Leihbibliv deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ednard Olimann in Gieſen, . Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih und eſebedingungen. 1oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthr deſſelben entſprechende Summe ſe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſo wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträt; 8 für wochentlich* 2Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: 3—.——— f Mont 1W W i 3 7— uswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. gur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren 2 erkes, ſo iſt ß der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür E— 7 — Uovellen und Schilderungen. Inhal Seite Der Sianſaſtirant er Sei uzen 49 Das Serſain 65 Hahmonud Saura 99 Das Gnadenbild auf dem Weißenſtein in Tirol Eine Wh um Bodenſee 2 Erinnerungen aus dem Etſchlande......... 171. 15 Der Staatsdienſtaſpirant. —— —— Steub, Novellen. ————— Der Staatsdienſtaſpirant. Aus dem deutſchen Leben. ir haben einmal in den Werken eines engliſchen Welt⸗ weiſen die Behauptung geleſen, die Hälfte der Menſchen wiſſe nicht, wie die andere Hälfte lebe. Bei näherer Betrachtung dieſes Satzes glaubten wir zu finden, daß dieſes Urtheil noch viel zu günſtig laute. Es wollte uns bedünken, als ob zwar immerhin das Leben der Familie ſowohl als das der Ein⸗ zelnen eine Anzahl heiterer oder trüber Eindrücke mit ſich führe und veranlaſſe, die allen Menſchen aller Zeiten und Zonen gemeinſam ſind, daß dagegen auch mit dem irdiſchen Fort⸗ kommen, wie es die Verhältniſſe eines jeden Individuums be⸗ dingen, eine Summe von Freuden und Schmerzen, von Hoff⸗ nungen und Befürchtungen verknüpft ſey, von denen der außer⸗ halb des beſtimmten Kreiſes Stehende nur zerſtreute An⸗ ſchauungen, ohne eigens darauf gerichtete Beobachtungen und Studien aber nie eine ausgiebige Kenntniß beſitzen könne. — ————————— — S Da nun aber gerade dieſe letztern Empfindungen dem menſch⸗ lichen Leben die überwiegende Farbe geben, dieſelben jedoch den Unbetheiligten nur zufällig und vereinzelt erſichtlich wer⸗ den, ſo möchten wir eher ſagen, der Menſch, wenigſtens einer, der nie aus ſeinem Kreiſe getreten iſt, kenne nur dieſen, viel⸗ leicht noch etwas Weniges von dem nächſt verwandten, ſonſt aber keinen. Der Gelehrte zum Beiſpiel, der ſeinen Rock anthut, er ſey ausgebürſtet oder nicht, hat keine Ahnung von der Freude, die ein junges Mädchen empfindet, wenn es zum erſten Male ein neues florſeidenes Ballkleid überwirft. Eben ſo wenig weiß der Richter, der mit dumpfem Gleichmuth den Aktenkaſten auf⸗ und zuſchlägt, von dem Behagen, das ſich in hellem Scheine auf das Antlitz der Hauswirthin legt, wenn ſie ihren Leinwandſchrein eröffnet. Der Städter, der, zu frühe auf⸗ gewacht, das Fenſter öffnet und das Geſicht verdrießlich über die kalte Morgenluft wieder zurückzieht, denkt er wohl an die Wonne, in der zur ſelben Stunde der Waidmann lebt, der draußen im Forſte auf den Rehbock wartet? Der Dichter geht mit eben dem Vergnügen durch ſein letztes Trauerſpiel, als der Landwirth durch ſeine friſch gedüngten Auen, aber es füllt dem Einen nicht ein, dabei auch an den Andern zu denken. In der That ſcheint auch Manches darauf hinzuweiſen, daß die Gegenwart dieſen Mangel allgemein fühlt; ſie ſcheint ihn faſt als etwas zu betrachten, das einer ſchleunigen Ab⸗ hülfe bedürftig ſey. Herkömmlicherweiſe hat ſich denn auch die Literatur dieſer Lücke zugewendet, und ſo haben wir bereits Salonsnovellen zum Beſten derer, die nie einen Parketboden betreten, und bürgerliche Pracht⸗ und Miſereſtücke zur Orien⸗ tirung der Ariſtokratie des Geldes und der Geburt. Will ſich die höhere Geſellſchaft und das Bürgerthum über das Leben der unterſten Klaſſen belehren, ſo ſtehen vor der Hand die ſchätzbaren Pöbelromane der Engländer zu Gebote, die wenigſtens Analogien zur Erkenntniß der heimiſchen Zuſtände liefern. Auch wird es ſchwerlich mehr lange dauern, bis ein glücklicher Finder das Bauernleben entdeckt und dem Publikum zur Beſchauung ausſtellt. Außerdem aber ſind ſeit Jahren auch ſchon Schritte geſchehen, um den Feſtländer mit dem Leben zur See, den Städter mit dem Treiben der Fiſcher, Jäger und Räuber novelliſtiſch bekannt zu machen, und in einer Anzahl der trefflichſten Produktionen ſieht ſich endlich der zahme Menſch den halb und ganz wilden, den Beduinen, den Irokeſen und Neger gegenübergeſtellt. Bei all Dem gibt es indeß manche Sphären, die noch ihren Bearbeiter erwarten, ſogar in unſerer nächſten Nähe, und wir wenigſtens meinten zu entdecken, daß das Leben der Staatsdienſtaſpiranten, dieſer allenthalben in Deutſchland verbreiteten Gattung, bisher noch gänzlich überſehen worden. In dieſer Meinung haben wir uns daran gemacht, den bisherigen Lebenslauf eines derar⸗ tigen Zeitgenoſſen zu ſchildern, welcher, iſt er auch kein Muſter⸗ bild der ganzen Art, doch viele charakteriſtiſche Züge, die ſonſt in ihr zerſtreut angetroffen werden, in ſich vereinigt. Wir geben dieſe Skizze um ſo leichteren Herzens, als wir von dem Geſchilderten außer einigen Eigenthümlichkeiten nur — Rühmliches zu melden haben, übrigens aber auch demſelben nicht gerade befreundet, ſondern nur ſo weit bekannt ſind, um ſeinen Lebensgang in kurzer Entfernung betrachten zu können, ſo daß wir uns auch nicht gegen die Pietät verfehlt haben würden, wenn wir die chriſtliche Liebe des Leſers für dieſe oder jene Schwäche hätten in Anſpruch nehmen müſſen. Herr Johann Baptiſt Schimmelhauſer wurde vor etwa dreiunddreißig Jahren in einem ſüddeutſchen Städtchen ge⸗ boren, deſſen Name hier nichts zur Sache thut. Sein Vater war ehedem ein angeſehener Bürger und Handelsmann ge⸗ weſen, allein die Kriegsläufte hatten ſeinen Wohlſtand derge⸗ ſtalt untergraben, daß er bald nach dem allgemeinen Frieden mit ſeinen Gläubigern in ſchwere Prozeſſe gerieth, welche höchſt unglücklich für ihn endigten. Er wurde von Haus und Hof vertrieben und mußte zufrieden ſeyn, in einem kleinen Gemeindeamte Schutz vor Hunger und Elend zu finden, die ihm einſt ſo entlegen geweſen waren. Herr Schimmelhauſer galt allgemein für einen verſtändigen Mann, aber das war ihm nicht aus dem Kopfe zu bringen, daß er noch auf ſeinem Hauſe ſäße, wenn der Herr Aktuar Schlingelmann, der ſein Schuldenweſen behandelt hatte, ihm gewogener geweſen, überhaupt nicht mit ſo entſetzlicher Strenge verfahren wäre; denn, meinte er, es hätte ſich ſo machen laſſen, wie ſo. Um die Zeit, wo ſein Wohlſtand und ſeine Hausehre unterging, war Johann Baptiſt noch ein Knäblein, das in den unteren Klaſſen der deutſchen Schule leſen und ſchreiben zu lernen begann, was aber nicht verhinderte, daß ſchon jetzt ſein Verhängniß feſtgeſtellt und ein Spruch gethan wurde, deſſen Folgen noch zur Stunde auf ihm laſten. Es war näm⸗ lich der große entſcheidende Tag, wo das Anweſen und die Gerechtſame ſeines Vaters dem Meiſtbietenden zugeſchlagen wurde, ein Tag der peinlichſten Aufregung für den ehrbaren Bürger, als dieſer mit funkelnden Augen und zitternd in ſeiner Seelenangſt hereintrat, den Knaben vorrief und, ihm die Hand auf den Scheitel legend, mit bebender Stimme ſagte: „Baptiſt, du mußt ein Juriſt werden; die können die Menſchen am unglücklichſten machen. Schlag nur dem Schlingelmann nach; es ſoll auch Andern gehen, wie mir.“ Die Worte verhallten, aber der Eindruck blieb. Baptiſt, wiewohl nur aus einer Art von Blutrache zum Rechtsge⸗ lehrten beſtimmt, ſchien nie die Frage an ſich zu ſtellen, ob er auch dazu paſſe; vielmehr wollte es Manchen bedünken, als fände er jetzt ſchon in der Sicherheit über ſeinen künftigen Beruf eine gewiſſe Beruhigung, und es ſoll dem beſcheidenen Knaben ſehr gut gelaſſen haben, wenn er im Spiel mit ſeinen Altersgenoſſen, ſo oft die Lebensbahn beſprochen und die Rollen ausgetheilt wurden, während die Andern in ſich einſtige Fürſten und Herren, Generale und Seekapitäne zu ſchauen vermeinten, ſtill und ſittſam ſagte:„Ich will nichts werden als ein Juriſt.“ Baptiſt wuchs ruhig in die Höhe und wurde immer älter. Die langen Jahre des Gymnaſiums lagen glücklich hinter ihm; ſie waren mit Ehren überſtanden. Glänzende Talente wahrzunehmen, hatte er ſeinen Lehrern keine Gelegenheit —————————— gegeben, allein einen gewiſſen phlegmatiſchen Fleiß, der nie mehr thut, als er ſoll, aber dieſes gründlich, den konnte ihm keiner abſprechen. So war denn die Zeit gekommen, wo Baptiſt als Herr Johann Baptiſt Schimmelhauſer die hohe Schule beziehen ſollte. Ein mäßiges Stadtſtipendium, das gerade vorher erledigt und darauf von dem Magiſtrate ihm zugetheilt worden war, reichte wenigſtens ſo weit, daß er ein beſchränktes Leben ohne Zuſchuß aus der väterlichen Spar⸗ büchſe führen konnte, und ein ſchönes testimonium paupertatis ſollte ihn auch von der Verbindlichkeit des Honorarzahlens befreien. Die übrigen Vorbereitungen waren bald getroffen; ihm aber blieben die letzten acht Tage im väterlichen Hauſe ein Erinnerungsſtück für ſein ganzes Leben, denn er hatte ſich's ausgebeten, für dieſe Abſchiedstage den Speiſezettel be⸗ ſtimmen zu dürfen, und ſo waren ſie denn zu einer wochen⸗ langen Schwelgerei geworden, wo er nichts genoß als ſeine Lieblingsgerichte, Fleiſchknödel in Wildpretſauce, Leber⸗ würſte und Sauerkraut, Schweinsbraten mit bayriſchen Rüben u. ſ. w. Sein Vater, der ſich von jetzt an Johann Baptiſt Schimmelhauſer senior nannte, führte ihn in der Univerſitäts⸗ ſtadt auf, beſorgte ihm ſeine Wohnung, kundſchaftete die billigſten Mittagstiſche aus, verabredete dann das Uebrige mit ſeinem Sohne und ging wieder ſeiner Wege. Baptiſt, wenn auch in der Welt noch wenig erfahren, denn er hatte ſeine Vaterſtadt bis dahin nur verlaſſen, um die Kirchweihen der nächſten Dörfer zu beſuchen, fand ſich doch bald in das 6 neue Weſen, das ihn umgab, obwohl er es ſich ganz nach ſeiner Weiſe zurichtete. Es ſchien ihm ein großes Glück, daß er in eine Stube mit einem ältern Studenten gerathen war, der ebenfalls die Rechtsgelehrſamkeit betrieb, und der ihm mit überzeugender Darſtellungsgabe Alles bezeichnete, was er als Juriſt zu wiſſen brauche und was nicht. Mit Vergnügen vernahm er da, daß das Meiſte, was am ſchwarzen Brette als Aufgabe für die beiden erſten Jahre angeſchlagen ſtand, eigentlich unnützer Hausrath ſey, da Philoſophie, Philologie und Geſchichte den Rechtsgelehrten gar nichts angehen, ſo wenig als Chemie, Botanik und dergleichen, inſofern in allen Fällen, wo wiſſenſchaftliche oder techniſche Fragen auf die Entſcheidung eines Rechtsſtreites Einfluß haben, es Sache der Parteien ſey, dem Richter Alles und Jegliches an die Hand zu geben, was von den betreffenden Wiſſenſchaften oder Künſten einſchlage, wie denn auch der Spruch: jura noscit curia, ein Mehreres nicht beſage. Was aber etwa die Anthro⸗ pologie Intereſſantes habe, das wiſſe ein erwachſener Menſch ohnedem ſchon. Nichts deſto weniger belegte Schimmelhauſer die meiſten dieſer Collegien, wie die andern Studenten auch, und ſelbſt auf den Bänken wurde er ſelten vermißt, denn er fürchtete üble Nachrede, die etwa in ſeiner Vaterſtadt verbreitet werden möchte. Dabei aber konnte Anfangs ſeinen Nachbarn eine gewiſſe Träumerei in ſeinen Blicken und zuweilen auch eine gänzliche Abweſenheit von dem Vortrage des Docenten nicht entgehen, und geraume Zeit hielten ſie ihn derohalben für einen Schwärmer oder für verliebt, bis die Sache ſpäter durch ſein Bekenntniß aufgeklärt wurde, er habe im Anfang be⸗ ſonders die letzten acht Tage am väterlichen Tiſche ſo gar lange nicht vergeſſen können. Die Zeit indeß heilte auch dieſe Sehnſucht und die Erinnerung an jene Freuden der Vergan⸗ genheit trat mehr und mehr in den Schatten; aber Herr Johann Baptiſt Schimmelhauſer hielt ſich auch von da an nicht veranlaßt, den ihm auferlegten Wiſſenſchaften lebhaftere Theilnahme zuzuwenden, und ſo gab er denn, wenn er etwa von einem der Bekannten über ſeine Anſicht in dieſem oder jenem Punkte zur Rede geſtellt wurde, ſtets unerſchütterlich die Antwort:„Das iſt Alles Sache der Parteien.“ Im Uebrigen lebte er eingezogen und ſparſam, denn er tannte den haushälteriſchen Ernſt Herrn Johann Baptiſt Schimmelhauſers senior zu wohl, als daß er hoffen konnte, ihm am Ende des Semeſters ein paar unberichtigte Rech⸗ nungen anheimſtellen zu dürfen. Das rauſchende Studenten⸗ leben ging daher nur von ferne an ihm vorüber. Man hat nie erfahren, daß er an irgend einer der Vergnügungen deſſel⸗ ben Theil genommen hätte. Dagegen weiß man, daß er öfter, wenn er ſich eine gute Stunde machen wollte, ſeine Bücher in den Schrank ſchloß, die Vorhänge zuzog, ſich in aller Heimlichkeit eine Pfeife anbrannte und mit dieſer nach⸗ denkend in der Stube auf und ab ging. Zuweilen ſetzte er ſich auch Stundenlang in ein abgelegenes Wirthshäuslein, wo er ſicher war Niemand anzutreffen, der ihn kannte. Selbſt dem Schlummer ergab er ſich nicht ſelten unter Tags aus dem Grunde, daß dies die Unterhaltung, die am wenigſten in's Geld gehe. So gingen denn auch die beiden, den philoſophiſchen Studien geweihten Jahre vorüber. Er hätte ſie vielleicht langweilig genannt, wenn er überhaupt gewohnt geweſen wäre, etwas kurzweilig zu finden. Als er aber ſofort im fünften Semeſter wieder auf die hohe Schule zog, trat er als Candidatus juris auf, und er ſoll dabei einiges Behagen nicht verheimlicht haben, daß er jetzt endlich den Punkt getroffen, auf den er ſeit zehn Jahren unabläſſig gezielt. Den Dok⸗ trinen, deren Aneignung ihn nun zum Rechtsgelehrten ſtempeln ſollte, ſah er übrigens ohne Spannung entgegen; doch fand er für gut, in ſeiner Lebensweiſe einige Aenderungen eintreten zu laſſen, indem er einestheils den Nachmittagsſchlummer aufgab, anderntheils einige Stunden für die Repitition der Collegien feſtſtellte. Auch fing er jetzt an, in den Vorleſungen nachzuſchreiben, was er früher folgerechter Weiſe für unnöthig hatte halten müſſen, und während er ehedem ſich ſeinen Platz gern in den letzten Bänken auserwählt, ſetzte er ſich nunmehr, um Alles genau zu hören, lieber in die erſten. Auf dieſe Art erübrigte er ſich denn genug, um anſtändig durch das Schlußeramen zu ſchlüpfen, und als er ſein Atteſt in der Taſche hatte, verließ er ſein Dachſtübchen und kam als geprüfter Rechtspraktikant in ſeiner Geburtsſtadt und im väter⸗ lichen Hauſe an. Herr Johann Baptiſt Schimmelhauſer senior hatte damals ſchon lange gekränkelt, und nun, als ſein ge⸗ prüfter Sohn von der Hochſchule zurückkehrte, hatte er nicht ——— mehr weit zum Tode. Aber das freute ihn noch auf dem Sterbebette, daß ſein Eingeborner dem väterlichen Rufe treu geblieben und Juriſt geworden war. „Baptiſt,“ ſagte er,„du haſt deßwegen ein Rechtsge⸗ lehrter werden müſſen, damit du dich im Leben auskenneſt, damit dir Niemand etwas Unrechtes anhaben könne. Mich freut's, daß ich's noch erlebt habe.“ Noch öfter kam er in dieſer Weiſe auf den Stand ſeines Sohnes zu ſprechen, immer mit innigem Behagen, aber die Beziehung auf Schlingelmann ſchien ihm jetzt ferne zu liegen. Er erwähnte ſeiner nicht mehr, ſondern ſtarb, mit dieſem und aller Welt verſöhnt. Ueber die beiden Jahre, die jetzt folgen und die Herrn Schimmelhauſers Aſſeſſoreramen vorausgingen, eilen wir hinweg. Er war bei dem Landgerichte ſeines Städtchens als Praktikant in Dienſt gegangen, bildete ſich in aller Stille zu einem brauchbaren Geſchäftsmann heran, und ſtellte nach und nach in ſich jene Lebensanſichten und Verhaltungsmarimen feſt, die wir ſpäter bei ihm finden werden. Man hörte wenig von ihm reden und ſah ihn auch nur ſelten in einem alten grünen Frack über die Straße gehen. Sein Einkommen war zu kärglich, als daß er ſich viel hätte zeigen können. Der Vater hatte nichts hinterlaſſen, und was der Gerichtsvorſtand gab, reichte nur zum nothdürftigſten Unterhalte. Er ſoll ſich damals ſchon nach einer Anſtellung geſehnt haben, doch zeigte er ſich in Veröffentlichung ſeiner Wünſche jedenfalls ſehr vor⸗ ſichtig, denn es war augenſcheinlich noch zu früh. Das Aſſeſſoreramen war endlich auch überſtanden, und nach einigen Monaten kam die Note. Es war eben nicht die beſte, was Herr Schimmelhauſer dem Umſtande zuſchrieb, daß die Beantwortung der gegebenen Fragen allenthalben aus Büchern habe geſchöpft werden müſſen, die er nicht zur Hand gehabt. Doch war es eine angenehme Stunde, als das ver⸗ ſiegelte Schreiben einlief, und er ſetzte ſich hin und machte ſeine erſte Eingabe. Um dieſe Zeit begab ſich ein Ereigniß, das die Umſtände unſeres Freundes weſentlich verbeſſern ſollte. Es ſtarb näm⸗ lich der Ehegatte ſeiner Muhme, und die kinderloſe Wittwe, die ſich jetzt einſam fühlte in der weiten Welt, trat ihrem Vetter Baptiſt näher und begann ſich mehr und mehr ſeiner anzunehmen. Bisher hatte ſie nicht viel von ihm wiſſen wollen, denn nach dem Votum, das ſie in frühern Jahren im Familienrathe abgegeben, ſollte aus dem Jüngling ein geiſt⸗ licher Herr werden, und da dieſem entgegen der Vater darauf beſtand, daß er der Juſtiz geweiht werden müſſe, hatte ſie ſich ihm lange Zeit hindurch faſt abhold gezeigt. Jetzt aber fing ſie an zu fühlen, daß er doch der Nächſte ſey ihres Stammes, der Sohn ihres armen Bruders, und ſo mochte es ihr chriſtlich ſcheinen, dem Vetter etwas von ihrem Wohlſtande zufließen zu laſſen. Sie ſtand, ohne Reichthümer zu beſitzen, eben ſo fern von allem Mangel, als Herr Schimmelhauſer nahe daran. Ihr Gemahl war ein Korbmacher geweſen und hatte während ſeines Daſeyns ſo fleißig Körbe gemacht, daß ſeine Wittwe unabhängig leben und ſogar ſelbſt einen austheilen konnte, als es einem jungen Manne einfiel, um ihre Hand zu werben, die ſie nimmermehr vergeben wollte. Als nun eines Tages die Baſe unſern Baptiſt auf der Gaſſe fragte, ob er ſie nicht zuweilen in ihrer Einſamkeit heimſuchen wolle, zeigte er ſich allerdings etwas verlegen und wußte nicht recht, was er antworten ſollte; aber als er ſich einmal den Muth gefaßt hatte und hingegangen war, kam er immer häufiger. Er fand bald, daß die böſe Baſe eigentlich eine ganz gute Frau ſey, und ſie gewahrte mit Vergnügen, daß Vetter Baptiſt, den ſie ſich früher ſo gerne als völlig miß⸗ rathen gedacht hatte, ein ſehr rechtſchaffener Praktikant ge⸗ worden. So fing ſie nun an zu überlegen, wie ihm wohl am ſachdienlichſten beizuſpringen wäre, und die nahe bevor⸗ ſtehenden Oſtern boten ihr gleich die erſte Gelegenheit dazu. Am Oſterſonntage erwachte Herr Schimmelhauſer ganz feier⸗ lich in ſeinem Stübchen, und als er die Augen aufgeſchlagen, ſah er auf dem Tiſchchen vor ſeinem Bett einen neuen Feier⸗ tagsfrack auf einem ſchönen Teller, und als er verwundert, was das zu bedeuten habe— denn er hatte ſchon ſeit Jahren keinen Rock mehr beſtellt— das ſchmucke Gewand in die Höhe hob und zur allſeitigen Betrachtung näher an ſich her⸗ anzog, bemerkte er auf dem Teller darunter drei neue Thaler, die ihn hell und freundlich anſtrahlten. Ungeduldig rief er nach der Hausfrau, welche ſchon auf ſein Erwachen gewartet zu haben ſchien, und alsbald hereinſtürzend ſagte:„Gehört alles Ihnen, Herr Praktikant, ein Oſterpräſent von der Frau Baſe.“ Herr Schimmelhauſer lächelte vergnügt, aber bei aller Fröhlichkeit über die Beſcherung vergaß er nicht, daß er ſchon ſeit drei Monaten den Miethzins ſchuldig ſey, und ſo nahm er gleichwohl die drei Thaler in die Hand, um ſie in die ſeiner Hausfrau zu drücken, worauf jedoch dieſe ablehnend erklärte: „Darf nichts mehr annehmen, weil den Miethzins von jetzt an eine unbekannte Wohlthäterin zahlt.“ Herr Schimmelhauſer war nicht wenig erſtaunt über dieſe Worte, verſtand aber doch, was ſie ſagen wollten, und blieb nur noch ſo lange im Bett, bis er ſich auf einen wohl⸗ geſetzten Dankſagungsſpruch beſonnen hatte. Dann aber zog er ſich eiligſt an und ſpazierte in dem neuen Fracke zu ſeiner Baſe, welche mit freundlichem Lächeln ſeine Rede anhörte und zu wiederholtenmalen ihre Freude darüber äußerte, daß er jetzt ſo viel gleich ſehe. Herr Schimmelhauſer ließ ſich davon ſelbſt unſchwer überzeugen, und es beeinträchtigte auch ſein Gefallen an dem neuen Gewande nur wenig, als ihm Abends beim Bier der Schneidersmann, der den Rock gemacht hatte, mit aufrichtiger Gemüthlichkeit verſicherte, es ſey dieß der wohl⸗ bekannte Hochzeitfrack ſeines ſeligen Freundes, des Korb⸗ machers, den derſelbe fünfzehn Jahre lang an allen Sonn⸗ und Feiertagen getragen, was man ihm übrigens gar nicht anmerke, maßen es vortreffliches Brüſſeler Tuch geweſen. Von jetzt an ging es unſerm Praktikanten ganz erträglich. Für ſeine Kleider bot die Hinterlaſſenſchaft des ſeligen Korb⸗ machers lange hinaus gar trefflichen Nachſchuß; um den Miethzins fragte er nimmer, und um ſeine Wäſche nahm ſich —— — 16 5 die Baſe ſo mütterlich an, daß ſie nie weniger wurde, indem ſie von Zeit zu Zeit heimlicherweiſe einem abgetragenen Stück ein neues unterſtellte. So kam es, daß Vetter Baptiſt ſogar hin und wieder in der Taſche einen überflüſſigen Thaler klappern hörte, und dieß regte ihn gewaltig auf. Er verfiel nachgerade in Dinge, die ihm früher nie in den Sinn ge⸗ kommen; es war, als wenn er jetzt noch am Rande ſeiner Blüthezeit verlorene Jugendjahre hereinholen wollte, obgleich auf der andern Seite der Gleichmuth, mit dem er ſeine dahin gerichteten Verſuche mißlingen ſah, wieder auf die Annahme führen mußte, er trachte, ſich nur einmal die Ueberzeugung zu verſchaffen, daß er kein Geſchick dazu habe, um ſich dann deſto vorwurfsloſer zur Ruhe begeben zu können. So ſah man ihn jetzt eines Nachmittags ſogar beſchäftigt, Billard zu ſpielen, was er jedoch ſogleich gutwillig wieder aufgab, nachdem er vorerſt ein Loch in's Tuch geſtoßen, deſſen Ausfüllung ſein ganzes damaliges Vermögen auffraß. Als er dieß verſchmerzt, wollte er's mit der Jagd verſuchen, ließ ſich ſofort zu einem Treibjagen einladen, that aber nur einen einzigen Schuß, und ſetzte auch dieſe Beluſtigung nicht fort, weilj ner einem Treiber durch den Hut gegangen war. Ebenſo mißlich geſtaltete ſich der Ausgang, der ihm beſtimmt war, da er zum erſten Male als Reiter auftrat. Nachdem er eines Abends ſeinen Wunſch, auch dieſe Leibesübung zu verſuchen, geäußert hatte, verſprach ihm der Gaſtgeber zum goldenen Löwen ſein ehemaliges Lieb⸗ lingspferd, ein betagtes Thier, das mit der Weisheit des Alters eine mädchenhafte Sanftmuth verband. In der That ſtieg Herr Schimmelhauſer eines Nachmittags in den Sattel und ritt, von männiglich angeſtaunt, zum Thore hinaus. An⸗ fangs ging Alles recht gut, aber der Reiter gewann bald zu viel Vertrauen und ruhte nicht eher, als bis er das Pferd durch allerlei Künſte in raſchen Trab geſetzt hatte. Seltſam angewandelt von dieſer ungewohnten Bewegung wollte Baptiſt allerdings ſchnell wieder auf den früheren Schritt zurückkehren, verlor jedoch Steigbügel wie Sitz und konnte ſich nur dadurch vor dem Falle wahren, daß er ſich feſt in die Mähne klam⸗ merte, wobei er aber unbewußter Weiſe mit dem Sporne lebhaft in die Weichen ſeines Thieres bohrte. Dadurch immer muthiger gemacht, ſtürzte der Gaul fort und fort über Wies und Feld, bis er zuletzt in dem wohl bekannten Stalle eines nahe gelegenen Dorfwirthshauſes ſeine Ruhe wieder fand, nachdem er den Reiter an der Thüre rückſichtslos herabgeſtreift. Dieſer fand ſich zwar nicht bedeutend verletzt, aber doch ſo ſchmerzhaft geſchunden, daß er dem Wirth zum goldenen Löwen alsbald einen eigenen Boten ſchickte, er möge ihn mit ſeinem Einſpänner abholen. Herr Schimmelhauſer wurde über dieſen neuen Unfall zwar vielfältig belächelt, zeigte aber keine Empfindlichkeit, ſondern ſagte lediglich:„Ich hab's jetzt doch probirt!“ 6 Bald darauf begleitete er die Baſe, welche mit einer jungen Verwandten ausnahmsweiſe die Kirchweih eines nahe gelegenen Dorfes beſuchte, auf dieſem Freudengang, und draußen wurde er in kurzer Zeit ſo übermüthig, daß er zum erſtenmale in ſeinem Leben auf den Einfall kam, zu Steub, Novellen. 2 tanzen. Die junge Verwandte gab ſich willig dazu her, und ſie legten ohne ſichtlichen Unfall einen vollen Walzer zurück. Aber als er nun ſeinen Tanzſechſer bezahlen wollte und der ſchnurrige Muſikant dieſen anzunehmen ſich weigerte, weil er doch keinen Takt gehalten habe, freute ſich zwar Herr Schimmel⸗ hauſer über dieſe Uneigennützigkeit, tanzte jedoch an dieſem Abende nicht mehr. Zur Baſe ſagte er:„Ich hab's nur probiren wollen,“ und ſie ließ ſich's gefallen; beim Nachhauſe⸗ gehen aber ſchloſſen ſich der Muhme und ihrer Begleiterin noch mehrere junge Mädchen an, welche ein beſtändiges Flüſtern und Kichern unterhielten, das ihn Anfangs allerdings gar nicht beläſtigte, weil er eben im Mondenſcheine daher⸗ wandelnd die Frage unterſuchte, ob ein Tänzer, der keinen Takt halte, auch nicht gehalten ſey, ein Honorar zu bezahlen, und ob, im Falle er eines bezahlt, ihm die Condictio indebiti zuſtehe. Als ihm aber endlich eine der muthwilligen Schönen den Rath gab, er ſolle ſich verſuchsweiſe heimgeigen laſſen, um ſein Ohr doch einmal etwas an Muſik zu gewöhnen, ſo wollte ihm dieſes faſt etwas ſpöttiſch bedünken, und da er an den Umgang mit dem andern Geſchlechte nicht gewöhnt und bei der Friedfertigkeit ſeines ſtillen Lebens überhaupt nicht ge⸗ übt war, ſich bei ſolchen Anläſſen durch eine raſche Erwiederung ſchadlos zu halten, ſo fiel ihm die Rede ſchwer auf's Herz, noch ſchwerer aber das dartuf folgende Gelächter, in welchem ſich die Mädchen gar nicht mehr mäßigen wollten. Er glaubte jetzt zu fühlen, daß es mit dieſen Künſten für ihn vorüber ſey, tröſtete ſich aber dennoch, und noch vor dem Einſchlafen mit dem Gedanken, es ſey gut, daß er jetzt einmal erfahren habe, wie wenig er dazu geſchaffen, auch ſey dieſer Tand nur geeignet, Geld und Zeit aufzufreſſen, wovon er weder das Eine noch das Andere im Ueberfluß beſitze. Andern Tags kam er zur Baſe wieder in ſeiner gewöhn⸗ lichen Ruhe, und ſagte in Bezug auf den geſtrigen Auftritt lediglich: „Baſe, jetzt hab' ich ausgetobt; aber verſuchen hab' ich's müſſen.“ Die Baſe lächelte und meinte, er hätte früher dazu thun ſollen. Er aber ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Solche Sachen taugen nicht für den Geſchäftsmann.“ Mit dieſem Tage war Herrn Schimmelhauſers Flegel⸗ jahr zu Ende, und von jetzt an floß ſein Leben wieder, wie es vorher gethan, leiſen Zuges dahin, ohne Unfall und Miß⸗ geſchick; nur wurde es jetzt, wenn möglich, noch abgemeſſener, als ehedem, und was früher noch etwa der Willkür und einem augenblicklichen Einfall preisgegeben war, das zog er nun gleichmäßig in feſte Regeln. So finden wir uns denn auch im Stande, bei dieſer Epoche angekommen, ein genaues Bild ſeiner Tagesordnung zu geben, und wir wrllen uns dieſes Vergnügen, in Anbetracht ihrer Wichtigkeit für unſere Erzäh⸗ lung, denn auch nicht verſagen. Herr Schimmelhauſer alſo verließ tagtäglich ſein Lager um halb acht Uhr; er war kein Freund der Morgenröthe, be⸗ hauptend, wenn man überhaupt auf derlei Dinge Werth legen wolle, ſo thue die Abendröthe die nämlichen Dienſte, 2 36 und zog ſich dann gemächlich an, ſo daß er mit dem Schlag acht in ſeine Kanzlei trat. Dort verlebte er in Amtsgeſchäften den Vormittag, wartete in Ruhe den erſten Klang der Mittags⸗ glocke ab, ſpritzte ſeine Feder aus und ging in den goldenen Löwen zum Eſſen. Hiezu gönnte er ſich nur eine halbe Stunde Zeit, und nach Tiſche begab er ſich Sommer wie Winter auf den Spaziergang um die Stadt herum, wobei er abwechſelnd einen Tag zum obern, den andern zum untern Thore hinausging. Seine Wanderung endigte in dem Häuschen ſeiner Baſe, welches das letzte der Vorſtadt war, dort erwartete ihn ein Glas Bier, dem er aus eigenen Mitteln eine Pfeife Tabak beifügte. Hier blieb er an dem runden eichenen Tiſch vorne am Fenſter ſitzen, bis es drei ſchlug. Eigentlich ſollte er ſchon um zwei Uhr wieder in der Kanzlei ſeyn, aber der Gerichtsvorſtand hatte ihm ſchon lange, wegen ſeines Fleißes in den übrigen, dieſe eine Stunde geſchenkt. Von da an ſaß er wieder emſig auf ſeinem Drehſtuhl bis ſechs Uhr, und dann ging er nach Hauſe, um dort bis ſieben Uhr zu verweilen. Er las da, je nachdem es kam, das Regierungsblatt, das er ſpäter, wie wir hören werden, ercerpirte; dann fütterte er eine Grasmücke, welche er einſt im Garten der Baſe ge⸗ fangen; zuweilen blickte er ausruhend zum Fenſter hinaus, meiſtentheils aber war er mit Schreibereien beſchäftigt. Ent⸗ weder rechnete er ſeine eigenen Ausgaben zuſammen und ſtellte ſie zum Behuf des Monatſchluſſes in überſichtliche Ordnung, oder er faßte Gratulationsbriefe für Namens⸗, Geburts⸗ und V Neujahrstage ab. Einige davon gingen an einen Pfarrer, der ſein Firmpathe war, andere waren für die Baſe beſtimmt, der er in ſpäteren Jahren nicht mehr mündlich gratuliren wollte, weil er in ſeiner kurzen Feſtrede einmal geſtockt hatte, ſo daß ſie ihm darauf helfen mußte, und wenn's auf den Namenstag des Gerichtsvorſtandes zuging, ſo war ſein Tiſch voll verſchiedener Briefſteller, und er hatte es, ſo zu ſagen, recht hart; denn er mußte nicht allein für ſeinen eigenen Be⸗ darf einen Glückwunſch anfertigen, ſondern auch für ſämmt⸗ liche Kinder ſeines Vorſtandes, welche um dieſe Epoche von deſſen Frau immer ihm zugewieſen wurden. Endlich verfaßte er auch alle Quatember ſeine Bittſchrift um eine Anſtellung, ſo daß er alſo des Jahres viermal mit der Bitte, ihm doch auch etwas zu leben zu geben, ehrfurchtsvollſt„erſtarb“. Um ſieben Uhr brach er auf nach dem goldenen Löwen, wo er bis zur Polizeiſtunde blieb und drei oder vier Gläſer Bier trank. Er hatte da ſeinen ausgemachten Platz, den er ſchon ſeit Jahren beſetzt hielt. Er liebte ihn ſehr, dieſen Platz, und wenn es vorkam, daß ein Unberufener ſich darauf geſetzt hatte, ſo bemerkte er es gleich beim Eintritte und ſagte: „So eben wird mir übel,“ und ging nach Hauſe. Darauf ließ er ſich ſeinen Abendtrunk auf die Stube holen und dachte über Rechtsfälle und Anſtellungen nach, aber immerhin nahm er es ſehr mißfällig auf, wenn ihm in dieſer Art der Abend vergällt worden war. Baptiſt's Anhänglichkeit an das Gaſthaus hatte etwas Rührendes. Obgleich ihm der Wirth zum goldenen Löwen — 22 3 nie einen andern Dienſt erwies, als daß er ihm gegen Ent⸗ gelt ſein Bier zu trinken gab, welches oft ſchlecht genug war, ſo lebten in ihm doch ganz die Geſinnungen jener ergrauten, treuen Diener alter Häuſer, und er meinte ſeiner Pflicht zu fehlen, wenn er nicht Jahr aus Jahr ein an ſeinem langher⸗ gebrachten Platze ſäße. Beim Biere war er im Allgemeinen ſtille, und nur wenn Einer etwas Dummes ſagte, lachte er; dagegen miſchte er ſich gerne in das Geſpräch, wenn von Rechtsfällen die Rede war. Zuweilen auch, wenn der Gold⸗ arbeiter Fingerling und der Uhrmacher Scheurer am nächſten Tiſche über Preßfreiheit oder Oeffentlichkeit und Mündlichkeit ſich unterredeten, blickte er bedauerlich hinüber und ſagte mit Achſelzucken ungefähr:„Fatal iſt's doch, daß der Bürgerſtand gar keinen rechten Leitfaden hat. So discurrirt er oft in den Tag hinein und kommt dann leicht in Unterſuchung. Dem Beamten dagegen, wenn er denkt, was ihm vorgeſchrieben iſt, kann Niemand etwas anhaben, weder der Vorgeſetzte, noch der Mitbürger.“ Um eilf Uhr endlich ging er ruhig nach Hauſe, legte ſich zu Bette und ſchlief ununterbrochen fort bis andern Tags halb acht Uhr; denn er hatte einen ſehr ge⸗ ſunden Schlaf. Der Vollſtändigkeit wegen müſſen wir noch berichten, daß an Sonntagen eine Ausnahme von dieſer Tagesordnung eintrat, indem er dann Morgens mit einem Gebetbuche, das er von der ſeligen Mutter ererbt hatte, in die Kirche ging, nach Tiſche aber, ſtatt einmal, zweimal um die Stadt luſt⸗ wandelte, Nachmittags endlich, ſtatt in die Kanzlei, ſich in —6 23 8 den goldenen Löwen begab, um die Andern Billard ſpielen zu ſehen. Wenn ihn da Einer im Spaß oder Ernſt aufforderte, auch einmal eine Partie mitzumachen, ſo wies er lediglich auf jenes Loch hin, welches er vordem hineingerannt hatte, und ſchwieg. Für Reiten, Billardſpiel, Tanzen und ſolchen Zeit⸗ vertreib war demnach keine Stunde ausgeſetzt und ſohin, wie oben bemerkt, keine Rede mehr davon.— Er vermißte, wie wir beſtimmt wiſſen, dieſe Dinge nicht; aber auch die Lectüre nahm ihm keine Zeit weg.„Ich hab's öfter probirt mit dem Bücherleſen, pflegte er zu ſagen, aber bei mir geht das Ding nicht. Was haben wir denn auch für Bücher? fragte er dann vorwurfsvoll. Sie geben ja nichts Geſcheidtes heraus; hab' auch noch nie gehört, daß ſich ein vernünftiger Menſch zum Bücherſchreiben herbeiläßt. Da machen ſie zum Beiſpiel Ge⸗ dichte. Ja, wenn ich was phantaſirt haben will, phantaſir' ich mir lieber ſelber was vor. Oder die Reiſebeſchreibungen? was hilft's mir denn, wenn ich von der neuen Welt was leſe und komme nie hin? Was helfen mir denn die Menſchen⸗ freſſer? Und die ſogenannten Rittergeſchichten? wenn ſie wahr wären, ja! aber etwas Erlogenes, das mag ich nicht; da reut mich die Zeit. Und was man ſonſt aus den Büchern brauchen könnte, ich hab's ſchon oft geſagt, das iſt alles Sache der Parteien. Die werden's einem ſchon beibringen, wenn man's wiſſen muß.“ Unter Allem, was ſeine Zeit ausfüllte, war Herrn Schimmelhauſer der Nachmittagsbeſuch bei der Baſe das Liebſte. Da durfte er ſich am unbefangenſten herauslaſſen über ſeine Hoffnung auf eine Aſſeſſorsſtelle, welche immer ſehn⸗ ſüchtiger wurde, und hier konnte er auch die ſchwierigſten Rechtsfälle vortragen, für die er im goldenen Löwen kaum mehr ein offenes Ohr gefunden hätte. Ihr erzählte er auch alle Auftritte, die ſich Abends vorher beim Abendtrunke zuge⸗ tragen hatten, und es fleute ihn, wenn ſie nochmals belächelte, was ihm Tags zuvor ſchon ſo luſtig vorgekommen war. So ſagte er zum Beiſpiele: „Geſtern haben wir wieder einen Hauptſpaß gehabt mit dem jungen Praktikanten da, indem derſelbe meinte, der von einer Weibsperſon verklagte Liebhaber dürfe die exceptio plurium eic. nur ſo obenhin entgegenſchützen, ohne eine Perſon zu nennen, während doch ſchon lange ausgemacht iſt, daß er ſeinen angeblichen Nebenbuhler namhaft bezeichnen muß. Das hat uns viel lachen gemacht.“— „Ja, das muß luſtig geweſen ſeyn,“ ſagte dann die Baſe,„ſo viel weiß ich ſchon.“ Hiezu lächelte ſie höchſt vergnügt; er dagegen freute ſich, daß ſie die Unkenntniſ des Praktikanten ſo erheiternd fand. „Ja, ja,“ ſo konnte er daun fortfahren,„die Rechtsgelehr⸗ ſamkeit iſt keine Wiſſenſchaft, die man ſo auf Spaziergängen oder beim Kartenſpiel erlernen kann— das will ſtudirt ſeyn. In neuerer Zeit gehört faſt gar zu viel dazu: ſo nicht allein das römiſche Recht und der gemeine Civilprozeß, ſondern auch das Landrecht und die Gerichtsordnung, die Strafgeſetzgebung, das Staatsrecht—.“—„So wie auch,“ fiel die Baſe ein. „das Kirchenrecht und bie verſchiedenen Novellen.“—„Nun, Ihr wißt's ja faſt ſchon beſſer als ich,“ ſagte dann der Vetter aufmunternd und begann allenfalls ihr den Zuſammenhang dieſer verſchiedenen Disciplinen, ſo weit er ihm geläufig war, auseinander zu ſetzen oder ihr zu erklären, was die Gerichts⸗ ordnung und die Novellen an dem gemeinen Civilprozeſſe ge⸗ ändert haben. Indeſſen war die Unterhaltung nicht gerade alle Tage juridiſchen Inhalts, ſondern mitunter beherrſchte auch die Baſe das Geſpräch und brachte es auf Gegenſtände, die ihr näher lagen. Die Frauen ſprechen am liebſten von dem, was ſie am innigſten berührt, von Liebe und Hochzeiten, und auch die Baſe verirrte ſich am allererſten in dieſe freundlichen Gefilde jugendlicher Wonnen. Leider war aber Vetter Baptiſt ſchwer bei ſolchen Dingen feſtzuhalten. Er hielt nämlich nicht viel auf das andere Geſchlecht, nicht etwa wegen unangenehmer Erfahrungen, die er dabei erlebt, ſondern wohl nur weil er es nicht kannte, und jetzt auch keine Zeit mehr hatte, es kennen zu lernen. Wenn das überhaupt ein Umſtand war, der ſeiner ſtändigen Seelenruhe nur förderlich ſeyn konnte, ſo darf man denen, die ihn etwa gern anders gewünſcht hätten, auch nicht verhehlen, daß gerade an dieſem Gerichtsſitze ſich keineswegs die beſte Gelegenheit bot, weibliches Weſen von der günſtigſten Seite zu beſchauen; denn die Frauen ſtanden einander daſelbſt in zwei großen feindlichen Heerlagern gegenüber, die ſich Jahr aus Jahr ein mit Wortpfeilſpitzen bekriegten, welche vergiftet waren. Etliche Jahre vorher hatte man nämlich der Frau Revierförſterin, einer jungen Dame, damals von neunzehn Frühlingen, aus der Reſidenz ein Häubchen geſchickt, welches die Blößen ihres dunkeln Haarwuchſes, der durch längere Krankheit vorübergehend gelitten hatte, ſo meiſterhaft ver⸗ deckte, daß ein junger Forſtamtsactuar, der leichtſinnige Herr von Stritzel, ihr vor allen Leuten das indiscrete Compliment machte, jetzt ſey ſie wieder weitaus die ſchönſte Frau in dem ganzen Burgfrieden. Die Frau Landrichterin hatte dies mit angehört und ſich auf der Stelle das nämliche Häubchen kommen laſſen. Allein ſchon bei der erſten Probe fand ſie mißliebig, daß es Sommerſproſſen und großen Mund gleich⸗ wohl nicht verhülle, und während ſie ſich ſo geſtehen mußte, daß ihre junge Freundin ungemein gewonnen habe, erlangte ſie die traurige Gewißheit, daß bei ihr Alles ſo geblieben wie es vorher geweſen. Seit der Zeit ging die Zwietracht auf zwiſchen den beiden Damen— ſie betraten nie wieder die nämliche Promenade, nie mehr denſelben Wirthsgarten, ſie vermieden ſich ſelbſt in der Kirche. Die Landrichterin riß die ältere Frauenwelt zu ſich her⸗ über und ſchleuderte bitteres Gift auf den Ruf der Revier⸗ förſterin; zu dieſer aber hielten mannlich ihre jüngern Freun⸗ dinnen und ſtellten im Einklang mit ihr die Vorgeſetzte als einen gräulichen Drachen dar, der nur in Beſudelung jugendlicher Charaktere ſchwelge. Ihre Fahne war die ſiegreiche— Jugend und Schönheit haben immer etwas voraus— und überdieß war ihren Farben an dem feurigen Herrn von Stritzel ein Vor⸗ kämpfer geworden, der es mit dem Schwerte ſeiner Zunge allein ſchon mit den erleſenſten Heldinnen des andern Lagers aufnahm. 3 Von allen dieſen Dingen wußte Herr Schimmelhauſer kein Wort, und wenn auch im goldenen Löwen zuweilen etwas davon verlautete, ſo klang ihm dieß wie eine unbekannte Sprache, von der er nichts verſtand. Er kannte die Frauen nur als rechtsunkundige Perſonen, die man unter Zuziehung eines Beiſtänders über die Authemtica, si qua mulier und das Senatus consultum Vellejanum unterrichten müſſe, und was Liebe und Hochzeit betrifft, ſo hatte er ſeine Anſichten darüber lediglich deßhalb in Ordnung geſtellt, um der Baſe, die nun einmal immer wieder auf dieſe Sachen zurückkam, eine leivliche Antwort geben zu können. Wenn ſie ihn alſo zuweilen be⸗ fragte, warum er ſich denn nicht um ein ſolides Frauenzimmer umſehe und vorbereitungsweiſe in Bekanntſchaft trete, und wie er es hiemit künftig als Aſſeſſor zu halten gedenke, ſo pflegte er ungefähr zu ſagen: „Warum ſollte ich mich verlieben, Baſe, da ich doch nie zu heirathen gedenke? Sieht man nicht an dem jungen Julius Klopfermann, wie viel ihm ſeine heftige Verliebtheit zu ſchaffen macht, ſo zwar, daß er dadurch ſogar zuweilen abgehalten wird, unſere Abendgeſellſchaft zu beſuchen? Auch ſoll ſich ein königlicher Staatsdiener mit Töchtern von gemeinem Stande nicht ehelich zuſammengeben, und die Mädchen der Beamten werden ja heutigen Tags nicht mehr erzogen, wie es ſich ge⸗ hört. Seht Ihr nicht, Baſe, wie ſie nur an Tanzen, Singen und Springen, an Muſikmachen und Leſen unnützer Bücher ihr Vergnügen finden, und Alles auf die Unterhaltung ſetzen! Wie ſollte ich einer ſolchen Geſponſin Genüge thun zu ihrem Zeitvertreib, da ich nur zumeiſt von Rechtsfällen ſpreche, wo⸗ von ſie vielleicht nichts zu hören wünſchte, ſonſt aber kaum etwas Neues weiß? Denn wenn ich auch zuweilen, während des Abends, das Zeitungsblatt zur Hand nehme, ſo würde ſie es wahrſcheinlich ſchon zuerſt geleſen haben, da ſich jetzt das Frauenzimmer bereits auch damit abgibt. Ebenſo pflege ich wenig zu Hauſe zu ſeyn, da ich unter Tags in der Kanzlei beſchäftigt, den Abendtrunk dagegen in anſtändiger Geſellſchaft einzunehmen gewohnt bin. So könnte es denn leicht kommen, daß ſie ſich anderwärts nach Unterhaltung umſähe, und ich meine Ehehälfte zum Beſten eines Dritten alimentiren müßte, welches ganz gegen die Rechtsregel ſtreiten würde, die da will, daß, wer die commoda habe, auch die incommoda trage.“ Derlei Meinungen hatte Herr Johann Baptiſt Schimmel⸗ hauſer von der Ehe.— Unterdeſſen aber zogen die Jahre bleiſchwer dahin, und unſer Aſpirant, der ſchon zum fünfundzwanzigſten Mal ehr⸗ furchtsvollſt„erſtorben“ war und das dreiunddreißigſte Lebens⸗ jahr überſchritten hatte, wurde einſylbiger, ſchweigſamer, trüber, obgleich er ſich noch hin und wieder einen„luſtigen Kerl“ nannte. Er blickte immer ſehnſüchtiger in die Zukunft, in deren Schooße ſeine Aſſeſſorenuniform liegen mußte, und mit wie unverfänglicher Gutmüthigkeit auch die Baſe ihre Hülfe ihm unterſchob, er fühlte, daß es nachgerade Zeit wäre, ſich auf eigenen Füßen zu finden. Die Baſe ſah mit Theilnahme ſeine Verdüſterung; es wäre ihr faſt lieb geweſen, wenn er wieder eine der Paſſionen ſeines Flegeljahrs aufgenommen hätte, die ſie damals freilich— bis auf das Tanzen— nur mit Achſelzucken betrachtet hatte, aber das waren jetzt längſt verſchollene Neigungen. Sie dagegen hörte nicht auf zu ſinnen, wie ſein ſtiller Unmuth ihm abzuliſten wäre, und da die Gemälde, welche ſie von der Jagd, von Reiten und Tanzen, oder von den Freuden einer ſoliden Bekanntſchaft ſo reizend entwarf, nichts über ihn vermochten, ſie überhaupt den Ge⸗ danken, ihn durch eine große Leidenſchaft von ſeinem Grübeln abzuziehen, aufgeben mußte, ſo wollte ſie doch wenigſtens noch einen Verſuch machen, ihm jene kurzen Stunden zu erheitern, die er unter ihren Augen in ihrem Stübchen zubrachte. So wartete ſie nur den nächſten Weihnachtsabend ab, und als Vetter Baptiſt, den die Ausſicht auf dieſen ſchönen Abend auch jetzt noch zu entdüſtern pflegte, erwartungsvoll in die niedere Thüre trat, fand er ſtatt des Chriſtbaums, der ſonſt über dem eichenen Tiſche funkelte, den viereckigen Pfeiler, der in der Mitte das Getäfel der Stube trug, von oben bis unten grün verkleider mit Tannenreiſern, an denen unzählige Lichtchen blitzten und kleines Backwerk und Schnitze von ge⸗ räucherten Zungen und Schinken in Menge herabhingen. Ein ſeidenes Halstuch, in geſchmackvollen Knoten geſchlungen, war wie ein Siegeskranz an einen Zweig in der Höhe geſteckt, und eine neue Weſte breitete unten trophäenartig ihre Flügel aus. Eine ſchöne rothſeidene Schnur aber ging von der Decke herunter und verlor ſich in zierlichem Bogen mitten im dunkeln Wald des Reiſigs. Baptiſt ſchwieg in freudiger Ueberraſchung. Er betrachtete vergnügten Blickes die neue Weſte und das ſeidene Halstuch; aber noch mehr beſchäftigte ihn die rothe Schnur, die ſo räthſelhaft unter den grünen Aeſichen verſchwand. Fragend blickte er auf die Baſe, welche dann bald auch das Räthſel löste, und nach dem Ende der Schnur greifend, aus dem dunkeln Gebüſche einen goldigglänzenden Meſſingring hervor⸗ zog, auf dem in lateiniſchen Buchſtaben die Worte ſtanden: „Zum Vergnügen“. Sie überreichte mit klugem Lächeln dem erſtaunten Vetter die ſtrahlende Beſcheerung und ſagte: „Hiemit, Herr Baptiſt, könnt Ihr Euch im Ringſpiel üben, welches eine gar ſchöne Unterhaltung iſt und Euch viel Zeitvertreib verſchaffen wird. Die Kanzleigeſchäfte machen gleichwohl zuweilen etwas tiefſinnig, und da iſt's gut, wenn man ſich zu zerſtreuen ſucht. So müßt Ihr Euch denn be⸗ mühen, dieſen Ring ſo oft als möglich in jenen eiſernen Haken zu ſchleudern, und wenn Ihr einmal etwas Schönes leiſtet, ſo werd' ich's an einem Prämium nicht fehlen laſſen.“ Dieſer Abend verging, wie alle Weihnachtsabende bei der Baſe, in ſittſamer Vergnügtheit. Seine Gönnerin holte Bier und Wein aus ihrem Keller. Baptiſt heimste die leckern Früchte ein, die an den Tannenſproſſen baumelten, und zuletzt mußte er auch noch das Halstuch und die Weſte probiren, welche ihm beide ſehr gut zu Geſichte ſtanden. Mit dem Ringſpiel indeſſen wollte es heute nicht mehr viel bedeuten; er verſuchte es zwar, aber als er um eilf Uhr nach Hauſe ging, hatte er noch nicht Einmal in den Haken getroffen. So angenehm im Uebrigen die Zeit verfloſſen war, ſo ſchien ihm ſeine Ungeſchicklichkeit doch nahe zu gehen, wenigſtens brummte er auf dem Nachhauſewege etwas Weniges über dieſes Ring⸗ ſpiel, das er jetzt zu ſeinem Vergnügen lernen müſſe, und be⸗ hauptete, die Baſe habe mitunter doch auch ihre ſeltſamen Einfälle. Trotz dem ließ ihm aber das Geſchenk keine Ruhe: je mehr er darüber nachdachte, deſto wahrſcheinlicher wurde ihm, daß etwas Beſonderes damit gemeint ſey, deſto geheimnißvoller ſchien ihm die Abſicht der Geberin. Weſte und Halstuch ver⸗ ſchwanden ganz neben dem meſſingenen Ringe, und als er eingeſchlafen war, träumte er ſogar davon. Da kam es ihm nämlich vor, als ſtände er in der kleinen Stube des letzten Hauſes in der Vorſtadt vor dem grünen, hellerleuchteten, ge⸗ ſchmückten Pfeiler und hielte den Ring in der Hand und begänne zu ſpielen. Jetzt zeigte er freilich weit mehr Geſchick als im Wachen, aber es ſchien auch viel mehr darauf anzu⸗ kommen; er ſelbſt ſtand im ſchwarzen Fracke und weißer Hals⸗ binde auf ſeinem Stande und eine feierliche Stimme zählte die Treffer ab. Der Ring flog und flog, und fehlte nie, und die Stimme zählte fort und fort, von zehn bis auf zwanzig, von zwanzig bis gegen dreißig. Und als der Ring zum dreißigſtenmale in den Haken fiel, erſcholl die Stimme wie mit Trommetenton, rief ihr„dreißig“, und zu gleicher Zeit erhob ſich aus dem Tannengeſträuche, wie hinter den Scheiben auf den Schießſtätten, wenn der Punkt getroffen wird, eine Fortuna in den Landesfarben und überreichte Herrn Schimmelhauſer ein Anſtellungspatent. Darüber erwachte er, meinte in der Schlaftrunkenheit, es habe ſich wirklich ſo zugetragen und die Fortuna das Schreiben auf den Tiſch gelegt, ſprang vom Lager, ſuchte nach, fand nichts, legte ſich wieder nieder, ſchlief abermals und hörte von Neuem wie im Nachhalle die Stimme zählen, den Ring klingen, die Fortuna aufraſſeln— kurz, er hatte die ganze Nacht daran zu träumen. Andern Tags erzählte er der Baſe ſein Traumgeſicht, und dieſe beſtärkte ihn in der Meinung, daß der Traum etwas habe ſagen wollen. Er fand auch unſchwer die richtige Be⸗ deutung deſſelben darin, daß dann ſeine Anſtellung nicht mehr fern ſeyn werde, wenn er mit dem Ringe dreißigmal hinter einander in den Haken getroffen. Er hatte ſich in der erſten Woche ſchon dergeſtalt in dieſe Vorſtellung eingelebt, daß er zur großen Freude der Baſe dem Spiele alle ſeine Liebe widmete; denn jetzt ſchien es ja nur von ſeinen Fortſchritten abzuhängen, den lang erſchmachteten Moment langſamer oder ſchneller herbeizuführen. So kam er ſchon im erſten Vierteljahre faſt auf ein Dutzend Treffer, und die Baſe unterſtützte ſeinen Eifer dadurch, daß ſie zuweilen für eine ſchöne Leiſtung ein Paket Rauchtabak ausſetzte. Manch⸗ mal ging es dann allerdings auch wieder rückwärts, auch kamen volle Wochen, wo er keinen Fortſchritt machte; aber deſſen ungeachtet ließ er ſich die Zuverſicht nicht rauben, daß er über's Jahr am Ziele ſeyn werde. Nach dem alten Sprüch⸗ worte aber, daß oft im Augenblicke eintrifft, was im Jahre nicht erwartet wird, wollte er gleichwohl ſeine Vorkehrungen treffen, und ſo ſchrieb er an einen alten Schulkameraden, der — unterdeſſen bei der Regierung in der Hauptſtadt Regiſtrator geworden war, und bat ihn, er möchte ſich die Mühe nicht reuen laſſen, und wenn einmal das Regierungsblatt mit ſeiner Ernennung erſchienen ſey, dem Poſtbuben, der die Ordinari brachte, Nachricht davon geben. Dem Poſtillon aber, welcher alle Tage vor drei Uhr an dem Häuschen ſeiner Baſe vorbei⸗ rollte, trug er ſtrengſtens auf, wenn ihm der Herr Regiſtrator geſagt, daß das Regierungsblatt im Felleiſen ſey, ſo ſolle er von Ferne ſchon den lieben Auguſtin blaſen auf ſeinem Poſt⸗ horn, außerdem aber nichts, damit er nicht irre werde. Unterdeſſen aber übte ſich Herr Schimmelhauſer tag⸗ täglich, lernte den richtigen Handgriff und den rechten Schwung und traf hin und wieder ſchon neunzehn oder zwanzigmal in den Haken. Deßwegen nahm er denn jetzt auch eine neue Regel an und ſpielte jedesmal nur ſo lange, als er traf, legte aber den Ring ſtill zur Ruhe, wenn er gefehlt hatte;„denn,“ ſagte er zur Baſe, die ihn öfter fortzuſpielen bat,„denn es würde doch nichts bedeuten, im Traume ging's aufs erſtemal.“ Hiedurch wurde denn freilich wieder viele Zeit ſeines Nach⸗ mittagbeſuches verfügbar, allein Vetter Baptiſt brachte jetzt ein neues Geſchäft mit, das ihn mit freundlicher Anziehungs⸗ kraft feſthielt. Sein vorzüglichſtes Denken und Sinnen war nämlich immer die künftige Anſtellung, und wenn er nach⸗ gerade auch zu wiſſen glaubte, wovon ſie abhing, ſo blieb ihm das Ereigniß ſelbſt räthſelvoll genug; denn über Monat und Tag des Eintreffens konnte er ja auch jetzt immer nur erſt unſichere Vermuthungen wagen. So faßte er denn den Steub, Novellen. 3 Gedanken, dieſer Erſcheinung mit einer Art von Wahrſchein⸗ lichkeitsberechnung, und zwar nicht allein für ſich, ſondern auch in Beziehung auf die Andern auf den Leib zu gehen, und er freute ſich gar mächtig, wie er, wenn einmal die Formel gefunden, jene Hunderte von jungen Juriſten überraſchen würde, die bisher über dieſe wichtigſte ihrer Angelegenheiten in pfadloſer Finſterniß getappt. Baptiſt machte ſich nun allererſt daran, die nöthigen Materialien zu ſammeln, und bat ſich von ſeinen Kollegen die Liſten der Praktikanten, aller ſeiner Vor- und Nachmänner, nicht allein ſeines Regierungsbezirkes, ſondern, wenn er ſie erhalten konnte, auch der übrigen aus. Dann forſchte er mit einer Neugier, welche Alle, die ihn kannten und die Urſache nicht wußten, in Erſtaunen ſetzen mußte, nach ihren Noten im Aſſeſſoreramen oder in der Praris. Als er ſeine Sammlung für vollſtändig genug hielt, um eine Berechnung darauf bauen zu können, ging er ernſtlich mit ſich zu Rathe und fiel dann darauf, eine durchſchnittliche Praris des Vorbereitungsdienſtes zu ſieben Jahren anzunehmen, für die guten Noten einen ver⸗ hältnißmäßigen Zeitabzug, für die ſchlechten eine ungemeſſene Aufrechnung eintreten zu laſſen und ſo für jeden einzelnen Fall die Epoche feſtzuſtellen, die den Aſpiranten mit dem ſtaats⸗ dienerlichen Degen umgürten ſollte. Das war aber nur die Kindheit ſeiner Lehre. Er fand bald, daß ſich auf dieſe Sätze nur höchſt trügliche Schlüſſe bauen ließen; denn Mancher, der ſeiner Berechnung nach über ein Decennium hinausgeworfen wurde, war ſchon in den —6 35 8 erſten Jahren Aſſeſſor geworden, und Mancher, der es hätte in den erſten Jahren werden ſollen, lebte im achten oder neunten noch in ſeliger Erwartung. Wenn daher ſeine Be⸗ rechnung auch zuweilen eintraf, wie er denn ſogar einmal die Freude genoß, den Cyklus eines Bekannten bis auf die Woche und faſt bis auf den Tag berechnet zu haben,ſo ſtellten ſich doch ſo viele Unregelmäßigkeiten ein, daß er nach neuen Ge⸗ ſetzen forſchen mußte. In dieſen Tagen warf er nun zufällig einſt einen Blick in den Kalender, auf deſſen Zeichen er ſich ſonſt nicht übel verſtand, und plötzlich war es ihm, als ob er den Verſuch machen ſollte, ob denn die Anſtellungen am Ende nicht von aſtronomiſchen Einflüſſen abhängig ſeyen. So kam er darauf, eine Analogie zu finden zwiſchen jenen ihm bisher unerklärlichen Erſcheinungen und den Schalttagen, wobei er freilich einräumen mußte, daß die Intercalaranſtellungen eben ſo häufig ſeyen, als die Schalttage ſelten. Oft ſogar, in einer oder der andern Epoche, ſchienen jene milchſtraßenartig durch das Regierungsblatt zu ziehen, und die berechenbaren Erſcheinungen traten faſt ganz zurück. Nun wurde es alſo ſeine Aufgabe, die chkliſche Wiederkehr jener Epochen ſelbſt zu erforſchen, und da fielen ihm denn die Wendekreiſe des Krebſes und des Steinbockes ein, und er glaubte wirklich durch lang fortgeſetzte Beobachtungen in ſeinen aſtronomiſchen Annalen— den Praktikantenliſten und den Regierungsblättern— gefunden zu haben, daß die Sonne der Anſtellung ebenfalls dieſe Geſetze anerkenne, und ſich epochen⸗ weiſe in der intercalirenden vorwärtsſpringenden Manier des Sd S— 36 8 Steinbocks oder in der ſtillen, rückwärtsgehenden Weiſe des Krebſes verhalte. Für die Theorie mochte dieſe Entdeckung ein großer Fortſchritt ſeyn, aber für die Praris war nichts damit gewonnen, ja die Beſtimmung der einzelnen Fälle war eher ſchwa er geworden; denn um jetzt ein Horoſcop zu ſtellen, vorerſt wiſſen, daß die Sonne zur Zeit des Eintreffens im Krebſe ſtehen würde— die Steinbockanſtel⸗ lungen ſchienen noch immer völlig räthſelhaft— und dieſe Gewißheit war durchaus nicht mathematiſch herzuſtellen, da alle Berechnungen über die Dauer und Wiederkehr dieſer Perioden noch zu keinem Reſultate geführt hatten. Auf dieſem Punkte ſtand die neue Wiſſenſchaft des Herrn Schimmelhauſer, als er eines Abends im goldenen Löwen den Aſſeſſor die gewagte Meinung äußern hörte, der Praktikant Schnellfiſcher habe ſeine frühe Anſtellung ſeinen Connerionen zu verdanken.„Connerionen?“ fragte Schimmelhauſer.„Was hat denn der junge Mann für eine Note?“ „O, mein Gott,“ fiel der leichtſinnige Herr von Stritzel lebhaft ein,„ich muß lachen, ſo oft ich von den Noten höre. Dem Miniſter ſein Vetter hat die letzte Note im Erxamen, iſt doch vier Wochen darnach angeſtellt worden, der arme Teufel, weil man ihn mit den fünftauſend Gulden, die ſeine Güter tragen, nicht verhungern laſſen kann. Und in meinem Fach— der Forſtpraktikant Eichelhuber iſt ein ganz beſonderer Luthe⸗ raner geweſen— hab' ihn oft plärren hören am Sonntag in ſeiner Kirche— iſt ſchnell katholiſch worden und gleich auch Forſtmeiſter. Jetzt fängt er die Moosſchnepfen mit dem Roſenkranz und ſchneidet den Namen Jeſu in alle Zwetſchgen⸗ bäume. Der Geometer Winkelhauſer hat die alte Tochter vom Direktor Simpelmaier geheirathet— das iſt ein Jugend⸗ freund von einem Hochgeſtellten, den ich auch noch nenne, wenn ich einmal Zeit habe. Ach, was die beiden Bieder⸗ männer in ihrer Jugend, ſo lange es die Knochen ausge⸗ halten, für Unſchuld und Tugend, für Religion und Sittſam⸗ teit geleiſtet haben— ach, das glaubt man nicht— man dürfte es vielleicht auch gar nicht ſagen. Jetzt iſt der Geometer Bauinſpektor und hat gleich Urlaub bekommen auf anderthalb Jahr, damit er zuerſt noch den neuen Bauſtyl ſtudiren kann. Jetzt wird er wahrſcheinlich auch lernen, wie man einen Ziegel⸗ ſtein und ein Chokoladetäferl auseinanderkennt; denn bisher hat er's kaum gewußt. Und im letzten halben Jahre ſind ja faſt nur lauter Cavaliere im Regierungsblatte geſtanden, gleichſam als ſollten die Andern, die ſtudirt haben, lauter Pflaſterer werden. Drum muß ich lachen, wenn einer ſich was einbildet auf ſeine Note. Da ſollte man lieber die aus⸗ gezeichneten Männer, welche unglücklicher Weiſe die letzte Note haben, die bekehrten Ketzer, die Barone und die Schwieger⸗ föhne, die ſollte man alle Jahre zuerſt vorweg verſorgen und die gemeinen Leute ſollte man nachher würfeln laſſen, um das, was überbleibt— da hätte es doch Jeder in der eigenen Hand.“ „Aber,“ ſagte Herr Schimmelhauſer ſich ſelbſt vergeſſend, „da könnte man ja gar nichts mehr berechnen!“ „O, edler Freund!“ erwiederte Herr von Stritzel,„mit dem Einmaleins iſt da ohnedem nichts auszurichten. Aber Connerionen, wenn du hätteſt, mein Schimmelhauſer, oder Baron wenn du wärſt, oder Schwiegerſohn, oder lutheriſch, daß du dich bekehren könnteſt, da wäreſt du in vierzehn Tagen vielleicht Regierungsrath.“ „So, ſo!“ ſagte Baptiſt,“ da könnte ich übrigens noch am eheſten lutheriſch werden. Das Beichten und die Faſtenſpeiſen möcht' ich leicht entbehren— Cavalier dagegen und Schwiegerſohn, ich wüßte nicht, wie das zu machen wäre.“ Dieſes Geſpräch, das ſich noch länger fortſpann, eröffnete unſerm Freund eine neue Welt von Anſchauungen. Er erkun⸗ digte ſich weiter, forſchte und erfuhr zu ſeiner Beſchämung, daß außer den Noten und Wendekreiſen noch gar manche Elemente Einfluß hätten, die ihm bisher unbekannt geblieben, wie z. B. vor Allem dieſe Connerionen, worunter man Verbin⸗ dungen mit hochgeſtellten Perſonen verſtehe, oder auch der Patriotismus, was die richtigen politiſchen Anſichten bedeute, oder gute Sitten, worunter allerlei begriffen ſey. Herr Schimmelhauſer lauſchte in größter Ueberraſchung dieſen Offenbarungen, beſchloß aber auch gleich ſie nutzbringend zu machen, und fragte unter Zuhandnahme der letzten Regierungs⸗ blätter bei Allen, die etwas davon wußten, aufs Angelegent⸗ lichſte darnach, was dieſer oder jener der jüngſt Angeſtellten für Connerionen, was für Patriotismus, was er für gute Sitten habe, ob er von Adel, Schwiegerſohn, lutheriſch ſey, notirte ſich auch gleich die Erhebungen, und trug ſie, ſchwarz auf weiß nach Hauſe, ſinnend, vergleichend, rechnend. Jetzt kam es alſo darauf an, für dieſe Einflüſſe die Ziffer zu finden. Dieß koſtete eine Unzahl von Gleichungen, die immer und immer mit andern Unterſtellungen wiederholt wur⸗ den und immer keine Ergebniſſe lieferten, die für alle Fälle paßten, obgleich unſer Freund auch die Durchſchnittsdauer der Vorbereitungszeit einer neuen Prüfung unterworfen und ge⸗ funden hatte, daß ſie nicht, wie er bisher angenommen, ſieben runde Jahre, ſondern ſieben Jahre und hundert dreiundſiebzig Tage betrage, obgleich er jetzt endlich auch für beſonders aus⸗ gezeichnete Schnellanſtellungen die Kategorie der Kometen ein⸗ geführt. Schimmelhauſer fand ſich in einem ſchrecklichen Irr⸗ ſal von ſchwankenden Ziffern, von unbekannten Momenten und räthſelhaften Einflüſſen, und wenn er früher nur mit Noten gerechnet hatte, ſo hatte er jetzt nicht allein dieſe, ſon⸗ dern auch Intercalarzeiten und Wendekreiſe, Connerionen, Adel, Schwiegerſohnſchaft, Converſionsfähigkeit, Patriotis⸗ mus und gute Sitten in den Calcul zu ziehen, der, je näher er ihn dem Ziel glaubte, deſto unſicherer wurde. Unwirſch ſchlug er ſich oft vor die Stirne und blickte mit großen Augen gegen den Himmel— was er ſonſt nie gethan hatte— ſo daß die Baſe ſich an ſolchen Zeichen entſetzte und bald anfing, mehr von dieſer Zerſtreuung zu fürchten, als ſie je von ſeinem ſtillen Gram beſorgt hatte. Oefter und öfter ſprach ſie ihm zu, von den überſchwierigen Intercalarzeiten, den unbegreif⸗ lichen Wendekreiſen, von dem unberechenbaren Patriotismus, den geheimnißvollen Connerionen, und den allem Calcul widerſtrebenden guten Sitten, von dieſen und allen andern ————————— ———————̃ — ——— ————— Bedingungen abzulaſſen, für ſich und ſeine Duldungsgefährten die endliche Erlöſung in Ruhe zu erwarten und vor der Hand ſein Glas Bier in aller Gemüthlichkeit zu trinken; aber er war taub für ihren guten Rath.„Es muß noch heraus,“ ſagte er,„es mut Geſetze geben, nach denen die Staatsdienſtaſpi⸗ ranten ihre Bahnen abmeſſen; denn das werdet Ihr doch nicht läugnen wollen, Baſe, daß ſie natürliche Körper ſind, und wenn Ihr ſo viel einräumt, ſo müßt Ihr auch zugeben, daß ſie ihren Geſetzen unterworfen ſind, denn die Natur hat ihre feſten Normen.“ So rechnete er fort und fort, alle Tage anderthalb Stun⸗ den, legte für jeden der erkundſchafteten Concurrenten einen eigenen Bogen an, und ein eigenes Heft für den generellen Calcul, hatte ſchon ganze Bücher Papier verſchrieben und kam immer nicht darauf. Was bei zweien und dreien eingeſchlagen hatte, das erwies ſich am vierten als falſch; was bei dieſem und einem andern als nöthige Annahme ſich aufdrang, das paßte für die Uebrigen nicht. Ein Anderer wäre verzweifelt, Herr Schimmelhauſer rechnete aber nur immer emſiger. Manchmal traten dann auch neue Phaſen ein, aber nur um das Chaotiſche ſeiner Calculationen zu vermehren; einmal wollte er den Glauben an die Wendekreiſe fahren laſſen, ein andermal den Gedanken an einen Einfluß der Noten; aber mit dem nächſten Regierungsblatt wollte es ihn gar wieder anwandeln, als habe er wahrſcheinlich noch lange nicht Alles hereingezogen, was die Erſcheinung bedinge, und zuletzt wollte er ſogar auch dem Mondſcheine eine Einwirkung übertragen, — und war eifrigſt bemüht, die Modalitäten und die ihnen ent⸗ ſprechenden Ziffern zu ergründen. Mittlerweile war Herr Schimmelhauſer etliche vierzig Mal„erſtorben“ und ſiebenunddreißig Jahre alt geworden, und Weihnachten war wieder herangekommen.— Am Vor⸗ abende dieſes Feſtes ſaß der Vetter bei der Baſe und rechnete, ging dann in die Kanzlei und arbeitete, ging nach Hauſe und ſchrieb, ging wieder zur Baſe und freute ſich an den neuen Angebinden, Alles wie ſonſt; aber in der Nacht hatte er einen Traum. Er ſah ſich wieder wie in jener Chriſtnacht vorm Jahre in ſchwarzem Fracke und weißer Halsbinde mit dem glänzenden Ringe in der Hand, und es kam ihm vor, als ſpiele er wieder und treffe unausgeſetzt, und daneben hörte er zum zweitenmale jene feierliche Stimme, die bis auf dreißig zählte, worauf dann abermals jene landesfarbige Fortuna in die Höhe fuhr und ihm jenes erſehnte Anſtellungspatent wirklich überreichte, mit einem feierlichen Spruche, über dem der Glückliche erwachte.„Gratulire, Herr Schimmelhauſer, zum Chriſtkind!“ ſagte er zu ſich ſelber.„Der heutige Nach⸗ mittag ſcheint ein gewiſſes Regierungsblatt bringen zu wollen, in welchem ein gewiſſer Schimmelhauſer Aſſeſſor wird.“ In ganz heiterer Stimmung zog er ſich an, ging in die Kirche, in die Kanzlei, zu Tiſch und dann zur Baſe. Heute war ihm die Zeit, bis er das kleine Vorſtadt⸗ häuschen betreten konnte, länger geworden, als je. Kaum eingetreten, riß er auch ſeine Hefte heraus und ſetzte ſich darüber. Er fing an zu rechnen, nahm die Durchſchnittsdauer 6 3 3 1 der Aſpirantenlaufbahnen als Baſis, ſetzte einen Krebsſtand der Sonne voraus, brachte den Mangel der Connexionen, des Adels, der Schwiegerſohnſchaft, der Converſionsfähigkeit, das Vorhandenſeyn des Patriotismus und der guten Sitten in Anſchlag, ließ ſeine Note gelten, was ſie nach einzelnen be⸗ währten Fällen gelten konnte, rechnete, rechnete abermals und zum dritten Male, und ſiehe da, es fand ſich, daß ſich heute ſeine Praktikantenlaufbahn ſchließen müſſe. „Victoria,“ rief er der Baſe zu,„meine Planetenbahn iſt zu Ende, und heute werde ich wirklicher Aſſeſſor! Ich habe mich ganz deutlich herausgerechnet und habe auch wieder einen Traum gehabt. Es kann nicht fehlen.“ Die Baſe war mehr geneigt, auf ſeine Viſionen ein Ge⸗ wicht zu legen, als auf die Rechnung, hörte übrigens ſeiner Erzählung aufmerkſam zu und meinte wohl auch, jetzt könne der Aſſeſſor nicht mehr lange ausbleiben. Herr Schimmelhauſer ging nun aber zur ſchwierigſten und zuverläſſigſten Probe ſeiner Erwartungen, zum Ringſpiel, über. Es verdient hier bemerkt zu werden, daß bis dahin achtundzwanzig Treffer das höchſte war, wozu er es gebracht hatte, und dieß war un⸗ gefähr vor einem Vierteljahre vorgekommen, zu einer Zeit, als eine Aſſeſſorſtelle in Schierlingsſtetten leer geweſen, auf die der Ring alſo wünſchelruthenmäßig hingedeutet. Seit⸗ dem war er immer wieder nur in den Anfängen der Zwanziger geblieben; heute aber fiel der Ring achtundzwanzigmal in den Haken. „Achtundzwanzigmal,“ rief Baptiſt laut auf,„achtund⸗ — zwanzig, Baſe!'s iſt wieder etwas ledig, aber ich krieg's gewiß wieder nicht.“ Der Ring flog abermals. „Neunundzwanzig!“ „Neunundzwanzig!“ wiederholte die Baſe. „Herr Gott!“ rief der Vetter,„das muß etwas bedeuten. Beſtimmt lieg' ich im Kabinet zur Unterſchrift, bin vielleicht ſchon unterſchrieben; denn wie ich ſehe, habe ich ja auch den ſchwarzen Frack und die weiße Halsbinde an, wie im Traume. Aber, liebe Baſe, ſeyd doch ſo gut, und holt mir, da es ſo wichtig iſt, noch eine Halbe. Ich muß einen friſchen Trunk zu mir nehmen, ehe ich den letzten Schuß thue. Der Trunk war gethan und Schimmelhauſer griff wieder in großer Bewegung nach dem Ringe. „Alſo, woll's Gott, zum letztenmale!“— Der Ring löste ſich aus ſeiner Hand, flog in ſchönem Bogen auf den Pfeiler zu— er hat's, er hat's— der Haken klingt, der Ring dreht ſich, drin hängt er. „Dreißig, dreißig!“ ſchrie der Glückliche, und zu gleicher Zeit hörte man von Ferne, wie ein Poſthorn lieblich ſang: „Ei, du lieber Auguſtin.“—„Nun, Baſe, reißt die Thüre auf! ich bin Aſſeſſor!“ Er ſtürzte hinaus; der Poſtbube kam in ſtarkem Trabe herangefahren, winkte fröhlich mit dem Schnupftuch und rief vorbeirollend:„Ich hab's, ich hab's!“ Herr Schimmelhauſer ſetzte ſich in Bewegung, nahm die Schöße ſeines Fracks in die Hände und rannte dem Poſtillon im geſtreckten Lauf nach, ſo ————————————— — ————— daß ſeine Taſchen, worin er Pfeife und Tabaksbeutel verwahrte, hinten entſetzlich aneinander ſchlugen. Dabei hörte er nicht auf zu rufen:„Haſt du's, haſt du's?“ und der Bube ant⸗ wortete eben ſo oft:„Ich hab's, ich hab's!“ und weil Jeder früher in den Poſthof einlaufen wollte, ſo ſchlug der Eine immer hitziger auf ſein Pferd los, während der Andere immer größere Sprünge machte, wobei ſie ſich immer anlachten und zuriefen.. Dieſe Erſcheinung erregte in der Hauptſtraße, durch welche ſie rannten, ein ungewöhnliches Aufſehen. Da man Herrn Schimmelhauſer ſeit ſeinen Jünglingsjahren ſtets nur im ruhigſten Schritte hatte durch die Gaſſen wandeln ſehen, ſo entſtand in allen, die ihn jetzt wie einen Bolzen dahinfliegen ſahen, der Gedanke, es müſſe etwas Großes ſich ereignet haben. Alle Fenſter gingen auf und wer nicht durch Unver⸗ ſchiebliches verhindert war, eilte der Poſt zu, um die Neuigkeit zu erfahren. Auch die Schule war um dieſe Nachmittags⸗ ſtunde geſchloſſen worden und die Jugend folgte in Schaaren den angeſeheneren Leuten. So drängten ſie alle zuſammen, geſpannt und der Dinge gewärtig, in den Poſthof, wo ſie den Herrn Praktikanten wie⸗ der fanden, halb erlegen von ſeinem Laufe, in den Armen des Poſtmeiſters, der ihm unaufhörlich gratulirte. Vor ihm ſtand der Poſtillon und feierte das Ereigniß, indem er ſeine Peitſche einmal um das andere über dem Haupte des Glücklichen mächtig knallen ließ. Mitunter klopfte er ſich faſt hochmüthig auf die Bruſt und rief:„Sind ſchon Viele in die Stadt 2 gefahren, hat's doch noch keiner gebracht, als ich. Herr Schimmelhauſer, der allmälig den Athem wieder ruhiger kommen fühlte, hob das Regierungsblatt, das er mittlerweile erhalten hatte, von Zeit zu Zeit hoch in die Luft, und liſpelte Anfangs leiſe, dann deutlicher: Aſſeſſor! Es bedurfte aber nur dieſes einzigen Wortes, um die verſammelte Menge über die intereſſante Lage aufzuklären, in welcher ſich Herr Schimmelhauſer befand. Die Männer des Städtchens umringten ihn glückwünſchend, händeſchüttelnd und behaupteten, ſo hätte es noch Keiner verdient, während die Jugend ihn mit Erſtaunen, ja mit Bewunderung anſah. So hatte der neue Aſſeſſor Mühe zu Worte zu kommen und zu ſagen: „Ich danke, meine lieben Herren, aber die Hauptſache iſt jetzt, daß es die Baſe zur rechten Zeit erfährt, denn ſonſt nimmts ſie's übel und dann iſt der heutige Tag verpfuſcht. Wenn nur einer da wäre,“ ſprach er ungehört weiter,„der ihr die Botſchaft langſam beibrächte, denn ich fürchte immer, die große Freude möchte ihr ſchädlich werden. Nachdem er ſo geſprochen, ſchlug er den Weg zur Vor⸗ ſtadt ein. Wer bisher um ihn geweſen, begleitete ihn, wer die neue Mähr erſt jetzt erfuhr, der ſchloß ſich dem Zuge an. So kamen ſie zum Hauſe der Korbmacherin, welche ahnungs⸗ voll zu Hauſe geblieben war. Sie hatte nicht gewagt, dem Vetter in ſeinem Laufe zu folgen, weil ſie dachte, am Ende möchte es etwa nur ein loſer Streich des Poſtbuben ſeyn und ſie zum Geſpötte der Städter werden. Nun aber wars ihr wonnige Gewißheit, und um auch die letzten Zweifel zu heben, gab ihr Baptiſt fröhlich die Hand und ſagte: „Ja, Baſe, jetzt bin ichs, gerade wie es nach der Pla⸗ . netenberechnung hat herauskommen müſſen.“ Die Baſe ſtand vor den Augen der angeſehenen Bürger, welche ihren armen Vetter bis in ihre entlegene Stube be⸗ gleitet hatten, ſo verſchämt, daß ſie keine Worte fand, um ihren Empfindungen Ausdruck zu geben. Verlegen ging ſie aber an den Schrank, öffnete und hob einen Uniformshut heraus, den ſie lange vorher in ihrer Liebe auf der Verſteige⸗ rung gekauft hatte, die nach des Aktuars Schlingelmann Hin⸗ ſcheiden gehalten worden war. Den hatte ſie bereit gelegt für den großen Tag, wo ihr Vetter ihn ſelber würde tragen 1 dürfen, aber ihm hatte ſie nie ein Wort davon geſagt. Raſch 3 ſchritt ſie nun auf den Aſſeſſor zu, gab ſich einen Schwung 1 und ſetzte ihm den Hut auf den Kopf, indem ſie unter Thränen ſprach:„Geſegn'es Gott!“ 1 Mittlerweile hatten ſich auch der Dekan und der Bürger⸗ meiſter auf der Gaſſe begegnet, und da in der Stadt Alles 1 wußte, daß der neue Aſſeſſor jetzt bei der Korbmacherin draußen ſey, waren ſie unverweilt dahin gegangen. Auch ſie traten glückwünſchend ein und der Bürgermeiſter meinte, es ſey eine Ehre für die ganze Bürgerſchaft, daß jetzt einmal ein Bürgers⸗. ſohn königlicher Beamter geworden, und nur zu bedauern, daß der alte Schimmelhauſer dieſen Tag nicht mehr erlebt. Der Herr Dekan aber ſagte, es wäre unmöglich geweſen, wenn 1 nicht eine höhere Hand es gemacht hätte.— 5 E 9 G Indeſſen mahnten gewichtige Stimmen, es ſey wohl Zeit auch ins königliche Landgericht zu gehen, um dem Herrn Landrichter die Botſchaft und das Regierungsblatt zu über⸗ bringen. Man fühlte, daß dies vor Allem geſchehen müſſe, und ſo zog Herr Johann Baptiſt Schimmelhauſer, ſchon von ferne kennbar durch den neuen Uniformhut, geführt von dem Dekan, welcher links und dem Bürgermeiſter, welcher rechts ging, in würdigem Schritte aus der Vorſtadt in die Stadt. Die andern Bürger wandelten hinter den drei Honoratioren und nach ihnen trippelte fröhlich die heitere Jugend. Die Knaben jubilirten und ſchrien Vivat; ja ſelbſt die Mädchen hüpften zuweilen einzeln über den Bürgermeiſter oder den hochwürdigen Dekan vor, nickten Herrn Schimmelhauſer ins Geſicht und ſagten lächelnd: Wünſch' Glück, Herr Aſſeſſor! Der Herr Landrichter hatte wohl ſchon etliche Zeit vorher die Kunde vernommen, allein da es ihm in ſeiner Pflicht zu liegen ſchien, das Ereigniß durch eine, wenn auch kurze Rede zu feiern, ſo war er des kleinen Zeitvorſprungs ziemlich froh und ging mit großen Schritten in ſeiner Kanzlei auf und ab, einen kleinen Leitfaden über Redekunſt in der Hand, denkend, ſinnend, grübelnd. Endlich nahte der Zug. Der Gerichtsvorſtand trat in feierlicher Weiſe ihn zu empfangen auf die Vortreppe ſeines Amtsgebäudes und ſprach kurz aber erhebend zu den Verſam⸗ melten, während Herr Schimmelhauſer in weihevoller Be⸗ klommenheit unter dem Uniformshute zuhörte: „Schon längſt iſt es mir in meinen Träumen vorgegangen, — ——— —— S daß wir am Vorabend wichtiger Ereigniſſe ſtehen. Wer hätte es je gedacht, daß ein Bürgersſohn aus dieſem unbedeutenden Städtchen der Collega eines königlichen, ja überhaupt nur eines Landrichters werden könnte? Und was ſehen wir jetzt, meine geliebten Zuhörer! Steht er nicht vor uns, der vor Kurzem noch geprüfter Rechtspraktikant war, ſteht er nicht vor uns, wie er leibt und lebt und auch bereits in ſeinem Uniformhute? Er aber verdankt das Glück nur ſeiner Ausdauer, denn wie hätte das Auge des allegeliebten Landesfürſten auf ihn fallen können, wenn nicht ſeine Zeit gekommen wäre, welche alle Schmerzen heilt? Und wie oft geſchieht es nicht, daß das Talent ſchon früh ausgeht und doch bis zum Abend ſeines Lebens keine Anerkennung findet? Du aber, hochgeehrte Schuljugend, nimm Dir ein Beiſpiel an dem, was Du heute ſiehſt! Euch Knaben wird es ein Sporn ſeyn, eure Schritte zu verdoppeln, um recht bald daſſelbe hohe Ziel zu erreichen, und ihr, geliebte Mädchen, werdet euch einſt glücklich ſchätzen, in den Armen eines ſolchen Mannes zu ruhen. Sie aber, Herr Aſſeſſor, Johann Baptiſt Schimmelhauſer, treten Sie jetzt mit beiden Füßen herein in den Kreis der Würdenträger, denen die wohlverdiente Auf⸗ gabe geworden iſt, ein unkultivirtes Volk zu den höchſten Gütern der Wiſſenſchaft und der Kunſt durch Lehre und eigenes Beiſpiel zu erziehen. Und nun thun wir, was uns nach unſern ſchwachen Kräften noch übrig bleibt, bringen wir ein Hoch dem Allerhöchſten aus, denn man mag ſagen, was man will, er iſt denn doch der Landesvater!“ —te— Der Belden Jugend. Steub, Novellen. 4 Der Helden Iugend.“ 1 oPhn Süddeutſchland liegt eine kleine Stadt, nicht ferne vom Gebirge, am Geſtade eines grünen Stroms, in einer heitern Gegend. An dieſem Orte lebte vor manchen Jahren ein angeſehener Würdenträger aus guter, alter Familie. Er hatte zu ſeiner Zeit ein adeliges Fräulein geehlicht, das ihm zwar keine Schätze, aber bald einen braunlockigen Knaben einbrachte, den die Aeltern um ſo inniger liebten, als er das einzige Kind des Hauſes blieb. In der That hatten ſie auch viele Freude an dem Jungen. Es war eine ſtille, innerlich geſchäftige Natur, äußerlich zu⸗ meiſt in ſeltſame Fährten verloren, dabei jedoch oft Laut gebend von einem geheimen Leben, das die Aeltern nicht ver⸗ ſtanden, aber bewundernd ahnten. So merkten ſie bei ver⸗ gehender Kindheit mehr und mehr, wie der Knabe Haus und * Dies iſt das erſte Kapitel eines Romans, den der Verfaſſer vor langen Jahren zu ſchreiben gedachte, aber bisher nicht vollendet hat. Garten und die alterthümlichen Gaſſen für ſich eigens erbaute und ergrünen ließ und einen Flor von Dichtung darüber warf, der zu ſchön war, um kindiſch zu heißen, und als er mit zu⸗ nehmenden Jahren öfter und öfter vor die Thore kam, ſo hatte er auch ſein eigenes Schauen für die Landſchaft, und der Wieſenbach, der Wald und das Hochgebirge waren Dinge, die ihm offenbar mehr bedeuteten als den anderen Leuten in dem Städtchen. Der Landrichter von Bolzen bewohnte ein landesfürſt⸗ liches Haus, das, vor Jahrhunderten als feſtes Schloß zu Schutz und Trutz erbaut, noch den gothiſchen Giebel, die dicken Wände mit ſchmalen Fenſtern, im Innern dunkle Gänge, hinter ſich aber einen lachenden Burggarten hatte, der zwiſchen bezinnten Mauern in ſicherm Verſchluſſe lag. Er endigte in einem halbverfallenen Thurm, aus deſſen Schießſcharten man über Wieſ' und Feld auf ferne Dörfer ſah, deren ſpitzige Kirch⸗ thürme über den Wäldern erglänzten, während am Horizonte die Alpen mächtig hinabzogen. Es war dem Knaben lieb, wenn er oben im Vaterhauſe auf dem bretternen Speicher, der manches ſonderbare Geräth, manch' altverbrauchtes Zeug bewahrte, wenn er da einſam und vergeſſen von dem Giebelfenſter hinunter ſchauen konnte auf die ſchwarzen Dächer der Stadt, wo verſchiedene heimliche Hofſtätten erſchienen, mancher hölzerne Gang, den er unten nicht mehr finden konnte, wo unbekannte Männer und Frauen wandelten und oft halbverhallende Stimmen herüberklangen, die er nicht verſtund, wo er weit über das Land hinſehen und —— 8 den Alleebäumen nachgehen konnte, bis ſie auf fernen Hügeln verſchwanden, wo entlegene Weiher glänzten und hohe Wäl⸗ der dunkelten, hinter denen er ſich die Fremde dachte. Auch freute er ſich oft in den finſtern Gängen ſeines Schloß es, die von ſeinem Fußtritte erſchallten und ſeine Stimme in ſtarkem Wiederhalle zurückgaben, an den alten ſchwarzen Bildniſſen, deren Namen Niemand mehr wußte— er glaubte, es wären verſtorbene Kaiſer der deutſchen Nation. Neben ihnen hingen auch noch hin und wieder alte Pickelhauben oder ein ver⸗ roſtetes Schwert aus vergangenen Zeiten, die ihm aber noch immer zu groß und zu gewichtig waren, ſo oft er ſie auch ver⸗ ſuchte— mit der Zeit, war ſeine Hoffnung, würde er auch noch hinein wachſen. Und ſo ſaß er auch manche Abendſtunde in den Fenſter⸗ brüſtungen auf den eingemauerten Bänken und blickte in die ſtillen Gaſſen hinunter, ſpähend, als erwarte er eine wichtige Begebenheit— aber lieber als dies Alles war ihm der alte Thurm an der Stadtmauer, der in der Ecke des Gartens ſtand, und zwar da, wo die Bäume immer mächtiger wurden, das Gras immer höher und die Haſelbüſche immer dichter. Auch der Epheu zeigte hier den reichſten Wuchs und wand ſich an dem morſchen Treppengeländer hinauf und über dem Dache ſpielten die leichten Ranken im Winde, wobei der Wetterhahn zuweilen ſeltſam knarrte. In dieſen Thurm ver⸗ legte Jörg ſeine Kinderſtube; da las er ſeine erſten Bücher und träumte ſeine ſchönſten Träume. Da ſchleppte er allerlei zu⸗ ſammen, was ihm werthvoll dünkte, Geſchichten blondhaariger —— Ritter, die Beſchreibungen ferner Länder, alte ſchmuckreiche Landkarten und die herrlichen Leiden Robinſon's. So ſtieg er am Abend immer hinauf in ſein Thurm⸗ ſtübchen und las, oft weinend, oft in lautem Jubel, in ſeinen alten Hiſtorien oder in den Erzählungen von der Neuen Welt. Abwechſelnd lag er dann auch über den vergilbten Landkarten und betrachtete die großen Städte, wie ſie mit ihren eckigen Baſtionen an den Flüſſen liegen oder an der See. Da weilte ſein Blick gern auf Köln am Rhein, oder auf Danzig in Polniſch⸗Preußen, oder auf Augsburg am Lech im Herzog⸗ thum Schwaben. Er meinte in ihre Gaſſen hineinzuſehen und das Volk gewahr zu werden, wie es ehrenfeſt und mann⸗ haft mit leiſem Summen darin herum wimmelte. Er erſchaute die ehrenfeſten Patricier, die aus dem Rathhauſe kommen, die ſchönen Frauen, die aus der Kirche gehen und wenn ſein Ange auf die niederländiſchen Städte fiel, ſo glaubte er den Freiheitsdonner der Kanonen zu hören aus dem Kriege gegen den ſpaniſchen Philipp. Dann betrachtete er auch die ſchwarzen reißenden Ströme, die durch den großen Bogen hinrieſeln, bis ſie ſich ins Meer ſtürzen, wo die Delphine ſpielen und die holländiſchen Fregatten mit grüßenden Schüſſen vorüberſegeln. Er wäre ihnen gern nachgezogen in den großen Ocean und über dieſen hinüber, um in der Neuen Welt zu landen, zu Valparaiſo in Neuſpanien. Nebenbei dachte er ſich oft als Einſiedler in einem warmen Lande mit einer Hütte an der Felſenwand und einem Garten von Palmen und Brodfrucht⸗ bäumen, unter denen ſich ſeltſame Blumen wiegen und vertraute . *— Lama's weiden. An den Garten ſtieß der Urwald und durch die Palmen ſah man auf das Meer, an deſſen anderm Ufer ſeine Heimath lag. Zuweilen dachte er ſich auch in den ſonni⸗ gen Orient und ritt auf arabiſchem Hengſte mit den Karavanen nach Mekka, oder er meinte, er ziehe im Lande Hindoſtan als indiſcher Fürſtenſohn auf weißem Elephanten über den Bezar zu Madras. Er liebte ſein Vaterland, die alten Herzog⸗ thümer, die großen Ströme, die mächtigen Städte, die ehe⸗ maligen Kaiſer und die deutſchen Ritter, aber doch gab er Allem ausländiſche, ferne Namen. Die Flur ſeiner Geburts⸗ ſtadt nannte er das Thal von Quito und die beſchneiten Alpen hieß er die Cordilleras de los Andes. Wenn er aber nicht auf den deutſchen Strömen hinunter ruderte, ſo träumte er ſich ins Gebirge, wo die ſtille Herrlichkeit der Gletſcher ruht und weit hinten im Fotſte die ewigen Quellen entſpringen und von dort ſchlug er ſich durch Drachen und böſe Greifen ſeinen Weg hinunter nach Italien, in die grünen Ebenen der Lombardei und zog hinab im Gefolge des großen Barbaroſſa durch die Mark Ancona, um in Apulien auszuruhen, im para⸗ dieſiſchen Tarent. Selige Stunden, die der Knabe an ſeiner Schießſcharte verlebte, im Thale von Quito, am Fuße der Cordilleras, im neunten, im zehnten, vielleicht auch im elften Jahre ſeiner Jugend! Doch ſaß er nicht immer gedankenvoll auf ſeiner Warte, ſondern oft auch trug er ſeine Träume herunter in den Garten und webte die Lilien und die Roſen hinein, die da an der * ——— —— Mauer hin erblühten. Er dachte oft, wenn nur Eine ver⸗ zauberte darunter wäre, legte ſich ins Gras und beobachtete ihr Walten, ihr leiſes Regen in dem Winde. Er gab ihnen Namen, nannte die Roſe Florismund, die Lilie Blancheflur und lauſchte, ob der Roſenprinz nicht zum Lilienfräulein ſpreche. Auf dem Bache aber, der hell und klar in ungedämmtem Bette durch den Garten floß, erbaute er ſeine Flotten und richtete manchen ſchönen Hafen ein für ſeine Galeeren, die er aus dicken Tannenrinden geſchnitten hatte. Auch gab er dem Gewäſſer wieder jene klingenden fremden Namen, bei deren Klange ſeine Sehnſucht mitklang und zuweilen ließ er eine Galeere mit vollen Segeln auf dem Bache fortwogen, der ſie dann durch die Wieſen in den Strom trug. Wenn ſo das Schiff mit fliegenden Wimpeln durch Hochburgund und Ara⸗ gonien dahinzog, ſagte er zu ſich ſelber, es geht nach den Inſeln der Seligen. Er wäre zu gern Admiral geweſen, um in den Indiſchen Ocean zu ſchiffen und ins Stille Meer oder um die Schlacht von Lepanto zu ſchlagen oder den bedrängten Rhodiſern zu helfen, die ihm ſo herrlich vorkamen auf ihrer aſiatiſchen Inſel. Es konnte ihn ſehr inniglich betrüben, daß die alten Ritter untergegangen bis auf die großen Grabſteine in der Pfarrkirche, wo ſie kniend ausgehauen waren; aber manchmal dachte er, er könnte doch noch einer werden und dann ging er hin und nahm ſeine Armbruſt, lehnte ſich an die Gartenmauer und ſchoß einen Pfeil hinaus durch den Epheu in das Abendroth, um Alles zu vertilgen, was ſchlecht und niederträchtig auf dieſer Erde. 4* Von allen dieſen Dingen wußte der alte Herr von Bolzen ſehr wenig und ſeine Gemahlin nicht viel mehr. Sie ſahen zwar, wenn ſie etwa in den Thurm hinaufſtiegen, die Bücher und die Landkarten des Knaben, aber er hat ihnen nie geſagt, daß die Ebene um ſeine Vaterſtadt das Thal von Quito und die Tirolerberge die Cordilleras de los Andes ſeyen. Auch bemerkten ſie wohl ſeine Schiffe in dem Gartenbache und die Mutter gab ihm zuweilen verſchiedenes Zeug zu ihrer Betakelung, aber ſie hatte keine Ahnung davon, daß von Zeit zu Zeit eine Galeere nach den Inſeln der Seligen ſegle. Etwas Näheres hätte vielleicht des Amtmanns Marie, Jörg's Schulfreundin, erfahren können, allein ſie erkundigte ſich nicht darum. Ihres Vaters Garten ſtieß an den des Landrichters und manchen ſchönen Sommerabend, wenn ſie auf die Scheide⸗ mauer geſtiegen war und in die Bäume hineingerufen hatte: Jörg, wie geht's! erſchien dieſer, reichte ihr die Hand, ließ ſie in ſein Gebiet herunterſpringen und ging dann mit ihr an dem Bache luſtwandelnd auf und ab. Dabei ſagte er ihr, ſie ſey eine Prinzeſſin oder ein Ritterfräulein und hieße Bertha von der Reismühle oder Roſamunde von Plantagenet oder Thev⸗ phania von Byzanz. Auch ſprach er zuweilen verſchiedene unbekannte Sprachen mit ihr, die er ſelber nicht verſtand, die ſie aber ſehr gern zu hören behauptete. Ebenſo nannte er ihr die Namen aller ſeiner Galeeren, allein wenn ſie auch da war, zu den Zeiten, als wieder ein Segel nach dem fernen Ocean entſandt wurde, er ſagte ihr nicht, wohin es beſtimmt war, und auch nicht, was er in den Brief geſchrieben hatte, der für ſeinen überſeeiſchen Freund darin lag. Hätte ſie ihn gefragt, ſie konnte es vielleicht erfahren, allein ſie war nicht neugierig. Eines Abends aber, als Jörg auf den Ruf ihrer Stimme aus ſeinem Dickicht heraustrat, ſah er auf der Gartenmauer neben Marien noch eine andere jugendliche Geſtalt, welche er freundlich einlud herabzuſpringen, während er ſelbſt der Dame ritterlich ſeine Hand bot. Dieſe ſagte, ihr Begleiter ſey des Förſters Erſtgeborener, mit Namen Kunz, dem ſie ſo viel Schönes von ſeinen Galeeren erzählt, und der nun gekommen ſey, ſie zu ſehen. Vor jungen Leuten hatte Jörg keine Scheu; er nahm den Knaben an der Hand, führte ihn durch die Laub⸗ gänge, welche er ihm als Urwald bezeichnete, zu ſeinen Wäſſern und zu ſeinen Flotten und erklärte ihm das Meiſte ohne Rück⸗ halt. Er ſagte ihm, dies ſey der Strom Guadalquivir, welcher von verſchiedenen ſeefahrenden Nationen umwohnt werde. Dort unter den Apfelbäumen läge Hochburgund, die Freigrafſchaft, und da an den Haſelſträuchen ſey das Reich Aragonien. Unter dem Schutze dieſer Krone habe er hier einen Hafen angelegt, welchen man Tarteſſus heiße, weiter oben aber den Platz zu einer Stadt ausgeſteckt, welche wegen ihrer geſunden Luft Buenos⸗Ayres genannt werden würde. Seine Flotte ferner ſey die anſehnlichſte in dieſen Meeren und er unterhalte damit Verbindungen bis in den Ocean. Als des Förſters Kunz dieſe Dinge hörte, fingen ſeine Augen an vor Freude zu glänzen. Er ſagte ſchüchtern, auch er habe ſchon in Büchern geleſen, wo von ſolchen Geſchichten die Rede ſey, was ihn bei Jörg ſo ſehr empfahl, daß ihm dieſer er⸗ öffnete, er brauche nachgerade einen Admiral und wollte ihm gern dieſe Stelle verleihen. Förſters Kunz empfing die Würde mit hohen Freuden und hat ſie von dem Tage an mit Ehren getragen. Es war viel Kunſtſinn in dem jungen Admiral. Schnitzen und Zimmern verſtand er weit beſſer als ſein Herr und Meiſter und ſein Vater hatte auch das ſchönſte Werkzeug dazu. So ſtellte er bald in dem Hafen zu Tarteſſus ſtatt der Rinden⸗ flotte, die er einſt feierlich verbrannte, ein kleines Geſchwader aus, das ſeemänniſch hergezimmert war— weitbäuchige Schiffchen, ſchwarz angeſtrichen, innerhalb kalfatert, die Maſten und das Takelwerk in ſchönſter Ordnung. Auch die Waffen zu Schutz und Trutz mußten ſpüren, daß ein tüchtiger Schmied über ſie gekommen. Die Schwerter legten ſich beſſer in die Hände. Helm und Schild wurden zierlicher. Die Knaben verſtanden ſich immer mehr und hielten immer feſter zuſammen. Was Jörg oben im Thurme er⸗ ſonnen hatte, das führte Kunz unten im Garten aus. Manche Stunde aber ſaßen ſie in der Thurmſtube ruhig nebeneinander oder an einer Schießſcharte des Gartens und ſchauten auf das Thal von Quito hin, über dem die Sonne unterging, ſprachen dabei von den Reichen jenſeit des Oceans, von Valparaiſo und von ihrer Inſel in der Südſee, oder ſie wünſchten ſich hinüber auf die andere Seite der Cordilleras de los Andes, und meinten, wenn jetzt die Zinnen von Ra⸗ venna oder von Tarent ſo ſchön im Abendroth glänzten, da müßte es herrlich ſeyn, als Belagerer davor zu liegen mit einem Heere von hunderttauſend Mann. Die ſchönſten Tage aber gingen ihnen auf am Schluß der Kinderjahre, wenn immer der Treuenfelſer Heinz zum Pfarrer in die Vacanz kam. Dieſer war eigentlich ein junger Freiherr, der auf einem Landſitze von einer klugen Mutter er⸗ zogen wurde und hatte deshalb vor den Knaben in dem Städtchen Verſchiedenes voraus. Er konnte ſich rühmen, ſchon etliche Male Sporen getragen und beim Heueinfahren den Sattelgaul geritten zu haben, auch ging er zuweilen mit dem alten Forſtwart auf die Jagd. Dabei war er auch voll großer Träume und trat gläubig ein in die mährchenhafte Welt, die Jörg um ſich erſchaffen hatte. Doch war ihm der Garten faſt zu klein und er zog lieber in den Wald und durch die Felder oder führte ſeine Geſpielen in dem kleinen Nachen auf dem Teich. Er war ſonſt freundlich und guten Herzens, aber ſtreitbar und wild, wenn's zum Schlagen kam. Er hatte wohl auch eine eigene Luſt an ſeinen jungen Fäuſten und mit dem Treuenfelſer Heinz zog jeweils der Krieg in die kleine Landſtadt ein. Da wurden unter den Bürgerskindern die wehrhaften ausgehoben und mächtige Schlachten geſchlagen, auf den Wieſen vor der Stadt oder ſelbſt unter den Fenſtern des Pfarrhofs. Das war ausgemacht, der Treuenfelſer führte die beſten Streiche und kümmerte ſich am wenigſten um ſeine Haut. Wenn er dann in der grünen Au ſeine Scharen muſterte, ſo ſagte er ihnen, der Kampf gehe um das Heilige Grab, er ſey Richard Löwenherz von England, Jörg ſtelle ₰ —2 — Ludwig den Heiligen von Frankreich vor und Förſters Kunz nenne ſich Tankred von Sicilien. Darauf ſchwenkte er kampf⸗ luſtig das Banner und führte ſeine Reiſigen mit gewaltigem Kriegsgeſchrei gegen die Sarazenen unter Sultan Saladin, in denen man die tapfere Jugend der Vorſtadt erkennen konnte. Sie mußten manchen Strauß verloren geben, die Un⸗ gläubigen, und manche ihrer Standarten wurde in dem Thurme aufgehängt als Erinnerungsmal an die glorreichen Tage König Richard's, bis er wieder kam im Herbſte und wieder ſeine Getreuen ſammelte und wieder gegen Jeruſalem zog oder Askalon ſtürmte. Freilich gerieth er auch zuweilen in Noth, wie ja die beſten, und als er einmal Ludwig den Heiligen aus einem ſtarken Fähnlein Seldſchuken, das ihn im Siegesjubel davon führen wollte, herauszuhauen unternahm, da geſchah es, daß er zwar den König rettete, aber nur mit ſeinem eigenen Blut, denn als der Kampf geſchlagen war, hatte er lange zu thun, um in Guadalquivir ſeine Stirnwun⸗ den zu ſtillen, und Ludwig der Heilige ſagte ihm mit einem Spruche, den er vielleicht auch in einem Buche geleſen hatte: Lieber Vetter, ich will's euch ſtets gedenken. Solche Thaten machten den Treuenfelſer faſt zum Wun⸗ der für die Knaben, und auch die Mädchen dachten gut von dem blonden Helden, ſeit er einſt Amtmanns Marie an dem verwegenen Thürmerſeppel ſo ritterlich gerächt. Dieſer hatte ſich nämlich bei einem Spiele auf dem Friedhofe an dem Mädchen, das den chriſtlichen Kreuzfahrern zugethan war, vergriffen und wollte es an den Haaren zu Boden reißen, als —6 62 8— Heinz in edlem Zorne herbeiflog, den Frechen ins Gras warf, ihn bei den Füßen in den Pfarrhof zog und dort in den Schaf⸗ ſtall ſperrte. So, Seppel, ſagte er, jetzt biſt du Sultan Bajazet, und darfſt froh ſeyn, daß du es ſo weit gebracht. Wenn dann an ſolchen Tagen der Kampf vorüber und die Abendſonne im Sinken war, dann zogen die Kämpen mit den Trophäen in den Thurm hinauf, trockneten ſich den Schweiß von der Stirn und beriethen in ernſter Verſamm⸗ lung— den hohen Rath von Indien nannten ſie es— die kriegeriſchen Geſchäfte des nächſten Tages. Und wenn die Zeit gekommen war, wo der Treuenfelſer Heinz wieder auf ſein Stammſchloß gehen mußte, dann nahmen ſie mit naſſen Augen Abſchied von dem edeln und feſten, und zählten die Tage ab bis er wiederkommen würde und mit ihm die Tage der Abenteuer, der Kriegsluſt und der Schlachten. So vergingen die Jahre und mit der Zeit kam auch der Tag heran, wo der alte Herr von Bolzen ſterben mußte. Jörg drückte ihm ſanft die Augen zu und ſchluchzte: Du haſt auch nicht mehr erleben können, lieber Vater, wie aus deinem Kinde etwas wurde! Frau von Bolzen war zu den Füßen des Todtenlagers niedergeſunken, unfähig ihren Thränen zu gebieten. Er fiel ihr um den Hals und weinte faſt noch ſtärker als ſie. Sey ruhig, Mutter, ſagte er,— uns wird geholfen werden— ich geh' nach Indien.— Sie verſtand ihn nicht. Als der Vater begraben war, zog Frau von Bolzen aus dem alten Schloſſe, verließ die Landſtadt und ſchlug ihren Wittwenſitz in einer größern auf, wo ſie einfach und in ſtillem Frieden lebte. Jörg hatte Förſters Kunz und dem Treuen⸗ felſer Heinz Lebewohl ſagen und den Thurm, den Garten, ſeine Waffen und ſeine Flotten alle verlaſſen müſſen. Der jähe Sprung aus den Kinderjahren in das Jünglingsalter hatte ihm ziemlich weh' gethan in ſeinem Herzen. Das Thal von Quito ſah er nimmer mehr, die Cordilleras nur noch am fernen Horizonte— aber oft an ſchönen Abenden dachte er wehmüthig zurück an jene Freuden ſeiner Jugend. —— * Das Feefräulein. Steub, Novellen. 5 Das Seefräulein. Peut-ötre l'avenir me gardait-il encore Un retour de bonheur dont l'espoir est perdu— Peut-ötre dans la foule une àme qui j'ignore Aurait compris mon àme et m'aurait répondu. Lamariine. hörnet ragten mit ſtrahlender Klarheit gegen Himmel. Zer⸗ fallene Burgtrümmer trauerten auf einer Thalhöhe und über die öden Zinnen ſchien der Mond bis in den See. Aus dem dunkeln Waſſer webten ſich leichte Schleier; da und dort zuckte auch der Spiegel, aber wer weiß, was ihn bewegte. Weit drüben am andern Geſtade dämmerte in der ſtillen Wieſe ein einſames Gehöfte; die Luft war ruhig und warm— die Berge lauſchten ſchweigend und die Wälder liſpelten kaum. Kein Laut weder nah noch fern, als je nach langer Zeit der S 5 — verhallende Ruf eines Hirten, der von der Alm herabtönte, oder der entlegene Geſang eines Mädchens, das ihm ant⸗ wortete. Um ſolche Zeit kam ein junger Wanderer zum erſten Male in die Gegend. Als er des See's und der roſenrothen Hörner und des dunkelnden Thales anſichtig wurde, freute er ſich des lieblichen Schauers, den ihm die abendliche Feierlich⸗ keit des Bildes gewährte. Er verließ den Heerweg, um am Geſtade hinzuſchlendern, kam bald in einen lichten Laubwald und nach etlichen hundert Schritten an eine Stelle, die ihm beſonders anmuthig dünkte. Ein alter Ahorn breitete rieſige Aeſte über eine kleine Bucht— viel friſches Gebüſche um⸗ grünte die Bai; Schilfrohr wie Binſen ſtanden flüſternd im Waſſer und zwiſchen den dünnen Stengeln ſchwammen etliche Seeroſen. Auch ein kleiner Nachen war an dem ſtillen Ufer angelegt. Unter dem alten Ahorn fand der Wanderer eine Ruhebank mit der Ausſicht auf den See, auf das dunkelnde Bauernhaus fern über der Tiefe und auf die ſchimmernden Trümmer des alten Schloſſes. Da ließ er ſich gerne nieder und betrachtete aufmerkſam das Gebirge und das Gewäſſer, in dem der Mond jetzt einen langen ſilbernen Strahl zog bis zu den wirklichen Füßen des Fremden. Dieſem ſchien das Alles ſehr gut zu gefallen, und endlich begann er ſogar zu ſprechen, ganz allein für ſich, lauter Reden, welche Niemand hören ſollte. „Das iſt ja in der That wie Oſſian in Italien! der Himmel ſo rein und die Luft ſo warm wie zu Neapel, und —6 69 5— doch iſt der Bergwald gar nicht ohne Schauer, und wenn er recht feierlich zu rauſchen anfinge, könnte es einen anheimeln wie ein alter Jugendſchrecken. Selbſt die Ruine dort oben iſt nicht zu verachten, auf der ſich jetzt der liebe Mond ſo breit macht. Und das iſt auch eine herrliche Heimlichkeit, dieſe Ahornlaube, höchſt geeignet zu ſchwatzen, zu koſen und die Welt zu vergeſſen. Da fehlt ja gar nichts als ein Freund und dieſer Freund ſollte eigentlich eine Freundin ſeyn. Ja, du lieber Mond, nur einmal eine Liebe, die mit einem Wort verräth, daß ſie weiter gehen will, als die elende Plauderei des Cotillons— nur einmal ein Blick, der durch die Seele ginge, nur einmal etwas Geheimnißvolles, etwas Hin⸗ reißendes, Begeiſterndes! Wärſt du dann auch ſchön dazu, mein Abgott, und hätteſt ſchwarze, blitzende Augen und ſchwarze hohe Bogen darüber und einen ſchlanken Leib und Dies und Jenes— ach Lirum Larum!— Und doch weiß ich ganz gewiß, du biſt auf der Welt, und lebſt und liegſt jetzt vielleicht in Italien am offenen Fenſter und ſchauſt über blü⸗ hende Orangenbäume in die Sterne und denkſt dir— oder vielleicht ſtehſt du auf einem Balkon zu Venedig und ſiehſt wehmüthig, wie das Mondlicht an den alten, bleichen Paläſten niederfließt, oder du ſingſt in einem Sommerhaus am Boden⸗ ſee— brauchſt aber deßwegen keine Schwäbin zu ſeyn— oder du fährſt auf einſamem Nachen im Rheine, und denkſt dir, den muß es auch noch geben auf der grünen Erde, dem ich meine liebſten Sachen ſagen kann und meine innerſten Gedanken und meine älteſten Träume und meine allerneueſten —6 70 8 Einfälle— und wenn der nicht da wäre, wäre ich auch nicht da, denn das darf man dem lieben Gott ſchon zutrauen, daß er— Ei was! der hat ſich noch um andre Dinge zu kümmern und heute finde ich ſie doch nicht mehr, und wenn ich gleich in dieſem Nachen hinausſegelte in die weite See und an allen Ländern der Menſchen anlanden würde. Uebrigens dieſes werthe Fahrzeug wird man heute kaum noch ſuchen und ſo ſteure ich jetzt gerade wieder ans andre Ufer, wo mir der Himmel allmälig eine gute Herberge beſcheeren wird. Und ihr, ihr freundlichen Elfen dieſer Gewäſſer, ihr ſeyd einge⸗ laden, meine Fahrt zu geleiten, und wenn ſich ein Seefräulein zu mir ſetzen will, dem ſoll es keineswegs verdacht ſeyn!“ So ſtand der Pilger auf und trat in das Schifflein und bückte ſich, um das Ruder zu ſuchen, das aber im Finſtern nicht zu finden war. Etwas unwirſch erhob er ſich und ſah auf dem Spiegel des Kahnes ganz unvermuthet eine weiße Geſtalt. Sie ſtreckte den Arm aus und aus dem Schleier machte ſich ein weißer, geiſterhafter Finger los und gebot ihm ſich niederzulaſſen. Der Pilger wußte vor Erſtaunen nicht, wie ihm geſchah und ſetzte ſich ſchweigend. Die Geſtalt ſenkte ein Ruder in den ſtillen See und mit leiſer Bewegung kamen ſie aus dem Schatten des Ahorns hinaus in den hellen Mondſchein. Der Jüngling aber, wenn wir ihn ſo nennen dürfen, da er ſchon ausgelernt und ein Maler war, der Jüngling rührte ſich Anfangs gar nicht, ſondern betrachtete mit dem tiefinnigſten Fleiße die wunderliche Erſcheinung, welche ein langes, weißes Gewand trug und auf dem Haupte einen Schleier, der zu beiden Seiten der dunkeln Haare herabfiel. Auf dem Schleier lag ein Kranz von Seeroſen. Die Geſtalt ſchien dem Jüng⸗ ling ſo fein und ſchlank, jungfräulich und minniglich, daß er meinte, ihres Gleichen nicht leicht geſehen zu haben. Aber in ihrem Geſichte wollten ſich ſeine Augen, ſonſt ſo ſcharf und zuverläſſig, ganz verlieren, ohne ein Ende zu finden und einen Anfang. Nur duftende Linien, verſchwimmende Andeutungen wunderſchöner Züge glaubte er zu gewahren, und in dem bleichen Runde funkelten immer gleich milde und gleich lieblich zwei große leuchtende Augen mit hohen dunkeln Bogen dar⸗ über. In lauterm Anſchauen ſchien es ihm zuletzt, als wäre nichts mehr um ihn, als ein ſchwarzer ſtiller Ocean und darinnen ſchwebte die weiße, mondbeglänzte Geſtalt, welche ihn immer ruhig anblickte und mit halblautem ſchwachem Ruderſchlage den Nachen lenkte. „Am Ende wird's doch unheimlich,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„aber es gibt keine Geiſter. Landmädchen iſt es nicht; ſie muß aus der Stadt ſeyn. Wenn ich nur wüßte, wie man ſie anreden ſoll.“ „Mein Fräulein!“ ſagte er endlich. Die Geſtalt ſchwieg. „Mein Fräulein, iſt der Abend nicht ſehr ſchön?“ „Ja, ſehr ſchön.“ „Und die Luft ſo lau.“ „Und die Luft ſo lau.“ „Und der Mond ſcheint ſo hell!“ „Ach ja,“ klang die Antwort,„der Abend iſt ſchön und die Luft ſo lau und der Mond ſcheint hell und die Menſchen reden immer daſſelbe.“ Das ging dem Jüngling ſchmerzlich durch das Herz und in ſeinem Liebesärger fuhr er unvorſichtig heraus: „Drum thut's mir auch bald leid, daß ich einer worden bin. Ich wollte, ich wäre ein Elfe, wie Sie eine zu ſeyn ſcheinen. Es iſt heute Mitſommernacht, wo ſich König Oberon mit ſeiner Gemahlin verſöhnte, wie bei Shakeſpeare zu leſen.“ „Das wußte man ſchon lange, ehe es in den Büchern ſtand— ſchon zu den Zeiten, als Sir Guy Musgrave, der junge Ritter, den Elfen jenen kryſtallenen Pokal wegtrug, den ſeine Nachkommen noch bewahren— nicht weit von Edenhall auf einem runden Wieſenplan, den lauter Erlen einfaſſen. Da war oft luſtiger Tanz und gar hübſche Weiſen gab es dort zu hören. Erinnern Sie ſich, wie man zwiſchen den Linden durch den rothen Thurm des Schloſſes ſieht? Da ſcheint auch noch um Mitternacht ein Licht, aber Niemand kann die Halle finden, in der es brennt. Wiſſen Sie warum?“ „Ich nicht“— ſagte der Jüngling, ſehr überraſcht von dieſer Frage. „Waren Sie nie in England bei dem biedern Volk der Britten, bei König Artus und bei Frau Ginevra?“ „Nicht einmal Herrn Lancelot vom See kenne ich per⸗ ſönlich.“ „Oweh,“ klagte die Geſtalt,„ich glaubte, Sie verſtänden ————— mich. So wäre es wohl beſſer, ich ſänge das Lied der Loreley.“ „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Jüngling in an⸗ dauernder Verwunderung.„Sie meinen doch das ſchöne Lied aus dem Buche—“ „Ich habe nie ein Buch geleſen,“ fiel die Geſtalt raſch ein.„Aber die Loreley haben die Menſchen auch verläumdet — das arme Mädchen auf ſeinem öden Felſen im Rheine, das noch nie aufrichtig geliebt wurde. Was kann ſie dafür, daß die Menſchen die ganze tiefe Wehmuth ihres Leides und ihres Liedes nicht ertragen können? Ja, ſchwach, weich, lind muß Alles ſeyn! das helle, klingende Wort einer großen, un⸗ endlichen Mädchenſeele macht ſie krank und ſterben.“ „Wenn Sie mich da auch unter die Menſchen rechnen, unbekanntes Fräulein, thun Sie mir weher, als Sie meinen. Die unendlichen Mädchenſeelen haben mich nie krank gemacht. Sofern es aber in meinem Herzen einige ungeſunde Gegenden brütet. Ich bin, glaub'ich, auch nie aufrichtig geliebt worden.“ „O, Sie mußten auch Vertrauen haben, junger Ritter!“ „Wer viel vertraut, wird oft getäuſcht.“ „Vielleicht bewahrt Ihnen die Zukunft noch ein Glück, auf das die Hoffnung jetzt verloren ſcheint.“ „Ein freundlicher Gedanke, edles Fräulein! Wer hat Ihnen das eingegeben?“ „Vielleicht wird einmal in der weiten Welt eine Seele, die Sie nicht ahnen, Ihre Seele verſtehen und ihr antworten.“ gibt, ſo kommt dies nur von jener Loreleyluft, die darüber — S Der Jüngling fand ſich wehmüthig betroffen bei dieſen Worten. „Und Ihre Seele,“ fragte er zaghaft,„wie wird es der ergehen?“ „Die iſt verloren!“ entgegnete die Geſtalt.„Irdiſche Liebe hat ſelten Heil gebracht. Als einſt drei Fräulein aus dem See zur Hochzeit gingen, verſpätete ſich einem ſchönen Jüngling zu Liebe die dritte. Als ſie wieder zur Heimath zurückgekehrt, ſprang ein Blutſtrahl aus dem Waſſer.“ „Eigenthümlich!“ ſagte der Jüngling.„Wenn nun aber ein Herz ſich fände ſo ſtark und mächtig, daß die Elfe gar nicht mehr an ihre Heimkehr dächte.“ „Wer weiß, ob dann die Elfe mehr zu beneiden wäre, als zu bedauern.“ „Und wenn ich nun,“ ſagte der Andere mit ſteigender Wärme,„wenn ich der junge Ritter wäre, deſſen Seele die große, unendliche Mädchenſeele ertragen könnte und ver⸗ gelten?“ „Dann fehlt freilich zur Zeit nur die Elfe, die Sie ſelig machen ſoll.“ „Und wenn Sie nun ſelbſt die Elfe wären? wenn Sie endlich ſprechen ſollten für Ihr eigenes Herz?“ „Dann wüßte ich nicht, was ich ſagen würde.“ „Nein aber, Mädchen, Elfe, oder wer Du biſt,“ rief der Andere ſich ſelbſt vergeſſend mit dem wärmſten Laute ſeines Herzens—„Deine Augen blitzen und ich höre den ſüßen Klang Deiner Stimme, aber Deine Züge ſchwinden im „— Mondenſcheine und ich werde ſie nicht wieder kennen am Tage. O ſo laß mich nur die Fingerſpitzen an den Mund drücken, und in Deine Augen ſehen!“ „Wir dulden keine Berührung.“ „Nur in Deine Angen laß mich ſehen,“ wiederholte der Jüngling, der Geſtalt ſich nähernd. „So muß ich mich erheben,“ ſagte die Elfe, indem ſie ruhig aufſtand—„und in die Tiefe hinunter ſinken, obgleich die Luft ſo lau und der Mondſchein ſo helle.“ Bei dieſen Worten glaubte der Jüngling der Geſtalt ſchon ganz nahe zu ſeyn, als er plötzlich ausglitſchte und hin⸗ ſtürzte in den ſchaukelnden Kahn. Da er ſich aufgeholfen, war die Geſtalt verſchwunden und der Nachen fand ſich wieder in dem Schatten des Ahorns wie früher. Er ſprang ſchnell heraus und bat flehentlich und beſchwor das Mädchen zu bleiben; ſie aber war nirgends mehr zu finden und ſeine Worte verhallten in dem Winde. II. An demſelben Abende blickte eine Dame in denſelben Mond, den wir bei der Begebenheit zwiſchen der Elfe und dem Jüngling öfter zu erwähnen Gelegenheit hatten. Sie lag im Fenſter eines Bauernhauſes, welches da ſteht zwiſchen laubigen Apfelbäumen in der Gegend von Reichenhall, und ſah hinunter auf den Thumſee, der zwiſchen hohen Bergen lieblich glitzerte. Nicht ſelten auch warf ſie ein Auge hinüber auf die maleriſchen Trümmer von Karlſtein, welche Veſte einſt Karl der Große erbaut haben ſoll. Uebrigens hatte ſie ſchon längere Zeit auf Jemand gewartet, und um ſo größer war ihre Freude, als endlich Schritte auf der Treppe klangen und zur geöffneten Thüre eine jugendliche Geſtalt herein eilte, welche ihr um den Hals fiel und faſt verathmend ſprach: „Aber, Tante, das war köſtlich! Ein ſolch Vergnügen habe ich lange nicht erlebt.“ „Gott ſey Dank! Ich wartete ſeit der Dämmerung auf Dich und hatte meine liebe Angſt. Vielleicht, dachte ich mir, iſt ſie unter die Sennerinnen gerathen und ſchläft heute im Heu— das war noch das Beſte, was ich mir ſagen konnte; denn daß Du im See ertrunken, wollte ich doch nicht glauben.“ „Nein! aber die Geſchichte hängt mit dem See zuſammen. Ich will Dir Alles erzählen; nur ein paar Minuten laß mich ausathmen.“ Das Mädchen legte den Mantel nieder, zog einen Schemel heran, ſetzte ſich zu den Füßen der Tante und begann nach einiger Weile: „Heute Abend haſt Du wieder Deine Zeitung ſtudirt, ſo tief verſenkt in die Begebenheiten, daß Dich die Welt gar nicht mehr kümmerte. Da ſchlich ich nun leiſe hinab an das Geſtade und band den kleinen Nachen los, in dem am Morgen die Bauernkinder fuhren und ſteuerte hinein in den See. Tante! das iſt ein glorioſes Gefühl, abendlicher Weile ſo allein wie der Geiſt des Herrn über den ſtillen Wäſſern zu ſchweben. Da habe ich mit innigem Wohlbehagen betrachtet, wie die Alpengipfel roſenroth wurden, und wie ſich die weißen —6 77 8— Nebel über den See legten. Alte Sagen fielen mir ein von Niren und Seefräulein, und es wurde mir immer ſeliger zu Muthe. In meiner Freude legte ich mein Halstuch als Schleier um und flocht mir einen Kranz von Seeroſen auf das Haupt, und ſang leiſe dahin ſo etwas wie ein Elfenlied. Wie ich nun ſo dem andern Geſtade näher komme, fällt mir ein düſterer Baum mit ungeheuern Aeſten in die Augen, und ich denke mir, da mußt du einmal landen. Ich ſetze mich unter das Laubdach, und bemerke, wie die Berge immer finſterer werden und mit ihren langen dunkeln Geſichtern faſt drohend auf mich herabblicken. Da wäre mir beinahe Angſt geworden, wenn nicht der liebe Mond ganz meiſterhaft über den alten Ruinen empor geſtiegen wäre, und die ſämmtliche Landſchaft mit ſeinem ſtillen Glanze erfreut hätte. Melancholiſch hat mich aber der bleiche Jugendfreund doch gemacht und ſo ver⸗ falle ich in meine alte Schwärmerei, die Du ſo oft belacht. Ich fange wirklich an nachzudenken, und frage mich, warum ich denn eigentlich auf der Welt bin und warum meine Eltern ſo früh geſtorben und mir das ſchöne Hab zurückgelaſſen, mit dem ich nicht weiß, was ich thun ſoll. Und da Du mir, liebe Tante, denn doch nie ganz verheimlichſt, daß wir zu gelegener Zeit und unter guten Umſtänden auch Jemand gern haben dürfen, ſo denk' ich mir, wo magſt du jetzt ſeyn und zu welchem Sterne ſiehſt du jetzt hinauf— du lieber Traumheld, welcher dereinſt in mein irdiſches Leben als ein wirklicher treten ſoll, und da raſchelt's auf einmal in den Bäumen und auf dem Uferpfad daher kommen Schritte und gehen auf den großen —6 78 8— Baum zu, ſo, daß ich gerade noch Zeit hatte, mich dahinter zu verbergen. Nun hofft ich zwar, das würde vorübergehen, aber das ſetzt ſich vielmehr gerade auf die Stelle, die ich ver⸗ laſſen, und verliert ſich allmälig in einen Monolog und aus der Stimme erkenn' ich, daß es ein junger Menſch ſeyn muß. Die Stimme aber— ach es war gar zu rührend— die Stimme fängt an ihre Gedanken ſpazieren zu führen und ſchwärmt wie ich— nur etwas deutlicher— von einer lieben Gedankenmaid— unbekannt und nirgends zu treffen— ihrer Sehnſucht ewig Ziel. Das hat mich nun unverzüglich für den jungen Ritter eingenommen, obgleich er nebenbei die Mädchen recht arg herunter machte, gleich als wüßten ſie nichts Geſcheidtes zu reden und ſtünden ihm nicht ganz werk⸗ thätig bei, wenn er Langeweile hätte. So ſchwärmt der Fremdling hin und her, und zuletzt nimmt er ſich vor, eine Spazierfahrt in demſelben Nachen zu unternehmen, den ich dahin gebracht, und uuft alle lieben Elfen auf, ſie ſollen nur kommen und ihn begleiten. Wart, denk' ich mir, du ſollſt nicht umſonſt deinen Muthwillen treiben und mein Schifflein kann ich dir auch nicht laſſen, und wie er einſteigt, werf' ich meinen Mantel ab und trete hinter ihm ſchneeweiß in den Kahn. Dem jungen Menſchen wars aber wohl, als hätte er einen Geiſt zu ſehen, ſo verſteinert ſtand er da. Wie wir nun hinauskamen in den See und der Mond die Geſellſchaft etwas beleuchtete und heimlicher machte, fing er allmälig auch zu ſprechen an, worauf ich in den wunder⸗ lichſten Reden Antwort gab, mit Fleiß, um mich zu rächen und die Mädchen, von denen er ſo klein gedacht. Das muß ich dir wirklich nachher erzählen, was wir für mährchenhafte Ge⸗ ſpräche geführt, und wie ich elfenartig mich benommen. Nur freilich, wenn ich ſo weiſe wäre, wie Du es immer wünſcheſt, hätte ich unter andern bedenken ſollen, daß der junge Herr auch etwa zärtlich werden könnte, und wie ich das ſo kommen ſah, ſo ſteuerte ich wieder leiſe dem Ufer zu. Und richtig, zuletzt fährt er auf und ruft ganz ſchwärmeriſch: Mädchen, Elfe oder wer du biſt— und meinte, ich ſoll ihn meine Hand küſſen und in meine Augen ſehen laſſen, damit er mich morgen wieder kenne. Ja! dacht ich mir, das wäre noch ſchöner, und während er aufſteht und auf mich zugeht, erhebe ich mich und ſteige ans Land und gebe dem Schifflein einen Stoß wie Wilhelm Tell, ſo daß mein Traumheld— das muß er mir noch verzeihen— im Kahn ohne Aufenthalt zuſammenpurzelte. Nun nahm ich ſchnell meinen Mantel um, riß den Schleier ab und eilte athemlos hieher. Den Klageruf des jungen Menſchen aber, daß er mich verloren, den hörte ich noch lange hinhallen an den Geſtaden des ſtillen See's. III. Am andern Morgen in thauiger Frühe ging der Jüng⸗ ling den See entlang, emſig ſpähend nach allen Seiten, ob ihm nicht ein Zeichen würde über die Erſcheinung von geſtern. Er fand den alten Ahorn wieder, auch die Raſtbank und ſelbſt das Schifflein lag ruhig in ſeiner Bucht. Eine Seeroſe, die er darinnen ſah, hob er mit freudiger Ueberraſchung auf. Sie — —6 80 3 mußte aus dem Kranz der Elfe gefallen ſeyn und galt ihm als ein ſinniges Gedächtniß ihrer jungen Bekanntſchaft. Er ſetzte ſich auf die Bank und ließ ſeine Augen in der Landſchaft ſchwelgen, nebenbei auch bedacht, was etwa ſchön zu malen wäre und gut in ein Bild paßte. Die Sonne in ihrer vollen Pracht und ein herrlich blauer Himmel lagen über dem duftenden Thale. Der See glänzte und das alte Schloß dräute und der Bauernhof in den Apfelbäumen ließ ſeine Fenſterlein höchſt einladend ſchimmern. Zuweilen ging ein leiſer Morgenwind von dem Fichtenwald herab, ſäuſelte durch das Schilficht und kräuſelte den See. „Ein anmuthiges Bild!“ ſagte er zu ſich ſelber.„Aber wie blaß ſind doch dieſe hellen, ſonnenſcheinigen Schönheiten gegen die poetiſche Götterdämmerung von geſtern. Etwas Räthſelhaftes bleibt es immer. Ich wollt' es wäre eine Nire, eine Elfe, ein Seefräulein— jedenfalls iſt es ein ungewöhn⸗ liches Weſen, denn dieſe liebliche Keckheit, die hat von Hundert⸗ tauſenden nicht Eine.“ Er ſchlenderte fort am Geſtade, immer bemüht, die Er⸗ ſcheinung ſich zu erklären, und die ſchwachen Züge, die ihr Antlitz in ſeinem Gedächtniſſe hinterlaſſen, zu einem deutlichen Bilde zuſammenzumalen. So ſtand er plötzlich vor dem Bauernhofe in den Apfelbäumen. Die Bäurin ſaß auf der Sommerbank und ſpann; die Dirne nicht weit davon, that mit der Sichel etliche leichte Sonntagsſchnitte ins hohe Gras. „Mit Verlaub,“ ſagte der Jüngling,„iſt da nicht ein — 81 5 Fräulein geſehen worden, jung und ſchön, in einem weißen Gewande?“ „Gewiß nit,“ ſagte die Bäurin,„daherum gibt's keine Fräulein.“ „Habt Ihr alſo keine Stadtleute in der Wohnung, die den Sommer auf dem Lande zubringen?“ „Was thäten wir mit den Stadtleuten,“ ſagte die Dirne lächelnd.„Wir beten alle Tage, daß ſie uns in Ruhe laſſen.“ „Alſo gar keine Spur?“ „Nit von weitem!“ antwortete die Bäurin.„B'hüt Euch Gott.“ Der Jüngling ging kopfſchüttelnd ſeines Weges, und war noch nicht weit gekommen, als die Dirne kichernd zur Bäurin ſagte:„Das wird die Herrſchaft freuen, wenn ſie heim kommt, daß wir den jungen Herrn ſo richtig losge⸗ worden ſind.“ Der Jüngling ſtieg zum Karlſtein hinauf und trat durch den hohen Thorweg in die öden Mauern, aus denen allent⸗ halben friſche Kräuter ſproßten, während junge Buchen ſpie⸗ lende Schatten auf die zerbröckelnden Bruſtwehren warfen. Er hoffte noch immer ein Zeichen zu finden, vielleicht eine ge⸗ pflückte Blume, einen Namen friſch in den Baum geſchnitten, ein vergeſſenes Buch— vielleicht auch ſie ſelbſt, die geiſter⸗ hafte, in ihrem weißen Gewande unter dem Laubdache dahin— wandelnd— Nichts— es war, als wenn ſeit Jahren hier keine Menſchen zugekehrt. Faſt hoffnungslos ging er wieder auf den Weg hinunter, Steub, Novellen. 6 —6 82 3— der durch eine wilde Schlucht an das Wirthshaus führt, wo er die Nacht zugebracht. Vor ihm wanderte in feſtlichem Feiertagsſtaate mit Blumen auf dem Hute ein anſehnlicher Landmann, den der Jüngling bald einholte und begrüßte. Der Bauer kehrte ihm ein ſchöngefärbtes heiteres Geſicht zu, in welches ſchlichte, weiße Haare hingen, und ſagte lächelnd: „Nu, ſo ſind wir doch unſer zwei; es geht ſich immer etwas friſcher.“ „Wo kommt Ihr denn her?“ fragte der Jüngling. „Ich hab' meinen Hof da oben,“ antwortete der Bauer, „da oben nicht weit vom See, beim Seebichler heißt man's.“ „Habt Ihr vielleicht auch Stadtleute in der Wohnung?“ „Ich nicht; kein Platz dafür— aber da drüben beim Seebauern, der hat ſich erſt ſeinen Hof ein Biſſel herrichten laſſen, da möchten wohl etliche ſeyn.“ „Bin ſchon dort geweſen, aber die Bäurin will nichts davon wiſſen, und die Dirne noch weniger. Und doch iſt mir geſtern ein Fräulein begegnet, ich weiß nicht wie.“ „Nun, wenn ein ſchöner Tag iſt, da kommen ſie oft von Reichenhall heraus und gehen ſpazieren.“ „Es war aber ſchon ganz ſpät am Abende im Mondſchein.“ „Ja wo denn?“ fragte der Seebichler mit ſichtlicher Neugierde. „Da oben am See. Das Fräulein fuhr im Schifflein— ich auch damit— und führte ſeltſame Reden. Sie trug einen Schleier und einen Kranz von Seeroſen darauf. Ich konnte aber nicht erfragen, woher ſie ſey und wie ſie heiße.“ „Halt!“ ſagte der Seebichler,„das iſt ganz etwas Andres.“ „Und was denn?“ „S paßt nicht für Jeden und da ſind wir lieber ſtill.“ „Nun möcht ich's aber gar zu gerne wiſſen, lieber, an⸗ genehmer Seebichler!“ „Ja, wenn's da oben iſt geweſen am See, im Schifflein, im Mondſchein, ganz unbekannt und ſo weiter, dann bedeutet's ein Seefräulein. Die kommen zuweilen herauf und vor Altem hat man ſie oft geſehen. Das ſind ſchöne Mädeln und wenn ſie einen gern haben, können ſie ihn recht glücklich machen.“ „Wunderlicher Menſch!“ ſagte der Maler,„geht Euch denn das Ding wirklich von Herzen?“ „Wenn Ihr nicht wollt, ſo müßt Ihr's ja nicht glauben. Aber bleibt nur einmal ein halbes Jahr in unſrer Gegend; da gibt es ganz beſondre Geſchichten.“ „Die hör' ich für mein Leben gern,“ ſagte der Maler. „Fangt doch gleich an damit, lieber Seebichler!“ „Jetzt ſchon gar nicht,“ entgegnete der Bauer,„wo es auf Mittag zugeht und Alles ſo hell iſt und voll Sonnen⸗ ſchein. Aber heut Abend nach Betläuten, da laſſ ich mich wieder finden.“ „Und wo denn?“ „Das wird ſich weiſen. Jetzt gehen wir einmal mit⸗ einander bis ins Wirthshaus da unten und da iſt eine Hoch⸗ zeit. Da heirathet das Beckerlenerl von Hausmaning den Schlagerlenz aus unſter Gemein. Da bin ich der Vetter zu 5 der Braut und da will ich Euch ſchon befreundt machen mit den Hochzeitgäſten, daß Ihr einen luſtigen Tag habt— wenn Ihr überhaupt mit Bauersleuten umgehen könnt.“ „Da dürft Ihr gewiß keine Angſt haben,“ ſagte der Maler. „Nu, wir werden's bald ſehen,“ erwiederte der Bauer. „Richtig, da unten kommt ſchon der Zug aus der Kirche und die Mufikanten ſpielen, daß es eine Freude iſt. Jetzt gebt nur Acht;'s wird Alles recht werden.“ Unter dieſen Geſprächen waren die Beiden vor dem Wirthshauſe angekommen. Der Seebichler zog ſeinen Ge⸗ fährten ſchnell in den Garten, und da waren ſie unter den Bäumen nicht lange geſtanden, als der Hochzeitszug durch die Thüre hereinkam, und die Muſikanten, ihre luſtigen Reigen blaſend, an ihnen vorüberſchritten. Nach dieſen ging das jugendliche Brautpaar, welches den Zug verließ, als es den Seebichler bemerkte und ihm mit freundlichem Lachen entge⸗ gegentrat, während er herzlich grüßte. „Schau, ſchau— der Herr Vetter von Seebichel hat uns auch nicht vergeſſen,“ ſagte das Lenerl von Hausmaning, „ganz friſch ſchaut er aus und ganz jung, der liebe Vetter, und wunderſchön iſt er aufgeputzt. Und da hat er erſt noch einen ſaubern Herrn mitgebracht— wer muß denn der ſeyn?“ „Ich bin ein Maler,“ ſagte der Jüngling. „Nun, das ſieht man Ihnen ſchon von weitem an,“ entgegnete das Mädchen.„Aber bei uns gäbe es auch gleich eine Arbeit. Gelt, Lenzi, haſt erſt geſtern geſagt, wir ſollten uns malen laſſen in unſerm Hochzeitgewand?“ „Freilich,“ ſagte der Bräutigam,„aber muß es denn jetzt ſchon ſeyn?“ „Wer weiß, ob wieder einer kommt, der's beſſer kann,“ meinte die Braut. „Nun, mir iſts recht,“ ſagte Lenzel mit Ergebung. „Aber Lenerl, daß Du Dich am Ende recht hermalen laßt wie ein Fräulein? Malen Sie ihr die Sommerflecken nur auch hinein in's Geſicht, Herr Maler, ſonſt wird ſie allzu hoffärtig.“ „Ja, und ihn malen Sie nur ein Biſſel kurzweiliger, als er iſt, ſonſt ſieht er gar nichts gleich.“ „Nu, helf Gott,“ ſagte der Seebichler,„was die Fratzen biſſig ſind!“ „Das macht Alles ſeine Eiferſucht,“ entgegnete lachend das Mädchen.„Aber Sie, Herr Maler, wenn Sie nichts Beſſeres wiſſen, ſo bleiben Sie gleich auf unſrer Hochzeit. In einer Stunde geht das Mahl an und ſpäter der Tanz. Schauen S' nur die Mufikanten an, was das für rare Spiel⸗ leut' ſind.“ Der Maler dankte ganz vergnügt für dieſe Einladung. Er glaubte ſeinem Herzen nicht zu nahe zu treten, wenn er ſich über Tags die Forſchungen nach der weißen Geſtalt er⸗ ließe. In der Nähe des See's ſchien ſie ſich nicht aufzuhalten, und war ſie ferner, wo ſollte er ſie finden? Er ging heitern Muthes unter die Bauern, die ihn bald als einen frohen Ge⸗ ſellen achten lernten. Als dann die Stunde des Mahles ſchlug und die Gäſte mit den Brautleuten in den Saal hinauf⸗ zogen, wo in bäuerlicher Pracht die Tafel gerüſtet war, kam ihm der Seebichler wieder nahe, und lud ihn ein, an ſeiner Seite zu zechen. Es iſt aber nicht nöthig, die Freuden des Feſtes weiter zu beſchreiben, nicht die ſcherzhaften Reden, mit denen der Seebichler ſein Bäschen und ihren Liebſten neckte, und eben ſo wenig die laute Fröhlichkeit des Tanzes, bei welchem auch der Maler Ehren halber dem luſtigen Lenerl die Hand reichte. Innerlich war er nicht ganz ruhig darüber, denn er fürchtete, es ſey ein Frevel an dem Seefräulein. IV. Am ſelbigen Abend ging die Elfe mit ihrer Tante luſt⸗ wandeln, zuerſt auf den Karlſtein und dann hinüber nach dem Kirchlein von St. Pankraz, das auf einem ſtolzen Vorſprung über dem Thale ſteht und weit hinaus ſieht bis an die blauen Hügel des Flachlands. „Tante!“ rief das Mädchen plötzlich,„da unten muß eine Hochzeit ſeyn. Hörſt Du, wie die Clarinetten ſehnſüchtig girren und die Trompeten mit ihrem Heldentenor darein ſchmettern. Da tanzen die Bauern— juchhe! Komm, komm, da gehen wir hinab.“ „Entſetzliches Mädchen!“ ſagte die Tante lächelnd,„Du haſt wohl keine Idee, wie es bei ſolchen Féten zugeht?“ „I! was werden ſie uns denn thun, dieſe biedern, deutſchen Landleute? Für was reiſen wir denn, als um die Sitten der Menſchen und ihre Gemüthsart zu ergründen? 3 Heute willſt du wieder gar nicht für meine Erziehung ſorgen?“ „Es ſcheint immer mehr, als hätteſt Du die meinige übernommen,“ ſagte die Tante, indem ſie dem Mädchen, das in raſchem Lauf den Berg hinabeilte, mit langſamern Schritten folgte. „Da ſind wir!“ begann die junge wieder.„Hier iſt das Wirthshaus— hier der Garten. Kein Menſch darinnen, und dort eine Laube, ganz vertraut und heimlich. Daherein, liebe Tante— da warten wir ruhig ab, was die Ereigniſſe bringen.“ Die Damen ſaßen friedlich plaudernd in der Laube, als ein Bauer mit freundlichem Kopfnicken zu ihnen trat. „Jetzt iſt mir's faſt zu eng worden da oben und zu warm,“ ſagte er, den Hut auf den Tiſch werfend.„Mit Verlaub, ich muß ein wenig ausraſten— man wird halt immer älter.“ „Aber ein luſtiger Tag iſt es doch,“ meinte das Mädchen. „Und die Brautleute, das muß ein nettes Paar ſeyn.“ „Ja, da fehlt nichts— und ein fürnehmes Paar ſind ſie auch, ſo was man unter Bauern fürnehm heißt. Sein Vater hat den großen Holzhandel und die reiche Alm bei Berchtes⸗ gaden, und iſt alleweil ſo einer von den richtigſten geweſen, und ſie, ſie ſchreibt ſich Becker, von denen Becker von Haus⸗ maning; das iſt eine beſondere Familie.“ „Wie denn das?“ „Ja, die Becker von Hausmaning, die haben ſchon von — —6 88 3 Alters her etwas voraus gehabt. Da hat man vor Zeiten allerhand erzählt, aber jetzt thäte man die Hälfte nicht mehr glauben.“ „Wenn man's nur nicht glauben muß,“ ſagte das Mädchen.„Hören würden wir's ſehr gerne.“ „Ja, ja,“ fuhr der Bauer etwas näher rückend fort,„in unſerer Gegend, da gibt es wunderbare Geſchichten. Das macht ſchon der Untersberg, der große Berg dort, in dem der Kaiſer Karl verwunſchen iſt, bis ihm der Bart dreimal um den Tiſch wächst.“ „Davon haben wir ſchon gehört.“ „Nu, im Untersberg gibt's auch Bergmännlein und in dem andern Berg da, heißt man Staufen, da gibt's wilde Frauen, und dort auf dem Farlſtein iſt ein Burgfräulein und oben im See ſind Seefräulein, das iſt auch kein Spaß.“ „Da ſoll erſt geſtern wieder eines erſchienen ſeyn“— ſagte das muthwillige Mädchen. „So, habt Ihr das auch ſchon vernommen,“ fragte der Bauer und warf einen argwöhniſchen Blick auf das Fräulein. „Ja wohl, aber was gehen denn alle dieſe Sachen die Braut an?“ „Das habe ich eben ſagen wollen,“ erwiederte der Bauer.„Denn gerade die Becker von Hausmaning, heißt das ihr Vater, und ihr Vater auch noch nicht recht, aber ihrem Vater ſein Vater und ſein Ahnel und ſeines Ahnels Ahneln, gerade von denen hat man am meiſten geſagt, daß ſie's mit den Bergmännlein gehalten, daß daher der Reichthum kommt, „ und mit den wilden Frauen, die oft zu ihnen in Heimgarten gegangen ſind, und mit den Seefräulein, die ihnen auch kein Leid gethan. Und das hat mein Vater noch oft erzählt, wie ſein Ahnel geheirathet, der hat eine aus dem Geſchlecht ge⸗ nommen, da iſt ein Seefräulein zur Hochzeit gekommen und hat mit dem Hochzeiter getanzt und iſt gar ſchön geweſen und freundlich, und hat geſagt, wenn einmal wieder aus dem Ge⸗ ſchlecht eine achtzehnjährige Jungfrau heirathet, dann wird ſie wiederkommen. Nu, achtzehn Jahre ſind ſchon etliche alt geweſen, aber Hochzeit hat's keine gegeben und vielleicht wäre auch der andere Umſtand abgegangen. Aber diesmal iſt's leicht möglich— das iſt ein prächtiges Mädel geweſen zu allen Zeiten.“ „Eine herrliche Geſchichte,“ ſagte das Mädchen und klopfte ſich in die Hände.„Wenn alſo das Seefräulein Wort hält, ſo kommt es heute noch zur Hochzeit.“ „Mir wär's, mein Eid, ganz lieb,“ ſagte der Bauer, „und das geſchähe ihnen gerade recht, den verſtockten Sündern, weil ſie mich immer auslachen mit meinen Geſchichten.“ „Himmel!“ rief das Mädchen,„was hätte ich eine Freude, wenn ich ſo ein Seefräulein ſähe!“ „Und wie wär's Euch denn, wenn Ihr ſelbſt eines vor⸗ ſtellen ſolltet?“ fragte der Bauer lächelnd. „Hei, das iſt's, das iſts,“ jubelte das Fräulein.„Das iſt ein unſterblicher Gedanke und des Schweißes der Edlen werth——.“ „Du willſt doch nicht“— ſagte die Tante, fruchtlos warnend wie immer. „Nur heute noch, Tante, ſey nachſichtig, und laß meinen Flegeljahren ihr göttliches, ſo leicht verjährbares Recht, und dann will ich gerne wieder ſo eingezogen ſeyn, als wäre ich die Enkelin von fünfzehn Paſtoren.“ „Wenn ich nur einige Hoffnung des Gelingens hätte—“ „Nu, wäre es denn zum erſtenmale? Etwas Uebung hab' ich ja voraus.“ Der Bauer betrachtete mit ſchlauem Auge das Mädchen und winkte ihm ermunternd zu, bis er nach kurzem Sinnen ſagte: „Aber wahrhaftig, wir ſollten den Bauern einmal etwas aufführen. Und Ihr paßt gerade dazu; auf jeden Fall ſeyd Ihr ſchön genug. Nur den Hut thut herab, Fräulein, und die Haare laßt ein wenig fallen— weißes Gewand habt Ihr ſo ſchon an. Es iſt jetzt nicht mehr weit von Ave Maria— und ſo etwa zehn Vaterunſer darnach, da macht Euch auf und kommt hinauf in den Tanzſaal; dann geht nur keck hinein und ſingt oder ſagt etwas und das Andere werd' ich ſchon richten.“ „Aber wie wird das ausgehen unter dieſen rauhen Menſchen;“ fragte die Tante bedenklich. „Für dieſe rauhen Menſchen ſteh' ich gut“— entgegnete der Bauer mit beruhigender Heiterkeit.„Entweder merken ſie die Falſchheit nicht— und im Herzen glauben ſie alle daran— dann werden wir ſchon ſehen, wie es weiter geht, oder ſie merken's und dann haben wir einen Hauptſpaß. — 91 5*— Dann ſeyd nur auch gleich bei der Hand, gnädige Frau, daß Euch nicht das Beſte auskommt. Dann ſetzt Ihr Euch zu uns und das Mädel tanzt mit den Burſchen, wenn ſie nicht zu ſtolz iſt. Ich werd' ihr ſchon die ſauberſten herausſuchen. Gefehlt iſt's auf keinen Fall.“ „Hier, Alter, habt Ihr mein Wort!“ ſagte das Mädchen. „Ich komme ganz gewiß.“ Der Seebichler drückte mit dankenden Reden die feine Hand und ging in ſchalkhaftem Ernſte von dannen.„Der Maler da oben,“ murmelte er vor ſich hin,„der nimmt mirs gewiß auch nicht übel; denn da wett' ich meine arme Seel', das iſt ſein Gegenſtand.“ V. Schon mancher Becher war geleert, ſchon mancher Scherz gelungen, ſchon mancher Tanz getanzt. Dem Maler, als einem volksfreundlichen Jüngling, war bisher keine Minute zu lang geworden, aber als der Abend nahte und die Sonne hinter die Berge hinabſank, da überfiel ihn eine große Sehn⸗ ſucht nach der lieben Stille des Sees, und voll ſüßer Ahnun⸗ gen wollte er ſich aufmachen und wäre auch gegangen, hätte ihn nicht der Seebichler, wieder eintretend, durch das Ver⸗ ſprechen gehalten, daß er bald, ja recht bald mit ihm nach Hauſe ziehen werde. Die Mufikanten ſpielten da wieder eine wilde Weiſe, die alle dahin riß, die jungen Leute— nur ihn nicht, der in dem wirren Lärm, in dem gellenden Jauchzen und dem dröhnenden Taktſchlag der ſchwerbeſchuhten Tänzer ———— — 92 8— ſich plötzlich nicht mehr heimiſch fühlte. Aus ſeinen Träumen weckte ihn des Seebichlers Stimme, die mit großer Kraft in den drehenden Haufen hineinrief: Ave Maria! Im ſelben Augenblicke ſchwiegen die Spielleute, ver⸗ ſtummte das Rauſchen des Tanzes und die Abendglocke hallte in feierlichen Klängen durch den ſtillen Saal. Lenerl ging zum Fenſter und ſprach das Gebet. Als ſie fertig war, ſagte ſie Allen freundlich: guten Abend, wie es Sitte iſt, wenn das Gebet vollendet. Mittlerweile waren auch die Lichter ge⸗ bracht und auf den Tiſchen reichlich aufgeſtellt worden. Eine andächtige Regung hielt das junge Volk noch zurück, den unterbrochenen Reigen fortzuführen, als die Braut in ſcherz⸗ hafter Weiſe ſprach: „Jetzt iſt Betläuten vorbei und kommt dem Seebichler ſeine Zeit. Jetzt wird er bald anheben zu erzählen von ſeinen Bergmännlein und von den wilden Frauen.“ „Und gerad heute iſt's meine Schuldigkeit,“ entgegnete der Seebichler,„weil Ihr Alle nicht mehr daran denkt, was früher der Brauch iſt geweſen, wenn Eine heirathet von denen Becker von Hausmaning.“ Auf dieſe Rede bemächtigte ſich ſämmtlicher Gäſte eine große Spannung. Lenerl ließ ſich auf einen Stuhl nieder, gegenüber dem ſagenreichen Vetter z dieſem zur Seite ſetzte ſich Lenzel; die Andern traten um ihn in einen engen Kreis. „Alſo, wißt Ihr denn noch, daß dieſes Geſchlecht iſt allezeit fürnehm geweſen und achtbar, und hat ſeinen Reich⸗ thum von den Bergmännlein.“ „Ja, ja, ſo ſagt man“— ſprachen nickend und lachend die Bauern und die Bäurinnen. „Und hat allezeit Freundſchaft gehabt mit den wilden Frauen vom Staufen und mit den Seefräulein da oben im Thumſee, die ihre Wäſche aufhängen am Karlſtein im Mondſchein.“ „So erzählen's wenigſtens die alten Leute.“ „Und das wißt Ihr auch noch, daß in frühern Zeiten die wilden Frauen in Heimgarten gegangen ſind und geſungen haben, wenn aus dem Geſchlechte ein Kind zur Welt ge⸗ kommen iſt.“ Die Runde nickte abermals bejahend. „Gut, ſo will ich Euch noch erzählen, daß meinem Vater ſein Ahnel auch eine aus dem Geſchlechte geheirathet hat, ein gar hübſches Mädel, wie das Lenerl da, und da iſt zur Hoch⸗ zeit ein Seefräulein gekommen, hat ihr Lied geſungen und mit dem Hochzeiter getanzt und iſt eine ganz glückſelige Ehe ge⸗ worden. Das iſt jetzt etwa hundert Jahre, und hundert Jahr davor ſoll ſie auch ſchon auf einer Hochzeit geweſen ſeyn. Und wenn etwa, hat das Seefräulein geſagt, aus dem Geſchlechte zum drittenmale ein achtzehnjähriges Mädchen heirathet, dann kommt ſie wieder und iſt erlöst.“ „Und dann heirathet ſie einen aus der Gemein““ fragte der Schlagerlenz— oder etwa nit?“ „Sie kann ſich auch ſonſt einen ausſuchen,“ antwortete der Seebichler mit einem bedeutſamen Blick auf den Maler. „Ah, der Tauſend,“ hob nun Lenerl an,„ich bin vor drei Wochen achtzehn Jahre alt worden. Und das wäre keine kleine Ehr, ein Seefräulein zu erlöſen.“ „Ja, aber, liebes Mädel,“ entgegnete der Seebichler, „das Seefräulein hat geſagt, es muß eine Jungfrau ſeyn.“ „Wenn das iſt,“ ſagte Lenerl und erhob ſich erröthend, knöchelte mit dem Zeigefinger auf den Tiſch und ſah dem Bräutigam friſch in die Augen—„wenn das iſt, dann kommt ſie noch heute.“ „Und da iſt ſie ſchon!“ rief der Seebichler wie in jähem Schrecken aus, ſo daß alle betroffen der Richtung ſeines ſtarren Blickes folgten. Auf den Stufen aber, die in die andere Stube führten, mitten in der offenen, dunkeln Thüre ſtand eine weiße Geſtalt mit langen ſchwarzen Haaren und ſah hehr und milde in den vollen Saal. „Das Seefräulein!!“ riefen Alle wie aus Einem Munde, und ganz verloren in Betrachtung. Nur der Maler ſtieß den Seebichler und flüſterte im höchſten Erſtaunen ihm zu:„Das iſt ja das Fräulein vom See!“ „Freilich,“ ſagte der Andere,„weil es das Seefräulein iſt“— und damit ſchob er den Maler hinter ſich, damit nicht etwa die Augen der Geſtalt auf einen Gegenſtand fielen, der ſie zu früh in der Ruhe ihres Geiſtes ſtören konnte. Das Seefräulein aber ſtreckte die Rechte wie ſegnend aus und ſprach mit gehobener Stimme: Im tiefen See hat das Fräulein vernommen, Daß heute ein feſtlicher Tag gekommen Für die liebliche Jungfrau von achtzehn Jahren, Deren Väter wir immer günſtig waren, Für den ehrſamen Jüngling, der ſie gefreit In ihrer ſchönſten Jugendzeit. Drum bin ich erſchienen und trete ein Und wünſche, ihr möget glücklich ſeyn. 3 Auf dieſes nahm der Seebichler den Lenzel ſowohl als das Lenerl bei der Hand, und trat mit ihnen der Erſcheinung näher. „Edles Seefräulein,“ fagte er dann in feierlicher Sprache, „hier bringe ich vor Euch das junge Brautpaar, Lorenz. Schlager aus unſerer Gemein“ und Helena Becker von Haus⸗ maning, welches ſich Eurer Freundſchaft herzlich empfiehlt.“ „Ja,“ ſagte Lenerl, ſich in tiefer Beklommenheit ver⸗ ſe neigend,„das iſt eine beſondere Ehre für uns vor allen Nach⸗ barsleuten, daß Sie ſich auf unſere Hochzeit bemühen, ſo weit herauf aus dem tiefen See.“ „Gewiß, eine beſondere Ehre,“ fuhr Lenzel fort, der ſich auch noch nicht ganz erholt hatte—„denn es hat's kein Menſch mehr glauben wollen, daß es Seefräulein gibt.“ „Wenn Ihr auch unſerer vergeſſen habt,“ erwiederte die Geſtalt, indem ſie die Stufen herniederſtieg,„ſo haben wir doch ſtets in Liebe an unſere Freunde gedacht, und ihr Glück immer gefördert, ſo viel wir konnten.“ „Edles Seefräulein,“ hob da der Seebichler wieder an, „dieweil es ein alter Brauch iſt, daß Ihr, ſo Ihr hier er⸗ ſcheinet, unſere Ergötzlichkeit Euch gefallen laſſet, ſo wollt ich an Euch die Frage thun, ob Ihr an unſerm Tanze freundlich Theil nehmen möget.“ — 96 5 „Altes Herkommen und löblichen Brauch zu ehren bin ich da, und gerne bereit, meine Hand dem Bräutigam zu bieten zum ſittigen Reigen.“ „Edles Fräulein,“ ſagte der Seebichler ferner,„dieweil aber der heutige Bräutigam ein etwas rauherer Menſch, und für das feinere Frauenvolk nicht ganz gerecht iſt, ſo wollt' ich Euch bitten, hier einen andern Gegenſtand in Acht zu nehmen, der eine taugſamere Manier und ſchon den ganzen Tag auf Euch gewartet hat.“ Bei dieſen Worten wandte ſich der Seebichler nach dem Maler um, der ſich unbeachtet in ſeine Nähe geſchlichen und in der größten Spannung, voll Bangigkeit und Entzücken, das Fräulein betrachtet hatte. „Nun, Herr Maler, gebt auch Ihr dem Fräulein Euren Gruß!“ Der Maler nahm alle ſeine Faſſung zuſammen, trat vor und verneigte ſich. Das Seefräulein aber that einen Schrei des Erſtaunens, daß die Bauersleute alle einander verwundert anſahen. „So laſſen Sie mich, liebliche Elfe,“ ſprach nun der Maler, ihre Hand erfaſſend—„wenigſtens heute die Finger⸗ ſpitzen an den Mund drücken und in Ihre Augen ſehen, die ſo herrlich leuchten.“ „Gott im Himmel,“ ſagte die Elfe, mit ſchwachem Sträuben, in der reizendſten Verwirrung—„was habe ich da für Muthwillen verübt und was werden Sie denken?“ — 97 3 „Hoffen will ich, liebes Fräulein, hoffen, daß die Zu⸗ kunft noch ein Glück bewahrt, das mir längſt verloren ſchien.“ „Ach, das ſind meine eigenen Worte!“ „Vielleicht auch hat in der weiten Welt eine Seele, die ich nicht ahnte, die meinige verſtanden und ihr———“ „Und ihr—“ „Sprechen Sie, Fräulein, um meines treuen, liebenden Herzens willen, ſprechen Sie!“ „Und ihr geantwortet!“ ſprach die Elfe. Nun aber beſann ſich der Jüngling auch nicht länger, ſondern breitete ſeine Arme aus, und das Mädchen, wie un⸗ widerſtehlich angezogen, ſank hinein, und er küßte ſie mit einer Leidenſchaft, als wäre es zum letztenmal in ſeinem Leben. Des Fräuleins liebe Tante hatte im Verſtecke dem ganzen Vorgang zugeſehen, und war nun fröhlich zur Hand und innig gerührt, daß ſich die beiden heikeln Seelen endlich gefunden. . Der Seebichler aber ſprang auf den Tiſch und rief in ſeiner allerheiterſten Laune: „Liebe Nachbarsleute, dieweil Ihr in Eurer ſündhaften Verſtocktheit immer gezweifelt, ob es ein Seefräulein gibt, ſo iſt es alſo heute ſelber erſchienen. Dieweil aber unſer liebes, ſchönes Lenerl durch ſeine wunderbare Tugend daſſelbige er⸗ löst hat, ſo iſt es leicht möglich, daß es das letzte Seefräulein iſt, das auf der Hochzeit einer Beckertochter von Hausmaning erſcheint. Damit wir aber ganz deutlich zeigen, was für eine große Freude wir haben, daß Alles ſo glücklich gegangen, ſo Steub, Novellen. ² —0 98 8— rufen wir: Vivat, Vivat, Vivat, der Herr Maler und das Fräulein vom See.“ Die ganze Bauernſchaft brach in unermeßlichen Jubel aus, und das Beckerlenerl fiel dem Maler um den Hals und der Schlagerlenz dem Fräulein und der Seebichler umarmte die Tante. Und nun brauchen wir auch nicht mehr zu ſagen, daß der Maler und das Fräulein noch viele tauſend Liebes⸗ worte getauſcht, und daß ſie ſich ſehr dankbar gezeigt gegen den heitern Seebichler und die andern ehrſamen Bauersleute, und an ihrer Fröhlichkeit anmuthig Theil genommen haben. Das aber können wir nicht verheimlichen, daß der Maler und das Fräulein, ſobald der Schlagerlenz und das Beckerlenerl gemalt waren, auch ihre Hochzeit hielten und ein glückliches Paar geworden ſind. Baymon und Baura. Haymon und Haura. . inſt ſtand ein Wald in der Normandie, war anderthalb Tagreiſen lang, hatte viele Dickichte, aber auch manchen ſon⸗ nigen Wieſengrund. Es war da ein großer Reichthum an Wild und die Herren der Nachbarſchaft hatten das Gejaid darin. Oft waren viele Waidmänner zu ihrem fröhlichen Werk in dieſem Forſte, ohne daß dem einen ein Schall zukam von dem andern. Auf der einen Seite ging das Gehölze an fruchtbaren Feldungen aus, in denen manche Dorfſchaften, auch etliche Schlöſſer lagen; auf der andern war das Meer, welches hier und da, wo die Küſte felſig, ſich in lauter Bran⸗ dung brach, anderswo aber am niedern Geſtade flüſternd verlief. In einer Gegend nun, wo die Wellen ruhig an das ſandige Ufer ſpielten und einen friſchen Bach aufnahmen, war ————— — 102 3 einmal zwiſchen zwei akten Eichen eine prächtige Decke aufge⸗ ſpannt. Von ihr herab reichten morgenländiſche Teppiche bis in den grünen Raſen. Unter dem Zelte war aus koſtbaren Zeugen ein reiches Lager aufgeſchlagen, auf welchem ein ſiecher Jüngling lag. Das iſt aber jetzt ſchon lange her— es werden bald ſiebenhundert fünßzig Jahre ſeyn, achthalb lange Jahrhunderte. Der Kranke ſtreichelte mit ſchwacher Hand einen großen Löwen, der ſich theilnehmend neben ſeinem Lager niederge⸗ laſſen hatte. Durch die Locken ſeines Haares ringelte ſich eine grüne Schlange, welche jedoch von Zeit zu Zeit ſich auf⸗ machte, in langſamen Bogen das Bett umging und dann an den vorigen Ort zurückkehrte. Ueber ihm wiegten ſich in gol⸗ denen Reifen etliche Papageie; zur andern Seite, mit leichter Kette an einen Pfahl aus Ebenholz gefeſſelt, flatterte ein perſiſcher Edelfalke. Waffen verſchiedener Art, reich mit Edel⸗ ſteinen verziert, waren an den Wänden aufgehängt. Der bleiche Jüngling ſtützte das Haupt in die Be und ſagte in wehmüthigem Klange: „Die Hand des Herrn liegt ſchwer auf uns, Huum Seit das ſchöne Kameel, das der Erzbiſchof von Beſancon beſtellt hatte, in der Rhone ertrank, haben wir kein Glück mehr erlebt. Der koſtbare Pſittich für den gnädigen König von Frankreich iſt auch dahingegangen und weder Fürſt noch Herr hat uns ſeitdem liebreich aufgenommen. Sonſt wollten die egyptiſchen Kunſtſtücke den Ungläubigen ſo wohl gefallen und die Wahrſagerei— mun iſt uns Alles widerwärtig. „ —6 103 3— Meine Augen werden bald brechen und Du wirſt allein ſeyn in dem fremden Lande.“ „Das verhüte Gott, lieber Bruder!“ entgegnete eine weibliche Stimme.„Du beſſerſt Dich zuſehends, ſeitdem Du den Trank des weiſen Meiſters Averrves genommen. Und was ſoll Dein ſchwermüthiger Blick in die Zukunft, da uns noch Reichthümer genug geblieben, um nach Hiſpanien zu ziehen, wenn du in den Reichen der Ungläubigen nicht länger weilen willſt. Uns wird es ſicher wieder gut gehen, wenn wir einmal in ein friedfertiges Land wandern, wo nicht ewiger Krieg iſt, wie hier unter dieſem ſtreitſuͤchtigen Geſchlechte.“ in der That bald in ein friedfertiges Land erwiederte der blaſſe Jüngling,„und mir wird kein helfen. Und Du, Haura, ſuche dann nach Rouen kommen, wo Dich unſer Hausvogt erwartet und mit ihm ſchiffe nach Sevilla und ſage unſern Vettern, daß ich hoffe, ſie im Paradieſe wieder zu ſehen.“ Solche traurige Worte wurden an dieſem Tage noch viele gewechſelt und das Mädchen weinte manche bittere Thräne dazu. Auch am andern Tage begann der Jüngling oft von ſeines Lebens nahem Ende zu ſprechen und am dritten verſchied er in den Armen ſeiner Schweſter. Der Löwe ſtand betrübt am Todtenlager; die Papageien ſchwiegen; der per— ſiſche Edelfalke flatterte ſchwermüthig an ſeiner Kette; die Schlange hob von Zeit zu Zeit unmuthig ihren Kopf empor und blickte zerſtört in die Runde. II. Als nun am andern Tage Herr Haymon von Nullepart über die Zugbrücke ſeines Schloſſes herausgeritten war, um in dem Walde zu jagen, kam er weit ab von ſeinen Gefährten und verirrte ſich immer tiefer in dem Forſte. Jung und feurig, zu Abenteuern aufgelegt, trabte er ohne Sorgen dahin und war manche Zeit geritten, als er von ferne hin und wie⸗ der durch die Büſche etwas ſchimmern ſah, was ſeine Augen anzog. Allmälig kam er näher und gewahrte, noch verborgen das in 3 Stn des Waldes ei ſcheinung dünkte dem Ritter nicht anders als nn lange er denken konnte, hatte er nie gehört, daß in dem Forſte ſich Anſiedler aufhielten und hätte er auch ſolche vermuthen wollen, ſo waren ſie ſicherlich nicht von dieſer Art; denn die weiße Geſtalt ſchien ihm, ſo viel er aus ziemlicher Nähe er⸗ ſehen konnte, zwar von beſonders reizendem Weſen, doch nicht ganz von chriſtlichem Anſehen; vielmehr verrieth das ſeltſame Gewand und das Geflecht der Haare eine morgenländiſche Herkunft und ungläubige Erziehung. Der Ritter wußte das übrigens ſehr wohl zu deuten, weil in derſelben Zeit gar manche ſeiner Geſellen kreuzfahrend im Morgenlande geweſen waren und bei ihrer Heimkehr von dem, was ſie geſehen, Kunde gebracht hatten. Da konnte denn nach damaliger Sitte auch Geſtalt und Anſehen der ſchönen Damen von Aſiten nicht ganz unbeſprochen bleiben. Herr Haymon ſoll zwar im Kampfe zu allen Zeiten ein Held geweſen ſeyn, aber dabei ſehr wohl bewandert in den höfiſchen Zierlichkeiten des zwölften Jahrhunderts, überdies friſch, heiter und anmuthig. So vertraute er auch in dieſer Stunde der holden Gewalt ſeiner Ritterlichkeit und nachdem er eine Weile in ſtiller Ueberraſchung nach der Lichtung hinaus⸗ geſpäht, gab er ſeinem Roſſe die Sporen und ritt in zierlichen Sprüngen aus dem Holze, pfeilgerade gegen das Fräulein hin, adelich grüßend mit der Hand, bis plötzlich der große Löwe, dieſe Annäherung witternd, aus dem Zelte heraus mit einem entſetzlichen Satze und fürchterlich brüllend dem Roſſe ſich entgegen warf, ſo daß dieſes in Todesſchauer ſich bäumte und der Ritter, der auf die ungewöhnliche Erſcheinung nicht vorbereitet war, zwar raſch, aber unſchädlich aus dem Sattel in das hohe und weiche Gras herunterſank, worauf ihm der Löwe die Tatze ſchwer auf die Bruſt ſetzte und ihn mit fun⸗ kelnden Augen anſtarrte. Herr Haymon von Nullepart, obwohl ihn ſein kalter Muth auch in dieſer Lage nicht verließ, beſorgte gleichwohl zerriſſen zu werden und ſprach zu der Jungfrau, welche ruhig näher kam: „Schönes Fräulein, ſo Ihr eine Gewalt habt über dieſen Leuen, ſo möcht' ich Euch gebeten haben, rettet mir das junge Leben!“ Hierauferwiederte ihm die weiße Geſtalt in ernſter Anmuth: „Seyd willkommen in dieſer Einſamkeit, ſoferne Ihr nicht herangeritten ſeyd, die Stille dieſes Aufenthalts zu ſtören und meine Trauer.“ Als der Löwe den milden Ton dieſer Worte vernahm, warf er einen fragenden Blick auf die Augen ſeiner Gebieterin, hob dann ſeine Tatze von der Bruſt des Ritters und ſtellte ſich dem Mädchen zur Seite, der Dinge gewärtig. Der Ritter aber war ſchnell wieder aufgeſprungen, hatte die Hand an ſein gutes Schwert gelegt und ſprach nicht ganz ohne jene Verwirrung, welche man ſchon oft an ſolchen be⸗ merkt hat, die eben der Todesgefahr entronnen: „Ein guter Kämpe für ein einſames Fräulein, dieſer * Leu, welcher mich, wie Ihr gewahrt haben werdet, jählings aus dem Sattel warf. Das mag meiner ritterlichen Tugend geſchadet haben in Euern Augen.“ „Was heute geſchieht, iſt morgen vergeſſen“— ant⸗ wortete das Mädchen.„Wollte Gott, ich könnte den Staub des Abendlandes von den Füßen ſchütteln und all ſein Ge⸗ dächtniß aus dem Haupte. Das hat mir auch meinen Bru⸗ der genommen; der liegt hier unter dieſem Hügel.“ Dabei betrachtete ſie wieder das neue Grab und die Roſenſchößlinge, die ſie an daſſelbe geſetzt und weinte. Auch Herr Haymon ſchwieg und ſchien an ihrer Trauer mitzutragen, bis er nach einer Weile ſagte: „Eure Geſchichte muß wunderbar ſeyn, edles Fräulein! Auch ſcheint Ihr von ferne herzukommen.“ „Aus dem Morgenlande“— liſpelte ſie. —— —6 107 3— „Vom heilgen Grabe?“ fragte er. „Ich bin eine Suuenn“— ſagte ſie. „So ſey Gott gnädig i in dieſem unwirſchen Lande, ſo weit nicht meine Hand Euch ſcit— „Auch dafür werd“ ich Euch! kaum iel Want ldig werden“— ſprach das Mädchen Fnd ſeite— das Haupt.— „Vielleicht, daß ich Euch doch eines Tages i Stnnde vergelten kann! Aber wenn es Eure werthe Trauer zuläßt, ſo 8 erzählt mir Euer Schickſal.“ „Was kann das Euch bedeuten? Ihr ſeyd ein glücklicher Jüngling und mich hat der Jammer ſeit vielen Monden nicht mehr verlaſſen.“ „Und könnt Ihr denn nicht glauben, daß Eure Leiden auch meiner Seele weh thun?“ „Freilich ſeyd Ihr der erſte Menſch, den ich außer meinem Bruder ſeit manchem Tage geſehen und deßwegen wohl einer 6 Ehre werth!“. Während das Mädchen dieſe Worte flüſterte, lehnte ſie ſich auf den Löwen, der ſich neben ihr niedergelaſſen hatte und in einem ſanften Schlummer lag. Der Ritter ſetzte ſich, nachdem er ſein Roß an die Eiche gebunden, nicht ferne davon ins Gras. 3 „Mein Vater,“ hob die Sarazenin an,„lebte zu Antiochien, einer der Fürſten der Stadt. Drei Brüder hatte ich auch, alle bieder und wohlgemuth, alle unabläſſig im Waid⸗ werke. Den Löwen fingen ſie einſt in den Schluchten des —6 108 3=— Libanons, zähmten ihn und veredelten ſeine Natur, ſo daß er keiner niedern Handlung fähig iſt und arabiſch verſteht, ob⸗ wohl er es nicht ſprechen kann. Auch viele andere Thiere und edle Vögel hrachten ſie ein in den Zwinger unſeres Hauſes, der um Meere liegt und lehrten ſie Gehorſam und verſchiehene Künſte. Miri, wo biſt du?“ Auf dieſe Ladung ſchlüpfte der perſiſche Evelfalke ſchwir⸗ rend durch eine Falte des Zeltes und ſetzte ſich neben das Mädchen auf den Rücken des Löwen. Der Ritter war ſehr erſtaunt und ſchien dem Fortgang der Geſchichte mit Spannung entgegen zu ſehen. „Als nun die Abendländer kamen und unſere theure Stadt erſtürmten, fielen in einer blutigen Nacht mein Vater und die älteren beiden meiner Brüder. Mich rettete der jüngſte an das Meer, wo wir mit unſerm Hausvogt ein gutes Schiff beſtiegen. Auch die Thiere, die gezähmten, wollte mein Bruder nicht den Händen der Ungläubigen laſſen und brachte ſie auf daſſelbe Fahrzeug. Ohne zu wiſſen wohin, ſegelten wir wie Wind und Wetter uns die Fahrt anwieſen und kamen nach Sicilien. Allda nahm uns der Graf des Eilands mit angenehmer Sitte auf und verlangte von uns zu bleiben. Da nun von dem Golde, welches unſer Vater in Antiochien zu⸗ ſammengetragen, wenig gerettet worden, ſo gedachte mein Bruder ſich in anderer Art Gunſt und Erwerb zu ſchaffen. Demnach brachte er vor die Augen der ſiciliſchen Fürſten jene Zaubereien und Kunſtſtücke, die er einſt in Egypten gelernt und wurde herrlich beſchenkt. Auch von den Thieren gab er —6 109 3— ihnen manche gegen reichliches Entgelt und ſelbſt ſeine Schweſter brachte Schätze zu den ſeinigen, denn ich beſitze die Gabe der Weiſſagung.“ Der Ritter war abermals ſehr erſtaunt über dieſe Reden und fragte das Fräulein, ob ſie ihm nicht ſeine Zukunft vor⸗ herſagen wolle, was ſie aber ablehnte. „Und warum wollt Ihr nicht?“ ſagte Herr Haymon— „ich biet' Euch dreißig Byzantiner. „Es ſcheint Euch viel daran gelegen?“ „O ja, aus Eurem Munde mein Schickſal zu hören,“ entgegnete der Jüngling lächelnd,„das wünſch' ich von ganzem Herzen.“ „So behaltet Eure Byzantiner und weist dafür die Hand her.“ Der Ritter folgte dieſen Worten; die Sarazenin ergriff mit zwei Fingern ſeinen mittlern und zog ſeine Hand unter ihre Augen. In dieſer Art hielt ſie dieſelbe feſt und blickte unverwandt hinein, ſo daß dem Ritter ein magiſches Zittern durch die ganze Geſtalt lief. Er betrachtete emſig das Fräu⸗ lein und gewahrte, wie ſich ihr Auge verdüſterte, ihr Geſicht ſo ängſtlich wurde, wie ſie ſeufzte und ſelbſt zu beben begann. „Hier ſteht ein Ritter vor dem Hochgerichte,“ ſagte ſie endlich. „Ihr dürft nicht ſcherzen!“ entgegnete Herr Haymon. „Vor dem Hochgerichte,“ fuhr ſie fort,„und das ſeyd Ihr— da ſitzt der König von England—“ „Mein Lehnsherr“— ſagte der Ritter. — 110 3— „Dort ſteht der Ankläger, ein Mann mit weißem Barte, ein alter Mann; o Himmel! er grüßt mich mit der Hand.“ „Was bedeutet das?“ fragte Herr Haymon. „Ich kenn' ihn,“ fuhr das Mädchen fort—„aber der Ritter wird zum Tode abgeführt—“ „In Gottes Namen,“ ſagte Herr Haymon und be⸗ kreuzte ſich. „Da kommt ein Mädchen, ein verſchleiertes Mädchen, das ſtürzt vor den König hin— das iſt— das iſt— Nein! — unmöglich!—“ Das Fräulein ächzte tief auf, ließ die Hand des Ritters los, zuckte zuſammen und ſtützte faſt ohnmächtig das Haupt in den Arm; Herr Haymon aber, obwohl nicht ohne innere Bewegung, ſagte warnend:„Laßt dieſe Kunſt, ſchönes Fräu⸗ lein! denn wenn Euch fremdes Unglück ſo nahe geht, ſo könntet Ihr einſt irre werden in Eurem Verſtande. Die Sarazenin gab keine Antwort; allmälig aber er⸗ wachte ſie wieder wie aus einem ſchweren Traume und begann von ſelbſt ihre Erzählung fortzuſetzen. „Nachdem wir etliche Wochen auf der Inſel Sicilien verlebt hatten, kam aber der Marſchall des Königs von Eng⸗ land, welcher aus Paläſtina heimwärts fuhr, und hörte von meinem Bruder, ging zu ihm und ergötzte ſich höchlich an dem, was er ſah; lud ihn auch ein zu ſeinem Herrn nach Rouen zu kommen, da derſelbe an Allem, was er mitbrächte, eine ungemeine Freude haben würde, indem er ſelbſt einen Thier⸗ garten mit großem Aufwande angelegt. Auf Dieſes fuhren wir über Meer nach Marſeille und zogen von dort herauf in dieſe Länder, wobei wir in manche große Stadt und auf viele feſte Burgen kamen und mit Geſchenken wieder entlaſſen wurden. Meinen Bruder aber, ſo freudig er ſich auf die Fahrt begeben, überfiel allmälig ein großer Trübſinn und ein ſchleichendes Siechthum. Er meinte, der Anblick der Ungläubigen ſey ihm tödtlich und ſo ſuchten wir die Hochwälder und abgele⸗ genen Pfade auf und kamen von dem Gebirge herab in dieſes Land, deſſen Name mir nicht bekannt iſt, ſo wenig als der Eure.“ „Ich bin der edle Herr Haymon von Nullepart,“ ſagte der Ritter,„und dieſes Land iſt die Normandie, welche unſere Vorfahren auf ehrliche Weiſe erobert haben.“ „Und als wir nun,“ fuhr das Mädchen fort,„vor län⸗ geren Tagen in dieſe Gegend kamen, und mein Bruder dieſes Waldes anſichtig wurde, da gefiel er ihm über die Maßen und er wollte in der Einſamkeit deſſelben ſterben. So ſuchten wir nun dieſe ſtille Lichtung aus, wo die Ausſicht auf das Meer ſo ſchön iſt und ſchlugen das Zelt auf. Und als wir nun etliche Tage hier in der Wildniß gelebt, ſo wurde das Siechthum meines Bruders immer ſchwerer und bald verſchied er auf ſeinem Lager und mit ſeinem Schwerte habe ich ihm hier ſein Grab gegraben.“ Bei dieſen Worten brach wieder eine Zähre aus ihren Augen und Herr Haymon ſchien ſie mitleidig anzublicken. „Wie kommt es aber,“ fragte er nach einer Weile,„daß Ihr die Sprache der Franken ſo geläufig ſprecht, ja ſie ſogar mit Zierlichkeit gebraucht?“ — 112 3— „Was ich Euch ſagen wollte aus der Vergangenheit, das hab' ich Euch geſagt.“ „Und was gedenkt Ihr nun zu thun?“ „Noch drei Tage will ich hier bleiben im Walde und dann ſoll ich mich aufmachen nach der Stadt Rouen.“ „Und dann?“ „Dort erwartet mich Dionys, unſer Hausvogt zu Antiochien. Dieſer war ein Chriſtenſklave aus dem Franken⸗ lande, den unſer Vater jung gefangen und erzogen hatte, eine ehrliche und getreue Seele, und als wir dieſe Einſamkeit ge⸗ funden und das Zelt aufgeſchlagen hatten, entſandte ihn mein Bruder mit unſern beiden Sklaven und mit allen Schätzen, um dieſe ſicher zu hinterlegen und um Kundſchaft zu bringen, wie es mit dem König von England beſchaffen ſey und ob es wahr, was der Marſchall von ihm geſagt. In drei Wochen ſollte er zu Rouen ſeyn; die ſind jetzt bald vergangen.“ „Dahin, ungläubiges Fräulein! würde ich Euch gerne das Geleite geben mit etlichen gutbewaffneten Reiſigen.“ „Ich bin ſicherer bei meinem eigenen Gefolge.“ „Oder wollt Ihr nicht vielleicht für dieſe Tage Herberge nehmen in meinem Schloſſe?“ „Nein!“ antwortete die Sarazenin. „Soll ich Euch nicht wenigſtens Nahrung ſchaffen, Speiſe und Trank für den irdiſchen Leib?“ „Das ſchafft mir Arslan, der Löwe, der den Rehen nach⸗ geht und Miri, der Edelfalke, welcher meiſterhaft auf die Vögel des Waldes ſtößt.“ „Darauf ſteht nach den Geſetzen König Wilhelms die Strafe der Blendung.“ „Ihr wilden Ungläubigen!“ rief das Mädchen und lächelte zum erſtenmale ſeit der Ritter ſie geſehen.—„Wie abſcheulich ſeyd Ihr in der Rohheit Eurer Sitten!“ „Hei,“ ſprach der Ritter,„findet Ihr mich denn nicht von artiger Weiſe und zum Frauendienſt bereit und taugſam?“ „Wenn es Euch nicht ſchmerzt,“ antwortete das Mädchen, „ſo möcht ich vielmehr, da die Sonne ſinkt, Euch gebeten haben, mich wieder zu verlaſſen.“ „O, Ihr müßt dieſe ſchöne Stunde nicht muthwillig ver⸗ kürzen,“ rief Herr Haymon.„Ich danke dem lieben Gott im Himmel, daß er mich armen Sünder heute in dieſen finſtern Wald geführt, wo eine Sonne der Schönheit leuchtet, wie ſie mir auf dieſer elenden Welt noch nicht geſchienen.“ „Schweig und fliehe,“ ſagte Haura abgewandten Ge⸗ ſichts, während der Leu, aus ſeinem Schlummer erwachend, heftig zu brüllen begann. „Nicht doch,“ entgegnete Herr Haymon etwas eingezo⸗ gener,„laßt mich der Freude Eures Anblicks ſo lange genießen, als es Tag iſt, da Ihr ja nichts zu fürchten habt. Führt mich lieber dort in Euer Gezelt, welches mir höchſt koſtbar und der Betrachtung ſehr werth zu ſeyn ſcheint.“ „Das ſoll Euch nicht lange aufhalten,“ ſagte das Mädchen.„Folgt mir nur behende!“ Damit ging ſie, begleitet von dem Löwen, der den Falken trug, an das Zelt und öffnete den Vorhang, ſo daß der Ritter 8 Steub, Novellen. — 114 3 mit Erſtaunen die Pracht der Teppiche und das Lager von dunklem Damaſt, roſenrother Seide und ſchneeigem weißem Linnen gewahrte. Die Vögel, welche in den Reifen hingen, ſchlugen wie zum Willkomm mit den Flügeln und kreiſchten unverſtändliche Grüße. Die grüne Schlange, welche geringelt auf dem weißen Kiſſen lag, erhob ihr Haupt mehrere Spannen hoch und züngelte freundlich gegen den, obwohl ihr unbe⸗ kannten Ritter. Dieſer betrachtete mit Verwunderung die prächtigen Zeuge des Morgenlandes, aber mehr noch gefielen ihm die koſtbaren Waffen, welche der verſtorbene Bruder hinterlaſſen hatte und die ſchönen Pſittiche. Nur die grüne Schlange, die von Zeit zu Zeit wieder das Köpfchen aufreckte und ihre ſchwarzen ſtechenden Augen in der Runde herumgehen ließ, dünkte ihm keine angenehme Geſellin, obwohl das Mädchen belehrend ſagte: „Die grüne Schlange iſt eine Viper aus Arabien, die ſehr befreundet war mit meinem Bruder. Sie iſt gutmüthig und liebt die Menſchen, aber wenn ſie zürnt, iſt ihr Biß tödtlich.“ Alsbald ſetzte ſich auch die Jungfrau auf das Lager, ohne weiter nach dem Thiere umzuſehen; der Ritter wollte nicht weniger thun und ließ ſich neben dem Mädchen nieder. Dieſes ſchwieg mit geſenkten Augenlidern und ſchien ſeine Gedanken weit über das Meer zu führen, bis es endlich leiſe anhob: „Die Dämmerung iſt nicht mehr weit, edler Herr! und ſo bitte ich Euch—“ „Mahnt mich nicht an die Heimkehr, ſchöne Sarazenin, denn Eure Sonne wird hier leuchten, ob es Dämmerung wird oder Nacht—“ „Geht, edler Herr, geht! Hört Ihr Euer Roß den Boden ſtampfen?“ „Laßt es ſtampfen, aber laßt uns nicht auseinandergehen, wie zwei Fremdlinge, die ſich nicht mehr ſehen ſollen in dieſem Leben. Ich meine, ſchönes Fräulein, Ihr ſollt mir Eure Minne vergönnen.“ „Was iſt das?“ fragte die Maid. „Das mag ich Euch gerne lehren,“ antwortete der Ritter lächelnd und lehnte ſich in zarter Weiſe nach dem blühenden Antlitz des Mädchens aus dem Morgenlande, ſchlang ſeinen Arm um ihre Hüften und gedachte ſie ſchmeichelnd an ſein normänniſches Herz zu ziehen, als ſie hocherröthend einen leiſen Schrei von ſich ſtieß und auf arabiſch ausrief:„El'aun,“ das heißt:„Hülfe“. Das Wort war aber noch nicht verklungen, als die Pſittiche alle unheimlich ächzend ſich von den Reifen ethoben und um das Haupt des Ritters ſchwirrten, während der Leu mit fürchterlichem Gebrüll ſeine Tatze ihm auf das Knie legte und die andere drohend hoch erhob, während der Edelfalke ſich auf ſeinen Scheitel ſetzte und mit dem ſpitzen, harten Schnabel in ſeine Augen zielte, während die grüne Schlange behende unter ſeinem Arm herauskroch, ſich um ſeinen Hals ringelte und zornig gegen ſeine Lippen züngelte, gleich als wollte ſie ihm durch den Mund in die Seele fahren. „O du heiliger Anſelm von Canterbury,“ ſchrie der Ritter in wilder Haſt und ließ die Hüfte des Mädchens los. „Schafft mir das entſetzliche Gethier vom Leibe, liebes Fräu⸗ lein! Das iſt kein Kampf für einen ehrlichen Normannen.“ „Das iſt der Geiſt meines Bruders,“ entgegnete das Fräulein,„der den unvernünftigen Geſchöpfen dieſe Weisheit gelehrt—“ „Aber beim heiligen Blut zu Lucca,“ rief der Ritter aber⸗ mals—„ſo Ihr eine Gewalt habt—“ „So Ihr beſcheiden ſeyn wollt und ſittſam, wie es einem Jüngling von Eurer Geburt geziemt, ſo mag ich Euch gerne helfen.“ Hierauf klatſchte Haura in die Hände und rief:„Khallu ſebilahu“— das heißt:„Laßt ihn los.“ Bei dieſem Laute flogen die Papageien wieder auf ihre Reife, die grüne Schlange verkroch ſich unter das weiche Lager, der Falke ſetzte ſich auf das Knie ſeiner Herrin und der Löwe ließ ſich knurrend zu ihren Füßen nieder. Herr Haymon war ſeiner Befreiung über die Maßen froh und es dünkte ihm, als wenn er nun aus Dankbarkeit die Sarazenin verlaſſen ſollte. „Ihr ſeyd eine Zauberin, ſchöne Dame!“ ſagte er,„und hätte Euch der liebe Gott nicht mit überirdiſcher Schönheit geſegnet, ſo müßtet Ihr mir ſehr unheimlich vorkommen. Die⸗ weil es aber Euer Wille iſt, daß ich Euch allein laſſe, ſo ge⸗ habt Euch wohl und behaltet mich in freundlichem Gedächtniß.“ „Der Friede ſey mit Euch,“ entgegnete das Mädchen, —6 117 8— ſanft hinſinkend auf das Lager, gleichwie zum Schlafe, nur daß ſie ihre Hände faltete und die Augen zum Himmel auf⸗ ſchlug. Herr Haymon zögerte noch, den Vorhang des Zeltes in der Hand, wie feſt gehalten von dem hinziehenden Bilde der liebreizenden Jungfrau. Sie aber gab kein Zeichen mehr von ſich und ſo ließ er den Vorhang fallen, ſchwang ſich auf ſein Roß und ritt langſam von dannen. Der Mond ſchien auf ſeinen Pfad und war ſeinen Gedanken ein angenehmer Begleiter. Das hatte er ſich nicht gedacht, als er am frühen Morgen im grauen Schloß zu Nullepart aufs Pferd ſtieg, um Hirſche zu jagen, daß er ſelbſt mit einem ſpitzen Pfeil im Herzen wieder heimkehren würde. In der That war an dieſer empfindlichen Stelle ein anſehnliches Liebesfeuer ausgebrochen, das um ſo ſchmerzlicher aufſchlug, je mehr Herr Haymon empfand, daß er von Anfang bis zu Ende ſeiner Gegenwart weder für ſeine Tapferkeit, noch für die ſonſtige Anmuth ſeiner Sitten und Reden ein günſtiges Feld gefunden. So viel glaubte er deutlich zu ſpüren: bei all ſeiner gewinnenden Mannlichkeit hatte er der einſamen Sarazenin fürs Erſte nichts abgewonnen. Wenn ſie auch ſichtlich ein Ergötzen hatte, wieder einmal in der Wildniß ein lebendes, menſchliches Weſen zu ſehen, ſo ſchien ſie doch gar keinen Werth darauf zu legen, daß dies gerade die Blume der normanniſchen Ritter⸗ ſchaft geweſen. All dies machte ihn aber nicht demüthig, ſondern bitter.„Und doch ſoll ſie mir nicht entkommen,“ ſagte Herr Haymon zu wiederholtenmalen mit lauter Stimme zu ſich ſelber und ſchlug grimmig auf ſeine Bruſt, ſo daß es „ —6 118 3— im Wald faſt wiederhallte. Je heißer ſeine Wünſche ent⸗ brannten, deſto wilder wurden ſeine Gedanken. Nur zu⸗ weilen, wenn ihm die ſeltſame Weiſſagung wieder in Erinne⸗ rung kam, wars ihm eine kurze Zeit lang, als läge eine tiefe Warnung darin, bis er und zwar bald wieder zu finden glaubte, gerade durch das Geheimnißvolle ihres Weſens ſey das Mädchen ſo zauberhaft und gerade deßwegen eines jeden Wagſtücks werth. III. So ſtand er andern Tages faſt zur ſelben Zeit vor dem Zelte und wunderte ſich über die tiefe Waldesſtille, da nur der Schlag der Finken, die oben im Laube ſaßen, zu hören war und das Rieſeln des Baches, aber zu ſehen weder Arslan, der Löwe, noch Miri, der Edelfalke, noch auch das Fräulein. Herr Haymon lüftete vorſichtig den Saum des Teppichs, ge⸗ wahrte jedoch auch innerhalb kein Leben. Die Pſittiche ſchliefen auf ihren Reifen, das Mädchen aber, wie er leiſe näher tretend erſah, lag ſchlummernd auf dem Lager, ein aufgeſchla⸗ genes Buch neben ſich, das Haupt in das feine, reiche Haupt⸗ haar verſenkt und halb vergraben in den linden Pfuhl, die Glieder anmuthsvoll ausgeſtreckt und mit leichten, indiſchen Zeugen leicht bedeckt. Der junge Ritter war voll Freuden, daß ihn ſein guter Stern zu ſo taugſamer Zeit dahergeführt und letzte ſich gar ſanft und ſtill an der holden Schläferin, ſie immer unver⸗ wandten Auges betrachtend— denn das hatte er ſich geſtern auf der Heimkehr auch noch bekennen müſſen, daß er aus der Verwunderung und Bewegung ſeines Gemüthes heraus nicht einmal den Weg zur feſten und ſtandhaften Anſchauung ſeiner Huldin gefunden, ſo daß er ſich in der ſchlafloſen Nacht ver⸗ geblich beſonnen hatte, wie deren wunderbares Antlitz denn eigentlich geſtaltet und welche Farbe zunächſt die ihrer Augen ſey. Auf Letzteres kam er freilich auch zu dieſer Friſt noch nicht, denn die langfranſigen Lider waren feſt geſchloſſen. So wenig indeß die Lage der Ungläubigen ſeiner Wiß⸗ begierde genug that, ſo ſchien ſie ihn doch nicht zu bekümmern, vielmehr einen andern Gedanken in ihm aufzuwecken, einen ſo lieblichen, daß er ihn noch friſch und neugeboren ins Werk ſetzte. Nachdem er nämlich einige Zeit in tiefer Ruhe mit übereinandergelegten Händen auf das morgenländiſche Fräu⸗ lein geſehen, ihr leiſes Athmen und den ſtillen Wellengang ihrer Bruſt betrachtet hatte, bückte er ſich und küßte ſie. So zart dies anmuthige Werk auch vollendet ward, ſo ſtörte es doch den leichten Schlummer der Sarazenin und als ſie, ihre Augen aufſchlagend, die ſeinigen ſich ſo nahe ſah, fuhr ſie raſch auf und rief, ſeine Verwegenheit ahnend, zornig aus: „Was habt Ihr gethan?“ „Ich küßte Euch,“ antwortete der Ritter. „Hebt Euch von hinnen,“ befahl das Mädchen, ihre bannende Hand nach ihm ausſtreckend.„Ihr ſeyd nicht werth, auf dieſen Boden zu treten, da Ihr den Schlummer einer einſamen Jungfrau nicht zu achten vermögt.“ „Bleibt ruhig, edle Maid! und hört—“ entgegnete —6 120 3 bittenden Tones Herr Haymon.„Das wißt Ihr ſelbſt, daß ich geſtern von ungefähr in dieſe Wildniß gekommen bin und daß Ihr mich freundlich aufgenommen habt— aber das wißt Ihr vielleicht nicht, daß ich meiner Tage kein ſchöner Frauen⸗ bild geſehen, daß mir Eure wunderbare Geſtalt nicht mehr aus dem Sinne geht, daß mir Eure lieblichen Worte beſtändig in den Ohren klingen, und daß mir Eure Minne das höchſte Gut auf Erden ſcheint. Und ſeit ich Euch geſtern geſehen, hat mein Herz keine Ruhe mehr gefunden und wenn dies Weh ſo fortdauert, ſo werde ich liebeskrank werden und elen⸗ diglich verſiechen.“ „Auch dafür,“ ſagte das Mädchen wieder in ſanftem JTone und blätterte in dem Buche, das neben ihr gelegen, „auch dafür hat der weiſe Meiſter Averroes einen Trank er⸗ funden, und ſo Ihr einmal in ſolche Noth kommt ſo nehmet Beifuß, Oſterluzei, etwas Bärenwurz—“ „O, für dieſe Krankheit helfen weder Kräuter noch Wurzeln, ſondern nur Euer liebes Herz.“ „Von hier nach Damaskus iſt nicht weiter, als unſere Herzen auseinander ſind.“ „Selbſt Damaskus haben die Normannen erreicht und ſo gebe Gott, daß ich auch noch den Weg zu Euren Gnaden glücklich zurücklege.“ „Laßt mich allein,“ ſprach das Fräulein nachdrücklich, „ich habe meine Gefährten dieſen Nachmittag entſendet. Miri, der Edelfalke, iſt ſeewärts geflogen, um zu fiſchen; der Löwe aber ging mit der Schlange luſtwandeln in den grünen Wald.“ — 121— „Und der Augenblick ſey gebenedeit,“ ſagte Herr Haymon freudig,„daß die hölliſchen Drachen nicht wieder zwiſchen mich und meine Liebe treten können!“ Er nahte raſch der Sarazenin, um ſeinen Arm koſend um ihren Nacken zu legen. Das Mädchen aber entſchlüpfte, griff ſchnell nach dem goldenen Horn, das verborgen unter dem Pfuhl gelegen und ſtürzte zum Zelte hinaus, wie der Ritter leicht denken konnte, in der Abſicht, ihre treuen Kämpen aus dem Walde herbeizurufen. Herr Haymon ſah, daß nur eine raſche That ihn retten könne, und ſo rief er:„Gott ver⸗ zeihe mir, edles Fräulein, aber da Ihr mir Eure Liebe nicht freiwillig ſchenken wollt, ſo wird es wohl mit Gewalt ge⸗ ſchehen müſſen.“ Während dieſer Worte ergriff er das Mädchen am Gürtel, warf ſie behende auf ſeinen Renner, ſprang ſelbſt in den Sattel, gab dem Roſſe die Sporen und ritt im ſchärfſten Laufe davon. Die orientaliſche Fürſtentochter wußte in den erſten Au⸗ genblicken nicht, wie ihr geſchehen war, doch währte es nicht lange, bis ihr Zorn ausbrach und ſie ſich ungeſtüm von dem frechen Räuber loszureißen ſuchte. Zartes Flehen hörte Herr Haymon nicht aus ihrem ſüßen Munde, dagegen manche böſe Drohung in düſtern Worten. Dann bemühte ſich das holde Mädchen wieder mit den weichen Armen und den ſchlanken Füßen dem Ritter etwas abzuringen, gleichſam als ſtrebte ſie ihn aus dem Sattel zu heben, aber nachdem er ihrer ſchönen Unbändigkeit eine Weile zugeſehen, ſtellte er leicht mit ſeiner ſtarken Fauſt die nöthige Ruhe wieder her. Wenn ſie Arslan, den Löwen, oder Miri, den Edelfalken, zu Hülfe rufen wollte, obgleich ſie ſchon ſo ferne waren, daß ihre Stimme ungehört verklingen zu müſſen ſchien, ſo ſchloß er mit flacher Hand den Mund und wenn ſie, von ihren nutzloſen Anſtrengungen er⸗ mattet, wieder ausholte und friſchen Athem ſchöpfte, ſo lächelte er ihr freundlich und minniglich ins Angeſicht und ſagte: „Schönes Heidenmädchen, wie freue ich mich auf die Tage, wo ich Deiner Liebe froh werden ſoll!“ Wenn ſie aber mit lodernden Augen ihm entgegen rief:„Verflucht ſey die Stunde, wo Ihr“— ſo legte er auf die weichen Lippen wieder ſeinen ritterlichen Finger und ſagte:„Du ſollſt mir nicht eher fluchen, als bis drei Tage vorüber ſind, wenn Dich dann noch darnach gelüſtet.“ So fühlte ſich der normanniſche Jüngling recht wonnig⸗ lich beſchäftigt und angeſprochen, bald durch ihre wilden und doch ſehr anmuthigen Gebärden, bald durch ihre zürnenden Worte, die er mit dem freundlichſten Klange der Sehnſucht vergalt. Den einen Arm hatte er um ihre volle Hüfte ge⸗ ſchlungen, mit der andern hielt er das Köpfchen aufrecht, das ſich jeweils im tiefſten Widerwillen anſtellte, als wollte es ſich und den ganzen leichten Leib weit über Roß und Reiter hin⸗ ausſchnellen.. Indeſſen flog der Renner und flog, immer friſch geſpornt von dem freudigen Reiter, und ſprengte allmälig aus dem Dunkel des Waldes hinaus in die Freiheit des Feldes, wo gar nicht mehr weit von dannen das alte Schloß von Nullepart — 123 5 erſchien, gebieteriſch herabblickend in das Thal, auf ſteilen Felſen einſam gelegen, mit vielen Dächern und grauen Thürmen normanniſcher Baukunſt, an welchen ſich der Epheu hinaufſchlang. In die hohen Fenſter der Burgkapelle ſchienen die letzten Strahlen der Abendſonne; über dem Thore ſah man ſchon die ſpiegelnden Waffen des Reiſigen, der die Wache hielt. Bei dieſer Anſicht jauchzte der Ritter fröhlich auf, ſo daß es ſeiner Beute ſchneidend durch das Herz ging.„Gottlob,“ rief er,„da iſt mein feſtes Schloß und eh' Ihr Euch dreimal umſchaut, ſind wir drinnen. Nun gebt die Wehr auf, liebes, edles, ſüßes Fräulein!“ Das Mädchen aber wurde durch dieſen Zuſpruch nur zu neuem Unmuth erhoben und zuckte abermals mit allen Kräften, um ſich frei zu machen, bis ſie plötzlich ſelber wild zu jauchzen anfing, denn gleich, nachdem Herr Haymon jene Worte ge⸗ ſagt, vernahm ſie, auch nicht mehr gar ferne, das grauenvolle Gebrüll des Löwen, der, wie der Ritter ſchnell gewahrte, in ſchauerlichen Sätzen auf ſeiner Fährte war und ihn erreichen mußte auf dem ſteilen Felſenpfade zur Burg hinauf, wo der Renner ſelbſt ſchon todesmüde faſt erlag. „Jetzt gebt mich frei,“ rief die Sarazenin,„gebt mich frei, oder Ihr ſeyd des Todes.“ „Ich will auch des Todes ſeyn oder Euch heute noch ge⸗ winnen,“ ſagte Herr Haymon, drückte in Todesmuth und Liebeswuth das Mädchen mit eiſerner Fauſt an ſeine Bruſt und zog ſein Schwert. — 124 3*— „Ihr ſollt mich aber heute nicht gewinnen,“ ſchrie Haura, riß einen heimlichen Dolch aus dem Buſen und hieb in wahn⸗ ſinnigem Zorne nach dem Ritter, daß ihm der Stahl zwiſchen Hals und Bruſt dreimal Finger tief in das Fleiſch ſtach, während der Falke, der unverſehens aus heiterer Luft herab⸗ geſtürzt, ihn ſchreiend umkreiste und mit dem Schwerte kaum von Aergerem abzuhalten war. Herr Haymon hielt nur noch mit Mühe den Sattel und ſeine ſüße Laſt; der Renner erwil⸗ dete und ſtürzte mit den allerletzten Kräften noch über die Zug⸗ brücke hinein und der Löwe war ſo nah an ſeinen Hufen, daß er endlich, wie er eifrig getrachtet, den tödtlichen Sprung auf den Rücken des Roſſes dicht hinter den Ritter vornehmen konnte. Im Burghof ſtürzte der Renner mit aufgeriſſenem Leibe verendend auf das Pflaſter und ächzte bald zum letzten⸗ male; der Ritter ſank ſchweigend, leichenblaß, von Blut über⸗ goſſen auf die Staffeln ſeiner Freitreppe; das Fräulein drehte ſich ſchwindelnd mit verſchwimmenden Augen an den ſteinernen Brunnen. Das Geſinde lief ſinnlos in den Bogengängen des Hofes umher und ſchaute mit bleichen Geſichtern auf das fürchterliche Thier, welches brüllend das Blut des Renners aufſchlürfte. Der perſiſche Edelfalke ſchwirrte rachgierig um den ſterbenden Ritter und erwartete nur des Fräuleins Befehl, um ſeine Waffen einzuſchlagen.— Da war große Noth auf der alten Burg zu Nullepart, während die Sonne unterging und die hohen Fenſter der Burgkapelle vergoldete. —6 125 3— IV. Das Fräulein aber nahm einen friſchen Trunk aus dem Brunnen, ſtrich ſich das kalte Waſſer über die Stirne und blickte wieder gefaßt um ſich her. Und als ſie den bleichen Ritter mit gebrochenen Augen auf der Treppe liegen ſah, fuhr ſie ſich gedankenvoll über die Augen und ſagte leiſe vor ſich hin: „Schade um den Jüngling, ſo edel und ſo ſchön! Wohl habe ich eine Miſſethat verübt; vielleicht iſt ſie aber noch gut zu machen.“ Alsbald winkte ſie das Geſinde herbei, den Kaſtellan, den Burgpfaffen und die Knechte, welchen ſie ſagte:„Thut was ich Euch befehle und fürchtet nichts! Dem Ritter waſcht das Blut ab und bringt ihn hinauf auf ein weiches Lager. Mir aber weist den Zwinger, damit ich den Löwen verſorge.“ Und ſo geſchah es auch. Das Fräulein führte den ge⸗ treuen Arslan ſchmeichelnd von dem blutenden Renner weg und ſchloß ihn in den Burgzwinger; den Falken hieß ſie wieder ſeewärts fliegen und dann ging ſie über den Burghof, wo noch das Thor offen ſtand und die Zugbrücke winkte, die der Burgwart wegen ſeines Schreckens noch nicht aufgezogen hatte, ſo daß ſie ins Feld hinausſah und auf die dunkeln Bäume des Hochwaldes. Doch gab ſie jetzt nichts mehr für ihre Freiheit, ſondern eilte hinauf in das Gemach, wo Herr Haymon, den Leib von Blut und Staub gereinigt, im weißen Hemde auf ſein Lager hingebreitet war, noch immer todtenſtill und bleich und gebrochenen Auges. Der Kaplan und der Burgvogt waren bemüht, die Wunden zu verbinden, aber das Mädchen nahm ihnen geſchäftig das Linnen aus den Händen und bat ſie, die Pflege ihr zu laſſen; ſie ſey in aller Arznei⸗ kunſt wohl erfahren. Von den verſchiedenen Salben, die der Burgpfaff herbeibrachte, und mit denen er ſchon manchen Hieb geheilt zu haben meinte, wählte ſie verſtändig die beſten aus und legte den Verband ſo geſchickt über des Ritters Schultern und Bruſt, daß die beiden Gehülfen über ihre Kunſtfertigkeit ſtaunten und nicht wußten, was ſie denken ſollten. Endlich hieß ſie die würdigen Männer gehen, da ſie den Herrn jetzt ſelbſt behüten werde; ſie hoffe, es ſey noch Leben in ihm und wenn dies, ſo müſſe es bald wieder hervorbrechen. Zugleich trug ſie ihnen auf, das Zelt im Walde bewachen, die grüne Schlange nicht ſtören und das Buch des weiſen Meiſters Averrves ſo ſchnell als möglich auf die Burg bringen zu laſſen. Die würdigen Männer gingen und beriethen ſich noch lange mit dem Hausgeſinde, aber da war Niemand, der die Ge⸗ ſchichte erklären konnte oder ſagen, was der Löwe bedeute oder das morgenländiſche Fräulein oder der verwundete Ritter. Unterdeſſen ſaß das Mädchen oben im ſtillen Gemache des Jünglings und pflegte ihn. Zum hohen Fenſter ſah der Mond herein und auf dem Tiſche ſtand eine Lampe. Während dieſe ihr wankendes Licht auf den Ritter warf, ſchien es dem Mädchen öfter, als zucke er mit den Augen, als gingen die Lider auf, als fielen ſie wieder ermattet zu. Sie flüſterte, ſie ſprach leiſe ſeinen Namen, aber noch hörte er keinen Laut. —6 127 2— Sie blies unmuthig die Lampe aus, ſo daß der Mond mit vollem Scheine auf das ruhige Geſicht des Todten ſchien. Sie wärmte ſeine kalten Hände in den ihrigen, ſie fühlte freudig, daß er noch leiſe athmete, ſie meinte, auch aus ſeinen Wangen weiche allmälig die Leichenbläſſe zurück und es war ihr, als fingen wieder, obwohl bleiche, Roſen darauf zu blühen an. Wie ſie nun ſo auf der Spähe lag und ihr Mitleid mit dem armen, wehrloſen Siechen immer zunahm, kam ihr der Gedanke, ob ſie nicht, weniger aus Rache, als zum Zeichen der Verſöhnung, wenigſtens auf dieſer Welt, ihm eben ſo thun ſollte, als er ihr heute in ihrem Schlafe gethan, und als ſie ſich nun wirklich über Herrn Haymon hinbeugte und ihren warmen Mund auf den ſeinigen legte, ſchlug er plötzlich die Augen auf, lächelte und ſprach mit ſchwacher Stimme:„Gott ſey Dank, liebes Fräulein, daß ich Euch noch einmal ſehe auf dieſer Welt, um Euch zu bitten, daß Ihr mir meine That ver⸗ zeihet“— worauf das Mädchen entgegnete:„Ich hab' Euch wohl Leid und Weh gethan, aber Gott iſt groß und kann es wieder beſſer machen.“ Sie ſchauten ſich Beide mit ſehr milden Augen an und lächelten einander freundlich zu; doch hatte der Ritter keine Kraft mehr weiter zu ſprechen und verfiel in einen geſunden Schlaf, welcher ſo lange fortdauerte, bis am andern Morgen die Sonne auf ſein Lager ſchien. Auch zur ſelben Zeit ſtand wieder das Fräulein an ſeinem Bette, welches ihn bat, ruhig und getroſt zu ſeyn, was er ohnedem ſchon war. Auf ſeine Frage aber, wie ſie es über das Hetz bringe könne, jetzt ihm —6 128 2— ihre Pflege zu leiſten, nachdem er ſie ſo ſchwer beleidigt, ſagte ſie, das ſey jetzt vergeſſen und er möge ſich mit ſolchen Ge⸗ danken nicht die Geneſung ſtören. Nach Allem, was ge⸗ ſchehen, ſey ſie ihm, da er ihre Hülfe bedürfe, doch freundlich gewogen. So herrlich ward wohl nicht leicht ein Ritter gepflegt, als Herr Haymon von Nullepart, da er an jenen drei Dolch⸗ wunden darniederlag, welche ihm die Sarazenin geſchlagen hatte. Auch kann man kaum behaupten, daß er deſſen nicht gewahr ward, denn als die erſte Schwäche und Kraftloſigkeit vorüber war, ſo erheiterte ſich ſein Gemüth wieder zuſehends und das Heidenmädchen freute ſich nicht ſelten über ſeine an⸗ muthigen und ſchalkhaften Reden. Freilich gab ſie nicht immer gerne Antworten, die er wünſchte, und wenn er ſie zum Beiſpiel fragte, ob ihre Herzen noch ſo weit auseinanderlägen, als Nullepart und Damaskus, ſo erwiederte ſie, vielleicht ſeyen ſie ſich etwas näher gekommen, aber noch liege ein tiefes Meer dazwiſchen. Wenn Herr Haymon ſagte, er meine nicht, daß er ſie mehr laſſen könne, entgegnete ſie, in dieſer Zeit gedenke ſie auch nicht von ihm zu gehen, aber ehe er wieder in den Steigbügel treten könne, würde ſie ſicherlich nach Rouen ziehen, wo Dionys, der Hausvogt, wohl ſchon in großer Beängſti⸗ gung auf ſie warte. Von dort gedenke ſie mit ihm nach Hiſpanien zu fahren, nach Sevilla, wo die Verwandten ihres Vaters, hochangeſehene Häuſer, ſie gaſtlich aufnehmen würden. Sagte hierauf der Ritter:„Laßt Euch das nicht träumen; Ihr bleibt bei mir“— ſo erwiederte ſie:„dankt dem lieben Gotte, daß er Euch ſo weit geholfen und ſinnet nicht auf neue Sünden.“— Und in dieſer Anſchauung hatte ſie vielleicht auch recht, denn Herr Haymon, als ein frommer, chriſtgläu⸗ biger Rittersmann hatte immerhin einen kleinen heimlichen Schauer vor ihrem Heidenthume und, was man auch davon denken mag, ſeine Gedanken gingen dazumal nicht ſo faſt auf eine eheliche Gemeinſchaft mit der ungläubigen Fürſtentochter, als vielmehr auf eine freilich ſehr heiße Liebe, jedoch mit un⸗ gewiſſem Ausgange. Deſſen mochte auch das Fräulein immer gewiſſer werden und daher kam es, daß ſie mehr und mehr von ihrer Abreiſe ſprach, je kräftiger Herr Haymon wurde und je näher der Tag ſchien, wo er wieder auf ſein Roß ſteigen und dem Waidwerk oder andern ritterlichen Uebungen der damaligen Zeit würde obliegen können. V. Bald darauf aber wurde das Pfingſtfeſt gefeiert und König Heinrich von England verweilte mit vielen Würden⸗ trägern, mit Biſchöfen, Prälaten und einer zahlreichen Ritter⸗ ſchaft zu Rouen in ſeinem Herzogthume Normandie. Daſelbſt ſaß er auch eines Morgens auf dem Frohnhofe vor dem Dome, um Recht zu ſprechen über einen Vaſallen, welcher angeklagt war, ein junges Heidenmädchen geraubt und mit Gewalt auf ſein Schloß geſchleppt zu haben. Das Volk von Rouen er⸗ wartete einen ſchweren Spruch, denn im Mittelalter war es alſo eingerichtet, daß einer in den Tagen der Verwirrung viele Uebelthaten und Gräuel begehen konnte, ohne Strafe, Buße S C Steub, Novellen. 9 S oder Rache zu erleiden, aber wenn er etwa in einen ſtrengen Jahrgang fiel, ſo mochte es ihm auch viel ſchlimmer ergehen, als in unſern gnadenreichen Zeiten. Von König Heinrich nun verſah ſich damals Niemand großer Milde, denn er zürnte ſeinen Edelherren, weil ſie einander in den letzten Zeiten wie⸗ der recht meiſterlich ihre Schlöſſer angezündet, ſich die Schwerter durch den Leib gerannt, ihre altadeligen Frauen verunehrt, die Knechte erſchlagen und die Länder wüſte gelegt hatten. Die Klage wegen des geraubten Heidenmädchens hatte übrigens Dionys, der Hausvogt, erhoben, nachdem ihm das Gerücht die Kunde hinterbracht. Auf ſein Erſuchen hatte Herr Roger von Meulan, des Königs Großjuſtitiar, den Niſſethäter laden laſſen, das heißt: ſeine Knechte hatten ihn bei dunkler Nacht aus ſeiner Burg geholt und in den Kerker, das Fräulein aber zur nämlichen Zeit zu St. Wandregiſel ins Nonnenkloſter gebracht. An jenem Morgen nun ſtand Herr Haymon vor der Aſſiſe, wo vierundzwanzig normanniſche Barone ſein Urtheil ſprechen ſollten.. Er trug ein härenes graues Gewand, war barbuß und noch immer bleich von ſeinem Siechthum her, auch etwas ſchwermüthig, denn er wollte die Wahrheit der Ge⸗ ſchichte nicht bekämpfen und kannte die Strafe, der er verfallen würde, nämlich den Tod. Nicht weit von ihm ſaß tiefver⸗ ſchleiert die Sarazenin. Der Hausvogt ſtand auf und ſprach: „Ich klage wider Herrn Haymon von Nullepart, der gegen den Frieden Gottes und des Herrn Königs Haura von — —6 131 8— Antiochien, mein Fräulein und meine Herrin wider ihren Willen geraubt und auf ſein Schloß zu Nullepart geſchleppt, und bin bereit dies zu beweiſen zu jeder Stunde des Tages.“ „Es iſt kein Beweis vonnöthen,“ entgegnete der Ritter —„ich bin der That geſtändig.“ „Ihr könnt alſo in Wahrheit nicht behaupten,“ ſprach König Heinrich,„daß ſie Euch gern und willig gefolgt, Herr Haymon von Nullepart?“ Herr Haymon antwortete leiſe:„Ich glaube nicht, daß ſie mir gerne und willig gefolgt“— während das Mädchen ſich raſch erhob und ausrief:„Nein, bei Gott und dem Pro⸗ pheten, ich bin nicht gerne und willig gegangen, ſondern der Ritter hat mich mit ſeiner Kraft auf ſein Roß geworfen und dann im ſchnellſten Laufe gen Nullepart geführt.“ Auf dieſes entbot König Heinrich den vierundzwanzig Baronen, den Spruch zu geben, worauf einer nach dem andern aufſtand und mit emporgehaltener Rechten den Eid ſchwur, Herr Haymon von Rullepart ſey ſchuldig, das Fräulein Haura von Antiochien wider ihren Willen geraubt zu haben, deß⸗ wegen ſeiner Ehren und Würden verluſtig und dem Tode verfallen.“ „Ihr habt Euch wohl gerächt, daß ich's empfinden werde, ſchönes Fräulein,“ ſprach der Ritter, als die vierundzwanzig Barone geſchworen hatten.„Und nun,“ ſetzte er hinzu, „laßt mich abführen, Herr König, und vergönnt mir ein bal⸗ diges Ende.“ König Heinrich von England war traurig und winkte trüben Blickes den Bewaffneten, welche den Verurtheilten umſtanden, als plötzlich mit einem lauten Schrei das Fräulein vor den König hinſtürzte, den Schleier zurückſchlug und rief: „Ich bitte um Gnade, Herr König von England, für den edlen Herrn Haymon von Nullepart, denn obgleich er mich wider meinen Willen geraubt, ſo hat er mich doch in Zucht und Ehren gehalten, da ich ihn pflegte. Schenkt ihm ſeine Würden und ſein Leben, indem ſeine Miſſethat ohne meinen Schaden abgegangen iſt. Auch wird meine Gegen⸗ wart nicht länger an das Geſchehene erinnern und von mir in dieſen Ländern bald nicht mehr die Rede ſeyn, da ich willens bin, morgen nach Hiſpanien zu ziehen, wo mein Oheim zu Sevilla Haus hält.“ König Heinrich war erſtaunt über die Schönheit des Mädchens von Antiochien und über ihre blonden Haare. Daß ſie die normänniſche Sprache, obwohl eine Morgenländerin, ſo zierlich zu handhaben wußte, wunderte ihn nicht minder und da er auch Herrn Haymon wegen manches guten Dienſtes, den er der Krone von England in ihren Nöthen ſchon geleiſtet, beſonders freundlich geſinnt war, ſo ſprach er, während er dem Fräulein ſich zu erheben winkte: „Was haltet Ihr für Rechtens, Herr Roger von Meulan, Großjuſtitiar von England?“ „Um der Gleichheit der Sachen willen,“ entgegnete der Großjuſtitiar,„gedenke ich Euch an einen Spruch zu mahnen, der vor ſiebenzehn Jahren erging, als zu Coutances ein hebräiſcher Jongleur geſtorben war und Herr Robert von Carneville deſſelben junge Wittwe mit Gewalt auf ſeine Burg geführt hatte. Damals bat die Jüdin, den chriſtlichen Glau⸗ ben annehmen zu dürfen, der Ritter verſprach ſie zu ehelichen, der würdige Erzbiſchof von Rouen bat um ſein Leben und König Wilhelm ſchenkte es ihm.“ Ein fröhliches Flüſtern ging bei dieſen Worten durch die Verſammlung und Ritter wie Edelknechte, Frauen wie Fräu⸗ lein und auch das andere Volk— alle dankten es mit vergel⸗ tenden Gebärden dem Herrn Roger von Meulan, daß er den Weg zur Gnade, zum Leben und zum Glück ſo wohlverſtändlich angedeutet. Auch König Heinrich ſprach mit wohlwollendem Lächeln: „Und was habt Ihr dazu zu ſagen, ſchönes Fräulein?“ „Fragt erſt den Ritter,“ erwiederte Haura und erröthete dergeſtalt, daß ſie, um es zu verbergen, ſchnell den Schleier wieder herabfallen ließ. „Ich,“ ſprach Herr Haymon unaufgefordert,„ich habe meiner Tage kein edler und liebevoller Frauenbild geſehen, danke ihr auch nebſt Gott mein Leben und hätte nie einen andern Willen gehabt, denn ſie als Dame von Nullepart zu feiern, wäre nicht ihr ſchnödes Heidenthum—“ „Wollt Ihr ihn aber Eures ſchnöden Heidenthums wegen ſterben laſſen?“ fragte der König wieder und gab ſeinem Schenken ein Zeichen, ſo daß dieſer einen goldenen mit Wein gefüllten Becher vor den König ſtellte. „Meine Mutter,“ ſagte Haura zögernd,„meine Mutter iſt mir in ihren geſunden Tagen und in ihren letzten Stunden dringend angelegen, daß ich dereinſt, wenn ich durch Ver⸗ hängniß Gottes in das Abendland geführt würde, zum Chriſten⸗ glauben ſchwören möchte.“ „Die Gelegenheit ſcheint günſtig,“ ſprach der König heiter. „Denn,“ fiel Dionys, der Hausvogt, ein,„es lebte ehe⸗ dem die eheliche Hausfrau weiland Herrn Hugos von Qui⸗ leſait, aus der Normandie, der als Pilger bei Tyrus von den Sarazenen erſchlagen worden iſt. Sein ſchönes Gemahl aber nahm der Emir von Antiochien aus den Gefangenen und hielt ſie als eine ſeiner Frauen. Und ſieben Monate nach Herrn Hugos Tod gebar ſeine Wittwe das Fräulein zu Antiochien, welches ſie heimlich taufte auf den Namen der heiligen Mathilde. Aus Furcht vor dem ungläubigen Herrn und Gebieter wollte ſie zwar der Tochter von dieſen Dingen nie erzählen, ich ſage es jedoch bei meiner Treue und bin bereit, es mit den ſchwerſten Eiden zu erhärten, dieweil ich Herrn Hugos Knecht geweſen bin und mit ihm und der Edelfrau von Quileſait vor achtzehn Jahren von dieſer Stadt Rouen auf Pilgerfahrt gen Orient zog und meinen Herrn bei Tyrus fallen ſah und ſeiner Hausfrau in die Gefangenſchaft folgte, allwo ſie nach ſieben Jahren aus Gram und Heimweh ſtarb. Und dort habe ich dieſe Zeit verlebt, bis die Kreuzfahrer mit der Beihülfe der heiligen Jungfrau Maria die Stadt Antiochien erobert, worauf ich meinen Sinn darauf geſtellt, das edle Fräulein, welches eine ſehr tugendſame Maid und mir allezeit eine fürtreffliche Gebieterin geweſen iſt, aus dem Kriege und 8 den wilden Stößen mit den Ungläubigen in ihr Vaterland zu bringen, was ich auch mit der Gnade Gottes ausgeführt habe. Und hier iſt der Siegelring meines Herrn Hugo von Quileſait, welchen ich ihm abzog, als er erſchlagen lag auf dem Strand von Tyrus.“ Als König Heinrich den Siegelring betrachtet und ihn erkannt hatte, hob er fröhlich ſeinen Becher empor und rief: „Hört, Ihr Herren und Frauen! Es lebe das edle Fräulein Mathilde von Quileſait, nunmehr die holde Braut des Herrn Haymon von Nullepart, den wir alſo begnadigen und in ſeine Ehren und Würden wieder einſetzen.“ Schon die Augenzeugen, welche dazumal zu Rouen vor dem Gerichtshofe ſtanden, alle Worte hörten und Alles ſahen was vorging, fanden es nachher ſehr ſchwierig, den andern, welche zu Hauſe geblieben, den Freudenlärm zu beſchreiben, der ſich jetzt in dem geſammten Umſtande des Gerichtes erhob und darum möchte es wohl den Spätergeborenen faſt unmög⸗ lich ſeyn, davon eine getreue Darſtellung zu geben. Eine ſchöne Augenweide war es ſicherlich, als die ganze Schaar des mächtigen Hauſes Quileſait herantrat, um das Fräulein als neugefundenes Zweiglein des alten und in ſeiner Art edlen Stammes zu begrüßen, als die Ritter und Junker, die Frauen und Fräulein ſie zu küſſen und ihrer Freundſchaft und Liebe zu verſichern eilten. Das Fräulein ſtand, wie man ſagt, in reizender Verwirrung, nach allen Seiten hingezogen, zumeiſt freilich nach Herrn Haymon, an deſſen Hals ſie ſchnell etliche Zähren geweint, dann nach dem getreuen Hausvogt Dionys, deſſen Anhänglichkeit in ihrem dunkeln Drange dieſen fröh⸗ lichen Ausgang herbeigeführt; nach König Heinrich von Eng⸗ land, der ſich heute ſo gnädig gezeigt und nach der freund⸗ lichen Verwandtſchaft, die ſie umdrängte und einſchloß. Wie dem auch ſey, es iſt hier nicht die Stelle, um all der Feſtlich⸗ keiten zu gedenken, welche zu Ehren Herrn Haymons Braut⸗ ſchaft und Hochzeit dazumal zu Rouen gefeiert wurden; aber drei Wochen darauf zog der Ritter mit ſeiner jungen, ihm jetzt angetrauten Haus frau und dem getreuen Hausvogt Dionyſius hinauf gen Nullepart und dort fingen ſie ihr ehlich Leben an, welches ſie bald zu großer Anmuth und Würde brachten. Es darf nicht vergeſſen werden, daß des Fräuleins biderbe Ge⸗ fährten im Walde, Arslan, der Löwe, Miri, der Edelfalke, die getreue arabiſche Viper und das andere Gethier, jetzt in der Burg verſammelt, den Herrn von Nullepart auch bald als den ihrigen anerkannten und ihm alle Dienſte leiſteten, die er billigerweiſe von ihnen verlangen konnte. Und da Alles ein ſo fröhliches Ende genommen, vielmehr das Ende wieder der Anfang eines glücklichen Lebens geworden, ſo kam es, daß Herr Haymon und Frau Mathilde gar oft die Stunde ſeg⸗ neten, wo ſie ſich im wilden Walde begegnet. — S „ — 8 — S Weißenſtein in Tirol. Dus Gnadenbild auf den Weißenſtein in Cirol. S Leifers an der Etſch. Im Herbſt 1847. B. unſerm Dörfchen, das ſonſt nur von der lebhaften Durchfuhr einige Bewegung erhält, herrſcht ſeit längerer Zeit eine eigenthümliche Aufregung. Die Veranlaſſung hierzu gab ein Gnadenbild, deſſen Geſchichte wir gerne erzählen wollen: Vor langen Zeiten alſo entſtand auf einem nahe gele⸗ genen gegen fünftauſend Fuß hohen Berge, welcher eine herr⸗ liche Ausſicht bietet, die Wallfahrt zu unſerer lieben Frau auf dem Weißenſtein. Ein frommer Bauer hatte nämlich auf höhere Eingebung an einer Stelle, die ihm die heilige Jung⸗ frau ſelbſt bezeichnet, ſein Grabſcheit eingeſtochen und ein Marienbild aus weißem Marmor gefunden. Wer daſſelbe dorthin vergraben, iſt bisher noch nicht erkundet worden, dürfte auch kaum mehr zu erfahren ſeyn, da ſeitdem ſchon dreihundert Jahre vorübergegangen ſind. Das Wunder zog das Volk mächtig an, es entſtand eine Kirche, die Andacht wuchs mit —0 140 2— S jedem Tage und die Wallfahrt wurde landberühmt. Das reichliche Opfer, das da zu fallen kam, überzeugte allmälig auch die Prieſterſchaft, welch'herrlichen Gnadenſchatz der Himmel in dieſer windigen Höhe eröffnet; die Anfangs kleinen Gebäude wurden immer vergrößert und endlich im Jahre 1718 ward das neuerbaute ſtat n⸗Orden übergeben. So Jahrzehend in fröhlicher Frömmigkeit auf ihrem Gnadenberge, geehrt von den Männern, geliebt von den Weibern und freuten ſich des nie verſiegenden Segens, den die Gottesmutter, ihre eigen⸗ thümliche Herrin, über das Kloſter ausgoß. Der ehrwür⸗ dige Convent gulinte für und für und vas ſteinerne Bild wirkte ſeine Wunder täg ündlich bis zum Jahre 1787, als Kaiſer Joſeph den fro rein auseinandergehen, die Gebäude verkaufen und das Marienbild den Berg herunter⸗ wandern ließ in die Kirche von Leifers zur bequemern zeiter⸗ ſparenden Andacht. Von jener Zeit her ſchreibt ſich aber ein ſchwerer Zweifel, wo das wahre Gnadenbild zu finden ſey. Die Diener Mariens behaupteten nämlich dazumal im Stillen, ſie hätten nureine. Nachbildung abgegeben und das ächte wunderthätige ol ſey zurückgeblieben auf dem Weißenſtein, den es ſich ſelbſt als ſeinen Ruheſitz erkoren. Dieſer Glaube erhielt ſich auch im Volke, das nach Kaiſer Joſephs Willens⸗ meinung wenig fragte und noch ſtets den alten rauhen Stein⸗ weg zum Heiligthum auf dem Berge einſchlug, jedoch nicht, ohne— Sicherheitshalber— auch das Bild in der Kirche von Leifers zu begrüßen. Es iſt begreiflich, daß die Wallfahrer, wenn ihnen geholfen worden, nur ſelten an⸗ geben konnten, ob es unten oder oben geſchehen ſey. So blühte viele Jahre lang ein reger, aber ſtiller Doppel⸗ kultus, bis die Serviten zu Innsbruck ſich wieder des hohen Gnadenortes erinnerten, der einmal ihr Stolz und ihre Freude geweſen. Die„Erhebung des katholiſchen Bewußtſeyns“ hatte auch dieſen Orden ergriffen und er glaubte das Seinige thun zu müſſen für gänzliche Wiederherſtellung des alten hei⸗ ligen Tirols. Im Jahre 1833 erbat er von dem Kaiſer die Herſtellung des Hoſpizes auf dem weihevollen Berge, fand aber noch kein geneigtes Ohr. Die Diener Mariens gaben gleichwohl das gute Werk nicht auf, ſondern kauften vielmehr das alte Gebäude und bezogen es nohim ſelben Jahre. Als dies geſchehen, erweichte eine höhere Macht auch das Herz des Kaiſers und er genehmigte nachträglich die neue Anſiedelung. Nun gewahrte aber das aufmeikſame Auge der frommen Väter, daß aus alter Gewohnheit und kaum mehr zu recht⸗ fertigendem Schlendrian in der Wallfahrtskirche zu Leifers doch noch einiges Opfer dargebracht werde, und es ſchien daher gerathen und nothwendig, auch dieſes dem einzig wahren und ächten Marienbilde auf dem Berge zuzuwenden; denn daß dieſes allein und kein anderes jenes alte ehrwürdige ſey, welches der fromme Bauer ausgegraben, dies zeigte ſich erſt jetzt recht deutlich durch die vielen und ungläublichen Wunder, welche die ſteinerne Maria zu wirken anfing. Es kam nun darauf an, das Bild zu Leifers, das nebenbei auch nicht un⸗ glücklich forterperimentirte, ſeiner angemaßten Wunderkraft zu N ———— 8 — 142 2 entkleiden. Allein es zeigte ſich hier, daß nichts ſchwieriger ſey, als ein unächtes Gnadenbild, dem einmal etliche Mirakel gelungen, wieder von dieſer ſeiner Unart abzubringen. Da“ erſuche ſcheiterten, ſo ſchien es denn nicht ſo faſt zum der ehrwürdigen Serviten als vielmehr der Mutter Gottes ſelbſt, daß man nunmehro die Tradition umſtürzte, in dem Bilde von Leifers das wahre und getreue Ebenbild der körperloſen Jungfrau im Himmel anerkannte, zugleich aber auch demſelben den ſtummen Wunſch nach oben in's Herz legte, als empfinde es eine faſt menſchliche Sehnſucht nach der herrlichen Ausſicht, der ſchönern Lage, der reinern Luft, dem anſtändigern Haushalt und den andern Bequemlichkeiten auf den Höhen des Weißenſteins, ſowie auch nach der geläuterten Geſellſchaft der frommen Serviten, was ihm nicht zu verargen wäre, da es in unſerm Dorfe hauptſächlich nur Floßknechte und Fuhrleute um ſich ſieht. Die Herren von Weißenſtein baten daher dringendſt um die Rückgabe des wunderthätigen Bildes. Unſer Gouverneur, aus dem gräflichen Geſchlechte derer von Brandis, ein andächtiger Staatsmann, ſelbſt Mitglied mehrerer frommer Brüderſchaften, in welche er ſich mit würde⸗ voller Feier aufnehmen ließ, Verfaſſer eines lateiniſchen Ge⸗ betbuches und einer Geſchichte Friedrichs mit der leeren Taſche, unſer Gouverneur, der ſich auch um die Verehrung der vier⸗ zehn Nothhelfer und mehrerer anderer obſuleter Heiligen namhafte Verdienſte erworben hat, überſah die tiefe Bedeu⸗ tung und volksthümlich religiöſe Wichtigkeit dieſer Sache keineswegs. Er ließ die Gemeinde vorerſt durch den Propſt — 143 2— von Botzen zur freiwilligen Herausgabe ermahnen, jedoch ohne Erfolg, ſintemalen die Gemeinde behauptete, das wun⸗ derthätige Bild ſey durch kaiſerliche Uebertragung und unvor⸗ denkliche Verjährung ein Beſtandtheil des Kircheninventars geworden und tönne daher ohne Surrogirung eines andern gleich kräftigen Gnadenbildes nur mit empfindlichſtem Scha⸗ den abgetreten werden; es ſey auch letzteres um ſo weniger nöthig, als ja nach der früheren Ausſage der Sachverſtän⸗ digen das wahre Bild noch immer auf dem Berge verehrt werde, jenes im Dorfe nur eine Nachahmung und ihnen daher wohl zu vergönnen ſey, daß ſie für gichtbrüchige, lungen⸗ ſchwache und andere Perſonen, die des Berges nicht mehr mächtig werden möchten, eine verhältnißmäßig zugänglichere Wallfahrt beſäßen. Der Gouverneur war durch die Ant⸗ wort keineswegs befriedigt, fand vielmehr jene Anſicht eher einfältig als weiſe und gab nunmehr ſelbſt den Befehl, das Bild herauszugeben. Statt dieſen Beſcheid zu ehren, blieben aber die Leiferſer mit bedauerlichem Eigenſinn auf ihrem gngeblichem Rechte ſtehen und behelligten ſogar die höhern Stellen mit dem Streite um das Gnadenbild. Leider ſcheint auch, man weiß nicht wie, manche irdiſche Verſtimmung ſich eingemiſcht zu haben und die Leiferſer nahmen Dinge zu Hülfe, welche ſie zum Beſten der Serviten vielleicht lieber aus dem Spiel gelaſſen hätten. Sie legten nämlich ihrer Streitſchrift eine Schachtel bei, welche verſchiedene Bilder, Täfelchen, Ablaßbriefe, ge⸗ weihte Waſſer für Vieh und Menſchen und eben ſolche Brote enthielt, lauter Artikel, welche in einem wohl aſſortirten Laden neben dem Tempel der heiligen Jungfrau für ihre und ihrer Diener Wohlfahrt verkauft werden. Die oberſte Hofſtelle zu Wien, welche bei der in dem übrigen Kaiſerſtaate immer mehr überhand nehmenden Aufklärerei ſich ſchon lange außer allem Verkehr mit Gnadenbildern halten ſoll, ſcheint die Vorlage mißverſtanden und die paſtorale Bedeutung dieſer Erbauungs⸗ mittel gänzlich verkannt zu haben,— ja ſie ging ſo weit Nachforſchungen anzuſtellen, ob dieſer„Unfug“ noch beſtehe. Die Sewiten mußten fühlen, daß ihrer Andacht, ihrer Fröm⸗ migkeit und ihrem Eifer für die wahre Verehrung des ächten Bildes zu wenig Rechnung getragen werde und ſo nahmen ſie ihr Geſuch„einſtweilen“ zurück, nicht ohne Hoffnung, daß einſt auch für ſie eine freundlichere Sonne leuchten werde. Dieſe heraußzuführen, iſt, man muß es anerkennen, unſer Gouverneur emſig befliſſen; war er ja doch ſchon einmal Willens, das Nebenbild zu Leifers an der Spitze eines Ba⸗ taillons der Kaiſerjäger zu begrüßen und es mit kriegeriſchem Gepränge auf den Weißenſtein zu führen; vielleicht das beſte Mittel, um den Eigenſinn der Leiferſer zu brechen. Noch alle Jahre begnadigte Se. Excellenz auch das Bild auf dem Weißenſtein mit ſeinem hohen Beſuche, wodurch dieſem eine offizielle Beglaubigung erwuchs, die ſeine Luſt, Wunder zu wirken, noch ungemein angeeifert zu haben ſcheint. Nichts deſto weniger iſt auch das Herz Sr. Ercellenz nicht ganz frei von Zweifeln, die nur dann erlöſchen werden, wenn das Bild von Leifers einſt auf die Höhe von Weißenſtein gebracht und dadurch die Möglichkeit gegeben ſeyn wird, die beiden Mütter Gottes zu vergleichen und die unächte herauszuerkennen. Unter⸗ deſſen gibt die hohe Bedeutſamkeit, welche die wiederauflebende Wallfahrt in unſerm Leben gewonnen, ſchon Anlaß zum heil⸗ ſamſten Verkehre mit unſern italieniſchen Nachbarn. Bei der großen Zahl von Meſſen nämlich, welche durch die Wallfahrer beſtellt werden, iſt es dem deutſchen Clerus unmöglich gewor⸗ den, ſie alle rechnungsmäßig abzulöſen. So gehen denn all— jährlich viele Hunderte dieſer Meſſebeſtellungen nach Welſch⸗ land, jedoch zu herabgeſetzten Preiſen, da dieſelben dort um zehn bis zwanzig Prozente wohlfeiler verarbeitet werden als in Deutſch⸗Tirol. Der Ueberſchuß verbleibt, worüber ſich der Patriot nur freuen kann, in deutſchen Händen und trägt nicht wenig bei zum gottgefälligen Leben unſeres Clerus. Die ſchlichte Erzählung der Geſchichte von dem Gnaden⸗ bilde möchte übrigens darthun, daß wir hier zu Lande noch im Stande ſind, das Itdiſche dem Ueberirdiſchen unterzu⸗ ordnen und das Ewige nicht zu vernachläſſigen über den Fragen der Gegenwart. Sollte ſich auch das Projekt der Eiſenbahn, die Etſchregulirung, die Forſtfrage und anderes Dergleichen in neuerer Zeit ungebührlich breit gemacht haben, ſo weiß Jeder, der unſere Verhältniſſe genauer kennt, daß wir uns aus allen dieſen Wirrſalen, Möglichkeiten und Un⸗ möglichkeiten immer gerne wieder an der Hand unſerer Prieſter zurückwenden zu den Angelegenheiten unſers ewigen Heils. —12e3— Steub, Novellen. — — — 8 S — = — — — 4. 8 Eine Woche am Podenſer. Im Frühling 1850. —2 & on Augsburg bis ins Allgau hinauf begleitete uns damals das abſcheulichſte Wetter; aber als wir in tiefer Nacht über die Lindauer Brücke rollten und erwachend nach dem Himmel auslugten, waren alle Schneewolken abgezogen, und die Sterne funkelten in hellem Glanze. Um aber vom Wetter abzukommen, ſo iſt es bekanntlich eine fehr intereſſante Streit⸗ frage, ob die Inſel, auf welcher Tiberius bei der Beſiegung der Rhätier ſein Caſtell gebaut, für Reichenau oder für Lindau (mit ſeiner Heidenmauer) zu halten ſey. Indeſſen läßt man jetzt in letzterer Stadt dieſen alten Hader gutmüthig liegen, und beſchäftigt ſich deſto eifriger mit Rhederei und Küſten⸗ ſchifffahrt, ſo daß die Lindauer im Sommer ihre bayeriſche Flagge ſelbſt unter den Wällen von Schaffhauſen wehen —6 150 3— laſſen. Wenn nun der Wanderer ſieben lange Jahre vom Leben auf den Waſſern nicht mehr geſehen als Iſarflöße und die Einbäume auf dem Würmſee, ſo begrüßt er mit geziemen⸗ der Freude die ſchnellen Dampfer mit ihrem ſchlanken Leibe, die da im Port ſo heimlich aus⸗ und einfahren. Auch ſieht er da noch manches Andere, wovon man ſich zwiſchen München und Fürſtenfeldbruck nichts träumen läßt, wie Hafenbauten, Baggermaſchinen, Schiffswerfte, Leuchtthürme ꝛc. Selbſt von Matroſen hört man ganz ernſthaft ſprechen und von Schiffskapitänen, gleichſam als ſäße man am Strand der Nordſee bei einem Auſternfrühſtück. Nicht minder weichen die alten„Lädinen“, dieſe Oſtindienfahrer des Bodenſee's, die ſchon Tiberius kopfſchüttelnd betrachtet, nicht minder weichen auch ſie dem neuen Geiſte der über dieſen Waſſern ſchwebt, und gehen in den modernen Laſtſchiffen auf, welche, elegant und ſchön betakelt, nach den beſten Hamburger Muſtern ge⸗ baut ſind. Und endlich, was ein empfindſames Herz ſo ſinnig anſpricht, der edle Theergeruch an dieſem Hafen, der unmittel⸗ bar vom Weltmeer hereinzuduften ſcheint, und die Gedanken auch wieder hinausträgt ſo weit die deutſche Flagge weht, und ſie verrinnen läßt zu einem ungeheuern Welttraum von deutſcher Bedeutung und Wichtigkeit, von Nationalreichthum und kosmiſchem Güterleben! Wer übrigens in dieſen Tagen an den Bodenſee kommt, der findet die Gemüther wie umgeſtülpt. Alle großen und gefährlichen Ideen ſcheinen auf leichten Schwingen davon⸗ gezogen, und man hört kein Wort von den mächtigen Fragen welche Deutſchland erregen, weder in den Weinſchoppen noch in den Gaſthäuſern, nicht auf den Dampfbooten, nicht am Familientiſche. Die Lindauer ſind ſo getreu wie je, und brüten nur über einem zweifachen Räthſel: warum man näm⸗ lich den Bürgern monatelang Einquartierung beſchert und die Kaſerne leer gelaſſen, und warm ſie damals der General F.“ ſo entſetzlich angefahren habe. Letzteres namentlich hätten ſie nur im Bewußtſeyn ihrer Unſchuld ſo ruhlg ertragen können, ſonſt aber in keinem Fall. Uebrigens haben die unaufhör⸗ lichen Märzbewegungen das alte ſchwäbiſche Lindauer Ba⸗ taillon, das ſich ſeit den Kriegszeiten ſelbſt an den Seewein“ gewöhnt hatte, bis nach Lohr in Unterfranken geſchoben, und dafür liegen jetzt altbayeriſche Krieger von Paſſau in Be⸗ ſatzung. Von Spannung aber fühlt man nichts, da der gemeine Mann ſo zu ſagen„ein guter Kerl“ iſt, und die Offiziere von Anfang an erklärt und bisher gezeigt haben, daß ſie mit den Bürgern angenehme Freundſchaft pflegen wollen. Auch Bregenz liegt nicht weit von Lindau, ſtolz auf ſeinen Gebhardsberg, der die unendliche Fernſicht über den See und über alemanniſches Hoch⸗ und Flachland bietet. An einem hellen Sonntagsnachmittag ward ſelbſt dieſer Stadt ein Beſuch gemacht auf einer Landſtraße, die, ſobald ſie den kaiſer⸗ lichen Boden erreicht, eine Zierlichkeit entfaltet, wie wir ſie „im engern Vaterlande“ ſchwer wieder zu finden wüßten. Uebrigens iſt jetzt zwiſchen Lindau und Bregenz daſſelbe herz⸗ liche Einverſtändniß, wie zwiſchen Ludwig von der Pforten und Felir von Schwarzenberg. An jenem Tage war es auf dem langen Wege wie ein eifrig und inbrünſtig gepflogener Bittgang von lauter öſterreichiſchen Infanteriſten, welche ihr Vaterland auf einige Stunden verließen, um in den Schenken und Brauhäuſern auf der bayeriſchen Seite ſowohl ihren Durſt zu löſchen als konſtitutionelle Ideen auszutauſchen. Auch der Winter verging ſehr luſtig bei dieſer Freundſchaft. Noch am Anfang des Märzen erzählte man von den Bällen welche die Helden von Oeſterreich den Fräulein vom See be— reitet, und ſelbſt jetzt ſoll man auf dem Caſino zu Lindau noch leicht die ſeelenvolle Harmonie entdecken, welche zwiſchen den Schönen und Tapfern von dies⸗ und jenſeits lieblich nachdauert. So viel iſt übrigens richtig, daß jetzt in Vorarlberg eine ehrfurchtgebietende Armada beiſammenſteht. In Bregenz war auf den Straßen kaum durchzukommen vor Soldaten, und weiter hinein in Dörfern und Flecken ſoll man ſich auch ſchwer rühren können. Außerdem iſt noch der Bau eines Hafens zu erwähnen, der ſehr ſtattlich zu werden verſpricht, jedenfalls ſchon angelegt für die Zeiten, wo die Zollſchranken gefallen ſeyn werden, denn bis jetzt liegt das Städtchen nicht innerhalb der großen Verkehrslinien des Seels. Die Stimmung der Bewohner war natürlich in zwei Stunden, während welcher man ſich wenig mit ihr abgab, nicht leicht herauszufinden. Die Beamten ſchienen zu hoffen, es werde denn doch einmal wieder gehen; das Miniſterium ſey ungeheuer thätig und ſo ſchnell im Fortſchritt, daß der Untergebene kaum mehr nach⸗ fomme. Das übrige Publikum ſchien etwas zaghaft und ver⸗ ſtimmtwegen Einquartierung, Papiergeld, drohender Steuern:c. —6 153 8— Vorarlberg iſt bekanntlich ein Land voll geſcheidter Leute, die zum Theil ſehr reich ſind, große Fabriken beſitzen und weite Reiſen machen, mit mannigfaltigen Ideen und der Kenntniß fremder Zungen behaftet. Früher war das Gebiet eine Art Afterrepublik unter habsburgiſcher Zucht, welche bei ſo großer Ferne in nachſichtige Gemüthlichkeit ausartete. Die Fürſten und Herren, welche ehedem dieſes rhätiſche Vorland ziemlich ſchlecht bewirthſchaftet, wurden ſchon vor langen Zeiten von dem Erzhauſe ausgekauft, und ſo hat das Ländchen von den Vorzügen einer hohen Ariſtokratie keine Erinnerung mehr, jetzt auch keine Begier darnach. Es gefällt ſich vielmehr möglichſt demokratiſch einherzugehen, und zeigte im Jahr der großen Erhebung einen ſchönen und rühmenswerthen Zug nach einem großen, deutſchen Vaterlande, welches leider zur Zeit noch Vorarlberger und Nichtvorarlberger vergeblich ſuchen. Der Unterſchied zwiſchen Herr, Bürger und Bauer ſcheint hier ſogar im äußerlichen einer Ausgleichung ſehr nahe. Die Landleute gucken jetzt ſogar ins Modejournal, um ſich Sach⸗ dienliches herauszunehmen. Die jungen Bauernweiber und die Mädchen kommen mit Hüten in die Stadt vom ſelben Schnitte wie die der Kreispräſidentin, nur von wohlfeilerem Zeuge— Halbhüte heißen ſie— und den gebräunten Nacken deckt ein langer Shawl. Man kann nicht ſagen daß dies übel ausſieht, aber doch bin ich darob„verhofft“. Ich glaube es war die Eiferſucht des„Gebildeten“, daß ſich die Andern nun auch gebildet kleiden wollen, und ſohin faſt ein ſchnö⸗ des Gefühl. Seyen wir alſo nicht zu bedenklich über dieſe 154 3— Erſcheinung, und wenn wir eine junge Bauerndame von Bregenz mit Halbhut und Shawl, und eine friſche Mies⸗ bacherin mit Mieder und Spitzhut vor uns haben, ſo laßt uns keine derſelben durch Zurückſetzung kränken, vielmehr beide freundlich willkommen heißen. Selbſt gen Conſtanz iſt man gefahren, faſt nur aus Patriotismus, aus dem Streben ſich an Allem was das Vater⸗ land Großes und Schönes hat, zu erbauen, dießmal nämlich an dem herrlichen Heere, an dem dunkelblauen Bollwerk Deutſchlands. Das hab' ich immer als eine meiner wenigen Tugenden anerkennen müſſen, daß ich ſelbſt die Preußen gern habe, und dieſe Zuneigung auch widerſtrebender Umgebung mitzutheilen ſuche. Ueberhaupt, wenn uns nicht, wie man euphemiſtiſch ſagt,„die Geſchichte“ auseinanderhielte, man könnte faſt zur Einſicht kommen, daß die gegenſeitigen Stammes⸗ eigenthümlichkeiten einander eher anziehen als abſtoßen. Alſo um die Preußen zu ſehen in ihrer Pracht, ſtand ich auf dem Dampfboot, das gegen Weſten fuhr, nach dem uns glücklich erhaltenen Großherzogthum Baden. Es war ein elegiſcher Abend, wo der See ſchon ſchlummerte noch ehe es Nacht war, und eine feurige Wolke, halb ſo groß als der Abendhimmel, über der Schweiz hing, und der Kirchthurm von Uttwyl ganz ſchwarz in die Gluth hineinſtieß. Die Dörfer und Städte auf dem fernen deutſchen Ufer verloren ſich mälig in die blaue Finſterniß, während die Häuſer und Schlöſſer auf dem eidge⸗ nöſſiſchen ihre Lichter anzündeten, die Abendglocken läuteten und die beſchneiten Berghäupter von Rhätien und Helvetien — 155 3— ein zartes Alpenglühen überkam. Der Dampfer ging tief⸗ athmend ſeinen Weg durch die ſpiegelglatte Fluth, immer abend⸗ wärts, und zuletzt ſtiegen wir in der That bei finſterer Nacht zu Conſtanz auf den Damm, wo die Pickelhauben— mein Reiſeziel— unſerer warteten. Eine Pickelhaube iſt aber wirklich ein ſchwarzlederner Sturz über einen preußiſchen Kopf, trägt vorne einen Adler und verjüngt ſich oben in eine metallene Spitze. Sonſt iſt die Pracht der Kriegsgewänder etwas abgetragen, und es ſcheint ſeit dem badiſchen Feldzuge nicht mehr viel dafür ge⸗ ſchehen zu ſeyn. Das Regiment iſt aus der Gegend von Magdeburg, und gilt im Ganzen für wohlerzogen und ſittſam. Die Offiziere geſtatten Annäherung im Muſeum, gehen aber ſonſt nicht mit den Bürgern um. Nach verläſſigen Angaben iſt man mit den Preußen als Quartierleuten im badiſchen Oberlande nicht übel zufrieden. In Vorarlberg lobt man auch die Oeſterreicher, freilich mehr die aus deutſchen Ländern als die andern. Ebenſo haben die Bayern am Unterſee und im Schwarzwald ein gutes Andenken hinterlaſſen, und es iſt eine wahre Geſchichte, daß ſie ihre Freiſtunden hergaben um den Knechten und Dirnen in Hof und Feld zu helfen, wofür ſie dann manche Freundſchafts⸗ und Liebesdienſte zurück⸗ erhielten. Anmaßender und begehrlicher ſeyen die Württem⸗ berger und über dieſe noch die Heſſen geweſen, weil der Dünkel deſto größer ſey, je kleiner die Armee. Conſtanz iſt nicht arm an Merkwürdigkeiten. Das große Concilium goß einen ſoliden Heiligenſchein auf das beſcheidene — 156 2— Seeſtädtchen, das ſeitdem nach allgemeiner Meinung freilich immer mehr heruntergekommen iſt, und wie ſchon der griechiſche Weltweiſe bei Jacobs vorhergeſagt, jene kurze Zeit der kirch⸗ lichen Wollüſte mit langer Verkümmerung bezahlen mußte. Auch das Haus wird gezeigt, wo Barbaroſſa mit den lom⸗ bardiſchen Städten ſeinen Frieden ſchloß, nun ein Weinhaus, in dem man noch jetzt eine Flaſche guten feurigen Barbaroſſa trinken kann. Nicht minder iſt die Herberge anzumerken, wo Johannes Huß gewohnt. Die Stelle, auf der der fromme Held verbrannt worden, war viele Menſchenalter hindurch vergeſſen oder wenigſtens beſtritten, iſt aber jetzt durch Pro⸗ feſſor Joſua Eiſelin wieder glücklich feſtgeſtellt, und liegt in dem Gartenland vor den Thoren, nicht weit von dem Plane, wo Herzog Friedel von Tirol ſein„Geſtech“ hielt, um Jo⸗ hann MMIl. unbeachtet aus der Stadt zu bringen. Den Weg zur Wiederfindung wies die Chronik Herrn Ulrichs v. Reichen⸗ thal, der damals zu Conſtanz lebte und die traurige Feierlich⸗ lichkeit mit vielem Fleiße beſchrieben hat. Dieſes Zeitbuch, vor langen Zeiten einſt gedruckt, iſt jetzt wieder faſt verſchollen und ſollte jüngſt neu aufgelegt werden, was aber wegen der Koſtſpieligkeit des Unternehmens nicht auszuführen war. Es wird auf dem Stadthaus mit großer Freundlichkeit gezeigt, und enthält viele leidliche Malereien, die den Hergang der Dinge ſehr angenehm verdeutlichen. Wer nicht Muße hat das ganze Buch zu leſen, der läßt ſich doch die Stelle zeigen wo Huſſens Gericht beſchrieben wird. Da kommt er ſelbſt auch mehrmals vor im Conterfei mit blonden lockigen Haaren, bleichen Antlitzes und ohne Bart; die Worte aber, die ſein Martyrium ſchildern, nachdem er auf dem Scheiterhaufen ſtand, lauten wie folgt:„Und wolt angefangen haben zu predigen in tütſch, das wolt ihm Herzog Ludwig(von der Pfalz) nit vergunen und hieß ihn brennen. Da nahm ihn der Henker und band ihn mit Schuh und Häs und zündt das Feuer an. Da ſchrie er vaſt und was bald verbrunnen.“ In hiſtoriſcher Feierſtimmung ging ich nun an das Thor und behändigte der Wache ein vortreffliches Certifikat über die Unſchuld meines Reiſezweckes, welches man mir in Lindau als einen Talisman übergeben hatte, erntete aber damit nur Zurückweiſung. Das wiſſen nämlich die wenigſten, wie ſtreng es jetzt die Conſtanzer Preußen mit dieſen Urkunden halten. Schon des Tags zuvor war ich auf der Stadtkommandantur geweſen, um ſicheres Geleit zu haben, und hatte wegen des großen Zudrangs gegen drei Viertelſtunden gewartet. Eine Menge Eidgenoſſen niederen Schlags ſtanden da, alle mit hocherhobenen Zettelchen vor den Barren. Ein ſchöner Jüng⸗ ling und Lieutenant wandelte die ſchweizeriſchen Gäſte in preußiſcher Sprache ab; ein badiſcher Offiziant vermittelte das Verſtändniß wenn es zu leiden ſchien. So bekam zuletzt ein Jeder ſein Papier zurück und ging gemüthlich ſeiner Wege ins Freie— bis auf mich, der's zum andern Morgen verſparte, und dem dann der Soldat am Thore bedeutete, daß kein Aus⸗ gang geſtattet werde. Umſtempeln, ſagte er, müſſen ſich um⸗ ſtempeln laſſen, weil das Viſa von geſtern iſt. Zog alſo ver⸗ drießlich abermals auf die Commandantur, wo ſchon wieder —6 158 8— ein anderer Lieutenant am Viſirtiſche ſtand und gnädig ſeine Schuldigkeit that. Derweilen war aber das Dampfſchiff reiſefertig geworden, und ich eilte was ich konnte auf ſein freies Deck— once more upon the waves— und es war mir als wäre ich glücklich aus der Hausvogtei entkommen; verſparte auch den Beſuch bei Huſſens Todtenmal auf ſchönere Tage, wo es den Preußen nicht mehr die Dienſtpflicht ge⸗ bieten wird ſo beſchwerlich zu ſeyn. Dieſe Quälerei iſt übrigens ſo gleichheitlich ausgetheilt, daß ſie Jeden trifft, die Einwohner wie die Fremden, und daß die reicheren Schweizer⸗ bauern, die ſonſt ſo viel Hausbedarf in Conſtanz holten, den Burgfrieden der Stadt faſt nicht mehr betreten. Die Bürger nehmen das auch ſehr ſchwer, und Einer meinte, wenn die Gewalthaber nur fünf Minuten darüber nachdenken wollten, was das für ein Schaden ſey, ſo müßte es bald anders werden. Die Beamten dagegen, die vom beſten Geiſte beſeelt ſind, be⸗ haupten, jetzt könne man doch wieder einmal regieren. Einer derſelben war ſo tief durchdrungen von den Vortheilen dieſes Zuſtandes, daß er die Hypotheſe aufſtellte: um ſie einzuſehen brauche man von den gewöhnlichen fünf Sinnen nicht mehr als ihrer drei, und für jeden Mann der badiſchen Ordnung ſey es unausſtehlich geweſen, wie vorm Jahr die junge Schweiz alle Sonntage herübergekommen und in allen Wirths⸗ häuſern die unfläthigſten politiſchen Toaſte ausgebracht. Jetzt ſey dem vorgekehrt, und kein Schaden, daß die herrlichen Preußen einen Appenzeller Kuhhirten unter Pönitenz geſtellt, weil er ein Scharlachleibchen trug, und einem Schiffskapitän — 159 3— verboten, mit ſeinem rothen Griechenfeſi ferner an Bord zu prunken. Einen jungen Bayern ſoll man auch wegen win⸗ zigen Rede⸗Erzeſſes auf Wochen gen Raſtatt geführt haben. Gar gefährlich iſt es insbeſondere ungünſtig von dem König von Preußen zu ſprechen, was in Bayern doch Vielen zur andern Natur geworden. II. In Rorſchach iſt ganz anderes Leben— es ſtehen zwar auch drei Landjäger am Hafen, aber das iſt nur Zierrath, ſonſt weit und breit keine Uniform. Dieſer Flecken iſt am See das vornehmſte Emporium der Schweiz, daher voll Reg⸗ ſamkeit. Manches Republikaniſche fällt dem Beobachter auf — ſo ſchon die Wirthshäuſer, wo die ſüddeutſche Unterſchei⸗ dung in Zech⸗ und Herrenſtube verſchwindet, und den freien Männern, ſey auch der Stand verſchieden, doch Wind und Sonne gleich vertheilt werden. Es herrſcht hier nicht der Schmutz des zerriſſenen Bodens, zerbrochener Scheiben und rauchiger Vorhänge, ſondern die freundliche Behaglichkeit einer gutgehaltenen Wohnſtube mit reinlichen Tiſchen und hellen Fenſtern auch für den gemeinen Mann. An den Wänden weniger ſchlechte Heiligenbilder, ſehr ſelten die abgedroſchene Geſchichte der heiligen Genofeva und des verlornen Sohnes, aber deſto mehr Landkarten, Stadtpläne, hübſche Lithographien, Bildniſſe bedeutender Männer. Außerhalb des Fleckens ſieht man fleißig gebaute, mit Obſtbäumen bepflanzte Felder, eine treffliche Straße und hohe, ſtattliche, mit dem glänzenden Schuppenpanzer bekleidete Bauernhäuſer. St. Gallen aber, die Stadt des heiligen Gallus, iſt ein gar erquickendes Bild, und zeigt wie Freiheit, Fleiß und Bil⸗ dung den Menſchen heben und auf dieſer Welt faſt ſchon glücklich machen können. Dieſe Sauberkeit der äußern Er⸗ ſcheinung hat man in deutſchen Ländern nur ſelten wahrge⸗ nommen. Die Häuſer, alle ſo blank geputzt, ſo wohlſtändig, ſo zufriedenen Ausſehens, wetteifern in heiterm Glanze mit den Paläſten, welche für Schulen, Spitäler und derlei öffent⸗ liche Anſtalten erbaut ſind. Man glaubt bei jedem Tritte zu merken, daß auch der letzte Pfennig des öffentlichen Seckels, ja ſelbſt die„Erübrigungen“ zum wohlverſtandenen Heile des ſteuernden Bürgers verwendet werden. In den Bergſchluchten außerhalb der Stadt, wo die Gewäſſer von den Höhen her⸗ unterſtürzen, ſtehen prächtige Fabrikgebäude, eines über dem andern zwiſchen Gärten und kleinen Hainen. Auf den Gaſſen bewegt ſich fleißig eine gutgekleidete Bevölkerung verſtändigen Ausſehens, und wenn man nach einem Hauſe fragt, ſo gehen die Leute als Wegweiſer mit bis vor die Thüre. Außerdem herrſcht große Sicherheit des Eigenthums, und man hört nicht daß in der guten Geſellſchaft Regenſchirme und Mäntel„mit⸗ genommen“ und im Leſezimmer Bilder aus den Büchern ge⸗ ſchnitten werden. Vieles entbehrt man freilich, wenn man aus unſern deutſchen Großſtädten kommt, z. B. die Wach⸗ parade und den Zapfenſtreich, die Livreebedienten und die Kammerjunker, die Hof⸗ und die Reichsräthe u. ſ. f., aber wie leicht werden uns dieſe Entbehrungen, wenn nur der erſte halbe Tag überſtanden iſt! Sonderbar klingt es, daß ohne großartigen Kunſtbetrieb allenthalben zu Stadt und Land ein Streben nach Eleganz und ſchönen Formen für Haus und Stube bemerkbar wird, während anderswo Bürger und Bauer um die„moumentalen Schöpfungen“ ſo gedankenlos und ungelehrig herumtrollen, wie der egyptiſche Fellah um ſeine Pyramiden. Was die Menſchen betrifft, ſo kann man nicht gerade ebenſo von Eleganz und ſchönen Formen ſprechen, aber man bewegt ſich in freund⸗ lichen, zweckmäßigen Manieren ohne überflüſſige Süßigkeiten. An der Wirthstafel im Löwen, wo doch auch große Männer da waren aus dem Kanton, war keiner in ſeinem Benehmen jenem Würdenträger zu vergleichen, der etliche Jahre lang im bojvariſchen Hof zu Ir Ir Jeden mündlich abraufte, den das Unglück in ſeine Nähe führte. Uebrigens haben ſich die St. Galler wie die andern Schweizer um die Würde und Hoheit eines großartigen Beamtenthums muthwillig ſelbſt gebracht, da ſie ihre Obrigkeiten auf kurze Jahre wählen, den aller⸗ wenigſten einen Gehalt und keinem eine Penſion geben. Selbſt die Richter werden durch alle drei Inſtanzen nur auf Zeit er⸗ koren, gelehrte und ungelehrte durcheinander, brauchen auch kein Geſetzbuch. Was hätte man da in Bayern ſeit Wigulejus von Kreitmahr an herrlichen Talenten erſparen können, wenn ſie ſo betrieben worden wäre die Jurisprudenz, dieſer, wie Johannes Loredanus ſagt, scopulus fatalis celeberrimorum ingeniorum et oceanus qui sublimissimos spiritus absorpserit. Stenb, Novellen 1 — 162 8— Freilich wird im Ausland zuweilen angenommen, die ſchwei⸗ zeriſche Rechtspflege bethätige ſich überhaupt mehr in väter⸗ lichen Ermahnungen als in ernſtgemeinten Aufträgen, und es ſey nicht ſo leicht zu dem Seinigen zu kommen, aber ſollte es nicht auch andere Länder geben, wo die Rechtsgelehrſamkeit in tropiſcher Blüthe ſteht, und wo gleichwohl die theuern Ge⸗ richte durch Geſetz und Praris, durch Richter und Advokaten, und durch die Schelmerei der Parteien ſelbſt nur groteske Aſylanſtalten werden, immer beſchäftigt den Schuldner vor dem Gläubiger zu bergen— ungefähr das gerade Gegentheil von dem was ſie ſeyn ſollen und wofür ſie bezahlt ſind? So viele Nachtheile indeß dieſe Beamtenloſigkeit herbei⸗ führen mag, eine ſchöne Folge iſt ihr nicht abzuſprechen, näm⸗ lich der höfliche und rückſichtsvolle Umgang der Obrigkeiten mit den andern Leuten, welche in dieſem Jahre zufällig keine Obrigkeit geworden ſind. Sah man doch des Abends einen guten Theil des jetzt verſammelten Großraths beim Hirſchen⸗ wirth, und konnte ſich nur freuen über das angenehm manier⸗ liche Weſen dieſer Herren, welche vielleicht an geſundem Menſchenverſtand ebenſo weit voraus, als an Grobheit zurück ſind hinter den bekannten ultramontanen Parlamentsrhetoren zu Derwiſchabad. Daß man auch ſehr wenige Abgaben be⸗ zahlt, wollen wir gar nicht erwähnen, um nicht verlarvter Wühlerei beſchuldigt zu werden. Nun hat zwar allerdings auch die Schweiz ihre Gegen⸗ den, wo die Menſchheit und ihre Cultur ſich nicht viel anders darſtellt als zwiſchen Feldmoching und Ampermoching im rechtgläubigen Altbayern, und ſolche zurückgebliebene Ge⸗ genden ſollen leider die katholiſchen Kantone ſeyn. So ergäbe ſich denn, daß gerade calviniſtiſche Anſichten vom Ueberſinn⸗ lichen auf einem kleinen freien Gebiet die meiſten Chancen bieten für bürgerliches Glück und gedeihlichen Haushalt auf Erden. Freilich muß dies vielleicht mit ewiger Verdammniß gebüßt werden, und ſchon aus dieſem Grunde iſt den Deutſchen nicht zu rathen calviniſch zu werden und Germanien in fünf⸗ hundert Kantone zu zerſchlagen, wenn auch die Miſſion, die uns geworden, jene deutſche Zukunft voll Macht und Größe vorerſt zu träumen und ſpäter auszuführen, die pfahlbürger⸗ liche Behaglichkeit einer helvetiſchen Kantonscapitale nicht aufwiegen ſollte. Vielmehr wollten wir nur ungefähr Fol⸗ gendes andeuten: wie der Dichter immer wieder auf den ur⸗ alten Homeros zurückgehen ſoll, um ſich an ſeiner Einfalt zu erziehen und zu bilden, ſo ſollten auch auswärtige Menſchen⸗ freunde und ſogar Staatsweiſe hin und wieder durch den Garten dieſer kleinen Republiken gehen, um an ihrer Einfach⸗ heit ſich zu erquicken und daraus zu lernen. Auch den regie⸗ renden Fürſten und ſolchen, die es werden wollen, ſollte man dringendſt empfehlen, nicht mehr nach Italien zu reiſen, ſon⸗ dern auch zuweilen in die Eidgenoſſenſchaft. Dort ſehen ſie hauptſächlich wie viel Elend der Menſch ertragen kann, ehe er ſich ſelbſt das Leben nimmt— und dieß ſtimmt das fürſt⸗ liche Gemüth leicht deſpotiſch— hier dagegen, wie wenig Weisheit dazu gehört, ein Volk glücklich zu machen, wenn man es nur ſich ſelbſt überläßt. Um aber den Leſer über Zweck und Ziel der Schweizer⸗ reiſe nicht länger hinzuhalten— dazumal lebte in St. Gallen der Fragmentiſt, geboren zu Tſchötſch bei Briren, in dem Be⸗ freiungskriege bayeriſcher Lieutenant, ſpäter Profeſſor, Rei⸗ ſender im Orient, dann Parlamentsmitglied für Au und Haid⸗ hauſen zu Frankfurt, ſpäter zu Stuttgart, noch ſpäter Flücht⸗ ling und Hochverräther, ein Gebietiger des Scharfſinns, wie ihn der Sultan in ſeinem Ordenspatent nennt, zugleich Ge⸗ genſtand und Inhaber eines königlich bayeriſchen Steckbriefes. Im Löwen wohnte er, aber in der Sonne traf ich ihn im Leſezimmer, ganz allein, den Hut tief in die Stirne gedrückt, eifrig über den deutſchen Zeitungen. Es war ein freundliches Wiederſehen, obgleich der ganze, von ihm vorausgeſehene Schiffbruch der großen deutſchen Hoffnungen zwiſchen jetzt lag und ſeinen letzten Tagen in München. Wie aber denen, die den Herrn lieben, alles zum Beſten gereichen muß, ſo iſt ihm auch das Exil höchſt förderlich geweſen; die freie Luft und die Geſundbäder zu Appenzell haben den ermatteten Körper wie⸗ der geſtärkt, die Stimme geht wieder klar von der Bruſt, und der Humor erfreut ſich ſeiner alten friſchen Bosheit. Auch die Luſt mit dem Publikum zu verkehren, iſt wieder vorhanden, und man ſoll in nächſter Zeit Verſchiedenes leſen, was der Beſchreibung nach ſchon recht bitter werden dürfte. Zum vollen Seelenfrieden, meint er, fehlen ihm nur die Feinde, und er will ſich jetzt behend etliche Dutzend auf den Hals ſchreiben, damit Alles in ſeine Ordnung komme. Das aber kann er noch immer nicht vergeſſen, daß die Allgemeine Zeitung damals ſeine Spruchpoeſie ſo buchſtäblich genommen und das Pauvre, vieus, malade, fugutif in alle Welt habe gehen laſſen. Denn erſtens ſind wir gar nicht arm, zweitens in den beſten Jahren, drittens hechtgeſund, und viertens iſt jetzt auch der Steckbrief abgewürdigt, und der Gebietiger des Scharf⸗ ſinns kann wieder unbehelligt ſich durch alle Lande ergießen „wo es an Salze gebricht“. Vorderhand indeß gingen wir nur luſtwandeln auf die Morgenpromenade bis zu einem Hauſe, das, laut ſeines Schildes, H. J. J. Müller, Dachdecker und„Kabisſchnätzler“ innehat, von dort aber wieder nach der Stadt. Es hülfe nichts zu verheimlichen, daß wir auch über Lord Palmerſton, den Tiger, geſprochen haben. Der Fragmentiſt beklagt ſich über den großen Mißverſtand, daß das gelehrte Europa in ſeinen Dogmen einigen Griechenhaß zu ſpüren glaube. Nicht daß die Hellenen von„Strutz und Kukkurutz“ zur Freiheit gediehen, habe ihn verdroſſen, ſondern daß ſie nicht gleich größer geworden. Zu viel Honig habe er aus den großen Alten geſogen, als daß er ihren kleinen Enkeln— wenn man ſie nur ſo nennen dürfe— nicht dankbar ſeyn ſollte. Aber was ihm die Galle aufrege, ſey, daß die freundlichen Groß⸗ mächte nicht auf ſeine Worte hören wollten. Immer habe er ſie doch um Geld und Flotten angegangen, und auch die Griechen ſelbſt ſchon dringend gebeten, mächtiger zu ſeyn als ſie wirklich ſind. So ohne Hülfe müſſe natürlich das ganze Volkskapital ſammt Zinſen im ägeiſchen Meere zu Grunde gehen. Wenn man das neue Hellas in civiliſirte Gegenden, —6 166— etwa nach Thüringen, unter ſanfte Nachbaren verſetzen könnte, ſo würde er ſein ganzes Geſchäft niederlegen, und lieber über Seidenbau im Haſpelmoos oder Aehnliches ſchreiben. Allein daß man ſein Schooßkind gerade der Büffelnatur dieſer Engländer ausſetze, gerade wo der Weg nach Oſtindien vorbeigehe, und daß man ſie habe zum Nachtheil und Schaden der Krämer von Nottingham ſo viele Schiffe bauen laſſen, das habe er nie billigen können und immer dagegen geeifert. Wenn nun der Uebermächtige in Verſuchung falle, das zu nehmen was ihm Niemand wehre, zumal, wenn es geſchehe, um einen Ehrenmann, wie Don Pacifico, zu vergnügen, ſo ſey das höchlich zu bedauern, aber vorauszuſehen geweſen. Ihm liege übrigens nichts an dem Ruhme, hier das Kom⸗ mende geweiſſagt zu haben, vielmehr ſchmerze ihn nur, daß man ſeine guten Dienſte für die öffentliche Aufklärung nicht anerkennen wolle. Das ſchöne Lob und empfehlende Sitten⸗ zeugniß aber, das er letzthin in der beſagten Allgemeinen Zei⸗ tung dem jungen Padiſchah ausgeſtellt, ſolle, obwohl ſchon bisher nicht unverdient, doch noch mehr eine Aufmunterung für die Zukunft ſeyn und den hoffnungsvollen Monarchen, der den Werth der unabhängigen ſüddeutſchen Preſſe vollkommen anerkenne, zu rühmlichen Thaten und edlen Handlungen begeiſtern. Vielleicht darf auch erwähnt werden, daß wir Nachmit⸗ tags auf den Freudenberg ſtiegen, wo wir die Freude genoſſen, nach Deutſchland hinüber zu ſehen, weit über den Bodenſee ins ſchwäbiſche Land hinein, ins Allgau, nach Oberſchwaben und bis gegen den Rhein hinab. Dort, konnte man ver⸗ muthen, liegt Kempten, wo ſie den Haggenmüller mit einem Fanghund eingefangen, dort auch Augsburg, wo ſie den be⸗ rühmten Steckbrief erlaſſen, dort unten ſind die ſeligen Gaue, wo ſie den Trütſchler erſchoſſen und den Kinkel beinahe umge⸗ bracht,„obgleich er ſo ſchöne Verſe macht“. Es liegt ein etwas blutrother Schleier dahinab; wenn es nur nicht ſeiner Zeit eine Wetterwolke wird. Die langen Reden über Hoch⸗ verrath und dergleichen haben leider nicht alle Gemüther mit dieſen hochnothpeinlichen Gerichten verſöhnen können. So zu ſagen iſt jede neue Zeit ein Hochverrath an der alten, und eine gefährliche Aufgabe dieß criminaliſtiſch auf die einzelnen zu repartiren und mit dem Tode zu ſtrafen. In Deutſchland zumal ſollte man ſehr vorſichtig ſeyn, da laut der Erfahrung die Gewaltigen nach jedem Umſchwung gerade mit den Grund⸗ ſätzen regieren und renommiren, die ſie vorher mit Ketten und Zuchthaus belegt haben. Da kommen denn die lieben Ge⸗ treuen halbverfault aus den Feſtungen heraus, und ſind gerade die, an denen man ſein Wohlgefallen hat. Jedes Decennium ſchwelgt von dem Auswurf des vorherigen, und es kann eine Zeit kommen, wo der chriſtliche Staat, oder ein anderer, die Erſchoſſenen gerne wieder lebendig haben möchte, aber dann werden ſie nicht mehr kommen wollen. Das iſt das Bedenk⸗ liche an der Sache. Nicht aus dieſen Gründen allein, ſondern auch aus andern glaubt indeſſen der Fragmentiſt, daß aus dieſem Deutſch⸗ land nie etwas werden könne. So ſehr ihn auch die„Noten, —6 168 3— Denkſchriften, Verfaſſungsentwürfe, Protokollerklärungen und Additionalakten“ eines Beſſern überzeugen, und wenigſtens von der Mitwirkung vieler erleuchteter Männer und ſelbſt Diplomaten überführen ſollten, ſo glaubt er dennoch, wie vorher geſagt, daß nie etwas daraus wird. Entweder ſcheint ihm die Tugend der Nation ſchon zu weit vorgeſchritten, und dieſe für politiſche Zwecke zu leidenſchaftlos, zu philoſophiſch, überhaupt zu groß für dieſe Erde, oder er fürchtet, daß die Dynaſten aus höheren und mit drei Sinnen ſchon faßbaren Rückſichten, das Geſpenſt jener unheimlichen„Macht und Größe“ verſcheuchen müſſen, oder daß es überhaupt zu unbillig ſey, dreißig verſchiedenen Köpfen immer denſelben Gedanken zuzumuthen, daß ſich gerade die chriſtliche Freiheit in Gott nur durch die Mannigfaltigkeit und das Disparate der ver⸗ ſchiedenen Anſchläge äußern könne— mit einem Worte: es wird nichts daraus. Vielmehr werde das alte, biedere, theuere Vaterland durch ſeine Uneinigkeit mit der Zeit in ſolches Elend verfallen, daß die großen und glücklichen Nach⸗ barn ſchon aus Mitleid zugreifen müſſen, und ſo würden alle Erker, Vorſprünge und Luginslande, welche kraft der früheren Eintracht noch gegen wälſche und ſlaviſche Feinde errettet worden, abgeſchliffen werden, und nichts übrig bleiben, als ein zur Erhaltung des europäiſchen Gleichgewichts nöthiger byzantiniſch zu regierender Landſtrich, in dem wenige Millionen ſich ſelbſt beweinen würden— ohne Flotte, ohne Kaiſer, höchſtens mit einem König von Preußen. Trotz alle Dem wird man mir glauben, daß ich Deuſchland — 169 3 nicht aufgegeben und auch für Griechenland ein gutes Wort eingelegt habe, allein da die Reiſebeſchreibung ohnedem ſchon viel zu lang geworden, ſo theile ich meine eigenen Sprüche und Vertheidigungsreden vielleicht ein andermal mit. *„ — — 8 84 S S— S 5£ — — .S 8— S — Erinnerungen ans dem Etſchlande. 1851. ( S ich noch einmal alle geplünderten Notizenhefte nach einer übergebliebenen Denkwürdigkeit durchſuchen, oder iſt es vielleicht erlaubt, ein kleines Bild aus dem Gedächtniſſe niederzuſchreiben? Ich habe dabei einen lieblichen Ort bei Botzen im Sinne, ein etwas abgelegenes, aber ſchmuckes Landhaus, hinter dem ein ſchöner Garten über ſchmale Ebene an die Porphyrwand hinaufzieht, mit einem Worte, den Hof zu Payrsberg, welcher dem Dr. Joſeph Streiter gehört. Ehe wir weiter gehen, wollen wir indeß doch aus dem Geſagten noch etwas Belehrung ziehen und zwar gerade aus dem Namen dieſer Villa. Moritz Arndt, glaube ich, ſagt den Schweden nach, daß ſie eine große Vorliebe für ſchöne, wohlklingende Namen haben und denſelben Zug finden wir bei den Tirolern wieder. Wenn ſonſt in Süddeutſchland in einem Flecken oder einem Dorfe ein adeliger Sitz vorhanden, ſo heißt er einfach: das Schloß— in Tirol aber hat er ſeinen Namen für ſich, und wenn in einem Orte mehrere ſolcher Edelhäuſer ſtehen, ſo führt jedes ſeinen althergebrachten Ritter⸗ namen, ſey's nun Sprengenburg, Rieſenſtein, Roſengarten oder wie immer. Man ſieht, daß die Sitte urſprünglich von den Burgen ausging und eine beſondere Funktion der letzteren, die ſie auch noch erfüllen können, ſelbſt wenn ſie längſt vom Erdboden verſchwunden ſind, iſt die, daß ſie adeligen Ge⸗ ſchlechtern Beinamen oder nach offiziellem Ausdruck, Prädikate verleihen. Dieſe Prädikate haben ſich übrigens erſt in den letzten Jahrhunderten feſtgeſtellt und da die meiſten Burgſtälle von jeher ein ſehr wechſelndes Beſitzthum geweſen, ſo trifft es ſich, daß der niedere Adel zum guten Theil den Beinamen von Schlöſſern führt, die er erſt lange nach der Zeit der mittel⸗ alterlichen Ritterſchaft erworben oder oft auch ſchon lange wieder verloren hat. Vom Schloß Tirol haben das Prä⸗ dikat die Erzherzoge von Oeſterreich ſelbſt, von der neben⸗ buhleriſchen Veſte Hoheneppan, trugen es einſt die Herren von Pach, die aber mit den alten Eppanern in gar keiner Verwandtſchaft ſtanden, vielmehr das Schloß ſammt Urbar erſt nach langem Wechſel der Beſitzer durch Kauf an ſich ge⸗ bracht hatten. Jetzt gibt es Freiherren von Teimer auf Hoheneppan. Von Zenoburg, König Heinrich's Veſte bei Meran, ſchreiben ſich die Herren von Braitenberg zu Botzen, die die ſchöne Ruine noch beſitzen, von andren andere. Ein Herr von ohne zu wird hier kaum geduldet. Uebrigens nehmen in Oeſterreich auch die Krieger, die wegen langer und 175 8— ausgezeichneter Dienſtjahre in den Adelſtand erhoben wurden, ein ſolches Prädikat an, und zwar, da ſie oft keinen Güter⸗ beſitz haben, in vielen Fällen ein imaginäres, mit poetiſchem Sinn erfundenes; ſo die Edlen von Stuckimfeld, von Löwen⸗ ſchwert, von Lorbeerkranz u. ſ. w. Die Verleihung dieſer Prädikate ſcheint von dem öſterreichiſchen Erzhauſe ſchon ſeit mehreren Jahrhunderten geübt zu ſeyn. Nach der wahr⸗ ſcheinlichſten, zuerſt von Primiſſer aufgeführten Sage von der wunderbaren Rettung Mar des Erſten auf der Martinswand, wurde der rettende Jäger, Oswald Zips, der ihm oben auf der Klippe: Holla, was machſt du da? zugerufen hatte, vom Kaiſer zum Dank geadelt und zur Erinnerung mit dem Namen: „Hollauer von Hohenfelſen“ beſchenkt. Gewiſſer noch als dies iſt, daß der Geheimſchreiber Fabricius, der am 13. Mai 1618 mit Slawata und Martinitz aus dem Fenſter des Schloſſes zu Prag geworfen wurde und aus der Stadt ent⸗ ronnen, dem Kaiſer die Botſchaft nach Wien brachte, geadelt und durch den an ſeinen Sturz erinnernden ſehr entſprechenden Namen:„von Hohenfall“ geehrt worden iſt. Hier ſchließen wir übrigens dieſe Abſchweifung, die ſich um ſo weniger recht⸗ fertigen läßt, als gerade von Payrsberg keine Familie das Prädikat führt. In dieſem Hofe wuchs nun in der erſten Hälfte dieſes Jahrhunderts ein junger Mann heran, der ſchon ſehr früh an Schiller und etlichen anderen deutſchen Dichtern ein ſeltſames Wohlgefallen fand und ſeinen Lieblingen mit großer Treue anhing, obgleich ſie ihm hin und wieder von den ſtrengen Lehrern weggenommen wurden. Je älter er aber wurde, deſto inniger überzeugte er ſich, daß„in Deutſchland draußen“ eigentlich doch mehr geiſtiges Leben ſey, als dazumal in Tirol, und noch jung an Jahren, erfaßte ihn die Sehnſucht hinaus⸗ zupilgern und Perſonen und Dinge ſelbſt zu ſehen. Da fuhr er oft gen Norden, aus den Alpen heraus über den Donau⸗ ſtrom, dem edlen Vater Rhein zu und ſogar in die ſächſiſchen und preußiſchen Länder hinein, um an der Bildung und Wiſſen⸗ ſchaft der plattdeutſchen Niederungen ſich für den Druck zu laben, den die analphabeten Berge ſeiner Heimath ihn erlei⸗ den ließen. In jenen Gegenden, wo kaum je ein anderer Tiroler erſchienen war, als ein Handſchuhhändler aus dem Zillerthal, in Dresden und Berlin ſtaunte man über dieſen wunderlichen Sohn der Alpen, der alle Jodler ſeines Hoch⸗ gebirges für eine Symphonie von Beethoven, alle Stifter und Abteien für eine gute Hochſchule und alle docirenden Bettelmönche für einen tüchtigen, feurigen Berliner Docenten hingegeben hätte. Bei Tieck in Dresden ſaß er manchen Abend und horchte mit angezogenem Athem, wie der Meiſter den Shakeſpeare las. Wenn er dann wieder heimwärts zog, ſo hatte er ſich reich beladen mit Büchern und Bildern, von denen man in Tirol nie gehört hatte. Darunter waren freilich manche proteſtantiſche Erzeugniſſe, wie ſie jenſeit des Brenners nur Scheu und Zagen erwecken konnten, und man munkelte in den gut unterrichteten Kreiſen der Stadt, der Doktor halte faſt zu viel auf das„lutteriſche“ Weſen. Alsbald begann er auch ſein Landhaus mit allen den —.— —6 177 3 Zierden zu verſehen, die er in Deutſchland draußen kennen und lieben gelernt. Die Halle ſeiner Villa ſchmückte er mit Cornelius' Zeichnungen zu Goethe's Fauſt und im Salon des obern Stockes richtete er ſich eine Bücherſammlung ein, die ſchon manchen Pilger in Erſtaunen geſetzt hat. In der That wird es ſchwer ſeyn, bei einem Privatmann in irgend einem Lande eine ſo fein ausgeſuchte Bibliothek zu finden, die das Beſte aus allen Literaturen, den neuen und den alten, enthält, und dabei gar keinen Schofel. Selbſt die äußere Erſcheinung ſeiner Bücher pflegt der Hausherr mit großem Fleiße und ihre Hülle iſt daher ebenſo elegant als ihr Inhalt klaſſiſch. In anderen Gemächern dagegen fand er Raum für werthvolle Stiche und ſchöne Gemälde. Einmal trug er ſich lange mit dem Gedanken, er ſollte auch eine Malerei von Meiſter Kaul⸗ bach haben, und dieſer hatte es ihm wirklich verſprochen, hätte es auch ſicher ausgeführt, wenn ihm nicht bald darauf der Anlaß zu ſeinen großen, hiſtoriſchen Bildern gekommen wäre. Zu gleicher Zeit arbeitete indeſſen der Herr von Payrs⸗ berg auch in ſeinem Garten, der ganz etwas Anderes werden ſollte, als er bisher geweſen. Vor Allem ging er aus, eine kleine Hochebene zu ſchaffen, eine Terraſſe, die zugleich eine Warte für die Fernſicht, ein Empfangsſaal für die Freunde, ein Muſeum für künſtleriſche und botaniſche Schätze werden ſollte. Er führte am Fuße der Porphyrwand einen mächtigen Unterbau, ließ ſelbſt den aufſteigenden Felſen ſprengen und behauen, und ſo entſtand eine geräumige Platte, die er mit Springbrunnen und Spalieren, mit Tiſchen und Stühlen, Steub, Novellen. 12 mit Lauben, Gebüſchen und zierlichem Geländer ausſchmückte. Das Glashaus wurde mit neuer Pflege bedacht, aus ſüd⸗ licheren Gärten ſchöne Blumen verſchrieben und mit bisher unbekannten Gewächſen Acclimatiſirungsverſuche gemacht. Während der Zeit war auch ſchon die Kunſt zu Botzen mit Auſträgen bedacht worden. Ein Maler, ſo gut er ſich auf⸗ finden ließ, mußte an die äußere Wand des Glashauſes eine Scene aus Tieck's Zerbino malen, und ein Bildhauer, der tüchtige Rainalter zu Botzen, der bis dahin faſt nur Grab⸗ monumente gemeißelt hatte, erhielt den überraſchenden Auf⸗ trag, die Büſten von Schiller und Goethe in Alabaſter aus⸗ zuhauen. Als dies geſchehen, wurden die beiden Bilder mit geziemender Feierlichkeit aufgeſtellt und jedem zur Seite ein Lorbeerbuſch gepflanzt, der da fröhlich grünt und mit ſeinen ſchönſten Blättern die Schläfe der hohen Häupter beſchattet. Nachdem ſo die Terraſſe in Ordnung gebracht, ging der Hausherr noch weiter an der Porphyrwand hinauf und wußte noch allerlei Stellen zu finden, an denen er Ruhebänke, Sommerhäuschen und dergleichen kleinere Schönheiten an⸗ brachte. Wer die Mühſal des Steigens nicht ſcheut, der kann da noch thurmhoch hinaufklettern und einer immer ſchönern Ausſicht ſich erfreuen. Laſſen wir uns indeſſen jene auf der Terraſſe genügen, auf der ich ſo manche ſchöne Früh⸗ ſtunde in lieber Einſamkeit verlebt. Ein zarter Morgennebel lag auf den Dächern der Stadt, welche bekanntlich in einem tiefen Thale am Eiſack liegt, mit dem ſich hier die Talfer ver⸗ einigt, worauf er dann der Etſch zuſtrömt. Die Umgebung — 179 3— iſt weit und breit vom dunkelſten Grün, ein Teppich, der aus friſchem Weinlaub gewoben wird, denn in der ſchönen kleinen Ebene ſtehen hier nichts als Weingärten. Zwiſchen ſolchem dunkeln Grün liegt alſo die braune Stadt, aus welcher ein röthlicher Dom emporragt und mehrere kleinere graue Thürme mit weißen Spitzen. Die Berge umher ſind bis zu den höchſten Höhen bewachſen, unten mit Reben, mit Kaſtanien, Feigen und Melonen, oben mit Kornfeldern, Lärchen⸗ und Fichtenwäldern. Von allen Seiten blinken weiße Häuſer, weiße Kirchthürme herab und auf den niederen Felſenſchöpfen dräuen verfallene Kaſtelle. Auf den rebenreichen Höhen jenſeits der Etſch, zieht vor Allem das Schloß von Hohen⸗ eppan das Auge auf ſich. Dieſes liegt gerade unter der rothen Mendel und war einſt der Horſt der welfiſchen Eppaner, die wir ſchon genannt, eines mächtigen Geſchlechts in dieſen Gegenden, das nur die Grafen von Tirol zu fürchten hatte, denen es endlich nach langem Ringen auch unterlag. Dort drüben liegt auch Kaltern mit ſeinem See, im Lande ſchon lange berühmt wegen ſeiner Weine, in unſeren Zeiten aber noch bekannter durch die ekſtatiſche Jungfrau, Maria von Mörl, welche fromme, gläubige Pilger, beſonders hohe und niedere Geiſtlichkeit von nah und fern heranzog. Weiter hinab in der blauen Ferne, wo die Etſch in Wälſch⸗Tirol einſtrömt, ſchieben ſich die ſteil abfallenden Berge allmälig in einander. Die Tagesordnung war eine ſehr einfache, ſtille. Waren die Morgenſtunden im Garten verbracht und kam die Mittagshitze 8 näher, ſo nahm den Gaſt das kühle Haus in ſeinen Schatten auf und er ergötzte ſich an der Lectüre in einem Lehnſtuhl der Bibliothet. Zum Mittagstiſche kam der Hausherr ſeiner Geſchäfte halber gewöhnlich erſt, wenn die Familie ihr Mahl ſchon eingenommen hatte. Wir ſaßen dann zu Zweien, oder, wenn die Gattin Theil nahm, zu Dreien beiſammen und plauderten etwa über das Neueſte was die Zeitung gebracht hatte. Alle Drei waren wir einig, daß die Jahre bald eine Bewegung in Deutſchland herbeiführen würden, von der man ſich viel Schönes verſprechen dürfe. Das haben wir aber freilich nicht ganz genau errathen. Außerdem hatten wir aber noch allerlei Einheimiſches zu reden, denn in Tirol war es auf einmal recht lebendig ge⸗ worden. Der Doktor beſchäftigte ſich viel mit den Jeſuiten und wollte es durchaus nicht leiden, daß ſie in Innsbruck das Gymnaſium in ihre Hände bekommen. Ein tiroliſcher Ge⸗ ſchichtsforſcher hatte in demſelben Jahre im Ferdinandeum daſelbſt einen hiſtoriſchen Vortrag über dieſen Orden gehalten, der ihr früheres Wirken im Lande ſchilderte und faſt als ge⸗ meinſchädlich darſtellte. Dieſer Vorgang, dem der Gouverneur ſelbſt angewohnt, verurſachte eine, ſeit langen Zeiten nicht mehr verſpürte Aufregung in der ganzen Geſellſchaft. Man ſchrieb es von Innsbruck in alle Thäler hinein, man berichtete in den deutſchen Zeitungen, der Gouverneur griff ſelbſt zur Feder, kurz, es war ein Ereigniß von der größten Bedeutung. Dazu kam noch eine andere Geſchichte. Dr. Streiter hatte nämlich ſchon in jungen Jahren Verſchiedenes gedichtet. Nicht lange vor der Juliusrevolution war auch in Innsbruck eine Art von Hainbund entſtanden, ein Verein junger Leute, die miteinander die„Alpenblumen“ herausgaben. Die Leiter dieſer Verbindung waren Dr. Johann Schuler, Beda Weber, beide jetzt von Frankfurt her bekannt, und eben unſer Freund, der ſich Berengarius Jvo nannte. Als die„Alpenblumen“ abgeblüht, was ſehr bald geſchehen, gaben die beiden letzteren gleichwohl die frohe Kunſt nicht auf. Beda Weber dichtete Lieder, Berengarius Jvo verſuchte ſich in verſchiedenen Gat⸗ tungen, namentlich auch im Drama. Als ihn nun einmal im langen Winter 1843— 1844 die Trübſal beſchlich und der Aerger, daß gar nichts vorwärts gehen wollte in Tyrol, daß aller Verkehr mit Deutſchland abgeſchnitten ſey, daß auch die „draußen“ ſich gar nicht um ihre Landsleute in den Alpen kümmern— da fiel ihm plötzlich die Frage ein, ob es denn nicht möglich wäre, über Tirol einen Artikel in eine deutſche Zeitung zu ſchreiben. Nur wer da weiß, daß ſich über Tirol in der ganzen deutſchen Preſſe ſeit den Kriegszeiten nicht eine Zeile findet, wird die Tragweite dieſes Einfalls bemeſſen können. Nun kam es aber darauf an, den rechten Gegen⸗ ſtand zu finden, und da ſchien denn die Geſchichte der neuern tiroliſchen Poeſie ein ebenſo anziehender als harmloſer Vorwurf. So ſtand denn im Anfang des Jahres 1844, etliche Monate ehe die Jeſuitenhändel begannen, in der Allgemeinen Zeitung plötzlich und durch nichts angekündigt, ein längerer Aufſatz:„Poetiſche Regungen in Tirol“. Das Erſtaunen im Lande war ungeheuer, denn Viele waren des Glaubens geweſen, die tiroliſchen Zuſtände ſeyen ſo eigenthümlich, daß ſie eigentlich mit Worten gar nicht wiederzugeben ſeyen. Viele erſchracken, gleich als ob über ihnen das Dach eingebrochen ſey und plötzlich der blaue Himmel hereinſchaue, Andere freuten ſich und hofften, an dieſen Erſtling würden ſich all⸗ mälig andere Beſprechungen tiroliſcher Dinge anſchließen, und ſo der gänzliche Mangel einer inländiſchen Preſſe beſtmöglich durch die auswärtige gehoben werden. Andere ärgerten ſich auch, daß man dieſe tiroliſchen Seltenheiten, an denen in Deutſchland doch die Wenigſten Gefallen finden möchten, in der Allgemeinen Zeitung gleichſam ſo beſpreche, als wäre es der Mühe werth. Indeſſen der Verfäſſer freute ſich des ge⸗ lungenen Wagſtückes, und in der Wirkung hat er ſich auch nicht verrechnet, denn gerade von dieſem Artikel an ſchreibt ſich das Wiederauftreten Tirols in den deutſchen Zeitungen. Die allernächſte Folge für ihn war freilich eine unbezielte; es erſchien nämlich bald darauf in demſelben Blatte eine Kritik ſeiner Darſtellung, die, von einem der Dargeſtellten verfaßt, an Gift und Schärfe nichts zu wünſchen übrig ließ. Richtig war allerdings der Vorwurf, daß Berengarius Jvo ſich da⸗ mals ſelbſt beſprochen, allein nicht gegründet war die Be⸗ hauptung, daß er ſich ſelbſt gelobt, obgleich er das in den Blättern der andern Seite noch öfter leſen mußte. Die Er⸗ wähnung ſeiner eigenen Arbeiten war lediglich deßwegen für nöthig befunden worden, weil man ſonſt aus dieſem Stillſchwei⸗ gen gleich im erſten Griffe den Verfaſſer errathen hätte, was —6 183 2— dazumal immerhin vermieden werden durfte. Dieſe literariſchen Plänkeleien haben uns damals viele Unterhaltung verſchafft. Nach Tiſche konnte man etwas ſchlafen oder die Vor⸗ mittags begonnene Lectüre fortſetzen; gegen Abend kam der Doktor wieder aus ſeinem Geſchäftszimmer in der Stadt und dann, wenn wir Sehnſucht in das Weite fühlten, gingen wir auf die Waſſermauer an der Talfer oder gegen Rungelſtein, gewöhnlich bald zufrieden mit unſerm Gang. Zu Hauſe fanden wir die Kinder in dem Garten, die es uns ſehr gut auslegten, wenn wir an ihren Spielen einigen Antheil nahmen. Wenn ſie zur Ruhe gegangen und die Nacht eingebrochen, zogen wir mit Windlichtern auf die Terraſſe, um uns dort noch etwas gütlich zu thun. Das waren mitunter ſehr ver⸗ gnügte Stunden in der lauen Abendluft, während die Lorbeer⸗ büſche und die Myrthen leiſe ſäuſelten, hin und wieder eine Nachtigall im Maudelbaum ſich vernehmen ließ, dann wieder ein verhallender Ruf vom Berg herunter oder ein ferner Ge⸗ ſang aus den näheren Häuſern der Stadt. Freilich hatten dieſe Abendſtunden nur in den erſten Wochen gedeihlichen Be⸗ ſtand, denn ſpäter, als der Sommer mächtiger heranzog, ſpielten auch alle denkbaren Gattungen von geflügelten In⸗ ſekten, ſchlechtweg„Vieher“ genannt, um die Lichter und fielen halbverbrannt in unſern frugalen Imbiß. Um dieſen Quälereien auszuweichen, ſetzten wir dann das friedliche Ge⸗ lage in den vier Wänden des Hauſes fort, unterließen aber ſelten früh zu Bette zu gehen, weil den ſchönen Sommer⸗ morgen Niemand verſchlafen wollte. 184 3 Die Stadt Botzen ſelbſt hat der Gaſt auch zuweilen be⸗ treten. Ihre Phyſiognomie iſt anziehend, zumal weil ſich zu dem deutſchen Elemente manches Italieniſche geſellt. Es gibt da viele Kaufleute, die aus Wälſchland ſtammen und vieles Andere, was an füdlichere Gegenden erinnert, nament⸗ lich der Markt mit ſeinen herrlichen Früchten. Die Gaſſen ſind enge, die Häuſer hoch, alle mit Erkern verſehen, die überhaupt nirgends ſo beliebt ſeyn können, als in Tirol, wo ſie ſich faſt an jedem Bauernhauſe finden. In der Haupt⸗ ſtraße ſind zu beiden Seiten Lauben oder Bogengänge, gut für Regen und Hitze, zugleich aber auch ein reicher Bazar, der ſich in einer langen Budenreihe auslegt. Wie in Wälſch⸗ land arbeitet man auch hier bei offenen Fenſtern und wie dort iſt in den Sommermonden der Tag die ſtille Zeit, wo die Gaſſen ſchlummern und erſt die Nacht bringt Leben in die leuchtenden, wachen Straßen. Wenn der Wonnemond vorüber iſt und der Juni ſeine Sonne bringt, dann geht der Botzner in die Sommerfriſche auf den Berg. Die drückende Hitze in den engen Gaſſen weckt mächtig die Sehnſucht nach den kühlen Alpenhöhen, deren waldige Gipfel über die Stadt emporragen. Nur wenige, nur die allerunentbehrlichſten Männer bleiben da zu Hauſe, und bejammern ſich ſelbſt, wenn ſie am ſchwülen Nach⸗ mittage ſchläfrig im Kaffeehaus ſitzen und in halben Träumen die ſchwimmenden Buchſtaben aus den neueſten Journalen zuſammenleſen. In der That ſind ſie auch beneidenswerth die Glücklichen, die da oben im Hochlande leben und ſich der milden Sonne, des breiten Schattens und des weichen Graſes erfreuen, die da im ſeligen Nichtsthun ihren Sommerhof halten. Dieſer Glücklichen ſind übrigens nicht wenige, denn in Tirol lebt zur ſchönen Jahreszeit kürzer oder länger faſt die Hälfte der Bevölkerung ein paar tauſend Fuß höher als die warmen Thäler. Die Botzner haben auf einem weiten Berg⸗ rücken zwei Flecken angebaut, wo ein halbhundert Familien in ländlicher Kurzweile die Hitze überſtehen, ebenſo haben die reichen Familien zu Meran, zu Trient und Roveredo ihre Villen im Gebirge. Die wohlhabenden Leute, welche keine eigenen Höfe beſitzen, gehen dafür in die Bäder, wo billig und gut zu leben iſt, und deren ſich allenthalben faſt von Meile zu Meile finden. Und endlich laſſen ſogar die ärmſten Leute den Sommer nicht vorüber, ohne in die Friſche zu gehen, oder wie ſie es nennen, ins Heuliegen, was darin beſteht, daß etwa ein Dutzend Männer, Weiber und Kinder mit Mundvorrath, mit Schüſſeln und Pfannen auszieht, hinauf in die Hochalmen, dort eine leere Sennhütte einnimmt und etliche Tage die Kur gebraucht. Dabei vergraben ſie ſich bis aufs Hemde ausgezogen tief ins Heu und kommen ſchweiß⸗ triefend wieder heraus, was ein unwiderſtehliches Mittel gegen den Rheumatismus und das Gliederweh des ganzen Jahres ſeyn ſoll. Unſere Sommerfriſche war auf dem Ritten, am Rand einer ſteilen Hochebene, faſt dritthalbtauſend Fuß hoch über der Stadt. Hier grünt keine Rebe mehr, kein Mandelbaum und keine Melonen; die Landſchaft und ihre Erzeugniſſe ſind nordiſch, etwa wie am Tegernſee oder bei Fiſchbachau in Bayern. Die Felder tragen Roggen oder Gerſte, die Wälder beſtehen aus Lärchenbäumen, wie dieſe überhaupt auf allen Höhen und Bergen ihr treffliches Fortkommen haben, aber der Streu wegen von unten bis oben an den Zweigen be⸗ ſchnitten werden, was ſie ihres ſchönſten Schmuckes entkleidet. Hier ſtehen viele hübſche Häuſer der reichen Botzner mit nied⸗ lichen Gärten, mit Kegelbahnen und anderen Luſtbarkeiten. Auch ein ſehr wohl eingerichteter Schießſtand iſt zu erwähnen, der an Sonn— und Feiertagen ſeine Stammgäſte anzieht. Nur zum Luſtwandeln iſt eigentlich wenig bequeme Gelegenheit, da der Bergrücken in ſteilen Hügeln auf⸗ und abſteigt, und die Ausſicht in den Lärchenwäldern unfrei iſt.— Die Sommer⸗ friſchler vermiſſen indeſſen dies Vergnügen nicht zu ſchierzlich. Entweder unternehmen ſie größere Ausflüge auf die nahen Berghäupter mit Pferden, Eſeln, Trägern und reichem Mund⸗ vorrath, oder ſie bleiben ſtillvergnügt in ihren Gärten. Unſer Doktor beſaß kein eigenes Haus auf dem Ritten, ſondern hatte ſich eine etwas beſchränkte Wohnung gemiethet — unſer einer wohnte nicht weit davon beim Selrainer, was ein ſehr gutes Wirthshaus iſt. Man findet da nicht allein trefflichen Wein und die landesübliche Küche, ſondern auch alle hochgebirgiſchen Leckereien wie ſonſt nirgends, namentlich Geflügel, wie Schneehühner und dergleichen Arten, die mir jetzt im Augenblicke nicht mehr alle einfallen. Wenn die Städter wieder von ihren Bergen herabſtei⸗ gen, iſt die Weinleſe nicht mehr fern; es naht die Zeit'der —8 187 8— Traubenkur und die Fremden ziehen in dichten Haufen durch das Etſchland. Um dieſe Zeit kommen denn auch nach Payrs⸗ berg manche Reiſende von fern her, theils um Briefe an den Hausherrn zu beſtellen, theils um den ſchönen Garten zu be⸗ ſehen. Da hatten wir manchen lieben Freund zu Tiſche und zechten oft lange, ſintemalen der Wein zu Payrsberg ſehr ſchmackhaft iſt. Nicht ſeltner Gaſt war zum Beiſpiel Friedrich Lentner, der im Winter ſeit langen Jahren zu Meran lebt, den Sommer aber in Bayern zubringt, jetzt damit beſchäftigt, in des Königs Auftrag Alles zu ſammeln, was von alten Sitten, Gebräuchen, Mähren und dergleichen noch unbeachtet in Dorf und Stadt zu finden iſt. Friedrich Lentner iſt eigent⸗ lich ein Münchner, kam aber ſchon in Jünglingsjahren nach Tirol und hat ſich ſeitdem ſo eingelebt, daß er kaum mehr von einem Tiroler zu unterſcheiden iſt. Vor bald zehn Jahren ſchrieb er das Tiroler Bauernſpiel, eine ſehr ſchöne Geſchichte von Anno Neun, und ſeitdem noch viel andere Erzählungen aus den Bergen. In Meran iſt er ſo zu ſagen der Genius der Heiterkeit, der den Winter durch Alles lenkt und leitet, alle Scherze angibt, alle Maskeraden zeichnet, alle Gedichte fertigt. Nicht minder iſt er auch ein großer Nothhelfer der Stadt bei andern Feierlichkeiten, wenn ein beglückender Etz⸗ herzog einherfährt, namentlich wenn Erzherzog Johann ſein Schloß Schänna beſucht und bei ſeinen Nachbarn zu Meran zuſpricht. Auch das heurige Schännaer Hausſchießen iſt in ſeinem feſtlichen Schmucke zunächſt von unſerm Freunde ange⸗ ordnet worden. Wegen ſo vieler Verdienſte hat er ſchon im — 188 5— vorigen Jahre das Ehrenbürgerrecht von Meran erhalten. Im ſelben Jahre hat er ſich auch mit einer lieblichen Tochter Merans verehelicht.* Eine ſehr gern gewährte, ſeit Jahren ausgeübte Herbergs⸗ gerechtigkeit zu Payrsberg hat auch der„Fragmentiſt“. Von der Perſönlichkeit, von Geburt, Lehrjahren und weiterem Erdenwallen dieſes ſeltenen Mannes wiſſen eigentlich die wenigſten deutſchen Leſer etwas Zuverläſſiges und es wird daher nicht verboten ſeyn, gerade bei dieſer ſo günſtigen Ge⸗ legenheit über ihn zu ſprechen. Tſchötſch iſt ein kleines Dorf nicht weit von Brixen in Tirol, liegt auf ſonnigem Abhange über dem Eiſack und genießt einer ſehr ſchönen Ausſicht über den Thalweg des Stromes ſowohl als über die Hochebene zu deſſen beiden Seiten. „Dieſes reizende Rebengelände,“ ſagt ein tiroliſcher Topograph, „mit ſeinen Obſtgärten und Kaſtaniengruppen, hüllt ſich ſchon vollends in ſüdländiſchen Schmuck und die Trauben an ſeinen terraſſenartigen Hügeln gekocht, geben einen Wein, der den beſſern des Landes beigezählt wird. Es gehört zu den aus⸗ erleſenen Vergnügungen der Brirner, an den ſchönen Herbſt⸗ tagen in zahlreichen Geſellſchaften nach Tſchötſch zu wallen und bei dem edlen Weine und gebratenen Kaſtanien oder friſchen Nüſſen ſich gütlich zu thun.“ In dieſem lieblichen Erdenwinkel wurde Philipp Jakob * Friedrich Lentner iſt ſeitdem zu Meran geſtorben, den 23. April 1852, im achtunddreißigſten Jahre ſeines Lebens, noch reichlich bedacht mit Undank für die vielen Verdienſte, die er ſich um jene Stadt erworben. — 189 Fallmerayer im Jahre 1791 geboren, der Sohn eines Land⸗ mannes mit zahlreicher Familie, aber geringen Mitteln. Bei der romantiſchen Lage der Heimath mögen ſchwärmeriſche Ge⸗ fühle für Naturſchönheiten in dem Knaben ſchon früh erwacht ſeyn. Wohlthätige Geiſtliche, die einiges Talent bemerkten, brachten den armen Jungen, zu künftigem Nutzen der Kirche, als Domſchüler zu Briren gratis unter und ſorgten für die nothwen⸗ dige Ausſteuer. Außer gut geleiteten Uebungen in der griechi⸗ ſchen Grammatik wurde indeſſen hier wenig Förderndes geboten und ſo verließ der unzufriedene Schüler im Spätherbſte 1809 heimlich das Inſtitut, um mitten durch die Unglücksſcenen des Tiroleraufſtandes, mitten durch die feindſeligen Heerhaufen hindurch nach Salzburg zu flüchten. Dort fand er beſſern und reichlichen Unterricht, auch ſonſt größere Freiheit, mußte ſich aber nebenbei ärmlich behelfen und großen Theils durch Privatſtunden den nöthigen Unterhalt gewinnen. Er hatte aber unverdroſſenen Sinn, vortreffliche Lehrer und die reich⸗ liche Bücherſammlung der gefälligen Benedictiner von St. Peter zu unbedingter Benutzung. Mit Eifer und nicht ohne Erfolg ward unter Leitung des in Göttingen gebildeten Pater Albert Naguzaun das Studium der ſemitiſchen Sprachen be⸗ trieben und zu gleicher Zeit durch die ſeltene Lehrgabe eines für den wißbegierigen Schüler nur zu früh nach Lemberg ver⸗ ſetzten Geſchichtslehrers, von Maus, die Liebe für hiſtoriſche Wiſſenſchaft wunderbar angeregt und entzündet. In dieſen Zeiten hätte es ſich aber bald ereignet, daß unſer junger Fallmerayer ein Mönch geworden wäre, und wir hätten dann wohl der Fragmente aus dem Orient und der Vorrede dazu für immer entbehren müſſen. Er meldete ſich eines Tages zum Eintritt in die berühmte Benedictiner⸗ abtei zu Kremsmünſter in Oberöſterreich, vermochte aber die gewünſchte Ruhe in einer weltvergeſſenen Zelle dieſes Stifts nicht zu finden, weil er in Bayern die Bewilligung zur Aus⸗ wanderung nicht erhalten konnte. So verließ er nach zwei⸗ jährigem Studium der Gottesgelehrtheit das freundliche Salz⸗ burg und zog auf die Hochſchule zu Landshut, um zum Ueber⸗ fluſſe auch noch mit der Jurisprudenz einen Verſuch zu machen, wobei denn nebenher die hiſtoriſchen, klaſſiſchen und linguiſti⸗ ſchen Arbeiten mit ungemindertem Eifer fortbetrieben wurden. In dieſen Beſtrebungen kam ihn plötzlich, als die Deutſchen mit Napoleon zu brechen anfingen, ein kriegeriſches Gelüſte an, er trat unter die Fahnen, wurde Unterlieutenant in einem bayeriſchen Infanteriebataillon, focht in der Schlacht bei Hanau und wurde wegen guten Verhaltens an dieſem denkwürdigen Tage öffentlich vor der Fronte belobt. Hierauf dreimonat⸗ licher Winterfeldzug und manches mörderiſche Gefecht im Innern Frankreichs. Nach dem erſten Pariſer Frieden blieb der junge Held ein volles Jahr beim Okkupationskorps auf dem linken Rheinufer und im zweiten franzöſiſchen Feldzuge verlebte er, als Galopin des Generals Grafen von Sprebi, unter den angenehmſten Verhältniſſen, beinahe ein halbes Jahr in der Umgegend von Orleans. Insbeſondere erinnert er ſich mit großem Behagen an den Aufenthalt in einem Land⸗ ſchloſſe dortiger Gegend, bei einem Marquis und einer Marquiſe, welche die feinen Sitten der alten Zeiten wohl zu wahren wußten und bei aller Achtung vor ſeinen tiroliſchen Manieren und Eigenthümlichkeiten gleichwohl entſchiedenen Fleiß daran ſetzten, ihn nebenbei auch in die beſten franzö⸗ ſiſchen Formen zu tauchen und ihm die reinſten Töne ihrer Sprache zu lehren. Es ſchreibt ſich wohl zunächſt aus dieſer Schule, daß der Fragmentiſt das Franzöſiſche ſehr geläufig und mit einem beſonders guten Accent zu ſprechen weiß. Als Lieutenant kam er aber wieder aus Frankreich zurück und erhielt ſeine Garniſon zu Lindau, wo ein friſcher Trieb zu den alten Studien erwachte. In dieſer ehemaligen Reichs⸗ ſtadt, deren Bibliothek ihm freundliche Hülfe bot, lernte er Neugriechiſch, Perſiſch und Türkiſch. Um nun ganz zur Wiſſenſchaft zurückzukehren, nahm er 1818 ſeinen Abſchied, trat zum Lehrfache über und hatte ſich im Jahre 1826 zum Lehrer der Univerſalgeſchichte und der Philologie am Lyceum zu Landshut emporgeſchwungen. Hier ſchrieb er den erſten Theil ſeiner Geſchichte der Halbinſel Morea während des Mittelalters, welcher 1830 erſchien. Darin ſuchte er be⸗ kanntlich nachzuweiſen, daß die utigen Griechen nicht, wie man bisher geglaubt, die Abkömmlinge der alten Hellenen ſeyen— vielmehr hätten im frühen Mittelalter ſlaviſche Stämme faſt ganz Griechenland verheert, die alten Bewohner vernichtet und ſich ſelbſt dann auf ihrem Boden angeſiedelt. Dieſe neue ſlaviſche Bevölkerung ſey dann erſt durch byzan⸗ tiniſche Gewalt wieder gräciſirt worden und daher die grie⸗ chiſche Sprache in Rumelien und dem Peloponnes. Eine —— —6 192 3— ſolche Hypotheſe mußte in Deutſchland, wo ſich die Begeiſte⸗ rung für den Befreiungskampf der Griechen kaum erſt ver⸗ loren hatte, einen widrigen Eindruck machen. Sie wurde vielfach bekämpft, von ihrem Schöpfer aber wohl auch lebhaft in Schutz genommen. Jedenfalls bleibt es ein Verdienſt Fallmerayer's, auf die Durchſchießung des neugriechiſchen Volkes mit ſlaviſchem Blut hingewieſen zu haben, aber es iſt kaum zweifelhaft, daß er zu weit geht, wenn er annimmt, die alten Hellenen ſeyen durch die Slaven faſt bis auf den letzten Mann ausgerottet worden. Im Sommer 1831 ſchloß er zu Landshut ſeine vielbeſuchten Vorträge und ging mit Urlaub als Begleiter des ruſſiſchen Generals Grafen Oſtermann⸗ Jolſtoy zum erſtenmale in den Orient. Faſt ein Jahr blieb er in Egypten und Nubien; ebenſo lange wanderte er in Pa⸗ läſtina und Syrien, zu beiden Seiten des Libanon herum, beſah Jeruſalem, Antiochien, Haleb, Balbek, Damaskus, die Reſidenz des Druſenfürſten, landete auf Cypern, auf Rhodus, an den joniſchen Küſten und ſetzte ſich zuletzt in Konſtantinopel feſt. Hier übte er ſich mit den ernſten Moslem als fleißiger Gaſt der Kaffeehäuſer in der türkiſchen Sprache, für die er eine große Vorliebe bewahrt hat. Die Cykladen, das grie⸗ chiſche Feſtland von Sparta bis zu den Thermopylen, die ſieben Inſeln und das Königreich Neapel füllten das dritte Jahr. In der Zwiſchenzeit war ein anderer Geiſt in das baye⸗ riſche Schulweſen eingezogen, Fallmerayer's Stelle zu Lands⸗ hut beſetzt, er ſelbſt etwas unbequem geworden. Seine Vorträge vor der lauſchenden, oft hingeriſſenen Jugend wollte man nicht wiederkehren ſehen; in der Akademie dagegen, meinte man, ſey ein ſtillerer und doch nicht unangenehmer Ort für ihn. Er wurde auch wirklich Mitglied dieſer gelehrten Geſellſchaft zu München und erhielt ſogar im Jahre 1836 Erlaubniß, öffentliche Vorträge über Univerſalgeſchichte anzu⸗ kündigen, zu denen jedoch der Zutritt nur dem höhern Publikum offenſtehen, den Studenten aber ſtrenge verboten ſeyn ſollte. Statt dem höhern Publikum vorzuleſen, zog indeſſen Fallmerayer im Sommer 1836 ins ſüdliche Frankreich, von da nach Florenz und Rom. Kleinere Reiſen nach ſeiner Rückkehr wechſelten mit längeren ſeßhaften Studien ab, bis er 1840 zu München die Anſtalten zu ſeiner zweiten Fahrt in den Orient begann. Von Regensburg ſchiffte er ſofort auf der Donau ins ſchwarze Meer, von Konſtantinopel nach Trapezunt, von da wieder nach Stambul, wo er ein ganzes Jahr verlebte, wieder mit denſelben ernſten Moslem in denſelben Kaffeehäuſern türkiſch plaudernd, was er ſo zu einer von allen Rechtgläubi⸗ gen bewunderten Fertigkeit brachte. Vom Bosporus ging er nach dem heiligen Berge Athos, von da nach Griechenland. In der griechiſchen Hauptſtadt ſoll Fallmerayer wegen ſeiner eigenthümlichen Meinungen über die helleniſche Vergangen⸗ heit zwar mancherlei Gezänke und Anfechtungen beſtanden, es aber doch im Laufe mehrerer Wochen zu einigem Verſtändniſſe mit den Hellenen gebracht haben. Nach zweijähriger Wander⸗ ſchaft kehrte er im Sommer wieder glcklich nach München zurück. Von dieſer Reiſe ſtammt das Bild des immergrünen 13 Steub, Novellen. Buſchwaldes zu Kolchis und die Schilderung des klöſterlichen Stilllebens auf dem heiligen Berge, Arbeiten, die urſprünglich in der Allgemeinen Zeitung erſchienen und in Deutſchland zuerſt die Aufmerkſamkeit des größern Publikums auf den Mann richteten, der bisher durch ſeine Geſchichte des Kaiſer⸗ thums Trapezunt und der Halbinſel Morea nur erſt den Männern der Wiſſenſchaft empfohlen war. Seitdem unternahm er verſchiedene kleinere Reiſen, doch auch wieder eine größere nach Wien, Venedig und Tirol, ergänzte die Fragmente aus dem Orient, die jetzt auch gedruckt wurden, und 1847 finden wir ihn ſogar wieder auf einem Zug in die Türkei. Er kam gerade recht nach Hauſe, um ins Parlament zu Frankfurt gewählt zu werden. Daß er ſpäter nach Stuttgart, nach St. Gallen ging, iſt bekannt; ſeit dem Frühling vorigen Jahres blieb er zu München wohnen, nicht ohne wiederholte Abſtecher nach Tirol, nicht ohne manche bittere Stunde, die ihm ſpäter die Ringseis'ſchen Händel zugezogen. Durch ſeine Fragmente hat ſich Fallmerayer eine vor⸗ nehme Stelle unter den deutſchen Reiſeſchriftſtellern erworben, und doch finden ſich etliche, unter anderen auch ich, die nicht wenig Luſt haben, ihm ein reines deutſches Geblüt ungefähr mit denſelben Gründen abzuſprechen, die er einſt gegen die empfindlichen Neuhellenen gebraucht. Um Brixen herum, hart am Eiſack hinab wie an der Etſch hinauf, ſaß nämlich noch ziemlich lang ins Mittelalter herein, romaniſches Land⸗ volk, das erſt allmälig deutſche Sprache annahm. Wie der Geſchichtſchreiber der Halbinſel Morea ſeine Slaven an den zurückgebliebenen Ortsnamen, an Veligoſti, Glogowa und Selichowo(Wolgaſt, Glogau und Züllichau) wieder erkannte, ſo laſſen ſich auch dort noch in den deutſchen Landſchaften die romaniſchen Ortsnamen erkennen und deuten, und unter anderen ſcheint der Name Fallmerayer nicht anderswo herzu⸗ kommen, als von Valmarei, Val Mariae, Marienthal. In der That zeigt auch das Aeußere des berühmten Reiſenden, die dunkle, doch gutgefärbte Haut, die gebogene Naſe, einige Spuren ſeiner ſüdlichen Abkunft. Früher trugen zu dieſem Ausſehen noch ſchwarze Haare bei, die indeſſen die Zeit mehr oder weniger gebleicht. Von Wuchs iſt der Fragmentiſt nicht beſonders lang gerathen, dabei etwas rundlicht, obgleich er ſehr wenig Nahrung, gar keinen Wein und erſt in neuerer Zeit des Tages ein paar Gläſer Bier zu ſich nimmt. Der militäriſche Gang erinnert noch an ſeine Heldenzeiten. Sein Benehmen, das er nicht ungern auf jenes Landſchloß bei Orleans zurückführt, iſt nicht ohne Feinheit; ſein Umgang voll Milde und Freundlichkeit. Beſonders geſprächig wollen ihn jene, die ihm in den letzten zwanzig Jahren nahe ſtanden, nie gefunden haben, in neuerer Zeit redet er faſt wenig. An Wortwechſel und Streit ſelbſt über ſeine eigenen Hypotheſen nimmt er kaum je Antheil; er hat aus den türkiſchen Kaffee⸗ häuſern eine gewiſſe Gleichgültigkeit gegen dieſe erhitzende Gymnaſtik des Geiſtes mitgebracht. Nur am Schreibtiſche iſt der Fragmentiſt, wie bekannt, etwas herb und herausfordernd. — 212—— Die Crompete. Die Trompete. Oberbayeriſche Dorfgeſchichte. Der Bauernmaler Johannes Duldenhofer zu Grünau ſchreibt an den Herrn Lorenz Rehböckel, Forſtwart zu Marquardſtein, Juli 1848: O O 96 ein liebſter Freund, Laurentius! der biſt Du auf dieſer ſchnöden Welt und darum erzähle ich Dir jetzt brieflich eine Geſchichte. Ein Dorf hat uns geboren, Ein Pfarrer hat uns getauft und miteinander ſind wir jung geweſen. Ich wollte, wir hätten es um's Verkennen weiter gebracht— wer weiß, ob wir einander nicht hätten helfen können. Ja, lieber Freund, wäre mir zur rechten Zeit nur auch ſo ein Wohlthäter aufgeſtanden, wie man öfter in den Geſchichtenbüchern liest und hätte mir etliche hundert Gulden anvertraut! Dann wäre ich nach München und hätte die Malerei ordentlich gelernt und dann dürfte ich vielleicht jetzt auch die berühmten Gemälder in die Kirchen malen in der Stadt und wäre ein anderer Burſch. So aber ſchaut kein Menſch auf mich und muß zufrieden ſeyn, — 200 3— wenn es genug Hochzeitkäſten anzuſtreichen gibt und Todten⸗ kreuze. Hat mir' doch der alte Forſtmeiſter verſprochen, wenn ſein Sohn einmal ausſtudirt hätte und der Pfarrer von Wildenau, wenn er eine beſſere Pfarrei bekommt und der untere Wirth ſelig, wenn der Waizen fünfzig Gulden koſtet— aber, mein Gott! die ſind alle lieber geſtorben, als daß ſie mir geholfen hätten. Uebrigens wäre ich beinahe eingeſperrt worden, wenn nicht die Regierung dazugekommen und mein Schutzengel ge⸗ weſen wäre. Ja, der alte Hang zur Muſik hätte mich faſt ins Unglück geſtürzt, aber unſchuldigerweiſe; der Vikar da⸗ gegen, der hat's mit Fleiß gethan und der hat eigentlich die Verantwortung, wenn ich wirklich nach Amerika gehe. Des ganzen Unfriedens Urſache und Wurzel iſt aber eine Trompete, die alte Trompete in Es, die mir der Hofinſtru⸗ mentenmacher Michael Süßlein ſchon vor Jahren als Ehren⸗ geſchenk und Andenken übergeben hat. Nicht wahr, lieber Lorenz, Du erinnerſt Dich noch an dieſes angenehme Inſtru⸗ ment und was es für einen wunderſamen Ton hatte, wenn es an hohen Feiertagen beim Gloria erklang! Der Lenzen⸗ hieſel ſagt noch heut zu Tage, erſt wie ich dieſe Trompete in Es vom Chore herab ſo andächtig geblaſen habe, iſts ihm bei ſeiner Copulation ganz deutlich geworden und gleichſam inner⸗ lich aufgegangen, was das für ein heiliges Sakrament iſt. Und bei den Tanzmuſiken will ich gar nicht ſagen, was man mit ihr ausrichten konnte. Indeſſen muß ich Dir, damit Du beſſer weißt, woran „ — 201 3— Du biſt, gleichwohl auch ſchreiben, daß wir allhier ſchon ſeit etlichen Jahren eine muſikaliſche Geſellſchaft haben, welche— wie es der Schulmeiſter in die Statuten gar fein hineingeſetzt — mit redlichem Fleiße beſtrebt iſt, ſich in der ſchönen Kunſt der Töne zu üben und gegenſeitig zu fördern, ſowohl zum Zwecke würdiger Belebung des Gottesdienſtes als auch zum Behufe veredelnder Erholung in den freien Stunden der Woche. Die Geſellſchaft kommt alle Monate drei⸗ oder vier⸗ mal zuſammen und man nennt ſie gewöhnlich den Cäcilien⸗ verein. So kam es denn, daß die alte Trompete in Es bald an weltlichen Orten zu hören war, bald auch wieder vom Chore herab in der Kirche. In den letzten Wochen aber war ſie faſt ausſchließlich dem Dienſte des Herrn geweiht und ruhte, wenn nicht geblaſen wurde, lautlos in einem Schranke des Chors. Nun, lieber Freund, bis jetzt merkſt du freilich noch nicht, wo das Unglück herkommen ſoll, aber wie geſagt, ich ſchreib Dir's ſchon und zwar gleich. Ich hoffe, Du denkſt ihn noch, den ſogenannten Lehrer⸗ nazi, den Sohn des vorvorigen Schulmeiſters, der zu ſeiner Zeit auf den Grünauer Wieſen mit uns herumgelaufen und ein einfacher Knabe geweſen iſt, wie wir auch, eine Waiſe, die bei dem alten Wirthe Unterſchluf und Erziehung gefunden hat. Später kam er zur Studi, wie man zu ſagen pflegt, und es ſoll ihm dabei nicht übel gegangen ſeyn. Wir haben ihn ja nachher noch öfter hier geſehen bis er zuletzt nicht mehr erſchien, weil er Cooperator im Unterland geworden war. —— —6 202 3 Ja, richtig, einmal war er wieder da, als er ſchon die Tonſur überſtanden hatte, und da wurden wir erſt die beſten Freunde und hatten Manches auszurichten mit den Mädchen, unſern ehemaligen Schulkamerädinnen, die mittlerweile auch groß geworden waren, doch Alles in Zucht und Ehren, wie Du mich kennſt, lieber Lorenz. Nur um des Heubauern Liſi war unſer Trachten etwas ernſthafter und ehe der halbgeweihte Lehrernazi wieder gekommen, galt ſie eigentlich für meine Liebſte, ohne zu wiſſen warum. Auch ſtand ich eines Tages oder vielmehr Abends, genau geſagt war es jedoch gegen Mitternacht— da ſtand ich draußen einen Büchſenſchuß vom Dorf an ihrem Hofe— der Mond ſchien ſo hell und die Apfelbäume blühten und der Bach rauſchte daneben— inner⸗ halb ſchlief das Liſerl und durch das offene Fenſter hörte man ganz leiſe den Zug ihres Athems— ach wenn ſich's für unſer einen ſchickte, ich würde ſagen, daß ich ganz pvetiſch geſtimmt war, bis auf einmal um das Haus der Lehrernazi kommt und wie er mich ſieht ganz weinerlich und ſchmerzhaft ſagt:„Ach Gott und hier muß ich Dich wieder finden, lieber Hanſi, wo Du doch weißt, daß ich mich zum geiſtlichen Stande beſtimmt habe, und daß mir die Freuden dieſes Lebens bald alle ver⸗ ſagt ſeyn werden und heute Abend, wo ich von dem Liſerl habe einen unſchuldigen Abſchied nehmen wollen auf ewig, da biſt Du da! Ach, wie weh mir das thut, das kann ich Dir gar nicht ſagen.“„Nun,“ ſagte ich,„hätte ich gewußt, daß dies Dein Gang iſt um dieſe Zeit, ſo wäre ich etwa auch gar nicht hergekommen.“„Ach,“ ſagte der Nazi,„Du mußt —6 203 3— nichts Uebles denken, aber wenn Du's heute über Dich bringen könnteſt, mein geliebter Jugendfreund, ſo würdeſt Du mir den Abſchied ſehr erleichtern, der mir ohnedem das Herz abdrückt.“ Dabei nahm er mich bei der Hand und ich bin ganz irre ge⸗ worden und ſo ſag' ich:„Ja, wenn Du meinſt, Du biſt dem Liſerl ſo viel lieber als ich, ſo gehe ich heim und laß Dich hier in Gottesnamen.“ Derweil aber hat das Liſerl das Geſpräch gehört und wiſpert:„Wenn Ihr meint, auf Cuch allein kommts an—“ und ſchlägt das Fenſter zu und heirathet bald darauf aus Verdruß den Tannenbauernſohn von Hirſchenberg, was ich ihr nicht verwehren konnte, äber lange Zeit ſehr bedauerte. So habe ich ihm damals mein ganzes Lebensglück geopfert, aber nicht für immer, da ich daſſelbe, wie ich nicht anders ſagen kann, bei meiner gegenwärtigen Frau und Gattin, welche ſich Dir als unbekannt empfehlen läßt, doch noch richtig gefunden habe. Jetzt fällts mir aber auf einmal ein, wie lange ich Dir ſchon nicht mehr geſchrieben haben muß, denn von meiner Hochzeit weißt Du noch gar nichts und da fang ich alſo jetzt gleich an. Das weißt Du aber ſchon, daß ich früher immer ledig war bis in's fünfundzwanzigſte Jahr meines Lebens und an einem ſchönen Sonntag gerad vor Pfingſten nach der Kirche, wie ich da ſo ſitz' und ausruh', ſchaut auf einmal zu meinem Fenſter ein fremdes Mädel herein— ſchier als wenn eine junge Roſe aus dem Garten in meine Stube wachſen wollte, ſo ſchlank und friſch, ſo weiß und roth. „Ich bin die Bauerntochter von Lindenberg,“ ſagt ſie, — 204 3— „und vor vier Wochen iſt der Vater geſtorben, Thaddäus Brandner, und der Bruder laßt Dir ſagen, Du ſollſt eine ſchöne Tafel malen auf ſein Grab, ſo groß wie die für den Wirth von Wildenau, die Du voriges Jahr gemalt haſt und koſten darf ſie auch ſo viel.“„Und wie ſoll ſie denn aus⸗ ſehen?“ frag ich.„So?“ ſagt ſie,„das wirſt Du wohl ſelber wiſſen, wenn Du ein Maler biſt und wie Du's machſt, ſo iſt's recht.“„Eine Weiſung muß ich aber doch haben,“ ſag' ich,„wenn's noch ſo gering iſt.“„Ich wüßte ſchon,“ ſagt das Mädel und wird ein biſſel roth,„ich wüßte ſchon wie ich mein'; ich hab mir' ſelber ein wenig ausdenkt, aber Du darfſt nicht lachen!“ Und dabei ſchlagt's die Augen nieder und fangt zu zeichnen an mit dem Finger auf dem Fenſter⸗ ſimſen und ſagt: Oben hinauf in den Himmel malſt den hei⸗ ligen Thaddäus— der muß aber gut getroffen ſeyn!— und den Vater ſieht man, wie er in den Himmel kommt, halber noch in den Wolken und gibt dem heiligen Thaddäus die Hand. Der Vater aber muß ganz freudig ausſehen und unverzagt, nicht als wenn er aus Gnade in den Himmel käme, ſondern weil er's verdient hat. Und der Vater hat lange weiße Haare und ein rothfarbiges Geſicht und biſſel eine bucklichte Naſe. Und unten malſt die Wolken hin, goldfarbig und weiß durcheinander, recht licht, und den Himmel, ganz blau. Und unter den Himmel malſt das Gebirg, daß man recht weit ein⸗ ſchaut in die Thäler und daß man die Almhütten ſieht von ferne und obenauf den Schnee, der muß glanzen, und unterhalb den Wald. Und die Berg gehen rechter Hand und linker — 205 2 andern die heilige Eich', die Wallfahrt. Und zwiſchen das Bauernhäuſer hinein und im Laub drinn ſieht man die Kirch⸗ thürm', den runden, das iſt der von Erlbach und den ſpitzigen, Zgeht nach Wildenau, in einem grünen Buſch von Roſen, den haben wir ſelbſt geſetzt. Und vor dem Feldkreuz malſt eine Betbank, wo wir oft knieen, der Bruder und ich, wenn ein ſchöner Abend iſt, und beten und in's Land herunter ſchauen. Und auf die Betbask malſt uns alle zwei, wie wir unſer Gebet verrichten und dann iſt's fertig.“ Auf dieſe Manier hat mir das Mädel die Beſchreibung angegeben und wer's nicht geſehen hat, der glaubt's ſein Leben den vor lauter Eifer und hat nicht aufgeſchaut; zuletzt aber, wie ſie fertig iſt und mich anſieht, ſchrickt ſie zuſammen und wird überroth, wie wenn ſie nicht mehr wüßte, daß ihr Jemand zuhört. Mir iſt aber auch ganz anders worden bei der Ge⸗ ſchichte, und wenn ich jetzt daran denke, iſt mir oft als wenn ich Gott weiß was dafür gäbe, wenn ichs noch einmal erleben fönnte, die kurze Zeit, wo ſie mit dem Zeigefinger auf dem Simſen ihren Gedanken ſo nachgegangen iſt und ſo für ſich hingeſprochen hat, ſo ſittſam und ſo zierlich. Hand weit voran und auf der einen Seite auf der Höhe malſt unſern Hof zu Lindenberg mit den drei Linden und auf der Gebirg malſt eine Gegend, wo der Bach rinnt und die Erl⸗ bäum und die Buchen und die Haſelſtauden und da malſt das iſt der von Wildenau. Und ganz vorn malſt ein Feld⸗ kreuz, ein großes, wie eines ſteht, wo man von Lindenberg nicht, wie lieb das geweſen iſt. Und ſie iſt ganz warm wor⸗ So ſchauen wir einander an, biſſel verwirrt, bis ich zuletzt ſag:„So gute Weiſung habe ich nicht leicht noch ge⸗ habt und ich ſag wahrhaftig Dank dafür. Aber gehſt denn nicht ein wenig herein und thuſt ausraſten?“„Ach,“ ſagt ſie, es könnte dem Bruder nicht recht ſeyn. Jetzt mal Du nur fleißig und ich komme ſchon wieder.“ So lauft ſie fort über die Wieſe in den Wald hinein und den Berg hinauf. Bin doch öfter am Hof zu Lindenberg vorbeigegangen, hab nie gedacht, daß ein ſolches Mädel drinnen iſt. Aber freilich etwas weit iſt's ſchon und die Leute von den Berghöfen ge⸗ hören nach Erlbach in die Pfarrei, kommen auch ſelten herab in unſer Wirthshaus. Ich fang alſo zu malen an und hat mich nie etwas beſſer gefreut und iſt mir auch alle Tage vorgekommen, als könnt' ichs noch beſſer als vorher. Und wie es fertig war, Du hätteſt gewiß den größten Gefallen daran gehabt, lieber Lenzel, ſchon an dem heiligen Thaddäus und an dem alten Linden⸗ berger, aber noch viel mehr, wie ich den Bruder und die Schweſter hingemalt, insbeſondere aber das Mädel mit ihrem grünen Spitzhut, und mit dem ſchwarzen Mieder und dem weißen Schürzel. Und ſelbſt das Geſicht habe ich ein wenig getroffen; es hat ausgeſehen wie eine Apfelblüthe. Und eines Tages nicht lang darnach kommen der Bruder und die Schweſter das Bild anzuſchauen, waren voller Freude, ſo hat es ihnen getaugt. Der Bruder hat auch Alles nach einander rechtſchaffen hergelobt und hat die Kirchthürme und die ganze Gegend richtig wieder gefunden, das Mädel aber * ₰ — 207 8 hat wenig geſprochen, außer mit den Augen, die waren voller Lob und Preis; denn wirklich war jedes Wort und jedes Wörtel von ihr hineingemalt in das Bild.„Nur die Burgel, mein ich,“ ſagt der Bruder,„haſt zu ſchön angefärbt.“ „Da kann ich nicht helfen,“ ſag' ich,„ſie iſt mir halt ſo vorgekommen.“ Da hat er gelacht und ſie iſt ganz roth geworden. Item der Schmied von Erlbach macht das Kreuz zu der Tafel und Alles miteinander wird auf den Kirchhof geſtellt und auf das Grab. Und dort ſtehts noch und wenn Du ein⸗ mal hinkommſt, ſo wirſt Du's finden. Wer aber noch eine rechte Freude empfunden, das waren die Bauern von Erlbach, die den alten Lindenberger alle gern gehabt haben und noch jetzt, wenn mir einer begegnet aus der Gemeinde, ſo lobt er das ſchöne Grabbild. Aber bald darauf kommt der Bruder wieder und ſagt: „Wer weiß, was aus der Tafel wird auf dem Kirchhofe in Regen und Schnee. Ich ließe mir das Gemälde gern auf eine Leinwand malen, drei-, viermal größer und hinge es auf im Hof zu Lindenberg. Meinſt, Du kannſt das machen?“ „Ich will's probiren,“ ſag' ich,„das kann recht ſchön werden und eine wahre Pracht. Aber nachher müßte man die Ge⸗ ſichter nicht mehr ſo von ungefähr malen, ſondern ein ordent⸗ liches Conterfei.“„Schau,“ ſagt der Bruder,„das wär ſchön und ſo bald Du Zeit haſt, kommſt Du hinauf und bleibſt bei uns. Und nebenbei ſtreichſt die Thüren an und die Fenſter und zu den Bauern ſagſt Du überhaupt, es iſt nichts Anderes, — 208 3— denn wenn wir uns abmalen laſſen, ſo junge Leut, das könnten ſie übel nehmen.“ Item am andern Tage ſchon habe ich Zeit gehabt und bin hinauf nach Lindenberg und habe angeſtrichen, die Thüren und die Fenſter, und nebenbei Porträt gemalt. Und wenn die Schweſter auf dem Felde war, habe ich den Bruder por⸗ trätirt und wenn der Bruder nicht Zeit hatte, die Schweſter und jetzt weißt Alles— denn meines Lebens ſchönſte Zeit war auf dem Hof zu Lindenberg. Das Bild aber wurde faſt noch ſchöner als das andere und wenn weniger Rede davon iſt, ſo kommt das daher, weil Weniger davon wiſſen. Und den Bruder habe ich ſchon dergeſtalt getroffen, daß er ſich im An⸗ fang nicht genug anſchauen konnte und von der Burgel will ich gar nichts ſagen, wie die ſo freundlich dakniet mit ihren blauen Augen und dem blonden Haar. Das Gemälde hängt jetzt noch auf dem Hofe zu Linden⸗ berg, in derſelben Stube, wo man die ſchöne Ausſicht hat, und wenn Du einmal hinkommſt, ſo wird Dirs der Bruder ſchon zeigen. Und wie das Bild fertig geweſen, war auch die ganze Sache mit dem Bruder ſchon verabredet und bald darauf war die Hochzeit und die Burgel zieht von ihrem Berghof herunter nach Grünau. Den Bauern in der Nachbarſchaft war's frei⸗ lich nicht ganz recht, daß die Bauerntochter einen Dorfmaler heirathet, aber der Bruder ſagte, wenn ſie ihn gern hat, ſo kommt's ihm nicht auf den Stand an. Und auch ſonſt war er recht ordentlich und hat ihr Alles gethan, was er hat thun können. Und ſeit-der Zeit denk' ich auch nicht mehr an die — 209 3— Heubauernliſi, wenigſtens nicht ſo, als wenn's mir leid thäte, daß es damals nichts geworden iſt. Lebhafter vielleicht um's Kennen und kecker und luſtbarlicher wäre die Liſi geweſen, aber die Burgel iſt viel freundſchaftlicher und heimlicher. Und was ſie gar ſchön kann, das iſt das Citherſpielen. Freilich muß ich aufrichtig ſagen, ſie hat noch viel gelernt von der Lehrerroſi ſeit ſie herunten iſt von dem Berge, und das Singen hat ihr die Roſi eigentlich erſt recht gezeigt. Aber jetzt gehts ſchon wunderſchön und wenn die Burgel und die andere oft an einem Abend miteinander aufſpielen und ſingen— ja Du meinſt ſchon, Du biſt im Himmel oben und hörſt die Engelein. Aber ſiehe da, eines Tages kommt der Nazi wieder aus dem Unterland und iſt Vikar bei uns, geht feierlich im Talar herum und hat eine Häuſerin, die recht hübſch iſt. Freundlich war er im Anfang, das muß man ſagen und wir ſaßen oft im Herrenſtübel beim untern Wirth beiſammen und ſprachen von der Veredlung des Menſchengeſchlechtes, wovon er ein großer Liebhaber war, auch von der Obſtbaumzucht und von der Weltgeſchichte. Aber weil nichts einen Beſtand hat auf dieſer Welt, ſo iſt auch dies bald anders worden und zwar deßwegen, weil ſo ſcharfe Schriften und Bücher aus der Stadt gekommen ſind, und immer ſchärfer ſind ſie worden und immer ſchärfer und der Vikar hat ſich daran ganz ſchwindlicht ge⸗ leſen. Im Anfang freilich hat er mir ſo die ſchönſten Stück⸗ lein erzählt und hat gelacht dazu, aber auf einmal kommt er daher und ſagt: „Jetzt habe ich's erſt gemerkt, daß wirklich was dahinter Steub, Novellen. 14 3 — ² iſt und zwar was Rechtes. Ja, von jetzt an wird der Prieſter⸗ ſtand auch in dieſem Dorf in die Höhe wachſen, wie das Senfkorn im Evangelium.“ Und bald darauf reist er nach München und kommt wieder zurück und da treffe ich ihn wieder beim untern Wirth und er ſagt ganz vornehm: „Jetzt weiß ich erſt wie man thun muß! Da haben ſie mich in München bei den berühmten Männern herumgeführt und die muß man hören, wenn man wiſſen will, was der Prieſterſtand bedeutet. Für was haben wir denn die großen Päbſte, Gregori,“ ſagt er, glaub ich,„und noch ein paar Andere, als um ihr erhabenes Beiſpiel nachzuahmen! Woher kommt ſo vieles Uebel in der Welt, als weil das Volk keinen Gehorſam mehr hat, gegen ſeinen Prieſterſtand! Es geht jetzt ein neues Reich an und eine neue Zeit. Auch wir dürfen nicht mehr Du zu einander ſagen, ſondern höchſtens ich zu Dir, aber Du nicht mehr zu mir. So iſts!“— Wie ich das höre, wurde ich innerlich ganz zornig und ſagte: Für ſo vornehme Geſellſchaft bin ich nicht auferzogen und gehe wieder heim und erzähle es meiner Frau, welche jedoch darüber blos gelacht hat, mit der Behauptung:„Bisher hab' ich ſogar unſern Herrgott gedutzt, lieber Hanſel, wenn ich was mit ihm zu reden gehabt; und jetzt will's gar der Vikar nimmer leiden! da werd'ich mich noch oft verfehlen!“ Ich glaub auch wirklich, lieber Lorenz, daß ihr das eine harte Arbeit werden möchte, denn da oben auf den Berghöfen ſind ſie noch gar alldeutſch und auf das Ihrzen gar nicht eingeſchoſſen Und der Vikari, nicht faul, fangt Dir an zu predigen, aus der Kirchengeſchichte, von dem Pabſt Gregori und ſeines Gleichen, denen die römiſchen Kaiſer die Steigbügel gehalten und daß gar keine Achtung groß genug ſey vor dem Prieſter⸗ ſtande; daß überall Zeichen und Wunder ſich begeben; daß die Muttergottes in Frankreich leibhaftig erſchienen ſey und Hunger und Mißwachs vorausgeſagt habe, wenn ſich das Volk nicht beſſere, und die beſte Beſſerung ſey der Reſpekt und alleweil größerer Reſpekt vor denen, die das Wort Gottes ver⸗ künden, und wenn wir den gehörigen Reſpekt ſchon voriges Jahr gehabt, ſo wäre der große Hagelſchlag gar nicht ge⸗ kommen. Nun, das wäre Alles recht, aber der Hochmuth iſt auch immer gewachſen beim Vikari und Niemand hat ſich mehr tief genug bücken können und aller Reſpekt war immer noch zu wenig und Alles hat er übel genommen und in Alles hat er hineingeredet und im Beichtſtuhl hat er die Leute erſchreck⸗ lich heruntergemacht und die heimlichſten Sachen hat er wiſſen wollen, und Kundſchafter waren auch da, die ihm wieder hinterbrachten, was die Andern über ihn geſagt und von der Kanzel herab hat er dann wieder mit Fingern auf die Leute gedeutet, die laſterhaften, die verworfenen— ſagt er— die in ihrer teufliſchen Verſtocktheit ſich über ſeine Hoffart ärgerten. Und eh Du unſchauſt, lieber Lenzel, war im ganzen Dorf Alles wie umgekehrt, keiner hat dem Andern mehr getraut; unter vier Augen haben alle über den Vikari geſchimpft und in's Geſicht haben ſie ihm geſchmeichelt und demüthig hofirt; — denn, ich weiß nicht, lieber Freund, ob Du ſchon in dem —6 212 2— Fall geweſen, es iſt aber etwas Hartes, wenn man Sonntags in der Kirche, wo man ſich doch einfindet, um mit ſeinem lieben Herr Gott zu verkehren, auf einmal ganz unverhofft ſo von oben herab angeſprochen und abgemalt wird, gleich als hätte man ſich dem Teufel verſchworen und wäre zu nichts mehr gut, als zum abſchreckenden Beiſpiel für Andre. Item unſere Geſchichte muß auch ein Ende haben, und der Vikari nimmt immer zu in ſeiner Herrlichkeit, bis mir der junge Wirth von Zell die Botſchaft thut, ſie hätten eine Hoch⸗ zeit, aber keine Trompeter dazu; ich möchte kommen und blaſen. Und ſo lauf ich hinunter in aller Eile zum Schullehrer und bitt ihn, er ſoll mir den Schlüſſel geben zum Inſtrumenten⸗ kaſten, welchen er aber nicht hatte. Und wenn ich ihn auch hätte, ſagt er, ſo könnte ich Dir die Trompete nicht geben, weil der Vikar jetzt das Zeug vom Chor zu Tanzmuſiken nicht mehr hergibt. Ja, ſag' ich, wenn er das nur verwehren kann? Nu, meint der Lehrer, er hat erſt geſtern geſagt, Deine Trompete ſey für die Kirche gekauft. Da wirſt Du Dich ſchwer thun. Nun habe ich von Weitem nicht gemeint, daß da eine Bosheit dahinter iſt, ſondern nur ein Irrthum und denk mir alſo, daß man mit dem Vikar reden muß. Ich ſuche ihn auch auf und treff' ihn in der Stube beim Seilermeiſter, welcher mit ſeinem ganzen Hausweſen beim Eſſen war. So wünſche ich guten Tag und ſage: „Ich habe gehört, Hochwürden Herr Vikar, meine alte Trompete in Es ſey gekauft. Wer hat ſie denn gekauft?“ —————— —6 213 5 „Die Kirche hat ſie gekauft,“ ſagt der Vikar.„Zum Chor iſt ſie gekauft.“ „Wie können Sie ſo reden,“ ſag ich,„Herr Vikari, von meiner alten Trompete in Es, da ich gar nichts davon weiß.“ Auf dies macht der Vikar ein fürnehmes Geſicht, zieht den Kopf hochmüthig in die Höhe und ſagt: „Sie iſt gekauft!— Wir haben übrigens ſchon ausge⸗ redet, denn ich gebe mich nicht länger ab mit ſo einem niedri⸗ gen Menſchen, ſo einem gemeinen Layen, wie Du einer biſt.“ Wie er das ſagt, reißt der Seilermeiſter und ſeine ganze Familie die Augen auf und war Alles todtenſtill vor Schrecken. Aber, lieber Laurentius, jetzt frag' ich Dich, hätteſt Du 4 vielleicht das ruhig ausgehalten? Du ſchon gar nicht, aber 1 auch mir iſt ganz elend worden vor lauter Aerger und Belei⸗ digung, denn wenn ich ſchon nur ein Dorfmaler bin, ſo halte ich doch viel darauf, daß ich auch ein Stadtmaler hätte wer⸗ den können, wäre die Armuth nicht geweſen und Familienvater werd'ich auch bald ſeyn, weil mir's meine liebe Frau, die ſich Dir noch einmal empfehlen läßt, auf Mariä Geburt beſtimmt verſprochen hat und ein redlicher Menſch bin ich obendrein. Deßwegen meine ich im Dorfe eine beſcheidene aber würdige Stellung einzunehmen, und wenn der Herr Vikar des Willens . iſt, mich an die chriſtliche Demuth zu erinnern, ſo hat er dazu den Beichtſtuhl, allwo er hoffentlich auch zu derſelben Tugend vermahnt wird. Und wenn's das Unglück ſo gewollt hat, daß ich ein Laye worden bin, ſo bin ich doch ſo weit ſtudirt, daß die Kirche deßwegen die Prieſter höher hinauf ſtellt, damit —0 214 2— ſie uns in Gerechtigkeit und Heiligkeit vorangehen, nicht aber die Layen verkürzen und beleidigen ſollen, am wenigſten ſolche, die wie ich, Jahre lang auf dem Chore zu Lob und Preis der heiligen Dreifaltigkeit und der gebenedeiten Jungfrau Maria Trompeten geblaſen haben. Freilich, lieber Alter, bei Dir braucht's keine Entſchuldi⸗ gung, aber wenn ich einmal in's Raiſonniren hineinkomme, ſo laſſe ich mir gerne meinen Lauf, vor Allem ſo unter vier Augen vor Deinem Angeſicht; denn ſonſt fehlt's bedeutend am mündlichen Vortrag und überhaupt wenn ich ſo einen Brief an Dich ſchreibe, komme ich mir oft viel geſcheidter vor, als ich wirklich bin. Aber der Zorn war damals zu groß und gar lange konnte ich mich nicht beſinnen und ſo fahre ich heraus und ſage: „O Du grimmiger Vikari, wenn Du etwa an unſere frühere Freundſchaft denken möchteſt und an des Heubauern Liſi, ſo thäteſt Du Dich vielleicht ſchämen, daß Du Deinen guten alten Kameraden jetzt ſo hinunter drücken willſt. Und wenn Du ſagſt, die alte Trompete in Es iſt gekauft, ſo biſt Du ein Lügner.“ Und ſofort ging ich zur Thüre hinaus. Jetzt frag ich wieder, wer hat Recht? Denn daß ich den Vikari gedutzt habe, kann ſo weit nicht gefehlt ſeyn, weil er ſelber angefangen hat. Freilich hat ers vielleicht nur gethan zur Erinnerung an unſere ſchöne Jugendzeit— aber warum ſoll ich mich nicht auch erinnern? Und in der ſelbigen Zeit, wo unſer Heiland ſeine Kirche geſtiftet, haben die Leute, wie das —————— S Evangeli ausweist, alle einander gedutzt und wenn ich mich länger beſinnen wollte, fielen mir noch ganz andere Sachen ein. Item es gehen etliche Tage herum und bald hat es mich gefreut, daß ich ihm ſo herzhaft hinausgegeben und bald habe ich ein Bedauern gehabt, daß die Menſchen einander ſo belei⸗ digen mögen, ohne zu wiſſen warum, aber auf einmal in der andern Woche kommt ein Einſpänner in's Dorf herein, ein ganz friſches Fuhrwerk, und ſitzt der Aſſeſſor drinnen und der Praktikant, welche beide beim Vikari abſteigen. Ich ſchau da von meinem Hauſe(man dürfte faſt ſagen: Häuschen) öfter hinüber und ſo nach etlichen Stunden kommen alle drei wieder heraus, ganz feuerroth im Geſicht und ſo luſtig, wie ich ſeit meinem Hochzeittag nicht mehr geweſen bin. Und die Häu⸗ ſerin kommt auch hinterdrein und ſchaut ganz liebreich auf die Herren. Und alle drei haben Cigarren geraucht und die Häu⸗ ſerin hat auch eine gehabt, aber halbverſteckt in der Hand. Aha, denk ich mir, da hat der Ruppertsberger und derſelbige Grimmeldinger, den die Häuſerin ſo lobt, die haben da auch mitgethan. Und zuerſt heben ſie den Aſſeſſor auf ſeinen Sitz 6 und der Praktikant ſpringt nach wie ein Eichhorn und der Vikar ſagt: „Liebe Landsleut, noch einmal ſag' ich's euch! jetzt laßt mich nicht ſitzen, ſonſt iſt aller Reſpekt verloren, wie dem Juden ſeine Seel.“ „Ja wahrhaftig,“ ſagt der Praktikant darauf ganz über⸗ laut und gibt ihm die Hand,„Dir ſoll geholfen werden, Pfaff, zuerſt um Deines Glaubens willen, und nachher weil —6 216 3— Du einen ſo guten Tropfen im Keller und eine ſo ſchöne Magd im Bett haſt. Biſt Du zufrieden mit dreimal vierundzwanzig Stunden?“ „Ach,“ ſagt der Vikar und ſchlägt die Augen demüthig nieder,„wenn es Ruthenhiebe wären, die hätt' ich lieber.“ „Ei, damit kann ich jetzt nicht aufwarten,“ erwiedert der Praktikant.„Freilich wäre keine Strafe groß genug für den gottloſen Pfuſcher, der ein ſo aufrichtiges Kirchenlicht einen Lügner ſchimpft.“ Wie ich dies höre, geht mir ein ellenlanger Stich durch's Herz und meine arme Frau fällt mir um den Hals und zugleich in die größte Trübſal und ich weiß mir auch nicht zu helfen, bis zum guten Glück der Steffelbauer von Oſterberg ſeinen Buben herüber ſchickt, er ließe jetzt ſein Haus abweißen und ich möchte ihm geſchwind auf die vordere Wand ein paar Hei⸗ lige malen. Das war eine Schickung Gottes; denn zu Haus hätte ich's doch nicht ausgehalten und wenn wir beiſammen geblieben wären und alleweil darüber geredet hätten, Stund für Stund, ſo wär' es uns alle Tage nun bitterlicher worden.. Alſo packe ich ſchnell meinen Zeug zuſammen und wandere über's Gebirg hinüber nach Oſterberg. Dort male ich ein paar Tage die Heiligen auf das Haus, den heiligen Iſidor und die heilige Notburga und hab gar oft beim Malen mein Gebet verrichtet: O ihr lieben Heiligen, nehmt euch um mich an— nur dieſe Schande laßt mich nicht ausſtehen; lieber zieht mir den Arreſt ſiebenfach von meinem Leben ab! Insbeſondere die heilige Notburga habe ich darum G — 217 5 angeſprochen, weil ſie doch die Namenspatronin iſt von meiner Frau. Und in der andern Woche gehe ich wieder übers Gebirg nach Haus und da kommt mir die Burgel ganz freundlich und gefaßt entgegen und gibt mir einen Zettel, der mich in's Land⸗ gericht ladet und ſagt:„Ich hab' mich jetzt genug zergrämt über dieſe Geſchichte— ſey ſtandhaft, lieber Hanſi, wer weiß wie's geht.“ Und am andern Morgen mache ich mich auf zum Land⸗ gericht und daſelbſt geh ich im Gang auf und ab und wie es meine Stunde ſchlägt, geh ich hinein in die große Stube, die voller Bauern war. Wie aber der Praktikant mich ſieht, ſo fahrt er auf und ſagt recht ſpaßig und heiter:„Aha, der ganzen Figur nach iſt Er der Bauernmaler von Grünau?“ und wie ich darauf mit dem Kopf beſcheiden nicke, ſo lacht er wie närriſch und ſagt zu den andern Schreibern in der Stube: „He Leut, aufgepaßt! das iſt der weltberühmte Raphael von Grünau, der den Vikari dutzt und die geiſtlichen Herren . ſo herſchimpft! Siſt gewiß der Mühe werth, daß man ſich den Kameraden anſchaut! der gehört auf den Jahrmarkt, wo man die Affen um einen Groſchen zeigt.“ Und auf dies fangen alle, der Oberſchreiber, der große Lump, und die fünf andern Schreiber und im Nebenzimmer der Aſſeſſor und die zwei Gerichtsdiener und der Gensdarm am Ofen, die fangen alle hellauf zu lachen an. O mein, da haſt nicht irr werden können, daß ſchon Alles verabredet war, und daß ſie ſich ſchon gefreut haben auf den armen Bauernmaler von Grünau, der ihnen doch ſeiner Lebtage nichts zu Leide gethan. Der Praktikant aber nimmt ein paar Bogen Papier her und ſagt ganz kurz und voller Eile: „Nun, ſo viel iſt ausgemacht, daß Er den Vikar einen Lügner geſchimpft hat oder will Er's etwa läugnen?“ „Nein,“ ſag ich,„das läugn' ich nicht, aber“— und da hätte ich ihm gern die ganze Sache erzählt, wie ſie ſich zuge⸗ tragen und wie ich's mir auf dem Weg her ausgedacht und zuſammengeſtellt und repetirt hatte. Da war aber nicht zu helfen, denn der Praktikant ſchreit:„Was Aber! Glaubt Er, daß man ſeine Zeit mit Ihm verliert, wenn ſo viele ordentliche Unterthanen auf Abfertigung warten? Da! das Protokoll hab ich ſchon ſchreiben laſſen,'s braucht nur die Unterſchrift.“ Ich nehm die Feder in die Hand und ſchau in das Pro⸗ tokoll, weiß aber nimmer recht was drinnen geſtanden iſt. Und wie ichs unterſchrieben habe, ſo denk ich mir, es muß halt doch heraus und fang wieder an. Der Praktikant aber ſchreit ganz zornig: „Er Simpel, wenn Er was weiß zu ſeiner Entſchuldi⸗ gung, ſo hätt' Ers vorher ſagen ſollen. Jetzt iſt das Er⸗ kenntniß ſchon gemacht. Drei Tage geſchärften Arreſt und die Koſten hat Er ſelbſt zu tragen. Das kann Er auch gleich unterſchreiben.“ Wie nun das auch vorbei war, da kommt mir zum drittenmal die Hitz und die Rechtſchaffenheit und ich ſage: „Jetzt, Herr Praktikant, denken Sie an Ihr letztes Ende und an die Hölle und an das Himmelreich und geben Sie mir Auskunft, ob mir Niemand helfen kann auf dieſer Welt, daß ich die Schand nicht ausſtehen muß.“ „Da kann Niemand helfen,“ gibt er mir zur Antwort— „die Strafe iſt einmal zu gerecht. Geht Er zur Regierung, ſo bekommt Er Ruthenhiebe, denn wenn man jetzt einem geiſt⸗ lichen Herren etwas thut, ſo iſt's der Regierung immer, als wenn man's ihr ſelbſt gethan hätte. In vierzehn Tagen ſtellt Er ſich und laßt ſich einſperren. Jetzt rechtsum kehrt euch, Gſchwindſchritt Marſch, hinaus.“— Und da lachen wieder alle die Schreiber ſo erbärmlich, daß es eine Schande war. Ja, Gſchwindſchritt Marſch, hinaus, denk ich mir, etwa ins Waſſer, in die beſſere Welt, bis mir auf der Stiege der Schlickertoni von Feldwies begegnet, derſelbe brave Burſch, weißt Du, der uns vor fünf Jahren einmal geholfen hat auf dem Miesbacher Markt, wie wir mit den Schlierſeern gerauft haben und ſagt:„Du biſt ja ganz käsweiß, Hanſel, hat Dich gewiß was geärgert!“ Auf dies erzähl' ich ihm die ganze Geſchichte. „Nu!“ ſagt er,„ſo ſollen doch gleich alle Schreiber ver⸗ recken, wenn da nicht zu helfen iſt. Ich bin einmal in der nämlichen Patſch geweſen und in München iſt mir doch noch geholfen worden. Jetzt beſorg ich Dir oben die Abſchrift und dann fährſt Du mit mir auf Feldwies und bleibſt über Nacht, und da geb ich Dir ſchon die rechten Einſchläge. Und morgen machſt, daß Du hinein kommſt.— Wer weiß wie's geht.“ Das war mir Alles recht und dem Zennſenſeppel von — 220 3— Weihern, der war auch bei Gericht, dem haben wir aufge⸗ geben, daß er der Burgel ſagt, wo ich hingegangen bin und haben's ihm recht eingebunden, daß ers nicht vergißt, wie's ihm ſo oft paſſirt, und ſo fahren wir nach Feldwies und blei⸗ ben über Nacht und da hab' ich mich gefreut, wie der ordent⸗ liche Menſch ſeinen Hof ſo ſchön eingerichtet hat, mit ſeiner jungen Frau, ſchier gerad wie bei uns, nur viel vermöglicher. Und am andern Tage lauf ich in die Stadt, wie ein Wieſel und richtig, wie mirs der Schlickertoni geſagt hat, ſo finde ich das Thor beim Fiſchbrunnen und den Gang und das Zimmer und die Nummer und geh hinein und ſag:„Ich habe eine unterthänige Beſchwerde.“ Steht Einer da, ein langer, weiß Gott wer' geweſen iſt, und ſchaut mich ſo an, wie man einen Bauern anſchaut. „Nu, wo feilts?“ ſagt er,„raus mit der Stimm!“ Da bin ich wieder herzhaft worden, weil der Herr ſo gut bayriſch ge— redet hat, faſt noch beſſer, als ich ſelber und geb' ihm die Ab⸗ ſchrift. Und wie ers geleſen hat, wird er ganz zornig und ſagt: „Sakra, daß die Pfuſcher da draußen aus ihrem Holz⸗ weg nie herausfinden! Jetzt bringens da eine Polizeiſach' zwegen! Das Zeug gehört ja in einen ganz andern Mühlgang.“ „O Du lieber Gott im Himmel,“ ſag' ich,„alſo iſt doch noch zu helfen!“ „Das wär' das Wenigſte, ſagt der Andere— aber daß das keine Polizeiſach iſt, das ſieht ein Blinder. Das müſſen wir jetzt als null und nichtig aufheben und haben die Schererei umſonſt, dürfen die Akten hereinkommen laſſen und wieder ——— nausſchicken und iſt Alles für Nichts. Und ſo geht's einen Tag um den andern, weil die damiſchen Herrn nicht auf⸗ paſſen und haben doch ganze Fuder voll Verordnungen draußen. Es fehlt halt an der Bildung. Freilich heißt es, geringe Schimpfereien gehören der Polizei, aber dann müſſen's an öffentlichen Orten vorfallen, verſtanden! Das weiß man jetzt ſchon bald ſeit vierzig Jahren, ſeit Menſchengedenken, aber bis es die da draußen merken, da darf ich noch fünfhundert Jahr ſo fortmachen im Schweiß des Angeſichts. Aha, ja, ja, beim Seilermeiſter in der Stuben! Iſt denn das ein öffent⸗ licher Ort, frag' ich? das weiß daheim mein kleines Linerl ſchon beſſer, iſt doch erſt fünf Jahr alt und geht noch gar nicht in die Schul, hat aber freilich mehr Verſtand. Und was nicht zu der Polizei gehört, das gehört zu der“—— aber das Wort fallt mir nicht mehr ein, das er da geſagt hat. „Wenn's da aber nicht bald einen Fried gibt mit denen Trom⸗ peten da,“ ſagt er nachher wieder,„ſo will ich mit dem Re⸗ ferenten ſchon reden, daß er eine Verordnung drüber hinaus⸗ gehen läßt, eine recht geſalzene.“ Und ſo hat er faſt lang ſo fortgeſcholten und dabei immer geſchrieben und zuletzt war ein Protokoll fertig und das hab' ich unterſchreiben müſſen.„So!“ ſagt er,„jetzt biſt ſchon abgefertigt.“ „Aber lieber gnädiger Herr!“ ſag' ich,„wie iſt's denn jetzt? iſt mir geholfen oder nicht?“ „Wie's iſt?“ ſagt er,„die ganze Geſchicht' iſt halt in den unrechten Hals gekommen und da gibt's keinen Frieden, bis ſie wieder heraus iſt. Und weiß Gott, was da noch für Patſchereien dazwiſchen kommen können. Vor vierzehn Tagen kann man freilich nichts ſagen, aber ſo wie es iſt, darf es nicht bleiben; das wär zum Lachen. Das Landgericht wird es Euch aber ſchon zu wiſſen thun.“ Jetzt habe ich mich herzlich bedankt für den gnädigen Beſcheid, und voller Freuden habe ich mir denkt, wenn es nur die Burgel auch gleich wüßte und muß der arme Narr jetzt noch einen ganzen Tag lang warten. O du grundgütige Regierung! wenn du nicht geholfen hätteſt, wär das Unglück ohne Ende geweſen, und meine Kinder hätten ſich noch nachſagen laſſen müſſen, daß ihr Vater einmal iſt eingeſperrt geweſen, wie ein Dieb oder Räuber. Wie nützlich iſt es doch, lieber Lenzel, daß es mehrere Obrigkeiten über einander gibt und daß die obern wie⸗ der umwerfen, was die untern aufſtellen, wenn wir's nur nicht ſelber zahlen müßten! Item ich trinke ſchnell am Fiſchbrunnen und dann wieder fort und hinaus und in einem Zuge bis Feldwies zum Schlicker⸗ toni, der ſich rechtſchaffen gefreut hat, daß Alles ſo gut ge⸗ gangen iſt. Und am andern Tag, das war ein Sonntag, da bin ich freilich übermäßig müd geweſen von dem weiten Weg und am Mittag im Brennberger Wald, da ſink ich hin in der Hitze und will etwas ausraſten— derweilen aber ſchlaf' ich ein und muß etliche Stunden verſchlafen haben. Mir ſind ſie freilich nicht lang vorgekommen, hat mir aber auch von nichts geträumt als von daheim. Und wie ich Abends nach Hauſe komme, ſo war die Burgel im Garten draußen und ſitzt unter dem großen Nuß⸗ baum, hat auch die Cither auf dem Knie, ſpielt aber nicht. Ja ganz verſunken war ſie in Gedanken und hält ſich mit den Händen die Augen zu, als wenn ſie nichts mehr ſehen wollte von der Welt. Wie ich ihr aber zuruf: Mädel, es iſt ſchon geholfen— ſo ſpringt ſie auf und jauchzt und halst mich und iſt voller Seligkeit und ganz wie auseinander. Aber das habe ich gleich gemerkt, daß ſie nebenbei ganz ſchwermüthig iſt und denke mir, ſie wird ſchon ſelber reden, ſie hat aber wenig geſagt. Und ſo ſitzen wir zuſammen unter dem Nußbaum und ſie hält mich immer im Arm, ganz trübſelig und ganz heiß. Und wie ich ihr die Geſchicht erzählt habe, wie es in der Stadt ge⸗ gangen, ſo ſag ich zuletzt: Aber Burgel, Du biſt heut nicht wie ſonſt; Dir muß etwas geſchehen ſeyn, was Dir nicht recht iſt. Auf Dieſes aber fangt ſie zu weinen an, daß die Zähren herunterſchießen wie ein Mühlbach und man meinte, es müſſe ihr das Herz abſtoßen. Item es hat aber Alles ſeine Zeit und die Burgel iſt zuletzt doch wieder gefaßt worden und hat mir erzählt, daß ſie ſich tüchtig gefreut, wie der Zennſenſeppel die Botſchaft ge⸗ bracht, daß noch nicht Alles verloren ſeyo. Und in der Früh, das heißt an dem Sonntag, wo ich heimgekommen bin, da geht ſie in die Kirche.„Bin ſchon ganz früh gegangen,“ ſagt ſie,„leicht eine Stund vor dem Amt und hab alleweil gebetet, daß es Dir recht gut gehen möchte und iſt mir alleweil ——— leichter worden und hab bald gemeint, jetzt weiß ich's gewiß. Und nachher habe ich mich mit Fleiß beſſer an die Kanzel hin⸗ geſetzt und hab gedacht, heut iſt Jubiläumsablaß, da hat er gewiß recht fromme Gedanken, und wenn er mich ſieht, möcht ihm vielleicht einfallen, daß Du nicht allein in die Schande kommſt, ſondern ich mit und wenn's Dir vielleicht in der Stadt doch nicht geräth, ſo könnt' er ſelber noch nachhelfen. Und ſo fangt denn die Predigt an und der Vikari liest das Evan⸗ gelium: Mir iſt alle Gewalt gegeben— und ſagt, das muß auch wieder werden, daß der Prieſterſtand alle Gewalt habe auf Erden, weil er die Schlüſſel hat zur Hölle und zum Himmelreich. Und dabei iſt er geblieben und hat noch aller⸗ hand geſagt von derſelben Gattung und auf einmal ſchaut er auf mich herunter und fangt an: Und ſogar die weltliche Obrigkeit, die ſo lange verblendet war, der hat jetzt der liebe Gott in ſeiner Barmherzigkeit die Augen aufgethan und ſie iſt jetzt zur Erkenntniß gekommen, daß Ehrfurcht vor dem Prieſterſtand und Gehorſam der Welt allein vor den ſchreck⸗ lichſten Laſtern und vor ewiger Verdammniß helfen können⸗ Deßwegen, ſagt er, wird auch mit nächſte ein Frevler, leider, leider aus unſerer Gemeinde, der ſich an dem geweihten Diener des Herrn vergangen hat, der Strafe anheimfallen, der ge⸗ rechten aber ſchimpflichen Strafe, ſo daß die Schande nicht allein an ihm ausgeht, ſondern auch an ſeinem jungen und tugendhaften Weib! Und wie nun der Vikari dies ſagt und mit dem Zeigefinger herunterdeutet, ſo ſchauen Alle guf mich — die Mehreren, ich darf's wohl ſagen, recht mitleidig, die 4 Andern aber faſt ſpöttiſch und boshaft. Und da wird's mir auf einmal, wie wenn's Einem übel wird und ſo ſtehe ich auf und wie ich ſo ganz ſchwindlig hinaus gehe, ſteht die alte Rappenbäurin auch auf, gibt mir die Hand, führt mich hin⸗ aus und ſagt: Haſt Recht, Burgel, daß Du gehſt— es wird mir jetzt auch zu arg— und draußen auf dem Kirchhof kniet ſie ſich auf das Grab, wo ihr Mann ſeliger liegt und ſagt: „Der Rappenbauer, wenn lebte, der ſchlüg den Vikari herunter von der Kanzel, Ein Ding, ob's ihm recht wäre oder nicht. Aber die braven Leute ſind jetzt alle todt.“ Jeſus! Jeſus! Da fangen die Zähren wieder zu ſchießen an und die Burgel fallt mir wieder um den Hals und ich hätte faſt auch mitgeweint, wenn nicht auf einmal der Bruder von Lindenberg dahergekommen wäre. Das iſt ein Burſch, daß man ihn vergolden ſoll und überall kommt er zur rechten Zeit.„Ich weiß ſchon, wie es gegangen iſt, liebe Burgel,“ ſagt er, und gibt ihr die Hand,„Du brauchſt mir nichts zu erzählen. S ſind etliche Burſchen und gute Freund zu mir hinaufgekommen und haben mir Alles geſagt. Die wären gleich dabei gewe in der Nacht Haberfeld treiben beim geiſt⸗ lichen Herrn, wenn ich hätte mitgehen wollen. Das thut aber nichts, wenn Dich der Vikari von der Kanzel verſchreit, wenn Du Dich nur nicht ſelber in Unehr bringſt.“— Und ſo hat er ihr zugeſprochen, ſo daß die Burgel bald wieder ganz recht worden iſt. Nachher ſind wir auch zu reden gekommen, wie es mir in der Stadt ergangen, das hat ihm aber nicht ganz gefallen wollen. Mein, ſagt er, die Herren ſind oft gar Steub, Novellen 15 — —6 226 2 falſch und wer weiß, ob Du ihn recht verſtanden haſt und wenn auch von Arreſt keine Rede mehr iſt, ſo bekommſt viel⸗ leicht Ruthenhieb dafür. Da hat die Burgel wieder einen tiefen Schmerzen gehabt, als wenn ſie das nicht überleben könnte und ſich was anthun müßte. Nun tröſtet ſie der Bruder wieder und ſagt, da wär's noch allemal Zeit dazu, aber jetzt einmal ſoll ſie hinauf nach Lindenberg, daß ſie nichts mehr von der Geſchichte hören muß, und daß die Grünauer Leut ihr nicht mehr im Weg umgehen, bis das Ende vom Landgericht kommt, und ich ſollte auch mit. Das wär mir freilich recht geweſen, aber die Leute hätten meinen können, ich thäte es des Faullenzens wegen und das hätte mich nur verdroſſen. So ſind denn alſo Beide miteinander fort und ich habe ſie noch bis halbwegs begleitet und hab herzlich Abſchied ge⸗ nommen und am andern Morgen in aller Früh hab' ich mein Zeug zuſammengepackt und bin zum Schlickertoni nach Feld⸗ wies, weil der mir geſagt hatte, ich ſoll ihn abporträtiren, wenn ich einmal Zeit hätte. Nachher ſind aus dem einzigen Schlickertoni drei Bauern und zwei Bäurinnen worden und ich hab' vierzehn Tage zu thun gehabt, bis die Bilder alle fertig waren. Und ſo iſt die Woche ruhig herumgegangen und am Samſtag bin ich von Feldwies nach Grünau, ganz ſpät, und über Nacht geblieben und am andern Tag in aller Früh bin ich hinauf zum Hof. Der Bruder und die Burgel ſind mir auch entgegen gegangen und haben die größte Freud gehabt, —— ———„— aber die Burgel auch verweinte Augen. Nachher ſind wir in die Kirche nach Erlbach und da habe ich die Grabtafel wieder geſehen, die noch ganz ſchön iſt wie neu. Und der Pfarrer von Erlbach, das iſt einer von den alten Herren, die ſich nicht mehr in den neuen Hochmuth hineinreißen laſſen, der hat uns in den Pfarrhof gerufen, wie wir auf dem Heim⸗ wege vorüberkamen und ſagt, daß die Burgel allzeit ſo brav geweſen iſt in der Schule und in der Kirche und daß er gar nicht wüßt, zu was der Grünauer Vikar ſie ſo martern thät. Und einen ganz ſchönen Zuſpruch hat er ihr gemacht; das hat ſie recht aufgerichtet. Und daheim, nämlich auf dem Hof, ſetzen wir uns in die große Stube, wo man die ſchöne Ausſicht hat, und wo das ſchöne Bild hängt, von dem ich Dir ſchon geſchrieben habe. Da war ein Tag ſo klar und hell und ſo warmes, liebliches Sommerwetter und die Felder und die Wälder, die Dörfer und die Schlöſſer ſind ſo freundlich dagelegen, daß es eine Pracht war und der Sonnenglanz hat ſo ſchön geflimmert, daß ich es Dir leider nicht beſchreiben kann. Da macht die Burgel das große Fenſter auf und ſagt: Ach wär doch das Land ſo ſchön, wenn die Leute nicht ſo feindſelig wären! Und ſo ſind wir mit einander auf die Laube hinaus und haben uns faſt verwundert über die Herrlichkeit und die Burgel nimmt ſich einen Stuhl und will gar nicht mehr weg. Der Bruder aber gibt mir ein Zeichen und wir gehen miteinander wieder in die große Stube. „So, jetzt können wir noch ein Wort miteinander reden, 2 ————————— ſagt er, und Du darfſt zufrieden ſeyn, Hanſel, was das Madel gut von Dir ſpricht, aber die Geſchichte geht ihr entſetzlich zu Herzen und die verweinten Augen bringſt ihr nicht mehr aus dem Geſichte. Das hat ſie freilich daheroben nicht gewohnt, daß ſie ſo mit Schand' und Spott aus der Kirch ſoll gehen, und das wurmt mich und kommt mir immer wieder friſch, daß man ſo ein gutes unſchuldiges Madel ſoll ſo verſchimpfen laſſen müſſen. Und Dein' Sach gefallt mir auch nicht ganz und ich fürcht, es könnt leicht was Schlimmers kommen vom Landgericht als Du meinſt. Und neulich bin ich auch darinnen geweſen wegen der Vormundſchaft über die Schweſter. Da ſind ſie wieder ſo grob geweſen, bis ich noch gröber geworden bin, denn in's Geſicht ſpeien laſſe ich mir nicht vom Aſſeſſor. Aber wenn die Hetzerei einmal angeht mit dem Gericht, dann gehts Dein Lebtag nicht mehr aus. Da haſt Nichts als. Gänge und Zeitverſäumniß, Plagerei und Koſten. Da kannſt heut hineingehen fünf ſechs Stunden weit und ſie ſchicken Dich wieder heim und ſchauen zum Fenſter hinaus, als wenn's keine Zeit hätten. Und geben thut man ihnen oft nicht ſo viel, daß ſie leben könnten und ſo muß halt der Bauer ſelber ſeine milde Hand aufthun. Sonſt kannſt jeweil gar nichts ausrichten und Du weißt, warum es oft den braven Leuten ſo ſchlecht gegangen iſt und warum jetzt der Metzgerwaſtel von Audorf die ganze Gemeinde regiert, und warum keiner mehr angehört wird, der ſich über ihn beklagen will. Und wenn die Spitzbuben die Gewalt haben, nachher weißt ſchon, wie es den ehrlichen Leuten geht. Und dann, wo Du hinkommſt vor Gericht oder in die Stadt, heißt's halt die dummen Bauern, aber daß wir geſcheidter werden, um das kümmert ſich kein Menſch. Und die geiſtlichen Herren werden auch nicht mehr beſſer; die alten ſterben weg und die jungen ſind oft nicht zu erleiden vor lauter Uebermuth und Schärfe. Und jetzt ziehens die ausländiſchen Bußprediger in's Land, daß die Leut noch ganz närriſch werden. So hetzen ſie Dich Jahr aus Jahr ein mit lauter Beten und Beichten und Büßen wegen Deiner ſchrecklichen Verworfenheit als Ebenbild Gottes, aber eine ehrliche Recreation laſſen ſie Dir nicht. Da ſollſt keine Cither mehr ſpielen und kein Lied mehr ſingen, da haben ſie in Erlbach gar die Komödie verboten und am Kirchtag darfſt bald auf keine Muſik mehr gehen. Früher bin ich wohl als Wildſchütz hinaus in den Wald, aber das mag ich nimmer ſeit ich Herr bin auf dem Hof. Und ſo ſetzſt Dich halt ins Wirthshaus und liegſt vor dem Faß und ſaufſt und raufſt und wenn Du Einen an den unrechten Ort ſtichſt, ſo kommſt auf Dein Lebenlang ins Zuchthaus.“— „Recht haſt,“ ſag ich,„aber das wird ſchon ſo ſeyn müſſen.“ „Nein, das muß nicht ſo ſeyn,“ ſagt der Bruder ganz laut,„da geht man nach Amerika.“ Nach Amerika! wie das die Burgel hört, kommt ſie von der Laube herein und wir ſchauen den Bruder mit großen Augen an. Der ſagt aber ganz feſt: Ja, nach Amerika. Ich habe noch nie davon geredet, aber die drei Erlbacher Burſchen, die vor zwei Jahren fortgegangen ſind, die haben jetzt geſchrieben, —6 230 5— daß es ihnen ganz beſonders gut geht. Weit hinten ſind ſie freilich in Amerika, aber einen prächtigen Boden haben ſie faſt geſchenkt bekommen und den ſchönſten Wald und das Wildpret ſchießt man vom Fenſter aus. Und Steuern gibt es auch keine und es hat Dir kein Menſch was einzureden und darf dich kein Vikari plagen. Und mir ſchreibt der Wolfel Thoma ertra, gar nicht weit von ihm iſt ein Berg und da hat man eine gar ſchöne Ausſicht und wenn ich dahin meinen Hof baue, ſo müßt' es mir vorkommen, wie zu Lindenberg. Und da gibts ſo eigene Bücheln über das Amerika und die hab' ich jetzt zum Lefen und da find ich, daß es wahr iſt, was die Burſchen ſchreiben, und wenn ich meinen Hof ordentlich ver⸗ kaufen könnte, ſo ginge ich je eher je lieber.„Hei ſakra,“ ſagt der Bruder und fahrt auf und ſchlagt auf den Tiſch, daß die Fenſter zittern,„wenn ſo fünfzehn, zwanzig tüchtige Burſchen beiſammen wären, wie Du und ich und ſo fünfzehn zwanzig junge friſche Weiber und wir wirthſchaften da hinten im amerikaniſchen Wald— wer kann uns denn an? Hab' beim letzten Schießen dreimal nacheinander den Punkt hinausge⸗ ſchoſſen, da werd ich wohl auch die Büffelochſen treffen und die gefährlichen Vieher und wenn's ans Raufen geht, ſo hat mir auch noch Keiner die Feder vom Hut gethan!“ Nun kannſt Dir denken, lieber Lenzel, was wir da dreing ſchaut haben, die Burgel und ich, daß wir aus unſerm lieben Vaterland ſo fort ſollen, aber der Bruder hat uns noch gar viel erzählt aus ſeinen Bücheln und zuletzt iſts uns bei weitem ſo arg nicht mehr vorgekommen. —0 231 3 Item am ſelbigen Sonntag gehe ich wieder herunter und am Montag wieder nach Feldwies zu meinen fünf Leuten. Da hat's der Zufall gewollt, daß ich ſie ſo ſchön getroffen habe, wie es die Maler aus der Stadt nicht beſſer könnten. Und abermals am Sonntag komm' ich in der Früh nach Lindenberg und wir gehen wieder in die Kirche nach Erlbach und wieder heim und eſſen. Arbeit habe ich auswärts keine mehr gehabt und jetzt iſts darauf angekommen, ob ich mein Hausweſen in Grünau allein fortführen ſoll oder wie es iſt mit der Burgel. Und da ſagt ſie ganz friſch:„Jetzt habe ich mich lang genug erholt auf dem Berg und jetzt will ich gleichwohl mit dem Hanſel auch wieder hinab ins Dorf.“ Und der Bruder hat auch nicht viel dagegen ſagen können, und ſo ſind wir halt wieder herab und haben uns herzlich bedankt beim Bruder. Der hat uns noch ein gutes Stück weit das Geleit gegeben und zuletzt, wie wir einmal im Discurs waren, iſt er gleich ganz herab mit uns. Am Dorfe aber ſind wir außen hergegangen bis an unſere hintere Gartenthüre, welche wir aufmachten, und faſt Niemand bemerkte, daß wir wieder gekommen. Kaum aber, daß wir die Läden wieder aufgemacht und uns im Haus ein wenig umgeſchaut hatten, ſo gehen wir in den Garten hinaus und ſetzen uns unter denſelben großen Nußbaum, halb traurig und halb vergnügt. Uns zweien war's wenigſtens recht lieb, daß wir wieder zuſammenge⸗ kommen und auf einmal ſteht die Lehrerroſi an dem Garten⸗ zaun und gibt uns ein Schreiben vom Landgericht, das der ——— — —— vreee Gerichtsbot in der Früh gebracht hatte.„Der Vikar,“ ſagt ſie,„hat freilich gemeint, ich ſolls ihm ſagen, eh' ichs über⸗ geben will, aber es wird ſo heikel nicht ſeyn, denn er hat das ſeinige auch ſchon aufgemacht.“ O Du lieber Gott, ich weiß gar nicht, wie mir da worden iſt vor lauter Begierigkeit und vor lauter Angſt, denn weil der Bruder ſo bedenklich worden iſt, ſo habe ich doch wieder gezweifelt, ob ſich die Regierung nicht anders beſinnen möchte. Da macht die Burgel ein Kreuz über den Brief und reißt ihn auf und fangt zu leſen an, buchſtabirt die ſchweren Wörter, reibt ſich die Stirn und ſagt:„Da müßt ihr mir ſchon helfen— es geht mir nicht zuſammen.“ So fangen wir alſo auch an und da heißt es, wie derſelbe bei der Regierung geſagt hat: als null und nichtig aufgehoben. Damit es keine Irrung gibt, möcht ich Dir wohl gleich das Ganze ſchreiben, aber es iſt zu lang und wenn Du herüberkommſt, ſo laß ich Dirs ſchon leſen. Gründe waren auch dabei, welche wir indeſſen nur zum wenigſten verſtunden haben. Das aber haben wir gleichwohl gemerkt, daß die ganze Sach nichts iſt, wie ſie das Landgericht gemacht hat. Und ſo leſen wir immer fort, immer wieder von vorn und hat uns doch immer beſſer gefallen und der Bruder hat's zuletzt ſelber geglaubt, daß es überſtanden iſt, bis ich auf ein⸗ mal hinter dem großen Haſelbuſche, der neben dem Sommer⸗ haus ſteht, meine alte Trompete in Fs erſchallen höre, gerade wie aus Zauberei, ſo fürnehm und ſo hell, und ſpielt ein luſtiges Lied. Auf das renn ich zum Gartenthürl und mach' auf und da ſteigt der Vikari herein und blast immer munter — —— fort und nickt als Blaſender rechts und links zum Gruß. Auf einmal aber ſetzt er ab und ſagt:„Mein Gott, was ſich doch die beſten Jugendfreunde oft weh thun können! Und jetzt be⸗ ſonders wegen der dummen Trompete da,'s iſt wahrhaftig nicht der Mühe werth. Ich meinte, wir richten wieder die alte Freundſchaft auf, lieber Hanſel, und der Burgel wird's gewiß auch recht ſeyn.“ Ich bin ganz ſtill geſeſſen und hab auf den Boden ge⸗ ſchaut, der Bruder dagegen hat ſich ſeine Fäuſte zuſammenge⸗ richtet, gerade als wenn er etwas anpacken wollte, aber die Burgel zeigt dem Vikar die Signatur und ſpricht:„Was ſagſt denn nachher zu dem Brief da, Vikari?“ Da wird er aber ganz bleich und ſagt:„O mein Gott, wenn ihr's ſchon wißt, ſo denkt halt an das Leiden unſers Erlöſers, der am Kreuze für uns geſtorben iſt und verzeiht euern Widerſachern, wie ſie auch euch verzeihen. Und nur die Liebe erweist mir und ſagt nichts davon im Dorf. Gelt, Burgel, den Gefallen thuſt Du mir ſchon um der fünf Wun⸗ den Chriſti willen?“ Aber die Burgel ſteht auf, ganz ſtolz, wie ichs gar nie weiß, und wirft ihm ihre blauen Augen in's Geſicht, daß er die ſeinigen gerne niedergeſchlagen hat und ſagt: „Jetzt, Vikari, laß Deine Sprüch! Ich bin eine Bauern⸗ tochter von Lindenberg und mein Vater hat mich rechtſchaffen auferzogen und wenn ich gewußt hätte, daß die Leute da herunten ſo ſchlecht ſind, ſo wäre ich nie herab vom Berg. Und zuerſt biſt mit uns umgegangen wie mit den ärgſten —6 234 2— Miſſethätern und haſt uns ganz untertaucht in Schand und Spott und jetzt ſollen wir ſtill ſeyn dazu, als wenn uns recht geſchehen wäre? Nein, ich habe in der ganzen Geſchichte bis jetzt nichts als geweint, jetzt will ich einmal etwas Anderes thun.“ Und mit dieſen Worten nimmt ſie den Brief vom Land⸗ gericht und einen Hammer aus dem Gartenhaus und einen Nagel und geht davon und ſchaut nimmer um, dieweil ſich der Vikar ganz betrübt hinausſchleicht und die alte Trompete im Garten liegen läßt. Die Burgel aber geht über die Gaſſe an die Kirchenthür und nagelt da ganz keck den Brief an, daß die Schläg durchs ganze Dorf hallen und die Bauern, die aus der Veſper kommen, und die Bauernweiber, die leſens alle und der Schullehrer verdeutſchts. Die Bauernleute haben wirklich die größte Freude gehabt, daß es der Maler gewonnen hat und die Burſchen haben ausgemacht, daß Niemand Hand anlegen ſoll an den Brief, bis ihn der Wind ſelber herunter⸗ reißt. Und der Bruder war ganz zufrieden mit dem Ausgang und ſagt:„Das Madel iſt halt gut geſchaffen und weiß ſich redlich zu helfen,“ und da hat er Recht. Das iſt die Geſchichte, lieber Lorenz, von der alten Trompete in Es— und an dieſer Geſchichte ſchreibe ich Dir jetzt ſchon den fünften Sonntag, weil ich in der Woche nicht Zeit habe. Aber ſeit den fünf Wochen kann ich Dir gar nicht ſagen, was ſich da Alles verändert hat— erſtens die alte Trompete in Es liegt jetzt in dem tiefen Dümpel an der Mühl, wo ſie die Burgel hingeworfen hat und zweitens iſt der —6 235 3— Vikari weggekommen mit ſeinem Gregori, ganz ſtill und un⸗ verſehens und wie die Häuſerin ſagt, voller Reu und Leid, daß er ſich damals in der Stadt hat ſo anlernen laſſen und drittens bemerk ich deßwegen eine große Freude im ganzen Dorf, weil uns ein ſichtbares Heil widerfahren iſt, denn er hat recht viel Feindſeligkeit und Hetzerei mit ſich fortgenommen. Und überhaupt, ſagt der untere Wirth, der ſeither öfter in die Stadt fährt, es geht jetzt ein anderer Wind und die geiſtlichen Herrn auf der ganzen Straß, nämlich die hoffärtigen, ſind viel handſamer worden und recht einlenkig— wenn ſie es nur auch bleiben. Und es ſollen jetzt bald allerhand neue Sachen herauskommen, eine beſſere Gerechtigkeit, und viel aufrichtiger ſoll Alles zugehen, der Unterthan ſoll wieder ſeine Ehr kriegen und ſeinen Reſpekt und allerhand Laſten ſollen weggenommen und die gemeinen Leute nicht mehr ſo gehudelt werden. Das iſt ſo was für den Bruder; wenn der hört, daß es beſſer wird, ſo iſt er voller Freuden und meint, wenn ſich die Bauern nur einmal ein biſſel auskennen thäten, daß ſie ſelber etwas nach⸗ helfen könnten. Und von Amerika iſt gar keine Rede mehr. Jetzt heißts da bleiben, ſagt der Bruder, und wenn nicht Alles erlogen iſt, ſo wird's bei uns im lieben Vaterland ſchon noch recht werden. Und die Burgel iſt auch ganz zufrieden, weil Alles wieder ſo friedfertig iſt. Der Vorſteher und die andern grüßen ſie jetzt ſo freundlich, als wenn ſie die Fürnehmſte wäre im ganzen Dorf. Ferner iſt ſeit der letzten Woche auch die Botſchaft gekommen, daß der Pfarrer von Erlbach herunter will und unſer Seelſorger werden, weil ihm bei ſeinen hohen — 236 3— Jahren das Bergſteigen nicht mehr gut thut und ſo leid es den Erlbachern iſt, für uns iſt das ein großes Glück, denn der hält gar viel auf die Burgel und iſt recht gut mit ihm auszu⸗ kommen, und ein ganz freundlicher alter Herr. Der braucht auch keinen ſolchen Deuter wie der vorige und drum werden wir den bewußten Brief ſchon wieder abreißen vor er kommt. Und in vierzehn Tagen hält er ſeinen Einſtand und ich mal jetzt ſchon die Inſchriften und die andern richten die Triumph⸗ bögen her und die Schulkinder lernen ihren Geſang. Das wird aber gar ein ſchöner Feſttag werden und darum möchte ich die Bitte an Dich thun, lieber Laurentius, daß Du bis dahin herüber kämſt und mit uns Dich ergötzen thäteſt, denn daß es mich doppelt freut, wenn du dabei biſt, das weißt Du ohnedem. Und ſo ſchließe ich denn und bleibe Dein ewig getreuer Freund und Bruder Johannes Duldenhofer, Maler zu Grünau. —t 51— Druck der J. B. Metzler'chen Buchdruckerei in Stuttgart. —————————— ——— ——— O7S