K eihbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Edrard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih unb Ceſebed gen. 1. offensein der Bibliothek bek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für woentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.——.—— auf 1 Monat: 1 W— Pf. 1 W. 50 f 2 Mt.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————.—— S S S& Studien von Adalbert Stifter. Erſter Band. Studien bon Adalbert Stifter. vierte Auflage. Stercotyp⸗Ausgabe in drei Bänden. Mit dem Bildniß des Verfaſſers. Erſter Band. Peſth Verlag von Guſtav Heckenaſt. 1855. Zriner Mutter ſeinen Geſchwiſtern widmet dieſe erſten Verſuche 655 8 * ² der Perfaſſer. S e S e— 8 ) 6 2 S2 Vorredr. In beifolgenden Verſuchen wird dem Publikum eine Sammlung loſer Blätter vorgelegt, die ſich zu verſchiedenen Zeiten von meinem Schreibtiſche verloren hatten. Es lag eigentlich nie in meiner Abſicht, als Schriftſteller außzutre⸗ ten, ſondern wie die meiſten Menſchen eine Lieblingsſpielerei haben, der ſie ſich zur Erheiterung hingeben, ſo liebte ich es, an gegönnten Stunden mich in Bildern und Vorſtel⸗ lungen zu ergehen, wie ſie eben der Gemüthslage zuſagten, und ſolche Dinge zu Papiere zu bringen: allein wie es mit jeder Liebhaberei geht, daß man ſie nämlich immer weiter treibt, ſo ging es auch hier. Die Zeit am Schreibtiſche ward endlich die liebſte und gewünſchteſte, und wie jede heimliche Liebe zuletzt eine offene wird, wird es auch die Schriftſtellerei— und iſt man einmal ſo weit, daß man mehrere zerſtreute Blätter in den Händen des Publikums weiß, ſo iſt der Schritt ein ganz leichter, daß man ſie ſam⸗ melt und ein Buch daraus macht, ob mit Recht oder Un⸗ recht, weiß ja der Verfaſſer ſelber nie, da er aus ſeinen Ar⸗ beiten zuletzt doch immer nur das Gewollte herauslieſet, nicht das Gewirkte. Auf dieſe Weiſe entſtanden folgende Bände, und auf dieſe Weiſe wünſcht der Verfaſſer, daß man ihr Erſcheinen entſchuldige. Auf eine vortheilhafte Zuſammenſtellung der Arbeiten habe ich nicht geſonnen, ſondern ich ließ ſie ſo folgen, wie ſie eniſtanden ſind, daß ſich dem, der das Buch ſeiner Durchſicht würdigt, zeige, ob ein Fortſchritt zu bemerken ſei, oder nicht. Die Fehler, welche mir durch zugekommene Ur⸗ theile bekannt geworden ſind, habe ich, ſo weit ich ſie einſah, zu verbeſſern geſucht, da ich den ganzen Stoff umarbeitete, — die andern, die ich nicht einſah, oder deren Vermeidung außer den Grenzen meiner Kräfte lag, ſind freilich ſtehen geblieben. Auf Schriftſtellerthum macht das Vorliegende keinen Anſpruch, ſondern ſein Wunſch iſt nur, einzelnen Menſchen, die ungefähr ſo denken und fühlen wie ich, eine heitere Stunde zu machen, die dann vielleicht weiter wirkt, und irgend ein ſittlich Schönes fördern hilft. Iſt dies ge⸗ lungen, dann iſt der Zweck dieſer Blätter erreicht, und ſie mögen vergeſſen werden— iſt doch ſelbſt die glänzendſte That der Gegenwart eigentlich nur ein Baugerüſte der Zu⸗ kunft, und wird abgebrochen, ſo wie dieſe Zukunft fertig iſt— aber eben darum geht auch nicht das kleinſte Körn⸗ — 5 chen verloren, das in der Gegenwart ein wahrhaft Gutes ſetzt; denn der ganze Bau der Ewigkeit ruht mit auf dieſem Körnchen. Und möchten die vorliegenden Schriften nur die klein⸗ ſten aus ſolchen kleinen Körnchen enthalten, dann bereut der Verfaſſer nicht die Zeit, die er auf ihre Abfaſſung ver⸗ wendet, und nicht die Gefühle, womit ihn Gott während der Arheit belohnt hat. Wien, im Mai 1843. A. Stifter. Vorrede zur zweiten Auflagr. Inden ich den Leſern einen freundlichen Dank für die gute Aufnahme der erſten Auflage dieſer Bände ſa ge, muß ich mich an der Schwelle der zweiten üb er einen Umſtand ent⸗ zur Laſt legen kann: warum ich denn nämlich in dieſer Auflage die Fehler der erſten nicht verbeſſert habe. ſchuldigen, den man mir mit Recht Mit den kleineren, welche Sinn und Haltung des Ganzen nicht weſentlich berühren, that ich es ohnehin. Die größeren, welche die künſtleriſche Fügung des Werkes be⸗ treffen, gehen in das Ganze oder hie und da wenigſtens in beträchtliche Theile desſelben hinein. Ich habe ſie nicht ge⸗ ändert, weil ich ſonſt den Leſern in der zweiten Auflage unter demſelben Titel ein ganz anderes Buch geben würde, als ſie in der erſten Auflage beſizen. Aber deßungeachtet ging ich doch für mich an die Umänderung und Ausbeſſe⸗ rung des Werkes, und werde ſie langſam durch die folgen⸗ den Jahre hindurch fortſetzen. Wenn dann einmal nach irgend einer Zeit eine Sammelausgabe nicht nur der Stu⸗ dien, ſondern auch anderer Werke nothwendig werden ſollte, werden darin die Studien in der neuen Geſtalt erſcheinen. Wird eine ſolche Sammlung nicht nothwendig, ſo habe ich doch die Genugthuung für mich gehabt, Dingen, die mir zu unreif erſchienen, in meinem Glauben eine reifere und männlichere Geſtaltung gegeben zu haben. Auch über die lange Verzögerung der Herausgabe des dritten und vierten Bandes der Studien, die verſprochen ſind, glaube ich ein paar Worte ſchuldig zu ſein. Als der erſte und zweite Band derſelben mit mehr Antheil aufgenom⸗ men wurden, als ſie verdienten, ließ ich mir von dem Ver⸗ leger das faſt zum Drucke fertige Manuſcript des dritten und vierten Bandes wieder zurück geben, um ſie noch ein⸗ mal durchzuarbeiten, damit ſie den Antheil etwas mehr ver⸗ dienten, der den erſten Bänden unverdient zu Theil gewor⸗ den iſt. In dieſer Umänderung aber ging ich bei Weitem weiter, als ich anfänglich dachte, und daher ſchreibt ſich die Verzögerung. Ich bin ganz allein daran ſchuld. Ich hoffe zugleich mit dieſer Auflage oder doch ſehr kurz nachher die Bände vorlegen zu können. Wien, im Mai 1846. Z. Stifter. Inhalt des erſten Bandes. Seite Ser Coübyr 1 blumen 25 DR Hidedorf 131 Der Hochwald 161 Die Nareſihuta 251 Der Condor. 1840. Stifter. 4. Aufl. I. 4. Ein Rachtſtück. Un zwei Uhr einer ſchönen Junimondnacht ging ein Kater längs des Dachfirſtes und ſchaute in den Mond. Das eine ſeiner Augen, von dem Strahle des Nachtgeſtirnes ſchräg getroffen, erglänzte, wie ein grü⸗ ner Irrwiſch, das andere war ſchwarz, wie Küchenpech, und ſo glotzte er zuletzt, am Ende der Dachkante ankommend, bei einem Fenſter hinein — und ich heraus. Die großen freundlichen Räder ſeiner Augen auf mich heftend, ſchien er befremdlich fragen zu wollen:„Was iſt denn das, du lieber alter Spiel⸗ und Stubengenoſſe, daß du heute in die ſpäte Nacht dein Geſicht zum Fenſter hinaushältſt, das ſonſt immer roth und geſund auf dem weißen Kiſſen lag und ruhig ſchlummerte, wenn ich bei meinen Rachtgängen gelegentlich vorbeikam und hineinſchaute?“ „Ei, Trauter,“ erwiederte ich ihm auf die ſtumme Frage,„die Zei⸗ ten haben ſich nun einmal ſehr geändert, das ſiehſt du;— die weißen Kiſſen liegen unzerknittert dort auf dem Bettgeſtelle, und der Vollmond malt die lieblich flirrenden Fenſterſcheiben darauf, ſtatt daß er in mein ſchlummerndes Angeſicht ſchiene, welches Geſicht ich dafür da am Simſe in die Racht hinaushalten muß, um damit ſchon durch drei Viertheile derſelben auf den Himmel zu ſchauen; denn an demſelben wird heute das ſeltenſte und tollſte Geſtirn emporſteigen, was er je geſehen. Es wird zwar nicht leuchten, aber wenn nach Verdienſt gerichtet würde, ſo iſt etwas in ihm, das ſtrahlenreicher iſt, als der Mond und alle Sterne zuſammengerechnet, deine glänzenden Augen nicht ausgenommen, Ver⸗ ehrteſter.“ 1— So ſagte ich ungefähr zu dem Kater, er aber drehte ſeine Augen, als verſtände er meine Rede, noch einmal ſo groß und noch einmal ſo freundlich gegen mich, daß ſie wie Glimmerſcheiben leuchteten, und die Seite ſeines weichen Felles gegen meine Hand krümmend und ſtemmend, hob er ſofort ſein traulich pinnen an, während ich fortfuhr, mit ihm zu koſen:„Man ſieht in einer langen Mondnacht, das wirſt du wiſſen, Lieber, wenn du ſonſt Beobachtungsgeiſt beſitzeſt; aber ſiehe, ich wußte es nicht, da ich nie Zeit hatte, eine ſo recht von Herzen anzu⸗ ſchauen, allein in dieſem Harren und Schauen nach dem Himmel, na⸗ mentlich da der gehoffte Weltkörper immer nicht kam, hatte ich Muße genug den Lebenslauf einer Frühlingsnacht zu ſtudiren.“ Da aber alles wahr iſt, was ich da meinem lieben Freunde Hinze eröffnete, ſo ſehe ich nicht ab, warum ich es nicht auch einem noch lie⸗ bern Menſchenauge eröffnen, dem einſt dieſes Blatt vorkommen könnte, warum ich nicht ſagen ſollte, daß mich wirklich ein närriſches und un⸗ glückliches Verhängniß an dieſes Fenſter kettete, und meine Blicke die ganze Nacht in die Lüfte bannte. Es will faſt närriſch ſein, aber jeder ſäße auch bei mir hieroben, wenn er vorher das erlebt hätte, was ich. Die Zeit war zäh, wie Blei. Leider war ich ſchon viel zu ftüh heraufgeſtiegen, als ſich noch das leidige Abendgetümmel der Menſchen durch die Gaſſen ſchleppte, und eine wunderliche Diſſonanz bildete zu dem lieben Monde, der bereits mit roſenrothem Angeſichte dort drüben zwiſchen zwei mächtigen Rauchfän⸗ gen lag und auf meine zwei Fenſter herübergrüßte. Allmälig puppte ſich denn doch alles, was Menſch heißt, in ſeine Nachthüllen ein, und nur die Rufe der Schlemmer tönten hie und da herauf, wie ſie ihren ſpäten Nachtweg nach Hauſe ſuchten— dann hob jene Zeit an, die die Philoſophen, Dichter und Kater lieben, die Na cht⸗ ſtille— mein vierpfotiger Freund hat eben nicht den übelſten Ge⸗ ſchmack für die Zeit ſeiner Spaziergänge.— Der Mond hatte ſich end⸗ lich von den Dächern gelöſet, und ſtand hoch im Blau— ein Glänzen und ein Flimmern und ein Leuchten durch den ganzen Himmel begann, durch alle Wolken ſchoß Silber, von allen Blechdächern rannen breite Ströme deſſelben nieder, und an die Blitzableiter, Dachſpitzen und Thurm⸗ kreuze waren Funken geſchleudert. Ein feiner Silberrauch ging über die Dächer der weiten Stadt, wie ein Schleier, der auf den hunderttauſend ſchlummernden Herzen liegt. Der einzige Goldpunkt in dem Meere von Silber war die brennende Lampe drüben in dem Dachſtübchen der armen Waſchfrau, deren Kind auf den Tod liegt. So ſchön das alles war, ſo wurden doch die Stunden eine nach der andern länger— die Schatten der Schornſteine hatten ſich längſt um⸗ gekehrt, die ſilberne Mondkugel rollte ſchon bergab auf der zweiten Hälfte ihres dunklen Bogens— es war die tödtlichſte Stille— nur ich und jenes Lämpchen wachten. Was ich aber ſuchte, das erſchien nicht. Zweimal ſchritt Hinze über die Dächer, ohne zu mir zu kommen. Die große Stadt unter mir, in der undeutlichen Magie des Mondlichts ſchwimmend, lag im tiefſten Schlummer, als ſollte man ſie athmen hören— aber auch der Himmel an der geſuchten Stelle blieb glänzend einſam, wie er die ganze Nacht geweſen. Ich harrte fort. Es war, als würde es mit jeder Minute lautloſer. Der Mond zog ſichtlich der zwei⸗ ten Halbkugel zu; eine Heerde Lämmerwolken, die tief gegen Süden auf der blauen Weide gingen, wurde leiſe angezündet, und ſelbſt ferne Wol⸗ kenbänke, die ſchon ſeit Abend unten am Weſthimmel ſchlummerten und ſich dehnten— und lange in unſere Nacht hinein die Sonne Amerika's wiedergeſchienen hatten, waren erloſchen, und glommen nun vom Monde an, und durch ihre Glieder floß ein ſanftes, blaſſes Licht, als regten ſie ſich leiſe. Da ſchlug es zwei Uhr und Hinze kam. Er war mir in dieſer Nacht ordentlich bedeutſam geworden. Es entſpann ſich das ſtumme Geſpräch mit ihm, das ich Anfangs dieſes Blattes berichtete; aber frei⸗ lich dauerte die Unterhaltung mit ihm nicht lange, da wir Beide des Zwiegeſprächs bald müde waren, und jeder zu unſerm Geſchäfte über⸗ gingen: er zu ſeinem Luſtwandeln, ich zu meinem einförmigen Schauen. Das Lämpchen der Witwe war mittlerweile ausgelöſcht worden, dafür fürchtete ich, daß bald eine ganz andere Lampe angezündet werden würde; denn im Oſten kroch bereits ein verdächtiges Lichtgrauen herum, als ſei es der Morgen; auch die Luft, bisher ſo warm und todesruhig, machte ſich auf; denn ich fühlte es ſchon zweimal kühl aus Morgen her an mein Geſicht wehen, und das Rauſchen der Frühlingsgewäſſer wurde deutlich von den Bergen herübergetragen. Da auf einmal, in einem lichten Gürtel des Himmels, den zwei ————.———— ¹ 5 lange Wolkenbänder zwiſchen ſich ließen, war mir's, als ſchwebe lang⸗ ſam eine dunkle Scheibe— ich griff raſch um das Fernrohr, und ſchwang es gegen jene Stelle des Firmaments— Sterne, Wolken, Himmelsglanz flatterten durch das Objectiv— ich achtete ihrer nicht, ſondern ſuchte angſtvoll mit dem Glaſe, bis ich plötzlich eine große ſchwarze Kugel er⸗ faßte und feſthielt. Alſo iſt es richtig, eine Vorausſage trifft ein: gegen den zarten weißen Frühhimmel, ſo ſchwach roth erſt, wie eine Pfirſichblüthe, zeich⸗ nete ſich eine bedeutend große dunkle Kugel, unmerklich emporſchwebend — und unter ihr an unſichtbaren Fäden hängend, im Glaſe des Rohres zitternd und ſchwankend, klein wie ein Gedankenſtrich am Himmel— das Schiffchen, ein gebogenes Kartenblatt, das drei Menſchenleben trägt, und ſie noch vor dem Frührothe herabſchütteln kann, ſo naturge⸗ mäß, wie aus der Wolke daneben ein Morgentropfen fällt. Cornelia, armes verblendetes Kind! möge dich Gott retten und ſchirmen! Ich mußte das Rohr weglegen; denn es wurde mir immer graui⸗ ger, daß ich durchaus die Stricke nicht ſehen konnte, mit denen das Schiff am Ballon hing. Iſt nun auch die zweite Thatſache ſo gewiß, wie die erſte; dann lebe wohl, du mein Herz,— dann kannteſt du und liebteſt du das ſchönſte, großherzigſte, leichtfinnigſte Weib!! Ich mußte doch das Rohr wieder nehmen; aber der Ballon war nicht mehr ſichtbar, wahrſcheinlich hatte ihn das obere jener Wolkenbän⸗ der aufgenommen, gegen deſſen Grund ſeine Zeichnung verſchwand. Ich wartete und ſuchte dann noch lange am Himmel, fand aber nichts mehr. Mit ſeltſamen Gefühlen des Unwillens und der Angſt legte ich das Fernrohr weg und ſtarrte in die Lüfte, bis endlich eine andere, aber glühende Kugel emporſtieg, und ihr ſtrahlendes Licht über die große hei⸗ tere Stadt ausgoß, und auf meine Fenſter, und auf einen ungeheuren, klaren, heitern, leeren Himmel. 2. Lagſtück. Der junge Mann, aus deſſen Tagebuche das Vorſtehende wörtlich genommen wurde, war ein angehender Künſtler, ein Maler, noch nicht völlig zwei und zwanzig Jahre alt, aber ſeinem Anſehen nach hätte man ihm kaum achtzehn gegeben. Aus einer Fülle blonder Haare, die er noch faſt knabenhaft in Locken trug, ſah ein unbeſchreiblich treuherziges Geſicht heraus, weiß und roth, voll Geſundheit, geziert mit den Erſt⸗ lingen eines Bartes, den er ſehr liebte, und der kindiſch trotzig auf der Oberlippe ſaß,— zwei dunkelblaue ſchwärmeriſche Augen unter einer ruhigen Stirn, auf der noch alle Unſchuld ſeiner Kindheit wohnte. Wirklich hatte er auch aus der Einſamkeit des Waldlandes, in dem er erzogen wurde, alle Herzenseinfalt ſeines Thales und ſo viel Wiſſen, als bei ſeinen Jahren überhaupt möglich iſt, in die große laſterhafte Stadt gebracht. Und ſo ſaß er früh nach jener ihm merkwürdigen Nacht, die er oben beſchrieb, auf ſeiner Dachſtube, die nach und nach voll warmen Mor⸗ genlichts anquoll, rückgelehnt auf die hohe Lehne eines tuchenen, altmo⸗ diſchen Seſſels, des unzählige gelbe Nägel im Frühlichte einen gleißen⸗ den Sternenbogen um ihn ſpannten. Die Hände ruhten in dem Schooße, und die Augen ſchauten auf die leere Leinwand, die vor ihm auf der Staffelei ſtand, aber ſie ſannen nicht auf Bilder, ſondern in ihrem tie⸗ fen, ſchwermüthigen Feuer ſtand der Anfang einer Leidenſchaft, die düſter⸗ſelig in dem Herzen anbrannte, und trotzig⸗ſchön in das kindliche Antlitz trat— auf dem unbeſchriebenen Blatte die erſten Lettern der großen Stadt, der Titel, daß nun ein heißes Leben beginne, voll Selig⸗ keit und Unruhe, aber fernabliegend von der friedlichen Inſel ſeiner Kindheit. Die Liebe iſt ein ſchöner Engel, aber oft ein ſchöner Todesengel für das gläubige, betrogne Herz! Sein Nachtgenoſſe, Hinze, der Kater ſeiner Miethsfrau, lag auf dem breiten Fenſterſimſe, und ſchlief in den Strahlen der Morgenſonne. Nicht weit davon auf der Zeichnung eines Cherubs lag das Fernrohr. Unten in den Gaſſen lärmte bereits die Induſtrie einer großen Haupt⸗ ſtadt, ſorgend für den heutigen Hunger und für die heutige Ueppigkeit. Während nun der Künſtler ſo ſaß in ſeiner engen Dachſtube, die ihm der Himmel endlich ganz mit Sonnengold angefüllt hatte, begab ſich anderswo eine andere Scene: hoch am Firmamente in der Einöde unbegrenzter Lüfte ſchwebte der Ballon, und führte ſein Schifſchen, und die kühnen Menſchen darinnen in dem weſenloſen Oceane mit einem ſanf⸗ ten Luftſtrome weſtwärts. Rings ausgeſtorbene Stille, nur zeitweiſe unterbrochen durch das zarte Knarren des Taffets, wenn der Oſtwind an ſeinen Wänden ſtrich, oder durch ein kaum hörbares Seufzen in dem ſeidnen Tauwerk. Drei Menſchen, ebenfalls im tiefſten Schweigen, ſaßen in dem Schiffe, bis an's Kinn in dichte Pelze gehüllt, und dop⸗ pelte grüne Schleier über die Geſichter. Durch einen derſelben ſchimmer⸗ ten die ſanften Umriſſe eines ſchönen blaſſen Frauenantlitzes mit großen, geiſtvollen, zagenden Augen— und ſomit war auch die zweite That⸗ ſache richtig, welche der nächtliche Beobachter der Auffahrt vermuthet hatte. Aber wie ſie hier ſchiffte, war in ihr nicht mehr jene kühne Cor⸗ nelia zu erkennen, die gleich ihrer römiſchen Namensſchweſter erhaben ſein wollte über ihr Geſchlecht, und gleich den heldenmüthigen Söhnen derſelben den Verſuch wagen, ob man nicht die Bande der Unterdrückten ſprengen möge, und die an ſich wenigſtens ein Beiſpiel aufſtellen wollte, daß auch ein Weib ſich frei erklären könne von den willkürlichen Gren⸗ zen, die der harte Mann ſeit Jahrtauſenden um ſie gezogen hatte— frei, ohne doch an Tugend und Weiblichkeit etwas zu verlieren. Sie war nicht mehr was ſie kaum noch vor einer halben Stunde geweſen; denn glles, alles war anders geworden, als ſie ſich gedacht hatte. In ftüheſter Morgendämmerung, um jeder unberufenen Beobach⸗ tung zu entgehen, ward die Auffahrt veranſtaltet, und mit hochgehobe⸗ nem Herzen ſtand die ſchöne Jungfrau dabei, als der Ballon gefüllt wurde, faſt nicht bändigend den klopfenden Buſen, und die ahnungs⸗ reicht Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. Dennoch war es ein banger Augenblick für die umſtehenden Theilnehmer, als der un⸗ ſcheinbare Taffet zu einer rieſenhaften Kugel anſchwoll und die mächti⸗ gen Taue ſtraff ſpannte, mit denen ſie an die Erde gebunden war. Selt⸗ ſame Inſtrumente und Vorrichtungen wurden gebracht, und in die Fä⸗ cher des Schiffes geſchnallt. Ein ſchöner großer Mann— ſonſt war er 9— ſanft, fröhlich und wohlgemuth, heute blaß und ernſt— ging vielmal um die Maſchine herum, und prüfte ſie ſtellenweiſe um ihre Tüchtigkeit. Endlich fragte er die Jungftau, ob ſie auf ihrem Wunſche beharte, und auf das Ja ſah er ſie mit einem ſeltſamen Blicke der Bewunderung an, und führte ſie ehrerbietig in das Schiff, bemerkend, daß er ihr nicht mit Wiederholung der Warnungen läſtig ſein wolle, die er ihr ſchon vor vier⸗ zehn Tagen gemacht, da ſie dieſelben ohne Zweifel wohl überlegt haben würde. Er wartete noch einige Minuten, und da keine Antwort er⸗ folgte, ſo ſtieg auch er ein, und ein alter Mann war der letzte; ſie hielt ihn für einen ergrauten, wiſſenſchaftlichen Famulus. Alle waren ſie nun in Bereitſchaft, die Maſchine in Ordnung. Einen Blick noch that Cornelia auf die Bäume des Gartens, die ins Morgengrau vermummt umherſtanden und zuſahen— dann erſcholl aus dem Munde ihres Begleiters der Ruf:„Nun laßt im Namen Gottes den braven Condor fliegen— löſtt die Taue!“ Es geſchah, und von den tauſend unſichtbaren Armen der Luft gefaßt und gedrängt, erzitterte der Rieſenbau der Kugel, und ſchwankte eine Secunde— dann ſachte aufſteigend zog er das Schifſchen los vom mütterlichen Grunde der Erde, und mit jedem Athemzuge an Schnelligkeit gewinnend, ſchoß er endlich pfeilſchnell, ſenkrecht in den Morgenſtrom des Lichts empor, und im Momente flogen auch auf ſeine Wölbung und in das Tauwerk die Flam⸗ men der Morgenſonne, daß Cornelia erſchrak, und meinte, der ganze Ballon brenne; denn wie glühende Stäbe ſchnitten ſich die Linien der Schnüre aus dem indigoblauen Himmel, und ſeine Rundung flammte, wie eine rieſenhafte Sonne. Die zurücktretende Erde war noch ganz ſchwarz und unentwirrbar, in Finſterniß verrinnend. Weit im Weſten auf einer Rebelbank lag der erblaſſende Mond. So ſchwebten ſie höher und höher, immer mehr und mehr an Rund⸗ ſicht gewinnend. Zwei Herzen, und vielleicht auch das dritte alte, poch⸗ ten der Größe des Augenblicks entgegen. Die Erhabenheit begann nun allgemach ihre Pergamente auseinan⸗ derzurollen— und der Begriff des Raumes fing an mit ſeiner Urgewalt zu wirken. Die Schiffenden ſtiegen eben einem Archipel von Wolken entgegen, die der Erde in demſelben Augenblicke ihre Morgenroſen ſand⸗ ten, hier oben aber weiß ſchimmernde Eisländer waren, in den furchtbar blauen Bächen der Luft ſchwimmend, und mit Schlünden und Spalten dem Schiffe entgegen ſtarrend. Und wie ſie näher kamen, regten und rührten ſich die Eisländer als weiße, wallende Nebel. In dieſem Augen⸗ blicke ging auf der Erde die Sonne auf, und dieſe Erde wurde wieder weithin ſichtbar. Es war noch das gewohnte Mutterantlitz, wie wir es von hohen Bergen ſehen, nur lieblich ſchön erröthend unter dem Strah⸗ lennetze der Morgenſonne, welche eben auch das Fenſter des Dachſtüb⸗ chens vergoldete, in dem der arme junge Meiſter ſaß. „Wie weit, Coloman?“ fragte der Luftſchiffer. „Faſt Montblanc's Höhe,“ antwortete der alte Mann, der am an⸗ dern Ende des Schiffchens ſaß,„wohl über vierzehntauſend Fuß, My⸗ lord.“ „Es iſt gut.“ Cornelia ſah bei dieſer Rede behutſam über Bord des Schiffes, und tauchte ihre Blicke ſenkrecht nieder durch den luftigen Abgrund auf die liebe verlaſſene, nunmehr ſchimmernde Erde, ob ſie etwa bekannte Stel⸗ len entdecken möge— aber ſiehe, alles war fremd und die vertraute Wohnlichkeit derſelben war ſchon nicht mehr ſichtbar, und mithin auch nicht die Fäden, die uns an ein theures, kleines Fleckchen binden, das wir Heimath nennen. Wie große Schatten zogen die Wälder gegen den Horizont hinaus— ein wunderliches Bauwerk von Gebirgen, wie wim⸗ melnde Wogen, ging in die Breite, und lief gegen fahle Flecken ab, wahrſcheinlich Gefilde. Nur ein Strom war deutlich ſichtbar, ein dün⸗ ner zitternder Silberfaden, wie ſie oft im Spätherbſte auf dunkler Haide ſpinnen. Ueber dem Ganzen ſchien ein ſonderbar gelbes Licht zu ſchweben. Wie ſie ihre Blicke wieder zurückzog, begegnete ſie dem ruhigen Auge des Lords, an dem ſie ſich erholte. Er ſtellte eben ein Teleſtop zurecht, und befeſtigte es. Dieß nun war der Moment, in welchem wir den Ballon trafen, als wir uns aus der Stube des Künſtlers entfernten. Er zog, wie wir ſagten, mit einem ſanften Luftſtrome weſtwärts, ohne weiter zu ſteigen; denn ſchon über zwanzig Minuten fiel das Queckſilber in der Röhre gar nicht mehr. Die beiden Männer arbeiteten mit ihren Inſtrumenten. Cornelia drückte ſich tiefer in ihre Gewänder, und in die Ecke ihres Sitzes. Die fließende Luft ſpielte um ihre Locken, und das Fahrzeug wiegte ſich. Von ihrem Herzen gab ſie ſich keine Rechenſchaft. Die Stille wurde nur unterbrochen durch eintönige Laute der Män⸗ ner, wie der eine dictirte, der andere ſchrieb. Am Horizonte tauchten jetzt in nebelhafter Ferne ungeheure ſchimmernde Schneefelder auf, die ſich Cornelia nicht enträthſeln konnte.„Es iſt das Mittelmeer, verehr⸗ tes Fräulein,“ ſagte Coloman;„wir wollen hier nur noch einige Luft⸗ proben in unſere Fächer ſchöpfen und die Elektricität prüfen; dann ſol⸗ len Sie den Spiegel noch viel ſchöner ſehen, nicht mehr ſilbern, ſondern wie lauter blitzendes Gold.“ Während deſſen hatte der junge Luſtſchiffer eine Phiole mit ſtarkem Kaffe gefüllt, in ungelöſchten Kalk gelegt, hatte Waſſer auf den Kalk ge⸗ goſſen und ſo die Flüſſigkeit gewärmt; dann goß er etwas Rum dazu und reichte der Jungfrau einen Becher des heißen und erhitzenden Ge⸗ tränkes. Bei der großen Kälte fühlte ſie die wohlthätige Wirkung augen⸗ blicklich wie neues Leben durch ihre Nerven fließen. Auch die Männer tranken. Dann redeten ſie leiſe und der Jüngere nickte. Hierauf fing der Aeltere an, Säcke mit Sand, die im Schiffe ſtanden, über Bord zu leeren. Der Condor wiegte ſich in ſeinem Bade, und wie mit den präch⸗ tigen Schwingen ſeines Namensgenoſſen hob er ſich langſam und feier⸗ lich in den höchſten Aether— und hier nun änderte ſich die Scene ſchnell und überwältigend. Der erſte Blick Cornelia's war wieder auf die Erde— dieſe aber war nicht mehr das wohlbekannte Vaterhaus: in einem fremden goldnen Rauche lodernd, taumelte ſie gleichſam zurück, an ihrer äußerſten Stirn das Mittelmeer, wie ein ſchmales, gleißendes Goldband tragend, überſchwimmend in unbekannte phantaſtiſche Maſſen. Erſchrocken wandte die Jungfrau ihr Auge zurück, als hätte ſie ein Ungeheuer erblickt— aber auch um das Schiff herum wallten weithin weiße, dünne, ſich deh⸗ nende und regende Leichentücher— von der Erde geſehen— Silber⸗ ſchäfchen des Himmels.— Zu dieſem Himmel floh nun ihr Blick— aber ſiehe, er war gar nicht mehr da: das ganze Himmelsgewölbe, die ſchöne blaue Glocke unſerer Eide, war ein ganz ſchwarzer Abgrund ge⸗ worden, ohne Maß und Grenze in die Tiefe gehend,— jenes Labſal, das wir unten ſo gedankenlos genießen, war hier oben völlig ver⸗ ſchwunden, die Fülle und Fluth des Lichtes auf der ſchönen Erde. Wie zum Hohne, wurden alle Sterne ſichtbar— winzige, ohnmächtige Goldpunkte, verloren durch die Oede geſtreut— und endlich die Sonne, 1 ein drohendes Geſtirn, ohne Wärme, ohne Strahlen, eine ſcharfgeſchnit⸗ tene Scheibe aus wallendem, blähendem, weißgeſchmolzenem Metalle: ſo glotzte ſie mit vernichtendem Glanze aus dem Schlunde— und doch nicht einen Hauch des Lichtes feſthaltend in dieſen weſenloſen Räumen; nur auf dem Ballon und dem Schiffe ſtarrte ein grelles Licht, die Ma⸗ ſchine geſpenſtig von der umgebenden Nacht abhebend und die Geſichter todtenartig zeichnend, wie in einer laterna magica. Und dennoch— die Phantaſie begriff es kaum— dennoch war es unſere zarte, liebe Luft, in der ſie ſchifften— dieſelbe Luft, die morgen die Wangen eines Säuglings fächelt. Der Ballon kam, wie der Alte bemerkte, in den obern umgekehrten Paſſatſtrom, und mußte mit fürchter⸗ licher Schnelligkeit dahingehen, was das ungemeine Schiefhängen des Schiffes bewies, und das gewaltige Rütteln und Zerren an dem Laffet, der deſſenungeachtet keinen ſtärkern Laut gab, als das Wimmern eines Kindes; denn auch das Reich des Klanges war hier oben aus— und wenn das Schiff ſich von der Sonne wendete, ſo war nichts, nichts da, als die entſetzlichen Sterne, wie Geiſter, die bei Tage umgehen. Jetzt, nach langem Schweigen, thaten ſich zwei ſchneebleiche Lippen auf und ſagten furchtſam leiſe:„Mir ſchwindelt.“ Man hörte ſie aber nicht. Sie ſchlug nun den Pelz dichter um ſich, um den ſchüttelnden Fie⸗ berfroſt abzuwehren. Die Männer arbeiteten noch Dinge, die ſie gar nicht verſtand; nur der junge, ſchöne, furchtbare Mann, däuchte es ihr, ſchoß zuweilen einen majeſtätiſchen Blick in die großartige Finſterniß und ſpielte dichteriſch mit Gefahr und Größe— an dem Alten war nicht ein einzig Zeichen eines Affectes bemerkbar. Nach langer, langer Zeit der Vergeſſenheit neigte der Jüngling doch ſein Angeſicht gegen die Jungfrau, um nach ihr zu ſehen: ſie aber ſchaute mit ſtillen, wahnſinnigen Augen um ſich, und auf ihren Lippen ſtand ein Tropfen Blut. „Colvman,“ rief der Jüngling, ſo ſtark er es hier vermochte,„Cv⸗ loman, wir müſſen niedergehen; die Lady iſt ſehr unwohl.“ Der alte Mann ſtand auf von den Inſtrumenten und ſah hin, es war ein Blick voll ſtrahlenden Zornes, und ein tief entrüſtetes Antlitz. Mit überraſchend ſtarker Stimme rief er aus:„Ich habe es Dir geſagt, Richard, das Weib erträgt den Himmel nicht— die Unternehmung, die ſo viel koſtete, iſt nun unvollendet; eine ſo ſchöne Fahrt, die einfachſte und ruhigſte in meinem ganzen Leben, geht umſonſt verloren. Wir müſ⸗ ſen freilich nieder, das Weib ſtirbt ſonſt hier. Lüfte nur die Klappen.“ Nach dieſen Worten ſaß er wieder nieder, klammerte ſich an ein Tau und zog die Falten ſeines Mantels zuſammen; der Jüngling aber that einen jähen Zug an einer grünſeidnen Schnur— und wie ein Rieſen⸗ falke ſtieß der Condor hundert Klafter ſenkrecht nieder in der Luft— und ſank dann langſamer immer mehr und mehr. Der Lord hielt die ohnmächtige Cornelia in den Armen. Blumenſtück. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ſeit der Luftfahrt vergangen war,— da war es wieder eines Morgens, ehe kaum der Tag graute, daß der junge Künſtler wieder auf dem altmodiſchen Seſſel mit den gelben Nä⸗ geln ſaß und wieder auf die geſpannte Leinwand ſchaute: aber dießmal war ſie nicht leer, ſondern mit einem großen ſtizzirten Bilde prangend, das bereits ein ſchwerer Goldrahmen umfing. Wie Einer, der heißhung⸗ rig nach Thaten iſt, arbeitete er an dem Bilde, und wer ihn ſo geſehen hätte, wie er in Selbſtvergeſſenheit die Augen über die gemalte Land⸗ ſchaft ſtrömen ließ, der hätte gemeint, aus ihnen müſſe die Wärme und Zärtlichkeit in das Bild gefloſſen ſein, die ſo unverkennbar und reizend aus demſelben traten. Oft ging er einen Schritt zurück, mit klugem Blicke das Ganze prüfend und wägend; dann ward mit leuchtenden Au⸗ gen die Arbeit fortgeſetzt. Es iſt ein ſchöner Anblick, wenn der Engel der Kunſt in ein unbewußtes, reizendes Jünglingsantlitz tritt, dasſelbe verklärt und es ohne Ahnung des Beſitzers ſo ſchön und ſo weit über den Ausdruck des Tages emporhebt. Heller und heller ſchien die Sonne in das Gemach, und in dieſer Stimmung war es, daß ein Diener gegen Mittag ein verſiegeltes Blättchen brachte. Der Jüngling riß es auf.„Gut, ich werde kommen,“ ſagte er, und ein heißes Roth lief auf ſeine Wangen, der Zeuge eines Gefühls, das er in der tiefſten Falte ſeines Herzens verborgen wähnte, und in letzter Zeit gar unmuthig und unwillig niedergekämpft hatte. Der Diener ging— der Jüngling aber malte nun nicht mehr. Um zehn Uhr des andern Tages, in feines Schwarz gekleidet, den leichten Hut über den blonden vorquellenden Locken, ging er aus der Stadt, die langen, lichten Gaſſen der Vorſtadt entlang, bis er zu dem Eingange eines ſchönen Landhauſes gelangte; dort trat er ein, ſtieg die breite ſommerliche Treppe hinauf und öffnete die Flügelthüren zu einem großen Saale voll Bilder. Hier harrte er und ließ ſich melden. Nach einer Zeit that ſich eine Thür gegenüber dem Eingange auf, und eine ältliche Frau trat heraus, die ihm ſogleich mit mütterlicher Freude die Hand reichte und ſie herzlich drückte. „Gehen Sie nur hinein,“ ſagte ſie,„gehen Sie hinein— Sie werden faſt mit Angſt erwartet. Ach, Guſtav, was habe ich gelitten!— Sie hat es wirklich ausgeführt; dann war ſie krank— ſie muß fürch⸗ terliche Dinge geſehen haben, ſie muß ſehr weit, ſehr weit geweſen ſein; denn drei Tage und Nächte dauerte die Rückreiſe.— Seit ſie geneſen, iſt ſie gut und ſanft, daß es mir oft wunderbar in's Herz geht; aber ſie ſagt von jener Sache auch nicht ein leiſes, leiſes Wörtchen. Gehen Sie nur hinein.“ Der Jüngling hatte mit düſterer Miene zugehört; er ſchwieg und die Miene wurde nur noch düſterer. Er ſchritt der Thüre zu, öffnete ſie und verſchwand hinter derſelben. Das Zimmer, in dem er ſich nun befand, war groß und mit dem feinſten Sinne eingerichtet. An einem Fenſter desſelben, mitten in einem Walde fremder Blumen, ſaß eine junge Dame. Sie war in einem weißen At⸗ laskleide, deſſen ſanfter Glanz ſich edel abhob von den dunkelgrünen Blättern der Camellien. Sie war aufgeſtanden, als der junge Mann eintrat, und ging ihm freundlich entgegen. Eine Geſtalt über mittlerer Größe, voll jener ho⸗ hen Grazie der Vornehmen, aber auch voll jener höheren der Sitte, die den Menſchen ſo ſchön macht. Ihr Angeſicht war geiſtvoll, blühend, aber heute blaß. Zwei große ſchwarze Augen ſchauten dem Künſtler aus der Bläſſe entgegen und grüßten ihn freundlich. Er aber ſah es nicht, daß ein leiſes Ding von Demüthigung oder Krankheit in ihrem Weſen zittere— ſein Herz lag gebannt in der Ver⸗ gangenheit, ſein Auge war gedrückt und trotzend. Einen Moment war Stille. „Wir haben uns lange nicht geſehen,“ ſagte ſie weich;„ich war auch ein wenig krank.“ Er ſagte auf ihre Anrede nichts, ſondern verbeugte ſich nur. „Sie waren immer wohl?“ fragte ſie. „Ich war wohl,“ antwottete er. Ein großer, verwundernder Blick flog auf ihn— aber ſie ſagte nichts, ſondern ging gegen die Camellien, wo eine Staffelei ſtand, rückte dort etwas, dem kein Rücken Noth that; ſtellte etwas zurechte, das ohnedies recht ſtand; ſah in die grünen Pflanzenblätter, als ſuche ſie etwas— und kam dann wieder zurück. Er ſtand indeſſen auf demſelben Flecke, wie Einer, der Befehle erwartet den Hut in der Hand, und ſeinen Ort nicht um die Breite eines Haares verrückend. Die Dame athmete und fragte dann endlich ſich zwingend noch ſanfter:„Dachten Sie wohl auch die Zeit her an uns?“ „Ich dachte oft,“ ſagte er mit unbefangener Stimme,„an Sie und an unſere Studien. Jetzt werden wohl die Farben auf dem Bilde gar zu ſehr verdorrt ſein.“ Nun aber ward ſie purpurroth und ſtieß heiß heraus:„Malen wir.“ Das Roth des Antlitzes war im raſchen Umwenden ihrer Geſtalt nur hinter den Schläfen ſichtbar geworden, und den tiefen Unmuthsblitz des Auges hatte nur der Spiegel aufgefangen. Es war ganz deutlich, und ſchon ihr Anzug hatte es gezeigt, daß ſie nicht hatte malen wollen: aber wie er nun den Hut abgelegt, an die Staffelei getreten, dort ein Fach geöffnet, Malergeräthe herausgenommen und ſtehend die Farben auf die Palette geſtellt— und wie ſie allem dem mit großem ſchweigen⸗ dem Auge zugeſehen hatte— und wie er ihr die Palette artig reichte: ſo drückte ſie raſch den einen Aermel ihres Atlasgewandes zuſammen, empfing die Palette und ſetzte ſich mit unſäglichem Stolze nieder. Er ſtand hinter ihr, auf dem Antlitze nicht einen Hauch von Erre⸗ gung zeigend. Das Malen begann. Die ältliche Frau, die Amme der jungen Dame, ging zeitweiſe ab und zu. Der junge Mann, als Lehrer, begann mit klarer Stimme kühl und ruhig die Beurtheilung des bereits auf der Leinwand Vorhandenen, und that dieſes Geſchäft lobender und kürzer, als ſonſt; dann gab er den Plan für das, was nun dem Bilde zunächſt Noth thue; er nannte die erforderlichen Töne und die Farben, aus denen ſie zu miſchen ſeien. Sie nahm und miſchte. „Gut“ ſagte er. Die Töne wurden nun in einem Bogen auf der Palette neben einander aufgeſtellt— das Malen begann und das Zim⸗ mer war todtenſtill; nur, wie eine Grotte durch fallende Tropfen, ſo ward es durch die gelegentlichen Worte unterbrochen:„gut— wärmer — tiefer—“. Nach und nach tönte auch dieß nicht mehr; mit dem lan⸗ gen Stiele des Pinſels zeigte er, was zu verbinden war, was zu tren⸗ nen; oder er ſetzte plötzlich ein Lichtchen oder einen Drucker hin, wo es Noth that und ſie es nicht wagte. Was er gewollt, hatte er erreicht; aber wer ihn nun geſehen hätte, wie er ſein ſchönes Antlitz hinter ihrem Rücken einſam emporhob, der hätte den leiſen heißen Schmerz bemerkt, der in demſelben ſchwamm— aber ſie ſah ſich nicht um, und ſonſt waren rings nur die blinden Wände. Wie ſo oft der Geiſt des Zwieſpalts zwiſchen Menſchen tritt, an⸗ fangs als ein ſo kleines, weſenloſes Ding, daß ſie es nicht ſehen, oder nicht werth halten es mit einem Hauch des Mundes, mit einer Falte des Gewandes wegzufegen— wie es dann heimlich wächſt, und endlich als unangreifbarer Rieſe wolkig, dunkel zwiſchen ihnen ſteht: ſo war es auch hier. Einſtens, ja in einem ſchönen Traume war es ihm geweſen, als zittre auch in ihr der Anfang jenes heißen Weſens, das ſo dunkel über ſeiner Seele lag, einſtens in einem ſchönen Traume; aber dann war ihr Stolz wieder da, ihr Freiheitsſtreben, ihr Wagen— alles, alles ſo ganz anders, als ihm ſein ſchüchtern wachſendes, ſchwellendes Herz ſagte, daß es ſein ſolle— ſo ganz anders, ganz anders, daß er plötzlich knir⸗ ſchend Alles hinter ſich geworfen, und nun daſtand, wie Einer, der ver⸗ achtet— und wie ſie immer fortmalte und auch nicht eine Seitenbewe⸗ gung ihres Hauptes machte, und auch nicht ein Wort ſagte: da preßte er die Zähne ſeines Mundes auf einander und dachte, er haſſe dieſes Weib recht inbrünſtiglich!— Und wie Stunde um Stunde des Vormit⸗ tags floß,— wie er ihren Athem hörte, und wie doch keine Sekunde etwas Anderes brachte, als immer dasſelbe Bild:— da wurde es ſchwül .% im Zimmer, und auf einmal— er wußte nicht warum— trat er an das Fenſter und ſah hinaus. Es war draußen ſtill, wie drinnen; ein traurig blauer Himmel zog über regloſe grüne Bäume— der Jüngling meinte, er ringe mit einer Rieſenſchlange um ſie zu zerdrücken. Plötz⸗ lich war es, als höre er hinter ſich einen dumpfen Ton, wie wenn etwas niedergelegt würde— er ſah um: wirklich waren Palette und Malerſtab weggelegt, und die Jungfrau ſaß im Stuhle rückgelehnt, die beiden Hände feſt vor ihr Antlitz drückend. Einen Moment ſchaute er auf ſie und begann zu beben;— dann ging er leiſe näher— ſie regte ſich nicht— dann noch näher— ſie regte ſich nicht— er hielt den Athem an, er ſah auf die ſchönen Finger, die ſich gegen die 2 lüthe des Antlitzes drückten— und da ſah er endlich, wie quellend Waſſer zwiſchen ihnen vordrang— mit Eins lag er auf ſeinen Knieen vor ihr. Man er⸗ zählt von einer fabelhaften Blume der Wüſte, die jahrelang ein ſtarres Kraut war, aber in einer Nacht bricht ſie in Blüthen auf, ſie erſchrickt und ſchauert in der eignen Seligkeit— ſo war's hier: mit Angſt ſuchte er unter ihren Händen empor in ihr Angeſicht zu ſchauen; allein er konnte es nicht ſehen,— er ſuchte ſanft den Arm zu faſſen, um ihre eine Hand herabzuziehen;— allein ſie ließ den Arm nicht. Da preßten ſeine Lip⸗ pen das heiße Wort heraus:„Liebe, theure Cornelia!“ Sie drückte ihre Hände nur noch feſter gegen das Geſicht, und nur noch heißer und nur noch reichlicher floſſen die Thränen hervor. Ihm aber—— wie war ihm denn? Angſt des Todes war es über dieſe Thränen, und dennoch rollte jede wie eine Perle jauchzenden Ent⸗ zückens über ſein Herz—— wo iſt die Schlange am Fenſter hin? wo der drückende blaue Himmel?— Ein lachendes Gewölbe ſprang über die Welt, und die grünen Bäume wiegten ein Meer von Glanz und Schimmer! Er hatte noch immer ihren Arm gefaßt, aber er ſuchte nicht mehr ihn herabzuziehen— ſie ward ruhiger— endlich ſtille. Ohne das Antlitz zu enthüllen, ſagte ſie leiſe:„Sie haben mir einſt über mein den Män⸗ nern nachgebildetes Leben ein Freundeswort geſagt,...“ „Laſſen wir das,“ unterbrach er ſie,„es war Thorheit, Anmaßung pin ni „Nein, nein,“ ſagte ſie,„ich muß reden, ich muß Ihnen ſagen, daß es anders werden wird—— ach, ich bin doch nur ein armes, ſchwaches Stifter. 4. Aufl. I. 2 Weib, wie ſchwach, wie arm ſelbſt gegen jenen greiſen hinfälligen Mann —— ſie erträgt den Himmel nicht!——“ Hier ſtockte ſie, und wieder wollten Thränen kommen. Der Jüng⸗ ling zog nun ihre Hände herab; ſie folgte, aber der erſte Blick den ſie auf ihn that, machte ſie erſchrecken, daß plötzlich die Thränen ſtockten. Wie war er verwandelt! Aus den Locken des Knaben ſchaute ein geſpanntes, ernſtes Männerantlitz empor, ſchimmernd in dem fremden Glanze des tiefſten Fühlens;— aber auch ſie war anders: in den ſtolzen dunklen Sonnen lag ein Blick der tiefſten Demuth, und dieſe demüthigen Son⸗ nen hafteten beide auf ihm, und ſo weich, ſo liebreich wie nie—— hin⸗ gegeben, hilflos, willenlos— ſie ſahen ſich ſprachlos an— die heiße Lohe des Gefühles wehte— das Herz war ohnmächtig— ein leiſes An⸗ ſichziehen— ein ſanftes Folgen— und die Lippen ſchmolzen heiß zu⸗ ſammen, nur noch ein unbeſtimmter Laut der Stimme— und der ſeligſte Augenblick zweier Menſchenleben war gekommen, und— vorüber. Der Kranz aus Gold und Ebenholz um ihre Häupter hatte ſich ge⸗ löſet, der Funke war geſprungen, und ſie beugten ſich auseinander— aber die Häupter blickten ſich nun nicht an, ſondern ſahen zur Erde und waren ſtumm. Nach langer, langer Pauſe wagte der Jüngling zuerſt ein Wort, und ſagte gedämpft:„Cornelia, was ſoll nun dieſer Augenblick be⸗ deuten?“ „Das Höchſte, was er kann,“ erwiederte ſie ſtolz und leiſe. „Wohl, er iſt das ſchönſte, was mir Gott in meinem Leben vorge⸗ zeichnet,“ ſagte er,„aber hinter der großen Seligkeit iſt mir jetzt, als ſtände ein großer langer Schmerz— Cornelia— wie werde ich dieſen Augenblick vergeſſen lernen?!“ „Um Gott nicht,“ ſagte ſie erſchrocken,„Guſtav, lieber, einziger Freund, den allein ich auf dieſer weiten Erde hatte, als ich mich verblen⸗ det über mein Geſchlecht erheben wollte— wir wollen ihn auch nicht vergeſſen; ich müßte mich haſſen, wenn ich es je könnte.— Und auch Sie, bewahren Sie mir in Liebe und Wahrheit Ihr großes, ſchönes Herz.“ Er ſchlug nun plötzlich die Augen zu ihr auf, erhob ſich von dem Sitze, trat vor ſie, ordentlich höher geworden, wie ein ſtarker Mann, und rief:„Vielleicht iſt dieſes Herz reicher, als ich ſelber weiß; eben — 5 kommt ihm ein Entſchluß, der mich ſelber überraſcht, aber er iſt gut: meine vorgenommene Reiſe trete ich ſogleich, und zwar morgen ſchon an.— Ich kann noch an das neue Glück nicht glauben— iſt es etwa nur ein Moment, ein Blitz, in dem zwei Herzen ſich begegneten, und iſt es dann wieder Nacht? Laß uns nun ſehen, was dieſe Herzen ſind. Ver⸗ loren kann dieſe Minute nie ſein, aber was ſie bringen wird!? Sie bringe, was ſie muß und kann— und ſo gewiß eine Sonne draußen ſteht, ſo gewiß wird ſie eines Tages die Frucht der heutigen Blume be⸗ leuchten, ſie ſei ſo oder ſo——— ich weiß nur eines, daß draußen eine andere Welt iſt, andere Bäume, andere Lüfte— und ich ein anderer Menſch. O Cornelia, hilf mir's ſagen, welch' ein wundervoller Sternen⸗ himmel in meinem Herzen iſt, ſo ſelig, leuchtend, glänzend, als ſollt ich ihn in Schöpfungen ausſtrömen, ſo groß, als das Univerſum ſelbſt,— aber ach, ich kann es nicht, ich kann ja nicht einmal ſagen, wie grenzen⸗ los, wie unausſprechlich, und wie ewig ich Sie liebe, und lieben will, ſo lange nur eine Faſer dieſes Herzens halten mag.“ Cornelia war im höchſten Grade erſtaunt über den Jüngling und ſeine Sprache.— Sie war mit ihm in gleichem Alter, aber ſie war eine aufgeblühte volle Blume, er konnte zu Zeiten faſt noch ein Knabe heißen.— Bewußt oder unbewußt hatte ſie die Liebe vorzeitig aus ihm gelockt— in einer Minute war er ein Mann geworden; er wurde vor ihren Augen immer ſchöner, wie Seele und Liebe in ſein Geſicht trat, und ſie ſah ihn mit Entzücken an, wie er vor ihr ſtand, ſo ſchön, ſo kräf⸗ tig, ſchimmernd ſchon von künſtigem Geiſtesleben und künftiger Geiſtes⸗ größe, und doch unſchuldig, wie ein Knabe, und unbewußt der göttlichen Flamme, Genie, die um ſeine Scheitel ſpielte. Seele kann nur Seele lieben, und Genie nur Genie entzünden. Cornelia war nun auch aufgeſtanden, ſie hatte ihre ſchönen Augen zu ihm emporgeſchlagen, und alles, was je gut und edel und ſchön war in ihrem Leben, die unbegrenzte Fülle eines guten Herzens lag in ihrem Lächeln, und ſie wußte es nicht, und meinte zu arm zu ſein, um dieſes Herz lohnen zu können, das ſich da vor ihr entfaltete. Er aber verſprach ſich in dieſem Momente innerlich, daß er ringen wolle, ſo lange ein Hauch des Lebens in ihm ſei, bis er geiſtesgroß und thatengroß vor allen Men⸗ ſchen der Welt daſtehe, um ihr nur vergelten zu können, daß ſie ihr herr⸗ lich Leben an ihn hingebe für kein anderes Pfand, als für ſein Hetz. 2* Sie waren mittlerweile an das Fenſter getreten, und ſo ſehr jedes innerlich ſprach, ſo ſtumm, und ſo befangener wurden ſie äußerlich. Es iſt ſeltſam, wie das Gemüth in ſeiner Unſchuld iſt: wenn der erſte Wonneſturz der erſten Liebe auf dasſelbe fällt, und nun vorüber iſt, — ſo iſt der erſte Eindruck der, zu fliehen, ſelbſt vor der Geliebten zu fliehen, um die ſtumme Uebermacht in's Einſame zu tragen. So ſtanden auch die Beiden an dem Fenſter, ſo nahe aneinander, und doch ſo fern. Da trat die Amme ein, und gab Beide ſich ſelbſt wie⸗ der. Er vermochte es, von ſeiner Reiſe und von ſeinen Planen zu ſpre⸗ chen und als die Amme ſagte, er möge doch auch ſchreiben, und die Ge⸗ birge und Wälder und Quellen ſo ſchön beſchreiben, wie er oft auf Spa⸗ ziergängen gethan habe,— da ſtreifte ſein Blick ſcheu auf Cornelia, und er ſah, wie ſie erröthete. Als endlich die Amme wieder abgerufen wurde, nahm auch er ſachte ſeinen Hut, und ſagte:„Cornelia, leben Sie wohl!“ „Reiſen Sie recht glücklich,“ antwortete ſie, und ſetzte hinzu: „Schreiben Sie einmal.“ Sie hatte nicht mehr den Muth, nur noch mit einem Worte die ver⸗ gangene Scene zu berühren. Sie getraute ſich nicht zu bitten, daß er die Reiſe auſſchiebe, und er nicht zu ſagen, daß er lieber hier bliebe, und ſo gingen ſie auseinander, nur daß er unter der Thür noch einmal um⸗ blickte, und die liebe theure Geſtalt ſchamvoll neben den Blumen ſtehen ſah. Als er aber draußen war, eilte ſie raſch vor ihr Marienbild, ſank vor demſelben auf die Kniee, und ſagte:„Mutter der Gnaden, Mutter der Waiſen, höre mein Gelübde; ein demüthig ſchlechtes Blümchen will ich hinfort ſein und bleiben, das er mit Freuden an ſein ſchönes Künſtler⸗ herz ſtecke, damit er dann wiſſe, wie unſäglich ich ihn liebe und ewig lie⸗ ben werde.“ Und wieder floſſen ihre Thränen, aber es waren linde, warme und ſelige. So trennten ſich zum erſtenmal zwei Menſchen, die ſich gefunden. Wer weiß es, was die Zukunft bringen wird? Beide ſind ſie unſchul⸗ dige, überraſchte Herzen, Beider glühendſter, einzigſter Entſchluß iſt es, das Aeußerſte zu wagen, um nur einander werth zu ſein, um nur ſich zu beſiten, immerfort in Ewigkeit und Ewigkeit. Ach, ihr Armen, kennt ihr denn die Herrlichkeit, und kennt ihr denn die Tücke des menſchlichen Herzens? 4. Fruchtſtück. Manches Jahr war ſeit dem Obigen verfloſſ ſen, allein es liegt nichts davon vor.— WVech ein Glühen, welch' ein Kämpfen zwiſchen Beiden war, wer weiß es? Nur ein ganz kleines Bild aus ſpäterer Zeit iſt noch da, welches ich gerne gebe. Vor einigen Jahren war ich in Paris, und hörte einmal zufällig beim Reſtaurateur einem heftigen Streite zu, der ſich über den Vorzug zweier Bilder erhob, die eben auf der Ausſtellung waren. Wie es zu gehen pflegt, einer pries das erſte, der andere das zweite, aber darin wa⸗ ren Alle einig, daß die neue Zeit nichts dem Ae hnliches und was die ganze Welt nur noch mehr reizte, war, daß kein N Renſch wußte, von wem die Bilder ſeien. „Ich kenne den Künſtler,“ rief ein langer Herr,„es iſt derſelbe blaſſe Mann, der vorigen Sommer ſo oft auf dem Thurme von Notre⸗Dame war, und ſo viel ſchwieg. Er ſoll jetzt in Südamerika ſein.“ Das Bild iſt von Mouſard,“ ſagte ein Anderer,„er will nur die 3 E „Ja, das malt einmal Mouſard,“ ſchrie ein Dritter,„die Gemälde ſind n mit einem falſchen Namen verſehen, ſage ich, weil ſie von einer hohen Hand ſind.“ Einige lachten, Andere ſchrieen, und ſo ging es fort, ich aber bezab mich vom Reſtaurateur auf den Salon, um dieſe geprieſenen Stücke zu ſehen. Ich fand ſie leicht, und in der That, ſie machten mich eben nſ betroffen, wie die Andern, die neben mir ſtanden. Es waren zwei iMond⸗ bilder— nein, keine Mondbilder, ſondern wirkliche Mondnächte, aber ſo dichteriſch, ſo ichauch ſo trunken, wie ich nie ſolche geſehen. Immer ſtand eine gedrängte Gruppe davor, und es warm ſerkwürdig, wie ſelbſt * ——— — dem Munde der unterſten Klaſſen ein Ruf des Entzückens entfuhr, wenn ſie dieſelben erblickten, und von dieſer Natur getroffen wurden. Das erſte war eine große Stadt von oben geſehen, mit einem Gewimmel von Häu⸗ ſern, Thürmen, Kathedralen, im Mondlichte ſchwimmend— das zweite eine Flußpartie in einer ſchwülen, elektriſchen, wolkigen Sommermond⸗ nacht. „Guſtav R... aus Deutſchland,“ ſtand im Kataloge, und man kann denken, welche Reihe von Erinnerungen plötzlich in mir außzuckten, als ich„Guſtav“ las— ich kannte nun den Künſtler ſehr wohl.— Alſo auf dieſe Weiſe, dachte ich, iſt dein Herz in Erfüllung gegangen, und hat ſich deine Liebe entfaltet! Armer, getäuſchter Mann!— Auch das werden unſere Leſer verſtehen, was ſich damals ganz Paris als eine Selt⸗ ſamkeit und Künſtlerlaune erzählte, daß nämlich auf jedem Bilde eine Katze vorkomme— der chrliche gute Hinze. Ich blieb faſt bis zum Schluſſe, und ſah nun auch die andern Bil⸗ der an. Als ich auf meinem Rückwege die Säle wieder an den zwei Ge⸗ mälden vorüberkam, bemerkte ich, wie ein Galleriediener einer Dame, die davor ſtand, bedeutete, daß ſie gehen müſſe, weil geſchloſſen werde. Die Dame zögerte noch einen Moment, dann löſ'te ſie ihr Auge von den Ge⸗ mälden, und wandte ſich zum Gehen— nie wurde ich von zwei ſchöne⸗ ren Augen getroffen— ſie ließ den Schleier überfallen und ging davon. Ich konnte damals nicht ahnen, wer ſie war, und erſt heute nach einer Reihe von Jahren vermag ich zu berichten, daß die Dame nach je⸗ nem Beſuche in dem Salon nach ihrem Hauſe in der Straße St. Honore fuhr, daß ſie dort in ihrem Schlafgemache die Fenſtervorhänge niederließ, die Hände über ihrem Haupte zuſammenſchlug, und dann ihr Angeſicht tief in die Kiſſen des Sofa's drückte. Wie zuckte in ihrem Gehirne all das leiſe Flimmern und Leuchten dieſer unſchuldigen, keuſchen Bilder, gleichſam leiſe, leiſe Vorwürfe einer Seele, die da ſchweigt, aber mit Licht⸗ ſtrahlen redet, die tiefer dringen, die immer da ſind, immer leuchten, und nie verktingen, wie der Ton! Paris wußte es nicht, als jenes Tages ſeine gefeiertſte Schönheit in keinem der Zirkel erſchien, die Schönheit, welche tauſend Herzen ent⸗ zündete, und mit tauſenden ſpielte— Paris wußte es nicht, daß ſie zu Hauſe in ihrem verdunkelten Zimmer ſitze, und hilflos ſiedende Thränen über ihre Wangen rollen laſſe, Thränen, die ihr faſt das lechzende Herz zerdrücken wollten;— aber es war vergebens, vergebens! Gelaſſen und kalt ſtand die Macht des Geſchehenen vor ihrer Seele, und war nie und nimmermehr zu beugen— und fern, fern von ihr in den Urgebirgen der Cordilleren wandelte ein unbekannter, ſtarker, verachtender Menſch, um dort neue Himmel für ſein wallendes, ſchaffendes, dürſtendes, ſchuld⸗ los gebliebenes Herz zu ſuchen. goldnem Rauche erſchien, daß die Sterne ſichtbar w tete Ballon in ſchwarzem finſterm Rauche hing. Anmerkungen zu dem Condor. Es wurde im zweiten Kapitel geſagt, daß den Luftſchiffern die Erde in urden, und daß der beleuch⸗ Für Nichtphyſiker diene folgende kleine Erklärung: Da das von der beleuchteten Erde allſeiti blau reflektirt wird, ſo iſt das hinausgehende(nach der Optik) das complementäre Drange, daher die Erde, von außen geſehen, golden erſcheint, wie die andern Sterne. g in die Luft geworfene Licht Das Licht ſelbſt iſt nicht ſichtbar, ſondern nur die von ihm getroffene Flächen, daher der gegenſtandloſe Raum ſchwarz iſt. Das Licht iſt nur auf den Welten, nicht zwiſchen denſelben erkennbar. Wäre unſere Erde von keiner Luft umgeben, ſo ſtände die Sonne als ſcharfe Scheibe in völligem Schwarz. Daß wir am Tage keine Sterne ſehen, rührt von dem Lichtglanze, den alle Objecte in's Auge ſenden; wo dieſer abgehalten wird, wie z. B. in tiefen Brunnen, erſcheinen uns auch die Sterne am Tage. Feldblumen. — Primel. 24. April 1834. an legt oft etwas dem Menſchen zur Laſt, woran eigentlich die Chemie alle Schuld hat. Es iſt offenbar, daß wenn ein Menſch zu wenig Metalle, z. B. Eiſen, in ſein Blut bekommen hat, die andern Atome gleichſam darnach lechzen müſſen, um, damit verbunden, das che⸗ miſch heilſame Gleichgewicht herſtellen zu können. Nur mißverſteht aber der ſo ſchlimm Begabte meiſtens ſeinen Drang, und ſtatt in's Blut, ſchleppt er unbeholfen die Metalle in ſeine Stube und in die Käſten, und greift hierbei ganz ungeſchickt nach Silber und dergleichen. Wir heißen den armen Schelm dann einen Geizhals;— ſei's um den Namen— aber verachten ſoll man ihn nicht ſo leichtfertig, als ſei er ſelber ſchuld, was ſich doch offenbar durch die Thatſache widerlegt, daß gerade der echteſte darunter alles Papiergeld haßt und durchaus nicht nach Zinſen trachtet, ſondern das einfache, reine, ſchöne Metallgeld aufhebt und hütet. Andere haben andere Verwandtſchaften, lieber Titus! z. B. ich und Du, denen man es übel nahm, daß ſie die Damen, und darunter wieder die ſchönſten, oft unbillig anſtarren;— aber bei mir wenigſtens iſt es nicht abzuſtellen, weil ich, ſo zu ſagen, ein Schönheitsgeizhals bin. Ich habe es jetzt heraus, wie mich das Ding ſchon als Kind ver⸗ folgte, wo ich oft um lichte Steinchen raufte, oder als Knabe mit dicken, rothgeweinten Augen von dem Taubenſchlage herabkam, in dem ich ſtun⸗ denlang gekauert ſaß, um die ſchönſten Romane zu leſen, die mein ſeli⸗ ger Vater gar ſo ſehr verbot, weil er es lieber hatte, daß ich das Quse maribus und ſolches Zeug lernte, was ich zwar auch that, ſo daß ich das Ding der Länge nach herzuſagen vermochte;— aber ich hatte es millionenmal lieber, wenn ich mich aus einem ſchönen Ritterbuche ab⸗ ängſtigen konnte, oder wenn mir einmal— ich habe ſeitdem das Werk nicht mehr geleſen— geradezu das Herz brach, da Ludwig der Strenge ſofort ſeine wunderſchöne, unſchuldige Gattin hinrichten ließ, die bloß verläumdet war, und die Niemand retten konnte als ich, der ich aus dem Buche die ganze Schlechtigkeit ihrer Feinde geleſen hatte, aber unglück⸗ licher Weiſe dreihundert Jahre zu ſpät. Damals, da ich bis zur letzten Seite auf Rettung baute und traute und endlich keine kam, rieb ich mich faſt auf vor Schmerz. Aus jenem unbewohnten, ſtaubigen Taubenſchlage, Titus, trug ich wunderſame, liebe Gefühle bis in die ſpäteſten Zeiten meines Lebens hinüber, und wurde nach der Hand für und für kein Anderer; immer ſuche ich noch, bildlich geſprochen, ſolche Taubenſchläge, ſpanne mich aus der Gewerks⸗ welt los und buhle um die Braut des Schönen. Freilich werde ich hierbei nicht reich; aber mein Vetter, der Me⸗ tallgeizhals, kümmert ſich auch nicht um Schönheit.— Die Dinge ſind eben ganz entgegengeſetzt; nur können wir uns Beide die Sache nicht ausſchlagen, weil das Leben keinen Dreier mehr werth iſt, ſobald man unſer Streben daraus wegnimmt. Darum ſollte man es Jedem laſſen, keinen ftemden Maßſtab und leichtfertigen Tadel an unſer Thun legen, weil man die Chemie nicht einſieht. Da bin ich milder, und ſchreie nicht gleich Zeter, wenn mein ehrlicher Doppelgänger einigen zweckmäßigen Hunger leidet, weil noch eine Prachtſumme zurückzulegen iſt, die ſeiner Sammlung zur wahren Zierde gereichen wird;— aber er und Andere ſollen dafür auch nicht murren, wenn ich Geld und Gut nicht achte, in Concerte, unter den Sommerhimmel, in Theater, Bilder⸗ ſäle laufe und die Dinge anhöre und anſehe, beſonders aber gern die Augen in lieben, feinen, jungen weiblichen Geſichtchen ſtecken laſſe; es iſt jä keine Selbſtſucht— wahrlich keine.——— Das iſt eben das komiſch Aergerliche bei uns Geizhälſen, daß die Andern uns ſo viel Selbſtſucht andichten, während wir doch(er und ich) nur die reine Form anbeten und den ſtofflichen Beſiß endlich immer jemand Anderm laſſen, — er freilich etwas ſpät und ungern, nämlich bei ſeinem Lebensende,— ich aber jeden Augenblick und mit größter Heiterkeit. Ich will aber jetzt von dieſer Vergleichung aufhören und Dir andere Dinge in dieſem Tageblatte berichten. Ich habe mein Modell wieder geſehen. Sie iſt noch immer dieſelbe. Aus Zufall ſah ich ſie mit ihrer Mutter in die Annenkirche gehen, und ich ging dann auch hinein. Sollte ich ſie hier öfter ſehen können, ſo will ich ſuchen, mir ihre Züge zu ſteh⸗ len und in einer glücklichen Stunde auf die Leinwand zu werfen; dann ſende ich Dir ein Miniaturbild davon für Deine Sammlung ſchöner Menſchenköpfe. Vielleicht kann ich Dir gleich zwei erleſene Stücke ſ den; denn Aſton verſprach, daß ich in den nächſten Tagen bei ſein Familie eine der größten Schönheiten ſehen ſolle— ja, die größte, wie er unumwunden erklärte, welche die Luft innerhalb der Mauern Wiens athme— und daß er es ſo veranſtalten wolle, daß ich unvermerkt ihr Bild in meine Mappe bekomme, da ſie außer andern tauſend Thorheiten auch die beſitze, nie einem Maler ſitzen zu wollen. Sie iſt die vertraute Freundin ſeiner Töchter, denen ſie, wie er ſagt, den Kopf eben ſo albern mache, wie der ihrige iſt. Jetzt kommt ſie nicht, weil ihre Tante krank iſt. Ihr Vorname iſt Angela, welchem Vornamen ſie wohl körperlich, aber nicht geiſtig entſprechen ſoll. Nun, ich bin neugierig— toll wäre es, wenn ſie meine Antike wäre. Noch muß ich Dir ſagen, ehe ich ſchließe, daß ich geſtern wieder einmal recht ſpazieren war, ſo zu ſagen, unendlich, auf allen Landen herum, um Heerſchau über alle Schönheiten zu halten, über lebende und lebloſe. Da waren die lichten, klaren, Lüfte mit den wun⸗ derlichen Aprilwolken voll Sonnenblicken— das Zittern der anbrüten⸗ den Lenzwärme über den noch ſchwarzen S— die ſchönen grünen Streifen der Winterſaat dazwiſchen:— dann waren die röthlich fahlen Wälder, die an den Bergen hinanziehen, mit dem ſanften blauen Luft⸗ hauch darüber, und überall auf der farbloſen Erde die geputzten Men⸗ ſchen wandelnd, die ſo gern die erſten Strahlen der ſchwachen Lenzſonne und der reinen Luft genießen wollten. Eine Mutter ſah ich mit mehre⸗ ren ſchönen Töchtern, die ſehr jung waren und in allen Abſtufungen bis zur Kindheit herab auf den lieben runden Wangen das Roth der Un⸗ ſchuld und Geſundheit trugen, welches Roth noch röther wurde, als ich ſie unverſehens anblickte.— Ich habe dieſe Gattung Scham ſo gern— gleichſam rothſeidne Vorhänge zieht die junge Seele plötzlich vor dem fremden Auge über, das unberufen will hineinſehen. Auch Männer ſah S — 0 ich viele, aber wenig von Werth;— nur einen fand ich, der mich feſ⸗ ſelte, einen ſehr jungen Mann; er zeichnete die Ausſicht in ein Gedenk⸗ buch, und ich ſah ihn mit Muße an— ein Geſicht voll Ernſt und Güte, mit klugen, unſchuldigen Augen. Er ſchenkte mir keine Aufmerkſamkeit, und ich ging endlich weiter. Da dachte ich ſo, wie denn Gott mit den Linien und Formen des Menſchenangeſichts ſo eigen und am wunder⸗ barſten den Geiſt der Schönheit verband, daß wir ſo mit Liebe hinein⸗ ſehen und von Rührung getroffen werden;— aber kein Menſch, dachte ich, kann eigentlich dieſes wundervolle Titelblatt der Seele ſo verſtehen, als ein Künſtler, ein echter, rechter, wie er uns Beiden oft im Ideale vorſchwebte; denn der Weltmenſch ſchaut nur oberflächlich oder ſelbſt⸗ ſüchtig, und der Verliebte verfälſcht, nur zu ſehr am irdiſchen Geſchöpfe hangend; aber der reine, einfältige Meiſter in ſeiner Werkſtätte, tage⸗ lang denſelben zwei Augen gegenüber, die er bildet und rundet,— der ſieht den Finger Gottes aus den todten Farben wachſen, und was er doch ſelber gemacht hat, ſcheint ihm nun nicht bloß ein fremdes Geſicht, ſon⸗ dern auch eine fremde Seele, der er Achtung ſchuldig iſt,— und öfters mag es geſchehen, daß mit einem leichten ungefähren Zug des Pinſels plötzlich ein neuer Engel in die Züge tritt, davor er faſt erſchrickt, und von Sehnſucht überkommen wird. Ferner dachte ich an Gallerien, wo die Augen und Wangen längſt vergangener Geſchlechter noch immer ihre Freude und ihr Weh erzählen ———— dann dachte ich an unſer eignes Sterben und an den Glanz derer, die nachher ſein werden—— und in dem Fortſpinnen desſelben düſter ſchönen Gedankens zog ich die ſanften Fäden planloſen Fantaſi⸗ rens um mein Haupt, und über die große ſtille Landſchaft vor mir,— ich ging herum in's Weite und Breite, und ließ von Gedanken und Fantaſieen kommen, was da wollte. Ach! ein ſanftes Eden liegt im Menſchenherzen, und es blühen darin leuchtende und dunkle Blumen. Meine gewöhnliche Frühlingstrauer ſtellte ſich ein. Ich weiß nicht, ob die ſchönen allererſten Frühlingstage auch Andere traurig machen. Iſt es etwa die Ruhe nach den Winterſtürmen, die lächelnd in der unge⸗ heuern Bläue liegt, und darunter auch ruhig die todte Erde und das ſchwarze Baumgitter, das des Keimens hartt— oder iſt es phyſiſcher Einfluß der weichen Luſt nach der Winterhärte, oder Beides?——— Weithin über den Horizont Ungarns ſchweiften trübe, gedehnte Streifen— der Abend kam endlich— ein weißlicher Rauch trank die Stadt ein— Frühlingsabenddünſte beſchmutzten das Gold des Him⸗ mels, und ein dumpfer, rother Mond kämpfte ſich langſam herauf.— Ich aber dachte und dachte—— ſo geht es immer— und ſo geht es immer. 2 Peilchen. 25. April 1834. Heute iſt weithin heiterer Himmel mit tiefem Blau, die Sonne ſcheint durch mein geöffnetes Fenſter; das draußen ſchallende Leben dringt klarer herein, und ich höre das Rufen ſpielender Kinder. Gegen Süden ſtellen ſich kleine Wolkenballen auf, die nur der Frühling ſo ſchön färben kann; die Metalldächer der Stadt glänzen und ſchillern, der Vor⸗ ſtadtthurm wirft goldne Funken, und ein ferner Taubenflug läßt aus dem Blau zu Zeiten weiße Schwenkungen vortauchen. Wäre ich ein Vogel, ich ſänge heute ohne Aufhören auf jedem Zweige, auf jedem Zaunpfahle, auf jeder Scholle, nur in keinem Käfig — und dennoch hat mich der Arzt in einen geſperrt, und mir Bewegung unterſagt; deßhalb ſitze ich nun da, dem Fenſter gegenüber, und ſehe in den Lenz hinaus, von dem ein Stück gütig zu mir hereinkommt. Auf dem Fenſtergeſimſe ſtehen Töpfe mit Levkojenpflänzchen, die ſich ver⸗ gnüglich ſonnen und ordentlich jede Sekunde grüner werden; einige Zweige aus des Nachbars Garten ragen um die Ecke, und zeigen mir, wie frohe Kinder, ihre kleinen, lichtgrünen, unſchuldigen Blättchen. Zwei alte Wünſche meines Herzens ſtehen auf. Ich möchte eine Wohnung von zwei großen Zimmern haben, mit wohlgebohnten Fuß⸗ böden, auf dem kein Stäubchen liegt; ſanft grüne oder perlgraue Wände, daran neue Geräthe, edel, maſſiv, antik einfach, ſcharfkantig und glän⸗ zend; ſeidne, graue Fenſtervorhänge, wie matt geſchliffenes Glas, in kleine Falten geſpannt, und von ſeitwärts gegen die Mitte zu ziehen. In dem einen der Zimmer wären ungeheure Fenſter, um Lichtmaſſen hereinzulaſſen und mit obigen Vorhängen für trauliche Nachmittags⸗ dämmerung. Rings im Halbkreiſe ſtände eine Blumenwildniß, und mitten darin ſäße ich mit meiner Staffelei, und verſuchte endlich jene Farben zu erhaſchen, die mir ewig im Gemüthe ſchweben und Nachts durch meine Träume dämmern— ach, jene Wunder, die in Wüſten prangen, über Oceanen ſchweben und den Gottesdienſt der Alpen feiern helfen. An den Wänden hinge ein oder der andere Ruysdael oder ein Claude, ein ſanfter Guido und Kindergeſichtchen von Murillv. In die⸗ ſes Paphos und Eldorado ginge ich dann nie anders, als nur mit der unſchuldigſten, glänzendſten Seele, um zu malen oder mir ſonſt dichte⸗ riſche Feſte zu geben. Ständen noch etwa zwiſchen dunkelblättrigen Tropengewächſen ein paar weiße, ruhige Marmorbilder alter Zeit, dann wäre freilich des Vergnügens letztes Ziel und Ende erteicht. Sommerabends, wenn ich für die Blumen die Fenſter öffnete, daß ein Luftbad hereinſtröme, ſäße ich im zweiten Zimmer, daß das gemeine Wohngehäuſe mit Tiſch und Bett, und Schrank und Schreibtiſch iſt, nähme auf ein Stündchen Vater Göthe zu Handen oder ſchriebe, oder 5 5 ginge hin und wieder, oder ſäße weit weg von der Abendlampe und ſchaute durch die geöffneten Thürflügel nach Paphos, in dem bereits die anginge oder gar ſchon Mondenſchein wäre, der im Gegen⸗ ſate zu dem trübgelben Etze meines Lampenlichtes ſchöne weiße Lilien⸗ tafeln draußen auf die Wände legte, durch das Gezweig ſpielte, über die Linbilder glitte und Silbermoſaik auf den Fußboden ſetzte. Dann ſtellte ich wohl den guten Refraktor von Fraunhofer, den ich auch hätte, auf, um in den Licht⸗ und Rebelauen des Mondes eine halbe Stunde zu wandeln; dann ſuchte ich den Jupiter, die Veſta und andere, dann unerſättlich den Syrius, die Milchſtraße, die Nebelflecken; dann neue, nur mit dem Rohre ſichtbare Nebelflecken; gleichſam durch tauſend Him⸗ mel zurückgeworfene Milchſtraßen. In der erhabenen Stimmung, die ich hätte, ginge ich dann gar nicht mehr, wie ich leider jetzt Abends thun muß, in das Gaſthaus, ſondern.. Doch dieß führt mich auf den zweiten Wunſch: nämlich außer obiger Wohnung von zwei Zimmern noch drei anſtoßende zu haben, in denen die allerſchönſte, holdeſte, liebevollſte Gattin der Welt ihr Paphos — hätte, aus dem ſie zuweilen hinter meinen Stuhl träte und ſagte: dieſen Berg, dieſes Waſſer, dieſe Augen haſt du ſchön gemacht. Zu dieſer Außerordentlichen ihres Geſchlechts ginge ich nun an jenem Abende hin⸗ ein, führte ſie heraus vor den Frauenhofer, zeigte ihr die Welten des Himmels, und ginge von einer zur andern, bis auch ſie ergriffen würde von dem Schauder dieſer Unendlichkeit— und dann fingen begeiſterte Geſpräche an, und wir ſchauten gegenſeitig in unſere Herzen, die auch ein Abgrund ſind, wie der Himmel, aber auch einer voll lauter Licht und Liebe, nur einige Nebelflecke abgerechnet;— oder wir gingen dann zu ihrem Pianoforte hinein, zündeten kein Licht an(denn der Mond gießt breite Ströme desſelben bei den Fenſtern herein), und ſie ſpielte herrliche Mozart, die ſie auswendig weiß, oder ein Lied von Schubert, oder ſchwärmte in eigenen Fantaſieen herum— ich ginge auf und ab oder öffnete die Glasthüren, die auf den Balkon führen träte hinaus, ließe mir die Töne nachrauſchen und ſähe über das unendliche Funkengewim⸗ mel auf allen Blättern und Wipfeln unſeres Gartens, oder wenn mein Haus an einem See ſtände———— Aber, t Du, ſo bin ich— da wachſen die zwei Wünſche, daß ſie mir am Ende keir mehr verwirklichen könnte. Freilich wäre alles das ſehr mliſch, ſelbſt wenn vor der Hand nur die zwei Zimmer da wären, auch mit etwas geringern Bildern; denn die Herrliche, die ich mir einbilde, wäre ja ohnedieß nicht für mich leidenſchaftlichen n der ich ſie vielleicht täglich verletzte, wenn mich nicht etwa die Liebez einem völligen ſanften Engel umwandelte. Indeſſen aber ſtehe ich hier und habe Mitleid mit meiner Behauſung, die nur eine allereinzige Stube iſt mit zwei Fenſtern, durch die ich auf den Frühling hinaus⸗ ſchaue, zu dem ich nicht einmal hinaus darf, und an Wipfeln und Gär⸗ ten iſt auch nichts Hinreichendes, außer den paar Zweigen des Nachbars, ſondern die Höhe der Stube ter andern Wohnungen läßt mich wohl ein ſattſames Stück Himmel erblicken, aber auch Rauchfänge genug und mehrere Dächer, und ein paar Vorſtadtthürme. Die ſüdlichen Wolken ſtellten ſich indeſſen zu artigen Partieen zuſammen, und gewinnen immer liebere und wärmere Farben. Ich will, da ich ſchon nicht hinaus darf, einige abzuſtehlen ſuchen, und auf der Leinwand aufzubewahren.—— Ich ſchrieb das oben Stehende heute Morgens und malte faſt den gan⸗ zen Tag Luftſtudien. Abends begegnete mir ein artiger Vorfall. Auch Stifter. 4. Aufl. I. 3 moraliſchen und ſogar zufälligen Erſcheinungen gehen manchmal ihre Morgenröthen vorher. Schon ſeit vielen Wochen iſt mir die Bekannt⸗ ſchaft eines jungen Künſtlers verſprochen worden. Heute wurde er als Krankenbeſuch von zwei Freunden gebracht, und ſiehe da! es war der⸗ ſelbe junge, ſchöne Mann, den ich vor zwei Tagen auf dem Spaziergange, der mir mein jetziges Halsweh zuzog, gefunden hatte. Ich erkannte ihn augenblicklich und war faſt verlegen; er gab kein Zeichen, daß er auf den Spaziergänger geachtet habe, der ſo dreiſt in ſein Geſicht und Stu⸗ dienbuch geſchaut hat. Der Beſuch war ein ſehr angenehmer und die Bitte um Wiederholung wurde zugeſagt. Sein Name iſt Lothar Diſſon und ſein vorzugsweiſes Fach die Landſchaft; doch ſoll er auch ſehr glück⸗ lich portraitiren. Rleinwinziger Zentunſel. 29. April 1834. Ein Tagebuch iſt eigentlich nur für den Führer desſelben anſpre⸗ chend, und ich müßte Dich ſchlecht lieben, mein Titus, wenn ich Dich erbarmungslos durch alle Tage meines Kalenders ſchleppte. Als wir an jenem Abende auf dem Rigi, mitten unter kalten Reiſebeiſpielen von Engländern, beide zwar ſo arm wie Kirchenmäuſe, aber toll und luſtig genug, Abſchiedsfeſte feierten, und in unſter Lyrik erſt unſte Namen tauſchen wollten, dann aber dieſes ſogar zu dürftig fanden, ſondern ver⸗ ſprachen unſer ganzes künftiges Leben auszuwechſeln, d. h. uns gegen⸗ ſeitige gewiſſenhaſte Tagebücher zu ſenden— als alles dieß vorfiel, konnte es doch unmöglich ſo gemeint ſein, daß ich Dir jeden kahlen Tag übermache, der mich in dieſer Hauptſtadt überfällt, welche Hauptſtadt mir oft kleinſtädtiſch genug und abgeſchabt vorkommt gegen die freie, gewaltige Reſidenzſtadt der Natur, inſonderheit, da mir Deine Pyre⸗ näenreiſe ganze Prachteindrücke überſendet. Du biſt wohl noch der alte Narr, und ein hieſiger Freund oder, beſſer geſagt, nur ein Bekannter, den ich unlängſt erwarb, Anſelm Ruffo, ſagte, ich ſei auch ein großer, aber unſchädlicher, d. h. für Andere, mir ſelber aber beſtändig im Lichte. Es kann ſein, und wenn Du eine ſtichhaltige Beſchreibung eines Narren auftreibſt, ſo ſende ſie ſchleunigſt; dann läßt ſich die Sache eher ent⸗ ſcheiden— bisher wußte ich keine. Bleibe fürerſt nur der liebe, gute, reue und ſchönheitsbegeiſterte Narr, als welchen ich Dich kenne, und ich will Dich einige Millionenmal mehr lieben, als die andern geſcheidten Leute. Sende fleißig Pyrenäentage und zürne nicht, wenn Dir unſer Lyoner Spediteur von mir ein Päckchen ſendet, in denen nicht jeder Tag ein Geſicht zeigt— es hat eben nicht jeder eines. Diſſon war während der Zeit wieder bei mir, und wir gefielen uns ſo, daß wir nicht nur volle drei Stunden verplauderten, ſondern auf den erſten Mai, falls es meine Geſundheit zuläßt, einen Spaziergang von einem ganzen Tage verabredeten. ² Ich habe richtig jenes Mädchen in der Annenkirche wieder geſehen; ſie geht täglich um zehn Uhr dahin in Begleitung einer alten Frau, die ich für ihre Mutter halte. Du würdeſt Dich wundern; ganz eigen iſt der ruhige, große, fromme Blick der blauen Augen. Sie wäre, wie ich Anfangs ſcherzte, in der That ein antikes Mo⸗ dell. Als ich ſie der Gaſſe entlang ſchreiten ſah, und ihr nachblickte, dachte ich: ſo müßte ein altgriechiſches Marmorbild ausgeſehen haben, das wandeln könnte und Augen gehabt hätte. Da kamen mir allerlei Spintiſirungen über ſie: ich möchte ſie einmal beten ſehen; aber nicht in der Kirche, wo ſie die Augen mit den Wimpern kalt verhüllt, ſondern wenn ſie in ihrem Zimmer einſam Gott dankt oder um Abwendung eines entſetzlichen Wehes bittet;— oder ich möchte ſie in Liebesſreude ſchwär⸗ men ſehen oder im Schmerze das Auge aufſchlagen— oder tanzen— oder eine Gebirgspartie machen— lachen— ihren Vogel koſen— eine kleine Schweſter belehren; oder wenn ſie Thee bietet; wenn ihr etwas ſehr komiſch erſcheint— und ſo weiter— und ſo weiter. Aſton will Bilder aus Wiens Umgebungen von mir, und findet ſie immer ſehr ſchön, wenn ich ihm auch noch ſo ſehr(nach meiner alten Untugend, wie Du ſie nennſt) die Fehler darin aufdecke—— aber ſiehe, Titus, ich muß es ja thun, ſonſt meinen fürwahr die Leute, ich ſehe die Fehler nicht ein und wolle mich nicht beſſern—— alſo er findet die Bilder immer ſchön, und wir ſind in voller Arbeit— ich mit Malen und 3„ — er mit Anordnungen, die ich immer nicht befolge. Im Auguſt wird eine Alpenreiſe gemacht, und vielleicht berede ich Lothar auch dazu, wenn nämlich der Verlauf der Bekanntſchaft mit ihm ſo glücklich fortgeht, wie der Anfang iſt. Wir wollen den Großglockner beſteigen. Zum Schluſſe noch Eins: Du haſt dreißig Dukaten angewieſen; ich habe ſie erhalten. Es hat ſich hierbei die Lächerlichkeit ereignet, daß mein Contingent, nämlich die Hälfte meiner dießmonatlichen Einkünfte, welche Dir ge⸗ bührt, gerade eben ſo viel beträgt. Laß uns alſo in Zukunft lieber Ge⸗ genrechnungen machen und bloß die Ueberſchüſſe ſenden. Ich glaube, wir erfüllen ſo unſern Bruder- und Theilungsvertrag auch und mit we⸗ niger Umſtänden. Lebe wohl und bleib' mein treues Bruderhetz. Das heutige Tagebuchblatt iſt ur dieſer Brief an Dich; aber ich dachte auch nichts als Dich Lebe wohl! 6 4. Zlockenblume. 3. Mai 1834. Ich haſſe eigentlich keinen Menſchen auf Gottes ganzer grüner Erde— aber da iſt ein junger Mann, der mir nachgerade zuwider wird, wie die ärgſte meiner Sünden. Er iſt ein Begegner, deren faſt jeder einen hat, ſo wie ich ihn; ob aber der andern ihre auch ſo emſig und unermüdlich ſind, daran zweifle ich. Gehe ich in den Prater, ſo ſitzt er auf einer Bank, fliege ich von da in's Belveder, ſo geht er ſchon am Rennwege herein. Wenn Dir etwa in den Pyrenäen ein langer Herr vorfällt, der kein Halstuch umhat, und ſchlechthin den Mylord ſpielt, der iſt es und kein anderer. Es iſt mir, als ſuche er mich ordentlich. Ent⸗ weder iſt er der ewige Jude, oder jener Reiſende, deſſen Name überall ſteht, oder weil dieſer geſtorben ſein ſoll, ſein Geiſt. Es wäre das Ver⸗ nünftigſte, wir grüßten uns gegenſeitig höflich. Ich hätte mich weniger über ihn aufgehalten— aber am erſten Mai, da ich mit Lothar von Dornbach den ſo ſchönen Weg nach Haim⸗ bach machte, und eben dort ankam, war er auch da, jedoch zum Glücke gerade im Begriffe, in den Wagen zu ſteigen zu einer Dame, die ſchon darinnen ſaß und— ſtelle Dir vor— mein Griechenbild aus der St. Annenkirche war. Es ſaß noch die alte, ſchöne Frau bei ihr, ihre ge⸗ wöhnliche Begleiterin, und dann eine junge, ſchlanke Geſtalt, die aber einen ganzen Wolkenbruch von Schleiern über dem Geſichte hatte. Wie kommt er nun zu dieſer? Daß wir alle Wirthöleute fragten, wer die Abfahrenden wären, war ſehr natürlich; daß es aber Niemand wußte, ärgerlich. Wir blieben faſt den ganzen Nachmittag in dem lieblichen Thale, und als ich, wie zur Spielerei die Wirthsfrau, ein mittelähriges, gut⸗ müthiges Geſicht, in meine Mappe zeichnete, ſo lächelte ſie unbeholfen verſchämt, und meinte, wenn ich und der andere Herr in unſere Bücher da Geſichter und Leute abmalten, ſo hätten wir um zwei Stunden frü⸗ her kommen ſollen, als noch die zwei jungen Fräulein da waren, die wären der Mühe werth geweſen; denn von allen Stadtjungfern ſei noch keine ſo ſchöne da geweſen, wie Milch und Blut, und ſo freundlich wie zwei Engel— auch der junge Herr ſei ſanft und ſtille, wie die andern alle nicht, die aus der Stadt kommen(außer uns beiden, die wir auch recht gutherzig ausſähen) und die alte Frau habe ſo viele Freude über die jungen Leute, daß ſie immer lächle. Die gute Wirthsftau wurde zutraulich, und freute ſich, daß ſie ihr Geſicht in dem ſchönen großen Buche habe neben den ſchönen Fräulein und vornehmen Herren, die wohl alle noch darin wären— dabei ſah ſie neugierig die Mappen an, daß ich ſie ihr endlich aufſchlug, und Erſtaunen auf das Höchſte trieb, als ſie ihr eigenes Haus fand, und die Bäume um dasſelbe in netten Farben und die Berge und den Himmel mit leibhaftigen Lämmerwolken(wie ſie ſie nannte) und noch dazu Leute, die unter dem Apfelbaume frühſtückten — dann auf andern Blättern ihren Hund, dann den Knecht mit dem Schimmel, den blinden Zitterſpieler, den Bach mit dem Stege u. ſ. w Das hätte ſie nie geglaubt, meinte ſie; denn in dieſe Bücher mit dem ſchneeweißen Papiere paßten eher die prächtigen Stadthäuſer und ſchöne Spaziergänger und Reiter und Wagenzüge. Schade, da wären noch leere Blätter genug, und auf einem würde die Geſellſchaft dieſer ſchönen — Fräulein recht gut Platz gehabt haben, und aus dem Fenſter der Gaſt⸗ ſtube hätten wir es recht leicht abmalen können, wie ſie an dem weißen Tiſche mitten auf der Wieſe frühſtückten und ſcherzten. Sie wundere ſich nur, daß heute, als am erſten Mai, Jemand da herausgekommen ſei, da ja Alles bei dem Frühlingsfeſte im Prater ſein werde. Wir lachten und ſagten, daß es uns ſelber hinreichend freuen würde, wenn wir die zwei Engel conterfeien könnten.„Wer weiß es,“ verſetzte die Wirthin;„Berg und Thal kommen nicht zuſammen, aber die Men⸗ ſchen.“ „Ja wohl,“ lachte Lothar,„wir wollen ſogar zuverſichtlich hoffen, daß gerade dieſe zwei Engel, welche am erſten Mai anno domini 1834 in Haimbach frühſtückten, dereinſt noch unſte Frauen werden, und wie⸗ der eines ſchönen Tages in unſter Geſellſchaft frühſtücken werden. Was meinen Sie dazu, Herr College!“ „Topp,“ rief ich;„aber mir muß die Unverſchleierte bleiben.“ „Die andere iſt noch ſchöner,“ rief die Wirthin. Ich meinte, das ſei nicht möglich, und halte mich an das Gewiſſe. „Gut,“ ſagte Lothar,„von heute binnnen drei Jahren, Frau Wir⸗ thin, rüſten Sie ein wackeres Frühſtück und Mittagsmahl; denn wir werden den ganzen Tag mit den zwei Engeln, unſern lieben rechtſchaffe⸗ nen Ehefrauen, in Haimbach zubringen. Ich nehme in Gottes Namen die Verſchleierte, da ich keine von beiden von Angeſicht kenne, und mich ganz auf den Geſchmack unſerer Frau Wirthin verlaſſe.“ „Und ich dagegen,“ fiel ich ein,„will dieſe beſagte Frau Wirthin zum Andenken an dieſen Tag recht ſauber auf ſchneeweißes Papier ma⸗ len, und in einem ſchmucken Goldrahmen mitbringen.“ Ei, das wäre für ſie alte Frau viel zu viel Ehre, vermeinte ſie, übrigens könnte ich ſo etwas leicht verſprechen, ohne deswegen mein Farbenzeug aufmachen zu dürfen, da zwei ſolche luſtige Herren gewiß ohne dieß ſchon jeder eine Fräulein Liebſte in der Stadt haben würden, die ſchon unter den ſchönen Geſichtern des Buches ſein werde. Wir ſahen uns beide an, und lachten: denn wahrhaftig, keiner hatte nicht im Geringſten ein derlei Weſen aufzuweiſen.— Uebrigens fingen wir zwei dann ſelber an, die Sache weiter auszumalen und dich⸗ teten den zwei Huldinnen eine unausſprechliche Sehnſucht nach uns an, ſtießen die Gläſer an, ließen ſie hoch leben und entwarfen Plane, ihnen den Eheſtand zu verſüßen. Nach Tiſche wurde gezeichnet. Spät erſt, als ſchon das Abendroth an allen Bergen hing, und im jungen Buchengrün von Laub zu Laub neben uns hüpfte, gingen wir ſelig durch die Loudoniſchen Anlagen nach Hadersdorf, wo wir über⸗ nachteten, weil wir am andern Tage Thiergartenportieen malen wollten, wozu uns Lothar die Erlaubniß ausgewirkt hatte. Noch beim Ein⸗ ſchlafen neckten wir uns mit den Vorzügen unſerer neuen Liebchen ein gut Stück in die Nacht hinein, und ſpintiſirten über den Engländer, der ein Anbeter zu ſein drohe. Wir ſchliefen feſt, und zeichneten am zweiten Mai tüchtig darauf los, und rückten meilenweit in gegenſeitige Bekanntſchaft und Freund⸗ ſchaft hinein. Ich hätte die Sache gar nicht erwähnt, und ſie gewiß heute ſchon vergeſſen, wenn ich ſie eben vergeſſen hätte. Aber in meiner närriſchen Fantaſie nimmt die Holde ordentlich eine rührende Miene an, bloß weil wir ſo lange von ihr geredet haben, weil ich ſie Dir gar beſchrieben und weil ſie luſtiger Weiſe nicht ein Sterbenswörtchen davon weiß. Aber in der That, ſo iſt unſre Einbildung, und meine erſt vollends: wenn wir einen Menſchen in nahen Verhältniſſen mit uns dichten, ſo wird er uns faſt lieb, beſonders wenn er ein ſchönes Mädchen iſt, und wir eben fünf und zwanzig Jahre alt werden. Ich gehöre da zu den Narren, die ſo ſehr aus dem Häuschen ſind, daß ſie am Ende die Sache auch gar noch glauben. Neulich z. B. geſchah es, daß ich einem armen Teufel durch mäßiges Lob zu einer Bedienſtung helfen ſollte— anfangs lobte ich auch gewiſſenhaft und empfahl ordentlich— aber endlich ging ich immer weiter, bis er ein gänzliches Genie war. Ich erſtaunte in der That, wie ich ſo viel Talent und Kraft bisher ſo wenig beachtet haben konnte. Er bekam auch den Dienſt und mich als Freund und Gönner dazu. Meiner einſtigen Geliebten wird dieſer Zug von mir zu Statten kommen,— aber da ſehe ich ſchon, daß Du verſtockt ſein wirſt, und kaum die Hälfte glaubſt, wenn ich ſie Dir vormale—— aber ſiehe, Titus, glaube was Du willſt—— was kann denn am Ende der arme Menſch von einem andern Nebenmenſchen abmalen, ſich ſelbſt vorſtellen, — lieben oder haſſen— als das Bild, das er ſich von ihm zu machen 1 — 0 verſteht, da das Ich des Andern ſo wüſtenweit von ihm getrennt iſt, wie kaum Weltſyſteme, die wir doch durch Gläſer aus ihrem Himmel ziehen? Laſſe mich dem Gedanken nachhängen. Seit der erſten Kindheit, wie viel tauſend verſchwimmende Geſtalten von kleinen Gedanken, Ahnungen,— dann halbgeborne Dichtungen, Träume, Ideen, Kleinode von Empfindungen, mögen das lange Leben eines Menſchen durchwandeln, ohne daß Kunde davon wird!— Man denke nur an das innere, namentoſe Gewimmel des erwachenden Jüng⸗ lings— an die langen träumenden, erinnernden, wortkargen Tage des einſchlummernden Greiſes— an die Liebestage der ſchamvollen Jung⸗ frau, an die innere, unausgeſprochne Traumwelt fantaſiereicher Weiber überhaupt, die durchgängig mehr mit Empfindungen handeln, ohne im⸗ mer das Glöckchen derſelben zur Hand zu haben, was wir hingegen häu⸗ figer können und thun. In dem reichſten, wie ärmſten Menſchen geht eine Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie erſchienen ſind— nur aus den drei Stanzen, die er herausgab, machen wir ein Urtheil zu⸗ ſammen, und ſagen, ſeht, das iſt der Dichter. Und glückſelig der, der ein Ohr hat, auch nur die drei Stanzen recht zu hören, und ſich ein ſchönes Bild zu machen— ſo hat er dann eine ſchöne Welt: es gibt aber Leute, die aus den wenigen Farbenkörnern, die dem Andern entſpringen, nur Fratzen bilden— und dieſe bedaure ich— ſie ſagen freilich, ſie ken⸗ nen die Welt, aber es iſt nicht wahr, ſie bekennen nur wider Willen ihr kleines Innere, und haben noch dazu eine Zertwelt.—— Vor dem Hohlſpiegel unſrer Sinne hängt nur das Luftbild einer Welt, die wahre hat Gott allein. Titus! Dieſer Gedanke hat mich ernſt gemacht!! Als wir auf dem Rigi, umgeben von dem Abendglühen der Alpen, ſtanden, und Ab⸗ ſchied nahmen, als mein Mund an Deinem brannte, als wir uns an die Bruſt drückten, daß wir meinten, ſie müſſe knirſchen— was hatten wir von einander, und wie nahe waren wir uns?— Ein Sirius ſandte zwei einſame Strahlen, und dieſe wurden auf einem andern Sirius geſehen— aber es waren zwei Weltkörper, und eine Wucht von Leben trugen ſie ungekannt durch ihren öden Weltraum. Oft und oft, wenn ich die ewigen Sterne ſah, dieſe glänzenden Tropfen, von dem äußeren, großen Weltenoceane auf das innere blaue Glöcklein hereingeſpritzt, das man über uns Infuſionsthierchen gedeckt — 4— hat— wenn ich ſie ſah und mir auf ihnen dachte dieſes Unmaß von Kräften und Wirkungen, die zu ſehen und zu lieben ich hienieden ewig ausgeſchloſſen bin; ſo fühlte ich mich fürchterlich einſam auf der Inſel „Erde“—— und ſind denn nicht die Herzen eben ſo einſam in der Inſel „Körper?“ Können ſie einander mehr zuſenden, als manchen Strahl, der noch dazu nicht immer ſo freundlich funkelt, als der von den ſchönen Sternen? Wie jene Herzen des Himmels durch ein einziges, ungeheures Band verbunden ſind, durch die Schwerkraft, ſollten auch die Herzen der Erde verbunden ſein durch ein einziges, ungeheures Band— die Liebe —— aber ſind ſie es immer?? Noch ſind Kriege, noch iſt Reichthum und Armuth. Was hat denn der unergründliche Werkmeiſter vor mit dem Gold⸗ korne, Menſch, das er an einen wüſten Felſen klebt, dem gegenüber der glänzende Sand einer endloſen Küſte ſchimmert, der Saum eines unent⸗ deckten Welttheils? und wenn dereinſt ein Nachen hinüberträgt, wird da nicht etwa wieder eine neue, ſchönere Küſte herüberſchimmern?—— Ich weiß nur das Eine, Litus, daß ich alle Menſchen, die eine Welle dieſes Meeres an mein Herz trägt, für dieß kurze Daſein lieben und ſchonen will, ſo ſehr es nur ein Menſch vermag— ich muß es thun, daß nur etwas, etwas von dem Ungeheuren geſchehe, wozu mich dieſes Herz treibt.— Ich werde oft getäuſcht ſein, aber ich werde wieder Liebe geben, auch wenn ich nicht Liebe glaube— nicht aus Schwäche werde ich es thun, ſondern aus Pflicht. Haß und Zank zu hegen oder zu erwie⸗ dern, iſt Schwäche,— ſie überſehen und mit Liebe zurückzuzahlen, iſt Stärke. Es iſt tief in der Nacht, lebe wohl, guter geliebter Menſch. 5. Rachtvioſe. 11. Mai 1834. Schon wieder muß ich die Nacht zu Hilfe nehmen, und wer weiß es, ob ich ſie nicht verſchreibe, bis die helle Morgendämmerung durch —2 meine Fenſter ſcheint; in dieſer gehobenen Stimmung iſt an keinen Schlaf zu denken. Und ſollte ich thöricht und lächerlich im höchſten Grade ſein,— Titus, Dir muß mein Herz offen liegen— aber es iſt geſchwellt, ſchwärmend und genugſam verrückt. Ich ſpielte und ſcherzte in Haimbach mit gewiſſen Wünſchen und Verhältniſſen, und der Himmel ſtrafte mich mit einer verkehrten Gewährung. Höre nur. Ich weiß nicht, ob damals, als wir beide zugleich in Wien waren, in der Mitte des Paradiesgartens ein ſchwarzer erhabner Spiegel auf einem Unter⸗ ſatze angebracht war— den Garten kennſt Du— kurz, jetzt iſt ein ſol⸗ cher Spiegel da und ein Theil der Stadt, die grünen Bäume und der Roſenplatz vor derſelben und der Ring der Vorſtädte ſteht in niedlicher Kleinheit darinnen durch die Schwärze des Spiegels in einer Art Däm⸗ merungsdüſter ſchwimmend. An dieſem Spiegel ſtand, als mich heute Mittags, wo faſt gar keine Menſchen in dem Garten ſind, meine ge⸗ wöhnliche Frühlingsſpazierſucht vorbeiführte, ein Weib, durch ihren Bau, den ich nur von rückwärts ſah, große Schönheit verſprechend, und ſah hinein. Ich blieb ſtehen und zeichnete mit den Augen die wirklich aus⸗ nehmend ſchöne Geſtalt— deßhalb war ich feſt entſchloſſen, auch ihr Angeſicht zu ſehen. Ich ſtellte mich ruhig hinter ſie, um ihr Weggehen zu erwarten; denn mich ihr gegenüber zu ſtellen, war ich nicht dreiſt genug. Als ſie immer und immer ſtehen blieb, malte ich im Gedanken die lächerliche Gruppe, die wir bildeten, und hierdurch kam mir der Muth, ſie zum Umnſehen zu zwingen, nämlich ich ſagte plötzlich:„Eine wahre Unterweltbeleuchtung ſchwebt über dieſem kleinen Nachbilde.“ Sie ſah auch um— und ich prallte faſt zurück.——— Von meiner Kindheit an war immer etwas in mir, wie eine ſchwermüthig ſchöne Dichtung, dunkel und halbbewußt, in Schönheitsträumen ſich abmühend— oder ſoll ich es anders nennen, ein ungeborner Engel, ein unhebbarer Schatz, den ſelbet die Muſik nicht hob—— in dieſem Augenblicke hatte ich das Ding zwei Spannen breit meinen Augen ſichtbar gegenüber.— War ſie ſo unermeßlich ſchön? Ich weiß es nicht, aber es war mir wie einem Menſchen, der in dunkler Nacht wandert in vermeintlich unbekannter Gegend— auf ein⸗ mal geſchieht ein Blitz— und ſiehe, wunderbar vergoldet ſteht ſein Va⸗ terhaus und ſeine Kindesfluren vor den Augen. Ein Blick von mir war es, ein einziger, ein heftiger, der die ganze Dichtung dieſes Angeſichts in ſich ſchlingen wollte— dann ſchnell ein zweiter und dritter. Sie ſah mich ernſt und unverwirrt an, und ließ dann einen dichten Schleier herabfallen. In mein Angeſicht flog die brennende Röthe der Scham, daß ich ihr aufgelauert hatte. Ob ich in ſie verliebt wurde?— Nein, in dieſe war ich es ſeit mei⸗ nem gunzen Leben ſchon geweſen. Sie ging langſam, wie eine ſtolze Südländerin— wie jene Zeno⸗ bia, die Königin der Wüſtenſtadt— zu einer Gruppe Herren und Frauen und miſchte ſich unter ſie— und ich auf einmal unendlich verarmt ſchritt aus dem Garten, und als ich die Steintreppe in die düſtre Stadtgaſſe hinabſtieg, wallte mir das vorher erſchrockene Herz erſt recht auf, und es wurde mir, als ſollt ich ſie ohne Maß und ohne Grenzen lieben. Cine Ahnung ſolchen Gefühles vermag Beethoven zu geben, wenn er Dir den ſchönſten unbekannten Demant aus Deinem eigenen Herzen hebt, und ihn Dir glänzend und lichterſprühend vor die Augen hält. Ich ging noch ſehr lange in den lärmenden Gaſſen und auf den Baſteien herum, und ſuchte erſt, als ſchon alle Laternen brannten, meine Stube und trug das neuerworbene Bild mit hinein. Dieſe iſt es. Alle, die mir ſonſt ſo ſehr gefielen, ſelbſt die aus der Annenkirche — ſie ſind gar nicht mehr.—— Und nun erkläre mir ein Erdenmenſch die Heftigkeit eines ſolchen Eindruckes. Es iſt im Leben ſchon öfters dagew 3 n— auch zwiſchen Mann und Mann war es ſchon. Ich bin kein Kind, das ſich über⸗ raſchen läßt, ich bin kein Weichling, der ſich Gefühle vorlügt— das Leben hat mich wacker durchgerüttelt— aber ihr Erſcheinen in dem Kreis meiner Vorſtellungen wirkte, wie ein Riß in dieſelben. Iſt es ein Schönheitseindruck, den ich nur verkenne?— wie etwa alle Gemälde, Muſiken, Dichtungen flach werden, ſobald etwas Außerordentliches die⸗ ſer Artkan unſer Herz tritt? Aber ich ſah ja Raphaele, Guidos, Cor⸗ reggivs— ſie waren wunderſchön, aber anders. Ich ſah ungewöhn⸗ lich ſchöne Weiber, und fühlte etwas anderes.— Aber Schönheit war es ja nicht, was eben wirkte; denn ich erinnere mich keines Zuges ihres Angeſichtes, ſelbſt wenn ich alle Nerven des Gehirns martere; nur das eine, das ganze Bild liegt auf ihnen, wie eingebrannt dem Spiegel —£ meiner Augen, und wenn ich ſie beide ſchließe, ſo ſehe ich es noch immer vor mir ſchweben. Ich kann nicht ſagen, daß ich ſie liebe; denn man liebt ja nur was man kennt— und doch iſt's, als wäre ſie vor ungezähl⸗ ten Jahren in einem andern Sterne meine Gattin geweſen. Sind das Wechſelſeitigkeiten der Geiſter, ſind es Seelenwahlver⸗ wandtſchaften? Iſt es gänzliche Narrheit? O Titus, Titus! da gehe ich in meinem Zimmer auf und ab, drau⸗ ßen am Himmel liegt eine ſchwere warme Wolkennacht, ganz ruhig, ganz ruhig—— und ich herinnen bin ein heftiger, ſchwärmeriſcher Thor und trage mich ſelber in ein immer heißeres Gefühl hinein. Ich mag nun Aſton's verſprochene Angela gar nicht einmal ſehen und werde auch gar nicht hingehen— mir ekelt vor den ſogenannten Schönheiten. Warum ich mich um ſie gar nicht weiter erkundigte?— ich weiß es nicht— aber es ſchien mir ſo unweſentlich und nicht zu mei⸗ ner Empfindung gehörig, daß ich auf den Gedanken nicht verfiel, und jetzt mache ich mir doch Vorwürfe, daß ich es nicht that. Du wirſt wohl lächeln, daß ich wieder einmal außer mir bin; aber ſiehe, es iſt herrlich um ein ſchwärmendes, hochwallendes Herz— es ſind das Augenblicke, in denen wir uns ohne Vorwurf lieben dürfen— auch die Nacht ſtimmt zu der Feier. Ich habe den Schreibtiſch an das Fenſter gerückt und das⸗ ſelbe geöffnet, und ſternenlos ſchaut ſie zu mir herein; aber ſelbſt ſo iſt ſie großartig, beſonders wenn, wie eben, am Himmel geheime Rüſtung iſt. Es ſchlägt zwölf Uhr, kein Lüftchen geht, die Lenznacht wird immer ſtiller und wärmer, immer ſeltner kommt an's Ohr das ſchwache Rollen verſpäteter Wagen aus mancher träumenden Gaſſe, und am Rande des Geſichtskreiſes lechzen die Erſtlingsblitze wie flüchtige Küſſe der Mit⸗ ternacht. Ich war an's Fenſter getreten. Du große, weite, dämmervolle Stadt unter mir, ruhe wohl— auch ihr Herz, ein lebender, klopfender, fühlender Punkt unter den andern tauſenden, pocht ſchlummernd in einem Deiner Häuſer. Ueber all die Dome und Paläſte und Thürme breitet ſich ſtumm und elektriſch der Ge⸗ witterhimmel, und brütet Fruchtbarkeit. In den Wohnungen der Men⸗ ſchen gehen die Träume aus und ein und die Nacht fördert ihr Werk. Erſt hatte ſie über alle Dächer ſanft das große Tuch des Schlummers ausgebreitet, und als ſie Alles zur Ruhe gebracht, und das Schweigen fam, dann lößte ſie hoch über den Lagern der begrabenen Menſchen von ihrer erhabenen Trauerfahne ſachte eine Falte nach der andern, und ließ dieſelbe endlich ſchwer und breit vom Himmel niederhängen. Ich ſah noch lange zum Fenſter hinaus, und es ergriff mich, daß nun nicht ein Laut ertönte in dieſem Vulkane menſchlichen Treibens— ſelbſt die Luft ſtand unbeweglich ſtill. Endlich ſchlug es Ein Uhr Mor⸗ gens, und es war, als hätte dieſer eine Klang die hängende Lavine ge⸗ löſt; denn gleich nach dem Glockenſchlage wallte ſchlafttunken durch den ganzen Himmelſchleier, das erſte tiefe, ſchwache Donnern, wie ein Traum⸗ reden der ſchlummernden Frühlingsnacht. So ruhet wohl, alle Menſchenherzen— und auch du, unbekanntes Herz in deinem ſchönen Buſen, ſchlummre wohl— und auch du, des fernen lieben Reiſenden, ſchlummre wohl! 6. Wieſenhockshart. 12. Mai 1834 Die Nacht iſt vorübergegangen und hat Mancherlei geändert. Vom Himmel hat ſie die Perlen der Fruchtbarkeit herabgeſchüttet und ihn gänzlich rein gefegt, daß er mit dem klaren ſrühen Morgengelb zu mir hereinſieht— die Schornſteine und naſſen Dächer ſchneiden ſich ſcharf gegen ihn, und die kühle Luft regt die Nachbarzweige und ſtrömt zu mei⸗ nem offen gebliebenen Fenſter herein.— Ich ſchreibe noch im Bette. Was iſt es nun mit dem Menſchen, wenn er heute dieſer iſt und morgen jener? Auch mein Herz, wie der Himmel iſt friſch und kühl, und ſucht ſich auf geſtern zu beſinnen. Was iſt's nun weiter? Hat die Flaſche Rüdesheimer, die ich geſtern zu meinen Nachteinbil⸗ dungen getrunken, die Seele ſo voll Sehnſucht angeſchwellt— und iſt ſie heute leer, ſo wie die Flaſche, die dort ſo weſenlos auf dem Tiſche ſteht, daß das Morgenlicht hindurch ſcheint? — Was iſt's nun weiter? Ein prachtvoller Blitz, eine ſchöne Rakete, eine ausbrennende Abend⸗ röthe, ein verhallendes Jauchzen, eine gehörte Harmonie, ein ausſchwin⸗ gendes Pendel,——— und wer weiß, was es noch Alles iſt. Mein Herz iſt kraftvoll und jede Fiber daran geſund,— und Du darfſt ſchon heute auf Scherze rechnen, lieber Titus; denn wenn auch die zauberiſche Armida noch im Spiegel meines Innern ſchwebt, ſo iſt derſelbe doch ein feſter blanker Stahlſpiegel, nicht das weiche Ding von geſtern. Vor der Hand bleibt ſie als Studie, als neue Kunſtblüthe da, als ſchönes Bild im Odeon, wo die andern ſtehen. Heute muß noch ver⸗ ſucht werden, ob ich den Eindruck nicht in Farben herſtellen kann, um mir ſeine reine Schönheit in alle Zukunft hinüber zu retten. Da füällt mir nun ein närriſcher Gedanke ein. Außerordentlich ſchwärmeriſche Menſchen, Genies und Narren ſollten gar nicht heirathen, aber die erſte Liebe äußerſt heiß, juſt bis zum erſten Kuſſe treiben— und dann auf und davon gehen. Warte mit dem Zorne, die Gründe kommen. Der Narr nämlich und das Genie, und der beſagte ſchwärmeriſche Menſch, tragen ſo ein Himmelsbild der Geliebten für alle künftige Zeiten davon, und es wird immer himmliſcher, je länger es der Fantaſie vermählt iſt; denn bei dieſer iſt es unglaublich gut aufgehoben; die Unglückliche aber, der er ſo entflieht, iſt eben auch nicht unglücklich, denn ſolche herrliche Menſchen wie der Flüchtling, werden meiſt ſpottſchlechte Ehegemahle, weil ſie über vierzig Jahre immer den erſten Kuß und die erſte Liebe von ihrer Frau verlangen, und die dazu gehörige Glut und Schwärmerei— und weil er ihr nicht durch dieFlucht ſo zuwider wird, wie er es als Ehe⸗ mann mit ſeinen Launen und Ueberſchwenglichkeiten würde, ſond ſieht auch durch alle Zukunft in ihm den liebenswürdigen, ſchönen, geiſt⸗ vollen, ſtarken, göttergleichen Mann, der ſie gewiß höchſt beſeligt hätte, wenn er nur nicht früher fortgegangen wäre. Und iſt eine ſolche Fantaſie⸗ Ehe nicht beſſer und beglückender, als wenn ſie Beide im Angeſi chts an dem Joche der Ehe tragen und den verhaßten Wechſelbalg der erloſchenen Liebe langſam und ärgerlich dem Grabe hätten entgegen⸗ ſchleifen müſſen.— Bei Gott, Litus, da ich auch ſo ein Stück eines Fantaſten bin, ſo wäre ich im Stande, wenn ich die Unbekannte je fände, mich immer tiefer hineinzuflammen, und wenn dann einmal eine Stunde vom Himmel fällt, wo ihr Herz und mein Herz entzündet, ſelig in einan⸗ der überſtürmen——— dann ſag' ich ihr:„Nun drücken wir auf dieſe Herrlichkeit noch das Siegel des Trennungsſchmerzes, daß ſie vollendet werde, und ſehen uns ewig nicht mehr— ſonſt wird dieſer Augenblick durch die folgende Alltäglichkeit abgenützt, und wir fragen einſt unſer Herz vergeblich nach ihm; denn auch in der Erinnerung iſt er verfälſcht und abgeſiecht.“ So ſpräche ich; denn mir graut es, ſollte ich auch ein⸗ mal die Zahl jener Geſtalten von Eheleuten vermehren, wie ich viele kenne, die mit ausgeleerten Herzen bloß neben einander leben, bis eines ſtirbt und das andere ihm ein ſchönes Leichenbegängniß veranſtaltet. Himmel! lieber eine echte unglückliche Ehe, als ſolch ein Zwitterding. Alle Millionen Jungfrauen Europa's habe ich hier zu Gegnerinnen, weil ſie meinen, alle künftigen Himmelreiche würden ja durch einen ſol⸗ chen Entſchluß freiwillig bei Seite geſtellt, und dieſe müßten gerade jetzt erſt recht angehen, da die Aufſchrift an dem Thore ſchon ſo ſchön geweſen ſei— aber das Prachtthor führt nur zu oft in einen artigen Garten, der ſich in Steppen verflacht oder leider oft in einem Sumpf vergeht. Groß müſſen zwei Herzen ſein, die dem leiſe nagenden Zahn der Alltäglichkeit nicht unterthan, ſich in ein reiches Leben ſchauen laſſen, wo die Grazie täglich in einer andern Geſtalt auf dem Throne ſitzt;— groß müſſen ſie ſein und ohne Sünde. Dann dürfen ſie getroſt eingehen durch das Prachtthor; für ſie führt der Garten in's Unendliche. Ein närriſcher Gedanke heckt den andern aus. Ein ſolches Ehepaar — nein, zwei, drei, vier ſolche Ehepaare möchte ich an einem ſchönen See haben, z. B. dem Traunſee, der ſo reizend aus ſchönem Hügellande in's Hochgebirge zieht. Dort baue ich zwei, drei Landhäuſer faſt altgrie⸗ chiſch einfach, mit Säulenreihen gegen den See, nur durch einen ſchönen Blumengarten von ihm getrennt. Aus dem Garten führen zehn breite Marmorſtufen zu ihm hinunter, wo unter Hallen die Kähne angebunden ſind, die zu Luſtfahrten bereit ſtehen. Der Garten hat Glashäuſer für die Tropengewächſe— ſie ſind ganz aus Glas, mit eiſernem Gerippe, nur äußerlich mit einem Drahtgitter gegen den Hagel überſpannt.— Auch ganz gläſerne Säle fehlen in ihm nicht, daß man, wie in einer La⸗ terne mitten in der Paradieſesausſicht ſchwebe. Von dem Garten wieder auf zehn Stufen ſteigt man zum Landhauſe, das den Eintretenden mit einer Säulenrundung empfängt. Dieſe Rundung iſt durch Glas zu ſchlie⸗ 4 ßen, hat an der Hinterwand Sitze, und rings ſtehen dunkelblättrige Topf⸗ pflanzen, als da ſind: Oleander, Camellien, Orangen u. ſ. w. Zwiſchen dieſen glänzen Marmorbilder. Zu den Seiten dieſer Halle und über ihr ſind die Zimmer, zu denen breite, ſanfte, lichte Treppen mit Standbildern ſühren. Das ebene Dach iſt ganz mit Blumen, Bäumchen und Sitzen bedeckt. Von ihm ragt der aſtronomiſche Saal empor. Auch ein paar Spiegelzimmer dürfen nicht fehlen,— von dem Fußboden bis zur Decke Spiegelebenen, im Vieleck geſtellt, mit veränderlichem Neigungs⸗ winkel, daß man im luſtigen Humor die Ausſicht durch einander wirren und ſtückweiſe zerwerfen kann. Der naturwiſſenſchaftliche Saal iſt hin⸗ ten im Baumgarten. Am Hauſe rückwärts bilden zwei Flügel einen Hof mit— nicht Ställen, ſondern— Zimmern für die Thiere, die faſt ängſt⸗ lich rein gehalten werden. Man hegt deren allerlei, und jede Gattung hat ihren geräumigen Spielplatz. Der Obſt⸗ und Gemüſegarten iſt ſehr groß und liefert durch gute Pflege genug und erleſenes Obſt in die Win⸗ terbehältniſſe. Park iſt keiner, weil ohnehin einer da iſt, den die Natur meilenweit umhergelegt hat mit Seen, Strömen, Alpenwäſſern, Matten, Felſen, Wäldern, Schneebergen u. ſ. w.— nur mit kunſtloſen Pfaden und Ruheplätzen wird nachgeholfen, aber nur äußerſt vorſichtig, daß ja nichts verkleinlicht werde. Die einzelnen Landhäuſer— denn die Ehe⸗ paare ſind die beſten Freunde— ſind durch Säulengänge verbunden, in denen im Sommer die Orangenſammlung ſteht. In dieſem Tusculum nun wird gelebt und eine Schönheitswelt ge⸗ baut. Der Himmel ſegnete die Anſiedlung mit Weltgütern(ſonſt hätten ſie die Landhäuſer gar nicht erbauen können), und keiner der Männer iſt an ein ſogenanntes Geſchäft gebunden, das ihm die allerſchönſten Lebens⸗ jahre wegfrißt und das Hetz ertödtet, ſondern jeder weiht ſeine Thätigkeit nur dem Allerſchönſten, und ſucht, ſo viel an ihm iſt, das Reich der Ver⸗ nunft auf Erden zu gründen. Wiſſenſchaſt und Kunſt werden gepflegt, und jede rohe Leidenſchaft, die ſich äußert, hat Verbannung aus dem Tuseulum zur Folge. Kurz, ein wahres Götterleben beginnt in dieſer großartigen Natur unter lauter großen ſanften Menſchen. Auch für ihre etwa kommenden Kinder iſt mir nicht bange; ſie werden ſchon recht er⸗ zogen werden. Ich gehe hin und bitte die Eheleute um des Himmels willen, ſie möchten mich bei ſich leben, malen und dichten laſſen, als Kebsmann des 49— Bildes meiner getrennten Zenobia, die ihrerſeits wieder anderswo mit meinem Bilde in geiſtiger Ehe lebt. Du ſiehſt ſchon daraus, Titus, daß ich ſehr bald überſchnappe. Aber der Gedanke von den Landhäuſern iſt nicht neu— nur die trefflichen Ehepaare habe ich erſt jetzt dorthin verſetzt. Die Landhäuſer ſind ſchon ſeit 1830 fertig, d. h. ich ſuchte den Platz dazu aus, als ich im beſagten Jahre den Juli, Auguſt und September an den Ufern dieſes Sees zubrachte. Ich lebte damals abwechſelnd faſt an allen Punkten ſeiner Ungebung und oft ganze Tage auf ihm ſelber. Ja, ich muß nur meine ganze Schwäche eingeſtehen— ich malte das Traunkirchner Ufer dazumal und die fertigen Häuſer bereits hinein. Sie ſtehen der Land⸗ ſchaft trefflich zu Geſichte. Vom Traunſteiner Ufer geſehen, ſind ſie weiß⸗ glänzende Punkte; aber dem Näherſchiffenden wachſen liebliche Säulen aus dem Waſſer und flattern umgekehrt, wie leichtfertige Bänder, in dem ſchwanken Spiegel. Es ſind ihrer mehrere gezeichnet worden, und ein Billionär, der ſie etwa auf das Großartigſte ausführen wollte, kann täglich bei mir die Plane und Gemälde einſehen; ja ich wäre erbötig, dem Manne noch mehrere, die bis jetzt nur in meinem Kopfe ſind, auf ſchönes Briſtolpapier zu werfen.——— Nun, Freund, da ich ausgeſchwärmt, ſtehe ich Deiner letzten Frage und Klage Rede, daß ich nämlich immer in Fantaſieen und Späßen herumjage und in meinem Tagebuche nichts von meinen perſönlichen Ver⸗ hältniſſen anmerke.— Liebſter, ich habe aber gar keine perſönlichen Ver⸗ hältniſſe. Meine Seele bin ich, d. h. eben jenes ſpaßige, fantaſirende Ding, das nebenher oft wieder gerührter iſt, kluge Leute leiden kön⸗ nen. Willſt Du aber auch von der Faſſung dieſes Dinges etwas wiſſen, ſo horche nur: Vier Treppen hoch liegt eine Sn e— Schreib⸗, Wohn⸗, Schlaf⸗ und Kunſtgemach— lächerlich ſieht es drinnen aus! Dichter, Geſchichtſchreiber, Philoſophen, auch Mathematiker und Natunforſcher liegen broſchirt auf dem ungeheuren Schreibtiſche— dann Rechentafeln — Griffel, Federn, Meſſer, ein Kinderballen— mein kleiner Hund braucht ihn zum Spielen— ein Fidibusbecher, Handſchriften, Tinten⸗ kleckſe——— daneben zwei bis drei Staffeleien in voller Rüſtung; an den Wänden Bilder, auf den Fenſtern Blumen, und noch eigens eine Menge derſelben auf einem Geſtelle; dann eine Geige, die ich Abends peinige, und rings Studien, Skizzen, Papiere, Folianten— Fuggers Stifter. 4. Aufl. I. 4 Ehrenſpiegel des Erzhauſes Oeſterreich mit Stichen— dann noch ande⸗ res, woraus dem Eintretenden ſofort klar wird, daß hier gelehrt gelebt werde und ein Junggeſellenſtand ſei, in welchem eine große Anzahl Gul⸗ den Jahr aus, Jahr ein nicht da iſt, wo aber Künſte und Wiſſenſchaften blühen und an Gefühlen ein wahrer Ueberfluß herrſcht.— Hier nun lebt Dein Freund und verlegt ſich auf das Schöne. Er lieſtt eine Menge Bücher, läuft ſpazieren— ja, der Unglückliche geht oft drei Tage ſpazie⸗ ren und gelangt zum Schneeberge, was dann zur Folge hat, daß er wie⸗ der drei Tage zurückſpazieren muß; aber er thut es gern, und begeht da gerade die beſten Pfingſtfeſte ſeines Herzens. Dann malt er fleißig an Vormittagen— dann wohnt er wieder einen Tag in einer Bilder⸗ oder Bücherſammlung— macht Abends Beſuche oder geht gar in eine Schenke, wo ein Kränzchen von Bekannten wacker plaudern und alle Wiſſenſchaften handhaben— oder er nimmt ſein Geräthe zur Hand und ſitzt wochen⸗ lang auf den Bergen um Wien herum, und will dort die Natur abconter⸗ feien. Wenn ſie einen oder den andern Helden im Theater aufführen, ſo ſitzt der frohe Kauz ſchon viel zu früh darinnen— manches Concert kann er kaum erwarten; in die Oper und in das Ballet geht er gar nicht, der Einſeitige— und in dieſem Augenblicke wird er häufig in der Gemälde⸗ ausſtellung und im Paradiesgarten geſehen. In manchen Familien ha⸗ ben ſie ihn lieb, und er geht oft hin; in andern können ſie ihn nicht ganz gut leiden, und er geht auch hin, wenn er ſie gleich durch verſchro⸗ bene Begriffe ärgert. Nun, ich denke, hier haſt Du perſönliche Verhältniſſe genug— aber da ich einmal im Zuge bin, ſo fahre ich fort. Bekannte habe ich eine Menge, worunter zwei faſt Freunde ſind,— Lothar und der drollige alte Engländer Aſton. Er ſcheint mit mir einen Plan zu haben— er hat überhaupt für ſein Leben gern Pläne— ich weiß zwar nicht was für einen, aber daß ein ſolcher in voller Blüthe ſteht, leuchtet wie ein Zei⸗ chenfeuer aus ſeinem ganzen Weſen. Kein Menſch auf Erden leitet und ordnet ſo gerne als er.„Ich bitte Euch flehentlich,“ ſagt er,„laſſet nur mich gewähren, und verderbet nichts;“— dafür, wenn man ihm die Sache überläßt, darf man aber auch rechnen, daß ſie bis in's Kleinſte meiſterhaft iſt— nur darf es nichts Wichtiges ſein; das verpfuſcht er. Er überraſcht auch gerne und hat ſeine Heimlichkeiten; nur weiß man ſie immer, meiſt aus den Schildwachen, die er mit Angſt um das Geheimniß ſtellt. Sein Herz iſt wie Gold, und ich kenne mehrere Züge des anſpruch⸗ loſeſten Edelmuthes von ihm. Im Uebrigen reitet er unterſchiedliche Steckenpferde, und thut ſeiner Kappe jährlich ein paar Schellen und ſau⸗ beres Pelzwerk zu, was ihm wohl Du und ich am wenigſten verargen können, denen gewiß derlei Glocken und Streitroſſe nicht ausbleiben werden. Und am Ende iſt mir ein fantaſiereicher Greis mit ſeinen paar zugehörigen Narrheiten lieber, als jene erloſchenen Menſchen, die ſich vorgeſtorben ſind und ihren Körper wie das leere Fach der Seele hin⸗ friſten. Gegen mich iſt er väterlich warm und will mein Glück machen, da er mich wirklich mehr liebt, als ich es verdiene; er traut mir nämlich des Guten nicht weniger als Alles zu, was mich manchmal ſehr beſchämt; daher, wenn ihn andere Leute ſeiner Eigenheiten willen unleidlich finden oder lächerlich machen, liebe ich ihn dafür von ganzem Herzen— und kann ſtundenlang mit ihm ſpazieren gehen und ihn gewähren laſſen, wie er theils erzählt, theils Plane darthut, theils verworrene Stücke ſei⸗ ner Vergangenheit herbeiſchiebt und im naiven Fortplaudern— weil er ſich vor mir gehen läßt— arglos eine wahre Rumpelkammer eines Her⸗ zens aufthut, worin Plunder und Kleinodien liegen, die nur Niemand geordnet hat, weil die einzige Hand, die es konnte und der er es mit ge⸗ duldigſter Liebe überlaſſen hätte, längſt ſchon im Grabe liegt,— die ſei⸗ ner Gattin, deren leiſe, ſchöne Schritte in der Plunderkammer oft deut⸗ lich ſichtbar werden, wenn der Zufall das eine oder andere unnütze Tuch von ihnen abhebt. Dieſe meine Schonung ſeiner Eigenthümlichkeit mag ihm oft halb klar vorſchweben, und eigentlich das Band zwiſchen uns ſein; denn das Anerkennen ſeiner Trefflichkeit theile ich mit Vielen ſeines Umgangs— jene Schonung mit Wenigen. So gut iſt er gegen mich, daß, wenn ich ſo ſchlecht wäre, ſeines Vermögens halber einer ſeiner zwei Mädchen Liebe vorzuheucheln und ſie zu gewinnen, er freudig ſein Ja dazu ſagen würde. Ohnehin weiß Wien nicht anders, als daß ich in die bedeutend ſchöne und noch dazu geiſtreiche Lucie, die ältere ſeiner Töchter, verliebt ſei, und deßhalb ſein Haus beſuche. Man macht mir artige Worte über meinen Geſchmack und lobt hinter meinem Rücken meinen Berechnungsgeiſt und mein Unterhandeltalent, mit dem ich den Vater gewinne. Sonderbar iſt mir noch eines, was ich hier anmerken muß, daß ich mich nämlich ſchon ſeit einiger Zeit mit einem Netze von Heimlichkeiten 4* —— Mm.n —— 5— . — umgeben fühle, deſſen Fäden ich oft ſichtbar vor mir zu haben wähne, und wenn ich darnach greife, ſo iſt nichts da. Geſtalten von Bedeutung ſind zuweilen in meinem Bereiche, wiederholen ſich und verlieren ſich. Wünſche, die ich nie ausgeſprochen habe, finde ich oft in meinem Zim⸗ mer verwirklicht. Nachftagen werden gehalten, Beſtellungen gemacht von denen ich nicht weiß, für wen, und ſo andere Dinge, die ich fühle, aber für den Augenblick nicht darſtellen kann. Das Allerverkehrteſte iſt aber das, daß meine unbekannte Südlän⸗ derin, die ſtolze Zenobia, nichts weniger als eine Südländerin iſt, ſon⸗ dern die ruſſiſche Fürſtin Fodor. Sie reiſt bloß durch, und zwar aus Frankreich kommend, wo ſie mit ihrem Gemahle das Grab ihrer Eltern beſuchte, die dort vor vielen Jahren auf eine gewaltſame und geheimniß⸗ volle Weiſe umgekommen ſein ſollen. Sie wird in einigen Tagen nach Petersburg abreiſen, um die dortigen Geſellſchaften zu verherrlichen, wo ſie mit ihrem Gemahle das ſchönſte Paar ſein ſoll. Woher ich dieß Alles weiß?—— Ja, noch mehr—— während ich hier ſchreibe, liegt ihr äußerſt gelungenes kleines Abbild neben dem Papiere auf dem Schreib⸗ tiſche. Niemand anders nämlich wurde mit dem Auftrage beglückt, ſie lebensgroß zu malen, als Freund Lothar. Er malte ſie in ihrer Woh⸗ nung und färbte ſich heimlich das kleine Bildchen zuſammen, als einen Schönheits⸗Diebſtahl, und lief ſogleich zu mir, um damit meine Para⸗ diesgartenſchönheit, von der ich ihm erzählte, auszuſtechen. Wie ſtaunte er, als ich ihm ſagte, die ſei es eben— und Beide wunderten wir uns über den Zufall. Er verſchaffte mir ſpäter ſogar, daß ich das große Bild ſelbſt ſehen konnte, zu welchem Zwecke er ein Mädchen der Fürſtin mit Geld und Liebesworten beſtach. Die Arbeit war ſchön, und obwohl er ſagte, daß ſie nicht von Weitem an das Urbild reiche, ſo wiederholte ſich doch an mir faſt dieſelbe Wirkung, wie damals vor jenem erhabnen Spiegel. Er ergötzte ſich herzlich an meinem elek⸗ triſchen Funkeln, theilte es aber nicht im Mindeſten, obwohl er zugab, daß dieſe Arbeit die ſchönſte Belohnung ſeines Pinſels ſei, die er je zu hoffen habe, und er wolle nun recht geduldig viele der häßlichſten Ge⸗ ſichter nachbilden. Er ſchenkte mir das kleine Gemälde, und ich bewahre es als Denkmal der ſonderbarſten Wirkungen unſerer Fantaſie auf; denn die Fürſtin ſoll hart und kalt ſein, und von dem echteſten Ahnenſtolge beſeſſen;— ich aber hatte alle Weichheit und Güte der ſchönſten Seele in die Züge dieſes Bildes getragen.— Wenn ſie längſt in ihrem Norden iſt, dann nehme ich erſt das Bild recht her, und dichte ihm Alles an, was mir nur immer beliebt— ich wüßte nicht, wer mir's wehren könnte! Gute Nacht, Titus! Himmelblauer Enzian. 3. Juni 1834. Seit dem zwölften Mai gab es gar nichts; aber das Ende dieſes Monats war eigenthümlich genug. Das Wetter hatte ſich lange zuſam⸗ mengezogen, und Anzeichen und Wahrſagungen und Ahnungen und Alles ging vorher; nun iſt es da— ich bin verliebt, und, bei Gott! ich nehme mir vor, es ganz unmäßig zu ſein und den Becher tüchtig raſch hineinzu⸗ trinken, in den ſie uns das himmliſch ſüße Gift thun. Höre mich— ich will Dir Alles ſchreiben. Am letzten Mai war ich bei Aſton geladen und ging hin. Die Paſtoralſimphonie wurde von lau⸗ ter feurigen Verehrern des todten Meiſters vortrefflich ausgeführt. Ich floh in ſein Schreibſtübchen, in das keine andere Beleuchtung floß, als eine ſanfte Dämmerung aus einem dritten Zimmer, in welchem vier dicht bei einander ſtehende Lampen aus matt geſchliffenem Glaſe die Milch ihres Lichtes ergoſſen. An dieſes ferne Zimmer erſt ſtieß der Saal, wo die Muſik und die Geſellſchaft war; ich war alſo ſo gut wie allein. Auf dem weichen weißen Sammte dieſes Lichtes nun wallte die Simphonie zu mir herein und brachte alle Idyllen und Kindheitsträume mit, und je mehr ſie ſchwoll und rauſchte, um ſo mehr zog ſie gleichſam goldne Fä⸗ den um das Herz. Wie iſt dieſe Muſik rein und ſittlich gegen den leicht⸗ fertigen Jubel unſerer meiſten Opern! Auf unbefleckten weißen Tauben⸗ ſchwingen zieht ſie ſiegreich in die Seele. Ich wäre ohne weiteres mit ihrem Ende fortgegangen, wenn dieß auf eine andete Weiſe möglich geweſen wäre als mitten durch alle Anwe⸗ — 5 ſende, deren Grüße, Fragen, Anreden, Gutenachtwünſche u. ſ. w. mir unangenehm waren. Der letzte Ton war verhallt, und ſogleich ging draußen ein Brauſen an und ein Seſſelrücken, und ein leidiges Tanzen begann. Im Lampenzimmer wurden gar Spieltiſche geſtellt, und bis zu mir herein drangen die Streifenden. Sofort hob für mich die Langeweile an. Emma, die jüngere Tochter Aſton's, wollte, ich ſolle tanzen. Ich erwiederte, daß ich nicht ſtarker Geiſt genug ſei zu ſolchen Uebergängen, wie unſer Jungfrauengeſchlecht, das dicht an Beethoven das Tanzen nicht verachte.„Doch iſt Jemand aus dem Geſchlechte ſo ſtark,“ ſagte Emma lächelnd,„und ſogar zwei ſind es. Lucie und ihre altrömiſche Freundin, die Sie heute werden kennen lernen,— der weibliche Cato von Utika— oder von wo— ſie ſind ſogar in den Garten hinabgegangen. Uebrigens,“ fügte ſie bei,„mir hat die Simphonie ſehr gut gefallen; aber jetzt ge⸗ fallen mir ſämmtliche Tänzer auch, und ich kann mit meiner Empfindung nicht ſo breit thun, wie mit einem ſteifſeidenen Gewande, und wie die Andern, und ſo ade, Herr Ariſtoteles.“ Sie knirte ernſthaft und ſchwebte künſtlich zwiſchen all den Klippen der Spieltiſche, wie ein leichtes Fahr⸗ zeug, hinaus in die wogende See des Tanzſaales. Nach dem Garten hätte ich wohl auch ein Gelüſte getragen, aber ich mußte es nun aufgeben, um die zwei Freundinnen nicht zu ſtören, die ihn wahrſcheinlich ſür ganz unbeſucht hielten. Ich trat daher, wie ge⸗ wöhnlich, Reiſen durch alle Zimmer und durch die Gruppen darin an, und als ich im Bedientenzimmer die Pulte und Reſte der Simphonie, wie ein kahles Feuerwerksgerüſte, antraf, hatte ich eine Art Schmerz⸗ empfindung, wie bei dem Anblicke eines abgebrannten Hauſes. Auf dem Rückwege gerieth ich zwiſchen die Wimpel und Fahnen mehrerer Putz⸗ hauben, die zuſammenſtaken und verleumdeten. „Beide,“ hörte ich ſie ſagen,„ſind im Garten, und ſie macht die Lucie noch zu derſelben unnatürlichen Figur, wie ſie ſelbſten iſt.— Gott genade dem Manne, der eine ſolche verſchrobene....“ Mehr hörte und wollte ich nicht hören. Arme Angela, dieß iſt nun ſeit einer kleinen halben Stunde ſchon die zweite harte Aeußerung über Dich— noch dazu an Deinem Namens⸗ tage— ſo dachte ich und nahm mir vor, ſobald ſie heraufkäme, ſie mir zeigen zu laſſen, und ſie gerade recht mit Auszeichnung zu behandeln, namentlich auch um die Putzhauben zu ärgern. Ich trat wieder unter die Tanzenden— Alles— die herumfliegen⸗ den Geſtalten, die glühenden Wangen und ſtrahlenden Augen der Mäd⸗ chen, das Vergnügen der zuſehenden Mütter, ſelbſt die ſpielenden Herren — Alles nimmt nun in meiner Erinnerung eine rührende Geſtalt an. Ich werde den Grund angeben. Als ich nämlich ſattſam wie ein Irrſtern unter dieſen Wandelſternen herumgeſchweift war, ließ ich mich endlich häuslich nieder vor einer Rheinweinflaſche, die mir Aſton immer aus Vorliebe gibt, und rief einen Bekannten herzu, der ebenfalls ein Fremd⸗ ling in der Tanz⸗ und Spielwelt war. Wir geriethen in's Plaudern, während der Tanz draußen ſchleifte und ſchwirrte und rauſchte. Unſer Tiſch war gleichſam ein Landſitz außerhalb dieſes Stadtgewühls; denn er ſtand im Schreibſtübchen, das aber jetzt beleuchtet war. Im Zimmer daneben und im dritten, im Lampenzimmer, ſaßen hartnäckige Whiſt⸗ geſellen. Wir hatten bereits die zweite Flaſche angebrochen, und handel⸗ ten den Virgil ab, die mufikaliſchſte Muſe der Römer, als ſich Folgendes ergab. Mein Rachbar pries ſeine Zartheit in der ſinnlichen Malerei, in der er faſt an die Griechen reiche, und ſagte die Stelle als Beleg: Tempus erat, quo prima quies mortalibus aegris Incipit et et Aber weder er, noch ich wußten den ſchönen Vers zu Ende— da ſprach unglaublich ſanft eine weibliche Stimme hinter mir: et dono divum gratissima serpit. Ich ſah neugierig um und— lege den größten Maßſtab an mein Erſchrecken— dicht hinter meiner Stuhllehne an der Seite Luciens, von unſerer Lampe ſcharf beleuchtet, ſchwebt das Geſicht aus dem Paradies⸗ garten— dasſelbe edle, ſanfte, unbeſchreiblich ſchöne Angeſicht in der erſten Blüthe der Jugend, dieſelben Augen, zwei Sonnenräder, nur dar⸗ über dämmernd die langen feinen Wimpern, wie Mondesſtrahlen. Ich war aufgeſprungen und ſtarrte ſie thöricht an, während ſie mit tiefem Purpur übergoſſen wurde. „So ſchlagen Sie mich überall aus dem Felde, ſchöne Feindin,“ ſagte mein Nachbar, der auch aufgeſtanden war und ſich artig lächelnd ver⸗ beugte;„auch im Virgil ſind Sie mir überlegen.“ „Hier führe ich Ihnen,“ ſprach Lucie,„meine liebſte Freundin auf, die längſt verſprochene Angela“— und dann zu ihr gewendet—„dieß iſt der beſcheidene Maler der Umgebungen Wiens.“ Wir verbeugten uns gegenſeitig. Mein Nachbar ſprach ſogleich darein und benahm ſich überhaupt wie ein Bekannter Angela's. In dieſem Augenblicke trat auch Aſton herbei, und in ſeinem Ange⸗ ſichte war ein Weltmeer von Freude zu ſehen, über die gänzlich gelungene Uebertaſchung, von der er Alles und Jedes auf ſeine Rechnung ſetzte, was an Rathloſigkeit in meinem Geſichte mußte ſichtbar geweſen ſein. Freilich konnte er den Grund meiner lächerlichen Verlegenheit nicht ah⸗ nen, die mich immer von Neuem erfaßte, wenn ich ſie anſah, und die in mir herumringenden Geſtalten in eine erträgliche Ordnung zu bringen verſuchte. Dieſe alſo iſt die verſchrobene Angela, ſie iſt aber auch die Fürſtin— und wer ſtand denn nun vor dem Hochſpiegel— wer iſt denn das lebensgroße Bild, wer das kleine Abbild? und Lothar ſitzt hölliſcher Weiſe auf dem Hochſchwab und malt dort Naturſtudien und kann keinen Teufel aufklären— wenn er nicht gar ſelber im Complotte ſteckt und ſich zu guter Zeit auf und davon gemacht hat. Im ganzen goldnen Lamme wohnt ja die Fürſtin, wenn ſie nicht ſchon davon gefahren iſt; das weiß ja ganz Wien, und daß ſie von dem jungen Maler außerordentlich ge⸗ troffen wurde, erzählt auch ganz Wien— und daß ich das lebensgroße Bild ſelber im goldnen Lamme ſah, ſchon im Rahmen, ſchon an den Bo⸗ den der Reiſekiſte geſchraubt, weiß ich mit Gotteshilfe auch,— und hier ſteht ſie im einfachſten Kleide und lächelt mich an!— In meinem Zim⸗ mer— wenmes ſich nicht unterdeſſen in eine Kohle verwandelt hat— liegt das kleine Bild, auf dem ſie auch ſteht!— Dann die ſeltſame Lage hilft ihr auch noch, mich zum Narren zu machen, daß nämlich zweimal dasſelbe ungewöhnlich ſchöne Angeſicht allemal dicht vor meinen Augen in der Luft hing und zauberte, ſtatt daß es ordentlich in der deutlichen Sehweite geſeſſen wäre zu verſtändiger Betrachtung und Anſchauung. Und alle machten ſie ſo unſchuldige Geſichter, als wäre auf dem ganzen Erdboden kein trübes Wäſſerlein— oder gelang dem Aſton dieſes Mal eine meiſterhafte Verwirrung? Wenn nur die Fürſtin noch da iſt, ſo warte ich morgen tauſend Stunden vor dem goldnen Lamme, daß ich ſie aus⸗ fahren ſehe, und Lucie— denn das Teufelchen Emma ſagt nichts— muß heute noch Rede und Antwort ſtehen. Eine ſolche Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen zwei wildfremden Menſchen iſt gar ganz unmöglich; das muß ich verſtehen, der ich ſchon über hundert Angeſichter malte. So dachte ich ungefähr in dem Augenblicke als ich vor ihr ſtand; was ich aber geredet habe, weiß ich nicht mehr. Erſprießlich muß es nicht geweſen ſein; denn ſie wurde ſichtbar verwirrt und erröthete wie⸗ derholt, und Lucie machte immer größere Augen. Aſton ſprang uns Allen, wie ein Engel des Himmels bei, als er die Nachricht brachte, draußen ſtehe Alles aufgedeckt, und man warte ſchon auf uns zum Speiſen. Auf dem Wege in's Tafelzimmer nahm er mich am Arm, während die zwei ſchönen Mädchengeſtalten vor uns gingen, und flüſterte mir in's W„Hab ich Ihnen mit dieſer das Concept verrückt?— und ſie wird Ihnen ſogar zu einem Bilde ſitzen, wenn es Lucien gelingt, ſie vollends zu überreden; denn nur ihr, als Freundin, wolle ſie ein Bild von ſich als Andenken überlaſſen. Dann wird ſie gleich lebensgroß gemacht; die Kleiderverhältniſſe wählen ſie ſelber, und ich ſtehe Ihnen bei, und wenn wir ſie überreden, daß ſie Ihnen zu Ruhm und Glück dadurch verhelfen kann, ſo erlaubt ſie auch, daß das Bild in die Ausſtellung darf, und dann iſt Ihr Ruf gegründet, Freund. Dieſe iſt einmal ein Gegenſtand, durch den ſich ein Künſtler Ehre gewinnen kann. Die ganze Männer⸗ ſchaft iſt verloren, wenn ſie das Bild anſchaut, und verliebt ſich bei dieſer Gelegenheit auch in den Künſtler, und die Weiber werden ſofort alle von Ihnen gemalt ſein wollen, weil ſie meinen, ſie würden dann auch ſo hübſch ausſehen, und ſo prachtvoll zwiſchen dem Goldrahmen ſitzen. Wären Sie nur letzte Zeit nicht ſo halsſtarrig geweſen,— ſie hat ſogar einige Male nach Ihnen gefragt— ſo hätten Sie ſie ſchon längſt ſehen können; denn mein Plan war es ſchon vom Winter her, Ihnen mit ihr den Verſtand zu zerrütten. Aber es iſt nicht aller Tage Abend— ich könnte Ihnen noch allerlei Dinge ſagen; aber gegebene Worte muß man halten— man muß ſie halten.“ Mittlerweile gelangten wir an den Tiſch, und er ſetzte mich ihr gegenüber. Meine Ruhe war durch den Gang ziemlich hergeſtellt, und ich ſaß voll Gelaſſenheit zwiſchen zwei ſchönen angewieſenen Tiſchnach⸗ barinnen nieder, um mein Gegenüber auch einmal mit Ordnung und Ver⸗ ſtand zu betrachten, und über ſelbes zu richten. Aber gefährlich blieb es; denn ſelbſt jetzt, in dieſer Proſa des Anſchauens— das Himmelsbild ſetzte gar eine Taſſe mit Rindſuppe an den Mund— verſpürte ich doch gleich beim erſten Blicke wieder etwas — von jener Zauberei, wie vor drei Wochen im Paradiesgarten. Ich ſprach daher mit meiner Nachbarin rechts über das auserleſene Wetter; dann mit meiner Nachbarin links auch über das auserleſene Wetter— es iſt aber auch wirklich auserleſen, wie es hier ſeit dem Jahre 1811 nicht geweſen iſt; ſo ſagen die Weinkenner— dann aß ich, reichte Teller herum, miſchte mich in Geſpräche und verlegte mich überhaupt auf die Un⸗ befangenheit. Aſton ſah verſchmitzt aus. Man ſprach über die Simphonie und ſtritt. Ich miſchte mich ein. Auf einmal, mitten in dem allgemeinen Brauſen, tönte wieder die unglückſelige, ſanfte lateiniſche Stimme, aber dießmal deutſch.— Ohne Verzug lagen meine Augen drüben und begeg⸗ neten einem großen, unſchuldig ſchönen Blick voll Männerernſtes. Sie fing eben an, den armen Ludwig gegen zwei ältliche Frauen zu vertheidi⸗ gen, die ihm Ueberſpanntheit und Verworrenheit vorwarfen. Ein alter Herr mit ſchneeweißen Haaren— er hatte das Violoncell geſpielt— ſtimmte ihr bei und ereiferte ſich jugendlich für ſeinen Liebling, wofür ihn das ſchönſte Augenpaar des Saales einigemal recht töchterlich lieb anſah. Der ewig alte Hader, in den man allezeit geräth, wenn man von Beethoven ſpricht, ob er oder Mozart vorzuziehen ſei, entſtand auch hier und ward mit Haſt verſochten. Alle Damen waren Mozartiſtinen und ein großer Theil der Männer— Angela ſtand für Beethoven, un⸗ terſtützt von dem greiſen Violoncelliſten und mir. Lucie miſchte ſich nicht ein; aber Emma ſehr heftig für Mozart. Aber es war von beiden Sei⸗ ten wenig zu gewinnen; denn gleich nach dem erſten Worte bemächtigte ſich das mit ſtarken Herren beſetzte Südende des Tiſches der Frage, und eine lärmende Kriegsfurie brach los. Sogleich ſchwieg Angela, und nur gleichſam ſich entſchuldigend und dankend wandte ſie ſich zu mir und ſagte:„Ich bin nicht Kennerin genug, um anders als nach meinem Ein⸗ drucke zu urtheilen; aber mich reißt es hin, wo wie in der Natur, groß⸗ artige Verſchwendung iſt. Mozart theilt mit freundlichem Angeſichte unſchätzbare Edelſteine aus, und ſchenkt jedem etwas; Beethoven aber ſtürzt gleich einen Wolkenbruch von Juwelen über das Volk; dann hält es ſich die Hände vor dem Kopf, damit es nicht blutig geſchlagen wird, und geht am Ende fort, ohne den kleinſten Diamanten erhaſcht zu haben.“ Mir war das Urtheil aus der Seele geſprochen; aber ich war eigent⸗ lich nicht im Stande etwas recht zu genießen, weil es in mir noch immer durcheinander ging und mir Niemand gutſtehen konnte, daß ich nicht jeden Augenblick mit der Frage herausfahre, ob ſie denn ganz und gar und ohne weiteres die Fürſtin Fodor ſei, die mit ihrem Gemahle nach Rußland gehen werde, um dort die Leute zu bezaubern; aber dieß iſt ja unmöglich, denn ſie iſt Luciens Jugendfreundin, und ich werde ſie dieſen Sommer malen; aber dennoch iſt ſie mit jeder Linie und Färbung des Angeſichtes mein kleines Abbild, das ich von Lothar erhalten hatte. Dieſe Doppelgängerei fing nun an, etwas Unheimliches zu gewinnen. Ich mußte ſie mir hier und zugleich beim goldnen Lamme oder gar bereits in einer polniſchen Herberge ſchlafend denken. Das beklagenswerthe Eſſen nahm auch kein Ende, und da der Streit noch immer heftig währte, ſo konnte auch kein vernünftiges Wort aufkommen. Deßhalb blieb mir nichts übrig, als daß ich ſie mit Muße betrachtete. Titus, ſie iſt wahrlich und wahrhaftig unbegreiflich ſchön, zumal im Profil; da zeichnet ſich die ſchönſte Linie in die Luft, welche das Weltall beſitzt, und die man verſucht wird, ſich nur ein Mal daſeiend zu denken. Hinter ihr war an den Wänden dunkelſammtnes Gehänge, und bei jeder Wendung ſchnitt ſich das hellbeleuchtete Angeſicht aus rabenſchwarzem Grunde. In unſern Zeichenbüchern iſt dieſe Linie noch nicht; ſie ſtammt aus der ſchönſten Zeit des alten Perikles— und wenn ſie ſich dann plötzlich zu Dir wendet und die beiden Augen auf Dich rich⸗ tet, in denen etwas Treuherziges und Schwärmeriſches iſt, ſo wird das Bild wieder ein ganz neues, und aus der Antike ſpringt eine romantiſche Shakspeare'sgeſtalt. Wenn unter dem eine thörichte und verſchrobene Seele voll Albernheit wohnt, wie Aſton und jeder von ihr ſagt, ſo iſt es die ſchmerzlichſte Ironie, und ich möchte dann den Apoll von Belvedere zertrümmern; denn was hat denn Schönheit dann für eine Bedeutung, als daß ſie geradehin nur Grimm des Herzens aufrühren mag? Aber ich glaube es nun und in Ewigkeit nicht. Ich wollte nur, Du könnteſt ſie ſehen, mein Titus; eine Laſt dunkler Haare, daraus herorleuchtend die weiße Stirn voll Sittlichkeit, adelig geſchnitten von zwei feinen Bogen, und darunter die zwei ungewöhnlich großen, lavaſchwarzen Augen, bren⸗ nend und lodernd, aber mit jenem keuſchen Madonnenblicke, den ich an feurigen Augen ſo ſehr liebe, ſittſam und ruhevoll— Du würdeſt wäh⸗ nen, in dieſer Klarheit müſſe man bis auf den Grund der Seele blicken können— und wenn ſie mit dem weichen, klugen Munde doch ſo blöde lächelt, ſo meint man Pallas Athene als Kind zu ſehen. Wie ich ihr ſo gegenüber ſaß, ſchwoll mir das Herz wehmüthig an und ſehnſuchtsweich, und ich hatte das Gefühl, hinter allem dieſem berge ſich vielleicht ein ſeltener Glanz, dem ſich kein Mann nahen dürfe, als nur mit dem ſchönſten Geiſtesſchmucke; ſie aber ſtehe unter der Menge wie eine Fremde, deren Sprache man nicht kennt. Jedenfalls muß ihre Erziehung von der gewöhnlichen abgewichen ſein; denn in all' ihrem Thun war ein gewiſſer Zuſchnitt, der etwas Fremdes hatte. Dieß gab ihr einen Schein von Unbeholfenheit oder Ziererei— beſonders da ſie, wie oft pedantiſche Gelehrte, zuweilen geradezu gegen alle gewöhnliche Art verſtieß, wie es das ſeichteſte Gänschen nicht gemacht hätte, während oft ein Schimmer hervorbrach, den freilich das Gänschen auch nicht machen konnte, ja, ihr verargte. Mir erſchien ſie dadurch noch reizender, wie jene Tropenblumen, die dem erſten Blicke des Nordländers fremd⸗ artig, ja lächerlich ſind, dem öftern Beſchauen aber immer dichteriſcher werden und die fernen Wunder ihres heißen Vaterlandes erzählen. Champagner kam; denn von Aſton's Sitze ſchollen deſſen Be⸗ grüßungsſchüſſe, und bald, da jene ſchlankſten aller Gläſer rings gefüllt waren, tönte es:„der Namenstag hoch!“ Sie ſtand auf und dankte; ein Knäuel von Gläſern drängte ſich an ihres, um anzuſtoßen; ſie ſtand mild, wie eine Märtyrerin, und ließ den Wirrwarr über ſich ergehen. Manche kamen zwei⸗, dreimal, um anzuſtoßen, ich weiß nicht ihretwegen oder wegen des Champagners. Endlich, wie Alles in der Welt, nahm auch dieſes Glockenſpiel ein Ende, und ſie ſetzte ihr Glas nieder ohne einen Tropfen zu koſten. Auch andere Sprüche brachen los; man ſtand ſchon theilweiſe an dem Tiſche,— da kamen zwei ſchöne Arme von rückwärts um ſie ge⸗ ſchlungen und zogen ſie küſſend in eine Umarmung und in einen Glück⸗ wunſch— Lucie war es— auch Emma kam, und Roſa und Clara und Lina, und wie ſie alle heißen: auch die verleumdenden Putzhauben, und zogen ſie in Wünſche hinein und von dem Tiſche hinweg. Deinem armen Freunde war es nun, als hätte man alles Licht aus dem Saale fortgetragen, in welchem es bereits luſtig und laut zu werden begann. Dichte Gruppen thaten ſich um die Flaſche zuſammen, und Alle redeten wie die Apoſtel am Pfingſtfeſte, in lauter fremden Zun⸗ gen, daß ein eitel Gebrauſe und Geſauſe wurde. Ein junger Mann mit dem richtigſt gezeichneten Angeſichte, was ich je ſah, ſchritt auf mich mit 2 3 ſeinem Glaſe zu, um anzuſtoßen.„Auf Ihr ſchönes Gegenüber,“ ſagte er;„wir Zwei allein ſtießen vorher mit ihr nicht an.“ Alſo hatte er es auch bemerkt— ich habe wohl geſehen, wie er nicht anſtieß,— viel⸗ leicht aus demſelben Grunde, wie ich, weil ich ihr nämlich nicht auch noch zur Laſt ſein wollte. Ein neues Tanzen jubelte draußen los, vom Champagner ange⸗ zündet, und trieb ſeine hochgehenden Wogen herein in den trüben Schwemmteich von Reden, Streiten, Lachen, Scherzen, daß ein toſendes Meer um die Ohren kochte. Ich ſtand auf, unendlich erleichtert, daß ich von dem e losge⸗ ſchmiedet ſei und dem ſinnverwirrenden Klingen und Schleifen, und Schweifen und Reden und Brauſen entfliehen könne. Mein Weg führte durch das Tanzzimmer, und es kam mir vor, als ſeien der Paaren noch einmal ſo viel geworden, und als würden ſie ohne Ende mehr, wie ſie von einer tollen Galoppe herumgeſchleudert wurden, immer ſchneller und ſchneller, weil einer, der auf dem armen Piano wie mit Keulen häm⸗ merte, den Kreiſel wie zur Luſt immer bachantiſcher drehte, vom Fieber angeſteckt und Alles anſteckend. Ich haſchte mit den Augen nach Ge⸗ ſichtern, und wie die Mädchen vorüberjagten mit dem wilden Wangen⸗ feuer, unſchön mit den hartrothen Antlitzen, ſo fürchtete ich, auch ihres in dem Zuſtande zu ſehen— aber es war nicht darunter. Ich war, wie allemal beim Anblicke ſolches Ueberſchäumens bloßer Luſtigkeit, traurig geworden und ging gerne weiter. Im Lampenzimmer endlich, wo noch die Kartenruinen lagen, ſtand aber eingewickelt in einen Ballen von Freundinnen und Feindinnen, die Glück wünſchten, und von Männern, die den Hof machten.— So hat denn heute Aſton, wie jener König im Evangeliv, die Blinden und Lahmen und die ganze Wiener Stadt und den Erdkreis zu dieſem Feſte eingeladen, daß die Menſchen kein Ende nehmen wollten!! Ich gi noch weiter in das nächſte Zimmer, wo endlich bloß Drei waren, Langeweile hatten, und ich ſetzte mich dort in einem Winkel als Vierter nieder. Ich war unſäglich traurig und konnte mich der tiefſten Schwermuth faſt nicht erwehren. Ich ſah durch die Thüren in alle Zimmer zurück, die ich durchwandelt hatte, und lud meinen armen Augen die Laſt aller Bilder derſelben auf: den fernen ſchwarzen Grund der Männer im Tafel⸗ zimmer, undeutlich wogend und im Lichterrauche ſchwimmend— auf dieſem Grunde gedreht, gewirbelt, gejagt der weiße Kranz der Galoppe, ſeinerſeits wieder zerſchnitten durch die ſtehenden Geſtalten und Gruppen im nächſten Zimmer herwärts— durch die wieder manche ganz im Vor⸗ dergrund wandelnde Geſtalt bald eine ſchwarze, bald eine weiße Linie zog— und auf dieſen Wuſt von Bildern und Farben, noch dazu wan⸗ kend und wallend in einem betäubenden Lichterglanze, zeichnete ſich ihre Geſtalt, die einzig ruhige, wie in die wimmelnde, zitternde Luft eine liebliche, feſte fata morgans. Leider kam nun Aſton zu mir herein, der mich ſuchte, und fing zu reden an. Er glänzte von Wein und Freude, und unterhielt ſich nach ſeinem Ausdrucke„köſtlich.“ Er ſagte, wenn er reden dürfte, ſo könnte er mir Dinge ſagen— Dinge— aber es werde ſich Alles, Alles auf⸗ klären, und da irgend ein anderer Menſch, den er nicht nennen dürfe, ſchon einmal verrückt ſei und das eigne Unglück wolle, ſo werde alle Welt ſehen, daß ſein Plan, Daniel Aſton's Plan, der beſte war, und von Alpha bis Omega in Erfüllung gehe. Was Angela betreffe, müſſe er bemerken, daß es eben kein Wunder ſei, wenn ich mich in ſie verliebe; das thaten ſchon ſehr Viele; aber ein großes wäre es, wenn ſie ſich in mich verliebte— das that ſie noch nie. Er traue mir zwar viel zu, was Weiberherzen gewinnen könne; aber ſie ſei auch nicht wie andere Wei⸗ ber, ſondern ihr Lehrer habe ihr allerlei Dinge beigebracht, die ſeltſam und ungewöhnlich ſeien— für eine gute Hausſrau tauge ſie gar nicht, weil ihr alles und jedes Praktiſche fehle— jedoch ſie wäre ſchon abzu⸗ richten, da ſie in allen Narrheiten, wozu ſie ſich gelegentlich wende, mit der muſterhaſteſten Ordnung und mit größtem Erfolge vorgehe; nur ſeien leider das Dinge, die alle nichts nützen und gegen Herkommen und Brauch ſeien.„Unter uns geſagt: ſie kann gar nicht einmal kochen. Aber ver⸗ lieben Sie ſich immerhin.“ Er wollte mich durchaus hinausführen, aber ich lehnte es entſchieden ab und war froh, als er endlich von dan⸗ nen ging. Mittlerweile entführte der Tanz eine Freundin nach der an⸗ dern von Angela, und ſie ſtand zuletzt nur noch mit einem Manne im Geſpräche, demſelben jungen ſchönen Manne, der mit mir auf ihre Ge⸗ ſundheit angeſtoßen hatte. Auch Emma ſchwirtte einmal durch das Lampenzimmer in den Tanz, der unaufhörlich toller und toller hereintönte. Da trat der Violoncelliſt zu mir und fing an über Beethoven zu ſprechen und über den guten Takt des ſchönen, fremden Fräuleins in Beurtheilung des größten aller Tondichter. Das ſchöne, fremde Fräulein hatte ſich indeß auf einen Divan nie⸗ dergeſetzt und der ſchöne, fremde Herr ſtand vor ihr. Mein Nachbar zerlegte mitten im Klingen und Singen der Tanz⸗ muſik kunſtgerecht die Paſtoralſimphonie und zog mich doch zuletzt ins Intereſſe, weil er aus dem Tonſtücke Erinnerungen zurückrief, die ſich eben jetzt an mein gewitterſchwüles Herz wie Engelsflügel legten, weil ſie wie reine Lichtſtrahlen abſtanden von der rothen Pechfackel der Tanz⸗ muſik, die eben draußen in jubilirender Sinnesluſt geſchwungen wurde. Ich ſprach endlich hingeriſſen einige heiße Worte über die Simphonie, und als meine Empfindung in der Stimme erkennbar geworden ſein mußte, drückte mir mein begeiſterter Nachbar, wie ein Kind gerührt, beide Hände, und mir kam das Haaſilber auf ſeinem ſchönen Greiſen⸗ haupte doppelt ehrwürdig vor. Auch er ſchied endlich, und als ich aufblickte, war auch ſie und ihr Geſellſchafter fort, vielleicht gar zum Tanze; auch meine Genoſſen, die drei langweilenden Geſellen, waren verſchwunden und das Zimmer ſtand ganz leer; nur aus dem Spiegel gegenüber ſtartte mein eigenes An⸗ geſicht. Da ſaß ich nun und wußte durchaus nicht, was in der nächſten Zeit zu thun ſein werde. Endlich ging ich wieder in das Tanzzimmer, ob ihr denn nicht auch das Tanzen anders laſſe, als den Andern. Man führte jetzt eben Figu⸗ ren aus, was ich viel lieber ſehe, als das leere Galoppjagen— aber ſie war nicht bei den Figuren. Bei einer alten Frau ſaß ſie und redete äußerſt freundlich mit ihr. Ich weiß es nicht, was mich denn ſo zauberiſch bindet. In ihren Augen— in der Art, ſie zu heben oder zu ſenken, oder hinträumen zu laſſen in dichteriſcher Ruhe— in dem Munde, wenn auf ihm das Licht des Lächelns aufgeht— ſelbſt in der Hand, die eben jetzt wie ein weißes Apfelblüthenblatt auf ihrem ſchwarzſeidnen Kleide lag—— in Allem, in Allem iſt ein Stück meines eignen Herzens, was mir hier nur unſäg⸗ lich reizender und inniger zur Anſchauung kam. Ich ging wieder in das leere Zimmer zurück. Fraget mich nicht, warum ich denn eine ſo große, feierliche, unabweisbare Empfindung in mir zurücktrug— ich weiß es nicht. Unter Allen, die da freudig hüpf⸗ ten und freudig zuſahen, iſt nur ein einzig Herz, mein Herz iſt es, das bitterlich weinen möchte. Sie iſt der unſchuldige Gegenſtand, daß eine Empfindung in mir emporſchwoll, ungeheuer, rieſig, wohl⸗ und wehmüthig, verwaiſ't und einſam in dem Herzen liegend— mit war, als hätte ich bisher keinen Freund und keine Freundin gehabt!! Endlich war der Tanz aus und die erhitzten Paare flutheten herein. Jetzt mußt' ich Lucien ſprechen. Sie trat auch zu mir, Angela und die hochathmende Emma am Arme führend. Wie ganz anders ſind die Worte, die man einer geliebten Geſtalt in Gedanken ſagt, als wenn ſie dann vor uns tritt und das dumme Herz erſchrocken zurückſinkt und eine Flachheit vorbringt. Emma ſagte, ich ſei heute der unerträglichſte Menſch; auch Lucie fand mich verſtimmt. Ich entſchuldigte mich, daß ich nicht tanze, und alſo nichts zum allgemeinen Vergnügen beitragen könne. Angela ſagte, daß ſie mich ſchon lange aus meinen Bildern und aus den Beſchreibun⸗ gen kenne, die ihr zwei Freundinnen von mir machten, und es ſei gar nicht ſchön von mir, daß ich ihr faſt abſichtlich auswich;— ich erröthete heſtig und konnte es zu keiner Entſchuldigung bringen. Indeſſen kamen wir zu einem Sitze; alle Drei ſetzten ſich und ich blieb vor ihnen ſtehen. „Jetzt müſſen Sie aber ſehr oft kommen,“ ſagte Lucie,„und unſere liebe Freundin kennen lernen; ſie iſt es wohl ein wenig werth.“ Hierbei ſah ſie dieſer lieben Freundin zärtlich in's Antlitz und nahm ihre weiße Hand. „Und er ift es auch erſchrecklich werth,“ entgegnete Emma;„denn er iſt der liebenswürdigſte Pedant, der je einem Mädchen Langeweile machte.“ Unverzüglich nahm ſie auch meine Hand, ihre Schweſter äffend, und legte alle vier Hände aufeinander, ſo daß meine auf Angela's kam, und denke Dir, Titus! dieß war mir peinlich— ich zog ſie faſt unartig zurück. Angela zog ihre auch weg und legte ſie wie dankend auf die Schulter Luciens, und hob dabei, wie eine griechiſche Prieſterin, das ſchöne Haupt. Plötzlich, als ſie meiner Fantaſie das Bild einer antiken Prieſterin bot, fiel mir ihr Latein ein, und ich griff haſtig nach dieſem Geſprächs⸗ anker, mit der Bemerkung, daß es wohl ein ſeltner Fall ſein möge, daß ein Mädchen den Virgil in der Urſprache leſe. „In gar keiner ſollte man den langweiligen Menſchen leſen,“ meinte die ewig dareinſprechende Emma. „Als nur in der Urſprache,“ entgegnete Angela;„weil ſelbſt in der beſten Ueberſetzung drei Viertheile verloren gehen und das vierte ſeelenlos bleibt.“ Dann, zu mir gewendet, fuhr ſie wie entſchuldigend fort:„Ich kann aber auch ſehr wenig; mein gütiger Lehrer erzählte mir eine ſo ſchöne Geſchichte von den Thaten der alten Heiden, daß ich ihn bat, mich auch ihre Sprache zu lehren, ihre Seele, wie er ſagte. Er that es und ich lernte auf dieſe Weiſe ein Weniges.“ „Alſo können Sie auch Griechiſch?“ platzte ich heraus, ſie mit offe⸗ nen Augen anſtarrend. Jungfräulich erröthend und faſt erſchrocken durch meine Haſt, ſagte ſie verwundert:„Ja,“ und ſah mich verlegen an. Emma, die einen Inſtinkt hat, zu rechter Zeit drollig zu ſein, ſagte:„Sie lernt noch die Taktik, wenn Sie ihr einen Meiſter auf⸗ treiben.“ „Warum nicht?“ entgegnete Angela;„wenn man nicht ſo traurig werden müßte, daß es unter vernünftigen Geſchöpfen noch eine ſolche Wiſſenſchaft geben kann.“—— „Habe ich etwas Unſchickliches geſagt?“ fragte ſie plötzlich Lucien, wahrſcheinlich weil ſie an mir die äußerſte Verwunderung merkte und nicht deuten konnte. Die ſanfte Lucie nahm nun das Wort, indem ſie den früher um Angela's Nacken geſchlungenen Arm herabzog und die ſchöne Gruppe auflöſ'te und ſagte:„Sie müſſen nämlich erfahren, daß unſere Freundin nicht in Wien erzogen worden iſt und auch nicht von einem Manne, der mit unſern Sitten ſehr einverſtanden wäre. Wenn Sie uns nicht ſchon geraume Zeit her ſo ſehr vernachläſſigt hätten, ſo hätten Sie ihn kennen gelernt, da er die letzte Zeit faſt täglich in unſer Haus kam; aber eine ſeiner ewigen Reiſen führte ihn mit ſeiner Schweſter nach Frankreich, von wo er kaum vor September zurück ſein wird. Der Vater hat ihm von Ihnen ſo viel Gutes geſagt, daß er Ihre Bekanntſchaft verlangte. Aber er mußte abreiſen, ehe dieß bewerkſtelligt werden konnte. Seine Schülerin kennen Sie jetzt in unſerer Angela; ſeine Tante werden wir Stifter, 4. Aufl. I. 5 * Sie ſpäter vorſtellen; auf ihn und die Schweſter aber müſſen Sie bis zum Herbſte warten. Ich bin der vollſten Ueberzeugung, daß Ihr Euch gegenſeitig ſehr gefallen werdet.“ „O, ich auch der vollſten,“ ſprach Emma drein;„da wird ein Le⸗ ben losgehen, närriſche Leute die Hülle und Fülle: Sie, er, ſeine Schwe⸗ ſter, Fräulein Natalie, Angela, ich, die zärtliche Schweſter Lucie beginnt auch ſchon, der Vater obendrein,— die Plane ſollen ſich kreuzen und mehren und verwirren; wir müſſen noch mehr ſolches Zeug herbeiſchaf⸗ fen— Sie haben ja da einen neuen Freund angeworben— Diſſon glaub' ich, heißt er— den Sie ſo ſehr lobten— der wird doch auch einen oder den andern Sinn verkehrt haben— dieſen bringen Sie— und in den Pyrenäen reiſtt auch Einer, den Sie neulich lobpoſaunt haben: der muß auch herbei, und wenn der Vater ſo fortſammelt, dann erleben wir die lichte Freude: auf Erhabenheit verlegt, Ueberſchweng⸗ lichkeit getrieben— und zuletzt Lieb' und Heirathen aller Orten und Wegen: Sie mich, Angela ihren Lehrer,—— nein, der iſt für ſie zu ruhig: ich den Lehrer, Sie die Angela, Lucie den Lothar, Natalie den ſpaniſchen Reiſenden—— nun, ich denke: dann ſind Alle unter Dach gebracht.“ Lucie, die ſeit dem Tode der Mutter eine Art ſanfter Vormund⸗ ſchaft über den jungen Wildfang übte, verwies ihr lächelnd ihre unartige Uebermüthigkeit. In den lebhaften jugendlichen Augen glänzte ſo eben ein neuer Uebermuth; aber in dem Augenblicke ſtob eine ganze Spreu von weißen Mädchen herbei, gefolgt von jungen Männern, die alle über den Schlußtanz unterhandelten. Emma war ſogleich mitten drinnen, hielt kurze Staats⸗Verſammlungsreden und ſtimmte unmittelbar darauf. In dieſem Augenblicke ergriff ich die Gelegenheit, endlich einmal mit meiner Paradiesbegegnung hervorzukommen— vor Emma wollte ich nicht.— Ich erzählte etwas lügneriſcher Weiſe, daß es wahrſcheinlich eine ruſſiſche Fürſtin geweſen ſei, die ich unlängſt im Paradiesgarten vor dem ſchwarzen Hochſpiegel ſah und die mit dem gegenwärtigen Fräu⸗ lein die vollſtändigſte Aehnlichkeit habe, die ich je auf Erden gefunden; darum habe es mich ſo ſehr verwirrt, als ich heute dieſelbe Geſtalt und dasſelbe Angeſicht hinter meiner Stuhllehne ſah und ſogleich als Freun⸗ din Luciens und Emma's aufgeführt bekam.„Und,“ ſchloß ich,„dop⸗ pelt überraſchend war mir Ihr Anblick, weil ich neulich durch Zufall „ — 5 ein lebensgroßes Bild der Fürſtin zu ſehen bekam, auf dem ſie in einem ſchwarzſeidnen Kleide ſaß, gerade ſo, wie Sie hier eines anhaben; ja, was mir beinahe Schreck einjagte, war noch, daß Sie auch das kleine goldne Kreuzchen tragen, wie jene Fürſtin mit einem abgebildet iſt. Ich beſitze ein kleines Nachbild von dem Gemälde, wo all das noch jeden Augenblick zu ſehen iſt.“ Beide Schweſtern ſahen ſich ſeltſam an, als ich dieſes ſprach— Angela aber mußte bis zu Tode erſchrocken ſein, denn ſie ſtand weiß wie eine getünchte Wand da und wankte; mit unbeholfener Verlegenheit ſuchte ſie das äußerſt kleine Kreuzchen in ihrem Buſen zu bergen— es gelang— eine Sekunde nur war's, ſie bezwang ſich, und die ernſten ſchönen Augen auf mich richtend, ſprach Angela, daß ſie mit dieſer Für⸗ ſtin nichts gemein habe; ich möge ſie nur als ein einfaches Mädchen anſehen und behandeln, das nie einen Adelsbrief gehabt habe, noch je einen haben werde. „Außer den lilienweißen des allerſchönſten und liebſten Herzens, das auf dieſer Erde ſchlägt,“ rief Lucie mit ſonderbarer Rührung, die mir für dieſe Veranlaſſung zu heſtig vorkam, und küßte ſie auf die Au⸗ gen und ſuchte ſie hinwegzuziehen; allein es war nicht möglich, denn in demſelben Augenblicke erſchien ein Mann und erinnerte Lucien an ihr Verſprechen, die dritte Figur mitzumachen— und— ſo iſt der Menſch — in höchſter Verwirrung und Noth thut er noch immer eher das Schick⸗ liche als das Rechte: Lucie ließ ſich in der Betäubung fortziehen; ſie fand das Wort der Widerrede nicht, und die Fremde ſtand verlaſſen in ihrer ſo ſeltſamen Erregung vor dem Fremden— aber ſo klar es war, daß ich irgend ein unheimlich Sonderbares getroffen haben mußte: ſo klar war es auch, daß in dem Augenblicke keine Spur mehr davon in ihrem Antlitze übrig war. Wie ich nämlich beklommen ſcheu in dasſelbe blickte, war das ſanfte Roth wieder in die vorher lilienweiße Wange ge⸗ floſſen, und das große Auge ſah freundlich auf mich, als ſie die Worte ſagte:„Mir iſt nicht unwohl geworden, wie Sie etwa denken können, ſondern wie es wohl öfters bei Menſchen geſchieht, es iſt plötzlich ein ſehr wichtiges Ereigniß meines Lebens eingetreten, und das hat mir die kindiſche Erregung gemacht, die Sie geſehen haben.“ Mir war dieſe ruhige Aufrichtigkeit bei einer Sache, die jede an⸗ dere verborgen, ja, gerade unter Unwohlſein verborgen hätte, ſonderbar, 5* zum mindeſten neu; ich blieb daher befangen ſtehen und ſagte kein Wort. „Ich werde jetzt fortgehen,“ ſagte ſie nach einem Augenblicke;„aber vorher muß ich Ihnen noch ſagen: daß ich es geweſen bin, die Sie an dem erhabenen Spiegel geſehen haben— nannten Sie nicht die Beleuch⸗ tung eine Unterweltsbeleuchtung?“ „Ja, ja, ich nannte ſie ſo,“ antwortete ich freudig, als wir be⸗ reits im Hinausgehen waren, wo ſie ſich dann verneigte und wieder zu jener ältlichen Frau ging, bei der ich ſie heute ſchon einmal geſehen hatte. Später als der Tanz aus war, ſah ich ſie noch einmal hinter einem Vor⸗ hange in Luciens Armen und heftig mit ihr reden— dann ſah ich ſie nicht mehr; denn ſie war fortgefahren— nur ein ſchönes, liebes, ſüßes Bild ſchwebte mir im Haupte und im Herzen. Alſo war es doch ſie geweſen! Welch' ſchöne Größe und Milde ſah ich damals in ihrem Ange⸗ ſichte; wie wahr hatte meine Empfindung geredet! nun iſt ſie fort; das Rollen ihrer Räder hörte ich herauf; ich hörte es mit dem Herzen; ihr Bild ſchwebt noch in dem Gewirre, das um mich iſt, und ich ſtehe wie ein Fremder in dem Sauſen. Gütiger, heiliger Gott! welch' ſanftes, ſchönes Fühlen legteſt Du in des Menſchen Seele, und wie groß wird ſie ſelbſt vor Dir, wenn ſie Freude fühlt, in ein fremdes Herz zu ſchauen und es zu lieben, weil ſie weiß, daß dieſes Herz ſchön ſein wird.— Dieß nennen ſie Unnatur, was wie ein einfach Licht der Engel um ihr Haupt fließt. Freilich, weil ſie dieſen Schein nicht kennen, und ſich dafür nur armſeligen Modeflitter hinaufſtecken. Ich ging auch bald nach Hauſe und ſchrieb noch bis fünf Uhr; dann legte ich mich erſt nieder und ſank in ein verworrenes Träumen. 6— 8. Erdrauch. 4. Juni 1834. Es greifen immer ſonderbarere Menſchen in mein Leben— es iſt, als ſollte ich mit lauter ausländiſchen Dingen umringt werden. Ich wußte eigentlich bisher gar nie recht, was ein Nabob iſt, und weiß es noch nicht; aber doch ſoll ich mit einem zuſammenkommen, und Aſton ſagt, daß dieß mein Lebensglück gründen werde;— nun, ich bin neu⸗ gierig— er ſagt nicht, wie?— überhaupt muß man mit mir irgend ein Geheimniß haben; ich merke es an Lucien und Emma— aber ich kann es nicht ergreifen— mögen ſie immerhin— aber ſeltſamer Weiſe, wie man oft vorgefaßte Meinungen über das Ausſehen und den Charakter von Menſchen hat, die man nie ſah, ſo geht es einem auch oft mit Wor⸗ ten und Begriffen. Dieſes„Nabob“ iſt ſo ein Wort für mich geweſen ſeit meiner Kindheit. Ich ſtellte mir darunter immer einen Mann vor zwiſchen fünfzig und ſechzig Jahren, gut erhalten, braunen Angeſichts, ein farbiges Tuch um den Hals, einen Hut mit breiten Krempen, einen lichten, meiſtens gelben Rock an— einen Mann, der in irgend einem Indien Pflanzer war, alle ſeine Neger hindangegeben und nun in Europa viel Gold genießt und grob iſt. Iſt dieſe Beſchreibung falſch, ſo bitte ich Alle um Verzeihung, die ſich dadurch gekränkt fühlen; denn ich kenne keine Schuldefinition eines Nabob— ja, ſogar der Name war mir von jeher faſt lächerlich. Aſton ſagt, dieſer Mann und ich gleichen uns in Launen und Gut⸗ herzigkeit, wie ein Waſſertropfen dem andern— wäre ich nur dieſe Zeit her, wie er ſich ausdrückte, nicht immer auf ſo ausſchweifend langen Ausflügen geweſen, daß ich unter den hundert Malen, die er ihn zu mir geſchleppt, zu treffen geweſen wäre, ſo könnte bereits Alles in Ordnung ſein; aber ſo habe der Nabob fort gemußt, und Alles ſchiebe ſich auf die lange Bank. Es ſeien noch ganz andere Dinge dahinter, die er mir nicht ſagen dürfe.„Dieſer Nabob,“ rief er aus,„ſo ganz vortrefflich er ſonſt iſt, gehört unter die Menſchen, die immer voll von Plänen ſtecken, was mir ſo verhaßt iſt, weil ſie auf keinen Rath hören, und emen nichts machen und fügen laſſen, wenn es auch ſonnenklar beſſer wäre.“ Lieber Titus! Wenn der Nabob, wie ihn Aſton nennt, etwa ſo ein Mann iſt, der um ſein gutes Geld auch ein Mäcenas ſein will, ſo wird das Wohlvernehmen von kurzer Dauer ſein; denn ich meine, daß bei einem ſolchen Seebär, wie ich mir ihn vorſtelle, nicht leicht geiſtige Dul⸗ dung vorhanden ſein wird. Daß es übrigens der gute Daniel Aſton mit ſeiner Güte und Pfiffigkeit, womit er den Gefühlen in die Schuhe hilft und Freundſchaften übereilt, unſäglich gut meine, bin ich vollkommen überzeugt— jedoch bei all den Geſchäften, die er ſich immer zum Heile der Menſchheit auf den Hals ladet und wofür ihm Niemand dankt, tappt er oft zu; es geht ihm, wie mir einſt als Knaben, da ich gefangene Schmetterlinge unter Gläſer einſperrte, und mit dem beſten Rindfleiſch fütterte. Ehe ich ſchließe, muß ich Dir noch den Verlauf mit dem kleinen Bilde etzählen. Man hat mich bei Aſton dringend gebeten, es zu brin⸗ gen; ich verſprach es auf meinen nächſten Beſuch. Da ich nun des an⸗ dern Tages kam, hielt mich der Diener im Vorzimmer auf und ſagte, er müſſe Lady Lucia rufen. Sie kam und bat mich mit ihrer eigenthümlich gewinnenden Leutſeligkeit, ich möchte ihr das Bildchen einhändigen, ſie würde es zu rechter Zeit vorbringen. Wir traten zu Emma und Angela ein, die im Beſuchzimmer waren. Sogleich heftete ſie ihre großen Augen auf Lucien und ſagte:„Nun, zeige nur!“„Liebe Angela, ein wenig ſpäter wird es doch beſſer ſein,“ meinte Lucie mit bittendem Blicke. „Es wird wohl ſpäter ſein, wie jetzt,“ entgegnete Angela;„aber wenn Du es wünſcheſt, will ich warten.“ Zögernd reichte Lucie das Elfenbein hin, und wie ein Pfeil ſchoß Angela's Auge darauf und darüber weg auf den Spiegel; dann erblaßte ſie— Lucie ſah nicht das Bild, ſondern die Freundin an, und hütete jeden Zug derſelben. Emma flog herbei und den überraſchten Lippen ent⸗ fuhr der leiſe Ausruf:„Ach Gott, wie treu!“ und ſogleich ſah ſie An⸗ gela an und ich auch. Wie eine ſchneeweiße Roſe war auch heute wieder ihr ſchönes Haupt; aber nach wenig Augenblicken ward eine pur⸗ purtothe daraus, und ſo ſtand ſie da, zitternd vor innerer Bewegung, die ſie ſichtlich zu bemeiſtern ſtrebte. Was das mit dem Bilde bedeuten mag— Gott kann's wiſſen! Ich ging augenblicklich in das Nebenzimmer und ſah zum Fenſter hinaus. In dem von mir verlaſſenen Gemache hob nun ein langes Reden und Flüſtern an, das ich beinahe hineinhörte; ich wäre gerne fortgegan⸗ gen, wenn das Zimmer einen Ausgang gehabt hätte; aber endlich wurde ich durch Emma's Stimme gerufen, und ruhig, wie ich ſie gewöhnlich ſah, bat mich Angela, ihr ein Nachbild dieſes Bildes nehmen zu laſſen. Mit Haſt trug ich ihr das Urbild ſelber an; ſie nahm es nur unter der Bedingung, daß ſie mir ein Nachbild davon zuſtellen laſſen dürfe. Ich ging es ein; das Bildchen lag indeß verkehrt auf dem Neben⸗ tiſche. Gezwungene Geſpräche wollten nun anheben; allein ich fühlte, daß ich heute bald gehen müſſe, und ich ging. Schwarzrothe Rönigsßerze. 26. Juni 1834. Faſt ein Monat, merke ich, iſt verfloſſen, ohne daß ich eine Zeile für Dich aufgeſetzt— es iſt kein Vergeſſen auf Dich; aber es war keine Zeit zu dem unerträglich langſamen Schreiben übrig; im Kopfe habe ich Dich mehr als je. Selbſt heute kann ich in der Schnelligkeit nur ein paar Worte herſetzen; aber noch dieſe Woche ſchließe ich einen eigenen Tag für Dich aus, um Dir Alles zu ſchreiben. Es war irgend ein Ge⸗ heimnißvolles oder Schmerzhaftes oder ſonſt etwas— kurz es war eine ſeltſame Bewegung im Hauſe Aſton's unmittelbar nach jener Zeit, da ich das Bildchen übergeben hatte, man kümmerte ſich wenig um mich, ſondern hatte mit eigenen Angelegenheiten zu thun— dann war Alles wieder gleich und ruhig— wie ein Schatten war es vorüber, den eine Wolke wirft, die man nicht ſieht— mir kann es gleich ſein; denn es wurde dann eine heitere, klare, liebe Zeit— ich komme nun, ſo wie früher gar nicht, cbenſo jetzt täglich in Aſton's Haus.— Das Leben des Menſchen iſt faſt, wie man eine Hand umkehrt; es iſt dieſelbe und doch ganz anders— ein ruhiger Umgang eröffnete ſich, ein heiteres Entgegenkommen, und jetzt ſind Verträge gemacht, daß wir Mußik machen, leſen und Malerei treiben wollen; es mußte gleich die beſtimmte Zeit hiezu vermeſſen werden; denn es gehört mit zu Angela's Verſchro⸗ benheiten, daß ſie Alles nach der ſtrengſten Zeiteintheilung thut. Emma, die wieder Alles zeitlos thut, d. h. wie es eben der Augenblick bringt, wollte mit der Pedanterei verſchont bleiben, wie ſie ſagte, und beſchloß dabei zu ſein oder nicht, wie es eben ihr Inneres füge. Aſton, der ſonſt vielleicht ſtörte, reitet zum Glücke ſehr viel; der Arzt hat es ihm verord⸗ net, und in Folge deſſen gerieth er auf den Einfall, ſich für einen Pferdekenner zu halten, was ihn täglich ſtundenlang auf die Plätze führt, wo Reiter und Pferde zu ſehen ſind, und über Gattung, Feuer u. ſ. w. geſprochen wird. Außer dieſer Zeit, die einzig lieb und ſchön iſt, hat ſich auch etwas Anders begeben, was einen feſten Halt und viele Freude in mein Leben bringt: das Amt nämlich, in das mich wohlmeinende Freunde bringen wollten, um jene Erſcheinung an mir darzuſtellen, die man geſichertes Daſein nennt, iſt mir glückſeliger Weiſe abgeſchlagen worden, und als ich mit dem lieben Beſcheide in der Taſche nach Hauſe kam, ſo war es nicht anders, als hüpften mir meine Farben entgegen und ſähen mich noch einmal ſo freundlich an: Du kennſt das Gläschen mit dem Ultra⸗ marin; es ſah mit ſeinem Feuerblau wie ein tiefer Harmonikaton aus, — der Purpur wie Liebeslieder— die Grün wie ſanfte Flöten— das Roth wie Trompetengeſchmetter, und ſo weiter. Jetzt will ich nicht mehr auf Abfall und Felonie ſinnen, ihr lieben, treuen, herzigen Vaſallen, bis ich ſterbe, und dann wird ſchon im Teſtamente ſtehen, daß mit euch die Hand eines närriſchen Freundes, den ich jetzt noch nicht nenne, ein heiteres Bild auf meinen Sarg malen ſoll. Wir bleiben bei einander und handiren nun erſt recht mit Wonne und mit Luſt, ſeit es gewiß iſt, daß uns nun nichts mehr auf dieſer Erde trennen kann, wie wohlgetraute Eheleute, die der Tod nur ſcheidet. Das Erſte ſollen Deine wunderſchönen Skizzen ſein, wofür ich Dir tauſend Dank ſage; ſie freuten mich unendlich. Wir haben bereits zwei große Tafeln mit dem zarteſten grauen Grunde bereiten laſſen, worauf wir ſie ausführen werden; Lothar den Mont perdu und ich den ſchwar⸗ zen See, deſſen Namen ich in Deinem Schreiben nicht leſen kann, und den Du beſſer geſchrieben wiederholen magſt. Es ſoll das erſte und ſchönſte Feſt werden, ſobald wir von unſerer Reiſe zurück ſind. Lothar geht nämlich mit, und nach der Zurückkunft werden wir zuſammen woh⸗ nen und in einer Stube arbeiten, was köſtliche Stunden geben ſoll; denn ich fange an, dieſen Menſchen ungemein zu lieben, und wenn erſt auch Du zurück ſein wirſt, dann ſoll das wahre, ſchöne Künſtlerleben angehen und nichts gethan werden, als nur lauter Schönes— und ſonſt lauter Spaß. Wir müſſen unweigerlich alle Drei unter einem Dache wohnen, unter einem Dache arbeiten, mit Glück und Luſt nach dem Höchſten ſtreben, jede Schmach von uns ſtoßen, jeden Fund ſchnell ein⸗ ander mittheilen, ein Liebchen ſelig im Herzen tragen und drei Hände zu ſchöner, feſter, urewiger Männerfreundſchaft zuſammenfügen. Wäreſt Du nur erſt da, daß Du den ſanften Lothar ſäheſt und ſeine ſchönen Bilder: Du würdeſt ihn bald mehr lieben als mich ſelber. Ich bin heute faſt ſo luſtig, als wären mir meine Farben ganz neu geſchenkt worden, wie damals, da mir mein Vater in unſer abgelegenes Waldhaus das erſte Farbkäſtchen brachte und mir zeigte, wie man mit den prächtigen Täfelchen Reiter und Hirſche und Soldaten anfärbe— beſonders für die Hirſche hatte ich eine Vorliebe, und wenn Du einmal meine alte Mutter beſuchſt, ſo kannſt Du auf dem Scheunenthore noch viele gelungene Beiſpiele ſehen, ſchön ziegelroth und von hochgrünen Hunden heftig verfolgt. Ich bin wieder zum heitern Kinde geworden, und möchte mit Luſt heute noch Reiter und Hirſche färben— und ich thu's auch, weil ich ſie dem kleinen Sandi(dem Söhnchen der Leute, wo ich zur Miethe bin) geben kann, den ſie auf drei Tage glücklich machen. Der ruſſiſchen Fürſtin habe ich vor dem goldnen Lamme vorgewar⸗ tet; ich ſah ſie auch ausfahren— wahrhaftig, als ob Angela, wie ſie leibt und lebt, in dem Wagen ſäße.— Jetzt iſt die Fürſtin längſt fort, aber Angela noch da. Das kleine Bildchen ſah ich ſeit der Zeit, als ich mir eine ſchnelle Copie davon machte, weder bei Aſton, noch bei ihr. Sonnenſchein iſt draußen, als wäre er eigens recht feierlich beſtellt, und eine tiefdunkle Bläue iſt am Himmel, feſt ſich wehend, wie Frohn⸗ leichnamsfahnen, und Frühſommer auf allen Hügeln prangend, leuch⸗ tend, funkelnd, daß ich noch heute die halbe Stadt umkreiſen muß. Ich will meinen Stift und ſchönes Papier nehmen und nach Dornbach“ Weidling und weiß Gott wo noch hin wandern. Der lange Engländer, mein ewiger Jude, begegnet mir zu meiner Freude auch ſchon ſeit Wochen nicht mehr. Waſſerfarben nehme ich in die Taſche, und in Weidling am Bache will ich zu Mittag eſſen und dort im Kaſtanienſchatten male ich für Sandi Hirſche und Reiter, um einmal ein Kind zu ſein und einen rechten Idyllentag herumzubringen. Heute ſchreib' ich nichts mehr,— morgen ein Weiteres. Spanne Dir Gott auch einen ſo glänzenden Sommer über Deine Berge, wie er uns hier thut— ich erlebte nie ſo andauernd ſchönes Wetter— und ein Glück iſt's für unſer einen, daß Wien ſo liebliche Um⸗ gebungen hat. Aber jetzt muß ich fort, ohne Widerrede. Lebe mit Gott. 10. Ehrenpreis. 27. Juni 1834. Um zwölf Uhr in der Racht kam ich erſt zurück und brachte Freude, Sehnſucht, Gedichte, Müdigkeit, Hirſche und Reiter genug nach Hauſe, Bäume und Häuſer obendrein. Eben wird Alles geordnet und dann zu Sandi getragen. Der Bube wird mir ordentlich lieb, weil ich ihm eine Freude zudenke, und ich machte weit mehr als ich Anfangs dachte, und konnte ordentlich nicht aufhören, als ich einmal daran war, obwohl alle Kellner zuſchauten. Beiläufig, Titus,— es muß eine große Freude ſein, Kinder zu haben, und ich würde ein Narr mit ihnen, ritte vergnügt auf einem Stecken⸗ pferde und hinge mir allen Ernſtes eine Kindertrommel um. Es iſt heute Sonntag und ich will ihn, wie ich verſprach, ganz für Dich ausſchießen, und Dir eine Menge aufſchreiben und ſchildern. Sonn⸗ tag iſt hierorts der Tag der Landausflüge, und was in der Woche am Webſtuhle des Lebens keuchte, gibt ſich am Sonntage der Freude und wo möglich dem Lande hin— und an dieſem Tage gilt der Vers in ſeinem vollem Maße: Ergo omnis longo solvit se Teucria luctu: Panduntur portae:—— und aus den expansis portis ſtrömt Wien hinaus. So will ich denn auch auf den geſtrigen Spaziergang heute wieder einen machen, aber nur ganz allein mit Dir, d. h. ich will ein Stück Wiener⸗Wald bewohnen und aus der einen oder andern Baumgruppe einen Flug Brieftauben an Dich abfertigen. Ich trage zu ſolchem Behufe tragbares Schreibgeräthe mit mir, da ich zu artig bin, an Dich mit Bleifeder zu ſchreiben; zudem muß Alles, was an Dich losfliegt, gewiſſenhaft in mein hieſiges Tage⸗ buch eingetragen werden. Studire Dir nur fleißig den Plan von Wien's Umgebungen, den ich Dir ſandte, denn Du wirſt noch viele Spaziergänge mit mir thun müſſen, ehe Du da biſt— und noch mehrere, wenn Du da biſt— und es iſt der Mühe werth: Stille Thäler, ganz abgeſchieden— Waldein⸗ ſamkeit mit ganzen Wolken von Vögeln, die den blauen Himmel anſin⸗ gen— Ausſichten in's Hochgebirge— ſelbſt Schluchten mit flinken Wäſſerlein, als wäreſt Du in der Wildniß, nicht etwa eine bis zwei Meilen von einer der lebhafteſten Hauptſtädte der Welt. Viele, ſelbſt hier Geborne, kennen die eigentlichen Schätze nicht, weil ſie nicht weit von den Spazierwegen abgehen, die man ihnen überall bahnt; aber da muß man abſeits gehen, wohin der Schwarm nicht kommt; dort iſt das Schönſte, und ich will Dich ſchon herumzerren, wenn Du nur einmal da biſt; Du weißt, ich habe ein eignes Talent im Auffinden ſolcher Dinge. Und noch dazu der heurige Sommer, ewig ſchön, ſo recht für die Dichter, Maler, Spaziergeher, Weinfreunde. Suche auf Deiner Karte Mariabrunn, dann wirſt Du finden, daß dort ein Waldgebirge beginnt, das mit dem noriſchen Alpenzuge zuſam⸗ menhängt und hier Wienerwald genannt wird. In einem ſchmalen Thale, welches rechts von dem Dorfe Weidlingau über eine Wieſe hineinlauft, ſitzt in dieſem Augenblicke Dein Freund an einem hölzernen Tiſchchen in dem ſchönſten Buchenſchatten und ſchreibt dieſes für Dich. Freilich ſteht neben dem Tintenfaſſe auch ein Fläſchchen Nußberger; denn das Unge⸗ heuer eines Geſellſchaftswagens hat uns etwas gerädert, und wenigſtens ich muß, wie der barmherzige Samaritaner, auf die zerſchlagenen Glie⸗ der das Labſal des Weines gießen, und bis jetzt tunkte ich öfter den Zwieback, als die Feder ein. Es geht mir wieder, wie alle Mal, wenn ich unendlich viel zu ſchreiben weiß, daß ich vor Fülle des Stoffes gar nicht anfangen kann, und mich blätterweiſe in Unbedeutenheiten um⸗ treibe, gleichſam das Köſtlichſte, Labende aufzuſchieben, wie einen aus⸗ erleſenen Nachtiſch— und am Ende kommt der Abend oder ein Regen oder ein Beſuch, und ich kann das Zuckerwerk nur ruhig in der Taſche laſſen. So ging es mir tauſend Male. Durch meine Buchenzweige, die ein hereinſpielender Sonnenſtrahl in grünes Feuer ſetzt, ſehe ich auf die dämmernden Farben der Thier⸗ gartenwälder; höher hängt in dem Laubwerk das blaue Email des Him⸗ mels, in tauſend Stücke zerſchnitten, wie lauter Vergißmeinnicht. Ein Fink ſchlägt zu meiner Rechten faſt leidenſchaftlich; aus dem vom Walde abwärts liegenden Wirthsgarten verlieren ſich einzelne Stimmen von Leuten herauf, die frühſtücken und ſich herumjagen; die Biene ſummt, ein goldner Falter weht vorüber, ſtahlblaue Fliegen ſonnen ſich auf der Tiſchecke, langbeinige Dinge ſchreiten auf der Bank und auf meinem Papiere und rings um mich regt, drängt und treibt tauſendfaches Leben in tauſendfachen Geſtalten; funkelndes Geſchmeide rührt ſich im Graſe, auf dem Wege und auf Baumſtämmen; gefiederte Familien lärmen durcheinander, und Sonntagsglockenläuten kommt über das Gebirge. Die Zweige flüſtern nicht, aber ein melodiſches Summen irrt in ihnen von tauſend Weſen, die im Sonnenſtrahle ſpielen und arbeiten, und dieſes fortgehende Summen dient als zarter Grund, auf dem ſich die andere Morgenmuſik geltend macht. An dieſem verſteckten Waldtiſche ſitze ich und will ihn bis nach Mit⸗ tag bewohnen, nichts um mich, als die Millionen kleiner Mitwaldbewoh⸗ ner, die bereits alle an ihre Geſchäfte gingen— und zwei liebſte Geſtal⸗ ten, die ich mir auf den ganzen Tag geladen habe und die ich ſtill überall mit mir herumführen will: Dich und ſie. Wenn ja von dem außen ſchwärmenden Volke einer herein verſchlagen wird und den fremden Mann an dem abgelegenen Tiſche ſitzen ſieht und noch dazu ſchreiben und die hundert Sachen ringsum ausgebreitet, ſo geht er ſchon ſachte vorüber, weil er den Sonderling nicht ſtören mag. Wie aber ſoll ich nun beginnen, Dir dieſe Tage hier abzuſchildern? Binde alle bisher von mir erhaltenen Papiere zuſammen und ſchreibe auf den Unſchlag:„alte Geſchichte“— die neue, die romantiſche, beginnt mit jenem Balle bei Aſton. Titus, eine Tempelhalle, weit und un⸗ geheuer, hat ſich in meinem Herzen aufgebaut, und ich trage einen neuen ſeligen Gott darinnen. Wäreſt Du nur da, oder wenigſtens Lothar, der auf dem Hochſchwab oder Schneeberg Studien macht; denn ſo habe ich keine Seele zum Umgang, d. h. ich habe eine Menge, aber alle taugen nicht dazu, daß man vor ihnen ein kindiſches, ſeliges Herz ausſchütte— und ſo trage ich es ſchon Wochen lang voll und ahnungsreich in den toſenden Gaſſen herum, oder, wenn mich dieſe drücken, ſo ſuche ich das Freie und bette es in den Schatten eines Baumes und horche ſeinen Blättern, die ſich Sommermärchen erzählen; dn wird es ſo ruhig und ſanft in mir, wie Sonntags auf den Feldern.— Oder ich leſe eine Nacht aus, in der ich auf einen der Weſtberge Wiens ſteige, um den Tages⸗ anbruch über der großen Stadt zu ſehen, wie erſt ſachte ein ſchwacher Lichtſtreif im Oſten aufblüht, längs der Donau weiße Nebe lbänke ſchim⸗ mern, dann die Stadt ſich maſſenweiſe aus dem Nachtdufte hebt, theil⸗ weiſe anbrennt, theilweiſe in einem trüben Goldrauche kämpft und wallt, theilweiſe in die graueſten Ferntöne ſchreitet, und wie der ganze Plan durchſä't von goldnen Sternen iſt, die da von Fenſtern blitzen, von Metalldächern, Thurmſpitzen, Wetterſtangen, und wie draußen das blaßgrüne Band des Horizonts ſchwach und ſanft durch den Himmel gehaucht iſt. Und wenn ich nicht mit der Ratur umgehe, i ſitze ich zu Hauſe und arbeite an meinen Tafeln— oft ſehe ich ſie ſtundenlang an und habe das Gefühl, als ſollt ich wunderſchöne Dinge machen— da kommen mir dann Träume von glänzenden Lüften und ſchönen Wolkenbildern darin, lieben fernen Bergen und ihrem Sehnſuchtsblau, wie Heimwehgefühle, von ſonnigen Abhängen, von Waldesdunkel und kühlen Wäſſern drinnen und von tauſend andern Dingen, die ſich nicht erhaſchen laſſen, ſchatten⸗ haft und träumeriſch durch die Seele ziehend, wie Vormahnungen von unendlicher Seligkeit, die bald, bald kommen müſſe. Dann male ich und laſſe das Ding ſo gehen, wie es geht, und es iſt mir, Titus, als finge manches Bild an, mir zu gefallen. Nachmittags endlich, wenn ſich die Hitze mildert, gehe ich zum Eſſen, was, wie Du weißt, bei mir im Sommer ſehr wenig iſt, und dann in ein wohlbekanntes Vorſtadthaus, durchſchreite ſeinen Hof und trete in — 78.— den Garten, wo zwei ſtille und zwei ſchelmiſche Augen, Luciens und Em⸗ ma's mich willkommen heißen und zu einem Reſtor von Apfelbaum laden, der ſein Schattengeſprenkel auf ihre weißen Kleider, auf den Sandweg, auf Tiſch und Seſſel ſtreut. Dort harre ich dann ruhig, bis der freund⸗ lichſte aller Sommerſtrohhüte durch den Flieder gewandelt kommt, und dann aus ihm zu uns ein ſonnenſchönes Antlit ſchaut, ein Antlitz, das ſich täglich tiefer und ſüßer in meine Seele ſenkt. Wenn ſie dann den Hut weglegt oder mit dem grünen Bande an den Baum hängt, und nun ſo daſteht, die ernſten Augen freundlich auf uns gerichtet, den ſanften Nacken vorgebogen: ſo iſt es eine ſchöne attiſche Muſe, die uns grüßt, die im weißen Kleide vor uns ſteht und die Wangenroſen, die ihr von der Bewegung angeblüht find, ſanft verglühen läßt. Endlich, mein Pylades, bin ich dort angelangt, wohin ich doch ei⸗ gentlich mit meinem ganzen heutigen vorgerichteten Tage, mit meinem Waldtiſchchen, mit allen Einleitungen und allen Aufſchiebungen ganz allein zielte— bei ihr. Nun habe ich euch Beide neben mir, und ich will euch den ganzen Tag nicht entlaſſen und ein wahres Götterleben führen. Ihr ſollt mir mit einander bekannt werden und euch wacker lieben. Richts ſtört und hindert uns hier; der Sonnenſtreifen auf dem Tiſche rückt nicht näher, ſondern iſt ganz weg; der Fink ſchweigt, die kleine Geſellſchaft die gegen meinen Platz gewandert kam, ging beſcheiden vorüber und ein einladendes Dämmern iſt überall zwiſchen den Stäm⸗ men, nur hie und da geſchnitten von einem glänzenden Streiflichtchen, das traulich herüberſchaut. Ich fahre alſo fort: Es iſt recht lieb von ihr, daß ſie, ſelbſt wenn die Tante mitkommt, und obwohl für unſere ſchönen und wiſſenſchaftlichen Sitzungen be— ſtimmte Stunden feſtgeſetzt ſind, immer früher kommt lich natürlich ohne⸗ hin immer viel zu früh), daß noch einiges Geſpräch vorher hin und wie⸗ der gehen könne. Das Buch, aus dem dieſen Abend geleſen werden ſoll, liegt ſchon ſeitwärts, und zeigt den grünen Einband, den alle Bücher aus Aſton's Sammlung und auch Angela's ihre haben; aber kein Menſch darf es eher aufmachen, als bis die Stunde ſchlägt, weil wir Alle das leidige Vorausnaſchen nicht leiden können. Wenn aber dann der Glocken⸗ ſchlag fällt, dann wird bei dem eingelegten Zeichen geöffnet und im reinen Erguſſe das abgeſteckte Feld durchgangen, während alles Stricken, Sticken, 79 Nähen und anderes weibliche Lückenbüßen ruhen muß, weil die Augen auf dem Vorleſenden und die Herzen im Buche ſind. Emma iſt nicht im⸗ mer dabei, Aſton nie; er iſt froh wenn er fort kann, weil wir unprakti⸗ ſches Zeugs leſen. Aber ſeine Freude hat er doch an unſerm Treiben, und das Vergnügen mußten wir ihm laſſen, daß er uns für unſere Wiſ⸗ ſenſchaften ein„Pritanäum“ ſchuf, und uns damit überraſchte. Er hat es uns Allen zu Danke gemacht. Drei Zimmer voll Gartengrün und Pappelſchatten hat er dafür eingerichtet. Von dem Apfelbaume führt die Treppe hinan, und lieb und heiter iſt es in ihnen, wie die Kunſt; denn ſie ſehen über den Garten auf noch mehr Gärten und auf die Berge, und täglich lodert bei den großen Fenſtern der Abendbrand des Himmels her⸗ ein, dann ſchießen Goldflammen über das Glas der Bücherkäſten und ihre grünſeidnen Vorhänge; auf dem Claviere und den Papieren wanken Laubſchatten und Purpurlichter, und endlich auf das weiße Kleid und in das Antlit der ſchönſten Geſtalt wirft er ein ganzes, ſanftes Tabor von roſenfarbener Verklärung.— Wenn nun mitten unter dieß die Worte eines großen Todten tönen und die Begeiſterung anfängt, ihre Fittige zu dehnen: dann ſteht ſachte in drei Herzen der Geiſt empor, den der Dich⸗ ter rufen wollte, und verſcheucht das laſtende Geſpenſt, Alltäglichkeit. Wenn aus den ſchwarzen Zeilen allmälig ſich die Gedanken heben, die einſt ein gottähnliches Herz gedacht— dann habe ich ein Angeſicht gegen⸗ über, ein Angeſicht, geſpannt von Aufmerkſamkeit und Empfindung; ach, und ich liebe es mit zagendem Herzen; denn es wird dann unnenn⸗ bar ſchöner. Der reine Demant ſittlicher Freude hängt in ihren Augen, und in ihren Zügen blüht ein weiches, großes Herz— aber mir tritt ſie wie ein unerreichbarer Stern, vom Sehrohr verfolgt, in noch weitere und noch tiefere Himmel zurück. Auch Lucie verklärt ihr Weſen in den Strahlen dieſes ſchönen weib⸗ lichen Geiſtes, und aus ihrem Innern wächſt ordentlich täglich ſichtbarer eine höhere Geſtalt herwor, an der die Weihe des ernſten Strebens ſicht⸗ lich wird; denn ſie ging ſchon ſeit länger her unter Angela's Leitung an die Wiſſenſchaften der Männer und erobert ſich freudig ein Feld nach dem andern. Selbſt die kindiſche Emma wird eingeſchüchtert von ihrer vorausſchreitenden Schweſter; ſie mag es wohl fühlen, daß hinter dem pedantiſchen Krame, wie ſie ihn nennt, wohl mehr ſtecke, als ſie ahnte und Mancher ſich gern den Anſchein gäbe; denn das drückt den Andern ewig.— Das Wiſſen ſtellt den Menſchen glänzender unter ſeine Brüder zurück, wie einen ftemden Weiſen, vor dem man Ehrfurcht hat. Der Gedanke, daß wir ſtatt des gebräuchlichen unerſprießlichen Beſuchweſens einen geiſtigen Umgang eröffnen ſollen mit den größten Menſchen, lebenden und todten; daß wir an ihnen uns erheben und vor uns ſelber liebenswerther werden mögen, ging von Angela aus, der jedes Leere fremd iſt; darum ſie auch in jenem Umgange, der unſern Jungfrauen eigen zu ſein pflegt, linkiſch und unwohl iſt, und eben darum von den Beſuchen gehaßt und verſpottet wird. Unſer Thun ward ſchon Theegeſpräch, und man findet es lächerlich, anmaßend, oder heißt uns Fantaſten— aber es thut nichts; denn es iſt ein ganz Anderes, mein Titus, einen ſeltnen Menſchen zu Hauſe unter ſeinen vier Wänden allein und ſtill wegzuleſen und tauſenderlei zu übergehen, oder ihn vor geliebten Herzen gleichſam laut reden zu hören, ſich gegenſeitig ſein Ver⸗ ſtändniß zu ermitteln und an der ſchönen Freude in Freundesaugen ſeine eigne zu entzünden, und reiner und begeiſterter hinwallen zu laſſen. Be⸗ geiſterung wohnt nicht in einſamen Studierſtuben, ſondern nur der Fleiß; ſie ſchwingt ihre Lohe nicht in Wüſten, ſondern unter Völkern; nicht von einem einzigen, ſondern von tauſend Häuptern lodert ſie em⸗ por— aber immer iſt es Einer— und ſelten ſind ſolche— der die Fackel ſchleudert, daß ſie den Brennſtoff faſſe. Wir nennen ihn dann ein Genie. Selbſt von den weichen Locken des ſechzehnjährigen Kindes Emma ſpielt ihre goldne Flamme; denn als neulich eine Stelle geleſen wurde, ungefähr ſo lautend:„Ihr großen, ſeligen Geiſter, die wir bewundern und zu denen wir beten, wenn der Menſch ſein Glück wegwirft, weil er es kleiner achtet als ſein Herz, ſo iſt er ſo groß als ihr!“ und als in jedem Auge der Beifall glänzte, ſprang ſie auf, und in den ſchönen brau⸗ nen Kindesaugen ſchimmerten die Thränen— ſie ſtand neben mir und blickte mich liebeglühend an; ich war ſelbſt tiefgerührt und wußte nicht wie es geſchah, daß ich ſie an mich zog und voll Liebe meinen Mund an die Kinderknoſpe ihrer Lippen drückte— ſie drückte heiß entgegen und ſchlang die Arme um meinen Nacken. Es war nur ein Moment und gleich darauf ſtand ſie, wie eine Purpurroſe glühend vor Scham da, die Thränen noch in den Augen. Uns Allen ſchien ſie in dieſem Augenblicke kein Kind mehr zu ſein. Ich war im höchſten Grade verlegen: da trat Lucie zu uns, nahm meine Hand und drückte ſie recht herzlich, wahr⸗ S ſcheinlich um Emma's und mein unſchickliches Thun zu verſchleiern:— dann küßte und herzte ſie die Schweſter und ſagte wiederholt:„Du lie⸗ bes, gutes, heftiges Kind ſiehſt Du, welche Gewalt die Worte eines Menſchen haben können? Und der, welcher dieſe ſagte, und noch andere ſchöne, die in dieſem Buche ſtehen, war ein einfältiger Pfarrersſohn aus Baiern, der Jahre lang ungekannt war und nichts hatte, als ſein eige⸗ nes unerſchöpfliches Herz, das nun auf die entfernteſten Menſchen und auf die entfernteſten Länder wirkt, wie Predigten der Apoſtel und Pro⸗ pheten.“ Durch die Thränen ſchon wieder lächelnd, ſagte Emma zu ihr:„Du ſelbſt biſt auch ſo eine Prophetin und kannſt das Predigen nicht laſſen, und denkſt gar nicht daran, daß Andere auch ein Herz haben, das ſeine Gefühle ſo gut hat, wie ihr Alle, wenn man auch dieſelben nicht ſo ge⸗ lehrt ſagen kann, wie ihr.“ Nach dieſem Zwiſchenſpiele laſen wir— Lucie war die Vorleſerin — noch den Abſchnitt zu Ende, und ſeit jenem Tage verſäumt Emma keine einzige Vorleſung, ja, ſie fing ſogar an, Meßkunſt zu lernen. Nach ſolchen Abenden gehe ich dann im milden Vollmondſcheine, den wir eben haben, mit einer faſt unſchuldigen, hochtönenden Seele durch alle möglichen Umwege in die Stadt zurück. Zur Muſik ſind auch beſtimmte Tage auserkoren. Daß aber da von keinem bloßen Herabſchütten der Noten die Rede ſein kann, begreiſſt Du; ſondern da wird an das Pianoforte geſeſſen, jede Stelle des Ton⸗ ſtückes geprüft und um ihr Gefühl geſragt, wobei Jedes ſeine Meinung abgibt, wie ſie vorgetragen zu werden verlangt; dann forſcht man nach der Seele des Ganzen und paßt ihr die Glieder an— dann ſo lange Proben, bis nicht mehr die kleinſte Ausführungsſchwierigkeit vorhanden iſt— dann eines ſchönen Abends brauſ't ein Beethoven durch die Fen⸗ ſter hinaus. Einmal war ſchon volle Inſtrumentalmuſik; meiſtens aber wird er vierhändig auf dem Piano vorgetragen. Angela iſt auch hier wieder die Meiſterin, und behandelt das In⸗ ſtrument ſo kräftig wie ein Mann. Ihr Lehrer hierin war derſelbe Mann, der ſie auch in dem Andern unterrichtete. Dann, wenn ſie vor dem Inſtrumente ſitzt, zieht ein neuer Geiſt in dieß ſeltſame We⸗ ſen; ſie wird ordentlich größer, und wenn die Töne unter ihren Fin⸗ Stifter. 4. Aufl. I. 6 gern vorquellen und dieß unbegreiflich überſchwengliche Tonherz, Beet⸗ hoven, ſich begeiſtert, die Thore aufreißt von ſeinem innern toben⸗ den Univerſum, und einen Sturmwind über die Schöpfung gehen läßt, daß ſich unter ihm die Wälder Gottes beugen—— und wenn der wilde geliebte Menſch dann wieder ſanſt wird und hinſchmilzt, um Liebe klagt oder ſie fordert für ſein großes Herz, und wenn hierbei ihre Finger über die Taſten gehen, kaum ſtreifend wie ein Kind andrücken würde, und die guten, frommen Töne wie goldene Bienen aus den vier Händen fliegen und draußen die Nachtigall darein ſchmettert, und die untergehende Sonne das ganze Zimmer in Flammen und Blitze ſetzt— und ihr gerührtes Auge ſo groß und lieb und gütig auf mich fällt, als wäre der Traum wahr, als liebte ſie mich: dann geht eine ſchöne Freude durch mein Herz, wie eine Morgenröthe, die ſich aufhellt— die Töne werden wie von ihr an mich geredete Liebesworte, die vertrauen und flehen und Alles ſagen, was der Mund verſchweigt. Solches Thun und ſolche Freuden reinigen das Herz. Wir ſtehen dann alle Vier am Fenſter, wie lauter Geſchwiſter, die keiner Schranke gegen einander bedürfen, weil kein Wunſch da iſt, eine zu überſpringen, ſondern nur einfache Liebe. Und wenn ich fortgehe, ſo geſchah es ſchon, daß ſie mir freiwillig, Lucie und Angela, die liebe Hand hinreichten, die Angela ſogar herzlich drückend in die meine fügte, mit liebevollen, kühlen Augen mich anblickend, und ſagend:„Kommen Sie morgen nicht zu ſpät, und gehen Sie heute in kein Gaſthaus mehr.“ Sie hat nämlich einen faſt übertriebenen Haß gegen dieſe Anſtalten. Und in Wahrheit, Titus! ſeit ich ſie kenne, iſt es mir ſelber ſo; mich widert das ſchale Unterhaltungſuchen unſäglich an, und hier iſt es ziemlich, wie in jeder großen Stadt, im Schwunge, und ſogar eine Abſchiedsrede haben ſie, die ſagt: ich wünſche Ihnen gute Unterhaltung.— Ich glaube, ein Bauer meines Geburtsthales ſchämte ſich wenn man dieſe Abſchiedsrede zu ihm ſagte, da er ſich Unterhaltung nur erlaubt, aber Arbeit für ehren⸗ voll anſieht. Ich werde daher außer dem Mittageſſen und manchmal Abends, dem alten Aſton zu lieb in einem Garten, nie in einem Gaſt⸗ hauſe geſehen. Seit jenem Balle ſind nun vier Wochen, und ich ſehe ſie ſeit der Zeit täglich— und dennoch weiß ich von ihren gewöhnlichen Verhältniſ⸗ ſen nichts, ja nicht einmal ihren Familiennamen, ſondern nur, daß ſie bei Oheim und Tante wohnt, die alle Welt Oheim und Tante heißt und die ſehr reich ſein ſollen. Den Oheim ſah ich nie, die Tante ſchon öfter, eine gutmüthige, aber unbedeutende alte Frau, deren Geſicht ich ſchon muß irgendwo geſehen haben; aber ich kann durchaus nicht herausbringen, wo. Sehr neugierig bin ich auf ihren Lehrer. Im Ganzen iſt mir aber gar nicht zu Muthe, als ſollte ich um Räheres über ſie fragen; genug, ſie iſt da, und ſcheint von dem gütigen Schickſale mir angenähert worden zu ſein, auf daß kein Herz vergeſſen werde und ſeinen Antheil an Freude zugetheilt erhalte. Meine Stellung gegen ſie iſt ruhig, wie es nach der Aufregung in Folge ihres erſten Anblicks kaum zu erwarten war; aber ſie iſt ſo; jedes Scharfe und Harte entfernt ſie von ſich oder es entfernt ſich ſelber. Meine Empfindung iſt ſanft und ſtill, und es drängt mich nicht, ſie ihr zu zeigen, ja, ſie käme mir entweiht vor, wenn ſie Erwie⸗ derung verlangte. Im Sommer iſt ſie meiſtens weiß gekleidet, und ihre Kleider, ab⸗ weichend von der jetzigen Mode, reichen ohne Ausnahme bis zum Halſe. Ich glaube, es thäte mir weh, wenn ich ihre nackte Schulter ſähe— was ich doch bei den Hunderten, die ſie täglich und gern zur Schau tra⸗ gen, nicht anſtößig finde. Lucie trägt es auch ſo, Emma nicht, ich glaube aus Widerſpruchsgeiſt.—— Siehe da— der Diener bringt ſchon mein heraufbeſtelltes Mittag⸗ eſſen— nun, da ihr Zwei, Du und ſie, als Scheinweſen, nichts brau⸗ chet, ſo bleibet mittlerweile hübſch artig auf der Holzbank ſitzen, indeß ich aufſtehen und ein wenig herumſchauen und den vorliegenden kalten Braten und den ſchönen Salat eſſen werde. Dann wollen wir weiter fahren und den Reſt des Tages gemüthvoll verwenden.——— Aber fort waret ihr, als ich Meſſer und Gabel hinlegte— die Geſtalten mit wirklichem Fleiſche und Blute die um den Tiſch ſtehen, haben euch ver⸗ ſcheucht.— Run ſehr bald das Weitere; für jetzt lebe wohl, guter Titus; Aſton und zwei Herten, und ſeine Mädchen und Angela(die körperliche)— das ſteht Alles vor mir und lacht mich aus, daß ſie um mein Vorhaben gewußt und mich hier überfallen haben. Ich muß mit ihnen fort. Merke Dir, wo wir in unſerer Geſchichte geblieben ſind. 6* DOſterluzei. 22. Juli 1834. Armer Freund! Du haſt lange warten müſſen— und heute, mit welch' ganz anderer Empfindung fahre ich fort, als ich damals begonnen. Gibt es eine Liebe, die ſo groß, ſo unermeßlich, ſo endlos ſtill iſt, wie das blaue Firmament? Sie flößt eine ſolche ein. O mein Titus, mein guter, mein einziger Freund! mit mir iſt es nun auf alle Ewigkeit entſchieden. Mein werden kann ſie nie; was wollte auch der ernſte, ru⸗ hige, gemüthsgewaltige Cherub mit mir? Aber lieben mit dem Unmaß aller meiner Kräfte— lieben bis an das Endziel meines Lebens darf ich ſie, und ſo wahr ein Gott im Himmel iſt, ich will es auch. Sie iſt das reinſte und herrlichſte Weib auf Erden. Was ſagten ſie da oft für ein albernes Mährlein: die wiſſenſchaftliche Bildung zerſtöre die ſchöne zarte Jungfräulichkeit, und die Raivetät und die Herzinnigkeit und ſo wei⸗ ter?— Hier iſt doch eine Wiſſensfülle, an die wenig Männer reichen, und doch ſteht eine ſtrahlenreiche Jungfrau da— ja, erſt die rechte, ernſte Jungfrau, auf deren Stirne das Vollendungsſiegel leuchtet, eine erblühte, ſelbſtbewußte, eine würdevolle Jungfrau, vor der zaghaft jeder Schmut⸗ gedanke verſtummen muß.— Eure Jungfräulichkeit und Weiblichkeit, die mich ſonſt ſo entzückte, iſt nur erſt das Vorbild und die Anlage der rechten, und neben dieſer ſteht ſie faſt wie Dummheit da— und ſie iſt es auch, weil ſich an ſie der Verführer wagt. Am Kinde entzückt das Lal⸗ len, aber der Knabe muß reden lernen. Selbſt die geiſtvollſten Mädchen meiner Bekanntſchaft, wenn ſie neben ihr ſind, werden ordentlich arm⸗ ſelig, und wenn ſie den Mund aufthun, ſo iſt es doch nur jenes„All⸗ tagsei der Einfalt,“ was ſie legen. Selbſt das Naive, Weibliche, Jung⸗ fräuliche an ihnen erſcheint mir gemacht und unnatürlich oder unreif neben dem einfachen gelaſſenen Sichgehenlaſſen Angela's, das keinen An⸗ ſpruch und Aufwand macht, und doch erkannt wird als die Königin. Es muß ein rieſenhafter Geiſt geweſen ſein, der dieſes Weib erzogen hat. Ich bin ſie bei weitem nicht werth— aber jede Andere vermag ich jetzt auch nicht mehr zu ehelichen, weil ich ſie nicht zu lieben vermag, und ſo will ich ihr Bild bewahren als das ſchönſte Geiſterkleinod, was mir in dieſem Leben begegnete. Ein tiefer Ernſt ſitzt mir im Herzen, und ſie hob ſeitdem wieder manche jener erträumten göttlichen Geſtalten empor, die einſt mein ſehnſüchtiges Herz bevölkerten, und die ich aber in die Tiefe ſinken ließ, weil ich ſie für weſenloſe Fantome hielt, nur meiner Sehn⸗ ſucht angehörend; aber ſie hat auch dergleichen und betet ſie ruhig an, ohne ſich weiter umzuſehen, ob ihnen ein Halt zukomme in äußerm Ge⸗ werbsleben oder nicht; genug, in ihrer Seele, der mondlich ſtillen, wan⸗ deln ſie, wie die hohen Geſtalten in der Geſchichte— und daher ſind ſie. Ihr hat man die Heiligkeit der Fantaſie, die unſere Erzieher eine Betrügerin nennen, nicht verleidet, und ſie hat deſſen kein Hehl; aber ihre bringt ihr auch nur heilige Geſtalten. Mit einem leiſen Ruck, mit einem harmloſen Worte, das wie Zufall aus ihrer innern Welt klang, ruft ſie oft in meiner ein ganzes todtgeglaubtes Volk wach, und ich er⸗ kenne, daß dasſelbe ja vor längſter, längſter Zeit in mir geherrſcht hat und geleuchtet,— und wie viel mag man bei meiner verkehrten Erziehung getödtet haben, was nie mehr eine Wiederauferſtehung feiern kann! Man raufte die Blumen aus und machte ſehr nützliches Heu daraus. In man⸗ cher Kinderbruſt blüht ein Reich der Kleinode auf, heimlich und herrlich, wie jener Schatz, der, wenn man ſo durch die Landſchaft geht, fern in der Mittagsſonne glitzert, in die er ſtill emporgetaucht iſt, und mit Schweigen und reiner Hand gehoben werden kann, vor dem Sünder aber auf immer und ewig verſinkt. Und wenn einſt Jemand dieſe Blätter ſollte zu Geſicht bekommen, der den Schatz noch hat, ſo verhülle er ihn vor den Spießgeſellen— aber einſt einer lieben großen Seele, einer unſchul⸗ digen wie er, hülle er Alles auf und ſchenke ihr Alles! Siehſt Du, Titus, das iſt es, was die Welt an ihr die Verſchroben⸗ heit heißt. Was ſie ſechzig Jahre ſehen und was ihr Vater und Groß⸗ vater auch ſechzig Jahre geſehen haben, das iſt ihnen das Natürliche, wie verkehrt es auch ſein mag,— und wer ſich dagegen auflehnt und ein Reues bringt, der iſt ein Fremdling unter ihnen, ein Aufrührer gegen die Natur. Ich will Dir noch Einiges von ihr erzählen; höre mir gütig zu, mein Titus. Erſtens weiß ſie Latein und Griechiſch— das Franzöſiſche und Engliſche wird ihr nicht übel genommen. Zweitens weiß ſie ſo viel Ma⸗ thematik, als zum Verſtändniß einer allgemeinen Raturlehre nöthig iſt; ja, ſie weiß noch mehr, weil ſie die Sternkunde verſtehen wollte und nun wirk⸗ lich verſteht. Drittens, daß ſie Bücher über Seelenkunde und Naturrecht ſtu⸗ dirte, ward für lächerlich erklärt, ſie aber meinte, ſonſt die Weltgeſchichte nicht verſtehen zu können. Selbſt in philoſophiſche Syſteme ſteckte ſie den Kopf— nur gegen Phyſiologie wehrte ſie ſich hartnäckig; ſie fürch⸗ tete Zerſtörung der ſchönen innern Welt.— O, die iſt ja gelehrt, ein Ausbund, ſagen viele ihrer Mitſchweſtern, aber ich glaube, es iſt bei Vielen Neid, bei Vielen Beſchränktheit— die Männer ſagen, das müſſe fade ſein— und dennoch ſchrumpft der, der es ſagte, in ihrer Gegenwart jämmerlich ein, wenn auch nur Alltägliches geſprochen wird. Ich be⸗ wundere ihren Lehrer, wie ich Dir ſchon mehrfach ſagte, der mir bis längſtens im Auguſt verſprochen wird; denn er war es, welcher ihren ſchönen Geiſt in die erſten Hallen der Wiſſenſchaft führte und ihr die Bilder dieſes Iſistempels deutete. Darum iſt ihr die Wiſſenſchaft Schmuck des Herzens geworden, und das iſt die größte und ſchönſte Macht der⸗ ſelben, daß ſie den Menſchen mit einer heiligenden Hand berührt und ihn als Einen des hohen Adels der Menſchheit aus ihrer Schule läßt— freilich, bei Andern bleibt es dürr liegen, wie die glänzenden Dinge, die ein Rabe in ſein Reſt trägt und auf denen er dann blödſinnig ſitz. Die Sprachen lernte ſie in der Kindheit— die Wiſſenſchaften von ihrem zwölften bis in das zwei und zwanzigſte Jahr(ſo alt iſt ſie jetzt) und von da noch immer fort;— was Dichtung iſt, trieb und treibt ſie ihr ganzes Leben. Du wirſt wohl nicht fragen, wo ſie die Zeit hernimmt, da Du es ſelber warſt, der mir Verſchwender zuerſt dieſes koſtbare Gut zeigte, wie zum Erſtaunen ergiebig es ſei, wenn man es richtig eintheilt und kein Theilchen desſelben thöricht wegwirft. Doch wirſt Du begreifen wie viel Zeit ſie hatte, wenn ich Dir aus Luciens Munde berichte, daß ſie eine Menge nicht kann und nicht lernte, was nicht zu können jedes Mädchen Wiens für eine Schande halten würde. Zum Beiſpiel: Stricken. Es war mir ein Jubel, als ich das hörte. O dieſer ewige Strickſtrumpf, an dem unſere Jungfrauen nagen— es gibt nichts Oederes und Geiſt⸗ loſeres als das unendliche Fortbohren und das Zuſchauen eines unglück⸗ lichen Mannes. Wohl wird es zuletzt zur Gewohnheit, und ſie können ſo — 85 ſchön und frei denken, ob ſie ſtricken oder nicht— aber es iſt nicht wahr; denn welche koſtbare Zeit verlernten ſie an dem Ding, und verlernten da⸗ bei das ſchöne, freie Denken mit, welches Denken übrigens bei jeder fort⸗ geſetzten einförmigen Körperbewegung immer etwas von dem Weſen die⸗ ſer Bewegung annimmt. Erſparniß iſt es in den meiſten Familien auch nicht; denn ſonſt müßten ſie ſich folgerechter Weiſe auch die Schuhe ma⸗ chen und noch andere theurere Sachen— aber wo Erſparung Noth that, hätten die Töchter etwas Beſſeres lernen können, um ſich damit Strümpfe genug und all die theuern Sachen obendrein zu verdienen. Bei ihrer ſehr einfachen Art, ſich zu kleiden, erſpart Angela mehr, als ſie für Strümpfe wird ausgeben müſſen. Es iſt Unglück genug, daß bei dem Unſinne des Verſchwendens, der ſich der Welt bemächtigte, ohnehin ein ſo großer Theil der Menſchen verdammt iſt zur lebenslangen Arbeit des Körpers, daß er kaum Zeit hat, zum Himmel zu ſchauen, wie er ſo ſchön blau iſt. Dazu hat uns Gott nicht gemacht, und Jahrtauſende werden vergehen, bis wir natürlicher, d. h. geiſtig reicher und körperlich einfa⸗ cher werden. Ferner das Sticken, von dem ihr Lehrer ſagte, es ſei die ſündenvollſte Zeitverſchwendung; denn das endlich fertige Ding ſei kein Kunſtwerk; iſt es ſchön, ſo iſt das Vorbild ſchuld, nicht die Nachmacherin; meiſt aber bleibt es hinter dem mittelmäßigſten Gemälde zurück, und kann ſolches auch ſeiner Verfertigung zufolge nicht erreichen, koſtet aber ſo viel Zeit und Mühe, daß man mit derſelben ein wahrer Künſtler in Farben werden könnte— ferner als Geräthe dient die Stickerei nicht, da zu viel Zeit und Geld daran haftet, als daß man ſie ſofort ohne Umſtände gebrauchen könne, da man Polſter, Teppiche u. ſ. w. ſehr geſchmackvoll haben kann, und um weit geringere Mühe und Preiſe. Das Machen— und dieß iſt das Traurigſte— gewährt auch nicht das geringſte Erſprießliche; denn man denke, wie viel ſchöne Gedanken und Empfindungen könnten in der Zeit durch das Herz der Jungfrau gehen und ihr geläufig werden, wäh⸗ rend ſie zuſammengebeugt und eingeknickt die mechaniſche Arbeit verrichtet und in den gefärbten Wollknäueln wirthſchaſtet. Ja, dieſes langſame todte Nachſtechen von Form in Form verödet das Herz, und der Geiſt wird dumpf und leer. Die Nachwelt wird einmal ſtaunen, daß die Töch⸗ ter der ausgezeichnetſten Geſchlechter drei Viertheile ihrer Jugend auf ſo geiſtloſes Thun verwenden konnten, wodurch ein Zwitterding von Kunſt⸗ —— werk und Prunkſtück zu Stande kommt, daran das Verdienſt eine Million Stiche war. Dann welcher Rachtheil für die Geſundheit, wenn der blühende, drängende, treibende Jugendkörper zuſammengeknickt wird und in einer Stellung ſtundenlang verharrt, die ihm unnatürlich iſt, und im Eifer der Arbeit noch unnatürlicher gemacht wird durch vermehrtes Bücken, durch das Andrücken des Rahmens an die Bruſt, und dergleichen. Wirklich, Titus, dachte ich auch oft, wenn ich ſo eine holde, auf⸗ knoſpende Geſtalt über den Rahmen hängen ſah:— du liebe, arme Blume, man hat einen finſtern Topf über deine Herzblätter geſtürzt, daß du nichts weißt von Luft und Sonne;— wenn du ſtatt deſſen dieſe Zeit durch in die Strahlen geſtellt würdeſt, die aus ſo vielen großen Herzen der Vergangenheit auf uns heruberleuchten: wie würbeſt du daran deine Blüthe entfalten können!— wenn du ſtatt deſſen in den Hauch Gottes geſtellt würdeſt, der von Bergen zu Bergen weht: wie würdeſt du die großen, friſchen Blätter deiner Seele aufthun, und froh erſtaunen über die Schönheit der Welt! Freilich ſagen die Guten:„Aber es ſteut uns, ſolches zu bilden und dann unſerer Hände Arbeit in der lieben Wohnung zu erblicken und uns zu freuen, wenn ſie dem Geräthe zur Zierde dient, und uns an den Wer⸗ ken einſtens in die ſchöne Jugendzeit zurückzuzählen.“ „Ihr Lieben, Holden!“ ſag' ich dagegen—„ja, bildet nur, aber gleich noch etwas Schöneres, wenn ihr ſchon den Bildungstrieb habt— etwas, das noch dazu leichter iſt;— lernet, daß es ein Schaffen gibt, ein Erſchaffen des eignen Herzens, Bildung dieſes ſchönen Kunſtſtückes, Anſammlung und Eigenmachung der größten Gedanken, welche erhabene Sterbliche vor uns gedacht haben und uns als theures Erbſtück hinterlie⸗ ßen; ja, lernet, daß ihr leicht in der wahren Kunſt etwas zu machen ver⸗ ſtehen werdet, was aus der freien Seele quillt, nicht als Aftertrieb eines fremden Stammes, und woran ihr, als an einer viel ſchönern Blumen⸗ kette, in eure Jugend zurückgehen könnet. Wenn ihr mir aber vorhalten könntet, es ſreue euch nun einmal ſo und nicht anders, und die Freude ſei der Zweck: dann widerlege ich euch nicht mehr; denn es muß Leute geben, die an derlei Freude haben, weil ſie eine höhere nicht haben kön⸗ nen, und ich erinnere mich, einmal mit Rührung einer geiſtesſchwachen Frau zugeſehen zu haben, wie es ihr innige Freude machte, viele blaue und grüne Steine auf den Tiſch zu zählen, und von ihm auf die Bank und wieder auf den Tiſch und ſo weiter. Dann haben ſie ein anderes Zauberwort, mit dem ſie ſich tragen und Alles abfertigen: die Häuslichkeit. Dieſe Häuslichkeit aber iſt ein Hinfriſten an Bändern und Kram, ein Ordnen der Hausbälle und Tafeln und Geſellſchaften, und ein unnöthiger Prunk an Kleidern und Geräthſtücken. Freilich hat da eine Frau ſammt der ihr beigegebenen Dienerſchaft genug zu thun. Wenn aber Häuslichkeit nur heißt: Woh⸗ nung, Kleider, Speiſe in ordentlichem Stande zu erhalten, ſo mag ſie allerdings ein Theil und zwar ein kleiner Theil des weiblichen Berufes ſein, der aber ſo leicht zu erfüllen iſt, daß zu dem größern und höhern noch Zeit genug übrig bleibt, da ohnehin in dieſen Dingen Mutter Na⸗ tur die größte Einfachheit vorgeſchrieben hat, und die Abweichung durch Krankheiten aller Art beſtraft. Dieſe letzte Häuslichkeit hat Angela in hohem Grade; denn ſie iſt immer, obgleich einfach doch bis zum Ei⸗ genſinne rein und edel gekleidet, und zu Hauſe, wo ſie die Oberleitung führt, ſoll es immer ausſehen wie in einer Kapelle. Einen andern ſchö⸗ nen Theil der Weiberpflicht aber erfüllt ſie, wie wenige ihrer Schweſtern: Bildung des künftigen Mutterherzens, von dem man nicht wiſſen kann, oh nicht ein Sokrates, Epaminondas, Grachus als wehrloſer Säugling an demſelben liegt und die erſten Geiſterflammen von ihm fordert und fordern darf. Wie nun, wenn ſie der Sendung nicht gewachſen wäre, und den Geiſtesrieſen zu einem Nero und Octavianus verkommen ließe? Und der erſte Druck in das weiche Herz gibt ihm meiſt ſeine Geſtalt für Lebenlang. Endlich ſelbſt Vorbereitung und Erfüllung der Mutterpflicht ſchließt nicht den Kreis des Weibes. Iſt es nicht auch um ſein ſelbſt willen da? Stehen ihm nicht Geiſter⸗ und Körperreich offen? Soll es nicht, wie der Mann, nur in der Weiſe anders, durch ein ſchönes Daſein ſeinen Schöpfer verherrlichen?— Endlich hat es nicht einen Gatten zu beglücken, und darf es ihm ſtatt des ſchönen Herzens eine Wirthſchaftsfertigkeit zubrin⸗ gen, die geiſtig genug zu ſein glaubt, wenn ſie nur unſchuldig iſt? Das iſt der Knecht, der ſein Talent in das Schweißtuch vergraben hat. O Titus! Angela hat mir die Augen geöffnet über Werth und Be⸗ deutung des Weibes.— Ich ſchaudere, welche Fülle von Seelenblüthe taub bleibt; wenn die Beſterzogenen daſtehen, nichts in der Hand, als den — 00 dürren Stengel der Wirthſchaftlichkeit, und das leere, ſchneeweiße Blatt der angebornen Unſchuld, auf das, wenn nicht mehr das Mutterauge darauf fällt, wie leicht ein ſchlechter Gatte oder Hausfreund ſeinen Schmutz ſchreiben kann— und die Guten merken es lange nicht oder erſt, wenn es zu ſpät iſt, ihn wegzulöſchen. Andere werden freilich unterrich⸗ tet, aber obiges Blatt wird dann eine bunte Muſterkarte von unnützen Künſten und Fertigkeiten, die man unordentlich und oberflächlich darauf malte. Es iſt ein ſchweres Ding um die rechte, echte Einfalt und Natur⸗ gemäßheit— zumal jetzt, wo man bereits ſchon ſo tief in die Irre ge⸗ fahren iſt. Wie manche warme und großgeartete Seele in dieſem Geſchlechte mag darben und dürſten, ſo lange ſie lebt— bloß angewieſen an den Tand, den ihr der Herr der Schöpfung ſeit Jahrtauſenden in die Hände gibt. Doch genug hievon. Lächerlich iſt es oft, die heitere, überfröhliche Emma ihr gegenüber ſich bemühen zu ſehen, Bänder und Kleider und Stickereien und der⸗ gleichen geltend zu machen. Sie läßt ſie in Allem gewähren und iſt ſtets mild und freundlich, und am Ende merkt doch das kleine, hocherröthende Trotzköpfchen, daß es widerlegt iſt. Ob es Angela ahnt, wie ſehr ich ſie liebe, weiß ich nicht, aber ver⸗ muthe es— nur in ihrer einfältigſten Natürlichkeit kennt ſie gewiß den Stachel nicht, der ewig leiſe fortſchmerzend mir im Herzen ſitzt; denn es freut ſie, in mir einen ihr gleichgeſtimmten Menſchen gefunden zu ha⸗ ben, und als ſolchen liebt ſie mich auch und zeigt es unverholen vor Allen— ſelbſt neulich, in einem Kreiſe von Frauen und Männern reichte ſie mir ohne Umſtände die Hand, die keiner von den Anweſenden je zu berühren wagte, und ſagte, daß ſie ſehr erfreut ſei, daß ich gekommen. Ich merkte es deutlich, wie mitleidig man dieſe Ungehörigkeit mit anſah. Wir redeß oft ſtundenlang mit einander, und ſachte geht dann ein Thor nach dem andern von den innern Bilderſälen auf; ſie werden gegenſeitig mit Freude durchwandelt; ganze Wände voll quellen vor und ſchwär⸗ men, und wenn dann plötzlich manche Götterform vorſpringt, längſt ge⸗ hegt, geträumt und geliebt im eignen Innern— und wenn nun das Doppelkleinod jubelnd hervorgezogen wird— und endlich immer mehrere und ſchönere derlei kommen, ſo ſteht auch in ihrem Auge ein ſo ſchöner Strahl der Freude, daß ſie ihn vergißt zu bergen, und ihn als arglos liebevoll in das meine ſtrömen läßt. Das iſt das Hohe einer naturgerecht entwickelten Seele, daß jencs kranke, empfindelnde und ſelbſtſüchtige Ding, was wir Liebe zu nennen pflegen, was aber in der That nur Ge⸗ ſchlechtsleidenſchaft iſt, vor ihr ſich ſcheu verkriecht— und das iſt der Adel der rechten Liebe, daß ſie vor tauſend Millionen Augen offen wan⸗ delt und keines dieſer Augen ſie zu ſtrafen wagt. Luciens Geiſt iſt ihr am verwandteſten, oder vielmehr, es mögen es Viele ſein, jedoch ſie wurden nicht wie dieſe zu ihr hinangebildet. Emma, wie ſehr auch noch ein Kind, zeigt doch ſchon Spuren, wie unwiderſtehlich das gelaſſen fortwirkende Beiſpiel eingreift. Daß man es wagt, in gewiſſen ja faſt in allen, den Stab über Angela zu brechen, wirſt Du wohl begreifen; unſerer weiblichen Zeit ſteht ſie zu weit voraus— ja ſogar, da nie ein ſtarker oder gar ſündiger Affect an ihr ſichtbar wird, oder Ljenes Aufkreiſchen oder Herumſpringen, was Na⸗ tur und Lebhaftigkeit ſein ſoll, ſo nennt man ſie kalt, ſie, in deren Auge allein, wenn es in irgend einem Augenblick zum Verkünder ihres Innern wird, in einer Sekunde mehr Dichtungsfülle liegt, als in dem Herzen Anderer das ganze Leben hindurch. Dieſe Augen verriethen mir auch etwas, was ihr Mund bisher verſchwieg— nämlich es iſt mir außer allem Zweifel, daß irgend ein Weh in ihrem Leben liegt und bei gelegent⸗ licher Errezung auf ihr Herz drückt; denn in eben dieſen Augen ſah ich ſchon ein paar Mal, zufällig erregt, nur gleichſam durchgleitend und ſchnell bekämpft, einen tiefen, deutlichen Blick der Trauer und Wehmuth, was um ſo mehr wirkt, weil ſie ſichtlich einen ſolchen Augenblick zu ver⸗ meiden ſucht oder unterdrückt. Ich forſche nicht; aber es erſchreckte mich, als ich ſie vorgeſtern Abends am Apfelbaume leſend fand; ich war ungehört näher gekommen, und als ich ſie grüßte, ſchlug ein erſchrockenes Auge zu mir empor, das offenbar nicht geleſen hatte und das zu ſchnell in die größte Freundlich⸗ keit überging. Aber ſei es genug— wer ſtellt mich ah zum Wächter ihrer Au⸗ gen auf? Eine Narcheit von mir muß ich Dir noch melden, lieber Titus. Wenn mir dieſer Tage her irgend ein Mann mit einem ſpaniſchen Rohre begegnet und dem Goldknopf darauf, und ein weſtindiſches Geſicht macht, ſo jage ich mir Schrecken ein, daß es bereits mein Nabob ſei, mit dem ich zerfallen werde; denn Aſton kündete ihn nun zuverläſſig in„baldeſter Bälde“ an, und er werde auf meine Zukunft den entſcheidenſten Einfluß haben. Ich verlange aber nicht im Geringſten einen derlei Einfluß. Im Uebrigen muß der Rabob bald kommen, und der Einfluß bald beginnen: denn ſonſt trifft er mich nicht mehr hier, da wir, Lothar und ich, unſere Gebirgsreiſe, von der ich Dir ſchon einmal gemeldet zu haben glaube, längſtens in vierzehn Tagen antreten werden. Lebe wohl! 12 Vergißmeinnicht und Wolfsmiſch. 2. Auguſt 1834. Ich bitte Dich, bleibe bei Deinem Vorſatze und komme bald; denn ich brauche Dich hier, wie nie in meinem ganzen Leben. Zwei Dinge ſind hereingebrochen, die Alles ändern und Alles zerbrechen. Lothar iſt bereits zurück, und auf übermorgen iſt der Poſtwagen nach Linz beſtellt. An⸗ gela's Lehrer iſt zurück— aber ich that etwas und ich erfuhr etwas, das mich auf ewig um dieſen erſehnten Menſchen bringen kann und muß. Ich bin in Verwirrung; aber dennoch will ich verſuchen, Dir Alles in der Ordnung zu ſchreiben. Am dreißigſten Juli Abends ging ich zu Aſton. Sie waren alle in Dornbach, ſollten aber jeden Augenblick kommen; ich ging in's Mufik⸗ zimmer, üm ihre Rückkunft abzuwarten. Angela ſaß am Piano, und aus der Abendröthe ſtrömte mir eine heitere Tonfluth entgegen, als ich eintrat. Sie ſtand ſogleich auf, da ſie mich erblickte, und kam mir mit einem ſtrahlenden Geſichte entgegen, meldend, heute Morgens endlich ſei ihr theurer Freund und Lehrer Emil gekommen, und morgen nach Tiſche dürfe ich keinen Pinſel mehr berühren, ſondern müſſe gleich in Aſton's Garten erſcheinen, da werde er, der Oheim und Alles da ſein, und ſie müſſe die Freude haben, zwei Menſchen, wie er und ich, mit einander bekannt zu machen,„und ihr werdet euch,“ ſetzte ſie hinzu,„im Fluge lieb gewinnen und dann nie mehr von einander laſſen können; daß weiß ich ſo gewiß, als es gewiß iſt, daß ich ſchon über eine Stunde hier auf die böſe Lucie warte.“ Ihr Geſicht ſchimmerte recht im eigentlichen Sinne von innerer Se⸗ ligkeit, und mein Herz war ſchlecht genug, den Menſchen um die Freude in dieſen Augen zu beneiden— ſiehſt Du, wie viel beſſer ſie iſt, als wir Alle.— Hätte ſie dieß mein häßliches Gefühl nur von ferne geahnt, ſie hätte gewiß ihre Freude mäßiger gezeigt— aber ſie traut mir ge⸗ radewegs ihr eignes ſchönes Herz zu. O Titus! Jetzt, wie ich davon ſchreibe, quellen die Empfindungen jener merkwürdigen Stunde wieder in mir empor, jener Stunde, die ich hervorrief und ewig, ewig, ach, ewig nicht vergeſſen werde können. Ich ſagte ihr, daß ich recht gern kommen werde, ſetzte aber hinzu, daß die Bewillkommung ſehr bald in einen Abſchied übergehen werde, da ich mit Freund Lothar in einigen Tagen eine Reiſe nach dem Glockner antreten werde.— Denke Dir, Titus, wie mir ward, da bei dieſen Wor⸗ ten ihr Geſicht, noch eben leuchtend von der höchſten Freude, auf einmal mit Todesbläſſe überzogen wurde! „Wie lange bleiben Sie aus?“ fragte ſie. „Zwei Monate,“ ſagte ich. „Dann ſind wir bei Ihrer Rückkehr ſchon ihn Frankreich,“ erwie⸗ derte ſie leiſe;„in vierzehn Tagen gehen wir auf immer fort und werden am Jura wohnen.“ Nun war der Schrecken an mir: ich ſtarrte ſie zu Tode betroffen an. „Wußten Sie das nicht?“ fragte ſie. „Ich nicht, ſonſt hätte ich die Reiſe verſchoben.“ Sie ſchwieg und ich auch— es war ein peinlich ſchwüler Augen⸗ blick. Die Ankündigung meines Entſchluſſes, daß ich ja meine Reiſe aufgeben könne, hätte Alles gelöſ't; aber es wollte ſchon ſo ſein, wie es war.— Ich ſagte nichts; mir wurde, als liebe ich ſie ſeit einer einzigen Secunde millionenmal mehr als je— ich begreife jetzt gar nicht, warum ich denn das Wort nicht ſagen konnte, daß ich gar nicht reiſen wolle— ſondern eine Stimme lag in meinen Ohren:„Nimm jetzt den — Abſchied von ihr, in dieſer Secunde nimm den Abſchied; denn es wird keine mehr kommen, wo du allein biſt mit der geliebteſten, ſchönſten, freundlichſten Geſtalt deines Lebens, die nun auf ewig, ewig unterfinkt; morgen ſtehe ich wie ein Fremder, wie ein Geſchiedener neben ihr—— ich weiß nicht: war es dieſe Stimme, war es Verhängniß, war es ſonſt etwas— kurz, ich weiß nichts mehr von dem Augenblicke, als daß ich mich ſchmerzenswild von ihr abwandte und dadurch auch in ihr die Er⸗ regung emporjagte— und daß ich die bittern Worte ausſtieß:„Ja, ja — ſo iſt es— ich ſollte mein Herz an nichts hängen— an gar nichts; —— den in den Pyrenäen wird ſchon auch eine Kugel treffen; o gewiß — gewiß!“ Ich wendete mich nicht um und ſtarrte in das Blut des Abendhim⸗ mels hinaus; ſie regte ſich auch nicht hinter mir— wahrſcheinlich war ſie erſchrocken— da trat ein Diener Aſton's herein und meldete, ſein Herr habe den Wagen geſchickt und laſſe das Fräulein bitten, damit in den Augarten zu fahren, wo man ſie am Eingange erwarten werde. Als er abgegangen, wandte ich mich um, und ſuchte ſcheu ihr Auge— ſie ſtand noch auf demſelben Flecke und ihre Blicke wurzelten auf dem Bo⸗ den. Ich konnte nicht reden, ſondern ging zweimal im Zimmer auf und ab; dann leiſe zu ihr tretend, ſagte ich ſanft:„Da es nun einmal un⸗ vermeidlich iſt— da es doch einmal ſein müßte, ſo geſtatten Sie, daß ich Ihnen hier, wo wir allein ſind, das Abſchiedswort ſage; denn vor den vielen Blicken vermöchte ich es nicht——“ Da hob ſie auf einmal die zwei Augen auf, groß und dunkel auf mich gerichtet, und von etwas umdüſtert, wie von einem ſchweren Schmerze— dieß lockte plötzlich auch den ganzen Strom des meinen her⸗ vvr.— Es iſt ja eine alte Schönheit des Menſchenherzens: Scheidende lieben ſich am heißeſten, und alles Schöne und alles Gute, was ſie ſich in langem Zuſammenſein gethan, preßt ſich in den letzten Augenblick— „O, Angela,“ rief ich,„liebe, liebe Freundin; ich kann ja die Oede nicht faſſen und nicht tragen, daß nun ein ganzes Leben vor mir liegt, in dem Sie nicht ſind— nicht mehr die holde Stimme, das liebe Auge, das gute Herz— Sie ſind ſo gut, ſo gut—— und jetzt iſt Alles aus!“ Auch durch ihre ganze Geſtalt ging eine Erſchütterung und Ab⸗ ſchiedswehmuth, die immer wuchs und immer mehr ihr Angeſicht ent⸗ färbte— aber ſchneebleich wurde ſie plötzlich, und plötzlich wegtreten 0 mußte ſie, als ich die Worte ſagte:„Waren Sie mir denn auch nur im Kleinſten, nur im Wenigſten gut, d. h. anders gut, als Sie es ja allen Menſchen, ſelbſt den böſen ſind?— Ach, ich weiß erſt jetzt, wie unausſprechlich lieb Sie mir geweſen— ach, ſo unausſprechlich lieb!“ Sie ſtand am Fenſter in Unentſchloſſenheit und Thränen wankend — mir war vor Bewegung und Erregung alle Welt vergangen; nur das Gluthauge der untergehenden Sonne, war mir, als ſähe ich es drau⸗ ßen zwiſchen den grünen Zweigen liegen, und eine Geſtalt mit Gold be⸗ ſäumen, die hier vor mir ſtand und mir ſo unermeßlich bedeutſam ge⸗ worden war. Ich weiß nicht mehr, wie kurz, wie lang dieſe Zeitlage dauerte— vor meinen Augen ſchwebt nur immer noch das ſo weiche, ſo gütige An⸗ geſicht der ſonſt immer ſo ruhigen Geſtalt, das Angeſicht, mit dem ſie ſich zu mir umwandte— die verhaltnen Thränen waren hervorgebrochen, ſie aber trocknete dieſelben ſchnell und ſagte mit geſammelter Stimme: „Ich weiß es ja erſt ſeit einer Minute, was ich weiß— gegen Sie muß ich aufrichtig und wahr ſein; Sie ſind es auch immer gegen mich— ich weiß nicht, iſt es gut, was ich thue, iſt es nicht gut; aber ich folge meinem Gefühle, das mir ſagt, ich müſſe es thun:— ich gebe Ihnen gern, gern mein Herz, und ich will Sie lieben, ſo lang ich lebe.“ Sie hielt einen Augenblick inne; dann aber, gleichſam erleichtert, ſetzte ſie noch die Worte hinzu:„Ich mußte es ſagen, da es ſo iſt und da Sie fragten; aber da es nun geſagt iſt, ſo dürfen Sie auch für alle Zukunft darauf bauen.“ Ich ſtand ſprachlos bei ihr; in die großen, ſchönen Augen waren wieder Thränen getreten, und freiwillig, ohne Ziererei und gütig durch die Thränen lächelnd reichte ſie mir die Hand, nach der ich ſchüchtern langte— ich beugte mich darauf nieder und drückte meine Lippen darauf: ſie aber, welche meinte, ſie müſſe nun recht treuherzig gegen mich ſein, legte unbeholfen ihre andere Hand auf mein Haupt— ich glaubte, wir haben Beide in jenem Augenblicke gezittert. Ich weiß nicht, wie es war; nur daß ich ihre Hand immer feſter gegen mich ziehend, faſt erſtickt ſagte:„Wie, wie nur in der Welt kann ich dieſes Glück begreifen und verdienen? O Angela, v Braut, o Gattin!“ Sie zuckte bei dieſem Worte auf, und ſich ſanft los machend, ſprach ſie ſehr ernſt:„So muß es ja auch ſein— ſo muß es ſein, ich werde gern und mit Freuden Ihre Gattin werden; aber es iſt noch ein Menſch, dem ich Alles ſagen muß— und er iſt gut, ſo gut, wie Sie ſich kaum vorſtellen können; auch er wird ſich ſehr darüber freuen. Morgen wer⸗ den wir wieder davon ſprechen.“ O Titus! Du ahnſt nicht, wie ſelig dieſes reine Gold der Natür⸗ lichkeit in meine Seele floß. Es öffnete ſich ein weites Paradies vor mir, und hatte ich jemals in meinem Leben einen Himmel zu erwarten, in jenem Augenblicke war er mein. Einige Minuten ſtanden wir noch neben einander am Fenſter und ſahen in das Abendroth, das langſam ausbrannte, und ſprachen nichts; — dann, als wieder gleichſam mahnend, der Diener eintrat, nahm ſie ihren Hut und ſagte, ſie wolle nun in den Augarten fahren, aber ich möge ſie nicht dahin begleiten; denn ſie würden ſonſt wieder ſagen, das habe ſich nicht geſchickt. Ich führte ſie an den Wagen, und da ich ihr ſagte, daß ich meine Reiſe ganz aufgeben wolle, freute ſie es ſichtlich, und die Hand noch nach ihrer Art herausreichend, ſagte ſie:„Kommen Sie nicht ſpä⸗ ter, als um vier Uhr.“ Dieß waren ihre letzten Worte, und dieß war ihr letzter Blick— wer hätte damals gedacht, daß es das letzte in dieſem Leben ſein werde!— Noch ſchwebt der Blick vor meinem Auge, und noch klingen die Worte in meinen Ohren. Ich will verſuchen, Dir das Ende noch zu ſchreiben, wie es ſich begab. Ich ging, da mir das letzte Rad ihres Wagens entſchwunden war, vor die Stadt in's Grüne. Ich war wie ein Träumer, wie ein Trun⸗ kener, faſt nicht ertragend das ungeheure Glück— und als ich ſchon zu Hauſe war— als ich ohne Licht auf meinem Sopha ſaß, malte ich mir dieſes Glück noch ſeliger in die finſtere wimmelnde Luft. O, ich Thor! ich Thor! Auch am andern Tage, als ich erwachte, mußte erſt einige Zeit ver⸗ fließen, ehe ich es mir wieder ſtückweiſe klar machen konnte, was ſeit geſtern mit mir geſchehen. Es war erſt vier Uhr; ich aber ſtand auf und dachte, ich wolle den Morgen im Freien genießen. Mein Weg führte mich in den Park von Schönbrunn, alle Zweige hingen voll Morgengetön der Vögel, und ganz fern über den Karpathen ſtand der ſanftblaue Duft eines Morgengewit⸗ 97 ters, und die Luft verſprach etwas mehr als einen gewöhnlich ſchönen Tag. Du kennſt den Obelisk im kaiſerlichen Garten; hinter ihm erhebt ſich eine kleine buſchige Wildniß, die ich ſehr liebe. Deßhalb lenkte ich meine Schritte dorthin— es war kaum fünf Uhr Morgens vorüber; in dem ganzen Parke war kein einziger Menſch zi u ſchen, als nur die Se hild⸗ wache am Schloſſe. Rechts vor dem Obeli zt iſt eine nachgeahmte rö⸗ miſche Ruine um ein melancholiſches Waſſerbecken herum, in welchem allerlei bunte Thierchen und Waſſerpflanzen ſchwimmen. Vor dieſem Waſſer ſah ich zwei Menſchen ſtehen, einen Mann und eine Frau; ſie ſtanden mit dem Rücken gegen mich, als blickten ſie in's Waſſer; aber bald erkannte ich, daß ſie mit einander ſprechen. Ich dachte, ſie hätten wohl auch die Morgenſtunden gewählt, wie ich, um einſam zu ſein; deß⸗ halb wollte ich ſie nicht ſtören, ſondern ſchlug den Seitenpfad ein, der zur Brünnennymphe führt, um von dort in meine Wildniß hinauf zu⸗ gelangen. Aus Neugier blickte ich von oben herab noch einmal durch die Zweige auf das Paar, und fand es in der traulichſten ſüßeſten Unter⸗ redung ſtehen, ja, er legte einmal ſogar beide Hände auf ihre Schultern und zog ſie ſanft gegen ſich. Von den Angeſichten konnte ich nichts ſehen, weil meine Richtung gegen ſie zu ſchief war. Er zeigte von rück⸗ wärts eine ſchöne Geſtalt, ganz in Schwarz gekleidet; ſeine Bewegungen waren ſo fein, als er den höchſten Ständen an; von ihr ſah ich nur Theile des weißen Kleides, da er ſie mir faſt ganz deckt. Einen Augenblick nur hätte es noch bedurft, und ich wäre weiter gegangen; aber gerade in dieſem Augenblicke hob ſie ihr Haupt empor und zeigte mir durch eine Wendung ihr volles Geſicht, und denke Dir, es war Angela! Ich weiß nicht mehr wie mir wurde— ich weiß es eigentlich noch nicht, wie mir iſt— aber ich will jede Empfindung wegweiſen und nur erzählen, was ſich weiter ergab. In meiner Jugend geſchah es einmal, daß ich mit einem Meſſer im Spiele meinen Bruder in die Seite ſtach, und als ſogleich ein dunkler Blutbach das Kinderhemdlein netzte, und der rothe Fleck rieſig weiter wuchs— damals verzweifelte ich, hielt mich für einen Mörder und wurde ohnmächtig— ſpäter, als der Bruder verbun⸗ den und ich geweckt war, fragte man mich, wie mir geweſen, und ich konnte es in meiner Kindereinfalt nicht anders ausdrücken, als daß ich Stifter. 4. Aufl. I. 7 ſagte, das Herz ſei mir ſtehen geblieben, der Himmel ſei finſter geworden und voll Regenbogen, und hätte mich zuſammengedrückt; aber das Herz habe auf einmal einen Stoß gethan und die Regenbogen ſeien verſchwun⸗ den. Gerade ſo, mein Titus, war es mir in dieſem Augenblicke wieder. Ich erinnere mich deutlich, daß ich eine Zeit gar nichts ſah als Farben, und auch den Stoß des Herzens ſpürte ich deutlich, wodurch die Farben verſchwanden. Als ſich die Gegenſtände vor meinen Augen wieder löſ'ten und ſich begrenzten, ſtanden auch die zwei Geſtalten wieder da— ich ſah klar die großen, ſchwarzen, ſchönen Augen, mit denen ſie ihn ſo auf⸗ richtig anſchaute, wie geſtern mich. Es half kein Sträuben: ſie war es. Jetzt redete er, und ſie ſah ihn unverwandt an; dann redete ſie und er horchte— dann ſchien es wieder, als ſchwiegen ſie, und ſchauten räth⸗ ſelhaft in das Waſſer, wie ich ſie gefunden hatte. Ich mußte eine Se⸗ kunde die Augen ſchließen— dann öffnete ich ſie wieder. Sie hatte das Antlitz jetzt weggewendet und auch von der bloßen Geſtalt war es als flöſſe noch der ganze bethörende Zauber nieder, und die Hoheit und die Unſchuld womit ſie mich beſiegt hatte. An ihm war, wie ich ſchon geſagt habe, jene Art Herrſchaft und Sicherheit der hohen Stände.— Einmal ſtreckte er den Arm aus; ſie ſchmiegte ſich etwas näher gegen ihn und bog das Hinterhaupt zurück, wie eine, die emporſchaue; er aber krümmte mit Feinheit den ausgeſtreckten Arm zurück und endete damit, daß er die Hand auf ihr Haupt legte, gleichſam mit Zärtlichkeit die geſcheitelten Haare ſtreichelnd, denn ſie war barhaupt und der wohlbekannte Strohhut hing an ihrem linken Arme. Dann wendeten ſie ſich; ich ſah noch ihre Hand in ſeinem Arme liegend— ein dichtbelaubter Ulmenaſt ſtellte ſich dann zwiſchen mich und ſie— dann ſah ich noch weiße Kleiderſtückchen zwiſchen dem Baumgitter ſchimmern und dann nichts mehr. Ich blickte noch länger, aber die Stelle blieb leer und es war, als ſei der ganze Garten leex. Der weiße einſame Obelisk zeichnete ſich gegen die dunkel⸗ blaue Wand des Oſtgewitters, das indeß langſam heraufgezogen war— es war ſchwül geworden— kein Vogel ſang mehr in dem Parke, und ich drückte meine Stirn feſter gegen den Stamm der Akazie, an der ich ſaß. O Titus, ein Gefühl, ſo häßlich, daß ich mich faſt verachtete, kroch in mir herauf,— aber dennoch war es, als riefe jede Ader in mir, das Gefühl ſei gerecht! Ich blieb ſitzen an der Pyramide und brütete, wie der Vormittag, der ſein Gewitter braute. NRicht ein Hälmchen rührte ſich und der ganze Garten wartete gedrückt; über ihm ſtand ſchwer niederhängend die Wucht ſtummer, warmer, dicker Wolken, die ſich rüſteten und mit leiſen Regungen durcheinanderſchoben. Mein Auge ſtarrte entzündet hinauf, und dem Herzen thaten ordentlich die armen kleinen, glänzenden Flöckchen weh, die aus dem dunkeln Knäuel vorhingen— gleichſam gerettete, ſchöne Kindheitsgedanken in einem dumpfen Herzen— und immer dicker und ſchwerer wurden Luft und Wolken; im fernen Oſten ging in ſchiefen Streifen ſchon der röthlich graue Schleier des Regens nieder— da kam der Wind geflogen und der Donner, rollend über alle Wipfel des Gar⸗ tens; große Tropfen fielen und ſomit löſ'te ſich die Stille am Himmel und auch in mir. Ein ftiſches Rauſchen wühlte in den Bäumen und miſchte Grün und Silber durch einander, und in mir raffte ſich ein feſter, körniger Entſchluß empor und gab mir meine Schnellkraft wieder, nämlich der Entſchluß, ſogleich abzureiſen.— Fahre wohl, Armida,— dachte ich— fahre wohl! Ich ging nach Hauſe; ein prachtvoller Regen rauſchte nieder, und ich freute mich, je toller er um meine Schläfe raſſelte, und je naſſer ich wurde. Den Reſt des Tages, als ich mich umgekleidet hatte, verbrachte ich mit Packen, war abgeſperrt und ließ Niemanden zu mir. Den Lothar hatte ich beredet, daß wir am andern Tage, das iſt: heute abreiſen. Von der Familie Aſton nahm ich ſchriftlich Abſchied, weil ich Angela dort zu treffen fürchtete. Ich ſagte in dem Briefe, daß mich am letzten Juli um fünf Uhr früh am Obelisk zu Schönbrunn etwas betroffen habe, was es mir unmöglich mache, ihn perſönlich zu ſehen. Bei meiner Zurückkunft werde ſich vielleicht Manches aufklären; an die liebe Lucie und Emma gab ich viele Grüße auf. Koch Eins muß ich Dir melden. Anſelm Ruffo, ein Bekannter von mir, ein kalter philoſophiſcher Geſelle, begegnete mir zufällig auf der Straße und hing ſich an mich und ſagte mir nebſt vielem andern, ich möchte mich in Acht nehmen mit meinem weiblichen Umgange; denn das Mädchen, dem ich ſehr viele Aufmerkſamkeiten erweiſe, ſei ſtadtbekannt als die Geliebte des Engländers Grafen Lorrel. Ich dankte ihm kühl für die Nachricht— ſie war mir nun faſt gleichgiltig. Und nun, Titus! Wenn Du Deine Herreiſe beſchleunigen kannſt, ſo thue es, ich bitte Dich, thue es; ohnedieß bangt mir oft ſehr für 7* — 100— Dich, wenn ich von den Abſcheulichkeiten leſe, die der ſpaniſche Bürger⸗ krieg erzeugt. Lebe wohl für heute! In München triffſt Du Briefe, die Dir ſagen, wo Du mich findeſt.—————————— Abends um 8 Uhr. Es wird doch heute ewig nicht zehn Uhr, welcher Glockenſchlag mich endlich aus dieſer Stadt bringt. Alles iſt geordnet; Lothar geht herum Abſchied nehmen, und ich gehe ſchon tauſendmal in meinem Zimmer auf und ab. Nun, es wird ja doch auch verhallen und verklingen, wie ſo vieles verhallte und verklang. Nur daß das kindiſche Herz ſich ſo mag aufregen und ſich von ſeinen Wallungen Ewigkeit vorſpiegeln, und weiß es doch, wie noch jede Bewegung desſelben ausſchwang und verging. Oder hat eine Entzückung über eine Seele vor der über die A⸗Simphonie etwas voraus? Sind nicht beide bloße Werke der Schönheit? Ach Gott, die A⸗Simphonie blieb ſchön!! Siehſt Du, das iſts, daß es Ideen geben darf, glänzend und höchſten Adels, und daß ſie ſo höhniſch dürfen mißhandelt werden. Getäuſchte Liebe, geäffte Anbetung iſt ein altes Märchen,— doch darüber ſich zu härmen iſt kläglich und ſchwach— aber es gibt einen größern Schmerz, den Schmerz verlorner Seelen, und der meine wäre derſelbe, wenn ich ſie auch nur bloß gekannt hätte, etwa als Mutter, Gattin— und dann den widrigen Flecken an dem Wunderwerke geſehen hätte. Wenn blaue Lüfte, duftige Berge, ſchöne Wolken in meinem Auge ſchweben— wenn der Donner und die Flötenſtimme an mein Ohr dringt— und dieß Alles Wahrheit außer mir haben darf: warum lügt das Herz in uns?— Wenn das wahr iſt, was meinem Thiere zuſagt, kann das höhnen, was mich vergöttert? Sie ſelbſt, trotz der ſchnöden Mißſtimmung hat es mir wieder gezeigt, was uns das eigne Herz als künftigen unbekannten Himmelslohn verſpricht, das muß wahr ſein— es muß wahr ſein— nur das Suchen kann in der raſchen Trun⸗ kenheit verfehlt werden. Somit— fahre wohl!! In zwei Stunden geht es auf den Poſt⸗ wagen und dann in Gottes urewige, ſchuldloſe Berge. 13. Purpurrothes Fingerhütlein. Linz, 3. Auguſt 1834. O Titus! was ſind denn eigentlich drei Tage?— und welche Macht haben ſie auf den Menſchen!— Zürne nur nicht; ich weiß Alles, was Du ſagſt, und habe Deinen Rath befolgt, ehe Du ihn gabſt. Wenn ich Dich in der Stadt Linz getroffen hätte und Du hätteſt alle meine frühern Tagebuchsblätter geleſen gehabt, ſo wäre Dein Rath, nicht wahrſcheinlich, ſondern gewiß dieſer geweſen:„Albrecht, gehe auf die Poſt und gib den letzten Pfennig dafür her, daß man Dich eiligſt nach Wien befördere;— dann tritt vor ſie und ſage:„Ich bin ein gehetzter Thor geweſen und drei Tage lang ein ſchlechter Menſch.“ So geſchieht es auch: ich bin in kindiſcher Raſerei nach Linz gefah⸗ ren, und nun iſt der Poſtwagen wieder beſtellt; morgen um fünf Uhr gehe ich mit ihm nach Wien. Lothar iſt einverſtanden, und wird acht Tage in Linz warten, bis ich ſelber wieder komme oder ein Brief. Er weiß Alles und erſchrak faſt über die Rückſichtsloſigkeit meines Verfah⸗ rens. Erſt einen Tag vorher ſagte ſie die Worte:„Da es nun geſagt iſt, ſo dürfen Sie für alle Zukunft darauf bauen,“ und ich glaube ſchon am andern Morgen darauf den Rathſchlägen der böſeſten, blindeſten Lei⸗ denſchaft mehr, als der ganzen klaren Sittlichkeit ihres Weſens, die mir ſo lange vorlag— einer Leidenſchaft, die berühmt iſt wegen ihrer Roh⸗ heit und ihrer Trugſchlüſſe. Sie, an Allem, was gut iſt, ſo weit über mir, gab ſich mir als Braut, und vertraute mir, mir unbedeutendem Menſchen, der ich noch vor wenig Tagen jeden Mann für ſie zu ſchlecht hielt— und in der erſten Probe ſinke ich ſchon ſo ſchmachvoll tief. Ich ſchäme mich, ſo knabenhaft gehandelt zu haben. Eiferſüchtig zu werden, alle Welt vor den Kopf zu ſtoßen und auf und davon zu fahren! Setzen wir den Fall umgekehrt: was würde ſie gethan haben? Entweder ſie hätte gar nichts geſagt, oder etwa, warum ich ſo geizig bin und eine Freundin, die ich ſo lieb habe, ihr vorenthalte; es wäre ja ſchöner, wenn ein Menſch mehr im Bunde ſei, der ſich unſers Lebens und Stre⸗ bens freue. Ich will des Todes ſterben, wenn ſie nicht ſo gehandelt hätte. Ich kann es nicht tragen, ach ich kann es nun nicht tragen, bis — 102— der Fehler gut gemacht iſt— es war ja nicht Mißtrauen, Mißtrauen war es nicht, nur ganz blinde, ſprudelnde Eiferſucht, und es ſoll das erſte und letzte Mal ſein, daß ein ſolch böſes Ding in mein Herz kam— es überraſchte mich, und in der gänzlichen NReuheit der Sache wußte ich mich nicht zu nehmen. O Titus, die Reue iſt noch nagender, als die Eiferſucht ſelbſt; hilf mir nur die Stunden ertragen die noch bis zur Abfahrt ſind— ach, und erſt die zwanzig langen Stunden der Fahrt!! Indeß will ich die ganze Nacht an dieſem Tiſche verſchreiben, um mich anzuklagen. Auch verſtandeslos war ich ganz und gar— iſt es denn nicht ſonnenklar, daß es ihr hochverehrter Lehrer war, mit dem ſie die Morgenſtunde wählte, um ihm Alles zu ſagen,— ihr Freund, von dem ſie es gar nicht erwarten konnte, mich ihm zu zeigen— wie ſie jubelte, wie wir uns verſtehen und lieben werden?— Und nun! und nun!! daß er ſie umarmte? Thun Bruder und Schweſter das nie? Führen es nicht auch andere Verhältniſſe herbei? Als ich einmal der Braut eines meiner Studienfreunde auseinanderſetzte, warum er ſie verlaſſen mußte, und als ſie über die böſen Verläumdungen, die ſein Herz von ihrem trennten, im ausgelaſſenſten Schmerze verging: nahm ich ſie da nicht, ſelbſt gerührt, in die Arme, drückte ſie an mein Herz, faßte ihre Hände, tröſtete ſie und verſprach, Alles in's Gleichgewicht zu bringen? Wie thö⸗ richt nun, wenn er auf dieſe Umarmung wäre eiferſüchtig geworden! Endlich, jeder Erſcheinung gehen ihre Zeichen vorher und nachher, und jede Erſcheinung muß umringt ſein von Nachbarn und Verwandten. Nie ſteht die glühende Abendwolke einzeln und geſchnitten an dem Scheitel des blauen Mittaghimmels. Eben ſo iſt dieſer vereinzelte Verrath mitten in ihrem andern Leben eine Unmöglichkeit, ein Unding, eine Ungereimtheit. Wie mußte ſie meine Rohheit befremden und ſchmerzen, ſie, die mir ge⸗ ſtern Alles gab!—— und die Zeit, die Zeit geht ſo langſam.—— Aber ſo iſt es, wenn uns einmal der NRebelgeiſt der Leidenſchaft und Unvernunft umdüſtert: die nächſten Mittel erkennen wir nicht mehr. Was harre ich auch des Eilwagens?— Was hindert mich denn daran ſogleich ein Fiſcherſchiffchen zu miethen, und ſo viel Ruderer dazu, als hineingehen? Der Mond ſteht am Himmel, das Waſſer geht voll— wie oft hört' ich ſagen, ſolche Leute können in einer Nacht von Linz nach Wien fahren— — ich thu's, ich thu's! — 103— 14. Ginſter. Linz, 8. Auguſt 1834. „Wer des Drachen Zähne ſäet, der hoffe nichts Erfreuliches zu ernten.“ Es iſt alles aus und ich bin ſelbſt Schuld daran. Ich dichtete mir einſt am Traunſee ein ſchönes Tusculum, aus dem jede Aeußerung roher Leidenſchaft Verbannung nach ſich zieht— jetzt habe ich mich ſelbſt durch ſolche Leidenſchaft von einem ſchönern Tusculum verbannt. Sie muß eingeſehen haben, daß ſie ſich in mir irrte— und ſie hat ſich auch geirrt. Ich miethete die Rudersmänner; ſie flogen beinahe mit mir die Donau entlang, und ich war ſchon um acht Uhr früh des vierten Auguſt in Nußdorf und um neun Uhr in Aſton's Wohnung. Er allein war zu Hauſe. Auch ihn habe ich faſt verloren. Es ging mir tiefer zu Herzen, als ich je ahnte, wie ich bemerkte, daß ſelbſt dieſer Menſch, ſonſt die lautere Güte gegen mich, nun ernſt und ſcheu und kalt war— aufgeſchreckt aus ſeinem Glauben an mich. Er erzählte ruhig und ohne Vorwurf, daß Angela mit ihrem Lehrer die Morgenſtunde gewählt habe, nach Schön⸗ brunn zu fahren; auch die Tante und die Schweſter find dabei geweſen; nur gingen ſie entfernter, und da habe ſie ihm ihr Verhältniß zu mir geoffenbart. Desſelben Tages Abends war Alles in ſeinem Garten, und man wartete vergeblich auf mich, und als er, in der Beſorgniß, ich ſei krank, einen Diener ſendete, ſo habe dieſer meine Wohnung verſchloſſen gefunden. Mein Abſchiedsbrief habe Alles aufgeklärt. Angela habe faſt einen halben Tag geweint, dann aber ſich aufgerichtet und gebeten, man möge ja nur recht bald abreiſen. Sie ſelbſt packte mit großer Ruhe und Stille ihre Sachen, und geſtern ſind ſie Alle nach Frankreich abgegangen. Nur die Diener packen noch einige Dinge und folgen ihr nach. Sie hat von mir kein Wort mehr geſprochen. Lucie und Emma ſind in Preßburg. Ich ſchleuderte die zwei glühenden Funken, die mir bei ſeinem Be⸗ richte in die Augen ſtiegen, ſeitwärts, und ſchüttelte ihm heſtig die Hand, — 104— ſagend, daß ich gewiß nicht ſo ſchlecht ſei, als Alles ſcheine, und daß ich nun in die Gebirge gehe. Etwas freundlicher durch meine unverkennliche Reue, fragte er um meinen Reiſeplan, und ich ſagte ihm denſelben— und als ich fortging, küßte er mich wohl wieder, aber nicht ſo herzlich als ſonſt, wenn ich nur auf einige Tage verreiſte. Und nun ſitze ich wieder in derſelben Stube meines Gaſthofes in Linz, von der ich vor Kurzem mit ſolcher Glut und ſolchen Hoffnungen nach Wien geflogen— aber Alles iſt aus— und wie anders, wie an⸗ ders als noch vor zwei Tagen iſt mein Herz!— Es iſt aus, es hat ſich beruhigt; aber wie beruhigt? Gleichſam gelaſſen entzweigedrückt liegt es in der Bruſt.— Die Natur, das einzige Unſchuldige, iſt freundlich wie immer— meine Fenſter gehen auf den Landungsplatz und die Donau. Der Tageslärm iſt verſtummt, durch die Fenſter ſchwimmt die laue Auguſtusnachtluft herein und krümmt mein Licht, an dem ich ſchreibe, und trägt das Rauſchen des Stromes mit herein und ſein Plätſchern an den Schiffen, die beiliegen.— Drüben ſchlummert das Mondlicht auf den alten Waldbergen des Mühlkreiſes, und die Lichter der Vorſtadt Ur⸗ fahr ſtrecken lange, rothe, zitternde Säulen in das Waſſer. So ſtill und mild iſt Alles draußen, als ſei ringsum lauter Glück. Es iſt auch rings⸗ um; nur hie und da geht Einer in der Welt, der ſich durch Ungeſchick das eigne Herz zerquetſchte. Von heute an will ich ein guter Menſch werden, ſo gut, daß nicht ein Thierchen von mir leiden ſoll. Es freut mich von ihr, daß ſie den Freund, an dem ſie ſich geirrt, entſchloſſen bei Seite ſtellte und den Schauplatz ihrer Thorheit ſchnell verläßt. Ihr Herz geht gewiß noch ſchöner aus dieſer Prüfung. Schade, daß ich ſelbſt das ſchöne, wiewohl unwahre Bild, das ſie ſich von mir gemacht haben mag, ſo grell zerſtörte! Wer einmal Selbſtmord verſuchte, der geht hinfüro unheimlich unter den übrigen Menſchen herum, und wer ſich vor rein⸗ geſitteten Weſen einer wilden Leidenſchaft überläßt, der begeht ſittlichen Selbſtmord, und erregt die Furcht, daß er wieder einmal daſſelbe Spiel beginne— und Liebe, das zarte Gewebe aus Vernunft und Sitte, zer⸗ ſtört er ja ganz natürlich durch ſolch Beginnen, ganz natürlich! Morgen geht die Reiſe von hier über Steier, wo wir mit zwei Reiſegefährten, ältern Bekannten von mir, zuſammentreffen werden, mit denen ich eigentlich dieſe Reiſe ſchon längſt verabredet hatte. Ich werde Dir von Zeit zu Zeit aus einem und dem andern Orte ein Blättchen ſenden; aber es wäre recht lieb und ſchön von Dir, wenn Du viel eher kämeſt, als Du vorhaſt. Kennſt Du nicht ein Lied von Juſtinus Kerner:„das Alpenhorn?“ Es iſt, wie Einer immer, wo er geht und ſteht, das Alpenhorn ſeiner Heimath leiſe, leiſe klingen hört und es ihn mahnt, als müſſe er ſogleich nach dem Elternhauſe aufbrechen— eben wird es in einem Zimmer neben dem unſtigen von einer außerordentlich ſchönen Männerſtimme geſungen— ach! Mancher hat eine Heimath an die ihn ein ewig tönen⸗ des Alpenhorn erinnern wird; aber er vermag ſie nicht mehr zu erreichen, ach, nicht mehr zu erreichen. Wo in Zukunft etwas Gutes und Schönes für mich erblühen wird, werde ich es zuſammenfließen laſſen mit ihrem ſchönen, geliebten, ſchwer gekränkten Bilde, und dieſes Bild werde ich treulich durch mein ganzes Leben tragen. Es iſt gut, daß Lothar um mich iſt, dieſes kräftige dichteriſche Herz—— es wird ſchon Alles gehen!! Lebe wohl, lebe tauſendmal wohl! 15. Liebfrauenſchuh. Auſſee, 15. Auguſt 1834. Es iſt heute Sonntag und auch nicht mehr viel davon übrig. Ich will ihn größtentheils zum Schreiben an Dich verwenden. Wir fuhren von Steier bis Kirchdorf, um von dort Abends im Mondſcheine nach Scharnſtein zu gehen. Die zwei andern Begleiter unſerer Reiſe ſind ein junger Doctor der Arzneikunde, Joſeph Knar und Iſidor Stollberg(kein Verwandter der Grafen). Wir blieben faſt einen ganzen Rachmittag in Kirchdorf. Lothar malte das Kremsthal, und Iſidor und ich ſaßen im Schatten der Apfelbäume bis fünf Uhr; da kam Lothar wieder und der Aufbruch wurde beſchloſſen; aber es fehlte der Doctor. Auf der Kegel⸗ bahn war er geſehen worden; auch in der Wirthsſtube, im Hofe, ſelbſt im Stalle— und jetzt war er nirgends zu finden. Erſt um ſechs Uhr — 106— kam er mit leuchtenden Augen und erzählte, daß er beim Wirthe Brun⸗ maier geweſen— ein Reiſewagen habe ihn hingelockt, der auf der Gaſſe ſtand und prächtig war. Eine blutjunge Dame mit nur einem Diener habe im Wirthsgarten gewartet, bis ihre zwei Begleiter, die zu gewiſſen Eiſenwerken in das Thal gegangen waren, zurückkämen;— mit dieſer Dame habe er bis jetzt ſtreiten müſſen und habe ſich in ſie verliebt. Der Doctor iſt ein drolliger, ſehr luſtiger Menſch. Er ahnt nicht im leiſeſten mein ſchweres trauriges Herz; er ſchwor daher lachend, er wolle den här⸗ teſten Eid ablegen, daß die Hexe Witz habe, und unter den braunſten Haaren die dunkelblaueſten Augen— ja, ſie ſeien faſt veilchenblau, was zwar geſetzwidrig ſei; denn in der ganzen Zoologie kämen keine ſolchen vor; aber ſie habe ſie, und ſei ſelbſt ein Muſter der unfolgerichtigſten Unlogik. In Scharnſtein— ich habe Dir einmal geſagt, daß ich einen Men⸗ ſchen habe, der mir überall begegnet— einen Engländer hieß ich ihn— in Scharnſtein ſaß er in der Wirthsſtube als wir eintraten. Ich erſchrak faſt über dieſe ſeltſame Laune des Zufalls, ſpäter aber knüpfte ich ſogar ein Geſpräch mit ihm an und fand ihn gar nicht ſo übel, und als er un⸗ ſern Reiſeplan erfuhr, ſo trug er ſich zum Begleiter an, wenn wir es nicht übel nähmen. Es wurde einmüthig angenommen. Wir brachen zeitlich Morgens auf, natürlich Alles zu Fuß. Lothar wird von Stunde zu Stunde herrlicher: wie die reine Alpennatur in ſeine Seele fällt, ſo breitet er ſie himmliſch aus auf ſeiner Leinwand. Jede Studie, von der man meint, ſie ſei die beſte, wird von ihrer Nachfolgerin übertroffen— und er wird ſchwärmeriſch begeiſtert für die Berge und Wolken und Seen, wie für eine Jugendgeliebte. Ein ſchöner Augenblick war es am Freitag Nachmittag, da das kleine Thal von Habenau ſtizzirt wurde. Der Platz iſt wunderbar lieb⸗ lich: eine heitergrüne Wieſe in ſanften Wellenbildungen, rechts ein dunk⸗ ler Wald, hinter dem eben eine Wolke zwei ſchneeweiße Taubenflügel her⸗ aufſchlug— vor uns die wunderlichen Felſen des Almſeegebirgs, und links tief zurück der große und kleine Briel, die lichten Häupter in finſtrer Bläue badend— kein Lüftchen— blendender Sonnenſchein. Rach drei Stunden Malens ſtand Lothar auf und ſeine Wangen glänzten, wie die eines verſchämten Knaben. Alle waren entzückt; nur der Engländer ſah auf das Blatt ohne eine Silbe zu verlieren. Wir blieben noch lange und — 107— tranken aus unſern Reiſeflaſchen. Der Doctor blies auf ſeiner Stockflöte, Iſidor lag im Graſe auf dem Rücken und breitete die Arme auseinander. Der weiche, ſtille, heiße Sommernachmittag hauchte nicht, und drückte ſich tiefblau in ſeine Berge nieder. Endlich gingen wir weiter zu den Ufern des Almſees und an ihm fort bis zum Seehaus. Ich konnte nichts malen, und werde es wahrſcheinlich auf der gan⸗ zen Reiſe nicht thun können; denn der große, der drückende Schmerz über mich und das Mitleid mit ihr, der unſchuldig Gekränkten, liegen wie Bergeslaſten über meine Bruſt gedeckt und ſehen mich aus der Natur an, als hätte ſie ein dunkleres Trauergewand angelegt. So ſaß ich auch, als wir uns in dem Seehauſe eingerichtet hatten, wo wir über Nacht bleiben wollten, und als Alle wieder auf Spaziergänge fort waren, ſo ſaß ich auch vor dem Hauſe auf der Bank und ſah dieſe Berge an, die ich unter ganz andern Umſtänden zu ſehen hoffte. Sie ſtanden da in müder Ta⸗ gesruhe, und das ſpäte kühle Nachmittagslicht lag auf ihnen ſachte auf⸗ wärts glimmend. Im See ſchliefen die Wellen, und in der Luft das Echv. Italien fiel mir ein und Indien und Griechenland und Amerika, und die ganze ſchöne Kugel und die Meere darauf und die Palmenwäl⸗ der— und daß ich all das nie in meinem Leben werde ſehen können. Mein Reiſedurſt brannte, wie ſo oft— ich ſtand nun auch auf und ging von dem Seehauſe fort in's Ungewiſſe herum und ſenkte mich in meine Träume. Die Natur hielt Abendfeier, das Sonnenlicht ſchritt nur noch auf den höchſten Spitzen, die Luft ward immer wellenloſer und ſtil⸗ ler— ich ging ſüdwärts gegen die Felſen— da war es, als ob das Echo, das tauſendfältig in dieſen Bergen ſchläft, traumredete und etwas wie Glockentöne lallte;— aber Glocken können hierher ihre Klänge nicht ſenden, da der Ort tief einſam im Gebirge liegt— ich ging immer weiter weg von dem Hauſe. Es gibt eine Stille,— kennſt Du ſie?— in der man meint, man müſſe die einzelnen Minuten hören, wie ſie in den Ocean der Ewigkeit hinuntertropfen.— Eben von ewig fortpolternden Städten gekommen, wurde mir dieſe Stille faſt geſpenſtig, und ich war erleichtert, als endlich gegen Abend in der Dunkelheit, ein leichter, kühler Hauch an mein Geſicht wehte und ſich zwei Blätter an einem Schlehen⸗ ſtrauche neben mir rührten, aber ohne zu flüſtern. Ich ging ſpät in das Haus zurück. Sie hatten ſchon zu Abend gegeſſen und mich und den Engländer vergeblich erwartet. Gleich nach uns ſind noch zwei Fremde ———————— — 108— gekommen, und dieſe und die Andern ſind alle auf den See hinaus. Den Engländer glaubte man bei mir. Ich ging auch wieder fort, und als ich gegen den See kam konnte ich ſie nicht erblicken, weil es ſchon zu ſehr dämmerte. Ich ſtieß einem Jäger auf, der mir ſagte er warte auf den Vollmondsaufgang. Ich wollte nun dasſelbe thun und legte mich zu ihm in's Gras, und ließ mir von ihm erzählen, und wie ſich ſeine Gebirgs⸗ märchen, gleich Zitterklängen, entwickelten, ſchaute ich träumend in die fantaſtiſche Dunkelheit, in der die Gebirge hingen, in immer ſtillere und größere Maſſen ſchmelzend, und auf den See, der ſtets ſtarrer und ſchwär⸗ zer ward, und nur hie und da mit einem ſchwachen, ungewiſſen Lichtchen aufzuckte. Und immer tiefer ſank Berg und Thal und See in die dunkle, ſchlummerige Luft vor mir zurück— eine unſägliche Wehmuth war in meinem Herzen— der Jäger ſchwieg endlich auch, und ich hörte jetzt deutlich Lothar und des Doctors ſchöne Stimme von der See her ge⸗ dämpft ſingen— dann einen Piſtolenſchuß und das darauf folgende Ge⸗ witter des Echo, das die Berge und den See im Finſtern durcheinander⸗ wühlte, und in Kreiſen rollte und ſich mäßigte und beſchwichtigte und ausmurmelte; ſein Verzittern machte mir die Landſchaft nur noch unbe⸗ weglicher, wie einen ſchwarzen Klumpen, der in zackiger Linie den ſilber⸗ grauen Himmel abſchnitt.„Seht einmal auf den Röllberg,“ ſagte mein Nachbar, und zeigte mit dem Finger in die Nacht hinaus. Ein lichter Schein ſtand unten an dem bezeichneten Berge— die Mondesaurora war es; ich glaubte, er ſelber werde jetzt aufſteigen; aber nur der Schein klomm längs der ſteilen Kante des Felſens, der ordentlich ſchwarz gegen dieſen Schimmer ſtand, bis der Mond endlich gerade auf dem Gipfel des Steines wie ein großes Freudenfeuer emporſchlug zu dem Himmel, an dem ſchon alle Sterne hartten. Er trennte ſich ſodann und ſchwamm wie eine losgebundene blitzende, weißglühende Silberkugel in den dunkeln Aether empor— und Alles war hier unten wieder hell und klar.— Die Berge ſtanden wieder alle da und troffen von dem weißen niederrinnenden Lichte, das Waſſer trennte ſich und wimmelte von Silberblicken, ein Lichtregen ging in den ganzen Bergkeſſel nieder, und jedes feuchte Stein⸗ chen und jedes thauige Gräschen hatte ſeinen Funken. Auch das Schiff der Freunde erblickte ich jetzt und ein vierſtimmiger Männerhymnus be⸗ gann darauf, und der Geſang wogte gedämpft, ein Echo ſchleifend, von dem See herüber, und zog ſich dann ferner und verklang— dann ein — 109— mattes Jauchzen— das Rollen ferner Piſtolenſchüſſe, und dann wieder die Mondesſtille. Ihr Auge, dieſer ſchöne Mond ihrer Herzensſonne— wo mag die⸗ ſes nun aufblicken zu ſeinem Schweſtergeſtirne des Himmels? O, ihr ſchönen Felſen und du, ſchimmerndes Firmament! Was iſt zwiſchen heute und jenem Abende vor zwölf Jahren, als ich das erſte Mal an dieſem Ufer ſtand, ein unſchuldiger Jüngling voll ungebändigter Hoffnungen und ein unerſchöpfliches Weltmeer von Vertrauen in dem Herzen!—— Wie viel hat ſich ſeitdem geändert— wie viel habe ich geirrt, geſündigt und gebüßt, und wie ſcharf einſam bin ich heute gegen das Wogen und Wallen von Geſtalten die mich damals umgaben! Aber ein Reſt iſt geblieben, ein Boden, auf dem die Blumenfantaſie geſtanden: die feſte, ſchönheitsliebende Seele iſt geblieben— und manch ſchönerer Blumen⸗ wald kann einſt wieder daraus emporſproſſen— er kann ja noch ſproſſen! „Geht ſchlafen, lieber Herr,“ ſagte plötzlich der Jäger zu mir:„Ihr habt morgen einen weiten Weg, und es wird heiter und heiß ſein— ich verlaſſe Euch da mir der Mond ſchon hoch genug iſt.“ Ich ſchlafen gehen? Dazu war ich viel zu bewegt. Ich ging den See entlang, von dem jetzt Ruderſchläge herkamen, und bald darauf das Schiff der Freunde. Iſidor ſprang heraus und jubelte und ſagte, es ſei eine Götternacht, und der Doctor bedauerte mich, daß ich nicht mit zu Schiffe geweſen; an dieſem einen der zwei angekommenen Fremden habe er einen wahren Fund gethan; er ſinge einen unvergleichlichen Tenor; der ſei noch immer abgegangen; Lothar's Stimme ſei doch nur ein Bari⸗ ton; nur ſchade, daß die Zither, die der Fremde mitgebracht, in der Eile in dem Hauſe vergeſſen worden ſei. Sie gingen Alle dem Hauſe zu— ich nicht; denn wo ſie ihr Schiff anlegten, bemerkte ich ein zweites kleines; mit dieſem wollte ich ganz allein auf den See hinausfahren. Ich band es leicht los und ſtieß ab. Nun wurde es weit um mich— die Berge traten zurück und ſtan⸗ den groß da in lichtnebligen Schleiern und ſanft in träumeriſcher Magie, und ich ſchwamm auf dem ſchönen, glatten, flimmernden Elemente, und bei jedem Ruderſchlage rann flüſſiges Silber um mein Schiffchen. Aus dem Seehauſt ſchallten noch die Reden meiner Reiſegefährten, die ſchla⸗ fen gingen, und als es immer mehr und endlich ganz ſtill geworden, und der Mond ſchon faſt im Scheitel ſeiner blauen Halle ſtand, da hörte ich — 110— wieder zu meinen Häupten das leiſe ſeltſame Läuten: aber es war, als fielen nur einzelne Töne unendlich fern aus der Luft— dann ſchien es von dem See zu kommen, dann von den Felſen— dann ſchwamm es wieder hoch am Himmel— ich ließ das Ruder ſinken, und das Waſſer an dem Schiffchen ausſäuſeln und horchte hin— keine Glocke, eine Zither war es; die Laute kamen von einem ſchwarzen Punkte aus dem Waſſer; nur das Echo hatte mit den Klängen ſo wunderbar geſpielt. Ich fuhr ſo leiſe als möglich näher; die Töne wiegten ſich und ſchwollen, und wurden ein Gewimmel, und plötzlich ſang eine Männerſtimme dar⸗ ein. Ich erkannte die Melodie: es war die Schubertſche über das See⸗ lied von Göthe— deutlich kamen die Worte her:„Wie iſt Natur ſo hold und gut, die mich am Buſen hält“.... Ich irre nicht: es war dieſelbe Stimme, die das Alpenhorn von Juſtinus Kerner ſang. Mein Kahn war noch im Zuge und glitt ohne Rudern näher; ich konnte jetzt dem Geſange Wort für Wort folgen und folgte mit ſteigendem Herzen: Aug', mein Aug', wos finkſt du nieder? Goldne Träume, kommt ihr wieder? Weg, du Traum, ſo Gold du biſt; Hier auch Lieb' und Leben iſt. Ich konnte nicht anders: ich ließ die Thränen in die Augen ſteigen, daß der Mond zitternd und zerblitzend drinnen ſchwankte— o, mein Traumgold war heute auch ſchon längſtens wieder gekommen— ich ver⸗ mochte es aber nicht wegzuweiſen und zu ſagen:„Hier auch Lieb' und Leben iſt.“ Das Lied ging fort und wurde groß und fromm, erſchütternd einfach, wie im Kirchenſtyle vorgetragen— ich regte mich nicht in dem Kahne; aber als es geendet und nur noch die Zithertöne, dieſer wahre Kuhreigen der oberennſiſchen Alpen, fortdauerten und hüpften und zit⸗ terten, im Wechſelgeſange mit der Alpentochter Echo: fuhr ich raſch näher und erblickte einen Kahn, wie meiner war, und drinnen ſaß der Engländer oder vielmehr er lehnte vor einem Brete, worauf er die Zither hatte. Seine Ruder lagen bei ihm auf dem Schiffe, das bei der Stille des Waſſers auf einem und demſelben Punkte ſtehen blieb. Als er mei⸗ ner anſichtig wurde, ſtreute er gleichſam noch ein paar Hände voll Töne wie Goldkörner über den See und ſah mich ſchweigend an, der ich ſeinem Geſichte faſt auf Spannenweite nahe gekommen war. Ich war ſehr ver⸗ legen, was ich ſagen ſollte, als ich das wirklich ſchöne Angeſicht, vom Mondlichte beſchienen, fragend auf mich geheftet ſah.„Herr,“ ſagte ich endlich,„ich ſtöre Sie wohl? Sie genießen ſchön dieſe ausnehmend ſchöne Nacht.“ „Sie ſtören mich nicht,“ antwortete er;„ich dachte mir wohl halb und halb, daß Sie oder Diſſon auf den See herausfahren würden. Als ich nämlich meinen Kahn ablöſete, ſah ich, daß an der Stelle noch meh⸗ rere angebunden lagen, die vielleicht Andere benützen könnten. Die Zither, die ich hier habe, gehört gar einem ganz fremden Menſchen, der ſie im Seehauſe liegen gelaſſen hatte, als alle auf das Waſſer hinaus⸗ fuhren, um zu ſingen, ich nahm ſie; denn in ſolch ſchöner Racht, dachte ich, dürfte ſie nicht zu Hauſe bleiben. Auf Sie war ich beinahe gewiß gefaßt, daß Sie kommen würden?“ „Auf mich waren Sie gefaßt?“ fragte ich erſtaunt. „Ja, auf Sie,“ ſagte er,„und daß ich aufrichtig bin: ich erwar⸗ tete Sie ſogar hier. Ich kenne Ihre Gemüthslage,— ich will nicht zu⸗ rückhaltend ſein— da Sie nun wirklich da ſind, ſo laſſen Sie uns hier den erſten Handſchlag geben, wo uns nicht die Augen all dieſer Menſchen umgeben.“— Bei dieſen Worten reichte er die Hand über den Bord ſei⸗ nes Schiffes herüber, und fuhr fort:„Wir kennen uns eigentlich ſchon lange; ich bin der Freund, ich könnte ſagen Bruder eines Weſens, das Sie vor nicht langer Zeit ſehr liebten.“ „Emil?“ rief ich. „Ja, Emil,“ antwortete er. „Und Sie ſuchten mich?“ fragte ich in höchſter Spannung. „Ich ſuchte Sie,“ erwiederte er. Wie von einer freudenvollen, ſchmerzensvollen Ahnung durchflogen, ſprang ich auf, und wäre im Schaukeln meines Schiffchens bald in das Waſſer geſtürzt. Dann mit einem Sprunge war ich in ſeinem Kahne, und wir lagen uns in den Armen— ich faſt in ein krampfhaftes Schluchzen ausbre⸗ chend— er mich feſt und lange an ſeine Männerbruſt drückend. Endlich ließen wir los, und blickten uns in die Geſichter— zwer Menſchen, die ſich lange ſuchten, geiſtig längſt berührten, ja ſich liebten, und ſogar körperlich ſchon kannten, und nun ſich ſo ſeltſam fanden. „Da ich Sie nun gefunden,“ fing er wieder an,„ſo laſſen Sie mich — 112— eine freundliche Bitte thun: Faſſen Sie Vertrauen zu mir— und die erſten Tage keine Frage um Dinge in Wien.“ Schon ſein Erſcheinen und Aufſuchen war Seligkeit und Freude für mich, und ich ſchlug gerne ein. Und nun erzählte er mir, daß er gleich erkannt, eine unverſtandne Wallung habe wahrſcheinlich ein ſonſt rechtes Herz beirrt— er habe mich geſucht; er habe ſogar in Linz eine Nacht im Zimmer neben mir geſchlafen, ohne es zu wiſſen, und erſt von Aſton habe er brieflich erfahren, daß ich in Wien geweſen, was ihn außerordentlich erfreuet, und mich gerechtfertigt habe;— von Aſton endlich habe er meinen Reiſeplan erfahren, und in Folge deſſen habe er mir in Scharnſtein vorgewartet. „Alſo find nicht Alle nach Frankreich?“ fragte ich. „Nein,“ antwortete er;„wir wollten es. Aber da ich immer ge⸗ wohnt bin, über Keinen zu urtheilen, ehe ich ihn kenne; ferner da die Sache ſo viel auf das Spiel ſetzte, ſo beſchloß ich— wenn man es auch aufdringlich nennt— Ihnen nachzureiſen, um da zu ſehen und zu ſchauen, wo die Andern abſichtlich blind ſind. Ich mußte Sie ja ſuchen, wie den Stein der Weiſen,“ fuhr er lächelnd fort;„vor meiner Abreiſe war ich mit Aſton gewiß zehnmal bei Ihnen, ohne Sie je zu treffen.“ „Der Nabob?“ fuhr ich heraus. „So heißt mich Aſton immer wegen meiner oſtindiſchen Geburt,“ erwiederte er. „O Gott! o Gott! wie das Alles einfach geweſen wäre,“ rief ich, „und wie es jetzt geworden iſt!“ „Laſſen Sie nur das,“ ſagte er, meine Hand nehmend,„ich liebe Sie ſchon lange, und recht von Herzen...“ „Ich habe Sie verehrt,“ unterbrach ich ihn. „Daran thaten Sie zu viel,“ ſagte er,„und die Quelle, die unſere gegenſeitigen Gefühle vermittelte, mag wohl beiderſeits ein wenig par⸗ theiiſch geweſen ſein. Laſſen Sie nur jeden Kummer, und geben Sie der jungen Freundſchaft ein kleines Recht; die Verzeihung von einer an⸗ dern Seite wird wahrſcheinlich viel leichter zu erhalten ſein, als von Aſton und mir. Jetzt laſſen Sie uns zuſammen ein Stück reiſen— und vertrauen Sie mir ein wenig.“ „Ganz und mit vollem Herzen!“ rief ich aus. „Amen,“ ſagte er,„und nun reiſen wir zuſammen, und lernen auch — 113— unſere Fehler ein wenig kennen. Vor Allem iſt einer gut zu machen, nämlich Ihren Kahn aufzuſuchen, den Sie beim Ueberſpringen in mein Schiff weggeſtoßen haben.“ Sohin nahm er ein Ruder, und ich auch eines. Der Kahn war bald gefunden und an den andern angehängt, und dann unter verſchie⸗ denem Geſpräche fuhren wir faſt noch eine Stunde auf dieſem Zauber⸗ ſpiegel herum, und gönnten unſern Seelen Friſt, ſo nach und nach die erſten Fäden gegenſeitiger Bekanntſchaft anzuknüpfen. O wie ſchön, und wie anders, als vor zwei Stunden, ſtand der Mond jetzt am Himmel, ſich neigend gegen die Felſen, die im Abend ſtanden— herabſehend auf ein erleichtert Herz, und ruhig ſilbern fort⸗ glänzend, weil ſich alles und jedes auf der Erde friedlich löſen müſſe— und ſei es auch in dem Grabe! Nach Mitternacht gingen wir ſchlafen, und auch hier im engen Zimmer floß das milde Licht, und zeichnete auf dem Fußboden das ruhige Fenſterkreuz. Ich ſchaute es ſo lange an, bis die Mohnkörner des Schlum⸗ mers auf mein Haupt ſielen,— meine Mutter, meine ferne Schweſter als Traumgeſtalten ein⸗, zweimal vor dem ſchon halb verhüllten Gehirne vorübergingen— und dann der feſte ruhige Schlaf kam. Um vier Uhr weckte uns der Führer, und ſiehe, noch einmal ſah ich den heutigen Mond, der mir ſo lieb geworden war. Auf einem gezackten Blocke des Weſten lag er vor dem Tag erlöſchend, während im Morgen die Röthe flammte, und auf dem See die langen Elfenſtreifen von weißen Nebeln woben. Bis wir frühſtückten, uns ankleideten und rüſteten, hatte die Sonne ſchon Alles in's Klare gebracht, und der junge Tag blitzte freundlich auf allen Bergen. Ich wunderte mich, daß der See ſo klein ſei; das zauberiſche Nachtlicht hatte mir Alles in ſeinen Schleiern aus⸗ einandergerückt und vergrößert. Ich ſchaute mit friſchem Morgengefühl noch einmal den Schauplatz der vergangenen Nacht an, und prägte mir das Bild dieſes liebgewordenen Sees in mein Herz, um es lange nicht daraus zu laſſen. Von dem ſogenannten luſtigen Oertl ſahen wir den See noch ein⸗ mal, dann rückwärts alle Berge bis Spital. Die Andern warfen Grüße und Küſſe zurück;— ich ſah auf das Auge des nächtlichen Sängers,— es lag in mildem Ernſte über der Ausſicht, und war freundlich. Lothar malte, die Andern ſangen. Es iſt eine mächtige todte Wildniß, durch die Stifter. 4. Aufl. I. 8 — 114— wir gingen, ein Steinmeer, und am ganzen Himmel kein Wölkchen; kein Hauch regte ſich und der Mittag ſank blendend und ſtumm und ſtrahlen⸗ reich in die brennenden Steine. Die zwei Fremden, die vom Almſee bis Auſſee mit uns gehen wollten, ſind Studirende und der Eine hat in leichtſinniger Luſtigkeit an himmelblauem Bande ſeine Zither umhängen, und geht ſingend und pfeifend durch das Geklippe. Wir wiſſen bereits, daß er in Wien ein Liebchen hat, das ihm das blaue Band gegeben. um acht Uhr waren wir in Auſſee. Obwohl körperlich beſchwerdevoll, war es doch geiſtig ein ſchöner Wandertag geweſen, der hinter mir lag. Viele tauſend Berührpunkte fand ich an Emil, und konnte fteudig anknüpfen. Alle jene Einfachheit, aller Ernſt und alle Glut, die ich an ihr ſo liebte, iſt auch in ihm, aber noch, ſchien es mir, natürlicher und freier herausgebildet— ſelbſt Lothar erſchien etwas weiblich gegen ihn, und die Studenten ſcheuten ihn, wie einen Profeſſor. Vor großer Ermüdung gingen wir ſehr früh ſchlafen, und beſchloſ⸗ ſen, den andern Tag, eben den heutigen, hier zuzubringen. Nach dem Frühſtücke ſahen wir bei den Fenſtern auf eine Art Platz hinaus; es war wieder ſchön, ja der Himmel hatte ein noch blaueres Sonntags⸗ gewand angethan, und die Sonne ſtrahlte feſtlich geſchmückt. Der Platz vor dem Hauſe war ſauber gekehrt, auf der Bank unten ſaß ein uraltes Mütterchen, ſchön angezogen, wie ein Kind, das man Sonntags putzt; ein nettes Mädchen ging vorüber, den Braten zum Bäcker tragend, und gegenüber vor einem Hauſe ſtanden die Leiterwagen in einem Winkel geſchoben, und der Hahn ſtand darauf und krähte ſeinen Morgenruf hin⸗ aus. Landleute in ihrem Feiertagsanzuge kamen, und aus den Thälern erſchienen geputzte Aelpler. Um neun Uhr gingen wir alle in die Kirche, und wohnten dem Gottesdienſte bei. Nach demſelben, als die Landleute vor der Kirche ſtanden, und die Frauen nach Hauſe trachteten, und ge⸗ ſchmückte Mädchen herumſahen, und der Pfarrer vorüberging, und alles die Hüte äbthat: da mahnte es mich heimwehmüthig, weil mir einſt in meiner Eltern Thale das Alles ſo tief feierlich erſchienen war. Als wir noch aus den Fenſtern ſahen, ſo erblickten wir durch die ruhigen Gefilde überall die heimkehrenden Kirchgänger, und ſonntäglichen Gruppen, die an den Bergen klommen. Meine Reiſefreunde gingen nach dem Eſſen alle zu dem Grundelſee— ich nicht, weil mir unwohl wurde, und ich mich S ein wenig auf das Bett legte. Es wurde bald beſſer, und ich ſchlief ein. Als ich erwachte, ſaß Emil an meinem Bette. Ich war befremdet, daß er ſich meinetwegen das Vergnügen verſagte, da ſelbſt meine Freunde meinen Zuſtand unbedenklich fanden. Er heftete die ſchönen Augen auf mich, indem er ſagte:„Wir ſind uns ja nicht ſtemd; aber ich hätte es auch gegen einen Fremden gethan— ja, in einem Walde Amerika's pflegte ich einmal einen fremden Hund bis er genas— und dann freilich nicht mehr von mir ging. Uebrigens ſind die, die mit Ihnen ſind, Ihre Freunde nicht, ſondern nur Bekannte, außer Lothar, deſſen ſchöne Blumenſeele ſie ſich bewahren müſſen.“ Als ich aufgeſtanden war, ſchrieb er Briefe, und ich das vorliegende Blatt an Dich, bis es ſehr ſpät Abends war. Eben kommt Alles von dem Grundelſee zurück. Es ſoll ſehr ſchön geweſen ſein. Man fuhr auf dem See, und tanzte ſogar im Seehaus. Der Wiener Studioſus dichtete ein Lied, und trug es aus dem Stegreif vor, dann ſangen ſie ein Männerquartett auf dem See; der Doctor ver⸗ ſchoß ein Pulverhorn voll Pulver— und an's Heimgehen dachten ſie erſt, als, wie Lothar ſagte, See und Felſen im Abende loderten, und ringsum das klangreiche Lullen und Jauchzen der Sennerinnen hallte und auf dem Elm ein Freudenfeuer brannte. 16. Ruldrian. Hallſtadt, 17. Auguſt 1834. Emil eröffnete mir auf dem Wege von Auſſee nach Hallſtadt frei⸗ willig, daß, wenn ich meine Reiſe abkürzen wolle, Alles, was noch von Beſorgniß in meinem Gemüthe ſei, ſich viel kürzer in's Klare bringen laſſe.„Augenblicklich will ich umkehren,“ ſagte ich;„der Großglockner hat bei meiner innern Unruhe jeden Werth für mich ohnedieß ſchon längſt verloren.“ 8* — 116— Nur eine Woche, bat er, ſolle ich ihm in Hallſtadt ſchenken; er habe dieſe Bitte einer eigenſinnigen Perſon verſprochen, die er mir bald vorführen werde, und die mich auch wolle kennen lernen. Wir kamen früh genug in Hallſtadt an, um die Einladung Emil's annehmen zu können, mit ihm in der Goſaumühle zu eſſen. Er, Iſidor, der Doctor, Lothar und ich fuhren in einem Kahne dahin. Auf der Gaſſe vor der Mühle ſtand ein ſchöner Reiſewagen, und der Doctor behauptete ſogleich, es ſei derſelbe, den er in Kirchdorf geſehen habe.— In dem⸗ ſelben Augenblicke hüpfte eine grüngekleidete Dame aus dem Hauſe, und mit den Worten:„Gott grüße Dich, Emil!“ nahm ſie unſern Begleiter ſchlechtweg bei dem Kopfe und küßte ihn herzlich— und als ſie auch uns grüßte, denke Dir meine Ueberraſchung, war es dieſelbe Dame die ich einſt mein Griechenbild von St. Anna nannte, dieſelbe ſchöne blau⸗ äugige Dame, deren Angeſicht ich oft in der Annenkirche ſtudirte, und die ich nachträglich einmal in Haimbach mit Emil ſah— alſo war die andere Verſchleierte damals ohne Weiteres Niemand anders geweſen als Angela, und die alte Frau die Tante. Wie der Witz des Zufalls zuweilen ſpitzig ſein kann! Emil ſtellte uns die Dame als ſeine Schweſter vor. Sie verbeugte ſich ſchelmiſch gegen den höchſt verlegenen Doctor. Ein ältlicher Mann kam mit umgebundenem Speiſetuche heraus, und rief unter uns:„Na, da ſind ſie, aber Du haſt lange warten laſſen; geſtern den ganzen Tag ſaßen wir hier, und das ſind vermaledeite Berge. Du mußt einen andern Wagen ſchaffen.“ „Oheim,“ entgegnete Emil,„wir fahren ohnedieß für dießmal nicht tiefer in die Berge. Natalie will nur, daß wir ein bischen in Hallſtadt verweilen.“ Natalie grüßte uns Alle noch einmal als Reiſegefährten des Bru⸗ ders, und dann ging es an das Mittagseſſen und an das Plaudern, und jeder ſagte nach Tiſche dem Andern, daß ihm die junge Dame ausnehmend gefalle. Nachmittag fuhren wir in zwei Kähnen nach Hallſtadt zurück, und richteten uns in unſern Zimmern ein, ſo gut es ging. Lothar wird Punkte des Sees malen. 19. Auguſt. Verzeihe, daß ich zwei Tage an dieſem Blatte nichts ſchrieb: es war keine Zeit. Manche Wienerin würde es übel nehmen, daß eine junge Dame mit den glänzendſten braunen Haaren, dem tieſſten, ſchwermüthig funkelnden Augenblau, und dem edelſten Geſichte, das noch dazu voll lauter Blüthe und Huld iſt— daß dieſe Dame ſo allein(nur ein Mädchen hat ſie zur Bedienung) mit jungen Männern im Gebirge herumgehen kann; aber Natalie thut das Alles ſo ſchön und einzig, daß man es ganz in der Ordnung findet; überhaupt iſt ſie, wenn es möglich wäre, die zweite Ausgabe von Angela, dieſelbe ſchöne ſittliche Grazie und ich glaube faſt, dieſelbe Bildung. Wir vergingen die ganzen zwei Tage buch⸗ ſtäblich im Freien in den Gebirgen. 23. Auguſt. Es iſt bereits der ſechſte Tag, daß wir in Hallſtadt ſind. Emil hat Inſtrumente in dem Wagen gehabt, und ſtellte manchmal phyſikaliſche Verſuche an, während der Doctor und Iſidor das Echo müde ſingen. Der Doctor bleibt immer noch hier, weil er in Ratalie wirklich verliebt iſt, und Iſidor, weil ihm die ganze Sache Spaß macht. Lothar iſt nie bei uns. Er malt den ganzen Tag, und bringt von ſeinen einſamen Wanderungen jeden Abend himmliſchere Bilder. Er iſt ordentlich verwandelt in dieſer ſchönen Bergwelt; ſein Angeſicht iſt ver⸗ klärt, ſein ganzes Weſen klingt und ſchwebt, und er ſpricht nie anders, als in Bildern. Geſtern Abends vor Schlafengehen reichte mir Emil die Hand und ſagte:„Wir ſind im Klaren, Bruder; ſchenk dem Eichenſinne der Schwe⸗ ſter noch ein paar Tage.“ Er nennt mich öfter ſcherzweiſe Du, aber ich kann es nicht über das Herz bringen, ihn im Ernſte darum zu bitten. O Litus! mir iſt ſeltſam im Umgange dieſer zwei Menſchen, die ſo einzig trefflich ſind. Emil iſt überall hoch und ſchön, wie eine große ruhevolle Alpe: ſie ſäugt Kräuter und Blumen, trägt wehende Wälder am Buſen, und das leuchtende Gletſcherſilber;— doch weiß ſie's nicht, und über ihr Haupt iſt das ſchöne zarte Duftblau der Anmuth ausgegoſ⸗ ſen. Natalie iſt dasſelbe, nur als ſei es noch durchſichtiger, wie von einer Seesfläche zurückgeſpiegelt. In Wien, umgeben von den hunderttauſend 8 Laſtern und Thorheiten der Leute, war ich oft ſelbſt nicht gut; in dieſen Landſchaften, unter dieſen Menſchen wird mein Weſen immer klarer und feſter, und ſelbſt der ſanfte Schmerz, der noch immer in dem Hetzen ſitzt, ſteht verſchönernd drinnen, wie jene Thräne, die man oft mitten in Kry⸗ ſtallen findet. Wenn es dem Doctor gelänge, Ratalie zu gewinnen, ſo hat er in ſeiner Blindheit den Stein der Weiſen gefunden. Er mag es fühlen; denn er wird immer ſcheuer gegen ſie. Wir ſind noch immer in Hallſtadt, und es iſt, als ſollte das ſo fort⸗ währen. Nicht eine Silbe ſagte noch Natalie von Angela, und ich kerkere die Sache in meine Bruſt, wie in ein ehernes Schloß.— Lebe wohl! Morgen wieder zwei Zeilen. 24. Auguſt. Heute Morgens nach neun Uhr ſaß ich mit dem Fernrohre auf dem Hallſtädter Kirchhofe, und ſah hinunter auf den See. Er warf nicht eine einzige Welle und die Throne um ihn ruhten tief und ſonnenhell und ein⸗ ſam in ſeinem feuchten Grün— und ein Schifſchen glitt heran— einen ſchimmernden Streifen ziehend.— Ich richtete das Rohr darauf, und ſah — es war als träume ich— Aſton mit ſeinen Mädchen ſah ich. Faſt ein Hinabſtürzen war es von der Kirche in den Ort, und eben ſtiegen ſie Alle aus— der alte Herr in meine Arme, jubelnd, freudevoll— Emma, lachend, ſprang herbei und ſagte, daß ſie in ihrem ganzen Leben noch auf keinen Menſchen ſo zornig geweſen ſei, als auf mich— und Lucie reichte mir lächelnd die Hand, und ſchwieg und war freundlich, wie immer. Sie ſind in Iſchl, und werden noch vier Wochen dort bleiben. Wir traten alle in die obere hölzerne Gaſtſtube, die die Ausſicht auf den See bietet, und nun ging es an ein Fragen und an ein Erzählen, und an ein Eſſen und Trinken— und kein Wort von ihr. Im Anſchauen dieſer geliebten Menſchen und Freunde wurde mir Angela wieder ſo heiß lieb, wie in jenen ſchönen Tagen, ja, noch unendlich heißer und ſehnſuchts⸗ voller; es iſt, als könnte ich nicht leben, ohne ſie nur einmal noch zu ſehen. Jede Miene, jeder Laut, jeder Blick zog eine Reihe jener einge⸗ ſunkenen Tage hervor, die ſo tief und ſo ſelig zurückſtanden, als lägen ſchon Jahre dazwiſchen— aber heute kamen ſie alle jene Tage wieder, und ſtanden ſo lieb und allbekannt vor meinem Herzen. — 5 Hundertmal wollte ich fragen und hundertmal vermochte ich es nicht. Sie mußten mir es in den Augen leſen, aber Keines erwähnte ihrer. Ja, als es endlich Abend geworden, und ſie alle abfuhren, und mich recht freundlich nach Iſchl einluden, überwältigte mich faſt der Un⸗ muth;— ich ging auf unſer Zimmer und in tiefem Schmerze lehnte ich die Stirne an das Fenſterkreuz und ſtarrte hinunter.— Der letzte Abend verglomm auf den Bergeshäuptern, und an ihren ſchwarzen Wänden hing bereits die Nacht.„Iſt Ihnen unwohl?“ fragte eine unſäglich ſanfte Stimme hinter mir. Emil war es, der ſchöne Menſch, und nie glichen ſeine Augen ſo ſehr denen eines Engels.—„Nichts iſt mir,“ant⸗ wortete ich,„als Ihr thut mir Alle zu ſehr weh.“—„Wir werden es nun nicht mehr thun!“ ſagte er ſehr ſanft, und bat mich, ihn auf einer Nachtfahrt auf dem See zu begleiten, und dort trug er mir das brüder⸗ liche Du an. Als wir zurückgekehrt waren, gab ich ihm mein Tagebuch, weil ich ihm von nun an völlige Offenheit ſchuldig zu ſein glaubte. 25. Auguſt. Der geſtrige Abend hat eine Folge gehabt, die Alles löſ'te. Natalie bat mich heute, ſie ein wenig in das Strubthal zu begleiten; dort aber bat ſie mich um Aufmerkſamkeit, ſie müſſe mir etwas erzählen, das lang ſei— und dann erzählte ſie mir Folgendes: „In den blutigſten Tagen der franzöſiſchen Revolution floh nebſt vielen Andern auch Eduard Morus, aus Boſton gebürtig, weil ihm Ge⸗ fahr drohte aus Paris, wo er handelshalber anſäſſig war. Er ging nach Oſtindien, wo er einen Bruder hatte, und wurde dort zum reichen Manne. Seine Frau gebar ihm, nach lange kinderloſer Ehe, hinterein⸗ ander vier Söhne und zwei Töchter; aber nur der älteſte Sohn und die jüngſte Tochter lebten. Der Knabe war zehn, das Mädchen zwei Jahre alt, als Morus ſtarb. Die Mutter, eine Pariſerin, konnte ihr Vaterland nicht vergeſſen; deßhalb, mit Hilfe des Bruders ihres verſtorbenen Gat⸗ ten, machte ſie ihre Habe beweglich und ging nach Paris, das inzwiſchen ausgetobt hatte. Es war im Jahre 1817. Das neue Paris gefiel der alten Dame nicht mehr, und ein ſchönes Landhaus in den Cevennen ſollte ihr Ruheplatz werden. Er wurde es; denn noch in demſelben Sommer ſtarb ſie. Jetzt zog auch der Oheim ſein Vermögen aus dem — 120— oſtindiſchen Handel, und ging nach Frankreich auf dasſelbe Landhaus und verwaltete auch die Habe ſeiner zwei Bruderskinder als Vormund.“ „Der Knabe wurde bald mit einem Lehrer nach Paris gethan, und das Mädchen erhielt eine Erzieherin. Als er zwölf Jahre alt war, geſchah es, daß er mit ſeinem Erzieher auf der Reiſe nach dem Land⸗ hauſe in eine Schenke der Cevennen trat. Viele Leute gingen aus einer Kammer aus und ein, und machten traurige Geſichter, und als er auch hineinging, ſah er einen todten Mann liegen, mit jungem, blaſſem Geſichte und einer breiten Stirnwunde, aus der kein Blut mehr floß, und die ſauber ausgewaſchen war. Ueber den Leib war ein weißes Tuch gebreitet. Als er ſich erſchrocken wegwendete, ſah er auf einer zweiten Bank eine Frau liegen, bis auf die Bruſt zugedeckt; dieſe aber und das Angeſicht waren weiß wie Wachs und wunderſchön, nur in der Gegend des Herzens war ein rother Fleck, wo, wie ſie ſagten, die Bleikugel hin⸗ eingegangen ſei. Was aber den Knaben zumeiſt jammerte, war ein etwa zweijähriges Kind, das bei der Frau ſaß und fortwährend die wei⸗ ßen Wangen ſtreichelte. Des Morgens hatte man ſie etwa eine halbe Meile tiefer im Walde bei einem umgeſtürzten und geplünderten Wagen gefunden. Das Mädchen ſei unverletzt unter einem Haufen ſchlechter Kleider gelegen, und hatte ein ſehr kleines goldnes Kreuzchen um den blo⸗ ßen Hals hängen.“ „Angela!“ rief ich— „Ja, unſere Angela!“ erwiederte ſie, und fuhr fort:„Emil ging zu dem Mädchen und liebkoſte es; da lächelte ihn die Kleine an und ſagte Laute, die nicht franzöſiſch waren. Der Knabe begehrte das Kind mit⸗ zunehmen, und da man ihn und ſeinen Oheim kannte, ſo ward ſie ihm ohne Weitetes überlaſſen, bis ſie von ihren Angehörigen Jemand zurück⸗ fordere. So brachten die zwei Männer das Kind auf das Landhaus. Nie hat ſich aber Jemand mehr um die Waiſe gemeldet. Sie ward ſo⸗ fort meine Geſpielin und der Liebling Emil's. So oft er auf Beſuch da war, der oft Monate dauerte, lehrte er ſie Buchſtaben kennen, Blumen und Faltern nennen, und erzählte ihr Märchen. Sie horchte gern auf ihn und begriff wunderähnlich, und liebte ihn auch am meiſten. Dann ſagte er ihr von fernen Ländern, in denen er geboren worden, und von den ſchönen Menſchen, die dort wohnen. Auf einmal verlangte er ſelber nach Oſtindien. Alle Werke über dieſes Land, die er habhaft werden — —— konnte, las er durch und entzündete ſich immer mehr und mehr, ja, als er im nächſten Jahre von Paris kam, redete er zum Erſtaunen des Oheims ziemlich gut die Sprache der Bramanen. In demſelben Jahre ſtarb ein Handelsfreund in Calcutta, und dieß machte eine Reiſe des Oheims nach Indien nöthig. Emil jauchzte über den Tod des unbe⸗ kannten Freundes, weil er mitdurfte. Die Mädchen kamen unter die Obhut der Tante. „Sechs Jahre blieb er aus, und als er zurückkam, war er ein Mann, ſtark und gütig. Auch das unſcheinbare Kräutlein, Angela, war eine ſchöne Wunderblume geworden, ſo daß er betreten war bei ihrem Anblicke. Wir ſiedelten damals nach Wien über. Er unternahm nun ausſchließlich unſere Erziehung, und erzog ſich ſelbſt dabei. Er fing die Wiſſenſchaften an, und dichtete uns nebenbei indiſche Märchen vor, voll fremden Dufts und fremder Farben. Er predigte und lehrte nie, ſondern ſprach nur und erzählte uns, und gab uns Bücher. Wir lern⸗ ten trotz Männern. Die Dichter las er vor. So wurden wir uns nach und nach, wie die Jahre vergingen, immer gleicher, und für Europa eine Art fremdländiſcher Schauſtücke— aber das Herz, die Seele, glaube ich, hat er an den rechten Ort geſtellt— nun, Sie kennen ja jetzt alle Drei. Einmal ging er wieder fort, und war zwei Jahre in Amerika. Als er zurückkam, und Angela wieder herrlicher und ſchöner fand, ſo erkor er ſie zu ſeiner Braut; aber er ſagte nichts zu ihr, ſondern be⸗ ſchloß, daß ſie nun noch mehr als früher unter Männer, wo möglich, bedeutſame käme, und etwa frei wähle.— Indeß begann er ſie immer mehr und mehr zu lieben, ja, er lebte recht eigentlich um ihretwillen— ſie liebte ihn auch unter allen Dingen dieſer Erde am meiſten; aber Emil behauptete immer, ſie liebe ihn als Bruder. Da ihm ihr Glück das Höchſte war, ſo wollte er ihre Freiheit und Unbefangenheit nicht im Geringſten beirren, ſondern, um ihrem Herzen allen und jeden Raum zu geben, nahm er ſich vor, nach Frankreich zu gehen, wo er ohnedieß Ver⸗ mögensgeſchäfte zu ordnen hatte, und mich mitzunehmen. Ich ſage Ihnen, es war der ſchönſte Augenblick meines Lebens, da ich dieſen herr⸗ lichen Menſchen Abſchied nehmend vor Aſton ſtehen ſah, und ihn dring⸗ lich bitten hörte, er möge Angela lieben und ſchützen; er möge die beſten und edelſten Männer in ihre Nähe führen, ob ſie nicht Einen wähle, der es verſtände ihres Herzens werth zu werden. Ich weinte; Aſton tadelte ihn heftig, und da Alles nichts half, ſo ſchlug er Sie vor. Emil bil⸗ ligte es, und wir reiſten. Ich hatte ſehr gezürnt, als wir zurückkamen, und Angela in Schönbrunn Alles erzählte— noch mehr zürnte ich aber, da ich Ihre Abreiſe und Heftigkeit erfuhr.— Alle waren wir gegen Sie, nur Emil nicht, und was auch wir Alle— Angela war nie im Rathe — was auch wir Alle über Aufdringlichkeit und über Wegwerfung ſag⸗ ten: er dachte anders, und reiſte Ihnen nach.—„Wen ſie ſo lange geachtet hat,“ ſagte er,„der verdient nicht, daß man ihn ſo behandle und ohne weiters wegwerfe.“ Und ſo hat er Sie geſucht, ſo hat er Sie ge⸗ funden— und ſo iſt er nun entſchloſſen, Ihnen ſein Liebſtes zu geben. „Nun aber verzeihen Sie, daß wir Sie ſo lange in Hallſtadt auf⸗ gehalten haben; wir liebten Sie wohl ſchon früher, aber durch Ihre Eiferſucht geſchreckt, bat ich den Bruder, daß er mir erlaube, hieher zu kommen, damit ich doch auch mit eigenen Augen ſähe, an wen er unſere Angela hingeben wolle. Ich las durch Emil Ihr Tagebuch, und dieſes tilgte den letzten böſen Funken, der in mir war— wie Ihnen ja die heutige Unterredung zeigt.— Sie ſind ein guter Menſch, das genügt mir: was Sie ſonſt ſind, mag die Männer angehen. Das Tagebuch iſt bereits an Angela abgeſendet— zürnen Sie nicht, ich habe es ſo angeordnet; denn unter uns iſt es Sitte, daß unbeſchränkte Aufrichtig⸗ keit herrſcht. Emil iſt der beſte und ſtärkſte Menſch. Er opferte freudig jeden Anſpruch; er liebt Sie, und will das Glück ſeiner Schweſter gründen. Noch dürfte es Ihnen zum Verſtändniß dienen, daß mein Bruder der Graf Lorrel iſt; Morus, Grafen von Lorrel waren unſere Vorfahrer, aber wir ſind nur die Kaufleute Morus. In Wien iſt man ohne unſer Zuthun dahintergekommen. Es wird Ihnen jetzt auch ein gewiſſer Satz ihres Tagebuchs verſtändlich ſein. In gewiſſem Sinne war ſie immer Emil's Geliebte. „Auch ihre Herkunft hat ſich im vergangenen Sommer aufgeklärt, und Sie waren die eigentliche Veranlaſſung dazu. Sie iſt die Zwillings⸗ ſchweſter der ruſſiſchen Fürſtin Fodor, der ſie ſchon als Kind ſo ähnlich war, daß ihnen ihr Großvater kleine goldne Kreuzchen mit verſchiedener Bezeichnung umhing, daß man ſie unterſcheiden könne. Die Fürſtin wurde bei ihrem Großvater erzogen, deſſen Liebling ſie war, und deſſen Erbin ſie werden ſollte; Angela aber, die, wie wir jetzt wiſſen, eigent⸗ lich Alexandra heißt, blieb bei den Eltern, und wurde auf jene unglück⸗ ———— —— ſelige Reiſe mitgenommen, wo Beide ein ſo trauriges Ende nahmne. Man hielt in Rußland Angela für todt, und erſt im vergangenen Som⸗ mer, da die Fodor den Schauplatz des Mordes ihrer Eltern beſuchte, erſah ſie aus den dortigen gerichtlichen Angaben, daß und wo ihre Schweſter lebe. Sie fuhr ſofort nach Wien, und ſetzte ihre Geſandt⸗ ſchaft in Bewegung, um die verlorne Schweſter aufzufinden. Ihre Er⸗ zählung auf jenem Balle bei Aſton, daß Sie die Fürſtin im Paradies⸗ garten geſehen, daß Lothar ſie gemalt habe, daß ſie ein goldnes Kreuz⸗ chen trage, wie Angela, und daß ſie ihr ſo ähnlich ſei, hat zwar nicht ausſchließlich das Erkennen bewirkt, wohl aber die Annäherung. Die Schweſtern ſahen ſich in Wien, und es war dieß ein bittrer Tag für Angela. Die Fürſtin forderte, daß Angela hinfort den Umgang mit dieſen Menſchen abbreche, unter denen ſie ſich bisher„umtrieb“;„ſie habe nicht weiter noth, als aufgeleſenes Findelkind bei derlei Menſchen zu verbleiben, von Almoſen zu leben, oder etwa gar von einem noch ſchnödern Lohne.“ Angela richtete ſich gegen dieſe Worte auf, und wies ſie entſchieden zurück, und da die Fürſtin darauf beharrte, ſo weinte An⸗ gela wohl einige bittere Unmuthsthränen, aber entſagte, wie es in ihrer entſchiedenen Ratur liegt, lieber der neugefundenen Schweſter, die ſolches forderte, als uns, die wir doch eigentlich die Verwandten ihres Herzens geworden ſind. Sie wies auch jeden Antrag hinſichtlich des Vermögens von ſich— ſie hat auch nicht nöthig einen Anſpruch zu machen; denn meine und Enil's Habe wurde ſchon längſt in drei gleiche Theile getheilt, und Angela's Theil iſt ihr gerichtlich zugeſichert, da wir ja alle Drei Geſchwiſter ſind, und es ewig bleiben wollen.“ Ihre Augen brachen in Thränen aus, als ſie das ſagte, und hinzuſetzte:„Morgen werden Sie ſie ſehen, und deſto früher, je weiter Sie ihr entgegenfahren. Sie wird heute Abends nach Gmunden kommen.“ Ich war erſchüttert und gerührt, und bat ſogleich, als wir zurück⸗ kamen, den Bruder Emil, mit mir aufzubrechen, und nicht zu ruhen, bis wir heute noch Gmunden erreicht hätten. Er ſagte es zu. Das Schiff ſteht bereitet. Lebe wohl! Lilie. Hallſtadt, 26. Auguſt 1834. Und nun habe ich meine Angela wieder geſehen, auf ewigmeine Angela! Heute ſind wir Alle, Emil, Aſton, ſeine Mädchen, Angela, Natalie, Lothar und ich, bis tief in die Nacht beieinander geweſen, und obwohl es ſpät iſt, ſo muß ich doch noch ein Stück meines lärmenden freudefunkelnden Herzens an Dich abſenden. O komme nur, o komme nur— das ſind Menſchen!! Du fehleſt noch, und die Häuſer am Traun⸗ ſee— dann wäre ja der ſchönſte einſt ſo närriſche Traum erfüllt; das Schwerſte iſt überwunden, die Menſchen ſind da! Nur in Kürze kann ich Dir etwas ſenden— in Genf wirſt Du wieder ein Blatt finden, das letzte.— Dann eile mit Windesflügeln nach Wien. Nun etwas von dem Wiederſehen Angela's.— O Titus! komme nur, daß Du ſie ſehen kannſt, Du ſiehſt die reinſte fleckenloſeſte Lilie! Wir kamen Abends in Gmunden an! Athemlos ging ich mit Emil die Treppe hinan auf ihr Zimmer— nur der beigegebene Diener war da, und ſagte, ſie ſei mit ihrem Mädchen längs des Sees gegen Altmün⸗ ſter gegangen. Wir gingen eilig nach— meine Augen fanden ſie bald. Im gewohnten weißen Kleide wandelte ſie langſam vor uns, das Antlitz auf den abendglühenden Traunſtein gerichtet. Kaum zwei Schritte waren wir noch hinter ihr, als ſie ſich unſah— ach! ganz ſo ſchön, wie ich gedacht hatte, war ihr Benehmen— nur eine Sekunde ſtockte ſie, dann nur Freude, die ſchöne, die herrliche Freude, der Schmuck des Men⸗ ſchenangeſichtes, glänzte aus ihren Augen, als ſie uns die Hände reichte — nicht eine Ahnung eines Vorwurfs in den heitern Mienen. „Ich habe Unrecht gethan, Angela!“ ſagte ich zitternd, indem ich ihre Hand hielt und in ihre Augen ſah. Faſt ihren Bruder vernachläſ⸗ ſigend, wandte ſie ſich ganz zu mir; und meinem Blicke voll Sanftmuth begegnend, ſagte ſie:„Nicht Unrecht thaten Sie, nur übereilt geurtheilt — — 125— haben Sie, und ſich recht viel Weh bereitet— ich will es durch noch mehr Liebe gut zu machen ſuchen, daß ich die Urſache war.“ „Nein!“ rief ich,„ich kann nur durch die grenzenloſeſte Liebe ſchwach vergelten, daß einmal bittere Tropfen durch mich in dieſe Augen ſtiegen— und Angela, ich will es auch vergelten, ſo lange in mir ein Hauch des Lebens iſt.“ „Liebe verbricht nichts,“ antwortete ſie;„ſondern nur der Haß— und Liebe vergilt nicht, ſondern nur die Gerechtigkeit.— Liebe iſt da, weil ſie da iſt, und beglückt ſo Geber, wie Empfänger— ich bin erſt recht glücklich geworden, als ich Sie ſo lieb gewonnen. Laſſen Sie mir auch die Tropfen; ſie waren nicht bitter— und ich gäbe ſie jetzt durch⸗ aus nicht mehr zurück. Eines aber haben Sie zu büßen, daß Sie mir die Freude, die ich mir ſelbſtſüchtig zubereiten wollte, verdarben; nämlich Euch Beide einander im Triumphe zuzuführen, und zu ſehen, wie Schritt um Schritt Einer den andern an ſich reißen wird— und nun kommen ſie Beide und haben am Almſee die ſchönſte Nacht gefeiert, während die arme Schweſter ſich in Wien mit Ahnungen abquälen mußte: wo wer⸗ den ſie jetzt ſein, was werden ſie thun, wie viel werden ſie ſchon geſpro⸗ chen haben, wie gefallen ſie ſich?....“ „Aber nun ſei herzlich und tauſendmal gegrüßt!“ fiel Emil ein; „hier haſt Du Beide, und betrachte ſie nur, wie ſie ſich ſchon gut ſind, und es täglich noch mehr werden wollen, und nun gehen wir nicht mehr auseinander, Natalie und die Aſton's und wir, und, geliebt es Gott, noch Einer, nämlich Lothar— das ſoll ein ſchönes Leben geben, wie es in den Traunſeehäuſern gedichtet worden iſt.“ Ich erröthete, weil mir einfiel, daß ſie ſo eben mein Tagebuch ge⸗ leſen habe. Sie fühlte es augenblicklich und ſagte freundlich:„Wenn wir in den Gaſthof kommen, werde ich Ihnen alle meine geheimſten Schriften einhändigen.“ Der erſte Augenblick war nun überſtanden— wir gingen weiter den See entlang, und immer leichter und immer traulicher löſete ſich das Band der Rede, bis Alles war, wie einſt, wenn ich mit ihr manche Stunde ſo recht in den dichteriſch'ſten Schwärmereien herumwandelte. Emil war mir keine fremde Störung, ihr ohnehin nicht, ja es war, als gehörte er eben ſo, wie er iſt, dazu. Die Reden wurden immer wärmer und begeiſterter, und die Herzen gaben ſich immer reiner und unverhüll⸗ ter. Drei glücklichere Menſchen mochten an dieſem Abende gewiß nicht in den Mauern der reizenden Uferſtadt geweſen ſein. Wir gingen erſt in un⸗ ſer Gaſthaus, als ſchon zwei Sternenhimmel leuchteten, einer über, einer unter dem See. Als Emil und ich in unſerem Zimmer waren, trat ich an das Fenſter, das auf den See ſah, und bat Gott ſonſt um gar nichts, als: er möge mir die Gnade verleihen, dieſem weiblichen Weſen ganz ſo vergelten zu können, wie ſie es verdient. Ehe wir ſchlafen gingen, that ich etwas, was ſeit Jahren das Albernſte war, was ich erdenken konnte. Ich trat nämlich beklommen zu Emil und ſagte, daß ich es für meine Pflicht halte ihm zu eröffnen, daß meine Vermögensumſtände geringe ſeien, und ich ſeiner Ziehſchweſter daher nur ein ſehr beſcheidenes Loos anbieten könne— und es drücke mich dieſer Gedanke ſchon lange her——— Er ſah mich befremdet an, dann ſagte er lächelnd:„Da haſt Du Dir einen netten Zopf in dem alten Europa geflochten, und hängſt ihn Dir heute Abends vor mir ehrbar an— und ſtehſt da daß ich Dich aus⸗ lachen ſoll! Nicht wahr, wenn Du in den See fällſt und ertrinken willſt, und ich ziehe Dich mit äußerſter Gefahr meines Lebens heraus, ſo dan⸗ keſt Du mir, und es freut Dich, und Du erſcheinſt Dir nicht gedemü⸗ thigt— aber wenn ich ſage: das Glück und der Fleiß meines Vaters hat mir ſo viel zugeführt, daß ich und Andere ein ſchönes Vernunftleben füh⸗ ren können, wie es Gott nach unſerer Lage fordern kann, und wenn ich ſage, da liegt ſo viel übrig, daß wir es gar nicht verbrauchen können, bleibe da, gönne uns einen Antheil und Genuß an Deinem Geiſtesleben, und verwende von dem, was ſonſt unnütz da läge, ſo viel Du willſt, zu immer weiterer Ausbildung dieſes Deines Geiſteslebens— nimm An⸗ theil an dem, was wir geſellig beginnen wollen, und an den Thaten, wodurch wir das Reich des Guten zu erweitern ſtreben wollen; wenn ich dieſes Alles ſage, ſo ſitzeſt Du da und fühlſt Dich gedrückt— warum? weil ſie Alle ihr Leben lieber für den Andern wagen, als ihr Geld; weil Alles mittheilbar iſt, nur kein Vermögen— außer in Almoſen— und weil ſie dieſes mit Stolz und ſo geben, daß der Empfänger gedemüthigt wird. Wenn ein Freund ein übermäßiges Vermögen mit dem andern dürftigeren Freunde theilt, ſo ſchreien ſie, das ſei eine ungeheure ſchöne That— damit aber bekennen ſie nur die ganze eingewurzelte Schlechtig⸗ keit ihrer Selbſtſucht. Haben Dich die dreißig Dukaten Deines Titus —— — 127— beleidigt? oder ihn und Dich das, daß Ihr Euer Erworbenes in Hälften aneinander mittheiltet? Es hat Euch nicht beleidigt, weil Ihr Euch zu⸗ rückerſtattet— alſo, wenn ich Dich aus dem See gezogen hätte, dann müßte ich aus Zartheit hineinfallen, daß Du mich wieder heraus zögeſt? Wir ſind Eine Familie; dadurch, daß Dich Angela liebgewonnen hat, trittſt Du in dieſe Familie ein, und dieſe Familie hat ſo und ſo viel Gü⸗ ter, und ſo und ſo viel fällt auf Euch Beide gerade in der Art, wie wenn Du etwa eine Million von einem wildftemden Oheim geerbt hätteſt— oder fühlſt Du Dich auch gegen den verblichenen Oheim unterthänig? Nicht— weil Erben herkömmlich iſt, Anderes nicht.—— Daß Angela Dir ihr Herz gab, das iſt eine Gabe, das iſt ein reines Geſchenk, das Du in Demuth annehmen magſt, und wo Du auf Vergeltung ſin⸗ nen kannſt, wenn es anders möglich iſt, etwas ſo Hohes zu vergelten. Ich verachte ſelbſt den Mann, der, wenn er ein reiches Weib hei⸗ rathet, ſofort jedes Geſchäft fahren und ſich von ihr ernähren läßt—— aber wird Dein Streben in all unſter ſchönen Zukunft nicht weit mehr werth ſein, als das, was Dir hier zufällig entgegenkommt? Doch genug, es ließ Dir naiv; aber ich habe es von Dir nicht erwartet, daß Du mit dieſer Laſt angefahren kommen wirſt. Wir wollen es den Mädchen ver⸗ heimlichen; ſie müßten Dich auslachen.“ „So höre einmal auf!“ rief ich aus, und in der That, Titus! es kam etwas Schamröthe über mich wie er die Dinge ſo gelaſſen einfach entwickelte.— Wie thöricht weit ſind wir doch in unſerer Ausbildung ſchon in Unverſtand und Unnatur hineingefahren! „Lothar ſcheint derſelbe Nart zu ſein,“ fuhr er nach einer Weile fort;„er quält ſich ſichtbar ab— und dennoch, als der Doctor Natalien den Hof machte, konnte ſie nichts Eiligeres thun, als ihr Herz an die frommen ſchönen Künſtleraugen Lothar's weggeben— ich habe es gleich bemerkt; er nicht, ſondern er ringt und malt, und malt in jedes Bild deutlicher ſeine Liebe hinein. Run, es wird ſich finden. Dadurch, daß Natalie dieſen Menſchen wählte, hat ſie ihrem ſchönen Weſen die Krone aufgeſetzt, und dann, Albrecht, ſollen Deine Villen auferſtehen, wenn anders Raum zu ihnen zu bekommen iſt. Bringe nur bald auch den Titus.“ Die Bemerkung über Lothar war mir nicht neu— ich hatte ſie in 128— der Stille auch ſchon gemacht, und mein Tagebuch muß ihm eher Vor⸗ ſchub als Abbruch gethan haben. Heute fuhren wir ſchon um vier Uhr früh über den See, in der Lambath wartete der Wagen, und wir verlebten Alle den herrlichen Tag in Iſchl. Wir bleiben noch drei Wochen in dem Gebirge, und dann geht es wieder vorläufig nach Wien. 18. Zundelrebe. Wien, 18. September 1834. Ich muß Dir noch dieß Blättchen ſenden, ehe ich Dich an meinem Herzen habe. Es freut mich etwas gar zu ſehr. Aſton hat es zwar allein geordnet, der Plan aber ging von Allen aus. Mein Paphos, mein El⸗ dorado, meine zwei Zimmer, wie ich ſie einſt dichtete, ſind leibhaftig und in Wahrheit da. Aſton, der vor Freude um volle dreißig Jahre jünger iſt, und Emil holten mich heute in meiner Stube ab, und führten mich hin. Dieſe Zeilen ſchreibe ich ſchon da. Die Staffelei, die Tropenpflanzen, die Bilder, die Statuen, die grauen Vorhänge, die Geräthe, das Fern⸗ rohr(aber es iſt ein Plößl), Alles, Alles iſt da, und wie ich ſo recht freudig war, wie ein Kind, und dem guten freudigen Aſton die Hände drückte, machte er ſich los, riß eine unbemerkte Tapetenthür auf, und dahinter ſtand lächelnd Angela und Lucie, und Ratalie und Emma, und hinter ihnen die drei Zimmer, wie ſie gewünſcht wurden, mit dem Piano, und der Glasthür und dem Balkone und dem Garten. Alle Mädchen lachten und freuten ſich, und Alle mußten den alten Aſton küſſen; denn er allein hat Alles gemacht und ordnen laſſen, und kein Auge durfte es früher ſehen, als heute. Eine Lafel ſtand in einem der Zimmer gedeckt und bereitet, das Mahl zu empfangen, das heute hier in meiner Woh⸗ nung eingenommen werden ſoll,— und Angela hat das ganze Mahl — gerüſtet.— Sie kann alſo doch auch kochen— o Titus! wie ſchön, wie unſäglich reizend läßt der hochgeiſtigen Geſtalt die liebe Wirthlichkeit, die Schürze, die Schlüſſel, das hausmütterliche Auge, und die höhere Wangenröthe von der Bewegung und Arbeit!— Sie war ſelbſt ſo ſehr freudig und neckiſch, daß ſie ordentlich irdiſcher wurde und ich den Muth bekam, bei einer gelegenen Sekunde ihre Wange zu küſſen, was ich nie gewagt hatte; ſie litt es ohne Ziererei, ſah mich an, und enteilte. Lothar und Ratalie ſind auch ein Paar.— O komme nur, komme, daß ich Dich nur einmal faſſen kann, und faſt an mir zerdrücken; ſonſt werde ich noch vor Freude närriſch. 19. himmelsröschen. Wien, 1. Mai 1835. Die Gundelrebe war das letzte Tagebuchblatt Albrecht's, und das Himmelsröschen iſt ganz von mir, d. h. von dem Sammler und Erzähler der obigen Blätter— und das Himmelsröschen hätte mit Fug eine Vor⸗ rede abgegeben, wenn nicht alles dadurch verrathen worden wäre. Deß⸗ halb folgt es jetzt gleichſam als Nachrede, und enthält wieder eine Ge⸗ ſchichte. Am erſten Mai anno domini 1835 war zu Haimbach ein großes Frühſtück. Es war da: erſtens ein junger, ſchöner, höchſt geiſt⸗ voller Mann nit ernſten Augen und muthigem Antlis, Albrecht, der Schreiber obiger Blätter; an ſeiner Seite war Angela, ſein wohl⸗ getrautes Eheweib, eine vollendete Minerva. Item ein zweites junges Ehepaar: Lothar und Natalie; Albrecht zeichnete ſie in ſeinen Blättern ohnedieß ſehr gut. Tertio: Emil und Lucie, kein Ehepaar, ſondern gute Freunde. Ferner ein ſonnverbrannter, feurig blickender Mann, mit mehr Lockenwald, als Jupiter Olimpicus, aber etwas klein und ſtämmig: der Titus aus den Pyrenäen. Ihm zur Seite ſaß — nicht ſein Weib— ſondern Jungfrau Em ma, friſch berumblickend Stifter. 4. Aufl. I. 9 — 130— voll trotziger Geſundheit, item Onkel und Tante; und zuletzt Aſton, zu dem ſich kein weiblicher Geſponſe vorfand, man müßte nur die Wirthin rechnen, die freudig und verſchämt lächelnd herumging, und alle Hände voll zu thun, und ihres Wunderns und Geſegnens kein Ende hatte; denn ganz oben am Ende des Tiſches, im ſchönſten Goldrahmen prangend, ſteht ihr ſehr gelungenes Conterfei auf„ſchneeweißem Pa⸗ piere“ in netten Farben ausgeführt, wie es Albrecht in der Glockenblume verſprochen hatte. 1 So war alſo jener Scherz ſchon in einem Jahre in Erfüllung ge⸗ gangen, nur verkehrt. Lothar hatte das Griechenbild und Albrecht die Verſchleierte gewonnen. Und dem damaligen Scherze zu lieb wurde das heutige Frühſtück veranlaßt, um die Vorausſagung ſo wahr als möglich zu machen. Ich ſaß jenes geſegneten Tages aus purem blinden Zufalle in Haim⸗ bach, und dieſem Zufalle verdankt der Leſer die ganze obige Geſchichte; denn, weiß Gott, wie es kam— die Leutchen alle gefielen mir ſo ſehr, und ich etwa ihnen auch, daß ſich eine Bekanntſchaft entſpann, und dann gar ein Mitihnenfahren, und ſofort eine nähere bis heute fortgeſetzte Freundlichkeit und ein traulicher Ungang, und lieb wäre es mir, wenn ich eines ſchönen Tages die liebholdeſte Emma zum Altare führen könnte. Noch einen Rath füge ich in Schnelle bei, bevor wir ſcheiden, nämlich: „Wer etwa dieſe Zeit her Luſt hat, den Traunſee zu beſuchen, der warte noch zwei oder drei Jahre, wenn es angeht; denn dann ſind die zwei wunderſchönen Landhäuſer ſchon fertig, die ganz nach Albrecht's An⸗ gabe am Traunkirchner Ufer werden aufgeführt werden, als Wohnung der obigen Frühſtückgeſellſchaft— wenn nicht bis dahin ein anderer Plan gefaßt wird, etwa am Jura zu wohnen, oder in Neuſeeland, oder ſonſt wo, was von ſo überirdiſchen Köpfen nicht zu wundern wäre.“ Und ſo, lieber Leſer, gehabe Dich wohl!!! Das Haidedorf. 1840. . Die huide. In eigentlichen Sinne des Wortes iſt es nicht eine Haide, wohin ich den lieben Leſer und Zuhörer führen will, ſondern weit von unſerer Stadt ein traurig liebliches Fleckchen Landes, das ſie die Haide nennen, weil ſeit unvordenklichen Zeiten nur kurzes Gras darauf wuchs, hie und da ein Stamm Haideföhre, oder die Krüppelbirke, an deren Rinde zuweilen ein Wollfflöckchen hing, von den wenigen Schafen und Ziegen, die zeit⸗ weiſe hier herumgingen. Ferner war noch in ziemlicher Verbreitung die Wachholderſtaude da, im Weitern aber kein andrer Schmuck mehr; man müßte nur die fernen Berge hierher rechnen, die ein wunderſchönes blaues Band um das mattfärbige Gelände zogen. Wie es aber des Oeftern geht, daß tiefſinnige Menſchen, oder ſolche, denen die Natur allerlei wunderliche Dichtung und ſeltſame Gefühle in das Herz gepflanzt hatte, gerade ſolche Orte aufſuchen und liebgewinnen weil ſie da ihren Träumen und innerem Klingklang nachgehen können: ſo geſchah es auch auf dieſem Haideflecke. Mit den Ziegen und Schafen nämlich kam auch ſehr oft ein ſchwarzäugiger Bube von zehn oder zwölf Jahren, eigentlich um dieſelben zu hüten; aber wenn ſich die Thiere zer⸗ ſtreuten— die Schafe um das kurze würzige Gras zu genießen, die Zie⸗ gen hingegen, für die im Grunde kein paſſendes Futter da war, mehr ihren Betrachtungen und der reinen Luft überlaſſen, nur ſo gelegentlich den einen oder andern weichen Sproſſen pflückend— fing ex inzwiſchen an, Bekanntſchaft mit den allerlei Weſen zu machen, welche die Haide hegte, und ſchloß mit ihnen Bündniß und Freundſchaft. Es war da ein etwas erhabener Punkt, an dem ſich das graue Ge⸗ ſtein, auch ein Mitbeſitzer der Haide, reichlicher vorfand, und ſich gleich⸗ — 134— ſam emporſchob, ja ſogar am Gipfel mit einer überhängenden Platte ein Obdach und eine Rednerbühne bildete. Auch der Wachholder drängte ſich dichter an dieſem Orte, ſich breit machend in vielzweigiger Abſtammung und Sippſchaft nebſt manch ſchönblumiger Diſtel. Bäume aber wa⸗ ren gerade hier weit und breit keine, weßhalb eben die Ausſicht weit ſchöner war, als an andern Punkten, vorzüglich gegen Süden, wo das ferne Moorland, ſo ungeſund für ſeine Bewohner, ſo ſchön für das ent⸗ fernte Auge, blauduftig hinausſchwamm in allen Abſtufungen der Ferne. Man hieß den Ort den Roßberg; aus welchen Gründen, iſt unbekannt, da hier nie ſeit Menſchenbeſinnen ein Pferd ging, was überhaupt ein für die Haide zu koſtbares Gut geweſen wäre. Nach dieſem Punkte nun wanderte unſer kleiner Freund am aller⸗ liebſten, wenn auch ſeine Pflegebefohlenen weit ab in ihren Berufs⸗ geſchäften gingen, da er aus Erfahrung wußte, daß keines die Ge⸗ ſellſchaft verließ, und er ſie am Ende alle wieder vereint fand, wie weit er auch nach ihnen ſuchen mußte; ja, das Suchen war ihm ſelber aben⸗ teuerlich, vorzüglich, wenn er weit und breit wandern mußte. Auf dem Hügel des Roßberges gründete er ſein Reich. Unter dem überhängenden Blocke bildete er nach und nach durch manche Zuthat, und durch mühe⸗ volles, mit ſpitzen Steinen bewerkſtelligtes Weghämmern einen Sitz, an⸗ fangs für Einen, dann füglich für Drei geräumig genug; auch ein und das andere Fach wurde vorgefunden oder hergerichtet, oder andere be⸗ queme Stellen und Winkel, wohin er ſeinen leinenen Haideſack legte, und ſein Brod, und die unzähligen Haideſchätze, die er vft hieher zuſammen⸗ trug. Geſellſchaft war im Uebermaße da. Vorerſt die vielen großen Blöcke, die ſeine Burg bildeten, ihm alle bekannt und benannt, jeder an⸗ ders an Farbe und Geſichtsbildung, der unzähligen kleinen gar nicht zu gedenken, die oft noch bunter und farbenfeuriger waren. Die großen theilte er ein, je nachdem ſie ihn durch Abenteuerlichkeit entzückten, oder durch Gemeinheit ärgerten: die Kleinen liebte er alle. Dann war der Wachholder, ein widerſpenſtiger Geſelle, unüberwindlich zähe in ſeinen Gliedern, wenn er einen köſtlichen, wohlriechenden Hirtenſtab ſollte fah⸗ ren laſſen, oder Platz machen für einen anzulegenden Weg;— ſeine Arſte ſtarrten rings von Nadeln, ſtrotzten aber auch in allen Zweigen von Ga⸗ ben der Ehre, die ſie Jahr aus Jahr ein den reichlichen Haidegäſten auf⸗ tiſchten, die millionenmal Millionen blauer und grüner Beeren. Dann — 135— waren die wunderſamen Haideblümchen, glutfärbig oder himmelblau brennend, zwiſchen dem ſonnigen Gras des Geſteines, oder jene unzähl⸗ baren kleinen, zwiſchen dem Wachholder ſproſſend, die ein weißes Schnä⸗ belchen aufſperren, mit einem gelben Zünglein darinnen— auch manche Erdbeere war hie und da, ſelbſt zwei Himbeerſträuche, und ſogar, zwi⸗ ſchen den Steinen emporwachſend, eine lange Haſelruthe. Böſe Geſell⸗ ſchaft fehlte wohl auch nicht, die er vom Vater gar wohl kannte, wenn ſie auch ſchön war, z. B. hie und da, aber ſparſam, die Einbeeren, die er nur ſchonte, weil ſie ſo glänzend ſchwarz waren, ſo ſchwarz, wie gar nichts auf der ganzen Haide; ſeine Augen ausgenommen, die er freilich nicht ſehen konnte. Faſt ſollte man von der lebenden und bewegenden Geſellſchaft nun gar nicht mehr reden, ſo viel iſt ſchon da; aber dieſe Geſellſchaft iſt erſt vollends ausgezeichnet. Ich will von den tauſend und tauſend goldenen, rubinenen, ſmaragdenen Thierchen und Würnchen gar nichts ſagen, die auf Stein, Gras und Halm kletterten, rannten und arbeiteten, weil er von Gold, Rubinen und Smaragden noch nichts ſah, außer was der Himmel und die Haide zuweilen zeigte;— aber von Anderem muß ge⸗ ſprochen werden. Da war einer ſeiner Günſtlinge, ein ſchnarrender pur⸗ purflügliger Springer, der dutzendweiſe vor ihm aufflog, und ſich wieder hinſetzte, wenn er eben ſeine Gebiete durchreiſete— da waren deſſen un⸗ zählbare Vettern, die größern und kleinern Heuſchrecken, in mißfarbiges Grün gekleidete Heiduken, luſtig und raſtlos zirpend und ſchleifend, daß an Sonnentagen ein zitterndes Geſinge längs der ganzen Haide war— dann waren die Schnecken mit und ohne Häuſer, braune und geſtreifte, gewölbte und platte, und ſie zogen ſilberne Straßen über das Haidegras, oder über ſeinen Filzhut, auf den er ſie gerne ſetzte— dann die Fliegen, ſummende, ſingende, piepende, blaue, grüne, glasflüglige— dann die Hummel, die ſchläfrig vorbeiläutete— die Schmetterlinge, beſonders ein kleiner mit himmelblauen Flügeln, auf der Kehrſeite ſilbergrau mit gar anmuthigen Aeuglein, dann noch ein kleinerer mit Flügeln, wie eitel Abendröthe— dann endlich war die Ammer, und ſang an vielen Stel⸗ len; die Goldammer, das Rothkehlchen, die Haidelerche, daß von ihr oft der ganze Himmel voll Kirchenmuſik hing; der Diſtelfink, die Grasmücke, der Kibitz, und andere und wieder andere. Alle ihre Reſter lagen in ſei⸗ ner Monarchie, und wurden aufgeſucht und beſchützt. Auch manch rothes 3 Feldmäuschen ſah er ſchlüpfen und ſchonte ſein, wenn es plötzlich ſtille hielt, und ihn mit den glänzenden erſchrockenen Aeuglein anſah. Von Wölfen oder andern gefährlichen Böſewichtern war ſeit Urzeiten aller ſei⸗ ner Vorfahren keiner erlebt worden, manches eierſaufende Wieſel ausge⸗ nommen, das er aber mit Feuer und Schwert verfolgre. Inmitten all dieſer Herrlichkeiten ſtand er, oder ging, oder ſprang, oder ſaß er— ein herrlicher Sohn der Haide: aus dem tiefbraunen Ge⸗ ſichtchen voll Güte und Klugheit leuchteten in blitzendem, unbewußtem Glanze die pechſchwarzen Augen, voll Liebe und Kühnheit, und reichlich zeigend jenes gefahrvolle Element, was ihm geworden und in der Haide⸗ einſamkeit zu ſproſſen begann, eine dunkle glutenſprühige Fantaſie. Um die Stirne war eine Wildniß dunkelbrauner Haare, kunſtlos den Winden der Fläche hingegeben. Wenn es mir erlaubt wäre, ſo würde ich meinen Liebling vergleichen mit jenem Hirtenknaben aus den heiligen Büchern, der auch auf der Haide vor Bethlehem ſein Herz fand, und ſeinen Gott, und die Träume der künftigen Königsgröße Aber ſo ganz arm, wie un⸗ ſer kleiner Freund, war jener Hirtenknabe gewiß nicht; denn des ganzen lieben Tages Länge hatte er nichts, als ein tüchtig Stück ſchwarzen Bro⸗ tes, wovon er unbegreiflicher Weiſe ſeinen blühenden Körper und den noch blühendern Geiſt nährte, und ein klares kühles Waſſer, das unweit des Roßberges vorquoll, ein Brünnlein füllte, und dann flink längs der Haide forteilte, um mit andern Schweſtern vereint jenem fernen Moore zuzugehen, deſſen wir oben gedachten. Zu guten Zeiten waren auch ein oder zwei Ziegenkäſe in der Taſche. Aber ein Nahrungsmittel hatte er in einer Güte und Fülle, wie es der überreichſte Städter nicht aufwei⸗ ſen kann, einen ganzen Ozean der heilſamſten Luft um ſich, und eine Farbe und Geſundheit reifende Lichtfülle über ſich. Abends, wenn er heim kam, wohin er ſehr weit hatte, kochte ihm die Mutter eine Milch⸗ ſuppe, oder einen köſtlichen Brei aus Hirſe. Sein Kleid war ein halb⸗ gebleichtes Linnen. Weiter hatte er noch einen breiten Filzhut, den er aber ſelten aufthat, ſondern meiſtens in ſeinem Schloſſe an einen Holz⸗ nagel hing, den er in die Felſenriße geſchlagen hatte.* Dennoch war er ſtets luſtig, und wußte ſich oft nicht zu halten vor Frohſinn. Von ſeinem Königsſitze aus herrſchte er über die Haide. Theils durchzog er ſie weit und breit, theils ſaß er hoch oben auf der Platte oder Rednerbühne, und ſo weit das Auge gehen konnte, ſo weit ging die Fantaſie mit, oder ſie ging noch weiter, und überſpann die ganze Fernſicht mit einem Fadennetze von Gedanken und Einbildungen, und je länger er ſaß, deſto dichter kamen ſie, ſo daß er oft am Ende ſelbſt ohn⸗ mächtig unter dem Netze ſteckte. Furcht der Einſamkeit kannte er nicht; ja, wenn recht weit und breit kein menſchliches Weſen zu erſpähen war, und nichts, als die heiße Mittagsluft längs der ganzen Haide zitterte, dann kam erſt recht das ganze Gewimmel ſeiner innern Geſtalten daher, und bevölkerte die Haide. Nicht ſelten ſtieg er dann auf die Steinplatte, und hielt ſofort eine Predigt und Rede— unten ſtanden die Könige und Richter, und das Volk und die Heerführer, und Kinder und Kindskinder, zahlreich, wie der Sand am Meere; er predigte Buße und Bekehrung— und Alle lauſchten auf ihn; er beſchrieb ihnen das gelobte Land, ver⸗ hieß, daß ſie Heldenthaten thun würden, und wünſchte zuletzt nichts ſehn⸗ licher, als daß er auch noch ein Wunder zu wirken vermöchte. Dann ſtieg er hernieder und führte ſie an, in die fernſten und entlegenſten Theile der Haide, wohin er wohl eine Viertelſtunde zu gehen hatte— zeigte ihnen nun das ganze Land der Väter, und nahm es ein mit der Schärfe des Schwertes. Dann wurde es unter die Stämme ausgetheilt, und jedem das Seinige zur Vertheidigung angewieſen. Oder er baute Babilon, eine furchtbare und weitläufige Stadt— er baute ſie aus den kleinen Steinen des Roßberges, und verkündete den Heuſchrecken und Käfern, daß hier ein gewaltiges Reich entſtehe, das Niemand überwinden kann, als Cyrus, der morgen oder übermorgen kommen werde, den gottloſen König Balſazar zu züchtigen, wie es ja Daniel längſt vorher geſagt hat. Oder er grub den Jordan ab, d. i. den Bach, der von der Quelle floß, und leitete ihn anderer Wege— oder er that das alles nicht, ſon⸗ dern entſchlief auf der offenen Fläche, und ließ über ſich einen bunten Teppich der Träume weben. Die Sonne ſah ihn an, und lockte auf die ſchlummernden Wangen eine Röthe, ſo ſchön und ſo geſund, wie an ge⸗ zeitigten Aepfeln, oder ſo reif, und kräftig, wie an der Lichtſeite voll⸗ körniger Haſelnüſſe, und wenn ſie endlich gar die hellen großen Tropfen auf ſeine Stirne gezogen hatte, dann erbarmte ihr der Knabe und ſie weckte ihn mit einem heißen Kuſſe. So lebte er nun manchen Tag und manches Jahr auf der Haide, und wurde größer und ſtärker, und in das Hetz kamen tiefere, dunklere — 138— und ſtillere Gewalten, und es ward ihm wehe und ſehnſüchtig— und er wußte nicht, wie ihm geſchah. Seine Erziehung hatte er vollendet, und was die Haide geben konnte, das hatte ſie gegeben; der reife Geiſt ſchmachtete nun nach ſeinem Brote, dem Wiſſen, und das Herz nach ſeinem Weine, der Liebe. Sein Auge ging über die fernen Duftſtreifen des Moores, und noch weiter hinaus; als müſſe dort draußen etwas ſein was ihm fehle, und als müſſe er eines Tages ſeine Lenden gürten, den Stab nehmen, und weit, weit von ſeiner Heerde gehen. Die Wieſe, die Blumen, das Feld und ſeine Aehren, der Wald und ſeine unſchuldigen Thierchen ſind die erſten und natürlichſten Geſpielen und Etzieher des Kinderherzens. Ueberlaß den kleinen Engel nur ſeinem eigenen innern Gotte, und halte bloß die Dämonen ferne, und er wird ſich wunderbar erziehen und vorbereiten. Dann, wenn das fruchtbare Herz hungert nach Wiſſen und Gefühlen, dann ſchließ ihm die Größe der Welt, des Menſchen und Gottes auf. Und ſomit laßt uns Abſchied nehmen von dem Knaben auf der Haide. Das haidehaus. Eine gute Wegeſtunde von dem Roßberge ſtand ein Haus, oder vielmehr eine weitläufige Hütte. Sie ſtand am Rande der Haide weit ab jeder Straße menſchlichen Verkehres; ſie ſtand ganz allein, und das Land um ſie war ſelber wieder eine Haide, nur anders, als die, auf der der Knabe die Ziegen hütete. Das Haus war ganz aus Holz, faßte zwei Stuben und ein Hinterſtübchen, alles mit mächtigen braunſchwarzen Tragebalken, daran manch Feſtkrüglein hing, mit ſchönen Trinkſprüchen bemalt. Die Fenſter, licht und geräumig, ſahen auf die Haide, und das Haus war umgeben von dem Stalle, Schoppen und der Scheune. Es war auch ein Gärtlein vor demſelben, worin Gemüſe wuchs, ein Hol⸗ lunderſtrauch und ein alter Apfelbaum ſtand— weiter ab waren noch drei Kirſchbäume, und unanſehnliche Pflaumengeſträuche. Ein Brunnen — 139— floß vor dem Hauſe, kühl, aber ſparſam; er floß von dem hohen ſtarken Holzſchafte in eine Kufe nieder, die aus einem einzigen Haideſtein ge⸗ hauen war. In dieſem Hauſe war es ſehr einſam geworden; es wohnten nur ein alter Vater und eine alte Mutter darinnen, und eine noch ältere Großmutter— undAlle waren ſietraurig; denn er war fortgezogen, weit in die Fremde, der das Haus mit ſeiner jugendlichen Geſtalt belebt hatte, und der die Freude Aller war. Freilich ſpielte noch ein kleines Schweſter⸗ lein an der Thürſchwelle, aber ſie war noch gar zu klein, und war noch zu thöricht; denn ſie fragte ewig, wann der Bruder Felix wieder kommen werde. Weil der Vater Feld und Wieſe beſorgen mußte, ſo war ein an⸗ derer Ziegenknabe genommen worden; allein dieſer legte auf der Haide Vogelſchlingen, trieb immer ſehr früh nach Hauſe, und ſchlief gleich nach dem Abendeſſen ein. Alle Weſen auf der Haide trauerten um den ſchönen lockigen Knaben, der von ihnen fortgezogen. Es war ein traurig ſchöner Tag geweſen, an dem er fortgegangen war. Sein Vater war ein verſtändig ſtiller Mann, der ihm nie ein Schelt⸗ wort gegeben hatte, und ſeine Mutter liebte ihn, wie ihren Augapfel;— und aus ihrem Herzen, dem er oft und gerne lauſchte, ſog er jene Weich⸗ heit und Fantaſiefülle, die ſie hatte, aber zu nichts verwenden konnte, als zu lauter Liebe ſür ihren Sohn. Den Vater ehrte ſie als den Ober⸗ herrn, der ſich Tag und Nacht ſo plagen müſſe, um den Unterhalt her⸗ beizuſchaffen, da die Haide karg war, und nur gegen große Mühe ſpar⸗ ſame Früchte trug, und oft die nicht, wenn Gott ein heißes Jahr über dieſelbe herabſandte. Darum lebten ſie in einer friedſamen Ehe, und lieb⸗ ten ſich pflichtgetreu von Herzen, und ſtanden einander in Noth und Kummer bei. Der Knabe kannte daher nie den giſtigen Mehlthau Kinderherzen, Hader und Zank, außer, wenn ein ſtößiger Bock Irtſal ſtiftete, den er aber immer mit tüchtigen Püffen ſeiner Fauſt zu Paaren trieb, was das böſeſte Thier von ihm, und nur von ihm allein gutwillig litt, weil es wohl wußte, daß er ſein Beſchützer und zuveiſichtlicher Ka⸗ merade ſei. Der Vater liebte ſeinen Sohn wohl auch, und gewiß nicht minder als die Mutter, aber nach der Verſchämtheit gemeiner Stände, zeigte er dieſe Liebe nie, am wenigſten dem Sohne— dennoch konnte man ſie recht gut erkennen an der Unruhe, mit der er aus⸗ und einging, und an den Blicken, die er häufig gegen den Roßberg that, wenn der — 140— Knabe einmal zufällig ſpäter von der Haide heim kam, als gewöhnlich— und der Bube wußte und kannte dieſe Liebe ſehr wohl, wenn ſie ſich auch nicht äußerte. Von ſolchen Eltern hatte er keinen Widerſtand zu erfahren, als er den Entſchluß ausſprach, in die Welt zu gehen, weil er durchaus nicht mehr zu Hauſe zu bleiben vermöge. Ja, der Vater hatte ſchon ſeit lan⸗ gem wahrgenommen, wie der Knabe ſich in Einbildungen und Dingen abquäle, die ihm ſelber von Kindheit an nie gekommen waren; er hielt ſie deßhalb für Geburten der Haideeinſamkeit, und ſann auf deren Ab⸗ hilfe. Die Mutter hatte zwar nichts Seltſames an ihrem Sohne be⸗ merkt, weil eigentlich ohnehin ihr Herz in dem ſeinen ſchlug; allein ſie willigte doch in ſeine Abreiſe aus einem dunkeln Inſtinkte, daß er da ausſühre, was ihm Noth thue. Noch eine Perſon mußte gefragt werden, nicht von den Eltern, ſondern von ihm: die Großmutter. Er liebte ſie zwar nicht ſo wie die Mutter, ſondern ehrte und ſcheute ſie vielmehr; aber ſie war es auch geweſen aus der er die Anfänge jener Fäden zog, aus welchen er vorerſt ſeine Haidefteuden webte, dann ſein Herz und ſein ganzes zukünftiges Schickſal. Weit über die Grenze des menſchlichen Lebens ſchon hinaus⸗ geſchritten ſaß ſie, wie ein Schemen hinten am Hauſe im Garten an der Sonne, ewig einſam und ewig allein in der Geſellſchaft ihrer Todten, und zurückſpinnend an ihrer innern ewig langen Geſchichte. Aber ſo wie ſie da ſaß, war ſie nicht das gewöhnliche Bild unheimlichen Hochalters, ſondern wenn ſie oft plötzlich ein oder das andere ihrer innern Geſchöpfe anredete, als ein lebendes und vor ihr wandelndes; oder, wenn ſie ſanft lächelte, oder betete, oder mit ſich ſelbſt redete, wunderſam ſpielend in Blödſinn und Dichtung, in Unverſtund und Geiſtesfülle: ſo zeigte ſie gleichſam, wie eine mächtige Ruine, rückwärts auf ein denkwürdiges Da⸗ ſein. Ja der Menſchenkenner, wenn hier je einer hergekommen wäre, würde aus den wenigen Blitzen, die noch gelegentlich auffuhren, leicht erkannt haben, daß hier eine Dichtungsfülle ganz ungewöhnlicher Art vorübergelebt worden war, ungekannt von der Umgebung, ungekannt von der Beſitzerin, vorübergelebt in dem ſchlechten Gefäße eines Haide⸗ bauerweibes. Ihre gemüthreiche Tochter, die Mutter des Knaben, war nur ein ſchwaches Abbild derſelben. Das alte Weib hatte in ihrem gan⸗ zen Leben voll harter Arbeiten nur ein einziges Buch geleſen, die Bibelz aber in dieſem Buch las und dichtete ſie ſiebenzig Jahre. Jetzt that ſie es zwar nicht mehr, verlangte auch nicht mehr, daß man ihr vorleſe; aber ganze Prophetenſtellen ſagte ſie oft laut her, und in ihrem Weſen war Art und Weiſe jenes Buches ausgeprägt, ſo daß ſelbſt zuletzt ihre gewöhnliche Redeweiſe etwas Fremdes und gleichſam Morgenländiſches zeigte. Dem Knaben erzählte ſie die heiligen Geſchichten. Da ſaß er nun oft an Sonntagnachmittagen gekauert an dem Holunderſtrauch— und wenn die Wunder, und die Helden kamen, und die fürchterlichen Schlach⸗ ten, und die Gottesgerichte— und wenn ſich dann die Großmutter in die Begeiſterung geredet, und der alte Geiſt die Ohnmacht ſeines Körpers überwunden hatte— und wenn ſie nun anfing, zurückgeſunken in die Tage ihrer Jugend, mit dem welken Munde zärtlich und ſchwärmeriſch zu reden, mit einem Weſen, das er nicht ſah, und in Worten, die er nicht verſtand, aber tiefergriffen inſtinktmäßig nachfühlte, und wenn ſie um ſich alle Helden der Erzählung verſammelte, und ihre eigenen Verſtorbenen ein⸗ miſchte, und nun alles durcheinander reden ließ: da grauete er ſich inner⸗ lich entſetzlich ab, und um ſo mehr, wenn er ſie gar nicht mehr verſtand — allein er ſchloß alle Thore ſeiner Seele weit auf, und ließ den fan⸗ taſtiſchen Zug eingehen, und nahm des andern Tags das ganze Getüm⸗ mel mit auf die Haide, wo er alles wieder nachſpielte. Dieſer Großmutter nun wollte er ſein Vorhaben deuten, damit ſie ihn nicht eines Tages zufällig vermiſſe, und ſich innerlich kränke, als ſei er geſtorben. Und ſo— an einem frühen Morgen ſtand er neben den Eltern reiſefertig vor der Thür, ſein dürftig Linnenkleid an, den breiten Hut auf dem Haupte, den Wachholderſtab in der Hand, umgehängt den Haideſack, in welchem zwei Hemden waren und Käſe und Brot. Eingenäht in die Bruſttaſche hatte er das wenige Geld, welches das Haus vermochte. Die Großmutter, immer die erſte wach, kniete bereits nach ihrer Sitte inmitten der Wieſe an ihrem Holzſchemel, den ſie dahin getragen, und betete. Der Knabe warf einen Blick auf den Haiderand, welcher ſchwarz den lichten Himmel ſchnitt— dann trat er zu der Großmutter und ſagte:„Liebe Mutter, ich gehe jetzt, lebet wohl und betet für mich!“ „Kind, Du mußt der Schafe achten, der Thau iſt zu früh, und zu kühl!“ „Nicht auf die Haide gehe ich, Großmutter, ſondern weit fort in das Land, um zu lernen und tüchtig zu werden, wie ich es Euch ja ge⸗ ſtern Alles geſagt habe.“ „Ja, Du ſagteſt es,“ erwiederte ſie,„Du ſagteſt es, mein Kind— ich habe Dich mit Schmerzen geboren, aber Dir auch Gaben gegeben, zu werden, wie einer der Propheten und Seher— ziehe mit Gott, aber komme wieder, Jacobus!“ Jacobus hatte ihr Sohn geheißen, der auch einmal fortgegangen, vor mehr als ſechzig Jahren, aber nie wieder zurückgekehrt war. „Mutter,“ ſagte er noch einmal, gebt mir Eure Hand.“ Sie gab ſie ihm; er ſchüttelte ſie und ſagte:„Lebt wohl, lebt wohl.“ „Amen, Amen“ ſagte ſie, als hörte ſie zu beten auf. Dann wandte ſich der Knabe gegen die Eltern; das Herz war ihm ſo ſehr emporgeſchwollen— er ſagte nichts, ſondern mit eins hing er am Halſe der Mutter, und ſie, heiß weinend, küßte ihn auf beide Wangen, und ſchob ihm noch ein Geldſtück zu, das ſie einſt als Pathengeſchenk empfangen, und immer aufgehoben hatte, allein er nahm es nicht. Dem Vater reichte er bloß die Hand, weil er ſich nicht getraute, ihn zu um⸗ armen. Dieſer machte ihm ein Kreuz auf die Stirne, auf den Mund und die Bruſt, und als hierbei ſeine rauhe Hand zitterte, und um den harten Mund ein heſtiges Zucken ging, da hielt ſich der Knabe nicht mehr. Mit einem Thränenguſſe warf er ſich an die Bruſt des Vaters, und deſſen linker Arm umkrampfte ihn eine Sekunde, dann ließ er ihn los, und ſchob ihn wortlos gegen die Haide. Die Mutter aber rief ihn noch ein⸗ mal, und ſagte, er möge doch auch das kleine Schweſterchen geſegnen, die man in ihrem Bettlein ganz vergeſſen habe. Drei Kreuze machte er über den ſchlafenden Engel, dann ſchritt er ſchnell hinaus, und ging trotzig vorwärts gegen die Haide. So ziehe mit Gott, du unſchuldiger Menſch, und bringe nur das Kleinod wieder, was du ſo leichtſinnig fortträgſt! Als er an den Roßberg gekommen, ging die Sonne auf, und ſchaute in zwei treuherzige, zuverſichtliche, aber rothgeweinte Augen. Am Haide⸗ hauſe ſpiegelte ſie ſich in den Fenſtern, und an der Senſe des Vaters, der mähen ging. — Das Haidedorf. Des erſten Abends war es öde und verlaſſen, und den beiden Eltern that das Herz weh, als ſie in der Dämmerung des Sommers zu Bette gingen, und auf ſeine leere Schlafſtelle ſahen. Um denſelben Menſchen, der vielleicht eben jetzt noch auf dürrer Heerſtraße wanderte, und von Keinem beachtet, ja von den Meiſten v erachtet wurde, brachen faſt zwei naturrohe Herzen im entlegenen Haidehauſe, daß ſie ihn von nun an, vielleicht auf immer entbehren ſollten; aber ſie drückten den Schmerz in ſich, und jedes trug ihn einſam, weil es zu ſchamhaft und unbeholfen war, ſich zu äußern. Aber es kam ein zweiter Tag, und ein dritter, und ein vierter, und jeder ſpannte denſelben glänzenden Himmelsbogen über die Haide, und funkelte nieder auf die Fenſter und das altergraue Dach des Hauſes eben ſo freundlich und lieblich, wie als er noch da geweſen war. Und dann kamen wieder Tage und wieder. Die Arbeit und Freude des Landmanns, durch Jahrtauſende ein⸗ förmig, und durch Jahrtauſende noch unerſchöpft, zog auch hier geräuſch⸗ los und magiſch ein Stück ihrer uralten Kette durch die Hütte, und an jedem ihrer Glieder hing ein Tröpflein Vergeſſenheit. Die Großmutter trug nach wie vor ihren Holzſchemel auf die Wieſe, und betete daran, und ſie und klein Marthe fragten täglich, wann denn Felir komme. Der Vater mähete Roggen und Gerſte— die Mutter machte Käſe und band Garben— und der fremde Ziegenbube trieb täg⸗ lich auf die Haide. Von Felir wußte man nichts. Die Sonne ging auf, und ging unter, die Haide wurde weiß, und wurde grün, der Holunderbaum und der Apfelbaum blüheten vielmal— klein Marthe war groß geworden, und ging mit, um zu heuen und zu ernten, aber ſie fragte nicht mehr,— und die Großmutter, ewig und unbegreiflich hinaus lebend, wie ein vom Tode vergeſſener Menſch, fragte auch nicht mehr, weil er ihr entfallen war, oder ſich zu ihren heimlichen Fantaſiegeſtalten geſellt hatte. Die Felder des Haidebauers beſſerten ſich nachgerade, als ob der — 144— Himmel ſeine Einſamkeit ſegnen und ihm vergelten wollte, und es wurde ihm ſo gut, daß er ſchon manchen Getreideſack aufladen, und mit ſchönen Ochſen fortſühren konnte, wofür er dann einige Thaler Geldes, und Neuigkeiten von der Welt draußen heimbrachte. Einmal kam auch ein Schreinergeſelle mit ſeinem Wanderpacke zu Vater Niklas, dem Haide⸗ bauer, und brachte einen Gruß und einen Brief von Felix, und ſagte, daß derſelbe in der großen, weit entfernten Hauptſtadt ein ſchmucker, fleißiger Student ſei, daß ihn Alles liebe, und daß er gar eines Tages Kaplan in der großen Domkirche werden könnte. Der Schreinergeſelle wurde über Nacht im Haidehauſe gut gehalten, und ließ eitel Freude zurück, als er des andern Tages in entgegengeſetzter Richtung von dannen zog. So kam es, daß jedes Jahr ein⸗ oder zweimal ein Wandersmann den Umweg über die Haide machte, dem ſchönen, freundlichen, hand⸗ ſamen Jünglinge zu Liebe, der gern einen Gruß an ſein liebes Mütterchen ſchicken wollte. Ja ſogar einesmals kam Einer geſchritten, und conter⸗ feite das Häuschen ſammt dem Brunnen und Flieder- und Apfelbaume. Auch andere Veränderungen begannen auf der Haide. Es kamen einmal viele Herren und vermaßen ein Stück Haideland, das ſeit Men⸗ ſchengedenken keines Herrn Eigenthum geweſen war, und es kam ein alter Bauersmann, und zimmerte mit vielen Söhnen und Leuten ein Haus darauf, und fing an, den vermeſſenen Fleck urbar zu machen. Er hatte fremdes Korn gebracht, das auf dem Haideboden gut anſchlug, und im nächſten Jahre wogte ein grüner Aehrenwald zunächſt an Vater Niklas Beſitzungen, wo noch im vorigen Frühlinge nur Schlehen und Liebfrauenſchuh geblüht hatten. Der alte Bauer war ein freundlicher Mann, ein Mann vieler Kenntniſſe, und theilte gerne ſeinen Rath und ſein Wiſſen und ſeine Hülfe an die frühern Haidebewohner, und hielt gute Nachbarſchaft mit Vater Niklas. Sie fuhren nun Beide gar in die Stadt, verkauften dort ihr Getreide weit beſſer, und am Getreidemarkt im goldenen Roſſe waren die Haidebauern wohl gekannt und wohlge⸗ litten. Nach und nach kamen neue Anſiedler; auch eine Straße wurde von der Grundherrſchaft über die Haide gebahnt, ſo daß nun manchmal des Weges ein vornehmer Wagen kam, deßgleichen man noch nie auf der Haide geſehen. Auch des alten Bauers Söhne bauten ſich an, und einer, ſagte man ſich in's Ohr, werde wohl ſchön Marthens Bräutigam werden. Und ſo, ehe ſieben Jahre in's Land gegangen, ſtanden ſchon fünf Häuſer mit Ställen und Scheunen, mit Giebeln und Dächern um das kleine, alte, graue Haidehaus, und Felder und Wieſen und Wege und Zäune gingen faſt bis auf eine Viertelſtunde Weges gegen den Roßberg, der aber noch immer ſo einſam war, wie ſonſt;— und am Pankratiustage hatte Vater Riklas die Freude, zum Richter des Haidedorfes gewählt zu werden,— er der Erſte ſeit der Erſchaffung der Welt, der ſolch Amt und Würde auf dieſem Flecke bekleidete. Wieder waren Jahre um Jahre vergangen, die Obſtbaumſetzlinge, zarte Stangen, wie ſie der alte Nachbarsbauer gebracht und an Niklas mitgetheilt hatte, ſtanden nun ſchon als wirthliche Bäume da, und brachten reiche Frucht, und manchen Sonntagstrunk an Obſtwein.— Marthe war an Nachbars Benedikt verheirathet, und ſie trieben eigene Wirthſchaft.— Die Haide war weiß und wieder grün geworden; aber des Vaters Haare blieben weiß, und die Mutter fing bereits an, der Großmutter ähnlich zu werden, welche Großmutter allein unverwüſtlich und unveränderlich blieb, immer und ewig am Hauſe ſitzend, ein träume⸗ riſches Ueberbleibſel, gleichſam, als warte ſie auf Felixens Rückkehr. Aber Felir ſchien, wie einſt Jacobus, verſchollen zu ſein auf der Haide. Seit drei Jahren kam keine Kunde und kein Wandersmann.— In der Hauptſtadt, wohin gar Benedikt gegangen, um ihn zu ſuchen, war er nicht zu finden, und im Amte ſagten ihm die Kanzleiherren aus einem großen Buche, er ſei außer Landes gegangen, vielleicht gar über das Meer. Der Vater hörte ſchon auf, von ihm zu reden; Marthe hatte ein Kindlein und dachte nicht an ihn, die Haidedörfler kannten ihn nicht, und liebten ihn auch nicht, als einen, der da einmal davongegangen; die Großmutter fragte nur bisweilen nach Jacobus:— aber das Mut⸗ terherz trug ihn unverwiſcht und ſchmerzhaft in ſich, ſeit dem Tage, als er von dannen gezogen und an ihrem Buſen geweint hatte— und das Mutterherz trug ihn Abends in das Haus, und Morgens auf die Felder — und das Mutterherz war es auch allein, das ihn erkannte, als einmal am Pfingſtſamſtage durch die Abendröthe ein wildfremder ſonnverbrann⸗ ter Mann gewandert kam, den Stab in der Hand, das Ränzlein auf dem Rücken, und ſtehen blieb vor dem Haidehauſe. „Felir“—„Mutter!“ Ein Schrei und ein Sturz an das Herz. Stifter. 4. Aufl. I. 10 Das Mutterherz iſt der ſchönſte, und unverlierbarſte Platz des Soh⸗ nes, ſelbſt wenn er ſchon graue Haare trägt— und jeder hat im ganzen Weltall nur ein einziges ſolches Herz. Das alte Weib brach an ihm faſt nieder vor Schluchzen, und er, vielleicht ſeit Jahren keiner Thräne mehr gewohnt, ließ den Bach ſeiner Augen ſtrömen, und hob ſie zu ſich auf, und drückte ſie, und ſtreichelte ihre grauen Haare, nicht ſehend, daß Vater und Schweſter, und das halbe Dorf um ſie Beide ſtanden. „Felix, mein Felir, wo kommſt Du denn her?“ fragte ſie endlich. „Von Jeruſalem, Mutter, und von der Haide des Jordans.— Gott grüß' Euch, Vater, und Gott grüße Euch, Großmutter? Jetzt bleib' ich lange bei Euch, und geliebt es Gott, auf immer.“ Er ſchloß den zitternden Vater an's Herz, und dann die alte Groß⸗ mutter, die faſt ſchamhaft und demüthig bei Seite ſtand— und dann noch eimal den Vater, den ſchönen, alten, braunen Mann mit den ſchnee⸗ weißen Haaren, den er mit noch dichten dunkeln Locken verlaſſen hatte, und der doppelt liebenswerth da ſtand durch die unbehülfliche Verlegen⸗ heit, in die er dem ſtattlichen Sohne gegenüber gerieth;— das Mutter⸗ herz aber, ſich ihres immer unverjährbaren Ranges bewußt, zeigte nichts dem Aehnliches; ſie ſah nicht ſeine Geſtalt und ſeine Kleider, ſondern ihr Auge hing die ganze Zeit über an ſeinem Angeſichte, und es glänzte und funkelte, und ſchäumte faſt über vor Freude und vor Stolz, daß Felix ſo ſchön geworden, und ſo herrlich. Endlich, als ſich ſein Herz etwas geſättigt, fiel ihm klein Marthe bei; er fragte nach ihr, und ſein Auge ſuchte am Boden umher— allein die Mutter führte ihm ein blühendes Weib vor, mit hellen blauen Augen, ein Kind auf dem Arme, wie eine Madonna, deren er in Welſchland auf Bildern geſehen— er erkannte im Kinde klein Marthe, die Mutter des Kindes getraute er ſich aber nicht zu küſſen, und auch ſie ſtand blöde vor ihm, und ſah ihn bloß liebreich an— endlich grüßten und küßten ſie ſich herzinnig als Geſchwiſter und der ehrliche Benedikt reichte ihm die Hand und ſagte, wie er ihn vor zwei Jahren ſo emſig in der unge⸗ heuerſten Entfernung geſucht habe. „Da war ich im Lande Egypten,“ ſagte Felix,„und Ihr hättet mich auch dort kaum erfragt; denn ich war in der Wüſte.“ Auch die Bauern und ihre Weiber und Kinder, die ſich vor Niklas „ — Hauſe eingefunden hatten, und ehrbar neugierig herumſtanden, grüßte er alle freundlich, lüftete den Reiſehut, und reichte ihnen, obwohl un⸗ bekannt, die Hand. Endlich ging man in das Haus und nach Haideſitte gingen viele Nachbarn mit, und waren dabei, wie er Geſchenke und Berichte aus⸗ packte. Auf der Gaſſe wurde es ſtille, die Menſchen ſuchten nach dorti⸗ gem Gebrauche zeitig ihre Schlafſtellen, und die rothen Pfingſtwolken leuchteten noch lange über dem Dorfe. 4. Der Haidebhewohner. Und als des andern Tages die erſten Sonnenſtrahlen glänzten, und die Haidedorfbewohner bereits im Feſtputze gerüſtet waren, um zur fer⸗ nen Kirche zu gehen: ſo war einer der Bewohner mehr, und einer der Kirchgänger mehr. Die Nacht hatte es Manchem verwiſcht, daß er ge⸗ kommen, aber der Morgen brachte ihnen wieder neu den neuen Beſitz, damit ſie ſich daran ergötzten: die Einen mit ihrer Neugierde, die An⸗ dern mit ihrer Liebe— Alle aber hatten eine unſichere Scheu, ſelbſt die Eltern, was es denn wäre, das ihnen an ihm zurückgebracht worden ſei, und ob er nicht ein fremdes Ding in der übrigen Gleichheit und Einer⸗ leiheit des Dorfes wäre. Er aber ſtand ſchon angekleidet, und zwar in dem leinenen Haide⸗ kleide und dem breiten Hute im Freien, und ſchaute mit den großen, glänzenden, ſanften Augen um ſich, als die Mutter zu ehm trat und ihn fragte, ob er auch in die Kirche gehen werde, oder ob er müde ſei, und Gott zu Hauſe verehren wolle. „Ich bin nicht müde,“ antwortete er fteundlich,„und ich werde mit Euch gehen;“ denn er ſah, daß die Mutter zum Kirchengehen angezogen war, und daß auch der Vater in ſeinem Sonntagsrocke aus dem Hauſe komme. 10 5 6 — 148— Feſtliche Gruppen zeigten ſich hie und da auf dem Anger des Dor⸗ fes; Manche traten näher und grüßten, Andere hielten ſich verſchämt zurück, beſonders die Mädchen, und wieder andere, welche zu Hauſe blie⸗ ben, und in der Feſttagseinſamkeit das Dorf hüten mußten, ſtanden un⸗ ter den Hausthüren oder ſonſt wo, und ſchauten zu. Und als noch Pfingſtthau auf den Haidegräſern funkelte und glänzte, und als die Morgenkühle wehte, ſetzte ſich ſchon Alles in Bewe⸗ gung, um zu rechter Zeit anzulangen— und ſo führte denn Felix das alte Weib an ſeiner Hand, und leitete ſie ſo zärtlich um den ſanften Hai⸗ debühel hinan, wie ſie einſtens ihn, da er noch ein ſchwacher Knabe war und Sonntags Vormittags die Ziege und Schafe zu Hauſe laſſen durfte, damit er hinausgehe und das Wort Gottes höre. Der Vater ging inner⸗ lich erfteut daneben, die Andern theils voran, theils hinten. Endlich war die letzte Gruppe hinter dem Bühel verſchwunden, die Rachſchauen⸗ den traten in ihre Häuſer zurück, und kurz darauf war jene funkelnde Einſamkeit über den Dächern, die ſo gern an heitern Sonntagvormitta⸗ gen in den verlaſſenen Dörfern iſt;— die Stunden rückten trockener, und heißer vor, eine dünne blaue Rauchſäule ſtieg hie und da auf, und mitten in dem Garten des Haidehauſes kniete die hagere Großmutter und betete.— Und wie endlich nach ſtundenlanger Stille durch die dünne, weiche ruhende Luft, wie es ſich zuweilen an ganz beſonders ſchweigen⸗ den Tagen zutrug, der ferne feine Ton eines Glöckleins kam, da kniete manche Geſtalt auf den Raſen nieder, und klopfte an die Bruſt;— dann war es wieder ſtille und blieb ſtille—— die Sonnenſtrahlen ſanken auf die Häuſer nieder, mehr und mehr ſenkrecht, dann wieder ſchräge, daß die Schatten auf der andern Seite waren— endlich kam der Nachmittag, und mit ihm alle Kirchgänger— ſie legten die ſchönſten Kleider und Tü⸗ cher von dem erhitzten Körper, thaten leichtere an, und jedes Haus ver⸗ zehrte ſein vorgerichtetes Pfingſtmahl. Und was war es denn, was ihnen an Felix zurückgebracht worden war, und warum iſt er denn ſo lange nicht gekommen, und wo iſt er denn geweſen? Sie wußten es nicht. In der Kirche war er mit geweſen;— faſt ſo kindlich andächtig, wie einſt, hatte er auf die Worte des Prieſters gehorcht, ſanftmüthig war er neben der Mutter nach Hauſe gekehrt, und wenn dann bei Tiſche der Vater das Wort nahm, ſo brach Felix das ſeine aufmerkſam ab, und hörte zu— und gegen Abend ſaß er mit der Großmutter im Schatten des Holunderbuſches, und redete mit ihr, die ihm ganz ſonderbare und unverſtändliche Geſchichten vorlallte—— und wenn dann ſo den Tag über die Neugier der Mutter in ſein Auge blickte, halb ſelig, halb ſchmer⸗ zenreich, wenn ſie nach den einſtigen weichen Zügen forſchte— ihren ehemaligen heitern, treuherzigen, ſchönen Haideknaben ſuchte ſie——— und ſiehe, ſie fand ihn auch: in leiſen Spuren war das Bild des gut⸗ herzigen Knaben geprägt in dem Antlitze des Mannes, aber unendlich ſchöner— ſo ſchön, daß ſie oft einen Augenblick dachte, ſie könne nicht ſeine Mutter ſein;— wenn er den ruhigen Spiegel ſeiner Augen gegen ſie richtete, ſo verſtändig und ſo gütig— oder wenn ſie die Wangen an⸗ ſah, faſt ſo jung, wie einſt, nur noch viel dunkler gebräunt, daß dagegen die Zähne, wie Perlen leuchteten, dieſelben Zähne, die ſchon an dem Haidebuben ſo unſchuldig und geſund geglänzt— und um ſie herum noch dieſelben lieblichen Lippen, die aber jetzt reif und männlich waren, und ſo ſchön, als ſollte ſogleich ein ſüßes Wort daraus hervorgehen, ſei's der Liebe, ſei's der Belehrung—— „Er iſt gut geblieben“, jauchzte in ihr dann das Mutterherz;„er iſt gut geblieben, wenn er auch viel vornehmer iſt, als wir.“ Und in der That, es war ein ſolcher Glanz keuſcher Reinheit um den Mann, daß er ſelbſt von dem rohen Herzen des Haideweibes erkannt und geehrt wurde. Was lebte denn in ihm, das ihn unangerührt durch die Welt getra⸗ gen, daß er ſeinen Körper als einen Tempel wiederbrachte, wie er ihn einſt aus der Einſamkeit fortgenommen?—— Sie wußten es nicht; nur immer heiterer, und faſt einfältiger legte ſich ſein Herz dar, ſo wie die Stunden des ruhigen Feſttages nach und nach verfloſſen. Spät Abends erzählte er ihnen, da alle um den weißen buchenen Tiſch ſaßen, und auch Marthe mit ihrem Kinde da war, und Benedikt und andere Nachbarn— er erzählte ihnen von dem gelobten Lande, wie er dort geweſen, wie er Jeruſalem und Bethlehem geſehen habe, wie er auf dem Tabor geſeſſen, ſich in dem Jordan gewaſchen;—— den Sinai habe er geſehen, den furchtbar zerklüfteten Berg, und in der Wüſte iſt er gewandelt.— Er ſagte ihnen, wie ſeine gezimmerten Truhen mit dem Poſtboten kommen würden; dann werde er ihnen Erde zeigen, die er aus den heiligen Ländern mitgebracht— auch getrocknete Blumen habe er, und Kräuter, aus jenem Lande und Fußtritte des Herrn, und was nur immer dort das Erdreich erzeuge und bringe— und viel heiliger, viel heißer und viel einſamer ſeien jene Haiden und Wüſten, als die hieſige, die eher ein Garten zu nennen—— und wie er ſo redete, ſahen alle auf ihn, und horchten— und ſie vergaßen, daß es Schlafenszeit vor⸗ über, daß die Abendröthe längſt verglommen, daß die Sterne emporge⸗ zogen, und in dichter Schaar über den Dächern glänzten. Von Städten, den Menſchen und ihrem Treiben hatte er nichts ge⸗ ſagt, und ſie hatten nicht gefragt. Die Worte ſeines Mundes thaten ſo wohl, daß ihnen gerade das, was er ſagte, das Rechte däuchte, und ſie nicht nach Anderem fragten. Marthe trug endlich das ſchlafende Kind fort, Benedikt ging auch, die Nachbarn entfernten ſich— und noch ſeliger und noch freudenreicher, als geſtern gingen die Eltern zu Bette, und ſelbſt der Vater dachte, Felir ſei ja faſt, wie ein Prediger und Prieſter des Herrn. Auch auf die Haide war er gleich nach den Feiertagen gegangen, auf ſeiner Rednerbühne war er geſeſſen; die Käfer, die Fliegen, die Faltern, die Stimme der Haidelerche und die Augen der Feldmäuschen waren die nämlichen. Er ſchweifte herum, die Sonnenſtrahlen ſpannen,— dort dämmerte das Moor, und ein Zittern und Zirpen und Singen——— und wie der Vater ihn ſo wandeln ſah, mußte er ſich über die dünnen grauen Haare fahren, und mit der ſchwielenvollen Hand über die Run⸗ zeln des Angeſichts ſtreichen, damit er nicht glaube, ſein Knabe gehe noch dort, und es fehlen nur die Ziegen und Schafe, daß es ſei wie einſt, und daß die lange, lange Zeit nur ein Traum geweſen ſei. Auch die Nachbarn, wie er ſo Tag näch Tag unter ihnen wandelte, wie ihn ſchon alle Kinder kannten, wie er mit jedem derſelben, auch mit dem häßlichen, ſo freundlich redete, und wie er ſo im Linnenkleide durch die neuen Felder ging— glaubten ganz deutlich, er ſei einer von ihnen, und doch war es auch wieder ganz deutlich, wie er ein weit anderer ſei, als ſie. Eine That müſſen wir erzählen, ehe wir weiter gehen, und von ſei⸗ — 151— nem Leben noch entwickeln, was vorliegt— eine That, die eigentlich ge⸗ heim blieben ſollte, aber ausgebreitet wurde, und ihm mit eins alle Her⸗ zen der Haidebewohner gewann. Als endlich die gezimmerten Truhen mit dem Poſtboten in die Stadt, und von da durch Getreidewagen auf die Haide gekommen waren, als er daraus die Geſchenke hervorgeſucht und ausgetheilt, als er tau⸗ ſenderlei Merkwürdiges gezeigt, Blumen, Federn, Steine, Waffen— und Alles genug bewundert worden war,— trat er deſſelben Tages Abends zu dem Vater in die hintere Kammer, als er geſehen hatte, daß derſelbe hineingegangen, und, wie er gern that, ſich in den hineinfallenden Flie⸗ derſchatten geſetzt hatte— er trat beklommen hinein und ſagte mit faſt bebender Stimme:„Vater, Ihr habt mich auferzogen, und mir Liebes gethan, ſeit ich lebe— ich aber habe es ſchlecht vergolten; denn ich bin fortgegangen, daß Ihr keinen Gehülfen Eurer Arbeit hattet, und Eurer Sorge für Mutter und Großmutter— und als ich gekommen, warfet Ihr mir nichts vor, ſondern waret nur freundlich und lieb; ich kann es nicht vergelten, als daß ich Euch nicht mehr verlaſſen und Euch noch mehr verehren und lieben will, als ſonſt. So viel Jahre mußtet Ihr ſein, ohne in mein Auge ſchauen zu können, wie es Eurem Herzen wohl⸗ gethan hätte;— aber ich bleibe jetzt immer, immer bei Euch.— Allein weil mich Euch Gott auch zur Hülfe geboren werden ließ, ſo lernte ich draußen allerlei Wiſſenſchaft, wodurch ich mir mein Brot verdiente, und da ich wenig brauchte, ſo blieb Manches für Euch übrig. Ich bringe es nun, daß Ihr es auf Euer Haus wendet, und im Alter zu Gute bekom⸗ met, und ich bitte Euch, Vater, nehmet es mit Freundlichkeit an.“ Der Alte aber, hochroth, zitternd vor Scham und vor Freude, war aufgeſprungen und wies mit beiden Händen die dargebotenen Papiere von ſich, indem er ſagte:„Was kommt Dir bei, Felir? Ich bin ſo er⸗ ſchrocken,— da ſei Gott vor, daß ich die Arbeit und Mühe meines Kin⸗ des nehme— ach, mein Gott, ich habe Dir ja nichts geben können, nicht einmal eine andere Etziehung, als die Dir der Herr auf der Haide gab, nicht einmal das fromme Herz, das Dir von ſelber gekommen.— Du biſt mir nichts ſchuldig— die Kinder ſind eine Gottesgabe, daß wir ſie etziehen, wie es ihnen frommt, nicht wie es uns nützt;— verzeihe mir nur, Felix, ich habe Dich nicht erziehen können, und doch ſcheint es — 152— 5 mir, biſt Du ſo gut geworden, ſo gut, daß ich vor Freuden weinen möchte“—— Und kaum hatte er das Wort heraus, ſo brach er in lautes Weinen aus, und taſtete ungeſchickt nach Felix Hand— Dieſer reichte ſie; er konnte ſich nicht helfen, er mußte ſein Antlitz gegen die Schulter des Va⸗ ters drücken, und das grobe Tuch des Rockes mit ſeinen heißeſten Thrä⸗ nen netzen. Der Vater war gleich wieder ſtill, und ſich gleichſam ſchämend und beruhigend ſagte er die Worte:„Du biſt verſtändiger als wir, Felix. Wenn Du bei uns bleibſt, arbeite, was Du willſt; ich verlange nicht, daß Du mir hilfſt— da iſt ja Benedikt und ſeine Knechte, wenn es noth thäte; auch habe ich ſchon ein Erſpartes, daß ich mir im Alter einen Knecht nehmen kann.— Du aber wirſt ſchon etwas arbeiten, wie es Gott gefällig und wie es recht iſt.“ Felir aber dachte in ſeinem Herzen, er werde doch in Zukunft, wenn es nöthig ſei, lieber in der That ſelbſt, und durch Leiſtung des eben Man⸗ gelnden beiſtehen, damit ihm das Herz nicht ſo weh thäte, wenn er dem Vater gar nichts Gutes bringen könnte. Ach, das Beſte hat er ja ſchon gebracht, und wußte es nicht, das gute, das überquellende Herz, das jedem, ſelbſt dem gehärtetſten Vater ein freudigeres Kleinod iſt, als alle Güter der Erde, weil es nicht Lohn nach außen iſt, ſondern Lohn in der tiefſten, innerſten Seele. Der Vater that nun gleichgültig und machte ſich mit dieſem und je⸗ nem im Zimmer zu thun; kaum aber war Felir hinaus, ſo lief er eiligſt zur Mutter und erzählte ihr, was der Sohn hatte thun wollen— ſie aber faltete die Hände, lief vor die Heiligenbilder der Stube, und that ein Gebet, das halb ein Frevel ſtürmenden Stolzes, halb ein Dank der tiefſten Demuth war. Dann aber ging ſie hin und breitete es aus. Das war nun klar, daß er gut war, daß er ſanft, treu und weich war, und das ſahen ſie auch, daß er ſchön und herrlich war;— des Weitern forſchten ſie nicht, was es ſei, und was es ſein werde. Er aber ging her, und ließ ſich weit draußen von dem Dorfe ent⸗ legen, auf der Haide ein Stück Landes zumeſſen, und begann mit vielen Arbeitern ein ſteinernes Haus zu errichten.— Daß es größer werde, als er allein brauche, fiel Allen auf; aber als es im Herbſte fertig war, 6 5 — 153 als es eingerichtet und geſchmückt war, bezog er es gleichwohl allein, und ſo verging der Winter. Es kam der blüthenreiche Frühling— und Felir ſaß in ſeinem Hauſe auf der Haide, und herrſchte, wie einſt, über alle ihre Geſchöpfe, und über all die hohen ſtillen Geſtalten, die ſie jetzt be⸗ völkerten. Was war es denn aber, was den Eltern und Nachbarn an ihm zu⸗ rückgebracht worden iſt? Sie wußten es nicht. Ich aber weiß es. Ein Geſchenk iſt ihm geworden, das den Men⸗ ſchen hoch ſtellt, und ihn doch verkannt macht unter ſeinen Brüdern— das einzige Geſchenk auf dieſer Erde, das kein Menſch von ſich weiſen kann. Auf der Haide hatte es begonnen, auf die Haide mußte er es zu⸗ rücktragen. Bei wem eine Göttin eingekehrt iſt, lächelnden Antlitzes, ſchöner als alles Irdiſche, der kann nicht anders thun, als ihr in De⸗ muth dienen. Damals war er fortgegangen, er wußte nicht, was er werden würde— eine Fülle von Wiſſen hatte er in ſich geſogen: es war der näch ſte Durſt geweſen, aber er war nicht geſtillt; er ging unter Men⸗ ſchen, er ſuchte ſie völkerweiſe— er hatte Freunde— er ſtrebte fort, er hoffte, wünſchte und arbeitete für ein unbekanntes Ziel— ſelbſt nach Gütern der Welt und nach Beſitz trachtete er; aber durch alles Erlangte, — durch Wiſſen, Arbeiten, Menſchen, Eigenthum— war es immer, als ſchimmere weit zurückliegend etwas, wie eine glänzende Ruhe, wie eine ſanfte Einſamkeit——— hatte ſein Herz die Haide, die unſchuldsvolle, liebe Kindheitshaide mitgenommen? oder war es ſelber eine ſolche liebe, ſtille, glänzende Haide?—— Er ſuchte die Wüſten und die Einöden des Orients, nicht brütend, nicht trauernd, ſondern einſam, ruhig, heiter, dichtend.— Und ſo trug ihn dieſes ſanfte, ſtille Meer zurück in die Ein⸗ ſamkeit, und auf die Haide ſeiner Kindheit—— und wenn er nun ſo ſaß auf der Rednerbühne, wie einſt, wenn die Sonnenfläche der Haide vor ihm zitterte und ſich füllte mit einem Gewimmel von Geſtalten, wie einſt, und manche daraus ihn anſchauten mit den ſtillen Augen der Ge⸗ ſchichte, andere mit den ſeligen der Liebe, andere den weiten Mantel gro⸗ ßer Thaten über die Haide ſchleifend— und wenn ſie erzählten von der Seele und ihrem Glücke, von dem Sterben und was nachher ſei, und — 154— von Anderem, was die Worte nicht ſagen können— und wenn es ihm tief im Innerſten ſo fromm wurde, daß er oft meinte, als ſehe er weit in der Oede draußen Gott ſelbſt ſtehen, eine ruhige ſilberne Geſtalt: dann wurde es ihm unendlich groß im Herzen, er wurde ſelig, daß er denken könne, was er dachte— und es war ihm, daß es nun ſo gut ſei, wie es ſei. Die blödfinnige Großmutter war die erſte geweſen, die ihn erkannt hatte. „Es ſind der Gaben eine Unendlichkeit über dieſe Erde ausgeſtreut worden,“ hatte ſie eines Tages gerufen,„die Halmen der Getreide, das Sonnenlicht und die Winde der Gebirge— da ſind Menſchen, die den Segen der Gewächſe erziehen, und ihn ausführen in die Theile der Erde; es ſind, die da Straßen ziehen, Häuſer bauen, dann ſind andere, die das Gold ausbreiten, das in den Herzen der Menſchen wächſt, das Wort, und die Gedanken, die Gott aufgehen läßt in den Seelen. Er iſt gewor⸗ den, wie einer der alten Seher und Propheten, und iſt er ein ſolcher, ſo hab ich es vorausgewußt, und ich habe ihn dazu gemacht, weil ich die Körner des Buches der Bücher in ihn geworfen; denn er war immer weich wie Wachs, und hochgeſinnt, wie einer der Helden.“ Die Großmutter war es aber auch mit der er ſich allein mehr be⸗ ſchäftigte, als alle Andern mit ihr; er war der Einzige, der ſie zu flüſſi⸗ gen Reden bringen konnte, und der Einzige, der ihre Reden verſtand; er las ihr oft aus einem Buche vor, und die hundertjährige Schülerin horchte emſig auf, und in ihrem Angeſichte waren Sonnenlichter, als verſtände ſie das Geleſene. So war der Frühling vergangen, ſo waren wieder Pfingſten gekom⸗ men:— aber wie waren es dießmal andere Pfingſten, als vor einem Jahre. Eine doppelte furchtbare Schwüle lag auf beiden, auf dem Dorfe, und auf Felix, und bei beiden löſete ſich die Schwüle am Pfingſttage— aber wie verſchieden bei beiden! Ich will noch, ehe wir von ſeinem einfachen Leben ſcheiden, dieſes letzte Ergebniß, das ich weiß, erzählen. Wenn er ſo manchmal von der Haide kam und durch das Dorf ging, Geſchenke für die Kinder ſeiner Schweſter tragend, Steinchen, Muſcheln, — 155— Schneckenhäuſer und dergleichen, die Locken um die hohe Stirne gewor⸗ ſen, wie ein Kriegsgott, und doch die ſchwarzen Augen ſo ſehnſuchtsvoll und ſchmachtend: dann war er ſo ſchön, und es trug ihn wohl manche Dirne der Haide als heimlichen Abgott im Herzen verborgen, aber er ſelber hatte einen Abgott im Herzen;— einen einzigen Punkt ſüßen heimlichen Glückes hatte er aus der Welt getragen, als er ihre Aemter und Reichthümer ließ— einen einzig ſüßen Punkt durch alle Wüſten— und heute, morgen, dieſer Tage ſollte es ſich zeigen, ob er ſein Haus für ſich allein gebaut, oder nicht.— Alle Kraft ſeiner Seele hatte er zu der Bitte aufgeboten, und mit Angſt harrte er der Antwort, die ewig, ewig zögerte. Wohl kam Pfingſten näher und näher, aber zu der Schwüle, die unbekannt und unſichtbar über des Jünglings Herzen hing, geſellte ſich noch eine andere über dem ganzen Dorfe drohend, ein Geſpenſt, das mit unhörbaren Schritten nahte;— nämlich jener glänzende Himmel, zu dem Felix ſein inbrünſtiges Auge erhoben, als er jene ſchwere Bitte ab⸗ geſandt hatte, jener glänzende Himmel, zu dem er vielleicht damals ganz allein emporgeblickt, war ſeit der Zeit wochenlang ein glänzender ge⸗ blieben, und wohl hundert Augen ſchauten nun zu ihm ängſtlich auf. Felix, in ſeiner Erwartung befangen, hatte es nicht bemerkt; aber eines Nachmittags, da er gerade von der Haide dem Dorfe zuging, fiel ihm auf, wie denn heuer gar ſo ſchönes Wetter ſei; denn eben ſtand über der ver⸗ welkenden Haide eine jener prächtigen Erſcheinungen, die er wohl öfters, auch in morgenländiſchen Wüſten, aber nie ſo ſchön geſehen, nämlich das Waſſerziehen der Sonne:— aus der ungeheuren Himmelsglocke, die über die Haide lag, wimmelnd von glänzenden Wolken, ſchloſſen an ver⸗ ſchiedenen Stellen iziiſche Ströme des Lichtes, und, auseinander⸗ fahrende Straßen am Himmelszelte bildend, ſchnitten ſie von der gedehn⸗ ten Haide blendend goldne B ider heraus, während das ferne Moor in einem ſchwachen milchichten Höhenrauche verſchwamm. So war es dieſer Tage oft geweſen, und der heutige ſchloß ſich wie ſeine Vorgänger; nämlich zu Abend 6 war der Himmel gefegt, und zeigte eine blanke hochgelb ſchimmernde Kuppel. Felir ging zu der Schweſter, und als er ſpät Abends in ſein Haus zurückkehrte, bemerkte er auch, wie man im Dorfe geklagt, daß die Halme des Kornes ſo dünne ſtanden, ſo zart, die wolligen Aehren pfeilrecht em⸗ por ſtreckend, wie ohnmächtige Lanzen. Am andern Tage war es ſchön, und immer ſchönere Tage kamen und ſchönere. Alles und jedes Gefühl verſtummte endlich vor der furchtbaren Angſt, die täglich in den Herzen der Menſchen ſtieg. Nun waren auch gar keine Wolken mehr am Himmel, ſondern ewig blau und ewig mild lächelte er nieder auf die verzweifelnden Menſchen. Auch eine andere Er⸗ ſcheinung ſah man jetzt oft auf der Haide, die ſich wohl früher auch mochte ereignet haben, jedoch von Niemand beachtet; aber jetzt, wo viele tauſend und tauſend Blicke täglich nach dem Himmel gingen, wurde ſie als unglückweiſſagender Spuk betrachtet: nämlich ein Waldes⸗ und Höhenzug, jenſeits der Haide gelegen, und von ihr aus durchaus nicht ſichtbar, ſtand nun öfters ſehr deutlich am Himmel, daß ihn nicht nur Alles ſah, ſondern daß man ſich die einzelnen Rücken und Gipfel zu nen⸗ nen und zu zeigen vermochte— und wenn es im Dorfe hieß, es ſei wie⸗ der zu ſehen, ſo ging Alles hinaus, und ſah es an, und es blieb manch⸗ mal ſtundenlang ſtehen, bis es ſchwankte, ſich in Längen⸗ und Breiten⸗ ſtreifen zog, ſich zerſtückte, und mit eins verſchwand. Die Haidelerche war verſtummt; aber dafür tönte den ganzen Tag, und auch in den warmen thauloſen Rächten das ewige einſame Zirpen und Wetzen der Heuſchrecken über die Haide, und der Angſtſchrei des Kibitz. Das flinke Wäſſerlein ging nur mehr wie ein dünner Seidenfaden über die graue Fläche, und das Korn und die Gerſte im Dorfe ſtanden fahl⸗ grün und weſenlos in die Luft, und erzählten bei jedem Hauche derſelben mit leichtfertigem Rauſchen ihre innere Leere. Die Baunfrüchte lagen klein und mißreif auf der Erde, die Blätter waren ſtaubig und von Blümlein war nichts mehr auf dem Raſen, der ſich ſelber wie rauſchend Papier zwiſchen den Feldern hinzog. Es war die äußerſte Zeit. Man flehte mit Inbrunſt zu dem ver⸗ ſchloſſenen Gewölbe des Himmels. Wohl ſtand wieder mancher Wolken⸗ berg tagelang am ſüdlichen Himmel, und nie noch wurde ein ſo ſtoffloſes Ding wie eine Wolke, von ſo vielen Augen angeſchaut, ſo ſehnſüchtig angeſchaut, als hier— aber wenn es Abend wurde, erglühte der Wolken⸗ berg purpurig ſchön, zerging, löſete ſich in lauter wunderſchöne zerſtreute Roſen am Firmamente auf, und verſchwand— und die Millionen freund⸗ licher Sterne beſetzten den Himmel. So war der Freitag vor Pfingſten gekommen; die weiche blaue Luft war ein blanker Felſen geworden. Vater Riklas war Nachmittags über die Haide gekommen, das Bächlein war nun auch verſiegt, das Gras bis auf eine Decke von ſchalgrauem Filze verſchwunden, nicht Futter gebend für ein einzig Kaninchen; nur der unverwüſtliche und unverderbliche Haideſohn, der mißhandelte und verachtete Strauch, der Wachholder, ſtand mit eiſerner Ausdauer da, der einzige lebhafte Feldbuſch, das grüne Banner der Hoffnung; denn er bot freiwillig gerade heuer eine ſolche Fülle der größten blauen Beeren, ſo überſchwenglich, wie ſich keines Haidebwohners Gedächtniß entſinnen konnte.— Eine plötzliche Hoffnung ging in NRiklas Haupte auf, und er dachte als Richter mit den Aelteſten des Dorfes darüber zu rathen, wenn es nicht morgen oder übermorgen ſich änderte. Er ging weit und breit und betrachtete die Ernte, die keiner geſäet, und auf die keiner gedacht, und er fand ſie immer ergiebiger und reicher, ſich, weiß Gott, in welche Ferne erſtreckend— aber da fielen ihm die armen tauſend Thiere ein, die dadurch werden in Nothſtand verſetzt ſein, wenn man die Beeren ſammle: allein er dachte, Gott der Herr wird ihnen ſchon eingeben, wohin der Krammetsvogel fliegen, das Reh laufen müſſe, um andere Rahrung zu finden. Da er heimwärts in die Felder kam, nahm er eine Scholle und zer⸗ drückte ſie; aber ſie ging unter ſeinen Händen wie Kreide auseinander— und das Getreide, vor der Zeit Greis, fing ſchon an, ſich zu einer tauben Ernte zu bleichen. Wohl ſtanden Wolken am Himmel, die in langen milchweißen Streifen tauſendfaſtig und verwaſchen die Bläue durch⸗ ſtreiften, ſonſt immer Vorboten des Regens; aber er traute ihnen nicht, weil ſie ſchon drei Tage da waren, und immer wieder verſchwanden, als würden ſie eingeſogen von der unerſättlichen Bläue. Auch manch anderer Hausvater ging händeringend zwiſchen den Feldern und als es Abend geworden, und ſelbſt zerſtückte Gewitter um den Rand des Horizontes ſtanden, und ſich gegenſeitig Blitze zuſandten,— ſah ein von der Stadt heimfahrender Bauer ſelbſt die halbgeſtorbene Großmutter mitten im Felde knien, und mit emporgehobenen Händen beten, als ſei ſie durch die allgemeine Noth zu Bewußtſein und Kraft gelangt, und als ſei ſie die — * Perſon im Dorfe, deren Wort vor allen Geltung haben müſſe im Jenſeits. Die Wolken wurden dichter, aber blitzten nur und regneten nicht. Wie Vater Niklas zwiſchen die Zäune bog, begegnete er ſeinem Sohne, und ſiche, dieſer ging mit traurigem Angeſichte einher, mit weit traurigerem, als jeder Andere im Dorfe. „Guten Abend, Felix,“ ſagte der Vater zu ihm,„gibſt Du denn die Hoffnung ganz auf?“ „Welche Hoffnung, Vater?“ „Gibt es denn eine andere, als die Ernte?“ „Ja, Vater, es gibt eine andere;— die der Ernte wird in Erfül⸗ lung gehen, die andere nicht. Ich will es Euch ſagen, ich ſelber habe etwas für Euch und das Dorf gethan. Ich habe zu den Obrigkeiten der fernen Hauptſtadt geſchrieben, und ihnen den Stand der Dinge gemel⸗ det; ich habe Freunde dort und manche haben mich lieb gehabt,— ſie werden Euch helfen, daß ihr keinen Hauch von Noth empfinden ſollet, und auch ich werde ſo viel helfen, als in meiner Kraft iſt. Aber tröſtet Euch und tröſtet das Dorf: alle Hilfe von Menſchen, werdet Ihr nicht brauchen; ich habe den Himmel und ſeine Zeichen auf meinen Wande⸗ rungen kennen gelernt, und er zeigt, daß es morgen regnen werde.— Gott macht ja immer Alles, Alles gut, und es wird auch dort gut ſein, wo er Schmerz und Entſagung ſendet.“ „Möge Dein Wort in Erfüllung gehen, Sohn, daß wir zuſammen glückliche Feſttage feiern.“ „Amen,“ ſagte der Sohn,„ich begleite Euch zur Mutter; wir wol⸗ len glückliche Feſttage feiern.“ Pfingſtſamſtags⸗Morgen war angebrochen und der ganze Himmel hing voll Wolken; aber noch war kein Tropfen gefallen. So iſt der Menſch. Geſtern gab jeder die Hoffnung der Ernte auf, und heute glaubte jeder, mit einigen Tropfen wäre ihr geholſen. Die Weiber und Mägde ſtanden auf dem Dorſplatze und hatten Fäſſer und Geſchirt her⸗ gebracht, um, wenn es regne, und der Dorfbach ſich fülle, doch auch heuer wie ſonſt, ihre Feſttagsreinigungen vornehmen zu können und feierliche Pfingſten zu halten. Aber es wurde Nachmittag, und noch kein Tropfen war gefallen, die Wolken wurden zwar nicht dünner— aber es kam auch Abend, und kein Tropfen war gefallen. Spät Rachts war der Bote zurückgekommen, den Felir in die Stadt zur Poſt geſendet, und brachte einen Brief für ihn. Er lohnte den Boten, trat, als er allein war, vor die Lampe ſeines Tiſches, und entſiegelte die wohlbekannte Handſchrift: „Es macht mir vielen Kummer, in der That, ſchweren Kummer, daß ich Ihre Bitte abſchlagen muß. Ihre ſelbſtgewählte Stellung in der Welt macht es unmöglich zu willfahren; meine Tochter ſieht ein, daß es ſo nicht ſein kann, und hat nachgegeben. Sie wird den Sommer und Winter in Italien zubringen, um ſich zu erholen, und ſendet Ihnen durch mich die beſten Grüße. Sonſt Ihr treuer, ewiger Freund.“ Der Mann, als er geleſen, trat mit ſchneebleichem Angeſichte und mit zuckenden Lippen von dem Tiſche weg— an den Wimpern zitterten Thränen vor. Er ging ein paarmal auf und ab, legte endlich das erhal⸗ tene Schreiben langſam auf den Tiſch, ſchritt mit dem Lichte gegen einen Schrein, nahm ein Päckchen Briefe heraus, legte 6 zuſammen, unwicktte ſie mit einem feinen Unſchlage, und ſiegelte ſie zu— dann legte er ſie wieder in den Schrein. „Es iſt geſchehen,“ ſagte er athmend, und trat an's Fenſter, ſein Auge an den dicken finſtern Nachthimmel legend. Unten ſtand ein ver⸗ welkter Garten— die Haide ſchlummerte— und auch das entfernte Dorf lag in hoffnungsvollen Träumen. Es war eine lange, lange Stille. „Meine ſelbſtgewählte Stellung,“ ſagte er endlich ſich emportichtend — und im tiefen, tiefen Schmerze war es, wie eine zuckende Seligkeit, die ihn lohnte. Dann löſchte er das Licht aus und ging zu Bette. Des andern Morgens, als ſich die Augen aller Menſchen öffneten, war der ganze Haidehimmel grau, und ein dichter ſanfter Landregen träufelte nieder. Alles, alles war nun gelöſet; die freudigen Feſtgruppen der Kirch⸗ gänger rüſteten ſich, und ließen gern das köſtliche Naß durch ihre Kleider ſinken, um nur zum Tempel Gottes zu gehen und zu danken— auch Felir ließ es durch ſeine Kleider ſinken, ging mit und dankte mit, und Keiner wußte, was ſeine ſanften, ruhigen Augen bargen. — 160— So weit geht unſere Wiſſenſchaft von Felix, dem Haidebewohner. — Von ſeinem Wirken und deſſen Früchten liegt nichts vor: aber ſei es ſo oder ſo— trete nur getroſt dereinſt vor deinen Richter, du reiner Menſch, und ſage:„Herr, ich konnte nicht anders, als dein Pfund pfle⸗ gen, das du mir anvertraut haſt,“ und wäre dann ſelbſt Dein Pfund zu leicht geweſen, der Richter wird gnädiger richten als die Menſchen. Der Zochwald. 1841. 1. Waldhurg. An der Mitternachtſeite des Ländchens Oeſterreich zieht ein Wald an die dreißig Meilen lang ſeinen Dämmerſtreifen weſtwärts, beginnend an den Quellen des Fluſſes Thaia, und fortſtrebend bis zu jenem Grenz⸗ knoten, wo das böhmiſche Land mit Oeſterreich und Baiern zuſammen⸗ ſtößt. Dort, wie oft die Nadeln bei Kriſtallbildungen, ſchoß ein Ge⸗ wimmel mächtiger Joche und Rücken gegen einander, und ſchob einen derben Gebirgsſtock empor, der nun von drei Landen weithin ſein Wal⸗ desblau zeigt, und ihnen allerſeits wogiges Hügelland und ſtrömende Bäche abſendet. Er beugt, wie Seinesgleichen öfter, den Lauf der Ber⸗ geslinie ab, und ſie geht dann mitternachtwärts viele Tagereiſen weiter. Der Ort dieſer Waldesſchwenkung nun, vergleichbar einer abge⸗ ſchiednen Meeresbucht, iſt es, in deſſen Revieren ſich das begab, was wir uns vorgenommen zu erzählen. Vorerſt wollen wir es kurz ver⸗ ſuchen, die zwei Punkte jener düſterprächtigen Waldesbogen dem geneig⸗ ten Leſer vor die Augen zu führen, wo die Perſonen dieſer Geſchichte lebten und handelten, ehe wir ihn zu ihnen ſelber geleiten. Möchte es uns gelingen, nur zum tauſendſten Theile jenes ſchwermüthig ſchöne Bild dieſer Waldthale wieder zu geben, wie wir es ſelbſt im Herzen tra⸗ gen, ſeit der Zeit, als es uns gegönnt war, dort zu wandeln, und einen Theil jenes Doppeltraumes dort zu träumen, den der Himmel jedem Menſchen einmal und gewöhnlich vereint gibt, den Traum der Jugend und den der erſten Liebe. Er iſt es, der eines Tages aus den tauſend Herzen eines hervorhebt, und es als unſer Eigenthum für alle Zukunft 11 — 164— als einzigſtes und ſchönſtes in unſere Seele prägt, und dazu die Fluren, wo es wandelte, als ewig ſchwebende Gärten in die dunkle warme Zau⸗ berfantaſie hängt! 3 Wenn ſich der Wanderer von der alten Stadt und dem Schloſſe Krumau, dieſer grauen Wittwe der verblichenen Roſenberger, 3 wendet, ſo wird ihm zwiſchen unſcheinbaren Hügeln bald hier bald ein Stück Dämmerblau hereinſcheinen, Gruß und Zeichen von draußen ziehendem Gebirgslande, bis er endlich nach Erſteigung eines Kammes nicht wieder einen andern vor ſich ſieht, wie den ganzen Vormittag, ſon⸗ dern mit eins die ganze blaue Wand von Süd nach Norden ſtreichend, einſam und traurig. Sie ſchneidet einfärbig mit breitem, lothrechtem Bande den Abendhimmel, und ſchließt ein Thal, aus dem ihn wieder die Waſſer der Moldau anglänzen, die er in Krumau verließ; nur ſind ſie hier noch jugendlichet und näher ihrem Urſprunge. Im Thale, das weit und ftuchtbar iſt, ſind Dörfer herumgeſtreuet, und mitten unter ihnen ſteht der kleine Flecken Oberplan. Die Wand iſt obgenannter Waldes⸗ damm, wie er eben nordwärts beugt, und daher unſer vorzüglichſtes Au⸗ genmerk. Der eigentliche Punkt aber iſt ein See, den ſie ungefähr im zweiten Drittel ihrer Höhe trägt. Dichte Waldbeſtände der eintönigen Fichte und Fähre führen ſtun⸗ denlang vorerſt aus dem Moldauthale empor, dann folgt, dem Seebache ſacht entgegenſteigend, offenes Land;— aber es iſt eine wilde Lagerung zerriſſener Gründe, aus nichts beſtehend, als tief ſchwarzer Erde, dem dunklen Todtenbette tauſendjähriger Vegetation, worauf viele einzelne Granitkugeln liegen, wie bleiche Schädel von ihrer Unterlage ſich ab⸗ hebend, da ſie vom Regen bloßgelegt, gewaſchen und rund gerieben ſind.— Ferner liegt noch da und dort das weiße Gerippe eines geſtürz⸗ ten Baumes und angeſchwemmte Klötze. Der Seebach führt braunes Eiſenwaſſer, aber ſo klar, daß im Sonnenſcheine der weiße Grundſand glitzert, wie lauter röthlich heraufflimmernde Goldkörner. Keine Spur von Menſchenhand, jungfräuliches Schweigen. Ein dichter Anflug junger Fichten nimmt uns nach einer Stunde Wanderung auf, und von dem ſchwarzen Sammte ſeines Grundes her⸗ ausgetreten, ſteht man an der noch ſchwärzern Seesfläche. Ein Gefühl der tieſſten Einſamkeit überkam mich jedesmal unbe⸗ ſieglich, ſo oft und gern ich zu dem märchenhaften See hinaufſtieg. — 165— Ein geſpanntes Tuch ohne eine einzige Falte liegt er weich zwiſchen dem harten Geklippe, geſäumt von einem dichten Fichtenbande, dunkel und ernſt, daraus manch einzelner Urſtamm den äſteloſen Schaft emporſtreckt, wie eine einzelne alterthümliche Säule. Gegenüber dieſem Waldbande ſteigt ein Felſentheater lothrecht auf, wie eine graue Mauer, nach jeder Richtung denſelben Ernſt der Farbe breitend, nur geſchnitten durch zarte Streifen grünen Mooſes, und ſparſam bewachſen von Schwarzföhren, die aber von ſolcher Höhe ſo klein herabſehen, wie Rosmarinkräutlein. Auch brechen ſie häufig aus Mangel des Grundes los, und ſtürzen in den See hinab; daher man, über ihn hinſchauend, der jenſeitigen Wand entlang in gräßlicher Verwirrung die alten ausgebleichten Stämme liegen ſieht, in traurigem weiß leuchtendem Verhack die dunklen Waſſer ſäumend. Rechts treibt die Seewand einen mächtigen Granitgiebel em⸗ por, Blockenſtein geheißen; links ſchweift ſie ſich in ein ſanftes Dach herum, von hohem Tannenwald beſtanden, und mit einem grünen Tuche des feinſten Mooſes überhüllet. Da in dieſem Becken buchſtäblich nie ein Wind weht, ſo ruht das Waſſer unbeweglich, und der Wald und die grauen Felſen, und der Him⸗ mel ſchauen aus ſeiner Tiefe heraus, wie aus einem ungeheuein ſchwar⸗ zen Glasſpiegel. Ueber ihm ſteht ein Fleckchen der tiefen, eintönigen Himmelsbläue. Man kann hier Tagelang weilen und ſinnen und kein Laut ſtört die durch das Gemüth ſinkenden Gedanken, als etwa der Fall einer Tannenfrucht oder der kurze Schrei eines Geiers. Oft entſtieg mir ein und derſelbe Gedanke, wenn ich an dieſen Ge⸗ ſtaden ſaß:— als ſei es ein unheimlich Naturauge, das mich hier an⸗ ſehe— tief ſchwarz— überragt von der Stirne und Braue der Felſen, geſäumt von der Wimper dunkler Tannen— drinn das Waſſer regungs⸗ los, wie eine verſteinerte Thräne. Rings um dieſen See, vorzüglich gegen Baiern ab, liegen ſchwere Wälder, manche nie beſuchte einſame Thalkrümme ſammt ihren Bächlein zwiſchen den breiten Rücken führend, manche Felſenwand ſchiebend mit den tauſend an der Sonne glänzenden Flittern, und manche Waldwieſe dem Tagesglanze unterbreitend einen ſchimmernden Verſammlungsſaal des mannigfachſten Wildes. Dieſes iſt der eine der zwei obbemerkten Punkte. Laſſet uns nun zu dem andern übergehen. Es iſt auch ein Waſſer, aber ein freund⸗ — 166— liches, nämlich das leuchtende Band der Moldau, wie es ſich darſtellt von einem Höhenpunkt desſelben Waldzuges angeſehen, aber etwa zehn Wegeſtunden weiter gegen Sonnenaufgang. Durch die duftblauen Waldrücken noch glänzender, liegt es geklemmt in den Thalwindungen, weithin ſichtbar, erſt ein Lichtfaden, dann ein flatternd Band, und end⸗ lich ein breiter Silbergürtel um die Wölbung dunkler Waldesbuſen ge⸗ ſchlungen— dann, bevor ſie neuerdings ſchwarze Tannen⸗ und Föhren⸗ wurzeln netzt, quillt ſie auf Augenblicke in ein lichtes Thal hervor, das wie ein zärtlich Auge aufgeſchlagen iſt in dem ringsum trauernden Wal⸗ desdunkel.— Das Thal trägt dem wandernden Waldwaſſer gaſtliche Felder entgegen, und grüne Wieſen, und auf einer derſelben, wie auf einem Sammetkiſſen, einen kleinen Ort mit dem ſchönen Namen Fried⸗ berg.— Von da, nach kurzem Glanze, ſchießt das Wellenſilber wieder in die Schatten erſt des Jeſuiterwaldes, dann des Kienberges, und wird endlich durch die Schlucht der Teufelsmauer verſchlungen. Der Punkt, von dem aus man faſt ſo weit als es hier beſchrieben, den Lauf dieſer Waldestochter überſehen kann, iſt eine zerfallene Ritter⸗ burg, von dem Thale aus wie ein luftblauer Würfel anzuſehen, der am oberſten Rande eines breiten Waldbandes ſchwebet. Friedberg's Fenſter ſehen gegen Südweſten auf die Ruine, und deſſen Bewohner nennen ſie den Thomasgipfel oder Thomasthurm, oder ſchlechthin St. Thoma, und ſagen, es ſei ein uraltes Herrenſchloß, auf dem einſt grauſame Ritter wohnten, weßhalb es jetzt verzaubert ſei und in tauſend Jahren nicht zuſammenfallen könne, ob auch Wetter und Sonnenſchein daran arbeite. Oft ſaß ich in vergangenen Tagen in dem alten Mauerwerke, ein liebgewordenes Buch leſend, oder bloß den lieben aufkeimenden Jugend⸗ gefühlen horchend, durch die ausgebröckelten Fenſter zum blauen Himmel ſchauend, oder die goldnen Thierchen betrachtend, die neben mir in den Halmen liefen, oder ſtatt all deſſen bloß müßig und ſanſt den ſtum⸗ men Sonnenſchein empfindend, der ſich auf Mauern und Steine legte— — oft und gern verweilte ich dort, ſelbſt als ich das Schickſal Derer noch nicht kannte, die zuletzt dieſe wehmüthige Stätte bewohnten. Ein grauer viereckiger Thurm ſteht auf grünem Weidegrunde, von ſchweigendem, zerfallenem Außenwerke umgeben, tauſend Gräſer, und ſchöne Waldblumen, und weiße Steine im Hofraume hegend, und von außen umringt mit vielen Platten, Knollen, Blöcken und andern wun⸗ derlichen Granitformen, die ausgeſäet auf dem Raſen herumliegen. Keine Stube, kein Gemach iſt mehr in wohnbarem Zuſtande, nur ſeine Mauern, jedes Mörtels und Anwurfes entkleidet, ſtehen zu dem reinen Himmel empor, und tragen hoch oben manche einſame Thür, oder einen unzu⸗ gänglichen Söller, nebſt einer Fenſterreihe, die jetzt in keinem Abendroth mehr glänzen, ſondern eine Wildniß ſchöner Waldkräuter in ihren Sim⸗ ſen tragen.— Keine Waffen hängen an den Mauerbögen, als die hun⸗ dert goldenen Pfeile der ſchief einfallenden Sonnenſtrahlen; keine Ju⸗ welen glänzen aus der Schmuckniſche, als die ſchwarzen befreundeten Aeuglein eines brütenden Rothkehlchens;— kein Tragebalken führt vom Mauerrande ſein Dach empor, als manch ein Fichtenbäumchen, das hoch am Saume im Dunkelblau ſein grünes Leben zu beginnen ſucht.— Keller, Gänge, Stuben— Alles Berge von Schutt, geſucht und geliebt von mancher dunkeläugigen Blume. Einer der Schutthügel reicht von innen bis gegen das Fenſter des zweiten Stockwerkes empor. Dem, der ihn erklimmt, wird ein Anblick, der, obwohl im geraden Gegenſatze mit den Trauerdenkmalen ringsum, dennoch augenblicklich fühlen läßt, daß eben er die Vollendungslinie um das beginnende Empfinden lege, näm⸗ lich: über alle Wipfel der dunklen Tannen hin ergießt ſich dir nach jeder Richtung eine unermeſſ'ne Ausſicht, ſtrömend in deine Augen und ſie faſt mit Glanz erdrückend.— Dein ſtaunender und verwirrter Blick ergeht ſich über viele, viele grüne Bergesgipfel in webendem Sonnen⸗ dufte ſchwebend, und geräth dann hinter ihnen in einen blauen Schleier⸗ ſtreifen— es iſt das geſegnete Land jenſeits der Donau mit ſeinen Ge⸗ treidehängen und Obſtwäldern— bis der Blick endlich auf jenen unge⸗ heuren Halbmond trifft, der den Geſichtskreis einfaſſet: die noriſchen Alpen.— Der große Briel glänzt an heitern Tagen wie emne lichte Flocke am Himmelsblaue hängend,— der Traunſtein zeichnet eine blaſſe Wol⸗ kenkontur in den Kriſtall des Firmaments.— Der Hauch der ganzen Alpenkette zieht wie ein luftiger Feengürtel um den Himmel, bis er hin⸗ ausgeht in zarte, kaum ſichtbare Lichtſchleier, drinnen weiße Punkte zittern, wahrſcheinlich die Schneeberge der ferneren Züge. Dann wende den Blick auch nordwärts; da ruhen die breiten Wal⸗ desrücken und ſteigen lieblich ſchwarzblau dämmernd ab gegen den Sil⸗ berblick der Moldau;— wreſtlich blauet Forſt an Forſt in angenehmer — 168— Färbung, und manche zarte ſchöne blaue Rauchſäule ſteigt fern aus ihm zu dem heitern Himmel auf. Es wohnet unſäglich viel Liebes und Weh⸗ müthes in dieſem Anblicke. Und nun, lieber Wanderer, wenn du dich ſatt geſehen haſt, ſo gehe jetzt mit mir zwei Jahrhunderte zurück, denke weg aus dem Gemäuer die blauen Glocken, und die Maslieben und den Löwenzahn, und die andern tauſend Kräuter; ſtreue dafür weißen Sand bis an die Vormauer, ſetze ein tüchtig Buchenthor in den Eingang und ein ſturmgerechtes Dach auf den Thurm, ſpiegelnde Fenſter in die Mauern, theile die Gemächer, und ziere ſie mit all dem lieben Hausrath und Flitter der Wohnlichkeit — dann, wenn Alles iſt wie in den Tagen des Glückes, blank, wie aus dem Guſſe des Goldſchmiedes kommend—— dann geh' mit mir die mittlere Treppe hinauf in das erſte Stockwerk, die Thüren fliegen auf ——— Gefällt dir das holde Paar? Es ſind die Töchter Heinrich's des Wittinghau⸗ ſers, in deſſen Wohnung du dich befindeſt— Wittinghauſen hieß vor Zeiten das Schloß, ehe es von einem in der Rähe erbauten und nun ebenfalls verfallenden Kirchlein den Namen St. Thoma erhielt. Die Jüngere ſitzt am Fenſter und ſtickt, und obwohl es noch früh am Morgen iſt, ſo iſt ſie doch ſchon völlig angekleidet und zwar mit einem mattblauen Kleide nach der ſo maleriſchen Art, wie wir ſie noch Alles iſt nett. Aermel und Mieder ſchließen reinlich, jede Falte der Schleppe liegt bewußtvoll, jede Schleife ſitzt wohlberechtigt, und jede Buffe gilt, und über dem Ganzen des Trachtenbaues ſchwebt als Giebel ein ſchönes Köpfchen, über und über blondlockig, und ſchaut faſt wun⸗ derſelig jung aus der altväteriſchen Kleiderwolke. Man ſieht es offen⸗ bar, ſie hat hohe Freude an ihrem Anzuge, und hat ihn auch deßwegen ſchon ganz und gar an. Zu den blonden Locken ſtehen ſeltſam die dun⸗ kelbraunen, faſt ſchwarzen Augen, wenn ſie mit ihnen gelegentlich er⸗ ſchrocken oder neugierig emporleuchtet— aber dann liegen ſie ſo rein und rund in ihrem Rahmen, daß man ſieht, wie die junge Seele, unberührt von Schmerz und Leidenſchaft, noch ſo arglos zutäppiſch durch ihre Fen⸗ ſterlein herausſchaut, weil die Welt gar ſo groß und prächtig iſt. Den Locken nach iſt ſie älter, als achtzehn, den Augen nach, jünger als vier⸗ zehn Jahre. Vielleicht ſteht ſie mitten. — 169— Die Aeltere iſt noch nicht angezogen. Sie ſitzt in einem weißen Nachtkleide auf einer Art von Ruhebett, auf dem ſie viele Papiere und Pergamentrollen ausgebreitet hat, in denen ſie herumſucht. Eine Fülle äußerſt ſchwarzer Haare iſt aufgelöſt und ſchneidet in breitem nieder⸗ gehendem Strome den faltenreichen Schnee des Nachtgewandes. Das Geſicht iſt fein und geiſtreich, nur etwas blaß, daher die Augen deſto dunkler daraus vorleuchten, da ſie den Haaren entſprechend ſind, tief ſchwarz, und faſt noch größer, als die braunen der Schweſter. Das Zimmer iſt das Wohn⸗ und Schlafgemach der Mädchen; denn in ſeiner Tiefe ſtehen die zwei aus Eichenholz geſchnitzten Bettgeſtelle, jedes überwölbt mit einem ſeidenen Baldachin und umlegt mit blühenden Teppichen;— Seſſel und Schemel ſtehen verſchoben, als eben gebraucht und zum Theil bedeckt mit Stücken weißen Rachtzeuges. Die Betſchemel ſtehen jeder in einer andern Fenſterbrüſtung, daß ſich die betenden Schwe⸗ ſtern nicht ſehen können; denn die Andacht iſt verſchämt, wie die Liebe. Auf dem Putztiſche iſt nur ein hoher ſchmaler Spiegel und echte Schmuck⸗ ſtücke. Es iſt noch ſehr früh am Morgen, wie die langen Schatten und die Silberblize an den thaufeuchten Tannen draußen zeigen. Der Tag iſt ganz heiter, die Alpenkrone liegt in den zwei Fenſtern, wie in einem Rahmen, und ein glänzender Himmel ſpannt ſich darüber weg. Die am Fenſter ſtickt emſig fort, und ſieht nur manchmal auf die Schweſter. Dieſe hat mit einmal ihr Suchen eingeſtellt, und ihre Harfe ergriffen, aus der ſchon ſeit länger einzelne Töne wie träumend fallen, die nicht zuſammenhängen, oder Inſelſpitzen einer untergeſunkenen Me⸗ lodie ſind. Plötzlich ſagte die Jüngere:„Siehe, Clariſſa, wenn Du auch die Melodie verbergen willſt, ich kenne doch das Lied, das Du ſchon wieder ſingen möchteſt.—“ Die Angeredete, ohne zu antworten, ſang mit leiſer Stimme die zwei Verſe: „Da lagen weiße Gebeine, Die gold'ne Kron' dabei.“ Dann ließ ſie ab vom Spiele, und ohne die Harfe wegzuſtellen, ſah ſie durch die Saiten in das unſchuldige Angeſicht der Schweſter. Dieſe erwiederte mit den guten runden Augen den Blick, und ſagte dann faſt ſchüchtern:„ich weiß nicht, das Lied iſt mir ſo unheimlich, es ahnt einen Unglückliches an— und der Inhalt iſt ſo ſchauerlich—— auch weiß Du ja, daß es der Vater nicht gern höret, daß Du gerade dieſes Lied ſingeſt——“ „Sieh, und dennoch hat es Einer gedichtet, der ſehr ſanft und gut war,“ fiel die ältere Schweſter ein. „So hätte er gleich lieber ein ſanfteres und freundlicheres dichten können,“ erwiederte die jüngere,„denn ein Lied muß gut und hold ſein, daß man es liebet, und nicht fürchtet, wie dieſes.“ Clariſſa ſah bei die⸗ ſen Worten mit einer ſo gütigen Zärtlichkeit auf die Schweſter, faſt wie eine Mutter, und ſagte:„oDu gutes Ding, Du treuherziges, wie biſt Du noch gar ſo jung!——— Jene Furcht, jenes Schauern iſt ja eben der Abgrund unſeres Gewiſſens, und verſöhnt zuletzt zu gedoppelter Güte.“ „Nein, nein,“ antwortete die andere;„ich bin lieber gleich vom Anfange gut. Ein Lied muß bei mir lieb und hell ſein, wie der heutige Tag, kein Wölkchen, ſo weit Du ſchauen magſt, lauter Blau und lauter Blau, das reinſte und freundlichſte Blau. Deine Melodieen ſind jetzt immer wie Rebel und Wolken, oder gar wie Mondſchein, der wohl auch ſchön iſt, aber bei dem man ſich fürchtet.“ „O die vielgeliebten, ſchwebenden, webenden Wolken,“ entgegnete Clariſſa,„wie ſie aufblühen in der Oede des Himmels, um die Berge glänzen und träumen, ſchimmernde Palläſte bauen, maſſenweiſe ſich ſon⸗ nen, und Abends ſo liebroth entbrennen, wie ſchlafmüde Kinder!—— — O Johanna, liebes Mädchen, wie biſt du doch dein eigner Himmel, tief und ſchön und kühl! Aber es werden in ihm Düfte emporſteigen, — der Menſch gibt ihnen den Mißnamen Leidenſchaft— Du wirſt wäh⸗ nen, ſie ſeien wonnevoll erſchienen, Engel wirſt Du ſie heißen, die ſich in der Bläue wiegen— aber gerade aus ihnen kommen dann die heißen Blitze, und die warmen Regen, Deine Thränen— und doch auch wieder aus dieſen Thränen baut ſich jener Verheißungsbogen, der ſo ſchön ſchimmert und den man nie erreichen kann——— der Mondſchein iſt dann hold und unſte Melodieen weich.—— Kind, es gibt Freuden auf der Welt, von einer Ueberſchwenglichkeit, daß ſie unſer Herz zerbrechen könnten—— und Leiden von einer Innigkeit——— o ſie find ſo innig!!—“ Johanna ſtand ſchnell auf, ging zu ihrer Schweſter, und küßte ſie unſäglich zärtlich auf den Mund, indem ſie beide Arme um ihren Hals ſchlang, und ſagte:„So biſt Du, ich weiß es; Dein Herz thut Dir weh, liebe Schweſter; aber denke, der Vater liebt Dich, der Bruder, ich, und gewiß alle Menſchen, weil Du ſo gut biſt, wie ſonſt gar kein Menſch; aber ſprich nicht ſo— ſinge lieber, ſinge alles, ſelbſt das von dem König. Ich weiß, daß Du heute ſchon ſeit dem Aufſtehen daran dachteſt.“ Clariſſa küßte ſie zweimal recht innig entgegen auf die Kinderlippen, an deren unbewußter ſchwellender Schönheit ſie wie ein Liebender Freude hatte, und ſagte dann lächelnd:„Schaffe Dir keine Sorgen, liebes Herz, ich werde fleißig mit Dir arbeiten, daß unſer Vater Vergnügen an den ſchönen Blumen habe, die unter Deinen Händen erwachſen.“ Sie ſetzte ſich an die entgegengeſetzte Seite des Stickrahmens, und während Jo⸗ hanna an den Blumen arbeitete, begnügte ſie ſich den Grund auszu⸗ füllen. Sie ſprachen noch vielerlei, dann ſchwiegen ſie— dann ſprachen ſie wieder, aber immer blieb cs Grundton die Innigkeit zweier herzlieben Geſchwiſter, wobei jedoch die ältere eine Art ſanfter Vormundſchaft aus⸗ übte. Die Kleine hatte etwas auf dem Herzen, ſo ſchien es; denn ſie holte ſchon einige Male aus— aber jetzt nahm ſie ſich einen Anlauf, und brachte einen kühnen Wildſchützen daher, von dem ſie gehört habe, daß er die weſtlichen Wälder zu ſeiner Wohnung erkoren, die damals ungleich größer waren, als jetzt. Es ſeien von ihm die ſonderbarſten Ge⸗ rüchte im Umlaufe. Sie erzählte, daß ſie geſtern gehört habe, daß er mit keiner andern Kugel als einer geweihten erſchoſſen werden könne, und daß er in der Nacht mit Männern Unterredungen habe, die gar nicht von Fleiſch und Blut ſind. Clariſſa widerſprach dieſem, und meinte, derlei dichte der Aber⸗ glaube dazu, wahrſcheinlich gäbe es gar nicht einmal einen ſolchen Mann, da ſich das Volk nur ſo gern in ſchaurigen Berichten gefalle. „Wohl, wohl gibt es einen ſolchen,“ fiel Johanna eifrig ein. „Und wenn auch,“ antwortete Clariſſa,„ſo iſt er gewiß nicht das, wofür man ihn hält.“ „O vielleicht iſt er etwas noch viel Aergeres— weißt Du von jenem unglücklichen Müller in Spitzenberg— den hat er erſchoſſen. „Rede doch nicht ſo freventlich nach, was nicht erwieſen iſt. Jener Müller ließ ſich zu Kundſchaft in dem ſchwediſchen Heere gebrauchen, deßhalb iſt er erſchoſſen worden.“ „Ja, ſo hat man vermuthet, aber Niemand kann es erweiſen— — 172— und daß ich es Dir nur geſtehe— ich habe geſtern Abends zugehört, als der Jägerburſche, der dem Vater den Brief vom Ritter brachte, in der Geſindeſtube von dieſem Manne erzählte. Er iſt groß und ſtark wie ein Baum, trägt einen wilden Bart, und geht Tagereiſen weit mit ſeiner langen Flinte durch die Wälder. Von den Menſchen, die hier im flachen Lande wohnen, haben ihn noch wenige geſehen, aber der Jägerburſche ſah ihn ſchon ſo nahe, wie ich Dich— und er und kein Anderer hat den Mord verübt. Man fand den Müller im Parkftiedergehölze beim Mutter⸗ gottesbilde, wo ſich die Wege theilen, und keine einzige Wunde an ſei⸗ nem Leibe, als das Loch der kleinen Kugel durch die Schläfe, und kein Menſch, als nur dieſer Wildſchütze, gebraucht ſo kleine Kugeln. Dann ſagte er noch etwas, das aber zu gottlos iſt, als daß es wahr ſein könnte.“ „Nun?“ „Daß dieſer Mann ſein Gewehr nur losſchießen dürfe, und er treffe doch immer Den, den er ſich denke.“ „Wie magſt Du nur ſolchen Reden zuhören,“ ſagte Clariſſa ſehr ernſt,„das iſt blinder leerer Frevel. Wie könnte denn Gott, der allmäch⸗ tige Herr des Weltalls, ſolche böſe Wunder zulaſſen, wenn er wollte, daß wir noch fürder ſeinen Einrichtungen trauen ſollten, wie es ja doch unſte Pflicht und unſre Freude iſt.“ „Ich habe es ja auch nicht geglaubt,“ ſagte Johanna treuherzig; „aber da ich zuhörte, und ſah, wie unſte Mägde faſt erbleichten, ſo ſchauderte es mich auch, und trotz dem, daß ich gehen wollte, horchte ich doch wieder auf ſeine Worte hin. Er hat alles ſo lebendig beſchrieben, auch die Wälder alle dort oben, unermeßlich und undurchdringlich, ſo daß unſte nur Gärten dagegen ſind. Ein ſchöner ſchwarzer Zauberſee ſoll in ihrer Mitte ruhen, und wunderbare Felſen und wunderbare Bäume um ihn ſtehen, und ein Hochwald ringsherum ſein, in dem ſeit der Schöpfung noch keine Art erklungen. Der Jäger ſagte, daß er wohl bisher noch nicht ſo tief hineingedrungen ſei, um zu dem Waſſer zu gelangen, aber näch⸗ ſtens würde er es thun, und da trägt er auch einen geweihten ſilbernen Knopf bei ſich, um den Wildſchützen und Mörder niederzuſchießen, ſo⸗ bald er ihn anſichtig wird; denn gegen Blei iſt er feſt.“ „Warum that er es denn nicht ſchon,“ ſagte Clariſſa,„da er ihn, wie Du ſagſt, ſchon öfters ſah?— Siehſt Du, Du biſt ein argloſes Rärrchen, und der Burſche iſt ein prahlender Schalk, der Euch gern ſchau⸗ dern machte, daß er als deſto größerer Held erſcheine. An Deiner Stelle hätte ich gar nicht zugehört. Jener Mann iſt wohl nur ein harmloſer Schütze— oder es exiſtirt ganz und gar kein ſolcher; denn Alle, die je in jene Waldländer geriethen, fanden eine ſchöne Wildniß voll geſunder Blumen, Kräuter und herrlicher Bäume, die Wohnung unzähliger ftem⸗ der Vögel und Thiere, aber nicht das mindeſte Verdächtige.“ „Aber in den Glöckelbergen ſchwemmte der Bach erſt neulich die Knochen eines Eberkopfes aus, in denen die kleine Kugel ſteckte.“ „Nun laß gehen,“ ſagte Clariſſa lächelnd;—„über dem Gewim⸗ mel Deiner Wälder, Seeen und Knochen und Jäger hat Dir dieſe Roſe ein häßlich Eck bekommen.“ Johanna, eben in dem Alter des größten Wucherns der Räuber⸗ und Zauberfantaſieen, wollte nicht ſo leicht ablaſſen, jedoch Clariſſa ließ ſich nicht mehr hinlenken, und ſo kam das Geſpräch auf die Stickerei, da Johanna die angegriffene Roſe vertheidigte, und wurde mit jener Folge⸗ richtigkeit fortgeführt, die ſie jetzt auf Tanz und Sterbefälle bringt, jetzt auf Kriegsrüſtungen, Lavendel, Eingeſottenes und Kometen. Wie des Blutes Welle aus dem Herzen hüpfet, ſpringt das leichte Gedankenge⸗ ſchwader mit, die Kinderzunge plaudert ſie heraus, das runde Auge ſchaut uns groß und freundlich an— und unſer Herz muß ſie mehr lie⸗ ben, als alle Weisheit der Weiſen. So über alle Maßen koſtbar iſt das reine Werk des Schöpfers, die Menſchenſeele, daß ſie, noch unbefleckt und ahnungslos des Argen, das es umſchwebt, uns unſäglich heiliger iſt, als jede mit größter Kraft ſich abgezwungene Beſſerung; denn nim⸗ mermehr tilgt ein ſolcher aus ſeinem Antlitz unſern Schmerz über die einſtige Zerſtörung,— und die Kraft, die er anwendet, ſein Böſes zu beſiegen, zeigt uns faſt drohend, wie gern er es beginge; wir bewundern ihn, aber mit der natürlichen Liebe quillt das Herz nur Dem entgegen, in dem kein Arges exiſtirt. Daher ſagte vor zweitauſend Jahren jener Eine:„Wehe dem, der eines dieſer Kleinen ärgert!“ Und wenn wir ſo die zwei ſchönen Angeſichte gegenüberſehen, ihre Worte hören, jedes ein durchſichtiger Demant, gefaßt in das Silberklar der Blicke, ſo däucht uns das einfache Gemach, obgleich umlegt mit Geräthen täglichen Ge⸗ brauches, dennoch geweiht und rein, wie eine Kirche. Die Sonne hatte ſich allbereits über den Wald geſchwungen, der — 174— Vormittag glänzte und funkelte über den ſchweigenden Wipfeln, und ein lichter Sonnenſtreifen begann ſich gemach über die Stickerei zu legen— ſiehe, da pochte es draußen ehrbar leiſe an der Thür, Einlaß heiſchend. Johanna ſprang auf, und öffnete eilig den noch vorgeſchobenen Riegel. Es trat ſofort ein Mann herein, freundlich Willkommen bringend— der Vater der Mädchen, der in ihr Morgengemach ſo beſcheiden und ehr⸗ fürchtig eintrat, wie ein Fremder. Er war damals ſchon hoch in den Jahren, aber ein wunderſchöner Greis, eine Geſtalt, als träte ſie aus einem Rahmen Van Dyk's— in ſchwarzen Sammt gekleidet, hoch und ſtattlich, weißen Haupthaares und eines Bartes, der glänzend auf die ſchöne breite Greiſenbruſt herniederwallte— ein Auge, ſtark gewölbt und ſprechend, unter einer felſigen, gefurchten Stirne— ſo hob ſich die Erſcheinung faſt in jene Zeit der Seher und Propheten hinüber, eine Ruine gewaltiger Männerkraft und Männergröße, eine Ruine, jetzt nur noch beſchienen von der milden Abendſonne der Güte, wie ein ſtummer Nachſommer nach ſchweren lärmenden Gewittern— wie der müde Voll⸗ mond auf den Garben des Erntefeldes—— die ſtille, milde, tiefe Güte. Er war eine der wenigen damals noch ſichtbaren Figuren des abgeblüh⸗ ten Ritterthums, ſo unpaſſend für ſeine Mitwelt, wie eine Zeitloſe auf der plattgeſchornen Herbſtwieſe, da die andern Blumen alle längſt in die Scheunen geſammelt ſind. Beide Kinder hängen an ſeinen Augen. Er heißt ſie fortſticken— und da ſie es thun, weilt ſein Blick ungeſehen auf ihnen mit Einſt und Liebe. Er beſieht die Arbeit und lobt ſie, fragt Dieſes und Jenes und weiß immer eine Antwort, die wie Oel in ihre Herzen fließet. Da die Mutter der Mädchen ſchon vor zehn Jahren geſtorben war, ſo war es um ſo rührender, den alten Mann unter den mutterloſen Töch⸗ tern zu ſehen— es iſt eine Art von Zartheit darinnen, wie er mit ihnen umgeht, um ihnen das verlorne Mutterherz zu erſetzen. Vorzugsweiſe beſchäftigt er ſich mit der jüngeren, als ſei ſie es noch am bedürftigſten. Nachdem er ſie befragt, ob ſie in ihrem kleinen Haushalte etwas benöthigten, ob keine Farbe der Stickerei auszugehen drohe, ob ihre Kleider und Stoffe in gutem und prunkendem Stande ſeien, ob keine Magd oder Zofe etwas verſchuldet, oder ob ſie ſonſt nichts vermißten oder wünſchten— und als er auf all dieß lauter„NRein“ oder lauter „guter, lieber Vater“ zur Antwort erhielt, ſo lächelte er, und ſagte, er — 5 habe gleichwohl die ſchönſten und ſeltenſten Dinge aus der Stadt Augs⸗ burg zum Anſehen und Ausſuchen verſchrieben, und wie er der feſten Hoffnung ſei, daß ſie binnen jetzt und acht Tagen da ſein müſſen, und daß er Ehre und Freude damit einlegen werde. Sie mögen ſich bis dahin nur recht mit Wünſchen und Vorſpiegelungen rüſten, was Noth thäte, und was man vielleicht, wäre es dabei, wählen würde, und was nicht. Ferner, als ob er ein Bitteres und Ungewünſchtes vor ſeinem eigenen Herzen noch hinausſchieben möchte, ging er in all ihre Kleinigkeiten ein, und nahm ernſthaften Antheil—— an Johannens Hühnern, an ihrem Rehe und Schwarzkehlchen, an ihren Fenſterblumen— an Clariſſen's Harfe und Zeichenbüchern, an Briefen und am Befinden entfernter Freundinnen— und zuletzt that er an Blondköpflein die Frage, ob ſie wohl nie ihr Abendgebet verſchlummere, wie noch vor wenig Jahren, wo man ſie oft vom Söller oder Gartenanger rothgeſchlafen auflas, und bei noch ſchimmernder Abendſonne mühſelig entkleidete— und als er endlich gar Beide mit Rührung fragte, ob ſie denn auch allemal im Gebete der verſtorbenen Mutter gedächten: ſo ahnete es ihnen wohl, daß er etwas auf dem Herzen trage, was er ſich ſcheue, ihnen zu eröffnen; denn es war eine der holdeſten Blüthen an dem kraſtvollen Greiſe, daß er, wie ganze und ſtarke Menſchen ſo vft, mit der Sorge des Vaters um ſeine Töchter auch faſt eine Scheu vor ihnen darlegte, wie ein Geliebter, und da ihre Verehrung und Hochachtung noch unbegrenzter war, ſo hingen ihre Augen wohl mit Aengſtlichkeit an ſeinen Mienen, aber keine getraute ſich zu fragen. Die Liebe, in jeder Geſtalt, iſt ſcheu, wie die Tugend, und die Ehrfurcht zaghafter, als ſelbſt die Furcht. Er verſtand ſie, wie ſie ihn verſtanden hatten. Mit Sorgſamkeit, daß er es nicht zerknittere, nahm er ein Stück eines gefalteten Weißzeuges von einem Seſſel, rückte denſelben näher an Fenſter und Stickrahmen, und ſetzte ſich den Mädchen gegenüber, ſchein⸗ bar noch immer, als thäte er es der Behaglichkeit willen, weniger die Mädchen, als vielmehr ſich ſelbſt mit einem Anſcheine von Unbefangen⸗ heit täuſchend. „Ich glaube,“ begann er,„Ihr habt ſchon vernommen, daß der Ritter geſtern von ſeinem Jagdausfluge zwar nicht ſelbſt zurückgekom⸗ men, aber einen Boten mit einem Schreiben geſandt habe. Sie waren ſehr glücklich und eine ganze Fracht von Wild iſt unterwegs; auch kann — 176— er nicht genug Lobes ſagen, wie ſchön und ſtill und wie abgeſchloſſen und unzugänglich jene Waldesgärten ſind, in denen er nun ſchon über vier Wochen dem Jagdvergnügen obliegt. Es iſt faſt wehmüthig zu leſen, wie ſchwer ſie Abſchied davvn nehmen— er ſagt: Kein Hauch, keine Ahnung von der Welt draußen dringt hinein, und wenn man ſieht, wie die prachtvolle Ruhe Tagereiſen weit immer dieſelbe, immer unun⸗ terbrochen, immer freundlich in Laub und Zweigen hängt, daß das ſchwächſte Gräschen ungeſtört gedeihen mag, ſo hat man ſchwere Mühe, daran zu glauben, daß in der Welt der Menſchen ſchon die vielen Jahre her der Lärm des Krieges und der Zerſtörung tobe, wo das koſtbarſte und kunſtreichſte Gewächs, das Menſchenleben, mit eben ſolcher Eil' und Leichtfertigkeit zerſtört wird, mit welcher Müh' und Sorgfalt der Wald die kleinſte ſeiner Blumen hegt und auferziehet. Denkt nur, einen ſchö⸗ nen Felſenberg haben ſie gefunden, der über den Wald emporragt, von wo aus man unſer Schloß erblicken kann; ſie meinen, von unſerm rothen Eckzimmer müſſen wir denſelben ſehen können. Wir wollen heute noch in demſelben das Sehrohr aufſtellen, und ſehen, ob wir den Felſen⸗ ſtock entdecken können, der der Blockenſtein heißt— oder wäre es nicht gar noch ſchöner, ehe der Winter kommt, geradewegs ſelber einen Spa⸗ ziergang in jene anmuthigen Wildniſſe zu machen?“ Ein zu Tode erſchrockener Blick ſchlug aus den Augen Johanna's gegen den Vater empor, und traf auf das freundlich fragende Vaterauge. Er ſtand auf, und ging einige Male unruhig im Zimmer auf und nieder, dann vor ſie tretend, die mit Angſt jede ſeiner Bewegungen hütete, ſagte er ernſt und liebreich:„Johanna, liebes furchtſames Reh—— und dennoch muß es ſein, wir werden alle zuſammen jene Wälder beſu⸗ chen———— antworte noch nicht;—— es thut Noth, Kinder, daß ich Euch eröffne, was wir dieſen Sommer fürgeſorgt haben. Dieſer Brief iſt aus Roſenberg— hier einer aus Goldenkron— dieſer von Prag— dieſer aus Meißen und endlich einer aus Baiern. Ich habe Euch ſtets mit Nachrichten aus den Kriegsfeldern verſchont, daß Euer Herz nicht mit Dingen beleidiget werde, die Ihr lieber nicht wiſſet; aber ich habe ein Netz über alle Kriegsplätze geſponnen, daß ich ſtets Kenntniß der ſchwebenden Sache behielt und Vorausſicht der künftigen— es ge⸗ ſchah zu Frommen des Vaterlandes, und zu Eurem Schutze, wie es ja Gott zu meiner lieben väterlichen Pflicht gemacht. Man bereitet noch — 177— vor Winter eine Unternehmung gegen die obern Donauländer vor, deren rechter Flügel beſtimmt iſt, über unſte Berge zu gehen— dieſe Schweden kennen meinen Namen gar wohl— und auch, wenn ſie ihn nicht kenn⸗ ten, ſo iſt aller Grund zu glauben, daß ſie unſer Haus mitfegen werden und die erſten Schneeflocken des künftigen Winters werden wahrſcheinlich auf ſeine ſchwarzgebrannten Mauertrümmer fallen— mag es das Haus werden wir wieder aufbauen, und für Euch habe ich nach beſter Meinung geſorgt. Wie ich es mit Geld und Geldeswerth veranſtaltet, werde ich ſpäter darlegen— jetzt, was wichtiger— von Euch. Es liegt ein Platz im Hochwalde, ich kenne ihn längſt, ſo einſam, ſo abſeit alles menſchlichen Verkehrs, daß kein Pfad, kein Fußtritt, keine Spur davon erſpählich iſt, überdem unzugänglich an allen Seiten, außer einer, die zu verwahren iſt— ſonſt aber wunderſam lieblich und anmuthsreich, gleichſam ein freundliches Lächeln der Wildniß, ein beruhigender Schutz⸗ und Willkommensbrief. Auf dieſem Platze ſteht ein Haus, das ich dieſen Sommer zimmern ließ, allbereits ſchön und wohnlich für Euch einge⸗ richtet; denn dort werdet Ihr wohnen, bis es hier wieder hergeſtellt und gefahrlos iſt. Kein Menſch kennt deſſen Daſein; denn die es zimmerten, ſind mir dreifach verbunden: vorerſt weil ich ſie in Eid und Pflicht nahm, dann weil ſie mir als Unterthanen ſeit Jahren mit Liebe zugethan gewe⸗ ſen, und endlich, weil ich nur ſolche Leute wählte, die mir zufällig vor längerer Zeit ſchon ihre ganze Baarſchaft eingehändigt, daß ich ſie als Aufbewahrtes neben meinem Eigenthume ſchütze, bis die Kriegsgefahr vorüber. Dieſe werden ſich wohl hüten, durch Verletzung ihres Eides mir Schaden zuzuwenden. Sie wurden alle über einen ſehr ſteilen Fel⸗ ſenweg dahingeführt, der aber nur durch geſprengte Steine unzugänglich iſt. Wir werden einen weitern Weg durch bisher unbetretenen Wald ein⸗ ſchlagen, wo ich es viel bequemer vermuthe, da der Boden eben iſt, und der Ritter meint, der Wald müſſe dort ſehr dünne ſein, daß man ſogar vielleicht reiten könne. Wo es ſodann beſchwerlicher wird, dort werden wir von einem Führer, der eines andern Weges von ſeiner Heimath her⸗ überkommen wird, erwartet werden, und für Euch wird eine Sänfte be⸗ reitet ſein. Der Wald, wenn auch Urwald, iſt ſo ſchön und traulich, wie bei uns, und Menſchen werdet Ihr die ganze Zeit Eures Aufenthaltes daſelbſt nicht ſehen, außer die zu Euch gehören. So habe ich geſorgt, und ich glaube, daß es gut ſei.——— Und nun, Kinder, redet.“ Stifter. 4. Aufl. I. 12 — 178— Beide, todtenſtill, ſahen ihn an. „Nun, Johanna,“ ſagte er lächelnd,„thut es Dir ſo leid um Deine Stube hier? Sieh, die dortige iſt gerade ſo gebaut, und ſo eingerichtet wie die—— Nun?“ Mit ordentlicher Mühe preßte ſie ſchüchtern die Worte heraus: „Aber ein Mörder und Wildſchütze iſt dort.“ Der Vater zuckte unwillig auf bei dieſen Worten, ſagte aber dann ſehr gelaſſen und feſt:„Es iſt keiner dort. Leid iſt es mir aber ſehr, äußerſt unangenehm iſt es mir, daß das widerſinnige Gerücht auch in Eure Stube Eingang gefunden. Es iſt keiner dort, glaubt es mir; denn die drei ganzen Monate, die der Ritter abweſend war, hat er mit Felir den Wald weit und breit durchſucht, und bei allen ſeinen Rand⸗ wohnern und in allen Köhler⸗, Holzſchläger⸗ und Forſthütten um Grund oder Ungrund jener Gerüchte geforſcht— es war überflüſſige, aber zu unſter eignen Beruhigung unternommene Vorſicht; kein Gedanke irgend eines ſolchen Mannes iſt dort, ſelbſt nicht die Sage von ihm, die nur müßig in unſter Gegend ſchweifte— aber ſehr unlieb iſt es mir um Euch, denn es wird unnöthig Eure Fantaſie beſchweren. Glaubſt Du denn, Johanna, Du abtrünnig Mädchen, Dein Vater werde Dich zu Räubern und Mördern führen? und wenn ein Wildſchütze dort iſt, ſo iſt es ein ſchöner alter Mann, der zu Eurer Bedienung gehören wird, und den Du bald ſo lieben wirſt, wie Deinen eignen Vater. Seid wohlge⸗ muth, meine Kinder, Ihr werdet von Eurem neuen Wohnorte ſehr trau⸗ rig ſcheiden, und wenn wir Euch verkünden werden, daß dieſes Schloß wieder neu und blank herausgeputzt iſt, wie vorher nie, ſo wird wohl auch aus dem freudigen Auge ein Thränlein auf die holde Stelle fallen, von der Ihr ſcheidet. Werfet das Unkraut getroſt aus Eurem Herzen, und bedenket, daß in einem Monate hier die Kriegslager rauchen, und Waffentoſen, und wüſtes Handwerk ſtatt der Harfenklänge in dieſem Ge⸗ mache ſchallen werden. Seid heiter und rüſtet Euch. In acht Tagen wollen wir den Weg antreten. Oder wüßtet Ihr noch etwas gegen den Vorſchlag?“ Sie wußten wohl Beide nichts, aber wohlgemuth waren ſie auch nicht, ſondern, wie immer, erkannten ſie ſeine Abſicht als gut, und ver⸗ ſprachen, in einigen Tagen zur Reiſe vollkommen vorbereitet zu ſein. In dem ſchönen und heitern Morgenzimmer, ſchwimmend im ſanften Glanze der Vormittagsſonne, geweiht durch die Anweſenheit zweier Engel, und angeſchaut von der ruhigen Naturfeier draußen, war nunmehr mit einem Male ein düſtrer Flor herniedergelaſſen, hinter dem drei beklommene Ge⸗ ſichter ſtanden; der Vater wegen der Mädchen, dieſe wegen der Sache, und wie auch jedes rang nach Unbefangenheit, ſo war ſie eben deßhalb ungewinnbar. Demgemäß trat er an das Fenſter, und ſchaute emſig nach dem Wetter, damit nur die erſte Befangenheit der Mädchen ſich etwas lüften möge, und als ſollte er die Himmelsſchäfchen zählen, die eben vom Süd heraufzukommen begannen, ſo lange und ſorglich ſah er nach ihnen, die Hand ob den Augen haltend. Die Mädchen— es iſt wunderbar, was für ein Zauber der Beruhigung in geliebten treuen Augen liegt— zwei Blicke waren es nur in die gegenſeitige Güte derſelben—— und Jo⸗ hannens Angſt, eben noch rieſig und unbeſiegbar, war alle ganz und gar verflogen. Der Vater kam lächelnd von dem Fenſter herüber, und ſagte, wenn ſie heute den Waldfelſen und nebſtbei auch die ſchöne ferne anſtre⸗ bende Waldmauer ſehen wollten, in der, wie in einer Niſche, ihr hölzern Waldſchloß ſtehe, ſo müßte dies bald geſchehen, und er werde auch deß⸗ halb das Sehrohr vorläufig im rothen Zimmer aufſtellen; denn, trügen nicht alle Zeichen, ſo käme gewiß heute noch ein Gewitter— er ſah ſchel⸗ miſch nach Johanna, deren Lippen, ſchon wieder in allem Purpur pran⸗ gend, ein leiſes Lächeln zu hegen und zu bergen ſuchten, das er gleichwohl ſah und kannte. Es gehörte nämlich zu ſeinen Schwächen, Gewitter zu prophezeihen, und wenn nach zehn ausgebliebenen eines eintraf, ſo über⸗ zeugte ſich Niemand feſter von der Untrüglichkeit ſeiner Symptome als er ſelber. Ob er aber heute ſolche Symptome an dem ſpiegelreinen Him⸗ mel entdeckte, oder ſich in der Trefflichkeit ſeines Herzens nur derlei vor⸗ gelogen, um Reiz zur Heiterkeit zu wecken—— wer könnte es entſchei⸗ den?— Genug er war vergnügt, daß er die Pein der erſten Spannung aus den ihm lieben Angeſichtern ſchwinden ſah, und wohl wiſſend, daß, wenn er ſie verlaſſen, er ſie eben gegenſeitig in die beſten Hände gebe, ſchritt er heiter und ſcherzend der Thür zu;„Clariſſa,“ rief er, noch die Klinke in der Hand haltend,„Du wirſt wieder mit Deinem Anzuge die Cwigkeit brauchen— übereil Dich deßhalb nicht— ich habe vorher noch ein Geſchäft, und wenn ihr fertig ſeid, mögt ihr gelegentlich in die 42 —————————————————————————————— — 180— rothe Stube kommen, und es mir ſagen laſſen,— aber eilt deßhalb nicht.“ Und ſomit zog er die Thür hinter ſich zu. Einzige geliebte Menſchen! Ob ihnen auch der Vater die Ewigkeit ihres Anziehens ſelbſt in den Mund legte, als Gelegenheit ſich zu ver⸗ trauen und zu beſprechen, ſo waren ſie doch zu unſchuldig, ihn zu ver⸗ ſtehen, ſondern ſie ſputeten ſich maßlos, um nur irgend einen Anzug zu Stande zu bringen, daß er nicht zu lange warten dürfe. Nur ein einziges Mal hatten ſich die Schweſtern, als er fort war, umarmt und zwei, drei heiße Küſſe auf die Lippen gedrückt als feſte, kräf⸗ tige, unzerreißbare Verſicherungen und Siegel gegenſeitigen Schutzes und Beiſammenbleibens. So wundergleich iſt die Macht der Liebe, daß ihr Strahl, wenn er bei Gefahr und Noth aus dem andern Auge bricht, ſ ogleich eine eherne Mauer von Zuverſicht um unſer Herz erbauet, wenn er gleich aus den Augen eines zagen Mädchens kommt, das ſelber alles Schutzes bar und bedürftig iſt. Freudigkeit, Zutrauen, ja ſogar Luſtigkeit, Scherzen und Neugierde war aus jenen Küſſen in die Herzen der Mädchen gekommen, und ſie lachten, wenn ſie in der übertriebenen Eile des Anziehens etwas ver⸗ haſteten und abgeſchmackt erzielten. Sie eilten, da ſie endlich fertig waren, in das rothe Zimmer, und trafen dort den jungen Jäger, dem der Freiherr eben eine Strafpredigt über ſein geſtriges Prahlen und Haſeliren hielt—„jetzt geh',“ ſchloß er, da er die Mädchen eintreten ſah,„geh' und trolle Dich——— nun, nun, Sebaſtian, bin ich denn ſo furchtbar,“ rief er in ſanfterem Tone dem Burſchen nach,„daß Du Dich ſo eilig und ſo linkiſch fortſputeſt? laſſe Dir unten einen Becher Wein geben, oder meinetwegen zwei. Jetzt geh.“ Der Jäger ging und der Vater wendete ſich äußerſt vergnügt an die Mädchen.„Ei, ei, Ihr ſeid jä ſehr bald fertig geworden; ſchau wie ſchön— jetzt wollen wir das Rohr aufſtellen, und durchſehen.“ Und ſo geſchah es. Waldwanderung. Es ſind noch heutzutage ausgebreitete Wälder und Forſte um das Quellengebiet der Moldau, daß ein Bär keine Scitenheit iſt, und wohl auch noch Luchſe getroffen werden: aber in der Zeit unſerer Erzählung waren dieſe Wälder über alle jene bergigen Landſtriche gedeckt, auf denen jetzt gereutet iſt und die Walddörfer ſtehen mit ihren kleingetheilten Fel⸗ dern, weißen Kirchen, rothen Kreuzen und Gärtchen voll blühender Waldbüſche. Wohl acht bis zehn Wegeſtunden gingen ſie damals in die Breite, ihre Länge beträgt noch heite viele Tagreiſen. An dem Laufe eines friſchen Waldwaſſers, das ſo klar wie flüſſiges Glas unter naßgrünen Erlengebüſchen hervorſchießt, führt ein gewunde⸗ nes Thal entlang, und in dem Thale geht heutzutage ein reinlicher Weg gegen das Holzdorf Hirſchbergen, das ſeine maleriſchen hölzernen Wald⸗ häuſer zu beiden Seiten des Baches auf die Abhänge herumgeſtreut hat. Dieſe Abhänge prangen mit Matten der ſchönſten Bergkräuter, und mit mancher Heerde, deren Geläute mit einzelnen Klängen ſanft emporſchlägt zu der oben harrenden Stille der Wälder. Damals aber war weder Dorf, noch Weg, ſondern nur das Thal und der Bach, jedoch dieſe noch ſchö⸗ ner, noch friſcher, noch jungfräulicher, als jetzt, beſetzt mit hohen Bäu⸗ men der verſchiedenſten Art. An der einen Seite des Waſſers ſtanden ſie ſo dünne, daß ſich der grüne Raſen, wie ein reines Tuch zwiſchen den Stämmen dahinzog, ein Teppich, weich genug ſelbſt für den Fuß einer Königstochter. Aber kein Fuß, ſchien es, hat ſeit ſeinem Beginne dieſen Boden berührt, als etwa der leichte Tritt eines Rehes, wenn es zu dem Bache trinken kam, oder ſonſt zwiſchen den Stämmen und Sonnenſtrah⸗ len luſtwandeln ging. Heute aber war der Tag gekommen, wo die Heer⸗ ſchaar der Gräſer und Blümlein dieſes Raſens, ungleich ihren tauſend⸗ jährig ſtillen und einſamen Ahnherren, zum erſtenmale etwas Anderes ſehen ſollten, als Laubgrün und Himmelsblau, und etwas Anderes hö⸗ ren, als das Gemurmel der Wellen. Klare, liebliche, ſilberhelle Menſchenſtimmen— Mädchenſtimmen— drangen zwiſchen den Stämmen vor, unterbrochen von dem theilweiſen ————————————————————————————————————— — Anſchlage eines feinen Glöckleins.—— Gleichſam wie lauſchend dem neuen Wunder hielt die Wildniß den Athem an, kein Zweig, kein Läub⸗ chen, kein Halm rührte ſich— die Sonnenſtrahlen traten ungehört auf das Gras, und prägten grüngoldne Spuren— die Luft war unbeweg⸗ lich, blank und dunkelblau— nur der Bach von ſeinem Geſetze gezwun⸗ gen, ſprach unaufhörlich fort, flüchtig über den Schmelz ſeiner Kieſel ſchlüpfend wie über eine bunte Glaſur.— Näher und näher klangen Stimmen und Glöcklein.— Plötzlich ſprang eine Geſtalt vor— elfig, wie einſt Libuſſa's Mutter in ſchneeweißem Kleide ſaß ſie auf ſchneewei⸗ ßem Pferdlein, das ſo zartfüßig wie ein Reh kaum den Raſen ein⸗ drückend, halb hüpfend, halb ſpielend ſeine Laſt wie eine ſchwebende Fe⸗ der zwiſchen den Stämmen hervortrug;— zwei Demanten leuchteten voran, neugierig das fernere Geheimniß des Waldes ſuchend— Jo⸗ hanna's Augen waren es, die heiter, glänzend, freudig voraus⸗ flogen, um die Schönheit des Tages und die ausnehmende Lieblichkeit des Pläßchens vorweg zu genießen— auch das Pferdchen, Luft gewin⸗ nend zwiſchen den hochſchaftigen weitſtehenden Bäumen„ſpielte neckiſch vorwärts, baumelnd und neigend mit Kopf und Hals, als wollte es zu eigener Freude recht oft das ſilberne Glöcklein erklingen laſſen, das es an himmelblauem Bande um den Nacken trug. Hinter Johanna erſchien nun auch Clariſſa, auf einem ähnlich gezäumten Pferde, das aber hell⸗ braun und ohne den kindiſchen Schmuck des Glöckleins war. Sie trug ebenfalls ein weißes Kleid. Auch der ſtattliche Ritter wurde ſofort ſichtbar und ihm zur Seite ein ſchöner blonder Jüngling, oder vielmehr faſt noch ein Knabe, der oben angeführte Felir, der Bruder der Mädchen, beide zu Pferde, und endlich noch ein fünfter Reiter, ein hoher Mann mit ſprechendem An⸗ tlitze, nachläſſig edel ſein Pferd zwiſchen den ſchlanken Waldſäulen vor⸗ wärts geleitend,— und, wie es ſchien, in ſeine dunklen Augen nach⸗ denklich einprägend die ſo ſchönen vor ihm ſchwebenden ſchuldloſen Ge⸗ ſtalten.— Die Waldblumen horchten empor, das Eichhörnchen hielt auf ſei⸗ nem Buchenaſt inne, die Tagfalter ſchwebten ſeitwärts, als ſie vordran⸗ gen, und die Zweiggewölbe warfen blitzende grüne Karfunkel und flie⸗ gende Schatten auf die weißen Gewänder, wie ſie vorüberkamen; der Specht ſchoß in die Zweige, Stamm an Stamm trat rückwärts, bis nach — und nach nur mehr weiße Stückchen zwiſchen dem grünen Gitter wank⸗ ten— und endlich ſelbſt die nicht mehr— aber auch der Reiter tauchte in die Tiefe des Waldes, und verſchwand, und wieder nur der glänzende Raſen, die lichtbetupften Stämme, die alte Stille und Einöde und der dareinredende Bach blieben zurück, nur die zerquetſchten Kräutlein ſuch⸗ ten ſich aufzurichten und der Raſen zeigte ſeine zarte Verwundung.— Vorüber war der Zug— unſer lieblich Waldplätchen hatte die erſten Menſchen geſehen. Immer entlang dem Waldbache, aber ſeinen Waſſern entgegen geht der Zug, ſich vielfach windend, und biegend, um den tieſer hängenden Aeſten und dem dichteren Stande der Bäume auszuweichen.— Sie be⸗ trachten und vergnügen ſich an den mancherlei Geſtaltungen des Waldes. Die vielzweigige Erle geht am Waſſer hin, die leichte Buche mit den ſchönfarbigen Schaften, die feſte Eiche, die ſchwanken Halme der Fichten ſtehen geſellig, und plaudern bei gelegentlichen Windhauchen, die Espe rührt hiebei gleich alle ihre Blätter, daß ein Gezitter von Grün und Silber wird, das die Länge lang nicht auszutaumeln und auszuſchwin⸗ gen vermag— der alte Ahorn ſteht einſam und greift langarmig in die Luft— die Tannen wollen erhabne Säulengänge bilden, und die Büſche, Beeren und Ranken, gleichſam die Kinder, ſind abſeits und zurück in die Winkel gedrängt, daß mitten Raum bleibe für hohe Gäſte. Und dieſe ſind auch gekommen. Frei und fröhlich ziehen ſie das Thal entlang. Wer die Geſichter der Mädchen anſieht, wie ſie doppelt rein und zart neben dem dunkeln Grunde des Waldlaubes dahinſchweben, wie ſie blühend und vergnügt aus dem wallenden weißen Schleier des Kopf⸗ ſchmuckes herausblicken— der hätte nicht gedacht, daß ſie ſich noch kürz⸗ lich ſo ſehr vor dieſen Wäldern fürchteten und ſcheuten. Johanna blieb faſt immer an der Spitze, wie ſie ihrer Natur gemäß, ſich vorher un⸗ mäßig fürchtete, ſo freute ſie ſich auch jetzt unmäßig— und von dem zarten Roth, das ſie ſich beim Abſchiede vom Hauſe in die Augen ge⸗ weint hatte, war keine Spur mehr ſichtbar. Die Pracht und Feier des Waldes mit allem Reichthume und aller Majeſtät drang in ihr Auge und legte ſich an ihr kleines Herz, das ſo ſchnell in Angſt, aber auch ſo ſchnell in Liebe überfloß— und jeder Schritt gab ihrer Einbildungskraft neuen Stoff, war es nun ein ſelt⸗ ſamer Strauch, mit fremden glühend rothen Beeren überſchüttet, oder war es ein mächtiger Baum von ungeahnter Größe— oder die ſchönen bunt⸗ farbigen Schwämme, die ſich an Stellen ſchoben und drängten, oder war es ein plötzlich um eine Ecke brechender Sonnenſtrahl, der die Büſche vor ihr in ſeltſames grünes Feuer ſetzte, und aus unſichtbaren Waldwäſſer⸗ chen ſilberne Funken lockte,— oder war es endlich dieſer oder jener Ton, der als Schmelz, oder Klage, als Ruf oder Mahnung aus der Kehle eines Waldvogels tief aus den ferneren geahneten Waldſchvoßen drang.— Alles fiel in ein ſchon aufgeregtes empfangendes Gemüth. Clariſſa's edles Angeſicht lag liebreich ruhevoll dem Himmel offen, der zwiſchen den Aeſten feſtlich wallend ſein Blau hereinhängen ließ, und erquicklich ſeine Luft um ihre lieben ſich färbenden Wangen goß;—— wie ein ſchöner Gedanke Gottes ſenkte ſich gemach die Weite des Waldes in ihre Seele, die deſſen unbewußt in einem ſtillen und ſchönen und ſanften Fühlen dahinwogte. Selbſt der alte Freiherr empfand ſich in der freien Luft wie geſtählt, und von einem friſchen Hauche ſeiner Jugend angeweht. So ritten ſie Alle vorwärts, und wenn auch die Bäume und Ge⸗ ſträuche oft ſtellenweiſe ſich zuſammendrängten, und ſich ihnen entgegen⸗ ſtellten, ſo fanden ſie doch immer wieder einen Ausweg, der ſie vorwärts geleitete, tiefer und tiefer in das Thal hinein, das die Wiege des ihnen begegnenden Baches war. Der Vater, wo es die Stellen zuließen, ritt gerne an die Seite der Mädchen und ſprach und koſete mancherlei mit ihnen. Felix war bald vorne bei den Schweſtern, bald hinten bei dem nachdenklichen Reiter. Endlich wurde der Boden ſo anſteigend, und der Waldbeſtand ſo dichte, daß das Weitervordringen immer beſchwerlicher ward, bis ſie zu⸗ letzt zu einem Felſen gelangten, der jede weitere Ausſicht zu verſtellen ſchien; aber eben dieſer Felſen war auch das glücklich exreichte Ziel, das ſie vor der Hand mit ihrer Wanderung anſtrebten; auch war der Gegen⸗ ſtand, den ſie hier antreffen ſollten, bereits allen Augen ſichtbar. Ein alter Mann ſaß in der Nachmittagsſonne an dem glänzenden Geſteine und hatte den Kopf in ſeine Hände geſtützt, als ſchlummere er, oder denke nach. Zu ſeiner Seite lag ein Feuergewehr und ein langer Waldſtock. Die Mädchen ſtutzten, und eine heftige Furcht ſchien Johannen zu faſſen, obwohl ſie wußte, daß man einen Führer erwarte. Bei dem Annähern der Reitergeſellſchaft, insbeſondere der zögernden Mädchen, ſtand er auf und entblößte ſein Haupt, indem er den breiten beſchattenden Hut von ——— — 185— demſelben herabzog— ſchneeweiße Haare wallten den Blicken der Mäd⸗ chen entgegen, zurückweichend von einer Stirne, die hoch und ſchön ge⸗ wölbt, aber tiefbraun und von den Linien des Hochalters gefurcht war — zwei große treuherzige Augen ſahen zu ihnen hinauf, in ihrer Schwärze ſeltſam abſtechend gegen die zwei ſchneeweißen Bogen, die ſich über ihnen ſpannten.— Auf den harten Wangen lag Sonnenbrand, Al⸗ ter und Geſundheit. Von aller Furcht erlöſet, erwiederte Johanna zierlich ſeinen Gruß, und bei dem zweiten und dritten Blick mußte ſie ihm ſchon gut ſein— eine ſolche eherne Einfalt und die Güte prägte ſich in der ganzen Geſtalt aus, wie er daſtand und ſie alle mit den klugen Augen anſah. Man war nach und nach abgeſtiegen, und der alte Freihert trat auf den Erwartenden zu, ſchüttelte ihm die Hand, die der Andere ohne Zö⸗ gern dargereicht hatte, und ſagte freudig:„Gott grüße Dich, Gregor, Gott grüße Dich tauſendmal; ſo haben wir uns doch noch einmal in dieſem Leben geſehen— aber, Knabe, alt ſind wir geworden, ſeit wir in dem Jungwalde zum letzten Male miteinander jagten— alt, alt—.“ Freilich waren ſie alt geworden, das ſahen die jungen Begleiter alle, die ſeitwärts ſtanden, und ſämmtlich ihre Blicke auf die zwei Greiſe hefteten.— Es war ein ſchöner Anblick, wie ſie daſtanden, Beide ſo un⸗ geheuer verſchieden und Beide doch ſo gleich. Der Freiherr, wie gewöhn⸗ lich, im ſchwarzſammtnen Kleide, der Andere in dem gröbſten grauen Tuche; der Freiherr, obwohl gebräunten und gefurchten Antlitzes, doch faſt mädchenhaft weiß gegen die dunkle Sonnenfarbe des Andern, ein Stubenbewohner gegen den Genoſſen des Mittagsbrandes und des Sturmes; der Eine ein Sohn der Waffen, die er einſt geführt mit Grazie und Kraft, jetzt zum Danke von ihnen geſchmückt; der Andere ein Bruder des Felſens neben ihm. Siebenzig Jahre ſind Regen und Sonnenſchein vergeblich auf Beide gefallen, ſie ſind Beide nur ein wenig verwittert— der eine mit dem Anſtande der Säle, der Andere mit dem der Natur; aber ſchön ſind ſie Beide, und ehrwürdig Beide, Beide der Abglanz einer großgearteten Seele, und das Haarſilber liegt mit all der Unſchuld des Alters auf ihrem Haupte. „Ja,“ erwiederte Gregor,„wir mögen wohl um eine Handvoll Jahre gealtert ſein. Herr,— Eure braunen Haare ſind ſeitdem auch alle ganz weiß geworden. Ich bin ſehr erfreut, Euch noch einmal zu ſehen, Ihr waret damals ein freundlicher zugänglicher Herr.“ „Und Du ein luſtiger, goldtreuer Jäger. Siehe das habe ich nie vergeſſen, und wie mir der Knabe da von Dir erzählte, daß er Dich in dem Walde gefunden, und daß Du ihn ſo lieb habeſt, ſo erfreute ſich mein altes Herz darüber, und ich dachte, er wird wohl des Vaters nicht vergeſſen haben, und deßhalb, Gregor, gebe ich Dir meine Kinder in den Schutz— Gott gab mir den Gedanken, Dich dazu auszuwählen, als alten wohlbekannten Freund und Kameraden. Siehe, dieſe zwei Mädchen ſind mein; ſie werden Dir recht gut ſein, und die Hand und das Haupt ehren, ſo über ihnen wacht.“ Des alten Mannes Augen erglänzten, wie von einem melancholi⸗ ſchen Strahle der Freude, als er dieſes hörte, und ſeine Blicke, wie zwei Adler, gegen die Mädchen kehrend, ſagte er:„Sie ſind zwei ſchöne Waldblumen; es wäre Schade, wenn ſie verkämen.“— Und er konnte ſeine Augen ordentlich gar nicht zurückziehen, als ihm die ſanften glän⸗ zenden Blicke der zwei ſchönen Weſen vor ihm begegneten. „Tritt näher, Johanna,“ ſagte der Freiherr,„und reiche dieſem Manne die Hand; er wird nun längere Zeit bei Euch leben.“ Johanna that es augenblicklich. Der alte Mann reichte die ſeine faſt verſchämt zögernd hin, und es war eine ſeltſame Vermählung, ein lieblicher Gegenſatz, als ſich ihre weiche kleine Hand, wie eine Taube in die Felſen ſeiner Finger duckte,— auch Clariſſa reichte ihm ungeheißen ihre ſchöne Rechte, und auch Felir und der ftemde Ritter hießen ihn willkommen. Der alte Jäger hatte ſichtliche Freude an den Mädchen; das ſah man an der Art, wie er dem Freiherrn alle die Anſtalten auseinanderſetzte, die er zum Weiterkommen getroffen habe. Von hier aus ſollen die Pferde zurückgeſchickt werden, ſobald des Freiherrn Beauftragter eingetroffen, dann gehe man über den Hirſchfelſen zu Fuß, und jenſeits warte ſchon eine zweiſißige Sänfte für die Jungfrauen. Die Männer müſſen ſie alle zu Fuße begleiten. Als er noch ſprach, kamen drei Männer über den Felſen herüber, die den Freiherrn ehrerbietig grüßten. Sie waren die Beſtellten. Sofort wurden ihnen die Pferde übergeben mit der Weiſung ſie zurückzuführen bis Pernek, um dort auf weitere Verordnung zu warten. Johanna um⸗ — 187— armte faſt ihr kleines weißes Rößlein, und dieſes, als betrübe es ſich um ſeine Herrin, ging traurigen Auges und geſenkten Hauptes hinter ſeinem Führer. Man nahm an dem Felſen ein kleines Mahl, und eine andere Wan⸗ derung begann nun. Der Schutz des Vaters und des ſfremden Reiters, den der Freiherr immer bloß mit dem Namen„Ritter anredete, hörte auf, und es begann der des alten Jägers, dem der Freiherr mit vielem Lachen erzählte, wie ihn ſeine thörichte Tochter Johanna für einen furchtbaren Wildſchützen gehalten, der in dem entſetzlichen Walde ſein Unweſen treibe — und wie ſie ihn nun mit ſo freundlichen Augen anſehe, und in den Wald nun begierig wie in eine liebliche grüne Fabel eindringe. Nur ein kurzer, für Sänften ungangbarer Felſenſteig war zu erklimmen, und ſie traten wieder auf einen Raſenplatz hinaus, wo zwei Männer mit einer Sänfte harrten. Die Mädchen ſtiegen ein, und mit dem alten Jäger an der Spitze ſchlug die Geſellſchaft einen Weg ein, der mit dem Thale der Hirſchberge einen rechten Winkel bildete. Die Nachmittagsſonne war ſchon ziemlich tief zu Rüſte gegangen, und ſpann ſchon manchen rothen Faden zwiſchen den dunklen Tannen⸗ zweigen herein, von Aſt zu Aſt ſpringend, zitternd und ſpinnend durch die vielzweigigen Augen der Himbeer⸗ und Brombeergeſträuche— da⸗ neben zog ein Hänfling ſein Lied wie ein anderes dünnes Goldfädchen von Zweig zu Zweig, entfernte Berghäupter ſonnten ſich ruhig, die vie⸗ len Morgenſtimmen des Waldes waren verſtummt, denn die meiſten der Vögel arbeiteten, oder ſuchten ſchweigend in den Zweigen herum. Manche Waldlichtung nahm ſie auf und gewährte Blicke auf die rechts und links ſich dehnenden Waldrücken und ihre Thäler, Alles in wehmüthig feier⸗ lichem Nachmittagsdufte ſchwimmend, getaucht in jenen ſanftblauen Waldhauch, den Verkünder heiterer Tage, daraus manche junge Buchen⸗ ſtände oder die Waldwieſen mit dem ſanften Sonnengrün der Ferne vor⸗ leuchteten. So weit das Auge ging, ſah es kein ander Bild als den⸗ ſelben Schmelz der Forſte, über Hügel und Thäler gebreitet, hinaus⸗ gehend bis zur feinſten Linie des Geſichtskreiſes, der draußen am Himmel lag, glänzend und blauend, wie ſeine Schweſter, die Wolke. Selbſt als ſie jetzt einen ganz baumfreien Waldhügel erſtiegen hatten, und der alte Gregor der wundervollen Umſicht halber ſogar die Sänfte etwas halten ließ, ging der Blick wohl noch mehr in's Weite und Breite, aber kein — 188— Streifchen nur linienbreit wurde draußen ſichtbar, das nicht dieſelbe Jungfräulichkeit des Waldes trug.— Ein Unmaß von Lieblichkeit und Ernſt ſchwebte und webte über den ruhenden dämmerblauen Maſſen.— Man ſtand einen Augenblick ſtumm, die Herzen der Menſchen ſchienen die Feier und Ruhe mitzufühlen; denn es liegt ein Anſtand, ich möchte ſagen ein Ausdruck von Tugend in dem von Menſchenhänden noch nicht berührten Antlitze der Natur, dem ſich die Seele beugen muß, als etwas Keuſchem und Göttlichem,—— und doch iſt es zuletzt wieder die Seele allein, die all ihre innere Größe hinaus in das Gleichniß der Natur legt. Die Gemüther der Mädchen, wie ſie ſo daſaßen in ihrer Sänfte und wie zwei Engelsbilder aus einem Rahmen herausſchauten, erweiter⸗ ten ſich und hoben ſich, und faſt war alle Sorge um zu Hauſe verlaſſene Erdengüter von ihnen abgefallen— die Blumen ihrer Herzen, die Au⸗ gen, ſchauten glänzend hinaus in die ſchöne Welt, und waren ſelbſt ſchöner als ſie— auf ihrem ſchmalen Brettchen mußten ſie Jede den einen Arm um die Andere ſchlingen, und die Herzen, die ſich faſt gegen⸗ ſeitig ſchlagen hörten, hätten ſich gerne noch feſter aneinander gedrückt, um ſie nur zeigen zu können die unbegrenzte Fülle von Liebe und Güte, die ſie zueinander hatten. Der alte Gregor tupfte endlich mit der Hand an den Sänftenrand, und zeigte rechts hinüber auf einen machtvollen ſchwarzblau herein⸗ gehenden Waldrücken, von grauen Felſenbändern ſchräge geſtreift, die aber kaum ſichtbar waren in dem Funkeln und Dämmern der Luft.— „Seht,“ ſagte er,„das iſt das Ziel unſerer Reiſe, und wir müſſen heute noch faſt bis auf zwei Drittel gegen ſeine Schneidelinie hinauf. Der Platz hier hat etwas wunderlich Zuthunliches, und ich wußte, daß er Euch gefallen müſſe, aber die Sonne neigt ſich der Wand zu, und wir müſſen weiter.“ „Ja, ja,“ fuhr er fort, als man die Sänfte wieder aufgenommen hatte, und die andere Seite des Waldhügels hinabging—„ja, ja, ſchöne Jungfrauen, der Wald iſt auch ſchön, und mich dünkt manches⸗ mal, als ſei er noch ſchöner, als die ſchönen Gärten und Felder, welche die Menſchen machen, weil er auch ein Garten iſt, aber ein Garten eines reichen und großen Herrn, der ihn durch tauſend Diener beſtellen läßt; in ihm iſt gar kein Unkraut, weil der Herr jedes Kräutlein liebet und — 189— ſchätzt— er braucht auch ein jedes für ſeine vielen tauſend Gäſte, deren manche lecker ſind und ganz Beſonderes verlangen.— Sehet, da habe ich draußen— es ſind wohl einige Wegeſtunden von hier— da habe ich auch ein paar Kühe, viele Ziegen, auch Hafer⸗ und Gerſtenfelder— jetzt gehört alles meinem Enkel— der pflegt und hegt es—— aber wenn ich damals, vor zwanzig, dreißig Jahren, von meinem Hausweſen ſo des Sonntags in den Wald herauf ging in die Länge und Weite immer tiefer, ſo allerlei ſinnend, oft auf das Wild gar nicht einmal Acht ha⸗ bend, ſo war das ein lieblicherer, anmuthigerer Tag, als die ganze andere Woche, und öfter wollte es mich bedünken, als hätte ich da eine ſchönere Veſper gefeiert, als die hinaus in die Nachmittagskirche, aber auch in das Schenkhaus gegangen ſind; denn ſeht, ich habe mir immer mehr und mehr ein gutes Gewiſſen aus dem Walde heimgetragen. Es kann ja auch nicht anders ſein;— denn wie ich nachgerade muthiger wurde, und weiter und weiter herein kam, auch mehr Zeit hatte, da mein Sohn Lambrecht das Hausweſen überkam— ſehet, da fing ich an, allgemach die Reden des Waldes zu hören, und ich horchte ihnen auch, und der Sinn ward mir aufgethan, ſeine Anzeichen zu verſtehen, und das war lauter Prachtvolles und Geheimnißreiches und Liebevolles von dem großen Gärtner, von dem es mir oft war, als müſſe ich ihn jetzt und jetzt irgendwo zwiſchen den Bäumen wandeln ſehen.—— Ihr ſchaut mich mit den ſchönen Augen ſeltſam an, Jungfrau— aber Ihr werdet, wenn Ihr länger hier bleibt, ſchon auch etwas ternen; denn Eure Augen ſind ſchön und klug. In Allem hier iſt Sinn und Empfindung; der Stein ſelber legt ſich um ſeinen Schweſterſtein, und hält ihn feſt, Alles ſchiebt und drängt ſich, Alles ſpricht, Alles erzählt und nur der Menſch erſchaudert, wenn ihm einmal ein Wort vernehmlich wird.— Aber er ſoll nur war⸗ ten, und da wird er ſehen, wie es doch nur lauter liebe gute Worte ſind.“—— Johanna ſah mit unverhohlnem Erſtaunen in das Antlitz des alten Waldſohnes, und es begann ihr ordentlich immer ſchöner zu werden. Man war mittlerweile wieder in's Thal zu einem rauſchenden ſpringenden Bach gekommen, und Gregor mußte ſein Geſpräch abbrechen, weil er hier wieder Anordnungen behufs des Weitergehens zu machen hatte. „Vater, Vater,“ ſagte Johanna leiſe,„welch einen ſeltſamen Men⸗ ſchen habt Ihr uns hier beigegeben!“ — 190— „Kind, dieß iſt ein Kleinod der Wüſte,“ erwiederte der Vater,„Rie⸗ mand weiß dieß weniger, als er ſelber; Du wirſt oft auf ſeine Worte horchen wie auf Klänge ſilberner Glocken, Du wirſt von ihnen Vieles lernen— und er wird Euch eine Stimme der Wüſte ſein, wenn Ihr fern von der Heimath in der Einſamkeit leben müſſet. Wir haben vor Jah⸗ ren manche Tage miteinander verlebt, damals war er kühner und feuri⸗ ger, aber die wunderlichen Gedanken ſeines Herzens ſpannen ſich ſchon damals, wie ein ſeltſamer ausländiſcher Frühling, aus ihm heraus, und wenn wir ſo oft einen langen Nachmittag mit einander allein zu einem fernen Jagdzuge gingen, und er zutraulich wurde, und das Band ſeiner Reden und Fantaſieen löſ'te, ſo warf er Blüthen und Bäume, Sonne und Wolken durch einander, und abenteuerlich Glauben und Grübeln, daß es mir oft nicht anders war, als würde aus einem alten ſchönen Dichtungsbuche geleſen. Manche höhnten ihn, und gegen dieſe verſchloß er wie mit Felſen den Quell ſeiner Rede, aber ich habe ihn jederzeit ge⸗ liebt, und er mich auch. Er war es, der mir einſt den ſchönen einſamen Platz zeigte, zu dem wir eben auf der Wanderung ſind, und den viel⸗ leicht kein Menſch weiß, und er iſt es auch, der nicht um Geld und Gel⸗ deswerth, ſondern ebenfalls aus alter Liebe zu mir, und neuer zu Euch, wenn Ihr ſie nicht verſcherzet, ſich entſchloſſen hat, die Zeit Eures Wald⸗ aufenthaltes bei Euch zu wohnen, um mit dem Reichthume ſeiner Er⸗ fahrungen zu Eurem Schutze behülflich zu ſein.“ Der Gegenſtand, von dem die Rede war, trat indeſſen wieder her⸗ vor, als ziehe es ihn zu der Gegenwart der lieblichen Weſen, die ihm anvertraut werden ſollten. Der Bach, an dem man jetzt entlang und ihm entgegen ſtieg, war nicht das klare Waldwaſſer aus dem Thale der Hirſchberge, ſondern ein wild einherſtürzender ſchäumender Bergbach mit goldbraunem durchſichtigem Waſſer. Man ging immer an ſeinen Ufern, und die Männer mit der Sänfte ſtiegen rüſtig von Stein auf Stein, wie ſie ſo weiß auf dem ſchwarzmovrigen Grunde umherlagen, von dem Waſſer geſchlemmt und gebleicht. Das Land hob ſich ſanft der blauen Waldwand entgegen, auf die Gregor gezeigt hatte. Man eilte ſichtlich; denn am Rande der Wand, die, wie man ihr näher kam, immer größer und kühler emporſtieg, ſpielten ſchon die Strahlen der Abendſonne in breiten Strömen herein, und legten einen mattrothen Goldſchein weithin auf die gegenüberliegenden Waldlehnen. Am kühlblauen Oſthimmel wartete ſchon der Halbmond. Der Boden fing an ſehr merklich empor⸗ zuſteigen, und wilder und wilder zu werden. Manch zerrißner Baum⸗ ſtamm ſtand an ihrem Wege— mancher Klotz war in das Wirrſal der Ranken und Schlingkräuter geſchleudert, um dort zu vermodern, oder auch öfters kamen ſie zwiſchen manneshohen Farrenkräutern durch, oder Himbeergeſträuchen, die oft mit Beeren bedeckt waren, von feine zu ſehen, als hätte man ein rothes Tuch über ſie gebreitet. Da ſie gelegentlich wieder an einer Eſpe vorüberkamen, deren Blät⸗ ter, obwohl ſich kein Hauch im ganzen Walde rührte, dennoch alle un⸗ aufhörlich zitterten, ſo ſagte Clariſſa zu dem Alten, wenn er die Zeichen und die Sprache der Wälder kenne und erforſche, ſo wiſſe er vielleicht auch, warum denn gerade dieſer Baum nie zu einer Ruhe gelangen könne, und ſeine Blätter immer taumeln und baumeln müſſen. „Es ſind da zwei Meinungen,“ entgegnete er,„ich will ſie Euch beide ſagen. Meine Großmutter, als ich noch ein kleiner Knabe war, erzählte mir, daß, als noch der Herr auf Erden wandelte, ſich alle Bäume vor ihm beugten, nur die Eſpe nicht, darum wurde ſie geſtraft mit ewi⸗ ger Unruhe, daß ſie bei jedem Windhauche erſchrickt und zittert, wie jener ewige Jude, der nie raſten kann, ſo daß die Enkel und Urenkel jenes übermüthigen Baumes in alle Welt geſtreut ſind, ein zaghaft Ge⸗ ſchlecht, ewig bebend und flüſternd in der übrigen Ruhe der Einſamkeit der Wälder. Darum ſchaute ich als Knabe jenen geſtraften Baum im⸗ mer mit einer Art Scheu an, und ſeine ewige Unruhe war mir wie Pein. Aber einmal, es war Pfingſtſonntags Nachmittag vor einem Gewitter, ſah ich(ich war ſchon ein erwachſener Mann) einen ungemein großen Baum dieſer Art auf einer ſonnigen Waldblöße ſtehen, und alle ſeine Blätter ſtanden ſtille; ſie waren ſo ruhig, ſo grauenhaft unbeweglich, als wären ſie in die Luft eingemauert, und ſie ſelber zu feſtem Glaſe erſtarrt— es war auch im ganzen Walde kein Lüftchen zu ſpüren und keine Vogelſtimme zu hören, nur das Geſumme der Waldfliegen ging um die ſonnenheißen Baumſtämme herum. Da ſah ich mir denn verwun⸗ dert den Baum an, und wie er mir ſeine glatten Blätter, wie Herzen entgegenſtreckte, auf den dünnen, langen, ſchwanken Stielen, ſo kam mir mit eins ein anderer Gedanke: wenn alle Bäume, dacht' ich, ſich vor dem Herrn geneigt haben, ſo that es gewiß auch dieſer, und ſeine Brü⸗ der; denn alle find ſeine Geſchöpfe, und in den Gewächſen der Erde iſt — 192— kein Trotz und Laſter, wie in dem Menſchen, ſondern ſie folgen einfältig den Geſetzen des Herrn, und gedeihen nach ihnen zu Blüthe und Frucht — darum iſt nicht Strafe und Lohn für ſie, ſondern ſie ſind von ihm alle geliebt— und das Zittern der Eſpe kommt gewiß nur von den gar langen und feinen Stielen, auf die ſie ihre Blätter, wie Täfelchen ſtellt, daß ſie jeder Hauch lüftet und wendet, worauf ſie ausweichen und ſich drehen, um die alte Stellung wieder zu gewinnen. Und ſo iſt es auch; denn oft habe ich nachher noch ganz ruhige Eſpen an windſtillen Tagen angetroffen, und darum an andern, wo ſie zitterten, ihrem Geplauder mit Vorliebe zugehört, weil ich es gut zu machen hatte, daß ich einſtens ſo ſchlecht von ihnen gedacht. Darum iſt es aber auch ein ſehr feierlicher Augenblick, wenn ſelbſt ſie, die ſo leichtfertige, ſchweigt; es geſchieht meiſtens vor einem Gewitter, wenn der Wald ſchon harret auf die Stimme Gottes, welche kommen und ihnen Nahrung herabſchütten wird.— Sehet nur, liebe Jungfrauen, wie ſchmal der Fuß iſt, womit der Stiel am Holze, und das Blatt am Stiele ſteht, und wie zäh und drehbar dieſer iſt—— ſonſt iſt es ein ſehr ſchönes Blatt.“ Bei dieſen letzten Worten hatte er einen Zweig von einer der Eſpen geriſſen und ihn Clariſſen hingereicht. „Es iſt ein Zeichen, daß wir eine ſchöne Nacht bekommen,“ fuhr er fort,„da dieſe Zweige ſo munter ſind; vor dem Nachtregen werden ſie gern ruhiger.“ „Kommen wir denn in die Nacht?“ fragte Johanna. „Wenn es auch geſchähe,“ antwortete der Jäger,„ſo ſteht ja ſchon dort am Himmel der aufnehmende Mond, der ſo viel Licht gibt, daß gute und achtſame Augen genug haben. Aber ich denke, daß wir ihn gar nicht mehr brauchen werden.“ Das Laubholz wurde ſeltener und die ernſte Tanne und Fichte zog ſtändeweis gegen die Bergbreiten— der rothe Sterbeglanz des Tages auf dem jenſeitigen Joche ging langſam gegen die Bergſchneide empor, und aus dem Thale hoben ſich die blauen Abendſchatten— der Halb⸗ mond wurde jede Minute ſichtlich glänzender an ſeinem bereits ſtahl⸗ blauen Oſthimmel. Der Freiherr drängte ſich durch Farrenkraut und Schlinggewächſe, um an der Seite der Sänfte zu bleiben. Felix war mit dem Ritter in tiefem Geſpräche begriffen, und ziem⸗ — 193— lich weit hinten geblieben. Der Bach war ſtellenweiſe gar nicht mehr ſichtbar und hörbar, weil er unter übergewälzten Felſenſtücken hinfloß. So mochte die Wanderung noch eine halbe Stunde gedauert haben, und eine dichtere Finſterniß blickte ſchon aus den Tiefen der Fichten⸗ zweige, die ſich ſo nahe drängten, daß ſie häufig die Sänfte ſtreiften— da blitzte es mit einem Male durch die Bäume, wie glänzendes Silber an. Sie ſtiegen einen ganz kleinen Hang nieder, und ſtanden an der weit gedehnten Fläche eines flimmernden Waſſers, in deſſen Schooße bereits das zarte Nachbild des Mondes wie ein blödes Wölklein ſchwamm. Ein leiſes Ach des Erſtaunens entfuhr den Mädchen, als ſie den ſchönen See erblickten, da ſie derlei in dieſer Höhe, die ſie erſtiegen zu haben meinten, gar nicht vermutheten— ein flüchtig Schauern rieſelte durch Johanna's Glieder, da dieß ohne Zweifel jener Zauberſee ſei, von dem ſie gehört hatte.— Die hohen Tannen, die dem Ufer entlang ſchritten, ſchienen ihr ordentlich immer größer zu werden, da ſie gemach und feier⸗ lich den einfärbigen Talar der Abenddämmerung angethan und von ihren Häuptern fallen ließen, wodurch ſie maſſenhafter und ſomit größer wur⸗ den.— Die jenſeitige Felſenwand zeichnete ſich ſchwach ſilbergrau, wie ein zartes Fantaſiebild, in die Luft, zweifelhaft, ob ſie nicht ſelbſt aus Luft gewoben ſei; denn ſie ſchien zu ſchwanken, und ſich nach dem Takte zu neigen, aber es waren nur die Waſſer, die ſich abendlich bewegten. Der Vater hieß die Mädchen ausſteigen, und mit Freuden verließen ſie das enge tragbare Gefängniß. Ein Floß lag am Geſtade, und trug ein erhobenes Gerüſte mit Sitzen für die Geſellſchaft. Man beſtieg ihn, und die zwei Sänftenträger, und noch zwei andere Männer, die man bei dem Floße ſtehend vorgefunden, lenkten das Fahrzeug in den See hin⸗ aus, gerade auf die Felſenwand zu. Die Waldmaſſen traten zurück und verſchränkten ſich dem Auge nach und nach zu einer hohen dichten ſchwarz⸗ grünen Mauer, die das Waſſer umfängt— die Felſenwand trat näher, und ſtieg ſo mauerrecht aus dem See empor, daß man nicht abſah, wie zu landen ſein werde, da wohl kein handgroß Steinchen dort liegen möge, um darauf ſtehen zu können: allein zur größten Ueberraſchung in dieſem Lande der Wunder that ſich den Mädchen auch hier wieder eines auf. Wie man der Wand ſich näherte, wich ſie zurück, und legte ein liebliches Raſenland zwiſchen ſich und den See und auf dem ſchönen Grün des⸗ ſelben ſahen die Mädchen nun auch ein geräumiges hölzernes Haus Stifter. 4. Aufl. I. 13 — 194— ſtehen, nach Art der Gebirgshäuſer gebaut— und alle ſeine Fenſter ſchimmerten ſie gaſtlich ſilbern an, ſchwach erglänzend von dem Scheine der weißen aufblühenden Roſenknoſpe des Mondes. Das Reiſeziel war erreicht. Weibliche Diener der Mädchen ſtürzten gegen das Ufer, Hand und Kleider ihrer holden Gebieterinnen küſſend, und voll Freude, daß ſie endlich gekommen. Das ſämmtliche Dienſtge⸗ ſinde, das aus zwei Mägden und drei Knechten beſtand, wurde einige Tage vorher mit der größten Mühſeligkeit über die Felſenrücken herüber⸗ gebracht, da man den weiteren, aber leichteren Weg durch den Urwald noch nicht wußte, den Gregor erſt für den Freiherrn ausgekundſchaftet hatte. Mit freundlichen Worten dankten die Mädchen den Sänftenträ⸗ gern und Ruderern, und dann, der Freiherr Johannen, der Ritter Cla⸗ riſſen am Arme nehmend, führten ſie dieſelben die Treppe hinan in eine Art Tafelzimmer, wo für Alle, die Diener und Träger mit eingeſchloſſen, ein Abendmahl bereitet ſtand. Nach Beendigung desſelben, und tauſend Gutenachtwünſchen führte der Freiherr mit ſchmerzlich freudigen Gefüh⸗ len ſeine Töchter in die zwei für ſie beſtimmten Gemächer. Ein Ruf der Ueberraſchung und ein doppeltes Umſchlingen der ſchönen Arme lohnte ihn; denn bis zum Erſchrecken ähnlich waren die Zimmer denen, die ſie zu Wittinghauſen bewohnt hatten. Der Vater küßte Beide auf die Stirne, wünſchte ihnen eine friedensreiche gute erſte Nacht und ging zur Thür hinaus— die Mägde wurden ſogleich entlaſſen— und nun, als die Thür verriegelt war, gleichſam als hätte ein Hemmniß bisher die Fluth gewaltſam zurückgehalten, brach fie vor: die Mädchen ſtürzten ſich in die Arme, Herz an Herz verbergend, ja faſt vergrabend in einander, und ſich die zarten Siegel der Lippen anpreſſend, ſo heiß, ſo inbrünſtig, ſo ſchmerzlich ſüß, wie zwei unglückſelig Liebende und faſt eben ſo tren⸗ nungslos.—— Alſo iſt es wahr, die Heimath, das gute Vaterhaus iſt preisgegeben und verloren, all ihr früher Leben iſt abgeſchnitten, ſie ſelbſt wie Mitſpieler in ein buntes Märchen gezogen, alles neu, alles fremd, alles ſeltſam und dräuend— in dem drohenden Wirrſal kein Halt, als gegenſeitig die warmen Lippen, das treue Auge und das klopfende Herz. Aber als bei den Mädchen Thränen und Koſen in Ruhe übergegan⸗ gen, traten ſie auf den hölzernen Söller, der vor ihren Fenſtern lief, heraus, und blickten noch, ehe ſie ſchlafen gingen, in die kühle beruhi⸗ gende Nacht. Der See lag zu ihren Füßen, Stücke ſchwarzer Schatten und glänzenden Himmels unbeweglich haltend, wie erſtarrte Schlacken — der Wald dehnte ſeine Glieder weithin im Nachtſchlummer, die feuch⸗ ten Mondesſtrahlen ſpannen von Berg zu Berg, und in dem Thale, woher die Wanderer gekommen ſein mochten, blickte ruhender Nebel auf. Gute Nacht, ihr lieben ſchönen fürchtenden Herzen, gute Nacht? 8 Waldhaus. Des andern Tages Morgens nahm der Vater, der Bruder und der Ritter Abſchied. Der Freiherr erklärte, daß er es für Pflicht halte, zu ſeinem Schloſſe zurückzukehren, um es, falls es nur eine ſtreifende Rotte berührte, gegen ſelbe zu halten, oder wenn ein Hauptſchlachthaufe ein⸗ träfe, es ehrenvoll und vielleicht vortheilhaft zu übergeben, und dadurch, daß er ſich der kriegeriſchen Ehre der Schweden als Gefangenen überlie⸗ fere, die Forſchung nach andern Bewohnern des Schloſſes zu vereiteln, da es Niemanden einfallen werde, weiter nach Mädchen zu fragen, wenn der Gebieter der Burg in ihren Händen ſei. Felix, trotz der Bitten der Schweſtern und des Vaters, konnte nicht bewogen werden, ſich von letz⸗ terem zu trennen. Was die beweglichen Güter, Geld und Geldeswerth, anlangte, eröffnete ihnen der Freiherr, daß er dasſelbe dem Schvoße der. Erde anvertraut habe, und daß, wenn man von dem Muttergottesbilde an der großen Buche im Wittinghauſer Forſte abwärts ſtiege, und den Stein der neunten Stufe aufhöbe, dort in einer blechernen Kapſel ſich Auskunft darüber vorfände. Er eröffnete ihnen dieſes, falls Gott etwas Menſchliches über ihn verhänge.— Mitwiſſer ſeien übrigens nur noch Felir und der Ritter. Und ſomit, ſchloß er, mögen ſie ihn durch unmäßige Trauer nicht betrüben: ihr größter Schutz ſei ihre Einſamkeit. Er laſſe ihnen drei Knechte zurück, welchen ſie jede Art Aufträge hinſichtlich des Herbeiſchaf⸗ fens von Lebensmitteln ertheilen könnten, Gregor's zweiter Enkel werde 13* — 196— von Zeit zu Zeit Botſchaften zwiſchen hier und Wittinghauſen tragen, und nebſt Andern unter der Leitung Gregor's ſtehen, daß, ſobald ſich etwas Verdächtiges an der Waldgrenze ereigne, es demſelben ſogleich an⸗ gezeigt werde; denn er beſitze Mittel in ſeiner Kenntniß der Wälder, ſie immerhin zeitweiſe an Orte zu führen, wo ſie vor einer vorübergehenden Gefahr ſicher wären. Zu ihrer noch größeren Beruhigung lege er ihnen außer der gänzlichen Abgeſchiedenheit noch die feſte Lage ihres Hauſes vor Augen: rückwärts iſt die unzugängliche Seewand, links des Hauſes ſtürzt der Blockenſtein mit einem vorſpringenden Pfeiler ſenkrecht in das Waſſer, und, rechts, wo der See umgangen werden könne, iſt der Paß durch eine künſtliche Seebucht abgegraben, und noch durch einen Verhau der größten Tannen geſchützt, ſo daß der Zugang nur über den See mög⸗ lich iſt. Selbſt für den Fall, daß ſich ein Haufe bis in dieſe Einöden ver⸗ ſchlüge, wiſſe Gregor einige Stunden von hier in den höchſten Klippen, nur ihm zugänglich, eine Höhle, wo er ſie verbergen könnte, bis die Ge⸗ fahr vorüber. Zwei Flöße, ein größerer und kleinerer, auf jedem ein ku⸗ geldichtes Häuschen, ſtehen zu ihrer Verfügung, aber nie ſoll einer am jenſeitigen Ufer ſelbſt nicht für Augenblicke liegen bleiben, auch ſollen ſie die Spaziergänge nie über ihren Raſenplatz zwiſchen See und Felſenwand ausdehnen, ohne daß ſie Gregor davon in Kenntniß ſetzen, oder er ſie begleitet. Sei auch alle dieſe Vorſicht übertrieben, ſo diene ſie zu ſeiner Beruhigung, daß er ſich nicht ſagen dürfe, er habe etwas vergeſſen, was vielleicht Noth thäte. Gegen wilde Thiere brauchten ſie ohne Furcht zu ſein; das ſei das Merkwürdige dieſer Wälder, daß man nie in ihnen einen Wolf getroffen; Luchſe ſeien höchſt ſelten, und nur in den dichteſten Beſtänden— und wenn ja ein Bär ſie anſichtig würde, ſo ſei er ein zu gut geartet Thier, als daß er nicht vor ihnen auf das Eiligſte davonliefe, dieß habe er ſelbſt in ſeinem langen Leben wohl ein Dutzendmal geſe⸗ hen— zudem ſei ihnen Gregor's Büchſe immer zur Hand. So, denke er, ſeien ſie hinlänglich geſchützt, wenn nicht ein Wunder geſchieht, und die⸗ ſes ſtehe in Gottes Hand, die uns hier und überall erreichen kann. Dann trug er ihnen noch auf, vorſichtig mit dem Lichte umzugehen, da alles von Holz ſei; deßwegen habe er auch die Küche abſeit des Hauſes in das ſteinerne Häuschen verlegt, damit von dieſer Seite keine Gefahr ent⸗ ſtehe. In der Kiſte, die noch im Speiſezimmer ſtehe, finden ſie Stoffe von Seide, Wolle und Linnen; ſie mögen zerſchneiden und verarbeiten, — 197— wie viel ſie wollen; Nadeln und Nähzeug liege auch im Vorrathe dabei, nebſtdem Bänder und Schleifen, auch Bücher, Papiere, Farben und bunte Dinte— in der dreieckigen Kiſte iſt die Harfe. Er hoffe, daß ſie keinen Schaden gelitten haben werde, als man ſie mit Stricken über Fel⸗ ſen herablaſſen mußte— zurück wolle er ſie über das Hirſchenthal brin⸗ gen laſſen— der Ritter laſſe auch ſein Fernrohr da, daß ſie zuweilen auf den Blockenſtein ſteigen, und damit gegen Wittinghanſen ſehen, ob es noch auf ſeinem Waldrande ſchwebe, und vom Vater herübergrüße. Bei dieſen Worten traten ihm faſt die Thränen in die Augen, er küßte und ſegnete ſie— Felix mit krampfhaftem Zucken ſeines Geſichtes, umarmte und drückte ſie an's Herz— ſeitwärts ſtand der räthſelhafte Be⸗ gleiter ihrer Reiſe, der Ritter, der Clariſſa düſter anſtarrte. Dieſe aber wand ſich aus der Umarmung des Bruders, und das edle wahre Auge, ſo ſchwarz oder ſchwärzer als ſeines, freundlichlieb und feſt auf ihn rich⸗ tend, reichte ſie ihm die Hand und ſagte, ſie danke ihm recht herzlich und recht vielmal, daß er ſeine Kraft und Zeit ſo lange her verwendet habe, um das ſicher und gut in's Werk zu führen, was ihnen jetzt Schutz ge⸗ währen werde— ſie wünſche ſehnlich ihm durch Thaten ihren Dank zei⸗ gen zu können———„wenn es in ihrer Macht wäre,“ ſetzte ſie ſehr leiſe hinzu.—— Johannens Augen ruhten mit höchſter Spannung auf den Lippen des Ritters, allein dieſe öffneten ſich ruhig, und ſagten die ſchönen Worte:„Ich that, was ich that, weil Ihr und Johanna gut ſeid; es würde mich betrüben, ſännet Ihr auf Vergeltung. Handelt ſo oder ſo, es wird immer das Rechte ſein.“ Man ſchwieg einen Augenblick von allen Seiten, dann reichte Ju⸗ hanna dem Ritter gleichſam, als ob er ſie dauerte, auch die Hand mit den Worten:„Lebt recht wohl, guter und freundlicher Mann, und kommt ſehr bald wieder.“ „Ich dank' Euch, ſchöne Muhme,“ antwortete er lächelnd,„aber das Bald liegt in Gottes Hand, da ich wieder zu dem kaiſerlichen Heere abgehe, und erſt kommen kann, wenn wir den Feldzug fröhlich beendet.“ Noch ein Umarmen, ein Schütteln der Hände zwiſchen Vater und Geſchwiſtern— die Männer verließen das Gemach— im nächſten Au⸗ genblicke waren ſie am Strande, und die Mädchen ſahen lange vom Söl⸗ ler nach, wie die drei Geſtalten auf dem Floße ſtehend, langſam dem Waſſer entlang ſchwebten, bis ſie im entgegenliegenden Tannenwalde — 198— verſchwanden, und gleich darauf die zwei Knechte mit dem leeren Floße zurückfuhren.—— Seltſam und beklemmend mußte es ihnen freilich ſein, wenn ſie die erſten Tage aufwachten, und die Morgenröthe ihre früheſten Lichtſtröme hereingoß, über lauter Wald und lauter Wald— erbrauſend von der Muſik des Morgens, darunter nicht ein Ton, wie wir ſie von Kindheit an gewohnt ſind unter Menſchenwohnungen zu hören, ſondern ein Ge⸗ thue und Gepränge, ein Rufen, ein Heiſchen, ein Erzählen und Jauch⸗ zen— und darein oft plötzlich von dem nächſten Tannenaſte wie ein ge⸗ ſprochen Wort herabfallend, daß man erſchrocken hinſah, aber nur ein fremdartiger Vogel ſchritt auf ſeinem Aſte mit dem Kopfe blödfinnig nickend wie zum Einverſtändniſſe mit dem Hinaufſchauenden.— Aus den Thälern nahe und ferne ſtiegen indeſſen wie Rauchſäulen die Opfer der Morgennebel empor, und zerſchnitten die ſchwarzen breitgelagerten Maſſen.— Etwas Seltſames geſchah Johannen ſchon am erſten Tage nach ihrer Ankunft:—— ſie erwachte nämlich ſchon bei dem früheſten Tagesgrauen, und— neugierig, den See auch bei Tage zu betrachten, ſchlich ſie ſich bei dem Lager der noch tief ſchlummernden Schweſter leiſe vorbei, und ging auf die hölzerne Brüſtung des Hauſes hinaus— da zum Erſchrecken nahe ſtand ein Hirſch am Fichtenſaume in dem ſeichten Waſſer, ein ſchöner großer Hirſch, ihr gerade gegenüber am Ufer, wo der Verhau war. Verwundert, betroffen und wohlgefällig ſah ſie auf das edle Thier, das ſeinerſeits auch mit den unbeweglichen neugierigen Augen herüberglotzte auf das neue Wunderwerk der Wildniß, auf die weiße in der Morgenluft ſchwebende Geſtalt und ihre bannenden Augen— das Haus mochte ihn weniger beirrt haben.— Mehrere Augenblicke dauerte die Scene, bis Johanna ſich regte, worauf er den Kopf leicht erſchrocken zurückwarf, ſich langſam wendete, und zurück in die Gebüſche ſchritt, die Thautropfen von ihnen in den See ſchüttelnd. Ihren Garten, ſo hießen ſie nämlich den großen Raſenplatz um das Haus, hatten ſie bald durchwandert und durchforſcht. Es war eine glän⸗ zend grüne natürliche Waldwieſe, wie ein halber Mond herausgeſchnitten aus dem See und der Felſenwand, der Morgen⸗ und Mittagsſonne offen⸗ liegend, und nur im ſpäten Nachmittage von der Seewand beſchattet, wenn die Fichtengehäge jenſeits des See's in düſterm Spätlichte glänz⸗ ten. Landwärts ſtieg dieſe Wieſe ſanft auf, bis die ungeheuren ſenkrech⸗ — ten Felſen aus ihr emporwuchſen, zwiſchen ihren Schluchten ein Paar mächtige Ströme von Steingerölle hervorſchiebend gegen den weichen grünen Teppich des Raſens. In der Nähe des Hauſes, gegen die Wand ſchreitend, ſtand eine Gruppe von Buchen und rieſenhaften Ahornen, de⸗ ren Grün ſehr hold abſtach gegen das Düſter der Fichten und Schwarz⸗ föhren. In ihrem Schatten waren Tiſchchen und Bänke angebracht. Zu erwähnen iſt noch eine eiskalte Quelle, in einer Felſenvertiefung ſtehend, von ſolcher Durchſichtigkeit, daß, wenn das Geſtein naß war, man nicht wußte, wo die Luft aufhöre und das Waſſer beginne. Ihr Abfluß ging als kleines Bächlein unter einem Steine hervor und durchſchnitt quer die Wieſe, dem See zueilend. So war dieſe Stelle nicht umſonſt von dem Vater„wunderſam lieb⸗ lich und anmuthsreich“ geheißen, eine warme windſtille Oaſe, geſchützt von Felſen und See, und bewacht von der ringsum liegenden heiligen Einöde der Wildniß. Das Haus war, wie man ſie noch heute in jenen Gegenden ſieht, aus Holz, hatte ein Erdgeſchoß und ein Stockwerk, eine ringsum lau⸗ fende Brüſtung und ein flaches Dach. Sonſt war es viel geräumiger, als die, welche die heutigen Walddörfer bilden. Gleich neben dem Eingange lag Gregor's Stube, der auch die Schlüſſel führte, weiterhin die der Knechte, und die Kammern der Vorräthe. Im erſten Stocke war ein Speiſezimmer, und zwei Zimmer der Mädchen, nebſt einem Vorzimmer für die Mägde. Alles war auf das Verſorglichſte eingerichtet, nicht die kleinſte Kleinigkeit, von Männern voſt ſelten beachtet, aber für Mädchen von großem Werthe, fehlte hier, und täglich entdeckten ſie neuerdings, daß der Vater vft dahin vorgeſehen hatte, wohin ſie ſelbſt bisher noch nicht gedacht. Der Schmerz, die Furcht, das Ungewohnte ihrer Lage in den erſten Tagen ſtellte und fügte ſich allgemach, und ſomit begannen ſie ſchüchtern und vorſichtig nach und nach die Entdeckungsreiſen in ihrem Gebiete und fingen an, für dasſelbe Reigung und Herz zu gewinnen. Ihr erſtes Unternehmen über die Grenze ihres Beſitzthumes hinaus und zwar über den See, war, um den Blockenſtein zu beſteigen, und mit dem Rohre gen Wittinghauſen zu ſehen. Gregor und die drei Knechte, alle bewaffnet, mußten mitfahren, dann, als ſie ausgeſtiegen, einer mit dem Floße zwanzig Schritte weit vom Ufer harren, die übrigen ſie be⸗ gleiten. Gregor lächelte gutmüthig über dieſe kriegeriſchen Anſtalten und — 200— ließ ſie gewähren. Er führte ſie um den Seebuſen herum, und von rück⸗ wärts auf den Blockenſtein, ſo daß ſie, als ſie nach einer Stunde ſeinen Gipfel erreichten, meinten, ihr Haus liege ihnen gerade zu Füßen, und ein losgelaſſenes Steinchen müſſe auf ſein Dach fallen.— Das Fernrohr wurde ausgepackt und an dem Stumpfe einer verkrüppelten Birke befe⸗ ſtiget—— Aller Augen aber waren ſchon vorher in die Weite gegan⸗ gen— wie eine glänzende Wüſte zog der heitere Himmel hinaus über alle Wälder weg, die wie rieſenbreite dunkle blähende Wogen hinausla⸗ gen, nur am äußerſten Geſichtskreiſe geſäumt von einem Hauche eines fahlen Streifens— es waren die bereits reifenden Kornfelder der Men⸗ ſchen— und endlich geſchloſſen von einem rechts in das Firmament ab⸗ laufenden Duftſaume———— ſiehe, der geliebte kleine Würfel, wie ein blauer Punkt ſchwebt er auf ſeinem Rande! Johanna's Herz wogte in Freude und Schmerz.—— Clariſſa kniete mittlerweile vor dem Rohre und rückte und rückte; das ſah ſie gleich, daß es ein ungleich beſſeres ſei, als das des Vaters, jedoch finden konnte ſie damit nichts. Bis zum Er⸗ ſchrecken klar und nahe ſtand alles vor ſie gezaubert, aber es war alles wildfremd.— Abenteuerliche Rücken und Linien und Vorſprünge gingen wie Träume durch das Glas— dann farbige Blitze— dann blau und blau und blau—— ſie rührte die Schraube, um es zu verlängern— dann führte ſie es dem Saume eines dunklen Bandes entlang— plötzlich ein ſchwacher Schrei— zitternd im Runde des wunderbaren Glaſes ſtand das ganze Vaterhaus, klein und zart, wie gemalt, aber zum Staunen erkennbar an Mauern, Erkern, Dächern— ja die Fenſter meinte man durchaus ſehen zu müſſen. Johanna ſah auch hinein— blank, unver⸗ ſehrt, mit glänzendem Dache ſtand es in der Ruhe des Himmels. O wie ſchön, wie freundlich! Auch der alte Gregor ſah durch das zaubernde, ihm unerklärbare Rohr, und in ſeinen Mienen war erkennbar, wie er höchlich darnach rang, das Ding begreifen zu können. Auch die Knechte ließ man hineinſehen, und freute ſich an ihrem Erſchrecken und Staunen. Man getraute ſich faſt nicht, etwas zu rücken, aus Furcht, das theure Bild zu verlieren, aber Clariſſa zeigte ihnen bald, wie man es machen müſſe, um es immer wieder zu finden. Sie konnten ſich nicht erſättigen, immer das Eine und das Eine anzuſehen.— So wie es ihren Augen, ſchien es auch ihrem Herzen näher, und ſie waren faſt zu Hauſe— ſo ruhig und ſo lieb ſtand es da, und ſo unverletzt.— Freude, Wehmuth, Sehnſucht ſtieg ſo hoch, daß man ſich das Verſprechen gab, ſehr oft, ja jeden ganz heitern Tag heraufſteigen und durchſehen zu wollen. Endlich fing man doch an, auch Anderes zu ſuchen und zu prüfen. Der fahle Streifen am Geſichtsſaume, war das Erſte, und deutlich zeigte ſich, daß es angebautes Land mit Erntefeldern war— dann wurden die Waldberge, dann der See und endlich gar das Haus verſucht. Alles war gar ſo ſchön und gar ſo reinlich. Nach langem Aufenthalte auf dem Felſen beſchloß man die Rück⸗ kehr, und das Rohr wurde von Gregor mit Achtſamkeit und ſogar mit einer Art Scheu in ſein ledernes Fach gepackt und mit der größten Obhut getragen. Auf dem Rückwege trug ſich nichts Merkwürdiges zu. Sie fanden ihren Floß warten, ſtiegen ein, fuhren über, und der Tag endete, wie alle ſeine bisher erlebten Vorgänger mit einer glühenden Abendröthe, die ſie nie anders, als auf den gegenüber liegenden Wäldern flammen ſahen, während der See eine ganz ſchwarze Tafel vor ihre Fenſter legte; nur zeitweiſe von einem rothen Blitze durchzuckt. Dieſer erſten Wanderung folgten bald mehrere und mehrere, die im⸗ mer kühner und weitſchichtiger wurden, je mehr ſie die Ruhe und Sicher⸗ heit des Waldes kennen lernten. Von dem Vater war bereits zweimal beruhigende Botſchaft gekommen; auch, wenn ſie den Blockenſtein beſtie⸗ gen, und durch das Rohr ſahen, das ihnen das liebſte Kleinod gewor⸗ den,— ſtand immer dasſelbe ſchöne, reine, unverletzte Bild des väter⸗ lichen Hauſes darinnen, ſo daß Johanna einmal den kindiſchen Wunſch äußerte, wenn man es doch auch von der anderen Seite ſehen könnte. Zuweilen, wie Kinder, kehrten ſie das Rohr um, und freuten ſich, wenn ihr Haus, winzig, wie ein Stecknadelkopf meilenweit draußen lag, und der See wie ein kleines Glastäfelchen daneben. Ein paar Gewitter hatten ſie erlebt, denen einige traurige graue Regentage folgten. Sie brachten dieſelben im Zimmer zu, an all ihren Stoffen und Kleidern ſchneidend, und nähend und ändernd, und da ſchon Täge und Wochen vergangen waren, ohne daß ſich das mindeſte Böſe einſtellte, ja da draußen Alles ſo ſchön und ruhig lag, als wäre nirgends in der Welt ein Krieg, und ſogar nach des Vaters letzter Nachricht der Anſchein war, als würde über Wittinghauſen gar niemal etwas kommen: — 202— ſo erheiterten und ſtillten ſich wieder ihre Gemüther, ſo daß die Erhaben⸗ heit ihrer Ungebung Raum gewann, ſachte ein Blatt nach dem andern vorzulegen, das ſie auch gemach zu verſtehen begannen, wie es ihnen Gregor oft vorhergeſagt.— Auch Scherz und Muthwille ſtellte ſich ein: Johanna beredete einmal die Schweſter, ihren ſchönſten Kleiderſchmuck ſich gegenſeitig anzulegen— und wie ſie es gethan und nun ſich vor den Spiegel ſtellten, ſo überkam ein leichtes Roth die edlen feinen Züge Cla⸗ riſſen's wegen dieſer mädchenhaften Schwäche, während die Augen Ju⸗ hannen's vor Vergnügen funkelten. Der alte Gregor hatte ſeine Freude an ihrem Muthe; er begann ſie von Tag zu Tag lieber zu gewinnen, und wie ſich ihre Herzen, wie zwei Sterne des Waldhimmels, immer lieber und freundlicher gegen ihn neig⸗ ten, ſo ging auch das ſeine in dieſen ſanften Strahlen immer mehr und mehr auf— bis es daſtand, großartig ſchön, wie das eines Jünglings, ruhend in einer Dichtungs⸗ und Fantaſiefülle, üppig wuchernd, ſchim⸗ mernd, wie jene Tropenwildniſſe, aber eben ſo unbewußt, ſo ungepflegt, ſo naturroh und ſo unheimlich, wie ſie. Seinen ganzen Lebenslauf, eine ganze Seele hatte er dem Walde nachgedichtet, und paßte umgekehrt auch wieder ſo zu ihm, daß man ſich ihn auf einem andern Schauplatze gar nicht denken konnte. Daher dichtete er auch ſeinen Schutzbefohlenen ſich und ihre Einöde in ſolch wunderlicher zauberhafter Art und Geſtalt vor, daß ſie auch ihnen zu reden begann, und ſie ſich immer wie inmitten eines Märchens zu ſchweben ſchienen. Aber vielmehr ſie waren ein Märchen für die ringsum ſtaunende Wildniß. Wenn ſie zum Beiſpiele an dem See ſaßen, lange weiße Strei⸗ fen als flatternde Spiegel ihrer Gewänder in ihn ſendend, der gleichſam ſeine Waſſer herandrängte, um ihr Nachbild aufzufaſſen— ſo glichen ſie eher zwei zart gedichteten Weſen aus einer nordiſchen Runenſage, als menſchlichen Bewohnern dieſes Ortes—— oder wenn ſie an heißen Nachmittagen zwiſchen den Stämmen wandelten, angeſchaut von den langſtieligen Schattenblumen des Waldes, leiſe umſummt von ſeltſamen Fliegen und Bienen, umwallt von den ſtummen Harzdüften der Fichten, jetzt eine Beere pflückend, jetzt auf einen fernen Waldruf horchend, jetzt vor einem ſonnigen Steine ſtehen bleibend, auf dem ein fremder Falter ſaß und ſeine Flügel breitete— ſo hätte er ſie für Elfen der Einöde ge⸗ halten, um ſo mehr, wenn er die Geiſter⸗ und Zaubergeſchichten gewußt hätte, die ihnen Gregor von manchen Stellen des Waldes erzählte, wo⸗ durch vor ihrer Fantaſie er, ſie, und die Umgebung in ein Gewirre von Zauberfäden gerieth—— oder wenn ſie in der bereits milder werdenden Herbſtſonne auf ihrer Wieſe am Rande des Gerölles ſaßen, auf irgend einem grauen Felsblocke ausruhend, Johanna das kinderlockige Haupt auf den Schooß ihrer Schweſter gelegt, und dieſe mit klarem, liebreichem Mutterauge übergeneigt, in einem Geſpräche des ſicherſten Vertrauens verſunken— und wenn dem Siegel des Mundes das Herz nachfloß, und ſie ſchweigend ſaßen, die ſchönen Hände ineinander gelegt, wie zwei Lie⸗ bende, bewußtvoll ruhend in der grenzenloſen Neigung des Andern, und wenn Johanna meinte, nichts auf Erden ſei ſo ſchön, als ihre Schweſter, und Clariſſa, nichts ſei ſo ſchuldlos, als Johanna; ſo iſt es, als ſchweige die prangende Wüſte um ſie aus Ehrfurcht, und die tauſend kleinen Glimmertäfelchen der Steinwand glänzen und blitzen nur ſo emſig, um einen Sternenbogen um die geliebten Häupter zu ſpannen. Oder noch märchenhafter war es, wenn eine ſchöne Vollmondnacht über dem ungeheuren dunklen Schlummerkiſſen des Waldes ſtand, und leiſe, daß nichts erwache, die weißen Traumkörner ihres Lichtes darauf niederfallen ließ, und nun Clariſſen's Harfe plötzlich ertönte— man wußte nicht woher, denn das lichtgraue Haus lag auf dieſen großen Maſſen nur wie ein ſilberner Punkt— und wenn die leichten einzelnen Töne wie ein ſüßer Pulsſchlag durch die ſchlafende Mitternachtluft gin⸗ gen, die weithin glänzend, elektriſch, unbeweglich auf den weiten ſchwar⸗ zen Forſten lag: ſo war es nicht anders, als ginge ſachte ein neues Füh⸗ len durch den ganzen Wald, und die Töne waren, als rühre er hie und da ein klingend Glied,— das Reh trat heraus, die ſchlummernden Vö⸗ gel nickten auf ihren Zweigen und träumten von neuen Himmelsmelo⸗ dieen, die ſie morgen nicht werden ſingen können,— und das Echo ver⸗ ſuchte ſogleich das goldne Räthſel nachzulallen.—— Und als die Harfe längſt ſchwieg, das ſchöne Haupt ſchon auf ſeinem Kiſſen ruhte—— horchte noch die Nacht; der ſenkrecht ſtehende Vollmond hing lange Strahlen in die Fichtenzweige, und ſäumte das Waſſer mit ſtummen Blitzen— indeſſen ging die Wucht und Wölbung der Erde, unempfun⸗ den und ungehört von ihren Bewohnern, ſtinmend dem Oſten zu— der Mond wurde gegen Weſten geſchleudert, die alten Sterne mit, neue zogen in Oſten auf——— und ſo immer fort, bis endlich mitten unter ihnen am Waldrande ein blaſſer milchiger Lichtſtreifen aufblühte— ein friſches Lüftchen an die Wipfel ſtieß— und der erſte Morgenſchrei aus der Kehle eines Vogels drang!——— 4. Waldſee. Es waren ſchon viele Tage und Wochen vergangen— Erwarten und Fürchten, keines war um die Breite eines Haares vorgerückt!— In gleicher Schönheit, ſo oft ſie es ſuchten, ſtand das Vaterhaus in dem Glaſe ihres Rohres, in gleichem tiefem Frieden lagen die an ihren Wald grenzenden bewohnten Länder, obgleich ſie recht gut wußten, daß draußen, wohin ihr Blick nicht mehr reiche, der Qualm des Krieges liege, der jeden Augenblick an ihrem Geſichtskreiſe ſichtbar werden könne. Ihr Garten, der Wald, unbekümmert um das, was draußen vor⸗ ging, förderte ſein Werk für dieſen Sommer, ja er hatte es faſt abgethan; denn die milde Spätſonne goß ſchon ihr Licht trübſelig auf die bunten, gelben und rothen Herbſtſtreifen, die ſich durch das Duftblau der Wälder hinzogen.—— Da geſchah es eines Tages, daß die zwei Mädchen und Gregor jenſeits des See's am Ufer ſaßen ihrem Hauſe gegenüber. Sie waren ziemlich weit von demſelben entfernt, und ſahen auf jene Stelle, wo der Blockenſtein in den See ſtürzt, ihre Waldwieſe von dem andern Lande trennend. Die Knechte waren ſchon ſeit drei Tagen um Lebens⸗ mittel aus und wurden Abends zurückerwartet. Die Sonne des Nach⸗ ſommers war ſo rein, ſo warm und einladend, daß das Hecz ſich traulich hingab— die zwei Mägde waren in das Gebirg gegangen, um Brom⸗ beeren zu ſuchen, und unſte kleine Geſellſchaft, nachdem ſie Gregor über den See geſchifft und dann an ſchönen Stellen herumgeführt hatte, ſaß jetzt der lauen Luft genießend in angenehmer Müdigkeit auf einem großen Steine, um den die Glut rothen Herbſtgeſtrippes und dichter Preiſel⸗ beeren zu ihren Füßen prangte, und die langen Fäden des Nachſommers glänzten. Sie ſahen auf ihr leeres Haus und auf die graue Steinwand hinüber, während ihnen Gregor erzählte, der ebenfalls von der feierlich ſtillen Pracht, mit der, wie gewöhnlich, der Nachſommer über die Wäl⸗ der gekommen war, befangen, in immer romantiſchere und ſchwermüthi⸗ gere Weiſen verſank. Johanna fragte ihn, wie es denn gekommen, daß er dieſen See ent⸗ deckt habe, den ſo hoch oben gewiß Niemand vermuthe, und von dem er ihnen auch ſage, daß wenige Menſchen von ſeinem Daſein wiſſen. „Es wiſſen ihn auch wenige,“ erwiederte der alte Mann,„und ſuchen ihn auch nicht, da ſie nicht Grund dazu haben, und die von ihm Ahnung bekommen, hüten ſich wohl, ihm aufzuſuchen, da ſie ihn für ein Zauberwaſſer halten, das Gott mit ſchwarzer Höllenfarbe gezeichnet und in die Einöde gelegt hat. Nun was die ſchwarze Farbe betrifft, ſo mag es wohl damit nur die Urſache haben, daß die dunklen Tannen und Berg⸗ häupter aus ihm wiederſcheinen— wäre er draußen im ebenen Lande, ſo wäre er ſo blau, wie ihre Teiche, auf die nichts, als der leere Himmel ſchaut— und was die Einöde anlangt, ſo weiß ich nicht, ob ihn Gott an ein ſchöner Plätzchen hätte legen können, als dieſes. Ich kenne ihn ſchon über vierzig Jahre, und habe ihn in dieſer Zeit nur zwei Menſchen gezeigt; da wir beide noch jung waren, Eurem Vater und da ich alt ge⸗ worden bin, einem jungen Manne, den ich lieb gewonnen, und mit dem ich manches Wild geſchoſſen habe. In Hinſicht ſeiner Entdeckung aber, liebe Jungfrau, war es ſo: Seht, da ich ein Bube war, von zwölf, dreizehn Jahren oder darüber, da waren noch größere und ſchönere Wäl⸗ der als jetzt.— Holzſchläge waren gar nicht zu ſehen, dieſe traurigen Baumkirchhöfe, weil nächſt dem Waldlande wenig Hütten ſtanden, und dieſe ihr Brennholz noch an den Feldern bald in dieſem, bald in jenem Baume fanden, den ſie umhieben— und man merkte nicht, daß einer fehle. Damals gingen auch die Hirſche oft in Heerden gegen unſere Wieſen, und man brauchte ſie nicht in den Wäldern aufzuſuchen, wenn man einen ſchießen wollte.——“ Bei dieſen Worten unterbrach er ſich, und plötzlich zu Clariſſa ge⸗ wendet, ſagte er:„Wollt Ihr, Jungfrau, eine der ſchönen gelbgeſtreiften Schwungfedern, ſo ſchieße ich Euch das Thier herab; ich glaube, ich werde es erreichen.“ Er zeigte hiebei in die Luft, und die Mädchen ſahen einen ſchönen Geier mit geſpannten Flügeln hoch über dem See ſchweben. Er ſchien gleichfalls ohne alle andere Abſicht zu ſein, als ſich — 206— in der ausnehmend klaren lauen ſonnigen Herbſtluft zu ergehen; denn auf ſeinen Schwingen ruhend, die Gabel des Schweifes wie einen Fächer ausgebreitet, ließ er ſich gleiten auf dem Buſen ſeines Elementes, lang⸗ ſame Kreiſe und Figuren beſchreibend, während Schwung⸗ und Ruder⸗ federn oft zierlich gedreht im Sonnenſcheine ſpielten, und die Fittige nur nach langen Zwiſchenräumen zwei bis drei leichte Schläge thaten. Die Mädchen bewunderten die zarte Majeſtät dieſes Naturſpieles; ſie hatten nie dieſes mächtige Thier in ſolcher Rähe geſehen, und baten daher ein⸗ müthig, dem ſchönen Vogel nichts zu Leide zu thun. „Freilich iſt er ein ſchönes Thier,“ antwortete der Jäger,„und daß& ſie ihn draußen ein Raubthier heißen, daran iſt er ſo unſchuldig, wie das Lamm; er ißt Fleiſch, wie wir Alle auch, und er ſucht ſich ſeine Nahrung auf, wie das Lamm, das die unſchuldigen Kräuter und Blumen aus⸗ rauft. Es muß wohl ſo Verordnung ſein in der Welt, daß das Eine durch das Andere lebt. Nun ſeht ihn nur recht an, wie er ſich langſam dreht und wendet, und wie er ſtolziret— er wird nicht ſobald dieſes Waſſer verlaſſen; ich ſah es öſter, daß ſie gerne über ſolchen Stellen ſchweben, als ſchauten ſie ſich in einem Spiegel. In der That aber wartet er bloß auf die verſchiedenen Thiere und Vögel, die an das Waſſer trinken kommen.“ Sie ſahen nun eine Zeit lang den Vogel ſchweigend an, wie er in großem Bogen langſam dem See entlang ſchwebte, und immer kleiner ward— wie ihn rechts hohe Tannen ihrem Auge entrückten— und wie er dann wieder groß und breit dicht ob ihnen durch die dunkle Luft her⸗ vorſchwamm. Endlich da ſich ſeine Kreiſe und Linien näher an die gegen⸗ über liegende Wand verloren, ſchwächte ſich auch der Antheil an ihm, und Johanna fragte wieder, wie es ſich mit der Entdeckung des See's ergeben. „Das war nun ſo,“ entgegnete Gregor;„ich habe Euch ſchon geſagt, daß weit von hier ein Haus und ein Feld ſei, wo ich und meine Enkel leben, und wo mein Vater und Großvater gelebt haben, und das ſagte ich auch, daß einmal viel größere Wälder waren, als heute. Da⸗ mals kam nie Einer herauf; denn ſie fürchteten die Einöde und entſetzten ſich vor der Sprache der Wildniß— da waren nun ſolche, bei denen die Sage ging, es ſei irgendwo ein ſchwarzes Zauberwaſſer in dem Walde, in welchem unnatürliche Fiſche ſchwimmen, und um das eine verwun⸗ ſchene graue Steinwand ſtehe, und es ſeien lange Gänge darinnen. Alles flimmert von Gold und Silber, ſchönen Geſchirren und rothen Karfunkeln, wie ein Kopf ſo groß. Vor vielen hundert und hundert Jahren hat ein heidniſcher König aus Sachſen, der vor dem frommen Kaiſer Karl floh, ſich und ſeine Schätze in dieſe Felſen vergraben, und bei ſeinem Tode ſie verzaubert, daß man weder Thor noch Eingang ſehen kann— nur während der Paſſionszeit, ſo lange in irgend einer Kirche der Chriſtenheit noch ein Wörtlein davon geleſen wird, ſiehen ſie offen — da mag jeder hineingehen und nehmen, was er will; aber iſt die Zeit um, dann ſchließen ſie ſich und behalten Jeden innen, der ſie ver⸗ ſäumt.“ Johanna ſah hinüber auf die Wand, und es war ihr, als rührten ſich die Felſen. „Nun, ſagte man nicht, daß ſich Jemand einmal hinein gewagt habe?“ fragte Clariſſa. „Ei freilich,“ erwiederte der Jäger,„da erzählte mir meine eigne Großmutter, daß es wirklich wahr ſei, daß nicht weit von dem Berge, wo die drei Seſſel ſtehen, ein ſolcher See liege, und daß auch einmal vor vielen hundert Jahren ein Mann, der auf dem Schestauer Hauſe zu Salnau wirthſchaftete, aber viel Fluchens und arge Werke trieb, deß⸗ wegen auch ſein Gut nicht vor ſich bringen konnte, am Charfreitage, als alle Chriſten vor dem Grabe des Herrn beteten, beraufgeſtiegen ſei, und damit ſie mehr Schätze tragen können, auch ſein Söhnlein mit⸗ genommen habe.— Wie ſie nun eintraten, befiel das unſchuldige Kind ein Grauſen, daß es rief:„Vater, Vater, ſieh die glühenden Kohlen, geh heraus!“—— Aber Dieſen hatte der böſe Feind geblendet, daß er unter den Karfunkeln wählend und wühlend ſeiner Zeit nicht wahrnahm, bis der Knabe wie mit einem Windesruck an dem See ſtand, und gerade ſah, wie der Fels mit Schlagen und Krachen ſich ſchloß, und den un⸗ ſeligen Vater lebendig darinnen behielt. Den Knaben befiel Entſetzen, er lief, als ob alle Bäume hinter ihm her wären, bergab, und die heilige Jungfrau lenkte ſeine Schritte auch ſo, daß er ſich glücklich nach Hauſe fand. Er wuchs heran, wurde gottesfürchtig, und faſtete jeden Charfrei⸗ tag bis die Sterne am Himmel ſtanden— war auch geſegnet in ſeinen Feldern und in ſeinem Stalle. Seitdem hat man nirgends gehört, daß Einer in den Berg gedrungen.“ — Man ſah ſchweigend auf die graue Wand hinüber, und auch Cla⸗ riſſen war es jetzt, als rühre ſie ſich und die grünen Tannen ſtehen als Wächter und flüſtern miteinander. Der Geier war noch immer in der Luft ſichtbar, ſanft kreiſend und ſchwimmend, oder oft ſekundenlang ſo unbeweglich ſtehend, als wäre er eine in dieſem Dome aufgehängte geflügelte Ampel. Gregor fuhr fort:„Ich war damals eine Bube, und meine Groß⸗ mutter wußte viele ſolche Geſchichten. Da ſteht auch ein Berg drei Stunden von hier.— In der uralten Heidenzeit ſaßen auf ihm einmal drei Könige, und beſtimmten die Grenzen der drei Lande: Böheim, Baiern und Oeſterreich— es waren drei Seſſel in den Felſen gehauen, und jeder ſaß in ſeinem eigenen Lande. Sie hatten vieles Gefolge, und man ergötzte ſich mit der Jagd, da geſchah es, daß drei Männer zu dem See geriethen, und im Muthwill verſuchten, Fiſche zu fangen, und ſiehe, Forellen, roth um den Mund und gefleckt wie mit glühenden Funken, drängten ſich an ihre Hände, daß ſie deren eine Menge an's Land warfen. Wie es nun Zwielicht wurde, machten ſie Feuer, thaten die Fiſche in zwei Pfannen mit Waſſer, und ſtellten ſie über. Und wie die Männer ſo herumlagen, und wie der Mond aufgegangen war, und eine ſchöne Nacht entſtand, ſo wurde das Waſſer in den Pfannen heißer und heißer und brodelte und ſott und die Fiſche wurden darinnen nicht todt, ſondern luſtiger und luſtiger— und auf einmal entſtand ein Sauſen und ein Brauſen in den Bäumen, daß ſie meinten der Wald falle zuſammen, und der See rauſchte, als wäre Wind auf ihm, und doch rührte ſich kein Zweig und keine Welle, und am Himmel ſtand keine Wolke, und unter dem See ging es wie murmelnde Stimmen: es ſind nicht alle zu Hauſe — zu Hauſe.... Da kam den Männern eine Furcht an, und ſie war⸗ fen alle die Fiſche in's Waſſer. Im Augenblicke war Stille, und der Mond ſtand recht ſchön an dem Himmel. Sie aber blieben die ganze Nacht auf einem Stein ſitzen, und ſprachen nichts, denn ſie fürchteten ſich ſehr, und als es Tag geworden, gingen ſie eilig von dannen und berichteten alles den Königen, die ſofort abgezogen, und den Wald ver⸗ wünſchten, daß er eine Einöde bleibe auf ewige Zeiten.“ Er ſchwieg, und die Mädchen auch. „Sehet, ſchöne Jungfrauen,“ fuhr er nach einer Weile fort,„dieß alles rieſelte mir damals gar ſonderbar durch die Gebeine und mit Grauen und mit Begierde ſah ich immer ſeitdem auf den blauen Wald hinauf, wie er geheimnißvoll und unabſehlich längs dem ſchönen lichten Himmel dahinzog. Ich nahm mir vor, ſobald ich ein Mann ſein würde, den ſchönen zauberhaften See und die Heidenwand aufzuſuchen. Mein Vater und die Leute lachten mich aus, und meinten, das ſei eitel Fabel und Närrheit mit dieſem Waſſer;— aber ſehet, da ich den Wald nach und nach kennen lernte, und einſah, wie wunderbar er ſei, ohne daß die Menſchen erſt nöthig hätten, ihre Fabeln hinein zu weben— und da mir viele klare Wäſſerlein auf meinen Wanderungen begegneten, alle von einem Punkt der Höhen herabfließend, und deutlich mit kindlichem Rie⸗ ſeln und Schwätzen von ihrem Vater erzählend,— ſo ſtieg ich herauf und ſehet, an dem Platze, wo wir eben ſitzen, kam ich heraus und fand mit eins das ſchöne liebliche Waſſer.“ „Und hat es Euch nicht geängſtet und gegraut?“ fragte Johanna. „Geängſtet?“ entgegnete der Alte,„geängſtet?— Gefreuet habe ich mich der ſchönen Stelle; denn ich wußte dazumal ſchon ſehr gut, daß der Wald keine frevlen Wunder wirke, wie es gehäſſige und gal⸗ lige Menſchen gern thäten, hätten ſie Allmacht, ſondern lauter ſtille und unſcheinbare, aber darum doch viel ungeheurere, als die Menſchen be⸗ greifen, die ihm deßhalb ihre ungeſchlachten andichten. Er wirkt ſie mit ein wenig Waſſer und Erde und mit Luft und Sonnenſchein. Sonſt iſt kein anderes da, noch je dageweſen, glaubet es mir nur. Auch auf dem Berge der drei Seſſel war ich oben— nie ſaß ein König dort, ſo wenig als hier Jemand gefiſcht hat. Wohl ſtehen die drei ſteinernen Stühle, aber nicht etwa einfältig eben und geglättet, wie die hölzernen in Eurem Hauſe, ſondern rieſengroß und gefurcht und geklüftet; die leichten Finger des Regens haben daran gearbeitet, und das weiche, aber unabläſſige Schreinerzeug der Luft und der Sonne haben ſie gezimmert.— Ich ſaß darauf, und ſchaute wohl ſtundenlang in die Länder der Menſchen hinaus — und wie ich öfter hier und dort war, erkannte ich gar wohl, daß dieß Alles nur Gottes Werk ſei und nicht der Menſchen, zu denen ſich nur die Sage davon verlor. Sie können nichts bewundern, als was ſie ſelber gemacht haben, und nichts betrachten, als in der Meinung, es ſei für ſie gebildet. Hat Gott der Herr dem Menſchen größere Gaben gegeben, ſo fordert er auch mehr von ihm— aber darum liebt er doch auch nicht minder deſſen andere Geſchwiſter, die Thiere und Gewächſe; er hat ihnen Stifter. 4. Aufl. I. 14 — 210— Wohnungen gegeben, die dem Menſchen verſagt ſind, die Höhen der Ge⸗ birge, die Größe der Wälder, das ungeheure Meer und die weiten Wü⸗ ſten— dort, ob auch nie ein Auge hinkomme, hängt er ob ihnen ſeine Sterne auf, gibt ihnen die Pracht ihrer Gewänder, deckt ihren Tiſch, ſchmückt ſie mit allerlei Gaben, und kommt und wandelt unter ihnen, gerade wie er es hier und unter den Menſchen macht, die er auch liebt, obwohl ſie ihm, wie es mir oft gedäucht hat, ſeine Thiere und Pflanzen mißbrauchen, weil ſie im Hochmuthe ſich die Einzigen wähnen, und in ihrer Einfalt nie hinausgehen in die Reiche und Wohnungen derſelben, um ihre Sprache und Weſenheit zu lernen————.“ Während er noch ſo redete, fuhr jenſeits von der Wand des Heiden⸗ königs ein leichter Blitz auf, und der Geier ſtürzte pfeilgerade in das Waſſer— im Augenblicke rollte auch der Schuß die klippige Wand ent⸗ lang und murmelte von Wald zu Wald. Die Mädchen ſprangen erſchrocken auf, und Gregor ſchaute ſtarren Auges hinüber, als wollte er die harte Wand durchbohren. In der Todtenſtille der Wälder war die Lufterſchütterung faſt grauenhaft geweſen—— und wieder war es nun todtenſtille und reglos, wie vorher; ſelbſt die Leiche des Geiers lag ruhig auf ein und derſelben Stelle des Waſſers. Es vergingen angſtvolle Minuten der Erwartung; denn wer konnte das ſein?! „Seht Ihr etwas?“ flüſterte Johanna mit zitternder Stimme. „Nein,“ antwortete der Jäger,—„der Schuß kam dort von den Stämmen, die von der Seewand gebrochen ſind und amUfer liegen, aber ich ſehe Niemanden“ „Laßt uns eilig überfahren,“ meinte Clariſſa,„das Haus ſteht ganz leer— auch nicht eine Seele iſt darinnen.“ „Mit nichten, Kind,“ ſagte der Jäger;„wenn Gefahr iſt, wären wir eine ſchlechte Beſatzung des Hauſes. Geht in Euer Floßhäuschen, ich werde das Fahrzeug ein Stück in den See hinausfahren, und dort bleiben wir ſtehen. Niedergelegt längs dem Baume der Schutzwehre will ich hinüberſehen, und da wollen wir abwarten wie er es beginnen wird, das Thier aus dem Waſſer zu holen.“ Aber ſie warteten vergeblich. Minute an Minute verging. Ruhig, mit verſchobenem Gewande und geklebtem Federſchmucke lag der Geier auf dem Waſſer— der Rauch des Schuſſes hatte ſich längſt verzogen, — 211— und im lieblichen Nachmittagslichte glänzend ſchaute ihr verlaſſenes Wohnhaus herüber. Kein Laut regte ſich, und wie die Augen auch an⸗ geſtrengt an dem Blockenſteiner Vorſprung hafteten,— nichts war dort erſichtlich, als das Gewirre der bleichen herabgeſtürzten Bäume, wie ihre Aeſte lange weiße Scheine in den dunklen Waſſerſpiegel ſandten. Gregor begann nach und nach die Hand nach dem Ruder zu heben, um dem Vogel langſam näher zu fahren. „Etwa ſind die Knechte ſchon zurück,“ meinte Ghriſſa. „Das war kein Knall aus einer unſtigen Büchſe,“ ſagte Gregor. In dem Augenblicke wurden die zwei Mägde auf dem hölzernen Söller des Hauſes ſichtbar, die in dem Geklippe der Wand und an den Ufern der Gerölle Brombeeren geſucht hatten. Sie hielten wahrſcheinlich den Schuß für Gregors, und winkten häufig auf eine Stelle, vielleicht weil ſie meinten, man ſehe vom Schiffe aus den Vogel nicht. Mittlerweile blieb der See und Wald ruhig, wie ſie es den ganzen Tag waren. Die Sonne, eine weißglühende Lichtkugel lag ſchon am Rande der Felſenwand; breite Schatten rückten über Haus und Raſen⸗ platz auf den See heraus, dieſer war glatt und ſchwarz, nur auf dem Schiffe lag das müde Nachmittagslicht, eben ſo war der todte Vogel wie ein weißer Punkt beleuchtet und im grünrothen Schimmer floß es um das Gehäge der Fichten. Indeß war man, dem Thiere näher rückend, auch bereits dem ſumpfigen Ufer, wo das Gewirre der Baumſtämme lag, ſo nahe gekommen, daß man jeden kleinſten Zweig ausnehmen konnte, ja in der Stille der Luft und des Waſſers ſah man es ſogar deutlich, wenn ein Froſch, der ſich ſonnte, von einem Stamme in das Waſſer ſprang, und die leichten Wellenringe faſt bis auf den Floß auseinander⸗ trieb. Aber nicht das geringſte Anzeichen eines Menſchen wurde ſichtbar, ſo daß der Glaube immer mehr Wahrſcheinlichkeit gewann, es nur irgend ein Schütze durch Zufall ſo tief in den Wald gerathen und an den See verſchlagen worden, habe ſein gutes Auge an dem Federthier verſucht, und habe dann, da er das Fahrzeug und das Haus erblickte, aus Aber⸗ glauben die Flucht ergriffen, namentlich, da er mußte geſehen haben, wie ſich das Schiff bewegte, ohne daß er Menſchen darauf wahrgenommen. Endlich mit einigen langſamen Ruderſchlägen war man dem Thiere ſo nahe gekommen, daß es Gregor mit der Hakenſtange des Floßes herbei⸗ fiſchen konnte. Es war ein ſonderbarer Anblick, wie die langen triefen⸗ 14* — 212— den Schwingen hinabhingen, wie die naſſen klebenden Federn den ſeh⸗ nigten Körperbau bloßlegten, und die Wunde zeigten, die mitten in die Bruſt ging. Gregor unterſuchte ſogleich dieſelbe und zog mit einem Werkzeuge ſeiner Waidtaſche eine ſehr kleine Kugel daraus hervor.— Johanna fuhr vor Schreck zuſammen,— und auch Clariſſa ſah geſpann⸗ ten Auges und klopfenden Herzens auf das Angeſicht des Jägers— die⸗ ſet aber nicht eine Miene verziehend, ſteckte die Kugel gelaſſen zu andern in ſeinen ledernen Beutel— ja er ſtand ſogar ſeiner Länge nach auf dem Floße auf, und fuhr unbefangen dem Landungsplatze am Hauſe zu, wo man Abends anlangte. Als ſie ausgeſtiegen waren, fragte Clariſſa geradeweg, was er von der Sache halte? „Freilich kenne ich den Schützen,“ ſagte er;„es ſind allerlei Thoren auf der Welt— und er mag ein großer unter ihnen ſein—— von ihm iſt Euch keine Gefahr—— ich irte mich nicht, ich kenne die Kugel— aber es iſt grundlos thöricht, warum er hier ſein mag—— die Sonne ſcheint auf Eitelei und Thorheit.— Ich habe viele Tage geſehen, und ſo iſt der Menſch; er ſucht den Schimmer und will das Irrlicht greifen——.“ „O Gott! Ihr wißt mehr, als Ihr uns ſagen wollet,“ rief Jo⸗ hanna angſtvoll. „Ich habe Euch geſagt, Jungſrau, daß Ihr möget ohne Sorgen ſein— ja ich kenne vielleicht den Mann, obwohl mir ſeine Anweſenheit unbegreiflich iſt— er begeht lauter Dinge, die bhne Ziel und Zweck ſind, und ſtrebt nach Unerreichbarem. Er hat manchmal wollen den Sonnenſchein auf ſeinen Hut ſtecken, und die Abendröthe umarmen 3— es regnet viele Tropfen, ehe man Einſicht gewinnt, und Jahre vergehen, ehe man weiſe wird. Dringt nicht, Kinder, Ihr habt keine Gefahr— und wenn ich etwas wüßte, und Euch verbergen wollte, ſo würden meine Zähne verſchloſſener ſein, als die Steinthore des Heidenſchatzes, die kein eiſerner Balken aufzuzwingen vermag. Schlafet ruhig;— jedes Haar meines Scheitels iſt ein Wächter für Euch— ich liebe Euch, Ihr ſeid gut und unſchuldig, und faſt ſo ſchön als Martha.“——— Ein erkennbares Zucken ſpielte bei dieſer Erinnerung um ſeinen al⸗ ten harten Mund, aber ſogleich fuhr er fort:„Ich liebe Euren Vater, und werde in Zukunft das Plätzchen hier noch mehr lieben, als früher, wenn ich wieder einmal heraufkomme, das Haus längſt nicht mehr ſteht, — 213— der Krieg ſeine Endſchaft erreicht, und Euer Schloß Euch wieder aufge⸗ nommen hat. Seid ſorgenlos, meine lieben Töchter, und ſchlafet ſüß, wie vor vielen Jahren in Eurem Kinderbettlein.“ Die Mädchen ſahen gerührt und ängſtlich auf ihn, wie ſie mit ver⸗ ſchlungenen Armen vor ihm ſtanden, und es mochte ihnen faſt unheim⸗ lich dünken, daß er, an der äußerſten Grenze menſchlichen Hochalters ſtehend, dennoch von Planen und Zeiten rede, die weit in die Jahre hin⸗ auslagen. Johanna ſuchte vergeblich ihre aufſteigenden Furchtgedanken zu dämpfen, die ſie ſich nicht zu ſagen getraute. „Sehet, da geht der blutrothe Vollmond auf,“ begann er wieder, „ſehet nur hin auf das düſtre holde Licht, wie es am Waldesrand er⸗ glimmt, und faſt ſchon ſichtbar die langen Schatten über den See ſtrei⸗ chen— ich hab' es hundert und hundertmal geſehen;— aber immer ge⸗ fällt es mir— ich habe ſo ſtets meine eigenen Gedanken gehabt über das Mondlicht— es iſt ein wundervolles Licht.“ „Ein ſchmerzlich ſchönes Licht,“ ſagte Clariſſa. „Und nirgends ſeht Ihr es ſo ſchön, als im Walde,“ fuhr Gregor fort;„manche Nacht habe ich es ſchlummern geſehen über den Forſten, wenn ich auf den Höhen gegangen bin— da glänzte Alles und flimmerte und glitzerte ſo ruhevoll— daß ich ſo manche Gedanken hatte über dieſe Einrichtung, daß Nachts an dem Himmel dieſe glänzenden Scheiben hin⸗ gehen— aber zum Nutzen iſt es ſichtbarlich; denn ſeht, wenn er ſo oben ſteht, mitten über den Wäldern, und weit und breit ſein Licht nieder⸗ rieſelt in die Zweige— wie ſie da ſo froh ſind im Nachtlichte, und Blät⸗ ter und Nadeln auseinanderlegen, wie man eine Hand aufmacht, und in der Chriſtnacht, wenn der Herr geboren wird, reden ſie mit einander— —— geht ſchlafen, Kinder, geht ſchlafen— es droht Euch gar keine Gefahr; ich muß hier die Knechte erwarten, daß ich ihnen den Floß hin⸗ überrudere, wenn ſie das Zeichen geben. Und Ihr,“ ſagte er zu den da⸗ ſtehenden Mägden,„nehmt das Federthier hinein, und trocknet es ſorglich, vielleicht, daß die Schönheit des Gefieders wieder etwas herzuſtellen iſt.“ „Gute Nacht, Vater,“ ſagte Clariſſa. „Gute Nacht, Tochter,“ erwiederte der Greis. Und ſomit ſtiegen die Schweſtern die Treppe zu ihrem Gemache hinan, angſtvollen und harrenden Herzens, und als ſie ihr mäßig Abend⸗ mahl verzehrt, ſich entkleidet und die Magd entlaſſen hatten, ſchloſſen ſie — 214— beſorgt doppelt Schloß und Riegel an den Thüren, ſetzten ſich auf ein Bette zuſammen, und redeten noch Vieles und Manches, ſich tröſtend und liebverſichernd, auch daß ſie morgen wieder nach Wittinghauſen blicken, und daß ſie nie mehr ohne das Fernrohr einen Spaziergang machen wol⸗ len. So koſeten ſie noch lange, bis die rothe Scheibe des Mondes hoch ob dem Erdenrande ſchwebend, längſt zur goldenen geworden, und Jo⸗ hanna am Buſen der Schweſter wie ein Kind entſchlafen war. Clariſſa ließ ſie ſanft auf die Kiſſen gleiten, und ſuchte auch ihr Lager;— noch hörte ſie in ihre beginnenden Träume hinein das Jauch⸗ zen der zurückkehrenden Knechte jenſeits des See's herüber, und das Plätſchern des abfahrenden Gregor's, der ſie holte. Dann ſank tiefe, feſte Ruhe über die ſchönen Augenlider. 5. Waldwieſe. Des andern Tages ſtand ſchon die Sonne am Morgenhimmel, als Clariſſa erwachte, und an das Bett Johannens trat, die noch tief ſchlum⸗ merte, und ſich ein ganzes Morgenroth auf ihre Wangen geſchlafen hatte. Da ging ſie leiſe an das Fenſter, das im Morgengold wallte, ſah einige Augenblicke auf den Wald, der mit Reif bedeckt war, und Funken warf, und kniete endlich auf ihren Schemel nieder, um ihr Morgengebet zu verrichten. Als ſie aufſtand, ſah ſie auch Johannen an ihrem Schemel knieen; daher wartete ſie ruhig, bis auch dieſe aufgeſtan⸗ ſten war, und dann, noch den Abglanz des gläubigen Gebetes in den Augen, grüßten ſie ſich heiter und fteudig, und ſcherzten faſt über ihre geſtrige Angſt. Man ließ die klopfende Magd herein, und dieſe berich⸗ tete, daß die Knechte erzählt hätten, wie draußen bereits Kriegsvölker ziehen, und daß es über die Waſſerſcheide oft wie Ameiſenzüge gehe, alles gegen die oberen Donauländer. An den Waldrändern iſt es ſo einſam und ſtille wie immer. Von Wittinghauſen wußten ſie nichts. Man be⸗ — 215— ſchloß, Gregor zu bitten, daß er ſie, ſobald die Gräſer und Gebüſche etwas trocken geworden wären, auf den Blockenfels geleiten möge. Als ſie angekleidet waren und die hohe Sonne ſchon Reif und Thau von ihrer Wieſe gezogen hatte, wollten ſie auf ſelber ein wenig luſtwan⸗ deln gehen. Wie ſie über die Treppe hinabkamen, fanden ſie Gregor, wie er eben lockere Bretter und Balken feſtnagelte, auch befremdete es ſie, daß das äußere Thor an den Pflöcken, das immer ganz und gar offen geſtanden, nicht nur eingeklinkt, ſondern auch verriegelt war. Gregor ließ ſogleich von ſeinem Geſchäfte ab, und zeigte ihnen den getrockneten Geier, deſſen Federn er in ſchöne Ordnung gebracht habe, und von denen er ſie bat, ſich die ſchönſten als ein Angedenken ihres Waldlebens auszu⸗ ſuchen; indeß wolle er hineingehen und ſich richten, um ſie begleiten zu können. Er ging. Aber anſtatt ſich Federn auszuleſen, ſtanden die Mädchen und ſahen ſich befremdet an; denn heute war alles neu. Sonſt hatte er ſie ganz allein auf ihrer Wieſe weit und breit bis an das Ge⸗ rölle gehen laſſen, ohne ſich weiter zu bekümmern. Suſanna, die Magd, die eben daſtand, erzählte auch, daß, als ſie erfahren, daß nicht Gregor den Geier geſchoſſen, ſondern ein anderer Schuß war es, man wiſſe nicht woher, ſie vor Angſt faſt die ganze Nacht nicht geſchlafen und da ſei ſie ſpät nach Mitternacht, als bereits die zurückgekommenen Knechte längſt ſchliefen, durch ein ſeltſames Geräuſch erſchreckt worden, als ob ein Schloß raßle— und da ſie nun behutſam zum Fenſter hinausgeſehen, habe ſie wirklich gehört, wie das Schloß am äußeren Thore geſperrt werde, und ſodann eine Geſtalt, die ſie für Gregor's hielt, dem Ahorn⸗ wäldchen zuſchritt. Faſt eine Stunde verging, ehe die Geſtalt wieder kam, aufſperrte und hereintrat, hinter ſich ſorgſam verriegelnd— es war nun, wie er zu Hauſe kam, deutlich erkennbar, daß es Gregor ſei. Dieſe Thatſache war nicht geeignet, die Unruhe der Mädchen zu vermindern— allein wie Gregor die Thür heraustrat, und ſie den ſchönen Greis an⸗ ſahen mit der aufrichtigen tirne, und darunter die glänzenden dichteri⸗ ſchen Augenpaare, ſo folgten ſie ihm willig durch das Thor, das er hin⸗ ter ſich wieder ſchloß. Keine,— wie durch Verabredung— that der der neuen auffallenden Vorkehrungen Erwähnung. Er ſchwieg auch darüber. Nachmittags, d. h. nach damaliger Sitte ſchon, um zwölf Uhr, ſtieg man auf den Blockenſtein. Zwei bewaffnete Knechte begleiteten ſie, der dritte hütete den Floß. Das Rohr wurde befeſtiget, und rein und klar, wie immer, ſtand das kleine Nachbild des Vaterhauſes darinnen. Wie ein Vorgefühl, als ſähen ſie es zum letzten Male ſo, überkam es die Her⸗ zen der Mädchen, und es war ihnen, als könnten ſie ſich gar nicht davon trennen, und als müßten ſie den geliebten ſchönen Vater oder den un⸗ ſchuldigen Knaben Felix auf irgend einem Vorſprunge ſtehen ſehen. Wahrſcheinlich waren es die neuen Anſtalten Gregors, die ihnen dieſes Unruhegefühl einflößten. Endlich, da immer dasſelbe längſtbekannte und unbelebte Bild im Glaſe ſtand, und nach tauſend Grüßen, die laut und heimlich hinüber⸗ geſendet wurden, nahm man das Rohr ab, und trat den Rückweg an. Zu Hauſe wählten ſie ſich noch einige Federn des Geiers„und begaben ſich wieder in ihre Zimmer. Kein einziger Vorfall geſchah dieſen und die folgenden Tage, außer daß man wieder einmal wollte bemerkt haben, daß Gregor in der Nacht das Haus verlaſſen habe: aber eine gewiſſe Schwüle und Angſt lag über dem Thale und den Herzen, als müſſe jetzt und jetzt etwas geſchehen. Seltſam— als ob die unſichtbaren Boten ſchon vorausgingen, wenn ein ſchweres Ereigniß unſerm Herzen naht.—— Es war die fünfte Nacht nach dem Schuſſe des Geiers— der ab⸗ nehmende Mond ſtand am blauen Nachthimmel, und malte die Fenſter⸗ gitter auf die Seſſel und Bettvorhänge der Mädchen— da ſcß Johanna am Rande des Bettes ihrer Schweſter und mit dem Finger ſanft ihre ent⸗ blößte Schulter betupfend ſuchte ſie dieſelbe zu wecken indem ſie angſt⸗ voll leiſe die Worte hauchte:„Hörſt Du nichts?“ „Ich höre es ſchon lange,“ antwortete Clariſſa,„aber ich wollte Dich nicht wecken, daß Du keine Angſt habeſt.“ Nun aber richtete ſie ſich auch in ihrem Bette auf, und von dem einen Arme Johanna's gehalten, auf die Bettkante geſtützt, ſaßen ſie da, keinen andern Hauptſchmuck als das ſchöne Haar, den Körper im Horchen ſanft vorgebogen, unbeweglich, wie zwei tadelloſe Marmorbilder, um die das milde Licht der Herbſtnacht fließet. Es war, als hörten ſie undeutlich in der Ferne eine Stimme, ſchwe⸗ bend zwiſchen Rufen und Geſang— es war aber weder die eines Knech⸗ tes, noch Gregor's.* Sie horchten lautlos hin, aber hörten gerade jetzt nichts. Auf ein⸗ — mal ganz deutlich, wie herausfordernd,— ſchwärmeriſch wild kam ein Geſang einer Männerſtimme herüber, folgende Worte tragend: Es war einmal ein König, Er trug'ne gold'ne Kron'. Der mordete im Walde Sein Lieb— und ging davon. Da kam ein grüner Jäger: „Gelt, König, ſuchſt ein Grab? Sieh' da die grauen Felſen, Ei, ſpringe flugs hinab.“ Und wieder war ein König, Der ritt am Stein vorbei: Da lagen weiße Gebeine, Die gold'ne Kron' dabei. Die Stimme ſchwieg, und die Stille des Todes war wieder in Luft und Wald, und in den Herzen der Mädchen— und als es draußen ſchon längſt geſchwiegen, getrauten ſie ſich noch nicht, ſich zu regen, als ſei die Scene nicht aus, und als müſſe noch etwas kommen. Aber ſie war aus. Kein Laut, kein Athemzug, regte ſich in der ſtummen funkelnden Mondluft.— Da, nach langem Warten, drückte ſich Johanna ſanft und langſam rückwärts aus der Umarmung, und ſah der Schweſter in das Angeſicht. Es lag ſo bleich vor ihren Augen, wie der Mond auf der Fenſter⸗ ſcheibe. Nicht eine Silbe ſagten ſie Beide. Johanna, wie im Inſtinkt des Guten und hier Zuſtändigen, wen⸗ dete ihre Augen wieder ab, und barg ihr eigenes Antlitz in das Nacht⸗ gewand der Schweſter— und ſo viele, viele Augenblicke lang aneinan⸗ dergedrückt, wie zwei Tauben hielten ſie ſich, daß Johanna Clariſſen's Herz pochen fühlte, und dieſe das Zittern des Armes der andern auf ihrem Nacken empfand.—— Endlich furchtſam leiſe fragte die Jün⸗ gere:„Clariſſa, fürchteſt Du Dich?“ „Fürchten?“— ſagte dieſe, indem ſie ſich ſanft aus der Umarmung löſ'te—„fürchten? nein, Johanna— das Räthſel iſt klar, deſſen dunk⸗ ler Schatten uns dieſer Tage ängſtete—— ich fürchte nichts mehr.“ — 218— Und dennoch bebte ihre Stimme, als ſie dieſe Worte ſagte, und Johanna konnte ſelbſt bei dem ſchwachen Mondlichte bemerken, wie all⸗ gemach ein feines Roth in die vorher ſo blaſſen Wangen floß, und dar⸗ innen ſanft bis zur ſchönſten Morgenröthe anſchwoll. Ein ungeheuer Empfinden mußte in ihrer Seele emporwachſen, wechſelnd in Wohl und Weh; denn ein fremder Geiſt lag auf dieſen ſonſt ſo ruhigen Zügen, und goß eine Seele darüber aus, als glühete und wallete ſie in Leiden⸗ ſchaft. „Johanna,“ ſprach ſie,„es iſt wunderbar, ſehr wunderbar, wie die Wege der Vorſehung ſind. Wer hätte gedacht, daß das, was ich neulich an der Felſenwand zu Dir ſprach, ſo nahe ſei— in der ſchönen Einöde hat mich Gott der Herr gefunden— mag es ſich erfüllen, wie es muß und wird— fürchte Dich nicht, liebes Kind— auch mitten im Walde iſt der Herr ob uns. Du kennſt das Lied, Du ahneſt auch, wer es ſang — er hat es gut gewählt— er wird mich ſehen, ja, aber nicht in unſe⸗ rem heiligen Hauſe— Gregor und Du werdet mich begleiten— ſieh mich nicht ſo erſchrocken an— wenn ſelbſt die kleine Kugel von ihm kam, und wie er auch mit dieſem Wald zuſammenhängt: Gefahr ſolcher Art droht uns nicht—— ja, ja, den Sonnenſchein hat er wollen auf den Hut ſtecken und die Abendröthe umarmen—— ja, es iſt ſeine Art ſo zu erſcheinen, wie er hier that, das Lied hat mich herausgefordert— gut, aber jetzt iſt es kein Kind mehr, hilflos gegeben in die Allgewalt der eignen Empfindung: eine Jungftau, ſtark und ſelbſtbewußt— ſie wird kommen, ſtatt der Lilie das Schwert des Herrn in ihrer Rechten— ja ſie wird kommen!!“ Ihr Antlit ſtrahlte— eine ſolche Schönheit überging ihre Züge, daß ſelbſt Johanna ſcheu zu ihr hinüberblickte— mit Inbrunſt ſchwärmte ihr dunkles Auge hinaus, angeglänzt von dem Lichte der Racht—— auf die Stirne flog es wie ungeheurer Stolz und Triumph—— ſo ſaß ſie, und badete das gehobne Antlitz in den Strahlen des Mondes—— — bis ſie endlich in einen Strom ſiedend heißer Thränen ausbrach, und ſich wie ein Kind an das Herz der Schweſter legte. Wer ſie in dieſer Racht geſehen hätte, der hätte begriffen, wie denn dieſe ſanfte ewig ruhige Geſtalt zu den tief ſchwarzen lodernden Augen gekommen. Johanna ſchlang ihre beiden Arme um ſie, und obgleich ſie die Ge⸗ — 219— walt dieſer Thränen nicht begriff, ſo wurde ſie doch ſelbſt bis zu dem hef⸗ tigſten Schluchzen gerührt— und die Lüſt der Herzen löſ'te ſich durch dieſe milden Perlen. Der Morgen fand ſie, Johannen an dem Buſen der Schweſter mit den müde geweinten Augen tief und feſt entſchlummert. Clariſſa wachte ſchon längſt, aber da der Schweſter Haupt ihr zum Theil auf Buſen und Schultern lag, ſo regte ſie ſich nicht, um ihr nicht den Morgenſchlaf zu ſtören, der mit ſo ſichtbar ſüßer Hülle auf dem geängſteten Herzen lag. Endlich da ſich die braunen Augen langſam aufthaten, und befremdet auf Clariſſen ſahen, wie ſie denn in ihr Bett gerathen, ſo ſtrich dieſe ſanſt mit der Hand über die Scheitel der goldblonden Locken, und ſagte: „Guten Morgen, liebes, liebes Kind.“ Aber mit einer Art Beſchämung über die Lage, in der ſie ſich fand, ſprang Johanna auf, und begann ſich anzukleiden, indem ihr nach und nach das Bewußtſein der vergangenen Nacht kam, und der Wichtigkeit des heutigen Tages. Auch Clariſſa kleidete ſich ſchweigend an, und ließ dann durch die Magd den alten Gregor rufen. Er kam. „Ihr habt heute Nacht ſingen gehört,“ redete ſie ihn an. Sa „Ihr kennt den Mann ſehr gut, welcher geſungen?“ „Ich kenne ihn ſehr gut.“ „Er wünſcht dringend mit uns zu reden.“ Der Jäger ſah ſie mit betroffenen Augen an.„Ich weiß es,“ ſagte er;„aber daß auch Ihr es wiſſet?!“ „Wir wiſſen es, und wollen ihn auch ſprechen, und zwar, wenn es möglich iſt, noch heute; aber nicht hier— in unſer Haus ſoll kein ftemder Mann kommen— ſondern an der Steinwand bei den letzten Ahornen ſoll er uns erwarten. Jobhanna und ich werden kommen, und Ihr ſeid gewiß ſo freundlich uns zu begleiten. Wenn der Schatten der Tannen von dem See gewichen iſt, möget Ihr uns abholen, wenn es bis dahin geſchehen kann.“ „Es kann geſchehen— aber bedenket, daß Ihr ſelbſt es ſeid, die es ſo wollen.“ „Bereitet es nur, Gregor— ich kenne auch den Mann, und wir wollen ihn fragen, warum er unſere Ruhe und Zuflucht ſtört.“ — 220— Gregor ging. Der Vormittag war vorüber, der Schatten der Tannen war von dem See gewichen, und man ſah Gregor mit der Büchſe auf der Schul⸗ ter die zwei Mädchen dem Ahornwäldchen zuführen. Johanna war, wie gewöhnlich, in ihrem weißen Kleide, aber Clariſſa hatte all ihren Schmuck und ihre ſchönſten Kleider angethan, ſo daß ſie wie eine hohe Frau war, die zu einem Königsfeſte geführt wird. Es liegt etwas Fremdes und Abwehrendes in Schmuck und Feierkleid der Frauen; ſie ſind gleichſam der Hofſtaat ihrer Seele, und ſelbſt der alte Waldſohn, der nie andere Juwelen ſah, als die des Morgens in den Tannen, fühlte ſich von Cla⸗ riſſen's Schönheit gedrückt und faſt unterthänig; denn auch in ihrem Angeſichte lag ein fremder Schimmer und ein ſtrahlender Ernſt. Johanna's Herz klopfte ungebändigt und— obwohl ſie ſich's zu ſagen ſchämte— die kleine Kugel, und der Jägerburſche, der von dem furchtbaren Wildſchützen erzählt hatte, wollten ihr nicht aus dem Sinne kommen, und es war ihr dunkel drohend, als ob etwas Entſetzliches kom⸗ men würde. So war man bis gegen die letzten Ahornen gelangt. Ein Mann, in einfache, ungebleichte Linnen gekleidet, einen breiten Hut auf dem Haupte, eine Flinte in dem Arme ſaß auf einem der grauen Steine. Wie man ganz in die Nähe gekommen, ſtand er auf, zog ehrerbietig den Hut, und wies ſein Antlitz.— Johanna hätte faſt einen Schrei gethan — ſo ſchön war er— auch Clariſſa wankte einen Augenblick. Wie er den Hut abgenommen und das Angeſicht mit einem ſchnellen Ruck ihnen zugewendet, warf ſich eine Flut von Haaren, wie ein goldener Strom auf ſeine Schultern, darlegend das lichte Antlitz, faſt knabenhaft ſchön und fein, daraus die zwei großen dunkelblauen Augen hervorſahen, wie zwei Seelen, die auf Clariſſen hafteten.—— Auch ſie vergaß ihr dunk⸗ les Auge auf ſeinen Zügen, den wohlbekannten, vielgeliebten, vielge⸗ kränkten,— bis ſie plötzlich höcherröthend einen unbeholfenen Schritt ſeitwärts that, gleichſam gegen die Bank hin, die in der Rähe ſtand, als wollte ſie ſich darauf ſetzen. Johanna, bloß dieſe Abſicht vermuthend, war ihr behülflich, und ſetzte ſich neben ſie. Er, noch immer kein Wort redend, ließ unbewußt ſeine Blicke ihren Bewegungen folgen, als ſei er betreten, daß eine ganz andere Geſtalt gekommen, als er erwartet. End⸗ — 221— lich legte er ſeine Flinte ſeitwärts, und ſetzte ſich den Mädchen gegenüber auf denſelben grauen Stein, auf dem ſie ihn gefunden. Die hohen Bäume, die graue Felswand, und die weißen Nachmit⸗ tagswolken ſahen ſtumm auf die ſeltſame, ebenfalls ſtumme Verſamm⸗ lung. Gregor ging abſeits von den Ahornen, anſcheinend ſo hie und da das fortſchreitende Vergelben der Blätter betrachtend. Endlich thaten ſich Clariſſa's Lippen auf, und ſie ſagte:„Ihr habt uns aufgefordert—— Ihr wolltet, mein' ich, mit uns reden— wir ſind gekommen— ſo redet.“ „Ja,“ antwortete er,„ich bat Euch um eine Unterredung, aber nur Euch; denn ich kenne die andere Jungfrau nicht.“ „Es iſt meine Schweſter Johanna.“ Mit Verwunderung blickte er nun auf Johannen, und ſagte trüb⸗ ſelig lächelnd:„Sie iſt aus einem Kinde nun eine ſchöne Jungfrau ge⸗ worden;— o Clariſſa, wir haben uns ſehr lange nicht geſehen— damals war ſie ein Kind, das ſelten ſichtbar wurde, daß ich ihrer ſchon ganz ver⸗ gaß.— Kennet Ihr mich, Johanna?“ Sie ſchüttelte mit dem Kopfe. „Nun, Clariſſa,“ fuhr er fort,„verzeihet, daß ich gekommen, und auch die Art, wie ich es that.— Seht, ich wollte nicht plötzlich, wenn Ihr luſtwandeln ginget, vor Euch treten— ich hätte es einige Male gekonnt— ſondern erſt Euern Begleiter, den ich ſeit Langem kenne, ſprechen, aber er war ſtets an Eurer Seite und verließ ſonſt nie das Haus, daher ſandte ich ihm durch den Geier meine Kugel, die er wohl kennt, auch ſuchte er mich ſogleich, und fand mich, aber keine Macht der Ueberredung konnte ihn dahin bringen, daß er Euch von mir eine Bot⸗ ſchaft brächte—— ja er verrammelte und bewachte das Haus nun vor⸗ ſichtiger, als je, ſo daß ich ihn, der mich einſt ſo liebte, gar nicht begriff. — Ich ſelbſt mußte mir nun, ſei es auch auf die Gefahr hin, daß mich einer Eurer Knechte erſchieße, Gelegenheit verſchaffen, Euch meine An⸗ weſenheit kund zu thun, ob Ihr etwa freiwillig gewährtet, was ich nicht rauben wollte, und von ihm nicht erbitten konnte. Ich ſang das Lied, das Ihr kennen müſſet.“ „Ich kannte es,“ ſagte Clariſſa,„und ſei es nun auch Unrecht, daß ich kam, ich wollte Euch nicht fortweiſen, da Ihr ſo viel Anſtalt machtet, — 222— mich zu ſprechen—— und nun redet, warum ſeid Ihr hier, die Zu⸗ flucht und Ruhe zweier Mädchen zu unterbrechen, die ſo kindiſch ſind, daß ſie oft das unverſehene Rauſchen eines Blattes ſchreckt, ſagt, warum ſeid Ihr hier?“ „Clariſſa,— Ihr fragt das,“ ſagte er, indem ein leichter Hauch von Roth über ſein Geſicht flog,„wiſſet Ihr ſelber denn das nicht?“ „Nein, ich weiß es nicht,“ antwortete ſie mit unſicherer Stimme. „Ihr wißt das nicht?“ wiederholte er zweimal,„Ihr wißt das nicht?—“ und er warf ſein Haupt, wie im Schmerz empor, ſo, daß auf einen Augenblick der Glanz der Herbſtſonne auf die ſchwärmeriſchen Züge fiel,— und ſie verklärte——„Ihr wißt das nicht?! Schet, ich bin in Frankreich geweſen— ich war weiter, in dem neuen Lande war ich jenſeits des großen glänzenden Meeres— ich kam wieder, ich ſuchte Euer Schloß, es iſt bedroht, Ihr ſeid geflüchtet, Niemand weiß, wohin— ich kundſchaftete auf allen Straßen; eine führt gegen den Wald, ſie ſah Euch ziehen,— ich ſuchte Gregor's Hütte, er iſt nicht da.— Durch alle Walder und Schluchten, lebend von dem was mir meine Büchſe erwarb, ging ich tagelang, wochenlang, bis— es war eine lichte ſchöne Stunde— bis der Gedanke dieſes Sees wie ein Blitz in meine Seele fuhr, wie ihn mir einſt Gregor zeigte, und die Worte ſagte:„Auf dieſem Anger, an dieſem Waſſer iſt der Herzſchlag des Waldes; mir iſt, als müßte ich ihn hören, ſo lieblich und treu, und feſter als die Burg eines Königs“— ich kam hieher— am Rande jener Felſenmauer herüber kletternd erblickte ich das hölzerne Haus, auf einem Felſenſteige— Gregor weiß ihn— Euch wäre er tödtlich— ſtieg ich nieder.— Dort, wo die Sandrieſen beginnen, im Schatten des Felſens ruhte ich ermüdet aus, wiſchte mir das Blut von den Händen— und wie ich nach dieſem Geſchäfte aufblickte— kaum hundert Ellen von mir am Rande des Gerölles ſaßet Ihr mit Johannen, beide in weißen Ge⸗ wändern, und vertraulich redend—— ich erſchrak, daß ſich der See und die Bäume drehten— das ſchreiende Herz drücke ich nieder, ja in meiner Thorheit halte ich den Athem an, daß er Euch nicht erreiche, ob⸗ wohl ich nicht einmal Eure Worte hören konnte— aber hold und ſüß müſſen ſie geweſen ſein; denn Ihr ſaßet und ſprachet lange, legtet end⸗ lich Eure Hände in einander und ſahet ſchweigend in die Luft hinaus, mir wollte es bedünken im Uebermaß der Rührung und der Liebe und des — Vertrauens— als es Abend wurde, ginget Ihr— dieſe Bäume hier verſchlangen den letzten Schimmer Eures Gewandes— ich blieb ſitzen und ſtillte meinen Hunger mit einer Handvoll Brombeeren. Wieder ſah ich Euch— gehen durch den Wald, wandeln an den See, ruhen auf dieſem oder jenem Steine— ich war Euch oft ſo nahe, daß ich Euch greifen konnte; Eure Harfe hörte ich des Nachts.—— Seht Ihr, dort oben, wo der dürre Sandſtrom um die zwei Felſenhäupter quillt, ſteht ein Baum, es iſt nur mehr der Strunk einer Föhre, die der Blit einſt zerſchlug, bei Tage iſt er ein mißfärbiges Grau, aber in der Nacht be⸗ ginnt er zu leuchten, blau und grün und weiß— ſtundenlang ſaß ich an dem Felſen und ſah auf das ſtille nächtliche Glimmen desſelben—— Clariſſa! und Ihr fragt, weßhalb ich gekommen??“ „O übt ihn nicht,“ ſagte ſie mit innig flehender Stimme,„v übt ihn nicht, den alten Zauber, deſſen Gewalt Ihr kennt, und einſt erprobtet gegen ein thörichtes Mädchen— o übt ihn nicht, es iſt nicht redlich.“ Es war ſeltſam anzuſchauen, wie die entſchloſſ'ene Jungfrau zu ſchwanken begann, und faſt eingeſchüchtert war einem Manne gegenüber, deſſen Mienen doch ſo offen lagen, wie die eines Kindes; aber wenn man ihn anſah, wie er auf ihre Rede ſchwieg, und hinausſah in die Räume, ſo war es, als ſähe man den Geiſt aufleben, dem ſie ſich beugte: eine wilde Hoheit, eine ſchwärmeriſche Dichtung lag in dieſen Zügen, im Auge etwas, was fleht und herrſchet— ein Schmelz von Zärtlichkeit, unſäglich bindend das geliebte Herz, es ſelbſt unſäglich liebend, und doch hinaus verlangend in's Unbekannte, ein aufquellend Herz, nach Thaten ſchmachtend. Und gerade das letzte, jeden Augenblick Liebeverluſt dro⸗ hend, war es, was ſie ſo zauberiſch band. „Ja, ja,“ begann er wieder ſanft,„Clariſſa, ſüßer Engel, es iſt redlich; ich bin nicht thöricht und ohne Zweck gekommen; denn wiſſet, ſeit jenem Tage, wo ich fort ging, theils gedrängt, theils ſelbſt hinaus⸗ ſchwärmend, war es doch nur ein Gedanke, dem ich nachhing, dem ich glühend nachſtrebte— damals lebte er noch, der befehlen konnte: laß fahren das Scheinding;—— ich ſchlug es los, in alle Winde wollte ich es ſtreuen; ich ging Monate lang durch dieſe Wälder, dem wilden Hange folgend— da fand ich Gregor.— Wie ein Sohn liebte ich den Alten, obwohl er ein Kind war gegen mich in Schwärmerei und Wagniß — das Scheinding aber trug ich im verſchwiegenen Herzen— dann ſah ich jene ſchimmernde Stadt, ich ſah grenzenloſe Wildniſſe des neuen Landes — ich kam wieder, als er todt war, aber ich brachte das Scheinding, wie er es nannte, wieder mit—— Clariſſa, nun aber iſt alles gut— ein Jahr hab' ich gearbeitet, ein mühſelig Jahr, berghohe Hemmniſſe hin⸗ weggewälzt— Alles iſt eben— ich bin frei.—— Wie keine Mutter ihr Kind, hab' ich Dich geſucht, die Geliebte, die Verlaſſene, die Unver⸗ geßliche, um Dir Alles, Alles mitzutheilen—— o Clariſſa, ich bitte Dich, denke zurück, blicke in Dein Herz, und um der Güte Gottes willen frage nicht mehr, warum ich gekommen!!“ Ehe ſie es ahnen und hindern konnte, ſtand er auf, und auf die harten Steine zu ihren Füßen ſinkend, nahm er ihre Hand, ſchloß ſie in ſeine, die großen blauen Augen angſtvoll auf ihr ſterbebleiches Antlitz heftend. „O ſteht auf,“ ſagte ſie in der Ohnmacht ihrer Seele mit den Au⸗ gen herumirrend—„ſo ſteht doch auf—— ich kam gewaffnet hieher, die Gewalt Eures Herzens ſoll mir dieſe Waffen nicht ablöſen— nein ſie ſoll es gewiß nicht.— Denket nicht mehr, ich ſei noch das Kind, das Ihr einſt kanntet—— wie Ihr damals in unſer Schloß kamet, wie der Vater Euch lieb gewann;—— Ihr waret ſo ſchön, mein Auge konnte faſt nicht ablaſſen von dem Euren, ein ganzes Meer von Seele und Ge⸗ müth goſſet Ihr in mein dunkel bewußtes Herz, meine hülfloſe Kinder⸗ ſeele zwanget Ihr an Eure Lippen zu fliegen— ich fragte nicht, woher Ihr kamet, wer Ihr ſeid— ich hing an Euch— im Wahnſinne von Seligkeit hing ich an Euch, ſündhaft vergeſſend meinen Vater, meine Mutter, meinen Gott—— da ginget Ihr fort——— nun, es iſt Alles überſtanden— ich erkannte die Sünde;— Gott gab mir die Gnade ſie zu bereuen und zu vergeſſen. Die Seele wandte ſich wieder ihrer reinen Liebe zu. Seht, dieß unſchuldige Mädchen hier, meine Schweſter, dann mein Vater und der Bruder Felix zu Hauſe— dieſe ſind meine Geliebten— und der Herr im Himmel, der iſt mein Gott— — es iſt überſtanden.“ Thränen brachen aus ihren Augen und ſchimmerten neben den Dia⸗ manten des Stirnbandes. „Nein, Clariſſa, es iſt nicht überſtanden,“ ſagte er, zu ihr empor⸗ blickend, indem ein Entzücken durch den Himmel ſeines Auges ging, „nein, es iſt nicht überſtanden;— goß ich auch ein Meer von Gemüth — 225— und Seele in Dein Kinderherz, ſo goß ich es auch in meines.— Es iſt wahr, anfangs reizte mich bloß die ungewohnte Fülle und Macht, auf⸗ ſproſſend in dem Kinderherzen, daß ich prüfend und probend an ſie trat, daß ich die Kinderlippen an mich riß— aber eine Seele, tief, wild, groß und dichteriſch wie meine, wuchs aus dem Kinde an mich, daß ich er⸗ ſchrak, aber nun auch mich im Sturme an ſie warf, namenlos, un⸗ trennbar Glut um Glut tauſchend, Seligkeit um Seligkeit.—— Weib! Du warſt damals ein Kind, aber die Kinderlippen entzückten mich mehr, als ſpäter jede Freude der Welt, ſie glühten ſich in mein Weſen unaus⸗ löſchlich— ein Königreich warf ich weg um dieſe Kinderlippen; nicht Jahre, nicht Entfernung konnten ſie vertilgen— und nun bin ich hier, abgeſchloſſen mit der Welt, um nichts auf der ganzen Erde mehr bittend, als wieder um dieſe Kinderlippen.“ Er blieb knieen, das geliebte Antlitz ſchaute zu ihr empor, vergeſſend ſeiner ſelbſt und der Umgebung,— ſie aber fühlte ſich verlieren; um ihre Stirne irrte es wie dunkle Wonne, wie Morgenröthe des Gefühls.— Einen Augenblick noch ſah ſie hülflos umher, ringend mit dem eignen Herzen, das in ſo ganz anderer Abſicht hergekommen war— dann über⸗ zog neuerdings ein feuchter Schleier ihr Auge, aber es war darinnen ſüße düſtre Zärtlichkeit, wie es auf ihn niederſank, und ſie faſt unhörbar und zitternd die Worte ſagte:„Und doch, Ronald, biſt Du fortgegangen!!“ „Ja,“ rief er, indem eine ſchnelle, ſchwärmeriſche, fabelhafte Freude über ſeine Züge flog,„ja, ich ging fort, weil es Einer befahl, der mächtiger war, als ich und Du, und als Dein Vater und Dein König — aber nicht weil er es befahl, ging ich, ſondern weil er bat, weil er ſagte, es ſei zu Deinem und zu meinem Heile—— und, Clariſſa, weil mein eigen tobend Herz mich hinausriß, thöricht ſchweifend in das Leere, als ſeien draußen namenloſe ungeheure Dinge zu vollführen— — aber, bin ich gegangen, ſo bin ich ja auch wieder da, und ich gehe nie, nie mehr von Dir;— Du biſt mein Athem und mein Puls⸗ ſchlag.— Draußen iſt es dürre, wie Sand, und unerſprießlich alle Welt gegen Dein ſchlagendes Herz, gegen Deine Güte und gegen Deine Liebe; —— ſiehe, er hat mich groß machen wollen, wie einen ſeiner Helden, oder gar wie ſich ſelbſt, er hat mich abgöttiſch geliebt als das Ebenbild meiner Mutter. In unſer ſchönes fernes Land, ſagte er, werden wir zurückkehren, dort wolle er es heben zu einem der erſten der Welt, ich Stifter. 4. Aufl. I. 15 — werde ihm zunächſt ſtehen, und an mir wolle er es gut machen, was er an meiner armen Mutter verſchuldet— er, der Starke gegen alle Welt, war ſchwach gegen mich, er ließ meine Jugend ſchwärmen, in die ganze Welt wollte ich fliegen, weit und breit; ſelbſt in Feindeslande ging ich herum, auf Eurem Schloſſe lebte ich Monate lang.—— Als ich ihn glühend um Dich bat, ſagte er, Du biſt noch ein Knabe, gehe fort, gehe in die Welt, gehe hin, wo Du willſt, ſelbſt über das Meer, und wenn Du wieder kommſt, und ſie noch willſt, ſollſt Du ſie haben, und in unſer Land führen— aber geh, und laß lieber fahren das Scheinding—— — aber, o Clariſſa, als ich wieder kam, war er längſt todt— von all Denen, die um ihn trauerten, waren zwei Augenpaare, die gewiß am heißeſten weinten, meines, und ſicher auch das meiner fernen Mutter. Ich hab' ihn noch einmal geſehen— ich brachte es dahin, daß mir Gruft und Sarg geöffnet wurde.— In den Buſen des Kanzlers hatte er die Plane über mich niedergelegt, mit dieſem, den Führern und An⸗ dern mußte ich ein Jahr kämpfen, ein mühſelig ſchleppend Jahr, bis ich mir Freiheit errang, zu thun, wie ich wollte— und dann mein erſter Gang— nein, es war ein Fliegen: zu Dir— zu Dir, um zu fragen, ob Du mich haſſeſt— ob Du verzeiheſt—— ob Du noch liebteſt, zu Dir ging ich zuerſt, dann aber muß ich meine Mutter ſuchen.“ Seine Augen ſchwammen in Thränen, welche die fernere Rede erſtickten; er wiſchte mit der Hand darüber und ſagte dann unſäglich mild:„Clariſſa, Du haſt Dich ſehr verändert, und biſt größer und ſtatt⸗ licher geworden, und faſt ſchöner, als damals, ſo daß ich beinahe den Muth verlor, da ich Dich heute ſah— Clariſſa, thue ab den ſtarren Schmuck, der ſo traurig um Dein liebes Antlitz funkelt, ſei wieder das Kind, das mich einſt ſo ſelig machte— nicht wahr, Clariſſa, Du liebſt mich noch?———— Liebſt Du mich noch— Du, mein ſchüchtern, mein glühend Kind!“—— Er ſah ſo treuherzig zu ihr hinan, und eine ſo weiche unſchuldige Seele lag in ſeinen Zügen,—— daß ihr ganzes Herz voll alter Liebe hinſchmolz. Wie ſchwach und wie herrlich iſt der Menſch, wenn ein allmächtig Gefühl ſeine Seele bewegt, und ihr mehr Schimmer und Macht verleiht, als im ganzen andern todten Weltall liegt!— Der ganze Wald, die lauſchenden Ahornen, die glänzende Steinwand, ſelbſt Johanna und Gregor verſanken um Clariſſa, wie weſenloſe Flitter, nichts war auf der — 227— Welt, als zwei klopfende Herzen,— allvergeſſen neigte ſie das liebe⸗ ſchimmernde Antlitz und die dunklen ſtrömenden Augen immer mehr gegen ihn, und in Tönen, worüber Johanna erſchrak, ſagte ſie: „o Ronald, ich liebe Dich ja, ich kann mir nicht helfen, und hätteſt Du tauſend Fehler, ich liebte Dich doch— ich lieb Dich unermeßlich, mehr als Vater und Geſchwiſter, mehr als mich ſelbſt und Alles, mehr als ich es begreifen kann...“ „Und ich,“ erwiederte er, ihr in die Rede fallend,——„ſiehe, tropfenweiſe will ich dieſes Blut für Dich vergießen, ich will gut werden und ſanft, wie das Lamm des Feldes, daß ich Dich nur verdiene— gehe mit mir in mein Vaterland, oder bleibe hier, ich will auch bleiben—— nimm mir mein Leben, nimm mir die Seele aus dem Leibe, damit Du nur ſieheſt, wie ich Dich liebe.——“ Er zog ſie gegen ſich— machtlos folgte ſie— und beide zitternd vor Uebermacht des Gefühles ſtürzten ſich in die Arme, ſo feſt um⸗ ſchlingend und klammernd, daß ſeine blonden Locken auf das Sammt⸗ kleid ihrer Schultern niederwallten. Die beiden Zeugen dieſer Scene ſahen ſich verwirrt und ſtaunend an— aber Johanna, die bisher mit ſteigender Angſt zugehört hatte, ſprang plötzlich auf und mit den zornesmuthigen Thränenfunken in den Augen rief ſie:„Clariſſa, was thuſt Du denn!?“ Dieſe, wie aufgeſchreckt, fuhr empor, wendete ſich um, und wie ſie das Kind, deſſen Lehrerin und Vorbild ſie bisher war, vor ſich ſtehen ſah — nein, nicht mehr das Kind, ſondern die Jungfrau mit der Purpurglut der Scham im Geſichte, ſo warf ſie ſich demüthig, und doch ſtrahlend vom Triumphe an ihre Bruſt.—— Es war eine ſtumme Pauſe, man hörte ihr Schluchzen, und das ſanfte Wehen des Waldes.— Wie ſie endlich das milde Haupt wieder aus der Umarmung hob, erleichtert und verſchönert, und wie ſie mit den ſelig ſchönen Augen Jo⸗ hannen voll Liebe in das Geſicht ſchaute, dieſe aber noch immer daſtand mit Thränen kämpfend: ſo trat Gregor hinzu, und ſagte zu ihr:„Be⸗ ruhigt Euch nur, liebe Jungfrau, es iſt in dem Ganzen kein Arg; denn es iſt ſo der Wille Gottes— darum wird der Menſch Vater und Mutter verlaſſen, und dem Weibe anhängen— es iſt ſchon ſo Natur— beruhiget Euch nur, und ſehet ſie freundlich an, die immer ſo mütterlich liebreich 15* — 228— gegen Euch geweſen iſt.— Aber Du, Ronald, zu Dir ſage ich ein Wort, Du weißt es, wie Du in den Wald gekommen biſt, wie Du mich gefun⸗ den haſt, wie ich Dich lieb hatte, wie wir jagten, Kräuter ſuchten, Felſen beſtiegen, wie wir uns ergötzten, als draußen die Sage ging von dem furchtbaren Wildſchützen und ſeiner kleinen Kugel— ich habe Dich da⸗ mals nur um Deinen Namen gefragt, daß ich Dich damit rufen könne — Du haſt mir nie von dieſer geſagt, daß Du ihr ſo in Liebe zu⸗ gethan biſt, es war auch keine Urſache dazu. Jeder Menſch hat ſein Herz, wie jedes Kraut ſeine Blume, er mag es geheim halten, die Blume thut es nicht— es macht nichts— Du gingſt fort von mir— ich habe Deiner oft gedacht und es war mir, als gingeſt Du mir ab. Jahre ver⸗ gingen— da kameſt Du plötzlich an dieſen See, und trachteteſt ſtürmiſch darnach mich zu verlocken, daß ich Dich mit den Jungfrauen ſprechen ließe, auch da noch fragte ich nach keiner Urſache— ich dachte ſie mir wohl, nämlich die Schönheit der Jungfrauen reize Dich—: aber jetzt, ſiehe einmal, der Vater dieſer Mädchen iſt ein hochanſehnlicher Mann, ein Mann von gutem Herzen und trefflichen Gaben, er hat ſo weiße Haare, wie ich; er iſt mein Freund, und ein viel älterer, als Du— er hat mir dieſe Kinder gegeben, daß ich ihnen Vater ſei, ſo lange ſie im Walde leben, bis er ſein Schloß aus der Gefahr geriſſen— und da will es mich nun bedünken, daß ich Dich fragen müſſe, wer biſt Du denn, daß Du um dieſe freieſt? weß Volkes und Geſchlechtes, daß ich es ihm vermelden laſſen kann, und wo ſteht Deine Hütte!“ „Meine Hütte, Alter, hat tauſend Fenſter, und ihre Dächer könnten ſo viel Land beſchatten, als jener See dort deckt, aber ſie ſteht weit, weit von hier, und der ſie mir gab, und der mir alles gab, hat ſich ein Grab erſiegt in Eurer Erde— dieſe iſt nun mein Vaterland!— O Clariſſa, dieſer unheilvolle Krieg wird enden, muß bald enden, und dann iſt kein Unterſchied mehr zwiſchen ſchwediſch und deutſch, Eure Nordlandsbrüder werden Euch lieben, und Ihr ſie; denn alle ſind ſie Kinder desſelben Namens— ſieh mich an, trag' ich nicht Zeichen und Abbild an meinem Körper, daß ich ein Germane bin, ſo rein vielleicht, wie die, die uns jener Römerheld beſchrieben hat— Dein Vaterland wird fortan meines ſein.— Schaue auf dieſen ſchönen, ernſten, ſchweigenden Wald um uns — o wie lieb' ich ihn, wie ergriff er ſchon, da ich ihn zum erſten Male betrat, mein Herz, das noch das dunkle dämmerhafte Bild jener weiten — 229— Fichtenhaine in ſich trug, in denen meine Mutter meine erſten Kindertage erzog— und nun mitten in ſeinen Schooßen erblüht mir die ſüße, zaubervolle, märchenhafte Waldblume meines Glückes: Du!—— O Clariſſa, warme dunkle Blume, wie neigt ſich Dir mein Herz! O, lehre es das Wort ſeiner Liebe ausſprechen, daß es nicht daran ver⸗ ſchmachte.“ Er war wieder ihr gegenüber geſeſſen, ſein leuchtendes Antlitz zu ihr emporgewendet, umwallt von dem flüſſigen Gold der Haare, angeſchaut von den zwei vollen Sternen ihrer Liebe.— Sie war mit jener ſchönen Empfindung des Schicklichen, die Frauen ſelbſt in der Glut des Gefühles nicht verläßt, zu Johannen geſeſſen, und war fortwährend mehr ihr, als ihm zugewendet. Bei ſeinem letzten Worte that ſie ihre Lippen auf und ſagte halb zärtlich, halb ſchamvoll:„Ronald, ſchone Johannen.“ „Nur noch einen Augenblick, ſüße Blume, laß mich ſchauen in Dein Auge,“ entgegnete er,„nur einen Augenblick noch, daß ich mir mein Glück einpräge, und nur ein Tauſendſtel davon mit forttragen kann— ich weiß nicht, geht von Dir dieſer Zauber der Verwandlung aus oder von dem Walde— mir iſt, als wär' ich ein Anderer, als wäre draußen nicht der Sturm und die Verwüſtung, ſondern, wie hier, die ſtille warme Herbſtſonne. Siehe die Steinwand ſchaut feſtlich flimmernd nieder, der Ahorn läßt Zeit um Zeit ein Blatt fallen, dort zirpt die Herbſtheuſchrecke, die ſanfte Luft vermag nicht einmal jene glänzenden Fäden zu zerreißen, und die Wärme des Nachmittags ſinkt zitternd längs dem grauen Ge⸗ ſteine nieder—— mir iſt, als gäbe es gar kein Draußen, gar keine Menſchen als die hier, die ſich lieben, und Unſchuld lernen von der Un⸗ ſchuld des Waldes— laſſe es mich noch einen Augenblick genießen, wer weiß, ob wieder ein ſolcher kommt; denn der Menſch iſt vergänglich, wie das Blatt des Baumes, ja noch mehr als dieß; denn dasſelbe kann nur der Herbſt abſchütteln, den Menſchen jeder Augenblick.“ Bei dieſen Worten ſah ſelbſt Johanna, die liebevoll Wandelbare, mit Freundlichkeit und Theilnahme auf den ſchönen Jüngling, und ſelbſt mit ſchwach aufſteigender Neugier, wo es denn liege, was ihren größten Schatz dieſer Erde, Clariſſa's Herz gewonnen. „Laß dieſe Wieſe,“ fuhr er fort,„dieſe ſchöne Wieſe, auf der wir ſitzen, unbedeutende Geſchöpfe vor dem Herrn, wie die andern, die da ſpielen und athmen in den Gräſern und Geſteinen, umweht von den — 230— Wäldern Gottes, in denen kein Rang und Stand iſt— laſſe ſie den Verlobungsſaal ſein— und Alles, was uns umringt, ſei Zeuge— reiche mir die Hand, Clariſſa, ſo mir Gott gnädig ſein wolle, bin ich Dein für alle Zeiten, in Leid und Freud', und ſollte dieß Auge unver⸗ ſehens der Schatten des Todes berühren, ſo weine ein kleines Thränlein als meine Wittwe.“ Ein leichter Schauder ging über Clariſſen; ſie war in höchſter Er⸗ ſchütterung aufgeſtanden, und, unfähig nur ein einzig Wort zu ſagen, legte ſie ernſt, wie mit kirchlicher Andacht ihre Hand in ſeine. Johanna athmete bange auf, daß ſich ihr Buſen hob und ſenkte, und die angerufe⸗ nen Zeugen ſtanden todesſtumm herum, nur der Fichtenwald ſtreute ſeinen Harzgeruch als Weihrauch darauf, und die Grillen zirpten leicht⸗ ſinnig fort. Der alte Jäger ſtand auf, ſeine Büchſe nach vorn gelehnt, wie ein Standbild, und keine Fiber an ihm verrieth, was in ihm vorgehen könne. Ronald griff mit der linken Hand umher, als ſuche er Johanna's ihre;— dieſe in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, reichte ſie ihm, und drückte ſie lange und feſt, gar nicht loslaſſend, gleichſam eine ſtumme hülfloſe Bitte um Clariſſa's Glück. Nach einigen Sekunden ſprachloſer Gemüthsbewegung löſte ſich ſanft die Gruppe, und der ſchöne Schwedenjüngling trat an Clariſſa, neigte ſeinen Mund auf ihre Stirne und küßte ſie ernſt und ruhig, die demüthig, wie eine erglühende Blume unter ſeinem Hauche daſtand. Dann aber trat ſie zu Johannen und nahm ſie wie in den ſchönſten Ta⸗ gen des vergangenen Schweſterglückes bei der Hand, wohl fühlend, was das unſchuldige Herz neben ihr in dieſem Augenblicke verlor. Zu ihm gewendet aber ſagte ſie beklommen die Worte:„Ronald, wird es gut ſein, was wir thaten— ach, ich dachte nicht an meinen Vater!— ſage, wird es gut ſein, und was wird nun ferner zu thun ſein?“ „Höre mich, mein Herz,“ antwortete er,„was längſt beſchloßne Sache war. Ich gehe fort, und zwar augenblicklich. Mit Deinem Herzen bin ich verſtändigt, nun zu Deinem Vater. Euer Schloß iſt in Gefahr. Unter Torſtenſohn's Befehlen ſteht die Abtheilung,— die beſtimmt iſt, bei Gelegenheit ſeines Durchzuges Wittinghauſen zu nehmen. Torſten⸗ ſohn und ich lieben uns ſeit früher Zeit, und gewiß bringe ich es dahin, daß man Euer harmlos Haus ganz unangetaſtet läßt, und daß auf dem . — 231— hochverehrten Haupte, das mir und Dir heilig iſt, kein einzig Härchen gelüftet werde. Ich weiß, daß in dieſer Zeit der Uebergang geſchehen werde, und ſollte doch eine Belagerung ſtattfinden, ſo werde ich dabei ſein, um Deine beiden Geliebten zu ſchützen. Wenn nicht alle Zeichen trügen, ſu naht dieſer Krieg ſchnell ſeinem Ende; in der Zeit lege ich Deinem Vater Alles vor, was er über mich zu wiſſen braucht, und wenn ſich die verſöhnten Völker umarmen, und ein Schrei des Jubels durch die Länder geht, dann, Clariſſa, falle unſer kleines Feſt in das große all⸗ gemeine— ich ſuche meine Mutter, bringe ſie in Euer Land—— und, Clariſſa, hier an dieſer Stelle, auf dieſer heiligen Inſel des Waldes laſſe ich uns ein lieblich Haus bauen, und wohnen wir gleich nicht immer da, ſo beſuchen wir doch die zauberiſche Stelle oft, und ſind wieder, wie jetzt, die einſamen, losgebundenen Kinder des Waldes.— Und nun, du mein klopfend Herz, der Augenblick, daß du dich an dieſer Blume noch erlaben wollteſt, iſt vorüber, rüſte dich—— und, gebe Gott der Herr Gedeihen und ein frohes Wiederſehen,—— noch in dieſer Minute gehe ich. Die Zeit iſt maßlos koſtbar; darum drang ich ſo ſtürmend auf dieſe Unterre⸗ dung, und führte ſie mit Gewalt herbei.——— YNoch einen Blick in Dein Auge!——— So— ach, es deucht mir gar nicht möglich, daß ich fort gehen ſoll.—“ Thränen unflorten ſeinen Blick, aber ſich ſchnell faſſend, reichte er die Hand an die Mädchen:„Lebe wohl, Clariſſa, Braut! Lebe wohl, Johanna, und Du, Gregor, Gott ſchütze Dich; hüte dieſe Beiden, wie die Sterne Deiner Augen“— und ſomit wollte er ſich wenden, aber Gregor hielt ihn auf, und ſagte:„Ronald, in Allem, was Du ſagteſt, iſt Vernunft, ich lobe Dich deßhalb, nur in einem iſt Thorheit, wie Du ſie öfter hatteſt; baue an dieſer Stelle kein Haus— Du thäteſt dem Walde in ſeinem Herzen damit wehe, und tödteteſt ſein Leben ab— ja ſogar, wenn dieſe Kinder wieder in ihr Schloß gehen, dann zünde jenes hölzerne Haus an, ſtreue Kräuterſamen auf die Stelle daß ſie wieder ſo lieblich und ſchön werde, wie ſie es war ſeit Anbeginn und der Wald über Euer Daſein nicht ſeufzen müſſe.— So, jetzt gehe, halte Dich von dem See⸗ bache rechts durch die Buchenlehnen, Du gewinnſt an Weg— ſteige die Felſenleiter wieder hinauf. Ich ließe Dich überführen, aber unſere Leute ſollen nicht wiſſen, daß Du da wareſt— ſo gehe einmal, Knabe!“ Dieſer aber blickte wie aus Träumen auf, und noch ein Hände⸗ — 232— druck— ein ſekundenlang Zögern— dann nahm er die Flinte und ſchritt entſchloſſen der Felswand zu. Die Mädchen ſahen ihn noch lange, wie ſich die graue Geſtalt in dem grauen Geſteine regte, winzig klein, bis nichts mehr ſichtbar war, als die ruhige ſchon im Nachmiktagsſchatten ſtehende Wand.. Man ſah ſich wechſelweiſe an. Wars ein Traum, daß in der Wild⸗ niß nur eben eine andere Stimme erklungen war, als die ihre— die Sonne ſchien, wie immer, die Vögel zwitſcherten und der blaue Wald⸗ himmel ſah hernieder. Gregors Stimme tönte plötzlich recht ſanft in die Träumerei:„Der Mann muß Euch ſehr lieben.“ Ihr Auge ſchlug mit einem ſchönen Blicke auf zu ihm dem väterlich Verehrten, aber Johanna ſagte ſchmerzvoll:„Möge ſich Alles zum Glücke enden!“ Dieſe Worte waren die einzigen, die von der Geſellſchaft über die ſeltſame Verlobung geſprochen wurden, die eben wie ein unheimlich Schattenſpiel auf ihrer Wieſe vorübergeglitten war, nichts zurücklaſſend, als den ſchönen prangenden Boden, auf dem ſie noch ſtanden, und über den ſie drei ſo oft in Lieb' und Eintracht geſchritten. Auch heute ging man an den Ruhebänken, an den Ahornſtämmen vorüber, und dem Waſ⸗ ſerfaden ihrer Quelle entlang, wie immer, aber mit Gedanken, nicht wie immer. Die im Hauſe ſahen gegen Abend den Jäger und die Mädchen von ihrem Spaziergange aus dem Ahornwäldchen zurückkehren, und wunder⸗ ten ſich nur über die eigenſinnige Vorſicht des Alten, daß er ſie Alle zur Bewachung des Hauſes innerhalb der Pflöke hereingeſpertt habe. Sie traten von der Waldwieſe in das Haus.— Clariſſa war nicht mehr ruhig— Johanna nicht mehr glücklich. . Walofeſs. Und die alte Ruhe war wieder über dem Walde.—— Zuweilen, wenn das ſilberne Schiff, die Wolke einzeln durch die Bläue zieht, ſo geht unten ein Schatten über den Wald, und dann ſteht wieder dasſelbe feſte Licht auf ſeiner ganzen Breite—— oder wenn das Stahlgrau des Spätherbſtes feſt über die ganze Himmelskuppel gegoſſen liegt, ſo tritt ein Sonnenſtrahl heraus, und küſſet aus dem fernen Buchenhange ein goldnes Fleckchen, das gegen den Rand zieht, und von ihm unſichtbar in die Luft tritt, nachher iſt dasſelbe Grau über alle Weiten. Und ſo war es mit den Schweſtern. Sonnen waren wieder gekommen und waren wieder gegangen, aber ſie wurden immer kürzer und kühler. Gregor traf allerlei Vorkehrungen. Das Thor an den Pflöken ſtand nachgerade wieder vffen, weder geſperrt, noch eingeklinkt, und die Mädchen konnten wieder auf ihrer Wieſe weit und breit gehen, und ſie thaten es auch.— Am Hauſe ſammelte ſich ge⸗ mach eine Schicht Brennholzes nach der andern, von den Knechten aus den Gaben des Waldes geleſen; denn Gregor ließ nicht zu, daß ein fti⸗ ſcher Baum gefällt werde— eine Mooshülle begann man über die Wände zu weben, das Winterkleid des Hauſes.— Der zarte, ſchwerfällige Sohn des Spätjahres hatte ſich bereits eingeſtellt, der Nebel, und vft, wenn die Schweſtern an der noch immer ſonnenwarmen Wand ihrer Felſen ſa⸗ ßen, die einzelnen Glanzblicke des Tages genießend, ſo wogte und webte er draußen, entweder Spinnenweben über den See und durch die Thäler ziehend, oder ſilberne Inſeln und Waldesſtücke durcheinander wälzend, ein wunderbar Farbengewühl von Weiß und Grau und der rothen Herbſt⸗ gluth der Wälder; dazu miſchte ſich die Sonne und wob heiße weißge⸗ ſchmolzne Blitze und kalte feuchte blaue Schatten hinein, daß ein Schmelz quoll, ſchöner und inniger, als alle Farben des Frühlings und Som⸗ mers. Und wenn die Mädchen dann ſo ſchweigend hinausſahen, ſo rie⸗ ſelte es neben ihnen leiſe, und ein oder zwei blutrothe Blätter des Wald⸗ kirſchbaumes fielen zu ihren Füßen. Sie ſaßen da und ſahen ſelber herbſt⸗ lich trauernd dem Schauſpiele zu, ahnend, wie majeſtätiſch der Winter hier ſein müſſe, da ſich ihm ihr Wildniß mit ſolcher Feierlichkeit und Stille entgegenrüſte. Im Hauſe wurden Hauen, Schaufeln, Schneereife, Schlitten und andere Geräthe angehäuft, um nicht eingeſchneit zu wer⸗ den, oder durch Schneemaſſen von der Welt abgeſchnitten. Seltſam iſt der Menſch und ſeltſamer ſein Herz. Wie einförmig waren vor Ronald's Ankunft die Tage einer um den andern im Walde hingegangen! Täglich dieſelben Farben, dieſelben Stimmen, dieſelbe — 234— Feierlichkeit, und auf dem See dieſelbe Windſtille, daß es öſters war, als hätten ſie lange Weile;— nun war eine Fülle, ja ein Schauer von Wonne über Clariſſa's Herz gegangen, ausſtrömend von jenem un⸗ begreiflichen Gefühle, wodurch der Schöpfer die zwei Geſchlechter bindet, daß ſie ſelig ſeinem Zwecke dienen— aber dennoch war ihr nicht, als ſei ſie ſelig, ja ihr war, als ſeien jene einförmigen Tage vorher glücklicher geweſen, als die jetzigen, und als habe ſie ſich damals mehr geachtet und geliebt.— Sie blickte faſt mit Wehmuth darnach zurück, wie ſie ſo ge⸗ gangen war durch die Stellen des Waldes mit Gregor, mit Johannen, unſchuldig plaudernd, ſelbſt ſo unſchuldig wie die Schweſter und der Greis, die ſo ſchön an ſie geglaubt hatten, den Abends koſend und leh⸗ rend und einſchlafend mit Johannen, deren einfältigem Herzen ſie Schatz und Reichthum dieſer Erde geweſen—— und jetzt: ein ſchweres ſüßes Gefühl trug ſie im Herzen, hinweggehend von den zwei Geſtalten an ihrer Seite, den ſonſt geliebten, und ſuchend einen Fremden, und ſuchend die Steigerung der eignen Seligkeit.—— O du heiliges Gold des Ge⸗ wiſſens, wie ſchnell und ſchön ſtrafſt du das Herz, das beginnet, ſelbſt⸗ ſüchtig zu werden. Johanna, wie überſchüttend auch die Liebesbeweiſe ihrer Schweſter waren, und vielleicht eben darum, fühlte recht gut, daß ſie etwas verlo⸗ ren— nicht die Liebe der Schweſter, dieſe war ja noch größer und zarter, nicht ihr früher gegenſeitig Thun und Wandeln, das war wie ehedem— was denn nun? Sie wußte es nicht; aber es war da, jenes Fremde und Unzuſtändige, das ſich wie ein Todtes in ihrem Herzen fortſchleppte;— ſie liebte Clariſſen noch heißer, als früher, weil ſie ihr erbarmte, aber oft überkam ihr Herz, wie ein Kind, ein Heimwehgefühl nach der Vergan⸗ genheit, und dieß trat dann zuweilen bei den geringfügigſten Dingen her⸗ vor, die ſich mit ein paar Fäden zurückſpannen in die Zeit, die einzig ſchön und einfach war. So kamen ſie eines Tages ob dem See über dem Verhau herüber, und traten auf ein Birkenplätzchen hinaus, das ſie im Sommer ſeiner Hitze wegen geflohen hatten; denn es lag in eine Felſen⸗ bucht hinein, von der die Sonnenſtrahlen glühend wiederprallten. Jetzt floß, wie ſüße Milch, der laue Nachſommer um die weißen Stämme und um ihre einzelnen goldgelben Blätter; er floß hier wärmer, und ſchmei⸗ chelnder als an jeder andern Stelle, und wie ſie vorwärts ſchritten, ge⸗ wahrten ſie, ordentlich ſonderbar in ſo ſpätem Herbſte, eine ganze Ver⸗ —— — — 235— ſammlung jener ſchönen großen Tagesfaltern, die von den vier dunklen, beinahe ſchwarzen Flügeln mit den gelben Randbändern den Namen Trauermantel erhalten haben, theils auf dem weißen Stamme ſitzend, die dürftige Sonne ſuchend, und nach Art dieſer Thiere in derſelben ſpie⸗ lend, indem ſie die Flügel ſachte auf⸗ und zulegten— oder indem ſie mit den unhörbaren Flügelſchlägen um denſelben Stamm herumflatterten, auf dem die andern ſaßen. Die Mädchen blieben überraſcht ſtehen, und betrachteten das ſeltſame Schauſpiel. Die zarten Mäntel waren von ſo weichem unverletztem Sammte, die Bänder von ſo friſchem dunklem Gelb, daß Johanna augenblicklich ausrief:„O ihr armen betrogenen Dinger, ihr ſeid noch Kinder, und alle noch in eurer Kinderſtube verſammelt; die warme Herbſtſonne dieſes Platzes log euch heraus, und nun ſeid ihr da, unheimliche Fremdlinge dieſer Sonne, trägen Flügelſchlages in dieſem Afterfrühlinge, und gewiß ſehr hungrig; denn wo ſind die Blumen und die Lüfte und die ſummende Geſellſchaft, die euch das Herz eures Rau⸗ penlebens verſprach, und von denen euer Puppenſchlaf träumte.— Sie werden alle kommen, aber dann ſeid ihr längſt erfroren.“ „Da irret ihr Euch, Jungfrau,“ fiel der alte Jäger ein,„es kommt nur darauf an, ob ſie ſich vermählen oder nicht. Dieſe Thierchen ſterben bald nach ihrer Hochzeit, und wie oft habe ich nicht eine Mutter todt an demſelben Zweige hängen gefunden, um den ſie ihre Eier gelegt hatte. Wenn ſie ſich aber nicht vermählen, ſo erſtarren ſie, und ſeht, in einer Felſenritze geduckt, oft in Eis und Schnee gefroren, überdauert dieſes zer⸗ brechliche Weſen den harten Winter des Waldes, und erlebt dann ſeinen verſprochenen Frühling. Habt Ihr noch nie ſchon beim erſten Sonnen⸗ blicke, wenn noch kaum Halm und Gras hervor iſt, einen Falter fliegen geſehen mit ausgebleichten zerfetzten Flügeln, wie ein vorjährig verwit⸗ tert Blatt?— Dieß iſt ſo ein Ueberwinterer.“ Aber Johanna antwortete nicht; die Rede des Alten fiel ihr wie ein Stein auf das Herz; es wurde ihr faſt ſo weh, daß ſie nichts redete, und der armen Schweſter nachſah, die vorausging und ihre Gedanken längſt ſchon von den Faltern abgewendet hatte. „Die in unſtem Garten zu Hauſe ſind aber auch viel luſtiger und ſchöner,“ ſagte ſie endlich zu Gregor,„ſonſt hätte Clariſſa ſchon mehr auf ſie, und auf unſre Rede geachtet.“ Aber ein Thränentroßen kam ihr in die Augen. — Gregor ſchwieg und ſchüttelte den Kopf. Schon früher einmal, da ſie es ſelbſt nicht wußte, hatte er ihr ſchweres Herz bemerkt. Zwei Sperlinge waren die Veranlaſſung geweſen. Als nämlich Johanna einmal nach dem Mittageſſen auf den Söller trat, um den Hühnern die Broſamen hinabzuwerfen, ſo bemerkte ſie unter ihnen zwei dieſer menſchenliebenden Vögel, mit haſtigem Hunger von den Körnern pickend, die für die Hühner dalagen. Sie erſchrak beinahe freu⸗ dig, denn ſie meinte, ſie können nicht anders als vom Vaterhauſe gekom⸗ men ſein, und eine ſolche Wehmuth kam über ſie, daß ihr faſt ein Wei⸗ nen ankam!!— „Gregor, verſcheucht ſie nicht,“ rief ſie hinab,„daß ſie ihr Mittags⸗ brod verzehren können, ehe ſie ihre weite Reiſe wieder antreten.“ „Sie reiſen nicht,“ antwortete er,„denn ſie ſind ſchon drei Tage hier. Dieſer Vogel ſucht den Menſchen, und findet ihn ſelbſt in der Wildniß, um in ſeinem Hauſe zu wohnen. Wenn wir über Winter da ſind, dieſe bleiben gewiß auch da.“ Johanna ſchaute zärtlich hinunter, und ließ Broſamen und Thrä⸗ nen fallen,— ſie wußte nicht, warum ihr Herz bedrängt ſei.—— Du ahnungsvolle Unſchuld!— der glänzendweiße Seraph deiner Schweſter⸗ iiebe fühlt ſich bedrückt durch den, der ſeine dunklen Schwingen im Her⸗ zen der Schweſter reget. Und dennoch ging ſie hinein und zog Clariſſen heraus, um ihr die Sperlinge zu zeigen. Gregor führte„ſeine Kinder“ wie vor und ehe durch die Wälder und zeigte ihnen das allgemache Winterrüſten, das langbärtige Moos der Birken⸗ und Tannenäſte, die fliegenden Waldſamen, unter die dürre Hülle der Gräſer und Blätter ſchlüpfend, das Abfallen der letzten Him⸗ beeren und das Verkümmern der noch nicht gezeitigten; er zeigte ihnen an den Laubzweigen ſchon jetzt die Vorbilder der künftigen Frühlings⸗ knospen in ihren braunen Panzern. Die Fichtengeſchlechter ſtanden un⸗ verändert in düſtergrüne Mäntel eingehüllt, auf Eis und Schnee har⸗ rend, und der Eichbaum hielt ſein raſchelnd Laub feſt in den tauſend zähen Fingern. Ja, Gregor malte ihnen ſchon die künftige Winter⸗ ſchönheit vor: an heiteren Tagen das Glänzen und Flimmern, das Leuchten, Spiegeln hier und dort und oben und unten, ein durchbrochner Eispallaſt der ganze Wald, zart wie Spitzengewebe ihres Kleides, ja — 237— tauſendmal zarter hängend von Zweig zu Zweig, dann das Krachen, wenn eine Schnee⸗ oder Eislaſt bricht, und die feſte kalte Luft erſchüttert — oder wenn ſie Nachts bei Lichte in der warmen Stube ſitzen, kein Lüftchen um das Haus, oben aber Thauwind geht, daß die Wälder ſeuf⸗ zen, und ſie das ferne Wehen und Sauſen bis in ihr Bette hören, oder das Knarten und Girren der reibenden Stämme, und vom Felſen das Brechen und Fallen der Lawine— oder im Frühlinge, wenn die neuge⸗ bornen Bäche nächtlich all überall von den Höhen rauſchen, und ah⸗ nungsreich as Ohr ſchlagen——— es iſt keine Jahreszeit, in der er nicht die Pracht des Waldes geſehen... Er dichtete und erzählte auf den Wanderungen wie früher, und ſchwärmte ſich in Fantaſieen und Gefühle der Einöde hinein, wie früher, aber der dichteriſchen Rede fehlte jetzt das dichteriſche Ohr; denn er in ſeiner Einfalt wußte nicht, daß Clariſſa viel öfter an Ronald dachte, als er ſelber, und Johanna an Clariſſen. Dafür aber, wenn ſich jetzt ein Ohr für ihn aufthat, ſo fielen ſeine Worte in empfänglichere ſchwülere Herzen, und lockten aus ihnen Blumen empor, größer, dunkler, duften⸗ der als je zuvor. Vom Vater war ſeit Langem gar keine Botſchaft gekommen, Gre⸗ gor's Enkel blieb aus, und zu ihrer Unruhe dauerte ſchon die Verſchleie⸗ rung des Himmels über vierzehn Tage, ſo daß man nicht gegen Witting⸗ hauſen ſehen konnte. Die Kohlmeiſe wurde nicht mehr gehört, der Krammetsvogel war fort, und faſt täglich zog ſich durch den grauen Himmel der graue Faden der Wandergänſe, nach Süden ziehend. Oft, wenn der Nachtnebel über den See ſank, rieſenarmige Schat⸗ ten durcheinandergriffen, unten am Waſſer geſtaltloſe ſchwarze Dinge ſtanden, und die ſanfte Mondesſcheibe über all den Perlenflor ein trübes, gehauchtes Gelb goß ſaß das ſchöne Paar in dem bereits geheizten Zimmer, durch deſſen Fenſter ihr Lampenlicht goldne Fäden hinausſpann in die Silbernacht des Nebels, und Clariſſa goß all ihr Lieben und ihr Hoffen in die Harfentöne, und Johanna ſah ſie liebreich und erbarmend an, in ihrem Herzen denkend, o, es iſt nicht gut ſo— mir ahnt, es iſt nicht gut ſo... Wie ſchön er iſt, und wie hold er unſte Sprache redet,“ ſagte Cla⸗ riſſa plötzlich. — 238— „Aber,“ entgegnete Johanna,„eines Tages wird er fortgehen und ein Held werden, wie ſie ſagen, d. h. er wird Menſchenblut vergießen, wie die anderen, ohne um den Grund zu fragen, wenn nur Abenteuer und Gefahr dabei iſt, und da wird er ſich erſt groß und würdig dünken. Klebt auch, wie Du ſagſt, noch kein Tröpflein deutſches Blut an ſeinen Händen, ſo wiſſen wir nicht, ob es nicht in dem Augenblicke der Fall ſein kann, als wir hier reden, oder morgen oder übermorgen—— es iſt ein hartes gewaltthätiges Geſchlecht— o wie haſſe ich ſie, dieſe Männer!“ Clariſſa lächelte ſelig und ſchüttelte ſanft das Haupt. Endlich war ein Abend gekommen, der ungleich ſeinen grauen Vor⸗ gängern ſo rein und kalt, wie eine aus Gold gegoſſ'ne Kuppel über dem Walde ſtand, und auch blieb, ja des Nachts ſich mit einem Uebermaß der Sterne füllte, daß man meinte, ſie hätten nicht Platz und einer be⸗ rühre den andern. Eine ſehr kalte Nacht folgte, und als die Sonne aufgegangen, ſtand der ganze Wald in weißem Reife da, in lauter weißen Funken brennend und glitzernd, ſo dicht, als wäre Nachts der ganze Sternenhimmel auf ihn herabgeſunken. Gregor gab nicht zu, daß man im Reife und der Morgennäſſe auf⸗ breche, ſondern erſt gegen Mittag, als der ungewöhnlich kalten Nacht eine ungewöhnlich heiße Sonne gefolgt war, traten ſie den Weg auf den erſehnten Blockenfels an. Sie waren jetzt lange nicht dort geweſen. Wie verändert war der Wald!— Bis in's fernſte Blau zog ſich das Fahlroth und Gelb des Herbſtes, wie ſchwache blutige Streifen durch das Dämmerdunkel der Nadelwälder gehend, und alles war ruhig, gleichſam ergeben harrend, daß es einſchneie. Nur der Himmel, ſo lieb und rein, wie einſt, ohne ein einzig Wölklein, zog über die ſchweigſame Waldestrauer hinaus. Johanna fand durchaus den kleinen blauen Würfel nicht am Waldes⸗ rand, wie ſehr ſie ihr Auge auch anſtrengte, und wie klar und faſt weſen⸗ los die Herbſtluft auch war. Clariſſa, wie gewöhnlich, richtete das Rohr —— aber auch ſie fand das Schloß nicht, ſondern rückte und rückte am Waldesſaume entlang, und wieder zurück, ſie ſah wohlbekannte Biegun⸗ gen und Linien, in deren Nähe das Schloß ſein ſollte,—— endlich erklärte ſich das Räthſel: wenn auch nicht am ganzen Himmel, ſo lag — 239— doch an dem fernen Waldſaume ein kleines Wölklein gerade da, wo ſie das Vaterhaus ſehen ſollten. Gregor glaubte, ſie ſollen ein wenig war⸗ ten, etwa vergehe es bald, wenn es nicht ſei, wie im Herbſte ſo oft, daß der Nebel an einem einzigen kleinen Punkte anzuſchießen beginne, wie ein unbedeutend Wölklein, das hereinhängt, bis er ſich ſchnell vergrößert, und endlich ganze Waldſtrecken einhüllt. Wenn Letzteres der Fall iſt, wird morgen gewiß ſchlechtes Wetter ſein, und dann harten ſie ver⸗ gebens. Sie warteten.— Aber weder vergrößerte ſich das Wölklein ſonderlich, noch auch ver⸗ zog es ſich, bis ſogar der Greis darauf drang, die Sache für heute ganz aufzugeben, da der Rachmittag jetzt ſo kurz ſei, und ſie doch bei zwei Stunden brauchen könnten, bis ſie in ihr Haus kämen. Morgen ſei gewiß allen Anzeichen nach ein noch ſchönerer Tag, und er werde ſie ſo⸗ dann ſo früh, als möglich heraufführen. Noch drei⸗ noch viermal ſahen ſie durch das Rohr, aber ohne Erfolg, und ſie trennten ſich endlich un⸗ gern und unruhig von dem Platze.— Man langte zu Hauſe an. Die⸗ ſelbe goldne wunderſchöne Kuppel, wie geſtern, baute ſich auch heute Abend über die dunklen abendfriſchen Waldhöhen auf, und dasſelbe Wimmeln der Geſtirne folgte, wie geſtern, aber faſt noch dichter, als ſänke der ganze Himmel in einem leiſen lichten Schneeregen nieder, woraus der Alte einen noch klareren Tag prophezeite. Alles ſuchte die Ruhe. Gregor verbrachte eine ſchwere kummervolle Nacht. Endlich kam der Morgen. Dieſelbe ſpiegelreine Sonne ſtieg herauf, wie geſtern, und beleuchtete den Reif, der ſchnell ſo Blatt als Gras der Veralterung und dem Verfalle entgegenführte. Die Mädchen drängten den Greis, aber er hieß ſie die reine Mittagsluft erwarten. Endlich brachen ſie auf, wieder von einer faſt heißen Sonne ge⸗ leitet. Im Emporſteigen konnten ſie recht die Verwüſtungen des Froſtes betrachten, wie noch rückgebliebene Blätter roſtbraun oder blutroth oder vergelbt am Strauchwerke hingen, und wie die Farrenkräuter, und die Blätter der Beeren und die aufgeſchoſſ'nen Schafte gleichſam geſotten und ſchlapp herabhingen. Johanna war die erſte am Gipfel des Felſens, und erhob ein lautes Jubeln; denn in der glasklaren Luft, ſo rein, als wäre ſie gar nicht da, — ſtand der geliebte kleine Würfel auf dem Waldesrande von keinem Wölk⸗ lein mehr verdeckt, ſo deutlich ſtand er da, als müßte ſie mit freiem Auge ſeine Theile unterſcheiden, und der Himmel war von einem ſo ſanften Glanze, als wäre er aus einem einzigen Edelſteine geſchnitten. Clariſſa hatte inzwiſchen das Rohr befeſtigt und gerichtet. Auf einmal aber ſah man ſie zurücktreten, und ihre Augen mit ſonderbarem Ausdrucke auf Gregor heften. Sogleich trat Johanna vor das Glas, der Würfel ſtand darinnen, aber ſiehe, er hatte kein Dach, und auf dem Mauerwerke waren fremde ſchwarze Flecken. Auch ſie fuhr zurück— aber als ſei es ein lächerlich Luftbild, das im Augenblicke verſchwunden ſein müſſe, drängte ſie ſogleich ihr Auge wieder vor das Glas, jedoch in derſelben milden Luft ſtand dasſelbe Bild, angeleuchtet von der ſanften Sonne, ruhig ſtarr, zum Entſetzen deutlich— und der glänzende, heiter funkelnde Tag ſtand darüber— nur zitterte es ein wenig in der Luft, wie ſie angeſtrengten Auges hineinſah; dieß war aber daher, weil ihr Herz pochte, und ihr Auge zu wanken begann. Als ſie ſich nun ohnmächtig zurücklehnte, hörte ſie eben, wie Cla⸗ riſſa mit ſchneebleichem Antlitze ſagte:„Es iſt geſchehen.“ „Es iſt geſchehen,“ erwiederte Gregor;„mir ahnete geſtern ſchon aus dem ſanften unbeweglichen Wölklein— aber laſſet mich es auch erblicken.“ Mit dieſem Worte ſchaute er in das Rohr, aber ob auch ſein Auge durch Uebung vielmal ſchärfer war, als das der Mädchen, ſo ſah er doch auch nichts anders, als ſie: in ſchöner Klarheit einem gewaltigen Thurm von dem Waldrande emporſtehen ohne Dach, und mit den ſchwarzen Brandflecken, nur ſchien es ihm, als ſchwebe noch eine ganz ſchwache blaue Dunſtſchichte über der Ruine. Es war ein unheimlicher Gedanke, daß in dieſem Augenblicke dort vielleicht ein gewaltiges Kriegsgetümmel ſei, und Thaten geſchehen, die ein Menſchenherz zerreißen können; aber in der Größe der Welt und des Waldes war der Thurm ſelbſt nur ein Punkt. Von Kriegsgetümmel ward. man gar nichts inne, und nur die lächelnde ſchöne Ruhe ſtand am Himmel und über der ganzen Einöde. Es ergriff hart das Herz des alten Mannes, daß er mit den Zähnen knirſchte, jedoch er that nicht den geringſten Schmerzenslaut, ſondern vom Rohre wegtretend, ſagte er:„Da haben ſie etwas davon, wenn ſie das alte Dach abbrennen, wo man ohnedieß bald ein neues hätte ſetzen — 241— müſſen.— Was er doch für ein erfahrner Kriegsmann iſt, Euer Vater; er hat es gerade ſo vorausgeſagt. Tröſtet Euch nur, meine Kinder,— Clariſſa, ſchaut nicht ſo ſchreckhaft auf einen Punkt hinaus!“ „Ja,“ erwiederte ſie langſam,„das Dach iſt verbrannt worden, das ſchen wir, aber was noch geſchehen iſt, das ſehen wir mit dieſem Rohre nicht—— ſagt, warum kommt Euer Enkel Raimund nicht, warum keine Botſchaft ſchon ſeit Wochen?“ „Weil nichts entſchieden war,“ fiel Gregor ein;„geſtern, vorge⸗ ſtern kann der Brand erſt ſtattgefunden haben, darum wird und muß morgen oder übermorgen Botſchaft eintreffen, ja wer weiß, ob ſie nicht ſchon unſer im Hauſe harret. Kommt,— es geſchah, was wir voraus wußten.— Daß ein Haus verbrannt von durchziehenden Heerhaufen wurde, iſt nichts Abſonderliches, und wird oft in dieſem Kriege geſchehen ſein“ „Aber zwei Menſchen waren in dieſem Hauſe..“ „Und Einer davon,“ unterbrach er,„war einſt ein großer Krieger, der gewiß für Abzug und Geleite, oder für ehrliche Haft unterhandelt haben wird.“ „Und ein Andrer war dabei,“ fuhr Clariſſa fort,„der ſagte, daß auf dem hochverehrten Haupte kein einzig Härchen ſollte gelüftet werden.“ „Und es wurde auch kein einziges gelüftet, wenn Ronald zugegen war „Oder?“ „Es iſt auch auf ſeinem Haupte kein einziges mehr lebendig.“ Zwei angſtvolle Geſichter ſahen in maßloſer Beſtürzung auf ihn. „Macht mich nicht ſelbſt zum Thoren,“ rief er unwillig aus,„und jagt mir nicht kindiſche Angſt ein— ich ſage Euch ja, es iſt nichts ge⸗ ſchehen, weil's zu unvernünftig wäre—— darum gebt Eure Sorge und Euer Herz in Gottes Hand, und harret nach eures Vaters Willen auf die Entſcheidung. Kommt, nehmt weg das Rohr, und laſſet uns den Heimweg ſuchen.“ Aber ſie nahmen das Rohr nicht weg. Clariſſa warf ſich neuer⸗ dings vor das Glas, und ſah lange hinein— aber dieſelbe eine Bot⸗ ſchaft war immer darinnen, doppelt ängſtend durch dieſelbe ſtumme Ein⸗ förmigkeit und Klarheit. Auch Johanna ſah hindurch, um ihn nur ge⸗ wöhnen zu können, den drohenden unheimlichen Anblick; denn ſobald Stifter. 4. Aufl. I. 16 — 242— ſie das Auge wegwendete, und den ſchönen blauen Waldduft ſah, wie ſonſt, und den lieblich blauen Würfel, wie ſonſt, und den lachenden blauen Himmel gar ſo prangend, ſo war es ihr, als könne es ja ganz und gar nicht möglich ſein— und wenn ſie wieder in das Glas ſah, ſo war's, als ſei ſelbſt das heitre Firmament düſter und ſchreckhaft, und das Walddunkel ein rieſig hinausgehendes ſchwarzes Bahrtuch. Endlich— Clariſſa faßte ſich zuerſt, und den Gedanken verwer⸗ fend, den die erſte Fieberhaftigkeit eingegeben, nämlich allzugleich aufzu⸗ brechen, und koſte es, was es wolle, das Vaterhaus zu ſuchen, ſchlug ſie vor, ohne Säumen in das Haus zu gehen, und ſogleich einen der Knechte auf Kundſchaft auszuſenden, und, bis er zurückkehre, oder ein anderer Bote eintreffe, bei vorſichtigſter Bewachung der Zugänge im Hauſe zu verharren. Sogleich nahm ſie auch das Rohr ab, und ſchob es inein⸗ ander, ſich ſelbſt und Johannen jeden ferneren Blick ſtrenge verſagend, um nicht länger den unthätigen Schmerz und die vielleicht unnöthige Angſt zu nähren. Johanna, mit einem Schmerzblick, ließ es geſchehen; aber es loderte in ihr auch Bewunderung Clariſſen's auf, die wieder ihre ſchöne ſtarke Schweſter geworden, der ſie ſich ſonſt ſo gerne und ſo liebend un⸗ terworfen hatte. Gregor billigte Alles, nur nicht das Wegſenden eines Knechtes. „Euer Vater,“ ſagte er,„weiß, daß Ihr dieß Rohr habt, und von dem Stande der Dinge unterrichtet ſein müſſet: er wird daher keine Minute ſäumen, Euch das Nähere kund zu thun.— Der Knecht könnte in Fein⸗ deshand gerathen, und in der Angſt Euren Aufenthalt offenbaren.“ Die Mädchen ſahen ein, und gaben nach. Noch einen traurigen Blick thaten ſie über Weite und Breite ihrer herbſtlichen Wildniß, und dann verließen ſie den Gipfel ihres vielgelieb⸗ ten Felſens mit Gefühlen, ſo ganz anders, als ſie ſonſt immer herabge⸗ ſtiegen waren— mit Ahnungsgefühlen, die jede heimlich angſtvoll wälzte, und der andern verbarg und ſie an ihr bekämpfte. Am See ſtanden die zwei ruhigen dunklen Geſtalten der Knechte, die auf ſie warteten; man beſtieg den Floß und fuhr über. Gregor ließ das Fahrzeug anbinden, und als man durch das Pfahlthor eingegangen war, wurde es eingeklinkt und mit den Riegeln verſchloſſen. Nachts löſeten ſich die Knechte im Wachen ab. —— Morgen erſchien und verging, aber kein Bote war gekommen. Ebenſo übermorgen. Und ſo verging Tag um Tag, bis ihrer eilf vorüber waren, ohne daß Botſchaft gekommen. Gregor gab nach, und geleitete ſie noch ein⸗ mal auf den Felſen. Mit derſelben ſtarren Einfachheit ſtand die Ruine am Waldrande, wie des erſten Tages, aber nicht ein Hauch einer andern Nachricht war von ihr herübergekommen. Die Angſt mit breiten ſchwar⸗ zen Flügeln ſenkte ſich auf Thal und Wald. Endlich ſanken die erſten weißen zarten Schneeflocken in den dunk⸗ len See— und man hatte nun doch einen Knecht auf Kundſchaft ausge⸗ ſendet—— Aber auch er iſt nicht wieder gekommen. 7 Waldruine. Auf grünem Weidegrunde ſtand ein gewaltiger viereckiger Thurm, von zerfallendem Außenwerke umgeben. Er hatte kein Dach, und ſeine Ringmauern hatten keine Thore, gerade, wie er noch heutzutage ſteht— aber er trug noch nicht die verwitterte graue Farbe ſeiner bloßgelegten Steinmauern, wie heute; ſondern war noch bekleidet mit Anwurf und Tünche, nur war deren Reinheit beſchmutzt mit häßlichen Brandflecken, aus den Fenſtern ausgehend, und wie Kometenfahnen aufwärts zielend. Auch war in dem äußern Mauerwerke manch tiefe Verwundung erſicht⸗ lich. Der Raſen umher war verſchwunden, und glich einer geſtampften Tenne, von tiefen Räderſpuren durchfurcht, und hie und da mit einem verkohlten Baume oder Trümmern unbekannter Geräthe bedeckt. Die größte Stille und ein reiner Himmel mit freundlicher Novemberſonne ſchaute auf dieſe Todesſtelle nieder. Kein Gedanke eines Feindes war ringsum zu erſchauen, aber auch kein einzig anderes lebendes Weſen ſtundenweit in die Runde; die Hütten waren verbrannt, und der Ort Frirdberg lag in Trümmern. Gleichwohl ſtieg ein dünner blauer Rauch⸗ 16* — faden aus der Ruine zu dem dunklen Himmel hinauf, als wäre ſie von irgend einem menſchlichen Weſen bewohnt. Ja man ſah ſogar über den Weideboden, der zwar noch nicht beſchneit, aber feſt gefroren war, einen Reiter eilig dem Trümmerwerke zureiten. Er zwang das Pferd durch den weit klaffenden Thorweg über herabgeſtürzte Steintrümmer hinein, band es, nachdem er abgeſtiegen, an die Stange eines eiſernen Fenſter⸗ gitters, von deſſen Simſe noch das geſchmolzene Glas wie ſchmutziges Eis herabhing, wandte ſich dann ſchnell weg, und drang durch das halb⸗ verſchüttete Thor in das Innere des Thurmes. Hier durch ausgebrannte Thüren und Fenſter glotzten ihn Gänge und Gemächer an, die ihm ſchauerlich fremd vorkamen, und aus ihren Höhlungen wehte eine un⸗ gaſtliche Luft. Dennoch entdeckte er bald eine hölzerne Treppe, aus noch friſchen Bäumen gezimmert, und mit gehauenen Pfoſten überdeckt. Er ſtieg ſie hinan, und gelangte in einen Gang und in ein Vorgemach, deſ⸗ ſen Decke nicht eingeſtürzt war. Wie er durch den finſtern Gang ſchritt, ſah er einen alten Mann ſtehen, aber er achtete deſſen nicht, ſondern pochte an das Gemach. Ein weibliches Geſicht wurde durch das geöff⸗ nete Schubfach der Thüre ſichtbar. „Suſanna,“ ſagte der Fremde mit ſanfter Stimme,„darf ich eintre⸗ ten?“ Die Magd öffnete ſogleich die Thür, führte ihn durch das Ge⸗ mach, und öffnete ihm gegenüber wieder eine Thür, die in ein weiteres erhaltenes Zimmer führte. Er trat ein. Eine der zwei darinnen ſitzenden ſchwarzgekleideten Geſtalten erhob ſich ſogleich und trat ihm mit den Worten entgegen: „Seid uns von ganzem Herzen willkommen, Ritter.“ Er heftete ſein dunkles Auge mit traurigem Glanze auf ihre blaſſen Züge—— ja es war Clariſſa, die vor ihm ſtand, und von deren ſchö⸗ nen Geſtalt das ſchwarze Trauerkleid herniederwallte. Seitwärts ſaß Jo⸗ hanna— ein Antlitz, weiß wie Alabaſter, ſah aus der ſchwarzen Flor⸗ hülle zu dem Ritter herüber, und die Tropfen, die auf die Wangen floſ⸗ ſen, jagten ſich ſchneller, ſeit ſie ihn ſah, und ſich nach Sprache bemühte, ihn zu grüßen. Er mit dem düſterſchönen Ausdrucke ſeines Weſens ſtand auch einige Augenblicke ſprachlos, und blickte auf das mit ſchlechtem Pa⸗ piere verklebte Fenſter, unfähig ein einzig Wort herauszubringen, da auch Clariſſa ſchwieg, und ihr Mund und ihre Wimpern vergeblich zuckten, um die Thränen zurückzuhalten. Sie ſchob ihm einen Stuhl hin, er k — 245— aber trat zu Johannen, und ergriff ihre Hand, ſie ſanft und feſt in ſeine drückend. „Weil Ihr nur da ſeid,“ ſagte dieſe endlich ſchluchzend,„weil nur einmal ein Menſch da iſt.“ „Zürnet mir nicht, entgegnete er ihr,„es ſind erſt fünf Tage, ſeit ich frei bin, und dieſe bin ich faſt unausgeſetzt geritten, um Euch zu ſuchen.“ „So waret Ihr gefangen?“ „Ich war gefangen, ſonſt wäret Ihr nicht ſo lange ohne Hulfe ge⸗ blieben— nun aber bin ich da, und bitte Euch inſtändig, nehmt Alles, was ich bin und habe, zu Eurer Hülfe und Eurem Dienſte. Meine Burg an der Donau iſt zwar auch verbrannt, und noch mehr zuſammenge⸗ ſtürzt, als dieſe;— es thut nichts, ich brauche ſie nicht, und baue ſie auch nicht mehr, bis einmal Friede im Lande iſt. Einige Mittel aber habe ich geborgen, und die wollen wir vorerſt anwenden, um dieſes euer Haus in etwas wohnlicheren Stand zu ſetzen. Hierher wird nicht ſo leicht mehr ein Feind kommen; denn der Uebergang war höchſt ſchwierig, und von unbedeutenden Folgen. Sie ſtehen jetzt Alle in Winterquar⸗ tieren.“ Mit einem ſchmerzhaft freundlichen Schimmer ihrer aufrichtigen Augen reichte ihm Clariſſa die Hand hin, indem ſie ſagte:„So ſeid Ihr wieder der erſte, wie immer, der da kommt zu helfen, Ihr, gegen den ich immer ſo undankbar geweſen bin.“ „Laſſet das jetzt, Clariſſa,“ erwiederte er mit trübfunkelnden Augen, „laſſet das, es iſt vorüber, und ich bin nichts als Euer Vetter und Bru⸗ der— wie hätte ich auch ahnen können.—— Wäret Ihr von jeher vertrauender gegen Alle geweſen, ſo hätte ich Euch nie mit Werbung ge⸗ quält, und wahrſcheinlich wäre das Letzte auch nicht geſchehen——.“ „So wiſſet Ihr——2“ „Ich weiß, Clariſſa, ich weiß———.“ „Auch er— iſt es ſo— auch er!?“ „Auch er.“ Clariſſa's Antlitz zuckte jäh hinüber, und haſchte nach Athem; ein maßloſer Schmerz lag darauf, ja ſogar etwas, wie Grimm, als ſie das Auge gegen das Fenſter wandte, wie gegen einen blinden Himmel— und ſekundenlang ſtarrte, weil ſie kämpfte.—— Noch war es faſt wie Hohnlächeln in ihren Zügen, unheimlich an⸗ zuſehen, als ſie das Angeſicht zurückwendete und mit faſt ruhiger Stimme ſagte:„Ritter, wenn Ihr etwas Näheres wiſſet, ſo ſagt, ſo erzählt es uns, wir wiſſen nur das Eine—— ſagt, Ritter, woher wißt Ihr das Nähere?“ „Ich war dabei.“ „Ihr waret dabei, Bruno?“ ſchrie Johanna aufſpringend,„Ihr ſeid dabei geweſen, Bruno,“ rief ſie mit den ſchmerzlichſten Tönen ihrer Seele?—„Um Gotteswillen, o ſo ſaget, wie war es, erzählt— nehmt dieſe furchtbare Laſt von meinem Herzen; mir iſt, als wäre mir leichter, wenn ich Alles wüßte.“ Da er unſchlüſſig zauderte, ſagte Clariſſa:„Ritter ſeid barmherzig und erzählet.“ „Ein Wald,“ begann er,„war das eigentliche Unglück.— Euer Haus—— kein Finger hätte es angerührt;— weit links davon ſollte der Zug gehen— aber Galla's hatte Völker geſandt, mich auf eignes Anſuchen mit, um in jenem Walde(er zieht ſich rechts von hier gegen das Moldauthal ab) Schanzen aufzuwerfen, und den Feind zurückzuwei⸗ ſen. Friedbergs unglückliche Bewohner, die graben mußten, werden zeit⸗ lebens an den Schanzwald denken, und den Namen ihren Enkeln und Urenkeln einprägen; denn er war ihr und un ſer Unglück. Ich ſah es vvraus, wie es kam, und bat euren Vater noch Tags zuvor, er möge die Burg preisgeben, und zu Euch flüchten; aber er verwarf den Antrag mit Entrüſtung, weil ein Haufe Kaiſerlicher unter ſeinem Befehle die Burg beſetzt hielt. Harmlos, wie eine Schaar Wallfahrer mit klingenden Lie⸗ dern ſtiegen die Schweden den ſchönen Wald heran.—— Es war ſchrecklich anzuſehen, wie, da der Rauchwall aus unſern Gewehren ſich verzog, ihre zerfetzten und blutenden Linien zurücktaumelten. Kein neuer Angriff ward mehr gewagt, die Kurzſichtigen unter uns jubelten, aber noch dieſe Nacht ſahen wir den Brand Friedbergs, und des andern Tages, da die Schaaren ſchwollen, ward im furchtbaren Morden die Schanze ge⸗ ſtürmt. Die Unſern zerſtäubten, wie zerbrochenes Glas; ein Theil warf ſich nach Wittinghauſen, ich mit ihnen. O Clariſſa, Alles wäre noch gut geworden. Der erſte ſiegestrotzige Anfall wurde zurückgeſchlagen— eine Woche verging ſchon— und noch eine,— der Feind bereits abgekühlt und einſehend, wie wenig ihm eigentlich an dem Hauſe gelegen ſein — 247— könne, hatte nur den Schein von Ehre zu wahren, und bot willig die Hand zur Unterhandlung. Da, eines ſchönen Morgens, ſahen wir, gleichſam wie einen neuen Befehlshaber einen jungen Mann in pracht⸗ vollen Kleidern durch die Reihen der Belagerer reiten, gleichſam wie An⸗ ordnungen treffend.“— Clariſſa mit halb geöffnetem Munde, athemlos, mit geſpannten dürſtenden Augen horchte hin.—„Wir begriffen nicht, was er wollte; die Anführer Alle, Sture an der Spitze, ſtanden ehr⸗ furchtsvoll vor ihm. Es war gerade Waffenſtillſtandstag. Am andern Morgen ritt derſelbe Mann— ach, wie wir glaubten, um zu kundſchaf⸗ ten, ungewöhnlich nahe an die Mauern— und, wie es manchmal der Zufall will, der Helm entfiel ihm— ein ganzer Wall von blonden Locken rollte in dieſem Augenblicke über ſeinen Nacken——...“ „War es nun Verblendung, war es Verhängniß, das ſich erfüllen mußte, wir verſtanden die Zeichen des Jünglings nicht, wie er ſo zuver⸗ ſichtlich vorritt, ja Euer Vater mit allen Merkmalen höchſter Ueber⸗ raſchung ſah lange und unverwandt auf ihn hin;— da ſah ich nach und nach ein Roth in ſeine Wangen ſteigen, bis ſie dunkel, wie in Zornes⸗ glut brannten. Ohne eine Silbe zu ſagen, ſchleuderte er mit einem Male ſeine Lanze gegen den Reiter, nicht bedenkend, daß ſie auf dieſe Entfer⸗ nung gar nicht treffen könne— ach, ſie traf auch nicht, die arme ſchwache unſchuldige Lanze— allein ſie wurde das Zeichen zu vielen andern, die Augenblicks von unſern Leuten flogen; auch hörten wir zugleich das Krachen von unſern Doppelhaken hinter uns. Von den Schweden ſahen wir nur noch, wie viele vorſprengten, um den Reiter in ihre Mitte zu nehmen, wie er ſank— und dann, ehe uns noch kaum Beſinnung wie⸗ derkehren konnte—— war ſchon Sturm hier, dort überall— wüthend von der Schwedenſeite, wie nie— Rauch, daß kein Antlitz auf drei Schritte erkennbar war—— Clariſſa, höret ihr?“ „Weiter, weiter,“ ſagte ſie angſtvoll vorgebogen. „Es iſt nichts mehr weiter— die Burg brannte, wir mußten aus⸗ fallen——— ich wurde verwundet, beſinnungslos, gefangen———“ „Und 22—— „Clariſſa— Johanna—— Sture ſelbſt ließ beide, ihn und den Knaben, kriegeriſch ehrenvoll unter der Steinplatte vor dem Altare der Thomaskirche begraben, die freilich auch abgebrannt war— ich, ver⸗ wundet und waffenlos, erhielt Erlaubniß, beizuwohnen.“ — 248— „Und ich,“ rief Clariſſa zurückſinkend,„war es, ich, die Vater und Bruder erſchlagen“— und ſie brach, beide Hände vor ihre Augen drük⸗ kend, in ein wildes Schluchzen aus, daß ihr ganzer Bau darunter etzit⸗ terte. Johanna, ſelbſt kaum ihrer Kräfte mächtig, und ſchön, wie ein geſtorbner Engel, ſtand doch ſogleich auf, und drückte Clariſſen an ihren Buſen, das Haupt derſelben an ihr Herz legend, und es ausweinen laſ⸗ ſend, während ſie ihre Hände lieblich zärtlich um dasſelbe legte, und ſelbſt die heißen Thränen auf ſie niederfallen ließ. Der Ritter wiſchte ſich das Waſſer aus ſeinen ſchönen dunklen Au⸗ gen und ſtand in tiefem Schmerze da, aber er bereute nicht, daß er den ihrigen durch die Erzählung hervorgerufen; denn er wußte wohl, wie herzzerreißend dieſe Thränen auch ſeien, daß ihnen Linderung folgen werde, unſäglich ſüßer und heilſamer, als all ihre frühere dumpfe Er⸗ gebung. Auch löſ te ſich bald das erſte krampfhafte Schluchzen, und nur mehr ein leiſes, kaum ein hörbares Weinen rieſelte durch das todtenſtille verdunkelte Zimmer, und endlich auch dieß nicht mehr. Clariſſa, ohnmächtig ſchmiegſam, lag kindlich an Johannen's Herzen, von ihr, wie ftüher, um⸗ ſchloſſen— und wie bitter auch die erſten Thränen Beider hervorgepreßt waren, ſo floſſen ſie doch jetzt leicht, reichlich und wie von ſelbſt, ja ſo⸗ gar linde ſüß, wie das letzte Blut eines getödteten Geſchöpfes. Endlich nach langer Stille hob Clariſſa wieder ihr Haupt und Auge müde und verklärt zu dem Ritter empor und ſagte leiſe:„Bruno, ſagt uns nun auch, wo iſt das andere Grab, und wie.... 2“ Ihre Stimmo erſtickte neuerdings. „Forſchet nicht, Clariſſa; wer enträthſelt das Wirrſal jenes Augen⸗ blicks?—— Er hatte eine Kugel in der Bruſt, wahrſcheinlich aus einem unſerer Doppelhaken, ſeinen Körper brachten ſie weg, wohin,— ich weiß es nicht. Erſt bei den Schweden erfuhr ich, daß er als Vermittler gekom⸗ men, daß er vorſchlug und durchſetzte, daß man die kaiſerliche Beſatzung frei abziehen, und Euren Vater ungeſtört in ſeinem Hauſe laſſen ſolle. —— Sein Tod war die Loſung des Sturmes— Sture und Alle lieb⸗ ten ihn ſehr.“ „Alle liebten ihn ſehr,“ ſagte ſie vor innigem Schmerze lallend, „Alle liebten ihn ſehr———— o du ſchöne, du ſchöne, du unglück⸗ liche Waldwieſe!!“ Sie verbarg wieder ihr Haupt an Johanna's Herzen, faſt kindiſch furchtſam die Worte ſagend:„Johanna, Du zürneſt— Jo⸗ — 249— hanna, ich liebe Dich, jetzt nur Dich—— o Kind, liebe mich nun auch wieder.“ Dieſe im Unmaß des Schmerzes und der Zärtlichkeit wußte nicht, was ſie thun ſolle; ſie drückte die Schweſter an ſich, ſie umſchlang ſie mit einer Hand, und ſtreichelte mit der andern über die glänzenden Haupt⸗ haare derſelben, wie man todtbetrübte Kinder beſchwichtiget;—— ſie ſelbſt, bis zu Tode betrübt, erhielt nur Kraft durch die noch größere Be⸗ trübniß der Schweſter, die fie lindern wollte. Zu dem Ritter aber ſagte ſie leiſe:„Erzählet nichts mehr.“ Dieſer aber beugte ſein Haupt im Schmerze vorwärts, und ſah mit den verdunkelten von Thränen zitternden Augen auf das ſchöne vor ihm vergehende Geſchöpf, das er ſo lange geliebt, das ſein Herz ſo lange be⸗ gehrt hatte; es wollte ihm vor Mitleid zerſpringen, und es war ihm, als drehe ſich mit ihm der Fußboden des Gemaches. Sachte wollte er hin⸗ ausgehen, um den Schweſtern Zeit zu gönnen, aber Clariſſa hörte ſeine Tritte, und ſah plötzlich auf, und ſagte:„Brunv, geht nicht, es iſt hier ſo dunkel, und wir haben Niemand, als einen alten Mann und ſeinen Enkel—— Bruno, laſſet uns ein Fenſter machen.“ „Alles, Alles, Clariſſa, werden wir machen laſſen. Sehet, ich werde noch heute um Arbeiter fortreiten, wir werden für den Winter ein Noth⸗ dach auf einige Gemächer ſetzen, Fenſter, Thüren, Stiegen, alles anferti⸗ gen— Eure Harfe werde ich aus dem Waldhauſe holen laſſen— Eure Bücher, daß Ihr dem Winter getroſt entgegenſehen könnet.“ „Wir ſehen jetzt Allem getroſt entgegen,“ ſagte ſie, indem ſie wie⸗ der ihr Antlitz auf Johannen's Schultern legte. Der Ritter ging ſtille hinaus. Er ſprach mit Gregor, Raimund und den Mägden, und nach einiger Zeit ſah man ihn wieder über den grauen gefrornen Boden davonreiten. Ein Nothdach war geſetzt, Thore, Stiegen, Gemächer wieder einge⸗ richtet, aber immer ſah die Burg wie eine Ruine aus. Jahre kamen und vergingen, und immer ſah die Burg wie eine Ruine aus. Alle Zeichen Ronald's trogen, und der Krieg, ſtatt ein Ende zu nehmen, dauerte noch in die Jahre und Jahre, aber nie mehr erſchien ein Feind vor Witting⸗ hauſen; ein Theil wußte, was ſie für Ronald bedeutete, ein Theil kannte weder Ronald, noch die Feſte. Die Schweſtern lebten fortan dort, beide unvermählt. Johanna — 250— war eine erhabne Jungfrau geworden, rein und ſtreng, und hatte nur eine Leidenſchaft, Liebe für ihre Schweſter. Clariſſa liebte und hegte Ronald fort und fort; in den goldnen Sternen ſah ſie ſeine Haare, in dem blauen Himmel ſein Auge, und als einmal ein Zufall jenes feenhafte Gedicht des brittiſchen Sängers auf ihre Burg herüber wehte, ſo ſah ſie ihn dann oft als den ſchönen elfigen blondgelockten Knaben auf ſeinem Wa⸗ gen durch die Lüfte ſchwimmen, den Lilienſtängel in der rechten Hand, ihr entgegen, der harrenden Titania. Selbſt, als ſie ſchon achtzig Jahre alt geworden, und längſt ruhig und heiter war, konnte ſie ſich nicht an⸗ ders denken— ſelbſt wenn ſie ihn noch lebend träumte und einmal kom⸗ mend— als daß er als ſchöner blondgelockter Jüngling hereintrete und ſie liebevoll anblicke. Wenige Menſchen beſuchten die ſeltſame verwitterte Burg, nur ein einziger Ritter ritt zuweilen ab und zu. Eines Tages blieb er auch aus— er war geſtorben. Daß die Schweſtern ſehr alt geworden, wußte man bis in die neueſten Zeiten, und der Hirt zeigte die Kammer derſelben, aber kein Menſch kennt ihr Grab; iſt es in der verfallenen Thomaskirche, oder deckt es einer der grauen Steine in der Burg, auf denen jetzt die Ziegen klettern?— Die Burg hatte nach ihnen keine Bewohner mehr. Weſtlich liegen und ſchweigen die unermeßlichen Wälder, lieblich wild wie ehedem. Gregor hatte das Waldhaus angezündet, und Wald⸗ ſamen auf die Stelle geſtreut; die Ahornen, die Buchen, die Fichten und andere, die auf der Waldwieſe ſtanden, hatten zahlreiche Nachkommen⸗ ſchaft und überwuchſen die ganze Stelle, ſo daß wieder die tiefe jung⸗ fräuliche Wildniß entſtand, wie ſonſt, und wie ſie noch heute iſt. Einen alten Mann, wie einen Schemen, ſah man noch öfter durch den Wald gehen, aber kein Menſch kann eine Zeit ſagen, wo er noch ging, und eine, wo er nicht mehr ging. = — — = — — 2 — = — RH Altes Buch. 8 8 — ₰ 8 8 8 S S 8 5 — ₰ = 8 ₰ ₰ — — 8 * * 2 — 2 — £ S 8 8S * — — G Die grüne Fichtau. anns von Scharnaſt hatte ein lächerliches Fideicommiß geſtiftet. Seine Burg Rothenſtein ſammt Zugehör an Unterthanen, an Jagd⸗, Fiſch⸗ und Berggerechtigkeit ſolle ſich in gerader Linie immer auf den älteſten Sohn forterben; iſt kein Sohn da, auf Töchter, und in Ermanglung dieſer auf die älteſte Seitenlinie und ſofort, bis etwa einmal der Fall eintritt, daß weder ein Cognat, noch ein Agnat von benanntem Hauſe übrig iſt, wo ſodann die Burg ſammt Zugehör an den Fiscus fällt. Bis hieher wäre Alles richtig; aber eine Bedingung fügte er dem Fideicommiſſe bei, welche der ganzen Sache eine andere Wendung gibt. Jeder nämlich dem die Burg als Erbſchaft zufiel, mußte, che ſie ihm ausgeantwortet würde, zweierlei Dinge leiſten: erſtens mußte er ſchwören, daß er getreu und ohne geringſten Abbruch der Wahrheit ſeine Lobensgeſchichte aufſchrei⸗ ben wolle, und zwar von der Zeit ſeiner erſten Erinnerung an bis zu jener, da er nur noch die Feder zu halten im Stande war. Dieſe Lebens⸗ beſchreibung ſolle er dann Heft für Heft, wie ſie fertig wird, in dem feuer⸗ feſten Gemache hinterlegen, das zu dieſem Zwecke in den rothen Mar⸗ morfels gehauen war, der ſich innerhalb der Burg erhebt;— zwe itens mußte er ſchwören, daß er ſämmtliche bereits in dem rothen Steine be⸗ findlichen Lebensbeſchreibungen leſen wolle, wobei es ihm aber nicht ge⸗ ſtattet iſt, irgend eine von dem Gemache ihrer Aufbewahrung wegzutra⸗ en. Wer eine von dieſen Bedingungen nicht erfüllen könne oder wolle, er wird betrachtet, als ſei et im Augenblicke des Anfalles des Fideicvm⸗ miſſes geſtorben, und dasſelbe geht auf ſeinen fideicommiſſariſchen Nach⸗ 3 folger über. Für jeden minderjährigen Fideicommiſſar müſſe das Erbe ſo lange vormundſchaftlich verwaltet werden, bis er großjährig geworden, und ſich erklären könne, ob er ſchwören wolle, ob nicht. Bei weſſen Tode ſich der Fall ereigne, daß man von ihm gar keine Lebensbeſchreibung in dem rothen Steine finden könne, der wird als gar nicht geboren betrach⸗ tet, alſo iſt auch ſeine ganze Nachkommenſchaft nicht geboren, und das Fideicommiß geht an ihnen vorüber den Weg Rechtens weiter. Der Grund, der Hannſen leitete, eine ſo ſeltſame Klauſel an ſein Fideicommiß zu hängen, war ein zweifacher. Erſtens, obwohl er ein ſehr frommer und tugendhafter Mann war, ſo hatte er doch in ſeinem Leben ſo viele Narrheiten und Uebereilungen begangen, und es war ihm daraus ſo viel Beſchämung und Verdruß zugewachſen, daß er beſchloß, alles haarklein aufzuſchreiben, ja auch ſeinen Nachfolgern die Pflicht auf⸗ zulegen, daß ſie ihr Leben beſchreiben, damit ſich Jeder, der nach ihnen käme, daran zu ſpiegeln und zu hüten vermöge. Der zweite Grund war: daß ſich jeder, der nur die entfernteſte Anwartſchaft auf Rothenſtein hätte, gar wohl von Laſter und Unſitte fern halten würde, damit er nicht dereinſt in die Lage käme, ſie beſchrei⸗ ben zu müſſen, oder ſie doch halbswegs einzugeſtehen, wenn er den Eid von ſich ſchiebe.. Was nun den erſten Punkt anlangt, ſo hatte Hanns das Unglück, das ſchnurgerade Gegentheil von dem zu erreichen, was er erzielen wollte. Es mußte nämlich von ihrem Ahnherrn her ſo viel tolles Blut, und ſo viel Anſatz zur Narrheit in den Scharnaſt's gelegen haben, daß ſie, ſtatt durch die Lebensbeſchreibungen abgeſchreckt zu werden, ſich ordentlich daran ein Exempel nahmen, und ſo viel verrücktes Zeugs thaten, als nur immer in eine Lebensbeſchreibung hineingeht— ja ſelbſt Die, welche bis⸗ her ein ſtilles und manierliches Leben geführt hatten, ſchlugen in dem Augenblicke um, als ſie in den Beſitz der verwetterten Burg kamen, und die Sache wurde immer ärger, je mehr Beſitzer bereits geweſen waren, und mit je mehr Wuſt ſich der neue den Kopf anfüllen mußte. Der Stifter würde ſich im Grabe umgekehrt haben, wenn er durch die dicken Felſenwände in ſeine Gruft hineingehört hätte, was die Leute ſagten; nicht anders nämlich, als die„Narrenburg“ nannten ſie den von ihm gerade in dieſer Hinſicht ſo wohl verklauſulirten Rothenſtein. In Bezug des zweiten Punktes, der Tugend nämlich, war es nicht — 255— recht klar, in wie weit der Gründer ſeinen Zweck erreicht habe; man ſagte wohl den Scharnaſt's verſchiedenes Böſe nach, allein es kroch immer nur ſo im Dunkel herum: andrerſeits ſtand aber auch die Thatſache feſt, daß man ſich nie einer Zeit erinnern konnte, wo einer von ihnen als aus⸗ nahmsweiſes Muſter der Tugend wäre aufgeſtellt worden. Heutzutage liegt die Burg beinahe in Trümmern, und ſeit der letzte Scharnaſt in Afrika erſchoſſen worden iſt, konnte man auch gar keinen Anwärter mehr auf den Rothenſtein auftreiben, und ein Schalk warf bereits die lächerliche Rechtsfrage auf, ob nun auch der Fiscus ſeine Lebensbeſchreibung werde ſchreiben müſſen. So ſtanden actengemäß die Sachen, als ſich das zutrug, was wir in den folgenden Blättern erzählen wollen. Eines ſchönen Sommertages gegen Abend im Jahre 1836 ſchritt ein junger, leidlich ſchmucker Burſche das romantiſche Waldthal der Fichtau an dem Fluſſe Pernitz entlang. Dieſer Mann war trotz des jun⸗ gen freundlichen Geſichtes lächerlich anzuſehen; denn er war verworren angezogen und mit den ſeltſamſten Dingen bepackt. An einem um die Schulter gehenden Lderriemen hing eine große, flache Seitentaſche, wie ein Ofenſchirm, der ihn am Gehen hinderte; längs der Kante dieſer Taſche war ein Holzfuß geſchnallt, der, auseinandergelegt, das Gerüſte zu einem Feldſeſſel abgab. Auf dem Rücken trug der Mann ein Ränz⸗ lein, das ebenfalls wieder ſo breit war, daß es rechts und links an ſeiner Perſon hervorſtand; davon hing ein langſtieliger Hammer, und eine abenteuerliche Hacke herab; oben war ein großer grauer Regen- und Sonnenſchirm, und eine lange Blechbüchſe daran geſchnallt, welche beide wagrecht ſo ſehr über ſeine Schultern hinausragten, daß er von fern anzuſehen war, wie ein wandelndes Kreuz. Die Hand hielt einen Alpen⸗ ſtock mit mächtiger Eiſenſpitze— des Uebrigen hatte er einen breiten Strohhut auf, eiſenbeſchlagene Stiefel an, und ſein Rock ſchlug bei jedem Schritte ſo pendelmäßig gegen ſeine Füße, als trüge er beide Säcke voll Eiſen oder Geſtein. So hatte man ihn ſchon mehrere Wochen in den Bergen der Fichtau herumgehen und herumſitzen geſehen. die Fichtau aber iſt ein ſchönes Bergrevier, voll ſanftblickendem, rothbrüchigem Marmor, friſchem Waldesgrün und eiskalten, abſchießen⸗ den Quellen. Die Pernitz läuft unten voll Lärmen und Gepränge durch, bis ſie draußen ein zahmer Fluß wird, Wieſen wäſſert, und Walkmühlen — 256— treibt. Die Fichtau iſt ein paar Tagreiſen öſtlich von dem freundlichen Pfarrdorfe Grünberg, und dem ſchönen Markte Pirling, welche beide an demſelben Fluſſe Pernitz liegen. In der ganzen Fichtau iſt kein einziger Ort, aber dafür iſt ſie gleichſam beſäet mit einzeln liegenden Häuſern und Gehöften, und mancher Landmann, wenn er ſeiner Arbeit nachging, ſah obbeſagten Wanderer, wie er ſammt ſeiner Bepackung entweder an einer Felſenwand kletterte, und Steine herabſchlug, mit denen er ſich dann belaſtete, und ſie ſeines Weges mit fortſchleppte— oder man ſah ihn auf ſeinem Feldſeſſel ſitzen; den eiſenſpitzigen Stock hatte er in die Erde ge⸗ bohrt, den Stiel ſeines Sonnenſchirmes darauf geſchraubt, und im Schatten desſelben zeichnete er Wälder oder Blöcke ab, auf die ſonſt Kei⸗ ner geachtet hatte, ob ſie auch ſchon ſein Lebtage in dem Thale gelegen waren— oder man ſah ihn gehen, wie er einen ſchweren Strauß von Blumen und Kräutern in der einen Hand vor ſich her trug, während er in der andern nebſt dem Alpenſtocke noch einige Ruthen und anders Zeugs hinter ſich herſchleifte. Des Abends nun an jenem ſchönen Tage, deſſen wir oben erwähn⸗ ten, ging er ſchleuniger, als gewöhnlich neben der Pernitz hin, und machte mit Händen und Armen allerlei Bewegungen, wie einer, der un⸗ geduldig und haſtig iſt, oder mit ſich ſelbſt redet.— Freilich war der Mann ſchon in ſeiner Jugend mit dieſem Uebel der lauten Selbſtgeſpräche behaftet, und was noch ärger iſt, er deutete auch immer mit den Händen dazu, beſonders, wenn er von Eifer oder Ungeduld geſtachelt war, in welche beide er übrigens ſehr leicht gerieth. Er hatte eine Gruppe Häuſer vor ſich, auf die er zuſteuerte. An einer Stelle nämlich, wo ſich das Thal am meiſten erweiterte, und der Fahrweg ordentlich in eine breite Straße auseinanderging, ſtand das Wirthshaus der Fichtau, zur grünen Fichtau geheißen, zwar nur aus Holz gezimmert, aber mit einer glänzenden Fenſterreihe auf den Straßen⸗ platz herausſehend, der ſo groß und eben war, daß hundert Wagen hätten darauf ſtehen können.— Mit Scheunen und Schoppen, und einem großen Garten ging das Haus in den geräumigen Winkel eines Seitenthales zu⸗ rück, aus dem ein ſtarker Bach hervorſprudelte. Jenſeits des Baches ſteht eine Sägemühle, dann iſt noch eine Schmiede, und weiter zurück hinter dem Wirthsgarten ſind vier oder fünf Häuſer mit blanken Fenſ und dem ſchönen flachen Gebirgsdache. — 257— Dieſer Häuſergruppe eilte unſer Wanderer zu, als hätte er noch ſo Wichtiges auf dem Herzen, und immer ſchleuniger ging er, je näher er kam, ſo daß das Gehen faſt in ein halbes Laufen ausartete, da er vor dem Wirthshauſe anlangte. „Gott grüß' Euch, Vater Erasmus,“ ſagte er eilig zu dem Wirthe, der mit ſeinem großen Hunde auf der Gaſſe ſtand, und mit dem Schmiede und einem Fuhrmanne plauderte, welcher Fuhrmann eine Art Wochen⸗ bote war, und alle Sonnabende bei dem Wirthe zur grünen Fichtau an⸗ zukommen pflegte, wo er Alles abgab, was immer für die Fichtauer aus dem Flachlande eingelaufen ſein mochte. Sein Schecke ſtand im Stalle, ſein Wagen im Schoppen, und er ſaß in der Abendſonne auf der langen Gaſſenbank des Wirthshauſes, ſeine Gebirgspfeife rauchend, und Neuig⸗ keiten aus dem Lande draußen auskramend.—„Gott grüß' Euch, Vater Erasmus,“ ſagte alſo der angekommene Wanderer;„ich werde nur ſchleunig dieſe Sachen auf mein Zimmer hinauftragen, und ſogleich wie⸗ der herabkommen, und Euch eine Menge ausfragen. Ich habe heute die wundervollſten Ruinen entdeckt, und ſie ſogar gezeichnet.“ Und ſomit ging er die Treppe hinan. „Nun das geht dem noch ab, daß er das verrückte Schloß gefun⸗ den hat,“ ſagte der Wirth zu den zwei Andern, aber der hinauflaufende Mann hatte dieſe Worte mit ſeinem ſcharfen Gehöre vernommen, und wurde dadurch nur noch mehr geſpannt. Nachdem er das Gepäcke ab⸗ gelegt, und einen gehörigen Hausrock angethan hatte, kam er in dem Augenblicke wieder herunter, ein Papier in der Hand tragend, auf dem ein weitläufiges auf Felſen herumgruppirtes Mauerwerk mit Bleiſtift ſauber ſkizzirt war. „Das iſt doch ein höchſt merkwürdiges Gebäude,“ ſagte er,„ich bin vollſtändige vier Stunden ſelbſt mit Anlegung meiner Steigeiſen rings um dasſelbe herumgeklettert, und habe durchaus keinen Eingang ent⸗ decken können.“ „Ei ſo,“ ſagte der Wirth, und ſah die Andern Zwei pfiffig an. „Was denn, ei ſo? die Sache iſt haarſcharf, wie ich ſage, und ich begreife nicht, was da ein ſolches„ei ſo“ ſagen will.“ „Ich meine nur,“ antwortete der Wirth,„daß das jeder Menſch in der Fichtau weiß, und daß es wunderbar iſt, daß ihr allein es nicht wiſſet.“ . 4. Aufl. I. „Ich ſehe nicht ein, woher ich es wiſſen ſollte; ich ſage Euch ja, ich habe heute das Schloß gerade erſt ſo friſch gefunden, als hätte ich vor dritthalbhundert Jahren Amerika entdeckt. In Eurem Lande unterſtützt man Forſchungen ſo wenig, daß ſie den ſchönſten Marmor unbeachtet liegen laſſen, oder höchſtens Schweintröge daraus machen. Ihr ſelbſt habt Eure Miſtjauche hinten mit Stücken des feinſten Kornes ein⸗ gedämmt.“ „Hab' ich das? ei, ei, Oheim, wenn Ihr weiter forſchen werdet, ſo werdet Ihr auch Thürſtöcke und Waſſerkufen davon finden, und wenn Ihr dort überhaupt forſchen dürftet, ſo fändet Ihr in Annen's Schlaf⸗ kammer die feinſten Fenſterſimſe davon gemeißelt, und einen Waſchtiſch und Weihbrunnenkeſſel und ich weiß nicht, was noch, und in der Pernitz liegen noch unzählige Stücke und Blöcke, auf die Niemand achtet, als die Forellen, die darunter aus⸗ und einſchlüpfen.“ „Hab' Alles außer dem Waſchtiſch und Weihbrunnenkeſſel ſchon ge⸗ ſehen und beobachtet,“ entgegnete der Wanderer;„aber da habt Ihr wohl Thürpfoſten, das iſt gut; allein eines Eurer Herdecken iſt auch von rothem Marmor, während das andere von Ziegeln iſt;— aber das iſt Nebenſache.— Ihr ſagt da von Forellen— haben wir morgen einige? Ihr habt ſie uns auf Sonntag verſprochen.“ „Eine Million iſt unten im Fiſchtroge,— eine Million.“ „Ich möchte wohl auch ein Dutzend,“ ſagte der Schmied.„Es kommt morgen mein Schwiegerſohn, der Stadtſchreiber.“ „Sollſt haben, ſchwarzer Ohm,“ ſagte der Wirth,„ſende nur her⸗ über— alſo der Stadtſchreiber kommt, und alſo auch die ſchneeweiße Thrine mit— ſchau, ſchau,—“ Und mit dieſen Worten wiegte er den Kopf hin und her, gleichſam, als dächte er nach, und ſein unmäßig großer, graugetigerter Hund ſaß mit dem Rücken gegen die untergehende Sonne, daß ſeine Rückenhaare wie feurige Spieße glänzten, und ſchaute ſeinem Herrn altklug in's Ge⸗ ſicht. Aber auch der junge Wandersmann ſtand noch immer trotzig mit ſeiner Schloßzeichnung da, und ſchaute ihm auch in's Geſicht und ſagte: „Das mit den Forellen iſt nun gut, Vater Erasmus,— den Stadt⸗ ſchreiber und die ſchneeweiße Thrine werden wir morgen begrüßen. Ich will ſelber einen ſchönen Rock anthun und mit in die Kirche hinaus⸗ fahren; aber nun gebt mir auch ein klein Gehör.— Der Abend iſt ſo ſchön als einer. Wir haben uns Alle bei Tage geplagt; morgen iſt Sonntag, und da dürfen wir heute ſchon noch ein wenig in der Däm⸗ merung plaudern. Laſſet mir den Wein auf den Gaſſentiſch ſtellen, ich ſetze mich zu Boten⸗Simon auf die Bank, und wenn er Euch alle Ge⸗ treidepreiſe von draußen geſagt, und die Pferde⸗, und Wein⸗, und Cri⸗ minal⸗ und Unglücksgeſchichten erzählt hat: dann ſchaut aber auch auf mein Papier her, und ſagt, was es mit dieſem Schloſſe iſt, daß da ſo, ohne daß Jemand etwas davon weiß, mitten in der Fichtau ſteht, mit Abenteuerlichkeit geziert, und ſo gut, als in gar keinem Style gebaut iſt.“ „Das iſt recht ſchön, Oheim, daß die Thrine herauskommt,“ ſagte der Wirth,„aber wenn ſie nur nicht wieder eine Fracht Bücher bringt, und bei Annen abladet— und da müſſen wir ja doch noch vor Sonnen⸗ aufgang ſehen, daß wir einige Salblinge fangen, und Rachmittags ein Scheibenſchießen machen— oder ſo etwas— danit ſich Alles recht gut unterhalte,— es freut mich—— und was Euer Schloß anlangt, jun⸗ ger Ohm, ſo würdet Ihr Style genug ſehen, wenn Euch Ruprecht einmal hineinließe, ja Ihr würdet Schlöſſer genug drinnen ſehen, eine Sammlung von Schlöſſern, eine halbe Stadt von Schlöſſern, wie ſie da herum auf allerlei rothe Steine angeklebt ſind.“ „Wer iſt denn dieſer Ruprecht, und wie macht man es denn, daß er einen hineinläßt?“ „Das wäre ſehr leicht,“ antwortete Vater Erasmus,„wenn er nur ſelber einmal herauskäme.“ „War gleichwohl geſtern in Priglitz,“ ſagte der Schmied,„und redete mit meinem Schwiegerſohne, dem Stadtſchreiber; ich ſtand ſelber dabei, als ihm der ſagte, daß noch immer Niemand aufgetrieben ſei.“ „Ich habe ihn auch geſehen,“ redete jetzt der Boten⸗Simon darein, „es iſt wirklich ſo, und ein erſtaunlicher Fall iſt es, daß ein ſo herriſches, verbreitetes Geſchlecht ganz und gar ausgeſtorben ſein ſoll— keine Maus hat ſich gemeldet. Das Schloß, lieber junger Herr, das Euch ſo anliegt, daß ihr es gar auf Papier abgeriſſen habt, das Schloß iſt jetzt zu haben, und Einkünfte genug dazu; es kommt nur darauf an, daß Ihr von einer recht närriſchen Familie abſtammet.“ „Ich gehöre ſelber unter den Rothenſtein,“ ſagte der Wirth,„und das ganze rechte Pernitzer Viertel ſammt Zehent und Gebühren, dann — das linke Viertel bis in die Hatzleſer Gräben, und ich glaube auch noch die Waldhäuſer bis zum Ottoſtift hinauf, und bis an den Aſang.“ „Der Aſang gehört auch noch dazu,“ ſagte der Schmied;„er iſt nur ſeit dem alten Julian an die Priglitzer verpfändet; mir hat es mein Schwiegerſohn, der Stadtſchreiber, erzählt.“ „Das iſt nicht wahr,“ rief der Boten⸗Simon;„ich bin von Aſang, und ich und mein Vater und Großvater und wieder deſſen Vater haben immer an die Priglitzer geſteuert, und keinen Hut vor dem Rothenſteine gerückt.“ „Das iſt,“ entgegnete der Schmied,„weil der alte Julian älter iſt, als Ihr Alle, Dein Scheck dazu gerechnet, und weil Ihr eher an Priglitz verpfändet waret, als ihr geboren wurdet. Mein Schwiegerſohn, der Stadtſchreiber, hat mir einmal die Urkunde auf dem Stadthauſe gezeigt, und geſtern hat er geſagt, daß jetzt alles kaiſerlich wird, und dann wird der Pfandſchilling hindangezahlt, und der Aſang wieder an das alte Ei⸗ ſen angeſchweißt. Der Julian war ſonſt ein entſetzlicher Herr; er hat ſeinen leibeigenen Bruder erſchlagen.“ „Nicht erſchlagen,“ ſagte der Wirth,„ſondern nur um das Erbe der Mutter hat er ihn gebracht, weil er nie genug hatte, obwohl ihm auch der Rothenſtein zugefallen war. In unſtem eigenen Hauſe war es, wo ſie die Zuſammenkunft hatten— mein Großvater war damals noch ein Bube, und er hat es uns wohl hundertmal erzählt— es war das letzte Mal, daß ſich die Brüder geſehen hatten. Sie hießen Julius und Ju⸗ lianus. Julianus war der ältere, und da ihr Vater ſtarb, war Julius in weiten Ländern, und kam auch gar nicht auf den Rothenſtein, ſondern auf unſter Gaſſe ſahen ſie ſich zum erſtenmale ſeit Jahren wieder, und da hatten ſie ſich zum Willkomm umarmt, daß die Schwerter an ihnen raſſelten, und dann ſind ſie in die grüne Oberſtube hinaufgegangen, und die Pferde blieben auf der Gaſſe ſtehen. Die Kinder, nämlich mein Großvater und ſeine Schweſter, dann auch ihre Mutter ſaßen beängſtigt herunten in der Schenkſtube, weil ihnen gleich nichts Gutes ahnte. An⸗ fangs hörten ſie nichts über ſich, als den ruhigen Schritt der beiden Männer, wie ſie oben taktgemäß auf und nieder gingen; dann war es ſtille, als ſtänden ſie und als ob Einer ſpräche.— Mein Urgroßvater, der damalige Schenke, kam kreideweis zu den Kindern in die Stube, und ſagte, als er oben nur zur Thür hineingeblickt, ob ſie nichts brauchten, — 261— ſo hätten ſie ihn gleich angefahren, und der Julius ſtehe an dem Tiſche, und ſchütte entſetzlich viel Wein hinunter. Der Urgroßvater blieb nun auch bei den Kindern herunten, und man horchte lange, lange hinauf, aber es blieb oben alles ſtille— immer ſtille— doch einmal geſchah ein Fußtritt, daß man meinte, alle Tragbalken müßten knacken, und im Au⸗ genblicke, aber nur einige Sekunden, raſſelten wieder die Schwerter— dann ward's todtſtille.— Sogleich aber rannte Julius die Treppe her⸗ unter, ſchwang ſich mit glühenden Augen auf ſeinen ſchwarzen Hengſt, warf ihn herum, und jagte ſo ſchnell dort an der Steinwand hinab, daß mein Großvater meinte, er ſehe ordentlich ohne Unterbrechung die Hinter⸗ eiſen blitzen, als wolle ſie der Rappe rücklings in die Luft ſchleudern, und Stücke rother Straßenſteine flogen in die Pernitz. Alle aber liefen un⸗ geſäumt in die Oberſtube, um dem gemordeten Julianus beizuſpringen — dieſer aber ſtand lebendig am Tiſche, und ſtrich ſich furchtbar mit der Hand den großen, rothen Schnurbart, den er immer trug— dann aber goß er einen ganzen Krug Wein in ſich hinein, warf ein Stück Geld auf den Tiſch, ging hinab, und ritt gelaſſen auf den Rothenſtein zu. Er war von nun an Herr des Schloſſes, wie es dem Erſtgebornen auch gebührt; allein er war und blieb auch Herr der Schätze und Einkünfte Seitens der früher verſtorbenen Mutter, was von Rechtswegen dem jüngeren Ju⸗ lius gehört hätte. Von dieſem aber iſt ſeit jener Zeit kein Faden ſeines Gewandes mehr in der Fichtau ſichtbar geworden.“ „Weil ihn doch der Julianus irgendwo erſchlagen hat,“ verſetzte der Schmied. „Dann müßte er ihn tiefer begraben haben, als Regen und Thau dringen können,“ verſetzte der Wirth,„daß ihn nicht die Pernitz oder unſte Bergwäſſer zu Tage gewaſchen hätten— geht, geht, Ohm, das ſteht nur ſo in den Ritterbüchern eurer Thrine.“ „Mein Schwiegerſohn, der Stadtſchreiber,“ ſagte der Schmied, „meint ſelber— ſeit der letzte Abkömmling des Julian todt iſt, und nun bereits das Schloß mit Lieg⸗ und Fahrniſſen in die Jahre lang allwärts ausgeſchrieben iſt, ſei es ſeltſam, daß ſich keine Klaue, und kein Huf⸗ nagel gefunden, der Anſpruch machen könne— alſo iſt der Julius da⸗ mals erſchlagen worden.“ „Das iſt nur ſo, Kinder,“ ſagte der Boten⸗Simon, indem er die Pfeife ausklopfte, und wieder anſtopfte, und alles umſtändlich that, und — ſeine Rede beim Wiederanzünden durch kräftige„Paff, Paff,“ häufig unterbrach—„das iſt nur ſo: im Lande draußen erzählte mir vor lan⸗ gen Jahren ein Krämer, daß der Julius in Kriegsdienſte des franzöſiſchen Königs gegangen ſei— aber da widerredete es ein alter Stelzfuß, und ſagte: der Julius habe nicht gar ſo weit von der Fichtau gelebt, eine Bauerndirne geheirathet, und ſeine Tochter wieder an einen niedrigen Mann gegeben, und ſo ſei nach und nach das Geſchlecht im Volke ver⸗ ronnen, wie es ja auch einſt daraus entſtanden war.“ „So mag es ſein,“ ſagte der Wirth,„oder es mag auch anders ſein, aber daß er ihn erſchlagen, glaube ich nicht; ſo ſchlecht waren ſie nicht, ſondern bloß alle närriſch.“ Der Wandersmann hatte bisher mit ſteigendem Intereſſe zugehört; nun ſtellte er ſeinen Krug zurück, und ſagte:„Ja, wie weiß man denn, daß ſie närriſch waren?“ „Nun Gott ſei Dank,“ antwortete der Wirth,„närriſch genug, junger Oheim; habt Ihr denn das nicht ſchon an dem Schloſſe erkennen mögen, da es weder Thor noch Eingang hat, und in keinem Style ge⸗ baut iſt, wie Ihr ſelber ſagt. Oder iſt es etwa vernünftig, wie der letzte Zweig aus dem Stamme des Julian that, oder wie ſein Vater der Vor⸗ letzte that? Mit unſrem letzten Herrn war es ſo: Da haben die Fran⸗ zoſen, um die Unbill gut zu machen, die ſie vordem an unſern Ländern verübt, Kriegsvölker in das Mohrenland geſchickt, um Alles in Bauſch und Bogen chriſtlich zu machen, und da ließ Graf Chriſtoph eines ſchö⸗ nen Tages das Schloß zumauern, und ritt dann den Berg hinab gerade in das Mohrenland, um die Heiden gegen Chriſtum zu unterſtützen, und da haben ſie ihn denn auch glücklich niedergeſchoſſen; man weiß nicht, die Chriſten oder die Heiden. Sein Vater, Graf Jodok, war noch ärger. Ich habe ihn noch recht gut gekannt; er hat ſich im Alter den Bart wach⸗ ſen laſſen, wie einer der heiligen drei Könige— und da ſah ich ihn oft, nachdem er das Schloß angezündet hatte, vor ſeinem kleinen Häuschen unten am Berge ſitzen.“ „Das Schloß hat er angezündet?“ „Ja, er ſelber hatte es an einem Pfingſtſonntage angezündet, und wehrte allen Denjenigen, die da zu löſchen kamen, weil er ſagte, daß hundert Zentner Pulver in den Gewölben ſeien, und losgehen würden, aber es ging nichts los, und das Gebäude brannte friedlich und faſt lieb⸗ —— lich nieder. Er hatte die vielen Jahre vorher ganz ruhig und ordentlich darinnen gewirthſchaftet, nur daß über dem Thore die Aufſchrift ſtand: „Hier wird keinem Bettler etwas gegeben.“ „Iſt denn nicht die Herrſchaft ein Fideicommiß? wie durfte er denn das Schloß zerſtören?“ „Freilich iſt ſie eines, aber da hat er innerhalb der Schloßfriedigung abſeits den andern Gebäuden einen ſeltſamen Tempel aufgeführt, mit vielen Säulen, wie man ſie oft als Luſthaus in hochherrſchaftlichen Gär⸗ ten ſieht, und in dieſem Tempel hat er gewohnt, wie man ſagt, in un⸗ gewöhnlicher Pracht und Ueppigkeit, mit ſeiner Frau, einer wunderſchö⸗ nen Zigeunerin, die er einmal brachte— und dieſes Bauwerk hat er dann angezündet. Es war freilich ſein Eigenthum, aber man erzählt, er habe für dieſe That viel Geld in dem Lehenhofe niederlegen müſſen. Unten am Berge hatte er ſich ſchon vorher ein kleines, ſteinernes Haus mit zwei Zimmern gebaut, und daſelbſt verlebte er die ferneren Tage ſei⸗ nes Alters, bis er ſtarb. Sein Sohn Chriſtoph war bei Lebzeiten des Vaters nie anweſend; nach ſeinem Tode iſt er gekommen, und hat ſich wieder an einer andern Stelle innerhalb der Schloßmauer ein anderes Gebäude aufgeführt, den Chriſtophbau, aber ein Theil davon iſt bereits vor drei Jahren wieder eingeſtürzt. Und ſo hatten alle einen Sporn im Haupte. Mein Großvater hat uns erzählt, daß der Vater des Julius und Julianus, Graf Prokopus, oft ganze Nächte auf einem hohen Thurme ſaß— der Thurm ſteht noch— dort habe er lange Röhre auf die Sterne gerichtet, oder auf einem Inſtrumente muſicirt, das lange, furchtbare Töne gab, die man Nachts weit im Gebirge hörte, als ſtöhn⸗ ten alle Wälder. „Und Grafen waren Beſitzer des Rothenſteines?“ fragte der Wan⸗ dersmann. „Grafen Scharnaſt ſeit dem Huſſitenkriege, früher waren ſie bloß Barone und Ritter; aber es war ein reiches Geſchlecht, und wäre es noch, wenn der Julian nicht ſo viel verſchleudert hätte.“ „Da muß ich gleich einen Brief in dieſer Geſchichte ſchreiben,“ ſagte der Wandersmann,„und Ihr müßt ihn heute noch durch einen eigenen Boten nach Priglitz hinausſchicken.“ Alle, ſelbſt der Boten⸗Simon, der neben ihm auf der Bank ſaß, ſchauten bei dieſen Worten dem Wanderer in's Geſicht, und hoben an zu — 264— lachen— der Wirth aber ſagte:„wenn Ihr das Schloß und die Grafen beſchreiben wollt, ſo iſt es freilich mehr der Mühe werth, als wenn Ihr unſte Feldſteine und die Pernitz oder gar das Heu beſchreibt, wie bisher; aber da kann Euch nur der uralte Ruprecht die beſte Auskunft geben „Ich werde gar nichts davon beſchreiben; aber indeſſen geht doch, und beſorgt mir noch heute einen Boten nach Priglitz.“ „Nichts leichter als das,“ ſagte der Wirth;„es iſt heute Samſtag, und da müſſen Abends die Holzknechte aus den Bergen kommen; ich er⸗ warte ſie jeden Augenblick, und um Geld und gute Worte geht wohl einer hinaus.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete der Wanderer,„ich habe im Drange der heutigen Dinge auf die Holzknechte gar nicht gedacht; es geht ja ohnedieß mancher des Weges, nicht wahr? oder nicht weit daneben?“ „Allerdings, allerdings,“ ſagte der Wirth ſchmunzelnd, und gleich⸗ ſam, als könne er den aufkeimenden Gedanken nicht unterdrücken, hob er nach einer Weile lauernd an:„Wenn Ihr alſo die Burg nicht beſchrei⸗ ben wollt, ſo meint Ihr etwa gar...2“ „Ich meine gar?.... „Ein Rachkomme des Julius zu ſein,“ endete der Wirth den Satz, und ſah ſehr verſchmitzt aus. Ohne aber eine Miene zu verziehen, verſetzte ſein Gegenmann: „Das könnte weit eher der Fall ſein, Vater Erasmus.“ Der Wirth, an die ungeheuerſten Ausſprüche ſeines Miethmannes gewöhnt, war gleichwohl durch die trockene Art ein wenig beirrt; allein um ſich im Wortkampfe nicht übertreffen zu laſſen, nahm er ſich gleich die noch größere Freiheit, und ſagte:„Wenn das iſt, dann iſt es freilich nicht mehr wahr, was ich mir eben dachte.“ „Nun und was dachtet Ihr Euch denn eben?“ „Ich dachte mir, wenn der Julius eine Bauerndirne geheirathet hat, ſo könnte uns, weil die Art gewechſelt wurde, wie man es mit dem Samenkorn der Felder thut, daß es wieder ftiſch anſchlägt— es könnte uns ſo, was man ſagt... ein geſetzterer Herr kommen.“ Aber wie früher, ohne ſich im Geringſten aus der Faſſung bringen zu laſſen, antwortete der Wandersmann, indem er ſeinen Blick auf den Wirth heftete:„Was werdet Ihr aber ſagen, Erasmus, wenn ich mich hinſetze, und zu Eurem eignen Erſtaunen eines lichten Tages geſcheidter bin, als Ihr alle und die ganze Fichtau zuſammen— die ausgenom⸗ men,“ fügte er luſtig hinzu,„die dort kommen; denn das ſind die herr⸗ lichſten Burſche der Welt.“ Er hatte noch das Wort im Munde, als eben Zwei jener maleri⸗ ſchen Geſtalten, wie wir ſie ſo gerne als Staffage auf Gebirgslandſchaf⸗ ten ſehen, um die Ecke bogen, und fröhlich ihre Siebenſachen, als da ſind: Aexte, Sägen, Alpenſtöcke, Steigeiſen, Kochgeſchirre u. ſ. w. auf die Gaſſe oder auf die lange Bank niederwarfen, und ſich anſchickten, ebenfalls Platz zu nehmen. Die abendliche Scene auf der Gaſſe vor der grünen Fichtau begann ſich nun zu ändern, und jener Lebhaf⸗ tigkeit zuzuſchreiten, die unſer Wanderer an jedem Samſtage zu er⸗ leben gewohnt war, und die er ſo liebte. Er achtete des Wirthes nicht mehr weiter, ſondern ſaß bereits bei den zwei Knechten, und war ſchon im lebhaften Geſpräche mit ihnen begriffen. Sie hatten den grünen Hut mit Federn und Gemsbart abgelegt, den grauen Gebirgsrock zurückge⸗ ſchlagen, und zwei verbrannte, luſtige Geſichter ſahen mit dem geſunde⸗ ſten Durſte dem Wirthe entgegen, der ihnen eben zwei Gläſer voll jenes unerbittlichen Gebirgsweines brachte, den nur ihre harte Arbeit bezwing⸗ lich, ja ſogar zum erquickenden Labſale macht. „Laßt Klöße durch Eure Weiber richten,“ rief Einer,—„aber viele; denn der Melchior und die Andern kommen nach— und fett genug laßt ſie machen, daß ſie Euren Wein bändigen.— Auch die aus den Laubgräben kommen, und aus der Grahnswieſe; ich ſah ſie drüben den Hochkogel niederſteigen, als wir gegen die Pernitz herausgingen, und hörte ihr Jauchzen.— Dem Gregor iſt ein Lamm geſtürzt, hinten beim ſchwarzen Stock; er hat darum faſt geweint, und trägt es jetzt auf ſei⸗ nen Schultern die Rieſe herab.“ „D'rum kommt er wieder ſo langſam hervor,“ ſagte der Wirth; „ich höre das Heerdeläuten ſchon eine halbe Stunde.“ „Das wirft nur die Kaiſerwand und der Grahns ſo herüber; er iſt noch weit hinten. Wir gingen im Fichtauergraben bei ihm vorbei, wie eben die Böcke das Gerölle niederſtiegen, und die Rinderglocken noch weit oben längs dem Geſteine läuteten.“ Wieder kam eine Gruppe, während er noch redete, jodelnd und ſin⸗ gend die Straße an der Pernitz heraus, und ſammelte ſich an dem Gaſ⸗ — 266— ſentiſche der grünen Fichtau, um einen Labetrunk zu thun, und fröhli⸗ chen Wochenſchluß zu feiern, da ihnen der Holzmeiſter Geld gegeben, und ſie ſechs Tage lang nur grüne Bäume und graue oder rothe Steine ge⸗ ſehen hatten. „Gott zum Gruß!— Gott zum Dank!“ ſcholl es hin und wieder. „Habt viel Arbeit gethan: die Kaiſerwieſe liegt wie überſchwemmt von Scheitern.“ „Geht an, geht an, über die Hochkogelwand warfen wir noch einige Klafter mehr herunter.“ „Schöne Tage! Wir waren auf dem Grat des Kogels, ich habe ſeit fünfzehn Jahren nicht ſo weit geſehen; die Ebene lag wie ein Bild da, und in der Stadt hätte ich faſt die Fenſter zählen können; Euren Rauch ſahen wir aus den Laubgräben ſteigen.“ „Ja wir waren in den Laubgräben, und ſind es nun ſchon ſechs Wochen. Der alte todte Prokopus geht auch wieder um; ich weiß es gewiß; er hat in der Nacht muſicirt, ich hörte es ſelber, und auch heute Nachmittags hörte ich es; denn da ſo um vier Uhr herum ein ſchwacher Wind auſſtand und durch die Föhren ging, da trug er deutlich den ſchwe⸗ ren Ton von dem zerfallenen Schloſſe herüber.“ „Hab' auch ſchon davon reden gehört, aber glaub' es nicht.“ „Der Wein iſt wie Enzian;“ rief wieder Einer. „Trink ihn nur, Gevatter Melchior,“ ſagte der Wirth,„Du trinkſt Geſundheit hinein, wie Stahl und Eiſen.“ So ſcherzten und lachten ſie. Mehrere Neue waren gekommen, da⸗ runter auch zwei Gebirgsjäger. Ihre Sachen lagen herum, und füllten die Gaſſe: ganze Haufen und Bündel von Steigeiſen, eine Garbe Al⸗ penſtöcke, lodene Ueberröcke, Gebirgshüte, eiſerne Kochſchüſſeln und An⸗ deres, und wieder Anderes— Krüge und Gläſer mußten herbei; die Klöße kamen und wurden verzehrt, und da abgeräumt war, erſchienen zwei Zittern auf dem Tiſche, die zuſammen ſpielten, und die braunen Geſellen mit dem Blicke des Gebirges ſaßen herum, und thaten ſich güt⸗ lich— und erzählten von ihren Fahrten und Tageserlebniſſen. Und ein prachtvoll herrlicher Abend war mittlerweile über das Gebirge gekom⸗ men. Die Sonne war über die Waldwand hinunter, und warf kühle Schatten auf die Pernitz; im Rücken der Häuſer glühten die Felſen, und wie flüſſiges Gold ſchwamm die Luft über all den grünen Waldhäuptern — 267— weg. Alles ſchien ſich zur Wochenruhe und zur Feier des Sonntags zu rüſten. Die Jäger waren aus dem Gebirge gekommen, die Bergarbeiter waren auf dem Heimwege, und mancher ſprach in der grünen Fichtau ein wenig vor.— Weiber und Mägde und Töchter wuſchen am Bache Fen⸗ ſter, Schemel und jede Gattung hölzerner Geſchirre;— das Rauſchen der Sägemühle hatte aufgehört, und die Heerde, deren Geläute man ſchon lange einzeln oder harmoniſch aus dem Gebirge herab gehört hatte, war nun endlich auch angekommen;— aus dem Seitenthale ging ſie ma⸗ nierlich hervor, eine Sammlung der unterſchiedlichſten Hausthiere, faſt das geſammte Eigenthum der Fichtau. Vorerſt kam das leichtfüßige und leichtfertige Geſchlecht der Ziegen und Böcke von allen Flecken und Far⸗ ben, faſt jede eine Glocke um den Hals, ſo daß nun ein mißtönig Ge⸗ klingel war, was von ferne ſo wunderſchön läutete— dann kamen Schafe, ſchwarz und weiß, und mitten unter ihnen der ſo ſchöne glän⸗ zende, ernſthaft kluge Schlag der Gebirgsrinder. Mägde, Knechte, Bu⸗ ben, wie es eben kam, empfingen die Thiere, die hieher gehörten, und ihren Ställen zuſchritten; die andern(Thiere) gingen ihres Weges wei⸗ ter, oder blieben gelegentlich ſtehen, oder traten gar zu der zechenden Ge⸗ ſellſchaft, ſahen traulich herum und ließen ſich ſchmeicheln, daß die Hals⸗ glocke erklang.— Zuletzt erſchien auf der Wirthsgaſſe auch der verwit⸗ terte, gebirgsgraue Hirtenhund und ſein Herr, der Hirte Gregor, mit einem Bündel Steigeiſen beladen und einem jungen, todten Lamme, das er auf den Armen trug, gefolgt von dem Mutterſchafe, das wedelnd und blökend zu ihm aufſah. In ſeiner Perſon war der letzte Gaſt gekommen, der Samſtags in der grünen Fichtau zu ſein, und ſein beſcheiden Glas Wein zu trinken pflegte— aber heute war er traurig; denn das geſtürzte Lamm war das ſeinige; er hatte es auf die Bank gelegt, und ſah unver⸗ wandt darauf, wie deſſen Mutter davor ſtand, es beleckte und beroch. „Vertrinkt den Aerger, Gregor,“ ſagte der Wirth,„heute koſtet Euer Wein nichts, und das Lamm kaufe ich Euch morgen um gutes Geld ab.“ „Es iſt nicht wegen dem,“ antwortete Gregor,„aber es war ein gar ſo ſchönes, munteres Thier.“ Und er ſetzte ſich doch nieder und führte das Glas Wein langſam zum Munde. Und immer feierlicher floß die Abenddämmerung um die dunklen — 268— Häupter der Gebirge, immer abendlicher rauſchten die Waſſer der Pernitz, und immer reizender klangen die Zittern. Der Wanderer ſaß mitten unter dieſen Gebirgsſöhnen. Er hatte ſein Abendmahl verzehrt, und ſprach und ſcherzte bald mit Dieſem, bald mit Jenem. Er freute ſich immer auf die Samſtagabende, und ob man gleich ſein Thun und Treiben für nutzlos und lächerlich hielt, ſo hatten ihn doch Alle lieb, weil er ſo ſehr in ihr Weſen einging und zu Zeiten recht vernünftig ſprach. Vater Erasmus war bald hier, bald da, ſprach zu Allen, und trank gemeſſen ſein abgeſondertes Glas guten, alten Ge⸗ birgswein. Seine Leute und Mägde hatten das Haus für den Sonntag geſcheuert und geputzt, friſche Fenſtervorhänge eingehangen, und die Feiertagskleider für morgen herausgelegt. So ging es luſtig fort, ein gut Stück in die Nacht hinein. Aber nach und nach ward es wieder ſtiller und die Geſellſchaft lichtete ſich. Die Arbeit dieſer Bergſöhne macht ſie heiter und mäßig, verſüßet ihnen die Nahrung und dann die Ruhe. Der Erſte, der aufbrach, war der Boten⸗Simon; er ging in den Stall zu ſei⸗ nen ſchnaufenden Schecken, und ſuchte ſein Heulager— gleich darauf ging der Schmied über den Steg— und ſo bald der Eine, bald der An⸗ dere, ſein Geräthe aufraffend und den oft langen Weg antretend, den er noch zurückzulegen hatte, ehe er zu den Seinen gelangte— und ehe der Mond, deſſen Silberſchein ſchon lange an den gegenüberliegenden Felſen glitzerte, auch auf die Häuſer hereinſchien, war nur mehr Einer da, der bloß auf den Brief wartete, den der Wanderer in der Oberſtube ſchrieb, daß er noch heute in der Nacht nach Priglitz getragen würde. Aber auch der Brief erſchien, ſein Träger verſchwand in den Schatten der Stein⸗ wand, an der der wüthende Julius fortgeritten war, und die vorher ſo belebte Gaſſe der grünen Fichtau war leer und finſter; nur in der Schenk⸗ ſtube brannte noch ein trübſelig Nachtlicht, bei dem der Wanderer dem Wirthe ſeine Wochenrechnung auszahlte, die dem Vertrage nach nie auf den Sonntag ſtehen bleiben durfte. „Und nun gute Nacht, Ohm, und rechnet ein andermal beſſer nach, daß Ihr mir nicht wieder zu viel gebt; es iſt frevelhaft, mit dem Gelde und dem Feuer nicht vorſichtig umzugeh'n— gute Nacht!— Geht Ihr morgen in die Kirche hinaus?“ „Ja freilich, ich fahre ſogar mit dem einen Eurer Füchſe, um die Thrine abzuholen, falls Ihr nichts dagegen habt.“ „Gar nichts, und ſomit ſchlaft wohl.“ „Gute Nacht.“ Und nach einer halben Stunde war es finſter und ſtill im ganzen Hauſe der grünen Fichtau, als wär es im Tode begraben. Gleichwohl entfaltete ſich noch ein anderes Bild in dieſer Nacht, das wir beſchreiben müſſen. Die Stunden der erſten ſüßen Nachtruhe begannen zu fließen.— Die Nacht rückte immer weiter auf ihrem Wege gen Weſten, und ward immer ſtiller; nur daß die Wäſſer, wo ſie hinter die Felſen rannen, un⸗ aufhörlich plätſcherten und rieſelten— aber ihr eintönig Geräuſche war zuletzt auch wie eine andere Stille, und ſo war jene Einfachheit und Pracht der Nacht gekommen, die unſtem Gemüthe ſo feierlich und ru⸗ hend iſt. Der Mond ſtand ſenkrecht über der Häuſergruppe, und legte einen fahlgrauen Schimmer über die Bretterdächer, und blitzende Demanten auf den Staubbach.— In dem Garten ſtand jedes Gräschen und jedes Laubblatt ſtille, und hielt eine Lichtperle, als horchten ſie dem in der Nacht weithin vernehmlichen Rauſchen der Pernitz: da ging den Garten⸗ weg entlang eine weiße Mädchengeſtalt, und hinter ihr der rieſig große Wirthshund, ruhig und fromm, wie ein Lamm, und an Beiden floß das volle, ſtille, klare Mondlicht nieder. Das Mädchen ſchien unſchlüſſig und zaghaft; ſie ging zuſehends langſamer, je weiter ſie kam, und einmal blieb ſie gar ſtehen, und legte die weiche Hand auf das ſtruppige Genick ihres Begleiters, als horche ſie oder zage—— dicht neben ihr in der Laube hielt ſich ein Athem an— aus Seligkeit oder Bangen;— der Hund ſchoß mit einem Satze hinein, und ſprang freundlich wedelnd an dem Erwartenden empor. „Anna!“ flüſterte eine gedrückte Stimme. „Um Gotteswillen, ich bin ein ſchlechtes, unfolgſames Kind!“ „Nein, Du biſt das ſüßeſte, geliebteſte Weſen auf der ganzen wei⸗ ten Erde Gottes— Anna fürchte Dich nicht vor mir.“ „Ich fürchte mich auch nicht vor Euch. Das weiß ich ja, daß Ihr gut ſeid, aber ſchon, daß ich gekommen bin, iſt ſchlecht, und macht mich fürchten.“ „Es iſt nicht ſchlecht, weil es ſo ſelig iſt, es iſt nur anders gut, als Dein Vater und Deine Mutter meinen.“ — 270— „Gut iſt es wohl nicht, allein ich kam, weil Ihr ſo ſehr darum batet und weil Ihr ſo ſeid, daß Ihr Jemanden brauchet, der Euch gut iſt.“ „Und alſo darum biſt Du mir gut?—— biſt Du, Anna?“ „Ich bin es freilich, vbwohl es mir zu Zeiten recht Angſt macht, daß es ſo heimlich iſt—— und ſagt nur, warum muß ich denn jetzt in ſpäter Nacht bei Euch in dem Garten ſein?“ „Frage nicht, Anna; ſiehe, daß Du frägſt, könnte mich faſt ſchon kränken. Ich habe Dir ſehr Wichtiges zu ſagen; aber ich bin aufrichtig, und bekenne es— nicht was ich ſagen werde, ſcheint mir die Seligkeit ſondern eben daß Du da biſt;— es iſt ſo lieb, daß ich Dich bei der Hand faſſe, und fühle, wie Du ſie mir nicht gerne läſſeſt, und ſie mir doch gerne läſſeſt, daß ich Dein Kleid ſtreife, daß Du neben mir nieder⸗ ſitzeſt—— ſiehe, ſchon daß ich Deinem Athem empfinde, dünkt mir lieblich— iſt es Dir denn nicht auch ſo?—— iſt es nicht ſo?“ Sie antwortete nicht, aber die Hand, die er ergriffen hatte, ließ ſie ihm; zu dem Sitze ließ ſie ſich niederziehen— und wie das Luftſilber des Mondes durch das Zweiggitter auf ihre beiden Angeſichter herein⸗ ſank, ſo ſagte ihm ihr Auge, das nachgebend und zärtlich gegen ſeines blickte, daß es ſo iſt. Er zog ſie gegen den Sitz nieder, und ſie folgte widerſtrebend, weil faſt kein Raum war; denn Anna hatte ihn einſt ſo klein machen laſſen, da ſie noch nicht wußte, wie ſelig es zu Zweien iſt. Jetzt aber wußte ſie es, und bebend, mehr ſchwankend als ſitzend ſtützte ſie ſich auf das kleine Bänkchen— auch der Mann war beklommen; denn in Beiden wallte und zitterte das Gefühl, wodurch der Schöpfer ſeine Menſchheit hält— das ſeltſam unergründliche Gefühl, im Anfange ſo zaghaft, daß es ſich in jede Falte der Seele verkriechen will, und dann ſo rieſenhaft, daß es Vater und Mutter und Alles beſiegt und verläßt, um dem Gatten anzu⸗ hangen— es iſt ein Gefübl, das Gott nur an dem Menſchen, an ſeinem vernünftigen Freunde, ſo ſchön gemacht hat, weil er ſeiner zermalmenden Urgewalt ein zartes Gegengewicht angehängt— ein zartes aber unzer⸗ reißbares— die Scham. Darum, was das Thier erſt recht thieriſch macht, das hebt den Menſchen zum Engel des Himmels und der Sitte, und die rechten Liebenden find heilig im menſchenvollen Saale, und in der Laube, wo bloß die Nachtluft um ſie zittert— ja gerade da ſind ſie — 271— es noch mehr, und bei ihnen fällt kein Blättchen zu frühe oder unreif aus der großen Glücksblume, die der Schöpfer ihnen zugemeſſen hatte; es fällt nicht, eben weil es nicht fallen kann. Und ſo ſaßen die Zwei, und hatten noch nicht die Macht gewonnen, die Rede zu beginnen. Er ſann auf einen Anfang, und konnte ihn nicht finden; ſie fühlte es ihm an, und dennoch konnte auch ſie das Wort nicht vorbringen, das ihm das ſeine erleichtert hätte. Ihr dritter Geſellſchafter blickte zu ihnen auf, als begriffe er Alles, und es war faſt lächerlich, wie er, obwohl er Beide liebte, doch auf Beide eiferſüchtig war und ſich ſtets bemühte, ſein ungeſchlachtes Haupt zwiſchen ſie zu drängen. Anna in der Güte ihres Herzens ſah freundlich auf ihn nieder, ja ſie legte ihre Hand auf ſeine Stirne, weil er ſie dauerte, daß ſie ihm nun— ja nicht nur ihm, ſondern auch den Vater und der Mutter faſt alle Liebe entzog, und einem fremden Manne zuwende.— Dieſer fremde Mann aber ſagte mit gedämpfter Stimme:„Damit Du weißt, Anna, warum ich Dir das Briefchen zuſtellte, und Dich gar ſo dringend bat, heute in die Laube zu kommen, ſo wiſſe, es hat ſich etwas ſehr Wichtiges zugetragen, was auf mein und auf Dein Schickſal großen Einfluß haben kann; aber vorher muß ich etwas Anderes wiſſen, und ich frage Dich darum, ob es denn wirklich, vb es denn möglich iſt, daß Du mich ſo ſehr lieben kannſt, wie ich Dich?—— Du ſchweigſt? — Anna, ſo ſage doch—“ „Wäre ich denn ſonſt gekommen?“ „Du liebe Blüthe— wie bin ich in der Welt ſchon ſo viele Tage unnütz herumgegangen, und da kam ich in dieſes Thal, um Steine und Pflanzen zu ſuchen, und fand Dich, die liebliche, die ſeltene Blume der Erde.“ „Redet nicht ſo,“ antwortete Anna,„denn es iſt nicht ſo— jetzt ſagt Euch bloß Eure Empfindung dieſes vor, aber in der That iſt es doch anders. Draußen in den Städten werden viele herrliche Jung⸗ frauen ſein, gegen die ich nur arm bin, wie ein Grashalm, den Ihr in unſerm Thale pflücktet, um Euch etwa einige Stunden daran zu er⸗ freuen, wie an den andern, die Ihr ſammelt.“ „Du ahneſt nicht,“ entgegnete er eiftig—„Du Alpenblume,— o wenn Du nur wüßteſt, wie hoch Du über ihnen ſtehſt,— aber wenn Du es wüßteſt, ſo ſtändeſt Du ja ſchon nicht mehr ſo hoch—— aber laſſe dieſes,— nur das Eine wiſſe: daß ich Dich mehr liebe, als Alles in dieſer Welt, und daß ich Dich in alle Ewigkeit lieben werde;— doch das Alles iſt natürlich, und kein Wunder. Du wirſt es ſelbſt begreifen, wenn Du die Welt einſt wirſt kennen lernen, aber Eines iſt ein Wun⸗ der, und erkläre es mir Du, wie kam es denn, daß Du mir gut wurdeſt, mir, den ſie hier Alle mißachten, und an dem auch wirklich nichts iſt, als ein unauslöſchlich gutes Herz?“ „Wie ich Euch gut wurde?———“ „Höre, Anna, nenne mich auch Du.“ „Rein, laßt mir das, ich kann nicht Du ſagen, es iſt mir, als ſchicke es ſich nicht; und ich könnte dann nicht ſo frei und fteundlich reden.“ „Nun ſo rede frei und freundlich.“ „Wie ich Euch gut wurde?— Seht! ich weiß nicht, wie es kam; als ich es merkte, war es eben da. Ich will Euch etwas von meiner Kindheit erzählen, vielleicht, daß Ihr es dann herausfindet. Mein Vater ſagte immer, ich ſei ein ſehr ſchönes Kind geweſen, und da ich ſein ein⸗ ziges bin, ſo that er mir immer viel Liebes und Gutes, und ich und Schmied's Katharina bekamen ſchönere Kleider, als die Nachbarskinder und die der ganzen Fichtau; deßhalb wurden ſie uns gram, und wir mußten immer allein gehen, und dieß thaten wir auch gerne, und da ſaßen wir oben auf der grünen Haide jenſeits des Baches, über den der Vater den gedeckten Steg bauen ließ, daß wir nicht hineinfielen— da ſaßen wir, und machten Grübchen in die Erde, oder pflückten Gras und Blumen, redeten mit den Käfern oder horchten den Erzählungen der alten Plumi....“ „Wer iſt die Plumi?“ „Ei, Appolonia, die alte ſchwäbiſche Amme Thrinen's, die ſie be⸗ kommen hat, weil ihre Mutter bei ihrer Geburt geſtorben iſt, und die nach ihrer Heirath mit in die Stadt gezogen iſt. Sie erzählte uns von Goldfiſchchen, die gefangen war, und Prinz Heuſchreck, der klein und grasgrün war, und ſieben Jahre dutch fremde Länder hüpfen mußte, bis er Beide erlöſ'te, wo er dann ein ſchöner Prinz ward, und die ſchöne Prinzeſſin Goldfiſchchen heirathete— und von andern Prinzen in Sammt und Seide, in Sammt und rothem Gold, ſo ſchön, wie Milch und Blut— dann von klingenden Wäldern, redenden Karfunkeln— ven den ſieben klugen Hähnen— von dem armen Huhn, das auf dem — hohen Nußberge erdurſtete— und von tauſend und tauſend andern Dingen, täglich etwas Neues und täglich das Alte.—— Denkt nur, als Ihr vor dreizehn Wochen zum erſten Male in unſer Haus tratet, hielt ich Euch im erſten Schreck ſelber für einen ſolchen Prinzen— weil Ihr ſo jung und mit ſo närriſchem Zeuge beladen waret—— und wie wir größer wurden, bekam ich vom Vater ſchöne Fabelbücher, und oben eine eigene Kammer mit ſchneeweißen Vorhängen und Simſen, und Tiſchen von ſchönem rothem Steine. Er verbot mir in die Schenkſtube zu kommen, und von der Stadt erſchien eine Frau, die uns die Fabel⸗ bücher leſen und ſelber ſchöne Dinge ſchreiben lehrte— nur leider iſt dieſe Frau zu früh geſtorben, und ließ uns nur einige Bücher zurück, die wir dann immer laſen,— ach, da ſtanden Euch Dinge darinnen, daß mir oft das Herz zerſpringen mochte vor lauter Schmerz und Sehn⸗ ſucht— und die alte Plumi kroch auch wieder aus ihrer Hinterſtube hervor, in die ſie ſich ſeit der Ankunft der fremden Frau verſteckt hatte, und erzählte wieder, und ging mit uns in's Gebirge, die einſamen, hei⸗ ßen Steinrieſen empor, Erdbeeren oder Haſelnüſſe ſuchend, oder Blumen, deren oft eine bei dieſem oder jenem Steine ſtand, ſo prachtvoll und wildfremd, daß Ihr erſchrocken wäret, Ihr habt vielleicht gar keine ſolche in Euren großen Blumenbüchern— und wenn wir tief genug in der Grahnswieſe zurückgingen, daß wir weder den Bach noch die Schmiede und Sägemühle hören konnten, und bei dem wilden Schlehenbuſche kauerten, und ſie nun erzählte, und immer tiefer hineinkam, und unter den grauen Haaren hervor die pechſchwarzen Augen in unſte Geſichter bohrte: da fuhr ich Euch oft entſetzt zuſammen, wenn ſich von der Wand daneben ein Steinchen löſ'te, und zu dem andern Gerölle niederfiel— und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn die Krüppelföhren zu reden begonnen hätten, und der Fels ſich zu neigen, namentlich wenn gar zu⸗ weilen der ſchwache weinende Ton durch die Luft herüberſchnitt, da der alte, todte Graf Prokopus auf dem Sternenthurme muſicirte—— aber was wollte ich Euch denn eigentlich erzählen?“ „Wie es kam, daß Du mir ſo gut geworden biſt.“ „Ach, die arme Thrine mußte den Stadtſchreiber heirathen— ſie that es wohl gerne, und ging gerne mit, und die Plumi auch: aber ich war dann ſo arm, daß ich es Euch gar nicht beſchreiben kann——— und da kamet Ihr und habt mich mit ſo guten Augen angeſchaut, und Stifter. 4. Aufl. I. 18 — 274— mit ſo ſchönen, und ſeid dann wieder ſo traurig geworden, daß es or⸗ dentlich ein Schmerz und eine Seligkeit war—— höret, wenn Ihr falſch ſein könntet, das wäre nun recht abſcheulich....“ „Nein, Anna, Du unſchuldsvoller Engel, ſei mir gut, ſo lange mir dieſes Leben währt; ich kann mir kein größeres Glück und keine größere Freude denken und wünſchen, als Dich. Du biſt viel beſſer als ich— und wenn Du mein Weib biſt, und wenn wir immer und immer beiſam⸗ men ſein werden, dann will ich ihnen in der Stadt zeigen—— nein, wir gehen gar nicht in eine Stadt,— unter Blumen und Bäumen will ich Dich hüten, daß Du bleibſt, wie Du biſt, Du holde, liebe Dich⸗ i „Laßt dieſe Dinge, und hört nur“— fiel ſie ihm in die Rede.„Es war faſt närriſch, wie ſehr ich Euch gut ward— die Hühner, und die Blumen, und die Tauben halfen doch alles nichts, ich konnte die Thrine nicht vergeſſen, und ſie kam kaum jeden Sonntag heraus.— Der Vater ließ mich faſt nichts arbeiten, und ich that auch nichts im Hauſe, als unnützes Zeug, höchſtens die Küchlein füttern, weil ſie meinten, ich ſei ihre zweite Mutter, und die Blumen begießen, und dieſe Laube zimmern laſſen.—— Und wenn ich dann in meiner Kammer das Abendgebet verrichtet hatte, und der Wind in die Fenſtervorhänge blies, da war ich recht traurig.— Die Bücher, welche mir Thrine immer ſchickte—— ſagt, habt Ihr auch ſchon einmal bei einem Buche geweint?“ „Wohl, Anna, wohl.“ „Seht, ich hab' es gleich gedacht, daß Ihr das gethan habt— wie Ihr ſo die allerlei Steine in unſer Haus truget, und mit ihnen lateiniſch redetet, und wie Ihr die Blumen, wie Augen ſo ſchön, in die großen Bücher legen konntet, und ſo oft recht lange anſahet, ſo dachte ich: ſie können ihn doch nicht wieder lieben, weil ſie trotz ihrer Schönheit nur unvernünftige Dinge ſind— und wer weiß, wie weit ſeine Mutter entfernt iſt— und Ihr ſahet aus, uls müßtet Ihr gar ſo unendlich gut ſein, noch beſſer, als Thrine ſelber— und wenn ſie Euch ſchalten, daß Ihr ſo unnütze Dinge treibt, ſo dachte ich: ich weiß es ſchon, weßhalb er dieſes thut; denn die Leute hier, wiſſet Ihr, kennen die Blumen und Steine nicht— und wenn mein Vater auf die Bücher Thrinen's ſchmälte, und ſagte, es ſei lauter Rarrheit in ihnen, und wenn ich es auch ſchon —— ſelber zu glauben anhob, ſo war mir doch dazumal——— aber das iſt zu lächerlich.——“ „Nun, Anna, nun?“ „Es war mir öfters, als ſeid Ihr in einem ſolchen Buche geſtan⸗ den, und daraus in unſern Garten getreten— und wenn Ihr hinten ſaßet, und das Antlitz ſo wie nachdenkend in Eure beiden Hände drücktet, ſo dachte ich, dieß ſei meinetwegen.“ „Es war auch Deinetwegen— es war auch Deinetwegen.“ „Seht Ihr?— und darum war's auch ſo: da ich mir dachte, ich will ihm recht gut werden, war ich es ſchon, mehr war ich es, als es nur ein Menſch ausſprechen kann, und ich dachte, Ihr müßtet mich ja auch unausſprechlich lieben, es könne ja gar nicht anders ſein, es ſei ſo gewiß, als wenn Ihr es ſchon ſelber geſagt hättet.“ „Und wenn es nun nicht geweſen wäre?“ „Es mußte ja, weil ſonſt alles ein Unding geweſen wäre, das nicht ſein kann— ich weiß nicht, warum der Bach in die Pernitz fließen muß, aber ich weiß, daß er es muß.“ „O, Du ahnungsreiches Herz! er muß es, und er iſt ſelig, daß er es muß. Das Ziel und Ende ſeiner Wanderung findet er dort— was weiter ſein wird, iſt ungewiß; nur Eins iſt ſicher, das Beiſam⸗ menſein, und dieſes Eine iſt Alles, ob nun gezählte Jahre fließen, oder die ungezählte Ewigkeit, ob die Körper ſich berühren, ob nicht, es bleibt ſo—— Die Leute nennen's ſonſt auch Treue—— Aber ſiehe, der häßliche Fliederſchatten deckt Dir Deine Stirne, und das ſüße Auge — neige das Haupt— ſo— noch ein wenig, mehr gegen mich— ſo— Ich möchte den Mond dort an jenes blaue Fleckchen feſt bannen, daß er immer herſchiene und immer Deine reine Stirne, und das rührend ſchöne Auge beleuchtete——.“ Und er nahm ihre Hand, drückte ſie gegen ſein pochendes Herz, gegen ſeine Lippen, gegen ſeine Augen— ihren Mund zu küſſen, wagte er nicht.— Ihr Auge aber voll ſcheuer, unbewußter, heißer Zärtlichkeit blickte auf ihn, und ſie ſagte mit vor Rührung zitternder Stimme:„Da ich Euch nun ſo ſchnell, und ſo ſehr liebgewonnen, und es Euch geſagt habe, da ich gar in der Nacht herausgekommen bin, weil Ihr ſo ſehr batet, ſo dürft Ihr nun nicht falſch ſein, Ihr dürft es durchaus nicht.“ „Gegen die Natur, geliebtes Herz, kann man nicht falſch ſein, man 18* — 276— iſt es nur gegen Wiederfalſches— man verläßt nur den, der uns ver⸗ ließ, noch ehe er uns fand, weil er in uns nur ſeine Freude ſuchte. Du liebſt, wie die Sonne ſcheint; Du ſiehſt mich an, wie ſich das gren⸗ zenloſe Himmelblau der Luft ergießt; Du kommſt, wie der Bach zum Fluſſe hüpft, und wandelſt, wie der Falter flattert: und gegen den ſchönen Falter, gegen den Bach, die Luft, und gegen das goldne Son⸗ nenlicht bin ich nie falſch geweſen, und gegen Dich vermöcht' ich's nicht zu ſein um alle Reiche dieſer Erde— ſiehe, Anna, es iſt ſo:—— aber, Anna, ſage, liebſt Du mich denn auch wirklich ſo, ſo unausſprech⸗ lich, ſo über alles Maß, wie ich Dich liebe?—— ſo ſag' es doch, Anna —— nicht?!“ Aber ſie ſagte nichts, nicht eine Silbe; das naturrohe Herz, das nie gelernt hatte, mit ſeinen Gefühlen zu ſpielen, und ſie zu lenken, war bereits von ihrer Allmacht überwältigt, und ſie konnte nichts thun, als das unſäglich gute Antlitz gegen ihn emporheben, und den Mund em⸗ pfangen, der ſich gegen ihren drückte— und ſo ſüß war dieſer Kuß, daß ſie mit der einen Hand den ſich ungeſtüm empordrängenden Hund weg⸗ ſtemmte, während ſie hinübergebeugt emporgehobenen Hauptes die Se⸗ ligkeit von den Lippen des theuren Mannes ſaugte. Er hielt ſie mit beiden Armen feſt umſchlungen, und fühlte ihren Buſen an ſeinem klo⸗ pfenden Herzen wallen. „Heinrich,“ flüſterte ſie,„ich möchte Dich doch Du nennen.“ „So nenne, mein Herz, nenne.“ „Und eine Bitte habe ich——.“ „So rede.“ „Die Bitte, daß Du nie, nie mehr auf dieſer Erde ein anderes Mädchen ſo liebſt, wie mich—— und daß ich——..5 „Was, Engel, daß Du....?“ „Richt wahr, Heinrich, Du nimmſt kein anderes Weib, ich müßte mich dann recht ſchämen.“ „Und ich, bei dem lebendigen Gotte, mich noch mehr. Anna, höre mich: jetzt lieben wir uns bloß, daß iſt leicht und ſüß, aber es muß mehr werden. Ich werde Dich von hier fortführen; Du mußt meine Gattin werden, ich Dein Gatte— das iſt ſchwer, aber unendlich ſüßer: immer an demſelben Herzen, losgetrennt von Vater und Mutter und von der ganzen Welt. Du mußt lieben, was ich liebe, Du mußt theilen, was —— ich theile, Du mußt ſein, wo ich bin, ja außer mu muß Dir nichts ſein: ich aber werde Dich ehren bis in's höchſte Alter, werde Dich ſchützen, wie den Schlag meines Herzens, werde Dein Geliebtes lieben, werde außer Dir nichts haben—— und wenn Eines ſtirbt, muß das Andere Trauer hegen bis zum Grabe. Anna, willſt Du das?“ „Ja, ſagt einmal, kann es denn anders ſein?“ „Freilich, wo es recht iſt, kann es ja nicht anders ſein; das andere iſt eben keine Ehe.“ „Und wohin werdet Ihr mich denn führen?—— aber ach Gott? wie wird es denn ſein können? Der Vater wird in Ewigkeit nicht ein⸗ willigen und die Mutter auch nicht.—— Ihr ſeid ſo gut, ganz lieb und gut— aber Ihr thut ja nicht, wie alle andere Männer, die ein Weib nehmen. Sie haben Haus und Hof, oder ſind, wie Thrinen's Stadtſchreiber: aber Ihr geht in den Bergen herum, ſchlagt Steine herab, bringt Blumen in's Haus.———“ „Siehe, das iſt ſo: Wie Du in Deinen Büchern lieſeſt, ſo bin ich beſtimmt, im Buche Gottes zu leſen und die Steine und die Blumen, und die Lüfte und die Sterne ſind ſeine Buchſtaben— wenn Du einmal mein Weib biſt, wirſt Du es begreifen, und ich werde es Dich lehren.“ „O, ich begreif es ſchon, und begriff es immer; das muß wunder⸗ bar ſein!“ „O, Du unbewußtes Juwel! freilich iſt es wunderbar!! unaus⸗ ſtaunlich wunderbar!! O, ich werde Dir noch Vieles, Vieles davon er⸗ zählen, wann wir erſt unveränderlich beiſammen ſind— da wirſt Du ſtaunen über die Pracht und Schönheit der Dinge, die da auf der ganzen Erde ſind.— Jetzt aber, Anna, werde ich Dir etwas Anderes ſagen, merke auf und behalte es in Deinem klugen Haupte. Es iſt das, weß⸗ halb ich Dich in den Garten bat, und was Deinen Vater und Deine Mutter betrifft. Da ich vorgeſtern Rachmittags wohl drei Meilen von hier im Schatten ſchöner Ahornen ſaß, und nachdachte, wie nun Alles werden ſolle: da fiel mir ein, daß ich nun hinausgehen, und mir Stand und Amt erwerben müſſe— ich habe Freunde, die mir helfen werden— dann werde ich kommen, und Deinem Vater das rechte Wort ſagen, daß er es über ſich vermöge, Dich mit mir zu laſſen. Es iſt wohl, aber weit von hier, ein Gärtchen und ein Haus, und kleine Felder— das iſt Alles mein; es nähret mich und die Meinen, die zu Hauſe ſind, die liebe Mut⸗ — ter, und eine Schweſter, die faſt ſo gut iſt, wie Du ſelber: aber das Alles würde in den Augen Deines Vaters zu geringe ſein— darum, Anna, bat ich Dich, daß Du in den Garten kommeſt, damit ich Dir ſage, daß ich nun fortgehe, aber wieder komme, Dich zu holen,— daß Du an mich glaubeſt und freundlich auf mich warteſt—— und daß ich Dich noch einmal vorher frage, ob Du nich denn auch ſo ſehr, wie ich Dich, liebſt, und in alle Ewigkeit lieben willſt— das Alles wollte ich thun—— aber ſiehe, da geſchah indeſſen etwas—— nein es iſt zu fabelhaft; ich getraue mir es ſelber nicht zu glauben—— erſchrecke nicht, es iſt nichts Böſes— ich kann es keinem Menſchen anvertrauen, doch Dir will ich es ſagen— Du, liebe Unſchuld— aber Du darfſt es nicht verrathen——.“ „Nein, ſagt es lieber nicht, ich verriethe es vielleicht doch, und ich glaube ja ohnedieß an Euch— und ſagt es nur einſt dem Vater, daß es gewiß wird, daß ich Euer Weib werde— es iſt ohnedieß ſchon hart ge⸗ nug, daß ich es verſchweigen muß, daß ich Euch ſo gut bin.—— Denkt nur, neulich hab' ich es ſogar dem Philax in's Ohr geſagt: ich lieb' ihn von Herzen, von Herzen, von Herzen—— aber der Thrine darf ich es doch morgen ſagen?“ „Wann Du mich liebſt....“ „Nein, ich ſage ihr auch nichts.—— Wenn Ihr nur nicht zu lange ausbleibt, werd' ich es ſchon überdauern.“ „O, Du ſchönes, naturgetreues Herz, wie werd' ich Dich verdienen können?“ ſagte er nach einer Weile, in der er ſich geſammelt hatte. Seine Stimme war gerührt, und wenn ſeine Augen nicht im Schatten geweſen wären, ſo hätte ſie ſehen können, wie zwei Thränen in dieſel⸗ ben getreten waren. Sie aber ſah es nicht, und da ſie wegen ſeines Schweigens meinte, es ſei ein Schmerz in ihm, ſo nahm ſie ſeine Hand in ihre beiden, und hielt ſie feſt und herzlich. Und wie ſie ſo ſaßen und ſchwiegen, und wie um ſie auch die ganze glänzende Nacht ſchwieg— und Minute nach Minute verging, ohne daß das Herz es wußte: da krähte hell und klar der Hahn, die Trompete des Morgens, der Herold, der da ſagt, daß Mitternacht vorüber und ein neuer Tag anbricht.—— Anna ſprang auf:„Um Gotteswillen, ſeht, der Mond ſteht ſo tief, daß er in den Laubeneingang ſcheint, und die — 279— Luft wird heller— ich muß zurück in's Haus— haltet mich nicht auf— und lebt recht wohl.“ Er ſtand auch auf:„Nur noch eine Minute, Anna, noch eine Se⸗ kunde— nur dieſen Kuß—— ſo—— aber Du ſagſt ja ſchon wie⸗ der Ihr.“ „Nun: Du— ſo lebe wohl, lieber, theurer Mann, und komme doch recht bald, und ſage das Wort zum Vater.“ „Und die Tage, die ich bleibe— kommſt Du noch einmal zur Laube, Anna?“ „Nein, Heinrich, es iſt nicht recht; ich will Euch unter Tags in die⸗ ſer Zeit recht freundlich anblicken, wenn auch der Vater ſcheel ſiecht, aber kommen kann ich nicht mehr, es iſt doch nicht recht.—— Sagt nur bald das Wort, dann bin ich ja immer bei Euch, Tag und Nacht.“ Noch einmal, auf die Spitzen ihrer Zehen geſtelt, empfing ſie ſei⸗ nen Kuß. „Lebe wohl,“ ſagte er,„Du innig ſüßes Herz— gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ ſagte ſie, und verſchwand im Schatten des Laubes. Er war allein. Friſcher, gleichſam dem Morgen zu, rauſchten die Waſſer der Per⸗ nitz, und die Blätter der Zweige begannen, ſich in einem kurzen Nach⸗ mitternachtlüftchen zu rühren. Der Wanderer ging aber tiefer in den Garten zurück, ſchwang ſich über die Einfriedigung, und ſchritt über den mondhellen Wieſenhügel dem Walde zu, als ſei es ihm nicht möglich, in dieſem Augenblicke ſeine Schlafſtelle zu ſuchen. Die glänzende Nachtſtille blieb von nun an ungeſtört, und nichts rührte ſich, als unten die emſig rieſelnden Waſſer, und oben die Spitzen der flimmernden Sterne. 2. Das graue Schloß. Es war ein Klingeln und Läuten und ein frendiges Brüllen und Meckern durcheinander, als am andern Tage die Morgenſonne aufging, — 280— die Bergthäler rauchten, und die Heerde wieder zu den Triften hinanſtieg. Aber der Hirt Gregor ging nicht mit, ſondern er ſtand in ſteifem Sonn⸗ tagsputze auf der Gaſſe, und ſonnte ſich; nur der graue Hund in ſeinem ewigen Werktagswamſe und der Hirtenſohn auch in dem ſeinigen beglei⸗ teten die Heerde— der eine freudig ſein Halsband ſchüttelnd, der andere rüſtig den Bündel Steigeiſen und das Griesbeil') ſchulternd, die einzigen zwei Weſen, welche heute arbeiten mußten; denn alles Andere ging der Feier und Ruhe nach. Auch der alte Boten⸗Simon ſtand ſchon mit einem glänzenden Geſichte, von dem er den zolllangen Wochenbart geſchoren, und mit noch glänzenderer Jacke auf der Gaſſe da, und ſchaute herum, recht behaglich die Wonne des einzigen Ruhetages der Woche fühlend, an dem er ſonſt nirgends hin mußte, als in die Kirche, was er ſehr gerne und immer mit vieler Salbung that. Die Pfeife dampfte bereits, und auf dem Hute hatte er ein ganzes Gebüſche von Gebirgsfedern ſtecken, nebſt dem rieſenhaften Fächer eines Gemsbartes. Die warme Sonntags⸗ ſonne ſtand bereits am Himmel und warf eine freudenreiche Strahlen⸗ menge in das Thal. An den Bergen blitzte der Thau, und die Pernitz rollte lauter Gold und Silber durch die Felſen. In allen Häuſern rührte und rüſtete es ſich ſonntäglich, und die Waldhöhen ſtanden in einem wahren Lauffeuer von Singen und Schreien der Vögel. Oben im Stockwerke der grünen Fichtau öffnete ſich ein Fenſter, und das Antlitz des Wanderers blickte heraus, die Haare von der freund⸗ lichen Stirne zurückſtreifend, und die Augen nach Himmel und Wetter richtend. Beides ward genügend befunden, und er wollte eben wieder zurücktreten, als auch Vater Erasmus aus dem Hauſe ſchritt, zunächſt an ſeinem Leibe ſchon die ſchimmernde Sonntagswäſche und die Sonn⸗ tagskleider tragend, darüber aber noch die Werktagsjacke geworfen, und die Alltagskappe auf. „Guten Morgen, Simon,“ rief er,„guten Morgen! Ein ſchöner Tag das— das ſind Tage zur Flachsblüthe.“ „Blüht bereits, wie ein blaues Meer, im Aſang draußen,“ ſagte Simon. „Ich habe ihm den handigen Fuchs in die Gabel zu ſpannen befoh⸗ *) Alpenſtock. — 281— len,“ redete hierauf der Wirth durch die Thüre des Gaſſengärtchens hin⸗ ein;„denn er iſt gelaſſener, als der andere— aber ich ſage Dir, Anna, daß Du Dich nicht etwa verleiten läſſeſt, wenn er Dich einladet, mit ihm zu ſahren; der Fabelhans würfe Dich ſammt ſich in einen Graben. Fahre mit mir, wer weiß, wie bald ohnehin Einer kommt, der Dich auf immer und ewig davonführt.“ 6 Anna, die im Gärtchen Roſen und Anderes zum Sonntagsputze ſchnitt, wurde in dieſem Augenblicke unter der Gartenthür ſichtbar, und, die braunen Augen gegen den Vater hebend, ſagte ſie:„Ei, er wird mich nicht einladen, und der Andere wird auch nicht kommen, lieber Vater.“ Sie war in ihrem Morgenkleide wieder gar ſo ſchön. Wenn ſie auch öffentlich immer im Landesſchnitte ging, ſo trug ſie doch zu Hauſe Klei⸗ der nach eigener fantaſtiſcher Erfindung, und Vater Erasmus, einſt ein Kenner weiblicher Schönheit, und nicht der Letzte, der ſie an ſeiner Toch⸗ ter anerkannte, wurde nun vollends ſchalkhaft, indem er ſagte:„Nun— nun, Du Narre, er wird nicht ausbleiben, aber wenn er kommt— ein ganz auserleſener Bräutigam muß es ſein, ſonſt laſſe ich Dich nicht von hinnen— ein ganz ungeheurer Prinz von einem Bräutigame muß es ſein.“ „Wenn ich aber nicht gerne, nicht recht gerne fortgehe,“ erwiederte ſie treuherzig,—„nicht wahr, Vater, ſo ſoll mich keiner aus der ſchönen Fichtau fortbringen?“ Und wie ſie hiebei ſo die bewußtlos ſchönen Augen gegen den Vater richtete, ſo rieſelte es ihm, der ohnedieß närriſch über ſie war, wie von lächerlichem Stolze und von lächerlicher Freude durch die Glieder und er platzte los:„Das ſoll er auch nicht— ja ich ſage Dir, wenn Du nicht ein Glück machſt, daß Du ordentlich darnach zitterſt, ſo darfſt Du nicht aus dem Hauſe— ein Glück mußt Du machen, daß die ganze Fichtau die Hände zuſammenſchlägt.“ Ueber Anna's Angeſicht floß bei dieſen Worten ein Purpur, ſo tief und ſchön, wie der der Roſen in ihrer Hand; zwei reine zentnerſchwere Augenlider lagen tief herab geſenkt, und ſie ging augenblicklich in den Garten zurück. Dort trat ſie vor einen Fliederſtrauch, ſchnitt aber nichts ab, ſondern ſtand davor, und blickte ihn bloß an— oben im Gemache — 282— ſtand Einer, und drückte ſich die Hand an ſeine Stirne—— nur die zwei argloſen alten Männer ſtanden auf der Gaſſe, und plauderten fort. „Ihr habt da eine gottloſe hoffärtige Rede gethan, Erasmus,“ ſagte der Boten⸗Simon;„wenn Ihr Eurer Tochter ein ſo vermeſſenes Glück erzwingen wollet, daß es über alle Menſchlichkeit hinausgeht, ſo ſeht zu, daß Euch Gott nicht mit ihrem Unglücke ſtrafe.“ „Nun es iſt nicht ſo arg gemeint,“ fiel ihm der Fichtauer Wirth in die Rede,„wenn es nur ein tüchtiger Mann iſt, kein ſo Haſelant, wie der Stadtſchreiber, mit dem der Schmied prahlt, ſondern ein franker Biedermann, der ſeine Geſchäfte raſch weg thut, ſchön und jung und freundlich iſt, und die Anna ein wenig hätſchelt, weil ſie's gewohnt iſt. Ein paar Pfennige muß er haben, und dann legt ſie das ihrige dazu; denn mein einziges Kind geht nicht leer aus der grünen Fichtau— und verdient ſie es denn nicht? ſagt, Simon, iſt ſie nicht ein Ding, daß es ordentlich eine Schande iſt, daß ich ihr Vater bin?— Nur meinen Kopf hat ſie nicht; ſie geht zu viel auf Faſelei und Zeugs— das hat ſie von der Mutter.“ „Ja, ja,“ ſagte Simon,„ſie iſt abſonderlich geworden; ich dutze ſie ſchon ſeit einem Jahre nicht mehr, aber ich glaube immer, Ihr habt ſie vermeſſen über ihren Stand erzogen.“ „Das ſoll ſie auch,“ erwiederte der Wirth,„ſie ſoll über ihren Stand, darum that ſie noch keinen Schritt in die Schenkſtube, und darf in der Wirthſchaft nichts anrühren— und damit iſt's gut. Ich muß jetzt zu dem Wagen ſchauen. Lebt wohl.“ „Der iſt nunmehro auch ein Narr,“ ſagte der Boten⸗Simon, indem er dem Abtretenden nachſah, und ſeine Pfeife fortrauchte. Es hatten ſich mittlerweile mehrere jener Gebirgswagen auf der Gaſſe der grünen Fichtau eingefunden, in denen die wohlhabendere Klaſſe an Sonn⸗ und Feiertagen zur Kirche zu fahren pflegt. Auch von Fuß⸗ gängern hatte ſich Einiges hingeſellt. Da die Gebirgsbewohner zerſtteut mit ihren Gehöften in den Ber⸗ gen ſitzen, da die Gebirgskirchwege oft meilenlang ſind, ſo hat ſich die Sitte gebildet, ein wenig bei der grünen Fichtau anzuhalten, um ſich zu ſehen, zu beſprechen, und etwa ein kleines zweites Frühſtück zu halten. So war es auch heute. Sowohl auf der Gaſſe als auch in der Stube waren Geſpräche, und Boten-Simon war bald von mehreren — 283— Gruppen umſtanden, wo er bald mit Dieſem bald mit Jenem ein Weni⸗ ges redete. Das Zimmer des Naturforſchers im oberen Stockwerke erglänzte indeß freundlich von den Strahlen des Morgens, und ſein Schimmer fiel auf die allerlei Stufen und Steine, die umherlagen und traurig funkel⸗ ten, oder auf Kräuterleichen, deren dürre und ſpröde Gerippe die wohl⸗ thuende Helle und Wärme nicht mehr empfanden, die durch die Fenſter herein wallte, und die ihnen einſt auf ihren freien Bergen ſo herrlich war; der Mann aber ging zwiſchen dieſen Sachen auf und nieder, und ſann nach. Da war er vor wenig Wochen in ein ſchönes Thal voll grüner Pflanzen und freundlichen Geſteins gekommen— auch ein ſchmuckes Mädchen hatte er gefunden—— und wie war denn nun Alles? Die Tage waren ſo linde, ſo ſchmeichleriſch, und ſo unſchuldig über ſeinem Haupte weggegangen. Keiner brachte etwas neues, in keinem iſt etwas geworden— ſie heiſchte nicht, ſie forderte nicht, ſie hoffte nicht—— und wenn er ſie nun ſo ſtille, ſo ſinnend, ſo brütend ſtehen ſah: da war in ihm ein ſolches Uebermaß von Neigung und Erbarmen, daß er ſich nicht zu helfen wußte. Er hätte ſich alle Adern öffnen laſſen, wenn es nur ihr, nur ihr Linderung und Glück zu bringen vermocht hätte. Er wäre gerne an das Fenſter getreten, um hinabzuſehen, aber er getraute ſich nicht; denn er fürchtete ſich, daß ſie noch immer am Flieder ſtehen und ſinnen möchte. Nachdenklich blieb er vor ſeinen Pflanzen und Steinen ſtille ſtehen, und dachte:„O du ſüßes, unerforſchtes Märchen der Natur, wie habe ich dich immer und ſo lange in Steinen und Blumen geſucht, und zuletzt in einem Menſchenherzen gefunden! O du ſchönes, dunkles, unbewußtes Herz, wie will ich dich lieben! Und ihr Blüthen dieſes Herzens, ihr un⸗ ſchuldigen, beſchämten, hülfloſen Blicke, mit welcher Freude drück' ich euch in meine Seele!“ So dachte er oben; unten aber rief die Stimme des wieder auf die Gaſſe gekommenen Vaters:„Ei, da haſt Du ja einen Pack von Blumen und Kraut aus dem Garten geplündert, und trägſt Dich damit, wie unſer Pflanzenmann, wenn er das Gras von unſern Bergen ſchleppt.“ Der Wanderer trat an's Fenſter. — 284— „Es iſt nur, Vater,“ ſagte Anna,„weil ich Thrinen einen recht vollen Strauß mit in die Stadt bringen will, weil ſie in dem großen, widerwärtigen ſteinernen Hauſe keine Blumen haben. Und wie man ſie in einen Strahß ordnet, daß es ſchön ſei, habe ich von unſerm Gaſte gelernt, der mehr von Blumen verſteht, als wir alle zuſammen im ganzen Fichtauer Thale. Es iſt auch ein wunderbares Leben in ihnen, hat er geſagt, und ich glaube es— und gewiß haben ſie noch recht liebe, kleine Seelen dazu. Er weiß ſchon, warum er ſich ſo mit ihnen abgibt.“ „Jan ja, ja, ja, Leben und Seelen und Katzen,“ erwiederte der Wirth,„ſieh nur zu, daß Du einmal mit Deinem Kirchenanzuge fertig wirſt; pünktlich nach einer halben Stunde wird abgefahren.“ Anna ging in's Haus, und nur dem feinen Ohre Heinrich's war ihr leichter Tritt auf der Treppe vernehmlich, wie ſie die Blumen auf ihr Zimmer trug. Nach einer halben Stunde waren wirklich, wie vorausgeſagt, die ſchlanken glänzenden Füchſe des Fichtauer Wirthes jeder an ſeinen Wa⸗ gen geſpannt, aber auch die Weiber, wie voraus zu ſehen, nicht fertig. Erasmus ging in einem feinen, faſt ſtädtiſchen Sonntagsrocke unruhig hin und her. Boten⸗Simon hatte nach einem rieſenlangen Stocke gegrif⸗ fen, um ſeine Kirchenwanderung zu beginnen; denn der Schecke mußte an Sonntagen die herkömmliche Ruhe haben. Auch andere Wagen war⸗ teten noch ein wenig, um ſich dem Zuge anzuſchließen. Der Schmied ſaß im lächerlichen Putze da, und hatte eine flammend rothe Decke auf den Wagenſitz gebreitet, und auf das Geſchirre des Pferdes geſteckt, um den Stadtſchreiber würdig zu empfangen. Auch der Wanderer ſtand ſchon in ſeinem ſchönen Gewande da, daß er ordentlich, wie der vernünftigſte Menſch ausſah—— ſiehe, da erſchien endlich auch Anna und die Mutter auf der Gartentreppe herabſchreitend. Die Mutter, eine ſehr ſchöne Frau mittlerer Jahre, mit Geſichts⸗ zügen, deren Ausdruck weit über ihrem Stande zu ſein ſchien, war in dem gewöhnlichen Sonntagsanzuge der wohlhabenden Gebirgsbewohner, obwohl Alles an ihr von beſſerem Stoffe und feinerem Schnitte war; denn Erasmus liebte es, die Früchte ſeiner guten Wirthſchaft an den Seinigen zu zeigen. Anna war gekleidet, wie die Mädchen des Thales, aber wie man fie ſo über die Gaſſe ſittſam dem Wagen zuſchreiten ſah, ſo hätte man geſchworen, ſie ſei aus einem ganz anderen Lande, und — trage einen Anzug, den ſie ſich erfunden, weil ſie in demſelben am ſchön⸗ ſten ſei. Ohnedieß ſind die Fichtauer Trachten die maleriſchſten im gan⸗ zen Gebirge. Da ſie an Heinrich vorüberkam, überzog ein feines tiefes Roth ihre Wangen, und ihres Verſprechens eingedenk richtete ſie ihre ſchönen Augen voll treuherziger Liebe auf ihn, ſo daß Jeder, nur ihr Vater nicht, hätte erkennen müſſen, was hier walte, wenn ſie überhaupt Augen dafür gehabt hätten. Der Naturforſcher nöthigte aus Gutherzigkeit den Boten⸗Simon zu ſich auf den Wagen, welcher aber nur ſehr zögernd und mißtrauiſch folgte und ſichtbar mit dem Plane umging, ſich der Zügel zu bemächti⸗ gen, ſobald ſich irgend etwas Verdächtiges ereigne— aber zum Erſtau⸗ nen des Wirthes und der Andern fuhr der Wanderer vor ihren Augen ſo geſchickt von der Gaſſe weg, und ſo raſch der Steinwand entlang, daß dem Vater Erasmus das Herz im Leibe lachte, wie er ſeinen Fuchs ſo taktſicher dahin tanzen ſah, und daß er ordentlich eine Hochachtung für ſeinen Gaſt zu faſſen begann. Zunächſt folgte er ſelber mit Annen und der Mutter, dann der Schmied und dann die Andern. Als man den langen ſchmalen romantiſchen Gebirgsweg neben der Pernitz zurückgelegt hatte, und eben um den letzten Hügelkamm der Fichtau herumbog, wo dem Reiſenden plötzlich ein breites Thal, und der ſchlanke ſpitze Thurm von Priglitz entgegenſteigt, fuhr ein raſcher Wagen an ſie heran, in welchem der Stadtſchreiber mit ſeiner jungen Gattin ſaß, um die Kirchfahrer zu bewillkommen. „Sei gegrüßt, Heinrich,“ hatte er geſagt,„Du theuerſter aller Vagabunden, ſei gegrüßt!“ „Gott grüße Dich, Robert,“ antwortete der Andere,„das iſt ein köſtliches Thal, dieſe Fichtau!“ „Habe ich es Dir nicht geſagt,“ entgegnete Robert,„habe ich es Dir nicht geſagt, als Du immer nicht kommen wollteſt?“ Sie hatten ſich aus den Wagen hinüber die Hände gereicht. In⸗ deſſen war aber Thrine von ihrem Sitze hinabgeſprungen und Anna auch von dem ihrigen, und ſie herzten ſich auf offener Straße, als wollten ſie ſich todt drücken, Thrine war in der That eine„ſchneeweiße“ Thrine; denn ihr Kleid trug ganz und gar untadelig dieſe Farbe, und das Frauen⸗ häubchen um das junge ſchöne Angeſicht war dem ſchneeigſten glänzend⸗ ſten Mittagswölkchen des Hochſommers vergleichbar. Sie drückte Annen — 286— von ſich, ſah ſie an, und konnte ſich nicht ſatt an ihr ſehen, daß ſie denn in ſo kurzer Zeit gar ſo ſchön geworden ſei— freilich konnte ſie nicht ahnen, aus welch ſüßem knospendem Boden dieſe Schönheit ſo ſchnell aufgeſproßt war. Anna langte den mächtigen Blumenknäuel, den ſie im erſten Schreck weggeworfen hatte, aus dem Wagen, und drang ihn Thrinen auf.„Du mußt ihn zu Hauſe auflöſen,“ ſagte ſie;„denn die armen Stengel ſind von den Fäden faſt wund gedrückt, was ihnen ſehr ſchadet; dann mußt Du Alles geordnet in Deine Blumenbecher ſtellen.“ „Gott zum Gruße, Herr Schwiegervater,“ hatte Robert dem Schmiede zugerufen;„nach dem Gottesdienſte fahren wir Alle zuſammen in die luſtige Fichtau.“ „Schön Dank, Herr Sohn, ſchön Dank,“ entgegnete der Schmied, und indeſſen hatte ſich wieder Alles zur Weiterfahrt eingerichtet. Anna ſaß wieder bei Vater und Mutter, Thrine bei dem Gatten, und Heinrich fuhr bereits mit Boten⸗Simon ſo raſch den thalführenden Weg gegen Priglitz ab, daß deſſen Hutfedern flatterten und der Gemsbart ſauſte. Man kam vor Robert's Hauſe an, wo immer die Wagen des Schmie⸗ des und Wirthes warten mußten; man ordnete ſich die Kleider, wechſelte einige Worte, und ging dann in die Kirche. Nach dem Gottesdienſte war, wie gewöhnlich, bei Robert ein Glas Wein. Thrine und Anna liefen durch alle Zimmer und verweilten hauptſächlich in der hintern Stube bei Thrinen's kleinem Kinde.„Wie es gar ſo lieb und ſchön und unvernünftig iſt,“ ſagte Anna, indem ſie die kleinen unbewußten Züge des Kindes ſtreichelte. Der Schmied ſaß indeſſen vorne in der Prunkſtube im Ehrenſtuhle, Anna's Mutter bekam ſüßes Gebäcke, Erasmus machte beim Priglitzer Wirthe drüben ein Ge⸗ ſchäft ab, und die Freunde Heinrich und Robert beredeten ſich angelegent⸗ lich einige Minuten in einer Fenſtervertiefung, als ob ſie einen Plan in's Reine brächten. Dann traten ſie zu den Andern. Vater Erasmus kam auch. Thrine hatte ſich angekleidet, von dem Kinde Abſchied genommen — und nun fuhr Alles der grünen Fichtau zu. Wir aber müſſen hier von derſelben ſcheiden, ſo gerne unſte Feder noch bei dem klaren, freien, heiteren Fichtauer Leben verweilen möchte. Allein der Zweck der vorliegenden Blätter führt uns aus dieſer harmloſen Gegenwart, die wir mit Vorliebe beſchrieben haben, einer dunklen ſchwermüthigen Vergangenheit entgegen, die uns hie und da von einer — 287— zerriſſenen Sage, oder einem ſtummen Mauerſtücke erzählet wird, denen wir es wieder nur eben ſo dunkel und mangelhaft nacherzählen können. Zu Ende verſprechen wir wieder in die Gegenwart einzulenken, und ſo ein dämmerndes, düſteres Bild in einen heitern freundlichen Rahmen ge⸗ ſtellt zur Anſicht zu bringen. Heinrich hatte nämlich von Robert das Verſprechen erhalten, daß er ſich bemühen wolle, ihm den Eintritt in den verfallenden Rothenſtein zu verſchaffen, und daß er ihm den Erfolg ſeiner Bemühungen in einem Briefe mittheilen werde, der zugleich Ort und Zeit der Zuſammenkunft feſtſtelle. Ehe wir ſie nun auf den alten Berg und in das alte Schloß gelei⸗ ten, iſt es uns noch gegönnt, den letzten Rückblick in das Fichtauer Thal zu thun, und zu ſagen, daß die Forellen des Vater Erasmus ganz vor⸗ trefflich waren, daß Thrine, Anna, Robert und der Wanderer beim Schmiede im Garten ſpeiſ'ten, daß nach Tiſch ein ergötzliches Scheiben⸗ ſchießen war, daß ſich manche heitere und luſtige Gäſte in der grünen Fichtau vorfanden, daß Anna im Laufe des Abends einmal der ſchnee⸗ weißen Thrine ohne allen Grund um den Hals fiel, und endlich, daß die Stadtleute erſt nach Hauſe fuhren, da ſchon alle Sterne am Himmel ſtanden. Gleich darauf, da ſchon auch alle Lichter der grünen Fichtau ausgelöſcht waren, trat det Mond heimlich über den Berg herüber, und ſchaute in den Garten, ob er wieder das ſüße, flüſternde, verſtohlene Glück erblicke, wie geſtern— allein es war nicht da; Gebüſch und Gar⸗ ten ſtanden leer, und die ganze Nacht erblickte er nichts anderes, als die glänzenden Lichttropfen der Gräſer, und das ſilberne Rieſeln der Waſſer. Dem bewegten Sonntage folgte die arbeitsvolle Schleppe der Woche: Simon und der Schecke fuhren landaus, landein, die Säge⸗ mühle kreiſchte, die Schmiede toſete; Erasmus handirte und wirthſchaf⸗ tete, Anna ging hier und dort, oder ſtand und dichtete. Freilich hielt ſie treu ihr Wort in Hinſicht des freundlichen Anſchauens, aber auch in Hin⸗ ſicht der Weigerung, je wieder mit Heinrich allein beiſammen zu ſein. Er ſah ſie nur von ferne, er ſah ſie gehen und kommen, oder ihr liebes Kleid ſanft ſchimmern zwiſchen den Büſchen des Gartens. So verging die Zeit. Der Flachs blühte im Aſang draußen immer blauer und blauer, die Tage wurden einer ſchöner als der andere, und ſo kam endlich auch wieder der Samſtag, und mit ihm der Schecke, und — 288— Simon, und auch der Brief von Robert. Nachdem ihn der Wanderer geleſen, zahlte er an Vater Erasmus die Wochenrechnung, ſagte, daß er heute nicht die Knechte aus den Gebirgen, die Jäger und andere Samſtags⸗ gäſte der grünen Fichtau abwarten könne, ſondern, daß er noch heute nach Priglitz gehen, und bei Robert übernachten wolle— etwa nach ein paar Tagen komme er wieder zurück; ſeine Sachen ſollen indeß auf ſeinem Zimmer verſchloſſen bleiben. Und ſomit war dieß unſer letzter Blick in die Fichtau. Heinrich ging erſt ſpät Abends fort, und wie er der Steinwand entlang ging und um ſie herumbog, ſo verſank hinter ihm und auch hinter uns die ganze liebe grüne Fichtau mit allen ihren bereits angezündeten Lichtern, mit ihren fröhlichen Samſtagsgäſten, und dem abendlichen Klingen der Zittern. Nur die rauſchende Pernitz ging mit ihm, und erzählte und plauderte ihm in der Finſterniß vor, bis ſie Beide hinauskamen in das breitere Thal und an die Mauern von Priglitz. Des andern Tags war wieder ein Sonntag, der nächſte ſeit jenem, wo wir die Geſellſchaft auf ihrer Kirchenfahrt begleitet hatten; aber heute finden wir die zwei Freunde, Robert und Heinrich, allein, wie ſie, ehe noch die Strahlen des ganz heitern Tages heiß zu werden begannen, den verhängnißvollen Berg zu dem Schloſſe Rothenſtein hinanſtiegen. Den ebenen Weg hatten ſie mit einem Wagen zurückgelegt. Am Fuße des Berges nahm ſie eine Allee uralter dichtbehaarter Fichten auf, und leitete ſie empor. Die laue Vormittagsluft ſeufzte ſchwermüthig in den Zwei⸗ gen, und je höher ſie kamen, wurde es immer einſamer, und das ſonn⸗ tägliche Schweigen der Fluren wurde immer noch tiefer und noch ſchwei⸗ gender. Endlich gelangten ſie zu einer grauen, von dichten Fichtenzwei⸗ gen geſtreichelten eiſenglatten Mauer von ungewöhnlicher Höhe. Dem Fahrwege der Allee gegenüber ſtand der weiße Fleck des zugemauerten Thores, und darüber ſtarrten mißſtimmige Trümmer eines Wappens. Robert duckte ſich unter das zwiſchen den Fichtenſtämmen wuchernde Haſelgeſträuch, ging etwas neben der Mauer fort, und dann drückte er gegen einen hervorſtehenden eiſernen Knopf, worauf im Innern eine grelle Glockenſtimme antwortete. Allein, nachdem die unaufhörlich wackelnden Töne des Metalles geendet hatten, war es wieder ſtille, wie zuvor, nur daß ſich in der beginnenden Tageswärme ein vielſtimmiges Grillenzirpen auf dem Berge erhob. — 289— Vergeblich rief Robert:„He, Holla! ich bin es, der Syndikus, den Du einzulaſſen verſprochen.“ Es erfolgte keine Antwort. Nur ſah Hein⸗ rich, da er zufällig emporblickte, am Mauerrande ein Haupt: Geſicht und Haare ſo grau, wie daneben die uralte Steinmetzarbeit, und die Augen ſtarr auf die beiden Männer geheftet. Nach einer Weile verſchwand es, und kurz darauf hörte man ein ſeltſames Aechzen und Knarren in der Mauer, und zum Erſtaunen des Wanderers ſchob ſich ein Stück derſelben gleichſam in einander, und es wurde die dunkle Mündung eines Pfört⸗ chens ſichtbar, darinnen, wie in einem Rahmen eine große Geſtalt ſtand, dieſelben ſteingrauen Geſichtszüge tragend, die Heinrich auf der Mauer geſehen hatte, nur ein Lächeln war jetzt auf ihnen, ſo ſeltſam, wie wenn im Spätherbſte ein einſamer Lichtſtrahl über Felſen gleitet.—„Geht nur gleich in den grünen Saal,“ ſagte die Geſtalt. „Sei gegrüßt, Ruprecht,“ ſagte Robert,„zeig' uns den grünen Saal, und alles Andere auch, wenn es Dir genehm iſt.“ Ohne alle Antwort wich der Mann zurück. Sie traten ein, und in demſelben Augenblicke ging ein fürchterlicher, ein zärtlich gewaltiger Ton über ihren Häuptern durch die Luft. „Es iſt nur die Geige des Prokopus,“ ſagte der alte Mann,„ſchrei⸗ tet herein, Erlaucht, in die Stadt des alten Geſchlechtes.“ Bei dieſen Worten vetbeugte er ſich gegen Stellen, wo Riemand ſtand—; und dann richtete er den Mechanismus der Mauer. Es hob wie eine ablaufende Thurmuhr zu ſchnarren an, ſchwenkte herum, und ſchloß ſich, ſo daß der Ort kaum zu erkennen war, durch den ſie herein⸗ gekommen. Die Freunde ſtanden aber nun innerhalb der Mauer nicht etwa auf einem Schloßplatze oder dergleichen, ſondern wieder im Freien, und vor ihnen ſtieg der Berg ſachte weiter hinan, nur war ſeiner Senkung ein breites, weites räthſelhaftes Vieleck abgewonnen, auf dem ſie ſich eben befanden; es war mit Quaderſteinen gepflaſtert, aber aus den Fugen trieb üppiges Gras hervor, und die heiße Sommerſonne ſchien darauf nieder. Mitten auf dem Platze lagen zwei ſchwarze Sphinxe, mit den un⸗ geheuren ſteinernen Augenkugeln glotzend, und zwiſchen ſich das ausge⸗ trocknete Becken eines Springbrunnens hütend, aber aus dem aufwärts⸗ zeigenden Stifte ſprang kein Waſſer mehr; der Wind hatte das Becken halb mit feinem Sande angrfüllt; aus den Randſimſen quollen Halme Stifter. 4. Aufl. I. 19 — 290— und dürre Blümchen; und um die Buſen der Sphinxe liefen glänzende Eidechſen. Weiter hinter dieſer Gruppe ſtand ein Obelisk, jedoch ſeine Spitze lag ihm zu Füßen. „Der Graf Johannes iſt ſchon vor dreihundert oder vierhundert Jahren geſtorben,“ ſagte Ruprecht. Seitwärts dieſem Platze ſahen die Freunde ein kleines Häuschen ſtehen, wahrſcheinlich die Wohnung des Pförtners; von dem eigentlichen Schloſſe aber war nichts zu erblicken, als graues Dachwerk, über das Grün des Berges hineinſchauend, und von kreiſenden Mauerſchwalben umflogen. Sie ſtiegen ſofort den verwahrloſ'ten ausgewaſchenen Weg hinan. Hie und da war auf der Abdachung des Berges ein Geſchlecht zerſtreuten Mauerwerkes und grünen Wuchergebüſches, worunter ganze Wuchten des verwilderten Weinſtockes, der ſeiner Zucht entronnen, ſich längs des Bodens hinwarf, und ſein junges frühlingsgrünes Blatt ge⸗ gen das uralte Roth der Marmorblöcke legte, die hie und da hervorſtan⸗ den. Mancher kreiſchende Vogel ſchwang ſich aus dieſer grünen Wirrniß empor, wie die Freunde weiter ſchritten, und verſchwand im lächelnden Blau des Himmels. Auf dem ganzen Wege erblickten ſie kein einziges menſchliches We⸗ ſen. Die Seite des Berges, auf der ſie ſtiegen, ſchien ein verkommender Park zu ſein. Es hüpften Haſen empor, und flohen ſeitwärts, alle Ar⸗ ten von Schmetterlingen und Inſekten flogen und ſummten, und eine Lindengruppe, an der die Freunde vorüberkamen, hing voll wimmelnder Bienen. Aber nirgends war ein Menſch. Als ſie auf der Hälfte des Weges waren, kam ihnen ein Hund nach, ein Bulle der größten Art, und ging ruhig hinter Ruprecht her. „Wir haben alle Dinge bewacht,“ ſagte der alte Mann,„und der Hund iſt mir ſehr beigeſtanden, weil ſie ihn fürchten weit und breit. Im Sixtusbaue, wo die Nonnenzellen find, fließt alles von Honig; denn ich nahm ihnen nie einen, und der Wein muß in ſeiner eigenen Haut liegen. Ich habe dem Gerichte, da es alles anſchauen wollte, den Weg nicht gezeigt, der von der Nonnenclauſur hinabführt, darum wiſſen ſie von dem Weine nichts. Gehet aber in den grünen Saal, Erlaucht, da werdet Ihr ſehen, wie gut der Mann conterfeit hat.“ Heinrich ſah verwundert auf Robert, dieſer aber ſagte:„Du haſt — 291— wieder einen Deiner böſeſten Tage, altes Rüſtzeug.“ Dabei heftete er die Augen auf den Mann. Dieſer aber ſchwieg augenblicklich, ſah den Syndikus betroffen an, und durch die verſteinerten Züge ging ein feines Erröthen, wie wenn er ſich ſchämte. Fortan ſchwieg er. Man hatte endlich die Kante des Berges erreicht, und Heinrich ſah nun, wie erſt eigentlich gegen die andere Seite hinab in einem ſanft⸗ geſchwungenen Thale die Sammlung der Bauwerke lag. Es war Alles viel großartiger, weiter, und auch verworrener, als er gedacht hatte. Ein ganzes Geſchlecht mußte durch Jahrhunderte hindurch auf dieſem Berge gehauſet, gegraben und gebaut haben. Abgeſonderte Bauwerke, gleichſam ſelber wieder Schlöſſer, ſtanden auf verſchiedenen Punkten, niedere Mauern liefen hin und her, Brüſtungen bauſchten ſich, die An⸗ muth griechiſcher Säulen blickte ſanft herüber, ein ſpitzer Thurm zeigte von einem rothen Felsgiebel empor, eine Ruine ſtand in einem Eichen⸗ walde, und weit draußen auf einer Landzunge, deren Ränder ſteil ab⸗ fielen, ſchimmerte das Weiß neueſter Gebäude. Und dieſe ganze weit⸗ läufige Miſchung von Bauten, Gärten und Wäldern war umfangen durch dieſelbe klafterdicke hohe graue Eiſenmauer, durch welche ſie herein⸗ gelaſſen worden waren, und an welcher Heinrich bei ſeiner Entdeckung des Schloſſes, wovon er nur einen Theil geſehen, herumgekrochen war, um einen Eingang zu finden. Wie ein dunkles Stirnband umzirkelte ſie den weiten Berg, und ſchnitt ſeinen Gipfel von der übrigen Welt heraus. Da ſtanden ſie nun, und Robert ſuchte zu erklären, was er erklären konnte; denn auch er war mit dem Schloſſe und mit Ruprecht nur äußerſt oberflächlich bekannt, in wiefern es nämlich ſeit dem Tode des letzten Beſitzers ſeine amtlichen Verhältniſſe mit ſich gebracht hatten. Der griechiſche Bau war der des Grafen Jodok, deſſen der Vater Erasmus erwähnt hatte. Er ſah aus dem Schooße dichten Gebüſches herüber: ein edles Geſchlecht weißer ſchlanker Säulen.— Und um ſie herum war es ſo grün, als zöge ſich ein joniſcher Garten ſanft von ihnen gegen die andern barbariſchen Werke hinan. Weit davon weg ſtand der Thurm des Prokopus, ein ſeltſamer Gegenſatz zu dem Vorigen; denn wie ein verdichteter zuſammengebundener Blitz ſprang er zackig und gothiſch von ſeinem Felſen empor; der Felſen ſelbſt ragte aus einem Fichtenwalde, der, durch den Borkenkäfer abgeſtorben, wie ein weißes 1 — Gegitter da ſtand. Hinten auf einer breiten glatten Wieſe lag der ſoge⸗ nannte Sixtusbau: breit, bleifarben, maſſiv, ohne die geringſte Verzie⸗ rung, mit noch vollſtändig erhaltenem grünem Kupferdache. Die Fenſter, ohne Simſe und flach, ſtanden ſo glatt in der Quadermauer, wie Glim⸗ mertafeln, die im Granite kleben. Die neueſten Gebäude auf der aus⸗ laufenden Bergzunge waren die Wohnung Graf Chriſtoph's, des letzten Beſitzers, geweſen. Lange Teraſſen und Gartenbauten ttennten ſie von den oben genannten, und ein Gartenhaus, allerlei Ruheſitze und Luſt⸗ häuschen umgaben es, mit und ohne Geſchmack erbaut, und bereits wie⸗ der im Verfalle begriffen. Von hier aus ſah man auch deutlich die Ruine um den Eichenbeſtand herüber blicken, einen Bau voll Balkonen, Giebel und Erker, aber gräßlich zerfallen— es war das Haus des alten Julian geweſen. Ein Gedränge uralter rieſenarmiger Eichen ſchritt von dem Neubau gegen die Ruine hinüber, und man ſah zwiſchen den Stämmen Damhirſche wandeln und graſen. „Das iſt ja ganz herrlich und närriſch,“ rief Heinrich,„wer hätte gedacht, daß eine ſolche Menge von Gebäuden auf dieſem Berge Platz haben ſollte, und daß noch die ſchönſte Landſchaftsdichtung zwiſchen ihnen und um ſie liege. Mir iſt es, wie in einem uralten Märchen, alles ſo wunderlich, als läge die Fichtau gar nicht unten, in der ich doch ge⸗ ſtern noch war. Komm, laß uns auf die äußerſte Spitze dieſer Zunge vorgehen, dort muß die ſchönſte Umſicht ſein, und ehe wir in all das Mauerwerk kriechen, wollen wir hinunterſehen auf das Land, ob es denn auch wirklich noch iſt, wie geſtern.“ Und ſie gingen vorwärts auf der Zunge, deren Spitze zugleich der höchſte Punkt des Berges war. Hier ſtürzt die Wand ſchwindelſteil ab, und man ſieht über die Ringmauer wohl hundert Klafter ſenkrecht nieder. Auch auf dieſer äußerſten Spitze war ein Bauwerk, aber nur ein länglich rundes Dach von Säulen getragen, zwiſchen welche man im Winter Glasfenſter ſchieben kann. Im Innern ſind an den Säulen herumlau⸗ fende Sitze, von dem rothen Landesmarmor gehauen. Wohl war das Land noch, wie geſtern: grün und weich und ruhig lag die ganze Fichtau in der Sommervormittagsluft unten, ein ſanftes Hinausſchwellen von Hügeln und Bergen, bis wo der blaue Hauch der Ferne weht, und mitten drinnen der glänzende Faden der Pernitz— alles bekannt und vertraut, eine holde Gegenwart, herumliegend um die un⸗ —— klare Vergangenheit, auf der ſie ſtanden. Von der Häuſergruppe der grü⸗ nen Fichtau war nichts erſichtlich, nur der Felſengipfel des Grahns blickte röthlich blau und ſchwach durch die dicke Luft herüber, und Heinrich's Auge haftete gerne und mit Rührung auf ihm, als einem Denkzeichen des lieben ſanften Herzens, das an ſeinem Fuße ſchlägt, und vielleicht in dieſer Minute an den fernen theuern Freund denkt. Die Männer ſprachen nur wenige Worte, indem ſie ihr Vergnügen ausdrückten, und ſich die verſchiedenen Berggeſtalten zeigten und erklär⸗ ten, während der Alte noch immer ſtumm und unbeweglich hinter ihnen ſtand— nur die auf dieſer Höhe ziehende Mittagsluft regte die dünne, graue Locke ſeiner Schläfe; denn er hatte ſein Barret von Beiden unbe⸗ merkt, noch immer in den Händen. Sie hätten wohl zu andern Zeiten länger das heitere Bild zu ihren Füßen betrachtet, aber heute zog ſie ihre nächſte Umgebung unmittelbar an. Heinrich ſchlug vor, gleich die neuen Gebäude aufſchließen zu laſ⸗ ſen, da ſie einmal in der Nähe ſeien, aber Robert zeigte ihm, daß dieß unmöglich ſei; denn Graf Chriſtoph hatte, da er in den aftikaniſchen Krieg geritten, vorher alle Thore verſiegelt, mit dem Befehle, daß vor ſeiner Zurückkunft nichts berührt werden dürfe, im Falle ſeines Todes aber der neue Beſitzer erſt am Tage ſeines Antrittes die Gebäude öffnen möge. Da hingen nun hinter allen den großen Spiegelfenſtern des Hau⸗ ſes ruhig und ſchwer die grünſeidnen Vorhänge nieder, und regten keine Falte hinter dem glatten glänzenden Glaſe. An Thüren und Thoren waren die Siegel, ebenfalls grün, ſehr groß, und mit dem Scharnaſt'⸗ ſchen Wappen verſehen. Von dem Dache hatte der Wind den einen und andern Ziegel heraus genommen, worauf bald mehrere oder wenigere Nachbarn folgten, ſo daß an manchen Stellen die nackten Sparren und Latten ungaſtlich und lächerlich in die Luft hinausſtarrten. Der alte Mann ſah das Alles mit ruhigen und heitern Blicken an, als wäre es in der ſchönſten Ordnung. Der Kiesplatz vor dem großen Thore war von altem Regen zerwaſchen, keine Spur von Rädern oder Hufen, und überall zwiſchen den Quarzkörnern ſproßte zartes Gras hervor. „Und wie lange iſt Dein letzter Herr ſchon weg?“ fragte Robert. „Nach der großen Krankheit———“ begann langſam, ſchüchtern und mißtrauiſch der alte Mann, indem er ſich näherte—— aber Robert unterbrach ihn und ſagte:„So ſetze doch Dein Barett auf.“ — 294— „Ja, die Sonne iſt heiß,“ erwiederte Ruprecht,„ſie iſt heiß, ich habe es vergeſſen— und eine Pelzhaube iſt gegen ſie ſo gut, wie gegen den Winter.“ Und wirklich ſahen die Freunde, daß ſein Barett, das er bisher immer in den Händen gehalten hatte, trotz des heißen Sommertages eine Pelzhaube war. „Nun wie lange,“ ſagte Robert wieder,„iſt dieß Haus da her⸗ renlos?“ „Nach der großen Krankheit,“ fuhr der Greis fort,„die draußen im Lande war—— nein, es war ja vor der Krankheit, und Narciſſa ſtarb an ihr, weil ſie ſich ſo kränkte; aber eigentlich hieß ſie gar nicht Nar⸗ ciſſa, ſondern Tiburtia, aber weil ſie ſo hoch gewachſen war, weil ſie ſo zart und ſchön war, und weil ſie den Kopf ſtets ein klein wenig geſenkt trug, ſo hat er ſie immer Rarciſſa genannt—— Der Herr vergebe ihm, er war ſehr ſtürmiſchen Gemüthes, aber er war auch wieder ſo fromm, wie ein Kind; denn ich ſelber habe ihn einmal weinen geſehen, daß man meinte, das Herz werde ihm aus dem Leibe ſpringen— und dann ließ er die grünen Vorhänge nieder, ſiegelte alle Thore zu, und ritt davon; denn ſeht, er war auch trotzig, wie Graf Julius, der ebenfalls fortging, und nicht wieder gekommen iſt. Er hatte die Tage vorher das Drehthor machen, und das große daneben zumauern laſſen— und alle Diener und Jäger, und die Hunde und die Pſerde— Alles flog desſelben Tages da⸗ von, und ſagte:„Hüte das Werk, wie den Stern Deiner Augen, und halte die Brut ferne, bis ich komme, und ſie als mein Weib erkenne.“ Dann habe ich das Werk gehütet, daß nur die Vögel des Himmels herein zu fliegen vermochten. Eine Stille war Euch, Graf Sixtus, eine Stille im Sonnen⸗ und Mondenſcheine— und immer fort ſtill, nur daß die Todtengeige des Prokopus, die er wieder hatte aufziehen laſſen, zuweilen Nachts oder Tags tönte oder läutete. Dann waren fünf, ſechs, acht Jahre, bis die vielen Herren mit dem Pergamente kamen, Alles unter⸗ ſuchten und zuſiegelten— dieſer Syndikus, der mit Euch iſt, war auch dabei— und ſie erzählten, daß man ihn in der heidniſchen Stadt ſo ſchön begraben habe. Die Narciſſa liegt in der Schloßkapelle; der De⸗ chant war ſelbſt herübergekommen, und hatte geſagt:„Ich will ſie ge⸗ ſegnen.“ Sie konnte nicht mehr warten, weil ihr das Herz ſtehen geblie⸗ ben war.“ . . — 295— Er hatte dieſe Rede größtentheils an Heinrich gerichtet. Dieſer hörte ihm ſchweigend, und mit Schonung zu. Man war indeſſen durch den Eichenhag bis nahe an die Ruinen des Grafen Julian gekommen, und wie man auf den glänzenden Raſenplatz hinausgetreten war, auf dem die Trümmer liegen, ſo ſprang der große Hund Ruprecht's plötzlich gegen den Anger vor, und wedelte und ſcharrte, und bellte gegen die Luft empor— Ruprecht aber ſchrie:„Daß Du ſtürzeſt, Pia, fürchterliches Kind,— Pia! Pia!—— ſiehe, mein Herz, komme eilig herunter—— ich habe Dir ja geſagt, Du ſolleſt bei den Ringelblumen ſitzen bleiben, und ſolleſt zählen, wie oft die Schwalbe zugeflogen kommt——.“ Und ein feines klingendes Silberſtimmchen ertönte in der Luſt: „Sie flog fünfmal und zwanzigmal, und immer— und von den Ringel⸗ blumen iſt die erſte gelb, und die zweite gelb— und ſie waren alle gelb. Ich falle nicht, ſiehe nur, ich falle nicht.“ Die Freunde blickten empor, und auf dem höchſten der vielen Bal⸗ kone des zerfallenden Schloſſes, auf einem Balkone, der ſo in der Luft draußen hing, als klebe er nur an einem einzigen Steine, war ein Kind — ja ſogar nicht einmal auf dem Balkone, ſondern auf dem Steingelän⸗ der desſelben war es, halb ſitzend, halb reitend, es ſchien ein Mädchen; denn eine Fülle der ſchönſten gelben Ringellocken wallte um den Nacken und das glühende Geſichtchen, ſie mochte zehn bis eilf Jahre alt ſein, oder auch noch jünger— am äußerſten Geländer ſaß ſie und jauchzte, und ſo wie ihr Ruprecht zugerufen hatte, und wie ihr eignes Stimmchen erklungen, wurde ſie noch fröhlicher, daß er ſie geſehen; ſie ſtand auf, und ſchwebte nun ſtehend auf dem unſichtbar ſchmalen Stege des Gelän⸗ ders, und ging vorwärts und ging rückwärts, und neigte ſich, und beugte ſich über, daß den Männern unten ein Schwindel und Grauen ankam, und daß ihnen die Augen vergingen. Und ſie rief dem Hunde zu:„Hüon, Hüon: komm herauf.“ Und da dieſer ſich wälzte und plump in die Luft ſprang, und ungeſchickte Freudentöne gab, ſo wußte ſie ſich vor Lachen nicht zu helfen. „Ich werde mir die Haare ausraufen, wenn mir einmal der Hund ihre zerſchmetterten Glieder nach Hauſe ſchleppen wird; denn er hat ſie lieb, und ſie folgt ihm auch am meiſten.“ Dieſe Worte hatte der Greis heimlich zu ſich geſagt, aber die zwei Männer hatten ſie gehört. Indeß warf oben das Kind die Arme empor, und rief:„Ich ſehe —— hierhin, und dorthin, ich ſehe alle Mauern, alle Bäume und die ganze Welt.“ Es ſchien, als hänge ihr lichtes Kleid, wie eine weiße Sommerwolke im Himmelsblau draußen— die Männer ſtanden regungslos, um ſie nicht zu erſchrecken und zu ſtören— endlich verſchwand ſie plötzlich oben, man hatte kaum geſehen, wie ſie von dem Geländer geſtiegen, und durch die Mauer hineingekommen war— und faſt in dem nämlichen Augen⸗ blicke wurde ſie unten auf dem Raſen ſichtbar, wie ſie durch eine kleine Breſche neben Himbeergeſträuche heraustrat. Sie blieb ſtehen, als be⸗ merke ſie die Fremden erſt jetzt, zögerte, ſah ſie eine Zeit lang mit wilden ſchwarzen Augen an, dann aber ging ſie zuerſt langſam um die Mauer⸗ ecke, ſcheu und wild, wie eine junge ſchlanke Pantherkatze, dann fing ſie an, den jenſeitigen Raſenhang hinab zu laufen— der Hund hinter ihr, und die Freunde ſahen noch, wie ſie weiter unten das mächtige Thier mit beiden Armen umſchlang, und ſich mit ihm durch Gras und Gebüſche hinabſchleifte, bis ſie Beide nicht mehr ſichtbar waren, und nur die Büſche wogten. „Wir werden jenes Loch zumauern, Erlaucht,“ ſagte Ruprecht flü⸗ ſternd, indem er hinzeigte, und in ſeinen Geſichtsfalten Zorn und Todes⸗ bläſſe ſchlotterten,„im Parthenon liegen noch Ziegel, ſie werden ohne⸗ dieß nicht gebraucht.“ Dann fuhr er fort, als hätte er ſeine Begleiter vergeſſen:„Die Ra⸗ ben des Grahns werden kommen, über meine Hütte fliegen, und mir Botſchaft bringen, wenn ſie ſchon Tagelang nicht nach Hauſe gekommen iſt— weil ſie auf einem rothen Steine liegt; die gierige Kohlmeiſe wird ihre Aeuglein ausgehackt haben— oder die Waſſer der Pernitz werden um ihre zarten Glieder waſchen, und die Fiſche werden heimlich herum⸗ ſchießen, wie ſtumme Pfeile, haſtig zupfen, und ſich um das Stückchen balgen, das einer erwiſchte—— ich werde indeß ſuchen, und ſuchen, immer, immer—— und werde dann zum fürchterlichen Himmel heulen, daß die Sterne daran zittern; denn ſie iſt das Allerſchönſte auf der Erde, das Schönſte zwiſchen Sonnen und Sternen, wie Narciſſa war.“ Einen tiefen furchtſamen Blick warf er gegen Heinrich, und ſagte: „Ich werde öffnen; denn ich halte immer geſpert.“ Und er drehte große Schlüſſel in dem knarrenden Schloſſe— aber es war lächerlich, zu ſchließen, wo nichts zu verſchließen war; denn alle Mauern klaften, eine breite ſanfte Treppe führte zu Schutt, durch die — 297— Fenſter wehte die Luft, kein Getäfel und Holz war mehr zu ſchauen, der Marmor der Gänge und Säle war erblindet, ſteinerne Stiegen hingen in der Luft, Mörtel rollte und rieſelte allſeits, ein buntes Lichterſpiel flim⸗ merte, und hellgrüne Pflanzen taumelten, wo ein Lüftchen zog, oder ein Strahl hinküßte. Ueber eine jener hängenden ſchief geſunknen Stiegen mußte das Mädchen zu dem hohen Balkone gelangt ſein. Nachdem ſie über Kalkhügel und Steinhaufen gegangen, durch Bre⸗ ſchen und Thürlöcher gekrochen, ohne das mindeſte Merkwürdige getroffen zu haben, verlangten ſie hinaus, und der Greis führte ſie durch ein an⸗ deres Thor, das er ebenfalls ſorgſam hinter ſich verſchloß, in den Garten des Hauſes. Es war ein langes Viereck, zu deſſen beiden Seiten Mauer⸗ werk lief, nicht hoch über dem Boden zwei lichte freundliche Säulengänge führend. Von hinten war das Viereck durch einen mächtig großen Mar⸗ morfels geſchloſſen. Wenn ein Wald oder Garten auch eine Ruine ſein könnte, ſo wäre es dieſer geweſen. Eingeſunkne Gartenbeete, blecherne Blumentäfelchen mitten im Graſe, eine fröhliche Wildniß von Unkraut, ein verdorrter Obſtbaum, ein anderer ein bloßer Pflock mit zwei grünen Waſſerſchöß⸗ lingen, ein dritter mit herrlicher Frucht, eine zweckloſe ſpäte Gabe— die Pfirſichzweige an der Wand einſt die Liebe und der Stolz des Herrn, hin⸗ gen ſeitwärts, unangebunden, unfruchtbar, wie ſchlechte Weidenruthen— eine Ulme war emporgeſchoſſen, und ſtreckte ihre Zweige luſtig in den Säulengang hinein. Tauſend Bienen und Käfer ſummten und arbeiteten in den üppigen Blüthen des Unkrautes. Mitten hindurch aber ging ein breiter ſchöner Weg, als wäre täg⸗ lich jemand darauf gewandelt, oder als wäre er geſtern erſt gemacht wor⸗ den. Heinrich hatte auch bemerkt, daß in der Ruine von dem einen Thore bis zum andern über die Schutthügel ordentlich ein getretener Weg laufe. Sie gingen den Garten entlang. Wie ſie immer näher kamen, ſo ſtieg ihnen der rothe Fels ſtets größer entgegen, und Heinrich bemerkte endlich, daß in denſelben eine hohe Pforte gehauen war, mit einem eiſernen Thore verſchloſſen, daran eiſerne Schlöſſer hingen, mit dem gräflichen und den Gerichtsſiegeln verſiegelt. Es war dieſer Felſen der ſogenannte rothe Stein, in dem die Lebenserzählungen aufbewahrt waren, und deſſen Be⸗ deutung Heinrich von Robert aus den Gerichtspapieren erfahren hatte. Seitwärts dem rothen Steine war der Kirchhof des Schloſſes. Ein — 298— anderes Thor, nicht maſſiv, nicht verſiegelt, ſondern ein hohes breites Eiſengitter, führte hinein. Es war auch ein Garten, aber ſtatt der Blümlein war nur ein dunkler hingehender Raſen, ſtatt des Obeliskes ein weißes Crucifix in Mitte von vier Linden, und ſtatt des Gartenhau⸗ ſes eine Kapelle von den Eichen überſchattet, die draußen in dem Walde des Julian ſtanden. „Die Bücher, ſo in dem Gewölbe dieſes rothen Steines ſind,“ ſagte Ruprecht,„reden nur zu Leuten, die aus dem Blute unſrer Grafen ſtam⸗ men, und jeder Tropfen iſt aufgeſchrieben, der ſeit ſiebenhundert Jahren aus einem ihrer Herzen rann, und keiner darf die Schrift leſen, der nicht ein Kind desſelben Geſchlechtes iſt. Ihr ſeht, daß die Thore des Steines verſiegelt ſind, Ihr könnt nicht hinein, aber zu dem andern habe ich die Schlüſſel.“ Und er ſchloß das Gitter auf, und führte ſie durch eine heitere Allee von Linden auf den Kirchhof. Es war der ſtillſte Ort, den Heinrich noch auf dem Berge geſehen hatte, faſt zum Frieden und Schlummer ladend; denn von drei Seiten war er durch den Eichenwald des Julian umgeben, ſo daß beinahe kein Lüftchen, ja kein Ton von außen zu dieſer Inſel dringen konnte: von der vierten Seite ſtand das alte Schloß und die Lindenallee, grau und grün gemiſcht— und von oben war die tiefe Bläue des Himmels und das niederfließende Gold der Sonne. Auch war jene wimmelnde Bevölkerung von Kreuzen und Zeichen nicht da, womit ſonſt ſo gerne die Erhabenheit eines Todtengartens zerſtört wird, und womit der Menſch ſeine armen Flitter, auch in dieſes ernſte Reich hin⸗ über trägt, ſondern auf dem gleichen Raſen waren nur einige unbedeu⸗ tende Merkmale, die Ruheſtelle treuer Diener des Hauſes bezeichnend, und in der Mitte ſtand ein hohes Kreuz von weißem Marmor, als Zei⸗ chen des allgemeinen Friedens und der allgemeinen Gleichheit. Viele Mitglieder des Geſchlechtes ruhten ohne Grabmerkmal, wie ſie es ver⸗ ordnet, unter der allgemeinen einfachen Decke des Raſens; andere aber lagen mit Wappen, Zeichen, Zierden und Prunk in der weitläufigen Gruft unter der Kapelle. Heinrich und Robert ſtiegen in dieſe Gruft hin⸗ unter; Ruprecht, der ſie ihnen aufgeſchloſſen hatte, blieb oben auf einem Marmorwürfel ſitzen, der ausſah, wie ein unfertiger Grabſtein. Die Gruft hatte nichts anderes, als eben Grüfte zu haben pflegen: Särge, Wappen, Vergänglichkeit— alles bedeckt mit Pomp und Moder, nur ein einziger Sarg ſtand da, ganz einfach von Eichenholz gezimmert, ohne das geringſte Zeichen, ja ſogar ohne Namen. Sie ſtiegen nach einiger Betrachtung wieder hinauf, und wie ſie aus dem dunklen Thore der Ka⸗ pelle in's Freie traten, hörten ſie ein plötzliches Rauſchen, und ſahen noch das Wegflattern des Gewandes, und den Sprung des Hundes. Das wilde, ſcheue Kind, Pia, war in ihrer Abweſenheit bei Ruprecht ge⸗ weſen und hatte bei ihrer Ankunft die Flucht ergriffen; ſie ſahen nur noch, wie ſie hinter einen Hollunderbuſch, der an der Kirchhofmauer ſtand, verſchwand, aber dort ſtehen blieb, und durch eine Oeffnung ihr ſchönes Geſichtchen herausbog und halb dreiſt, und halb geſchreckt mit den übernatürlich glänzenden, ſchwarzen Augen die Fremden anſtarrte— aber wie ſich Robert nur regte, ſo zuckte ſie weg, und wurde erſt viel ſpäter wieder geſehen, wie ſie mit Hüon auf einer rothen Felskuppe ſtand. Von da an ſah man ſie bis gegen Abend nicht wieder. Heinrich konnte ſich eines unheimlichen Gedankens nicht erwehren, wenn er ſich dieſe zwei Weſen als die einzigen Bewohner des Berges dachte; den mär⸗ chenhaft alten, blödſinnigen Mann, und das verwahrloſte zartgliedrige Weſen, das in ſeiner Geſellſchaft zu einem Wüſtenvogel aufwachſen muß, der entſetzt aufflattert, wenn ihm die ſchöne Bildung eines Menſchenan⸗ tlitzes ſichtbar wird. „Sie iſt ſtille und gut,“ ſagte Ruprecht, nachdem er die Kirchthüre geſperrt, und den Schlüſſel wieder zu den andern geneſtelt hatte.„ſie ſaß die ganze Zeit, als Ihr in dem Gewölbe unten waret, hier auf dem wei⸗ ßen Steine und athmete ihr Laufen aus, und von dem Händchen quoll ein Blutstropfen, weil Ihr ſie an den alten Mauern ſo erſchreckt habt, und ſie fragte, wer Ihr ſeid, und warum ich Euch denn nicht erſchlüge, wie den Wolf, der auch im Winter in die Fichtenallee gekommen iſt, und mit Hüon ſpielen wollte.—— Sie wußte nicht, auf welchem traurigen Steine ſie ſaß, und die Worte von den Menſchen und Wölfen redete.— — Sehet dieſes Ding da ſollte, als er ihren Tod erfuhr, nach dem Vor⸗ bilde gemeißelt werden, worunter Chelion liegt; aber als Ihr das große Pergament brachtet, Hert Syndikus, und von ſeinem Begräbniſſe er⸗ zähltet, da raffte der Werkmeiſter den Hammer und Meißel zuſammen und ging fort, daß nun der eichene Sarg ohne Namen unten ſtehen muß, und der Grabſtein ohne Bedeutung hier oben liegen. Auch der Conter⸗ feier ging fort, und ließ die ſchönen, grünen, ſeidnen Vorhänge hängen — 300— — und ſie hängen noch dort; denn das Grüne hat er ſehr geliebt—— und Ihr müſſet ſie Beide züchtigen, Erlaucht, die ungetreuen Knechte. Ach Alles, Alles iſt nicht fertig geworden.“ „Laſſe uns um Gotteswillen das andere ſchnell abthun,— mir wird es unheimlich in der Gegenwart dieſes alten Mannes,“ flüſterte Heinrich ſeinem Begleiter zu. „Laſſet ihn nur,“ verſetzte dieſer,„er iſt ja übrigens ganz harmlos.“ „Ich werde Euch nun zum glatten Hauſe führen,“ ſagte Ruprecht, „und die Clauſur der Frau Hermenegild aufſchließen; aber es ſind jetzt die Bienen drin— ſie thun nichts, und ſind nicht wild; denn ich habe ihnen nie Honig genommen, ſie tragen viel aus den Linden der Gräber herüber, und der iſt ſüß und duftig—— ich werde Euch auch den Wein zeigen— folgt mir nur.“ Und er führte ſie durch den Eichenwald dem ſogenannten Sixtus⸗ baue entgegen. Sie betraten ihn von der Hinterſeite, und fanden wirk⸗ lich hier den ſeltſamſten Haushalt: es lief ein langer ſchmaler Glasgang mit erblindeten regenbogigen Scheiben längs des Gebäudes, und aus einigen zerbrochenen Scheiben desſelben wogte es von Bienen aus und ein, und ſo viel man durch das trübe Glas erkennen mochte, war der Gang, insbeſondere die Niſchen abenteuerlich mit rieſenhaſten Waben bebaut, und die allergrößte Thätigkeit herrſchte fort, daß es einem ordent⸗ lich im Kopfe wirrte und ſchwirrte, je länger man dem Treiben dieſes Knäuels von Republiken zuſah, an einem zu ſolchem Haushalte ſo un⸗ paſſenden und ungewöhnlichen Orte. „Die Nonnen hatten ſonſt den Gang zum Luſtwandeln gehabt,“ ſagte Ruprecht,„aber das iſt nun nicht mehr möglich, weil ſie todt ſind, und wir können auch nicht dort gehen, wegen der Bienen; ich werde aber öffnen, wo wir durch die Zellen der heiligen Frauen kommen.— Im Winter gebe ich dem kleinen Geflügel immer Stroh; Graf Chriſtoph nahm ihnen noch Honig, denn ex war ihr Herr; aber ich laſſe ſie fort⸗ bauen, und es ſind ſchon manche Schwarme in die Fichtau hinausge⸗ ftogen, weil ſie meinten, es ſei hier zu enge, oder weil ſie thaten, wie die Jugend überhaupt zu thun pflegt. Da die Frau Gräfin Hermene⸗ gild, als ihr Herr, Ubaldus, im heiligen Kriege gefallen war, die Zellen eingerichtet, und die heiligen Frauen zur Anbetung Gottes berufen hat, dachte ſie nicht, daß in den ſchönen Glasgang dieſe Bewohner kommen — 301 würden—— ja damals ſind ſie gewandelt, und haben kunſtreiche Ar⸗ beiten gemacht, die noch alle im rothen Saale aufbewahrt find; aber weil die Zellen nicht von dem heiligen Vater geweiht waren, ſo wurde es nach dem Tode der Frau Gräfin unterſagt, daß ſie weiter beſtehen; und die letzte der Nonnen ſtarb, da mein Urgroßvater ein Kind war. Er iſt auch Caſtellan geweſen.“ Und bei dieſen Worten hatte er ein Thor am Ende des Glasganges geöffnet, und führte ſie nun durch Zellen und Gemächer, durch Refecto⸗ rium und Sprechſaal— und ſie ſahen all das dumpfe beſtaubte Ge⸗ räthe, die ſchwarzen Bilder, die blinden Fenſter, und die zerfetzten Ta⸗ peten der Nonnen. Gegen Ende dieſer Dinge, wo wieder die andern Gemächer des Hauſes beginnen, war Einiges in Schutt, und allerlei Gänge öffneten ihre Höhlen. Hier ſagte Ruprecht heimlich zu Heinrich, er ſollte mit ihm gehen; denn er müſſe ihm allein etwas zeigen. Heinrich zauderte Anfangs ein wenig, aber durch Robert ermuthigt folgte er dem Alten. Dieſer gab in Miene und Bewegung alle Zeichen der höchſten Freude zu erkennen, führte ihn Trepp' auf Trepp' ab, ſperrte Thüren auf und zu, machte endlich am Ende eines verfallenen Ganges Licht, und ſtieg mit ihm eine Wendelſtiege hinab. Dort öffnete er ein äußerſt kleines Thürlein, und führte Heinrich hinein: und ſiehe, da lag weithin Faß an Faß, der Greis in höchſter Freude und Befriedigung zeigte darauf, und ſagte:„Ich habe das Alles bewahrt; der große Eingang iſt verſchüttet, und dieſe Treppe wußten ſie nicht, da ſie kamen, Alles zu beſchauen.— Ich allein habe den Wein gepflegt, und pflege ihn noch; ich trinke kei⸗ nen Tropfen— gebt mir nur ein wenig, wenn ich alt und krank werde — ich zeige dem Andern, der mit Euch iſt, nichts, denn ſie wollen un⸗ ſer Eigenthum verzetteln, und ich hätte ihn auch gar nicht in das Schloß gelaſſen, wenn nicht Ihr mit ihm geweſen wäret,“ und bei dieſen Wor⸗ ten brach er in ein kindiſches Schluchzen aus, und ehe es Heinrich hin⸗ dern konnte, hatte er ſich niedergebückt und deſſen rechte Hand geküßt, indem er lallend und bittend ſprach:„Seid nur nicht mehr zornig, nun iſt ja Bertha längſt geſtorben— und ſehet, ich habe für Alles und Alles geſorgt und es gehütet, wie mein eigenes Herz. O, ich habe unſäglich viel ausgeſtanden.“ Heinrich konnte ſeine äußerſte Erſchütterung nicht bergen, und der — 302— Gedanke, der in ſeinem tiefſten Innern ſaß, die faſt unglaubliche Ahnung, die ihn hieher geführt, die Ahnung, die er nicht einmal ſeinem Freunde zu vffenbaren gewagt, ſchien ſich hier an dem Wahnwitze eines alten Mannes zu verkörpern und zu offenbaren. „Wenn's iſt,“ dachte er,„wenn's iſt——!“ Er zitterte faſt, nur um ein Haar breit in der verdunkelten Seele des Andern weiter zu forſchen, um ſie nicht noch tiefer zu zerrütten. Die Verrückung jener Geſetze, auf deren Daſein im Haupte jedes Andern man mit Zuverſicht baut, als des Einzigen, was er untrüglich mit uns gemein hat, trägt etwas ſo Grauenhaftes an ſich, daß man ſich nicht getraut, das fremdartige Uhrwerk zu berühren, daß es nicht noch grellere Töne gebe, und uns an dem eigenen irre mache. Auch verlangte der Alte kein Zeichen, weil er ſich ſelbſt Rede und Antwort gab. Mit haus⸗ hälteriſcher Geſchäftigkeit führte er ihn von Faß zu Faß, zeigte die deunziger, die Eilfer, den vom Rhein, die Ausländer, die Spanier, die Portugieſen— er zeigte ihm die Vorrichtungen, mit denen er nachfülle, die Fäſſer rein halte, die Luft wechsle—— in Allem dieſen zeigte ſich die bewundernswertheſte Zweckmäßigkeit. Er wurde immer vergnügter und da er die wirklich erſtaunliche Reihe von Fäſſern gezeigt hatte, näherte er ſich vertraulich dem Ohre Heinrich's, und ſagte heimlich:„Das iſt der neue Syndikus der ſchwarzen Stadt; ſagt ihm kein Wort von dem vielen mächtigen Weine; denn ſie verſiegeln Alles, bis Graf Chriſtoph kommt: aber der kommt nicht mehr, und iſt todt, und im Mohrenlande begraben— auch Steuer und Abgaben gehen immer ein, und werden im Rathhauſe der ſchwarzen Stadt aufgehoben. Geht nur gleich, wie ich ſchon geſagt, in die grüne Stube, wo ſie ſchon Alle warten.“ „Wird aber nicht Pia Schaden nehmen, wenn wir ſo lange weg bleiben,“ ſagte Heinrich verſuchsweiſe. „Wer!2 entgegnete der Alte mit allen Zeichen des höchſten Erſtau⸗ nens, indem er ſeinen jungen Begleiter mit der Laterne in's Geſicht leuch⸗ tete. Sein Geiſt hatte in Jahren geſchwebt, wo Pia nicht war, und der Geier, der an ſeinem Gehirne fraß, das Mißtrauen an ſich ſelbſt, ſtand auf, und ſchlug ihm die düſtern Flügel um das Haupt. Er ging haſtig und verſtummt den Gang zurück, löſchte das Licht aus, verbarg mit größtem Scharfſinne die Laterne, führte Heinrich in tiefſter Dun⸗ kelheit wieder Trepp auf Trepp ab, Gang aus Gang em, und ſie ſtanden —— endlich plötzlich bei Robert, der an einem Fenſter ihrer geharrt hatte. Ruprecht war jetzt wieder ohne ein einziges Wort. Er ſchritt über einen Vorſaal, ſchloß auf, und öffnete ſich anſtemmend die eingeroſteten Thür⸗ flügel zu den Gemächern. Eine Reihe von Zimmern empfing ſie mit ſchwer verblichener Pracht; alterthümliche, geſchnitzte Geräthe, wunder⸗ liche Tapeten, theils noch ganz, theils durch Moder und eigene Schwere zerriſſen, Zeltbetten, Puttiſche, Seſſelreihen, Alles von altväteriſchem Prunke, kunſtreich, und doch feſt gearbeitet,— Alles bedeckt mit Maſſen von Staub und Spinnenweben, und ein trübes Licht fiel durch die blin⸗ den Scheiben von dem einſamen, funkelnden Tage draußen herein. Mit den ſchwermüthigen Gefühlen menſchlicher Nichtigkeit und Ver⸗ gänglichkeit wandelten die Freunde durch dieſe Stätten verſunkenen Glückes und Elendes, und Heinrich's Herz war tief und ahnungsvoll er⸗ regt. Er mußte ſich einige Male die Hand über ſeine Augen legen, um ſich zu ſagen, wo er ſei, und um den Andern ſein Inneres zu verbergen. So hatten ſie mehrere Zimmerreihen durchwandelt, einſt zu dem ver⸗ ſchiedenſten Gebrauche beſtimmt, von der Oede des Prunkſaales an bis zur Heimlichkeit des einſtigen Schlafgemaches. Der Alte war ohne viele Theilnahme hinter ihnen gewandelt, aber da die Zimmer zu Ende waren, und ſie wieder in einen Vorſaal gelangten, bog er plötzlich um eine Ecke, riß mit ſichtlicher Haſt und Freude zwei rieſengroße Flügel auf— und ein zauberiſcher Anblick ſchlug den Freunden entgegen: es war der grüne Saal; mit dem feinſten dunkelſten Serpentine waren die Wände beklei⸗ det, rieſengroße Fenſter von unten gegen oben zum Theile mit grauer Seide gedeckt, riſſen ſich gegen den glänzenden Himmel auf, und ihr Glas war glatt und ſpiegelhaft, als hätte man es in dieſem Augenblicke geſetzt — der Grund aber war, weil es der Alte immer putzte.—— Und in der Lichtflut dieſer Fenſter ſtand, in die dunkle Ebene des Serpentins ge⸗ rahmt, eine ganze Reihe der herrlichſten Bilder: es waren ſämmtliche Scharnaſt, Männer, Frauen und Kinder, von Haupt⸗ und Seitenlinien — und wie der erſte Blick zeigte, von den beſten Meiſtern gemalt. Man ſah ſelbſt Rubens und Van⸗Dyks Pinſel, die beſten Deutſchen, und ſo⸗ gar den Spanier Murillo. Heinrich war erſtaunt, ja er war betäubt über dieſe Herrlichkeit.— Da funkelte die Sonne in wundervollem Schmelze auf jener Rüſtung, jenem Goldgehänge, jenen Vaſen und Ge⸗ ſchirren ſchwer und maſſenhaſt, als müßte ihre Wucht von dem Bilde nie⸗ derbrechen,— auf dem weichen Goldhaare der Frauen, auf jenem An⸗ tlitze, in dem lieblichen Auge, auf dem Munde, der eben nur geſprochen haben muß, auf der Hand, die auf dem Marmortiſche ruhte, oder den ſchweren Sammt emporhielt— auf den Geſichtern der Männer, über die, obwohl in tauſend Gedanken und Leidenſchaften zerſplittert, doch dieſelbe Familienähnlichkeit hinlief,— Alles glänzte und funkelte da, von der furchtbaren Körnigkeit jener Menſchen in Stahl und Eiſen angefangen bis zu der Pedanterie und Weichheit derer, die in Treſſen und im ſchwar⸗ zen Fracke ſind. Robert, der auch den Saal noch nicht geſehen hatte, war eben ſo be⸗ zaubert, wie Heinrich;— Ruprecht im Uebermaße der Befriedigung und des Stolzes ſtand da, und drückte ſein Gefühl dadurch aus, daß er aben⸗ teuerlich und ungeſchickt mit ſeinen Fingern in dem großen Bunde Schlüſſeln, den er trug, ſuchte und arbeitete und neſtelte. Er hatte ſein Barett abgenommen als wäre er in der Kirche. Nachdem der erſte Eindruck dieſer Einfachheit und Größe(denn ſelbſt die Bilder waren weitaus über Lebensgröße) in etwas vorüber war, ging man zur Betrachtung der Einzelheiten über. Da hing gleich zu Anfang der alte Hans, ein frommer Herr und Ritter, daneben ſein Eheweib Adel⸗ gund, ein echt deutſches Geſicht, wie ſie uns ſo gerne aus den Bildern Albrecht Dürer's anſehen.— Von ihm ab folgte die Reihe eiſerner Män⸗ ner und ſittiger Frauen: Bruno und Brigitta— Beno und Irmengard — dann Ubaldus, dann Hermenegild, die Nonne— Johannes der Kreuzfahrer—— und andere und wieder andere— eine ganze Reihe. Vorzügliche Gemälde waren alle, obwohl ſie augenſcheinlich viel ſpäter gemalt wurden, als die Urbilder lebten, aber wahrſcheinlich nach vorhan⸗ denen, wenn auch ſchlechten Originalen, denn dafür ſprach der in allen Geſichtern der Männer fortgehende Familienzug. Die Namen ſtanden in großen Goldbuchſtaben unter jedem Bilde auf dem dunklen Serpentine. Was Heinrich ganz beſonders wohl that, war, daß die Bilder ziemlich tief herabgingen, und von oben beleuchtet wurden, wie es denn überhaupt her⸗ vorging, daß der Gründer dieſer Anſtalt nicht die Bilder des Saales wegen aufgeſtellt, ſondern daß dieſer in ſeiner ungeheuren Größe und einfachen Pracht nur zur Verherrlichung jener dienen ſollte. So war auch im gan⸗ zen wüſten Zimmer nicht ein einziges Geräthſtück; blos an Fenſtervor⸗ hüngen waren die mannigfaltigſten behutſamſten Vorrichtungen, um theils die verſchiedenſten Lichterſpiele auf die Gemälde wirken laſſen zu können, theils dieſelben vor unmittelbarer Sonne zu ſchützen. Und wie ſehr Ruprecht mit der Sache vertraut war, und ſie liebte, zeigte der Um⸗ ſtand, daß er oft durch unbedeutende gelegentliche Züge an Schnüren oder Federn ganze entfernte Bilderreihen plötzlich in das zarteſte Licht legte, da ſie vorher in ungünſtiger Dämmerung geſchwebt hatten. Von den Frauen war keine einzige unſchön, manche voll herrlicher Anmuth, und einige Jungftauen blendend und untadelig.— Von den Männern war keiner unbedeutend, viele ſchön, einige voll Schwärmerei oder Gewalt des Geiſtes; alle mit einem ſonderbaren Zuge von Ueber⸗ ſchwenglichkeit, wie mit einem Familienzeichen behaftet:— da war Jo⸗ hannes, der Erbauer der Sphinxe und des Obeliskus— dann Siptus, der Gründer dieſes Baues, und wahrſcheinlich auch des Saales, dann Ubaldus, der ſtrenge Krieger— und andere.—— Weit unten von denen ſaß ein alter Mann mit einem Blicke, als glühte Dichtkunſt oder Wahnſinn drinnen: es war Prokopus, der Sterndeuter.— Jungfrauen in ſanfter Schönheit prangten neben ihm, ſeine Töchter, und hart daran ein ſeltſames Paar, zwei Männer: der Eine in reichem Goldkleide wi⸗ drigen Antlitzes mit furchtbarem, rothem Barte, der Andere im armen grünen Jagdkleide, ein ſanftes Bild der größten Sugntonſt es waren die Brüder Julianus und Julius, Söhne des Prokopus—— Heinrich erſchrak; denn wenn es wahr iſt, was ihm ein geſendeter Zu⸗ fall erſt kürzlich geoffenbaret, wenn er ein ſpäter Sproſſe all dieſer Män⸗ ner iſt, ſo war es dieſer Jüngling Julius, durch den der Strom in ſein fernes s Heimatthal geleitet wurde, daß er ſelbſt nun heute, nach mehr als anderthalb Jahrhunderten, ein verſchlagner, unbeachteter, S Tropfen desſelben, vor der reichen Quelle ſtehe, aus der er kam.— Bie ſeltſam die Schickſale der Menſchen und der Geſchlechter ſind! Was mußte nicht geſchehen, daß er heute hier ſtehe, und auf die zarte Stirne, und die großen freundlich lodernden Augen eines ſchaue, der vielleicht ſein Ur⸗Ur⸗Großvater iſt, jener Mann, von dem er ſo viel reden gehört, der gekommen ſei, man wußte nicht, woher, der gewaltet, gewirthſchaftet, und gelebt habe, ſo herrlich, wie kein Menſch, und den er ſich nie anders, denn als ſchwachen verkommenen Greis vorſtellen konnte, weil der Großvater erzählt hatte, wie er ſo ſchön im weißen Barte und ſchwarzen Sammtkleide auf dem Paradebette gelegen ſei, als Stifter. 4. Aufl. I. 20 — man gekommen, um ihn mit Gepränge zu begraben, weil er heimlich ein vornehmer Herr und Graf geweſen. Robert ſtand neben dem Freunde— und ahnte nicht, was in dem⸗ ſelben vorgehen mochte. Auch der Greis Ruprecht ſchaute ſo gleichgültig und blöde auf Alles, als verſtände er nichts. Indeſſen blickte dasſelbe Schwärmerauge des Prokopus aus dem Bilde, dieſelben guten ſanften Blicke der Jungfrauen, und dieſelben un⸗ gleichen Mienen der feindlichen Brüder. Man ging endlich weiter. Julianus war der letzte im Harniſch geweſen, aber auch dieſer, ein leichtes vergoldetes Ding, war mehr Spielzeug, als Waffe. Nach ihm begannen die kleinen Degen und die Bordenkleider und Reifröcke, und— merkwürdig— war es nun Zufall, oder war es Zeichen jener Zeit, die ſittenloſer, als eine, auch ihren fahlen Fittig über dieſen entlegenen Berg geſchattet hatte— die bisherige Reihe bedeutungsvoller Köpfe brach hier ab, und es folgten einige von vollendeter Nichtigkeit ein Gebäude von Borden und Locken und Angeſichter voll Ceremonie und Leerheit. Erſt gegen das Ende, bevor der ganze Bilderreigen überhaupt abbrach, gleich⸗ ſam wie der letzte Glanzblitz einer erlöſchenden Flamme, ſaß noch eine Gruppe, welche Auge und Ahnungsvermögen jedes Beſchauers an ſich riß; für unſere Freunde aber durch die aberwitzige Vermittelung des alten Mannes wahrhaft erſchüttert wurde. Die Zeit der Borden und Zöpfe nämlich hörte plötzlich bei einem Manne auf, der in ganz fremder Kleidung da ſaß, die gar keinem Jahr⸗ hunderte der Geſchichte angehörte; einer Gattung weitfaltigen, raben⸗ ſchwarzen Mantels mit rother Seide ausgeſchlagen. Ein Kopf voll Schönheit und Bedeutung ſah ernſt, und doch ſanft ſchwärmend daraus nieder:„Jodokus“ ſtand unter dem Bilde. Die Männer ſahen ihn neu⸗ gierig an, den Menſchen, von dem ſo aberſinnige Gerüchte umgingen, und der doch ſo ruhig und gelaſſen-thatfähig aus dem Bilde ſah, wie man es etwa von einem Epaminondas erwartet haben würde. Auf einmal, da ſie ſo hinſahen, ertönte hinter ihnen ſchüchtern, da er ſeit Langem wieder zum erſten Male das Wort nahm, die Stimme Ruprecht's, welcher ſagte:„Er hat ſelbſt den himmelblauen Vorhang im Teſtamente ſo verordnet, wie er iſt, und daß er nur gehoben werde, wenn dringender Grund iſt, das Bild zu ſehen.“ Die Freunde blickten auf, und wirklich bemerkten ſie, was ſie im Augenblicke vorher nicht beachtet hatten, daß das Gemälde neben Jodo⸗ kus mit blauer Seide verhängt war. „Nun, es iſt dringender Grund,“ ſagte Robert lächelnd,„enthülle das Ding.“ Aber der Alte achtete nicht auf die Rede dieſes, ſondern mit einem düſtern verzagten Seitenblicke Heinrich ſtreifend, ſagte er:„ja, ja, es iſt dringender Grund— ein dringenderer kann gar nicht ſein; aber ich warne Euch— Ihr werdet Euch entſetzen.“ Einen Augenblick zauderte er noch, dann aber that er einen kurzen Zug an einer ſeidnen Schnur, der Vorhang rollte ſich von ſelber empor, klapperte in eine Feder, blieb ſtehen— und der alte Mann trat weit in den Saal zurück, als wäre er von tiefſter Erſchütterung ergriffen— aber, was ſie ſahen, war nicht zum Entſetzen, es war eher lieblich und ſchön: eine kleine weibliche Figur war auf dem Bilde gemalt, wie ein Kind in ſanfter Trauer, und doch wie ein vermähltes glühendes Weib. Ueber dem ſchwarzen Seidenkleide hielt ſie ein lichtes Antlitz, ſo ſeltſam und ſchön, wie eine Blume über dunklen Blättern. Die kleine weiße Hand lag auf Marmor, und ſpiegelte ſich drinnen. Die Augen ſahen fremd und erſchreckt. Zu ihren Füßen, als friere er, ſchmiegte ſich ein Goldfaſan. Unten im Serpentine ſtand:„Chelion.“ Die zwei Männer hatten lange und mit größtem Wohlgefallen den Schmelz dieſes Bildes betrachtet, aber wie ſie ſich endlich zum Gehen wegwandten, ſahen ſie zu ihrem Erſtaunen den greiſen Kaſtellan mit äußerſter Verzückung nach dem Gemälde ſtarren. Er hatte ſich nicht im Geringſten geregt, und war weit hinten im Saale geſtanden. Die Freunde richteten bei dieſer Erſcheinung, gleichſam wie durch Verabre⸗ dung, noch einmal ihren Blick auf das Bild, und als nach einer Weile Heinrich ſagte:„Sie iſt aber eigentlich auch wundervoll ſchön und ſelt⸗ ſam,“ hörte man den Alten ſchleichenden Trittes herzugehen, und wie er in die Rähe Heinrich's gekommen, ſtreckte er taſtend ſeine Hand gegen ihn, daß der dürre Arm weit aus dem Aermel des alten Rockes vorſtand, und rief mit leiſer heiſerer Stimme:„Ja, das iſt auch entſetzlich, das iſt das Unglück, wie ſie ſchön iſt, wie ſie über alle Beſchreibung ſchön iſt—— ich bitt' Euch, wahrt Eure Seele, Graf Sirtus! auf den 206 — Knieen bitt' ich Euch, wahret Euch vor Verſuchung; denn die Hölle hängt nur an einem Haare—— Alles iſt gut abgegangen;— er hat ſie lieb gehabt, fort und fort, wie der Adler ſein Junges, aber da war ſie weiß, ehe ſie geſtorben iſt, ſo weiß war ſie, wie die Lilien, die unten im Sumpfe wachſen, und die Häupter auf das ſchwarze Waſſer legen —— und mich hat er oft angeſchaut mit den glänzenden Augen— und da er ſchon den langen, weißen Bart hatte, hat er mich angeſchaut mit den ſchwarzen Augen, wie Nachts die Eule blicket;— aber ich habe die Zähne meines Mundes zuſammengeſchloſſen wie Eiſen, und kein Wort durch ſie herausgelaſſen,— und dann hat er mich auch wieder lieb ge⸗ habt, und da er unten am Häuschen ſaß, und die Sonne ſchien, da hat er meine Hand genommen, und ſie geſtreichelt, und geſagt:„lieber Rup⸗ recht, lieber Ruprecht!“ denn ſeht“— hiebei neigte ſich der Greis gegen Heinrich's Ohr, und flüſterte mit bedeutſamen Lächeln—„er war ſeine letzten Tage blöde und wahnſinnig.“ Die zwei Männer ſchauderte es in's tiefſte Mark der Seele und Heinrich trat einige Schritte weg, aber der wahnwitzige Kaſtellan folgte ihm ſachte mit glänzenden Augen:„Er hätte Euch über den Stein hin⸗ abgeſtürzt— Ihr ſeid aber auch viel ſchöner, als er es je geweſen— ich habe ihn recht gut geſehen, wie er bei Prokopus Thurme ſtand, es war Nacht, und ſein ſchwarzer Mantel war ſo finſter, wie die Wolken, die draußen wehten und Blitze zogen— der Seidenmantel kniſterte— und es war eine ſo heiße Nacht, wißt Ihr? und ſie dauerte ſo lange, als wie ſonſt drei, aber endlich wurde es Morgen und klar, Ihr waret fort—— es iſt ſehr gut, daß Ihr fort waret—— und es kamen ſo ſchwere, ſo ſchwere Zeiten— ich habe Euch geſagt, daß ſie wie eine Lilie weiß war, und noch kleiner, als ſonſt immer, und alle ſind geſtorben, die arme Chelion ſtarb, mein Weib Bertha ſtarb, Ihr ſtarbet, und wie er das Schloß angezündet hatte, und unten im Häuschen auch todt lag, lange geſtreckt, den weißen Bart, wie ein zerfetztes Banner haltend, da kam ihr Sohn, der arme Chriſtoph— ſeht Ihr ihn daneben— aber er iſt auch todt, und Narciſſa— und Alle ſind ſie todt——...“ Unwillkührlich ſahen die Freunde auf das Nebenbild der Chelion, und wirklich ſtand ein junger Mann darauf, ihr vollendetes Abbild— wie ſie, ſo ſeltſam und ſchön, aber mit trüben, ſchwermuthsvollen Blicken. Dieſer war alſo der letzte Beſitzer des Berges geweſen. — Zu einer andern Zeit und in anderer Lage würden ſie lange vor dieſen merkwürdigen Bildern und Naturſpielen geſtanden ſein, aber in dieſem Augenblicke war es ihnen nicht möglich; denn der alte Mann neben ihnen war von einer ſo furchtbaren Erregung gefaßt, daß er bei ſeinen letzten Worten in ein krampfhaftes Weinen ausbrach, die Hände vor das Geſicht ſchlug, und die überreichlichen Tropfen zwiſchen den dürren, faltigen Fingern hervorquellen ließ, ſo daß ſein ganzer Rieſenbau vor Schmerz zitterte, wie der See ſchwankt, wenn ein ferner Sturm tobt. Das Herz der Freunde that einen Blick in die Schlucht einer ver⸗ worrenen, vielleicht grauſenhaften That— ſie konnten nicht forſchen, und wollten es nicht; denn bereits funkelte der Wahnſinn, wie ein düſt⸗ res Nordlicht, an allen Punkten des unglücklichen Weſens vor ihnen, und ſie mochten ihn nicht ſteigern, daß er nicht etwa überſchlage und dem, wenn auch uralten, Körper Rieſenkräfte gebe, und zu Entſetzlichem treibe— auch hat das Menſchenherz eine natürliche Scheu, den dunklen Spuren eines Andern nachzugehen, auf denen es zu Schuld und Unglück wandelte. Deßhalb ſchwiegen ſie Beide tief und ernſt, ſelbſt gegen ein⸗ ander, und blickten nur noch trübe auf die beiden Bilder: Mutter und Sohn. Chelion war ſchön, wie ein reiner Engel, und Chriſtoph war es, wie ein gefallener. Neben ihm war kein Bild mehr, ſondern die lange Reihe leerer Riſchen für Alle noch Ungebornen, als hätte der Gründer auf eine Ewigkeit ſeines Geſchlechtes gerechnet. Die Freunde wandten ſich nun zum Fortgehen. Ohnehin war ihnen die Luft dieſes Saales drückend geworden. Sie wollten unbeachtet an Rup⸗ recht vorübergehen, überzeugt, daß er ihnen, ſich ſänftigend, ſtille folgen würde. Aber wie er ihre Abſicht errieth, ließ er plötzlich die Hände von ſeinem Geſichte fallen, und ſtatt der vorigen Erregung ſahen ſie nun das äußerſte Erſtaunen darinnen, ſo, daß ihm ſogar vor Schreck die Thränen ſtocken geblieben, und wie gefrorne Tropfen in dem weißen Reife ſeines Bartes ſtanden:„Aber wie ſeid Ihr denn?“ rief er mit heftiger Stimme, „wozu habe ich Euch denn hergeführt? wozu ſeid Ihr denn zurückge⸗ kehrt? Ich habe den ganzen Tag die Geduld mit Euch gehabt, ich habe ja die höchſte Geduld gehabt, als Ihr immer und immer die andern Dinge des Berges anſchautet, und nicht ginget, wohin ich Euch führen wollte, ich habe die Geduld gehabt, um Euch endlich auch zu zeigen was ich gethan habe— warum wollt Ihr denn nun fortgehen?!“ — „So zeige uns nur, alter Mann, was Du gethan haſt,“ ſagte Heinrich freundlich,„zeige es nur, wir freuen uns ja darauf.“ „Sehet,“ rief der Greis beſänftigter,„Alle ſind ſie da, Alle, die je lebten und athmeten auf dem rothen Steine— ſie ſind verſammelt in dem grünen Saale; nur einer war verworfen,— ich habe ihn immer ſehr geliebt, und dachte, es ſoll nicht ſo ſein— ſeht nun: ich war es, der es machte, daß Ihr ſchon im Saale ſtandet, als er noch lebte, aber er wußte es nicht, er ging hinüber, und wußte es nicht.—— Wartet nur, ich will zuerſt den blauen Vorhang herablaſſen, weil er nicht offen ſtehen bleiben darf..... 2 Dieſe letzten Worte hatte er beſchwichtigend und vertraulich geſagt, und dann lief er gegen Chelion's Bild:„Hüll' Dich ein,“ ſagte er mur⸗ melnd,„Du ſchöne Sünde, hüll' Dich ein, Du Apfel des Paradieſes“ —— und er zog wieder an der Schnur, und freiwillig, wie hinauf, rollte ſich nun der Vorhang herunter, Stück um Stück den Schimmer des Bildes deckend, bis nichts mehr ſichtbar war, als die unſchuldige Seide, ſtraff geſpannt und matt erglänzend. Dann zu heller unheimlicher Freude übergehend, ſprang der Greis zu der leeren Niſche neben Chriſtoph, drückte gegen eine Feder, und zum Erſtaunen der Männer ſprang der Serpentin los— und in das Krachen miſchte ſich das triumphirende Ki⸗ chern und Lachen des Greiſes. Sie ſahen nun, daß der Stein bloß auf eine Kupfertafel gemalt war, daß ſich dieſe völlig umlege, und noch ein Bild entblöße, das ſie vorher gedeckt hatte. Es war ein Männerbild, und im Serpentine unten ſtand:„Sirtus 11.“ Allein das Bild war das Heinrich's Zug für Zug, nur in fremden Kleidern. Der Alte rieb frohlockend und herausfordernd die Hände, als wollte er ſagen:„Nun?! nun?!“ Robert war zum Aeußerſten betroffen. Er hatte bisher die zwei Andern begleitet, wie Einer, der bloß Merkwürdigkeiten anſchaut, nun aber wußte er plötzlich nicht mehr, woran er ſei—— zwar ein Gedanke, blitzſchnell und abenteuerlich, ſchoß durch ſein Gehirn, aber er war zu lächerlich, als daß er ihn nicht ſogleich hätte verwerfen ſollen— nur fra⸗ gend blickte er gegen den Freund. Dieſer aber, der ebenfalls die Sache zu faſſen begann, war Anfangs todtenblaß, dann allmälich flammend roth geworden;— der ſtummen Frage des Andern aber konnte er eben ſo — 311— wenig eine Antwort geben. Bloß der wahnwitzige Greis war der ein⸗ zige, der völlig klar war; mit einer Freude und Geſchäftigkeit, die man an ihm gar nicht zu ahnen vermocht hätte, ging er ſofort an das Werk der Erklärung, und in dem liſtigen Lächeln ſeines Angeſichtes ſchwamm die gänzliche Beruhigung, die er über ſeine Anſtalten empfand. „Ich habe Euch bloß,“ begann er,„nach dem kleinen runden Bilde machen laſſen, das im Deckel Eures feinen Reiſekäſtchens war— wißt Ihr?— ich hab' es nach jener Nacht herausgeſtohlen, und aufbewahret. Ein alter, alter Mann hat Euch conterfeit, Ihr müſſet ihn erſt belohnen; denn er hat Euch ſehr geliebt. Des ganzen lieben Tages Länge ſaß er oben im Julianusſchloſſe, über die ſinkende Stiege hinauf, wo ich ihn verſteckt hielt, und wohin ich ihm Eſſen und Trinken brachte. Dort malte er, und viele Tage und Wochen vergingen, ehe Ihr ſo herrlich wurdet, wie Ihr jetzt ſeid. Der arme Mann! weil er ſo alt war, mußte ich ihn immer beinahe die Treppe hinauftragen, daß ſie unter uns knit⸗ terte und einzuſtürzen drohte.„Gott lohne es Euch, Ruprecht,“ hatte er geſagt,„Gott lohne es Euch, wenn Ihr alt werdet.“ Er hat noch keinen Heller für das Bild, Ihr müßt ihm einen Lohn geben; denn ſein Alter iſt darbend und verachtet.“ „Ach, der iſt wohl ſchon jenſeits aller Heller und Millionen,“ ſagte Heinrich trübſinnig. „Und nun,“ fuhr der Kaſtellan begeiſtert fort,„nun muß das falſche Kupfer weg; wir werden Euch neben Jodok und Chelion ſetzen, weil Iyr früher ſeid, als Chriſtoph, und dieſer muß auf Euren Platz herun⸗ ter.— Fürchtet Euch nicht, Graf Sirtus, der Andere iſt ſchon geſtorben — er iſt alt, ſehr alt geweſen, und hat einen langen weißen Bart ge⸗ habt; und,„lieber Ruprecht,“ hat er geſagt, wenn er auf der Bank des kleinen Häuschens ſaß— und Chriſtoph iſt auch todt.—„Narciſſa darf nicht in den grünen Saal, weil ſie noch nicht angetraut war, ihr Bild iſt auch nicht fertig, und es war ein barſcher Mann, der ſie conterfeite, und ging fort, als Chriſtoph todt war— und Ihr aber, Erlaucht, kommt nun, und bringet Diener und Leute auf den Berg, daß es wieder lebe und wimmle, und eine Nachkommenſchaft werde, den ganzen Saal zu bemalen, und die ganze Zukunft zu erfüllen, bis zum jüngſten Tage.“ „Laſſe ihn in ſeiner Ahnung,“fagte Robert,„es dürfte eher ſein Gehirn zerſprengen, ehe wir ihm begreiflich machen, daß Du nicht Sirtus ſeieſt.“ — „Bin ich auch nicht Sixtus,“ antwortete Heinrich,„ſo bin ich doch einer von Dieſen da—— ich bitte Dich, frage jetzt nicht, mir iſt Alles ſonnenklar, nur zittert jeder Nerv in mir. Ich werde Dir Alles— Alles enthüllen, frage nur jetzt nicht.“ Und der ungeheuren Aufregung, in der er war, ging er gegen Rup⸗ recht, und, als glaube er es ſelber, ſagte er zu ihm:„Sei geprieſen, alter Mann für das, was Du gethan haſt— ich danke Dir dafür, ich danke Dir, und ich werde redlich ſorgen für alle Deine künftigen Tage.“ Dem Greiſe war in ſeiner Schwäche ein kindiſches Weinen über dieſen Dank angekommen, aber es äußerte ſich nur darin, daß ein Zucken und allerlei Bewegungen und Regungen emſig durch die Falten des verfal⸗ lenen Angeſichtes liefen. Er beugte ſich mehrmal, und beugte ſich tief, und vornehm, wie ein belohnter Diener— es wäre lächerlich geweſen, wäre es nicht ſchauerlich erſchienen.„Ich that nur meine Schuldigkeit,“ ſagte er,„ich that nur meine Schuldigkeit!“ Dann ging er mit allen Zeichen der Beftiedigung, und mit einer gewiſſen Würde in ſeiner Geſtalt gegen das Bild und ſagte:„Zum letzten Male wollen wir es ſchließen, Er⸗ laucht, daß es nach Kurzem offen ſtrahle vor den Augen aller Menſchen, und auf ewige Zeiten. O, ich habe Euch gleich gekannt,“ fügte er zufrieden lächelnd hinzu,„da Ihr heute Einlaß verlangtet!“— Mit dieſen letzten faſt heimlich geſagten Worten drehte er den Kupferdeckel wieder herum, und fügte ihn ein, ſo daß keine Spur blieb, wo er ſich früher geöffnet. „So, jetzt iſt Alles geſchehen, und geſehen,“ ſagte er, und trat zu⸗ rück. Wirklich waren nun alle folgenden Riſchen in langer Reihe leer, und die Freunde wanderten noch den Reſt entlang, dem Thore zu, das ſie in die andern Gemächer des Baues führte. Daß ſie dem, was nun folgte, wenig Aufmerkſamkeit ſchenkten, be⸗ greift ſich. Sie gingen noch durch mehrere Abtheilungen des Sixtus⸗ baues. An den grünen Saal ſtieß ein rother, gefüllt mit den tauſenderlei Arbeiten der Frauen des Rothenſteines, namentlich mit einer Unzahl Spielereien der Nonnen. Sonſt möchte es nicht ohne Annehmlichkeit ſein, dieſe Zeugen einer vergangenen Abgeſchiedenheit zu betrachten, wie ſie für den einen ein Glück, für den Andern eine Trauer war,— aber die zwei Männer eilten vorüber, um nur ſo ſchnell als möglich Raum und Luft zu gewinnen und ihre Herzen gegenſeitig ausſchütten zu kön⸗ nen. Nur ein Gemach, als ſie all die Räume und Zimmer durchwandelt — 313 hatten, nahm noch ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch— es war das lette, nahe an dem großen Thore gegen die Vorderſeite des Baues gele⸗ gen, aus dem ſie nun hinaustreten ſollten. Das Gemach war der im Sechseck gebaute Mauerſaal, in welchem die Bilder zum grünen Saale verfertigt zu werden pflegten. Und auf eine ſchaurige Weiſe legte er jetzt den ſpäten Beſuchern dieſe ſeine einſtige Beſtimmung vor Augen; denn Alles lag und ſtand noch ſo, als wäre der Künſtler vor einem Augenblicke hinweggegangen: aber ausgedorrte Farben, Staub und Spinneweben zeigten, daß hier jahrelang keine menſchliche Hand thätig geweſen ſei. Dennoch waren noch alle Fenſtervorhänge niedergelaſſen, bis auf einen, um das Licht auf die Leinwand zu ſammeln. Eine lebensgroße Gliederpuppe ſaß da, und ſchwere, ſchön geordnete grünſeidne Drapperie hing an ihr nieder, um auf das Bild gemalt zu werden; aber die ſcharfen Seidenfalten derſelben lagen voll dichten alten Staubes, und der Glanz des Stoffes war erblindet. Der rothe Sammtſeſſel, auf dem die ſaßen, die abge⸗ bildet werden ſollten, ſtand leer; aber daneben auf der Staffelei war auch das unvollendete Bild von der, die zuletzt auf dem Stuhle geſe ſ⸗ ſen. Um das Bild war ſchon im Voraus ein breiter Rahmen von künſt⸗ lichem Serpentine gemalt, um die Wirkung auf den künftigen Platz be⸗ rechnen zu können; aber es kam nie auf dieſen künftigen Platz.— Das Haupt war zwar vollendet, die Figur und der Grund aber bloß umriſſen und untermalt, und die Hände waren weiße, verwiſchte Flecken. Heinrich jagte mit ſeinem Tuche den größten Theil des Staubes von dem Bilde, und getrübt durch den noch gebliebenen, ſah ein ſchönes ſchlankes Weib, wie eine Narciſſe, demüthig und ſelig aus der Fülle der ſchönſten blon⸗ den Locken heraus. „Geht vorüber, geht nur eilends vorüber,“ ſagte angſtvoll dringend der Greis,„ich bitt Euch inſtändig, geht vorüber— es iſt nur mein ar⸗ mes Kind— was ſoll ich denn hier ſtehen bleiben?— ich habe ja ohne⸗ dieß ſchon um ſie geweint.—— Sie ſollte in den grünen Saal kom⸗ men, aber er wurde in dem Lande der Heiden erſchlagen— der Maler ging fort— ſie ſtarb.—— Seht, der Conterfeier iſt hinterliſtig wieder erſchienen, und wollte das Bild und die Sachen fortnehmen, aber ich ſagte zu ihm, daß ich ihn erſtechen werde, wenn er es thäte— da ging er, und kam nimmermehr wieder. Ich bitte laßt ſtehen und gehen —— Alles iſt nicht zu Ende; Alles iſt falſch, ihre Ehre und ihre Er⸗ — 3 hebung iſt falſch, wie der Stein, den ſie um ihr Bildniß gemalt haben. —— O, Vieles, Vieles iſt fürchterlich geworden, ſeid Ihr fort waret: Graf Jodok hat ſeinen Sohn Chriſtoph verflucht, und dieſer iſt nicht ge⸗ kommen, bis der Vater todt war, und dann kam er, und war wie eine ſcheue Amſel auf dem Berge, und geſellte ſich zur ſchlanken Ammer, die immer erſchrocken das Köpſchen warf.—— Aber ſie Beide waren ſo ſchön, wie gar nichts auf Erden, und lauter Friede und Heimlichkeit war auf dem Berge.—— Laßt ſie ruhen— laßt ſie ruhen!— Hier iſt das Thor; Ihr könnt ja gleich in den indiſchen Garten des böſen Jodok kom⸗ men. Sceht, der Garten iſt ſo ſchön— geht nur hinaus, geht hinaus, ich bitt' Euch.“ Und haſtig hatte er bei dieſen Worten das Thor der ganzen Breite nach aufgeriſſen. Feines liebes Grün ſah einladend herein. Er zeigte hinaus; er war ſichtlich erleichtert, als die Freunde das Gemach verlaſſen hatten. Dann mit Kraft und Schnelle jagte er die Flügel zu, drehte drei⸗ mal den Schlüſſel im großen Schloſſe um, und ſchlug noch mit der Fauſt auf das eiſerne Thor, recht freudig, daß es einmal zu ſei.— Aber auch die Männer waren erleichtert, als der düſtre, ſchwarze Bau gleichſam hin⸗ ter ihrem Rücken zurückwich, und die helle, grüne Landſchaft glänzend in der Nachmittagsſonne vor ihnen lag, und ſich die Flut des lieben ver⸗ trauten Sonnenlichtes wieder um ſie ergoß. Es war ein reicher Garten, durch den ſie gingen, voll der ſanfteſten Sträuche und Bäume nebſt Reſten verkommener, ausländiſcher Gewächſe. Mitten in dem Garten ſtand ein großer, weißer Würfel aus dem feinſten Marmor gehauen, mit der Inſchrift:„Jodokus und Chelion.“ Sie gingen vorüber, dann ge⸗ langten ſie in den griechiſchen Säulenbau des Jodok, das ſogenannte Parthenon. Die Säulen ſtanden hoch und prächtig in die Lüfte, und Gemächer und Corridore liefen; aber alle die Keuſchheit des Marmors war häßlich von Rauch und Flamme geſchwärzt und verödet— eine Schicht unreiner Ziegel lag zwiſchen den beſchmutzten Säulen, und ſchän⸗ dete die edle Leiche des Gebäudes. Sie weilten auch hier nicht lange— und es war auch nichts zu ſehen, als die leere hohle Hülſe einſtiger Wohnlichkeit, in der nun die Trauer brütete.— Sie gingen hinter dem Gebäude durch einen weitläu⸗ ſigen Obſtgarten nach und nach um die Bergkuppe herum, und ſtiegen dann durch den erſtorbenen Fichtenhain zu dem Thurme des Sterndeuters Pro⸗ kopus hinan. Der Thurm ſelber war leer, nur daß noch Trümmer von aſtronomiſchen Geräthen, Mappen und Büchern herumlagen. Aber an der Außenſeite deſſelben war gegen Süden eine rieſenhafte Aeolsharfe geſpannt. Ihre Saiten gingen von dem gepflaſterten Stein⸗ boden, der rings um den Thurm lief, bis auf die Spitze deſſelben empor, und ſie wogten leiſe, tief und zart im Hauche der leichten Luft, als die Freunde eben davor ſtanden, gleichſam als rede ſie jetzt freundlich zu ihnen, während ſie öfter unter Tags einen lauten langen Ruf über die Berge gethan. Mit dem Thurme des Prokopus war die andere Seite des Schloß⸗ berges gewonnen, und ſie begannen nun den Rückweg. Der alte Pfad, der von dem Thurme abwärts lief, wand ſich wieder ſachte um die Wöl⸗ bung des Berges dem Thore zu, durch das ſie hereingekommen waren, weil es das einzige in der ganzen Ringmauer war. Ehe ſie zu dem Platze der Sphinxe und des Obeliskus gelangten, trafen ſie auf die Wohnung des Kaſtellans— es war ein niederes breites Haus an einer heißen Sandlehne gelegen— und hier ſahen ſie noch einmal das Kind Pia, wie es mitten unter Ringelblumen in verwahrloſter Gartenwildniß ſchlief. Ein ſteinaltes Mütterchen, wahrſcheinlich die Magd Ruprecht's, ſaß bei ihr, und wehrte ihr die Fliegen. Auch der Hund ſaß nebenan, und be⸗ trachtete klug die Gruppe. Ruprecht war auf dem Wege von dem Berge herab wie ein Lamm hinter den Männern gegangen. Jetzt, wie ſie ein wenig anhielten, um die Gruppe im Garten zu betrachten, und er an ihnen vorbeikam, ſahen ſie, daß ſeine blaßblauen Augen ganz leer ſtanden, daß er auf die Seinen keinen Blick that, und geradewegs gegen die Ringmauer zuſchritt. Dort angekommen, öffnete er die Pforte, und wies die Männer unter denſelben Verbeugungen hinaus, wie er ſie hereingewieſen hatte. Sie traten durch das ſchmale Drehthor, und hörten hinter ſich die Vorrichtung knarren und den Schlüſſel raſſeln. Nach einigen Schritten, die ſie gebeugt durch das verwachſene Haſelgebüſche gethan hatten, ſtanden ſie wieder in der Fich⸗ tenallee vor dem weißen Mauerflecke, wie ſie vor einigen Stunden geſtan⸗ den waren, ehe man ſie hineingelaſſen hatte. Die Rachmittagsluft ſeufzte wieder eintönig in den langen haarigen Zweigen, wie es die am Vormittage gethan, und die Stille und die Harz⸗ düfte ſanken wieder von den Wipfeln. Das Räthſel des Berges, das — 316— Heinrich geſucht, lag nun hinter ihm, und die graue, hohe, ſtumme Mauer ſtand wieder davor. Da ſie nun allein waren, und da ſie die unbetretene, unbefahrne Straße der düſtern Allee abwärts zu ſchreiten begannen, ſagte Robert zu Heinrich:„Nun aber um Gotteswillen erkläre, was ſoll Alles das be⸗ deuten?“ „Ich will es Dir ſagen,“ antwortete Heinrich,„aber zuvor erkläre Du mir, wie es denn kam, daß Du nie von dieſem außerordentlichen Schloſſe und ſeinem wunderlichen Teſtamente zu mir geſprochen haſt, da ich doch ſchon ſo viele Wochen in der grünen Fichtau wohne, undſo oft mit Dir zuſammengekommen bin?“ „Deine Frage iſt noch wunderlicher, als die Sache ſelbſt,“ erwiederte Robert.„Wie konnte mir beikommen, eben weil Du ſchon viele Wochen in der Fichtau wareſt, daß Du von einem Dinge nichts wiſſeſt, das doch in aller Leute Munde war? und wie ſollte ich freiwillig wieder von etwas beginnen, von dem man eben erſt aufgehört hatte zu reden?“ „Nun, ſo hat mich denn ein Wunder in dieſer Angelegenheit ge⸗ führt,“ ſagte Heinrich,„ſonſt wäre ſie gerade für den verloren geweſen, den ſie doch am meiſten anging, der mitten im Geſpräche darüber ſaß, und nicht einen Laut davon vernommen hat!— Höre mich an. Du weißt, wie ich Dir ſagte; daß ich wunderbare Ruinen gefunden, und daß ich den närriſchen Fichtauer Wirth darüber zu Rede geſtellt;— Du weißt, daß Du mir dann ſelber das ſonderbare Teſtament dieſer Scharnaſt's aus⸗ einandergeſetzt haſt: aber das weißt Du nicht, daß ein furchtbarer Blitz auf mich von heiterem Himmel gefallen war— daß ein ſolcher Scharnaſt mein Ahnherr geweſen— und daß ich es doch keinem Menſchen dieſer Erde zu entdecken wagte, weil es dennoch unwahr ſein konnte— ach, es ſchwebte mir ja kaum wie ein dunſtiger duftiger Rebelſtreifen vor, der dahin ſein konnte, ehe man ihn erfaßt.— Ich ſchrieb deſſelben Abends, als ich mit dem Wirthe und Deinem Schwiegervater geſprochen hatte, noch an meine Mutter, und befragte ſie, wie unſer Ahn geheißen, und welche ſeine Verhältniſſe geweſen— und ich ſchickte den Brief noch in der Nacht nach Priglitz auf die Poſt. Darum, Freund, war es auch nicht Neugierde allein, was mich auf dieſen Berg trieb, ſondern ein Inſtinkt, der auf ſei⸗ nen Gegenſtand weiſt, wenn er ihn auch noch nicht kennt. Siehe, Dir muß der Kaſtellan, Dir muß meine Aehnlichkeit mit jenem Bilde aber⸗ m——————— 317— witzig geweſen ſein, und mir wurde es klar, wie die Sonne des Firma⸗ mentes. Ich will Dir jetzt auch Alles erzählen, merke wohl auf. Vor hundert und zwanzig Jahren kam ein Mann in unſer Thal, das damals feſter, dichter Wald war, kaum von einigen Hütten und Feldern unter⸗ brochen. Der Mann hatte Niemand als ein wunderſchönes Mädchen mit⸗ gebracht, war ſehr alt, trug einen weißen Bart, und dunkle Kleider. Mit Werkleuten und Knechten, die er aufnahm, baute er ein ſchönes weißes Haus auf dem Waldabhange, und erweiterte um dasſelbe den Raum in Gärten und Feldern. Sodann ſoll er Allen, die um ihn wohnten, Gutes gethan haben; er ſoll ſie angeleitet, in tauſend Dingen unterrichtet, und überhaupt weiſe und ruhig gelebt haben. In jener Zeit geſchah es auch, daß mein Urgroßvater, ein wohlhabender gelehrter Mann und Pflanzen⸗ kenner, angezogen durch die wilde Schönheit des Waldthales, ſich eben⸗ falls darin anſiedelte und ein ähnliches Haus baute, wie der eingewan⸗ derte Alte. Da nun aber der Urgroßvater noch ſehr jung war, und wie die Familienſage ſpricht, ſehr ſchön, ſo geſchah es wieder, daß ſich er und die Tochter des fremden Mannes ſehr gefielen und endlich heiratheten. Der weiſe Greis hat noch lange gelebt, und iſt an die hundert Jahre alt geworden. Erſt bei ſeinem Tode kam es zu Tage, daß er ein Graf ge⸗ weſen, und Scharnaſt und Julius geheißen. Es ſollen— waren es nun Verwandte, oder ſonſt nur Freunde— vornehme Leute zum Begräbniſſe in den Wald gekommen ſein; aber wo ſie hingerathen, oder ob man noch etwas von ihnen gehört, davon wußte man ſpäter nichts mehr. Auch verlor ſich die ganze Sage der Abſtammung in unſerer Familie, wie eine Dämmerung, die vergeht, ſo, daß kaum Einer davon ſprach, die Andern es nicht glaubten. Denke Dir nun, wie mir ward, da der Wirth die Namen nannte, die mir in den Sen klangen, und die ich kaum herauf⸗ beſchwören konnte— denke Dir, wie ich in dieſes Schloß trete, und mich der irre Kaſtellan als Herrn begrüßt— wie ich auf jenem Bilde in längſt verſchollenen Kleidern ſtehe— wie ich als Genoſſe in den Jugendgeſchich⸗ ten eines uralten Mannes ſpiele.—— Wenn es nun iſt, denke Dir, wenn es iſt: dann iſt jener ſchöne, ſanfte Knabe Julius in Jagdkleidern der weiſe Greis aus unſerm Walde, dann bin ich in die Fichtau gegan⸗ gen, um Blumen und Steine zu ſammeln, und habe das todte Geſchlecht meiner Väter gefunden. Wie wunderbar! Warum ich aber jenem an⸗ dern Bilde einer andern Linie, jenem zweiten Sirtus ſo ähnlich ſehe, — 318— weiß ich nicht, wenn es nicht eines jener Familienwunder iſt, die ſich zu⸗ weilen ereignen, daß nämlich in einem Gliede plötzlich wieder dieſelbe Bildung hervorſpringt, die ſchon einmal da geweſen, um dann wieder in vielleicht ewige Unterbrechung auseinanderzulaufen— oder wenn es nicht ein Fingerzeig des Himmels iſt, daß noch ein entfernter Sprößling dieſes Geſchlechtes lebe, auf den man ſonſt nie gekommen wäre.“ Robert ſchüttelte bei dieſen letzten Worten ſeines Freundes faſt traurig den Kopf und ſagte:„Das iſt ja eine erſtaunliche, überaus merk⸗ würdige Geſchichte, die Du da ſo erzählſt, als wäre ſie vollkommen ein⸗ leuchtend— ich erſtaune faſt vor den Folgen— ich weiß es noch gar nicht, wie ſehr ich mich darüber freuen werde— aber vorerſt bin ich noch beinahe betrübt darüber; denn ſiehe, Heinrich, Deine Erinnerungen zäh⸗ len vor Gericht nicht, der Name iſt Dir dunkel, die Erkennung des Ka⸗ ſtellans folgte bloß aus Deiner Aehnlichkeit mit jenem Bilde, die ſelber zufällig iſt— ich ſehe einer endloſen Sache entgegen.— Wird man nicht ſagen, Du ſelber habeſt das Bild malen und dort verſtecken laſſen, da die Aehnlichkeit zu lächerlich iſt? oder was beweiſt ſie am Ende? Sage, haſt Du außer den Dingen, die Du mir erzählteſt, weiter nichts, nicht irgend eine kleinſte Kleinigkeit, woraus Hoffnung entſtände, daß man würde einen Beweis herſtellen können?“ „Ich weiß in der That ſonſt nichts,“ entgegnete Heinrich,„als daß jener alte Mann Julius Graf Scharnaſt geheißen, d. h. ich meine, daß er ſo geheißen, aber ich habe meiner Mutter geſchrieben, ob er ſo gehei⸗ ßen, und ob nicht Schriften von ihm übrig wären. Ich bin nur darum nicht gleich ſelbſt nach Hauſe gereiſet, damit ich noch eher dieſes Schloß beſuchen, und dann mit Dir reden könnte, daß Du mir als Rechtserfahr⸗ ner einen Rath gebeſt. Sobald die Antwort der Mutter da iſt, werde ich ſie Dir mittheilen, und Dich fragen, was ferner zu thun iſt.“ „Es iſt gut ſo,“ antwortete Robert,„ſage nur keinem Menſchen etwas von der Sache, damit nicht entgegengearbeitet werde. Wenn die Lage ſo iſt, wie ſie ſcheint, dann müſſen beſtimmt und gewiß Documente von jenem Julius Scharnaſt irgendwo liegen; die Kunſt iſt dann nur, ſie klug zu finden und klug zu heben, ehe ſich eine Hand darein miſcht. Sie müſſen vorhanden ſein, wenn er nicht ganz und gar leichtſinnig und ſorglos um ſeine Nachkommenſchaft geweſen iſt. Wenn der Brief Dei⸗ ner Mutter Winke gibt, ſo will ich ſelber mit Dir reiſen, und jeden — 319— kleinſten Faden ſelber lenken und leiten, damit Du nicht zu Schaden und Irrthum kommſt.“ „Ich danke Dir,“ ſagte Heinrich,„ich wußte, daß Du gut und hülfreich biſt, darum habe ich mich Dir allein anvertraut.“ „Gut und hülfreich?“ erwiederte Robert;„die Sache iſt ja ſo un⸗ geheuer und merkwürdig, daß ich ein wahrer Tiger ſein müßte, wenn ich Dir nicht mit Händen und Füßen beiſpränge— und ich begreife nicht, wie Du ſo ruhig davon reden kannſt, wie etwa von einem Pachtvertrag, oder einem Pferdekaufe?“ „Siehe, das iſt ſo: ich trage die Sache ſchon acht Tage mit mir herum, wurde ſie gewohnt, und ſie iſt mir indeſſen völlig einleuchtend geworden.“ „Ich wollte nur, ſie wäre dem Lehenhofe auch einleuchtend,“ ſagte Robert, und dann fuhr er ſo wie aufzählend fort:„Es muß ein Tauf⸗ ſchein da ſein, ein Trauſchein, etwa ein Teſtament jenes Greiſes, Corre⸗ ſpondenzen, ein Offizierspatent oder ſo etwas,— wenn Ihr nur die Dinge nicht zerriſſen habt.—— Es dürften, ja es müſſen ſogar im Gewölbe des rothen Steines Schriften ſein, die über jenen Julius Aus⸗ kunft geben—— dann der Vertrag über den Waldkauf und Häuſerbau Deines Greiſes— der muß in einem Archive ſein. Euer Thal iſt ja lan⸗ desherrlich, nicht wahr?“ „Ich bitte Dich, ſchone mich jetzt mit dieſen Dingen,“ ſagte Hein⸗ rich;„denn ich weiß ſie nicht; aber wenn wir reiſen, werde ich Dich überall hinführen, wo Du hin verlangſt, und Dir Auskunft verſchaffen, worüber Du nur willſt.“ „Nun ich hoffe, und wünſche, und will alles Beſte für Dich,“ ant⸗ wortete Robert;„aber ich habe eine wahre Angſt, eine peinigende Angſt habe ich, wie wir das Ding durchſetzen werden.“ „Ich wieder gar keine,“ ſagte Heinrich;„entweder rollt Alles ſchön und klar wie Perlen heraus, oder ich bin ganz und gar keiner von Je⸗ nen.— Nur leid thäte mir's dann, ſehr leid um das ſchöne Schloß, daß ich nicht auf ſeinem Berge arbeiten und ſchaffen dürfte, und daß ich es nicht mit all ſeinen Schätzen und Mälern von dem Heimfalle an Verderb⸗ niß und Unheimlichkeit retten könnte.“ „Freilich wäre es auch mir ſehr angenehm,“ erwiederte Robert;„es wäre eine wahre Freude für mich, es wäre die größte meines ganzen Le⸗ — 320— bens, Thrine und mein Kind ausgenommen, wenn ich Dich hier oben wüßte als Herrn und Beſitzer, ein klares und freundliches Leben führend über den Trümmern dieſer verworrenen, vielleicht ſündhaften Vergangen⸗ heit.— Du würdeſt Alles ordnen daß es heiter würde; Du wäreſt uns ſo nahe, Deine Mutter und Schweſter wären bei Dir—— und viel⸗ leicht ein gar ſo liebes Weibchen auch?—— Hab'ich Dich?“ „Erwähne das nicht,“ ſagte Heinrich erröthend,„erwähne das jetzt nicht.“ „Nun, nun, Du brauchſt Dich nicht zu ſchämen,“ entgegnete Ro⸗ bert;„ſie iſt ſchon recht, ſie iſt herrlich und mehr werth, als alle Für⸗ ſtinnen und Grazien der Welt.“ „Freilich iſt ſie mehr werth, freilich,“— ſagte Heinrich. „Nun ſo handle raſch zu,“ erwiederte Robert,„und laſſe alles Andre gehen, wie es gehen mag.“ Unter dieſen und ähnlichen Geſprächen waren die Freunde endlich vollends den Berg hinabgelangt, und ſahen unten im dichten Gebüſche das Häuschen des Grafen Jodok ſtehen, und das ſteinerne Bänkchen da⸗ vor, auf dem er in den letzten Tagen ſeines Lebens geſeſſen war. Dann gingen ſie durch heitere Obſtbaumgruppen dem Dorfe zu, wo ſie ein Mahl beſtellt hatten, und wo ihr Wagen wartete. Es iſt begreiflich, daß ſie während des Eſſens und noch nachher über die Dinge redeten, die ſie geſehen, und über die Zukunft, wie ſie einzurichten iſt. Als es ſchon ge⸗ gen die Kühle des Abends ging, ſaßen ſie ein, und fuhren den Rückweg gegen Priglitz zu. Oefter, wenn es die Berge zuließen, ſahen ſie noch auf die alte Burg zurück, und ganz ſpät, als ſchon längſt die Sonne un⸗ tergegangen, und ſie eben um einen Winkel in das Hauptthal der Pemitz einbogen, riſſen noch einmal die grünen Hügel auseinander, und ließen den verlaſſenen Zauberberg durchblicken, wie er fahl, gleich einem Luft⸗ bilde in der Dämmerung draußen hing— ſie dachten ſich noch einmal die Bewohner auf ihm, den blöden Greis, das Kind, das alte Mütter⸗ chen und den Hund; ſie dachten ſich die ragenden Bauwerke desſelben, und die Reihe der ſtarren ſchweigenden Bilder— dann ſchob ſich ein ſchwarzer Wald vor, ſie flogen um die Ecke, und das weitere Pernitzthal nahm ſie auf. Fröhlich rollten ſie nun in der Nacht dem bekannten rau⸗ ſchenden Waſſer entgegen, in die Enge des Thales zurückdringend, um Heinrich an der grünen Fichtau abzuſetzen. Es rückten die alten wohlbe⸗ — 321 kannten Berghäupter immer finſterer und immer größer an dem Wagen vorbei, und die Freunde kamen erſt an der Häuſergruppe an, da wieder der Mond, aber nun ein abnehmender, über derſelben ſtand, und den fahlgrauen Schimmer auf die Dächer legte, da der Staubbach wieder Diamanten warf, und die Gräſer Perlen hielten. Auch in der Pernitz rührte ſich das zerfloſſene Silber, und auf dem Waldlaube ſtand der ruhige feſte Glanz; aber alle Fenſter des ganzen Hauſes waren ſchwarz, die Ruhe der Bewohner zeigend. Zwei davon, die allein in einem matten Glimmer des Mondes ſchillerten, deckten das Gemach, in welchem der ſchlummernde Athem Anna's ging. Heinrich ſtieg ab, und pochte leiſe mit dem hölzernen Hammer an das Thor, Robert aber ließ ſeinen Wa⸗ gen umwenden, um noch in der Nacht ſeine Heimath zu gewinnen und die harrende Thrine zu beruhigen. Der Wagen war an der Steinwand des Julius verſchwunden; auch vernahm man ſein fernes Rollen nicht mehr. Der Knecht der grünen Fichtau, der das leiſe Pochen gehört, und auf Befragen die Stimme Heinrich's erkannt hatte, hatte ihn eingelaſſen,— und ſo war wieder Alles, was der heutige Tag geſehen, die luſtigen Sonntagsgäſte der grü⸗ nen Fichtau, der närriſche Erasmus, die zwei Wanderer, die Bewohner jenes Berges, und das in ſeiner Liebe befangene Herz, in denſelben wei⸗ ten, lichtdämmernden, ſchlummerbringenden Mantel der Nacht gehüllt, und ſeinen Träumen überliefert. Wir aber laſſen ſie ſchlummern und träumen, und ſchwingen uns indeſſen in die glänzende Luft hinauf, um aus ihr auf das ganze Bau⸗ werk der Gebirge niederzuſchauen. Todt liegt es unten weit hinaus, und zeigt die ſchwarzen Spitzen gegen den Glanz hinauf, an denen ſich nicht ein einziges Atom rührt, nur daß an den Wänden glitzernde Fäden nie⸗ derrinnen, und auf den naſſen Bergen hie und da ein blitzender Mond⸗ funke harrt. Der Orion iſt ſchon tief geneigt, und löſcht bereits ſeine erſten Sterne an dem ſchwarzen Gebirgsrande aus— ein anderer Stern, ehe er völlig untergeht, blitzt noch ſo lebhaft, als ſollte man in der Stille ſein Kniſtern hören können— der halbe Mond aber ſteht noch hoch am Himmel, und übergießt ihn mit dem Flore ſeines milchigen Lichtes, jedes Sternlein in ſeiner Nähe vertilgend. Alles, was unſer Blick überſchauen kann, von der Kette angefangen die unter dem blitzenden Sterne ihren Schattenriß gegen den Himmel legt, über alle Höhen und Hügel herüber, Stifter. 4. Aufl. I. 21 — 322— auf denen jetzt die mattfärbigen Felſen ragen, oder die feuchten Wälder ſtehen, Alles dieſes bis zu den ſchweigenden Zacken draußen, die die letz⸗ ten das Licht des Mondes auffangen,— Alles, was wir ſo überſehen, ſteht unter den Fittigen jenes Schloſſes, das wir heute mit den zwei Freunden beſucht haben, und alle Weſen, die jetzt da unten ſchlummern und träumen, erwarten von ihm ihr Wohl oder Wehe. Wir aber wün⸗ ſchen von Herzen, daß ſie ſämmtlich unter die Obhut des ſanften freund⸗ lichen Mannes gelangen mögen, der heute in jenem Mauerwerke geweſen, und ſchon ſo lange mit Bewunderung zwiſchen dieſen grünen Bergen herumgegangen iſt. Er iſt einfach und milde, und wird eine leichte und hülfreiche Hand über ihre Häupter ſtrecken. Wir aber verlaſſen nun auch unſere Höhe und laſſen den Reſt der Nacht ungeſehen und unempfunden über die ſtummen Berge hinweggehen, bis ihr letzter Silberſchein weit draußen im Weſten erblaſſet, und die goldene Flamme des Morgens über ihre Häupter hereinſchlägt, alle Stimmen, die jetzt ſchweigen, zu neuen Freudenrufen erweckend, und alle Leben, die jetzt todt ſind, zu neuem Wo⸗ gen und Wallen geleitend. Als nun dieſer Morgen angebrochen war, finden wir Heinrich in ſeinem Zimmer bereits aufgeſtanden und angezogen.— Er beſchäftigte ſich, indeſſen draußen die feurigen Goldſtröme um alle Hütten ſpielten, damit, daß er Pflanzen und Mineralien in flache Kiſten packte, und wie eine fertig war, den Deckel anſchraubte, und ihn mit einer Aufſchrift verſah. So that er faſt den ganzen Tag. Und wie oft er indeſſen an das Fenſter gegangen, ja ſelbſt den Garten durchſtreift hatte, ſo hatte er doch Anna nicht zu ſehen bekommen; es war faſt, als wiche ihm das Mädchen aus. Nur gegen Abend, als man ihn über den Steg und dann die Grahnswieſe emporgehen ſah, lauſchte ihr Angeſicht zwiſchen den weißen Vorhängen ihres Fenſters heraus, und ſah ihm nach, ſo lange er zu erblicken war. In der Dämmerung kam er wieder zurück, und der große Wirthshund ging mit ihm, weil er ihn oben am Hage gefunden hatte, und ihm überhaupt ſehr zugethan war. Die Thiere kennen gute Menſchen, und geſellen ſich zu denen, die ihn wohlwollen. So verging auch der andere Tag und der nächſte wieder. Mitt⸗ wochs aber, da er eben über ſeine Gaſſenſtiege herabgegangen war, um ſpäter ſein Mittagsmahl zu nehmen, lief Anna hochroth aus dem Gaſ⸗ ſengärtchen herbei, und ſagte zu ihm:„Seit Morgen liegt ſchon ein — 323— Brief an Euch in des Vaters Stube; Thrinen's Syndikus hat ihn mit einem eigenen Boten geſendet.“ Heinrich entfärbte ſich bei dieſer Nachricht, und Beide, ohne ſonſt ein einzig Wort zu ſagen, gingen wieder auseinander. Der Brief aber war von Heinrich's Mutter. Zitternd entfaltete er ihn, und las, wie folgt:„Lieber Sohn! Du ſchreibſt ohnedem ſo ſelten, und dann wieder ſo kurz, daß wir nicht wiſſen, wie es Dir geht, oder was Dir fehlt, damit wir es Dir ſchicken. Und vonwegen Du geſchrie⸗ ben, ſo läßt Dich der Herr Pfarrer grüßen, und Dir ſagen, daß es wirk⸗ lich in der Traumatrikel der Kirche zu Grünberg ſteht, daß Dein Urgroß⸗ vater Melchior im Jahre Chriſti 1719 mit der tugendhaften Jungfrau Angelika Scharnaſt ehelich copulirt worden iſt, welche die Tochter des Obriſten Julius Scharnaſt geweſen iſt. Der Obriſt aber war gar ein Graf geweſen, ehe er gekommen iſt, aber das ſteht nicht darinnen, ſon⸗ dern wenn Du es wiſſen willſt, wie ſich Alles begeben hat, ſo meint der Herr Pfarrer, dieſes werde im Amte zu Grünberg aufgeſchrieben ſein, und daß Du es Dir ſollſt aufſchlagen laſſen. Oder wenn es nicht auf⸗ geſchrieben iſt, ſo hat ſchon der vorvorige Syndikus zu Deinem Vater geſagt, daß verſchloſſene Schriften von dem Obriſt im Amtsgewölbe lie⸗ gen, aber es iſt wieder Alles beim Alten geblieben. Wenn es zu Deinem Fortkommen dienlich iſt, ſo komme lieber ſelber, und ſehe Alles an. Deine Schweſter iſt wieder ſehr krank geweſen, nun aber ſchon beſſer. Die Kiſte mit den Kräutern haben wir an den Boten abgegeben, aber es wäre uns lieber, wenn Du doch etwas Anderes thäteſt, und Dich zu etwas Anderm wendeteſt, allein Du wirſt es ſchon ſelbſt am beſten ver⸗ ſtehen. Ich grüße Dich mit meinem ganzen Mutterherzen, die Schwe⸗ ſter grüßt Dich auch, und ſo behüte Dich Gott, und ich bleibe Deine treue Mutter, Magdalena.“ Heinrich legte den Brief wieder zuſammen, und war er bei deſſen Entfaltung blaß geweſen, ſo wurde er nur nach deſſen Leſung flammend roth. Es wären faſt Thränen der Rührung über die guten einfältigen Worte der Mutter hervorgebrochen— aber er hatte jetzt nicht Zeit, ſon⸗ dern mit äußerſter Haſt lief er wieder in ſeine Stube, packte noch in Eile Alles zuſammen, was herum lag, und verſah es mit Aufſchriften, daß es der Boten⸗Simon am künſtigen Montage mit ſich fortnehme; den Koffer mit ſeinen Kleidern gab er einem Schubkarrenführer aus der 28 — 324— Fichtau, daß er ihn ſogleich zu Robert nach Priglitz bringe, dann ver⸗ zehrte er einige Biſſen von ſeinem Mittagseſſen, ohne daß ſie ihm ſon⸗ derlich ſchmecken wollten. Da Alles dieſes geſchehen, ging er zu Eras⸗ mus, der mit den Seinigen am Gartentiſche noch beim Mittagsmahle ſaß, um ſeine Rechnung zu berichtigen und Abſchied zu nehmen.— Erasmus brachte bald auf einem Täfelchen die Rechnung, ſtrich das erlegte Geld ein, und verſprach, daß jede Kiſte mit dem Boten⸗Simon pünktlich und am rechten Orte eintreffen ſolle. Heinrich reichte dem Va⸗ ter und der Mutter die Hand; zu Anna ſagte er bloß die Worte:„Lebt recht wohl, Jungfrau!“— ſie ſagte auch kein einziges Wort als:„Lebt recht wohl!“— dann wendete er ſich um, und ging fort. „Es iſt im Grunde doch ein recht kerngutherziger Menſch,“ ſagte Vater Erasmus, und alle drei aßen ſie faſt traurig an ihrem Mittags⸗ mahle weiter. Am andern Tage kam durch einen Holzknecht die Nachricht von Priglitz, daß Heinrich und Robert abgereiſet wären, man weiß nicht wohin. Die Sache beſtätigte ſich auch, indem noch desſelben Tages Thrine ſammt ihrem Kinde zu ihrem Vater, dem Schmiede in die Fichtau auf Beſuch kam, und über eine Woche blieb. Auch ſie wußte nichts über das Ziel der Reiſe. Enplich fuhr ſie wieder nach Hauſe. Ein Tag um den andern verging, ohne daß die Männer zurückkehr⸗ ten, eine Woche nach der andern verging. Als aber endlich Robert allein zurückkam, ſo kam mit ihm zugleich eine Nachricht mit, die wie ein Lauf⸗ feuer von Land zu Land lief, von einem Berge der Fichtau zum andern, und die in Anna's verborgenem Herzen einen ganzen Sturm von Freude und einen fürchterlichen Schreck emporjagte. 3 Der rothe Stein. Während nicht nur in der Fichtau, ſondern im ganzen Lande noch ein außerordentliches Geſchrei über das Wunder war, ſo ſich begeben; während Arbeitsleute aller Art auf dem Rothenſteine beſchäftigt waren, ſo daß es ſchien, als rühre ſich nun der ganze Berg, der früher ſo ver⸗ einſamt geweſen; während das vermauerte Thor nun wieder gaſtlich ſeine Wölbung offen hielt, und auf einem Gerüſte Steinmetzen oder Steinhauer an ſeiner Verzierung arbeiteten; während kein Weg auf dem Berge war, auf dem nicht ein Karren quikte, kein Buſch, hinter dem es ſich nicht rührte, kein Dach, auf dem es nicht ging, kein Zimmer, in dem es nicht ſcheuerte—— während dieſes Alles geſchah, ging Heinrich langſam bei dem großen verfallenen Thore des Julianſchloſſes hinein, in das einzige Bauwerk, in welchem keine Hand ſich regte; er ging den betretenen Pfad über den Schutthügel; er ging bei der entgegengeſetzten Heffnung wieder hinaus, durchwandelte den verfallenenen Garten auch auf dem wohlbetretenen Pfade, und hielt vor dem hohen rothen Felſen ſtille, zu dem die Pfade führten. Hier zog er einen Schlüſſel aus ſeinem Buſen hervor,— denn die Siegel waren ſchon alle nicht mehr da— drehte ihn dreimal in dem Schloſſe, und öffnete ſanft die hohen, glatten, eiſernen Thorflügel. Da ſah ein weiter, matt dämmernder Gang her⸗ aus; weit geſchweifte, flache, halbkreisartige Stufen von blutigrothem Marmor wieſen zu einem zweiten Eiſenthore von wunderſchöner Arbeit, die zwei Schlüſſelmündungen mit gediegenem Golde umlegt. Er trat ein. Hinter ſich ſchloß er die äußern Thore, und ſchritt über das Licht⸗ gezitter, das eine Spiegelvorrichtung von oben herab auf den Eſtrich des Ganges warf, und ihn ſchwach beleuchtete. Nachdem er die Stufen emporgegangen war, nahm er die zwei kleinen ſtählernen Schlüſſel aus einem Sammtfache, das er mit ſich trug, und öffnete die eiſerne, gold⸗ belegte Pforte. Ein großer, ruhiger Felſenſaal that ſich auseinander, auf ſeinem Fußboden dasſelbe Spiegellichterſpiel zeigend, wie der Gang, und damit die im Sechseck geſtellten Wände matt beleuchtend, an denen es wie von Metallen glänzte. Heinrich ging ebenfalls hinein und ſchloß hinter ſich zu. Dann aber ging er den Wänden entlang, drückte an ver⸗ ſchiedenen Stellen, worauf ſich die eiſernen Lehnen von den Fenſtern der Kuppel zurückſchlugen, und ſanfte Lichtbäche von oben herabfallen ließen, die Alles klar machten, aber die ſpielenden Lichtwunder des Fußbodens auslöſchten. Bevor nun Heinrich irgend etwas Anderes that, ſchritt er gegen eine Stelle der Marmorwand, öffnete dort ein kleines ſtählernes Thürchen, auf dem mit goldenen Buchſtaben das Wort:„Henricus II.“ — ſtand, und legte ein beſchriebenes Heft, das er aus ſeinem Buſen zog, hinein. Dann ſchloß er langſam das Wandkäſtchen wieder, und trat zurück. Es ſtanden aber noch viele andere ſolche Thürchen herum, und jedes trug in goldenen Buchſtaben einen Namen. Sonſt war aber weder Geräthe noch irgend etwas im Saale, außer einem marmornen Tiſche, der vor einer Art Altar ſtand, und einem hochlehnigen Stuhle aus Erz. Heinrich ging an den vielen Thürchen vorüber; erſt eines der letzten, bevor die unbeſchriebenen kamen, öffnete er und zog die Schriften aus dem Eiſenſchranke hervor, die drinnen waren. Auf dem hohen Stuhle ſitzend, die Papiere vor ſich auf dem Tiſche, ſchlug er die erſten Blätter um, bis er zu einem eingelegten Zeichen kam, dann ſein Haupt ſachte vorwärts neigend, las er weiter, wie folgt: „Und darum kann ich euch keinen Dank haben, Ubaldus und Jo⸗ hannes, und Prokopus und Julianus— und wie ihr heißet; denn der Dämon der Thaten ſteht jederzeit in einer neuen Geſtalt vor uns, und wir erkennen ihn nicht, daß er einer ſei, der auch ſchon euch erſchienen war— und eure Schriften ſind mir unnütz. Jedes Leben iſt ein neues, und was der Jüngling fühlt und thut, iſt ihm zum erſten Male auf der Welt: ein entzückend Wunderwerk, das nie war, und nie mehr ſein wird — aber wenn es vorüber iſt, legen es die Söhne zu dem andern Trödel der Jahrtauſende, und es iſt eben nichts, als Trödel; denn jeder wirkt ſich das Wunder ſeines Lebens auf's Neue.“ „Was ich hier ſchreibe, bin nicht ich— mich kann ich nicht ſchrei⸗ ben, ſondern nur, was es durch mich that. Ich habe die Erde und die Sterne verlangt, die Liebe aller Menſchen, auch der vergangenen, und der künftigen, die Liebe Gottes, und aller Engel— ich war der Schluß⸗ ſtein des millionenjährig bisher Geſchehenen, und der Mittelpunkt des All, wie es auch du einſt ſein wirſt;—— aber da rollt Alles fort— wohin? das wiſſen wir nicht.— Millionenmal Millionen haben mit⸗ gearbeitet, daß es rolle, aber ſie wurden weggelöſcht und ausgetilgt, und neue Millionen werden mitarbeiten, und ausgelöſcht werden. Es muß auch ſo ſein: was Bilder, was Denkmale, was Geſchichte, was Kleid und Wohnung des Geſchiedenen— wenn das Ich dahin iſt, das ſüße ſchöne Wunder, das nicht wieder kommt! Helft das Gräschen tilgen, das ſein Fuß betrat, die Sandſpur verwehen, auf der er ging, und die Schwelle umwandeln, auf der er ſaß, daß die Welt wieder jungfräulich ſei, und nicht getrübt von dem nachziehenden Afterleben eines Geſtorbe⸗ nen. Sein Herz konntet ihr nicht retten, und was er übrig gelaſſen, wird durch die Gleichgültigkeit der Kommenden geſchändet. Gebt es lieber dem reinen, dem goldnen, verzehrenden Feuer, daß nichts bleibe, als die blaue Luft, die er geathmet, die wir athmen, die Billionen vor uns geathmet, und die noch ſo unverwundet und glänzend über dir ſteht, als wäre ſie eben gemacht, und du thäteſt den erſten, friſchen, erquickenden Zug daraus. Wenn du ſeinen Schein vernichtet, dann ſchlage die Hände vor die Augen, weine bitterlich um ihn, ſo viel du willſt— aber dann ſpringe auf, und greife wieder zu an der Speiche, und hilf, daß es rolle —— bis auch du nicht mehr biſt, Andere dich vergaßen, und wieder Andere an der Speiche ſind.“ „Wundere dich nicht über dieſen meinen Schmerz, da doch Alles, was ich in den vielen Blättern oben geſchrieben habe, ſo heiter und ſo freundlich war, wundere dich nicht; denn ich gehe dem Engel meiner ſchwerſten That entgegen, und aus den Pergamenten des rothen Felſen⸗ ſaales kam dieſer Engel zu mir. Dort liegen die Schläfer, von ihrem Ahnherrn verurtheilt, daß ſie nicht ſterben können; eine ſchauderhaft durcheinanderredende Geſellſchaft liegt dort, vor jedem Ankömmling müſ⸗ ſen ſie ihre Thaten wieder neu thun, ſie ſeien groß oder klein;— dieſe Thaten, genug, ſie waren ihr Leben, und verzehrten dieſes Leben. Wenn es dein Gewiſſen zuläßt, ſpäter Enkel, ſo verbrenne die Rollen, und ſprenge den Saal in die Luft. Ich thäte es ſelber, aber mir ſchaudert vor meinem Eide. Kannſt es aber auch du nicht thun, ſo vergiß doch augenblicklich das Geleſene, daß ſich die Geſpenſter all ihres Thuns nicht in dein Leben miſchen und es trüben, ſondern daß du es lieber rein und anfangsfähig aus der Hand deines Schöpfers trinkeſt.“ Ich fahre fort. „Als ich aus Frankreich zurückkehrte und das Bild des treuen Alfred doch ſchon zu erblaſſen begann— als ich faſt alle Welt durchreiſ'te— als ich jeden Brief der Marquiſe unerbrochen zurückſandte, bis keiner mehr kam— da fiel es mir ein——— leſe nun das Folgende, weil du zu leſen geſchworen, ſo wie ich es ſchrieb, weil ich es zu ſchreiben geſchworen—: aber wenn du das Eiſenthor des Gewölbes zuſchlägſt, ſo laſſe Alles hinter dir zurück, und ſtreue die Erinnerung in die Winde, damit du keinen Hauch davon, kein trübes Atom zu den Deinen nach — 328— Hauſe trägſt, zu deinen armen Kindern, zu deinem ſchönen unſchuldigen Weibe.“ „Das Land Indien war es, wo mir der Engel meiner ſchwerſten That erſchien;— unter dunklem Schatten fremder Bäume war es, an einem Fluſſe, der ſo klar floß, als walle nur dichtere Luft längs der glän⸗ zenden Kieſel— das Schlechteſte und Verachtetſte, was die Menſchheit hat, war dieſer Engel, die Tochter eines Paria; aber ſchön war ſie, ſchön über jeden Ausdruck, den eine Sprache erſinnen mag, und über jedes Bild, das in Jahrtauſenden einmal in eine wallende Fantaſie kommt.——“ „In den Pergamentrollen hatte ich gelernt, wie Alles nichtig und eitel ſei, worauf Menſchen ihr Glück ſetzen; denn es war Thorheit, was alle meine Vorfahren thaten. Ich wollte Neues thun. Den Kriegsruhm hatte ich ſchon genoſſen, dieß ekle, blutige Getränke; die Kunſt hatte ich gefragt, aber ſie ſagt nichts, wenn das Herz nichts ſagt; die Wiſſenſchaf⸗ ten waren Rechenpfennige, und die Liebe Sinnlichkeit, und die Freund⸗ ſchaft Eigennutz.—— Da fiel mir ein, wie ich oben ſagte, ich wolle nach dem Himalaia gehen. Ich wollte die rieſenhaften und unſchuldigen Pflanzen Gottes ſehen, und eher noch wollte ich das große, einfache Meer verſuchen.“ „Ich kam nach dem Himalaia. Dort lernte ich die Hinduſprache, dort ſah ich das Bramanenleben, ein anderes, als unſeres, d. h. anders thöricht— und dort ging auch die Paria zwiſchen Rieſenpalmen nach dem Fluſſe, um Waſſer für den Vater zu ſchöpfen. Sie hat, ſeit ſie lebte, ſonſt nichts gethan, als daß ſie durch die Palmen ging, um Waſſer zu holen, und für den Vater Datteln zu leſen, und Kräuter zu pflücken.“ „Rühre mich nicht an, und rede nicht mit mir,“ hatte ſie zu dem fremden Manne geſagt,„daß du nicht unrein werdeſt,“— und dann ſtellte ſie den Waſſerkrug auf ihre Schulter neben den glänzenden unſäg⸗ lich reinen Nacken, und ging zwiſchen den ſchlanken Stämmen davon.“ „Und ſo ging ſie Tage und Monden— kein Menſch war in dem Walde, als ich; denn ſie würden unheilig durch Rede und Berührung mit ihr geworden ſein. Der Vater ſaß unter Feigenbäumen, und ſah blöde und leer gegen die Welt— und als er eines Tages todt war, und ſie nicht zu dem Fluſſe kam, ſo ging ich zu ihr, und berührte ſie doch; — 329— denn ich nahm ihre Hand, um ſie zu tröſten— ich redete mit ihr, daß ſie erſchrak und zitterte, und mich anſah, wie ein Reh.“ „Du mußt dich nun waſchen,“ ſagte ſie,„daß du wieder rein ſeieſt.“ „Ich werde mich nicht waſchen,“ ſagte ich;„ich will ein Paria ſein wie du. Ich werde zu dir kommen, ich werde dir Früchte und Speiſe bringen, und du reicheſt mir den Krug mit Waſſer.“ „Und ich kam auch, und kam wieder und oft. Ich redete mit iht, ich erzählte ihr von unſerm Brama, wie er ſanft und gut ſei gegen die Kinder ſeines Volkes, und wie er nicht den Tod des Weibes begehre, wenn der Mann ſtarb, ſondern daß ſie lebe, und ſich des Lichtes wieder freue.“ „Wenn ſie aber freiwillig geht, ſo nimmt er ſie doch mit Wohlge⸗ fallen auf?“ fragte ſie und heftete die Augen der Gazelle auf mich.“ „Er nimmt ſie auf,“ ſagte ich,„weil ſie es gut gemeint hat; aber er bedauert ſie, daß ſie ſich ihr ſchönes Erdenleben geraubt hat, und nicht lieber gewartet, bis der Tod ſelber komme, und ſie zu ihrem Manne führe, der auch ſchon ihrer harrte.“ „Siehſt du, wie du ſelber ſagſt, daß er ſchon harrte,“ antwortete ſie raſch.„Du biſt alſo im Irrthume, und man muß ja zu ihm kommen.“ „Wenn du wieder in dein Land gehſt,“ ſetzte ſie langſamer hinzu, „in deine Heimat, die etwa gar jenſeits dieſer hohen weißen Berge iſt, ſo werde ich traurig ſein, und auch meinen, daß ich dir folgen ſolle.“ „Und willſt du mein Weib werden?“ ſetzte ich plötzlich hinzu.“ „Und hier war es, wo ich zum erſten Male gegen ſie ſchlecht war. Ihr hatte mich entzückt, ich beredete ſie, mein zu werden, und mir zu folgen. Sie kannte kein anderes Glück, als im Walde zu leben, Früchte zu genießen, Blumen zu pflücken, und die Pflanzenſpeiſen zu be⸗ reiten, die ihr ſanfter reinlicher Glaube vorſchrieb; ich aber kannte ein anderes Glück, unſer europäiſches, und hielt es damals für eins.— Das weiche Blumenblatt nahm ich mit mir fort, unter einen fremden Himmel, unter eine fremde Sonne. Sie folgte mir willig und gerne— nur ſehr blaß war ſie, als wir über das breite endloſe Salzwaſſer fuhren, und es machte ihr Kummer, wenn ſie ſich mit dem ſchmutzigen Schiffwaſſer wa⸗ ſchen oder es trinken mußte. Ihre Seele war in mir, und ſie wußte es nicht, darum liebte ich ſie mehr, als eine Zunge ſagen kann. Ich that ihrer Meinung und ihrem Willen nie Gewalt an, ſondern ließ ſie vor — 330— mir ſpielen, und ſah zu, wie ſie mein Herz und ihr Herz, meinen Unter⸗ richt und ihren Hinduglauben kindiſch durcheinandermiſchte, und in Be⸗ thörung lächelte.“ „Als ſie nach den Geſetzen unſtes Landes mein Weib geworden war, führte ich ſie auf meinen Berg. Ich hatte ſchon vor meiner Abreiſe ein Gebäude nach griechiſcher Art angefangen, und dieſes ſtand nun, als wir ankamen, bereits fertig da. Ich taufte es„Parthenon,“ und richtete es zu unſerer Wohnung ein. Es war ſehr ſchön, und ſein Inneres mußte von jeder Pracht und Herrlichkeit ſtrotzen, damit ich ihr ihr Vaterland vergeſſen machen könne. Auch einen Garten legte ich rund herum an, und hundert Hände mußten täglich arbeiten, daß er bald fertig würde. Ich zog ſchwarze Mauern und Terraſſen, um die Sonnenhitze zu ſam⸗ meln; ich warf Wälle auf, um den Winden zu wehren; ich baute ganze Gaſſen von gläſernen Häuſern, um darin Pflanzen zu hegen, dann ließ ich kommen, was ihr theuer und vertraut war: die ſchönſten Blumen ihres Vaterlandes, die weichſten Geſträuche, die lieblichſten Vögel und Thiere— aber ach, den dunkelblauen Himmel und die weißen Häupter des Himalaia konnte ich nicht kommen laſſen, und der Glanz meiner Wohnung war nicht der Glanz ihrer indiſchen Sonne.“ „So lebte ſie nun fort. Sie aß kein Fleiſch; an mir duldete ſie bloß, daß ich es thue, und mich mit dem Blute der armen Thiere beflecke. Aber höher hätte ſie mich gewiß geachtet, wenn ich es ebenfalls vermocht hätte, nur ihre Pflanzengerichte, ihre Früchte und ihr Obſt zu genießen. Oft in jenen Tagen, die in den erſten Jahren ſo gleichförmig dahin floſſen— oft, wenn ihr Mund an meinem hing, wenn ihre weichen klei⸗ nen Arme mich umſchlangen, und wenn ich in ihr großes fremdes Auge blickte, und darinnen ein langſam Schmachten ſah— ſie wußte ſelbſt nicht, an welcher tiefen, ſchweren Krankheit ich leide— oft ſagte mir eine Stimme ganz deutlich in das Ohr:„Gehe wieder mit ihr nach Indien, ſie ſtirbt vor Heimweh;“— aber mein hartes Herz war in ſeinem Europa befangen, und ahnete nicht, daß es anders ſein ſollte, daß ich der Stärkere hätte opfern ſollen und können, was ſie die Schwächere wirklich opferte, aber nicht konnte. Ich hörte die Stimme nicht, bis es zu ſpät war, und eine That geſchah, die Alles, Alles endete.—— Siehſt du, damals rollte auch der Wagen des Geſchickes, nur daß er über zarte Glie⸗ der ging, und ſie zerquetſchte.“ — 331— „Ich hatte einen Bruder, Sirtus mit Namen— einen ſchöneren Jüngling kann man ſich kaum denken— und dabei war er gut und herr⸗ lich, und ich liebte ihn, wie ein Theil meines eigenen Herzens. Dieſer Bruder kam von ſeinen weiten Reiſen zurück, und wollte einige Monate bei uns wohnen. Das ſah ich gleich, daß er vor der Schönheit meines Weibes erſchrak, und zurückfuhr, und daß in ſein armes Herz das Fieber der Leidenſchaft gleichſam wie geflogen kam; aber ich kannte ihn als gut, und mißtraute nicht, ja er dauerte mich, und ich ſagte ihr, daß ſie ihm gut ſein möge, wie man einen Bruder liebt.— Ich kam ſeinem Herzen zu Hülfe, ich war noch freundlicher, noch liebreicher, als je, daß es ihn erſchüttere, und er ſich leichter beſiege. Ich mißtraute nicht— und den⸗ noch ſchwirrte es oft mit dunkeln Fittigen um mein Haupt, als laure irgendwo ein Ungeheuer, welches zum Entſetzen hereinbrechen würde. Ich wußte bisher nicht, ob ſie damals von dem eine Ahnung hatte, was wir Treubruch in der Ehe nennen; denn ich war nicht darauf verfallen, ihr dies zu erklären: jetzt erzählte ich ihr davon, ſie aber ſah mich mit nichts⸗ ſagenden Augen an, als verſtände ſie das Ding nicht, oder hielte es eben für unmöglich.“ „Noch war nichts geſchehen.“ „Er ſchwärmte wild in den Bergen herum, oder ſaß halbe Rächte an der Aeolsharfe des Prokopus. Seine Abreiſe näherte ſich immer mehr. Ich aber war gedrückt, wie ein Tropenwald, auf dem ſchon die Wucht unſichtbarer Gewittermaterie liegt, wenn die Regenzeit kommen ſoll und die Sonne doch noch in dem heitern, aber dicken Blau des Him⸗ mels ſteht.“ „So war es, als ich einmal in der Nacht von einer Reiſe zurück, die ich in einem Streite wegen ſchnöden Mammons thun mußte, gegen den Rothenſtein angeritten kam. Es war eine heiße Julinacht; um den gan⸗ zen Berg hing ein düſteres, elektriſches Geheimniß, und ſeine Zinnen trenn⸗ ten ſich an manchen Stellen gar nicht von den ſchwarzen Wolken. Die weißen tröſtlichen Säulen des Parthenon konnte ich gar nicht ſehen, aber um den dunklen Hügelkamm, der ſie mir deckte, ging zuweilen ein ſanftes blau⸗ liches Leuchten der Gewitter. Mir war, wenn ich nur einmal dort wäre, dann wäre Alles gut,— aber je mehr ich ritt, deſto mehr war es, als würde der ganze Berg von den Wolken eingetrunken, und ich konnte ihn nicht erreichen! Auch mein Rappe, ſchien es, theile meine Angſt; denu — er war nicht, wie gewöhnlich, wenn er die Heimath witterte, freudig und ungeſtüm, ſondern er ſtöhnte leiſe, und ſein Nacken war feucht. Ein⸗ mal war mir's, als höre ich auch meinen Diener nicht mehr hinter mir reiten, aber wie ich anhielt, und umblickte, ſo ſtand doch ſeine dunkle Ge⸗ ſtalt dicht hinter mir.“ „Nicht Eiferſucht war es, die mich trieb— nein, nicht Eifer⸗ ſucht—— aber es war mir immer, Chelion würde in dieſer Nacht er⸗ mordet, wenn ich nicht zeitig genug käme.“ „Endlich, da wieder ein ſtummer Blitz durch den Himmel zog, ſtand ganz deutlich der Prokopusthurm darinnen, und mein Weg führte mich auch ſchon bergan. Die Fichtenallee nahm mich auf, und ſtand regungs⸗ los, wie eine ſchwarze Doppelmauer. Ruprecht, der junge Sohn meines unlängſt verſtorbenen Kaſtellans, öffnete das Thor der Ringmauer, ohne daß ich ein Zeichen zu geben hrauchte; es war, als hätte er ſchon meiner geharrt.“ „Nichts Neues?“ fragte ich ihn.“ „Nichts,“ ſagte er.“ „Ich ritt den weiteren Berg hinan. Kein einziger Gegenſtand des⸗ ſelben rührte ſich, als wäre Alles in Finſterniß eingemauert. Hinter den Trümmern des Julianhauſes waren die Stallungen; ich warf meinem Knechte die Zügel des Rappen zu, empfahl ihm das treue Thier, und ging durch die Eichen gegen das Parthenon, aber da ich an dem Flügel des alten Sixtusbaues vorbeikam, in dem mein Bruder wohnte, und da ich Licht ſah, ging ich hinein, um ihn zu grüßen. Das Thor des Gebäu⸗ des ſtand offen, die Thür zu ſeinen Gemächern war nicht geſperrt, ſein Diener ſchlief auf einem Stuhle im Vorſaale, aber Sixtus war nicht zu Hauſe. Ich ging wieder weiter— durch die ſchönen Geſträuche Chelion's ging ich.—— An den weißen langen Säulen meines Hauſes leckten die immer häufiger werdenden Blitze hinan— da war's, als gleite eine Geſtalt ſchattenhaft längs dem Corridor:„Sirtus,“ ſchrie ich, aber das Weſen ſprang mit einem furchtbaren Satze herab, und ſeitwärts in's Ge⸗ büſche.— Mir war, als klapperten mir die Zähne, und ich eilte weiter. Die Lawine hing nun— der feinſte Hauch konnte ſie ſtürzen machen— und er blieb auch nicht aus, dieſer Hauch: von der allzeit fertigen Zunge eines Weibes kam er; Bertha war es, die Braut Ruprecht's, die Diene⸗ 3 rin meiner Gattin. Sie ſtand unbegreiflicher Weiſe in tiefer Nacht vor dem Thore des Parthenon, und da ſie meiner anſichtig wurde, ſtieß ſie im Todesſchreck heraus, was ſie wahrſcheinlich um den Preis ihres Le⸗ bens gerne verſchwiegen hätte:„Graf Sixtus iſt bei eurem Weibe.“ „Ich ergriff das Geſpenſt bei dem Arme, um zu ſehen, ob es Leben habe.„Es iſt nicht wahr, Satan,“ ſchrie ich, und ſchleuderte das unſe⸗ lige Geſchöpf mit meiner Hand rücklings in das Geſträuch, daß ſie kreiſchte; ich aber ging durch das bloß eingeklinkte Thor hinein, und ſchloß es hinter mir ab. Das Thor aber ſollte nach meinem Befehle je⸗ desmal bei Einbruch der Nacht geſchloſſen ſein— heute war es offen ge⸗ ſtanden. Sachte, daß kein Fußtritt ſchalle, ging ich durch den Gang längs der Gemächer meiner Diener zu dem zweiten Thore des Gebäudes, um mich zu verſichern, ob es geſperrt ſei,— es war zu. Ich zog den innen ſteckenden Schlüſſel ab, und ging dann eben ſo leiſe auf mein Zim⸗ mer. Dort ſtand ich mitten auf der Diele des Bodens— und ſtand eine Weile. Dann that ich leere Gänge im Zimmer, und unnütze Dinge.—— Es lebte ein alter weiſer Mann, bei dem ich einmal gelernt hatte, als ich noch mein Heil im Wiſſen ſuchte; er war in der Scheidekunſt weiter, als alle ſeine Genoſſen.— Möge nie wieder erfunden werden, was er er⸗ fand, und geheim hielt: ein klares, ſchönes, helles Waſſer iſt es. Er er⸗ hielt es aus dem Blute der Thiere— aber nur ein Zehntheil eines Tropfens auf die Zunge eines lebenden Weſens gebracht, ja nur ſanft damit die Lippen befeuchtet, macht, daß augenblicklicher, ſüßer, ſeliger Tod die Sinne umnebelt, und das Weſen rettungslos verloren iſt. Wir hatten es einmal an einem Kaninchen verſucht— ich erinnerte mich, wie es damals, als ſein Zünglein damit befeuchtet ward, das Haupt mit allen Zeichen des Wohlbehagens ſeitwärts lehnte und verſchied. In einem ſil⸗ bernen Schreine hatte ich ein Theil. Ich nahm das Kriſtallfläſchchen her⸗ vor— und hell und klar, wie von einem Bergquelle, und prächtig, wie hundert Diamanten funkelte das Naß im Lichte meiner Lampe.“ „Um den innerlichen Froſt zu vertreiben, ging ich einige Male in der Stube auf und ab.“ „Dann trat ich zu der ſtummen, mit Tuch überzogenen Thür mei⸗ ner Seitenwand, öffnete ſie, und ging in den Gang, der zu Chelion's Zimmern führte. Aus dem letzten Gemache, worin ſie ſchlief, floß mir ein ſanftes Lampenlicht entgegen— alle Thüren ſtanden offen, und durch —— die hohen Glaswände, die den Gang von dem indiſchen Garten trennten ſchimmerten zeitweiſe die lautloſen Blitze des Himmels.“ „Schläft ſie?“ „Ich ging weiter— durch alle Zimmer ging ich, bis in das letzte. Ich trat näher— ein ſchwaches Rauſchen ſchreckte mich— es war aber nur einer ihrer Goldfaſane, der ſich entweder bei ihr verſpätet hatte und entſchlummerte, oder der bei der ein wenig offenen Gartenthüre hereinge⸗ kommen war.— Warum blieb ſie offen? warum gerade heute?— Faſt ein Mitleid wollte mich beſchleichen: Alſo ſo unerfahren ſeid ihr Beide im Verbrechen, daß euch nicht beikam, ſelbſt die geringſte Spur desſelben zu vertilgen?! Der Faſan ſcheute mich, und ſchlüpfte ſachte bei der Spalte hinaus,—— Und da er fort war, wünſchte ich ihn wieder zu⸗ rück, das ſchöne, heimliche, goldglänzende Thier; denn ich fürchtete mich allein im Zimmer, weil ſo viele Schatten waren. Ich drehte ein wenig den Schirm, daß das Licht gegen das Bett fiel— ſie ſchlief wirklich;— mit ſanftem Schimmer lag das Lampenlicht auf ihrer Geſtalt— wie ein furchtſam Kind in die Kiſſen gedrückt, ſchlief ſie. Ihre Hand, wie ein Blatt der Lotosblume, lag auf der reinen Decke ihres Lagers. Der Mund war leicht geſchloſſen— ich ſah lange die roſenfarbenen Lippen an, und dachte ſie mir bereits feucht——— alſo darum haſt du das unwiſſende Geſchöpf nach Europa gebracht, darum mußteſt du ſo nach Hauſe eilen, daß du ſelber——— ich erſchrak bei dem Gedanken, als hätte ihn ein Fremder geſagt; in der That ſah ich auch um, aber es war nichts da, als die gezogenen Schatten, und wie ich wieder gegen ſie ſah, ſo flirrte ihr weißes, ſcharf beleuchtetes Bettzeug, worin ſie lag——— nein, dachte ich, du ſchönes, du armes, du theures, theures Weib!— Ich ſtand vor ihr, und ein Tröpflein Mitleid träufelte ſich ſo milde in mein Herz— und dann wieder eines, und auch der ſüße Zweifel, ob ſie ſchul⸗ dig ſei. Ihren Athem konnte ich nicht hören, aber ich ſah ihn gehen— und lange ſah ich hin, wie er ging. Da kniſterte es wiederholt ganz leiſe hinter mir, wie wenn Broſamen fielen— ich blickte um— der Faſan war es, der durch die Stille im Zimmer getäuſcht wieder herein gekom⸗ men war, und nickenden Hauptes vorwärts ſchritt. Ich trat nun näher an das Bett und berührte ſanft ihre Hand— ſie regte ſich, öffnete die Augenlider, und ſah mich mit den ſchönen heimatloſen Augen, aber es — 3 — war kein Bewußtſein darinnen, und ſie ließ die Wimpern gleich wieder ſchlaftrunken darüber ſinken.“ „Ghelion,“ ſagte ich ſanft.“ „Der Ton iſt dem Herzen näher, als das Bild— ſie fuhr empor: „Jodok, biſt du's?“ „Ich bin's, Chelion,“ ſagte ich; ſie aber wandte ſich ab und ver⸗ grub ihr Haupt in die Kiſſen.“ „Mein Weib, mein Kind,“ ſagte ich noch einmal ſanft; ſie aber kehrte ſich gegen mich, ſah mich verzagt an, und ſagte:„Jodok, du willſt mich tödten.“ „Ich dich tödten, Chelion?“ „Ja, du biſt ſo furchtbar.“ „Rein, nein, ich will nicht furchtbar ſein,“ rief ich—„ſiehe, ſage mir nur du, Chelion, daß du unſchuldig biſt— ich will dir glauben und wieder glücklich ſein; denn du haſt ja nie gelogen,—— du ſchweigſt? —— Chelion, ſo ſag' es doch.“ „Nein, Jodok, ich bin nicht unſchuldig,“ ſagte ſie furchtſam,„wie du es meinſt, bin ich nicht unſchuldig—— aber ich liebe doch nur dich, nur dich allein——— ach, ihr Götter in den Wolken meines Landes, ich liebe ja nur ihn allein!“ „Und ſie brach in ein Schluchzen aus, als wollte ſie ihre ganze Seele herausweinen. Dann aber, als ſich dieſes milderte, ſagte ſie: „Siehe, er iſt ſpät Abends herein gekommen, ich weiß nicht wie— er war nie hier, aber ich hielt es nicht für Sünde, und da ſagte er, er wolle Abſchied nehmen, er werde mich nun nie mehr ſehen, und dich auch nicht mehr— und er liebe uns Beide doch ſo unausſprechlich—— und ſein Angeſicht war ſo unglücklich, daß es mich im Herzen dauerte, und ich ihn recht heiß liebte; denn er iſt ja dein armer vertriebener Bruder.— Ich ſtreichelte ihm die Locken aus der Stirne— er weinte, wie ein Kind, wollte aufſtehen— denn er war bisher auf dem Teppiche gekniet— er wollte gehen—— er weinte nicht mehr, aber ſeine Lippen zitterten noch vor Schmerz— er kam mir vor Augen, als wäre er noch ein Kuabe, der keine Mutter habe— ich hielt noch einmal meine Hand auf ſeine Locken, wie er ſich gegen mich neigte, und ſeinen Mund reichte, küßte ich ihn— er hielt meine Hand— und wir küßten uns wieder.—— Ach, Jodok, dann küßte ich ihn— nicht mehr, wie deinen Bruder— es wehte ſo — 336— heiß im Zimmer, das Fühlen ſeines Mundes war ſüß, das Drücken ſei⸗ nes Armes ſüß, wie deines—— mir war, als ſeieſt du's—— ach, deine arme, arme Chelion!— Und dann war er fort. Die Lampe brannte im Zimmer, draußen blitzte es, und mein Faſan ſaß auf dem Teppiche und blickte mich mit den ſchwarzen Aeuglein an—— und wie ich ſchlief, träumte ich, du ſtändeſt vor mir, und es ſei ſchwere Sünde, was ich gethan—— und es iſt auch Sünde; denn ſiehe, dein Auge, dein gutes Auge iſt ſo krank, es iſt ſo krank.— Du wirſt mich tödten, Jodok; ich bitte dich aber, tödte mich ſanft, daß ich nicht leide, und dir etwa zürne.“ „Da fiel mir ein, es iſt ja ſüßer, ſeliger Tod,“ und ein furchtbarer Schauer lief durch meine Nerven, aber ich ſagte gebrochenen Herzens zu ihr:„Chelion ſtehe auf, und folge mir nur hinweg aus dieſem ſchwülen Zimmer— ich thue dir kein Leid.“ „Nein, du mußt mir eins thun,“ antwortete ſie,„ich werde nicht aus dieſem Bette gehen, ſondern auf den weißen Kiſſen liegen bleiben, bis das rothe Blut darüber wegfließt, und ſie purpurroth färbt; dann werden ſie roth ſein, und ich weiß— aber ich werde dann ruhig ſein, nicht geguält, nicht fehlend, ſondern ich werde ſein, wie einer der weißen marmornen Engel in deiner Kirche.“ „Dabei ſuchte ihr Auge furchtſam im Zimmer, wie nach einem Schwerte; das Fläſchchen, das ich auf den Tiſch geſtellt, beachtete ſie nicht.“ „Nicht wahr, Jodok,“ fuhr ſie fort,„du läſſeſt mich noch ein wenig dieſe Luft athmen— das Athmen iſt ſo gut; mir däucht es ängſtlich, nicht mehr zu athmen.“ „Athme, athme,“ rief ich,„athme bis an das Ende aller Tage.“ „Und in Haſt griff ich das Fläſchchen von dem Tiſche, und eilte zur Thüre hinaus in die Glashäuſer ihres indiſchen Gartens. Sie waren größtentheils offen, und eine heißere Luft, als ſonſt immer in ihnen war, ſtrömte heute von außen herein. Die Pflanzen ihres Vaterlandes ſtanden in ſchwarzen Klumpen, und ſahen mich vorwurfsvoll an. Ich gewann das Freie. Im Siptushauſe ſtanden alle Fenſter ſchwarz und ſtumm; auf dem Berge war Todesſchweigen, nur unten ſchien es, als würden Thore zugeſchlagen, und als tönte es von davonjagenden Hufen—— ich betete inbrünſtig, daß er möchte geflohen ſein; denn mein Herz — 337— knirſchte gegen ihn. Ich ſtieg aus dem Thale des Parthenon empor, und ein zerriſſener Himmel ſtarrte um mich. Es waren ſchwarze Fahnen dro⸗ ben, aus denen feurige Zungen griffen. Ich eilte gegen den Thurm des Prokopus. Dort ſtand ich einen Augenblick, daß die heiße Sommerluft in meinem Mantel ſtockte, den ich abzulegen vergeſſen. Dann aber ſtieg ich noch höher, und haſtig fort, bis die äußerſte Zinne erreicht war. Dort hob ich meinen Arm, als müßte ich Laſten brechen, und ſchleuderte das Fläſchchen in den Abgrund—— es iſt dort unſäglich tief, wo die Bergzunge gegen die Fichtau ausläuft— und wie ich nachhorchte, kam ein zarter Klang herauf, da es an den hervorragenden Steinen zerbrach —— und nun erſt war mir leichter. Ich blieb noch auf dem Gipfel ſtehen und athmete aus dem Meere von Luft, das um mich ſtand und finſter war. In dieſem Augenblicke ſchien es auch, als höbe ſich ein Lüftchen, und rauſche freundlich in den Sträuchen. Und es war auch ſo. Der harte Himmel löſete ſich, und floß in weiche Schleier ineinander und einzelne Tropfen ſchlugen gegen die Baumblätter.“ „Ich lief nun wieder hinab, ging in ihr Zimmer, trat zu dem Bette — ſie lag noch immer darinnen, und richtete die trockenen, brennenden Augen harrend gegen mich— ich aber nahm ſie in die Arme, küßte ſie auf den heißen Mund, und ſagte:„Schlafe nun ruhig und ſchlafe ſüß; ich krümme dir kein Haar; ich werde dich auch lieben fort und fort, wie mein Weib, wie mein eignes einzig Kind— ich will dich noch zarter pfle⸗ gen, als ſonſt, daß du dieſe Nacht vergeſſen mögeſt. Gute Nacht, liebe Chelion, gute Nacht.“ „Sie hatte dieß Alles geduldet, aber nicht erwiedert. Ich mochte ſie nicht weiter quälen, ſondern ging zum Zimmer hinaus, und hörte noch, wie mir ein leiſes, auflöſendes Schluchzen nachfloß.“ „Des andern Tages kam ein kühler, heiterer Morgen. Ich erfuhr, daß Graf Sirtus in der Nacht abgereiſet war.— Ruprecht, ſein junger Freund, ſein Jagd⸗ und Abenteuergenoſſe, hatte ihn befördert; ich wußte es wohl, denn ſie hatten ſich immer ſehr geliebt— aber ich ſagte nichts, obgleich mich Ruprecht mit der Angſt des böſen Gewiſſens anblickte— mir war es wohl, daß er fort war, mir war es ſehr wohl, daß er ge⸗ flohen.“ „Als ich zu Chelion kam, kauerte ſie eben auf dem Boden, und vrückte eine Taube an ihr Herz. Ich that mir noch einmal den Schwur, Stifter. 4. Aufl. I. 22 — 338— ihr die Qual dieſer Nacht durch lebenslänge Liebe vergeſſen zu machen, wenn ja das Schreckniß auszutilgen iſt aus dem weißen unbeſchmutzten Blatte ihres Herzens.“—— „Aber es war nicht mehr auszutilgen.“ 3 „Sie hatte mich einmal mit dem Mörderauge an dem Bette ſtehen geſehen, und dieß war nicht mehr aus ihrer Seele zu nehmen. Einſt war ich ihr die ſichtbare Gottheit auf Erden gecheſen, nun zitterte ſie vor mir.— Wie kann es auch anders ſein? Wer einmal den Arm erhob zum Todtſchlage eines ſeiner Mitgeſchöpfe, wenn er ihn auch wieder zurück⸗ zog, dem kann man nicht mehr trauen; er ſteht jenſeits des Geſetzes, dem wir Unverletzlichkeit zutrauen, und er kann das frevle Spiel jeden Augenblick wiederholen.“ „Ich habe jahrelang das Uebermenſchliche verſucht, daß Alles wieder ſei, wie früher, allein es war vergebens: das Einfältige iſt am leichte⸗ ſten zerſtört, und bleibt aber am feſteſten zerſtört. Sie war hinführo bloß die Demuth mehr, die Ergebung und Aufopferung bis zum Herz⸗ blute, aber nur daß Eine nicht mehr, was ſtatt Allem geweſen wäre, nicht die Zuverſicht. Sie klagte nie; aber ſie hing in meinen Ar⸗ men, wie die Taube in denen des Geiers, gefaßt auf Alles—— die kalte Sonne des Nordens ſchien auf ſie, wie mein Auge, beides kein Le⸗ ben mehr ſpendend. Rie mehr ſeit jener Nacht iſt die Röthe der Geſund⸗ heit wieder in ihr Angeſicht gekommen— und ſo ſtarb ſie auch an einem Nachmittage; die brechenden Augen noch auf mich gerichtet, wie das arme Thiet den Mörder anſchaut, der ihm die Kugel in das furchtſame Herz gejagt hatte.“ „Ich wurde vor Schmerz wahnſinnig, wie ſie als kalte Leiche lag, und wie ſie begraben war. Ich wußte nicht, ſollte ich Bertha morden, die Beſchützerin, oder Ruprecht, ihren Mann, oder ſoll ich Sirtus ſuchen, und ihm Faſer für Faſer aus dem Leibe reißen—— aber ich that end⸗ lich Alles nicht, weil ich die Macht gewann, nicht den Frevel durch einen neuen ſühnen zu woflen. Er, da er ihren Tod vernommen, hatte ſich mit einer Kugel das Gehirn zerſchmettert— in das Haus der andern kam Wuth und Unfriede; Ruprecht warf ſeinem Weibe den Tod des Siptus vor; ſie war düſter gegen ihren Mann, und ſtarb auch bald an innetem Siechthum. Ich aber ſchloß das Parthenon mit Schlöſſern zu, 7—— — bis auf ein Gemach, in dem ich wohnte— die Diener dankte ich ab— die Pflanzen ließ ich verkommen— die Thiere nährte ich, bis ſie eines nach dem andern ſtarben, und dann begrub ich ſie jedes einzeln.— Was von Chelion übrig war, jedes Stückchen Kleid, ihr Spielzeug, den Fuß⸗ boden und den Teppich, auf dem ſie wandelte, das Tiſchchen, an dem ſie ſaß, das Bett, in welchem ſie in jener Nacht gelegen—— Alles hütete ich, daß es blieb, wie es an dem Tage ihres Todes war. Auf Erden hatte ich keinen Menſchen mehr;— mein Sohn Chriſtoph, das Ebenbild Chelion's— hatte er nun erkannt, oder geahnt, was ich ſeiner Mutter gethan— war fort, und nicht wieder gekommen—— und als ich alt geworden war, erbarmte es mich der Ueberreſte in dem Parthenon; i nahm viel Geld, das ich zuſammengeſpart, hinterlegte es als Erſatz für meine Erben, und zündete das Parthenon an, daß Alles und Alles durch das Feuer verzehret würde, was übrig wäre von ihr und mir.— Es war eine ſchöne, ſchmerzensvolle Lohe!— Ich hatte nie den Berg verlaſſen, habe keine Thaten mehr verrichtet, keine guten und keine böſen. Jetzt wohne ich in dem ſteinernen Häuschen, das ich am Fuße des Berges er⸗ baut, nicht weil ich ein Einſiedler bin und in Schmerzen lebe— nein, weil es lieblich iſt, daß ein Menſch nicht mehr brauche, als was einem Noth thut.— In den Büſchen neben mir ſind die Vögel, die es auch ſo halten, und weiterhin die Strohdächer, die es ſo halten müſſen, es aber thöricht für ein Unglück wähnen— der Berg ſteht hinter mir mit ſeinen Denkmalen und widerſinnigen Vorkehrungen, daß die Befitzer ſich zerſtö⸗ ren müſſen—— in meinem Teſtamente, Artikel 13, ſteht geſchrieben: „Ein blauſeiden Vorhang über Chelion's Bild, der ſich ſelber rolle; dann ein weiß einfach Würfel aus Marmel über unſer gemeinſchaftlich Grab im indiſchen Garten, mit nichts, als den zwei Namen“—— befolget mir nur genau den Artikel, damit es ja ſo geſchieht. Ich habe jetzt ſchon einen Stoß Papiere wie ein Tiſch hoch geſammelt, und werde die Ge⸗ ſchichte beginnen von den Verkehrtheiten des menſchlichen Geſchlechtes, und die von den Großthaten desſelben— es iſt aber ſeltſam: oft weiß ich nicht, ob eins in dieſe Geſchichte gehöre, oder in jene—— ich muß wohl noch älter werden—— ach, ich ſehne mich nach meinem Sohn 6 Bei dieſen Worten brach das Manuſcript ab, und keine Zeile ſtand weiter auf dem Pergamente. Nur unten am Rande des letzten Blattes 22* ſtand von fremder Hand:„(geſtorben) einundzwanzig Tage nach dem Worte: Sohne.“ Ach— und ſo muß ja jede dieſer Rollen enden, die in den eiſernen Käſten noch liegen mögen. Wenn der Mann dachte:„morgen oder über⸗ morgen ſchreibe ich wieder, ſo war er morgen oder übermorgen krank, und die andern Tage darauf todt!“ ½ Heinrich ſtand auf, und wiſchto ſich mit der Hand über die Stirne. Eine Schrift hat er nun geleſen. Er ſah deutlich nun auch ſchon das Kreuz von fremder Hand auf ſeinem letzten Blatte ſtehen, und dabei: „geſtorben nach dem Worte....“— welches Wort mag es wohl ſein? etwa„Gattin?“ oder ein anderes, oder eins im Wörterbuche, auf das man jetzt gar nicht denkt?! Er legte das Pergamentheft wieder in ſeinen Kaſten, und ſchloß ihn zu. Dann ließ er alle Fenſterlehnen niederfallen, daß wieder nichts, als das geheimnißvolle Spiegellicht auf dem Eſtrich wankte,— dann ging er in's Freie, beide Thore hinter ſich auf die Art und Weiſe ſchließend, wie es vorgeſchrieben iſt. „Das iſt keine gute Einrichtung unſerer Vorfahren,“ dachte er, als er den von ſo vielen Leſern und Schreibern betretenen Pfad durch den alten Garten zurückging, und im Schutte die Fußſtapfen drückte, die ſo viele vor ihm gedrückt. Er konnte dem Rathe des Jodok nicht folgen, und das Geleſene in die Winde ſtreuen, ſondern mit beſchwertem Herzen überall die Geſtalt des Jodokus ſehend, der vor Kurzem hier gewandelt, dachte er:„wie viele Geſtalten mögen ſich noch hinzugeſellen, bis der Garten voll Geſpenſter iſt?— Und wenn Alle ähnlich dieſem Jodok ſind, wie wenig verdient ihr Haus den Namen, den ihm die Leute draußen geben— ihre Narrheit iſt ihr Unglück, und ihr Herz.—— Wie fürchte ich ſchon die Geſchichte jenes Prokopus mit dem düſteren, funkelnd dür⸗ ſtenden Auge, das vielleicht zuletzt aus Verzweiflung nach den Sternen geſchaut—— oder was wird in der von Julianus ſtehen— oder von dem erſten Sirtus— oder von dem vorwahrloſten Chriſtoph mit Nar⸗ ciſſa und Pia?—— Was wird von mir ſelber noch ſtehen müſſen?“ Unter dieſen und ähnlichen Gedanken gelangte er durch den dunklen Eichenhag gegen die freieren Theile des Berges und hier war Alles heite⸗ rer. Der verſtändige Baumeiſter trat ihm mit einer Zeichnung entgegen, und bemerkte, welche Veränderungen er für gut hielte, nachdem er die Plätze noch einmal unterſucht und vermeſſen habe. Die Werkleute blie⸗ ———————— — — —— — 341— ben ehrbar ſtehen, und lüfteten die Mützen, als die Männer vorbeika⸗ men. Die Grundfeſten der alten Glashäuſer des Jodokus waren bei Wegräumungen wieder entdeckt worden, und man hatte darauf weiter gebaut. Da ſie zur Beſichtigung an den Platz gelangten, ſtanden ſchon die luftigen Gerüſte da, nur das Glas mangelte, und der Maueranwurf. Oben blickte der grüne Fichtenwipfel und die luſtigen Bänder. Nicht weit davon, im Parthenon, gingen die Schubkarren, um den Schutt und die Ziegel wegzuführen, und die gereinigten Säulen blickten wieder weiß und ruhig gegen die grüne Wiege ihres Thales. Im Chriſtophhauſe hing der Schieferdecker auf dem Dache, und pfiff ein Liedlein, indeß er Lücke nach Lücke verſtopfte und verſtrich. Die Leitern an der Vordermauer ließ man eben niederſinken, da die Mauer bereits nachgebeſſert und herausgeputzt war. Die Fenſter ſtanden nun ſpiegelnd daran; alle grünen Seidenvor⸗ hänge waren aufgezogen, und wo die Flügel offen ſtanden, wehte die Sommerluft freundlich und allgegenwärtig aus und ein. Der Werkmei⸗ ſter des Innern kam, als Heinrich und der Baumeiſter eintraten, ihnen aus dem hinterſten Zimmer entgegen, und zeigte, was er in der letzten Zeit gefördert. In manchen Zimmern wurde noch gehämmert und gena⸗ gelt, und die Geſellen mußten inne halten, während er mit den Herren ſprach; andere waren ſchon ganz fertig; der Werkmeiſter ſchloß ſie auf, indem er ſich vorher ſorgfältig die Schuhe abwiſchte, führte ſie hinein, und zeigte, wie Alles ſpiegele und ſchimmere, und nichts mehr fehle, als die koſtbaren Kleiderſtoffe, die auf den Tiſchen herum liegen, und die Diamanten, die in ihren geöffneten Fächern wie Lichttropfen blicken ſol⸗ len. Heinrich ging wieder heraus, und beſuchte noch den großen Saal, der verziert wurde. Den Berghang hinab gegen das große Thor zu ſcharrte die Schaufel, daß die Wege ausgebeſſert wurden, und klang die Axt, daß die dürren Stämme und Arſte niederfielen. Alles ſollte vorerſt ſchön ſein, und ſich ſittig erweiſen, wenn etwa in Bälde Augen kämen, es zu ſehen; das Nützliche und Nachhaltende war ſchon vielfach beſpro⸗ chen und entworfen, mußte aber ſeiner Zeit harren, daß es ſich allmälich und dauernd entwickle. Indeſſen wurde auch in einem andern, viel kleineren Hauſe unten an der Pernitz gearbeitet, daß ganze Schneeberge von Linnen da lagen, und ſich überall Kleider und Stoffe bauſchten— das andere, der Schmuck, der da glänzen und funkeln ſollte, lag ſchon als Kränzlein von leuchten⸗ — 342— den Steinen oben in einem reinen dämmernden Stübchen, deſſen Fenſter marmorrothe Simſe hatten, und von ſchneeweißen Vorhängen verhüllt waren. Im Lande aber draußen dauerte noch das Geſchrei fort über Hein⸗ rich und ſein Glück. Man neidete es ihm, und gönnte es ihm. Man ſagte, er eile jetzt, und könne keine Zeit abwarten, ſondern überwühle bereits den ganzen Berg, um ſeine Macht nur recht zu genießen. Man wählte ihm Heirathen aus den Familien des Landes, zankte darüber, und ſtellte Vermuthungen an, welche ihn nehmen, und welche ihn aus⸗ ſchlagen würde. Ja es wurde ſogar gemunkelt, er werde, ganz nach Art ſeiner Väter, niemand mehr, und niemand minder, als eben nur eine Wirthstochter heirathen. Aber die Zeit ging fort und fort, und klärte nichts auf. Heinrich, gerade der Meinung entgegen, die man von ihm hatte, war ſchamhaft in allem ſeinem Thun, und übereilte nichts, bis es war, wie er es wollte, und wie es ſeinem Herzen wohl that— dann aber kam auch der Augen⸗ blick, der es Allen offen darlegen ſollte, wie es ſei. In der Kirche zu Priglitz war es Sonntags verkündet worden, nach der Art, wie es alle Pfarrkinder halten, Sohe und Geringe:„Der ehr⸗ und tugendſame Junggeſelle: Heinrich, unſer erlauchter Herr und Graf zu Rothen⸗ ſtein, und die ehr⸗ und tugendſame Jungfrau Anna, cheleibliche Toch⸗ ter Erasmus und Margaretha's, Beſitzerin der Wirthſchaſt Nr. 21, zur grünen Fichtau....“ Erasmus hatte an allen Gliedern gezittert und im Angeſichte geglänzt,— und draußen vor der Kirche prahlte er unver⸗ hohlen von ſeinem Kinde und deſſen Glücke, als ſich die Männer um ihn ſchaarten und ihn mit Fragen beſtürmten. Er erlebte die Freude, die er einſt im Uebermuthe vorausgeſagt, daß die ganze Fichtau die Hände zu⸗ ſammenſchlug über dieſes Ereigniß. Er allein von den Seinen war in die Kirche hinausgefahren, um es recht in ſeine Ohren hinein zu genie⸗ ßen, wenn es geleſen würde. Den Böten⸗Simon, der mit verwirrten Sinnen da ſtand, lud er zu ſich auf den Wagen, und ſagte beim Einſtei⸗ gen:„Gelt? Gelt?“ „Aber wir müſſen es in Demuth aufnehmen, Vater Erasmus, und ohne Hoffart genießen!“ ſagte der andere. „Ich nehme es ja in Demuth auf,“ entgegnete Erasmus;„aber h 8 — 343— daß ich voll Freude bin, iſt ja meine väterliche Schul digkeit, damit es Gott nicht verdrießt, der es ſo gemacht hat.“ Von dem Tage der Verkündigung an bis zu dem der Hochzeit war ein groß Gerede, wie ſie ſich nun überheben werde, wie ſie hochmüthig fahren, und wie ſie übermüthig thun werde. Anna aber war nicht ſo: ſie konnte vor Scham kein Auge aufſchlagen. Die ganze Gaſſe der grü⸗ nen Fichtau ſtand gedrängt voll Menſchen, da die Stunde gekommen, wo er ſie zum Wagen führte, um in die Kirche zu fahren. Ihre Wangen, da ſie an den Leuten vorbeiging, waren ſo purpurroth, daß man meinte, ſie müßten ſie brennen; die Augenlider ſchatteten darüber, und ſie getraute ſich keines zu rühren, weil ſonſt Thränen fielen. Alle ihre Mitſchweſtern aus der ganzen Fichtau waren gekommen, um zu ſehen, wie ſie gekleidet, und geſchmückt ſei. Aber nur ein einfach weißes Seidenkleid floß um ihre Geſtalt, und in den Haaren war ein ſehr kleines grünes Kränzlein, und eine weiße Roſe aus ihrem Garten. Sie hatte die Steine doch wieder in der Kammer gelaſſen, weil es ihr als Sünde vorkam, ſie an dem heu⸗ tigen Tage zu tragen. So ging ſie vorüber, und als er mit ihr bis zu dem Wagen gekommen war, ſah man, daß von der Hand, bei der er ſie führte, kaum zwei Finger die ſeine berührten, und daß dieſe Finger zitter⸗ ten. Auch der Schleier, der zunächſt ihrer linken Wange und dem Racken hinabging, bebte an ihren ſchlagenden Pulſen, und man ſah es, da ſie vor dem Wagen ein wenig anhielt, um hineinzuſteigen. „Das iſt eine demüthige Braut,“ ſagte ein Weib aus dem Volke. „Das iſt die ſchönſte, demüthigſte Braut, die ich je geſehen,“ ſagte eine andere. Und aus dem Flüſtern und aus dem Gemurmel der Zuſchauer gin⸗ gen die deutlichſten Zeichen des Beifalles hervor. Anna wurde dadurch nur noch verwirrter, wie er ſie einhob, und ſie ſich zurechtſetzte. Er ſtieg nun auch in denſelben Wagen, in dem bereits eine ſchöne alte Frau ſaß, die niemand kannte. Es war Heinrich's Mutter. Dann beſetzten ſich auch die andern Wagen mit Erasmus, dem Schmiede, mehreren Fichtauern und Fremden. Anna's Mutter mußte eingehoben werden, weil ſie mit ihrem Fuße vor Verwirrung den Wagentritt nicht finden konnte. Endlich fuhr die ganze Wagenreihe gegen Priglitz ab, wobei ſich viele mit ihren Gebirgswägelchen anſchloſſen. Erſt, da Alle der Stein⸗ wand des Julius entlong flogen, löſte ſich die Volks⸗ und Gebirgsluſt, die vorher gefeſſelt war, los, und manche Rufe, und das klingendſte Jauchzen des Gebirges flogen ihnen nach— es flog doppelt freudig, weil einer ihrer Herren eine aus ihrer Mitte gewählet. Auch aus mancher Waldhöhe längs dem Wege krachte ein Böller empor, der aus einem Holz⸗ ſtocke gebohrt war, oder es löſte ſich das Scheibengewehr, oder die Jagd⸗ büchſe manches luſtigen Fichtauers. Auch⸗Anna ſchien von Ehrfurcht überkommen zu ſein; denn dieſel⸗ ben Augen, die ihn ſonſt, wie er noch mit Pflanzen und Steinen nach Hauſe gekommen, ſo freundlich angeblickt hatten, ſchlugen ſich auch wäh⸗ rend des Fahrens nicht ein einziges Mal zu ihm auf— ſondern ſie wein⸗ ten nun faſt unabläſſig fort. Er redete ihr nicht zu, ſondern er dachte an Chelion, wie ſie kaum ſo rein, ſo ſchön, ſo ſchuldlos geweſen ſei, als wie die an ſeiner Seite, und er bezähmte ſein Herz, daß es nur nicht breche vor Freude und vor Glück. Als die Trauung vorüber war und die Wagen wieder zurückkehrten, zeigte ſich ein Bild, das faſt rührend erſchien. Auf der Gaſſe der grünen Fichtau, wo hundert Wagen Platz gehabt hätten, ſtanden nun hundert Tiſche. Der neue Graf hatte keine große Familie, und keine hohen Ver⸗ bindungen. Seine Gäſte waren daher alle Fichtauer. Sie waren ſeine Unterthanen, alſo ſeine Verwandten. Dieſelben Holzſchläger, mit denen er ſich ſonſt an Samſtags⸗Abenden unterredet hatte, dieſelben Jäger, die gerne eingeſprochen, und alle Andern ſaßen herum und tranken heute den beſten Wein aus Erasmus Keller, und den noch beſſern aus den Fäſſern des uralten Ruprecht. Daneben ſaß der verſtändige heitere Schlag der Gebirgsbauern, und Heinrich mit Anna mitten unter ihnen. Den Ehren⸗ platz nahm Erasmus ein, und neben ihm Anna's und Heinrich's Mutter; man ſah ſeinen Stuhl aber häufig leer; denn nach alter Gewohnheit ging er unter den Gäſten herum, als müßte er ſie auch heute bedienen, und fragte und redete, und ordnete an. Sein großer Hund folgte ihm hiebei, und manchmal legte er ſein Haupt vertraplich auf Heinrich's Knie, und. ſchaute mit dummen Augen, zu ſeiner Herrin, Anna, hinauf. Neben den Brautleuten ſaßen Robert und Thrine und Heinrich's Schweſter. Der Boten⸗Simon konnte nicht da ſein, weil es ſein Amt nicht zuließ, aber geladen war er, und er erhielt als Entſchädigung einen Zinsnachlaß ſeines Grundſtückes im Aſang. Aber der Hirt Gregor war da, und ſein Sohn und ſein Hund durften heute die Heerde noch lange vor Sonnenunter⸗ — gang nach Hauſe geleiten, damit ſie den Abend mit genießen könnten. Alle Nachbarsleute des Erasmus ſaßen zunächſt an ihm, und jeder Wan⸗ derer, der des Weges kam, war freundlich geladen. An den Grenzen der Geſellſchaft, und hie und da ſelbſt zwiſchen den Tiſchen balgte ſich die Kna⸗ benſchaft der Fichtau, und hinter dem Garten gegen den Grahns zu krach⸗ ten ſchon die Vorübungsſchüſſe zu dem großen Scheibenſchießen, das auf morgen und die folgenden Tage angeordnet war.— Und ſo entſtand vor der grünen Fichtau ein Gebirgsfeſt, deſſen man denken wird, ſo lange ein Berg ſteht. Heinrich redete mit ſo Vielen, als er nur konnte; er ließ ſich von den Holzknechten noch einmal von ihren Arbeiten und Abenteuern erzählen. Er hörte den kühnen Fahrten der Jäger zu, und fragte manchen Bauer um die Lage ſeines Gutes, deſſen Bewirthſchaftung und Erträgniß. Und ehe noch von den Bergen das kleinſte Stückchen Schatten auf die Geſell⸗ ſchaft hereinfiel, hatte er ſchon alle Gemüther gewonnen, und Jeder, etwa die ganz Rohen und Mißgünſtigen ausgenommen, gönnte Anna von Herzen ihr Glück. Ein Abend, wie wir ihn am Eingange dieſer Geſchichte erzählt haben, kam auch heute prachtvoll und herrlich:„die Sonne war über die Waldwand hinunter, und warf kühle Schatten auf die Pernitz— im Rücken der Häuſer glühten die Felſen, und wie flüſſiges Gold ſchwamm die Luft über all den grünen Waldhäuptern weg. Und immer feierlicher floß die Abenddämmerung, immer abendlicher rauſchten die Waſſer der Pernitz, und immer reizender klangen die Zit⸗ tern.“ Nur daß heute auch noch die Burſche mit den kühnen Gebirgsaugen die ſanftblickenden, aber gleichwohl feueraugigen Mädchen an manchen Stellen zu den Zittern im Tanze herumdrehten, und daß der Mond ſchon viel länger, als damals, auf die Häuſer hereinſchien, ehe es auf der Gaſſe der grünen Fichtau verſtummte. Da aber endlich faſt gegen Morgen die letzte Gruppe Abſchied genom⸗ men hatte, und es ſtille war, folgte keine Scene im Garten, wie damals, ſondern Heinrich ſchlief ſchon lange auf ſeiner einſtigen Stube neben Robert, ſeinem Gaſte, und Anna war mit Thrinen in ihrem einſtigen Stübchen; aber ſie ſchliefen nicht, ſondern ſie konnten ſich nicht ſättigen von Plaudern und Erzählen. — 346— Des andern Tages, da das Scheibenſchießen begann, führte Hein⸗ rich ſeiſ junges Weib in Begleitung der vornehmſten Gäſte mit Prunk auf ſeinen Berg, und geleitete ſie dort in die für ſie eingerichteten fürſt⸗ lichen Gemächer des Chriſtophhauſes, ſo wie Jodok einſt die unſchuldige Chelion in das Parthenon geführt hat. Erasmus war ſtolz darauf, daß desſelben Tages noch vor Anbruch des Morgens fünf beladene Wagen mit Anna's Gütern und betrunkenen Fuhrleuten auf den Rothenſtein vorausgefahren waren. Er konnte ſagen, daß ſein Kind die reichſte Braut der Fichtau ſei; denn ſelbſt der Haſenmüller im Aſang vermag ſeiner einzigen Tochter nicht fünf ſchwere Wagen zu beladen. Wir enthalten uns, die Empfangsfeierlichkeiten auf dem Rothen⸗ ſteine zu beſchreiben, ſondern beſchließen unſere Erzählung mit dieſem heitern Ausgange der trüben Geſchichten des Rothenſteins, und wün⸗ ſchen dem Paare, daß es ſo glücklich fortlebe, wie ihre Ehe glücklich be⸗ gonnen. Ein Anfang dazu iſt ſchon gemacht; denn die einigen Jahre, die ſeit dem, was wir eben erzählten, bis auf heute verfloſſen, ſind ganz glücklich geweſen. Eine Reihe Glashäuſer mit den Pflanzen aller Län⸗ der ſteht neben dem Parthenon, dann ſind Säle mit den Heerden aus⸗ geſtopfter Thiere, und dann die mit allen Erzen und Steinen der Welt. Dieſe Leidenſchaft ihres Herrn, meinen die Fichtauer, ſei doch auch eine Narrheit, wie ſie Alle ſeine Ahnen hatten, aber daß er ſonſt auch raſtlos ſchaffe und wirke, gaben ſie zu. In der hohen Frau, die mit zwei blü⸗ henden Knaben wandelt, würde Niemand mehr die einſtige Anna aus der grünen Fichtau erkennen; denn ſie wird in Heinrich's Schule faſt ein halbes Wunderwerk— aber ein anderes vollendetes Wunder ſteht neben ihr, ein Mädchen, namenlos ſchön, wie ein Engel, und rein und ſanft blickend wie ein Engel; es iſt Pia, die Tochter Narciſſa's, und des unglücklichen Grafen Chriſtoph's, der eher geſtorben, ehe er ſeine Sünde gut machen konnte. Heinrich hatte ſie an Kindesſtatt an⸗ genommen, nachdem er ſie und den alten Ruprecht, die ſich bei ſeiner An⸗ kunft in dem Kaſtellanhäuschen verkrochen hatten, an ſich gelockt und an ſein Weſen und Thun gewöhnt hatte. Durch ein ſeltſames Naturſpiel iſt ſie ihrer Großmutter Chelion ähnlich geworden, und zugleich ihrem Großvater Jodok, ſo daß man ſie den Bildern nach für ein Kind dieſer Beiden halten mußte; aber ſie iſt minder dunkel als Chelion, und noch um Vieles ſchöner, als das Bild Sſubeh was aber er nur der Jugend zuzuſchreiben iſt. Das Bild des zweiten Sirtus ſrt nun im grünen Suit auch offen, daneben Heinrich's und Anna's und Jeder, der den Rothenſtein beſucht, kann ſich von der vollendeten Aehnlichkeit Heinrich's und Six⸗ tus' überzeugen. Der alte Ruprecht lebt noch. Er ſitzt ewig hinten an der Sand⸗ lehne in der Sonne, dreht lächelnd ſeinen Stab in den Fingern, und erzählt Geſchichten, die Niemand verſteht; er erzählt ſie auch Nieman⸗ den, und meint, er ſei noch immer Kaſtellan, obgleich ſchon ein anderer ein neues Häuschen neben dem Thore der Ringmauer hat. Viel Beſuch kommt auf den Berg, und viele Augen fallen ſchon auf Pia; aber ſie ſcheut noch jeden Mann ſo, wie ſie einſt die zwei Freunde ſcheute, als ſie dieſelben zum erſten Male in den Juliantrüm⸗ mern geſehen, wo ſie auf dem Geländer des Balkons geritten war. Der häufigſte und liebſte Beſuch aber iſt der von Robert und Thrine. Hein⸗ rich's Mutter und Schweſter leben auf dem Schloſſe. Draußen in der Fichtau iſt es, wir es immer geweſen, und wie es noch hunderte von Jahren ſein wird. Während der Schmied ſagt:„ein Eeri der Herr Stndt⸗ ſchreiber,“ ſagt Erasmus nie anders, als:„Mein Herr Schwiegerſohn, unſer gnädigſter Herr Graf.“ Boten⸗Simon und der Schecke fahren Land aus, Land ein, und Beide gewannen bei den letzten Ereigniſſen, da der Aſang ſogleich bei der Uebernahme eingelöſet, und Simon's Grundzins alldort erniedrigt worden iſt. Und ſo, du glückliches Paax, lebe wohl! Gott der Herr ſegne dich, und führe noch unzählige glückliche Tage über deinen Berg und die Her⸗ zen der Deinen empor. Wenn von den andern Schriften des rothen Felſenſaales von Ju⸗ lian, Chriſtoph, Prokop, etwas bekannt wird, ſo wird es dereinſt vor⸗ gelegt werden. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. — 3 5————. 5 3„ . 2 8— 1„ S 2 5 8— 6„ 5 5 E