszeit zu ſein pflegen. Sie waren aber alle ziemlich in der Nähe beiſammen und ich ging von dem einen zu dem an⸗ dern. An den Zäunen, an den Strunken von Obſtbäumen, und an den Rändern der Dächer hing unſägliches Eis. An mehreren Planken waren die Zwiſchenräume verquollen, als wäre das Ganze in eine Menge eines zähen Stoffes eingehüllt worden, der dann erſtarrte. Mancher Buſch ſah aus, wie viele in einander gewundene Kerzen, oder wie lichte, wäſſerig glänzende Korallen. Ich hatte dieſes Ding nie ſo geſehen, wie heute. Die Leute ſchlugen manche der bis in's Unglaubliche herabgewach⸗ ſenen Zapfen von den Dächern, weil ſie ſonſt, wenn ſie gar groß gewor⸗ den waren, im Herabbrechen Stücke der Schindeln oder Rinnen mit ſich auf die Erde nahmen. Da ich in der Dubs herum ging, wo mehrere Häuſer um den ſchönen Platz herum ſtehen, den ſie bilden, ſah ich, wie zwei Mägde das Waſſer, welches im Tragen hin und her geſchwemmt haben würde, in einem Schlitten nach Hauſe zogen. Zu dem Brunnen, der in der Mitte des Platzes ſteht, und um deſſen Holzgeſchlacht herum ſchon im Winter der Schnee einen Berg gebildet hatte, mußten ſie ſich mit der Axt Stufen hinein hauen. Sonſt gingen die Leute gar nicht aus den Häuſern, und wo man doch einen ſah, duckte er oben mit dem Haupte von dem Regen in ſein Gewand, und unten griff er mit den Füßen vor⸗ ſichtig vorwärts, um in der unſäglichen Glätte nicht zu fallen. Wir mußten wieder fort. Wir fuhren mit dem Fuchs, den wir wie⸗ der hatten ſcharf machen laſſen, durch die ebenen Felder hinüber gegen das Eckſtück, welches die Siller am höher ſtehenden Walde einfaßt, und wo mehrere Holzhäuſer ſtehen. Wir hörten, da wir über die Felder fuh⸗ ren, einen dumpfen Fall; wußten aber nicht recht, was es war. Auf dem Raine ſahen wir einen Weidenbaum gleißend ſtehen, und ſeine zähen ſilbernen Aeſte hingen herab, wie mit einem Kamme nieder ge⸗ kämmt. Den Waldring, dem wir entgegen fuhren, ſahen wir bereift, aber er warf glänzende Funken und ſtand wie geglättete Metallſtellen von dem lichten ruhigen matten Grau des Himmels ab. Von den Holzhäuſern mußten wir wieder zurück über die Felder, aber ſchief auf dem Wege gegen das Eidun. Die Hufe unſeres Pferdes hallten auf der Decke, wie ſtarke Steine, die gegen Metalſſchilde gewor⸗ ſen werden. Wir aßen bei dem Wirthe etwas, weil wir zu ſpät nach Hauſe gekommen ſein würden, dann, nachdem wir den Schlitten, das Pferd und unſere Kleider wieder frei gemacht hatten, fuhren wir wieder ab, auf dem Wege, der nach meinem Hauſe führte. Ich hatte nur noch in den letzteren Eidunhäuſern etwas zu thun, und dann konnten wir auf dem Wege hinüber fahren, wo im Sommer die Eidunwieſen ſind, im Winter aber alle die fahren und gehen, die im Waldhange und oberem Hage Geſchäfte haben. Von da konnten wir gegen den Fahrweg einlen⸗ ken, der durch den Thaugrund und nach Hauſe führt. Da wir uns auf den Wieſen befanden, über deren Ebene wir jetzt freilich klafterhoch erho⸗ ben fuhren, hörten wir wieder denſelben dumpfen Fall, wie heute ſchon einmal, aber wir erkannten ihn wieder nicht, und wußten auch nicht ein⸗ mal ganz genau, woher wir ihn gehört hatten. Wir waren ſehr froh, einmal nach Hauſe zu kommen; denn der Regen und das Feuchte, das in unſerm ganzen Körper ſteckte, that uns recht unwohl, auch war die Glätte unangenehm, die allenthalben unnatürlich über Flur und Feld ge⸗ breitet war, und den Fuß, wenn man ausſtieg, zwang, recht vorſichtig auf die Erde zu greifen, woher man, wenn man auch nicht gar viel und gar weit ging, unglaublich ermüdet wurde. Da wir endlich gegen den Thaugrund kamen und der Wald, der von der Höhe herüber zieht, anfing, gegen unſern Weg herüber zu lan⸗ gen, hörten wir plötzlich in dem Schwarzholze, das auf dem ſchön empor⸗ ragenden Felſen ſteht, ein Geräuſch, das ſehr ſeltſam war, und das kei⸗ ner von uns je vernommen hatte— es war, als ob viele Tauſende oder gar Millionen von Glasſtangen durcheinander raſſelten, und in dieſem Gewirre fort in die Entfernung zögen. Das Schwarzholz war doch zu weit zu unſerer Rechten entfernt, als daß wir den Schall recht klar hät⸗ ten erkennen können, und in der Stille, die in dem Himmel und auf der Gegend war, iſt er uns recht ſonderbar erſchienen. Wir fuhren noch eine Strecke fort, ehe wir den Fuchs aufhalten konnten, der im Nachhauſe⸗ rennen begriffen war, und auch ſchon trachten mochte, aus dieſem Tage in den Stall zu kommen. Wir hielten endlich und hörten in den Lüften gleichſam ein unbeſtimmtes Rauſchen, ſonſt aber nichts. Das Rauſchen hatte jedoch keine Aehnlichkeit mit dem fernen Getöſe, das wir eben durch die Hufſchläge unſers Pferdes hindurch gehört hatten. Wir fuhren wie⸗ der fort und näherten uns dem Walde des Thaugrundes immer mehr, und ſahen endlich ſchon die dunkle Oeffnung, wo der Weg in das Gehölze hinein geht. Wenn es auch noch früh am Nachmittage war, wenn auch der graue Himmel ſo licht ſchien, daß es war, als müßte man den Schim⸗ mer der Sonne durchſinken ſehen, ſo war es doch ein Winternachmittag, und es war ſo trübe, daß ſich ſchon die weißen Gefilde vor uns zu ent⸗ färben begannen, und in dem Holze Dämmerung zu herrſchen ſchien. Es mußte aber doch nur ſcheinbar ſein, indem der Glanz des Schnees gegen das Dunkel der hinter einander ſtehenden Stämme abſtach. Als wir an die Stelle kamen, wo wir unter die Wölbung des Wal⸗ des hinein fahren ſollten, blieb der Thomas ſtehen. Wir ſahen vor uns eine ſehr ſchlanke Fichte zu einem Reife gekrümmt ſtehen, und einen Bo⸗ gen über unſere Straße bildend, wie man ſie einziehenden Kaiſern zu machen pflegt. Es war unſäglich, welche Pracht und Laſt des Eiſes von den Bäumen hing. Wie Leuchter, von denen unzählige umgekehrte Ker⸗ zen in unerhörten Größen ragten, ſtanden die Nadelbäume. Die Kerzen ſchimmerten alle von Silber, die Luchter waren ſelber ſilbern, und ſtan⸗ den nicht überall gerade, ſondern manche waren nach verſchiedenen Rich⸗ tungen geneigt. Das Rauſchen, welches wir früher in den Lüften gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften; jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrſchte es ununterbrochen fort, wie die Zweige und Aeſte krachten und auf die Erde fielen. Es war um ſo fürchterlicher, da alles unbeweglich ſtand; von dem ganzen Ge⸗ glitzer und Geglänze rührte ſich kein Zweig und keine Nadel, außer wenn man nach einer Weile wieder auf einen gebogenen Baum ſah, daß er von den ziehenden Zapfen niederer ſtand. Wir harreten und ſchauten hin— man weiß nicht, war es Bewunderung oder war es Furcht, in das Ding hinein zu fahren. Unſer Pferd mochte die Empfindungen in einer Aehn⸗ lichkeit theilen, denn das arme Thier ſchob, die Füße ſachte anziehend, den Schlitten in mehreren Rucken etwas zurück. Wie wir noch da ſtanden und ſchauten— wir hatten noch kein Wort geredet— hörten wir wieder den Fall, den wir heute ſchon zwei⸗ mal vernommen hatten. Jetzt war er uns aber völlig bekannt. Ein hel⸗ les Krachen, gleichſam wie ein Schrei, ging vorher, dann folgte ein kur⸗ zes Wehen, Sauſen, oder Streifen, und dann der dumpfe, dröhnende Fall, nit dem ein mächtiger Stamm auf der Erde lag. Der Knall ging wie ein Brauſen durch den Wald, und durch die Dichte der dämpfenden Zweige; es war auch noch ein Klingeln und Geſchimmer, als ob unendliches Glas durcheinander geſchoben und gerüttelt würde— dann war es wieder wie vorher, die Stämme ſtanden und ragten durch einander, nichts regte ſich, und das ſtill ſtehende Rauſchen dauerte fort. Es war merkwürdig, wenn ganz in unſeter Nähe ein Aſt oder Zweig oder ein Stück Eis fiel; man ſah nicht, woher es kam, man ſah nur ſchnell das Herniederblitzen, hörte etwa das Aufſchlagen, hatte nicht das Emporſchnellen des verlaſſenen und erleichterten Zweiges geſehen, und das Starren, wie früher, dauerte fort. Es wurde uns begreiflich, daß wir in den Wald nicht hineinfahren konnten. Es mochte irgendwo ſchon über den Weg ein Baum mit all ſeinem Geäſte liegen, über den wir nicht hinüber könnten, und der nicht zu umgehen war, weil die Bäume dicht ſtehen, ihre Nadeln vermiſchen, und der Schnee bis in das Geäſte und Geflechte des Niederſatzes ragte. Wenn wir dann umkehrten, und auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück wollten, und da ſich etwa auch unterdeſſen ein Baum herüber gelegt hätte, ſo wären wir mitten darinnen geweſen. Der Regen dauerte unabläſſig fort, wir ſelber waren ſchon wieder eingehüllt, daß wir uns nicht regen konnten, ohne die Decke zu zerbrechen, der Schlitten war ſchwerfällig und verglaſet, und der Fuchs trug ſeine Laſten— wenn irgend etwas in den Bäumen um eine Unze an Gewicht gewann, ſo mochte es fallen, ja die Stämme ſelber mochten brechen, die Spitzen der Zapfen, wie Keile, mochten nieder fahren, wir ſahen ohnedem auf un⸗ ſerm Wege, der vor uns lag, viele zerſtreut, und während wir ſtanden, waren in der Ferne wieder dumpfe Schläge zu vernehmen geweſen. Wie wir unſchauten, woher wir gekommen, war auf den ganzen Feldern und in der Gegend kein Menſch und kein lebendiges Weſen zu ſehen. Nur ich mit dem Thomas und mit dem Fuchſe waren allein in der freien Ratur. Ich ſagte dem Thomas, daß wir umkehren müßten. Wir ſtiegen Stifter. 4. Aufl. II. 6 aus, ſchüttelten unſere Kleider ab, ſo gut es möglich war, und befreiten die Haare des Fuchſes von dem anhangenden Eiſe, von dem es uns vor⸗ kam, als wachſe es jetzt viel ſchneller an, als am Vormittage, war es nun, daß wir damals die Erſcheinung beobachteten, und im Hinſchauen darauf ihr Fortgang uns langſamer vorkam, als Nachmittag, wo wir andere Dinge zu thun hatten, und nach einer Weile erſt ſahen, wie das Eis ſich wieder gehäuft hatte— oder war es kälter und der Regen dich⸗ ter geworden. Wir wußten es nicht. Der Fuchs und der Schlitten wurde ſodann von dem Thomas umgekehrt, und wir fuhren ſo ſchnell wir konnten, gegen die uns zunächſt gerichteten Eidunhäuſer zurück. Es war damals am oberen Ende, wo der Bühl ſacht beginnt, noch das Wirths⸗ haus— der Burmann hat es heuer gekauft und treibt blos Feldwirth⸗ ſchaft— dorthin fuhren wir über den Schnee, der jetzt trug, ohne Weg, in der geradeſten Richtung, die wir einſchlagen konnten. Ich bat den Wirth, daß er mir eine Stelle in ſeinem Stalle für meinen Fuchs zu⸗ recht räumen möchte. Er that es, obwohl er ein Rind hinüber auf einen Platz ſeines Stalles hängen mußte, wo ſonſt nur Stroh und einſtweil Futter lag, das man an dem Tage gebrauchen wollte. Den Schlitten thaten wir in die Wagenlaube. Als wir das untergebracht, und uns wieder von der angewachſenen Laſt befreit hatten, nahm ich einiges aus dem Schlitten, was ich brauchte, und ſagte, ich werde nun zu Fuße den Weg nach Hauſe antreten; denn ich müſſe in der Nacht in meinem Hauſe ſein, weil manches zu bereiten iſt, das ich morgen bedürfe, und weil ich morgen einen andern Weg einzuſchlagen hätte, da ich die Kranken in dem oberen Lande beſuchen müßte, die mich heute nicht geſehen hatten. — Den Thaugrund könne ich umgehen, ich wolle durch das Gebühl, dann durch die Wieſen des Meierbaches links hinauf, ſodann durch die kleinen Erlenbüſche, die gefahrlos ſind, hinüber gegen die Hagweiden und von dort gegen mein Haus hinunter, das in dem Thale ſteht. Als ich das ſo geſagt hatte, wollte mein Knecht Thomas nicht zu⸗ geben, daß ich allein gehe; denn der Weg, den ich beſchrieben hatte, wäre hüglig und ging an Höhen von Wieſen hinauf, wo gewiß über⸗ hängende Schneelehnen ſind, und wo in dem glatten Eiſe das Klimmen und Steigen von großer Gefahr ſein möchte. Er ſagte, er wolle mit mir gehen, daß wir einander an den Meierbacher Wieſen emporhelfen, daß wir einander beiſtehen, und uns durch das Geerle hinüberziehen möchten. Unſere Fahrangelegenheit könnten wir bei dem Wirthe da laſſen, er würde ihm ſchon ſagen, wie der Fuchs zu füttern und zu pflegen ſei. Morgen, wenn ſich das Wetter geändert hätte, würde er um den Fuchs herüber gehen, und zu meiner Fahrt, wenn ich zeitlich fort wollte, könnte ich die Pferde des Rothbergerwirthes nehmen, um die ich den Gottlieb oder Jemanden hinab ſchicken möge, wenn ja ſonſt Gott einen Tag ſende, an dem ein Menſch unter den freien Himmel heraus zu gehen ſich wage. Ich ſah das Alles ein, was mein Knecht Thomas ſagte, und da ich mich auch nicht ganz genau erinnerte— man ſchaut das nicht ſo genau an— ob denn wirklich überall da, wo ich zu gehen vor hatte, keine Bäume ſtünden, oder ob ich nicht einen viel weiteren Umweg zu machen oder gar wieder zurück zu gehen hätte, wenn ich nicht vordringen könnte; ſo geſtattete ich ihm, daß er mit gehe, damit wir unſer zwei ſind, und die Sache mit mehr Kräften beherrſchten. Ich habe in meinem Schlitten immer Steigeiſen eingepackt, weil ich oft ausſteigen, und über manche Hügel hinauf, die in unſerem Lande ſind und ſteile Hänge haben, zu Kranken gehen muß, wo ich, wenn Glatteis herrſcht, gar nicht oder mit Gefahr und Mühe auf den Wegen, die Niemand pflegt, oder die verſchneit und vereiſet find, hinauf kommen könnte. Weil es aber auch leicht möglich iſt, daß etwas bricht, ſo führe ich immer zwei Paare mit, daß ich in keine Ungelegenheit komme. Heute hatte ich ſie nicht gebraucht, weil ich immer an ebenen Stellen zu gehen hatte, und weil ich die Füße nicht an immer dauernde Unterſtützung ge⸗ wöhnen will. Ich ſuchte die Steigeiſen aus dem Schlitten heraus und gab dem Thomas ein Paar. Dann ſteckte ich aus den Fächern des Schlittens die Dinge und Herrichtungen zu mir, die ich morgen brauchen ſollte. An dem Geſtelle des Schlittens oberhalb der Kufe dem Korbe entlang ſind Bergſtöcke angeſchnallt, die eine ſehr ſtarke Eiſenſpitze haben und weiter aufwärts einen eiſernen Haken, um ſich damit einzuhaken und anzuhängen. Am oberſten Ende des Holzes ſind ſie mit einem Knaufe verſehen, daß ſie nicht ſo leicht durch die Hand gleiten. Weil ich aus Vorſicht auch immer zwei ſolche Stöcke bei mir habe, ſo gab ich dem Thomas einen, nachdem er ſie abgeſchnallt hatte, und einen behielt ich mir. So gingen wir dann, ohne uns noch aufzuhalten, ſogleich fort, weil an ſolchen Wintertagen die Nacht ſchnell einbricht, und dann ſehr 3 finſter iſt. Der Thomas hatte darum auch die Blendlaterne aus dem Schlitten genommen, und hatte ſich mit Feuerzeug verſehen. Auf dem offenen Felde, che wir wieder in die Nähe des Thaugrun⸗ des kamen, gingen wir ohne Steigeiſen blos mit Hülfe der Stöcke fort, was ſehr beſchwerlich war. Als wir in die Nähe des Waldes kamen, und uns das fürchterliche Rauſchen wieder empfing, beugten wir links ab gegen die Wieſen des Meierbacher hin, die eine Lichtung durch den Wald bilden, und die uns den Weg darſtellen ſollten, auf dem wir nach Hauſe gelangen könnten. Wir erreichten die Wieſen, das will ſagen, wir erkannten, daß wir uns auf dem Schnee über ihrer Grenze befanden, weil die Rinde nun ſanft abwärts zu gehen begann, wo unten der Bach ſein ſollte, über dem aber zwei Klafter hoher Schnee, oder noch höherer, ſtand. Wir wagten, da der Grund nicht zerriſſen iſt, und die Decke mit ihrem Glänzen ein gleichmäßiges Abgehen zeigte, das Hinabfahren mit unſeren Bergſtöcken. Es gelang gut. Wir hätten wohl mittelſt der Steigeiſen lange gebraucht, hinabzukommen, aber ſo gelangten wir in einem Augenblicke hinunter, daß die Luft an unſeren Angeſichtern und durch unſere Haare ſauſte. Wirklich glaubten wir, da wir wieder auf⸗ geſtanden waren, es habe ſich ein kleines Windchen gehoben, aber es war nur unſere Bewegung geweſen, und rings um war es ſo ruhig, wie den ganzen Tag. Wir legten nun in dem Grunde unſere Steigeiſen an, um über die Höhe und den bedeutenden Bühel empor zu kommen, in denen ſich die Wieſe hinüber gegen die Erlengebüſche legt, auf die wir hinaus gelangen wollten. Es iſt gut, daß ich aus Vorſicht die Spitzen der Steigeiſen immer zuſchleifen und ſchärfen laſſe; denn wir gingen über den Bühel, der wie eine ungeheure gläſerne Spiegelwalze vor uns lag, ſo gerade hinauf, als würden wir mit jedem Tritte an die Glätte ange⸗ heftet. Als wir oben waren und an dem Rande des Geerles ſtanden, wo man ziemlich weit herum ſieht, meinten wir, es dämmere bereits; denn der Eisglanz hatte da hinab, wo wir herauf gekommen waren, eine Farbe, wie Zinn, und wo die Schneewehen ſich überwölbten, und Rin⸗ nen und Löcher bildeten, ſaß es, wie grauliche Schatten darinnen; aber die Urſache, daß wir ſo trüb ſahen, mußte der Tag ſein, der durch die weißliche feſte Decke des Himmels dieſes ſeltſame dämmerige Licht warf. Wir ſahen auf mehrere Wälder, die jenſeits dieſer Höhe herum ziehen: ſie waren grau und ſchwarz gegen den Himmel und den Schnee, und die Lebendigkeit in ihnen, das gedämpfte Rauſchen, war faſt hörbar— aber deutlich zu vernehmen war mancher Fall, und dann das Brauſen, das darauf durch die Glieder der Bergzüge ging. Wir hielten uns nicht lange an dieſem Platze auf, ſondern ſuchten in die Büſche der Erlen einzudringen und durch ſie hindurch zu kommen. Die Steigeiſen hatten wir weggethan und trugen ſie über unſern Rücken herab hängend. Es war ſchwer durch die Zweige, die dicht aus dem Schnee nach allen Richtungen ragten, zu kommen. Sie hielten uns die ſtarren Ausläufe wie unzählige ſtählerne Stangen und Spieße entgegen, die in unſere Gewänder und Füße bohrten, und uns verletzt haben wür⸗ den. Aber wir gebrauchten unſere Bergſtöcke dazu, daß wir mit ihnen vor uns in das Gezweige ſchlugen, und Eis und Holz ſo weit zerſchlugen und weich machten, daß wir mit Arbeit und gegenſeitiger Hülfe durch gelangen konnten. Es dauerte aber lange. Da wir endlich heraus waren, und an den Hagweiden ſtanden, wo wir hinunter in das Thal ſahen, in dem mein Haus iſt, dämmerte es wirklich, aber wir waren ſchon nahe genug, und beſorgten nichts mehr. Durch die allgemeine dicke weißgraue Luft ſahen wir mein Haus, und ein gerader bläulicher Rauch ſtieg aus demſelben empor, wahrſcheinlich von dem Feuer kommend, an dem Maria, die Haushälterin, unſer Mahl in Bereitſchaft richtete. Wir legten hier wieder die Steigeiſen an, und gingen langſam hinunter, bis wir auf ebenem Boden waren, wo wir ſie wieder weg thaten. Vor den Thüren der Häuſer, die in der Nähe des meinigen ſind, ſtanden Gruppen von Menſchen, und ſchauten den Himmel an. „Ach, Herr Doctor,“ riefen ſie,„ach, Herr Doctor, wo kommt Ihr denn an dieſem fürchterlichen Tage her?“ „Ich komme von der Dubs und von den Eidunhäuſern,“ ſagte ich,„mein Pferd und den Schlitten ließ ich zurück, und bin über die Meierbacher Wieſen und die Hagweiden gekommen, weil ich nicht mehr durch den Wald konnte.“ Ich blieb ein wenig bei den Leuten ſtehen. Wirklich war der Tag ein furchtbarer. Das Rauſchen der Wälder war von ringsum bereits bis hierher zu hören, dazwiſchen tönte der Fall von Bäumen, und folgte immer dichter auf einander; ja ſogar von dem hohen obern Walde her, wo man gar nicht wegen der Dicke des Rebels hin ſehen konnte, konnte man das Krachen und Stürzen vernehmen. Der Himmel war immer weißlich, wie den ganzen Tag, ja ſein Schimmer ſchien jetzt gegen Abend noch lichter zu werden; die Luft ſtand gänzlich unbewegt und der feine Regen fiel gerade herunter. „Gott genade dem Menſchen, der jetzt im Freien iſt, oder gar im Walde,“ ſagte Einer aus den Umſtehenden. „Er wird ſich wohl gerettet haben,“ ſagte ein Anderer;„denn heute bleibt Niemand auf einem Wege.“ Ich und der Thomas trugen ſtarke Laſten, die ſchiet nicht mehr zu erhalten waren, deßwegen nahmen wir Abſchied von den Leuten, und gingen unſerm Hauſe zu. Jeder Baum hatte einen ſchwarzen Fleck um ſich, weil eine Menge Zweige herab geriſſen war, als hätte ſie ein ſtarker Hagelſchlag getroffen. Mein hölzernes Gitter, mit dem ich den Hof von dem Garten, der noch nicht fertig war, abſchließe, ſtand ſilbern da, wie vor dem Altare einer Kirche; ein Pflaumenbaum daneben, der noch von dem alten Allerb herrührte, war geknickt. Die Fichte, bei welcher mein Sommerbänklein ſteht, hatten ſie dadurch vor Schaden zu verwahren geſucht, daß ſie mit Stangen, ſo weit ſie reichen konnten, das Eis her⸗ abſchlugen— und wie der Wipfel ſich gar ſchier zu neigen ſchien, iſt der andere Knecht, Kajetan, hinauf geſtiegen, hat vorſichtig oberhalb ſich herab geſchlagen und hat dann an die oberſten Aeſte zwei Wiesbaumſeile gebunden, die er herab hängen ließ, und an denen er von Zeit zu Zeit rüttelte. Sie wußten, daß mir der Baum lieb war, und er iſt auch ſehr ſchön, und mit ſeinen grünen Zweigen ſo bebuſcht, daß ſich eine unge⸗ heure Laſt von Eis daran gehängt, und ihn zerſpellt oder ſeine Aeſte zer⸗ riſſen hätte. Ich ging in meine Stube, die gut gewärmt war, legte alle Dinge, die ich aus dem Schlitten zu mir geſteckt hatte, auf den Tiſch, und that dann die Kleider weg, von denen ſie unten das Eis herab ſchlu⸗ gen, und ſie dann in die Küchenſtube aufhängen mußten; denn ſie waren ſehr feucht. Als ich mich anders angekleidet hatte, erfuhr ich, daß der Gottlieb zu dem Walde des Thaugrundes hinab gegangen und noch immer nicht zurückgekehrt ſei, weil er wiſſe, daß ich durch den Thaugrund mit meinem Schlitten daher kommen müſſe. Ich ſagte dem Kajetan, daß er ihn holen ſolle, daß er ſich noch Jemand mitnehme, wenn er einen finden könne, der ihn begleite, daß ſie eine Laterne und Eiſen an die Füße und Stöcke in die Hand nehmen ſollen. Sie brachten ihn ſpäter daher und war ſchier mit Panzerringen verſehen, weil er nicht überall das Eis von ſich hatte abwehren können. Ich aß ein Weniges von meinem aufgehobenen Mahle. Die Däm⸗ merung war ſchon weit vorgerückt und die Nacht bereits herein gebrochen. Ich konnte jetzt das verworrene Getöſe ſogar in meine Stube herein hören, und meine Leute gingen voll Angſt unten in dem Hauſe herum. Nach einer Weile kam der Thomas, der ebenfalls gegeſſen und an⸗ dere Kleider angethan hatte, zu mir herein, und ſagte, daß ſich die Leute der Nachbarhäuſer verſammeln und in großer Beſtürzung ſeien. Ich that einen ſtarken Rock um und ging mittelſt eines Stockes über das Eis zu den Häuſern hinüber. Es war bereits ganz finſter geworden, nur das Eis auf der Erde gab einen zweifelhaften Schein und ein Schnee⸗ licht von ſich. Den Regen konnte man an dem Angeſichte ſpüren, um das es feucht war, und ich ſpürte ihn auch an der Hand, mit welcher ich den Bergſtock einſeßte. Das Getöſe hatte ſich in der Finſterniß ver⸗ mehrt, es war rings herum an Orten, wo jetzt kein Auge hindringen konnte, wie das Rauſchen entfernter Waſſerfälle,— das Brechen wurde auch immer deutlicher, als ob ein ſtarkes Heer oder eine geſchreiloſe Schlacht im Anzuge wäre. Ich ſah die Leute, als ich näher gegen die Häuſer kam, ſtehen, aber ich ſah die ſchwarzen Gruppen derſelben von den Häuſern entfernt mitten im Schnee, nicht etwa vor den Thüren oder an der Wand. „Ach Doctor helft, ach Doctor helft,“ riefen Einige, da ſie mich kommen ſahen, und mich an meinem Gang erkannten. „Ich kann Euch nicht helfen, Gott iſt überall groß und wunderbar, er wird helfen und retten,“ ſagte ich, indem ich zu ihnen hinzu trat. Wir ſtanden eine Weile bei einander, und horchten auf die Töne. Später vernahm ich aus ihren Geſprächen, daß ſie ſich fürchteten, daß bei der Nacht die Häuſer eingedrückt werden könnten. Ich ſagte ihnen, daß ſich in den Bäumen, insbeſondere bei uns, wo die Nadelbäume ſo vorhertſchend ſind, in jedem Zweige, zwiſchen den kleinſten Rei⸗ ſern und Radeln das unſäglich herunter rinnende Waſſer ſammle, in dem ſeltſamen Froſte, der herrſche, gefriere, und durch ſtetes nachhal⸗ tendes Wachſen an den Aeſten ziehe, Nadeln, Reiſer, Zweige, Aeſte mit herab nehme, und endlich Bäume biege und breche; aber von dem Dache, auf welchem die glatte Schneedecke liege, rinne das Waſſer faſt alles ab, um ſo mehr, da die Rinde des Eiſes glatt ſei, und das Rinnen befördere. Sie möchten nur durch Haken Stücke des Eiſes herab reißen, und da würden ſie ſehen, zu welch geringer Dicke die Rinde auf der ſchiefen Fläche anzuwachſen im Stande geweſen ſei. An den Bäu⸗ men ziehen unendlich viele Hände gleichſam bei unendlich vielen Haaren und Armen hernieder; bei den Häuſern ſchiebe alles gegen den Rand, wo es in Zapfen niederhänge, die ohnmächtig ſind, oder losbrechen, oder herab geſchlagen werden könnten. Ich tröſtete ſie hiedurch, und ſie begriffen die Sache, die ſie nur verwirrt hatte, weil nie dergleichen oder nicht in ſolcher Gewalt und Stärke erlebt worden war. Ich ging dann wieder nach Hauſe. Ich ſelber war nicht ſo ruhig, ich zitterte innerlich; denn was ſollte das werden, wenn der Regen noch immer ſo fort dauerte, und das Donnern der armen Gewächſe in ſo ra⸗ ſcher Folge zunahm; wie es jetzt, wo ſchier alles am Aeußerſten war, ge⸗ ſchah. Die Laſten hatten ſich zuſammengelegt; ein Loth, ein Quentchen, ein Tropfen konnte den hundertjährigen Baum ſtürzen. Ich zündete in meiner Stube Lichter an, und wollte nicht ſchlafen. Der Bube Gottlieb hatte durch das lange Stehen und Warten an dem Thaugrunde ein leich⸗ tes Fieber bekommen. Ich hatte ihn unterſucht, und ſchickte ihm etwas hinunter. Nach einer Stunde kam der Thomas und ſagte, daß die Leute zu⸗ ſammen gekommen ſeien und beten; das Getöſe ſei furchtbar. Ich er⸗ wiederte ihm, es müſſe ſich bald ändern, und er entfernte ſich wieder. Ich ging in dem Zimmer, in das der Lärmen, wie toſende Meeres⸗ wogen, drang, auf und nieder, und da ich mich ſpäter auf das lederne Sitzbette, das da ſtand, ein wenig niedergelegt hatte, ſchlief ich aus Mü⸗ digkeit doch ein. Als ich wieder erwachte, hörte ich ein Sauſen oberhalb meinem Dache, das ich mir nicht gleich zu erklären vermochte. Als ich aber auf⸗ ſtand, mich ermannte, an das Fenſter trat und einen Flügel öffnete, er⸗ kannte ich, daß es Wind ſei, ja, daß ein Sturm durch die Lüfte dahin gehe. Ich wollte mich überzeugen, ob es noch regne, und ob der Wind ein kalter oder warmer ſei. Ich nahm einen Mantel um, und da ich durch das vordere Zimmer ging, ſah ich ſeitwärts Licht durch die Thür des Gemaches herausfallen, in welchem Thomas ſchläft. Er iſt nämlich in meiner Rähe, damit ich ihn mit der Glocke rufen könne, wenn ich etwas brauche, oder falls mir etwas zuſtieße. Ich ging in das Gemach hinein, und ſah, daß er an dem Tiſche ſitze. Er hatte ſich gar nicht nie⸗ der gelegt, weil er ſich, wie er mir geſtand, zu ſehr fürchtete. Ich ſagte ihm, daß ich hinunter gehe, um das Wetter zu prüfen. Er ſtand gleich auf, nahm ſeine Lampe, und ging hinter mir die Treppe hinab. Als wir unten im Vorhauſe angekommen waren, ſtellte ich mein Licht in die Niſche der Stiege und er ſeine Lampe dazu. Dann ſperrte ich die Thür auf, die in den Hof hinaus führt, und als wir aus den kalten Gängen hinaus traten, ſchlug uns draußen eine warme, weiche Luft entgegen. Der un⸗ gewöhnliche Stand der Dinge, der den ganzen Tag gedauert hatte, hatte ſich gelöſet. Die Wärme, welche von der Mittagſeite her kam, und bis ietzt nur in den oberen Theilen geherrſcht hatte, war nun auch, wie es meiſt geſchieht, in die untern herab geſunken, und der Luftzug, der gewiß oben ſchon geweſen war, hatte ſich herabgedrückt, und war in völligen Sturm übergegangen. Auch am Himmel war es, ſo viel ich ſehen konnte, anders geworden. Die einzelne graue Farbe war unterbrochen; denn ich ſah dunkle und ſchwarze Stücke hie und da zerſtreut. Der Regen war nicht mehr ſo dicht, ſchlug aber in weiter zerſtreuten und ſtärkeren Tro⸗ pfen an unſer Geſicht. Als ich ſo ſtand, näherten ſich mir einige Men⸗ ſchen, die in der Nähe meines Hauſes geweſen ſein mußten. Mein Hof iſt nämlich nicht ſo, wie es gewöhnlich zu ſein pflegt, und damals war er noch weniger verwahrt, als jetzt. Das Mauerwerk meines Hauſes iſt nämlich von zwei Seiten in's Rechteck geſtellt, und das ſind die zwei Sei⸗ ten des Hofes. Die dritte war damals mit einer Planke verſehen, hinter der der Garten werden ſollte, in den man durch ein hölzernes Gitter hin⸗ ein ging. Die vierte war die Einfahrt, damals auch Planke, nicht ein⸗ mal gut gefügt, und mit einem hölzernen Gitterthore verſehen, das mei⸗ ſtens offen ſtand. In der Mitte des Hofes ſollte ein Brunnen werden, der aber damals noch gar nicht angefangen war. Es kam daher leicht an, daß Menſchen zu mir in meinem Hofe herzu treten konnten. Sie waren im Freien geſtanden, und hatten in großer Angſt den Zuſtand der Dinge betrachten wollen. Als ſie das Licht in den Fenſtern meiner Stube ver⸗ ſchwinden ſahen, und gleich darauf bemerkten, daß es an den Fenſtern des Stiegenhauſes herunter gehe, dachten ſie, daß ich in den Hof kom⸗ men würde, und gingen näher herzu. Sie fürchteten erſt rechte Verhee⸗ rungen und unbekannte Schrecken, da nun der Sturm auch noch dazu gekommen ſei. Ich ſagte ihnen aber, daß dies gut iſt, und daß nun das Aergſte bereits hinter uns liege. Es war zu erwarten, daß die Kälte, die nur unten, nicht aber oben war, bald verſchwinden würde. Es könne nun, da der Wind ſo warm ſei, kein neues Eis mehr entſtehen, ja das alte müſſe weniger werden. Der Wind, wie ſie meinten und fürchteten, könne auch nicht mehr Bäume ſtürzen, als in der Windſtille gefallen ſind; denn, als er ſich hob, ſei er gewiß nicht ſo ſtark geweſen, daß er zu der Wucht, mit der mancher Stamm ſchon beladen geweſen war, ſo viel hinzu gegeben hätte, daß der Stamm gebrochen wäre, wohl aber ſei er gewiß ſchon ſtark genug geweſen, um das Waſſer, das locker in den Na⸗ deln geſchwebt hatte und, die Eisſtücke, die nur mit einem ſchwachen Halt befeſtigt geweſen waren, herab zu ſchütteln. Der nächſte, ſtärkere Stoß habe ſchon einen erleichterten Baum gefunden und habe ihn noch mehr erleichtert. So ſei die Windſtille, in der ſich alles heimlich ſammeln und aufladen konnte, das Furchtbare, und der Sturm, der das Zuſammenge⸗ ladene erſchütterte, die Erlöſung geweſen. Und wenn auch mancher Baum durch den Wind zum Falle gebracht wurde, ſo wurden doch gewiß weit mehrere durch ihn gerettet und der ſchon im Aeußerſten ſtehende Stamm wäre auch in der Windſtille, nur um eine kleine Zeit ſpäter, ge⸗ fallen. Und nicht blos herab geſchüttelt habe der Wind das Eis, ſondern er habe es auch durch ſeinen warmen Hauch zuerſt in den zarteren Gewe⸗ ben, dann in den ſtärkeren zerfreſſen, und habe das dadurch entſtandene und auch das vom Himmel gefallene Waſſer nicht in den Zweigen gelaſ⸗ ſen, wie es eine blos warme, aber ſtille Luft gethan hätte. Und in der That obwohl wir durch das Sauſen des Sturmes hindurch das frühere Rauſchen der Wälder nicht hören konnten, ſo waren doch die dumpfen Fälle, die wir allerdings noch vernahmen, viel ſeltener geworden. Nach einer Weile, in welcher der Wind immer heftiger, und wie wir meinten, auch immer wärmer geworden war, wünſchten wir uns eine gute Nacht, und gingen nach Hauſe. Ich begab mich auf meine Stube, entkleidete mich, legte mich in das Bett, und ſchlief recht feſt bis an den Morgen, da ſchon der helle Tag an dem Himmel ſtand. Als ich erwacht war, ſtand ich auf, legte die Kleider an, die ich am Morgen gerne habe, und ging an die Fenſter. Der Sturm hatte ſich noch geſteigert. Ein weißer Schaum jagte an dem Himmel dahin. Der blaue —— Rauch, der aus der Hütte des Klum herausging, zerflatterte, wie ein zerriſſener Schleier. Wo ſich ein Stück einer ſchwarzen Wolke hinter einem Walde hervorragend ſehen ließ, wälzte es ſich am Himmel hin, und war gleich wieder nicht ſichtbar. Es ſchien, als ſollte jeder Dunſt verjagt werden und ſogleich das reine Blau zum Vorſchein kommen; al⸗ lein es quoll der weiße Qualm immer wieder heraus, als würde er in der Tiefe des Himmels erzeugt; und braunliche, und graue und röthliche Stücke jagten in ihm dahin. Die Dächer der Nachbarhütten ſchimmerten naß; in den Mulden des Eiſes, das über dem Schnee lag, ſtand Waſſer, und wurde gekräuſelt, und in ſeinen Tropfen in die Lüfte zerſpritzt; das andere naſſe Eis glänzte ſchimmernd, als wäre die Weiße des Himmels darauf geworfen; die Wälder ragten finſterer und die ſchwarze Farbe des Sturmes gewinnend gegen den Himmel, und wo ein näherer Baum ſeine Aeſte im Winde wiegte, ſtand oft augenblicklich ein langer Blitz da und verſchwand, und ſelbſt über die ferneren Wände der Wälder lief es noch zu Zeiten, wie verlorenes Geſchimmer und Geglänze. In meinem Hofe war es naß, und die einzelnen aber großen Tropfen ſchlugen gegen die andere Wand meines Hauſes und gegen ihre Fenſter; denn die meinigen waren dem Winde nicht zugekehrt und ſchauten gegen Sonnenaufgang. Bei der Fichte, an der mein Sommerbänklein ſteht, das aber jetzt wegen der großen Ueberhüllung des Schnees nicht zu erblicken war, ſah ich, wie ſie Leitern anlegten, und der Kajetan hinauf kletterte, um die zwei Wies⸗ baumſeile los zu löſen. Die Gefahr, in welcher wir ſchwebten, war nun eine andere und größere, als geſtern, wo nur für die Wälder und Gärten ein großer Schaden zu fürchten geweſen war. Wenn das Waſſer von dem außer⸗ ordentlich vielen Schnee, der in dem Winter gefallen war, auf einmal los gebunden wird, ſo kann es unſere Felder, unſere Wieſen und unſere Häuſer zerſtören. Der Wind war noch wärmer, als in der vergangenen Nacht; denn ich öffnete die Fenſter des Ganges, um ihn zu empfinden. Wenn einmal die dichte Eisdecke, die ſich geſtern wie zum Schutze auf die Erde gelegt hatte, durchfreſſen iſt, dann wird der Schnee, das lockere Ge⸗ wirre von lauter dünnen Eisnadeln, ſchnell in Tropfen zerfallen, die wilden Ungeheuer der Waldbäche werden aus den Thälern herausſtürzen, und donnernd die Felder, die Wieſen, die Flächen mit Waſſer füllen; von allen Bergen werden ſchäumende Bänder niedergehen; das beweglich ge⸗ — 9 wordene Waſſer wird, wo Felſen und jähe Abhänge empor ragen, die Lawinen, welche Steine, Schnee und Bäume ballen, die Bäche dämmen und vor ſich ein Meer von Waſſer erzeugen. Ich legte meine Kleider an, aß ſchnell mein Frühmahl und bereitete mich zu dem heutigen Tagewerke. Ich ging zu dem Knaben Gottlieb hinab, um nachzuſchauen; aber er war ganz geſund und ſah ſehr gut aus. Ich ſendete zu dem Vetter Martin, dem Wirth am Rothberge, hin⸗ unter, daß er mir heute ein Fuhrwerk leihe, denn durch den Thaugrund war der Weg durch geſtürzte Bäume verlegt, und konnte ſobald nicht be⸗ freit werden, obwohl nun keine Gefahr mehr unter den Bäumen herrſchte. Von dem Rothberge herauf war aber alles frei geblieben; denn die Bu⸗ chen mit ihren zähen Aeſten hatten die belaſteten Zweige zwar bis auf die Erde hängen laſſen, waren aber doch dem Zerbrechen widerſtanden. Auf dem Wege, auf welchem wir geſtern gekommen waren, konnte der Thomas nicht in das Eidun und zu dem Fuchſe hinüber gelangen, weil das Eis nicht mehr trug; und ein tiefes gefährliches Verſinken in den wäſſerigen Schnee hätte erfolgen müſſen. Er ſagte, er wolle es gegen Mittag verſuchen, bei den geſtürzten Bäumen vorbei zu klettern, und ſo in das Eidun zu kommen. Von den Rothberghäuſern war zeitlich früh ſchon ein Bote herauf gekommen, der mir Nachricht von einem Kranken zu bringen hatte, und dieſer hatte mir auch geſagt, daß es durch den Haidgraben und an dem Buchengehäng von dem Rothberge herauf frei geblieben war. Während ich auf den Knecht wartete, den mir der Wirth am Roth⸗ berge mit einem Fuhrwerke ſenden ſollte, unterſuchte ich die Eisrinde des Schnees. Sie war noch nicht zerſtört, aber an vielen Stellen in der Nähe meines Hauſes ſo dünn, daß ich ſie mit meiner Hand zerbrechen konnte. In muldenförmigen Gräben rann das Waſſer auf der glatten Unterlage bereits ſehr emſig dahin. Der Regen hatte ganz aufgehört, höchſtens daß noch mancher einzelne Tropfen von dem Winde geſchleudert wurde. Der Wind aber dauerte fort, er glättete das Eis, auf dem er das dünne Waſſer dahin jagte, zu dem feinſten Schliffe, und löſete durch ſeine Weichheit unabläſſig alles Starte und Waſſergebende auf. Der Knecht des Wirthes am Rothberge kam, ich nahm mein Ge⸗ wand gegen den Wind zuſammen, und ſetzte mich in den Schlitten. Ich habe an dieſem Tage viele Dinge geſehen. Statt daß es geſtern auf den Höhen und in den Wäldern gerauſcht hatte, rauſchte es heute in allen Thälern, ſtatt daß es geſtern an den Haaren des Fuchſes nieder gezogen hatte, flatterten ſie an dem heutigen Pferde in allen Winden. Wenn wir um eine Schneewehe herum biegen wollten, ſprang uns aus ihr ein Guß Waſſer entgegen, es raſchelte in allen Gräben, und in den kleinſten un⸗ bedeutendſten Rinnen rieſelte und brodelte es. Die Siller, ſonſt das ſchöne freundliche Waſſer, brauſte aus dem Walde heraus, hatte die fremdartig milchig ſchäumenden Wogen des Schneewaſſers, und ſtach ge⸗ gen die dunkle Höhle des Waldes ab, aus der ſie hervor kam, und in der noch die geſtürzten Bäume über einander und über das Waſſer lagen, wie ſie geſtern von dem Eiſe gefällt worden waren. Wir konnten nicht durch den Wald fahren, und mußten durch die Hagweiden den Feldweg einſchlagen, der heuer zufällig befahren war, weil die Bewohner von Haslung ihr Holz von dem Sillerbruche wegen des vielen Schnees nicht durch den Wald, ſondern auf dieſem Umwege nach Hauſe bringen mußten. Wir fuhren durch den geweichten Schnee, wir fuhren durch Waſſer, daß der Schlitten beinahe ſchwamm, und einmal mußte das Thier von dem Knechte mit größter Vorſicht geführt werden, und ich mußte bis auf die Bruſt durch das Schneewaſſer gehen. Gegen Abend wurde es kühler, und der Wind hatte ſich beinahe gelegt. Als ich mich zu Hauſe in andere Kleider gehüllt hatte, und um den Thomas ftagte, kam er herauf zu mir, und ſagte, daß er mit dem Fuchſe noch glücklich nach Hauſe gekommen ſei. Er habe die geſtürzten Bäume überklettert, man ſei mit Sägen mit ihm gegangen, um wenigſtens die größeren Stücke von dem Wege zu bringen, und da er zurück gekommen war, ſei es ſchon ziemlich frei geweſen. Ueber die kleineren Stämme und über die Aeſte habe er den Schlitten hinüber geleitet. Aber der Bach, der im Thaugrunde fließt, hätte ihm bald Hinderniſſe gemacht. Es iſt zwar nicht der Bach da, aber an der Stelle, wo unter dem Schnee der Bach fließen ſollte, oder eigentlich gefroren ſein mag, rann vieles Waſſer in einer breiten Rinne hin. Als er den Fuchs hineinleitete, wäre derſelbe im Schner verſunken, der in dem Grunde des Waſſers iſt, daher er ihn wieder zurück zog, und ſelber durch Hineinwaten ſo lange verſuchte, bis er den feſten Boden des heurigen Schlittenweges fand, auf welchem er dann den Fuchs und den Schlitten durchgeführt habe. Später wäre es nicht mehr möglich geweſen; denn jetzt ſtehe ein ganzer See von Waſſer in den Riederungen des Thaugrundes. Aehnliche Nachrichten kamen aus verſchiedenen Theilen meiner Rach⸗ barſchaft; von der Ferne konute ich keine bekommen, weil ſich Niemand getraute, unter dieſen umſtänden einen weiteren Weg zu gehen. Selbſt zwei Boten, die mir von entfernten Kranken Rachricht bringen ſollten, ſind ausgeblieben. So brach die Nacht herein und hüllte uns die Kenntniß aller Dinge zu, außer dem Winde, den wir über die weiße, waſſergetränkte, gefahr⸗ drohende Gegend hinſauſen hörten. Am andern Tage war blauer Himmel, nur daß einzelne Wölklein nicht ſchnelle, ſondern gemach durch das gereinigte Blau dahin ſegelten. Der Wind hatte faſt gänzlich aufgehört, und zog auch nicht mehr aus Mittag, ſondern ganz ſchwach aus Untergang. Auch war es kälter ge⸗ worden, zwar nicht ſo kalt, daß es gefroren hätte, doch ſo, daß ſich kein neues Waſſer mehr erzeugte. Ich konnte auf meinen Wegen faſt überall durchdringen, außer an zwei Stellen, wo das Waſſer in einer ſolchen Tiefe von aufgelöſetem und durchweichtem Schnee dahin rollte, daß es nicht möglich war durch zu gehen oder zu fahren. An einem andern Platze, wo es zwar ruhig, aber breit und tief in der Abſenkung des Tha⸗ les ſtand, banden ſie Bäume zuſammen und zogen mich gleichſam auf einem Floße zu einem gefährlichen Kranken hinüber. Ich hätte die an⸗ dern zwar auch gerne geſehen, aber es war doch nicht ſo nothwendig, und morgen hoffte ich ſchon zu ihnen gelangen zu können. Am nächſten Tage war es wieder ſchön. Es war in der Nacht ſo kalt geweſen, doß ſich die ſtehenden Wäſſer mit einer Eisdecke überzogen hatten. Dieſe ſchmolz am Tage nicht weg, wohl aber zerbrach ſie, indem die Wäſſer in die unterhalb befindliche Grundlage des Schnees ſchnell einſanken, und verſiegender wurden. Es war doch geſtern gut geweſen, daß ich zu dem Kumberger Franz auf dem Floße hinüber gefahren bin; denn das Mittel, welches ich ihm da gelaſſen hatte, hatte ſo gut gewirkt, daß er heute viel beſſer war, und faſt die Gefahr ſchon überſtanden hatte. Auch zu den andern zweien konnte ich ſchon gelangen. Man konnte zwar nicht fahren, weil es unter dem Waſſer zu ungleich war, aber mit einer Stange und meinem Bergſtocke, den ich daran band, konnte ich durch⸗ — 6 gehen. Die naſſen Kleider wurden, nachdem ich die zweiten, die ich mit führte, im Gollwirthshauſe angelegt hatte, in den Schlitten gepackt. Am nächſten Tage konnte ich auch ſchon wieder durch den Thau⸗ grund in das Eidun und in die Dubs hinüber gelangen. Es kamen nun lauter ſchöne Tage. Eine ſietige ſchwache Luft ging aus Sonnenaufgang. Nachts fror es immer, und bei Tage thauete es wieder. Die Wäſſer, welche ſich in jenem Sturme geſammelt hatten, waren nach und nach ſo verſiegt und verſunken, daß man keine Spur von ihnen entdecken konnte, und daß man auf allen Wegen, die ſonſt im Winter gangbar ſind, wieder zu gehen, und Anfangs mit Schlitten und ſpäter mit Wägen zu fahren vermochte. Eben ſo hatte ſich die unermeß⸗ liche Menge Schnee, die wir ſo gefürchtet hatten, ſo allmählig verloren, daß wir nicht wußten, wo er hingekommen iſt, als hie und da offene Stellen zum Vorſcheine kamen, und erblich nur mehr in Tiefen und Schluchten, und in den höheren Wäldern die weißen Flecke lagen. In den erſten Tagen nach jenem Ereigniſſe mit dem Eiſe, als die Leute ſich allgemach wieder auf entferntere Wege wagten, konnte man die Zerſtörungen erſt recht ermeſſen. An manchen Orten, wo die Bäume dicht ſtanden, und wegen Mangel an Luftzug und Licht die Stämme dün⸗ ner, ſchlanker und ſchwächer waren, dann an Gebirgshängen, wo ſie mageren Boden hatten, oder durch Einwirkung herrſchender Winde ſchon früher ſchief ſtanden, war die Verwüſtung furchtbar. Oft lagen die Stämme wie gemähte Halme durcheinander, und von denen, die ſtehen geblieben waren, hatten die fallenden Aeſte herab geſchlagen, ſie geſpal⸗ ten, oder die Rinde von ihnen geſtreift und geſchunden. Am meiſten hatte das Nadelholz gelitten, weil es zuerſt ſchon, namentlich, wo es dicht ſteht, ſchlankere zerbrechlichere Schafte hat, dann weil die Zweige auch im Win⸗ ter dicht bebuſcht ſind, und dem Eiſe um viel mehr Anhaltsſtellen ge⸗ währen, als die der anderen Bäume. Am wenigſten wurde die Buche mitgenommen, dann die Weide und Birke. Die Letztere hatte nur die feinſten herabhängenden Zweige verloren, die wie Streu herum lagen; — wo ein Stamm dünne genug war, hatte er ſich zu einem Reife ge⸗ bogen, derlei Reifen man dann im Frühlinge viele herum ſtehen ſehen konnte; ja noch im Sommer und ſelbſt nach mehreren Jahren waren manche zu ſehen. Allein, wie groß auch die Zerſtörung war, wie be⸗ deutend auch der Schaden war, der in den Wäldern angerichtet wurde, —h ſo war dieſes in unſerer Gegend weniger empfindlich, als es in andern geweſen wäre; denn da wir Holz genuß hatten, ja, da eher ein Ueber⸗ fluß, als ein Mangel daran herrſchte, ſo konnten wir das, was wirklich zu Grunde gegangen war, leicht verſchmerzen, auch mochten wir zu dem nächſten Bedürfniſſe nehmen, was gefallen war, wenn man nämlich dazu gelangen konnte, und es nicht in Schluchten lag, oder an unzugänglichen Felſen hing. Größer aber und eindringlicher noch mochte der Schaden an Obſtbäumen ſein, wo die Aeſte von ihnen gebrochen waren, und wo ſie ſelber geſpalten und geknickt wurden; denn Obſtbäume ſind ohnedem in der Gegend ſeltener, als ſonſt wo, und ſie brauchen auch mehr Pflege und Sorgfalt, und gedeihen langſamer, als es ſelbſt nur wenige Stun⸗ den von uns der Fall iſt, in der ebeneren Lage draußen, in Tunberg, in Rohren, in Gurfeld, und ſelbſt in Pirling, das näher an uns iſt, und an unſeren Waldverhältniſſen ſchon Theil nimmt. Von den Gruppen von Bäumen, die in meiner Wieſe und in der Rachbarſchaft herum ſtehen, und die ich ſo liebe, haben mehrere gelitten. Einige ſind geknickt, haben ihre Aeſte verloren, und drei Eſchen ſind ganz und gar umgeworfen worden. Im Thurwalde, der vielleicht der höchſte iſt, den man vom Hage und vom Hange ſehen kann, iſt eine Lawine herabgegangen, und hat das Holz genommen, daß man jetzt noch den Streifen mit freiem Auge er⸗ blicken kann. Als einige Zeit vergangen war, und die Wege an den Orten wieder frei wurden, hörte man auch von den Unglücksfällen, die ſich ereignet hatten, und von wunderbaren Rettungen, die vorgekommen waren. Ein Jäger auf der jenſeitigen Linie, der ſich nicht hatte abhalten laſſen, an dem Tage des Eiſes in ſein Revier hinauf zu gehen, wurde von einer Menge ſtürzender Zapfen erſchlagen, die ſich am oberen Rande einer Fels⸗ wand losgelöſt und die weiter unten befindlichen mitgenommen hatten. Man fand ihn mitten unter dieſen Eisſäulen liegen, da man ſich am an⸗ dern Tag trotz des Sturmes und der Schneeweiche den Weg hinauf zu ihm gebahnt hatte; denn der Jägerjung wußte, wohin ſein Herr gegan⸗ gen war, er nahm die Hunde mit und dieſe zeigten durch ihr Anſchlagen die Stelle, wo er lag. Zwei Bauern, welche von dem Rothberge, wo ſie übernachtet hatten, durch die Waldhäuſer in die Rid hinübergehen woll⸗ ten, wurden von fallenden Bäumen erſchlagen. Im untern Aſtung er⸗ trank ein Knabe, der nur zum Nachbar gehen wollte. Er verſank in dem weichen Schnee, welcher in der Höhlung des Grundes ſtand, und konnte nicht mehr herauskommen. Wahrſcheinlich wollte er, wie man erzählte, nur ein klein wenig von dem Wege abweichen, weil derſelbe ſchief und mit glattem Eiſe belegt war, und gerieth dadurch in den Schnee, der über einer weiten Grube lag, und unter den am ganzen Tage das Waſſer hinein gerieſelt war, und ihn trügeriſch unterhöhlt hatte. Ein Knecht aus den Waldhäuſern des Rothbergerhanges, der im Walde war, und das beginnende Rauſchen und NRiederfallen der Zweige nicht beachtet hatte, konnte ſich, als er nicht mehr zu entrinnen wußte, nur dadurch retten, daß er ſich in die Höhlung, welche zwei im Kreuze aufeinander geſtürzte Bäume unter ſich machten, hinein legte, wodurch er vor weiteren auf die Stelle ſtürzenden Bäumen geſichert war, und von fallendem Eiſe nichts zu fürchten hatte, da es auf dem Rund der großen Stämme zer⸗ ſchellte oder abgeſchleudert wurde. Allein das wußte er nicht, wenn ein neuer ſtarker Stamm auf die zwei ſchon daliegenden fiele, ob ſie nicht aus ihrer erſten Lage weichen, tiefer nieder ſinken und ihn dann zer⸗ drücken würden. In dieſer Lage brachte er einen halben Tag und die ganze Nacht zu, indem er naſſe Kleider, und nichts bei ſich hatte, womit er ſich erquicken und den Hunger ſtillen konnte. Erſt mit Anbruch des Tages, wo der Wind ſauſte und er von fallendem Eiſe und Holze nichts mehr vernehmen konnte, wagte er ſich hervor, und ging, theilweiſe die Eisrinde ſchon durchbrechend und tief in den Schnee einſinkend, zum nächſten Wege, von dem er nicht weit ab war, und gelangte auf demſel⸗ ben nach Hauſe. Auch den Joſikrämer hielt man für verunglückt. Er war im Has⸗ lung am Morgen des Eistages fortgegangen, um durch den Duſterwald in die Klaus hinüber zu gehen. Allein in der Klaus iſt er nicht ange⸗ kommen, auch iſt er in keinem der umliegenden Orte, nachdem er vom Haslung bereits drei Tage weg war, erſchienen. Man meinte, in dem hohen Duſterwalde, deſſen Gangweg ohnedem ſehr gefährlich iſt, wird er um das Leben gekommen ſein. Er war aber von den letzten Höhen, die von Haslung aus noch ſichtbar ſind, hinabgegangen, wo das Thal gegen die wilden Wände und die vielen Felſen des Duſterwaldes hinüber läuft und ſich dort an der Wildniß empor zieht, dann iſt er ſchräg gegen die Wand geſtiegen, die mit dem vielen Geſteine und den dünne ſtehenden Bäumen Stifter. 4. Aufl. II. 7 6 gegen Mittag ſchaut, und wo unten im Sommer der Bach rauſcht, der aber jetzt überfroren und mit einer unergründlichen Menge von Schnee bedeckt war. Weil der Weg längs des Hanges immer fort geht, und über ihn von der Höhe bald Steine rollen, bald Schnee in die Tiefe abgeleitet, ſo hatte der Krämer ſeine Steigeiſen angelegt; denn wenn ſich auch auf der Steile nicht viel Schnee halten kann, vor dem Verſinken alſo keine große Gefahr war, ſo kannte er doch den Regen, der da nieder fiel und geftor, ſehr gut, und fürchtete an mancher Schiefe des Weges auszuglei⸗ ten und in den Abgrund zu fallen. Da er, ehe es Mittag wurde, bei dem Kreuzbilde vorbei ging, das vor Zeiten der fromme Söllibauer aus dem Gehänge hatte ſetzen laſſen, hörte er bereits das Raſſeln und das immer ſtärkere Fallen des Eiſes. Da er weiter ging, die Sache immer ärger wurde, und zuletzt Bedenklichkeit gewann, kroch er in eine trockne Stein⸗ höhle, die nicht weit von dem Wege war, die er wußte, und in der er ſich ſchon manchmal vor einem Regen verborgen hatte, um auch heute das Gefahrdrohendſte vorübergehen zu laſſen. Weil er ſolche eisbildende Re⸗ gen kannte, daß ihnen gewöhnlich weiches Wetter zu folgen pflegt, und weil er mit Brod und anderen Lebensmitteln verſehen war, indem er gar oft ſein Mittagsmahl in irgend einem Walde hielt, ſo machte er ſich aus dem Dinge nicht viel daraus. Als er am andern Morgen erwachte, ging ein Waſſerfall über ſeine Steinhöhle. Der Wind, welcher von Mittag kam, hatte ſich an der Wand, die ihm entgegen ſchaute, recht fangen können, und da die Bäume wegen dem Gefelſe dünner ſtanden, ſo konnte er ſich auch recht auf den Schnee hinein legen, und ihn mit ſeinem Hauche ſchnell und fürchterlich auflöſen. Der Krämer ſah, wenn er ſeitwärts ſeines Waſſers am Eingange der Höhle hinüber blickte, daß allenthalben an den Gehängen weiße ſchäumende ſpringende Bänder nieder flatterten. Hören konnte er nichts wegen dem Toſen des eigenen Waſſers, das alles übertäubte. Auch ſah er unten manchen Schneeſtaub aufſchlagen von den unaufhörlich an allen Orten niedergehenden Lawinen; denn am oberen Rande der Wand geht ſchief eine Mulde empor, in welcher im Winter ein unendlicher Schnee zu liegen pflegt, der erſtens aus dem Himmel ſelbſt darauf fällt, und dann von der noch höher liegenden ſchie⸗ fen glatten Wand darauf herab rollt. Aus dieſem Schnee entwickelte ſich nun unſägliches Waſſer, das alles über den Hang, an dem der Weg des Krämers dahin ging, nieder rann und zu der Tiefe zielte, in der ſonſt — — der Wildbach jließt, jetzt aber ein unbekannt tiefes Gebräu von Schnee und Waſſer ſtand. An den Bäumen zerſtäubte manches Stück Schnee, das oben auf dem naſſen Boden ſachte vorgerückt war und ſich los gelöſt hatte. Der Krämer blieb außer dem erſten Tage noch die zwei folgenden in der Höhle. Er hatte, um ſich gegen die Kälte wehren zu können, die ihn bei ſeiner langen Ruhe überfiel, aus ſeinem Packe ein Stück grobes Tuch heraus ſuchen und ſich daraus ein Lager und eine Decke machen müſſen. In der Klaus iſt er aber dann auch nicht angekommen, ſondern man ſah ihn am vierten Tage nach dem Eisſturze Nachmittags mit ſei⸗ nem Packe an dem Hage vorüber gehen. Er ging nach Gurfeld hinaus, um ſich ſein Tuch, das er gebraucht hatte, wieder zurichten zu laſſen. Spät im Sommer fand ich einmal auch die zuſammengedorrten Ueberreſte eines Rehes, das von einem Baume erſchlagen worden war. Ich werde die Herrlichkeit und Größe jenes Schauſpieles niemals vergeſſen. Ich konnte es vielleicht nur allein ganz ermeſſen, weil ich immer im Freien war und es ſah, während die Andern in den Häuſern waren, und, wenn ſie auch durch einen Zufall hinein geriethen, ſich blos davor fürchteten. Ich werde es auch ſchon darum nicht vergeſſen, weil ſich im Früh⸗ linge darauf etwas angefangen hat, was mir auf ewig in dem Herzen bleiben wird.—— Ach du guter, du heiliger Gott! das werde ich ge⸗ wiß nie, nie, nie vergeſſen können! Es verging der Schnee ſo gemach, daß alles offen und grüner wurde, als ſonſt, und daß in den tiefſten Tiefen ſchon die Bäche zu einer Zeit nieder rauſchten, wo wir ſonſt noch manche weiße Inſeln auf den Feldern ſahen. Es wurde bald warm, und die Wäſſer des Schnees, die wir ſo gefürchtet hatten, waren nicht vorhanden. Sie waren entweder in die Erde eingeſickert, oder rannen jetzt in den ſchönen plätſchernden Bächen durch alle Thäler dahin. Die Bäume belaubten ſich ſehr bald, und wunderbar war es, daß es ſchien, als hätte ihnen die Verwundung des Winters eher Rutzen als Schaden gebracht. Sie trieben fröhliche junge Schoſſen, und wo einer recht verletzt war, und ſeine Aeſte gebro⸗ chen ragten, und wo mehrere beiſammen ſtanden, die ſehr kahl geſchlagen waren, kam eine Menge feiner Zweige, und es verdichtete ſich immer mehr das grüne Retz, aus dem die beſten fetteſten Blätter hervor ſproß⸗ ten. Auch die Obſtbäume blieben nicht zurück. Aus den ſtehen geblie⸗ —* . ——— — 100— benen Zweigen kamen die dichten Büſchel großer Blüthen hervor; ja wo die feineren Zweige fehlten, ſaßen in den Augen der dicken, ſelbſt der Stämme, Büſchel von Blüthen, waren ſehr groß und hielten ſich feſt, da ſie doch ſonſt in anderen Jahren, wenn ſie auch kamen, klein blieben, und wieder abfielen. Als der erſte Schnee weg ging, und der ſpätere, den mancher April⸗ tag noch nieder werfen wollte, ſich nicht mehr halten konnte, als die Erde ſchon gelockert und gegraben werden konnte, kam der Obriſt in unſere Gegend. Er hatte ſich ſchier das ganze obere Hag eigenthümlich gekauft, und begann an dem Eichenhage die Grundfeſten eines Hauſes aufwerfen zu laſſen. Es war beinahe genau die Stelle, von der ich ſchon früher zuweilen gedacht hatte, daß hier eine Wohnung ſehr gut ſtehen, und recht lieblich auf die Wälder herum blicken könnte. Ich kannte den Obriſt nicht. Ich wußte nur— und ich hatte es bei dem Wirthe im Rothberge gehört,— daß ein fremder reicher Mann in Unterhandlung um das obere Hag ſei, und daß er ſich anſäßig machen wolle. Später ſagte man, daß der Handel geſchloſſen ſei, und man nannte auch die Summe. Ich hielt nicht viel darauf, weil ich ſolche Gerüchte kannte, daß ſie bei wahren Veranlaſſungen gewöhnlich ſehr gerne über die Wahr⸗ heit hinaus gehen, und ich hatte auch keine Zeit, mich an der wahren Stelle um den Sachverhalt zu erkundigen, weil jener Winter gerade viel mehr Kranke brachte, als jeder andere. Im Frühlinge hieß es, daß ſchon gebaut werde, daß Wägen mit Steinen fahren, daß man im Sillerwalde das Bauholz behaue, welches der Zimmermann in Sillerau ſchon am vorigen Herbſte hatte fällen laſſen, und daß man bereits die Grundfeſten grabe. Ich ging eines Nachmittages, da ich Zeit hatte, hinauf, weil es wön meinem Hauſe nicht weit iſt, und weil ich ohnedem gerne dort hin⸗ übergehe, wenn ich zum Spazieren eine kleine Zeit habe. Es war wahr, ich fand eine Menge Menſchen mit Ausgrabungen an dem Platze be⸗ ſchäſtigt wo man das Haus bauen wollte. Die meiſten kannten mich und tüfteten den Hut oder grüßten auf andere Weiſe. Viele von ihnen hätten bei iv gearbeitet, als ich in dem nämlichen Zuſtande mit meinem ſeuut Hauſo wur Hier aber wurde mit viel mehr Händen und mit viel mioht Mittelm zuchtoich angefangen, als wollte man in ſehr kurzer Zeit fortich werwen. Bch ſah auch ſchon eine Menge Bauſtoff herbei geſchafft, un im eiſtet hölzernik Hütte wurde vielfach an den künftigen Thür⸗ und — 101— Fenſterſtöcken gemeißelt. Sogar der Garten, der neben dem künftigen Hauſe ſein ſollte, wurde ſchon ſeitwärts des Eichenhages abgeſteckt. Ich ſah den Baueigenthümer nirgends, und als ich fragte, antwortete man mir, er ſei jetzt ſelten gegenwärtig, er ſei nur einmal gekommen, habe Alles beſichtigt, und habe dann den weitern Verlauf des Werkes dem Baumeiſter aufgetragen. Wenn es aber wärmer werde, dann werde er ganz hieher kommen, werde in einem hölzernen Hauſe wohnen, das er ſich neben dem Eichenhage errichten laſſe, und werde im Herbſte ſchon ein paar Stuben des neuen Hauſes beziehen, die zuerſt fertig ſein und bis dahin gehörig austrocknen werden. Ich ſah mir die Sache, wie ſie hier begonnen wurde, ſorgfältig an, und der Plan, wie ihn mir der Werkführer auseinanderſetzte, gefiel mir ſehr wohl. Ich fragte gelegentlich auch um den Bauherrn und erfuhr, daß es ein alter Obriſt ſei. Weiter wußten die Leute ſelber nichts von ihm. Dann ging ich wieder in meine Wohnung hinunter. Ich baute ſelber in dieſem Frühjahre wieder weiter. Da wir be⸗ reits genug Steine im Vorrathe zuſammengeführt hatten, wurde die Gartenmauer angefangen. Die lieben ſchönen Obſtbäumchen, die ich hatte bringen laſſen, ſchlugen in dem allgemeinen warmen feuchten Früh⸗ linge ſehr gut an; die Blätter waren auf ihre Art faſt zu groß und zu dunkel, und die Zweige waren ſtrotzig und breiteten ſich in kurzer Zeit ſehr breit um die Stämmchen aus. Auch die Gemüſebeete, die erſten, die ich hatte, dehnten ſich ſchön grün in den Strahlen der Sonne hin. Die Blumen, die Roſenſträuche nämlich, die Flieder, und andere— alles, alles begann ſich zu rühren. Wegen der Tulpen, wegen der Zucht der Hyacin⸗ then durch Samen und wegen der Relken und anderer mußte ich mich erſt mit dem Kaufherrn in Gurfeld bereden; denn alles konnte nicht auf ein⸗ mal ſein. Die Stuben im oberen Stocke ſollten dieſen Sommer alle her⸗ gerichtet, mit Oefen verſehen und fertig ſein, daß ich daran gehen könnte, ſie mit Geräthen zu ſchmücken. Ich wollte alle Stuben des Stockwerkes zu meiner Wohnung beſtimmen, das will ſagen: die Eckſtube, zu der man aus der rothen Gartenthür, zu der ich immer den Schlüſſel führe, hinauf kann, ſollte mein Schlafgemach ſein, wie ſie es jetzt ſchon iſt, nur mußten alle Geräthe noch anders werden. Außer dem Bette mußten allerlei Gerüſte zu Schreibereien und Büchern darin ſein, damit ich gleich — 102— meine Geſchäfte in Ruhe verſehen könne. Daran ſoll das wahre Schreib⸗ gemach und auch Wohngemach ſtoßen. Es werden wohl noch viele Jahre vergehen, ehe ich mir werde das Schreibgerüſte ſchnitzen laſſen können, auf das ich ſinne, an dem ich ſchon mehrere Jahre zeichnete und es änderte, und zu dem jetzt immer noch nicht angefangen worden iſt. Aber es wird kommen, und die Käſten werde ich mir ſelber zeichnen und machen laſſen. Dann ſollen die anderen Zimmer hergerichtet und geordnet werden, daß man von einem in das andere gehen könne. Die achteckige Kammer, die ich am Anſchluſſe der zwei Seiten des Hauſes eigens habe machen laſſen, iſt wie eine Kapelle, und könnte, wenn man wollte, zu einer dienen. Wo man ſpeiſen ſoll, wenn ich allein bin, oder wenn Leute bei mir als Gäſte ſind, dieſe Stube ſoll zur Erde ſein, links, wo die vorzüglichſte Treppe von dem Hofe hinauf führt, und wo rechts der Gang iſt, in dem man zur Küche und zur Speiſekammer gelangen kann. An der andern Thür die weiter hinten in dem Hofe iſt, und von welcher auch eine Stiege in das Haus hinauf führt, neben dem Thomas vorbei, der nahe an mei⸗ nem Gemache ſchläft— an dieſer Thür ſoll hinterwärts der Kammer, wo jetzt Gottlieb iſt, gegen den Garten hin eine Stube gemacht werden, in der ich Getäfel und alle Schnitzerei anbringen laſſen werde, die ich liebe. Vielleicht, dachte ich, wenn Gott mein Wirken ſegnet, laſſe ich mir mehrere Zimmer täfeln, weil es ſo ſchön iſt. Neben dem Cajetan, und an der Scheuer und Wagenlaube ſollte erweitert werden, weil ich wie⸗ der einen Acker an mich gekauft hatte. Ach! alles im ganzen erſten Stockwerke ſollte desſelben Sommers fertig ſein, und jetzt, da ich dieſes ſchreibe und ſchon der dritte Sommer iſt, ſind kaum die weißen Fenſtervorhänge da, welche mir Maria, die alte Haushälterin heraufbrachte, und welche ich, weil ſie mich ſehr dar⸗ um bat, gutwillig annahm. Wann werden die Dinge fertig ſein, an denen ich ſo viele Freude hatte,— ich muß es ſagen, bei denen mir das Herz vor Freude hüpfte?! Der ſchönſte Frühling kam, alles drängte, blühte und ſchauerte von Fülle. Alle Hügel waren grün, die Felder wogten; auch die neuen, die man erſt heuer an dem Mitterwege hinauf, wohin die Fenſter des Hauſes des Obriſt's recht ſchön werden ſchauen können, angelegt hatte, wallten in der ſchönen blaugrauen Farbe des Kornes. Die ſchöne Fichte an meinem Sommerbänkchen war bedeckt mit den kleinen gelben wohlrie⸗ —— — — 103— chenden Blüthenzäpfchen; alles Laubholz ſchwankte in den neuen, lich⸗ teren, grüneren Kronen; ſelbſt die ferneren Nadelwälder ſtanden nicht ſo ſchwarz da, ſondern gewannen durch die neuen Anſätze, die ſie im Be⸗ ginne der wärmeren Jahreszeit treiben, das ſanftere Dämmern und das weichere Ferngrün, in dem ſie im Frühlinge ſtehen; und wenn man in ihnen ging, ſo war überall ein friſches Harzduften, und fie rührten ſich gleichſam in allen Zweigen und Aeſten von dem Schreien und Singen und Lärmen der Vögel. Wir hatten unſere jungen Rappen heraus ge⸗ than, und übten ſie ſchon theilweiſe im Fahren, aber nur ſehr wenig, daß ſie nur lernten, daß ſie ſich zuſammen gewöhnten, ſich im Sommer und Winter über einübten, und im künftigen Jahre abwechſelnd ge⸗ braucht werden konnten. Der leichte Wagen, den ich für ſie beſtellt hatte, und in dem ich alle die Fächer und Einrichtungen, wie ich ſie brauche, ſelber angegeben hatte, ſollte noch im Anfange des Sommers fertig werden, und es war in der Wagenlaube ſchon der Platz beſtimmt, auf dem er ſtehen ſollte. Wir hatten viele Leute, die im Hauſe arbei⸗ teten, daß es in der Vollendung weiter ſchreite; Alles regte ſich, wenn ich nach Hauſe kam und zuſah. Und wenn dann das Abendbrod vor⸗ über war, und ſich Alle entfernten, ſchaute ich oft wie ſchön, wie freudig und wie ſchmerzlich in die helle rothe Glut der Abendwolken, wie ſie hinter dem ſchwarzgezackten Rande des entfernten Waldes hinauszogen, ehe ich dann ein Licht anzündete, die Vorhänge herab that, und auf dem Papiere anzeigte, was ich heute erfahren habe, und was ich morgen unternehmen ſollte. In dem Knaben Gottlieb hatte ich mich nicht getäuſcht. Wie gleich meine Meinung geweſen war, daß er wieder geſund werden würde, ſo hat es ſich beſtätigt. Er war eigentlich von der Natur aus geſund, und nur durch ſchlechte Nahrungsmittel war er ſo herab gekommen geweſen. Er ſah jetzt aus, wie eine Roſe, war heiter, und wenn er ſo bleibt, dachte ich, werde ich ihn im Sommer das Heilwaſſer gar nicht mehr trinken laſ⸗ ſen. Ich bin ihm darauf gekommen, daß er ſich immer ſehr gerne etwas bei den Füllen zu thun machte; er liebte die Thiere, das mag daher kom⸗ men, weil er ſie früher nebſt anderen bei Gregordubs gehütet hatte. Er hätte gerne die Rappen überhaupt auf ſich genommen, aber das taugte nicht für ihn. Ich nahm einen Mann, der täglich zu uns kommen mußte, daß er ihn unterrichte, und ich ließ ihm von meinen Kleidern einen neuen — 104— Anzug machen. Ich gebe ihn ſchon nicht mehr weg. Die Pferde habe ich alle und im Ganzen dem Thomas anvertraut, weil er den Fuchs bisher ſo geliebt, und ihn ſo geſchickt behandelt hat. In jenen Tagen kam die Nachricht, daß der Obriſt mit ſeiner Toch⸗ ter in ſeiner neuen Heimath angelangt iſt. Sie haben ſich eine hölzerne Hütte recht bequem gebaut. Dieſelbe hat drei Zimmer, eine ſchöne Küche und eine große Stube für die Mägde. Ein Diener, der mit dem Obriſt gekommen iſt, hat einen Verſchlag neben der Stube ſeines Herrn, in dem er ſchläft. So wollen ſie ſich behelfen, bis einige Zimmer des neuen Hauſes zu bewohnen ſind, in welche ſie dann einziehen werden. Dieſe Dinge habe ich gehört, und habe nicht weiter darauf geachtet. Ich hatte wohl früher ſchon die Hütte ſelber aufſchlagen geſehen, und hatte bemerkt, daß der Bau des Hauſes aus der Erde hervor gerückt ſei; aber da ich länger nicht zu der Stelle hinauf gekommen war, wußte ich nicht, wie weit die Sache jetzt ſei, und kam auch ferner nicht hinauf. An einem Sonntage in der Kirche ſah ich ſie zum erſten Male, den Vater und die Tochter. Ich fahre gerne, wenn ich Zeit habe, zum Haupt⸗ gottesdienſte hinaus, ſonſt muß ich mit dem Frühgottesdienſte vorlieb nehmen, den ich im Sommer, wo ich zeitlich ausfahre, oft ſchon weit von meinem Hauſe entfernt, in einer Ortskirche anhöre. Der ſehr alte Pfarrer von Sillerau, der eben, als ich aus meinem Wagen ſtieg, von dem Pfarrhauſe in die Kirche hinüber ging, ſagte zu mir:„Seid Ihr mit Eurem neuen Nachbar herüber gefahren, Doctor?“ „Nein,“ antwortete ich,„ich kenne ihn noch gar nicht.“ „So iſt er allein heraus gekommen,“ ſagte der Pfarrer;„denn da ſteht ja ſchon ſein Wagen, er kömmt jeden Sonntag, und da ich Euch heute auch hier ſehe, meinte ich, Ihr ſeid gleich hinter einander heraus gefahren.“ „Ich habe freilich dieſe Sonntage her nicht kommen können,“ ant⸗ wortete ich,„weil es zu viele Hülfsbedürftige gab, und ich war genöthigt, mein göttliches Wort bald in dieſer Kirche zu ſuchen, bald in jener; in der Dubs, im Haslung, und einmal war ich gar ſchon in Pirling draußen.“ „So iſt es, ſo iſt es,“ ſagte der alte Pfarrer,„Ihr habt viel zu thun, und müſſet an manchen Orten helfen. Der Kirchen giebt es ja auch andere. So ſind die Kranken wieder mehr geworden?“ „Nein,“ antwortete ich,„ſie find um viele weniger, als in der vo⸗ rigen Woche; der Frühling hilſt mir, und in dieſer guten Luft werden alle geſund, daß ich eine große Freude habe. Darum konnte ich ja heute mit Ruhe zu Euch heraus fahren.“ „Das iſt ſchön, das iſt ſchön. Nun ſo werdet Ihr Euren neuen Nachbar in der Kirche ſehen. Er iſt ein ſehr vorzüglicher Mann, und gar nicht ſtolz, wenn auch alle Leute ſagen, daß er ſehr reich und vornehm ſei.— Ich wünſche Euch einen ſehr geſegneten Morgen, Doctor.“ Mit dieſen Worten verbeugte ſich der Pfarrer, und ging, das ſchnee⸗ weiße Haupt ein wenig vorgebeugt, über den ſchönen Raſenplatz, der vor der Kirche iſt, dem kleinen Pförtlein zu, das in die Sakriſtei führt. Ich hatte ihm ſehr ehrfurchtsvoll gedankt, und blieb noch ein wenig, um den Wagen des Obriſt's anzuſchauen. Es waren braune Pferde vor⸗ geſpannt, nicht mehr gar jung; aber ſchön gehalten, und ſehr friſch. Der Wagen war wohl gebaut, und gut. Der Knecht ſagte mir, daß er ſpäter ausſpannen und in die Kirche gehen werde, wie es mein Thomas auch immer thut. Die Pferde ſtehen in dem trocknen und reinen Stalle des Wirthes gut genug. Die vielen und mancherlei Wägelchen der Bauern, die von der Ferne zur Kirche gefahren kommen, bleiben angeſpannt auf der Gaſſe, die Thiere werden angebunden, und einige Leute des Wir⸗ thes ſind auch ſchon angewieſen, auf ſie die Aufſicht zu führen. In der Kirche ſah ich den Obriſt. Ich erkannte ihn ſ ogleich vor den andern. Er ſaß mit ſeiner Tochter vorne in dem Querſtuhle. Mein Sitziſt in der Mittelreihe neben den Bewohnern des Hanges. Ich habe ihn mir erſt recht ſpät nach dem Tode meines Vaters beſtellen können. Der Obriſt hatte einen ſchwarzen Rock von Sammet an, darauf ſein weißer Bart, den er geſtutzt trug, mit ſanftem Scheine niederfiel. Sein Haupthaar ſah ich mit Freude an: es war länger, als man es gewöhnlich trägt, war glänzend weiß und fiel ſehr reinlich gekämmt gegen den Nacken zurück. Daraus ſah das Angeſicht mit den vielen feinen Falten und den weißen Augenwimpern heraus. Seine Tochter war auch in Sammet, aber in dunkelgrünen gekleidet. Ihre braunen Haare waren über der Stirne ab⸗ getheilt. Ich kann die beſtaubten Perücken, die man aufſetzt, nicht gerne anſchauen, darum gefiel es mir, daß beide ſo gekleidet waren. Als ich aus der Kirche kam, mich in meinen Wagen geſetzt hatte, — 106— und nach Hauſe fuhr, ſah ich ſie, da ich einmal umſchaute, hinter mir in einiger Entfernung nachfahren. Allein, da mein Thomas auf die Vor⸗ trefflichkeit unſeres Fuchſes ſtolz iſt, und wahrſcheinlich wußte, daß die Braunen hinter uns liefen, holten ſie uns nicht ein. Wo der Weg dann abwärts lenkt gegen Thal ob Pirling, fuhren ſie ſeitwärts hinüber gegen das Hag, wo ihr Haus ſteht. Die Braunen liefen gut, wie wir es ſehen konnten, ſie hielten die ſchöne Richtung, und es flog unter ihnen der Staub des Feldweges auf. Man hat den Ort, wo mein Haus ſteht, immer den Hang oder auch Waldhang genannt. Dies war noch ſo, als mein Vater ſeine Hütte be⸗ wohnte, auch noch ſo, als ich nach Prag ging: aber wie die Häuſer meh⸗ rere wurden, und Zahlen erhielten, nannten ſie uns Thal ob Pirling. Dieſes erſcheint darum ſo, weil wir, obwohl wir in einem Thale ſind, viel höher liegen, als Pirling, zu dem unſere Wäſſer hinab fließen. Ich kann mich an eines nicht gewöhnen, und ſage und ſchreibe, wie das Volk, bald das eine, bald das andere: Hang oder Thal ob Pirling. Da die Kranken immer weniger wurden, gleichſam, als wollte der Frühling alles gut machen, was der Winter, namentlich ſein Ende, Ueb⸗ les gethan hatte, das ſo viele Krankheiten, wenn auch wenig Tod geſen⸗ det hatte— ſo gewann ich Zeit, nicht blos bei der Arbeit in meinem Hauſe nachzuſchauen, ſondern auch manchmal in der Gegend herum zu gehen, wie ja das Gehen meine Gewohnheit iſt, und wie ich, wenn die Kranken weniger ſind, in den Wäldern herum gehen muß, Pflanzen an⸗ ſchauen und nach Hauſe nehmen, oder unter einem Baume ſitzen, etwas leſen, oder etwas auf ein Papier aufſchreiben, oder gar nur auf die Thä⸗ ler und Waldrücken hinaus ſchauen, die ſo ſchön ſind, und auf denen das liebe Blau liegt, und aus deren Schoße manchmal ein dünner, lichter, freundlicher Rauchfaden aufſteigt. So kam ich einmal durch das Eichen⸗ hag, das ich ſehr liebe, hervor, und wollte den Bau des Hauſes ein we⸗ nig anſchauen. Da ich im Graſe ſtand, kam der Obriſt über ein Bret zu mir herüber, lüftete ſein Barett, grüßte mich, und ſagte:„Ihr ſeid der junge Arzt, von dem in der ganzen Gegend ſo viel Gutes geſagt wird.“ „Ich bin der Arzt,“ ſagte ich,„jung bin ich auch, und wenn die Gegend Gutes ſagt, ſo vergißt ſie zuerſt dem zu danken, von dem alles Gelingen kommt; ich kann nichts thun, als das Gelernte anzuwenden. Wenn ich Dank verdiene, ſo könnte es cher ſein, weil ich auch zuweilen „— — 107— außer meinem ärztlichen Berufe mich beſtrebe, den Leuten einiges Gute zu thun.“ „Weil ich Euch hier bei meinem angefangenen Werke ſehe,“ fuhr der Obriſt fort,„ſo erlaubt, daß ich Euch eine Bitte vortrage. Ich will hier, in dieſer urſprünglichen Gegend, den Reſt meines Lebens zubringen. Darum möchte ich mit einigen Nachbarn, mit denen ich in Beziehungen gerathen werde, und die ich nach ihrem Rufe ſchon im Voraus ſchätzen muß, in liebe Bekanntſchaft und freundlichen Umgang kommen. Erlaubt mir daher, daß ich Euch in dieſen Tagen in Eurem Hauſe einen Beſuch abſtatte, der mir als dem Ankommenden und Fremden geziemt, und der als Anfang guter Nachbarſchaft gelten möge. Meine Tochter müſſet Ihr entſchuldigen. Ich werde ſie nicht mitbringen; denn da Ihr unvermählt ſeid, möchte es ſich nicht ſchicken, daß ich ſie Euch in's Haus führe. Sagt mir, wenn ich Euch in Euren Arbeiten am wenigſten beirre?“ „Ich werde es mir zur Ehre rechnen, Euren Beſuch zu empfangen,“ antwortete ich,„und weil Ihr ſo gut ſeid, Euch nach meiner Zeit richten zu wollen, ſo wählet die Nachmittagszeit um zwei Uhr, drei Uhr, oder vier Uhr; Vormittags bin ich nie zu Hauſe, weil ich zu denen muß, die auf mich harren.“ „Ich werde zu dieſer Zeit kommen,“ antwortete er.„Ihr baut ja auch,“ fuhr er fort,„da Ihr alſo an dieſer Sache Antheil nehmt, ſo be⸗ ſehet ein wenig dieſe Anlage, Ihr werdet ſchon daraus zum Theile ent⸗ nehmen können, wie das Ganze werden wird. Ich möchte für mich und die Meinigen für dieſen Herbſt ſchon ein Plätzchen fertig haben, darin ich den Winter nothdürftig zubringen könnte. Denn ſeht, ich habe den Ent⸗ ſchluß, daß ich nicht wieder fort gehen und mein angefangenes Werk allein ſtehen laſſen mag. Im nächſten Sommer wird dann weiter ge⸗ arbeitet. Unter Dach und Fach aber möchte ich bis Mitte dieſes Som⸗ mers ſein.“ Er begleitete mich, da ich nach dieſen Worten in den Bau hinein ging, ſelber in denſelben, und ſetzte mir, da wir darin herum gingen, den allgemeinen Plan auseinander. Da wir noch Verſchiedenes, aber haupt⸗ ſächlich über das Bauen geſprochen hatten, beurlaubte ich mich, und nahm meinen Weg nach Hauſe. Er begleitete mich bis an die Grenze ſeines Beſitzthumes, die durch abgeſteckte, weit auseinander ſtehende Pfähle angezeigt war. — 108— Das war alſo der Anfang dieſer Bekanntſchaft. Ich erkannte im Hinabgehen zum Hange gleich, daß er viel geſchick⸗ ter, ineinandergreifender und auch viel ſchneller baue als ich. Er mußte in dem Dinge bedeutend mehr Erfahrung beſitzen. Als ich zu Hauſe angelangt war, beſuchte ich noch meine Leute, dieſe grüßten mich freundlich, und arbeiteten luſtig fort, während die warme Luft durch die leeren Räume meiner Zimmer ſtrich, und ſchöne weiße Frühlingswolken über den Wald her bei den Fenſtern herein ſchau⸗ ten. Kajetan trieb die Rinder bei dem Gitterthore herein, die Mägde trugen Waſſer, weil der Brunnen, der mitten in meinem Hofe ſein ſollte, immer noch nicht angefangen war, und den Thomas hörte ich aus dem Stalle, wo er mit den Pferden beſchäftigt war, bis in mein Stube her⸗ auf ſingen. Nach zwei Tagen kam der Obriſt zu mir zum Beſuche. Er war vom Hage herab gegangen. Er hatte wieder einen dunkeln Rock, dazu die weißen Haare gut ſtanden; auf dem Haupte hatte er aber kein Barett, ſondern einen Hut, wie ſie bei den Soldaten in der Armee gebräuchlich waren, und in der Hand trug er ein Rohr mit einem ſchönen Knopfe. Ich führte ihn in meine Stube hinauf; denn ich hatte ihn kommen geſehen und war ihm entgegen gegangen. Wir ſetzten uns nieder und redeten eine Weile. Er fragte mich um meine Wirkſamkeit, und ich ſetzte ihm dieſelbe aus einander. Dann ſprachen wir über die Leute, wie ſie ſo in dem Walde vorkommen, und wie ſie fügſam oder unfügſam ſind. Wir ſprachen von den Pflichten der Kirche und Schule, und von denen der Bürger und Unterthanen. Bei dieſer Gelegenheit erfuhr ich, daß er ſein Beſitzthum ſo erkauft habe, daß es ganz frei iſt, ohne Hörigkeit und Laſten, die er ſchuldig ſei. Als er aufſtand, zeigte ich ihm mein Haus, wie er mir das ſeinige gezeigt hatte, und ſagte ihm, was ich für Pläne hatte. Er lobte alles und ſagte doch hie und da etwas, aus dem ich ler⸗ nen konnte. Ich zeigte ihm auch meine jungen Pferde, die ihm ſehr ge⸗ fallen hatten. Er mußte viel mit Pferden umgegangen ſein. Die Rin⸗ derzucht des Kajetan lobte er auch, und bat mich, wenn ich überhaupt Kälber aus dieſem Schlage weggebe, daß ich ihm einige zukommen laſſen möchte, er würde ſich aus dieſer Zucht einen Anfang zu der ſeinigen wäh⸗ len. Ich verſprach es ihm gerne. Da er fortging, begleitete ich ihn ebenfalls, wie er mich begleitet —— hatte. Ich ging mit ihm bis über die Stelle hinauf, wo die Hütte mei⸗ nes Vaters geſtanden war. Dort ſagte ich ihm, daß hier die Grenze meiner Beſitzung ſei, und daß ich mich hier beurlauben werde. Als wir Abſchied nahmen, als er mir die Hand reichte, als wir ſo beiſammen ſtanden, er der alte Mann, und ich der ganz junge— als ich ihm dann, da er fort war, ein wenig nachſchaute, und darauf wieder gegen mein Haus hinab ging, dachte ich: es iſt gut, daß dieſer Mann gekommen ſei, daß ich mit ihm reden könne, daß ich mit ihm umgehe und von ihm etwas lerne. Nach zwei Tagen, ebenfalls Nachmittag, wo ich wieder ganz frei war, erwiederte ich ſeinen Beſuch. Ich habe nämlich nicht dafür gehal⸗ ten, daß mein zufälliges Zuſammentreffen mit ihm bei ſeinem Baue für einen Beſuch zu rechnen ſei. Ein alter Diener, den ich fragte, führte mich in das hölzerne Haus hinein. Der Hauptgang des Hauſes, der an der Küche vorüber führte, hatte zwei Thüren gegenüber, die eine rechts, die andere links. Der Diener führte mich durch die Thüre rechts zu dem Obriſten hinein. Er ſaß auf einem niederen Holzſtuhle und fütterte ſel⸗ ber die zwei ſchönen Wolfshunde, die ich dazumal zum erſten Male ſah, und die mich jetzt ſo lieben. Die Hunde knurrten auf mich, weßhalb er einige Worte zu ihnen ſagte, auf die ſie ſich ſogleich, wie im Verſtänd⸗ niſſe, beruhigten. Das Zimmer war ſehr leicht, nur aus genagelten Brettern aufgeführt, einige Koffer ſtanden da, Papiere und Bücher lagen herum, und die wenigen Geräthe waren aus weichem Holze zuſammen⸗ geſchlagen. Der Obriſt ſtand auf, als er mich herein gehen ſah, legte die Dinge, die er in der Hand hatte, weg, und ſagte:„Seid gegrüßt, Doctor, ich muß die eingebildeten Narren manchmal ſelber füttern, ſie meinen, was ſie nicht Gutes bekommen, wenn ich ihnen etwas hinein ſchneide. Wir ſind ein wenig weit ſpazieren geweſen. Wir waren durch das ganze Ei⸗ chenhag hindurch und gar oben auf den Weiden. Da habe ich ſelber erſt ſpät mein Mittagmahl gehalten, und dann meinen zwei Begleitern das ihrige gegeben. Ich wollte Euch zum Sitzen einladen, wenn hier etwas wäre, darauf man mit gutem Fuge ſitzen könnte.“ Ich legte mein Barett ab, und ſaß auf einen hölzernen Stuhl neben dem tannenen Tiſche nieder, an dem er ſtand. Der Obriſt gab den zudrin⸗ genden Hunden noch ſchnell den Reſt, den er bei meinem Eintritte weg⸗ — 110— gelegt hatte, rückte ſich dann einen zweiten Stuhl an den Tiſch, und ſetzte ſich zu mir nieder. Wir ſprachen wieder von verſchiedenen Dingen, wie es bei einem ſolchen Beſuche der Fall zu ſein pflegt. Dann ſagte er, er wolle mir ſeinen Bau zeigen, wie ich ihm den meinigen gezeigt hätte. Wir gingen in das Haus, ſahen herunten alles an, und ſtiegen dann auf die Gerüſte und betrachteten den bisherigen Fortgang. Er führte mich in die Hütte, wo die Steinmetzarbeiten gemacht wurden, und zu dem Platze, wo man mit Kalkbrennen und mit Löſchen desſelben beſchäftiget war. Ich ſah, wenn der Mann in dieſem Sommer mit dem Hauſe fertig werden wolle, daß dies auf die Weiſe kaum gehe, wie es bisher betrieben worden war. Und in den Herbſt und Winter hinein konnte er ja doch nicht in den Bretterſtuben wohnen bleiben, wenn die Gemächer, die er im neuen Hauſe beziehen wollte, nicht gehörig ausgetrocknet wären. Ich trug ihm daher an, ich wolle ihm für dieſen Sommer alle meine Leute, welche bei der Förderung meines Hauſes arbeiteten, überlaſſen, da er ſonſt doch keine andern bekäme. Bei mir wäre es einerlei, ob ich ſie habe oder nicht. In meinen Stuben, die einmal zu unſerer Unterkunft eingerichtet wären, könnten wir fort wohnen, ſie bedürfen keiner weitern Vorrich⸗ tung, und die andern Gemächer könnten heuer ſo gut leer bleiben und unvorgerichtet, wie ſie es im vorigen Jahre geweſen ſind. Im nächſten Sommer würde ich ſie dann ſchon machen laſſen, und er und ich, wir könnten uns dann in die Leute theilen, wie wir es für zweckmäßig fänden. Der Obriſt ſah ein, daß dieſer Vorſchlag gut ſei, und nahm ihn ſehr gerne an. Da er mir noch die ganze Bretterhütte gezeigt hatte, wie ſie einge⸗ richtet ſei, fteilich ſchlecht und nur zu dem augenblicklichen und ſommer⸗ lichen Bedürfniſſe auslangend, da wir auch in dem Behältniſſe geweſen waren, indem derweilen die Braunen ſtanden, und der Wagen aufbe⸗ wahrt wurde, gingen wir wieder in ſein Gemach, wo ich ihn zuerſt mit den Hunden angetroffen hatte. Als wir uns in dem Gange befanden, aus dem man durch die Thür rechts in ſein Gemach kömmt, öffnete er die Thür links, die gegenüber war, und rief hinein:„Margarita, komme dann auf einen Augenblick zu mir herüber.“ Nach einem kleinen Weilchen, da wir wieder an dem tannenen Tiſche — 111— ſaßen, ging ſie bei der Thür herein. Sie war heute in ganz weißen Klei⸗ dern, und dieſe Kleider hüllten ſich recht gut um ihren Körper. Da ſie näher trat, war ſie in dem ganzen Angeſichte ſehr erröthet. Der Obriſt ſtand auf, ich auch ſogleich, er nahm ſie bei der Hand, ſtellte ſie vor mich, und ſagte:„Margarita, das iſt der Arzt, der unten im Hange wohnt. Er iſt ein ſehr rechtſchaffener Mann. Wenn wir ihn auch noch nicht näher kennen, ſo ſpricht doch der allgemeine Ruf nur lauter Gutes von ihm. Du wirſt in ihm, wie ich mir zu hoffen getraue, in Zukunft unſern guten Nachbar und unſern Freund verehren.“ Dann ſagte er, indem er ſich zu mir wendete:„Dieſe iſt meine Toch⸗ ter Margarita, ſie hat nur mich allein, und wohnt jetzt mit mir in dieſer Bretterhütte, und wird dann mit mir in dem Hauſe wohnen, wenn es einmal fertig geworden iſt.“ Sie hat zu dieſen Worten nichts geſagt, ſondern nur die Augen nie⸗ der geſchlagen, und ſich verneigt. „Du kannſt nun ſchon wieder hinüber gehen in Dein Zimmerchen, mein Kind,“ ſagte er. Worauf ſie ſich noch einmal verneigte, und fort ging. Wir blieben noch eine Weile bei einander ſitzen, und dann nahm ich Abſchied und ging nach Hauſe. Am andern Tage ſagte ich meinen Arbeitern, was ich für ein Ab⸗ kommen mit dem Obriſt getroffen habe, und daß ſie nun fürder bei ihm arbeiten werden, der ihnen in Anbetracht der Nöthigkeit des Dinges einen etwas größeren Lohn geben wolle, als ich, wenn ſie in den neuen Ver⸗ trag willigen wollten. Wir hätten es, nämlich er und ich, ſo ausgemacht. Sie willigten alle ein, und zogen dieſes Tages mit ihren Werkzeugen und Vorrichtungen von mir fort, und ſtanden am nächſten Tage bei ihm ein. Nachdem wir dieſe zwei Anfangsbeſuche gemacht hatten, wobei wir beide in unſern ſchönſten Kleidern waren, ging die Sache ſchon in einem leichteren Geleiſe. Die Krankheiten des Winters hatten ſich ſo glücklich gehoben und der Geſundheitszuſtand des ſchönen Sommers war ſo vor⸗ züglich geworden, daß ich viele Zeit ftei hatte und zu meinem Belieben verwenden konnte. Das Bauen hatte für mich eine ſolche Annehmlich⸗ keit gewonnen, und meine Zimmer und mein Haus erſchienen mir ſo leer, ſeit ich die Leute zu dem Obriſt hatte hinauf gehen laſſen, daß ich öfter ſelber in das Hag hinauf ging, um dem Bauen zuſchauen zu können. Die — 112— Sache ging jetzt wirklich ſichtbar raſcher, ſeit er die mehreren Hände gewonnen hatte, als früher, obwohl es da auch, wie ich ſchon geſagt habe, viel ſchneller von ſtatten ging, als einſtens bei mir. Der Obriſt kam auch häufig zu mir, und wir ſahen ſehr bald ſchon nicht mehr dar⸗ auf, wer dem andern einen Beſuch aus Höflichkeit ſchuldig ſei, oder nicht, ſondern wie es einen anmuthete, daß er zu dem andern gehen ſollte, nahm er ſein Barett und ging. Es iſt eine wahre Freude für mich ge⸗ worden, die Geſpräche dieſes Mannes anhören zu können, und es that mir auch wohl, von dem, was ich dachte, was ich erforſchte und was ich für die Zukunft vor hatte, zu ihm reden zu können. Ich war jetzt ge⸗ wöhnlich vor meinem Mittagsmahle ſchon mit meinen Tagesgeſchäften fertig, und ging Rachmittags, wenn die Sommerſonne wie ein glänzen⸗ des Schild zu den Abendwäldern ſachte hinüber ging, gerne zu ihm hin⸗ auf, um die Zeit bis zu dem lauen Abende mit ihm zubringen zu können, worauf ich wieder heim ging, um mich bei meinen Forſchungen und bei meinen Vorbereitungen für den folgenden Tag zu beſchäftigen. Wenn ich eines Tages länger aufgehalten war, und vielleicht nach dem Eſſen etwas mehreres anzuordnen hatte, als gewöhnlich, weil da die Boten warteten, die ich mit Mitteln zu den verſchiedenen entfernten Kranken ſchicken mußte, von denen ſie gekommen waren: ſo kam er ſchon herunter und ſagte, er wolle ſehen, ob ich krank ſei, oder ob ich ſo viel zu thun hätte, daß ich nicht zu ihm hinauf kommen könnte. Wenn er dann ſah, daß ich nur ſo viel zu ſchaffen gehabt hatte, daß ich nicht zu ihm kam, war es ihm ſchon recht. Seine Tochter Margarita war ſehr ſchön. Ich habe einmal eine in Prag gekannt, Chriſtine, die Tochter eines Kaufherrn, die ſehr ſchön geweſen iſt, aber Margarita war viel ſchöner. Das einzige, was in meinen Sachen dieſes Sommers gefördert wurde, war der Wagen, welchen ich für die zwei jungen Pferde beſtellt hatte und welcher ankam. Wir verſuchten die Thiere darin, und der Obriſt war herunten, und gab uns in vielen Kleinigkeiten hiebei ſeinen Rath, der uns außerordentlich zum Vortheile war. Er nahm einmal ſogar ſelber die ſchlanken Rappen in die Leitriemen zuſammen, und fuhr mit ihnen ſo geſchickt den Weg entlang, als wären ſie ſeine Wolfshunde, die ihm ſehr folgen. Der Wagen war ſchön, leicht, und. war in ſeinen Einrichtungen und in ſeiner Geſtalt zu meiner Zufriedenheit ausgefallen. Der Obriſt — 113— zeigte dem Thomas mehrere Anſtalten, wie er die jungen Pferde behan⸗ deln ſolle, damit ſie im beſten Gedeihen fort lebten. Mehrere Tage nach der Sonnenwende wurde das Dach auf das Haus des Obriſt geſetzt. Es war der Richter der oberen Häuſer, worunter das Hag gehört, zugegen, es war der alte Pfarrer von Sillerau mit dem Wa⸗ gen des Obriſt's abgeholt worden, es war der Gutsherr von Tunberg mit ſeiner Frau und ſeinen Töchtern herein gekommen, es war der Vetter, der Wirth vom Rothberge zugegen, und es waren mehrere Bauern und Nach⸗ barn, die in den Waldhäuſern herum wohnen, eingeladen worden. Als die letzte Sparre aufgerichtet worden war, an welcher der Fichtenwipfel befeſtiget war, an dem die bunten Bänder wallten, vorzüglich roth⸗ und blauſeiden— ich wußte damals noch nicht, warum dieſe Farben— als man unten die erſte Latte angenagelt hatte, dann ſogleich an ihr die nächſt obere, und als es mit den vielen Händen, die beſchäftigt waren, im Takt⸗ ſchlage raſch aufwärts ging, bis endlich die oberſte und letzte am Friſt be⸗ feſtigt war, und die drei Daraufſchläge als Zeichen, daß es nun vollendet ſei, nach den rollenden Axtſchlägen noch einzeln erſchollen waren: da er⸗ hob ſich ein Zimmergeſelle neben dem Fichtenwipfel in ſeinem Sonntags⸗ ſtaate, von deſſen Hute zwei lange rothe und blaue ſeidene Bänderenden herunter hingen, am Rande des Brettes ſtehend, das man über die ober⸗ ſten Querbalken der Sparren gelegt hatte, und ſagte den Zimmermanns⸗ ſpruch auf uns herunter, die wir im Graſe ſtanden und hinauf ſchauten. Als er mit dem Spruche fertig war, nahm er eine Kriſtallflaſche, die hin⸗ ter ihm auf dem Brette geſtanden war, ſchenkte ſich aus der Flaſche einen Wein, der in derſelben enthalten war, in ein Glas, das er in der Hand hielt, und trank den Wein auf uns herunter grüßend aus. Dann warf er das leere Glas hoch in einem Bogen in das Eichenhag hinüber, daß es in den Aeſten zerſchellte. Hierauf reichte er die Flaſche dem zunächſt hinter ihm auf dem Brette ſtehenden, welcher ſich auch in ein Glas ſchenkte, austrank, und das leere Glas in das Eichenhag warf. Und ſo thaten alle hinter einander auf dem Brette ſtehenden Gewerksgeſellen, bis es auf den letzten kam. Dieſer nahm die Flaſche, die bei ihm leer geworden war, zu ſich, alle gingen ſie auf den Querbalken ſeitwärts, kletterten an den Lat⸗ ten zum Rande des Daches herunter, kamen auf die Gerüſte, und gingen aus der letzten Stufe zu uns auf den Anger heraus. Die leere Flaſche wurde dem Bauherrn übergeben, weil in ſie Dinge verſchiedener Art ge⸗ Stifter. 4. Aufl. II. 8 — 114— than, ſie dann verſchmolzen und in den Grundſtein vergraben werden ſollte, wenn man ſein Feſt feiern würde. Als dieſes geſchehen war, wurde auf mehreren Tiſchen, die aus rohen Brettern in verſchiedenen Geſtalten zuſammen geſchlagen worden waren, ein Imbiß aufgeſetzt. Alle, welche aus der Gegend helfen gekommen waren, ſtanden an einem Tiſche. Es iſt nämlich die Sitte, wenn an einem neuen Hauſe gelattet wird, daß alle aus der Gegend, denen es gefällig iſt, zuſammen kommen und helfen. Es iſt da eine Auszeichnung, wenn man mit den Aexten, mit deren umge⸗ kehrten Häuptern die Lattennägel eingetrieben werden, einen ſchnell rollen⸗ den Taktſchlag machen konnte, und wenn man ſich dann in der Nachbar⸗ ſchaft zu rühmen vermochte, daß man ein Dach von ſo und ſo viel Ge⸗ viertklaftern in ſo und ſo kurzer Zeit eingelattet habe. Am zweiten Tiſche ſtand der Zimmermeiſter mit ſeinen Gewerken und that auch einen Spruch, als alle ihre Gläſer gefüllt hatten, und ſie eben an den Mund ſetzen woll⸗ ten. Am dritten Tiſche ſtanden wir, die Geladenen, nebſt dem Obriſt, und an die andern Tiſche konnte gehen, wer da immer aus der Umgegend kam, namentlich die Armen, und ſich Wein zum Trinken einſchenken und einen Biſſen vom Tiſche zum Eſſen nehmen wollte. Als der Spruch des Zimmermeiſters aus war, und als man die erſten Trinkhöflichkeiten her⸗ um gebracht hatte, durften wir auch zu dem Tiſche der Gewerke gehen, es durften die andern herüber kommen, und alle unter einander gehen und mit einander ſprechen. Als der Imbiß aus war, und als man insbeſon⸗ dere den ärmeren gekommenen Gäſten Zeit gelaſſen hatte, alles, was auf ihren Tiſchen war, zu verzehren, ging man auseinander, und von den Werkleuten wurden die Tiſche eben ſo ſchnell auseinander geſchlagen, als ſie geſtern auf dem grünen Raſen, wo früher keine Spur geweſen war, entſtanden waren. Am darauf folgenden Tage begann man die Deckung des Daches, und es wurden die Stuben, die der Obriſt im Winter zu bewohnen ge⸗ dachte, und welche bereits eingedielt waren, im Innern vorgenommen, daß ſie heraus geputzt würden, daß man die Kamine verziere, die Fenſter ſetze, und wenn die Mauern gehörig ausgetrocknet wären, ſie mit einer ſanften Farbe übertünche. Der Sommer war aber auch ſo überaus günſtig, wie ſelten einer über unſere ſchönen Wälder herabgekommen iſt. Es war oft eine Reihe von Tagen hinter einander, einer ſchöner, als der andere, und wenn auch P — 115— Wolken erſchienen, ſo dienten ſie blos zur Verzierung des Himmels, in⸗ dem ſie am Tage in Silber und Edelſteinen ſchimmerten, und Abends in rothbrennenden Bändern und Schleiern über die Bäume, über die Berge, und über die Saaten hinaus ſtanden. Und weil der viele Winterſchnee ſo langſam geſchmolzen iſt, ſo war trotz der langen Regenloſigkeit keine Dürre, ſondern die tiefe innere Feuchtigkeit der Erde machte ein Grün auf unſern Wäldern und Feldern, daß einem das Herz lachte, und die Quel⸗ len und Bäche der Thäler hüpften und ſprangen ohne Abgang des Waſ⸗ ſers, als würden ſie heimlich immer wieder von Geiſtern oder Engeln genährt. Als das Haus des Obriſt's eingedeckt war, als alle Dielen und Fuß⸗ böden gelegt waren, als man von außen die Mauern herab beputzt und die Fenſter eingeſetzt hatte, ſah es, noch ehe die heißen Tage des Erndte⸗ monats vorüber gegangen waren, von außen aus, als ob es ſchon voll⸗ kommen fertig wäre. Die Gerüſte und alle die Balken und rohe Werk⸗ zeuge des Baues waren entfernt, und das Haus blickte, von dem dunklen Eichenhage ſich abhebend, ſo ſchön auf die Waldſtreifen und auf die Mit⸗ terwegfelder hinaus, wie ich es vorher geſehen hatte, daß es ſein würde. Es ward fortan nur mehr im Innern fortgebaut, und gereinigt und ver⸗ ziert. Selbſt der Garten ward ſofort umgegraben und mit einem Gitter eingehegt, weil der Obriſt noch im Herbſte allerlei Knollen, Pflanzen und Bäume ſetzen wollte, daß er ſich in dem nächſten Frühlinge darüber freuen könnte. Er ſchien zu eilen, weil er ſich alt fühlte, und doch die wenigen Stunden ſeines Abends in ſeinem fertigen und herausgeputzten Hauſe zubringen wollte. Als die goldgelben Wagen des Kornes und der Gerſte in die Scheuern gingen, kamen eines Tages auch andere Wagen, die mit Truhen und Ver⸗ ſchlägen bepackt waren. Sie enthielten Sachen des Ovriſt's, mit denen er in die fertigen Gemächer ſeines Hauſes einziehen wollte. Als die Dinge abgepackt, heraus genommen, und nach ein paar Tagen geſtellt waren, führte er mich in die Zimmer hinein. Das Haus des Obriſt's hat kein Stockwerk, wie das meinige, ſondern die Wohnungen ſind an der Erde und nur um einige Stufen gehoben, weil unter ihnen Vorrathskammern, Obſtlagen und andere derlei kühle Behältniſſe angebracht waren, deren kleine vergitterte Fenſter nur wenig oberhalb des Sandes des Garten⸗ weges heraus ſchauten. Das Innere des Hauſes enthält einen Gang, 8* — 116— deſſen eine Seite durch ſehr große Glasfenſter geſchloſſen iſt, außer denen ein gläſernes Haus iſt, in welchem Gewächſe ſtehen. Die andere Seite enthält die Thüren zu den Wohnungen; eine zuzwei Zimmern des Obriſt's, eine andere zu denen Margarita's. Zwiſchen beiden iſt das Bücherzimmer; man kann aber durch dasſelbe von dem Obriſt zu Margarita kommen. Das eine Ende des Ganges, gleich neben Margarita's Thür, iſt durch ein großes Zimmer geſchloſſen, das viele und große Fenſter hat, weil das Zimmer ebenfalls beſtimmt iſt, im Winter Blumen und Gewächſe zu ent⸗ halten. Das andere Ende führt in drei Zimmer, die noch nicht fertig find. Zu beiden Enden des Ganges ſtehen ſehr ſchief hinüber auf einer Seite die Gemächer der Diener, die Küche und anderes, auf der anderen der Pferdeſtall und das Wagenbehältniß. Die Scheuer iſt weiter zurück gegen das Eichenhag, und neben ihr werden Ställe für andere Thiere ge⸗ baut. Als mir der Obriſt ſeine zwei Zimmer gezeigt hatte, führte er mich auch zu Margarita hinüber. Hier verkündete ſich die Reinlichkeit ſchon von außen; auf der breiten Schwelle, die zwiſchen dem Thürfutter der ſehr dicken Mauer iſt, lag eine feine gelbe Matte aus Rohr, die genau in den Raum paßte, und diente, daß man ſich die Sohlen abwiſche. Der Obriſt klopfte an, und es tönte ein Herein. Wir gingen hinein und fan⸗ den ſie mitten in dem erſten Zimmer ſtehen, und wahrſcheinlich im Be⸗ griffe, zu ſehen, wie all die Sachen ſtünden, und ob nichts abgeändert werden müſſe. Eine Dienerin ging eben von ihr und hatte verſchiedene Dinge auf dem Arme. Das Zimmer war ganz rein gefegt, es war kein Stäubchen, und die Dinge ſtanden in der vollkommenen Ordnung. Die braunen Haare Margarita's legten ſich ſo ſchön an das Haupt, und die braunen Augen blickten ſo klar, wie das Zimmer. Das Mädchen iſt ſo geſund, daß man nicht denken kann, wie es eine Krankheit beginnen ſollte, hier Eingang zu finden. Sie zeigte uns die Sachen, wie ſie geſtellt ſeien, und fragte uns, ob es ſo bleiben könnte. Als wir beide ſagten, daß es ſehr gut ſei, antwortete ſie, daß ſie die Dinge alle Tage anſchauen werde, und da müſſe ſich ſchon zeigen, ob man es ändern ſolle. Wir gingen auch in das zweite Zimmer. Da ſtand hinter hohen geſchloſſenen Vorhängen ihr Bettlein. Auf einem kleinen Tiſchlein war ein Crucifir von ſehr guter Arbeit. Gegenüber war ein Kaſten, in dem nette Bücher ſtanden, und daneben war ein Tiſchlein, wo ſie leſen konnte und ihre kleinen Aufſätze ſchreiben. Der Obriſt führte mich durch das Bücherzimmer in ſeine Woh⸗ — 117— nung zurück. Es waren aber noch keine Bücher in dem Zimmer, ſondern die Wände ſtanden ganz leer. In dieſem Sommer trockneten die Mauerwerke ſo ſchnell, daß man es kaum glauben ſollte; deßohngeachtet ſchliefen der Obriſt und Marga⸗ rita immer in der hölzernen Hütte, und waren nur am Tage, wo alle Fenſter offen ſtanden, in ihrer Wohnung. Alles, ſagte der Obriſt, ſollte ſo trocken ſein, als es nur immer möglich iſt, und dann würden ſie erſt im ſpäten Herbſte, wenn es in der Bretterhütte bereits zu kalt würde, ganz und gar in ihre Wohnung hinüber gehen. Auf gleiche Weiſe hielt er es mit den Dienſtbotenzimmern und dem Stalle, die auch ſchon fertig und zu beziehen waren. Als die Arbeit an dem Hauſe und deßhalb auch die Aufſicht immer weniger wurde, gingen wir an den Nachmittagen, weil die Hitze ſich mil⸗ derte, und die ſanfteren Tage des Herbſtes heran rückten, ſehr viel in der Gegend herum. Wir gingen täglich ſpazieren. Ich führte den Obriſt an manche Stellen der Wälder, wo der Eistag des Winters große Zerſtö⸗ rungen angerichtet hatte, und die dorrenden Bäume noch über einander lagen; denn ich kannte viele Stellen ſehr gut, und fand ſie, wenn ich auf meinen Gängen die Wälder in verſchiedenen Richtungen durchſchnitt, oder oft ohne allen Weg über einen Bühel oder eine Waldſchneide gerade herüber ging. Wir waren auch in der Höhle im Duſterwalde geweſen, in welcher der Joſikrämer drei Tage und Rächte des Winters hatte zubrin⸗ gen müſſen. Margarita war meiſtens mit uns. Wir gingen öfter durch das ganze Eichenhag hinaus, wir gingen über die Weidebrüche, in die entfernteren Ortſchaften, auf einen Berggipfel, ſo zwar, daß ſchon manchmal die Sterne flimmerten, und oberhalb uns das leiſe nächtliche Laub raſchelte, wenn wir auf einem Waldwege zurück nach dem Hauſe des Obriſt's gingen. Zuweilen beſuchten ſie mich auch in meinem Hauſe. Als Margarita zum erſten Male herunten geweſen war, zeigte ich ihr meine ſchwarzen Pferde, ich zeigte ihr auch meinen Hühnerhof, wo die Geflügel zwiſchen einer großen Einzäunung herum gehen können, und ich zeigte ihr dann den Vorrath der Scheuer, und die ſchönen Kühe, welche Kajetan und die Magd pflegen und zu meiner Zufriedenheit ſo rein halten. Als ſie die Kälber ſah, ſagte ſie, wenn ich ſchon dem Vater eines geben wolle, — 118— wie es im Vornehmen ſei, ſo ſollte ich ihm doch dieſes geben. Sie hatte eines ausgeſucht mit ſehr ſchönem weißen Kopfe, mit weißer Fahne, und dunkelbraunen Lenden. Sie gehen nicht häufig mit einer ſolchen Zeich⸗ nung in unſern Waldweiden herum. Ich ſagte ihr, daß ich wohl ſelber gedacht habe, dieſes würde ich hinauf ſenden, und ſobald der Stall im Hage oben im bewohnlichen Zuſtande wäre, ſo würde das Kalb geſchickt werden und mit ihm ein anderes, das faſt eben ſo ausſähe, nur in dem Augenblicke nicht hier ſei, damit ein Anfang gemacht würde zu ſchönen, glänzenden, zuthulichen Rindern. Als der Winter hereinbrach, war er ſo milde, wie ich mich nicht er⸗ innere, je einen ſolchen in unſerem Lande erlebt zu haben. Der Obriſt und Margarita zogen im ſpäten Herbſte, da ſonſt lange ſchon Reife und Fröſte auf unſeren Wieſen geweſen waren, heuer aber noch immer eine milde Spätſonne herunter lächelte, in ihre Wohnung. Sie wendeten auf meinen Rath ebenfalls das Mittel der ausgeglühten Pottaſche an; aber dieſelbe zeigte, wenn ſie eine Zeit in der Wohnung geſtanden war, ſo we⸗ nig Zuwachs an Waſſer, daß die äußeren Dicken der Mauern gewiß als vollkommen trocken angeſehen werden konnten. Der Obriſt ließ im Win⸗ ter immer in ſeinen noch nicht fertigen Räumen ein wenig fortarbeiten. Weil ſich mit dem Eintritte der naſſeren und trüberen Jahreszeit, wie immer, die Uebel der Menſchen vermehrten, ſo minderte ſich meine freie Zeit, und ich konnte weniger in der Geſellſchaft meiner Nachbarn ſein. Einmal, da ich in der tiefen Nacht von dem Wege der Weiden herab ging, weil ich in dem Gehänge geweſen war, und da ich links von mir in dem dichten herabrieſelnden Winterregen das Eichenhag nur undeutlich, wie einen ſchwarzen Dunſt ſehen konnte, daneben aber deutlich und klar ein Licht glänzte, glaubte ich, es ſei das von dem Zimmer des Obriſt's wo er etwa mit Margarita ſitze und leſe oder ſonſt etwas Aehnliches thue. Deßhalb beſchloß ich, auf das Licht zuzugehen und ein wenig bei dem Obriſt zu bleiben. Allein ich kam, da ich doch auf bekanntem Boden ging, in die Wieſen des Meierbacher, und dann gar in ein Geſumpfe, das nach meiner Meinung eigentlich nicht da ſein ſollte. Als ich mit jedem neuen Schritte immer mehr hinein gekommen wäre, kehrte ich um, damit ich den feſten Boden wieder gewinne, den ich verlaſſen hatte. Ich begriff nun, daß ich von einem Irrlichte getäuſcht worden war, und daß ich mich gar nicht da befinden müſſe, wo ich glaubte. Solche Bchter ent⸗ — 119— ſtanden manchmal in der Senkung, wie ſie früher war, ehe ſie der Obriſt hatte reuten laſſen, und ſie wurden zu verſchiedenen Zeiten geſehen. Sie wanderten da gleichſam bald an dieſen Ort, bald an jenen, oder ſie ent⸗ ſtanden vom Urſprunge an bald hier, bald da. Plötzlich wenn man auf eins recht hin ſchaute, war es gar nicht da, dann ging es an dem Gehege hinunter, wie eine Laterne, kam aber am Ende des Geheges nicht heraus, und konnte überhaupt nicht geſehen werden. Auf einmal ſtand es weit unten an den Eſchen, als wartete es. Ich kenne derlei Lichter ſehr wohl, weil ich oft in der Nacht herum gehen muß, wie die hieſigen Menſchen nicht thun, ſondern in ihren Häuſern bleiben— in mancher feuchten Nacht des erſten Winters, des ſpäten Herbſtes, des ſchädlichen Märzen, oder nach Mitternacht im Sommer, wenn die weißen ſanften Streifen ſich an den Wieſen ziehen. Als ich auf den Platz zurückgekommen war, an dem ich von meinem Wege weg auf die Wieſe gegangen war, war es Kleichwohl nicht derſelbe Platz— es ſtanden wohl die drei Föhren da, die früher da geſtanden waren, aber es war nicht, als ob es dieſelben drei Föhren wären, auch konnte ich mich nicht entſinnen, daß ich meines Weges genau geachtet hätte, da ich auf eine Kranke dachte, die mir ſehr an dem Herzen lag. Ich hatte von meinem Großvater gelernt, dem es auch wieder ein alter Schwede ſagte, der nach dem Kriege als erſter An⸗ ſiedler in das Haslung gekommen war, daß man, wenn einem ein be⸗ kannter Weg anfange, wirrig und entfremdet zu ſein, ſogleich umkehren und zurück gehen ſolle, bis alles wieder ein Anſehen gewinne, das man vollſtändig kenne; dann ſoll man ein wenig ſtehen bleiben, und dann den gewünſchten Weg auf's Neue einſchlagen. Ich ging alſo von den drei Föhren an, noch weiter zurück. Die dunklen Büſche, die ſich in dem Regen duckten, und an einander kauerten, gingen an mir vorüber, dann ſtanden zerſtreute Fichten, welche in ſchmalem Buſchwerke von unten bis oben bewachſen ſind, und ein ſchwarzer Zaun ging neben mir. Ich kannte alles nicht. Als ich an die Stelle zurück gekommen war, wo ſich das Ge⸗ leiſe von dem Wege trennen und gegen den Sillerwald hinüber gehen ſolle, war das Geleiſe gar nicht da. Ich ging alſo noch weiter zurück, und zu meiner Verwunderung führte es aufwärts. Plötzlich ſtand ich ganz oben auf der Schneide des Abhanges, und plötzlich erkannte ich, daß ich mich ja noch gar nicht unterhalb des Eichenhages befinde, wo man auf das Haus des Obriſt's hinüber ſehen könne, ſondern daß ich — 120— noch weit oberhalb desſelben war, und zwar auf der Schneide des Ge⸗ hänges der Weidebrüche, ich erkannte auch, daß das Irrlicht in der Sen⸗ kung geſtanden war, und daß ich in das Sumpfwaſſer derſelben hinein gegangen ſei. Das Irrlicht war aber während meines ganzen Rückweges, auf dem ich mich öfter umgeſchaut hatte, nicht mehr ſichtbar geweſen, ſondern überall lag die gleichförmige ſchwarze Finſterniß. Als ich noch auf dem Abhange ſtand und herum ſchaute, erzeugte ſich ein etwas lichter Streifen an dem Himmel, und ich ſah, daß das nicht das Hag geweſen ſei, was ich dafür gehalten habe, ſondern daß eine Herbſtwolke an dem entfernten Dürrwalde gehangen, und ihn wie einen näheren Waldklum⸗ pen gezaubert hatte. Als ich noch immer ſchaute, ſtand plötzlich mein Irrlicht wieder weit von mir entfernt drüben— es ſtand in derſelben Richtung, aber auf einem andern Grunde, nicht auf der Stelle, wo ich es früher geſehen hatte. Ich ſtarrte recht deutlich in das Licht hinein. Und wie die lange ſchlanke weiße ruhige Flamme drüben ſtand, oder auch wie ein feuriger Engel, der ein weißes Kleid an hat, und wie der hohe finſtere Wald dahinter ſtand, und wie die Nacht ſo leiſe fortregnete, und immer ſchwieg und finſter war, und wie ſich überall rings herum Rie⸗ mand befand, als ich allein: war es faſt ſchön anzuſehen, wie es war. Weil ich nun das bekannte Anſehen der Gegend hatte, das mein Groß⸗ vater und der Schwede verlangen, trat ich meinen gewünſchten Weg wie⸗ der an. Ich ging den Pfad, der neben dem ſchwarzen Zaune lag, hinun⸗ ter— jetzt kannte ich ihn recht wohl— die dunklen Büſche, die ſich frü⸗ her verſtellt hatten, waren mir auch ſehr bekannt, und ich hatte ſie früher oft geſehen. Ich ging des Weges nach einander dahin. Und wie ich neben den Schlehenbüſchen war, die wie ein ſchwarzer kriechender Zug fort wanderten, und wie die Erlen, die von meinem Wege links ſtanden, durch das Licht gingen, ich aber an das Fieber der Maria Hartens dachte, das mir ſtets in dem Sinne und in dem Herzen war: duckte das Lichtlein einmal ganz leicht nieder, und war verſchwunden. Es kam auch gar nicht wieder zum Vorſcheine. Ich ging des Weges vollends hinab, und wie ſich das wirkliche Eichenhag, das ich nun ſah, um mich hinüber ſchob, kamen erſt die wahren Lichter von dem Hauſe des Obriſt's zur Erſchei⸗ nung— ſie ſtanden in einer Reihe recht klar, recht vernehmlich und recht freundlich da. Ich ging aber nicht mehr hinüber, weil ich auch ſehr be⸗ ſchmuzt war, ſondern ich ging ſofort in mein Haus hinunter, und las in derſelben Nacht noch recht lange in vielen meiner Bücher wegen der ar⸗ men Maria. So hatte ich oft verſchiedene Zufälle auf meinen Wanderungen. Als der Winter weiter vorrückte, und der Schnee ſchon eingefallen war, ging ich öfter, wenn ich erſt ſpät nach Hauſe kam, wie es bei der Jahreszeit faſt täglich der Fall war, noch im Abende, oder in der Dun⸗ kelheit der Nacht in das Haghaus hinauf. Der Obriſt hatte in das Bü⸗ cherzimmer eine ſehr große Heize machen laſſen, darin man die Scheite, welche hinein gethan wurden, durch ein feines Gitter hindurch lodern ſehen konnte. Auch hat er Geräthe, von denen, welche angekommen waren, hinein geſtellt, daß man auf ihnen herum ſitzen, und den Schein des Feuers auf dem Fußboden anſchauen konnte. Wenn dann die große Lampe kam, die auf den Tiſch geſtellt, das ganze Gemach mit Licht er⸗ füllte, ſahen wir Schriften an, wovon der Obriſt manche aus verſchiede⸗ nen alten und merkwürdigen Zeiten hat, oder Bücher, in denen etwas geleſen wurde, oder wir ſaßen bloß vergnügt in der ſo freundlichen Stube und redeten von den verſchiedenſten Dingen der Welt. Und wenn ich dann nach Hauſe ging, und ein Geſtöber war, oder die weiche Schnee⸗ fläche vor mir lag, die in der trübſten Nacht einen feinen Schimmer gab, begleiteten mich gerne die zwei Wolfshunde, ſie gingen oft bis an den Hügel mit, auf welchem die Eſchen ſtehen, und liefen dann zurück, daß es im Schnee ſtäubte, und ich, wie ich nach meinem Hauſe hinunter ging, noch manchen einzelnen Laut von ihrem Jauchzen vernehmen konnte. Im Winter kamen auch Verſchläge an, in denen Bilder waren, welche der Obriſt in verſchiedenen Zeiten ſeines früheren Lebens erwor⸗ ben hatte. Wenn ich dann an einem ſchönen klaren Wintertage hinauf kam, zeigte er mir ſie, lehrte ſie mich kennen, und ihre Vollkommenheiten empfinden. Einige ſehr ſchöne hing Margarita in ihren Zimmern auf, die anderen wurden in den Zimmern des Obriſt's an verſchiedenen Stel⸗ len, die er recht ſorgfältig auswählte und prüfte, aufgemacht. Ich habe nie ſo ſchöne Dinge geſehen, oder ich habe ſie in den früheren Zeiten meines Lebens nicht erkannt. Als der Frühling kam, der heuer ſo früh eintrat, wie ihn Niemand vermuthete, fing der Obriſt, da nur erſt der Schnee weg war, und die Erde weich wurde, ſogleich alle ſeine Arbeiten wieder an. Er ließ das Eichenhag, in ſo weit es ſein Eigenthum war, reinigen, das dichtere un⸗ nützere Geſtrippe mußte weg, der Boden wurde von den häßlichen Ab⸗ fällen befreit, und daß er ſchönes Gras treibe, mit eiſernen Rechen ge⸗ rechet. Die dürren Bäume wurden umgehauen, und wo einer auch nur einen verdorrten Aſt zeigte, wurde derſelbe an ihm, wie man es kaum an einem Obſtbaume thun könnte, mit der größten Sorgfalt weg geſägt. Die Senkung, wie ich es ſchon am Eingange dieſer Schrift geſagt habe, ein lichtbraunes faules Moor, darauf nur die kleinen Sumpfföhren, und die rothen Moosbeeren wuchſen, und ein gelbes Gras war, deſſen Spitzen braun wurden, hatte er an ſich gekauft, und fing an, es, wie ich ſchon oben aufgeſchrieben habe, zu einer Wieſe umzugeſtalten. Auch ſeine Felder, die er zugleich mit dem Hausplatze gekauft hatte, wurden in Ar⸗ beit genommen und zur Saat vorbereitet. Er hatte deshalb Knechte ge⸗ nommen und Zugthiere gekauft, und ihnen die vorgerichteten Wohnun⸗ gen, die in dem heiteren Winter gut austrocknen konnten, in ſeinem Hauſe eingeräumt. Er wollte den Anbau des Weizens in dieſer Gegend empor bringen, den höchſtens nur einige, gleichſam wie zum Verſuche im Kleinen, begonnen hatten. Deßwegen hatte er Sommerweizen aus an⸗ deren harten nnd winterlichen Berggegenden kommen laſſen, um ihn zu verſuchen, wie er hier anſchlage. Die Winterſaat hatte er im Herbſte ſo gut gemacht, wie man es in dieſen Wäldern eigentlich nicht zu ſehen ge⸗ wohnt iſt. Auch der Garten, um den das Holzgitter gemacht worden war, wurde bearbeitet, und die Glasdecken, unter denen die Frühgemüſe und andere Dinge wachſen ſollten, über ihre mit Dünger ummauerten Gruben gelegt. Um dieſe Zeit kamen auch die Bücher an. Mehrere große Truhen von weichem Holze wurden abgeladen, in denen ſie waren. Sodann wurden ſie ausgepackt. Der Obriſt hatte die traulichen Geräthe, unter denen wir den Winter zugebracht hatten, aus der Stube fort geſchafft, und Haufen von Büchern lagen herum. Die mehreren Schreine, in welche ſie kommen ſollten, waren fertig geworden und wurden an den Wänden an ihren Stellen aufgeſtellt. Wenn der Obriſt nicht Zeit hatte, weil ihn die verſchiedenen Arbeiten bald hierhin bald dorthin riefen, und bei ſich behielten, half ich ſelber die Bücher ordnen und an ihre gehörigen Plätze ſtellen. Eine ſolche Bücherei wäre eigentlich meine rechte Freude. Oft ſtand ich auf der Doppelleiter, die man hatte machen laſſen und deren Füße mit Tuch überzogen waren, daß ſie den Boden nicht beſchä⸗ — 123— digen, und ſtellte die Bücher, eines nach dem andern, auf verſchiedene Plätze, wie es mir tauglich ſchien und wie ſie ſich der Natur zu Folge reihen ſollten. Margarita ſtand unten, und reichte ſie mir dar. Dann ſchrieben wir auf, wie wir ſie geſtellt haben, daß man ſie wieder finden könne, und daß aus dieſen Zetteln eine allgemeine Ueberſicht zu verfaſſen ſei, daran man ſogleich den Stand und Ort jedes Buches erſehen möge, wenn man es ſuche. Später ſollten wieder, wie der Obriſt vor hatte, wenn nur einmal die Bücher in Ordnung wären, recht vertrauliche und liebliche Geräthe in die Stube kommen, insbeſondere mehrere gute und weiche Sitze, der große Lampentiſch und andere Dinge, die uns ſchon einfallen würden, damit wir den kommenden Winter wieder in dieſer Stube unter den Büchern und bei dem Scheine der großen Heize recht freundlich zubringen könnten. Margarita hatte jetzt noch mehrere Bilder in ihre Zimmer bringen und dort aufhängen laſſen. Sie führte mich zu manchen hin und zeigte mir, wie ihr dieſes daran gefalle, und dann dieſes, und dieſes. Da die warmen Tage heran riückten, und das weiche grüne Gras die Hügel bedeckte, obwohl der harte Obſtbaum noch keine Knospe trieb, und nur erſt das niedere Geſträuch an den Bächen, dann die Hollunder, die Weiden ſich mit kleinen Blättern und grauen Kätzchen bedeckten, wurde das Feſt der Grundſteinlegung des Hauſes gefeiert. Es waren ungrfähr die nämlichen Menſchen zugegen, wie damals, da der Zimmer⸗ mannsſpruch bei der Aufſtellung des Dachſtuhles abgehalten wurde. Man öffnete die Marmorplatte des Steines, der unter dem Hauptein⸗ gange des Hauſes lag, welcher Eingang durch ein Vorgemach in den Blumenſaal führte, aus dem man dann in den Gang kam, an den die Wohnzimmer des Obriſt's und Margarita's grenzen. Unter der gehobe⸗ nen Marmorplatte kam ein hohler Würfel, ebenfalls aus Marmor, zum Vorſcheine, der durch eine ſehr ſtarke Glasplatte geſchloſſen war. Als man auch dieſe Platte gehoben hatte, zeigte ſich der hohle Raum, der beſtimmt war, die Gedenkſachen, die man hinein thun wollte, aufzuneh⸗ men. Der Raum war ganz mit Glas, welches nämlich gar keiner Art Fäulniß unterliegt, gefüttert. Man ſtellte die Flaſche, aus welcher der Zimmermann bei ſeinem Dachſtuhlſpruche Wein eingeſchenkt hatte, in den hohlen Raum. In der Flaſche waren alle Silber- und Goldmünzen enthalten, welche jetzt gangbar ſind, und ihr Gepräge war von dem letz⸗ — 124— ten Jahre, dann war ein viereckiges Goldſtück dabei, eigens zu dem Zwecke gemacht, daß darein der Jahrestag der Grundſteinlegung geſchnit⸗ ten wurde, dann lag noch ein Pergament in der Flaſche, auf welchem die nothwendigen Dinge des Herganges aufgeſchrieben waren. Die Flaſche iſt am Munde ihres Halſes mit einem Glasſtücke zugeſchmolzen worden. Da dieſes Denkmal hineingeſtellt worden war, legten viele der Anweſen⸗ den auch noch Dinge dazu, die ſie entweder ſchon deßhalb mitgebracht hatten, oder die ihnen erſt jetzt einfielen. Ein Buch, einen kleinen Ring, eine Mundſchale von Porzellan, einen Uhrſchlüſſel, beſchriebene Blätter, einer warf eine Roſe hinein, die er aus einem Gewächshauſe mit hieher gebracht hatte, und die Mädchen und Frauen thaten Bänder hinein, daß man einſt wiſſe, was dazumal in dieſen Dingen für eine Mode geherrſcht habe. Als dieſes vorbei war, legten die Gewerke die Glasplatte wieder auf die Oeffnung, daß ſie ſehr gut gefügt war, dann wurde die Fügung, die rings um das Glas lief, mit einem dichten Kitte verſtrichen, der er⸗ härtet und dann keine Luft, keinen Regen und keinen Dunſt durch ſich hindurch läßt. Ueber der Glasplatte wurde der Deckel aus Marmor in ſeinen Falz gethan, und derſelbe ebenfalls mit dem Kitte verklebt, wor⸗ auf über der Platte der gewöhnliche Stein gelegt wurde, mit denen der ganze Gang und rings ein Streifen des Hofes gepflaſtert iſt, daß man nicht mehr unterſcheiden konnte, unter welcher Stelle die Dinge ruhten, die man eben unter die Erde gethan hatte. Hierauf begaben ſich alle Menſchen, die herum geſtanden waren, in das große Blumenzimmer, das man zu einem Erquickungsſaale eingerichtet hatte. Es waren von den Gewächſen, welche der Obriſt ſelbſt in dieſem Winter ſchon in dem Zim⸗ mer gehabt hatte, ringsum grüne Geſtelle gemacht worden, und wo Blö⸗ ßen geweſen wären, wurden ſie mit ſolchen Zweigen bedeckt, welche ſchon die erſten und zarten grünen Frühlingsblätter zeigten. In der Mitte des Zimmers ſtand ein Tiſch, auf welchem ſich Wein und einige Speiſen be⸗ fanden. Der alte Pfarrer von Sillerau ſprach ein Gebet um Segen für die Speiſen, wovon er dann die Veranlaſſnng nahm, weßhalb man zu dieſen Speiſen verſammelt ſei, und Gott auch um Segen für das Haus und alle, die es je bewohnten, anflehte. Sofort ſchloß er dann mit einer Anrede an die Verſammelten, und bat ſie mit einigen Worten, daß ſie immer ſo friedlich, ſo einig und ſo nachbarlich geſinnt bleiben möchten, wie ſie es heute ſind, wo ſie ſich zu dieſer gemeinſchaftlichen feierlichen — 125— Angelegenheit wohlwollend eingefunden hätten. Hierauf wurde von dem Imbiß unter verſchiedenen Geſprächen etwas verzehrt, und dann ent⸗ fernten ſich die Gäſte, einer früher, der andere ſpäter, bis der letzte von dem Obriſt Abſchied genommen hatte, und er wieder mit ſeinen Leuten allein war, die daran gingen, das Blumenzimmer in den Stand zu ſetzen, in dem es vor der Feierlichkeit geweſen war. Ich bin gleich nach dem Gebete des Pfarrers fortgefahren, weil ich noch zu viel zu thun hatte, und der Schluß des Ganzen iſt mir nachher von Margarita und dem Obriſt erzählt worden. Die Armen ſind dieſes Mal auf eine andere Weiſe und gewiß auf eine für ſie weit beſſere bedacht worden. Der Obriſt hatte unter ſie, in Anbetracht, daß der Winter zu Ende ging, und die Vorräthe des vergangenen Jahres leicht nicht denen des künftigen die Hand reichen könnten, heimlich verſchiedene Nothwendigkeiten gebracht, und ſie denen gegeben, die ihrer am bedürftigſten zu ſein ſchienen. Der Obriſt, däucht mir, hat ſolche Feſte, wie die zwei, die er jetzt gegeben hatte, nur darum veranſtaltet, daß die Nachbarſchaft zuſammen kam, daß er ſich mit ihnen in ein Verhältniß ſetze, und zeige, wie er freundliche Geſinnungen pflegen wolle, und freundliche Geſinnung gegen ſich erwecken. Nach dieſem Feſte war es bei ihm wieder ſo ſtille, wie vorher, und blieb fortan ſtille. Nur die Arbeiter hatte er im Hauſe, die zu den Dingen nothwendig waren, die noch hergerichtet werden mußten, daß das Haus gleichſam als fertiges betrachtet werden konnte. Dann hatte er noch am Geſinde im Hauſe, was er zur Bearbeitung und Herrichtung der Grundſtücke und zur Verſehung der Hausarbeit brauchte. Ich hatte ihm auch heuer an Leuten wieder überlaſſen, was ihm nöthig ſein mochte, ohne daß er um die Abtretung etwas wußte. Ich förderte in meinem Hauſe ſo viel wie gar nichts, ich bin noch jung und kann alles nachholen, er aber iſt alt, hat an dem, was er hier angefangen hatte, Freude, und ſoll ſie noch ſo viel genießen, als es in dem Ueberreſte des Lebens möglich iſt, den er noch hat. Es war von Beſuchen und Leuten, die kommen ſollten, bei ihm nun gar nichts vorhanden: nur ich allein, wie der Frühling mit aller Pracht und Herrlichkeit herein brach, und wir, wie gewöhnlich, eine große Verminderung meiner Berufsgeſchäfte brachte, ging beinahe täglich zu ihm hinauf— und ich glaube, daß ich ſehr gerne geſehen worden — 26 war; denn wenn ich doch eines Tages verhindert wurde, weil etwas Unverſehenes ausbrach, daß ich bis tief die Nacht zu fahren oder gehen hatte; oder wenn ich wegen einer Angelegenheit, die mir ſchwer denken machte, bei den Büchern, oder in eigenem Nachdenken ſitzen mußte, daß ich nichts verfehle; ſo ſandte er gleich Jemanden herab, um fragen zu laſſen, ob ich wohl ſei, oder ob ſonſt etwas Wichtiges eingetreten wäre, daß ich nicht gekommen ſei. Ich ließ ihm immer die Urſache genau zu⸗ rück ſagen. Nur eins fiel mir ein, das mir großes Denken verurſachte: er kam jetzt ſchier gar nicht mehr zu mir herab, während er doch früher öfter mit Margarita bei mir geweſen war, und alle meine Anſtalten an⸗ geſchaut hatte— ja ſie waren ſogar manchmal bei dem großen Behält⸗ niſſe der Arzeneien geſtanden und hatten gefragt, was dieſes und jenes ſei, wie es zuſammen hänge, was es wirke, und welche Tugenden in ihm eingeſchloſſen ſeien; was ich immer gerne und mit Freuden beantwor⸗ tete; und von manchem Kranken mußte ich mit ihnen reden, wie er jetzt ſei, und wie ich vor habe, mit ihm im Weiteren zu verfahren. Der Obriſt ließ ſich ſogar zuweilen das Buch zeigen, in dem die Krankheit ſtand, und las mit Aufmerkſamkeit darinnen.— Mit der Aufrichtigkeit, die ihm eigen iſt, ſagte er mir einmal ſelber die Urſache, warum er nicht mehr herab komme, daß es nämlich nicht dem ähnlich ſähe, daß er ſeine Tochter gleichſam wie eine angetragene Braut zu mir herab führe, und die Leute ſolches redeten. Als ich meinte, weil ich täglich zu ihm hinauf gehe, könnten ſie eben ſo gut ſagen, ich gehe als Bräutigam zu Marga⸗ rita, antwortete er, das könnten ſie thun, daran ſei nichts Uebles. Ich ging alſo täglich in das Haghaus hinauf, wie es meine Be⸗ rufsgeſchäfte geſtatteten, und wie meine Zeit es war, die ich an dieſem Tage zu meinen Pflichten anwenden mußte. Eine liebliche, eine ſchier unausſprechlich ſchöne Zeit war auf uns herabgekommen, meine Felder ſtanden in wirklicher Pracht, die des Obriſten auch, und wir hatten un⸗ ſere Freude darüber. Ich zeigte Margarita eimal meine Rappen, weil ich ſchon zuweilen mit ihnen fuhr, und ſie liebte die ſchönen, ſchlanken und herrlichen Thiere, die ſo luſtig und jugendlich, und fromm und folg⸗ ſam waren. Wir gingen weit und breit in den Feldern und Wäldern herum. Ich nannte Margariten die kleinen Blümchen, die oft da waren, die kleinſten, die ein Aeuglein aufmachen, das man im winzigen Grün nicht ſieht; und ſie wunderte ſich darüber, daß ich das Ding nennen 6 könnte; worauf ich ſagte, daß Alles ſeinen Namen habe, dieſe kleinſten unſcheinbaren Dinge ſo gut und oft einen ſo ſchönen, wie die großen und prächtigen, die wir in unſerem Garten haben. Da ſie ſagte, ich möchte ihr alle Namen ſagen, und möchte ihr die Blümchen und Kräuter zeigen, ſo that ich es: ich nannte ihr die einzelnen, wie ſie in unſerer Gegend ſind, und zeigte ihr ſie, wenn die Gelegenheit der Blüthe ge⸗ kommen war; dann wies ich ihr die Geſchlechter, in denen ſie nach ge⸗ meinſamen Kennzeichen zuſammen gehören, und ſagte ihr, wie ſie in ſchönen Ordnungen auf unſerer Erde ſtünden. Wir pflückten Sträuße, trugen ſie nach Hauſe, bewahrten manches auf, ich nannte es, erzählte ſein Leben, das es gerne führe, die Geſellſchaft, in der es ſein will, und anderes, das die Menſchen wiſſen. Sie merkte auf, wiederholte es, und lernte die Eigenſchaften kennen und erzählen. Dann meinte ſie, wie oft das kleine Ding jetzt, das in dem Graſe der Berge ſtehe, das ſie ſonſt nicht angeſchaut und faſt verachtet hatte, eigentlich ſchöner ſei, als andere große in dem Garten, die oft nur die eine ſchöne Farbe haben, und nur groß ſind.— Ich nannte ihr aber nicht blos die Gewächſe, die wir ſahen, ſondern auch die Steine, manche Erden, und die kleinen Flimmer, die hie und da auf unſerem Wege lagen; denn ich hatte dieſe Dinge nicht nur einſtens ſehr gerne gelernt, und aus meinen Büchern ſehr oft wiederholt, ſondern ich trieb ſie auch fort, da ich in meine Heimath ge⸗ kommen war, und unter ihnen herum ging. Ich liebte ſie wie meine Geſellſchaft, die ich bei meinem Berufe um mich habe. Margarita hatte ein flaches ſchwarzes Täfelchen bei einem ihrer Fenſter im erſten Zimmer machen laſſen, darauf lagen nun viele Steinchen, glänzende Stückchen, und andere ſolche Dinge, und ſie legte Zettelchen, darauf ſie die Namen geſchrieben hatte, dazu. Da der Obriſt nirgends etwas Zweckloſes oder gar Zweckwidriges leiden kann, ohne daß er den Verſuch machte, es ſeinem Zwecke, zu dem er es da zu ſein erachtete, wieder zuzuwenden: ſo machte er mir auch in dieſem Frühlinge einen Vorſchlag. den ich zuerſt ſeltſam nannte, und der mir dann ſehr gefiel. Es liegt abſeit des Reutbühls, gleich dort, wo man zu ihm aus dem Kirmwalde hinüber kömmt, eine ſteinige Stelle, die ziemlich weit hin geht, wo etwas Lehm, magerer Grund, und ſehr klein geklüfteter Fels, faſt Gerölle, iſt. Die Leute nennen den Fleck das Steingewände, vbwohl er eben, und keine Wand iſt; aber es iſt in der Gegend gebräuchlich, jeden ſolchen Fleck ein Steingewände zu nennen. Dieſes Steingewände nun ſchlug mir der Obriſt vor mit ihm gemein⸗ ſchaftlich zu kaufen, da es jetzt leicht und billig zu haben ſei. Auf meine Frage, was wir denn mit dem unfruchtbaren Grunde thun würden, ant⸗ wortete er, der Grund ſei nicht mehr unfruchtbar, die unendlich feine Zerklüftung zeige, daß die Verwitterung in ihrem Fortgange beginne, und daß der Grund vielleicht zu einer Föhrenpflanzung ſehr tauglich ſei. Als ich wieder fragte, was wir denn mit einer Föhrenpflanzung thäten, da überall herum ohnedem ſo viele Wälder ſtänden, die bereits viel beſſe⸗ res Holz hätten, als Föhren zu liefern vermöchten, ſagte er:„Die Föh⸗ renpflanzung wird noch ſtehen, wenn viele andere Wälder, daraus wir jetzt Holz nehmen, verſchwunden ſind, und in Felder und Wieſen verwan⸗ delt wurden. Die Föhrenpflanzung wird ſtehen, weil ſie dann noch nicht zu einem Feld- und Wieſengrunde wird tauglich ſein, aber Holz werden die Menſchen aus ihr nehmen, wenn Holz ſchon koſtbarer geworden iſt, als jetzt. Und wenn die Föhren ihre Nadeln fallen laſſen, und unter ſich die Feuchte und den Regen erhalten, wird ſich der Grund verbeſſern und lockern, und in Tauſend Jahren kann vielleicht auch die Föhren⸗ pflanzung in Feld verwandelt werden, wenn alsdann die Menſchen dich⸗ ter wohnen, und ihnen das Erträgniß des Feldes werthvoller erſcheint, als das Holz, das die Föhren liefern.“ Ich willigte freudig ein, als er dieſes geſagt hatte, und ſchämte nich, einen ſo kleinen Zweck gehabt zu haben. Wir erſtanden recht leicht und um ein billiges Geld das Steinge⸗ wände, und mancher Nachbar, der davon hörte, hielt die Sache für eben ſo unklug, als ich ſie ſelber Anfangs dafür gehalten hatte. Der Obriſt ſchickte einen Mann hinaus, der in den Abſtänden, in denen die Pflänz⸗ chen zu ſtehen kommen ſollten, kleine Vertiefungen in die Steine machen, und ſie unten lockern mußte. In dieſe Vertiefungen wurde dann Erde gethan, aber eine nur um ein kleines beſſere, als ſonſt in den Riſſen des Steingewändes war, damit die Pflänzlein, wenn ſie die erſten Wurzeln in dem Guten geſchlagen und dasſelbe gewöhnt hätten, nicht dann ſtür⸗ ben, wenn ſie ihre Faſern in den Fels treiben müßten. Der Obriſt wählte den Samen dann von Föhren, die oberhalb des Gehänges in noch ſteinigerem Grunde ſtanden, als der unſere war, damit ihm der beſſere Grund wohlthue, und er in demſelben gut anſchlagen möge. An einem — 129— Tage legten wir mit Hülfe mehrerer Leute den Samen in die mit Erde gefüllten Vertiefungen, und deckten ihn wohl zu. Margarita hatte vorher die ſchönſten Körner ausgeſucht. Der Obriſt hatte auch noch einen andern Plan, der ihm aber viel ſchwerer auszuführen ſchien, woran er aber demohngeachtet nicht ver⸗ zagte, wie es ja ſchon ſeine Ratur war. Er wollte die Leute der Gegend vermögen, aus den obwohl gut erhaltenen Wegen doch noch beſſere, nämlich gleich Straßen zu machen. Er ſagte, er hoffe auf die Zeit. Vor⸗ erſt aber legte er als Beiſpiel ein Stück einer ſolchen Straße auf ſeinem Grunde an, wo nämlich der Weg von Sillerau durch ihn nach Haslung führt, auf welchem Wege doch ſo manche Menſchen Gelegenheiten hatten zu gehen und zu fahren, und das neue Ding in Augenſchein zu nehmen. Aus dem Frühlinge war endlich der Sommer geworden. Der Baum des Waldes, der Strauch des Hages, das Obſt der Gärten, das Gras der Wieſen, und die Frucht der Felder, alles ſtand recht ſchön. Ich hatte, wenn ich um drei Uhr oder auch um vier Uhr des Morgens auf⸗ brach, bis gegen Mittag all meine Dinge abgethan, und brachte den Nachmittag im Haghauſe zu. Wenn ich hinauf ging, und die Hunde mir nicht entgegen ſprangen, wußte ich, daß der Obriſt nicht zu Hauſe, ſondern mit ihnen auf irgend einer Stelle ſeiner Felder ſei. Wenn dann unter dem Geſinde, das ſich rührte, oder unter den Knechten, die die Ar⸗ beit thaten, Margarita mit ihrem feinen Strohhute ſtand, gingen wirmit einander, den Vater zu ſuchen, oder wir gingen auch in dem Felde, oder in dem Walde dahin und redeten von verſchiedenen Dingen. Ich legte ihren Arm ſanft auf den meinigen. Eines Tages gingen wir auf dem Wege des Lidenholzes. Sie war in dem aſchgrauen, geglänzten Gewande, das ſo ſchön iſt. Sie trägt nicht die Kleider, wie es jetzt die Frauen ſo anfangen, daß ſie von den Hüften weg ſtehen, ſondern ſanft hinab gehend, daß die junge Ge⸗ ſtalt freundlich ausgedrückt iſt. Das Lidenholz wurde vor vielen Jah⸗ ren an vielen Stellen ausgehauen, daß man überall die Durchſicht hat, und an vielen Plätzen auf freien mit Stöcken und hohem Graſe beſetzten Flächen dahin geht. In den Holzſchlägen wachſen verſchiedene Blumen gemiſcht, und oft ſeltnere und gewiß ſchönere, als man ſie auf gewöhn⸗ lichen Wieſen zu finden vermöchte.—— Da fragte ich Margarita, ob ſie mich recht liebe.—— Wir ſtanden vor einer Grasſtelle, wo die Stifter. 4. Aufl. II. 9 hohen äußerſt dünnen Schäftchen aus derſelben emporſtanden und oben ein Flinſelwerk trugen, grau oder ſilbern, in welchem die Käfer ſummten, oder Fliegen und Schmetterlinge ſpielten. Aus dem Holzſchlage ragte mancher einzelne Baum hervor, der wieder empor gewachſen war; und jenſeits, von ferne herüber, ſchaute der blaue Duft des Kumwaldes, der ganz ruhig war. So ſtille war es, daß man zu Zeiten durch die blaue heitere Luft, wie ein ſehr ſchwaches entferntes Donnern, gar das Schie⸗ ßen von Pirling herüber hören konnte, womit der untere Wirth von Pirling, der alte Bernſteiner, einen Keller in die Felſen des Steinbühel ſprengt.—— Margarita, als ſie meine Frage vernommen hatte, ſchlug die Augenlider über die ſehr ſchönen braunen Augen herab, ſah in die Schäftchen nieder, wurde ganz glüh im Angeſichte, und ſchüttelte leiſe das Haupt.—— Ich ſagte kein Wort, und wir gingen auf dem Wege wie⸗ der dahin. Wir ſammelten aus den Blumen, die wir der Mühe werth hielten, einen Strauß. Margarita nannte die Namen derſelben, und wo ſie einen nicht wußte, nannte ich ihn. Wir kehrten auf dem Wege bald wieder um, und gingen nach Hauſe. Sie hatte den Arm, den ich am Ausgange des Waldes, da wir auf die Wieſe kamen, wie ſonſt in den meinigen gethan hatte, auf demſelben ſanft ruhen laſſen. Als wir in das Haus kamen, fanden wir den Obriſt in dem Bücher⸗ zimmer. Er ſaß vor dem Tiſche, hatte etwas Wein vor ſich, und von den runden weißen Broden, die er ſo gerne ißt. Er ſagte, daß er auf dem Felde ſich ſehr viel Hunger geſammelt habe, und daß er hier ſein Nachmittagbrod halte. Margarita ſetzte ſich neben ihm auf einen Stuhl, redete einige Worte, ſchwieg dann, und ſann. Ich blieb auch nicht lange, ſondern, als er mit ſeiner Erquickung fertig war und in den Garten ging, nahm ich Abſchied und begab mich auf den Heimweg. Als ich über den Hügel, wo die Eſchen ſtehen, hinab wandelte, ging die Sonne, wie ein prachtvolles goldenes Schild zwiſchen mehreten Bergen von Wolken unter, die ſogleich zu brennen anhoben. Durch den ganzen Himmel war Herrlichkeit, und auf die ganze Erde war Herrlichkeit gebreitet. Ich war in meinem Innern ſo ſelig, wie ich es gar nicht aus⸗ zudrücken vermochte. Da ich in meinen Hof hinein ging, kam mir der Bube Gottlieb entgegen, und zeigte mir ſein Buch, in das er ſchreibt, und wie er ſchon große Fortſchritte gemacht habe. Ich erzählte ihm, was ich eigentlich — — 131— hatte verſchweigen wollen, daß ich ihm ſchon ein Stück Wieſe gekauft habe, das er einſt bekommen wird, und daß ich ſchon für ihn ſorgen werde, wenn er gut lernt und ein ordenklicher braver Mann wird, der ſich eines Geſchäftes annimmt.— Dann ging ich in meine Stube. Es kam jetzt eine ſchöne Zeit. Ich liebte meine Kranken, es that mir das Herz jetzt oft viel weher, wenn ich ein Kindlein in dem Bette liegen ſah, die armen Augen auf mich geheftet, und wenn ich nicht im Stande war, die Krankheit zu beſchleunigen, daß das unſchuldige Weſen bald befreit werde— oder wenn ich einen Jüngling ſah, deſſen roſige Wangen durch das Fieber noch röther und dunkler und von harter Farbe wurden, und er mich bat, ich möchte ihm nur etwas geben, daß die Hitze auſhöre; denn dann ſei er ſchon ganz geſund; ich aber einſah, daß durch dieſe Hitze, die er ſo leicht weg zu bringen vermeinte, leichtlich ſeine ganze heitere roſenfarbene Zukunft abgeſchnitten werden möchte— oder wenn ich zu einem alten Mütterlein kam, das Niemand mehr hatte, dem Alle weggeſtorben waren, das in Ergebung auf den Tod wartete, und den⸗ noch, wenn ich fort gehen wollte, den Blick auf mein Auge heftete, ob ſie darin Hoffnung leſen könnte. Ich gab manchmal dem Kranken die Arznei und ein Stück Geld dazu, daß er ſich eine Suppe verſchaffen konnte. Als ich am andern Tage, da ich die Frage an Margarita gethan hatte, wieder in das Haghaus hinauf gekommen war, ging ſie mir ent⸗ gegen, nahm mich bei der Hand und führte mich in ihr Zimmer hinein. Sie führte mich an das Tiſchchen, auf welchem die Steine lagen, daneben heute die Zettel umgekehrt waren, und ſagte die Namen aller Steine her, ohne einen einzigen zu fehlen. Dann führte ſie mich gegen ihren Bücher⸗ ſchrein, wo auf dem Tiſche die Pflanzen lagen, die wir geſtern gebracht hatten. Sie ſagte auch die Namen aller, ohne ebenfalls einen zu fehlen. Dann gingen wir mit dem Obriſt auf ſeine Niederwieſe hinüber und ſahen zu, wie Heu gemacht wurde, und wie man eben das gut getrock⸗ nete nach Hauſe führte. Sie zeigte mir auch ihre Hühner und das andere Geflügel, und führte mich in den Stall, und zeigte mir die zwei Kälber, wie ſie ſchön ſeien und wie ſie ſich jetzt ſchon völlig ausgewachſen hätten. Wenn ſie groß würden, und wieder Nachkommen hätten, dann würde das andere 9 — 132— Vieh nach und nach weg gethan, und nur das von ihnen gekommen, aufbehalten. Ich brachte ihr, wenn ich in Thunberg oder in Pirling draußen geweſen war, bald eine Blume mit, bald ein Steinchen, das ſie noch nicht hatte, oder ein Band, oder ſonſt etwas, zum Beiſpiele, ein Ding, wo hinein ſie ihre Nadeln und Scheren legen konnte. Sie fing auf einem ſeidenen Tuche Blumen zu ſticken an, und ſagte, das würde über die große Taſche geſpannt werden, in welcher ich immer meine Papiere hätte; dann machte ſie mit Gold und Seide ein Ding auf mehrere Bän⸗ der, und erklärte mir, das müſſe auf die Halsgeſchirre der Rappen gethan werden, wenn ich einmal im Winter im Putze mit ihnen ausführe. Wir fuhren an allen Sonn⸗ und Feſttagen in die Kirche nach Sil⸗ lerau. Da ſahen alle Menſchen nach ihrer Schönheit hinüber, wenn ſie in dem Querſtuhle vorn neben ihrem Vater ſaß. Er hatte an allen gro⸗ ßen Feſttagen die goldene Kette um, die ihm der Kaiſer einmal gegeben hatte, und ſie hatte alsdann ein ſeidenes Gewand mit einem kleinen Zipfel als Schleppe. Mir war ſie aber immer lieber, wenn ſie in ihrem Hausgewande neben uns in dem Bücherzimmer war, oder in Feld und Wald, und ſich nicht ſo ſehr darauf Acht zu geben hatte, als auf das ſeidene. Gegen Ende des Sommers kletterte ich einmal um eine ſeltene Blume auf die Schneide des Duſterwaldes, weil ich wußte, daß ſie dort um dieſe Zeit blühe, und brachte ſie ihr. Sie hatte eine ſehr große Freude darüber. So ging der Sommer dahin. Wir wandelten wieder, wie im vori⸗ gen, in allen Wäldern, Wieſen und Feldern herum, nur daß wir heuer oft noch viel weiter waren, als im vorigen Jahre, und manchen be⸗ ſchwerlichen Weg machten, um irgend einen Platz zu beſuchen, von dem man Pracht und Schönheit der Wälder überblicken konnte, oder wo die ſchauerliche Majeſtät war, da ſich Felſen thürmten, Waſſer herab ſtürzten, und erhabene Bäume ſtanden. Ich hatte den ganzen Sommer hindurch nicht mehr gefragt, ob ſie mich liebe. Einmal aber, im ſpäten Herbſte, da wir im Eichenhage vraußen bei der großen Eiche ihres Vaters ſtanden, alle Geſträuche ſchon die gelben Blätter fallen ließen, nur die Eichen noch ihren roſtbraunen — 133— Schmuck recht feſt in den Zweigen hielten, fragte ich ſie wieder:„Mar⸗ garita, habt Ihr mich wohl lieb?“ „Ich liebe Euch ſehr,“ antwortete ſie,„ich hab' Euch über alles lieb. Nach meinem Vater ſeid Ihr mir der liebſte Mann auf der Welt.“ Sie hatte dieſes Mal die Augen nicht niedergeſchlagen, ſondern ſie ſah mich an, aber auf die Wangen ging doch ein recht ſchönes ſanftes Roth, als ſie dieſes ſagte. „Ich liebe Euch auch recht innig,“ antwortete ich,„ich liebe Euch mehr, als alle andern Menſchen dieſer Erde, und da mir alle Angehöri⸗ gen geſtorben ſind, ſo ſeid Ihr auf dieſer Welt das Höchſte, das ich liebe. Ich werde Euch auch in alle Ewigkeit lieben, Euch ganz allein,— hier auf dieſer Welt, ſo lange ich lebe, und im Jenſeits wieder.“ Sie reichte mir ihre Hand. Ich faßte ſie, und wir drückten uns die Hände.— Wir ließen dann dieſelben nicht los, ſondern hielten uns an ihnen. Wir blieben noch länger ſtehen, ſchwiegen, und ſahen in das verdorrte Gras nieder. Einzelne gelbe Blätter lagen von den Geſträu⸗ chen, die unter den Eichen wuchſen, und die ſchwach wärmenden Son⸗ nenſtrahlen der ſpäten Jahreszeit ſpielten zwiſchen den Stämmen und den Zweigen röthlich herein. Dann gingen wir in das Haghaus, und ſie mußte dem Vater an dem Tage noch lange vorleſen. Ich hörte zu, und ging in der Nacht nach Hauſe. Ach— es war jetzt ſo ſchön auf der Erde,— ſo mit Worten un⸗ ausſprechlich ſchön. Ich kniete einmal auf den Schemel, der in meiner Stube vor dem Fenſter iſt, nieder, da draußen Nacht war, und unendlich viele Herbſtſterne an dem Himmel glänzten, und dankte Gott für mein Glück. Seit meine Angehörigen geſtorben waren, war keine ſo ſchöne Zeit geweſen. Ich ging jeden Tag in das Haghaus hinauf. Selbſt als der Win⸗ ter gekommen war, und als ich nicht nur den Vormittag, wie ſonſt, ſon⸗ dern meiſtens auch den Nachmittag in meinen Geſchäften zubringen mußte— denn erſtens konnte ich wegen der großen Finſterniß nicht früh genug ausfahren, und zweitens hatten ſich die Krankheiten vermehrt— ging ich doch noch immer, wenn nur die Racht nicht zu weit vorgerückt war, in das Haus hinauf, und ſah die letzten Scheite in der großen — 134— Heize in dem Büchergemache verglimmen. Wenn ich zuweilen ganz durchnäßt nach Hauſe kam, weil es nicht ſelten von dem Wagen oder Schlitten weg noch durch wilde Schneehaufen oder Wäſſer zu einer Hütte, in der ein Kranker lag, zu klettern war: kleidete ich mich um, daß ich wieder alles an dem Körper trocken hatte, und trat meinen Weg an dem verſchneiten Felde des Meierbacher und über den Eſchenhügel hinauf an. Wenn das Gedränge der Rathholenden geringer war, und ich ge⸗ ſagt hatte, daß ich morgen ſchon am Nachmittage bei ſcheinender Sonne kommen würde, ſo ſtand ſie unter der Thür des Hauſes, machte wegen des Glanzes der Wolken und des Schnees, der auf den Höhen lag, mit ihrer Hand einen Schirm über die Augen, und ſah der Fläche nach hinab.— Sie ſagte mir nachher, daß ſie nach mir ausgeſchaut hatte. So floß der Winter nach und nach vorwärts. Wir laſen etwas aus den Büchern oder aus den ſeltenen Schriften des Obriſt's, deren er eine ganze Sammlung hat, oder wir ſprachen von verſchiedenen Dingen. Der Obriſt fragte um alle möglichen Verhältniſſe der Menſchen des Waldes, und wenn ich ihm ſagte, was mir bekannt war, ſah ich, daß er alles ohnehin ſchon am richtigſten wußte. Oft war wohl auch ein Mann aus der Umgegend da, der Obriſt ſetzte ihm ein Glas Wein und Brod vor, und ehe die Nacht weit vorwärts rückte, machte ſich der Beſuchende wie⸗ der auf, und begab ſich nach Hauſe. Wenn ſolche lichte Nachmittage waren, wie ich oben ſagte, ſahen Margarita und ich ſehr gerne die Bilder an, die da waren. Sie zeigte mir vieles und erklärte mir vieles; denn hier wußte ſie mehr als ich, weil ſie ſeit ihrer Kindheit immer die Bilder um ſich gehabt und von dem Vater die Einſicht in dieſelben bekommen hatte— es iſt unglaublich, welch Wunderbares und Schönes in dieſen Bildein liegt. Manchmal gingen wir dann hinaus, und ſahen die Wolken und andere Dinge an, und erkannten und freuten uns, daß ſie auf den Bildern ſo gemacht waren, wie ſie find. Ein anderes Mal ſagte ſie mir wieder alles auf, was ſie von mir gelernt hatte, und ftagte mich, ob es ſo recht ſei. Zu verſchiedenen Zeiten that der Obriſt Entwürfe und Zeichnungen auf den Tiſch, wie er dieſes und jenes ändern, dieſes und jenes verzieren, dieſes und jenes neu anlegen wolle. Wir ſchauten die Sachen an, ſie waren ſehr ſchön, und immer ſo reinlich gezeichnet, als hätte ſich ein junger Menſch mit großem Eifer und großer Freude dazu geſetzt. Ich — 135— bekam bei dieſen Dingen mehr Einſicht, als ich früher hatte, und änderte den Riß, den ich zu verſchiedenen Zeiten zu meinem Schreibgerüſte ge⸗ macht hatte, daß es in feſtem Eichenholze geſchnitzt würde, wieder ganz und gar ab. Ich nahm mir vor, den Riß, ehe die Arbeit in Holz an⸗ gefangen würde, den Obriſt zu zeigen. Ein paar Male war er mit Margarita auch ſogar bei mir herunten, und das letzte Mal ließ ich ſeine Braunen heimlich in das Haghaus zurück gehen und führte ihn dann mit Margarita mit meinen Rappen hinauf, da ſie zum erſten Male die ſchönen Bänder, die ihnen von Margarita ge⸗ macht worden waren, auf ſich hatten. Manchmal, wenn wir ſo an ſpäten Abenden bei einander ſaßen, draußen ſtrenge Kälte herrſchte, und herinnen in der Heize die großen Blöcke glommen, ihren rothen Schein mit dem weißen der Lampe im Raume des Zimmers miſchten, der Obriſt an ſeinem ſchönen weißen Barte von der Glut roſenfarben angeleuchtet in dem Arnſeſſel ſaß, und ich und Margarita neben einander ihm gegenüber: ſo legte ſie gerne ihre Hand auf die meine, wir faßten unſere Hände, und hielten uns längere Zeit dabei, während von ganz fremden Dingen der Welt draußen, oder von anderen, die uns ſchon näher angingen, die Rede war. Der Obriſt hat dieſes geſehen, er hat aber nie etwas darüber geſagt. Wenn andere eine Reigung zu einander haben, ſuchen ſie dieſelbe zu verheimlichen, wir aber thaten dieſes nicht, ſagten aber auch nichts, und lebten ſo mit ein⸗ ander fort. Wir haben auch zu uns ſelber nichts mehr von unſerer Zu⸗ neigung geſagt, ſeit jenem Abende, wo wir im Eichenhage einander ver⸗ trauten, daß wir uns ſehr lieben. Ich hatte nicht den Muth, ſie von dem Obriſten zu meinem Weibe zu begehren— es kam mir auch vor, daß es noch nicht Zeit ſei. Er, obwohl er es wußte, redete nie von Din⸗ gen, die hieher einen Bezug haben könnten, ſondern war immer freund⸗ lich und heiter, und ſprach von allem, das in dem Reiche ſeiner Betrach⸗ tungen war, oder dem er zu einer Handlung oder irgend einer Geſtal⸗ tung, wie ſie ihm geläufig war, eine Zuverſicht abzugewinnen ver⸗ mochte. So war der Winter endlich dahin, und wieder der Frühling gekom⸗ men, die liebliche Freude unſerer Wälder. Da geſchah etwas, das alles änderte. Zwar der Obriſt iſt nicht geändert worden. Wenn ihm ſogar etwas — 736 Böſes angethan wird, ſo erkennt er es für einen Irrthum„hat Mitleid und trägt nicht nach. Iſt nicht die ſchöne Unterredung, die et mit mir hatte, ſelber ein Beweis davon?— Ich habe mich ſo gerne bei der Zeit meiner Ankunft verweilt, ich habe mich gerne bei der Zeit verweilt, in der ich zu bauen und zu wirth⸗ ſchaften angefangen habe; es war eine einfache ſchuldloſe Zeit— ich weilte gerne dabei, wie der Obriſt gekommen iſt, mit ihr, der Lieben, der Guten; es war eine glückſelige Zeit—— alles iſt aus—— und ſie, gerade ſie hat mir ſo große Schmerzen gemacht; aber es iſt nicht ſie, ich erkenne es jetzt wohl, ſondern ich, ich allein.— Es liegt die lange ſchwere Zeit vor mir, und viele Jahre wird es brauchen, bis ich mich in ſie hinein lebe. Ich will alles eintragen. Als die Tage der Blüthen gekommen waren— mein Vogelkirſch⸗ baum, der liebe große kronenreiche Baum, den ich noch von Allerb auf mich gebracht hatte, war mit einem ganzen weißen Meere von Blüthen bedeckt; in den Wäldern, wo man noch durch das dünnbelaubte Zweig⸗ gitter den Himmel ſah, fuhr ich doch oft ſchon durch eine Wolke von Duft und Blumenſtaub, der durch die Räume ging— Alles— Alles war ſo ſchön— und ſiehe, dacht' ich, welch ein Sommer wird erſt auf dieſe Weiſe herein rücken—— und nun ſag' ich, welcher wird kommen!—— Als, wie ich oben anfing, die Zeit der Blüthen über uns war, fand ſich in dem Haghauſe ein Beſuch ein, auf den alle nicht vorbereitet waren. Es kam Rudolph, der Brudersſohn des Obriſt's. Einen ſchö⸗ neren Jüngling würde man ſich wohl kaum denken können. Es gingen von dem roſenfarbenen Angeſichte die dunklen ſchwarzen Haare zurück, und die großen Augen blickten ſehr wohlgebildet aus dem Angeſichte. Sein Vater und ſeine Mutter waren ſchon vor längerer Zeit geſtorben. Er war gekommen, um eine große Summe, die in Vorſchein gekommen, und verloren geglaubte Schuldgelder, die eingegangen waren, mit dem Oheime zu theilen, dem einſtens Unrecht geſchehen war. Der Obriſt nahm ihn mit vielen Freuden auf, zeigte ihm große Liebe und gab ihm viele Geſchenke, die er als Denkmale ſeines Aufenthaltes bei ſeinen Ver⸗ wandten auf ſein Schloß mitnehmen und aufheben ſollte. Von der Summe aber nahm er nicht den Theil, den ihm der Jüngling geben wollte, ſondern, wie in ftüherer Zeit, wieder das Wenigſte, das ſich noch mit ſeinen Pflichten gegen Margarita vertrug. Rudolph lebte mit einem Manne, einem Amtmanne ſeines Vaters, den er ſehr liebte und ehrte, ganz allein auf dem Schloſſe, und bewirthſchaftete ſein Vermögen. Mir wurde er, da ich in jenen Tagen hinauf kam, vorgeſtellt, und er war immer ſehr beſcheiden und ehrfurchtsvoll gegen mich. Da man ihn ſehr bat, blieb er viel länger bei dem Oheime, als er ſich eigentlich vor⸗ genommen hatte. Als ich einmal in dem Lidenholze heimlich auf die Wulſt der Felſen, die ſich da in der Nähe des Holzſchlages überneigen, geklettert war, weil ich dort mehrere ſehr ſeltene Steinbrechen wußte, die in Blüthe gehen ſollten, und die ich Margarita bringen wollte: ſah ich plöhlich auf dem Wege durch das Lidenholz unter mir Margarita und Rudolph heraus gehen. Ein ſchöneres Paar iſt gar nicht auf der Erde. Er war um eine halbe Hauptlänge höher, als ſie, war ſo ſchlank, wie ſie, das feine Ge⸗ wand war ſo anſpruchsvoll an ihm und die ſchwarzen Augen blickten ſanft und milde; ſie ſchimmerte neben ihm ſo klar, wie immer, hatte das weiße Gewand an, und wurde durch ihn faſt ſchöner, als gewöhnlich. Mir ſtürzten die bitteren Thränen aus den Augen—— wrer bin ich denn— was bin ich denn?—— ich bin nichts— gar nichts.—— Ich wäre hinab geklettert, ich hätte die Felſen umſchritten, und wäre zu ihnen hingegangen— aber ich konnte es jetzt noch nicht.— Sie wan⸗ delten neben den Blumen hin, die in dem hohen Graſe des Holzſchlages ſtanden, ſie wandelten neben dem zarten Geſträuche und Geſtrüppe, das ſich manchmal an den Weg heran drängt— er ſprach zu ihr, ſie ſprach zu ihm— er hatte ihren Arm in dem ſeinigen, ſie legte ihre Hand auf die ſeine, drückte ſie, und ſtreichelte dieſelbe ſanft. Ich wollte nun gar nicht zu ihnen hinab gehen, ſondern ich nahm meinen Stock, den ich in die Gräſer nieder gelegt hatte, und zerſchlug mit demſelben alle Steinbrechen, die in der That noch nicht blühten, daß der Ort wild und wüſt war. Dann ſtieg ich rückwärts an dem Felſen wieder hinab, wo ich hinaufgekommen war— denn an anderen Stellen iſt die Wulſt kaum zugänglich— ich ſtieg ſo ſchnell hinab, daß ich mir die Hände blutig riß. Dann ging ich nicht nach Hauſe, obgleich das Mittageſſen auf mich wartete. Ich war gerade darum recht bald zu meinen Kranken gefahren, und war bald zurück gekommen, damit ich zu den Steinbrechen — gehen, und ihr die Blumen, wenn ich einige fand, noch vor dem Eſſen bringen könnte. Jetzt waren keine Blumen nothwendig, und jetzt war es nicht nothwendig, daß ich nach Hauſe zu meinem Eſſen ging. Ich ſtieg vielmehr von dem Lidholze immer mehr nieder gegen die Thalrinne, in der das Lidwaſſer geht, das kaum jemand beſucht, weil es ſo enge zwi⸗ ſchen den Waldwänden hin geht, ein ſeichtes Waſſer iſt, und überall wilde Steine liegen, daß kein Weg in der Länge der Thalrinne möglich iſt. Vorwärts gegen die grauen Felſen, die manchmal aus dem Schwarz und Grün der Wand hinaus ſteigen, ſchaut das Gedämmer und die Ruhe des Kirmwaldes herein, der ſich abet auch immer drehte und hin und her rührte, wie ich abwärts ſtieg, bis er verſchwand, und an den hohen Strebniſſen des Graſes, des Nachwuchſes, der dürren Stämme, der Steine nichts nieder ſchaute, als der einzige ſchwermüthige Himmel. Ich ging ganz tief bis in den Keſſel zurück, wo das Waſſer ruhig im Grunde ſteht und ſeine ſtahlblauen Flecke zwiſchen den grünen Inſeln, die auf ihm ſchwimmen, hervor leuchten— daneben ſteht der feuchte Stamm der Tanne, und der graubraune Fels, von dem das Waſſer beſtändig, wie ein Firniß, nieder glitzert. Auf dem Wege dahin hatten mich die blauen Scheine unſeres Waldenzianes gegrüßt und die breiten grünen Augen des Huflattigs, wo mein Fuß in den weichen brodigen Waldboden einſank: Ich beachtete ſie nicht. Ach, ich bin ja ſonſt nicht ſo zornig— es iſt meine Art nicht ſo. Ein Rückfall in meine Kindheit mußte es ſein, wo mich, wie der Vater ſagte, meine früh verſtorbene Mutter verweichlichte, daß ich oft, wenn mir ein Hinderniß entgegen kam, mich zu Boden warf und tobte.—— Ich ſtieg von dem Lidkeſſel durch das Sandgerölle empor, indem ich die Hand wieder in die Geſträuche ſchlug, daß ſie blutete, und mich an den hervorſtehenden ſcharfen Steinen hielt, daß ich nicht nieder rollte.— Ich kam an dem Rotheck heraus, wo ſich die Okerſteine am Gipfel des Berges in die Luft drängen, und der Blick in die jenſeitigen Länder geht; wo ſich die lange Linie des Rothberges hin zieht, und die dortigen Wald⸗ bühel blau an blau hinaus gehen. Das Haus des Vetters Martin war nicht ſichtbar, an dem Himmel ſtreckten ſich weiße ſtehende Wolken hin und auf meinem Boden war der Sand ſo roth gefärbt, daß ich mir die Schuhe beſchmutzte, wie ich darüber hin ging, und gegen meine Linke abneigend wieder in die finſtere Geſellſchaft der Tannen einbog. — 139— Ich hatte mir nun alles feſt geſetzt, wie ich thun ſolle.— Ich ging in der großen Krümmung des Waldes herum, daß ich faſt gegen Abend oberhalb des Eichenhages heraus kam, durch das ich in das Haus des Obriſt's ging.— Er ſelber war nicht zu Hauſe. Margarita, ſagten ſie, ſei in dem Garten. Ich ſchritt durch das Hofthor in den Garten, ſah ſie aber dort nicht, und vermuthete ſogleich, daß ſie in das angrenzende Feld hinaus gegangen ſein möge, weil das Hintergitter des Gartens offen ſtand. Ich ſah ſie wirklich, da ich das Gitter erreicht hatte und den Blick in das Freie that, an dem breiten Wieſenſaume, der neben dem Korne lief, wandeln, wie ſie in der lauen ſchönen Abendſonne den langen Schatten über das Getreide warf. Sie war allein— es war dieſes nichts Wunderbares— aber ich verwunderte mich darüber. Nur die zwei ſchö⸗ nen Wolfshunde ihres Vaters gingen ruhig neben ihr, ſie lieben das Mädchen ſehr, gehen ihm immer zu, und ſind viel ruhiger, wenn Mar⸗ garita in unſerer Geſellſchaft iſt. Als ich in der Oeffnung des Garten⸗ gitters erſchien und ſie mich erblickten, ſprangen und tanzten ſie luſtig gegen mich zu, und auch Margarita ging etwas ſchneller mir entgegen, da ſie merkte, daß ich auf ſie zueile. Sie hatte das weiße Kleid an, war ſo ſchlank und ſchön, wie am Vormittage, und trug das reine Angeſicht meinen Augen entgegen, ſo ſchimmernd und ſanft, wie es am Vormittage geweſen war. Sie nahm zuerſt das Wort und ſagte:„Ach— Ihr ſeid nun da— wir waren ſchon in Sorge, daß Euch etwas zugeſtoßen ſein könnte; denn der Vetter Rudolph iſt fort, und iſt im Nachmittage noch bei Euch gewe⸗ ſen, um Abſchied zu nehmen— da ſagten Eure Leute, daß Ihr wohl mit den Pferden ſchon nach Hauſe gekommen, aber wieder fort gegangen, und dann nicht einmal zum Mittageſſen zurückgekehrt ſeid. Der Vater meinte, Ihr würdet wohl zu einem Hülfsbedürftigen gemußt haben, und es ſei alles an der Sache nicht auffallend. Er hat den Vetter Rudolph bis zu dem Wirthshauſe am Rothberge begleitet, wohin die Reiſepferde beſtellt ſind, dann wird er mit unſeren Pferden wieder heim kommen.“ „Margarita, Ihr liebt mich gar nicht!“ antwortete ich. Sie richtete ihre Augen auf mich, und ſagte:„Wie kömmt denn dieſe Rede zu Euch?— ich liebe Euch ja mehr, als Ihr ahnen könnt: ich bin ſo freudig, wenn Ihr herauf kommt, es thut mir leid, wenn Ihr fort geht, und ich denke auf Euch, wenn Ihr fern ſeid.“ „Ihr liebt mich nicht,“ ſagte ich wieder, und ſie mochte bemerken, wie es in meinem Angeſichte vor Schmerz zuckte. „Was iſt Euch denn,“ ſagte ſie,—„Ihr könnt ja eigentlich nicht ſo reden.— Seid Ihr krank? Ihr müßt wohl einen weiten Weg gemacht haben, ich ſehe es an Euren Kleidern. Habt Ihr ſchon etwas gegeſſen?“ „Nein, ich habe noch nichts gegeſſen,“ antwortete ich. „Nun ſo kommt nur ſchnell in das Haus herein,“ erwiederte ſie, „ich werde Euch etwas geben, es ſind noch Dinge genug da, Ihr müſſet gleich etwas eſſen?“ „Ich eſſe nichts,“ antwortete ich. „So wollt Ihr etwa mit dem Vater reden,“ ſagte ſie,„kommt, wir wollen uns auf die Gartenbank ſetzen, wo man den Weg weit überſieht, auf dem er kommen wird.“ „Ich will nicht mit dem Vater reden,“ antwortete ich,„aber Euch habe ich etwas zu ſagen, daß Ihr nämlich den Vetter Rudolph viel, viel mehr liebt, als mich.“ „Ich liebe den Vetter Rudolph,“ ſagte ſie,„weil es ſich gebührt, aber ich liebe Euch mehr— ihn liebe ich anders— und Ihr müßt ſelber ſagen, ob er es nicht werth iſt, da er ſich ſo ſchön gegen uns, ſeine Ver⸗ wandten gezeigt hat?“ „Ja, ja, er iſt es werth und Ihr werdet ihn immer mehr und mehr, und endlich ſehr lieben,“ erwiederte ich. „Ich werde ihn auch ſehr lieben,“ entgegnete ſie,„wenn er noch öſter wird zu uns gekommen ſein, wie er es geſagt hat.“ „Nun, ſo iſt es gut, und wir ſind in Ordnung,“ antwortete ich. Jetzt gingen wir eine Weile ſchweigend neben einander her, bis wir zu dem Gartengitter gekommen waren, wo die Roſen ſtehen, deren Reiſer wir mit einander eingelegt hatten. Dort blieb ſie ſtehen, wendete ihr Angeſicht und ihre Augen auf mich und ſagte:„Ich bitte Euch, lieber, theurer Freund, ſeht ich bitte Euch aus der innerſten Inſtändigkeit mei⸗ nes Gemüthes, laſſet dieſe Dinge und dieſe Worte aus Eurem Herzen fahren.“ „Ich laſſe ja die Dinge alle,“ antwortete ich,„Ihr liebet mich nicht, und ich laſſe die Dinge aus meinem Herzen fahren.“ „Ich habe im Eichenhage zu Euch geſagt,“ erwiederte ſie,„daß ich . — 141— Euch außer meinem Vater mehr liebe, als alle andern Menſchen auf der Erde.“ „Ja, Ihr habt es geſagt,“ antwortete ich—„ob es aber auch wahr iſt!?“ Auf dieſe Rede erwiederte ſie gar nichts. Sie ſagte kein Wort mehr. Sie ging durch das Gartengitter hinein, und ich auch. Sie zog einen Schlüſſel aus der Taſche ihres Kleides, machte das Gitter zu und ſperrte mit dem Schlüſſel das Schloß. Dann ging ſie auf dem geraden Wege durch den Garten, der gegen das zweite Gitter führt, durch das man in den Hof des Hauſes gelangt,— ich ging immer neben ihr, und es war mir, als ob ſie ſcheu von mir weg wiche. Da wir das Gitter erreicht hat⸗ ten, ging ſie durch dasſelbe in den Hof, that es hinter ſich zu, aber ſperrte es nicht ab, weil es nie abgeſperrt wird. Im Hofe redete ſie wieder das erſte Wort, indem ſie ſagte:„Wenn Ihr auf den Vater warten wollt, ſo will ich mich zu Euch auf die Bank ſetzen, und ſo lange warten, bis er da iſt.“ „Ihr könnt ihm in meinem Namen eine gute Nacht ſagen,“ ant⸗ wortete ich,„ich gehe nach Hauſe.“ „So werde ich es thun,“ ſagte ſie, indem ſie ſtehen blieb. Ich wendete mich von ihr, ging neben dem Blumenſaale durch das große Thor hinaus, und ſchritt auf dem Wege nach meinem Hauſe hin⸗ unter. Am andern Tage hatte ich nur zu dem Erlebauer zu fahren, der etwas bedeutend krank war, dann zur Mechthild, die ein Gallenfieber hatte, und dann noch zu einigen andern von geringer Bedeutung. Ich fuhr ſehr frühe des Morgens aus, damit ich bis zu Mittag mit allen meinen Kranken, und mit dem Schreiben, das nothwendig geworden war, fertig wäre. Als ich die Suppe, die ich als einzige Speiſe an dieſem Mittage zu mir nahm, gegeſſen hatte, ging ich in das Haghaus hinauf. Ich ging zuerſt zu dem Obriſt, der in einem Buche las. Er ſtand auf, grüßte mich, wie ſonſt, und war um gar nichts anders, als er ſich ſtets gegen mich benommen hatte. Er ſagte mir nach einigen gewöhnli⸗ chen Worten, daß geſtern ſein Vetter Rudolph fort gereiſet ſei, daß er mich noch geſucht, aber nicht gefunden habe, und mir daher durch ihn die ſchönſten Grüße zum Abſchiede ſagen laſſe. Er fügte dann noch hinzu, — daß der junge Mann ein vortrefflicher Menſch ſei, daß er ſich freue, daß nun der Hader in der Verwandtſchaft ein Ende habe, und daß, wenn der Jüngling in ſeiner Geſinnung ſo ſort fahre, aus ihm ein einfacher, gut⸗ herziger und ſtarker Mann hervorgehen könne. Ich pflichtete den Worten bei, wie ſie auch in der That ganz der Wahrheit gemäß waren. Von unſern andern Dingen ſprach der Obriſt kein Wort. Nach einer Weile der Unterredung ſagte ich, daß ich zu Margarita hinüber gehen müſſe. Er ſtand auf, und ich beurlaubte mich. Es war mir zu allen Zeiten erlaubt geweſen, allein zu Margarita hinein zu ge⸗ hen, und der Obriſt hatte es nie ſo eingerichtet, daß dieſes nicht geſche⸗ hen durfte. Ich ging durch den Gang zu ihr hinüber. Als ich die Thüre geöff⸗ net hatte, ſah ich ſie an ihrem Tiſchchen ſtehen, und ſie ſchien mich er⸗ wartet zu haben. Sie war manchmal, wenn ſie wußte, daß ich zu ihrem Vater hinein gegangen ſei, voll Freude herüber gekommen; heute war das nicht der Fall geweſen. Sie war recht ſchön gekleidet, aber das Ge⸗ wand war ein anderes, als geſtern. Auf dem Wandtiſche neben der Thür lag noch der welke Strauß Feldblumen, den ſie geſtern gepflückt hatte, und ſeine Stengel waren noch mit demſelben Feldgraſe gebunden, das ſie geſtern genommen hatte. Ich erkannte, daß er einige Blumen enthielt, die in unſerem Kräuterbuche noch nicht waren, oder die wir ſchlecht ge⸗ preßt hatten. Da ich bis zu ihr vorwärts gekommen war, und gegen ihre Augen geblickt hatte, ſagte ſie:„Ich habe Euch heute erwartet, und da muß ich Euch die Worte ſagen, die ich mir in der Nacht gedacht habe, und die Euch zu wiſſen nothwendig ſind. Ich habe recht gerne Eure Gattin wer⸗ den gewollt, der Vater hat Euch auch in hohem Grade lieb;— aber da nun alles anders geworden iſt, muß ich Euch ſagen, daß es nicht mehr geſchehen kann.“ Ich ſah ſie an. Da ich in das Haghaus hinauf ging, wußte ich noch nicht, was ich ſagen werde, nur die Empfindung war mir klar, daß ich heute recht bald, ſo bald als möglich hinauf gehen müſſe; aber als Margarita die obigen Worte geſagt hatte, erſchrak ich ſehr. Ich nahm ſie bei der Hand, die ſie mir gerne ließ, und führte ſie gegen das Fenſter vorwärts. Sie ſetzte ſich auf das gepolſterte Bänklein, das in der Fen⸗ ſtervertiefung ſteht, nieder, weil ſie dachte, daß ich mit ihr reden wolle. — — 143— Ich ſetzte mich auf das andere Bänklein, ihr gegenüber, und redete zu ihr. Ich redete ſehr lange— aber was ich ſagte, weiß ich nicht mehr, und kann es nicht in dieſes Buch einſchreiben. Was ſie antwortete, weiß ich auch nicht mehr; aber das weiß ich, daß es nicht ſo war, wie ich wollte, und daß ſie ihren Entſchluß nicht änderte. Dann ſchwieg ſie ganz, und wie ich eifriger und haſtiger fort redete, verſtummte ſie immer mehr, und als ich endlich ſehr heftig und dringend wurde, ſagte ſie plötz⸗ lich die Worte:„Da muß ich den Vater um Hülfe rufen.“ Auf dieſe Worte ſprang ich auf, und ſagte:„Nein, das dürfet Ihr nicht thun, das ſollt Ihr nicht nöthig haben— es iſt ſchon alles gut, gut, gut.“ Und da war es, wo eine ſolche Vergeſſenheit aller Dinge des Him⸗ mels und der Erde über mich kam!!—— Ich wendete mich um, ging zur Thür hinaus, gewann durch das Thor das Freie, und eilte nach mei⸗ nem Hauſe hinunter.—— Es war nun alles gleich. Ich wollte die Dinge der Welt zerreißen, vernichten, ſtrafen.——— Ich habe es im Anfange dieſes Buches eingeſchrieben, wie ich in den Kirmwald zu einer Birke hinaufgeeilt bin, die mir in den Gedanken gekommen war, und wie mir der Obriſt an jene Stelle nach gegangen war, und mit mir in dem Walde geredet.——— Es iſt eine ſehr laſterhafte That geweſen, die ich habe begehen ge⸗ wollt, und ſie hat meine Seele tief erſchreckt.— Ich habe ſonſt meine Geſchäfte ruhig gethan, und weiß nicht, wie ich dazu gekommen bin, daß ein ſolcher Gedanke in meinem Haupte entſtehen konnte.— Ich weiß es heute noch nicht.——— Ich muß mein Amt mit noch größerem Eifer verwalten, ich muß in die tiefſten Dinge desſelben nieder ſteigen, und muß die größten Schwie⸗ rigkeiten und die kleinſten Pflichten desſelben thun, damit wieder alles ausgeglichen werde. Ich habe dieſe Sache darum auch gleich am Anfange dieſes Buches eingeſchrieben, weil ſie mich ſo erſchreckt hat, daß nur eine Möglichkeit geweſen iſt, daß ein ſolches Beginnen in meinen Sinn und in meine Denkweiſe kommen konnte!! Ich bin ſehr traurig geweſen. Am Abende bin ich nach Hauſe ge⸗ gangen, und habe mich in das Bett gelegt— nicht zum Schlafen. Den — andern Tag habe ich mit mir allein zugebracht. Am folgenden bin ich zu dem Obriſt hinauf gegangen. Er hat mir ſeine Lebensgeſchichte erzählt, und hat mich ſehr erſchüttert. Dann hat er mich gefragt, ob ich zu Mar⸗ garita hinüber gehen wollte, um mit ihr gütig zu reden; und da ich ein⸗ gewilligt hatte, führte er mich durch den Gang und über die gelbe Rohr⸗ matte in ihr erſtes Zimmer hinein. Als ſie in demſelben nicht war. ſagte er, ich ſolle hier warten, er werde ſie holen— dann werde er ſelber nicht mehr heraus kommen, ſondern durch das Bücherzimmer in ſeine Stube zurück gehen. Er kam auch nicht mehr heraus— es öffnete ſich ſchwach der halbe Thürflügel, den der Obriſt hinter ſich offen gelaſſen hatte, und Margarita trat heraus. Ihre Augen waren auf mich gerichtet. Sie war ſo einfach ſchön, wie das Ding, wovon ſie den Namen hat; denn Mar⸗ garita heißt ja in der alten Römerſprache die Perle. Der Obriſt hatte nichts von dem geſagt, was ich hatte thun wollen, ich erkannte es wohl; denn ſie hätte mich nicht mehr angeſehen. Sie ging bis in die Mitte des Zimmers hervor, wo ich ſtand, ich reichte ihr die Hand, wie wir es ge⸗ wöhnlich thaten, wenn wir in früheren Zeiten zuſammen gekommen wa⸗ ren, ſie nahm die Hand an, und dann ließen wir ſie wieder los. „Margarita,“ ſagte ich,„Euer Vater hat bei Euch fürgeſprochen, daß ich zu Euch herüber kommen, und mit Euch reden dürfe. Wir wer⸗ den nun nicht mehr ſo oft zuſammen kommen, und werden nicht ſo oft mit einander durch die Felder und Wälder gehen wie bisher—— ich werde weniger in das Haghaus herauf gehen können, als es in den ver⸗ gangenen Zeiten der Fall geweſen iſt——— fürchtet Euch nicht, ich werde heute nicht ſo reden, wie vorgeſtern, ſondern gut und ruhig— ich werde Euch um nichts bitten.“—— Sie hatte während dieſer Worte nicht geantwortet, obwohl ſie in Zwiſchenräumen geſagt worden waren, ſondern war vor mir geſtanden, und hatte ihre Arme an ihrem Kleide niederhängen laſſen. „Margarita,“ ſagte ich dann wieder,„verzeihet mir.“ „Ich habe Euch nichts zu verzeihen,“ antwortete ſie,„Ihr habt mir nichts gethan.“ Während wir dieſe Worte ſprachen, kam der Obriſt wieder durch das Bücherzimmer zu uns herüber, und trug etwas in der Hand. Da er bis zu uns gelangt war, legte er es auf den Tiſch nieder und ſagte„Hier find einige getrocknete Stämmchen Edelweis. Sie ſind die Hälfte von — 145— denen, welche mir meine Gattin gepflückt und auf den Hut geſteckt hat, als ſie an ihrem letzten Tage mit mir auf dem hohen Gebirge geweſen war. Ihr werdet beide dieſe Pflanze nicht kennen, da ſie hier nicht wächſt, und werdet ſie daher auch nicht in Euren Kräuterbüchern haben. Ich gebe Euch dieſe mehreren Stämmchen, theilt ſie unter einander, und be⸗ wahret Euch dieſelben auf.“ Als er dieſes geſagt hatte, wendete er ſich um und begab ſich wieder durch das Bücherzimmer in ſeine Stube. Ich ging an den Tiſch und ſah das Edelweis an. Es waren zwölf Stämmchen. Ich legte ſechs auf dieſe Seite, und ſechs auf jene Seite, und ſagte:„Margarita, ich habe die Pflanzen aus einander getheilt; dieſe hier ſind die Eurigen, dieſe die mei⸗ nigen. Iſt es ſo recht?“ „Ja,“ ſagte ſie. Hierauf ſchwiegen wir wieder eine Weile— dann ſagte ich:„Ich werde jetzt mein Amt recht eifrig erfüllen, und allen Hülfsbedürftigen, nah und ferne, den willfährigſten Beiſtand leiſten.“ „Ja, thut das, thut das,“ ſprach ſie lebhaft. Dann fuhr ich fort:„Denkt zuweilen an mich, Margarita, und wenn auch alles anders wurde, laſſet doch mein Bild in mancher Zeit vor Eure Augen treten.“ „Ich habe geglaubt, daß Ihr ſehr gut und ſehr ſanft ſeid,“ ant⸗ wortete ſie. „Ich bin es,“ ſagte ich,„ich bin es, Margarita, nur könnt Ihr es jetzt noch nicht ſehen, und könnt es jetzt noch nicht glauben. Drum lebet wohl Margarita, lebet recht wohl.“ „Wartet noch ein wenig,“ ſagte ſie. Dann trat ſie an den Tiſch, nahm jene Abtheilung des Edelweiſes, die ich als die ihrige bezeichnet hatte, legte ſie auf meine Seite und ſagte: „Nehmet dieſes.“ Ich ſah auf ſie, konnte aber ihr Angeſicht nicht ſehen, weil ſie ſich abgewendet hatte. „Margarita,“ ſagte ich,„lebet recht wohl.“ Ich konnte nicht hören, daß ſie etwas antwortete, ſah aber, daß ſie mit der Hand winkte. Es war nun alles vorüber. Ich nahm das Edelweis, das ſie mir gegeben hatte, von dem Tiſche, that es in das Buch, das ich immer bei Stifter. 4. Aufl. II. 10 — 146— mir trage, und ging zur Thür hinaus. Ich ſchritt zum letzten Male über die gelbe Rohrmatte, ich ging durch die große Blumenſtube, in welcher manche fremdartige Gewächſe ſtanden, und trat aus derſelben auf den Grundſtein hinaus, den wir mit ſo vieler Freude und Fröhlichkeit gelegt hatten. Dann kam ich durch den Thorbogen in das Freie. Ich wollte den Obriſt nicht mehr beſuchen, ſondern langſam meine Wege gehen. Aber ich ſah ihn, da ich heraus gekommen war, in dem feinen Graſe des Raſens ſtehen, der ſich vor den Fenſtern ſeines Hauſes hin breitet. Wir gingen auf einander zu. Anfangs ſagten wir gar nichts, dann aber ſprach er:„Wir werden Euch ein wenig begleiten.“ Es waren nämlich auch ſeine zwei Hunde bei ihm. Er ging ein Stück des Weges, den ich eingeſchlagen hatte, mit mir, dann ſagte er: „Laſſet eine Zeit verfließen. Wie ich Euch ſchon in meiner Stube geſagt habe, ſo wiederhole ich es auch hier, Ihr habt beide gefehlt. Denkt an meine Gattin: ſie ſtürzte ohne den leiſeſten Angſtruf in den Abgrund, damit ſie mich nicht erſchrecke. Margarita gleicht ihr ſehr. Sogar darin iſt ſie ihr ähnlich, daß ſie eine ſolche Vorliebe für weiße Kleider hat, ob⸗ wohl ihr Niemand erzählt hat, daß es bei ihrer Mutter auch ſo geweſen iſt. Sie iſt eben ſo ſtark und eben ſo demüthig und zurückweichend vor dem harten Felſen der Gewaltthat.“ Ich antwortete im Augenblicke nicht auf dieſe Rede. Es war heute das erſte Mal geweſen, daß der Obriſt von dem Stande der Dinge zwi⸗ ſchen mir und Margarita geſprochen hatte. Wir gingen noch eine Weile neben einander, bis ein Weg ſeitwärts gegen ſeine Wieſe hinein ging. Dort beurlaubte er ſich, und wandelte auf dem Wege, der ihn gegen die Wieſe führte, mit ſeinen Hunden dahin. Der Pfad aber, den ich eingeſchlagen hatte, war nicht der zu mei⸗ nem Hauſe hinunter, ſondern der, welcher von dem Haghauſe weg durch die Felder empor geht, und dann in die Weidebrüche einlenkt, wo man im Sommer die Rinder hütet. Ich ſchlug den Pfad darum ein, weil ich noch zur Haidelis gehen mußte, die krank iſt, und weil der Weg durch die Weidebrüche zu ihr führt. Ich ging nicht zum Eſſen nach Hauſe; denn ich dachte, ich könnte ja in das Gollwirthshaus gehen, wenn mein Leib etwas verlangte, oder ſonſt irgend wohin, wo mein Weg mich vorbei bringt. 4 Als ich zwiſchen die Haſelſtauden der Weiden hinauf gekommen war, * — 147— und nicht geſehen werden konnte, blieb ich ein wenig ſtehen. Ich richtete mir das Barett zu rechte, welches ſchief geſunken war, und ſagte mir gleichſam ſelber die Worte:„Wenn dir nun in Zukunft noch ein Wider⸗ ſtand in den Weg kommt, Auguſtinus, den du nicht überwinden zu kön⸗ nen meinſt, ſo denke an den Obriſt und an ſeine ſtandhafte Tochter.“ Dann ging ich wieder zwiſchen den Haſelbüſchen weiter. Ich hatte jetzt Niemanden mehr, als meine Kranken, und es ſchien mir in dem Augenblicke, als warteten ſie alle auf mich. Ich ſollte zwar erſt gegen den Abend zur Haidelis hinaus, und hatte mir vorgenymmen zu fahren; aber da es doch etwas weit iſt, ſo dachte ich, werde ich bei langſamem Gehen, wenn auch der Tag noch hoch ſteht, doch erſt gegen den Abend hin kommen. Ich mochte von dem Obriſt nicht nach Hauſe gehen, und meine Pferde holen. Ich ging langſam— langſam und denkend durch die Wälder dahin.— Auch war ich ein wenig bei dem hinteren Wirthe in dem Schlagholze, und aß etwas von der Koſt, die an ſeinem Mittagstiſche übrig geblieben war. Als ich von der Haidelis weg durch andere Wälder nach Hauſe ging und die Sonne ſchon ziemlich nahe gegen ihren Untergang neigte, ſchien es ſich erfüllen zu wollen, was der Obriſt heute gegen Mittag voraus⸗ geſagt hatte: denn von der Scheide des Hochwaldes herüber, von woher im Winter die Wolken mit dem Regen gekommen waren, der den ſchreck⸗ lichen Eisſturz gebracht hatte, zog es ſich wie Gewitterbildung zuſam⸗ men, und die Sonne mußte ſich auch im Abend durch zerſtückte und an ihren Enden anbrennende Wolken hinunter arbeiten. Ich betrachtete mir ſo, da ich in das Freie gekommen war, das Zurechtrichten und die Vor⸗ bereitungen an dem Himmel. Zu meinem Hauſe ging ich nur hinzu, um den Fuchs anſpannen zu laſſen, damit ich noch zu dem Erlebauer hinaus führe, zu dem ich vor Abends mußte, und wieder zurück käme, bevor das Gewitter ausbräche. Als ich mit dem Thomas durch die letzten Bäume des Thaugrundes zurück fuhr, leuchteten ſchon die Blitze durch die Zweige herein, und zo⸗ gen manchmal über den fernen Wald ihre geſchlungenen Geißellinien. Auch an dem Abendhimmel war es nun anders. Wo die Sonne zwiſchen rothſchimmernden Wolken und blaßgelb leuchtenden Stücken heiteren Himmels untergegangen war, war nun alles zuſammen gefloſſen, und aus der dunkeln Lagerung der Wolken brach zu Zeiten Feuer hervor. Ich 10* — 148— habe darum den Fuchs zu dieſer Fahrt genommen, weil er das himm⸗ liſche Feuer nicht ſcheut. Die jungen Rappen entſetzen ſich davor. Als ich von dem Wege ablenkte, und durch mein Gitter in meinen Hof hinein fahren wollte, ſprengte in der Dämmerung, in der die ruhi⸗ gen Bäume ſtanden und die Blitze zuckten, ein Mann herbei, und rief mich an, ich möchte Augenblicks kommen, ich ſei bei dem untern Aſch⸗ acher ſehr nothwendig. Sie tragen ihn eben von dem Schwarzholze her⸗ ein, wo ihn ein fallender Baum fürchterlich verwundet habe. Er, der dieſes ſage, ſei ſelber dabei geweſen, ſei voraus gelaufen, habe ein Pferd genommen und ſei her geritten, um den Doctor in größter Schnelle zu holen. Ich befahl dem Thomas umzulenken, und wir fuhren hinter dem Boten, der vor uns her ritt, zu dem wohlbekannten Hauſe des untern Aſchacher hinab, wohin es nicht weit war. Als wir ankamen, hatten ſie ihn ſchon da, er lag auf dem Bette, und ſie hatten ihm die Kleider von dem verwundeten Fuße geſchnitten. Es war durch die Tanne, die ſie umſchnitten und die dann fiel, nur die Haut von dem Fuße geſtreift wor⸗ den, aber nie habe ich ſo furchtbar und gräßlich menſchliches lebendes Fleiſch entblößt geſehen. Der Mann wäre geſtorben, wenn ich damals in dem Kirmwalde meine That verübt hätte! Sie hätten ihm Pflaſter auf die Verwundung gethan und den Brand gelockt.— Ich befahl Waſ⸗ ſer von dem Brunnen zu holen, und ließ ihm von dem Eiſe zukommen, das ich immer in der Grube unter meinem Hauſe aufbewahrt halte. Das Gewitter iſt nicht herein gebrochen. Als ich mit dem Thomas auf dem ſchlechten Feldwege zurückfuhr, zogen ſeine regenloſen ſchwarzen Stücke über den Lidwald hinaus, man hörte ſchier keinen Donner, und nur die zeitweiſen Blitze zielten gegen die ferneren Länder hinaus, die von uns gegen Morgen liegen. Es verging eine ängſtliche, unruhige Nacht. Ich war ſehr düſter! 5. Chal ob Pirling. Es war am folgenden Tage, da der untere Aſchacher ſich ſo ſchwer verwundet hatte, wieder ganz heiter. Nicht ein einziger Tropfen war in der Nacht gefallen. Ich ging um fünf Uhr früh den näheren Weg durch die Felder zu ihm hinunter. Sie hatten die ganze Zeit gethan, wie ich geſagt hatte, und ich befahl wieder, daß ſie ſtets, wenn das Eis aus⸗ geht, ein neues Theil von mir holen ſollten. Es war die Verwundung gerade in dem Stande, wie ich es an dem vorhergegangenen Abende vor⸗ aus geſehen hatte, und ich konnte den Jammernden die Verſicherung ge⸗ ben, daß er ganz gewiß geſund werden würde. Als ich herauf ging, ſtand die Sonne wie ein klares, blühendes Rund über die Dunkelheit der Wälder, und die Gräſer und die Ge⸗ ſträuche glänzten in farbigen Punkten an meinem Wege. Da ich über die Stiege zu meiner Schlafſtube hinauf ſtieg, in welche mir die alte Maria immer mein Frühmahl ſtellt, fand ich in dem Vorgemache ein Weib, welches meiner harrte. Ich kannte ſie, es war Suſanna, die Einwohnerin des Klum. Als ich ſie in meine Stube hinein geführt hatte, that ſie ihr blaues Tuch auseinander, das ſie ſonſt ge⸗ wöhnlich um die Schultern hatte, und in dem ſie heute etwas einge⸗ wickelt trug, und ſagte, ſie ſei geſtern in dem Birkengehege im Kirmwalde geweſen, und habe ſich etwas dürres Holz und Reiſig gebrochen, um es ſich nach Hauſe zu tragen. Da habe ſie in einer Hecke dieſes Tuch ge⸗ funden, und Hanna, meine Magd, habe ihr geſagt, daß es ein meiniges ſei. Sie bringe es daher, und habe es in ihr Schultertuch eingewickelt, daß es nicht ſchmuzig werde. Ich hatte nur ein wenig hin geſchaut, und erkannte, daß es mein buntes Tuch ſei, das ich auf dem Birkenplatze im Kirmwalde weggewor⸗ fen hatte. Ich gab dem Weibe ein kleines Geſchenk, weil ſie arm iſt— das Tuch aber ließ ich ihr auch. Dann, als ich alles hergerichtet hatte, was zu dem heutigen Tage nothwendig war, wurden die Rappen eingeſpannt, und die Rundfahrt zu den Kranken angetreten. Ich dachte über mein Amt, das mir die Gottheit gegeben hatte, nach. Es kann nicht recht ſein, das man dasjenige, was andere gethan und gefunden haben, in mehrere Bücher zuſammen trägt, dasſelbe ſich ſehr gut in das Gedächtniß prägt, und es dann in der gleichen Geſtalt immer ausübt— es kann nicht recht ſein. Man muß die Gebote der Naturdinge lernen, was ſie verlangen und was ſie verweigern, man muß — 150— in der ſteten Anſchauung der kleinſten Sachen erkennen, wie ſie ſind, und ihnen zu Willen ſein. Dann wird man das Wachſen und Entſtehen er⸗ leichtern. Es wiſſen auch die großen Bücher, welche ich auf meinen Tiſch und auf mein jetziges Schreibgerüſte lege, und in denen ich leſe, nicht viel. Wer erkennt es genau, ob die Arcana, und die Sympathien und die Zeitverbindungen die Hilfe bringen, die in ihnen liegt? Und iſt es nicht klar abzumerken, daß Gott in die großen Zuſammenſetzungen der Stoffe unſer Heil gelegt hat, weil wir es nicht finden würden, wenn wir die Zuſammenſetzungen noch nicht kennten. Es liegt gewiß irgend wo ſehr nahe bei uns. Womit würde ſich denn der Hirſch heilen, und der Hund, und die Schlange des Waldes, wenn die Arznei, die ihnen hilft, in meinem Schragen ſtünde, weil ſie ja nie zu ihm kommen? Es wird ein Ding in dem kühlenden fließenden Waſſer ſein, es wird eins in der wehenden Luft ſein, es werden Zuſtimmungen zu unſerem Körper aus der Eintracht aller Dinge jede Stunde, jede Minute in unſer Weſen zittern und es erhalten.—— Ich will ſehr eiftig in den Büchern leſen, und das lernen, was ſie enthalten— und ich will hinter dem Hirſche, hinter dem Hunde her gehen, und zuſehen, wie ſie es machen, daß ſie ge⸗ neſen. Die Kräuter der Berge kenne ich; jetzt will ich auch die anderen Dinge anſehen, und will die Krankheiten betrachten, was ſie ſprechen, was ſie zu uns ſagen und was ſie heiſchen.—— So dachte ich und ſo hatte ich vor. Als ich mit meinem Wagen zurück gekommen war, ging ich noch einmal zu dem untern Aſchacher hinab. Sein Uebel, wie es ihn auch ergriff, war doch in ſehr gutem Stande. Ich ging von nun an täglich zweimal zu ihm. Nach einiger Zeit kam dieſes Buch, wie ich es in Tunberg beſtellt hatte. Große Blätter von Pergament, in Corduanleder gebunden, und mit guten meſſingenen Spangen zu verſchließen. Ich wollte es auch ſo machen wie der Obriſt, wie er es in Weſtphalen von einem alten Krieger gelernt hatte. Aber ich nahm mir vor, das Geſchriebene nicht in Päcke einzuſiegeln, wie er, weil ich nicht immer herum reiſen muß, und das große Buch recht gut in ſeiner Truhe von ſchönem ſchwarzen Holze ruhen kann. Aber die Blätter mit dem Eingetragenen wollte ich doch vor dem Leſen verſperren. Ich thue mit den guten Meſſern, die ſie in Rohren verfertigen, einen Schnitt in dieſelben, ziehe ſeidene Bänder durch, und ſiegle dieſelben zuſammen. Zu den ſeidenen Bändern habe ich die roſen⸗ rothe und blaue Farbe gewählt, weil Margarita, wenn ſie an Feſttagen oder an Sonntagen in großem, vorzüglich in ſeidenem Putze war, und die weiten bauſchigen Falten des Schooßes recht ſchön an ihr niedergin⸗ gen, vorzüglich dieſe Farben an den Schmuckbändern des Kleides liebte. Ich ſah das Buch an, als es mir gebracht wurde, und es gefiel mir wohl. Ich verſuchte die Spangen, und ſie flogen bei dem Drucke gut auf, und zeigten das reinliche Weiß der Pergamente. Ich zeichnete mit meiner rothen Tinte die Zahlen der Seiten ein bis auf die letzte. Dann ſchrieb ich nach und nach dasjenige ein, was ich in den erſten Tagen, weil ich nicht warten konnte, unterdeſſen auf Papier aufgeſchrieben hatte. Ich verwendete alle jene Zeit zum Schreiben, in der ich ſonſt in den Fel⸗ dern gegangen bin, die Gewächſe, die Bäume, das Gras angeſchaut und betrachtet habe— und dann in das Haghaus hinauf gegangen bin. Es blieb mir, außer daß ich viel lernte und bevbachtete, nun doch noch viele Zeit übrig. Wenn ich von dem Schreiben aufſtand, ging ich noch in meinen Garten, der immer ſchöner wurde, ſah die Blumen an, und die Gemüſe, und die anderen Kräuter, die zu meinem Amte gehören, und die Obſt⸗ bäume, welche ich entweder ſchon ſelbſt gepflanzt habe, oder welche mir von den früheren Beſitzern des Grundes geblieben waren. Indeſſen tha⸗ ten meine Leute ihre Geſchäfte, die ſie in dem Hauſe hatten, und ſahen mich recht freundlich an, wenn ich gelegentlich an ihnen vorüber kam. Oefter ging ich auch, wenn die Dunkelheit ſchon aus den Gründen der Erde ſtieg, noch in dem Walde herum, und ſah, wie die Radeln ſchwarz wurden, und die Dämmerung gleichſam durch die feinen Zweige und Haare der Tannen rieſelte, oder um die ſtarken Aeſte der Buchen, der Ahornen, der Eſchen war. Nach einer Woche, ſeit ich zum letzten Male in dem Haghauſe gewe⸗ ſen bin, kam der Obriſt zu mir herunter, und erzählte mir, daß er Mar⸗ garita habe fort reiſen laſſen. Es ſeien nun vier Tage, daß ſie frühe am Morgen fort gefahren ſei. Er habe ſie eine Tagereiſe weit begleitet, und ſei vorgeſtern zurück gekehrt. Sie werde einige Zeit bei einer weitläufi⸗ gen Verwandten, einer lieben alten und kinderloſen Frau, wo ſie wie eine Tochter werde gehalten werden, verweilen, und dann wieder nach Hauſe zurückkehren. Ich ſagte auf dieſe Mittheilung nichts— ich fragte auch nicht, wie — 152— lange Margarita ausbleiben würde. Wer weiß, wie lange es iſt— wer weiß, was ſich ergibt, dachte ich,— und wer weiß, ob ſie nicht etwa aufhören wird, eine Bewohnerin des Haghauſes zu ſein.—— Ich zeigte dem Obriſten mein rothes in Leder gebundenes Buch, ſagte, daß ich ſeine Einſchreibungen nachahme, und erklärte ihm, wie ich es mache. Er billigte es und erkannte die roth⸗ und blauſeidenen Bänd⸗ lein gar wohl. Dann gingen wir zum Aſchacher hinunter, und er tröſtete den lei⸗ denden Mann. Hierauf ſchlug er den Weg in das Haghaus hinauf ein und ich begleitete ihn die größte Strecke desſelben. Als wir Abſchied ge⸗ nommen und uns die Verſicherung gegeben hatten, daß wir in der Zu⸗ kunft einander vft beſuchen wollen, kehrte ich um, und ging wieder zu meinem Hauſe hinunter. So will ich denn nun Thal ob Pirling, dachte ich, über dem der traurige Himmel iſt, ausbauen, und verſchönern, hier will ich machen, was meinem Herzen wohlthut, hier will ich machen, was meinen Augen gefällt— die Dinge, die ich herſtelle, ſollen mich gleichſam lieben; ich werde mich mit dem umringen, was mir Freude macht, ich werde hier immer bleiben, und werde die Menſchen lieben, die in meinem Hauſe ſind, und werde die Thiere lieben, die mir dienen, oder die ſonſt bei mir erzogen werden. Dann ſollen diejenigen, die, wenn ſie den Namen Thal ob Pirling ausſprechen, nur immer mein Haus allein dabei im Auge haben, nicht aber die Gruppe von Hütten, die früher dieſen Namen tru⸗ gen, noch mehr Recht bekommen, wenn ſie nur das Haus ſo benennen. Der Brunnen, den der Grunner im Frühlinge herausgemauert hatte, iſt ohnehin nun fertig. Ein Strahl des klarſten Waſſers ſchießt in die Granitſchale, wenn man an dem Metallknopfe des Geſtänders zieht. Ein anderer ſilberglänzender lebendiger Strahl ſoll noch immer in dem Garten fließen, dazu ſie die Steinkufe im Schwarzholze hauen; denn Quellen gibt es ja in der Gegend genug. Die Bäume, Balken, Pfoſten, die noch überall von dem Baue herumliegen, ſollen weg, daß der Hof rein und gefegt ſei, und der Saum des Steinpflaſters um denſelben ſich klar in's Geſicht ſtelle. Weil ich aus Güte die meiſten meiner Leute, ſo wie einſtens zu dem Obriſt, ſo jetzt zu dem Wirthe Bernſteiner nach Pirling gehen gelaſſen hatte, der in die Felſen des Steinbühels einen Keller ſprengt, und den⸗ — 153— ſelben vor ſeinem Schützenfeſte, das er den nächſten Sommer übers Jahr gibt, fertig haben möchte, ſo befand ich mich jetzt ſelber im Mangel. Aber ich will an allen anderen Orten nach Arbeitern ſuchen; und von ihm auch noch diejenigen, die er entbehren kann, zu mir herüber ziehen. Ich werde unverweilt die lieblichen Schnitzereien, mit denen ich die Hinterſtube gegen den Garten zur Freundlichkeit und Annehmlichkeit mei⸗ nes Gemüthes verzieren laſſen will, in's Werk geben; ich werde das Schreibgerüſte, daran ich ſchon ſo lange denke, anfangen, werde die Riſſe zu den ſchwerſten Arbeiten dem Künſtler und Holzſchneider Pirger nach Prag ſchicken, daß er ſich darnach forme, und werde endlich die Geräthe und die Heiausputze und die Einrichtungen des inneren Hauſes zu ver⸗ fertigen und zu vollenden beginnen.—— So habe ich in jenen Tagen gedacht, und ſo habe ich es gleich in Thätigkeit geſetzt. Ich kaufte desſelben Sommers für den Buben Gottlieb auch noch ein kleines Grundſtück, damit ich es ihm dereinſt, wenn es ihm nützlich iſt, geben könnte, Ich habe beſchloſſen, den Buben nicht mehr von mir zu thun, und für ihn, wie es ihm frommt, zu ſorgen. Es iſt unglaublich, wie er dankbar iſt, und wie er arbeiten möchte. Er hat eine Freude, wenn er für mich einen Gang thun kann, daher ich ihm auch, daß er ſich freue, oft einen Botengang auftrage, den er mit Genauigkeit vollbringt. Sein alter Vater, wenn er zuweilen herunter kömmt, zeigt großen Dank und große Zufriedenheit, daß es ſo iſt. Wenn der Bube Luſt und Gei⸗ ſtesvermögen hat, laſſe ich ihn vielleicht künftig unterrichten, und er mag mein Amt antreten und wirken und ſorgen. Ich kam, da die ſchönen langen Sommertage dauerten, oft zu dem Obriſt hinauf, und er oft zu mir herunter. Er ſah alle Dinge, die bei mir in der Arbeit waren, wir redeten von den verſchiedenſten Sachen, ſaßen manchmal auf meinem Sommerbänklein unter der ſchönen Fichte beiſammen, oder gingen in dem Walde herum, oder waren bei ihm in dem Garten, oder in der Stube, in der er die Bücher hat. Von Margarita ſagte er nie ein Wort. Ich fragte auch nicht. So verging endlich der Sommer, ſo verging der Winter, und es kam der nächſte Sommer. Wie wunderbar, wie reizend doch die Natur iſt. In jenen Tagen, da die Wärme ſich recht lieblich neu aufſchloß, was alle Jahre geſchieht — 154— und was uns alle Jahre wie ein Wunder wohl thut, nand ich vor dem Vogelkirſchbaume, der mit einer unermeßlichen Anzahl der reinſten und weißeſten Blüthen beladen war— ſo weiß, wie ſonſt gar nichts in der Welt, außer etwa der Schnee, oder öfter der Ränderglanz der fernen be⸗ leuchteten Sommerwolken, wenn ſie hinter dem dunkeln Walde hervor⸗ ſtechen— ich ſtand, und hatte zum erſten Male den Gedanken, den ich eigentlich ſchon längſt hätte haben ſollen; wie der Baum erſtlich der Blü⸗ then wegen da iſt, und wie zweitens aus dieſen weißen Blümlein dann die ſchwarzen Kirſchen entſtehen, die wieder ſo ſchwarz ſind, wie die Blü⸗ then weiß, nämlich ſo ſchwarz, wie nichts anders in der Welt. Wie die Natur dieſe ſtarke Gegenſtellung macht, und ſie allezeit verbindet durch die ſanften grünen Blätter. Wenn die Frucht vorüber iſt, werden die Blätter roth und gelb und braun, und bekommen allerlei andere glän⸗ zende Farben. Da ich dann von dem Garten in den Hof ging, ſchauten mich die Herdſteine, die Dachſteine, und andere, die ich von der Hütte meines Va⸗ ters hatte nehmen laſſen, und die in die Gartenmauer eingeſetzt waren, recht freundlich an, wenn auch mancher verwittert, und mancher faſt dun⸗ kelſchwarz war. Ich habe nämlich die Gartenmauer nicht tünchen laſſen, damit nicht immer der unliebe weiße Strich in den grünen Farben des Thales ſtehe. In dem Sommer habe ich auch, was mir ſchon früher einmal in den Sinn gekommen iſt, das achteckige Eckzimmer meines Hauſes wie zu einer Hauskapelle einzurichten begonnen. Ich bekam den Gedanken, daß das Bildniß der heiligen Margarita als Schutzherrin därinnen ſtehen müſſe, dann werden jedes Sommers am dreizehnten Julius Abends zwei große Wachskerzen brennen. Ueber die Fenſter ſollte doppelte mattweiße Seide geſpannt werden, daß in der Hauskirche ſo ſanfte Dämmerung ſei, wie in der großen.—— Auch mit den Menſchen iſt es mir anders geworden. Es ſind mir die Augen aufgegangen, daß viele um mich wohnen, die ich zu beachten habe. Ich bin mit dieſem und jenem zuſammen gekommen, ich habe die⸗ ſes und jenes geredet, habe Rath gegeben und empfangen, und habe von den Schickſalen der Welt erfahren: wie ſie hier leben, wie ſie dort leben, wie ſie hier Freude haben und dort leiden und hoffen. Und überall, wie ſich die Fluren hindehnen, ſchlagen allerlei Herzen von Menſchen und — 155— Thieren, und blicken allerlei Augen— aber alle bauen ſie an einem klei⸗ nen Orte der Fluren einen Wohnplatz, wie ich, über deſſen Rand ſie kaum hinaus ſehen auf die andern, die überall leben.—— So verging mir ein Tag wie der andere, ſo verging eine Jahreszeit nach der andern— und ſo wandelte die ganze Zeit.— Es waren endlich drei Jahre dahin, ſeit der Obriſt allein in dem Haghauſe wohnt.——— O Vater, o Mutter, daß ihr nicht mehr lebt, um zu ſehen, wie ſich eure Hütte verändert hat— und auch ihr, Schweſtern, daß ihr nicht mehr ſeid, um es zu ſchauen! Das Haus ſteht nunmehr fertig, und die Sonne ſcheint auf ſein glänzend Dach hernieder— der Garten ſchreitet in die Weite, und die Fruchtbäume, einſt das Eigenthum der Rachbarn, ſtehen ſchön darinnen, und jetzt beſſer gepflegt, laſſen ſie wie in Dank⸗ barkeit die Laſt ihrer Aeſte bis zu meinen Fenſtern herüber ſchimmern. Ich ſchreite von Gemach zu Gemach; aber einſam— nur eine heilige Margarita ſteht jetzt ſchon auf dem Hausaltare, und grüßt mich, wenn ich eintrete, mit dem goldenen Schimmer.— Die Luſt des Abends weht in den weißen Fenſtervorhängen, und unfließt mich Wandelnden, wäh⸗ rend ſie von dem Hofe herein die Hufſchläge meiner jungen Pferde trägt, die der Knecht von der Abendſchwemme zurück bringt.— Manch rother Pfeil der Abendſonne ſchießt durch die Zimmer, und zeigt mir ihre Größe und Leere. Das Schreibgerüſte iſt fertig, und auf ſeinem hölzernen Him⸗ mel ſitzt nun allein der ausgeſtopfte Luchs, den man erlegt und mir zum Geſchenke gebracht hat. Und dann nehme ich an Nachmittagen ein Buch, gehe durch den Hof, wo Hühner und Geflügel ſind, durch den Garten voll Sperlingsgeſchrei, die meine Kirſchen ſtehlen, hinaus in die Felder, wo meine Erndte reift — ein viel zu großes Feld für mich Einzelnen— bis ich in den Wald gelange, bei deſſen Birken ich jetzt wieder gerne bin, und der mir die Ge⸗ danken leicht und ſtille aus dem Buche leſen läßt und mir neue gibt. So ſteht und gedeiht alles. Meine Kranken geneſen. Der untere Aſchacher, deſſen Fuß ſo fürchterlich geſchält war, geht wieder luſtig und krückenfrei herum. Ich vermag in die fernſten Gegenden zu wirken— und es wird das frevle Wort immer weniger wahr, das ich einmal nieder⸗ geſchrieben habe:„Einſam, wie der vom Taue geriſſene Anker im Meere, liegt mir das Herz in der Bruſt.“ Ich habe das Wort nicht in dieſes Buch eingetragen, weil ich mich ſchämte. Das Wort wird immer weniger wahr, und das Herz liegt nicht mehr ſo. Wenn einige gute Kräfte thätig ſind, ſchaut das Herz zu, und es kann nicht anders, es muß ja vergnügt darüber ſein. Auch kleine Dinge erſcheinen, die mich freuen. Morgen kommt der geſchnitzte lange Schrein, der in das Schreibgemach geſtellt wird— der Kreuzenzian, den ich in dem Garten verſuchte, gedeiht recht gut, und die Mägde müſſen ihn morgen jäten— und ſo iſt noch Anderes und Anderes — manches Liebliche und manches Heitere. 6. Das Scheibenſchießen in Pirling. Ich bin mehrere Tage zitternd, bebend, zu Gott betend geweſen. Wenn ich auf und nieder ging, legte ich die Hände auf die Bruſt, daß ſie ruhig ſei. Wie ernſt und ſchwer oft Fälle des menſchlichen Lebens find! Es ward ein ſchöner ſtarker Jüngling zu mir gebracht und lag in meinem Hauſe. Sie hatten ihm auf eine kleine Wunde, die er ſich durch Zufall in die Bruſt geſchlagen hatte, Pflaſter von Pech und andern Klebedingen gelegt, und ihn an den Rand des Grabes gebracht. Als ihnen die Sorge ſtieg, brachten ſie ihn von weit jenſeits des Hochwaldes, wo ich noch nie geweſen war, zu mir herüber. Ich legte ihn in das grüne Zimmer, weil es meiner Stube am nächſten iſt. Ich entfernte alle Afterdinge, Unglücks⸗ bildungen und bereits begonnene Zerſtörungen, bis es mich ſelbſt ſchauerte — ich hatte Vater und Mutter nicht zugelaſſen, damit ſie durch Schreien oder Gejammer nicht die Ruhe zerſtörten,— das Meſſer ward durch die Wiſſenſchaft immer weiter geführt—— ich empfahl meine Seele Gott — und that's. Als ich fertig war, war ſehr vieles, und an einer Stelle ſchier alles weg, ſo daß ich an dieſer Stelle durch das einzige innerlich gebliebene Häutchen die Lunge wallen ſehen konnte. Ich ſagte nichts, — 157— ging hinaus, und ſendete Vater und Mutter heim. Dann ging ich wie⸗ der hinein, und führte die Sache weiter. Ich war ganz allein, und hatte Niemanden, der mir helfen konnte. Ich gab dem Kranken nur das We⸗ nigſte zu eſſen, daß er nicht erhungere, damit die Glut der Entzündung nicht komme und zerſtöre. Er lag geduldig da, und wenn ſeine ruhigen und unſchuldigen Augen, da ich an ihm vorbeiging, auf meinem Ange⸗ ſichte hafteten, wußte ich, wie viel meine Miene werth ſei, und bat Gott, daß er ſie gelaſſen zeige. Kein einziger Menſch wußte, wie es ſei. Nur den Obriſten führte ich einmal hinein und zeigte ihm die Sache. Er ſah mich ſehr ernſt an. Weil der Jüngling ſtark und wohlgebildet war, er⸗ ſchienen nach wenigen Tagen ſchon die erſten Spuren der Geneſung, und in Kurzem war ſie in vollem Gange. Da das war, dann hatte ich die Bäume, die Wälder, das Firmament und die äußere Welt wieder. Vor der Feſtigkeit der Pflicht, wie ſinkt jedes andere Ding der Erde zu Schan⸗ den nieder!— Nach gar nicht langer Zeit war er völlig geſund, und ich konnte ihn zu ſeinen Eltern über den Wald hinüber ſenden.——— Bald darauf hat ſich etwas recht Liebes und Schönes zugetragen. Die Halme unſeres Kornes hatten ſich zur Reife geneigt, die heißeſte Waldſonne, welche alle Jahre um dieſe Zeit über unſern Häuſern zu ſtehen pflegt, war ſchon eine etwas kühlere geworden— die Gerſte, die in unſe⸗ rer Gegend ganz beſonders gedeiht, lag ſchon gefällt auf den Aeckern in den gewöhnlichen Mahden wie in goldenen Zeilen dahin— der Weizen, der auf das Beiſpiel des Obriſt's hin nun ſichtbarlich mehr und faſt mit Vorliebe gebaut wurde, war ſchon in die Scheuern gebracht, ich fuhr zu meinen Kranken, die ſehr unbedeutend waren, herum— der Obriſt kam öfter zu mir herab, ich zu ihm hinauf— die Zeit näherte ſich allmählich dem milderen Herbſte: da geſchah es, daß ich einmal mit dem Obriſt im Thaugrunde an dem Wege ſtand. Er zeigte mir, wie auf ſein Vorbild die Leute ſchon an den Wegen die Verbeſſerungen in dem Sinne machen, daß ſie Straßen werden— ſo ging namentlich durch den Thaugrund ſchon ein ſchönes gewölbtes Stück mit Gräben an beiden Seiten durch, wo vor zehn Jahren noch der moraſtige fürchterliche Weg geweſen war— und dann fragte er noch gelegentlich, ob ich dem bevorſtehenden Schützenfeſte in Pirling beiwohnen werde, er würde zugegen ſein. Ich erwiederte, daß ich auch kommen würde, wenn ſie mich einladen; nur, bemerkte ich, könne ich einige Tage vor dem Schützenfeſte nicht zu ihm hinauf kommen, weil ſie mich zu einem ſehr entfernten Kranken zur Berathung gerufen haben, wo ich wohl ein paar Tage abweſend ſein werde.—— O Pirling, du freundlicher Ort, ich bin dir immer geneigt geweſen; aber wer hätte gedacht, daß du mir ſo theuer werden würdeſt. Wie er⸗ freut ſich mein Herz, wenn es deiner Schönheit gedenket: wie du ſo lieb⸗ lich einſam auf deinem ſammetgrünen Hügel liegſt, und deine weißen Häuſer auf den Fluß herab ſehen, der ſeinen Saum benetzt, und der ſo emſig durch deine Holzbrücke rollt, auf welcher das rothe Thürmchen ſteht, das das Bildniß des heiligen Johannes enthält— ſei mir von heute an geſegnet, und ſei mir in Ewigkeit gegrüßt. Ich will alles in dieſes Buch einſchreiben. Die Siller iſt bei uns ein Bach, dann wird ſie größer und rollt über geglättete Kieſel dahin. Dann geht ſie hinaus in die freieren Län⸗ der, wo die grünen Wieſen ſind, und die unzähligen Geſellſchaften der Laubbäumegruppen ſtehen. Im Eidun wandelt ſie um eine Waldecke herum, iſt ſchon gelaſſener, und geht dann in einer Wiege zwiſchen zwei ſanften und breiten Waldrücken gegen Pirling hinaus. Dort ſchaut der Saum der grünen Wieſenhügel, auf denen der Ort ſteht, in ihre Waſſer, dort iſt die erſte große Brücke über ſie geſchlagen, und von dort geht ſie mündig mit großen Schlangen in die noch weitern, noch ebenern Länder hinaus, während alle Bäche, die aus den Waldthälern, aus den Hügel⸗ rinnen hervor kommen, fortfahren ihren Zoll zu ihr hinzu zu tragen. Aus den Feldern Pirlings, die links an der Siller liegen, und von den Häuſern aus angeſehen ſich gegen Sonnenauſgang breiten, ſteigt ein ſeltſamer Fels empor. Er ſteht ohne Vorbereitung geradezu mitten aus dem Getreide empor. An ſeinen Seiten iſt mancher Baum und Strauch, aber auf dem Gipfel trägt er eine große Verſammlung von Fichten, Föh⸗ ren, Birken und anderen Bäumen. Wenn man hinauf ſteigt, ſo ſieht man, daß der Fels nicht klein iſt, wie man von Weiten hinſchauend dachte, ſondern daß er ſich nach allen Richtungen dehnt, daß man auf ſeinem Haupte unter den Bäumen herum wandeln, daß man ſich auf manchen Stein, auf manches hervorragende Felsſtück und auf manches Hügelchen niederſetzen kann. Außer den mit Bäumen beſetzten Stellen hat er auch freie, namentlich die höchſten, die einen großen Umblick in der Landſchaft gewähren. Der Fels heißt der Steinbühel. Man hat eine ſehr ſchöne und geräumige hölzerne Hütte auf ihm erbaut, die eigentlich wie ein klei⸗ — 159— ner Saal iſt, und viele Menſchen um ihren Tiſch verſammeln kann. Man hat auch Ruhebänke, Tiſchchen, Raſenſtellen und dergleichen angebracht. Der untere Wirth Bernſteiner hatte an einer Stelle, welche ihm von der Gemeinde und dem Marktgerichte zugewieſen wurde, einen Keller in den Stein ſprengen laſſen, der im vorigen Sommer fertig geworden war. Es iſt auch ein Schießſtand auf dem Felſen, und weil ſich gegen Sonnenauf⸗ gang von der Steinwand weg nur ein kleines Feldlein zieht, dann ein Wieschen ſteigt und an einen Wald grenzt, ſo ſtehen jenſeits des Feld⸗ leins und der Wieſe an dem dunkeln Saume dieſes Waldes die weißen Scheiben. Neben dem Schießſtande, der ſehr ſchön geſchnitzt iſt, ſteht noch ein einziges grün angeſtrichenes Häuschen mit Fenſtern, in welchem Häuschen ein Tiſch iſt, an dem der Schreiber der Schützenangelegenheiten ſitzen kann. Weil man den Felſen ſo aufgeputzt hatte, ſo führt von dem eine Viertelſtunde entfernten Pirling ein anmuthiger Pfad zwiſchen den Getreidefeldern zu ihm hinzu, und dann in einem geſchlängelten Gange auf ihn hinauf. Aus der Urſache, weil er ſo wunderlich war, und weil man die Anlagen auf ihm gemacht hatte, iſt der Fels der Platz der Pir⸗ linger Volksfeſte geworden. Im Sommer ſind alle Sonntage Leute drau⸗ ßen. Meiſtens hört man auch da das Knallen der Büchſen, wie auf die Scheiben geſchoſſen wird, und manchmal tönen darunter Waldhörner oder andere Muſik. Auf dem Gipfel flattern die bunten Windfahnen der Schützen, und man ſieht die weißen Tücher und Kleider der Pirlinger Frauen und Mädchen zwiſchen dem Grau der Steine und dem dunkeln Grün der Bäume ſchimmern. Zuweilen ſind größere Schützenfeſte; dann kommen Leute aus den benachbarten Ortſchaften herzu, und mancher reiſt noch aus weiteren Entfernungen nach Pirling, um in dem Schützenkampfe ein Theilnehmer zu ſein. Als ich von meiner kleinen Reiſe, auf die man mich zu einer ärzt⸗ lichen Berathung gerufen hatte, zurück gekehrt war, fuhr ich an dem Tage vor dem Scheibenſchießen, das heuer wieder abgehalten werden ſollte, in Geſchäften nach Pirling. Ich traf den ganzen Marktflecken in Vorberei⸗ tungen zu dem morgigen Tage. Als ich auf der oberen Straße, die von den Eidunhäuſern herab führt, durch das Thor hereingefahren, und bis zu dem Marktplatze und dem obern Wirthshauſe gekommen war, ſchwenk⸗ ten meine Rappen, welche gewohnt waren, daß ich ſie da ſtehen laſſe, gleichſam von ſelbſt auf den Platz vor dem Wirthshauſe hinum, und hiel⸗ — 160— ten da an. Ich ſtieg aus, und befahl dem Thomas, daß er bei den Thie⸗ ren bleiben und auf ſie Acht haben ſolle, weil ſie noch jung ſeien und ſich leicht ſchreckten. Er führte die Pferde und den Wagen ein wenig ſeitwärts an die Mauer des Hauſes, um dort, wie gewöhnlich, auf mich zu war⸗ ten. Der Wirth ſtand auf der Gaſſe und hatte ſein grünes Barett auf. Vor ihm wurde ein ſehr ſchöner langhaariger weißer Bock gewaſchen. Es wuſchen mit Seife drei Knechte an ihm, und der Wirth beaufſichtigte die Sache. Als ich ausgeſtiegen war, that er ſein Barett ab, grüßte mich und ſagte:„Seid Ihr wieder glücklich zurückgekommen, Doctor, glücklich zurück? Seht ſo muß man ſeine Sache waſchen und reinigen laſſen, ich bin heuer Schützenmeiſter, und der Bock iſt ein Preis. Der Tanz iſt bei dem untern Wirthe, Ihr kennt ja die Sitte: wenn auf den einen Wirth das Schützenamt fällt, iſt der andere Tanzgeber; ſonſt wechſeln wir ab. Geſtern habe ich die Thaler mit Seife und einer Zahnbürſte gewaſchen, und ſie darauf mit Wolle und Kreide geputzt. Sie werden heute gefaßt. Ihr werdet uns wohl auch auf dem Steinbühel die Freude machen, Herr Doctor, nicht wahr, Ihr werdet?“ „Wenn ich geladen bin,“ antwortete ich. „Muß ja die Schützenkanzlei ſchon herum geſchickt haben,“ ſagte er, „muß ja ſchon herum ſein. Seht, der untere Wirth thut auch ſchon ſeine Schuldigkeit.“ Ich ſah in dieſem Augenblicke den alten ernſthaften Bernſteiner mit einem großen Wagen voll Tannenreiſer die obere Gaſſe herein fahren, wahrſcheinlich zu Triumphbogen, Ehrenſäulen und dergleichen. Er grüßte mich recht freundlich, da er mich ſah, und ſeine drei Söhne, die mit Hacke und Streumeſſer neben dem Wagen her gingen, hatten eben⸗ falls die fröhlichſten Angeſichte, und grüßten ehrerbietig herüber. Als ich das kleine Gläschen Wein, welches mir der Wirth jedesmal aufnöthigt, von dem Leller ſeines Töchterleins genommen und getrunken hatte, ſchickte ich mich an, meine Kranken zu beſuchen, derentwillen ich herein gekommen war. Ich nahm mein Rohr und verſchiedene andere Dinge aus dem Wagen, und machte mich auf den Weg. Die Kranken waren nicht von Bedeutung, und gerade die übel zu werden gedroht hatten, hatten ſich gebeſſert; aber da ich ſo herum kam, ſah ich erſt recht das Rüſten zu dem morgigen Tage. Der Kaufherr des Ortes, der wohlhabenſte Mann, ein Mann in vorgerückten Jahren, ſtand auf der Gaſſe, und that ſein Barett ab, und grüßte die Vorübergehen⸗ den. Ich trat in ſein Haus ein, obwohl kein Kranker darinnen war. Da ſah ich Mädchenkleider herrichten, und auf dem Gange hinten Büchſen putzen. Der Marktſchreiber im Hauſe daneben hatte ſein ſchönes Ge⸗ wand auf den hölzernen Gang des Hauſes in die Sonne gehängt, und die Schuhe daneben geſtellt. Bei der Tiſchlerei waren Scheiben, bretterne Geſtalten, und andere Holzdinge. Unter dem Säulengewölbe vor dem Rathhauſe zählten ſie, der Schützenſchreiber und mehrere andere„große eiſerne Stifte auseinander, die zum Schießen gehörten; weiter zurück in dem Säulengange wurden Fahnenſtangen geputzt, und Papier ange⸗ ſtrichen und geklebt, hinter welches Lampen geſtellt werden würden. Der eine richtete und reinigte ſeinen Büchſenſack, der andere ſeine Büchſe. Vor dem untern Wirthshauſe wurde an einem Gerüſte gelattet und ge⸗ nagelt— und als ich an der Schule vorbei ging, hörte ich mehrere Wald⸗ hörner aus derſelben, auf denen Stücke eingeübt wurden. Diejenigen, welche auch gerade nicht wegen des Schießens etwas zu thun hatten, machten ſich doch aus Urſache des heutigen Tages einen Feiertag, gingen herum, und nahmen ſich Anlaß hier und da ein kleines Glas zu trinken. Die Weiber ſagten, daß ihre Männer närriſch ſeien: aber ſie ſelbſt rich⸗ teten Kleider und Bänder auf morgen, und bei mancher wurden zum Vorrathe Kuchen gebacken. Als ich wieder zu dem oberen Wirthshauſe zurück gekommen war, und in den Wagen ſteigen wollte, kam die Wir⸗ thin heraus und ſagte:„Fahret nur fort, Doctor; wenn die Räder Eures Wagens bei dem letzten Eckhauſe der obern Gaſſe hinaus ſind, dann iſt der einzige vernünftige Mann, der heute in Pirling geweſen iſt, fort. Mit unſerm Wirthe iſt es ſchon recht ſchwer: wir durften ſeit Wochen den Bock nicht mehr ſchlagen, und da er jetzt gewaſchen iſt, würde er ihn in unſer Ehebette legen, wenn er nur ſonſt darin liegen bliebe. Kommt morgen nicht gar ſpät, Herr Doctor, ich werde Eure Flaſche und Euren Becher hinaus bringen laſſen, Ihr ſollt den Wein von uns haben, denn Ihr ſchon kennt, und er wird in ein Eisgefäß ge⸗ ſtellt werden.“ Ich habe dieſes alles darum eingetragen, weil es mir zu Herzen ge⸗ gangen iſt. Es iſt mir lieb und treu geweſen ſeit meiner Kindheit her. Hätten ſie mit fürſtlichem Aufwande ein Schießen gerüſtet, es hätte vor meinen Augen nicht eine Binſe ſchwer gewogen. Stifter. 4. Aufl. II. 11 — 162— Da ich auf meinem Heimwege wieder auf die Felder hinaus gekom⸗ men war, und von dem hinter mir arbeitenden Pirling kein Ruf, kein Hammerſchlag mehr vernehmbar war, ſondern nur mehr ein ſanftes Läu⸗ ten ſeiner Glocken hinter mir her ſchwamm: war ich faſt traurig.— Ich legte das Buch, in welchem ich gerne zu leſen pflege, in dem Wagen ſeit⸗ wärts, lehnte mich auf dem Sitze zurück, kreuzte die Arme, und ſah ſo empor. Der herbſtliche Himmel ſpiegelte heiter, lag ganz unbeſchreiblich glänzend über den Wäldern, und dieſe ſtanden ruhig und empfanden die Wärme der Mittagsſonne— mein Thomas ſaß unbeweglich vor mir, mir den Rücken und den großen Hut zuwendend, und nur von Zeit zu Zeit die Zügel leichthin regend, indeß meine jungen Rappen freudig in der heitern Luft vor ihm her tanzten und faſt unnatürlich in dieſem Sonnenſcheine glänzten. Ach dieſe guten, dieſe treuen, dieſe willigen Thiere— ſie ſind am Ende doch das Einzige auf dieſer Erde, was mich ſo recht vom Grunde aus liebt.—— So dachte ich mir.—— Die Felder flogen raſch zu meinen beiden Seiten zurück und funkelten; ſie waren zum Theile geackert, zum Theile in Stoppeln: aber es war kein Menſch auf ihnen— es war ſehr ſtille, ſelbſt das Mittagläuten von dem Thurme zu Pirling konnte ich nicht mehr vernehmen— die Wald⸗ wiege lag ſanft vor mir und in ihrer Tiefe war ein kaum ſichtbarer Dunſtſtreifen, den Lauf der Siller anzeigend. Es gibt ſolche Herbſttage, in denen es ruhig auf Feld und Wäldern ſpinnt, wie ein Traum, ich kenne ſie von meinem Herumfahren ſehr gut—— und wie ein Traum war es mir auch, daß das die nämlichen Felder und Gründe ſind, wo ich ſo oft als Knabe geweſen bin und mich ſehr gefreut hatte, wenn ein ſo großes Scheibenſchießen bevor ſtand, zu dem ich mit dem Vater und oft auch im Geleite der Schweſtern hinab gehen durfte. Nun fahre ich hier, ein thätiger geehrter Mann mit dem Zurückdenken an jene ferne liegende Zeit. Wir waren unterdeſſen in die Waldwiege gekommen, und fuhren in ihrem Schatten. Als wir wieder jenſeits ihr hinaus gelangten, waren wir auf den Feldern des Eidun. Man ſieht dort die Siller wieder, und ſie iſt in dieſer Tageszeit gewöhnlich glänzend, gleichſam als wäre ein geſchlungener Silberblitz in das Thal geworfen worden. Wir fuhren durch die weit zerſtreuten Häuſer des Eidun hin, unſern bekannten Wald⸗ beſtänden zu. Die Pferde witterten die Heimath und liefen luſtiger da⸗ — 163 hin. Rechts hatten wir das Schwarzholz, in dem wir vor drei Wintern das fürchterliche Rauſchen des Eisſturzes zuerſt gehört hatten, und vor uns war der Thaugrund, dem wir uns näherten.— Raſcher rollte der Wagen, als wir dieſen Wald erreicht hatten, auf der feſtgeſtampften von dem Obriſt veranlaßten Straße in ihn hinein, und als ſich die letzten Bäume desſelben wieder auseinander gethan hatten, lag der weiße Punkt meines Hauſes vor uns und ich ſah hinter ihm den Obſtgarten, deſſen Bäume mich gleichſam erwarteten, daß ich nachſehe, wie es ſtehe, und ob keinem ein Aſt gebrochen ſei. Die Pferde flogen durch das Grün, und in wenig Augenblicken knirſchte der Wagen durch den Kies meines Hof⸗ gitters hinein. Ich ſprang ab, klopfte die Rappen auf ihren Nacken und lobte ſie. Die klugen Thiere nickten und ſchmeichelten mit den Köpfen, als verſtünden ſie es— und ſie verſtanden es auch. Dann warfen ſie die Augen und Ohren freudig herum, daß ſie endlich daheim ſeien, und mit einander zum Mittagmahle gehen würden. Ich aber ging in das Haus, und ſah in dem Speiſezimmer bereits den Liſch gedeckt: eine Flaſche, ein Glas, und ein Gedecke. Auf demſelben lag ein großer geſie⸗ gelter Ladebrief zu dem Scheibenſchießen, der in meiner Abweſenheit ge⸗ kommen war. Nachmittag ging ich zu Einigen, wo zwar keine Hilfe nothwendig war; aber Troſt. Am andern Tage fuhr ich ſehr früh aus, damit ich meine Pflicht gethan hätte, und nicht gar zu ſpät zu dem Scheibenſchießen käme, was die Einladenden gekränkt hätte. Auch dachte ich daran, daß ich dem Obriſten meine Geſellſchaft verſprochen hatte. Es war nichts Wichtiges vorgefallen, ich that alles ab, und um zwei Uhr Nachmittags ließ ich meine müden Thiere langſam auf den Feldern, wo man von dem Eidun herab kömmt, gegen Pirling hinein gehen. Als ich durch die obere Gaſſe vorwärts gekommen war, lenkten die Pferde wieder dem Wirthshauſe zu und waren ſichtlich erfreut. Ich hatte eigentlich durch den Ort durch, und auf dem Feldwege bis zu dem Fuße des Felſens fahren wollen; aber die Zuverſicht der Thiere, mit welcher ſie hier, wo ihr gewöhnlicher Ruhe⸗ platz war, zubogen, und ihre Müdigkeit, die ſie ſich am ganzen Vor⸗ mittage geſammelt hatten, dauerte mich, und ich ſagte dem Thomas, er ſolle nur vollends auf die Wirthsgaſſe hinzufahren. Er that es; aber kein Wirth und keine Wirthin kamen auf die Gaſſe, uns zu bewillkom⸗ 115 — men; der ganze Marktplatz war verödet, und nicht einmal ein Hund bellte; denn alle waren ſie in den Steinbühel hinaus. Ich half alſo ſelber dem Thomas die Pferde ausſpannen und in den Stall bringen, wo ich ihnen eine eigene Kammer halte, in die nie andere Pferde kom⸗ men, damit ſie mir geſund bleiben. Ich empfahl die Thiere der Obhut des Thomas, ſagte, wenn er ebenfalls auf den Steinbühel hinaus ginge, ſolle er zuſperren und den Schlüſſel zu ſich ſtecken; dann nahm ich mei⸗ nen Stock und ein Buch aus dem Wagen, ſchloß die anderen Behältniſſe ab, und machte mich auf den Weg zu dem Feſtſchießen, das heute alles vereiniget hatte. Mir fiel die Oede des Ortes auf. Außer der gewöhn⸗ lichen ſonntäglichen Ruhe war heute noch eine ungewöhnliche. Nur auf mancher Bank vor einem Hauſe ſaß ein Greis, und es thaten ihm die Strahlen der auf ihn ſcheinenden Herbſtſonne bereits wohler, als ihm die Freude auf dem Steinbühel draußen gethan hätte. Obwohl heute nicht mein Krankentag für Pirling war, ſo beſuchte ich doch, weil ich einmal da war, einige von ihnen. Auch bei denſelben waren nur ganz alte Mütterlein zur Pflege geblieben. Als ich dies abgethan hatte, und am unteren Ende des Ortes in das Freie getreten war, ſchaute der für heute ſo merkwürdige Fels ſchon aus den Feldern herüber, und ich erkannte mit meinen ziemlich guten Augen ſehr bald, daß man ein Gezelt zwiſchen den Bäumen geſpannt haben müſſe; denn es ſchimmerte deutlich und feſttäglich weiß zwiſchen dem dunklen Föhrengrün herüber. Ich ging durch die Felder dahin. Sie waren meiſtens ſchon nur mehr mit Stoppeln bedeckt; blos der Haber ſtand noch von Getreide da; aber er neigte auch ſchon in's Gold, und hatte ſeine Körner an den leichten Fäden neben mir hängen. Da ich dem Felſen näher gekommen war, ſah ich auch, wie hoch über den Wipfeln ſeiner Bäume das Schützenfähnlein wehte, eine lange wallende Zunge, roth und weiß, welche Farben ſich ſanft von der tiefen Bläue des Him⸗ mels abhoben. Auch manches bläulich geringelte oder weiße Rauchwölk⸗ lein ward zuweilen über den Laubkronen ſichtbar, und man konnte ſchon die einzelnen Schüſſe vernehmen. Da ich endlich an dem Fuße des Felſens angekommen war, wan⸗ delte ich langſam auf ſeinem geſchlungenen Pfade empor, den ich als Knabe, wenn ich mit den Meinigen zuweilen hatte herab gehen dürfen, 65 und als junger Student, wenn ich die Herbſtfeiertage zu Hauſe zubrachte, niemals einſchlug, ſondern gerade aufwärts kletternd durchſchnitt. Als ich bis zu dem Schießſtande empor gekommen war, trat ich ein. Es mußte eben ein guter Schuß gethan worden ſein, wie ich aus dem Krachen des Feldmörſers, den man aufgeſtellt hatte, und aus dem Jauch⸗ zen des Schützenzielers vernahm. Der Stand hatte das gewöhnliche Ausſehen, wie es an ſolchen Tagen iſt. Zwei lagen vorne mit ihren Büchſen am Schießbaume und zielten und warteten— andere ſtanden hinter ihnen in Bereitſchaft, wenn ſie abgeſchoſſen hätten und weggegan⸗ gen wären, einzutreten— wieder andere waren noch weiter zurück, und arbeiteten an ihren Büchſen, um ſie zurecht zu richten— der alte Bern⸗ ſteiner wiſchte ſein ſchlechtes Gewehr, und ſchleuderte die ſchwarzen Lap⸗ pen ſeitwärts. Wenn man es mir auch nicht geſagt hätte, daß er bisher den beſten Schuß gethan habe, ſo hätte ich es doch aus ſeinem freudigen Geſichte errathen. Auch den oberen Wirth ſah ich, den Forſtmeiſter, den Marktſchreiber und viele andere Bekannte. Es ſtreckten ſich mir mehrere Hände, und wie es bei uns gebräuch⸗ lich iſt, manches Glas zum Gruße entgegen. Ich dankte nach den ver⸗ ſchiedenen Seiten und that Beſcheid. Und als ich die Einladung, daß ich doch heute noch mit ſchießen möge, mit den Worten abgelehnt hatte, daß ich nicht mehr ſo ſchießen könne, wie in meinen Schuljahren, und daß mir meine Geſchäſte auch keine Uebung erlauben; ſchaute ich die Anſtalten an. Die hölzernen Säulen des Standes waren mit Flittern umwunden. Auf dem Gipfel des Gebäudes hing die ſchwere große Schützenfahne nie⸗ der, zum Unterſchiede der ſchmalen langen, die über den Baumwipfeln des Felſens flatterte. Alle Nadeln und Finger der Pirlinger Mädchen hatten daran gearbeitet, und hatten breite feurige Bänder dazu gegeben. Die Hinterwand des Saales war mit berühmten Scheiben der Vergan⸗ genheit bedeckt. Ich erkannte beinahe mit Herzklopfen manche darunter aus meiner Kindheit, und andere, in denen noch die Löcher meiner eige⸗ nen einſtigen Kugeln waren. Unter den Scheiben ſaßen ſolche, die da aßen und tranken, lauter Männer; denn die Frauen und Mädchen durf⸗ ten während des Schießens nicht herein. Auf einem lichtgrün ange⸗ ſtrichenen Gerüſte, das ſeitwärts des Schützenſchreiberhäuschens war, ſtand, von einem Geländer umfangen, daß er nicht herab könne, der blüthenweiße langhaarige Bock des oberen Wirthes. Die Spitzen ſeiner — 166— Hörner waren vergoldet, und zwiſchen denſelben trug er einen großen aufrechten Kranz aus Blumen und Bändern eingeflochten, in welchem Kranze wieder ſieben eingefaßte leuchtende Thaler zu ſehen waren. Von dem Kopfe des Thieres hingen überdies noch Bänder und Franſen herab, und in die ſchön gekämmte Mähne und in den Bart waren zuletzt noch ſeidene roſenrothe Schleifen gebunden. Hinter dem Bocke, auf einem Pfeiler in's Kreuz geſteckt, war der zweite Preis: zwei himmelblaue Seidenfähnlein mit eingewirkten Goldſtücken. Dann war ein Blumen⸗ ſtrauß, aus lauter kleinen Silbermünzen zuſammen geſetzt. Er ſtand in einem Geſchirre auf einem Tiſchlein. Zuletzt war ein mit Bein und Perlenmutter eingelegtes Horn, zum Aufbewahren des Pulvers. Das⸗ ſelbe hing mit einem zierlichen Bande gebunden an einem Baumaſte. Außerhalb des Schießhauſes, weil ſie ebenfalls nicht hinein durften, ſtanden dicht gedrängt die Pirlinger Buben, und ſtaunten, wie einſtens ich ſelber, den Bock, die Schützen und die anderen Sachen an. Ein wenig weiter weg war in die Zweige mehrerer neben einander ſtehender Föhren ein Gerüſte gebaut worden, auf welchem, in den Wald der Nadeln ein⸗ gehüllt, die Hornbläſer ſaßen, und die eingelernten Stücke von Zeit zu Zeit vernehmen ließen. In dem Schießhauſe waren auch Trompeten, die auf jeden glücklichen Schuß in luſtiger Weiſe tönten. Als ich alles eine Weile angeſchaut hatte, trat ich wieder unter die Bäume hinaus. Ich hatte mir vorgenommen, ehe ich in das Gezelt ginge, und nach dem Obriſten forſchte, den Gipfel des Felſens zu beſu⸗ chen, um den eine ſo reine und klare Unſicht liegt. Ich hatte ſie ſchon lange nicht geſehen, und wollte fie ein wenig anſchauen. Ich trat unter die Bäume hinaus, und es wehte mich eine duftende Waldluft an, die gegen den Pulverrauch recht angenehm wirkte. Ich ging an mehreren ſehr jungen Mädchen vorüber, die eine hölzerne, an einer Schnur hän⸗ hende Taube nach einem Ziele ſtoßen ließen— ich ging dann an einer Raſenbank vorbei, auf welcher zwei Frauen ſaßen, die ich nicht kannte, ſie mußten Fremde ſein— das Gezelt und die hölzerne Hütte hatte ich links liegen laſſen— dann kam ich noch an mehreren hervorragenden Steinblöcken vorüber, die Bäume und Geſträuche hörten auf, ich ging über den Raſen und gelangte auf den freien Gipfel empor. Es war kein einziger Menſch auf demſelben, weil ſie alle unterhalb in dem Gebüſche und in dem Wäldchen waren, wo ſie ſich der Luſtbarkeit ergaben. — 167— Die Sonne war ſchon tiefer geſunken, faſt in die Mitte des letzten Viertheiles ihrer Bahn. Es lagen unter mir die einfärbigen falben Stop⸗ peln der abgemähten Getreidefelder— jenſeits derſelben ſtand der ein⸗ ſame Kirchthurm und die Häuſer des verlaſſenen Pirling, und weiter zu⸗ rück der blaue, duftige Wald, in welchem das Eidun und meine Heimath iſt. In dem Thale konnte man die Siller erblicken, aus welcher die ſchief ſtehende Sonne dahin rinnendes, geſchlängeltes Silber machte. Als ich noch ſchaute, war der Obriſt zu mir herauf gekommen. Er war hinter mir auf dem gewöhnlichen Wege gekommen, und ich bemerkte ihn erſt, als ich ſeine Tritte hörte. Ich wendete mich um und grüßte ihn recht freundlich. Er ging noch die wenigen Schritte zu mir herauf, ſtellte ſich neben mich, dankte dann meinem Gruße und ſprach:„Ich wußte es ſchon, daß Ihr hier ſeid, und habe Euch geſucht. Ich habe Euch etwas Nothwendiges zu ſagen. Ich konnte es Euch nicht ftüher ſagen; denn drei Tage ſeid Ihr abweſend geweſen, und da ich geſtern Nachmittags zu Euch hinab gegangen bin, habe ich Euch nicht zu Hauſe gefunden. Mar⸗ garita iſt angekommen. Ich habe ihr geſchrieben, daß fie kommen ſolle, ich habe die Anſtalten zu der Reiſe gemacht, aber ich habe den Tag ihrer Ankunft nicht gewußt. Da kam ſie, als ich es Euch nicht melden konnte. Sie iſt unten in dem Gezelte bei den anderen Frauen und Mädchen, de⸗ nen ſie erzählen muß. Ich aber habe mir gedacht, daß ich Euch ſuchen und Euch die Sache anzeigen werde.“ „Ich danke Euch,“ antwortete ich ihm,„und ich muß Euch ſagen, daß mein Herz eine große Freude hat, daß ſie da iſt. Ich habe immer an ſie gedacht.“ Er ſchwieg eine Weile, dann ſagte er:„Ich weiß es, ich weiß es.—— Lieber, theurer junger Freund! werbt um ſie. Wißt Ihr noch, wie ich einmal ſagte: laſſet nur eine Zeit verfließen, es wird alles gut werden?— Es iſt gut geworden. Ich habe Euch beide ſehr lieb, Ihr werdet es wohl wiſſen. Ich habe Euch beiden ein Opfer dargebracht. Ich habe Margarita mit Abſicht fort gegeben. Ich habe, da ich mit der Zeit geizen muß, weil ich alt bin, doch drei Jahre meiner Freude hinge⸗ geben. Ich that es, um zu ſehen, wie alles werden würde. Es iſt gerade“ ſo geworden, wie ich es vorher geſehen habe. Margarita iſt ſo gut zurück gekehrt, wie ſie fort gegangen iſt— oder eigentlich zu ſagen, ſie iſt noch beſſer geworden. Sie hat fogleich nach Euch gefragt. Sie war ſehr freu⸗ — 168— dig, daß ſie mich wieder habe, und ſie hat gebeten, daß ich ſie nicht mehr fort ſchicken ſolle. Wir ſind in den Tagen, da Ihr auf der Reiſe zu dem fernen Kranken waret, auf allen jenen Plätzen geweſen, wo ſie ſonſt mit Euch geweſen iſt— ja, daß ich Euch alles ſage, wir waren ſogar bei Euch. Heute waren wir bei Euch.„Ich habe ihm ſehr weh gethan,“ hat ſie geſagt,„ich muß ihm freundliche Worte ſagen.“ Da ich Euch geſtern Nachmittags nicht antraf, gab ich Euren Leuten gar keine Botſchaft in der Sache auf, ſondern wir nahmen uns vor, Euch heute früh zu beſu⸗ chen, ehe Ihr fort fahret, um Euch einen freundlichen guten Morgen zu wünſchen. Wir ließen unſern Wagen, in dem wir gleich nach Pirling fahren wollten, langſam gegen den Thaugrund vorausgehen, und gingen in Euer Haus. Aber Ihr waret ebenfalls ſchon fort. Wir ſchauten alles an, und Margarita bemerkte die Veränderungen, die ſeit ihrer Abweſen⸗ heit geſchehen waren, beſſer als ich. Wir gingen durch alle Eure Zim⸗ mer— nur die Hauskapelle zeigte ich ihr nicht. Eure alte Maria führte uns herum. Es muß die letzten Tage Niemand vom Haghauſe zu Euch hinab gekommen ſein; denn die Maria wußte noch nichts von der An⸗ kunft meiner Tochter, und hatte große Freude, als ſie dieſelbe ſah. Ob⸗ wohl noch ſehr ſtarker Thau lag, ſo ging doch Margarita auch einige Schritte in den Garten hinein, um zu ſehen, welche Blumen Ihr habt, und wie alles geordnet und eingetheilt iſt. Dann wendeten wir uns wie⸗ der um, gingen durch Euren Hof hinaus, und wandelten dann langſam auf der ſchönen Straße durch den Thaugrund hinüber, an deſſem Rande, wo die Eidunfelder beginnen, der Wagen auf uns wartete.— Seht, Doctor, ich bin recht freudig über die Güte dieſes Kindes. Ich habe ſie vielleicht zu ſündhaft lieb, aber es iſt ein Naturſpiel da, das wunderbar iſt. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich am Begräbnißtage meines Wei⸗ bes bemerkt hatte, daß auf dem Munde der dreijährigen Margarita die Knospe der Roſe war, die ſie eben begraben hatten, und daß in ihrem Haupte die Augen ihrer Mutter ſtanden. Nach und nach iſt ſie ihr immer ähnlicher geworden; und ſeit ſie fort war, ward ſie ihr vollkommenes Ebenbild. Als wir dieſer Tage ſo durch die Wieſen und Wälder wan⸗ delten, bemerkte ich, daß ſie den Gang ihrer Mutter habe, daß ſie dieſel⸗ ben Worte ſage, und daß ſie bei Gelegenheit den Arm ſo hebe, den Leib ſo beuge, gerade wie fie. Ich mußte meine runzligen Hände anſchauen, um nicht zu glauben, ich ſei jung, und es gehe mein junges Weib neben — 169— mir, und ſammle mir Blumen, und pflücke Nüſſe, wie einſt in jenem Walde. Darum liebe ich ſie gar ſo ſehr.— Als wir heute durch Eure Zimmer gingen, und ſie Eure Geräthe und ſonſtige Anordnung ſah, er⸗ blickte ich auf ihrem Angeſichte denſelben gewinnenden Schimmer, wie einſtens an meiner Gattin, da ſie in meinem Hauſe ſchalten und walten und ſtellen durfte, wie ſie wollte. Ich erkannte hieraus auch, daß Margarita in dem Augenblicke das Nämliche empfinde, wie damals ihre Mut⸗ ter.—— Scht, ſo iſt es mit Margarita.— Ich weiß auch, wie es mit Euch iſt, und wußte es immer. Ich erkannte es, weil Ihr ſchwieget— ich kenne das männliche Verſchließen in der Bruſt, anſtatt zu klagen— und das treuliche Erfüllen ſeines Berufes. Ich wußte es, wenn ich auch bei mir ſtille ſchwieg. Ich muß Euch, weil ich jetzt rede, meine ganze Schwäche ſagen. Da ich einmal von Euch fort ging, kamen mir bitter⸗ liche Thränen in die Augen, weil ich geſehen habe, daß Ihr eine heilige Margarita, deren Sinnbild ich gar wohl kenne, auf Euren Hausaltar ge⸗ ſtellt habt, um Euer Herz zu tröſten.— Wißt Ihr noch, wie ich einmal an dem traurigen Tage, da ich Euch meine Lebensgeſchichte erzählte, ge⸗ ſagt habe, Ihr hättet eine ſchöne Lage in der Biegung des Thales, Ihr wäret noch jung, und wenn Ihr Euch beſtrebtet, könnte es ein ſchönes Beſitzthum werden, das ſeinen Herren und ſeine Frau erfreut, wenn ein⸗ mal eine einzieht. Wißt Ihr es noch? Wie hold iſt es jetzt, daß Mar⸗ garita eingeht, die Ihr immer ſo gerne gewollt habt!—— Ich muß Euch, lieber Doctor, weil die Sache einmal ſo iſt, und wir darüber re⸗ den, auch das noch ſagen; Margarita iſt nicht reich, denn ich bin in meinem ganzen Leben arm geweſen; aber ſie kömmt auch nicht ohne Mit⸗ tel in Euer Haus. Ich habe in meinen letzten Tagen geſpart, wie ich in meinen erſten verſchwendet habe, und das Wenige, welches für ſie von meinen Vorfahren herſtammt, habe ich zuſammengehalten. Sie bekömmt einmal das Haghaus mit dem, was dazu gehört, ſie bekömmt die Bilder, die Bücher, und dann alles das andere, was noch da iſt; denn ich habe ja Niemand weiter, als Euch beide.“—— „Hört auf, Obriſt,“ rief ich, indem ich ihn unterbrach,„redet nicht von dieſen Dingen— wie kann ich Euch denn für Eure Liebe danken, und wie kann ich es denn begreifen, daß Ihr ſo gut und groß ſeid.“ „Nein, ich bin nicht gut,“ antwortete er,„ich ſuche in Euch nur meine Freude. Wir bleiben nun alle beiſammen. Ihr werdet in dem — 170— oberen Hauſe wohnen, oder auch in dem unteren, oder es mag Marga⸗ rita, wie es das Ratürlichſte iſt, bei Euch ſein, und ich oben in meinem Hauſe. Ihr werdet oft bei mir ſein, ich oft bei Euch, und es wird ſich ein Umgang ſpinnen, der noch freundlicher iſt, als bisher. Ich kann Euch nur ſagen: Ihr erhaltet in Margarita ein ſehr gutes Weib, das Ihr ehren müſſet, und ſie wird in Eurem Hauſe ſo glücklich ſein, wie es meine Gattin in dem meinigen geweſen iſt, gebe ihr nur Gott dereinſt einen ſpäteren und einfacheren Tod, als ihrer Mutter.— Aber jetzt Doctor, müſſen wir zu den anderen hinunter gehen. Sie wiſſen ſchon, daß Ihr da ſeid, Ihr müßt ihnen auch eine kleine Zeit gönnen, da Ihr ohnehin immer durch Euer Amt aufgehalten ſeid, und zu ſolchen Dingen gewöhnlich erſt ſpät kommen könnt.“ „Wartet noch einen Augenblick, Obriſt,“ ſagte ich,„Ihr wißt wohl, wie ich Euch ſtets verehrt und geliebt habe; aber Ihr thut mir noch im⸗ mer mehr Gutes, als ich erwarten und verdienen konnte. Ich muß Euch hier meinen großen Dank dafür ſagen, und muß Euch ſagen, ſeit Ihr in der Gegend ſeid, iſt es mir, als hätte ich wieder einen Vater, und wäre nicht mehr, wie früher, allein.“ „Ihr habt es ja erfahren, ich bin es auch, ich bin Euer Vater,“ antwortete er,„und werde es in der Zukunft noch mehr ſein.— Aber jetzt kommt, laßt uns hinunter gehen, die Anderen warten ſchon und möchten es übel nehmen, wenn gerade wir zwei nicht an der Fröhlichkeit Antheil nähmen.“ Nach dieſen Worten wendeten wir uns beide von dem Gipfel des Felſens, und ſtiegen auf dem Wege, der um Steine und graue Klippen geht, hinunter. Wir hatten oben von der allgemeinen Freude nicht viel vernommen. Die Schüſſe hörten wir nur gedämpft, und von dem Wäld⸗ chen mochte manchmal ein einzelner Ruf herauf gekommen ſein, den wir nicht beachteten. Da wir aber hinab gingen, näherten ſich uns gleich⸗ ſam wieder die Schüſſe, die Töne der Waldhörner, die Rufe der Kna⸗ ben und Mädchen, und das ruhige Gemurmel des allgemeinen Durch⸗ einanderſprechens der Menſchen. Wir ſchlugen weiter unten einen andern Weg ein, als den ich heraufgegangen war, und näherten uns der höl⸗ zernen Hütte, dem Gezelte und überhaupt dem Platze, wo die Menſchen mehr zu ihrer Luſt zuſammengedrängt waren. Wir kamen wieder zu wandelnden Gruppen, und zu ſpielenden Kin⸗ dern. Auf einem grünen Platze unter den Bäumen war ein Stand auf⸗ geſchlagen, wo man Lebkuchen verkaufte, und nicht weit davon war einer, in welchem der Joſikrämer ſtand, und ſeine Sachen zum Verkaufe ausgelegt hatte. Er hatte gerade diejenigen gewählt, welche für den heutigen Tag die paſſendſten waren. Weil ich und er die einzigen waren, die in der Gegend am meiſten herum kommen, und auf ihren Wande⸗ rungen ſich öfter treffen, ging ich zu ihm hinzu und ſprach mehrere Worte mit ihm. Der Obriſt redete mit den Kindern und gab ihnen Geſchenke, wovon er die Taſchen ſeines Gewandes voll hatte. Endlich kamen wir zu dem Gezelte. Es war nicht ein von allen Seiten geſchloſſenes, ſondern man hatte über einen großen Tiſch, an welchem die vorzüglicheren Bewohner der Gegend ſaßen, gleichſam einen weißen Baldachin in die Baumäſte geknüpft, um die Sonnenſtrahlen abzuhalten; aber es war dennoch, wie ein rings herum begrenzter Saal, weil gerade um den Platz die ſchönſten und dichteſten Föhren und Birken ſtanden. Als wir durch den Eingang eingetreten waren, ſahen von dem oberen Ende des Tiſches zwei ſanfte Augen auf mich herüber— ach Gott! ich erkannte ſie gleich— es waren Margarita's Augen,— ſie blickten mit dem ſchönen demüthigen Lichte, das einſt meine Freude und mein Entzücken geweſen war. Wir gingen an den Menſchen, die an dem Tiſche ſaßen, nach einander hinauf, danit ich ſie begrüße, und damit wir, der Obriſt und ich, die Stühle einnähmen, die man an ihrer Seite für uns leer gelaſſen hatte. Da ich bis zu ihr gekommen war, ſagte ich: „Seid mir herzlich ſchön gegrüßet, Margarita, ich bin abweſend geweſen, da Ihr angekommen ſeid, ſonſt hätte ich meinen Willkommensgruß ſchon in das Haghaus hinauf gebracht. Euer Vater hat es mir erſt vor we⸗ nigen Augenblicken geſagt, daß Ihr auf dem Steinbühel ſeid. Seid mir recht, recht ſchön gegrüßt.“ Sie war aufgeſtanden, als ich zu ihr getreten war, und zog den Handſchuh aus, um mir die Hand zu reichen. Sie war erröthet und die Hand, die ſie mir reichte, zitterte ſehr. „Seid mir auch gegrüßt,“ antwortete ſie.„Ich war ſchon drei Tage zu Hauſe, während Ihr fort waret, und heute morgens ſind wir bei Euch geweſen, um Euch ſelber meine Ankunft zu ſagen; aber Ihr ſeid ſehr früh ausgefahren, und waret ſchon lange fort, da wir kamen. Seid mir vielmal gegrüßt.“ Wir faßten uns bei den wechſelſeitig dargereichten Händen, und drückten uns dieſelben recht freundlich. Sie zog dann den Handſchuh wieder an, und ſetzte ſich nieder. Obwohl ſie zu Hauſe immer in bloßen Händen iſt, und uns auch ſo auf unſere Spaziergänge und zum Pflücken der Blumen begleitet hatte, ſo hielt der Obriſt doch bei ſolchen Gelegenheiten darauf, daß ſie den An⸗ ſtand beobachte, und die Anweſenden ehre. Darum war er ſelber auch in einem ſchönen dunklen Gewande. Er ſaß auf dem Stuhle zu ihrer Rechten, und ich ſetzte mich auf den, der links war, und den man mir aufgehoben hatte. Ich ſetzte mich ein wenig weiter weg, und gab Acht, daß ich an ihrem Gewande nicht ſtreife. Ich wußte jetzt eigentlich nicht, was ich ſagen ſollte. Es waren viele Menſchen zugegen, welche ich kannte. Es ſaß der Kaufherr von Pirling mit ſeinen Töchtern gleich neben dem Obriſt; es waren Bürger von Thunberg da: Frauen und Männer von Pirling; es war der ſehr alte ehrwürdige Pfarrer von Sillerau zugegen, und ſaß neben ſeinem Amtsbruder aus Pirling; es waren Frauen und Töchter von Rathsherren da, deren Männer und Väter aber in dem Schießhauſe drüben waren; es waren geachtete Landleute da, der Erlebauer mit ſei⸗ nen Töchtern, der Vetter Martin, der Wirth am Rothberge, mit ſeiner Tochter Joſepha; dann einige aus Haslung, aus dem Eidun und andere. Ich kannte beinahe alle. Sie grüßten mich, als ich nieder geſeſſen war, und Einige machten mir den Vorwurf, warum ich denn ſo ſpät gekommen ſei. Ich antwortete, daß meine Geſchäfte von dem Zufalle abhingen, daß ich ſie mir nicht auf eine gewiſſe Stunde laſſen oder mir vorarbeiten könne, und daß ich daher erſt zu erſcheinen vermöge, wenn ſie abgethan ſind, und mich entlaſſen. Die obere Wirthin von Pirling kam mit einer ſehr ſchönen gleich⸗ ſam in Kriſtallen geſchliffenen Flaſche, in der Wein war, nebſt einem Glaſe mit meinem Namen, das ſie mir einmal hergerichtet hatten, daß ich daraus trinke, wenn ich in Pirling bin, zu mir her, und ſagte:„Zur Tafel ſeid Ihr, wie jedesmal bei ſolchen Gelegenheiten, zu ſpät gekom⸗ men. Dieſen Wein gibt Euch die Schützengeſellſchaft als Ehrentrunk; er iſi der beſte, der zu haben iſt, er iſt aus dem Keller meines Mannes, des Schützenmeiſters, und iſt heute für unſere geehrten Gäſte heraus gebracht worden. Er ſteht unten in mehreren Flaſchen in Eisfutter, und — 173— muß ſehr kühl ſein. Die Speiſen, die Ihr bekommen werdet, ſind von dem unteren Wirthe, Bernſteiner, dem der Keller des Steinbühls gehört, und bei dem der Schützentanz ſein wird. Er wird ſie Euch auch im Namen der Schützengeſellſchaft ſenden.“ Als ſie noch kaum ausgeredet hatte, kam die Tochter des alten Bern⸗ ſteiners nebſt zwei Mägden, welche Kuchen, allerlei kalte Speiſen, ſchön verziert, und angenehm geordnetes Obſt vor mich hin ſtellten. Ich dankte für die Aufmerkſamkeit, und ſagte, daß ich von den Dingen ſchon nehmen werde. Rings herum auf der Tafel ſtanden vor denen, die da ſaßen, ähnliche Sachen, die Beſchlußſtücke eines gehaltenen Mahles. Die Männer hatten Wein, die Frauen und Mädchen Kuchen, Obſt und dergleichen, und an mehreren Stellen ſtand auch ein Becher ſüßen Weines für manche ältliche Frau. Der Obriſt redete mit dem Kaufherrn und mit dem Forſtmeiſter, der von dem Schießhauſe herüber gekommen, und hinter ihre Stühle getreten war. Sie verhandelten alle Verhältniſſe, die eben an der Zeit waren, und für die Gegend größere oder kleinere Dringlichkeit hatten. Ich ſprach einige Worte zu dem Pfarrer von Sillerau, und zu anderen, die in meiner Nähe waren. Einige fragten mich um verſchiedene Kranke, wie es ihnen gehe und ob Hoffnung zur Beſſerung ſei. Ich hatte die Freude, ihnen ſagen zu können, daß ich gar keinen ſchwer Erkrankten habe, und daß Alle, die jetzt liegen, bald aufſtehen würden. Die Mädchen und Frauen hatten ihre ſonntäglichen Kleider an und manche waren ſehr geputzt. Man erblickte ſilberne und ſogar goldene Verzierungen auf den Miedern und Spangen. Margarita ſaß recht ein⸗ fach neben mir auf ihrem Stuhle. Sie hatte ein graues geglänztes Kleid an, welches ſie nach den weißen am meiſten liebt. Auf dem ganzen Gewande war keine andere Zierde, als eine kleine rothſeidene Schleife am Halſe, wo das Gewand geſchloſſen war. Den feinen Strohhut, den ſie im Sommer gerne trägt, hatte man ihr von dem Haupte genommen, und ihn an den Aſt einer Birke gehängt. Obwohl ſie nicht ihren ſonn⸗ täglichen oder gar feſttäglichen ſeidenen Putz an hatte, in dem ſie mir immer gleichſam etwas fremd vorkam, ſo hielt ich doch dafür, daß ſie unter denen, die hier verſammelt waren, die Schönſte ſei, noch ſchöner, als die Töchter des Erlebauer. — 174— Wir konnten nicht viel reden, und ſagten nur gewöhnliche Dinge. Ihre Antworten waren recht lieb und gut und hold und freundlich. Ich weiß nicht, ob die Leute wußten, in welcher Beziehung ich zu Margarita geſtanden war; aber Niemand ſagte ein Wörtlein, das dahin abzielte, oder eine Andeutung auf die Sache ahnen ließ, ſelbſt dann nicht, als ich auf⸗ geſtanden war und längs des Tiſches hinab ging, um mit allen, die ich näher kannte, ein freundliches Wort zu reden. Sie hatten alle zu viele Achtung für mich, als daß ſie es thaten. Nachdem dieſe Unterredung aus war, und nachdem ich noch manchen andern, die herum ſtanden oder ein und aus gingen, auf ihre Fragen eine Antwort ertheilt hatte, ging ich wieder zu meinem verlaſſenen Sitze zu⸗ rück. Da ſah ich an der Seite des Obriſt's und Margarita's, wo man Platz gemacht hatte, zwei fremde dunkelgekleidete Frauen; es waren die nämlichen, welche ich, als ich auf den Gipfel des Felſens ging, auf einer Raſenbank hatte ſitzen geſehen. Der Obriſt ſtellte mich ihnen vor, und ſagte, das ſei die Muhme, bei der Margarita die Zeit her gewefen iſt, und die andere ſei die Geſellſchaftsfrau derſelben, auch eine um nur etwas Weniges entferntere Muhme. Die beiden Frauen hätten ihm die Freude gemacht, die Rückreiſe Margarita's zu benutzen, um ihn, wie et ſie bit⸗ tend eingeladen habe, zu beſuchen. Sie hätten ſich eben die Freuden und die Ländlichkeit des Steinbühels beſehen, und ſeien ganz vergnügt dar⸗ über.„Uns iſt es etwas Gewöhnlicheres,“ ſetzte er hinzu,„wir haben das ſchon öfter geſehen, und machen es allemal auf gleiche Weiſe.“ Die Frauen waren beide alt, freundlich und einfach. Man hatte zufällig nach ihrer Entfernung ihre Sitze beſetzt, und räumte ſie ihnen jetzt wieder ein. Sie ſprachen zu mir und fragten mich um einige Dinge, wie das bei erſten Bekanntſchaften der Fall zu ſein pflegt. Es ſprachen auch der Forſtmeiſter, die Bürgermeiſterin, der Kaufherr, und der Pfarter mit ihnen, wie man Fremde auf höfliche Weiſe in einer Umgebung ein⸗ heimiſch zu machen ſucht. Indeſſen hatte ſich auch die Geſellſchaft um mehrere Schützen vermehrt, welche die ihnen zugewieſenen Schüſſe aus⸗ geſchoſſen hatten, und jetzt hier im Gezelte bei ihren Frauen, Schweſtern oder anderen Angehörigen waren, und ſich vergnügten. Als die Geſpräche ſo gingen, kam der Kutſcher des Obriſt's herein, ging zu ſeinem Herrn, und ſagte ihm, daß der Wagen heute gar nicht ge⸗ macht werden könne, weil der Schmied nicht eine einzige Kohle zu Hauſe — 175— habe, und weil er keine am Sonntage von dem Meiler, wo ſie liegen, her⸗ ein bringen dürfe, und weil auch gar Niemand zu Hauſe ſei; denn das alles habe ihm nur die alte Großmutter des Schmiedes geſagt. „Ich habe es wohl ſo erwartet,“ antwortete der Obriſt. Auf meine Frage, was es ſei, ſagte er, es ſei ihnen ein Nabenring an dem Wagen zerſprungen, es habe nicht ſo viel auf ſich, aber es ſei doch nicht ſo zuverſichtlich zu fahren. „Freilich nicht,“ antwortete ich,„die Nabe könnte zerfallen, und dann wären Rad und Speichen auf die Straße geſtreut. Nehmt von mir den Wagen und die Pferde, Obriſt, und laßt den Eurigen in Pirling, daß er morgen gemacht werde.“ Als er ſich hierauf weigerte, und ſagte, es wäre ſchon genug, wenn ich ihm nur den Wagen gäbe, er könne ſeine eigenen Pferde einſpannen, ſtand ich auf, ging zu ihm hin, da er mit dem Kutſcher abſeits an die Bäume getreten war, und ſagte:„NRein Obriſt, nehmt auch die Pferde — laßt mir die Freude, daß ſie meinen Wagen gebraucht, als wäre er ſchon der ihrige. Ich nehme ein offenes Wägelchen in Pirling, ſpanne Eure Pferde vor, und fahre mit Eurem Kutſcher hinter Euch nach. Ihr könnt dann morgen, wenn der Reifen geſchweißt iſt, das Wägelchen nach Pirling ſchicken, und mit den Pferden Euren fertigen Wagen zurück⸗ nehmen.“ Hierauf willigte er ein, ich gab ſeinem Kutſcher den Auftrag, wenn er meinen Thomas ſehe, ihm zu ſagen, daß er den zweiten Sitz unſeres Wagens in Bereitſchaft richten, und wenn der Schützenzug in Pirling angekommen wäre, gefaßt ſein möchte, jeden Augenblick einſpannen zu können. Als der Kutſcher dieſes vernommen und ſich entfernt hatte, fragte ich den oberen Pirlinger Wirth, der indeſſen auch ſeine Schüſſe ausge⸗ ſchoſſen hatte und zu uns herein gekommen war, ob er ſein offenes Wä⸗ gelchen zu Hauſe habe, und ob er es mir bis morgen Mittag leihen könne. Er bejahte beides, und daher war dieſe Sache in Ordnung. Es waren in dieſer Zeit die Sonnenſtrahlen immer ſchiefer in das Gezelt gekommen und der Tag neigte ſich zu ſeinem Ende. Das Schießen war ſchon früher vereinzelter geworden, und jetzt hörte man nur zuweilen einen verſpäteten Knall, gleichſam wie einen Nachzügler zu einem Heere. Die Schützen waren immer mehrere zu uns herüber gekommen, und auch die Kinder der verſchiedenen Gäſte, welche heute hatten mitgehen dürfen, 6 fanden ſich von den zerſtreuten Spielplätzen aus dem Wäldchen ein, und ſtellten ſich zur Mutter oder hingen ſich an den Vater, zum Zeichen, daß ſie ausgeſpielt hatten und die Heimathmüdigkeit eingetreten war. Auch die Verſammelten im Zelte ſtanden endlich gruppenweiſe nach manchem nachträglichen und ſchnell noch zu Ende geführten Geſpräche auf, und man zerſtreute ſich in dem Gehölze. Die Scheiben ſtanden leer und ihrer Pflicht entbunden, von dem roſenrothen Lichte der Sonne beleuchtet, am Walde draußen. In dem Schützenſtande, in welchen jetzt alles hinein durfte, richtete mancher Schütze ſeine Geräthe in ſeinen Büchſenſack zuſammen, oder ließ es von ſeinem Diener thun; der Schützenſchreiber that ſein Buch in das lederne Fach, das er zuſammen ſchnallte, und der Schützenmeiſter, der obere Wirth, befahl, daß alles in gehörige Bereitſchaft geſetzt werde. Es war gebräuchlich, daß die ganze Schützenſchaft nach ſolchen Ta⸗ gen einen Einzug in Pirling halte, und daß die anderen Anweſenden ge⸗ wöhnlich vom Steinbühel bis Pirling hinter dem Zuge hergehen. Heute ſollte es auch ſo ſein, nur ward befohlen, daß man erſt die Sonne unter⸗ gehen laſſen müſſe. Margarita, der Obriſt und die zwei fremden Frauen ſtanden in einem Kreiſe von Pirlinger Bewohnern, meiſtens Frauen, und redeten. Ich ging daher noch einen Augenblick auf den Gipfel des Felſens. Aber wie war der Anblick jetzt verändert: auf den Stoppeln und den Wäldern lag der Abendſchein, in dem ferneren Thale waren die Gründe nicht mehr zu unterſcheiden, nur lag die Siller jetzt als eine Goldſchlange in ihnen und hinter Pirling flammte ein gelber Baldachin des Himmels; denn die Sonne war eben in dem Augenblicke untergegangen. Gar ſchön war es aber gerade unter mir im Birkenwäldchen, es zitterte gleichſam wie Rauſch⸗ gold in jedem der dünnen Zweige. Ich ging gleich wieder hinab, weil es jetzt ſehr bald zum Heimgange nach Pirling kommen würde. Aus der hölzernen Hütte, in welcher viele aus den niederen Ständen geweſen waren, Knechte, Diener und andere, ſah ich manche herauskommen, und den Hügel hinab gehen, weil ſie vor dem Einzuge in Pirling ſein mußten. Darunter war mein Thomas, der ſich ſehr beeilte, damit er, wenn wir angekommen ſein würden, ange⸗ ſpannt hätte, und mit dem Wagen in Bereitſchaft ſtünde. Die Scheiben waren abgeſchlagen und herein getragen worden„ der weiße Baldachin war aus den Bäumen gelöſet, und ſelbſt Tiſche und Stühle wurden den Felſen hinab getragen, wo ein Wagen wartete, daß ſie nicht in dem Nachtthaue draußen blieben. Die Menſchen hatten ſich meiſtens unter den Föhren neben dem Schießſtande eingefunden, wo der Zug ſich ordnen und anfangen ſollte. Der Schützenmeiſter las endlich aus einem Papiere vor, wie ſie ſich alle ſtellen müſſen, und ſo wie er es geleſen hatte, ſtellten ſie ſich, und da die Muſik das Zeichen dazu gab, fingen ſie an zu gehen. Zuerſt war der geſchlungene Weg über den Felſen hinab zurück ge⸗ legt, und dann dehnte ſich der Zug über die Felder hin. Hinten fuhr der Wagen mit den Tiſchen und Stühlen nach. Es nahm ſich ſeltſam aus, wie die Menſchen ſo gingen. In den röthlich ſcheinenden Stoppeln der Felder bewegte es ſich Pirling zu. An der Spitze ging der Schützenbote und trug die große Schützenfahne, nach ihm kamen zwei Schützenbuben mit den kleineren langzüngigen Wind⸗ fahnen. Dann folgten die Trompeter und Waldhornbläſer, dann, von ſechs bunt gekleideten Zielern getragen, die Scheiben, und hinter ihnen die Preisgewinner und Preiſe. Es war zuerſt der Bock, der von zwei roth und weiß gekleideten Schützenbuben geführt wurde neben ihm ging der alte Bernſteiner, dem der Preis geblieben war; es hing ihm ein lan⸗ ges rothes Band von dem Hute herunter; dann wurden von Schützen⸗ buben die anderen Preiſe getragen, und die Gewinner, gleichfalls mit Bändern geſchmückt, gingen daneben. Hierauf folgte die Schützenkanzlei, und dann ging der Schützenmeiſter an der Spitze ſämmtlicher Schützen. Hinter ihnen folgten alle wir anderen Leute, die heute in dem Steinbühel geweſen waren. Neben mir ging die liebe Geſtalt Margarita's, dann die ſchöne dunkelgekleidete ihres Vaters, der die ältere ſeiner Muhmen führte. Die andere wurde von dem Kaufherrn geführt, und dann gingen der Bürgermeiſter, die zwei Pfarrer, und Frauen und Mäd⸗ chen nach verſchiedenen Weiſen eingetheilt. Wenn man zurück ſah, ſtand der verlaſſene Steinbühel ſchon ſchwatz in der bereits nächtlich dunkeln⸗ den Luft. Wie wir uns Pirling näherten, ſtanden an dem Wege ſchon hie und da Zuſchauer, und ſie wurden immer mehr, je mehr wir uns dem Orte näherten, und waren endlich dicht gedrängt an Büſchen, Hecken und Planken. Es waren ſolche, die zu Hauſe geblieben, oder von dem Stein⸗ Stifter. 4. Aufl. I. 12 — 178— bühel früher herein gegangen oder von benachbarten Ortſchaften herzu gekommen waren, um die Sache zu ſehen. Am Eingange des Marktes war, wie gewöhnlich, eine Muſik aufgeſtellt, die uns erwartete und empfing. Da der Zug bis zu dem unteren Wirthshauſe gekommen war, in welchem in dieſer Nacht der Schützentanz ſein ſollte, erkannte man erſt, warum es nicht erlaubt geweſen war, vor Sonnenuntergang vom Stein⸗ bühel herein zu ziehen; denn ein weiter großer Eingangsbogen von Tan⸗ nengrün war vor dem Thore aufgebaut, ſtrahlende Lampen waren rings in ihm eingeflochten, und über ihm brannten durchſichtige Papierbuch⸗ ſtaben, hinter denen Lampen ſtanden, und die die Ankommenden will⸗ kommen hießen. Der ganze Zug ging, wie es gebräuchlich iſt, ſammt dem Bocke in den Tanzſaal. Dort gaben die Schützen ihre Büchſen, und die anderen Schießvorrichtungen an Diener, oder ſelbſt an Söhne ab, welche ſie nach Hauſe trugen. Der alte Bernſteiner hob die Thalerkrone dem Bocke vom Haupte und gab ſie ſeiner freundlichen eben ſo alten Gattin, daß ſie zu anderen Schützenſiegeszeichen in den Glasſchrein des Schlafzimmers ge⸗ ſtellt werde. Der Bock aber mußte jetzt in den Stall. Die Zeit von der Ankunft im Tanzſaale bis zum Beginne des Tanz⸗ feſtes verwendeten die Einheimiſchen gerne zu einem Gange zu den Ihri⸗ gen, zum Umkleiden oder dergleichen. Die Fremden blieben in dem Gaſt⸗ hauſe, und richteten ſich auch zu dem her, was da kommen ſollte. Wir hatten beſchloſſen auf den Anfang des Tanzes zu warten, und dann nach Hauſe zu fahren. Ich wurde in dieſer Zwiſchenzeit ſogar zu einem gerufen, der plötz⸗ lich krank geworden war. Es war von keiner Wichtigkeit und ich gab ihm ein betreffendes Mittel. Als ich wieder in den Saal zurück gekehrt war, waren die meiſten ſchon anweſend, und es wurde zur Einleitung des Feſtes geſchritten. Die Tiſche in den Speiſegemächern waren beſetzt, die Paare in dem Saale ſtellten ſich an, die Muſik begann, und durch einen ruhigen ſchönen Ein⸗ leitungstanz wurde das Schützennachtfeſt eröffnet. Der Obriſt zeigte Margariten und den zwei Frauen alles, wie man es hier mache, er blieb bei den zwei erſten Tänzen mit ihnen als Zuſchauer, dann aber empfah⸗ len wir uns als ſolche, die noch einen weiten Weg nach Hauſe zu machen 70 haben und daher bei Zeiten aufbrechen. Viele Grüße und freundliche Wünſche wurden uns zugerufen, und wir gingen dann über die Treppe hinab, um uns in das obere Wirthshaus zu begeben, wo unſere Sachen waren. Auf der Gaſſe ſtand ſchon der Thomas mit meinem beſpannten Wagen und harrte. Der Obriſt und die Frauen hatten nur ihre Ueber⸗ kleider zu nehmen, um einzuſteigen und fort zu fahren. Da begab ſich etwas, daß das Schönſte an dieſem Abende war. Ich hatte an dem Wagen gewartet. Margarita war mit den Frauen aus dem Hauſe gekommen, der Obriſt aber noch nicht. Ich half den Frauen in den Wagen, und wollte es mit Margarita desgleichen thun. Ich faßte ihre Hand, die ſie aus dem Ueberrocke hervorgeſtreckt hatte, aber ich half ihr nicht auf den Wagentritt, ſondern ich hielt die Hand einen Augenblick, und ſagte, weil mein Herz ſo gerührt war:„Marga⸗ rita, werdet Ihr mir es verzeihen, daß ich einmal ſo heftig an Euch ge⸗ handelt habe?“ „O verzeiht Ihr mir nur,“ antwortete ſie,„daß ich ſo geweſen bin — einziger, lieber Freund meiner Jugend— o ich weiß es ſchon und der Vater hat es geſagt, was Ihr für ein herrlicher Mann geworden ſeid.“ „Nein, Margarita,“ ſagte ich,„Euer Vater iſt gut, er weiß es ſchon, welche Fehler ich habe— und Ihr ſeid ein Engel!“ Ich vergaß mich, und ſchlang meine Arme um ihren Nacken, wie man eine Schweſter nach langem Entferntſein begrüßet. Sie that ihre Arme auch um meinen Hals, drückte ihr Angeſicht an das meinige, und fing ſo heftig zu weinen an, daß ich es gar nicht faſſen konnte. Ich em⸗ pfand das Naß ihrer Thränen auf meinen Wangen. Ich beugte nur einen Augenblick zurück, und wir drückten dann mit einem Male unſere Lippen an einander. Ich hielt ſie feſt an mein Herz gepreßt, wie eine verlorene und wiedergefundene Braut. Es war hier das erſte Mal in unſerm Leben geweſen, daß wir uns geküßt hatten. Als ſich die Arme wieder gelöſet hatten, und ich ihre liebe Hand hielt, ſagte ich:„Margarita, darf ich morgen Euren Vater um Euch bitten?“ „O bittet,“ antwortete ſie,„es iſt gut für uns beide.“ Dann wandte ſie ſich zu den Frauen, die im Wagen ſaßen und ſagte:„Nehmet es mir nicht übel, was ich that; er iſt mein Bräutigam.“ 12 — 180— „Steiget jetzt ein, Margarita,“ ſagte ich,„morgen komme ich ſehr, ſehr bald zu Euch hinauf. Gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ antwortete ſie, und wir drückten uns ſehr i innig die Hände. „Steige nur ein,“ ſprach plötzlich der Obriſt, der neben uns ſtand, „Ihr werdet recht glückliche Menſchen mit einander ſein.“ Margarita warf ſich an ſein Herz, er hielt ſie einen Augenblick ſanft, und half ihr dann in den Wagen. Ich nahm ihn bei der Hand, drückte ſie und konnte nichts ſagen, weil meine Augen voll Waſſer ſtanden. „So iſt es alſo offenkundig geworden, daß dieſe zwei Brautleute ſind, und Ihr dürft es unten bei dem Feſte verkünden. Ich wollte es noch ein wenig geheim halten, aber ſie haben ſich ſelber verrathen,“ ſagte der Obriſt zu dem oberen Wirthe, der ein wenig weiter zurück ſtand, weil er von dem Tanzſaale herauf gegangen war, um den Obriſt zu dem Wa⸗ gen zu geleiten. „Das iſt ein erfreuliches Ereigniß,“ ſagte der Wirth,„das iſt ein erfreuliches Ereigniß.“ „Jetzt gute Nacht, Doctor,“ ſprach der Obriſt zu mir,„und kommet morgen bald zu uns hinauf.“ „Gute Nacht,“ antwortete ich, und war ihm behülflich, wie er in den Wagen ſtieg. Dann ging ich zu dem Thomas hinvor, und ſagte ihm, daß er Acht habe, und vorſichtig fahre, damit den Freunden kein Unglück zuſtoßen könne. Hierauf regte der Thomas die Zügel, ſprach zu den Pferden, und ſie liefen raſch mit dem Wagen in die obere Gaſſe hinein. „Ich wünſche recht viel Glück, Doctor,“ ſagte der Wirth,„ich wünſche recht viel Glück.“ „Ich danke,“ antwortete ich,„ich danke. Aber Mann, das iſt ein Weib, welches ich erſt verdienen muß.“ „Ihr ſeid aber auch der rechte Mann zu ihr,“ ſagte er,„und das wird eine Freude in der Gegend ſein.“ „Wird es,“ erwiederte ich,„nun ſo freut es mich, und es thut mir ſehr wohl, wenn man mir Margarita gönnet. Aber jetzt ſeid ſo freund⸗ lich und laſſet mir Euren Wagen richten, damit ich ebenfalls nach Hauſe fahren kann. Ich muß morgen ſehr früh wieder fort.“ — 181— „Iſt ſchon gerichtet, und darf nur angeſpannt werden,“ antwor⸗ tete er. Als die Braunen des Obriſt's in das offene Wägelchen des Wirthes geſpannt waren, ich meinen Oberrock genommen hatte und eingeſtiegen war, fuhr der Kutſcher des Obriſt's mit mir durch die obere Gaſſe auf die Felder hinaus, wo die Straße gegen das Eidun und gegen meine Hei⸗ math zielte. Ich konnte von den Vorausfahrenden nichts mehr verneh⸗ men, weil wahrſcheinlich mein Thomas aus Eifer und Ehrgeiz ſehr gut und auch ſehr ſchnell dahin fuhr. An dem Himmel über mir ſtanden unzählige ſchöne freundliche Sterne— und in meinem Herzen war eine Freude, welche ich noch nie⸗ mals in meinem Leben empfunden habe. Ich ging ſchon gegen die dreißig Jahre, und es war ſo wohl, ſo ſüß, ſo herrlich in mir, als wenn ich im achtzehnten wäre, wo man ein Kind iſt, unerfahren iſt, und die ganze Welt an das Herz drückt, damit es nur geſtillt werde. Ich dachte:„O mein Gott, o mein Gott, was iſt es für ein Glück, zu wiſſen, daß ein einziges Herz in dieſer Welt iſt, das uns liebt, das es durchaus und vom Grunde gut und treu mit uns meint: und wenige Schritte vor mir fahren zwei, die beide ſo gegen mich ſind. Was iſt es für ein Glück.“ Ich fuhr in der dunklen ſtillen Nacht hin, und kam endlich bei mei⸗ nem Hauſe an. Ich gab dem Kutſcher eine Belohnung und ſchickte ihn mit den Pferden zu ſeinem Herrn hinauf. Die meinigen waren ſchon zu Hauſe, ich ging noch in den Stall hinein und ſtreichelte die guten Thiere, die ſie unverletzt in ihre Wohnung gebracht hatten. Dann ging ich in mein Zimmer. Ich zündete mit Freude meine Lichter an, ich war heute zum erſten Male gleichſam nicht mehr allein, und ſetzte mich zu meinem Schreibgerüſte nieder. Es war eine Ruhe, Stille und Feierlichkeit in meinem Hauſe.—— Aber ich blieb nicht lange ſitzen, ſondern ich ſtand auf, ging zu dem Fenſter, öffnete es, und lehnte mich hinaus. Auch draußen war Ruhe, Stille, Feierlichkeit und Pracht— und es rührten ſich die unzähligen ſilbernen Sterne am Himmel. — 182— 7. Das Rachwort. So weit habe ich, der Urenkel, aus dem Lederbuche des Doctors ausgezogen, und ſo weit iſt alles an ihm, der uns immer wie ein Wun⸗ dermann erſchienen war, gewöhnlich, wie bei allen andern Leuten, und wird auch in dem ganzen Buche fort gewöhnlich ſein. Es iſt noch recht viel übrig; aber das Leſen iſt ſchwer. Oft iſt kein rechtes Ende, oft deutet ſich der Anfang nur an, manchmal iſt die Mitte der Ereigniſſe da, oder es iſt eine unverſtändliche Krankengeſchichte. Ich habe in den mit dem Meſſer verwundeten Blättern geblättert. Ich mußte da über viele Jahre gegangen ſein; denn es war ein häufiger Tinten⸗ und Schrift⸗ wechſel, es ſtanden Witterungsbeobachtungen, häusliche und Feldarbei⸗ ten, daß man ſah, daß zur Anſammlung dieſer Schriften Jahre vergan⸗ gen ſein mögen. Oft waren ganze Abtheilungen in das fahleſte Eiſen⸗ ockergelb geſchoſſen, indeſſen oft Randbemerkungen aus ſpäteren Zeiten mit dem glänzendſten Schwarz daſtanden, wie übermüthige Anſiedler und Anbauer, welche die armen Ureinwohner faſt zu verdrängen ſtreb⸗ ten. Auch iſt die Handſchrift oft ſehr ſchwer zu entziffern. Wie gewöhn⸗ lich, und nur für ihn geſchrieben manches auch iſt, ſo iſt wieder vieles lieb und ſchön und oft wahrhaft erhebend. Ich habe noch recht viel zu erzählen, und werde es in der Zukunft thun, wenn ich es zu Ende geziffert, und ausgezogen habe: Wie die Hochzeit geweſen iſt, wie Margarita von allen Bewohnern des Doctor⸗ hauſes geliebt worden iſt, wie er mit dem herben, weichen, kindlichen Mädchen gelebt habe. Wie ihr Vater, der Obriſt uralt geworden, wie er geſtorben ſei, und eine Ruheſtätte neben ſeinem Weibe habe, wie der Doctor fortgewirkt, wie er bei der Einfühvung der Kartoffeln ſo viele Hinderniſſe gehabt habe, wie er, wenn die früheren Pferde alt und un⸗ tauglich wurden, immer wieder Rappen hatte, wie er zu Kranken weit und breit ging, wie viele in ſein Haus kamen, und dann bei den Ihrigen erzählten, daß eine ſchöne, milde, alternde Frau in ſeinem Hauſe herum gehe, wie er ſelber ſehr alt geworden iſt— ich muß endlich erzählen, wie das obere Haus weg gekommen iſt, ich muß erzählen, wie die Bilder fort — 183— gekommen ſind, ſowohl die, welche Margarita zur Ausſteuer erhalten hat, als auch die, welche ſie erbte.— Mein Großvater hat erzählt, daß der Doctor, als er ſehr alt war, als ihm ſeine Strümpfe ſchlotterten, als ſein Rücken gekrümmt war, als ihm die Schnallenſchuhe zu groß geworden waren, oft an ſeinem kunſt⸗ reich geſchnitzten Schreibgerüſte, auf das er in ſeinem langen Leben ſo viel gelegt und geſtellt hatte, daß er am Ende ſelber kaum Platz hatte, geſeſſen war, und in einem großen Buche geleſen habe, von dem rothe und blaue Siegel nieder hingen. Seine letzte Heilung iſt ein Kind geweſen. Er war ſchon lange nir⸗ gends mehr hin gegangen, in der Gegend waren drei neue Doctoren auf⸗ geſtanden— da war im Eidun ein Kind krank, ein ſchönes Mädchen freundlicher Eltern— man hat ihm alles gegeben, was möglich war, aber das Kind wurde immer ſchlechter. Die Aerzte ſagten endlich, es ſei vergebens, das Kind müſſe ſterben. Da fiel den Eltern der alte Doctor ein, der zu Thal ob Pirling ein Haus habe, dort wohne und in dem Garten ſitze. Sie gingen zu ihm und baten recht dringend. Er fuhr hinab, und ging an ſeinem Stabe mit den ſchneeweißen Haaren und ge⸗ beugt zu dem Kinde hinein. Da er es geſehen und um alles gefragt und eine Weile geſchwiegen hatte, ſagte er huldreich:„Das Kind wird nicht ſterben.“ Er gab den Leuten etwas, und ſagte, daß man morgen zu ihm kom⸗ men und wieder etwas holen ſolle.— Die Eltern trugen den alten Mann faſt wie einen Engel zu ſeinem Wagen hinaus. Sie gaben dem Kinde täglich, was ſie von dem alten Doctor holten, es ward geſund, und blühte noch lange, da der Greis ſchon in ſeinem kühlen Grabe lag. Er hatte zuletzt ſo weiße Haare, wie ſie einſt der Obriſt gehabt hatte, nur daß der Obriſt auch den weißen Bart trug, während der Doctor immer ſauber raſirt ging. Weil er gut gewirkt hat, iſt er nie ein Kinderſpott geworden. Bei ſeinem Tode trug ſich etwas Rührendes zu. Als man den Lei⸗ chenzug ordnete, gingen plötzlich alle Zigeuner mit, welche ſich zuweilen in den Wäldern gezeigt und nieder gelaſſen hatten, weil er ſie einſtens zu mehreren Malen freiwillig behandelt, und manche aus ihnen geheilt hatte. Mein Vater hat den zweiten Band der Mappe gar nicht gekannt. — 184— Er war in der alten Truhe und wurde erſt von mir gefunden. Er war nicht gebunden, ſondern nur in Hefte getheilt, wahrſcheinlich, daß er be⸗ quemer ſei, und man nicht immer die ganze Laſt mitzuſchleppen habe. Es hat ſich an ihm etwas gezeigt, was darthut, daß, wie viel man auch Verſtand habe, doch im Alter die lebensſüße Gewohnheit und die Einfalt des Fühlens über ihn herrſche. Allen Anzeichen nach war der Doctor ſchon achtzig Jahre alt, als er den zweiten Band ſeiner Lebensmappe machte und vorrichtete— und dennoch machte er dieſen Band ſo dick, wie den erſten, ja er hatte ſogar um zwei und fünfzig Seiten mehr, und alle waren ſie zum Voraus ſchon mit rother Dinte eingetragen. Wie viele Blätter aber blieben leer, wie wenige Hefte waren beſchrieben, und wie hingen an den letzteren noch die alten Siegel, weil er, damit ich ſei⸗ nen eigenen Ausdruck gebrauche, früher fort gemußt, ehe er ſie hatte öffnen können. Friede mit ihm! Abdins. 1842. Eſther. E⸗ gibt Menſchen, auf welche eine ſolche Reihe Ungemach aus heiterm Himmel fällt, daß ſie endlich da ſtehen und das hagelnde Gewitter über ſich ergehen laſſen: ſo wie es auch andere gibt, die das Glück mit ſolchem ausgeſuchten Eigenſinne heimſucht, daß es ſcheint, als kehrten ſich in einem gegebenen Falle die Naturgeſetze um, damit es nur zu ihrem Heile ausſchlage. Auf dieſem Wege ſind die Alten zu dem Begriffe des Fatums ge⸗ kommen, wir zu dem milderen des Schickſals. Aber es liegt auch wirklich etwas Schauderndes in der gelaſſenen Unſchuld, womit die Naturgeſetze wirken, daß uns iſt, als lange ein un⸗ ſichtbarer Arm aus der Wolke, und thue vor unſern Augen das Unbe⸗ greifliche. Denn heute kömmt mit derſelben holden Miene Segen, und morgen geſchieht das Entſetzliche. Und iſt beides aus, dann iſt in der Natur die Unbefangenheit, wie früher. Dort, zum Beiſpiele, wallt ein Strom in ſchönem Silberſpiegel, es fällt ein Knabe hinein, das Waſſer kräuſelt ſich lieblich um ſeine Locken, er verſinkt— und wieder nach einem Weilchen wallt der Silberſpiegel, wie vorher.—— Dort reitet der Beduine zwiſchen der dunklen Wolke ſeines Himmels und dem gelben Sande ſeiner Wüſte: da ſpringt ein leichter glänzender Funke auf ſein Haupt, er fühlt durch ſeine Rerven ein unbekanntes Rieſeln, hört noch trunken den Wolkendonner in ſeine Oh⸗ ren, und dann auf ewig nichts mehr. Dieſes war den Alten Fatum, furchtbar letzter ſtarrer Grund des — 188— Geſchehenden, über den man nicht hinaus ſieht, und jenſeits deſſen auch nichts mehr iſt, ſo daß ihm ſelber die Götter unterworfen ſind: uns iſt es Schickſal, alſo ein von einer höhern Macht Geſendetes, das wir em⸗ pfangen ſollen. Der Starke unterwirft ſich auch ergeben, der Schwache ſtürmt mit Klagen darwider, und der Gemeine ſtaunt dumpf, wenn das Ungeheure geſchieht, oder er wird wahnwitzig und begeht Frevel. Aber eigentlich mag es weder ein Fatum geben, als letzte Unver⸗ nunft des Seins, noch auch wird das Einzelne auf uns geſendet; ſon⸗ dern eine heitre Blumenkette hängt durch die Unendlichkeit des Alls und ſendet ihren Schimmer in die Herzen— die Kette der Urſachen und Wir⸗ kungen— und in das Haupt des Menſchen ward die ſchönſte dieſer Blu⸗ men geworfen, die Vernunft, das Auge der Seele, die Kette daran anzu⸗ knüpfen, und an ihr Blume um Blume, Glied um Glied hinab zu zählen bis zuletzt zu jener Hand, in der das Ende ruht. Und haben wir derein⸗ ſtens recht gezählt, und können wir die Zählung überſchauen: dann wird für uns kein Zufall mehr erſcheinen, ſondern Folgen, kein Unglück mehr, ſondern nur Verſchulden; denn die Lücken, die jetzt find, erzeugen das Unerwartete, und der Mißbrauch das Unglückſelige. Wohl zählt nun das menſchliche Geſchlecht ſchon aus einem Jahrtauſende in das andere, aber von der großen Kette der Blumen ſind nur erſt einzelne Blätter aufge⸗ deckt, noch fließt das Geſchehen wie ein heiliges Räthſel an uns vorbei, noch zieht der Schmerz im Menſchenherzen aus und ein—— ob er aber nicht zuletzt ſelber eine Blume in jener Kette iſt? wer kann das ergrün⸗ den? Wenn dann einer ſagt, warum denn die Kette ſo groß iſt, daß wir in Jahrtauſenden erſt einige Blätter aufgedeckt haben, die da duften, ſo antworten wir: So unermeßlich iſt der Vorrath darum, damit ein jedes der kommenden Geſchlechter etwas finden könne,— das kleine Aufge⸗ fundne iſt ſchon ein großer herrlicher Reichthum, und immer größer im⸗ mer herrlicher wird der Reichthum, je mehr da kommen, welche leben und enthüllen— und was noch erſt die Woge aller Zukunft birgt, davon können wir wohl kaum das Tauſendſtel des Tauſendſtels ahnen.—— Wir wollen nicht weiter grübeln, wie es ſei in dieſen Dingen, ſondern ſchlechthin von einem Manne erzählen, an dem ſich manches davon dar⸗ ſtellte, und von dem es ungewiß iſt, ob ſein Schickſal ein ſeltſameres Ding ſei, oder ſein Herz. Auf jeden Fall wird man durch Lebenswege wie der ſeine zur Frage angeregt:„warum nun dieſes?“ und man wird — 189— in ein düſteres Grübeln hinein gelockt über Vorſicht, Schickſal und letzten Grund aller Dinge. Es iſt der Jude Abdias, von dem ich erzählen will. Wer vielleicht von ihm gehört hat, oder wer etwa gar noch die neunzigjährige gebückte Geſtalt einſt vor dem weißen Häuschen hat ſitzen geſehen, ſende ihm kein bitteres Gefühl nach— weder Fluch, noch Segen, er hat beides in ſeinem Leben reichlich geerndtet— ſondern er halte ſich in dieſen Zeilen noch einmal ſein Bild vor die Augen. Und auch derje⸗ nige, der nie etwas von dieſem Manne gehört hat, folge uns, wenn es ihm gefällt, bis zu Ende, da wir ſein Weſen einfach außzuſtellen verſucht haben, und dann urtheile er über den Juden Abdias, wie es ihm ſein Herz nur immer eingibt. Tief in den Wüſten innerhalb des Atlaſſes ſteht eine alte, aus der Geſchichte verlorene Römerſtadt. Sie iſt nach und nach zuſammengefal⸗ len, hat ſeit Jahrhunderten keinen Namen mehr, wie lange ſie ſchon keine Bewohner hat, weiß man nicht mehr, der Europäer zeichnete ſie bis auf die neueſte Zeit nicht auf ſeine Karten, weil er von ihr nichts ahnete, und der Berber, wenn er auf ſeinem ſchnellen Roſſe vorüber jagte und das hängende Gemäuer ſtehen ſah, dachte entweder gar nicht an dasſelbe und an deſſen Zweck, oder er fertigte die Unheimlichkeit ſeines G es mit ein paar abergläubiſchen Gedanken ab, bis das letzte Mauerſtück aus ſeinem Geſichte, und der letzte Ton der Schakale, die darin hauſen, aus ſeinem Ohre entſchwunden war. Dann ritt er fröhlich weiter, und es umgab ihn nichts, als das einſame, bekannte, ſchöne, lieb gewordene Bild der Wüſte. Dennoch lebten außer den Schakalen, der ganzen übri⸗ gen Welt unbekannt, auch noch andere Bewohner in den Ruinen. Es waren Kinder jenes Geſchlechtes, welches das ausſchließendſte der Welt, ſtarr blos auf einen einzigſten Punkt derſelben hinweiſend, doch in alle Länder der Menſchen zerſtreut iſt, und von dem großen Meere gleichſam auch einige Tropfen in dieſe Abgelegenheit hinein verſpritzt hatte. Düſtre, ſchwarze, ſchmutzige Juden gingen wie Schatten in den Trümmern herum, gingen drinnen aus und ein, und wohnten drinnen mit dem Schakal, den ſie manchmal fütterten. Es wußte Niemand von ihnen, außer die anderen Glaubensbrüder, die draußen wohnten. Sie handelten mit Gold und Silber und mit andern Dingen von dem Lande Egypten herüber auch mit verpeſteten Lappen und Wollenzeugen, davon ſie ſich wohl ſel⸗ — 190— ber zuweilen die Peſt brachten und daran verſchmachteten— aber der Sohn nahm dann mit Ergebung und Geduld den Stab ſeines Vaters, und wanderte und that, wie dieſer gethan, harrend, was das Schickſal über ihn verhängen möge. Ward einmal einer von einem Kabilen erſchla⸗ gen, und beraubt, ſo heulte der ganze Stamm, der in dem wüſten weiten Lande zerſtreut war— und dann war es vorüber und vergeſſen, bis man etwa nach langer Zeit auch den Kabilen irgendwo erſchlagen fand. So war dies Volk, und von ihm ſtammte Abdias her. Durch einen römiſchen Triumphbogen hindurch an zwei Stämmen verdorrter Palmen vorbei gelangte man zu einem Mauerklumpen, deſſen Zweck nicht mehr zu erkennen war— jetzt war es die Wohnung Aron's, des Vaters des Abdias. Oben gingen Trümmer einer Waſſerleitung dar⸗ über, unten lagen Stücke, die man gar nicht mehr erkannte, und man mußte ſie überſteigen, um zu dem Loche in der Mauer zu gelangen, durch welches man in die Wohnung Aron's hinein konnte. Innerhalb des aus⸗ gebrochenen Loches führten Stufen hinab, die Simſe einer doriſchen Ord⸗ nung waren, und in unbekannter Zeit aus unbekanntem zerſtörenden Zu⸗ falle hierher gefunden hatten. Sie führten zu einer weitläufigen Woh⸗ nung hinunter, wie man ſie unter dem Mauerklumpen und dem Schutte von Außen nicht vermuthet hätte. Es war eine Stube mit mehreren jener kleinen Gemächer umgeben, wie ſie die Römer geliebt hatten, auf dem Boden aber war kein Eſtrich, oder Getäfel, vder Pflaſter, oder Mo⸗ ſaik, ſondern die nackte Erde, an den Wänden waren keine Gemälde oder Verzierungen, ſondern die römiſchen Backſteine ſahen heraus, und überall waren die vielen Päcke und Ballen und Krämereien verbreitet, daß man ſah, mit welchen ſchlechten und mannigfaltigen Dingen der Jude Aron Handel trieb. Vorzüglich aber waren es Kleider und geriſſene Lappen, die herab hingen, und die alle Farben und alle Alter hatten, und den Staub faſt aller Länder von Aftika in ſich trugen. Zum Sitzen und Lehnen wa⸗ ren Haufen alter Stoffe. Der Tiſch und die andern Geräthe waren Steine, die man aus der alten Stadt zuſammen getragen hatte. Hinter einem herabhängenden Buſche von gelben und grauen Kaftanen war ein Loch in der Mauer, welches viel kleiner war, als das, welches die Stelle der Thür vertrat, und aus dem Finſterniß heraus ſah, wie aus einer Grube im Schutte. Man meinte nicht, daß man da hinein gehen könne. Wenn man ſich aber gleichwohl bückte und hindurch kroch, und wenn man den — 191— krummen Gang zurück gelegt hatte, der da folgte, ſo kam man wieder in ein Zimmer, um das mehrere andere waren. Auf dem Fußboden lag ein Teppich aus Perſien und in den andern waren ähnliche oder gleiche, an den Wänden und in Niſchen waren Polſter, darüber Vorhänge, und da⸗ neben Tiſche von feinem Steine und Schalen und ein Bad. Hier ſaß Eſther, Aron's Weib. Ihr Leib ruhete auf dem Seidengewebe von Da⸗ maskus, und ihre Wange und ihre Schultern wurden geſchmeichelt von dem weichſten und glühendſten aller Zeuge, dem gewebten Märchen aus Kaſchemir, ſo wie es auch die Sultana in Stambul hat. Um ſie waren ein paar Zofen, die ſchöne Tücher um die klugen ſchönen Stirnen hatten, und Perlen auf dem Buſen trugen. Hieher trug Aron alles zuſammen, was gut und den armen Sterblichen ſchmeichelnd und wohlthätig erſcheint. Der Schmuck war auf den Tiſchen herum gelegt und auf den Wänden zerſtreut. Das Licht ſandten von oben herab mit Mirthen verrankte Fen⸗ ſter, die manchmal der gelbe Wüſtenſand verſchüttete,— aber wenn es Abend wurde und die Lampen brannten, dann glitzerte alles und funkelte und war hell und ſtrahlenreich. Das größte Kleinod Aron's außer dem Weibe Eſther war ihr Sohn, ein Knabe, der auf dem Teppiche ſpielte, ein Knabe mit ſchwarzen rollenden Augenkugeln und mit der ganzen mor⸗ genländiſchen Schönheit ſeines Stammes ausgerüſtet. Dieſer Knabe war Abdias, der Jude, von dem ich erzählen wollte, jetzt eine weiche Blume, aus Eſther's Buſen hervorgeblüht. Aron war der reichſte in der alten Römerſtadt. Dies wußten die andern, die noch mit ihm da wohnten, ſehr gut, da ſie oft Genoſſen ſeiner Freuden waren, ſo wie er von ihnen auch alles wußte: aber nie iſt ein Beiſpiel erhört worden, daß es der vorüber jagende Beduine erfuhr, oder der träge Bei im Harem: ſondern über der todten Stadt hing ſchweigend das düſtere Geheimniß, als würde nie ein anderer Ton in ihr gehört, als das Wehen des Windes, der ſie mit Sand füllte, oder der kurze heiße Schrei des Raubthieres, wenn die glühende Mondesſcheibe ober ihr ſtand, und auf ſie nieder ſchien. Die Juden handelten unter den Stämmen herum, man ließ ſie und fragte nicht viel um ihren Wohnort— und wenn einer ihrer andern Mitbewoh⸗ ner, ein Schakal, hinaus kam, ſo ward er erſchlagen und in einem Gra⸗ ben geworfen. Auf ſeine zwei höchſten Güter häufte Aron alles, wovon er meinte, daß es ihnen gut ſein könnte.— Und wenn er draußen ge⸗ weſen war, wenn er geſchlagen und von Wohnort zu Wohnort geſtoßen — 192— worden war, und wenn er nun heim kam, und genoß, was die alten Könige des Volkes, vornämlich jener Salomo, als die Freude des Lebens hielten, ſo empfand er eine recht ſchauerliche Wolluſt.— Und wenn ihm auch zuweilen war, als gäbe es noch andere Seligkeiten, die im Herzen ſind, ſo meinte er, es ſei ein Schmerz, den man fliehen müſſe, und er floh ihn auch, nur daß er dachte, er wolle den Knaben Abdias eines Ta⸗ ges auf ein Kameel ſetzen und ihn nach Kahira zu einem Arzte bringen, daß er weiſe würde, wie es die alten Propheten und Führer ſeines Ge⸗ ſchlechtes geweſen. Aber auch aus dem iſt wieder nichts geworden, weil es in Vergeſſenheit gerathen war. Der Knabe hatte alſo gar nichts, als daß er oft oben auf dem Schutte ſtand, und den weiten ungeheuren Him⸗ mel, den er ſah, für den Mantelſaum Jehovas hielt, der einſtens ſogar auf der Welt geweſen war, um ſie zu erſchaffen, und ſich ein Volk zu wählen, mit dem er aß, und mit dem er umging zur Freude ſeines Her⸗ zens. Aber Eſther rief ihn wieder hinab, und legte ihm ein braunes Kleidchen an, dann ein gelbes, und wieder ein braunes. Sie legte ihm auch einen Schmuck an, und ließ die Schönheit der Perle um ſeine dunkle feine Haut dämmern, oder das Feuer des Demanten daneben funkeln— ſie legte ein Band um ſeine Stirne, ſtreichelte ſeine Haare, oder rieb die Gliedlein und das Angeſicht mit weichen, feinen, wollenen Lappen— öfters kleideten ſie ihn als Mädchen an, oder die Mutter ſalbte ſeine Augen⸗ braunen, daß ſie recht feine ſchwarze Linien über den glänzenden Augen waren, und hielt ihm den ſilbernen gefaßten Spiegel vor, daß er ſich ſähe.— Nachdem die Jahre, eines nach dem andern vergangen waren, führte ihn der Vater Aron eines Tages hinaus in die vordere Stube, legte ihm einen zerriſſenen Kaftan an, und ſagte:„Sohn, Abdias, gehe nun in die Welt, und da der Menſch auf der Welt nichts hat, als was er ſich er⸗ wirbt, und was er ſich in jedem Augenblicke wieder erwerben kann, und da uns nichts ſicher macht, als dieſe Fähigkeit des Erwerbens: ſo gehe hin und lerne es. Hier gebe ich Dir ein Kameel und eine Goldmünze, und bis Du nicht ſelber ſo viel erworben haſt, davon ein einzelner Menſch ſein Leben hinbringen kann, gebe ich Dir nichts mehr, und wenn Du ein untauglicher Mann wirſt, ſo gebe ich Dir auch nach meinem Tode nichts. Wenn Du es thun willſt, und nicht zu weit entfernt biſt, ſo kannſt Du mich und Deine Mutter in Zeiten beſuchen— und wenn Du ſo viel haſt, — 193— davon ein Menſch leben kann, ſo komme zurück, ich gebe Dir dazu, daß ein zweiter und mehrere andere auch zu leben vermögen, Du kannſt ein Weib bringen, und wir ſuchen Euch in unſerer Höhle noch einen Raum zu machen, darinnen zu wohnen und zu genießen was Euch Jehova ſen⸗ det. Jetzt, Sohn Abdias, ſei geſegnet, gehe hin und verrathe nichts von dem Reſte, in dem Du aufgeäzet worden biſt.“ So hatte Aron geſprochen, und den Sohn hinaus geführt zu den Palmen, wo das Kameel lag. Dann ſegnete er ihn, und taſtete mit ſei⸗ nen Händen auf dem lockigen Scheitel ſeines Hauptes. Eſther lag drin⸗ nen auf dem Teppiche, ſchluchzte, und ſchlug mit den Händen den Boden. Abdias aber, da nun der Segen vorüber war, ſetzte ſich auf das vor ihm liegende Kameel, das ſich, ſobald es ſeine Laſt ſpürte, aufrichtete, und den Jüngling in die Höhe hob, und wie dieſer das Fächeln der fremden wie aus der Ferne kommenden Luft empfand, ſo ſah er noch einmal den Va⸗ ter an, und ritt dann gehorſam von dannen. Von nun an ertrug Abdias das Peitſchen des Regens und Hagels in ſeinem Angeſichte— er zog Land aus, Land ein, über Waſſer und Ströme, aus einer Zeit in die andere— er kannte keine Sprache, und lernte ſie alle, er hatte kein Geld, und erwarb ſich dasſelbe, um es in Klüften, die er wieder fand, zu verſtecken, er hatte keine Wiſſenſchaft, und konnte nichts, als, wenn er auf ſeinem hagern Kameele ſaß, die feurigen Augen in die große ungeheure Leere um ſich richten und ſinnen, er lebte ſehr dürftig, daß er oft nichts anders hatte, als eine Hand voll trockner Datteln, und doch war er ſo ſchön, wie einer jener himmliſchen Boten geweſen iſt, die einſtens ſo oft in ſeinem Volke erſchienen ſind. So hat auch einmal jener Mohamed, wenn er Tage lang, Wochen lang allein war blos mit ſeinem Thiere in dem weiten Sande, die Gedanken geſon⸗ nen, die dann eine Flamme wurden und über den Erdkreis fegten. Sonſt war Abdias ein Ding, das der blödeſte Türke mit dem Fuße ſtoßen zu dürfen glaubte, und ſtieß. Er war hart und unerbittlich, wo es ſeinen Vortheil galt, er war hämiſch gegen die Moslims und Chriſten— und wenn er des Nachts ſich mitten in der Karawane auf den gelben Sand ſtreckte, ſo legte er recht ſanft ſein Haupt auf den Hals ſeines Kameeles und wenn er im Schlummer und Traume ſein Schnaufen hörte, ſo war es ihm gut und freundlich, und wenn es irgend wo wund gedrückt wurde, Stifter. 4. Aufl. II. 13 — 194— verſagte er ſich das liebliche Waſſer, wuſch damit die kranke Stelle, und beſtrich ſie mit Balſam. Ueber die Stätte war er gewandelt, wo die älte Handelskönigin Carthago geſtanden war, den Ril hatte er geſehen, über den Euphrat und Tigris war er gegangen, aus dem Ganges hatte er getrunken— er hatte gedarbt und gewuchert, zuſammen gerafft und gehütet— er hatte ſeine Eltern nicht ein einziges Mal beſucht, weil er immer ſo weit weg geweſen war—— und nachdem fünfzehn Jahre vergangen waren, kam er wieder zum erſten Male in die verſchollene Römerſtadt. Er kam in der Nacht, er kam zu Fuße, weil man ihm ſein Kameel geraubt hatte, er war in ganz zerriſſene Kleider gehüllt, und trug Stücke eines Pferdeaaſes in der Hand, um davon den Schakalen zuzuwerfen, daß er ſie von ſeinem Leibe hielte. Auf dieſe Weiſe gelangte er zu dem römiſchen Triumph⸗ bogen und zu den zwei alten Palmenſtämmen, die noch immer da ſtan⸗ den, und in der Racht ſchwarze Linien in den Himmel zogen. Er pochte an die aus Rohr geflochtene Thür, die dreifach vor dem Mauerloche war, das den Eingang bildete, er rief und nannte ſeinen Namen und den ſei⸗ nes Vaters— und er mußte lange warten, bis ihn jemand hörte und den alten Juden weckte. Es ſtanden alle in dem Hauſe auf, als ſie hör⸗ ten, wer gekommen ſei, und Aron, als er durch die Thür mit ihm zuerſt geredet hatte, öffnete dieſelbe und ließ ihn ein. Abdias bat den Vater, daß er ihn in den Keller führe, und als er dort die Rohrthüre hinter ſich verſchloſſen hatte, zählte er ihm goldene Münzen aller Länder auf, die er ſich erworben hatte, eine große Summe, die man kaum erwarten konnte. Aron ſah ihm ſchweigend zu, bis er fertig war, dann ſchob er die Gold⸗ ſtücke auf dem Steine zuſammen, und that ſie wieder handvollweiſe in den ledernen Sack, in dem ſie Abdias gebracht hat, und legte den Sack ſeitwärts in ein Loch, das zwiſchen Marmorfriſen war.—— Dann, als bräche die Rinde plötzlich entzwei, oder als hätte er mit der Vater⸗ freude warten müſſen, bis erſt das Geſchäft aus war, ſtürzte er gegen den Sohn, umarmte ihn, drückte ihn an ſich, heulte, ſegnete, murmelte, betaſtete ihn, und benetzte ſein Angeſicht mit Thränen.* Abdias aber ging, da dies vorüber war, wieder in die Vorſtube hin⸗ auf, warf ſich auf einen Haufen Matten, die da lagen, und ließ den Qurll ſeiner Augen rinnen— er rann ſo milde und ſüß; denn ſein Leib war ermüdet bis zum Tode. — 195— Der Vater aber ließ ihn von ſeinen Lumpen entkleiden, man legte ſeinen Körper in ein linderndes reinigendes Bad, rieb dann die Glieder mit köſtlichen und heilſamen Salben, und kleidete ihn in ein Feierkleid. Dann wurde er in die inneren Zimmer gebracht, wo Eſther auf den Pol⸗ ſtern ſaß und geduldig wartete, bis ihn der Vater herein führen würde. Sie ſtand auf, da der Angekommene unter dem Vorhange des Zimmers herein ging— aber es war nicht mehr der ſüße weiche ſchöne Knabe, den ſie einſt ſo geliebt hatte, und deſſen Wangen das ſo ſanfte Kiſſen für ihre Lippen geweſen waren; ſondern er war ſehr dunkel geworden, das Antlitz härter und höher und die Augen viel feuriger— aber auch er ſah die Mutter an— ſie war nicht minder eine andere geworden, und das unheimliche Spiel der Jahre zeigte ſich in ihrem Angeſichte. Sie nahm ihn, da er bis an ihre Seite vorwärts gekommen war, an ihr Herz, zog ihn gegen ſich auf die Kiſſen, und drückte ihren Mund auf ſeine Wangen, ſeine Stirne, ſeinen Scheitel, auf ſeine Augen und auf ſeine Ohren. Der alte Aron ſtand ſeitwärts mit gebücktem Haupte, und die Zofen ſaßen in dem Gemache daneben hinter gelbſeidenen Vorhängen und flü⸗ ſterten. Die andern aber, die noch zu dem Hauſe gehörten, gingen draußen an ein anderes Geſchäft, das ihnen anbefohlen worden war. Obgleich die Nacht von ihrer Mitte bereits gegen Morgen neigte, und die bekann⸗ ten Bilder der Sterne, die am Abende von Egypten herüber gekommen waren, ſchon jenſeits der Häupter ſtanden und gegen die Wüſte hinab zogen, mußte noch die Ankunft nach der Sitte gefeiert werden. Man ſchlachtete bei Kerzenſcheine ein Lamm, briet es in der Küche, und ſetzte es auf den Tiſch. Sie gingen alle hinzu, aßen alle davon, und man gab auch dem Geſinde zu eſſen. Hierauf begaben ſie ſich zur Ruhe und ſchlum⸗ merten lange bis an den andern Tag, da die Wüſtenſonne ſchon auf die Trümmer niederſchien, wie ein großer runder Diamant, der täglich ganz allein am leeren Himmel funkelte. Von da an waren Freudenfeſte durch drei Tage. Es wurden die Nachbarn herbeigerufen, das Kameel, der Eſel und der Hund des Hauſes waren nicht vergeſſen, und für die Thiere der Wüſte wurde ein Theil in die entfernten Gegenden der Trümmer hinaus gelegt; denn es reichten die Mauerſtücke weit in der Ebene fort, und was die Menſchen von ihnen übergelaſſen hatten, dazu kamen die Thiere, um Schutz zu ſuchen. 13 — 06 Als die Feſte vorüber gegangen waren, und noch eine Zeit verfloſſen war, nahm Abdias auf's Neue Abſchied von den Eltern; denn er reiſete nach Balbek, um die ſchönäugige Deborah zu holen, die er dort geſehen, die er ſich gemerkt hatte, und die mit all den Ihrigen zu ſeinem Stamme gehörte. Er reiſete als Bettler, und kam nach zwei Monaten dort an. Zurück ging er als bewaffneter Türke mitten in einer großen Karawane, denn das Gut, das er mit ſich führte, konnte er nicht in Klüften ver⸗ ſtecken, und, konnte es, wenn es verloren ginge, nicht wieder erwerben. Damals war in allen Karawanſereis die Rede von der Schönheit des rei⸗ ſenden Moslim und der noch größern ſeiner Sklavin;— aber die Rede, wie ein glänzender Strom gegen die Wüſte, verlor ſich allgemach, und nach einer Zeit dachte keiner mehr daran, wo die beiden hingekommen wären, und es redete keiner mehr davon. Sie aber waren in der Woh⸗ nung des alten Aron's, es wurden in den Gewölben unter dem Schutte Zimmer gerichtet, die Vorhänge gezogen, und die Polſter und Teppiche für Deborah gelegt. Aron theilte mit dem Sohne ſein Gut, wie er es verſprochen hatte, und Abdias ging nun in die Länder hinaus, um Handel zu treiben. Wie er einſt gehorſam geweſen war, ſo trug er jetzt aus allen Orten zuſammen, was nach ſeiner Meinung den Sinnen der Eltern wohl thun könnte, er demüthigte ſich vor den eigenfinnigen Grillen des Vaters und litt das vernunftloſe Scheltwort der Mutter.— Als Aron alt und blöde geworden war, ging Abdias in ſchönen Kleidern, mit ſchimmernden und gut bereiteten Waffen, und er machte mit ſeinen Kaufgenoſſen draußen Einrichtungen, wie es die großen Handelsleute in Europa thun. Da die Eltern unmündige Kinder geworden waren, ſtarben ſie eines nach dem andern, und Abdias begrub ſie unter den Steinen, die neben einem alten Römerknaufe lagen. Von jetzt an war er allein in den Gewölben, die unter dem hoch⸗ gethürmten Schutte neben dem Triumphbogen und den zwei Stämmen der verdorrten Palmen ſind. Nun reiſete er immer weiter und weiter, Deborah ſaß mit ihren Mägden zu Hauſe und harrte ſeiner, er wurde draußen bekannter unter den Leuten, und zog die ſchimmernde Straße des Reichthums immer näher gegen die Wüſte. Deborah. Als nach dem Tode Aron's und Eſthers einige Jahre vergangen waren, bereitete es ſich allgemach vor, daß es nun anders werden ſollte in dem Hauſe neben den Palmen. Das Glück und der Reichthum häuf⸗ ten ſich immer mehr. Abdias war eifrig in ſeinem Werke, dehnte es immer weiter aus, und that den Thieren, den Sklaven und den Nach⸗ barn Gutes. Aber ſie haßten ihn dafür. Das Weib ſeines Herzens, welches er ſich gewählt hatte, überſchüttete er mit Gütern der Welt, und brachte ihr, obwohl ſie unfruchtbar war, aus den Ländern die verſchieden⸗ ſten Dinge nach Hauſe. Da er aber einmal in Odeſſa krank geworden war, und die böſe Seuche der Pocken geerbt hatte, die ihn ungeſtaltet und häßlich machten, verabſcheute ihn Deborah, als er heim kam, und wandte ſich auf immer von ihm ab denn nur die Stimme, die ſie gekannt hatte, hatte er nach Hauſe gebracht, nicht aber die Geſtalt,—— und wenn ſie auch oft auf den gewohnten Klang plötzlich hin ſah— ſo kehrte ſie ſich doch ſtets wieder um, und ging aus dem Hauſe; ſie hatte nur leibliche Augen empfangen, um die Schönheit des Körpers zu ſehen, nicht geiſtige, die des Herzens. Abdias hatte das einſt nicht gewußt; denn als er ſie in Balbek erblickte, ſah er auch nichts, als ihre große Schönheit, und da er fort war, trug er nichts mit, als die Erinnerung dieſer Schönheit. Darum war für Deborah jetzt Alles dahin.— Er aber, da er ſah, wie es geworden war, ging in ſeine einſame Kammer, und ſchrieb dort den Scheidebrief, damit er fertig ſei, wenn ſie ihn be⸗ gehre, die nun von ihm gehen würde, nachdem ſie ſo viel Jahre bei ihm geweſen war. Allein ſie begehrte ihn nicht, ſondern lebte fort neben ihm, war ihm gehorſam, und blieb traurig, wenn die Sonne kam, und traurig, wenn die Sonne ging. Die Rachbarn aber belachten ſein An⸗ geſicht, und ſagten, das ſei der Ausſatzengel Jehova's, der über ihn ge⸗ kommen wäre, und ihm ſein Merkmal eingeprägt habe. Er ſagte nichts und die Zeit ſchleifte ſo hin. Er reiſete fort, wie früher, kam wieder heim, und reiſete wieder fort. Den Reichthum ſuchte er auf allen Wegen, er trotzte ihn bald in — 198— glühendem Geize zuſammen, bald verſchwendete er ihn, und wenn er draußen unter den Menſchen war, lud er alle Wollüſte auf ſeinen Leib. — Dann kam er nach Hauſe und ſaß an manchem Nachmittage hinter dem hochgethürmten Schutte ſeines Hauſes, den er gerne beſuchte, neben der zerriſſenen Alve, und hielt ſein bereits grau werdendes Haupt in bei⸗ den Händen. Er dachte, er ſehne ſich nach dem kalten feuchten Welt⸗ theile Europa, es wäre gut, wenn er wüßte, was dort die Weiſen wiſſen, und wenn er lebte, wie dort die Edlen leben.—— Dann heftete er die Augen auf den Sand, der vor ihm dorrte und glizzerte— und blickte ſeitwärts, wenn der Schatten der traurigen Deborah um die Ecke einer Mauertrümmer ging, und ſie ihn nicht fragte, was er ſinne.— Aber es waren nur flatternde Gedanken, wie einem, der auf dem Atlas wandert, eine Schneeflocke vor dem Geſichte ſinkt, die er nicht haſchen kann. Wenn Abdias nur erſt wieder hoch auf dem Kameele ſaß, mitten in einem Troſſe, befehlend und herrſchend: dann war er ein anderer und es funkelten in Luſt die Narbenlinien ſeines Angeſichtes, die ſo unſäglich häßlich waren, und daneben glänzten in Schönheit die früheren Augen, die er behalten hatte,— ja ſie wurden in ſolchen Zeiten noch ſchöner, wenn es um ihn von der Wucht der Menſchen, Thiere und Sachen ſchüt⸗ terte— wenn ſich die Größe und Kühnheit der Züge entfaltete, und er mit ihnen ziehen konnte, gleichſam wie ein König der Karawanen; denn in der Ferne wurde ihm zu Theil, was man ihm zu Hauſe entzog: Hochachtung, Anſehen, Oberherrſchaft. Er ſagte ſich dieſes vor und übte es recht oft, damit er es ſähe— und je mehr er befahl und forderte, um ſo mehr thaten die Andern, was er wollte, als wäre es eben ſo, und als hätte er ein Recht. Obwohl er faſt ahnete, daß es hier das Gold ſei, welches ihm dieſe Gewalt gebe, ſo hielt er ſie doch feſt und ergötzte ſich in ihr. Da er einmal den reichgekleideten Herrn, Melek⸗Ben⸗Amar, den Abgeſandten des Bei, den dieſer zu ihm in die Stadt Bona geſchickt hatte, um ein Anleihen zu erzwingen, recht lange hatte warten, und recht inſtändig hatte bitten laſſen, bis er ihm willfahrte, ſo war er faſt in ſeinem Herzen geſättigt. Als er von da eine Reiſe durch Libien machte, koſtete er auch das Glück der Schlachten. Es waren Kaufleute, Pilger, Krieger, Geſindel und Leute aller Art, die ſich zu einer großen Karawane zuſammen gethan hatten, um durch die Wüſte zu ziehen. Abdias war in ſeidenen Kleidern und glänzenden Waffen unter ihnen; — 199— denn ſeit er häßlich war, liebte er den Glanz noch mehr. Am ſiebenten Tage des Zuges, da ſchwarze Felſen um ſie waren, und die Kameele mit den Fußſohlen die Hügel weichen Sandes griffen, flog eine Wolke Be⸗ duinen heran. Ehe die in der Mitte, wo das große Gepäcke war, fragen konnten, was es ſei, knallten ſchon am Saume der Karawane die langen Röhre, und zeigten ſich Sonnenblitze von Klingen. Sogleich wurde von denen in der Mitte ein Geſchrei und ein Jammer erhoben, viele wußten nicht, was zu thun ſei, viele ſtiegen ab und warfen ſich auf die Knie, um zu beten. Da erhob ſich der hagere Jude, der gleichfalls in der Mitte bei den großen Waarenballen geritten war, auf ſeinem Thiere, und ſchrie Schlachtbefehle, die ihm einkamen. Er ritt gegen das Gefecht hinvor, und zog ſeine krumme Klinge: da waren die weißen Geſtalten mit den eingemummten Köpfen, und mehrere der Karawane mit ihnen im Kampfe. Einer wandte ſich ſogleich gegen ihn, mit der Klinge über den Hals des Kameeles nach ſeinem Kopfe holend, aber Abdias wußte in dem Augenblicke, was zu thun ſein: er duckte ſich ſeitwärts an den Hals des Kameeles, ſtieß ſein Thier dicht an den Feind, und ſtach ihn, daß ein Blutbach über das weiße Gewand ſtrömte, von dem Sattel. Auf die nächſten feuerte er ſeine Piſtolen. Dann rief er Befehle, die ſeine Nach⸗ barn einſahen und befolgten— und wie die Andern ſahen, wie es gehe, wuchs ihnen der Muth, immer mehrere kamen herbei, und wie nur erſt der Zweite und der Dritte von den Feinden fiel, da flog eine wilde Luſt heran, der Teufel des Mordens jauchzte, und die ganze Karawane drängte vor. Abdias ſelber wurde empor geriſſen, er hatte ſein ſchwarzes Ange⸗ ſicht hoch gehoben, ſeine Narben waren Feuerflammen, die Augen in dem dunkeln Antlitze weiße Sterne, der Mund rief weit tönend und in Schnelle die tiefen Araberlaute aus, und wie er, die Bruſt gleichſam in Säbelblitze tauchend, immer tiefer hineinritt, hatte er den dunklen dürren Arm, von dem der weite Seidenärmel zurück gefallen war, von ſich ge⸗ ſtreckt, wie ein Feldherr, der da ordnet. Im dünnen Schatten des Rau⸗ ches, der ſich bald verzogen, weil keiner mehr Zeit zum Laden hatte, und in den Blitzen der fürchterlichen Wüſtenſonne, die oben ſtand, änderte ſich nun ſchnell das Bild der Dinge: die früher angegriffen hatten, wa⸗ ren jetzt die Bedrängten und Mitleidswürdigen. Sie ſahen nach Ret⸗ tung. Einer drückte zuerſt das lange Gewehr ſachte an ſeine Geſtalt, beugte ſich vor, und ſchoß in Flucht aus dem Kreiſe— ein Anderer warf — 200— die Waffen weg, die Zügel auf den Rücken vorwärts, und ließ ſein Heil dem edlen Pferde, das mit Windesflug in die Wüſte trieb— wieder An⸗ dere, in Vergeſſenheit der Flucht, wurzelten in dem Boden und flehten Gnade. Aber alles war vergeblich. Abdias, der befohlen hatte, konnte nicht mehr lenken, die Fluth ſchwoll über, und die früher gebeten hatten, tobten jetzt, und ſtießen denen, die auf den Knieen lagen und baten, das Meſſer in das Herz.—— Abdias hielt, da endlich alles aus war, und die Sieger die Todten und Verwundeten und die Satteltaſchen an ihren Thieren plünderten, auf ſeinem Kameele, und warf den blutigen Säbel von ſich weg. Ein Türke, der in der Nähe kauerte, mißverſtand die Bewegung, und ſah ſie für einen Befehl an: er wiſchte die Klinge an ſeinem eigenen Kaftan ab, und reichte ſie dem tapfern Emir wieder. Als man nach dem Gefechte weiter zog, und alle Tage das einſame Bild der Wüſte war, dachte Abdias wenn er nun den Bei tödtete, wenner ſelber Bei würde, wenn er Sultan würde, wenn er die ganze Erde eroberte und unterwürfe— was es dann wäre? es waren unbekannte Dinge und ſtanden mit düſterm Winken in der Zukunft.—— Allein er wurde nicht Bei, ſon⸗ dern, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, auf jener ganzen Reiſe, die noch weit herum ging, ſchwebte ſchon ein trauriger dunkler Engel über ihm. Man war wieder in die blühenden Länder der Menſchen gekommen, er hatte in vielen Richtungen zu gehen, er ſchloß ſich bald an dieſe, bald an jene Karawane an, und öfters— wie es nun Menſchen manchmal iſt— wenn er ſo in der Ferne zog, fiel ihm plötzlich ein: wenn nur zu Hauſe kein Unglück geſchehen iſt— aber er ſtrafte dieſe Gedanken immer wieder ſelber, indem er ſagte:„Was kann denn zu Hauſe geſchehen? zu Hauſe iſt ja gar kein Unglück möglich.“—— Und er zog hierauf noch Oede aus Oede ein, hatte Geſchäfte abzuthun und that ſie mit Glück, ſah manche Gegenden und Städte, und es waren mehre Monate vergangen, bis er nach all den Kreislinien wieder einmal das Blau der Atlasberge ſchimmern ſah, und hinter ihnen ſeine Heimath ahnete. Er zog ihr zu. Er ließ ſeine ſchönen Kleider in einem Dorfe, wo in einer Grotte eine Sinagoge war, und in einer ſchönen heitern Sternennacht löſete er ſich von der letzten Karawane, mit der er gezogen war, ab, und wandte ſich ſeitwärts gegen die Ebene, über die man zu den Bergen, und jenſeits der⸗ ſelben zu der alten Römerſtadt gelangen konnte. Da ſchwang ſich der Engel von ſeinem Haupte; denn es war geſchehen, was da ſollte. Da — 201— Abdias nämlich als zerlumpter Mann auf dem Kameele reiſend ganz allein im Sande ritt, und ſich bereits dem Ziele ſeiner Wanderung näherte, ſah er eine ſchwache blaue Dunſtſchichte über der Geiſterſtadt ſtehen, gleichſam einen brütenden Wolkenſchleier, wie ſie oft ihr Phan⸗ tom auf die Wüſte werfen— allein er achtete nicht darauf, da auch der andere Himmel ſich milchig zu beziehen anfing, und die heiße Sonne wie ein rothes trübes Auge oben ſtand, was in dieſen Gegenden immer das Herannahen der Regenzeit bedeutet. Aber da er endlich zu den wohlbe⸗ kannten Trümmern gelangte, und in die bewohnten Theile derſelben ein⸗ ritt, ſah er, daß man die zerſtörte Stadt noch einmal zerſtört hatte; denn die wenigen elenden Balken, die einſt von weiten Landen herbei geſchleppt und aufgerichtet worden waren, lagen herum geſtreut, und rauchten— ſchmutzige Aſche von Palmenblättern, den Dächern der Hütten, lag zwi⸗ ſchen ſchwarzen von Feuer genäßten Steinen— er ritt ſchneller— und wie er zu dem Triumphbogen und den zwei verdorrten Palmenſtämmen gekommen war, ſo ſah er fremde Männer, welche Dinge aus ſeinem Hauſe trugen— ihre Maulthiere waren ſchon ſehr bepackt, und aus dem Schlechten, was ſie in den Händen hatten, erkannte er, daß es das letzte ſei, was ſie trugen. An den Palmenſtämmen aber hielt Melek⸗Ben⸗ Amar hoch zu Roſſe und mehrere Männer waren um ihn. Als Abdias ſchnell ſein Thier zum Niederknien gezwungen hatte, abſtieg, gleichſam wie zu retten herbeilief und den Menſchen erkannte, grinſete dieſer mit dem Angeſichte auf ihn herab und lächelte— Abdias mit dem unbe⸗ ſchreiblichſten inbrünſtigſten Hohne und Haſſe fletſchte ihm auch die Zähne entgegen— aber er hatte jetzt nicht Zeit, ſondern ſprang an ihm vorbei in die vordere Stube, wo die alten Kleider lagen, um zu ſehen— — aber hier waren etliche Nachbarn, die aus Schadengier herbei gelau⸗ fen waren, um ſich zu weiden—— und wie dieſe jetzt den unvermuthet herbei gekommenen Abdias gewahr wurden, jubelten ſie laut und ſchreiend, ergriffen ihn ſogleich, ſchlugen ihn, ſpieen ihm in's Angeſicht und riefen: „Da biſt Du nun— Du biſt es, Du, Du!!—— Du haſt Dein eigen Neſt beſchmutzt, Du haſt Dein eigen Reſt verrathen und den Geiern ge⸗ zeigt. Weil Du in ihren eitlen Kleidern gegangen biſt, haben ſie's ge⸗ argwohnt, der Grimm des Herrn hat Dich gefunden und zermalmt, und uns mit Dir. Du mußt erſetzen, was genommen ward, Du mußt Alles erſetzen, Du mußt es zehnfach erſetzen, und mehr.“ — 202— Abdias, gegen ſo viele Hände unmächtig, ließ gewähren, und ſagte kein Wort. Sie zerrten ihn wieder gegen die Thür, und wollten neuer⸗ dings ſchreien und ihn mißhandeln. Da kam der Abgeſandte des Bei mit mehreren Soldaten herein und rief unter die Juden:„Laßt den Kaufmann fahren, ſonſt wird jeder von Euch an einen Spieß geſteckt, ſo wie er hier ſteht. Was geht es Euch an, daß er ein Hund iſt; denn Ihr ſeid es auch.— Wollt Ihr fahren laſſen, ſag' ich?“ Darauf wichen ſie zurück. Die Söldner Melek's durchſuchten nun Abdias Kleider, und nahmen ihm Alles, was ihnen gefiel— er litt es ſehr geduldig— dann ſagte Melek zu ihm:„Du haſt ſehr übel gethan, Abdias⸗Ben⸗Aron, daß Du in dieſem Verſtecke da Habe und Abgaben unterſchlagen haſt, wir könnten Dich ſtrafen, aber wir thun es nicht. Lebe wohl, edler Kaufmann, wenn Du einmal des Weges in unſere Stadt biſt, ſo beſuche uns, wir werden Dir die Pfänder Deiner Schuld⸗ forderung zeigen, und Dir die Zinſen bezahlen.— Jetzt gebt ihn frei, daß er wieder anſchwelle und Früchte trage.“ Und mit Lachen und mit Schreien ließen ſie von ihm ab— er litt es auch ſehr geduldig, und hatte ſich nicht gerührt, nur daß er bei dem Hohne die Augen ſcheu ſeitwärts drehte, wie ein ohnmächtiger Tiger, der geneckt wird.—— Aber wie ſie draußen waren, aufſtiegen, und über den Hügel Sandes davon reiten wollten, ſprang er eines Satzes nach, riß die Piſtolen aus dem Halfter ſeines Kameeles, wo man ſie, als man die anderen Packſäcke abgeſchnitten, auf dem magern verachte⸗ ten Thiere vergeſſen hatte, und feuerte beide auf Melek ab. Allein er hatte ihn nicht getroffen. Da kehrten mehrere Soldaten um, ſchlugen ihn mit ihren Spießen über den Rücken und die Lenden, und ließen ihn für todt liegen. Dann ging der Zug wieder durch die Trümmer fort gegen jene Seite der Ebene hinaus, die mit kurzem ſchlechten Graſe be⸗ wachſen iſt und den nächſten Weg zu den bewohnten Ländern hat. Ab⸗ dias blieb auf dem Sand liegen und regte ſich nicht. Da man aber kei⸗ nen einzigen Laut von dem Schreien der Fortreitenden mehr hören konnte, zog er ſich von dem Boden empor, und ſchüttelte die Glieder. Er ging wieder zu dem Kameele, das noch auf den Knieen lag, nahm von den tiefer gelegenen Stellen des ſehr geflickten Halfters zwei kleine Piſtolen heraus, die dort verborgen waren, und begab ſich damit in ſeine Wohnung. Dort ſtanden ſowohl an den Palmen, als auch in der Stube — 203— noch mehrere ſeines Stammes, die zuſammengelaufen waren, und harr⸗ ten, was jetzt zu thun ſei. Er ging ſachte durch die Thür hinein, drückte ſich an die Wand, und rief mit heiſerer Stimme:„Wer von Euch nur noch einen Athemzug lang hier verweilet, ja wer nur mit dem Fuße zuckt, als wollet er der letzte ſein, der fort geht, den ſchieße ich mit dieſer Waffe nieder, und ſeinen Rachbarn mit der andern— denn kann geſche⸗ hen, was da wolle— geprieſen ſei der Herr?“ Er war während dieſer Worte bis in die Tiefe der Stube zurück⸗ geſchlichen, und hatte die Sterne des Sehens auf ſie gerichtet. Sein häßlich Antlitz funkelte in maßloſer Entſchloſſenheit, die Augen ſtrahl⸗ ten, und Einige behaupteten nachher, ſie hätten in jenem Augenblicke auch ganz deutlich einen unnatürlichen Schein um ſein Haupt geſehen, von dem die Haare einzeln und gerade empor geſtanden wären wie feine Spieße. Sie zauderten noch ein wenig, und gingen dann einzeln zur Thüre hinaus. Er ſchaute ihnen nach und knatterte mit den Zähnen, wie eine Hyäne der Berge. Als endlich der Letzte ſeinen Fuß über die Schwelle gezogen hatte, und unſichtbar wurde, murmelte er:„da gehen ſie, ſie gehen— warte, es wird eine Zeit kommen, Melek, daß ich mit dir auch noch rechne.“ Draußen mochten ſie überlegen:„wenn er der Mann ſei, der ſie in's Verderben gebracht, ſo könne er ihnen auch wieder empor helfen, er muß erſetzen, ſie wollen ihn ſparen und in der Zukunft zwingen.“ Er hörte ihre Worte herein und horchte mit den Ohren darauf hin. Aber ſie wurden immer weniger, und endlich ließ ſich gar nichts mehr verneh⸗ men, ein Zeichen, daß ſie Alle fortgegangen ſein mochten. Abdias ſtand noch eine Weile und athmete lange und tief. Dann wollte er nach Deborah ſehen, die ihn jetzt wieder dauerte. Er ſteckte die Piſtolen in ſeinen Kaſftan, ſtieg über den Haufen Gewandes, das ſonſt vor dem Eingange zu den innern Zimmer gehangen war, jetzt aber auf der Erde lag, griff ſich durch den Gang, in welchem die Lampe herab⸗ geworfen worden war, und trat in die Gemächer hinein. Da fiel das Licht durch die Fenſter oben, die mit Mirthen umrankt waren, auf den Eſtrich des Bodens herab: allein es waren nun keine Teppiche und Matten mehr da, ſondern die in allen Stellen nach Schätzen aufgewühlte Erde und die nackten Steine der tauſendjährigen Mauern ſahen ihn wie eine — 204— Mördergrube an. Er fand wirklich Deborah in dem größeren Gemache, wo ſie ſonſt gerne geweſen war, und— ſiehe, wie ſeltſam die Wege und Schickungen der Dinge ſind: ſie hatte ihm gerade in dieſer Nacht ein Mägdlein geboren— aus Schreck der Mutter war es zu früh gekommen, und ſie hielt ihm nun dasſelbe von dem Haufen lockerer Erde, auf dem ſie lag, entgegen. Er aber ſtand in dem Augenblicke, wie einer, der von einem furchtbaren Schlage geſchüttelt wird, da. NRichts als die einzigen Worte ſagte er:„Soll ich denn nun nicht nach reiten, und das Kind in die Spieße der Soldaten ſchleudern?!“ Nach einem kleinen Weilchen Harrens aber ging er näher, hob es auf, und ſah es an. Dann ohne es weg zu thun, begab er ſich in das anſtoßende Gemach, und ſah lange und ſcharf gegen einen Winkel und die dort gefügten Steine, dann kam er heraus und ſagte:„Ich habe es gedacht, ihr Thoren, ich habe euch alſo genug heraußen gelaſſen— o ihr ſiebenfachen Thoren!“ Dann fiel er auf die Knie nieder und betete:„Jehova, Lob, Preis und Ehre von nun an bis in Ewigkeit!“ „Sodann ging er wieder zu Deborah, und legte das Kind zu ihr. Er gri nit dem Finger in ein Waſſer das in einem Näpſfchen nicht weit von ihr ſtand, und netzte ihr die Lippen, weil kein einziger Menſch, keine Weh⸗ mutter, kein Diener und keine Magd in der Lanzen Wohnung war. Und als er dies gethan hatte, ſah er noch genauer auf ſie hin, und ſtreichelte, neben ihrem Haupte kauernd, ihre kranken, bereits alternden Züge— ſie aber lächelte ihn ſeit fünf Jahren wieder zum erſten Male mit dem dü⸗ ſteren traurigen Antlitze an, als ſei die alte Liebe neu zurück gekehrt— indeß ſah wieder der häßliche Kopf eines Nachbars, der vielleicht die Gierde am wenigſten zähmen konnte, ſogar bei dieſer innern halbzerbro⸗ chenen Thür herein, aber er zog ſich wieder zurück— Abdias achtete nicht darauf, es fiel ihm von den Augen herunter, wie dichte Schuppendecken, die darüber gelegen waren— es war ihm mitten in der Zerſtörung nicht anders, als ſei ihm das größte Glück auf Erden widerfahren— und wie er neben der Mutter auf dem nackten Boden ſaß, und wie er den kleinen wimmernden Wurm mit den Händen berührte, ſo wurde ihm in ſeinem Herzen, als fühle er drinnen bereits den Anfang des Heiles, das nie ge⸗ kommen war, und von dem er nie gewußt hatte, wo er es denn ſuchen ſollte— es war nun da, und um Unendliches ſüßer und linder als er ſich — es je gedacht. Deborah hielt ſeine Hand, und drückte ſie und liebkoſte ſie— er ſah ſie zärtlich an— ſie ſagte zu ihm:„Abdias, Du bift jetzt nicht mehr ſo häßlich, wie früher, ſondern viel ſchöner.“ Und ihm zitterte das Herz im Leibe. „Deborah,“ ſagte er,„es iſt kein Menſch da, der Dir etwas reichen könnte, haſt Du nicht vielleicht Hunger?“ „Nein, Hunger habe ich nicht,“ antwortete ſie,„aber Mattigkeit.“ „Warte, ich will Dir etwas bringen,“ ſagte er,„das Dich ſtärket, und ich will Dir auch Nahrung reichen, die Dir vielleicht doch abgeht, und ich will Dein Lager beſſer bereiten.“ Dann ſtand er auf, und mußte ſich erſt ein wenig dehnen, ehe er fort gehen konnte; denn die Schmerzen waren während der kurzen Ruhe recht ſtark gekommen. Dann ging er hinaus und brachte von den ſchlech⸗ ten Kleidern, die draußen lagen, einen Arm voll herein, und bereitete neben ihr ein beſſeres Lager, auf das er ſie hinüberhob, dann deckte er noch ſein von ſeinem Leibe warmes Oberkleid auf ſie, weil er meinte, es friere ſie; denn ſie war ſo bleich. Sodann ging er zu dem Platze, wo die Zündſachen lagen, die dienten um Feuer anzufgchen. Sie lagsun⸗ berührt dort, weil ſie ſchlechte Dinge waren. Er zündete ein Kerzlein an, that es in die Hornlaterne, und ſtieg draußen über eine Treppe unter der Erde hinab, wo der Wein zu liegen pflegte. Er war aber aller heraus⸗ gelaſſen und verſchüttet. Rils einer kleinen Lacke, die auf der Erde ſtehen geblieben war, brachte er ein wenig in ein Gefäß. Dann holte er Waſſer aus der Ziſterne. Denn das in dem Räpſchen war ſchon ſehr warm und auch etwas ſtinkend geworden, und mit dem Gemiſche von Wein und friſchem Waſſer benetzte er ihre Lippen und ſagte, ſie ſolle mit der Zunge das Naß nur wegnehmen und hinunter ſchlucken, es würde ihr für den Augenblick ſchon helfen. Als ſie dies gethan, und mehrere⸗ male wiederholt hatte, ſtellte er die Gefäße mit Wein und Waſſer wieder hin, und ſagte, er wolle ihr nun auch Nahrung bereiten. Er ſuchte aus ſeinen herumgeſtreuten Reiſeſachen eine Büchſe hervor, in der er ſtets den verdichteten Stoff einer guten Brühe mit ſich führte. Dann ging er in die Küche hinaus, um etwa nach einem Blechgefäße zu ſchauen, das ihm dienen könnte. Und als er ein ſolches gefunden hatte, kam er wieder her⸗ ein, that Waſſer und den Stoff in dasſelbe, zündete eine Weingeiſiflamme an, und ſtellte es auf einem Geſtelle darüber. Er blieb bei dem Gefäße — 206— ſtehen, um zu merken, wie ſich das Ganze auflöſen würde. Deborah mußte jetzt viel wohler und ruhiger ſein; denn wenn er hin blickte, ſah er, daß ſie über die Augen, mit welchen ſie ihm zuſchaute, öfter die Lider herab fallen ließ, als wollte ſie ſchlummern. In dem ganzen Hauſe war es ſehr ſtille, weil alle Zofen und Diener fort gelaufen waren. Als ſich ſein Brühſtoff in dem warmen Waſſer vollends aufgelöſt hatte, nahm er das Gefäß wieder weg, um alles ein wenig abkühlen zu laſſen. Er kniete neben ihrem Angeſichte nieder und ſaß nach Art der Morgenländer auf ſeine Füße. „Deborah, biſt Du ſchläfrig?“ ſagte er. „Ja ſehr ſchläfrig,“ antwortete ſie. Er hielt das Gefäß noch ein wenig zwiſchen den Händen, und da es gehörig lau geworden war, reichte er ihr den Trank, und ſagte, ſie ſolle ſchlürfen. Sie ſchlürfte. Es mußte ihr auch wohlgethan haben, denn ſie ſah noch einmal mit den ſchlaftrunkenen Augen gegen ſein Angeſicht, wie er ſo neben ihr ſaß, empor, und entſchlummerte dann wirklich ſanft und ſüß. Er blieb noch eine Weile ſitzen und ſchaute hin. Das Kindlein mit den weiten Aermeln des Kaftans zugedeckt, ſchlummerte gut. Dann ſtand er auf und ſtellte das Gefäß bei Seite. Die Zeit dieſes Schlafes wollte er benützen, um zu ſehen, was denn noch in der Wohnung liegen könne, daß man es zu einer Einrichtung gebrauche, die in der erſten Zeit fort helfe— auch wollte er wenn es an⸗ ginge, draußen kurz umſehen, ob er keines ſeiner Diener oder Dienerin⸗ nen erblicken könne, daß ſie eine Weile wachten, indeß er fort gehe, und um Nahrung wenigſtens für die nächſten Augenblicke ſorge. Er ging durch die Zimmer, kam wieder heraus zu Deborah, und wie er herum ſuchte, und immer auf das Schloß der Thür hin ſah, wie er es denn machen ſolle, daß er ſchließen könne, wenn er fort gehe— denn alles hing halb zerriſſen und zerbrochen herab— kroch ſein abeſſiniſcher Sklave Uram herbei. Er zog ſich an der Erde fort, und richtete die Augen feſt auf Abdias, weil er eine furchtbare Züchtigung erwartete, da er, als die Plünderer kamen, mit den andern fort gelaufen war. Aber Abdias hatte ihm eher Lohn als Strafe zugedacht, indem er der erſte war, der wieder gekommen. „Uram,“ ſagte er,„wo ſind denn die andern?“ — 207— „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Sklave, indem er im Näher⸗ kriechen inne hielt. „Seid Ihr denn nicht mit einander fortgelaufen?“ „Ja, aber es haben ſich alle zerſtreut. Und wie ich gehört habe, daß Du zurück gekehrt biſt, bin ich wieder gekommen, und habe gemeint, die andern werden auch ſchon da ſein, weil Du uns ſchützen wirſt.“ „Nein, ſie ſind nicht da,“ ſagte Abdias,„kein einziger iſt da.—— Knabe Uram,“ fuhr er dann ſehr ſanft fort,„komme näher und höre, was ich Dir ſagen werde.“ Der Jüngling ſprang empor, und ſtarrte Abdias an. Dieſer aber ſprach:„Ich werde Dir einen ſehr ſchönen rothen Bund geben mit einem weißen Reigerbuſche darauf, ich werde Dich zum Aufſeher über alle an⸗ deren machen, wenn Du genau ausführeſt, was ich Dir ſage. Du mußt, ſo lange ich fort bin— denn ich werde ein wenig weg gehen— Deine kranke Herrin und dieſes Kind bewachen. Setze Dich hierher auf dieſen Erdhaufen— ſo— hier haſt Du ein Gewehr, es iſt eine Piſtole— ſo mußt Du ſie halten——“ „Daß weiß ich ſchon,“ ſagte der Knabe. „Gut,“ fuhr Abdias fort,„wenn nun einer herein kömmt, und die ſchlummernde Frau und das Kind anrühren will, ſo ſag ihm, er ſolle gehen, ſonſt wirſt Du ihn tödten. Geht er nicht, ſo halte die Oeffnung gegen ihn, drücke an der eiſernen Zunge und ſchieße ihn todt. Verſtehſt Du alles?“ Uram nickte und ſetzte ſich in der verlangten Stellung auf den Boden. Abdias ſah ihn noch ein Weilchen an, und ging dann den Griff der andern Piſtole mit ſeiner Hand im Kaftane haltend durch den Gang in die äußere Stube hinaus. Es lag alles ſo herum geſtreut, wie er es verlaſſen hatte, und kein Menſch war in der weitläufigen Höhle. Da er ſich überall umgeſehen hatte, beſchloß er vollends hinaus zu gehen. Er mußte ſich wegen der vielen Schmerzen in den Lenden noch einmal deh⸗ nen, und ſtieg dann über die Schwelle der Thür zu den Palmen hinaus. Es war hier wirklich ganz öde, wie er es voraus gedacht hatte; denn die Rachbarn mochten in ihre entfernten Behauſungen, oder wohin es ihnen ſonſt gefallen hat, gegangen ſein. Als er zu dem Sandhaufen kam, wo er mit den Lanzen geſchlagen worden war, war das Kameel nicht mehr — 208— da— ſie hatten es ſammt den Lumpen als Erſatz mitgenommen. Er bog um den Triumphbogen und abgelegene Trümmer herum, und als er auf den hohen Schutthaufen, der über ſeinem Hauſe lag, gekommen war, ſtieg er auf den noch höheren hinan, der ſich hinter demſelben befand, wo Sand und weitgedehnte Blöcke lagen, und eine große Umſicht auf alle Dinge und auf das Dämmerrund der Wüſte ſich eröffnete. Dort hob er einen Stein auf, und zog einen goldenen Ring unter demſelben hervor. Dann ſtand er, und ſah ein wenig herum. Die Sonne, welche früher ein trüber rother Gluthpunkt geweſen war, war nun gar nicht mehr ſicht⸗ bar, ſondern ein verſchleierter grauer heißer Himmel ſtand über der Ge⸗ gend. Wir würden in unſern Ländern eine ſolche Luft ſehr heiß nennen, aber dort war ſie im Vergleiche mit Tagen, wo die Sonne unausgeſetzt nieder ſcheint, bedeutend kühler geworden. Abdiaß athmete ſie wie eine Labung, und ſtrich ſich mit der flachen Hand ein pchr mal über die Sei⸗ ten ſeines Körpers herab. Er ſchaute durch de ſchweigende Getrümmer, das unter ihm lag, und ſtieg dann hinab. Als br bei der zerriſſenen Aloe war, begannen kleine Tropfen zu fallen, und was in dieſem Erdſtriche eine Seltenheit iſt, ein grauer ſanfter Landregen hing nach und nach über der ganzen ruhigen Ebene; denn auch das iſt ſelten, daß die Regenzeit ſo ſtille, und ohne den heftigen Stürmen herannaht. Abdias ſtieg auf der entgegengeſetzten Seite, als er heraufgegangen war, hinab, wanderte durch allerlei wohlbekannte Irrgänge und Win⸗ dungen der Trümmer und hatte ziemlich weit zu behen, bis er das Ziel, wohin er wollte, erreichte, nämlich die Wohnung des vorzüglichſten ſei⸗ ner Nachbarn, wo er glaubte, daß er auch einige andere antreffen würde. Wirklich waren mehrere da, und als ſich das Gerücht verbreitete, er ſei über die Schwelle des Gaal hineingegangen, kamen noch immer mehrere herbei. Er ſagte zu ihnen:„Wenn ich durch die ſchöneren Kleider, die ich trug, und durch den größeren Handel, den ich trieb, unſern Aufenthalt verrathen, die Plünderer hergelockt, und Euch Schaden verurſacht habe, ſo will ich auch denſelben erſetzen, ſo gut ich kann. Ihr werdet nicht alles verloren haben; denn Ihr ſeid weiſe, und habt Kleinodien gebor⸗ gen. Bringet ein Papier oder Pergament und Tinte herbei. Ich habe manche Schuldforderungen draußen ausſtehen, die mir meine Freunde bezahlen müſſen, ſobald die Zeit um iſt. Ich werde ſie Euch hier auf⸗ — 209— ſchreiben, und werde die Erlaubniß dazu ſchreiben, daß Ihr das Geld als Euer Eigenthum einnehmen dürfet.“ „Wer weiß, ob es wahr iſt, daß er etwas zu fordern hat,“ ſagte einer der Anweſenden. „Wenn es nicht wahr iſt,“ antwortete Abdias,„ſo habt Ihr mich immer hier, und könnt mich ſteinigen, oder ſonſt mit mir thun, was Euch gefällt.“ „Das iſt richtig, laßt ihn nur ſchreiben,“ riefen andere, während das herbeigebrachte Pergament und die Tinte hingeſchoben wurden. „Er iſt ſo weiſe wie Salomo,“ ſagten diejenigen, welche ihn heute am meiſten verſchimpft und verſpottet hatten. Und als er auf dem Pergamente eine lange Reihe aufgeſchrieben, ſie ihnen dargereicht, und ſie alle geſagt hatten, daß ſie einſtweilen zuftie⸗ den ſein wollen, bi ſich erholt habe und auch das Andere erſetzen kann, zog er den Ring aus ſeinem Kaftan hervor, und ſagte:„Du haſt eine Milcheſelin, Gaal, wenn Du mir dieſelbe ablaſſen willſt, ſo bin ich geneigt, Dir dieſen Ring dafür zu geben, der einen großen Werth hat.“ „Den Ring biſt Du als Erſatz ſchuldig, wir werden ihn Dir neh⸗ men,“ riefen ſogleich mehrere. „Wenn Ihr mir den Ring nehmt,“ antwortete er,„ſo werde ich den Mund zuſchließen, und Euch in Zukunft niemals mehr ſagen, wo ich Geld habe, wer mir etwas ſchuldig iſt, wo ich im Handel etwas erwor⸗ ben habe, und Ihr wedet nie mehr etwas von mir bekommen, das Euch Eueren Schaden vermindern könnte.“ „Das iſt wahr,“ ſagte einer,„laßt ihm den Ring, und, Gaal, gibt ihm die Eſelin dafür.“ Den Ring hatten ſie unterdeſſen angeſchaut, und da ſie erkannt hatten, daß er viel koſtbarer ſei, als der Preis der Eſelin beträgt, ſagte Gaal, er werde ihm die Eſelin geben, wenn er zu dem Ringe noch ein Stück Geld hinzu legen könne. „Ich kann nichts mehr hinzulegen,“ antwortete Abdias,„denn ſie haben mir alles genommen, wie Ihr ſelber geſehen habt. Gib mir den Ring, ich werde ohne die Eſelin fortgehen.“ „Laſſe den Ring,“ ſagte Gaal,„ich werde Dir die Eſelin ſenden.“ „Nein,“ antwortete Abdias.„Du darfſt ſie mir ſenden, ſon⸗ Stifter. 4. Aufl. II. — 210— dern Du mußt mir einen Riemen geben, an welchem ich ſie fortführen werde. Oder gib den Ring.“ „Ich werde den Riemen und die Eſelin geben,“ ſagte Gaal. „Sogleich,“ ſagte Abdias. „Sogleich,“ antwortete Gaal.„Geh hinaus, Jephrem, und führe ſie aus der Grube herauf, in welcher ſie ſteht.“ Während der Diener ging, um die Eſelin zu holen, fragte Abdias die Leute, ob ſie keinen ſeiner Diener oder keine der Zofen ſeines Weibes geſehen haben;„denn,“ ſagte er,„ſie ſind alle fortgegangen.“ „Sind alle Deine Diener fort?“ fragte man,„nein, wir haben ſie nicht geſehen.“ „Iſt vielleicht eines davon bei Dir, Gad, oder bei Dir, Simon, oder bei einem andern?“ „Nein, nein, wir ſind ſelber alle fortgelaufen, und haben nichts von ihnen geſehen.“ Indeſſen war Jephrem mit der Eſelin gekommen, Abdias trat aus der Schwelle der Höhle Gaal's heraus, man gab ihm den Riemen in die Hand, und er führte die Eſelin über den Schutt davon. Aus den Fen⸗ ſtern ſteckten ſich die Köpfe, und ſchauten ihm nach. Er ging durch die Wege der Trümmer, und gedachte eine Stelle auf⸗ zuſuchen, die abgelegen war, die er recht wohl kannte, und die öfter als Zufluchtsort gedient hatte, ob er denn nicht eins oder das andere ſeiner Diener dort finden könnte, wohin ſie ſich vielleicht geflüchtet haben möch⸗ ten. Der Regen hatte unterdeſſen überhand genommen, und war zwar fein geblieben, aber ganz allgemein geworden. Er ging durch den Brei des Sandes, oder an den Schlinggewächſen vorbei, die aus verſchiedenen Spalten hervorkamen, und die liegenden Bauſtücke überwuchſen, er ging neben nickenden Alveblüthen und an triefenden Mirthen vorüber. Kein Menſch begegnete ihm auf dem Wege und es war kein Menſch ringsum zu ſehen. Als er an die Stelle kam, die er ſich gedacht hatte, ging er durch die niedrige, flache Pforte, die bis auf ihre Mitte im Sande ſtand, hinein, und zog die Eſelin hinter ſich her. Er ging durch alle Räume des verſteckten Gewölbes; aber er fand es ganz leer. Dann ging er wie⸗ der heraus und ſtieg noch auf ein Mauerſtück, um ſich umzuſehen, ob er vielleicht eines erblicken könnte— aber es war nichts zu ſehen, als überall dasſelbe Bild uralter Trümmer, über welche allſeitig und emſig — 211— das feine hier ſo koſtbare Waſſer rieſelte, daß ſie wie in einem düſteren Firniſſe glänzten; er ſah keinen einzigen Menſchen darin, auch hörte er nichts, als das ſanfte Rieſeln der rinnenden Gewäſſer. Er wollte ſeine Stimme nicht erheben, um zu rufen; denn wollte ihm eins eine Antwort geben, das ihn höre, ſo konnte es ja auch den Weg in ſeine Behauſung finden, und dort ſeine Anordnungen erwarten. Sie werden gewiß bei einem der Leute verſteckt ſein, der ſie nicht verrathen will. Er dachte ſich, ſie mögen ihn nun für einen Bettler halten und ihn fliehen— und er erkannte dies Benehmen als natürlich. Er ſtieg wieder von dem Mauer⸗ ſtücke herab, nahm den Riemen der Eſelin, den er unterdeſſen um einen Knauf gewunden hatte, und trat den Weg zu dem Triumphbogen an. Obwohl er, da er das Oberkleid abgelegt hatte, um es auf Deborah zu breiten, ganz durchnäßt war, ſo achtete er nicht darauf, und zog das Thier hinter ſich her. Als er zu Hauſe angekommen war, ging er durch die Thür in die Vorderſtube, führte die Eſelin mit und band ſie dort an. Er hatte in der Stube Niemanden gefunden. Im Hineingehen durch den ſchmalen Gang dachte er, wenn drinnen auch noch Niemand ſei, ſo werde er ſelber Deborah's Diener ſein, und ſie pflegen, ſo weit er es in ſeiner jetzigen Lage könne. Aber ſie hatte einer Pflege nicht mehr noth; denn da er außer Hauſe war, hatte ſie nicht geſchlummert, ſondern ſie war geſtorben. Das unerfahrene Weib hatte ſich, wie ein hilfloſes Thier verblutet. Sie wußte es ſelber nicht, daß ſie ſterbe, ſondern da ihr Abdias die ſtärkende Brühe gegeben hatte, that ſie wie eines, das recht ermüdet iſt und ſanft ein⸗ ſchläft. Sie ſchlief auch ein, nur daß ſie nicht mehr erwachte. Als Abdias eintrat, war das Gemach noch immer einſam, es war auch hierher noch Niemand zurück gekehrt. Uram, wie ein Bild aus dunk⸗ lem Erze gegoſſen, ſaß an Deborah's Lager und wachte noch immer, Au⸗ gen und Piſtolen gegen die Thür gerichtet; ſie aber lag, wie ein Bild von Wachs, bleich und ſchön und ſtarr hinter ihm— und das Kind lag an ihrer Seite ſchlummerte ſüß, und regte im Traume die kleinen Lip⸗ pen, als ſauge es.—— Abdias that einen furchtſamen Blick hin und ſchlich näher;— mit eins wurde ihm die Gefahr klar, und er dachte an das, worauf er früher vergeſſen hatte— er ſtieß aus Ueberraſchung einen ſchwachen Schrei aus— dann aber nahm er das Oberkleid, das er früher auf ſie gebreitet hatte, und andere Lappen, die da lagen, weg, um zu 14* ſehen: es war deutlich, auf was er nicht geachtet, und was ſie gar nicht gewußt hatte. Er zupfte aus einem Kleide eine Faſer heraus, die ſo fein und leichter war, als es eine Flaumfeder ſein konnte, und hielt ſie vor ihren Mund:— aber ſie rührte ſich nicht. Er legte die Hand auf ihr Herz; er fühlte es nicht. Er griff ihre nackten Arme an: ſie begannen ſchon kühler zu werden. Er hatte bei Karawanen, in Wüſten, und im Hoſpitale Menſchen ſterben geſehen, und erkannte das Angeſicht. Er ſtand auf, und ging in den naſſen Kleidern, die an ſeinem Körper kleb⸗ ten, in der Stube herum. Der Knabe Uram blieb in gleicher Stellung auf dem Boden ſitzen, und ließ die Augen den Bewegungen ſeines Herrn folgen. Dieſer ging endlich in die Zimmer daneben, warf die naſſen Klei⸗ der von ſeinem Leibe auf einen Haufen, und ſuchte ſich aus den Dingen, die herum waren, einen Anzug zuſammen. Dann ging er in die Vorder⸗ ſtube hinaus, nahm von der Eſelin etwas Milch in eine Schale, trug die Milch herein, wickelte einen kleinen Lappen zuſammen, that ihn in die Milch, daß er ſich anſauge, und brachte ihn dann an den Mund des Kindes. Dieſes ſaugte daran, wie es am Buſen einer Mutter gethan hätte. Als es die Lippen immer ſchwächer regte, aufhörte, und wieder fortſchlief, legte er es weg von der Seite der Mutter in ein Bettlein, das er aus Kleidern in eine Mauerniſche gemacht hatte. Dann ſetzte er ſich auf eine Bank nieder, welche von Steinen gebildet wurde, die zufällig aus der Mauerecke hervorſtanden. Wie er ſaß, floſſen aus ſeinen Augen Thränen, wie geſchmolzenes Erz. Es ſtand nämlich Deborah vor ihm, wie er ſie zuerſt in Balbek geſehen hatte, da er zufällig an ihrem Hauſe vorüber ging, und das Gold des Abends nicht nur um die Zinnen ihres Hauſes, ſondern auch um die aller übrigen floß. Von einem weißen Mauerſtücke flog ein Paradiesvogel auf, und tauchte ſein Gefieder in die gelbe Glut. Wie er ſie dann abgeholt hatte, wie ſie von den Ihrigen über die Terraſſe herabgeleitet, geſegnet worden war, und wie er ſie dann von allen Angehörigen weg genommen, und auf ſein Kameel gehoben hatte.— Jetzt wird ſie bei ihrem verſtorbenen Vater ſein, und ihm er⸗ zählen, wie es bei Abdias geweſen iſt. Er blieb immerfort auf den Steinen ſitzen, auf die er ſich nieder⸗ gelaſſen hatte. Es war in dem ſtillen Gemache Niemand bei ihm als Uram, der ihm zuſchaute. Da endlich dieſer Tag zur Neige ging und es in der Höhle allgemach — 213— ſo dunkel geworden war, daß man kaum mehr etwas ſehen konnte, ſtand er auf und ſagte: Uram, lieber Knabe, lege dieſe Waffe weg, es iſt hier Niemand zu bewachen, ſondern zünde die Hornlaterne an, gehe zu den Nachbarinnen und Klageweibern, ſage ihnen, daß Deine Herrin geſtor⸗ ben iſt, und daß ſie kommen ſollen, um ſie zu waſchen, und mit andern Kleidern anzukleiden. Sage ihnen, daß ich noch zwei Goldſtücke habe, die ich ihnen geben werde. Der Knabe legte die Piſtole auf die lockere Erde, ſtand auf, ſuchte die Zündſachen auf dem ihm wohlbekannten Platze, zündete die Laterne an, die Abdias, als er aus dem Keller gekommen war, hingeſtellt hatte, und ging hinaus. Der Lichtſtreifen der mitgenommenen Laterne zog ſich durch den Gang davon, und es war hierinnen jetzt finſterer, als es früher geweſen iſt, weil das Licht den Gegenſatz erzeugt hatte. Abdias zündete ſich nichts an, ſondern ſuchte nach der Wange des Weibes, kniete nieder, und küßte ſie zum Abſchiede. Aber ſie war jetzt ſchon kalt. Dann ging er zum Zündplatze, wo ein Stück einer Wachskerze lag, fachte dieſelbe an, und leuchtete gegen das Weib. Das Angeſicht war das nämliche, mit dem ſie ihn angeſehen hatte, als er ihr Labung gereicht, und mit dem ſie dann eingeſchlafen war. Er meinte, wenn er nur genauer hin⸗ ſchaute, ſo müßte er ſehen, wie es ſich regte, und die Bruſt ſich im Ath⸗ men hebe. Aber es athmete nichts, und das Starren der todten Glieder dauerte fort. Auch das Kind regte ſich nicht. Als ſei es gleichfalls ge⸗ ſtorben. Er ging zu demſelben hin, um darnach zu ſehen. Aber es lag in tiefem Schlafe und ſehr viele kleine Tröpflein ſtanden auf der Stirne desſelben. Er hatte es nämlich aus Uebervorſicht zu ſtark mit Tüchern bedeckt. Daher nahm er etwas davon weg, um die Hülle leichter zu machen. Während er dieſes that, fiel ſein langer Schatten von ſeinem Rücken weg über die Leiche des todten Weibes. Vielleicht ſchaute er auf das kleine Angeſichtchen, ob er in demſelben nicht Spuren von Zügen der Verſtorbenen entdecken könnte. Aber er entdeckte ſie nicht, denn das Kind war noch zu klein. Der Sklave Uram kehrte ſehr lange nicht zurück, gleichſam als fürchtete er ſich und wolle nicht mehr kommen, aber da ſchon das Stück Wachskerze faſt zu Ende gebrannt war, und Abdias bereits ein anderes angezündet hatte, näherte ſich der Thür ein verworrenes Murmeln und Rufen, und Uram trat an der Spitze eines Menſchenhaufens in das Zim⸗ — 214— mer. Er beſtand größtentheils aus Weibern. Einige davon waren ge⸗ kommen, um zu klagen und zu jammern, wie es ihr Geſchäft war, an⸗ dere, ſich an dem Unglücke zu erregen; und wieder andere, um es anzu⸗ ſchauen. Unter den Angekommenen war auch Mirta, die Leibdienerin Debohra's, die ſie immer am meiſten geliebt hatte, und der fie vollends alle ihre Neigung zuwendete, da ſie dieſelbe ihrem Manne abgewendet hatte. Sie war ebenfalls aus Furcht davon gerannt, wie die andern, als die Plünderer hereingebrochen waren, und war dann aus Haß gegen Abdias nicht mehr zurückgekehrt. Als ſie aber am Abende gehört hatte, daß ihre Herrin ein Kind geboren habe, und dann geſtorben ſei, ſchloß ſie ſich an den Menſchenhaufen an, den man neben einer Laterne auf den regendurchweichten Wegen durch die dichten Trümmer gegen die Behau⸗ ſung des Abdias hin gehen ſah. Sie wollte ſehen, ob beide Dinge wahr ſeien. Als ſie in dem Gemache angekommen war, und den Gebieter ihrer Herrin ſtehen ſah, drang ſie ſchreiend und weinend aus dem Haufen hervor, warf ſich vor ihm nieder, umſchlang ſeine Füße und verlangte Beſtrafung von ihm. Er aber ſagte nichts, als die Worte:„Stehe auf, und achte nur auf Deborah's Kind, und beſchütze es, da dasſelbe dort liegt und gar Niemanden zur Pflege hat.“ Als ſie ſich auch von der Leiche der Herrin aufgerichtet, und ſich ein wenig beruhigt hatte, nahm er ſie an der Hand und führte ſie zu dem Kinde hin. Sie, die Augen immer auf ihn gerichtet, ſetzte ſich neben demſelben nieder, um es zu beſchützen, und ſie deckte ſein Angeſicht mit einem Tuche zu, damit es keine bezaubernden Augen anſchauen könnten. Die andern Leute, die herbei gekommen waren, riefen durch einan⸗ der:„Ach der Jammer,— ach das Elend— ach das Unglück!“ Abdias aber ſchrie ihnen zu:„Laßt ſie ruhen, die ſie nichts angeht; — Ihr aber, deren Beſchäftigung dieſe Sache iſt, klaget um ſie, badet ſie, ſalbet ſie, und gebt ihr ihren Schmuck.— Aber ſie hat keinen Schmuck mehr— nehmt nur von dem, was da herum liegt das Beſte, und kleidet ſie an, wie ſie begraben werden ſoll.“ Diejenigen, die ſich über ſie gebeugt hatten, und ſie an allen Stel⸗ len betaſten wollten, gingen auseinander— aber die andern legten Hand an ſie, um ihre Pflicht zu thun, derentwillen ſie hergekommen waren. Abdias ſetzte ſich in dem Schatten nieder, den der Menſchenknäuel in die — 215— hintere Ecke warf; denn man hatte zwei alte Lampen angezündet, um zu Allem beſſer ſehen zu können, was man zu thun hatte. „Das iſt ein verſtockter Mann,“ murmelten einige unter einander. Die Todtenweiber hatten indeſſen die oberflächlichſten Kleider von der Leiche gethan, hoben ſie dann auf, und trugen ſie in das Gemach neben an, um ſie vollends entkleiden zu können. Dann holten ſie Waſſer aus den von dem heutigen Regen angefüllten Ziſternen, machten in der Küche Feuer, um es zu wärmen, thaten es dann in eine Wanne, und ba⸗ deten und wuſchen mit demſelben den Leichnam, der noch nicht ſtarr war, und namentlich in der Wärme des Waſſers die Glieder aufgelöſet hernie⸗ der hängen ließ. Als er rein war, legten ſie ihn auf ein Tuch, und ſalb⸗ ten ihn überall mit Salben, die ſie zu dieſem Zwecke mit ſich herbei ge⸗ bracht hatten. Dann riſſen ſie aus den offenen Schreinen und laſen von dem Boden auf, was da geblieben war, und kleideten die Leiche vollſtän⸗ dig an. Was nach dieſem Geſchäfte von Hüllen noch übrig geblieben war, packten ſie zuſammen und trugen es nach Hauſe. Die Leiche war wieder in das Gemach, in dem ſie früher geweſen war, herausgetragen, und auf die Erde nieder gelegt worden. Deborah lag nun da, angekleidet wie das Weib eines armen Mannes. Es bilde⸗ ten ſich Gruppen, um in der Nacht zu wachen, die Todtenweiber waren auch wieder zurück gekehrt, manche Menſchen gingen in den nächtlichen Trümmerwegen zu Abdias Höhle ab und zu, und in dem Vorgemache, das nach Auswärts führte, klagten und heulten die Weiber, die um Lohn herbeigekommen waren. Am andern Tage begrub Abdias ſein Weib in dem ſteinernen Grabe, und zahlte die zwei verſprochenen Goldſtücke. Sie hatte wenig Glück in dieſer Ehe gehabt, und als es angefangen hätte, mußte ſie ſterben. Die Nachbarn ſegneten ſie mit ihren Lippen in das Grab hinein, als dasſelbe mit den nämlichen Steinen geſchloſſen wurde, unter denen Aron und Eſther ſchliefen, und ſagten: Abdias ſei es eigentlich geweſen, der ſie um das Leben gebracht habe. 3. Ditha. Als Deborah begraben worden war und ſich der letzte Stein über ihrem Leibe zu dem Nachbarſteine gefügt hatte, gleichſam als lägen ſie zu⸗ fällig da, und bärgen nicht ſo koſtbare Dinge, wie die Körper verſtorbener Angehörigen, und da ſie auch ſo ſchwer befunden worden waren und ſo feſt auf einander laſtend, daß keine etwa begierig ſchweifende Hyäne die Glie⸗ der auszuſcharren vermochte: ging Abdias nach Hauſe, und ſtand vor dem kleinen Kinde. Mirtha hatte in einem anderen Gemache eine beſſere und tiefere Mauerniſche ausgefunden. Sie war einſtens mit Seide aus⸗ gefüttert und mit ſeidenen Polſtern bedeckt geweſen. Eſther hatte gerne das ſchöne Kind Abdias darauf gelegt, damit ſich ſein ſüßes Lächeln recht heiter von der ſchönen dunklen grünen Seide hervorhels Jetzt waren aber keine ſolchen Dinge in der Piſch rhanden; dn die Vorhänge und Ueberzüge aus Seide waren herabgeruſerie und Saumthieren verpackt worden, die Kiſſen lagen allein da undware etzt, ſo daß das, womit ſie gefüllt waren, ein autes dünnes Gras; leichſam das Haar der Wüſte, heraus quoll, wie das Inn eines menſchlichen Kör⸗ pers. Mirtha zog dieſes feine Gefüllſel gar heraus, lockerte es mit ihren Fingern auf, und polſterte damit den nackten von ſpitzigen Steinen un⸗ terbrochenen Boden der Niſche. Dann ſuchte ſie unter den herumliegen⸗ den Lumpen etwas zuſammen, was ſie darauf breitete, um das Kind auf dieſes Bettlein legen zu können. Von Linnen war überhaupt wenig in der Wüſte, und das Beſte dieſes Wenigen hatten die Reiter mitgenom⸗ men. Daher machte ſie aus Wolle, aus andern Stoffen, ja aus ſeide⸗ nen Lappen, deren Farbe nicht mehr zu erkennen war, Windel, und legte ſie auf einen Haufen neben die NRiſche. Da das neugeborne Mädchen auf dieſem Bettlein ſchlief, war es, daß Abdias vom dem Begräbniſſe heim kam, und ſich vor dasſelbe hin ſtellte. „Es iſt ſo gut,“ ſagte er,„Mirtha; wir müſſen nun weiter ſorgen.“ Er ging hinaus, und führte die Eſelin, die er gekauft hatte, und die noch immer in dem Gemache angebunden war, in dem er ſie gelaſſen hatte, herein. Er ſtellte ſie, damit ſie recht gut verwahrt ſei, in das Ge⸗ wölbe, welches ſonſt das Prunkgemach Eſther's geweſen war, und in das von oben herab durch das vergitterte Fenſter das Licht fiel. Dort band er ſie ſorgſam an, und richtete den hölzernen Riegel, mit welchem die Thür inwendig verſehen war, wieder her, daß man ihn Nachts, da man herin⸗ nen ſchlief, immer vorſchieben könne. Von dem Vorrathe dürren Wüſten⸗ heues, mit dem er ſonſt immer ſeine Kameele gefüttert hatte, war genug vorhanden, indem das Heu nicht in ſeiner Behauſung, deren Aeußeres, in ſo ferne es brennbar war, von den Soldaten abgebrannt worden war, ſondern in einer nicht weit davon befindlichen trockenen Höhle der Trüm⸗ mer aufbewahrt worden war. Die Plünderer hatten es wohl gefunden, hatten auch verſucht es anzuzünden, aber wegen Mangel an Luftzug, und weil es ſo dicht gepackt war, hatte es nicht in Flamme gerathen können. Sie riſſen daher ſo viel heraus, als ihnen der Uebermuth eingab, nah⸗ men mit, was ſie für die nächſten Augenblicke brauchten, und auf ihren Thieren unterbringen konnten, und ließen das übrige zerſtreut liegen. Als ſich Abdia des Heues und ſeinn Brauchbarkeit verſichert hatte, ging er wieder in ſ Wohnung zw, und ſuchte dort ſehr lange unter all dem vielen P die nſuen und wo möglich aus Linnen verfertigten Lappen heraue nit ſ vem Kindezun Saugen dienten, wenn man ihm die friſche, we m aus dm N rder Eſelin kommende Milch zur Nahrung gab. Dieſe Lappen legte e juf einem Steine zuſammen, der ſich in dem Gemache des Kindes u Sodann ſah er nach den Ziſternen. Er hatte in früherer Zeit hinter dem hohen Schutte, der auf ſeiner Wohnung lag, dort, wo ein ſehr großes Fries und darauf liegende Felſenſtücke immer⸗ währenden Schatten gaben, zwei Ziſternen graben laſſen. Gewöhnlich aber war nur in einer derſelben Waſſer, die andere war leer. Dies rührte daher, weil die Ziſterne mittelſt eines Schlauches, den man abſperren konnte, mit einer Waſſergrube im Keller, die künſtlich eingeſäumt und dicht gepflaſtert war, in Verbindung ſtand, in welche Grube Abdias immer größere Waſſer⸗ theile, wenn ſie ſich oben ſammelten, abließ, damit das Waſſer im Keller friſcher werde, und keine ſo große Menge durch Verdünſtung verliere, als wenn es oben in der warmen Luft geſtanden wäre, der es noch dazu eine größere Oberfläche darbot, als im Keller. Beide Ziſternen fand Abdias nach dem geſtrigen Regen ganz voll und er ließ die eine, wie gewöhnlich unter die Erde ablaufen. Das dürre, ſchlechte Kameel, auf welchem er geſtern gekommen war, — 218— das er auf dem Sande vor ſeinem Hauſe gelaſſen hatte, hatte er ganz vergeſſen. Er erinnerte ſich jetzt desſelben und wollte darnach ſehen. Es war zwar nicht mehr auf der Stelle, auf welcher es noch kniete, da Ab⸗ dias die Piſtolen heraus geriſſen hatte, aber es war doch ſchon in dem Stalle. Der Knabe Uram hatte es dem Manne, der es geſtern, gleichſam um ſich für ſeinen Verluſt ein wenig zu entſchädigen, fortgeführt hatte, wieder genommen, er hatte es durch die Mauertrümmer fortgeführt, hatte es zu einer gelben Lacke, die er recht wohl wußte und die er Niemanden andern gönnte, geführt, ließ es die ganze Lacke austrinken, damit das Waſſer nicht, wenn wieder die heiße Sonne käme, verloren ginge, dann hatte er es in den Stall gebracht, nachdem er ihm noch zuvor das Ge⸗ ſchirr und Riemzeug, welches noch auf ihm war, herabgenommen hatte. In dem Stalle fand es Abdias ſtehen. Es war das einzige, wo noch vor Kurzem mehrere und weit edlere und beſſere geſtanden waren. Es hatte ein wenig von dem durch die Plünderer herum geſtreuten, halb verſengten Heue vor ſich, und fraß begierig von demſelben. Abdias ließ etwas Mais, davon auch ein Vorrath da geblieben war, hinzugeben, und von der Höhle friſcheres Heu holen. Dann ſagte er zu Uram, den er in dem Stalle ge⸗ troffen, und durch den er dieſe letzteren Dinge hatte beſorgen laſſen: „Uram, gehe noch heute, ſo lange die Sonne ſcheint, hinaus über den Sandkamm, und ſuche die Heerde, ſie muß dort herum wo ſein— und wenn Du ſie gefunden haſt, ſo zeige Dich dem Hirtenrichter und ſage, daß er Dir von dem Antheile des Einwohners Abdias einen mit deſſen Namen gezeichneten Hammel gebe. Dieſen nimm an den Strick, und führe ihn noch vor Abend hierher, daß wir ihn ſchlachten, etwas braten, und etwas durch Meerſalz aufbewahren, damit wir ſo lange durchkom⸗ men, bis die Karawane, die morgen fortgehen wird, wieder zurückkehrt, und ſo viel mit bringt, daß wir das gewöhnliche Leben zum Theil wieder anfangen können. Wenn Du die Heerde nicht bald findeſt, ſo ſuche nicht ſehr lange, ſondern kehre um und komme noch bei Tage nach Hauſe, daß wir um etwas anderes umſehen können. Hörſt Du? Haſt Du alles wohl verſtanden?“ „Ja,“ ſagte der Knabe,„ich werde die Heerde ſchon finden.“ „Haſt Du aber auch etwas zu eſſen?“ fragte Abdias. „Ja, ich habe in der obern Stadt ein Täſchchen voll Weizen genom⸗ men,“ antwortete der Knabe. ————————————————— „Nun gut,“ ſagte Abdias. Nach dieſen Worten langte Uram einen Strick von einem Haken des Stalles herunter, wo er gewöhnlich zu dem Behufe des aufgetragenen Geſchäftes hing, nahm noch einen langen Stab von ſehr ſchwerem Holze und lief über das Trümmerwerk davon, das in großen Haufen von dem Stalle des Abdias gegen die Wüſte hinaus ging. Abdias ſah ihm ein Weilchen nach, bis er die hüpfende Geſtalt nicht mehr erblicken konnte. Dann wendete er ſich um und begab ſich wieder in ſeine Wohnung. Zum Mittagsmahle nahm er ein paar Hände voll Maiskörner und trank von dem warmen Waſſer der oberen Ziſterne. Mirtha ließ er eine Schale voll Milch von der Eſelin nehmen, und gab ihr von dem dürren Brode, das da war; denn das beſſere war zum Theile weggenommen, zum Theile verſchleppt und verſchleudert worden, auch konnte wegen dem zu ſtarken Austrocknen in der heißen Wüſte niemals ein großer Vorrath auf einmal gebacken werden. Den ganzen Nachmittag brachte Abdias damit zu, die Wohnung in einen ſolchen Stand zu ſetzen, daß ſie von Außen vor jedem nicht gar zu gewaltigen Angriffe geſichert war. Er ſchleppte die Lappen und was von guten Dingen zerriſſen herum lag in zwei Gemächer zuſammen, die jetzt zur Wohnung beſtimmt waren, das andere verrammelte er zum Theile, zum Theile band er es mit vorgefundenen Stricken zuſammen, ſo daß es hielt und die Eingänge, die etwa zu den Gemächern ſein könnten, ver⸗ wahrt waren. Theilweiſe hatte er auch ganz neue Riegel angebracht, er hatte die Klammern und Arben mit guten Nägeln angenagelt. Als er fertig war, ſaß er auf der Steinbank und ruhte ein kleines Weilchen. Die Schmerzen, welche von der geſtrigen Mißhandlung durch die Soldaten herrührten, waren heute viel heftiger geworden, als ſie geſtern in der erſten Auftegung waren, und hatten den Körper weit ungelenker gemacht. Er war einige Male in den Keller gegangen, hatte von dem koſtbaren kalten Waſſer eine Schale voll genommen, hatte ein Tuch ein⸗ getaucht, und ſich mit demſelben die Lenden und andere ſchmerzende Stel⸗ len befeuchtet. Gegen Abend kam ein Bote, welcher von den Dienern und Diene⸗ rinnen, die ſonſt in Abdias Hauſe waren, abgeſandt war. Uram und Mirtha waren die einzigen, die ſich wieder eingefunden hatten und bei Abdias den Tag über geblieben waren. Der Bote forderte im Namen der — 220— Leute, deren Kennzeichen er mitbrachte, den rückſtändigen Lohn, den ſie trotzig begehrten, weil ſie meinten, er ſei nunmehr ein Bettler. Abdias ſah die Forderungen an, und gab dann dem Boten das Geld, das er in lauter ſehr kleinen Münzen aus dem ſchlechten Kaftane zog, den er nun an hatte. Er ſagte, daß er die Nachbarn grüßen laſſe, und daß er, wenn ſie wollten, noch einige ſchlechte ſeidene Dinge um ſehr billiges Geld zu verkaufen hätte, ſie möchten morgen kommen, wenn es ihnen genehm wäre, etwas davon zu erſtehen. Der Bote nahm das Geld, ließ die Papiere, welche von Seite der Diener den Empfang beſtätigten, in Abdias Hand und ging fort. Als ſchon die in jenen Ländern ſehr kurze Dämmerung eingebrochen war, und als Abdias, welcher recht gut wußte, wie ſchnell eine ſehr finſtere Nacht auf ſie folge, bereits mehrere Male über die Trümmer nach Uram ausgeſchaut hatte, deſſen Verirren in der gegenſtandloſen Wüſte er fürch⸗ tete, kam der Knabe, als noch die letzten ſchwachen Strahlen leuchteten, hinter den dunkeln Mauerſtücken, durch herabhängendes Buſchwerk noch dunkler gemacht, hervor, den Hammel, welcher Widerſtand leiſtete, mehr hinter ſich herzerrend, als ihn führend. Abdias gewahrte ihn bald, trat zu ihm hinzu und geleitete ihn zu dem Eingange des äußeren Gemaches, das in ſeine Wohnung führte. Dort war der Hammel angebunden, und nachdem Uram belobt worden war, wurde ihm ferner aufgetragen, daß er wieder die Hornlaterne anzünden und nach einem Manne, etwa dem Flei⸗ ſcher Aſſer, ſuchen möchte, welcher gegen Geld den Hammel ſchlachte und theile. Abdias war nämlich wegen der vielen Schmerzen, die er in ſei⸗ nem Leibe hatte, und die denſelben immer ungefügiger machten, gleichſam als rieben ſich die Muskeln, die er bewegen wollte, ſchmerzhaft an einan⸗ der, oder als ſtrotzten ſie, nicht leicht im Stande bei der Sache zu helfen, noch weniger aber, ſie ſelber zu verrichten, wie er wohl ſonſt öfter gethan hatte. Der Knabe zündete die Laterne an und eilte fort. Nach nicht gar langer Zeit kam er wieder zurück und führte den Fleiſcher Aſſer neben ſich. Dieſer trat zu Abdias ein, und als man nach einigem Handeln einig ge⸗ worden war, erklärte er ſich, daß er den Hammel ſchlachten, ausziehen und nach der geſetzmäßigen Art theilen wolle. Abdias nahm die Laterne, leuchtete gegen den Hammel hin, um deſſen Zeichen zu ſehen und ſich zu verſichern, daß er der ſeine ſei, und er nicht etwa einen fremden ſchlachte. Nachdem er über dieſen Punkt in Richtigkeit war, ſagte er, das Geſchäft ——————— möge beginnen. Der Fleiſcher band ſich das Thier, wie er es brauchte, legte es gegen eine Grube, in die das Blut abfließen konnte, und tödtete es. Dann zog er die Haut ab und theilte das Fleiſch in Theile, wie es bedungen worden war und wie es bei den Bewohnern der verwüſteten Stadt in Gebrauch gekommen. Der Knabe mußte ihm mit einer Kerze, die angezündet worden war, leuchten. Nachdem all das verrichtet war, und der Fleiſcher, wie man ausgemacht hatte, die Eingeweide genommen und ſeinen Lohn erhalten hatte, mußte ihn Uram wieder mit der Horn⸗ laterne in ſeine Wohnung zurück geleiten. Als er von dieſem Gange aber⸗ mals nach Hauſe gekommen war, verſcharrten er und Abdias die blutige Grube mit Erde, thaten dann Waſſer, Reis und ein Stück Fleiſch nebſt Salz und Kräutern in einen Topf, machten Feuer, und kochten das Ganze bei Kameelmiſt und einigen Reſten von Mirthenreiſigbündeln, welche nicht verbrannt worden waren. Als dieſe Speiſe bereitet war, aßen Abdias und der Knabe davon, und trugen auch Mirtha, welche immer innen bei dem Kinde ſitzen geblieben war, einen Theil hinein. Zum Trinken be⸗ kamen ſie Waſſer aus der oberen Ziſterne; denn das in dem Keller wurde geſpart. Nachdem alles dieſes vorüber war, ging Abdias zu dem äußern Eingange der Wohnung und verwahrte und verſchloß ihn von innen, und nachdem er mit dem Knaben noch die Reſte des Fleiſches theils eingeſalzen, theils friſch zum morgigen Gebrauche in die tief unter die Erde gegrabene Grube gebracht hatte, die zur Aufbewahrung von derlei Gegenſtänden da war, verſchloß und verband er auch alle übrigen Thüren, die in der Behau⸗ ſung waren, von innen, und die Bewohner dieſer Gemächer begaben ſich zur Ruhe. Wo ſonſt beinahe ein Gewühl von Dienern und Leuten geweſen war, ſchliefen nun ſtatt vieler Menſchen Abdias, der Knabe Uram, die Magd Mirtha und das kleine Kind Ditha. Judith war es nach Eſther's Mutter genannt worden; Mirtha hatte es aber den ganzen Tag über mit der Verkleinerung Ditha angeredet. Abdias hatte ſich auf dem Boden des Gemaches gebettet, in dem das Kind war, Mirtha ſchlief neben der Niſche, in der Ditha lag, eine Lampe brannte in dem Zimmer, und im Nebengemache war die eingekaufte Eſelin. Uram lag draußen im Vorge⸗ mache in trocknen Palmenblättern. Als am andern Tage die Sonne aufgegangen war, kamen viele Nach⸗ barn und wollten von Abdias die ſeidenen Sachen, von denen er ihnen hatte Meldung thun laſſen, kaufen. Er lag von den vielen Schmerzen ſeines Körpers halb zurückgelehnt in einem Haufen Wüſtenſtroh. Uram hatte alle die Lappen, die ihm Abdias bezeichnet hatte, herbeigetragen und hatte ſie aufeinander geſchichtet. Es waren theils alte Kleider, welche von noch älteren völlig unbrauchbaren heraus geſucht worden waren, theils waren es Ueberreſte in größeren und kleineren Stücken Stoffes, mit dem er ſonſt gehandelt hatte, theils endlich waren es Fetzen ſeiner eigenen Geräthe und Matten, welche von den Plünderern zerriſſen und wegen ihrer Unbedeutenheit ſo wie die Stoffreſte hingeworfen worden waren. Die Nachbarn handelten um alle Dinge, ſelbſt die unbedeutend⸗ ſten, und kauften alle Flecke, die ihnen Abdias vorlegte, ein. Als nach vielem Handeln und Herabdrücken der Preiſe alle Sachen verkauft und die dafür ausgedungenen Preiſe gezahlt waren, nahmen die Käufer ihr Erſtandenes zuſammen und gingen fort. Der übrige Theil des Tages verging wie der geſtrige unter Verrichtungen zur Verbeſſerung der Lage. Abdias ſtand zu Mittage wieder auf, ging zu dem Landesflecke neben ſei⸗ ner Wohnung hinaus, wo er ſonſt ſeine Gemüſe ſtehen hatte, und ſah nach. Es war manches da, manches war wegen Richtbeachtung zu Grunde gegangen. Was am beſten den Himmelsſtrich vertragen konnte, wollte er ſtehen laſſen und beſorgen. Er kargte ſich ein wenig Waſſer von der obe⸗ ren Ziſterne ab, und befeuchtete die am meiſten bedürftigen damit. Er glaubte es um ſo eher thun zu können, weil die Regenzeit bevorſtand, und wieder Waſſer bringen würde. Die Eſelin verſorgte er ſelber mit Heu, welches er aus der Mitte des Stockes heraus nahm, wo es am we⸗ nigſten von dem Brandgeruche des Hauſes eingeſaugt hatte. Er gab ihr Waſſer, worunter ſogar ein Theil des kühlen aus dem Keller gemiſcht wurde; er ließ ſie durch Uram Abends hinaus in die Luft führen, und während er ſelber dabei ſtand, von den verſchiedenen Gräſern, Diſteln und Geſträuchen freſſen, die in dem Sande, dem Lehme und dem Schutte des Trümmerwerks wuchſen. Das ſchlechte Kameel, welches allein in dem Stalle ſtand, verſorgte Uram. Draußen in der Heerde, welche gemein⸗ ſchaftlich in der Wüſte gehalten wurde, waren noch einige aber wenige Thiere ſein, diejenigen, welche in den Wohnungen der Trümmer waren, waren von den Plünderern fortgetrieben worden. Nach wenigen Tagen kam ein Theil der fortgegangenen Karawane zurück, und brachte ſolche Dinge und Sachen mit, welche zu dem täglichen Verkehre gehörten, und dazu dienten, daß ſie das Leben, wie es vor dem — 223— Einbruche der Plünderer geherrſcht hatte, wieder nach und nach anfangen konnten. Abdias kaufte in den darauf folgenden Tagen allgemach ein, was er brauchte, und in kurzer Zeit ſtellte ſich das tägliche Hin⸗ und Her⸗ handeln wieder ein, welches unter Menſchen in einer Gemeinde nothwen⸗ dig iſt, daß ſie geſellig leben, und ihren Zuſtand, er ſei noch ſo niedrig, wie er will, einrichten können. Die Nachbarn wunderten ſich nicht, daß Abdias Geld habe und zwar mehr, als er durch den Verkauf der Waaren gelöſet haben konnte; denn ſie ſelber hatten ja auch eins, das ſie im Sande vergraben gehalten. So verging gemach eine Zeit nach der andern. Abdias lebte ſtill fort, an jedem Tage ſo wie an dem vorhergegangenen. Den Nachbarn fiel es auf, und ſie dachten, er warte nur auf ſeine Zeit, welche den Augen⸗ blick bringen würde, an dem er ſich für alle vergangenen Unbilden rächen könnte. Er aber ſtand in ſeiner Wohnung und betrachtete das kleine Kind. Es hatte winzige Fingerchen, die es noch nicht zu regen verſtand, es hatte kleine unkennbare Züge in dem unentwickelten Angeſichtchen, das ſich noch kaum zu entfalten begann, und in dieſem Angeſichtchen hatte es blaue Augen. Dieſe Augen ſtanden in der ſehr ſchönen Bläue offen, aber regten ſich noch nicht, weil ſie noch das Sehen nicht verſtanden, ſondern die Außenwelt lag gewaltig, gleichſam wie ein todtgeborner Rieſe, dar⸗ auf. Die blauen Augen waren Ditha allein eigenthümlich, da weder Abdias noch Deborah blaue Augen hatten, ſondern tief ſchwarze, wie es ihrem Stamme und jenem Lande, in dem ſie lebten, eigen zu ſein pflegt. Er hatte nie vorher beſonders Kinder betrachtet. Dieſes aber betrachtete er. Er reiſete auch nicht fort, wie er ſonſt gethan hatte, um Handel zu treiben und zu erwerben, ſondern blieb immer da. Er dankte oft Jehova, daß er einen ſolchen Strom ſanften Fühlens in das Herz des Menſchen zu leiten vermöge. Wenn es Nacht war, ſaß er zuweilen wieder, wie er es früher auch gethan, auf dem hochgethürmten Schutte ſeines Hauſes, dort, wo die zerriſſene Alve ſtand, und betrachtete die Geſtirne, die tiefen funkelnden Augen des Südens, die hier täglich zahllos und feurig her⸗ nieder ſehen. Abdias wußte aus ſeinen unzähligen Wanderungen ſehr gut, daß im fortlaufenden Jahre immer andere Sterne am Himmel pran⸗ gen, der einzige Schmuck, der in der Wüſte, wo keine Jahreszeiten find, in dem einen Jahre hinum ſich erneuert. Endlich, nach ſehr langer Zeit, kam auch der zweite Ueberreſt der — 224— gleich nach der Zerſtörung in die Welt hinausgeſchickten Karawane. Die verbrannten und zerlumpten Leute derſelben brachten alle Dinge, die man noch vollends brauchte; ſie brachten Waaren und Kleinode, um wieder damit zu handeln, und endlich brachten ſie an die Eigenthümer jenen Theil der von Abdias abgetretenen Summe, der eben zur Zeit des Karawanenzuges fällig geweſen war. Die Nachbarn waren nun zuftie⸗ den, ſie achteten ihren Genoſſen Abdias, und dachten, wie er wieder hinaus ginge und Handel treibe, ſo würde er bald wieder ſo reich ſein, daß er ihnen allen Schaden erſetzen könnte, den ſie erlitten hatten, und den er ihnen doch eigentlich nur allein durch ſein unvorſichtiges und küh⸗ nes Leben zugefügt hatte. Sie rüſteten bald wieder einen Zug, und gaben ihm alles mit, was zur Einrichtung eines Handels und Tauſches, wie ſie ihn vor der Plünderung zu führen gewohnt waren, nöthig war. Abdias hatte an dem Unternehmen keinen Theil genommen. Es ſchien, als ſchütze er nur das kleine Weſen, welches noch kein Menſch, ja noch nicht einmal ein Thier war. Die Regenzeit hatte ſich indeſſen eingeſtellt, und wie es allährlich bei derſelben der Brauch war, verkroch ſich alles in ſeine Häuſer und Höhlen, was nicht unmittelbar von dem Looſe getroffen war, hinaus in die Ferne zu müſſen, um die Geſchäfte zu beſorgen. Die Zeit des Re⸗ gens, wußten ſie, ſo vortheilhaft ſie ihren wenigen Gemüſeſtellen, dann den Geſträuchen und den Weideplätzen der Wüſte iſt, ſo nachtheilig iſt ſie den Menſchen, und erzeugt die in ihrer Lage und ihrem Wohnorte ohnedem ſo gerne hereinbrechenden Krankheiten. Auch Abdias mit ſei⸗ nen wenigen Untergebenen hielt ſich ſo gut als möglich verſchloſſen. Die Ziſternen füllten ſich und gingen über, die einzige Quelle, welche in der Stadt in einem tiefen Brunnen floß, und zu der alle Bewohner ihre Zuflucht nahmen, wenn die lange Dürre herrſchte und jede Ziſterne verſiegt war, rauſchte, und füllte faſt den Brunnen bis oben; die Geſträuche und Gräſer und Palmen troffen, und wenn wieder die einzelnen unſäglich heißen Blicke der Sonne kamen, freuten ſich die Gewächſe, wuchſen in einer Nacht in's Unglaubliche, und ſie ſchauerten und zitterten gleichſam in Wonne, wenn das furchtbare Krachen des Himmels über ihnen rollte, und ſich faſt täglich und ſtündlich in mehre⸗ ren abwechſelnden Stärken wiederholte. Der Schutt der Trümmer wurde zu Brei, die Felſenmauern wurden abgewaſchen, oder ſie, ſo wie die kah⸗ — 225— len und ſandigen Hügel, überzogen ſich mit Grün, daß ſie nicht mehr zu erkennen waren. Nach einer Zeit hörten dieſe Erſcheinungen allmählig wieder auf. Sie hörten in dieſem Trümmerwerke um ſo eher auf, weil dasſelbe in der Wüſte gelegen war, in welcher ſonſt der viele ringsherumliegende Sand aus den Strahlen der Sonne eine ſolche Wärme brütete, daß ſie jede Wolke, wenn ſie nicht übermäßig dicht und waſſerreich war, auf⸗ ſaugte, und in unſichtbaren Dunſt löſete. Die dichten, hängenden, grauen Maſſen, aus welchen nur zu Zeiten weiße, wäſſerige, ſchim⸗ mernde Stellen leuchteten, und die die geſchlungenen furchtbaren Blitze jenes Himmelsſtriches brachten, wurden nach und nach höher, trennten ſich, daß einzelne Ballen am Himmel ſtanden, die ſich dunkler und blauer färbten, weiße ſchimmernde Ränder hatten, und den klaren Aether und die ſcheinende Sonne in immer längeren Zeiträumen herabblicken ließen,— endlich war ſchon über dem Trümmerwerke und der Wüſte ganz heiterer Himmel, nur daß am Rande draußen noch durch ein paar Wochen aus Dunkelblau und Weiß gemiſchte Ballen und Maſſen zogen, aus denen Blitze leuchteten; bis auch dieſes allgemach aufhörte und der beginnende und nun fortdauernde reine Himmel und die reine Sonne leer und geſegt über dem funkelnden Geſchmeide des regendurchnäßten Landes ſtand. Die Scheibe der Sonne und die ewigen Sterne löſeten ſich nun täglich ab. An der Oberfläche des Bodens waren die Wirkungen des Regens bald verſchwunden, er war dürr und ſtaubig, daß die Bewohner an den Regen wie an ein Märchen zurückdachten; nur die tiefer gelegenen Wurzeln und Brunnen empfanden noch die Güte der unendlichen, zu einem aufzubewahrenden Schatze hineingeſunkenen Menge des Waſſers. Aber auch das minderte ſich immer mehr und mehr, die kurzlebenden grünen Hügel wurden röthlich, und an vielen Stellen blickte Weiß aus ihnen hervor, was den täglich heiteren Himmel immer dunkler und blauer, und die Sonne immer geſchnittener und feuriger machte. Abdias lebte zu dieſer Zeit in ſeinem Hauſe immer fort wie ſeither. Der Augenblick zur Rache ſchien noch nicht gekommen zu ſein. Als aber ſeit dem Regen ſchon eine lange Zeit vergangen, als die flachen Hügel Sandes auch nicht mehr roth, ſondern weiß waren, als die Hitze gleichſam blendend über dem Sande ſtand, trüber röthlicher Schein an dem Geſichtskreiſe ſchwebte, jedes Lüftchen draußen, wenn das Auge Stifter. 4. Aufl. II. 1⁵ in die Ferne dringen wollte, den ſanften undurchdringlichen Höhenrauch des Staubes führte, als die Trümmer, die Mirthen und Palmen grau waren, die Luft täglich heiter, als ſollte das ewig währen, und die Erde trocken, als ſei Waſſer ein in dieſem Lande unbekanntes Gut— da das Mädchen Ditha recht geſund und ſtark war: ging Abdias einmal hinter ſein Haus um die verdorrten Palmen und den Triumphbogen herum zu einer Stelle, die neben ſchwarzen, gleichſam verſengten Steinen lag, und grub in der Abgelegenheit der Felſen, wo er wenig erblickt werden konnte, mit einer Handkelle im Sand und in der Erde. Es kamen, da er ge⸗ ſchickt arbeitete, mehrere Goldſtücke zum Vorſcheine, und dann wieder mehrere. Er zählte ſie. Dann grub er wieder, und fand noch manche. Als er ſie, auf ſeinen Füßen ſitzend endlich noch einmal alle gezählt hatte und wahrſcheinlich genügend fand, hörte er zu graben auf, und wühlte den trockenen Sand wieder über die flachen einzelnen nicht gar großen Steine, unter denen eigentlich das Gold gelegen war, bis die Stelle aus⸗ ſah, als wäre nur Jemand zufällig hier geweſen und hätte zufällig den Sand mit ſeinen Füßen in Unruhe gebracht. Er trat noch auf der Stelle mit ſeinen Sohlen hin und her, wie wenn Jemand geſtanden wäre, ſich umgekehrt und nach verſchiedenen Richtungen hinaus geſchaut hätte. Dann ging er fort und ging ziemlich weit von hier zu einer andern Stelle, auf welcher er es eben ſo machte. Zu Mittag ging er nach Hauſe um etwas zu eſſen. Dann ging er ſogleich wieder hinaus, ſuchte noch mehrere ſolche Plätze, und that an jedem wie an dem erſten. Wo ihm der Sand, von dem Winde angeregt, große Hügel über den Schatz gela⸗ gert hatte, grub er immer fort, wie viel Zeit auch dabei vergehen mochte, er häufte Berge Schutt neben ſich an, kniete tief in demſelben und ſah nach— und überall kam ihm das edle, von keinem Roſte angegriffene Gold entgegen, wie er es zur Aufbewahrung anvertraut hatte. Gegen Abend kam er rückwärts um den hochgethürmten Schutt auf ſeinem Hauſe, von dem wir öfter geſprochen haben, heran. Er ſchien mit ſeiner Arbeit fertig zu ſein. Er ſtieg auf den Gipfel hinauf und ſah herum— und nachdem er die unendliche Leere, gleichſam als müßte er von einem Paradieſe ſcheiden, lange angeſchaut hatte, ſtieg er nieder, ging in ſeine Gewölbe und begab ſich bald zur Nachtruhe. Am andern Tage, als das Licht anbrach, ſagte er zu Uram:„Lieber Knabe, gehe hinaus in die Wüſte, vb Du nicht die Heerde finden kannſt, — 227— zähle die Hammel und die andern Thiere, die mein gehören, und komme dann und ſage, wie viel ich noch habe.“ Der Knabe richtete ſich und ging fort. Abdias aber, als er den Knaben nicht mehr ſah, begab ſich in das Gemach, in welchem Deborah geſtorben war, und in welchem ſie ihm die kleine Ditha geboren hatte. Dort ſperrte er ſich ein, ſo gut er konnte, daß Mirtha nicht herein käme, und auch kein Nachbar ihn etwa zufällig beſuchte. Als er ſich ſo verſichert hatte, ging er in die anſtoßende Höhle — denn das Gewölbe war eigentlich ein Doppelgemach— zog kleine, ſpitzige eiſerne Brechwerkzeuge aus ſeinem Buſen heraus, näherte ſich einer Ecke der Mauer, und begann dort einen der Steine aus ſeinen Fu⸗ gen zu löſen. Als ihm dieſes gelungen war, zeigte ſich hinter dem her⸗ ausgenommenen Steine in dem dicken Mauerwerke eine Höhlung, in wel⸗ cher ein flaches Käſtchen aus Kupfer ſtand, ganz mit Grünſpan über⸗ zogen. Er nahm das Käſtchen heraus und öffnete den Deckel. Im In⸗ nern lagen, in Seide und Wolle eingewickelt, einige Papiere. Er nahm ſie heraus, ſetzte ſich nieder und zählte ſie einzeln auf ſeinen Kaſtan. Sodann legte er ſie zuſammen auf eine Stelle hin, zog eine hölzerne Büchſe aus ſeiner Taſche, in welcher der Staub eines geſchmeidigen ſei⸗ fenförmigen Steines war, und rieb mit dem Staube jedes Papier ſo lange, bis es nicht mehr rauſchte. Dann that er ſie einzeln jedes in ein flaches Täſchchen von feiner waſſerdichter Wachsſeide und nähete die Täſchchen an verſchiedenen Stellen ſeines Kaftans ein, der mit vielen und allerlei Flecken bedeckt war. Als er dieſes Geſchäft zu Ende gebracht hatte, legte er das leere Käſtchen, die Brechwerkzeuge und die Büchſe, in der der geſchmeidige Staub geweſen war, in die Höhlung der Mauer, und fügte den herausgenommenen Stein mit ſeinen Händen wieder ein. Die Fugen verklebte er mit einer eigenen Art von Mörtel, der ſehr ſchnell trocknete, die Farbe der Mauer hatte und machte, daß man die beſtrichene Stelle von jeder andern nicht unterſcheiden konnte. Da dieſe Dinge vollendet waren, machte er die Thüren wieder auf und ging hinaus. Die Zeit neigte ſich bereits gegen Mittag. Er aß ein wenig und gab auch Mirtha zu eſſen. Hierauf begab er ſich in das Ge⸗ mach, in welchem die Eſelin ſtand, und ſchirrte dieſelbe vollſtändig zu einer Reiſe an. Er erklärte dann Mirtha, daß er fort ziehen wolle, um einen andern Wohnplatz zu ſuchen, ſie möchte ſich richten und zu der 15* — 228— Reiſe in Bereitſchaft ſein. Das Mädchen willigte ein und begann ſogleich, weil er ſagte, daß es ſein müſſe, ſich und das Kind zu dem Zuge ſo zu rich⸗ ten, wie ſie es am zweckdienlichſten erachtete. Das hagere Kameel hatte Abdias ſchon mehrere Tage vorher verkauft, damit ſeine Nachbarn nicht glaubten, daß er Geld habe. Er zog alſo nach einer Stunde die Eſelin hervor, hob Mirtha, die ſich vollſtändig ausgerüſtet hatte, auf dieſelbe hinauf, gab ihr das Kind, und führte ſie fort. Sie zogen durch ver⸗ ſchiedene Theile der Trümmerſtadt, die nicht bewohnt waren, hin und her, an hohen Klumpen vorüber, von denen Kräuter und dürre Stängel herab ſchauten, bis ſie endlich an dem Rande der Stadt ankamen. Dort führte ſie Abdias über graue Raſen und Steppen, dann über Flächen, und endlich in einer geraden Linie in das ebene Land, in welchem kein Gras war und unendlich viele kleine Steinchen am Boden lagen. Hier ging er darüber, und bald hatte ſie die rothe goldene Sandluft der Wüſte eingeſchlungen, daß ſie von der Trümmerſtadt nicht mehr hätten geſehen werden können, ſo wie ſie den grauen Streifen der Stadt nicht mehr ſahen. Abdias hatte ſich Sohlen auf die Füße gebunden und leitete die Eſelin an dem ledernen Riemen hinter ſich her. Für ſich und Mirtha hatte er die Büchſe mit dem verdichteten Brühſtoffe eingeſteckt, nebſt Weingeiſt und Geſchirre, um zu kochen: das Thier trug Waſſer und ſein Futter. Den urſprünglich weißen Arabermantel, der aber jetzt vom Schmutze völlig vergelbt war, nahm er ſelber auf ſeine Schultern, eben ſo trug er einen Bündel gedörrter Früchte, damit die Eſelin nicht zu ſehr überladen wäre. Seitens Mirtha's, auf der Gegenſeite, damit das Gleichgewicht des Sattels hergeſtellt ſei, war ein Körbchen angebracht, darin ein Bettlein war, daß man das Kind, wenn es für Mirtha zu ſchwer würde und derſelben die Arme weh thäten, hinein legen könne. Ueber das Körbchen war ein Schirmtuch zu ſpannen. Die Eſelin ging geduldig und gehorſam in dem Sande, der ihre Hufe röſtete. Abdias reichte ihr mehrmals Waſſer, auch mußte ſie ein⸗ mal, da die mitgenommene Milch in der Hitze des Tages ſich zu ſäuern begann, für Ditha gemolken werden. So zog man fort. Die Sonne ſenkte ſich nach und nach dem Rande der Erde zu. Mirtha redete nichts, da ſie den Mann Abdias haßte, weil er ſein Weib umgebracht hatte. Er ſchwieg auch beſtändig und ging vor der Eſelin her, daß ihm die Haut von den wunden Füßen hing. Zuwei⸗ len ſah er nur in das Körbchen hinein, in welchem das Kind ſchlief, und ſah, ob noch der Schatten auf dem Geſichtchen desſelben wäre. Als es Abend wurde und die Sonne als eine rieſengroße blutrothe Scheibe an dem Rande der Erde lag, die ſich gleichfalls als ein vollkom⸗ menes flaches Rund aus dem Himmel ſchnitt, wurde Halt gemacht, um die Nachtruhe zu genießen. Abdias breitete ein großes Tuch aus, wel⸗ ches unter dem Sattel auf dem Rücken der Eſelin lag, ließ ſich Mirtha auf das Tuch ſetzen, ſtellte das Körbchen mit dem Kinde daneben, und gab den weißen Mantel her, daß ſich beide damit zudecken könnten, wenn die Racht gekommen wäre und ſie ſchlafen würden. Dann tränkte er die Eſelin und legte ihr Heu vor, auch einige Händevoll Reis hielt er in Be⸗ reitſchaft, um ſie ihr ſpäter zu geben. Hierauf packte er ſeine Kochvor⸗ richtungen aus, das heißt eine Weingeiſtlampe, eine Waſſerkanne und den Brüheſtoff. Als er angezündet, Waſſer gehitzt und die Suppe be⸗ reitet hatte, gab er Mirtha zu eſſen, aß ſelber, trank von dem ſchlechten lauen Waſſer des Schlauches und gab Mirtha zu trinken. Zum Nach⸗ tiſche wurden einige der getrockneten Früchte aus dem Sacke genommen. Da alles dieſes geſchehen war, legte ſich Mirtha zur Ruhe, beſchwichtigte das im ganzen heutigen Tage erſt jetzt zum erſten Male weinende Kind, und in Kurzem ſchliefen beide feſt und gut. Abdias benützte, als er ge⸗ geſſen hatte, den noch kleinen Ueberreſt der Tageshelle, um einige von den Goldſtücken, welche er geſtern aus dem Sande ausgegraben hatte, in die Piſtolenhalfter und in den Sattel, der einige kleine Höhlungen in dem Holze hatte, zu thun und zuzunähen. Er that die Münzen in gehöhlte Stellen, wo ſie ſich nicht rühren und nicht klappern konnten und heftete alte Lederflecke darauf, oder er trennte hie und da das ſchon vorhandene Flickwerk und ſchob die Geldſtücke hinein, worauf er das Getrennte wie⸗ der herſtellte. Als bei dieſem Geſchäfte die Nacht hereinbrach und ſchnell ihre in jenen Ländern ſo tiefe Dunkelheit auf die Erde breitete, legte er alles ſeitwärts und rüſtete ſich zur Ruhe. Er breitete vorerſt noch ganz einhüllend den Mantel über Ditha und Mirtha, daß ſie von den giftigen Dünſten der Wüſte beſchützt würden. Sodann legte er ſich ſelber auf den bloßen Sand nieder, den Kaftan, den er ausgezogen und mit dem er ſich zugedeckt hatte, über ſein Geſicht zichend. Um den einen Arm hatte er den Riemen der Eſelin geſchlungen, welche müde war und ſich gleich⸗ — 230— falls ſchon in dem Sande nieder gelegt hatte. An dem andern lagen handrecht zwei Piſtolen, jede vierläufig, die unter Tags in dem Halfter geſteckt waren, und die er auf alle Fälle zu ſich nahm, obwohl in dieſem weiten Sande weder Thiere und kaum auch Menſchen zu fürchten waren. Die Nacht verging ruhig, und mit Anbruch des nächſten Tages wurde die Reiſe fortgeſetzt. Abdias war, als ſich der erſte Saum des leeren Himmels in Oſten anzündete, aufgeſtanden, hatte das Heu und die Lappen, die er auf das Riemwerk gebreitet hatte, daß es ſich nicht näſſe und dann in der Hitze leide, weggeräumt und geſammelt, worauf er dann Kola, die Eſelin, ſattelte und alle die andern Dinge an ihren Platz that. Nachdem er und Mirtha gegeſſen hatten, und Ditha mit der Milch des Thieres getränkt worden war, brach man auf. Ehe noch ein kleiner Theil dieſes ihres zweiten Reiſetages vergan⸗ gen war, ſtanden ſchon die blauen Berge, Abdias nächſtes Ziel, ſehr groß und deutlich an dem Rande der Wüſte, aber ſie ſtanden ſtunden⸗ lange ſo klar und deutlich da, ohne daß es ſchien, daß man ſich ihnen nur zollbreit genähert hätte. Abdias hatte für ſeinen Zweck mit Abſicht einen Weg eingeſchlagen, der zwar ein bedeutend längerer war, als jeder andere, aber den Vortheil hatte, daß er kürzere Zeit in der Wüſte führte, indem er nur eine Bucht derſelben durchſchnitt und gegen die benannten blauen Gebirge zulief. Abdias hatte dieſes gethan, um die Wüſtenluft zu vermeiden, die Mirtha und Ditha noch nie geathmet hatten. Aber nicht blos durch einige Stunden ſtanden die wunderſchönen blauen locken⸗ den Berge aufrecht vor ihnen am Rande der Ebene, gleichſam zum Grei⸗ fen nahe, ſondern ſie ſtanden den ganzen Tag ſo, obwohl man ſich ihnen in gerader Richtung näherte, und änderten weder ihre Farbe noch ihre Größe. Erſt da das kurze Abenddämmern jenes Himmelsſtriches kam, erreichte man zwar nicht ſie ſelber, wohl aber ein grünes Eiland, gleich⸗ ſam ein Vorland derſelben, auf welchem für Kola, die Eſelin, friſche Pflanzen, für alle drei aber eine klare Quelle war. Als man ſich auf die Inſel begeben und dort, was ſie bot, namentlich das kühle Waſſer, ge⸗ noſſen hatte, zog Abdias die Reiſegeſellſchaft wieder zurück gegen die Wiüſte, und ließ ſie auf einem Platze zum Nachtlager ſtille halten, auf welchem Sand war und Diſteln und Cactuspflanzen in großen Zwiſchen⸗ räumen zerſtreut ſtanden. Er that dieſes des Thaues willen, der auf Wiüſteninſeln in ſehr großer Menge zu fallen pflegt, und für diejenigen, ————— — 231— die dort unter freiem Himmel ſchlafen, ungeſund iſt. Er machte genau die nämlichen Vorbereitungen wie in der vergangenen Racht, und ver⸗ barg den noch übrig gebliebenen Reſt der Goldſtücke in jene Stellen des Sattels, der Gurten und des andern Geſchirres der Eſelin, welche zu dieſem Zwecke noch da waren. Einen Theil des Goldes aber ſteckte er zu ſich in verſchiedene Fächer ſeiner Kleider, daß, wenn Räuber über ihn kämen, ſie dasſelbe fänden, und in der Meinung, daß es ſein geſammtes Geld ſei, nicht weiter ſuchten. Wie in der vergangenen Racht, legte er ſich wieder auf den bloßen Sand und ſchlief. Da der Morgen dämmerte, wurde er, der heute viel beſſer geſchlafen hatte als geſtern, durch ſeltſame Töne geweckt. Es war ihm, als träumte er ſich um dreißig Jahre zurück, als läge er mit ſeinem Haupte wieder an dem Halſe ſeines Kameeles und höre das Schnaufen desſelben mitten in der ringsum ruhenden Karawane liegend. Er rieb ſich ſeine von dem fei⸗ nen Wüſtenſande ſchmerzenden Augen, und da er ſie öffnete, ſah er wirk⸗ lich ein Kameel vor ſich ſtehen, das der Morgenglut der Wüſte entgegen ſchnaufte, und ſeinen kleinen Kopf hoch gehoben hatte. Auch einen Mann erblickte er, einen Schlafgenoſſen, den ſie in der Nacht bekommen haben mußten. Derſelbe lag auf dem Boden im tiefſten Schlafe begraben, und den Riemen des Kameeles um ſeinen Arm geſchlungen, wie es Ab⸗ dias gerne machte. Abdias ſprang empor, ging näher gegen die Gruppe der zwei Weſen, die in einer kleinen Entfernung von ihm war, und da er hinzu gekommen, traute er ſeinen Augen kaum— es war der furcht⸗ bar abgehetzte Knabe Uram, der da vor dem Kameele auf dem Boden lag. Derſelbe ſchlief auf dem Rücken liegend und das Anklitz gerade gegen den Himmel empor zeigend. Dieſes Antlitz, das ſonſt ſo jugendlich heiter und friſch war, war aber jetzt ſo entſtellt, als ſei der Knabe in dieſen zwei Tagen um zehn Jahre älter geworden. Als ihn Abdias aufgeweckt hatte und die inzwiſchen aufgeſtandene Mirtha auch herzu gekommen war, erfuhr man den Zuſammenhang der Sache. Da der Knabe die Heerde gefunden und unter den vielen Thieren, die den Bewohnern der Trümmer⸗ ſtadt gehörten, die des Juden Abdias gezählt, und um keine Irrung zu begehen, noch einmal gezählt hatte, ging er wieder nach Hauſe, indem er auf dem Wege das Brod und die Datteln aß, die er ſich als Mittags⸗ mahl mitgenommen hatte, und die herausbekommene Zahl, damit er ſie nicht vergäße, immer wiederhölte. Zu Hauſe, wo er Nachmittag an⸗ — 232— gekommen war, habe er ſeinen Herrn Abdias geſucht— er ſuchte ihn in allen Gewölben, in dem Stalle, bei dem Heue, bei den Ciſternen, an der Aloe— und fand ihn nicht; erſt, als er auch bemerkte, daß Mirtha und Ditha ebenfalls fehlen, und die Eſelin auch nicht da ſei, ſei ihm Abdias Auswanderung klar geworden. Er habe nun dem Juden Gad ein Kameel geſtohlen und ſei nachgejagt. Zuerſt hat er die Spuren der Eſelin ge⸗ ſucht, und dieſelben wirklich in den Thälern zwiſchen den Trümmern gefunden, wie ſie in Umwegen gegen die Wüſte hinausgingen. Dann erſt hat er das Kameel genommen, iſt darauf geſtiegen, und zu dem Punkte in aller Schnelligkeit hin geritten, wo die Spur in die Wüſte mündete. Allein ſo deutlich die Tritte des Hufes, deſſen kleine Geſtalt er recht gut kannte, in dem Trümmerwerke und vorzüglich auf lockerem Grasboden waren, ſo ſehr waren ſie in dem weichen Sande der Wiüſte verſchwunden. Er ſah gar nichts mehr, das einem Tritte ähnlich war, ſondern nur die feinen Schneiden des gewehten Sandes, und da mußte er gegen die muthmaßliche Richtung zu beiden Seiten immer hin und her jagen, ob er auf der fahlen Fläche, die da ſchimmerte und noch unzählig viele an⸗ dere Sternchen und Flimmerchen hatte, die glänzten, nicht einen ſchwar⸗ zen Punkt ſähe, der die Hinziehenden vorſtelle, oder etwa zufällig die Reiſeſpuren wieder fände. Dann ſei er ſo durſtig geworden und ſo er⸗ hitzt, daß er nichts mehr ſehen konnte, weil der Boden vor ſeinen Augen zu wallen angefangen habe. Hierauf habe er ſich mit beiden Händen an dem Kameele gehalten, weil es doch viel ſtärker geweſen ſei, als er— und dieſes ſei heute Nachts geraden Weges hierher gerannt. Es muß die Reiſenden oder die Quelle gewittert haben; denn es hat, ehe ſich beide zur Ruhe begeben, eine ungeheure Menge Waſſer aus der Quelle ge⸗ trunken. Abdias ſtreichelte die Haare und das Angeſicht des Jünglings und ſagte, er dürfe nun ſchon bei ihm bleiben. Dann bereitete er die Suppe und gab ihm zu eſſen. Auch von den Früchten reichte er ihm einen klei⸗ nen Theil und ſagte, er ſolle wenig eſſen, daß es ihm nicht ſchade; denn nach ſeiner Rechnung mußte der Knabe an fünfzig Stunden nichts ge⸗ noſſen haben. Dann ließ Abdias die beiden Thiere, das Kameel und die Eſelin, von dem friſchen Futter, welches auf der Inſel war, ſo viel freſ⸗ ſen, als er glaubte, daß ihnen zuträglich ſei, die eigentlich mehr an das trockene Futter gewohnt waren. Von dieſem trockenen Futter bekamen ſie dann noch einen geringen Reſt; denn es mußte jetzt geſchont werden, weil Uram gar keinen Vorrath mit ſich genommen hatte, und das Land und die Gebirge noch ferne waren, wo man wieder einen bekommen konnte. „Haſt Du denn nicht daran gedacht, daß das Kameel matt werden und Dich nicht mehr weiter tragen könnte, ehe Du uns fändeſt?“ fragte Abdias. „Freilich habe ich daran gedacht,“ antwortete der Knabe,„deßhalb habe ich es ſo lange trinken laſſen, als es nur wollte, ehe ich fort ritt, auch habe ich ihm von den Körnern zu fteſſen gegeben, die in unſerer Wohnung lagen, und wovon Du einen Theil ausgeſchüttet haſt.“ „Haſt Du einem unſerer Nachbarr geſagt, daß Du die Meinung gefaßt haſt, daß ich fortgezogen ſei?“ fragte Abdias weiter. „Nein, ich habe keinem Menſchen ein Wort geſagt, daß ſie uns nicht nachfolgen, und uns etwa finden,“ ſagte der Knabe. „Gut,“ antwortete Abdias, indem er an der Aufzäumung der Eſelin weiter arbeitete. Uram hatte indeſſen die elende Ausrüſtung, die das Kameel hatte, in den Stand geſetzt, deſſen ſie fähig war. Man traf die Verabredung, daß Abdias und der Knabe, je nachdem einer oder der andere von ihnen müder würde, in der Benützung des Kameeles abwechſeln ſollten. Mirtha und Ditha wurden auf der Eſelin untergebracht, wie gewöhnlich. Als alles in Ordnung war, brachen ſie auf. So zog nun die auf dieſe Weiſe vergrößerte Reiſegeſellſchaft weiter, und wie die erſten zwei Tage geweſen waren, waren alle folgenden. Nach⸗ dem man von der Inſel weg noch drei volle Tage gezogen war, kam man erſt in fruchtbares Land und in das gegen ſie heranſchreitende Gebirge. Abdias hatte hier in ein einziges ſchlechtes Dorf abgelenkt, um ſich dort mit allem Nöthigen zu verſehen, was man brauchte, und was auszu⸗ gehen drohte. Dann bog er wieder gegen die Einöden ab, die hier ganz anders waren, als in der Wüſte, aber gewiß nicht minder ſchön, erhaben und furchtbar. Die Menſchen, Hütten und Dörfer meidend zog man weiter, entweder durch Schluchten, oder auf einſamen Bergrücken, oder gegen ſachte ſteigendes mit würzigem Graſe verſehenes Staffelland. Die Vorſichten, welche man im Weiterziehen und hauptſächlich beim Nacht⸗ lager anwendete, waren jetzt weit mehr, als in der Wüſte. Abdias hatte auch den Knaben bewaffnet; denn er hatte in dem Rüſtzeuge der Eſelin weit mehr Waffen in Fächern angebracht, als die zwei vierläufigen Piſto⸗ len, die er bisher in der Wüſte bei ſeinem Nachtlager immer an ſeiner Seite gehabt hatte. Er trug jetzt bei Tage vier Piſtolen in ſeinem Gürtel und hatte einen ſchuhlangen Dolch in der Gürtelſcheide ſtecken. Dem Knaben gab er drei Piſtolen, und ebenfalls einen Dolch. Jeden Morgen wurden die Ladungen neu unterſucht und neu gemacht. Bei der Nachtruhe lagen die Piſtolen neben den Schlafenden; die Kleider blieben, wie natürlich iſt, auf dem Leibe. Auch wurde jetzt alle Nacht zur Ver⸗ ſcheuchung der Löwen und anderer Thiere ein Feuer gemacht, wozu die Brennſtoffe mühſelig unter Tag geſammelt, und auf dem Kameele weiter befördert wurden. Zur Unterhaltung des Feuers und zur Wache mußten Abdias und der Knabe abwechſeln, und immer einer aufrecht an dem Feuer ſitzen und herum ſchauen. Aber es traf keine der gefürchteten Gefahren ein. Die Rächte ver⸗ gingen ſtill und lautlos, mit den feurigen ſcharfen Sternen aus dem dunkelblauen Himmel jenes Landes hernieder ſchauend; die Tage waren ſchimmernd und heiter, und jeder ſo ſchön und wolkenlos, oder ſcheinbar noch ſchöner und klarer, als ſein Vorgänger. Die Glieder der Geſell⸗ ſchaft waren wohl, die kleine Ditha war geſi d die fteie Luft, welche immer unter dem Tüchelchen ihres Körbch röthete ihre Wänglein, wie an einem zarten Apfel. Man h Menſchen noch Thiere geſehen, manchen einſa der zuweilen, wie ſie weiter gingen, hoch ober“ hing. Es hatte ſie ein ſchönes Glück geleit glänzender Engel über ihren Häuptern mit. S An frühen Morgen des neun und zwanzigſten Tages ihres Zuges, da ſie über eine ſtrauchloſe ſachte anſteigende Fläche zogen, riß plötzlich die Farbe des Landes, die lieblich dämmernde, die ſie nun ſo viele Wochen geſehen hatten, ab, und am perlenlichten Morgenhimmel draußen lag ein unbekanntes Ungeheuer. Uram riß die Augen auf. Es war ein dunkel⸗ blauer, faſt ſchwarzer Streifen, in furchtbar gerader langer Linie ſich aus der Luft ſchneidend, nicht wie die gerade Linie der Wüſte, die in ſanfter Schönheit, oft in faſt roſenfarbner Dämmerung unerkennbar in dem Himmel lag; ſondern es war wie ein Strom, und ſeine Breite ſtand ſo gerade empor, als müßte er augenblicklich über die Berge herein ſchlagen. — 235— „Das iſt das Mittelmeer,“ ſagte Abdias,„jenſeits deſſen das Land Europa liegt, in welches wir ziehen.“ Seine zwei Gefährten ſtaunten das neue Wunderwerk an, und je weiter ſie kamen, deſto mehr entfaltete ſich der vorher ſchmal ſcheinende Strom, Farben und Lichterſpiele waren auf ihm, und am Mittage des⸗ ſelben Tages, als ſie an dem Rande des Tafellandes angekommen waren, riß die feſte Erde jäh ab, ſie ſtürzte vor ihnen hinunter, und legte in der Tiefe die Fläche des Meeres vor ihre Füße. Ein dunkler waldreicher Streifen der afrikaniſchen Küſte lief an dem naſſen Saum hin, eine weiße Stadt blickte aus ihm auf, und unzählige weiße Punkte von Landhäu⸗ ſern waren in dem Grün zu ſehen, gleichſam Segel, die aus dem Grün eben ſo, wie die andern aus dem ſchreckhaft dunklen Blau des Meeres leuchteten.„ So ſchön iſt der Scheidegruß, den das traurige Sandland ſeinem Sohne nachruft, der es verläßt, um die feuchten Küſten Europas aufzu⸗ ſuchen. Abdias ſtieg mit den Seinigen in die Stadt hinunter, aber nicht in der eigentlichen Stadt hielt er ſich auf, ſondern weiter draußen, wo ein weißer Damm in die blauen Wogen lief, viele Schiffe ſtanden, und ihr Stangenwerk, die Aeſte eines dürren Waldes, in die Lüfte hoben. Hier o in ein Häuschen ein, um zu warten, bis ein Schiff reiſefertig wäre, nach Europa zu gehen, und ihn mitzunehmen. Er ging faſt gar nich her wenn er ſich in dem Hafen erkundigte, und Uram immer« Das Kameel hatten ſie verkauft, weil es ihne tan unnütz war, die Eſelin aber mußte in dem Häuschen unters werhen. So lebten ſie ſehr abgeſchieden drei Wochen, bis eines Tages ein Schiff ausgerüſtet war, und im Begriffe ſtand, nach Er⸗ ropa abzugehen, und zwar nach dem Punkte, wohin Abdias am meiſten zielte. Er hatte mit dem Herrn desſelben eine Uebereinkunft getroffen, und in Folge derſelben ſchiffte er ſich mit dem Kinde, mit Uram und mit der Eſelin auf das Fahrzeug ein. Mirtha hatte ihn einer Liebe halber, die ſie in der weißen Stadt gefunden hatte, verlaſſen, und war nicht zu bewegen geweſen, ihm zu folgen. Auch eine andere Wärterin hatte er nicht bekommen; denn wie große Anbote er auch machte, die er in Eu⸗ ropa zahlen wollte, ſobald ſie angekommen ſein würden, mochte doch keine einzige mit ihm gehen, weil ſie ihm nicht traute. Selbſt auf das 236 Schiff, wo er dann Geld zu zahlen verſprach, folgte ihm keine, und auf dem Lande Geld zu zeigen, hielt er ſelber nicht für gut; auch wußte er recht wohl, daß es nur dazu gedient hätte, daß ihn dann nur ein ſolches Weib verrathen hätte, ohne doch mit zu gehen, weil er dieſe Leute kannte, daß ſie an ihrem Flecke Aufenthaltes, wie ſchlecht er ſei, haften, und in keinen andern, am wenigſten in das verdächtige und gehaßte Eu⸗ ropa gehen, wo die Ungläubigen wohnen. Alſo ſtieg er allein mit Uram zu Schiffe. Als endlich der Zeitpunkt der Abfahrt gekommen war, und als ſie beide auf dem ſchwimmenden Hauſe ſtanden, wurden nun die großen eiſernen Anker aus dem Waſſer hervorgezogen, die Waldesküſte begann vor ihnen zu ſchwanken und zurück zu finken. Wie ſie immer mehr hin⸗ aus rückten, kam weiter unten noch ein Küſtenſtrich zum Vorſcheine, aus welchem das weiße Haus Melek's leuchtete. Abdias ſchaute darauf hin, aber wie der Streifen der Küſte immer weiter und weiter zurückwich, das Land endlich gleichſam wie ein thörichtes Märchen eingeſunken war, und um das ganze Schiff ſich nichts regte, als die Wellen, wie unzählige glänzende Silberſchuppen: ſaß er nieder und verſenkte die Augen in die Züge ſeines Kindes. Das Schiff ging nun fort und fort— und er ſaß und hielt das Kind in ſeinen Armen. So oft diejenigen, die noch mit reiſeten, hin blickten, ſahen ſie dasſelbe Bild des Mannes, wie er ſaß und das Kind auf ſeinen Armen hielt. Er ſtand blos dann auf und ging abſeits, wenn er es nährte, oder reinigte, oder den Lappen, in die es eingewickelt war, eine andere Lage gab, daß es leichter liege. Uram lag zwiſchen hingewor⸗ fenen hölzernen Geräthen und neben einem gerungenen kreisförmigen Haufen von Tauen. Es gibt Menſchen, die vielerlei lieben und ihre Liebe theilen— ſie werden von vielen Dingen ſanft gezogen: andere haben nur eines, und müſſen das Gefühl dafür ſteigern, daß ſie die übrigen tauſend linden Seidenfäden des Wohles entbehren lernen, womit das Herz der erſtern täglich ſüß umhüllet und abgezogen wird. Abdias und Uram waren immer auf dem Verdecke. Die Fahrt war ſehr ſchön, der Himmel ſtets heiter, und ein ſanfter Zug ſpielte in den Segeln. Wenn ein Wölklein an dem Himmel erſchien, ſahen die Reiſen⸗ den darauf hin, ob es nicht einen Sturm bringen werde— aber es — 237— brachte keinen, das Wölklein verſchwand immer wieder, ein Tag war ſo ruhig wie der andere, die Wellen waren klein als dienten ſie blos, die Fläche, die ſonſt eben wäre, zu unterbrechen und heiter zu beleben—— und ſo lag eines Nachmittags die ſchimmernde freundliche Küſte Europa's auf dem blauen Waſſer— die Küſte Europa's, nach welchem Lande Ab⸗ dias ſich einſt geſehnet hatte. Mit ſchmeichelnden Wogen trug der Ocean das Schiff, während die Sonne gemach nach Weſten ſank, dem nörd⸗ lichen Lande immer näher und näher— ein glänzender Punkt nach dem andern hob ſich aus der dunkeln Fläche, leuchtende Streifen ſtanden end⸗ lich aufwärts, und als die Sonne zuletzt hinter den Weſtrand geſunken war, lag ein ganzer Gürtel von Palläſten um die ſchwarze Bucht ge⸗ ſchlungen. Das Schiff mußte nun vor ſeinen Ankern liegend harren, und ſeine Menſchen und ſeine Sachen behalten, bis die Zeit um wäre, in der es ſich zeigen ſollte, daß es keine böſe Seuche gebracht habe. Als nun dieſe Zeit vergangen war, und die Menſchen und die Waa⸗ ren gelandet wurden, wunderten ſich Einige, und Andere lachten, als ein hagerer häßlicher Jude über das Bret des Bootes ſchritt, ſtatt Päcken von Waaren ein kleines Kind an ſeinem Buſen tragend, und wie hinter ihm ein faſt nackter gelenker Knabe, gleichſam ein ſchönes dunkles Erz⸗ bild folgte, eine halb verhungerte Eſelin nach ſich ziehend:— auf allen Dreien lag dasſelbe Grau der Wüſte und der Ferne, wie auf den Thie⸗ ren der Wildniß eine fremde verwitterte Farbe zu liegen pflegt.— Einen Augenblick ſtaunten die Vielen, die da ſtanden und zuſchauten, die Fremd⸗ linge an— im nächſten waren dieſelben von dem Strome des menſchen⸗ wimmelnden Welttheiles verſchlungen und in ſeinen Wogen fortgeführt. Das Bild zeigte wieder ſonſt nichts, als was es den ganzen Tag zeigt: eine unruhige durcheinander gehende Menge, die nach ihrem Vortheil, nach ihrer Luſt oder nach andern Dingen rennt, umſtanden von den ruhigen, großen, glänzenden, oft prachtvoll gebauten Häuſern. Wir aber wollen den fremden Ankömmlingen einen Augenblick vor⸗ aus eilen, um die Stelle anzuzeigen, wo wir ſie wieder finden werden. Es liegt ein ſehr vereinſamtes Thal in einem fernen und abgelege⸗ nen Theile unſers ſchönen Vaterlandes. Sehr viele werden das Thal nicht kennen, da es eigentlich nicht einmal einen Namen hat, und, wie — 238— wir ſagten, ſo ſehr vereinſamt iſt. Es führt keine Straße durch, auf der Wägen und Wanderer kämen, es hat keinen Strom, auf dem Schiffe erſchienen, es hat keine Reichthümer und Schönheiten, um die Reiſeluſt zu locken, und ſo mag es oft Jahrzehente da liegen, ohne daß irgend ein irrender Wanderer über ſeinen Raſen ginge. Aber ein ſanfter Reiz der Oede und Stille liegt darüber ausgegoſſen, ein freundlich Spinnen der Sonnenſtrahlen längs der grünen Fläche, als ſchienen ſie mit vorzugs⸗ weiſer Liebe und Milde auf dieſen Ort, da er gegen Mitternacht durch einen ſtarken und breiten Landrücken geſchützt iſt, und ſo die Strahlen günſtig aufnimmt. Zur Zeit, da ſich das zutrug, was wir hier erzählt haben, war das Thal ganz und gar unbewohnt: jetzt ſteht ein nettes weißes Haus auf ſeinem Weidegrunde, und einige Hütten rings herum, ſonſt iſt es noch faſt öde wie vorher. Einſt war nur der weiche Raſen⸗ grund, beinahe ganz ohne Bäume, nur hie und da von einem grauen Steinblocke unterbrochen. Der Raſengrund ſchwingt ſich zu einer ſanf⸗ ten Wiege herum, die, wie wir ſagten, gegen Mitternacht durch einen anſteigenden Landrücken geſchloſſen iſt, auf deſſen Höhe ein Föhrenwald, wie ein mattes Band am Himmel hin zieht; im Mittage aber hat es eine Ausſicht, die durch das hereinſchauende Blau entfernter Berge um⸗ ſchlungen iſt. Sonſt bietet die Wiege auf ihrem Grunde nichts dar, als das Grün des Bodens und das Grau der Steine; denn die ſchmale Schlange des Baches, der in ihrer Tiefe fließt, iſt dem betrachtenden Auge von mäßiger Entfernung aus nicht mehr ſichtbar. An der Mitternachtſeite dieſes Thales, jenſeits des Föhrenwaldes, beginnen wieder die von Menſchen gepflegten Gegenden, namentlich ſtehen die Felder gerne in großen Strichen hin mit der blauen Blume des Flachſes bepflanzt. Auch gegen Mittag in nicht gar großer Entfernung ſind wieder bebaute Fluren. Nur die Thalwiege, wie das oft bei Land⸗ bebauern geſchieht, weil ſie in der That dem Anbauer größere Hinder⸗ niſſe entgegen ſetzte, ſtand im Rufe der gänzlichen Unfruchtbarkeit. Es ward nie ein Verſuch gemacht, zu ergründei ob ſich dieſer Ruf beſtätige, ſondern man nahm ihn von vorne hinein als wahr an, und ſo lag die Wiege Jahrhunderte hindurch unbenützt da. Es ging nur ein ſehr ſchmalet, an den meiſten Stellen blos durch das niedergetretene Gras erkennbarer Pfad durch das Thal, auf welchem Pfade regelmäßig im Frühlinge und Herbſte einzelne Bewohner eines ziemlich entfernten Berg⸗ 7 * — 241— man darauf in der Kühle der Zimmer ſitzen könne. Um dieſe Kühle zu erzeugen, ließ er, wie er es ebenfalls in Afrika gelernt hatte, Gemächer mit ſehr dicken Mauern verfertigen, in den Gemächern hatte er nur in großen Zwiſchenräumen ein paar kleine Fenſter, die doppelte gegliederte Fenſterbalken der Art hatten, daß ihre Dächelchen über einander gelegt, oder zur Hereinlaſſung von mehrerem Lichte wagrecht geſtellt werden konnten. Er hatte dieſe Balken in Europa kennen gelernt, und wendete ſie ſtatt der Mirthen an, welche in der Wüſtenſtadt ſein oben gelegenes Fenſter umrankt und überwuchert hatten, daß die brennenden Strahlen der dortigen Sonne nicht eindringen konnten. Die kleinen Fenſter der Gemächer aber gingen nicht unmittelbar in die freie Luft, ſondern in einen andern Raum, der ebenfalls eine Art Gemach oder te bil⸗ dete, und durch dicke Thüren und ebenfalls durch gegliederte Fenſterbal⸗ ken zu ſchließen war, damit die Strahlen der Sonne und der Durchzug der äußern heißen Luft abgehalten würden. Lauter Anſtalten, die er in Europa nicht nöthig hatte. Was ihn ſchier am meiſten freute, war ein Brunnen, den ihm ein Meiſter an einem ſtets ſchattigen Theile ſeines eigenen Hofes gemacht hatte, wo man nur an einem Metallknopfe hin und her zu ziehen brauchte, daß kriſtallhelles eiskaltes Waſſer in das ſteinerne Becken heraus floß. Anfangs wollte er das häufige Ziehen 1 icht zulaſſen und den großen Verbrauch des Waſſers hindern, daß es nicht vielleicht zu ſchnell zu Ende gehe, aber da das Waſſer durch zwei Jahre unvermindert und gleich friſch dem Zuge des Metallknopfes folgte, Srinnte er, daß hier ein Schatz ſei, den man nicht leeren, den ſie hier ſchätzen können, und den man in der Wüſtenſtadt für das höchſte ut gehalten hätte. Ueberhaupt waren er und Uram in der erſten Zeit ihres Wanderns in Europa über die prächtigen Quellen, die es hat, ent⸗ zückt, wunderten ſich, wie die Leute, die da leben, ſich nichts daraus machten, und tranken oft, vorzüglich, wenn ſie im Gebirge waren, und ein recht glasklarer Strahl aus Steinen hervor ſchoß, mit Luſt und dem Waſſer zu Ehren, ſelbſt wh ſie nicht durſtig waren. Sie prieſen die Wäſſer des Gebirges vor denen der Ebene, wenn ihnen auch das Ge⸗ birge ſelber nicht beſonders gefiel, da es ſie beengte und ihnen die Weite und Unendlichkeit benahm, an die ſie gewohnt waren. Im Garten, den er bereits mit einer hohen Mauer umfangen hatte, war aber noch nichts, als Gras; allein auf künftigen Schatten bedacht, ließ er Bäume pflan⸗ Stifter. 4 Aufl. II. 16 — 242 zen, und nahm ſich vor, ſie ſelber zu pflegen und zu betreuen, daß ſie ſchnell wüchſen, und doch in wenigen Jahren ſchon Schatten auf den Raſen und auf die weiße Mauer des Hauſes würfen. Für eine Abthei⸗ lung, wo Gemüſe und andere nützliche Dinge wüchſen, würde er in der Zukunft ſchon ſorgen, jetzt müſſe er, dachte er, nur das Nothwendigſte zuerſt in den vollkommenen Stand ſetzen. Die inneren Gemächer waren nun alle eingerichtet, das Haus war fertig, und von Außen gegen Angriffe geſchützt. Diener und Dienerin⸗ nen hatte er von dem Volke ſeines Glaubens bekommen. Als der ganze Bau in wohnlichem Zuſtande war, wozu er beinahe drei ganze Jahre gebraucht hatte, ging er daran, ihn zu beziehen. Er nahm Ditha aus dem hölzernen Häuschen, welches mit doppelten Holz⸗ wänden für das Kind und ihn als Nothwohnung errichtet worden war, heraus, und ließ es in die ſteinerne Wohnung in das für dasſelbe eigens eingerichtete Gemach tragen. Er folgte, indem er die ganz wenigen Dinge, die er in dem Holzhäuschen gehabt hatte, mit ſich nahm. Das Häuschen wurde nun ſofort abgeriſſen. Ein Ziel, welches er in dem Lande Europa angeſtrebt hatte, hatte er nun erreicht, nämlich einen Wohnplatz. In dieſem ſaß er nun mit Ditha ganz allein; denn Uram war ſchon im Verlaufe des erſten Jahres ihrer europäiſchen Wanderung, obwohl er vermöge ſeiner Jugend alles, was ihm aufgeſtoßen war, mit Neugierde und oft mit Entzücken be⸗ trachtet hatte, an dem fremden Klima verſchmachtet. Abdias ſaß mit Ditha allein. Dieſer wollte er nun alle Aufmerkſamkeit zuwenden, daß ſie, wie er ſich vorgenommen hatte, ein wenig erzogen würde, indem er bisher, da er eine Wohnung für ſie baute, nicht viel Zeit gehabt hatte, ſich nach ihr umzuſehen, und auch die Diener, die ihr beigegeben worden waren, ſie blos nährten, pflegten und ſchützten, und im Andern ſie liegen ließen, wie ſie nur wollte. Sie war aber übrigens in ihrem Körperchen geſund und blühend. Und ſo lag ſie nun vor ihm da, ein ehrwürdig Räthſel, aus ſeinem Weſen hervorgegangen, und einer unbekannten Ent⸗ hüllung harrend. Abdias ging nun mit demſelben Eifer, mit dem er bisher alles be⸗ trieben hatte, daran, ſich mit Ditha zu beſchäftigen, obwohl er eigent⸗ 8 lich nicht wußte, wie er es anfangen ſollte, ſie zu entfalten und vorwärts zu bringen. Er hielt ſich ſchier immer in ihrem Zimmer auf. Er berührte — ſie, er redete mit ihr, er ſetzte ſie in ihrem Bettchen auf, er ſetzte ſie auf den Teppich des Fußbodens, er ſtellte ſie auf ihre Füße, er verſuchte ob ſie gehen könne, er wollte ſehen, ob ſie nicht eine kleine Strecke laufe, wenn er ihr einen lockenden Gegenſtand vorhalte, und ſehr viele Dinge dergleichen Art: aber ſehr bald ſah er, daß das Mädchen nicht ſei, wie es ſein ſollte. Er gab die Schuld auf die zwei Dienerinnen, die er in Europa blos zu dem einzigen Dienſte für Ditha genommen hatte, und welche nur für ihren Körper geſorgt hatten, daß er geſund ſei und ge⸗ deihe, für die ſonſtige Entwicklung aber nichts gethan zu haben ſchienen. Das Kind war jetzt ſchon um vier Jahre herum alt, aber es hatte nicht die Art und Weiſe eines vierjährigen Kindes. Sein Angeſichtchen war unſäglich lieb und ſchön, und es entfaltete ſich täglich mehr als das reizende Ebenbild des Vaters, wie er ausſah, da er noch jung und ſchön geweſen war; nur war die Kraft des Vaters durch leiſe Züge der Mutter gemildert, die in der Bildung des Angeſichtes zum Vorſchein kamen. Der Körper war faſt der eines vierjährigen Kindes, nur ſchien er viel zarter und nicht ſo ſtark zu den Bewegungen zu ſein, welche Kinder in dieſem Alter ſchon zu machen pflegen. Aber es lagen auch dieſe Bewegungen nicht in ihren Gliedern, der Vater wußte nicht, wegen bisheriger Vernachläſſigung derſelben, oder weil ſie überhaupt noch nicht da waren. Sie konnte noch nicht gehen, und zeigte auch keinen Drang dazu, wie er ſich doch ſonſt ſchon in viel jüngeren Kindern äußert, wenn ſie nach Gegenſtänden ihres Wohlgefallens hin ſtreben. Ja ſogar ſie kroch auch nicht einmal, wie doch die unentwickeltſten Kinder verſuchen, ſobald ſie ſich nur ſitzend zu erhalten vermögen. Wenn man ſie auf den Boden niederſetzte, ſo blieb ſie auf demſelben Platze ſitzen, man mochte noch ſo reizende Gegenſtände oder Raſchwerk, das ſie ſehr lieb hatte, in ihre Nähe legen. Stehen konnte ſie ſchon, aber wenn man ſie auf die Füße ſtellte, blieb ſie unbe⸗ weglich ſtehen, klammerte ſich an die ſie haltende Hand, und wenn man dieſe weg zog, ſtand ſie einſam in der Luft da, ſtrebte nach keiner Rich⸗ tung weiter, ihre Füßchen zitterten, und in den Mienen ſprach ſich Angſt und die Bitte um Hilfe aus. Wenn man ihr dann die Hand gab, und damit einen ihrer Finger berührte, ſo hielt ſie ſich ſchnell daran, faßte mit beiden Händchen darnach, und zeigte Neigung, nieder zu ſitzen. Wenn man ihr aber das verweigerte, ſo blieb ſie ſtehen, ſich an der dacgereich⸗ ten Hand feſthaltend, und nichts weiter verſuchend. Am vergnügteſten 16* ſchien ſie zu ſein, wenn ſie in ihrem Bettchen lag. Da fühlte ſie den meiſten Halt um ſich, war, wie es ſonſt auch ihre Weiſe war, ſehr ftomm, faſt nie weinend, langte nach nichts, ſondern hielt gerne eine Hand in der andern, und taſtete und ſpielte mit den Fingern der einen in denen der andern. Auch das Angeſichtchen zeigte noch nicht die Erregtheit, die ſonſt Kinder haben, wenn ſie durch die erſten und vermöge ihres hilfloſen Körperchens ſehr heftigen Verlangungen bewegt werden. Nicht einmal, wenn der Vater, den ſie recht gut kannte, mit ihr redete, ſie liebkoſte oder ſtreichelte, zeigte ſie die Belebung, die ſonſt die kleinſten Kinder haben. Die Züge des unausſprechlich ſchönen Angeſichtes blieben immer ruhig, die Augen mit dem lieblichſten, von Abdias oft ſo bewunderten Blau ſtanden offen, gingen nicht hin und her, und waren leer und leblos. Die Seele ſchien noch nicht auf den ſchönen Körper herunter gekommen zu ſein. Ihre Zunge redete auch noch nicht, ſondern wenn es ſehr gut ging, lallte ſie ſeltſame Töne, die keiner der menſchlichen Sprachen ähnlich wa⸗ ren, und von denen man auch nicht wußte, was ſie bedeuteten. Abdias konnte ſich nicht helfen, er mußte denken, daß Ditha blöd⸗ ſinnig ſei. Nun war er eigentlich ganz allein in ſeinem Hauſe; denn Ditha war noch Niemand, und Uram war geſtorben. Er hatte Ditha nach Eu⸗ ropa gebracht, um ſie zu bergen. Sie war eine Lüge— ewig mit der⸗ ſelben regloſen Miene, und mit den ruhigen Augen. Er dachte ſich, er werde viele Jahre ſo bei ihr ſitzen, dann werde er ſterben, ihre Züge wer⸗ den ſich auch nicht regen, denn ſie wird nicht wiſſen, daß Jemand geſtor⸗ ben iſt— und wenn ſein Antlitz ſtarr geworden, dann wird erſt recht der alte todte Vater der jungen ſchönen Tochter gleichen, ſo wie ſie jetzt ſchon ferne der ſanften vor Jahren geſtorbenen Mutter gleicht. Er wollte wenigſtens aus dem blödſfinnigen Körper ſo viel ent⸗ wickeln, als aus ihm zu entwickeln wäre. Er dachte, wenn er den Körper recht geſund und recht ſtark machte, wenn er ihn zu außerordentlichen Thätigkeiten reize— vielleicht könnte er eine Art Seele hervorlocken, wie jetzt gar keine vorhanden ſei. Er brachte Ditha in eine andere Räumlichkeit; denn ſie war bisher in einem jener kühlen Gemächer geweſen, wie wir ſie oben beſchrieben haben. Die neue Wohnung war luftig und licht, ſie beſtand aus zwei Zimmern, deren Fenſter geradezu in das Freie gingen, und deren Thüren — 245— ſich auf Gänge öffneten, die viele Fenſter hatten. Er ließ nun oft ganze Ströme Luft herein, ließ ſie durch die Zimmer ſtreichen und ſetzte Ditha darein, daß alle Theile ihres Körpers dieſe labende Flüſſigkeit genießen könnten. Er reichte ihr ihre Rahrung ſelber, und beſtimmte immer, worin ſie zu beſtehen hätte. Er wollte ſie nämlich recht leicht und näh⸗ rend haben, und ſie mußte in einer ganz beſtimmten Ordnung fertig wer⸗ den. Die Kleider, die ſie anhaben ſollte, gab er ebenfalls ſelbſt an, ſie ſollten keinen Theil des Körpers drücken, ſollten nicht zu heiß und nicht zu kühl ſein, und den Zutritt der Luft und der Sonne nicht zu ſtark hem⸗ men. So oft es nur wegen des in dieſen Ländern ſo ungleichen Wetters anging, mußte ſie in's Freie gebracht werden, und oft ganze Tage darin zubringen. Er nahm ſie an der Hand, er führte ſie herum, und hörte nicht eher auf, als bis er an ihrer immer mehr und immer ſchwerer an⸗ zichenden Hand merkte, daß ſie ſchon ſehr müde geworden ſei, und nur mehr den Körper armſelig ſchleppe. Wenn die Strahlen der Mittagsſonne zwar nicht ſteilrecht, wie es in ſeinem Vaterlande jährlich einmal beinahe genau der Fall geweſen war, aber doch ſehr warm hernieder ſchienen, wurde ſie leicht bedeckt in das Gras des Gartens unter den Schein der heißen Sonne geſetzt, und lange da gelaſſen, daß auf dem Angeſichte, auf der Stirne und auf dem Nacken große Tropfen ſtanden, und das feine Linnen, das gerne ihren Körper bedeckte, anzukleben begann. Dann ward ſie anders angekleidet, in die Zimmer gebracht, und dort ging er mit ihr, ſie an der Hand haltend herum, ſie auch öfter in den langen Gang hin⸗ aus führend, und dort auf und ab ziehend. Die Füßchen— das ſah er bald— wurden zunehmend ſtärker. Ihr Angeſicht mußte täglich mit Seife und friſchem Waſſer gewaſchen werden, die ſchönen blauen Augen bekamen jeden Morgen ein Bad von reinem Brunnenwaſſer, und die Haare, ſo gelb und klar wie goldener Flachs, mußten gekämmt und ge⸗ bürſtet und gewaſchen werden, daß auf dem Boden des Hauptes nicht ein Stäubchen und nicht ein Faſerchen von Unrath lag, ſondern die Haut ſo rein und eben glänzte, wie auf dem Buge des ſanft hinab gehenden Nackens. Wenn eroft im Garten oder ſonſt wo vor ihr auf den Knieen knieend ſich heiſer rief:„Ditha komme her— Ditha komme her!“ ſo ward ſie dann in ein kaltes Bad gethan, deſſen Waſſer man im Augen⸗ blicke erſt aus dem Brunnen geſchöpft hatte. Ihre entkleideten Glieder wurden von der reinen Fluth, die in einem marmornen ſehr großen Becken ſpielte, umfloſſen, naſſe Tüchet rieben den Körper, und in den hinaufgebundenen gelben Haaren hingen die klaren Tropfen wie Dia⸗ manten. Wenn es ihr manchmal zu kalt geworden war, oder wenn man ſie zu ſtark gebürſtet hatte, da ſie heraus geſtellt worden war, ſo zitterten ihre Glieder, und das Angeſichtchen verzog ſich ſanft zum Weinen. So verging eine Zeit, Abdias war faſt unabläſſig bei ihr, und beobachtete die Aeußerungen ihres Körpers. Die meiſte Regung einer Seele, ja eigentlich die einzige, glaubte er, gebe ſie gegen Klänge; denn er redete recht vft und Mamigfaltiges zu ihr. Er hatte ein feines Silberglöckchen— dieſes brachte er herbei, und ließ es leiſe vor ihren Ohren tönen. Sie merkte darauf hin, das ſah man deutlich. Und wie man den Klang die Tage fort öfter vor ihren Ohren wiederholte, lächelte ſie— und immer deutlicher und immer ſüßer wurde dieſes Lächeln, je öfter man den ſchmeichelnden Klang vor ſie brachte. Ja ſpäter begehrte ſie ihn ſogar ſelber; denn ſie ward unruhig, und ſprach ihre unbekannten Worte, bis er begann: Dann ward ſie ſtille, und ein Ding, wie Freude, ja ſogar wie ein ſehr verſtandesvolles Mienenſpiel, ſchimmerte in ihren Zügen. Abdias kam bei dieſer Entdeckung auf einen Gedanken, der ſich wie ein Blitz, wie eine leuchtende Lufterſcheinung durch ſein Haupt jagte, er dachte: das arme, gemarterte Kind könne blos blind ſein. Sogleich begann er, als ihm dieſer Gedanke gekommen war, Ver⸗ ſuche, um zu prüfen, ob es wahr ſei, oder nicht. Er ließ das Mädchen leicht gekleidet auf ſein Bettchen legen. Dann holte er eine lange ſehr ſpitzige Nadel, und mit derſelben ſtach er ſie in die Hand. Die Hand zuckte zurück. Er ſtach wieder, und ſie zuckte wieder. Dann berührte er blos die Hand mit der Spitze der Nadel, und ſiehe, ſie zog ſich auch zu⸗ rück. Das Kind mußte, wenn es ſah, nun die Nadel kennen, und mußte wiſſen, daß die feine Spitze derſelben das Schmerzende ſei. Er näherte nun die Nadelſpitze dem ſchönen großen, blauen Augapfel— immer mehr — immer mehr faſt bis zur Berührung: es erfolgte keine Regung, in ruhigem Vertrauen ſtand das Auge offen. Er holte nun noch aus der Küche eine glühende Kohle, nahm ſie in eine Zange und näherte ſie dem Auge— er ſchwang ſie ſtille aber dicht vor dem Antlitze in Kreiſen, daß ſie flammende Linien zog: aber es erfolgte ebenfalls keine Bewegung in dem Angeſichte, welche zeigte, daß das Kind die feurigen Kreiſe geſehen — 247— hatte. In derſelben ſprachloſen Ruhe blieb das ſchöne Auge. Er ver⸗ ſuchte noch eins: er ſchlug mit ſeinen Fingerſpitzen ſehr ſchnell aber laut⸗ los nahe oberhalb der Wimpern durch die Luft, bei welchem Verfahren faſt alle Menſchen und um ſo viel mehr die Kinder blinzen müſſen: aber Ditha wußte nichts, daß dieſe Bewegungen ſo nahe an ihren Augenli⸗ dern vor ſich gingen. Es war für ihn nun richtig, und alle bisherigen Erſcheinungen an dem Mädchem waren ihm klar. Es war blind. In der andauernden Nacht war die junge, verkannte, über das Weſen der Welt ahnungsloſe Seele blos hilflos gebunden geweſen, und hatte nicht gewußt, was ſie entbehre. Noch in demſelben Augenblicke, als Abdias dieſe Entdeckung gemacht hatte, wurde in die entfernte Stadt um den Arzt geſchickt. Er kam erſt am nächſten Tage, und beſtätigte mit ſeinen Kenntniſſen, was Abdias vermuthet hatte. Sofort wurde nun wieder ein ganz anderes Verfahren mit dem Kinde eingeſchlagen. Es wurde wieder in ein Zimmer verbannt, es wurde ihm ein kleiner Seſſel gemacht, auf deſſen Lehne es das Haupt zurücklegen konnte, daß die Augen, die ſchönen aber unnützen Augen, aufwärts gerichtet wären, daß der Arzt und der Vater in dieſelben hinein ſchauen konnten. Abdias ſchaute oft hinein, aber nicht das Geringſte, nicht die kleinſte Kleinigkeit war zu entdecken, wodurch ſich dieſe Augen von andern gewöhnlichen Menſchenaugen unterſchieden, außer, daß ſie ſchöner waren, als andere, daß ſie klar und mild waren, wie man ſelten menſchliche Augen finden würde. Es begannen nun, obwohl der Arzt geſagt hatte, daß er wenig Hoff⸗ nung geben könnte, mehrere Verſuche, die Augen zu heilen, und wurden lange Zeit fortgeſetzt. Abdias that alles pünktlich, was der Arzt vor⸗ ſchrieb, und Ditha litt ſchier alles geduldig, obwohl das Kind keine Ah⸗ nung haben konnte, was man mit ihm vor hatte, und welche Kleinode man ihm zu geben bemüht war. Als endlich der Arzt erklärte, daß ſeine Mittel erſchöpft ſeien, und er das wiederholen müſſe, was er gleich An⸗ fangs geſagt habe, daß nämlich das Kind wahrſcheinlich nie würde herge⸗ ſtellt werden, ſondern die Zeit ſeines Lebens blind bleiben müßte: be⸗ lohnte Abdias den Arzt für ſeine bisher gehabten Bemühungen, und nahm einen andern. Allein auch dieſer that nach einiger Zeit dieſelbe Er⸗ klärung— und ſo kam ein dritter, ein vierter, und mehrere. Da alle — 248— übereinſtimmten, dem Kinde ſei das Licht der Augen nicht zu geben, da die Rathſchläge der verſchiedenſten Menſchen, die von dem Uebel hörten und ſich herzu drängten, vergebens angewendet wurden, da Abdias bei jedem neuen fehlgeſchlagenen Verſuche ſeine Hoffnung auf eine tiefere Stufe herabſtimmte: gab er den Reſt derſelben endlich ganz auf, insbe⸗ ſondere da keine Aerzte mehr waren, die man fragen konnte, und ſelten ein Menſch kam, der einen Rathſchlag ertheilte, oder wenn es geſchah, derſelbe ſchon von vorne herein alle Spuren der Unvernunft an der Stirne trug. Er gewöhnte ſich daran, und nahm den Gedanken in ſein Eigen⸗ thum auf, daß er ein blindes Kind habe, und daß dasſelbe blind bleiben müſſe. Statt nun eine Erziehung zu beginnen, die ſo viel an Geiſt und Leben entwickelt hätte, als nur immer zu entwickeln war, verfiel Abdias auf einen ganz andern Gedanken, nämlich einen ungeheuren Reichthum auſ das Kind zu laden, damit es ſich durch denſelben einſtens, wenn er ſtürbe, Hände kaufen könnte, die es pflegen, und Herzen, die es lieben würden. Einen großen Reichthum wollte er auf das Kind häufen, daß es ſich dereinſt mit jedem Genuſſe ſeiner andern Sinne umringen könnte, wenn es ſchon den des einen entbehren müßte. In Folge dieſes Entſchluſſes wurde nun Abdias geizig. Er entließ alle Diener bis auf eine Magd, eine Wärterin Ditha's, und einen Wäch⸗ ter des Hauſes. Er ſelbſt verſagte ſich alles und jedes, er ging in ſchlech⸗ ten Kleidern, nährte ſich ſchlecht, ja wie einſt in ſeiner fünfzehnjährigen Lehrzeit fing er jetzt bei grauen Haaren an zu lernen, wie man wieder Geld und Gut erringen könne, er fing an zu jagen und zu rennen, und Gewinn und Zinſen zu ſammeln, er fing an zu wuchern, namentlich mit der Zeit, und dies alles um ſo mehr, gleichſam mit der Angſt eines Raub⸗ thieres, da ihn der Gedanke an ſein Alter und an ſeinen nahen Tod ver⸗ folgte. Er ließ ſich daher keine Ruhe— das Geſchäft, welches er kannte, und welches ihm in Afrika Reichthümer eingetragen hatte, nahm er wie⸗ der vor, nämlich den Handel, er trieb ihn ſo, wie er ihn in Afrika getrie⸗ ben hatte— und wenn es in mancher Nacht ſtürmte und toſete, daß der Hund in ſeine Hütte kroch und der Iltis in ſeinen Bau, daß kein Menſch auf der Straße war, ging der gebeugte ſchwarze Schatten des Juden über die Felder, oder er klopfte, wenm er ſich verirrt hatte, an ein kleines Fen⸗ ſter, um ein Nachtlager bittend, das man ihm oft widerwillig gab, öfter 249 verweigerte; denn, da er jetzt viel unter die Menſchen kam, lernte man ihn kennen, und er iſt ein Gegenſtand des Haſſes und des Abſcheues ge⸗ worden. Das Unglück, in welchem ſein Mädchen gefangen war, ſchrieb man dem gerechten Urtheile Gottes zu, der den maßloſen Geiz des Va⸗ ters ſtrafen wollte. Die Diener, welche er aus ſeinem Volke genommen hatte, hielten es nicht für gefehlt, wenn ſie ihn betrogen, und ſie hätten dieſes, wenn er nur nicht ſo ſcharfſichtig geweſen wäre, gerne in noch größerem Maßſtabe gethan. Wenn er zu Hauſe war, ſaß er immer in Ditha's Zimmer, ſobald er nur ſeine Rechnungen und ſeine Geſchäfte abgethan hatte. Der kleine Seſſel mit der Hinterlehne für ihr ſchönes Haupt war ihr lieb geworden, ſie ſaß jetzt gerne darinnen, obwohl er für die aufblühenden und empor ſtrebenden Glieder zu klein geworden war. Da kauerte der Jude auf einem kleinen Schemel neben ihr, und ſprach immerwährend zu ihr. Er lehrte ſie Worte ſagen, deren Bedeutung ſie nicht hatte— ſie ſagte die Worte nach und erfand andere, welche aus ihrem inneren Zuſtande genvmmen waren, die er nicht verſtand, und die er wieder lernte. So ſprachen ſie ſtundenlange mit einander, und jedes wußte, was das andere wollte. Sie ſtreichelte öfter mit ihren kunſtreichen Händen, nachdem ſie ein wenig in der Luft geſucht hatte, ſeine harten Wangen, und ſeine ſchlichten dün⸗ ner werdenden Haare. Zuweilen legte er Geſchenke in ihre Hand, ein Stückchen Stoff zu einem Kleide, deſſen Feinheit ſie greifen konnte, und verſtand; namentlich Linnen, das ſie ſehr liebte, deſſen Glätte, Weiche und Reinheit ſie beſonders zu beurtheilen verſtand, und das, weil ſie nie unter Menſchen kam und Putz brauchte, nicht nur das ihrem Körper zu⸗ nächſtliegende, ſondern meiſtens auch einzige Kleidungsſtück war. Wenn ſie ihr linnenes Ueberkleid über das untere gethan hatte, um damit im Hauſe zu ſein, legte ſie ſeine Falten ſo ſchön, und machte vorne die Spange zu, daß Sehende geglaubt haben würden, ſie hätte das Werk vor dem Spiegel gemacht. Und dann ſtrich ſie mit der Hand längs des Stoffes hinab, und faßte ihn zwiſchen Daumen und Zeigefinger, und ſagte:„Va⸗ ter, das iſt noch weicher, als das andere.“ Die Füßchen, an denen Schuhe waren, ſtellte ſie nebeneinander auf den Schemel, und griff die Weichheit desſelben. Manchmal gab er ihr Eßwaaren, die er gebracht, Früchte und dergleichen— und wenn ſie den Kern oder anderes, das weg zu legen war, zwiſchen den Fingern hielt, — 250— ſuchte ſie nach der daneben ſtehenden Taſſe, damit ja nichts beſchmutzt würde. Ihr Gliederbau bildete ſich allgemach höher, und wenn ſie in dem Graſe des Gartens ging, oder die weiße Geſtalt neben der weißen Mauer desſelben, ſo gab ſie das Bild eines erwachſenden Mädchens. Unter den ſehenden Weſen war Aſu, der Hund, von dem Abdias am meiſten geliebt wurde. Er hatte ihn einſtens, weil man ſeine Mutter erſchlagen hatte, und er noch blind war, aufgeleſen und erzogen. Dieſer Hund, da er er⸗ wachſen war, begleitete Abdias überall, und wenn er halbe Tage lang bei Ditha in dem Zimmer, oder manchmal auch in dem Graſe des Gar⸗ tens ſaß, ſo ſaß der Hund immer dabei, wendete kein Auge von den bei⸗ den, als verſtünde er, was ſie ſagten, und als liebte er ſie beide. Wenn Abdias Nachts in ſein Zimmer ging, um zu ſchlafen, legte er dem Hunde unter dem Tiſche ſeinen Teppich zurecht, und richtete ihn, daß er weich ſei. Mit dieſem Hunde hatte Abdias ein Unglück, als wenn es mit dem Manne immer hätte ſo ſein müſſen, daß ſich die Dinge zu den ſeltenſten Widrigkeiten verketten. Es war zu einer Zeit, da ſich eben in vielen Theilen der Gegend Fälle von Hundswuth ergeben hatten, daß Abdias eine Reiſe nach Hauſe machte, und zwar auf einem Maulthiere reitend, und wie gewöhnlich von Aſu begleitet. In einem Walde, der nur mehr einige Meilen von ſeinem Hauſe entfernt war, und der Länge nach gegen jenen Föhrenwald mündete, von dem wir oben geſprochen haben, merkte er an dem Thiere eine beſondere Unruhe, die ſich ihm aufdrang, weil er ſonſt nicht viel hin geſchaut hatte. Der Hund gab unwillige Töne, er lief dem Maul⸗ thiere vor, bäumte ſich, und wenn Abdias hielt, ſo kehrte er plötzlich um, und ſchoß des Weges fort, woher ſie gekommen waren. Ritt Abdias nun wieder weiter, ſo kam das Thier in einigen Sekunden wieder neuer⸗ dings vorwärts, und trieb das alte Spiel. Dabei glänzten ſeine Augen ſo widerwärtig, wie Abdias es nie geſehen hatte, ſo daß ihm ängſtliche Beſorgniſſe aufzuſteigen begannen. Ueber eine Weile kamen ſie zu einem kleinen flachen Wäſſerlein, durch welches man hindurch reiten mußte. Hier wollte der Hund nun gar nicht hinein. An ſeinen Lippen zeigte ſich ein leichter Schaum, er ſtellte ſich vor, und mit heiſerem Schluchzen ſchnappte er nach den Füßen des Maulthieres, da es dieſelben in's Waſ⸗ ſer ſetzen wollte. Abdias nahm eine ſeiner berberiſchen Piſtolen aus dem Halfter, hielt das Maulthier einen Augenblick zurück, und drückte das Gewehr gegen den Hund ab. Er ſah durch den Rauch, wie das Thier taumelte und blutete. Dann ritt er in der Verwirrung durch das Waſſer und jenſeits weiter. Nachdem er eine halbe Stunde Weges zurück gelegt hatte, bemerkte er plötzlich, daß er einen Gürtel mit Silbermünze, den er zu dieſem Zwecke immer um hatte, nicht mehr habe— und er erkannte den ungeheuren Irrthum in Hinſicht des Hundes. Er hatte den Gürtel an einer Waldſtelle, an welcher er ſich eine Weile aufgehalten hatte, hin⸗ gelegt, und ſah nun, daß er ihn dort vergeſſen habe. Sogleich jagte er zurück. In Schnelligkeit war das Wäſſerlein erreicht, aber Aſu war nicht dort, er lag nicht an der Stelle, auf welcher er erſchoſſen worden war, ſondern es zeigten ſich nur Blutſpuren da. Abdias jagte weiter zurück, und auf dem Wege ſah er überall Blut. Endlich kam er an die Waldſtelle, er fand dort den Gürtel— und den ſterbenden Hund vor demſelben liegend. Das Thier machte vor Freuden unbeholfene Verſuche zu wedeln, und richtete das gläſerne Auge auf Abdias. Da dieſer auf den Hund niederſtürzte, ihm Liebkoſungen ſagte, und die Wunde unter⸗ ſuchte, wollte das Thier mit matter Zunge ſeine Hand lecken— aber es war nicht mehr möglich und nach einigen Augenblicken war es todt. Ab⸗ dias ſprang nun auf, und wollte ſich die weißen Haare ausraufen— er heulte— er ſtieß ungeheure Verwünſchungen aus— er lief gegen das Maulthier hin und riß die zweite Piſtole aus dem Halfter, und krampfte ſeine Finger darum. Nach einer Weile warf er ſie in das Gras des Wal⸗ des. Den Gürtel nahm er zehnmal auf, warf ihn zehnmal hin, und ſtampfte ihn mit den Füßen. Endlich als ſchon beinahe die Nacht her⸗ eingebrochen war, da er doch den Hund kaum in der Hälfte des Nachmit⸗ tages erſchoſſen hatte, nahm er den Gürtel mit Ditha's Gelde wieder auf und band ihn um. Er ſuchte die hingeworfene Piſtole in dem Graſe, und ſteckte ſie in das Halfter. Dann beſtieg er das Maulthier, und ſchlug wieder den Weg nach Hauſe ein. Da ſchon das Morgengrauen auf das öde Thal nieder ſchien, kam er an ſeinem Hauſe an, alle Kleider mit dem Blute des ermordeten Thieres beſudelt; denn er hatte es bei⸗ nahe in ſeinen Schvos gelegt, als er die Wunde unterſuchte. Er hatte wohl wenig Glauben an die Rettung gehabt, da er wußte, wie gut er in der Wüſte ſchießen gelernt hatte. Den Tag, als er angekommen war, gönnte er ſich Ruhe, am andern aber miethete er ſich zwei Männer, rei⸗ — 252— ſete mit ihnen zu der Waldesſtelle, und ſie mußten den Hund vor ſeinen Augen in die Erde verſcharren. Dann kam er zurück und betrieb ſeine Geſchäfte fort, wie er ſie vor⸗ dem betrieben hatte. Einige Zeit nach dieſem Ereigniſſe verſiel er in eine Krankheit. Man weiß nicht, war es die Erregung, die er von dieſer Thatſache hatte, oder war es der ihm ungewohnte feindſelige Landſtrich, was ihn darnie⸗ der warf: genug, die Krankheit war gefährlich, und er konnte ſehr lange nicht von derſelben geneſen. Aber gerade in dieſer Krankheit, wo man meinte, daß Alles in ein⸗ facher Ruhe nun fortgehen werde, geſchah es auch wieder, daß eine jener Wendungen in dem Geſchicke dieſes Mannes eintrat, wie wir ſchon öfter Gelegenheit hatten ſie in ſeinem Leben zu bemerken. Es geſchah eine wundervolle Begebenheit— eine Begebenheit, die ſo lange wundervoll bleiben wird, bis man nicht jene großen verbreiteten Kräfte der Natur wird ergründet haben, in denen unſer Leben ſchwimmt und bis man nicht das Liebesband zwiſchen dieſen Kräften und unſerm Leben wird freund⸗ lich binden und löſen können. Bisher ſind ſie uns kaum noch mehr als blos wunderlich, und ihr Weſen iſt uns faſt noch nicht einmal in Ahnun⸗ gen bekannt. Ditha war beinahe völlig herangewachſen— ein ſchlankes Mädchen mit blühenden Gliedern, die ſich auszubilden verſprachen, und eine große Schönheit zu hoffen berechtigten. Abdias war während ſeiner Krankheit nicht zu ihr in ihr Zimmer gekommen; aber auch ſie war in dieſer Zeit nicht geſund geweſen: ein ſeltfames Zittern war an ihren Gliedern, das öfter verſchwand, öfter kam und anhielt, zu verſchiedenen Zeiten erſchien, und namentlich, wenn heiße dunſtige Tage waren. Der Arzt konnte es nicht recht erkennen, und ſagte, es ſei von dem Wachſen, weil ſie in letz⸗ ter Zeit ganz vorzüglich in die Höhe gegangen ſei, und ſich die Glieder wider Vermögen gedehnt hätten. Bis ſie ſich voller rundeten, würden die Erſcheinungen verſchwinden. Abdias war in den Tagen der Wieder⸗ geneſung, wo man ſchon in den Zimmern und in den Grenzen des Hau⸗ ſes herum gehen kann, aber noch nicht weiter fort, und ſeinen Beſchäfti⸗ gungen nicht nachzukommen vermag. Als er in dieſem Zuſtande eines Tages auf ſeiner Stube ſaß, und mit Rechnungen und Entwürfen be⸗ ſchäftiget war, insbeſondere darüber nachdachte, wie er es beginnen — 253— müſſe, um die Zeit, die er jetzt krank war, herein zu bringen, daß ſie im ganzen Verlaufe nicht zum Nachtheile wäre: geſchah es, daß ein Gewit⸗ ter herauf zog. Er achtete nicht weiter darauf, da die Gewitter, die er hier erlebt hatte, ſich nicht von Ferne an Heftigkeit und Stärke mit denen vergleichen ließen, die er in der Wüſtenſtadt und ſonſt in Afrika geſehen hatte. Aber mit einem Male, wie er wieder ſo rechnete, und da der Re⸗ gen noch kaum leiſe auf die Dächer niederträufelte, geſchah ein ſchmet⸗ ternder Schlag, von Feuer begleitet, das das ganze Haus in einen blen⸗ denden Schein ſetzte. Abdias erkannte augenblicklich, daß der Blitz in ſein Haus gefahren ſei. Sein erſter Gedanke war Ditha. Obgleich in den Gliedern noch ermüdet, eilte er ſogleich in ihr Zimmer. Der Blitz war durch dasſelbe gegangen, er hatte die Decke und den Boden durchge⸗ ſchlagen, daß dicker Staub in der Stube war, er hatte die eiſernen Drähte des Käfigs, in dem das Schwarzkehlchen war, deſſen Singen Ditha ſo erfreute, niedergeſchmolzen, ohne den Vogel zu verletzen; denn derſelbe ſaß geſund auf ſeinen Sproſſen— auch Ditha war unbeſchä⸗ digt; denn ſie ſaß aufrecht in ihrem Bette, in das ſie ſich gelegt hatte, weil ſie heute ganz beſonders mit dem Zittern behaftet geweſen war. Ab⸗ dias, der gewitterkundige Wüſtenbewohner, ſah das Alles mit einem Blicke, er ſtieß nun ſchnell ein Fenſter auf, um den heftigen, widrigen Phosphorgeruch zu verſcheuchen, dann ſah er gegen Ditha— und wie er genau hinblickte, bemerkte er, daß eine fürchterliche Erregung auf ihrem Antlitze lag, wie Entſetzen, wie Todesſchreck. Als er näher ging, um zu ſchen, wie es ſei, kreiſchte ſie, als drohte ſich ein Ungeheuer über ſie zu legen, und ſie regte die Hände wie abwehrend entgegen— es war das erſte Mal, daß ſie die Hände nach etwas geradezu ausſtreckte.—— Eine wahnſinnige Vermuthung ſtieg in Abdias auf: er rannte nach dem Heerde, auf welchem man eben ein Feuer hatte, riß einen glühenden Stumpf heraus, lief in Ditha's Zimmer und ſchwang ihn vor ihren Augen. Sie aber that wieder einen Schrei, arbeitete dann heftig mit den Geſichtszügen, als wollte ſie etwas beginnen, was ſie nicht konnte — endlich, als hätte ſie es plötzlich gefunden, regten ſich mit einmal ihre Augen im Haupte, indem ſie den funkelnden Kreiſen des Feuerbrandes folgten. Der Arzt war nicht anweſend. Abdias rannte nach dem Haus⸗ wächter und ſagte, er gebe ihm hundert Goldſtücke, wenn er reite, was ein Pferd zu rennen vermöge, und den Arzt bringe. Der Wächter zog — 254— ein Pferd aus dem Stalle, ſattelte es in Schnelligkeit, und ritt davon. Abdias ſah ihm von einem Fenſter aus, das er ſchnell aufgeriſſen hatte, zu. Indeſſen der Mann das Pferd ſattelte, hatte Abdias die Eingebung gehabt, alle Fenſterbalken in Ditha's Zimmer zuzumachen, und noch dazu die Vorhänge herab zu laſſen, damit die Augen vorerſt in der ihnen holden Finſterniß blieben, und von dem plötzlich eindringenden Lichte nicht verletzt würden. Als er dieſes gethan hatte, wobei Ditha immer ſtille geweſen war, hatte er, wie wir oben ſagten, das Fenſter des Ganges aufgeriſſen, um dem abreitenden Boten zuzuſehen, dann ging er leiſe wieder in ihr Zimmer zu ihrem Bette, ſetzte ſich zu ihr, und fing über eine Weile zu reden an. Die Stimme war das Gewiſſeſte, was ſie an ihm kannte, und ſie übte nach und nach ihren gewöhnlichen Einfluß aus. Das geſchreckte Kind beruhigte ſich nach einiger Zeit— und in der Finſterniß vergaß es gemach den furchtbar herrlichen Sturm des er⸗ ſten Sehens. Nach mehreren Augenblicken fing es ſogar ſelber zu reden an, und erzählte ihm von fernen bohrenden Klängen, die da geweſen, von ſchneidenden, ſtummen, aufrechten Tönen, die in dem Zimmer ge⸗ ſtanden ſeien. Er antwortete ihr auf Alles, und ſagte recht freundliche Worte der Liebe. Bisweilen, wenn ein kurzer Stillſtand des Geſpräches war, ſtand er auf, rang in der Finſterniß die Hände über ſeinem Haupte, oder er krampfte ſie in einander, wie man in Holz oder Eiſen knirſcht, um die innere Erregung abzuleiten.— Dann ſetzte er ſich doch wieder zu dem Bette, und blieb längere Zeit ſitzen, indem er ſich mehr und mehr beruhigen lernte. Ditha, welche zu der Stimme noch ein anderes Merk⸗ mal hinzugeben wollte, faßte nach ſeinen Händen, und als ſie dieſelben hatte, ſtreichelte ſie darüber hin, um ſich zu überzeugen, daß er es wirk⸗ lich ſei, den ſie habe. Er blieb nun ganz bei ihr ſitzen, und ſie fing nach und nach an, die gewöhnlichen Dinge, wie ſie bei ihr alle Tage vorka⸗ men, zu reden. Sie ſchien hiebei immer müder zu werden, insbeſondere, da ſie ihm auf ſein Befragen erzählte, daß das Zittern ganz aufgehört habe, was recht gut ſei. Nach einer Weile ſagte ſie gar nichts mehr, nachdem ſie noch einige zutrauliche unzuſammenhängende Worte geredet hatte, richtete ihr Köpfchen auf dem Kiſſen zu rechte, und es ſchloſſen ſich im Schlafe die Augenlider über die neuen gerade erſt bekommenen und von ihr noch nicht gekannten Juwelen. Abdias löſete, als ſie ruhig ſchlief, ſachte ſeine Hand aus der ihrigen, und ging in den Garten hin⸗ aus, um zu ſchauen, wie denn jetzt der Tag draußen beſchaffen wäre. Es war Abend. Dasſelbe Gewitter, welches Ditha ſehend gemacht hatte, hatte ihm mit Hagel das Hausdach und ſeinen Nachbarn die Ernte zerſchlagen— er aber hatte davon nichts gemerkt. Jetzt, da er im naſſen Graſe ſtand, war alles vorüber. Die Gegend war ſehr ſtille, die Sonne ging eben im tiefen Abend unter, und ſpannte im Morgen, wohin eben das Gewitter hinauszog, einen weiten ſchimmernden Regenbogen über dem ganzen dunkeln Grund desſelben. Nach Mitternacht kam endlich der erſehnte Arzt. Er hielt es aber nicht für gut, das ſanft ſchlummernde Mädchen zu wecken, ſondern ord⸗ nete an, daß die Unterſuchung erſt bei Tageslichte zu geſchehen habe. Er billigte übrigens, was Abdias gethan hatte. Als am andern Morgen die Sonne aufgegangen war, wurde Ditha's Zimmer nur in ſo weit gelichtet, daß man den Verſuch mit ihr anſtelle, ob ſie ſehe, oder nicht; denn ihr das volle Licht zu geben, hielt man für ſchädlich. Der Verſuch war kurz, und der Atzt erklärte, daß ſie ſehe. Man beſchloß nun, daß das Zimmer, das ſie nicht verlaſſen durfte, nur allmählig gelichtet werde, damit ſie ſich an die Gegenſtände, die nach und nach hervortauchten, gewöhne, und das Auge durch allzugroßen und un⸗ gewohnten Lichtreiz nicht erkranke. Man ſagte ihr, ſie ſei unwohl und müſſe das Zimmer hüten, aber die Krankheit würde bald vorüber gehen, und dann würde ſie mit ihren Augen ſehen. Sie wußte nicht, was Sehen ſei, aber ſie blieb geduldig auf ihrem kleinen Seſſel ſitzen, lehnte das Haupt auf die Lehne desſelben zurück, und hatte einen grünen Schirm ober den Augen, den ſie blos griff. Eine Verhüllung nach der andern wurde von den Fenſtern zurückgethan, ein Raum kam nach und nach um ſie zum Vorſcheine, ſie wußte aber nicht, was es ſei— die Fenſterbalken wurden allgemach gelichtet— endlich wurden die letzten Vorhänge der Fenſter empor gezogen—— und die ganze große Erde und der unge⸗ heure Himmel ſchlug in das winzig kleine Auge hinein.—— Sie aber wußte nicht, daß das alles nicht ſie ſei, ſondern ein anderes außer ihr Befindliches, das ſie zum Theile bisher gegriffen habe, und das ſie auch ganz greifen könnte, wenn ſie nur durch die Räume in unendlich vielen Tagen dahin zu gelangen vermöchte. Abdias fing nun an, Ditha ſehen zu lehren. Er nahm ſie bei der Hand, daß ſie fühle, daß das dieſelbe Hand ſei, die ſie ſo oft an der — 256— ihrigen im Zimmer oder im Garten herum geführt hatte. Er hob ſie von dem kleinen Seſſel empor. Der Arzt und die drei Diener des Hauſes ſtanden dabei. Er führte ſie einen Schritt von dem Seſſel weg, dann ließ er ſie die Lehne greifen die ihr ſo lieb geworden war, dann die Seitenarme des Stuhles, die Füße, und anderes— und ſagte, das ſei ihr Seſſel, auf dem ſie immer gerne geſeſſen ſei. Dann hob er den Sche⸗ mel empor, und ließ ſie ihn fühlen, und ſagte: hierauf habe ſie die Füße gehabt. Dann ließ er ſie ihre eigene Hand, ihren Arm, die Spitze ihres Fußes ſehen— er gab ihr den Stab, deſſen ſie ſich gerne zum Fühlen bedient hatte, ließ ſie ihn nehmen, und die Finger ſichtbar um ihn herum ſchlingen— er ließ ſie ſein Gewand greifen, gab ihr ein Stückchen Lein⸗ wand, führte ihre Hand darüber hin, und ſagte, das ſei das Linnen, welches ſie ſo liebe und gerne befühlt habe. Dann ſetzte er ſie wieder in den Seſſel zurück, kauerte vor ſie hin, zeigte mit den zwei Zeigefingern ſeiner Hände auf ſeine Augen, und ſagte, das ſeien die Dinge, mit denen ſie nun alles, was um ſie herum ſei, ſehe, wenn auch hundert Arme an⸗ einander gefügt zu kurz ſeien, es zu greifen. Er ließ ſie die Augenlider ſchließen, und mit ihren Fingern die durch ſie verhüllten Aepfel greifen. Sie kannte— that aber die Finger ſchnell weg und öffnete die Lider wieder. Er wies ihr nun, da ſie ſaß, alle Dinge des Zimmers, die ſie ſehr gut kannte, und ſagte ihr, wie ſie dieſelben gebraucht habe. Um ihr dann den Raum zu weiſen, führte er das widerſtrebende Mädchen, weil es anzuſtoßen fürchtete, durch das Zimmer zu den verſchiedenen Gegen⸗ ſtänden, von einem zu dem andern, und zeigte, wie man Zeit brauche, um zu jedem zu gelangen, obgleich ſie alle auf einmal in dem Auge ſeien. Er blieb den ganzen Tag bei ihr in dem Zimmer. Die äußeren Gegen⸗ ſtände des Gartens und der Fluren wollte er ihr noch nicht zeigen, damit ſie nicht mit zu viel auf einmal überladen werde, und es ihr ſchade. Beim Eſſen zeigte er ihr die Speiſen, nannte ihr den Löffel; denn Meſſer und Gabel hatte ſie bisher nie gehandhabt, und ſie fuhr eben ſo unge⸗ ſchickt zum Munde, wie ſie es gethan, da ſie noch blind geweſen war. Am Abende dieſes Tages hatte das Kind ein bedeutend heftiges Fieber. Man brachte es zu Bette. Als es immer dunkler geworden, und endlich die Nacht herein⸗ gebrochen war, meinte das Kind, es ſei wieder blind geworden, und ſagte es dem Vater. Dieſer aber antwortete ihm, das ſei die Nacht, wo, wie ſie es wiſſen müſſe, ſich bisher immer alle zu Bette gelegt hatten, um zu ſchlafen, weil das Tageslicht, bei dem allein die Augen ſehen, vergangen ſei, und erſt nach einiger Zeit wieder kommen würde, während welcher ſich die Augen ſchließen, und die Menſchen ſchlummern. Daß ſie aber nicht blind ſei, könne er ihr gleich zeigen. Er zündete eine große Lampe an, und ſiellte ſie auf den Tiſch. Sofort zeigten ſich wieder alle Gegen⸗ ſtände, aber anders als bei Tage, grell hervortretend und von tiefen und breiten Schatten unterbrochen. Die Flamme der Lampe erinnerte Ditha an den Blitz, und ſie ſagte, ein ſolcher Hauch ſei bei ihr geweſen, als es geſtern ſo gekracht habe, und der Vater dann zu ihrem Bette herein ge⸗ ſtürzt ſei. Abdias löſchte die Lampe wieder aus, ſetzte ſich zu ihrem Bette, nahm ſie bei der Hand, wie in den Tagen der Blindheit und redete mit ihr, bis ſie, wie gewöhnlich entſchlummerte. Als ſie am andern Tage ruhig und geſtärkt erwachte, und die Dinge im Zimmer ſchon mit viel mehr Faſſung betrachtete, als geſtern, ließ er ſie ankleiden, und da gegen die Hälfte des Vormittags hin der Thau auf den Gräſern vergangen war, führte er ſie in den Garten, und nicht nur in den Garten, ſondern auch in das Freie hinaus, in das Thal. Er zeigte ihr hier den Himmel, das unendliche tiefe Blau, in dem die ſilber⸗ nen Länder, die Wolken ſchwammen, und ſagte ihr, das ſei blau, das weiß. Dann zeigte er auf die Erde, wie die ſanfte weiche Wiege des Thales ſo von ihnen hinaus ging, und ſagte, das ſei das Land, auf dem ſie wandeln, das Weiche unter ihren Füßen ſei das grüne Gras, das Blendende, das ihre Augen nicht vertragen, und das noch einſchneidender ſei, als geſtern die Lampe, ſei die Sonne, die Lampe des Tages, die nach dem Schlummer immer komme, den Tag mache, und den Augen die Kraft gebe, alles ſehen zu können. Dann führte er ſie in den Hof zu dem Brunnen, zog vor ihren Augen an dem Metallknopfe, daß der Strahl hervorſchoß, und zeigte ihr das ihm ſo merkwürdige Waſſer, und ließ ſie von der hellen, kriſtallenen, friſchen Fluth einen Trunk thun, den er mit einem Glaſe ſchöpfte. Er zeigte ihr am Tage hinüber die Bäume, die Blumen, er erklärte ihr die Farben, was namentlich ein ganz Neues für ſie war, und was ſie beim Nachſagen nicht nur durcheinander warf, ſon⸗ dern auch ganz unrichtig anwendete, insbeſondere wenn Farben und Klänge zugleich ſich in ihrem Haupte drängten. Zwiſchen den Gräſern waren oft Thierchen, die er ihr zeigte, und wenn ein Vogel durch die Luft Stifter. 4. Aufl. II. 17 ſtrich, ſuchte er ihre Augen auf ihn hin zu lenken. Auch das Gehen mußte er ihr erſt beibringen und angewöhnen, wenn ſie ſo von dem Gar⸗ ten weg auf den Anger des öden Thales hinauswandelten; denn ſie griff den Boden gleichſam mit den Fühlfäden ihrer Füße, und getraute ſich nicht die Spitze ſchnell und ſicher vor ſich in das Gras zu ſetzen, weil ſie nicht wußte, wie groß oder klein der Abgrund zwiſchen dieſem und dem nächſten Tritte ſei, wodurch es kam, daß ſie jetzt im Sehen weit un⸗ ſicherer ging, als früher in der Blindheit; denn da hatte ſie den Fuß jederzeit im Bewußtſein des feſten Bodens, den ſie bisher immer gegrif⸗ fen, vorwärts geſtellt, und hatte nicht gewußt, welche ungeheure Menge von Gegenſtänden auf dem nächſten Schritte liegs. Ditha hatte an allem, was ſie ſah, Freude, ſchaute immer herum, ued bewunderte ins⸗ beſondere das Haus, in dem ſie wohnten, das einzige uerkwürdigſte Ding dieſer Art, das ſie auf dem öden Grunde des Graſes erblickte. Sie wollte beinahe nicht in die Stube gehen, daß ſie das Blau des Himmels, das ihr beſonders gefiel, und das lange immer fortgehende Grün des Grun⸗ des nicht verliere. Sie ſchaute in Einem fort, und begriff nicht, wie ihr ein Baum, ein Stück Mauer des Gartens, oder ein flatternder Zipfel des Gewandes ihres Vaters gleich einen ſo großen Theil der Welt nehmen könne, und wie ſie mit der kleinen Hand, wenn ſie ſie unter die Stirne lege, gleich alles, alles bedecke. Der Abend kam wie am vorigen Tage mit Erſchöpfung in ſeinem Geleite, und der Vater ſchläferte die Tochter wie geſtern ein, um morgen in dem begonnenen Geſchäfte fortzufahren. Abdias gab nun den Handel, den er die Zeit her ſo eiftig betrieben hatte, auf, und beſchäftigte ſich blos mit Ditha, ſie in dem neuen Reiche des Sehens fort zu führen. Was den andern Eltern weit auseinander gerückt, gleichſam in Mil⸗ lionen Augenblicke verdünnt erſcheint, das wurde ihm jetzt gewiſſer Maßen auf einmal zugetheilt. Eilf Jahre waren Ditha's Augen zu⸗ gehüllt geweſen, eilf Jahre war ſie auf der Welt geweſen, und hatte auf das Sehen warten müſſen, nachdem ihr dieſe Welt ſchon auf einer andern Seite, auf der Seite des engen, dunkeln, einſamen Taſtens war zu⸗ getheilt geweſen: aber wie man von jener fabelhaften Blume erzählt, die viele Jahre braucht, um im öden grauen Kraute zu wachſen, dann aber in wenigen Tagen einen ſchlanken Schaft emportreibt, und gleich⸗ ſam mit Knallen in einem prächtigen Thurm von Blumen aufbricht:— ſo ſchien es mit Ditha; ſeit die zwei Blumen ihres Hauptes aufgegangen waren, ſchoß ein ganz anderer Frühling rings um ſie herum mit Blitzes⸗ ſchnelle empor; aber nicht allein die äußere Welt war ihr gegeben, ſon⸗ dern auch ihre Seele begann ſich zu heben. Gleichſam wie die Flatter⸗ flügel wachſen, daß man ſie ſieht, wenn der junge Vogel noch an der Stelle ſitzt, an welcher er aus der Puppe gekommen war, die die Fittige ſo lange eingefaltet gehalten hatte, ſo dehnte das junge Innere Ditha's die neuen Lben erſt erhaltenen Schwingen— denn die Sekunden flogen mit Kleinodien herbei, auf den Augenblicken lagen Welttheile, und jeder Tag endete einer Laſt, die er ihr auflud. So wunderbar iſt das Licht, daß auch iht Körper in ſehr kurzer Zeit ein anderer ward; die Wangen wurden roth, die Lippen blüheten, und nach wenigen Wochen war ſie in ihren Gliedern voller und ſtärker. Abdias hatte lauter weiße Haare, ſein Geſicht war ſchwarz, von gekreuzten Narben durchzogen, und in den Zügen war Verfall eingegraben. So ging er neben der Toch⸗ ter, die jetzt ſchon ſchlank und ſicher wandelte; denn ſie waren ſchier immer im Freien, das Ditha ſo liebte, und er nicht minder. Aber nicht nur ſchöner ward das Antlitz des Mädchens, ſondern es begann auch zu leben, und ſichtlich immer mehr das Schönſte zu zeigen, was der Menſch vermag, das Herz. Wie Abdias vor mehreren Jahren angefangen hatte, plötzlich geizig zu werden, ſo wußte man jetzt nicht mehr, iſt er es noch, oder nicht. Er ging immer neben dem Mädchen. Alle, die den Juden haßten, ſahen mit ſichtbarlichen Wohlgefallen in das unſchuldige Angeſicht ſeiner Tochter. Auch die Augen, die einſt ſo ſtarren unheimlichen Bilder, wurden nun menſchlich lieb und traulich; denn ſie fingen zu reden an, wie Men⸗ ſchenaugen reden— und Fröhlichkeit vder Reugierde oder Staunen malte ſich darinnen— auch Liebe malte ſich, wenn ſie plaudernd und ſchmei⸗ chelnd auf Abdias Züge ſchaute, die nur ihr allein nicht häßlich erſchie⸗ nen; denn was die Außenwelt für ihre Augen war, das war er für ihr Herz— ja er war ihr noch mehr, als die Außenwelt; denn ſie glaubte immer, er ſei es, der ihr dieſe ganze äußere Welt gegeben habe. So verging der Sommer, ſo der für das Mädchen ſehr traurige Winter, und wieder ein Sommer und ein Winter. Ditha gedieh immer mehr, und blühte immer ſchöner. In zwei Dingen war ſie eigenthümlich und von den gewöhnlichen Menſchen abweichend. Das erſte betraf ein Naturwunder, das wohl zuweilen, aber ſelten vorkömmt. Abdias hatte es in jüngeren Jahren auch gehabt, aber mit dem Alter hatte es ſich allmälig verloren. Man bemerkte nämlich an Ditha ſeit dem Tage, an welchem der Blitz in ihr Zimmer geſchlagen, und ihre Nerven umgeſtimmt hatte, daß ſie an Gewittertagen, oder auch nur an ſolchen, wo Gewitter drohten, und an dem entfernten Geſichts⸗ kreiſe hinauszogen, ganz beſonders lebhaft, ſogar heiter und fteudig ge⸗ ſtimmt ſei, unähnlich den andern Mädchen und Frauen, welche Gewitter gewöhnlich fürchten. Sie liebte dieſelben, und wenn eines wo immer am Himmel ſtand, ging ſie hinaus, um zu ſehen, ob es komme. Einmal in der Dämmerung einer ſehr gewitterſchwülen Nacht, da ſie eben an dem offenen Fenſter ſtand und dem entfernten Blitzen zuſah, bemerkte Abdias, der hinter ihr in einem Stuhle ſaß, daß ein leichter, ſchwacher, blaſſer Lichtſchein um ihr Haupt zu ſchweben beginne, und daß die Enden der Seidenbändchen, womit ihr Haar gebunden war, ſich ſträuben und gerade emporſtänden. Er erſchrak nicht, denn gerade dieſes war auch die Er⸗ ſcheinung geweſen, die bei ihm in der Jugend öfters ohne Veranlaſſung und in ſpäteren männlichen Jahren bei ſtarker Erregung wahrgenommen, und ihm von ſeiner Mutter mehr als einmal erzählt worden war. Er iſt gewöhnlich, wie die Mutter ſagte, zu ſolchen Zeiten ſehr heiter geweſen, oder iſt ſehr ſtark gewachſen. Einen Nachtheil aber hatte die Erſcheinung für ſeinen Körper nie gehabt. Abdias blieb ganz ſtille hinter Ditha in dem Stuhle ſitzen, und ſagte ihr nichts von dem, was er an ihr ſehe. Er hatte ohnedem gleich nach dem Tage, an welchem der Blitz in Ditha's Zimmer gefahren war, ihre Schlafſtelle in ein anderes Gemach verlegt, jetzt da er dieſe Erſcheinung wahrgenommen hatte, ließ er auch ſogleich Blitzableiter auf das Haus ſetzen, wie er ſie an mehreren Orten Europa's geſehen hatte. Er erinnerte ſich jetzt auch, daß ihm einmal im Morgen⸗ lande erzählt worden war, daß wenn es Nachts an dem Himmel blitzte und ein Gewitter nicht auszubrechen vermöge, die Blumen unten manch⸗ mal eine leichte Flamme aus ihrem Kelche entlaſſen, oder daß gar ein feſter ruhiger Schein darüber ſteht, der nicht weicht und doch nicht die Blätter und die zarten Fäden verbrennt. Ja dieſe Blumen ſind dann gar die ſchönſten. Abdias beobachtete nun Ditha genauer, und ſah die Erſcheinung in dieſem Sommer noch zweimal an ihr. Im Winter war nichts zu be⸗ merken. Das zweite, was Ditha eigenthümlich und von andern Menſchen abweichend hatte, war wohl nur eine natürliche Folge ihrer Verhältniſſe, die von allem verſchieden waren, was Menſchen gewöhnlich begegnen kann, es war die Folge ihres früheren Zuſtandes und ihrer einſamen Entwicklung. Wie nämlich bei andern Menſchen das Tag⸗ und Traum⸗ leben geſondert iſt, war es bei ihr vermiſcht. Bei andern iſt der Tag die Regel, die Nacht die Ausnahme: bei ihr war der Tag vielmehr das Aus⸗ genommene. Ihre vergangene, lange, vertraute Racht reichte nun in ihren Tag herüber, und jene willkührlichen von andern Menſchen nicht verſtandenen Bilder ihrer innern Welt, die ſie ſich damals gemacht hatte, miſchten ſich nun unter ihre äußeren, und ſo entſtand ein träumend ſin⸗ nendes Weſen, nur zuweilen von einem ſchnell handelnden unterbrochen, wie es eigentlich Abdias Nakur war; es entſtand eine Denk⸗ und Rede⸗ weiſe, die den andern, welche ſie gar nicht kannten, ſo fremd war wie wenn etwa eine redende Blume vor ihnen ſtände. Sonſt einſam in ihrer Nacht ſitzend war ſie auch jetzt gerne allein, oder mit ihrem Vater, der ſie ſehr gut verſtand. Aus jener langen Nacht mochte es auch herkom⸗ men, daß ſie nicht die brennenden, ſondern die kühlen und dämmernden Farben vorzugsweiſe liebte, und darunter wieder das Blau. Als ſie ein⸗ mal etwas weit von ihrem Hauſe waren, durch den Föhrenwald gingen, von dem wir oben geredet haben, und jenſeits desſelben an einem großen blühenden Flachsfelde ſtanden, rief ſie aus:„Vater, ſieh nur, wie der ganze Himmel auf den Spitzen dieſer grünen ſtehenden Fäden klingt!“ Sie verlangte hierauf, daß ein Stück davon nach Hauſe genommen würde. Er aber führte ſie näher, zog einige Fäden aus, zeigte ihr die feinen kleinen Blumen, und machte ihr ſo klar, daß man nicht gleich ein ganzes Stück von dieſem Blau wegnehmen könne. Dafür verſprach er ihr, daß ſie bald zu Hauſe ein ſolches blaues Feld haben werde. So ſprach ſie auch von violetten Klängen, und ſagte, daß ſie ihr lieber ſeien, als die, welche auftecht ſtehen und widerwärtig ſeien, wie glühende Stäbe. Ihre Stimme, die ſie in der letzten Zeit ihrer Blindheit immer lieber zum Singen, als zum Sprechen erhoben hatte, wendete ſich frühzeitig einer ſanften klaren Alte zu. So lebte ſie eine Welt aus Sehen 262 und Blindheit, und ſo war ja auch das Blau ihrer Augen, ſo wie das unſers Himmels, aus Licht und Nacht gewoben. Als ſie den Gebrauch ihrer Augen bekommen hatte, und Abdias, wie wir ſchon oben bemerkten, aufgehört hatte, ſeine Zeit dem Handel und dem Herumreiſen zuzuwenden, fing er etwas Anderes an. Er hatte zugleich mit dem Platze, auf welchem das Haus und der Garten ſtand, einen nicht gar kleinen Landtheil des unftuchtbaren Thales erworben. Er hatte dieſen Theil bisher unbenützt liegen laſſen, und nur wenn er mit ſeinen Füßen darüber wandelte, gedacht: dies gehört mir. Jetzt fing er an, dieſen Theil zu bebauen, und wollte ihn nach und nach in Felder um⸗ wandeln, wie er hinter den verdorrten Palmen in der Wüſtenſtadt auch ein Feld gehabt hatte, auf dem ihm etwas Gemüſe und dünn ſtehender niedriger Mais wuchs. Er dingte Knechte, kaufte die gehörigen Geräth⸗ ſchaften, und fing an. Zum erſten Umgraben und zur Klärung der Erde, daß ſie eine Saat annehme, hatte er eine große Zahl Taglöhner aus ent⸗ fernten Gegenden kommen laſſen. Zugleich fing er den Bau der Scheuern und anderer Gebäude an, welche beſtimmt waren, die Ernte aufzuneh⸗ men. Da alles in zureichendem Stande war, entließ er die fremden Ar⸗ beiter, und führte die Sache durch ſeine Knechte fort. In dem Garten hatte er wohl ſchon bei ſeiner Ankunft des Schattens wegen Bäume ge⸗ ſetzt, nun aber gab er noch allerlei Geſträuche hinzu, er lockerte einen Theil des Bodens, der früher blos mit Gras bewachſen geweſen war, auf, und legte Blumenbeete an. Auf einer andern Seite des Hauſes wurde Erde für Gemüſe aufgegraben. Schon in dem erſten Frühlinge, an welchem Ditha ſah, wogte ein ſchöner grüner Kornwald an einer Stelle, an welcher früher nur kurzes fahlgrünes Gras geweſen war, und graue Steine aus dem Boden her⸗ vor geſehen hatten. Als die Halme gelb geworden waren, ſtanden gleich⸗ ſam für Ditha die blauen Cyanen darin. Abdias ging unter all dem herum, und oft wenn der mäßige Vormittagswind die reifenden Aehren zu ſilbernen Wogen miſchte, ſtand ſeine Geſtalt aus dem Rohrfeld her⸗ vorragend da, wie er den weißen Turban um ſeine ſchwarze Stirne ge⸗ ſchlungen hatte, der dunkle Kaftan im Winde ſich regte, und der große Bart, der vom Antlitze nieder hing, noch weißer war, als der Turban. Gleich im erſten Sommer wurde ein Stück Feld hergerichtet, und mit Flachs beſäet. Als er blühte, wurde Ditha hinausgeführt, und Ab⸗ — 263— dias ſagte ihr, der ganze Himmel, der da auf den Spitzen dieſer grünen ſtehenden Fäden klinge, gehöre ihr. Ditha ſtand nun recht oft vor dem blauen Tuche des Feldes und ſah es an. Auf dem Heimwege pflückte ſie ſich einen Strauß von Cyanen, die im Korne ſtanden. Gegen die Mitte dieſes Sommers ging ein mit dem gelben Getreide des Abdias hoch beladener Wagen in die neugebaute Scheuer und wider⸗ legte den Wahn der in der Entfernung wohnenden Nachbarn, daß das grüne mit Steinen beſäete Wiegenthal unfruchtbar ſei. Dieſem Wagen folgte bald ein zweiter, ein dritter— und er wurde ſo lange beladen, bis alles Ausgeſäete als Ernte zu Hauſe war. An einem andern Platze wurde ſchon wieder zur Vergrößerung der Felder für das nächſte Jahr gereutet. ⸗ So lebte Abdias wieder in einer andern ihm vollkommen neuen Thätigkeit, und er betrieb ſie immer weiter. Nachdem mehrere Jahre ver⸗ gangen waren, hatte er ſchon alles Land, welches ihm eigen gehörte, um⸗ gegraben, und er ſann bereits darüber nach, an ſeinen Handelsfreund zu ſchreiben, daß er durch deſſen Vermittlung wieder ein neues Stück dazu bekomme, welches er bearbeiten wollte. Seinen Garten hatte er erwei⸗ tert, und die Mauer um das Stück ziehen laſſen. Die Gebäude, die er zum Wirthſchaftsbetriebe aufgeführt hatte, wurden zu klein, und er baute immer an der Erweiterung. Auch ſann er über neue Dinge, die er unter⸗ nehmen, und über Anlagen und Baulichkeiten, die er erfinden wollte. Er hatte wieder mehrere Diener und Mägde genommen. Das In⸗ nere des Hauſes richtete er faſt ſo her, wie die Wohnung der Wüſtenſtadt zur Zeit der Eſther geweſen war. Er legte weiche Teppiche, er baute durch Bretter und ſeidene Ueberzüge Niſchen, ließ Ruhebetten in dieſelben ſtel⸗ len, und gelbſeidene Vorhänge vor ſie niederhängen, die man auseinander ziehen konnte. In mehrere Fächer that er Dinge, daß ſie einſt Ditha, wenn er todt wäre, und ſie die Schlüſſel bekäme, finden möge. Im Hof⸗ raume, und draußen im Thale pflanzte er Bäumchen, die ihr Schatten geben, wenn ſie eine Matrone ſein würde. Wenn er nach Art des Alters nicht ſchlafen konnte, oder wenn ihm die lange europäiſche Dämmerung zu lange wurde, ſtand er auf, und ging zu ihrem Bette, in dem ſie mei⸗ ſtens roth und geſund, wie eine Roſe ſchlummerte. Dann ſah man ihn in dem Garten herum gehen, und dies und jenes anſchauen und be⸗ feſtigen. Aus Büchern leſen, oder ſonſt etwas lernen hatte er Ditha nicht laſſen; es war ihm nicht eingefallen. Von fremden Menſchen kam nie einer in das Haus des Abdias herein, und wenn ein Wanderer in das Thal kam, ſo ſah man ihn höchſtens mit der hohlen Hand aus dem Bache trinken, und dann weiter gehen. Die Knechte des Abdias bearbeiteten ſeine Felder, thaten wie er anordnete, führten das Getreide auf den Markt, und brachten das beſtimmte Geld heim, das Abdias immer voraus wußte, wie viel es ſein mußte, weil er die Marktpreiſe kannte. Sonſt waren ſie meiſtens unter ſich und in dem Geſindhauſe, das am andern Ende des Gartens ſtand; denn obwohl ſie hier aus dem Volke ſeines Glaubens ge⸗ nommen worden waren, hatten ſie doch eine Scheu vor ihm und ſeinem abenteuerlichen Weſen. So waren auch die andern Diener. Die Zofe Ditha's ſaß ſchier immer in der Stube, weil man ſie hatte aus der Stadt kommen laſſen, ſie nähete Kleider oder las; denn ſie haßte die Luft und die Sonne. Abdias und Ditha waren immer draußen. Als er Bäume gepflanzt hatte, damit ſie Schatten geben, hatte er den Himmel Europa's nicht gekannt, oder nicht auf ihn gedacht; denn ſie brauchten hier kaum einen Schatten. Wenn eine heiße Sonne ſchien, daß jedes Weſen ermat⸗ tet war und Wohnung oder Kühle ſuchte, ſaß Ditha gerne auf dem Sand⸗ wege des Gartens unter abgefallener Bohnenblüthe, und ließ die Mit⸗ tagsſtrahlen auf ſich niederregnen, indem ſie leiſe eine Weiſe ſang, die ſie ſelber erfunden hatte. Abdias aber, in dem weiten Talare, mit den fun⸗ kelnden Augen, weißem Haupte und Barte, ſaß auf dem Bänkchen an dem Hauſe, und glänzte im Mittagsſcheine. So wuchs Ditha auf, gleich⸗ ſam neben Erlen, Wachholder und anderm Geſträuche der ſchlanke Schaft einer Wüſtenalve— ſo waren ſie allein, und auf dem Thale lag gleich⸗ ſam eine öde afrikaniſche Sonne. Er hatte nach Europa verlangt, er war nun da. In Europa wurde er nicht mehr geſchlagen, ſein Eigenthum wurde ihm nicht genommen, allein er hatte den aftikaniſchen Geiſt und die Natur der Einſamkeit nach Europa gebracht. Oefter ſaß Ditha oben an dem Getreideabhange, bis wohin Abdias ganz nahe an dem Föhrenwalde ſeine Anlagen ausgedehnt hatte, und be⸗ trachtete die Halme des Getreides, oder der Gräſer, die darin wuchſen, oder die Wolken, die an dem Himmel zogen, oder ſie ließ Gräſerſamen über die graue Seide ihres Kleides rieſeln und ſah zu, wie er rieſelte. — 265— Abdias kleidete ſie nämlich gerne reich, und wenn ſie nicht in dem von ihr noch immer ſehr geliebten Linnen ging, ſo ging ſie in dunkelfarbiger Seide, entweder blau, oder grau, oder violett, oder ſchwach braun— aber niemals ſchwarz. Der Schnitt ihres Kleides war wohl von Ferne dem europäiſchen ähnlich, da die Kleider von ihrer Zofe gemacht wurden, aber er mußte immer ſo ſein, daß die Kleider weit und faltig um ſie hin⸗ gen, da ſie von ihrer Heimat her an keinen Druck gewöhnt war, und kei⸗ nen litt. Oefter ſtand ſie auf, wenn ſie lange an dem Rande des Kornes geſeſſen war, und wandelte allein an dem Saume des Getreides dahin, daß ihre Geſtalt weit in dem Thale geſehen wurde, wie ſie entweder in Linnen leuchtete, oder ſchwach und unbeſtimmt in Seide glänzte. Abdias holte ſie dann gewöhnlich ab, und ſie gingen miteinander nach Hauſe. Er dachte, er müſſe mit ihr verſtändig reden, daß ſie ſelber verſtändig würde, und fortleben könnte, wenn er todt ſei. Und wenn ſie ſo gingen, redete er mit ihr: er erzählte ihr arabiſche Wüſtenmärchen, dichtete ihr ſüdliche Bilder, und warf ſeine Beduinengedanken gleichſam wie ein Geier des Atlaſſes an ihr Herz. Er bediente ſich hiezu meiſtens der arabiſchen Sprache, welche die ſeines Vaters war. Er hatte wohl, wie er es in ſei⸗ nen jugendlichen Wanderjahren ſich angewöhnt hatte, ſehr ſchnell die Sprache des Landes gelernt, und hatte ſie mit denen, mit welchen er frü⸗ her im Handel umgegangen war, geredet, und redete ſie mit denen, die er jetzt im Dienſte hatte; aber mit Ditha ſprach er am liebſten arabiſch. Da er aber auch zuweilen eine andere Sprache des Morgenlandes gegen ſie gebrauchte, da ſie auch ſowohl von ſeinem Munde als auch von dem der Dienſtleute die Landesſprache lernte; ſo kannte ſie eigentlich ein Gemiſch von allem, drückte ſich darin aus, und hatte eine Gedankenweiſe, die die⸗ ſer Sprache angemeſſen war. Wenn Abdias nun ſo voraus dachte, wie alles werden würde; wenn er an einen künftigen Bräutigam dachte, ſo fiel ihm die ſchöne, dunkle, freundliche Geſtalt Uram's ein, dem er ſie gegeben hätte— aber da Uram todt war, konnte er ſich nichts anders denken, als daß Ditha immer ſchö⸗ ner und blühender werde und ſo fort leben würde. Und in der That ſchien es, daß dieſer Wunſch in Erfüllung gehen ſollte. Sie war in der letzten Zeit bedeutend vollkommener geworden. Ihr Körper war ſtärker, das Auge ward ſchöner, dunkler, ſehnſüchtiger, die Lippe reifer, und ihr Weſen kräftiger, wie ſie denn überhaupt in ihrer — 266— Art das Traumhafte ihrer Mutter mit dem Feurigen ihres Vaters ver⸗ vand. Sie liebte dieſen Vater unſäglich, und wenn ſie oft gedrängt war von der wilden ungebändigten Liebe, dann nahm ſie ſeine alte Hand, und vrückte deren Finger gegen ihre Augen, ihre Stirne, ihr Herz— den Kuß kannte ſie nicht, weil ſie keine Mutter hatte— er aber gab nie einen, da er häßlich war. Weil Ditha während ihrer Blindheit faſt immer geſeſſen war, oder ihre Füße nur ſchwach in Bewegung hatte ſetzen können, wenn ſie ging, ja weil ſie einen bei weitem größeren Theil ihrer Zeit in dem Bette zu⸗ brachte, als außerhalb desſelben, ſo war ihre Entwicklung ſehr langſam gegangen, und obwohl ſie, da ihr das Licht der Augen zu Theil gewor⸗ den war, ſchneller als früher, fortſchritt, ſo kam doch die Zeit der Reife bei ihr ſpäter, als ſie ſonſt zu kommen pflegt. Sie war ſchon ſechzehn Jahre alt, als ſie an jenem Zeitpunkte angelangt zu ſein ſchien. Ihr früheres drängendes Weſen ſtillte ſich, das Auge wurde milder und ſchmach⸗ tender, und die Glieder waren ſchlank und freudig, wie bei jedem voll⸗ kommenen Weſen dieſer Erde. Abdias that ſich abſichtlich einen Schmerz an, oder er opferte etwas Liebes, damit nicht das Schickſal ein Größeres begehre. Wie bei allen Mädchen in dieſer Zeit große Veränderungen vor ſich gehen, wie namentlich in Ditha's Stamme eine ruhige Schlankheit des Leibes und ein zartes Scheuen des Blickes das Hereintreten des Jung⸗ frauenalters anzeigen, ſo war dieſes bei Ditha ganz beſonders der Fall. Ihr körperliches Weſen ſchien in der That in einer Art Spannung zu ſein, und obwohl ſie fteudig und heiter und faſt ſo kühn war, wie früher, ſo war es doch, als ſei ein Ausdruck ſüßen Leidens über ſie ausgegoſſen. Es war eben Sommer und die Zeit der Ernte. Ditha ging zu dieſer Zeit an einem Nachmittage, der den andern Leuten recht heiß vorkam, über den Hügelſaum eines Kornfeldes empor, das der Vater am Tage vorher hatte abmähen laſſen. Sie ging ſo lange, bis ſie an dem oberen Rande angekommen war; denn ſie hatte dort ein Feld mit Flachs, den ſie ſpät geſäet hatte, zu dem ſie ſonſt, da das Korn ſtand, immer mit Umwegen hatte gelangen müſſen, und der jetzt alle Tage in Blüthe zu brechen verſprach. Sie war ganz allein durch die Stoppeln empor gegangen, und ſtand ganz allein, die höchſte Geſtalt, auf dem Saume der Anhöhe, wenn man den weiter draußen ſtehenden Föhren⸗ — 267— wald ausnimmt, deſſen Wipfel noch näher an dem Himmel hinzuziehen ſchienen. Auf dem Kornfelde hatten ſie die Knechte des Abdias hinauf gehen geſehen, die eben über dasſelbe Kornfeld nach Hauſe kehrten, weil ſie ein Gewitter fürchteten. Sie kümmerten ſich aber nicht weiter um ſie. Nur einer, da er ein wenig ſpäter den Vater ſah, der Ditha zu ſuchen ſchien, ſagte, wenn er ſeine Tochter ſuche, ſie ſei oben auf dem Bühel. Wirklich hatte ſie Abdias geſucht; denn die zarte Wolkenwand war dich⸗ ter geworden und ſchob ſich über den Himmel empor, obgleich an dem größeren Theile desſelben noch das reine Blau herrſchte, und die Sonne noch heißer nieder ſchien, als früher. Er ſtieg alſo, da er von dem Knechte die Nachricht erhalten hatte, über dasſelbe Kornfeld, das wir erwähnten, empor, ſah Ditha am Rande des Flachſes ſtehen, und ging ganz zu ihr hinzu. Das Feld war über und über in blauer Blüthe, und auf den klei⸗ nen zitternden Blättchen, über die kein Lüftchen ging, war eine große Anzahl von Thierchen. „Was thuſt Du denn hier, Ditha?“ fragte Abdias. „Ich ſchaue meinen Flachs an,“ antwortete das Mädchen,„ſiehe, geſtern war keine einzige Blume offen, und heute ſind ſie alle da. Ich glaube, die Stille und die Wärme haben ſie hervorgetrieben.“ „Siehſt Du nicht die Wolken am Himmel,“ ſagte Abdias,„ſie kom⸗ men herauf, und wir müſſen nach Hauſe gehen, ſonſt wirſt Du naß und krank.“ „Ich ſehe die Wolken,“ antwortete Ditha,„aber ſie kommen noch nicht ſo bald, wir können ſchon noch hinunter gehen. Wenn ſie aber auch eher kommen, als ſie verſprechen, ſo werde ich doch nicht naß, denn ich will in ein ſolches Haus, wie ſie hier aus Garben gemacht haben, hinein gehen, will dort nieder ſitzen, und zuſehen, wie die filbernen Regenkugeln in die Halme niederſchießen, davon von jedem nur ein abgemähtes Stück⸗ chen empor ſteht. Bei mir drinnen aber wird es warm und trocken ſein.“ Abdias ſchaute gegen den Abendhimmel, und in der That ſchien die Vermuthung des Kindes wahr zu werden, daß die Wolken eher kommen würden, als ſie verſprachen; denn die gleiche und ſchwachfärbige Wand, die noch vor Kurzem an dem Abendhimmel ſtand, hatte ſich gelöſet, und in Ballen geſondert, die mit weißen Rändern überhingen, und alle Augen⸗ blicke die Farbe änderten. Gegen unten, am Geſichtskreiſe hin, war röth⸗ liches Grau. — 268— Abdias erkannte, daß ſie vor dem Regen kaum mehr das Haus er⸗ reichen würden, und daß vielleicht der Rath Ditha's der beſte wäre. Da er aber der Leichtigkeit des Garbenhauſes nicht traute, wenn etwa ein Wind käme, ſo fing er an, mit eigenen Händen noch mehr Garben herbei zu tragen. Als Ditha ſeine Abſicht begriff, half ſie ihm, bis ein ſolcher Vorrath beiſammen war, daß er die Wetterſeite mit einer dichten Gar⸗ benmauer beſetzen, und dem Ganzen eine ſolche Feſtigkeit geben konnte, daß es nicht leicht vom Winde zu zerreißen war. Gegen Morgen ließ er die Oeffnung frei, daß ſie auf das Spiel des Regens hinausſehen, und eine Ueberſicht auf den Abzug des Gewitters haben könnten. Das Ob⸗ dach wurde endlich fertig, aber es rührte ſich noch immer kein Lüftchen, und es fiel kein Tropfen. Die gelben Stoppeln lagen vor ihnen, die zarten von dem Schirme der weggenommenen Halme entblößten Gräs⸗ chen regten ſich nicht, und über dem blauen Felde des Flachſes hoch in der Luft ſang eine Lerche, von dem fernen tiefen Donner zuweilen unter⸗ brochen. Ditha hatte ihre Gewitterfreudigkeit, ſie wendete ſich gegen Abend, und ſagte:„Wie es ſo herrlich iſt, wie es ſo unſäglich herrlich iſt. Weil Du nun auch da biſt,„ Vater, ſo iſt es mir noch lieber.“ Sie ſtanden vor ihrer aus Garben aufgebauten Behauſung, ſchau⸗ ten die Wolken an, und waren in jedem Augenblicke bereit, wenn der Regen beginne, ſich in die Hütte hinein zu ſetzen. In den oberen Thei⸗ len des Himmels mußte ſchon der Wind herrſchen; denn die grauen Schleier, welche dem Gewitter vorher zu gehen pflegen, liefen ſichtlich dahin, ſie hatten ſchon die Sonne überholt, ſtanden bereits über den Häuptern der Zuſchauenden und eilten gegen Morgen. Abdias hatte im Innern des gebauten Obdaches mehrere Garben zu einem Sitze zurecht gelegt, und ſetzte ſich hinein. Ditha, mit der den Kindern eigenthümliche Liebe zur Heimlichkeit ſetzte ſich in dem kleinen gelben Häuschen zu ihm. Der vor ihnen gegen Morgen offen gelaſſene Raum nützte gerade ſo viel, daß ſie zu ihren Füßen ein Theil⸗ chen Stoppelfeld ſahen, dann ein Stückchen Flachs, und oben die grauen luftigen Schleier, die am Himmel hinzogen, auch konnten ſie die Lerche hören, die oberhalb des Flachſes ſang. Die Donner waren noch immer ferne, obgleich die Wolken ſchon den ganzen Himmel angefüllt 269 hatten, und nicht nur über ihre Häupter, ſondern auch ſchon weit gegen Morgen hinaus gegangen waren. In dieſem Verſtecke ſaßen ſie und ſprachen mit einander. „Glaubſt Du nicht auch,“ ſagte Ditha,„daß die Wolken gar nicht dicht find, und daß ſie gewiß nicht große und gar ſchwere Tropfen wer⸗ den fallen laſſen? Es wäre mir leid, wenn ſie die feinen ſchönen Linnen⸗ blüthen herabſchlügen, die heute erſt aufgebrochen ſind.“ „Ich denke, daß ſogar ſchwere Tropfen die blauen Blätter nicht abzuſchlagen vermögen, weil ſie erſt heute aufgeblüht ſind, und noch ſtrenge haften,“ ſagte Abdias. „Ich liebe die Flachspflanzen ſehr,“ fing nach einer Weile Schwei⸗ gens Ditha wieder an,„es hat mir Sara auf mein Befragen vor langer Zeit, da noch das traurige ſchwarze Tuch in meinem Haupte war, vieles von dem Flachſe erzählt, aber ich habe es damals nicht verſtanden. Jetzt aber verſtehe ich es und habe es ſelbſt beobachtet. Sie iſt ein Freund des Menſchen, dieſe Pflanze, hat Sara geſagt, ſie hat den Menſchen lieb. Ich weiß es jetzt, daß es ſo iſt. Zuerſt hat ſie die ſchöne Blüthe auf dem grünen Säulchen, dann wenn ſie todt iſt, und durch die Luft und das Waſſer zubereitet wird, gibt ſie uns die weichen ſilbergrauen Faſern, aus denen die Menſchen das Gewebe machen, welches, wie ſchon Sara ſagte, ihre eigentlichſte Wohnung iſt, von der Wiege bis zum Grabe. Siehſt Du, das iſt auch wahr:— wie ſie nur ſo wunderbar, dieſe Pflanze, zu dem weißen lichten Schnee zu bleichen iſt— dann legt man die Kinder, wenn ſie recht klein ſind, wie ich war, hinein, und hüllt die Glieder zu— ihrer Tochter hat Sara viel Linnen mit gegeben, da ſie fort zog, um den fremden Mann zu heirathen, der ſie wollte; ſie war eine Braut, und je größere Berge dieſes Schnees man einer Braut mit⸗ geben kann, deſto reicher iſt ſie— unſere Knechte tragen die weißen Lin⸗ nenärmel auf den bloßen Armen— und wenn wir todt ſind, hüllen die weißen Tücher um uns, weißt Du.“—— Sie ſchwieg plötzlich. Ihm war es, als hätte er ſeitwärts an der Garbe einen ſanften Schein lodern geſehen. Er dachte ſie habe wieder ihren Schimmer; denn er hatte ſchon früher alle Spitzen von Bändchen und Haaren an ihr aufwärts ſtehen geſehen.— Aber ſie hatte ihren Schimmer nicht gehabt. Da er hinblickte, war ſchon alles vorüber. Es —— war auf den Schein ein kurzes heiſeres Krachen gefolgt, und Ditha lehnte gegen eine Garbe zurück, und war todt. Kein Tropfen Regen fiel, nur die dünnen Wolken rieſelten, wie ſchnell gezogene Schleier, über den Himmel. Der Greis gab nicht einen Laut von ſich, ſondern er ſtarrte das Weſen vor ſich an, und glaubte es nicht, daß dies Ding ſeine Tochter ſei. Ihre Augen waren geſchloſſen und der redende Mund ſtand ſtille. Er ſchüttelte ſie, und redete ihr zu—— aber ſie ſank aus ſeiner Hand und war todt. Er ſelber hatte nicht die geringſte Erſchütterung empfunden. Drau⸗ ßen war es, als ſei auch noch kein Gewitter an die Stelle gekommen. Die folgenden Donner waren wieder ferne, es ging kein Lüftchen, und zeitweiſe ſang noch die Lerche. Dann ſtand der Mann auf, lud das todte Mädchen mechaniſch auf ſeine Schulter und trug ſie nach Hauſe. Zwei Hirten, die ihm begegneten, entſetzten ſich, wie ſie ihn ſo im Winde, der mittlerweile aufgeſtanden war, ſchreiten ſahen, und wie das Haupt und der Arm des Kindes rückwärts ſeiner Schulter herab hing. Das neue Wunder und Strafgericht, wie ſie es nannten, flog ſo⸗ gleich durch das Land. Am dritten Tage nach dem Unglücke kamen Brü⸗ der ſeines Volkes und legten die Lilie in die Erde. Das Gewitter, welches dem Kinde mit ſeiner weichen Flamme das Leben von dem Haupte geküßt hatte, ſchüttete an dem Tage noch auf alle Weſen reichlichen Segen herab, und hatte, wie jenes, das ihr das Augenlicht gegeben, mit einem ſchönen Regenbogen im weiten Morgen geſchloſſen. Abdias ſaß nach dieſem Ereigniſſe auf dem Bänkchen vor ſeinem Hauſe, und ſagte nichts, ſondern er ſchaute die Sonne an. Er ſaß viele Jahre, die Knechte beſorgten auf Anordnung des Handelsfteundes, von dem wir öfter geredet hatten, die Felder— aus Ditha's Gliedern ſproß⸗ ten Blumen und Gras— eine Sonne nach der andern verging, ein Sommer nach dem andern— und er wußte nicht, wie lange er geſeſſen war, denn nach glaublichen Ausſagen war er wahnſinnig geweſen. Auf einmal erwachte er wieder, und wollte jetzt nach Aftika reiſen, um Melek ein Meſſer in das Herz zu ſtoßen; aber er konnte nicht mehr; — 271— denn ſeine Diener mußten ihn am Morgen aus dem Hauſe bringen, und Mittags und Abends wieder hinein. Dreißig Jahre nach dem Tode Ditha's lebte Abdias noch. Wie lange nachher, weiß man nicht. In hohem Alter hatte er die ſchwarze Farbe verloren, und war wieder gebleicht worden, wie er in ſeiner Ju⸗ gend geweſen war. Viele Menſchen haben ihn auf der Bank ſeines Hau⸗ ſes ſitzen geſehen. Eines Tages ſaß er nicht mehr dort, die Sonne ſchien auf den lee⸗ ren Platz, und auf ſeinen friſchen Grabhügel, aus dem bereits Spitzen von Gräſern hervor ſahen. Wie alt er geworden war, wußte man nicht. Manche ſagten, es ſeien weit über hundert Jahre geweſen. Das öde Thal iſt ſeit der Zeit ein fruchtbares, das weiße Haus ſteht noch, ja es iſt nach der Zeit noch verſchönert und vergrößert worden, und das Ganze iſt das Eigenthum der Söhne des Handelsfreundes des Abdias. So endete das Leben und die Laufbahn des Juden Abdias. ———— Das alte Siegel. 1843. Stifter. à. Aufl. II. 1. Die Perghalde. UVn Hugo Evariſtus Almot war der einzige Sohn eines uralten noch aus den Zeiten Laudon's und Eugen's ſtammenden Kriegers, der eben⸗ falls den Namen Veit Hugo führte, und welcher Krieger, nachdem er glücklich den Schwertern und Spießen der Türken entgangen war, zuletzt 3 noch in bedeutend vorgerückten Jahren in die Gefangenſchaft eines ſchö⸗ nen Mädchens gerieth, welcher er nicht entging; daher er das Mädchen zur Frau nahm, dieſelbe auf ſeinen Landſitz in's Hochgebirge führte, und mit ihr ſein Söhnlein Veit Hugo erzielte. Er lebte darnach noch eine Reihe von Jahren in die Zeit hinein, ſo daß ihm ſogar ſein liebes Weib⸗ lein, obgleich es viel jünger war, als er, in die Ewigkeit vorausging, ſo wie ihm bereits alle Kameraden und Freunde vorausgegangen waren. Ungleich vielen Kriegern ſeiner Zeit hatte er ſich ſo viele wiſſen⸗ ſchaftliche und Staatsbildung eigen gemacht, als damals möglich war, und da er ſeinen Sohn ſelber unterrichtete und erzog, weil er meinte, daß es Niemand ſo gut zu thun vermöchte, als er, ſo trug er alles, was er wußte, auf dieſen über. Freilich wäre bei dem indeſſen vorgerückten Stande der Wiſſenſchaften mancher Andere geweſen, der den Unterricht † weit beſſer hätte führen können, als er; allein neben dem Unterrichte gab er ſeinem Sohne unverſehens auch ein anderes Kleinod mit, welches ein Fremder nicht hätte geben können, nämlich ſein eigenes einfältiges, metallſtarkes, goldreines Männerherz, welches Hugo unſäglich liebte, und unbemerkt in ſich ſog, ſo daß er ſchon als Knabe etwas Eiſenfeſtes und Altkluges an ſich hatte, wie ein Obriſt des vorigen Jahrhunderts, 18 3. — aber auch noch als Mann von zwanzig Jahren etwas ſo einſam Unſchul⸗ diges, wie es heut zu Tage ſelbſt tief auf dem Lande kaum vierzehnjäh⸗ rige Knaben beſitzen. Das Herz und ſeine Leidenſchaften waren bei dem Vater ſchon entſchlummert, daher blieben ſie bei dem Sohne ungeweckt und ungebraucht in der Bruſt liegen, und er hatte von dem Vater ſonſt nichts geerbt,als den Tag für Tag gleichen Frohſinn und die Freude an der Welt. Von der Mutter hatte er die ungewöhnliche Schönheit des Kör⸗ pers und Antlitzes bekommen, die ſie einſt in ihrem Leben ausgezeichnet hatte, und dieſe Schönheit entwickelte ſich an ihm, da er empor wuchs, ſo daß die Blicke aller Menſchen mit Wohlgefallen an dem Knaben haf⸗ teten, und daß er als Jüngling, obgleich er ſelbſt noch nichts anderes liebte, als den Vater und die ganze Welt, doch an manchen Stellen, wohin der Himmel ſeines Auges leuchtete, bereits die heißeſte Liebe ent⸗ zündet hatte, davon er ſelber nie etwas wußte. Als er auf dieſe Weiſe ein und zwanzig Jahre alt geworden war, gab ihm der Vater ein Päckchen mit Goldſtücken, einen Empfehlungs⸗ brief, mehrere gute Lehren, und ſagte, daß er mit allem dieſem jetzt in die Hauptſtadt gehen müſſe. „Veit,“ ſagte er,„Du haſt nun von mir genug gelernt, ich weiß nichts mehr weiter. Du mußt nun in die Welt gehen und auch das Deine thun. Gieb dieſen Brief da dem alten Feldobriſten, auf den er lautet, er wird Dir, wenn er noch lebt, an die Hand gehen; ſchau auf das Geld, wir haben nicht viel, aber was ein ehrlicher Mann braucht, werde ich Dir immer ſenden; ſieh zu, daß Du noch etwas lerneſt, das Dir gut thut, denn jetzt braucht man viel mehr, als ehedem, weil die Welt aufgeklärter geworden iſt; dann, wenn Du ausgelernt haſt, mußt Du auch, wie ich Dir immer geſagt habe, auf der Erde etwas wirken— es ſei, was es wolle, ich rede Dir da nichts ein, aber gut muß es ſein, und ſo viel, daß es einer Rede werth iſt, wenn man einmal Abends bei ſeinem eigenen Ofenfeuer beiſammen ſitzt, hörſt Du, Veit!— Dann kannſt Du in Dein Haus zurückkommen, es trägt ſchon ſo viel, daß davon ein ſtrenger Mann leben kann, und ſein Weib auch, und eine Handvoll Kinder auch noch und mancher Gaſt dazu, der zu Dir über's Gebirge ſteigt. So— jetzt geh und laſſe den geſattelten Rappen nicht zu lange warten, ich konnte das nie leiden, mein Bruder, der Franz, Dein Oheim, hat es immer gethan, darum haben ſie ihn auch bei Kar⸗ — lowitz niedergeſchoſſen, weil er wieder zu ſpät aufgebrochen iſt, wie ſonſt. Schreib oft, Veit, wenigſtens jeden Monat einmal, und vergiß nicht, und ſei kein Narr, wenn Du einmal hörſt, daß ich geſtorben bin.“ Nach dieſen Worten ſtand der Knabe, der ſchon wußte, daß er jetzt fort ziehen werde, und bereits dazu vollkommen ausgerüſtet war, auf, und ging an der Hand des Vaters, der ihn führte, aus dem Hauſe hinaus. Sie gingen rückwärts durch den Garten und an den Blumenbeeten ent⸗ lang. Der Rappe ſtand am Gitter, von dem traurigen Knechte gehal⸗ ten. Der alte Krieger wollte grimmig darein ſchauen, um ſich ſelber zu Hilfe zu kommen; aber wie er dem Sohne, der bisher ſtumm und ſtand⸗ haft den Schmerz nieder gekämpft hatte, die Hand gab, und nun ſah. daß deſſen gute, junge und unſchuldige Augen plötzlich voll Waſſer an⸗ liefen, ſo kam auch in die ſtarren, eiſengrauen Züge des alten Mannes ein ſo plötzliches Zucken, daß er es nicht mehr zurück halten konnte. Er ſagte nur die ganz verſtümmelten Worte:„Dummer Haſenfuß,“ und kehrte ſich um, indem er heftig mit den Armen ſchlagend in den Garten zurück ging. Hugo ſah es nicht mehr, wie der verlaſſene Mann, um ſich ſeinem Anblicke zu entziehen, in die allererſte Laube hinein ging, und dort die Hände über dem Haupte zuſammen ſchlug: ſondern er ließ ſich von dem Knechte den Steigbügel halten, ſchwang ſich auf, und ritt mit feſter Haltung den Berg hinab, weil er meinte, der Vater ſehe ihm nach; aber als er unten angekommen war, und die Haſelgeſträuche ihn deckten, ließ er dem Herzen Luft, und wollte ſich halb todt weinen vor ausge⸗ laſſenem Schmerze. Er hörte noch das Dorfglöcklein klingen, wie es in die Frühmeſſe läutete, und neben ihm rauſchte das grüne klare Waſſer des Gebirgsbaches. Das Glöcklein klang, wie es ihm zwanzig Jahre geklungen, der Bach rauſchte, wie er zwanzig Jahre gerauſcht— und beide Klänge goſſen erſt recht das heiße Waſſer in ſeine Augen. „Ob es denn,“ ſagte er gleichſam halblaut zu ſich,„in der ganzen Welt einen ſo lieben Ort und einen ſo lieben Klang geben könne, und ob ich denn nur noch einmal in meinem Leben dieſen Klang wieder hören werde!“ Das Glöcklein hörte endlich auf, nur der Bach hüpfte neben ihm her, und rauſchte und plauderte fort. „Grüße mir den Vater, und das Grab der Mutter,“ ſagte er,„du liebes Waſſer.“ — Aber er bedachte nicht, daß ja die Wellen nicht zurückfloſſen, ſon⸗ dern mit ihm denſelben Weg hinaus in die Länder der Menſchen gin⸗ gen.—— Fuhrleute mit krachenden Wägen begegneten ihm auf der Straße, der graue Gebirgsjäger mit dem Gemsbarte ging über den Weg. Heer⸗ denglocken klangen, der Thau glänzte auf den Bergen— Hugo ritt lang⸗ ſam aus einem Thale in das andere, und aus jedem derſelben kam ihm ein Bächlein nach, und alle vereinten ſich, und zogen als größerer Bach mit ihm des Weges weiter— der Himmel wurde immer blauer, die Sonne immer kräftiger, und das Herz des Reiſenden mit. Nachmittags, als ihm die ſtraffe Gebirgsluft ſchon längſt die letzte Thräne von dem Auge getrocknet hatte, und ſeine Gedanken ſchon weit und breit wieder ihre Wege gingen, dauerte doch noch eine gewiſſe Weichheit und Sehn⸗ ſucht fort, die ihm ſonſt ftemd geweſen waren. Er ſuchte daher, als er ſeine erſte Nachtherberge erreicht hatte, ſogleich ſein Lager, und entſchlum⸗ merte todtmüde, während in ſeinen Ohren Heimathglocken klangen und Heimathsbäche rauſchten. In der ganzen Nacht hing das Bild des abwe⸗ ſenden Vaters vor den zugemachten Augen. Deßohngeachtet erwachte er am andern Morgen geſtärkter und ruhi⸗ ger, und jeder Tag, der da folgte, legte ſein Körnlein dazu, bis er am Abende des ſechsten Tages wohlgemuth und ſtaunend in die Herrlichkeit der Hauptſtadt einritt. Hier wußte er nun nicht, was er gleich beginnen ſollte. Der einzige Empfehlungsbrief, den er mit bekommen hatte, nämlich der an den alten Feldobriſten, war ihm unnütz; denn der Feldobxiſt war ſchon längſtens geſtorben, und ſo war er alſo mit ſich allein. Das erſte, was er vor⸗ nehmen wollte, beſtand darin, daß er ſich irgendwo ein Stübchen miethe, in dem er lebe, und die Dinge anſähe, wie ſie hier ſind, damit er erfahre, was er dann weiter zu erringen habe. Mit dem Pferde, welches er mitgebracht hatte, war er gleich An⸗ fangs in eine große Verlegenheit gekommen. Es war zur Zeit, als er von Hauſe ging, nicht mehr Sitte, zu Pferde zu reiſen, ſondern der Reit⸗ pferde bediente man ſich nur im Heere zum Dienſte, und außer demſel⸗ ben, vorzüglich in der Stadt, blos zu dem einen oder dem andern Spa⸗ zierritte. Er war daher häufig angeſchaut worden, wenn er ſo auf ſeinem Rappen die Straße dahin zog, und als er in die Hauptſtadt gekommen — 279— war, waren alle Reitpferde ſchöner, waren alle ganz anders geſattelt und gezäumt, als das ſeine, und überall wo er um ein Zimmer für ſich fragte, war kein Stall, in welchen er ſeinen Rappen hätte thun können. Er gab daher denſelben, der noch immer in dem Gaſthofe, in welchem er abge⸗ ſtiegen war, weil er ihm von den Fuhrleuten ſeiner Gegend, die alle dort einkehren, empfohlen wurde, geſtanden war, einem Fuhrmanne mit, der in das Thal ſeines Vaters zurück kehrte, und trug ihm auf, daß er den Rappen hinten an ſeinen Wagen anhängen, ſehr gut auf ihn ſchauen, und ihn von dem Wirthshauſe des letzten Dorfes aus nach dem Hauſe der Gebirgshalde ſenden möge, wo der Vater iſt. Der Fuhrmann ver⸗ ſprach alles, und Hugo nahm Abſchied von dem Thiere. In der erſten Woche ſeines Aufenthaltes in der großen Stadt hatte er eine Stube gefunden, wie er ſie wünſchte. Sie war zum Studiren abgelegen, und ihre zwei Fenſter ſahen doch auf ein paar grüne Bäume, wie er ſie liebte, obgleich jenſeits derſelben ſogleich wieder Mauern an⸗ fingen, die ihm zuwider waren. In dieſe Stube brachte er ſeine Sachen, und richtete ſich ein. Hier wollte er nun eine Thätigkeit anfangen, von der er wußte, daß ſie ſeinem Vater eine große Freude machen könnte. Die Sache war ſo: Als ſie nämlich er und ſein Vater, zu lernen ange⸗ fangen hatten, und Hugo bereits ſchon bedeutende Fortſchritte machte, brach die franzöſiſche Revolution aus. Es bereiteten ſich gemach die er⸗ ſchütternden Begebenheiten vor, die dann auf ein Vierteljahrhundert hin⸗ aus den Frieden der Welt zerſtören ſollten. Der alte Veit lebte gleichſam wieder jugendlich auf und ließ ſich alle nur denkbaren Zeitungen auf das alte Gebirgshaus bringen. Der Knabe mußte ſie ihm vorleſen, ſie lebten Jahr nach Jahr dieſe Bewegungen durch, und als ſie auf jene Zeit ka⸗ men, in welcher der fremde Eroberer unſer Vaterland in Feſſeln ſchlug, und Hugo bereits zu einem Jünglinge aufzublühen begann— da ent⸗ ſtand in beiden derſelbe Gedanke, daß nämlich eines Tages die geſammte deutſche Jugend aufſtehen werde, wie ein Mann, um die deutſche Erde gänzlich zu befreien. „Dieſes Geſchlecht,“ ſagte der alte Veit,„hat den Krieg noch nicht geſehen, es weiß alſo jetzt, da er da iſt, nichts mit ihm anzufangen. Wenn ich nur nicht ſo alt wäre. Sie merken die große Schande nicht, daß ſie immer geſchlagen werden, und der Feind, der auch lange keinen Krieg gehabt hat, iſt ebenfalls ſo thöricht, dieſe Schande immer zu meh⸗ — 280 ren, und mit Worten größer zu machen, weil er ſie für einen Triumph hält. Aber es kann nicht lange ſo dauern; wenn das Kraut fort wachſen wird, dann wird er ſich über die Blume wundern, die ganz oben ſtehen wird. Sie muß Ingrimm heißen, dieſe Blume, und alle alten Sünden müſſen getilgt werden, wenn es mit rechten Dingen zugehen ſoll. Wenn auch die Sünder ſelber nicht mehr leben, um auszubeſſern, ſo wird es die nachwachſende Jugend thun.— Wie wir damals mit dem alten und ſchon ſchwachen Eugenius an den Rhein rückten, unſer ſechzig, unſer ſiebenzig Tauſend, lauter blutjunge Burſche!— hätten ſie uns damals von Seite des heiligen römiſchen Reiches nicht ſo im Stiche gelaſſen— der alte Eugenius hat ohnehin mit uns Wunder gewirkt. Ich glaube, wenn ſolche ſechzig, oder ſiebenzig Tauſend im Felde ſtünden, ſie würden den Feind über die Grenze zurück werfen. Macht er es in ſeinem Ueber⸗ muthe nur immer ſo fort, ſo werden ſchon mehrere aufſtehen, man wird nicht wiſſen, woher ſie gekommen ſind, es werden ihrer mehr, als ſechzig und ſiebenzig Tauſend ſein, dieſe werden Thaten thun— es wird eine Zeit ſein, Du kannſt ſie noch erleben, ich ſchwerlich— ſie werden es nicht mehr ertragen können, und der jetzt an der Zeche ſitzt, der wird ſehr bald und ſehr fürchterlich dafür bezahlen müſſen. Merke Dir das, daß ich es geſagt habe, wenn es geſchieht, und ich vielleicht ſchon im Grabe liege.“ Durch ſolche und ähnliche Worte entzündete er das arme Herz des Knaben, daß es ſich in heimlicher und einſamer Gluth abarbeitete, und dies um ſo mehr, da es ſich von den Dingen der Wirklichkeit auch keine entfernt ähnliche Vorſtellung zu machen verſtand. Als nach ein paar Jahren darauf der Krieg über ganz Deutſchland fluthete, obwohl man auf der Berghalde nie einen Feind geſehen hatte, und das alte Haus wie manch andere Stelle im Gebirge gleichſam als eine Inſel aus der Fluth heraus ragte: faßte Hugo den Entſchluß, wenn der Zeitpunkt gekommen wäre, daß ſich Deutſchlands Jugend gegen den Feind erhebe, auch hin⸗ aus zu gehen, und ſich in die Reihe der Krieger zu ſtellen. Er ſagte zu ſeinem Vater nichts von dieſem Gedanken. Denn wie die andern mit den kleinen Laſtern und Begierden ihres Herzens, ſo war Hugo verſchämt mit der Schönheit des ſeinigen. Jede Zeile, die er lernte, jeden veralteten Handgriff, den ihm ſein Vater beibrachte, berechnete er ſchon auf jene Zeit. Als er nun von dem Hauſe Abſchied nahm, in die Stadt reiſte und * 5 — die von ihm gemiethete abgelegene Stube bezog, nahm er ſich vor, in derſelben alle kriegeriſchen Wiſſenſchaften zu betreiben, nebſtbei die Be⸗ kanntſchaft von Männern aus dem Kriegerſtande zu ſuchen, daß ſie ihm an die Hand gingen, daß er ſich nicht nur aus den Büchern wiſſenſchaft⸗ lich, ſondern durch Erlernung aller Handgriffe und Uebungen auch that⸗ ſächlich unterrichtete— und wenn dann der Zeitpunkt der Erhebung ge⸗ kommen wäre, von dem er eben ſo feſt überzeugt war, daß er kommen müſſe, wie ſein Vater, würde er demſelben ſchreiben, daß er ſich ſeither für den Kriegerſtand gebildet habe, und daß er ſich nun dem Aufſtande anſchließe. Wenn dann die That der Befreiung, dachte er, von den vielen hunderttauſend deutſchen Jünglingen verſucht worden, und gelungen wäre, dann wolle er nach Hauſe gehen, und wolle dem alten Vater alles auseinander ſetzen, was er gelernt habe, wie er ſich vorbereitet habe, wie er eingetreten ſei, was er gethan habe,— und dann wolle er ihn fragen, ob dieſes der Rede werth ſei, wenn man Abends einmal bei dem Ofen⸗ feuer beiſammen ſitze— oder ob er noch hinaus gehen müſſe, und noch etwas thun. So wie Hugo mußten ſich damals viele vereinzelte Jünglingsher⸗ zen, wenn auch nicht thatſächlich, wie er, doch durch Erwägung der Frage, die zu jener Zeit noch ein Unding ſchien, vorbereitet haben, weil, da gleichwohl die Löſung derſelben eintrat, die Flamme nicht ein Herz nach dem andern ergriff, ſondern von allen, als hätte ſie ſchon lange dar⸗ innen geglimmt, auf einmal und mit einer einzigen Lohe empor ſchlug. Seinem Entſchluſſe gemäß, begann nun Hugo in der gemietheten Stube ſeine wiſſenſchaftlichen Arbeiten. Gleich in den erſten Tagen, in denen er ſehr oft herum ging und öffentliche Orte beſuchte, um etwa einen Bekannten zu erwerben, wie er ihn wünſchte, machte er wirklich die Bekanntſchaft eines Kriegers, die ihm von großem Vortheile war; denn derſelbe gab Hugo nicht nur die Werke an, nach denen er ſeine Bil⸗ dung beginnen ſolle, ſondern er vermittelte auch bei ſeinen Obern und Vorgeſetzten, daß Hugo nicht nur allen kriegeriſchen Uebungen beiwoh⸗ nen, ſondern auch dieſelben, wo es anging, perſönlich mitmachen konnte. Hiedurch kam er in die Bekanntſchaft faſt aller höheren in der Hauptſtadt befindlichen Krieger. Er ſagte keinem von ihnen ſeinen eigentlichen Plan, ſondern theilte nur das Allgemeine desſelben mit, daß er ſich nämlich zum Kriege gegen den Landesfeind vorbereite. Ob es einzelne gab, die 282 ihn erriethen, oder ob mehrere aus ihnen ſchon ſelber an eine Entſchei⸗ dung der Art dachten, wie ſie erſt nach mehreren Jahren wirklich eintrat, können wir nicht ſagen, weil er trotz des Umganges mit dieſen Männern ſo einſam war, als ſäße er beſtändig und ausſchließlich in ſeinem Stüb⸗ chen, daher ihm der Aufenthalt in der Hauptſtadt auch nicht in Gering⸗ ſten anzuſehen war, als wäre er erſt geſtern Abends von der Gebirgs⸗ halde gekommen. Das erkannte er gleich, daß er hier noch ſehr vieles lernen müſſe, und ſchrieb es auch dem Vater. Er ſchrieb ihm dazu, daß er die Kriegs⸗ wiſſenſchaften betreibe und ſich auf dieſem Felde auch thatſächlich übe, wenn er dieſe Dinge heute oder morgen etwa einmal brauchen könnte. Der Vater antwortete in einem Schreiben, daß er über das, was der Sohn treibe, kein Urtheil abgebe, daß er ſchon geſagt habe, er hätte Freiheit zu thun, wie er wolle, nur gut müſſe es ſein, und einer Abend⸗ rede werth. Was ihm ſonſt Veit ſchriebe, wie man die Kriegsdinge jetzt anders betreibe, ſo ſehe er wohl ein, daß die Wiſſenſchaft des Krieges fortgeſchritten ſei, und jetzt vieles beſſer in's Werk geſtellt werden würde, als zu ſeiner Zeit, aber die Manneszucht und die Tapferkeit ſei heute nicht mehr ſo, wie in ſeinen Tagen, das könne er durchaus nicht glauben. Hugo richtete ſich ſeine Stube zu ſeinen Zwecken ein. Das Vor⸗ ſtübchen war ganz leer, lag über dem Schwibbogen eines Thores und war daher zu den Fechtübungen ſehr tauglich, die er ſehr häufig mit ſei⸗ nem Meiſter, und oft auch mit einem Kameraden anſtellte. In der Stube ſelber hingen ſeine Scheibengewehre, ſeine andern Waffen, und, wo noch Platz war, die Landkarten. Auf den vielen Tiſchen lagen die Bücher, die Pläne, Karten und andern Papiere. Bald, als er den Rap⸗ pen nach Hauſe geſchickt hatte, kaufte er ſich ein anderes Pferd, weil ihm die Uebungen in der Reitſchule auf den Pferden des Bereiters nicht ge⸗ nügten, ſondern weil er ſie auf einem edlen, kräftigen, feurigen Pferde, das ihm eigen wäre, ſelber machen wollte, und weil er einen Reſt ſeiner Zeit in die Pflege eines ſolchen edlen Pferdes theilen wollte. Er miethete einen Stall dafür, und obwohl es ſein Diener in der Obhut hatte, ging er doch täglich hin und leitete die Wartung desſelben. Der früheſte Mor⸗ gen— denn Hugo ſtand ſchon wenige Stunden nach Mitternacht auf— war den Studien gewidmet. Seine Zeit wat ſtrenge eingetheilt, dies „— * — 283— hatte er von dem Vater gelernt, und nur im Laufe des Vormittags und des Abends war eine Stunde oder etwas darüber zum Spazierengehen und zur Erholung beſtimmt. So lebte Hugo ein und ein halbes Jahr fort. Er dachte, er könne mit ſeinen Erwerbungen auf dem betretenen Felde zufrieden ſein, als ein Brief kam, und ihm den Tod ſeines Vaters meldete. Derſelbe hatte alſo nicht mehr erlebt, daß ihm der Sohn die Freude mache, den geliebten Gedanken, den er im hohen Alter noch mit Jugendfeuer ausdachte, aus freiem Antriebe verwirklichen zu helfen, und wenn der Sohn in die Zu⸗ kunft dachte, und ſich ſelber ſeine Pläne entwickelte, ſo war oft der Ge⸗ danke da, was der Vater dazu ſagen werde, aber daß der Tod dieſes Va⸗ ters eintreten könnte, das war nie in Rechnung gebracht. Hugo konnte alſo jetzt nichts thun, als auf der eingeſchlagenen Bahn fort zu gehen, und wenn die That gethan ſei, und ſein Herz noch unter den Lebendigen ſchlage, auf das Grab des Vaters zu gehen, dort die Waffen nieder zu legen, und zu fragen, ob die That einer Abendrede werth ſei— ſchlägt aber das Herz nicht mehr unter den Lebendigen, dann, hoffe er, würde er doch auch an einem Ort kommen, wo er dem Vater ſelber ſagen könnte, was er gethan. Er hatte das alte Haus geerbt mit den Erträgniſſen der dazu gehö⸗ rigen Felder, Wieſen und Wälder. Das Haus trug er dem noch lebenden Altknechte ſeines Vaters zur Verwaltung auf, bis er ſelber kommen werde. In der Stube hingen mehrere verroſtete Waffen, die er befahl, daß man ſie unberührt und unvermiſcht hängen laſſen ſolle. Mit dem Briefe, der ihm den Tod des Vaters angezeigt hatte, war zugleich in einem Futterale ein altes Siegel angekommen, über das der Vater ver⸗ ordnet hatte, daß man es ſogleich nach ſeinem Tode dem Sohne ein⸗ händigen ſolle. Er hatte zu Lebzeiten das Siegel immer bei allen ſeinen Briefen und bei allen andern Papieren und Urkunden, die eines Pet⸗ ſchaftes bedurften, geführt. In dem Fache des Siegels lag ein Blättchen Papier mit der eigenen Handſchrift des Vaters beſchrieben. Das Feld des Siegels, deſſen Stiel von kunſtreicher Arbeit in Stahl war, trug mit ſehr ſchönen klaren Buchſtaben im Halbkreiſe herum die Worte:„Ser- vandus tantummodo honos,“ unterhalb des Bogens der Buchſtaben war ein ganz blankes Schild, um die Reinheit der Ehre anzuzeigen. Denn die Familie Almot war nicht von Adel und hatte kein Wappen. daß er ihm die Worte, die darauf ſtünden, auf das Beſte empfehle; denn ſo lange der Sinnſpruch desſelben befolgt werde, iſt nichts verloren, und man ſteht vor ſich ſelber und den anderen gerechtfertigt und un⸗ tadelig da.* „Ja,“ dachte Hugo,„das will ich unabänderlich befolgen: ſo lange ich lebe, ſoll kein Makel an mein Herz und meine Ehre kommen, es ſoll kein Einziger ſein, der etwas Schimpfliches über mich zu ſagen wüßte, und vor allen Andern ſoll ich ſelber nicht der Einzige ſein, der eine ge⸗ heime Schuld hätte, und ſich dieſelbe erzählen könnte. Ich will eine große und nützliche That thun helfen, und erſt dann, wenn ich mein eigenes Gewiſſen befragt habe, ob es genug ſei, und wenn mein eigenes Gewiſſen geantwortet hat: wenn der Vater lebte, würde er es einer Rede des Abends für werth halten— dann werde ich nach Hauſe gehen, das alte Haus in meine Obſorge nehmen, und alle die behüten, die mir untergeben ſind, und ein Recht haben auf meinen Schutz und meine Verwaltung.“ Mit dem großen Schmerze in dem Herzen ging er an die Fortſetzung ſeiner Arbeiten und Beſtrebungen. Sie zeigten ihm bald eine neue Seite. Waren ſie ihm früher nur Beruf und Mittel zum Ziele geweſen, ſo wurden ſie ihm nun eine Art Troſt, gleichſam ein unſichtbares Band mit dem Verſtorbenen, der auch dieſem Stande angehört hat, und den Kreis dieſer Dinge bald ganz, bald zum Theile gleichſam mit hinübet in die Ewigkeit gezogen hat. Er arbeitete ſehr fleißig und erſt jetzt ſetzte er ſeine Studien mit der wahren und rechten Begeiſterung fort. Faſt zwei Jahre waren ſeit dem Tode des Vaters wieder verfloſſen. Hugo blieb in der Stadt rein und ſtark, wie eine Jungfrau; denn in deſſen Buſen ein Gott iſt, der wird von den Niedrigkeiten, die die Welt hat, nicht berührt. Obwohl er nun ſchon im vierten Jahre in der großen Stadt war, lag ihm das Herz noch ſo einſam in ſeiner Bruſt, wie einſt auf der Gebirgshalde— nur daß es ihn zuweilen, wenn er auf den Höhen um die große Stadt herum ſchweifte, wie Heimweh überkam, oder wie eine traurige Sehnſucht. Er hielt es für Thatendurſt; in Wahrheit aber war es, wenn er ſo die Landſchaft überſah, ein ſanftes Anpochen ſeines Herzens, das da fragte:„Wo in dieſer großen Weite haſt du denn Auf dem, dem Siegel beigelegten Papiere ſtand, daß ihm der Vater hier das Siegel übergebe, das man immer in der Familie geführt habe, und „ — die Sache, die du lieben kannſt?“—— Aber die Sache hatte er nicht, der Mahnung achtete er nicht, und ſo ſchleiften die Stunden hin, höch⸗ ſtens, daß er in ſolchen Augenblicken nieder ſaß und an ſeinem Tagebuche ſchrieb, das ſonderbar genug, in lauter Briefen an den todten Vater be⸗ ſtand. Anders wußte ſich ſeine Liebe nicht zu helfen; wie hold Mutter⸗ liebe ſei, hatte er nie erfahren, und wie ſüß die andere, davon ahnete ihm noch nichts, oder, wenn man es ſo nimmt, die Briefe an den Vater ſind mißgekannte Verſuche derſelben. Zu der Zeit, von der wir reden, übrigte er ſich täglich auch ein paar Stunden ab, in denen er die ſchönen Wiſſenſchaften trieb und Dichter und Geſchichtſchreiber las. Er las aber nur lauter heidniſche Alte. Er hatte einen Mann kennen gelernt, der ein inniger Freund des mit Hugo gleiche Wege gehenden Körner war, von dem ihm damals nicht ahnete, daß er ihn ſo bald durch den Tod verlieren würde. Dieſer Mann war ein ſchwärmender Verehrer der Sprache der Griechen und Römer und führte Hugo in die Gebiete derſelben ein und unterrichtete ihn ſogar zum Theile darinnen. Hugo's feſte Einfalt, die er auf der Gebirgshalde be⸗ kommen hatte, ſtimmte vortrefflich mit der der Alten, er pries dieſelben unſäglich, und ſagte: er wolle nun vorerſt in dem Reiche derſelben ver⸗ bleiben, bis er es erſchöpft und in ſein Blut aufgenommen habe. Dann wolle er in das der Neueren übergehen und ſehen, was denn dieſe auf demſelben Felde hervorgebracht hätten. 2 Die Rirche von Sanct Peter. Hugo ſaß eines Tages, wie gewöhnlich, in ſeiner Stube. Es war eben zwölf Uhr. Er war von dem Spaziergange, den er gerne um zehn Uhr Vormittags machte, zurückgekehrt, und wollte die anderthalb Stun⸗ den, die noch bis zu ſeinem Mittagseſſen übrig waren, wie er es alle Tage that, mit Rechnen verbringen. Die zwölfte Stunde war in der Stadt die, in welcher man die eingelaufenen Briefe auszutragen beginnt. An Hugo's Thür ward gepocht, der bekannte Briefträger trat ein und brachte ein Schreiben. Als der kleine Betrag dafür entrichtet war, ging er wieder fort. Hugo ſah gleich, daß der Brief nicht von dem Altknechte ſeines Vaters ſei, dem einzigen Menſchen, von dem er Briefe zu empfan⸗ gen pflegte. Das Schreiben war auf nicht gar feinem, nicht gar weißem Papiere, und der Unſchlag trug eine nicht gar ſchöne Schrift. Hugo er⸗ brach das Siegel, und las folgenden Inhalt:„Wenn ihr der junge Mann ſeid, der ſo wunderſam ſchöne blonde Haare hat, und ſie nicht gar zu kurz, aber auch nicht gar zu lange auf ſeinen Nacken niedergehend trägt, ſo er⸗ füllet einem alten Manne die Bitte, und ſeid morgen zwiſchen zehn und eilf Uhr in der Kirche von Sanct Peter.“ Der Brief hatte keine Unterſchrift, und Hugo hielt ihn verblüfft in ſeinen Händen. Die Schrift war augenſcheinlich die eines Mannes, und zwar eines alten Mannes, wie die feſten, ſtarken, aber zitternden Züge verriethen. Allein was der Mann von Hugo wollte und warum er nicht lieber gleich zu ihm in die Stube gekommen ſei, war nicht zu enträthſeln. „Wer weiß, ob ich auch der Mann mit den wunderſamen ſchönen blonden Locken bin, oder ob es nicht einen andern gibt, der noch wunder⸗ ſamere, ſchönere und blondere hat,“ ſagte Hugo lächelnd zu ſich, und wäre bald verſucht geweſen in den Spiegel zu ſchauen. Aber der Name, auf den der Brief lautete, war der ſeine. Und in der That, die Locken, die an den Seiten ſeiner Stirne nieder gingen, waren wunderſam genug. Wenn blonde Locken kräftig ſind, und den milden Metallglanz haben, ſo kann man ſich an jungen Menſchen kaum etwas ſchöneres denken. Hugo hatte darunter eine reine Stirne, von zwei geiſtvollen klaren Augenbogen geſchnitten, feines ſtarkes Wangenroth, und die Lippen friſch und kräftig, die noch von keinem Menſchen dieſer Erde, nicht einmal von einem Kinde geküßt worden ſind. Die Augen hatte er von der Muiter, groß und blau. Sie waren ſo gut, daß, hätten ſie ſich nicht eben jetzt in's Männliche hinüber verändert, man geſagt haben würde, er hätte ſie von einer edlen ſchönen Frau empfangen. Ueberhaupt ſah er viel jünger aus, als ſeine Jahre waren, und er hatte von manchem aus dem Kriegerſtande, die er bei ſeinen Uebungen kennen gelernt hatte, und die ihn gelegentlich be⸗ ſuchten, einigen Hohn und Scherz zu erfahren, da ſie ihn ſpottweiſe nur immer den heiligen Alviſius nannten. Eben, da er ſo ſtand, ließen ſich klirrende Tritte durch ſein Vorſtüb⸗ — 287— chen gegen ſein Gemach vernehmen. Er riß den Brief, der auf dem Tiſche lag, an ſich, verbarg ihn in der Taſche, und ward ſo roth, als hätte er eine Schandthat begangen. Es geſchahen ein paar nachläſſige Schläge an ſeine Thür, und ohne Umſtände trat der Beſuch herein. Es war eben ſo ein junger Mann kriegeriſchen Anſehens, wie wir oben von ihnen ge⸗ redet haben. An den Stiefeln tönten die Sporen. Unter einem rauhen, „guten Tag, Freund,“ legte er den Hut hin, warf ſich in den Armſeſſel, und begann ein Geſpräch, das er über den Dienſt, über lange Weile, über Theater, Mädchen und Pferde führte. Hugo hörte ihn an, und erwiederte manchmal etwas auf höfliche Weiſe. Als er endlich fragte, ob ſich denn gar nichts neues zugetragen habe, das nur einige Abwechslung in die Zeit bringe, ſagte ihm Hugo von dem Briefe nichts, ſondern erwiederte, daß ſich wahrſcheinlich nichts zugetragen habe, was man ſeiner beſondern Aufmerkſamkeit werth halten und ihm anvertrauen möchte. Da Hugo's Bekannte ſchon wußten, daß er ſich in ſeiner gewohnten Eintheilung der Zeit nicht irre machen ließe, ſo trat er auch jetzt an den Tiſch, und fing auf ſeinen großen ſchwarzen Schiefertafeln aus einem Buche zu rechnen an. Der Mann, der zu Beſuche da war, nahm ſeine Pfeife heraus, rauchte, blätterte in einem Buche, und begleitete endlich Hugo aus dem Hauſe, da dieſer den Griffel weglegte und erklärte, daß er jetzt zu ſeinem Mittagseſſen gehen werde. An der Schwelle des Gaſthau⸗ ſes, in dem Hugo gewöhnlich aß, trennten ſie ſich. Am andern Tage, genau als die Uhr von Sanct Peter zehn ſchlug, trat Hugo durch das große Thor in die Kirche. Er hatte wohl flüchtig daran gedacht, daß die Beſtellung etwa ein Scherz eines ſeiner Kameraden ſein könnte; aber zum Theile ſtand er mit keinem ſo, daß dieſer Scherz leicht denkbar geweſen wäre, zum andern Theile hatte er ſich nichts ver⸗ geben, wenn er kam, ſelbſt wenn ein Scherz ſtatt gefunden haben ſollte. Es wurde am Hauptaltare in der Kirche eben eine Meſſe geleſen, die zu dieſer Stunde angeſetzt iſt. An einem der Seitenaltäre trat gleichfalls ein Prieſter über. In Stühlen ſaßen allerlei Menſchen herum, andere ſtanden heraußen auf dem Pflaſter, wieder andere knieten theils in den Stühlen, theils in den breiten Gängen der Kirche. Hoch oben durch die Fenſter wallte ein Sonnenſtrom herein, und ſetzte den ruhig erhabenen Raum in warmes Feuer. Hugo war vor ſich ſelber in einiger Verlegen⸗ heit, da ihm ſein Gefühl ſagte, daß er heute nicht aus Andacht in die Kirche gekommen ſei; aber da er entſchloſſen war, den Vorfall nur zum Guten zu benützen, ſo beruhigte er ſich bald wieder. Er ſtellie ſich in die äußerſte Ecke zurück, und es war faſt noch die Hälfte ſeines Körpers durch die Schnörkel eines hölzernen Beichtſtuhles verborgen, wie ſie gerne in der Tiefe katholiſcher Kirchen zu ſtehen pflegen. So ſtand er einige Minuten, und es war ihm als müßten ſogleich alle Augen auf ihn ſchauen; aber nicht ein einziges that es, und kein Menſch nahm von ſeiner Anweſenheit beſondere Kenntniß. Die Orgel ging ihren regelmäßigen Gang, und die Melodie des Kirchengeſanges wallte ſanft durch die Bogen. Es trat ein Kirchendiener zu ihm heran und hielt ihm den Klingelbeutel vor, er warf eine kleine Münze hinein, der Diener dankte, ging zu dem Nachbar, dann zu dem Rachbar des Nachbars, und ſo weiter— und alles war wieder, wie vorher. Hugo blickte nun auf mehrere Perſonen— aber alle waren in ſich ſelber vertieft. In der Kirche ließ ſich nicht das mindeſte Zeichen verſpüren, daß heute etwas anderes geſchehen ſolle, als ſonſt. Wie es in großen Städten zu geſchehen pflegt, traten wohl auch während des Got⸗ tesdienſtes immer Menſchen herein und hinaus; aber ſie thaten, wie ſie alle Tage thun: der eine blieb da, der andere ſchlug ein Kreuz, that ein kurzes Gebet und ging wieder. Oefter waren es Mädchen der dienenden Klaſſe, die einen kurzen Augenblick benützten. Sie ſetzten den Korb nie⸗ der, manche that ein leichtfertiges Gebet, manche ein brünſtiges— dann nahm ſie wieder ihre Laſt an den Arm und ging. Auch Frauen kamen— mancher ward von einem Diener das Gebetbuch nachgetragen— ſie ſetz⸗ ten ſich in einen Stuhl und verſenkten ſich in ihre Andacht. Indeſſen war die Meſſe aus geworden, und es kam der Segen. Die ſchöne Weiſe des Dreimal heilig miſchte ſich mit dem Weihrauch, der nun empor ſtieg, ſich oben mit den Sonnenſtrahlen vermählte, und von ihnen vergoldet ward. Der Prieſter wendete ſich, ſegnete mit dem Allerheilig⸗ ſten, und alle klopften andächtig an die Bruſt. Es kam noch ein kurzer Geſang, und dann war der Gottesdienſt aus. An den Seitenaltären war auch kein Prieſter mehr, man löſchte nach und nach die Kerzen, und die Menge wendete ſich zum Gehen, einer nach dem andern. Viele gingen an der Seitenthür hinaus, die meiſten bei dem Hauptthore, und manche mußten an Hugo vorüber, ohne ihn aber zu betrachten. Nur manches ſchöne Weiberauge, wenn es zufällig auf ſeine Züge fiel, war betroffen, und ihm gab es jedesmal einen Stich in das Herz. Die Kirche entvölkerte — 289— ſich endlich ganz, und nur mehr ein paar unſcheinbare Perſonen knieten in den Stühlen, wie überhaupt in einer großen Stadt eine Kirche in kei⸗ nem Augenblicke des ganzen Tages vollkommen leer zu ſein pflegt. Es war ſo ſtille geworden, daß er deutlich von außen herein die drei Glocken⸗ ſchläge vernehmen konnte, welche ihm verkündeten, daß bereits drei Vier⸗ theile der ihm anberaumten Zeit abgefloſſen ſeien. Hugo wußte nicht, ſolle er den Reſt noch abwarten, oder ſolle er fort gehen; aber, ſeinem Willen getreu, wollte er bis eilf Uhr harren. Es war ſo ſtille geworden, daß man das Rauſchen der draußen fah⸗ renden Wägen herein hören konnte. In dieſem Augenblicke vernahm Hugo neben ſich Tritte, es ging ein Mann zu ihm hinzu und ſagte:„Ich danke Euch recht ſchön, Herr, daß Ihr die vermeſſene Bitte eines alten Mannes erhört habt und gekommen ſeid.“ Der Mann war in der That alt, weiße Haare waren auf ſeinem Haupte und viele Runzeln im Angeſichte. Sonſt war er einfach und an⸗ ſtändig gekleidet, und hatte weiter nichts Auffallendes an ſich. Hugv war etwas unbeſtimmt über ſein von dem nächſten Augen⸗ blicke gebotenes Benehmen, und ſchaute den Alten eine kleine Zeit lang an, dann ſagte er:„Ich weiß nicht, wenn ich etwa irre, ſo verzeiht mir— ich habe für den Fall, daß es nöthig ſein ſollte, eine Kleinigkeit zu mir geſteckt.“—— „Ich bedarf kein Almoſen und bin keines Almoſens wegen hieher gekommen,“ ſagte der Alte. Hugo wurde mit einer brennenden Röthe übergoſſen und ſagte: „Ihr wollt alſo mit mir ſprechen— ſo ſprecht. Aber wäre es nicht beſſer geweſen, wenn wir nicht die Kirche dazu gewählt hätten— wollt Ihr etwa mit mir in meine Wohnung kommen?“ Der Fremde ſah Hugo an und ſagte:„Ihr ſeid ſo gut, als Ihr ſchön ſeid, Herr, ich habe mich in Euch nicht geirrt. Aber ich bedarf auch keines Geſpräches mit Euch, ſo wie ich keines Almoſens bedarf. Ihr habt mir eine große Wohlthat erwieſen, blos daß Ihr gekommen ſeid. Ihr werdet das nicht verſtehen, aber es iſt doch wahr, daß Ihr mir eine ſehr große Wohlthat erwieſen habt. Ich kann Euch jetzt gar nicht ſagen, warum es ſo iſt, und kann Euch nur bitten, wenn Ihr ſo gut ſein woll⸗ Stifter. 4. Aufl. II. 19 — 290— tet, ſofern es Eure Zeit zuläßt, auch in Zukunft noch manchmal um dieſe Stunde hieher zu kommen.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſagte Hugo,„und was haben denn meine blon⸗ den Haare dabei zu thun, daß Ihr eigens auf dieſelben aufmerkſam ge⸗ macht habt?“ „Ich habe Euch nur daran erkannt,“ erwiederte der Mann,„und ſie ſollten bedeuten, ob der, der über dem Schwibbogen wohnt, der nämliche ſei, den ich gemeint habe. Sie ſind auch ſehr ſchön, und ich habe dieſe Haare immer geliebt.— Nun, Herr, ſagt mir, ob Ihr wohl wieder ein⸗ mal kommen werdet?“ „Aber könnt Ihr mir denn nicht erklären, wie das alles zuſammen⸗ hängt?“ fragte Hugo. „Nein, das kann ich nicht,“ antwortete der Mann,„und wenn Ihr nicht freiwillig kommt, ſo muß ich ſchon darauf verzichten.“ „NRein, nein, ich komme ſchon,“ ſagte Hugo.„Wenn es wahr iſt, daß ich Euch durch mein bloßes Kommen eine Wohlthat erweiſe, warum ſollte ich es nicht thun? Ich verſpreche Euch alſo, daß ich ſchon wieder einmal um dieſe Zeit hieher kommen werde.“ „Ich danke Euch recht ſchön, Herr, ich danke Euch. Ich habe mich gar nicht geirrt, ich habe gewußt, daß Ihr ſehr gut ſeid. Ich will Eure Zeit nicht mehr rauben, und ich will mich jetzt entfernen. Lebt recht wohl, Herr, lebt wohl.“ „Lebt wohl,“ ſagte Hugv. Der Alte verbeugte ſich, wendete ſich um und ging durch das ſehr nahe gelegene große Thor der Kirche hinaus. Hugo ſah ihm nach und blieb dann noch eine Weile in dem Raume zurück. Die Sonnenſtrahlen, die früher durch die Fenſter der Kirche herein gekommen waren, waren verſchwunden, nur an den Fenſterſtäben draußen ſpann es ſich, wie weißglitzerndes Silber ſenkrecht nieder, wodurch die ſchwarzen Bilder und die trübe Vergoldung der Kirche noch ernſter und düſterer wurden. Ein⸗ zelne Menſchen ſaßen oder knieten, wie gewöhnlich als Beter herum. Hugo wendete ſich nun auch, und ſchritt zum Thor hinaus. Draußen ward er von der warmen Mittagsluft des Frühlings, der eben auf allen Ländern jenes Erdtheils lag, von blendender Helle und von dem Lärmen des Tages empfangen. — 291— Seit dieſem Kirchenbeſuche war eine geraume Zeit vergangen, als Hugo wieder einmal zufällig in die Nähe des Gotteshauſes von Sanct Peter gerieth. Es war gegen zehn Uhr, welches gerade die Zeit war, die, wie wir oben ſagten, Hugo gewöhnlich zu ſeinem Vormittagsſpazier⸗ gange verwendete. Es fiel ihm ein, daß er jetzt ſein Verſprechen löſen könnte. Er dachte, der Mann, der ihn ſo ſonderbar beſtellt habe, ſei wahrſcheinlich irrſinnig, aber, dachte er hinzu, das könne doch keinen Grund abgeben, daß man ihm ſein Wort nicht halten dürfe. Wenn die Freude, Hugv in der Kirche zu ſehen, eine eingebildete iſt, ſo ſind es zu⸗ letzt alle uſſere Freuden auch— und wer weiß, welch' glühende, welch' ſchmerzliche oder ſüße Bilder ſeiner Vergangenheit gerade die blonden Haare aus ſeinem Innern herwor heben mögen, weil er ſie ſo eigenthüm⸗ lich in ſeinem Briefe bezeichnet hat. Unter dieſen Gedanken trat Hugo in die Kirche hinein. Der ruhige Orgelton und der fromme Kirchengeſang wallten ihm auch heute wieder gedämpft entgegen. Da er drinnen war, war es eben auch gerade ſo, wie das erſte Mal. Der Prieſter las am Hochaltare die Meſſe, die an⸗ dächtige Menge aus allen Ständen und Altern ſaß zerſtreut in den Stüh⸗ len herum, und ſang dieſelbe ſchöne Kirchenweiſe. Der Diener kam mit dem Klingelbeutel, das Dreimal heilig tönte endlich, der Weihrauch ſtieg, der Gottesdienſt wurde aus, und wieder, wie damals, zerſtreute ſich die Menge. Aber der alte Mann, den Hugo damals geſehen, und mit dem er geſprochen hatte, war heute nicht zugegen geweſen. Hugo wartete, bis die Kirchenuhr von draußen herein eilf Uhr ſchlug, und als er eine geraume Weile darnach den alten Mann auch noch nirgends ſah, ging er wieder aus der Kirche fort, und hatte das Gefühl mit ſich genommen, als hätte er eine gute That gethan. Und es war auch eine, wenn ſie gleich die beabſichtigte Frucht nicht getragen hatte. Hugo war ſpäter noch einige Male um zehn Uhr in der Kirche von Sanct Peter geweſen. Zum zweiten Male hatte er den Greis wieder ge⸗ ſchen. Er war auf ihn zugegangen, und hatte mit ſehr viel Freude in ſeinen Zügen geſägt:„Ich danke Euch, ich danke Euch recht ſchön.“ Nach dieſen Worten war er wieder hinweg gegangen, und hatte wahrſcheinlich die Kirche verlaſſen. War Hugo das erſte Mal nicht gerade aus Beruf in die Kirche ge⸗ Langen, um einem Gottesdienſte beizuwohnen, ſo wirkte doch nachher die 49 ——— 292— Ruhe der kirchlichen Feier auf ſein Herz, und die Freundlichkeit dieſes Tempels gefiel ihm ſo, daß er ſpäter noch mehrere Male freiwillig hin ging, und andächtig da ſtand, ja andächtiger, als viele andere, die zur Feier des Gottesdienſtes gekommen waren. Den Greis aber hatte er nicht mehr geſehen. Da er nach langer Zeit wieder ein paar Male hinter einander in der Kirche geweſen war, und den alten Mann nicht geſehen hatte, würde ſich wahrſcheinlich die Gewohnheit, gerade zu dieſer Zeit in dieſe Kirche zu gehen, wieder verloren haben, wenn ſich nicht etwas zugetragen hätte, das der Sache eine andere Geſtalt gab. Es geſchah eines Tages, daß man an dem Kirchenpflaſter des Haupt⸗ ſchiffes etwas ausbeſſerte, und deßhalb einen Querbalken über den Hauptgang zwiſchen den Stühlen gezogen hatte. Hierdurch wurde eine alte ſchwarz gekleidete Frau, die Hugo ſchon öfter bemerkt hatte, daß ſie immer vorne am Platze gegen den Hochaltar kniete, verſchleiert war und faſt beſtändig die letzte, von einem graugekleideten Mädchen begleitet, die Kirche verließ, genöthigt, in dem Seitengange der Kirche faſt an der Wand derſelben zum Thore zurück zu gehen. Hiebei kam ſie an Hugo vorüber. Sie hatte heute den Schleier nicht über das Geſicht herab gelaſ⸗ ſen, und da ſie näher kam, bemerkte er, daß aus den alten und altmodiſch geſchnittenen ſchwarzen Kleidern, die ſich überall ungeſchickt bauſchten, ein ganz junges Angeſicht mit ſchönen großen Augen blicke. Er war betrof⸗ fen und ſah ſie an. Sie ſah ihn auch einen Augenblick an, dann zog ſie den Schleier herab, und ging hinaus. Das grau gekleidete Mädchen ging hinter ihr her. Dasſelbe hatte die gewöhnlichen Züge einer Magd. Hugo blieb noch eine Weile in der Kirche ſtehen. Wie gewöhnlich zu dieſer Zeit verlor ſich oben an den Fenſtern das Sonnenlicht, und die Kirche wurde viel dunkler, als ſie während des ganzen Gottesdienſtes ge⸗ weſen war. Das Gerüſte der hohen Balken, die quer zwiſchen den Stüh⸗ len geſpannt waren, machten das Ganze noch unwirthlicher. Nach einer Zeit ſchleppte ſich neben Hugo ein Bettler herein, und ließ ſich von ſeinen Krücken in einen Stuhl ſinken, um zu beten. Hugo reichte dem verkrüp⸗ pelten Manne eine Gabe und ſchritt dann durch das große Thor zur Kirche hinaus. Dies war die Urſache, daß Hugo am andern Tage wieder zur Kirche von Sanct Peter ging. Es ſchien ihm aber, daß der Zweck, deſſentwillen ————. ———— — 293— er gekommen war, nicht mehr ſo gut ſei, wie bisher; darum ging er nicht in die Kirche hinein, ſondern blieb vor dem Thore ſtehen, und war⸗ tete, bis die ſchwarz verſchleierte Geſtalt heraus käme. Er meinte, daß er den Ort entheiligen würde, wenn er drinnen wartete; darum blieb er heraußen. Die kirchliche Feier wurde aus, die Menſchen gingen Anfangs dicht, dann immer ſeltener heraus, und zuletzt, wie immer, kam die ſchwarze Geſtalt in Kleidern, welche die einer uralten Frau waren. Das Haupt hüllte der Schleier ein. Das grau gekleidete Mädchen folgte, aber es trug nur ein Gebetbuch, nämlich das ihrige; die Gebieterin trug ihr eigenes ſelber. Von nun an ging er jeden Tag, ſtatt um zehn Uhr, wie er es ein paar Jahre her gehalten hatte, einen Morgenſpaziergang zu thun, um dieſe Zeit zur Kirche von Sanct Peter, und wartete, bis die ſchwarz geklei⸗ dete Geſtalt heraus kam. Sie kam auch jedesmal, war jedesmal genau die letzte, und wurde jedesmal von dem grau gekleideten Mädchen begleitet. Ihr Anzug war immer dasſelbe altmodiſche Kleid, und das Haupt war mit dem Schleier verhüllt. Hugo ſah ſie alle Male an. So verging eine geraume Zeit, und der Frühling neigte ſchon gegen den Sommer. Ob ſie ihn auch beobachtete, wußte man nicht; aber wenn ſie an ſeiner Stelle vorüber ging, ſchien es, als wäre es innerhalb der ſchwar⸗ zen Wolke unruhig. Bisher war er nur an dem Thore der Kirche geſtanden, und wenn nach der Meſſe, die täglich um zehn Uhr gehalten wurde, die letzte Be⸗ terin, die ſchwarze Geſtalt mit ihrem grauen Mädchen heraus gekommen und vorüber war, ging er wieder nach Hauſe zu ſeinen Arbeiten.— Ein⸗ mal aber, da ſie langſam in gerader Richtung von dem Thore weg durch das andere Volk fort ging, ging er in ſehr großer Entfernung hinter ihr her. Sie wandelte auf den großen ſehr belebten Platz hinaus, ging durch das bunte Gewühl, ihren Weg verfolgend, hindurch, wendete ſich in die noch belebtere Gaſſe, in welche der Platz ſeitwärts mündete, ging in derſelben eine Strecke fort, und bog dann in eine zwar ſchöne und breite, aber ſehr lebloſe Gaſſe ein, in welcher viele Palläſte und große Häuſer ſtehen, die aber ſchon anfingen, ſehr entvölkert zu ſein, weil ihre Bewohner bereits das Landleben ſuchten. Die meiſten Fenſter waren zu, und hinter dem Glaſe hingen die ruhigen grauleinenen Vorhänge herab. — 294— Faſt bis gegen die Mitte dieſer Gaſſe folgte ihr Hugo, dann aber wen⸗ dete er ſich um, und ging nach Hauſe. So wie er an dieſem Tage gethan hatte, ſo that er nun an jedem der kommenden. Weit hinter ihr gehend folgte er ihr, wenn ſie die Kirche verlaſſen hatte, und ſah die ſchwarze Geſtalt durch das Gewimmel des Platzes gehen, ſah ſie durch einen Theil der belebten Gaſſe ſchreiten, ſah ſie in die einſame einbiegen, folgte ihr beinahe bis in die Hälfte der⸗ ſelben, wendete ſich dann um und ging nach Hauſe. Eines Tages, da fie in der einſamen Gaſſe ging, ſah er, daß ihr ein weißes Blättchen entflatterte. Es war wie ein Bildchen, derlei man gerne in Gebetbücher zu legen pflegt. Weil in der Gaſſe ſchier keine Leute gingen, ſo blieb das von dem nachfolgenden Mädchen nicht be⸗ merkte Blatt liegen, bis es Hugo erreichte, der ſeine Schritte darnach verdoppelte. Er hob es auf. Es war wirklich ein ſolches Bildchen. Er ging ihr nun ſchneller nach, bis er ſie erreichte. Dann ging er ihr vor, zog ſeinen Hut, und ſagte:„Mir ſcheint, Sie haben etwas verloren.“ Bei dieſen Worten reichte er ihr das Blättchen hin. Als ſich aus den weiten ſchwarzen Falten die junge Hand hervor arbeitete, um das Blättchen zu empfangen, ſah er, daß ſie zitterte. Sie ſagte noch die Worte:„Ich danke.“ Dann wendete ſie ſich zum Fortgehen, und Hugo kehrte um. Er ging an den Häuſern der vereinſamten Gaſſe zurück der oben be⸗ ſchriebenen lebhaften zu. Weit draußen raſſelten die Wägen, als wären ſie in großer Ferne. Hugo ging nach Hauſe, und wie er in ſeiner Stube ſaß, war ihm, als ſei heute der Inbegriff aller Dinge geſchehen, und als ſei er zu den größten Erwartungen dieſes Lebens berechtigt. Am andern Tage ſtand er wieder an dem Thore der Kirche von Sanct Peter. Die Meſſe war aus, die ſchwarze altftauenhafte Geſtalt ging heraus, und er ſah ſie an. Sie ging wieder ihres Weges, und Hugo folgte wieder von großer Ferne, und wendete wieder in der erſten Hälfte der einſamen Gaſſe um. So dauerte es längere Zeit. Einmal aber nahm er ſich den Muth— er ging ſchneller hinter ihr, ging ihr in der einſamen Gaſſe vor, und grüßte ſie, indem er den Hut abnahm. Er ſah, wie ſie den Schleier ein wenig ſeitwärts zog und ihm dankte. — 295— Dieſes geſchah nun öfter, und endlich alle Tage. Wenn Hugo in die einſame Gaſſe einbog, ſah er deutlich, wie ſie die geliebten Schritte hinter ſich ſchallen hörte, daß ſie zögere— und wenn er ſie eingeholt und ſcheu gegrüßt hatte, ſo zog ſie den Schleier empor, und ein ſehr ſüßes Lächeln ging in ihrem Antlitze auf. Eines Tages, da ſie ſich wieder grüßten, trat er verſuchend etwas näher. Es ſchien ihr nicht zu mißfallen, ſie verzögerte ihren Schritt, und das begleitende Mädchen blieb auch hinter ihr ſtehen. Er ſprach einige Worte, er wußte nicht was— ſie antwortete, man verſtand es auch nicht: aber beide hatten ſie ein neues Gut erworben, den Klang ihrer Stimmen, und dieſes Gut trugen ſie ſich nach Hauſe. Der ganze lange leere Tag war nun übrig. Wie es das letzte Mal geweſen iſt, wurde es nun alle künftigen Male. Eine verſchleierte ſchwarzgekleidete alte Frau ging jeden Tages gegen eilf Uhr Vormittags aus der Kirche von Sanct Peter, ſie ging über die belebten Plätze, ſie bog in die einſame breite Straße der Palläſte ein, und dort trat ein ſchöner Jüngling auf ſie zu. Ihr Schleier legte ſich zurück, und ein wunderhaft ſchönes Mädchenantlitz löſ'te ſich aus ſeinen Falten, um zu grüßen. Dann blieben ſie bei einander ſtehen und rede⸗ ten mit einander. Sie redeten von verſchiedenen Dingen, meiſtens wa⸗ ren es die gewöhnlichen des Tages, von denen alle anderen Menſchen auch reden. Dann grüßten ſie noch einmal, und gingen auseinander. Für Hugo war es eine neue Zeit. Ein Vorhang hatte ſich entzwei geriſſen, aber er ſah noch nicht, was dahinter ſtand. Das blinde Leben hatte auf einmal ein ſchönes Auge aufgeſchlagen— aber er verſtand den Blick noch nicht. Er arbeitete in ſeiner Stube. Der Tag hatte einen einzigen Augen⸗ blick: das Andere war die Vorbereitung dazu, und das Nachgefühl davon. In dieſer Zeit geſchah es, daß ſich dasjenige in Europa allgemach zu nähern begann, was vor wenig Jahren noch von vielen für eine Un⸗ möglichkeit gehalten worden wäre, und woran manche Herzen doch glaub⸗ ten, und ſich darauf vorbereiteten. Die Anzeichen, daß ein Umſchwung der Dinge bevorſtehe, mehrten ſich immer mehr und mehr. Die Stim⸗ men, dieſe Vorboten der Thaten, änderten ihre Worte in Bezug auf das, was bisher immer geweſen iſt, und wenn ein neuer Krieg, deſſen Anzei⸗ chen immer deutlicher wurden, ausbrechen ſollte, ſo war nicht zu verken⸗ nen, daß ſeine Natur eine ganz andere werden würde, als ſie bisher immer gegenüber dem gefürchteten, allmächtigen und halb bewunderten Feinde war. Der Haß war ſachte und allſeitig heran geblüht, und die geſchmähte Gottheit der Selbſtſtändigkeit und des eigenen Werthes hob allgemach das ſtarke Haupt empor. Es war damal eine große, eine un⸗ geheure Gemüthsbewegung in der Welt, eine einzige, in der alle anderen kleineren unterſanken. Als die Tage des Sommers vorrückten, löſete ſich einmal bei einer der gewöhnlichen Begegnungen Hugo's Herz und Zunge. Da die ſchwarz⸗ gekleidete Unbekannte ihren Schleier zurück geſchlagen hatte, und grüßte, da man einige der gewöhnlichen Worte geredet hatte, ſagte Hugo, daß er jetzt ſehr wahrſcheinlich nicht mehr lange in der Stadt bleiben werde; denn wenn, wie es den Anſchein gewinne, ein neuer Krieg gegen den Landesfeind erklärt werden würde, ſo werde er in die Reihe der Krieger gegen denſelben treten, und weil ſich wahrſcheinlich viele tauſend Jüng⸗ linge insgeheim zu dieſem Ziele vorbereitet haben würden, ſo ſei es viel⸗ leicht möglich, daß man den Feind aus den Grenzen werfen und das Va⸗ terland für immer befreien könne. Zu dieſer That habe er ſein Herz und ſein Leben aufgeſpart. Er frage ſie, vb ſie ihm ſo gut ſein könne, als er ihr es ſei— ſie möchte ſich ihm doch einmal, einmal nennen, wer ſie ſei —— nein das brauche er nicht— ſie möchte ihm nur ſagen, ob ſie un⸗ abhängig ſei, ob ſie, wenn ſie ihn einmal näher kennen gelernt haben würde, ihm folgen und ſein Lvos mit ihm theilen möge— er werde ihr alles darlegen, wer er ſei und woher er ſtamme— nur die That der Va⸗ terlandsbefreiung habe er noch mit zu thun, ſie könne ja ſo lange nicht dauern, weil viele hundert Tauſende dazu beihelfen würden— er habe einen traulichen Sitz im fernen Gebirge, dorthin würden ſie dann gehen. Oder wenn ſie abhängig ſei, wäre es denn nicht möglich, daß er zu ihrem Vater, zu ihren Angehörigen käme, ſich bei ihnen auswieſe, von ihnen kennen gelernt würde, und dann um ſie bäte. Sei ſie aber frei und ihre eigene Herrin, wäre er denn nicht würdig, ihr Haus zu betreten? Er meine es treu und gut; ſo lange er lebe, ſei keine Faſer an ihm gegen irgend einen Menſchen falſch geweſen. Sie möchte nun, da er geredet habe, auch reden. Dieſe Worte hatte er eilig geſagt, und ſie heftete die ſanften Augen auf ihn. Dann aber ſagte ſie:„Was das Schickſal will, das muß geſchehen. Sucht mich eine Woche lang nicht in dieſer Gaſſe, auch nicht vor der Kirche; Ihr werdet mich anderswo ſehen. Kommt über acht Tage, genau am heutigen Tage, um zehn Uhr vor das Kirchenthor, dort werdet Ihr Nachricht von mir erhalten.“ Nach dieſen Worten ſagte ſie, halb zu ihrer Begleiterin gewendet: „Dionis wird es machen.“ Dann ſprach ſie wieder zu Hugo: Vergeßt nicht, was ich geſagt habe, kommt meinen Worten getreu nach, und lebt jetzt recht wohl!“ Sie wollte den Schleier umnehmen und fortgehen, aber Hugo rief: „Jetzt nicht, nur einen Augenblick noch nicht—— den Ramen, nur eine Silbe des Namens!“ „Cöleſte,“ ſagte ſie leiſe. „Und die Hand, daß wir uns ſehen, die Hand, Cöleſte!“ Und ſie ſuchte eilig die Hand aus der Kleiderhülle, und reichte ſie ihm hin. Er faßte ſie, und ſie hielten ſich einen Augenblick. Dann ließen ſie los, ſie zog den Schleier herab, er grüßte noch einmal, und beide gingen ſie dann ihre verſchiedenen Wege auseinander, wie ſie ſie bisher immer gegangen waren. 3. Das Lindenhäuschen. Es geht die Sage, daß, wenn in der Schweiz ein thauiger ſonnen⸗ heller lauer Wintertag über der weichen, klafterdicken Schneehülle der Berge ſteht, und nun oben ein Glöckchen tönt, ein Maulthier ſchnauft, oder ein Bröſelein fällt— ſich ein zartes Flöckchen von der Schneehülle löſet, und um einen Zoll tiefer rieſelt. Der weiche, naſſe Flaum, den es unterwegs küſſet, legt ſich um dasſelbe an, es wird ein Knöllchen und muß nun tiefer nieder, als einen Zoll. Das Knöllchen hüpft einige Hand⸗ breit weiter auf der Dachſenkung des Berges hinab. Ehe man dreimal die Augen ſchließen und öffnen kann, ſpringt ſchon ein rieſenhaftes Haupt — 298— über die Bergesſtufen hinab, von unzähligen Knöllchen umhüpft, die es ſchleudert, und wieder zu ſpringenden Häuptern macht. Dann ſchießt's in großen Bögen. Längs der ganzen Bergwand wird es lebendig, und dröhnt. Das Krachen, welches man ſodann herauf hört, als ob viele tauſend Späne zerbrochen würden, iſt der zerſchmetterte Wald„das leiſe Archzen ſind die geſchobenen Felſen— dann kommt ein wehendes Sau⸗ ſen, dann ein dumpfer Knall und Schlag—— dann Todtenſtille— nur daß ein feiner weißer Staub in der Entfernung gegen das reine Himmels⸗ blau empor zieht, ein kühles Lüftchen vom Thal aus gegen die Wange des Wanderers ſchlägt, der hoch oben auf dem Saumwege zieht, und daß das Echo einen tiefen Donner durch alle fernen Berge rollt. Dann iſt es aus, die Sonne glänzt, der blaue Himmel lächelt freundlich, der Wande⸗ rer aber ſchlägt ein Kreuz und denkt ſchauernd an das Geheimniß, das jetzt tief unten in dem Thale begraben iſt. So wie die Sage das Beginnen des Schneeſturzes erzählt, iſt es oft mit den Anfängen eines ganzen Geſchickes der Menſchen. Als Hugo der ſonderbaren Bitte des alten Mannes folgte, und in die Kirche von Sanct Peter ging, als er mit dem Manne geredet hatte, und ſich dann auf dem Heimwege befand, hielt er das Geſchehene für das unbedeutendſte Ereigniß ſeines Lebens, ja er hielt es für gar kein Ereig⸗ niß, und hatte gewiß nicht gedacht, daß das Ding der Anfangspunkt eines Geſchickes ſei, das beſtimmt war, ſeinem Leben eine ganz andere Geſtalt zu geben, als es ſonſt wahrſcheinlich gehabt haben würde. Jetzt, da er dachte, daß er vielleicht mit ſeiner Unbekannten in eine nähere Verbindung kommen würde, erkannte er ſchon die Wichtigkeit, die jener Zufall auf ſein künftiges Leben ausüben könnte. Die acht Tage, welche ſie ſich bedungen hatte, waren vorüber gegan⸗ gen, und es war der Tag gekommen, an welchem er vor dem Kirchenthore harren ſollte. Als die Glocke zehn Uhr ſchlug, ſtand er ſchon an dem Thore. Kurz darauf begannen drinnen die frommen Orgeltöne, und es miſchte ſich der ruhige Geſang der Kirche unter ſie. Ein Glöcklein klang etwas ſpäter— es klang, wie jenes Morgenglöcklein, da er vom Vater⸗ hauſe ſcheiden mußte. Als nach dem Ende der Meſſe der Geſang des Drei⸗ mal heilig anfing, erinnerte er ihn an den Geſang der Gemeinde, der an Sonntagnachmittagen gerne in der Kirche im Gebirge ertönte, zu welcher das Haus ſeines Vaters gehörte, und zu welcher ſie immer gingen, ihre Andacht zu verrichten. Der Geſang wurde endlich aus, und in der Kirche geſchah der Se⸗ gen. Aber ehe nach Beendigung des Gottesdienſtes der erſte Menſch aus dem Thore heraus trat, fuhr ein Wagen raſch vor dasſelbe vor, und hielt. Hugo ſchaute hin, und ſah, daß jenes grau gekleidete Mädchen, welches der ſchwarzen Geſtalt immer aus der Kirche gefolgt war, ganz allein darinnen ſaß, und ihm winkte, hinzu zu kommen. Er ging zu dem Fenſter des Wagens hinzu, welches von dem Mädchen herab gelaſſen worden war, und das Mädchen ſagte ihm, daß ihn ihre Gebieterin bitten laſſe, in die⸗ ſen Wagen einzuſteigen. Hugo that es, und als er auf dem Kiſſen Platz genommen hatte, fuhr der Wagen fort. Das Mädchen zog nun aus dem Beutel, den es am Arme hängen hatte, einen Brief hervor, und ſagte, dieſen hätte ihr ihre Gebieterin gegeben, damit ſie ihm denſelben einhän⸗ dige, und er ihn während des Fahrens leſen möge. Hugo riß ſchnell das Siegel auf, entfaltete das Papier, und eine ſehr ſchöne fließende Frauen⸗ handſchrift trat ſeinen Augen entgegen. Die Worte aber, welche dieſe Frauenhandſchrift enthielt, lauteten folgender Maßen:„Ich laſſe Sie recht gerne in mein Haus eintreten, wie Sie gebeten haben, ſo wie ich recht gerne Ihren Gruß und Ihre ſanften Aufmerkſamkeiten vor der Kirche und in jener Gaſſe angenommen habe. Aber eine Bitte muß ich thun, ehe Sie mein Haus betreten, welche Sie gewiß erfüllen werden, da Sie ſo ſind, wie ich Sie mir gleich, da ich Sie das erſte Mal ſah, vor⸗ geſtellt habe. Es walten über meinem Schickſale einige Schwierigkeiten, deren Herr ich nicht bin, wenigſtens jetzt noch nicht bin, fragen Sie mich daher nicht, wer ich bin, woher ich gekommen ſei, und in welchen Ver⸗ hältniſſen ich lebe. Prüfen Sie in meinen Geſprächen und in meinem Umgange meine Seele und mein Weſen, ob dieſe für ſich genug thun oder nicht. Darnach richten Sie Ihren Entſchluß für die Zukunft. Ich werde mich nicht verſtellen— man könnte es auch nicht; denn wenn man auch die Seele durch die Lüge einer großen Thatſache verfälſchte, ſo blickt ſie doch aus tauſend kleinen, die vor dem Beobachter vorfallen, heraus, und zeigt ſich, wie ſie iſt. Wenn Sie mir die Freude machen, in meine Woh⸗ nung zu treten, ſo ſehe ich das als ein Zeichen an, daß Sie meine Bitte zu erfüllen geſonnen ſind. Sollten Sie aber Ihren Grundſätzen zu Folge dieſe Bitte nicht erfüllen können, ſo machen Sie mir lieber den Schmerz, — 300— daß ich Sie heute nicht, und in alle Zukunft nicht mehr ſehe; denn aus Ihren Fragen würde ſehr viel Kummer und ſehr viele Traurigkeit hervor gehen. Dann lebe ich fort, wie ich bisher gelebt habe. Ich werde Ihnen, wenn Sie kommen, einſtens ſchon alles enthüllen, wie es meine Pflicht und meine Verbindlichkeit iſt. Ich ſende Ihnen viele ſehr ſchöne Grüße. Cöleſte.“ Hugo faltete das Papier wieder zuſammen, zog ſeine Brieftaſche her⸗ vor und legte das Schreiben hinein. Das Mädchen, welches mit ihm fuhr, beobachtete ihn eine Weile, dann ſagte es:„Haben Sie den Brief geleſen?“ „Ja,“ antwortete Hugo. „Dann hat mir meine Gebieterin aufgetragen, Sie zu fragen, ob wir zu Ihr fahren ſollen, oder ob Sie an irgend einer andern Stelle aus dieſem Wagen zu ſteigen wünſchen.“ „Wir fahren zu Ihr,“ antwortete Hugv. „Dann braucht der Kutſcher keine weitere Weiſung,“ ſagte das Mäd⸗ chen,„er weiß ſchon, wohin er lenken ſoll.“ Mit dieſen Worten lehnte ſie ſich wieder in den Wagen zurück, und die beiden Miteinanderfahrenden redeten von nun an keine Sylbe mehr zu einander. Der Wagen rollte indeſſen ſehr raſch dahin, und war bereits, wie Hugo bemerkte, in der Hauptſtraße einer der Vorſtädte, ziemlich weit von der Stadt entfernt. Endlich ſchwangen ſich die Pferde von der Straße ab, und fuhren durch das Thor eines Gartens hinein, wie ſie in den entfernten Theilen der Vorſtädte noch häufig zwiſchen den Häuſern liegen. In dem Garten ging ein breiter langer Sandweg zurück, auf dem man die Räder nicht rollen hörte, und führte einem weißen ſchönen Häuschen zu, welches zu beiden Seiten und rückwärts mit großen dichten Linden umgeben war, und nur mit der Stirne über die andern niedern Gebüſche des Gartens auf die Straße der Vorſtadt hinaus ſah. Vor dem Thore dieſes Hauſes hielt der Wagen. Das Mädchen ſtieg aus, Hugo folgte, und der Wagen fuhr wieder davon. Das Mädchen führte nun Hugo eine kurze breite Treppe hinauf, ſchloß zwei Thüren auf, und geleitete ihn in die einzige Wohnung, welche das Häuschen im erſten Geſchoſſe enthielt. Es waren vier Zimmer in der Reihe, und ihre Thüren waren durch und durch offen. —— —— Im zweiten derſelben ſtand ſie, die ihn erwartete— es ſchien, als hätte ſie ihm entgegen gehen wollen, von hier aus aber nicht weiter den Muth gehabt— ſie ſtand an einem marmornen Spiegeltiſche, der an einem Pfeiler war, und hielt ſich daran mit der einen Hand. Hugo hatte ſie nur immer in dem alten ſchwarzen Kleide geſehen, heute aber war ſie leicht und mit den Kleidern der Jugend angethan: er erſchrak ein wenig; denn ſo ſchön und ſo ſchlank und ſo groß hatte er ſie nicht gedacht. Von dem grauen Seidenkleide, das ſie unfloß, blickten die weißen Hände und das lichte Antlitz ſanft hervor. In den dunkelbraunen Haaren, welche be⸗ ſonders reich waren, trug ſie gar nichts; aber dieſe Haare waren ſelber ein Schmuck, ſie waren unbeſchreiblich rein und glänzend, und die feinen Züge, und die großen Augen ſahen darunter wie ein ſüßer Himmel her⸗ aus. Sie war ſehr roth geworden, als er eintrat. Hugo hielt ſeinen Hut in der Hand, verbeugte ſich vor ihr, und ſagte gar nichts. Sie ſprach auch nicht— und ſo ſtanden ſie einige Augen⸗ blicke. Dann fragte ſie ihn, ob er nicht in ihr Arbeitszimmer mit ihr gehen wolle. Er ging mit ihr. In dem Zimmer ſtand ein Stickrahmen am Fenſter, in der Ecke war ein Schreibtiſch, dann waren die andern Ge⸗ räthe, die gewöhnlich in ſolchen Zimmern zu ſein pflegen, kleine Tiſch⸗ chen, Schemel und dergleichen, an der Rückwand ſtand ein Sopha mit den dazu gehörigen Seſſeln, und davor ein großer Tiſch. Der Boden war mit ſchönen Teppichen belegt. Draußen wiegten ſich die grünen Baumzweige der Linden, es ſpielten Sonnenſtrahlen herein, daß geſpren⸗ kelter Schatten auf den Teppichen war. Sie ſetzte ſich auf das Sopha, und lud ihn zum Niederſitzen ein. Er legte ſeinen Hut auf eines der Tiſch⸗ chen, und ſetzte ſich auf einen Seſſel vor den Tiſch. Sie ſprachen nun von gewöhnlichen Dingen. Hugo ſagte, daß ſehr viele Menſchen auf dem Wege ſeien, um das Freie zu gewinnen, um dort einen Theil des Tages zuzubringen, der gar ſo ſchön ſei. Sie lobte die Linden, die vor ihren Fenſtern ſtanden, und ſagte, daß ſie an ſo heitern Sommertagen, wie der heutige, einen äußerſt angenehmen Geruch herein duften. Wenn aber große Hitze herrſchte, dann zeigen ſie erſt ihre Treff⸗ lichkeit, weil ſie Schatten und beinahe möchte man ſagen, ein kühles er⸗ guickendes Lüftchen herein ſenden. Nachdem ſie eine Weile ſo geſeſſen waren, ſtand Hugo auf, um ſich zu empfehlen. Sie begleitete ihn durch die zwei Zimmer— denn das — 302 Arbeitszimmer war das dritte— und als ſie in das letzte Zimmer hinaus gekommen waren, fragte er ſie, ob er die Freude haben könne, ſie wieder einmal beſuchen zu dürfen. Sie ſagte, daß er jeden dritten Tag um die vierte Nachmittagsſtunde kommen dürfe, und daß ſie ſich freuen werde, wenn er komme; nur möchte er jetzt nicht mehr vor der Kirche oder in jener Gaſſe mit ihr zuſammen treffen, wo er ſie bisher geſehen, und auch ein paar Male mit ihr geſprochen habe. Hugo ſagte, daß er ihre Worte befolgen werde, verbeugte ſich und ging fort. In den Vorzimmern, welche ihm das Mädchen aufgeſchloſſen hatte, das er ſonſt immer in grauen Klei⸗ dern der Gebieterin aus der Kirche folgen geſehen hatte, ſaß an einer Ar⸗ beit dasſelbe Mädchen, war aber heute nicht grau, ſondern in die gewöhn⸗ lichen bunten Kleider ihrer Gattung gekleidet. Es ſtand auf, da Hugo das Zimmer betrat, öffnete wieder die Schlöſſer, um ihn hinaus zu gelei⸗ ten. Unten im Erdgeſchoſſe ſah Hugo neben dem Ausgangsthore ein Stübchen, deſſen Thür zur oberen Hälſte aus Glas beſtund. Daraus ſah das Geſicht eines Thürſtehers heraus, und dieſer machte, da Hugo heraus ging, demſelben eine Verbeugung, und lüftete den Hut. Hugo hatte beim Hereingehen auf jene Stelle nicht hin geſehen. Draußen ſtanden die Häuſer in zwei Reihen dahin und bildeten die Straße. Staub wogte in ihnen, und die beinahe ſteilrecht herein fallen⸗ den Mittagsſtrahlen der Sonne beſchienen ihn. Die Menſchen wandelten in der Straße hin und zurück, wie ſie von ihren Geſchäften gezogen wur⸗ den. Hugo ging nach Hauſe und ſaß in ſeinem Zimmer nieder. Da die Stunde ſchlug, in welcher er gewöhnlich zu ſeinem Mittageſſen zu gehen pflegte, ſtand er auf, und ging in das Gaſthaus, wie er es bisher alle Tage gethan hatte. Nachmittag ſaß er bei ſeinen Arbeiten und am Abende ging er auf den Anhöhen um die Stadt ſpazieren, wie er bisher auch immer gethan hatte. Als die drei Tage vorüber waren, ging er am letzten derſelben, da eben die vierte Nachmittagsſtunde ſchlug, in der wohlbekannten Vorſtadt⸗ ſtraße dahin. Er kam zu dem Garten, und das weiße Häuschen ſchim⸗ merte ihm aus den Linden, wie ein ſchönes Geheimniß entgegen. Er öffnete das Gartengitter, das heute eingeklinkt, nicht wie damals, wie er hereinfuhr, geöffnet war, that es hinter ſich zu und ging den bekannten Sandweg entlang. Der Garten hatte nur Grasplätze und Zierbäume, keine Blumen oder Obſt tragende Bäume oder Geſträuche. In dem Stüb⸗ — 303— chen unter dem Thorwege ſah er denſelben Thürſteher aus dem obern Theile der Glasthür heraus ſehen. Er war ein ſchon ſehr betagter Mann. Hugo ging die Treppe hinan, klingelte an der äußern Thür der Wohnung, und dasſelbe Mädchen, welches ſonſt immer da war, öffnete ihm auch heute, und geleitete ihn zu der Gebieterin hinein. Dieſe war ihm bis in das äußerſte Zimmer entgegen gekommen, und führte ihn dann, wie das erſte Mal, in ihr Arbeitsgemach zurück. Sie war heute wieder nicht in ihr Schwarz, in dem er ſie kennen gelernt hatte, gekleidet, ſondern, wie das erſte Mal mit grauer Seide, war ſie heute mit dunkelgrüner ange⸗ than. Jedes der Kleider war ſehr einfach, aber ſehr edel gehalten. Im Stoffe reich, ſpannten ſie um die Hüften, und floſſen dann in ruhigen Falten hinab. So wie das vorige Mal hatte ſie auch heute gar keinen Schmuck an ſich, nicht einmal einen Ring an einem Finger— das Kleid ſchloß an dem Halſe, dann war das Haupt mit dem geſcheitelten braunen Haaren, und den glanzvollen großen Augen, mit denen ſie ihn anſah, als er hereingetreten war. Hugo war nun in dem Zimmer— heute hatte er ſchon mehr Macht gehabt, die andern Zimmer, durch die er gekommen war, zu betrachten. Sie waren ohne Prunk, faſt möchte man ſagen, zu dünnc, aber ſehr vornehm eingerichtet. Er legte ſeinen Hut ab, und ſetzte ſich auf denſelben Seſſel, wie das erſte Mal. Sie ſaß in den Kiſſen des Sophas, und ſah auf ihn hin. Sie ftagte ihn, ob er, ſeit ſie ſich nicht geſehen haben, immer wohl geweſen ſei, und ob er ihrer gedacht habe. Er antwortete, daß er wohl ſei, und daß er nicht nur ihrer gedacht, ſon⸗ dern daß er faſt ſonſt nichts gedacht habe, als ſie. Sie war bei ſeinem Eintreten wie das erſte Mal erröthet, und bei dieſen Worten erröthete ſie noch mehr. Sie hatte ihn das vorige Mal gar nicht um ſeinen Namen oder etwa um andere Verhältniſſe gefragt, ſie that es auch heute nicht. Er aber erzählte ihr freiwillig, daß er ein fernes Haus auf ſehr ſchöner grü⸗ ner Halde habe, um die hohe Berge mit ehrwürdigen Häuptern ſtehen— er erzählte ihr von ſeiner Jugend, die er ſo vereinſamt verlebt habe, und in der er ſo glücklich geweſen ſei, er erzählte ihr von ſeinem Vater, der ihn unterrichtet und mehr geliebt habe, als er verdiente, er erzählte ihr von dem Abſchiede von dieſem Vater, von dem Tode desſelben, und von dem Schmerze, dem er ſich über dieſen Tod hingegeben habe. Von der Mutter könne er ihr wenig erzählen, er habe ſie kaum gekannt, aber der —— —— — 304— Vater habe öfter von ihr geſagt, wie ſie gut geweſen, und wie ſie für ſein Glück viel zu frühe geſtorben ſei— aus dieſen Reden habe er ſie auch lieben gelernt, und ſei manchmal, nicht blos mit dem Vater, ſon⸗ dern auch allein zu dem Hügel Erde hin gegangen, unter dem ihre Glie⸗ der ruhten. Er erzählte ihr dann ferner, wie er in dieſe Stadt gekommen ſei, wie er ſich hier eingerichtet habe, womit er ſich beſchäftige, und was ſeine Abſichten für die Zukunft ſeien. Von der Veranlaſſung, durch die er ſie kennen gelernt, ſo wie überhaupt von dem, was darauf gefolgt iſt, ſagte er kein Wort. Sie hörte ihm aufmerkſam zu, hatte die Augen auf ſeine redenden Lippen geheftet, und in dem Angeſichte war etwas, wie Rührung, oder beinahe, wie Wehmuth gezeichnet. Sie ſagte ihm, ſie könne ihn aus ihrem Herzen verſichern, daß ſie eben ſo einſam, vielleicht noch viel ein⸗ ſamer auf dieſer Erde ſei, als er. Sie habe bisher Niemanden gehabt, der eine anhängende Reigung gegen ſie bewieſen habe, außer Dienſt⸗ boten, die ihr gut geweſen ſeien, ihm war ein Vater zur Seite geſtanden, an den, wenn er ihn auch verloren habe, er ſich erinnern könne. Sie habe nie Jemanden gehabt. Jetzt kenne ſie nur ihn. Sie habe ihn beim erſten Sehen gleich als gut erkannt, und als verſchieden von allen an⸗ dern. Und wie ſie bemerkt habe, daß er auf ſie ſchaue— und wie er vor der Kirchenthür geſtanden ſei, und wie ſie erkannt habe, daß er nur darum da ſtehe, daß er einen Blick auf ſie thun könne, ſo ſei die außer⸗ ordentlichſte Freude in ihr Herz gekommen. Sie habe ſchwere, ſchwere Schickſale erlitten. Beim Abſchiede bat ſie Hugo, ſie möchte ihm ihre Hand reichen. Sie hatte ſchon damals, als er ihr in der einſamen Gaſſe das verlorne Blättchen darreichte, keine Handſchuhe gehabt, ſpäter, da ſie ihm aus dem ſchwarzen Aermel hervor zum erſten Male die Hand gab, hatte ſie auch keine, und eben ſo hatte ſie die beiden Male keine, da er ſie beſuchte. Sie reichte ihm die Hand, und wie er dieſelbe in ſeine beiden faßte, herz⸗ lich drückte, und zum Kuſſe an ſeine Lippen führte, rannen reichliche Thränen über ihre Wangen herab. Wie das erſte Mal führte ihn das Mädchen durch die Vorzimmer hinaus, er ging die Treppe hinab, ſah den alten Thürſteher, ging über den Sandweg des Gartens hervor, und ſchritt durch das Eiſengitter auf die Straße hinaus. Der Gegenſatz des Alltäglichen mit dem, was er ſo — 305— eben erlebt hatte, drängte ſich ihm auch heute auf. Sie war wieder ſehr ſchön geweſen, und in dem ſchlanken zarten dunkelgrünen ſeidenen Kleide, das die kleinen Fältchen auf dem Buſen hatte, ſehr edel. Es war ihm, wie ein Räthſel, daß ſich die Pracht dieſer Glieder aus der unheimlichen Kleiderwolke gelöſet habe, und daß ſie vielleicht ſein werden könne. Er kam, wie es verabredet worden war, am dritten Tage nach die⸗ ſem Beſuche wieder. Es war, wie die beiden Male. Das Eiſengitter war eingeklinkt, er öffnete es, ging über den Sandweg, ſah den Pföriner ſitzen, ging über die Treppe empor, fand das gewöhnliche Mädchen in den Vorzimmern, trat von dieſen in die Wohnung ein, und fand dort ſie. Sie empfing ihn jedes Mal, wie zu Anfangs, mit derſelben Befangen⸗ heit. Ihre Kleider, wie ſie auch wechſelten, waren immer ſehr rein, ſehr ſchön und ſehr einfach. Vorzüglich liebte ſie Seide. Jedes Kleid ſchloß ſich am Halſe. Dann war, wie wir oben ſagten, das Haupt mit den großen glänzenden Augen. Ihr Sinn für Reinheit erſtreckte ſich auch auf den Körper; denn das Haar, das ſie einfach geordnet als einzige Zierde um das Antlitz trug, war ſo gänzlich rein gehalten, wie man es ſehr ſelten finden wird. Auch die Hände und das Stückchen Arm, das etwa ſichtbar wurde, waren rein und klar. Sie trug nie Handſchuhe, an keinem Finger einen Ring, an dem ſchönen Arme, der ſich, wenn die Aer⸗ mel weit waren, am Knöchel zeigte, kein Armband, und auf dem ganzen Körper kein Stückchen Schmuck. Unter dem langen Schoße des Kleides, wie ſie häufig die vornehmeren Stände haben, ſah die Spitze eines ſehr kleinen Fußes hervor. 8 Sie ſaßen, wenn Hugo kam, beiſammen und ſprachen. Sie lernten ſich immer mehr kennen— und ſie, die auf der Gaſſe eigentlich ſchon viel bekannter geweſen waren, waren im Zimmer viel ſchüchterner, viel fremder, und mußten das Geſchäft gegenſeitigen Erkennens beginnen. Wenn er fort ging, ſtanden ſie wohl im zweiten Zimmer, wo er ſie zum erſten Male hier geſehen hatte, und wo der Marmortiſch iſt, eine Weile bei einander ſtille, hielten ſich an den Händen„und wünſchten ſich dann eine recht freundliche gute Nacht. Sie ſprachen von verſchiedenen Ereigniſſen des Tages. Am liebſten fragte ſie ihn, was er in der Zeit, als ſie ihn nicht geſehen, gethan habe. Stifter. 4. Aufl. II. 20 —————————— ————— — 306— Er erzählte ihr mit der Unbefangenheit, die die Natur ſeines Wandels ihm eingab, wie er gelebt habe, wohin er gegangen ſei, und was er in ſeiner Stube an ſeinen Arbeiten vollbracht habe. Sie horchte ihm bei dieſen Schilderungen recht gerne, weil er vielleicht bei ihnen am reinſten und klarſten erſchien. Einmal ſagte ſie ihm, ſie habe ihn auf ſeinem Pferde geſehen, wie er durch die Stadt gegen das Freie hinaus geritten ſei. Er erröthete heftig bei dieſer Eröffnung; denn obwohl er ſie in der Kirche und in jener einſamen Gaſſe geſehen, und auch geſprochen hatte, hatte er dieſes faſt vergeſſen, und konnte ſich ſie nur in dem Linden⸗ häuschen, nicht in der Stadt vorſtellen, wie ſie etwa gehe, oder fahre. Wenn ſie ſo von ſeinen Arbeiten oder, wie man ſie beſſer nennt, von ſeinen Vorübungen ſprachen, geriethen ſie nicht ſelten auf die Begeben⸗ heiten, die eben in jener Zeit vorfielen. Sie fragte ihn um ſeine Mei⸗ nung, er ſetzte ſie auseinander, und ſie ſtimmten immer in ihren Anſich⸗ ten überein. Vorzüglich hegte ſie den Glauben und den Wunſch, daß die deutſchen Waffen einmal ſich vereinen, ſich mit andern verſtärken, ſchnell den Sieg und die Entſcheidung erringen, und den goldenen ſehnlich er⸗ warteten Frieden herbei bringen möchten. Er ſagte dann, daß er nicht blos den Wunſch habe, ſondern, daß das ein Ereigniß ſei, welches ganz gewiß eintreten müſſe, daher er ſeine Lebensrichtung auf dasſelbe allein genommen habe. Was ſie ſonſt über die Dinge der Welt und der Men⸗ ſchen, über die Natur und ihre Schönheit ſprachen, lautete bei beiden gleich oder ähnlich. Obwohl er, ſeinem Verſprechen getreu, nie um ihre Verhältniſſe fragen zu wollen, ſich auch die Frage nicht erlaubte, ob er denn nicht öfter, als nur jeden dritten Tag kommen dürfe, weil er dieſe Frage für eine enklarvte andere hielt, die das Weſen ihrer Verhältniſſe berührte: ſo konnte er es ſich doch nicht verſagen, als ſie wieder einmal Abſchied neh⸗ mend bei einander ſtanden, ſich an den Händen hielten und ſie ihn bat: „Kommen Sie doch nach drei Tagen wieder“— die Worte auszuſprechen, daß es ihm eine ſehr große Freude, ein Glück ſein würde, wenn er nicht blos in drei Tagen, ſondern öfter, ja täglich ihr Angeſicht ſehen und ihre Worte hören könnte. „So kommen Sie alle Tage,“ ſagte ſie mit eben ſo ſichtlicher Freude, mit der er es anhörte,„ach, es iſt ja mir auch ein Glück, daß ich Sie ſehe und Ihre Worte höre. Aber kommen Sie täglich erſt um vier Uhr, — 307— richten Sie Ihre Beſchäftigungen ſo ein, wenn es nämlich geht, daß es ſein kann.“ „Es kann ſein,“ ſagte Hugo,„ich komme gerne, recht gerne.“ Und er kam nun täglich. So wie der vierte Glockenſchlag Nach⸗ mittags von den Thürmen fiel, ging er in der Straße der Vorſtadt, öff⸗ nete das Gitter, und das weiße Häuschen ſchaute freundlich grüßend aus den dunklen Linden herüber. Ihr Umgang wurde immer inniger und traulicher. Was ſich ihre Angeſichter verſprochen hatten, da ſie ſich noch vor der Kirche und dann in jener einſamen breiten Gaſſe angeſchaut hatten, das war in Erfüllung gegangen. Aus beiden Herzen brach die Liebe hervor. Sie ſagten es einander unverholen, waren freudig, als wenn eine Laſt von ihnen genommen wäre, und waren ſelig in dieſem Gefühle und in ſeinen kleinen unbedeutenden Aeußerungen. Es breitete ſich von nun an eine heitere Freude, ein inneres Glück über ſie aus, und beide folgten recht gerne dem ſanften Zuge dieſer Tage. Dennoch war es zuweilen, wenn Hugo fröhlich von ſeiner Zukunft ſprach, und offen ſein unbefangenes Herz hinlegte, daß ſie traurig wurde, daß ſie wehmüthig drein ſah, und mehr als ein Mal von ihm mit Thrä⸗ nen in den Augen angetroffen wurde. Er ſchrieb dieſes der Unklarheit ihres Verhältniſſes zu, und forſchte nicht. Sie hatte alles, was ſich nur immer in ſeinem Leben zugetragen hatte, von ihm erfahren, er aber wußte von ihr nichts. In ſolchen Tagen gab er ihr nur treuere innigere Beweiſe ſeiner Liebe, wodurch ſie gewöhnlich nur noch mehr erſchüttert wurde. Er hielt auch ſein Verſprechen, daß er nie um ihre Schickſale fragen wolle, getreulich. Er entließ kein Wort und keine Anſpielung auf dieſe Dinge. Er hätte wohl irgendwo in der Stadt fragen können, wem das Häuschen gehöre, das in dieſer und jener Vorſtadt in dem Garten, wo die vielen Linden ſind, ſtehe, er hätte dann den Eigenthümer aufſuchen und ihn fragen können, wer das weibliche Weſen ſei, das ſein Haus be⸗ wohne, oder wenigſtens in welchen Verhältniſſen ſie hier ſtehe— er hätte durch ihre Leute oder andere hinter die Sache zu kommen ſuchen können, ſie hat ihn in jenem Briefe nicht gebeten, es nicht zu thun; ſie hat es ihm nicht zugetraut, und darum that er es auch nicht. So wie es nicht in ihrem Charakter lag, auf dieſen Fall zu denken, ſo lag es nicht in dem 20 ——— — 308— ſeinen, ihn zu benützen, wenn er auch darauf dachte. Unter ſeinen Be⸗ kannten ſagte er auch keinem einzigen etwas von ſeinen Beſuchen in dem weißen Häuschen, er erfuhr daher von dieſer Seite ebenfalls nichts, und ſo war er an dem letzten Tage, nachdem er ſchon bedeutend lange zu ihr gekommen war, über ihre äußeren Verhältniſſe eben ſo unwiſſend, wie er es an dem erſten Tage geweſen war. Aber ihre inneren kannte er beſſer. Wie ſie es einſtens verſprochen hatte, ſo geſchah es. Ihre Seele lag in den vielen Geſprächen, die ſie hielten, ohne Rückhalt und meiſtens unwillkürlich vor ihm— und dieſe Seele war ſeinem Sinne ganz recht. Er kam ſehr gerne zu ihr, ward ſehr gerne empfangen und blieb täglich länger. Beide wurden ſie nach und nach immer ſeliger gegen einander gezogen. Sie neigte ihr ſüßes Angeſicht zu ihm, und es zitterte Freude darin, ſo wie Freude in ihm zit⸗ terte. Wenn er durch die zarte Seide ihre Glieder fühlte, die er ſich ſonſt kaum anzuſehen getraut hatte, ſo floß es wie ein Wunder durch ſein Leben. Er fragte jetzt, da ſie in dieſer Lage mit einander waren, nicht, wie einſtens in der einſamen Gaſſe, ob ſie ſeine Gattin werden wolle, weil er ſeines Verſprechens eingedenk war, und weil er dachte, ſie werde ſchon einmal alles, alles enthüllen, wie ſie es ja verſprochen habe. Das Einzige, was ſie äußerte, beſtand darin, daß ſie ſchon ein paar Male geſagt hatte, er dürfe ſie nie, unter gar keiner Bedingung verlaſſen, worauf er immer geantwortet hatte, was ihr denn beikomme, das werde nie, nie geſchehen. Solches ſei ihm fremder, als ſich nur immer Feuer und Waſſer fliehen können. Einmal, da ſie wieder, während große Zärtlichkeit in ihrem Ange⸗ ſichte ſchimmerte, dasſelbe verlangt hatte, ſagte er:„Eine Bedingung gibt es doch.“ „Welche?“ fragte ſie. „Dieſe kann ja nie eintreten,“ ſagte er gütig. „Ich möchte ſie doch wiſſen,“ fragte ſie. „Wenn ich Untreue erführe,“ antwortete er. „Nein, dieſe wird nicht eintreten,“ ſagte ſie.—— Oft, wie die Zeit ſo dahin floß, war es Hugo, als müſſe nun ein Gutes, Frommes, Seliges kommen—— aber es kam nicht. Ein trau⸗ riges Herz Cöleſten's lag oft vor ſeiner Seele, und eine Unheimlichkeit — — 309— dauerte fort, obgleich ſie ihm mit ihrem ganzen Weſen ergeben war, und er ihr ganzes Weſen in ſein tiefſtes Herz aufgenommen hatte. Auch andere Dinge fing er an zu bemerken. Wenn ihn in der Nacht die Unſtätigkeit trieb, und er an ihrem Hauſe vorüberging, ſah er nie ein Licht in den Fenſtern. Wenn er ſie beſuchte, ſah er, daß in ihrer Wohnung immer alles auf dem alten Platze liege, und daß die Stickerei am Rahmen nicht vorrücke. Oft war eine Luft in den Zimmern, nicht wie die der Wohnlichkeit, ſondern wie in verſchloſſenen Räumen. Wenn er im Laufe des Tages, etwa Vormittags, da er nicht arbeiten konnte, vorbei ging oder ritt, ſah er nie Rauch aus dem Schornſteine ſteigen, ſo wie er ſich nicht erinnern konnte, je Küchenfeuer geſehen oder bemerkt zu haben. Daß er immer nur das Mädchen, welches ſonſt in grauer Kleidung der Gebieterin aus der Kirche gefolgt war, und im Stübchen unter dem Thorwege nur den alten Mann geſehen habe, war ihm ſchon früher aufgefallen, allein er dachte damals, die andern Leute und die an⸗ dern zur Häuslichkeit gehörenden Räume werden ſchon in einem andern Theile der Wohnung ſein. Jetzt fiel ihm dieſes wieder ein. Eines Abends, da er zu lange geblieben war, und ſpät in der Nacht unter einem gewitterzerriſſenen Himmel nach Hauſe ging— ſchrie es in ihm auf:„Das iſt die Liebe nicht, das iſt nicht ihr reiner, goldner, ſeliger Strahl, wie er immer vorgeſchwebt, daß er aus einem Engelsher⸗ zen brechen werde, und das andere verklären—— nein— nein, das iſt er nicht.“ Er hörte in einem der nächtlichen Häuſer einen Finken ſchlagen. Das Thier mußte eingeſperrt, vielleicht geblendet ſein, und daher die Nacht, weil es ſehr ſtille und gewitterwarm war, nicht kennen. Hugo mußte bei dieſen Tönen an das alte Haus auf der Bergeshalde denken, wo dieſe Vögel am Glanze des Tages freudig auf fteien Bäumen ge⸗ ſchlagen hatten— und vor dem alten Hauſe mußte er ſich den grauen unſchuldigen Vater ſtehend denken.— Er ging ſchneller in den Gaſſen, daß ſeine Tritte hallten. Obwohl es ſchon tief im Herbſte war, ſo rich⸗ tete ſich doch ein ſeltſam verſpätetes Gewitter am Himmel zuſammen. Seine ſtillen ſchwarzen Wolken hingen ſo tief, daß ſie ſich faſt in die Thürme der Stadt drückten. In den Häuſern waren keine Lichter, kein Wanderer ging, und von den Uhren der Kirchen fielen einzelne Glocken⸗ ſchläge, die die Stunde ſchlugen. Als Hugo nach Hauſe gekommen war, ſaß er an dem Tiſche nieder und ein Strom von Thränen floß aus ſeinen Augen. Viele Wochen waren bis jetzt vergangen geweſen, ſeit denen er täg⸗ lich das außerordentlich ſchöne Weib in dem weißen Häuschen beſucht hatte, das ihm unſchuldig, treu, willenlos, wie ein liebliches Kind hin⸗ gegeben war. An dem Tage aber, als das Gewitter in der Nacht ſeinen Regen über die Stadt geſchüttet hatte, und nun eine kühle reinliche Luft an dem Himmel ſtand, ging er zum erſten Male nicht zu ihr, obgleich ſie ihn erwarten mußte. Am zweiten und dritten Tage ging er auch nicht. Am vierten, da die gewöhnliche Stunde ſchlug, ging er doch gegen das Gitterthor zu. Es war, wie ſonſt, nur eingeklinkt, er ging hin⸗ durch, ging über den Sandweg, und kam zu dem Hauſe. Aber der erſte Blick zeigte ihm, daß alles geändert ſei. Das Hausthor war gewöhn⸗ lich geſchloſſen, und nur ein in dasſelbe geſchnittener kleinerer Flügel war zum Oeffnen geweſen— heute ſtand das ganze Thor offen. Die Fenſter des Stübchens, in welchem immer der Thürſteher geſeſſen war, ſtanden ebenfalls offen, und das Stübchen war leer. Hugo ging nun über die Treppe hinauf, die Flügel der Thüren in die Vorzimmer waren offen, und durch die, die in die Wohnung führten, kam er leicht hindurch, weil ſie dem erſten Drucke nachgaben— aber in den Vorzimmern war keine Dienerin, noch irgend ein Geräthe geweſen— und die Wohnung ſtand leer. Auf der Treppe hatte er Staub und Kehricht gefunden, durch die Zimmer, in denen er jetzt ſtand, wehte die Luft des Himmels; denn die Fenſter waren offen, und die Wände, an denen ſonſt die Geräthe, der Marmortiſch, der Spiegel und anderes geweſen waren, ſtanden nackt. — Hugo meinte, er müſſe ſich einen Augenblick die Augen zuhalten, bis dieſes Blendwerk vorüber ſei. Aber es dauerte fort, und die Wohnung ſah ihn immer mit derſelben Unwirthlichkeit an. Er ging durch alle Räume, er ſah jetzt auch die Küche und die anderen zum Hausweſen ge⸗ hörenden Fächer. Aber die Küche war leer, der Herd kalt, und in den Fächern ſtanden kaum einige der gewöhnlichen Geſtelle. Er lief nun die Treppe hinab, um in dem Erdgeſchoſſe nachzuſehen: aber hier war es auch wie oben. In dem ganzen leeren Hauſe war nicht ein einziger Menſch. Hugo ging nun in den Garten. Auf den Wegen lag das von dem Winde des letzten Gewitters herabgeſchüttelte ſich ſchon herbſtlich färbende Laub, und daneben ſtanden die bereits gelb und röthlich ſchil⸗ lernden Geſträuche— aber es war auch im Garten kein einziger Menſch. — Hugo blieb nun nichts übrig, als auf dem breiten bekannten Sand⸗ wege, in welchem er heute Räderſpuren ſah, zurück zu gehen, und durch das Eiſengitter hindurch das Freie zu ſuchen. Er that es auch und fragte noch in mehreren Nebenhäuſern rechts und links, ob ſie nichts von dem Sachverhalte des weißen Häuschen wüßten. Allein ſie wußten nichts. Nur den Namen und die Wohnung des Eigenthümers des Häuschens konnten ſie ihm angeben. Er ge⸗ dachte nun wohl ſeines Verſprechens, nicht nach den Verhältniſſen Cöle⸗ ſten's forſchen zu wollen, aber unter den gegebenen Umſtänden hielt er Forſchen für erlaubt, ja vielleicht für geboten, da er ihr ſelber durch ſein Ausbleiben den Weg der Eröffnung abgeſchnitten hatte. Er nahm ſofort einen Wagen, fuhr zu dem Eigenthümer des Häuschens, und legte ihm Fragen über das weibliche Weſen vor, das in ſeinem Hauſe gewohnt habe. Der Mann ſagte, er wiſſe wohl, daß eine Dame ſein Gartenhaus bewohnt habe, aber geſtern ſeien von dem Haushofmeiſter derſelben, den man Dionis genannt habe, die Geräthſchaften fortgebracht worden. Heute habe er die Fenſter und Thüren öffnen laſſen, damit die Wohnung auslüfte, dann denke er fie wieder zu vermiethen. Sonſt wiſſe er nichts, Dionis habe geſtern den Reſt der Miethe bezahlt. Seit wann iſt das Häuschen an die Dame vermiethet geweſen?“ fragte Hugv. „Seit dem Frühlinge,“ antwortete der Eigenthümer. Hugo fuhr nach dieſen Erkundigungen nach Hauſe, und verbrachte den Reſt des Tages in ſeiner Stube. Am andern Morgen um zehn Uhr ging er in die Kirche von Sanct Peter. Aber die ſchwarze Geſtalt kniete nicht, wie gewöhnlich, an dem Altare. Die Meſſe wurde aus, alle gin⸗ gen fort— ſie war nicht da geweſen. Den nächſten Tag ging er wieder in die Kirche, er wartete nach der Meſſe in der einſamen breiten Gaſſe— aber er ſah ſie nicht. Dies that er nun mehrere Wochen hindurch, ohne ſeinen Zweck zu erreichen. Er war unterdeſſen auch wieder einmal in dem Garten geweſen, in welchem das Lindenhäuschen ſtand— aber es wohnten jetzt bereits fremde Leute darinnen. Unter allen ſeinen Be⸗ kannten und unter andern Leuten forſchte er herum, allein er hatte ſein Geheimniß ſo gut bewahrt, und von der andern Seite war es ſo gut bewahrt worden, daß Niemand auch nicht die entfernteſte Ahnung von der Bedeutung des Häuschen hatte. Hugo meinte, es könne gar nicht anders möglich ſein, er müſſe das ſchöne, geliebte, durch ſo lange Zeit her täglich geſchaute Angeſicht wo ſehen! Aber er ſah es nicht. Nachdem ſchon das Forſchen Monate gedauert hatte, nachdem ſchon der Winter ſeine Flocken und ſeine Eisdecke auf die Stadt herab geworfen hatte, gab er ſeine Bemühungen auf. Er ſaß in ſeinem Zimmer, und hielt das ſchöne müde Hanpt in ſeinen beiden Händen. 4. Das Eichenſchloß. Wie ein warmer Tag des Herbſtes die ganze Haide mit den unſicht⸗ baren Fäden des Nachſommers überſpinnt, der Morgen nach der Nacht aber, die ihre Thauperlen darauf fallen ließ, das ganze Gewebe weithin ſichtbar macht, grau, feucht, blitzend, über alle Gräſer geſpannt: ſo hatte ſich ein Schleier gewoben durch das ganze deutſche Land, an jedem Jüng⸗ lingsherzen war ein Faden angeknüpft— und längs dieſes Fadens lief die Begeiſterung. Wohl ahneten und wußten einzelne Herzen um den Schleier, aber es fehlte nur noch die Sonne, die da aufgehen, das Ge⸗ ſchmeide plötzlich darlegen, und allen weithin ſichtbar machen ſollte, daß es da ſei— gleichſam ein Kleinod für das Vaterland, und ein ver⸗ derbliches Todtenhemd für den Feind. Das Morgengrauen für dieſe Sonne war gekommen, man hatte nicht gewußt wie— und die Sonne ſtand endlich auch da, man hatte ſie nicht aufgehen geſehen. Es kam eine ſehr ernſte Zeit. Alle Gefühle und Beſtrebungen, die ſonſt gegolten hat⸗ ten, waren jetzt klein und nichtsbedeutend. Je mehr die entſchloſſenen Herzen Opfer bringen, hier Vater und Mutter, dort Weib und Kind, oder Schweſter und Braut verlaſſen und von ſich ablöſen mußten, deſto — 313— ernſter und heiliger wurde die Zeit— und deſto ernſter und heiliger wur⸗ den auch die Herzen. Eines derſelben ſchlug auch in Luſt und Bangigkeit in Hugo's Bruſt dem Augenblicke entgegen— in Luſt und Bangigkeit— aber nicht mehr ſo rein. In trüber Trunkenheit war es befangen, und er hatte einſt geglaubt, daß er den Tag ganz anders empfangen werde, als er ihn empfing. Wohl wurde auch ihm ſein Kummer, den er in dem Ge⸗ müthe trug, gegenüber von den Ereigniſſen, die ſich vor ihm aufrichte⸗ ten, klein und faſt kindiſch, aber ganz tilgen konnte er ihn nicht, und in völliger ungetrübter Freude und Entſchloſſenheit ſeinem Ziele entgegen gehen konnte er nicht. Wohl war ihm die Nothwendigkeit der Thaten wie ein helfender Gott gekommen, und hatte ihn auf ſeine Füße geſtellt, aber ein Reſt von ſeiner Vergangenheit und von ſeinen Schmerzen nahm er doch in die Thaten mit. Es war endlich der Krieg ausgebrochen, und wie ſich bald zeigte, er war einer des Volkes, nicht blos der Mächte, und ſo wie Hugo, hatten viele gefühlt und traten freiwillig gegen den Feind auf. Er ließ eines Morgens durch ſeinen Diener, der ein Soldat in mittleren Jahren war, alle nicht unmittelbar nothwendigen Sachen in einen Koffer packen, und übergab den Koffer einem Freunde zu Aufbewahrung. Das Andere, ins⸗ beſondere Bücher und Karten wurden in einen Mantelſack geſchnallt, die Pferde wurden geſattelt und gezäumt, die kleineren Waffen, Piſtolen und dergleichen, was leicht unterzubringen war, mit genommen, und ſo ritten die zwei Männer aus der Stadt hinaus, in welcher Hugo jetzt ſo lange geweſen war, um den nächſten Platz zu gewinnen, an dem ſie ſich dem handelnden Heere zur Verfügung ſtellen konnten. Es liegt nicht in unſerem Zwecke, die einzelnen Thaten, die Hugo nun verrichtete, zu verfolgen, oder gar die Kriegsereigniſſe jener Zeiten zu beſchreiben, ſondern wir beſchränken uns darauf, die fernere Entwick⸗ lung ſeines Lebens anzudeuten, und dann das zu erzählen, was mit dem, was wir oben geſchildert haben, wieder in weſentlicheren Zuſammen⸗ hang tritt. Was von Hugo's Vater und von vielen Andern vorausgeſehen wor⸗ den war, iſt eingetroffen. Es hatte ſich lange her vorbereitet. Gegen den einen Mann, der Europa's leuchtendſter Kriegsſtern, und deſſen größte Geißel geworden war, hatte ſich nun faſt dieſes ganze Europa erhoben— und Hugo ſtand mit dem glühenden Haſſe gegen alles Unrecht, der ihm eigen war, unter der Zahl ſeiner Feinde. Es waren große Schlachten vorgefallen, es waren Wunder des wechſelnden Glückes geſchehen— es hatten ſich jene Großthaten ereig⸗ net, die das menſchliche Herz zerreiſſen, und es waren düſtere Schatten⸗ ſeiten des menſchlichen Geſchlechtes vorüber gegangen. Hugo hatte oft mitten in dem einen und dem andern geſchwebt. Dinge von ganz anderer Art und Weſenheit, als er je gedacht und geahnet, waren über ſein Herz gegangen. Hatte er gleich nicht jene großen Thaten zu thun vermocht, welche ihm einſt ſeine Kindeseinbildung vorgefabelt hatte, ſo war er doch ein wirkſam Körnlein von dem Gebirge geweſen, das den Mann, der zu ſtark und gefürchtet geworden war, endlich erdrückte. Hatte ſein Vater ein Recht gehabt, ſeine Waffen als Zeichen der Ehre in der alten Halle aufzubewahren, ſo hatte der Sohn ein noch größeres. Denn er hatte mehr gethan, und war bei größeren Ereigniſſen ein wirkender Theil. Waren die Kriege durch Vervollſtändigung der Mittel leichter zu führen geworden, ſo iſt ihr Kreis doch wieder durch den Geiſt des letzten Mei⸗ ſters ſo erweitert worden, daß der alte Vater, wenn er noch gelebt hätte, bei den Erzählungen Hugo's geſtaunt haben würde, wie man denn dieſes oder jenes habe ausführen können, ohne in das Aeußerſte zu gerathen. Unter den ſchweren Entwicklungen jener Zeit war Hugo ein Mann geworden— und jenes finſtere Blatt Weltgeſchichte, das damals abge⸗ handelt wurde, hatte ſein Herz geſtählt, daß es jetzt in verhältnißmäßig viel jüngern Jahren feſter, ernſter und kälter gemacht worden war, als das des greiſen Kriegers geweſen iſt, der ihm als Lehrer und zu allen Zeiten als Muſter gedient hatte. Sein einſt ſo ſchönes, gutmüthiges An⸗ geſicht hatte einen leiſen Zug von Härte bekommen, und ſein Auge war ſtrenge geworden. Aber dennoch wurde ſein hartes Antlitz und ſein ſtren⸗ ges Auge von den Untergebenen faſt abgöttiſch geliebt, weil er immer ge⸗ recht war, und von ſeinen Obern und ſeines Gleichen hochgeachtet und gefürchtet, weil er immer auf Ehre hielt. So waren die Jahre, die zu Hugo's Thaten beſtimmt geweſen wa⸗ ren, vorüber gegangen, die große Begebenheit jener Zeiten war aus, der Feind war beſiegt, Europa hatte den Frieden, und unſere Heere waren auf dem Rückzuge aus Frankreich begriffen. Hugo hatte nun kein ande⸗ res Ziel mehr vor Augen, als, wenn der deutſche Boden erreicht, und die Heere in ihre alten Standpunkte eingerückt wären, den Dienſt zu ver⸗ laſſen, in das alte Haus auf der Berghalde zurück zu kehren, dort ſein Eigenthum zu bewirthſchaften, und die zu beſchützen und zu belehren, die ihm dort als Angehörige anvertraut waren. Sich zu vermählen, war er nicht geſonnen; theils hatte er in den Kriegslagern und in den ſtetti⸗ gen Bewegungen jener Jahre nicht Zeit gehabt, irgend ein Mädchen ken⸗ nen zu lernen, um ſie zu wählen, theils hatte er eine gewiſſe Abneigung gegen das weibliche Geſchlecht. Er war auf dem Rückwege aus Frank⸗ reich, und ſein Diener, derſelbe Soldat, den er in den Krieg mitgenom⸗ men hatte, war beſchäftigt, die Sammlung alter und ſchöner Waffen, die Hugo auf ſeinen Zügen erworben hatte, in Ordnung zu bringen, um ſie ohne Schaden und Verluſt in die Heimath zu ſchaffen. In einer kleinen Stadt Frankreichs, deren Namen wir nicht näher anzugeben vermögen, aber ſie liegt ſchon ſehr nahe an unſerer deutſchen Grenze, war es einmal im ſpäten Herbſte, daß Hugo mit mehreren Kriegsleuten höheren Ranges auf dem Balkone eines Hauſes ſtand, in dem man ihnen ein unaufrichtiges Feſt gegeben hatte. Sie ſtanden, wie es nach einem Mahle gebräuchlich iſt, müſſig, und ergötzten ſich mit Herumſchauen und Sprechen. Da fuhr unten ein Wagen vor⸗ bei, deſſen ſchöne braune Pferde bewundert wurden. Hugo aber ſah in dem Wagen jenen Greis ſitzen, der ihn einſtens in die Kirche von Sanct Peter zu gehen gebeten hatte. Er hatte den Mann längſt vergeſſen ge⸗ habt, aber wie er ihn hier fahren ſah, erkannte er ihn augenblicklich wie⸗ der. Er fragte die Umſtehenden und mehrere aus dem Hauſe, wem der Wagen gehöre, und wer der Mann ſei, der darinnen geſeſſen iſt. Die einen wußten es nicht, und die andern hatten keinen Wagen vorbei fah⸗ ren geſehen. Hugv achtete nicht weiter darauf; denn im Kriege war er an ganz andere und wunderlichere Zufälle gewöhnt worden, als daß er einem Dinge Bedeutung zugeſchrieben hätte, das ihn nur in ſeiner Jugend an⸗ gelockt hatte, eben weil er jung war. Als man von dem Geſpräche auf dem Balkone auseinander gegan⸗ gen war, wo man noch die Nachricht empfangen hatte, daß in drei Ta⸗ gen eine erwartete Abtheilung eintreffen und man dann vereint den Marſch weiter fortſetzen werde— und als Hugo hierauf in ſeine Woh⸗ nung zurückgekehrt war, fand er dort einen Diener mit einem Briefe auf 6 —— — 316— ſich warten. Der Menſch ſagte, er müſſe eine Antwort mit ſich fortneh⸗ men. Hugo öffnete das Blatt und erkannte die Schriftzüge Cöleſten's. Sie war zwar nicht unterſchrieben, aber in den Worten:„wenn er noch an ein Häuschen denke, um welches viele Linden geſtanden ſeien“ er⸗ kannte er ſie, wenn er auch an der Schrift noch gezweifelt hätte. Das Blatt enthielt die Bitte, er möchte, ſobald es ihm möglich ſei, zu dem Schreiber dieſer Zeilen auf Schloß Pre zu Beſuch kommen, wenn es auch nur kurz ſei, er werde ſehnlich erwartet. Hugo ſchrieb auf ein Blatt, er werde morgen um drei Uhr Nach⸗ mittags, wo ihn der Dienſt entlaſſe, von hier nach Schloß Pre hinüber reiten. Er ſiegelte das Blatt und gab es dem Diener. Obgleich im tieferen Frankreich in der Abtheilung, bei der Hugo ſtand, ſchon zwei Mal der Fall vorgekommen war, daß deutſche Krieger auf unbegreifliche Weiſe verſchwunden waren, weßhalb jedes einſame Ausgehen oder Ausreiten verboten war: ſo ritt er doch, da es drei Uhr des andern Tages Nachmittags ſchlug, zum Thore des Städtchens hin⸗ aus. Er kannte Furcht als Beweggrund nicht. Er ritt ſogar ganz allein, und hatte auch vorher Niemanden geſagt, wohin er ſich begebe, damit er den Ruf des weiblichen Weſens, von dem er den Brief habe, nicht ge⸗ fährde. Außer dem Städtchen dehnte ſich eine ziemlich breite Haide, über welche er ſprengte, was nur ſein Rappe auszugreifen vermochte. Hierauf kam er über die ſanfte Wölbung eines baumloſen Rückens, jenſeits deſſen man ihm Schloß Pre bezeichnet hatte. Die Gegend war ſehr öde, und weit und breit war kein Haus. Als er die Schneide des Rückens erreicht hatte, ſah er in eine ſchöne Thalwieſe hinab, auf welcher viele Eichen ſtanden und unter ihnen das Schloß. Es war ein wenig düſter, und mit veralteter ſchwerer Baupracht der Lehenszeiten blickte es auf die öde Landſchaft hinaus. Hugo ließ ſein Pferd den Abhang hinab gehen, und kam an dem Schloſſe an. Unter einem leichten Schauer der Erwartung ritt er durch das ſchwarze Thor ein, das hinter ihm das Gitter fallen ließ, weil man ſich noch immer vor ſtreifendem Geſindel fürchtete. Er dachte, da er an dem Mauerwerke des Hofes empor ſchaute, ob nicht hinter jenen Fenſtern oben eben ſo ein Herz poche, wie hier unten das ſeine. Derſelbe Diener, der ihm den Brief gebracht hatte, nahm ihm das Pferd ab, zwei andere — 317— riſſen die Thüren auf, dahinter erwartete ihn ein feingekleideter Mann, der ihn die ſchönen Treppen hinauf geleitete, durch prachtvolle Gemächer führte, und endlich auf eine Thür wies, durch die er eintreten möge. Er trat ein. Ein leichtes„Ach“ entglitt unwillkührlich ſeinen Lip⸗ pen; denn es waren die vier Zimmer des Lindenhäuschens, in denen er ſich befand— ſie waren bis in die kleinſte Kleinigkeit dieſelben, nur daß ſtatt der Linden ungeheure Eichen vor den Fenſtern ſtanden. Er ging durch das erſte Zimmer— er ging durch das zweite—— im dritten ſtand eine Frau in grauer Seidenkleidung an dem Marmortiſche des Spiegels wie einſt— ſie war etwas ſtärker geworden— bei dem Ge⸗ räuſche ſeiner Tritte wendete ſie ſich— ſie war todtenblaß— ein Schrei —„Hugo!“„Cöleſte!“— und ſie lagen ſich in den Armen— alles war dahin: das ganze eherne Rad des Krieges war von ſeinem Herzen, und lange, lange Jahre von dem ihren. Die reinſte, wärmſte, ſüßeſte Flamme des Kuſſes wurde gefühlt, der holde Druck des Armes wurde empfunden, wie ſie die ihren um ſeinen Nacken, er die ſeinen um den ih⸗ rigen geſchlungen hatte. Es war zuerſt gar kein Laut— dann ein Stam⸗ meln, ein leiſes Seufzen zur Erleichterung der Freudenlaſt— Herz an Herz, Mund an Mund, ſo gepreßt, als ſollten ſie nie mehr von einander laſſen. In dieſem Augenblicke fühlte Hugo, daß er lange, lange nicht ge⸗ lebt habe. Da ſie ſich ſanft ſeinem Arme entwandt, rief ſie in dem ſchönen klingenden Deutſch, das ſie ſonſt immer geredet hatte:„Hugo, Hugo, wo biſt Du geweſen— drei ganze lange Tage biſt Du nicht gekommen— dann hab' ich Dich eilf Jahre— eilf völlige Jahre nicht geſehen! Ich habe Dich geſucht, faſt durch unſern ganzen Welttheil habe ich Dich ge⸗ ſucht, mitten in Kriegen und Schlachten habe ich Dich geſucht, und hier, hier, wo alles, was Du rund umher erblicken kannſt, mein und Dein iſt, hier mußte ich Dich finden. Dionis, der Dich heimlich von Paris her begleitete, ſchrieb mir erſt vor fünf Tagen, daß Ihr in unſer Städtchen kommen und hier einige Zeit verweilen werdet. Ich habe den geſtrigen Tag, da Ihr Morgens kamt, kaum erwarten können.“ Mit dieſen Worten führte ſie ihn zu dem Sopha, über dem er ein altes Bild, einen Ritter in wallenden blonden Locken darſtellend, hän⸗ gen ſah. „Blicke nicht hinauf,“ ſagte ſie,„ich werde Dir alles ſagen. O Du — 318— theurer, Du heiß geliebter Mann! alles, alles hat ſich gelöſet. Komme, ſitze neben mir, wie einſt—— v Hugo, ich bin jetzt gut; ſeit jene Laſt von mir genommen iſt, bin ich ſo fromm, wie einſtens Du.—— Aber Du haſt Dich geändert,“ unterbrach ſie ſich,„Du biſt ſo ernſt ge⸗ worden.“ Und ſie ſah ihn, da ſie ſich niedergeſetzt hatten, mit den Augen ſo gut und ſo treu an, wie ſie es ſonſt faſt nie gethan hatte. „Bin ich ernſter geworden,“ ſagte er,„ſo ſind auch harte Jahre an mir vorüber gegangen. Cöleſte, ſei gegrüßt, ſei viele tauſend Male gegrüßt!“ Bei dieſen Worten hatte er zuerſt ihre Hände gefaßt, und dann drückten ſie ſich wieder in die Arme. Hugo that es etwas zurückhaltender und mit noch feinerer Hochachtung, als ſonſt. Dieſe Scheu zierte den Mann nun unendlich ſchöner, als ſie einſtens den Jüngling geziert hatte. Mit ſehr weicher Stimme ſagte Cöleſte:„Ich bitte Dich Hugo, jetzt höre mich an, ich kann es gar nicht erwarten, daß Du alles wiſſeſt, was Du einſt ſo großmüthig nicht gefragt haſt— jetzt darf ich alles ſa⸗ gen—— aber Du wirſt nicht viel Zeit haben.“ „Morgen um fünf Uhr beginnt mein Dienſt wieder, von dem ich mich noch nicht verabſchiedet habe,“ antwortete Hugo. „Ich gebe Dir Leute mit,“ ſagte Cöleſte,„die Dich beſchützen, wenn Du in der Nacht in das Städtchen zurückreiten mußt. Ach in dieſer Novemberzeit wird es ja kaum ſpäter, als in einer Stunde ſchon Nacht werden.“ „Ich beſchütze mich ſelber,“ antwortete Hugo,„laſſe dieſe Dinge mich machen, Cöleſte, und verkümmere uns mit ihnen nicht die Minute des Beiſammenſeins.“ „So höre Hugo, aber ich bitte Dich, höre mich bis zu Ende, ſage nichts, kein Wort, bis alles aus iſt, dann rede. Ich bin aus einem, wie ſie hier ſagen, vornehmen Hauſe Lothringens. Meine Mutterſprache war deutſch; aber nur ſie kannte ich, nicht Vater und Mutter, beide waren geſtorben, ehe ich denken konnte. Mit fünfzehn Jahren befahl mein Vor⸗ mund, daß ich vermählt würde, da ſich eine Gelegenheit ergäbe, daß ein großes Vermögen zuſammen käme und ein glänzendes Haus entſtünde. Mein zukünftiger Gatte war fünfzig Jahre alt, und ich, die damals gar nicht wußte, was Liebe und Ehe ſei, gehorchte dem Vormunde.— Hugo, höre mich ruhig.— Das glänzende Haus entſtand aber nicht. Schon am erſten Tage unſerer Ehe, weil damals in Frankreich eben die ſchweren traurigen Zeiten waren, mußte er ſich flüchten, und ich wurde ſpäter zu ihm über Eure Grenze geliefert. Seine Güter und auch die meinigen waren in den Händen ſeiner Gegner. Er war über dieſe Dinge ſehr er⸗ bittert. Die große Summe, die er gerettet und mit ſich genommen hatte, däuchte ihm nichts, und ſein Groll wuchs täglich. Er verachtete ſeine Gegner unglaublich, und war der Meinung, daß eine Herrſchaft dieſer Art nur kurz dauern könne, und die alte Ordnung der Dinge ſich wieder herſtellen werde. Darum ſagte er oft, wenn ihn ſeine Lage peinigte: „Das alles muß wieder kommen!“— Aber über eines war er troſtlos und verzweifelnd: ich blieb nämlich kinderlos—— ach, Hugo, dasſelbe Weib, das Dein Entzücken und Deine Wonne war, mußte körperliche Mißhandlung dulden.—— Ich lag oft auf den Knieen vor der gebene⸗ deiten Jungfrau, ich, ein wehrloſes unſchuldiges Opfer, das nie etwas anderes gekannt hatte, als die Mauern meines Erziehungshauſes und die ſtarten Mienen meines Gatten, ich lag auf den Knieen, und bat um die Erfüllung ſeines Wunſches— umſonſt— da that ich das Gelübde, meine Schönheit, auf die ich ſonſt ſo eitel geweſen war, zu vertilgen; ich verſprach der heiligen Jungfrau, daß ich täglich in den Kleidern einer Matrone, und mit dichtem herabgelaſſenem Schleier zu Fuße in die Meſſe gehen und vor dem Altare knieen wolle, bis kein Menſch mehr in der Kirche ſei, damit der Himmel den Fluch von mir nehme.— Das that ich mehrere Jahre— allein der Fluch wurde nicht von mir genommen. Mein Gatte wurde immer härter— ach, Hugo, als ich Dein großes ſchönes Herz kennen lernte, wußte ich erſt, welch' ein Tyrann er geweſen war— aber früher litt ich alles, weil ich nicht anders wußte, als daß er mein Gemahl ſei, und daß ich ihm gehorſamen müſſe. Er wurde krank, lang⸗ ſam fiel er dem Grabe entgegen— und ſeine Ungeduld und ſein Grimm wuchſen immer mehr. Zwei Dinge waren es, die vorzüglich an ſeinem Herzen fraßen: zuerſt, daß in Frankreich die alte Ordnung immer nicht zurückkehren wollte— und zweitens, daß er mich auf's Tieſſte ver⸗ achtete.“ „In jener Zeit geſchah es, daß er eines Entwurfes willen, in den er ſich eingelaſſen hatte, heimlich nach Frankreich reiſen mußte. Er 32⁰ S ſchnürte ſeine Sachen, beſtieg den Wagen, und ließ mich in Eurer Stadt zurück. Damals trat nun der Verſucher an mich.“—— „Ach, Hugo, ich will Dir alles, alles ſagen— aber an dem, was Dionis vorſchlug, war ich ſo wahrhaftig unſchuldig, ſo wahrhaftig es eine ewige Seligkeit im Himmel gibt.— Dionis war der Haushofmei⸗ ſter meines Vaters geweſen, er wurde nach dem Tode desſelben der mei⸗ nige, und war mein Rathgeber und Freund. Wenn ich ſagen ſollte, daß er mir bis dahin je das geringſte Unrecht vorgeſchlagen habe, würde es eine Lüge ſein: aber der inbrünſtige Haß gegen meinen Gatten, und die große Liebe gegen mich mußten den alten Mann verblendet haben. Da ich durch die Entfernung meines Gemahls allein in ſeiner Obhut zurückgelaſſen war, erzählte er mir eines Tages eine Geſchichte von einer Frau, die an einen harten greiſen Mann geſchmiedet geweſen war, und vieles Unglück erduldet habe. Da ſei ihr ein ſchöner Jüngling erſchie⸗ nen, ſie habe ſchöne Kinder gehabt, und habe das künſtige Wohl des Hauſes gegründet. Viel ſpäter ſagte er einmal, daß er einen jungen blonden Mann kenne— weil mein Gatte auch blond war— der ſo ſchön und ſo unſchuldig ſei; wenn mich dieſer einmal erblickte, ſo würde er gewiß in heißer innerſter Liebe gegen mich entbrennen.— Da er aber ſah, daß ich die Rede nicht verſtand, und befremdet war, ſchwieg er von da an ſtille, und ich bemerkte, daß er ſich nun von mir zurück zog.— — O Hugo! ſeine Worte mochten eine Vorbedeutung geweſen ſein.“ Dem zuhörenden Manne öffneten ſich ſeine innern Augen, er ſah auf das erzählende Weib, unterbrach es aber nicht. Sie fuhr fort:„Wenige Wochen nach dieſem Geſpräche, das ich doch nicht ganz vergeſſen konnte, ſah ich Dich! Ich habe an jenem Mor⸗ gen ernſtlich geglaubt, daß Niemand mehr in dem Gotteshauſe ſei, und ging mit gehobenem Schleier, weil es unter demſelben ſchwül war, gegen die Pforte zurück— da ſtandeſt Du im hintern Theile des Chores— wir ſahen uns— ich bemerkte gleich, daß Du mich anblickteſt und ließ den Schleier über das Geſicht fallen.— Damals dachte ich mir innerlich oft, wie ſüß, wie unendlich ſüß die Liebe ſein müſſe, und wie lohnend für alles Weh der Erde. Dann ſah ich Dein Annähern—— Hugo, ich habe in jener Gaſſe nicht abſichtlich das Blatt fallen gelaſſen, daß Du mir es bringeſt— oft hat mich der Gedanke gequält, daß Du dieſes glauben könnteſt—— aber, da Du es brachteſt, war mir die Handlung — 321— * hold—— und es iſt im Ernſte wahr, wenn Du grüßteſt, ſchwindelten mir die Häuſer der Straße vor dem Blicke. Als Du mit mir endlich in der einſamen Gaſſe geredet hatteſt, entdeckte ich mich außer meinem Mäd⸗ chen, das längſt mein Inneres kannte, noch Dionis, und fragte ihn um Rath. Der alte Mann zeigte viele Freude, er miethete das Gartenhäus⸗ chen, er borgte Geräthe und richtete es ein. Ich wohnte nicht dort, Hugo; jeden Vormittag ging ich meinem Gelübde nach in die Kirche, aber es war nicht mehr die von Sanct Peter, in der Du mich zum erſten Male geſehen haſt, ſondern eine andere; im Nachmittage war ich in dem Häuschen, und Du warſt bei mir. Mein Herz, das mir ſo viel verſpro⸗ chen hatte, belog mich nicht. Ach!— warum mußteſt Du denn mehrere Tage nicht kommen?! In der Nacht des dritten, an dem ich Dich nicht geſehen hatte, mußte ich fort. Mein Gatte war in Genf todtkrank ge⸗ worden, er ſandte einen Freund, mich augenblicklich zu holen; dieſer kam in der Nacht, wechſelte die Pferde, ließ mir ſo viel Zeit, daß das Nöthigſte gepackt wurde, und nahm mich fort. Ich konnte blos auswir⸗ ken, daß mir Dionis erſt am nächſten Tage folgen dürfe, damit er Dir alles ſage, und damit er mit dem Eigenthümer des Häuschens in's Reine käme. Das Letzte that er, aber ach, das erſte nicht, damit Du nicht etwa auf die Spur kämeſt, wer ich wäre. Wenn ſich die Sache wie immer wendete, ſagte er, da er mich eingeholt hatte, ſo kämen wir entweder bald in die Stadt zurück, oder könnten Dir auf eine geſchickte Weiſe Nachricht geben. Der alte Mann fürchtete in der ſchwebenden Lage für meine Erbſchaft. Die Sache wendete ſich auch bald. Ich kam nach Genf, mein Gatte ſtarb, und machte mich zur Erbin ſeines und meines Vermögens. Ich weinte bitterlich an ſeinem Grabe; denn er war ein ſehr armer, armer Mann geweſen.— Als ſich meine Lebengeiſter wieder geſammelt hatten, richtete ich ſogleich alles in Ordnung, und wollte wie⸗ der zurück reiſen. Allein es war indeſſen der Krieg ausgebrochen, und hatte ſich beinahe mit den Flügeln des Windes über alle Länder ausge⸗ breitet. Ich konnte nicht durch. Mit vieler Mühe und nach langer Zeit verſchaffte ich mir Päſſe aller Art— die Reiſe war ſehr langſam, da oft keine Pferde waren, oft die Leute ſie verläugneten.—— Endlich kam ich an, aber Du warſt fort. Wie ich dachte, hatteſt Du Dich in die Reihe der Krieger geſtellt.— Nun forſchten wir Jahr nach Jahr, wir wußten nicht, bei welcher Macht, und in welcher Abtheilung Du ſtün⸗ Stifter. 4. Aufl. II. 21 — 322— deſt—— die Kriege wälzten ſich hierhin und dorthin—— Hugo, viele lange Jahre haben wir geforſcht— endlich fanden wir Dich—— Du biſt da.“——— Das Weib hatte das Letzte faſt mit Angſt geſagt, und dann hauchte ſie beinahe nur noch die Worte hinzu„Nun, Hugo, rede.“ „Wie ſieht denn Dionis aus?“ fragte er. „Es iſt ein ſehr alter hagerer Mann mit weißen Haaren und blauen Augen,“ antwortete ſie. „Ein wenig vorgebeugt?“ „Ein wenig vorgebeugt.“ „Traue ihm nicht mehr,“ ſagte Hugo,„er war falſch gegen uns beide.“ „Laſſe jetzt Dionis,“ antwortete ſie,„und rede“—— Aber er redete nicht, ſeine Augen waren zu Boden geheftet— ſie ſchwieg auch und wartete. Endlich ſagte er:„Heißeſt Du auch wirklich Cöleſte?“ „Ja, ich heiße Cöleſte,“ antwortete ſie. „Siehe, Cöleſte, das haſt Du nicht gut gemacht, nicht gegen Deinen Gatten und gegen mich. Ich kann Dir nicht mehr trauen?“ „O meine Ahnung,“ kreiſchte das Weib, indem ſie ihr Angeſicht in die Kiſſen des Sophas verbarg,—„eilf Jahre habe ich ihn gefürchtet, dieſen Augenblick.“ Eine Zeit lang hielt ſie die Gluth des Antlitzes gegen die bergenden Kiſſen gedrückt. Dann hob ſie das Haupt wieder, um in ſeine Züge zu ſchauen. Er war aufgeſtanden, ſein Angeſicht war entfärbt, aber ſie konnte nicht erkennen, was in ihm vorgehe. „Hugo, Hugo,“ rief ſie,„blicke nicht ſo,“— und halb knieend flehte ſie zu ihm:„Lerne mich nun auch als rein kennen, ich bin es— ich werde es ſein— o rechtfertige mich vor mir, und lerne mich kennen, daß ich gut bin“—— Hugo wurde noch bläſſer, und ſagte:„Ich habe gedacht, ein ande⸗ res Leben führen zu wollen, als der Gatte einer Witwe zu ſein, von dem ſie ſagen, daß er ſchon vor dem Tode ihres Mannes mit ihr im Einver⸗ ſtändniſſe geweſen ſei.“ „Sie werden es nicht ſagen, Hugo,“ antwortete ſie,„denn kein Menſch weiß es.“ „Ich ſelber würde es ſagen,“ erwiederte er. „Du wirſt es nicht ſagen: denn Du biſt unſchuldig,“ antwortete ſie;„welßt Du? Du hatteſt nie eine Ahnung, daß Du Jemand andern liebeſt, als ein Mädchen.“ „Dann biſt Du deſto ſchuldiger,“ ſagte er.„Siehe, Cöleſte, hät⸗ teſt Du mir geſagt, daß Du ein vermähltes Weib biſt— ich wäre Dir ferne geſtanden, ich hätte nie eine Andere geliebt, und wenn der Himmel unſere Verbindung möglich gemacht hätte, ohne daß wir ſchuldig waren, wären wir frei eingegangen vor Gott und der Welt.“ „Ich hatte Angſt, Dich zu verlieren,“ ſagte ſie ſchüchtern.—— „Wenn Du verzieheſt.“ „Das verſtehſt Du nicht, Cöleſte,“ antwortete er.„Ich verzeihe Dir von Herzen, und beklage uns. Wäreſt Du die niedrigſte Magd, wäreſt Du die Tochter einer Stalldirne: auf dieſen Händen trüg' ich Dich—— aber wie könnte ich jetzt vor mir ſtehen, der ich nie mit Wiſ⸗ ſen ein Unrecht an mir litt, wie könnt' ich vor den andern ſtehen, die mich ſcheuten und verehrten, und die mir nie die kleinſte Mackel ſagen durſten?!“ „Alſo könnteſt Du der ſogenannten Ehre das warme, ewige, klare Leben opfern?“ fragte ſie. Hugo antwortete nicht, ſondern er preßte die Hände an einander, und in dem ganzen Baue ſeines Körpers war eine Erſchütterung, wie wenn Thränen ausbrechen ſollten. Sie ſah ihn einige Augenblicke mit den großen Augen an— dann aber ſagte ſie ſehr ernſt:„Ich habe Dich nicht umſonſt gefürchtet— gehe— möge Dir Gott im Himmel dieſe harte Tugend lohnen, aber mein Herz verflucht ſie: denn es wird gebrochen.— Ja, ich war eine Sünderin, aber die Sünde wurde mir nicht leicht; Du haſt nur ihre holde Frucht geſehen, ihre Kämpfe trug ich allein. Meine Sünde iſt menſchlicher, als Deine Tugend— geh'— ſo lange die Erde ſteht, wurde Niemand abgöttiſcher geliebt, als Du.—— Nun gehe, Mann, gehe!“ „Wir ſind beide zu erregt,“ ſagte Hugo,„wir ſehen uns wieder, und ich werde Dir die Sache auseinander ſetzen.“ „Setze nichts mehr auseinander,“ ſagte ſie,„es iſt ja deutlich. Gehe nur.“ Und wie Hugo in Verwirrung ſich gegen die Stelle hin wendete, . 21* — 324— wo ſein kriegeriſcher Hut lag, trat über die Thürſchwelle ein Kind, ein wundervoll blond gelocktes Mädchen herein, und rief mit kindlich klarer Stimme:„Mutter!“— Aber wie ſie dieſe in Aufregung ſah, und den frenden Mann vor ihr ſtehen, ſchwieg ſie betroffen. Cöleſte warf ſich, als wäre jetzt erſt der fürchterlichſte Schlag gefallen, plötzlich mit einem lauten und ausſchweifenden Schluchzen in die Kiſſen des Sophas, als müßte ihr das Herz zerſtoßen werden.— Hugo betrachtete das Kind einen Augenblick, dann ging er auf dasſelbe zu, und legte unter unend⸗ lichen Thränen, die aus ſeinen Augen floſſen, den Arm um den dichten, ſeidenweichen Lockenwald desſelben, beugte ſich, und küßte es heftig auf den Scheitel. Das erſchreckte Kind hatte es gelitten— auf dem Sopha hatte das Weinen aufgehört, Cöleſte hatte das Haupt empor gehoben, und lauſchte hin; aber wie er den Arm von des Kindes Locken löſete, ſeinen Hut nahm, und ſanſt hinaus ging— da fiel ſie mit dem verzweiflungsvollen Schrei zurück:„Er kennt ſie nicht, er kennt ſie nicht.“ Hugo hatte kein Wort mehr geſagt, kein einziges; es iſt unbekannt, ob er nicht konnte, oder ob er nicht wollte. Unten ließ er ſich ſein Pferd vorführen, beſtieg es, und ritt zu dem Thore hinaus. Es war bereits ſchon dunkel geworden, und ein harter Novemberwind ging durch ſeine noch immer ſchönen blonden Locken, die ſein ganzes Schickſal eingeleitet hatten. Als er auf die Anhöhe gekommen war, von der aus man das Schloß erblickt, und hinter welcher die Haide anfängt, hielt er ein wenig ſtille— die Thränen, welche während der Beſteigung des Pferdes und während dem Anfange des Rittes verſiegt waren, floſſen wieder, und er ſagte gleichſam laut zu ſich:„Wo in dieſer weiten, in dieſer großen Welt mag das herrliche, das reine Herz ſchlagen, das mich beglückt hätte, und das ich beglücken hätte können!?“—— Aber draußen lagen die kaltblauen ſchweren Wolken, unter denen er die Landſchaft, namentlich den gehauchten blaſſen Streifen des Ardener⸗ waldes, den er im Herreiten geſehen hatte, nicht mehr erblicken konnte und neben ihm ſäuſelte das dürre herbſtliche Gras. Mit den Worten:„Verzeihe dir Gott, du armer, verblendeter Greis, daß du in deiner Leidenſchaft zwei Menſchen unglücklich gemacht haſt, wie ich dir verzeihe, ſie erfahre nie, was du eingeleitet haſt,“ ſetzte er ſeinem Pferde die Sporen ein, und ritt langſam den ſanften Hang hin⸗ — 325— unter. In dem nächſten Augenblicke darauf konnte man die hallenden Hufſchläge vernehmen, wie er auf der feſten Straße der Haide davon ritt, und in die ihn umgebende Nacht hinein jagte. Er kam ſpät zu Hauſe an, legte ſich aber nicht nieder, ſondern ſchrieb bis zu dem Morgen an einem Briefe an Cöleſte. Was er ihr in demſel⸗ ben ſchrieb, wie ſanfte, gute oder ſtarke Worte er in demſelben an ſie richtete, iſt nie bekannt geworden. Als er mit dem Schreiben fertig war, und das Papier gefaltet und geſiegelt hatte, blickte er auf die Buchſtaben des Siegels, die in dem zweifelhaften Scheine des Morgens und ſeiner Kerze düſter da ſtanden, und in dem feinen rothen Wachſe die Worte bil⸗ deten:„Servandus tantummodo honos.“ Dann löſchte er die Kerze aus, da der Tag immer klarer hereinbrach, rief ſeinen Diener, und ſagte ihm, daß er dieſen Brief ſogleich nach Schloß Pre bringen möchte, dann ſoll er ſich im Zurückreiten ſputen, damit er einpacken könne. Denn er ſelber wolle ſich indeſſen bemühen, daß ſie die Erlaubniß bekämen, ihrer Heeresabtheilung vorausreiſen zu dürfen. Der Diener brachte den Brief nach Schloß Pre, kam zurück, packte ein, da Hugo die angeſuchte Erlaubniß erhalten hatte, und in einer Stunde darauf reiſeten ſie ab. Zwei Tage nachher folgte ihnen ihre Heeresabtheilung, und da dieſe fort war, wurde es wieder ſo einſam und öde um Schloß Pre, wie es zuvor geweſen war. Aber auch einſam und öde war es in dem alten Hauſe, das auf der Gebirgshalde ſtand. Hugo war aus dem Kriegsdienſte getreten, da in der ganzen Welt der erſehnte Friede heran gekommen war, er hatte ſich auf ſein Beſitzthum begeben, und verwaltete es nun. Er blieb, wie ein Jahr nach dem andern verging, auf demſelben allein, und vermählte ſich nicht. Er verſammelte ſeine Knechte und Leute um ſich, gab ihnen Befehle, verbeſſerte ſein An⸗ weſen, und that den Leuten, die in der Gegend wohnten, Gutes.— Später rang er mit Gewiſſensbiſſen, und da er alt geworden, da ſich die Härte des Krieges verloren hatte, und da er weichherzig geworden war, hat er oft bitterlich geweint, und geſagt:„Wie ſie iſt doch keine— wie ſie iſt doch keine.“ Einmal, da ſeine Haare ſchon ſo weiß waren, wie einſtens die ſei⸗ nes Vaters, ging er durch die Gerölle gegen den Morigletſcher hinan, den — 326— er ſonſt in der Jugend gerne beſucht hatte und warf das alte Siegel in eine unzugängliche Schlucht. Als er todt war, kam das Erbe kraft ſeines Teſtamentes in den Beſitz fremder Menſchen, die außer Deutſchland wohnten. Es erſchien, um den Beſitz der Liegenſchaften auf ſich ſchreiben zu laſſen, eine äußerſt ſchöne, junge, blonde Frau auf der Gebirgshalde. Man hatte ihr Hugo's Grab zeigen müſſen, und ſie war lange mit vielen Thränen vor demſelben geſtanden. Später kam ſie noch zweimal in zwei verſchiedenen Sommern mit ihrem Gemahle und zwei Kindern, und wohnte einige Wochen auf der Halde. Nachher aber erſchien ſie nie mehr, das Haus kam unter die Hände von Miethlingen und begann zu ver⸗ fallen. Das Frühglöcklein tönt noch, wie ſonſt, der Bach rauſcht, wie ſonſt— aber auf dem alten Hauſe iſt es heut zu Tage ein trauriger be⸗ trübter Anblick unter den Trümmern der verkommenden Reſte. Nur die Berge ſtehen noch in alter Pracht und Herrlichkeit— ihre Häupter werden glänzen, wenn wir und andere Geſchlechter dahin ſind, ſo wie ſie geglänzt haben, als der Römer durch ihre Thale ging und dann der Allemanne, dann der Hunne, und dann andere und wieder andere. —— Wie viele werden noch nach uns kommen, denen ſie Freude und ſanfte Trauer in das betrachtende Herz ſenken, bis auch ſie dahin ſind, und vielleicht auch die ſchöne freundliche Erde, die uns doch jetzt ſo feſt gegründet, und für Ewigkeiten gebaut ſcheint. Zrigitti. 1843. 1. Steppenwunderung. E⸗ gibt oft Dinge und Beziehungen in dem menſchlichen Leben, die uns nicht ſogleich klar ſind, und deren Grund wir nicht in Schnelligkeit hetvor zu ziehen vermögen. Sie wirken dann meiſtens mit einem ge⸗ wiſſen ſchönen und ſanften Reize des Geheimnißvollen auf unſere Seele. In dem Angeſichte eines Häßlichen iſt für uns oft eine innere Schönheit, die wir nicht auf der Stelle von ſeinem Werthe herzuleiten vermögen, während uns oſt die Züge eines andern kalt und leer ſind, von denen alle ſagen, daß ſie die größte Schönheit beſitzen. Eben ſo fühlen wir uns manch⸗ mal zu einem hingezogen, den wir eigentlich gar nicht kennen, es gefallen uns ſeine Bewegungen, es gefällt uns ſeine Art, wir trauern, wenn er uns verlaſſen hat, und haben eine gewiſſe Sehnſucht, ja eine Liebe zu ihm, wenn wir oft noch in ſpäteren Jahren ſeiner gedenken: während wir mit einem Andern, deſſen Werth in vielen Thaten vor uns liegt, nicht in's Reine kommen können, wenn wir auch Jahre lang mit ihm umgegangen ſind. Daß zuletzt ſittliche Gründe vorhanden ſind, die das Herz heraus fühlt, iſt kein Zweifel, allein wir können ſie nicht immer mit der Wage des Bewußtſeins und der Rechnung hervor heben, und anſchauen. Die Seelenkunde hat manches beleuchtet und erklärt, aber vieles iſt ihr dunkel und in großer Entfernung geblieben. Wir glauben daher, daß es nicht zu viel iſt, wenn wir ſagen, es ſei für uns noch ein heiterer unermeßli⸗ cher Abgrund, in dem Gott und die Geiſter wandeln. Die Seele in Augenblicken der Entzückung überfliegt ihn oft, die Dichtkunſt in kind⸗ licher Unbewußtheit lüftet ihn zuweilen; aber die Wiſſenſchaft mit ihrem Hammer und Richtſcheite ſteht häufig erſt an dem Rande, und mag in vielen Fällen noch gar nicht einmal Hand angelegt haben. Zu dieſen Bemerkungen bin ich durch eine Begebenheit veranlaßt worden, die ich einmal in ſehr jungen Jahren auf dem Gute eines alten Majors erlebte, da ich noch eine ſehr große Wanderluſt hatte, die mich bald hier bald dort ein Stück in die Welt hinein trieb, weil ich noch weiß Gott was zu erleben und zu erforſchen verhoffte. Ich hatte den Major auf einer Reiſe kennen gelernt, und ſchon da⸗ mals lud er mich wiederholt ein, ihn einmal in ſeiner Heimat zu beſuchen. Allein ich hielt dies für eine bloße Redeformel und Artigkeit, wie Rei⸗ ſende wohl oft zu wechſeln pflegen, und hätte der Sache wahrſcheinlich keine weitere Folge gegeben, wenn nicht im zweiten Jahre unſerer Tren⸗ nung ein Brief von ihm gekommen wäre, in welchem er ſich angelegent⸗ lich um mein Befinden erkundigte, und zuletzt wieder die alte Bitte hinzu fügte, doch einmal zu ihm zu kommen, und einen Sommer, ein Jahr, oder fünf oder zehn Jahre bei ihm zuzubringen, wie es mir gefällig wäre; denn er ſei jetzt endlich geſonnen, auf einem einzigen winzigen Punkte dieſer Erdkugel kleben zu bleiben, und kein anderes Stäubchen mehr auf ſeinen Fuß gelangen zu laſſen, als das der Heimat, in welcher er nunmehr ein Ziel gefunden habe, das er ſonſt vergeblich auf der gan⸗ zen Welt geſucht hatte. Da es nun eben Frühling war, da ich neugierig war, ſein Ziel ken⸗ nen zu lernen, da ich eben nicht wußte, wo ich hin reiſen ſollte, beſchloß ich, ſeiner Bitte nachzugeben und ſeiner Einladung zu folgen. Er hatte ſein Gut im öſtlichen Ungarn— zwei Tage ſchlug ich mich mit Plänen herum, wie ich die Reiſe am geſchickteſten machen ſ ollte, am vritten Tage ſaß ich im Poſtwagen, und rollte nach Oſten, während ich mich, da ich das Land nie geſehen hatte, bereits mit Bildern von Haiden und Wäldern trug— und am achten wandelte ich bereits auf einer Pußta, ſo prachtvoll und öde, als ſie nur immer Ungarn aufzuweiſen haben mag. Anfangs war meine ganze Seele von der Größe des Bildes gefaßt: wie die endloſe Luft um mich ſchmeichelte, wie die Steppe duftete, und ein Glanz der Einſamkeit überall und allüberall hinaus webte:— aber wie das morgen wieder ſo wurde, übermorgen wieder— immer gar nichts, als der feine Ring, in dem ſich Himmel und Erde küßten, ge⸗ — 331— wöhnte ſich der Geiſt daran, das Auge begann zu erliegen, und von dem Nichts ſo überſättigt zu werden, als hätte es Maſſen von Stoff auf ſich geladen— es kehrte in ſich zurück, und wie die Sonnenſtrahlen ſpielten, die Gräſer glänzten, zogen verſchiedene einſame Gedanken durch die Seele, alte Erinnerungen kamen wimmelnd über die Haide, und darunter war auch das Bild des Mannes, zu dem ich eben auf der Wanderung war— ich griff es gerne auf, und in der Oede hatte ich Zeit genug, alle Züge, die ich von ihm erfahren hatte, in meinem Gedächtniſſe zuſammen zu ſuchen, und ihnen neue Friſche zu geben. In Unteritalien, beinahe in einer eben ſo feierlichen Oede, wie die war, durch die ich heute wandelte, hatte ich ihn zum erſten Male geſehen. Er war damals in allen Geſellſchaften gefeiert, und obwohl ſchon faſt fünfzig Jahre alt, doch noch das Ziel von manchen ſchönen Augen; denn nie hat man einen Mann geſehen, deſſen Bau und Antlitz ſchöner ge⸗ nannt werden konnte, noch einen, der dieſes Aeußere edler zu tragen ver⸗ ſtand. Ich möchte ſagen, es war eine ſanfte Hoheit, die um alle ſeine Bewegungen floß, ſo einfach und ſo ſiegend, daß er mehr als einmal auch Männer bethörte. Auf Frauenherzen aber, ging die Sage, ſoll er einſt wahrhaft ſinnverwirtend gewirkt haben. Man trug ſich mit Ge⸗ ſchichten von Siegen und Eroberungen, die er gemacht haben ſoll, und die wunderbar genug waren. Aber ein Fehler, ſagte man, hänge ihm an, der ihn erſt recht gefährlich mache; nämlich, es ſei noch Niemanden, ſelbſt der größten Schönheit, die dieſe Erde trage, gelungen, ihn länger zu feſſeln, als es ihm eben beliebte. Mit aller Lieblichkeit, die ihm jedes Herz gewann, und das der Erkornen mit ſiegreicher Wonne füllte, be⸗ nahm er ſich bis zu Ende, dann nahm er Abſchied, machte eine Reiſe, und kam nicht wieder.— Aber dieſer Fehler, ſtatt ſie abzuſchrecken, ge⸗ wann ihm die Weiber nur noch mehr, und manche raſche Südländerin mochte glühen, ihr Herz und ihr Glück, ſobald als nur immer möglich, an ſeine Bruſt zu werfen. Auch reizte es ſehr, daß man nicht wußte, woher er ſei, und welche Stellung er unter den Menſchen einnehme. Obwohl ſie ſagten, daß die Grazien um ſeinen Mund ſpielen, ſetzten ſie doch hinzu, daß auf ſeiner Stirne eine Art Trauer wohne, die der Zeiger einer bedeutenden Vergangenheit ſei— aber das war am Ende das Lockendſte, daß Niemand dieſe Vergangenheit wußte. Er ſoll in Staats⸗ begebenheiten verwickelt geweſen ſein, er ſoll ſich unglücklich vermählt, er ſoll ſeinen Bruder erſchoſſen haben— und was dieſer Dinge mehr waren. Das aber wußten alle, daß er ſich jetzt ſehr ſtark mit Wiſſen⸗ ſchaften beſchäftigte. Ich hatte ſchon ſehr viel von ihm gehört, und erkannte ihn augen⸗ blickich, als ich ihn einmal auf dem Veſuve Steine herab ſchlagen, und dann zu dem neuen Krater hinzu gehen, und freundlich auf das blaue Ringeln des Rauches ſchauen ſah, der noch ſparſam aus der Oeffnung und aus den Ritzen quoll. Ich ging über die gelb glänzenden Knollen zu ihm hin und redete ihn an. Er antwortete gerne, und ein Wort gab das andere. Wirklich war damals eine furchtbar zerworfene dunkle Dede um uns, die ſo ſchroffer wurde, als der unſäglich anmuthige tiefblaue Süd⸗ himmel gerade über ihr ſtand, zu dem die Rauchwölkchen traulich ſeit⸗ wärts zogen. Wir ſprachen damals lange mit einander, gingen dann aber jeder allein von dem Berge. Später fand ſich wieder Gelegenheit, daß wir zuſammen kamen, wir beſuchten uns dann öfter, und waren endlich bis zu meiner Heimreiſe faſt unzertrennt bei einander. Ich ſand, daß er an den Wirkungen, die ſein Aeußeres machen ſollte, ziemlich unſchuldig war. Aus ſeinem Innern brach oft ſo etwas Urſprüngliches und Anfangsmäßiges, gleichſam als hätte er ſich, obwohl er ſchon gegen die fünfzig Jahre ging, ſeine Seele bis jetzt aufgehoben, weil ſie das Rechte nicht hatte finden können. Da⸗ bei erkannte ich, als ich länger mit ihm umging, daß dieſe Seele das Glühendſte und Dichteriſchſte ſei, was mir bis dahin vorgekommen iſt, daher es auch kommen mochte, daß ſie das Kindliche, Unbewußte, Einfache, Einſame, ja vft Einfältige an ſich hatte. Er war ſich dieſer Gaben nicht bewußt, und ſagte in Natürlichkeit die ſchönſten Worte, die ich je aus einem Munde gehört habe, und nie in meinem Leben, ſelbſt ſpäter nicht, als ich Gelegenheit hatte, mit Dichtern und Künſtlern um⸗ zugehen, habe ich einen ſo empfindlichen Schönheitsſinn angetroffen, der durch Ungeſtalt und Rohheit bis zur Ungeduld gereizt werden konnte, als an ihn. Dieſe unbewußten Gaben mochten es auch ſein, die ihm alle Herzen des andern Geſchlechtes zufliegen machten, weil dieſes Spielen und Glänzen an Männern in vorgerückten Jahren gat ſo ſelten iſt. Eben da⸗ her mochte es auch kommen, daß er mit mir als einem ganz jungen Men⸗ ſchen ſo gerne umging, ſo wie ich meinerſeits in jenen Zeiten eigentlich auch noch nicht recht dieſe Dinge zu würdigen vermochte, und mir dieſel⸗ — 333— ben erſt recht einleuchtend wurden, da ich älter war, und daran ging, die Erzählung ſeines Lebens zuſammen zu ſtellen. Wie weit es mit ſeinem ſagenhaften Glücke bei Weibern ging, habe ich nie erfahren können, da er niemals über dieſe Dinge ſprach, und ſich auch nie Gelegenheit zu Beobachtungen vorfand. Von jener Trauer, die auf ſeiner Stirne ſitzen ſollte, konnte ich ebenfalls nichts wahrnehmen, ſo wie ich auch von ſeinen früheren Schickſalen damals nichts erfuhr, als daß er einſt beſtändige Reiſen gemacht habe, jetzt aber ſchon Jahre lang in Reapel ſei, und Lava und Alterthümer ſammle. Daß er in Ungarn Beſitzungen habe, erzählte er mir ſelber, und lud mich, wie ich oben ſagte, wiederholt dahin ein. Wir lebten ziemlich lange neben einander, und trennten uns zuletzt, da ich fort ging, nicht ohne Theilnahme. Aber mancherlei Geſtalten von Ländern und Menſchen drangen nachher noch durch mein Gedächtniß, ſo daß es mir endlich nicht im Traume beigekommen wäre, daß ich einmal auf einer ungariſchen Haide zu dieſem Manne unterwegs ſein würde, wie ich es nun wirklich war. Ich malte mir ſein Bild in Gedanken immer mehr aus, und ſenkte mich ſo hinein, daß ich oft Mühe hatte, nicht zu glauben, ich ſei in Italien; denn ſo heiß, ſo ſchweigſam war es auf der Ebene, auf der ich wandelte, wie dort, und die blaue Dunſtſchichte der Ferne ſpiegelte ſich mir zum Trugbilde der pomptiniſchen Sümpfe. Ich ging aber doch nicht in gerader Richtung auf das mir in dem Briefe bezeichnete Gut des Majors los, ſondern ich machte mehrere Kreuz⸗ und Querzüge, um mir das Land zu beſehen. So wie mir das Bild des⸗ ſelben früher immer meines Freundes wegen mit Italien zuſammen ge⸗ floſſen war, ſo webte es ſich nun immer mehr und immer eigenthümlicher als Selbſtſtändiges und Ganzes heraus. Ich war über hundert Bäch⸗ lein, Bäche und Flüſſe gegangen, ich hatte oft bei Hirten und ihren zot⸗ tigen Hunden geſchlafen, ich hatte aus jenen einſamen Haidebrunnen ge⸗ trunken, die mit dem furchtbar hohem Stangenwinkel zum Himmel ſehen, und ich hatte unter manchem tief herabgehenden Rohrdache gegeſſen— dort lehnte der Sackpfeifer, dort flog der ſchnelle Fuhrmann über die Haide, dort glänzte der weiße Mantel des Roßhirten—— oft dachte ich mir, wie denn mein Freund in dieſem Lande ausſehen werde; denn ich hatte ihn nur in Geſellſchaft geſehen, und in dem Getriebe, wo ſich alle Menſchen, wie die Bachkieſel gleichen. Dort war er im Aeußern derglatte feine Mann geweſen— hier aber war alles anders, und oft, wenn ich — 334— ganze Tage nichts ſah, als das ferne röthlich blaue Dämmern der Steppe und die tauſend kleinen weißen Punkte darinnen, die Rinder des Landes⸗ wenn zu meinen Füßen die tiefſchwarze Erde war, und ſo viel Wildheit, ſo viel Ueppigkeit, trotz der uralten Geſchichte ſo viel Anfang und Ur⸗ ſprünglichkeit dachte ich, wie wird er ſich denn hier benehmen. Ich ging in dem Lande herum, ich lebte mich immer mehr in ſeine Art und Weiſe und in ſeine Eigenthümlichkeiten hinein, und es war mir, als hörte ich den Hammer ſchallen, womit die Zukunft dieſes Volkes geſchmiedet wird. Jedes in dem Lande zeigt auf kommende Zeiten, alles Vergehende iſt müde, alles Werdende feurig, darum ſah ich recht gerne ſeine endloſen Dörfer, ſah ſeine Weinhügel aufſtreben, ſah ſeine Sümpfe und Röhrichte, und weit draußen ſeine ſanft blauen Berge ziehen. Nach monatlangem Herumwandern glaubte ich endlich eines Tages, ich müſſe mich nun in ſehr großer Nähe bei dem Gute meines Freundes befinden, und des vielen Schauens doch etwas müde, beſchloß ich dem Pilgern ein Ziel zu ſetzen, und gerade auf die Beſitzung meines künftigen Beherbergers zuzulenken. Ich war den ganzen Nachmittag durch ein heißes Steinfeld gegangen; links ſtiegen fernblaue Berghäupter am Him⸗ mel auf— ich hielt ſie für die Karpathen— rechts ſtand zerriſſenes Land mit jener eigenthümlich röthlichen Färbung, wie ſie ſo oft der Hauch der Steppe gibt: beide aber vereinigten ſich nicht, und zwiſchen beiden ging das endloſe Bild der Ebenen fort. Endlich, wie ich eben aus einer Mulde, in der das Bette eines ausgetrockneten Baches lief, empor ſtieg, ſprang rechts ein Kaſtanienwald und ein weißes Haus herüber— eine Sand⸗ wehe hatte mir beides bisher gedeckt.— Drei Meilen, drei Meilen— ſo hatte ich faſt den ganzen Nachmittag gehört, wenn ich nach Uwar fragte — ſo hieß das Schloß des Majors— drei Meilen: aber da ich die un⸗ gariſchen Meilen aus Erfahrung kannte, ſo war ich gewiß ihrer fünfe ge⸗ gangen, und wünſchte daher ſehnlich, das Haus möchte Uwar heißen. In nicht großer Ferne ſtiegen Felder gegen einen Erddamm empor, auf denen ich Menſchen ſah. Dieſe wollte ich fragen, und durchſchritt zu dem Zwecke einen Flügel des Kaſtanienwaldes. Hier ſah ich nun, was ich, durch die vielen Geſichtstäuſchungen dieſes Landes belehrt, ſogleich geahnet, näm⸗ lich, daß das Haus nicht an dem Walde liege, ſondern erſt hinter einer Ebene, die von den Kaſtanien weg lief, und daß es ein ſehr großes Ge⸗ bäude ſein müſſe. Ueber die Ebene aber ſah ich eine Geſtalt herüber —— ſprengen, gerade auf jene Felder zu, auf denen die Leute arbeiteten. Auch ſammelten ſich alle Arbeiter um die Geſtalt, da ſie bei ihnen angekommen war, wie um einen Herrn— aber meinem Major ſah das Weſen ganz und gar nicht ähnlich. Ich ging langſam gegen die Erdlehne empor, die auch weiter entfernt war, als ich dachte, und kam eben an, als bereits die ganze Glut der Abendröthe um die dunkeln wogenden Maisfelder und die Gruppen bärtiger Knechte, und um den Reiter loderte. Dieſer aber war nichts anderes, als ein Weib, etwa vierzig Jahre alt, welches ſon⸗ derbar genug die weiten landesmäßigen Beinkleider an hatte, und auch wie ein Mann zu Pferde ſaß. Da die Knechte ſchon auseinander gingen, und ſie faſt allein auf dem Flecke war, richtete ich mein Anliegen an ſie. Meinen Wanderſtab unter das Ränzlein ſtützend, zu ihr empor ſchauend, und mir gleichſam die Strahlen der Abendröthe, die ſchief herein kamen, aus dem Geſichte ſtreichend, ſagte ich deutſch zu ihr:„Guten Abend, Mutter.“ „Guten Abend,“ antwortete ſie in derſelben Sprache. „Gewährt mir eine Bitte, und ſagt: heißt jenes Gebäude Uwar?“ „Jenes Gebäude heißt nicht Uwar. Seid Ihr nach Uwar beſtellt?“ „Allerdings. Ich habe dort meinen Reiſefreund, den Major, zu be⸗ ſuchen, der mich dahin eingeladen hat.“ „So geht nur ein wenig neben meinem Roſſe her.“ Mit dieſen Worten ſetzte ſie ihr Pferd in Schritt und ritt langſam, damit ich ihr folgen konnte, zwiſchen den hohen grünen Maisbüſcheln den Abhang hinan. Ich ging hinter ihr her und hatte Gelegenheit, meine Blicke auf die Umgebung richten zu können— und in der That, ich be⸗ kam immer mehr Urſache, mich zu verwundern. Wie wir höher kamen, öffnete ſich zuſehends das Thal hinter uns, ein ganzer ungeheurer Garten⸗ wald lief von dem Schloſſe in die Berge hinein, die hinter ihm began⸗ nen, Alleen ſtreckten ſich gegen die Felder, ein Wirthſchaftsſtück nach dem andern legte ſich blos, und ſchien in trefflichem Stande. Ich habe nie dieſes lange, fette, friſche Blatt des Maiſes geſehen, und nicht ein Gräschen war zwiſchen ſeinen Stängeln. Der Weinberg, an deſſen Rande wir eben ankamen, erinnerte mich an die des Rheins, nur habe ich am Rheine nicht dieſes derbe Trotzen und Strotzen von Blatt und Reben geſehen, wie hier. Die Ebene zwiſchen den Kaſtanien und dem Schloſſe war eine Wieſe, ſo rein und ſanft, als wäre Sammet gebreitet, ſie war mit eingehegten Wegen durchſchnitten, in denen die weißen Rin⸗ der des Landes wandelten, aber glatt und ſchlank, wie Hirſche. Das ganze hob ſich wunderbar von dem Steinfelde ab, das ich heute durch⸗ wandelt hatte, und das jetzt in der Abendluft draußen lag und in den röthlich ſpinnenden Strahlen heiß und trocken herein ſah zu dieſer kühlen grünen Friſche. Indeſſen waren wir zu einem jener weißen Häuschen gelangt, wie ich mehrere im Grün der Rebengelände zerſtreut wahrgenommen hatte: und das Weib ſagte zu einem jungen Manne, der trotz des heißen Juni⸗ abends in ſeinem zottigen Pelze ſtak, und vor der Thür des Häuschens allerlei hantirte:„Miloſch, der Hert will heute noch nach Uwar, wenn Du etwa die zwei Weidebraunen nähmeſt, ihm einen gäbeſt, und ihn bis zum Galgen geleiteteſt.“ „Ja,“ erwiederte der Burſche, und ſtand auf. „Jetzt geht nur mit ihm, er wird Euch ſchon richtig führen,“ ſagte das Weib, und wendete ihr Pferd, um des Weges zurück zu reiten, den ſie mit mir gekommen war. Ich hielt ſie für eine Art Schaffnerin und wollte ihr ein namhaftes Geldſtück für den Dienſt geben, den ſie mir ſo eben geleiſtet hatte. Sie aber lachte nur und zeigte hiebei eine Reihe ſehr ſchöner Zähne. Durch den Weinberg ritt ſie langſam hinab, dann hörten wir aber bald darauf die ſchnellen Hufſchläge ihres Pferdes, wie ſie über die Ebene flog. Ich ſteckte mein Geld wieder ein, und wendete mich zu Miloſch. Dieſer hatte einſtweilen zu ſeinem Pelze einen breiten Hut aufgeſetzt und führte mich um eine Strecke in den Weinpflanzungen fort, bis wir in eine Thalkrümme ſtiegen und auf Wirthſchaſtsgebäude ſtießen, aus denen er zwei jener kleinen Roſſe zog, wie man ſie auf den Haiden dieſes Lan⸗ des antrifft. Meines ſattelte er, ſeines beſtieg er, wie es war, und ſofort ritten wir in die Abenddämmerung hinein dem dunkeln Oſthimmel ent⸗ gegen. Es mochte ein ſonderbarer Anblick geweſen ſein: der deutſche Wandersmann ſammt Ränzlein, Knotenſtock und Kappe zu Pferde ſitzend, neben ihm der ſchlanke Ungar mit rundem Hute, Schnurbart, Zottelpelz und flatternden weißen Beinkleidern— beide in Nacht und Wüſte rei⸗ tend. In der That war es eine Wüſte, in die wir jenſeits der Weinberge geriethen, und die Anſiedelung war wie eine Fabel darinnen. Eigentlich war die Wüſte wieder mein altes Steinfeld, und zwar ſich ſelber ſo gleich — 337— geblieben, daß ich wähnte, wir reiten denſelben Weg zurück, den ich ge⸗ kommen bin, wenn mich nicht das ſchmutzige Roth, das noch hinter mei⸗ nem Rücken am Himmel glühte, belehrt hätte, daß wir wirklich gegen Morgen reiten. „Wie weit iſt noch nach Uwar?“ fragte ich. „Es ſind noch anderthalb Meilen,“ antwortete Miloſch. Ich fügte mich in die Antwort und ritt hinter ihm her, ſo gut ich konnte. Wir ritten an denſelben unzähligen grauen Steinen vorbei, wie ich ſie heute den ganzen Tag zu Tauſenden gezählt habe. Sie glitten mit falſchem Lichte auf dem dunklen Boden hinter mich, und weil wir eigent⸗ lich auf trocknem ſehr feſten Moore ritten, hörte ich keinen Hufſchlag un⸗ ſerer Pferde, außer wenn zufällig das Eiſen auf einen der Steine ſchlug, die ſonſt dieſe Thiere, an derlei Wege gewöhnt, ſehr gut zu vermeiden wiſſen. Der Boden war immer eben, nur daß wir wieder zwei oder drei Mulden hinab und hinan geſtiegen waren, in deren jeder ein ſtarrer Strom von Kieſelgerölle lag. „Wem gehört denn das Anweſen, das wir verlaſſen haben?“ fragte ich meinen Begleiter. „Maroshely?“ antwortete er. Ich wußte nicht, weil er die Worte ſchnell vor mir reitend geſprochen hatte, ob dies der Name des Beſitzers ſei, oder ob ich überhaupt recht verſtanden habe; denn die Bewegung erſchwerte das Sprechen und Hören. Endlich ging ein blutrothes Stück Mond auf, und in ſeinem ſchwachen Lichte ſtand auch ſchon das ſchlanke Gerüſte auf der Haide, das ich für das Ziel meiner Begleitung hielt. „Hier iſt der Galgen,“ ſagte Miloſch,„dort unten, wo es glänzt, rinnt ein Bach, daneben iſt ein ſchwarzer Haufen, auf den geht zu, es iſt eine Eiche, auf der ſonſt die Uebelthäter aufgehängt worden ſind. Jetzt darf das nicht mehr ſein, weil ein Galgen iſt. Von der Eiche be⸗ ginnt ein gemachter Weg, an welchem junge Bäume zu beiden Seiten ſtehen. Auf dem Wege geht etwas weniger als eine Stunde fort, dann zieht an der Glockenſtange des Gitters. Hört, wenn auch nicht zugeſperrt iſt, geht doch nicht hinein; es iſt wegen der Hunde. Zieht nur an der Glockenſtange. So, jetzt ſteigt ab, und macht den Rock beſſer zu, daß Ihr nicht das Fieber bekommt.“ Stifter. 4. Aufl. II. 22 — 338— Ich ſtieg ab, und obwohl ich mit meiner Belohnung bei der Schaff⸗ nerin nicht gut angekommen war, bot ich Miloſch doch auch wieder eine. Er nahm ſie an und ſteckte ſie in den Pelz. Dann haſchte er nach dem Zügel meines Pferdes, wandte ſich, und flog eilends davon, ehe ich nur ſagen konnte, er möge dem Herrn der Pferde meinen Dank melden, daß ich ſo unbedingt auf einem in der Nacht fort reiten durfte. Offenbar hatte er von dem Orte weg getrachtet. Ich blickte hin. Es ſtanden zwei Säulen, und darauf war ein Querbalken. So ragte es in das gelbe Mondlicht empor. Oben lag etwas, wie ein Kopf. In der That aber mochte es irgend eine Erhöhung ſein. Ich ging weiter, gleichſam als ob das Gras der Haide hinter mir liſpelte, und ſich etwas am Fuße des Galgens rührte. Von Miloſch war nicht mehr das Geringſte zu vernehmen, als ſei er gar nie da geweſen. Ich kam ſogleich zu der Todeseiche. Der Bach ſchillerte und glänzte und ringelte ſich um Binſen, wie eine todte Schlange. Daneben war der ſchwarze Bau des Baumes. Ich ging um ihn herum und jenſeits war ein gerader weißer Weg, von dem Monde beſchienen. Der Weg war geſtampft und hatte Gräben und eine Allee junger Pap⸗ peln. Es that mir wohl, daß ich wieder meine Schritte ſchallen hörte, wie es daheim in unſerem Lande auf den Wegen der Fall iſt. Ich ging langſam dahin. Der Mond hob ſich mehr und mehr und ſtand endlich klar an dem warmen Sommerhimmel. Die Haide lief wie eine fahle Scheibe unter ihm weg. Endlich, da eine gute Stunde ver⸗ gangen ſein mochte, hoben ſich vor mir ſchwarze Klumpen, wie ein Wald oder ein Garten, und in kurzer Friſt ſtieß der Weg an ein Gitter, das in einer Mauer ſtand, die außer dem Walde hinlief, und hinter ſich rieſen⸗ große Wipfel hatte, die todesſtille in dem Silber der Nachtluft empor ſtanden. An dem Gitter war ein Glockengriff, ich zog, und es ſchellte von Innen. Gleich darauf ertönte nicht etwa ein Bellen, ſondern zwei Stöße jenes tiefen, entſchloßnen und neugierigen Schnaufens edler Hunde— ein dumpfer Sprung— und der größte ſchönſte Hund, den ich in meinem Leben geſehen habe, ſtand von Innen an dem Gitter. Er ſtellte ſich auf die Hinterfüße, faßte mit den vorderen die eiſernen Stan⸗ gen, und ſah auf mich heraus, ohne nur den geringſten Laut zu geben, wie es die ernſte Art dieſer Thiere gewohnt iſt. Bald kamen murrend und jagend noch zwei kleinere und jüngere derſelben Gattung, glatte Bulldoggen, und alle ſchauten unverwandt auf mich. Nach einer Weile — 339— hörte ich auch nahende Menſchentritte, und ein Mann im zottigen Pelze kam und fragte um mein Begehren. Ich entgegnete, ob ich in Uwar ſei, und nannte meinen Namen. Er mußte Weiſung haben; denn ſofort beſchwichtigte er mit ungariſchen Worten die Hunde, und öffnete dann das Gitter. ⸗ „Der Herr hat Briefe von Euch und erwartet Euch ſchon lange,“ ſagte der Mann, als wir weiter gingen. „Ich habe ihm ja geſchrieben, daß ich mir Euer Land anſehen wolle,“ antwortete ich. „Und das habt Ihr lange angeſehen,“ ſagte er. „Freilich,“ antwortete ich.„Iſt der Herr Major noch wach?“ „Er iſt gar nicht zu Hauſe, ſondern in der Sitzung, Morgen früh wird er herüber reiten. Für Euch hat er drei Zimmer richten laſſen, und geſagt, daß wir Euch hinein führen ſollen, wenn Ihr in ſeiner Abweſen⸗ heit kämet.“ „Nun ſo führt mich hinein.“ „Wohl.“ Dieſe Worte waren die einzigen, die wir auf dem langen Wege wechſelten, den wir meiner Meinung nach eher durch einen Urwald, als durch einen Garten machten. Rieſige Tannen ſtreckten ſich gegen den Himmel, und mannsdicke Eichenäſte griffen herum. Der größere Hund ging ruhig neben uns, die andern ſchnoberten in meinen Kleidern, und jagten ſich dann gelegentlich. Als wir ſo den Hain durchſchritten hatten, kamen wir zu einer baumloſen Erhöhung, auf welcher das Schloß ſtand — ſo viel ich jetzt erkennen konnte— ein großes viereckiges Gebäude. Aber die Erhöhung führte eine breite Steintreppe empor, auf der das ſchönſte Mondlicht ſtarrte. Hinter der Treppe war ein etwas ebener Platz, und dann ein großes Gitter, das ſtatt des Thores des Hauſes diente. Als wir an dem Gitter angekommen waren, ſprach mein Be⸗ gleiter einige Worte zu den Hunden, worauf ſie in den Garten zurück ſchoſſen. Nun ſchloß er das Gitter auf und führte mich in das Gebäude. Auf der Treppe brannte noch Licht und beglänzte hohe ſeltſame Steinbilder mit weiten Stiefeln und ſchleppenden Gewändern. Es mochten ungariſche Könige ſein. Dann empfing uns im erſten Geſchoße ein langer mit Rohrmatten belegter Gang. Wir gingen ihn entlang, und ſtiegen dann noch eine Treppe hoch. Hier war wieder ein ſolcher Gang, 22* — 340— und einen der Thürflügel, die in demſelben waren, öffnend, ſagte mein Begleiter, hier ſeien meine Zimmer. Wir gingen hinein. Nachdem er in jedem mehrere Kerzen angezündet hatte, wünſchte er mir gute Nacht und ging fort. In einer Weile wurde von einem Anderen Wein, Brod und kalter Braten gebracht, worauf mir von ihm, wie von ſeinem Vorgän⸗ ger, gute Nacht geboten wurde. Ich erkannte hieraus und aus der völ⸗ ligen Einrichtung der Zimmer, daß ich nun allein bleiben würde, und ging daher an die Thüren, und ſchloß mich ab. Hierauf aß ich, und muſterte dabei meine Wohnung. Das erſte Zimmer, in welchem die Speiſen auf einen großen Tiſch geſtellt wurden, war ſehr geräumig. Die Kerzen ſtrahlten hell und beleuchteten alles. Die Geräthe waren anders, als ſie bei uns gebräuchlich ſind. In der Mitte ſtand eine lange Tafel, an deren einem Ende ich aß. Um die Tafel waren Bänke von Eichenholz geſtellt, nicht eigentlich wohnlich ausſehend, ſondern wie zu Sitzungen beſtimmt. Sonſt war nur noch hie und da ein Stuhl zu ſehen. An den Wänden hingen Waffen aus verſchiedenen Zeiten der Geſchichte. Sie mochten einſt der ungariſchen angehören. Es waren noch viele Bogen und Pfeile darunter. Außer den Waffen hingen auch Kleider da, ungariſche, die man aus früheren Zeiten aufgehoben hatte, und dann jene ſchlotternden ſeidenen, die entweder Türken oder gar Tar⸗ taren angehört haben mochten. Als ich mit meinem Nachtmahle fertig war, ging ich in die zwei Nebenzimmer, die auf dieſen Saal folgten. Sie waren kleiner, und wie ich gleich bei dem erſten Blicke, da ich eingeführt wurde, bemerkt hatte, wohnlicher eingerichtet, als der Saal. Es waren Stühle, Tiſche, Schränke, Waſchgeräthe, Schreibzeug und alles da, was ein einſamer Wanderer in ſeiner Wohnung nur immer wünſchen kann. Selbſt Bücher lagen auf dem Nachttiſche, und ſie waren ſämmtlich in deutſcher Sprache. In jedem der zwei Zimmer ſtand ein Bett, aber ſtatt der Decke war auf ein jedes das weite volksthümliche Kleidungsſtück gebreitet, welches ſie Bunda heißen. Es iſt dies gewöhnlich ein Mantel aus Fellen, wobei die rauhe Seite nach Innen, die glatte weiße nach Außen gekehrt iſt. Letztere hat häufig allerlei farbiges Riemzeug, und iſt mit aufgenähten farbigen Zeichnungen von Leder verziert. Ehe ich mich ſchlafen legte, ging ich noch, wie es immer an fremden Orten meine Gewohnheit iſt, an das Fenſter um zu ſchauen, wie es — 341— draußen ausſähe. Es war nicht viel zu ſehen. Das aber erkannte ich im Mondlichte, daß die Landſchaft nicht deutſch ſei. Wie eine andere, nur rieſengroße Bunda lag der dunkle Fleck des Waldes oder Gartens unten auf die Steppe gebreitet— draußen ſchillerte das Grau der Haide— dann waren allerlei Streifen, ich wußte nicht, waren es Gegenſtände dieſer Erde, oder Schichten von Wolken. Nachdem ich meine Augen eine Weile über dieſe Dinge hatte gehen laſſen, wendete ich mich wieder ab, ſchloß die Fenſter, entkleidete mich, ging zu dem nächſt beſten Bette und legte mich nieder. Als ich das weiche Pelzwerk der Bunda über meine ermüdeten Glie⸗ der zog, und als ich ſchon faſt die Augen zuthat, dachte ich noch:„So bin ich nun begierig, was ich in dieſer Wohnung Freundliches oder Häß⸗ liches erleben werde.“ Dann entſchlummerte ich, und alles war todt, was ſchon in meinem Leben geweſen iſt, und was ich ſehnlichſt wünſchte, daß noch in dasſelbe eintreten möchte. 2 Steppenhaus. Wie lange ich geſchlafen habe, weiß ich nicht, aber daß es nicht feſt und gut war, das wußte ich. Es mußte die allzu große Müdigkeit daran Schuld ſein. Die ganze Nacht ging ich auf dem Veſuve herum, und ſah den Major bald in einem Pilgeranzuge in Pompeji ſitzen, bald im Fracke zwiſchen den Schlacken ſtehen und Steine ſuchen. In meinem Morgen⸗ traum tönte Pferdegewieher und Hundegebell, dann ſchlief ich einige Zeit feſt, und als ich erwachte, war heller Tag in dem Zimmer, und ich ſah hinaus in den Saal, in dem die Waffen und Kleider von der Sonne be⸗ ſchienen hingen. Unten erbrauſte der dunkle Park von dem Lärmen der Vögel, und als ich aufgeſtanden und an eines der Fenſter getreten war, funkelte die Haide draußen in einem Retze von Sonnenſtrahlen. Da ich — 342— noch kaum angekleidet war, klopfte es an meine Thür, ich öffnete und es trat mein Reiſefteund herein. Ich war immer die Tage her begierig ge⸗ weſen, wie er ausſehen möge, und er ſah nicht anders aus, als er eben ausſehen konnte, nämlich ſo zu der ganzen Umgebung ſtimmend, daß es ſchien, ich hätte ihn immer ſo geſehen. Auf der Oberlippe hatte er den gebräuchlichen Bart, der die Augen noch funkelnder machte, das Haupt deckte ein breiter runder Hut und von den Lenden fiel das weite weiße Beinkleid hinab. Es war ganz natürlich, daß er ſo ſein mußte, ich konnte plötzlich nicht mehr denken, wie ihm der Frack ſtehe, ſeine Tracht ſchien mir reizend, daß mir mein deutſcher Fl S der beſtaubt und herabge⸗ ſchunden auf einer Bank unter dem verſchoſſenen Seidenkleide eines Tar⸗ taren lag, faſt erbärmlich vorkam. Sein Rock war kürzer, als ſie ge⸗ wöhnlich in Deutſchland ſind, ſtand aber ſehr gut zu dem Ganzen. Mein Freund ſchien zwar gealtert; denn ſeine Haare miſchten ſich mit Grau, und ſein Antlitz war voll von jenen feinen und kurzen Linien, die bei wohlgebildeten Menſchen, die ſich lange erhalten, doch endlich die wach⸗ ſende Zahl der Jahre anzeigen; aber er erſchien mir ſo angenehm und einnehmend, wie immer. Er grüßte mich ſehr freundlich, ſehr herzlich, ja faſt innig— und als wir eine halbe Stunde geplaudert hatten, waren wir ſchon wieder ſo bekannt, wie zuvor. Es ſchien, als hätten wir uns ſeit unſerer italieni⸗ gar nicht getrennt. Da ich mich ankleidete und dazu bemerkte, daß ein Koffer mit meinen andern Sachen ankommen werde, ſchlug er vor, ich möchte bis dahin, oder wenn ich wollte, in der Zeit meines gan⸗ zen Hierſeins ungariſche Kleider anziehen. Ich ging in die Sache ein und die nöthigen Beſtandſtücke waren bald herbeigeſchafft, wobei er bemerkte, daß er in den nächſten Tagen ſchon für Abwechslung ſorgen werde. Wie wir nun ſo in den Hof hinunter kamen zu den mit uns gleich gekleideten Knechten, und wie dieſe aus den finſtern Schnurbärten und den buſchigen Augenbraunen ſo beifällig auf uns blickten, und uns die Pferde zu einem Morgenritte zuführten, war etwas ſo Edles und Beruhigendes in dem Schauſpiele, daß ich mich innerlichſt recht davon erquickt fühlte. Wir ritten von der großen ſanften Dogge begleitet in den Beſitzun⸗ gen des Majors herum. Er zeigte mir alles und gab gelegentlich Befehle und Lobſprüche. Der Park, durch den wir zuerſt ritten, war eine freund⸗ liche Wildniß, ſehr gut gehegt, rein gehalten, und von Wegen durch⸗ — 343— ſchnitten. Als wir hinaus auf die Felder kamen, wogten ſie im dunkel⸗ ſten Grün. Nur in England habe ich ein Gleiches geſehen; aber dort, ſchien es mir, war es zarter und weichlicher, während dieſes hier kräf⸗ tiger und ſonnedurchdrungener erſchien. Wir ritten hinter dem Parke ſachte bergan, und an dem Kamme dieſer ſanften Höhe, die gegen die Haide ging, zogen ſich die Weinpflanzungen dahin. Ueberall war ein dunkles breites Blatt, die Pflanzungen nahmen einen großen Strich ein, an allen Stellen waren Pfirſichbäume eingeſtreut, und von den gehörigen Orten blickten, wie in Maroshely, die weißen leuchtenden Punkte der Wächterhäuschen herüber. Auf die Haide gekommen, ſahen wir ſeine Rinder, eine große, zerſtreute, faſt unüberſehbare Heerde. Eine Stunde Reitens führte uns dann zu den Geſtütten und Schäfereien. Da wir über die Haide kamen, zeigte er auf einen ſchmalen ſchwarzen Streifen, der ſehr weit in Weſten das hingehende Grau der Steppe ſchnitt und ſagte:„Das ſind die Weinberge von Maroshely, von wo ihr geſtern die Pferde hattet.“ Den Rückweg nahmen wir auf einer andern Seite, und hier zeigte er mir ſeine Gärten, ſeine Obſtanlagen und ſeine Glashäuſer. Ehe wir dazu kamen, ritten wir an einem ſehr unanſehnlichen Landſtriche vorbei, auf dem bedeutend viele Menſchen beſchäftigt waren. Auf meine Frage ſagte er, dies ſeien Bettler, Herumſtreicher, ſelbſt Geſindel, die er durch pünktliche Bezahlung gewonnen habe, daß ſie ihm arbeiten. Sie trocknen eben einen ſumpfigen Strich, und legen eine Straße an. Zu Mittage, da wir nach Hauſe gekommen waren, aßen wir mit allen Knechten und Mägden in einer Art Vorhalle, oder vielmehr unter einem ungeheuren Vordache, an dem ein rieſiger Nußbaum ſtand. An dem hölzernen Brunnengerüſte muſizirten eben durchziehende Zigeuner.— Es war zu Tiſche auch ein Fremder gekommen, ein Jüngling in früheſten Jahren. Er fiel mir durch ſeine außerordentliche Schönheit auf. Er hatte Briefe aus der Nachbarſchaft gebracht, und war nach dem Eſſen wiedet fortgeritten. Von dem Major war er ſehr achtungsvoll, faſt zärtlich be⸗ handelt worden. Den heißen Nachmittag verbrachten wir in den kühlen Zimmern. Abends zeigte mir mein Gaſtfreund das Abendroth der Haide. Wir rit⸗ ten eigens zu dem Zwecke hinaus, nachdem er mir gerathen hatte, ſo wie er, gegen die Fieberluft der Ebene einen Pelz um zu thun, wenn ihn auch — die noch warme Luft entbehrlich zu machen ſcheint. Wir warteten, da wir hinaus gekommen waren, an dem von ihm angegebenen Punkte, bis die Sonne untergegangen war. Und in der That, es war ein prachtvoller Anblick, der nun folgte: auf der ganzen ſchwarzen Scheibe der Haide war die Rieſenglocke des brennend gelben, flammenden Himmels geſtellt, ſo ſehr in die Augen wogend und ſie beherrſchend, daß jedes Ding der Erde ſchwarz und fremd wird. Ein Grashalm der Haide ſteht wie ein Balken gegen die Glut, ein gelegentlich vorüber gehendes Thier zeichnet ein ſchwar⸗ zes Ungeheuer auf den Goldgrund, und arme Wachholder und Schlehen⸗ büſche malen ferne Dome und Palläſte. Im Oſten fängt dann nach wenigen Augenblicken das feuchte kalte Blau der Nacht herauf zu ſteigen an, und ſchneidet mit trübem und undurchſichtigem Dunſte den eigentlichen Glanz der Kuppel des Himmels. Die Erſcheinung dauert vorzüglich in den Junitagen, wo die Sonne hoch ſteht, ſehr lange. Als wir ſchon zu Hauſe waren, als wir ſchon das Abendmahl eingenommen und einige Zeit mit einander verplaudert hatten, als ich dann in meinem Schlafzimmer war, an dem Fenſter ſtand, und bereits faſt die Mitternacht heran kam, ſtand noch ein trüb gelbes Stück⸗ chen Licht in Weſten, während ſchon im blauen Oſten die rothe Scheibe des Halbmondes glühte. Ich nahm mir an dieſem Abende vor, morgen oder übermorgen, oder wenn ſich immer in den nächſtfolgenden Tagen eine Gelegenheit ergäbe, den Major um das Ziel zu fragen, von dem er mir geſchrieben hatte, daß er es endlich gefunden habe, und daß es ihn auf immerwährende Zeiten an die Heimat binde. Des andern Morgens weckte er mich vor Sonnenaufgang und fragte, ob ich den Tag für mich zubringen, oder ob ich ihn mit ihm theilen wolle. Beides ſtehe mir auch in der Zukunft frei. Wenn ich an den Geſchäften und Beſtrebungen des Hauſes Theil nehmen wollte, ſo dürfe ich nur an dem Tage, an dem ich Solches im Sinne habe, beim Klange der Hof⸗ glocke, die jeden Morgen geläutet werde, aufſtehen und mich zu dem ge⸗ meinſchaftlichen Frühmahle einfinden. Hätte ich aber an einem Tage ab⸗ geſonderte Pläne, ſo ſeien ſchon ſeine Leute, falls er ſelber nicht da wäre, angewieſen, mir mit Pferden, mit Begleitung oder mit anderm Nöthigen an der Hand zu ſein. Lieb wäre es ihm, wenn ich ihn von ſolchen Din⸗ gen, vorzüglich, wenn ſie weitere Entfernungen von Hauſe beträfen, im⸗ mer vorher in Kenntniß ſetzte, damit er mich vor Umwegen, Schwierig⸗ keiten, und vielleicht auch vor kleinen Gefahren, die eintreten könnten, bewahre. Ich war ihm für ſeine Bereitwilligkeit dankbar, und erklärte, daß ich heute und morgen und überhaupt ſo lange, bis es mir anders ein⸗ fiele, ſeine Zeit theilen wolle. Ich ſtand daher auf, kleidete mich an, und begab mich unter das Vordach zu dem Frühmahle. Die Leute waren ſchon faſt fertig, und trennten ſich, um zu ihren verſchiedenen Arbeiten zu gehen. Der Major hatte meiner geharrt, und wartete, bis ich mit der Einnahme meines Frühſtückes fertig war. Dann wurden die geſattelten Pferde vorgeführt. Ich fragte nicht, was er thun werde, ſondern folgte ihm, wohin er ritt. Wir ritten heute nicht mehr ſo im Allgemeinen herum, daß er mir überhaupt ſeine Beſitzungen und Beſchäftigungen zeige, ſondern er ſagte, er wolle das, was der heutige Tag von ihm fordere, thun, und ich möge ihm zuſehen, falls es mir nicht lange Weile mache. Wir kamen zu gedehntem Wieſenlande, auf dem Heu gemacht wurde. Der ſchöne ungariſche Braune, den der Major ritt, trug ihn tanzend auf dem ſchönen, weichen, geſchyrenen Raſengrün hin. Er ſtieg ab, während ein Knecht das Pferd hielt, und beſah an verſchiedenen Schobern das Heu. Es wurde von dem Knechte bemerkt, daß es auf den Nachmittag zum Einführen beſtimmt ſei. Der Major ordnete, ſo lange die Wieſe ge⸗ ſchoren ſei, das Schlagen mehrerer Gräben an, damit überflüſſiges Waſſer abgehe, und an andern Stellen, damit es geſammelt werde. Von der Wieſe ſchlug er den Weg zu den Gewächshäuſern ein, die nicht wie es ſonſt gewöhnlich iſt, in der Rähe des Wohnhauſes waren, ſondern auf einem geeigneten Platze, wo ein ſanfter Erdhang ſeine Dachung gegen Aufgang und Mittag zeigte. Es war an dieſen Häuſern ein kleiner reiner Stall angebracht, wohin der Major und ſeine Begleitung, wenn zufällig eine da war, ihre Pferde thun konnten; denn es war nicht ſelten der Fall, daß er ſich hier lange aufhalten mußte, und wenn Beſuch da war, der die Gewächsanlagen beſehen wollte, geſchah es wohl auch, daß mehrere Stun⸗ den darüber hin gingen. Wir thaten unſere Pferde geſattelt in den Stall, und er ging zuerſt daran, mehrere Gewächsſtücke und Pflanzen, die auf Begehren zu Verſendungen geordnet wurden, zu beſichtigen, dann ging er in die Gärtnerſtube, wo Schreibereien lagen, und brachte ziemlich lange Zeit an dem Tiſche bei denſelben zu. Ich ſah indeſſen die Dinge um mich — 346— an, von denen ich aber gerade ſo viel und ſo wenig verſtand, als ein un⸗ aufhörlich Reiſender, welcher unzählige Gewächshäuſer beſah, verſtehen kann. Als ich aber ſpäter in ſeinem Bücherzimmer die Werke und Abbil⸗ dungen über dieſen Zweig ein wenig durchging, erkannte ich, wie wenig ich eigentlich von dem Kerne dieſer Sache wußte. „Wenn man von dieſen reizenden Dingen, ſagte der Major zu einer andern Zeit einmal, die ſo gerne vom Hundertſten in's Tauſendſte führen, wirklich Früchte haben ſoll, ſo muß man ſie vom Grunde aus betreiben, und die Andern, die darin arbeiten, bedeutend zu übertreffen ſuchen.“ Von der Gärtnerſtube heraus kommend ſah er eine Weile mehreren Weibern zu, die mit Abſtauben und Reinigen der grünen Camellienblätter beſchäftiget waren. Dieſe Pflanze war damals noch ſelten und theuer. Er unterſuchte auch die gereinigten und machte ſeine Bemerkungen. Von da kamen wir an den vielen reinen weißen Sandbeeten der Glashäuſer vorüber, in denen die ganz jungen Pflänzchen ſtanden, dann an all den Blumen und Gewächſen, deren Zucht er ſich zur Aufgabe gemacht hatte. An dem entgegengeſetzten Ausgange der Anlagen warteten unſere Pferde, die ein Gärtnerburſche indeſſen hinten herum geführt hatte. Hier waren die Stellen zur Bereitung und Miſchung der Erden, die von Eſeln in Körben aus verſchiedenen Gegenden und oft von weit entfernten Radel⸗ waldungen das ganze Jahr hindurch herbeigebracht werden. Selbſt zum Brennen der Erde waren beſtimmte Orte, und in der Nähe war das Eichenholz aufgeſchichtet, das im Winter zur Erwärmung dient. Da, wie ich ſchon geſtern bemerkt hatte, von den Gewächsanlagen nicht weit auf die Haide war, ſo ritten wir nun auf dieſelbe hinaus. Der gute Lauf unſerer ſchlanken Pferde trug uns bald ſo weit auf die einförmige morgenduftige Ebene hinaus, daß wir das Schloß und den Park nur mehr als einen dunklen Fleck in der Ferne liegen ſahen. Hier ſtießen wir zu ſeinen Hirten. Einige Stangen, ſo mager, daß von ihnen als Schutzwerken gar keine Rede ſein kann, bildeten eine Hütte, oder vielleicht gar nur ein Zeichen, welches in der Steppe leicht geſehen und gefunden werden kann. Unter dieſen Stangen brannte oder glimmte vielmehr ein Feuer, das von den zähen Aeſten oder den Wurzeln der Wachholder⸗- und Schlehen- und anderer Krüppelſträuche unterhalten wurde. Hier bereiteten die Hirten, die um eilf Uhr ſchon Mittag hiel⸗ ten, ihr Mahl. Braune Geſtalten, deren Pelze auf der Erde umher lagen, ſtanden in ſchmutzig weißen Beinkleidern und Hemdärmeln um den Major herum, und antworteten auf ſeine Fragen. Andere, da ſie ſeine Ankunft auf der weithin gedehnten Fläche wahrgenommen hatten, jagten auf kleinen unſcheinbaren Roſſen herbei, die weder Sattel noch Decke, und ſtatt Zügel und Halfter oft nur einen Strick hatten. Sie ſtiegen ab, hielten ihre Thiere an der Hand und umringten den Major, der ebenfalls abgeſtiegen war, und ſein Pferd zu halten gab. Sie ſpra⸗ chen nicht blos von ihrer Beſchäftigung mit ihm, ſondern auch von an⸗ dern Dingen, und er kannte ſie faſt alle mit Namen. Er war ſo leut⸗ ſelig mit ihnen, als wäre er einer aus ihrer Mitte, und dies, wie ich glaubte, erweckte eine Art Begeiſterung unter den Menſchen. Wie bei uns in den Bergen, ſo waren auch hier die Thiere den ganzen Sommer über im Freien. Es waren jene weißen langgehörnten Rinder, welche in dem Lande vorkommen, und ſich von den Kräutern der Steppe nähren, die eine Würze und einen Blumengeruch haben, die wir Alpenländler ihnen kaum zutrauen ſollten. Bei dieſen Thieren bleiben die Menſchen, die ihnen zugegeben ſind, ebenfalls im Freien, und haben oft gar nichts über ſich als den Himmel und die Sterne der Haide, oft nur, wie wir eben geſehen hatten, einige Stangen, oder eine gegrabene Hütte von Erde. Sie ſtanden vor dem Major, dem Grundherrn, wie ſie ihn hier hießen, und hörten ſeinen Anordnungen zu. Als er wieder auſſtieg, hielt ihm Einer, der blitzende Augen aus dem Schwarz ſeines Geſichtes und ſeiner Braunen herauszeigte, das Pferd, während ſich ein Anderer mit langen Haaren und dichtem Schnurbarte bückte, und ihm die Steig⸗ bügel hielt. „Lebt wohl, Kinder,“ ſagte er beim Fortreiten,„ich werde Euch bald wieder beſuchen, und wenn die Nachbarn herüber kommen, werden wir einen Nachmittag auf der Haide liegen und bei Euch eſſen.“ Er hatte dieſe Worte auf ungariſch geſagt, und ſie mir auf meine Bitte verdeutſcht. Im Fortreiten ſagte er zu mir:„Wenn es Euch ergötzt, dieſe Haidewirthſchaft einmal im Einzelnen genau anzuſchauen, und Ihr etwa einmal allein heraus kommen wolltet, um mit dieſen Leuten gleichſam zu leben, müßt Ihr auf die Hunde achten, die ſie haben. Sie ſind nicht immer ſo zahm und geduldig, wie Ihr ſie heute geſehen habt, ſondern ſie würden Euch ſtrenge mit fahren. Ihr müßt es mir vorher ſagen, daß — 348— ich Euch hin geleite, oder wenn ich nicht kann, daß ich Euch einen be⸗ kannten Hirten mit gebe, der Euch führe, und den die Hunde lieben.“ Ich hatte in der That, da wir bei dem Hirtenfeuer waren, die un⸗ gemein großen, ſchlanken, zottigen Hunde bewundert, derlei ich auf mei⸗ ner ganzen Wanderung nicht angetroffen habe, und die ſo ſittſam neben und unter uns am Feuer herum ſaßen, als verſtünden ſie etwas von der Verhandlung und nähmen daran Theil. Wir wendeten uns, da wir fort ritten, dem Schloſſe wieder zu, da bereits die Zeit zum Mittageſſen heran rückte. Als wir, ſo wie geſtern, in der Rähe der Strecke vorüber kamen, auf der die Leute arbeiteten, um den Sumpf zu trocknen, und die Grundriſſe einer Straße zu ziehen, ſagte er, indem er auf ein Weitzenfeld zeigte, an dem wir ziemlich nahe vorbei ritten, und auf welchem die Frucht außerordentlich ſchön ſtand: „Dieſe guten Schollen, wenn ſie ihre Schuldigkeit thun, müſſen uns das Geld herbeiſchaffen, daß wir auch an andern Stellen etwas verrichten können. Die Leute arbeiten da drüben in der Oede das ganze Jahr. Sie haben ihren Taglohn und kochen gleich neben ihren Geſchäften im Freien. Zum Schlafen gehen ſie in jene hölzernen Hütten, die Ihr ſcht. Im Winter, wenn ſich Eis bildet, gehen wir den tiefern Stellen zu, denen wir jetzt wegen zu großer Weiche des Bodens nicht ankönnen, und füllen Gerölle der Haide und Steine, die wir von den Weinpflanzungen nehmen, hinein.“ Wirklich erblickte ich, da ich auf die eigenthümliche Anlage hinüber ſchaute, die hölzernen Hütten, von denen er geſprochen hatte, und ſah an verſchiedenen Stellen des Haiderückens ſchwachen Rauch aufgehen, der die kunſtloſen Herde anzeigen mochte, auf denen die Leute ihr Mit⸗ tageſſen kochten. Als wir in den Park einritten, umſprungen von den großen und kleinen Doggen, läutete in dem Hertenhauſe eben die Glocke, die uns und die anderen Leute zum Mahle rief. Ich fragte an dem Abende dieſes Tages meinen Reiſeſreund nicht um ſein Ziel, wie ich mir Tags vorher beim Schlafengehen ſo feſt vor⸗ genommen hatte. Der Rachmittag verging wie gewöhnlich, zu Hauſe, nur daß der Major gegen fünf Uhr auf dem gebahnten Wege mit der Pappelallee, auf dem ich in der Racht gekommen war, ich weiß nicht wohin fuhr, — 349 während ich die Bücher muſterte, die er mir in immer größerer Anzahl aus ſeinem Bücherzimmer auf meine Stube bringen ließ. Des folgenden Tages hatte der Major viel zu ſchreiben, und ich brachte ſchier den ganzen Tag damit zu, ſeine Pferde, die er zu Hauſe hatte, zu beſehen, und mit ſeinen Leuten Bekanniſchaft zu machen. An dem Tage, der nachher folgte, war ich mit ihm in der Schäferei, die zwei Stunden Reitens entfernt iſt, und in welcher wir den ganzen Tag zubrachten. Er hat einige Leute dort, die bedeutende Bildung ver⸗ rathen, und mit ihm in das Weſen der Sache, die ſie lieben, einzugehen ſcheinen. Hier ſah ich auch, daß alle Zweige ſeiner Thätigkeit ihre eigene Geldverwaltung haben, indem er den Schäfereien eine Summe vor⸗ ſtreckte, die aus einem andern Bereiche genommen war. Die Sache wurde ſehr genau und richtig in die Papiere aufgenommen und ver⸗ brieſt. Die Anlagen ſind ſehr weitſchichtig, und die Zuchten nach ihrem Bedürfniß geordnet. Ein anderes Mal ſah ich die Geſtütte, und wir waren auf der Weide, auf welcher ſeine Füllen und die jüngeren Pferde gewöhnlichen Schlages unter Hirten ſtehen, wie anderswo die Rinder. Auf dieſe Weiſe lernte ich nach und nach den ganzen Kreis ſeiner Thätigkeit kennen, welcher wahrhaftig nicht geringfügig war. Ich wun⸗ derte mich, daß er dieſen Sachen eine ſolche Aufmerkſamkeit und Umſicht uwendete, da ich ihn doch früher mehr als träumend und in Wiſſen⸗ chaften herum dichtend und forſchend gekannt habe. „Ich glaube,“ ſagte er einmal,„daß man es ſo mit dem Boden eines Landes beginnen müſſe. Unſere Verfaſſung, unſere Geſchichte iſt ſehr alt, aber noch vieles iſt zu thun; wir ſind in ihr, gleichſam wie eine Blume, in einem Gedenkbuche aufgehoben worden. Dieſes weite Land iſt ein größeres Kleinod, als man denken mag, aber es muß noch immer mehr gefaßt werden. Die ganze Welt kömmt in ein Ringen ſich nutzbar zu machen, und wir müſſen mit. Welcher Blüthe und Schön⸗ heit iſt vorerſt noch der Körper dieſes Landes fähig, und beide müſſen hervorgezogen werden. Ihr müßt es ja geſehen haben, da Ihr zu mir kamt. Dieſe Haiden ſind der feinſte ſchwarze Ackergrund, in dieſen An⸗ höhen voll glitzernden Geſteins bis zu jenen blauen Bergen hin, die Ihr im Norden ſehet, ſchläft der feurige Fluß des Weines, und dämmert von Erde umflort der Glanzblick des Metalles. Zwei ſehr edle Ströme ziehen D — 350— durch unſer Land, über ihnen iſt, ſo zu ſagen, die Luft noch todt, und harret, daß unzählige bunte Wimpel in ihr flattern. Vielerlei Volk iſt in dem Lande, manches iſt ein Kind, dem man vormachen muß, was es veginnen ſoll. Seit ich in der Mitte meiner Leute lebe, über die ich eigentlich mehr Recht habe, als Ihr Euch denket, ſeit ich mit ihnen in ihrer Kleidung gehe, ihre Sitten theile, und mir ihre Achtung erworben habe, iſt es mir eigentlich, als hätte ich dieſes und jenes Glück errungen, das ich ſonſt immer in der einen oder der andern Entfernung geſucht habe.“ Ich fragte den Mann nun gar nicht mehr um ſein Ziel, deſſen er in ſeinem Briefe an mich erwähnt hatte. Vorzugsweiſe waren es die Getreidearten, denen er ſeine Auſmerk⸗ ſamkeit zugewendet hatte. Und ſie ſtanden aber auch in einer Fülle und Schönheit, daß ich ſchon neugierig war, wenn ſich dieſe Aehren der Reife zuwenden, und wenn wir ſie heimführen würden. Die Einſamkeit und Kraft dieſer Beſchäftigungen erinnerte mich häufig an die alten ſtarken Römer, die den Landbau auch ſo ſehr geliebt hatten, und die wenigſtens in ihrer früheren Zeit auch gerne einſam und kräftig waren. „Wie ſchön und urſprünglich,“ dachte ich,„iſt die Beſtimmung des Landmannes, wenn er ſie verſteht und veredelt. In ihrer Einfalt und Mannigfaltigkeit, in dem erſten Zuſammenleben mit der Natur, die lei⸗ denſchaftlos iſt, grenzt ſie zunächſt an die Sage von dem Paradieſe.“ Da ich einmal längere Zeit auf der Beſitzung des Majors war, da ich die Theile derſelben überſah, und verſtehen lernte, da die Dinge vor mir wuchſen und ich an dem Gedeihen derſelben Antheil nahm: hatte mich das gleichförmig ſanfte Abfließen dieſer Tage und Geſchäfte ſo ein⸗ geſponnen, daß ich mich wohl und ebenmäßig angeregt fühlte, und auf unſere Städte vergaß, gleichſam als wäre das ein Kleines, was in ihnen bewegt wird. Da wir wieder einmal unter den Pferden geweſen waren, die auf der Haide ſind, und da ſich zu den Hirten derſelben auch die geſellt hat⸗ ten, die das Geſchäft der Rinder über ſich haben, ſo daß zufällig eine größere Menge dieſer Menſchen auf der Haide beiſammen und bei uns waren, ſagte der Major im Nachhauſefahren zu mir— denn dieſes Mal hatte er ein ſchönes Haidegeſpann mit Riemengeſchirr vor einem Wagen — 351— geſpannt, der mit großer Spurweite ſicher auf dem Graſe der Haide dahin rollte:„Dieſe würde ich ſogar zum Blutvergießen führen können, ſobald ich mich nur an ihre Spitze ſtellte. Sie ſind mir unbedingt zu⸗ gethan. Auch die Andern, die Knechte und die Arbeiter, die ich zu Hauſe habe, würden ſich eher ihre Glieder zerſchlagen laſſen, che einer zugäbe, daß mir ein Haar gekrümmt würde. Wenn ich nun die dazu rechne, die mir wegen dem Verhältniſſe der Grundherrlichkeit unterthan ſind, und die mir, wie ich bei vielen Gelegenheiten erfahren konnte, vom Grunde des Herzens zugethan ſind, ſo würde ich, wie ich glaube, eine ziemlich große Zahl von Menſchen zuſammen bringen, die mich lieben.—— Seht nur und ich bin erſt zu ihnen gekommen, als mein Haupt ſchon grau geworden war, und als ich viele Jahre auf ſie vergeſſen hatte. Wie müßte es ſein, ſo Hunderttauſende zu leiten, und ſie zum Guten zu führen; denn meiſtens, wenn ſie vertrauen, ſind ſie wie Kinder, und folgen zum Guten, wie zum Böſen.“ „Einmal,“ fuhr er nach einer Weile fort,„habe ich geglaubt, ich werde ein Künſtler oder Gelehrter werden. Ich habe aber eingeſehen, daß dieſe ein tiefes ernſtes Wort zu der Menſchheit ſagen müſſen, das ſie begeiſtert und edler und größer macht— oder daß wenigſtens der Ge⸗ lehrte Dinge zu Tage ſchaffe und erfinde, welche die Menſchen in dem irdiſchen Gute, in den Mitteln fördern und weiter bringen. In beiden Fällen aber iſt es nothwendig, daß ein ſolcher Mann zuerſt ſelber ein einfaches und großes Herz habe. Aber da ich dies nicht beſitze, ſo ließ ich alles wieder fahren, und es iſt nun vorbei.“ Mir war es, da er dieſe Worte ſagte, als ginge ein ſanfter Schatten über ſein Auge, und als blicke es in dieſem Augenblicke noch immer mit jener Schwärmerei in die Luft hinaus, wie einſtens, wenn wir manchmal müſſig auf dem Epomev ſaßen, ein ganzes Meer von Himmelsbläue um uns feierte, unten die See glänzte und er von allerlei Wünſchen und Träumen junger Herzen redete. Darum kam mir auch plötzlich der Ge⸗ danke, ob etwa das Glück, von dem er mir ſagte, daß er es gefunden habe, doch noch nicht ganz da ſei. Das war das einzige Mal geweſen, daß er ſeit unſerer Bekannt⸗ ſchaft auf ſeine Vergangenheit angeſpielt hatte, vorher in unſerem gan⸗ zen Umgange nie. Ich habe auch nie gefragt, ſo wie ich ſpäter nicht fragte. Wer viel reiſet, lernt ſchon die Menſchen ſchonen, und läßt ſie — in dem inneren Haushalte ihres Lebens gewähren, der ſich nicht auf⸗ ſchließt, wenn es nicht freiwillig iſt. Ich war nun ſchon ziemlich lange auf Uwar, und war gerne da, weil ich an den Beſchäftigungen des Ortes mit Aufmerkſamkeit, und öfter auch mit wirklicher Thätigkeit Antheil nahm, und weil ich zu andern Zeiten an dem Tagebuche meiner Reiſen und Erfahrungen weiter ſchrieb: aber das glaubte ich zu erkennen, daß in dem reinen beſchäftigten Leben des Majors irgend ein Bodenſatz liege, der es nicht zur völligen Abklärung kommen ließ, und mir war, als ſei doch irgend eine Art Trauer da, die ſich natürlich bei einem Manne nur durch Ruhe und Ernſt ausdrückt. Sonſt war er in ſeinem Leben und in ſeinem Umgange mit mir ſehr einfach, und von einer Zurückhaltung oder Verſtellung war nicht im Ge⸗ ringſten die Rede. So ſtand auf dem Tiſche ſeines Schreibzimmers, in das ich ſehr oft kam, und an dem wir an heißen Nachmittagen oder Abends bei der Kerze, wenn wir noch nicht ſchlafen gingen, von verſchie⸗ denen Dingen plauderten, ein Bild— es war in ſchönem Goldrahmen das verkleinerte Bild eines Mädchens von vielleicht zwanzig— zwei und zwanzig Jahren— aber ſonderbar war es, wie auch der Maler die Sache verſchleiert haben mochte, es war nicht das Bild eines ſchönen, ſondern eines häßlichen Mädchens— die dunkle Farbe des Angeſichtes und der Bau der Stirne waren ſeltſam, aber es lag etwas, wie Stärke und Kraft darinnen, und der Blick war wild, wie bei einem entſchloſſenen Weſen. Daß dieſes Mädchen etwa in ſeinem früheren Leben eine Rolle geſpielt habe, wurde mir klar, und mir fiel der Gedanke ein, warum ſich denn dieſer Menſch nicht vermählt habe, ſo wie mir dieſer Gedanke auch ſchon bei unſerer italieniſchen Bekanntſchaft gekommen war; aber nach meinen Grundſätzen hatte ich damals nicht gefragt, und fragte auch jetzt nicht. Er durfte freilich das Bild ruhig auf dem Tiſche ſtehen laſſen; denn es kam Niemand von ſeinen Leuten in das Schreibgemach, ſondern ſie muß⸗ ten im Vorzimmer, wo ein Glöcklein beim Eintritte läutete, ſtehen blei⸗ ben, wenn ihm einer etwas zu ſagen hatte. Auch von ſeinen Bekannten und von Beſuchenden kam Niemand in das Zimmer, da er ſie immer in ſeiner anderen Wohnung empfing. Es war alſo ſchon ein Grad Vertrau⸗ lichkeit, daß ich da hinein durfte, und alles beſehen konnte, was da ſtand und lag. Dieſe Vertraulichkeit mochte ich wohl dem Umſtande zu ver⸗ danken haben, daß ich nie forſchte und grübelte. — 353— Mittlerweile war die Erndte gekommen, und nie werde ich jener heitern vergnüglichen Zeit vergeſſen. Der Major mußte unterdeſſen auch einige Male kleine Reiſen in die Nachbarſchaft machen, und lud mich dazu ein. In keinem Lande ſind die Entfernungen zwiſchen den bewohnten Punkten oft ſo groß, wie hier, aber mit den ſchnellen Roſſen legt man ſie reitend, oder mit den leichten Wägen über die Haide fahrend, in verhältnißmäßig kurzer Zeit zurück. Einmal hatte der Major das enganliegende ungariſche Volkskleid an, er war in großem Schmucke, mit dem Säbel an der Seite. Es ſtand ihm ſehr wohl. Er hielt in einer Verſammlung ſeiner Geſpanſchaft über ge⸗ meinſame Angelegenheiten eine ungariſche Rede. Da es von jeher meine Gewohnheit war, in jedem Lande, in das ich kam, ſchnell ſo viel von der Sprache zu lernen, als mir nut immer möglich war, ſo hatte ich auch bereits von den Leuten des Majors, und allen, die mich umgaben, etwas ungariſch gelernt, daher verſtand ich manches von der Rede, die bei einem Theile heftige Bewunderung, bei dem andern heftigen Tadel hervor rief; im Nachhauſefahren überſetzte er ſie mir vollſtändig in's Deutſche. Nachmittag bei Tiſche ſah ich ihn in jenem Tage im Fracke, wie einſtens in Italien, ſo wie die meiſten der Anweſenden ihre Volkskleidung abge⸗ legt hatten, und in dem gemeinſchaftlichen europäiſchen Fracke waren. Auch zu anderen Beſuchen, die er in der Nachbarſchaft machte, hatte ich ihn begleitet. Hier erfuhr ich nun, daß vier ſolcher Sitze beſtehen, wie der Major einen hatte. Man hatte vor einigen Jahren einen Bund geſchloſſen, den Landbau und die Hervorrufung der urſprünglichen Er⸗ zeugniſſe dadurch zu heben, daß man dies zuerſt in dem beſten Maßſtabe auf den eigenen Beſitzungen thue, und ſo den andern mit einem Beiſpiele voran gehe, namentlich wenn ſie ſehen, daß Wohlhabenheit und beſſeres Leben ſich aus dem Dinge entwickle. Der Bund hatte auch ſeine Geſetze, und die Beigetretenen hielten landwirthſchaftliche Verſammlungen. Außer dieſen vier großen Muſterhöfen, die eigentlich bis jetzt erſt nur die einzigen Mitglieder des Bundes waren, hatten ſchon einige kleinere Beſitzer ange⸗ fangen, das Verfahren ihrer größeren Nachbarn nachzuahmen, ohne daß ſie deßwegen eigentlich Glieder des Bundes waren. Zur Sitzung aber nur als Zuhörer, oder gelegentlich als Rathfrager, durften alle Land⸗ wirthe und andere Menſchen kommen, wenn ſie ſich nur vorher angemel⸗ det hatten. Und ſie nahmen nicht ſparſam Theil, wie ich aus einer Ver⸗ Stifter. 4. Aufl. II. 23 — 354— ſammlung abnahm, die vier Stunden Reitens von Uwar entfernt bei dem Mitgliede Gömör abgehalten wurde, wo von Mitgliedern nur der Major und Gömör, aber von Zuhörern eine ziemliche Menge war. Ich bin nach der Hand noch zweimal ganz allein bei Gömör gewe⸗ ſen, und habe das letzte Mal ſogar mehrere Tage bei ihm zugebracht. Da die Erndte ſich zu ihrem Ende neigte, und die Arbeiten etwas weniger wurden, ſagte der Major eines Tages zu mir:„Weil wir jetzt ein wenig Muße bekommen werden, werden wir in der nächſten Woche zu meiner Nachbarin Brigitta Maroshely hinüber reiten, und ihr einen Beſuch machen. Sie werden in meiner Nachbarin Maroshely das hert⸗ lichſte Weib auf dieſer Erde kennen lernen.“ Zwei Tage nach dieſem Ausſpruche ftellte er mir Brigitta's Sohn vor, der zufällig herüber gekommen war. Es war dies derſelbe junge Mann, der am erſten Tage meines Aufenhaltes in Uwar mit uns zu Mittag geſpeiſt hatte, und der mir wegen ſeiner außerordentlichen Schön⸗ heit damals aufgefallen war. Er blieb ſchier den ganzen Tag bei uns, und war mit uns auf verſchiedenen Punkten der Beſitzungen. Er war, wie ich ſchon das erſte Mal bemerkte, in den früheſten Jahren des Jüng⸗ lings, kaum bei dem Uebergange vom Knaben zum Jünglinge, und er gefiel mir ſehr wohl. Sein dunkles ſanftes Auge ſprach ſo ſchön zu mir. und wenn er zu Pferde ſaß, ſo kraftvoll und ſo demüthig: neigte ſich mein ganzes Weſen zu ihm. Ich hatte einen Freund, der ſo war, und in den früheſten Jahren ſeiner Jugend in das kalte Grab mußte. Gu⸗ ſtav, ſo hieß der Sohn Brigitta's, erinnerte mich lebhaft an ihn. Seit der Major den Ausſpruch über Brigitta gethan hatte, und ſeit ich ihren Sohn kannte, war ich ſehr neugierig, ſie nun auch perſönlich zu ſehen. Ueber die Vergangenheit meines Gaſtfteundes, des Majors, hatte ich ein Weniges von Gömör, als ich bei ihm war, erfahren. Gömör iſt, wie mancher ſeiner Freunde, die ich bei ihm kennen gelernt hatte, von offener freundlicher Zunge, und ſagte mir unaufgefordert, was er wußte. Der Major ſei nicht in der Gegend geboren. Er ſtamme von einer ſehr reichen Familie. Er ſei ſeit ſeiner Jugend faſt immer auf Reiſen gewe⸗ ſen, man wiſſe eigentlich nicht recht, wo, ſo wie man auch nicht wiſſe, in welchen Dienſten er ſich den Majorsrang verdient habe. Auf ſeiner Beſitzung Uwar iſt er in ſeinem ganzen früheren Leben nicht geweſen. — 355— Vor einigen Jahren kam er, machte ſich in Uwar anſäſſig und ſchloß ſich dem Bunde der Landwirthſchaftsfreunde an. Damals waren nur erſt zwei Glieder des Bundes: er, Gömör, ſelber, und Brigitta Maroshely. Eigentlich war es kein Bund; denn die Zuſammenkünfte und die Geſetze kamen erſt ſpäter auf, ſondern die zwei Nachbarn, er und Brigitta, ha⸗ ben einſtimmig die beſſere Bewirthſchaftung ihrer Güter in dieſer öden Gegend begonnen. Im Grunde ſei es Brigitta geweſen, welche den Anfang gemacht habe Weil ſie eher unſchön als angenehm zu nennen ſei, ſo habe ſie ihr Gatte, ein junger leichtſinniger Menſch, dem ſie in ihren jüngeren Jahren angetraut worden war, verlaſſen, und ſei nicht wieder gekommen. Damals erſchien ſie mit ihrem Kinde auf ihrem Sitze Maroshely, habe wie ein Mann umzuändern und zu wirthſchaften be⸗ gonnen, und ſei bis jetzt noch gekleidet und reite, wie ein Mann. Sie halte ihre Dienerſchaft zuſammen, ſei thätig, und wirthſchafte vom Mor⸗ gen bis in die Nacht. Man könne hier ſehen, was unausgeſetzte Arbeit vermöge; denn ſie habe auf dem Steinfelde faſt Wunder gewirkt. Er ſei, als er ſie kennen gelernt habe, ihr Nachahmer geworden, und habe ihre Art und Weiſe auf ſeiner Beſitzung eingeführt. Bis jetzt habe er es nicht bereut. Der Major ſei Anfangs, da er ſich in Uwar niedergelaſſen hatte, mehrere Jahre nicht zu ihr hinüber gekommen. Dann ſei ſie ein⸗ mal todtkrank geworden: da ſei er zu ihr über die Haide geritten, und habe ſie geſund gemacht. Von der Zeit an kam er dann immer zu ihr. Die Leute ſagten damals, er habe die Heilkräfte des Magnetismus ange⸗ wendet, deren er theilhaftig ſei, aber Niemand weiß eigentlich in der Sache etwas Rechtes zu ſagen. Es hat ſich ein ungewöhnlich inniges und freundſchaftliches Band entwickelt— der höchſten Freundſchaft ſei das Weib auch würdig— aber ob die Leidenſchaft, die der Major zu der häßlichen und bereits auch alternden Brigitta gefaßt habe, natürlich ſei, das ſei eine andere Frage— und Leidenſchaſt ſei es ganz gewiß, das er⸗ kenne ein jeder, der hinüber komme. Der Major würde gewiß Brigitta heirathen, wenn er könnte— er gräme ſich offenbar tief, daß er es nicht könne; aber weil man von ihrem angetrauten Manne nichts wiſſe, ſo könne kein Todtenſchein und kein Trennungsſchein herbei gebracht wer⸗ den. Es ſpreche dieſe Thatſache recht ſehr zu Gunſten Brigitta's, und verurtheilte ihren Gemahl, der einſt ſo leichtſinnig von ihr gegangen ſei, während nun ein ſo ernſter Mann ſich ſehne, ſie zu beſitzen. 23* — 356— Dieſe Dinge hatte mir Gömör über den Major und Brigitta ge⸗ ſagt, und ich kam noch ein paar Male mit Guſtav, ihrem Sohne, bei Gelegenheit eines Beſuches, den wir bei Nachbarn machten, zuſammen, ehe der Tag erſchien, der beſtimmt war, daß wir zu ſeiner Mutter hin⸗ über reiten ſollten. Am Vorabende dieſes Tages, da ſchon das tauſendſtimmige Zirpen der abendlichen Haidegrillen in meine ſchlaftrunkenen Ohren fiel, dachte ich noch an ſie. Dann träumte mir allerlei von ihr, vorzüglich kam ich von dem Traume nicht los, daß ich auf der Haide vor der ſeltſamen Rei⸗ terin ſtehe, die mir damals die Pferde mitgegeben hatte, daß ſie mich mit ſchönen Augen banne, daß ich immer ſtehen müſſe, daß ich keinen Fuß heben könne, und daß ich alle Tage meines Lebens nicht mehr von dem Flecke der Haide weg zu kommen vermöge. Dann ſchlief ich feſt ein, er⸗ wachte des andern Tages friſch und geſtärkt, die Pferde wurden vorge⸗ führt, und ich freute mich, nun die auch von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, die heute ſo vielfach in Traume bei mir geweſen war. 3. Steppenvergangenheit. Ehe ich entwickle, wie wir nach Maroshely gerittten ſind, wie ich Brigitta kennen gelernt habe, und wie ich noch recht oft auf ihrem Gute geweſen bin, iſt es nöthig, daß ich einen Theil ihres früheren Lebens er⸗ zähle, ohne den das Folgende nicht verſtändlich wäre. Wie ich zu ſo tief gehender Kenntniß der Zuſtände, die hier geſchildert werden, gelangen konnte, wird ſich aus meinen Verhältniſſen zu dem Major und zu Bri⸗ gitta ergeben, und am Ende dieſer Geſchichte von ſelbſt klar werden, ohne daß ich nöthig hätte, vor der Zeit zu enthüllen, was ich auch nicht vor der Zeit, ſondern durch die natürliche Entwicklung der Dinge erfuhr. Es liegt im menſchlichen Geſchlechte das wundervolle Ding der Schönheit. Wir alle ſind gezogen von der Süßigkeit der Erſcheinung, und können nicht immer ſagen, wo das Holde liegt. Es iſt im Weltall, es iſt in einem Auge, dann iſt es wieder nicht in Zügen, die nach jeder Regel der Verſtändigen gebildet ſind. Oft wird die Schönheit nicht ge⸗ ſehen, weil ſie in der Wüſte iſt, oder weil das rechte Auge nicht gekom⸗ men iſt— oft wird ſie angebetet und vergöttert, und iſt nicht da: aber fehlen darf ſie nirgends, wo ein Herz in Inbrunſt und Entzücken ſchlägt, oder wo zwei Seelen an einander glühen; denn ſonſt ſteht das Herz ſtille, und die Liebe der Seelen iſt todt. Aus welchem Boden aber dieſe Blume bricht, iſt in tauſend Fällen tauſendmal anders; wenn ſie aber da iſt, darf man ihr jede Stelle des Keimes nehmen, und ſie bricht doch an einer andern hervor, wo man es gar nicht geahnet hatte. Es iſt nur dem Men⸗ ſchen eigen, und adelt nur den Menſchen, daß er vor ihr kniet— und alles, was ſich in dem Leben lohnt und preiſet, gießt ſie allein in das zitternde beſeligte Herz. Es iſt traurig für einen, der ſie nicht hat, oder nicht kennt, oder an dem ſie kein fremdes Auge finden kann. Selbſt das Herz der Mutter wendet ſich von dem Kinde ab, wenn ſie nicht mehr, ob auch nur einen einzigen Schimmer dieſes Strahles an ihm zu entdecken vermag. So war es mit dem Kinde Brigitta geſchehen. Als es geboren ward, zeigte es ſich nicht als der ſchöne Engel, als der das Kind gewöhnlich der Mutter erſcheint. Später lag es in dem ſchönen goldenen Prunkbettchen in den ſchneeweißen Linnen mit einem nicht angenehm verdüſterten Ge⸗ ſichtchen, gleichſam als hätte es ein Dämon angehaucht. Die Mutter wandte, von ſich ſelber unbemerkt, das Auge ab, und heftete es auf zwei kleine ſchöne Engel, die auf dem reichen Teppiche des Bodens ſpielten. Wenn fremde Leute kamen, tadelten ſie das Kind nicht, lobten es nicht, und fragten nach den Schweſtern. So wurde es immer größer. Der Va⸗ ter ging öfter durch das Zimmer nach ſeinen Geſchäften, und wenn die Mutter wohl manchmal gleichſam aus verzweiflungsvoller Brünſtigkeit die andern Kinder herzte, ſah ſie nicht das ſtarre ſchwarze Auge Brigit⸗ ta's, das ſich hin heftete, als verſtünde das winzige Kind ſchon die Krän⸗ kung. Wenn ſie weinte, half man ihrem Bedürfniſſe ab; weinte ſie nicht, ließ man ſie ruhig liegen, alle hatten für ſich zu thun, und ſie richtete die großen Augen auf die Vergoldung des Bettchens, oder auf die Schnör⸗ kel der Wandtapeten. Da die Glieder ſtark geworden waren, und ihre Wohnung nicht mehr in dem engen Bettchen beſtand, ſaß ſie in einem Winkel, ſpielte mit Steinchen, und ſagte Laute, die ſie von Niemanden gehört hatte. Als ſie in ihren Spielen vorrückte und behender ward, ver⸗ — 358— drehte ſie oft die großen wilden Augen, wie Knaben thun, die innerlich bereits dunkle Thaten ſpielen. Auf die Schweſtern ſchlug ſie, wenn ſie ſich in ihre Spiele einmiſchen wollten— und wenn jetzt die Mutter in einer Anwandlung verſpäteter Liebe und Barmherzigkeit das kleine Weſen in die Arme ſchloß, und mit Thränen benetzte, ſo zeigte dasſelbe keines⸗ wegs Freude, ſondern weinte, und wand ſich aus den umfaſſenden Hän⸗ den. Die Mutter aber wurde dadurch noch mehr zugleich liebend und er⸗ bittert, weil ſie nicht wußte, daß die kleinen Würzlein, als ſie einſt den warmen Boden der Mutterliebe ſuchten und nicht fanden, in den Fels des eigenen Herzens ſchlagen mußten, und da trotzen. So ward die Wüſte immer größer. Als die Kinder empor wuchſen und ſchöne Kleider in's Haus kamen, waren jene Brigitta's immer recht, die der Schweſtern wurden mannig⸗ fach geändert, bis ſie paßten. Die andern bekamen Verhaltungsregeln und Lob, ſie nicht einmal Tadel, wenn ſie auch ihr Kleidchen beſchmutzt oder zerdrückt hatte. Da das Lernen kam, und die Stunden des Vormit⸗ tags ausgefüllt waren, ſaß ſie unten an, und ftarrte mit dem einzigen Schönen, das ſie hatte, mit den in der That ſchönen düſtern Augen auf die Ecke des fernen Buches, oder der Landkarte; und wenn der Lehrer eine ſeltene raſche Frage an ſie that, erſchrak ſie, und wußte keine Ant⸗ wort. Aber an langen Abenden, oder ſonſt, wenn man im Geſellſchafts⸗ zimmer ſaß und ſie nicht vermißte, lag ſie auf der Erde über durcheinan⸗ der geworfenen Büchern oder über Bildern und zerriſſenen Karten, die die andern nicht mehr brauchten. Sie mochte eine fantaſtiſche verſtümmelte Welt in ihr Herz hinein brüten. Sie hatte von den Büchern ihres Va⸗ ters, da der Schlüſſel immer ſtak, beinahe die Hälfte geleſen, ohne daß man es ahnte. Darunter waren die meiſten, die ſie nicht verſtehen konnte. In der Wohnung fand man oft Papiere, auf denen ſeltſame wilde Dinge gezeichnet waren, die von ihr ſein mußten. Als die Mädchen in das Jungfrauenalter getreten waren, ſtand ſie wie eine fremde Pflanze unter ihnen. Die Schweſtern waren weich und ſchön geworden, ſie blos ſchlank und ſtark. In ihrem Körper war faſt Manneskraft, was ſich dadurch erwies, daß ſie eine Schweſter, wenn ſie ihr Tändeleien ſagen oder ſie liebkoſen wollte, mit dem ſchlanken Arme blos ruhig weg bog, oder daß ſie, wie ſie gerne that, Hand an knechtliche Arbeit legte, bis ihr die Tropfen auf der Stirne ſtanden. Muſik machen — 359— lernte ſie nicht, aber ſie ritt gut und kühn, wie ein Mann, lag oft mit dem ſchönſten Kleide auf dem Raſen des Gartens, und that halbe Reden und Ausruſungen in das Laub der Büſche. Nun kam es auch, daß der Vater begann, ihr Ermahnungen über ihr ſtörriges und ſtummes Weſen zu geben. Dann, wenn ſie auch eben redete, hörte ſie plötzlich auf, wurde noch ſtummer und noch ſtörriger. Es half nichts, daß ihr die Mutter Zeichen gab, und zur Kundgebung ihres Unmuthes in bittrer Rathloſig⸗ keit die Hände rang. Das Mädchen redete nicht. Als ſich der Vater ein⸗ mal ſo weit vergaß, daß er ſie, die Erwachſene, weil ſie durchaus nicht in das Geſellſchaftszimmer gehen wollte, körperlich ſtrafte, ſah ſie ihn blos mit den heißen trockenen Augen an, und ging doch nicht hinüber, er hätte ihr thun können, was er wollte. Wenn nur einer geweſen wäre, für die verhüllte Seele ein Auge zu haben, und ihre Schönheit zu ſehen, daß ſie ſich nicht verachte.— Aber es war keiner: die andern konnten es nicht, und ſie konnte es auch nicht. Ihr Vater lebte in der Hauptſtadt, wie es überhaupt ſeine Gewohn⸗ heit war, und gab ſich einem glänzenden Wohlleben hin. Als ſeine Mäd⸗ chen herangewachſen waren, verbreitete ſich der Ruf ihrer Schönheit durch das Land, viele kamen herbei, ſie zu ſehen, und die Verſammlungen und Geſellſchaften in dem Hauſe wurden noch zahlreicher und belebter, als ſie es bisher geweſen waren. Manches Herz ſchlug heftig und trachtete nach dem Beſitze der Kleinode, welche dieſes Haus beherbergte— aber die Kleinode achteten nicht darauf, oder ſie waren noch zu jung, ſolche Huldigungen zu verſtehen. Deſto mehr gaben ſie ſich den Vergnügungen hin, die ſolche Geſellſchaften mit ſich führten, und ein Putzkleid oder die Anordnung eines Feſtes konnte ſie Tage lang auf das Ergreifendſte und Innigſte beſchäftigen. Brigitta, als die Jüngſte, wurde nicht gefragt, als verſtünde ſie die Sache nicht. Sie war manchmal in den Verſamm⸗ lungen gegenwärtig, und dann trug ſie immer ein weites, ſchwarzſeide⸗ nes Kleid, das ſie ſich ſelber zuſammen gemacht hatte— oder ſie mied dieſelben, ſaß indeſſen auf ihrem Zimmer, und man wußte nicht, was ſie dort that. So gingen ein paar Jahre hin. Gegen Ende derſelben erſchien ein Mann in der Hauptſtadt, der in den verſchiedenen Kreiſen derſelben Aufſehen erregte. Er hieß Stephan — 360— Murai. Sein Vater hatte ihn auf dem Lande auferzogen, um ihn für das Leben votzubereiten. Als ſeine Erziehung vollendet war, mußte er zuerſt Reiſen machen, und dann ſollte er die gewählte Geſellſchaft ſeines Vaterlandes kennen lernen. Dies war die Urſache, daß er in die Haupt⸗ ſtadt kam. Hier wurde er bald der faſt einzige Gegenſtand der Geſpräche. Einige rühmten ſeinen Verſtand, andere ſein Benehmen und ſeine Be⸗ ſcheidenheit, wieder andere ſagten, daß ſie nie etwas ſo ſchönes geſehen hätten, als dieſen Mann. Mehrere behaupteten, er ſei ein Genie, und wie es an Verläumdungen und Rachreden auch nicht fehlte, ſagten manche, daß er etwas Wildes und Scheues an ſich habe, und daß man es ihm anſehe, daß er in dem Walde auferzogen worden ſei. Einige meinten auch, er beſitze Stolz, und wenn es darauf ankomme, gewiß auch Falſchheit. Manches Mädchenherz war im Mindeſten doch neugie⸗ rig, ihn einmal erblicken zu können. Brigitta's Vater kannte die Familie des neuen Ankömmlings ſehr gut, er war in früheren Jahren, da er noch Ausflüge machte, öfter auf ihre Beſitzungen gekommen, und war nur ſpäter, da er immer in der Hauptſtadt lebte und ſie nie, mit ihr außer erührung gerathen. Da er ſich um den Stand der Güter, der einſt ein vortrefflicher geweſen war, erkundigte, und erfuhr, daß derſelbe jetzt noch bedeutend beſſer ſei, und bei der einfachen Lebensweiſe der Familie ſich noch immer verbeſſere: dachte er, wenn der Mann ſonſt auch noch in ſeinem Weſen nach ſeinem Sinne wäre, ſo könnte er einen erwünſchten Bräutigam für eine ſeiner Töchter abgeben. Da aber dasſelbe mehrere Väter und Mütter dachten, ſo beeilte ſich Brigitta's Vater, ihnen den Vorſprung abzugewinnen. Er lud den jungen Mann in ſein Haus, die⸗ ſer ſagte zu, und war ſchon mehrere Male in einer Abendgeſellſchaft des⸗ ſelben geweſen. Brigitta hatte ihn nicht geſehen, weil ſie gerade in jener Zeit ſchon ſeit länger her nicht in das Geſellſchaftszimmer gekommen war. Einmal ging ſie zu ihrem Oheime, der eine Art Feſt veranſtaltet und ſie dazu geladen hatte. Sie war auch ſchon in früheren Zeiten manchmal nicht ungern zu der Familie des Oheims gegangen. An jenem Abende ſaß ſie in ihrem gewöhnlichen ſchwarzſeidenen Kleide da. Um das Haupt hatte ſie einen Kopfputz, den ſie ſelber gemacht hatte, und den ihre Schweſtern häßlich nannten. Wenigſtens war es in der ganzen Stadt nicht Sitte, einen ſolchen zu tragen, aber er ſtand zu ihrer dunk⸗ len Farbe ſehr gut. — Es waren viele Menſchen zugegen, und da ſie einmal durch eine Gruppe derſelben hindurch blickte, ſah ſie zwei dunkle ſanfte Jünglings⸗ augen auf ſie geheftet. Sie blickte gleich wieder weg. Da ſie ſpäter noch einmal hinſchaute, ſah ſie, daß die Augen wieder gegen ſie gerichtet ge⸗ weſen ſeien. Es war Stephan Murai, der ſie angeblickt hatte. Ungefähr acht Tage darnach wurde bei ihrem Vater getanzt. Murai war auch geladen, und kam, da ſchon die meiſten zugegen waren, und der Tanz bereits begonnen hatte. Er ſchaute zu, und da man ſich zum zweiten Tanze zuſammengeſtellt hatte, bat ſie mit beſcheidener Stimme um einen Tanz. Sie ſagte, daß ſie nie tanzen gelernt habe. Er verbeugte ſich und miſchte ſich wieder unter die Zuſchauer. Später ſah man ihn tanzen. Brigitta ſetzte ſich hinter einem Tiſche auf ein Sopha und ſah dem Treiben zu. Murai ſprach mit ver⸗ ſchiedenen Mädchen, tanzte und ſcherzte mit ihnen. Er war an dieſem Abende beſonders lieb und verbindlich geweſen. Endlich war die Unter⸗ haltung aus, man zerſtreute ſich nach allen Richtungen, um ſeine Be⸗ hauſung zu ſuchen. Als Brigitta in ihr Schlafgemach gekommen war, das ſie mit vielen Bitten und Trotzen ihren Eltern abgerungen hatte, daß ſie es allein bewohnen durfte, und als ſie ſich dort entkleidete, ſchoß ſie im Vorbeiſtreifen einen Blick in den Spiegel, und ſah die braune Stirne durch denſelben gleiten, und die rabenſchwarze Locke, die ſich um die Stirne ſchlang. Dann ging ſie, da ſie weder beim Anziehen noch beim Ausziehen ein Dienſtmädchen um ſich litt, gegen ihr Bett, deckte es ſelber ab, ſchlug die ſchneeweißen Linnen von ihrem Lager, das ſie ſich immer ſehr hart machen ließ, zurück, legte ſich darauf, that den ſchlanken Arm unter ihr Haupt, und ſchaute mit den ſchlafloſen Augen gegen die Decke des Zimmers. Als nun in der Folge öfters Geſellſchaften waren, und Brigitta denſelben beiwohnte, wurde ſie wieder von Murai bemerkt, ſie wurde von ihm ſehr ehrfurchtsvoll gegrüßt, und wenn ſie ging, brachte er ihr das Tuch, und wenn ſie fort war, hörte man auch gleich darauf ſeinen Wagen unten rollen, der ihn nach Hauſe führte. Dies dauerte längere Zeit. Einmal war ſie wieder bei dem Oheime, und da ſie wegen der gro⸗ ßen Hitze, die in dem Saale herrſchte, auf den Balkon, deſſen Thüren immer offen ſtanden, hinaus getreten war, und dichte Nacht um ſie lag: ging er gegen Brigitta hin, und 362 vernahm ſie ſeinen Tritt zu ihr, und ſah dann auch in der Dunkelheit, daß er ſich neben ſie ſtellte. Er ſprach nichts, als gewöhnliche Dinge, aber wenn man auf ſeine Stimme horchte, ſo war es, als ſei etwas Furchtſames in derſelben. Er lobte die Racht, und ſagte, daß man ihr Unrecht thue, wenn man ſie ſchelte, da ſie doch ſo ſchön und milde ſei, ſie allein umhülle, ſänftige und beruhige das Herz. Dann ſchwieg er, und ſie ſchwieg auch. Als ſie wieder in das Zimmer getreten war, ging er auch hinein, und ſtand lange an einem Fenſter. Da Brigitta in dieſer Nacht zu Hauſe angelangt war, da ſie ſich in ihr Zimmer begeben hatte, und den Putzflitter Stück um Stück von dem Leibe nahm, trat ſie im Nachtgewande vor den Spiegel, und ſah lange, lange hinein. Es kamen ihr Thränen in die Augen, die nicht verſiegten, ſondern mehreren Platz machten, die hervor drangen und herab rannen. Es waren die erſten Seelenthränen in ihrem ganzen Leben geweſen. Sie weinte immer mehr und immer heftiger, es war, als müßte ſie das ganze verſäumte Leben nachholen, und als müßte ihr um vieles leichter werden, wenn ſie das Herz heraus geweint hätte. Sie war in die Knie geſunken, wie ſie es öfters zu thun gewohnt war, und ſaß auf ihren eigenen Fü⸗ ßen. Auf dem Boden neben ihr lag zufällig ein Bildchen, es war ein Kinderbildchen, auf dem dargeſtellt war, wie ſich ein Bruder für den an⸗ dern vopfere. Dieſes Bildchen drückte ſie an ihre Lippen, daß es zerknit⸗ tert und naß wurde. Da endlich die Quellen nachgelaſſen hatten, und die Kerzen herab gebrannt waren, ſaß ſie noch anf der Erde vor dem Spiegeltiſche, gleich⸗ ſam wie ein ausgeweintes Kind und ſann. Es lagen die Hände in dem Schooße, die Schleifen und Krauſen des Nachtgewandes waren feucht, und hingen ohne Schönheit um den keuſchen Buſen. Sie ward ſtiller und unbeweglicher. Endlich ſchöpfte ſie ein paar Mal friſchen Athem, fuhr mit der flachen Hand über die Augenwimpern und ging zu Bette. Als ſie lag, und die Nachtlampe, die ſie nach ausgelöſchten Kerzen hinter einen kleinen Schirm geſtellt hatte, düſter brannte, ſagte ſie noch die Worte:„Es iſt ja nicht möglich, es iſt ja nicht möglich!“ Dann entſchlummerte ſie. Als ſie in der Zukunft wieder mit Murai zuſammen kam, war es, wie früher: er zeichnete ſie nur noch mehr aus, aber ſonſt war ſein Be⸗ — nehmen ſcheu, faſt zaghaft. Er redete beinahe nichts mit ihr. Sie ſelber that ihm keinen einzigen, auch nicht den kleinſten Schritt entgegen. Als ſich nach einiger Zeit wieder einmal eine Gelegenheit ergab, mit ihr allein zu ſprechen, deren manche früher ſchon ungenützt vorüber gegangen waren, nahm er ſich den Muth, er redete ſie an und ſagte, daß ihm erſcheine, daß ſie ihm abgeneigt ſei— und wenn dies ſo wäre, ſo habe er die einzige Bitte, ſie möchte ihn doch kennen lernen, vielleicht ſei er doch ihrer Aufmerkſamkeit nicht ganz unwerth, vielleicht habe er Ei⸗ genſchaften, oder könne ſich dieſelben erwerben, die ihm ihre Hochachtung gewännen, wenn auch nichts, das er noch heiliger wünſchte. „Nicht abgeneigt, Murai,“ antwortete ſie,„o nein, nicht abgeneigt; aber ich habe auch eine Bitte an Sie: thun Sie es nicht, thun Sie es nicht, werben Sie nicht um mich, Sie würden es bereuen.“ „Warum denn, Brigitta, warum denn?“ „Weil ich,“ antwortete ſie leiſe,„keine andere Liebe fordern kann, als die allerhöchſte. Ich weiß, daß ich häßlich bin, darum würde ich eine höhere Liebe fordern, als das ſchönſte Mädchen dieſer Erde. Ich weiß es nicht, wie hoch, aber mir iſt, als ſollte ſie ohne Maß und Ende ſein. Seh'n Sie— da nun dies unmöglich iſt, ſo werben Sie nicht um mich. Sie ſind der Einzige, der darnach fragte, ob ich auch ein Herz habe, gegen Sie kann ich nicht falſch ſein.“ Sie hätte vielleicht noch mehr geſagt, wenn nicht Leute herzu ge⸗ kommen wären; aber ihre Lippe bebte vor Schmerz. Daß Murai's Herz durch dieſe Worte nicht beſchwichtigt, ſondern nur noch mehr entflammt wurde, begreift ſich. Wie einen Engel des Lich⸗ tes verehrte er ſie, er blieb zurück gezogen, ſein Auge ging an den größ⸗ ten Schönheiten, die ihn umringten, vorüber, das ihre mit ſanfter Bitte zu ſuchen. So war es unabänderlich fort. Auch an ihr begann nun die dunkle Macht und die Größe des Gefühles in der verarmten Seele zu zittern. An beiden erſchien es voffen. Die Umgebungen begannen das Unglaubliche zu ahnen, und man erſtaunte unverhohlen. Murai legte ſeine Seele entſchieden vor dem Angeſichte aller Welt dar. Eines Tages, in einem einſamen Zimmer, da die Muſik, zu deren Anhörung man zu⸗ ſammen gekommen war, von ferne her erſcholl, da er vor ihr ſtand und nichts redete, da er ihre Hand faßte, ſie ſanft gegen ſich ziehend, wider⸗ ſtand ſie nicht, und da er ſein Angeſicht immer mehr gegen ſie neigte, — und ſie ſeine Lippen plötzlich auf den ihrigen empfand, drückte ſie ſüß entgegen. Sie hatte noch nie einen Kuß gefühlt, da ſie ſelbſt von ihrer Mutter und ihren Schweſtern nie geküßt worden war— und Murai hat nach vielen Jahren einmal geſagt, daß er nie mehr eine ſolche reine Freude erlebt habe, als damals, da er zum erſten Male dieſe vereinſamten unbe⸗ rührten Lippen auf ſeinem Munde empfand. Der Vorhang zwiſchen den Beiden war nun zerriſſen, und das Schick⸗ ſal ging ſeine Wege. In wenigen Tagen war Brigitta die erklärte Braut des gefeierten Mannes, die Eltern beider Theile hatten eingewilligt. Es wurde nun ein freundlicher Umgang. Aus dem tiefen Herzen des bisher unbekannten Mädchens ging ein warmes Daſein hervor, Anfangs un⸗ ſcheinbar und unbedeutend, dann in reicher heiterer Entwickelung. Der Inſtinkt, der den Mann an dieſes Weib gezogen, hatte ihn nicht getäuſcht. Sie war ſtark und keuſch, wie kein anderes Weib. Weil ſie ihr Herz nicht durch Liebesgedanken und Liebesbilder vor der Zeit entkräftet hatte, wehte der Odem eines ungeſchwächten Lebens in ſeine Seele. Auch ihr Umgang war reizend. Weil ſie ſtets allein geweſen war, hatte ſie auch allein ihre Welt gebaut, und er wurde in ein neues, merkwürdiges, nur ihr ange⸗ hörendes Reich eingeführt. Wie ſich dann ihr Weſen vor ihm entfalte, erkannte er zu allem dem noch ihr inniges und heißes Lieben, das wie ein goldner Strom in vollen Ufern quoll, in vollen, aber auch in einſamen; denn wie das Herz der andern Menſchen zwiſchen eine halbe Welt getheilt iſt, war das ihre beiſammen geblieben, und da es nur ein Einziger er⸗ kannt hat, war es nun auch Eigenthum dieſes Einzigen. Er lebte ſo in Freude und Gehobenheit die Tage des Brautſtandes durch. Es ging die Zeit mit roſenfarbnen Flügeln, und in ihr das Geſchick mit ſeinen dunkeln Schwingen. Der Vermählungstag war endlich gekommen. Murai hatte ſeine ſchweigende Braut, da die heilige Handlung vorüber war, auf der Schwelle der Kirche in die Arme geſchloſſen, ſie dann in ſeinen Wagen gehoben, und in ſeine Wohnung geführt, die er, da die jungen Leute beſchloſſen hatten, in der Stadt zu bleiben, aus dem Reichthume ſeines Vaters, der ihm alles Erſparte zur Verfügung ſtellte, auf das Schönſte und Glän⸗ zendſte hatte einrichten laſſen. Murai's Vater war zur Vermählung von ſeinem Landſitze, den er zum bleibenden Aufenthaltsorte gewählt hatte, herein gekommen. Seine Mutter konnte leider die Freude nicht theilen; — 365— denn ſie war ſchon längſt geſtorben. Von Seite der Braut waren Vater und Mutter, dann die Schweſtern, der Oheim und mehrere nahe Ver⸗ wandte zugegen. Murai, ſo wie Brigitta's Vater, hatte gewollt, daß der Tag öffentlich und mit großem Glanze gefeiert werde, und ſo war er auch vorüber gegangen. Als ſich endlich die letzten Gäſte entfernt hatten, führte Murai ſeine Gattin durch eine Reihe beleuchteter Zimmer, da ſie ſich bisher immer mit einem hatte begnügen müſſen, bis in das Wohngemach zurück. Dort ſaßen ſie noch, und er ſagte die Worte:„Wie gut und herrlich iſt alles abgegangen, und wie ſchön hat es ſich erfüllt. Brigitta! Ich habe Dich erkannt. Da ich Dich das erſte Mal ſah, wußte ich ſchon, daß mir dieſes Weib nicht gleichgültig bleiben werde; aber ich erkannte noch nicht, werde ich Dich unendlich lieben oder unendlich haſſen müſſen. Wie glücktich iſt es gekommen, daß es die Liebe ward!“ Brigitta ſagte nichts, ſie hielt ihn an der Hand, und ließ die glän⸗ zenden Augen in ſanfter Ruhe durch das Zimmer blicken. Dann befahlen ſie, daß die Reſte des Feſtes weggeräumt würden, daß die Menge der überflüſſigen Lichter ausgethan, und die Feſtgemächer eine gewöhnliche Wohnung würden. Dies geſchah; die Diener begaben ſich in ihre Zimmer, und auf die neue Wohnung und auf die neue Fa⸗ milie, die aus zweien beſtand, und erſt einige Stunden alt war, ſenkte ſich die erſte Nacht hernieder. Von nun an lebten ſie in ihrer Wohnung fort. So wie ſie, da ſie ſich kennen gelernt hatten, nur in Geſellſchaften zuſammen getroffen wa⸗ ren, und ſo wie ſie im Brautſtande nur immer öffentlich erſchienen waren, ſo blieben ſie nun immer zu Hauſe. Sie dachten nicht, daß etwas Aeußerliches zu ihrem Glücke erforderlich ſei. Obgleich die Woh⸗ nung im Allgemeinen mit allem verſehen war, was ihr nur immer noth that, ſo blieb doch im Einzelnen noch ſo vieles zu verbeſſern und zu ver⸗ ſchönern übrig. Sie klügelten dieſes heraus, ſie überlegten, was man dort und da noch anbringen könnte, gingen einander mit Rath und That an die Hand, daß ſich der Raum immer mehr und mehr und reiner ord⸗ nete, und die Eintretenden mit klarer Wohnlichkeit und einfacher Schön⸗ heit empfing. Ueber Jahresfriſt gebar ſie ihm einen Sohn, und dieſes neue Wun⸗ der hielt ſie wieder und noch mehr zu Hauſe. Brigitta pflegte ihr Kind, — 366— Murai verſah ſeine Geſchäfte; denn der Vater hatte ihm einen Theil der Güter abgetreten, und dieſe verwaltete er von der Stadt aus. Dies machte manche Umwege nöthig, und häufte manche Dinge, die ſonſt zu entrathen geweſen wären. Als der Knabe ſo weit entwickelt war, daß unmittelbare Pflege nicht gar ſo ſehr mehr noth that, als Murai ſeine Geſchäfte ſchon geordnet und in einen gleichen Gang gebracht hatte, fing er an, ſeine Gattin häu⸗ figer auf öffentliche Plätze, in Geſellſchaften, auf Spaziergänge, in das Schauſpiel zu führen, als er es ſonſt zu thun gewohnt war. Hiebei be⸗ merkte ſie, daß er ſie vor Leuten noch zarter und noch aufmerkſamer behandle, als ſelber zu Hauſe. Sie dachte:„Jetzt weiß er, was mir fehlt,“ und hielt das erſtickende Herz an ſich. Im nächſten Frühlinge nahm er ſie und ſein Kind auf eine Reiſe mit, und da ſie gegen den Herbſt zurück kamen, ſchlug er vor, lieber für beſtändig auf dem Lande, auf einem ſeiner Güter zu wohnen; denn auf dem Lande ſei es doch viel ſchöner und viel annehmlicher, als in der Stadt. Brigitta folgte ihm auf das Landgut. Hier fing er an zu wirthſchaften und umzuändern, und den Reſt der Zeit, der ihm übrig war, zum Jagen zu verwenden. Und hier führte ihm das Schickſal ein ganz anderes Weib entgegen, als er es immer zu ſehen gewohnt war. Auf einer der einſamen Jagden, die er jetzt häufig that, wo er nämlich mit ſeiner Büchſe allein durch die Gegend ging oder ritt, hatte er ſie erblickt. Als er einmal ſein Pferd langſam durch einen Weide⸗ bruch ein wenig abwärts leitete, hatte er plötzlich durch das dichte Ge⸗ büſch her zwei Augen gegenüber erſchrocken und ſchön, wie die einer fremdländiſchen Gazelle, und neben den grünen Blättern hatte das ſüßeſte Morgenroth der Wangen geglüht. Es war nur ein Augenblick; denn ehe er recht hin ſehen konnte, hatte das Weſen, das ebenfalls zu Pferde war, und in dem Gebüſche ſtand, das Pferd gewendet und flog über die Ebene zwiſchen den leichten Büſchen davon. Es war Gabriele geweſen, die Tochter eines greiſen Grafen, der in der Nachbarſchaft wohnte, ein wildes Geſchöpf, das ihr Vater auf dem Lande erzog, wo er ihr alle und jede Freiheit ließ, weil er meinte, daß ſie ſich nur ſo am naturgemäßeſten entfalte, und nicht zu einer Puppe ge⸗ rathe, wie er ſie nicht leiden konnte. Die Schönheit dieſer Gabriele war ſchon weithin berühmt geworden, nur zu Murais Ohren war der Ruf noch nicht gedrungen, weil er bisher nie auf dieſem ſeinem Landgute geweſen war, und in letzter Zeit ſich auf ſeiner großen Reiſe befunden hatte. Nach mehreren Tagen trafen die Beiden ſchier auf derſelben Stelle wieder zuſammen, und dann öſter und öfter. Sie fragten nicht, wer und woher ſie ſeien, ſondern das Mädchen, gleichſam ein Abgrund von Un⸗ befangenheit, ſcherzte, lachte, neckte ihn, und trieb ihn meiſtens zu küh⸗ nen übermüthigen Wettreiten an, wo ſie, wie ein himmliſches tolles, glühendes Räthſel neben ihm her flog. Er ſcherzte mit, und ließ ſie mei⸗ ſtens ſiegen. Eines Tages aber, als ſie vor Erſchöpfung athemlos, nur durch wiederholtes Haſchen nach ſeinem Zügel andeuten konnte, daß ſie wolle, daß er halten ſolle, und als ſie beim Herabheben vom Pferde ſchmachtend geflüſtert hatte, ſie ſei beſiegt— damals, nachdem er ihren Steigbügelriemen, an dem etwas gebrochen war, wieder hergeſtellt hatte, und ſie nun verglühend an einem Baumſtamme ſtehen ſah— riß er ſie plötzlich an ſich, preßte ſie an ſein Herz, und ehe er ſehen konnte, ob ſie zürne oder frohlocke, ſprang er auf ſein Pferd und jagte davvn.— Es war Uebermuth geweſen, aber ein Taumel unbeſchreiblichen Entzückens war in jenem Augenblicke in ihm, und vor ſeiner Seele, wie er heim ritt, hing das Bild der ſanften Wange, des ſüßen Athems, und der ſpiegelnden Augen. Sie hatten ſich von da an nicht mehr geſucht, aber da ſie ſich einmal zufällig auf einen Augenblick in dem Saale eines Nachbars ſahen, wur⸗ den beider Wangen von einem tiefen Scharlache übergoſſen. Murai ging dann auf eine ſeiner ferneren Beſitzungen, und änderte dort alle Verhältniſſe um, die er vorfand. Brigitta's Herz aber war zu Ende. Es war ein Weltball von Scham in ihrem Buſen empor gewachſen, wie ſie ſo ſchwieg, und wie eine ſchattende Wolke in den Räumen des Hauſes herum ging. Aber endlich nahm ſie das aufgequollne ſchreiende Herz gleichſam in ihre Hand, und zerdrückte es. Als er von ſeinen Umänderungen auf dem entfernten Landgute zu⸗ rück kam, ging ſie in ſein Zimmer, und trug ihm mit ſanften Worten die Scheidung an. Da er heftig erſchrak, da er ſie bat, da er ihr Vorſtellun⸗ gen machte, ſie aber immer dieſelben Worte ſagte:„Ich habe es Dir ge⸗ — ſagt, daß es Dich reuen wird, ich habe es Dir geſagt, daß es Dich reuen wird,“— ſprang er auf, nahm ſie bei der Hand, und ſagte mit inniger Stimme:„Weib, ich haſſe Dich unausſprechlich, ich haſſe Dich unaus⸗ ſprechlich!“ Sie ſagte kein Wort, ſondern ſah ihn blos mit den trockenen, ent⸗ zündeten Augen an— aber als er nach drei Tagen ſeine Reiſekoffer ge⸗ packt und fortgeſchickt hatte— als er nun ſelber in Reiſekleidern gegen Abend fortgeritten war: ſo lag ſie, wie einſt, da ſie die Dichtungen ihres Herzens den Büſchen des Gartens zugerufen hatte, auch jetzt vor Schmerz auf dem Teppiche ihres Zimmerbodens, und ſo heiße Tropfen rannen aus ihren Augen, als müſſen ſie ihr Gewand, den Teppich und das Ge⸗ täfel des Bodens durchbrennen— es waren die letzten, die ſie dem noch immer Heißgeliebten nach ſandte, dann keine mehr. Er ritt indeſſen auf der finſtern Ebene, und hatte hundertmal im Sinne, ſich mit der Sattel⸗ piſtole das ſiedende Gehirn zu zerſchmettern. Er war bei ſeinem Ritte, da es noch Tag war, an Gabrielen vorüber gekommen, ſie ſtand auf dem Balkon ihres Schloſſes, aber er hatte nicht hinauf geſehen und war weiter geritten. Nach einem halben Jahre ſandte er die Einwilligung zur Scheidung, und trat ihr auch den Knaben ab, war es nun, daß er ihn in ihren Hän⸗ den beſſer aufgehoben meinte, war es noch die alte Liebe, die ihr nicht alles rauben wollte, ihr, die nun ganz allein ſei, während ihm die weite Welt vor Augen lag. In Bezug auf das Vermögen hatte er für ſie und den Knaben am günſtigſten geſorgt, wie es nur immer möglich war. Er ſandte die Papiere, die dieſe Sache enthielten, mit. Dies war das erſte und letzte Zeichen, das Murai von ſeinem Daſein gegeben hatte, nachher kam keines mehr, und er erſchien auch nicht wieder. Die Summen, die er brauchte, waren an ein Antwerpner Haus angewieſen. Dies ſagte ſpäter ſein Verwalter, mehr wußte der auch nicht. Um dieſe Zeit waren kurz nacheinander Brigitta's Vater, ihre Mut⸗ ter und die beiden Schweſtern geſtorben. Murai's Vater, der ohnedem ſchon ſehr alt war, ſtarb auch in kurzer Zeit darnach. So war Brigitta im ſtrengen Sinne des Wortes ganz allein mit ihrem Kinde. Sie hatte ſehr weit von der Hauptſtadt ein Haus auf einer öden Haide, wo ſie Niemand kannte. Das Gut hieß Maros hely, woher auch e — 369— der Name der Familie ſtammte. Nach der Scheidung nahm ſie ihren ur⸗ ſprünglichen Namen Maroshely wieder an, und begab ſich in das Haide⸗ haus, um ſich dort zu verbergen. So wie ſie einſtens, wenn man ihr wohl aus Mitleiden eine ſchöne Puppe gegeben hatte, dieſelbe nach kurzer Freude wieder weg warf, und ſchlechte Dinge in ihr Bettchen trug, als Steine, Hölzchen und der⸗ gleichen; ſo nahm ſie jetzt auch ihr größtes Gut, das ſie hatte, nach Maroshely mit, ihren Sohn, pflegte und hütete ihn, und ihr Auge hing einzig und allein über dem Bettchen desſelben. Wie er größer wurde, und ſein kleines Auge und ſein Herz ſich er⸗ weiterte, that es auch das ihre mit; ſie begann die Haide um ſich zu ſehen, und ihr Geiſt fing an, die Oede rings um ſich zu bearbeiten. Sie nahm Männerkleider, ſtieg wieder, wie einſt in ihrer Jugend, zu Pferde, und erſchien unter ihrem Geſinde. Wie der Knabe ſich nur auf einem Pferde halten konnte, war er überall mit, und die thätige, ſchaffende, heiſchende Seele ſeiner Mutter floß allgemach in ihn. Dieſe Seele griff immer weiter um ſich, der Himmel des Erſchaffens ſenkte ſich in ſie; grüne Hügel ſchwellten ſich, Quellen rannen, Reben flüſterten, und in das öde Steinfeld war ein kraftvoll weiterſchreitend Heldenlied gedichtet. Und die Dichtung trug, wie ſie thut, auch ihren Segen. Manche ahmten nach, es erhob ſich der Verein, Entferntere wurden begeiſtert, und hie und da auf der öden blinden Haide ſchlug ſich ein menſchlich freies Wal⸗ ten, wie ein ſchönes Auge auf. Nach fünfzehn Jahren, während welchen Brigitta auf Maroshely hauſte, kam der Major, indem er ſeinen Landſitz Uwar, wo er ſonſt nie geweſen war, bezog. Von dieſem Weibe lernte er, wie er mir ſelber ſagte, Thätigkeit und Wirken— und zu dieſem Weibe faßte er jene tiefe und verſpätete Reigung, von der wir oben erzählt haben. Nachdem nun, wie am Eingange des Abſchnittes erwähnt wurde, dieſer Theil aus Brigitta's früherem Leben erzählt iſt, gehen wir wieder in der Entwicklung der Zuſtände weiter, wo wir ſie gelaſſen. Stifter. 4. Aufl. H. Steppengegenwart. Wir ritten nach Maroshely. Brigitta iſt wirklich jenes reitende Weib geweſen, das mir die Pferde mitgegeben hatte. Sie erinnerte ſich mit freundlichem Lächeln an unſere alte Bekanntſchaft. Meine Wangen wur⸗ den roth, weil ich auf das Trinkgeld dachte. Es war Niemand anderer zum Beſuche da, als der Major und ich. Er ſtellte mich als einen Reiſe⸗ bekannten vor, mit dem er einmal viel zuſammen geweſen ſei, und von dem er ſich ſchmeichle, daß er nun von einem Bekannten in einen Freund über zu gehen im Begriffe ſei. Ich erlebte die Freude— und es war mir wirklich keine unbedeutende— daß ſie faſt alle Dinge wußte, die ſich auf mein früheres Zuſammenſein mit ihm bezogen, daß er ihr alſo viel von mir erzählt haben mußte, daß er noch mit Vorliebe bei jenen Tagen ver⸗ weile, und daß ſie es der Mühe werth hielt, ſich dieſe Sache zu merken. Sie ſagte, ſie wolle mich nicht in ihrem Schloſſe und in ihren Fel⸗ dern herum führen, ich werde das gelegentlich ſehen, wenn wir ſpazieren gehen, und wenn ich oft genug von Uwar werde herüber gekommen ſein, wozu ſie mich höflich einlade. Dem Major machte ſie einen Vorwurf, warum er denn ſo lange nicht herüber gekommen ſei. Er entſchuldigte ſich mit den vielen Geſchäf⸗ ten, und hauptſächlich damit, daß er ohne mich nicht herüber reiten wollte, und daß er doch vorher erſt ſehen wollte, wie ſehr oder wie wenig ich zu ſeiner Freundin paſſe. Wir gingen in einen großen Saal, in dem wir ein wenig aus⸗ ruhten. Der Major zog eine Schreibtafel hervor und fragte ſie um meh⸗ rere Dinge, die ſie klar und einfach beantwortete, und von denen er ſich manche aufzeichnete. Auch ſie fragte dann um Verſchiedenes, was ſich auf manchen Nachbar, auf die Geſchäfte des Augenblickes, oder auf den künftigen Landtag bezog. Ich ſah bei dieſer Gelegenheit, mit welch tie⸗ fem Ernſte ſie die Dinge behandelten, und welche Aufmerkſamkeit der Major auf ihre Meinungen legte. Wo ſie in etwas unſicher war, ge⸗ ſtand ſie ihre Unwiſſenheit und bat den Major um Berichtigung. Als wir ausgeruht hatten, und der Major die Schreibtafel einſteckte, ſtanden wir auf, um in den Beſitzungen einen Spaziergang zu machen. — Hier redete man häufig von den Veränderungen, die erſt jüngſt in ihrem Hauſe entſtanden waren. Wenn ſie hiebei auf Dinge ſeines Hauſes kam, war es mir, als läge eine Art Zärtlichkeit darinnen, wie ſie ſich um die⸗ ſelben bekümmerte. Sie zeigte ihm den neuen hölzernen Säulengang am Gartengeſchvſſe des Hauſes, und fragte, ob ſie Reben hinan ziehen ſolle; an ſeinen Hoffenſtern, meinte ſie, ließe ſich auch ſo ein Ding anbringen, wo es ſich in der Spätherbſtſonne recht angenehm ſitze. Sie führte uns in den Park, der vor zehn Jahren ein wüſter Eichenwald geweſen war; jetzt gingen Wege durch, floſſen eingehegte Quellen, und wandelten Rehe. Sie hatte durch unſägliche Ausdauer um den ungeheuren Umfang desſel⸗ ben eine hohe Mauer gegen die Wölfe aufführen laſſen. Das Geld hiezu zog ſie langſam aus ihrem Viehſtande, und aus den Maisfeldern, deren Pflege ſie ſehr empor gebracht hatte. Als die Einhegung fertig war, ging man in einem geſchloſſenen Jagen Schritt für Schritt durch jede Stelle des Parkes, um zu ſehen, ob man nicht etwa einen Wolf zu künftiger Brut mit eingemauert habe. Aber es war keiner zugegen. Dann erſt wurden Rehe in die Einhegung geſetzt, und für Anderes Vorkehrungen gemacht. Die Rehe, ſchien es, wußten das alles und dankten ihr dafür; denn, wenn wir manches bei unſerem Gange ſahen, war es nicht ſcheu und blickte mit den dunkeln, glänzenden Augen gegen uns herüber. Bri⸗ gitta führte ihre Gäſte und Freunde recht gerne durch den Park, weil fie ihn liebte. Wir kamen oben auch zur Anlage der Faſanen. Wie wir ſo durch die Wege gingen, und weiße Wolken durch die Eichenwipfel herein ſchauten, gewann ich Gelegenheit, Brigitta zu bettachten. Ihre Augen, ſchien es mir, waren noch ſchwärzer und glänzender, als die der Rehe, und mochten heute beſonders hell ſtrahlen, weil der Mann an ihrer Seite ging, der ihr Wirken und Schaffen zu würdigen verſtand. Ihre Zähne waren ſchneeweiß, und der für ihre Jahre noch geſchmeidige Wuchs zeigte von unverwüſtlicher Kraft. Da ſie den Major erwartet hatte, war ſie in Frauenkleidern und hatte ihre Geſchäfte bei Seite geſetzt, weil ſie den Tag für uns widmete. Unter Geſprächen der verſchiedenſten Art, von der Zukunft des Lan⸗ des, von Hebung und Verbeſſerung des gemeinen Mannes, von Bearbei⸗ tung und Benützung des Bodens, von Ordnung und Einſchränkung des Donauſtromes, von ausgezeichneten Perſönlichkeiten der Vaterlands⸗ freunde, kamen wir durch den größten Theil des Parkes, da ſie uns, wie 24* ich ſchon oben ſagte, nicht durch ihre Beſitzungen herum führen, ſondern uns nur Geſellſchaft leiſten wollte. Da wir zu dem Hauſe zurückkehrten, war es Eſſenszeit. Zum Mahle kam auch Guſtav, der Sohn Brigitta's, mit ziemlich verbrannten Wangen, ein lieblich ſchlanker Jüngling, eine Blume von Geſundheit. Er hatte heute an der Stelle der Mutter die Felder beſucht, und die Arbeiten eingetheilt, und berichtete ihr jetzt man⸗ ches mit kurzen Worten. Bei Tiſche ſaß er horchend und beſcheiden un⸗ ten an; in ſeinen ſchönen Augen lag Begeiſterung für die Zukunft und unendliche Güte für die Gegenwart. Da auch, wie bei dem Major, das Geſinde mit an dem Tiſche ſaß, ſo bemerkte ich meinen Freund Miloſch, der mich zum Zeichen alter Bekanntſchaft grüßte. Der größte Theil des Nachmittages verging mit Beſichtigung meh⸗ rerer Veränderungen, die dem Major neu waren, mit einer Runde im Garten, und mit einem Gange durch den Weinberg. Gegen Abend nahmen wir Abſchied. Da wir unſere Kleider zuſam⸗ men ſuchten, machte Brigitta dem Major einen Vorwurf, daß er neulich in der Nachtluft von Gömör weg in leichten Kleidern nach Hauſe geritten ſei— ob er denn nicht wiſſe, wie tükiſch die Thauluft dieſer Ebene ſei, daß er ſich ſo ausſetze?! Er vertheidigte ſich nicht, und ſagte, er werde in Zukunft ſchon vorſichtiger ſein. Ich aber wußte recht gut, daß er da⸗ mals ſeine Bunda Guſtav aufgenöthigt hatte, der ohne eine gekommen war, und dem er vorgelogen hatte, daß er noch eine andere im Stalle lie⸗ gen habe. Dieſes Mal aber ſchieden wir mit allem hinlänglich verſorgt und verwahrt. Brigitta ſelbſt bekümmerte ſich um jedes, und ging erſt in das Haus zurück, als wir ſchon in unſern dichten Oberkleidern zu Pferde ſaßen, und der Mond aufging. Sie hatte dem Major noch ein paar Aufträge gegeben, und beurlaubte ſich dann mit einfacher edler Freund⸗ lichkeit. Die Geſpräche der zwei Menſchen waren den ganzen Tag über ruhig und heiter geweſen, aber mir ſchien es, als zitterte eine heimliche Innig⸗ keit durch, der ſich beide ſchämten Raum zu geben, wahrſcheinlich, weil ſie ſich für zu alt hielten. Auf dem Rückwege aber ſagte der Major zu mir, als ich mich einiger wahrhafter aufrichtiger Lobesworte auf dieſe Frau nicht enthalten konnte: Freund! ich bin oft in meinem Leben heiß begehrt worden, ob auch ſo geliebt, weiß ich nicht; aber die Geſellſchaft und die Achtung dieſer Frau iſt mir ein größeres Glück auf dieſer Welt — 373— geworden, als jedes andere in meinem Leben, das ich für eines gehalten habe.“ Er hatte dieſe Worte ohne alle Leidenſchaft geſagt, aber mit einer ſolchen Ruhe der Gewißheit, daß ich in meinem Herzen von der Wahr⸗ heit derſelben vollſtändig überzeugt war. Mir geſchah es in dieſem Augen⸗ blicke beinahe, was ſonſt nicht meine Art iſt, daß ich den Major um dieſe Freundſchaft und um ſein häusliches Wirken beneidete; denn ich hatte damals recht auf der ganzen Welt nichts Feſtes, um mich daran zu hal⸗ ten, als etwa meinen Wanderſtab, den ich wohl in Bewegung ſetzte, die⸗ ſes und jenes Land zu ſehen, der aber doch nicht recht nachhalten wollte. Als wir nach Hauſe kamen, trug mir der Major an, daß ich noch den Sommer und Winter bei ihm zubringen möchte. Er hatte begonnen, mich mit größerer Vertraulichkeit zu behandeln, und mich tiefer in ſein Leben und ſein Herz blicken zu laſſen, daß ich eine große Liebe und Rei⸗ gung zu dem Manne faßte. Ich ſagte alſo zu. Und da ich dieſes nun einmal gethan hätte, ſagte er, ſo wolle er mir auch ſogleich einen Ge⸗ ſchäftszweig ſeines Hauſes auftragen, den ich ſtändig beſorgen ſollte— es würde mich nicht reuen, ſagte er, und würde mir gewiß in der Zukunft von Rutzen ſein. Ich willigte ebenfalls ein, und in der That, es war mir von Nutzen. Daß ich nun einen Hausſtand habe, daß ich eine liebe Gattin habe, für die ich wirke, daß ich nun Gut um Gut, That um That in unſern Kreis herein ziehe, verdanke ich dem Major. Als ich einmal ein Theil jenes einträchtigen Wirkens war, das er entfaltete, wollte ich doch die Sache ſo gut machen, als ich konnte, und da ich mich übte, machte ich ſie immer beſſer, ich war nütze und achtete mich— und da ich die Süßigkeit des Schaffens kennen lernte, erkannte ich auch, um wie viel mehr werth ſei, was ein gegenwärtig Gutes ſetzt, als das bisherige Hin⸗ ſchlendern, das ich Erfahrungen ſammeln nannte, und ich gewöhnte mich an Thätigkeit. So ging die Zeit nach und nach hin, und ich war unendlich gerne in Uwar und ſeiner Umgebung. Ich kam in dieſen Verhältniſſen öfter nach Maroshely. Man achtete mich, und ich war faſt wie ein Glied der Familien, und lernte die Sach⸗ lage immer beſſer kennen. Von einer unheimlichen Leidenſchaft, von einem ſieberhaften Begehren, oder gar von Magnetismus, wie ich gehört hatte, war keine Spur. Dagegen war das Verhältniß zwiſchen dem Major und — 374— Brigitta von ganz merkwürdiger Art, daß ich nie ein ähnliches erlebt habe. Es war ohne Widerrede das, was wir zwiſchen Perſonen verſchiedenen Geſchlechtes Liebe nennen würden, aber es erſchien nicht als ſolches. Mit einer Zartheit, mit einer Verehrung, die wie an die Hinneigung zu einem höheren Weſen erinnerte, behandelte der Major das alternde Weib; ſie war mit ſichtlicher innerlicher Freude darüber erfüllt, und dieſe Freude, wie eine ſpäte Blume, blühte auf ihrem Antlitze, und legte einen Hauch von Schönheit darüber, wie man es kaum glauben ſollie, aber auch die feſte Roſe der Heiterkeit und Geſundheit. Sie gab dem Freunde dieſelbe Achtung und Verehrung zurück, nur daß ſich zuweilen ein Zug von Be⸗ ſorgniß um ſeine Gefundheit, um ſeine kleinen Lebensbedürfniſſe und der⸗ gleichen einmiſchte, der doch wieder dem Weibe und der Liebe angehörte. Ueber dieſes hinaus ging das Benehmen beider nicht um ein Haar— und ſo lebten ſie neben einander fort. Der Major ſagte einmal zu mir, daß ſie in einer Stunde, wo ſie, wie es ſelten zwiſchen Menſchen geſchieht, mit einander inniger über ſich ſelber ſprachen, feſtgeſetzt haben, daß Freundſchaft der ſchönſten Art, daß Aufrichtigkeit, daß gleiches Streben und Mittheilung zwiſchen ihnen herr⸗ ſchen ſollte, aber weiter nichts; an dieſem ſittlich feſten Altare wollen ſie ſtehen bleiben, vielleicht glücklich bis zum Lebensende— ſie wollen keine Frage weiter an das Schickſal thun, daß es keinen Stachel habe, und nicht wieder tückiſch ſein möge. Dies ſei nun ſchon mehrere Jahre ſo, und werde ſo bleiben. Das hatte der Major zu mir geſagt— allein in einiger Zeit darauf that das ungefragte Schickſal von ſelber eine Antwort, die alles ſchnell und auf unerwartete Art löſete. Es war ſchon ſehr ſpät im Herbſte, man könnte ſagen, zu Anfang Winters, ein dichter Nebel lag eines Tages auf der bereits feſt gefrornen Haide, und ich ritt eben mit dem Major auf jenem neugebauten Wege mit der jungen Pappelallee, wir hatten vor, vielleicht ein wenig zu jagen, als wir plötzlich durch den Nebel herüber zwei dumpfe Schüſſe fallen hörten. „Das ſind meine Piſtolen, und keine andern,“ rief der Major. Ehe ich etwas begreifen und fragen konnte, ſprengte er ſchon die Allee entlang, ſo furchtbar, wie ich nie ein Pferd habe laufen geſehen, ich folgte ihm nach, weil ich ein Unglück ahnete, und als ich wieder zu ihm kam, traf ich auf ein Schauſpiel, ſo gräßlich und ſo herrlich, daß noch jetzt meine Seele ſchaudert und jauchzt: an der Stelle, wo der Gal⸗ gen ſteht, und der Binſenbach ſchillert, hatte der Major den Knaben Guſtav gefunden, der ſich nur noch matt gegen ein Rudel Wölfe wehrte. Zwei hatte er erſchoſſen, einen, der vorne an ſein Pferd geſprungen war, wehrte er mit ſeinem Eiſen, die andern bannte er für den Augenblick mit der Wuth ſeiner vor Angſt und Wildheit leuchtenden Augen, die er auf ſie bohrte; aber harrend und lechzend umſtanden ſie ihn, daß eine Wen⸗ dung, ein Augenzucken, ein Nichts Grund werden könne, mit eins auf ihn zu fallen— da, im Augenblicke der höchſten Noth, erſchien der Ma⸗ jor. Als ich ankam, war er ſchon wie ein verderblich Wunder, wie ein Meteor, mitten unter ihnen— der Mann war faſt entſetzlich anzuſchauen, ohne Rückſicht auf ſich, faſt ſelber wie ein Raubthier warf er ſich ihnen entgegen. Wie er von dem Pferde gekommen war, hatte ich nicht ge⸗ ſehen, da ich ſpäter ankam; den Knall ſeiner Doppelpiſtole hatte ich ge⸗ hört, und wie ich auf dem Schauplatze erſchien, glänzte ſein Hirſchfänger gegen die Wölfe, und er war zu Fuß. Drei— vier Sekunden mochte es gedauert haben, ich hatte blos Zeit, mein Jagdgewehr unter ſie abzu⸗ drücken, und die unheimlichen Thiere waren in den Rebel zerſtoben, als wären ſie von ihm eingetrunken worden. „Ladet,“ ſchrie der Major,„ſie werden gleich wieder hier ſein.“ Er hatte die weggeſchleuderten Piſtolen aufgerafft, und ſtieß die Patronen hinein. Wir luden auch, und in dem Augenblicke, da wir ein wenig ſtill waren, vernahmen wir den unheimlichen Trab um die Gal⸗ geneiche hetum. Es war klar, die hungrigen geängſteten Thiere umkreis⸗ ten uns, bis ihnen wieder etwa der Muth zum Angriffe gewachſen ſein würde Eigentlich ſind dieſe Thiere, wenn ſie nicht von dem Hunger ge⸗ ſpornt werden, feig. Wir waren zu einer Wolfsjagd nicht gerüſtet, der unſelige Rebel lag dicht vor unſern Augen, daher ſchlugen wir den Weg zu dem Schloſſe ein. Die Pferde ſchoſſen in Todesangſt dahin, und da wir ſo ritten, ſah ich es mehr als einmal wie einen jagenden Schatten neben mir, grau im grauen Nebel. In unſäglicher Geduld eilte die Heerde neben uns. Wir mußten in ſteter Bereitſchaft ſein. Von dem Major fiel einmal links ein Schuß, aber wir erkannten nichts, zum Re⸗ den war keine Zeit, und ſo langten wir an dem Parkgitter an, und wie wir hinein drangen, brachen die edlen, ſchönen, dahinter hartenden Dog⸗ § * 2 — gen neben uns heraus, und in demſelben Augenblicke ſcholl auch ſchon aus dem Nebel ihr wüthendes Heulen, hinter den Wölfen haidewärts ſchweifend. „Sitzt alle auf,“ rief der Major den entgegen eilenden Knechten zu, „laßt alle Wolfshunde los, daß meine armen Doggen nichts leiden. Bietet die Nachbarn auf, und jagt, ſo viel Tage ihr wollt. Ich gebe für jeden todten Wolf das doppelte Schußgeld, die ausgenommen, die an der Galgeneiche liegen; denn die haben wir ſelbſt getödtet. An der Eiche liegt vielleicht auch eine der Piſtolen, die ich voriges Jahr an Guſtav ge⸗ ſchenkt habe, denn ich ſehe nur eine in ſeiner Hand, und das Sattelfach der andern iſt leer; ſeht zu, ob es ſo iſt.“ „Seit fünf Jahren,“ ſagte er zu mir gewendet, da wir im Parke weiter ritten,„hat ſich kein Wolf ſo nahe zu uns gewagt, und es war ſonſt ganz ſicher hier. Es muß einen harten Winter geben, und er muß in den nördlichen Ländern ſchon begonnen haben, daß ſie ſich bereits ſo weit herab drücken.“ Die Knechte hatten den Befehl des Herrn vernommen und in weni⸗ ger Zeit, als es mir glaublich ſchien, war ein Haufen Jäger ausgerüſtet, und das Geſchlecht jener ſchönen zottigen Hunde war neben ihnen, das den ungariſchen Haiden eigen und für ſie ſo unentbehrlich iſt. Man be⸗ redete ſich, wie man die Nachbarn abholen wolle, und dann gingen ſie fort, um eine Jagd einzuleiten, von der ſie erſt in acht, vierzehn, oder noch mehreren Tagen zurückkehren würden. Wir hatten alle drei, ohne von den Pferden zu ſteigen, dem größten Theil dieſer Anſtalten zugeſchaut. Als wir uns aber von dem Wirth⸗ ſchaftsgebäuden dem Schloſſe zuwendeten, ſahen wir, daß Guſtav doch verwundet ſei. Als wir nämlich unter dem Thorbogen anlangten, von wo wir in unſere Zimmer wollten, wandelte ihn eine Uebelkeit an, und er drohte von dem Pferde zu ſinken. Einer von den Leuten fing ihn auf und hob ihn herunter, da ſahen wir, daß die Lenden des Thieres von Blut gefärbt waren. Wir brachten ihn in eine Wohnung des Erdge⸗ ſchoſſes, die gegen den Garten hinaus ging, der Major befahl ſogleich Feuer in den Kamin zu machen, und das Bett zu bereiten. Als indeſſen die ſchmerzende Stelle entblößt worden war, unterſuchte er ſelber die Wunde. Es war ein leichter Biß im Schenkel, ohne Gefahr, nur der Blutverluſt und die vorhergegangene Aufregung ließ jetzt den Jüngling mit Ohnmachten kämpfen. Er ward in das Bett gebracht, und ſofort ein Bote an den Arzt und einer an Brigitta abgefertigt. Der Major blieb bei dem Bette und ſorgte, daß keine der Ohnmachten überhand nehmen könne. Als der Arzt kam, gab er ein ſtärkendes Mittel, erklärte die Sache für durchaus ungefährlich, und ſagte, daß der Blutverluſt ſel⸗ ber ein Heilmittel geweſen ſei, da er die Heftigkeit der Entzündung min⸗ dere, die ſonſt ſolchen Bißwunden gerne folge. Das einzige Krankheits⸗ übel ſei die Gewalt der Gemüthsbewegung, und ein paar Tage Ruhe werde das Fieber und die Abſpannung gänzlich heben. Man war be⸗ ruhigt und erfreut, und der Arzt ſchied unter den Dankſagungen aller; denn es war keiner, der den Knaben nicht liebte. Gegen Abend erſchien Brigitta, und nach ihrer entſchloſſenen Art ruhte ſie nicht eher, als bis ſie den Körper ihres Sohnes Glied um Glied geprüft und ſich überzeugt hatte, daß außer der Bißwunde nichts vorhanden ſei, das ein Uebel drohen könnte. Als die Unterſuchung vorüber war, blieb ſie doch noch an dem Bette ſitzen, und reichte nach der Vorſchrift des Arztes die Arznei. Für die Nacht mußte ihr ein ſchnell zuſammengerafftes Bette in dem Krankenzimmer gemacht werden. Am andern Morgen ſaß ſie wieder ne⸗ ben dem Jünglinge, und horchte auf ſeinen Athem, da er ſchlief und ſo ſüß und erquickend ſchlief, als wolle er nie mehr erwachen.— Da ge⸗ ſchah ein herzerſchütternder Auftritt. Ich ſehe den Tag noch vor Augen. Ich war hinab gegangen, um mich nach dem Befinden Guſtav's zu er⸗ kundigen, und trat in das Zimmer, das neben dem Krankengemache be⸗ findlich war, ein. Ich habe ſchon geſagt, daß die Fenſter gegen den Gar⸗ ten hinaus gingen: die Nebel hatten ſich gehoben, und eine rothe Win⸗ terſonne ſchaute durch die entlaubten Zweige in das Zimmer herein. Der Major war ſchon zugegen, er ſtand an dem Fenſter, das Angeſicht gegen das Glas gekehrt, als ſähe er hinaus. Im Krankengemache, durch deſſen Thür ich hinein ſchaute, und deſſen Fenſter durch ganz leichte Vorhänge etwas verdunkelt war, ſaß Brigitta und ſah auf ihren Sohn. Plötzlich entrang ſich ihren Lippen ein freudiger Seußer, ich blickte genauer hin, und ſah, daß ihr Auge mit Süßigkeit an dem Antlitze des Knaben hänge, der die ſeinigen offen hatte; denn er war nach langem Schlafe aufge⸗ wacht und ſchaute heiter um ſich. Aber auch auf der Stelle, wo der Major geſtanden war, hatte ich ein leichtes Geräuſch vernommen, und wie ich hinblickte, ſah ich, daß er ſich halb umgewendet hatte, und daß an ſeinen Wimpern zwei harte Tropfen hingen. Ich ging gegen ihn, und fragte ihn, was ihm ſei. Er antwortete leiſe:„Ich habe kein Kind.“ Brigitta mußte mit ihrem ſcharfen Gehöre die Worte vernommen haben; denn ſie erſchien in dieſem Augenblicke unter der Thür des Zim⸗ mers, ſah ſehr ſcheu auf meinen Freund, und mit einem Blicke, den ich nicht beſchreiben kann, und der ſich gleichſam in der zaghafteſten Angſt nicht getraute, eine Bitte auszuſprechen, ſagte ſie nichts, als das einzige Wort:„Stephan.“ Der Major wendete ſich vollends herum— beide ſtarrten ſich eine Sekunde an— nur eine Sekunde— dann aber vorwärts tretend lag er eines Sturzes in ihren Armen, die ſich mit maßloſer Heftigkeit um ihn ſchloſſen. Ich hörte nichts, als das tiefe leiſe Schluchzen des Mannes, wobei das Weib ihn immer feſter umſchlang, und immer feſter an ſich drückte. „Nun keine Trennung mehr, Brigitta, für hier und die Ewigkeit.“ „Keine, mein theurer Freund!“ Ich war in höchſter Verlegenheit und wollte ſtille hinaus gehen; aber ſie hob ihr Haupt und ſagte:„Bleiben Sie, bleiben Sie.“ Das Weib, das ich immer ernſt und ſtrenge geſehen hatte, hatte an ſeinem Halſe geweint. Nun hob ſie, noch in Thränen ſchimmernd, die Augen— und ſo herrlich iſt das Schönſte, was der arme, fehlende Menſch hienieden vermag, das Verzeihen— daß mir ihre Züge wie in unnachahmlicher Schönheit ſtrahlten und mein Gemüth in tiefer Rüh⸗ rung ſchwamm. „Arme, arme Gattin,“ ſagte er beklommen,„fünfzehn Jahre mußte ich Dich entbehren und fünfzehn Jahre warſt Du geopfert.“ Sie aber faltete die Hände, und ſagte bittend in ſein Antlitz blickend: „Ich habe gefehlt, verzeihe mir, Stephan, die Sünde des Stolzes— ich habe nicht geahnt, wie gut Du ſeiſt— es war ja blos natürlich, es iſt ein ſanftes Geſetz der Schönheit, das uns ziehet.“—— 6r hielt ihr den Mund zu, und ſagte:„Wie kannſt Du nur ſo reden, Brigitta— ja, es zieht uns das Geſetz der Schönheit, aber ich mußte die ganze Welt durchziehen, bis ich lernte, daß ſie im Herzen liegt, und daß ich ſie daheim gelaſſen in einem Herzen, das es einzig gut mit mir gemeint hat, das feſt und treu iſt, daß ich verloren glaubte, und das doch durch alle Jahre und Länder mit mir gezogen.— O Brigitta, Mutter meines Kindes! Du ſtandeſt Tag und Nacht vor meinen Augen.“ — „Ich war Dir nicht verloren,“ antwortete ſie,„ich habe traurige, reuevolle Jahre verlebt!— Wie biſt Du gut geworden, jetzt kenne ich Dich, wie biſt Du gut geworden, Stephan!“ Und wieder ſtürzten ſie ſich in die Arme, als könnten ſie ſich nicht erſättigen, als könnten ſie an das gewonnene Glück nicht glauben. Sie waxen wie zwei Menſchen, von denen eine große Laſt genommen iſt. Die Welt ſtand wieder offen. Eine Freude, wie man ſie nur an Kindern findet, war an ihnen— in dem Augenblicke waren ſie auch unſchuldig, wie die Kinder; denn die reinigendſte, die allerſchönſte Blume der Liebe, aber nur der höchſten Liebe, iſt das Verzeihen, darum wird es auch im⸗ mer an Gott gefunden und an Müttern. Schöne Herzen thun es öfter — ſchlechte nie. Die zwei Gatten hatten mich wieder vergeſſen und wandten ſich in das Krankenzimmer, wo Guſtav, der das Ganze dunkel ahnte, wie eine glühende, blühende Roſe lag, und ihnen athemlos entgegen harrte. „Guſtav, Guſtav, er iſt Dein Vater, und Du haſt es nicht gewußt,“ rief Brigitta, als ſie über die Schwelle in das verdunkelte Zimmer traten. Ich aber ging in den Garten hinaus, und dachte:„O wie heilig, o wie heilig, muß die Gattenliebe ſein, und wie arm biſt du, der du von ihr bisher nichts erkannteſt, und das Herz nur höchſtens von der trüben Lohe der Leidenſchaft ergreifen ließeſt.— Erſt ſpät ging ich in das Schloß zurück, und fand alles gelöſet und gelüftet. Geſchäftige Freude, wie heiterer Sonnenſchein, wehte durch alle Zimmer. Man empfing mich mit offenen Armen als Zeugen des ſchönſten Auftrittes. Man hatte mich ſchon allenthalben ſuchen laſſen, da ich ihnen, als ſie zu ſehr mit ſich beſchäftigt waren, aus den Augen gekommen war. Sie erzählten mir theils gleich in abgebrochenen Sätzen, theils die folgenden Tage im Zuſammenhange alles, was ſich zugetragen hatte, und was ich oben angemerkt habe. Mein Reiſefreund war alſo Stephan Murai geweſen. Er war unter dem Namen Bathori, der einen ſeiner weiblichen Vorfahren ge⸗ hörte, gereiſet. So hatte ich ihn auch gekannt, aber er ließ ſich immer Major nennen, welchen Rang er in Spanien erworben hatte, und alle Welt nannte ihn auch den Major. Da er in der ganzen Welt geweſen war, ging er, von ſeinem Innern gezogen, unter demſelben Namen nach dem wüſten Sitze Uwar, wo er nie geweſen war, wo ihn Niemand kannte, und wo er, wie er recht gut wußte, der Nachbar ſeines getrenn⸗ ten Weibes werden würde. Gleichwohl kam er nicht zu ihr hinüber, die ſchon ſo ſchön auf Maroshely waltete, bis der Ruf die Kunde ihrer To⸗ deskrankheit zu ihm trug. Da machte er ſich auf, ritt hinüber, trat zu ihr, die ihn vor Fieber nicht kannte, blieb Tag und Nacht bei ihrem Bette, wachte über ſie, und pflegte ſie, bis ſie genas. Damals durch den gegenſeitigen Anblick gerührt, und von leiſer Liebe getrieben, aber dennoch ängſtlich vor der Zukunft, weil ſie ſich nicht kannten, und weil ſich wieder etwas Fürchterliches zutragen könnte, ſchloſſen ſie jenen ſelt⸗ ſamen Vertrag der bloßen Freundſchaft, den ſie Jahre lang hielten, und den bisher keines zuerſt anzurühren wagte, bis ihn das Geſchick durch einen ſcharfen Schnitt, den es in beider Herzen that, trennte, und zu dem ſchöneren natürlicheren Bunde wieder zuſammen fügte. Alles war nun gut. Nach vierzehn Tagen wurde es in der Gegend kund gethan, und die läſtigen Glückwünſcher kamen von nahe und von ferne. Ich aber blieb noch den ganzen Winter bei den Leuten und zwar auf Maroshely, wo vorläufig alles wohnte, und von wo der Major im Sinne hatte, Brigitta nie fort zu ziehen, weil ſie da in Mitte ihrer Schöpfung ſei. Am freudigſten war ſchier Guſtav, der immer ſo an dem Major gehangen war, der ihn immer leidenſchaftlich und einſeitig den herrlichſten Mann dieſer Erde nannte, und der ihn nun als Vater verehren durfte, ihn, an dem ſein Auge, wie an einer Gottheit hing. Ich habe jenes Winters zwei Herzen kennen gelernt, die ſich nun erſt recht zu einer vollen, wenn auch verſpäteten Blume des Glückes auf⸗ ſchloſſen. Ich werde dieſe Herzen nie, nie vergeſſen!—— Im Frühjahre nahm ich wieder mein deutſches Gewand, meinen deutſchen Stab, und wanderte dem deutſchen Vaterlande zu. Ich ſah auf dem Rückwege Gabrielen's Grabmal, die ſchon vor zwölf Jahren im Gipfel ihrer jugendlichen Schönheit geſtorben war. Auf dem Marmor ſtanden zwei große weiße Lilien. Mit trüben, ſanften Gedanken zog ich weiter, bis die Leitha über⸗ ſchritten war, und die lieblichen blauen Berge des Vaterlandes vor mei⸗ nen Augen dämmerten. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. ⸗———— S