deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag' von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ₰. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 cLeih- und Ceſebedingungen. den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Soenlich—Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In dieſen Lebensbildern habe ich nie ſo ſehr nach Neuheit und Ueberraſchung getrachtet, daß ich darüber die Aehnlichkeit beizubehalten vergeſſen hätte. um des Vortrages willen iſt einige Vergrößerung erlaubt, einige Uebertreibung der komiſchen Darſtellung; doch weicht man noch weiter von der Wirklichkeit ab, ſo werden unſere Lehren weniger Nutzen ſtiften können, indem ſie die rechte Anwendung verlieren. Dr. Johnſon. Erſtes Bändchen. . Frankfurt am Main, 1826. Verlag von Heinrich Wilmans. en Sind, gleich Edelſteinen, von dem höchſten Werth; Gezeugt, wohin des Himmels Kraft kaum dringt⸗ Im Thal des Lebens, ihrem Lieblingsboden, Gedeihet wohl gar manche Tugend, freu't Als lieblich uns, wo jene Wunder ſcheinen. Derſelben Sonne All' verbreitet Strahlen, Glüht in der Roſe, blitzt im Diamanten; Doch ſchätzen wir die höh're Kraft in Dieſem, und billig mehr als Blumen, die Juweien. * — — 8 — — — S Leben und Sitte in England. I. Lord William Bouverie war eben nicht ausgezeichnet ſchoͤn, doch ſelbſt Perſo⸗ nen, deren Augen nicht von ſeinen dreißig⸗ tauſend Pfunden jaͤhrlicher Einkuͤnfte ge⸗ blendet waren, geſtanden ihm wenigſtens eine auffallend elegante Geſtalt zu. Er war ſehr groß, und die Natur ſchien ihn zum Krieger beſtimmt zu haben, indem ſie Form und Haltung eines ſolchen ihm gab. Auch hatte er Schlachten geſehen und kannte aus eigner Erfahrung den Unterſchied zwi⸗ ſchen einem harten Lager auf rauher Erde und einem Bette von Eiderdunen. Alfieri 1* ſelbſt kann nicht ſchoͤneres Haar gehabt ha⸗ ben, als er— ſo leicht, ſo glaͤnzend und lockig. Damen, welche wegen ihrer bekannt gewordenen Vorliebe fuͤr Lord William um eine Entſchuldigung verlegen waren, unterließen es nie, ſeines Haares zu erwaͤh⸗ nen. Gleich dem der Berenice am Him⸗ mel, war es in der eleganten Sphäre zu einem Sterngebilde geworden, mit dem of⸗ Lords Betragen in der Geſellſchaft ſchien anfangs etwas zuruͤckhaltend, doch ſagte man, offen ſich zeige. Er ſprach nur wenig im Allgemeinen, aber es gab Leute, welche lang und breit die ſeltene Gabe ſeiner Be⸗ redtſamkeit prieſen. Im Ganzen erklaͤrten ihn die Matronen fuͤr einen etwas ſcheuen jungen Mann, und behandelten ihn auch dem gemäß. Lord William war fuͤnf fenbare Abgotterei getrieben wurde. Des daß er bei naͤherer Bekanntſchaft warm und — oder ſechs und zwanzig Jahre— hieruͤber differirten die Meinungen, doch uͤberſchritt das Geruͤcht dieſe beiden Zahlen nicht.— Er beſaß ein herrliches Haus in der Mall, und zwei ſchoͤne Landguͤter. Es war ſchon eine ganze Weile Friede in der Welt, und man ſagte, daß der Lord eine entſchiedene Vorliebe fuͤr Haͤuslichkeit bezeige, aber er war nicht verheirathet. Manche ſorgſame Mama konnte aber die Hand aufs Herz legen und mit gutem Gewiſſen es beſchwo⸗ ren, daß dieſes nicht ihre Schuld ſey. Nur wenig Sterne waren am Horizonte der Geſellſchaft aufgegangen, ohne daß des Lords William Blicke durch irgend einen klu⸗ gen Freund dem ſchoͤnen leuchtenden Me⸗ teor zugewendet worden waͤren, und doch war er nicht verheirathet, und die Ge⸗ taͤuſchten fluͤſterten geheimnißvoll: ihrer Mei⸗ nung nach ſey er uͤberhaupt kein heiraths⸗ 3— luſtiger Mann. Das hielt aber dennoch Andere nicht davon ab, ferner Verſuche zu wagen und hinterdrein ein Mißlingen zu beklagen, das ſie, unerachtet jener Prophe⸗ zeihungen, die beſtimmt ſchienen, mit denen der Caſſandra gleiches Geſchick zu haben, ſich ſelbſt zugezogen. Einige, der fruchtloſen Jagd muͤde, nahmen anderswo mit ein fuͤnf oder zehntauſend Pfund jährlich vor⸗ lieb. Einige angelten weislich nach Silber⸗ fiſchen, da die goldenen nicht anbeißen woll⸗ ten; Andere ſchmachteten furchtſam, und einige privilegirte Wildfaͤnge unter den Maͤd⸗ chen liefen offenbar hinter ihm drein. Die Einfuͤhrung der jungen Auguſte Effingham in die Kreiſe der großen Welt hatte viel Senſation erregt. Sie war ſchoͤn, ſehr ſchoͤn, ſie vereinte die vollendete Form der Mediceiſchen Venus mit Rubens brillantem Colorit. Groß, ſchlank, ohne ℳ mager zu ſeyn, mit einem Colorit gleich dem der Aurora, mit himmelblauen Augen und goldenen Locken wie der junge Tag, war ſie das vollkommene Muſterbild einer brittiſchen Schoͤnheit. Ihr ganzes Weſen beſaß etwas hoͤchſt Einnehmendes, ſie ſang, tanzte und ſpielte— faſt gut genug, um eine Kuͤnſtlerin genannt werden zu koͤnnen. Niemand bezweifelte, daß Miß Effing⸗ ham eine neue Aſpirantin der Herrlichkei⸗ ten werden muͤſſe, die zu vergeben, in Lord Williams Macht ſtand. Manche Schoͤn⸗ heit zog ſich ſtill zuruͤck, aus Ueberzeugung, daß alle Nebenbuhlerſchaft hier unnuͤtz werden muͤſſe. Die ſchoͤne Debuͤtirende aber zeigte nicht das geringſte Beſtreben, dieſen Spiegel der Modewelt zu ſehen— er war gerade auf dem Lande— nichts auf der Welt konnte beſſere Wirkung thun, als eben dieſe ihre Gleichguͤltigkeit. Mit freundlicher Bereitwilligkeit ſpielte ſie auf dem Pianoforte, ſo oft ſie jemand darum bat, und ſchien dabei die ſchwere Kunſt, zu rechter Zeit aufhoͤren zu koͤnnen, voll⸗ kommen inne zu haben. Dieſes Betragen war ungemein klug, denn mehrere Kunſt⸗ liebhaberinnen hatten es ſich zum Geſetz ge⸗ macht, nur dann dem Fluͤgel zu nahen, wenn Lord William ſie zu demſelben fuͤhrte. So gewann ſich Miß Effingham eine Menge Freunde und eine Art allgemeiner Anerkennung, die kaum einige einzelne Stimmen zu beſtreiten wagten. Lady Ef⸗ fingham, Auguſtens Mutter, hatte die Bekanntſchaft des Herrn Lumley gemacht, des vertrauten Freundes Lord Williams, eines frohherzigen heiteren jungen Mannes, der nichts auf der Welt lieber mochte, als mit einem ſo huͤbſchen Mädchen zu tanzen, wie Auguſte war. Er ſtudirte Rechtswiſ⸗ — ſenſchaft und ſtand mit einem Maͤdchen auf dem Lande in einem Verhaͤltniſſe, dem er, trotz ſeiner kleinen Abſchweifungen, dennoch treu ergeben blieb. Sobald Lady Effing⸗ ham ſich genuͤgende Gewißheit uͤber dieſen Punkt verſchafft hatte, brachte ſie es dahin, daß er Zutritt in ihrem Hauſe erhielt. Er war oft dort, und Auguſte ſo guter Laune, ſo gefällig, daß ſie von des jungen Man⸗ nes Neigung alles gewann, was er nur ſeiner eigenen Herrin, ſeiner ganz eigent⸗ lichen Dame, entziehen konnte. Der beſte Lobredner von der Welt, fuͤhlte er dabei lebhaft, und was er ſagte, ward nicht zur uͤbertriebenen Darſtellung ſeines Gefuhls, es trug den Stempel der Aufrichtigkeit, und redete weit beſſer zu Aller Ueberzeu⸗ gung, als die erleſenſte Lobrede, mit kaͤlte⸗ rem Blute ausgeſprochen, es vermocht ha⸗ ben wuͤrde. Es war in der That ein Mei⸗ — 10 ſterſtreich, ſich auf dieſe Weiſe des Herrn Lumley zu verſichern. Kaum langte Lord William in London an, ſo war auch Lumley ſchon bei ihm, ſprach mit Ent⸗ zuͤcken von Auguſtens geſundem Ver⸗ ſtande und Gemuͤthe, die er in den Vor⸗ grund ſeines Gemaͤldes brachte, und er⸗ waͤhnte dabei nur obenhin ihrer Schoͤnheit. Ihn leitete das eigene Gefuͤhl, welches ihn trieb, die Eigenſchaften am umſtaͤndlichſten zu beſchreiben, die ihn ſelbſt als Freund zu Auguſten zogen, denn er war nicht ihr Liebhaber, folglich galt ihre Schoͤnheit ihm nichts, er nannte ſie ein huͤbſches Mädchen, und hatte damit, was er dachte, und Al⸗ les, was er dachte, geſagt. Lord William war allerdings Willens zu heirathen, und der Gegenſtand, uͤber den Lumley ſich verbreitete, wurde von ſeinem Verſtande wohl aufgefaßt, aber er war eigentlich nicht der Mann dazu, um den Kopf mit dem Herzen davon laufen zu laſſen. Unter allen den Schoͤnen, die mit ſeinem Unvermaͤhltbleiben unzufrieden ſich fuͤhlten, war indeſſen vielleicht Keine, der dieſes eigentlich mehr leid that, als ihm ſelbſt. Wenn er aber die glaͤnzende Milch⸗ ſtraße betrachtete, die ihn umgab, unter deren leuchtenden Sternen jeden einzelnen nach Belieben ſich heraus zu waͤhlen, in ſeiner Macht ſtand, ſo kam es ihm wohl zuweilen vor, als ob das Weſen, das be⸗ ſtimmt waͤre, ſeine Frau einſt zu werden, in dieſer Sphaͤre nicht zu Hauſe ſeyn konne. Lord William hatte einige ganz beſondere Anſichten, von denen die Welt, die ihn umgab, im Allgemeinen nichts ahnete. Es iſt nicht noͤthig, ſich hier weitlaͤuftig dar⸗ uͤber zu verbreiten, ſie werden ſich ſchon von ſelbſt entwickeln. ——— —— —— — Die Nachrichten, die ihm Lumley mittheilte, erweckten noch einmal ſeine faſt erloſchenen Hoffnungen. Er wurde begie⸗ rig, dieſe neue Erſcheinung zu ſehen, ein Mädchen, das aus ihm und ſeinem Gelde ſich nichts machte! Lumley hatte ihm lachend verſichert, daß er ſich ſchame, zu geſtehen, wie wenig, wie ganz obenhin, zwiſchen ihm und ſeiner ſchoͤnen Freundin von Lord William, ſeinem nahen Ber⸗ wandten, die Rede geweſen ſey. Er meinte, ſie haͤtten von lauter unwichtigen Gegen⸗ ſtäͤnden mit einander geſchwatzt, die eigent⸗ lich das bloße Erwaͤhnen eines Namens, wie der des Lord William, in die tief⸗ ſten Tiefen des Meeres der Vergeſſenheit verſenkt haben muͤſſe. Sie hatten mit einander von Walter Scott geſprochen, von den Waverley⸗Romanen, von Lord Byron, von Moore, von neuen Re⸗ views, dem Monatlichen 2 dem Londoner, dem Quarterly, dem Edingburgher; von den Griechen, vom Homer, vom Kaiſer Alexander, dem Koͤnig, den Dampfboͤten, der Gasbeleuchtung, von Gros de Naples und von Levantine, von Vandyk, von Haydn, von Rubens, aber nicht von Lord William. Am Ende wußte Auguſte Effingham vielleicht nicht einmal, daß er exiſtire. Dieſes vielleicht war pikant, Lord William laͤchelte dabei mit aͤchtem Vergnuͤgen. Es fing an, ihm ernſtlich darum zu thun zu ſeyn, Auguſten zu begegnen. Sein Wunſch ward bald erfullt, ſie begegneten einander. Beim erſten Blick war Lord William nicht erſtaunt, nein, erſtarrt uͤber Lumleys fluͤchtige Er⸗ waͤhnung einer ſolchen Geſtalt. Auch dem gleichgultigſten Menſchen mußte es unmoͤg⸗ lich werden, an ihr voruͤber zugehen ohne ihr nachzuſehen. Lord William hatte vor den herrlichſten Ueberbleibſeln griechiſcher und rdmiſcher Kunſt bewundernd geſtanden, ſtun⸗ denlang die wunderſchoͤnen Koͤpfe Domini⸗ chinos und andere Zauberwerke des Pinſels mit Entzuͤcken angeſtaunt, doch nie war im wirklichen Leben etwas dieſem Aehnliches ihm begegnet, nie hatte ein vollendet ſcho⸗ neres Weſen auf Erden geathmet, davon war er feſt uͤberzeugt. Lumley ſtellte den Lord den Damen vor. Maonche Mama oder Tante wuͤrde gerade jetzt fuͤr nothig gefunden haben, ihre Aufmerkſamkeit etwas entfernteren Gegen⸗ ſtänden zuzuwenden, Lady Effingham aber hatte hochſt vernunftig beſchloſſen, Lord William ſolle freiwillig und nicht ge⸗ ʒwungen ſeine Verehrung darbringen. Nach dieſer Regel handelte ſie und der Erfolg be⸗ 4 wies die Weisheit derſelben. Lord Wil⸗ liam blieb den ganzen Abend hindurch in der Naͤhe der beiden Damen. Er war auf⸗ fallend guter Laune, obgleich ſogar ſeine Lebhaftigkeit einen ernſten Charakter hatte, der dem des leichten, fluͤchtigen Lumley ganz entgegen geſetzt war. Kaum zu Hauſe angelangt, lief Auguſte ſchnell die Treppe hinauf in ihr Zimmer, mit eiligem Schritte trat ſie ein und fand darin die Erwartete. „So Cornelia! leſend Liebſte! Im⸗ mer Buͤcher und wieder Buͤcher! Du kannſt nicht denken, wie gut es deinen Augen waͤre, wenn Du ſie ſo zuweilen ein ganz klein wenig auf die ſuͤndigen Kreaturen in dieſer verderbten Welt richten wollteſt!“ Cornelia lächelte ruhig, und ließ den Blick uͤber ihre tiefe Trauerkleidung hin⸗ gleiten. — „Wahr, ganz wahr, erwiederte raſch Auguſte. Ich will dich ja aber auch nicht in dieſer Zeit zu unpaſſendem Aus⸗ gehen verleiten, oder uͤberreden— ich wollte eigentlich nur ſagen, daß, wenn es den um⸗ ſtaͤnden nach moͤglich geweſen waͤre, Du einen koſtlichen Abend haͤtteſt haben können.“ „Vielleicht auch nicht. Du weißt ja, liebe Auguſte, wie ſonderbar eigen meine Anſichten und Neigungen ſind. Ich paſſe nicht fuͤr das große Leben. Manchmal denke ich, die Natur beſtimmte mich viel⸗ leicht eigentlich fuͤr eine Pfarre und den Huͤhnerhof.“ Sie ſprach dieſes halb laͤchelnd, halb betrubt. „Ich danke den Goͤttern, daß ſie ganz gewiß fuͤr mich keine ſo guͤtigen Abſichten hegen“, antwortete Guſtchen, indem ſie ihrer Gefaͤhrtin Huͤlfe beim Auskleiden an⸗ — 5 — nahm, denn Cornelia war eigentlich nur deshalb aufgeblieben, damit Auguſtens Jungfer, welche waͤhrend der vorhergehen⸗ den ganzen Nacht aufgeſeſſen, eines unge⸗ ſtoͤrten Schlafes genießen koͤnne.„Mir iſt ganz klar, daß mein ganzer Zuſchnitt fuͤr den Hof, und nur fuͤr den Hof paßt. O ihr Feen, die ihr uͤber Juwelen und Spitzen gebietet, wie glaͤnzende Hoffnungen ſchlagen gerade heute hier in meinem kleinen Herzen! „Haſt Du Lord William geſehen?“ fragte Cornelia. Auguſte drehte ſich raſch rund um und lachte unbaͤndig.„Ja, liebe ſuͤße Couſine mit dem Lacrimas⸗Ge⸗ ſichtchen und der Nachtigallenſtimme— ja! ich habe den allgewaltigen Herrn allerdings geſehen! dieſen Groß⸗Sultan der brittiſchen Damen, dieſen erhabenen Osmin, dieſen praͤchtigen Soliman, ſtolz wie ein halb Dutzend Veziers und Paſchas zuſammenge⸗ Leben und Sitte in England. I. nommen.— Ich habe ihn geſehen, den Mann, der, der, der, der,— enlin der nicht ſein Schnupftuch zuwerfen will!“ Cornelia ſah ernſthaft aus. „Ich verdiene keinen Vorwurf, Couſine“, fuhr Auguſte fort,„ich ſchwoͤre Dir zu bei Ja und Nein, daß fuͤnfzig hubſche Fräu⸗ lein von guter Familie ausſehen, als waͤ⸗ ren ſie ſehr bereitwillig, das Tuch anzu⸗ nehmen. Solch eine Scene von Kur⸗ macherei muß es nicht gegeben haben, ſeit⸗ dem die erſten weißen Maͤnner bei den ſchwarzen Frauen landeten. Wir wurden mit einem ſolchen Hagelſturm von Seuf⸗ zern und Laͤcheln und ſauren Geſichtern und hinſterbenden Blicken beſtuͤrmt— eine omi⸗ noͤſe Donnerwolke und einiges Wetterleuch⸗ ten gar nicht einmal zu erwähnen,— daß wenn unſre Gottlichkeit nicht ſturmfeſt gewe⸗ ſen wäre, wir daran geſtorben ſeyn koͤnnten. „Und Lord William? Wem iſt Lord William denn aͤhnlich?“ „Aehnlich?— Warte, laß ſehen. Nun etwa Wilhelm dem Eroberer, oder— dem Irlaͤndiſchen Rieſen— oder— oder— nun mit einem Wort', er ſieht aus wie jeder recht große wohlgewachſene Mann, der auf ein Paar huͤbſchen geraden Fuͤßen herumſpazirt.“ „Deine Beſchreibung iſt allerdings hoͤchſt befriedigend, aber gieb mir doch eine etwas weniger allgemeine Antwort— zuerſt frage ich, magſt Du ihn leiden?“ „Warlich, ja— gut genug fuͤr einen Mann in dieſen Zeiten. Meine Mama ſagt: die Liebe ſey abſurd und habe, außer auf dem Lande, nichts dabei zu thun. Ich werde nie irgend etwas halb ſo ſehr als dieſe meine nette kleine Perſon lieben, Cou⸗ ſinchen, ausgenommen wenn ich vielleicht 2* — W— dieſen Entſchluß zu Gunſten der Equi⸗ pagen, der Juwelen, der Haͤuſer in der Stadt, der Haͤuſer auf dem Lande und der dreißigtauſend Pfund Einkuͤnfte von My⸗ lady Bouverie aufgeben ſollte.“ „Ach! armer Lord William!“ ſeufzte Cornelia. „Armer Lord William!— reicher Lord William, denke ich, beſonders wenn er meine hochwohlgeborne ſchoͤne Gnaden ſollte bereden koͤnnen, ſich auf dem Verzeichniß ſeiner vielfältigen Beſitzthumer oben an ſtel⸗ len zu laſſen.“ „Aber der Mann— der Mann, Couſine!“ „Der Mann, ſag' ich dir, Cornelia, iſt eine ganz gute Sorte von einem gebie⸗ tend und vornehm ausſehenden Manne, zeigt weiße Zaͤhne, wenn er lacht, eine weiſe Stirn, wenn er ernſthaft iſt, ſchones Haar, wenn er ſich buͤckt, eine hubſche Fi⸗ —— gur, wenn er ſteht; ſpricht auch vernuͤnf⸗ tig, ſehr vernuͤnftig, Couſinchen, ich ver⸗ ſichere dich. Ach du liebe Zeit! Nein ich ambizionnire ganz und gar nicht ein Tete à Tete mit Mylord William!“ Cor⸗ nelia antwortete nicht, und ſie ſchieden. Nach dieſem ereignißreichen Abende ward Lord William ein fleißiger Beſucher des Hauſes der Lady Effingham. Die Welt ſchrieb bereits Auguſten die Ehre zu, ſeine ſehr bedeutende Eroberung gemacht zu haben. Es gab viel Neider, viel geheimes Gefluͤſter; Einige bedauerten Lord Wil⸗ liam, Einige wuͤnſchten der gnaͤdigen Mama Gluͤck zu ihrer Geſchicklichkeit und der Toch⸗ ter zu ihrer Lenkſamkeit, Einige lachten, Andere ſeufzten, Alle aber kamen darin uͤberein, daß Lord William durch ein un⸗ vergleichliches Syſtem der Politik ins Netz gezogen worden ſey. — Er ſelbſt, ohne gerade bis zum Aus⸗ ſprechen dieſer Schlußfolge zu gelangen, fuhlte dennoch etwas, dem Sinn derſelben Entſprechendes, ſich geblendet, gefeſſelt, um⸗ klammert. Wenn er ſich ſelbſt uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand Beichte ſaß, geſtand er, daß Augu⸗ ſtens Schoͤnheit gewiß alles uͤbertreffe. Ihr Geſicht, ihre Stimme, ihre Geſtalt, nichts auf Erden hatte ihm je ſo ausge⸗ zeichnet vollkommen geſchienen; aber es war nicht Schoͤnheit, der Beſitz eines Tages, der Glanz eines ſchimmernden fallenden Sterns, der Schein der Sonne auf dem Waſſer— es war nicht ihre Schoͤnheit, die ihn beſiegt hatte. O nein, es war der Zauber ihres Weſens, die Reinheit des Herzens, die in ihm ſich ausſprach, die Rechtlichkeit ihrer Grundſätze, die Sanft⸗ muth ihres Gemuͤths, die— nein! Lord William konnte nicht hinzuſetzen, ihre fromme Religioſität. Und mit einem Seuf⸗ zer beſchloß er noch zu warten und ſich Ge⸗ wißheit uͤber einen. ſo wichtigen Punkt zu ſchaffen, ehe er ſich und ſeine Ehre auf ewig ihr verbände. Lady Effingham hatte ſich ihr Leb⸗ tage viel auf ihre Devinationsgabe zu Gute gethan; ſich gewoͤhnt, die Meinungen der Menſchen, die ſie ihrer Beobachtungen werth hielt, aus einzelnen, im Geſpraͤch ihnen unuͤberlegt entſchluͤpften Aeußerungen zu errathen, aus unbedachten Ausrufungen, bei uͤberraſchenden Zufaͤlligkeiten aus dem Wechſel der Geſichtszuͤge, wenn irgend etwas Neues, Unerwartetes geſchah. Lange hatte ſie ſich bemuͤht, Lord Williams Soͤgern irgend einem denkbaren Grunde im Reiche der Moglichkeiten zuzuſchreiben, doch eine einzige zufällige Bemerkung, die ihm — entſchluͤpfte, gab ihr daruͤber Licht, loͤſete ſchnell ihre Zweifel und beſtimmte den Gang ihrer Plaͤne. Lord William hatte noch immer nicht Zutritt in dem Boudoir ſeiner ſchoͤnen Gebieterin erhalten. Die Geſchick⸗ lichkeit der Lady Effingham wußte gar bald eine brennende Neugier und den Wunſch, deſſen Einrichtung zu ſehen, in ihm rege zu machen. Die dort aufgeſtellten Buͤcher, die Materialien zu ihren Morgenbeſchaͤfti⸗ gungen, alle die kleinen Zierlichkeiten, die der Frauen Sinn feſſeln, mußten, ſo meinte Lord William, Licht auf manche Eigenthuͤmlichkeit eines Charakters werfen, den zu verſtehen ihm ſo wichtig war. Die Bitte ward gerade, wie Lady Effingham es berechnet hatte, gethan und— gehoͤrig aufgenommen. Auguſte war ſo uͤber⸗ raſcht; ſie konnte ſich um die Welt nicht dem Lord ſo preisgeben; ſie kannte ihn zu gut, u — 2— um es zu wagen, ihm ihren Geiſt ſo im Negligee zu zeigen. Das war gewiß: wenn irgend jemand dort aufgenommen werden konnte, ſo war es einzig Lord William, aber ſie konnte nicht.— In vollem Ernſte, es ging nicht! Wie kam Lord William dazu, ſich zu einem ſolchen Wunſche her⸗ abzulaſſen? Wie konnte Er ſich dabei auf⸗ halten, die kleinen Spielereien eines kindi⸗ ſchen Maͤdchens ſehen zu wollen? Es war wahrhaftig nichts der Muͤhe werthes darinnen zu zeigen, immer ſo unordentlich in dem Kabinette; ſie meinte, Ordnung in ihren Buͤchern und Papieren koͤnne ihr nur laͤſtig ſeyn, ſie hatte es am liebſten, wenn ihr alles ſo zur Hand lag; Lord Wil⸗ liam wuͤrde ſich nicht in dem Zimmerchen herumdrehen koͤnnen, ſo voll war es. Auf Ehre, es war nichts darin, das der Muͤhe werth geweſen waͤre, es nur anzuſehen, — 26— er mußte ihre Verſicherung annehmen, daß er nichts finden werde, das der verlorenen Zeit werth ſey. Der Lord bat, das Fraͤulein zoͤgerte, zweifelte, erroͤthete, ſeufzte und gewährte endlich ſchweigend mit dem reizendſten Wi⸗ derſtreben von der Welt. Die Einrichtung des Zimmerchens zeigte von vielem Geſchmack, aber nichts war praͤchtig darin. Alles hatte einen Anſtrich von Jungfraͤulichkeit, nichts war koſtbar. Es ſchien genau dem weiblichen Hange, mit vielem Anſtande Nichts zu thun, an⸗ gepaßt. Einige Buͤcher waren aufgeſtellt, hubſch, doch nicht glaͤnzend gebunden. Das Ganze war, wie die Maler ſagen, gut ge⸗ halten. Lord William betrachtete den Inhalt des Buͤcherſchrankes mit kritiſchem Blicke. Unter den Poeten fand er Milton, Young, Cowper, Wordsworth, Shakspeare, unter den theologiſchen Schriften Paley, Butler, Tillotſon, im Fache der Moral Reynal, More und Johnſon nebſt anderen modernen Autoren, deren Zuſammenſtellung yt jenen nicht im Widerſpruche ſtand. Auf einem Leſepultchen lag Young, daneben ein Buch mit abgeſchriebenen Lieb⸗ lingsſtellen. Lord William legte die Hand auf das letzte und bat abermals um Erlaubniß; es erfolgte das gewohnte Wei⸗ gern und das ſchwer errungene Gewaͤhren. Was ihm am meiſten intereſſirte, waren die eingeſtreuten eigenen Bemerkungen, de⸗ nen die Chiffer ½½ zur Unterſchrift diente. Wir ſchreiben drei oder vier Seiten als Probeblätter des Ganzen ab und ſchalten ſie hier ein, weil ſie hauptſaͤchlich dazu bei⸗ trugen, dem Zoͤgern ein Ende zu machen, durch welches die junge Dame, ihre Mut⸗ ter und ihr Liebhaber ſo lange gelitten. —— Obendrein haben einige dieſer Aufſätze einen kleinen Anſtrich des Romantiſchen, und zwar gerade genug, um den weiblichen Cha⸗ rakter jenen poetiſchen Duft zu leihen, der ihn am reizendſten ſchmuͤckt.% Ein rum Eine jener herrlichen Naͤchte, die uns das Scheiden des lieblichſten Tages leicht ertragen laſſen, ſenkte ſich herab. Ein rei⸗ ner, tiefblauer Himmel, in deſſen Mitte der Mond langſam dahinzog, woͤlbte ſich uͤber die italiſche Welt. Ich ſaß auf den Stu⸗ fen des Capitols, ſah vom tarpeiſchen Fel⸗ ſen hinab und uͤberſchaute mit raſtloſem Blicke die Ruinen, die aus den ſtolzen Tagen Roms, dieſer Koͤnigin der Welt, uns geblieben ſind. Ich ſah ſie alle nach und nach in gemilderten Konturen vor mir auftauchen; vom Mondenlichte umfloſſen, — glichen ſie den reizendſten Formen der Schoͤnheit, wenn dieſe durch den Schleier durchſichtiger, ſpielende Silberwellen das Auge entzuͤcken. In Augenblicken wie dieſe, gibt man ſich gern der Erinnerung an eine glorreiche und edle Vergangenheit hin. Es liegt dem Geiſte nahe, die Geſtalten gefalle⸗ ner untergegangener Helden zu wecken, ſie dem inneren Auge anſchaulich zu machen zu ſuchen, und auch ich gab dem Auf⸗ und Nieder⸗Fluthen meiner aufgeregten Phan⸗ taſie gerne mich hin, als plotzlich ein un⸗ beſchreiblich bleiches Leuchten mich umgab, und meine Glieder mit einem Gefuͤhl von Kaͤlte, wie die Strahlen des Mondes ſie um ſich verbreiten, durchſchauerte. Das Licht glitt ab von mir, ſammelte ſich und bildete ſich zur Geſtalt eines Mannes. Mir grauſete,— dennoch konnte ich die Augen nicht abwenden. Ich ſah dem Wachſen des Wunderwerkes mit athemloſer Aufmerkſam⸗ keit zu, bis endlich ein mir ähnliches We⸗ ſen vor mir ſchwebte;— die kuͤhnſte Feder wuͤrde es nicht wagen, die unirdiſche Blaͤſſe dieſer Zuge zu beſchreiben. Welche furcht⸗ bare Abweſenheit alles Ausdruckes in den⸗ ſelben! Wie ſtand es da ohne lebende Be⸗ wegung, ohne Athem! wie ſo ganz ohne Leidenſchaft! Die tiefe glänzende Schwaͤrze der Augen kontraſtirte auf das Entſetzlichſte mit dem hellſten Weiß. Wie farblos war ſein Gewand! Ich wuͤnſchte zu entfliehen und fuͤhlte von einem unbeſchreiblichen Ge⸗ fuhle mich feſtgehalten auf meinem Sitze. Doch ſah es mich nicht an, ſeine Augen blieben feſt auf die Landſchaft vor ihm ge⸗ richtet. Mir war, als ſey ich ihm un⸗ ſichtbar. Doch ſchwand die Täuſchung ſchnell, denn eine Floten⸗Stimme redete zu mir: „Auf Erden war ich ein Roͤmer und gehoͤrte zu der Reiterei des Heeres, ich lebte unter Auguſtus, zur Zeit der Bluͤthe der Kunſt.“ Die Sprache kam mir wieder. O! daß ein Abbild jener Tage, die unſere Erde nicht mehr kennt, mir erweckt werden koͤnnte! rief ich aus. O! daß es mir zu Theil wuͤrde, jene Zeiten und Gebraͤuche ſo ken⸗ nen zu lernen, wie nur einer, der mit und in ihnen gelebt, ſie uns kennen lehren kann. Der edle Schatten wandte ſich zu mir. Einen Blick zu ertragen, der zugleich durch⸗ dringend und doch ſo ſtarr iſt, daß man es fuͤhlt, wie ihm die Sehkraft mangelt, geht uͤber menſchliche Kraͤfte. Meine Augen⸗ lieder ſanken, ich zitterte. Der Schatten nahm ſeine vorige Stellung wieder an und ſprach nun weiter: „Unter allen Fähigkeiten, die wir auf Erden beſaßen, bleibt uns keine in groͤßerer Vollkommenheit, als die der Erinnerung. Sie vermehrt die Qual des Boͤſen, ſie er⸗ hoͤht des Guten Seligkeit, ſie vertieft die Schatten des Erebus, ſie erhoͤht den gol⸗ denen Glanz Elyſiums. Erinnerung wirkt auf uns wie auf Euch, nur mit erhoͤhter Gewalt. Den Eindruck Dir klar zu machen, den die mich umgebenden Gegenſtaͤnde auf mich machen, iſt unmoͤglich. Du biſt noch von der ſchoͤnen Taͤuſchung umfangen, welche die korperlichen Organe allem mit⸗ theilen, was dieſe beruͤhrt. Dein Auge be⸗ lebt noch mit der Grazie der Form, der Farbe, der Bewegung alles was ihm ge⸗ faͤllt. Der entkorperte Geiſt aber ſieht die Dinge auf andere Weiſe wie du, der Schimmer der Taͤuſchung iſt ihm erloſchen. Dennoch bleibt uns die Erinnerung des Glanzes, der uns einſt umleuchtete, und jene vergangene Scenen erneuern ſich uns ſo genau, daß ſie vielleicht auf dieſe Weiſe uns jetzt noch mehr Freude gewaͤhren, als einſt in ihrer Wirklichkeit. „Ja“, fuhr er fort, indem er ſein kaltes erſtarrtes Auge auf das Coliſaͤum richtete,„Schauſpielen, wie die, welche einſt jene Mauern fuͤllten, habe ich im kai⸗ ſerlichen Rom, in jenen Tagen des Ruhms oft mit einem frohen Gefuͤhl beigewohnt, das mir und keinem der Zuſchauenden, die damals hier glaͤnzten, mehr wiederkehrt. Eine weite Milchſtraße zahlloſer Sterne ſchimmerte in jenem Halbkreiſe, ihr Licht hat ſeinen Ruhm bis auf Eure Tage ver⸗ breitet und wird ihn bewahren bis zum gaͤnzlichen Untergange eures Planeten. Auguſt, Maͤcen, Horaz, Virgil; kann je die Zeit ſolche Namen verloͤſchen? „Dort in Podium ſaß Auguſt auf er⸗ Leben und Sitte in England. I. 3 „ 6 —— habenem Sitze. Mich verlangte es, die Augen zu ſchauen, die von Apoll herſtam⸗ men ſollten, die edlen gewinnenden Zuͤge zu betrachten, die ihm, wie einſt auch dem Hannibal, auf dem Zuge uͤber die Alpen, das Leben aus den Haͤnden eines galliſchen Heerfuͤhrers retteten. Es lag ein ſchneller durchdringender Ausdruck in dem Geſichte, der zu der ihm eigenen Gemuͤthsruhe nicht zu paſſen ſchien. Wer konnte in den ſchar⸗ fen lebhaften Blicken, die er um ſich warf, den kalt berechnenden Politiker erkennen, der ſeine unbeſchraͤnkte Gewalt mehr der Weisheit ſeiner Beſchluͤſſe als der Tapfer⸗ keit ſeiner Waffen verdankte? Sein brau⸗ nes Haar wallte in natuͤrlichen Locken, und gab ſeinem Kopfe eine weiche jugendliche Schoͤnheit, und eine ihm ganz eigenthuͤm⸗ liche Grazie, zu der die Adlernaſe ſehr wohl paßte. Ich war ein Roͤmer, ich ſtammte von den vornehmſten Mitgliedern des re⸗ publikaniſchen Raths ab, aber noch jetzt in der Schattenwelt erinnere ich mich der ho⸗ hen Bewunderung, mit welcher der Anblick des Herrſchers von Rom mich damals er⸗ fuͤllte. Ich hob die Augen, um den ſeinen zu begegnen, denn ich war des Rechtes meiner Geburt mir zu ſtolz bewußt, als daß ich mich, um der kaiſerlichen Eitelkeit zu ſchmeicheln, haͤtte ſcheinbar von den Blitzen eines Menſchen⸗Blickes blenden laſ⸗ ſen ſollen. „Livia, Auguſtens Gattin, und Julia, ſeine Tochter, ſaßen bei jenem Schauſpiel, deſſen ich jetzt gedenke, in den oberſten Rei⸗ hen des Amphitheaters. Livia feſſelte meine Aufmerkſamkeit, der Herrſchaft wegen, die ſie uͤber ihren Gemahl erlangt. Seine Zaͤrtlichkeit wie ſein Vertrauen gegen ſie waren unendlich. Man erzaͤhlte ſich damals 3* — 6— in der Geſellſchaft von Rom ihre Antwort auf die Frage: wie ſie es anfange, um den uͤber ihren Gemahl erworbenen Einfluß ſich zu erhalten?„„Durch unbeſcholtene Tu⸗ gend, unbegraͤnzte Ergebung, durch Vermei⸗ den jeder Theilnahme an Staatshaͤndeln, und auch dadurch, daß ich ſeine Huldigung anderer Frauen nie gewahr werde.“ Welch ein Vorbild fuͤr ihr Geſchlecht! „Wie ſichtbar trat der Contraſt zwi⸗ ſchen der Frau und der Tochter des groͤße⸗ ſten Mannes der Welt bei dieſer Gelegen⸗ heit an das Licht. Aeltere wuͤrdige Geſtal⸗ ten umgeben jene, dieſe ſtand mitten unter einem Haufen luſtiger junger Wolluͤſtlinge, deren Weſen nur zu ſehr zu dem ihren paßte. Des Kaiſers Blicke ſchweiften lange von der Gemahlin zur Tochter hinuͤber; unfähig ſeinem Gefuͤhl laͤnger zu widerſte⸗ hen, ſchickte er endlich an Letztere einige geſchriebene Worte, in welchen er ſie bat, zu bemerken, wie ſehr ſie durch den Ver⸗ gleich mit ihrer Stiefmutter verlore; Julia ſandte die Tafel zuruͤck, ſie hatte darunter geſchrieben:„„Meine Gefaͤhrten werden mit mir aͤlter geworden ſeyn, wenn ich einſt die Jahre der Reife erlangt habe.““ „So war ſie, die dafuͤr galt, des Dich⸗ ters der Liebe, Ovids, Corinna zu ſeyn! Ovid ſelbſt hatte dicht hinter dem Podium ſeinen Platz genommen, aber die heimlichen Blicke ſeiner von jugendlichem Liebesfeuer gluhenden Augen gleiteten unablaͤſſig zu der Kaiſerstochter hin.“ „Alſo“, unterbrach ich meinen geiſtigen Gefaͤhrten in der Hoffnung, eines der dun⸗ kelſten Raͤthſel der Vorzeit geloſt zu ſehen, „alſo war es wirklich eine fuͤr Julien ge⸗ faßte Leidenſchaft, die ſpaͤterhin Ovids Ver⸗ bannung veranlaßte?“ — „Es iſt uns verboten, Fragen zu be⸗ antworten, die nur eitle Neugier zum Zweck haben“, erwiederte der Geiſt.„So lange es Menſchen von verſchiedener Richtung des Sinnes, der Gewohnheiten und Sitten giebt, ſo lange werden auch die Meinungen von einander abweichen. Nimm die Moͤg⸗ lichkeit allgemeiner Uebereinſtimmung des Empfindens an, und alle Sagen der Vor⸗ zeit, die jetzt am lebendigſten anregen, ge⸗ hen in Vergeſſenheit unter; denn des Menſchen Sinn liebt es, mitten in der Finſterniß nach Licht zu ſuchen. Gar manche Schatten ſind jetzt im Elyſium, die ſich einſt hier des Schauſpiels freuten, das ihnen die Gladiatoren gewaäͤhrten“, fuhr er weiter fort;—„doch erinnern ſie ſich jetzt derſelben nur noch mit Schaudern und Widerwillen. Man hat behauptet, daß jene Kampfſpiele den Muth des Volkes er⸗ hoͤhten, und doch iſt es gewiß, daß die Roͤmer, gerade in der Zeit, da man in Rom am haͤufigſten ſie ſah, kein freies Volk mehr waren. „Ja, dort liegt ſie vor uns, die Arena! der furchtbare Schauplatz ſo vieler Kaͤmpfe, die meinen Landsleuten das Brandmahl der Grauſamkeit aufgedruͤckt haben. Das Blut der Opfer wilder Luſt faͤrbte den Sand, der dieſe Flaͤche deckte! Unter den Barbaren, die bei ſolchen Gelegenheiten uns vorgefuͤhrt wurden, war Einer, der wohl der Bemerkung eines Dichters werth gewe⸗ ſen waͤre; ein Britte. Sein gelbes Haar, ſeine bluͤhende Geſichtsfarbe, der ſtarke Bau ſeiner Glieder bezeugten ſeine Abkunft. Er hatte tapfer gefochten, dennoch war er der Nacht erlegen und nun hier, die allgemeine Aufmerkſamkeit feſſelnd. Ware er ein Ro⸗ mer geweſen, einen Helden hätte man ihn genannt, er war aber ein Britte, und man ſchalt ihn einen wilden Barbaren. Er war nach Capua geſandt worden, um fuͤr die⸗ ſes blutige Schauſpiel die Regeln des Kam⸗ pfes zu lernen;— ſo wollte es die Sitte jener Zeit, die einen alten Krieger bewog, auszurufen: Schande und Schmach uͤber Rom! Alle lernen, die Ringer, die Jaͤger, die Gladiatoren, alle, nur unſere Soldaten kennen weder Regel noch Zucht! „Ich ſah den Britten, als er zuerſt auf der Arena erſchien, welche die Gladia⸗ toren alle zur Schau umkreiſen mußten. Sein ſtolzes Auge blitzte von tauſend Er⸗ innerungen aus ſeiner Vergangenheit, das duſtere Feuer deſſelben verkuͤndete deutlich, daß er ſein Leben theuer zu verkaufen ge⸗ denke, und doch las man auch zuweilen ein fluchtiges Weichwerden in ſeinem Blick. Furcht war es nicht, wohl aber ſchmerz⸗ liches Bedauern, vielleicht hatte er ein Weib auf ſeiner entfernten Inſel, vielleicht auch Kinder, und ihre Bilder flutheten an ihm voruͤber. Es war nicht moͤglich, den Aus⸗ druck ſeiner Zuͤge zu mißverſtehen, es war zu deutlich, er dachte vergangener Tage! Barbaren und civiliſirte Menſchen ſind glei⸗ cher Milde des Gefuͤhls faͤhig, vielleicht die Leidenſchaften der Erſteren heftiger, jeden Fall weniger gezuͤgelt. Wilde lieben ihre Weiber, ihre Kinder, ihren heimathlichen Heerd; fur dieſe fechten ſie, und fur dieſen Kampf— dieſen heiligen Kampf— o Rom! wie wurden ſie dafuͤr mitten unter deinen ſtolzen Huͤgeln zur Schlachtbank gefuͤhrt! „Der Britte entgieng zu Anfange des Kampfes dem graͤuelvollen Untergange. Es gelang ihm, der Wuth des gegen ihn los⸗ gelaſſenen Loͤwen zu entgehen. Nach eini⸗ gen Stunden erſchien er abermals, um mit anderen Feinden den Kampf zu erneuen, mit— ſeinen Mitmenſchen! Er trat haſtig ein; der erniedrigende Zwang, mit dem Andere zu dem entſetzlichen Kampfe wider Willen getrieben wurden, war bei ihm nicht noͤthig. Er ward einem vollkommen be⸗ waffneten Manne gegenuͤber geſtellt, er ſelbſt hatte zu ſeiner Vertheidigung nur ein Netz und einen Dreizack. O welch ermuͤdend langes Kaͤmpfen widerſtrebender Mannes⸗ kraft war das! Als es voruͤber, ſchien es noch eben moͤglich, daß er den Blutverluſt uͤberleben koͤnne, ſein triumphirender Geg⸗ ner ſtand uber ihm. „Der kuͤhne Geiſt war erloſchen, nie⸗ dergeworfen, uͤberwunden lag er da. Sein Herz war bei den Goͤttern ſeines Hauſes; er ſehnte ſich in ſeiner Todesqual nach ih⸗ nen, ſehnte ſich nach dem milden Blick der Liebe, der fliehenden Seele den Uebergang zu erleichtern, doch keiner war da. Noch einmal blickte er auf die ihn umringende Menge, die ſein Geſchick entſcheiden ſollte, einen, aber nur einen einzigen Moment ſah ich den Ausdruck der Bitte in dieſem Blick. Ihm fiel es nicht hart, zu ſterben, aber in einem fremden Lande ſterben zu müſſen, war hart. Die Unmenſchen gaben das un⸗ ſelige Zeichen. Nun wußte er, daß alles Hoffen voruͤber ſey. Seine Augenbraunen zogen ſich zuſammen, feſt preßten ſich die Lippen gegen einander— ein Strahl der Verachtung brach aus ſeinen Augen, ſtrafte die Barbaren, die ihn umkreiſeten und— im nächſten Augenblicke brach ſein Herz⸗ Das Ringen hatte ein Ende, der Gemor⸗ dete ſchlief in Frieden.“ In dieſem Augenblicke gieng der Mond praͤchtig unter. Dichte Finſterniß umgab michz als ſie ſich wieder verlor, glaͤnzten die Sterne am heiteren Himmel— doch der Geiſt war verſchwunden. O, waͤhne nicht, ich könn' ihn je vergeſſen, Den Scheidekuß— der Neigung letztes Pfand! Den Strahl der Liebe, grenz'los, unermeſſen— Das ſüße Wort, wenn mich Dein Auge fand! Ich fuhle noch des armen Herzens Pochen, Nur wehe mir! es iſt beinah' gebrochen. Und weißt Du, wie gleich einem Sterbehauche Der Seufzer ſchwer der wunden Bruſt entquoll! Wie, ſtarre Ruh' im thränenloſen Auge, Dein Herz zerriß beim letzten Lebewohl? Wie raſche Gluth den Wahnwitz der Gedanken Zu bannen ſchien in Deiner Blicke Schranken? Wie haſt Du oft mir tauſendfach beſchworen Unendlich ſey der Liebe ſchöne Zeit— Nie kaäm' ein Tag, an dem Du mir verloren— Mir nahe nie der Trennung dunkles Leid. — Kann ich, ſo lang' mir ſtrahlt der Sonne Schimmer, Dein Bild vergeſſen?— weh' mir, nimmer! nimmer! 2. Die Rache lebte in meiner Seele, aber ſie ſoll ſchlafen, ewig und immer! Denn der Odem Gottes hat in ſeinem Fluge mein Herz geſtreift und es umfriedet, ſo daß es ſchweigt und ſchlum⸗ mert, wie ein ſtille gewordenes Kind, das ſeiner Mutter wohlbekanntes Liedchen eingewiegt. 3. Bekenntniß. Mein Herz kann brechen— ſey es ausge⸗ ſprochen, Durch Dich wird es nicht mehr gebrochen. Du biſt durch eigne Schuld vertrieben, Ich kann den Schuldigen nicht lieben. Mit eigner Hand haſt Du vernichtet Der Liebe Wurzeln, aufgerichtet Des Haſſes, der Verachtung Keime, Du haſt zerſtoͤrt der Liebe Traͤume, Du ſelbſt haſt Dir Dein Lvos erkoren, Aus freier Wahl den Preis verloren, Haſt ſelbſt das alte Band zerriſſen Und Dich verdammt durch Dein Gewiſſen! Hätte den Geſunkenen dennoch geliebt, Und alle Stunden mich um Dich betruͤbt, Haͤtt' ich nur mein noch Dein Herze geglaubt, Nichts hätte je Dir das meine geraubt. Hätte Dich geliebt wohl in Gluͤck und in Schuld, Haͤtt' es ertragen mit Muth und Geduld. Doch als Du nun Deine Schwuͤre vergeſſen, All deine Liebe, ſo unermeſſen, Als Du vor Andern die Kniee gebeugt, Dein kalter Blick mir Verachtung gezeigt, Laß mich's bekennen, da liebt' ich nicht mehr Und meine Thraͤnen verſiegten, nunmehr Iſt Deine Reue verloren fuͤr mich, Ich liebe wieder— und liebe nicht Dich. 1 4. O waͤhne nicht, weil wir geſchieden, vergeſſe ganz mich nun Dein Herz, Ob mein's gleich kalt und ohne Frieden, mein truͤbes Loos geweiht dem Schmerz: Das Mondlicht ſieh am Gletſcher wiederſcheinen; So ſucht mein Geiſt den Wieder⸗Strahl des Deinen. Dein Blick ſoll nicht in Thränen ſchwimmen, kein Seufzer ſchwelle deine Bruſt, Als ſey dem Schmerz nicht zu entrinnen, nicht meiden ſollſt Du Jugendluſt, Nicht hoffnungslos von Gluͤck und Freude ſcheiden In's Leichentuch des Grams Dein Herz nicht kleiden. Gedenke mein— als einer Fernen— mit Guͤte und mit leid'ger Treu, Als einer, die Dich längſt verloren, und täglich doch Dich liebt aufs neu. Vergiß mich ganz im Gluͤck, im truͤben Leiden, Gedenke mein, wenn Dich die Frohen meiden. —— ———————— — 48— Wenn um Dich her die Todtenklage zu fruͤh Geſchiedener gedenkt, Der Jugendkranz auf deiner Stirne die welken Blaͤtter kraftlos ſenkt, Ein Hoffen nur Dir blieb im Schmerzgetuͤm⸗ mel— Dann gruͤßt mein Geiſt den Deinen, dort, im Himmel! Lord William legte das Buch nieder und ſtand einen Augenblick da, zerſtreut ins Blaue hinaus ſehend. Lady Effing⸗ ham bemerkte ſeine Befangenheit. „Dieſe Kleinigkeiten ſind in der That nicht Ihrer Durchſicht werth“, ſprach die Matrone mit einem hoͤchſt wohlwollenden Lächeln.„Auguſte hat mit den ſtrengen Muſen zu ſpielen gewagt— Sie ſehen, ſie zieht die ernſte Wuͤrde der Geſchichte zu der leichten luftigen Romanze herab, doch dieſe Spinneweben⸗Drapperie paßt, ſollte — 49— ich meinen, nicht ſonderlich zu den großen majeſtaͤtiſchen Formen ihrer Gottheit. Ich glaube, Auguſte wollte hinter dieſen Scherz auf klaſſiſchem Boden eigentlich nur das Biöchen weibliche Wiſſen verbergen, das die Welt bei uns in England gern mit dem Schelt⸗Namen Blauſtruͤmpferei belegt.“ „Solche Blauſtruͤmpferei— ich danke Ihnen fuͤr den Ausdruck, gnädige Frau— ſolche Blauſtruͤmpferei iſt ja die allergewin⸗ nendſte Bildung, die den Geiſt einer Frau ſchmuͤcken kann, obgleich dieſes vielleicht nicht die allgemeine Anſicht ſeyn mag;“ er⸗ wiederte Lord William mit einem La⸗ cheln, welches der Lady Effingham die troͤſtliche Ueberzeugung gab, daß ſie dieſes⸗ mal auf ſicherem Boden fuße. Auguſtens Muſe“, erwiederte ſie mit heiterer Laune,„hat ſich auch ein wenig mit den Roſen der Liebe abgegeben, die jeden Leben und Sitte in England. I. 4 angehenden Verſemacher reizen. Ich denke ſolche Poeten wie Dich, Du arme errd⸗ thende Verſchaͤmtheit, ſollte man eigentlich nur Verſe⸗Dilettanten nennen.“ Lord Williams Auge folgte dem lei⸗ tenden Blicke der Lady und ihm war, als habe er nie ſo ein liebliches Errothen ge⸗ ſehen. „Aber ſollten wir ihm nicht geſtehen, Auguſte! daß dieſe deine Liebeslieder mehr als bloße Erfindung ſind?“ fuhr Lady Ef⸗ fingham fort.„Du kannſt Dir eigent⸗ lich in dieſer Hinſicht nicht viel auf Deine Phantaſie zu Gute thun, Liebchen, alſo geſtehe frank und frei, daß ſie eigentlich allzumal nur Skizzen nach dem Leben ſind!“ „O Mutter, nicht fuͤr die Welt!“ fiel Auguſte mit anmuthigem Eifer ein,„nicht fur die Welt koͤnnte ich“———„Cor⸗ nelia's Vertrauen ſo mißbrauchen, unter⸗ brach, ſehr gut gelaunt, Lady Effing⸗ ham ſie“; das iſt freilich ein ganz ehren⸗ werthes Gefuͤhl, mein Herz! aber Zuruͤck⸗ haltung hilft nur in ſolchen Dingen nicht gar viel. Das Geruͤcht poſaunt alle Lie⸗ bestaͤuſchungen mit ſchonungsloſer Eile aus, und die arme Cornelia iſt dieſer allgemei⸗ nen Kalamitaͤt auch nicht gaͤnzlich entgan⸗ gen! Es hat ſich nehmlich ungluͤcklicher Weiſe getroffen, Mylord“, ſprach ſie, in⸗ dem ſie zu ihrem aufmerkſamen Zuhoͤrer ſich wandte,„es hat ſich getroffen, daß eine Couſine meiner Auguſte durch die Untreue eines jungen Mannes, mit dem ſie verſprochen war, in eine Stimmung ge⸗ rieth, welcher die eben geleſenen Verſe wohl nur zu angemeſſen ſind.“ Lord William verbeugte ſich, lächelte und war zufrieden geſtellt. Auch Lady Effingham und ihre 4* — 5„ Tochter waren es; denn noch ehe ſie das Boudoir verließen, war Lord William der blendend ſchoͤnen Auguſte verlobt. Die junge Dame hatte nun das Ziel ihrer Wuͤnſche erreicht, ſie nahm die Gra⸗ tulationen und den Neid ihrer lieben Freun⸗ dinnen mit vieler Guͤte und gleich großer Freude hin. Ihre Vermaͤhlung ſollte nach drei Monaten vollzogen werden, denn ſo lange mußte ſie wegen einiger juridiſchen Formalitaten, die Guͤter des Lords betref⸗ fend, nothwendig verzogert werden. Lady Effingham ergab ſich aͤußerlich mit vieler Grazie in dieſen Aufſchub, und erklaͤrte laut ihre Freude daruͤber, daß ſie eine ſo liebe Tochter noch einige Zeit bei ſich behalten werde. Es kann ſeyn, daß dabei zwiſchen den empfundenen und geaͤußerten Gefuͤhlen ein kleiner Unterſchied ſtatt fand, doch ließ man dieſes nicht merkbar werden. Gleich vielen gebildeten Maͤnnern, die einen Hang zum ſtillen Leben haben, em⸗ pfand Lord William eine große Vorliebe fur Literatur. Anſtatt alſo neuen Bekannt⸗ ſchaften nachzuſetzen, oder die Läden mit Lady Effingham und Auguſten zu durchlaufen, ſchlug er ihnen haͤufig vor, den Morgen mit Vorleſen irgend eines intereſſanten Werkes oder auch eines aͤlteren Buches von anerkanntem Werthe zuzubrin⸗ gen. Auguſte gab jedesmal mit vielem Anſtande ihre Einwilligung dazu. Sie war auch aufmerkſam, ſie gaͤhnte nie, ſie wandte kein Auge ab, und ſah nicht nur eben ſo beſchaͤftigt als moͤglich mit der Lectuͤre aus, ſondern auch eben ſo entzuͤckt, wenn Lord William den Ausdruck des Entzuͤckens zu erwarten ſchien. Dieſes Betragen blieb eine Zeitlang vollkommen genuͤgend. Lord William war ſehr verliebt, und ſo bereit —— als nur immer ein Mann es ſeyn kann, ſich zufrieden ſtellen zu laſſen. Mit ſehn⸗ ſuchtsvollem Entzuͤcken ſah er dem gluͤck⸗ lichen Augenblicke entgegen, in dem es ihm vergoͤnnt ſeyn werde, die Geliebte ganz die Seine zu nennen. Eine Gefaͤhrtin mit den Anſichten und dem Geſchmacke Augu⸗ ſtens war, ſeit er denken konnte, der In⸗ begriff all ſeiner Wuͤnſche geweſen. So lange dieſer Rauſch waͤhrte, ging alles vor⸗ trefflich. In vollſter Erwartung des Ge⸗ lingens ihrer Plaͤne wuͤnſchte Lady Ef⸗ fingham ſich zu ihrer Geſchicklichkeit und ihre Tochter ſich zu ihrer Gelenkſamkeit Gluͤck. Freilich ſchuͤttete Auguſte dann und wann dem muͤtterlichen Buſen ihr Herz aus und klagte uͤber die viele Langeweile, die ſie ertragen muͤſſe. Aber dieſe drei Mo⸗ nate konnten nicht ewig dauern, ſie mußten enden, und das war ein ſicherer Troſt. Es läßt ſich nicht abſtreiten, daß die Vernunft eines Ehemannes zuweilen ſehr bald nach der Uebernahme des roſigen Ehe⸗ Joches ein großes Uebergewicht uͤber die Liebe deſſelben ſich anmaßt, einige Männer eilen ſogar dem begluͤckenden Zeitpuncte noch zuvor und geben ſich ſchon fruͤher mit etwas Nachdenken ab, ehe er eintritt. Nun war aber Lord William ſehr lebendigen Gei⸗ ſtes. Er hatte ſeine Seele an immerwah⸗ rend kräftige Thätigkeit gewoͤhnt, an das Element, welches ſie ihrem goͤttlichen Ur⸗ bilde am meiſten nähere, und ihre hoͤhe⸗ ren Fähigkeiten am vollkommenſten aus⸗ bilde. Auguſtens Schoͤnheit hatte ihn freilich ſo bezaubert, daß er wirklich nur der innern richtenden Stimme ſeines klaren urtheils zu folgen geglaubt hatte, während er von gluhender Leidenſchaft ſich hinreißen ließ. Es läßt ſich nichts dagegen ſagen, — 46— daß um den Charakter eines Menſchen zu durchſchauen, man kaum mehr als eines Blickes in ſein Album oder Einſchreibebuch bedarf, vorausgeſetzt nämlich, daß dieſes in der feſten Ueberzeugung geſchrieben ſey, es ſolle nie einem fremden Blicke preisgegeben werden, und daß es vom Schreiber ſelbſt als ein Tagebuch ſeines Sinnes und Her⸗ zens betrachtet werde, nach welchem er Ver⸗ gangenes zu beurtheilen und Zukuͤnftiges zu leiten gedenkt. Aber obgleich die Durch⸗ ſicht diefer Auszuͤge allerdings dazu beige⸗ tragen haben mochte, ſeine Meinung uͤber den Charakter Auguſtens zu beſtimmen, ſo waͤren ſie doch ſchwerlich hinreichend gewe⸗ ſen, ihn zu einem Schritte zu bewegen, der ihn auf ewig band, wenn ihn nicht zugleich die Gewalt ſeiner Sinne mit fort⸗ geriſſen häͤtte. Obgleich er nun aber noch immer leidenſchaftlich in ſeine Braut ver⸗ liebt blieb, ſo entgieng er dennoch deshalb keineswegs der Allgewalt der Gewohnheit. Er war allmaͤhlig mit der Schoͤnheit vertraut geworden, die er täglich vor Augen hatte. Die Stimme, welche er täglich horte, hatte zwar nicht an Suͤße verloren, doch beſaß ſie nicht mehr die Kraft, ihn im Urtheile uͤber das, was ſie ausſprach, irre zu leiten. Die Anmuth des Betragens zog ihn noch immer an, doch blieb ihm Muſe zu bedenken, was dabei bloße Ge⸗ wohnheit der Hoflichkeit und was die Frucht jener Einfachheit des Herzens ſeyn koͤnne, die gerade er ſo ausſchließend an Frauen verehrte. War dieſe ſchnelle Zuſtimmung immer die Folge der gewonnenen Ueberzeu⸗ gung? war es nur Geſellſchafts⸗Tact, der dieſen reichen Strom der Rede hervorbrachte, oder war es die ſchoͤpferiſche Kraft eines ideenreichen, gebildeten, eigenthuͤmlichen Gei⸗ ſtes? oder— war es eine glaͤnzende Ober⸗ flächlichkeit, ohne Tiefe, ohne hoͤheren Zweck?? Warum wagte Auguſte nie eine eigene Bemerkung im Laufe ihrer gemein⸗ ſchaftlichen Vorleſungen? Warum uͤberſtie⸗ gen ihre Beweiſe des Intereſſes nie ein freundliches Beiſtimmen der von ihm ge⸗ aͤußerten Meinung?— freilich auf die ihr eigene, liebliche Weiſe ausgeſprochen mit al⸗ lem Zauberreiz ihrer Stimme und dem ru⸗ higen hinreißenden Lächeln. Kaum hatte Lord William einmal ſolche Gedanken in ſich aufſteigen laſſen, ſo boten ſie verviel⸗ faͤltigt bei jeder Gelegenheit ſich ihm dar, und ließen wie die neue Gas⸗Erleuchtung bis jetzt unſichtbar gebliebene Gegenſtaͤnde ins Helle treten. Das Ausſchreibebuch! Lord William hatte es ſeit jenem ereig⸗ nißvollen Morgen nie wieder geſehen, ſein — 5— Gedäͤchtniß war ſehr treu, und kehrte oft zu den kleinen ſchriftſtelleriſchen Verſuchen zuruck, die er dort geleſen. Es waren nur Kleinigkeiten, das gab er zu, aber ſie zeug⸗ ten dennoch von einer gewiſſen Uebung des Schreibens, und zu jedem Verſuche der Art gehort durchaus einiges Selbſtdenken. In dem einen Aufſatze,„ ein Traum“ betitelt, fanden ſich augenſcheinliche Beweiſe einiger Bekanntſchaft mit klaſſiſchen Auto⸗ ren und eines ſich dahin neigenden Ge⸗ ſchmacks. Das Gemüth, dem jener Auf⸗ ſatz entſprungen, konnte nicht anders als manche aͤhnliche Gedanken umfaſſen, die nothwendig ein oder das anderemal zur Sprache kommen mußten, nach dem alten Worte: weſſen das Herz voll, deſſen geht der Mund uͤber. Aber Auguſte bezog ſich nie auf ältere Literatur. Lord William konnte auch nicht Eine ihrer Bemerkungen — 60— zu dieſem Quell hinauf verfolgen; wenn er irgend eines bekannten Gegenſtandes der Art erwaͤhnte, parirte ſie lachend ſeiner Be⸗ merkung mit der Verſicherung aus; ſie habe der Blauſtruͤmpferei entſagt, und beſchwor ihn, ſie nicht dem Spotte der Welt blos⸗ zuſtellen, als ob ſie eine zweite Frau von Stael vorſtellen wollte. Um Williams Seelenſrieden war es nun geſchehen; er hatte ſich unwiderruflich gebunden, den Ru⸗ bikon uberſchritten, ſein Ehrenwort hielt ihn gefeſſelt. Wuͤnſchte er denn, daß es anders ſeyn ſolle? fragte er ſich ſelbſt, o nein, nein! er liebte zu leidenſchaftlich ſeine ſchoͤne Braut. Ihre Zaͤrtlichkeit, ihre heitere Laune, die unveraͤnderliche Sanftmuth ihres Cha⸗ rakters, ihr Sinn fuͤr das Haͤusliche— das alles waren Reize, die noch immer ſeine Ketten mit Roſen umwanden. Ihren Sinn fuͤr Haͤuslichkeit— ja —— er wiederholte ſich das ſelbſt unaufhoͤrlich, als ob Ueberzeugung vom Wiederholen des Wortes abhaͤnge— ihr Herz war von den Thorheiten der Mode unerreicht geblieben, ihre Neigung band ſie an das Haus!— So viel von ſeinen Gedanken: ſie blie⸗ ben tief in dem Kerker der eigenen Bruſt verwahrt. Die der jungen Dame ſuchten dagegen offene Mittheilung.„Cornelia“, ſagte ſie eines Abends, als eben Lord Wil⸗ liam abweſend war,„Cornelia, wie gluͤcklich bin ich, daß Du wieder da biſt! Was in aller Welt konnteſt Du dieſe letz⸗ ten fuͤnf Wochen hindurch allein in Corn⸗ wall bei der alten Lady Jane Bouverie anfangen?“ „Ich war ſehr, ſehr gluͤcklich!“ ant⸗ wortete gelaſſen und laͤchelnd die Befragte. „Gluͤcklich! was nur manche Leute fuͤr einen Begriff vom Gluͤcke haben! Gluͤck⸗ — lich! im Monat Maͤrz, umgeben von einer langweiligen alten Jungfer, und einer Heerde Halbwilder! Und haͤtte noch obendrein in London ſeyn koͤnnen!“ „Und doch wirſt du mir noch ſehr dan⸗ ken, daß ich dort geblieben bin, denn ich habe ſo viel uͤber Lord William, ihren Lieblings⸗Neffen, von meiner guten Lady Jane gehoͤrt!“ „Lord William?“ ſagte Auguſte gähnend,„Du ſiehſt, Liebſte, Lord Wil⸗ liam und ich ſind auf dem geraden Wege zu einer guten langweiligen proſaiſchen Ehe, und unter uns geſagt, ich finde, Seine Herrlichkeit haben ganz außerordentlich viel Anlage, ein erſchrecklicher Baͤr zu werden.“ Cornelia blickte einige Momente nie⸗ der, dann erhob ſie die heiteren Augen. „Du biſt wirklich mit Lord William verſprochen?“ „Ja, Liebſte, ja, wirklich. Die ganze Sache iſt von meiner vortrefflichen, uͤber⸗ aus diplomatiſchen Mama gefuhrt und ab⸗ gemacht worden, welche ſich ſo lange im⸗ mer rund um uns hergewunden, bis ſie uns nach Herzensluſt zuſammengekeilt hat. Nun erſcheint Mylord täglich mit einer neuen Abhandlung, einem neuen Gedicht, oder gar einem alten Hiſtoriker oder einer allgemeinen Ueberſicht— fuͤr ſeine Braut. und ich! ich arme geduldige Griſelda, kreuze ſo meine Arme, mache eine ſanfte unter⸗ wuͤrfige Verneigung, ſetze mich mit dem al⸗ lerunterthaͤnigſten Blicke, laͤchele unaufhor⸗ lich bejahend, ſtimme mit in Seiner Herr⸗ lichkeit:„„Schoͤn! gottlich!““ ein, und werfe, wenn ich ganz gewiß bin, doß er es nicht merkt, einen Blick auf die Repe⸗ tiruhr an meinem Spiegel, bin außer mir, wenn ich zu meiner Verzweiflung gewahr —— —— werde, daß die Vorleſung ganz gewiß bis uͤber die Stunde hinaus dauern wird, die ich zu einer wichtigen Conſultation mit mei⸗ ner Putzmacherin beſtimmt habe, und— ainsi vont tous les jours!“ Cornelia ſtand eine Weile in ſchwei⸗ gendem Nachdenken.„Der Geſchmack Lord Williams, ſpricht Lady Jane, neigt ſich ganz entſchieden zur ſtilleren Haͤuslich⸗ keit“, bemerkte ſie nach einem Weilchen. „Ja, ja! das iſt's eben und ich bin es! ich, Auguſte Effingham, die im Begriffe iſt, zur Frau eines Mannes her⸗ abzuſinken, der die ſtille Haͤuslichkeit liebt!“ „Sinken? zur Gemahlin Lord Wil⸗ liams Bouverie! herabſinken!“ rief Cornelia mit ernſtem Nachdruck.„Ei das iſt recht, meine treffliche Couſine, das war eine recht huͤbſche dramatiſche Manier;— Cornelia, kannſt du mir das nicht lehten? — Ach nein, nein! meine ungluͤcklichen blauen Augen koͤnnten nie ſo ſchoͤn ganze Baͤnde voller Gefuͤhle ausdruͤcken, als dieſe glän⸗ zend ſchwarzen! Gewiß Du haſt recht ſchone Augen, Cornelia!“ Dieſe Bemerkung wurde als bekannte Thatſache eben ſo gelaſſen angenommen als ausgeſprochen.„Aber am Ende, was ſoll ich denn nun eigentlich mit Lord Wil⸗ liam anfangen?“ ſetzte Auguſte hinzu. „Es iſt ein Ungluͤck, erſt ſo eifrig nach einem Ziele zu ringen und, wenn man es nun erreicht deſſen nicht froh werden zu koͤnnen! Was ſoll ich mit dem Manne machen, Cornelia?“ „Die Frage kommt ein wenig ſc Vielleicht hätte der Zweifel, den ſie beweiſt, ſie fruher veranlaſſen ſollen“, war die Ant⸗ wort. „Sollen? o ja, aber leider iſt es nicht Leben und Sitte in England. I. 5 — geſchehen, alſo——— alſo gieb mir Rath.“ „Ueber welchen Punct? Wuͤnſcheſt Du daß ich Dir ſage, auf welche Weiſe Du Lord William am meiſten zu Willen lebſt, oder was wohl der beſte Weg waͤre, um einem Verſprechen zu entgehen, das Du bereueſt?“ fragte Cornelia. „O abſcheulich! Keins von beiden! keines, liebe Cornelia“, erwiederte Au⸗ guſte haſtig.„Aufgeben? Lord Wil⸗ liam, den Koͤnig der Maͤnner, aufgeben? Und wozu? Damit hundert Nebenbuhle⸗ rinnen von meiner Thorheit Vortheil zo⸗ gen? Und obendrein, was wuͤrde meine Frau Mama ſagen? Nein, nein, nein! ich bin durch dreifache Bande gebunden und will auch nicht das kleinſte Glied der Kette zerreißen! Was nun die Art betrifft, ihm zu Willen zu leben— o ich kann Dir eine Liſte ſeiner Neigungen uͤber mein Zuͤngel⸗ chen hinlaufen laſſen, ſchnell wie der beſte Saͤnger ſeine Kolleraturen. Aber ich brauche keine neuen Neigungen, Cornelia; ich haͤnge— hoͤre es nicht, Lord William— ich haͤnge eben ſo feſt an meinem Alten, als ich nur je vorher gethan. Habe ich etwa aufgehoͤrt jung zu ſeyn, daß mich die Luſt der Jugend nicht mehr erfreuen ſoll? Nein, was einzig zu wuͤnſchen ſteht, iſt, daß Lord William ſeine Neigungen ganz und gar aͤndere.“ „Das kann nicht und wird nicht ge⸗ ſchehen“, erwiederte Cornelia beſtimmt. „Kann nicht? Wird nicht? Nun des⸗ halb wird es nicht weniger gewiß, daß es eigentlich geſchehen ſollte. Iſt die Zeit der Liebeswunder ganz vorbei? Was iſt denn Amor, der kleine Wechſelbalg, noch werth, ———— —— —— — 5 wenn er keine Beweiſe ſeiner Herrſchaft mehr ablegen kann?“ „Vernimm von mir“, ſprach Cor⸗ nelia ſehr ernſt, vernimm von mir Eini⸗ ges, den Charakter und die Neigungen Lord Williams betreffend, was Du wirklich wiſſen mußt. Seine fruͤheſten Jugendjahre brachte er bei ſeiner Tante, Lady Jane, zu, und aus dieſer Zeit mag man leicht die erſten Eindrucke der jetzigen Zuge ſeines Charakters ableiten. „Lady Jane ſagt, ſein Gemuͤth ge⸗ hore zu den allerſchonſten und mildeſten, denn Religion habe deſſen natuͤrliche Hef⸗ tigkeit gereinigt und gebändigt, und er ſey auf das Feſteſte entſchloſſen, ſich und ſein ganzes Leben durchaus nach den Grund⸗ ſatzen der chriſtlichen Lehre zu bilden.“ „Ein Methodiſt! graͤulich!“ unterbrach Auguſte ſie,„theure fanatiſche Couſine, 60— wie jammerſchade, daß ich zwiſchen Dich und dieſen Heiligen getreten bin!“ „Lord William waͤre ein zu hohes Ziel fuͤr ein ſo armes Maͤdchen, als ich“, erwiederte Cornelia, und ihre Augen bargen ſich unter den tiefen dunklen Augen⸗ wimpern, die ſich ploͤtzlich ſenkten.„Um deines zukunftigen Gluckes willen, Couſine, mochte ich Dir gern alles genau berichten, was ich uͤber dieſen bewunderungswuͤrdigen Menſchen erfahren habe. Aus ſeiner reli⸗ gidſen Stimmung ſcheint mir ſeine Vorliebe fur das Landleben entſtunden zu ſeyn, wel⸗ ches er dem in der Stadt ſo ſehr vorzieht, daß er den groͤßten Theil des Jahres auf ſeinen Guͤtern zubringt.“ „Eine Gewohnheit, die abgeändert wer⸗ den muß, das iſt es alles, Couſinchen? Nur weiter!“ rief Auguſte dazwiſchen. „Sein Geſchmack neigt ſich ſehr zur Literatur.“ „Davon kann ich ein Liedchen ſingen! nur zu!“ „Seine naͤheren Freunde hat er un⸗ ter Maͤnnern gewaͤhlt, deren Geiſt das erhellende Licht und der Schmuck unſier Zeit iſt; und ſo wie er kräftig und ent⸗ ſchieden Jeden verwirft, der ſein Talent mißbraucht, waͤre er auch vom hoͤchſten Range, ſo ſucht er auch jeden auf, der ſei⸗ nen Geiſt zum Begluͤcken ſeiner Nebenmen⸗ ſchen und zur Bereicherung des Gebietes der Wiſſenſchaft anwendet; er zieht ihn herauf zur engſten Gemeinſchaft mit ſich ſelbſt, und ſollte er ihn auch in der tief⸗ ſten Duͤrftigkeit finden.“ „Hoͤre auf! o hoͤre auf, guͤtigſte Cou⸗ ſine, das Portrait iſt ein Monſtrum, die Aehnlichkeit gräßlich treffend! Nun laß ——— — 1— des Contraſtes wegen mich Dir das meine in Lebensgroße geben. Alſo:. „Nach meinem Sinn gehdren Baͤlle, Opern, Spazierenfahren im Park und Be⸗ ſuch der Auctionen zu den Nothwendigkei⸗ ten des Lebens! Da einmal in der Woche zu Hauſe ſeyn, und ſo ein vier bis fuͤnf⸗ hundert Menſchenkinder bei ſich zu verſam⸗ meln, der Gipfel alles Gluckes iſt, ſo liebe ich London, reſidire darin ſo lange als die ubrige Modewelt, entfliehe mit dieſer zu irgend einem modiſchen Erholungs⸗Orte und haſſe das Land mit allen ſeinen Apen⸗ dixen von rauſchenden Stromen, fetten Pa⸗ ſtoren, blauem Himmel und rothen Milch⸗ mädchen, friſcher Luft und jagenden Land⸗ junkern, poetiſchen Inſpirationen und Steuer⸗ Ferkeln. Sieh mich an, Cornelia! und ſage mir, ob du glauben kannſt, daß ſo eine ganz allerliebſte Perſon dazu geſchoffen 6 worden, zu Hauſe zu vegetiren? zu Hauſe auf dem Lande? Lord William iſt der vortrefflichſte aller Maͤnner, ich das ſchoͤnſte aller Weiber; Du weißt, ich liebe Wahr⸗ heit und Offenheit, ſelbſt auf die Gefahr hin, ein wenig eitel geſcholten zu werden. Es laͤßt ſich hoffen, daß eine von Lord Williams Vortrefflichkeiten darinnen be⸗ ſteht, die Kunſt des Nachgebens zu kennen. Ich habe dieſe Kunſt nie gelernt, von der Einige ſprechen, als ob ſie unentbehrlich ſey, um mit der Menſchheit in Frieden zu leben. Mein theurer Gemahl ſollte ſich wahrhaftig bei Zeiten darnach umthun, denn es wird ihm keineswegs an Uebung derſelben fehlen, er wird ſie reichlich nothig haben! „Schuͤttle nicht dein dunkles Haupt, Genius der Melancholie, ziehe dieſe ſtolzen ſchoͤnen Augenbraunen nicht zuſammen, —— Lord William und ich werden in allem Ernſte mit einander getraut, denn— die Mama will's haben, und wann haͤtte je das Schickſal mit ihrem Willen gerechtet? „Ich ſpiele nun die Rolle ſuͤßer Unter⸗ wuͤrfigkeit und nachgebender Zaͤrtlichkeit. So iſt mir's befohlen, und wahrlich! ich werde gehorchen. Es liegt etwas in Lord Williams Art, was mich abhält, ihn mit Narrenspoſſen oder Impertinenz anzu⸗ greifen. Wir werden uns einrichten, ganz paſſabel gut mit einander zu leben, nur verſteht es ſich dabei, daß wir ſo wenig eines vom andern ſehen, als es die Schick⸗ lichkeit nur immer erlauben will. Und Du weißt, Couſinchen, in unſern Tagen iſt die Schicklichkeit im ehelichen Leben keine gar zu druckende Laſt. Die Eheſtandsketten ſind nicht ſchwer; ſich gegen einander hoflich zu tenehmen iſt eben keine große Laſt für wohlerzogene Perſonen, welche ſich ruͤhmen duͤrfen, die Käͤlte des guten Tons ſich an⸗ geeignet zu haben, und einander ſo ſelten allein zu treffen, als moglich, laͤßt mit eini⸗ ger Klugheit ſich gar wohl einrichten. Cornelia ſeufzte ſchwer, aber in dem aufwaͤrts gerichteten Blicke lag etwas ſtrah⸗ lend Heiteres, das dem Charakter des trau⸗ rigen Seufzers leiſe widerſprach.„Setze einmal den Fall“, ſagte ſie,„einen Augen⸗ blick nur ſetze den Fall, daß irgend ein unvorhergeſehener Umſtand Dich plotzlich ſo von Lord William trennte, daß durch⸗ aus an keine Wiedervereinigung zu denken waͤre, wuͤrdeſt Du ſehr elend ſeyn?“ Auguſte lachte. „Elend?“ rief ſie aus.„Foi de Dame, ja! Bedenke die Groͤße des wirklichen Ver⸗ luſtes, bedenke die Kraͤnkung, von lieben⸗ den Freundinnen ſich troſten laſſen zu muͤſ⸗ — ſen. Denke Dir den bittern Spott ihres Bedauerns! Die Uebertreibung affectirter Klagen. Ich moͤchte die Laſt nicht tragen, Cornelia, fur keinen Preis auf Erden! Ich mochte nicht, daß man mit Fingern auf mich wieſe, als auf die vom Lord William verlaſſene Schoͤne, die ihn ver⸗ loren. Ich moͤchte es nicht und waͤr' es der einzige Weg, dem Elende des allerländ⸗ lichſten Lebens zu entgehen, zu welchem maͤnnliche Tyrannei jemals eine Frau ge⸗ zwungen hat. Lady William Bouve⸗ rie klingt prächtig, ihre Equipagen, ihre Livreen, ihre Juwelen, ihre Kleider werden noch praͤchtiger anzuſehen ſeyn. Dieſe Hei⸗ rath giebt mir einen hochſt beneidenswer⸗ then Standpunct in der Geſellſchaftz ſie iſt das Ziel, auf welches alle Lehren, die ich je empfangen, hingewieſen haben; ſie iſt der große Wunſch, der zu allen Luftſchlöſ⸗ ſern, die meine unromantiſche Phantaſie je erbaute, den Grundſtein legte; es iſt mir unmoͤglich, ihn aufzugeben.“ „Aber alles dies liegt dem Schmerze fern, den ich meinte“, erwiederte Corne⸗ lia,„dem Grame getaͤuſchter Liebe meine ich“— und ihre Augen ſuchten wieder Schutz unter ihren Wimpern. „Ach ſo, Couſine! aber Du und ich haben auf den Punect nicht gleiche Gefuhle. Ich habe nie wie Du den Schmerz der Liebe empfunden, ich habe nicht einmal von ihren Freuden getraͤumt. Ich habe ein ganzes, heiles Herz, vielleicht koͤnnte auch ſo eine poetiſche Seele wie Du mit eini⸗ gem Recht annehmen, daß die Natur, in⸗ dem ſie mir ſo manche andere ihrer werth⸗ vollen Gaben verlieh, ein Herz dabei fuͤr eine beſchwerende Mitgabe angeſehen und es deshalb, aus purem Mitleiden, in mir —— gaͤnzlich ausgelaſſen habe. Aber tréve de discours, ma trés chére, nous sommes as- sez bien, toutes deux, et nous aurons as- sez de felicité, selon vous et selon moi!“ Cornelia ſeufzte, und ſie hatte eini⸗ germaßen Urſache dazu. Sie war die Tochter des Obriſten Ef⸗ fingham, des juͤngern Bruders vom ver⸗ ſtorbenen Sir Henry. Der Obriſt hatte ſich fruh mit einer ſehr ſchoͤnen, aber zu unbeguterten Freundin der Lady Bouve⸗ rie vermählt. Seit mehreren Jahren war er todt und ſeine Wittwe hatte mit ihrem Kinde unfern dem Wohnorte der Lady Jane von einem Jahrgehalte gelebt, deſſen Beſchränktheit ſie zu einem äußerſt zuruͤck⸗ gezogenen Leben zwang. Miſtriß Effing⸗ ham ſtarb, und ſeitdem lebte Cornelia abwechſelnd bei Lady Jane oder im Hauſe der Lady Effingham. Lady Jane war eine ſehr fromme Frau, ihre Wohlthaten breiteten einen immerwaͤhrenden Sonnen⸗ ſchein uͤber die Herzen der in ihrer Gegend lebenden Armen aus. Sie war reich an jener Liebe, die eins iſt mit der Barmher⸗ zigkeit, und dieſe brach uͤberall in Wohl⸗ thun an das Licht. Aber ihr blieb dennoch ein ſtilles Gefuͤhl, das ſich ins Geheim nach den Banden des Familienlebens oder individueller inniger Liebe ſehnte. Die Hauptgegenſtände dieſer tiefen Neigung wa⸗ ren Lord William, ihr abweſender Neffe und ihr neuer Schuͤtzling Cornelia. Nichts auf der Welt machte ihr groͤßere Freude, als mit Cornelien vom Lord William zu reden, oder von ihr an die⸗ ſen zu ſchreiben. So wurde demnach Je⸗ des mit des Andern Charakter und Weſen nach und nach ſo vertraut, als ob ſie ein⸗ ander perſonlich bekannt geweſen wären und dennoch hatten ſie ſich nie geſehen, ſich nie begegnet. Lady Jane hatte es mit allen Frauen aus alten guten Familien ge⸗ mein, daß ſie herzlich wunſchte, ihren Nef⸗ fen, der eine ſo große Sierde ihres Stamm⸗ baums war, verheirathet und ſeinen Adel auf gluͤckliche Nachkommen uͤbertragen zu ſehen. Es traf ſich nun, daß gerade Corn elia das Weſen war, welches die gute Dame am al⸗ lerliebſten als Lady William Bouverie geſehen haben wuͤrde. Sie hatte zu viel Tact, um ihrem Neffen dieſen Wunſch of⸗ fen zu geſtehen und begnügte ſich damit, bei allen Gelegenheiten ihr Lob zu ſingen und Geiſt und Charakter ihrer jungen Freun⸗ din in das beſte Licht zu ſtellen. Hierbei ſtehen zu bleiben, wäre äußerſt politiſch ge⸗ weſen, aber ſie verbreitete ſich auch eben ſo weitläuftig uͤber Corneliens ungewoͤhn⸗ liche Schonheit. Lady Jane ſprach nur ————— ———— ——— — 86— das aus, wovon ſie feſt uͤberzeugt war, denn, indem ſie Cornelien raͤglich ſah, wurde ſie, ſich ſelbſt unbewußt, von der ungewoͤhnlichen Liebenswuͤrdigkeit derſelben lebhaft uͤberzeugt— und darin hatte ſie vollkommen Recht, aber dieſe Eigenſchaft iſt eine von der Schoͤnheit gar verſchiedene Gabe, die oft von jener ganz getrennt iſt, und es wuͤrde wohl nimmermehr einem Fremden in den Sinn gekommen ſeyn, Cornelia Effingham ſchoͤn zu nennen. Lady Jane's Plaͤne wurden durch unvorhergeſehene Umſtaͤnde einigermaßen ge⸗ ſtort. Obgleich ſie Cornelien die tiefſte Bewunderung fuͤr Lord William mitge⸗ theilt hatte, ſo war es dieſer doch nicht eingefallen, ſich in einen Mann zu verlie⸗ ben, den ſie nie mit Augen geſehen. Das unſelige Verſchenken ihres Herzens blieb jedoch nicht aus, und der Gegenſtand ih⸗ rer Neigung, der ſich ernſtlich um dieſelbe bewarb und ſie endlich erhielt, war ein junger Mann voller Geiſt und Talent, aus einer angeſehenen Familie, den Lady Jane ſelbſt mit ihr bekannt gemacht hatte. Die gute Dame ſah ſich demnach ſchmerzlich getaͤuſcht, ſagte aber nichts, denn ſie war zu klug, um eine anſcheinende ge⸗ wiſſe Ausſicht auf kuͤnftiges Gluck zerſtoren zu wollen, indem ſie andere Hoffnungen oder Erwartungen in dem Herzen Corne⸗ lia's zu erregen ſuchte, die am Ende auf Täuſchung hinaus laufen konnten. Doch Cornelia's Ideal verſchwand ſehr bald⸗ Ihr Verehrer gehoͤrte zu den Leuten, fuͤr die jeder Gegenſtand ſeinen Werth verliert, ſobald die Ausſicht auf ſeinen Beſitz ge⸗ ſichert ſcheint. Ein neues Geſicht zog ihn an und er fing an, ſeine Verlobte daruͤber zu verlachlaͤſſigen. Die gewoͤhnlichen Nach⸗ Leben und Sitte in England. I. 6 — forſchungen und Entdeckungen waren die Folge davon. Es iſt kaum noͤthig, ſich hier uͤber Cornelia's Schmerz zu ver⸗ breiten, ſie hatte heiß geliebt, ſie fuͤhlte tief. Sie trennte ſich von ihrem Geliebten auf immer. Lady Jane trauerte aufrich⸗ tig mit ihrer jungen Freundin, doch bleibt es eine nicht zu beantwortende Frage: ob ſie ſich wirklich daruͤber betruͤbte, daß auf dieſe Weiſe abermals eine Ausſicht zur Er⸗ fuͤllung ihrer Wuͤnſche ſich ihr oͤffnete? Doch kaum hatte ſie im Stillen vielleicht neuen Hoffnungen Raum gegeben, als ſchon ein anderer Schlag ſie traf. Das Geruͤcht fluͤſterte von Lord Williams Aufmerkſamkeiten gegen die ſchoͤne Couſine, ſeiner ihm von ihr beſtimmten Braut, es verſicherte, daß dieſe mit jedem Tage ein, ernſteres Anſehen gewaͤnnen. Lady Jane kannte genau den Charakter der jungen Dame, die Lord William im Begriffe ſtand, ſich zu erwaͤhlen. Sie wunderte ſich, war aber viel zu klug, um dieſes Er⸗ ſtaunen auszudruͤcken, oder gar Einwendun⸗ gen laut werden zu laſſen. Sie meinte, die Taͤuſchung koͤnne nicht dauern und hoffte dem, was ſie befuͤrchtete, dadurch entgegen zu arbeiten, daß ſie Cornelien nach Lon⸗ don ſandte, wo es nicht fehlen konnte, daß dieſe perſonlich mit Lord William bekannt werden muͤßte. Es lag Cornelien eben ſo viel an Lord Williams Bekanntſchaft, als der guten Lady daran lag, daß ſie dieſelbe ma⸗ chen ſollte, nur hegte ſie dabei ganz andere Abſichten als ihre guͤtige Freundin. Sie hatte ſich ſo daran gewoͤhnt, ihn als einen Gegenſtand ihrer Theilnahme und ihrer Be⸗ wunderung zu betrachten, daß es ihr wich⸗ tig geworden war, ihn ſo gluͤcklich zu ſehen, 6* als er ihrer Meinung nach es zu ſeyn ver⸗ diente. Ueberdem hatte ſie auch mit der Zeit eine Art Vorliebe fuͤr Auguſten ge⸗ wonnen, und jeder weiß, wie ſehr Ge⸗ wohnheit das Gefuͤhl des menſchlichen Her⸗ zens nicht nur erregt, ſondern auch befe⸗ ſtigt. Der fortgeſetzte Anblick eines an ſich unangenehmen Gegenſtandes kätin allmäh⸗ lig dem Gemuͤthe eine ſolche Taͤuſchung ge⸗ währen, daß deſſen Entfernung zum Schmerz fur uns wird. Dieſe Empfindungen mach⸗ ten Cornelien aͤngſtlich beſorgt, das un⸗ vermeidliche Ungluͤck abzuwenden, das, wie ſie vorher ſah, aus einer ſo ubelpaſſenden Verbindung entſtehen muͤſſe. Doch als ſie nun fand, daß Beide einander beſtimmt verlobt waren, daß Bei⸗ der Ehre kein Zuruͤcktreten mehr geſtatte, da wurde ihr klar, daß ihr fortan nichts bliebe als Schweigen. Sie mußte die Trauer uͤber Auguſtens kuͤnftige Enttäuſchung eben ſowohl fuͤr immer in ihren Buſen ver⸗ ſchließen, als ihr Bedauern der verehrten Lady Jane, welcher dieſe Verblendung eines ſo nach Verdienſt innig geliebten Ver⸗ wandten im Laufe der Zeit ſehr ſchmerzlich zu werden drohte. Cornelia erwartete die Einfuͤhrung des kuͤnftigen Gemahls ihrer Couſine mit all dem Herzklopfen und Farbenwechſel, welche die Ueberzeugung erregen mußte, daß ſie im Begriffe ſtehe, dem Scharfblicke eines Mannes ausgeſetzt zu werden, der⸗ wie ſie uͤberzeugt war, ſchon lange und viel von ihr gehoͤrt hatte. So ſollte ſie denn nun den ſehen, deſſen Bild durch die Be⸗ ſchreibungen der Lady Jane ihrer Phan⸗ taſie ſo oft vorgeſchwebt hatte, deſſen Per⸗ ſonlichkeit ſie ſelbſt in ſo glaͤnzenden Farben ſich ſo oft verkorpert dargeſtellt hatte! Jetzt — hoͤrte ſie ſeine Stimme, indem er dem Ge⸗ ſellſchaftszimmer ſich nahte. „Theuerſtes Kind! Sultan Soliman iſt im Begriff, ſeine erhabene Gegenwart in dieſes unſer geringes Zimmer zu verſez⸗ zen!“ rief Auguſte.„Doch wie? Corne⸗ lia, du wirſt ja in der That blaß und roth wie ein Landbraͤutchen am Hochzeitmor⸗ gen! Courage ma chére! Der gute Herr iſt ſo durchaus von meinem charmanten Weſen eingenommen, daß ich bei meiner Schoͤnheit Dir verſpreche, ich will ſeine Augen fuͤr mich ganz allein behalten.“ Lord William trat ein und die einander perſoͤnlich Unbekannten, zwiſchen denen dennoch ſo lange eine Art Vertrauen be⸗ ſtanden hatte, wurden einander vorgeſtellt. Cornelia erblickte ein Weſen, ſo blendend vollkommen, wie nur ihre er⸗ hohteſte Phantaſie es ihr jemals geſchaffen. * Der bloß aͤußern Schoͤnheit konnte ſie nicht mehr Bewunderung zollen, als einer ſcho⸗ nen Statur, einem trefflichen Gemalde, ſie hatte nach jener nicht ausgeſehen, obgleich William in hohem Grade ſie beſaß. Aber ſie ſah die weiße hohe Stirn, das Titel⸗ blatt der Seele, den Zeugen der edelſten ſchopferiſchen Geiſteskraft; ſie ſah das Auge, das alle Geheimniſſe der Gefuͤhlswelt in ſich trug, die wuͤrdige edle Haltung, gleich fern von Stolz oder niederer Vertrau⸗ lichkeit, das wohlwollende Lächeln, ſo auf⸗ fallend ähnlich dem eigenthuͤmlichen Reize der Lady Jane Bouverie. Die Herr⸗ ſcher⸗Geſtalt, welche die Phantaſie dem Helden ſo gern verleiht, die feinen golde⸗ nen, im Sonnenſchein glaͤnzenden Locken, die ſeinem ganzen edlen Hauſe eigen waren, genug es war ein Ganzes, und war Lord William Bouverie. — „Cornelia Effingham!“ Lord William fuhr erſchrocken zuruͤck, als die⸗ ſer Name ihm genannt wurde. Es war ein Ueberfluthen der Erinnerung, das ihn mit bewältigender Kraft uͤberkam, Bilder von Hoffnungen, auf Handlungen begruͤn⸗ det, deren Ausfuͤhrung einzig auf Grund⸗ ſaͤtzen beruhete, von Einbildungen, denen der Verſtand ſich hingegeben wie die Phan⸗ taſie, ſo daß er dadurch halb zum Gefan⸗ genen eines unbekannten Gegenſtandes ge⸗ worden war. Es war ein Wiederzuruͤckru⸗ fen eines tiefen heiligen Sehnens nach ho⸗ herer Gemeinſchaft mit einem geiſtigen We⸗ ſen, deſſen aufwaͤrts gerichteter Flug den heimathlichen Himmel ſuchte, nach einem haͤuslichen Heerde, den eine jugendlich ſchoͤne Mutter, ein Kreis bluͤhender Kinder ſchmuͤckte— Lady Jane's geliebte Cor⸗ nelia. — 5— Lord William betrachtete ſie lange und ernſt, dann wandte er den getaͤuſchten Blick abwaͤrts. Lady Jane hatte ſie eine vollendete Schoͤnheit genannt, und was ſah er? Eine ſanfte, ſehr bleiche und dunkle Farbe des Geſichts, die zum groͤßten Nach⸗ theil mit Auguſtens bluͤhender Friſche contraſtirte. Eine ſchmale, rein roͤmiſche Stirn, zwei herrlich gewoͤlbte ſchwarze Braunen— den Augen einen Blick abzu⸗ ſtehlen war keine Moglichkeit— bei dem Eintritte Lord Williams waren ſie uͤber ſeine Geſtalt hingeglitten und ruhten nun unter dem ſchweren Augenliede. Die Ober⸗ lippe zeigte einen antiken Schnitt, der etwas ungemein Geiſtreiches hatte, die Ge⸗ ſtalt ſelbſt, wie ſie vor ihm ſtand, ſchien groß, fehlerfrei, gebietend. Aber das Ge⸗ ſicht war nicht das einer Schoͤnheit, die vollen dunkeln Locken ſchmiegten ſich gefaͤl⸗ ————— — — lig, reich und anmuthig, aber das Geſicht war nicht ſchoͤn, Vorliebe mußte hier dem Urtheile arg mitgeſpielt haben. War es nicht ſehr natuͤrlich, zu ver⸗ muthen, daß auch der Geiſt dem Bilde, welches man von demſelben entworfen, eben ſo wenig gleichen werde als das Aeußere? Cornelia antwortete die ganze Zeit uͤber nur in einzelnen Sylben; Lord William gieng und nahm einen uͤblen Eindruck von dem allen mit ſich fort. Corneliens Empfindungen waren ſehr von denen des Lords verſchieden. Sie bedauerte mehr als je, daß ein augenblicklicher Rauſch ſein gan⸗ zes ſchoͤnes Leben umſchatten ſolle. Die Zaͤrtlichkeit ehelicher Neigung konnte ſeine Grundſätze nicht aͤndern, es war unmoͤg⸗ lich, einem ſolchen Weſen auch nur eine Hoffnung des Gluͤckes zu bewahren, wenn man es ſich mit der oberflaͤchlichen, eitlen, — herzloſen Auguſte unwiderruflich verbunden dachte. Cornelia hatte den Grund von Lord Williams Verlegenheit bei ihrem Anblick ſehr richtig ſich gedeutet. Sie fuͤhlte ſich dadurch faſt geſchmeichelt, denn der aͤchte weibliche Taet lehrte ſie ſchnell empfinden, daß Lord William ſich in ſeiner Erwar⸗ tung ihres Aeußern getäuſcht habe. Ein feines Laͤcheln zuckte uͤber ihre Lippen, als dieſer Gedanke ihr durch den Sinn flog; denn ſie wußte, wie Viele zuerſt, gleich Lord William, empfunden hatten und bald darauf gerade in den entgegengeſetzten Irrthum verfallen waren. Sie wußte fer⸗ ner ſo genau, als ob ſein Herz offen vor ihr laͤge, daß Er nun alle Beſchreibungen ihres Gemuͤths, ihrer Art und Weiſe, ihrer Bildung auf die nämliche uͤbertreibende Par⸗ theilichkeit der Lady Jane ſchieben wuͤrde, — 9— welche dieſe verleitet hatte„ihm von ihrer Schoͤnheit vorzufabeln. Dies aber war eine traurige Ueberzeugung fuͤr Cornelia. Fortan uͤberfiel ſie in Lord Williams Gegenwart ein eiſiges Erſtarren, das ſie zwang, jenes kalte, nicht anmuthige Schwei⸗ gen fortzuſetzen, mit dem ſie zuerſt ihre Be⸗ kanntſchaft mit ihm angefangen. Auguſte wunderte ſich daruͤber, aber ſie maß es dem Einfluſſe ſeiner froſtigen Gegenwart zu; Lady Effingham wunderte ſich ebenfalls, aber es war ihr lieb, daß dem ſo war. Dennoch konnte dieſe Zuruͤckhaltung nicht lange dauern. Lord William be⸗ muͤhte ſich, mit ihr in naͤhere Bekannt⸗ ſchaft zu gerathen, und ſie hatte keines⸗ wegs die Abſicht, ihn zuruͤck zu ſtoßen. Mitten in einem unbedeutenden Ge⸗ ſpraͤche mit Auguſten, in welches Cor⸗ nelia ziemlich oberflaͤchlich eingeſtimmt hatte, wandte er ſich plotzlich an dieſe, um ſie zu fragen: ob ſie ihm nicht die naͤheren umſtaͤnde einer wohlthaͤtigen Handlung der Lady Jane erzäͤhlen konne, welche in ihren Folgen die Entdeckung eines ſehr nieder⸗ trächtigen Heuchlers und die Wiedereinſez⸗ zung eines braven Mannes in lang und unrechtmaͤßig zuruͤckgehaltene Gerechtſame, herbeigefuhrt hatte. Es iſt unnothig, hier dieſe Geſchichte mitzutheilen. Cornelia kannte alle Umſtaͤnde derſelben. Erhoben durch die Erinnerung an Lady Jane's treff⸗ liches Benehmen in dieſer Angelegenheit, vergaß ſie ſich ſelbſt; das tiefe Intereſſe fuͤr den Gegenſtand ihrer Erzählung riß ſie fort, unaufhaltſam ſtroͤmten ihre Worte in be⸗ redter Fuͤlle; jetzt ernſt eifernd, dann zor⸗ nig, dann erhoben in gluͤhendem Enthu⸗ ſiasmus fur ihre edle Beſchuͤtzerin, je nach⸗ dem ſie das Leiden des Geopferten, die Grauſamkeit des Unterdruͤckers oder die Guͤte und huͤlfreiche Milde der Lady im Fluſſe ihrer Rede beruͤhrte, bis endlich ſo⸗ gar Auguſte bewundernd, und Lord Wil⸗ liam mit einem Gefuͤhl ihr zuhoͤrte, das er weder zu analiſiren, noch zu erklaͤren vermochte. Beredtſamkeit! hatte denn je ſeine Phantaſie einen ſolchen Wechſel, ſolche Leichtigkeit, ſolche Pracht des Ausdrucks getraͤumt, wie ſie hier ſo leicht und kunſt⸗ los den Lippen dieſes wunderbarſten Maͤd⸗ chens entſtroͤmten? Harmonie! war denn je irgend ein Weſen mit einer ſolchen Stim⸗ me, mit einem ſolchen Wechſel des Wohl⸗ lautes, mit einer ſolchen Melodie des Or⸗ ganes begabt geweſen?— Es war ein Zau⸗ ber! Welche Veraͤnderung in ihrem Ge⸗ ſichte! Die zuvor blaſſen Wangen brann⸗ ten im dunkelſten Carmin, die Augen ſtrahl⸗ ten von faſt uͤberirdiſchem Lichte, alle Zuͤge — 66— durchſchimmerte ein Strahlen wie ein Blitz, der den durchſichtig dunkeln Himmel einer ſchoͤnen Sommernacht durchleuchtet. Die leichtbeweglichen Augenbraunen, das Regen der Oberlippe bedurften kaum der Huͤlfe des Wortes, um dem, der ſie ſah, den Gedanken mitzutheilen, der ſie belebte. Was iſt Schoͤnheit? fragte Lord Wil⸗ liam ſich ſelbſt, der Sieg des Geiſtigen uͤber das Materielle. Lady Jane hatte recht— nie gab es ein liebenswuͤrdigeres Weſen als Sie! Cornelia hatte zu reden aufgehoͤrt, ein tiefes Schweigen erfolgte. Lord Wil⸗ liam bemerkte, daß es in dieſem Augenblick ihr beifiel, wie ſehr ſie ihre ehemalige Zu⸗ ruͤckgezogenheit vergeſſen habe, aber dieſe Erinnerung verwirrte ſie nicht, ſie hatte von ihrer theuerſten Freundin geredet, ſie hatte die Wahrheit berichtet. Sie kehrte zu ihrer Ruhe zuruͤck, aber ſie verlor nicht einen Moment die Gewalt uͤber ſich ſelbſt. Es ward ihr nicht geſtattet, in ihr altes Schweigen zuruͤck zu ſinken. Das Eis war einmal gebrochen, ihr zu nahen war nicht mehr unmoͤglich. Lord Wil⸗ liam ſprach von Poeſie und Cornelia 6 zeigte von ihr ſich begeiſtert; er beruͤhrte geſpraͤchsweiſe die Geſchichte und Cornelia war nicht nur vollkommen mit dem Wech⸗ ſel der Begebenheiten maͤchtiger Reiche be⸗ kannt, ſie wußte die Ereigniſſe in verſchie⸗ denen Geſichtspuncten aufzufaſſen, und da⸗ bei andere als Beweiſe anzufuͤhren. Es lag ein Quell tiefer Betrachtung in ihrem ganzen Geſpraͤche. Gedanken voll Bedeu⸗ tung und ein Geiſt, den„der Thau des ewigen Lebens“ getraͤnkt hatte, traten in ihm an das Licht. Lord William verließ ſie mit ſehr bewegtem Herzen und jener freudigen Er⸗ hebung des Geiſtes, den das Gefuͤhl ge⸗ waͤhrt, mit einem Weſen zuſammen gewe⸗ ſen zu ſeyn, das man hochſtellt und von, dem man ſich verſtanden und begriffen weiß. Nie hatte er hoͤheren geiſtigen Genuß em⸗ pfunden, nie etwas ſo Bewundernswuͤrdi⸗ ges in einem weiblichen Weſen geſehen. Unruhig harrte er der Stunde, die ihn wieder in die Wohnung der Lady Effing⸗ ham fuͤhren mußte. Die Zeit laſtete ſchwer auf ihm, er hatte das nie ſo gefuͤhlt. Kaum konnte er ſich die Vergendung einer einzigen Stunde vorwerfen und jetzt? wo⸗ her dieſe Raſtloſigkeit und dieſes gewaltige Klopfen ſeines Herzens, wenn er mit ſich ſelbſt das naͤchſt Vergangene betrachten wollte? Er fragte ſich nicht, er ging in keine Unterſuchung ſeiner ſelbſt ein, aber er ſuchte Beſchaͤftigung, und welche erwählte Leben und Sitte in England. I. 7 55 er ſich? Er ſuchte die Briefe der Lady Jane Bouverie hervor, und durchlas ſie mehreremale. Auf jeder Zeile) jedein Worte verweilte er, die Cornelien betra⸗ fen. Er verglich das Bild, das ſeine Dante ihm von iht entworfen, mit dem ſäinet eigenen Erinnerung; er wunderte ſich uber den Nebel; der bisher ſeinen Blick umdun⸗ kelte, und ihn die jetzt ſo unvollkommen erſcheinendt Schilderung Corneliens als uͤbertrieben hatte anſehen laſſen. So wie die beſtimmte Stunde ſchlug, fleg er zu Lady Effingham, und von dieſer Zeit an wurden ſeine Beſuche dort häufiger und länger als ſonſt. Indem ſein Umgang mit Cornelien an Vertraulichkeit zunahin lernte er auch immer mehr den Glanz ihres reichen Gei⸗ ſtes, die Vielſeitigkeit ihrer Ausbildung ſchätzen. Er gab ſich ihr mit einer Innig⸗ —.—,— keit hin, die er anfangs durch die Aehn⸗ lichkeit in Beider Geſchmack und Anſichten entſchuldigte. Doch konnte er gewiß nicht in dieſer Verblendung beharren, auf die Lange den Zuſtand ſeines Herzens ſich un⸗ moͤglich ſelbſt verhehlen. Seiner erlobtn Braut, Auguſten⸗ die ihr, gebuhrends Aufmerkſamkeit zu zollen, wurde ihm jetzt laͤſtig. Er erſchrack vor dem erſten Bewußt⸗ werden dieſes Gefuͤhls, und wollte es in ſeine Bruſt zuruͤckdrängen. Er nannte ſeine Neigung zu Co rnelien,— Freundſchaft. Er, der klar ſehende, ſcharf richtende Lord William, hatte die Kraft verloren, die Grenzen der Gefuͤhle zu unterſcheiden. Nicht einmal durch die Scheu, die er davor empfand, ſich an Auguſten zu erinnern, und das unaufhorliche Verweilen ſeiner Ge⸗ danken auf jeder Bewegung, jedem Blick, jedem Worte Corneliens, lehrten ihn .* — 100— nicht, den eigentlichen Zuſtand ſeines Her⸗ zens kennen. Alles dieſes reichte noch nicht hin, den Nebel der Selbſttaͤuſchung zu zer⸗ ſtreuen, den er um ſich ſelbſt hergezogen, und doch konnte es ein einziges Wort. Ein Wort Auguſtens uͤber poetiſches Un⸗ gluͤck, uͤber der Frauen Leiden bei der Un⸗ treue des Geliebten— ſie rief ihm ja da⸗ durch jene Liebes⸗Verſe zuruͤck, die er in jenem Buche einſt geleſen, und die, wie man ihm geſagt hatte, Corneliens Ge⸗ muͤthslage ſchildern ſollten. Der ſtechende Schmerz, der plotzlich ſein Gehirn durch⸗ tobte, die chaotiſche Verwirrung aller Ge⸗ danken, die dieſem folgte, die Pein, die ihm den Willen und die Macht, ruhig zu bleiben, raubte, der ſchnelle Wechſel von Sorn, von Bewunderung, von Zaͤrtlichkeit, den er bei dem Gedanken an Cornelia empfand, der Widerwille, mit dem er ſo⸗ — 101— gar von der bloßen Erinnerung an Augu⸗ ſten ſich abwandte— alle dieſe Gefuͤhle konnten nur einer einzigen Quelle zugeſchrie⸗ ben werden, der Furcht vor der Moglich⸗ keit, daß Cornelia einen Andern liebe; er ſelbſt liebte ſie ja bis zum Wahnſinn. Der Gedanke, Auguſten zu heirathen, war ihm toͤdtend; Eiferſucht, wuͤthende, ſinnloſe Eiferſucht, hatten ihm den Zuſtand ſeines Herzens kennen gelehrt, und ſie— ſie war auf immer ihm verloren. Ein Rauſch, deſſen Erinnerung ihn tief beſchaͤmen mußte, hatte ihn hingeriſſen, und ihn unauflos⸗ lich einer Andern, auf ewig, verbunden! Cornelia's Lage in dieſem Augen⸗ blicke war kaum beneidenswuͤrdiger als die ſeinige. Auguſte, der nicht im mindeſten daran lag, die volle Aufmerkſamkeit ihres Verlobten auf ſich zu ziehen, empfand bei ſeiner Verehrung ihrer Couſine weder Un⸗ — 102— ruhe noch Sorge. Sie fand es ſehr na⸗ tuͤrlich, daß zwei Leute, die ſo ungemein gern unausſtehliche Bücher laſen, und an Rodomontaden erhabener Unverſtaͤndlichkeit ſich erfreuten, ſehr gut zu einander paſſen muͤßten. Die bloße Möglichkeit, daß Lod William die Couſine ihrem eignen, alles uͤbertreffenden ſchoͤnen Selbſt im Ernſte vorzußiehen im Stande ſeyn koͤnne, kam ihr nie, auch nicht einen Augenblick, in den Sinn. Sie war uͤberzeugt, daß ihre jugendlich bluͤhende glaͤnzende Schoͤnheit —— nicht ihres Gleichen habe. Sie zweifelte nicht daran, daß jeder blendende Reiz, der zuerſt Lord William angelockt, ihr geblie⸗ ben ſeh, und argwohnte weder deſſen Treu⸗ loſigkeit, noch fuͤrchtete ſie den kleinſten Theil ſeiner Reigung jemals verlieren zu koͤnnen. Doch Lady Effingh am ſeh ſchärfit —— — 103— und weiter und fällte ein richtigeres Urtheil als ihre Tochter, Sie fuͤrchtete den ganz⸗ lichen Einſturz des kunſtreichen Baues, den ſie mit ſo vieler Muͤhe zu Stande gebracht hatte und fuhlte deutlich, daß ſie entweder entſchieden und ohne Aufſchub handeln, oder die Frucht ihrer langen Mähe verlieren müſſe. Sn„ Sie ſuchte Cornelien auf, und ließ ſich erſt ziemlich weitläuftig uber die Erful⸗ lung aller ihrer Hoffnungen in der Verbin⸗ dung Lord William mit ihrer Auguſte aus. Dann ſprach ſie von der Feſtigkeit, welche die beſtaͤndige Geſellſchaft eines ſol⸗ chen Mannes, ſowohl hinſichtlich der Grund⸗ ſätze, als der Bildung ihrer Tochter geben muͤſſe. Sie kam auf des Lords Leiden⸗ ſchaftlichkeit zuruͤck, die dieſer im Anfange dieſes Verhaͤltniſſes bewieſen hatte, und be⸗ ruhrte dann der Männer Art und Weiſe, von — 104— jedem neuen Gegenſtande ſich angezogen zu fuͤhlen. Sie geſtand, daß ſie nichts von des Lords ſtrenger Ehrliebe zu fuͤrchten habe; daß ſie ſich auf die Aufrichtigkeit ſei⸗ ner Neigung fuͤr Guſtchen verlaſſe, daß jedoch ihrer Nichte Wohl ihr nicht minder am Herzen liegen muͤſſe, als das der eige⸗ nen Tochter, und ſie es daher fuͤr ihre Pflicht halte, Cornelien darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, wie ſie unvorſichtig genug geweſen ſey, ihren literariſchen Geſpraͤchen eine ſolche Ausdehnung zu geſtatten, daß Lord William dadurch wirklich abgehal⸗ ten wuͤrde, ſeiner verlobten Braut die Auf⸗ merkſamkeiten zu bezeigen, die jedes Frauen⸗ zimmer in dieſer Lage zu erwarten berech⸗ tigt ſey, und deren Vermiſſen nur ein ſo unvergleichlich ſanftes Gemuͤth, wie das Auguſtens verzeihen koͤnne. Der Schleier war zerriſſen! Corne⸗ ₰ℳ lia gewahrte den Abgrund, an welchem ſie ſtand. Sie liebte Lord William mit aller der innigen Leidenſchaftlichkeit, deren ihr Gemuͤth faͤhig war. Der Schlag war im erſten Augenblick uͤberwaͤltigend, uner⸗ träglich. Sie blieb ſtehen, wo Lady Ef⸗ fingham ſie zuruͤckließ, blaß, regungslos wie eine Statue, ein verſteinertes Leben. Sie liebte! nur dieſe Eine tiefe Ueberzeu⸗ gung fuhlte ſie, ſie liebte den kuͤnftigen Ge⸗ mahl ihrer Couſine; ſie hatte aufgehoͤrt, ihrer ehemaligen Leiden zu gedenken, ſie hatte den Schiffbruch ihrer einſtigen Hoff⸗ nungen vergeſſen, ſie liebte wieder innig, heiß, mit einer Liebe aus hoher Bewun⸗ derung, aus tief gefuͤhlter Hochachtung ent⸗ ſprungen; ſie liebte einen„hellen wunder⸗ vollen Stern.“ Hatte ſie je daran ge⸗ dacht, ihn zu heirathen? Nie, ſie hatte nicht mit Bewußtſeyn, nicht muthwillig geirrt. Eben die Reinheit ihres Gefuͤhls fuͤr Lord William war die urſache, daß es ihr ſelbſt verborgen blieb. Doch ſie hatte kaum Zeit zum Nachdenken, die Noth⸗ wendigkeit zu handeln ſtand klar in ihrer Seele, ſie ſehnte ſich, etwas zu thun, das ihr ſelbſt die Gewißheit gäbe, ſie ſey auf rechtem Wege. Trennung, augenblickliche, ewige Trennung war nothwendig. Der Ausſpruch war geſchehen, das Urtheil, das ſchwer wie eine Welt ihr Herz belaſtete, war geſprochen. Ihr Kummer war ohne Huͤlfe, kein irdiſcher Troſt konnte ihn mil⸗ dern, ihr blieb„keine verborgene Kraft, als die des Himmels!“ O dies war Elend— dies war Jam⸗ mer! Sie ſollte ihn nimmermehr hoͤren— nimmer wiederſehen. Die Gemeinſchaft ihrer Seelen war ihr auf immer verloren⸗ Sie durfte ſich ja nicht einmal geſtatten, — 407— an ihn zü denken, ſie muſite vor der Erin⸗ nerung des nun Vergangenen zuruͤckbeben, ſie mußte ſich abwenden, wenn ſein Name ihr genannt ward. Anſtatt ſich ſeiner An⸗ erkennuüg bei dem ihm gezollten Lobe zu freuen, mußte ſie jedes frohe Empfinden ſeines Ruhms/ ſeines Werthes unterdruͤk⸗ ken, nur als Auguſtens Gemahl durfte ſi ſeiner gedenken/ und et, konnte er als ſolcher gluͤcklich ſeyn? Welche troſtloſe Zu⸗ kunft erwartete ihn! Sein im lebendigſten Empfinden ſo warm pulſirendes Herz, wie wird es einſt imm engen Vetein mit jener kalten Gemuͤthsloſigkeit erſtarren. Auf die⸗ ſer Seite lag nirgend ein Troſt, alles rings umher war duͤſter, traurig, hoffnungslos. War denn ihr Elend dem ſeinen zu ver⸗ gleichen? Sie bebte zuruͤck vor dem Bilde. Auf dem Wege lauerte Wahnſinn. Noch ehe ſie ihr Zimmer verließ, hatte — 108— ſie folgendes Billet an Lady Jane ge⸗ ſchrieben. „Erlauben Sie mir, meine theuerſte, meine muͤtterliche Freundin, ſogleich zu Ih⸗ nen zuruͤck zu kehren. Glauben Sie mir, daß keine Eingebung meiner Laune mich bewegt, Sie um meine Zuruͤckberufung zu bitten. Ich muß zu Ihnen, ich muß es in der That. Zwar werde ich Ihnen eine Laſt ſeyn, das iſt wahr, denn ich bin ſehr veraͤndert, ſo ſehr, daß ich mich ſelbſt nicht erkenne, an mir ſelbſt zweifeln mochte. Aber ich will dagegen ankaͤmpfen, gewiß ich will es. Glauben ſie mir, ich meinte es nicht boͤſe. Ich bin ſchwach, aber nicht boshaft. Theuerſte, geliebteſte Lady Jane, ſenden Sie mir den willkommenen Befehl, zu Ihnen zuruͤck zu kehren! Ich muß— ich bin recht herzenskrank— ich muß bei Ihnen ſeyn. Ich kann hier nicht aus⸗ dauern, ich muß nach Cornwall. Schrei⸗ ben Sie mir ſogleich; vergeben Sie alle dies Draͤngen und das Unzuſammenhaͤn⸗ gende meines Schreibens. Seyn Sie vor allem gewiß, daß in dieſer Vernichtung je⸗ der andern Hoffnung die tiefſte dankbarſte Anhaͤnglichkeit an Sie, mir unveraͤndert geblieben iſt. Cornelia Effingham.“ Nun war es voruͤber. Der Brief war abgeſandt und Cornelia fuͤhlte, daß ſie einen Schritt vorwaͤrts auf der ihr von der ſtrengen Pflicht vorgeſchriebenen Bahn gethan habe. Keine Ueberzeugung iſt tro⸗ ſtender auf der Welt, als eine dieſer Art. Sie war jetzt ſo ruhig, wie die ſtille Erde, 1 wenn die convulſiviſche Erſchuͤtterung des Erdbebens voruͤber iſt. Sie wußte, daß ihr noch eine Pruͤfung ihrer Selbſtbeherr⸗ ſchung bevorſtand, ſie wußte, daß es ge⸗ — 440— ſchehen muͤſſe und bebte nicht mehr ſcheu davor zuruͤck% 3 2„ Lord Willi am ließ ſich den naͤchſten Tag nicht blickenz am darauf folgenden aber kam er, um ſeinen gewohnten Beſuch gbs zuſtatten. Da er nicht wußte, daß man den Zuſtand ſeines Herzens ahne, ſo kam er ohne Verlegenheit und begruͤßte ſie alle mit gewohnter Leichtigkeit. Cornelia ſaß da, kalt, bewegungslos, bleich Als er zum freundlichen Gruße ihre Hand faßte, war ihr Beruͤhren kalt wie das eines Todten. Seine eigene Hand zit⸗ terte, ihre Augen begegneten einander nur fuͤr einen Moment, dann wandten ſie ſich raſch wieder abwärts. Es war hinreichend, ſie fuͤhlten Beide, daß ſie liebten, daß ſie geliebt wuͤrden. Im erſten Entzuͤcken des Eindrucks blieb ihnen kein Gedanke daran, daß ihre Seligkeit unvollkommen ſey, daß —.—————— — 111— 54 ſie bald auf ewig ſcheiden müßten. Maäch⸗ tig klopften ihre Herzen in wonnigem Auf⸗ ruhrz dieſer furbte ihre Wangen mit hoͤhe⸗ rem Putpur, er leuchtete aus ihren blitzen⸗ den Augen⸗ Doch bald ſchwand der kurze Taumel und kaltes) duͤſteres, nur zu ver⸗ ſtändliches Schweigen folgte ihm nach⸗ Lady Effingham beobachtete Beide auf das Genaueſte, ſie verſtand, was in ihren aufgeregten Herzen vorging. Fuͤr ſie war das Alles nur in ſo fern wichtig, als es in ihre Pläne eingriff. Aber ſie kannte beider Recht⸗ lichkeit, ſie fuͤhlte, daß Lord William ſeine Ehre ſich eben ſo makellos erhalten werde, als ſie bis jetzt makellos geblieben war. Auguſte hingegen bemerkte nichts, ausgenommen, daß Lord William noch etwas genirter und etwas langweiliger ſey als gewohnlich. Cornelien gab ohnchin ihre ſehr ernſte Haltung das Anſehen des — 12— vorgeruͤckten Alters und Auguſte konnte nicht begreifen, was die plotzliche gewaltige Zuruͤckhaltung der beiden finſtern Leute ſa⸗ gen wolle. Sie waren ihr bisher immer als ganz trefflich zu einander paſſend vor⸗ gekommen, Cornelia war ein ſchoͤnes melodiſches Adagio und Lord William das Arpeggio⸗Accompagnement dazu. Da ſie ſelbſt ihren kuͤnftigen Gemahl nicht im min⸗ deſten liebte und ihres alles uberſtrahlen⸗ den Glanzes ſich zu ſehr bewußt war, um eine Nebenbuhlerin zu fuͤrchten, ſo konnte nicht einmal die Eiferſucht der Eitelkeit in ihr erwachen. So war ſie denn doppelt bewaffnet gegen jeden Andrang eines Ge⸗ fuͤhls, das ihre beneidenswerthe Ruhe haͤtte ſtoren konnen, und fuͤgte unbewußt durch ihre oft ſchon beſchriebenen Witzeleien und Scherze noch eine neue Qual zu Corne⸗ liens Schmerzen. — 113— Cornelia fuͤhlte, daß das Garnicht⸗ ſehen ihres Freundes einem ſolchen Bei⸗ einanderſeyn weit vorzuziehen ſey, bei wel⸗ chem gewaltſamer Zwang jede Geiſteskraft laͤhmte und die Blicke ſorgfaͤltig bewacht werden mußten, damit ſie nicht mit allzu⸗ treuer Beredtſamkeit die ganze traurige Ge⸗ ſchichte ihrer Liebe und Leiden verrathen. Die fortgeſetzte Zuruͤckhaltung, die ſie nothwendig beibehalten mußten, trug den Anſchein der uͤblen Laune oder gar des Mißfallens, denn es war in dieſem Stre⸗ ben, die innigſte Zaͤrtlichkeit zu verhehlen, faſt unmoͤglich, nicht das Anſehen eines ganz entgegengeſetzten Gefuͤhls anzunehmen. Cornelia fieng an, vor dem Gedanken, mehreren ſolchen Zuſammenkuͤnften ausge⸗ ſetzt zu ſeyn, zuruͤck zu ſchaudern, und ſehnte ſich nach Lady Jane's Antwort, obgleich ſie wohl fuͤhlte, daß die Einladung, Leben und Sitte in England. I. 8 — 114— welche dieſe wahrſcheinlich enthalten wuͤrde, der Urtheilsſpruch ſey, der auf ewig von Lord William ſie ſcheiden muͤſſe. Seiner Qual hingegen miſchten ſich Selbſt⸗Vorwuͤrfe bei. Seit er die ganze Leerheit Auguſtens entdeckt hatte, fuͤhlte er ſich ſelbſt durch eine Taͤuſchung betrogen, die er von jeher am meiſten verachtet hatte, durch die großen koͤrperlichen Reize. Das Auge hatte ihn zum Gefangenen gemacht, ſein Verſtand von dieſem zur Billigung ſei⸗ ner Wuͤnſche ſich verleiten laſſen. Das Geheimniß des Buches mit den Auszuͤgen hatte er, ſeit er ohne Ruͤckhalt mit Cor⸗ nelien umgieng, laͤngſt errathen, er haͤtte es mit Gruͤnden beweiſen koͤnnen, daß ſie, wer auch die geleſenen Blaͤtter beſchrieben haben mochte, die eigentliche Verfaſſerin derſelben ſey. Ihre große Vorliebe fuͤr ro⸗ miſche Literatur, ihre ſpielenden Darſtellun⸗ — 115— gen wichtiger Momente aus der Geſchichte der Staaten und Volker gaben ſo viel ana⸗ loge Beweiſe dafuͤr, daß der hartnäckigſte Streiter uͤberzeugt werden mußte. Er fuͤhlte und wußte, Cornelia ſey gerade das Mädchen, mit dem er ſo vollkommen gluͤck⸗ lich hätte ſeyn konnen, als nur irgend moͤg⸗ lich auf Erden, und nur ſeine eigne will⸗ kährliche Uebereilung hatte unuͤberwindliche Schranken zwiſchen ſich und ihr aufgerich⸗ tet. Sie liebte ihn. Dieſe Ueberzeugung, die unter andern Umſtaͤnden die Verſiche⸗ rung ſeines hochſten Gluckes geweſen waͤre, vermehrte aber jetzt ſeine innere Qual. Er hatte ihr Schmerzen gegeben, ihr, fuͤr die er gern das Leben geopfert haͤtte, und war obendrein gezwungen, ihr eine faſt abſtoſ⸗ ſende Kaͤlte zu zeigen, und in ihrer Gegen⸗ wart einer Anderen zu huldigen. Waͤh⸗ rend ſeines ganzen Lebens war er nur ein 8* — — 116— einzigesmal von der Bahn ſtrenger Grund⸗ ſätze und deren puͤnktlichen Verfolgung ab⸗ gewichen— und dieſes war nun die Strafe dafuͤr, die ihn zu Boden druckte. Die Pein, Lord William noch oft wieder zu ſehen, ward Cornelien erſpart. Mit umgehender Poſt kam ein Brief von Lady Bouverie, er enthielt Folgendes: „Bereite Dich, mein Kind, ſogleich zu mir zuruͤck zu kehren. Ich bin voller Ungeduld, Dich wieder zu haben und Dich zu troͤſten. Fuͤrchte keine Frage von mir; was Du mir von ſelbſt mittheilen willſt, werde ich aufmerkſam anhoͤren und Dir daruber meinen Rath nicht verſagen, aber ich werde keine Frage an Dich thun. Von meinen eigenen ganz zerſtorten Hoffnungen, von dem Schmerze, den ihre Vernichtung mir gegeben hat, laß mich ſchweigen. Du ſollſt nichts von mir hoͤren, theuerſte Cor⸗ — 117— nelia, das Dir zu vernehmen unange⸗ nehm ſeyn koͤnnte; und laß nicht Furcht vor der Zukunft die duſtere Gegenwart Dir noch mehr umdunkeln. Ich mag leben oder todt ſeyn, ſo ſoll mein theuerſtes Kind nie einer Heimath entbehren, die ihrer wuͤrdig ſey. Komm, meine Liebe, und komm ſogleich! James ſoll ſo bald als moͤglich bei Dir eintreffen und Dich, wie ich hoffe, ſicher in die Arme Deiner Dich liebenden Freun⸗ din geleiten. Jane Bouverie.“ Cornelia verlor nicht viel Zeit mit ihren Vorbereitungen zur Reiſe, und trat zum großen Leidweſen Auguſtens und zur groͤßten Freude der Mutter unter Ja⸗ mes Schutz ihren Weg nach C Cornwall an. Lord Williams erſtes Gefuͤhl, als er nun erfuhr, daß ſie wirklich fort ſey war Todesſchmerzz das zweite tiefe hohe — 118— Bewunderung der ſeltenen Feſtigkeit, die in . der Ueberzeugung, daß dieſes das Rechte ſey, ſolche Maaßregel zu faſſen und auszu⸗ fuͤhren vermochte, ohne auf die in einer weiblichen Bruſt ſo mächtigen Einſpruche eines liebenden Herzens zu achten. Nichts aber konnte von nun an dem faſt unertraͤglichen Zwange gleichen, den er ſich auferlegen mußte, um Auguſten die unerlaͤßliche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit zu beweiſen, zu welchen ſein Verhaltniß zu ihr ſie berechtigte. Ihre Frivolitaͤt trat um ſo greller hervor, da er ſich nun gewoͤhnt hatte, das vollendetſte, reichſte weibliche Gemuͤth mit der hoͤchſten Kraft geiſtigen Vermoͤgens vereint zu ſehen. Auguſten muß man dagegen zugeſtehen, daß ſie es eben ſo muͤde war, die Aufmerkſamkeiten ihres ernſten Liebhabers anzunehmen, als er ſie ihr zu bezeigen. Es war nicht von ₰ — 110— einem Schatten von Neigung zwiſchen die⸗ ſen beiden mehr die Rede. Lady Effingham war uͤber die wah⸗ ren Geſinnungen beider Partheien durchaus nicht im Dunkeln, aber ſie war zu lange in der Lehre der Mode geweſen, um ſich von ihrem innern Gefuͤhl fortreißen laſſen zu konnen. Hochemport wuͤrde ſie vor der Beſchuldigung der Unwahrheit zuruͤckgeſchau⸗ dert ſeyn, aber eine ins Leben durch die That ausgefuͤhrte Lüge ſchien ihr keines⸗ wegs dem Verbrechen einer ausgeſprochenen Luͤge gleichzuſtellen. Einer Tochter ein gu⸗ tes Etabliſſement zu ſichern, war eine ſo natuͤrliche Handlung muͤtterlicher Zaͤrtlich⸗ keit, daß ihrer Meinung nach keine Mut⸗ ter es gar zu genau mit den Mitteln und Wegen dazu zu nehmen habe. Es war in den jetzigen Zeiten eben nicht gar leicht, die Maͤnner zum Heirathen zu verlocken — 120— oder zu überreden, und wenn ſie es auch wirklich geweſen waͤren, wie viele konnten ſich denn hinſichtlich der Vorzuge, die ihn zu einer ſo wichtigen Eroberung machten, mit Lord William meſſen? Die gerichtlichen Anordnungen, welche Lord Williams Hochzeit ſo lange verzo⸗ gert hatten, nahten nun ihrem Ende. Er ſelbſt zitterte der herannahenden Vollendung ſeines Ungluͤcks bange entgegen. Um ſeine Leiden noch zu mehren, kam ſein junger Vetter, der Herzog von Mon⸗ tolieu, auf ſeiner Ruͤckreiſe vom feſten Lande in London an, und brannte, wie er ſagte, vor Ungeduld, die beruͤhmte Schoͤnheit zu ſehen, die endlich doch die Ferſe des unverwundlichen Achilles getrof⸗ fen habe. Lord William war gezwun⸗ gen, allen ſeinen excentriſchen Reden über — 121— dieſen Punkt zuzuhdren und ihn dann ſelbſt bei den Damen einzufuͤhren. Der Herzog wurde von Auguſtens Anblick gleichſam uberwaͤltigt. Solche Schoͤn⸗ heit war ihm nie im Traume vorgekom⸗ men. Er konnte gar nicht muͤde werden, ein ſo reizendes Geſicht zu betrachten! Und er ſprach dieſes mit einer Heftigkeit, einer Lebhaftigkeit, einer Offenheit uͤberlaut aus, die mit ſeiner Sorgloſigkeit in der Wahl ſeiner Ausdruͤcke und Gedanken im vollkom⸗ menſten Einklange ſtand, und er that die⸗ ſes nicht nur im Beiſeyn Lord Wil⸗ lioms und deſſen Braut, ſondern auch ihrer Mutter. Lady Effingham verfiel bald in tie⸗ fes ernſtes Sinnen. Wie blendend war dieſe ſich plotzlich offnende Ausſicht! Lord William mit ſeinen dreißigtauſend Pfund jährlich und ſeinem nur aus Hoflichkeit ihm zugeſtandenen Titel war zwar eine ganz treffliche Parthie, beſonders wenn man die Zeiten beruckſichtigte; aber eine herzog⸗ liche Krone im Wappen und uͤber hundert⸗ tauſend Pfund jährlich! Wie war es fuͤr jemand, den der Himmel nur geſunden Verſtand verliehen hatte, moͤglich, den un⸗ geheuren Unterſchied zwiſchen beiden nicht einzuſehen, und wenn man ihn einſehe, nicht davon Nutzen ziehen zu wollen? Lady Effingham begann jetzt, das Elend zu bedenken, das aus der Vereini⸗ gung zweier Menſchen erwachſen muͤßte, die bei naͤherer Bekanntſchaft Eigenſchaften entwickelt hatten, deren Daſeyn keines in dem Andern geahnet hatte, und vor denen Beide aus angeborenem Inſtincte mit Wi⸗ derwillen zuruͤckbebten. Der guten Dame gieng mit einemmale, gerade in dieſem Zeit⸗ puncte, hochſt wunderbarer Weiſe ein Licht — — 123— im Verſtande auf, ihr Gedachtniß rief ihr plotzlich eine Menge kleiner Umſtände zuruͤck, die alle ihr deutlich bewieſen, daß Lord Wil⸗ liam eine Leidenſchaft fur ihre Nichte Cor⸗ nelia hege. Was aber ihrem gutigen wohlwollenden Herzen noch richtiger auffiel, war die Ueberzeugung, daß auch Corne⸗ lia von einer tiefen Anhäͤnglichkeit an den Lord durchdrungen ſey, woran ſie ſelbſt da⸗ durch einigermaßen Schuld zu ſeyn ſich ge⸗ ſtehen mußte, daß ſie zweien Menſchen von gleichem Charakter und Geſchmack eine Ver⸗ traulichkeit geſtattet hatte, die Beyden ge⸗ fährlich zu werden drohte. Allmaͤhlig wurde auch Auguſten erlaubt, dieſe neue Anſicht zu theilen. Sie war gutherzig genug, um die un⸗ ſelige Neigung ihrer Couſine zu beklagen, aber es fiel ihr gar nicht ein, deshalb einen Liebhaber, fuͤr den ſie nicht die entfernteſte — 124— Neigung hatte, von Verbindlichkeiten frei zu ſprechen, die ſein Ehrgefuͤhl ihm gebot zu erfullen, bis zuletzt Lady Effingham, ſie ſehr kuͤnſtlich in eine Gedankenfolge uͤber Lord Williams BVorliebe zur Ein⸗ gezogenheit verwickelte, und ſie endlich zu einem Vergleich zwiſchen ihm und dem leb⸗ haften, eleganten, prachtigen Herzog von Montolien leitete, deſſen Verehrung fuͤr ſie ſich ganz klar und deutlich in ſeinen Handlungen ausſprach. Von dieſem Tage an erhielt der Operationsplan der Damen eine ganz entgegengeſetzte Richtung. Au⸗ guſte wurde nicht mehr gezwungen, ihre Morgen mit Lord William, bei deſſen langweiligen Vorleſungen, oder noch lang⸗ weiligern Spazierfahrten uͤber Land hinzu⸗ bringen. Sie fuhr in Bond Street um⸗ her, oder in Saint James Park, und man ſah den Herzog von Montolieu auf —, — 125— einem praͤchtigen Rappen, die Hand auf den Schlag ihres Wagens gelehnt, neben ihr reiten. Statt daß ſie ſonſt des Abends fuͤr Lord William allein zu Hauſe blieb, war ſie jetzt immer eine der Fuͤnfhundert bei den Aſſembleen von einer oder der an⸗ dern brillanten Dame von hohem Range⸗ die in ihrem Hauſe das Walzen mit aller Vertraulichkeit auslaͤndiſcher Sitten geſtat⸗ ten und der Herzog bei ſolchen Gelegen⸗ heiten immer Auguſtens treuer Be⸗ gleiter. Mit einem vor Hoffnung und Ueber⸗ muth hochſchlagenden Herzen ſah Lady Ef⸗ fingham, wie jetzt nur allein die allge⸗ mein bekannte Verbindung mit Lord Wil⸗ liam ihrer Tochter den Beſitz einer herzogli⸗ chen Krone vorenthalte. Die Aufloͤſung dieſer Verbindung wurde jetzt wirklich zur Noth⸗ wendigkeit, und all ihr Dichten und Trachten — 126— gieng einzig darauf hinaus, dieſe recht ge⸗ ſchickt zu bewerkſtelligen. Aber auch Lord William hegte ſeine Wuͤnſche und ſeine Hoffnungen. Er durch⸗ ſchaute ſeines Vetters Gefuͤhle eben ſo ge⸗ nau als die der Lady Effingham, und betrachtete ſie mit dem Entzuͤcken eines zum Tode Verurtheilen, welcher der Ausferti⸗ gung ſeines Pardons und ſeiner Freilaſſung entgegenſieht. Von der langweiligen Noth⸗ wendigkeit, Auguſten allenthalben hin zu folgen, ſich befreit zu ſehen, war ihm ſchon ein poſitives Gluͤck. Neubelebt von der Ausſicht, bald vollig von ſeiner Seclaverei erloͤſet zu werden, uͤberließ er ſich einem eben ſo frohen Vorgenuſſe ſeiner Zukunft, als ſeine Erwartungen von derſelben nur noch vor wenigen Tagen duͤſter und trau⸗ rig geweſen waren. Nach Lady Effing⸗ hams Anſicht war jede Stunde, die ſie —— ohne einen Verſuch zur entſchiedenen Er⸗ klärung und Veraͤnderung der jetzigen Lage der Dinge voruͤbergehen ließ, nichts als verlorene Zeit, die man weit nuͤtzlicher hätte anwenden koͤnnen. Obwohl ſie ziem⸗ lich gewiß war, daß Lord William ſehr gern ſeine Bande abſtreifen wuͤrde, ſo fand ſie doch noch einige Schwierigkeit dabei, dieſe Loͤſung mit aller der Schonung und Ruͤckſicht zu vereinigen, welche der Anſtand und die Etikette des geſelligen Lebens ver⸗ langen. Ce n'est que le premier pas qui coute, wiederholte ſie ſich ſelbſt. Wenn ſie nur einmal angefangen hätte, meinte ſie, ſo wuͤrde es ihr an Beredtſamkeit nicht feh⸗ len, und die Sache ſolle dann gewiß mit vollen Segeln zu ihrem Ende getrieben werden. Lord William ſchleppte ſich eines Morgens mit zogernden Schritten zur Woh⸗ — 128— nung der Lady Effingham. Er hoffte wieder auf das willkommene„nicht zu Hauſe.“ Aber dieſesmal hatte er ſich ver⸗ rechnet, denn er ward ſogleich eingelaſſen. Er fand Lady Effingham allein und begruͤßte ſie ſo ungrazios, als es ihm, dem Lord William, nur moͤglich werden konnte. Nach einem kurzen einleitenden Hin⸗ und Herſprechen that er die noͤthige Frage nach Auguſten.„Sie iſt nicht zu Hauſe, mit Ihrem Verwandten, dem Herzoge von Montolieu, ausgeritten“, erwiederte die Dame mit unvergleichlich ſuͤßer Freundlich⸗ keit.„Mylord muͤſſen bemerkt haben, daß die Beiden intim, recht ſehr intim am den ſind.“ „Beider Geſchmack iſt ſich dazu ihnlich genug“, antwortete der Lord ziemlich kuͤhl. „Ja, gewiß; aber mein Gott! Sie nicht eiferſuͤchtig, Mylord?“ — 129— Lord William lachte;„nicht ſehr“ erwiederte er drollig. „Ich ſollte faſt meinen, ich koͤnnte beinahe glauben“, ſagte Lady Effingham, indem ſie den durchdringenden Blick auf das Antlitz ihres Beſuchs richtete,„Lord William faängt an zu merken, daß unbe⸗ ſonnene Maͤdchen veraͤnderlich ſind?“ „Er faͤngt nicht damit an, aber er ſchließt damit“, erwiederte der Lord zwei⸗ deutig laͤchelnd. „Auguſte iſt ſehr jung, und ich fuͤchte, daß Sie, Mylord, als Sie mit Ihrer Bewerbung ſie beehrten, ihr Eigen⸗ ſchaften zugetraut haben, die ſie in der That nicht beſitzt.“ „Mehr Geſchmack fuͤr Literatur viel⸗ leicht“„antwortete der Lord mit unerſchuͤt⸗ terlicher Ruhe, denn es ſchien ihm an⸗ maßend, einer ſo geſchickten Dame, als Leben und Sitte in England. I. 9 — 130— Lady Effingham, zu Huͤlfe kommen zu wollen. „Ja, ja, das furchtete ich. Und doch ſollte ich vielleicht anſtatt, furchtete ich, hoffte ich, ſagen. Denn man hat ſich im⸗ mer Gluck zu wuͤnſchen, wenn ſolche Ent⸗ deckungen vor dem letzten unwiderruflichen Schritte gemacht werden.“ „Darin bin ich ganz ihrer Meinung, gnaͤdige Frau.“ „So werden Sie, Mylord, es alſo wohl kaum bedauern, zu horen, daß eine entſcheidende Aenderung in Auguſtens Gefuͤhlen vorgegangen iſt?“ „Ich habe es erwartet.“ „Ich vermuthe, Ihro Gnaden Treue iſt auch nicht feſter geweſen“, ſprach die Lady mit wohlwollendem Laͤcheln. „Vielleicht habe ich nicht das Recht, — 131— mich zu beklagen“, war die Antwort, und damit ſtand der Lord auf um zu gehen. „Sie nehmen alſo Ihre Freiheit zu⸗ ruͤck, Mylord, und wir ſcheiden als Freunde?“ „Mit Freuden, vollkommen ſo.“ Lady Effingham empfing ihre Toch⸗ ter und deren vornehmen Begleiter mit dem grazioſeſten Lächeln. „Ich habe einen Beſuch von Ihro Gnaden vortrefflichem Vetter gehabt“, ſagte ſie, ſich an den Herzog wendend,„er kam, um ſich nach meiner Landlaͤuferin hier zu erkundigen.“ „Lord William hat Anrechte“, er⸗ wiederte der Herzog, lebhaft erroͤthend, in ſchlecht verhehlter Aufwallung,„und viel⸗ leicht denkt er, daß ich es wage, ſie zu be⸗ eintraͤchtigen. Lord William iſt ein ſehr gluͤcklicher Mann!“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. 5 — 132— „Iſt er?“ antwortete Lady Effing⸗ ham mit feinem Laͤcheln.„Vielleicht wurde er Ihro Gnaden ſehr dankbar ſeyn, wenn Sie ihm die Huld' erzeigen wollten, ihm das zu beweiſen.“ „Im Begriffe, das liebenswuͤrdigſte Geſchoͤpf in der Welt ſein zu nennen, und nicht gluͤcklich?“ fuhr der Herzog, heftig werdend, auf.„Dann muß er der Thoͤ⸗ rigtſte oder der Gefuhlloſeſte aller Maͤnner ſeyn.“ „Ihro Gnaden muͤſſen den Vorderſatz erſt beweiſen, ehe wir den Schluß Ihnen zugeſtehen konnen“, ſprach Lady Effing⸗ ham mit ſchlauem Blick. Der Herzog ſah ſehr ernſthaft ſie an, dann wandte er ſich zu Auguſten. Sie hatte ihren Federhuth abgenommen, ihr lichtes uͤppiges Haar umwallte die von der Bewegung hochgerdtheten Wangen. Ihre — 133— Augen leuchteten wie Sterne, ihr ganzes Geſicht ſtrahlte von erhoͤhtem Leben. Die zurte weiße Hand ſcheitelte die verwirrten Locken auf der ſchoͤnen Stirn, ihr Blick begegnete dem des Herzogs, und wandte mit einem mißvergnugten Lächeln ſich ſchnell wieder ab. Nie hatte er ſie ſo ſtrahlend ſchoͤn geſehen, nie ſich leidenſchaftlicher von ihr entzuckt gefuͤhlt als in dieſem Augen⸗ blicke. Auguſte“, ſprach die Mutter,„dein Morgenritt koſtet dich einen Liebhaber.“ „O welch ein Entrinnen! wie kann ich je Lord William genug danken!“ rief Auguſte, und ihre Lebhaftigkeit war viel⸗ „. leicht nicht ganz frei von Empfindlichkeit. „O welch ein Gluͤck! wie kann ich je Lord William dankbar genug ſeyn!“ rief der Herzog mit ungeheucheltem Entzuͤcken. Er nahte ſich Auguſten. Lady Ef⸗ finghams Herz ſchlug hoch empor, in faſt unbezwinglichem Entzuͤcken. Sie hatte ein ihr kuͤhnſtes, gluͤhendſtes Hoffen weit uͤberragendes Ziel erreicht. Derſelbe Morgen ſah die Aufloͤſung der einen Verbindung und das Knuͤpfen der zweiten, welche Auguſten zum hoͤchſten Gipfel des Ranges, den ein Unterthan in Großbrittanien erreichen kann, erhob. Der Triumph des Augenblickes wurde nur von dem der wirklichen Hochzeits⸗Feierlichkeit ubertroffen. Unterdeſſen hatte Cornelia beinahe einen ganzen Monat bei Lady Jane ver⸗ lebt. Sie war zu vernuͤnftig und zu ſehr ihrer Vernunft unterthan, um die Zeit ganz ohne Beſchaͤftigung zuzubringen. Mit gewohnter, nie abweichender Regelmäßigkeit theilte ſie ihre Stunden zwiſchen Leſen und der mit Eifer getriebenen Uebung ihrer ſchon — 135— ausgebildeten Talente. Sie begann, neue ſich anzueignen und zwang auf dieſe Weiſe ihr Gemuͤth zur Theilnahme und zur Reg⸗ ſamkeit. Sie war die Almoſen⸗Austheilerin ih⸗ rer Freundin und machte es ſich zur Ge⸗ wiſſensſache, mit unermuͤdlichem Eifer wuͤr⸗ dige Gegenſtaͤnde dieſer Wohlthaten aufzu⸗ ſuchen. Sie unterhielt, ſo viel ſie konnte, die innige Verbindung mit dem geiſtig Hoͤch⸗ ſten, welches die Seele erkraͤftigt und uͤber die Freuden und das Weh' der Erde ſie er⸗ hebt; ſie fuͤhlte, daß ſie nicht elend ſey und dankte Gott fuͤr die ihr noch erreichbaren Freuden. Wahr iſt es, es gab Augen⸗ blicke, in denen auch die menſchliche Schwaͤche ihren Triumph feierte, in denen plotzlich ein Gefuhl von Verlaſſenheit ſie ergriff und jedes Regen ihres Herzens zur ſchmerzlich⸗ ſten Sehnſucht nach dem Gegenſtande ihrer — 136— Liebe ward. Ein trauriges Sinnen unter⸗ brach dann plotzlich die Beſchaͤftigung, welche einzig und allein ergriffen worden war, um dem Nachdenken zu entgehen. Es war ein harter Kampf fur ein junges, fur ein weib⸗ liches Herz. Er griff ſogar faſt mehr noch ihre Geſundheit als ihre Gemuͤthsſtimmung an. Der kurze Zeitraum weniger Wochen war hinreichend geweſen, um ihre blaſſen Wangen noch bleicher zu farben und ihre ſchoͤne Geſtalt ihrer Fuͤlle zu berauben, denn die Zerſtoͤrung, die der Gram be⸗ wirkt, iſt ſchnell und gewaltig. Die edle Kraft, das Widrige zu tragen, Erfreuet Himmel, Erde und uns ſelbſt; Denn ſie iſt Pflicht zugleich und Ruhm und Freude. Der Kummer iſt des Guten Glanzbahn nur, Das Gluck verhullt ſtets ſeine ſchonſten Strahlen. Wie durch die Nacht die Sterne Licht verbreiten, —— So giebt der Schmerz dem Menſchenweſen Glanz; Im Schlachtfeld kann der Held, im Sturm der Votſe und nur im Leid die Tugend ſich bewähren; Denn aller Mannheit ſchönſte Erdenkrone Gleicht jenem Blatt, deß immer gruͤne Kraft Dem Nordſturm trotzt und in des Winters Strenge Das zarte Gruͤn zur Knospenhuͤlle faltet. Es war im Vorfruͤhlinge und dem Auge, welches die Natur zu lieben gewoͤhnt war, mußte das ſchnelle Wachſen und Ent⸗ falten ringsumher Theilnahme entlocken. Cornelia fuͤhlte ſich ſelbſt im Freien gluͤck⸗ licher als im beſchraͤnkenden Hauſe. Lady Jane bewieß durch die That alle die Liebe, die ſie in ihrem Briefe ausgeſprochen, ſie gewaͤhrte jeden moͤglichen Troſt und for⸗ derte kein Vertrauen dafuͤr. Cornelia empfand den Himmelsſegen, der in ſolch einer Beſchuͤtzerin ihr geworden. Sie er⸗ muͤdete nicht in dem Beſtreben, ihr dafur durch ſorgſame Pflege zu lohnen und in alle ihre Wuͤnſche ſich zu fuͤgen, doch ſo⸗ bald ſie, ohne Anderen dadurch eine Freude zu verderben, ihrer Neigung folgen durfte, ſo wanderte ſie am liebſten allein unter dem tiefblauen Himmel, zu dem ihr Auge mit einem Ernſte aufſah, als wolle ſie die hinter ihm liegende Welt durchſchauen. Der friſche Fruͤhlingshauch, der uͤberall wehte, ſchien ſie zum Frohſinn einzuladen, aller kleinen Fruͤhlingsvoͤgel Geſaͤnge bilde⸗ ten ein heiter⸗harmoniſches Ganze, die See in ihrer ewig wechſelnden Beweglichkeit ſchien ſich vor ihr ſo weit auszudehnen/ daß nur Gottes Auge allein noch weiter zu reichen vermochte und ihre Gedanken wur⸗ den zum Gebet, daß er, der einſt geſagt: „bis hierher und nicht weiter!“ auch den — 139— Wogen ihres wilden Schmerzes ein ſetzen moͤge. Es war am Abend eines ſolchen Ta⸗ ges, an dem ihr Gefuͤhl durch eine heilige Stille gemildert wurde, als Cornelia auf einer die Wellen een Klippe ſtand. Die Brandung glaͤnzt gleich fluͤſſigen Sma⸗ ragden, Die Weite gluht, ein zitternder Rubin, Und über ſeinem gruͤnen Wellenlager Hebt ſich der Purpur, krinkt des Tages Strahl Die Steuer all' der Schiffe, die ſo mannlich Den Weg ſich bahnen durch der Wogen Spruͤh'n, Sie hinterlaſſen ſchaumig⸗lichte Spuren, Und um die Barke ſtreift der Voͤgel Menge Mit breitem Flugel tief die Meeresfluth, Grüßt mit Geſchrei die milde Abendluft! 8 Mit rauher Stimme miſcht der Schifferknabe Sich in ihr Lied. Die zarten Wölkchen ſchwellen, Lichtſprühend, rings im klaren Abendſchein, Indem ſie leicht, wie kleine Inſeln, ſchwimmen; Sie möchten gern der Sonne Strahl bewahren, Dem Lächeln gleich, das Liebe noch im Scheiden Dem truͤben Weh des Liebenden gewährt. Nun ſinkt der Tag als Sieger hin zur Ruhe, Der Tugend gleich, die ſterbend aufwaͤrts ſtrahlt— Wie hebt den Geiſt unendbar hoch Entzucken, Wenn er ſich auf zum Lichtes⸗Urquell ſchwingt Und ſeines Glanzes goldne Strahlen trinket! Licht und Muſik, ſie bilden eine Welt! Wie mancher Weſt neigt tief ſich hin zur Welle, Und plaudert ihr von ſeiner Liebe vor— Und flieht ſie leicht— ſo wie ſein Schwur ver⸗ klungen! In dieſer Stunde ſchweifet frei die Seele, Träumt Segen ſich und ein beglucktes Land, Und findet dort ſchon laͤngſt verlorne Liebe In Sternen⸗Sphären wolkenloſer Treue— Wenn durch des Friedens off'nen Thores⸗Bogen Unſterblich ſich des Lebens Quelle drängt. In ſolchen Traͤumen hatte ſie ſich ver⸗ loren— Lord Williams Bild war nicht ——,— y — 141— mehr ſichtbar in ihnen, aber doch lebte es in jedem ihrer Gefuͤhle. Cornelia's Augen waren aufwaͤrts gerichtet, der Traum verfluthete, ſie blickte wieder hinab auf die Erde und ſah einen Wandernden von der Seite des Oceans, der die Klippen hinauf⸗ klimmte. Ihr Herz ſchlug heftig, er kam naͤher, immer naͤher, ſie blieb regungslos. Sie ſah ſein Geſicht, leuchtend von Hoff⸗ nung, in einem Augenblicke war er ihr zur Seite, im nachſten fuͤhlte ſie ſich an das edelſte Herz gedruͤckt— Worte waren uͤber⸗ fluͤſſig— es war Lord William! Eine Geſchichte aus dem alltaͤglichen Leben⸗ Die Weisheit wählt zuweilen die Narren⸗Kappe der Thorheit, um die Aufmerkſamkeit der Menge auf ſich zu ziehen, und weiß die Glöckchen ſo geſchickt zu regen, daß ihr Klang zur beredten Muſik wird. Anonym⸗ Jo wurde nicht in einem Koͤnigs⸗ Polaſte geboren, war nicht beſtimmt die Aufmerkſamkeit einer Nation auf mich zu ziehen, nicht in dem Zelte eines Heerfuh⸗ rers wurde ich auferzogen, das Schickſal hatte nicht zum Helden mich beſtimmt, und ich wurde auch keineswegs täglich in Pur⸗ pur und feines Linnen gekleidet. Das waͤre ganz außer der Regel der Dinge und Zeiten geweſen. Nein! die Natur iſt weiſe! und es war ganz gewiß paſſender, daß einem Thoren ein Strohdach den erſten Schutz gewaͤhren mußte. Leben und Sitte in England. I. 10 — 146— Mein Charakter ſprach ſich gleich An⸗ fangs deutlich aus. Ich erinnere mich, daß meine Mutter oft verſicherte, ich habe während meiner Kindheit wenig geſchrieen, und ſie uͤberhaupt weit weniger geplagt, als ſpaͤterhin mein Bruder und meine Schwe⸗ ſter. Das war nun ein entſcheidender Be⸗ weis von Thorheit, meine Anſpruͤche an dieſe waren ſchon beſtimmt, ehe ich noch den Gebrauch meiner Beine oder meiner Zunge gefunden. Als ich zunahm an Groͤße und Staͤrke, wies man mich hinaus auf die Gemeinde⸗ wieſe, die an unſere Huͤtte grenzte, zu an⸗ dern eben ſo zerlumpten Kindern, als ich ſelbſt eines war. Ein Paar Eſel graſeten in unſerer Mitte und waren eine unerſchoͤpf⸗ liche Quelle der Luſt fuͤr die Staͤrkeren unter uns. Die Juͤngeren unſerer ſtets zunehmenden Geſellſchaft waren gezwungen, ——,—— ———— ——————— ——,—— ——,— — 147— ſich damit zu begnuͤgen, daß ſie ihre Kräfte und Geſchicklichkeit an einander zu uͤben ſuchten. Ich aber ſonderte von beiden Par⸗ theien mich ab und beluſtigte mich damit, ſie alle auszulachen. Das war wieder ein Beweis von Narrheit, ſpaͤterhin lernte ich dieſes ſelbſt einſehen; denn nur die Bollkommenheit der Eigenſchaften, die ſchon in der Jugend der Helden und Weiſen aufdaͤmmerten, mach⸗ ten es moͤglich, daß ein Scythe, ein ge⸗ meiner Soldat zum Thron einer Welt ſich erheben konnte. Haͤtte Maximin ſeine Spielkameraden nicht gepruͤgelt, vielleicht hätte er es nie bis zum Kaiſer gebracht. Ein großes Ereigniß entzog mich der Huͤtte. Meine Eltern waren keine Bauern⸗ Mein Vater hatte als Faͤhndrich eines mar⸗ ſchirenden Regiments meine Mutter ent⸗ führt, die eine reiche Erbin geweſen war. 10* — 148— Dieſes iſt eine Handlung, welche das Ge⸗ ſetz zu den Verbrechen zaͤhlt; ich habe des⸗ halb nie begreifen koͤnnen, warum die er⸗ zuͤrnten Verwandten meiner Mutter ihr Recht nicht in vollem Umfange geltend ge⸗ macht haben, um den gluͤcklichen Freier zu ſtrafen. Sie begnuͤgten ſich damit, mei⸗ ner Mutter ihr Vermoͤgen vorzuenthalten und ihr Braͤutigam verlor durch Ueber⸗ ſchreiten ſeines Urlaubs ſeine Fähndrichs⸗ ſtelle. So trieb ſie die bitterſte Armuth nicht nur zur genauen Aufſicht des Haus⸗ weſens, ſondern zwang ſie ſogar, thätigen Theil an allen Geſchaͤften deſſelben zu nehmen. Ich habe nie den Grund all der un⸗ zähligen Streitigkeiten zwiſchen meinem Va⸗ ter und meiner Mutter erforſchen koͤnnen. Vielleicht war Eines des Andern uͤberdruͤſ⸗ ſig, vielleicht beklagte jedes was es verlo⸗ — — 149— ren, und ſie machten einander gegenſeitig Vorwuͤrfe uͤber die Veranlaſſung zu dieſem Verluſte. Dem ſey nun wie ihm wolle, ſo viel bleibt gewiß, daß ſie ſelten Eines Sinnes waren, außer wenn ſie das bittere Ungluck beklagten, einem Narren das Da⸗ ſeyn gegeben zu haben. Eben hatten ſie die Lehrjahre der Armuth uͤberſtanden, als meine Mutter ihr Vermoͤgen wieder zuruck⸗ ethielt. Hilf Himmel! welche Bewegung! Thränen! Umarmungen! Alle Bewohner der Haͤuſer an der gruͤnen Wieſe verließen ihre Wohnung und draͤngten ſich herbei, ihren lieben Nachbarn Gluͤck zu wuͤnſchen. Doch meine Mutter hatte bereits die reiche Erbin, mein Vater den Faͤhndrich wieder hervorgeſucht und empfingen ſie ziemlich kalt. Was mich betrifft, ſo hatten mich viele von ihnen während den fuͤnf Jahren, die ich unter ihnen verlebte, freundlich be⸗ — 150— handelt, und ich vergoß bittere Thraͤnen beim Abſchiede. Das iſt nun ein neuer Beweis meiner ganz beſondern Thorheit; auch bemerkte es mein Vater und ſagte zu meiner Mutter mit einem pfiffigen Kopf⸗ nicken, daß die Welt ein großes Hoſpital ſey, in welchem ſogar Narren zuweilen ge⸗ heilt wuͤrden. Der Wechſel von einem Huͤttchen zu dem, zu einem bedeutenden Rittergute ge⸗ hoͤrenden Schloſſe war ſehr groß. Von Seiten meiner Mutter beſtand er zwar nur in einem Zuruͤckkehren zu alten Rechten und Gewohnheiten, doch konnte ſogar ſie ſich nicht ganz von gewiſſen Manieren los⸗ machen, die ſie waͤhrend ihrer Lehrzeit in der Schule der Armuth ſich angeeignet hatte. Jeder weiß, daß Reichthum, er mag er⸗ worben ſeyn wie er will, die unwiderſteh⸗ lichſte Anziehungskraft hat, weil er uns — 151— feine Weine, edles Obſt, koͤſtliche Fiſche, Wildpret und Gefluͤgel, ſchone Haͤuſer und elegante Meublen verſchafft. Alle dieſe ſchonen Dinge verſammeln um uns das, was mehr und beſſer iſt als ſie alle, die allerbeſte feinſte Geſellſchaft der Welt. Un⸗ ſere Nachbarſchaft war eine ganz gute Nach⸗ barſchaft. Da gab es Advocaten, die ſich von Geſchaͤften zuruͤckgezogen, Aerzte, die recht mitten drinne waren, uͤbermaͤßig reich gewordene Kaufleute und einige wenige, wirklich recht eigentlich dazu geborene und erzogene Landjunker. Sieben Meilen von uns gab es auch noch einen Baronet, und zweimal ſo weit, ungefäͤhr ein halbes Man⸗ del Lords. Ein Parlaments⸗Mitglied hatte ſeinen Landſitz und ſein Gut dicht an dem unſern, ſein Land begrenzte das unſrige, und auf unſerer andern Seite hatten wir den Hochachtbaren Sheriff der Grafſchaft. — 152— Es mag wohl wenige ſo gluckliche, von al⸗ len Seiten vom Gouvernement beſchuͤtzte Leute gegeben haben als uns; eigentlich lief es aber doch gegen die Ordnung der Dinge, daß die militaͤriſche Gewalt, deren Repra⸗ ſentant mein Papa war, von den Civil⸗ Maͤchten in Obhut genommen werden ſollte. Neugierde zog einen Zuſammenfluß aller dieſer verſchiedenen Leute in unſer Schloß. Meine Mutter war gewaltig ſtolz auf die⸗ ſen Beweis von Hochachtung. Arme Frau! Die ſieben Jahre, welche ſie in Liebe und einer Huͤtte zugebracht, hatten ſie gar ſehr zuruͤckkommen laſſen. Sie hatte viel von der Bekanntſchaft mit dem in der feinen Welt herrſchenden Prinzip und Modeton eingebuͤßt, die einſt ihre Zierde geweſen waren. leberdem kommen in einem ſo langen Zeitraume viele Aenderungen vor. Ihre tiefen Reverenzen und Knixe muͤſſen 4* — 153— denen ausgeſucht komiſch erſchienen ſeyn, welche langſt die weniger ceremonidſe Art der Kopfnicker und leichter Verbeugungen angenommen hatten. Wirklich habe ich einige Jahre ſpäter meine Mutter verſichern horen, daß ſie bei der bloßen Erinnerung daran noch errdthe. Ohne Zweifel moch⸗ ten unſere ungemein freundlichen Beſucher ſich nicht wenig daruͤber luſtig gemacht haben. Als kuͤnftiger Erbe der herrlichen Guͤ⸗ ter von Edward Malone Esq., naͤmlich meines verehrten Papa's, war ich in unſe⸗ rer Nachbarſchaft eine Perſon von großer Bedeutung und in allen Haͤuſern ein ſtets willkommener Gaſt, bis die Leute entdeck⸗ ten, daß ich aus purer Beſchraͤnktheit die gute Art hatte, in dem einen Hauſe zu erzäͤhlen, was ich im andern gehört und geſehen. Alle verehrliche Familien auf zehn — 154— Meilen in der Runde waͤren ſich daruͤber beinahe in die Haare gerathen. Ich bin vollig uͤberzeugt, mein werther Leſer! daß ein Menſch von Deiner Erfahrung und Herzensoffenheit ſich wundern wird, wie das geſchehen konnte; als ob wohl ein Freund vom andern etwas ſprechen wuͤrde, was er ſich nicht getraute ihm auch ins Geſicht zu ſagen. Es iſt auch moglich, daß die Leute um uns her damals eine ganz andere Art hatten, das Geſchaͤft der Viſiten und des geſelligen Umgangs zu be⸗ treiben, als in der uͤbrigen weiten Welt; ganz gewiß aber iſt es, daß es ſo bei uns zuging wie ich ſage, und Du ſollſt ſelbſt urtheilen, ob mich mein vortreffliches Ge⸗ dächtniß nicht zu einer ziemlich unbequemen kleinen Perſonage machen mußte. Wenn etwa Miſtreß Nugent zufal⸗ lig bemerkte, daß ihr Vetter, Sir Harry, — 165— alle Tage uͤbler ausſaͤh' und gewiß nicht lange mehr leben wuͤrde, ſo unterließ ich nie, ihn bei ſeinem nächſten Beſuche in un⸗ ſerem Hauſe mit einem mitleidigen Jam⸗ mer⸗ und Weh⸗Geſichte zu empfangen. Ganz natuͤrlich fuͤhrte dieſes Fragen herbei, die mit einem getreuen Berichte all der Winke, Andeutungen und offenherzigen Be⸗ merkungen erwiedert wurden, welche mich in dieſe melancholiſche Stimmung verſetzt hatten. Urtheile ſelbſt, geneigter Leſer! ob dieſes der Miſtreß Nugent ſehr angenehm ſeyn konnte? Es koſtete ihr vieles Dre⸗ hen und Wenden und eine Menge etymo⸗ logiſcher Unterſuchungen und Erklaͤrungen der Gleichniſſe und Redner⸗Figuren, deren ſie ſich bedient hatte, um nur alles wieder ins Gleis zu bringen. Auch meiner Mut⸗ ter und meinem Vater wurde ich bald ein recht läſtiger Apendix. Ich glaube, ich ver⸗ — 156— ſuͤndige mich ſtark gegen die Etikette, indem ich in dieſer Ordnung ihre Namen ſchreibe; ſie fallen mir aber allemal ſo ein und ich habe zu viel zu thun, um meine Zeit mit oöfterem Radiren verſchwenden zu koͤnnen. Alſo will ich lieber ein fuͤr allemal es her⸗ aus ſagen, daß meine Mutter einzige und unbeſchränkte Beherrſcherin des Hauſes war, mein Vater aber ſich damit begnuͤgte, ſeine Autorität uͤber Jäger, Jagden, Pferde, Hunde, Jagdhoͤrner, Wildpaſteten und al⸗ ten Hochheimer auszuuͤben. Mein vortreff⸗ liches Gedaͤchtniß war jedem von ihnen eine beſondere Qual; Beide waren hoͤchſt ge⸗ neigt, die letzten ſieben Jahre ihres Daſeyns total zu vergeſſen, es waͤre ihnen recht ge⸗ weſen, ſie zu annulliren, oder zu einem leeren Blatte zu machen„auf welchem ihr Stolz und ihre Laune die Scenen aufge⸗ zeichnet haben koͤnnten, die ihnen Beiden, ———— am meiſten zuſagten. Mein ſtetes Zuruͤck⸗ kommen auf die Wieſe und auf unſere Huͤtte, meine Anſpielungen auf unſere ehe⸗ maligen Mahlzeiten von Bohnen, Kohl und Speck brachten tägliche Unordnungen in meiner Mutter neues Syſtem. Sie war immer auf der Huth, um der Fort⸗ ſetzung derjenigen meiner kindiſchen Bemer⸗ kungen zuvor zu kommen, die auf dieſe Weiſe zu ſchließen droheten, dadurch nahm ich die Gewohnheit an, recht ſchnell zu re⸗ den, um ihren Unterbrechungen zu entge⸗ hen und in der That trug ich in dieſer Art von Wettlauf der Zunge ſehr oft den Sieg davon. um dieſem Ungemach zu entgehen, das ſie oft bis zum Unerträglichen reizte, ent⸗ ſchloſſen meine Eltern ſich endlich, mich im eilften Jahre zu einem Geiſtlichen am an⸗ dern Ende des Koͤnigreichs zu ſenden, wo 3 ———— — 158— ich mir etwas Gelehrſamkeit nebſt einiger Weltkenntniß erwerben und mich bemuͤhen ſollte, ein wenig geſcheidter zu werden. Aber ach! mein verehrter Lehrer war der allerunpaſſendſte Menſch in der Welt, um einen Knaben meiner Art in Obhut zu nehmen! Er hatte es nicht in ſeiner Ge⸗ walt, mir das zu lehren, deſſen Kenntniß ihm ſelbſt ganz und gar abging, ich meine die Sitten der großen Welt. Er war be⸗ ſchraͤnkt und einfach genug, um mir jeden Tag durch mathematiſche Gruͤnde und aus⸗ geſuchte Beiſpiele zu beweiſen: daß es beſ⸗ ſer ſey, jenem Wiſſen nachzuſtreben, deſ⸗ ſen ich mich bei meiner dereinſtigen Fort⸗ dauer in der Ewigkeit nicht zu ſchämen ha⸗ ben wuͤrde, als jene kleinen Lebenszierden mir anzueignen, die doch nur fuͤr dieſe Erde ſich paßten, und die ich wahrſcheinlich in einer hoͤheren Zukunft zu vergeſſen mich — 159— eifrig beſtreben wurde. Durch Ausuͤbung dieſer Grundſätze machte ich in allem ern⸗ ſteren Wiſſen bedeutende Fortſchritte, das heißt in Allem, was mir oder Andern kunf⸗ tig angenehm oder nuͤtzlich werden konnte. Es verſteht ſich, daß, als nun meine Erziehung vollendet war— denn ſo un⸗ glaublich es ſcheinen mag, ich wechſelte in allen dieſen Jahren meinen Lehrer nicht— daß ich, ſage ich, mich ganz bedauernswur⸗ dig in Allem zuruͤckgeblieben fand, was dazu gehoͤrt, ein wohlerzogener feiner jun⸗ ger Mann heißen zu duͤrfen. Ich hatte niemals Lord Cheſterfields Werk ganz geleſen, weil ich eine eigene Manier beſaß, die Seiten zu uͤberhuͤpfen, die mir auf den erſten Blick irgend etwas zu enthalten ſchienen, das ſich nicht mit der allerreinſten Moralität vertruͤge, die ich bar⸗ bariſcher Weiſe mit dem guten Geſchmacke — 160— verwechſelte. Auch Tanzen hatte ich nie⸗ mals gelernt, weil ich mir einbildete„ daß ich meine Zeit nuͤtzlicher anwenden koͤnne. Ich hatte auch nicht Voltigiren gelernt, ſondern mich begnuͤgt, mir durch fortge⸗ ſetzte Uebung im Laufen und Springen uͤber Hecke, Zaun und Bach, eine ziemliche Ge⸗ wandtheit der Glieder zu erwerben, die mich in den Stand ſetzte, uͤber alles weg⸗ zuſetzen, was meinen Wanderungen in un⸗ bekannte Wildniſſe ſich hindernd entgegen ſtellte. Mein Lebtage hatte ich keinen Friſeur gebraucht, ich ließ meine Locken gerade ſo liegen, wie ſie eben von ſelbſt fielen, ohne ſie aufwaͤrts und herunterwaͤrts, hinuͤber oder heruͤber, uͤber die Ohren oder uͤber die Stirn hinzuquaͤlen, oder ſie in irgend eine Modeform zu zwingen. Mit einem Worte: mein Lehrer war ein Vandale, ein Bäͤr, — 161— eine komiſche Figur, und ſein Schuͤler ſo wenig von ihm verſchieden, als ſein Spie⸗ gelbild. Uebrigens glaube und hoffe ich, daß Lehrer und Zoͤgling bona ſide im Her⸗ zen als demuͤthige Chriſten lebten und ſtarben. Ich war eine ganz herrliche Zuſam⸗ menſetzung von angenehmen Eigenſchaften fuͤr meine Mutter, um mich wieder im Hauſe zu haben, etwa ſo eine, die ſie wahr⸗ ſcheinlich mit eben dem Vergnuͤgen empfan⸗ gen mußte, wie ein Kranker, der eine Ar⸗ zenei hinunter wuͤrgt, deren Miſchung ihm Entſetzen erregt, weil jeder einzelne Be⸗ ſtandtheil derſelben ihm unuͤberwindlich zu⸗ wider iſt. Mein Vater und ſie waren beide vom Augenblicke an, da ich in das Haus des ehrwuͤrdigen Maſter Arundel kam, recht punktlich in ihrer Korreſpondenz mit mir. Leben und Sitte in England. I. 11 — 162 Zweimal im Jahre erhielt ich ganz regel⸗ maͤßig von ihnen zwei Briefe, die alle der großen Aehnlichkeit wegen, die ſie unter einander hatten, fuͤr Zwillingsbruͤder hät⸗ ten gelten koͤnnen. Die beiden folgenden moͤgen als Muſter dienen. An Edward Malone Jun. Esg. Mein lieber Sohn! Ich hoffe, Du erhaͤltſt guten Unter⸗„ richt und beſtrebſt Dich, einſt eine achtungs⸗ werthe Stellung in der guten Geſellſchaft ausfullen zu koͤnnen. Wir haben Herrn Arundel die gewoͤhnliche Summe geſandt und ihn gebeten, zu melden, ob vielleicht mehr nothig ſey. Ich hoffe, es wird Dich freuen zu hoͤren, daß Deine alten Freun⸗ dinnen, Lady Bertram, Mrs. Whar⸗ ton und Mrs. Nugent alle geſund und wohl auf ſind. Sir Harry haͤlt ſich ganz — 163— vortrefflich und ich ſollte meinen, es fehle ihm gar nichts, aber Miſtriß Nugent hat mir im engſten Vertrauen verſichert, daß er an einer innerlichen Auszehrung leidet, die um ſo gewiſſer und gefaͤhrlicher ſey, weil man gar keine aͤußern Zeichen derſel⸗ ben gewahre und daß er alſo nicht lange leben werde. Es ſollte mir ſehr leid thun, ſein Tod wuͤrde uns alle unſere Geſellſchaf⸗ ten um eine Perſon verringern, denn jetzt fullen wir gerade den großen Eßtiſch in dem mit Eichenholz getäfelten Eßzimmer zur linken Hand aus. Indeſſen hat Miß⸗ triß Nugent mir ſeine traurige Lage gleich entdeckt, als ich zuerſt mit ihr bekannt ward, und da ſie in der ganzen Zeit ihre Meinung in Hinſicht auf ihn nicht gean⸗ dert hat, ſo muß ſie doch wohl Recht haben. Dein Bruder und Deine Schweſter wachſen ſehr, und ich hoffe, fuͤr alle meine 11* 65 — 164— Sorgen dadurch belohnt zu werden, daß ſie, ſo wie auch Du, in unſeren Geſell⸗ ſchaften mir Ehre machen ſollen. Beide verſichern Dich ihrer Liebe, obgleich ſie ſich ganz gewiß Deiner nicht mehr erinnern, da ſie etwa fuͤnf Jahre und zwei Monate alt waren, als Du das Haus verließeſt und Kinder von dem Alter keines Gegenſtandes lange gedenken. Als ich ihnen aber ſagte, daß es ſich nicht anders ſchicke, antwortete Benno: es ſey ihm einerlei, ich moͤchte es in ſeinem Namen thun wenn ich wollte, und als ich Charlotten ihre neue Puppe nicht eher geben wollte, nun da verſicherte auch ſie Dich geſchwind ihrer Liebe, um ihr Spielwerk zu erhalten. Es wird mich ſehr freuen, Dich zu ſehen, da ich nicht daran zweifle, daß ich Dich ſehr zu Deinem Vortheil veraͤndert finden werde. Da es ſcheint, daß Du — 165— Deine Erziehung bei Herrn Arundel zu vollenden wuͤnſcheſt, ſo haben wir weiter nichts dagegen, daß Du bei ihm bleibſt, obgleich Benno einen Hofmeiſter hat, der wohl Euch beide hätte unterrichten kon⸗ nen. Da uns aber Herr Arundel ſo außerordentlich empfohlen worden iſt, ſo zweifle ich keineswegs, daß Du als ein ſehr wohlerzogener feiner junger Mann heimkehren und dadurch erfreuen wirſt Deine Dich liebende Mutter Charlotte Malone. An Eduard Malone Jun. Esg. Lieber Ede! Sieh Dich ordentlich um und laß Dich nicht vom Pfarrer zum Narren predigen. Deine Mutter hat ſich in dem Benno einen aufgenudelt, und ich denke, einer in der Familie reicht ganz vollkommen hin. — 166— Ich erwarte dagegen, daß Du im Stande ſeyn wirſt, mit mir ſo ein vierzig Meilen in einem Tage in gutem Trabe zu reiten, ohne uͤber Muͤdigkeit zu lamentiren. Ich haſſe die Milchſuppen⸗ und Gruͤtzkopfe. In Deinem Alter hatte ich ſchon eine Fahne und eine Uniform, von der ich glaube mit Fug und Recht behaupten zu konnen, daß ich, wenn ich ſie nicht gehabt haͤtte, nim⸗ mermehr Herr von Aubrey Park geworden waͤre, und da dieſe Beſitzung Dir nach meinem Hintritt zufallen muß, wie Du weißt, ſo hoffe ich, daß Du lernen wirſt, Pulver gerne zu riechen und Dein Wild ſelbſt zu ſchießen. Ein Ereigniß, was je⸗ doch, wie ich hoffe, der Himmel noch lange Jahre abwenden moͤge von Deinem Dich herzlich liebenden Vater Edward Malone. ——,——— — 167— Was nun eigentlich nach dieſen Brie⸗ fen von mir erwartet wurde, begriff ich ſelbſt nicht recht. Wenn nach meiner Mut⸗ ter Anſicht mein Bruder Benno ſo ſehr wohl gerathen war, ſo mußte ſie, dachte ich, zufrieden ſeyn, obgleich mein Vater, wie es ſchien, weniger Urſache dazu hatte. Doch was er eigentlich damit meinte: ich ſolle mich nicht zum Narren predigen laſſen, das wollte mir gar nicht recht klar werden. Als die Zeit nun wirklich nahte, in der ich Herrn Arundel verlaſſen ſollte, ſo bemuͤhte ich mich, ſo gut als es mir moͤglich war, mich der Geſellſchaft in der Gegend von Aubrey Park zu erinnern, doch, aufrichtig geſagt, keines der Bilder, die ich auf dieſe Weiſe mir zuruͤckrief, war mir lieb oder erfreulich. Ich erinnerte mich dunkel einer Maſſe von Thorheit und Eitel⸗ keit, die meine Neigung, dorthin zuruͤck zu — 168— kehren, auf keine Weiſe vermehrte. Lieber haͤtte ich mein Leben in Herrn Arundels Bibliothek, oder unter ſeiner armen, aber frommen Gemeinde zugebracht. Ich ſtudirte noch immer ſehr eifrig; Johnſons Ideen von der Moͤglichkeit, daß abgeſchiedene Geiſter der Lebenden Treiben beobachten konnten, hatte ſich mir ſo tief eingepraͤgt, daß ich es nie wagte, die Werke der großen Maͤnner, deren Gedächtniß leben wird, ſo lange es eine Zeit gibt, oberflaͤch⸗ lich oder nachläſſig zu benutzen, aus Furcht, mich dadurch gleichſam einer Verletzung des Gaſtrechtes ſchuldig zu machen, wenn ich ihre Worte mit unanſtändiger Unachtſam⸗ keit aufgenommen haͤtte. Dieſer Gedanke war von unendlichem Nutzen fuͤr mich, denn er gab mir die Gewohnheit, mit an⸗ geſtrengter Aufmerkſamkeit zu leſen, und durch gaͤnzliches Hingeben an meinen Autor N „ —,— — 169— erwarb ich mir eine große Leichtigkeit, ſchnell und mit Nutzen ſeinen Ideen zu folgen. Das naͤmliche Gefuͤhl hielt mich auch noch von tauſend andern Ungezogenheiten ab, die ich mir ſonſt hätte leicht koͤnnen zu Schulden kommen laſſen. Ich war nicht dreiſt genug, um in Gegenwart dieſer ho⸗ hen Geiſter ihre Fehler aufzuſuchen, ich konnte es nicht uͤber mich nehmen, zu be⸗ haupten, daß ihre Gedanken auf dieſe oder jene Weiſe beſſer auszudrucken geweſen waͤ⸗ ren, oder daß die Ideen, an und fuͤr ſich ſelbſt, verworren oder unklar ſeyen. Ich haͤtte ja gleich daran denken muͤſſen, daß ſie mich hoͤren und meine Thorheit belachen konnten, und durch dieſen Gedanken wurde ich in meinen eigenen Augen ſehr geſunken ſchn. Waͤre dieſe Anſicht allgemeiner, wie viel zahlloſe Kommentatoren, Erlaͤuterer, — 170— Erklarer und Berichtiger wuͤrden nicht ihre Werke ſammeln, und ſie einige Jahre fruͤ⸗ her zerſtoͤren, als deren eigene Unbedeuten⸗ heit es ohnedies etwas ſpäter gethan haben wuͤrde. Ich habe im Allgemeinen immer einen entſchiedenen Widerwillen gegen Scho⸗ liaſten gehegt und ob die modernen Kritiker dieſer Art ſich dazu eignen, ihre Vorgaͤnger von der auf ihnen haftenden Berachtung zu erloͤſen, daruͤber moͤgen Andere als ich entſcheiden. Sogar wenn ich im Begriffe geweſen waͤre, die geliebteſten und achtungswerthe⸗ ſten Eltern der Welt wieder zu ſehen, und einem Kreiſe ausgezeichneter Geiſter und zaͤrtlicher Freunde zugefuͤhrt zu werden, ſo⸗ gar dann wuͤrde ich mit dem herzlichſten Bedauern von Herrn Arundel geſchieden ſeyn. In meiner jetzigen Lage wurde die⸗ ſes Bedauern ſehr ſchmerzlich. Ich bekenne — 171— ohne Zoͤgern, daß ich mich in meinem drei⸗ und zwanzigſten Jahre nicht ſchaͤmte, bit⸗ terlich zu weinen. Herr Arundel war nicht weniger bewegt, doch unterdruͤckte er ſeine Betrüͤb⸗ niß, da er die meine ſah.„ Geh', mein Sohn!“ ſprach er,„und nimm den Platz in der Geſellſchaft ein, fuͤr den Du einmal beſtimmt biſt. Murre nicht gegen die Fuͤ⸗ gung des Himmels, ſondern glaube feſt, daß die Stellung, in der Du biſt, die paſ⸗ ſendſte und beſte fur Dich iſt. Vermeide das Unbedeutende und Du wirſt ſchwerlich mit dem Laſterhaften in Beruͤhrung kom⸗ men. Sey tugendhaft ohne ſtreng zu ſeyn, glaube nicht, daß ein ſchlechter Menſch im⸗ mer wirklich ſo ſchlecht ſey, als er es Dir ſcheint, denn Du kannſt feſt uͤberzeugt ſeyn, ſein Gewiſſen macht ihm mitunter zufaͤllige und heimliche Beſuche, von welchem fremde Augen nichts gewahren. Sey großmuͤthig aber nicht leichtgläubig, ſcharfſichtig aber nicht argwoͤhniſch. Wenn die Sitten der⸗ jenigen, unter die Du geräthſt, nicht im⸗ mer gerade Deinem Wunſche entſprechen, ſo troͤſte Dich damit, daß ſie noch viel ſchlimmer ſeyn koͤnnten. Lebe wohl, und ſey uͤberzeugt, daß das hochſte Ziel, wel⸗ ches menſchliche Krafte erreichen koͤnnen, darin beſtehe, ein aͤchter Chriſt zu ſeyn.“ Dieſe Worte ſind ein treues Muſter⸗ bild des allgemeinen Inhalts der Lehren meines verehrten Freundes. Urtheile ſelbſt, ob ſie ſo viel von der Weltkenntniß ent⸗ halten, die ich bei ihm erlernen ſollte? ob ſie nicht ganz dem Weſen eines Landpfar⸗ rers entſprechen, und ob Jemand, der ſei⸗ nen hoͤchſten Stolz darinnen ſuchte, ihnen zu folgen, ſich dazu eignete, eine gute Fi⸗ gur im geſelligen Leben zu ſpielen? Mit einem Worte, ich war auf gutem Wege, unter den Einwohnern von Aubrey Park als eben der große Thor wieder zu erſchei⸗ nen, der ich vor Jahren geweſen war, als ich von dort geſchieden. Dennoch hoffte ich auf manche Freude bei dieſer meiner Heimkehr. Als mich eine Reiſe von einigen Stunden in Stand ge⸗ ſetzt hatte, die Trennung von meinem ver⸗ laſſenen Freunde etwas weniger ſchmerzlich zu fuͤhlen, wandte ich meinen Sinn mit einigem Wohlgefallen zu denen, die ich nun zu beſuchen ging. Ich darf nicht behaup⸗ ten, daß ich eine recht innige beſondere Ehrfurcht vor meinen Eltern empfand, ſon⸗ dern vielmehr eine pflichtmaͤßige, aber da⸗ bei auch ſo viel natuͤrliche Anhaͤnglichkeit, als ein Sohn nur hegen kann, dem die Urheber ſeiner Tage perſoͤnlich fremd ſind. Ueberdem empfand ich in meinem Herzen — 174— ein gewiſſes freudiges Klopfen, wenn ich bedachte, daß zwei Weſen in der Welt waren, welche mir die Natur ſelbſt zu Freunden beſtimmt hatte; ich meine meinen Bruder und meine Schweſter. Mir war, als ſolle ich einem neuen Theile meines Selbſts vereinigt werden, das mich unter⸗ ſtuͤtzen und dafuͤr von mir wieder getragen und gekraͤftigt werden muͤſſe. Ueberdem pflegte das Errathen neuer, mir unbekann⸗ ter Charaktere mir die naͤmliche Befriedi⸗ gung zu gewähren, die ein Reiſender em⸗ pfindet, der auf neue Entdeckungen reiſet, und ſich in ganz fremden Gegenden befin⸗ det, deren Boden und Producte ihn eben ſo ſehr intereſſiren, als die ihnen eigen⸗ thuͤmlichen Unregelmaͤßigkeiten und Abwei⸗ chungen von andern, ihm bekannten Län⸗ dern. Meine Seele hatte eine eigene Fů⸗ higkeit erlangt, mit faſt microscopiſcher Ge⸗ — 175— nauigkeit die zarteſten Unterſchiede in der Structur der menſchlichen Natur zu gewah⸗ ren. Ich hatte wirklich die vortrefflichſten Anlagen, ein ſehr ausgezeichneter Weltmann zu werden, haͤtten es nur meine Vernunft, meine Erziehung, meine Grundſaͤtze und meine Neigung dazu kommen laſſen, und haͤtte meine Religion das Streben nach einem ſo loblichen Standpuncte mir nicht ſo oft verleidet. Als ich in den, zum vaͤterlichen Hauſe gehdrenden Park trat, blickte ich um mich, um die Gegenſtaͤnde wieder zu erkennen, von denen ich glaubte, daß ſie ſich meinem Gedächtniſſe am tiefſten eingeprägt haͤtten. Aber vergebens ſuchte ich den großen Ra⸗ ſenplatz, auf welchem ich ſo oft mich her⸗ umgetummelt hatte, vergebens den breiten geraden Gang, auf dem ich mit dem Va⸗ ter um die Wette gelaufen war. Beide waren verſchwunden, vor mir und auf bei⸗ den Seiten nicht zu entwirrende Irrgaͤnge, in denen ich vergeblich die geraden Winkel der alten Zeit ſuchte. Ich fing an, daran zu denken, meine geometriſchen Anfangs⸗ gruͤnde mir zuruͤck zu rufen, um heraus zu bringen, welche Figur ſie wohl vorſtel⸗ len moͤchten. Euclid ſelbſt wuͤrde wahr⸗ ſcheinlich in große Verlegenheit gekommen ſeyn, wenn er das Prinzip, auf welchem die Berechnung all dieſer vermehrten und ver⸗ minderten und zuruͤckkehrenden Linien be⸗ ruhte, hätte auffinden ſollen. Wunderliche Gebaͤude ſtarrten mich von allen Seiten an, fliegende Ungeheuer in der Mitte klei⸗ ner Teiche ſpieen zwanzig Fuß hohe Waſ⸗ ſerſtrahlen aus. Sämmtliche Alleen und Blumenparterre waren verſchwunden, alle die vielen, der Ausſicht wegen angebrachten ſogenannten Aha's waren zugemacht; die — 177— Lauben, die Bäume, die Gebuͤſche, welche die dem Winde ausgeſetzte Seite des Ge⸗ baͤudes ſchuͤtzten, waren theils ſo umgegra⸗ ben, theils ſo umgebaut und umgehauen, daß es mir beinahe vorkam, als ob ich mich gar nicht mehr auf dem Grund und Boden von Aubrey Park zu Hauſe befaͤnde. Ich mußte auf meine eigene Hand uͤber die poſflerlichen Verwandlungen lachen, die hier vorgegangen waren. Eine ſchoͤne Summe, dachte ich, mag dieſes Heer von Baals und Aſtarots, und Dagons und an⸗ dern Gotzenbildern gekoſtet haben. Wie ſchnell wuͤrde dieſer Aufbau der Thorheit vor den Waffen des guten Geſchmacks und des richtigen Gefuͤhls zuſammen ſtuͤrzen! Wenn Aubrey Park jemals mein wird, ſo— ich ſtockte, mir fiel ein, weſſen Hand erſt hier geſchaͤftig walten muͤſſe, ehe die Reihe an mich kaͤme, und ob ich ihr nicht Leben und Sitte in England. I. 12 eben ſo leicht noch vorher zum Opfer fal⸗ len koͤnne? Endlich ſtand das ganze Haus vor mir— und was fuͤr ein Haus! gewiß ich mußte irre gegangen ſeyn. Und doch, dachte ich, indem ich wieder hinſah, das iſt doch gewiß das Fenſter der Kinderſtube, und das darunter iſt meiner Mutter Wohn⸗ zimmer, und unter demſelben liegt das große getaͤfelte Eßzimmer, deſſen anſehnliche Dimenſionen meine Mutter bewogen, fuͤr das Leben des guten Sir Harry Vorbitte einzulegen, auf daß er doch, ſogar trotz der trefflichen Miſtreß Nugent, noch einige Zeit lang am Leben bleiben moͤge. Nun, ich ſehe wohl, ich habe mich nicht geirrt, ich hatte Recht, aber das Haus hat Unrecht; denn mir ahnet, daß das Alles ein oder den andern Tag ſammt und ſon⸗ ders wieder herunter kommt, wenn es . — 170— dem Himmel gefällt, mir das Leben zu erhalten. Die alten gothiſchen Fenſterſcheiben waren durch neue Schiebefenſter von Spie⸗ gelglas erſetzt, durch welche die muſelinenen und roſenrothen Draperien, mit ſammt ih⸗ rem griechiſchen Faltenwurf, hindurch ſchim⸗ merten. Der graue Stein, der ehemals dem Schloſſe ein ſo ehrwuͤrdiges Anſehen gegeben, war mit einem weißen glatten Mortel uͤberdeckt, der mich nun gleich wie⸗ der an unſere ehemalige weiß getuͤnchte Hutte erinnerte. Dann gab es hier auch ein doriſches Portal und ein roͤmiſches Mo⸗ ſaik⸗Pflaſter, und einen vergitterten Bal⸗ kon und einer Laube von Lattenwerk, un⸗ gefahr einen Bogenſchuß von dem entfernt, was ſonſt ein feſter Eckthurm geweſen war. Solch eine Menge ſich widerſprechen⸗ der, unpaſſender und ſtörender Dinge mochte 12 v * — 180— ſeit Noah's Arche ſich nicht wieder zuſam⸗ men gefunden haben. Da ich bei Herrn Arundel mich ge⸗ woͤhnt hatte, immer ohne Umſtaͤnde gera⸗ dezu zu gehen, ſo fiel es mir nicht ein, durch lautes Klopfen an der Hausthuͤre Allarm zu ſchlagen und dadurch meine An⸗ kunft kund zu thun. Ich gieng ganz ohne Umſtände in das Haus und wunderte mich nicht ſonderlich, als ich bemerkte, daß deſ⸗ ſen innere Verwandlung mit der aͤußeren Schritt gehalten. Ich oͤffnete die Thuͤre unſeres ehemaligen Wohnzimmers, es war leer. Ich ging durch daſſelbe in ein klei⸗ neres Zimmer, was ich kindiſcher Weiſe mir ehemals angeeignet hatte, es ſah jetzt wie ein von Caprize und Laune eingerichte⸗ tes Boudoir aus. Hier ſtand ich eine Weile, und nahm mich gewaltig zuſammen, um nur einigermaßen mich hier wieder zu⸗ — 181— rechte zu finden. Ich konnte mir nicht hel⸗ fen, es kam mir vor, als wandle ich in einem neu aufgeputzten Theater⸗Himmel, auf blauen Wolken, von goldnen Sternen uberwolbt; ein großer Jupiter bildete das NRittelſtuͤck, ihm ſtanden vier Cherubim an den vier Ecken zur Seite, mit roſenfarb und weiß getupften Geſichtern, die wie ge⸗ ſprenkelte Seifenkugeln ausſahen, und mit großen Fluͤgeln geſchmuͤckt, die hinter den Ohren ihnen hervorſproßten. Plotzlich er⸗ ſchutterte ein drohnender Klang meine Ge⸗ hors⸗Nerven; im erſten Momente ſchien er mir vom Fall einer Statue, wenigſtens nicht kleiner als die des Herkules in Som⸗ merſethouſe, herzuruͤhren; bald aber ent⸗ deckte ich, es ſey der praludirende Accord einer donnernden Symphonie, die im naͤch⸗ ſten Moment wirklich, mit alles zerſchmet⸗ ternder Kraft der Begeiſterung, lospraſſelte. — 182— Ich oͤffnete eine kleine Glasthuͤre und trat in das Muſikzimmer. Haͤtte man die ganze Erde darnach durchſucht, ſo glaube ich doch, man haͤtte nicht verſchiedenartigere Inſtru⸗ mente zuſammenbringen koͤnnen, als ſich hier vereint fanden. Alle, von denen ich jemals gehoͤrt, oder geleſen, oder auch nur getraͤumt, fielen mir plotzlich zugleich ins Auge. Ein muſikaliſcher Autor haͤtte eine Abhandlung von fuͤnfhundert Folio⸗Seiten uͤber alle ihre ſeltſam verſchiedenen Formen allein ſchreiben koͤnnen, ohne nur ihres Klanges dabei zu erwähnen. Nur ein groſ⸗ ſes Flugel⸗Pianoforte wurde in dieſem Mo⸗ mente geſpielt. Aber welch eine Spielerin! Solch eine verſchwenderiſche Prachtausſtel⸗ lung von Nacken, Schultern, Armen und Beinen war mir noch nicht geboten wor⸗ den. Ich ſtand ſtill und beſah ſie mir, mit einem Ernſte, der ganz deutlich aus⸗ — — 183— ſprach, wie ungewiß ich daruͤber ſey⸗ ob ſie zu den Automaten oder zu den lebenden Geſchopfen zu rechnen wäre. Wenn das erſte„ ſo war ſie das großte Wunder der Mechanik, das mir in meinem Leben vorgekommen. Solche Stel⸗ lungen! ſolcher Ausdruck! Ich erklaͤrte ſie mir endlich fur irgend eine Oper⸗Figuran⸗ tin, die nach Aubrey Park geholt worden ſey, um meiner Schweſter im Tanz und in Muſik Unterricht zu ertheilen. Sie be⸗ merkte mich Anfangs nicht, und ſo hatte ich Zeit, ſie nach Gefallen zu betrachten. Als endlich meine alberne Gewohnheit, ſo vor mich hinzubrummen, ihr meine An⸗ weſenheit verrieth, fuhr ſie mit einem ſehr hubſchen Ausdruck der Ueberraſchung in die Hoͤhe, machte mir eine Art von Knicks, den ich mit einem Kopfnicken erwiederte, ſetzte ſich dann wieder und fing an mit mir — 184— vom Wetter zu reden. Mir ſpuckte noch immer die Oper im Kopfe herum, daher antwortete ich ihr ziemlich kurz weg, doch nun ſchien es ihr mit einemmale an der Zeit, nach dem Rechte meiner Anwartſchaft an ihre Unterhaltung, ſich zu erkundigen. Hier, iſt es weit gekommen, dachte ich heim⸗ lich, daß ſo eine Opern⸗Mamſell ſich un⸗ terſteht, das Anſehen meiner Perſonlichkeit in Zweifel zu ziehen, während mein Die⸗ ner gewiß wohl befugt waͤre, ſich auf glei⸗ chen Fuß mit ihr zu ſtellen!„Madame“, antwortete ich,„ich bin ein verirrter Wan⸗ derer, der auf bekanntem Boden zu ſeyn glaubte und ſich ploͤtzlich in den Wolken findet. Mein Name“, fuhr ich mit einem großen Blicke fort, der ſie vollends zer⸗ ſchmettern ſollte,„mein Name, Madame, iſt Eduard Malone.“ Sie ſprang mit einem allerliebſten Ge⸗ — 185— kicher in die Hohe und ſtreckte mir beide Haͤnde entgegen. Ich fuhr erſchrocken zuruͤck. unverſchaͤmtheit und Thorheit gepaart! dachte ich; will die Dirne im Ernſt mit mir ſchoͤn thun? Will ſie es wirklich! Ich wuͤnſche, lieber Leſer! Dir moge einleuchten, daß mein Unwille keineswegs auf albernen Hochmuth gegruͤndet war. Zwar bin ich eben kein Bewunderer der vollkommenen Gleichheit der Staͤnde, doch ſchaͤtze ich ächte Wuͤrde, ſie mag hinter einer Hecke gebettet ſeyn, oder auf einem weichen Dunen⸗Bette mit damaſtnen Um⸗ haͤngen, und obendrein mit einem koͤnig⸗ lichen Federbuſch gezieret. Nur wenn das Unbedeutende ſich gewaltſam vordrängt, wird es mir zuwider und veraͤchtlich. Ich ſelbſt halte es immer fuͤr unpaſ⸗ ſend, mit Leuten dieſer Art wie mit unſe⸗ res Gleichen umzugehen. Wenn wir denn wirklich ſo gar kritiſch und verwoͤhnt und elegant ſind, daß wir nur das Vollendete und Trefflichſte im Geſang und in der Mu⸗ ſik uͤberhaupt hoͤren und ertragen koͤnnen, nun wohl, ſo laßt uns den Genuß haben, doch der Kuͤnſtler werde nach ſeinem von ihm ſelbſt feſtgeſetzten Preiſe bezahlt und mit guͤtiger Freundlichkeit behandelt, ohne ihn zu unſerm Range zu erheben, ihn zu ver⸗ goͤttern und zu verwoͤhnen, als ob ſein Ta⸗ lent, was doch von der niedrigſten Art iſt, da es nur dazu dient, eine muͤßige Stunde zu ſchmuͤcken, ihm ein Uebergewicht, ſowohl uͤber diejenigen gaͤbe, die er ergötzte, als uͤber den Geiſt, deſſen Erfindungen ihm Stoff und Gelegenheit zu ſeinen Leiſtungen bietet. Doch ich vergeſſe, daß ich während dieſer ganzen Abſchweifung von meiner Ge⸗ —————— ———— — 187— ſchichte die Dame vor mir ſtehen laſſe. Mein Benehmen ſchien nicht ihren Beifall zu gewinnen, ſie neigte nur kaum merklich das Haupt, indem ſie ſagte:„Es ſcheint als ob Eduard Malone kein beſonderes Wohlgefallen an ſeiner Schweſter Char⸗ lotte findet.“ Meine Schweſter Charlottel Die⸗ ſes aufgeputzte, halbnackte, kokett ausſe⸗ hende Mädchen meine Charlotte! Die zarte zierliche Charlotte, die meiner Phantaſie vorſchwebte! Unmoͤglich! Und doch war es ſo. Ich werde mich hier wie ein armer Narr ausnehmen, wenn alle Leute dieſer feinen Dame gleichen, dachte ich. Was das fuͤr einen Unterſchied macht, in einer Dorf⸗Pfarre, oder in den ſtattlichen Saͤ⸗ len von Aubrey Park aufgewachſen zu ſeyn! Indeſſen behielt ich doch Geiſtesge⸗ — 188— genwart genug, um meine Schweſter ziem⸗ lich bruͤderlich zu umarmen. Sie nahm meine Liebkoſungen mit vieler Gutmuͤthig⸗ keit auf und gefiel mir dadurch beſſer, als bei dem erſten Erſcheinen. Und meine Mutter? und der Vater? und mein Bruder? wo ſind ſie? wo kann ich ſie finden? ich fuhle mich hier wie in einem ſehr fremden Lande und ſehne mich darnach, mich ſelbſt zu uberzeugen, daß ich wirklich zu Hauſe bin. Ohne zu antworten, klingelte ſie; ein Bedienter erſchien; er war ſo mit Gold be⸗ blecht und ſo weiß gepudert, daß ich, wie fruͤher meine Schweſter fur eine Operntaͤn⸗ zerin, jetzt ihn beinahe fuͤr einen Comoͤ⸗ dianten angeſehen hätte, den Charlot⸗ tens Klingel im Probiren ſeiner Rolle in vollem Coſtuͤm geſtort habe. „Meldet ſogleich an Miſtriß Mal one, — 189— daß Herr Eduard Malone angekommen iſt“, ſprach meine Schweſter,„und fragt ſie, ob ſie ihn hier oder in ihrem Wohn⸗ zimmer empfangen will?“ O weh! in welch eine, aus Zeremo⸗ niel, Kaͤlte und Foͤrmlichkeit ʒuſammenge⸗ ſetzte Welt bin ich gerathen, dachte ich. „Mein Vater iſt auf der Jagd“, fuhr Charlotte fort,„und wird, denke ich, in einer halben Stunde zuruͤckkehren. Ben⸗ jamin aber iſt gerade jetzt mit ſeinem Hof⸗ meiſter ſo beſchaͤftigt, daß ich es nicht recht wage, ihn zu ſtoren.“ „Bei Leibe nicht!“ erwiederte ich; „mich freut es, ihn ſo in ſeinen Studien vergraben zu finden.“ Charlotte lachte unmaͤßig; ich, der ich mir weder in meinen Worten noch in meiner Erſcheinung irgend etwas Lächer⸗ lichem bewußt war, wartete ſehr gelaſſen — 190— auf eine Erklaͤrung dieſes Beweiſes ihrer guten Laune.„Mein lieber Bruder, ver⸗ gib, aber auf Ehre, Du ſcheinſt mir ein vollkommener Philiſter geworden zu ſeyn. Das Studiren mag zwiſchen den Huͤgeln und Thaͤlern von S— hire ganz vortreff⸗ lich ſeyn, aber glaube mir, in Aubrey Park iſt es erſchrecklich abſurd. Nein, nein! ich gebe Dir mein Wort darauf, Benjamin wird ſich wohl davor huͤten, ſich Teint und Augen mit Bruͤten uͤber alten räuche⸗ rigen Folianten zu verderben. Er und Herr Vaurien haben geſtern eine Billiard⸗ Wette mit einander verabredet, und nun ſind ſie ſchon den ganzen Morgen daruber her, ſie zu entſcheiden.“ Ich konnte nicht antworten, aber ich glaube, mein Schweigen war ziemlich aus⸗ drucksvoll. Charlotte erroͤthete und ſchien bedeutend erleichtert, als der goldbeblechte —— Patron wieder erſchien und mich zu meiner Mutter berief. Ich folgte ihm, innerlich feſt entſchloſſen, uͤber das, was ich geſehen und gehoͤrt, keine Bemerkungen zu machen; dennoch konnte ich einen Seufzer nicht un⸗ terdruͤcken, indem ich der Gemuͤthlichkeit und Freundlichkeit gedachte, deren ich in Herrn Arundels Pfarre mich erfreuen konnte. Ich hatte keine Zeit, meiner Mutter Aeußeres zu betrachten, denn kaum war die Thuͤre geoffnet, ſo flog ſie mir entge⸗ gen, um mich an ihr muͤtterliches Herz zu ſchließen. Was ſie auch uͤbrigens fuͤr Em⸗ pfindungen und Schwaͤchen in ihrem Ge⸗ muͤthe Raum gegeben haben mag, mit kind⸗ lich dankbarer Zaͤrtlichkeit muß ich es aus⸗ ſprechen, ihre Kinder hat ſie immer innig und muͤtterlich geliebt. Ihre guͤtige Auf⸗ nahme beſchwichtigte gar ſehr die unange⸗ — 192— nehmen Gefuhle, welche die vorhergehenden Scenen in mir erregt hatten. Ich fand Troſt darin, dem Ueberfließen natuͤrlicher Anhaͤnglichkeit dadurch zu genuͤgen, daß ich ihre Liebkoſungen annahm und innig erwie⸗ derte. Sie fragte mich nun uͤber Herrn Arundel aus, bemerkte, wie groß ich ge⸗ worden, bewunderte die naturliche Krauſe meiner Locken, die, wie ſie mich verſicherte, ganz in der Mode waren, empfahl mir Benjamins Schneider und gab mir den guten Rath, mir ja von Benjamins Diener die Halsbinde anlegen zu laſſen. Ich glaube nicht, daß alle dieſe Rath⸗ ſchlaͤge und Bemerkungen, im Moment, da ſie dieſelben ausſprach, ſich ganz ſo abſurd ausgenommen haben mogen, wie hier in der Wiederholung derſelben. Es lag etwas wohlmeinend Guͤtiges in meiner Mutter Art und Weiſe, das ſogleich den Weg zu meinem Herzen fand, und mir die Ueber⸗ zeugung gab, mein groͤßtes Vergnuͤgen werde darin beſtehen, ihr Freude zu machen. Sie behielt mich bei ſich, bis es fuͤr ſie hohe Zeit war, an ihre Toilette zu gehen, und entließ mich mit der Ermahnung, mit der meinen ja nicht mehr als eine halbe Stunde zuzubringen, da das Eſſen um 6 Uhr aufgetragen werde und es Herrn Ma⸗ lone immer ſehr verdrießlich mache, wenn er warten muͤſſe. Eine halbe Stunde, um Kleider zu wechſeln! Ein ſolcher Zeitraum, täglich ſo verloren, mußte faſt zwei Monate meines Daſeyns in einem Jahre mir rauben; und wenn man das menſchliche Lebensziel auf ſiebenzig Jahre ſetzt, ſo wurde ich in die⸗ ſer beſchaͤmenden Verſchwendung am Ende meiner Tage beinahe zwolf Jahre der kurzen Spanne Zeit vergeudet haben, die mir ver⸗ Leben und Sitte in England. I. 13 — 194— —— gonnt war. Nein! dachte ich, liebe Mutter! Sogar dir zu Gefallen, muß dieſer mein kaͤrg⸗ lich mir zugemeſſener koſtbarſter Schatz nicht auf ſo uͤbermuͤthige Weiſe vermindert werden. Ich begann einen Brief an Herrn Arundel, in welchem ich alles gegen ihn ausſprach, was in meinem Innern ſich ge⸗ regt hatte, ſeit ich die Pfarrei verlaſſen, zu der mein Herz mit immer neuer Freude und immer neuem Kummer ſtets zuruͤck⸗ kehrte. Dieſe Beſchaͤftigung gewaͤhrte mir den reinſten Genuß, der mir ſeit unſerer Trennung geworden. Mir war, als hoͤre mein mehr als vaͤterlicher Freund meinem Berichte zu; indem ich ſeine Ermahnungen mir vergegenwärtigte, konnte ich ſeine Be⸗ merkungen und Lehren voraus errathen, und mir gleichſam antworten. Ein Sich⸗ gehenlaſſen dieſer Art in ſeinen Phantaſien iſt nicht blos harmlos, es iſt ſogar nuͤtz⸗ lich; mich beſaͤnftigte es nicht nur, es be⸗ lehrte mich auch. Die Haͤlfte meines Papiers war kaum vollgeſchrieben, als ein fuͤrchterliches Con⸗ zert aus Pfeifen, Hallohrufen, Hufſchlaͤ⸗ gen, Stuͤckchen von alten Jagdliedern, Hundegebell, Doggengeheul, Jagdhornern und Jägerfluͤchen zuſammengeſetzt/ mich un⸗ terbrach. Gewiß eine herrliche Muſik fuͤr den Jagdfreund, mir aber konnte ſie eben keinen angenehmen Eindruck gewaͤhren. Mein Vater begruͤßte mich, indem er mich kräftig bei der Hand ſchuͤttelte, machte dann einige Bemerkungen uͤber meine Ge⸗ ſtalt und mein gutes Ausſehen, meinte: ich ſehe wohl darnach aus, als ob ich nicht leicht beim Verenden des Hirſches fehlen wuͤrde, und ſtellte mich endlich ſeinen Ge⸗ fährten als ſeinen Erſtgeborenen vor⸗ Die Waipnniet mich i — 196— mit ſcharfen Blicken. Sie ſchienen die Pro⸗ portionen meines Koͤrpers ſo genau zu meſ⸗ ſen, als ob ſie ein Gatterthor von fuͤnf Querholzern vor ſich haͤtten, uͤber welches ihr Pferd ſetzen ſollte. Ich weiß nicht, was das Reſultat dieſer genauen Beobach⸗ tungen geweſen ſeyn mag, aber ſie begruͤß⸗ ten mich auf dieſelbe rauhe Weiſe, wie mein Vater gethan. Das Eſſen ſtand auf dem iſche, und Benjamin erſchien noch immer nicht. Ich ſaß am Oberende des Tiſches, meiner Mutter zur Rechten, Charlotte auf der andern Seite neben mir. Dieſe Einrich⸗ tung ſchien mir ein Bruch der Hoͤflichkeits⸗ regeln gegen unſere Gaͤſte, und ich fluſterte dieſe Bemerkung meiner Mutter leiſe zu. „Was Du meinſt, waͤre alles gut und ſchoͤn“, erwiederte ſie,„wenn wir eine von unſern großen Mittagsgeſellſchaften eben ——— — 1— gäben, aber dieſes da ſind nur Deines Va⸗ ters Gefahrten, deren einziges Geſchaͤft Ja⸗ gen, Eſſen und Trinken iſt. Der Erbe des bedeutendſten Gutes in der Gegend hat ge⸗ wiß bei ihnen, wenigſtens meiner Anſicht nach, das Recht des Vorrangs an ſeines Vaters Tiſche. Die Herren, die Du da ſiehſt, haben auch recht huͤbſche Beſitzungen, aber Alle konnen nicht das Beſte haben, das zeichnet Dich aus.“. Das zeichnet mich aus! Der Ueber⸗ ſchuß von einigen Ackern Landes zeichnet mich aus! wie gedemüthiget war mein Stolz! meine gute Mutter iſt keine große Philoſo⸗ phin, dachte ich. 03 Charlotte hatte unſer kurzes Ge⸗ ſpraͤch mit angehort.„Lieber Bruder“, ſetzte ſie hinzu,„mit den Leuten hier brauchſt Du nicht an Etikette zu denken! Ohne ſie zu verſtehen, wuͤrden ſie ſie lächer⸗ „ tich machen, weil ſie ihren Anſichten von Behaglichkeit entgegenſtreitet. Da iſt auch nicht ein Einziger von all dieſen Maͤnnern, der es nicht vorziehen wuͤrde, ſein Mittags⸗ brod im Stalle ſeines Lieblingshundes, und in Geſellſchaft desſelben zu verzehren, als der Frau vom Hauſe, bei den Honneurs der Tafel, die ſie zu machen hat, mit Vor⸗ legen und dergleichen zur Hand zu gehen. Sie wuͤrden lieber einen Eimer ſchlechtes Bier aus dem Jagdhorn ihres Jägers, als zu Ehren einer Dame ein Glas Wein trin⸗ ken. In dieſem Augenblicke wuͤnſchen ſie eben chriſtlicher Weiſe den Benno ins rothe Meer, wo es am tiefſten iſt, weil das Wildpret kalt zu werden droht.. In dieſem Augenblicke erſchien mein Bruder zur großen Erleichterung meines Vaters, der während der letzten zehn Mi⸗ nuten ſichtlich ungeduldig mit Meſſer und — — — 199— Gabel geſpielt hatte. Benjamin ver⸗ beugte ſich ſehr kalt gegen die Gaͤſte und ſtreckte mir herablaſſend die Finger entge⸗ gen, als mich die Mutter als ſeinen alte⸗ ſten Bruder ihm vorſtellte. Ich bin immer ſo eine Art von Phiſiognomiker geweſen und konnte mir nicht helfen, es kam mir vor, als betrachte er mich mit einem Gefuͤhl, das dem des Eſau nicht unaͤhnlich war, als dieſer erfuhr, Jacob habe ihm den Se⸗ gen des Vaters geſtohlen. Herr Vaurien, ſein Lehrer, machte mir eine tiefe Verbeugung, die ich nicht anders als eben ſo hoflich erwiedern konnte, obgleich mir die Mutter zufluſterte, daß ein leichtes Kopfnicken hinlaͤnglich geweſen waͤre. Ich fuͤhlte mich durch dieſen Tadel etwas betroffen, beſonders als ich die Au⸗ genbraunen meines Bruders mit dem Aus⸗ drucke des Uebermuths in die Hohe gezogen — 200— bemerkte. Er und Charlotte wechſelten ein Paar Blicke des Einverſtändniſſes mit einander, die mich eben nicht in eine beſ⸗ ſere Stimmung verſetzten. Ich fuͤhlte mich nicht daruͤber beſchaͤmt, daß ich dem Lehrer meines Bruders hoflich begegnet und ihn als meines Gleichen be⸗ handelt hatte, aber es war mir unange⸗ nehm, die Sitte des Hauſes oder vielmehr der Geſellſchaft nicht verſtanden zu haben, und ich errothete daruͤber, daß ich noch ſo neu in der Welt ſey. Es fand eine ſo vollkommene Tren⸗ nung der Geſellſchaft ſtatt, als ob wir an zwei verſchiedenen Tafeln geſeſſen hätten. Meine Mutter ſaß in der Mitte, ich und Charlotte ihr rechts, Benjamin und Herr Vaurien zu ihrer linken, wir bil⸗ deten einen Cirkel fuͤr uns, den unſer Ge⸗ ſpräͤch nicht uberſchritt. Die einzige Ver⸗ — 201— bindung zwiſchen uns und meines Vaters Gäſten ward durch das uͤberlaute Sprechen derſelben erhalten, dem wir gezwungen zu⸗ hoͤren mußten. Ich bemerkte, daß mein Vater bei weitem den groͤßten Antheil der Aufmerkſamkeit ſeiner Gefaͤhrten auf ſich ſelbſt zog. Um ſeine Art ein wenig begrei⸗ fen zu lernen, gab ich auf eine ſeiner Re⸗ den acht. Ich hatte es immer fuͤr veracht⸗ lich angeſehen, wenn man nur in den Re⸗ densarten einer einzigen Profeſſion ſich aus⸗ zudrucken weiß, nur die Sprache einer ein⸗ zigen Klaſſe der Sterblichen verſtehen kann. Da aber dem menſchlichen Geiſte in ſeinen Wanderungen durch das Reich des Wiſſens irgendwo eine Grenze geſteckt ſeyn muß, ſo hat wohl Jeder irgend ein Lieblingsſtudium, das er mit groͤßerem Eifer verfolgt, irgend einen Gegenſtand, uͤber welchen er am lieb⸗ ſten ſprechen mag, und wer ihn uͤber einen — 202 ſolchen am beſten belehren oder verſtehen kann, der iſt ihm dann auch gewiß der willkommenſte und angenehmſte Geſellſchaf⸗ ter. Doch, wenn das, was ich jetzt ver⸗ nahm, der einzige Weg zu meines Vaters Gunſt ſeyn ſollte, ſo fuhlte ich ſchon im Voraus die Unmoͤglichkeit, mir je einen Theil derſelben zu erwerben. Die Intona⸗ tionen und Cadenzen der chineſiſchen Sprache hätten mich nicht in groͤßere Verlegenheit bringen konnen, als die, wie es ſchien, Herrn Malone gewoͤhnliche Redeform. Die Schnelligkeit, mit der er das alles vorbrachte, das haͤufige Nachahmen der Hal⸗ lohs, der Pfeifen, des Hundegeheuls, des Jaͤgerlaͤrms und des Hornergetoͤns, die Un⸗ terbrechungen, die Pauſen, das plotzliche Auffahren, als ob, um einer der ver⸗ ſtändlichſten ſeiner techniſchen Redensarten mich zu bedienen, ſeine Erinnerung oder ſeine Einbildungskraft das Wild verloren, und plotzlich die rechte Spur wieder fin⸗ dend, in voller Jagd ihm wiederum nach⸗ ſetze. Alles dieſes lag ganz außer meiner Faſſungskraft, und ſo gab ich mich denn abermals einzig dem hin, was an unſerem Ende der Tafel vorgieng, und beſchloß, mich ſo wenig als moͤglich durch den von der andern Seite derſelben ausgehenden Laͤr⸗ men ſtoͤren zu laſſen. Ich entdeckte bald, daß meine Schwe⸗ ſter eben ſo gut ein Recht dazu hatte, fuͤr witzig zu gelten, als die meiſten, denen man dieſen Vorzug beimißt. Sie beſaß einen gewiſſen ſchalkhaften Ausdruck des Auges, der, gepaart mit einer leichten Be⸗ weglichkeit der Stimme, ihren Einfällen etwas Piquantes gab, und vielleicht einzig und allein ihnen Werth lieh. Die Ver⸗ wunderung und der Widerwille, den mir — 104— das ausgeſucht Modiſche ihrer Erſcheinung Anfangs erregt hatte, war nun abgeſtumpft. Ich gewann Muſe zu bemerken, daß ihre Lebendigkeit ihrer Gutmuͤthigkeit keinen Ab⸗ bruch gethan habe, und daß ſie, trotz ihres franzoͤſiſchen Tituskopfes, wie ich ſpäterhin ihre Friſur in der Modeſprache nennen lernte, ein huͤbſches Geſicht und einen an⸗ genehmen Ausdruck deſſelben beſitze. Wir zogen uns ſehr fruͤh aus dem Speiſeſaal zuruͤck, und unſer ganzer Kreis verließ im nämlichen Augenblicke die Tafel, an der mein Vater mit ſeinen Gäſten noch ver⸗ weilte. Nach einigen fluͤchtigen Fragen, welche die Andern an mich richteten, for⸗ derte meine Mutter Charlotten auf, ein wenig Muſik zum Beſten zu geben. Dieſe laͤchelte, ohne Zweifel weil ſie unſe⸗ res erſten Begegnens im Muſikzimmer ge⸗ dachte, welches ſie nun betrat. — 205— Meine Ohren wurden abermals vom Donner eines rauſchenden Praäludiums an⸗ gegriffen, welcher einem großen Klavier⸗ Conzert voranging, das ſie allein vortrug. Ich, mit nicht mehr muſikaliſcher Kennt⸗ niß, als dazu gehoͤrt, um eine Flote von einem Baſſet⸗Horn zu unterſcheiden, konnte an dieſem Aufbau von Toͤnen, dieſer Pe⸗ danterie des kuͤnſtlich Gelehrten nicht mehr Freude finden, als mir die alten brittiſchen Inſtrumente gewaͤhrt haben wuͤrden, das Geklapper einer Raſſel, die Judenharfe, oder der Dudelſack. Anſtatt zu beſchwich⸗ tigen und zu erfreuen, was doch der eigent⸗ liche Zweck der Muſik ſeyn ſollte, da ſie um Herzen, zum Gefuͤhl, und nicht zum Verſtande und der Urtheilskraft ſpricht, wurde hier die ſchone Einfachheit des Me⸗ lodiſchen, der Schwierigkeit der Ausfuͤhrung zum Opfer gebracht, und ſowohl das Ohr als die Aufmerkſamkeit ermuͤdeten daruͤber. Es war ungefaͤhr, als wenn man in einer fremden Sprache eine Vorleſung uͤber eine ab⸗ ſtruſe Spekulation anhoͤren muͤßte. Der bloße Klang nahm Sinn und Faͤhigkeit gefangen, und der aufgeregte und verlegene Geiſt be⸗ hielt nicht die Kraft, ſich von dem Allen auch nur einen einzigen Gedanken aneignen zu koͤnnen. Meine Mutter fragte mich, was ich zu Charlottens Spiel meine. Da ich glaubte, daß ſie hauptſaͤchlich meinetwegen geſpielt habe, ſo konnte ich nicht ſo un⸗ dankbar ſeyn, meine wahre Meinung aus⸗ zuſprechen. Doch waren meine Worte kalt, und eigentlich weder lobend noch ta⸗ delnd. Charlotte, glaube ich, wurde gewahr, daß ich nicht ganz ſo entzuͤckt ſey, als ſie erwartet hatte, denn ſie be⸗ merkte, daß„Herr Eduard Malone — 207— nicht außerordentlich die Muſik zu lieben ſcheine.“ Ich widerſprach ihrer Meinung nicht, denn ich bedachte, daß ich mir dadurch wahrſcheinlich in Zukunft einen ſolchen Be⸗ weis ihrer Gefaͤlligkeit erſparen werde, und war viel dankbarer fuͤr den guten Willen, mich ſo zu ergotzen, als fuͤr die That. Wir ſahen an dieſem Tage den Va⸗ ter nicht wieder. Ich erfuhr, daß man ihn gewoͤhnlich gegen zehn Uhr ins Bette trage, und daß die Familie ihn niemals nach Tiſche mehr ſähe, ausgenommen in außerordentlichen Fällen. Wie es ſchien, wurde die Ankunft ſeines aͤlteſten Sohnes, nach einer Abweſenheit von zwolf Jahren, nicht zu dieſen gerechnet. Ich kann zwar nicht behaupten, daß die Wunde, welche meine Selbſtliebe bei dieſer Gelegenheit empfing, ſehr leicht war, doch war ſie ge⸗ wiß ganz unbedeutend, wenn ich dem Schmerz ſie vergleiche, den ich empfand, als ich hoͤren mußte, welch ein Leben mein Vater taͤglich fuͤhre! Die Mutter gab das Zeichen zum Auf⸗ bruch. Ich hatte viel laͤnger gezoͤgert, als ſonſt die eigentliche Stunde war, in der ich mich zuruck zu ziehen pflegte, denn ich erwartete jeden Augenblick den ganzen Haus⸗ ſtand ſich verſammeln zu ſehen, um ſich mit der Familie, ihrer Herrſchaft, zum Abend⸗ gebete zu vereinen. Dieſes war eine Ge⸗ wohnheit, von der im Pfarrhauſe niemals abgegangen wurde, und ich wußte noch nicht, daß die modiſche Welt es ehrenvoller fande, ſie zu umgehen, als ſie zu beob⸗ achten. Es iſt unmoͤglich, durch bloßes Be⸗ ſchreiben einen Begriff des Entſetzens zu geben, mit dem mich dieſes ubermuͤthige, — 205— furchtbare Vergeſſen erfullte. Wie! ſo gab es alſo wirklich Menſchen, die es wagten, ſich dem Schlummer zu uͤberlaſſen, ohne vorher das erhabene Weſen um ſeinen Schutz anzuflehen, vor deſſen Richterſtuhl ſie in der naͤchſten Viertelſtunde abgerufen wer⸗ den konnten, um von der, ſo entſetzlich vergeudeten Zeit Rechenſchaft abzulegen? dem Schlummer, der nur durch die Zeit ſeiner Dauer vom Tode ſich unterſcheidet, und dem vielleicht kein Wiedererwachen fol⸗ gen wurde? Konnten ſie wirklich Tage und Monate und Jahre an Kleinigkeiten ver⸗ ſchwenden, oder an noch ſchlimmern Din⸗ gen, als Kleinigkeiten ſind, ohne durch die haͤufigen Beiſpiele aufgeſchreckt zu werden, die im Kreiſe ihrer Beobachtungen ſich im⸗ mer erneueten? Auf mich wenigſtens wuͤrde, glaube ich, ſelbſt die Poſaune des Erzengels keinen tieferen Eindruck machen, als das Leben und Sitte in England. 1. 14 — 210— Grabgelaͤute fuͤr den Dahingegangenen. Mein Herz zittert bei jedem feyerlichen Schlage und das Gewiſſen hoͤrt mit Zagen und Erbeben den furchtbaren Ruf. Ich bin keineswegs im Begriffe, jetzt eine ſinnreiche Allegorie aufſtellen zu wol⸗ len, um ſie den geneigten Leſern als einen in jener Nacht getraͤumten Traum vorzu⸗ tragen; denn wollte ich hier wirklich Wahr⸗ heit und Dichtung vermiſchen, ſo haͤtte man ein Recht, dem Ganzen zu mißtrauen. Im⸗ mer hat die Verletzung der Wahrſcheinlich⸗ keit meinen Geſchmack beleidigt, wenn ich dergleichen Erzählungen von gehabten BViſio⸗ nen las, die zuſammenhängend, ſyſtema⸗ tiſch und verſtändig geordnet, einer Kette von wirklichen Ereigniſſen vorangingen, und am Ende nichts weiter waren, als die Rea⸗ liſirung jener prophetiſchen Andeutungen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Traum gehabt zu haben, in welchem meine Phantaſie nicht allein beſchaͤftigt geweſen wäre, keinen Traum, in welchem ich nicht vom Aequator zum Pole, vom Sirins zum Saturn geflogen waͤre; keinen, in welchem ich nicht alle Reiche der ſichtbaren Welt, von der allgemeinſten Gattung bis zur win⸗ zigſten Einzelnheit in einem Augenblicke durch⸗ ſtreifte, ohne daß dabei jemals das geringſte Erſtaunen daruber ſich in mir geregt hätte. Der Augenblick des Verwunderns iſt der erſte der wiedererwachenden Vernunft und der letzte des Schlummers. Ich verließ mein Zimmer um halb ſieben Uhr; ich hatte etwas laͤnger als ge⸗ woͤhnlich gezoͤgert, um mich wo moglich der Einrichtung dieſes neumodiſchen Haus⸗ haltes zu fuͤgen. Ich erinnere mich nicht, im Anfange des Fruͤhlings je einen herr⸗ licheren Morgen erlebt zu haben; die Son⸗ 14* „ — 212— nenſtrahlen ſtroͤmten durch die gemalten Fenſterſcheiben der alten Gallerie, welche die Mode noch verſchont hatte, und fielen auf die ſchoͤnen Portraite meiner Vorfahren muͤtterlicher Seite, die in Lebensgroͤße, in aller Stattlichkeit der verſchiedenen Kleider⸗ trachten ihrer Zeiten gemalt waren. Ich blieb einige Minuten betrachtend vor ihnen ſtehen, aber die Schoͤnheit des Morgens lockte mich hinaus, ſeiner Friſche mich zu erfreuen und ich eilte die Treppe hinab in die große Vorhalle. Die große Eingangsthuͤre war noch wohl verwahrt und geſchloſſen; doch mit einiger Muͤhe und vielem Geraͤuſch gelang es mir, die Riegel und Ketten zu loͤſen, die das Haus vor naͤchtlichem Einbruche ſchuͤtzten. Es fiel mir auf, alle Thuͤren rechts und links noch ſo geſchloſſen zu ſehen, wie wir ſie am vorhergehenden Abende ver⸗ — laſſen, und daß rings umher alles ſtill war wie das Grab. Ich entdeckte bald, daß unſere ganze Dienerſchaft noch in tiefem Schlafe laͤge, und ich der Einzige ſey, der den Segen des wirklichen Daſeyns in die⸗ ſer leuchtenden Stunde empfand. Landſchaften in Proſa beſchrieben habe ich immer fuͤr das Langweiligſte auf der Welt gehalten, und in der Regel nahm ich mir die Freiheit, ſie zu uͤberſchlagen„wenn ſie irgend die Fortſetzung einer intereſſanten Erzaͤhlung unterbrachen. Ich wage zu be⸗ haupten, daß die aufgehende Sonne, ob⸗ gleich ſie ſtets ein Gegenſtand der Bewun⸗ derung bleiben wird, dennoch aufgehort hat, Euch etwas Neues zu ſeyn. Ihr werdet alſo ganz leicht Euch denken konnen, was ich empfand, als ſie mich nach einer Nacht unruhigen, oft unterbrechenden Schlafes neu belebte, ohne daß ich es weitlaͤuftig — 214— auseinander ſetze. Während des Fruhſtuͤcks ſchmaͤlten Charlotte und die Mutter recht freundlich uͤber mein fruhes Aufſtehen. Sie verſicherten mich, es ſey die groͤßte Thor⸗ heit, ſein Zimmer ſo lange vor dem Er⸗ wachen der Uebrigen im Hauſe zu verlaſ⸗ ſen, klagten, daß ich ſie beide geſtort und erſchreckt, da ſie wuͤßten, daß der Vater an Jagdtagen immer durch eine Hinterthuͤre hinausgehe, und meinten, ich wuͤrde den Tag im Ganzen noch lang genug finden, ohne ihn noch ſo unnütz zu verlaͤngern. Allen dieſen Argumenten ſetzte ich nur lange Gewohnheit und Neigung entgegen. Ein eingewurzelter Eigenſinn des Charakters war mein groͤßter angeborner Fehler; Herr Arundel hatte ihn bis zur Feſtigkeit und Kraft zu mildern gewußt; doch war mir ſelten durch Ueberredung beizukommen, und nur vernuͤnftigen Gruͤnden gab ich nach. — 215— Benjamin und ſein Hofmeiſter la⸗ gen auf zwei Ottomanen ausgeſtreckt, und waren mit zwei verſchiedenen Tagsblaͤttern beſchaͤftigt; ohne laut zu leſen, theilten ſie ſich Einzelnes mit und machten ihre Be⸗ merkungen uͤber den verſchiedenen Inhalt derſelben, quer durch das Zimmer hinuͤber. Ich merkte bald, daß Herr Vaurien und ſein Schuͤler es ſehr weit in der ſchwierig⸗ ſten und abſtruſeſten aller Wiſſenſchaften gebracht hatten, naͤmlich in der Politik. Im Bewußtſeyn ihrer Vollkommenheit ſprachen ſie hochſt gelehrt uͤber die Handlun⸗ gen des Miniſteriums, ſetzten Faͤlle und Wahrſcheinlichkeiten gegen einander, und Bermuthungen gegen Vermuthungen; ſtell⸗ ten hochſt befriedigende Hypotheſen auf und argumentirten uͤber dieſe, als waͤren ſie zu Thatſachen geworden; aber nach alle dem fand ſich am Ende, daß ihr Peroriren ſie 6— gewoͤhnlich auf den Punkt zuruckbrachte, von welchem ſie ausgegangen waren. So oft ich etwa eine Bemerkung wagte, welche die Abſurdität der von ihnen geſetzten Fälle bewieß, ſo wurde mir das Wort abge⸗ ſchnitten; entweder von Herrn Baurien durch ein:„Vergebung, Sir, aber ich muß mir die Freiheit nehmen, Ihnen zu ver⸗ ſichern, daß Sie ſich durchaus irren“, oder von Herrn Benjamin durch ein:„Er⸗ laube, Bruder, haſt Du je die Politik zu Deinem beſonderen Studium gemacht? ich habe es gethan.“ Indem ich die erſte An⸗ rede nicht zu beantworten fur gut hielt und gezwungen ward, die zweite verneinend zu erwiedern, wurde ich ſo wider Willen ge⸗ nothigt, in meine erſte Unbedeutenheit zu⸗ ruͤck zu ſinken, und ihnen vollkommen den Triumph zu laſſen, meine Thorheit durch ihre Weisheit beſiegt zu haben. ——8— Nach dem Fraͤhſtuͤcke bat ich Char⸗ lotten, mich in die Gallerie zu begleiten und mir die verſchiedenen Gemaͤlde zu er⸗ klaͤren, welche ſie ſchmuͤckten. Dies that ſie ſehr bereitwillig, und indem ich ihre Gutmuͤthigkeit bewunderte, konnte ich doch wieder nicht umhin, innerlich uber die haͤß⸗ liche Maske zu ſeufzen, mit welcher die Mode ihr ſonſt anmuthiges Weſen verun⸗ ſtaltet und ziemlich unbeſcheiden allen Blicken Preis gegeben hatte. Sie erzaͤhlte mir Geſchichten genug von all den gewappneten Maͤnnern und den Damen in großen Reifroͤcken, um ein Kin⸗ dermährchen daraus zu machen. Ich hoͤrte ihr ſehr aufmerkſam zu, aber nicht mit der Verehrung, welche mir, wie man glau⸗ ben ſollte, die tapfern Thaten meiner Ah⸗ nen hätten einflößen ſollen. Um nichts zu verhehlen, muß ich geſtehen, ich war ver⸗ — 218— ruͤckt genug, nach dem, was ich aus dem Gehoͤrten mir entnahm, zu meinen, daß jeder dieſer ſtattlichen Herren, ohne Aus⸗ nahme, eher eine Galeerenkette, als eine goldene aus der Hand der Schoͤnheit ver⸗ dient habe, denn ſie waren eigentlich alle tyranniſch und roh, und obendrein meiſtens noch Moͤrder und Räuber geweſen. Als Charlotte geendigt hatte, theilte ſie mir mit, daß am Abend ein Ball in *** ſeyn wuͤrde, der zu Ehren meiner Ruͤckkehr nach Aubrey Park gegeben werde und bei welchem ich nicht fehlen durfe, wollte ich nicht alle erdenkliche Regeln der Hoͤflichkeit mit Fuͤßen treten und unſere eleganten Nachbarn beleidigen, welche mich ſaͤmmtlich im Ballſaal zu begruͤßen Wil⸗ lens waͤren. Gewiß werdet Ihr mich anſtaunen, mich bejammern und vielleicht mein Buch — 219— ganz verachtlich bei Seite werfen, wenn ich Euch ſage, daß— ich noch niemals auf einem Balle geweſen war. Charlotte machte einen Luftſprung, den Veſtris ſelbſt ſchwerlich nachgemacht hätte, als ich ihr meine beklagenswerthe Unbekanntſchaft mit dieſem Modevergnugen geſtand. Sie zwang mich, mein Geſtaͤnd⸗ niß ihr dreimal zu wiederholen, und ſchleppte mich dann vor das Tribunal der Mutter, damit ich mich entſchuldigen oder doch nur einigermaßen rechtfertigen ſolle, wie ich zu ſolch einer Vernachlaͤſſigung meiner Bil⸗ dung in ſolch einem Hauptpunkte gekom⸗ men ſey. Es ſchien platterdings unmoͤglich, mei⸗ ner Mutter das Factum begreiflich zu ma⸗ chen, daß ein Mann von drei und zwanzig Jahren, der Erbe von Aubrey Park, wirk⸗ lich nie auf einem Balle geweſen ſey. Es — 220— war ſo außerordentlich! ſo uͤbertrieben! ſo ganz gegen alle Sitte des gebildeten Le⸗ bens! Um meine Schuld zu verringern, wurde nun der arme Herr Arundel getadelt. Vergebens wandte ich ein, daß er mir Un⸗ terricht und Lehren gegeben, die zehntau⸗ ſendmal wichtiger und mehr werth geweſen. Herr Vaurien meinte unterthaͤnig: daß zur Erziehung eines jungen Mannes nichts unumgaͤnglich nöthiger ſey, als ihn in die gebildeten Kreiſe der Geſelligkeit einzufuͤh⸗ ren. Benjamin laͤchelte hoͤhniſch und war im Begriffe, mich mit ſeiner Lorgnette zu meſſen, doch kam ich ſeiner Unbeſchei⸗ denheit zuvor, indem ich ihn mit nackten Augen von Kopf zu Fuß und einem Blicke betrachtete, deſſen Ausdruck ihm, wie mir ſchien, nicht ganz angenehm war. Char⸗ lotte belachte meine Unwiſſenheit mit ſo —————————————— — 221— herzlich guter Laune, daß ich ihr ſehr gern die Tirade vergab, die ſie mir zugezogen. Meine Mutter bat Charlotten, mich mit der zur Sache gehorigen Etikette be⸗ kannt zu machen. Dagegen hatte ich nichts, das Tanzen aber lehnte ich entſchieden ab. Meiner armen Mutter klägliches Ge⸗ ſicht wurde dennoch vielleicht meinen Ent⸗ ſchluß geaͤndert haben, aber ſie troſtete ſich ſelbſt, als ich eben im Begriffe war, meine Neigung ihrer Laune zum Opfer zu bringen. „Nun ich kann es freilich nicht läug⸗ nen“, ſprach ſie,„daß es mir leid thut, denn ich hatte mich ſehr darauf gefreut, Dich den Ball mit Miß Hauton oder mit Miß Redding oder gar mit Lady Almeria Dartford eroͤffnen zu ſehen. Doch muß ich geſtehen, daß eben nichts Ungewohnliches darin liegt, wenn Du es vorziehſt, zuzuſehen und zu faulenziren, — 2— denn es gibt mehrere unſerer jungen Leute nach der neueſten Mode, die ſich dieſes or⸗ dentlich zum Geſetz gemacht haben. Aber, liebſter Eduard, laß mich Dir noch be⸗ merken, daß alles, was nur von ferne mit einer Art verlegener Schafsmäßigkeit, das heißt, mit ſo einer Art mauvaise honte, Aehnlichkeit haͤtte, ſehr lächerlich und fuͤr mich mehr ſeyn wuͤrde, als ich ertragen konnte. Du haſt ganz gewiß ein eben ſo gutes Recht, alles um Dich her vornehm anzuſtarren, und Dir auf Dich ſelbſt etwas einzubilden, als irgend einer von den An⸗ dern es nur haben kann.“ Benjamin ſah aus, als wenn er meinte, daß in dieſer Hinſicht von meiner unfaͤhigkeit nichts zu befuͤrchten ſey. „Ich kann Dir gar nicht ausdruͤcken“, fuhr meine Mutter fort,„wie viel mir daran liegt, daß Du heute auf gewiſſe Leute — 223 einen recht guͤnſtigen Eindruck machen moͤch⸗ teſt; ich habe da einige Plaͤnchen, deren Gelingen Dir vom groͤßten Nutzen ſeyn wuͤrde. Bringe Dich dahin, mein lieber Eduard, auszuſehen, als wenn Du Dich dort ganz bequem fuͤhlteſt, und als wenn Du Einer von ihnen waͤreſt. Ich bin ge⸗ wiß, Du wirſt den feinen, hoflichen, hochſt geiſtvollen jungen Mann, Lord Bertram, bewundern; meinſt Du nicht auch, Char⸗ lotte?“ „Ich— weiß wahrhaftig nicht, ich kann's nicht ſagen“ erwiederte meine Schwe⸗ ſter mit leichtem Errdthen, ſo daß ich gleich dachte: die flunkert und bewundert gewiß den jungen Lord Bertram ganz außeror⸗ dentlich. Nun iſt aber nichts ſowohl na⸗ tüͤrlicher als auch allgemeiner anerkannt, als daß wir glauben, daß das, was wir be⸗ wundern, auch anderen Leuten gefallen muͤſſe. Der Abend kam und gluͤcklicher Weiſe war meine Mutter mit meinem Aeußeren ſehr zufrieden. Sie wickelte meine Locken uͤber ihre Finger und ordnete ſie mehr der Mode nach, meinte mit muͤtterlichem Stolz, meine Geſtalt ſey ein Muſter ſchoͤner Große und richtiger Proportionen, und begluckte mich abermals mit allerlei Verhaltungs⸗ Regeln. Was Benjamin betrifft, ſo ſah ich ſelbſt ſogar ein, daß etwas außerordentlich Siegendes in ſeinem Ausſehen lag. Herr Vaurien war nur eine zweite Ausgabe ſei⸗ nes Schuͤlers, mit einem andern Titelblatt. Charlotte ſah neumodiſcher aus als je, und ich bemerkte, daß ſie oͤfters nach dem Spiegel ſchielte, und ſehr zufrieden mit ſich ſelbſt ſchien. Meine Mutter! Als ich ſie zuerſt anſah, haͤtte ich kaum geglaubt, daß es meine Mutter ſey. Ihr Kopfputz war genau, wie ich ihn oft an jungen Mäd⸗ chen von ſiebenzehn bis achtzehn Jahren geſehen. Iſt's moglich? dachte ich; kann es wirklich einen ſo ſchlechten Geſchmack geben? Der Contraſt zwiſchen meiner Mutter und ihrem Putz macht ihr Al⸗ ter ſichtbarer, und fordert jeden, der nicht blind iſt, zu allerlerlei Bermuthungen und argen Bemerkungen heraus. Keine Frau, die uber die Dreißig hinweg iſt und Effekt machen will, ſollte ſich je in dem Geſchmacke kleiden, in welchem meine Mutter an jenem Abende gekleidet war. Ich fuͤr mein Theil fing beinahe an, mich eben ſo ſehr vor dem Hereintreten mit ihr in den Ballſaal zu furchten, als ſie nur immer vor meinen, aus Unbekanntſchaft mit den usages du monde moglichen Unbeſonnenheiten ſich furch⸗ ten konnte. Die Folge gab mir einen neuen Be⸗ Leben und Sitte in England. I. 15 —— weis meines Unverſtandes. Meine arme Mutter war nur eine aus der Unzahl von Madchen und Frauen vom fuͤnf und dreiſ⸗ ſigſten bis zum ſechszigſten Jahre, welche alle auf die nämliche Weiſe leicht bekleidet erſchienen, die mir ſogar an der kaum acht⸗ zehnjaͤhrigen Charlotte unangenehm auf⸗ gefallen war. Ich ſehe nicht ein, was man davon hat, Nacken und Arme zu zeigen, die ihren Glanz verloren haben, oder For⸗ men, denen die ehemaligen Konturen feh⸗ len. Es iſt Koketterie ohne Geſchicklichkeit, ein Wunſch zu gefallen, bei gaͤnzlichem Verfehlen der Mittel, dieſen Wunſch zu erfuͤllen. Ich fuͤr meine Perſon wurde mit einer ſolchen Menge Gratulationen und Bewill⸗ kommnungs⸗Komplimenten empfangen, daß ich mich daruͤber, anſtatt dankbar, vollig gelangweilt fuͤhlte. Lady Bertram gefiel — 227— mir, trotz ihrer Kleidung, am beſten. Es lag etwas ſo Guͤtiges, ſo Liebenswuͤrdiges in ihrem ganzen Weſen. Ueber dieſen Praͤſentationen an Leute, die ich fruͤher nie geſehen, und den Erneue⸗ rungen ehemaliger Bekanntſchaft mit An⸗ dern, ward es ſpät, ehe man zu tanzen begann. Da ich bereits das Tanzen abge⸗ lehnt hatte, nahm Benjamin ſehr be⸗ reitwillig meinen Platz ein, und die Co⸗ lonne wurde ſogleich unter ſeiner Leitung gebildet. Lady Bertram nahm mich beim Arm und ſchlenderte mit mir im Saale auf und nieder, befragte mich um meinen Geſchmack, erkundigte ſich nach meinen Beſchaͤftigungen und meinen Gefuhlen bei der Ruͤckkehr in das väterliche Haus. Ich erwiederte ihre Fragen mit eben ſo viel Hoflichkeit als Wahrheit(denn beide laſſen ſich vereinen), 15* — 228— und es ſchien mir, als ſey ſie mit meinen Antworten zufrieden. Wir ſtanden einige Augenblicke Benja⸗ min und ſeiner Taͤnzerin gegenuber, die noch nicht angefangen hatten. Sie war ein ſehr liebliches Maͤdchen, mit lichtbraunem Haar, blauen Augen und einem Colorit von durch⸗ ſichtiger Zartheit. Ich ſah ſie mit großem Vergnuͤgen an, es lag etwas ſo Weibliches, ſo Beſcheidenes, ſo Zuruͤckgezogenes in ihrer ganzen Haltung, daß ich ganz von ihr ein⸗ genommen wurde, und trotz ihren kurzen Rocken und ihren nackten Schultern es ſehr bedauerte, meinen Platz an Benjamin abgetreten zu haben. „Wer iſt ſie?“ fragte ich Lady Ber⸗ tram. „Wer?“ erwiederte dieſe lächelnd, und als ich meine Blicke von dem anmuthigen Geſichte abwandte, um in das ihre zu ſe⸗ — 229— hen, erinnerte mich ein fluͤchtiger ſatyri⸗ ſcher Zug um ihren Mund an die Thor⸗ heit, die ich eben begangen, indem ich in ihr das nämliche Gefuhl vorausſetzte, das mich bewegte. „Die Dame, welche mit meinem Bru⸗ der tanzt“, antwortete ich mit einiger Ver⸗ legenheit, die nicht abnahm, als ich im naͤmlichen Augenblicke bemerkte, daß mich meine Mutter vom andern Ende des Saa⸗ les ebenfalls ſcharf beobachtete. Nun iſt es vorbei mit mir! dachte ich. Meine arme Mutter iſt ohne Zweifel von meiner mauvaise honte ganz uͤberwaͤltigt, und wunſcht nur, ſo bald als moͤglich nach Hauſe fahren zu konnen. Aber ſie ſaß unbeweglich auf ihrem Seſſel und es erleichterte mich ſehr, daß ich bei nochmaligem heimlichen Hinſchielen — 230— gewahr wurde, ſie verhalte ſich ziemlich ru⸗ hig. Wie lang dieſes alles ſich nur im Erzaͤhlen ausnehmen mag, ſo begab es ſich doch nur im Zeitraum weniger Augenblicke, und Lady Bertram befriedigte meine Neu⸗ gier beinahe ohne merkbare Pauſe des Ge⸗ ſpraͤchs. „In der That, Herr Eduard Ma⸗ lone, ich koͤnnte faſt glauben, Sie haͤtten entweder ein ſehr ſchlechtes Gedaͤchtniß, oder bei Herrn Arundel ſolche Fortſchritte im Modeton gemacht, daß Sie die Leute, die man Ihnen vorſtellt, nicht eines Blickes wuͤrdigen. Ich habe große Luſt, Sie fuͤr dieſe Gelehrigkeit dadurch zu beſtrafen, daß ich Ihre Neugier nicht befriedige. Geſtehen Sie nur ſelbſt, waͤre das nicht recht und billig?“ „Ich glaube doch, es wäre zu ſtreng“, erwiederte ich, indem dieſer neue Beweis 231— meiner Thorheit mir ſelbſt beinahe unglaub⸗ lich vorkam. „Nun, da es ſcheint, daß es Sie ſo ſehr intereſſirt, und Sie ſo ſehr wuͤnſchen, es zu erfahren, ſo laſſen Sie mich Ihnen denn zum zweitenmale wiederholen, daß es Annabella Hauton, einzige Tochter der Lady Bertram, und einzige Schweſter des jungen Mannes dieſes Namens iſte⸗ Ich kann nicht verſuchen wollen es auszudrucken, wie ſehr Lady Bertram in meinen Augen an Intereſſe gewann, als ich erfuhr, daß ſie die Mutter jenes ſcho⸗ nen Mädchens ſey! Ich war ſo entzuckt uber dieſe Entdeckung, die mir ſichere Ge⸗ legenheit verſprach, Annabella's nähere Bekanntſchaft zu machen; daß ich mir ſteif und feſt einbildete, es walte eine ſtarke Fa⸗ milien⸗Aehnlichkeit zwiſchen Mutter und Tochter vor. — 232— „Erinnert ſie Sie an irgend eine der Damen im Pfarrhauſe, das Sie verlaſſen? Ihre Schoͤnheit iſt ein wenig laͤndlicher baͤuriſcher Art.“ „Nennen Sie ſo viel Eleganz, Zart⸗ heit und Beſcheidenheit nicht ländlich und baͤueriſch, Mylady, das heißt Entheiligung; und uͤberdem, es gab gar keine Damen im Pfarrhauſe.“ Lady Bertrams gute Laune und Lebhaftigkeit nahmen nach dieſem meinem Geſtaͤndniſſe ſehr zu. Wie guͤtig ſie iſt! und wie theilneh⸗ mend an dem Wohlergehen und der Ehre unſerer Familie! dachte ich bei mir ſelbſt. Wie ſehr wuͤrde es ſie ſchmerzen, wenn ich eine Mißheirath ſchließen wollte! Wir gingen nun ſchweigend im Zim⸗ mer auf und ab, obgleich ich geſtehen muß, daß ich mich recht haͤufig umwandte, um Benjamins Dame nachzublicken, indem dieſe leicht und anmuthig die Reihen durch⸗ flog. Ihre Bewegungen waren ſo gerundet und aͤtheriſch leicht, ſo grazids. Wie ent⸗ zuckend muͤßte es ſeyn, dachte ich, der Be⸗ ſchutzer eines ſo zarten Weſens zu ſeyn, das jeden Augenblick in Luft zerfließen zu wollen ſcheint. Ich war durchaus unzufrieden, ja em⸗ port degen mich ſelbſt, indem ich mein Herz, vor Zorn uͤber Benjamin, heftiger ſchlagen fuͤhlte, einzig, weil er ſeinen Arm um den ihrigen ſchlang, indem er mit ihr im Tanzen jene Figur bildete, die, wie ich ſeitdem entdeckt habe, Allemande genannt wird. Ich erinnerte mich einer Stelle in meinem Lieblingsbuche, dem Zuſchauer von Addiſſon, die mich eben nicht ſehr beru⸗ higte.„In Hinſicht auf die Contrataͤnze“, heißt es dort,„muß man geſtehen, daß die große Vertraulichkeit zwiſchen beiden Ge⸗ ſchlechtern, die ſie herbeifuͤhren, oft ſehr gefährliche Folgen nach ſich ziehen kann, und ich habe mir oft gedacht, wie es wohl nur wenige Frauenherzen geben mag, die hart genug ſind, um nicht bei dem Zauber der Muſik der Gewalt der Bewegung, und einem huͤbſchen jungen Burſchen gegenuͤber, weich zu werden.“ Wer kann das wiſſen! dachte ich, in⸗ dem ich Benjamins einnehmende Geſtalt betrachtete; ein viel weniger gut ausſehender junger Mann, als mein Bruder iſt, konnte unter gewiſſen Umſtänden vielleicht dennoch unwiderſtehlich werden, zum Beiſpiel jetzt eben. Ich wollte doch, ich hätte getanzt! Gewiß, ich wollte, ich hätte getanzt. Endlich kam es mir vor, als wenn ich recht gegruͤndete Urſachen haͤtte, auf An⸗ nabella zu zuͤrnen; jetzt dachte ich ſie mir ſchon bei ihrem Taufnamen. Ich ent⸗ ſchied, daß es doch wirklich im hochſten Grade unpaſſend und unanſtändig ſey, ein ſo augenſcheinliches Gefallen am Tanz und an ihrem Taͤnzer zu zeigen; ich beſchloß, daß ſie es wenigſtens nicht gewahr werden ſollte, wie es mich beunruhige, und wen⸗ dete daher meinen Blick mit ungemeiner Hoheit und Wuͤrde von ihr ab, was ihr, wie ich meinte, wenigſtens ein eben ſo unan⸗ genehmes Gefuͤhl erregen mußte als das war, was mich dieſen Augenblick ergriffen hatte. Ich zweifle gar nicht daran, freund⸗ licher Leſer, daß Du vollkommen verſtaͤndig biſt, auch indem Du lieſt wie ich den Kopf verloren, Deine fuͤnf Sinne vollkommen beiſammen haſt, ſo daß Du vielleicht uͤber mein Uebermaaß von Thorheit Dich hoͤch⸗ lich verwundern, und Muͤhe haben wirſt, daran zu glauben. Thue mir aber den Ge⸗ — 236— fallen, Dich zu erinnern, daß ich ein voll⸗ kommener Neuling in der Kunſt zu lieben war, und in meinen Empfindungen einzig der Natur folgte. Wenn Du je an dieſer Leidenſchaft gelitten haſt, ſo wirſt Du mir glauben, daß Eiferſucht die Zwillingsſchwe⸗ ſter der Liebe ſey, obgleich man zuweilen von letzterer ſo hingeriſſen ſeyn kann, daß man das Daſeyn der erſteren nicht ſogleich gewahr wird. Jeder hat in ſolchen Ange⸗ legenheiten einen gewiſſen Takt, der ihn ſelten taͤuſcht. Ich wandte ſogleich meine ganze Aufmerkſamkeit einer anderen Dame zu, weil ich dachte, dieſe Erwiederung ihres Benehmens wuͤrde Annabellen fuͤr den Augenblick wehe thun. „Wer iſt jene Diana?“ fragte ich meine Gefaͤhrtin,„ich meine die Dame im gruͤnen Sammet mit der Schauſſuͤre à la Chasseur?“ — 237— „Die? O das iſt Lady Almeria Dartford, wirklich eine ſehr dianenmaͤßige Perſonage.“ „Sehr liebenswurdig! praͤchtig ſogar! eine Andromache! eine herrliche Geſtalt!“ ſprach ich, als wenn es moͤglich geweſen waͤre, daß Annabella mich hoͤren koͤnne, die durch ſechs Paare von uns getrennt, und obendrein mit Benjamin in tiefem Geſpraͤche begriffen war, der ſich eben auf die Seite der Damen zu ihr heruͤber ge⸗ ſtellt hatte. Ich kann es nicht beſchreiben, wie tief es mein Gefühl für feinen Anſtand verletzte, daß mein Bruder ſo ſichtlich das Schickliche und die Regeln des Ortes ver⸗ gaß, beſonders als ich bemerkte, daß meh⸗ rere herabtanzende Paare in den Touren an ihm voruͤbergingen, weil er gar nicht im Geringſten mehr Acht gab. Wie ich ſo verdrießlich da ſtand, fuhlte —— ich meinen andern Arm ergriffen und er⸗ blickte Miſtriß Wharton, im Begriffe mich anzureden. „Sie bewundern Lady Almeria Dart⸗ ford?“ ſprach ſie.„Ein herrliches Ge⸗ ſchoͤpf! wunderſchoͤn! eine wahre Glieder⸗ pracht! ſie traͤgt ſich gut, zeigt viel Feuer. An der iſt etwas zu ſehen, das muß wahr ſeyn. Sie iſt keine von den feinen Zier⸗ puppen, den Milch⸗ und Waſſergeſichtchen, den Nicht⸗hin-nicht⸗her⸗Leuten, die ſelbſt nicht wiſſen, wie ſie mit ſich daran ſind. Sieht ſogar des Morgens huͤbſch aus, was mehr iſt, als von der Hälfte unſerer ſen⸗ timentalen Mode⸗Dämchen behauptet wer⸗ den kann. Apropos— ſind Sie ihr ge⸗ nannt worden? Soll ich Sie ihr vor⸗ ſtellen?“ 5 „Ich bin uͤberzeugt, daß Herr Eduard Malone die Ehre, die Sie ihm erweiſen — 239— wollen, recht tief empfindet“, fiel Lady Bertram hier ein, die zu meinem groſ⸗ ſen Vergnuͤgen den Stich, den ich ihrer Tochter beibringen wollen, durch und durch empfand, und wie ich nicht im mindeſten bezweifelte, ihn ihr gewiß gleich nach dem Balle mittheilen wuͤrde, ſo daß mir auch noch die ſchonſte Ausſicht auf kuͤnftige Rache blieb. „Nach meiner genauen Bekanntſchaft mit ihm von ſeiner Kindheit auf, und der daraus entſtehenden Kenntniß ſeiner Eigen⸗ thuͤmlichkeiten zu ſchließen, moͤchte ich faſt behaupten: daß Lady Almeria Dart⸗ ford ſchwerlich die Dame ſeyn durfte, deren nähere Bekanntſchaft er wuͤnſchen wuͤrde;“ ſetzte Lady Bertram noch hinzu. „Verzeihen Sie, meine theure Lady Bertram“, erwiederte Miſtriß Wharton mit hoͤchſt freundſchaftlichen Tone,„aber ich muß Sie daran erinnern, daß meine Bekanntſchaft mit Herrn Malone gleich⸗ zeitig mit der Ihrigen iſt; ich kann Ihnen unmoͤglich naͤhere Anſpruͤche an ſeiner Freund⸗ ſchaft zugeſtehen, als die meinigen ſind. Was nun aber die Urſache unſeres gegen⸗ waͤrtigen Streites betrifft, ſo muß ich ſa⸗ gen, daß nach Herrn Malone's lebhaf⸗ ter Gemuͤthsart zu urtheilen, die mir ſchon als Anlage des Knaben ſehr auffiel, Lady Almeria gerade die Frau iſt, die ihn feſſeln koͤnnte.“ Ich blickte verſtohlen nach Annabel⸗ len und Benjamin und fuͤhlte mich bis in die Schlaͤfe erroͤthend, als ich eine Wie⸗ derholung jener abſcheulichen unertraͤglichen Allemanden⸗Tour ſah. „Reiten Sie gern?“ Herr Eduard Malone?“ „Ich mache mir ganz und gar nichts — 241— daraus!“ erwiederte ich ſehr energiſch, und hob den Kopf ſtolz empor, während meine Augen unabwendbar auf Annabellen und Benjamin gerichtet blieben. „Wirklich?“ erwiederte Miſtriß Whar⸗ ton in einem ſichtlich mißvergnugten und piquirten Tone.„Ich haͤtte nicht geglaubt, daß man ſich ſo gewaltig aͤndern konne; es niemals fuͤr moglich gehalten, daß eine abſurde Erziehung das angeborene männ⸗ liche Weſen ſo gänzlich zerſtoren konne. Sie muͤſſen ganz zum Widerſpiel Ihres ehemaligen Selbſt geworden ſeyn. Nach Ihrer fruͤheren Vorliebe fuͤr das ſchoͤnſte und edelſte der Thiere erwartete ich, daß Sie einer der erſten Reiter unſerer Zeit ge⸗ worden ſeyn muͤßten. Sie waren noch ein Kind, als Ihr Vater Ihre erſte Jagd fur Sie veranſtaltete, und ich verſprach bei dem ooup d'essai gegenwaͤrtig zu ſeyn. Ich ent⸗ Leben und Sitte in England. J. 16 — 242— ſinne mich noch, daß ich ſchon zu jener Zeit die große Aehnlichkeit des Geſchmacks zwiſchen Ihnen und Lady Almeria Dart⸗ ford bemerkte; aber Sie ſcheinen ganz aus der Art geſchlagen zu ſeyn. Es war die hoͤchſte Thorheit, Sie ſo lange auf Ihrer Pfarrei vegetiren zu laſſen. Welch eine ganz andere Erziehung hat Lady Almeria erhalten. Und nun reitet ſie beſſer als ir⸗ gend ein Mann, Weib oder Kind in der ganzen Gegend.“ Mir blieb keine Zeit, der Miſtriß Wharton zu antworten, denn kaum hatte ſie geendet, ſo ergriff Lady Bertram mit gleicher Schnelle das Wort. „Herr Eduard Malone hat immer das Reiten nur als eine Erholung und Un⸗ terhaltung betrachtet, und nie als ein Ge⸗ ſchaͤft; und ich darf behaupten, daß er es auch ferner ſo betrachten wird. Es mag ganz angenehm ſeyn, aber wenn man es zur Beſchaͤftigung eines ganzen Tages macht, ſo wird es langweilig und widerwaͤrtig. Ich bin weit davon entfernt, nur eine An⸗ ſpielung dagegen wagen zu wollen, ob es uberhaupt fuͤr eine Dame ganz ſchicklich ſey, auf dieſe Weiſe zu reiten, aber ich kann doch nicht umhin zu bemerken, daß viele Männer ihre Frauen lieber in Cabriolets fahren, oder ſie ganz ruhig in ihrem Wa⸗ gen ſitzen ſehen wurden, als ſie alle den zahlloſen unangenehmen Zufaͤlligkeiten ſich ausſetzen laſſen, die faſt allemal aus dieſen Reiter⸗Uebungen entſtehen.“ „Sehr ſelten! ſehr ſelten! ich kann es Ew. Gnaden verſichern; manchmal freilich, wenn man erſt anfängt die Kunſt zu erler⸗ nen, aber faſt nie, wenn man ſchon irgend einige Vollkommenheiten in derſelben er⸗ reicht hat!“ rief Miſtriß Wharton.„Be⸗ 16* —— merken Sie das ſchoͤne Roth auf den Wan⸗ gen der Lady Dartford?“ fuhr ſie fort, „ich verſichere Sie, es iſt ganz und gar Natur, denn ich habe ſie ihre Toilette ma⸗ chen ſehen. Moͤchte man nicht ſchon darum etwas wagen, um ſich einen ſolchen Teint zu erwerben? Wenn Miß Hauton etwas mehr Farbe haͤtte, ſo wuͤrde ſie ganz un⸗ widerſtehlich ſeyn.“ „Wen meinen Sie, gnaͤdige Frau?“ fragte ich, denn ehe ich wieder zu meiner Mutter ging, wollte ich gern mit jenem Namen vertrauter werden, um nicht mehr zu erroͤthen, wenn ich ihn hoͤrte. Ich mußte natuͤrlicher Weiſe erwarten, daß meine Mutter mich ausfragen wuͤrde, wo⸗ bei denn hoͤchſt wahrſcheinlich dieſer Name ausgeſprochen werden mußte, und ich wollte ihr bei der Gelegenheit nicht gern durch den Anblick meiner mauvaise honte wehe thun. — 245— „Miß Hauton, vielleicht kennen Sie ſie nicht“, erwiederte Miſtriß Wharton. „Ich ſie nicht kennen? gnaͤdige Frau! ſie nicht kennen? Ich bin außerordentlich gut mit ihr bekannt“, war meine Antwort, und die Wahrheit zu ſagen, mir war in dieſem Augenblicke, als haͤtte ich ſie mein ganzes Leben hindurch gekannt und geliebt. Lady Bertram druͤckte leiſe meinen Armz ich glaube, doß dieſes zufaͤllig ge⸗ ſchah, und vielleicht das Reſultat irgend eines Gefuͤhles war, von dem ſie eben ſich ergriffen fuhlte. Doch mußte ich ſie dar⸗ uber anſehen, und bemerkte, daß ſie mit dem Ausdrucke außerordentlicher Zufrieden⸗ heit auf mich blickte. Miſtriß Wharton ſchien nicht ganz ſo gut geſtimmt zu ſeyn. „Hm!“ ſagte ſie,„Miß Malone tanzt mit Lord Bertram, vermuthlich — 246— eine Doppel⸗Allianz! hm! ich kann mir gar nicht erklaͤren, was Lady Almeria Dartford an der Milchſuppe, dem Vau⸗ rien, hat! hm!“ Jetzt war der Tanz beendigt und Miß⸗ triß Wharton ging davon, um mit der kuͤhnen Reiterin ſich zu unterhalten, die, wie ich erwaͤhnen muß, ihre Nichte Lady Almeria Dartford war. Gott weiß wie, denn ich will keines⸗ wegs behaupten zu wiſſen, ob es zufaͤllig, oder abſichtlich, mit oder ohne Veranſtal⸗ tung geſchah; genug, Lady Bertram und ich ſchlenderten, wie meine Mutter das nannte, einer Ottomanne zu, auf welcher Annabella neben Benjamin Platz ge⸗ nommen hatte. Er faͤchelte ſie, ich wuͤnſchte in dieſem Augenblicke ſehnlichſt ein unſicht⸗ barer Elfe zu ſeyn, um das glaͤnzende Spielzeug, deſſen er ſich dazu bediente, zu — 247— Staub zermalmen zu konnen, und ſo ſei⸗ nen Anmaßungen ein raſches Ende zu machen. Ich war ſo aͤrgerlich, ſo verſtimmt; ich glaube, es war das erſtemal, ſeitdem ich zu reiferer Vernunft gekommen, daß mir der boͤſe Geiſt der uͤblen Laune etwas anhaben konnte. Doch ein ſußes Laͤcheln Annabella's, das mich im Naͤhertreten bewillkommnete, vertrieb ihn ſchnell wieder und gab mich mir ſelbſt zuruͤck. Sie machte mir auf der andern Seite neben ſich Platz und ich nahm hocherfreut Beſitz davon. Lady Bertram war indeſſen ganz gelaſſen davon gegangen, und ſprach mit meiner Mutter. Benjamin ſah Annabella mit einem Ausdrucke an, den ich damals nicht recht zu verſtehen im Stande war, der mir aber ſpäterhin gewiſſermaßen einer Art privilegirten Verweiſes zu gleichen ſchien. 1 — 248— Sie erroͤthete und ihr Erroͤthen machte ſie ſchoͤner als je;z ſie fluͤſterte Benjamin einige Worte zu, der jetzt zufrieden geſtellt lͤchelte; ich aber fuͤhlte im nämlichen Au⸗ genblicke meine uͤble Laune zuruͤckkehren. Benjamin entfernte ſich alſobald und ich ſah, daß er Lady Almeria Dart⸗ ford zum nächſten Tanze aufforderte. Baurien naͤherte ſich unſerer Ottomanne. Obgleich ich nicht im Stande war, ein Wort zu ſprechen, ſo kam mir doch ſein Dazutreten wie die Unterbrechung des aller⸗ intereffanteſten Geſpraͤchs von der Welt vor. Er kam um Annabella zum Tanzen auf⸗ zuforden und ſie willigte ſogleich ein. Nun, dachte ich, nun habe ich gewiß eine gultige urſache, beleidigt zu ſeyn; ſie hätte es gleich ablehnen muͤſſen, denn ſie konnte ja wiſ⸗ ſen, daß ich eben im Begriff war ſie auf⸗ zufordern. Ich entdeckte ſelbſt erſt jetzt, * —— — 249— daß ich wirklich dieſe Abſicht gehabt habe. Benjamin hatte, unter dem Vorwande, daß ich niemals tanze, an meiner Selle den Ball eroͤffnet; ich haͤtte keinen Augen⸗ blick gezaudert, das Unwahre deſſelben an den Tag zu bringen, wenn das Vergnu⸗ gen, mit Annabella zu ſeyn, mein Lohn dafuͤr geweſen waͤre, und nun mußte dieſer unbedeutende Vaurien mir in den Weg treten. Ich ſaß verdrußlich auf meiner Otto⸗ manne, bekuͤmmerte mich um Niemanden und bildete mir ein, gar nicht nach An⸗ nabellen mich umzuſehen, obgleich mir keine ihrer Bewegungen entging; ich ſah nicht eher welche Tour getanzt wurde, als bis es an ihr war, ſie anzufuͤhren; von dem Momente an entging mir keine einzige Wendung des Tanzes. Es war einer der eben neu eingefuhr⸗ — 249— ten ſpaniſchen Tänze. Anfangs bewunderte ich die ſeltene Vollkommenheit ihrer Ge⸗ ſtalt, die ſich in den anmuthigen Wendun⸗ gen deſſelben auf das Reizendſte entfaltete. Doch uͤber dem Ende des Tanzes glaubte ich wirklich von Sinnen zu kommen. Die verdammte Allemanden⸗Tour war gar nichts dagegen geweſen. Sein impertinenter Arm ſchlang ſich vertraulich um ihre Taille, und eine ihrer ſchoͤnen Haͤnde ruhte in der ſei⸗ nen; dieſe Hand, deren zufaͤllige Beruͤhrung mich beim Ueberreichen ihres Fächers uͤber und uͤber ſo erbeben gemacht hatte, als habe mich plotzlich ein altmodiſches kaltes Fieber befallen. „Es iſt nicht zum Aushalten!“ rief ich, ſprang auf und warf mich ſogleich wieder mit großer Heftigkeit in die Otto⸗ manne zuruͤck. „Was haben Sie denn, mein Herr?“ fragte mich eine ältliche Dame, die nahe bei mir ſaß. „Die Pein in meinem Kopfe, Ma⸗ dame“, erwiederte ich ſchnell, zogerte aber ein wenig bei dem Worte Kopf, weil ich fuͤhlte, daß, um der Wahrheit treu zu blei⸗ ben, ich das Wort Herz an deſſen Stelle hätte ſetzen ſollen. Die gute Dame hielt mich wirklich fuͤr recht krank, kam ſehr gutmuͤthig zu mir und ſetzte ſich neben mich. Sie bot mir ihr goldenes Riechflaͤſchchen an, und ich nahm es und that, als ob ich daran roche, um meine innere Unruhe zu verber⸗ gen, denn ich fuͤhlte, daß dieſe nur allzu ſichtbar ſey. „Haben Sie oft ſolche Anfaͤlle, Herr Malone?“ „Niemals im Leben habe ich dies Ge⸗ fuͤhl gehabt.“ „Es iſt wohl ſehr heftig?“ „Ueber alle Maßen, Madame.“ „Vielleicht iſts ein rheumatiſcher Schmerz, der von Erkaͤltung herruͤhrt?“ „Nichts dergleichen, Madame.“ „So iſt's ohne Zweifel ein Fieber⸗ Anfall?“ „Gewiß, ſo iſt es, Madame.“ „Ihre Haͤnde und Ihr Geſicht gluͤhen, nicht wahr, Sie haben heftiges Herzklopfen, und abwechſelnd bald Hitze, bald Froſteln?“ „Gerade ſo iſt es mir, Madame.“ „Sie ſollten doch einen Arzt befragen; wenn Sie ſolch ein Uebel vernachlaͤſſigen, ſo kann es leicht zu einer gefaͤhrlichen Hoͤhe ſteigen und am Ende recht ungluͤcklich ab⸗ laufen.“ „Ich bin auch entſchloſſen, dieſes ſo⸗ gleich zu thun, Madame.“ „Ich hoffe, es iſt Ihnen etwas beſſer?“ 0823 — 233— „O ſehr viel beſſer, in der That, ich danke Ihnen, Madame.“ Und ſo war es auch, denn es ſc ien, daß Annabella jene Wirbelwinds⸗Bewe⸗ gung nicht laͤnger zu ertragen im Stande ſey, ſie war aus der Reihe getreten und kam jetzt eben auf mich zu. Ich kann nicht umhin zu geſtehen, daß ich innerlich die gute Frau, die mich ſo mitleidig in meiner Krankheit gepflegt hatte, von Her⸗ zen verwuͤnſchte. Bei der raſchen Bewe⸗ gung, welche zuerſt ihre Aufmerkſamkeit mir zuzog, hatte ich mich in die Ecke der Ottomanne geworfen; ſie hatte den Platz dicht neben mir eingenommen, ſo daß ich ganz von der gluͤcklichen Möglichkeit ausge⸗ ſchloſſen war, Annabella koͤnne ſich ne⸗ ben mir ſetzen, denn ich hatte nicht Gei⸗ ſtesgegenwart oder moderne Dreiſtigkeit ge⸗ nug, um von meinem Platze aufzuſpringen, — 254— die alte Dame in meine Ecke zu ſchieben und dann ihren Platz einzunehmen. Endlich wagte ich es, mich hinter der⸗ ſelben heruͤber zu beugen und Annabel⸗ len zuzufluſtern: daß ich hoffe, Miß Hau⸗ ton fuͤhle ſich nicht unwohl nach der krei⸗ ſenden Bewegung des Tanzes? Sie antwortete ſo leiſe, daß ich auch nicht ein Wort verſtand, ich beklagte, daß ich ſie nicht hoͤren koͤnne; erklaͤrte, daß ich unmoͤglich ihr, die da unwohl zu ſeyn ſchiene, durch die Bitte, lauter zu ſprechen, läſtig werden konne, und mandverirte mich mit dieſer Entſchuldigung etwas naͤher zu ihr hin. Sie tanzte dieſen Abend nicht wieder, und ich hatte das Gluͤck, die ganze Zeit uͤber mich mit ihr zu unterhalten. Sie ſprach nicht viel, und ich, hochſt be⸗ gluͤckt durch ihre Nähe, zog dieſe intereſ⸗ ſante Schuͤchternheit, dieſe anſpruchloſe Ein⸗ fachheit der ſchoͤnſten Rede bei weitem vor, die je von den Lippen Aspaſiens gefloſſen ſeyn mag. Die Zeit des Scheidens kam indeſſen, wie ſie doch endlich kommen mußte, und nachdem ich ſie an ihren Wagen gefuͤhrt hatte, warf ich mich in den unſern und uberließ es Benjamin, meine Mutter und Charlotten hinein zu heben. Sie waren in wichtigen Bemerkungen uber den Anzug, das Aeußere und den Tanz der Damen vertieft, wie ich aus einzelnen Worten ſchloß, die dann und wann mein Ohr beruͤhrten. Ich geſtehe aber, daß ich auch nicht eine ihrer Aeußerungen deutlich vernahm, denn Herz und Sinn waren ſo vollkommen mit Annabellens Bild er⸗ fullt, daß nur ein ganz beſonderes Ereigniß meinen Gedanken⸗Faden zu zerreißen im Stande geweſen waͤre. Ich ging zu Bett — 236— und traͤumte, halb wachend halb ſchlafend, fort. Wenn mir irgend jemand zugeſehen haͤtte, er haͤtte bei meiner unaufhoͤrlichen Unruhe, meinen eifrigen gewaltſamen Be⸗ wegungen, mich fuͤr mondſuͤchtig halten koͤn⸗ nen. Ohne Raſt und Ruhe warf ich mich von einer Seite zur andern, fuhr empor, legte mich wieder, klopfte mein Kiſſen auf, warf es wieder von mir, bis ich nach drei Stunden, das heißt um ſechs Uhr, auf⸗ ſtand, mich ankleidete und mein Zimmer verließ. Da ich nicht wieder von meiner Familie mich daruͤber ausſchelten laſſen wollte, daß ich zu unziemlicher Zeit das Haus beunruhige, ſo ging ich zu der Neben⸗ thuͤre hinaus, deren mein Vater ſich ge⸗ woͤhnlich bediente, und das Erſte, was ich dort erblickte, war er ſelbſt, eben im Be⸗ griffe, zu Pferde zu ſteigen. „Hoͤr' mal, Ede“, rief er mit ge⸗ — 257— daͤmpfter Stimme mir zu,„wenn Du Luſt haſt, die Morgenluft unſerer Gegend einzu⸗ athmen und eine Jagd mit anzuſehen, ſo brauchſt Du nur hier dem Thomas zu be⸗ fehlen, daß er Dir Dein Pferd ſattle, wenn Du nicht lieber Dein eigner Reitknecht ſeyn, und mit mir wegtraben willſt, ehe die Mutter etwas davon merkt. So ein groſ⸗ ſer Kerl wie Du, ſollte ſich eigentlich zudgut duͤnken, um ſich am Schuͤrzenbande fuͤhren zu laſſen, wie der Benjamin es ſich ge⸗ fallen laͤßt. Komm, was meinſt Du? Merke Dir aber, daß ich nicht Luſt habe, irgend jemanden zu zwingen, ich und alle ächte Maͤnner finden große Freude am Rei⸗ ten; das iſt aber keine Urſache, daß Du es auch lieben ſollſt. Ich habe nicht Zeit, hier lange mit Dir zu parliren, alſo wenn Du Luſt haſt mitzukommen, ſo ſags ge⸗ rade heraus und wir machen fort.“ Teben und Sitte in England. I. 17 „ — 258— Thomas hatte auf ein Zeichen von mir mein Pferd ſchon geſattelt und brachte es jetzt heraus. Ich ſchwang mich ſo ge⸗ ſchickt in den Sattel, daß ich mir den lau⸗ ten Beifall und das freudigſte Erſtaunen meines Vaters dadurch erwarb.„Sehr gut! mach fort, mein Junge, es wird doch wenigſtens einen in der Familie geben, der wul taugt. Laß Du den Benjamin Cho⸗ kolade ſchluͤrfen und der Mutter und Char⸗ lotten die Zeitung vorleſen, waͤhrend Du und ich uns im Freien herumtummeln. Haſt Du aber auch ſchon Dein Fruͤhſtuck gehabt?“ Ich verneinte dieſes, verſicherte ihMHm aber zugleich, daß ich die Entbehrung nicht fuͤhlen wuͤrde. „Nun ſo komm denn, das Mittags⸗ eſſen wird Dir um ſo beſſer ſchmecken. Komm, ich wette mit Dir um eine Flaſche Wein, daß ich uͤber jene Hecke ſchneller — 259— hinuͤber bin als Duz“ doch ehe noch mein Vater die letzten Worte beendigt hatte, war ich zu ſeinem nicht geringen Entzuͤcken ſchon auf der andern Seite derſelben. Ich kann es nicht beſchreiben, wie oft ich noch an dieſem Tage uͤber Graͤben und Zaͤune ſetzen mußte, und welche Freude mein Vater an der Entdeckung hatte, daß ich ſein wuͤrdiger Stellvertreter einſt ſeyn wuͤrde, und die Ehre verdiene ſeinen Namen zu tragen. Die Junker aus der Nachbarſchaft waren alle entzuckt, einen ſo trefflichen Waidmann an mir erworben zu haben. Einige Ver⸗ ſehen, die ich beging, durch die ich die Hunde irre machte, wurden mit meinem Mangel an Uebung im edlen Waidwerk entſchuldigt, und alle ſchworen hoch und theuer, ich ſey ein ſo braver Kerl, als nur irgend einer in der ganzen Grafſchaft. Das unablaͤßlich ſchnelle Reiten und 17 die Aufmerkſamkeit, die mein ſehr wildes Pferd erforderte, ließen mir keine Zeit, bei der Erinnerung an Annabella zu ver⸗ weilen. Doch tauchte dann und wann plotzlich ihr Bild dicht vor dem Kopfe mei⸗ nes Pferdes auf, wie einſt der Engel vor dem Eſel des Bileam, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſesmal der Reiter und nicht das Thier die himmliſche Erſcheinung gewahr wurde. Wir kehrten mit gruͤnen Zweigen, dem Zeichen des Sieges, gekroͤnt, nach Hauſe. Ich eilte in mein Zimmer hinauf, um die Kleider zu wechſeln, wozu keiner meiner Genoſſen ſich verſtehen wollte, ſon⸗ dern alle im Gegentheil auch mich eifrig davon abzubringen verſuchten. Der Ge⸗ danke an Annabella kehrte mir jetzt mit verdoppelter Gewalt wieder zuruͤck, und nur mit ihm beſchaͤftigt, ging ich hinab in das Speiſezimmer. — 261— Meine Mutter ſah mich ſehr kalt an, Charlottens Blickte ſchweiften von mir zum Vater hinuͤber, mit einem ſchlauen ſpottiſchen Laͤcheln, als hege ſie jetzt die volle Ueberzeugung, daß ich als vollig auf⸗ genommen in der Reihe der Nimrode zu betrachten ſey. Ich aber, trotz den verach⸗ tenden Blicken Benjamins und ſeines außerordentlich vortrefflichen Lehrers, nahm mit großer Gelaſſenheit meinen gewohnten Platz zwiſchen den Damen ein. Als ſie im Begriffe ſchienen, ſich zuruͤck zu ziehen, ſtand ich ebenfalls auf, und obgleich mein Vater mich dringend einlud zu bleiben und ſeine Gäſte mancherlei Scherze daruber aus⸗ gehen ließen, daß ich an meiner Mutter Schuͤrzenband angebunden ſey, ſo gelang es mir dennoch, gluͤcklich zu entkommen. Im Wohnzimmer ſchienen wir anfangs zum Schweigen geneigt, theils aus Ermuͤdung, . — 262— theils weil jeder von uns mit intereſſante⸗ ren Betrachtungen beſchaͤftigt war. End⸗ lich klagte mich Charlotte, als meine Lehrerin in den Details der feinen Sitte, eines großen Verſehens gegen die einmal angenommene Etikette an. Ich erwiederte, daß ich außer Stand ſey, mich zu vertheidigen, da ich gar nicht wiſſe, wodurch ich eine ſolche Beſchuldi⸗ gung verdient habe, und alſo auch nicht, worauf ich meine Entſchuldigung begruͤnden koͤnne. Sie ſagte mir nun, der Gebrauch fordere, daß nach jedem Balle die Herren den Damen ihrer Bekanntſchaft einen Be⸗ ſuch abſtatteten, um ſich nach ihrem Be⸗ finden zu erkundigen; daß Benjamin und Herr Baurien die gewoͤhnliche Runde gemacht haͤtten, und daß Lady Bertram meine Abweſenheit bemerkt habe. Wie aͤrgerlich! daß ich auch gerade — 263— dieſen Morgen wählen mußte, um meinen Vater zu begleiten! Es gibt ein Schickſal in ſolchen Dingen, dachte ich, und dieſes iſt nun das Meine. Ferner berichtete mir Charlotte, daß Lady Bertram ſich ſehr daruͤber ge⸗ wundert habe, daß ich mich lieber zu den Bonvivants, die meines Vaters Gefaͤhrten wären, geſellen moͤge, als zu den jungen Maͤnnern von Rang, Reichthum und Er⸗ ziehung, aus denen Benjamins Umgang beſtände.„Und“, fluſterte Charlotte, „ich weiß nicht, ob Miß Hauton Dich nicht gar fuͤr einen Wilden anſehen wird, der eben aus dem Faffernlande entwiſcht iſt, und ob ſie in Zukunft ſich nicht furch⸗ ten wird, in Deine Nähe ſich zu wagen.“ Miir ward bei allem dieſen endlich zu Muthe wie Einem, der ein großes Ge⸗ ſchaͤft eingegangen iſt, und ſich nun Zahl — 264— vor Zahl vorrechnen laſſen muß, wie es ihm unmoͤglich ſeyn wird, die uberſchweng⸗ lich große Total⸗Summe ſeiner Schuld am Ende herbei zu ſchaffen. Ich ſeufzte und wurde melancholiſch. Charlotte merkte, daß ich tiefer verletzt ſey, als es ihre Abſicht geweſen, und tro⸗ ſtete mich, indem ſie mir mit gewohnter Gutmuͤthigkeit zufluſterte:„Lady Bertram hat verſprochen, morgen fruͤh unſere Viſi⸗ ten zu erwiedern, und Miß Hauton mit⸗ zubringen, Du brauchſt alſo nur etwas fruͤh Dich auf den Weg zu machen und nach Haks hinuͤber zu reiten. Der Weg dahin bildet eine ſchnurgerade Linie, Du kannſt ihn nicht verfehlen..“ Das werde ich gewiß nicht, dachte ich, und waͤre er ſo wunderlich verſchlungen, wie die Wege in unſerem Parke.„Auf dieſe Weiſe kannſt Du Dein Verſehen am beſten wieder gut — 265— machen“, fuhr Charlotte fort,„und wirſt obendrein das Vergnuͤgen haben, die Damen nach Aubrey Park zu begleiten.“ NMit einemmale ſah ich mich wieder auf den hoͤchſten Gipfel des Guͤcks verſetzt; geſchwind gab ich große Muͤdigkeit als einen Vorwand an, mich fruͤh zuruͤckziehen zu duͤrfen und eilte in mein Zimmer, um in der Einſamkeit uͤber das unendliche Gluͤck nachzudenken, das mir bevorſtand. Die Seligkeit dieſes Vorgenuſſes endete indeſſen bald, zwar nicht gewaltſam, auch nicht auf eine Weiſe, die meinen Hoffnungen gaͤnz⸗ liche Vernichtung drohete, ſondern ganz einfach, durch den Schlaf, der mich uͤber⸗ kam. Ich weiß wohl, daß dieſes ehrliche Geſtaͤndniß mich ganz gewaltig in Deinen Augen herabſetzt und es waͤre mir wirklich ein Leichtes geweſen, ein Geſchichtchen von all der Sorge, dem Klopfen der Pulſe und — 266— des Herzens, der Unruhe, der Raſtloſigkeit und der Verſe, die ich im Mondſchein er⸗ ſann, zu erdenken; denn alle dieſe Dinge ſind ja als unvermeidliche und nie fehlende Anzeichen der erwachenden Liebe allgemein angenommen. Ich aber erfuhr durchaus nichts von dem Allen! Ein Tag in freier Luft nach einer allerdings ſchlafloſen Nacht, ein tuchtiges Mittags⸗Eſſen und mehr noch der Wein, dem ich mehr als gewoͤhnlich zugeſprochen, waren die verbuͤndeten Huͤlfs⸗ Truppen der Ruhe gegen die Liebe. Ich ſchlief in tiefſter Ungeſtoͤrtheit, bis ich erſt ſpaͤt am naͤchſten Morgen erwachte. Mein erſter Gedanke, ſobald ich wirk⸗ lich die Kraft des Denkens wieder erhalten hatte, wandte ſich augenblicklich auf An⸗ nabellaz ja ich brachte ſogar laͤngere Zeit als ſonſt mit meiner Toilette hin, und ging mit einem baͤnglichen Gefuͤhle der Sorge, — 267— wegen dem Gelingen dieſes meines Be⸗ ſuches, zum Fruͤhſtuͤck hinab. Da meine Ausflucht heimlich geſche⸗ hen ſollte, ſo ſchlich ich mich ſobald als moͤglich mit Charlotten hinaus, und ſie gab mir ein Billet, das zugleich als Ein⸗ fuͤhrung und Entſchuldigung mir dienen konnte. An Miß Hauton. Zuͤrnen Sie meinem Bruder nicht des begangenen Verſehens wegen, liebſte An⸗ nabella. Ich verſichere Sie, daß ſein Wegbleiben ein gezwungenes war, und von ihm mit der großten Ungeduld ertragen wurde. Mein Vater verlockte ihn zu einer Jagdparthie, er hielt ihn bis zu unſerer Mittagszeit feſt, und ſo begreifen Sie wohl, daß der arme Menſch in dieſer ganzen An⸗ gelegenheit ſehr gegen ſeinen eigenen Wil⸗ — 268— len handeln mußte. Sie haben ihm daher nicht nur zu verzeihen, ſondern muͤßten ihn eigentlich mit noch groͤßerer Guͤte aufneh⸗ men, da Sie ihm doch einigen Erſatz da⸗ fuͤr zu leiſten haben, daß er wie ein Schul⸗ diger vor Ihnen erſcheinen muß, und doch nur ein ungluͤcklicher Gegenſtand des Mit⸗ leids, nicht des Verdammens war. Ich weiß, er wuͤrde es verſchmaͤhen, Ihre gute Meinung von ihm nur Ihrer Liebe zu mir verdanken zu muͤſſen, ſonſt moͤchte ich Sie bitten, um meinetwillen mit Wohlwollen ihn zu betrachten. Ihre Charlotte. Dieſes Billet machte mir große Freude, und ich gewann Charlotten ihrer Gut⸗ muͤthigkeit wegen unendlich lieber. Mit meinem Creditiv in der Taſche, beſtieg ich nun eilends mein Pferd und gal⸗ — 269— loppirte hinuͤber nach Haks. Ich kann nicht ſagen, daß mein Vorgefuͤhl ein ganz gluͤckliches war. Eb tobte ein ſolcher Tu⸗ mult in mir, ein ſo raſcher Wechſel von Furcht zum Hoffen und umgekehrt, daß ich faſt zu zweifeln begann, ob ich nicht am beſten thaͤte, wenn ich wieder umwen⸗ dete, ſtatt vorwaͤrts zu reiten. Doch der Gedanke, daß Charlotte mir zu Liebe ſich bemuͤht habe, einen Brief zu ſchreiben, und welchen Triumph ich uͤber Benja⸗ min und Mr. Vaurien davon tragen wuͤrde, wenn ich nun in Geſellſchaft und auf ganz freundſchaftlichem Fuße mit Lady Bertram und ihrer Tochter zuruͤckkäme, trieben mich vorwaͤrts; vor allem aber be⸗ flugelte die Ausſicht auf die unendliche Freude, Miß Hauton zu ſehen und zu horen, mich zur Eile, und nach einem Ritte von drei Viertelſtunden erreichte ich mein Ziel, —— das in einer Entfernung von beinahe acht Meilen von Hauſe lag. Trotz meinem innerlichen Zittern und Zagen begruͤßte ich Lady Bertram und ihre Tochter, wenigſtens dem Anſchein nach, mit ziemlicher Faſſung. Sie empfingen mich ſehr freundlich. Ich gab Charlot⸗ tens Zeilen ab und bewachte Miß Hau⸗ tons Zuͤge, indem ſie las. Ich bemerkte ein ſuͤßes Laͤcheln auf ihren Lippen; freilich haͤtte ich ſie lieber erroͤthen geſehen. Das Erroͤthen erfolgte indeſſen nicht waͤhrend meiner Anweſenheit, aber zu meinem groſ⸗ ſen Vergnuͤgen entſchloſſen die Damen ſich, mich nach Aubrey Park zuruͤck zu begleiten. Unerachtet der boshaften Winke und Andeutungen der Miſtriß Wharton, in Hinſicht auf Annabella's Ausſehen am Morgen, fuhlte ich, daß ſie jetzt, wo moͤg⸗ lich, noch zehnmal lieblicher ſich zeige, als auf dem Balle. Ich bewunderte die zarte Friſche ihrer Farbe, und den Azurglanz ih⸗ rer Augen. Ich blickte von ihnen auf zum Himmel, und es kam mir vor, als haͤtten ſie von dieſem den Schimmer und die himmliſche, nie wechſelnde Milde des Aus⸗ drucks erborgt. Die ätheriſche Leichtigkeit der ganzen Geſtalt, die faſt nur von der Luft getragen ſchien, vermehrte den Zauber ihrer Schonheit. Sie iſt koſtlich und lie⸗ benswuͤrdig und einzig, und ihre Stimme ſanft wie die eines Vogels aus dem Para⸗ dieſe, oder wie die eines Engels, dachte ich. Wie durfte ſo ein Benjamin, und oben⸗ drein ſo ein Herr Baurien es wagen, den rohen unſittlichen Arm um dieſen ſchlan⸗ ken Leib zu legen! als ob ſeine Gemeinheit nicht deine Reinheit beflecken muͤßte, An⸗ nabella! wie durften ſie ſich unterwinden ſie zu faſſen, dieſe zarte Hand, um die ich eine Krone gaͤbe, ja das Diadem der Ca⸗ ſare, wenn es mein waͤre! Lady Bertram fuhr ihre Tochter in einem Cabriolet, ſo daß ich Gelegenheit fand, den ganzen Weg uͤber mich ihrer Un⸗ terhaltung zu erfreuen. Annabella's Heiterkeit ſteigerte ſich nie bis zur Lebhaf⸗ tigkeit, ſie war ſo ruhig und mild, wie der ganze Charakter ihrer Schoͤnheit. Sie war beides, freundlich und maͤdchenhaft, und nahm unwiderſtehlich das Gefuͤhl um Schutz und Unterſtutzung in Anſpruch. Die Ver⸗ nunft wurde ſo geſchickt bei Seite geſchoben, daß es ihr unmoͤglich war, zu merken, ſie ſey nicht mehr an ihrer rechten Stelle und habe ihre Gewalt uͤber uns verloren. Meiner Mutter Geſicht klaͤrte ſich gar ſehr auf, als ich, beide Damen am Arm, das Morgenzimmer in Aubrey Park betrat, und die Freundlichkeit, mit der ſie ihrem — 273— Beſuche entgegen eilte, erſtreckte ſich bis zu mir. Benjamin errothete bis in die Haare, und es kam mir vor— denn Liebe iſt ſcharfſichtig— als entdecke ich in der Art ſeines Betragens gegen Annabelta eine gewiſſe Empfindlichkeit und Kälte, die ſie wohl zu fuͤhlen ſchien, waͤhrend ſie ſich Muͤhe gab, im Aeußeren ihre gewohnte Ruhe beizubehalten. Charlotte fluſterte ihrer Freundin ihren Dank zu, fuͤr den Be⸗ weis von Ruckſicht fur die Schweſter, den die bereitwillige Annahme der Entſchuldi⸗ gungen des Bruders ihr gegeben. Ich ſetzte mich zu Annabella, zum augenſcheinlichen Verdruſſe Benjamins, der erſt den Sitz im Fenſter, dann die Ot⸗ tomanne, nun einen Stuhl und wieder einen andern verſuchte, bis er endlich faſt auf allen Mobeln des ganzen Zimmers geſeſſen hatte, ausgenommen auf denen, die ſchon Leben und Sitte in England. I. 18 — 1— beſetzt waren. Endlich ſtand Annabella unter dem Vorwande, daß die Sonne ſie incommodire, auf, und ſetzte ſich an meine andere Seite, wodurch ein Platz fuͤr Ben⸗ jamin neben ihr leer wurde, den er auch ſehr ſchnell in Beſitz nahm. Alles dies ſchien mir im Moment des Geſchehens minder wichtig, als ſpaͤter in der Erinnerung. Ich glaubte, daſt Miß Hauton wirklich vom Blenden des Son⸗ nenſcheins gelitten habe, obſchon ich freilich nicht umhin konnte zu bemerken, daß ſie demſelben an ihrem jetzigen Platze noch weit mehr ausgeſetzt ſey als am vorigen. Benjamin hatte ſeine Lebhaftigkeit ploͤtzlich wieder gefunden und war ſo lie⸗ benswuͤrdig und machte ſo viele Bonmots, daß ich, wenn ich Prosperos Zauberſtab gehabt haͤtte, ihm gewiß die Faͤhigkeit, re⸗ den zu koͤnnen, genommen haben wuͤrde, 35— ſo lange Annabella noch bei uns blieb. Aber ach! in unſern jetzigen Umſtaͤnden war der Fall gerade umgekehrt! Haͤtte Ben⸗ jamin die Zauberruthe wirklich beſeſſen, haͤtte er ſie wirklich auf die Weiſe ge⸗ braucht, in der ich ſie gegen ihn zu brau⸗ chen wuͤnſchte, er haͤtte ſeinen Zweck nicht vollkommener erreichen koͤnnen, als nun durch meine eigene Thorheit geſchah. Ich hatte ſowohl die Faͤhigkeit des Denkens wie die des Sprechens vollig verloren, und war beinahe in einen Zuſtand vollkommener Be⸗ wußtloſigkeit verfallen. Miß Hauton re⸗ dete mich einigemale an, aber meine Ant⸗ worten waren eher alles in der Welt, als paſſend auf ihre Fragen. Charlotte lächelte, und Lady Bertram und meine Mutter ſahen ziemlich zufrieden aus. Was mich ſelbſt aber betrifft, ſo mag Gott wiſſen, wie lange ich in dieſem Zuſtande vollkom⸗ 18* 6— mener Geiſtesabweſenheit geblieben waͤre, wenn mich nicht das Anfahren einer Equi⸗ page aufgeſchreckt haͤtte. Charlotte und ich liefen an das Fenſter, ſie um ihre weibliche Neugierde zu befriedigen, und ich, um meiner jetzigen ungeſchickten Stellung zu entfliehen. Ein blendend eleganter junger Mann, den ich ſogleich fuͤr Lord Bertram erkannte, ſprang von einem zierlichen Phaeton herab, den vier herrliche Apfelſchimmel zogen. Die Equipage, die Livreen der Diener und die Erſcheinung des Herrn ſelbſt waren gleich praͤchtig. Ich wollte Charlotten nicht verlegen machen, indem ich geradezu ſie an⸗ ſaͤhe, aber ich warf doch verſtohlen einen Blick zu ihr hinuͤber, und ſah, daß ihr Geſicht in Purpur gluͤhte, und daß eine ſichtbare Erſchuͤtterung ihre ganze Geſtalt uberflog. Das bedeutet etwas, ſo viel iſt —— gewiß, dachte ich, und weiß nicht, wie weit mein ſpekulativer Geiſt mich noch ver⸗ lockt häͤtte, wenn nicht alle meine Betrach⸗ tungen durch den Eintritt des Gegenſtandes derſelben unterbrochen worden waͤren. Lord Bertrams Geſtalt war ſehr vortheilhaft. Obgleich man ihn nicht eigent⸗ lich maͤnnlich ſchoͤn nennen konnte, ſo be⸗ ſaß er doch ein gewiſſes Anſehen von Stolz und vornehmen Weſen, das jeden andern Mangel vollkommen deckte. Obgleich in ſeiner Art zu reden etwas Anſpruchvolles lag, ſo war ſie im Ganzen anziehend und gebildet, wie es fuͤr einen Mann ſeines Standes ſich ziemte. Ich dachte mir augen⸗ blicklich, daß er ſich ganz vortrefflich zu einem jener alten ritterlichen Barone ge⸗ ſchickt haben wurde, wenn er beſtimmt ge⸗ weſen waͤre, in den Zeiten der Feudal⸗ Groͤße und Herrlichkeit zu leben. Er ließ 278— ſich in ein allgemeines Geſpraͤch mit der ganzen Geſellſchaft ein, doch zeichnete er vorzugsweiſe mich dabei aus. Anfangs kam es mir vor, als ob er dabei ausſaͤhe, wie Einer, der einem An⸗ dern eine Ehre erzeigt. Es lag eben nicht in meinem Charakter, ihn lange bei dieſer Mei⸗ nung zu laſſen; ich wußte recht gut, je⸗ dem, mit dem ich ſprach, es fuͤhlbar zu machen, daß ich mich mindeſtens fuͤr ſeines Gleichen halte, und kein anmaßendes Ueber⸗ gewicht ertragen wuͤrde. Lord Bertram begriff das auch ſehr bald, und hatte Takt genug um zu fuͤhlen, daß er ſeinen Ton aͤndern muͤſſe. Er bewunderte auf einmal ganz gewal⸗ tig eine ſeltſame, mit Muſcheln ausgelegte Grotte, die man vom Fenſter aus ſehen konnte, und bat um Erlaubniß, ſie näher betrachten zu duͤrfen. Ich war im Begriff, — 279— mich ihm zum Fuͤhrer anzubieten, aber er bat laͤchelnd Charlotten um dieſe Ge⸗ fälligkeit, wozu ſie denn auch, hoch errd⸗ thend, ihre Einwilligung gab. Lady Ber⸗ tram laͤchelte, meine Mutter laͤchelte und Benjamin fluͤſterte Annabellen etwas zu, worauf beide laͤchelten. Ich hatte auch meine Gedanken, aber es gelang mir, ſie zu verhehlen; ich laͤchelte nicht. Da ich nicht nach meiner Uhr geſehen hatte als ſie gingen, und es auch nicht that als ſie zuruͤckkehrten, ſo bin ich nicht im Stande, ganz genau die Dauer ihrer Abweſenheit zu beſtimmen. Lord Ber⸗ tram ſagte, daß er die Grotte nur ſehr fluͤchtig geſehen, und daß es ihm lieb ſeyn wuͤrde, ſie bei einer andern Gelegenheit nä⸗ her zu betrachten. Gut, Mylord, dachte ich, das iſt ein kluges Mandvre, obgleich wir alle wiſſen, daß ſie der Zeit nach jedes — 280— Steinchen und jedes Muſchelchen„aus de⸗ nen die Grotte zuſammengeſetzt iſt, haͤtten zaͤhlen konnen. Benjamin fluͤſterte An⸗ nabellen etwas zu, woruber ſie roth ward und ihren Bruder und meine Schweſter anſah, waͤhrend ich ſehr unentſchieden blieb, wer von ihnen allen am tiefſten erroͤthete. Lady Bertram brach nun ſogleich auf, und als ſie alle fort waren, ergriff Char⸗ lotte meinen Arm, fuͤhrte mich in ihr Boudoir, winkte mir, mich zu ſetzen, warf ſich auf einen Stuhl und brach in helle Thraͤnen aus. Ich verſuchte ſie zu beſaͤnftigen und fragte ſie nach der Urſache ihres Kummers und ihrer Betruͤbniß. „Es iſt nicht immer gerade Kummer“, erwiederte ſie,„was uns Thränen erpreßt. Ich bekenne, daß ich ſchwach und thoͤrigt — 281— bin; vergib mir, Eduard, ich bitte Dich, und glaube nicht etwa, daß ich abſichtlich Dich hinzuhalten gedenke. Du haſt nur ſehr kurze Zeit bei uns zugebracht, aber ich bin uͤberzeugt, daß ich Dir nicht errſt zu ſagen brauche, daß der Vater, in Folge ſeiner Lebensweiſe, nur dem Namen nach ein Vater fuͤr uns iſt, und daß es daher ganz unmoͤglich wird, mich irgend Raths bei ihm zu erholen, oder auch nur einige Aufmerkſamkeit, fuͤr welchen Gegenſtand es ſeyn mag, von ihm zu hoffen, wenn die Darſtellung deſſelben mehr als fuͤnf Minu⸗ ten erfordert. Du mußt alſo an ſeine Stelle treten, ſeinen Platz fullen, und mein Berather werden. Dies Alles habe ich Lord Bertram geſagt, und er iſt ganz darauf vorbereitet, Dich in dieſem Lichte zu be⸗ trachten. Sey nicht boſe, daß ich— daß ich— Dir nicht recht ſagen kann, was ich Dir zu ſagen verſprochen habe, das heißt, daß——— „Liebe Charlotte“, erwiederte ich und faßte ihre Hand, denn ich wuͤnſchte ſie von der Verlegenheit zu befreien, mir etwas entdecken zu muͤſſen, davon ich ſchon im Voraus unterrichtet war,„liebe Schwe⸗ ſter! beruhige Dich! ich bin uberzeugt, daß ich Dich ſchon zu genau kenne, um darin irren zu koͤnnen, daß es Dir unmoͤglich iſt, mir irgend etwas anvertrauen zu wol⸗ len, das nicht vollkommen ehrenvoll fuͤr Dich waͤre. Erlaube mir, mich ein wenig auf's Errathen zu legen.“ „Lord Bertram bewunderte eine Grotte, die er hoͤchſt wahrſcheinlich ſchon vor dieſem wichtigen Morgen tauſendmal ge⸗ ſehen hat; er waͤhlte Dich zu ſeinem Cice⸗ rone, obgleich man vernuͤnftiger Weiſe an⸗ nehmen koͤnnte, daß Benjamin oder ich —— ſelbſt weit beſſer zu dieſem Amte getaugt haͤtten. Wenn ein junger Mann ſeiner Art offentlich um ein Téie à téte mit einem Fraͤulein bittet, ſo laͤßt ſich meiſten⸗ theils der Gegenſtand einer ſolchen Unter⸗ haltung mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit im BVoraus errathen. Lord Bertram liebt meine Schweſter, und ſie hat gewiß keinen Widerwillen gegen den eleganten Pair! Komm, Charlotte, geſtehe es mir, habe ich etwa geirrt?“ Sie erroͤthete ſehr, und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Haͤnden. „Gut denn, ich will dieſe mädchenhafte Verſchaͤmtheit gelten laſſen, obgleich ſie mir faſt ein Bischen uͤber das Natuͤrliche hin⸗ aus zu gehen ſcheint; ich glaube, ſie ge⸗ hort in ſolchen Faͤllen zum Syſtem der modernen weiblichen Sitten; iſt es nicht ſo? Du haſt keine urſache zu vermuthen, daß dieſe Parthie in Hinſicht auf Rang und Vermoͤgen Deiner Familie anders als hoͤchſt angenehm erſcheinen koͤnne. Da ich erſt ſeit Kurzem hier angekommen bin, ſo mußt Du natuͤrlich vorausſetzen, daß ich mit ſeinem Charakter ganz unbekannt bin, und daher, was dieſen betrifft, ganz außer Stande, Dir einen Rath zu geben. Du ſelbſt, liebe Charlotte! haſt ihn ſo lange, ſo genau gekannt, daß Du weit beſſer dar⸗ uͤber urtheilen kannſt als ich, wenn wir naͤmlich die Liebe aus dem Spiele laſſen konnen, indem wir eine Angelegenheit be⸗ ſprechen, in der um Deines kuͤnftigen Gluͤckes willen die hoͤchſte Vorſicht noth⸗ wendig iſt. Glaube mir, Charlotte, ſo viel ich durch Buͤcher und mitgetheilte Er⸗ fahrungen Anderer faͤhig bin davon zu ur⸗ theilen, ſo iſt die Gemuͤthsart das, was bei einer ſolchen Verbindung hauptſächlich — 285— zu beruͤckſichtigen iſt. Das häusliche Gluͤck haͤngt weit mehr von Kleinigkeiten ab, als man es allgemein wohl glaubt. Es gibt Maͤnner, die dem heftigſten Sturme mit ungebeugter Ruhe und Feſtigkeit die Stirne bieten wuͤrden, und doch unter den immer wiederkehrenden kleinen Angriffen des Le⸗ bens zuſammenbrechen. Ich glaube, daß Du ſelbſt ſehr viel Kraft haſt; fehlt es Dir aber nicht etwa an Geduld, Charlotte? Von beiden iſt nach meiner Ueberzeugung das Letztere zu Deinem kuͤnftigen Gluͤcke bei weitem das Unentbehrlichere. Geduld iſt eine Tugend, die im gewoͤhnlichen Le⸗ ben taͤglich in Anſpruch genommen wird; Kraft wird nur in ſeltenen Fällen, bei großen Gelegenheiten gefordert.“ Charlotte hatte mir mit anſcheinend großer Achtſamkeit zugehoͤrt, oder vielmehr es verſucht zu thun, doch hatte ich bemerkt, daß ſie einigemal viel Muͤhe hatte, das Gaäͤhnen zu unterdruͤcken; ich kuͤrzte alſo meine Rede ab, da ich nicht Luſt hatte, ſie, nachdem ich meine Pflicht erfuͤllt, un⸗ nuͤtz zu langweilen. „Ich bin uͤberzeugt, daß Du vollkom⸗ men recht haſt, beſter Eduard!“ erwiederte ſie mir,„aber laß mich Dich daran erin⸗ nern, daß in dem Range, den Lord Ber⸗ tram in der Welt bekleidet, das Leben auf eine durchaus verſchiedene Weiſe betrieben wird, als in einer weniger ausgezeichneten Klaſſe noͤthig ſeyn moͤchte. Ich weiß ge⸗ wiß, daß weder Du, noch ich, noch irgend einer von des Lords naͤchſten Bekannten einen Augenblick anſtehen werden, ihn fuͤr einen der artigſten, wohlgezogenſten jungen Maͤnner ſeines Alters zu erklären. Dieſe Eigenſchaft nehme ich als ſehr wichtig an, und darum habe ich mir viele Muͤhe gege⸗ — 287— ben, mir Gewißheit zu verſchaffen, ob er ſie beſitzt. Das Reſultat meiner Bemerkun⸗ gen hat mich vollkommen zufrieden geſtellt, und ſo wie ich mich ſelbſt kenne, meine ich, daß wir alle moͤgliche Ausſicht haben, ſo gluͤcklich mit einander zu leben, wie die meiſten Menſchen um uns her.“ „Charlotte, ſage mir die genaue Wahrheit, liebſt Du den Mann, den Du heirathen willſt?“ fragte ich jetzt, getrieben von Argwohn, daß meine Schweſter wohl durch andere Gruͤnde, als die Liebe, ſich beſtimmt fuͤhlen koͤnne, dem Lord Ber⸗ tram die Hand zu reichen. „Nun! loß mich's uͤberlegen“, erwie⸗ derte ſie, abermals errothend;„wenn Du romantiſch geſinnt biſt, Eduard“, ſprach ſie und bemuͤhte ſich, lebhafter zu ſcheinen, als ſie in dieſem Augenblicke es wirklich war,„wenn Du ſo es meinſt, und ich — 206— mein Gefuͤhl nach Deinem Maßſtabe meſ⸗ ſen ſoll— ſo iſt es allerdings eben nicht Liebe, was ich fuͤr Lord Bertram em⸗ pfinde; fragſt Du aber als ein Mann von Welt und betrachteſt dieſe Dinge wie an⸗ dere Leute in ſolchen Faͤllen es thun, dann iſt mein Gefuͤhl fuͤr Lord Bertram ge⸗ wiß hinreichend, um uns eine gluͤckliche Zukunft hoffen zu laſſen. BVergiß nicht, lieber Bruder, daß die Zeiten der Chevalerie längſt voruͤber ſind, daß man um der ſcho⸗ nen Augen einer Dame willen nicht mehr die Welt in Flammen ſetzt, und ſelbſt die Damen keine ſolche Verehrung mehr wuͤn⸗ ſchen. Erinnere Dich, daß in unſern Ta⸗ gen ein Mann, der einen Korb bekoͤmmt, gar nicht mehr daran denkt, ſich zu erhaͤn⸗ gen, oder zu ertraͤnken, oder zu erſchießen, ſondern ſich durch eine neue Neigung zu troͤſten ſucht, bei welcher er auf beſſern Er⸗ — 289— folg mit ziemlicher Gewißheit hoffen kann, wenn er nicht etwa ganz enorm haͤßlich iſt; und ſelbſt in dieſem Falle, wenn er ſonſt die erforderlichen Eigenſchaften beſitzt, wird es ihm ſchwerlich fehlſchlagen, ſein Ziel zu erreichen. Wenn ich heute Lord Ber⸗ tram abweiſe, weil meine Neigung fuͤr ihn nicht jener heftig leidenſchaftlichen Art iſt, die mich beſtimmen wuͤrde, ihn jedem An⸗ dern vorzuziehen, ſelbſt wenn Rang und Vermoͤgen und alle ſonſtigen Vortheile ihm fehlten, die er beſitzt, ſo wuͤrde er das Vergeſſen dieſer Kraͤnkung nicht auf Reiſen ſuchen, oder durch ein Hineinſturzen in den Strudel der Zerſtreuung, oder im Auf⸗ ſuchen der Geſellſchaft der frohen modiſchen Welt, um in ihr ſeinen Gram gleichſam zu ertränken— ſondern er wuͤrde ſich um Lady Almeria Dartford bewerben, welche ihn ohne Zweifel annaͤhme. Rein, 19 Leben und Sitte in England. I. guter Eduard, ich kann es nicht uͤber mich gewinnen, dieſen Gluͤcksfall abzuleh⸗ nen; ein Privatmann findet ſich wohl zu jeder Zeit, aber ein Graf bietet ſich nicht alle Tage an, und ein Grafenkroͤnchen im Wappen iſt in meinen Augen gar zu huͤbſch und anziehend, um es ſo leicht zu ver⸗ ſchmaͤhen. Ich bin ganz uͤberzeugt, daß ich ſo viel fuͤr Lord Bertram empfinde, als uberhaupt zu empfinden in meiner Natur liegt. Ich bin nur der Achtung und Freund⸗ ſchaft faͤhig; und glaube mir nur, ſehr wenig Leute, die den Pfad der Ehe betre⸗ ten, haben einen ſo guten Boden als ich, um das Gebaͤude ihres haͤuslichen Gluͤckes darauf ʒu gruͤnden.“ Es blieb mir nichts weiter zu ſagen, obgleich ich bekennen muß, daß Charlot⸗ tens Gruͤnde mir nicht ſo triftig, und zum Schluſſe paſſend ſchienen, als ihr ſelbſt. — W— Doch hatte ich keine vernuͤnftigen Einwen⸗ dungen dagegen aufzubringen, und bin uͤber⸗ zeugt, daß meine Schweſter von Vielen als hochſt verſtaͤndig und klar gelobt worden waͤre. Ich konnte nicht umhin, zu denken, daß Charlotte meinen Rath ſchon mit dem im Voraus gefaßten Entſchluſſe gefor⸗ dert habe, nur in den Punkten ihn zu be⸗ folgen, in welchen er mit ihren eigenen Anſichten zuſammen traf. Ich hatte alſo nichts weiter einzuwen⸗ den, und kam mit ihr uͤberein, die erſte Gelegenheit zu ergreifen, um den Vater mit ſeiner Tochter herannahenden Verhei⸗ rathung bekannt zu machen. Dieſes war keine ſchwere Aufgabe. Da er eben ſo abgeneigt war, in lange Auseinanderſetzungen ſich einzulaſſen, als er wuͤnſchte, der Nothwendigkeit, die erforder⸗ lichen Einrichtungen zu treffen, uͤberhoben 16 — — 292— zu werden, ſo uͤberließ er mir die ganze Sache. Ich war geneigt, mich großmuͤthig zu zeigen, und Lord Bertram wuͤnſchte eben ſo ſehr, nicht von mir uͤbertroffen zu wer⸗ den; die Eheſtiftung kam alſo ſchnell in Ordnung und der Tag der Vermählung wurde angeſetzt. Meine Mutter war ganz gluͤcklich in der Oberaufſicht der geringfuͤgigen Anſtalten, in Berathungen mit Lady Bertram, wie der Schmuck zu faſſen ſey, den ſie Char⸗ lotten zu ſchenken Willens war, und in andern ſolchen kleinen Details, von denen man, nach der Wichtigkeit zu urtheilen, mit der ſie verhandelt wurden, haͤtte glau⸗ ben koͤnnen, daß wenigſtens das Schickſal einer Nation von ihnen abhaͤngig ſey. Meine Schweſter verhielt waͤhrend ihres ganzen Brautſtgndes ſich ſehr ruhig, und der Er⸗ — 5 — 293— korene vergaß nicht ein einzigesmal, die ge⸗ wohnte Wuͤrde ſeiner Haltung beizubehalten. Annabella kam jetzt an jedem Mor⸗ gen mit ihrem Bruder nach Aubrey Park. Ich erfuhr nie die Qual verzoͤgerter Hoff⸗ nung, denn Lord Bertram war viel zu ab⸗ gemeſſen, um jeder regelmaͤßig beſtimmten Zeit ſeines Kommens voranzueilen, oder auch ſich zu verſpaͤten. Punkt eilf ſtand ich an der Thuͤre, um ihr aus dem Wagen zu helfen, und erhielt ein liebes ſuͤßes Lächeln zum Lohn meiner Dienſtfertigkeit, das mir damals unwiderſtehlich ſchien. Benja⸗ min ſtand meiſtens neben mir, doch be⸗ warb er ſich nie mit mir zugleich um dieſe Gunſt, ſondern uͤberließ es mir allein, ihr zu helfen. Annabella empfing ſeinen Gruß mit der freundlichen Traulichkeit lan⸗ ger Bekanntſchaft, und da ich die außeror⸗ dentliche Schuchternheit ihres Weſens kannte, — 294— ſo ſetzte es mich nicht in Erſtaunen, daß ſie bei ihm ſich immer ungezwungener zu fuhlen ſchien als bei mir. Ich kann nicht beſchreiben, wie ſehr es mich niederſchlug, als ich erfuhr, daß ſie Charlotten, gleich nach deren Trauung, auf einer Reiſe nach 8—, einem kuͤrzlich Mode gewordenen Bade, fünfzig Meilen von uns, begleiten wolle. Ich konnte es nicht ertra⸗ gen, meine dde Exiſtenz ohne ihre und zu⸗ gleich auch ohne Charlottens Geſellſchaft mir zu denken! Mir war, als ſey es kaum dann der Muͤhe noch werth zu leben, und ich beſchloß halb und halb, zu Herrn Arun⸗ del zu gehen, und die Zeit ihrer Abweſen⸗ heit bei ihm zuzubringen. Doch die tiefe Einſamkeit, in der meine Mutter dann zu⸗ ruͤckbleiben muͤſſe, fiel mir aufs Herz, und ich empfand, daß ich es ſchuldig ſey, der Pflicht meine Neigung zu opfern. Charlotte wurde denn endlich ge⸗ traut. Es war ein großer Jagdtag, und mein Vater klopfte ſchon mit dem fruͤheſten Morgen an meine Thuͤre, um mir zu ſa⸗ gen, daß ich bei der Trauung meiner Schwe⸗ ſter Vaters⸗Stelle vertreten muͤſſe, denn er habe ſich ſchon zwei oder drei Wochen fruͤher verſagt, wo es ihm noch gar nicht habe einfallen konnen, daß er auf dieſe Weiſe abgehalten werden wuͤrde. Weder die Braut noch ihre Verwandte ſchienen durch ſeine Abweſenheit ſich gekraͤnkt zu fuͤhlen, ſondern ließen es ſich freundlich gefallen, mich als ſeinen Stelkvertreter anzunehmen. Es kam mir vor, als ſey Benjamin ungewoͤhnlich bewegt, und Annabella ſo beunruhigt, als ich ſie noch nie geſehen zu haben meinte. Ich dagegen erfullte die Pflichten meiner väterlichen Wuͤrde mit großem Anſtande und vieler Ruhe. An mich kam das Unruhigwerden erſt, als ich von den Abreiſenden Abſchied nahm. Wie verlaſſen fuͤhlte ich mich, als ich auein nach Aubrey Park zuruͤckkehrte; ſo lange nur der immer mehr ſich entfernende Schall hoͤrbar blieb, horchte ich auf das Raſſeln der Raͤ⸗ der des Wagens, der ſie forttrug. Ben⸗ jamin und ich kehrten Arm in Arm zu⸗ ruͤck, und es kam mir vor, als habe ich ihn nie liebenswuͤrdiger geſehen. Doch als ich es wagte, Annabellen zu erwaͤhnen, ſuchte er das Geſpraͤch zu vermeiden, als ob es ihm unangenehm ſey, und ich war zu gutmuͤthig, um weiter in ihn zu dringen. Ich hätte jetzt ſeine Geſellſchaft gern oͤfterer gehabt, er aber lehnte ſchweigend mein Zuvorkommen ab, und widmete ſich faſt ausſchließlich Herrn Baurien. Die Einſamkeit wurde mir alſo unvermeidlich, ich las und ging und ritt, und fand an — 297— alle dem keine Freude, weil ich meinen Sinn auf nichts feſt zu richten im Stande war. Meine Mutter bemerkte meine Unbe⸗ haglichkeit, und ohne weiter auf den Grund derſelben zu dringen, gab ſie mir den Rath, eine Reiſe zu machen. Dies brachte mich auf den Gedanken, Annabellen zu fol⸗ gen. Meine Erſtarrung loͤßte ſich ſogleich, und ich ward wieder ſo lebhaft und heiter, als ich es nur je im Leben geweſen. Meine Reiſe⸗Anſtalten waren bald ge⸗ troffen; es kam mir vor, als betrachte ſie Benjamin mit argwoͤhniſchen ſorgenvol⸗ len Blicken. Doch ſprach er nie, auf keine Weiſe den Wunſch aus, mich begleiten zu wollen, und ich reiſte alſo allein. Meine Schweſter war eben fuͤnf Wochen verheirathet, und ich hatte wirklich dieſe ganze Zeit durchlebt, ohne von An⸗ nabellen etwas zu hoͤren oder zu ſehen, — 298— ausgenommen zuweilen einzelne Stellen in meiner Schweſter Briefen, als,„Miß Hau⸗ ton befindet ſich wohl, Miß Hauton laͤßt Euch Alle auf das Herzlichſte gruͤßen, Miß Hauton wird in Z— ſehr bewundert.“ Das Vergnuͤgen, das ich jetzt empfand, indem ich zu ihr eilte, wog indeſſen alle Pein und Unruhe, die ich in ihrer Abwe⸗ ſenheit erduldet, vollkommen auf. Ich war hoͤchſt begierig zu wiſſen, ob ſie wohl meine Unbehaglichkeit einigermaßen mit mir getheilt, und war Egoiſt genug es zu wuͤnſchen. Je mehr ich mich 8— naͤherte, je mehr wuchs meine Unruhe, je entſchiedener ward meine Ungeduld. Ich war wie ein Seefahrer, ich entdeckte den Hafen und ſpannte alle Segel auf, ihn zu erreichen; je mehr ich dem Porte nahte, je groͤßer ward meine Eile. Ich kam endlich an. Annabella — 299— ſah ſo bluͤhend und wohl aus, daß mir war, als empfaͤnde ich den leiſen Schmerz einer Täuſchung. Ich hatte die eingebildete Thorheit mir zu Schulden kommen laſſen, zu erwarten, doß ich ſie blaß, melancho⸗ liſch und ſehnſuchtsvoll finden wuͤrde. Nichts von dem Allen! Sie war friſch wie eine Hebe, und ſo froͤhlich, als ich ſie nur je⸗ mals geſehen hatte. Wenn irgend eine Ver⸗ aͤnderung an ihr ſichtbar war, ſo war es die, daß ſie noch heiterer geworden zu ſeyn ſchien, als ſie fruͤher geweſen, und dieſes ſchrieb ich dem luſtigen zwangloſen Leben des Ortes zu, in welchem ich ſie wiederfand. Ich ward nun ihr Begleiter an allen offentlichen Vergnuͤgungs⸗Orten. Die Reihe von Bewunderern, die ihr anfangs gefolgt, verſchwand allmählig. Nach und nach nahm ich die Privilegien eines anerkannten Lieb⸗ habers an, indem ich ihr andeutete, was — 300— in ihrem Betragen mir nicht gefallen wollte, und was ſie denn auch, zu meinem großen Vergnuͤgen, augenblicklich abaͤnderte. Den⸗ noch hatte ich mich noch nicht offen erklart. Lady und Lord Bertram waren die erſten jungen Eheleute nach der Mode, die ich jemals zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Nichts konnte die gegenſeitige Artig⸗ keit ihres Betragens uͤbertreffen, und mir fiel auf, es ſey faſt unmoͤglich, daß zwei Leute von Stande und beiderlei Geſchlechts mit einander in offenen Streit gerathen koͤnnten. Was vielleicht der Neigung ab⸗ geſchlagen worden waͤre, gewaͤhrte ſogleich die Hoflichkeit. Der Stolz, den ich fruͤher am Lord Bertram bemerkt, war, wie ich nun fand, eine angenommene Hoheit des Ausdrucks und Betragens, aber keines⸗ wegs das Reſultat eigener Ueberſchätzung. Mir kam er als der feinſte und hoflichſt 3 * terdings unmoͤglich, einen Mann, der in — 301— gewohnte Mann vor, den ich jemals geſe⸗ hen, ſogar in ſeinen vertrauteſten Momen⸗ ten verließ ihn nie die Abgeſchliffenheit des Hofmanns. Dieſe Eigenſchaft ſicherte ihm ein großes Uebergewicht in der Geſellſchaft, weil er immer kuͤhl blieb, wenn Andere durch ihr Gefuͤhl ſich uͤber die Grenzen des guten Tons hinausreißen ließen. Ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern und zu achten, und fand, daß es ſeine traurige Beſtimmung ſey, nie ein waͤrmeres Gefuhl einfloͤßen zu koͤnnen. Charlotte hatte gut gewaͤhlt; ich ſelbſt mußte es mir eingeſtehen, in der weiten Reihe der verſchiedenen Charaktere menſchlicher Naturen paſſe Lord Ber⸗ trams Weſen am beſten zu dem ihren. Seine unuͤberwindliche Hoflichkeit hielt ih⸗ ren Leichtſinn in Schranken; es war plat⸗ — 302— jedem Theile ſeines Betragens ſo regelrecht blieb, zur Zielſcheibe des Witzes oder der Satyre zu machen. Gewiß, er war einer der achtungswertheſten, wie einer der ele⸗ ganteſten Männer. Seine pedantiſche Puͤnkt⸗ lichkeit in Allem ſtand ſeinem Geliebtwer⸗ den am meiſten im Wege, doch ſicherte ſie ihm das Gefuͤhl, um welches es ihm am meiſten zu thun ſchien— tiefe Achtung. Ich ſah, Charlotte hatte ſich ſelbſt ſehr richtig beurtheilt, indem ſie verſicherte, daß ſie des Gefuͤhls unfaͤhig ſey, das man mit dem Namen Liebe bezeichnet. Die ganze Waͤrme ihrer Natur wurde auf ihre Art das Leben zu nehmen von ihr verwendet; es war ſo eine Art chemiſchen Kunſtfeuers, ohne eigentliche Hitze; ſie war von Natur gutmuͤthig und brillant witzig, ohne ſich bis zu erhabener Großmuth oder dem eigentlichen Aufſchwunge des Geiſtes erheben zu koͤnnen. „ In Annabellens Weſen ging in⸗ deſſen bald eine hoͤchſt bedeutende Veraͤnde⸗ rung vor, ſie ward blaͤſſer, als ich es ſo⸗ gar uͤber das Herz haͤtte bringen koͤnnen, ſie mir während meiner Abweſenheit zu denken. Jetzt ward ihr ſichtlicher Kummer eine Quelle der Sorge fuͤr mich. Ich wuͤnſchte ſehnlichſt, die Urſache deſſelben zu erforſchen, und beobachtete ſie mit der groß⸗ ten Aufmerkſamkeit, doch ohne den allerge⸗ ringſten Erfolg. Alles um ſie her trug das Gepraͤge des Gluͤcks. Keine Dame ward ſo geliebt, keine ſo bewundert, und doch nahm ihre Unruhe ſichtbar zu, und wenn in einem ſo ruhigen Weſen das Ge⸗ fuͤhl des Ungluͤcks auf dieſen Grad ſichtbar wurde, ſo mußte nach meiner Anſicht der Grund deſſelben bedeutend ſeyn. Alle meine Verſuche, ihn zu entdecken, blieben frucht⸗ los; ich ſah rings umher mich um, ich — 304— ſuchte nur ein Wolkchen am Horizonte zu entdecken, das ich als moͤgliche Urſache ih⸗ res Leidens annehmen koͤnne, vergebens; alles war glaͤnzend, klar und ſonnenhell. Ich ſtrengte meinen Verſtand bis zur Ermu⸗ dung, zu Bemerkungen an, und meine 1 Phantaſie zu Hypotheſen; manchmal war ich beinahe Willens, die Sache mit Char⸗ lotten zu beſprechen, doch Stolz und Zartgefuhl hielten mich davon zuruͤck, viel⸗ leicht auch die geheime Furcht, mich zu uͤberzeugen, daß dieſer ſtille Kummer von uͤbler Vorbedeutung fuͤr mich ſey. Der Zufall ließ mich endlich entdecken, was ich vergebens abſichtlich zu erfahren geſucht hatte, denn wie wenig haͤngen die äußern Bedingungen unſeres Lebens von uns ſelbſt ab. —— Ende des erſten Bändchens. 578 g14 Seqae